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Full text of "Zentralblatt für Psychoanalyse. Medizinische Monatsschrift für Seelenkunde III. Jahrgang 1913 Heft 10/11"

Originalarbeiten. 



i. 

Über die Behandlung des Stotterns. 

Von Dr. Emil Fröscheis, 

gew. Assistenten der Universitäts-Ohrenklinik jind Arzt für Logopädie in Wien. 

Obwohl mich zu dem folgenden Aufsatze hauptsächlich die ver- 
schiedenen Ansichten der einzelnen Forscher über die bei der Stotter- 
therapie einzuschlagenden Wege veranlassten, so kann ich mir doch 
nicht ersparen, auch die Symptomatologie und Ätiologie des Übels zu 
besprechen. Denn erstens sind die Kenntnise dieser beiden Faktoren noch 
sehr wenig verbreitet und zweitens werden wir bei unserem therapeuti- 
schen Ansichten immer wieder auf einzelne symptomatologische und ätio- 
logische Details hinweisen müssen. 

Wir unterscheiden körperliche, nervöse und psychische 
Symptome des Leidens. Wenn ich nunmehr mit der Beschreibung der 
körperlichen Symptome, welche, wie vorausgeschickt sei, wohl 
ausschliesslich funktioneller Natur sind, beginne, so bin 
ich mir dessen bewusst, dass ich mich später werde bemühen müssen, die 
psychischen Grundlagen dieser Funktionsstörungen zu erklären. Denn 
solange ein Individuum lebt, ist jede körperliche Funktion gleichzeitig 
eine seelische und jede Beschreibung und Erklärung wird solange nicht 
erschöpfend sein, als sie nicht beiden Komponenten gerecht wird. Patho- 
logische organische Erscheinungen bei Stotterern muss 
ich nach meiner Erfahrung lediglich als nebensächlich 
bezeichnen. Def Ansicht von K 1 e n c k e , dass das Stottern auf skrofu- 
löser Basis entstehe, kann absolut nicht beigepflichtet werden. Seine 
Theorie ist schon deshalb anzuzweifeln, weil er dem damaligen Stande 
der Wissenschaft gemäss die Skrofulöse aus allen möglichen Symptomen 
diagnostizierte; eine blasse Hautfarbe, eine enge Brust, ja selbst eine 
unausgiebige Atmung führte er auf das Leiden zurück. Doch wäre seine 
Anschauung über das Wesen des Stotterns mit diesen Differenzen zwischen 
der alten und neuen medizinischen Auffassung und Terminologie allein 
nicht widerlegt. Hingegen muss mit aller Entschiedenheit betont werden, 
dass sich unter den Stotterern kein geringer Prozentsatz organisch Ge- 
sunder findet wie überhaupt unter den Menschen. Wer Klenckes Bücher 
gelesen hat, wird sich darüber wundern, wie der glänzende psychologische 

Zentralblatt für Pgyehonnmly««. III T. 32 

INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




470 Dr- Emil Fröschels, 

Blick dieses Meisters trotz des grundlegenden Irrtums zu gewissen An- 
schauungen gelangte, zu welchen erst die modernsten Stottertherapeuten 
von einem viel rationelleren Standpunkt aus kamen. Wir werden darauf 
noch später näher eingehen. Coen's Vermutung, dem Stotterer hege 
eine anatomisch nicht konstatierbare Erkrankung des verlängerten Markes 
zugrunde, kann nicht zugestimmt werden. Es widerspricht unserem 
heutigen neurologischen Denken, dass eine Erkrankung einer so tiefen 
Nervenbahn sich lediglich in einer Funktion gewisser Muskelgruppen geltend 
macht, welchen ihren anderen Aufgaben (Ruheatmung, Kauen, Schlucken, 
Pfeifen etc.) so gut nachkommen. Berkhan stellte die Lehre auf, das. 
Stottern hänge mit gewissen Deformitäten der Kiefer und des Gaumens 
zusammen. Die genaue Untersuchung von vielen hunderten Patienten hat 
ergeben, dass auch diese somatische Theorie nicht zu Recht besteht. 
Gutzmann's Hinweis auf das häufige Vorkommen eines chronischen 
Schnupfens bei Stotterern könnte geeignet sein, die Meinung zu. erwecken, 
dass sich diese Erscheinungen bei Stotterern häufiger fänden als sonst, was 
jedoch nicht der Fall ist. Vor einiger Zeit hat Maas darauf hingewiesen, 
dass sich ,bei Stotterern in einem bedeutend höheren Prozentsatz wie 
bei Normalen Zungendeviationen finden. Er zog daraus den Schluss, 
dass in einer ziemlich grossen Zahl der Fälle lokalisierbare Prozesse 
im Zentralnervensystem den Grund" für den Sprachfehler abgeben. Ich 
kann die Maas'schen Befunde an dem von mir daraufhin untersuchten 
Patienten keineswegs bestätigen. Wir fanden nur in ganz vereinzelten 
Fällen Abweichungen der Zunge und zwar übersteigt der daraus berechnete 
Prozentsatz den bei normal Sprechenden, welchen Maas selbst angibt, 
nicht. Wir werden an anderer Stelle Gelegenheit nehmen, auf die M a a s - 
sehe Arbeit näher einzugehen. Man darf das Gebiet der somatischen Hypo- 
thesen nicht verlassen, ohne darauf hinzuweisen, dass sich Stottern 
manchmal im Anschluss an Aphasien entwickelt. Derartige Fälle 
haben Cornil, Abadie, Pick und ich selbst beschrieben. Doch ^ist 
auch bei diesen Patienten keineswegs bewiesen, dass das Stottern die direkte 
Folge der Läsionen im Zentralnervensystem sei und es ist sehr wohl mög- 
lich, dass der Sprachfehler «nur die Folge jener Verwirrung ist, welchen 
die Herde im Ablaufe des gedanklich-sprachlichen Prozesses anrichten. 
Die am meisten in die Augen springenden Symptome des Stotterns 
sind die abnormen Bewegungen in den Sprachmuskeln und 
auch am übrigen Körper während des Sprech aktes. Es 
sei gleich hier betont, dass all diese Störungen ledig- 
lich an den Sprechakt gebunden sind. Wir wollen der Reihe 
nach die drei peripheren Funktionen der Sprache beschreiben, näm- 
lich Atmung, Stimme und Artikulation. Während die physio- 
logische Sprecheinatmung durch den Mund erfolgt, findet man bei den 
Stotterern sehr häufig inspiratorische Luftschwankungen in der 
Nasenhöhle. Auch bei der Sprech ausatmung zeigen sich in diesem 
Organ Abweichungen von der Norm. Leitet man bei einem gesunden' 
Menschen einen Schlauch von einem Nasenloch zu einer Marey'schen 
Kapsel, so sieht man, dass der Schreibhebel nur dann ausschlägt, wenn 
ein Nasenlaut (m, n, ng) gesprochen wird, während die Nasenluft sonst 
keine Ausströmungsbewegungen macht. Ganz anders ist dies beim Stot- 
terer, bei welchem dieses Registrierungsverfahren fast immerwährende 
Schwankungen der Nasenluft ergibt. Die Erklärung für dieses Symptom 



Über die Behandlung dea Stotterns. 471. 

liegt einerseits darin, dass das Gaumensegel, welches ja bei allen Nicht- 
nasenlauten die Mundhöhle von der Nasenhöhle abschliessen soll, diesen 
Abschluss beim Stotterer nicht immer bewerkstelligt oder mit anderen 
Worten, dass Luft in die Nase getrieben wird; teilweise sind es viel- 
leicht starke Muskelzuckungen im Gaumensegel, welche diese Luftstösse 
verursachen. Will man die anderen Abnormitäten der Atmung mit einem 
Worte charakterisieren, so könnte man von Vergeudung sprechen. 
Ganz kolossale Quantitäten von Luft strömen aus, ehe ein Laut von 
endet ist. Pneumographisch dokumentiert sich das in einem rapiden Ab- 
sinken des Expirationsschenkels. Ferner sieht man am Pneumogramm 
häufige starke Einatmungsbewegungen, ohne dass der Ausatmungsschenkel 
vorher zum Nullpunkt zurückgekehrt wäre. Es wird also neue Luft einge- 
atmet, ehe die alte ausgenutzt wurde. Ausserdem findet man, dass oft eine 
Inkongruenz zwischen der Bauch- und Brustatmung besteht. Die Brust sinkt 
z. B. zusammen, während die Bauchdecken ruhig hegen, was, wie bekannt, 
auf einen momentanen Stillstand des Zwerchfelles deutet. So ergibt die 
Pneumographie bei Stotterern die sehenswertesten Kurven. Hat man eine 
solche in der Hand, so könnte man durch das imponierende Bild leicht 
verleitet werden, zu glauben, hier und nirgends anders müsse der Kern 
des Übels liegen. Doch verhält sich dies, wie aus späteren Erörterungen 
hervorgehen wird, keineswegs so. Es sei darauf hingewiesen, dass die 
\tmung welche allerdings zeitlich die primäre Komponente in der peri- 
pheren Sprachfunktion ist, doch schliesslich ganz in den Dienst der beiden 
anderen Komponenten (Stimme und Artikulation) getreten ist. 

Man kann die Bewegungsstörungen, welche man während der Atmung 
von Brust und Bauch beobachten kann, tonisch und klonisch nennen, 
je nachdem, ob ein momentaner- Stillstand oder ein wiederholtes Zucken 
der Muskulatur vorliegt. Mit den Atemstörungen in engem Zusammenhang 
sind eigenartige Bewegungen der Nasenflügel, nämlich kurze 
Aufblähungen, welche nicht nur an deutliche Stotteranfälle gebunden sind, 
sondern auch auftreten, wenn der Patient wenigstens scheinbar ohne 
pathologische Hemmung spricht. Während ich mich früher bemühte, dieses 
Symptom mechanisch zu erklären, bin ich jetzt der Überzeugung, dass 
es sich um einen nervösen reflektorischen Vorgang handelt, der, wie 
St ekel wohl mit Recht meint, identisch ist mit jenem Lufthunger, der 
mit allen Angstanfällen verbunden zu sein pflegt. 

Auch die Erscheinungen im Stimmorgan zeigen tonischen 
oder klonischen Charakter. Während nämlich die Stimmgebung bei 
normalen Menschen so von sich geht, dass die Stimmbänder aus bestimm- 
ten Stellungen, welche man Einsatz nennt, direkt in die Phonations- 
stellung übergehen und sich dann sofort der Bildung des nächsten Lautes 
anpassen, kann der Stotterer während des Anfalles entweder den Einsatz 
oder die Phonationsstellung nicht verlassen; es kommt auch vor, das3 
er einen falschen Einsatz gebraucht. Es gibt drei Einsatzformen: 
den gehauchten, den weichen und den harten. Der erste kommt so 
zustande, dass die Stimmbänder sich in der Hauchstellung (grosse, drei- 
eckige Öffnung der Glottis) befinden. Streicht die Luft durch, so entsteht 
ein H. Der weiche Einsatz ist das sofortige Einnehmen der Vokalstellung' 
(zarter Spalt). Beim harten Einsatz legen sich die Stimmbänder fest an- 
einander; die Luft wird in der Trachea gestaut, woraus sich zu Beginn des 

32* 



472 Dr. Emil Fröscheis, 

Tones ein leichtes Explosionsgeräusch ergibt. Der Stotterer gebraucht 
nun während des Anfalles entweder den gehauchten Einsatz, was einer 
Luftverschwendung gleichkommt oder er macht einen übertrieben starken 
harten Einsatz, d. h., er kann den Vokal nicht rechtzeitig beginnen. 
Die Vokalstellung selbst kann endlich manchmal nicht verlassen werden, 
was zur Vokalwiedcrholung führt. Wollte man diese Akjiomäne gra- 
phisch darstellen, so wäre dies folgendermassen ; ha, d n und aaaaa. In 
diesem Abschnitte ist auch das Flüstern zu envähnen, dessen sich 
Stotterer oft bedienen. Darauf wird später noch eingegangen werden. Eine 
merkwürdige Erscheinung ist endlich, dass manche Stotterer inspiratorisch 
Vokale sprechen. 

An den Artikulationsorganen können wir wieder toni- 
sche und klonische Bewegungsstörungen finden. Es kann die Sprech- 
luft entweder über die Artikulationsstellung der Sprachwerkzeuge nicht 
hinauskommen, wodurch überhaupt durch längere Zeit kein Laut ent- 
sieht oder die Sprachwerkzeuge kehren wiederholt in dieselbe Artiku- 
lationsstellung zurück, was zu Lautwiederholungen führt. Wenn jemand 
z. B. bei einem B stottert, so geschieht dies entweder so, dass die Lippen, 
welche phvsiologischerweise bei dem Laut einander nur leicht berühren, 
um sich dann teils aktiv, teils durch die Kraft der im Munde gestauten 
Luft voneinander zu entfernen, mit solcher Kraft aufeinander gedrückt 
werden, dass auch die Lösung des Verschlusses nur mit Anstrengung 
erfolgen kann; oder es werden hintereinander mehrere B gesprochen, 
bevor der nächste Laut zustande kommt. Bei den weichen Explosivlauten 
wird häufiger gestottert als bei den harten. Coen's Behauptung, dass 
das Gegenteil der Fall sei, hat Gutzmann widerlegt und ich kann mich 
der Ansicht dieses Forschers anschliessen. Als Grund dafür nehme ich 
mit Gutzmann an, dass die Mediä (weiche Laute), da sie zum Unter- 
schied zu den .Tenues (harte Laute) Stimme, das ist Vibration der Stimm- 
bänder, enthalten, einen komplizierten Sprachvorgang vorstellen. 

Hervorzuheben ist, dass ich bei den 12 beginnenden Stot- 
terern, welche ich zu untersuchen Gelegenheit hatte, immer nur 
die klonische Form der Sprachstörung, sowohl was den 
Kehlkopf als auch was die Artikulationsnmskeln betrifft, finden konnte. 
Insolange nicht weitere Beobachtungen ein Abweichen von dieser Regel 
ergeben sollten, muss ich annehmen, dass das tonische Stottern 
erst in einem späteren Stadium des Leidens auftritt. 
Darauf werden wir später noch zurückkommen. 

Ausser den bisher besprochenen Bewegungsstörungen in den Arti- 
kulationsmuskeln finden wir noch bei jedem fortgeschritteneren Fall in 
denselben Muskelgebieten pathologische Bewegungen, welche nicht zum 
eigentlichen Sprechakt zu gehören scheinen. Es sind das sog. Mitbe- 
wegungen. So streckt ein Stotterer die Zunge während des Anfalles 
aus dem Munde, ein anderer stülpt die Lippen rüsselförmig vor, ein dritter 
beisst mit den Zähnen die Zunge. Wohl in dieselbe Kategorie gehören 
auch eigenartige Bewegungen im übrigen Körper, welche bei bestehenden 
Lautschwierigkeiten auftreten. Der eine stampft mit dem Fuss auf den 
Boden, der andere senkt, das Kinn auf die Brust, ein anderer wieder 
schüttelt den ganzen Körper oder hüpft im Zimmer umher. Es gibt 
keinen Fall von ausgebildetem Stottern, bei welchem 



Über die Behandlung des Stotterns. 473 

diese sog. Mitbewegungen fehlen würden, währe nd sie 
heim beginnenden Stottern nicht zu beobachten sind. 
Von all den pathologischen Bewegungen der Atmungsmuskeln, des Kehl- 
kopfes der Artikulationswerkzeuge und des übrigen Körpers (es gibt keinen 
der willkürlichen Bewegung fähigen Muskel, der nicht bei diesem oder 
ienem Stotterer an dem Symptomenkomplex beteiligt wäre) behauptet 
nun der um die Sprachheilkunde hochverdiente Berliner Spracharzt Prof. 
Herr mann Gutzmann im Anschluss an den berühmten Kliniker 
Kussmaul sie wären vom Willen völlig unabhängige 
Krämpfe oder Spasmen. Liebmann glaubt, dass die ursprung- 
lichen Bewegungsstörungen unwillkürlich, die Mitbewegungen aber will- 
kürlich entstanden seien. Eine genaue Analyse hat mich zu einer völlig 

anderen Ansicht gedrängt. . 

Betrachtet man nämlich die Mitbewegungen in den eigent- 
lichen Sprachwerkzeugen genauer, so fällt auf dass sie häufig Laut- 
charakter haben. Wenn z. B. für Dame üDame, für Gabel nGabe, 
für Wasser sWasser gesprochen wird, so liegen solche lautartige Mit- 
beweeungen vor. Alle unsere Mundbewegungen aber sind geeignet, Laute 
zu werden, wenn gleichzeitig Luft mit genügender Stärke ausgeatmet 
wird Ob das gebräuchliche oder neue Laute sind, ist für die vorliegende 
Fräße Gleichgültig, denn es soll lediglich bewiesen werden, dass zwischen 
den Mitbewegungen von Lautcharakter und denen ohne Lautcharak er in 
den Sprechmuskeln kein prinzipieller Untersch.ed besteht. Nun findet 
man beim Stottern noch eine eigenartige Erscheinung die Embolo- 
o haste Das sind Flickworte, die nicht dem auszusprechenden Gedanken 
angehören Sie werden nur gebraucht, wenn Sprachschwierigkeiten auf- 
treten Da dies am Anfang eines Satzes häufiger der Fall ist, so bekommt 
man die embolischen Worte zu Beginn des Satzes häufiger zu hören; 
doch sind sie auch mitten im Satze keine Seltenheit. Beispielsweise 
sagte einer meiner Patienten: „Und weil ich und asscnt.ert worden bin und 
möcht ich den Herrn Docktor also fragen ob alsdann eine aHilf alsdann für 
meinen also Sprachfehler war." Man wird zugeben müssen, dass auch 
die embolischen Worte nichts anderes sind, als Mitbewegungen mit Lau - 
Charakter Wenn sich nun für diese die Krampftheorie kaum mehr aul- 
rechter halten lässt, so ist die Unwillkürlichkeit wenn auch unwahrscheinlich, 
so doch nicht absolut ■ auszuschließen. Wenn man jedoch erfahrt, dass 
manche Patienten im Larvieren dieser- embolischen Worte so geschickt 
sind dass nur der Erfahrene sie überhaupt noch findet, so wird die Un- 
willkürlichkeit wohl mehr als fraglich. Ich bin der Ansicht, dass es sich 
um willkürliche Aktionen handelt und komme unter Berücksichtigung der 
früher ausgeführten prinzipiellen Übereinstimmung zwischen den emboh- 
SChen Worten und den sog. Mitbewegungen in den Sprechwerkzeugen zu 
dem Schlüsse, dass auch diese ihren Ursprung in der Willkür haben. 
Dasselbe muss nun folgerichtig für die Mitbewegungen im übrige., Korper 
auMenommen werden. Nun wäre es notwendig, von einer einheitlichen 
Deutung des gesamten Symptomenkomplexes beim Stottern abzusehen, 
wenn man die die auszusprechenden Laute selbst begleitenden Bewegungs- 
störungen, also das, was der Laie unter Stottern versteht als unwill- 
kürliche Krämpfe deuten wollte. Doch liegt dafür kein Grund vor Nicht 
nur dass auch die Ku ss maul-G u tz m ann'sche schule infolge der 
innigen Vereinigung von „eigentlichen Sprachkrämpfen" und „Mitbewe- 



474 Dr. Emil Fröschelu, 

gungen" sich veranlasst sah, nach einer einheitlichen Deutung für beide 
Erscheinungen zu suchen, auch die direkte Beobachtung macht es uns 
unmöglich, diesen Unitarismus zu verlassen. Verfolgt man nämlich die 
Bewegungen der Sprachmuskeln eines Patienten während eines Anfalles, 
so wird man finden, d.tss es unmöglich ist, in vielen Fällen diese beiden. 
Bewegungsstörungen auseinanderzuhalten. Spricht z. B ein Stotterer ein 
D so, dass er die Zunge erst zwischen die Zähne bringt, so wird es sich 
wohl kaum entscheiden lassen, was davon „Sprachkrampf" und was „Mit- 
bewegung" war. Verhält er sich ebenso bei einem Lippenlaute, z. B. P, 
so wird die „Mitbewegung" klar zutage liegen. Wo ist aber der Unter- 
schied zwischen beiden Fällen?! Der sog. Sprachkrampf ist eine sog. 
Mitbewegung und die sog. Mitbewegung ist ein sog. Sprachkrampf. Daraus 
drängt sich der Schluss auf, dass auch die „Sprach- 
krämpfe" ebenso willkürlich entstanden sind. 

Unsere Konklusionen zwingen uns, eine andere Nomenklatur zu wählen. 
Statt tonischer und klonischer Krämpfe wollen wir von tonischen und 
klonischen Bewegungsstörungen sprechen und wollen sie alle nicht mehr 
als simple Bewegungen, sondern als Handlungen ansehen. Gleich jetzt 
sei betont, dass ich für diese, auf willkürlicher Basis entstandenen Be- 
wegungsstörungen die Möglichkeit der allmählichen Automatisierung ebenso- 
zugebe, wie das bei allen anderen willkürlichen Bewegungen durch fleissiges 
Oben zutreffen kann. 

Alle Autoren stimmen darin überein, dass sich die pathologischen Be- 
wegungserscheinungen keineswegs immer in denselben Muskelgruppen 
zeigen, sondern im Laufe der Zeit einmal da und einmal dort auftreten. 
Das bezieht sich nicht nur auf die „Sprachkrämpfe", sondern auch auf 
die „Mitbewegungen". Ein Stotterer, welcher jetzt z. B. beim B und P 
stottert, kann vielleicht nach einem halben Jahr das G und K nicht nor- 
mal sprechen, .während ihm das B und P jetzt keine Schwierigkeiten be- 
reitet. Bei einem anderen verschwinden die Schwierigkeiten bei B und P 
nicht und es treten ausserdem noch bei anderen Lauten die Sprachhem- 
mungen auf. 

Nicht anders verhält es sich, wie erwähnt, mit den „Mitbewegungen". 
Ein Patient, welcher jetzt beim Auftreten von Sprechschwierigkeiten ein 
Auge schliesst, stampft z. B. nach einiger Zeit statt dessen mit einem Fusse 
auf den Boden. 

Wenn man annimmt, dass die „Mitbewegungen" vom Willen unab- 
hängige Krämpfe seien, so muss man sich bemühen, für diese bei keinem 
seit längerer Zeit bestehenden Stottern fehlende Erscheinung eine Erklärung 
zu finden und zwar sowohl für das Auftreten 'der neuen, als auch für das 
Verschwinden der alten Bewegungsanomalien. Bis jetzt ist das 
nicht gelungen. Von meinem Standpunkte aus ist die Erklärung unschwer 
zu finden; da sie jedoch hauptsächlich in dem psychischem Verhalten 
der Stotterer liegt, so wird sie erst bei Besprechung der psychischen Er- 
scheinungen gegeben werden. 

Ehe wir den Grund für das Auftreten der Bewegungsstörungen an- 
geben können, müssen wir einiges über die Ätiologie des Übels erläutern: 

Wir haben schon früher- erwähnt, dass der beginnende Stotterer ledig- 
lich die klonischen Bewegungsstörungen aufweist. Zwei Fälle, welche 
dasselbe beweisen, finde ich in der Broschüre Berghan s' „Über die 



Über die Behandlung des Stottern». 475 

Störungen der Sprache" angeführt. Auch Hoepfner, mit dessen inter- 
essanter Arbeit über „Stottern als assoziative Aphasie" wir uns noch 
genauer beschäftigen werden, baut seine Theorie auf dieselbe Beobachtung 
auf Nun sind die Fragen zu beantworten: 1. Auf welchem zentralen 
Vorgang ist dieses klonische Stottern zurückzuführen? 2. Muss die kloni- 
sche Form der gestörten Sprache unbedingt mit der tonischen gepaart 
sein? 3. Welches ist die psychische und welches die mechanische Ent- 
stehungsarl der tonischen Form? 

Von den meisten Forschern wird angenommen, dass das Stottern 
in der Regel in der ersten Zeit der Sprachentwicklung oder zu Beginn 
der Schulpflicht entsteht. Es sollen später auch die anderen selteneren 
Entstehunesarten besprochen werden, vorläufig sei aber lediglich die eben 
angegebene berücksichtigt, welcher, da sie mit der Sprachentwicklung 
zusammenhängt, das ganze Leiden den Namen „En twi cklungs- 
stottem" verdankt. Als erste Ursache dieser Sprachstörung wird ein 
Missverhältnis zwischen der Denkarbeit und der Fähigkeit, die Gedanken 
auszusprechen, angenommen. Da es dem Arzt in der Regel nicht möglich 
ist das Stottern gleich zu Beginn zu beobachten, es also zu den Selten- 
heiten gehört, Einblick in die ersten Anfänge und ihre Entstehungsart 
zu gewinnen, so will ich hier neuerdings eine Krankengeschichte anfuhren, 
welche ich schon anderwärts veröffentlicht habe. Es handelt sich in 
diesem Falle nicht um den Beginn, sondern um den Wiederbeginn vom 
Stottern, doch ist kein Grund vorhanden, einen verschiedenen Mechammus 
bei dem ersten Anfang des Übels anzunehmen. 

Einmal wurde mir ein 4 jähriger Knabe von seinem Vater vorgestellt, 
weil er seit etwa einem Jahre stottere und zwar in letzter Zeit besonders 
heftig Der Kleine war das einzige Kind und körperlich vollkommen 
eesund Doch zeigte er eine so hochgradige Unruhe, dass ich während 
der ganzen Ordination mit ihm geradezu ringen musste. Er stiess mich mit 
den Beinen obwohl er keinerlei Angst vor mir hatte, kletterte auf meinen 
Schreibtisch, arbeitete unausgesetzt mit seinen Händen an allen mög- 
lichen Gegenständen, schrie und lachte, kurz, er machte einen geistes- 
gestörten Eindruck. Mir war es jedoch sofort klar dass ein gut Teil 
davon die Folge schlechter Erziehung sei. Seine Sprache war sehr fehler- 
haft Er stotterte heftig und zwar sowohl klonisch als auch Ionisch. 
Mitbewegungen konnten keine beobachtet werden. Sehr merkwürdig war 
sein Gedankengang. Fragte ich ihn z B., wo er gestern war so fing 
er an eine unwahre Geschichte zu erzählen, wobei die phantastischeste« 
Ideen zutage traten, wie, dass er von der Feuerwehr überfahren worden 
sei dass er ein Auto gelenkt habe usw. Dabei war deutlich zu erkennen, 
dass ihm in seinen Lügen häufig die Gedanken ausgingen, wobei er in 
die Luft sah, seinen Redestrom jedoch nicht unterbrach, sondern es vor- 
zog die letzte Silbe, welche ihm einfiel, solange zu wiederholen bis die 
Fortsetzung in seinem Kopfe entstanden (war. Manchmal presste er in 
solchen Momenten heftig mit den Artikulationsmuskeln. Ich vermutete 
sofort dass auch von dieser phantastischen Denkart viel auf die Er- 
ziehung entfalle und fand eine Bestätigung darin, dass der \ater den 
Knaben immer von neuem aufforderte, mir eine Geschichte zu erzählen. 
In vielen Häusern ist es leider gebräuchlich, die Kinder immer zu geistigen 
Produktionen anzuspornen; diese Kleinen müssen nicht nur, sobald ein 



476 Dr. Emil Fröscbols, 

Besuch ins Haus tritt, die Unterhaltung bestreiten sondern auch den Eiter« 
immer neue „Wunder an Verstand" zum besten geben. Man ist genügend 
unvernünftig, die Geistesblitze der Kinder in ihrer Gegenwart zu loben und 
so ihren Ehrgeiz ins Masslose zu steigern. Die Erfahrungswelt des Kindes 
ist aber noch klein und so beginnt es zu phantasieren, um nur ja immer 
Neues zu liefern und neuen Beifall zu ernten. Nach wenigen Jahren stehen 
dann die Eltern entsetzt vor ihrem Sprössling, der bei allen Zeichen der 
Nervosität und der Empfindlichkeit noch lügt und vielleicht auch — 
stottert. Denn es ist klar, dass zu einer Zeit, in welcher die äussere 
Sprache noch so wenig geübt ist, eine immerwährende Inanspruchnahme 
der Aufmerksamkeit zur Erfindung von Gedanken die äussere Sprache 
schädigt. Dann muss es dazu kommen, dass das Kind für seinen Rede- 
drang nicht die nötigen Gedanken hat, was zu Silben- oder Wortwieder- 
holungen .führen kann. Dieselbe äussere Erscheinung wird eintreten, wenn 
die Gedanken dem Sprechen schon soweit voraus sind, dass der Anschluss 
an das eben Ausgesprochene fehlt. Rechnet man dann noch die nervöse 
Veranlagung hinzu, so kann man sich sehr wohl vorstellen, dass so. 
ein Kind seine für ihn scheinbar motorische Sprachhemmung durch An- 
strengung zu überwinden trachtet, dass es presst und ,, Mitbewegungen" 
ausführt, anstatt — was man aber von dieser Altersklasse als spontane 
Einsicht noch nicht verlangen kann — zu versuchen, Denken und Sprechen 
miteinander in Einklang zu bringen. 

Unser Patient wurde in die Heilanstalt für Sprachstörungen auf- 
genommen. Er hatte keinerlei Störungen bei der Ruheatmung; sein Ex- 
spirium war genau so wie bei normalen, gleichalterigen Kindern. Ich tat 
daher nichts anderes, als dass ich ihm im langsamen Tempo Geschichten 
vorerzählte und Satz für Satz ebenfalls langsam nachsprechen Hess. Auch 
wurden alle Bewohner des Sanatoriums angewiesen, mit ihm überhaupt 
nur sehr langsam zu sprechen und nur ebenso gegebene Antworten zu 
dulden. 

Ferner wurde er möglichst viel mit seiner Wärterin allein gelassen, 
die ihn wieder sich selbst überliess; das wirkte, sehr beruhigend auf 
ihn. Nach kurzer Zeit war er total verändert. Er war ruhig und gesittet. 
Strengstens wurde darauf geachtet, dass er nur die Wahrheit sprach und 
nicht phantasierte; man durfte ihm nur Fragen vorlegen, von denen man 
wusste, dass er sie wahrheitsgemäss beantworten könne. 

Nach vier Wochen war sein Sprachfehler beseitigt. Einmal jedoch, 
als ihn seine Eltern nach längerer Zeit besuchten, stotterte er ein wenig. 
Darauf instruierte ich sie, dass sie mit Strenge jede hastige Sprache und 
jedes Phantasiegebilde zurückweisen sollten. -Seither sprach er auch in 
Gegenwart der Eltern korrekt. Einmal wollte ich meinen Kurshörern die 
Richtigkeit meiner Anschauungsweise über die Entstehung des Stotterns 
vor Augen führen und fragte ihn vor diesen Herren erst alltägliche Dinge, 
die vollkommen korrekt beantwortet wurden. Dann sagte ich ihm, er 
solle eine Geschichte von der Feuerwehr erzählen, die, wie ich wusste, 
seiner eigenen Erfindungsgabe entspringen wird. Er begann auch wirklich 
sofort zu phantasieren und zu lügen, blieb plötzlich unter Silbenwieder- 
holung stecken und sah in die Luft. Es war ihm sichtlich „der Faden 
ausgegangen". Das wiederholte sich oft. Damit schloss ich das Experiment 
ab und wiederholte es nicht mehr. Der Knabe wurde geheilt. 



Über die Behandlung des Stottems. 477 

Ich habe diesen Fall so gedeutet, dass der klonische Stotteranfall 
in dem Moment auftrat, in welchem der Knabe keine bedanken mehr hatte, 
ohne aber seinem Sprachdrang hemmen zu können. Er wiederholte die 
letzte Silbe so lange, bis ihm wieder neuer Stoff eingefallen war. In diesem 
Vorgang möchte ich nun eine Möglichkeit für das Entstehen des Wieder- 
holungsstotterns sehen. Zweifellos müssen wir bei diesen Kindern ein 
hastiges nervöses Wesen voraussetzen, das jedoch nicht mit einer neuro- 
pathisch'en Konstitution identisch sein muss, sondern auch die Folge 
äusserer Einflüsse sein kann. Besonders spielt hier die Erziehung eine 
Rolle wobei zu bedenken ist, dass für kleinste Kinder nicht nur das ge- 
predigte Wort ja dieses sogar am allerwenigsten, sondern vielmehr das 
Beispiel und sicherlich auch die ganze Lebensführung der Umgebung sich 
als Erziehung geltend macht. 

Eine zweite Art in der Inkongruenz zwischen Denken- und Sprechen- 
wollen wäre darin gegeben, dass ein Kind nach dem Ausdruck ringt, 
d. h. tiass es Gedanken hat, welche es aussprechen möchte, ohne die dazu- 
gehörigen Worte mit der. nötigen Schnelligkeit zu finden. 

Im Anschluss an diese Ausführungen muss auch die Frage gestreift 
werden ob das Auftreten dieser Art des Wiederholungsstotterns im Bereiche 
der physiologischen Möglichkeiten liegt oder ob das Bestehen jener Inkon- 
gruenz schon in das Gebiet der Pathologie zu weisen ist. Da man nicht selten 
von Müttern stotternder Kinder erzählen hört, auch eines ihrer alteren 
Kindern habe eine Zeitlang Laute und Silben wiederholt (gestottert), das 
habe sich aber von selbst gegeben und in Anbetracht der sehr plausiblen 
Entstebungsmöglichkeit dieser Inkongruenz glaube ich, dass das beginnende 
klonische Stottern noch im Rahmen der Physiologie liegt. 

Die eben gegebene Erklärung für den Beginn von Stottern wird 
jedem annehmbar erscheinen, welcher darauf geachtet hat, wie sich die 
Sprache normaler Menschen verhält, wenn sie in Verlegenheit sind od-er 
für eine Handlung nach einer Entschuldigung suchen, welche ihnen 
nicht sofort einfällt. Aus meinen vielfachen einschlägigen Beobachtungen 
will ich hier eine anführen. Bei einer Schachpartie, welcher ich zusah, 
machte der eine Spieler, ein Advokat, einen groben Fehler, auf welchen 
ihn ein anderer Zuseher aufmerksam machte. Der Advokat war ein viel 
zu guter Spieler, um ihn nicht sofort einzusehen, aber nichtsdestoweniger 
wollte er sich entschuldigen. Er sagte: „Ich will ich will ich will ich will", 
kam jedoch nicht weiter, da ihm eben keine vernünftige Erklärung ein- 
fiel. Derartige Beobachtungen dürfte jeder, welcher sein Augenmerk auf 
dieses Thema gelenkt hat, schon wiederholt gemacht haben. In einer 
in' dieser Zeitschrift erscheinenden Arbeit von K. C. Rot he werden die 
Verlegenheitssprachstörungen und ihre Beziehungen zum Stottern einer ein- 
gehenden Würdigung unterzogen. 

Unsere zweite Hauptfrage, ob die klonische Form unbedingt mit der 
tonischen gepaart sein müsse, ist zu verneinen. Es gibt nämlich eine 
Krankheit welche ätiologisch mit dem Stottern viel Gemeinsames hat 
und bei welcher sich das Symptom der Silben- und Wortwiederholungen, 
also die klonischen Bewegungsstörungen ohne die tonische finden. Diese 
Sprachstörung ist das Pol t er n. Der Polterer ist durch die Hast semer 
Sprache charakterisiert, welche dazu führt, dass sich neben Wortverstum- 
melungen Auslassen von Lauten und Silben oder Auftauchen von solchen 



478 Dr. Emil Fröscheis, 

an verfrühter Stelle, Laut-, Silben- und Wortwiederholungen finden. Berk- 
han weist besonders auf dieses Symptom hin und gibt als Beispiel dafür 
folgenden gelesenen Satz an: „Wenn das, was du liebst, lange lange ver- 
schwunden ist aus der Erde oder deiner oder deiner Phantasie, so so so 
wird die geliebte Stimme wieder wiederkommen und alle deine alten. 
Tränen mitbringen und das trostlose Herz, das das sie vergossen hat/* 

Ich selbst habe in meinem „Lehrbuch der Sprachheilkunde" zwei 
stenographisch aufgenommene Erzählungen eines Polterers wiedergegeben, 
auf welche hier verwiesen sei. Es ist nun interessant, sie mit dem Satze 
Berghan's zu vergleichen. Man vergesse nicht, dass dieser gelesen 
war, also dem Gedankengang des Patienten keinen Spielraum liess. In 
meinen Erzählungen finden sich neben den Wiederholungen, welche das 
einzige Symptom des Polterns beim Lesen sind, auch die übrigen, früher 
angeführten Symptome. Alle gemeinsam lassen sich daraus erklären, dass 
die Gedanken des Patienten mit solcher Schnelligkeit ablaufen, dass die 
Sprachwerkzeuge ihnen nicht zu folgen imstande sind. Daher kommt es, 
dass Laute und Silben ausgelassen werden, dass sie eventuell an verfrühter 
Stelle auftreten und damit ist es wohl zu erklären, dass es zu Laut- und 
Silbenwiederholungen kommt, wenn dem Patienten schliesslich der Faden 
ganz ausgeht und er sich sammeln muss. 

Diese Erklärung kann nun für das Gelesene nicht gelten. Und hierin 
scheint mir etwas Hochbedeutsames enthalten zu sein. Es dürfte näm- 
lich dafür nur die Erklärung zulässig sein, dass die Sprachwerkzeuge sich 
an die Silbenwiederhölungen gewöhnen und dass der Patient sozusagen 
das einzige Symptom, welches auch rein motorisch entstehen kann — 
denn die Wortverstümmelungen etc. sind doch mehr sensorischen als 
motorischen Ursprungs — als pure Gewohnheit mit sich herumträgt. Es 
liegt auf der Hand, dass wir es beim Poltern mit einer relativen Insuffizienz 
des Silbenkoordinationsapparates zu tun haben. Eine solche supponiert 
nun auch die Kussmaul'sche Richtung für das Stottern. Obwohl wir 
nun gezeigt haben, dass eine Insuffizienz nicht dort, sondern im Denken 
als Grund des Beginnes des Entwicklungsstotterns aufgefasst werden muss 
(abgesehen davon, dass auch einzelne, allein ausgesprochene Laute gestottert 
werden, so dass der Sitz der Krankheit nicht bloss das Silbenkoordinations- 
zentrum sein kann), so würden wir doch gerne die andere Ansicht zu Recht 
bestehen lassen, wenn nur ihre Vertreter in der Lage wären, auch die weitere 
Entwicklung des Stotterns ins tonische Element hinein daraus »U erklären. 
Das ist aber nach meiner Ansicht keineswegs gelungen. Es wird näm- 
lich behauptet, diese Schwäche des Silbenkoordinationsapparates sei der 
Giund für die „Krämpfe". Abgesehen von unserer Widerlegung der Krampf- 
theorie muss selbst für die Anhänger dieser Ansicht die Behauptung, es 
entwickle sich aus einer Schwäche ein Spasmenkomplex, unbefriedigend 
erscheinen. Kehren wir jedoch zu dem zurück, was wir bisher gegen die 
erwähnte Richtung vorgebracht haben, nämlich, dass es sich nicht um 
Krämpfe handelt und dass beim beginnenden Stottern die Insuffizienz 
nicht im motorischen Sprachapparat liegt. Und fragen wir uns jetzt weiter, 
warum trotz der grossen Ähnlichkeit, ja der Übereinstimmung zwischen dem 
Beginn des Entwicklungsstotterns und dem Poltern bei diesem nur die 
klonische Bewegungsstörung,, bei jenem in einem späteren Stadium auch 
die tonische zu konstatieren ist. Der Grund dafür scheint mir in den ver- 
schiedenen Verhalten der Aufmerksamkeit auf den Sprechakt zu 



Über die Behandlung des Stotterna. 479 

liegen. Polterer sind ausnahmslos nicht nur auf den eigenen, sondern 
auch auf den Sprechakt anderer unaufmerksam. Sie sind nicht im- 
stande, eine einfache vorerzählte Geschichte inhaltlich korrekt nach- 
zuerzählen. Bei Stotteren liegen diesbezüglich keine Defekte vor und wenn 
es ab und zu beim Nacherzählen den Anschein erweckt, dass auch sie 
eine Geschichte nicht genügend aufmerksam verfolgt haben, so geschah 
dies aus einem anderen Grunde; der Stotterer denkt nämlich zu sehr darüber 
nach, „wie werde ich dieses oder jenes Wort aussprechen". Das lenkt 
nun seine Aufmerksamkeit ab. Dafür lässt sich der Beweis leicht erbringen. 
Wenn man einem Stotterer sagt, er müsse die Geschichte, welche man 
ihm erzählt, niederschreiben, so führt das in der Regel zu einem völlig 
befriedigenden Resultat. Beim Polterer ändert das nichts an dem Ergebnis. 
Das hat Nadoleczny an einem schönen Beispiel bewiesen. 

Und nun noch etwas, was von allen Autoren zugegeben wird. Fordert 
man einen Polterer auf, einen Satz, den er schlecht gesprochen hat, auf- 
merksam zu wiederholen, so spricht er besser als vorher. Beim Stotterer 
ist gerade das Gegenteil der Fall; je aufmerksamer er auf seine Sprache 
ist, um so schlechter geht es. Das betont u. a. Villi ng er als den wich- 
tigsten Unterschied zwischen den beiden Übeln. Daran kann man wohl nicht 
achtlos vorübergehen. Addieren wir nun zu dem klonischen Entwicklungs- 
stottern die Aufmerksamkeit und fragen wir uns, was das Resultat dieser 
Rechnung ist. Wird der kleine Patient auf seine Wiederholungen aufmerk- 
sam ohne — was ja bei dieser Altersklasse selbstverständlich ist — zu 
wissen, dass der Grund dafür auf der sensorischen Seite liegt, so wird 
er lediglich die Hemmung im motorischen Sprachapparat empfinden. Diese 
will er nun überwinden und strengt sich zu diesem Zwecke an — aber 
naturgemäss wieder motorisch. Da aber in dem Augenblicke selbst der 
Grund für die Sprachhemmung ebenso weiter besteht wie beim Auf- 
treten der Wiederholungen, so kann die Anstrengung zu keiner normalen 
Bewegung führen. Diese neue Bewegungsstörung wird nun durch zwei 
Merkmale charakterisiert sein: durch übermässige Stärke und übermässige 
Länge. Das sind nun auch zwei Haupteigenschaften des tonischen Krampfes 
und so ist es wohl zu erklären, dass diese beiden Bewegungsstörungen 
eigentlich seit jeher irrtümlicherweise miteinander identifiziert worden sind. 
Eines jedoch fehlt, worauf Hoepfner hingewiesen hat, nämlich der 
Schmerz, mit dem wir tonische Krämpfe (nicht paralytischer Art) sonst 
auftreten sehen. 

Meine Ansicht ist also, dass weder die klonische, noch die tonische 
Form des Stotterns von Spasmen herrühre, sondern dass es sich ursprüng- 
lich um willkürliche Bewegungen handelt. Diese werden nun mit der 
Zeit ebenso automatisiert wie andere viel geübte Handlungen. Wie sehr 
gerade die Sprachbewegungen geeignet sind, auch in gestörter Form fixiert 
zu werden, beweist der früher angeführte Polterer Berkhan's. Es dürfte 
auch jetzt' schon klar sein, warum sehr viele Stotterer glauben, ihre Be- 
wegungsstörungen seien völlig vom Willen unabhängig, wenn man sich 
daran erinnert, dass sie ja vom Anbeginn der Erkrankung sich über die 
Wurzel des Übels täuschen und eben nur die. motorische Sprachhemmung 
empfinden. 

Auf ein weiteres wichtiges Bindeglied zwischen der primären und 
der ausgebildeten Krankheit, nämlich die Furcht vor dem Sprechen, werden 



480 Dr. Emil Fröschels, 

wir bei der Aufzählung der psychischen Erscheinungen näher eingehen. 
Um Missverständnissen vorzubeugen, möchte ich darauf hinweisen, dass 
es mir bisher nur darauf ankam, den Mechanismus der Sprachstörung zu 
ergründen, ohne den psychischen Einflüssen genügend Raum gewährt zu 
haben. Das wird später nachgeholt werden. Man möge nur nicht glauben, 
dass ich mir den psychischen Vorgang allzu naiv vorstelle. Ich glaube 
ebensowenig daran, dass sich der beginnende Stotterer sagt: „Jetzt werde 
ich meine Sprachhemmung mit Anstrengung überwinden", wie ich nicht 
annehme, dass ein Mensch, welcher bei erschwertem Stuhlgang die Hände 
„zusamm'enkrampft", sich sagt: „Ich werde jetzt die in meinen Händen 
wirkende. Energie auf meine Bauchmuskeln übertragen." Eine willkür- 
liche Handlung muss nicht unter strenger Denkkontrolle vor sich gehen. 
Man empfindet „instinktiv" häufig, was in dieser oder jener Situation zu 
tun sei, woraus aber noch nicht folgt, dass man da tauch immer das zweck- 
entsprechendste Mittel wählt. Wäre dies der Fall, so müsste der kleine 
Entwicklungsstotterer die Sprechbewegungen in dem Augenblick einstellen, 
in welchem er entweder nichts zu sagen hat oder das richtige Wort nicht 

findet. , • 

Als weiteren Beweis für meine Ansicht betrachte ich die Beobachtung, 
dass es drei verschiedene Kategorien oder besser Stadien von Stottern 
gibt. Wenn ich auch nicht Gelegenheit hatte, ein und denselben Patienten 
in allen dreien zu beobachten, so glaube ich doch aus .deili Umstände, dass 
die drei Kategorien drei verschiedenen Altersklassen entsprechen, schliessen 
zu dürfen, dass sie jeder „Entwicklungsstotterer" durchläuft, so dass ich 
auch von Stadien sprechen zu dürfen behaupte. Das erste Stadium ist 
die reine Wiederholung von Lauten und Silben, wobei der Zuschauer nicht 
im entferntesten den Eindruck eines Krampfes hat. Mitbewegungen fehlen, 
die Atmung zeigt keine besonderen Abnormitäten. Die Patienten sind 4, 5, 
6 und 7 Jahre alt. Das zweite Stadium zeichnet sich durch alle möglichen 
übertriebenen Bewegungen im Sprechapparat aus, ohne dass der Zuhörer 
den Eindruck gewinnen würde, dass die Sprechschwierigkeiten so gross 
als die Bewegungen unnatürlich sind. Man hört und sieht überhaupt 
keinen „Krampf". „Mitbewegungen" an anderen als den Sprachorganen 
fehlen. Das Wiederholen ist fast ganz von der neuen Sprechart überdeckt. 
Dieses Stadium macht auf den Beobachter den Eindruck 
der reinen Willkür. Die Patienten sind 6, 7, 8, 9 und .10 Jahre 
alt. Das dritte Stadium endlich imponiert als Krampfstadium. Es wird 
gepresst und gedrückt, der „tonische Krampf." steht im Vordergrund. Da- 
neben bestehen schon Mitbewegungen im übrigen Körper. Die Kranken 
sind meist über 11 Jahre alt. Wie lange ein Patient in einem dieser Stadien 
ist, lässt sich nicht genau sagen. Das hängt sicherlich von individuellen 
Verschiedenheiten ab. Gerade das zweite Stadium hat mich in der An- 
sicht bestärkt, dass der Wille an der Ausbildung des Stottern« beteiligt 

sein müsse. 

