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Full text of "Wunscherfüllung und Symbolik im Märchen"

WUNSCHERFÜLLUNG 
UND SYMBOLIK IM MÄRCHEN 



VON 



Dr. FRANZ RIKLIN 

SEKUNDARARZT IN RHEINAU (SCHWEIZ). 



LEIPZIG und WIEN 1908 

KRAUS REPRINT 

Nendeln/ Liechtenstein 

1970 



Reprinted by permission of 
SIGMUND FREUD COPYRIGHTS LIMITED, London 

KRAUS REPRINT 

A Division of 

KRAUS-THOMSON ORGANIZATION LIMITED 

Nendeln/ Liechtenstein 

1970 



Printed in Germany 
Lessingdruckerei Wiesbaden 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 



DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



I. 
Einleitung. 

In der Psychiatrie und in den verwandten Wissenschaften ist 
neuerdings ein Kampf gegen und für die Freu d'schen Theorien 
und Untersuchungen entbrannt. Ich schätze mich glücklich, auf 
ein so hübsches, einladendes Material wie die Märchen gestossen 
zu sein, um an Hand derselben eine Waffe in diesen Kampf 

tragen zu können. 

Ein Zufall, dessen eine Kette von Kausalitäten allerdings in 
einer wachsamen Einstellung auf Freud'sche Mechanismen (die 
grundlegenden Werke dieses Forschers sind natürlich für die vor- 
liegende Arbeit von grösster Bedeutung gewesen) gipfelte — 
führte mich dazu, durch eine Bearbeitung der Märchen aus dem 
Gebiete der klinischen Psychiatrie herauszugehen und Erdreich 
zu betreten, das mir von vorneherein nicht besonders bekannt 
war, auf dem ich mich aber bald heimisch fühlte. Denn die Psy- 
chologie der Märchen steht mit der Vorstellungswelt des Traumes, 
der Hysterie, so wie wir sie durch Freud kennen gelernt haben, 
und der Geisteskranken, in einem engen verwandtschaftlichen 
Verhältnis. Mein Streifzug in dieses Gebiet bereitete mir aller- 
dings manche Schwierigkeiten, die ich nicht alle überwinden 
konnte und die mich vorerst verhindert haben, aus meiner Unter- 
suchung etwas Abgeschlossenes zu machen. Das Material ist für 
einen Neuling zu gross, um es in kürzerer Zeit nach allen 
Richtungen durchsuchen zu können. So war ich vorläufig ge- 
zwungen, meine Beispiele nur aus einem Teil der bekannten 
Märchensammlungen zu nehmen. Die Hauptschwierigkeit bildete 
meine philologische und historische Unzulänglichkeit. Mit mehr 
philologischen Kenntnissen Hesse sich dem gleichen Material mehr 
abgewinnen. Ich habe z. B. den Eindruck, dass in der germa- 

Rlltlin, Wunsthertullung und Symbolik im MJrchen. f 



WUNSCHERFÜLLUNG UND SYMBOLIK IM MÄRCHUN 



nischen Mythologie viele Dokumente verborgen liegen, die mir 
so einfach unzugänglich waren. 

Indessen sind das keine absoluten Hindernisse. Man ist be- 
rechtigt, die einzelnen Märchen als abgeschlossenes Ganzes zu 
untersuchen; denn, wenn uns einmal die Deutungsarbeit im 
einzelnen geglückt ist und die Symbole aufgelöst sind, behandelt 
jedes Märchen ein vollständiges Thema für sich. Manche erzählen 
uns ziemlich unverändert einen alten Mythus, den wir ebenfalls 
als psychologisches Ganzes mit Erfolg analysieren. Andere ent- 
halten und verwerten nur Bruchstücke von Mythen als Bausteine 
für ein Neues, das in sich wieder abgeschlossen ist. Diesen mytho- 
logischen Bruchstücken ist man mit Eifer nachgegangen, hat damit 
aber die ganze Bedeutung dieser Märchen nicht gefasst und er- 
schöpft. Dies tut erst die psychologische Analyse, unter Verwer- 
tung der uns von Freud gelieferten Methoden und Resultate. 
Dann aber gelingt es; denn die Märchen sind Dichtungen unter 
direkter Verwertung der unmittelbar aus dem primitiven mensch- 
lichen Seelenleben geschöpften Erfahrung und der allgemein 
menschlichen Wunscherfüllungstendenz, die wir in der echten 
Dichtung auch jetzt noch, oft nur etwas komplizierter und im 
Gewände anderer Anschauungen wiederfinden. So kommen wir 
dazu, die Märchen und Mythen nicht nur nach der astronomischen 
und abstrakten, sondern in erster Linie nach der tieferen psycho- 
logischen Richtung zu untersuchen und zu deuten. 

Ich kam übrigens zu der für meine Arbeit angenehmen und 
wichtigen Erkenntnis, dass es nicht nötig sei, zur Erforschung 
der Märchen im psychologischen Sinne zuerst ihren historischen 
Stammbaum zu kennen, ja dies ist manchmal ganz unmöglich. 
Ich fand in der Einleitung zur Sammlung Neuisländischer 
Volksmärchen, von Frau Dr. R i 1 1 e r s h a u s :: ) die folgenden, 
für mich als Nicht-philologen tröstlichen Resultate: 

dass in den isländischen Märchen sich Schritt für Schritt 
Uebereinstimmungen mit den deutschen Volksmärchen finden, 
dass sie teilweise mindestens gemeingermanischer Besitztum seien, 
dass aber namentlich die Theorie, alle europäischen Märchen 



Halle a, S., Max Niemeyer. 1902. 



VON DR. FRANZ RIKLIN 



stammen aus Indien, unrichtig sei. Es lasse sich aus vielen Tat- 
sachen feststellen, wie eine Menge Märchen, speziell in Island, 
bodenständig, autochthon seien, und dass bei manchen die spätere 
Einwanderung nachzuweisen sei, dass auch die grosse Mehrzahl 
der Märchen wohl an verschiedenen Orten und zu 
verschiedenen, unbestimmbaren Zeiten entstanden 
seien, dass es unmöglich sei, die Heimat der Volksmärchen zu 
eruieren, so wenig wie es möglich gewesen sei, alle auf einen 
verblassten arischen Mythos zurückzuführen. 

Und St oll (Suggestion und Hypnotismus in der Völker- 
psychologie, 11. Auflage, Leipzig, 1904) zeigt an verschiedenen 
Orten, wie suggestive und autohypnotische Wirkungen, Prozeduren 
und Anschauungen gleicher Art bei Völkern vorkommen, die 
weder geographisch noch historisch, noch durch ihre Abstammung 
näher miteinander verwandt sind. Nur die psychische Grundlage 
ist überall dieselbe. 

Schliesslich scheint mir meine Arbeit selbst den Beweis zu 
liefern, dass die menschliche Psyche, so gut sie zu jeder Zeit 
und an allen Orten suggestive und hypnotische Erscheinungen 
hervorbringt, ebenso allgemein z. B. eine Symbolik produziert, 
die hauptsächlich vom Unbewussten aufgebaut wird und sich im 
Märchen als primitiver dichterischer Produktion, im Traum und 
in der Psychopathologie wieder findet. 

Nun ist allerdings die wissenschaftliche Methode bei der 
psychologischen Erforschung der Märchen gegenüber der Unter- 
suchung des Traumes und der psychotischen Gebilde beschränkt. 
Hier kann man durch mancherlei Experimente den Quellen und 
und Associationswegen nachgehen, welche die Bausteine zur Ge- 
staltung der Traumgeschichte oder des Wahngebäudes geliefert 
haben. Man kann die Psyche, welche solches schuf noch zu 
weiterer Auskunft, zur Bestätigung oder Verneinung seiner 
Meinung zwingen. Die Schöpfer des Märchens in seiner über- 
lieferten Form sind tot oder uns unbekannt. Wir sind daher 
einerseits auf die Vergleichung der hinterlassenen Dokumente 
angewiesen um zur richtigen Deutung zu gelangen; anderseits 
aber ist die menschliche Psyche, namentlich im Traum und in 
den Zuständen, wo das Unbewusste besonders tätig ist, so auch 

7* 



WUNSCHERFÜLLUNG UND SYMBOLIK IM MÄRCHEN 



bei abnormer Seelentätigkeit, immer noch Märchendichterin, und 
eine fortwährende Vergleichung dieser Produkte mit dem Märchen 
erlaubt uns die wertvollsten Schlüsse zu ziehen. 

Ueberraschend ist die grosse Rolle, welche die Sexualität 
im Märchen spielt und wie sehr die sexuelle Symbolik überein- 
stimmt mit derjenigen des Traumes und der Psychopathologie. 
Wenn man aber weiss und es sich eingesteht, dass die Sexualität 
neben dem Hunger, neben den sozialen Faktoren im Leben eine 
Hauptrolle spielt und unser Denken und Handeln von Jugend 
auf ständig beeinflusst, (denn die Sexualität wächst, wie alles 
andere, aus infantilen Formen heraus bis zur vollen, vielseitigen 
Gestaltung) dann wird das keineswegs befremden, obwohl uns 
dadurch die Märchen in einem neuen, weniger kindlichen Gewände 
entgegentreten. Sie verlieren damit nichts von ihrem Reiz und 
ihrer Anziehungskraft. 



E3 



II. 
Die Wunschgebilde und ihre Formen. 

Eine Darlegung der Freudschen Forschungen über das 
Traumleben und die Bedeutung des Traumes als Wunscherfüllung 
muss ich mir hier versagen und aufFreudsTraumdeutung*) 
selbst hinweisen. Ich kann mich nicht auf eine Diskussion über 
deren Resultate einlassen, obwohl sie jetzt in der Psychiatrie an 
der Tagesordnung is*. Ich stütze mich aber daneben noch auf 
zahlreiche Arbeiten von Leuten, welche Freuds Methoden er- 
folgreich gehandhabt haben**) und auf meine eigenen Vorstudien. 
Beispiele von gut analysierten Wunschträumen sind da fast überall 
zu f ; nden. 

Ich kann mir hingegen nicht versagen, hier eins aus dem 
Leben vorauszunehmen. 

Ein junger Mann hat zum erstenmal das Mädchen gesehen, 
das später seine Frau werden sollte. Bald darauf hatte er beim 
Einschlafen folgenden, optisch ungemein plastischen, symbolischen 
Traum: er steht vor einem grossen, mit dicken, blumigen 
Guirlanden behangenen Portal, wobei zwei Guirlanden an einem 
oberhalb des Portals befindlichen Knopf befestigt, nach unten 
auseinandergehend, vorhangartig herabfallen. Während das Portal 
zuerst etwa Mundgrösse hatte, wird es zu einem Kirchenportal, 
in welches er selbst als winziges Männlein feierlich einzieht, 
wobei es ihm scheint, als ob er noch jemanden hineinführe.***) 

Natürlich handelt es sich hier um einen erotischen Wunsch- 
traum, der prophetisch der glücklichen Zukunft vorauskam, während 
ja nur zu oft die Wunscherfüllung im Traum ein Surrogat für 

*) .Die Traumdeutung', 1900. 
**) Z. B. Bleuler und Jung in Zürich. 
***) Man vergleiche das Bild : .Triumphzug des Priapus" nach Salvisti 
in Fuchs, .Das erotische Element in der Karikatur', 1904. 



WUNSCHERFÜLLUNG UND SYMBOLIK IM MÄRCHEN 



die Wirklichkeit ist, welche die Erfüllung des Wunsches ver- 
weigert. 

Die einzelnen Elemente dieser symbolischen Hochzeit, in 
welcher sowohl Co'rtus als Trauungsakt in starker Verdichtung in 
blumenreicher, farbiger Darstellung enthalten sind, stammen aus 
Erlebnissen des vorangegangenen Tages. Der junge Mann machte 
einem Bekannten einen Besuch und stiess dann unerwartet auf 
Vorbereitungen für den Empfang des ersten Sprösslings: das 
Kinderbettchen war eben mit den üblichen Vorhängen 
geziert worden, diese gaben den Guirlanden im Traum ihre Form, 
welche andererseits grosse Uebereinstimmung zeigt mit dem 
anatomischen Bau des äusseren weiblichen Genitale; die eigene 
Person als kleines Männchen, das unter diesem bekränzten 
Portale einzieht, ist eine gar erfinderische Darstellung des männ- 
lichen. Das festliche Grün war mitdeterminiert worden durch den 
Anblick des kleinen Töchterleins eines anderen Bekannten, den 
er am nämlichen Tage besucht hatte, welches beim Essen sein 
Mündchen mit grünem Gemüse umrandet hatte und so gar 
possierlich aussah. 

Diese Details weisen darauf hin, welch reiches Einzelmaterial, 
alles aus der gleichen Vorstellungssphäre entstammend, aber 
zerstreut, zum Aufbau des symbolischen Traumbildes zusammen- 
getragen wurde. 

Auch das Märchen kann, indem es als Wunscherfüllungs- 
gebilde erscheint, sein Material oft überall herholen, aus anderen 
Märchen, aus Mythen, die in der Hauptsache einen anderen 
Inhalt haben, um diese Bausteine zu einem neuen Ganzen mit 
neuem Inhalt zu ordnen. 

„Freud behauptet, dass unsere Psyche die Tendenz hat das 
Weltbild so umzuarbeiten, wie es unseren Wünschen und Be- 
strebungen entspricht. Diese Neigung kommt ungehemmt zum 
Vorschein in allen Situationen, wo das durch die äusseren Ver- 
hältnisse gebotene Denken mit seiner logischen Anknüpfung an 
die Wirklichkeit gestört ist. Das ist namentlich der Fall im 
Traum, dann aber auch bei allen den psychischen Tätigkeiten 
des Wachens, die nicht von der Aufmerksamkeit geleitet werden." 



VON DR. FRANZ RIKLIN 



Von dieser Zusammenfassung ausgehend, belegt Bleuler*) 
das Vorkommen Freu dscher Mechanismen auch bei verschiedenen 
Psychosen. 

Um nun das Märchen in seiner Verwandtschaft mit anderen 
Wunschgebilden zu zeigen, lasse ich Beispiele folgen. 

Wir entnehmen der zuletzt zitierten Arbeit Bl eu 1 ers einige 
Beispiele, die zeigen, wie sehr sich auch die dichterische Phantasie 
auf Wunschgebiete begibt. 

Der Dichter, dessen Sehnsucht die Wirklichkeit nicht stillen 
kann, schafft sich oft ganz unbewusst in der Phantasie, was ihm 
das Leben versagt. Viele der schönsten Liebeslieder sind gemacht 
worden von Leuten, die in der Liebe unglücklich waren, Gottfried 
Keller hatte kein Glück gerade bei den Frauen, die seinen hoch- 
gespannten Idealen entsprachen; daher hatte er das Bedürfnis 
zu begehen 

r die lieblichste der Dichtersiinden 

süsse Frauenbilder zu erfinden 

wie die bittre Erde sie nicht trägt.* 

Die Beschäftigung mit diesen Frauenbildern musste ihm die Liebe 
ersetzen. Eine der grössten Kinderschriftstellerinnen aller Zeiten, 
Johanna Spyri, fing erst an zu schreiben als sie auf die er- 
sehnten Enkel verzichten musste; sie hat sich ihre Enkel in der 
Poesie geschaffen/') 

Walter von der Vogelweide, der oft über seine Dürftig- 
keit jammert, erzählt in seinen Gedichten mehrfach von unverhüllten 
Wunschtraumen, die seine ritterlich-minniglichen Ideale in Er- 
füllung gehen lassen. 

.Dö bedühte midi zehant, 
wie mir dienten elliu lant. 
Wie min sSle waerc 

*) Bl eu I e r, Freudsche Mechanismen in der Symptomatologie von 
Psychosen, .Psychiatr.-neurol. Wochenschrift", 1906, Nr. 35 und 36. 

**) Seither ist die wundervolle Analyse von Freud erschienen: .Der 
Wahn und die Träume" in W. Jensens G r a d i v a, als erstes Heft 
dieser .Schritten". Leider wissen wir zu wenig, in welcher psychologischen 
Beziehung der Dichter dieser pompejanischen Phantasie zu derselben steht. Wohl 
in einer sehr intimen ; es ist eine der .erlebten* Dichtungen. 



10 WUNSCHERFÜLLUNG UND SYMBOLIK IM MÄRCHEN 



ze himel äne swaere, 
und wie der ltp solte 
gebären, swie er wolte. 
da newas mir niht ze we\ 
got der walde's, swie'z erg£: 
schoener troum enwart nie m£." 

Ausführlicher noch erzählt er einen Wunschtraum in folgendem 
Gedichte : 

„Neml, frouwe, disen kränz!" 
also sprach ich z'einer wol getanen maget. 
„S6 zieret ir den tanz 

mit den schoenen bluomen, als ir s'fife traget. 
Het' ich vil edele gesteine, 
daz müest üf iur houbet, 
obe ir mir's geloubet. 
s£t mlne triuwe, daz ich'z meine." 

Si nam, daz ich ir bot, 
einem kinde vil geltch, daz £re hflt. 
Ir wangen wurden röt, 
same diu rose, da si bi der liljen stät. 
Do erschamten sich ir liehten ougen : 
doch neic si mir schöne: 
daz wart mir ze löne: 
wart mir's iht m€r, daz trage ich tougen. 

Mir ist von ir geschehen, 
daz ich disen sumer allen meiden muoz 
Vast under d'ougen sehen : 
Hhte wirt mir eniu : so ist mir sorgen buoz. 
Waz obe si g£t an disem tanze ? 
frouwe, durch iur gliete 
rucket üf die hüete ! 
owe gesaehe ich s' under kränze ! 

„Ir slt so wol getan, 
daz ich iu min schapel gerne geben wil, 
So ich'z aller beste hau. 
wtzer unde röter bluomen welz ich vil ; 
Die stCnt so verre in jener heide, 
da sie schöne entspringent 
und diu vögele slngent : 
da sule wir sie brechen beide." 



VON DR. FRANZ RIKL1N 1 1 



Mich dühte, daz mir nie 
lieber wurde, danne mir ze muote was. 
Die bluomen vielen ie 
von den boumen bl uns nider an das gras. 
seht, dö rnuost ich von fröuden lachen, 
dn ich so wünnecltche 
was in troume rlche 
dö tagete ez und muose ich wachen. 

In „Kokoro" von Lafcadio Hearn*) findet sich eine 
reizende japanische Erzählung „Die Nonne im Tempel von 
Armida". Sie schildert ungemein wirkungsvoll die Gestaltung 
und Tätigkeit eines psychischen Wunsch- und Ersatzgebildes, 
das sich an das Beispiel Bleulers von Johanna Spyri 
einigermassen anschliesst. Hier schafft sich die Dichterin in der 
Phantasie die gewünschten Enkel, dort die Mutter ihr verlorenes 
Kind wieder, bis zur förmlichen Identifikation gehend. 

Im Original wird in wunderbarer Sprache erzählt, wie O-Toyo 
während der langen Abwesenheit ihres Gatten im Dienste des 
Lehensherrn mit ihrem Söhnchen den täglichen Obliegenheiten 
nachkommt und pietätvoll alle schönen, frommen Bräuche pflegt, 
die bei solcher Gelegenheit beobachtet werden. Täglich stellt sie 
für den geliebten, in der Ferne weilenden Gatten auf einem 
kleinen Brett eine Miniaturmahlzeit auf, wie man sie den Manen 
und Göttern darbringt. Wenn sich auf der Innenseite des kleinen 
Schüsseldeckelchcns Dampf angesetzt hat, ist sie ruhig, weil sie 
dann nach dem herrschenden Glauben sicher ist, dass der ab- 
wesende Geliebte noch lebt. Der kleine Knabe ist ihre stete 
Freude und in mannigfachster, innigster Weise beschäftigt sie sich 
mit ihm. Auch pilgern sie zusammen durch die herrlichste Natur 
zum weithin schauenden Dakeyamaberg, wohin alle gehen, die 
fernen, geliebten Angehörigen sehnend entgegenharren. Auf dem 
Gipfel dieses Berges steht ein mannshoher und menschenähnlicher 
Stein, um welchen Kieselsteine liegen und aufgehäuft sind. Ein 
nahes Shintoheiligtum ist dem Geiste einer Prinzessin geweiht, 
welche auf dem Berge nach dem fernen Geliebten ausblickte, 



*) Lafcadio Hearn, „Kokoro", übersetzt aus dem Englischen von 
Berta Franzos. Frankfurt am Main, Rütten und Loening 1906. 



12 WUNSCHERhÜLLUNG UND SYMBOLIK IM MÄRCHEN 



bis sie sich vor Gram verzehrte und zu Stein wurde. Dann wird 
gebetet und beim Fortgehen nimmt man einen der aufgehäuften 
Kieselsteine mit. Kehrt der Ersehnte wieder, so muss der Stein 
zurückgetragen und als Gabe des Dankes und der Erinnerung 
noch eine Anzahl anderer Kiesel dargebracht werden. 

O-Toyos Gatte stirbt in der Ferne und kurz darauf das 
Söhnchen. All dies kommt ihr nur in plötzlichem Aufleuchten 
zum Bewusstsein. Zwischen diesen Blitzen der Erkenntnis herrscht 
jene tiefe Dunkelheit, welche die Götter erbarmungsvoll den 
Menschen geschenkt haben. 

Nun kommt das ergänzende Wunschgebilde. Als das Dunkel 
zu weichen beginnt und O-Toyo mit ihren Erinnerungen allein 
ist, ordnet sie kleine Spielsachen, breitet Kindcrkleidchen auf der 
Wiese aus, liebkost sie und plaudert damit in einem Lächeln, 
das allerdings oft in krampfhaftes, lautes Schluchzen übergeht. 

Sie verfällt dann auf den Ritus der Totenbeschwörung. Der 
kundige Priester schlägt nach allerhand suggestiv wirkenden 
Zeremonien schnell auf ein bogenförmiges Instrument und spricht 
dann wiederholt „Hitazo-jo !" „Ich bin gekommen." Im Rufen 
verändert er allmählich die Stimme, bis sie den Klang derjenigen 
des gewünschten Verstorbenen annimmt, dessen Geist jetzt in ihn 
eingetreten ist. 

Auf diese Weise bekommt O-Toyo folgende, tröstliche Kunde: 
„O Mutter, weine nicht mehr um meinetwillen, es ist nicht recht, 
um die Toten zu klagen*); über den Strom der Tränen führt ihr 
lautloser Weg, und wenn Mütter weinen, steigt die Flut und die 
Seele kann nicht hinüber, sondern muss ruhelos hin und her 
wandern." 

Von dieser Stunde an sieht man sie nie mehr weinen. Aber 
sie will sich nicht mehr vermählen und hat angefangen eine selt- 
same Liebe für ganz kleine Dinge an den Tag zu legen. Ihr 
Bett, das Haus, die Zimmer, die Blumenvasen, das Kochgeschirr 
sind ihr zu gross. Sie isst nur aus winzigen Schüsselchen mit 
kleinem, kindlichen Essgeräte. Man lässt ihr den Willen, denn sie 
hat keine andere Launen. 

*) Die gleiche Idee liegt dem Märchen vom T r ä n e n k r u g I e i n zu 
Grunde; sh. unten. 



VON DR. FRANZ RIKI.IN 13 

Ihre Eltern, bei denen sie wohnt, werden alt und raten 
O-Toyo, eine Nonne zu werden in einem winzigen, winzigen 
Tempelchen, mit dem kleinsten Altar und kleinen Buddhabildern, 
damit sie nicht unter Fremde müsse. Sie stimmt freudig ein und 
das Tempelchen mit all den kleinen Sächelchen wird für sie ge- 
baut im Hof des früheren Tempels von Armida. Sie arbeitet dort 
auch an einem winzigen Webstuhle Stoffe, die für den Gebrauch 
viel zu schmal sind, aber von gewissen Ladenbesitzern, die ihre 
Geschichte kennen, gekauft werden. 

Ihre grösste Freude ist die Gesellschaft von Kindern, die ihre 
meiste Zeit bei ihr zubringen. Die Kinder spielen mit ihr als 
ihresgleichen und sie wird für die Kleinen wie eine Schwester. 

— Und nach ihrem Tode setzen sie ihr einen kleinen winzigen 
Grabstein. 

Die Tendenz zur Identifikation mit dem Wunschobjekt, 
welche uns in dieser Geschichte entgegentritt als ganz intensiver 
Grad des Wunschcrfüllungserlebnisses, wird unter anderem bei 
Geisteskranken beobachtet, namentlich bei Dementia praecox 
(sogenannte Verblödung). 

Von Jung habe ich folgendes Beispiel: eine Frau im 
Klimakterium hatte einen Zustand, in dem sie fühlte, wie Arme 
und Beine immer kleiner wurden ; sie wünschte, man möchte sie 
auf den Armen tragen und fühlte, wie sie unter sich gehen liess. 

— Derartige Kranke prägen auch den sprachlichen Ausdruck „ich 
bin" statt „ich möchte haben" mit Beziehung auf das Wunsch- 
objekt. Man vergleiche bei Jung*) „ich bin der Hauptschlüssel", 
„ich bin die Krone" etc. statt „mir gehört der Hauptschlüssel" etc. 
(pag. 137 u. a. a. O.) 

Beispiele von Wunschträumen, Wunschdelirien und bleibenden 
Symptomen, namentlich auch Grössenwahnideen bei Geisteskranken, 
die als pathologische Kompensationsprodukte unerfüllter und uner- 
füllbarer Wünsche aufzulassen sind, haben Bleuler, Jung und 
der Verfasser in letzter Zeit in grösserer Zahl publiziert. 

Die Grössenideen einer Kranken, welche „Königin Regentin, 



*l Jung, Uebcr die Psychologie der Dementia praecox, Halle a. S. 
C Marhold. 1907. 



14 WUNSCHERFÜLLUNü UND SYMBOLIK IM MÄRCHEN 



Liebesgottheit Semelc, Maria, Venus, Ida von Toggenburg, Dorn- 
röschen, Aschenbrödel, Bundesgerichtsdame Helvetia, von Jung 
Elfenlieb, Simmentaler Rassenkalb und viele andere Titel der 
hohen sozialen Stellung oder grossen Fruchtbarkeit, sowie Ver- 
kennung durch die Mitmenschen in sich vereint und deren von 
ihr gewünschter Gemahl Zeus, Helveticus, Märchenprinz, Muneli 
(junger Stier) von Steiermark u. s. f." ist, weisen nicht nur auf die 
Verwandtschaft dieser Wunschtitel mit den Wunschgebilden des 
Märchens hin, sondern auch auf ein tieferes Verständnis der 
Märchen durch die Kranke in dem Sinne, in welchem sie in der 
vorliegenden Arbeit verstanden sein wollen. 

Soziale Schwäche, intellektuelle und andere Minderwertigkeit, 
Benachteiligung im sexuellen Konkurrenzkampfe, sexuelle Unbe- 
friedigtheit ist oft mit der Disposition zu Psychosen verknüpft,") 
dass es uns nicht wundern muss, wenn die Psychosen in gleicher 
Häufigkeit Wunschgebilde produzieren, und dass die Kranken in 
diesen Gebilden reich, fruchtbar, stark, fürstlicher Abkunft sind, 
Prinzen und Prinzessinnen heiraten, und dass die Konkurrenten 
und Widersacher getötet und gerächt werden. 

Wohl ist dabei die klinische Erscheinungsform dieser Wunsch- 
gebilde und die zugehörige Krankheit recht verschieden. 

Ein armes Mädchen wollte einen Schuster heiraten und 
bekam ihn nicht. Ueber die genauem Vorgänge der darauf ein- 
setzenden Psychose sind wir etwas schlecht informiert. Aber eine 
eigentümliche Bewegungsstereotypie, die über 30 Jahre dauerte, 
konnte noch auf ihren Ursprung zurückgeführt werden. Den 
ganzen langen Tag strich sie, rastlos wie ein Urpendel, mit dem 
Rücken der rechten Faust über den linken Handrücken herunter, 
so dass die Haut über den Fingergelenken der rechten Hand 
hornartig sich verdickte und die Gelenke selbst, wie die Sektion 
der Verstorbenen erwies, eine Usur der Gelenkknorpel erfahren 
hatten (sogenannte Arthritis deformans). Es stellte sich heraus, 
dass diese Bewegungsstereotypie hervorgegangen war aus einer 



*) Die Frage der Kausalität dieser Faktoren soll hier offen gelassen 
werden; sicher besteht aber eine Spannung zwischen dem Erreichbaren und 
Gewünschten. 



VON DR FRANZ RIKUN 15 



in den ersten Jahren noch ganz deutlich erkennbaren Bewegung 
des Schuhputzens, die uns auf den Zusammenhang mit der un- 
glücklichen Liebe zu dem Schuster hinweist. 

Eine andere Erscheinungsform ist die des Wunschdelirs. 

Eine literarisch und musikalisch sehr gebildete junge Dame hat 
alsZiel ihrer Wünsche die Vermählung mit einem jungen, vortrefflichen 
Künstler. Sie wünscht sich damit aber etwas Aussichtsloses; 
eine akute Erkrankung setzt ein. Sie wird in die Anstalt ver- 
bracht und fasst zuerst die Verbringung in dieselbe und alles, 
was um sie vorgeht, als Abstieg in die Unterwelt auf. Wegleitend 
für diesen Gedanken war das letzte Werk des Künstlers „Charon". 
Was sich dann weiter in ihrer Umgebung abspielt, deutet sie, 
an die Vorgänge eine unendliche Menge von Reminiszenzen aus 
ihrem Leben knüpfend, als Schwierigkeiten oder Kämpfe, die 
ihrer Vereinigung mit dem Geliebten entgegenstehen, aber alles 
wird überwunden. Schliesslich sieht sie in einer Mitkranken ihren 
Geliebten und geht einige Nächte zu ihr ins Bett. Nachher 
glaubt sie sich schwanger, fühlt und hört Zwillinge im Leib, 
glaubt später geboren zu haben und halluziniert ein Kind neben 
sich im Bett. Damit kommt das beinahe ein Vierteljahr dauernde 
Wunschdelir zum Abschluss. Sie hat ein — leider nicht definitiv 
— heilendes Surrogat für die Wirklichkeit gefunden. 

Unter den sogenannten Gefängnispsychosen, geistigen Er- 
krankungen, die durch die Haft ausgelöst werden, und entweder 
den bekannten klinischen Krankheitsgruppen angehören oder 
vielleicht auch als selbständige Krankheiten auftreten, finden sich 
manche Fälle mit ausgesprochenem Wunschtypus. Die Stimmen 
künden Befreiung an, geliebte Angehörige retten den Gefangenen 
oder Aehnliches. Moritz von Schwind hat in überaus anschau- 
licher Weise im „Traum des Gefangenen" den Wunschtraum eines 
Häftlings dargestellt. (Original in der Schackgalerie in München.) 

Das Wunschgebilde kann, wie gesagt, noch eine ganze Reihe 
anderer klinischer Formen annehmen, Verzückung, kataleptischen 
Zustand, vorübergehende Sinnestäuschungen, hysteriformen Anfall, 
mimischen Automatismus, über Jahre hingehende fortlaufende 
Entwicklung eines Wunschwahnes bei sonst korrektem Benehmen 
und so fort. 



16 WUNSCHERFÜLLUNG UND SYMBOLIK IM MÄRCHEN 



Natürlich ist damit nicht gesagt, dass alles, was wir an 
Geisteskranken sehen, nur Wunschgebilde sind, diese stehen aber 
zu den übrigen Erscheinungen des pathologischen Komplexes in 
ganz bestimmter Beziehung, die wir hier nicht weiter verfolgen 
wollen. 

Mehr als durch eine solche klinische und theoretische Aus- 
einandersetzung, hofie ich durch die erzählten und aus der Literatur 
angemerkten Beispiele die Bedeutung von Wunschgebilden in 
unserer Psychologie gezeigt und das Verständnis für ähnliche 
Bildungen im Märchen vorbereitet zu haben. 



oo 



111. 

Die Wunschbildung des Märchens. 
Märchen als Wunschgebilde. 

Unter den Märchen sind eine Unmenge, welche, der Deutungs- 
arbeit unterzogen, als Ganzes die prächtigsten Wunschgebilde 
darstellen. In zahllosen Märchen, ebenso in der Mythologie und 
Legende, ist ferner von zauberreichen Gaben, Gegenständen und 
Eigenschaften die Rede, welche die menschliche Wunschphantasie 
geschaffen hat. 

In den „Bekenntnissen einer schönen Seele" (Goethe, Wilhelm 
Meisters Lehrjahre, VI. Buch) ist diese Auffassung des Märchens 
recht hübsch dargestellt: 

„Aber was hätte ich nicht gegeben, ein Geschöpf zu besitzen, 
das in einem der Märchen meiner Tante eine sehr wichtige Rolle 
spielte. Es war ein Schäfchen, das von einem Bauernmädchen in 
dem Walde aufgefangen und ernährt worden war; aber in diesem 
artigen Tiere Stack ein verwünschter Prinz, der sich endlich 
wieder als schöner Jüngling zeigte und seine Wohltäterin durch 
seine Hand belohnte. So ein Schäfchen hätte ich gar zu gerne 
besessen!" Die Erzählung von der „Nonne des Tempels von 
Armida" gibt uns Gelegenheit, auf eine Märchengruppe einzutreten, 
für welche das Märchen vom „Tränenkr ügl ei n" ein gutes 
Beispiel abgibt. (Ludwig Bechsteins Märchenbuch, II. illustrierte 
Ausgabe, Leipzig, G. Wigand, 1857). 

Drei Tage und Nächte wacht, weint und betet eine Mutter 
am Krankenlager ihres einzigen lieben Kindes, ohne das sie 
nicht leben kann. Aber es stirbt. Die Mutter ergreift namenloser 
Schmerz, sie isst und trinkt nicht und weint wieder drei lange 
Nächte und Tage ohne Aufhören und ruft nach dem Kinde. Da 
geht leise die Türe auf, und vor ihr steht ihr verstorbenes Kind, 

RiKlin, Wunscherfullung und Symbolik im Mirchen. 2 



18 WUNSCHERFÜLLUNG UND SYMBOLIK IM MÄRCHEN 



welches (in der jetzigen Fassung des Märchens) ein seliges 
Engelein geworden ist und in Verklärung lächelt. Es trägt aber 
in seinen Händen ein Krüglein, das ist schier übervoll. Es spricht: 
„O lieb Mütterlein, weine nicht mehr um mich! Siehe in diesem 
Krüglein sind deine Tränen gesammelt, die du um mich ver- 
vergossen hast. Noch eine und das Krüglein wird überfliessen 
und dann werde ich keine Ruhe im Grabe und keine Seligkeit 
im Himmel mehr haben. Drum weine nicht mehr, denn dein 
Kind ist wohl aufgehoben und Engelein sind seine Gespielen." 
Damit verschwindet es und die Mutter weint keine Träne mehr, 
um des Kindes Grabesruhe und Himmelsfrieden nicht zu stören 

Nehmen wir das Motiv, wie es hier im „Tränenkrüglein", 
in der japanischen Erzählung von der „Nonne des Tempels von 
Armida" bei der Totenbeschwörung auftritt, in seiner psycho- 
logischen Bedeutung, so haben wir ein zweckmässiges teleo- 
logisches Gebilde, das in seiner psychischen Heilungstendenz 
den anderen Wunschgebilden gleichkommt. Das Märchen könnte 
ebensogut die Erzählung eines wirklich von einer einzelnen 
Person unter den geschilderten Umständen erlebten Traumes 
sein, der dazu führt, ihre Trauer zu stillen und sie zu beruhigen. 

Nun ist es aber nicht nur ein einzelnes Erlebnis, sondern 
dieses Heilmittel ist zum allgemeinen, psychisch zweckmässigen 
Glauben geworden, dass die Toten durch übermässige Trauer in 
ihrer Ruhe gestört werden. Das ist nicht für den Toten ein Heil- 
mittel, sondern für den Ueberlebenden. Der gleiche Glaube spricht 
auch aus dem Munde des durch Autosuggestion in den 
japanischen Priester eingetretenen Geistes des verstorbenen Kindes 
und erreicht bei der guten O-Toyo den gewünschten Zweck, 
Und wirkt der christliche Glaube, dass die verstorbenen 
Kinderlein alle in den Himmel kommen, nicht in ganz gleichem 
Sinne? 

Dasselbe Motiv, in etwas anderer Fassung, behandelt unter 
anderem noch ein Märchen: „Das Totenhemdchen" 
(Grimm 109). 

Die Mutter weint nach dem Tode ihres Bübleins. Bald 
darauf zeigt sich das Kind nachts an den Plätzen, wo es sonst 
im Leben gegessen und gespielt hatte; weinte die Mutter, so 



VON DR. FRANZ RIKLIN 19 

weinte es auch und verschwand am Morgen. Als aber die Mutter 
gar nicht aufhören wollte zu weinen, kam es in einer Nacht mit 
seinem weissen Totenhemdchen, setzte sich zu Füssen ihres 
Bettes und sprach: „Ach Mutter, hör doch auf zu weinen, sonst 
kann ich in meinem Sarge nicht einschlafen, denn mein Toten- 
hemdchen wird nicht trocken von deinen Tränen, die darauf 
fallen." Da erschrak die Mutter, als sie das hörte, und weinte 
nicht mehr. In der anderen Nacht kam das Kindchen wieder mit 
einem Lichtlein in der Hand und zeigte, dass jetzt das Hemdchen 
trocken werde, und es Ruhe bekomme im Grab. Da befahl die 
Mutter dem lieben üott ihr Leid und ertrug es still und geduldig 
und das Kind kam nicht wieder, sondern schlief in seinem untet- 
irdischen Bettchen. 

(Weitere Literatur siehe Rittershaus, „Neuisländische 
Volksmärchen", pag. 14 und 15). 

In das Gebiet der zweckmässigen, psychischen Schutz- 
mechanismen, allerdings nicht zur Ausheilung psychischer Wunden, 
sondern als Schutz vor Gefahr, gehören oft die Halluzinationen, 
deren plötzliches Auftreten z. B. den Lebensüberdrüssigen in 
seinem selbstmörderischen Beginnen aufhält. 

Wir wenden uns nun den zahllosen, in den Märchen — 
sagen wir gleich auch in der Mythologie, Legende, im Zauber- 
glauben u. s. w. — vorkommenden Wunschbildungen zu, die, 
wie unschwer nachzuweisen sein wird, den zum Teil naivsten, 
aus unserer menschlichen Unzulänglichkeit gezeugten Wünschen 
entsprechen, wenigstens ist das eine Seite ihrer Bedeutung. 
(Wahrscheinlich haben sie noch eine weitere, speziell erotische.) 

Dass im Märchen soviel von Königen die Rede ist, hat an 
und für sich nichts Auffallendes; die Sache erhält aber ihre 
Wunschfarbe, sobald wir die vielen Märchen zählen, in welchen 
das arme Bauernmädchen einen Prinzen heiratet und der Hirten- 
knabe eine Königstochter. Das sind Wunschverhältnisse! 

Eine ganze Reihe Mittel dienen zur Verbesserung der 
menschlichen Minderwertigkeit. Siebenmeilenstiefel für den 
Däumling, Kraftgürtel, Krafthandschuhe, Krafttränke; dem begreif- 
lichen Wunsche fliegen zu können entsprechen Flugmäntel, 
Zaubervögel als Transportmittel, ein Bettchen, mit dem man 



20 WUNSCHERFÜLLUNG UND SYMBOLIK IM MÄRCHEN 

überall hinfahren kann, wohin man wünscht; oder man verwandelt 
sich direkt in einen Vogel; das Essen wünscht man sich durch 
ein „Tischlein deck dich". Gegen Verfolgung helfen Tarnkappen, 
Tarnsteine, oder dann Zauberkämme, die zu Wäldern werden, 
Zaubertücher, die zwischen dem Verfolgten und Verfolger eine 
grosse Wasserfläche bilden u. s. w. Durch den Esel, der Gold 
macht, durch Ueberwindung eines Riesen mit Zauberin itteln 
gelangt man zu Reichtum. Es gibt Rohre und Zauberspiegel, um 
alles zu sehen und zu wissen, was auf der ganzen Welt vorgeht. 
Man hat Zauberstäbe, um lebende und leblose Wesen in das zu 
verwandeln, was man wünscht, nicht zum wenigsten, um den 
Widersacher zu schädigen. Es gibt Mittel, in die Zukunft zu 
blicken und „wünschhafte Gedanken" zu haben, Lebensapfel und 
Lebenswasser zur Verjüngung und Erhaltung des sonst allzu 
kurzen Daseins. 

Diese Aufzählung ist natürlich noch sehr unvollständig; sie 
enthält nur Beispiele. Eine nähere Quellenangabe ist wohl über- 
flüssig, da in jeder Märchensammlung diese Exempel ohne viel Mühe 
zu finden sind und die Mythologien zahlreiche Belege enthalten. 

Zwei grosse Gruppen von Märchen zeigen z. B. in ihrer jetzt 
bekannten Form als Ganzes ohne weiteres deutliche Wunsch- 
bildung, nämlich die sogenannten Stiefmuttermärchen, und 
die Märchen, in denen Dummlinge, Ellenbogenkinder, 
geistig oder körperlich Schwache, Schwachsinnige die Helden sind. 

Wenn wir diese Märchen als solche nehmen, so müssen 
sie in erster Linie als Wunschträume oder andere entsprechende 
Wunschgebilde des verstossenen Mädchens oder des Dummlings 
selbst aufgefasst werden. Es kann sich ein gleiches Verhältnis 
herausbilden, wie beim Motiv des Tränenkrügleins; was für das 
Individuum als heilendes, wunscherfüllendcs Surrogat für die 
Wirklichkeit sein kann, kann sich auch zu einem Wuuschprodukt 
einer ganzen Volksschicht, einer grossen Kategorie von Menschen in 
gleicher Lebenslage verallgemeinern, wobei vielleicht weniger die 
Zweckmässigkeit als die psychologische Anlage, im Sinne des 
Wunsches zu denken, betont werden muss. Ist es anders bei 
unseren Dichtern? Man denke nur an das von Bleuler er- 
wähnte Beispiel von Gottfried Keller! 



VON DR. FRANZ RIKLIN 



Haben wir nicht gesehen, dass auch gerade die sozial und 
in der Liebe Zurückgestellten in erster Linie Wunschgebilde 
dichten ? 

Später werden wir noch sehen, dass die Stiefmuttermärchen 
nur ein Spezialfall sind von solchen mit sexueller Wunsch- 
erfüllung. Die Stiefmutter (in anderen Märchen spielt überhaupt 
eine Riesin oder Hexe die entsprechende Rolle, die Stiefmutter 
ist also auch in dieser Beziehung ein Spezialfall) ist die Feindin, 
die Spielverderberin im sexuellen Wunschgebilde, die überwunden 
wird. In vielen Märchen ist sie selbst, in anderen ihre Tochter 
die sexuelle Nebenbuhlerin. Erstere Kategorie zeigt noch deut- 
licher als die letztere ihre Rolle im Märchenwunschgebilde. 
(Eine weitere Deutung der Stiefmutterfigur siehe weiter unten.) 

Im orientalischen Märchen kann vielleicht die Stiefmutter 
diese Rolle darum nicht spielen, weil dort die Verhältnisse auf 
sexuellem Gebiet anders geordnet sind als bei uns. 

Als Beispiel eines Stiefmuttermärchens diene vor allem 
„Aschenputtel" mit seinen Varianton; ferner „Frau Holle" 
(Grimm Nr, 24). Ein i sl ändisches Aschenbrödel, wo die 
Stiefmutter schon mehr zurücktritt, finden wir in Rittershaus*) 
Nr. 66, mit Parallelen zu diesem Thema. Es ist darin auch eine 
sexuelle Symbolik enthalten (Hund, Feuer, Riese, Verbrennen der 
Riesenhaut), auf die wir später zurückkommen werden. 

Ein Bauempaar hatte drei Töchter, Ingibjörg, Sigridur und 
Helga. Während die beiden älteren Schwestern wie Prinzessinnen 
gehalten wurden, musste die jüngste alle Arbeit verrichten und 
bekam dazu nie ein gutes Wort zu hören. Einst ist das Feuer 
in der Hütte ausgegangen, und da man fürchtet, dass Helga 
vielleicht die Gelegenheit benutzen könnte, von Hause wegzu- 
laufen, so wird Ingibjörg fortgeschickt, um irgendwo Feuer zu 
holen. Wie sie auf diesem Wege an einem Hügel vorbeikommt, 
hört sie wie drinnen gesagt wird, „willst du mich lieber mit dir 
oder gegen dich haben?" Sie meint, „das sei ihr gleichgiltig" 
und geht weiter. Nun gelangt sie zu einer grossen Höhle. 
Drinnen kocht über mächtigem Feuer Fleisch, und daneben steht 

*) A. Ritters ha us, Neuisländische Volksmärchen. Halle a. S., 1902. 

8 -> 



22 WUNSCHERFÜU.UNO UN!) SYMBOLIK IM MÄRCHEN 

ein Topf mit Kuchenteig. Sie heizt nun noch mehr, damit das 
Fleisch bald gar ist, und von dem Teig backt sie für sich einen 
guten Kuchen, die übrigen lässt sie verbrennen. Darauf setzt sie 
sich zum Mahle nieder und lässt es sich gut schmecken. Wie sie 
im besten Essen ist, kommt ein riesiger Hund herein und springt 
wedelnd an ihr in die Höhe. Wütend weist sie ihn fort, doch im 
gleichen Augenblicke beisst er ihr eine Hand ab. Nun läuft sie, 
ohne an das Feuer zu denken, wieder nach Hause und erzählt 
ihr Missgeschick. Der zweiten Schwester Sigridur geht es nicht 
nicht besser, nur dass ihr der Hund statt der Hand die Nase 
abbeisst. Schliesslich muss nun doch Helga fortgeschickt werden, 
um das Feuer zu holen. Wie sie an dem Hügel vorbeikommt, 
wird die gleiche Frage an sie gestellt. Sie antwortet jedoch im 
Gegensatz zu den Schwestern, kein Ding sei so gering, dass man 
nicht wünschen solle, es mit sich, statt gegen sich zu haben. In 
der Höhle kocht Helga sorgfältig das Fleisch und backt die 
Kuchen, geniesst aber selbst keinen Bissen. Ermüdet und hungrig 
setzt sie sich, um den Besitzer der Höhle zu erwarten. Nach einer 
Weile ertönt furchtbarer Donner und ein Riese tritt, gefolgt von 
einem mächtigen Hunde, in die Höhle hinein. Er beruhigt mit 
freundlichen Worten das erschrockene Mädchen. Sie setzen sich 
zum Abendessen nieder, und dann lässt er ihr die Wahl, ob sie 
bei ihm oder seinem Hunde schlafen wolle. Helga wählt doch 
lieber das letztere. Nach einer Weile kommt ein solcher Donner- 
schlag, dass die Höhle erbebt. Der Riese bietet ihr, wenn sie 
bange sei, an, auf die Stufe neben seinem Bette sich zu legen. 
Gern folgt sie diesem Vorschlage. Doch weitere furchtbare Donner- 
schläge lassen sie immer näher zum Riesen flüchten, bis sie 
endlich über ihn hinweg im Bette sich verkriecht. Im gleichen 
Augenblicke fällt die Riesenhaut ab und neben ihr liegt ein 
wunderschöner Königssohn. Schnell verbrennt Helga die Haut, 
und dankbar begrüsst der Jüngling in ihr seine Erlöserin. Am 
folgenden Morgen erzählt er ihr seine Lebcnsschicksale. Er ver- 
spricht, sie bald aus dem Elternhause abzuholen und als Königin 
in sein Reich zu führen. Zum Abschied gibt er ihr ein herrliches 
Gewand, das sie heimlich unter ihren Lumpen tragen soll. Dann 
schenkt er ihr noch einen Kasten mit allerhand Kostbarkeiten 



VON DR FRANZ RIKLIN 23 



und zwei reiche Frauenkleider. Diese Gaben solle sie nicht ver- 
bergen, trotzdem ihr dieselben daheim würden genommen werden. 
Auch der Hund reicht ihr zum Abschied mit der Pfote einen 
Goldring, und nun kehrt sie mit all ihren Schätzen und dem 
Feuer zum Elternhause zurück. Hier wird sie noch schlechter als 
sonst behandelt, auch all ihrer Geschenke beraubt. Nach einiger 
Zeit kommt ein schönes Schiff, das in der Nähe ankert. Der 
Eigentümer des Schiffes erkundigt sich beim Bauer neugierig 
nach dessen Verhältnissen und fragt schliesslich auch, ob er 
Töchter habe. Der Bauer behauptet, nur zwei zu besitzen und 
ruft die beiden ältesten herbei. Diese kommen in den der 
Schwester geraubten Gewändern, jedoch hält die eine die Hand 
versteckt und die andere hat ein Tuch um die Nase gebunden. 
Der Ankömmling forscht neugierig nach dem Grunde dieser Ver- 
hüllung, bis ihre Verstümmelung offenbar wird. Nun muss trotz 
alles Sträubens der Bauer auch seine jüngste Tochter herbeiholen. 
Sie erscheint in ihren Lumpen, doch wie der Fremde diese von 
ihr reisst, steht sie im prächtigsten Gewände da. Die von Helga 
gestohlenen Kleider und Kostbarkeiten werden nun den Schwestern 
wieder abgenommen, darauf fährt der Königssohn mit seiner Braut 
in sein Königreich. 

In diesem Märchen ist zugleich eine reiche Symbolik ver- 
borgen, mit deren Deutung wir uns später beschäftigen werden. 

Erwähnen möchte ich noch zwei hübsche, typische russische 
Märchen mit dem gleichen Motiv: „Der Frost" und das 
„Steppenmärchen".*) 

Der Frost. Es war einmal ein alter Mann und eine alte 
Frau, die hatten drei Töchter. Die Frau konnte die älteste nicht 
leiden, denn sie war ihre Stieftochter. Sie zankte mit ihr, weckte 
sie früher und lastete ihr alle Arbeit auf. Das Mädchen musste 
das Vieh tränken und füttern, Holz und Wasser tragen, den Ofen 
heizen und Kleider nähen. Sie musste die Hütte stets vor Tages- 
anbruch fegen und in Ordnung bringen. Die Alte war aber trotz- 
dem immer unzufrieden und brummte. „Wie faul und unordent- 



*) A f a n a s s i e w, Russische Volksmärchen. Deutsch von Anna Mayer, 
Wien, 1906. C. W. S t e r n. 



24 WUNSCHERFÜLLUNG UND SYMBOLIK IM MÄRCHEN 

lieh, der Besen steht nicht an seinem Platz, dies fehlt und jenes 
und die Hütte ist schmutzig." 

Das Mädchen weinte und schwieg dazu, sie versuchte alles, 
um die Stiefmutter zufrieden zu stellen und ihren Töchtern 
behilflich zu sein. Die Töchter machten es aber wie die Mutter, 
sie kränkten Marfuschka, stritten mit ihr und wenn sie darüber 
weinte, so war es ihnen recht. Sie selbst standen spät auf, 
wuschen sich in dem vorbereiteten Wasser, trockneten sich mit 
reinen Handtüchern ab und machten sich erst an die Arbeit, 
wenn es zum Essen ging. 

So wuchsen die Mädchen heran und wurden reif zur Ehe. 
Dem Alten tat seine Tochter leid ; er liebte sie, weil sie gehorsam 
war und arbeitsam : niemals war sie eigensinnig, immer tat sie, 
was man ihr auftrug, ohne ein Wort der Widerrede. Der Alte 
konnte aber dem Jammer nicht abhelfen, er war schwächlich, die 
Alte zänkisch und die Töchter faul und störrisch. 

Die Alten überlegten : er, wie die Töchter zu verheiraten 
seien und sie, wie man die Aelteste los werden könnte. Eines 
Tages sagte die Alte zu ihm: „Alter, verheiraten wir Marfuschka." 
„Gut," sagte er und stieg auf den Herd. Die Alte folgte ihm 
nach und sprach: „Steh morgen früh auf, spanne das Pferd vor 
den Holzschlitten und fahre mit Marfuschka fort. Du, Marfuschka, 
sammle dein Hab und Gut in ein Körbchen, ziehe ein reines 
Hemd an, morgen fährst du auf Besuch." 

Die gute Marfuschka war froh über das Glück und schlief 
die ganze Nacht süss. Früh morgens stand sie auf, wusch sich, 
betete, packte alles ordentlich ein und schmückte sich. Das Mäd- 
chen war so schön, wie man noch kein Bräutchen gesehen. 

Es war Winter und es herrschte ein grimmiger Frost. Vor 
Morgengrauen stand der Alte auf, spannte das Pferd vor den 
Schlitten und führte es vor das Haus. Er selbst ging hinein, 
setzte sich auf die Bank und sagte: „Nun habe ich alles vor- 
bereitet." 

„Setzt euch an den Tisch und esst," sagte die Alte. 
Der Brotkorb stand auf dem Tisch und er nahm ein Brot 
heraus, das er mit seiner Tochter teilte. Die Stiefmutter brachte 
mittlerweile alte Suppe und sagte: „Nun, Liebchen, iss und fort 



VON DR. FRANZ RIKLIN 



mit dir, ich musste dich lange genug ansehen! Alter, führe Mar- 
fuschka zu ihrem Bräutigam, aber gib auf den Weg acht alter 
Narr, fahre erst die gerade Strasse hinunter und dann biege 
rechts in den Wald ein - weisst du, gerade bei der grossen 
Fichte, die auf dem Hügel steht, dort übergib Marfuschka dem 
Frost." 

Der Alte riss die Augen auf, sperrte den Mund auf, hörte 
auf zu kauen und das Mädchen heulte. 

„Was gibt es da zu jammern! Der Bräutigam ist ja schön 
und reich! Seht nur, wieviel Gut er hat: alle Tannen und Fichten 
glitzern und die Birken sind voll Flaum. Ein herrlicheres Leben 
gibt es kaum und er selber ist ein starker Held." Der Alte 
sammelte schweigend alle Habseligkeiten zusammen, befahl der 
Tochter, ihr Schafpelzchen anzuziehen und machte sich auf den 
Weg. Endlich erreichten sie die Fichte, bogen vom Wege ab, da ' 
stürmte gerade der Schnee. In der Einöde machte der Alte Halt, 
befahl der Tochter auszusteigen, setzte ihr Körbchen unter eine 
ungeheure Fichte und sagte: „Setze dich hierher, erwarte den 
Bräutigam und empfange ihn ja nur freundlich." 

Daraufhin wandte er sein Pferd und fuhr nach Hause. 

Das Mädchen sass da und zitterte, Kälte durchschauerte sie. 
Sie wollte weinen, doch ihr fehlte die Kraft, nur die Zähne 
schlugen zusammen. Plötzlich hörte sie von Ferne den Frost auf 
einer Tanne knarren, er sprang von Tanne zu Tanne und pfiff. 
Endlich war er hoch oben auf der Fichte, unter der das Mädchen 
sass und er fragte: „Mädchen, ist dir warm?" 

„Ach ja, Väterchen Frost!" 

Der Frost Hess sich tiefer herab, knarrte und pfiff noch mehr 
als vorher: „Mädchen sag, schönes Mädchen, ist dir warm?" 

Dem Mädchen verging fast der Atem, aber sie sagte noch: 
„Warm ist mir, Väterchen Frost." 

Dann knirschte der Frost noch mehr und pfiff: „Ist dir warm, 
Mädchen, ist dir warm, schönes Kind, ist dir warm, mein 
Herzchen?" 

Das Mädchen war fast erstarrt und sagte kaum hörbar: 
„Warm, Väterchen." 



26 WUNSCHERFÜLLUNG UND SYMBOLIK IM MÄRCHEN 

Da hatte der Frost Erbarmen und hüllte das Mädchen in 
Pelze und wärmende Decken ein. 

Am nächsten Morgen sagte die Alte zu ihrem Mann: „Geh, 
alter Narr, und wecke das junge Paar." 

Der Alte spannte sein Pferd vor den Schlitten und fuhr zu 
seiner Tochter. Er fand sie am Leben, eingehüllt in einen schönen 
Pelz und in ein seidenes Tuch, und schöne Geschenke lagen in 
ihrem Körbchen. Ohne ein Wort zu sagen, legte der Alte alles 
in seinen Schlitten, stieg mit seiner Tochter ein und fuhr nach 
Hause. Dort fiel das Mädchen der Stiefmutter zu Füssen. 

Die Alte wunderte sich sehr, als sie das Mädchen am Leben 
sah und den neuen Pelz und den Korb voll Wäsche. „Eh, mich 
betrügst du nicht!" sagte sie. 

Nach einigen Tagen sagte die Alte: „Führe meine Töchter 
zum Bräutigam, er wird sie noch ganz anders beschenken." Am 
Morgen weckte die Alte ihre Töchter, schmückte sie, wie es sich 
zur Hochzeit schickt und Hess sie ziehen. Der Alte fuhr den- 
selben Weg und liess die Mädchen bei derselben Fichte zurück. 
Die Mädchen sassen und lachten. „Was fällt Mütterchen ein, uns 
beide plötzlich zu verheiraten? Als wären bei uns im Dorf nicht 
Burschen genug! Wer weiss, was hier für ein Teufel kommt!" 
Die Mädchen hatten grosse Pelze an, aber trotzdem nagte die 
Kälte an ihnen. 

„Paracha, mir läuft der Frost über die Haut, wenn die 
Erwählten nicht bald kommen, erfrieren wir." „Unsinn, Mascha, seit 
wann kommt ein Bräutigam so früh, jetzt ist erst Essenszeit." 
„Paracha, wenn nun einer kommt, wen wird er da nehmen?" 
„Dich nicht, du Gans." „Dich etwa?" „Gewiss." „Lass dich nicht 
auslachen." Der Frost nagte den Mädchen an den Händen. Sie 
versteckten ihre Hände im Pelz und begannen neuerdings: „Du 
verschlafener Fratz, du böse Pest, du Lästermaul. Spinnen kannst 
du nicht und ans Beten denkst du gar nicht." „Oh, du Prahlerin, 
was kannst denn du? In den Spinnstuben herumlaufen und 
♦ratschen. Warten wir es ab, wen er nimmt." So stritten die 
Mädchen und froren ernstlich. „Ei bist du blau geworden!" sagten 
sie einstimmig. Weit weg knarrte der Frost, sprang von Tanne 
zu Tanne und pfiff. Den Mädchen schien, als käme jemand 



VON DR FRANZ RIKLIN 21 



gefahren. „Hui, Paracha, er kommt mit Glöckchen gefahren." 
„Geh weg, Närrin, mich schüttelt der Frost." „Aber heiraten 
willst du doch?" Sie bliesen auf ihre Finger. Der Frost kam 
näher und näher, endlich Hess er sich auf der Fichte über den 
Mädchen nieder. „Ist euch warm, Mädchen, ist euch warm, 
schöne Täubchen?" 

„Ach, Frost, uns ist so kalt, wir sind fast erfroren. Wir 
erwarten den Bräutigam und der Teufel kommt nicht." 

Der Frost Hess sich tiefer herab, und knarrte und pfiff noch 
mehr: „Ist euch warm, Mädchen, ist euch warm, meine Schönen?" 
„Geh zum Teufel! Bist du blind, Hände und Füsse sind uns 
schon abgefroren." Da liess sich der Frost noch näher herab, 
schlug fest zu und fragte: „Mädchen ist euch warm?" „Geh zu 
allen Teufeln ins Wasser und faule, Verfluchter!" Da waren die 
Mädchen erstarrt. Am Morgen sagte die Alte zu ihrem Mann: 
„Spanne ein, nimm Heu in den Schlitten und warme Decken, 
den Mädchen wird kalt sein. Ein starker Wind ist draussen! 
Mach flink, alter Narr!" Der Alte liess sich kaum Zeit zum 
Frühstück, und fuhr fort. Als er zu den Töchtern kam, waren sie 
tot. Er lud sie auf den Schlitten, schlug sie in die Decken ein, 
legte das Heu darüber und kehrte heim. Die Alte sah ihn von 
weitem kommen und ging ihm entgegen: „Wo sind die Kinder?" 
„Im Schlitten." Die Alte stiess das Heu beiseite, hob die Decken 
auf, und fand die Kinder tot. Da ging sie wie ein Gewitter über 
den Alten nieder und schimpfte: „Was hast du, alter Hund, 
getan? Mit meinen Töchtern, meinen eigenen, süssen Spröss- 
lingen, meinen roten Beerchen? Ich- erschlage dich mit dem 
Besenstiel, mit dem Feuerhaken erschlage ich dich!" „Ruhig, 
alte Hexe, dich lockte der Reichtum, aber deine Töchter waren 
widerspenstig. Ich bin nicht schuld, du wolltest es selbst!" Die 
Alte war zornig und zankte noch lange, versöhnte sich aber 
später mit der Stieftochter und so lebten sie gut und mit Bedacht, 
an das Böse wurde nicht mehr gedacht. Ein Nachbar kam und 
freite und hielt mit Marfuschka Hochzeit. Es ging ihr gut. Der 
Alte nahm die Enkel in seine Hut, schüchterte mit dem Frost 
sie ein und hiess sie willig und fleissig sein. 