Auffallende Veränderungen gegenüber der Norm zeigt häufig das 
Sprachtempo der Stotterer. Manche sprechen überaus hastig, wobei 
man den Eindruck gewinnt, dass sie trachten, möglichst bald fertig zu 
werden. Andererseits findet man manchmal eine auffallend langsame, ge- 
tragene Redeweise; dadurch -wollen die Patienten das Stottern vermeiden. 

Nicht selten findet man Patienten, welche nur flüsternd sprechen. 
Der Grund dafür mag wohl darin liegen, dass jeder Stotterer erfahrungs- 



über die Behandlung des Stotterns. 481 

gemäss flüsternd besser spricht. Davon kann sich jeder überzeugen, welcher 
einen Stotterer einen schlecht ausgesprochenen Satz flüsternd wiederholen 
lässt. Dabei tritt, wie gesagt, eine wesentliche Sprccherleichterung ein. 
Merkwürdigerweise ist die Flüstersprache bei jenen Patienten, welche sie 
nur auf Aufforderung gebrauchen, wesentlich besser wie die derjenigen 
Stotterer, welche immer flüsternd sprechen. Wenigstens war das bei meinen 
Patienten der Fall. Ich glaube, dass dafür dieselbe Erklärung gilt wie 
für das schon erwähnte Abwechseln der Mitbewegungen und sie soll daher 
an derselben Stelle, nämlich bei Besprechung der psychischen Erschei- 
nungen, gegeben werden. 

An nervösen Symptomen finden wir in der Regel eine er- 
höhte Reizbarkeit des Nervensystems. Die Patellarsehnenreflexe sind sehr 
häufig gesteigert, desgleichen der Unterkieferreflex und in etwa einem 
Drittel meiner Fälle konnte ich das Chvostek'sche Phä- 
nomen nachweisen. 

Im Vordergrund der psychischen Erscheinungen stand bei 
all meinen Patienten, welche sich in einein halbwegs fortgeschrittenen 
Stadium des Stotterns befanden, die Furcht vor dem Sprechen. 
Ob auch die beginnenden Stotterer Sprechfurcht haben, konnte ich nicht 
entscheiden. So auffallend wie bei den anderen Patienten war sie jeden- 
falls nicht. Ich hätte ihr Bestehen bei den beginnenden Entwicklungs- 
stotterern kurzweg geleugnet, wenn ich mir nicht bewusst wäre, wie schwer 
es ist, in der Seele eines Kindes zu lesen. Wenn ich doch nicht an das 
Bestehen der Sprechfurcht beim eisten Auftreten des Wiederholungsstotterns 
(beim Entwicklungsstotterer) glaube, so ist das die Folge meiner auf Be- 
obachtung aufgebauten, früher auseinandergelegten Ansicht über die Ent- 
stehungsursache. Dagegen fand ich, wie erwähnt, in allen fortgeschritteneren 
Fällen deutliche Symptome der Sprechfurcht, oder nach Stekel's De- 
finition besser der Sprechangst. Die Patienten geraten bei jedem Befehle, 
etwas zu sagen, in die grösste Aufregung. Sendet man sie zum Kaufmann, 
damit sie Zucker holen, so sprechen sie sich auf dem Weg dorthin wohl 
hundertmal das Wort Zucker vor, um dann doch im entscheidenden Augen- 
blick zu versagen. In Gesellschaft bringen sie oft kein Wort heraus und 
in der Schule können sie die Fragen des Lehrers nicht beantworten, 
obwohl sie ausgezeichnet vorbereitet sind. Man findet unter ihnen gerade 
sehr viele fleissige und gewissenhafte Menschen und ich kann wohl sagen, 
dass der grösste Teil meiner stotternden Patienten geistig sehr begabt war. 
Nichtsdestoweniger gelten sie häufig für unwissend und dumm, manch- 
mal auch für hohle Schwätzer. Diese letzte Kritik ziehen sie sich durch 
die gekünstelte, nicht präzise Ausdrucksweise zu, welche sich aus den 
schon erwähnten gut larvierten Embolophasien ergibt. Die anderen seeli- 
schen Symptome, vor allem Menschenscheu und Geringschätzung der 
eigenen Person, sind wohl auf die ewigen Blamagen zurückzuführen, welche 
ihnen ihre schlechte Sprache bei anderen Menschen eintrug. Nichts fordert 
so leicht zum Spott heraus wie ein Gebrechen. Schon der kleine Stotterer 
wird von seinen Kameraden verhöhnt. Und auch vernünftige Erwachsene 
können sich eines Lächelns nicht erwehren, wenn sie einen Menschen 
stottern hören. St ekel hat wohl mit Recht aus dem ärztlichen Gewissen 
heraus in einer Tageszeitung auf die Rohheit verwiesen, die in einem 
solchen Vorgehen liegt. Nicht minder schädlich für den Stotterer sind die 
Eltern und Erzieher, welche manchmal vom besten Willen beseelt, manch- 



482 -Dr. Emil Fröscheis, 

mal aber aus unzukömmlicher Ungeduld den Stotterer immer wieder er- 
mahnen und ihn auffordern, besser zu sprechen. Wir werden uns noch 
näher mit der Frage befassen, worauf die Fixierung der Sprachstörung 
oder besser der gestörten Sprache im Gehirn eines beginnenden Stotterers 
zurückzuführen ist. Dass aber das eben geschilderte Vorgehen der Mit- 
menschen dazu wesentlich beitragen kann, dürfte einleuchtend sein. 
Liebmann legt gerade darauf sehr viel Gewicht. Wenn früher gesagt 
wurde, dass im Vordergrund der psychischen Symptome die Angst stehe, 
so kann man ohne zu übertreiben sogar behaupten, dass die Sprech- 
angst überhaupt in fortgeschritteneren Stadien des 
Leidens das Hauptsymptom darstellt. Diese Angst bezieht 
sich auf jeden mit der Sprache zusammenhängenden Vorgang. Ich führe 
auch die besonders von Gutzmann betonte Erscheinung, dass die meisten 
Stotterer nicht imstande sind, solange auszuatmen wie Normalsprechende, 
zum Teil darauf zurück. Ich war nämlich in der Lage, zweimal folgende Be- 
obachtung zu machen. Ich forderte bei der ersten Untersuchung, wie ich 
das immer tue, einen Stotterer (15 Jahre alt) auf, nach tiefer Einatmung so 
langsam als möglich auszuatmen. Das Exspirium dauerte 8 Sekunden. 
Als ich mich umdrehte, um einige Untersuchungsergebnisse in mein Buch 
einzutragen, teilte mir der Vater mit, der Knabe habe die Ausatmung jetzt 
vor ihm allein versucht und habe es auf 17 Sekunden gebracht. Eine 
analoge Beobachtung machte ich bei einem 12 jährigen Knaben. Dass 
die Erscheinung des abgekürzten Exspiriums, welches übrigens, wie Lieb- 
mann angibt, keineswegs alle ausgebildeten Stotterer aufweisen sollen, 
bei der Entstehung des Übels keine Rolle spielt, ergibt sich daraus, dass 
meine beginnenden Stotterer sich diesbezüglich von normalen Kindern 
nicht unterschieden. Ich kann auch für das verkürzte Exspirium aus der 
Kussmaul-Gutz mann'schen Ansicht über das Wesen des Stotterns 
keine Erklärung finden. Das Wort, spastische Koordinations- 
neurose, welches von Kussmaul für das Stottern geprägt wurde, 
sagt doch ausdrücklich, dass nur die .sprachliche Koordination, also 
das Zusammenwirken aller sprachlichen Komponenten, gestört sei und 
zwar spastisch. Was hat nun das verkürzte Exspirium damit zu tun? 
Ich glaube, wie gesagt, dass die Patienten, die wissen, dass die Atmung 
eine Hauptrolle bei ihrer Sprachstörung spielt — gelingt es ihnen doch 
scheinbar erst, die Sprachhemmung zu überwinden, wenn die Atemluit 
durch den Verschluss gepresst wird — , auch in bezug auf diese ebenso 
ängstlich sind wie in bezug auf die Gesamtsprache. Soll nun hierin eine 
Störung vorliegen, welche mit den anderen Symptomen des Stotterns 
nichts gemeinsam hat? Hier nur durch die Angst erzeugte Unsicherheit, 
dort Krämpfe (denn, dass die verkürzte Exspiration nichts Krampfartiges 
ist, wird doch wohl allgemein zugegeben werden)? Ich glaube, dass 
sich auch die verkürzte Exspiration viel besser mit der 
Ansicht verträgt, dass das Stottern eine Entgleisung 
durch übermässige Anstrengung ist. Die Deutung wird vervoll- 
ständigt durch die Annahme, dass der Versuch, langsam auszuatmen, beim 
Stotterer deshalb zu einem abnormen Resultat führt, weil diese langsame 
Ausatmung identisch ist mit der Sprechatmung und weil diese durch die 
Störungen, welche sie beim Sprechen erleidet, dauernd irritiert ist. Dann 
muss man sich wieder fragen, warum sich gerade nur das eine Symptom des 
steilen Abfallens des Exspirationsschenkels bemerkbar macht, während die 



Über die Behandlung des Stotterns. 483 

sog. Krämpfe der Atmungsmuskeln nicht zum Vorschein kommen. Wieder- 
finde ich nur die eineErklärung, dass eben keineKrämpfe 
vorliegen, sondern dass nur, ich möchte sagen, das An- 
einander prallen der Anstrengungen in verschiedenen 
Muskelgruppen, nämlich in den Brustmuskeln, den Bauchmuskeln, 
der Kehlkopf- und Mundmuskulatur, zu einer Behinderung der 
Fortbewegung einzelner Muskeln führt, welche sich 
dann entweder im Bilde des Stillstandes, was man 
fälschlich als tonischen Krampf bezeichnet, oder (im 
Widerstreit) als Zuckungen, fälschlich klonischer 
Krampf genannt, äussert. 

Was die Energie der Stotterer anbelangt, so glaubt Gutzmann 
in ihr ein wichtiges Kriterium für die Heilungsmöglichkeit zu sehen. 
Ich halte diesen Satz in einer so allgemeinen Fassung nicht für richtig. 
Wenn ich die Reihe meiner stotternden Patienten überblicke, so kann ich 
mich kaum eines entsinnen, welcher nicht den allgemeinen Eindruck 
geradezu crosser Energie, grossen Pflichteifers und des Ehrgeizes gemacht 
hätte. Oft konnte ich mich des Eindruckes nicht erwehren, dass der Patient 
seinen Defekt durch angestrengtes Arbeiten auf anderen Gebieten sozusagen 
wettmachen wollte. Hingegen konnte ich bei vielen von ihnen eine .Erschei- 
nung konstatieren, welche man vielleicht als Energielosigkeit auf sprach- 
lichem Gebiete bezeichnen kann. Sie waren nur mit den grössten Be- 
mühungen von meiner Seite und manchmal nicht einmal mit dieser Hilfe 
imstande, ihren Sprachfehler zu überwinden. 

Wichtige psychische Erscheinungen kann man aus den Angaben der 
Patienten über ihren Sprachfehler erschliessen und es ist, wie H o e p f n e r 
mit Recht betont, kein Grund vorhanden, dieselben kontinuierlich zu über- 
hören. Hierher gehört vor allem die ausnahmslos wiederkehrende Angabe : 
Ich spreche zeitweise ganz gut und nur in gewissen, 
manchmal allerdings sehr zahlreichen Situationen 
schlecht." Gutzmann behauptet diesbezüglich, es sei ein auf unzu- 
länglicher Beobachtung beruhender und sehr verbreiteter Irrtum, anzu- 
nehmen, dass der Stotterer wirklich gelegentlich normal spräche. Er habe 
öfter Gelegenheit gehabt, Stotterer beim Sprechen zu beobachten, welche 
im Glauben waren, allein zu sein, und habe dabei konstatiert, dass keiner 
von ihnen wirklich normal sprach. Dass die Sprache bei völligem Allein- 
sein ruhiger wird und demgemäss das Übel abnimmt, sei ganz natürlich ,- 
dass aber das Stotterübel ganz verschwindet, wenn der Stotterer allein 
spricht oder liest, entspreche nicht der objektiven Beobachtung. Die Fälle, 
in welchen man zu einer derartigen, den Patienten unbewussten Beobachtung 
Gelegenheit hat, sind wohl sehr selten und es ist fraglich, ob sie für all- 
gemeine Schlüsse genügen. Jedenfalls konnte ich oft und oft bei noch un- 
behandelten Patienten ganze Sätze hören, welche fehlerfrei gesprochen 
wurden. Ferner kann die zu kurze Ausatmung, deren Entstehungsart 
oben erklärt wurde, die Sprache abnormal klingen lassen, ohne dass aber 
wirklich gestottert wird. Ich muss schon jetzt betonen, dass nach meiner 
Ansicht die Stotterfrage nicht nur subjektiv in der Seele des Patienten, son- 
dern auch objektiv lautet: „Warum gelingt dieser oder jener 
Laut in einer gewissen Situation nicht?" und nicht: „Warum 
spricht der Stotterer falsch?" Auch bezüglich der sog. Mitbewegungen glaube 
ich aus den Angaben der Patienten wichtige Schlüsse ziehen zu können. 



484 Dr. Emil Fröscliels, 

Sehr häufig bekommt man den Satz zu hören: „Wenn ich diese Bewegung 
mache, so kann ich den Laut aussprechen, sonst nicht." Der Patient spricht 
also selbst davon, dass er die Bewegung macht, weshalb es 
neuerdings mehr als fraglich ist, dass die Mitbewegungen heim Stottern 
„unwillkürliche, auf einen zentralen Defekt hinweisende Muskelbewe- 
gungen" sind. 

Jetzt komme ich zu der Erklärung für den Wechsel der 
.Mitbewegunge n", welcher in dem Abschnitt „körperliche Symptome" 
erwähnt wurde. Der Stotterer, welcher sich, wie immer wieder betont werden 
muss, über den Grund seiner Sprechschwierigkeit nicht im klaren ist und 
der sich nun mit verschiedenen Handlungen zu helfen versucht, hat tief 
in der Seele das Bewusstsein: „Ich kann nicht gut sprechen." 
Der suggestive Wert einer „Mitbewegung" muss von diesem dominierenden 
Gedanken immer wieder verdrängt werden. Dann wird etwas Neues ver- 
sucht, das aber auch nicht von bleibendem Wert sein kann. Ebenso 
deute ich den früher erwähnten Umstand, dass die Flüstersprache 
bei jenen Patienten, welche sie immer gebrauchen, nicht so gut ist wie 
bei denen, welche nur bei Aufforderung flüstern. Sic hat sich mit der 
Zeit abgenützt. 

Die Ätiologie des Stotterns wurde schon teilweise besprochen. 
Es wurde versucht, an einem ausführlich beschriebenen Fall die Entstehungs- 
art des sog. Entwicklungsstotterns zu erklären. Doch ist damit wirklich 
nur der erste Ursprung des Übels beschrieben worden. Wie in dem Ab- 
schnitt über die psychischen Erscheinungen betont wurde, steht im Vorder- 
grund des ausgebildeten Stotterns die Sprech angst und es hat nun den 
Anschein, als ob diese seelische Kraft oder besser seelische Hemmung 
den ursprünglichen, treibenden Faktor — die Inkongruenz zwischen Denken 
und Sprechen — ablösen würde. Ich scheue mich nicht zu sagen, dass 
ich das Entwicklungss lottern als eine Aufeinanderfolge von zwei aller- 
dings ursächlich miteinander verbundenen Krankheitsformen betrachte. Die 
erste ist durch die mangelhafte Übereinstimmung zwischen Denken und 
Sprechen, die zweite durch die Sprechangst bedingt. Ja ich behaupte weiter, 
dass auch die Symptome der tonischen und klonischen Sprechhemmung 
beim beginnenden und beim ausgebildeten Stottern einander nur äusser- 
lich, aber nicht innerlich gleichen. In jener Zeit, in welcher die ursprüng- 
liche Inkongruenz zwischen Denken und Sprechen schon einem normalen 
parallelen Ablauf beider Funktionen Platz gemacht hat, in der aber schon 
die Sprechangst dominiert, ahmen die Patienten die ursprünglichen Be- 
wegungsstörungen nach, deren Grund sie ja auch fälschlich, so wie beim 
ausgebildeten Übel, in die motorischen Sprachwerkzeuge lokalisieren. Diese 
Deutung wird um so annehmbarer erscheinen, wenn man daran denkt, 
dass es ja eigentlich sehr wenigerlei Möglichkeiten für Veränderungen in 
der motorischen Sprache gibt. Entweder kann man das Sprechen über- 
haupt einstellen oder nur flüsternd sprechen oder man kann die Be- 
wegungen an Kraft (tonisch) oder an Häufigkeit (klonisch) übertreiben 
und man kann endlich sehr schnell oder sehr langsam sprechen. Alle 
Arten kommen unmittelbar nach Beginn des Stotterns vor, denn es ist 
bekannt und ich kann dies durch vier Beobachtungen bestätigen, dass 
kleine Kinder gleich nach Auftreten der ersten klonischen Bewegungs- 
störungen überhaupt aufhörten zu sprechen. Die anderen Arten wurden 
ja schon erwähnt. 



Über die Behandlang des Stottern». 485 

Der Hinweis auf diese Arten der Veränderung schon gewohnter 
fiprachiewegungen kann es uns auch erklären, warum auch bei 
jenen Fällen von Stottern, welche auf anderer, später zu beschreibender 
Basis als den Entwicklungsstottern entstanden sind, wieder nur klonische 
oder tonische Bewegungsstörungen, Flüstern, Spruchverlust oder Verände- 
rungen im zeitlichen Ablauf der Rede auftreten. 

In das Entwicklungsstottern wird auch jenes Stottern einbezogen, 
welches in den ersten Schuljahren auftritt, wenn Nachahmung 
oder Schreck als Erwerbungsursache ausgeschlossen werden kann. Diese 
letzte Gruppe von Stotterern ist keineswegs- klein. In Deutschland durch- 
gefühlte Statistiken haben ergeben, dass die Zahl der stotternden Kinder 
■während der ersten Schuljahre rapid ansteigt. Man kann auch hier 
eine gewisse Inkongruenz zwischen dem durch die grösseren geistigen An- 
forderungen erschwerten Denkakt und dem Sprechakt als Grund annehmen. 
Doch will ich betonen, dass ich für diese Form auch leine andere Erklärung 
gelten lassen würde, wofern eine solche existierte, da ich keineswegs 
der Ansicht bin, dass es nötig oder auch nur tunlich ist, alle Formen des 
Stotterns auf einen gemeinsamen Entstehungsmechanismus zurückzuführen. 
Das wird später begründet werden. Ein sicher festgestellter ätiologischer 
Faktor ist ferner die Nachahmung. Kinder, welche mit Stotterern 
zusammenkommen, können so erfahrungsgemäss das Übel akquirieren. Man 
macht dafür die starke Nachahmungslust der Kinder verantwortlich, was 
auch in der Tat für einzelne Fälle gelten kann, für andere aber nicht gilt. 
Ich verfüge nämlich über einen Bericht eines Herrn, welcher lange Jahre 
stotterte, nachdem er einige Zeit mit einem stotternden Kinde zusammen- 
gelebt hatte. Mein Gewährsmann war damajs 8 Jahre alt und wurde wegen 
eines Fussleidens in ein Kinderspital untergebracht. Dort war auch der 
kleine Stotterer, der, wenn er beim Spreeben festsass, von den anderen 
Kindern verhöhnt wurde. Auch der kleine Fussleidende befand sich unter 
den Lachern. Da stieg in ihm eines Tages der Gedanke auf, dass es ihm 
ebenso ergehen könne wie dem kleinen Stotterer und von diesem Augen- 
blick an trug er das Leiden durch mehrere Jahrzehnte mit sich herum. 
Durch ihn wieder akquirierte es sein älterer Bruder. In diesem Falle 
haben wir es mit einer psychogen enEntstehungsursac he zu tun. 

Auch die E r b 1 i c h k e i t spielt beim Stottern eine Rolle. Es wurden 
Fälle beschrieben, welche zu stottern anfingen, ohne dass sie bei ihren 
Eltern oder Grosseltern, welche seinerzeit auch gestottert hatten, jemals 
den Sprachfehler gehört hätten. Nur wenn dies genau erwiesen ist, kann 
man von Erblichkeit sprechen, während man Nachahmung als Entstehungs- 
ursache annehmen müsste, wenn die Kinder noch Gelegenheit gehabt hätten, 
den Sprachfehler ihrer Eltern oder Grosseltern zu hören. 

Auch nach Infektionskrankheiten und durch Eingeweide- 
würmer soll Stottern auftreten, doch hatte ich bis jetzt nicht Gelegenheit, 
einen derartigen Patienten kennen zu lernen. Das verdient bei der grossen 
Zahl der von mir untersuchten Stotterer sicherlich hervorgehoben zu 
werden. Wohl wurde auch mir von manchen Müttern erzählt, ihr Kind 
stottere seit einem Scharlach, doch hat die genauere Nachfrage dann orgeben, 
dass die Sprache auch schon vor der Krankheit nicht einwandfrei war. 

Ferner gibt es ein Stottern nach Gehirnaffektionen aphatischer 
oder bulbärer Natur. Ich verfüge selbst über je einen derartigen Fall. 

Zontralblatt für Psychoanalyse. HI«/". 33 



486 Dr. Emil Fröschels, 

Der erste — Stottern nach apoplekti scher Aphasie — findet sich in meinem 
Lehrbuch der Sprachheilkunde. Die zweite Patientin, ein 7 jähriges Mäd- 
chen, erlitt während eines Scharlachs eine Lähmung der linken Körper- 
hälfte. Bewusstlosigkeit und Verlust der Sprache oder des Sprachverständ- 
nisses waren nicht vorhanden. Hingegen trat unmittelbar darauf eine 
geringe Sprachstörung auf, welche ganz eigenartig war. Das Kind gab in 
geordneten Sätzen Antworten, jedoch war die Aussprache der Zungenlaute 
verlangsamt und deutlich erschwert. Weniger war das bei den Lippen- 
und Gaumenlauten der Fall. Das Gesamtbild war das eines tonischen 
Stotterns. Ich gewann den Eindruck, dass die Kleine nicht das richtige 
Mass für den Kraftaufwand hatte, welcher jetzt infolge der Parese der 
Sprechmuskeln nötig war, um die einzelnen Laute zu bilden. Sie schoss 
sozusagen über das Ziel und Avandte noch Kraft an, nachdem schon die 
richtige Lautstellung erreicht war, wodurch bei einzelnen Lauten ein Pressen 
in der Artikulationszone zustande kam. So wurde z. B. beim T die Zungen- 
spitze an die Oberzähne gedrückt. Liess ich den Laut allein aussprechen, 
also nicht in einem Worte, so dauerte es lediglich länger bis die Zungen- 
spitze an die Zähne gebracht wurde, ein Anpressen jedoch fand nicht statt. 
Es war klar, dass dieses verschiedene Verhalten so zu erklären war, dass 
die Patientin beim isolierten Laut ihre ganze Aufmerksamkeit für die 
Aussprache selbst verwenden konnte, während sie bei Antworten in Worten 
oder Sätzen zu sehr vom Denkvorgange in Anspruch genommen wurde. 
Die Zunge wich beim Herausrecken nach der linken Seite ab. Es lag 
ein ähnliches Krankheitsbild vor, wie wir es bei der Pseudobulbärparalyse 
der Kinder sehen. Unser Fall hat viel Ähnlichkeit mit dem von Abadie 
beschriebenen dysarthrischen Stottern. Seine Entstehungsursache 
liegt in erster Linie in den motorischen Sprachbahnen, doch ist auch der 
Einfluss des Denkvorganges von ausschlaggebender Bedeutung; also wieder 
eine Inkongruenz zwischen Denken und Sprechmöglichkeit, wobei jedoch 
der motorische Akt nachhinkt. Die willkürliche Anstrengung spielt auch 
hier eine grosse Bolle. Man wird es jetzt begreiflich finden, warum 
es nicht angehen kann, einen völlig einheitlichen Entstehungsmechanismus 
bei allen Fällen von Stottern anzunehmen. 

Sichergestellt ist endlich der Einfluss seelischer Erschütte- 
rung e n auf den Beginn von Stottern. Wohl jeder Autor verfügt über 
einzelne Fälle, in denen das Übel unmittelbar nach einem heftigen Schreck 
auftrat. In solchen Fällen ist eine psychogene Entstehungsursache 
deutlich zu erkennen und wird auch allgemein zugegeben. Ausserdem 
wird jenes Stottern von Gutzmann als psychogen bezeichnet, welches 
erst in späteren Jahren (etwa um das 20. Lebensjahr herum) auftritt; es 
ist selten und wird von dem genannten Forscher zur Hysterie ge- 
rechnet. Doch ist es nicht klar, warum er ausschliesslich nach der Zeit 
der Entstehung — denn die Symptomatologie ist dieselbe wie bei den 
anderen Stotterern — entscheidet, ob Hysterie vorliegt oder nicht. 1 1 u s - 
zewski und Stern haben recht, wenn sie vorschlagen, von einem 
Stottern bei Hysterie und nicht von einem hysterischen Stottern zu sprechen, 
weil eben eine einheitliche Symptomatologie besteht. Nun bedarf es noch 
des Hinweises darauf, dass wir auch bei Kindern genügend oft Hysterie 
konstatieren können, und dass gerade unter den stotternden Kindern solche 
nicht selten vorkommen, um die von Gutzmann durchgeführte Trennung 
nach der Altersklasse als nicht zweckmässig zu erkennen. 



Über die Behandlung des Stotterns. 487 

Die deutlich psychogene Entstehungsart in einzelnen Stotter- 
fällen hat eine Reihe von Forschern veranlasst, das Stottern überhaupt 
als ein psychogenes Leiden aufzufassen. So schreibt Laubi: „Gutz- 
m a n n gibt zu, dass die sekundär entstandene Angst, die Angst vor dem 
Sprechen, weil der Stotterer merkt, dass er nicht sprechen kann wie andere, 
den Sprachvorgang ungünstig beeinflusst. Nun möchte ich anfragen, warum 
sollte denn nun diese Art von Angst und nicht eine andere, wie die Angst 
vor einem Hunde, einem Einbrecher etc. primär das Stottern auslösen 
können, ähnlich wie die sekundär entstandene Angst die Sprache ungünstig 
zu beeinflussen imstande ist. Sehr durchsichtig ist die Psychogenität, 
wenn das Stottern durch psychische Infektion entstanden ist. Wenn in 
einer Schule ein Stotterer sich befindet, so fängt oft eine Anzahl anderer 
Kinder ebenfalls zu stottern an. Wenn ein so disponiertes Kind zum 
erstenmal einen Stotterer sieht, der sich vergebens bemüht, seine Worte 
herauszustossen, wenn er das Gelächter der Mitschüler, die oft ungeduldigen 
Worte des Lehrers hört, so wirken diese Wahrnehmungen als psychische 
Dauertraumata, die, verbunden mit der Kindern innewohnenden Lust zum 
Nachahmen, bei vorhandener Disposition das Übel hervorrufen können. 
Als weitere Gruppe wären die Fälle von „Entwicklungsstottern" zu be- 
trachten. Wie wir wissen, ist zur normalen Sprache eine völlige Harmonie 
von innerer und äusserer Sprache nötig. Bei vielen Kindern geht die Ent- 
wicklung der normalen Sprache sehr langsam vor sich. Sie finden nur 
langsam den richtigen Ausdruck für ihre Gedanken, unterbrechen und korn- 
gieren ihre Worte und es entsteht so eine Störung des Redeflusses, die 
dem Stottern ähnlich ist. Dies finden wir sowohl bei normalen als zum 
Stottern disponierten Kindern. Von eigentlichem Stottern dürfen wir aber 
erst sprechen, wenn durch Erregung seiner Affektivität, zu der schon die 
Erregung der Aufmerksamkeit auf den Sprachvorgang, der automatisch 
ablaufen sollte, gehört, Krämpfe in den Muskeln des Sprechapparates 
auftreten, deren Unterbrechung nicht mehr von dem Willen des Patienten 

Laubi's Ansicht ist wohl dieselbe wie die Frank's, welcher kurz 
sagt: „Das Stottern ist eine Angstneurose, die bei psychopathischen Kindern 
in den ersten Lebensjahren durch Schreck entsteht." 

Gehen wir auf den Unterschied zwischen unserer und der Ansicht 
dieser beiden Forscher ein, so finden wir, dass sie einen Akt, welchen 
ich lediglich als Denkvorgang auffasse, als stark gefühlsbetonten Denkvor- 
gang deuten. Ich sage, dass der kleine Stotterer seine vermeintliche 
motorische Sprachhemmung mit Anstrengung überwinden will, weil ich 
mir denke, dass unter physiologischen Bedingungen man ja ebenso vorgeht, 
wenn ein Hindernis gegen eine Bewegung vorliegt; dass der kleine Stotterer 
das Hindernis falsch deutet, tut nichts zur Sache. Dass er darauf aufmerk- 
sam wird, während andere Kinder, bei denen das Wiederholungsstottem 
wieder gänzlich schwindet, es scheinbar überhören, kann lediglich die 
Folge verschiedener Entwicklung der Aufmerksamkeit sein. Frank und 
Laubi behaupten, die primäre Bewegungsstörung wirke als Schrecken, 
d i als psychisches Trauma. Stekel nennt das Stottern eine Angst- 
hysteric und keine Angstneurose. Nach ihm ist der Unterschied zwischen 
einer Angstneurose und einer Angsthysterie der, dass bei der Neurose die 
Unterdrückung des Geschlechtstriebes sich in Angst verwandle, während 
die Hysterie dadurch ausgezeichnet ist, dass sich psychische Störungen 

33* 



488 D*"- Kmil FröBchels, 

in körperliche krankhafte Symptome auf Grund eines innerlichen Kon- 
fliktes umsetzen. St ekel betont aber selbst, dass die Trennung keine 
allzu scharfe ist, und deshalb müssen wir uns mit der verschiedenen 
Nomenklatur Stekel's, Lau bis und Frank's nicht mehr befassen. 
St ekel deutet nun den Beginn des Stottern als die Angst, durch die 
Rede irgend ein Geheimnis zu verraten. Darin liegt ein prinzipieller Unter- 
schied gegenüber den beiden anderen genannten Psychoanalytikern. 

Während nämlich diese ein in die Seele eindringendes Trauma 
fordern, verlangt S t e k e 1 den seelischen Konflikt für die Entstehung 
des Stotterns. Ich gebe nun, wie erwähnt, die psychogene Fntstehtfhgs- 
möglichkeit des Stotterns zu und glaube sogar, dass in manchen 
Fällen, in denen die Psychogenität nicht klar zutage liegt, dieselbe doch 
an dem Entstehen des Sprachfehlers Schuld trägt. Für eine grosse Gruppe 
jedoch nehme ich die früher ausführlich besprochene Entstehungsart an. 
Aber ein neuropathischer Zustand dürfte wohl in 
allen Fällen bestehen und mag bei den Entwicklungsstotterern 
die Inkongruenz zwischen Denk- und Sprechgeschäft begünstigen. Einem 
Gedanken möchte ich hier noch Ausdruck geben, ohne aber für ihn Beweis- 
kraft zu beanspruchen. Sind wir doch sonst gewöhnt, die Hysterie Krank- 
heitsbilder nachahmen zu sehen, welche auch sonst entweder auf or- 
ganischer oder funktioneller Basis bestehen. Das hysterische Hinken ent- 
spricht einem organischen Hinken, die hysterische Aphonie ahmt eine 
Stimmbandlähmung nach und der schwere hysterische Anfall ist das 
Konterfei der Epilepsie; welchem Krankheitsbild würde das Stottern ent- 
sprechen, wenn es nur ein hysterisches Stottern gäbe? 

Nunmehr wollen wir uns noch die Frage vorlegen, ob es überhaupt 
möglich ist, für alle verschiedenen Formen des Stotterns eine gemeinsame 
funktionelle Basis zu finden. Einen Versuch in dieser Richtung hat kürz- 
lich Hoepfner unternommen und es sei deshalb auf seine sehr inter- 
essante Arbeit' hier näher eingegangen. „Stottern als assoziative Aphasie" 
ist der Aufsatz betitelt und damit ist dem Leser bereits eine wichtige 
Andeutung gegeben. Indem der Autor die Prognose, welche Ziehen 
für die verschiedenen psychopathischen Konstitutionen aufgestellt hat. 
mit der Prognose seiner eigenen Stotterfälle vergleicht, kommt er 
zu dem Schlüsse, dass das Stottern als Krankheit sui generis aufzu- 
fassen ist. Hierauf bespricht er das Wiederholungsstottern und erklärt 
es im Sinne Lange's als Ataxie. „Nach meinen Erfahrungen", sagt er 
weiter, „die sich auf zwei genau selbst beobachtete Fälle von beginnendem 
echten Stottern stützen, ist die Zeit, wo die Wortklangbilder in grösserer 
Anzahl in den primordialen Denk Vorgang eingereiht werden und so ein 
neuartiges, prägnanteres, mittelbareres, .soziale' Folgen nach sich ziehendes 
Tätigkeits- und Unterhallungs-(Spiel)system zu bilden beginnen, die erste 
kritische Periode. Eine zweite ist diejenige Zeit, wo die Wortklänge auf 
Grund umfangreicherer Tätigkeit und Erfahrungen distinktiver empfunden 
werden, wo demnach ein grammatikalisch-logischeres Fühlen und Sprechen 
ausgebildet wird." Später sagt er: ,,Wenn sich die Selbstbeobachtung des 
Kindes der Bewegungsanomalie bemächtigt, so sind sie für das Kind etwas 
Unerklärliches, das bei seinen Ejekten nicht vorhanden ist. Da das Kind 
ferner bemerkt, dass diese Ejekte in einer für es unverständlichen Weise 
auf die Bewegungsanomalien reagieren, so sieht es sich genötigt, in bezug 
auf diese an seiner eigenen Subjektbildung etwas nachzuholen. Die normale 



Über die Behandlung des Stotterns, 489 

Sprache der Eiekte regt nicht mehr in dem Masse zur Nachahmung an, da 
hei diesen jenes Interessante, Eigenartige nicht vorhanden ist . •••••• 

Einerseits ist die Suhjektepoche gttnsbg für das Auftreten sprachlicher 
Bewegungsanomalien, besonders bei psychopathischen Kindern anderer- 
seits in psychologischer Hinsicht geeignet für das Festhalten und besonders 
fü das assoziative Fortentwickeln der entstandenen sprachlichen Reflexionen 
gegenüber der sonst fortschreitenden Erkenntnis in der ejekt.ven Epoche^ 
m Seine nächste Frage lautet, ob die Fähigkeit, den bewußten sprach- 
lichen Vorgang zu erinnern, für das Entstehen eines dauernden Stotterns 
allein verantwortlich zu machen ist oder ob nach einer anderen Erklärung 
«Seht werden muss oder ob ein Leitungsdefekt als Grund anzunehmen 
S Vor allem wird das Zurückbleiben eines Erinnerungsbildes, jedoch 
nicht eines vollständigen, alle Teile des primären Vorganges umfassenden, 
sondern sozusagen nur das des Resultates - der Anstrengung - zuge- 
gen Den Leitungsdefekt versucht Hoepfner teils mit der Tatsache 
zu widerlegen, dass ja alle Stotterer zeitweilig ganz normal »PJ^^cn 
teils späte! auf Grund der Kasso witschen Lehre von der Biologie 
? C Diese letztere Ausführung gipfelt in dem Satze: Für die 
Kassowitz'sche Anschauung ist die Annahme, dass ein Austreten des 
«ur Kontraktion bestimmten Reizes in die hemmenden Fasern einen Spa* 
müs erzeugen könnte, aus dem Grunde undenkbar, weil, wie schon gesagt, 
dieser Vorgang eine Kontraktionsabschwächung erzeugen wurde ferner; 
üfe Vorsfellung, als ob überstarke Anregungen in das lediglich leitende 
motorische Sprachzentrum gelangen könnten, ist nicht biologisch gedacht 
Wfo konnte sie bis dahin vordringen, warum richtete sie nicht schon im 
sensorischen Sprachzentrum Verwirrung oder Schädigung an? Auch 
Hoe, fner deutet die tonischen Bewegungsstörungen als Dauerkontrak- 
üonen aber nicht als Spasmen. Dann kommt er auf das aphat.se e 
unSbulbäre Stottern zu sprechen. Es könne sich dabei nur um atak- 
"isches Sprechen handeln, welches seine Ursache nur entweder im Schock 
allenfoder in einer dissoziativen Beeinflussung der Koordination haben 
könne Bei Besprechung der p o . t i n f e k t i 6 s e n Stotter f äl le komm 
Hoenfner au die psychischen Untersuchungen Bonhof fers und 
Aschaffenburg-s nach Typhus zu sprechen, welche ein Vorkommen 
von Perseveration, beziehungsweise von automatischer Wiederholung eines 
motorischen Bewegungskomplexes beweisen. Daraus sowohl als auch aus 
Tr Beotchtung, das" nach Typhus im Rekonvaleszen.stadium sinnlose 
Worte hervorgebracht und dann eine Zeitlang beibehalten wurden, gfr 
lan rt Hoepfner zu der Vermutung, dass das postfebr.le Stottern auf 
Basis einer Vorstellungsdissoziation sich entwickle. Wenn er nun an anderer 
SteHe sagt eine primäre Störung beim ataktischen Sprechen sei stets 
rine solche in der Koordination der den geordneten Erfahrungswillen zu- 
mmen etzenden Vorstellungen; diese Störung sei eine aussch hesslich 
assoziative, so ergibt sich, dass er für alle Formendes Stotterns 
eine Dissoziation von Vorstellungen als den Beginn, die 

prste funktionelle Störung, auffasst 

Wenn ich erst jetzt der Verdienste zweier Männer, namheh En, 
und R u d o 1 f D e n h a r d f s , um die Stotterforschung gedenke, so geschieht 
Ss? deshalb, weil ich das Buch, welches die Ansicht dieser beiden Msnner 
über die Entstehung des Stotterns enthält und welches schon 23 Jahre alt 
tat trotz vielfacher Bemühungen erst in den letzten Tagen mir verschaffen 



490 Dr. Emil Fröscbels, 

konnte. Es besteht nun eine grosse Ähnlichkeit zwischen meiner Auf- 
fassung und der D e n h a r d t'schen uns' es spricht vielleicht für ihre 
Richtigkeit, dass ich völlig unbeeinflusst zu so ähnlichen Resultaten kam 
wie Denhardt. Wo eine Übereinstimmung zwischen meinen Beobach- 
tungen und Schlüssen und denen der beiden Forscher besteht, liegt es 
mir völlig ferne, ihnen die Priorität streitig zu machen. Doch bestehen, 
wie man sofort sehen wird, auch wesentliche Unterschiede zwischen meiner 
Auffassung und der ihrigen. Bezüglich der Mitbewegungen kommt Rudolf 
Denhardt — den ich von nun an allein erwähnen werde, da er seine 
und seines Vaters Erfahrungen niederschrieb — auch zu dem Schlüsse, sie 
seien willkürliche Hilfshandlungen, jedoch nicht auf dem Wege der Be- 
obachtung und Deduktion, sondern gestützt auf die Erzählung von Patienten. 
Als den ursprünglichen Grund des Stotterns nimmt er auch für die Ent- 
wicklungsstotterer einen Affekt an, deutet jedoch die Bewegungsstörungen 
selbst nicht als Krämpfe, sondern als den Ausdruck übermässigen Kraft- 
aufwandes. Einen Beweis dafür findet man in seiner Schrift allerdings 
nicht. Im ganzen ist das Buch ein Zeugnis für die reiche Erfahrung und. 
für die grosse Beobachtungsgabe seines Autors. Dass er die Krankheit 
eine Psychose nennt und zwar deshalb, weil sie auf dem Glauben des 
Patienten beruhe, er könne nicht immer richtig sprechen, hat dem Buch 
eine ungünstige Kritik von Seiten Gutzmann's eingetragen. Doch hat 
Denhardt lediglich ein unglückliches Wort gewählt, mit dem er nichts 
anderes sagen wollte, als dass das Stottern ein seelisches Leiden sei, eine 
Autfassung, die sich nach meiner Meinung sehr wohl für das entwickelte, 
allerdings aber nicht für das beginnende Stottern aufrecht erhalten lässt. 
. Für die Behandlung des Stotterns, gibt es eine Unzahl von Me- 
thoden. Teils wurden sie von ihren Schöpfern geheim gehalten, teils aber 
unter der Beteuerung, diese Methode allein sei rationell und richtig, von 
den Autoren publiziert. Da man nun aber annehmen muss, dass alle diese 
Stottertherapeuten Erfolge erzielt haben, da sie ja auf diese Erfolge hin 
ihre Methode veröffentlichten oder doch sie weiter anzuwenden Gelegen- 
heit hatten, so muss man skeptisch werden, wenn immer wieder neue Be- 
handlungsarten als die einzig richtigen hingestellt werden. Wenn man 
nun aber weiter annimmt, dass wenigstens viele der Autoren ihre Methode 
als die beste deshalb hinstellen, weil sie selbst die besten Erfolge mit ihr 
erzielten, so gewinnt man einen Anhaltspunkt dafür, warum sie gerade 
nur auf ihre Methode schwuren. Gestützt von der wissenschaftlichen 
Überzeugung, in der eigenen Behandlungsart dem Kern des Übels am 
nächsten gekommen zu sein, und angeeifert durch den Ehrgeiz, das eigene 
Werk durch möglichst viele Erfolge zu krönen, haben sie sich der Behand- 
lung mit besonderer Energie gewidmet. Und' das scheint mir nun der 
springende Punkt zu sein. Mit je grösserem Eifer und je grösserer Über- 
zeugung, die Heilung erzielen zu können, man dem Patienten gegenüber- 
steht, um so wahrscheinlicher ist der Erfolg. 

Vergleichen wir einmal einige von den Behandlungsarten, um zu 
sehen, ob denn wirklich die Unterschiede zwischen ihnen so gross sind, 
dass sie allein die einzelnen Autoren berechtigten, die anderen Methoden 
zu verwerfen und nur die eigene zu predigen. Es wird dabei hauptsächlich 
auf die gymnastischen Behandlungsarten ankommen, da gerade ihre Schöpfer 
einander sehr schroff gegenüberstehen. Klencke empfahl folgendes 
System. Er liess zuerst Atemübungen nach den folgenden Regeln machen. 



Über die Behandlung des Stottern». 491 

1. Immer tieferes Einatmen mit erweitertem unterem Teil des Brust- 
kastens und Herabsteigen des Zwerchfelles erst langsam und gesteigert, 
dann schneller und mit Kraft. 

2. Schnelles kräftiges Ausatmen. 

3. Zurückhalten der eingeatmeten Luft von der Dauer eines Atem- 
zuges an bis auf möglichst lange Zeit. 

4. Sehr langsames, gemessenes Ausatmen, selbst mit Unterbrechungen 
und Anhaltspausen desselben nach dem Taktstock. 

5. Geregeltes Ein- und Ausatmen nach schnellem und langsamen Takt. 

6. Steigen der ununterbrochen aufeinanderfolgenden Atemzüge, so 
weit der Atem reicht, bis zu 100 und mehreremale hinauf. 

Ferner kamen Übungen mit mehrmaliger unterbrochener Ein- und 
Ausatmung und sodann Stimmübungen. Es wurde ein einzelner Vokal 
zuerst tief und kräftig, dann immer höher durch eine Oktave geübt und 
zwar unter völliger Ausnutzung der eingeatmeten Luft. Sodann wurde 
mit einem Ausatmungsstrom zuerst derselbe Vokal angeschlagen und dann 
verschiedene Vokale hintereinander. Das bedeutet Übungen des harten Ein- 
satzes. Es wurde aber auch der gehauchte und der weiche Einsatz nicht 
vernachlässigt, sondern ebenfalls gelehrt. Nachher ging er auf die Übung 
der Konsonanten ein und empfahl zu diesem Zweck einen Spiegel, in welchem 
der Patient seine eigene Mundstellung mit der des Arztes vergleichen 
konnte. Später kam Klencke von diesen Artikulationsübungen ab und 
liess nach Absolvierung der Atem- und Stimmübungen den Stotterer sofort 
Worte und Sätze nachsprechen und frei sprechen. Da finden sich nun in 
seinem Buche die merkwürdigen Sätze: „Sobald der Stotterer in das dritte 
Stadium eintritt, darf er von dem Tage an nicht mehr stottern und nicht 
anders sprechen als wie ihm aufgegeben ist, d. h. nach einer bestimmten 
Regel. Die Pensionäre achteten in meiner Anstalt gewöhnlich selbst auf- 
einander, um sich gegenseitig zu erhaschen bei einer Sünde gegen die 
Sprachregel, und diesen Wetteifer begünstigte ich jederzeit, indem ich die 
kleinen Strafgesetze sanktionierte, welche sie selbst einführten. Es war 
dies immer ein gewaltiger Jubel zur Wachsamkeit auf sich selbst und zur 
Denktätigkeit." Da muss man sich wohl fragen, ob das noch als Gym- 
nastik betrachtet werden darf oder ob nicht lediglich seelische Beeinflussung 
vorliegt. Darauf werde ich später noch zurückkommen. Vorläufig wollen 
wir die ältere Methode Klencke's im Auge behalten, um sie mit anderen 
Übungsmethoden zu vergleichen. 

Da ist nun dieC o e n'sche zu nennen. Auch er begann die Behandlung 
mit einem intensiven Atemtraining nach einer Reihe von dazu verfertigten 
Schemen und schritt dann ebenfalls zu Stimmübungen fort, was in der 
fünften Behandlungswoche der Fall war. Zunächst wurden nach tiefer Ein- 
atmung die einzelnen Vokale laut gerufen, solang der Atem reichte. Der 
Anfang des Vokales war leiser und gegen Ende verklang er allmählich. 
Dann wurden mehrere Vokale hintereinander, jedoch nicht im kontinuier- 
lichen Übergange, sondern jeder für sich, jedoch in einem Atemzug ge- 
sprochen. Dann folgten Skalenübungen, an welche sich zu Beginn des 
zweiten Behandlungsmonates Silbenübungen reihten. Endlich gelangte er 
über Lese- und Deklamationsübungen zur freien Rede. Elektrizität und 
Kaltwasserkuren vervollständigten das System. Denhardt's Methode 



492 Dr. Emil Fröschela, 

wollen wir mit seinen eigenen Worten beschreiben : „Der Stotterer ist zu- 
förderst an bewusste ausgiebige Benutzung der Rippenmuskulatur beim 
Einatmen zu gewöhnen. Die Grösse der Mundöffnung soll dabei eines 
Strohhalmes Breite nicht überschreiten, da anderenfalls leicht die ge- 
wöhnliche, für die sprachliche Lautbildung eigentlich nicht bestimmte ab- 
dominale Respiration eintritt. Dass Denhardt (der Autor R. Den- 
h a r d t spricht hier von seinem Vater) die Notwendigkeit, den Stotterer 
zur Verwendung des Rippenatmens für die Zwecke der Sprache anzuhalten, 
von Anbeginn stets mit Entschiedenheit betonte, verdient in dieser Zeit 
besonders hervorgehoben zu werden. Wenn er den systematischen Atmungs- 
übungen, die er nachmals mit Hilfe eines dem Doktor L ander er'schen 
Inspirationsapparate ähnlich gebauten Apparates anstellen Hess, um die 
Leistungsfähigkeit der Respirationsorgane zu erhöhen und ihre Unterordnung 
unter die Herrschaft des Willens zu sichern, in allen Fällen einen hervor- 
ragenden Wert beimass, und ihre Unerlässlichkeit proklamierte, so beruhte 
das auf einem durch seine individuellen Erfahrungen nahegelegten Irrtum, 
indem er die verschiedenen Formen des Stotterns noch nicht hinreichend 
auseinander hielt und als überall anwendbar sah, was sich nur bei einigen 
Patienten als nötig und nützlich erwiesen halte. Damit soll natürlich keines- 
wegs behauptet werden, dass von diesen Übungen geradezu ein schädlicher 
Einfluss ausgegangen wäre; es musste nur festgestellt werden, dass und 
wie Denhardt sich in ihrer Wertschätzung vergriffen hatte. 

Dann wird zunächst die Aussprache kleiner Wörter in Verbindung mit 
der regelrechten Inspiration, die von jedem einzelnen Worte zu wieder- 
holen ist, derart eingeübt, dass sich die Bildung der Sprachlaute der voll- 
endeten Einatmung unmittelbar, ohne Pause, anschliesst. Es ist streng 
darauf zu achten, dass eine vorzeitige Vergeudung der eingeatmeten Luft 
vermieden und der Atemvorrat unverkürzt zur Bildung des Tones ver- 
wendet wird. Das in den Luftwegen eingeschlossene beträchtliche Quan- 
tum Atmungsluft soll vermöge seiner Spannung und Rückwirkung die 
Beseitigung etwaiger durch abnorme Muskelkontraktion geschaffener Hinder- 
nisse, wenn nicht erzwingen, so doch erleichtern. 

Das Wort selbst soll gedehnt und gleichsam von dem langsam aus- 
strömenden Atem getragen (Emil Denhardt's eigene Worte) ausge- 
sprochen werden. Aller Nachdruck fällt dabei auf den Vokal 
resp. auf den Vokal der ersten Silbe, während die Artikulation 
des etwa anlautenden Konsonanten möglichst rasch und leicht, d. h. ohne 
scharfe energische Bewegungen vollzogen wird. Die Deutlichkeit der Aus- 
sprache braucht dadurch keine erhebliche Beeinträchtigung zu erleiden. 
Es ist eben auf den Artikulationsakl nur gerade soviel Kraft zu verwenden, 
als unumgänglich notwendig ist, um den Konsonanten in seiner Eigenart 
zu akustischer Geltung zu bringen. Der Stotterer muss sein Augenmerk 
alsbald auf den Vokal richten, diesen, wenn man so sagen darf, von vorn- 
herein mit ganzer Kraft zu fassen bestrebt sein, den Konsonanten aber 
mehr als ein nebensächliches Element des Wortes betrachten und über ihn 
leicht und rasch zur Aussprache des Vokales hinweggleiten. Damit ist ein 
wichtiges Prinzip ausgesprochen, dessen theoretische Grundlage auch von 
anderen erkannt worden ist, ohne dass sie dieser Erkenntnis jedoch praktisch 
irgendwelche Folge gegeben haben — ausgenommen etwa Schmalz, der 
den Stotterern empfahl, ihre Aufmerksamkeit von der Artikulation ab und 



Über die Behandlung des Stottems. 493 

auf die Stimme zu wenden (Clarus und Radius, H. 4), und Hoff- 
mann, in dessen „Radikalheilung- 1840 sich ähnliches findet 

Die dem ersten Worte folgenden müssen rasch und ohne Anstrengung 
in der Weise aneinandergereiht werden, dass aus dem ganzen Satze 
ge wissermassen ein einziges langes, zusammenhängen- 
des Wort wird. Die eingeatmete Luft verbraucht der Stotterer dabei 
allmählich in stetigem Ausströmen und lässt den Ton gegen Ende sinken. 
Als allgemeine Regeln sind noch zu erwähnen die Vorschrift, stets mit 
möglichst voneinander entfernten Zahnreihen zu sprechen und eine weitere, 
welche vom Stotterer fordert, dass er seine Zunge auch im Zustande der 
Ruhe an eine Normallage gewöhne. Es soll nämlich die Zungenspitze die 
oberen Schneidezähne oder besser deren Wurzeln berühren. Dadurch soll 
verhindert werden, dass sich der hintere Teil der Zunge vor den Eingang 

des Rachens lege Auch verwendete Denhardt den Spiegel, 

um auf das Ungehörige in den Bewegungen der Sprechwerkzeuge und im 
Mienenspiel aufmerksam zu machen und dem gegenüber auf die physio- 
logisch korrekte Form ihrer Verrichtungen hinzuweisen.*' 

Berghan empfiehlt folgenden Lehrgang: 

I. Monat, umfasst die Übungen des Atmens und der Stimme. 

1. Woche, 1. Viertelstunde ; Einatmen und Atem zurückhalten mit ge- 
öffnetem Munde, dabei die rechte Hajid unter den linken Rippenbogen massig 
festlegen lassen, 3 Sekunden lang, allmählich, sonst tritt leicht Schwindel 
ein, steigend bis 20 Sekunden. Dieses dreimal, dann eine Minute Ruhe. 

Ausatmen 3 Sekunden, allmählich bis 10 Sekunden. Dieses wiederum 
dreimal, dann eine Minute Ruhe. Darauf gleichmässig ein- und ausatmen, 
zwischen diesen beiden eine bald längere, oald kürzere Ruhe einschalten. 

Endlich die Atmungen nach rascherem oder langsamerem Zeitmass 
abwechselnd einige Minuten ununterbrochen aufeinanderfolgen, hier und 
da wieder länger innehalten lassen. 5 Minuten Ruhe. 

2. Viertelstunde: Singen. 

3. Viertelstunde: Übungen der Brustmuskeln: Kopfbeugen, Aufrichten, 
nach links neigen, nach rechts, je dreimal, Anne erheben, vorwärtsstossen, 
seitlich, rückwärts, abwärts 10— 20 mal, Rumpfbeugen einige Male. 

IL, III., IV. Woche, 1. Viertelstunde: Übungen des Aünens wieder- 
holen. 5 Minuten Ruhe. 2. Viertelstunde: Mit geschlossenem Munde ein- 
atmen, dann beim Ausatmen einen Selbstlaut a, e, i, o, u, ä, ö, ü gedehnt 
angeben. Anfangs tief, später in der Mittellage, dann hoch 5 Sekunden lang, 
allmählich bis zu 20 Sekunden steigend; Später tonieiternd singen, die 
Tön« lang anhalten, anschwellen, abschwellen lassen. 3. Viertelstunde: 
Übungen der Brustmuskeln. 

II. Monat umfasst die Sprech- und Leseübungen. 

1. Viertelstunde: Atem- und Stimmübungen wiederholen. 2. Viertel- 
stunde: Übungen der Verbindung von Mitlauten mit Selbstlauten, zuerst 
der Selbstlaut vor den Mitlauten, dann umgekehrt, dabei den Mitlaut leise, 
den Selbstlaut stark gedehnt sprechen lassen, zuvor stets tief einatmen. 
Macht der Stimmeinsatz dem Stotternden Mühe, muss der Lehrer mit- 
spiechen oder den Stotternden berühren. Dann nach dem Zeitmass lang- 
sam und nicht zu laut sprechen lassen, zuerst einsilbige Worte, dann zwei- 
silbige, dann Wortverbindungen, zuletzt Sätze, kürzere Sätze t:ach Mög- 
lichkeit in gebundener Rede, wie ein längeres Wort. Dabei vor jedem 



494 



Dr. Emil Fröschels, 



Satze mit geschlossenem Munde einatmen, bei jeder Zeichensetzung des- 
gleichen, den Selbstlaut beachten und die Lippen stark bewegen lassen. 
3. Viertelstunde: Nach dem Zeitmass langsam lesen lassen, dabei die Ein- 
atmung nach den zuvor angegebenen Regeln. 

III. und IV. Monat umfasst die freien Redeübungen. 

1. Viertelstunde: Atem- und Stimmübungen wiederholen. 

2. Viertelstunde: Leichte Sätze nachsprechen lassen, dann schwerere, 
dann sehr schwere. 

3. Viertelstunde: Gelesenes wiedergeben, Geschichtliches, Tagesereig- 
nisse, eigene Erlebnisse mitteilen lassen, vorgelegte Fragen beantworten 
lassen. 

Die G u t z m a n n'sche Methode beginnt ebenfalls mit Atemübungen, 
welche der Schreber'schen „Zimmergymnastik" entnommen sind. Für 
die Stimmübungen wurden Schemen angegeben, welche wir näher betrachten 
wollen : 



Hauch 



Stimme 



/. 



\ 



\ 






\ 



\ 



Flüsternd 



-. u 



Hauchen 



h»: 



ha- 
ha: 



ha 
!» - 



Ha- 



Ha- 



Über die Behandlung des Stotterns. 
a-Stellung 



495 



Pause 



b-Laut 



FlüsterD in der a-Stellung 
: ha h ha h =: 



ha. 



ha 



ha 



ha. 



ha 



Pause *: 
a 



ha 



aaaaaaaaa 
äääääääää 



_tem 
Jbert 
-nfang 
_nher 



1 a 

I a ~ 
I a_ 

a 



-Uerhand 



-dieu 
-rbeiter 



bend 



a- 



raerika 
-nbeginn 



_ntworte rasch 



_ller Anfang ist schwer 



-sien ist ein Erdteil 
lte fest, was Du hast 



mburg an der Elbe 



Die Artikulationsübungen werden vor einem dreiteiligen Spiegel vor- 
genommen, in welchem der Patient nicht nur seine eigenen Artikulations- 
werkzeuge, sondern auch die des Arztes sehen kann. Dadurch wird .er 
in die Lage versetzt, zu vergleichen. Es wird nun der Reihe nach jeder 
Konsonant geübt und zwar anfänglich isoliert, dann in Verbindung mit 
Vokalen. Dabei soll anfangs sowohl der Konsonant als auch der Vokal sehr 
leise gesprochen werden, und allmählich erst der Selbstlaut stärker her- 
vortreten. Sobald wie möglich, werden Worte und Sätze gesprochen und 
zwar nach dem Prinzip, dass der erste Vokal gedehnt wird, und alles übrige 
dann ohne Unterbrechung und kontinuierlich ineinander übergehend gesagt 
wird, wie zum Beispiel: 



496 Dr. Emil Fröscheis, 

I b bb bbb bbbb 

I d dd ddd dddd 

| ba ba ba ba ba 

I da da da da da 

| Ba_ H | Da s 

I Ba_ d I Da mpfscbiff 

Ba ld kommt der Weihnachtsmann 

! Da nzig ist eine Handelsstadt 

Genau nach der gleichen Anordnung werden alle Mitlaute und die 
Doppelmitlaute geübt. 

Für die Übung des fliessenden Sprechens werden folgende 12 Regeln 
aufgestellt: 

1. Sprich langsam und ruhig, d. h. sprich Silbe vor Silbe, Wort 
vor Wort, Satz vor Satz. 

2. Sei dir stets klar darüber, was und wie du sprechen willst. 

3. Sprich nicht zu laut und nicht zu leise. 

4. Stehe oder sitze beim Sprechen gerade und still. 

5. Hole vor dem Sprechsatz mit geöffnetem Munde kurz und tief 
Atem. 

G. Sei sparsam mit dem Atmen und halte ihn beim Sprechen mehr 
zurück als dass du ihn vorschiebst. 

7. Gehe stets scharf in die Vokalstellung. 

8. Richte die ausströmende Luft nicht auf den Konsonanten, son- 
dern auf den Vokal. 

9. Drücke niemals in der Lautbildung, sprich nötigenfalls tiefer 
als gewöhnlich und dehne die Vokale durchwegs etwas. 

10. Fange den offenen Vokal mit leisem und etwas tiefem Stimm- 
einsatz an. 

11. Halte den ersten Vokal im Sprechsatze lange aus und verbinde 
alle Wörter eines Satzes so miteinander, als wenn das Ganze 
ein Wort wäre. 

12. Befleissige dich stets einer recht deutlichen, lautreinen und 
wohlklingenden Sprache. 

Es sei nun dem Leser überlassen, sich ein Urteil darüber zu bilden, 
ob zwischen den hier beschriebenen Methoden wirklich so ausschlaggebende 
Unterschiede bestehen, dass sie ihre Schöpfer berechtigten, über alle anderen 
als dio eigenen den Stab zu brechen. Speziell Gutzmann behauptet, es 
gäbe nur ein rationelles Heilverfahren gegen Stottern und das sei das von 
seinem Vater angegebene. Wodurch unterscheidet es sich nun von den 
anderen? Im Wesen durch den Übergang vom Hauchen zum Flüstern und 
zum Vokalisieren. Auf diese Reihenfolge legt er besonderes Gewicht, „da 
mit ihr diejenigen Muskeln nacheinander in Aktion treten, welche bei der 
sofortigen Hervorbringung der Stimme auf einmal gemeinschaftlich wirken 
müssen". Selbst zugegeben, dass es bei der Behandlung des Stotterns 
auf eine Übung der Koordination ankäme, sq ist es fraglich, ob die ange- 



Über die Behandlung des Stottems. 497 

geben* Reihenfolge wirklich so bedeutungsvoll ist. Denn wäre sie für 
eine richtige Sprachausbildung unbedingt nötig, warum bedient sich die 
Natur ihrer nicht? Warum hören wir das kleine Kind nie flüstern? Eine 
zweite Vorschrift Gutzmann's, welche wir bei den anderen Autoren 
nicht finden, ist der leise Stimmeinsatz beim offenen Vokal, doch scheint 
es fraglich, ob damit die G u t z m a n n'sche Methode vor den anderen einen 
ausschlaggebenden Vorsprung hat. p 

Es liegt mir völlig ferne, die Brauchbarkeit der Gu tz m an n sehen 
Methode anzuzweifeln, zumal ich sie selbst seit Jahren verwende. Nur 
erkläre ich mir ihren Wert anders als Gutzmann. Ich schreibe ihr 
nämlich lediglich suggestiven Wert zu (abgesehen von dem Trai- 
ning der allmählich an falsches Arbeiten gewöhnten Atemmuskeln) und sie 
scheint mir zu diesem Zweck nicht minder geeignet wie die .anderen beschrie- 
benen Heilverfahren, welche ich ebenfalls zur Anwendung bringe. Ich ge- 
brauche nämlich alle Methoden, auch solche, auf welche wir erst zu sprechen 
kommen werden, um mich davon zu überzeugen, ob eine den Linderen einen 
prinzipiellen Vorteil voraus hat. Die Erfahrung hat mich bisher gelehrt, dass 
dies nicht der Fall ist. Was nun alle beschriebenen übungsgymnastischen 
Methoden so anwendbar macht, ist, dass man scheinbar vor den Augen des 
Patienten die Sprache in ihre Bestandteile zerlegt und nun das Haus so- 
zusagen vor seinen Augen aufbaut. Ich sage scheinbar, denn jene wichtigen, 
und gerade für das Stottern ausschlaggebenden Momente, welche in der 
Seele liegen und nach unseren Ausführungen den Kern des Lbels aus- 
machen verschweigt man entweder gänzlich oder sagt dem Patienten das 
sei lediglich etwas Sekundäres. Würde man ihm nämlich eingestehen, dass 
der Grund des Leidens, oder besser das Leiden selbst, die Angst vor 
dem Sprechen sei und dass sich daraus erst die anderen Symptome ent- 
wickeln so wäre man mit jeder übungsgymnastischen Methode machtlos. 
Man müss dem Kranken vielmehr sagen oder ihn fühlen lassen: „Du leidest 
an falschen Sprachbewegungen und weil Du deshalb nicht recht von der 
Stelle kommst, so hat sich allmählich. Angst vor dem Sprechen in Dir ent- 
wickelt. Kommst Du nun durch die Übungen über alle Worte leicht hinweg, 
so wirst Du auch die Angst als grundlos erkennen und sie allmählich ver- 

Und nun noch, ehe wir die übungsgymnastischen Methoden verlassen, 
einige Worte darüber, warum Klencke nach meiner Meinung -von den 
Artikulationsübungen abgekommen ist. Die Artikulationsbewegungen sind 
von allen zur sprachlichen Koordination kommenden Bewegungen (Atmung, 
Stimme Artikulation) diejenigen, welche der Beobachtung des Sprechenden 
am leichtesten zugänglich sind. Die schädliche Wirkung aber, welche die 
Aufmerksamkeit auf den motorischen Sprachakt, d. 1. seine Beobachtung, 
auf die Sprache ausübt, haben wir bereits gewürdigt und ziehen daraus 
den Schluss, dass, je geringer dieser Beobachtungsbezirk ist, um so leichter 
die Heilung unter gleichen suggestiven Bedingungen sei. Dies ist so zu 
verstehen Ist man imstande, einen Patienten davon zu überzeugen, dass 
sein Sprachfehler lediglich durch falsche Atmung und falsche Kehlkopf- 
arbeit (Stimme) bedingt ist und gelingt es, ihn durch Übungen dieser beiden 
Faktoren zum richtigen Sprechen zu bringen, so verlieren die Artikulations- 
bewegungen für ihn ihre Bedeutung bei der Krankheit und man hat damit, 
ich möchte sagen, einen grossen Krankheitsherd völlig ausgeschaltet Je 
mehr nun Klencke durch Übung es erlernte, seine Patienten seelisch 



498 Dr. Emil Fröscheis, 

zu beherrschen, je mehr er in seiner Leistungsfähigkeit wuchs, um so 
eher konnte er sie davon überzeugen, dass Atem- und Stimmübungen 
allein für die Korrektion der Sprachstörung genügen. Haben mich 
nun die verschiedenen Methoden nicht davon überzeugen können, dass es 
wirklich auf jene kleinen Unterschiede ankomme, die zwischen ihnen herr- 
schen, so haben mich doch alle eines gelehrt: Solange es nicht ge- 
lingt, die Aufmerksamkeit des Patienten nach Absol- 
vierung aller Übungen vom motorischen Sprachakt ab- 
zulenken, so lange bestehtdie Gefahreines sogenannten 
Rezidives. „Sogenannt", weil man in der Regel als Rezidiv etwas 
beschreibt, was gar kein Rezidiv ist, sondern lediglich das Verschwinden 
einer Larve, welche über die Krankheit gedeckt war. Ein solcher Patient 
hat nicht aus Vertrauen zu sich selbst, sondern aus Vertrauen zu seinem 
Arzt gut gesprochen und hat nun, wenn er aus dessen Behandlung scheidet, 
seine Stütze wieder verloren. 

Einen ganz eigenartigen Standpunkt in der Therapie nimmt Lieb- 
mann ein. Nach seiner Ansicht sind alle Übungen der Atmung, Stimme 
und Artikulation völlig entbehrlich und zum Teil sogar für die Sprache 
schädlich, weil sie dieselbe leicht dauernd mit unnatürlichen Elementen 
belasten. „Vor allen Dingen", sagt er, „kommt es darauf an, die psychischen 
Momente (besonders die Angst vor dem Sprechen und vor schwierigen' 
Lauten) und die willkürlich und unwillkürlich übertriebenen Anstrengungen 
der Konsonantenbildung möglichst mit einem Schlage zu beseitigen." Er 
lässt die Patienten sofort in der ersten Sitzung, ohne dass iigendwelche 
Übungen vorangehen, Sätze mit gedehnten reinen Vokalen ohne Rhythmus 
sprechen. Dadurch tritt eine grosse Sprecherleichterung auf. Nach kurzer 
Zeit reduziert er das Mass der Vokale bis zum Normalen, lässt Fragen be- 
antworten, gibt erst leichtere, dann schwerere Übungen in der freien Rede 
und versäumt auch nicht, den Patienten in Gegenwart anderer Leute sprechen 
zu lassen. Seine Erfolge sind sicherlich ebensogut wie die anderer Thera- 
peuten. Auch ich habe seine Methode in manchen Fällen mit sehr gutem 
Resultat verwendet. Es liegt auf der Hand, dass sie eine rein psychische 
ist und man darf sie in keiner einschlägigen Publikation unerwähnt lassen, 
ohne nicht nur den Tatsachen Gewalt anzutun, sondern auch das Verständnis 
des Wesens des Stotterns zu erschweren. 

An dieser Stelle will ich über einen Versuch berichten, welcher zur 
Heilung eines meiner Patienten führte. Es handelte sich um einen 10 jährigen 
Knaben, der sich in dem zweiten, früher beschriebenen Stadium des Stotterns 
befand. Ich erzählte ihm satzweise eine Geschichte vor, wobei ich sein 
Stottern sehr genau nachahmte und forderte ihn auf, Satz für Satz zu wieder- 
holen. Daraufhin sprach er mir völlig normal nach, obwohl er sonst auch 
vorgesprochene Sätze nur heftig stotternd wiederholen konnte. In der näch- 
sten Ordinationsstunde liess ich ihn vor allem frei sprechen und da zeigte 
es sich, dass er bei ganz anderen Lauten stecken blieb wie gestern. Nun 
ahmte ich wieder diese Sprachstörung nach und sofort verschwand beim 
Wiederholen das Stottern. Am dritten Tage waren wieder andere Laute be- 
fallen und so durch eine Woche täglich neue, die jedoch immer korrekt 
wiederholt wurden, wenn ich sie in der Rede ihm vorstotterte. Schliess- 
lich sprach der Knabe gut. Es machte den Eindruck, dass ich den Patienten 
durch das ganze Alphabet verfolgte und dass diese Jagd schliesslich mit 
meinem Siege endete. Das Experiment, dem Patienten nach seiner Manier 



Über die Behandlang des Stotterns. 499 

vorzustottern, führt in den allermeisten Fällen insofern zu demselben 
Resultat, als daraufhin korrekt nachgesprochen wird. Doch dürfte es nur 
selten gelingen, auf diese Weise eine völlig normale Sprache zu erzielen. 
Immerhin glaubte ich, diese Beobachtung vorbringen zu müssen, weil 
ich meine, dass durch sie meine Ansicht über die Rolle, welche die Will- 
kür beim ' Stottern spielt, gestützt wird. Wie wäre es zu erklären, dass 
unwillkürliche Krämpfe durch ein solches Experiment zum Verschwinden 
kämen. Hierher gehört auch die weitere Beobachtung, dass die allermeisten 
Patienten korrekt sprechen, wenn man sie auffordert, zu stottern. 

Eine wichtige Frage ist nun, ob man die Stotterer ambulatorisch oder 
in einer Heilanstalt behandeln soll. Ich mache diesbezüglich Unterschiede 
nicht nur nach den Patienten, sondern auch nach dem Milieu, in welchem 
sie leben. Besonders das letztere gestattet, wenn der Arzt Einblick hat, 
eine ziemlich verlässliche Indikationsstellung. Hat schon der früher be- 
schriebene 4 jährige Patient ein trauriges Beispiel für den unheilvollen 
Einfluss gegeben, welchen Eltern auf ihre Kinder ausüben können, so 
könnte ich hier noch zahlreiche andere Beispiele anführen. Fs ist oft 
geradezu unglaublich, wie sehr die Eltern das nicht erkennen, was ihrem 
Kinde not tut. Eine allzu zärtliche Behandlung des Kindes ist oft mcnt 
minder schädlich wie eine allzu strenge. Darauf weist Stekel mit Nach- 
druck hin. Bekommt man einen kleinen Stotterer in Behandlung, bei dem 
man deutlich sieht, dass er sich in seinem Sprachfehler wohlfühlt, weil 
sich wegen dieses Gebrechens die ganze Familie unausgesetzt mit ihm be- 
fasst, weil er wegen seines Defektes immer Gegenstand des Bedauerns und 
der übertriebensten Rücksicht ist, so ist es notwendig, vor allem die Eltern 
zu erziehen. Man muss ihnen sagen, dass ein wenig Energie dem Kinde 
gegenüber notwendig ist, da man sonst eine Heilung kaum erzielen kann. 
Aber nur sehr selten fruchten diese Ratschläge etwas und dann ist man 
genötigt, das Kind für einige Zeit von den Eltern zu isolieren. Freilich 
besteht immer die Gefahr, dass ihre Ungeschicklichkeit den Kindern gegen- 
über auch einen in der Heilanstalt erzielten vollen Erfolg wieder zunichte 
macht. Die Aufnahme in eine Heilanstalt ist auch bei dem indiziert, dessen 
Umgebung unvernünftig genug ist, um ihm während der Behandlung immer 
wieder ihre Ungeduld zu zeigen. „Jetzt gehst du schon einen Monat zum 
Doktor und sprichst noch immer nicht gut!" Was den einzelnen Patienten 
selbst anbelangt, so kann man nur nach reichlicher Erfahrung entscheiden, 
ob er sich noch für die ambulatorische Behandlung eignet oder nicht. Be- 
sonders sehr Nervöse, Anämische oder sonst körperlich Kranke wird man 
in einer Heilanstalt mit besserem Erfolge behandeln können als ausserhalb 
derselben. Doch werden auch starke psychische Störungen eine Indikation 
für die Anstaltsbehandlung abgeben. In der Anstalt selbst muss sich der 
Patient vor allem wohl fühlen. Er muss den Eindruck gewinnen, in einer 
ihm befreundeten Familie zu leben. Für eine Massenbehandlung eignet sich 
ein Stotterer nach meiner Erfahrung nicht. Die Therapie muss auch in der 
Anstalt eine streng individualisierende sein. Genaue Regeln aufzustellen, 
ist hier nicht möglich. Es hängt alles von dem Taktgefühl, dem Ver- 
ständnis und der Psychologie des Arztes und auch der anderen in der 
Heilanstalt beschäftigten Personen ab. 

Endlich ist noch der psychoanalytischen Behandlungsart des 
Stotterns zu gedenken. Die Technik der Psychoanalyse ist derart kompliziert, 
dass es unmöglich erscheint, sie im Rahmen dieser Arbeit auch nur an- 



500 Dr. Emil Fröscheis, Über die Behandlung des Stotterus. 

nähernd zu beschreiben und zu erklären. Es muss diesbezüglich auf die 
Spezialschriften, besonders auf das bekannte Buch Stekel's, „Nervöse 
Angsl zustände und ihre Behandlung" und die kleine Schrift Frank's, „Die 
Psychoanalyse" betitelt, verwiesen werden. Auch die Psychoanalytiker be- 
richten über Heilerfolge hei Stotterern, womit wir einen Beweis mehr haben, 
dass nicht nur eine Methode geeignet ist, zum Ziele zu führen. 

Die bisher besprochenen Methoden sind meiner Meinung nach nur 
bei schon fixiertem (ausgebildetem) Stottern indiziert, während zu Beginn 
des Übels das Bestreben des Arztes darauf gerichtet sein muss, die Koordi- 
nation zwischen Denk- und Sprechakt herzustellen. Das geschieht am besten 
durch Vorsprechen und Nachsprechenlassen von einfachen Sätzen. Zweck- 
mässig sind dafür Bilderbücher mit nur einem Bilde oder einer Szene 
auf einem Blatte, damit das Kind nicht von dem eben zu Besprechenden 
abgelenkt wird. Man kann sich solche Bilderbücher einfach und billig 
herstellen, indem man die Märchen - Bilderbogen verwendet, von denen 
man je ein Bild auf eine Seite eines Schreibheftes klebt. Der Text, den 
man vorspricht, muss einfach sein, so dass das Kind alles leicht versteht 
und leicht wiederholen kann, Die gebräuchlichen Bilderbücher sind, wenig- 
stens was den Text anbelangt, unbrauchbar. Man muss sich darüber 
wundern, wie wenig Verständnis die Verfasser solcher Bücher für das 
kindliche Sprechhirn und Gehirn überhaupt haben. Komplizierte Sätze 
mit schwer verständlichen Ausdrücken sind unter die Bilder geschrieben, 
welche wieder das Bestreben verraten, nur möglichst viel Farbe auf einer 
Seite unterzubringen. Solche Produkte sind dem kindlichen Gehirn ebenso 
unzuträglich, wie etwa eine Kinovorstellung. — Kinder, welche nach dem 
Ausdruck ringen, soll man diesbezüglich unterstützen. Und, was nicht oft 
genug betont weiden kann, man lasse die kleinen Kinder überhaupt in 
Frieden. Sie holen sich, was sie für ihre geistige und sprachliche Ent- 
wicklung brauchen, schon selbst! Man staune 'sie auch nicht an, sonst 
gewöhnen sie sich daran und erleben später viel bittere Enttäuschung? 
Man reize aber auch ihren Ehrgeiz nicht so, dass sie mit der ihrer Alters- 
stufe entsprechenden Leistungsfähigkeit nicht auskommen und entgleisen 
müssen — sei es sprachlich, sei es in ihrem Charakter 1 ). 

') Die psychotherapeutische Behandlung des Stotterns ist eine der schwie- 
rigsten nber auch dankbarsten Aufgaben des Analytikers. Die klaren Aus- 
führungen Fröschels bestärken mich in meiner Ansicht, dass es sich nur darum 
handelt, das Vertrauen des Kranken zu gewinnen. Allerdings wird es mir noch 
deutlicher, dass nur eine Therapie, welche auf die psychischen Quellen der Störung 
eingeht, eine kausale genannt werden kann. Doch bedenkt man die ungeheueren 
Schwierigkeiten einer Psychoanalyse mit Kindern, die verantwortungsvolle Aufgabe, 
die Unmöglichkeit über alles zusprechen, die Gefahr- einer Schädigung dieser Kinder, 
so wird man Fröschels gerne zustimmen, wenn er für die leichten Falle die ge- 
bräuchlichen Methoden als psychische Beeinflussung und pädagogische Erziehung in 
Anspruch nimmt. Junge Kinder sollten nur von sehr erfahrenen Psychoanalytikern 
und auch da mit grösster Vorsicht und Zartheit behandelt werden, wenn die üb- 
lichen Methoden im Stiche gelassen haben. Stekel. 

Dein sehr geehrten Herrn Redakteur, dem ich dafür dankbar bin, dass er es mir 
ermöglichte, in seiner psychoanalytischen Zeitschrift meinen psychisch-edukatoriseben 
Standpunkt zu vertreten, erlaube ich mir, auf die oben stehenden Bemerkungen zu erwidern, 
dass nach meinen Ausführungen der einzuschlagende therapeutische Weg sich nicht nach 
der Schwere des Falles und auch nicht nach dem Alter des Patienten richtet, sondern dass 
ich aus meiner Erfahrung den Satz aufstelle, dass sämtliche beschriebenen Behandlungs- 
arten geeignet sind, das Stottern erfolgreich zu bekämpfen, sofern die nötige seelische 
Beeinflussung gelingt. Fröschels. 



II. 
Ein psychologischer Beitrag zur Frage des Alkoholismus. 

Von Dr. J. Birstein, Odessa. 

In einer russischen Zeitung kam mir vor kurzem folgende Notiz 
vor Augen : „Ein Fall von überraschender Grausamkeit infolge von Trunken- 
heit fand im Gute K., in der Nähe von Ribinsk, statt. Der 34 jährige Arbeiter 
Iwanoff fing mit einem anderen Arbeiter, namens Miropolsky, einen Streit 
an, indem er ihm beweisen wollte, dass ,es auf der Welt keinen Gott gäbe' . . . . 
Daraufhin legte er sich schlafen. Diese Situation ausnützend, nahm Miro- 
polsky ein Beil und fing an, dem schlafenden Iwanoff solange Schläge 
beizubringen, bis er ihn im wahren Sinne des Wortes zerstückelt hatte. 
Iwanoff wurde ins Spital gebracht. Bei der Untersuchung wurden 26 Wunden 
gezählt. Ein Arm und ein Bein abgehauen, einige Körperteile stellten eine 
formlose Masse vor. Der Mordtäter, der 80 jährige Greis Miropolsky, ist 
verhaftet." 

Die wichtigsten Punkte, auf denen die Aufmerksamkeit beim Versuche 
einer psychoanalytischen Erforschung des beschriebenen Falles haften bleibt, 
sind: 1. der „Excessus in Baccho", 2. die Bemühung Iwanoffs, Miropolsky 
zu beweisen, dass „es auf der Welt keinen Gott gäbe", 3. das vorgeschrittene 
Alter Miropolsky's und 4. endlich die eigentliche Art des Mordes, welche 
den hohen Grad der Affektivität im Momente der Verübung der verbreche- 
rischen Tat zeigt. 

Man sollte wohl annehmen, dass bei keiner kleinen Zahl der Leser, 
die dieser Zeitungsnotiz, in Petitschrift gedruckt, Beachtung geschenkt hat, 
das Gefühl der Verblüffung aufgetreten ist: worin ist der Sinn, wo ist der 
Trieb, was für Gefühlsmotive sind es, die zur Verübung eines solch „grau- 
samen" Mordes geführt haben? Weiter, weshalb von seiten des 80jährigen 
Greises eine solche Wut, wie sie in den Details des Mordes zum Vorschein 
gekommen ist? Sollte wirklich nur der Alkoholrausch der Hauptgrund des 
Verbrechens sein? Es macht einen sonderbaren Eindruck! 

Freilich ist uns Miropolsky's Biographie nicht bekannt, jedoch kann 
man annehmen, dass er im Verlaufe seines langen Lebens niemand getötet 
hat (andernfalls wäre in der Zeitungsnotiz darüber Erwähnung getan im 
gewöhnlichen Ausdrucke wie: „rückfälliger Mörder"), und, wahrscheinlich, 
befand er sich mehr wie einmal in einem Zustande eines analogen Rausches. 
Was war das Besondere, Ausschliessliche, das in diesem Falle 

ZentralbUtt für Psychoanalyse. III "Z". 34 



5Q2 Dr. J. Biretein, 

vorhanden sein mochte? Man darf wohl annehmen, dass nicht der Rausch 
an und für sich solch eine tragische Erscheinung hervorgerufen hat, son- 
dern, wahrscheinlich, jener Streit zwischen Iwanoff and Miropolsky, 
welcher auf Grund der Frage über „die Existenz einer Gottheit auf der 
Welt" entstand. Und nun kommt uns die Frage, warum in solchem Falle 
seitens Miropolsky's sich eine solch affektive Reaktion gegenüber den augen- 
scheinlich überzeugenden Erörterungen Iwanoff's in betreff der „Nicht- 
existenz einer Gottheit auf der Welt" äusserte? Wo ist die psychische 
Determinierung der Tat Miropolsky's, deren Opfer Iwanoff wurde? 

Diese Determinierung scheint mir ungefähr folgende zu sein: Der 
im Vergleich mit Miropolsky junge Iwanoff kommt unter der Wirkung des 
Alkohols, welcher, wie bekannt, die Funktionen der höheren hemmenden 
Zentren schwächt, in eine Art manischen Zustandes, der schon an den 
Grössenwahn grenzt; in solch einer erkünstelten psychischen Konstellation 
bemüht er sich, all das, womit er im Leben, auf welche Art. es immer sei, 
genötigt ist zu rechnen, zu entwerten: Ethik, Moral, religiöse Gefühle usw. 
Auf etwas Rücksicht nehmen bedeutet resignieren zuwider dem Verlangen 
des eigenen „Ich", und zugleich damit das Gefühl der Gewalt, des Druckes 
auf der Seele zu haben, die zur vollen und unbeschränkten Freiheit der 
Äusserungen strebt. 

Man muss annehmen, dass das Gefühl des Druckes in Iwanoff's des- 
equilibrierter, mit Mühe der sozialen Lage angepassten Seele sich haupt- 
sächlich auf die notgedrungene Rücksichtnahme auf den Komplex der Gott- 
heit, der Religiosität usw. bezog. Des Alkoholes bediente er sich, wie die 
meisten Neurotiker, mit der unbewussten Absicht, wenn auch nur für kurze 
Zeit, den beständigen Konflikt zu beseitigen. Denselben könnte man als 
inneren Kampf zwischen den wahren Trieben seiner unbändigen, primi- 
tiven Natur und den ihm aufgedrängten Pflichten, diesen Drang zu hemmen 
durch rationalistische Prinzipien des Gesetzes, die gesellschaftlichen Be- 
griffe der Moral, der Abgrenzung zwischen Gut und Böse und zum Schlüsse 
durch die Verantwortung vor der höchsten Instanz, dem höchsten Richter 
— Gott, definieren. Und in der Tat, das unbewusste Ziel ist er- 
reicht: der Konflikt ist gelöst in der Bestätigung und aufrichtigen (für den 
gegenwärtigen Moment) Überzeugung der „Nichtexistenz der Gottheit". Je- 
doch genügt solch eine Selbstüberzeugung nicht; die Aufrichtigkeit der- 
selben hat sich noch nicht mit der unmittelbaren Gefühlssphäre vereint. 
Und wie man es nicht selten (vielleicht sogar immer) im Leben beobachtet — 
besonders hartnäckig bestreitet und verteidigt man die Frage, welche zu- 
wider den logischen Folgerungen in dumpfen Tönen eben in Form einer 
Frage in der Seele widerklingt. Wenn es im Streite gelingt, dem Gegner 
die logische Richtigkeit der Meinung zu beweisen und ihn auf solche Art 
in den sichtbaren, rationalistischen Standpunkt hineinzuziehen, so kann 
sich der quälende Missklang der als schwere Last in der Tiefe unserer 
Seele liegenden Frage etwas besänftigen und mildern. Die Losung heisst: 
„Im Kriege ist der Einzelne, machtlos" ; also muss man die ganze Energie 
dahin wenden, um die Zahl der Verbündeten, Sinnesgenossen zu erhöhen; 
je mehr ihrer sind, um so ruhiger kann man sich auf der schwach ver- 
teidigten Position befestigen. 

Derartig scheint mir auch die psychologische Grundlage der pro- 
phetischen Naturen, welche sich bestreben, den Kreis ihrer Tätigkeit so 
stark wie möglich auszudehnen und möglichst viele Anhänger, Glaubens- 



Ein psychologischer Beitrag zur Frage des Alkoholiemus. 503 

genossen in ihn einzuschliessen. Die Ursache, wie schon erwähnt, liegt 
im Gefühle der Unsicherheit der angenommenen Wahrheiten (Zweifels-, 
Unsicherheitskonstruktionen, Dr. Adler), welches unendliche Bestätigung 
von aussen bedarf. Hierauf bezüglich wenden sich meine Gedanken zu 
Tolstoi, dessen ganzes langes Leben von nichts anderem erfüllt war, 
als von einer unzweideutigen prophetischen Tätigkeit, in Wirklichkeit aber 
von der Unmöglichkeit, sich von den inneren Widersprüchen, die klar 
und bestimmt durch sein ganzes Leben ziehen, zu befreien. Auch er 
predigte das Dasein Gottes, bemühte sich, seinen Glauben in Wort und 
Schrift zu verbreiten; unterliess im vorgeschrittenen Alter seine künst- 
lerische Betätigung, da etwas weit Wichtigeres in den Vordergrund seiner 
kranken Seele trat — die Probleme über Gott, das irdische Dasein nnd, 
hauptsächlich, über den Tod. Auf jedem Schritte treffen wir bei Tolstoi 
diese Angst vor dem Tod; und mit der Angst vor demselben kämpft er 
durch die Aufstellung eines philosophischen Systems über die Unsterb- 
lichkeit der Seele, propagandiert lebhaft für das so konstruierte Schema 
und erreicht damit die Anlockung einer ansehnlichen Zahl von gleich- 
gesinnten Kräften, die ihm behilflich sein könnten, sich in dem schwan- 
kenden, selbsterbauten Kompromisse zu bestärken. Die Form an und für 
sich: die Anerkennung oder Verneinung der Gottheit spielt keine prinzipielle 
Rolle. Alles wird dahin geführt, sich in die Gewissheit seiner eigenen gött- 
lichen Unsterblichkeit zu versenken. Der Unterschied zwischen Iwanoff 
und Tolstoi ist nur ein äusserer, keinesfalls ein psychologischer. Der 
Erstere verneint das Dasein Gottes, da er selbst zur Verkörperung der 
Gottheit — des Allmächtigen, Unsterblichen strebt.. Der Letztere hebt 
seine Existenz scharf hervor, um auf solche Art — eine visionäre Annähe- 
rung, fast eine Identität mit der Gottheit zu erreichen. 

Anscheinend ist hier etwas Gemeinsames mit dem paranoischen Mecha- 
nismus: um sich der Möglichkeit ein allmächtiges, unsterbliches Wesen 
zu werden (der „männliche Protest" infolge des verschärften „Minder- 
wertigkeitsgefühles", Adler), annähern zu können, muss man entweder 
den Begriff von einem Gott aus der Seele reissen (Iwanoff), oder auf Um- 
wegen die Identität mit demselben erreichen (Tolstoi). In beiden Fällen 
kommt deutlich „die Entwertungstendenz" zum Vorscheine. Die 
gänzliche Verwerfung der Realität in der Paranoia ist das „conditio sine 
qua non", um die Fiktion, die der Natur und der ganzen psychischen Struktur 
des Paranoikers entspricht, zu erreichen. Der Lebensplan eines Neurotikers, 
in unserem Falle Iwanoff 's, unterscheidet sich im wesentlichen nicht 
von dem eines Psychotikers. Der Unterschied besteht nur darin, dass es 
dem letzteren gelingt; die Realität vollständig, absolut zu verwerfen, um 
das fiktiv gestellte Endziel zu erreichen. Der Neurotiker jedoch verbleibt 
im Zustande des beständigen seelischen Konfliktes zwischen den idea- 
listischen Forderungen seiner Natur und der Wirklichkeit, von welcher er 
sich ganz loszureissen nicht imstande ist. Zum Ende eines solchen psy- 
chischen Kampfes stossen wir beim Neurotiker jedesmal auf den Versuch, 
die Realität umzuformen und sie der Möglichkeit zur Erreichung des, in 
der Tat unerreichbaren — weil fiktiven — Zieles anzupassen. Bei näherer 
Analyse bieten sich uns alle neurotischen Symptome als nichts anderes 
dar, denn Kunstgriffe, Mittel und Konstruktionen, einem allseitig ange- 
nommenen Massstab seines Lebensplanes entspringend, welche der Neu- 
rotiker hartnäckig zu realisieren sich bemüht. Es muss hinzugefügt werden, 

34* 



504 Dr- J- Birsfcein, 

dass der Mechanismus, der die Symptome — Konstruktionen produziert, 
nur bei dem unbedingten psychischen Gesetze : der Versenkung des 
wahren Sinnes — des fiktiven Zieles ins Unbewusste, 
funktionieren kann. 

Was die Betäubung durch den Alkohol anbetrifft, so scheint mir 
dieses sichtbare Phänomen nichts anderes als auch eine analogische 
neurotische Konstruktion, welche die grösste Möglichkeit zur Verwerfung 
der realen Hemmungen verfolgt und sich bemüht, die Distanz von der 
Wirklichkeit und dem ersehnten Ziele des persönlichen „Ich" auf das mög- 
lichste Minimum zu reduzieren. Dieses ersehnte, fiktive Endziel neuroti- 
schen Charakters führt zu den Begriffen : der Überkompensation, des männ- 
lichen Protestes, der Identifizierung mit der Gottheit (Adler) und bedient 
sich einer ganzen Reihe kunstvoll ausgearbeiteter psychischer Griffe — 
Symptome. Hier muss auch bemerkt werden, dass der Alkohol noch eher 
zur notwendigen Folge führen muss, und zwar dadurch, dass der Rausch 
noch mehr das Bewusstsein vom Hauptziel des Individuums ablenken kann. 
Dadurch wird die Basis für das unmittelbare Handeln gewonnen. 