„Steppenmärchen." Grossväterchen lebt mit seiner Frau. 



28 WUNSCHERFÜLLUNG UND SYMBOLIK IM MÄRCHEN 

Er hatte eine Tochter und sie hatte eine. Da sagt die Frau zu 
ihm : „Führe doch deine Tochter fort" — und da führte er sie 
in den dunklen Wald. Im Walde steht eine Hütte und da sagte 
er zu seiner Tochter: „Bleibe hier sitzen, ich gebe einstweilen 
Holz hacken." Er geht, bindet ein Rrettchen an eine Birke vor 
der Hütte und fährt nach Hause. 

Das Mädchen wartet und wartet auf den Vater und der 
Wind spielt mit dem Brettchen, Stuck da, Stuck! „Mein Vaterchen 
hackt Holz," denkt sie und wartet aufs neue. Aber der Tag wird 
zum Abend. Die Sonne geht unter und der Vater kehrt nicht 
zurück. Die Nacht bricht an und das Mädchen lauscht. Zwischen 
den Bäumen klopft es, läuft und poltert ein Pferdekopf . . . 

Der Kopf läuft zur Hütte und spricht: „Mädel, Mädel, öffne 
die Tür!" Das Mädchen öffnet. „Mädel, Mädel, trag mich über 
die Schwelle!" Das Mädchen tut es. „Mädel, Mädel, gib mir ein 
Nachtessen!" Sie gibt es ihm. „Mädel, Mädel, richte mir ein 
Bett her." Sie richtet es. „Mädel, Mädel, erzähle mir Geschichten!" 
Sie beginnt zu erzählen. „Mädel, Mädel, steig mir herein ins 
linke Ohr und steige bei dem rechten wieder heraus!" 

Sie stieg hinein beim linken Ohr und bei dem rechten 
wieder heraus und wurde von unbeschreiblicher Schönheit, dann 
setzte sie sich in eine goldene Kutsche mit silbernen Pferden 
und fuhr in ihr Reich. Zuerst fuhr sie aber nach Hause be- 
schenkte Vater und Mutter mit allen Schätzen der Welt, nur ihrer 
Schwester, der Tochter der Frau, gab sie nichts. 

Nach einem Jahr besprach Grossväterchen sich mit seiner 
Frau und sie befahl ihm: „Führe meine Tochter fort, du weisst 
schon wohin ! Führe sie an den Ort, wo du deine Tochter hin- 
brachtest." 

Da nimmt Grossväterchen die Tochter der Frau und führt 
sie in den dunkeln Wald. Im Wald steht eine Hütte. Da sagt er 
zu der Tochter der Frau: „Bleibe hier sitzen, ich gehe Holz 
hacken." Das Brettchen weht wieder im Winde und klopft. „Was 
hat der alte Truthahn da angebunden?" fragte das Mädchen 
zornig und lauscht. Zwischen den Bäumen klopft, läuft und 
poltert der Pferdekopf. Er läuft zur Hütte: „Mädel, Mädel, mache 
auf !" „Du bist kein grosser Herr, tue es selbst." Der Kopf öffnet 



VON DR. FRANZ R1KLIN 29 



die Türe. „Mädel, Mädel, trage mich über die Schwelle!" „Du 
bist kein grosser Herr, komm selbst herein." Der Pferdekopf 
kam herein. „Mädel, Mädel, gib mir ein Nachtessen!" „Du bist 
kein grosser Herr, nimm es dir selbst." Der Kopf nahm es. 
„Mädel, Mädel, richte mir ein Bett und lege mich schlafen." „Du 
bist kein grosser Herr, tue es selbst." Der Kopf tat es. „Mädel, 
Mädel, steig mir in mein linkes Ohr und steige beim rechten 
wieder heraus!" Die Tochter der Frau stieg bei dem linken Ohr 
hinein und bei dem rechten heraus und wurde alt, eine alte 
Zigeunerin ohne Zähne mit einer Krüke. Sie lief in den Wald 
und ertränkte sich vor Gram im Waldessumpf. 

Es gibt in den Märchen desgleichen -männliche Aschen- 
puttel, die zum Schlüsse eine Königstochter heiraten. 

Die Märchen, in welchen liebevoll der Dummling, der 
Schwachsinnige, als Held behandelt wird, gehören teils auch in' 
diese Kategorie mit Wunscherfüllung, teils aber zu den so- 
genannten Schwänken. Ich erwähne als Beispiele aus den deutschen 
Märchen einige bekannte: „Von einem, der auszog, das Gruseln 
zu lernen", „Hans im Glück", „Der kluge Hans", „Die drei 
Sprachen" etc. (Grimm Nr. 4, 83, 32, 33.) 



£3 



IV. 

Die Symbolik. 

Um einen Einblick in die Märchensymbolik und ihre Be- 
deutung zu gewinnen, müssen wir zuerst einige Entstehungsarten 
des Symbols kennen lernen. 

Ein Symbol ist ein Zeichen, eine Abkürzung für etwas Kom- 
plizierteres. Wenn ich im Fahrtenplan ein Posthorn neben dem 
Stationsnamen sehe, so sagt es mir, dass die Station eine Post- 
verbindung hat nach Orten, die nicht an der Bahnlinie liegen. 

Der „Hauptmann von Köpenik", ein Schuster und Gewohn- 
heitsverbrecher, versicherte sich des unbedingten Gehorsams einer 
Reihe von preussischen Soldaten zur Beraubung der Stadtkasse, 
indem er in eine Hauptmannsuniform schlüpfte, weil das Tragen 
der Uniform, und besonders der Offiziersuniform, ein Zeichen ist 
für eine Unmenge Dinge und Vorstellungen, die wir nicht nötig 
haben aufzuzählen. 

Dem Symbol ist aber noch viel mehr eigen. Warum steht 
im Fahrplan für den Begriff „Postverbindung" und was damit 
zusammenhängt nicht irgend ein anderes Zeichen? Das Posthorn 
ist etwas, was ursprünglich zur Post gehört. Obwohl es kein 
nötiger Bestandteil derselben ist, so war es früher eine der sinnen- 
fälligsten Merkmale derselben, weniger fürs Auge, als für 
das Ohr. Wir haben also schon wieder zwei neue Momente, 
welche dem Symbol zukommen. Das zum Symbol gewählte Zeichen 
steht zum Bezeichnenden in einem assoziativen inneren oder 
äusseren Zusammenhang und es ist sinnen fällig. Ferner 
ist es umsomehr zum Symbol geeignet, als Geschichte und Ent- 
wicklung an ihm sind, wobei- es aber meist nicht ohne Bedeu- 
tungswandel abgeht. Gegenwärtig sind die schönen Zeiten 
bei uns wohl so ziemlich vorbei, wo der Postillon lustig ins 
Hörn blies. — Das Hörn als Zeichen ist aber geblieben, im 



VON DR FRANZ RIKLIN 31 



Fahrplan, beim Militär als Abzeichen der Feldpost und noch an 
vielen anderen Orten. 

Mit dem Begriff Symbol ist meist auch etwas Geheimnis- 
voll es verbunden. Symbole werden oft gebraucht als Erken- 
nungszeichen für geheime Gesellschaften, nennen wir z. B. das 
Abzeichen der Freimaurer. Das Geheimnisvolle liegt auch darin, 
dass nur der Eingeweihte die Bedeutung des Symbols kennt. Das 
war z. B. der Fall mit der Runenschrift, welche nur bestimmte 
Leute lesen konnten ; das gibt auch den kirchlichen Zeremonien 
ihre zauberhafte Wirkung auf die empfängliche Seele. Schon die 
Entwicklung und die damit verbundene Wandlung in der Be- 
deutung tragen dazu bei, dass nur der Eingeweihte den vollen 
Sinn des Symbols zu erkennen vermag. 

Weil das Symbol nur ein Zeichen ist, nur ein Teil des 
ursprünglich Darzustellenden, so ist es gerade während seiner 
weiteren Entwicklung gegeben, dass es allmählich das Zeichen 
wird für verschiedene Dinge: Das Posthorn kann je nach 
dem Ort, der Umgebung, im psychologischen Sinne je nach den 
damit verknüpften Assoziationen Verschiedenes bedeuten : Fahr- 
postverbindung, wenn es beim Stationsnamen im Fahrplan steht, 
Briefpostverbindung, wenn es auf einem Einwurf steht. Im abge- 
legenen Gebirgsdorf bedeutet es noch viel mehr und auf dem 
Aermel einer Uniform wieder etwas anderes. 

Durch diese Summierung von Bedeutungen kommt 
es auch dazu, dass das Zeichen eine Verdichtung, und eine 
Häufung aller dieser einzelnen Vorstellungen in sich birgt. Das 
charakterisiert z. B. das Traumsymbol, in das tausend Asso- 
ziationsfäden zusammenlaufen (vergl. den Traum vom Portal). Es 
kommt gleichzeitig auch zu einer Vieldeutigkeit des Symbols, der 
»dunkle Sinn" kann auf alle mögliche Art ausgelegt werden. Wer 
nicht eingeweiht ist und das Symbol nicht nach allen Richtungen 
kennt, legt es falsch oder nur. nach seinem Sinne aus. Die Bibel 
zum Beispiel hat den Vorzug und Nachteil, dass sie viele Symbole 
enthält, die im verschiedensten Sinn ausgelegt werden. 

Die Deutung der Traumsymbole hat aus gleichen Gründen 
erst ihren Wert erhalten, als sie von Freud auf wissenschaft- 
liche Grundlage gestellt wurde, so dass wir den Aufbau der 



32 WUNSCHERFÜLLUNO UND SYMBOLIK IM MÄRCHEN 

Symbole erkennen und jedermann, dem es darum zu tun ist, 
diese Wissenschaft lernen kann. 

Die Vieldeutigkeit des Symbols hat den Nachteil, dass das 
Denken in Symbolen, das beim Traum und bei manchen 
Psychosen, besonders der Dementia praecox (sogenannte 
Verblödung) hier oft in unglaublichem Masse geübt, viel weniger 
klar, abgegrenzt und logisch ist, als eben das Denken in scharfen, 
umschriebenen, möglichst eindeutigen Begriffen. In diesem spe- 
ziellen Sinne hat man allerdings recht, mit Bleuler/) Jung,**) 
Pelletier***) das Denken in Symbolen als minderwertig, inferior 
dem logischen zu bezeichnen. 

Und doch, welche Schwierigkeiten macht uns unsere eigene 
Sprache, nicht in Symbolen zu denken! Ist nicht fast jedes 
Wort ein Symbol! Alle abstrakten Begriffe mussten ja durch 
Worte bezeichnet werden, die zuerst etwas Sinnfälliges bedeuteten 
und oft jetzt noch bedeuten |z. B. wägen, wiegen, erwägen, 
gewogen; oder gebildet =instructus und gebildet im Sinne, wie 
es Goethe noch braucht = geformt, z. B. ein wohlgebildeter 
Jüngling.) Und welchen Bedeutungswandel haben sie nicht schon 
durchgemacht.!) Gerade die Dichtersprache arbeitet so gerne 
mit Worten, deren Sinn mehrdeutig ist, um beides auf einmal 
zu bedeuten. Es ist nicht schwer, Beispiele von Symbolen zu 
bringen, welche die aufgezählten Eigenschaften teilweise oder 
ganz auf sich vereinigen. 

Die Schriftzeichen sind Symbole, wie ihre Entwicklung deut- 
lich zeigt, die Worte sind Symbole, unsere Mimik und Gesten 

*) Bleuler, Freudsche Mechanismen in der Symptomatologie von Psy- 
chosen. .Psych.-neurol. Wochenschrift", 1906, Nr. 35 und 36. 

**) Jung, Ueber die Psychologie der Dementia praecox. Halle a. S., Mar- 
hold, 1907. 

***) Madelcine Pelletier, L'association des id<k\s dans la manie aigue et 
dans la d^bilitö mentale. These de Paris, 1903. 

f) Ich verweise z.B. auf Hermann Paul, Prinzipien der Sprachgeschichte. 
III. Aufl., Halle a. S. MaxNfemeyer, 1898. Der Bedeutungswandel kann 
allerdings eine definitive Verschiebung bringen, so dass die ursprüngliche Be- 
deutung gegenwärtig nicht mehr gilt. Vgl. das Wort „elend" im Mittel- und Neu- 
hochdeutschen. 



VON DR. FRANZ R1KLIN 33 



sind zum grossen Teil symbolisch.*) Eine geographische Karte 
ist ein Symbol. Bemerkenswert sind die sinnfälligen Symbole für 
Abstrakta. Das Auge Gottes (Allwissenheit), die Wage (Gerechtig- 
keit), das Kreuz (Christentum; vgl. die Vision Konstantins: „in 
hoc signo vinces"); die Farbensymbole: schwarz = Trauer; in 
der katholischen Kirche ist violett Trauerfarbe; rot = Liebe, 
Sozialismus, Revolution; die schwarze und rote Internationale; 
die Uniformsymbolik (Macht, Fürchtenmachen, Machtunterschiede, 
Zugehörigkeit zu einem bestimmten Lande); der Hoffnungs- 
anker, die Wappen und Bannersymbolik; man schenkt jemandem 
etwas „als Zeichen der Liebe"; „das Feuer der Liebe", der 
Trennungsschmerz. Die Sprache verwendet neben den eben 
genannten auch gerne verdichtete Symbole. Man hofft zum Bei- 
spiel auf einen grünen Zweig zu kommen. — Auf mittelalter- 
lichen Bildern und solchen alter Kulturvölker, so lange ihre Kunst 
noch auf einer mehr archaischen Stufe steht (das Stehen auf 
einer Stufe ist wieder ein Sprachsymbol) wird das Machtverhält- 
nis der dargestellten Personen durch Grössenunterschiede aus- 
gedrückt, oder bei Königen und Göttern durch bildliche Dar- 
stellung ihrer Attribute. (Ein hübsches Beispiel finden wir in 
einer „Anbetung" von Dürer in der alten Pinakothek in München.) 

Doch wir müssen über diese Gedankengänge rasch wegeilen, 
um das Gelernte für unsere Märe hen sym b ol ik zu verwerten. 

Hier treffen zwei symbolische Reihen zusammen und decken 
sich oft; die eine entwickelt sich aus den Anschauungen der 
Zauberei, Mythologie und Religion, die andere ist die 
Symbolik des Traumes und der Psychopathologie. Sie 
entstammen allerdings der gleichen Quelle, der menschlichen 

Psyche. 

In der Mythologie kommt es in verschiedener Weise zur 
Bildung von Symbolen. Einmal durch diePe rsonifika tion. Die 
den Menschen beeinflussenden Gewalten werden personifiziert, 
Naturerscheinungen und unerklärliche innere Erfahrungen. (Traum, 
Alp.) An Stelle der wirklichen, aktiven Kräfte werden anthro- 

i: ) Vgl. Mrnst J e n t s c h, lieber einige merkwürdige mimische Bewegungen 
i'er Hand. „Zentralbl. für Nenenheilk. u. Psychiatrie". XXVII. Jahrg.. 15. VIII. 

Riklin, WjtnscllOlQÜHUe UQ<J Symbolik in» Mircheih 



34 WUNSCHERFÜLLUNG UND SYMBOLIK IM MÄRCHEN 



pomorphe Wesen gesetzt. Ob diese in den abgeschiedenen Seelen 
zu suchen sind, oder ob sie eine andere unbestimmte oder spater 
bestimmte Abstammung haben, ob sie in einer Naturerscheinung 
verkörpert oder später als Gebieter über gewisse Naturerschei- 
nungen gedacht sind, ist nebensächlich. Es gibt dabei gar viele 
Stufen der Anschauung, die bald neben, bald nacheinander 
existieren. Wie weitgehende Entwicklungen solche Gebilde, solche 
symbolische Gestalten, welche ursprünglich einfache Personi- 
fikationen eines bestimmten Prinzips sind, zur voll ausgebildeten 
Persönlichkeit machen können, zeigt z. B. die Geschichte des 
Teufels.*) 

Ein neues Moment des Symbols tritt nun dazu. Die personi- 
fizierten oder unpersonifizierten Mächte entfalten irgend eine Kraft, 
eine Wirkung. Diese Wirkung wird nun auf ihre Symbole, 
auf ihre bildlichen Darstellungen, die ihrem Bereich angehören, 
übertragen, und also erhalten die Symbole selbst neben ihren 
schon genannten Eigenschaften eine gewisse Kraft und Wirkung, 
welche ursprünglich dem durch das Symbol als Teil darzustellenden 
Ganzen zukommt.**) Aus diesem Grunde kann der Teufel nichts 
machen, sobald ein Ort durch ein Kreuz oder das Kreuzzeichen 
geschützt wird. Aus dem gleichen Grunde haben die Heiligen- 
bilder bei den Russen im Krieg gegen Japan eine so wichtige 
Rolle gespielt und spielen sie natürlich auch anderwärts. So lebten 
im Altertum Kulte, wo das Symbol der Fruchtbarkeitsgötter, also 
nicht bloss ihr Bild, sondern die p ars, der Teil des Ganzen, 
welcher die Fruchtbarkeit besonders sinnfällig darstellt, der Phallus» 
herumgetragen wurde, um den Feldern Fruchtbarkeit zu bringen, 
ja mehr noch, es wurden zum gleichen Zwecke junge Mädchen 
mit einer Rute, der Lebensrute, also einem noch entfernteren 
Symbol, nackt geschlagen, damit durch diese symbolische Hand- 
lung der gleiche Zweck erreicht werde. 

Die Kulte selbst haben auch einen Symbolisierungsprozess 

*) Gustav Roskoff, Geschichte des Teufels. Leipzig, Brockhaus- 
1869. 

**) Vgl. hier die Abhandlung von Prof. S. Singer- Bern : D I c W i r k- 
samkeit der Bescgnungen. ..Schweiz. Archiv für Volkskunde". Jahrg I 
1897. pag. 102. 



VON DR. FRANZ RIKLIN 35 



durchgemacht. Statt der Menschenopfer wurden allmählich Tieropfer 
dargebracht, dann wurde das Tier in irgend einer Nachbildung 
(in Brotform zum Beispiel» geopfert. Die Chinesen kamen zum 
Beispiel dazu, statt des Geldes in Metall ähnlich geformte Papierchen 
den Göttern darzubringen. Die Archive für Volkskunde sind ja 
angefüllt mit Nachweisen, wie die Volksbräuche zu einem guten 
Teil Ueberreste stark symbolischer Kulte darstellen. 

Zu den Symbolen, welche statt einer personifizierten Natur- 
macht, eines Dämons, einer Gottheit verwendet werden, gehören 
die Tiere, von denen eine ganze Anzahl geheiligt sind und 
waren. (Eulen der Athener, Burgschlangen im Erechtheion). 

In den mythologischen Erzählungen und Bräuchen können 
bestimmte Tiere eine ganz besondere symbolische Bedeutung an- 
nehmen, z. B. eine speziell sexuelle. Bei den Dyonysosfesten, bei 
denen ja auch die Fruchtbarkeit erfleht wurde, opferte man vor- 
züglich junge männliche Tiere. Zeus entführt die Europa als 
Stier, die Leda als männlicher Schwan. Danae befruchtet er als 
goldener Regen unter Verwendung einer nicht tierischen, aber 
doch sehr deutlichen Sexualsymbolik. 

Tiere als Vertreter der sexuellen Kraft eignen sich auch in- 
sofern als Symbole, als ja jetzt noch in unserer Sprache und 
Anschauung die lebenserhaltenden Triebe als das Tierische am 
Menschen gelten. 

Damit sind wir an einem Punkte angelangt, an dem wir die 
Symbolik des Märchens, speziell die sexuelle, verstehen können, 
soweit sie aus der Mythologie und Zauberei stammt. 

Wir müssen ihr jetzt von der anderen Seite, der psychologi- 
schen und psychopathologischen, näher kommen. 

Freud setzt in seiner Traumdeutung auseinander, dass bei 
der sogenannten Traumarbeit ein Streben nach Verdichtung 
vorhanden ist, dass mit Rücksicht auf die D ar st ellbar keit 
abstrakte Dinge durch solche, die in eine gegebene Szene hinein- 
passen, durch darstellbare (sinnenfällige) ersetzt werden; dass 
Aehnlichkeit, Uebereinstimrnung, Gemeinsamkeit 
vom Traum ganz allgemein dargestellt wird durch Zusammen- 
ziehung zu einer Einheit. Sind das nicht Momente, die 
eben zur Symbolbildung führen? Dazu kommt ein weiteres, die 



5* 



36 WUNSCHERFÜLLUNG UND SYMBOLIK IM MÄRCHEN 



Verdrängung, welche den Traum zwingt, gewisse Dinge in 
anderer Form, in einer Symbolik zu zeichnen, welche aber nur 
dem Eingeweihten verständlich ist und sich dem bewussten Ich 
verbirgt. So ist die Symbol b ildun g im Traum ohne weiteres 
gegeben. 

Folgendes Traumstück soll uns mit der darin angewandten 
Symbolik, die in diesem Fall ein stark sexuelles Thema verkleidet, 
bekannt machen. 

Der Bräutigam träumt. Er ist an der sogenannten langen 
Gasse in der Stadt, in welcher er seine Jugendjahre zugebracht 
hat. Ein Waldbrand ist ausgebrochen. Er eilt mit einer ge- 
wissen Beklemmung. Jemand ist neben ihm, den er nicht 
sieht, er weiss aber, dass es sein Bruder ist, der in der Vater- 
stadt bei der Feuerwehr eine Rolle spielt, und zwar bei der 
Truppe, die den Platz absperrt. Der Träumende bemerkt, dass 
er selber nicht in Uniform ist, obwohl er eine solche tragen 
sollte. Er ist in Zivil und denkt dabei: Es geht auch so. Statt 
der Reithosen (er selber ist im Militärdienst beritten) trägt er 
kurze englische Sportbeinkleider. Statt des Säbels trägt er ein 
etwas anderes Instrument, eine Art Reitpeitsche, die aber 
mehr an einen Ochsenziemer erinnerte. Diesen musste er in 
bestimmter Art nach vorn erhoben tragen; „so musste der Säbel 
vorschriftsgemäss getragen werden", dachte er im Traum. Damit 
eilte er in der Richtung des brennenden Waldes. Er kam noch 
an einem Hause vorbei, aus welchem unheimliches Schreien 
tönte. Da sei der Ursprung des Brandes gewesen, hiess es im 
Traume. 

Wer mit der Traurnanalysc vertraut ist, wird in diesem Traum 
gleich das sexuelle Thema herausfinden. 

Die lange Gasse ist eine Gasse am weiblichen Genitale. Im 
gleichen Sinne gibt es z. B. schräg aufwärts gehende Dachlucken, 
welche durch einen Abschluss schwer zugänglich sind (Hymen). 
In einem ähnlichen Traum kamen die Treppe schief herunter 
kleine, nackte, glatzköpfige Gymnasiästchen, Homunkuli, das heisst 
neugeborene Kinder, die spater offenbar auch studieren sollten 
wie der Herr Papa ! 

Das Ofenrohr wurde auch in demselben Sinne geträumt. 



VON DR. FRANZ RIKLIN 37 



Daraus kam eine rosenrote Schlange, die sehr lang war. Man 
vergleiche das russische Märchen vom „Bärchen", das in einem 
späteren Kapitel erwähnt werden soll. Dieses letzte Traumbild 
stammt von einer jungen Mutter, welcher die Zeit bis zur An- 
kunft des Sprösslings sehr lang vorkam. Die Schlange ist ver- 
wendet, wie wir später sehen werden, als Symbol für das männ- 
liche Genitale und die dadurch hervorgebrachte Frucht selbst; 
die lange Zeit wird durch die Länge dieser Schlange ausgedrückt. 
Der Volksmund sagt: „Bei Frau N. ist der Ofen zusammen- 
gefallen" ; d. h. Frau N. hat geboren. 

Das Portal im früher erzählten Traum und der Mund in 
einem später zu erzählenden gehören noch zu den auf gleiche 
Art zu deutenden Traumsymbolen. 

Beim Waldbrand sind zwei Komponenten vorhanden. 
Wald hat hier die gleiche sexuelle Bedeutung, wie der Nymphen- 
wald bei Freud,*) es ist der Wald auf dem sogenannten „Venus- 
berg" beim Weibe und gehört damit in die Nähe der langen 
Gasse. 

Wenn es in einem Traume brennt, so brennt gewöhnlich 
das Feuer der Liebe; im Traum, im Sprachgebrauch, in der 
bildlichen Darstellung (das Herz Jesu wird in der kirchlichen 
Symbolik fast immer mit einer daraus entspringenden Flamme als 
Symbol der Liebe dargestellt) hängt das Feuer eng mit der Liebe 
zusammen; ebenso in der Mythologie. 

Im speziellen Fall ist diese Bedeutung ganz durchsichtig. Es 
erscheint der Bruder als Feuerwehr. Der Bruder repräsentiert 
nämlich die in jener Stadt wohnende Familie des Träumenden, 
welche mit der Heirat nicht einverstanden ist und nun diesem 
Feuer wehren will. Damit hängt es auch zusammen, dass der 
Träumende nicht in der Uniform des streng konfessionell ge- 
sinnten Bruders (-Familie) heiraten will, sondern sich denkt, es 
mache nichts, man könne auch zivil heiraten. Er erscheint von 
jetzt an reitend. So gut wir bei Feuerträumen Feuer in Liebe 
übersetzen müssen, so bedeutet „reiten" erfahrungsgemäss ge- 
wöhnlich etwas sexuelles. 



*) Bruchstücke einer Hysterieanalyse. ..Mor.atsschr. für Psychiatrie und 
Neurologie*, Bd. XVIII. 1905, Heit 4 und 5. 

9 * 



38 WL'NSCHlzRFÜLLUNü UND SYMBOLIK IM MÄRCHEN 



Frauen träumen oft' in ähnlichen Zusammenhangen von 

Pferden, die sieh unmittelbar vor ihnen bäumen und sie zu zer- 
treten drohen. 

Die weitere Analyse über die Beinkleider soll hier übergangen 
werden. 

Der Träumende trug eine Art Säbel, nicht wie üblich, sondern 
in einer Lage und Richtung, welche dem erigierten Glied zu- 
kommt. An Stelle des Säbels tritt dann eine Art Ochsen- 
ziemer. Im schweizerischen Dialekt ist Hagen schwänz der 
Name dafür. (Hagen = Gen. von Hägi = Stier; Schwanz ist 
eine im Militär und auch sonst gebräuchliche Bezeichnung für 
das männliche Glied.) Dieser Hagenschwanz wird aus dem Glied 
des Stiers verfertigt und hat daher seinen Namen. Seiner Elasti- 
zität wegen wird er statt der Peitsche zum Viehtreiben verwendet 
und ist zudem ein gefürchtetes Züchtigimgsmittel. Er erscheint in 
dieser Rolle im Sprachgebrauch. Wenn übrigens im Traum mit 
einem Säbel gefochten wird, so handelt es sich gewöhnlich um 
einen sexuellen Kampf, auch ohne dass der Säbel zur Verdeut- 
lichung in einen Hagenschwanz verwandelt wird und in der 
Stellung des erregten Gliedes getragen werden muss. (Den Säbel 
steckt man eben in die Scheide!) So eilt nun der Träumende 
in der Richtung des brennenden Waldes. 

Das Geschrei aus dem Hause ist genau das gleiche gewesen, 
welches der Träumende kurz vorher in einem zoologischen Garten 
hörte, als er mit der Braut beim Raubtierhause vorbeispazierte. 
Es stammte von einem Pumakatzenpaar, das eben im Begriffe 
war, sich zu begatten. 

Durch diese Symbolik nur war es möglich, den ganzen 
Traum, der so viele Gedankengänge anschneidet, auf ein Bild zu 
konzentrieren. Die Analyse zeigt uns mehrfach, wie viele symbol- 
bildende Momente im Traum vorhanden sind. Die starke Erotik 
des Traumes ist aber nur dem Eingeweihten klar. Wir sehen hier 
Pferd, Stier, Säbel, Ochsenziemer etc., also Tiere und Gegen- 
stände, die letzteren durch Abstammung oder Aehnlichkeit mit 
dem symbolisch Darzustellenden in Beziehung gebracht, in der 
Bedeutung von Symbolen des Mannes als sexuellem Wesen ver- 
wendet. 



VON DR. FRANZ RIKL1N 39 

Ein ähnliches Material finden wir beispielsweise in einer 
Arbeit von Jung.*) 

Die Hysterie hat unendlich vieles symbolisch darzu- 
stellen, namentlich Verdrängtes, das durch bestimmte Mecha- 
nismen und Erinnerungen immer wieder geweckt wird und doch 
dem Bewusstsein verdeckt bleiben soll. Hysterische Anfälle sind 
oft in der Hauptsache abgekürzte, symbolische Darstellungen, 
ebenso die hysterischen, körperlichen Symptome und Symptom- 
handlungen. 

Eine kleine Hysterieanalyse wird auf einer der nächsten 
Seiten folgen.**) 

Die Dementia praecox, welche die häufigste Geistes- 
krankheit darstellt, ist in hohem Masse dazu veranlagt, in Sym- 
bolen zu denken,**') aber auch bei anderen Psychosen kommt 
dergleichen vor.t) 

Paradigmen sind unter den Wunschgebilden der Dementia 
praecox erwähnt, auf andere werden wir bei den Märchenbei- 
spielen zurückkommen. 



r*3 



*| Diagnostische Assoziationsstudien. VIII. Beitrag. .Journal f. Psychologie 
und Neurologie". Bd. VIII, 1906, Leipzig, J. A. Barth. 