Uns zur Analyse von Miropolsky's Reaktion und Handlung wendend, 
die im Zusammenhange mit Iwanoff's Überzeugungsversuchen und Ein- 
flüsterungen von dem „Nichtvorhandensein Gottes" erfolgten, nehmen wir, 
a priori, an, dass diese Reaktion durch Miropolsky's psychische Struktur 
im allgemeinen und folglich durch ihren momentanen (in den Stunden des 
Rausches, Streites und Mordes) Zustand im besonderen bedingt wurde. 
Aus der kurzen Zeitungsnotiz können wir kein genügendes Material heraus- 
finden; deshalb bleibt uns nichts anderes, als uns auf die nur eine bekannte 
Tatsache — das Alter Miropolsky's — zu beschränken. Auf Grund des 
uns Bekannten wollen wir nun operieren und uns bemühen, eine annähernd 
treffende Skizze des ganzen Wesens Miropolsky's zu entwerfen. Wie die 
Naturforscher das gesamte Bild irgend einer dagewesenen, aber bereits 
ausgestorbenen Art auf Grund eines gefundenen Details — Knochens, 
Schädels usw. konstruieren, so wollen auch wir versuchen, uns auf die 
scheinbar nichtssagende Tatsache stützend, die allgemeine psychische Kon- 
stitution Miropolsky's zu zeichnen. Die typische Phänomenologie stellt 
sich folgendermassen dar: je älter der Mensen wird, um so grössere Neigung 
zeigt er den religiösen Gefühlen gegenüber. Die Jugend verhält sich zur 
Annahme der religiösen Ideen entweder ganz gleichgültig oder sehr ober- 
flächlich, sich mit der Akzeptierung der Dogmen begnügend. Weiter wissen 
wir ja viele Fälle, wo atheistisch gesinnte Leute vor der Nähe des Todes 
oder einer Lebensgefahr eine, für das Innere ihrer Seele, ganz ungewöhn- 
liche Religiosität aufweisen. Die Erklärung , einer solchen Erscheinung 
könnte man dem Umstände zuschreiben, dass zugleich mit dem vor- 
schreitenden Alter in der Seele des Menschen immer deutlicher und plasti- 
scher das Gespenst des herannahenden und un überwindbaren Todes 
hervortritt. Eigentlich ist der Tod das Einzige im Leben, das der Mensch 
nicht imstande ist zu bekämpfen. Alles übrige wäre für ihn wohl möglich 
zu überwältigen und wenn auch nicht tatsächlich, so phantastisch — 
in Träumen. Illusionen, Einbildungen und Hoffnungen. Auch hier schliesse 
ich die Psychotikcr aus, denen es bis zum Ende gelingt, in der Gewissheit 
ihrer Unsterblichkeit, infolge der erstarrten Formel: „Gottheit — unsterb- 
lich, ich — eine Gottheit, ergo — auch ich — unsterblich", zu verharren. 
Gewöhnlich aber ruft eine solche Unbeholfenheit vor dem Ablebensproblem 



Ein psychologischer Beitrag zur Frage des Alkobolismus. 505 

bei alten und kranken Leuten oder bei jungen und gesunden, die aber auch 
durch verschiedene Motive gezwungen sind, mit der Allmacht des Todes 
zu rechnen das der ganzen Menschheit eigene „Minderwertigkeitsgefühl , 
stark unterstreichend, hervor. Dieses Minderwertigkeitsgefühl ist eben mit 
der wunden Stelle des oben erwähnten Problems verbunden und steht 
bei Menschen mit „nervösem Charakter" im Zentrum der Neurose So ist 
zum Beispiel der ganzen Menschheit die Unabwendbarkeit des Todes be- 
wusst; dem Neurotiker ist das auch bekannt, aber zugleich bemuht er sich, 
dieses Unüberwindbare zu benutzen, um seine Minderwertigkeit ad oculos 
demonstrieren zu können. Und diese letztere Konstruktion ist ihrerseits 
wieder nötig, um die Möglichkeit zu gewinnen, das Ross „des männlichen 
Protestes" mit dem seine Natur sich vorwachsen hat, anzuspornen. Ge- 
mäss den Anschauungen Dr. Adle r's ist es uns bekannt, dass das Minder- 
wertigkeitsgefühl eine Reihe von psychischen Anpassungen hervorruft, wie: 
Kompensation, Überkompensation und, im gesetzmässigen Zusammenhange, 
die Konstruktionen der Sicheruugs- und Entwertungsteudenzen, bezüglich 
der Unüberwindlichkeit des Realen. 

Der gewöhnliche, normale Konservatismus alter Leute erklärt sich 
durch denselben psychischen Konflikt, dessen extreme Pole sich in: 1. der 
Konstruktion des Minderwertigkeitsgefühles, 2. für die notwendige Emana- 
tion des .männlichen Protestes" äussern. Solch ein Konservatismus er- 
innert uns an die Politik des Fuchses (aus der bekannten Fabel), dank 
welcher es demselben gelingt, aus der unangenehmen Lage gegenüber den 
auf eine für ihn unerreichbaren Höhe wachsenden Trauben, in Ehren zu 
kommen (das Prinzip des Unerreichbaren in der Wirklichkeit). Vermittels 
der Entwertung der gewünschten, reifen Trauben, entfernt er sich mit 
einem als — ob gleichgültigen Verhalten vom Gegenstande seines Be- 
gehrens (die Entwertungstendenz als Hilfsmittel). Ist hier nicht etwas 
analogisches der konstruktiven Politik alter Leute (das Alter, die Un- 
beholfenheit, das Minderwertigkeitsgefühl, das Todes- 
G e s p e n s t) in ihrem unerreichbaren Streben zu den Prinzipien der Jugend, 
der Kraft der weitinbegriffenen Potenz, auf welcher Basis sich eben die- 
selbe Perspektive des drohenden Ablebens, d. h. der Impotenz im weiten 
und engen Sinne begründet. Sogar die Sprache hat sich anscheinend dieser 
resultierenden Entwertung im Ausdrucke: „Die grüne, die unreife Jugend , 
aneepasst. Wenn es in der Fabel (cum grano salis) auch zulässig ist, dass 
der Fuchs sich, die reifen und schmackhaften Trauben entwertend, wirk- 
lich beruhigt hat, so müsste solch eine Annahme in bezug auf die mensch- 
liche und um so mehr neurotische Psyche vollständig ausgeschlossen 
werden Bei Menschen sind es, in analogischen Fällen, nur Worte; 
es lässt sich eine Rationalisierung, aber keinesfalls ein aufrichtiges Gefühl 
herstellen Der männliche Protest funktioniert mit der ihm eigenen Gesetz- 
mässigkeit so lange, bis in der Seele einigermassen ein Kompromiss geformt 
wird welcher im Dienste des Endzieles - der Herstellung einer fiktiven 
unerreichbaren, im höchsten schwebenden Position — stehen soll. Solch 
eine Art Kompromiss, solch eine willkürliche (obzwar auch unbewusste) 
psychische Konstruktion leitet die ganze Menschheit zu den Problemen 
der Gottheit, d. h. der Unsterblichkeit. Sich der Gottheit nähernd und mit 
ihr sich identifizierend (vermittels hypostasierter religiöser Dogmen, an- 
genommener ethischer Begriffe des Guten, Bösen, Selbstvervollkommnung, 
Nächstenliebe usw.) gelingt es dem Menschen auf solch halluzinatorischem 



506 Dr. J. Birstein, 

Wege sich einigermassen von dem erdrückenden Gefühle der eigenen Nichtig- 
keit zu befreien. Es ist nun begreiflich, dass bei alten Leuten und noch 
dazu bei solchen mit neurotischem Charakter (im Mittelpunkte dessen die 
betonte Idee der Überkompensation u. a, liegt) der ganze Verlauf des er- 
wähnten Konfliktes und des mit ihm unzertrennlich verbundenen, hart- 
näckigen Bestrebens zur Herstellung eines seelischen Kompromisses, be- 
sonders scharf und deutlich ausgeprägt sein muss. 

Man muss annehmen, dass es nur mehr oder weniger — d. h. 
nicht vollständig — gelingt, einen solchen Kompromiss zu bilden (wie es 
der Paranoiker erreicht). 

Die Seele Miropolsky's liesse sich mit einer Wage, deren Schalen mit 
Mühe ins Gleichgewicht gebracht sind, vergleichen. Die Wage ist aber so 
empfindlich, dass der geringste Druck, vielleicht sogar nur ein Windhauch, 
genügt, um ihr Gleichgewicht zu stören. 

Gleich einem Ertrinkenden, der nach einem Strohhalm greift, in der 
eingebildeten Hoffnung, dass letzterer ihn vom unentrinnbaren Untergänge 
retten wird, so versucht auch Miropolsky einen seiner selbsterdachten 
Fiktion entsprechenden Affekt zu erreichen. Sein seelisches Gleichgewicht 
beschützend, ist er geneigt, diese Annahme dadurch zu befestigen, dass 
er ihr die Bedeutung von etwas Wirklichem, Wahren, Heilsamen und „als 
ob" Realem beimisst. Dank langer, qualvoller (vorherrschend unbewusster) 
psychischer Arbeit, gelingt es ihm zum Schlüsse, sich dem vorgespiegelten 
Rettungsanker anzupassen — die Linie seines „männlichen Protestes" bis 
ans Ende, bis zur Idee der göttlichen Unsterblichkeit zu führen. 

Es ist klar, dass der Mensch eben das besonders hochschätzt, was 
ihm nicht mit Leichtigkeit zu erringen gelang und demselben, folglich, einen 
grossen Wert beimessend, behütet er dieses „Gewisse" vor einer Verlust- 
möglichkeit. Und so sich in der Verfassung eines mit Mühe erreichten 
seelischen Gleichgewichtes (anbei eines überaus unzuverlässigen — weil 
fiktiven) befindend, gerät er unerwartet unter den Angriff seitens eines 
prinzipiellen „Gegners", welcher von den analogischen Motiven 
seiner psychischen Konstitution geleitet wird; Miropolsky sieht in Iwanoff 
die Verkörperung des bösen Geistes, des Teufels usw. 1 ). Hier überkommt 
ihn, von dieser Richtung, eine Unruhe und ein Angstgefühl, denn .... „es 

wäre möglich, dass Iwanoff mit seinen Verneinungen recht hat" 

Aber, wenn er im Rechte ist, so kann und sogar mehr — muss doch Miro- 
polsky's ganzer hoher, mit einer bis in den Himmel reichenden Kuppel 
gekrönter überbau stürzen, denn er ist ja auf keinem festen Boden, keinem 
realen Fundament errichtet. (In der Legende vom „Turm zu Babel" 
ist es nicht schwer, die gleichen Triebe des allgemein-herrschenden „männ- 
lichen Protestes" zu erblicken. *\uch da zeigt sich uns wieder die Bestäti- 
gung, dass eine Fiktion unrealisierbar ist.) 

Was erwartet Miropolsky in der Zukunft, wenn es ihm nicht gelingen 
sollte, bis ans Ende seines Lebens in dem selbstgerichteten Zustande des 
verhältnismässigen seelischen Gleichgewichtes zu verbleiben? Von neuem 
den mühsamen Weg der Überkompensation zu machen, wird wohl kaum 

J) Anbei erwähnen wir die psychologische Parallele in betreff der Volkamytben, 
in denen der „böse Geist" sich bestrebt, vermittelst Versprechungen irdischer Guter 
Jie Seele zu kaufen, d. h. den Menschen, der ausschliesslich notwendigen Vorstellung 
der seelischen Unsterblichkeit (des persönlichen „Ich") zu berauben. 



Ein psychologischer Beitrag zur Frage des Alkobolismus. 



507 



gehen, denn — wer weiss — das blendende Licht der Wahrheit, von den 
Lippen des teuflischen Diskutanten strömend, könnte ihm die Möglichkeit 
einer wiederholten Konstruktion seiner fast ganz gereiften Fiktion entwenden. 
Ein anderer Ausweg — in betreff eines Ersatzes der alten (zerstörten) Fiktion 
durch eine neue — Hesse sich auch nicht erwarten, denn die erstere brachte 
ihn zum höchsten Endziele — der Identität mit der Gottheit, und dann 
heisst es — es ist ja schon zu spät. Das Alter — der Tod blickt 
schon in die erschreckten Augen des Greises und es ist jetzt nicht mehr 
an der Zeit, mit der Erbauung von etwas Neuem zu beginnen. Man muss 
sich um jeden Preis an das Alte, den alten „Strohhalm", klammern. 

In solchen Stunden aber verwandelt sich „der Strohhalm" in eine 
„Scheide", an welcher sich der ertrinkende Miropolsky jetzt krampfhaft hält. 
Aber „die Schneide" verwundet, einen unerträglichen Schmerz hinzufügend. 
Der Fiktion droht die Möchlichkeit als eben solche enthüllt zu werden, das 
Luftschloss ist der Zerstörung nahe ; das Persönlichkeitsgefühl gleicht einer 
schwankenden Wage, einem leichten Gebäude während eines Erdbebens, 
das jeden Augenblick zu stürzen und den unglücklichen Greis unter seinen 
Trümmern zu begraben droht. In panischem Schrecke erklingt der Seelen- 
schrei: „rette dich — bevor es zu spät ist! Ja, aber auf welche Art? Ein- 
fach fortgehen? Nein, das ist kein Ausweg, denn nun wird die seelische 
Spaltung," durch Iwanoffs Worte hervorgerufen, ihn weiter begleiten. Es 
bleibt nur das Einzige: fest die Ohren schliessen, um weder Iwanoff's 
Reden noch Laute zu hören. Wenn das gelingt, heilt auch vielleicht der 
Riss und alles kann wieder gut werden " Nun ist Iwanoff einge- 
schlafen In Miropolsky's Psyche jedoch klingen seine Worte mit gleicher 
Kraft weiter und taucht der Gedanke auf: „Jetzt schläft er, aber ich höre 
ihn doch; ausserdem wird er ja erwachen, um mich von neuem quälen zu 
können." Als Antwort auf eine solch schreckliche Vorstellung erscheint 
der unvertilgbare Wunsch, niemals im Leben mehr die „unzüchtigen" 

Reden Iwanoff's zu vernehmen Ermorden?! Nein, das ist auch 

nicht genügend, ist nicht das Ganze. Nur töten — das ist ja noch mit 
der Möglichkeit verbunden, seine Gestalt vor Augen zu sehen, zu sehen, 
wie sich sein Gesicht verstellt, — das ist ja von gleicher Bedeutung wie 
seine Stimme und die von seinen Lippen kommenden, schrecklichen Worte 
zu hören. Es bleibt nur eins : vernichten, in Stücke zerhauen, einer jeden 
menschlichen Gestalt zu berauben, ihn in etwas Formloses, Entstelltes, in 
einen Haufen Fleisch, in etwas niemals belebt Gewesenes zu verwandeln. 

Und die Tat ist vollbracht! Ein Wesen hat das andere vernichtet, 
eine „Gottheit" hat die andere vom Throne gestürzt, um im verzweifelten 
Kampfe das persönliche „Ich", mitten im stürmischen Ozean des Lebens- 
chaos, retten zu können, sich krampfhaft an den einsamen scharfen Felsen 
klammernd auf welchem für zwei kein Platz vorhanden ist. „Rette 
sich wer kann", in der Hoffnung, dass von irgendwoher die Hilfe nahen 
wird. Nur nicht verkommen, nicht zugrunde gehen, das lebende „Ich" 
nicht verlieren. - 

Dessenungeachtet, ist Miropolskv nicht gerettet. Objektiv betrachtet 
ist es besser" (wenn man diesen Ausdruck gebrauchen darf) dem bereits 
nicht mehr existierenden Iwanoff. Die Zukunft Miropolsky's ist nicht durch 
die Tatsache des Mordes psychisch belastet, sondern dadurch, dass sich 
mit diesem Morde beständig die Worte und Gedanken des „bösen Geistes" 
assoziieren würden. Die Worte, welche das fiktive Luftschloss, dem sich 



508 Dr. J. Birstein, Ein psychologischer Beitrag zur Frage des Alkoholismus. 

Miropolsky's Persönlichkeit einigermassen angepasst hatte, für immer zer- 
störten. Das Ende seiner Tage muss von einem unvertilgbaren Gefühle 
des Unglücks und der Bitterkeit begleitet werden. Man dürfte annehmen, 
dass, wenn er Iwanoff nicht getötet hätte, sein seelischer Konflikt (der 
diesen Mord bedingte) nicht eine solche Schärfe angenommen hätte, und, 
vielleicht, sogar wäre er mit der Zeit insofern ausgeglichen worden, dass 
er die seelische Wage Miropolsky's zu einem ähnlich dem früheren, an- 
nähernd normalen (?) Gleichgewichtszustand führen könnte. 

Am Ende lässt es sich mit einer gewissen Sicherheit denken, dass 
die Rolle des Alkohols nicht die unmittelbare Ursache der tragischen Episode 
gewesen sei. Der Rausch, vom psychologischen Standpunkte gesehen, scheint 
sekundären Charakters zu sein, denn er ist eine halbbewusste Konstruktion, 
zu der voraussetzlichen (in der Perspektive) Verschärfung des Seelen- 
konfliktes und der gewünschten Betonung des beschränkten und erstarrten 
Lebensplanes. 

Die Prinzipien dieser beiden Leute, im gewöhnlichen nüchternen 
Zustande am Grund der Seele ruhend, und durch die notgedrungene 
Rücksichtnahme auf die Realität belastet, treten deutlich und scharf auf 
den Fond der Psyche; dank der Alkoholwiikung befreit sich der letztere 
vieler Schatten, die durch die Stellung der Persönlichkeit zwischen der 
Lichtquelle (Realität) und der Projektionswand (wirklicher Charakter) her- 
vorgerufen werden. Der Alkohol verwischte von dem Grundfond einen 
recht grossen Teil der Schattierungen und hat. hiermit die präzise Klarheit 
des wahren Diapositives der seelischen Verfassung ermöglicht. 

In Folge: die Vernichtung zweier Menschen. Beide sind tot und jeder 
hat den anderen mit der gleichen Waffe getötet: mit der Angst vor 
der eigenen Niederlage, dem Kampfe um die Persönlich- 
keit undihreUnsterblichkeit. Iwanoff starb physisch und seelisch, 
in Miropolsky ist das Leben des eigenen „Ich" vollständig zugrunde ge- 
gangen. 

Ich bin, natürlich, weit entfernt von dein Gedanken, in diesen wenigen 
Worten das vielseitige Alkoholismusproblem entscheiden zu wollen. Ich 
habe nur die schematischen Voraussetzungen, welche, vielleicht, teilweise 
zur psychologischen Beleuchtung der erwähnten Frage beitragen können, 
ausgesprochen. 



in. 

Zur Frage der Genese und Therapie der Angstneurose 
mittelst kombinierter psychoanalytischer Methode. 

Von U. A. Wyrubow, Moskau. 
(Ans dem Russischen übersetzt von Dr. med. Philipp Aszkenasy.) 

Das Verdienst der klinischen Abtrennung der Angstneurose aus 
der verworrenen Gruppe der neurasthenischen Erkrankungen gebührt 
S. Freud, der in einer Reihe von noch am Ende der 90er Jahre enb- 
standenen Arbeiten die Symptomatologie dieser Neurose genau beschrieben, 
sowie die Bedeutung der für dieselbe charakteristischen ätiologischen Fak- 
toren erklärt hat. 

Aus einer grösseren Anzahl der Fälle von Angstneurosen, die in 
meiner Beobachtung standen und mittels der kombinierten hypno-ana- 
lylischen Methode behandelt wurden, will ich einige zur Illustration vor- 
führen : 

1. Fall. 52 jährige, intelligente Dame, im 28. Lebensjahre verheiratet. 2 Kinder. 
Beschwerden: Mangel an Appetit, starke Abmagerung, Ohrensausen, fortwährender 
starker Kopfschmerz, Herzklopfen, Schlaflosigkeit, die sogar starken Dosen an- 
gewandter Schlafmittel nicht weicht. Sie befindet sich im Zustande fortwährender 
ängstlicher Erwartung, Befürchtung, der sich bis zu Anfällen steigert, ihre Tochter 
— eine Braut — werde oder sei bereits in geschlechtliche Beziehungen zu ihrem 
Bräutigam getreten. Keine hysterischen Stigmata. — Nach ihrer Verheiratung habe 
sie in den ersten drei Jahren infolge der Ejaculatio praecox des Mannes fast keine 
Befriedigung empfunden, das Bedürfnis war vorhanden, der Verkehr aber selten. Im 
4. Jahre das erste Kind, schwierige Geburt, innerhalb eines Jahres Vermeidung des 
Coitus aus Furcht vor Schwangerschaft. Coitus interrupt. lästige Empfindung dea 
Unbefriedigtseins und allgemeine Schwäche. Im Alter von 37 Jahren Steigerung der 
Voluptas; ein einziges Mal, nach vollem Coitus Gravidität. — Seit dieser Zeit 
Coitus inteiTuptus, Mangel an sexueller Befriedigung und Frigidität. Die letzten 
4—5 Jahre kein Coitus mehr Die Analyse des Zustandes hatte folgenden Erfolg: 
Die Erscheinungen treten in abgeschwächter Form auf. und die Patientin beginnt zu 
erkennen, dass .alle Gedanken und Verdächtigungen ihren Ursprung in ihrer Schwäche 
hatten", umgekehrt, jetzt kommt es ihr merkwürdig vor, wie sie zur Entstehung 
solcher Gedanken hat aufkommen lassen; es bestanden aber noch immer die Er- 
wartung und Angstanfälle, die von Herzbeschwerden begleitet waren. Die hypnotische 
Einwirkung hat die Testierenden Erscheinungen zum Verschwinden gebracht. 

2. Fall: 20 jähriges Mädchen, seit mehr als einem halben Jahre krank. Be- 
schwerden und Krankheitserscheinungen: allgemeine Schwäche, Kopfschwinde! 
Zuckungen in der Extremitäten, der Brustgegend und im Gesicht, Tremor und Kälte 
gefühl in den Händen und insbesondere in den Füssen, Ziehen in den Hüften 
Bewegungen des gebeugten Armes zur Brust (wie zur Abwehr), Schlaflosigkeit, be 
änstigende Träume und Visionen von Leichenbegängnissen, Verstorbenen, Verfolgungen 
Eine gedrückte, erregte und ängstliche Stimmung, Anfälle grundloser Furcht. Dea 



510 U. A. Wyrubow, 

Nachts Erwachen mit Herzklopfen. Keine hysterischen Stigmata. Patientin will kein 
offenes Geständnis ablegen. Allgemeine Therapie, Hypnotisraus bleiben ohne Einfluea. 
Drängen auf unbedingte Offenherzigkeit mit dem Arzte. — Die Patientin, in einem 
entlegenen Provinzorte wohnend, litt an Blutarmut und Nervosität. Sie Hess sich 
durch einen eben angekommenen Regimentsfeldscher bebandeln, der es ihr glaub- 
würdig machte, die Krankheit sei eine Folge der Verlagerung der Gebärmutter, 
die man korrigieren muss; zu diese Zwecke digitum in vaginam introducebat, 
berührte die Mammae und küsste sie auf die Wangen mit der Versicherung, diese 
Manipulationen seien unerlässlich, um die Krankheitserscheinungen zum Verschwinden 
zu bringen; einmal hat er sie sogar in die Hüfte gebissen. Diese „Heilungs- 
methode" rief bei ihr das Gefühl des Ekels und gleichzeitig der geschlechtlichen 
Erregung hervor. Seit dieser Zeit begannen sowohl die Spasmen wie andere Krank- 
heitszeichen. Ansser den oben erwähnten Symptomen fühlte schon damals die 
Patientin bei Bewegungen (Heben einer Last, Waschen der Hände) ein eigentüm- 
liches Unbehagen der Genitalien, Gefühl der Ausstrahlung. Aualyse der Symptome 
sowie eine motiviertes Hypnotisieren brachten der Kranken Befreiung von 
ihren Beschwerden. 

3. Fall: 18 jähriges Miidchen, hat das Gymnasium beendigt. Beschwerden: Seit 
8 Monaten krank, allgemeine Körperschwäche, Erregbarkeit, ängstliche Stimmung, 
Anfälle von Dyspnoe, die von einem Gefühl der Angst begleitet sind. Träume von 
beängstigendem Charakter: Begräbnisse, Verstorbene, Wanderungen durch unter- 
irdische Gänge. Ausserdem linksseitige Kreuzschmerzen. Weder Sensitivitäts- noch 
Reflexstörungen. Die Krankheitserscheinungen seit einem Zeitabschnitte, während 
dessen es zu sexuellen Erregungen, die bloss auf Küsse, Umarmungen etc. be- 
schränkt waren, gekommen ist (frustrane Erregung). Analyse der Symptome und 
motiviertes Hypnotisieren brachten Heilung. 

4. Fall: Intelligente 42jährige Frau, seit 14 Jahren verheiratet, 4 Kinder. Be- 
schwerden und Krankheitserscheinungen: Erregbarkeit, Neigung zum Weinen, ängst- 
liche Stimmung, Angst vor dem Tode, Furcht, dass ihr Mann sie verlassen werde. 
Anfälle von Herzbeklemmung und ein Gefühl des Stillstandes der Herzaktion, Herz- 
klopfen, Ausstrahlung des Schmerzes vom Herzen bis zum Rücken zwischen die 
Schulterblätter, Anfälle von Atemnot, stitrke Kopfschmerzen, im Nacken und Hinter- 
haupte beginnend, besonders nach Aufregungen, zuweilen Schwindelanfälle. — Coitus 
interruptus während der letzten 10 Jahre — sexuelles Unbefriedigtsein, unmittelbar 
nach dem Akte Angst, Weinen u. a. Analyse des Zustandes und motiviertes 
Hypnotisieren bringen die Krankheitserscheinungen zum Verschwinden. 

5. Fall: Jungegeselle, 41 Jahre alt, einem intelligenten Berufe angehörend. Be- 
schwerden: Gedrückte und ängstliche Stimmung, Angstanfälle und Befürchtungen 
bezüglich des Herzens, Atembeschwerden; die Angstanfälle entstehen unter den ver- 
schiedensten Umständen — beim Gehen im Freien, beim Sitzen, wenn vor dem Pat. 
kein Tisch sich befindet, d. h. wenn vor ihm leerer Raum ist, beim Liegen, besonders 
vor dem Einschlafen. Diese Erscheinungen bestehen seit 7 — 8 Jahren. Vom 14. bis 
19. Lebensjahre Masturbation. Auf den Rat eines Freundes, dem Onanismus zu ent- 
sagen — Coitus, Ejaculatio praecox. Nach 3 Wochen Lues, dann 2 Jahre Abstinenz, 
Onanismus. Jedesmal bei neuerlichen Versuchen — Ejaculatio praecox; Koitus nur 
als leichter Rausch empfunden. Befriedigung der Libido nur selten. Analyse dea 
Zustandes sowie Hypnotisieren beseitigen die Angstanfälle und heben den All- 
gemeinzustand. 

6. Fall: 40iährige Frau, seit 3 Jahren Witwe, eine erwachsene Tochter. Be- 
schwerden: Seit der Verheiratung beständig Schlaflosigkeit, jetzt Verschlimmerung j 
muss zur Beseitigung der drückenden Stimmung zu hohen Dosen von Schlafmitteln 
täglich greifen, nicht nur abends, sondern auch tagsüber. Ängstliche Erwartung 
von etwas Schrecklichem; allgemeine wie auch Gehörsüberempfindlichkeit. Ohren- 
sausen, Kopfschwindel, Tremor der Hände, Spannungsgefühl in den Genitalien, 
allgemeine Schwäche, starke Abmagerung. Träume von beängstigendem Charakter — 
Verstorbene, Begräbnisse, Verfolgungen ; Füsse wie wenn aus Blei ; zeitweise Selbst- 
mordgedanken. — Koitus teilweise unter Verhütungsmassregeln (Kugeln etc.), teil- 
weise als Interruptus seit der ersten Gravidität, d. i. ca. 12 Jahre geübt. In der 
letzten Zeit ein Verhältnis, bei welchem Coitus interruptus praktiziert wurde. Nach 
dem Akte ein Zustand starker sexueller Erregung, zu dessen Abschwächung die 
Kranke zur Masturbation griff. Analyse der Symptome und motiviertes Hyp- 
notisieren beseitigen alle Krankheitserscheinungen. 



Zur Frage der Genese and Therapie der Angatneurose. 511 

Wie aus den angeführten Beispielen zu ersehen ist, begegnet man 
in jedem einzelnen Falle den verschiedenartigsten Symptomen in unzähligen 
Kombinationen und sie kommen auch in mannigfachen Abstufungen vor. 
Bei dem einen Kranken treten auf den ersten Plan Erscheinungen von 
Seiten des Herzens hervor und die Angstanfälle sind konstant mit Be- 
fürchtungen bezüglich des Herzens kombiniert, beim zweiten äussert sich 
der Angstzustand in reiner Form als eine gesteigerte ängstliche Erwartung, 
die für diese Neurose charakteristisch ist. In anderen Fällen wiederum 
werden die Kranken von Schlaflosigkeit geplagt. Nicht selten konzen- 
trieren sich die Hauptsymptoine auf psychisches Gebiet. Es kommt zu 
Misstrauen und Zweifeln an der Richtigkeit eigener Taten und Handlungen, 
was zon Zeit zu Zeit einen Zustand ängstlicher Erwartung mit Hoff- 
nungslosigkeit als Grundstimmung hervorruft. — Bei Frauen beobachtet 
man ein ängstlich-argwöhnisches Verhältnis zu ihren Männern und Eifer- 
suchtsanfälle, die von Ängstlichkeitsgefühlen in der Herzgegend, sowie einer 
Empfindung des herannahenden Endes begleitet sind. Oft findet sich bei 
ein und demselben Kranken eine Kombination der mannigfachsten Sym- 
ptome — z. B. Herzbeklemmung, verbunden mit Diarrhöen, die durch keine 
äussere Ursache veranlasst worden sind; oder es tritt Kopfschwindel bei 
allgemeinen Angstempfindungen auf. Die Parästhesien zeichnen sich durch 
eine, man kann sagen unerschöpfliche Vielgestaltigkeit aus ; entweder kommt 
es zum Gefühle eines Druckes im Bereiche der Schläfen, Brust, Epi- 
gastriums etc. oder — es besteht ein brennender oder stechender Schmerz 
in der Kreuzgegend, im Hypogastrium (besonders bei Frauen) usw. Ein 
grosser Teil der Anfälle findet im Schlafe statt und damals kann man meinet- 
wegen von einem Pavor nocturnus Erwachsener sprechen. Demnach sollte 
man Fälle, wo nur nächtliche Angstanfälle vorkommen, vom Erschrecken, 
das zwar ihnen ähnlich, aber doch nicht gleich ist, trennen, da letzteres 
mit einem Wiedererleben irgend eines beängstigenden Ereignisses verbunden 
ist. Die Anfälle letztgenannter Art nehmen eine gesonderte Stellung ein 
und können als dem kindlichen nächtlichen Erschrecken nahe verwandt 
betrachtet werden. Es hat aber doch auch der kindliche Pavor nocturnus. 
wie es scheint, nicht immer ein und denselben Ursprung. 

Begegnet der Arzt einer solchen komplizierten Gruppe von Erschei- 
nungen, wie sie bei der Angstneurose vorkommen, so besteht seine Haupt- 
aufgabe darin, sich ein klares und genaues Bild von den Beschwerden 
des Kranken zu entwerfen. Zu diesem Zwecke ist es unerlässlich, ein 
Inventarverzeichnis, wenn man so sagen darf, der Kranken zusammen- 
zustellen, es ist nötig, dem Kranken die Möglichkeit einer ausführlichen 
Darstellung seiner Beschwerden zu bieten. Dabei ist es wichtig, nicht nur 
die Art, sondern auch die Zeit des Erscheinens einzelner Symptome so- 
wie deren Reihenfolge kennen zu lernen. Während einer derartigen Aus- 
forschung gelingt es, aus dem bunten Bilde der Erscheinungen die wich- 
tigsten Symptome auszusondern, um sie einer genauen Untersuchung zu 
unterwerfen. Dabei soll man nie aus dem Auge fallen lassen, dass oft 
ein sehr wichtiges Zeichen durch andere viel unbedeutendere maskiert 
werden kann. Bezüglich der Abtrennung der Hauptsymptome kann man keine 
allgemein gültigen Regeln aufstellen, da scheinbar in keinem anderen Falle 
die Individualität eine so hervorragende Rolle, wie bei der Entstehung 
der Psycboneurosen im allgemeinen und der Angstneurose im besonderen 
spricht. 



512 U. A. Wyrubow, 

Hat man die wesentlichen Symptome abgetrennt, so tritt man au die 
nähere Untersuchung heran. Man muss eine klare Vorstellung des Ur- 
sprunges und der Entwicklungsart jedes einzelnen Symptoms haben; man 
muss den Weg, der vom jetzigen Zustande der Krankheitserscheinungen 
bis zurück zum Momente, in dem es sich zum erstenmal zeigte, führt, 
in Gedanken zurücklegen, muss sich die Bedingungen, die die Entstehung 
und Wiederkehr der Krankheitserscheinung begünstigten, klar und an- 
schaulich vor die Augen vorführen können. So kann man nicht selten 
z. B. unter den Angstanfällen mit Herzerscheinungen solche finden, die, 
nach einem Coitus interruptus entstanden, dasselbe Bild, wie es die Re- 
aktion auf eine unbefriedigte geschlechtliche Erregung gibt, aufweisen. 
Gewöhnlich erscheinen dem Kranken die Angstanfälle als etwas Fremdes, 
von einem ihnen unbekannten Ursprünge, dessen Ursache sie sich nicht 
zu erklären wissen. Psychologisch kann man das so deuten, dass unter 
dem Einflüsse traumatisierender Elemente (Empfindungen beim Coitus inter- 
ruptus u. dgl.) im Unterbewusstsein ein gewisser Mechanismus in Be- 
wegung gesetzt wird, der später auch automatisch zu funktionieren be- 
ginnt. Em ihn in Bewegung zu sclzen, genügt schon eine ganz geringe 
psychische Gleichgewichtsstörung, auch wenn sie in keinem unmittelbaren 
Verhältnisse zum Geschlechtsakte steht. Auch das Symptom der Schlaf- 
losigkeit entsteht auf dieselbe Weise und bei der Analyse der Frauen 
gelingt es oft darauf zu kommen, die Schlaflosigkeit sei dadurch zur Ent- 
wicklung gelangt, dass beim Koitus infolge der Interruptio oder Ejacul. 
praecox des Mannes nicht nur die normale geschlechtliche Befriedigung 
nicht stattgefunden hat, sondern es entstand ein ängstlicher Zustand, der 
den Eintritt des Schlafes hinderte. Einmal zum Vorschein gekommen, ge- 
staltet sich die Schlaflosigkeit anfänglich als eine sich öfters wiederholende 
Reaktion auf die unbefriedigte sexuelle Erregung, hernach wird sie aber 
chronisch, eine gewohnheitsmässige Erscheinung, die dem unmittelbaren 
Einflüsse der geschlechtlichen Empfindung nicht unterliegt und von ihr un- 
abhängig ist. 

Diese Beispiele allein genügen vollständig, da die Entstehung der 
übrigen unzähligen Symptome auf demselben Wege vor sich geht. Sie 
können alle von denselben Empfindungen und Erlebnissen zustande kommen, 
abgeleitet werden. 

Freud betrachtet die Erscheinungen der Angstneurose, wie bereits 
oben erwähnt, als mit denjenigen nahe verwandt, die Leim normalen Koitus 
beobachtet werden (Beschleunigung der Atemfrequenz, Kongestionen u. dgl.). 
Mir aber erscheint auf Grund meiner Beobachtungen und Forschungen 
die Ansicht über die Genese der Symptome bei der Angstneurose, die ich 
soeben dargelegt habe, als mehr berechtigt. Die Symptome der Neurose sind, 
meiner Meinung nach, auch mit den Erlebnissen, die bei der unbefriedigten 
Libido sexualis entstehen, verbunden. In der Tat, wenn wir die Erschei- 
nungen bei der Libido ohne normalen adäquaten Ablauf näher betrachten, 
so begegnen wir folgender. Symptomatologie. Bei Frauen treten die Er- 
scheinungen ausgeprägter und abgeschlossener hervor bei unbefriedigter 
geschlechtlicher Lust, Coitus Interrupt., Reserv. ejacul. pracc, bei herab- 
gesetzter Potenz der Männer u. dgl. Nach einem derartigen Koitus bildet 
sich gewöhnlich bei Frauen -ein Zustand ausgesprochener Angst, die in 
jedem Falle mit dem Gefühle eines Druckes in der Herzgegend und mit 
starkem Herzklopfen vergesellschaftet ist. Nicht selten kommt es zu krampf- 



Zur Frage der Genese und Therapie der ADgstneurose. 513 

artiger, angestrengter, beschleunigter Atmung, die sich teilweise zur wahren 
Dyspnoe steigert und noch durch einen Laryngospasmus begünstigt wird. 
Diese Erscheinungen tragen zur stärkeren Empfindung der beginnenden 
Angst bei und damals wird noch leichter das Gefühl der Furcht ausge- 
löst, „das Herz -werde es nicht aushalten, die Atmung wird ganz ausbleiben". 
Alle möglichen krampfartigen Zustände finden da einen günstigen Boden 
zur Entwicklung. Öfters wird auf eine krampfartige Extension des Hüft- 
gelenkes mit einer Ausbiegung der Wirbelsäule nach vorne, das man viel- 
leicht als rudimentären arc de cercle betrachten kann, hingewiesen. Zu- 
weilen kommt es zu ganz feinen Zuckungen im ganzen Körper sowie in 
den Extremitäten. Die Parästhesien gestalten sich zu einem äusserst bunten 
Bilde; eine von den häufigsten ist, wie wir schon teilweise oben erwähnt 
haben, diejenige im Versorgungsgebiete der Interkostalnerven sowie haupt- 
sächlich in der Herzgegend; in manchen Fällen ist es eine unbestimmte 
Empfindung, die jedoch immer einen beängstigenden Charakter trägt, in 
anderen entsteht das Gefühl eines durchbohrenden und bis in die Wirbel- 
säule oder ins Schulterblatt ausstrahlenden Schmerzes, in anderen wieder 
eine Beklemmung in der Gegend der Mamilla (Rudiment eines pseudangi- 
nösen Anfalles). Die Kongestion in der Schädelhöhle ruft eigentümliche 
Empfindungen im Kopfe hervor, ein Druckgefühl in den Schläfen, Hinter- 
haupte, im Scheitelbeine, das nicht selten den Übergang zu einem qualvollen 
Kopfschmerz zeigt. In einem der von mir beobachteten Fälle empfand die 
Patientin, deren Mann an einer relativen Impotenz litt, jedesmal nach 
einem nicht gelungenen Koitus Kopfschmerzen, von denen sie umge- 
kehrt frei war, wenn ihr der Koitus Befriedigung brachte. Der keinen Ab- 
flugs findende Blutandrang im kleinen Becken löst eine ganze Reihe eigen- 
tümlicher Empfindungen in der Genital region aus, von welchen das Ge- 
fühl des öfteren Harndranges als Dislokation der nicht gänzlich abge- 
laufenen Libido angesehen werden kann. Die erwähnten Empfindungen 
können auch auf die Leistenbeuge übergreifen, wo sie den Charakter von 
Schmerz tragen. Auf der Höhe des Anfalles der unbefriedigten Libido kommt 
es zu gewissen Bewusstseinsslörungen in der Form einer leichten Be- 
nommenheit, die von mehr oder weniger starkem Kopfschwindel begleitet 
werden kann. 

Das oben skizzierte Bild der nicht abgelaufenen sexuellen Erregung, 
trotzdem damit die Svmptomatologie des Anfalles auf keinen Fall erschöpft 
wird, zeigt uns klar, wie nahe verwandt der Anfall, von dem wir jetzt 
spechen. mit der Angstneurose ist. Der Unterschied zwischen dem Anfalle 
der nicht befriedigten Libido und dem Angstanfall ist bloss ein äusser- 
licher, der erste ist die Folge eines ganz bestimmten Momentes, der zweite 
entsteht unter dem Einflüsse verschiedener Faktoren, die auf jeden Fall 
das innere Gleichgewicht des Organismus stören; es ist auch möglich, 
dass der Anfall durch das wachsende Potential, der inneren Erregung aus- 
gelöst werden kann. 

Der Keim zur Entwicklung des phobischen Komplexes ist auch, wie 
wir es gesehen haben, im Anfalle nach einer nicht abgelaufenen Libido 
vorhanden, woselbst er sich als Angst, als Furcht vor nahendem Ende 
äussert, am häufigsten noch infolge aussetzender Herzaktion. Auch Angst- 
neurosen haben meistens Befürchtungen, die sich ebenfalls auf das Herz 
beziehen, zum Inhalt. 



514 ü. A. Wyrubow, 

"Wie es scheint, bestehen im Krankheitsbilde der Angstneurosen 
zwischen Männern und Frauen gewisse Unterschiede. Bei den letzteren 
kommt, meiner Ansicht nach, die allgemeine Erregbarkeit und Ängstlich- 
keit viel stärker zum Ausdruck als bei den Männern. Die Ursache davon 
ist möglicherweise darin zu suchen, dass Störungen des geschlechtlichen 
Aktes (Coitus interrupt. usw.) ihrem Wesen nach einen viel tieferen. Ein- 
druck bei den Frauen als bei den Männern zurücklassen. Bei den Männern 
wiederum ist der phobische Komplex vorherrschend. Ich will aber auf 
diese Frage noch keine endgültige Antwort geben und möchte lieber ab- 
warten, bis neue Forschungen in der Sache Klärung bringen werden. 

Noch ein Symptom, das man bei der Angstneurose der Frauen be- 
obachten kann, will ich da hervorheben. Ich meine das der krankhaften 
Eifersucht, welche Frauen ihren Männern gegenüber äussern, besonders 
in Fällen, wo Coitus interrupt., reservat, geübt wird. Psychologisch kann 
man diese Erscheinung offenbar so erklären, dass die Frauen, keine Be- 
friedigung im geschlechtlichen Verkehre findend, ganz unbewusst dem 
Manne dieselbe Empfindung involvieren und auf diese Weise in Angst ge- 
raten, er werde abseits Befriedigung suchen. Hier eben nehmen die Furcht 
vor Treulosigkeit und ihre Trabantin — die Eifersucht ihren Ursprung. 

Ich bin absichtlich länger bei den Einzelheiten der Entstehung von 
Symptomen bei der Angstneurose verweilt, da es mir aus folgenden Gründen 
für unumgänglich schien. 

Vor allem befindet sich die Frage noch im Stadium der Beobachtung, 
und deswegen schien es mir als unbedingt notwendig, mit grösstmöglichster 
Ausführlichkeit meine Gedanken und Folgerungen darzustellen. Ausser- 
dem haben mich meine Beobachtungen zur Überzeugung geführt, dass 
vieles für die hier dargestellte Ansicht über die Entstehung der Symptome 
bei der Angstneurose spricht, und dieser Umstand bildete den Anlass da- 
zu, womöglich genau den Weg zu zeigen, den man bei der Analyse dieser 
oder jener Symptome einschlagen soll. 

Gewöhnlich bleibt für die Kranken, wenn sie uns konsultieren, der 
ganze Kiankheitsprozess unbegreiflich, ist etwas, das plötzlich gekommen 
ist. Diese Abgerissenheit der Krankheitszeichen von der krankheitserregen- 
den Ursache ist, wie bereits früher erwähnt wurde, die Folge davon, dass 
der Mechanismus, durch welchen der pathologische Symptomenkomplex 
entsteht und zum Ausdruck gelangt, im Gebiete des Unbewussten liegt. 
Darum eben ist es von sehr grosser Bedeutung, dem Kranken den Zusammen- 
hang zwischen den Krankheitserscheinungen und den sie auslösenden Ur- 
sachen zu erklären. Das ist der Prozess des Überführens des Unbewussten 
ins Bewusste, zugleich die Lösung des Geheimnisses und Rätselhaftigkeit 
der bei ihnen vorhandenen Krankheitserscheinungen. 

Ihre inneren Erlebnisse stellen die Kranken nach beendigter Analyse 
ungefähr in folgender Form dar. 

Durch die Analyse wird die Psyche des Kranken wie neugeboren, 
was sich vor allem in der allgemeinen Beruhigung zeigt. Dem Kranken 
werden, wie man sagt, die Augen auf das Wesen der bei ihm vorhandenen 
Krankheitserscheinungen geöffnet, in seinem Bewusstsein setzt sich der Ge- 
danke vom Fehlen einer realen Grundlage für den Bestand der Krank- 
heit fest. Gleichzeitig verlieren die Symptome ihre Rätselhaftigkeit i. e. 
das eben, was am meisten beängstigt. In dem Masse, wie sie tiefer 



Zar Frage der Genese und Therapie der Angstneurose. 515 

in die Konstruktion ihrer Krankheit eindringen, desto mehr finden sie darin 
eine Zuflucht im Kampfe mit den Krankheitserscheinungen und die Zu- 
versicht von der Krankheit für immer befreit zu werden. 

Ist der erste Teil der Aufgabe erledigt und sind die Symptome durch 
die Analyse auf ihren Ausgangspunkt hin zurückgeführt worden, so besteht 
unsere weitere Arbeit in der Anwendung des Hypnotismus. Ich will u. a. 
hier kurz bemerken, dass infolge der vorangehenden Beeinflussung von 
Seiten des Arztes einerseits die Auslösung des hypnotischen Zustandes 
erleichtert, andererseits die Suggestibitität des Patienten gesteigert wird. 
Der Suggestion, die nach beendigter Analyse stattfindet, wohnt ein besonderer 
Charakter inne deren wesentlichster Punkt die Motiviertheit bildet. 

Es besteht dabei der Unterschied, dass während bei der gewöhnlichen 
Suggestion diese oder jene krankhafte Erscheinung bloss geändert wird, 
bei der motivierten der Patient allein einsieht, dass das Hervortreten 
des einen oder des anderen Symptoms keinen Grund zur Beunruhigung 
bildet da dasselbe als solches - bloss eine natürliche gesteigerte Reak- 
tion gegen die schädigende Tätigkeit irgend einen Momentes darstellt. Sind 
die ungünstigen Bedingungen ein für allemal so beseitigt, dass sie auch 
künftighin nicht mehr zum Vorschein kommen können, so ist auch kein 
Boden für den weiteren Bestand des Symptomes vorhanden, somit auch 
keine Ursache mehr für Beängstigungen und Befürchtungen. So gestaltet 
sich ungefähr das Schema der motivierten Suggestion. 

Man könnte zwar erwidern, dass das Leiden bei Anwendung blosser 
Psvchotherapie oder durch blosses Hypnotisieren rückgängig gemacht werden 
könnte Ich habe aber Gelegenheit gehabt zu sehen, wie der Hypnoüsmus 
von mir selbst wie auch von anderen ohne irgendwelchen Erfolg in solchen 
Fällen angewandt wurde, in welchem später die kombinierte Methode doch 
den erwünschten therapeutischen Effekt erzielt hat. Auch sind mir Falle 
bekannt die mittels Psychoanalyse behandelt wurden, wo aber trotzdem 
nach beendigter Analyse die Erscheinungen sich weiterhin beharrlich geltend 
gemacht haben und die erst unter Wirkung der Suggestion im hypno- 
tischen Schlafe zum Verschwinden gebracht wurden. 



Mitteilungen. 



1. 

Das „Lustprinzip" bei Nietzsche. 

Von Robert Freschl, Wien. 

Die Bedeutung Nietzsches für die Psychologie, Individualpsycho- 
logie und damit auch für die Psychotherapie soll in grösserem Zusammen- 
hange darzustellen versucht werden. — Hier soll nur gezeigt werden, welche 
Stellung Nietzsche, dieser bedeutendste Psychologe, dem Gefühl der 
Lust und Unlust als treibendem Moment der Psyche zuerkennt, ja ob er 
Lust und Unlust überhaupt als bewegende Kräfte im psychischen Leben 
gelten lässt, und ob er nicht vielmehr — und mit welcher überzeugenden 
Fähigkeit der Argumentation — Lust- und Unlustgefühle als sekundär ab- 
hängig vom Primat des Willens zur Macht erkennen lehrt. 

So sagt er: „Unlust" und „Lust" sind die denkbar dümmsten Aus- 
drucksmittel von Urteilen: womit natürlich nicht gesagt ist, dass 
die Urteile, welche hier auf diese Art laut werden, dumm sein rnüssten. 
Das Weglassen aller Begründung und Logizität, ein Ja oder Nein in der 
Reduktion auf ein leidenschaftliches Habenwollen oder Wegstossen, eine 
imperativische Abkürzung, deren Nützlichkeit unverkennbar ist: das ist 
Lust und Unlust. Ihr Ursprung ist in der Zentralsphäre des Intellekts; ihre 
Voraussetzung ist ein unendlich beschleunigtes Wahrnehmen, Ordnen, Sub- 
summieren, Nachrechnen, Folgern: Lust und Unlust sind immer Schluss- 
phänomene, keine „Ursachen". 

Die Entscheidung darüber, was Unlust und Lust erregen soll, ist 
vom Grade der Macht abhängig: Dasselbe, was in Hinsicht auf ein 
geringes Quantum Macht als Gefahr und Nötigung zu schnellster Abwehr 
erscheint, kann bei einem Bewusstsein grösserer Machtfülle eine wollüstige 
Reizung, ein Lustgefühl als Folge haben. Alle Lust- und Unlustgefühle 
setzen bereits ein Messen nach Gesamt-'Nützlichkeit, Ge- 
samt -Schädlichkeit voraus, also eine Sphäre, wo das Wollen eines 
Ziels (Zustandes) und ein Auswählen der Mittel dazu stattfindet. Lust 
und Unlust sind niemals ursprüngliche Tatsachen. In „Lust" und „Unlust" 
stecken bereits Urteile, die Reize werden unterschieden, ob sie dem Macht- 
gefühl förderlich sind oder nicht. 

Meine Theorie wäre : — dass der Wille z u r M a c h t die primitive 
Affektform ist, dass alle anderen Affekte nur seine Ausgestaltungen sind; 
Lust ist nur ein Symptom vom Gefühl der erreichten Macht, eine Differenz- 
Bewusstheit (— es strebt nicht nach Lust, sondern Lust tritt ein, wenn 
-es erreicht, wonach es strebt; Lust begleitet, Lust bewegt nicht — ); dass 



Robert Freschl, Das Lustprinzip bei Nietzsche. 517 

alle treibende Kraft Wille zur Macht ist, dass es keine physische, dynamische 
oder psychische Kraft ausserdem gibt. 

Wenn Lust und Unlust sich auf das Gefühl der Macht beziehen, 
so müsste Leben ein Wachstum von Macht darstellen, so dass die Differenz 
des ,.Mehr" ins Bewusstsein träte Ein Niveau von Macht festge- 
halten, würde sich die Lust nur an Verminderungen des Niveaus zu messen 

haben, an Unlustzuständen — n i c h t an Lustzuständen Der Wille 

zum Mehr liegt im Wesen der Lust : dass die Macht wächst, dass die Differenz 
ins Bewusstsein tritt. 

Nicht die Befriedigung des Willens ist Ursache der Lust (gegen 
diese oberflächlichste Theorie will ich besonders kämpfen — die absurde, 
psychologische Falschmünzerei der nächsten Dinge — ), sondern dass der 
Wille vorwärts will und immer wieder Herr über das wird, was ihm im 
Wege steht. 

Wenn das Wesen der L u s t zutreffend bezeichnet worden ist als ein 
Plus-Gefühl von Macht (somit als ein Differenz-Gefühl, das die Ver- 
gleichung voraussetzt), so ist damit das Wesen der Unlust noch nicht 
definiert. Die falschen Gegensätze, an die das Volk und folglich die 
Sprache glaubt, sind immer gefährliche Fussfesseln für den Gang der Wahr- 
heit gewesen. Es gibt sogar Fälle, wo eine Art Lust bedingt ist durch eine 
gewisse rhythmische Abfolge kleiner Unlustreize: damit wird ein 
sehr schnelles Anwachsen des Machtgefühls, des Lustgefühls erreicht. 

Dies ist der Fall z. B. beim Kitzel, auch beim geschlechtlichen Kitzel 
im Akt des Koitus : wir sehen dergestalt die Unlust als Ingrediens der Lust 
tätig. Es scheint, eine kleine Hemmung, die überwunden wird und der sofort 
wieder eine kleine Hemmung folgt, die wieder überwunden wird — dieses 
Spiel von Widerstand und Sieg regt jenes Gesamtgefühl von überschüssiger, 
überflüssiger Macht am stärksten an, das das Wesen der Lust ausmacht. 

Lust und Unlust sind Nebensachen, keine Ursachen; es sind Wert- 
urteile zweiten Ranges. 

Der Mensch sucht nicht die Lust und vermeidet nicht die Un- 
lust : man versteht, welchem berühmten Vorurteile ich hiermit widerspreche. 
Lust und Unlust sind blosse Folge, blosse Begleiterscheinung, — was der 
Mensch will, was jeder kleinste Teil eines lebenden Organismus will, das 
ist ein Plus von Macht. Im Streben darnach folgt sowohl Lust als 
Unlust; aus jenem Willen heraus sucht er nach Widerstand, braucht er 

etwas, das sich entgegenstellt Die Unlust, als Hemmung seines 

Willens zur Macht, ist also ein normales Faktum, das normale Ingrediens 
jedes organischen Geschehens; der Mensch weicht ihr nicht aus, er hat sie 
vielmehr fortwährend nötig: jeder Sieg, jedes Lustgefühl, jedes Geschehen 
setzt einen überwundenen Widerstand voraus. 

Nehmen wir den einfachsten Fall, den der primitiven Ernährung: 
däsTrotoplasma steckt seine Pseudopodien aus, um nach etwas zu suchen, 
das ihm widersteht, — nicht aus Hunger, sondern aus Willen zur Macht. 
Darauf macht es den Versuch, dasselbe zu überwinden, sich anzueignen, 
sich einzuverleiben. — Das, was man Ernährung nennt, ist bloss 
eine Folgeerscheinung, eine Nutzanwendung jenes ursprünglichen Willens, 
stärker zu werden. 

Die Unlust hat also so wenig notwendig eine Verminderung 
unseres Machtgefühls zur Folge, dass, in durchschnittlichen Fällen, 

Zentr»lbUtt fQr Paychoknalyge. HI"/". 85 



518 Robert Freschl, Das Luetpriuzip bei Nietzsche. 

sie gerade als Reiz auf dieses Machtgefühl wirkt, — das Hemmnis ist der 
Stimulus dieses Willens zur Macht. > 

Es ist nicht möglich, den Hunger als primum mobile zu nehmen, 
ebensowenig als die Selbsterhaltung. Der Hunger als Folge der Unter- 
ernährung aufgefasst, heisst : der Hunger als Folge eines nicht mehr 
Herr werdenden Willens zur Macht. 

Der Wille zur Macht kann sich nur an Widerständen äussern; 
er sucht also nach dem, was ihm widersteht, — dies die tirsprüngliche 
Tendenz des Protoplasmas, wenn es Pseudopodien ausstreckt und um sich 
tastet. Die Aneignung und Einverleibung ist vor allem ein Überwältigen- 
wollen, ein Formen, An- und Umbilden, bis endlich das Überwältigte ganz 
in den Machtbereich des Angreifers übergegangen ist und denselben ver- 
mehrt hat. 

H u n g e r ist nur eine engere Anpassung, nachdem der Grundtrieb 
nach Macht geistigere Gestalt gewonnen hat. 

Ernährung — ist nur abgeleitet; das Ursprüngliche ist: Alles 
in sich einschliessen wollen. 

Zeugung — nur abgeleitet; ursprünglich: wo ein Wille nicht aus- 
reicht, das gesamte Angeeignete zu organisieren, tritt ein Gegenwille 
in Kraft, ein neues Organisationszentrum, nach einem Kampfe mit dem 
ursprünglichen Willen. 

Lust — als Machtgefühl (die Unlust voraussetzend). 

Aus der Reihe dieser Anmerkungen, die sich noch sehr bedeutend 
vermehren Hessen, geht deutlich die Stellung N i e t z s c h e's , dieses scharf- 
sinnigsten Denkers, zur Frage des Lustprinzips hervor. — Und sie scheint 
uns wichtig, weil wir diese auf dem Wege der Intuition gefundenen Er- 
kenntnisse vergleichen wollen mit den, zum Teil auf intuitiven Wege, zum 
Teil aus der Erfahrung erworbenen Ergebnissen der Neurosenpsychologie. 

Da fällt uns sogleich der Gegensatz zu den gerade auf das Lustprinzip 
gestellten Befunden Freud's auf, während wir die Forschungen Alfred 
Adler's in Übereinstimmung mit Nietz sehe's Einheitskonzeption der 
Psychologie finden. Ja aber noch mehr; wir glauben, dass uns Adler 
die von Nietzsche so sehr gesuchte, sicher geahnte Brücke, die dyna- 
mische Verbindung des Organischen mit dem Psychischen in seiner Lehre 
von der Minderwertigkeit der Organe und dem daraus entspringenden Ge- 
fühl der Minderwertigkeit, gegeben hat, eine Entdeckung, deren 
Bedeutung, weitausgreifend über das Gebiet der Neurosenpsychologie, in 
dem vollen Umfange ihrer Wirksamkeit noch lange nicht erkannt ist. — 
Von dieser Basis ausgehend, ist es Adler gelungen, uns mit Hilfe einer 
Reihe der von ihm gefundenen psychischen Mechanismen, deren wesent- 
lichste die „Überkompensation" und „Sicherungstendenz" darstellen, die 
Struktur des nervösen Charakters in dynamischem Sinne in einer Form 
zu geben, die, wie Otto Kaus (der Fall Gogol.) treffend bemerkt hat, 
an die Sicherheit des Anatomen gemahnt. Gleichzeitig aber hat er die 
für die Zwecke seiner wissenschaftlichen Forschung notwendige schärfere 
Formulierung des N i e t z s c h e'schen Willens zur Macht gefunden. 
So ist aus dem in der Betrachtungsweise des Philosophen Nietzsche 
begründeten, ins Metaphysische spielenden Willen zur Macht die Er- 
höhung desPersönlichkeitsgefühls, das Streben nach Er- 
reichung des Persönlichkeitsideals des Psychologen Adler 
geworden. 



Karl Cornelius Rothe, über Verlegenheits-Sprachstörungen. 519 



IL 

Über Verlegenheits-Sprachstörungen 

und ihre Beziehungen zum ausgebildeten Stottern und Poltern. 
Von Karl Cornelius Rothe, Volksschullehrer. 

Keineswegs verfügt der Normale immer über eine normale Sprache. Daher 
empfiehlt Lieb mann (1), den stotternden Patienten anzuleiten, dass er die Sprache 
der Gesunden beobachte: „er wird daon bald finden, dass die Sprache der anderen 
gar nicht so gut sei, wie er immer angenommen habe, und dass ihr Hauptkunststück 
eigentlich darin bestehe, sich selbst durch wirkliches „Festsitzen" nicht aus dem 
Häuschen bringen zu lassen". Allgemein bekannt ist, dass Angst, Schreck, Verlegen- 
heit eine gestörte Sprache auch bei Normalen hervorrufen. „Man stammelt eine 
Entschuldigung!" Hier bedeutet Stammeln nicht den bestimmten in der Sprachheil- 
kunde mit diesem Worte bezeichneten Sprachfehler, sondern überhaupt eine ver- 
stümmelte Sprache. Untersuchen wir nun diese verstümmelte Sprache beziehungs- 
weise in die nie bestimmenden konditionalen Faktoren auf Grund von Selbstbeob- 
achtungen und Beobachtungen anderer. Da hochgradiger Schreck, sehr intensive 
Angst einerseits seltener wirkende Faktoren sind, andererseits hochgradig lähmend 
auf die Sprache wirken, so dass oft nur abgerissene Brocken oder Naturlaute 
produziert werden, hingegen eine verstümmelte Sprache sich viel häufiger in Situationen 
findet, die durch irgend Verlegenheit charakterisiert werden, zu der allerdings 
eine — meist nicht hochgradige — Angt hinzutritt, so nennen wir diese Störungen: 
Verlegenheits-Sprach Störungen. 

Wir haben also z. B. ein Gespräch zu führen mit einer Persönlichkeit, diu 
aas irgend einem Grunde momentan höher bewertet wird. Sei es nun, dass sie 
durch Rang, Alter oder auch Machtbefugnis uns überragt, sei es nun, dass sie durch 
bedeutende Kenntnisse — bei eigener geringerer Sachkenntnis — uns überlegen ist, 
sei es, dass sie in einer uns momentan stark interessierenden Angelegenheit aus- 
schlaggebenden Einflu8s besitzt. Kurz, der Kräftestand ist ein ungleicher. Wir sind 
daher gezwungen, dem Gespräche unsere ganze Aufmerksamkeit zu widmen. Da ist 
es denn ein wichtiges Charakteristikum, dass die Aufmerksamkeit geteilt werden 
muss. So notwendig auch ihre Konzentrierung wäre, eine grössere oder geringere 
Aufsplitterung der Aufmerksamkeit ist vorbanden. 

Erstens müssen wir dem Partner grosse Aufmerksamkeit widmen, zweitens 
nns selbst. Es bleibt aber nicht bei dieser Zweiteilung, denn wir haben ganz be- 
stimmte Dinge zu beachten, und zwar: 

beim Partner: bei uns: 

1. sprachliche Äusserungen, 3. das, was wir sagen wollen, 

2. mimische Äusserungen, 4. miraische Äusserungen. 

Der Partner spricht, gleichzeitig achten wir auf seine Worte, seine Mimik, 
überlegen indessen unsere Erwiderung und achten auf unsere Mimik, damit wir 
nicht zu früh Beifall oder Missfall signalisieren, aber ferner noch auf unser ganzes 
Auftreten. 

Jetzt sagt der Partner etwas, woran wir anknüpfen wollen, vielleicht drängt 
es uns, ihm in die Rede zu fallen, wir beherrschen uns, haben aber den Anknüpfungs- 
punkt fest zu halten, seine Weiterrede zu verfolgen, unsere weitere Erwiderung 
auszuspinnen und dabei immer noch auf die beiderseitige Mimik zu achten. Treten 
störende oder ablenkende Faktoren auf, so wird die Aufmerksamkeit noch mehr zer- 
splittert (ein heftiges Gespräch im Nebenzimmer und was es immer auch sein mag). 

Es tritt nun eine gesteigerte allgemeine Erregung ein, wenn der Partner lange 
Bpricht, auch eine Ermüdung. Und jetzt haben wir zu reden. Noch im letzten Satze 
des Partners kam ein Gedankengang vor, der unseren Plan störte, blitzschnell müssen 
wir unsere Disposition umändern, wir beginnen zu reden, beide Pläne kreuzen sich, 
wir zersplittern unsere Aufmerksamkeit aufs neue, denn wir haben unsere Disposition 
zu beachten, die Worte des Partners an die wir anknüpfen wollen, wir beobachten 

35* 



520 



Karl Cornelius Rothe, 



seine Mimik — da fahrt er plötzlich eine ungeduldige Geste aus. Erschreckt fahren 
wir zusammen, fast simultan jagt duich das Bewusstsein eine ganze Kette von 
Gedankenblitzen (Haben wir eine Dummheit gesagt? Aber nein, wir knüpfton doch 
an seine Worte an! Haben wir ihn missverstanden? Hätte der erste Plan verfolgt 
werden sollen? usw.) und auf sie folgt ein schwer zu beschreibender psychischer 
Zustand wechselnder Natur. Bleierne Schwere legt sich auf die Stirne, die Gedanken 
bleiben stehen oder scheinen in die Unendlichkeit zu versinken, eine öde geistige 
Leere breitet sich im Hirne aus. 

Je nach den Faktoren unserer Disposition, der Schwere der Situation gestaltet 
sich die Fortsetzung. Wir vergessen, was wir sagen wollten, und poltern 
stottern, sprechen agrammatikalisch öder entgleisen ohne Sprachlehrer. 

Gebrauchen wir den Apperzeptionsbegriff, wie ihn A. Stöhr(2) mehrfach ver- 
wendet hat, als die Einschaltung von Assoziationsgebieten ins Hauptbewusstsein, so 
können wir folgendes Schema aufstellen : 

1. Seh ema: 




ABC bis G seien die Assoziationsfelder, die ja nicht geordnet beieinander 
liegen, aber durch den regelmässigen Ablauf - bei ungestörter Rede — von A— G 
im binne der Pleile ins Hauptbewusstsein eingeschaltet und reproduziert werden. 

In der Rede war A B erledigt worden. Nach B trat die Störung ein. Auf den 
• V n . ort - Leere " gezeichneten Moment des Aussetzens der Assoziationen tritt 
eine J-ulle ein. Es ist, als ob anf die Geiiankenebbe eine Gedankenflut folgt. Diese 
weile werden wir noch einmal zu besprechen habf-n, wenn wir des entgleisenden 
riedners gedenken. Hier vermengen sich die Assoziationsfelder, d. Et, die Reproduktions- 
reiue gleitet nicht von B zu C usw., sondern erschöpft einen Teil von C, beginnt D 
Kehrt zu L zurück, erledigt D nnd ähnlich weiter. Dabei wird nicht nur die Gedanken- 
reiue gestört, auch die Wort- und Silbenreihe, es wird typisch gepoltert. 

Schema 2 sieht etwa so aus: 




Wenn wir ein Bild gebrauchen wollen, können wir sagen: der Reproduktiona- 
prozess pendelt wie irritiert zwischen seinen Feldern. 

Vom Poltern führt eine Steigerung zum A gram matism us. Der Reproduk- 
tionsprozess taumelt gewissermassen hin und her, die Wörter werden gestammelt, 
zusammengezogen, die Sätze brechen ab, schliesslich höit der Reproduktionsvorgang 
nnd mit ihm die Sprache auf. 

Sehr schön zeigen die in Frosch eis (3) Lehrbuch der Sprachheilkunde ab- 
gedruckten Stenogramme gepolterter Reden das Pendeln des Reproduktionsvorganges 
im Sinne des Überganges zum Verlegenheitsstottern. 

„Als Napoleon für das erstemal noch Konsul war, licss er sich im Hofe von 
Malmaison schöne Pferde vorführen. Einer seiner Lieblingsoffiziere bewunderte ein 
Pferd ein Pferd, welches ihm ge besonders zugefallen schien. Napoleon, der ein 



Über Verlegenheit9-Sprachstörungen. 521 

den Offizier gerne hatte, schlug ihm eine Partie auf dem Billard vor und sagte ihm, 
er er werde, wenn er wenn er beim Billardspiel gewinne, ihm das Pferd schenken. 
Napoleon verlor und so somit somit bekam auch der der Offizier den das das 
Pferd. Dieser dieser wartete überhaupt der die Erlaubnis nicht ab nicht ab, 
sondern sprengte ging sofort in den Hof, liess das Pferd satteln und sprengte 
damit von davon. Napoleon der der den die Kühnheit des Offiziers ärgerte, be- 
schloss beschloss, ihn den Offizier, um weiteren ähnlichen Szenen vorzubeugen, 
nach Por nach Portugal zu schicken, damit er dort eine Gesandtschaftsstelle 
bekleide." 

Wir sehen deutlich wie die Reproduktion oszilliert. Bei Verlegenbeitssprach- 
störungen tritt häufig — aber nicht ausschliesslich — das Wiederholungs- 
stottern auf, am häufigsten mit Wiederholung von Worten. Aber auch Laut- 
wiederholungen konnte ich beobachten. Dies lässt sich leicht verstehen. Die 
Assoziationen folgen nicht unmittelbar. Sie intermittiereu. Die Sprachorgane 
sind aber in Arbeit, sie bewegen sich automatisch, da kein neuer 
Impuls kommt, sie sozusagen noch in Schwung sind ; können sie gar 
nichts anderes her vorbringe n als den im letzten Impulse begonnenen 
Laut, das im letzten Impulse begonnene Wort. Diese Reduplikation füllt 
die Pause aus. 

Aber auch das tonische Verlegenheitsstottern lässt sich leicht verstehen. 

In der allgemeinen Erregung wurde ein überwertiger Impuls geschickt. Nun 
folgt .Leere*, die Muskeln verharren in ihrer Stellung, z. B. des Verschlusslautes, 
dessen Lösung erst mit neu eintretendem Spiacbimpnlse stattfindet. Erklärlich scheint 
mir damit auch die „Krarapttheorie", die den psychischen Vorgang minder bewertend, 
an dieser tonischen Erregung und an den bei typischen Stotterern zur Lösung ver- 
wendeten Gewaltanstrengungen haften blieb, so gowissermassen selbst ein Verlegen- 
heitsstottern darstellte. 

Eigenartig und recht verschieden ist das Bild des entgleisenden Redners. 
Fall A: Die Reproduktionen von AB sind erledigt, durch irgendeinen Zwischenfall 
(z. B. durch einen störenden Zwischenruf) tritt die Störung ein, aber auf die .Leere" 
folgt die rilckkehrende Welle mit ganzer Wucht. Das Temperament geht durch, statt 
CD etc. schaltet sich XYZ ein, Assoziationsfelder loser oder fast ganz fehlender 
logischer Beziehung. Der Prozess läuft scheinbar so ab, als wenn das Hauptbewusst- 
sein ausgeschaltet wäre. In heftigen Debatten mit stark betonten Unlustgefühlen 
als psychologischem Untergrund finden wir hier den Ausgangspunkt der elirverletzenden, 
beschimpfenden Äusserungen. Nachher ist der entgleiste Redner selber erstaunt über 
seine Heftigkeit und im Bewusstseiu der willenlosen Heftigkeit sehr versöhnlich. 
Eigenartig sind Entgleisungen ohne Beschimpfungen, wenn der Redner von Dingen 
spricht, die er nicht sagen wollte, und Sachen verschweigt, die er vorbringen wollte. 

Das Trauma ist dann häufig gegeben in bemerkter Interesselosigkeit oder 
Ablehnung bei den Hörern. Wir wollen CD— G sagen, entgleisen und wenn wir 
nachher beruhigt Bind, fällt uns alles ein, was wir sagen wollten. Es ist sprich- 
wörtlich geworden, dnss die Weisheit uns einfällt, wenn wir vom Rathause kommen. 
Man kann öfters beobachten, dass Redner erst dann, wenn sie zum zweitenmale das 
Wort ergreifen, das sagen, was naturgemäss zum ersten Eingreifen in die Debatte 
gepasst hatte. Sie holen noch nach, korrigieren die Entgleisung. Temperamentvolle 
Redner sind da dankbare Stndienohjekte. Er merkt z. B., dass er auf Widerstand 
stösat, zahlreiche Gegenrafe werden vernehmbar, er wirft — oft recht zusammen- 
hanglos rasch ein paar Worte (häufig Phrasen) ein, die sicher Beifall finden, ver- 
lässt die gefährliche Bahn, um eine andere zu betreten. Seine Entgleisung fällt 
nur dem scharfen Beobachter auf, besonders dem, der den Redner und seine Über- 
zeugung genan kennt. 

* * 

Es wurde schon erwähnt, dass der Bedingungen zahlreiche sind, die Verlegen- 
heitsaprachstörungen hervorrufen können. Alle Gelegenheiten zu Verlegenheiten 
anzudeuten würde ins Unendliche des Alltagsleben führen. Auffallend ist aber ein 
Gegensatz, in dem ich über die Verlegenheitsgelegenheiten zu Freud stehe. Freud 
nimmt an, dass Versprechen wie auch Verlegenheitsstottern nicht eintreten, wenn 
wir besonders aufmerksam sind. Ja gerade jene Situation, mit deren Analyse wir 
begonnen, zieht er heran, das Gespräch mit sozial höher bewerteten Personen. 
Er sagt: .Ich glaube wirklich nicht, das* sich jemand versprechen würde in der 



522 Karl Cornelius Rothe, 

Audienz bei Seiner Majestät, in einer ernstgemeinten Liebeserklärung, in einer Ver- 
teidigungsrede um Ehre und Namen vor den Geschworenen, kurz in allen Fällen, in 
denen man ganz dabei ist, wie wir so bezeichnend sagen" (S. 74). Trotzdem 
führt er aber .ein Beispiel an, in dem der Redner (Bülow) ganz aicher »ganz dabei 
war* (S. 68). leb ging in meiner Analyse von jener Verlegenheitsgelegenheit aus, 
die meiner Erfahrung mehr entspricht und glaube hierdurch — zufällig, nicht absicht- 
lich — eine Ergänzung zu Freud's Situationen zu bringen. In unserer bisherigen 
Erörterung 6chien es mir nicht nötig, den Anteil verdrängter Vorstellungen etc. zu 
besprechen, den das so überaus interessante und wertvolle Werk Freuds nach- 
gewiesen. Ich glaube hierdurch keiner Oberflächlichkeit schuldig zu werden. Ebenso 
scheint es mir nicht nötig, das gewöhnliche Versprechen in unserer Besprechung ein- 
zubeziehen. Nur ein Hinweis auf jene unangenehme Sprachstörung, die Gaxen 
genannt wurde, sei noch gegeben, weil sie eine Ähnlichkeit zu den bei Stotterern 
vorkommenden Flickwörtern etc. hat. Ich kenne einen Lehrer, der in seinen Reden 
unendlich oft ein breites „äh" einschob, das er mitunter recht lang dehnte, bis er 
den weiteren Satz rasch anhängte. 

Fassen wir das bisher Besprochene zusammen. Wir fanden Aufsplitterung 
der Aufmerksamkeit, ein Reissen des Reproduktionsfadens bei den eingehend ge- 
schilderten Verlegenheitssprachstörungen. 

Wmde die Reproduktion unsicher, ataktisch, so trat Verlegenheits- 
poltern, Agrammatismus, Entgleisen ein. 

Beim Stottern, zum Teile schon beim Poltern, setzte das Assoziations- 
spiel aus, die Reproduktion riss ganz ab. Entweder wird hierbei nur das 
Wortklangbild nicht reproduziert, der Verlegenheitsstotterer hat das Wort .auf der 
Zunge", kann es aber nicht aussprechen oder aber ihm geht der Faden voll- 
ständig au 8, das Gehirn gleicht einer ausgepressten Zitrone, die „Leere" hat sich 
eingestellt, also jener Fall, von dem wir ausgingen. Das Verlegenheitsstottern aus 
dem ersteren Grunde hat uns weniger beschäftigt. Wollen wir es benennen, so ist 
wohl der beste Namen: assoziative Aphasie, als welche Th. Hoepfner (5) 
kürzlich das Stottern auffasste. 

Den andern Fall könnte man als An i die (Ideenlosigkeit) bezeichnen, welchen 
WaTOBnDr. Fr ösch e 1s gespräch weise vorschlug. Vielleicht träfe die Verhältnisse 
noch schärfer der Name Reproduktions- beziehungsweise Assoziationsstill- 
stand. 

a Be j m P olternden Verlegenheitsstottern trifft dies aber weniger zu 
(auf den Durchschnitt bezogen), hier tritt vielmehr eine Ähnlichkeit zum Versprechen 
ein. Nicht weil der Sprechende momentan reproduktionslos ist, poltert er stotternd, 
sondern weil er, an das Assoziationsgebiet B denkend, A spricht. Während in den 
ersten Fällen die Reproduktion stockt, wuchert sie hier, das polternde Verlegenheits- 
stottern wäre also eine Reproduktionskreuzung. 

Somit ist das Verlegenheitsstottern verschiedengestaltig. Eine einheitliche 
Zusammenfassung ist schwer durchführbar, weshalb wir es unterlassen, sie mit einem 
JNamen zu bezeichnen. 

Die Geschichte der Stotterertheorien liefern einen guten Beweis für die Kon- 
sequenzen des in der Forschung verwendeten Kausalitätsprinzipes. Hier darauf 
naber einzugehen, würde vom Thema ablenken. Prüfen wir aber die Beziehungen 
der Verlegenheitssprachstörungen zu den typisch ausgebildeten Sprachstörungen, so 
gewinnen wir nur dann einen guten Überblick, wenn wir konditional vorgehen, also 
im Sinne der von Mach, Verworn u. a., zuletzt von v. Hansem an n (6) in seiner 
so Überaus klaren Arbeit: Über das konditionale Denken in der Medizin 
vorgeschlagenen Denkmethode. 

Nicht e i n e U r s a c h e ist es, die aus einem Verlegenheitsstotterer einen typischen 
btotterer schafft, zahlreiche Bedingungen und zwar notwendige und Er- 
satzbedingungen müssen vorhanden sein und indem nun in der Therapie der eine 
Arzt diese Heilmethode anwendet, der andere jene, kann jeder mit seiner Methode 
Heilerfolge erzielen, indem er eben mit ihr in einer Anzahl von Fällen die Haupt- 
bedingungen trifft. Bei Berücksichtigung des Konditionismus ist eine Methode, eine 
alleinseligmachende Methode undenkbar, ist die Auswahl der Methode vorzunehmen 
nach genauer Analyse der Bedingungen des Einzelfalles, mithin nur individuali- 
sierendes Vorgehen akzeptabel. 



Über Verlegenheits-Sprachstörungen. 523 

Es ist schon lauge bekannt, dass verschiedene .Ursachen" zum Stottern führen 
können, diese aber einfach in der Anamnese zu registrieren, nach Häufigkeitsrück- 
sichten dann unter Berücksichtigung der Heilerfolge eine Durchscbnittstherapie 
zu konstruieren, ist wohl ein notwendiger Stand in der Entwickelungsgeschichte der 
Therapien, aber kein ideales Ziel, sondern nur ein Kompromiss, solange andere Wege 
nicht erschlossen. 

Betrachten wir zuerst den so lehrreichen Fall, den Fröscheis beschrieben 
hat (3). (Die genaue Beschreibung dieses Falles findet sich m dem Artikel von 
Fröscheis, S. 475.) 

Wir haben hier so offenkundig wie nur denkbar die Beziehung zwischen 
Reproduktionsstörung und Stottern. Indem dem Schwätzer der Faden ausgeht, er 
aber weiter reden soll und will, die Sprachorgane also auch bei fehlendem Rede- 
inhalt arbeiten, muss Stottern eintreten. Klar ist auch, dass die dem * alle ange- 
paßte Therapie zum Erfolg führen musste. Zwei notwendige Bedingungen sind hier 
vorbanden : 

I. der Wille zum Erzählen, 
II. der nicht zureichende Erzählstoff. 

Eine allein würde nicht das Stottern hervorrufen, denn ebenso wie die Aus- 
schaltung des Erzühl- bzw. Pbantasietriebes zur Heilung führte, hatte eine (praktisch 
allerdings undurchführbare) dem Knaben gegebene Stoffülle, durch welche das Aus- 
gehen des Fadens verhütet wäre, eine Heilung erzielen müssen. Nun könnte man 
einwenden, dass die konditional durchgeführte Therapie beide Hauptbedingungen treflen 
müsste. Dies ist aber nicht notwendig, weil die I. Bedingung die überwertige ist, 
die II. eine ebenfalls notwendige, in der ersten nicht enthaltene, die aber zur ersten 
dazutreten musB 1 ). 

Wie aber kommt es aus dem Verlegenheitsstottern zum typischen? 
Auch hier können verschiedene konditionale Faktoren wirken. Im eben be- 
sprochenen Beispiel glaube ich der Gewöhnung einen Faktorenwert zusprechen zu 
können, ebenso werden mitwirken: Zersplitterung der Aufmerksamkeit 
dnrch reges Phantasiospiel (auch wenn der Knabe nicht erzählt, werden 
phantastische Gedankengänge ihn erfüllen). Herau sreissen aus demselben 
durch Situationen des täglichen Lebens. 

Hoepfner (5) weist S. 456 darauf hin, dass bei Auslassung der Beschreibung 
des Stotterns in seinen Beispielen in den meisten Fällen „ausgesprochene Typen 
psychopathischer Konstitution" vorbanden sind, Stekel (7) wieder hebt sexuelle 
innerliche Konflikte hervor, die allerdings eine gewisse psychopathische Konstitution 
auch voraussetzen. 

Wie dem auch nun im Einzelfalle sein mag, wir können annehmen, dass 
mehrere Fälle von Verlegenheitsstottern selbst als Trauma wirken köunen, mag es 
nun entstanden sein als einfache Reproduktions- bzw. Assoziationsstörung .oder als 
Konsequenz eines anderen psychischen Traumas. 

Wir müssen nun die Mithandlungen beachten. Als Mitbewegungen 
-worden früher die häufig zu beobachtenden, sehr verschiedenartig gestalteten Be- 
weeungen benannt, die von Stotterern ausgeführt werden. Während sie yon der 
K u s s m a u 1 - G n t z m a n n sehen Schale als u n w i 1 1 k ü r 1 i c h e Bewegungen aufgefasst 
wurden, hat Fröscheis (3) die Auffassung als Mithandlungen, beabsichtigte 
bewusste Bewegungen eingehend begründet. Die ursprünglich rein willkürlichen 
Mithandlungen werden häufig mehr oder weniger automatisiert. 

Wir nahmen oben beim tonischen Verlegenheitsstotterer einen überwertigen 
Sprachimpuls an, der über die Zeit der „Leere" anhält, bis ein neuer Sprachimpuls 
eintrifft. Es lässt sich leicht verstehen, dasB hierbei ein antagonistisch gestalteter 
Sprachimpuls mit ebenfalls vorhandener Überwertigkeit vorkommen kann. Ja auch, 
dass dessen Überwertigkeit übers Ziel schiesst, und damit baut weh eine Brücke 
zu den „krampfähnlichen" Mithandlungen bei anhaltendem typischen Stottern. Je 
länger das echte Stottern besteht, desto stärker pflegen die Mithandlungeo (Mit- 
bewegungen) zu sein. 


i) Erst beide zusammen liefern die Ursache im kausalen Sinne. 



524 Karl Cornelius Rotfae, Über Verlegenheits-Sprachstörungen. 

Auch der Anteil der Atemstörungen beim ausgebildeten Stottern kann in 
den Kreis unserer Betrachtung gezogen werden. Atemstörungen sind allen Affekten 
zugeordnet; wenn es möglich wäre Verlegenheitsstotterer pneumogrnphisch zu unter- 
suchen, würden gewiss interessante Beobachtungen gemacht werden können. Stekel 
betont S. 60 ausdrücklich, dass Störungen der Atmung Ausdrucksformen der Angst- 
neurose sind. Wir haben eine ähnliche Beziehung zwischen den Atemstörangen bei 
Angst Normaler und derjenigen bei Angstneurosea und zwischen Verlegenheitssprach- 
störungen und typischen Sprachstörungen anzunehmen. Dasselbe muss für Puls- 
messungen erwartet werden, die merkwürdigerweise bei Sprachstörungen bisher 
nicht angestellt wurden. 

Schliesslich noch ein paar Worte über Selbstheilungen beim Stottern. 
Der Patient erwarb sein Leiden während einer — anderswie bedingten — Erregungs- 
periode, die Selbstheilung konnte eintreten, sobald mit zunehmender Beruhigung 
(ähnlich dem Verlegenheitsstotterer) die Beobachtungen sich mehrten, dass eben 
nicht Drängen, Pressen etc. den Sprachablauf begünstigen, sondern ruhiges Ansich- 
halten. Die Aufmerksamkeit blieb nicht am Sprachakt hängen, son- 
dern wandte sich der allgemeinen Stimmung zu. 

Über das Poltern braucht jetzt wohl nicht mehr viel gesagt werden. Während 
beim Stottern im Übergänge vom Verlegen heitsstottern zum ausgebildeteten Stottern 
sich die nervöse Angst auf den Sprachakt fixiert, ist das ausgebildete Poltern ein 
chronisch gewordenes Verlegenheitspoltern. Wie alle chronisch gewordenen Krank- 
heiten ist eine desto langwierigere Therapie notwendig, je länger es eingebürgert ist. 
Wie das Verlegenheitspoltern (und -stottern) verschwindet, sobald der Sprecher be- 
sondere Aufmerksamkeit und Selbstzucht ausübt, ist die Heilung des Verlegenheits- 
poltern eine Gewöhnung an ruhiges Donken und aufmerksames Sprechen. Die Therapie 
ist also eine pädagogische. 



Literatur: 

1. Albert Lieb mann: Vorlesungen über Sprachstörungen. 1. u. 2. H. B erlin W 35. 
0. Gebleute. 1898. 

2. Adolf Stfthr z. B. : Leitfaden der Logik in psychologisierender Darstellung. 
Leipzig, Wien. F. Dentike. 1905. 

3. Emil Frosch eis: Lehrbuch der Sprachheilkunde. Wien, Leipzig. F. Deuticke. 
1913. 

4. Sigm. Freud: Zur Psychopathologie des Alltagslebens. 4. Auf läge. Berlin. 1912. 
S. Karger. 

5. Th. Hoepfner: Stottern als assoziative Aphasie. Zeitschr. f. Pathopsychologie I. 
2 3. Heft. 1912. Leipzig. W. Engelmann. 

6. D. v. Hansemann: Über das konditionale Denken in der Medizin und seine 
Bedeutung für die Praxis. Berlin. 1912. A. Hirschwald. 

7. Wilhelm Stekel: Nervöse Angstzustände und ihre Behandlung. 2. Auflage. 
Urban und Schwarzenberg. Berlin-Wien. 1912. 



III. 

Über die Wahl des Freundes beim Nenrotiker. 

Von Dr. Hermann Rorschach, MünsterJingen. 

Wie bei der Gattenwahl 1 ), so ist auch bei der Wahl der Freunde 
beim Neurotiker oft das Mitspielen unbewusster Elemente 
erkennbar. Einen Typus der neurotischen Freundschaft, der sehr ver- 
breitet zu sein scheint, möchte ich hier schildern. 



l) VergL Abraham, Die Stellung der Verwandtenehe in der Psychologie der 
Neurosen. Jahrb. f. psychoanal. und psychopath. Forschung I. 110. 



Dr. H. Rorschach, Über die Wahl des Freundes beim Neurotiker. 525 

G., ein 22 jähriger Mann, der zur Analyse kam, hat zwei sehr ver- 
schiedene Freunde. Louis, der eine der Freunde, ist ein hochintelligenter 
Mensch, ein Self-made-man, der in vielen Kämpfen mit der Umgebung 
seiner Jugend, besonders mit seinem Vater, sich aus seinem Milieu 
herausgerissen hat Er ist ein kühler Beobachter, ein Mensch, der im 
allgemeinen sich für andere nur so lange interessiert, bis er sie ganz 
zu kennen glaubt. Er ist sehr ehrgeizig, sucht überall die führende Rolle 
zu spielen, tut sich viel zu gut mit seiner Macht über andere, duldet wenig 
Widerspruch. Besonders schlecht hat er sich immer mit seinem Vater ver- 
tragen. Er ist Atheist, Nietzscheaner und macht daraus viel Wesen. 
Er spielt gern den Sexualhelden. — Adolf, der zweite Freund, ist ein ziem- 
lich schüchterner, zurückgezogener Mensch, ein Verehrer seiner Eltern, 
ein Pflichtmensch, dabei ein leicht entflammbarer Ästhet, ein impulsiver 
Schönheitssucher; er ist anhänglich und treu, eine „reine Seele", empfind- 
sam und phantasiereich. — Louis und Adolf vertragen sich nicht. 

G. selbst ist ein Zweifler, ein „Stimmungsmensch", heute en- 
thusiastisch und empfindsam, morgen skeptisch und wenig beweglich, heute 
euphorisch und morgen depressiv, heute Geniesser und morgen lebensmüde, 
heute ein Sparer und morgen ein Verschwender. Er ist wissensdurstig, 
aber er zersplittert sich. In einer frommen Familie aufgewachsen, ist er 
ein ewiger religiöser Zweifler. Er ist ein „Mu tte r soh n", der gegen 
den Vater sein Lebenlang die charakteristische Mischung von Ehrfurcht 
und Auflehnung empfand. 

Zu dem Freunde L. steht G. im folgenden Verhältnis: Er empfindet 
für L. unbegrenzte Ehrfurcht, ist stolz darauf, dass dieser ihn seiner 
Freundschaft würdigt, redet ihn in Briefen mit „Herrlicher Freund" an. 
Er ist für ihn unbedingte Autorität; er befolgt alle seine Räte, liest 
nach seinem Beispiel Nietzsche und Spitteler etc. Hier und da 
kommt es vor, dass G. gegen L. sich auflehnt, er fühlt sich zu abhängig, 
aber in. jeder Streitigkeit ist er der wieder Einlenkende. 

Dagegen ist der Freund A. für G. „die reinste, treuesteSeel e", 
der er alle seine Gedanken mitteilen kann, sein eigentlicher Vertrauter; 
hei ihm findet er inniges Verständnis, keine Skepsis, wie bei L. 
Die leitende Stellung gehört in dieser Freundschaft G., und er freut sich 
dieser Superiorität. Er spielt gern vor A. den Unerschrockenen, * Männ- 
lichen, lässt sich von ihm bewundern. Nicht selten spielt er sich vor ihm 
auch als Sexualheld auf, ganz mit Unrecht, eigentlich nur dazu, um sich 
an dem Entsetzen A.'s zu weiden. Er schätzt die Freundschaft mit L. mehr, 
aber in der Nähe A.'s ist ihm wohler. 

Dass die zwei Freunde sich untereinander nicht leiden können, 
quält ihn manchmal, und er macht dann Versuche, sie einander näher zu 
bringen; meist aber ist er ganz froh darüber, dass er beide für sich 
allein hat. 

Die Verhältnisse sind schon nach diesen Ausführungen klar 
genug. L. ist für G. ein Vaterersatz, A. ein Mutter er s atz. 
G. ist ein ewiges Kind, immer vater- und mutterbedürftig. Wie ein 
Ambozeptor hatte er einen vaterersetzenden und einen mutterersetzenden 
Freund an sich gezogen.. Anders konnte er, wenigstens vor der Analyse, 
nicht leben. Er brauchte immer eine Autorität und ein getreues Herz, 
Wie es Vater und Mutter gewesen waren. 



526 Dr. Hermann Rorschach, 

Die Verschiebung vonden wirklichen, noch lebenden Elternauf die Freunde 
ist zunächst aus Gründen der Zensur erfolgt; die Freundschaft mit 
L. schützt den Patienten auch davor, dass er sich gegen 
den wirklichen Vater rebellisch zeige, die Freund- 
schaft mit A. schützt auch vor dem Inzestkomplex. Dann 
erfolgte die Verschiebung auch darum, weil sich G. in seiner höheren 
Bildungsstufe intellektuell stark von seinen Eltern entfernt hatte und doch 
in bezug auf seine jetzigen Gedankensphären nicht auf Vater- und Mutter- 
einstellung verzichten konnte. 

Mit aller Deutlichkeit manifestierten sich diese dem Patienten völlig 
unbewussten Verhältnisse im Trau m. In zahlreichen Träumen macht sich 
der Inzestkomplex breit. Er sieht den Vater bald als Strohmann, bald 
als Einbrecher, der der Mutter gefährlich werden will, bald als Zwerg, 
mit dem er kämpfen muss, bald als Leiche. In ganz ähnlichen Zu- 
sammenhängen erscheint auch der Freund L. im Traum: 
als Kranker, als Toter, als Betrüger etc. Die gleichen Vorwürfe und Todes- 
wünsche treffen Vater und Freund. Zuweilen verschmelzen Vater 
und Freund auch völlig. Besonders charakteristisch ist folgender Traum: 
Er sieht die Betten seiner Eltern nebeneinander stehen, das Bett der 
Mutter ist wie gewöhnlich, im Bette des Vaters liegt ein fremder Mann. 
Da sieht er erst, dass das Bett des Vaters ein aussergewöhnlich hohes 
Kopfende hat; es ist eigentlich gar kein Bett, es ist eine Gouillotine! 
Die Assoziationen führen natürlich zu Louis XVI., dem Namensvetter des 
Freundes. Der Traum ist eine Mordphantasie gegen Vater und Freund in 
einer Person, eine Revolution gegen die Despoten, denen er im Wachleben 
so viel Ehrfurcht und Gehorsam entgegenbringt. — Die Mutter ist in 
den Träumen meist stark verborgen. Meist steht für sie eine Schwester, 
oft auch das Elternhaus, in das er nach gefahrvoller Flucht gelangt. 
Einmal erscheint sie als ein Apfel, den er nicht essen darf, weil er ge- 
stohlen ist. öfter als der Freund L. für den Vater, steht der Freund A. für 
die Mutter. Wie zur Mutter, so flüchtet sich G. auch zu A., an seiner Seite 
fühlt er sich sicher, „zu Hause", „reich und getröstet". Er er- 
lebt Umarmungsszenen mit A. Auch ein Verschmelzen der Mutter 
mit A. kommt zuweilen vor: ein grosser Hund (der Vater) schnappt nach 
einem süssen Fladen, den G. in der Hand hält. Der Fladen ist sowohl die 
Mutter, wie auch der Freund. Fladen — Adolf ist eine immer wieder- 
kehrende Assoziation, die nicht nur auf dem annähernden Gleichklang 
beruht, sondern noch auf tieferen Momenten, auf tief im Unterbewusstsein 
verborgenen päderastischen Wünschen. Was sich der Mutter gegenüber 
nicht ausleben darf, lebt sich in den Träumen mit dem Freund aus; 
der Patient ist ein deutliches Beispiel von Flucht aus den Inzest- 
gedanken in die Homosexualität. 