**) In früheren Arbeiten habe ich Beispiele für solche Symbolik angeführt. 
Vergl. Diagnostische Assoziationsstudien. VII. Beitrag. Ferner .Psychiatrisch- 
neurologische Wochenschrift*, 1905, Nr. 46. 

***) Vergl. Jung: Ueber die Psychologie der Dementia praecox. Halle a S., 
Mar hold, 1907. Siehe die Begründung pag. 15 und das lehrreiche Paradigma 
pag. 16 u. folg. 

t) Bleuler, Freudsche Mechanismen in der Symptomatologie von Psy- 
chosen. „Psychiatrisch-neurologische Wochenschrift", 1906, Nr. 35 und 36. 



V. 

Die Symbolik der Märchen. 

In Bechsteins Märchcnsammlung, illustriert mit reizenden 
Richterbildchen, fiel mir eines auf, das zum Märchen „Oda 
und die Schlange" gehört. (Bcchsteiii, pag. 153.) Das 
Märchen lautet wie folgt: 

Es war einmal ein Mann, der hatte drei Töchter, von denen 
hiess die jüngste Oda. Nun wollte der Vater dieser drei einmal 
zu Markte fahren und fragte seine Töchter, was er ihnen mit- 
bringen sollte. Da bat die älteste um ein goldenes Spinnrad, die 
zweite um eine goldene Weife, Oda aber sagte: „Bringe mir das 
mit, was unter deinem Wagen läuft, wenn du auf dem Rückweg 
bist." Da kaufte nun der Vater auf dem Markte ein, was sich die 
zwei ältesten Mädchen gewünscht, und fuhr heim; und siehe, da 
lief eine Schlange unter dem Wagen, die fing der Mann und 
brachte sie Oda mit. Er warf sie unten in den Wagen und nach- 
her vor die Haustür, wo er sie liegen Hess. Wie nun Oda heraus 
kam, fing die Schlange zu sprechen an: „Oda, liebe Oda, soll 
ich nicht hinein auf die Diele?" „Was," sagte Oda, „mein Vater 
hat dich bis an unsere Türe mitgenommen und du willst auch 
herein auf die Diele?" Aber sie liess sie doch ein. Da nun Oda 
nach ihrer Kammer ging, so rief die Schlange wieder: „Oda, 
liebe Oda, soll ich nicht vor deiner Kammertüre liegen?" Ei, 
seht doch," sagte Oda, „mein Vater hat dich bis an die Haus- 
türe gebracht, ich habe dich hereingelassen auf die Diele und 
nun willst du auch noch vor meiner Kammertür liegen? Doch es 
mag drum sein!" Wie nun Oda in ihre Schlafkammer eingehen 
wollte und die Kammertür öffnete, da rief die Schlange wieder: 
„Ach Oda, liebe Oda, soll ich nicht in deine Kammer?" „Wie," 
rief Oda, „hat dich mein Vater nicht bis an die Haustüre mit- 
genommen, hab ich dich nicht auf die Diele gelassen und vor 
meine Kammertüre, und nun willst du auch noch mit in die 



VON DR. FRANZ RIKLIN 41 



Kammer? Aber wenn du nun zufrieden sein willst, so komm nur 
herein, lieg aber stille, das sag ich dir." Damit Hess Oda die 
Schlange ein, und fing an sich auszukleiden. Wie sie nun ihr 
Bettchen besteigen wollte, so rief die Schlange doch wieder: „Ach 
Oda, liebste Oda, soll ich denn nicht mit in dein Bette?" „Nun 
wird es aber zu toll," rief Oda zornig aus, „mein Vater hat dich 
bis an die Haustüre mitgenommen, ich habe dich auf die Diele 
gelassen, nachher vor die Kammertüre, nachher herein in die 
Kammer, nun willst du gar noch zu mir ins Bett. Aber du bist 
wohl erfroren. Nun so komm mit herein und wärm dich, du armer 
Wurm !" Und da streckte die gute Oda selbst ihre weiche, warme 
Hand aus und hob die kalte Schlange zu sich herauf in ihr Bett. 

Zum Ueberfluss verwandelt sich nun die Schlange in einen 
jungen Prinzen, der auf diese Weise aus der Verzauberung erlöst 
werden konnte; er nimmt nun die gute Oda zur Frau. 

Die sexuelle Symbolik dieses Märchens, die einzelnen Phasen 
der „Verführung", die Verwandlung des Ekels in Zuneigung, sind 
so durchsichtig, dass eine Erklärung unnötig ist, namentlich die 
Verwandlung im gegebenen Momente macht eine solche noch 
überflüssiger. 

Die Schlange ist hier der Prinz der Märchensprache, das 
heisst der gewünschte Mann. Das Symbol ist aber durchaus 
nicht zufällig. Wie in der Zauber- und Märchensymbolik der 
Teil (zum Beispiel das Zaubermittel) fast immer an Stelle des 
Ganzen, das heisst des Verzauberten oder vor Zauber zu schüt- 
zenden, oder Zauber hervorrufenden tritt, so ist auch die 
Schlange eine Pars des Mannes, nämlich das männliche Glied. 
In der Geschichte von Oda ist diese Substitution einleuchtend. 
Man hat beim Lesen derselben das Gefühl, es könnte sich 
ebensogut um die Erzählung eines Traumes handeln, den 
eine Kranke mit Hysterie oder Dementia praecox gehabt 
hätte.*) In der Tat treffen wir dort die Schlange in absolut 
identischer Bedeutung und bei der Dementia praecox auch in 
anderen Gebilden, die traumähnlich konstruiert sind, z. B. in den 
Wahnideen, Sinnestäuschungen, Wunschdelirien u. s. w. Es handelt 

*) Vgl. das „grüne Schlänglein'' in Jung, über die „Psychologie der 
Dementia praecox", pag. 161. Halle a. S., Carl Mar hold, 1907. 



42 WUNSCHERFÜLLUNG UND SYMBOLIK IM MÄRCHEN 



sich um Schlangen, die ins Genitale kriechen oder sie in dessen 
nächste Umgebung beissen. Sie sind kalt, ekelhaft (wie bei Oda), 
haben das gleiche Grausenerregende, Unheimliche, das dem 
Sexuellen in der Erwartung oft anhaftet. Schlangenträume sind 
bei weiblichen Hysterien etwas sehr häufiges und lassen sich fast 
immer auf diese Bedeutung zurückführen. 

Was die Schlange als sexuelles Symbol betrifft, muss ausser 
dem früher Gesagten erwähnt werden, dass dieses Wesen in der 
Mythologie, in der Völkerpsychologie, im Märchen, in der Psycho- 
pathologie eine sehr grosse Bedeutung hat. St oll erwähnt eingehend 
die Wichtigkeit der Schlangen im Volksglauben anlässlichder Wunder 
des Moses (Suggestion und Hypnotismus, pag. 214, II. Auflage; 
eherne Schlange). Erwähnt sei hier auch das Schlangenwunder 
Mosis (2. B. Mos., Kap. IV u. VII). 

Nachdem Moses in einer Erscheinung (Kap. III) den Herrn 
gesehen hat und von ihm zum Retter Israels berufen worden ist,*) 
verlangt er von ihm Wundergaben, damit das Volk an die Er- 
scheinung im brennenden Busch und an seine Berufung glaube. 
Der Herr macht, dass sein Stab zur Schlange wird ; dieses 
Wunder wiederholt Aaron vor Pharao ; wir sehen, dass es auch 
die ägyptischen Magier machen. Der Stab Aarons verschlingt die 
Stäbe der Aegyptcr. Sollten wir hier nicht an eine traumartige 
erotische Symbolik denken, nachdem uns durch die voraus- 
gegangene Vision des Eeuerbusches nahegelegt wird, dass sich 
diese Erzählung auf traumähnlichen Boden bewegt? Der Stab 
wird zur Schlange; das ist das Wunder; und die israelitische 



*) Eine teleologische Halluzination; dergleichen begegnen wir häufig an 
einem entscheidenden Punkte im Leben grosser und kleiner religiöser Geister; 
sie bezeichnen einen Moment, von dem an sie ganz und gar ihrem Ideal leben 
und darin aufgellen. Man denke an die Bekehrung und ilie Berufung des Paulus; 
an die Vision des heil. Franziskus von Assisi; ferner an Goethes schöne Seele, 
Susanna von Klettenberg, welche, als Abschluss ihrer Schwankungen zwischen 
himmlischer und irdischer Liebe in einer Vision nicht wie bisher Gott im 
allgemeinen - sondern ganz speziell den nienschgewordtneii Christus in leib- 
licher Anziehung fühlt. Hier ist die Vereinigung mit dem definitiven Gegenstand 
der Liebe sehr deutlich, In gewissen Sekten wird die Hervorrufung einer solchen 
..Bekehrung" geradezu methodisch angestrebt. 



VON DR. FRANZ RIKLIN 43 

Schlange verschlingt die ägyptischen; heisst das nicht, Israels 
Männer werden die Aegypter überwinden? 

Aus St ending*) erfahren wir, dass vorwiegend die Schlange 
als Seelen tier, d. h. als Tier, in welches sich die Seele nach 
dem Atisscheiden aus dem Körper beim Tode verwandelt, gegolten 
habe. Erechtheus (später Erichthonios, Beiname des Poseidon) 
von Athen aus der Hand seiner Mutter, der Erde, übernommen 
wird den Tauschwestern Aglauros, Herse und Pandrosos zur Hut 
übergeben, die sich beim Anblick des schlangengestaltigen Kindes, 
von Wahnsinn ergriffen, vom Burgfelsen hinabstürzen. Später sah 
man diesen Gott in der im Erechtheion gehaltenen heiligen Burg- 
schlange verkörpert (nach St ending ein Beweis dafür, dass er 
ursprünglich ein in der Erdtiefe hausender, sowohl die Frucht- 
barkeit des Landes als auch den Tod veranlassender Gott war). 

Uebcr die Orgien der Mainaden beim Dionysoskult ent- 
nehme ich das folgende aus der gleichen Quelle. Der wilde 
Rundtanz, das Schütteln des Kopfes, das Jauchzen und die be- 
täubende Flötenmusik riefen bei den zur Nachtzeit in leiden- 
schaftlicher Erregung, Fackeln tragend, in den Bergwäldern umher- 
schwärmenden Frauen in Verbindung mit dem Genuss berau- 
schender Getränke eine Verzückung hervor, in der sie sich mit 
dem Gotte zu vereinen glaubten. (Vgl. auch Stoll, II. Auflage, 
pag. 317 ff.) Ihre Seelen schienen den Körper zu verlassen und 
sich unter die den Gott begleitende Geisterschar zu mischen, 
oder sie wähnten, derGott selbst gehe in ihren Körper 
ein, so dass sie des Gottes voll seien. 

Dem Seelengott Dionyos legte man, wie den Seelen selbst, 
Schlangengestalt bei. Um ihn in sich aufnehmen zu können, 
zerrissen und verschlangen daher seine Verehrerinnen Schlangen 
oder auch andere ihm geweihte und nach älterer Anschauung 
ihn selbst vertretende junge Tiere, wie Stierkälber und 
Böcke, ja in frühester Zeit wahrscheinlich auch Kinder, tranken 
das als Sitz der Lebenskraft betrachtete Blut und hüllten sich in 
die frischen Feile. Dabei riefen sie mit lauter Stimme den Gdtt 
herbei, damit er im neu beginnenden Jahre Fruchtbarkeit spende. 



*■') Griech. und röm. Mythologie. Leipzig, Göschen, 1905. 



I; WUNSCHERFÜLLUNG UND SYMBOLIK IM MÄRCHEN 



Denselben Sinn verraten die Festbräuche der kleinen Dionysien 
auf dem Lande und in Athen selbst an den Anthestcrien (Blumen- 
festen); sie stellten die symbolische Vermählung des Gottes mit 
der das Land vertretenden Königin dar, die in der Zeit der Re- 
publik durch die Gattin des Archon Basileus ersetzt wurde. 

Die Schlange ist auch das Attribut der Heroen. In der 
römischen Mythologie existieren den Seclcnwcscn (Mancs, 
Lemures, Larvae) verwandte, seelcnartige Geschöpfe, die Genii, 
die Vertreter der Lebens- und Zeugkraft des Mannes, und die 
ihnen entsprechenden Junones der Frauen. Bei der Geburt gehen 
sie in den Menschen ein, beim Tode scheiden sie aus demselben 
aus und gerade wie die Seelen der Verstorbenen stellt man sich 
die Genien in Schlangengestalt vor. 

Mögen auch die Schlangen, ebenso die Drachen (die 
beiden Begriffe decken sich in der Mythologie und im Märchen 
oft) in diesen Gebieten eine erweiterte Bedeutung haben als die 
eingangs geschilderte, sicher ist, dass sie sehr oft sexuelle Be- 
deutung oder Nebenbedeutung haben und dass das die ursprüng- 
liche Bedeutung ist. Das zeigt auch der obige mythologische Exkurs. 
Im Märchen werden oft die Begriffe Drache, Schlange, Riese, Teufel, 
Ungeheuer, promiscue gebraucht. Sie vertreten sich häufig in der 
gleichen Rolle. :;r ) 

Wenn aber vielleicht im Märchen, das oft voll mythologischer 
Reminiszenzen und Bruchstücke ist, diese Annahme gilt, so ist 
wahrscheinlich in der heutigen Psychopathologie weniger die alte 
Mythologie als die Aehnlichkeit mit dem männlichen Genitale 
daran Schuld, dass die Schlange als sexuelles Symbol erscheint 
(rc;,p. die beiden Symbolreihen haben einen gemeinsamen 
Ursprung). Eine hysterische Patientin, die z. B. im Traum von 
der Schlange im Gaumen (statt Genitale) gebissen wird, hatte 



*) Bei Bernhard Schmidt (D;is Volksleben der Neugricchcn und das 
hellenische Altertum ; I.Teil, Leipzig, B. ü. T c u b n e r, 1871, pag. 186/87, 
Anmerkung 1, findet sich eine Andeutung über die männlich-sexuelle Wurzel der 
als guter Hausgeist verehrten Schlange : Stirbt nämlich in einem Hause der 
ganze Mannesstamm aus, so verlässt die Hausschlange dasselbe 
für immer. 



VON DR. FRANZ R1KL1N 45 



keine derartigen mythologischen Kenntnisse. Das Beispiel soll 
weiter unten ausgeführt werden. 

Aehnlich steht es mit anderen Märcheninventarstücken. Aus 
sexuellen Träumen von Geisteskranken kennen wir z. B. den 
Zauberstab, die Wünschelrute in sexualsymbolischer Bedeutung. 
Im Märchen kann sich aber die Bedeutung dieser Objekte ver- 
schieben, und es ist dann nicht j ede Märchenschlange ein 
sexuelles Symbol. Wir haben aber Fälle des Märchens vor uns, 
wo sich die mythologische Symbolreihe mit der zweiten aus 
Traum und Psychopathologie stammenden trifft und kreuzt. 

Aus den verschiedenen Sammlungen, die ich bis jetzt genauer 
kenne, sollen noch eine Reihe von Beispielen über die sexuelle 
Symbolik der Märchen angeführt werden. 

Der Fröschkönig und der eiserne Heinrich. (GrimmNr. 1.) 

Die Königstochter verliert ihren goldenen Ball, welcher ins' 
Wasser fällt. Der Frosch, der aus dem Wasser kommt, verspricht, 
ihn wieder zu bringen. Als Belohnung will er aber weder die 
die Kleider, noch Perlen und Edelsteine, noch die Krone; sondern 
die Königstochter muss versprechen, ihn lieb zu haben; er will 
ihr Geselle und Spielkamerad sein, an ihrem Tischlein neben 
ihr sitzen, von ihrem goldenen Tellerlein essen, aus ihrem 
Becherlein trinken, in ihrem Bettlein schlafen. Auf die Zusage 
liin holt er den Ball; als aber die Königstochter ihr Versprechen 
nicht halten will, kommt der Frosch am folgenden Tag ins 
Schloss gehüpft und verlangt von der Tochter, die sich vor ihm 
fürchtet und Ekel empfindet, das Versprochene. Er macht dann 
nacheinander ähnliche Forderungen, wie die Schlange im 
Märchen von Oda. Vielleicht ist auch hier das Zusammenessen 
schon sexualsymbolisch (vielleicht auch der Ball?). Die Königs- 
tochter fürchtet sich, mit dem kalten Frosch, den sie sich kaum 
anzurühren getraut, iii ihrem Bettchen zu schlafen. Vom Vater 
deswegen gescholten, packt sie das Tier mit zwei Fingern, trägt 
es hinauf und setzt es in eine Ecke. Wie sie aber im Bett liegt, 
verlangt der Frosch auch ins Bett gehoben zu werden. Da wird 
die Königstochter zornig, holt ihn herauf und wirft ihn aus allen 
Kräften wider die Wand. Was herabfällt ist aber kein Frosch, 
sondern ein Königssohn, der ihr lieber Gemahl wird. 



46 WUNSCHERFÜLLUNG UND SYMBOLIK IM MÄRCHEN 



Die Aehnlichkeit mit „Oda" ist sehr gross, nur dass Oda, 
zuerst aufgebracht, die Schlange dann in Liebe zu sich herauf 
hebt. Der Moment vom Uebergang des sexuellen Ekels in Liebe 
ist etwas verschoben. Recht deutlich, noch mehr als bei Oda, 
ist hier die ursprüngliche sexuelle Abneigung und Sprödigkeit 
des Mädchens, das Unheimliche, die Scheu vor der rohen 
Sexualität, dem Penis, dargestellt. Dass damit bereits ein sexueller 
Wunsch vorhanden ist, wissen wir ja. Die Gestalt des ver- 
wunschenen Prinzen (Schlange, Frosch, Bär u. ä.) erhält damit 
eine neue Determinierung. Sie stellt das Sexuell-Unheimliche, 
Ekelhafte dar. Statt dass das Märchen die nun folgende Ver- 
änderung in der Heldin schildert, projiziert sie sie auf den 
Wunschgegenstand. Er wird der Heldin angenehm, also tritt eine 
Verwandlung ein, von der unangenehmen in eine angenehme 
Gestalt, von der ekelhaften Ticrgestalt in die des schönen Prinzen. 

Die böse Wirkung der sexuellen Konkurrentin, welche die 
Verwünschung vollbrachte, und dieser psychologisch bekannte 
Prozess werden hier verdichtet dargestellt. 

Der Frosch als „Männchen" lässt sich in unseren Kranken- 
geschichten mehrfach belegen, ebenso in den Assoziationen bei 
Versuchen mit normalen und hysterischen Damen, wo er 
sogenannte „Fehler", lange Reaktionszeiten und andere „Komplex- 
merkmale" auslöst.*) Ich verweise auf ein solches Beispiel in 
einer früheren Arbeit. **) 

Im Anfang des Märchens vom Dornröschen wird auch von 
einem Frosch erzählt. (Grimm Nr. 50, Sechstem, pag. 223.) 

Vor Zeiten war ein König und eine Königin, die sprachen 
jeden Tag: „Ach, wenn wir doch ein Kind hatten!" und kriegten 
immer keines. Da trug sich zu, als die Königin einmal im Bade 
sass, dass ein Frosch aus dem Wasser hüpfte und sprach : „Dein 
Wunsch wird erfüllt werden ; ehe ein Jahr vergeht, wirst du eine 
Tochter zur Welt bringen!" Was der Frosch gesagt hatte, 
geschah und die Königin gebar ein Mädchen, das über alle 
Massen schön war. 

*) Diagnostische Assoziationsstudicii, herausgegeben von C. G. Jung, 
Leipzig J. A. Barth. 

**) Diagnostische Asso/iationsstudien, VII. Beitrag, pag. 210. 



VON DR. FRANZ RIKLIN 47 



Wenn hier die Bedeutung des Frosches noch nicht so ein- 
leuchtend erscheint wie im „Froschkönig", so wird sie indessen 
sonnenklar, wenn wir das Beispiel zusammenhalten mit späteren, 
besonders diejenigen mit Freudscher Verlegung. Immer wieder 
kommt dort bei kinderlosen Eltern die Befruchtung in Form 
symbolischer Darstellung vor (hier ist der Frosch das Befruchtungs- 
symbol), und das daraus entspringende Kind hat ein Schicksal 
von hervorragender Bedeutung. 

Das Märchen bringt also unter Anwendung der von ihm 
übernommenen Zauber- und Verwandlungstechnik, zuerst das 
Symbol, um die sexuelle Geschichte darzustellen und setzt dafür 
im gegebenen Momente das durch das Symbol dargestellte 
Ganze ein. 

Das Märchen vom Nusszweiglein. (Bechstein, 
pag. 40.) Ein Kaufmann muss eine Reise machen und will seinen 
drei Töchtern ein Geschenk mitbringen. (Vergleiche Oda und die 
Schlange.) Die eine will eine Perlhalskette, die zweite einen 
Fingerring mit einem Demantstein, die dritte wünscht flüsternd 
ein schönes, grünes Nusszweiglein. Auf dem Heimweg hat 
er grosse Schwierigkeiten ein solches zu finden. Endlich entdeckt 
er zufällig ein schönes, grünes Zweiglein mit goldenen Nüssen. 
Er bricht es ab, da schiesst ein Bär aus dem Dickicht, dem das 
Zweiglein gehört. Er überlässt es ihm; der Kaufmann muss aber 
dafür versprechen, dem Bären das zu schenken, was ihm bei der 
Heimkehr zuerst entgegenkomme. Natürlich ist das die Jüngste 
Der Bär Kommt nach einiger Zeit mit einem Wagen, um sie 
abzuholen. Als er, in den Wald zurückgekehrt, dem Mädchen 
befiehlt, ihn zu liebkosen, merkt er an ihrer Art, dass es nur 
das untergeschobene Hirtenmädchen ist und flugs holt er sich 
die richtige jüngste Kaufmannstochter. Er führt die Bärenbraut 
in eine Höhle mit schrecklichen Drachen und Schlangen, und 
dadurch, dass sie sich nicht umschaut, erlöst sie den Bären, der 
ein Prinz ist und ein schönes Schloss besitzt und die ent- 
zauberten Ungetüme sind seine Gefolgschaft. Der Bär ist also der 
Prinz, ihm gehört das fruchttragende Nusszweiglein, das hier das 
spezielle sexuelle Symbol ist. Die Entzauberung verdeutlicht den 
Zusammenhang, nur dass darin das Zweiglein nicht mehr erwähnt 



18 WUNSCHERFÜLLUNG UND SYMBOLIK IM MÄRCHEN 



ist. Die Analogie mit Oda und der Schlange ist sehr durch- 
sichtig. Zur Vorstellung der Zauberhöhle mag natürlich wieder 
die mythologische Anschauung, dass die chthonischen Gottheiten 
im Boden, in den Bergen hausen, mitwirken und vielleicht ist 
der Bär ein verstorbener Prinz und die unheimlichen Tiere sein 
Gefolge, die von Zauber oder Tod erlöst werden. Das Nuss- 
zweiglein passt zwar nur halb zu dieser Symbolreihe aus der 
Mythologie, während es in der traumähnlichen Sexualsymbolik 
seinen bestimmten Sinn und Platz hat. 

Die Nüsse sind nordische Fruchtbarkcitssymbole und prangen 
als solche auch am Weihnachtsbaum. Ich kenne sie auch in ganz 
gleicher Bedeutung in einem Traume eines Geisteskranken. Das 
Zweiglein als männlich-sexuelles Symbol erläutern noch folgende 
Beispiele. 

Hoff mann — Kray er*) erzählt zu den Fastnachtsbräuchen 
in der Schweiz: 

„Im allgemeinen sei noch zu diesen (bei den Fastnachts- 
bräuchen vorkommenden) sexuellen Exzessen bemerkt, dass sie 
ursprünglich wohl aus einem symbolischen Akt hervorgegangen 
sind, der im Frühjahr, ähnlich dem Wecken des vegetabilischen 
Naturgeistes durch verschiedenartige Zeremonien, die menschliche 
Fruchtbarkeit bewirken sollte."*) Gemeinsam bestand die Handlung 
darin, dass man die Frauen oder Jungfrauen mit einer Rute 
oder einem Busch peitschte." 

Der Verfasser zitiert folgende Stelle aus den Fasten des 
Montanus (Karmelitermönches in Mantua 1448 — 1516) 
„Et scuticis olidi tractis de tergore capri 
Pulsabant nuruum palmas quia verbere tali 
Pana deum faciles credebant reddere partus". 

Weiteres Material bringt Mannhardt. (Der Baumkultus, 
1875, pag. 251 ff.) Er nennt diese Handlung den „Schlag mit 
der Lebensrute". 

Uebrigens mag auch der noch heutzutage mancherorts be- 



*) Fastnachtsgcbräuchc in der Schweiz. Schweiz. Archiv für Volkskunde. 
I. Jhrg. 1897, pag. 126, u. speziell pag. 133 ff. 

**) Ich erinnere an den Phallus in Griechenland und an den Lingam in 
Indien. 



VON DR, FRANZ RIKLIN 49 



stehende Gebrauch, das/Hochzeiten auf die Fastnacht abgehalten 
werden, mit diesen Anschauungen zusammenhängen. 

Der Verfasser erzählt weiter von dem gleichsinnigen Brauch, 
ledige Weibspersonen auf dem Pflug sitzend herumzuziehen und 
von den sogenannten Giritzenmoosfahrten. Die alten Jungfern 
werden in natura oder effigie zur Strafe für ihre Unfruchtbarkeit 
auf ein Moos (Torfmoos) gefahren, wo sie als Kibitze (Giritze), 
die um diese Zeit in solchen Gegenden zu sehen sind, verwandelt 
leben sollen. In mehreren anderen Arbeiten des gleichen Archivs 
wird auf den Zusammenhang dieser Sitte mit der Danaidensage 
aufmerksam gemacht. 

„Im Fricktal (Schweiz) wird beim nachfolgenden Trunk den 
Mädchen Wein in den Schoss geschüttet, wohl als Fruchtbar- 
keitssegen" 

Im gleichen Archiv lesen wir über Maischerze (pag. 153). 
„Gegenüber dem Kammerfenster der alten Jungfern wird ein 
baumlanger Strohmann aufgehängt, genannt: ,Mäia-Ma'. Viele alte 
Jungfern müssen sich auch bloss mit .Narrenästen' begnügen". 
(Zindel, Volksbräuche in Sargans und Umgebung). 

Das männliche Kopulationsorgan wird überdies oft „Rute" 
genannt. 

Beizufügen ist noch, dass der Zweig, wie andere Gegen- 
stände: Zauberstab, Lebensstengel, Pistole, Injektionsspritze, 
Strahlen von 10 bis 15 Zentimeter Länge, erhobener Finger, 
in der Sexualsymbolik der Geisteskranken eine absolut gleich- 
bedeutende Rolle spielen. 

Das deutsche Aschenbrödelmärchen. 

Im deutschen Aschenbrödel, das wir als Typus eines dem Traum 
analogen Wunscherfüllungsmärchen genannt haben, stossen wir an- 
fangs auf ein ähnliches symbolisches Motiv, wie im Nusszweiglein. 

Aschenbrödel bekommt eine Stiefmutter, welche mit ihren beiden 
eigenen Töchtern das Kind in bekannterweise benachteiligt. Der 
Vater zieht einmal zur Messe und verspricht allen drei Töchtern 
etwas mitzubringen. Schöne Kleider, Perlen und Edelsteine wünschen 
die Stieftöchter, Aschenputtel aber bittet ihn, das erste Reis, 
das ihm auf dem Heimweg an den Hut stosse, für sie abzu- 
brechen (vgl. Oda und Nusszweiglein). Es ist dies ein Haselreis. 

Ri'Kün, WiinscMerfüllung uni Symbolik im Märchen. 4 

1 



50 WUNSCHERFÜLLUNG UND SYMBOLIK IM MÄRCHEN 



Aschenputtel geht damit auf der Mutter Grab, pflanzt es dort ein 
und begiesst es mit ihren Tränen. Statt direkt zum Märchenprinz zu 
werden, wie Odas Schlange, oder den als Bär verzauberten Prinzen 
zu provozieren, wie im Nusszweiglein, wächst das Reis zum 
Wunschbaum, von dem das Mädchen alles bekommt, das wunder- 
schönste goldene und silberne Kleid und die goldenen Pantöffelchen 
um dem Prinzen zu gefallen, mit deren Hilfe sie schliesslich den 
Wunschprinzen zum Gemahlc bekommt. 

Das singende, springende Löwen eckerchen 
(Grimm 88). Ein Mann hat eine grosse Reise vor und will 
seinen drei Töchtern ein Geschenk mitbringen. Die Jüngste ver- 
langt in diesem Märchen ein singendes, springendes Löwen- 
eckerchen (=Lerche). Er sieht auf dem Heimweg nach langem 
Suchen ein solches auf einem Baum und will es vom Diener 
herabholen lassen. Da springt ein Löwe (Löweneckcrchen— 
Löwe ; einen derartigen Wortkalauer könnte sich ein Traum 
oder ein Kranker mit Dementia praecox leisten ; die Texte von 
Kinderliedern und Spiclreimcn tun es desgleichen) hervor, 
der droht den Kaufmann zu fressen, weil er ihm sein singendes, 
springendes Löweneckerchen stehlen wolle. 

(Eine Kranke pflegte mit sexueller Herausforderung dem 
Arzt bei der Visite zu sagen : „So kommst du mit deinem 
Vögelein, lass es doch heraus ! u Im Dialekt unserer Gegend ist 
der Penis der „Schnabel", das „Sclmäbelr 1 . „Vögeln" ist ein 
vulgärer Ausdruck für Beischlaf. Ich muss auf diese wenig salon- 
fähige Sprache zurückkommen, um den angetretenen induktiven 
Beweis zu stützen). Nichts könne ihn retten, als wenn er ihm, 
dem Löwen zu eigen verspreche, was ihm daheim zuerst be- 
gegne: „willst du das aber tun, so schenke jeh dir das Leb.Mi 
und den Vogel für deine Tochter obendrein-" Die 
Sache verhält sich dann zunächst wie im „Nusszweiglein". Der 
Löwe steht aber unter einem anderen Zauber, er ist des Nachts 
ein Königssohn in menschlicher Gestalt, dos Tags aber ist er in 
einen Löwen verzaubert. In einer Nacht wird darum Hochzeit 
gefeiert, des Tags schläft man gewöhnlich. 