Niemals vertauschen in den Träumen die beiden Freunde ihre Rollen. 
Immer ist L. der Vaterersatz, A. die Mutterimago. 

Die Freundewahl ergibt sich in diesem Falle deutlich als Schaf- 
fung einer Familienimago. G. wählte seine Freunde aus 
seiner Vater- und Mutterbedürftigkeit heraus. 

Die Analyse musste notwendigerweise zur Folge haben, dass dieses 
Triumvirat gesprengt wurde. Zunächst lockerte sich die Freundschaft mit 



Über die Wahl des Freundes beim Neurotiker. 527 

L. Die Valerrolle ging mittelst der Übertragung an den Arzt über. Dann 
ging sie auf den wirklichen Vater zurück; und zwar geschah dies unter 
eigentümlichen Begleiterscheinungen: der Patient fing an, lebhafte Schuld- 
gefühle gegen seinen Vater zu empfinden, die schliesslich zu eigentlichen 
religiösen Versündigungsideen wurden. Gleichzeitig fing er wieder an, an 
Gott zu glauben. Indessen bildete sich im weiteren Verlauf der 
Analyse auch diese Episode zurück. Schliesslich scheint der Patient durch 
die Analyse von seinem Hörigkeitsbedürfnis dauernd befreit worden zu 
sein. Die Freundschaft mit A. hielt der Analyse stand. Sie war ja zum 
Schutz vor inzestuösen Wünschen notwendig. Doch mit der Befreiung 
aus der Vaterhörigkeit musste sich auch die Stellung des Patienten zu 
seiner Mutterimagio ändern. Die Freundschaft verlor an Inbrunst. Der 
Freund A. wurde weniger unentbehrlich. G. ist bald nach der Analyse 
ins Ausland verzogen und entwickelt eine beträchtliche Selbständigkeit 
und Tatkraft. 



IV. 

Die Uhr als bipolares Symbol von Weib und Tod. 

Drei Traumanalysen von Leo Kaplan, Freiburg. 

Wenn man die Träume einer Person längere Zeit hindurch studiert, 
so kann man die Erfahrung machen, wie manche Traumsymbole von 
Zeit zu Zeit wiederkehren. Sie beweisen, dass auch die Sprache des 
Traumes feststehende Redensarten ausbildet. Es ist zu vermuten, dass 
solche Traumsymbole fest verankerte Komplexe andeuten. 

Wir wollen hier drei Träume eines Herrn X. mitteilen, in denen die 
Uhr eine gewisse Rolle spielt. Die Analysen werden uns zeigen, dass in 
allen drei Träumen die Uhr immer denselben Sinn hat. 

Traum I (16. VI. 09): Durch einen Herrn macht er die Bekannt- 
schaft eines jungen Fräuleins. Sie sind im Hause der neuen Bekannten. 
Er besitzt eine merkwürdige Uhr, deren Zeiger sich in einem 
schwarzen Kasten befindet, das Zifferblatt fehlt. Übrigens scheint 
ihm die Uhr ein Kompass zu sein. Er zieht die Uhr aus der Tasche und 
ist verwundert, dass der Zeiger ganz regellos die Zeit angibt .... 
(Verwandlung). Er ist allein. Durch die offene Tür kommt das Mädchen. 
Sie werfen sich einander um den Hals und sprechen von ihrer Liebe. 
Im Laufe des Gesprächs wird es klar, dass sie von der „ewigen Liebe" 
nichts halten. 

Traum II (7. IX. 11): Er steht an der Tür, die aus dem beleuchteten 
Zimmer in das dunkle führt. An der Wand bei der Tür hängt eine Laterne 
in Form eines Kastens, mit Zifferblatt wie eine Uhr. 
Er tut etwas mit dieser Uhr. Im anderen Zimmer erscheinen das (kleine) 
Zimmermädchen des Hotels (in dem er wohnt) und der Verwalter, der 
dem Mädchen Vorwürfe macht. Der Verwalter geht fort (richtiger, er ver- 
schwindet, verwandelt sich in Nichts oder löst sich in 
der Dunkelheit auf). Der Träumer nähert sich dem Mädchen und 
befragt es wegen der Angelegenheit. Das Mädchen ist unzufrieden, weil 



528 Leo Kaplan, 

er sich in ihre Angelegenheiten mischt. Er sagt zum. Mädchen, es sei ihm 
dies unangenehm. Sie ist überzeugt und fängt an zu erzählen. 

Traum III (9. VIII. 12): Er hält eine Fünf telsekunden - U h r in der 
Hand. Er drückt an den Knopf, um die Uhr in Funktion zu setzen. Diese 
bleibt aber aus, was ihn sehr wundert. Er drückt wiederum an den 
Knopf, dieser verschwindet dann im Innern der Uhr. — 

Die letzte Szene des Traumes I ist eine Reminiszenz: Vor zwei 
Jahren liebte er eine Dame. Aus Rücksichten auf dritte Personen wollte 
er diese Liebe aufgeben. Als er einige Tage die Geliebte nicht gesehen 
hatte, konnte er nicht mehr aushalten und schrieb an ihr, sie soll ihn 
besuchen. Abends ist sie gekommen, sie warfen sich aneinander an den 
Hals und sprachen von ihrer Liebe. Dabei wurde auch das Thema fcLer 
„ewigen Liebe" berührt und manche skeptische Ansichten darüber ge- 
äussert. 

Die weiteren Verwicklungen haben aber damals dazu geführt, dass 
er diese Liebe doch aufgeben musste. Die Bekanntschaft der Dame machte 
er durch einen gemeinsamen Freund. Somit steht der erste Teil des 
Traumes in Beziehung zu dieser (aufgegebenen) Liehe. Aus Motiven, die 
uns unten klar werden, unterbrechen wir vorläufig die Analyse des 
Traumes I und wenden uns dem Traume II zu. 

Das kleine Zimmermädchen traf er am Tage auf der Strasse in 
Begleitung einiger jungen Leute. Er äusserte sich zu einem Freunde, 
dass das Mädchen früher bei solcher Gelegenheit in Verlegenheit kam, 
jetzt aber (seit sie ihn besser kennt) nicht mehr. 

„Das Mädchen ist unzufrieden, dass er sich in ihre Angelegenheiten 
mischt." Das erinnert ihn an seine Freundin, die auch von kleinem Wuchs 
ist. Die Freundin liebt es nicht, ihr Inneres aufzutun, und ist unzufrieden, 
wenn man in solchen Angelegenheiten in sie drängt. Ihm war es aber 
sehr unangenehm, dass sie vor ihm Geheimnisse hat, worüber er ihr 
manchmal Vorwürfe machte. 

Aus dieser Analyse ist es klar, dass das kleine Zimmermädchen die 
Freundin darstellt und somit der Verwalter ein Doppelgänger des Träumers 
ist. Das Fortgehen des Verwalters, Seinsichauflösen in der Dunkelheit 
bedeutet den Tod und drückt den Selbstmordkomplex aus. Damit stimmt 
überein, dass der Träumer an der Schwelle des beleuchteten und des 
dunkeln Zimmers steht, er schwankt zwischen Leben und Tod. 

Das Zimmer ist durch eine Laterne in Form eines Kastens beleuchtet. 
Die Laterne ist das Symbol des brennenden, sich verzehrenden Lebens, der 
Kasten (== der Sarg) — Symbol des Todes. Ein Kasten, der zugleich 
Laterne, nach dem obigen also die Quelle des Lebens sein kann, ist offen- 
bar die Vagina. Der Kasten ist aber zugleich eine Uhr; somit ist es klar, 
dass die Uhr das Weib darstellt (durch die weiblichen Perioden 
kann die Zeit gemessen werden, die Frau ist eine „Uhr"). „Er tut etwas 
bei der Uhr" — der sexuelle Sinn dieser Begebenheit ist jetzt ohne weiteres 
einleuchtend. Der Traum II kann somit folgendermassen gedeutet werden: 
Die ungestillte Liebe zur Freundin drängt zum Selbst- 
mord. Dem Träumenden gelingt aber, die Freundin zu 
„überzeugen", und „er tut etwas bei der Uhr". 

Wir wenden jetzt die vorherigen Ergebnisse auf Traum I an: Der 
schwarze Kasten ist wiederum der Sarg: die aufgegebene Liebe 



Die Uhr als bipolares Symbol von Weib und Tod. 529 

weckt Selbstmordgedanken. Zur selben Zeit ist der Kasten eine Uhr, die 
regellos die Zeit angibt. Eine regellose Uhr ist, nach dem obigen, 
ebensoviel als eine regellose Frau, d. h. eine schwangere Frau. 
Der Selbstmordimpuls verwandelt sich in befriedigte Libido, deren Folgen 
die Schwangerschaft der Frau ist. Solange die Todessehnsucht die Oberhand 
hat, ist der schwarze Kasten ohne Zifferblatt, d. h. er be- 
deutet nur den Sarg. Uann wird von der Uhr gesprochen, die ihm ein 
Kompass zu sein scheint, d. h. ein Ding, das die Richtung angibt. Die 
Libido wendet sich von den Todesgedanken ab, um die 
Richtung zu der Frau (= Uhr) einzuschlagen. 

Wir gehen zur Analyse des Traumes III über. Der Träumer will die 
Uhr in Funktion setzen, diese bleibt aber aus. Die Uhr funktioniert nicht, 
erfüllt nicht ihre Mission. Das bezieht sich wiederum auf die oben ge- 
nannte Freundin, die zu wenig Weib ist, was ihn schon so oft g e w u n d e r t 
hat. Dem Traume gelingt aber das Unmögliche doch : der Knopf verschwindet 
im Inneren der Uhr — eine unzweideutige Beschreibung der sexuellen Tat. 

Auch in diesem Traume ist die Todessehnsucht verborgen. Denn 
die Zeit ist Leben, der Tod bedeutet aber die Negation des Lebens, und 
somii auch der Zeit. Als Goethes Faust tot niederstürzt, ruft Mephisto 
aus: „Die Uhr steht still", was der Chor wiederholt: „Steht still! Sie 
schweigt, wie Mitternacht. Der Zeiger fällt." DieUhr, dienichtmehr 
funktionieren kann, ist ein Todessymbol. — 

Traum I und II, zwischen denen ein Abstand von 27 Monaten 
liegt, sind Reaktionen auf zwei verschiedene Liebeserlebnisse. Alle drei 
Träume, ungeachtet der Verschiedenheit von Zeit, Ort und äusseren Lebens- 
umständen, zeigen dieselbe Reaktionsweise und eine sehr weitgehende 
Übereinstimmung ihrer Ausdrucksweise. Sollte die Auswahl des Symbols 
nicht seine besonderen Gründe im Seelenleben des Träumenden gehabt 
haben? Als Kind hatte der Analysand von seiner Mutter eine Perlmutter- 
Uhr geschenkt bekommen. Er war damals sehr stolz über eine solche 
merkwürdige Uhr. Später hatte er diese Uhr seiner Frau geschenkt, 
die sie, wie übrigens auch andere seine Geschenke, verloren hat. Die 
Uhr war ihm aber sehr teuer und er fasste das Verlieren der Uhr durch 
die Frau als eine Geringschätzung seiner Liebe auf. Die Uhr war mit 
seinen infantilen Gefühlen für die Mutter eng verknüpft und diente später 
als Symbol der „Übertragung" der Libido an das Sexualobjekt des Er- 
wachsenen. 

Die Bipolarität von Tod und Erotik wurde in der psychoanalytischen 
Literatur schon vielfach besprochen. In unserem Falle ist die Bipolarität 
rfurch die Zeit besonders begründet. Dass die Frau als ein natürlicher 
Zeitmesser aufgefasst werden kann, haben wir oben schon hervorgehoben. 
Dem steht gegenüber der Tod, der alles Zeitliche zerstört: 

„Und was den Anfang hat, muss auf die Todesbahn." 

(Hoffmannswaldau, Begräbnisged.) 

Die unbefriedigte Libido ist des Wartens müde; es entsteht daraus 
die Tendenz, die Zeit zu anullieren (die Ungeduld der Libido). Es vereinigen 
sich zu einem Bilde die Frau und der Tod, die beiden, die diese Tendenz 
zu befriedigen imstande sind. So wird die Uhr zum bipolaren Symbol von 
Tod und Weib. — 



530 Siegfried Peine, Kleine Beiträge zur Traumforschung. 

V. 

Kleine Beiträge zur Traumforschung. 

Mitgeteilt von Siegfried Peine, Hamburg. 

I. 

Otto X., ein jetzt 21 Jahre alter Kaufmann, erinnert sich folgenden 
Traumes aus seinem 7. oder 8. Lebensjahre. 

Er befindet sich auf Besuch im Hause seines Grossvaters, des Vaters 
seiner Mutter, und unterhält sich mit diesem. Plötzlich dringen wilde Tiere 
(Löwen, Tiger, auch Affen) ins Zimmer. Er will fliehen, was ihm auch. 
fast gelingt. Er will die Türe hinter sich ins Schloss werfen, da zwängt 
sich ein Tiger durch den Spalt und bleibt dort, da Otto die Tür krampfhaft 
festhält, eingeklemmt. Nun erwacht Otto unter Angstgefühl. 

Ergebnis der Analyse: 

Otto hat in seiner Kindheit inzestuöse Neigungen zur Mutter ge- 
hegt. Das Haus des Grossvaters ist das jungfräuliche Heim der Mutter, 
in dem wohl viele Bewerber um die Hand der Mutter ein- und ausgingen; 
in der Traumsprache sind dies die wilden Tiere, die das Objekt der 
Liebe Otto's rauben wollen und ihn- dadurch beunruhigen. Allen vermag 
er zu entfliehen, nur einem nicht, der ihn immerfort bedroht, dem es 
gelingt, ihm gegenüber in bevorzugter, mächtiger, Angst einflössender 
Stellung zu verharren; dies ist nämlich der letzte der Bewerber, sein 
Vater, in dem er den Nebenbuhler erkennt. 

II. 

Die Malschülerin Luise Y., 23 Jahre alt, erzählt folgenden Traum. 

Beim Essen beisst sie sich einen Hinterzahn aus. Sie isst weiter 
und hat dasselbe Missgeschick mit einem Vorderzahn, der allerdings nicht 
wie der erste gleich aus dem Munde fällt, der aber doch so locker ge- 
worden, dass sie ihn mit einem leichten Ruck zu entfernen vermag, was 
sie auch tut. 

Ergebnis der Analyse: 

Luise ist zahnfetischistisch veranlagt. Der Zahn vertritt daher bei 
ihr symbolisch das Objekt ihrer Liebe. Vor einigen Jahren hatte sie ein 
Freundschaftsverhältnis zu einem jungen Manne, das bald erotische Formen 
annahm. Streitigkeiten, deren Ursachen meist auf ethischem Gebiete lagen, 
führten zur Trennung. Das erste intensiv geliebte Objekt war ihr somit 
verloren gegangen; sie hatte es „ausgeschlagen". Jetzt empfindet sie 
erotisch für ihren Lehrer. In letzter Zeit wurde oft ihr Austritt aus der 
Malschule in Erwägung gezogen; die Verwirklichung wäre gleichbedeutend 
mit einer völligen Trennung von dem Lehrer. Sie wäre also zum zweiten 
Male in die Lage versetzt, das Ziel ihrer Erotik aufgeben zu müssen. Auch 
der zweite „Zahn" würde ihr dann verloren gehen. Locker ist er schon, d. h„ 
die Trennung ist wahrscheinlich; den letzten Anstoss wird aber 
doch erst ihre Entscheidung, die sie jedoch der Not gehorchend wohl im 
gefluchteten Sinne wird fällen müssen, bringen. — Vorderzahn und Hinter- 
zahn bringen die in der Gegenwart und in der Vergangenheit erlebten, 
Erotika symbolisch zur Darstellung. 



Dr. Wilhelm Stekel, Zur Psychogene«« des Aberglaubens. 531 

VI. 

Zur Psychogenese des Aberglaubens. 

Von Dr. Wilhelm Stekel, Wien. 

Sehr häufig findet man bei verschiedenen Neurotikern das Bestreben, 
das künftige Schicksal durch Orakel zu erkunden. Die Analyse dieser Orakel 
gibt sehr interessante Aufschlüsse und zeigt, dass die Orakel psychisch 
determiniert sind und eine symbolische Sprache darstellen. Es ist also 
kein 'Zufall, wenn Herr X. Glück erwartet, wenn er nach zehn Schritten ein 
Mädchen treffen wird oder einem Soldaten begegnet usw. 

Herr St. erzählte mir heute einen merkwürdigen Aberglauben. Er 
habe seinen Zigarrenstumpf in die Spuckschale werfen 
wollen und sich gedacht: Treffe ich hinein, so werde 
ich Glück haben, verfehle ich den Napf, so werde ich 

unglücklich So die abergläubische Handlung. Er traf in die 

Mitte des Spucknapfes und empfand darob eine gewisse Befriedigung. 

Die Erklärung dieses Phänomens wäre etwas schwierig, wenn der 
Patient mir nicht einen Traum erzählt hätte und ich seine geheime Affek- 
tivität nicht kennen würde. Er hatte in dieser Nacht geträumt : Ich war 
mit meiner Buchhalterin in verschiedenen Hotels und 
wir sind überall abgewiesen worden und sind unver- 
richteter Sache nach Hause gegangen. 

Dieser Traum versucht die Lösung einer unerträglichen Situation. 
Er begehrt, ohne es zu wissen, seine Buchhalterin. Im Traume wird er 
in kein Hotel hineingelassen. D. h. er ist schon so weit, dass er mit ihr 
einig ist, die Intimität scheitert bloss an äusseren Hindernissen, und er 
kommt schliesslich heil nach Hause, ohne dass etwas vorgefallen wäre. 
Der Spucknapf im Geschäft ist also ein Symbol seiner Buchhalterin. Er 
'hatte schon früher leichtsinnige Frauen und Dirnen mit. einem Spuck- 
napf verglichen, in den ein jeder hineinspucken könne Er 

macht sie in seiner abergläubischen Vorstellung leichtsinnig. Die Phan- 
tasie heisst aufgelöst: Wenn ich die Buchhalterin besitzen könnte, ?o wäre 
ich glücklich. Der Patient bestreitet diese Deutungsmöglichkeit und sagt: 
Ich habe seit Wochen noch einen zweiten Aberglauben: Ich greife in 
meine Tasche, in der sich der Geschäfts- und der Woh- 
nungsschlüssel befinden. Erwische ich den Haus- 
schlüssel, so w.erde ich Unglück haben, gelingt es mir, 
den Geschäftsschlüssel zu ergreifen, so werde ich 
Glück haben. 

„Wissen Sie denn nicht, was die beiden Schlüssel bedeuten können ?" 

J&, ich kann es mir denken. Es ist wieder dieselbe Geschichte. 
Im Geschäft sitzt meine Buchhalterin und zu Hause meine Frau. Sie 
meinen also, ich wäre glücklich, wenn ich mit der Buchhalterin ein Ver- 
hältnis eingehen könnte? Nun ich sage Ihnen, sie gefällt mir gar nicht. 
Sie ist weder schön noch fesch, sie schielt ein wenig " 

„Sie haben wohl vergessen, dass Sie mir erzählt haben, dass Sie 
in ihrer Kindheit sich für alle Schielenden lebhaft interessiert hatten, 
weil sie ein Kindermädchen hatten, welches schielte." 



532 Dr. Wilhelm Stekel, 

„Das stimmt. Und jetzt fällt mir noch ein dritter Aberglauben ein: 
Wenn ich am Morgen, wenn ich ins Geschäft gehe, eine 
Schielende sehe, die mich freundlich ansieht, so werde 
ich Glück haben. . . . Aber jetzt sehe ich selbst ein, dass Sie recht 
haben. Das geht ja wieder auf meine Buchhalterin " 

Ähnliche Analysen der abergläubischen Vorstellungen von Glück und 
Unglück werden uns immer wieder beweisen, dass es sich um versteckte 
Wünsche der abergläubischen Personen handelt, die sich auf diese 
Weise durchsetzen. 

So berichtet mir ein anderer Patient, er hätte einen sonderbaren 
Aberglauben an sich entdeckt. Es sei in seiner Wohnung ein neues. Telephon 
eingeleitet worden. An demselben Tage sei in seinem Hause eine Frau 
gestorben. Da dachte er: Du bekommst ein neues Telephon, 
während eine Frau gestorben ist, das bedeutet für dich 
Glück. Die Erklärung war einfach. Er lebte mit seiner Frau in einer 
unglücklichen Ehe. Seit er in einem Wiener Variete das Telephonlied ge- 
hört hatte, war ihm die Symbolik Telephon— Weib (resp. Vagina) sehr 
geläufig. (Die xMuschel des Telephons vervollständigte die Symbolik.) Er 
liebte gerade ein Mädchen, das er gerne geheiratet hätte. Der Aberglauben 
ist also ein ordentlicher geheimer Glauben und lautet aufgelöst: Wenn 
meine Frau sterben sollte, bekomme ich eine neue Frau . . . 

Ein dritter erzählte mir, er hätte sich geweigert, bei einem 
Ausfluge eine Seerose zu pflücken, das bringe Unglück, 
man treffe dann nicht nach Hause. Auch dieser Aberglaube 
war sehr schön motiviert. Der betreffende Herr hatte eine Bekanntschaft 
mit einem Mädchen, die er aus Angst, sich zu binden und sie heiraten zu 
müssen, nicht „pflückte". Er lebte mit seiner Mutter und wollte sich 
von ihr nicht trennen. Der Aberglaube lautete aufgelöst: Ich fange mir 
mit dem Mädchen nichts an. Denn wenn ich sie mir nehme, so müsste 
ich sie am Ende heiraten und werde sie nicht mehr los. 

Schlussfolgerungen: Wünsche setzen sich als Aber- 
glauben von Glück, Befürchtungen als Aberglaube von 
Unglück durch. 



VII. 

Ein Fall von Zweifel. 

Von Dr Wilhelm Stekel, Wien. 

Dr. X. hat sich entschlossen, seiner Mutter einen ausführlichen Brief 
zu schreiben und ihr klar zu machen, dass er Fräulein Maria liebt und 
sie heiraten möchte. Dies möchte er nicht ohne Zustimmung der Mutter 
ausführen. Er bittet sie in dem Briefe um ihren Segen, da er nie etwas 
unternehmen würde, womit sie nicht einverstanden wäre. Plötzlich schwankt 
er, öb.er den Brief auf dem Postamt Mariatreugasse oder auf dem 
Postamt Garnisonsgasse aufgeben solle. Er ist in der Nähe der 
Garnisonsgasse und müsste einen grossen Umweg machen, um in die 
Mariatreugasse zu kommen. Es zieht ihn aber gewaltsam in die Maria- 



Ein Fall von Zweifel. 533 

treugasse. Er analysiert sich diesen Zwang und kommt zu folgender Auf- 
lösung: Du willst deiner Geliebten .Maria unter allen Umständen treu 
sein. Und die Garnisonsgasse ist dir unangenehm, weil sie dir schon 
die Antwort deiner Mutter zu enthalten scheint: Gar nie (mein) Sohn! 
Du zweifelst, weil du zwischen deiner Liebe zur Mutter und der zu Maria 
schwankst. Mutter oder Maria! — musst du dich entscheiden, über diese 
Auflösung ist er sehr befriedigt und geht ruhig in die Garnisonsgasse. 

Zugleich mit dieser Auflösung erzählt er mir einen Traum, der deut- 
lich die Versöhnungs- und Kompromisstendenzen verrät. „Ich traf 
meine Mutter auf der Strasse. Sie war sehr freundlich 
und sagte mir: Siehst du denn nicht, wer da ist? Da be- 
merkt es erst Maria und gibt ihr einen langen Hand- 
k u s s." Er deutet, sein Wunsch, die Mutter möge sich mit seinem Projekte 
aussöhnen, sei in diesem Traume erfüllt worden. 

Diese beiden Deutungen sind sicherlich richtig. Allein ein Zwangs- 
neurotiker bringt nie so einfache Träume, und wenn er sie bringt, so ver- 
birgt sich hinter der Einfachheit ein kompliziertes Problem. Man sei 
immer sehr vorsichtig gegen Träume von Neurotikern, welche Episoden 
aus dem Vortage einfach wiederholen oder die Lösung einer Konstellation 
bringen, welche nach einer Lösung verlangt. Die Analyse bringt die 
merkwürdigsten Überraschungen. So war es auch in diesem Falle. Doch 
ich will nur jene Momente hervorheben, die auch zu dem Zweifel eine 
Beziehung haben. 

Gegenüber dem Postamt Mariatreustrasse befindet sich die Maria- 
treukirche. Ebenso gegenüber dem Postamte Garnisonsgasse die Garnisons- 
kirche. Die Mariatreukirche ist eine wunderschöne katholische Kirche, 
•während die Garnisonskirche vollkommen schmucklos ist und allen Kon- 
fessionen zur Abhaltung des Gottesdienstes dient. Unser Patient zeigt eine 
auffallende Vorliebe für den Katholizismus. Er ist Jude und wollte sich 
schon längst taufen lassen. Er leidet an einer typischen Christusneurose. 
Er zeigt die charakteristischen Kopfschmerzen um die Stirne, welche dem 
Dornenkranz entsprechen, hat Spasmen und Verrenkungen der Extremi- 
täten, welche der Kreuzigungsphantasie konform gebildet erscheinen. Er 
hat sich an das Kreuz der Neurose geschlagen. 

Er zeigt die von mir beschriebene Phantasie der „grossen historischen 
Mission". Jetzt lernt er in der Analyse auf diese Phantasien verzichten 
und sich den realen Forderungen anpassen. Allein in solchen Fällen über- 
tragen die Neurotiker ihre Hoffnungen auf ihre Kinder. Sein Sohn soll ein 
Genie werden, von dem die ganze Welt spricht. Maria soll ihm einen 
Gott gebären. Er will sie unbefleckt empfangen lassen. (Durch einen 
Handkuss !) Er gibt jetzt zu, dass er am Vortage des Traumes Phantasien 
hatte, dass Maria ein so elastisches Hymen haben werde, dass er immer 
eine „Jungfrau" haben werde. Er machte Maria den Vorschlag, den 
künftigen Sohn taufen zu lassen. Sie ist eine national gesinnte Jüdin und 
sträubt sich dagegen. Das gibt Aussichten auf grosse Konflikte. Diese 
Konflikte löst die Garnisonsgasse auf. Er wird gar nie einen Sohn 
haben. (Gar nie Sohn.) Sie wird steril bleiben. Sofort taucht vor ihm 
das Bild einer Kranken auf, die er am Vortage untersucht hatte. Sie war 
Maria sehr ähnlich und erzählte ihm, sie hätte nie ein Kind gehabt, 
obwohl sie zehn Jahre verheiratet gewesen. Er tröstet sich und quält 
sich also mit dem Gedanken, dass auch Maria steril bleiben wird. 

ZentrnlbUtt für Psychoanalyse. III»/". 36 



m 



534 Dr. Wilhelm 8tekel, 

Schliesslich symbolisiert die Garnisonskirche mit ihrer schmuck- 
losen Fassade und ihrem Mangel eines Kirchturm^ einen Tempel. Und 
die Frage, wo werde ich heiraten, im Tempel oder in der Kirche, findet 
so auch eine symbolische Erledigung. 

Er benützt sonst noch ein Postamt: „Laz are thg asse". Dieses 
kam gar nicht in Betracht. Das heisst, er will nicht mehr krank sein. 
Er will heiraten und eventuell Kinder zeugen, er will Maria treu sein, 
seinen Mutterkomplex überwinden und so handeln, als ob er nie ein 
treuer Sohn gewesen wäre. 

Weitere Determinationen erweisen, wie oberflächlich die bisherigen 
Auflösungen der Symptomhandlungen gewesen sind. Ich habe schon im 
ersten Hefte des Zentralblattes (Band I) ein Beispiel „E i — b r e i — b 1 e i" 
angeführt, um nachzuweisen, dass auch die Symptomhandlungen eine 
tiefere, mehrfach determinierte, schichtenweise Auflösung verlangen. Ich 
betrachte auch die hier mitgeteilte Auflösung als nicht erschöpfend. Es 
spiegelt die kleinste Symptomhandlung die ganze Neurose. Und die Auf- 
lösungen, welche die Neurotiker und selbst die neurotischen Psycho- 
analytiker uns bringen, dienen häufig nur dazu, um die wichtigsten Kom- 
plexe zu verbergen. 



VIII. 
Der Traum einer Sterbenden. 

Von Dr. Wilhelm Stekel, Wien. 

Ich habe in meinem Buche „Die Träume der Dichter" einige sehr 
interessante Beispiele mitgeteilt, wie die Dichter in schweren Krankheiten 
von dem Tod träumen und sich ein Jenseits vorstellen. Besonders die 
Träume von Viktor Blüthgen, I. I. David und Strindberg sind von grossem 
psychologischem Interesse. Wie leicht kann ein abergläubisch Gemüt das 
Spiel der eigenen Phantasie für Eingebungen höherer Mächte ansehen! 
... Ich bin nun in der Lage, den Traum einer 84 jährigen mit dem Tode 
ringenden Dame mitzuteilen. Die Kranke fiel in eine tiefe Ohnmacht, aus 
der sie die Bemühungen der Ärzte retteten. Sie erzählte, sie hätte folgenden 
Traum gehabt: 

Ich fiel auf die Erde und zuckte da unten jammernd 
wie ein Wurm. Ich lag vor einer weit geöffneten dunklen 
Pforte. Auf der anderen Seite sah ich eine herrliche 
grüne Wiese, die von der Sonne'hell beschienen war. 
Viele Verstorbene sah ich dort. Sie tanzten fröhlich 
einen Reigen. Ich sah auch meine verstorbene Mutter 
und die selige Schwester. Sie versuchten, mich zu sich 
hereinzuziehen, aber so sehr sie sich bemühten, es 
gelang nicht. Ich fühlte ihre übermenschliche An- 
strengung und — erwachte. 

Charakteristisch ist, dass alle diese Träume das Jenseits sehr friedlich 
schildern, also ausgesprochene Wunscherfüllungen und Trostträume sind. 



Zur Psychologie des Erfinders. 535 

IX. 
Zur Psychologie des Erfinders. 

Von Dr. Wilhelm Stekel, Wien. 

Ich habe bisher an allen Erfindern, die ich analysieren konnte, immer wieder 
konstatieren können, dass es sich um Neurotiker handelt, welche ihre seelischen 
Konflikte durch Verschiebung ins Mechanische zu lösen versuchen. Jede Erfindung 
ist also der Versuch einer Überwindung eines Konfliktes, jede Erfindung ist eine Be- 
freiung auf falschem Gebiete. Vielleicht werde ich mich durch einige Beispiele ver- 
ständlicher machen. Der zu beweisende Satz lautet: Erfindungen sind Über- 
setzungen seelischer Probleme in die Sprache der Technik. 

Muss die Erfindung einer Telegraphie ohne Draht nicht von einem Menschen aus- 
gegangen sein, der einer fernen Geliebten Griisse senden wollte? Sagt doch schon das 
Volkslied: .Küsset dir ein Lüftelein Wänglein oder Hände, denke, dass es Seufzer sein, 
die ich zu dir sende. Tausend send ich täglich aus, tausend flattern um dein Haas . . - .' 

Ein Patient konsultiert mich wegen Schlaflosigkeit. Jede Nacht walze er sich 
schlaflos auf seinem Lager. Eigentlich müsse er dem Leiden dankbar sein, denn es 
habe ihm schon zu einigen Erfindungen verholfen. Zuerst habe er in dieseu schlaf- 
losen Nächten einen Fernzünder konstruiert, der schon patentiert sei. 

„Was ist das für eine Erfindung?" 

„Sehen Sie. Ich liege in meinem Zimmer und kann plötzlich die Gasflammen 
im dritten Zimmer, wo meine Kusine schläft, anzünden. 

Das weitere Gespräch ergab folgenden Tatbestand: Der Mann war in seine ver- 
heiratete Kusine verliebt, ohne es zu wissen, oder besser gesagt .ohne es wissen zu wollen*. 
Er wollte ihr Herz in Brand stecken und hoffte, seine Gedanken, denen er ja All- 
macht zumutete, würden das besorgen. Dieser Liebe standen schwere Hemmungen 
gegenüber. Der Kusin war sein väterlicher Freund, der ihn liebevoll an Vaters Statt 
erzogen ihm sein Haus geöffnet und ihm ein Heim und eine schöne Stellung ge- 
geben hatte. Die junge Frau des Chefs war eine treue liebevolle Gattin, die an 
ihrem Manne mit grosser Liebe hing. Seine Liebe war hoffnungslos. Aber gibt 
es Schranken für ein liebend Herz? In der Nacht flatterten seine Wünsche um das 
Lager der schönen Kusine. Und er wünschte sie zu entzünden, und er wollte sie 
mit der Macht seiner Liebe zwingen. Das besorgte nun die Erfindung. Der Fern- 
zünder war entdeckt. Er konnte durch alle Zimmer hindurch, über alle Hindernisse 
hinweg, zu seiner Liebe gelangen, und sich mit ihr vereinen. Die Erfindung hatte 
noch eine andere wohltätige Folge. Er musste das Geschäft seines Vetters verlassen 
und wurde ein reicher Mann. So war diese Erfindung in jeder Hinsicht die Lösung 
seines schweren Konfliktes. 

Ein anderer Neurotiker kommt eines Tages freudestrahlend zu mir. Er hätte 
eine grossartige Endeckung gemacht. Der Schrecken aller Menschen seien Ein- 
brecher. Wer hätte sich nicht vor Hausdieben und Einbrechern gefürchtet? Nun, 
der Schrecken werde jetzt ein Ende nehmen. Seine Erfindung sei das ,Ei des 
Kolumbus". Er leite einen elektrischen Strom in die Türscbnalle. Dieser Strom 
sei bei Tage ausgeschaltet und werde erst eingeschaltet, wenn man ausgehe oder 
•was noch wichtiger wäre ... bei Nacht. Aber auch die Matratze vor der Türe sei 
mit feinen Drähten durchwirkt und elektrisch geladen. Trete der Dieb oder Einbrecher 
auf die Tacke, die zum Reinigen der Schuhe diene und vor der Türe liege, so be- 
festigt, dass man sie nicht entfernen könne und sie berühren müsse, so entstünde 
ein Kurzschluss, der Einbrecher erhielte einen heftigen elektrischen Schlag, der ihn 
fast besinnungslos mache und in Schrecken setze, und überdies fange ein Glocken- 
werk zu läuten an und warne das ganze Haus. . . . 

36* 



536 Dr. Wilhelm Stekel, 

Auflösung: Dieser Mann trug sich mit Gedanken, zu einem Mitgliede seiner 
Familie des Nachts „ einzubrechen". Die Berührung mit diesem weiblichen Wesen 
würde gewiss einen , starken elektrischen Schlag* bei ihm produzieren. Es könnte 
aber bekannt werden und an die „grosse Glocke" gehängt werden. Dieser Apparat 
ist eine Art Sicherung. Er soll aber auch das geliebte Objekt schützen. Denn ein 
anderes Mitglied des Hauses umkreist dasselbe weibliche Wesen mit gierigen Augen. 
Er müsste Tag und Nacht wachen, dass kein Unglück geschehe. Statt der Reali- 
sierung der Erfindung wurde eine Trennung von der begehrten Dame durchgeführt. 
Die Vorstellung; er könnte des Nachts in ihr Zimmer kommen, der andere könnte 
es tun, war die Kraft, welche zu dieser „ grossartigen Erfindung" führte. 

Drittes Beispiel. Herr N. hatte einen Apparat entdeckt, wie man eine Linie 
in xbeliebige kleine Teile teilen könne. Dieser Apparat wurde patentiert und scheint 
sich eingeführt zu haben. Ursache : In seiner Familie waren sieben Geschwister, 
welche alle auf ein ziemlich großses Erbe warteten. Eine Schwester war krank, 
ebenso ein Bruder weniger erwerbsfähig. Der Vater hatte nun den Vorschlag ge- 
macht, die lebensunfähigen Kinder mit einer höheren Rente zu versehen. Herr N. 
war damit einverstanden, aber bald darauf brach eine Neurose aus, welche ihn eben- 
falls arbeitsunfähig machte. Er wollte auch einen grösseren Vorteil durchsetzen. Im 
Geiste teilte er immer das Erbe. Wieviel kommt auf deinen Teil? Er wollte mehr 
haben. Aber er wusste nicht, ob seine Naurose imstande sein werde, den Sinn des 
Vaters zu ändern. Wenigstens sollten dann alle die gleichen Teile erhalten. In 
diesem Zustande machte er seine Erfindung. Alle Phasen, die nun folgten, wurden 
nuter den stärksten Affekten erlebt. Das Überreichen der Erfindung, das Patentieren, 
die Verhandlungen usw. . . Er verbrachte schlaflose Nächte und war sehr erstaunt, 
als ich ihm begreiflich machte, dass er eigentlich immer wieder das Erbe seines 
Vaters teile. Dass er mit den Gedanken spiele, das Erbe in weniger kleine Teile zu 
teilen, wenn eines der Geschwister sterben würde. Also in sechs, in fünf Teile nsw. 
Er lebte seinen ganzen Geldkonflikt, der ihm ja sehr peinlich und ethisch nieder- 
drückend war, auf einem technischen, eigentlich nmtheni atischeu Gebiete aus. 

Nun zu dem Erfinder, der ein Institut für sofortige erste Hilfe schaffen wollte. 
Jedem Kranken oder Verletzten sollte ein Arzt sofort zu Gebote stehen. Dieser 
geistig so hochstehende Mann, litt an einem Mordimpuls gegen seinen Vorgesetzten, 
der ihn in der Tat quälte und ungerecht bebandelte. In seinen Phantasien spaltete 
er ihm seinen glatzköpfigen Schädel mit einer Axt. Dann kam die Reue . . . und 
die Phantasien verschwanden. Bald darauf erschien die Erfindung durch einen in 
jeder Wohnung angebrachten elektrischen Apparat, sofort einen Arzt herbeizuholen, 
der in einer bestimmten Zentrale bereit sitze. 

Eine andere Erfindung ist folgende: Ein Arzt entdeckt, dass die jetzigen Zahn- 
bürsten unhygienisch seien. Es hielten sich in den Borsten Mikroorganismen auf. 
Er erfand eine hygienische Bürste, in der man die Reibefiäche täglich neu aus- 
wechseln konnte. Dieser Mann war verheiratet und beneidet die Türken im Para- 
diese, deren vierzehn Huris immer wieder Jungfern würden. Er war ein typischer 
Don Juan, der seine Ehe als Hemmung empfand. Die Erfindung löste das Problem 
der auswechselbaren Frau durch eine auswechselbare Bürste. 

Genug der Beispiele! Ich könnte diese Sammlung noch vermehren. Aber es 
ergibt sich immer wieder, dass die Erfindungen ein Lösungsversuch eines individuellen 
Problemes sind. Sie werden dann durch die Erfindung in soziale Probleme ver- 
wandelt. Es ist derselbe Zug, wie ich ihn in dem kleinen Aufsatze „Zur Psychologie 
der Alkoholfestigkeit und der Entschuldigungstendenzen" (Heft IV/V Zentralblatt) 
beschrieben habe. Eigentlich versucht jeder Neurotiker diese Projektion anf das 
Soziale. Der neurotische Dichter klagt vom Weltschmerz, der nur sein persönlicher 



Zur Psychologie deB Erfinders. 537 

Schmerz ist. »Ans meinen grossen Schmerzen mach ich die kleinen Lieder" sagt 
Heine. Es scheint, dass aller Fortschritt der Menschen aus diesen .grossen Schmerzen* 
kommt. Jeder Neurotiker leidet dann in Wahrheit für die Menschheit und gleicht 
schon dadurch dem Erlöser. Man könnte einmal eine Geschichte der menschlichen 
Erfindungen aus dieser Perspektive schreiben. Es wäre die Geschichte menschlicher 
Leiden und menschlicher Erlösungen. 

Wie viele Neurotiker habe ich schon kenneu gelernt, welche die Phantasie 
der Weltsprache verwirklichen wollten! Immer wieder zeigte es sich, dass sie sich 
mit ihrer nächsten Umgebung nicht verständigen konnten und eine fremde Sprache 
redeten. Wenn einige Menschen im engen Kreis zusammenwobnen, dann geht es 
ihnen wie den Erbauern des Babelturmes: Sie reden an einander in fremden Zungen 
vorbei und geraten in Streit. Und vielleicht ist dies der Sinn des grandiosen Märchens 
vom Babelturm. Unsere Pläne zerschellen an dem Unverstand unserer Umgebung. 
Würden wir alle die gleiche Sprache sprechen, wir könnten in die höchsten Fernen 
emporragen. , 

Referate und Kritiken. 

Dr. A. Maeder: Über die Funktion des Traumes (mit Berücksichtigung der 
tagesträume, des Spieles usw.). Jahrbuch für psychoanalytische und psychopatho- 
logische Forschungen, Bd. IV. 

Der Autor, der schon in früheren Arbeiten erfolgreich bestrebt war, biologische 
Fragestellungen auf psychologische Probleme anzuwenden, untersucht in dieser äusserst 
anregenden Arbeit das „Wozu* des Traumes. Er anerkennt die von Freud gefun- 
dene Primärfunktion des Traumes als Hüter des Schlafes. Aber seine 
Beobachtungen bei Traumanase Gesunder und Kranker nötigten ihn zu einer An- 
nahme weiterer Funktionen des Traumes sekundärer Art. „Es ist Beobach- 
tungstatsache, dass die Träume eines Menschen während einer bestimmten Zeit seines 
Lebens mit den unerledigten Fragen (speziell mit dem Konflikte) dieser Epoche 
beschäftigt sind, und zwar bei Gesunden wie bei Kranken. Die Psycho- 
analyse zeigt, dass die einzelnen Träume einer bestimmten Periode häufig nur 
Variationen desselben Motivs sind und eine bestimmte Lösung des Kon- 
fliktes in verhüllter Form enthalten. Manchmal lässt sich nachweisen, dass eine 
Zeitlang nach dem erfolgten (n och unanalysierten) Traume ein real er 
Entschluss (oder eine Handlung) in der bisher unerledigten Frage 
vom Träumer im Wachen gefasBt wird, ein Entschluss, welcher 
durch nachträglich vorgenommene Analyse derTräume nachweisbar 
der im Traume angegebenen Lösung entspringt.* Aus vielen Träumen 
von Gesunden und Kranken sind Tendenzen nachweisbar, welche erst später das 
Handeln und Deuten des Träumens manifest konstellieren. Diese Träume verhalten 
sich wie Vorübungen, Vorbereitungen zur späteren Wachtätigkeit." 
Zu dieser Sekundärfunktion des Traumes findet der Autor hübsche, bestätigende 
Parallelen in der biologischen Auffassung des Spieles in den Arbeiten des 
Freiburger Psychologen Groos und des Amerikaners Carres. Diese Autoren be- 
trachten das Spielen nicht unter dem Gesichtswinkel einer Erholung, sondern sie 
sehen darin eine vorbereitende Übung auf das ernste Leben. Nach Carres ist 
das Spiel noch von grosser biologischer Wichtigkeit dadurch, dass es dem Organismus 
die Eeize liefert, die zum Wachstum der Organe, hauptsächlich auch des Nerven- 
Systems, notwendig sind. Eine andere wichtige Fuuktion sieht Carres in seiner 
kathartischen Wirkung. .Wir bringen eine gewisse Anzahl von zie mlich zähen 
Instinkten mit uns auf die Welt, welche in dem gegenwärtigen Zustande der Zivili- 



538 Referate und Kritiken. 

sation gewöhnlich schädlich sind. Die Rolle des Spieles ist es, uns von Zeit zu Zeit 
von diesen antisozialen Tendenzen zu reinigen. Wenn der Mensch in den Tragödien 
tötet, kämpft, entlädt er sich sozusagen seiner blutigen Neigungen." Diese katkar- 
tische Wirkung findet nun Maeder auch im Traume: „der Traum ist eine 
zweckmässige Kanalisierung der antisozialen Triebe«. Auch in den 
Tagträumen und Phantasien zeigt er diese Anpassungsfunktionen der Vorübung und 
der Katharsis. Überall werden die gezogenen Schlussfolgerungen mit treffenden, 
überzeugenden Beispielen aus der normalen und pathologischen Psychologie belegt. 
Referent möchte noch hinweisen auf die auf den ersten Blick auffallende Ähn- 
lichkeit vieler Gesichtspunkte dieser Arbeit mit den Theorien Alfred Adlers. 
Aber bei näherer Betrachtung ergeben sich ganz fundamentale Unterschiede: bei 
Adler ist sowohl der Traum wie auch die anderen Äusserungen des Unbewussten 
gewissermassen nur Spiel ohne tieferen biologischen Wert wie seine Termini: 
Fiktion, Arrangement, männlicher Protest und andere deutlich zeigen, 
während Maeder nicht nur das „inconscient inferieur* kennt, sondern eben 
mit Nachdruck auch auf das .inconscient superieur* (Mae terlink) mit der 
Funktion der prospektiven Potenz subli m inaler Kombinationen hin- 
weist, eine Auffassung, die bekanntlich auch C. G. Jung in seinen „Wandlungen 
und Symbolen der Libido* vertritt. Jos. B. Lang. 

Wilhelm Specht: Zur Phänomenologie und Morphologie der pathologi- 
schen Wahrnehmungstäuschungen. Zeitschr. für Pathopsychologie. II. Bd 
2. Heft. 

Specht lässt in diesem Hefte seinen Auseinandersetzungen über die Phäno- 
menologie der pathologischen Wahrnehmungstäuschungen eine Kritik der physiologi- 
schen Theorie der Wahrnehmung und Halluzinationen folgen und versucht es, die 
inneren Widersprüche, in die diese Theorie bei Durchführung ihrer Voraussetzungen 
gelangen muss, aufzudecken. Er zeigt uns, wie wenig die Physiologie imstande ist, 
uns einen Aufschluss über psychische Phänomene zu geben. 

Seine eigenen Besprechungen der Morphologie der pathologischen Wahrnehmungs- 
täuschungen folgen im nächsten Heft. 

Zur Kritik der physiologischen Theorien verweise ich auf meinen Aufsatz, der 
in der nächsten Nummer dieser Zeitschrift erscheinen wird 1 ). Max Cresta. 

Otto Kaus: Der Fall Gogol. Schriften des Vereins für freie psychoanalytische 
Forschung. Heft II. E. Reinhardt, München. 

Es gibt zwei Wege, auf denen man zum Künstler und seinen Werken gelangt. 
Den einen geht der literarische Kritiker, den anderen der Psychologe. Otto Kaus 
betritt beide Wege, und das ist wohl das Zweckmässigste, um einen vollen Überblick 
über ein Kunstwerk zu erhalten. Dabei hat Kaus noch einen Vorteil vor vielen, 
nämlich, dass er bei seiner psychologischen Untersuchungsweise nicht an einzelnen 
VorstellungsmasBen, die determiniert und überdeterminiert werden und dabei sich 
sogar oft in einen metaphysischen Überbau verlieren, haften bleibt, wie mancher 
Psychologe zu tun pflegt, wenn er die Zerfaserung eines Künstlers und seines Werkes 
angeht, sondern er geht von einer leitenden, kontinuierlichen Idee aus 
(leitende Fiktion im Sinne Adler's 3 ). 

1 ) Ein Beitrag zur Kritik der physiologischen Interpretationsversuche psychi- 
scher Phänomene. 

2 ) Schriften des Vereins für freie psychoanalytische Forschung. Nr. 2. Verlag 
von Ernst Reinhardt in München. 1912. 

3 ) Alfred Adler: Über den nervösen Charakter. F. Bergmann, Wiesbaden 1912. 



Referate und Kritiken. 539 

Sei es nun, dass sein Stoff sich, wie er sagt, an psychoanalytische Theorien 
anpassr, oder dass er den sehr wichtigen Versuch gemacht hat, die Adler' sehen 
Theorien im speziellen an einem künstlerischen Schaffen zu er- 
proben, so oder so sucht Kaus aus einer Leitlinie und ihrem Endziele nach unter- 
geordneten Wegen und den früher genannten Vorstellungsmassen und verfolgt die 
Frage, welche Dienste diese Vorstellungsmassen dir leitenden kontinuierlichen Idee 
und ihrem Endziele leisten. 

Schon zum Beginne der Analyse weist Kaus mit grosser Klarheit auf die 
Stellung, die Gogol im elterlichen Hause einnahm, und auf das Verhältnis zwischen 
Vater und Sohn hin und zeigt, wie auch die berufliche Stellung des Vaters auf den 
ganzen Lebensplan des Dichters Einfluss hatte und für die spätere Berufswahl aus- 
schlaggebend war. Gogol's Vater wurde Gelegenheitsdichter und Regisseur einer 
Liebhaberbübne, um sich zur Geltung zu bringen; der Sohn bahnte sich den gleichen 
Weg. Dieses Mittel der persönlichen Wirkung war hier ein seltenes, von keinem 
anderen Menschen seiner Umgebung befolgtes. 

Weiter zeigt uns Kaus, wie schon das neurotisch überspannte Kind Gogol 
statt der Begriffe des „Mitmenschen* und .Nächsten", die des , Mächtigeren" und 
»Stärkeren* einsetzte und, wie eine solche Einstellung des Kindes in der Familie 
seine Psyche konstellieren und ihr den Weg vorzeichnen musste, dann auch die Ver- 
hätschelung des abgöttisch verehrten Knaben ihm seine Ausnahmestellung zeigte 
und im Unbewussten zu wirken anfing. .Bald beginnt er mehr zu verlangen, als 
man ihm gewähren kann. Aus dem Gefühl der Hemmung entwickelt sich das der 
Zurücksetzung, aus diesem der Aggressionstrieb, die Kampfstellung, in welche er 
sich seiner Umgebung gegenüber gedrängt fühlte, hatte eine Entfernung zwischen 
ihm und der Welt zur Folge, ein Distanzhalten, eine Zurückgezogenheit und Ver- 
schlossenheit, die ihn in einen beständig lauernden, beobachtenden Zustand ver- 
setzte. Und er merkt und beobachtet viel. Am meisten jedoch wirken auf ihn 
die vom Vater arrangierten Theateraufführungen. Diese witken so stark, dass er 
sich entschliesst, tatig daran teilzunehmen in der Absicht, dem Vater zu helfen, 
mit der Nebenabsicht, mit dem Vater zu wetteifern". 

Die psychische Attitüde, die sich aus dem Leben Gogol's im Elternhause ent- 
wickelt hatte, versucht er nun, in das Milieu der Schule gebracht, auf neuen Wegen 
festzuhalten. »Gogol bedient sich seltsamerweise nicht der gewöhnlichen Mittel und 
Waffen: Fleiss, Gehorsam, Fortschritte in den Unterrichtsfächern, sondern er ver- 
sucht sich gerade durch die Betonung einer reaktiven Tendenz durchzusetzen*. Er 
Bucht auch hier wieder nach einer Sonderstellung, er wiederholt seine Attitüde des 
Verhätschelten, Nichtstuenden, und fügt als besondere Betonung in der neuen Um- 
gebung das Bonehmen des Unbegabten hinzu. Aber um seiner vorgebauten, leitenden 
Fiktion doch gerecht zu werden, entwickelt er in sich eine mit seiner Attitüde über- 
einstimmende Bereitschaft. Er karrikiert seine Umgebung, steht also über ihr. Durch 
Aufbauschung ins Groteske wird man ja der eigentlich Grosse, der alles Kleine sehen 
und verspotten darf. Und so .sicherte Gogol sein Insuffizienz- und Schuldgefühl". 
Liegt nicht vielleicht ein .Noch* in diesem Benehmen Gogol's? Dem Referenten 
scheint es, als ob Gogol mit seiner übermässigen Sucht, zu karrikieren, auch noch 
den possendichtenden Vater überbieten wollte. 

In den erwähnten Zügen der Jugendgeschichte Gogol's finden sich schon fast 
alle hervorstechenden Eigenschaften seines späteren ureigensten Stils determiniert. 

Eine wichtige und interessante Tatsache, auf die uns Kaus aufmerksam macht, 
ist, dass die künstlerische Tätigkeit Gogol's mit dem Schuleintritt, also dem Manifest- 
werden seines Gefühls der Insuffizienz und des Zurückgesetztwerdens, beginnt. Dem 



540 Referate und Kritiken. 

Referenten fiel denn auch beim Studium der Biographie Gogol's auf, dass jede neue 
Epoche im Schaffen des Künstlers auf eine Zurücksetzung im äusseren Leben erfolgte. 

Immerhin begeht Kaus bei der Analyse der ersten schöpferischen Versuche 
Gogol's der leitenden Theorie zuliebe eine Unvorsichtigkeit. Er erklärt, der »vor- 
übergehende Hang zur Malerei", der erste Hang zur Kunst, der sich in der Lebens- 
geschichte Gogol's nachweisen lässt, »dürfte sich aus einer Inferiorität der Augen- 
zone entwickelt haben". Das könnte der Fall gewesen sein, ist aber durchaus nicht 
bewiesen und lässt sich, retrospektiv nur, aus dem Symptom heraus, nicht ohne 
weiteres behaupten. Solche Behauptungen schaden höchstens einer so genialen 
Theorie, wie der von Adler aufgestellten der Organminderwertigkeit, die 
aus überzeugenden Beweisen zu deduzieren ist. Übrigens lassen sich in der Bio- 
graphie Gogol's Momente finden, die eine andere Deutung jenes Versuches gestatten 
und einem anderen Gedanken von Kaus sich anschliessen, nämlich demjenigen, dass 
Gogol auf dem Gebiete des Schreibens und Schauspielens sich dem Vater gegenüber 
minderwertig fühlte. Aus der Lebensgeschichte Uogol's geht hervor, dass dieser in 
allen Epochen seines Lebens, bis zur allgemeinen Anerkennung Beines dichterischen 
Schaffens, die verschiedenartigsten Versuche gemacht hat, sich hervorzutan. 
So sammelte er unter anderem Material zu einer historisch ethnographischen Arbeit 
über Kleinrussland, als er in Petersburg eine Bcamtenstellung suchte. Es scheint 
also, als habe Gogol gerade auf allen möglichen Gebieten seine Kräfte erprobt, um 
zunächst dem im Vorteil sich befindenden Vater auszuweichen, später, um sich durch 
das Fehlschlagen seiner anderweitigen Versuche in die dichterische Laufbahn geradezu 
hineindrängen zu lassen. 

Eine ähnliche Unvorsichtigkeit begeht Kaus, wenn er aus dem häufigen Fasten 
Gogol's in dessen letzten Lebensjahren, sowie aus der häufigen Darstellung von Ge- 
lagen in seinen Werken ohne weiteres auf eine typische Uberkompensation der 
Magendarmminderwertigkeit schliesst. Um russische Verhältnisse, zumal auf dem 
Lande, darzustellen und zu karrikieren, ist es fast unmöglich, das, was im Mittel- 
punkt des Interesses, des Sujets, des ganzen Bauern- und Landjunkerlebeus liegt, 
darstellerisch zu umgehen. Und was das häufige Fasten und Kasteien betrifft, so 
sollte doch in dieser Beziehung die Wirkung des Verhältnisses zur Mutter, 
mehr berücksichtigt werden. Gogol's Mutter war tiefreligiös und hatte in dieser 
Beziehung, nach dem Biographen 1 ), einen starken Einfluss auf den Sohn. 

Überhaupt geht Kaus wohl von einer irrigen Voraussetzung aus, wenn er an- 
nimmt, Gogol's Verhältnis zur Mutter sei von geringem Einfluss auf seinen Lebens- 
lauf gewesen. Da dor Autor so viel über Gogol's Beziehungen zur Frau aussagt, 
hätte er dieses wichtigste charakterologische Fundament nicht so oberflächlich 
studieren dürfen. Vielleicht ist dieser Irrtum aus dem deutschen, biographischen 
Material zu erklären, das Kaus zur Verfügung stand, und das vielleicht die Briefe 
Gogol's an seine Mutter nicht enthält. Gogol hegte auch noch in späteren Jahren, 
als er nach Petersburg gegangen war, um sich in der Beamtenlaufbahn zu ver- 
suchen, eine tiefe Liebe für seine Mutter. Ein Brief, der die Nachricht seiner Ab- 
reise ins Ausland (seiner Flucht von Petersburg) enthielt, zeigt sein herzliches Be- 
mühen, die Mutter zu schonen, ihr den Schmerz zu ersparen, zwingt ihn sogar zu 
einer Notlüge und beginnt mit den Worten: T Seien Sie nicht betrübt, gutes, un- 
vergleichliches Mütterchen". Diese Notlüge enthält das Moment der Entwertung 
der Frau gewiss gleichzeitig mit dem der hohen Verehrung, welche der Ausdruck 
für die ideale Stellung der Mutter in der Lebensfiktion Gogol's war. Andere Briefe 
an die Mutter enthalten geradezu Liebeserklärungen, allerdings auch Entwertungen. 



!) Nestor Katljarewski: Gogol. Petersburg 1911. 



Referate und Kritiken. 541 

„Ich erinnere mich sehr gut", schreibt Gogol der Mutter im Jahre 1838, ,wie man 
mich erzogen hat. Sie haben alle ihre Kräfte aufgewandt, um mich recht gut zu 
erziehen. Aber unglücklicherweise sind die Eltern selten gute Erzieher ihrer Kinder. 
Sie waren damals noch sehr jung, hatten zum ersten Male Kinder, und eben deshalb, 
wie hätten Sie wissen sollen, wie man es angreift und was dazu nötig war? Ich 
erinnere mich : Nichts empfand ich stark. Ich schaute auf alles so, als ob es dazu 
geschaffen worden wäre, mich zufrieden zu stellen. Niemanden liebte ich besonders, 
einzig Sie ausgenommen und das nur deswegen, weil die Natur selbst mir diese Ge- 
fühle eingeflösst hatte." 

In diesem Briefe sind gerade zwei Momente deutlich ersichtlich: die grosse 
Rolle, welche die Mutter spielt und das Minderwertigkeitsgefühl, dass er, der Dichter, 
schlecht erzogen worden s«. Die Schuld aber vindiziert er gerade der zum Ideal 
gewordenen Figur der Mutter auf das zur leitenden Fiktion seines Lebens gewordene 
Gefühl gegenüber der Frau und entwertet damit nicht nur das Mutterideal, sondern 
schreitet über das Weibliche im allgemeinen hinweg. 

Es wäre interessant, das Moment der .Flucht vor der Frau", der Flucht 
überhaupt, auf das Kaue niit Recht vielfach in seiner Arbeit aufmerksam ge- 
machthat, in Zusammenhang zu bringen mit dem Begriffe des Mutter- 
ideales. Bei jeder bedeutungsvollen Flucht klammert sich Gogol an seine Mutter 
und sucht bei ihr Zuflucht. Katljarewski erzählt, dass Gogol in seinen Briefen 
an die Mutter aus Petersburg klagte, es fehle dort an Liebkosungen und 
Schönheit. Es ist selbstverständlich, dass wir mit solchen Ausserangen Gogol's 
nicht buchstäblich rechnen müssen, und K aus' Erklärung der Flucht aus Petersburg 
scheint durchaus zutreffend. Doch liegt in dieser Sehnsucht nach Liebkosungen 
gewiss auch eine direkte Beziehung zur Mutter, die der Dichter tatsächlich braucht, 
um sie nach dem Kunstgriffe der Neurotiker für seine Fiktionen zu verwenden. 

Kau 8 geht so weit, zu behaupten, in Gogol's Werken seien die Mütter immer 
am schlechtesten gezeichnet, eine Meinung, die uns allzu subjektiv erscheint, wenn 
wir in Betracht ziehen, dass Gogol alles kleiner machte, alles entwertete, aus den 
verschiedensten Gründen. Aber wir linden es interessant, dass er z. B. in Taras 
Bulba, einem der späteren Werke, ein Mütterchen dargestellt hat, ein allerdings 
passives, aber doch gütiges und gerade den Söhnen gegenüber innig verständnisvolles 
Wesen. Dieses Mütterchen nähert sich einstmals in der Nacht heimlich den schla- 
fenden erwachsenen Söhnen, um sie zu liebkosen, ihnen gleichsam ganz in Stille 
und schüchterner, ergebener Zärtlichkeit ihre Liebe anzubieten. Gerade ein solches 
Wesen aber brauchte Gogol auch im Leben in seiner Mutter, am meisten dann, wenn 
er sich den gestellten Zielen gegenüber unzulänglich, minderwertig fühlte. Die Viel- 
wertigkeit der Gefühle für den Begriff Mutter bei Gogol ist übrigens schon aus 
der Kindheit heraus konstelliert. 

Noch einer Frage wäre weiter nachzugehen, die Kaus übrigens ausführlich 
erörtert, und die auch durch das Bindeglied , Mutter" eine intensivere Beleuchtung 
bekommen müsste. Schon aus dem Lyzeum schreibt Gogol der Mutter, dass ihn 
das Leben mit schrecklichen Augen anschaue, dass er einsam sei, er ahnt eine tren- 
nende Wand zwischen Leitbild und Wirklichkeit. Es ist interessant, dass er diese 
Bekenntnisse gerade an die Mutter richtet. Auch später, in jener Zeit, von der 
Kaus sagt, Gogol habe die Realität nicht mehr zu entwerten gebraucht, da er sie 
verleugnete und unselbständig machte, wandte sich Gogol an die Mutter und bat sie, 
ihm Material zu sammeln, über alle möglichen Sagen, gewöhnliche und Hausgeister usw. 
Er nimmt die Mutter in Dienst, um die Wand, von welcher Kaus spricht, sich auf- 
zurichten, zur Überwindung der Realität. Es scheint uns, diese Beziehung 



542 Referate und Kritiken. 

zwischen Mutter, leitender Fiktion und Entwertung der Frau von grosser Bedeutung 
zu sein und weitere Beachtung zu verdienen. 

Kau 8 begründet übrigens seine Ansichten nicht nur aus der Biographie, sondern 
auch aus den Werken des Dichters heraus, ergänzt (teilweise mit Geschick) das eine 
aus dem anderen und hat viele geheime Winkel der Gogol'scben Psyche interessant 
beleuchtet. 

Er führt uns aus einem Lebensabschnitte Gogol's in den anderen, hält sich 
immer an die nämliche Leitlinie, die sich verschiedener Kunstgriffe bediente, und 
schafft so ein einheitliches überzeugendes Seelenbild. 

Die K aus' sehe Schrift ist in schöner, fast zu reicher Sprache geschrieben, 
mutet aber freilich dem Leser viel Mitarbeit zu, die durch den Mangel an Zitaten 
aus Gogol's Werken bedeutend erschwert wird. Sie ist eine sehr wertvolle Anregung 
für eine Methode, wie die Lösung gleichartiger, psychologischer Aufgaben angefasst 
werden sollte, und wenn der Autor, wie er in der Einleitung sagt, nicht die Absicht 
hatte, ein Problem zu lösen, sondern eines zu stellen, so ist ihm mehr gelungen, als 
er anstrebte. Dr. Vera Eppelbaum. 

Pro!. Dubois, Bern: Zur Frage der sogenannten Ausfallserscheinungen 
Monatsschr. f. Geburtsh. u. Gyn. XXXVII. Heft 2. 1913. 

Dubois führt aus, dass die sogenannten Ausfallserscheinungen bei der Meno- 
pause ihrem Ursprung nach wesentlich psychischer Natur sind und eine psychische 
Behandlung erfordern. Walthard fand, dass nur bei 16 von 64 Patientinnen, bei 
denen er die künstliche Menopause herbeiführen musste, nervöse Beschwerden auf- 
traten, und eine sorgfältige Anamnese ergab, dass diese 16 lange vor der Operation, 
ja vor der gynäkologischen Erkrankung Erscheinungen von Nervosität dargeboten 
hatten. Dubois behandelte zwei Patientinnen, welche die sogenannten Ausfalls- 
erscheinungen in hohem Masse darboten , aber schon als junge Frauen kastriert 
worden und damals nicht nervös erkrankt waren ; die Erscheinungen traten erst mit 
dem .Altern" ein. Dubois kommt zu folgenden Schlüssen: Alle Vorgänge in der 
Genitalsphäre haben grossen Einfluss auf das Seelen- und Nervenleben, die Frage, 
was an verschiedenen, rein körperlichen Prozessen (Sekretion, Blutdruck usw.) mit- 
spielt, ist noch keineswegs gelöst, auftretende Beschwerden werden durch das .seelische 
Verhalten* der Patientinnen gesteigert, Psychotherapie heilt oder bessert, die in der 
Menopause auftretenden Beschwerden sind ebenso psychischer Natur wie die ent- 
sprechenden in der Zeit der Menses, der Schwangerschaft (besonders, wenn sie uner- 
wünscht ist) usw. Er schliesst mit einem Ausspruch Chomel's: .La m&lecine gu£rit 
quelquefois; eile soulage souvent, eile console toujours* und setzt hinzu: 
Chomel hätte betonen sollen, dass dieses Trösten auch heilt. Hinrichsen. 

Dr. Carl Hudovernig: Eine besondere Form der sexuellen Neurasthenie 
im reiferen Alter. Med. Klinik. Nr. 13. 1913. 

, Es handelt sich um eine recht häufige, von den meisten Kollegen gewiss wieder- 
holt beobachtete Erscheinung: Bei gewissen, nicht mehr in der ersten Jugendblüte 
stehenden Männern pflegt vor dem Abschluss einer erst spät projektierten Ehe und 
nach typischen Vorbedingungen sich ein mangelndes Vertrauen zu den eigenen sexu- 
ellen Fähigkeiten zu entwickeln, und daraus resultierend eine nicht bloss in der ge- 
schlechtlichen Sphäre, sondern generalisierte Cerebrasthenie, welche ganz den Cha- 
rakter einer .Angstneurose* besitzt und in allen Fällen rasch in vollkommene Hei- 
lung übergeht". 

.Es handelt sich zumeist um Männer von gereifterem Alter und Stellung, welche 
zwar keine Feinde des aktiven geschlechtlichen Lebens waren, dieses aber stets als 



Referate und Kritiken. 543 

eine Reihe von akzidentellen und vorübergehenden Episoden betrachteten, deren 
ganzes Leben bis dahin ohne ernstere Neigung oder mehr oder minder fixe Liaisonen ab- 
lief und deren Geschlechtsleben bloss aus fallweisen und stets mit anderen Partnern 
durchführten Kohabitationen bestand, bei einzelnen häufig, bei anderen seiton, welche 
demnach die Objekte ihrer geschlechtlichen Befriedigungen stets im Reiche der käuf- 
lichen Venus vulgivaga suchten und fanden, und dabei, weil es eben so modern ist, 
auch diversen aufreizenden und perversen Manipulationen nicht abhold waren. Ich 
will ausdrücklich betonen, dass die Kranken diese nach meiner Ansicht Überaus 
wichtige Vorgeschichte zumeist nicht spontan erzählen, aber bei entsprechender Ex- 
ploration stets leicht verraten.* 

,Der geschilderte sexual-neurasthenische Zustand ist eine zweifellose Psycbo- 
neurose, deren Erkennen — wenden wir nun den allbekannten Ausdruck an — auf 
.psychoanalytischem 1 ' und deren Heilung auf »psychotherapeutischem" Wege erfolgt. 
Diese mit ganz einfachen Faktoren durchgeführte .Psychoanalyse* und .Psycho- 
therapie" mag nun auf denselben psychologischen Grundlagen stehen, wie die von 
Freud inaugurierte Erkenntnis der psychopathologischen Zustände. Bis za diesem 
Punkte bin ich bereit, in der Erkenntnis und Behandlung der geschilderten Erschei- 
nungen die seelische Behandlung mit ihrer euggestiven Beeinflussung anzuwenden. 
Doch bin ich auch davon überzeugt, dass der geschilderte neurasthenische Zustand, 
welcher sich ja par excellence in der sexuellen Sphäre und in der Psyche abspielt, 
in den Augen der fanatischen Anhänger Freud' s, welche ja alle Neurosen einem 
Grundbegriff unterordnen, ein ganz geeignetes Medium sein dürfte, um ihre in das 
Masslose übertriebene Psychoanalyse und ihre bis in die Unendlichkeit kultivierte 
Psychotherapie zur Geltung zu bringen! Und dies ist aber vollkommen überflüssig, 
ja direkt gefährlich! Um den geschilderten sexual-neurasthenischen Zustand er- 
kennen zu können, brauchen keine „unterbewussten" sexuellen Traumen in das 
„Oberbewusstsein" gebracht und dem Patienten suggeriert zu werden, womit nur 
die Depression der Kranken gesteigert wird, wie ich dies bei mehreren psychothera- 
peutisch behandelten derartigen Fällen gesehen habe, in welchen die Kranken fast 
während eines halben Jahres mit der „Psychotherapie" zugrunde behandelt und in 
einen veritablen melancholischen Zustand mit ausgesprochenen Selbstvorwürfen ge- 
trieben wurden; auch ist es gänzlich überflüssig, die Kranken mit einer endlosen 
mystischen Behandlung und mit ewiger Hervorhebung sexueller Fragen in eine 
seelische Disharmonie zu versetzen, und sie auf diesem Wege zu „heilen". Eine 
einfache, kurze Exploration genügt vollständig, sowie die kurze Erklärung der psycho- 
logischen Grundlage. Dies können wir in einer Stunde, eventuell in wenigen Tagen 
erledigen, und damit ist die ganze „Psychoanalyse* und .Psychotherapie* rasch be- 
endet, und zwar zugunsten des Kranken.* 

In diesem Punkte kann ich den Autor bestätigen, dessen Angriffe auf die 
Psychoanalyse in dieser Arbeit sicher nicht am Platze Bind. Bei der psychischen 
Impotenz feiert jede Suggestivthorapie grosse Triumphe. Ich analysiere leichte Fälle 
niemals, sondern beruhige sie, und das gelingt in einigen Stunden. Stekel. 

Paul-Louis Ladaine, Nevrose et Sexualite. L'Encephale, Nr. 1, Janvier 
1913. Vortrag, gehalten vor der Schweiz. Neurolog. Gesellschaft in Luzern. 
10. Nov. 1912. 

Unter Berücksichtigung der das Thema berührenden Freud sehen Arbeiten 
wie derjenigen der Freudgegner wendet sich Ladame gegen die Anschauung von 
der sexuellen Ätiologie der Neurosen wie auch der auf Grund dieser Anschauung 
befürworteten Therapie. Ladame erkennt bei Freud „la parfaite sincörite" et le 
genie d'observation psychologique 1 ' an, leugnet aber die Richtigkeit seiner Sexual- 



544 Referate und Kritiken. 

tbeorien. ,.Quand dooc Freud", sagt er schliesslich, ,et les freudistes s'efforcent de 
confondre les fonctions de nutritions avec Celles de reproductions .... et quand ils 
insistent sur la bisexualite etc., ils prennent des aignes de retrogradation 
biologiqne pour le developpement normal; ils meconnaissent completement la loi 
de la division du travail physiologique, qui est. le mieux <Stabli de tous les principes 
biologiques. Sans doute, l'instinct sexuel est le resultat d'une transformation parti- 
culiere de l'instinct de nutrition est Ton retrouve des traces de cette origine jusque 
che/ les animaux supeVieurs et chez l'honime, mais l'evolution nous enseigne que son 
perfectionnement et sa differentiation de'pendent de sa speciaüsation de plus en plus 
accentuöe." Lad am e zitiert einen Satz von Ehrenfels, die Vereinigung des 
Körperlichen und Psychischen (les plus bautes impressions psychiques de l'örotisme) 
im Geschlechtlichen sei die Grundbedingung der Gesundheit der sexuellen Triebe, 
und berührt damit den Punkt, auf den auch ich aufmerksam zu machen gesucht 
habe, die psychische Libid inösität, wenn nicht aller, so doch vieler neoro- 
tischer Individuen, zu weicher psychischen Libidinösität es nur kommen kann auf 
Grund bestimmter Voraussetzungen konstitutioneller Natur. Sie ist also Ausdruck und 
nicht Ursache einer StüruDg. Hinrichsen. 

Stekel: Über larvierte Onanie. (Sexual-Probleme, 9. JahrgaDg. 2. Heft. Febr. 
1913.) 

Stekel berichtet über 2 Fälle, in denen nicht die Onanie, sondern das Auf- 
geben der Onanie zur Neurose führte. Den Psychoanalytiker, der sich von der 
Freud'schen Lehre noch nicht allzu weit entfernt bat, wird diese Tatsache keines- 
wegs befremden. Das Aufgeben der Onanie geht Hand in Hand mit der Verdrängung 
von Sexualtrieben, die bei neurotisch disponierten Individuen ebensowenig ohne 
Folgen bleiben wird wie der Versuch, eine der betreffenden Person adäquate perverse 
Sexualbetätigung durch normalen Geschlechtsverkehr zu ersetzen, Ob Stekel recht 
hat, wenn er der Onanie selbst gar keine ursächliche Bedeutung bei der Entstehung 
nervöser Erscheinungen beimisst, mag dahingestellt bleiben ; beipflichten wird man 
ihm sicher darin, dass die grosse Rolle, die ihr von vielen Seiten für die Ätiologie 
der „Neurasthenie" zugeschrieben wird, ihr nicht zukommt. Von wesentlich giösserer 
Bedeutung ist der Hinweis Stekols, dass es Menschen gibt, die sich die Onanie 
nicht abgewöhnen können, „weil sie die einzige mögliche Form der Befriedigung 
ihrer Triebrichtungen darstellt", während die Notonanie stets leicht und ohne Kampf 
aufgegeben wird. Es verhält sich mit der Onanie eben nicht anders wie mit der 
Homosexualität, es gibt echte Homosexuelle und solche, für die der homosexuelle 
Verkehr nur ein Auskunftsmittel ist, solange der heterosexuelle aus irgendwelchen 
Gründen unmöglich ist." Ebensowenig wie echte Homosexuelle sind echte Onanisten 
auf das .normale Geleise" zu bringen. Diese Menschen zum Aufgeben der Onanie 
zwingen zu wollen, ist, wie Stekel sagt, zum mindesten grausam und überflüssig. 
Es ist zweifellos auch ein Verdienst, dass er in so entschiedener Weise gegen die 
„Onaniestaatsanwälte" vorgeht, die mit ihrer Abschreckungstheorie nie Nutzen, häufig 
genug aber Schaden stiften. Man mag sich zur Frage der Schädlichkeit der Onanie 
stellen wie man will, unter allen Umständen wird man zugeben müssen, dass sie 
nicht zu den Gefahren gehört, die eine öffentliche Aufklärung in populär gehaltenen 
Schriften rechtfertigen. Es müsste, wenn überhaupt in dieser Hinsicht etwas ge- 
schehen soll, lediglich betont werden, dass, wer mit seiner Sexualität allein nicht 
fertig werden zu können glaubt, sich bei einem Arzte Rat holt, der in solchen Dingen 
Bescheid weiss. Tappen wir doch glücklicherweise, was sexualwissenscbaftliche Fragen 
betrifft, nicht mehr völlig im Dunkeln. Man wird dann sicher in einzelnen Fällen 
auch die Onanie empfehlen können (ich glaube allerdings, dass einsichtige Ärzte 



Referate und Kritiken. 545 

auch früher nicht anders gehandelt haben), ohne befürchten zu müssen, als „Onanie- 
advokat" verschrieen zu werden, ein Vorwurf, den Stekel m. E. ohne Grund 
befürchtet, da er das Recht auf Onanie ja durchaus nicht jedem Onanisten zngesteht 
und vor allem stets versucht, ihn zum Weibe zu bringen, wenn es ohne Schaden 
möglich ist. Als einen Fortschritt innerhalb der Freud 'sehen Schule möchte ich 
es bezeichnen, dass Stekel für die Entstehung der echten Onanie („echt" im Sinne 
der echten Homosexualität), die nicht anders zu bewerten ist wie die auf dem 
Boden der infantilen Sexualität entstandenen Perversionen, nicht eine Fixierung des 
Sexualtriebs durch psychische Mechanismen verantwortlich macht, sondern klar zum 
Ausdruck bringt, dass es sich bei ihr um eine in der Konstitution des betreffenden 
Individuums begründete Anlage handelt. Man muss da. Kaus 1 ) entschieden wider- 
sprechen, wenn er meint, es sei uustatthaft, die Biologie heranzuziehen, wenn man 
psychologisch KU erklären habe. Das mag für den Nur- Psychologen gelten, für uns 
Ärzte kann aber die Psychologie nur die Bedeutung einer Hilfswissenschaft haben, 
die es uns ermöglicht, die Wurzel des Übels zu finden. Da, wo die biologische Ursache 
einer Erscheinung klar vor Augen liegt, hiesse es die Dinge auf den Kopf stellen, 
wenn man sie übersehen und statt dessen noch dazu recht vagen psychologischen 
Erwägungen nachgehen wollte. Wenn Kaus seine auf Ad ler 'sehen Ideen aufgebaute 
Erklärung für die Genese der Onanie lediglich als „psychologischen Überbau" ange- 
sehen wissen will, so wird man vielleicht zugeben können, dass er in einigen Fällen 
recht haben mag ; vom ätiologischen Standpunkte aus ist sie nicht diskutabel. 

Von besonderem Interesse ist der erste von Stekel mitgeteilte Fall, weil 
seine psycho-analytische Durchforschung einen schönen Einblick in die Genese der 
so häufigen auf Onanie bezogenen Versündigungsideen gestattet. „Die Schuldgefühle 
stammen tatsächlich aus anderen Quellen, die nicht bewusst werden können und 
dürfen." „Die Onanie ist der Repräsentant aller Schuld", wie die Syphilis der 
Repräsentant des Unreinen (worauf hingewiesen zu haben auch ein Verdienst 
Stekel s ist). Von Bedeutung für die Frage des Schuldbewusstseins bei der Onanie 
ist die allgemein und auch ärztlicherseits vertretene nach Ansicht Stekels — wie 
bereits gesagt — völlig falsche Anschauung über die unseligen Folgen der Onanie. 
„Wer ohne Schuldbewusstsein onaniert, empfängt bei massiger Onanie keinen Schaden. 
Alle gegenteiligen Beobachtungen sind falsche Auffassungen einer psychogenen De- 
pression". Die Hauptwurzel des Scbuldbewusstseins beim onanierenden Neurotikcr 
sieht Stekel in den Inzestphantasien, kriminellen Regungen und Perversionen 
(„Paraphilien"), die mit dem Akt verknüpft sind. Als schwerste Fälle von Neurose 
bezeichnet er Kranke, die angeblich nie onaniert haben. Es handelt sich dann stets 
um larvierte Onanie. Deren häufigste Form ist die Pollution. Eine andere Form 
ist die Onanie in hysterischen Anfällen; der Anfall ist das Mittel, um den Akt im 
Unhewussten zu erledigen. „Süsse Ohnmächten" bei Frauen sind die Folge eines 
unbewussten oder halb bewussteii onanistischen Aktes bei der Nähmaschine oder 
treten auf nach Phantasien (geistige Onanie), nach einem automatischen Spiel mit 
Täschchen, Ringen usw. (symbolische Formen der Onanie). Jede erogene Zone kann 
zom Zwecke der larvierten Onanie benutzt werden (Kratzen bei Hämorrhoiden, 
Ludein usw.). Die negative Beschäftigung mit der Erotik in Form von Ekel, Ab- 
scheu, Entrüstung ist eine Form der geistigen Onanie. Zwangsvorstellungen, Zwangs- 
handlungen sind ein häufiger Ersatz für Onanie, wie an dem zweiten mitgeteilten 
Falle gezeigt wird. Die krankhaften Erscheinungen verschwanden, sobald der Kranke 
wieder angefangen hatte zu onanieren. Er betrieb die Onanie dann viele Jahre hin- 
durch, ohne irgendwelchen Schaden davon zu empfangen und ersetzte sie nach seiner 



') Referat der Onaniediskussion. Dieses Zentralbl. Heft 4/5. 







540 Referate und Kritiken. 

Heirat ohne Schwierigkeit durch normalen sexuellen Verkehr. (Natürlich handelte 
es sich um Notonanie.) 

Mit Bezug auf die Schädlichkeit der Onanie scheint es mir wichtig, auf die 
Fliess'schen Beobachtungen über den Zusammenhang der Onanie mit den neur- 
algischen Veränderungen an den nasalen Genitalstellen hinzuweisen. Der neuralgische 
Magenschmerz, „der bei jungen Damen ebenso häutig vorkommt wie die Onanie selber", 
(Fliesa) lässt sich bekanntlich durch Abtragen des vorderen Teiles der linken 
mittleren Nasenmuschel dauernd beseitigen, aber, wie Fliesa betont, nur unter der 
Voraussetzung, dass die Onanie aufgegeben wird. Es scheint demnach, dass die 
Onanie beim weiblichen Geschlecht — auf dieses beziehen sich die Fliess'schen 
Beobachtungen in der Hauptsache — weniger harmlos ist als beim männlichen. Die 
Ursache für diese Erscheinung könnte in dem Umstände begründet sein, dass die 
Onanie bei der Frau meist Klitorismasturbation ist, durch die ein viel intensiverer 
Reiz gesetzt wird als durch die dem physiologischen Vorbild des Koitus viel ähn- 
lichere Onanie des Mannes. Ich möchte meine Ansicht bezüglich der Schädlichkeit 
der Onanie so formulieren : Die Onanie ist nicht schädlicher als normaler sexueller 
Verkehr (der, im Übermass betrieben, auch schädlich sein kann), vorausgesetzt, dass 
mit Bezug auf Grösse und allmähliches Anschwellen des Reizes die gleichen Ver- 
hältnisse vorhanden sind wie bei dem normalen Geschlechtsverkehr. 

Dr. Bruno Saaler. 

Dr. Otto Juliusbnrger: Die Bedeutung Schopenhauers für die Psychi- 
atrie. (Allgemeine Zeitschrift für Psychiatrie und psychisch-gerichtliche Medizin. 
Berlin. Bd. 69.) 

Es ist ein erfreuliches Zeichen, wenn sich die Psychiater entschliessen, ihre 
Abneigung vor der philosophischen Psychologie aufzugeben und die Philosophen zu 
studieren; denn das lässt hoffen, dass aus ihren Werken endlich die psychologischen 
und erkenntnistheoretischen Unmöglichkeiten verschwinden werden, die jetzt so 
häufig den Philosophen zur Verzweiflung bringen können. Allerdings stellen wir 
uns den Weg, der zu dem erwünschten Ziele führt, etwas anders vor als den, 
welchen die vorliegende Arbeit geht. Denn so interessant und lehrreich auch die 
vergleichende Gegenüberstellung der Ansichten Wernickes und der Psychoanalytiker 
Freud 'scher Richtung einerseits und Schopenhauers andererseits über einzelne 
Probleme der Psychopathologie sein kann — wofür ja diese Arbeit Zeugnis ablegt — 
so wäre es doch vor allem anderen wichtig, eine gemeinsame Grundlage festzustellen, 
von der aus Philosophon und Psychiater betrachtet werden können. Eine solche 
scheint uns besonders in den Ansichten über das Wesen der Persönlichkeit gegeben 
zu sein, da die Psychiater es ja meistens mit pathologischen Veränderungen der 
Persönlichkeit zu tun haben. 

Was nun Schopenhauer insbesondere anbelangt, so zeigt Juliusburger 
bei ihm durch geschickte Auswahl von Zitaten eine Antizipation Freud'scher Lehren 
über die Rolle der Sexualität in der Entstehung des Wahnsinns, über Verdrängung 
und Flucht in die Krankheit etc. Schrecker. 

Stuttering and Liäping: E. W. Scripture (New-York). 1. Auflage. Ein Band. 

103 Abbildungen. 4 Tafeln. 251 Seiten. New-York. The Macmillom Company. 

Referent: Dr. E. Fröscheis- Wien. 

Es ist das erste moderne Buch über Sprachheilkunde, das, in englischer Sprache 
geschrieben, mit vorzüglichen Bildern und Tafeln, überhaupt in musterhafter Aus- 
stattung, erschienen ist. Im ersten Kapitel wird das Stottern im allgemeinen be- 
schrieben, im folgenden auf die Symptomatologie und das Wesen des Übels näher ein- 



Referate und Kritiken. 547 

gegangen. Der Autor ist der Ansicht, dass es sich beim Stottern um einen Krampf- 
zustand der Sprachmuskeln handelt, welcher durch einen psychischen Schock hervor- 
gerufen, sich bei denselben Lauten immer wiederholt und durch die darauf gerichtete 
Aufmerksamkeit des Stotterers und seine Bemühungen, ihn zu unterdrücken, nur 
verstärkt wird. Scripture bemüht sich jedoch nicht, einen richtigen Beweis seiner 
Annahme, dass es sich bei den Stotterbewegungen um Krämpfe und nicht etwa um 
willkürlich übertriebene Bewegungen der Sprachmuskeln handelt, zu erbringen. Es 
sind diesem Abschnitte ausserordentlich instruktive Kurven von der Atmung, der 
Stimme und den Artikulationsbewegungeu Normaler und Stotternder eingefügt, welche 
die Geschicklichkeit des Autors auf dem Gebiete der Experimentalphonetik 
beweisen. Bei der nun folgenden DifFerentialdiagnose gegenüber ähnlicher Krank- 
heitsformen wird eine Abgrenzung zwischen den Phobien und der Sprachangst des 
StottererB gegeben. Diesen Ausführungen aber kann der Referent unter Berück- 
sichtigung der Schriften Freud 's, Stekel's u. a. nicht beistimmen. Andere psycho- 
logische Betrachtungen, wie das mangelnde Heilungsbedürfnis und die, wenn auch 
unbewusste Absicht des Patienten , sich von der menschlichen Gesellschaft ab- 
zusondern, 9tehen in völliger Übereinstimmung mit der Ansicht der Psychoanalytiker. 
Einige psychologische Vorgänge scheinen jedoch nicht richtig gedeutet zu sein. So 
wird angegeben, einem Stotterer fehle es an der Gabe, sich momentan für eine 
Sache entscheiden zu können. „Welche Hundeart lieben Sie am meisten?" und die 
Antwort: „Ich kann nicht sagen, welche Hundeart ich am meisten bevorzuge" wird 
als Beweis für diese Behauptung angeführt. Wenn man daraus nun überhaupt einen 
Schluss auf einen Defekt ziehen kann, so wäre es doch nur der, dass der betreffende 
Patient momentan den Namen dieser Hundeart nicht aussprechen kann und deshalb 
eine Ausrede gebraucht. Ebenso muss der Behauptung Scripture's, ein Stotterer 
wiederhole nie ganze Worte, sondern nur Laute oder Silben, entschieden wider- 
sprochen werden. Auch kann die Bezeichnung „Pseudostottern", die der Autor für 
das Stottern nach Aphasien, wobei gewöhnlich ganze Worte wiederholt werden, ein- 
führt, keineswegs gebilligt werden. 

In dem der Therapie gewidmeten Kapitel fällt es angenehm auf, dass der 
Autor nicht eine bestimmte Methode in allen Fällen anwendet, sondern streng indi- 
vidualisierend vorgeht. 

Hauptsächlich handelt es sich bei ihm um Atem-, Sing- und Redeübungen mit 
starken Anklängen an die Liebmann'sche Methode und die Klenke'sche Takt- 
methode. Im allgemeinen hält der Autor an einem ziemlich optimistischen Standpunkt 
fest und sagt nicht, was man mit jenen Patienten anfangen soll, welchen mit keiner 
der genannten Übungsmethoden beizukommen ist. 

Im zweiten Teil des Buches wird das Stammeln (Lisping) in klarer und 
ausführlicher Weise besprochen. Das nervöse Stammeln soll nach Ansicht des 
Autors durch eine nervöse Spannung der Artikulationsmuskeln entstehen. Der 
Referent kann sich jedoch des Eindruckes nicht erwehren, dass man die hier be- 
schriebenen Fälle ebensogut in die Kategorie des Stotterns, des Polterns oder die 
Tics der Sprache einreichen könnte. Das Poltern selbst wird leider nur sehr kurz 
im fünften Kapitel besprochen. Sicher ist die Sprachheilkunde und die Medizin über- 
haupt dem Autor zu Dank verpflichtet, dass er den englischen Ärzten das Studium 
der Sprachkrankheiten näher gebracht hat. Dr. Emil Fröscheis 

Sip.ni. Freud: Über einige Übereinstimmungen im Seelenleben der 
Wilden und der Neurotiker. 
I. Die Inzestscheu. (Imago, 1. Bd. 1912. S. 17-33.) 



548 Referate und Kritiken. 

II. Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen. (Imago, I. Bd. 1912. 

S. 214—227, 301—333.) 
IIL Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken. (Imago. 2. Bd. 1913. 

S. 1—21.) 

Vor uns liegen die drei ersten Abhandlungen einer grösseren Reihe, die Freud 
in der „Imago" zu veröffentlichen beabsichtigt. Er will in ihnen zu neuen Aufschlüssen 
über das Seelenleben der primitiven Völker gelangen, indem er beim Studium der Neu- 
rosen und Psychosen gewonnene Einsichten und Theorien auf dasselbe anwendet. Die 
Wilden stellen ihm das Kindheitsalter der Menschheit dar, der Neurotikev und Geistes- 
kranke ist ihm der infantil gebliebene oder durch Rückschlag wieder gewordene Moderne, 
und so hofft, er in dorn gemeinsamen Merkmal des Infantilen eine genügend breite Basis 
für eine fruchtbare Vergleichung zu finden. Sollte es wirklich gelingen, auf diesem Umweg 
zum Verständnis der Psyche des Wilden zu gelangen, so wäre dies sicherlich ein wissen- 
schaftlicher Fortschritt von ausserordentlicher Tragweite; denn dem unmittelbaren 
psychologischen Begreifen durch Einfühlen stehen hier fast unüberwindliche Hindernisse 
entgegen. Dem modernen Gelehrten ist es in den meisten Fällen schon sehr schwer, 
mit dem Arbeiter oder Bauer seines eigenen Volkes in wirklichen psychischen Kontakt 
zu kommen, wie sollte er da imstande sein, die Erlebnisse eines Primitiven in sich nach- 
zuschaffen. Aber eben weil die Kontrolle dor Einfühlung hier fast ganz versagt, 
wird • der Psychoanalytiker beim Einschlagen indirekter Methoden um so vorsichtiger 
sein müssen, damit er sich nicht Naturvölker schaffe nach dem Bilde seiner Patienten, 
das er vorher stilisiert hat nach den Kunstregeln seiner Theorie. 