Ueber den Zauber, welcher auf dem Löwen liegt, gibt die 
Mythologie Auskunft : 



VON DR. FRANZ RIKLIN 51 



„Ueber die ganze Erde verbreitet ist der Glaube an 
die Sonderexistenz der Seele und der damit verbundene Kult 
der Seele, wenn sie nach dem Tode den Körper verlassen 
hat. Zwei Erscheinungen im menschlichen Leben haben 
diesen Glauben veranlasst: der Traum und der Tod. Schlaf 
und Tod gelten in der Vorstellung der meisten Völker als gleiche 
Vorgänge und werden daher poetisch als Brüder aufgefasst. 
Während aber nach dem Schlafe die Lebenskraft gleichsam zu- 
rückkehrt, nimmt der Mensch von dieser Rückkehr nach dem 
Tode nichts wahr. Daher muss die stete Begleiterin des Körpers 
die f y 1 g i a (Folgerin), wie sie der Nordgermane nennt, sich 
irgendwo anders aufhalten, und somit entstand die Vorstellung von 
den Geistern in der Natur, von den Geisterreichen. Zu dieser 
Erkenntnis seines Doppelwesens kann der Mensch nur durch 
den Traum gelangt sein : in ihm erfährt er die Existenz des 
zweiten Ich. Aus dem Traumleben erklären sich auch am ein. 
fachsten die Kräfte, die man der freien Seele zuschreibt: die 
Gaben, fremde Orte und ferne Zeiten zu schauen und allerlei 
Gestalt anzunehmen. Durch Träume erfährt der Mensch nach 
allgemein germanischen Glauben seine Zukunft. Mancherlei sieht 
der Träumende im Schlafe: dann hat seine Seele den Körper 
verlassen, weilt an verborgenen und fernen Orten, verkehrt mit 
Abgeschiedenen, nimmt bald diese, bald jene Ticrgestalt an.*) 

Die Seele entschlüpft gewöhnlich in Gestalt kleiner Tiere 
dem Schlafenden, wenn sie auf diese Traumwanderungen geht. 
Man darf ihn in seiner Lage nicht stören, sonst findet sie den 
Rückweg nicht und dann ist sie tot. 

Mit der Vorstellung der Traumseele hängt auch die an die 
Druckgeister zusammen. 

„Aus dem Glauben an die Traumseele ist die Ueberzeugung 
erwachsen, dass gewisse Menschen die Macht besitzen, ihre 
Seele vom Körper zu trennen und andere Ge- 
stalten annehmen zu lassen". 

„In Gestalt schädlicher Tiere (Wolf, Bär, Drache) bringen 
solche Menschen ihren Mitmenschen Unheil; daher werden sie 



•) Mogk, Germanische Mythologie. Göschen, Leipzig 1906. 4 * 



52 WUXSCHERFÜLLUNÜ UND SYMBOLIK IM MÄRCHEN 



nach den Gesetzen sireng bestraft. Hieher gehören die Hexen 
und Völven" (volu=Zauberstab, volvur=Zauberin). Sie erzeugen 
schlechtes Wetter, machen Menschen und Tiere krank, können 
sie an eine Stelle bannen, können alle möglichen Tiergestalten 
annehmen. 

In den Märchen können sie in gleicher Weise andere 
Menschen in eine andere Gestalt wünschen, verwünschen. 
„Im Glauben an die Wandelbarkeit der menschlichen Seele 
fusst ferner der weit über germanisches Gebiei verbreitete Wer- 
wolf („Mannwolf"), d. i. ein Mensch, der Wolfsgestalt annehmen 
kann". In den Märchen sind solche Werwölfe zuweilen ver- 
wunschene Menschen, die nur zu bestimmten 
Zeiten ihre Wolfsfelle ablegen könne n.*) 

Der Löwe im singenden, springenden Löweneckerchen steht 
also wie der Held in einer Unmenge anderer ähnlicher Märchen, 
unter einer solchen Verwünschung. In dieser Art von Märchen 
ist der Prinz oder die Prinzessin im Anfang unter einer feind- 
lichen Macht und die Wunscherfüllung besteht darin, dass er 
dieser Macht entzogen wird, um mit dem Helden des Märchens, 
den wir im Wunschtraum durch die Figur des Tiäumenden zu 
ersetzen hätten, vereinigt zu werden. 

Im singenden, springenden Löweneckerchen behandelt der 
zweite Teil, den wir oben nicht mehr angeführt haben, dieses Thema. 

Die benutzten mythologischen Angaben weisen uns auf eine 
neue Wurzel, aus der die Symbolik des Märchens, soweit sie 
mythologisch ist, erwachsen ist. Es ist die T ra umsy mbol i k 
selbst mit ihren durch die Traumbeobachter, die primitiven 
Menschen, entwickelten Anschauungen. 

Für uns ist diese Erkenntnis eine grosse Stütze ; es kann 
jetzt eben nicht mehr befremden, dass Traum-, Märchen- und 
Psychosensymbolik so verwandt sind. 

Mehrere isländische Märchen haben ganz ähnliche Motive 
wie das singende, springende Löweneckerchen, z. B. : D e r z u in 

*) Mogk, I. C. Die Alptraumwurzel der Mythologie verlangt einmal eine 
besondere Bearbeitung. Die „Traumdeutung" erschien erst 1900. I.aistner's 
.Rätsel des Sphinx" (Berlin, W. Hertz 1889) beruht leider auf einer noch sehr 
unvollständigen Kenntnis der Träume. 



VON DR. FRANZ R1KL1N 53 

Hund verzauberte Königssohn (Ritters haus, Neu- 
isländische Volksmärchen). 

Der braune Hund. (Erste Variante dieses Märchens.) 

Ein König hat vier Töchter, von denen die Jüngste des 
Vaters Liebling ist. Einst verirrt er sich auf der Jagd (so beginnt 
häufig der Eintritt in die Zaubersphäre). Er kommt an ein kleines 
Haus, in dem nur ein rotbrauner Hund anwesend ist. Er und 
sein Pferd finden gute Unterkunft. Nachdem er das Haus folgenden 
Tages verlassen hat, tritt ihm der Hund in den Weg und schilt 
ihn undankbar, dass er für die Gastfreundschaft nicht danke. Der 
König muss ihm dann das Erste versprechen, das ihm zu Hause 
begegne, es ist seine Jüngste; das Weitere verhält sich dann 
vorerst wie im Märchen vom singenden, springenden Löwen- 
eckerchen. Der Gemahl der Tochter, der sie als Hund abgeholt 
hat, schläft nachts als Mann mit ihr im Bett. Im weiteren muss 
sie dann eine Reihe Beweise des Gehorsams und der Treue 
bringen ; die Kinder werden ihr vorerst weggenommen. Dann 
lässt sie sich unglücklicherweise überreden, das Geheimnis ihrer 
Ehe der Mutter zu erzählen, die ihr rät, mit einem Leuchtstein in 
des Schlafenden Antlitz zu zünden, damit sie ihn doch einmal 
sehen könne. (Man vergleiche die entsprechende Tat Psyches in 
Amor und Psyche von Apulejus. Der Leuchtstein dient also 
dazu, sexuelle Geheimnisse zu erfahren !) Er erwacht traurig 
darüber; denn er hätte sonst nach einem Monat erlöst werden 
können ; jetzt aber sei er seiner unholden Stiefmutter, die den 
Zauber auf ihn gelegt, verfallen und müsse wohl deren Tochter 
heiraten. Er gibt dann Ratschläge, wie durch seine verzauberten 
Vatersbrüder noch Hilfe kommen könne und verschwindet. 

Sie befolgt die Ratschläge, kommt noch rechtzeitig zur bevor- 
stehenden Hochzeit ihres Mannes mit der Tochter der Unholdin, 
erhält für ihren Zauberschmuck, den diese begehrt, Erlaubnis, je 
eine Nacht beim Bräutigam zu schlafen; dieser bekommt jedoch 
von der Hexenbraut jedesmal einen Schlaf trank. Erst durch seine 
Umgebung aufmerksam gemacht, trinkt er am dritten Abend den 
Vergessenstrank nur scheinbar, und nachts, wie er die Klagen und 
Leidensgeschichten seiner neben ihm liegenden wahren Braut ver- 

1 : * 



54 WUNSCHERFÜLLUNG UND SYMBOLIK IM MÄRCHEN 



nimmt, kehrt ihm die Erinnerung an sie wieder, er ist erlöst, und 
die Unholdinnen werden umgebracht. 

Dieses Märchen, dessen einzelne Motive in ähnlichem Zu- 
sammenhang oft wiederkehren, zeigt uns wieder, dass der Zauber 
durch eine feindliche Macht auf den Helden gelegt wurde, und 
zwar liegt der Grund darin, dass er eine Konkurrentin der 
Heldin (i. e. im Traum des Träumenden) heiraten sollte, und 
nicht will. Das gleicht ungemein den Wahnideen gewisser Kranker, 
ihr Geliebter oder ihre Geliebte werden von andern verführt und 
von ihnen weggezogen. Die sexuellen Konkurrenten sind im 
Märchen gewöhnlich Unholde und Unholdinnen, die zum Schluss, 
bei der Wunscherfüllung des Märchentraums, ganz erbärmlich 
bestraft werden. 

Unter gleichen Umständen gehen wir im Traum um nichts 
besser mit unseren eigenen Konkurrenten um. 

Ein Bekannter hatte im Sinne, um ein Mädchen zu werben. 
Im Hause seiner Verehrten verkehrten noch andere junge Leute, 
von denen er einen im Verdacht hatte, dass er auch Absichten 
haben könnte. Nach einer solchen Einladung träumte er unter 
anderem, er haue seinen Gegner, mit dem er im wachen Leben 
auf sehr gesellschaftliche Weise zu verkehren pflegte, auf elendig- 
liche Art durch und töte ihn. Schliesslich schiebt er ihn unter 
das Klavier (er selbst ist guter Klavierspieler), so dass nur noch 
dessen Kopf hervorsieht, und zwar an der Stelle, wo sich sonst 
die Pedale befinden. Mit seinen Füssen trat er nun spielend dem 
armen Konkurrenten auf dem Kopf herum ! 

Wie in Amor und Psyche ausführlicher dargestellt ist, 
fühlt auch hier im Märchen vom braunen Hund die Heldin die 
Umarmungen eines Mannes, den sie nicht sehen kann und schläft 
bei ihm. 

Man wird dabei in lebhaftester Weise an vollständig analoge 
halluzinatorische Empfindungen erinnert, von denen unsere 
Kranken nicht selten erzählen. 

Eine solche Kranke empfand diese eheliche Umarmung 
deutlich jede Nacht um zwei Uhr und musste sie erwidern. 
Dass dieser Automatismus immer auftreten musste, wenn die Uhr 
zwei schlug, als Symbol für die Existenz zweier Geliebten, beruht 



VON DR. FRANZ RIKLIN 55 



auf einer ähnlich komischen Association, wie die, durch welche 
Löweneckerclien und Löwe zusammengebracht werden. 

Dass hier der Hund als sexuelles Symbol auftritt in Ver- 
dichtung mit der Verzauberung als Doppelwesen scheint nach 
den früheren Beispielen ausser Zweifel zu sein, und es darf 
darauf hingewiesen werden, dass der Hund eines der häufigsten 
„Sexualtiere", das heisst Tiersymbol für das Männlich-sexuelle 
im Traum und in den traumähnlichen Erlebnissen der Geistes- 
kranken ist.*) 

Der Verg essen strank (in anderen Märchen ist es ein 
Schlafdorn) spielt in gleichem Zusammenhang wie hier eine 
wichtige Rolle in den Märchen, seltener in anderer Bedeutung, 
d. h. ohne Zusammenhang mit einem sexuellen Wunschgebilde. 
Symbolisch wird hier das Nichtbeachtetwerden, die Liehe zu 
einer andern, einer Konkurrentin, in dieser Weise angedeutet, 
die einen durchaus traumentsprungenen Charakter trägt. Durch 
irgend ein Mittel wird die Wirkung schliesslich aufgehoben und 
der Prinz erkennt die bei ihm liegende verschmähte Geliebte 
wieder. Die Sache wird immer so bewerkstelligt, dass ihn keine 
Schuld am Vergessen und Verlassen trifft, sondern dass fremde 
böse Mächte daran schuld sind. 

Im „rollenden Rindsmagen" (Rittershaus XI, p. 50) 
tritt, als die Königin gestorben ist und ihr Gatte darüber untröst- 
lich erscheint, ein schönes Weib mit einem Becher voll Wein in 
die Königshalle. Sie lässt aus ihm unbemerkt einen Tropfen auf 
des Königs Lippen fallen. Da erwacht er aus seinem Dahin- 
brüten, trinkt den Becher leer und hat seine verstorbene Gattin 
vergessen. Er heiratet nun die schöne Fremde, die natrlüich 
eine Unholdin ist und als böse Stiefmutter seine einzige Tochter 
in seiner Abwesenheit verwünscht in einen Rindsmagen, der im 
Märchen aber immer die Rolle und Attribute eines menschlichen 
Wesens hat. Der Rindsmagen wird durch einen Königssohn 
erlöst, indem er ihn zu heiraten verspricht. Die Mutter dieses 
Königssohnes sieht in der Hochzeitsnacht plötzlich statt des 

*) Vergleiche auch Jung, Diagnostische Assoztatior.sstudien, VIII. Beitrig' 
pag. 47. 



56 WUNSCHüRFÜLLUNG UND SYMBOLIK IM MÄRCHHN 



Magens eine schöne Prinzessin liegen, nimmt schnell die abge- 
legte Hülle, d. h. den Magen, und verbrennt ihn. (Ueber die 
Bedeutung des Feuers vcrgl. früher; über das Verbrennen der Zauber- 
hüllen in der Hochzeitsnacht, siehe die Besprechung des Märchens 
„Kisa" im Kapitel über „Verlegungen", vergl. auch das zitierte 
isländische Aschenbrödel.) Nach Rittershaus (p. 52) kommt der 
Vergessenheitstrank, den die Unholdin dem trauernden König 
reicht, schon in der „Völsungasaga" vor; dann weiter im Märchen 
„Die rechte Braut" (Rittershaus XXVII, p. 113). Ein Königs- 
paar hat keine Kinder. Da der König seine Frau zu töten droht, 
wenn sie bis zur Rückkehr von seiner Meerfahrt kein Kind habe, 
wird sie ihm von einer besorgten Dienerin auf seiner Fahrt, ohne 
dass er sie kennt, als schönste von drei lustwandelnden Frauen 
zugeführt und er nimmt sie ins Zelt. Sie kehrt unbemerkt heim; 
sie gebiert dann ein Mädchen, Isol, und stirbt. (Damit ist Isol 
als vom Schicksal besonders hervorgehobenes Wesen eingeführt.) 
Isol findet später am Strand einen kleinen, wunderschönen Knaben 
in einem Kasten, namens Tistram, und zieht ihn auf, um sich 
mit ihm zu verloben. Damit ist auch Tistram als Wunderkind 
eingeführt. (Man vergleiche die Auffindung des Moses durch die 
ägyptische Königstochter!) In ähnlicher Weise geschieht dies 
oft im Märchen (dieses Motiv beherrscht eine Reihe später zu 
erwähnender Beispiele von sexueller Verlegungssymbolik). 

Der König heiratet als zweite Frau eine Unholdin. Wie er 
mit Tistram auf einer Fahrt ist, sticht sie die blonde Isol zu 
verderben und dein zurückkehrenden Tristram ihre Tochter, die 
schwarze Isota, zur Frau zu geben. Wie Tistram vorerst nach 
seiner richtigen Braut fragt, gibt ihm die Unholdin einen Trank, 
so dass er Isol ganz vergisst und Isota nehmen will. Isol kommt 
als armes Mädchen an den Hof, muss statt der schwarzen Isota, 
welche heimlich ein Kind gebiert, als Braut verkleidet den Hoch- 
zeitsausritt mit Tistram machen, wobei ihr verboten ist, mit ihm 
zu sprechen. Um bei ihm dennoch die alten Erinnerungen wach- 
zurufen, sagt sie, bei einer Ruine vorbeikommend: 

Früher warst du strnhknd auf der Brdfi, 

Nun bist du schwarz von der Frdc geworden, 

O mein Haus! (Bezieht rieh tat Iht nleiler£2«bnmn;es Frauenham i 



VON DR. FRANZ RiKLIN 57 



Beim Anblick eines Baches: 

Hier läuft der Bach, 

An dem Tistram und die blonde Isol 

Ihre Liebe und Treue banden. 

Er gab mir den Krug. 

Ich gab ihm Handschuhe. 

Gut kannst du dich dos nun entsinnen u. s. f. 

Der Königssohn will abends nicht mit Isota ins Bett steigen, 
bevor sie ihm erkläre, was diese Aussprüche bedeuten, die sie 
auf dem Ritt gemacht habe. Da sie nichts davon weiss, muss 
sie immer zuerst die verkleidete Isol fragen gehen, wobei der 
Bräutigam die Sache entdeckt, sich an Isol wieder erinnert und 
sie zur Frau nimmt. 

Auch in dem Märchen von der „vergessenen Braut", 
das sich bei vielen Völkern vorfindet und in dem meist ein • 
falscher Kuss das Vergessen bewirkt, wird in einer der isländischen 
Fassungen erzählt, dass der heimkehrende Königssohn aus einem 
Goldbecher (trotz Warnung von Seite der Braut!) Wasser getrunken 
und infolgedessen die Braut vergessen habe- 
in „D i e r e c h t e B r a u t" (Rittershaus) haben wir ein Wunsch- 
gebilde sexueller Natur vom Standpunkte Isols aus. Statt dass 
der Wunschprinz von böser Macht verzaubert ist in Form sexueller 
Symbole, ist hier das Vergessen der Braut von der Unholdin 
bewirkt und die Ueberwindung der Schwierigkeit und Wunsch- 
erfüllung liegt darin, dass Isol ihm die Erinnerung wieder zurück- 
geben kann, ähnlich wie die Heldin in der „vergessenen Braut" 
durch ein anderes Mittel. In einem griechischen Märchen *) ent- 
kommt die Königstochter gleichfalls' 1 *) einem Drachen auf die 
Weise, dass sie sich in einen Schrank einschliessen lässt. Dieser 
Schrank kommt nun in den Besitz ihres Geliebten, der durch den 
Kuss der Mutter die Braut vergessen hatte. Nach einigen Tagen 
wird das Mädchen von ihm entdeckt und geheiratet. (Rittershaus 
p. 132). 



*) Schmidt: üriechische Märchen, Sagen und Volkslieder; Leipzig 1877. 
Bd. 12. „Der Drache" zitiert nach Rittershaus. 

**) Bezieht sich auf vorausgehende Märchen mit dem Schrankmoiiv. 
Der Schrank, der vom Geliebten geöffnet wird, sieht sehr sexualsymbolisch au.v 



58 WUNSCHERFÜLLUNO UND SYMBOLIK IM MÄRCHEN 

In einem von Rittershaus (p. 141/42) zitierten Märchen 
Jonides und Hildur kommen die Geliebten nach vielen Ver- 
folgungen zum Schloss von Jonides Eltern, denen er einst von 
einem Drachen geraubt worden war. Hildur bestreicht ihn mit 
einer Salbe, die bewirken soll, dass er sie nicht vergesse, wenn 
er ins Schloss gehe, um sich zum rechtmässigen König ausrufen 
zu lassen. Da kommt eine Hündin und leckt die Salbe ab und 
er vergisst seine Braut vollständig und heiratet dann ein Mädchen, 
das sich späterals dieUnholdin entpuppt, die die Hildur vernichten 
wollte. Erst später fügt es sich, dass er Hildur in einem Bauern- 
dorf findet, nachdem er sich verirrt hat. — Sie bestreicht ihn mit 
der gleichen Salbe und nun kommt ihm die Erinnerung an seine 
Braut wieder, die er heiratet. 

Das Motiv des Vergesse ns im Märchen deckt sich in 
seiner Bedeutung mit dem, was wir aus den Freud sehen 
Forschungen über das Vergessen erfahren.*) 

Isol z. B. findet am Strand den schönen Knaben Tistram und 
zieht ihn auf, um sich später mit ihm zu verloben. Damit ist das 
Zusammensein in der Jugend gezeichnet, das Spielen und die 
Kinderliebe, wie sie andere ähnliche Märchen besonders ausmalen 
und wie es in J e n s e n s Gradiva in seinem psychologischen Werke 
ausdrücklich hervorgehoben wird. Jensens Norbert Hanolt ent- 
flieht aus dem Zauberreich der Liebe ins Gebiet der archäologischen 
Wissenschaft ; für ihn bedeute»« sie ungefähr dasselbe was der Zauber- 
trank des Vergessens für den Märchenhelden Tistram, wenn er 
ihm auch anscheinend nicht von einer unholden Nebenbuhlerin 
gereicht wird. Doch wir erfahren ja bei Jensen überhaupt nichts 
darüber. Was dann bei Jensen das Relief der Gradiva, seine 
pedestrischen Studien und die Erlebnisse in Pompeji bedeuten, 
das ist im Märchen von Isol der gemeinsame Ritt, bei welchem 
sie Tistram vergessene Erinnerungen wiederzubeleben sucht. 
Wunderschön ist auch der Widerstand im Märchen gemalt, welcher 
sich bei Tistram der Erinnerung entgegensetzt. Er ist in der 
materialistischen, figürlichen Märchensprache gezeichnet im Verbote, 
dass Isol nicht direkt mit Tistram sprechen darf und daher nur 



*J Vgl. Heft 1 dieser ..Schriften". 



VON DR. FRANZ RIKL1N 59 



für sich jene Sprüche sagt. Das Relief der Gradiva und 
diese Sprüche bedeuten dasselbe, oder der Ausspruch 
der Gradiva: „Mir ist's, als hätten wir schon vor 2000 Jahren 
einmal so zusammen unser Brot gegessen." Gerade durch 
die falsche Braut, durch die er der wahren Liebe ferngerückt 
wird, muss er dann die richtige finden, Isol, ein psychologisches 
Moment, welches Freud in der erwähnten Arbeit so plastisch 
demonstriert. Diese Vergleiche haben natürlich auch für die übrigen 
Märchen mit dem Motiv des Vergessens Geltung. 

Die Vergessenstränke schildern in der Märchensprache eben- 
falls die Gleichgültigkeit gegen alles in der Welt, bis auf den 
Gegenstand der Liebe. Für das übrige besteht in dieser Zeit keine 
Erinnerung. Ebenso rasch kann diese Konstellation auch schwinden. 

Dass das Märchen hiebei die toxische Natur des Verliebt- 
seins so voll anerkennt und so naiv darstellt, ist gewiss des 
Hervorhebens wert. 

Nach dieser Auseinandersetzung über die Bedeutung der 
Vergessenssymbolik in den Märchen und die Ueberwindung der 
Rivalen im sexuellen Wunschgebilde des Märchens kehren wir zur 
Tiersymbolik zurück, noch darauf hinweisend, dass in den 
isländischen Märchen der Wintergast eine durch die Landessitte 
Islands, den im Herbst ankommenden Gast über den Winter zu 
beherbergen, motivierte Märchenfigur, fast immer die Rolle eines 
sexuellen Rivalen und Feindes spielt, der zu überwinden ist. 

Der Winter gast scheint mir gerade so ein 
Spezialfall des sexuellen Rivalen zu sein, wie die 
Stiefmutter. Beide spielen eine ganz analoge Rolle. 

Aehnlich wie in den erwähnten Märchen (Oda, Löwen- 
eckerchen, Zum Hund verzauberten Königssohn) verlangt in 
der Variante „Der schwarze Hund" (Der z. H. v. Königs- 
sohn, Rittershaus, p. 25) die jüngste Tochter Ingibjörg einen 
goldenen Apfel. Der Vater verirrt sich auf dem Heimweg im 
Nebel im Walde (Zaubersphäre), kommt an einen schönen Garten, 
findet, nachdem er sich von unsichtbaren Wesen im Schlosse hat 
beherbergen lassen, an einem Baume wundervolle, goldene Aepfel. 
Wie er den schönsten gepflückt hat und das Schloss verlassen 



60 WUNSCHERFÜLLUNG UND SYMBOLIK IM MÄRCHEN 



will, stellt sich ihm ein grosser, schwarzer Hund in den Weg 
und macht die bekannte Forderung. 

Ingibjörg wird dann von diesem in einem prächtigen Wagen 
abgeholt; wie sie im Zauberschloss zu Bette geht, kommt der 
Hund zu ihr und wie er bei ihr im Bette liegt ist er zum Mann 
geworden. 

In zwei norwegischen Märchen (zitiert v. Rittershaus, p. 27) 
ist der verzauberte Prinz ein Eisbär. 

Von Benfey wird im Auszuge aus So ma de va s Märchen- 
sammlung ein Märchen mitgeteilt, wo die Tochter eines Holz- 
hauers vom Schlangenkönig geheiratet wird (Benfey kleine 
Schriften, 2. Bd., Berlin 1892, I. p. 255/56 zitiert nach Ritters- 
haus). Bei Rittershaus, p. 28 wird noch in gleicher Rolle an- 
geführt u. a. ein Reporco (Gonzenbach, Sicilian. Märchen. 
Leipzig 1870, 2 Bd., 1., 42, p. 285 ff). 

In den Märchen dieser Gruppe verwirkt sich die Braut ge- 
wöhnlich die Liebe und die Entzauberung des Bräutigams 
dadurch, dass sie ihn bei Nacht, wo er als Mann bei ihr schläft, 
sehen will und ihn durch einen heissen Tropfen des Lichtes 
oder ähnliches weckt. Sie gelangt dann nach vielen Schwierig- 
keiten zur Wiedervereinigung und Erlösung des Gatten vom 
Zauber, während unter gleichen Umständen Psyche 1 ) den Amor 
verliert und erst nach langer Mühe wieder zu ihrem Geliebten 
gelangt. Venus spielt dabei die Rolle einer Unholdin. Die vielen 
zu erfüllenden Aufgaben entsprechen denen, welche ebenso im 
Traum und in den Wunschdelirien Geisteskranker oft ausgeführt 
werden müssen. Manchen Geisteskranken erscheint z. B. die 
Internierung in der Anstalt selbst und die darin geleistete Arbeit 
als eine der Aufgaben, welche sie in dieser Weise zuerst erfüllen 
müssen, um ans Wunschziel zu gelangen. 



*| A p u i e j u s, „Amor und Psyche". F.inc Uebcrsetzuny in Reclams 
Universalbibliothek. 



VI. 

Die Verlegung nach oben. Infantilismus. 

Besonderer Erwähnung bedürfen eine Reihe Beispiele sexueller 
Symbolik, in welchen die „Verlegung nach oben" verwendet 
wird; Freud*) hat gezeigt, wie unter den Traumsymbolen, 
welche das weibliche Genitale darstellen, ein anderes Körper- 
organ, der Mund, oft verwendet wird, und was sich im Traum 
dort abspielt, soll bedeuten, dass es am Genitale geschehe. Dass 
gerade diese Verschiebung nach dem Munde vom Traum häufig 
benützt wird, hat seinen Grund in verschiedenen determinierenden 
Momenten. Der Mund ist wegen seiner Analogie ein sehr nahe- 
liegendes Symbol am eigenen Leibe; der Beziehung zur eigenen' 
Person kann sehr einfach Ausdruck gegeben werden u. s. f. Der 
Mund ist überdies eine der Freud sehen erogenen Zonen. 

J u n g**) erwähnt dafür einleuchtende Beispiele aus dem Traum 
einer Hysterischen und von einer Kranken mit Dementia praecox. 

Die folgenden Beispiele aus der Krankengeschichte einer 
Hysterischen zeigen in unzweideutiger Weise diese „Verlegung 
nach oben", wobei das Schlangensymbol in der in „Oda und 
Schlange" erwähnten Bedeutung auftritt. 

Ein 22jähriges Mädchen leidet an Hysterie mit sexueller 
Genese mit wunderbar klarem, durchsichtigem Aufbau.***) Be- 

*i Besonders in „Bruchstücke einer Hysterieanalyse", Monatsschrift für 
Psychiatrie und Neurologie, Bd. XVI1J, 1905. 

**) Jung. „Diagnostische Associationsstudien". VIII. Beitrag. 
***) Der Vater liebte sie und zwar sexuell; es fiel ihr als Kind auf, dass er 
neben anderen Zärtlichkeiten sie sonderbar auf die Nates tätschelte, und zwar 
nur in Abwesenheit der Mutter. Als sie 15 Jahre alt war und bei einem Fest- 
spiel in ihrem Kostüm sehr hübsch aussah, versuchten in kurzem Zwischen- 
räume der betreffende Lehrer (ein Alkoholiker) und der Vater, der an diesem 
Tage auch zuviel trank, sie zu verführen. Diese Geschehnisse wirkten aber erst 
pathogen, nachdem der Vater ihr zartes Verhältnis zu einem jungen Burschen 
eifersüchtig zerstörte. Von da an konnte sie im Gesangverein, den jener Lehrer 
leitete, nicht mehr singen. Eine Ohrfeige — die einzige — ein nach oben ver- 
setztes Pendant zum sexuellen Tätscheln — die ihr der Vater unverdienter Weise 
etwas später aus Eifersucht gab, vervollständigte das Verlegen der Symptome 



62 WUNSCHERFÜLLUNG UND SYMBOLIK IM MÄRCHEN 



stimmte Umstände halten mit, die Hauptsymptome von unten, 
s. h. vom Genitale nach dem Rachen, zu verlegen (Schmerzen, 
Unmöglichkeit zu singen, Heiserkeit, trockener Hals, Druck im 
Hals u. dgl.). Patientin hatte oft Träume, in denen sie von einem 
früheren Lehrer oder von ihrem Vater — zwei durch die Genese 
der Krankheit determinierte Figuren — nackt verfolgt wird, oder 
wo sie in ein Moosbett geworfen und ihr von einem Mann die 
Kleider zerfetzt werden. 

Einmal nun träumt sie, sie sei auf dem Felde. Das Heu ist 
zu kleinen Haufen „Schöchen" zusammengerafft worden. Aus 
jedem Heuschöcheli schaut plötzlich eine Schlange heraus. Eine 
ist besonders gross, schlüpft ihr in den Mund und beisst 
sie hinten am Gaumen. Das „Heuschöchli" (ich weiss keinen 
gut deutschen Ausdruck dafür) ist der behaarte Teil des Genitale, 
aus dem die Schlange, der Penis, herausschaut, und bildet ein 
Pendant zu dem von Freud*) zitierten Nymphenwald, der dort 
das weibliche Genitale darstellt. In den Märchen (u. d. Mytho- 
logie) finden sich nun eine Reihe ähnlicher Verlegungen. Ihr 
Wert liegt nicht nur in einer überraschenden Bestätigung der 
Freudschen Anschauung, sondern darin, dass sie ein brauch- 
bares Resultat der vergleichenden Psychologie sind. 

Im Märchen sind es meistens unfruchtbare Frauen, die durch 
das Essen (Symbol des Coitus mit einem symbolischen Gegenstande 
oder Tiere) schwanger werden. Das Kind, das aus dieser wunder- 
baren Befruchtung hervorgeht, wird gewöhnlich ein grosser Held. 

In „Iwan Kuhsohn der Sturm ritt er" im russischen 
Märchen (Afanassiew, Nr. 27) ist der Fisch das sexuelle männliche 
Symbol. (Vielleicht sind der Fischlaich und die grosse Frucht- 
barkeit der Fische ausser den bei der Schlange erwähnten 
Eigenschaften neue determinierende Momente). 

Ein Königspaar war schon zehn Jahre ohne Kinder. Da 
sandte der König zu allen Zaren, in alle Städte und zu allen 
Bauern, ob niemand wüsste, wie die Königin zu heilen wäre, 
damit sie ein Kind bekäme. Von allen, die kamen, konnte 
niemand helfen, ausser einem Bauernsohn, dem der König einen 

*) Freud. „Journal für Psychologie und Neurologie", Bd. VIII., 1906. 
Bruchstück I. C. p. 450. 



VON DR. FRANZ R1KLIN 63 



Haufen Gold und drei Tage Frist gibt. Nachdem ihm auch nichts 
einfällt, auch im Traume nicht, begegnet dem Nachsinnenden eine 
Alte, die er zuerst abwehrt, der er dann aber seine Sorge anvertraut. 
Sie lässt ihn dem Könige sagen, dass er drei seidene Netze 
flechten lasse und vor den Schlossfenstern ins Meer versenke. 
Ein goldgeflügelter Hecht schwimme immer vor dem Schloss 
spazieren. Wenn der König ihn fange und zubereite und die 
Königin ihn esse, bekomme sie ein Kind. 

Der Bauernsohn fährt selbst aufs Meer; der Hecht springt 
aber hoch auf und zerreisst zweimal alle drei Netze (Symbol für 
das Hymen?), bis der Bursche zum dritten Male die Netze mit 
seinem Gürtel und seinem seidenen Halstuche zusammenbindet 
und damit den Fisch fängt. 

Die königlichen Köche putzen dann den Fisch und giessen 
das Spülwasser zum Fenster hinaus. Eine Kuh geht gerade vorbei 
und leckt es auf. Die Dienstmagd, welche den gekochten Hecht 
der Königin zum Essen bringt, bricht unterwegs ein Stücklein 
des Flügels ab und kostet es. Alle drei bekommen nun zur 
selben Stunde ein Kind: Kuh, Magd und Königin. Alle drei 
Söhne gleichen sich auch aufs Haar und wachsen in Stunden 
wie andere sonst in Jahren. Sie heissen nun Iwan Zarewitsch, 
Iwan Magdsohn und Iwan Kuhsohn — Sturmritter. Iwan Kuhsohn 
ist, entsprechend der Märchenregel, der Stärkste von den Dreien 
und der Held der anschliessenden herkulischen Abenteuer, welche 
ihm den Beinamen „Sturmritter" eintragen. Beachtenswert ist 
dabei auch die übrige ziemlich deutliche Sexualsymbolik, der 
Ersatz des unfruchtbaren Königs durch einen Bauernsohn, der 
das Rezept, den wunderbaren Fisch zu fangen, durch eine Hexe, 
welche man sich leicht als Personifikation des plötzlichen, glück- 
lichen Einfalls, während des Nachsinnens vorstellen kann, er- 
hält ; ferner braucht der Bursche zum Fangen seinen Gürtel. 

Das Märchen: „Der Fluch der Patin" (Island. Volks- 
märchen, pag. 68 Nr. 17) bedient sich einer ähnlichen Symbolik. 

Eine junge, kinderlose Herzogin, die sich sehr nach einem 
Kinde sehnte, ging einst mit ihrer Dienerin in einem schönen 
Haine spazieren. Hier wurde sie so vom Schlaf übermannt, dass 
sie nicht mehr widerstehen konnte und sich zur Ruhe legte. Im 



64 WUNSCHERFÜLLUNG UND SYMBOLIK IM MÄRCHEN 



Traum erschienen ihr drei blau gekleidete Frauen, die zu ihr 
sprachen: „Wir kennen deinen Wunsch, und wir wollen dir zur 
Erfüllung desselben verhelfen. Gehe zu einem Bache hier in der 
Nähe, in dem du eine Forelle sehen wirst. Bücke dich und 
sieh zu beim Trinken, dass die Forelle dir in denMund 
schwimmt. Dann wirst du bald nachher schwanger werden. 
Wir wollen dann später das neugeborene Kind aufsuchen und ihm 
den Namen geben." Die Königin richtet sich nach diesen Weisungen 
und kommt dann auch mit einem schönen Mägdlein nieder. 

Eine alte Frau, die bei der Geburt Dienste leistet, tischt, 
anstatt für alle drei Frauen, nur für zwei; deshalb wird die 
jüngste zornig. Die beiden älteren schenkten dem Kind Schönheit, 
Güte und Klugheit und dazu noch die Gabe, dass alle ihre 
Tränen in Gold verwandelt werden. Ein prächtiger Königssohn 
sollte sie heiraten, und mit ihm sollte sie in Liebe ein glück- 
liches Leben führen. — Die jüngste will die Segenswünsche der 
Schwestern nicht aufheben. Aber sie fügt zur Strafe für den 
schlechten Empfang hinzu, dass die Prinzessin in ihrer Hochzeits- 
nacht zum Sperlinge werden und nur in den ersten drei Nächten 
für kurze Zeit ihre Menschengestalt wieder bekommen solle. 
Wenn nicht einer dann schnell die Sperlingshaut verbrenne, müsse 
sie auf immer ein Vogel bleiben. (Vergl. „Kisa" und isländisches 
Aschenbrödel.) 

Das Märchen behandelt dann weiter die Erfüllung der 
Segenswünsche und des Fluches und die schliessliche Erlösung. 

Prophetische Träume wie in diesem komineu überhaupt oft 
im Märchen vor und ihr Inhalt selbst ist auch traumhaft. 

Dass die dritte Schicksalsfrau (oder die dreizehnte im Dorn- 
röschen) aus Zorn zu den guten Schicksalsgaben eine schlimme 
fügt, ist ein häufiges Märchenmotiv. 

Man sieht, die wunderbare Befruchtung unter dem Symbol 
der Verlegung findet sich gerne zusammen mit einem bedeutungs- 
vollen. Schicksal, und eigentümlicherweise finden wir in der Bibel 
oft das Motiv, dass Kinder lange vorher unfruchtbarer Frauen zu 
bedeutenden Männern werden, oder dass Zeugung und Geburt 
grosser Menschen als wunderbar und geheimnisvoll dargestellt 
werden. (Verkündigung durch den Engel Gabriel, Empfängnis 



VON JR. ' : RANZ R1KLIN 65 



vom heiligen Geiste, Gesicht des Zacharias, ve.jl. Evang. Luc, 
I. Kap.; Verheissung Isaaks, Moses I., 17. und 18. Kap.; Ver- 
heissung der Geburt Simsons, Buch der Richter, 13. und 14. Kap. ; 
die ganze Simonsgeschichte weist überhaupt viele märchenhafte 
Züge auf. Man vergleiche auch die Herkulessage.) 

Das gleiche Motiv erscheint im Beginn des Märchens „Die 
Nelke" (Grimm, 76). 

Es war eine Königin, die hatte unser Herr Gott verschlossen, 
dass sie keine Kinder gebar. Da ging sie alle Morgen in den 
Garten und bat zu Gott im Himmel, er möchte ihr einen Sohn 
oder eine Tochter bescheren. Dann kam ein Engel vom Himmel 
und sprach : „Gib dich zufrieden, du sollst einen Sohn haben 
mit wünschlichen Gedanken, denn was er sich wünscht 
auf der Welt, das wird er erhalten." — Sie ging zum König und 
sagte ihm die fröhliche Botschaft, und als die Zeit herum war, 
gebar sie einen Sohn, und der König war in grosser Freude u. s. f. 

Ritters haus macht in der zitierten Sammlung noch andere 
Angaben über die Befruchtung durch Verschlucken eines Fisches, 
wonach es in anderen isländischen Sagen, in den griechischen, 
albanischen und sizilianischen Märchen vorkommt, mit dem 
Unterschied, dass im angeführten isländischen Märchen der ganze 
Fisch verschluckt, in den andern der Fisch, den ein kinderloser 
Mann fängt, zu Hause zerschnitten und zwischen der Frau, dem 
Pferde und den Hunden (männliche Sexualtiere!) verteilt wird. 

— Ich verweise auf die Literaturangaben bei Rittershaus, p. 71. 

— Vergl. auch das russische Märchen von Iwan Kuhsohn, dem 
Sturmritter. 

In den Gri mmschen Märchen, Nr. 85, „Die Goldkinder" 
erscheint das gleiche Motiv. 

Ein armer Fischer fängt den goldenen Fisch, der ihm statt 
der Hütte ein Schloss und einen Schrank verspricht, der ihm 
jedes gewünschte Essen liefert, wenn er ihn wieder freilasse. Er 
darf aber nicht sagen, woher diese Herrlichkeit kommt. Nachdem 
er es der neugierigen Frau doch verraten hat, verschwindet der 
Zauber und sie sitzen wieder in der armen Hütte. 

Er fängt den Fisch zum zweiten Male, zum zweitenmal wieder- 
holt sich die gleiche Geschichte. 

Riklin, Wunsclierfüllung und Symbolik im MJrchen. 5 

1 1 



66 WUNSCHERFÜLLUNü UND SYMBOLIK IM MÄRCHEN 



Beim dritten Mi.e sagt der goldene Fisch: „Nimm mich mit 
nach Hause und zerschneid mich in sechs Stücke: zwei davon 
gib deiner Frau zu essen, zwei deinem Pferde und zwei leg in 
die Erde, so wirst du Segen davon haben. Von den zwei letzten 
Stücken wuchsen zwei goldene Lilien auf, das Pferd bekam zwei 
goldene Füllen und des Fischers Frau gebar zwei goldene Kinder, 
deren Schicksale das Märchen weiter verfolgt. 

Auf die vielfaltige, konzentriene, gehäufte Symbolik dieses 
Märchenstückes, speziell auf den Vergleich mit der Fruchtbarkeit 
der Erde, der in der Mythologie immer wieder herangezogen 
wird, möchte ich nur kurz hinweisen und bemerken, dass in den 
Träumen ebenso häufig das gleiche Traumthema in verschiedenen 
Bildern abgehandelt wird. 

In dieser Beziehung nimmt sich der prophetische Traum 
Pharaos von den sieben fruchtbaren und teueren Jahren ganz 
realistisch aus. 

Das gleiche Thema wird zuerst im Bild der sieben fetten 
und mageren Kühe, dann, nachdem Pharao wieder eingeschlafen 
ist, im Bild der Aehren entwickelt. (Moses I., 41.) 

Im Märchen von„Kisa" (= Katze. Rittershaus p. 73, 
Nr. XVIII) drohte einer kinderlosen Königin ihr Gatte, der gerade 
auf Schatzreisen auszieht, er lasse sie töten, wenn sie bis zu 
seiner Heimkehr kein Kind habe. 

Traurig sitzt die Königin in ihrem Garten. Eine alte Frau 
kommt und rät ihr, im Walde aus einer Quelle zu trinken; 
drinnen seien zwei Forellen, eine schwarze und eine weisse. 
Die weisse Forelle solle sie hinunterschlucken, aber nur ja nicht 
auch die schwarze. 

Trotz aller Sorgfalt schlüpfen der Königin dann beide Fische 
in den Mund. Nach neun Monaten gebiert sie ein wunderschönes 
Mädchen und eine schwarze Katze. 

Die zuerst fortgejagte schwarze Katze ist dann die Helferin 
der Königstochter gegen einen Riesen, mit dem sie nicht gehen 
will und der ihr deshalb die Beine abhaut (abasisches Traum- 
motiv?) und sie gar töten will. Sie heilt die Beine mit Lebens- 
gras und bringt den Riesen um. — Bei der Heirat der Königs- 
tochter wird Kisa wieder eine schöne Prinzessin. Eine böse Stief- 



VON DR. FRANZ RIKLIN 67 



mutter habe sie und die Königstochter zu Forellen verflucht, sie 
aber aus besonderem Hass bei der Wiedergeburt zu einer Katze 
werden lassen, die erst, nachdem sie am Fusse des Brautbettes 
der Königstochter in der Hochzeitsnacht gelegen, erlöst werden 
konnte. 

Ausser der sexuellen Verlegung und dem Motiv der 
Wiedergeburt ist das Märchen voll sexueller, traumähnlicher 
Symbolik. 

In einem Märchen von Straparola (zitiert nach Ritters- 
haus, p. 76) gebiert eine Marquise zugleich mit einer Tochter 
eine Natter. Im Norwegischen (zitiert nach Rittershaus, p. 76) 
badet sich in einem analogen Märchen eine kinderlose Königin 
auf den Rat eines alten Bettelweibes eines Abends und setzt das 
Badewasser unters Bett. 

Am Morgen wachsen in demselben zwei Blumen, eine häss- 
liche und eine schöne. Da die Blumen ihr so gut schmecken, 
so isst die Königin, entgegen dem Rate der Alten, alle beide auf. 
Nun gebiert sie zwei Töchter, zuerst ein wahres Ungeheuer auf 
einem Bocke reitend und dann ein liebliches Mädchen u. s. f. 

Die Blumen, die hier an die Stelle des Fisches treten, 
lassen sich als sexuelle männliche Symbole auch in der Pathologie 
belegen. Namentlich sind es Blumenstengel, Lilienstengel, die bei 
Assoziationsversuchen mit Frühdementen und in deren Wahn- 
ideen oder Träumen diese Rolle spielen. Ob nicht die Lilien, 
die Maria, Josef und der Verkündigungsengel oft tragen, 
statt der gewöhnlich angenommenen nicht eine ähnliche Be- 
deutung haben. 

Das Badewasser unterm Bett ist eine durchaus sexuelle Kom- 
ponente des traumartigen Märchens. 

Die Freudsche Verlegung nach oben ist gegeben durch 
das Essen der Blumen. 

In den Literaturangaben von Rittershaus (p. 77) finden 
wir noch die geichzeitige Geburt eines Knaben und Ichneu- 
mons aus P a n t s c h a t a n d r a, ferner einen als Schlange geborenen 
Brahmanensohn, dessen Vater in der Hochzeitsnacht des Sohnes 
dessen Schlangen haut verbrennt, so dass der Sohn seine mensch- 

5* 



68 WUNSCHERFÜLLUNG UND SYMBOLIK IM MÄRCHEN 

liehe Gestalt behält.*) (Benfey, Pautschatandra, Fünf Bücher 
indischer Fabeln, Märchen und Erzählungen, Leipzig, 1859, 
Bd. II, p. 147, zitiert nach Rittershaus, p. 77.) 

Nach Benfey (zitiert bei Ritters haus, p. 77) ist das Ver- 
brennen der Tierhülle, wodurch der verzauberte Mensch ge- 
zwungen wird, seine menschliche Gestalt zu behalten, ein 
indischer Glaube. 

Es lässt sich wohl nicht nachweisen, dass dieses Verbrennen 
der Tierhülle ursprünglich überhaupt nur in einem sexuellen 
Zusammenhang (wie oben in der Hochzeitsnacht) vorkommt; 
aber in sehr vielen Fällen scheint es so und die Erlösung aus 
Zauber und die Vermählung kommen in den Märchen, welche 
sexuelle Wunschgebilde darstellen, fast immer zusammen vor, 
was nach dem früher Gesagten über die Bedeutung der Ver- 
zauberung im sexuellen Wunschmärchen einleuchtet. Die zitierte 
Bramahnengeschichte veranlasst mich daher, noch auf die sexual- 
symbolische Bedeutung von Feuer in den Träumen, wie sie 
Freud (Bruchstück etc.) und bestätigend z. B. Jung (Diagnost. 
c Asso\studien, VIII. Beitrag) auseinandersetzen und wozu ich 
selber gute Beispiele besitze, hinzuweisen und zu zeigen, dass 
hier wieder eine Kumuulation von Sexualsymbolen (Schlange, 
Feuer) vorliegt. 

Ebenso erinnere ich an den Feuerwehrtraum. Eine Doppel- 
frage, die jedenfalls auch die Symbolik der „Verlegung nach 
oben" benutzt und zugleich erklärt, stellen die Riesinnen dem 
von ihnen geraubten Königssohn (Rittershaus, Nr. 41, p. 173). 
Die Bauerntochter Signy, die sich aufmacht, um ihn zu suchen 
und zu retten, findet ihn in einem Zauberschlaf in der Höhle der 
Riesinnen, hört, wie sie ihn durch einen Gesang von Schwänen 



*) Ein Beispiel dafür, dass die Verzauberung eine sexuelle Rache 
bedeutet, findet sich noch bei B. S c h m i d t, „Das Volksleben der Neugriechen". 
p. 112. Eine Neraide verwandelt den von ihr geliebten, ihr untreuen Jüngling 
in eine Schlange; er soll solange verwünscht bleiben, bis er eine Geliebte 
finde, die ihr gleichkomme an Schönheit! (Ein Spezialfall, der uns annehmen 
lässt, dass auch bei Odas Schlange ein sexuelles Motiv die Verzauberung be- 
dingt habe). 



VON DR. FRANZ RIKLIN 69 

wecken und wie ihn dann die Jüngere fragt, ob er essen wolle? 
Es verneint es. Darauf fragt sie ihn, ob er sie heiraten wolle? 
Auch das verneint er entsetzt. — Darauf wird der Königssohn 
wieder durch den gleichen Gesang eingeschläfert. Das wiederholt 
sich, bis ihn die Bauerntochter in gleicherweise aus dem Zauber- 
schlaf weckt und ihn nachher rettet. 

Die russischen Märchen enthalten noch weitere Belege für 
die „Verlegung". 

In „Bärchen und die drei Ritter, Schnauzbart, Berg- 
wenden und Eichen wender" (Afanassiew-A. Meyer, Nr. 28) 
kauft die kinderlose Frau auf Befehl des Mannes zwei Rübchen. 
Eines essen sie auf, das zweite legen sie in den Ofen, um es zu 
trocknen. Nach einer Weile ruft ein Stimmchen: „Mütterchen 
mach auf, hier ist es zu heiss!" — Die Alte öffnet die Ofen- 
klappe, da liegt ein lebendes Mädchen in der Ofenröhre. — 
„Was ist denn das?" fragt der Alte. „Ach, Väterchen, Gott schenkt 
uns ein Kind!" Sie hiessen es Rübchen. 

Das Rübchen verirrt sich später beim Beerensuchen mit an- 
deren Mädchen in einem dichten, finsteren Walde, sie suchen 
ein Hüttchen und drinnen sitzt ein Bär. Er bringt Brei und sagte: 
„Esset, schöne Mägdelein, wer nicht isst, muss meine Frau sein." 
Die Mädchen essen alle, ausser Rübchen, und werden entlassen, 
Rübchen aber zurückbehalten. Rübchen wird immer dicker, kann 
eines Tages entfliehen, und bekommt zu Hause bald einen Sohn, 
halb Mensch, halb Bär, den sie Iwaschko Bärchen taufen. Der 
wächst nicht nach Jahren, sondern nach Stunden (wie oft die 
Märchenhelden), vollbringt herkulische Taten, um schliesslich ein 
Mädchen, das von der grossen Hexe in der Unterwelt gefangen 
gehalten wird, zu erlösen. — Ein Kommentar ist eigentlich über- 
flüssig. Der Anfang mit dem Rübenessen und der Inkubation im 
Ofenrohr, statt im Uterus, könnte ebenso gut aus einem Traum 
stammen (vergl. das Traumbeispiel mit dem Ofenrohr). Auch hier 
sind die Leute alt und kinderlos. Dass zwei Rübchen sind, statt 
nur einem, entspricht einer schon erwähnten Traumerscheinung; 
es handelt sich hier eben darum, Befruchtung und Schwanger- 
schaft in einen Traum zu vereinigen. Die Rübe wird auch bei 
unseren Bauern in derben, rohen Witzen als Symbol des männ- 
1 1 * 



70 WUNSCHERFÜLLUNG UND SYMBOLIK IM MÄRCHEN 

liehen Kopulationsorganes verwendet, wovon mir mehrere Bei- 
spiele bekannt sind. 

Das Märchen vom Rübchen liefert uns überdies den Schlüssel 
zu der Art, wie wir den Anfang des (bei Grimm, Nr. 12) er- 
zählten Märchens „Rapunzel" aufzufassen haben. 

Ein Mann und eine Frau wünschen sich schon lange ver- 
geblich ein Kind. Hinter dem Haus ist ein prächtiger, hoch um- 
mauerter Krautgarten, in welchen sie von einem Fensterchen aus 
sehen können. Er gehört aber einer gefürchteten Hexe. Die Frau 
sieht im Garten ein wunderschönes Rapunzclbeet. Sie empfindet 
nun ein ganz unstillbares Verlangen, Rapunzel zu essen, so dass 
sie abnimmt und ganz elend aussieht, und dem Manne auf seine 
bekümmerten Fragen antwortet: „Ach, wenn ich keine Rapunzeln 
aus dem Garten hinter unserem Hause zu essen kriege, so sterbe 
ich." Nun steigt der Mann in den Garten der Zauberin, koste es 
was es wolle, sticht Rapunzeln aus und bringt sie der Frau; 
diese macht sogleich Salat daraus und isst ihn in voller Be- 
gierde auf. 

Die Zauberin verlangt nachher vom Manne, dass er ihr für 
die Rapunzeln das Kind gebe, welches die Frau gebären werde. 
Nach der Geburt kommt die Zauberin sofort, um das Kind zu 
holen und nennt es Rapunzel. — Die weiteren Schicksale Ra- 
punzels mit dem langen Haar, und die endliche Rettung durch 
einen Prinzen, berühren uns hier weiter nicht mehr. 

Nach sexueller Verlegung sieht auch ein Passus aus im 
Märchen, „An Gottes Segen ist alles gelegen". (Afa- 
nassiew — A. Meyer, Nr. 22, pag. 95.) 

Ein Teufel erzählt, wie er eine Zarewna (Königstochter) krank 
gemacht hat, sie ist blind, taub und sinnverwirrt. Um sie zu heilen, 
muss man aus einer bestimmten Kirche nur das Kreuz nehmen, 
es mit Wasser übergiessen, mit diesem Wasser die Prinzessin 
waschen und ihr davon zu trinken geben. Unter einem bestimmten 
Stein sitzt ein Frosch (männliches Scxualtier), den muss man fangen 
und ein Stück Hostie aus seinem Maul holen, das er gestohlen 
hat, und dies muss die Prinzessin essen. 

Der Märchenheld verschafft sich diese Requisiten und heilt 
die Zarewna, welche seine Frau wird. 



VON DR. FRANZ RIKLIN 71 

Wer das Wesen der „Komplexe", von denen wir in unseren 
Arbeiten (Diagnostische Assoziationsstudien etc.) reden, kennt, 
der versteht die Sprache dieses Märchens! 

Die Erwähnung der Hostie in diesem Zusammenhang er- 
innert daran, dass auch das Liebesmahl Christi, wie es jetzt ge- 
feiert wird, zur innigen Kommunion mit erotischer Färbung 
werden kann. Doch würde uns eine Abschweifung ins Gebiet der 
religiösen Erotik hier zu weit führen. 

Die Geschichte von Wassilissa mit dem Goldzopf und Iwan 
aus der Erbse (Afanassiew — A. Mayer, Nr. 26, pag. 130) 
enthält ein weiteres Beispiel. In prachtvoller Märchensprache wird 
darin erzählt von der wunderschönen Wassilissa, die sich in ihrem 
Turme langweilt und deren Herz Schwermut drückt, bis ihr Vater, 
der Zar Swietosar, sie vorbereitet, dass sie sich unter den vielen 
königlichen Freiern einen wählen müsse. Sie darf jetzt auch zum 
erstenmal spazieren und sucht Blumen. Sie trägt ihr Gesicht frei, 
ohne Schutz ist ihre Schönheit. Von ihrem Gefolge sich arglos 
ein wenig entfernend, wird sie von einem gewaltigen Sturm fort- 
getragen bis ins Land des grausamen Drachen. Ihre zwei Brüder, 
die sie suchen und auf weiten Reisen bis zum Zauberschloss der 
gefangenen Wassilissa gelangen, werden von diesem getötet. 
Wassilissa mit dem Goldhaar aber sinnt trotzdem auf Rettung 
und durch Schmeicheleien lockt sie aus dem Drachen das Ge- 
heimnis, dass kein Gegner lebe, der stärker sei als er. Aber spottend 
fügt er hinzu, bei seiner Geburt sei ihm geweissagt worden, 
sein Gegner heisse Iwan Erbse. 

Die trauernde Mutter der schönen Wassilissa geht nun einst 
mit den Bojarinnen im Garten spazieren, der Tag ist heiss und 
sie will trinken. In dem Garten bricht aus dem Abhang eines 
Hügels ein Strahl Quellwasser hervor, den fängt eine weisse 
Marmormulde auf. Sie schöpft mit einer Kelle das tränenhelle, 
reine Wasser auf und trinkt hastig, dabei schluckt sie plötzlich 
eine Erbse. Die Erbse quillt und der Zariza wird es schwer zu 
Mute. Die Erbse wächst und wächst und die Zariza trägt schwer 
an ihr. 

Nach einiger Zeit bekommt sie einen Sohn, Iwan aus der 
Erbse, der wächst nach Stunden, statt nach Jahren und ist mit 



72 " WUNSCHERFÜLLUNG UND SYMBOLIK IM MÄRCHEN 



zehn Jahren ein ganzer Ritter, von ungeheurer Kraft, der den 
Drachen überwindet, Wassilissa rettet etc. 

Im Anschluss an diese Märchen sei an zwei mytholo- 
gische Darstellungen der Befruchtung mit Freudscher Ver- 
legung erinnert, an Demeters Tochter Köre und an Eva im 
Paradies. 

Köre, die Tochter des Zeus und der Demeter, sucht mit 
den Töchtern des Okeanos Frühlingsblumen. Als sie darunter 
die Todesblume Narkissos pflückt, öffnet sich plötzlich die Erde, 
Hades steigt daraus empor und raubt Köre aus dem Kreis ihrer 
Gespielinnen. 

Später lässt sich Zeus, der diese Bitte um Rückgabe zuerst 
abweist, zur Bestimmung herbei, dass Köre nur je ein Drittel des 
Jahres in der Unterwelt weilen soll. Die Verweigerung der völligen 
Rückgabe wird damit begründet, dass Köre von ihrem Gatten 
den Kern eines Granatapfels (ein Symbol der Befruch- 
tung) angenommen und gegessen habe. (Zitiert nach Stending, 
„Griechische und römische Mythologie", Leipzig, Göschen, 
1905, III. Auflage.) 

Die biblische Erzählung vom Sündenfall wird meines Wissens 
schon lange als Befruchtungssymbolikaufgefasst. Auch hier finden 
wir eine Kumulation derselben: Die Schlange ist die Verführerin, 
dazu kommt erst noch die „Verlegung" durch das Essen der 
Frucht. Hierauf sehen Adam und Eva, dass sie nackt sind, und 
schämen sich, Eva wird die Schwangerschaft und Geburt unter 
Schmerzen prophezeit. Daran anschliessend erzählt uns die Bibel 
überdies noch von wunschgebildeten Zaubergaben, von denen 
wir früher eine Reihe aus Mythologie und Märchen aufgezählt 
haben: Es handelt sich um die Frucht des Lebensbaumes. 
„Und Gott der Herr sprach: .Siehe, Adam ist worden als unser 
einer, und weiss, was gut und böse ist. Nun aber, dass er 
nicht ausstrecke seineHand, und breche auch von 
demBaum des Lebens, und esse und lebe ewiglich!' 
Da Hess ihn Gott der Herr aus dem Garten Eden, dass er das 
Feld baute, davon er genommen ist, und trieb Adam aus, und 
lagerte vor dem Garten Eden die Cherubim mit dem blossen 



VON DR. FRANZ RIKLIN 73 



hauenden Schwert, zu bewahren denWegzu dem Baum 
des Lebens."*) (Moses I, 3. Kap., 22—24.) 

Eine ähnliche Häufung der Symbolik wie oben (Schlange, 
Frucht, Essen) für dasselbe Faktum zeigen manche Darstellungen 
der Verkündigung. Ein Meister d'es Marienlebens in der 
Münchener alten Pinakothek zeigt uns Maria, welche in ihrer Be- 
trachtung vom Engel mit seiner Botschaft überrascht wird. Er 
trägt einen Lilienstengel. (Vgl. die früher erwähnten Bei- 
spiele, wo der Engel als solcher Befruchtungssymbol zu sein 
scheint); der heilige Geist, von dem Maria empfangen soll, steigt 
in Taubengestalt herab. (Man vergleiche die Vogelsymbolik 
im Märchen). Oben ist Gottvater, in dem von ihm herabkommen- 
den Strahlenbündel fliegt ein äusserst kleines Kindlein mit dem 
Kreuz als Abzeichen zu Maria herab. Doch man möge an meiner 
Auffassung zweifeln! Uebrigens lieben es diese alten Meister, bei 
Verkündigungsdarstellungen im Hintergrunde das Schlafgemach 
Marias mit einem zierlichen Bette nicht zu vergessen. 

Die Beispiele von Märchen, in welchen die „Verlegung nach 
oben" spielt, sind Belege für infantile Sexualtheorien ; weshalb 
auch die Ansicht sich bildete, diese Maskierung sexueller Vor- 
gänge habe sich bei den Märchenüberliefern, den Frauen, in den 
Erzählungen den Kindern gegenüber gebildet. 

Nun wissen wir aber, dass auch in den Träumen Infantilismen 
eine ungemeine Ausdehnung annehmen, um zensurgerecht die 
Wünsche des Unbewussten im Traum auszuleben. Das Märchen 
vom „Bärchen", „Iwan aus der Erbse" und ähnliche stellen diese 
infantilen Sexualtheorien ganz überzeugend dar. 

In Freuds Traumdeutung (V. Traummaterial und Traum- 
quellen) wird die Bedeutung des infantilen Materials im Traume 
ausreichend illustriert und analysiert. Was Wunder, wenn im 
Märchen diese traumverwandten Gebilde aus dem Kindesalter der 
Menschheit sich ausbreiten. 

*) Ich verweise auf eine Schrift von Aug. Wünsche, „Die Sagen vom 
Lebensbaum und Lebenswasser". Altorientalische Mythen: aus der Sammlung 
„Ex Oriente lux", herausgegeben von H. W i n c k 1 e r, Bd. 1, Heft 2/3, Leipzig. 
E. Pfeiffer, 1905. 



74 WUNSCHERFÜLLUNG UND SYMBOLIK IM MÄRCHEN 



Wir linden die gleiche Immoralität. Die spröde Königstochter 
lässt viele Freier umbringen, bis der rechte kommt, welcher das 
Rätsel löst. Es dominiert der egoistische Standpunkt, der 
altruistische kommt noch nicht auf, wie beim Kinde. Töten der 
nächsten Verwandten ist, wie beim Kinde, im Märchenwunsch- 
gebilde nur der Wunsch, jemanden auszuschalten. 

Die infantile Konkurrenz, wie sie in Freuds Traumdeutung 
meisterhaft dargestellt wird, findet ihren Ausdruck in dem Märchen 
„Die zwölf Brüder" (Grimm, Nr. 27); wenn das 13. Kind, 
das jüngste, ein Mädchen wird, sollen die zwölf älteren, die 
Brüder, alle umgebracht werden; der Vater (natürlich; der gleich- 
geschlechtliche Konkurrent! Vgl. Traumdeutung) hat die zwölf 
Särge schon bereit; deshalb müssen sie fliehen. Aehnlich geht es 
im Märchen „Die sieben Raben" (Grimm, Nr. 25). 

In gewissen S t i e f m u 1 1 c r m ä r c h e n beko mint man den 
Eindruck, dass die Komponente „Mutter" im Worte „Stiefmutter" 
besonders determiniert ist. Wir haben die Stiefmutter neben 
anderen Figuren: Riesin, Hexe clc. in der Rolle der sexuellen 
Konkurrentin auftreten sehen. Nun wissen wir aber von Freud, 
dass die Mutter selber die sexuelle Konkurrentin der Tochter 
sein kann. Der infantile Egoismus des Traumes und des Märchens 
zögert nun keineswegs, die gute Mutter sterben zu lassen (erstens 
infantiler Wunsch, vgl. Traumdeutung, zweitens bedeutet es: die 
gute Mutter existiert für die Heldin, das Kind oder die infantile 
Komponente der erwachsenen Frau als Tochter, nicht mehr, weil 
sie eine böse Figur, eine Konkurrentin geworden ist). Sie wird 
ersetzt durch die böse Stiefmutter, d. h. die Mutter ist zu dieser 
Figur gegenüber der Märchenheldin oder der Träumenden ge- 
worden. Es wird uns hier ein Motiv aus „Aschenbrödel" als 
Infantilismus verständlich. Der Wunsch bäum wach st auf 
der Mutter (-Stiefmutter) Grab. Die Mutter muss sterben. 

Eine Dame aus meinem nächsten Bekanntenkreise nährte 
ihre ganze Kinderzeit durch bis etwa zum 15. Jahre den Wahn, 
sie sei ein F i n d e 1 k i n d ; sie glaubte zeitweise sehr fest daran. 
Es knüpfte an die Bemerkung der Mutter an: „Ach, dich hat 
man wahrscheinlich auf der Strasse aufgelesen. ^Diesc Bemerkung, 
an welche die Erinnerung deutlich ist, zwingt uns zur Annahme, 



VON DR. FRANZ RIKL1N 



das Kind habe gefragt, woher es komme. Der Wahn baut sich 
also auf einer dem Infantilen angepassten und fest geglaubten 
Sexualtheorie auf. Marc Twain hat ja mit grossem psychologi- 
schem Verständnis irgendwo gesagt: „Glauben heisst, an etwas 
glauben, was man nicht glaubt." Wenn nun das Kind böse war, 
sagte die Mutter etwa: „Sonderbar, es gleicht keinem in der 
Familie." Ein hübscher Wunschgedanke, der den Wahn weiter 
nährte. Gleichzeitig fühlte das „böse" Kind, die Mutter meine es 
nicht gut mit ihm; so könne eine rechte Mutter unmöglich zu 
ihr sein. Wenn wir „böse" mit „egoistisch" im Konkurrenzkampf 
bezeichnen, wenn man berücksichtigt, dass die Mutter nach dem 
Tode des Vaters besonders darauf bedacht war, ein anständiges, 
gesittetes Mädchen mit gutem Ruf zu erziehen, weil sich das 
Geschwätz viel leichter an eine Familie ohne väterliches Oberhaupt 
heranwagt, so ist es für uns die Lebensfähigkeit dieses kindlichen 
Wahns umso verständlicher. Diese „bösen Erfahrungen" haben sich 
bezeichnenderweise in den Wahn geflüchtet, während in der Wirklich- 
keit die Beziehungen zwischen Mutter und Tochter sehr gut waren. 

Dieser infantile Wahn hat also aus der Mutter eine böse 
Stiefmutter gemacht, und das Märchen tut dasselbe.*) 

Gerade im Märchen von der verfolgten Schönheit, im 
Schneewittchen, ist darum dieser Prozess im Anfang besonders 
einlässlich beschrieben. Die schöne Königin, die zur Stiefmutter 
wird, hasst das noch schönere Schneewittchen. Das Märchen 
entspricht also einem „Traum" der Heldin Schneewittchens, unter 
Verwendung infantilen Materials. So ist uns das Märchen ohne 
weiteres klar, wie auch alle mit ähnlichem Thema. 

Wir begnügen uns für diesmal mit diesen Andeutungen, um 
die grosse Rolle der Infantilismen im Märchen, welche sie mit 
dem Traum teilen, zu skizzieren. Es Hessen sich natürlich noch 
unzählige andere finden; es handelt sich hier um eine Aufgabe, 
die noch besonders gelöst werden muss.**) 



*) Seither konnte ich Beispiele analoger Wahnideen von gesunden 
Mädchen und bei weiblichen Kranken mit Bementia praecox mehrfach sammeln. 

**) Man findet dann in diesen Stiefmuttermärchen z. B. dass der Vater 
die Tochter sexuell verfolgt, oder ihr wie im „Löweneckerchen" etc. das männ- 
liche Sexualsymbol bringt. Er wird ersetzt durch den Wunschprinzen. 



VII. 

Einige besondere sexuelle Märchen- 
motive. 

Die Märchen lieben es, verschiedene, zum Pathologi- 
schen neigende sexuelle Motive zu behandeln, die 
eine normale Wurzel haben, auf welche Freud in seinen Arbeiten 
immer wieder eintritt. 

Diese Motive ergeben sich aus der physiologischerweise und 
besonders im Traume hervortretenden sexuellen Neigung zwischen 
Vater und Tochter, Sohn und Mutter. (Ocdipussage !) Ferner aus 
der Grausamkeit (sadistische Wurzel) und der bei Frauen dem- 
entsprechend ausgebildeten Sprödheit. 

Allerlei rauh. (Grimm, 65.) 

Es war ein König, der hatte eine Frau mit goldenen Haaren, 
die ohne Gleichen schön war. Vor ihrem Tode Hess sie sich ver- 
sprechen, dass er keine andere Frau nehme, die nicht ebenso 
schön sei und nicht eben solch goldene Haare habe wie sie. 
Nachdem der König lange getrauert hatte, suchte man eine zweite 
Frau für ihn, aber es fand sich keine, welche die verlangten 
Eigenschaften gehabt hätte. Da fiel sein Blick auf seine Tochter, 
welche der verstorbenen Mutter an Schönheit gleichkam, er ent- 
brannte in Liebe zu ihr und wollte sich mit ihr vermählen. Um 
ihn hinzuhalten, verlangte die Tochter wunderbare, schwer zu 
fertigende Kleider und einen Mantel aus tausenderlei Pelz und 
Rauhwerk, wozu jedes Tier im Reiche ein Stück von seiner Haut 
geben müsse. Der König Hess nicht ab, und brachte es dazu, 
dass diese Bedingungen erfüllt waren. Als keine Hoffnung mehr 
war, entfloh die Königstochter mit dem Mantel in den Wald, 
wurde von dem Jagdgesinde eines jungen Königs entdeckt, zu 
niederen Diensten am Hofe verwendet, veranlasste aber dort mit 



VON DR. FRANZ RIKLIN 77 

allerhand Mitteln insgeheim, dass der König ihr wahres Wesen 
entdeckte und mit ihr Hochzeit feierte. 

Die Verfolgung durch den Vater ist hier eine besondere 
Form sexueller Konkurrenz mit dem Wunschprinzen ; das ganze 
ist ein sehr einleuchtendes traumähnliches Wunschgebilde mit 
Allerleirauh als Heldin und dem einleitenden Spezialmotiv.*) 

Nirgends besser als hier kann auf die Aehnlichkeit dieses 
Märchenmotivs mit der Krankengeschichte jenes hysterischen 
Mädchens hingewiesen werden, welches als Beispiel für einen 
Fall mit Verlegungssymbolik aus der Pathologie erzählt wurde.**) 

Beim Zustandekommen jener Hysterie ist der Vater als 
sexueller Konkurrent eine Hauptperson gewesen. 

Jenes Mädchen sah sich im Traume fast stereotyp vom 
nackten Vater verfolgt, während seine Wunschträume im Prinzip 
dem Allerleirauh-Motiv entsprachen. Statt des ursprünglichen Ge-' 
liebten kam allerdings später im Traum auch die Substitution 
durch den Arzt vor, eine von Freud hervorgehobene, oft kon- 
statierte Erscheinung (Uebertragung auf den Arzt) im Heilungs- 
prozess. 

Der Vater trat aber erst als sexueller Verfolger und Neben- 
buhler in den Träumen und im Hysteriegebäude auf vom Moment 
an, wo er die Beziehungen der Tochter zu ihrem wahren Ge- 
liebten unterband. Damit war auch der Anlass zu den hysteri- 
schen Symptomen, im vorliegenden Fall (durch die Ohrfeige) 
besonders auch zur Verlegung der hysterischen Symptome nach 
oben und zu ergänzenden Wunschgebilden gegeben.***) 

Der Vater, der seine eigene Tochter verfolgt. 
(Rittershaus, XXXI, pag. 133.) 

Ein Königsohn tötet seine Eltern und seine Schwester, um 
die Regierung an sich zu reissen. Einige Jahre später heiratet er 



*) Der Tod der Mutter ist wohl ein infantiler Wunschgedanke der Tochter ; 
der Vater ist der erste Liebhaber und wird später zum Konkurrenten und Ver- 
folger. 

**) Auch hier kommt dem Vater (nebst Gesanglehrer) diese wechselnde 
Rolle zu. Darum tritt er erst als Verfolger auf, wo er zum ausgesprochenen 
feindlichen Konkurrenten des jungen Burschen wird. 

***) Man vergl. Freud: Bruchstück einer Hysterieanalyse. 



78 WUNSCHERFÜLLUNG UND SYMBOLIK IM MÄRCHEN 



eine schöne Prinzessin, und sie bekommen nach einem Jahre 
eine Tochter, namens Ingibjörg. Wie diese erwachsen ist, liegt 
die Mutter auf dem Sterbebette. Sie ruft ihr Kind zu sich und 
sagt ihm, nach ihrem Tode würde der böse Vater bei ihr schlafen 
wollen und würde sie, um sie an der Flucht zu hindern, mit 
einem Bande binden. Sie sollte nun sehen, ihre Hündin an das 
Band zu knüpfen, während sie selbst durch Flucht sich rette. 
Einen Gürtel solle sie dann umbinden, dann würde sie nie von 
Hunger gequält werden. 

Die Voraussetzungen der Mutter bewahrheiten sich. Es ge- 
lingt Ingibjörg, im Dunkel der Nacht zu entkommen und bis zur 
See zu gelangen, wo Kauffahrer sie auf ihr Schiff aufnehmen. 
Sie kommt nun in ein fremdes Königreich und findet hier in 
einem kleinen Bauernhofe Unterkunft. 

Der Bauer hatte für den jungen, unverheirateten König alle 
Kleider anzufertigen. Seit Ingibjörg nun dort ist, wird alles so 
viel schöner gemacht, genäht und prächtiger gestickt, dass der 
König sich darüber verwundert und die Sache zu untersuchen 
beschliesst. 

Wie er nun zum Bauernhofe kommt, sieht er dort die schöne 
Königstochter und entbrennt in Liebe zu ihr. Er bietet ihr seine 
Hand an, und Ingibjörg ist gern mit der Heirat einverstanden. 

Nur lässt sie sich versprechen, niemals ohne ihr Wissen einen 
fremden Winter gast anzunehmen. 

Der König gelobte es auch. Als dann aber nach einigen 
Jahren ein ältlicher Mann ihn um Aufnahme bittet und den König 
als Pantoffelhelden hinstellt, weil er um solche Kleinigkeit erst 
seine Frau fragen müsse, da schämt sich der König seines Ver- 
sprechens und nimmt den Gast auch ohne Zustimmung der 

Königin auf. 

Das Motiv der nun beginnenden Verfolgung durch den 
Wintergast (= Vater), der ihre Kinder umbringt und sie ins 
Elend stürzt, ist eine Wiederaufnahme des anfänglichen Themas. 
Mit Hilfe einer, von einer bösen Stiefmutter in einen Rindsmagen 
verzauberte Königstochter wird Ingibjörg schliesslich ihrem Gatten 



VON DR. FRANZ RIKLIN 79 

nach vielen Schwierigkeiten wieder zugeführt, der Vater = Winter- 
gast, wird vernichtet. 

Die vom Traum geforderte „Einheit der Szene" wird dabei 
in hübscher Weise vom Märchen respektiert: Der König (das 
heisst der Gemahl), wird auf einen Goldstuhl gesetzt, der Winter- 
gast jedoch, der sein Minister geworden ist, auf einen Eisenstuhl 
mit Eisenklammern, die sich fest um seine Brust schliessen. 
(Angst? Böses Gewissen?) Er muss nun, wie dies im isländischen 
Märchen üblich ist, seine Lebensgeschichte erzählen. Sowie er 
anfangen will zu lügen, und seine Untaten zu verschweigen, 
drücken die Eisenklammern ihn fester und fester und Eisen- 
stacheln bohren sich in seine Brust. — Endlich hat er alles ge- 
beichtet und nun öffnet sich unter ihm ein Stein, er fällt in einen 
Kessel voll siedenden Pechs und verbrennt. 

Der Rindsmagen darf zum Lohn den Bruder des Königs 
heiraten und wird in der Hochzeitsnacht vom Zauber erlöst. 

Bei Rittershaus sind daran anschliessend noch mehrere 
Märchen analogen Inhalts aufgeführt. 

Björn Bragastakkur (aus der Sammlung von Jon 
Arnäson, zitiert bei Rittersh a us) ist kein König, sondern 
ein wilder Kampfgeselle, der tief im einsamen Walde wohnt. Er 
raubt eine Königstochter und zwingt sie zur Ehe. Wie die Frau 
stirbt, will auch er die Tochter, Helga genannt, heiraten. Sie ent- 
kommt ihm in der Nacht, indem sie ein Holzstück an ihrer Stelle 
an das Seil bindet und dieses bittet, für sie zu antworten. 

Helga hilft nun zuerst dem Koch eines Königs, dann dem 
Schneider, wo der König sie trotz ihres Verbergens entdeckt und 
sie dann heiratet. Ihr eigener Vater wird nun hier auch wider 
das Versprechen Wintergast des Königs, tötet ihre Kinder und 
bringt den König durch List dazu, dass er seine Frau umbringen 
lassen will. Sie wird dann durch Zauber wunderbar gerettet, auch 
die Kinder, und später mit ihrem Gemahl vereint, während der 
sie verfolgende Vater vernichtet wird. 

In den „Vitae Offae" (Müllenhoff, Sagen, Märchen 
und Lieder der Herzogtümer Schleswig, Holstein und Lauenburg, 
Kiel 1845, zitiert nach Ritters haus) wird nach einer alten 
germanischen Sage berichtet, dass der König Offa einst auf der 



80 VVUNSCHIiRFÜLLUNü UND SYMBOLIK IM MÄRCHEN 

Jagd ein wunderschönes weinendes Mädchen fand. Dieses erzählt 
ihm, ihr Vater habe sie heiraten wollen. Weil sie aber nicht ein- 
gewilligt habe, sei den Dienern befohlen worden, sie im Walde 
zu töten. Die Diener schenkten ihr aus Mitleid das Leben, Hessen 
sie aber hilflos zurück. 

König Offa nimmt die Jungfrau heim und vermählt sich mit 
ihr. Aus einem Kriege schickt er ihr einen Boten, der unterwegs 
zufällig beim bösen Vater der Königin, der den Brief vertauscht 
und ein Schreiben unterschiebt, wonach auf Befehl des Gatten 
die Königin und ihre Kinder umzubringen seien, eintrifft. Durch 
Zauber werden sie gerettet und später dem trauernden König 
wieder zugeführt. 

Das gleiche Thema behandelt auch Straparola (Les 
Facetieuses nuits. Paris 1857. 1. Nacht, 4. Fabel, I. S. 58 ff, zitiert 
nach Ri 1 1 ers haus). Ein Fürst will seine Tochter heiraten. Auf 
den Rat einer Amme versteckt diese sich in einen Schrank, der 
dann aus dem Schlosse verkauft wird und schliesslich in den 
Besitz des Königs von England gerät, der sie dann heiratet. 
Dort wird sie nun vom Vater entdeckt. Er verkleidet sich als 
Astrologe und kommt an den Hof. Hier tötet er seine beiden 
Enkelkinder und weiss durch ein blutiges Messer, das er bei der 
Königin versteckt, den Verdacht auf seine Tochter zu lenken. 
Diese soll eines langsamen Todes sterben. Ihre alte Amme erfährt 
von ihrem Unglück und kommt herbei und deckt die Schand- 
taten des Vaters auf. 

Die Bauerntochter Helga (Rittershaus, XL.) ein schönes 
Mädchen, hatte von ihrer sterbenden Mutter eine Ahle bekommen, 
die „Ja" sagen konnte, wenn man ihr dazu den Auftrag gab. 
Als eines Abends der Vater sie durchaus zwingen wollte, bei 
ihm zu schlafen, gab sie vor, eben noch nach dem Feuer sehen 
zu müssen. Wie sie draussen war, steckte sie die Ahle an die 
Wand und gab ihr den Auftrag „Ja" zu sagen. Nun lief sie 
selbst in die dunkle Nacht hinaus. 

Die Weiterentwicklung des Märchens ist aber von hier an 
eine andere als bei den vorigen. 

Gegen Morgen gelangt sie tief im Walde an ein kleines 
schmuckes Häuschen. Der Besitzer nennt sich Herraudur und 



VON DR. FRANZ RIKLIN 81 

fordert sie auf, bei ihm zu bleiben. Nach einiger Zeit wird Helga 
schwanger. 

In der Folge wird Herraudur von einer Unholdin umgarnt 
und verzaubert, die ihr (Helga) nach dem Leben trachtet. Mit 
Zauberhilfe wird sie gerettet, Herraudur kann seine Verzauberung 
erkennen, die Verfolgerin wird vernichtet und Herraudur feiert 
Hochzeit mit Helga. 

Hier ist der Ort, um auch auf das etwas verwickelt auf- 
gebaute Mä rc h e n von der schönen Sesselja (Ritters- 
haus, LI., p. 217) einzugehen. 

Ein König trauert lange über den Tod seiner Gattin und 
erklärt, nur eine Jungfrau heiraten zu wollen, die ebenso schön 
wie die Verstorbene wäre und ihr gleiche. Eines Tages sieht er 
nun seine junge Tochter Sesselja im Festgewande der Mutter, 
und da diese noch schöner ist, wie die Gattin einst war, will er 
sie heiraten. Sesselja flieht nun aus dem Reiche des Vaters. In 
einem frenden Königreiche sucht sie Aufnahme bei armen Leuten 
und lässt sich als deren Tochter ausgeben, damit ihr Vater sie 
nicht doch entdecke. Sie kleidet sich einmal beim Schafehüten, 
sich unbemerkt glaubend, in das Festgewand ihrer Mutter, wird 
von Dienerinnen einer Königstochter entdeckt und zu dieser selbst 
als Dienerin gebracht. Diese heisst auch Sesselja mit dem Bei- 
namen „Die Hochmütige", da sie in ihrem Stolze alle Freier 
zurückwies. 

Einst, wie beide spazieren gehen, hören sie, dass tief in 
einer Schlucht ein Vogel jammert. Sesselja, die Dienerin, hat 
längere Haare als ihre Herrin, so dass der Vogel das herab- 
gelassene Haar erreichen kann und herausgezogen wird. Die 
Prinzessin ist über den Vogel so entzückt, dass sie ihn mit sich 
in ihr Schlafzimmer nimmt. Am folgenden Morgen ist jedoch das 
Tier verschwunden. Doch in der Nacht, die der Vogel in der 
Kammer zubrachte, träumte der Prinzessin ein wundersamer 
Traum, nach einigen Tagen wird ihr so wunderbar zu Mute, und 
wie sie das Gold, das der Vater ihr einst gab, und das nur bei 
der Berührung reiner Jungfrauen seinen Glanz behält, schwarz 
wird, so weiss die Königstochter, dass sie ohne alle eigene Schuld 
schwanger ist. (Vergl. das Verkündigungsmotiv mit der Taube.) 

Riklin, Wunscherfüllung und Symbolik im Märchen. 6 



82 WUNSCHERFÜLLUNG UND SYMBOLIK IM MÄRCHEN 



Die treue Dienerin hilft ihr nun in aller Not, hilft die 
Schwangerschaft verbergen, hält ihre eigene Hand über die der 
Königstochter, damit das Gold bei der Prüfung den Glanz behält, 
und gibt sich selbst als Mutter des geborenen Kindes aus. 

Nach einiger Zeit kommt der Prinz, welcher in jenen Vogel 
durch eine böse Stiefmutter verwandelt war, dadurch, dass eine 
Königstochter ihr Leben um ihn gewagt hatte, aber erlöst worden 
war, und will seine Retterin heiraten. Die Königstochter soll ihr 
Gold zeigen, behauptet aber, die Dienerin Sesselja habe es ge- 
stohlen und jagt diese fort. Die Sache kommt aber an den Tag 
und der Prinz heiratet die für ihre Treue schlecht belohnte 
Dienerin, die ja auch eine Prinzessin ist. 

Das Motiv der sexuellen Verfolgung durch den Vater ist 
gleich wie bei den vorausgehenden Beispielen. 

Dass die Mutter immer zuerst sterben muss, heisst wie in 
der Traumsprache, die Mutter (im Wunschtraum der Tochter) sei 
sexuelle Nebenbuhlerin der Tochter und müsse ihr weichen 
(Infantilismus). 

Der Vogel-Prinz und die Erzählung, wie Prinzessin Sesselja 
schwanger wird, ist wieder ein eklatantes Beispiel sexueller 
Märchensymbolik, das unsere Ausführungen über das „Löwen- 
eckerchen" als weiterer Fall ergänzt. 

Eigentlich sollte Sesselja, die vom Vater verfolgte, erniedrigte, 
als Wunschergänzung den Vogel als Bräutigam bekommen und 
von ihm schwanger werden. Er wird ja auch später ihr Gemahl. 
Dadurch, dass aber die stolze Prinzessin Sesselja, als Konkurrentin, 
die überwunden werden muss, in das Gebilde aufgenommen wird, 
kommt es zu der etwas eigentümlichen Uebertragung.*) Der Stolz 
die Unnahbarkeit, verbunden mit Grausamkeit, als sexuelle Eigen- 
schaften weiblicher Märchenheldinnen, oder vielmehr des vom 
Märchenheld zu erringenden Weibes ist ein mehrfach belegtes 
Hauptmotiv im Märchen. 

Vom Bauernsohne, der die Königin heiratet, 
(Rittershaus, XLV1II., p. 201.) 



*} Vielleicht ist es auch keine Uebertragung; solche ,, Irrtümer" kommen 
ja in natura vor. 



VON DR. FRANZ R1KLIN 83 



Der Bauernsohn Finnur spielt in seiner Kindheit oft mit zwei 
Königssöhnen, ist aber in allem tüchtiger als diese, weshalb sie 
ihn neidisch ignorieren. Sie treten wohlausgestattet eine Fahrt in 
die Welt an, verschmähen, im Gegensatz zu Finnur, der auch 
auszieht, die Hilfe eines dienstbereiten Zauberwesens und ge- 
langen von Hof zu Hof. Finnur, der mit ihnen an den Königs* 
höfen zusammentrifft, macht sich überall durch seine geschickten 
Dienste und seine Tüchtigkeit beliebt und wird beschenkt mit 
Zaubergaben — einem Tischlein deck dich, einem Krug, in den 
jeder Trank kommt, den man hineinwünscht und eine Zauber- 
schere, durch die man sich die prächtigsten Kleider herbei- 
wünschen kann. 

Im vierten Königreich, in welchem sich die Jünglinge treffen, 
herrscht eine jungfräuliche Königin, die keinen unverschnittenen 
Mann rn ihrem Gefolge oder in ihrer Nähe duldet. Die Königs- 
söhne lassen sich verschneiden, Finnur zieht vor, auf eine 
Hungerinsel verbannt zu werden, wo er sich und andere dem 
gleichen Los Verfallene mit seiner Zaubergabe erhält. Die 
Königin beobachtet das und verlangt Aufschluss von ihm. Nun 
will sie unbedingt das Zaubertischlein besitzen, wofür Finnur 
eine Nacht in ihrem Zimmer auf dem Boden zu schlafen verlangt. 
Vier Männer mit Lichtern und gezückten Schwertern bewachen 
das Bett, in welchem die Königin schläft. Für den Zauberkrug 
verlangt er zu ihren Füssen in ihrem Bette zu schlafen. Acht 
Männer wachen diesmal, aber Finnur rührt sich nicht. Für die 
Zauberschere verlangt er eine Nacht neben der Königin, aber 
auf dem Deckbett schlafen zu dürfen. Die Wache besteht jetzt 
aus zwölf Männern. Finnur wünscht sich nun die Hilfe des ein- 
gangs erwähnten hilfsreichen Zauberwesens herbei. Im gleichen 
Moment liegt er auch schon unter dem Deckbett neben der 
Königin, und die Männer, die ihn deswegen durchbohren wollen, 
können kein Glied rühren, sie sind gebannt, bis die Königin 
ihnen zuruft: „Ei, löscht das Licht und steckt das Schwert ein, 
und schlaget nicht sogleich zu, denn er ist mit seiner Fiedel auf 
der Fahrt in meinem schönen Garten." 

Am folgenden Morgen thront Finnur neben der Königin im 
Hochsitze, und eine prächtige Hochzeit wird gefeiert. 



84 WUNSCHERFÜLLUNCj UND SYMBOLIK IM MÄRCHEN 

Die zuletzt angeführten Verse beweisen, wie reich an Bildern 
die Märchensexualität ist. Garten und Blumen sind im Märchen 
überhaupt bevorzugte Bilder, um vertretungsweise oder ver- 
deckend, menschliche Sexualorganc zu bezeichnen. 

Das Märchen „Die hochmütige Königin" (Rittershaus, 
XLV1I., p. 198) behandelt das in den Märchen oft erscheinende 
Motiv, dass die unverheiratete, stolze Königin ihre Freier ver- 
spottet, hier werden sie kahl geschoren und ihre Kleider mit 
weissen Flecken bedeckt, bis einer sie als hässlichcr Mann über- 
windet, um nachher in der wahren Gestalt ihr Gemahl zu sein. 

Rittershaus zitiert eine Reihe von Parallelen zu diesem 
Märchen. Das Kahlscheren bedeutet hier wohl, wie in der 
biblischen Erzählung von Simson und Dalila, eine Art Entman- 
nung, eine Entziehung männlicher Kraft (bei Simson wird sie 
geradezu zur unüberwindbar machenden Zauberkraft). Wo das 
Märchen Haare erwähnt (speziell bei Männern) dürfen wir diese 
wohl fast immer in ihrer Bedeutung als Merkmal sexueller Kraft 
verwerten. 

In „Elesa und Bogi" (Rittershaus, LVIII.) macht es die 
Prinzessin ebenso; in der Not kommt ihr ihr Pflegebruder, der 
um sie gefreit hatte, aber verschmäht worden war, gegen einen 
riesigen Berserker zu Hilfe und heiratet sie dann. 

Im „König Drosselbart" ist das Motiv ähnlich. Die spröde, 
stolze Königstochter muss den als Bettler verkleideten, vorher 
verspotteten König Drosselbart heiraten, mit dem sie nach ihrer 
Demütigung glücklich ist. 

Der Bauernsohn, der die Königin heiratet, ist vom Stand- 
punkte des Bauernsolmes aus ein Wunscherfüllungsgebilde; er 
überwindet die Spröde Im „König Drosselbart" kommt noch eine 
Art Rachemotiv dazu. 

Im Märchen „Die weisse Schlange" (Grimm 17) ent- 
brennt ein Jüngling in Liebe zur stolzen Königstochter. Diese 
suchte einen Gemahl, Hess aber bekannt machen, wer sich um 
sie bewerben wolle, müsse eine schwere Aufgabe vollbringen; 
könne er sie nicht glücklich ausführen, so sei sein Leben ver- 
wirkt. Viele hatten schon vergeblich ihr Leben daran gesetzt; 
dem Jüngling aber gelingt es, drei solcher Aufgaben zu lösen 



VON DR. FRANZ RIKL1N 85 



mit Hilfe von dankbaren Tieren. Die dritte Aufgabe besteht zum 
Beispiel darin, dass er ihr einen goldenen Lebensapfel herbei- 
schaffen muss. Sie teilen dann den Apfel des Lebens und essen 
ihn zusammen. (Sexuelle Verlegungssymbolik); da wird ihr Herz 
mit Liebe zu ihm erfüllt! 

Im Märchen „Das Rätsel" (Grimm 22) kommt der Held 
in eine Stadt, worin eine schöne aber übermütige Königstochter 
ist, die hatte bekanntmachen lassen, wer ihr ein Rätsel vorlege, 
das sie nicht erraten könne, solle ihr Gemahl werden: errate sie 
es aber, so müsse er sich das Haupt abschlagen lassen. — Es 
gelingt nun dem Helden, ihr ein Rätsel aufzugeben, das sie nicht 
errät, wofür sie sich gezwungen sieht, seine Gemahlin zu werden. 

DieGeschichte vom jungenTobias (Buch Tobiae 3 
bis 8) enthält in etwas anderer Form das gleiche Grundthema, 
das in nahe Verwandtschaft mit einigen der nächsten Beispiele 
tritt, wo die gleichen Eigenschaften ins Männliche übersetzt vor- 
kommen. 

Auf Sara liegt nämlich ein Zauber oder Fluch, dass jeder 
Mann, der sie heiraten will, in der Hochzeitsnacht umkommt. 
Durch das Zaubermittel der Fischeingeweide, welches ihm durch 
ein hilfreiches Wesen — hier in Gestalt eines Engels — ver- 
schafft, resp. angeraten wird, löst Tobias in der Hochzeitsnacht 
diesen Zauber. Die biblische Erzählung gibt diesem Inhalt aller- 
dings eine nicht ganz entsprechende, moralisierende Form : 

Der alte blinde Tobias bittet Gott, ihn nach all der über- 
standenen Trübsal und den Schmähungen durch die Freunde 
sterben zu lassen. 

„Ach Herr, erzeige mir Gnade und nimm meinen Geist weg 
in Frieden; denn ich will viel lieber tot sein, denn leben. 
(Tob. III, VI.) 

Und es begab sich desselbigen Tages, dass Sara, eine 
Tochter Raguels, in derMeder Stadt Rages auch übel geschmäht 
und gescholten ward von einer Magd ihres Vaters. 

Der hatte man sieben Männer nacheinander gegeben und 
ein böser Geist, Asmodi genannt, hatte sie alle getötet, 
alsbald wenn sie beiliegen sollten. Darum schalt sie ihres Vaters 
Magd und sprach: „Gott gebe, dass wir nimmer einen Sohn oder 

• 2 * 



86 WUNSCHERFÜLLUNG UND SYMBOLIK IM MÄRCHEN 



Tochier von dir sehen auf Erden, du Männermörderin." (Tob. III, 
7 — 10.) Auf solche Worte ging sie in eine Kammer oben im 
Hause und ass noch trank nicht drei Tage und drei Nächte und 
hielt an mit beten und weinen und bat Gott, dass er sie von der 
Schmach befreien wolle. 

In der Stunde ward dieser beider Gebet erhöret von dem 
Herrn im Himmel. 

Und der heilige Raphael, der Engel des Herrn, ward gesandt, 
dass er ihnen beiden hälfe, weil ihr Gebet gleich auf eine Zeit 
vor dem Herrn vorgebracht ward. 

Der alte Tobias ruft, in der Meinung, er werde bald sterben, 
seinen Sohn, den jungen Tobias, gibt ihm Ermahnungen und 
eröffnet ihm, dass Raguel in der Stadt Rages in Meden ihm noch 
zehn Pfund Silber schulde, welche er einfordern solle. (Vgl. Tob. IV.) 

Der alte Tobias rät ihm auch, einen Reisegesellen zu nehmen. 

Da ging der junge Tobias hinaus und fand einen feinen, 
jungen Gesellen stehen, der hatte sich angezogen und bereitet 
zu wandern. 

Es ist der Engel Raphael, der sich für einen Israeliten aus- 
gibt und Raguel in Rages gut kennt. 

Er verspricht, den jungen Tobias dorthin zu begleiten. (Ver- 
gleiche Tob. V.) Fortsetzung Tob. VI, VII, 16—20 VIII. 

Und Tobias zog hin und ein Hündlein lief mit ihm. Und 
die erste Tagesreise blieb er bei dem Wasser Tigris. Und ging hin, 
dass er seine Füsse wüsche; und siehe, ein grosser Fisch fuhr 
heraus, ihn zu verschlingen. Vor dem erschrack Tobias und schrie 
mit lauter Stimme und sprach: „O, Herr, er will mich fressen." 
Und der Engel sprach zu ihm: „Ergreif ihn an den Flossfedern 
und ziehe ihn heraus." Und er zog ihn auf das Land; da zappelte 
er vor seinen Füssen. --Da sprach der Engel: „Haue den Fisch 
voneinander, das Herz, die Galle und die Leber behalte dir, 
denn sie sind sehr gut für Arznei." 

Und etliche Stücke vom Fisch brieten sie und nahmen es 
mit auf den Weg; das andere salzten sie ein, dass sie es unter- 
wegs hätten bis sie kämen in die Stadt Rages in Meden. 

Da fragte Tobias den Engel und sprach zu ihm: „Ich bitte 
dich, Azaria (diesen Namen hatte der Engel ihm gegenüber 



VON DR. FRANZ RIKLIN 87 



angenommen), mein Bruder, du wollest mir sagen, was man für 
Arznei machen kann von den Stücken, die du hast heissen 
behalten?" 

Da sprach der Engel: „Wenn du ein Stücklein vom Herzen 
legest auf glühende Kohlen, so vertreibt solcher Rauch allerlei 
böse Gespenster von Mann und Frau, also dass sie nicht 
mehr schaden können. (Tob. VI, 1 — 10.) 

Sie kehren dann bei Raguel ein und der Engel rät Tobias 
um die Hand Raguels einziger Tochter Sara zu werben. Tobias 
zögert, da er weiss, dass schon sieben Männer Saras in der 
Hochzeitsnacht umgekommen sind. Der Engel schreibt ihm nun 
vor, sich ihrer drei Tage zu enthalten und mit ihr zu beten und 
die Fischleber auf glühende Kohlen zu legen, wodurch der Teufel 
vertrieben werde. Tobias wirbt um Sara; es wird eine Ehestifung 
geschrieben und Mahlzeit gehalten; die Brautkammer wird 
zugerichtet, in welche sie die weinende Sara führen und dann 
Tobias. 

Darauf langt dieser aus dem Säcklein ein Stücklein von der 
Leber und legt es auf glühende Kohlen. Und der Engel Raphael 
nahm den Geist gefangen und band ihn in die Wüste ferne in 
Aegypten. 

Um Mitternacht ruft Raguel seine Diener, um ein Grab zu 
machen; denn sie ersorgen, es möchte Tobias gegangen sein, 
wie den andern sieben welche mit ihr vertraut waren. Dann wird 
eine Magd in die Kammer geschickt, um nachzusehen. 

Sie findet aber beide gesund und frisch und schlafend bei 
einander. Das Grab wird vor Tagesanbruch wieder aufgefüllt. — 
Es wird darauf nochmals ein grösseres Fest gefeiert. (Tob. VI, 
VII, VIII.) 

Diese Erzählung wird in der Bibel mit moralischen und 
frommen Sprüchen verbrämt, welche sich an mehreren Stellen 
der Geschichte absolut nicht anpassen wollen. 

Hingegen ist der ganze Märchenaufbau noch sehr durch- 
sichtig; der springende Punkt ist nach meiner Ansicht die Ent- 
zauberung Saras bei der Hochzeit (Befreiung von einem bösen 
Geiste; diese beiden Dinge sind zwar nicht ganz identisch, be- 



88 WUNSCHERFÜLLUNG UND SYMBOLIK IM MÄRCHEN 

zeichnen aber im Grunde das gleiche), welche der junge Tobias, 
nachdem schon sieben Männer das Leben eingebüsst haben, durch 
ein von einem hilfreichen Wesen, hier Engel, angegebenes Zauber- 
mittel erreicht. 

Ohneweiters verständlich als Märchen mit Grausamkeitsmotiv 
sind uns jetzt diejenigen, wo ein wilder Drache, der im benach- 
barten Königreich herrscht, täglich oder jährlich ein Mädchen- 
opfer verlangt. 

Die Auflösung besteht dann entweder darin, dass der Drache 
als Nebenbuhler eines Helden, welcher die Königstochter befreit 
und ihn überwindet, gedacht wird. Statt des Drachen kann auch 
ein anderes grausames, männliches Prinzip eintreten. 

Nikita der Gerber. (Afanassiew, Nr. 30.) 

In der Nähe von Kiew erscheint ein Drache. Er verlangt 
von jedem Anwesen ein schönes Mädchen zum Fressen. Die 
Reihe kommt schliesslich an die Tochter des Zaren. Der Drache 
frisst sie aber nicht; sie ist zu schön. Er schleppt sie in seine 
Höhle und macht sie zu seiner Frau. Durch ein Hündchen, das 
ihr nachgefolgt ist, kann sie Briefe nach Hause schicken, und 
Antwort bekommen, die lautet: „Trachte zu erfahren, wer stärker 
sei als der Drache." Durch Freundlichkeit erreicht sie, dass ihr 
der Drache mitteilt, Nikita der Gerber in Kiew sei stärker als er. 
Nikita wird nun vom Zar bewogen, gegen den Drachen zu ziehen, 
den er überwindet und schliesslich im Meer ertränkt. 

Aus „Die beiden Soldatensöhne Iwan" (Afanassiew, 
Nr. 33). 

Der eine Iwan, der den Scheideweg nach links eingeschlagen 
hat, reitet ohne Rast Tag und Nacht drei Monate lang, da kommt 
er in ein fremdes Land, in welchem Trauer herrscht. In der Haupt- 
stadt erfährt er, dass jeden Tag aus dem Meere ein zwölfköpfiger 
Drache steige und jedesmal einen Menschen fresse. Heute werde 
die älteste der drei schönen Zarentöchter ans Meer geführt, dem 
Drachen zum Frass. Iwan reitet ans Meer. Die schöne Zarewna 
warnt ihn. Er hat aber ungeheure Kräfte. Wie der Drache 
stürmend dem Meere entsteigt, tötet er ihn. Ein Wasserträger 
des Königs findet die Gerettete und bringt sie dem Vater. Er 



VON DR. FRANZ RIKLIN 89 



droht sie unterwegs zu töten, wenn sie nicht sage, er habe sie 
gerettet. 

Ein zweiter Drache verlangt (durch ein an einem Pfeil be- 
festigtes Brieflein, das durchs Fenster in den Saal fliegt, in 
welchem der Zar mit den Fürsten versammelt ist) in gleicher 
Weise die zweite Tochter. Iwan besteht wieder das gleiche Aben- 
teuer. Der Wasserträger verlangt, sie müsse schwören, dem Vater 
zu sagen, was er wolle. 

Dann kommt die Reihe genau in der gleichen Art an die 
jüngste Zarentochter, den Liebling ihres Vaters. Mit Mühe besteht 
Iwan diesen dritten Kampf erfolgreich, und tötet auch den dritten 
Drachen. 

Bevor der Wasserträger mit ihr Hochzeit feiern kann, kommt 
Iwan an den Hof, die Zarewna erkennt ihn und erklärt ihn als- 
den Retter, der sie zur Frau bekommt, während der Wasserträger 
aufgehängt wird. 

Am Schluss des Märchens „IwanZarewitsch undBjely 
Pol jan in" (Afanassiew, Nr. 36) kommt der Held ins dreimal 
neunte Land im dreimal zehnten Reich, wo eine Königstochter 
beim Drachen-Zar lebt. Diesen erschlägt er, befreit die Königs- 
tochter aus der Gefangenschaft und vermählt sich mit ihr. 

Im Märchen „Die zwei Brüder" (Grimm 60) kommt der 
Jäger in eine Stadt, in der grosse Trauer herrscht. Draussen vor 
der Stadt ist ein hoher Berg, darauf wohnt ein Drache, der muss 
alle Jahre eine reine Jungfrau haben, sonst verwüstet er das 
Land. Jetzt ist nur noch des Königs Tochter übrig, die am folgen- 
den Tag geopfert werden soll. Der Held erhält übermenschliche 
Kräfte durch den Trunk aus einem Zauberbecher, tötet den 
Drachen und heiratet die Königstochter. 

Das Motiv der sexuellen Grausamkeit ist in typischer Form 
enthalten in der Geschichte, welche die Märchen von „Tausend 
und eine Nacht" einrahmt. 

Der König schwört (damit keine ihm untreu sein könne), 
dass er jede Nacht eine andere Jungfrau sich erwählen wolle, die 
er dann des Morgens hinrichten lassen werde; denn es gäbe auf 



90 WUNSCHERFÜLLUNG UND SYMBOLIK IM MÄRCHEN 

der ganzen Erde kein tugendhaftes Weib. Jeden Abend verschafft 
ihm der Vezier eine andere Fürstentochter des Landes, die er am 
Morgen töten lässt. Im Lande seufzen Väter und Mütter, und 
schliesslich bleiben keine Mädchen mehr übrig, als die zwei 
Töchter des obersten Veziers selber. Die ältere will zum Sultan 
geführt werden. Durch die spannenden Märchen, die sie ihm 
nächtlicherweile erzählt — tausend und eines — hält sie sein 
Interesse aufrecht, so dass er jedesmal ihre Hinrichtung aufschiebt, 
bis sie ihm fertig erzählt habe. 

Schehersad gebiert in dieser Zeit dem König drei Knaben. 
Sie bittet nun am Schluss ihrer Erzählungen, ihm die Kinder 
vorführen zu dürfen, um deretwillen sie ihn ersucht, sie am 
Leben zu lassen, was ihr gewährt wird. 

In gewisser Beziehung zu den eben erwähnten Märchen steht 
noch „Die kluge Königstochter" (Rittershaus, XL1X). 

Er ist nicht das Motiv sexueller Grausamkeit, sondern der 
Unersättlichkeit, welche indes in den Märchen mit ersterem 
Motiv gewöhnlich mitenthalten ist. 

Ein Kaiser hatte einen sehr gewalttätigen Sohn. Dieser nahm 
die Töchter der Schatzkönige seines Vaters zu sich, schlief drei 
Nächte bei ihnen und sandte sie dann wieder heim. Nicht eine 
konnte seiner Begier entgehen. 

Als einem Schatzkönige nun ein Töchterlein geboren wurde, 
hatte er deswegen grosse Angst. Er streute aus, das Kind sei 
gestorben, und Hess es im Verborgenen aufziehen. Mit zwölf 
Jahren verlangt sie aber einen Turm für sich, wie andere Königs- 
töchter. Der Vater hält sie, da auf diese Weise ihre Existenz be- 
kannt wird, für verloren. 

Der Sohn des Kaisers hat sie auch bemerkt, und will dies 
Jahr persönlich die Steuern bei diesem Schatzkönige einziehen. 
Er ist geblendet von der Schönheit der Tochter, und verlangt 
bei ihr zu schlafen. 

Sie gibt ihm dann einen Schlaftrunk, packt ihn in eine Kiste, 
und schickt diese dem Kaiser. Beim Erwachen ist der Kaisersolm 
wütend und sinnt auf Rache. Sie spielt ihm aber nochmals einen 



VON DR. FRANZ RIKL1N 91 



Streich und sperrt ihn in den Turm, den der Kaiserssohn für sie 
als Gefängnis bestimmt hatte. Man findet ihn festsitzend auf 
einem Stachelstuhl. Die Königstochter erscheint als ägyptischer 
Arzt am Hofe, befreit und heilt ihn. Man vermutet hinter dem 
Arzt die wahre Darstellerin, aber die angestellten Listen, um es 
sicher zu erfahren, versagen. 

Drauf rüsten der Kaiser und sein Sohn einen Rachekrieg 
gegen den Schatzkönig und seine Tochter. Nach einem dem Arzt 
früher gegebenen Versprechen, müssen sie den Kampf sofort ein- 
stellen, wenn der Arzt im Kampf erscheint mit der Friedensfahne. 
Es kommt dann zum Waffenstillstand und zur Hochzeit der 
beiden. 

Beiß. Schmidt (Das Volksleben der Neugriechen, p. 171) 
findet sich noch folgender, uns wegen seines Zusammenhanges 
interessierender Fall aus Pausanias VI., 6, 7—10: 

Ein Gefährte des Odysseus hatte in Temesa Notzucht an 
einem Mädchen begangen und wurde gesteinigt. Er tötete als 
Geist (Vampyr) alles, bis man ihm einen Tempel baute 
und jährlich die schönste Jungfrau opferte. Schliesslich wurde er 
von Enthymos besiegt und entfloh. 

Zum Abschlüsse möchte ich jener hübschen Märchengruppe 
gedenken, in welcher das Motiv der verfolgten Schön- 
heit behandelt wird, ein Motiv, dessen erotische Grundlage sehr 
deutlich ist. Man geht auch kaum fehl, wenn man die Verfolgung 
als sexuelle Konkurrenz auffasst; die Verfolgerin will der Heldin 
Böses tun, um sie am Endzweck, der Vermählung mit einem 
Prinzen, zu verhindern. 

Das Schneewittchen ist wohl das bekannteste Märchen 
dieser Art. 

Rittershaus (XXVIII.) erwähnt einige isländische und 
andere Fassungen des Themas. Bald ist die Stiefmutter, 
bald die eigene Mutter die Verfolgerin.*') Interessant ist, dass 
unter den bösen Zaubermitteln, welche die Verfolgerin der Heldin 



*) Das passt ausgezeichnet zur Theorie, dass die Stiefmutter die eigene 
Mutter als Konkurrentin bedeute. 



92 WUNSCHERFÜLLUNG UND SYMBOLIK IM MÄRCHEN 

gibt (in anderen Fassungen sind es sonst Verwünschungen), zu- 
letzt u. a. ein Gürtel genannt wird, der die Heldin tötet, wenn 
nicht der König von Deutschland kommt und ihn löst, und 
damit die Heldin heiratet, oder wenn nicht gleiches Gold an ihn 
gehalten wird. In diesem Fall ist es der Goldring des Wunsch- 
prinzen, welcher von gleichem Golde ist, wodurch die Heldir 
erlöst und geheiratet wird. 

Apulejus*) hat das Thema von der verfolgten Schönheit 
im Märchen von „Amor und Psyche" in unvergleichlich 
hübscher Sprache behandelt und damit den grössten Künstlern 
Stoff zur Darstellung geboten. 

Es lohnt sich wohl, etwas ausführlicher dabei zu verweilen. 

Ein König und eine Königin hatten drei Töchter von grosser 
Schönheit. Die Jüngste ist aber unvergleichlich schön. 1 **) Sie wird 
verehrt gleich wie die schöne Venus, die Göttin der Liebe.***) 
Psyche findet jedoch nur Bewunderer, aber keinen Gatten und 
ihr deswegen bekümmerter Vater erhält vom Orakel die Antwort: 

.Hoch auf die Felscnspitze des Berges hin stelle die Jungfrau, 

Angetan mit dem Schmuck traurigen Ehegemachs. 

Hoff auf den Eidam nicht, entsprossen aus sterblichem Stamme, 

Sondern aus Drachengeschlecht wird er dir schrecklich erstehen. 

Denn durch die Lüfte beflügelt sich schwingend, verfolget er alle, 

Und mit Flammen und Erz jedem Verderben er bringt; 

Jupiter zittert vor ihm, es fürchten ihn all die Götter, 

Vor ihm graut sich das Meer, selber die stygische Nacht." t) 



*) „Amor und Psyche". Ein Märchen des Apulejus. Aus dem Lateini- 
schen von Reinhold Bachmann, Leipzig, Phil. R e c 1 a m. 

**) Die D r e i z a h 1 hat, wie gewöhnlich im Märchen, den Zweck, die 
Heldin gebührend hervorzuheben, ebenso wie das Märchen oft, manchmal in 
sogar ungeschickterWeise, eine Kontrastfigur zum Helden schafft, die alles ver- 
kehrt oder schlecht macht und der es schlecht geht. 

***} Hier hat Venus, die spätere Schwiegermutter, die Rolle der 
Verfolgerin, gleichwie in anderen Märchen eine Hexe, Riesin oder Stiefmutter. 

f) Dieser Spruch erinnert lebhaft an die Märchen, in welchen der uner- 
sättliche Drache jungfräuliche Opfer fordert. Auch der folgende Trauerzug 
(= Hochzeitszug) zum Berge stimmt damit überein und spricht für die richtige 
Auffassung der Figur des Drachen im Märchen. 



VON DR. FRANZ RIKLIN 93 



Statt zur Hochzeit wird Psyche, dem Orakel gehorchend, im 
Brautschmucke zum Berge hinaufgeleitet. 

Eigentümlicherweise ist sie selber (wie andere Königstöchter 
des Märchens in ähnlicher Sage) weniger betrübt als die Umge- 
bung und drängt selber zur Erfüllung des Orakelgebotes. (Man 
ist versucht, zu sagen: Sie weiss eben, dass es gar nicht übel 
ausfällt!) 

Droben wird die angstvoll zitternde Psyche vom sanft- 
wehen den Zephyr erfasst und in einem Hochtal in den 
Schoss des blühenden Rasens gelegt.*) Beim Erwachen ist 
sie in einem Märchenhain und sieht vor sich ein durch 
göttliche Kunst erbautes Haus (ein Zauberschloss) aus dem 
reichsten und prächtigsten Material. Drinnen alles betrach- 
tend, hört sie dienende Stimmen,**) die sie zur angenehmsten' 
Ruhe und zur köstlichsten Tafel einladen.***) Auch wird ihr 
nachher die schönste Musik gesungen. Abends legt sie sich 
zur Ruhe; von einem sanften Tone erschreckt, zittert sie, 
sich vor etwas Unbestimmten fürchtend. Aber schon ist 
ein unbekannter Gemahl da, der sich mit Psyche vermählt, 
vor der Morgendämmerung, indessen wieder davoneilt, f) Er 
warnt sie später vor ihren Schwestern, die sie besuchen und 
ihr das Geheimnis ihrer Vermählung mit einem Gotte ent- 



*) Damit tritt Psyche in die Zaubersphäre. Dieser Moment entspricht dem 
Eintreten des Zaubernebels, im isländischen Märchen, dem Verirren im Walde, 
im deutschen etc. Zephyr entspricht gleichzeitig, was im Märchen noch mehr- 
mals dargetan wird, dem Flugmantel oder ähnlichen anderen wunschhaften Be- 
förderungsmitteln im Luftmeer. Schade, dass wir heutzutage mit unseren unvoll- 
kommenen Luftballons nicht auch so weit sind. 

Hier beginnt nun die Produktion eines Wunschgebildes, das die vorher- 
gehende, wenig angenehme Lage Psyches verschönt. Warum gleicht es so 
auffallend einem Traum und den Wunschphantasien eines Irren? 

**) Wie geisteskrank sich das ausnimmt. 

***l Ein „Tischlein deck dich." 

f) Es wurde schon erwähnt, dass Geisteskranke ganz identische nächt- 
liche Umarmungen eines unsichtbaren Gemahls erleben. 



94 WUNSCHERFÜLLUNG UND SYMBOLIK IM MÄRCHEN 

reissen wollen.*) Leider ohne nachhaltigen Erfolg. Die neidi- 
schen Schwestern, welche vom gleichen Zephyr sich ins Zauber- 
gefilde tragen lassen, beschwatzen sie, dass sie schliesslich nachts 
den göttlichen Gemahl mit einer Lampe versehen beschaut, wo- 
bei sie ihn durch heisse Oeltropfen, welche sie aus Versehen auf 
ihn fallen lässt, weckt. 

Sie halten ihr vor, wie ihr Gemahl vielleicht, wie das Orakel 
verkünde, ein scheusslicher Drache sei, der sie noch verschlinge. 
— Amor aber entflieht ihr.**) Psyche rächt sich an ihren Schwestern 
dadurch, dass sie ihnen mitteilt, dass Amor ihr Geliebter sei 
und angibt, wegen der Preisgabe des Geheimnisses sei er ihr 
entflohen, wolle aber dafür je um die betreffende Schwester 
freien. Diese gehen jede eilig zum Berge, stürzen sich ohne die 
Hilfe des Zephyrs in die Luft hinab und werden aufs elendeste 
zerschmettert. 

Psyche wandert voll Mühsal durch alle Länder, um Amor zu 
suchen, während Venus, die zudem das Abenteuer Amors erfährt, 
in erneutem Zorne der Nebenbuhlerin nachforscht, um sie zu 
strafen. 

Schliesslich stellt sich Psyche selbst der zürnenden Göttin 
wird natürlich schlecht behandelt und muss drei schwere Auf- 
gaben erfüllen.***) Zuerst muss sie, ähnlich wie Aschenputtel, 
Samenkörner verschiedener Art aus einem Haufen scheiden. Hilf- 
reiche Ameisen verrichten schnell die Aufgabe. Venus glaubt, 



*) Diese mystische Vermählung mit dem Göttlichen als einem höheren 
Wesen kommt als psychisches, sexuelles Wunschgebilde immer wieder vor, Die 
christliche Mystik hat wunderbare Fälle dieser Art erzeugt. Das Bild Correggios 
„Mariage mystique de S. Catherine" im Louvre hat ein solches Erlebnis in ent- 
zückender Lieblichkeit dargestellt. Anderseits fällt mir als komisches Pendant 
ein ähnliches halluzinatorisches Erlebnis einer Kranken ein, deren geliebter Herr- 
gott karrierte Hosen trug! Diese Hosen führten in verräterischer Weise auf die 
Spur des Jünglings, welcher im Wunschgebilde der Kranken zum Gotte ge- 
worden war. 

**) Diesem Motiv sind wir schon in verschiedenen Märchen begegnet. 

***! Schwierigkeiten, die der Erreichung des Zieles entgegenstehen. — 
Vergl. früher. 



VON DR. FRANZ RIKLIN 95 



Amor habe geholfen und trägt ihr auf, eine Flocke des goldenen 
Vliesses zu bringen. Psyche, die mehrmals ihrem Dasein ein 
Ende machen will, wird von der Nymphe Arundo belehrt, wie sie 
diese Aufgabe lösen kann. Zum dritten soll sie ihr Wasser aus 
der von Drachen bewachten Quelle bringen, welche die stygischen 
Sümpfe und die Gewässer des Cocytus nähren. Jupiters Adler 
hilft ihr diesmal. 

Schliesslich will Venus eine Büchse voll von der Schönheit 
der Proserpina. Wie sich Psyche verzweifelt von einem Turme 
stürzen will, gibt dieser eine tröstende und ratende Stimme von 
sich,*) welche ihr mitteilt, auf welche Weise sie diese schwierigste 
Aufgabe und den Gang in die Unterwelt gefahrlos ausführen 
kann. Fast hätte sie, aus Neugierde die gefüllte Büchse öffnend, 
um selbst ein wenig von dieser unterirdischen Schönheit zu 
nehmen, ihr Leben verwirkt, indem sie von dem der Büchse ent- 
strömenden Schlaf betäubt wurde. Der genesende Amor, der 
mütterlichen Gefangenschaft entschlüpfend, kommt zu Hilfe und 
steckt den der Büchse entwichenen Schlaf wieder in diese hinein, 
Psyche bringt darauf jener das Geschenk der Proserpina. Amor 
— statt wie in anderen Märchen als Held die Verfolgerin zu 
überwinden — geht nun zu Zeus, um von ihm als sein Liebling 
die Lösung der Schwierigkeiten zu erwirken. 

Zeus hält ihm zwar bezeichnender Weise vor, Amor habe 
sein Herz verschiedentlich durch Stiche verwundet und durch 
irdische Leidenschaften befleckt, und der öffentlichen Sitte zum 
Trotz durch hässliche Liebesgeschichten seinem Ruf und Ansehen 
geschadet, indem er ihn veranlasst habe, sich in Schlangen 
und Flammen, in einen Stier und einen Schwan zu 
verwa n del n.**) Aber er verspricht ihm, doch zu helfen; die 
irdische Psyche erhält den Nektar der Unsterblichkeit***) und 
wird mit dem göttlichen Amor für ewig verbunden. 



*) Aehnlichkeit mit einer teleologischen Halluzination. 
**) Welch schöne Sammlung von mannlichen Sexualsymbolen! Apulejus 
scheint es gewusst zu haben I 

***) Vergl. die Früchte vom Baume des Lebens. 



96 WUNSCHERFÜLLUNG UND SYMBOLIK IM MÄRCHEN 

Der Verfasser schliesst diese Studie ab in dem Gefühl grosser 
Unvollständigkeit. Leider hat er nur sehr wenig aus dem reichen 
Märchenschatze erobert — vielleicht doch mehr, als bisher aus 
diesen schönen Dichtungen geschöpft wurde, dank den Freud- 
schen psychologischen Entdeckungen. Es bleibt noch gar vieles 
übrig, viel feines Material, das der etwas groben Arbeit entgangen 
ist. Zusammengehalten mit den Resultaten der Traumforschung 
und Psychoanalyse indessen sind die Ergebnisse insofern von 
Bedeutung, als man ihnen kaum wird nachsagen können, sie 
seien in den Stoff hineingebildet worden. Das Material scheint 
doch für sich selber zu sprechen und unseren Anschauungen 
Recht zu geben. Auch scheint mir damit ein weiterer Schritt getan 
zu sein auf dem Wege der vergleichenden Psychologie. 




▲.