Diese Vorsicht nun scheint mir in den vorliegenden Abhandlungen nicht immer 
festgehalten zu sein. .So rückt Freud, auf Arbeiten Jungs und seiner Schule 
fu3send, gleich anfangs den Parallelismus zwischen ontogenetischer und phylogene- 
tischer Entwicklung des Seelenlebens nachdrücklichst in den Vordergrund. Dieser 
Versuch, das biogenetische Grundgesetz auf die Psychologie zu übertragen, ist ja 
keineswegs neu, und allgemein bekannt sind auch die Bedenken, die ihm entgegen- 
stehen. Schon der Umstand, dass es sich in der Biologie dabei um Entwicklungs- 
vorgänge des intrauterinen Lebens handelt, lässt die Psychologie kaum hoffen, hier 
einen wissenschaftlich stichhaltigen Anschluss zu gewinnen. Man kann daher die 
tatsächlich vorhandenen Ähnlichkeiten feststellen, aber eine Basis zu weit aus- 
greifenden Analogieschlüssen hat man dadurch nicht gewonnen. Gilt dies schon 
allgemein, so wird vom Standpunkt der Freud 'sehen Theorie aus dieser Parallelismus 
geradezu denkunmöglich. Für Freud ist ja die psychische Geschichte des Indi- 
viduums die Geschichte seiner Libido, ihr Ausgangspunkt ist die polymorphe Per- 
versität, ihr normaler Endpunkt die heterosexuelle Objektliebe. Es ist wohl ohne 
weiteres klar, dass dieser Endpunkt nicht erst im Laufe der Entwicklung des 
Menschengeschlechts erworben sein kann, weil er ja die Voraussetzung für das Fortbe- 
stehen der Gattung bildet. Trotzdem lesen wir bei Fteud nicht ohne Verwunderung, 
dass der Wilde ßich im Stadium des Narzissmus beßnde '). Das scheinbare Paradoxon 
löst sich dann, indem wir erkennen, dass hier mit wissenschaftlichen Terminis ein 
geistreiches Spiel getrieben wird. 

In der ersten Abhandlung beschäftigt sich Freud mit den bei den Ureinwohnern 
Australiens bestehenden Ehebeschränkungen. Da besteht zunächst einmal Exogamie 
für jede Totemsippe, d. h. Personen, die demselben Totem angehören, dürfen ein- 
ander nicht heiraten, dürfen überhaupt nicht in geschlechtliche Beziehungen treten. 



') Narzissmus ist ein von Freud konstruiertes Stadium in der Entwicklung 
des Kindes, das zwischen den Stufen des Autoerotismus und der Objektwahl liegt 
und in dem das Individuum sich selbst als Objekt gegenübertritt. 



Referate und Kritiken. 549 

Über den Totemsippen erhebt eich oft noch ein kompliziertes System von Heirats- 
klassen, durch das die Ehebescbränkungen sehr ausgedehnt werden, sodass dem ein- 
zelnen oft die grosse Mehrzahl der Frauen seines Stammes verboten sind. Obwohl die 
Totemsatzung nicht jeden Inzest unmöglich macht (es bleibt je nachdem die Ver- 
bindung Vater-Tochter oder Mutter-Sohn offen) und andererseits weit über die Grenzen 
der Blutsverwandtschaft hinausgreift, erblickt Freud dennoch in der Verhinderung des 
Inzests ihr eigentliches Wesen, wobei er allerdings ein der Einzelehe historisch voraus- 
gehendes Stadium der Gruppenehe annimmt, sodass also ursprünglich die Verhinde- 
- rung des Gruppeninzests Funktion der Satzung war. Auch die viel verwickeiteren 
Verhältnisse der Heiratsklassen führt er auf die Inzestscheu der Wilden zurück, und 
da er jetzt noch von einer ganzen Reihe von .Vermeidungen* zwischen Verwandten 
verschiedenen Geschlechts berichten kann, die auch dieselbe Tendenz verraten, so 
kommt er zu dem Schluss, dass diese Wilden viel inzestempfindlicher seien als selbst 
wir. Daraus wird natürlich der Schluss gezogen, dass ihnen die Gefahr eines Inzestes 
besonders naheliegend erscheine, dass ihre geheimen Inzestwünsche sehr intensiv seien. 

Ob Freuds Zurückführung der weitausgreifenden Eheverbote auf die Inzest- 
scheu richtig ist und ob sich diese nicht weil ungezwungener daraus erklären, dass 
die Einzelehe ursprünglich Raubehe war, bei der sich die Exogamie auf den ganzen 
Stamm erstreckte, darüber wäre eine Diskussion unter Psychologen natürlich voll- 
kommen zwecklos; darüber können nur die Ethnologen entscheiden, die die Frage 
in ihren vielfachen historischen und sozialen Zusammenhängen betrachten, aus denen 
sie Freud für seine Zwecke herausgehoben hat. Die Parallelisierung der Inzestscheu 
der Wilden mit den Inzestkomplexen der Neurotiker scheint mir allerdings gerade 
psychologisch unstatthaft. Nichts berechtigt zu der Annahme, dass der Wilde den 
Inzest um des Inzestes willen liebe, sondern die Aufrichtung der Inzestscbranke soll 
offenbar das Individuum zwingen, bei der Befriedigung seiner sexuellen Bedürfnisse 
nicht den naheliegendsten und bequemsten Weg, sondern einen schwierigen und 
mühevollen Umweg zu gehen ; dem Neurotiker dient die Inzestphantasie gerade dazu, 
den gebahnten Weg der Sexualität nicht zu gehen und statt dessen scheinbar einem 
Ziele zuzustreben, das er selbst als unrealisierbar voraussetzt. Beim Wilden soll das 
Inzestverbot den realen Inzest verbindein, beim Neurotiker entwickelt sich der 
Phantasieinzest überhaupt erst auf Grund des Inzestverbotes. 

Erscheint schon hier das ambivalente Verhalten des Wilden zum Inzest als 
der eigentliche Kern des Problems, so steht in der zweiten Abhandlung die Ambi- 
valenz vollends im Mittelpunkt. In dieser untersucht Freud das Tabu und stellt zu- 
nächst einige Ähnlichkeiten zwischen den Tabugebräueben und bestimmten Symptomen 
der Zwangsneurose fest. In der Unmotiviertheit der Verbote, in ihrer Befestigung 
durch eine innere Nötigung, in ihrer grossen Verschiebbarkeit und in der Verursachung 
von zeremoniösen Handlungen findet er das Gemeinsame. Wie er in der Zwangs- 
neurose die Wirkung einer äusserst gesteigerten Ambivalenz, eines unvermittelten 
Nebeneinanderwohnens entgegengesetzter Regungen in der Psyche erkennt, so er- 
scheint ihm jetzt auch das Tabu als ein Ausdruck ambivalenten Verhaltens 1 ). So 
gelangt er zur Annahme, es sei den Primitiven ein höheres Mass von Ambivalenz 
zuzugestehen, als bei dem heute lebenden Kulturmenschen aufzufinden sei. Mit der 
Abnahme der Ambivalenz sei auch das Tabu, das Kompromisssymptom des Ambi- 
valenzkonfiiktes, langsam geschwunden. Die zugrunde liegenden historischen Wand- 
lungen aufzuzeigen, behält Freud einer späteren Abhandlung vor; erst diese wird 
also eine abschliessende kritische Stellungnahme zur Arbeit Ober das Tabu ermög- 



') Das führt er dann an drei speziellen Fällen : an der Behandlung der Feinde, 
am Tabu der Herrscher und am Tabu der Toten, im einzelnen durch. 

Zeutralblatt für Psychoanalyse. UVP*. 37 



550 Referate und Kritiken. 

liehen. Nicht folgen aber können wir Freud jedenfalls darin, daas ihm die Ambi- 
valenz als eine letzte seelische Tatsache erscheint, mit deren Feststellung die psycho- 
logische Erklärung haltmachen könne; er gebt darin so weit, von einer bei den ein- 
zelnen Individuen verschiedenen natürlichem Anlage zur Ambivalenz zu sprechen und 
in einem besonders hohem Mass solcher ursprünglichen Gefühlsambivalenz die Dia- 
position zur Zwangsneurose zu erblicken. Auf die Frage, warum es denn zwischen ent- 
gegengesetzten Regungen (z. 6. feindliche und freundliche Einstellung zur Beiben Person), 
nicht zu einem Ausgleich komme, warum sich nicht eine zwischen beiden liegende 
Resultierende ergebe, wird uns die Antwort, weil eben die eine bewnsst, die andere 
unbewusst sei und sie also nicht direkt zusammenstossen könnten. Nun ist das ein 
sauber konstruierter Grenzfall; in der Regel treten beide Regungen im ßewusstsein 
auf, und Spannung bleibt doch besteben; Beweis dafür, dass sie eine Funktion zu 
vollziehen hat, und erst durch die Aufdeckung dieser Funktion wird sie verstanden 
und zugleich aufgelöst. 

Irrig erscheint es uns auch, das Spezifische des Tabu durch die Ambivalenz 
erklären zu wollen. Gerade das ist ein Zug, den es mit allen gesellschaftlichen 
Einrichtungen teilt; denn in jeder sozialen Institution müssen die Gegensätze zum 
Ausdruck kommen, die in der Gesellschaft wirksam sind. Freud, der zwar das 
Resultat als soziale Erscheinung erkennt, für den Entwicklungsprozess aber immer 
nur die Einzelspyche ins Auge fasst, muss natürlich alle gesellschaftlichen Gegen- 
sätze ins Individuum hineinprojizieren. So werden ihm Schwankungen im realen 
Machtverhältnis zwischen Häuptling und Stamm zu Phasen einer psychologischen 
Entwicklung, so erscheint ihm der bildliche Ausdruck dieses realen Verhältnisses 
in den Tabugebräuchen als der Kern der Sache. 

Höchst auffallend ist es, dass Freud die Behandlung der erschlagenen Feinde 
völlig trennt von dem Tabu des Toten. Hätte er diese eng zusammengehörigen 
Dingo auch zusammen behandelt, so wären die Analogien deutlich hervorgetreten und 
man wäre daranf hingewiesen worden, dass das Tabu der Toten seinen Ursprung 
hat im Grauen vor dem Tod und vor dem Toten, ganz gleich in welcher persönlichen 
Beziehung man zu ihm gestanden ist. So aber sind es im Fall des Feindes unter- 
drückte sympathische, im Fall des Familienangehörigen unterdrückte feindselige 
Regungen, die das Tabu bewirken. In einem Fall wird uns also als letzter Aufschiuss 
der Hinweis auf eine innere Stimme, die sagt: „Du sollst nicht töten", eine Er- 
klärung, die Freud bei einem anderen Forscher, bei Wundt z. B., sicherlich nicht 
tief genug gefunden hätte, im zweiten Fall nähern wir uns wieder dem Ödipuskomplex, 
der ja das immer wiederholte und wenig variierte Grundthema der ganzen Zeit- 
schrift bildet. 

Auch im dritten Aufsatz wird der Primitive vor allem mit dem Zwangs- 
neurotiker in Parallele gerückt. Wenn der Wilde es unternehme, die Vorgänge der 
Umwelt durch die Mittel der Magie nach seinem Willen zu lenken, so bekunde er 
dadurch wie der Zwangsneurotiker, den die Reue über nur gedachte Sünden verzehre, 
den Glauben an die Allmacht seiner Gedanken. Wie kommt nun dieser Glaube zu- 
stande? Für Freud beweisst dieses „grossartige Zutrauen des primitiven Menschen 
zu der Macht seiner Wünsche", dass er wie das Kind unter der Herrschaft des 
„Lustprinzips" steht, das erst im späteren Lauf der Entwicklung vom „Kealitäts- 
prinzip" abgelöst wird. Der Glaube an die Allmacht der Gedanken ist ihm also etwas 
Primäres, die Rücksichtnahme auf die Realität das Sekundäre. Die Probleme der 
Einderpsychologie wollen wir hier bei Seite lassen ; was die Naturvölker betrifft, 
so scheint sich uns mit ziemlicher Klarheit der umgekehrte Sachverhalt zu ergeben. 
Sie warten nicht darauf, bis ihnen durch die Kraft ihrer Wünsche die Tauben ge- 
braten ins Maul fliegen, sondern sie gehen auf die Jagd; sie begnügen sich nicht 



Referate und Kritiken. 55] 

damit, ihre Feinde in effigie za vernichtet!, sondern sie ziehen in den Krieg; kurz, 
sie suchen sich der Umwelt mit realen Mitteln zu bemächtigen. Erst wo diese ver- 
sagen, wo sie tatsächlich machtlos sind, setzt die Magie ein, und so erkennen wir 
den Glauben an die Allmacht der Gedanken als eine kompensatorische Strömung, 
die durch ein Gefühl der Minderwertigkeit hervorgerufen ist. 

Den geistigen Habitus, der durch den Glauben an die Allmacht der Gedanken 
gekennzeichnet ist, identifiziert Freud dann mit dem nazistischen Stadium der 
Sexualität. Es ergibt sich dann ohne Schwierigkeit die weitere Parallele: religiöse 
Phase = Stadium der Bindung an die Kitern, wissenschaftliche Phase = Stadium der 
freien Objektfind ung. Über den Wert und die Berechtigung solcher Analogien wurde 
schon eingangs gesprochen. 

Die Erwähnung und ümbiegung des Begriffs Narzissmus gibt Freud Gelegen- 
heit zu einer, wenn auch nur andeutungsweisen Polemik gegen die Annahme eines 
primitiven Minderwertigkeitgefühls in der kindlichen Psyche; eine solche Annahme 
werde ausgeschlossen durch den ursprünglichen Narzissmus des Kindes, der „mass- 
gebend für die Auffassung seiner Charakterentwicklung sei." Nun ist ja auch nach 
Freud der Narzissmus nicht insoweit etwas Ursprüngliches, dass ihm nicht ein 
anderes Entwicklungsstadium vorausginge. Freuds Argument schliesst also selbst 
von seinem Standpunkt aus die Möglichkeit nicht aus, dass auf dem Weg zum 
Narzissmus das Minderwertigkeitsgefühl liege. Für die Seite des „Narzissmus", die 
ihn hier besonders interessiert, für die „Allmacht der Gedanken", allgemein für die 
Grössenideen, glaube ich an dem Beispiel der Wilden die Herkunft vom Minderwertig- 
keitsgefühl immerhin wahrscheinlich gemacht zu haben. Übrigens wäre nicht ein- 
zusehen, wober ein Narzissmus, der nicht vom Stachel des Minderwertigkeitsgefühls 
angetrieben wird, die vorwärtsdrängende Kraft nehmen sollte, die sich in der Entr 
wicklung des neurotischen Charakters verrät: Narziss sitzt am Bachesrand und 
lächelt sein Bild an. 

Aus den weiteren Ausführungen des Aufsatzes wäre hervorzuheben, dass 
Freud die dualistische Gegenüberstellung von Körper und Geist psychologisch auf 
den Gegensatz von Bewuastem und Unbewusstem zurückführen will. Sollte es sich 
hierbei um mehr handeln als um einen gelegentlich hingeworfenen Einfall, so müsste 
man aus dieser Stelle schliessen, dass Freud sich auf dem Wege zu einer meta- 
physischen Auffassung des Unbewussten befindet. Dr. Carl Furtmüller. 

J. Sadger, Von der Pathographie zur Psychographie. (Imago. 1. bd. 1912. 
S. 158-175.) 

Von souveräner Verachtung aller nicht der Freud schule angehörigen oder 
nahestehenden Psychiater erfüllt, findet Sadger die ablehnende Haltung des Pu- 
blikums gegenüber den von dieser Seite ausgegangenen Dichterpathographien vollauf 
berechtigt. Demgegenüber lebt er der Meinung, dass die im Freud kreis entstandenen 
Arbeiten über Künstler geradezu enthusiastische Aufnahme gefunden haben, während 
in Wirklichkeit gerade diese Schriften, von wenigen rühmlichen Ausnahmen abgesehen, 
bis weit in den Kreis der Freudschüler hinein mehr Beklemmung als Bewunderung 
hervorriefen. Den Pathographien wirft er mit Recht vor, dass sie das Hauptgewicht 
allzu einseitig auf das Aufstellen einer Diagnose gelegt hätten ; er stellt ihnen, nicht 
sehr scharf umrissen und ohne auf die vorhandenen Vorarbeiten Rücksicht zu 
nehmen, das Programm einer „Psychographie" der dichterischen Persönlichkeit ent- 
gegen, die uns das Seelenleben des Künstlers in seiner Gesamtheit verständlich 
machen und vor allem zeigen soll, wie der Genius zu dem geworden, was wir heute 
bewundern. Gewissermassen als Probe aufs Exempel bringt er dann eine Analyse 
von Hebbel's „Judith", die den zweiten und grösseren Teil seiner Arbeit bildet. 

37* 



552 Referate und Kritiken. 

Man könnte nach der hohen Zielsetzung des ersten Teiles auf den zweiten 
gespannt sein, wenn man des Rätsels Lösung nicht im voraus wüsste: sie hei9st 
Ödipuskomplex. Wenn Holofernes die von ihrem Mann nie berührte Judith besitzt, 
so ist er Hebbel, der seine Mutter zur GeliebteD, und zwar zur jungfraulichen Ge- 
liebten, wollte. Wenn er von Judith erschlagen wird, ist er Hebbels Vater, gegen 
den der eifersüchtige Sohn Mordgedanken hegt. Eigentümlich ist bei Sadger die 
völlige Unklarheit über die Tragweite einer solchen Erklärung, selbst wenn sie noch 
so gut fundiert wäre. Er weist die psychologische Zurückführung der geschraubten 
sexuellen Voraussetzungen in Hebbels Dramen auf die entbebrungsvolle Jugend des 
Dichters mit der richtigen Begründung zurück, mehr als ein deutscher Poet habe 
gehungert, ohne deshalb die dichterische Physiognomie Hebbels zu zeigen. Wolle man 
erschöpfende Aufklärung, so müsse man eine andere Schmiede aufsuchen. Und in 
dieser Schmiede hämmert er den Ödipuskomplex. Er übersieht dabei nur, dass die 
Zahl der Dichter, die gehungert haben, jedenfalls kleiner ist als die Zahl derer, bei 
denen Sadger sich anheischig machen wird, den Ödipuskomplex nachzuweisen. 

Die Stelle, von der man auszugehen hätte, um die Entstehung der „Judith" 
im Geiste Hebbels zu verstehen, führt Sadger an, ohne aber ihren psychologischen 
Gehalt auszuschöpfen. Die Erinnerung an ein Gemälde, Judith mit dem Haupte des 
Holofernes darstellend, stand so mächtig vor ihm, dass sich ihm dieser Dramenstoff 
von selbst aufdrängte. Das Bild der starken Frau, die einen furchtbaren Helden 
überwunden, getötet hat, eröffnet eindrucksvoll die Entwicklungsgeschichte dieses 
Dramas, die Furcht vor der Frau stellt den psychologischen KrisUllisationspunkt des 
ganzen Werks dar. Es wäre nun der Entstehung dieser Furcht nachzugehen, es 
wäre zu zeigen, wie vielfältig abgetönt sie sich in dem Werk äussert, und wie das 
Verhältnis der Geschlechter und das Problom der Geschlochtlichkeit überhaupt im 
Drama selbst und in den Tagebucbäusserungen der Zeit immer wieder berührt 
werden. Die Reaktionserscheinungen, die diese Furcht vor der Frau hervorruft, 
wären im Drama aufzuweisen und schliesslich die Beziehungen dieser Gruppe seelischer 
Phänomen mit den Verhaltungsweisen Hebbels auf anderen Gebieten zu erörtern. So 
wurde man wirklich ins Innere der Dichtei persönlichkeit geführt werden. Aber man 
würde allerdings das nie erreichen, was Sadger gerade sucht: eine einfache Formel. 
Und man müsste versuchen, sich in das psychische Erleben des Dichters einzufühlen, 
es gewissermassen in sich selbst wieder aufzubauen, etwas, was gegen Sadgers 
methodische Grundsätze zu Verstössen scheint; denn für ihn sind Psychoanalyse als 
Seelenkunde des Unbewussten und das Schauen in das eigene Innere Gegensätze. 

Dr. Carl Furtmüller. 

Dr. H. \. Hug-Hellmuth, Über Farbenhören. (lm&Ro. %, Bd. 1912. S. 228 bis 

264.) 
Dr. Oskar Plister, Die Ursache der Farbenbegleitung bei akustischen 

Wahrnehmungen und das Wesen anderer-Synftsthesien. (Imago. 1. Bd. 

1912. S. 265—275.) 

Die beiden unabhängig voneinander entstandenen Arbeiten behandeln dasselbe 
Thema und gelangen zu ähnlichen Resultaten. Pf ister formuliert dieses Ergebnis 
sehr präzis folgendermassen : Wie mau es bei den komplizierten Synopsien mit 
stereotypen Halluzinationen zu tun habe, so seien die einfachen Synästhesien als 
Reste verdrängter Halluzinationen zu betrachten. So führen die beiden Verfasser 
die Synästhesien auf Erinnerungen an traumatische Eindheitserlebnisse zurück. 
Pfister schränkt diese Behauptung einstweilen mit Vorsicht auf viele Fälle ein, 
während Hug-Hellmuth sie ganz allgemein aufstellt, aber die Bedingung einer 
konstitutionellen Eignung hinzufügt. Zum Erweis seiner Ansicht gibt Pfister die Ana- 



Referate und Kritiken. 555 

lyse eines Falles und fugt hinzu, dass er noch in einigen anderen Fällen zum gleichen 
Resultat gelangt sei. Die Verfasserin der ersten Arbeit stellt die Photismen zusammen, 
die sie bei sich selbst beobachten konnte, und erläutert sie dann in einer sehr viel 
Kindheitsmaterial beibringenden Autoanalyse. Die Beweiskraft, die von diesem Teil 
ihrer Arbeit ausgeht, wird in nichts verstärkt dadurch, dass sie einige von ande- 
ren aufgezeichnete Fälle von Farbenhören behandelt und dabei das unzugäng- 
liche Erinnerungsmaterial der Analysanden durch eigene Einfälle ersetzt. Nicht 
solche „Phantasieanalysen", sondern nur der ja von ihr und Pfister schon mit 
Glück eingeschlagene Weg der Aneinanderreihung sorgfältiger Einzeluntersuchungen 
können weitere Klärung in das Problem bringen. Dr. Carl Furtraüller. 

Karl Abraham, AmenhotepIV. (Echnaton). Psychoanalytische Beiträge 
zum Verständnis seiner Persönlichkeit und des monotheistischen 
A t o n k u 1 1 e s. ( I tnago. 1. Bd. S. 334—360). 

In dem anregend geschriebenen Aufsatz wird ein Bild des Lebens und der 
Persönlichkeit Amenhoteps IV. entworfen, der im 14. Jahrb. v. Chr. lebte und 
dessen Regierung vor allem gekennzeichnet ist durch den Versuch einer religiösen 
Umwälzung (Ersetzung des Amonkultes durch eine Atonreligion), durch die Gründung 
einer neuen Hauptstadt und durch dos Aufkommen neuer Strömungen in Architektur 
und bildender Kunst. Abraham fasst ihn als hochbegabten Menschen mit neurotischen 
Zügen auf und sucht in seinem ganzen Wirken die Kampfeinstellung gegen den ver- 
storbenen Vater nachzuweisen. In der psychologischen Erklärung dieser Feindschaft 
gegen den Vater hält sich Abraham nicht frei von Widersprüchen. Einmal ge- 
schieht sie nach dem Schema des Ödipuskomplexes: Liebe zur Mutter, daher Eifer- 
sucht gegen den Vater, dann wird wieder gerade die besondere Anhänglichkeit an den 
Vater in den Vordergrund geschoben und der Kampf gegen ihn als ein Versuch auf- 
gefasst, sich von dieser Abhängigkeit zu befreien. Aber das Vorhandensein dieser 
feindlichen Einstellung weiss er durch eine Reihe ansprechender Deutungen wahr- 
scheinlich zu machen. In der Abschätzung der Bedeutung dieser individualpsycho- 
logischen Tatsache schiesst er freilich weit übers Ziel. Alle religiösen, ethischen, 
ästhetischen und politischen Wandlungen der Epoche weiden aus ihrem historischen 
Zusammenhang losgelöst und auf den Vaterkomplex Echnatons als eigentliche Wurzel 
zurückgeführt. Dr. Carl Furtmüller. 

Freud: Einige Bemerkungen über den Begriff des Unbewussten-in der 
Psychoanalyse. Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse. Heft 2. 1913- 

Die Psychoanalyse hat heuristisch mit philosophischen Begriffen gearbeitet, 
sorglos wie ein Kind mit Gott, Unendlichkeit und dem Tode spielt. Nun wächst sie 
heran, und man fordert strenge Rechenschaft. Die Philosophen wenden sich gegen 
die kritiklose Anwendung des „Unbewussten". Die Analytiktr machen es wie mit 
der Libido. So wie jetzt die Libido Freud's mit der ursprünglichen Libido nichts 
mehr zu tun hat, so wird jetzt in diesem Aufsatze das ünbewusste als ein besonderer 
Begriff der Psychoanalyse beschrieben und begründet. Stekel. 

Freud: Weitere Ratschläge zur Technik der Psychoanalyse. (Ibidem.) 
Der Kranke soll angehalten und erzogen werden, alle seine Einfälle ohne jede 
Kritik und eigenmächtige Auswahl zu bringen. (Ich habe schon an anderer Stelle 
darauf aufmerksam gemacht, dass diese Regel von klugen Kranken benutzt werden 
kann, um den Arzt ad absurdum zu führen.) Ferner: Die Mitteilungen über die 
Übertragung erst zu machen, wenn die Einfälle des Analysierten stocken. Endlich 
betont Freud den wichtigen, von vielen praktischen Analytikern, noch nicht voll 



L. 



554 Referate und Kritiken. 

erfassten Grundsatz, dass die Erklärung und intellektuelle Kenntnis allein noch keine 
Heilung mache. St ekel. 

S. Fercnczi: Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes. (Ibidem.) 

Die Entwicklung des bekannten Glaubens der Neurotiker an die „Allmacht der 
Gedanken* wird auf den Aufenthalt im Mutterleib zurückgeführt. „ Alles Sorgen 
um den Fortbestand der Leibesfrucht ist der Mutter übertragen. 
Wenn also dem Menschen im Mutterleibe ein, wenn auch unbe- 
wusstes Seelenleben zukommt — und es wftre unsinnig, zu glauben, 
dass die Seele erst mit dem Augenblick der Geburt zu wirken be- 
ginnt — muss er von seiner Existenz den Eindruck bekommen, dass 
er tatsächlich allmächtig ist. Denn was ist Allmacht? Die Emp- 
findung, dass man alles hat, was man will, und man nichts zu wün- 
schen übrig hat * 

Der Hypothese Federn' 3 von der Entstehung des Sadismus aus Spaununga- 
gefühlen im Phallus schliesst sich diese neue phantastische Erfindung des sonst so 
klugen ungarischen Forschers würdig an. Wie in aller Welt konnte er zu so einer 
Anschauung kommen? Wir kennen die Mutterleibaphantasie nur im Bilde eines 
Kerkers, einer Fesselung, eines Gebundenseins. Wenn man von einer .Ohnmacht 
der Gedanken" sprechen darf, so ist es die Situation des Kindes im Mutterleibe. 
Oder hatFerenczi die Absicht, die Analyse bis zu der Erinnerung an die Zeit des 
Fötallebens zurückzuführen? Und was soll man von solchen Hypothesen sagen, wie 
die folgende? „Der erste Schlaf aber ist nichts anderes als die ge- 
lungene Reproduktion der vor Aussenreizen möglichst schützenden 
Mutterleibssituation." Ja, woher hat der Autor diese Kenntnis? Ich denke, 
wir haben uns in der Psychoanalyse lange genug auf dem schwankenden Boden 
hypothetischer Libidobesetzungen bewegt und brauchen dringend etwas Realität in 
der Forschung. Sehen, beobachten, sammeln, und seine Schlüsse ziehen. Ich muss 
da an das schöne Wort von Marcinowski erinnern: Ein gut beobachteter Fall 
wirft alle Theorien über den Haufen. 

Die weiteren Bemerkungen des Autors, dass der Glaube an die Allmacht auf 
die infantile Zeit zurückgeht, da eine fehlerhafte Erziehung den Kindern diesen 
Glauben bestärkte, sind sehr treffend, aber nicht mehr neu. St ekel. 

Dr. Maxim. Steiner: Die psychischen Störungen der männlichen Potenz. 

(Ihre Tragweite und ihre Behandlung.) Mit einem Vorwort von Prof. S. Freud. 

Leipzig und Wien. Franz Deuticke. 1913. 

Zu den schwersten und leichtesten Aufgaben der Psychotherapie gehört die 
Behandlung der psychischen Impotenz. Dass die Aufgabe eine leichte ist und jede 
Beruhigung und jeder Zuspruch gewisse Fälle heilen kann, das beweist das Referat 
auf Seite 542. Ehe ich noch die Psychoanalyse kannte, hatte ich schon ganz 
ausgezeichnete Erfolge durch die einfachsten Methoden der Überredung und Be- 
ruhigung. Aher schwere Fälle fordern die grösste Kunst des Analytikers heraus 
und sind so kompliziert gebaut, dass sie sich auf ein einfaches Schema nicht zurück- 
führen lassen, wie es Steiner tut, dem das Um und auf der Analyse der „Inzest- 
komplex" zu sein scheint. Bei diesem Leiden spielen seelische Kräfte eine Rolle, 
von deren Vorhandensein dieser Autor keine Ahnung zu haben scheint. Das ganze 
Büchlein ist ungefähr so geschrieben, wie man vor zehn Jahren über Psychoanalyse 
geschrieben hätte. Von allen unseren grossen neuen Erkenntnissen in der Dynamik 
der Neurose findet sich kein Wort, dagegen eine Menge von falschen Auffassungen 
und einseitigen Betrachtungen. Der Autor unterscheidet drei Formen von Impotenz: 



Referate und Kritiken. 555 

Die angeborene, die in der Kindheit erworbene, und die nach Eintritt der Pubertät 
erworbene. Diese Einteilung ist willkürlich und entspricht nicht dem Leben und 
den von mir beobachteten Tatsachen. Die ersten Fälle (angeblich angeborenen) haben 
nach dem Verf. .nur die Chance, eine absolute Potenz* zu gewinnen, wenn sie auf 
ein Wesen stossen, d&3 durch seine Veranlagung sozusagen auf sie geeicht ist.» 
Was heisst das aber? Dass die Potenzstörung auch in diesen Fällen nicht ange- 
boren ist, sondern nur eine spezielle Potenzbedingung vorhanden ist, welche auf 
psychische („ erworbene") Faktoren zurückgeht. Wie erkennt man aber nach Steiner 
diese furchtbaren angeborenen Fälle? »Ist der Psychoanalyse bei sachkun- 
digster und zielbewusster Technik kein voller Erfolg beschieden, so 
kann man überzeugt sein, dass man an konstitutionellen Momenten 
scheitert, denen schwer beizukommen ist." Eine sehr bequeme und leichte 
Erledigung dieses Probleme. Wer durch die Analyse nicht gesund wird, der ist also 
unheilbar! Und was heisst das: »sachkundigster und zielbewusster Technik*'? Warum 
gestehen wir nicht lieber ehrlich ein, dass wir in der Psychoanalyse noch Anfänger 
sind und dem erfahrensten Psychotherapeuten Fälle begegnen, die sich nicht heilen 
lassen wollen, oder denen er nicht gewachsen ist. Wenn Psychoanalyse und Krankheit 
zusammenstossen und daB Resultat ist nicht die Gesundheit, so ist nicht immer die 
Krankheit daran schuld. Und wie viele Analytiker gibt es, denen man bei einem 
so komplizierten Leiden die .sachkundigste" Führung zumuten kann? Nein! Thera- 
peutische Misserfolge sind noch immer kein sicheres Hilfsmittel der Diagnose und 
besonders nie in der Psychoanalyse, wo sich zwischen Arzt und Patienten so feine 
Zwischenspiele einstellen, wie ich sie in den letzten Arbeiten zu schildern ver- 
sucht habe. 

Viele andere falsche Angaben Steiner's wären zu berücksichtigen. Nach 
geiner Erfahrung scheint das Fehlen einer Schwester Knaben zum Verhängnis zu 
werden. Von anderen Analytikern hören wir, dass das Vorhandensein einer 
Schwester zur Verankerung an die Schwester, also zu Inzestgedanken geführt hätte 
und das Verhängnis des Kranken wurde. Welche unglaublichen Gegensätze! Das 
kommt daher, wenn man seine Schlüsse einseitig aus willkürlichen Annahmen zieht. 
Andere Bemerkungen Steiner's zeigen eine eminente Kenntnis der einschlägigen 
Literatur. So sagt der Autor von der Traumdeutung: „Über die Bedeutung des 
Traumes braucht an dieser Stelle nichts gesagt zu werden. Das Thema ist seit 
Freud's grundlegenden Arbeiten so gnt wie abgeschlossen.' (!) 

Die schwächste Seite dieses Büchleins sind aber die Krankengeschichten. Wo 
■war Freud's Scharfblick und Objektivität, dass er solche Kasuistik wie die" folgende 

zuliesa? • 

Fall 1. Offizier. »Unvollständige Analyse infolge äusserer Hindernisse. Im- 
potenz infolge verdrängter Wutregungen gegen die Frau, von der er sich nicht mit 
Unrecht verachtet und betrogen glaubt, ohne es sich aber einzugestehen, da er sie 
aus Opposition gegen sein Elternhaus, seine Erziehung und seine ganze Vergangen- 
heit geheiratet hat " «.-■*. • i j- 

Das nennt Steiner Kasuistik und bemerkt in der Vorrede: .Dagegen ist die 
Kasuistik, eine Sammlung von Fällen mit teilweise kompliziertem psychischem Gefüge, 
vorwiegend für den Fachmann bestimmt." 

Nun, wir Fachmänner danken für eine solche Kasuistik, die uns ebenBO wenig 
sagen kann wie dem Nichtanal ytiker. 

Es wäre noch viel über die therapeutischen Anschauungen Steiner's zusagen. 
Ich will nur ein Moment hervorheben. Ich halte es für einen Fehler, die Neurotiker 
zu veranlassen, zu Dirnen zu gehen und sich so einen billigen Erfolg zu holen. 
Einen Augenblickserfolg. Denn ich kenne Fälle, die nach so einem Erfolge schwer 



556 Referate und Kritiken. 

rezidivierten. Wer die übermoralische Tendenz der Impotenz einmal entschleiert 
hat, der wird sich hüten, die Neurotiker in so schwere Konflikte zu bringen. Das 

machten schon die Ärzte der alten Schule 

Ich schliesse: Das Büchlein von Steiner ist überflüssig für den Fachmann 
und gefährlich für den Nichtfachmann. Es könnte ihn leicht verleiten, seine Fälle 
von Impotenz psychoanalytisch anzugehen und ihnen mit der stumpfen Waffe des 
Inzestkomplexes (der sicherlich eine gewisse — aber nur eine gewisse Rolle spielt), 
an den Leib zu rücken. Es könnte sie verleiten, Analyse zu treiben und sich die 
Sache leichter vorzustellen, als sie in Wahrheit ist. Das Buch über die „psychischen 
Störungen der männlichen Potenz" muss erst geschrieben werden. StekeL 



Varia. 

Ein erotisches Gedicht von Mozart. 

In seiner soeben erschienenen Mozart-Biographie (Schlesiscbe Verlagsanstalt 
[vorm. Seh ottla ender] G. m. b. H. in Berlin W. 35) gibt Dr. Leopold Schmidt 
ein ansprechendes Bild von des grossen Meisters harmlos-fröhlichem Gemüt. Eine 
lustige Kumpanei fand ihn stets bereit, insbesondere jeder Mummenschanz, 
Maskeraden, Komödien und Redouten waren so recht nach seinem Gusto. Da konnte 
er, ein echter Süddeutscher, Geschäftigkeit und Phantasie entwickeln und seinem 
Hang zu Foppereien die Zügel schiessen lassen. Da erwachte auch in ihm der Ge- 
legenheitsdichter und Improvisator. Wie fein er seine Spässe gelegentlich pointieren 
konnte, zeigt folgendes Gedicht, das er zur Hochzeit seiner Schwester (18. Aug. 1784) 
verfasste : 

Du wirst im Eb'stand viel erfahren, 

was dir ein halbes Rätsel war, 

bald wirst du aus Erfahrung wissen, 

wie Eva einst hat handeln müssen, 

dass sie hernach den Kain gebar. 

Doch, Schwester, diese Eh'standspflichten 

wirst du von Herzen gern verrichten, 

denn, glaube mir, sie sind nicht schwer. 

Doch jede Sache hat zwo Seiten: 

der Eh'stand bringt zwar viele Freuden, 

allein auch Kummer bringet er.' 

Drum, wenn dein Mann dir finstre Mienen, 

die du nicht glaubtest zu verdienen, 

in seiner üblen Laune macht: 

so denke, das ist Männergrille, 

und sag : Herr,, es gescheh' dein Wille 

bei Tag — und meiner in der Nacht! 

Die Wiener Eunstzeitschrift „Der Merke r", der wir diese Notiz entnehmen, 
leistet sich einen artigen Druckfehler, der beweist, an was der Setzer während seiner 
Arbeit denken musste. Es steht dort statt Mummenschanz — Mummen - 
schwanz zu lesen .... Stekel. 



Varia. 557 

Edmond Rostand über die Entstehung des „Cyrano**. 

(Der groBBiiasige Held, als Werber für die Liebe eines andern.) 

. . . Auf eine ganz merkwürdige Weise aber kam die Gestalt zu jenem charak- 
teristischen und schönen Zuge, dass der groasnasige Held der Freiwerber für die 
Liebe eines anderen wird. »Ich verbrachte", so erzählte Kostand, „in einem Sommer 
meine Ferien in Luchon. Einer meiner Freunde war in eine junge Dame verliebt, 
mit der er sich verloben sollte. Aber in Gesellschaft des jungen Mädchens war er 
immer so bedrückt und verlegen, dass er kaum ein Wort stammeln konnte. 
„Willst du mir helfen? 4 kam er eines Tages zu mir. .Willst du für mich mit 
meiner Braut, mit ihrer Familie sprechen?" Ich ging darauf ein. Mehr noch! Ich 
instruierte meinen Freund. „Tue dies! Unterlasse jenes. Sprich so . . ." 

Eines Tages traf ich den Vater der Braut. Wir plauderten den ganzen Weg 
entlang. Plötzlich sagte mein Begleiter zu mir: „A propos! Wissen Sie, dass Ihr 
Freund durchaus nicht so dumm ist!" Ich war hochbeglückt für meinen Ereand. 
Und du kam es plötzlich in mir auf, das Problem! Der, der für den andern 
spricht . . . . Die Gedanken flogen mir zu. Sie reihten sich aneinander. Ich 
dachte: .Wenn ich nun auch in dieses junge Mädchen verliebt wäre . . . 
Und . . . Und wenn ich hässlich wäre, missgestaltet? ... Ah! Wie Cyrano . . .* 

Das war der Lichtstrahl, der mich durchzuckte. Cyrano war gefunden. 
Mein Cyrano hatte Gestalt angenommen. Ich hatte ihn nur noch zu schreiben. 

Birstein. 

Ad hoc! Hier scheint recht deutlich das prinzipielle Problem der Neurose 
aufgedeckt zu sein und zwar als eine unterbewusste Losung: .Strebe nach Macht, 
erreiche den Sieg, aber unter bestimmter Bedingung — der ev. Niederlage (.Furcht 
vor der Frau", Adler) ausweichen zu können." Deshalb die indirekten, tastenden, 
zögernden, neurotischen Symptome des gehemmten Aggressionstriebes, der das 
passive Verhalten in einer konstruierten Souffleurrolle dem Cyrano, die einzige 
Möglichkeit fürs Handeln in der Richtung seines neurotischen Charakters zur Ver- 
fügung stellt. B - 

Ein Traum Julius Caesars. 

Über Cajus Iulius Cäsar wird berichtet: 

Als Quästor fiel ihm die Provinz Hinterspanien zu. Wahrend er dort im Auf- 
trage des Prätora die Kreistage, um Recht zu sprechen, bereiste, fiel ihm bei seiner 
Ankunft in Gades der Anblick einer Statue Alexanders des Grossen bei dem dortigen 
Herkulestempel schwer aufs Herz, und gleichsam als sei er überdrüssig seiner Taten- 
losigkeit, weil er, wie er sich ausdrückte, noch nichts Denkwürdiges vollbracht habe 
in einem Alter, wo Alexander bereits den Erdkreis erobert gehabt habe, forderte er 
dringend sofort seine Entlassung, um sobald als möglich jede günstige Gelegenheit 
zu grösseren Unternehmungen in der Stadt benützen zu können. Zugleich spornten 
Traumdeuter, als ein Traumbild der folgenden Nacht ihn verwirrt hatte (er hatte 
geträumt, er habe seiner Mutter beigewohnt), seine Hoffnungen auf das Äusserste, 
indem sie dies dahin auslegten, dass ihm die Herrschaft der Welt dadurch ver- 
kündigt werde, sintemal die Mutter, die er von sich überwältigt gesehen habe, keine 
andere sei als die Erde, die ja als Mutter aller angesehen werde. 

(Aus: Klassiker des Altertums, herausgegeben von Heinrich Conrad, zwölfter 
Band.) Dr. C. Schneiter. 

Von der Verblendung der Mütter. 

Eine zirka vierzigjährige, sehr jugendlich aussehende, schöne Mutter bringt 
mir ihren achtzehnjährigen Sohn, der schon seit vier Wochen an quälendem Kopf- 



558 Varia. 

schmerze leidet. Der Kopfschmerz trat im Ansehluss an eine Influenza auf. Alle 
bisher angewendeten Mittel erwiesen sich als vollkommen machtlos. Antipyrin, 
Fhenacetin, Aspirin, Pyramidon, selbst Morphium konnten den unerträglichen 
Schmerz nicht einmal lindern. Schon dieser (Jmstand spricht für einen neurotischen 
Kopfschmerz. Immer wieder habe ich das wichtige differentialdiagnostische Symptom 
der Unwirksamkeit aller Analgetika bei den Formen neurotischen Kopfschmerzes 
linden können. 

Die Mutter fährt in der Schilderung der Kopfschmerzen fort. .Der Junge 
jammert die ganze Nacht. Ich nehme ihn dann in mein Bett, und er beruhigt sich 
ein bisschen. Aber der Schmerz ist doch so gross, dass er nicht achlafen kann. Wir 
liegen dann beide die ganze Nacht fast schlaflos.* 

Ich sehe ein, dass in diesem Falle die Trennung des Sohnes von der Mutter 
das wichtigste ist und empfehle sofortige Unterbringung des Jungen in einem Sana- 
torium, aber ohne Mutter. 

Die Mutter willigt schweren Herzens ein. Ich ersuche Bie, nach einigen 
Tagen zu mir zu kommen und mir über den Zustand ihres Sohne9 zu berichten. 
Sie kommt nach einer Woche und berichtet, der Zustand solle sich allmählich 
bessern, der Sohn könne schon schlafen. 

Nun halte ich ihr vor, dass man achtzehnjährige Söhne nicht ins Bett nehme 
und dass das Verlangen nach den Zärtlichkeiten der Mutter eine der Ursachen 
der Krankheit gewesen. 

Sie protestiert aber energisch gegen die Zumutung , dass ibr Sohn schon 
ein erotisches Gefühl empfinden könne. Ihr Haus sei ein reines Haus, in dem die 
Kinder nie ein unanständiges Wort gebort hätten. Selbst der zwanzigjährige Bruder 
des Kranken sei noch vollkommen unschuldig und käme auch in der Krankheit in 
ihr Bett. 

„Was hat man denn vom Leben, wenn man mit seinen Kindern nicht zärtlich 
sein darf? . . ." ruft sie gekränkt und entrüstet aus. Schliesslich Hess sie sich 
überzeugen und versprach, diese nächtlichen Zärtlichkeiten zu unterlassen. Denn sie 
gesteht, dass sie des Nachts die ganze Zeit miteinander „sehr zärtlich" waren . . . 

Stekel. 

Moderne französische Traumtbeorien. 

Es wird unsere Leser gewiss interessieren, wie die angesehensten französischen 
Geister über den Traum denken. Wir entnehmen die nachfolgenden Ausführungen 
einer Enquete der bekannten französischen Zeitschrift „Je sais tout". Trotzdem 
scheinen die guten Psychologen an der Seine nicht eine blasse Ahnung zn haben 
von all den Fortschritten der Traumi'orschung, die sich an Freud und Stekel 
knüpfen. 

Den Reigen eröffnet der bekannte Professor der AkademieMaurice de Fleury. 
Dr. Maurice Fleury berichtet über die Einziehung der feinsten Ausläufer der 
Neurone. 

„Die Beschaffenheit des während des Traumes verminderten Gebirnkreislaufes 
ist bekannt. Vor ungefähr 15 Jahren ist über die Einziehung der Ausläufer der 
Neurone geschrieben worden, dnrch welche der Kontakt und die im wachen Zustande 
bestehende Verbindung aufgehoben wird. Diese Trennung ist für den tiefen Schlaf 
charakteristisch; der Traum wird durch die partielle, zum Teil gestörte 
Wiederherstellung dieser Kontakte veranlasst . . . Die im schlafenden 
Gehirn während des Träumens vorhandene Energie, welche als „Influx nerveux" 
bezeichnet wird, zirkuliert in Wellen, die hin- und herlaufen, ungefähr wie Funken 



Varia. 559 

ein angekohltes Blatt Papier durchdringen, das dann im Feuer verbrennt. Die 
Assoziationen von Bildern und Gedanken sind mangelhaft und ohne Zusammenhang, 
weil der Kontakt zwischen den Neuronen nicht mehr ganz herzustellen ist, und doch 
bleibt noch etwas von Logik bestehen, weil die gebräuchlichsten Assoziationen immer 
die leichtesten bleiben, selbst während des Schlafes." 

„Dr. B6rillon, der berühmte Psychologe, hält — so lautet der Bericht 

den Traum für einen Feind und gibt vorzügliche Ratschläge." 

„Le ßommeil göneral n'est que l'ensemble des sommeils particuliera." (Der 
ganze Schlaf ist nur eine Summe von Teilschläfchen.) 

„Diese Formel von Bichat bezieht sich darauf, dass die verschiedenen Regionen 
des NervenCentrums ihren besonderen Schlaf haben und nicht gleichzeitig einschlafen. 
Daraus folgt, dass bestimmte Regionen schlafen oder ruhen, also ihre Tätigkeit ein- 
stellen, während andere mehr oder weniger aktiv bleiben. Man glaubt, dass die 
Entstehung der Träume darauf zurückzuführen ist, dass einer der GehirnflUgel wach- 
bleibt und die vor dem Schlafengehen unterbrochene Arbeit fortsetzt, während das 
übrige Gehirn schläft." 

„Der Traum ist als ein anormaler Zustand zu betrachten. Es ist eine Art von 
kleinem Delirium, der Beweis hierfür ist, dass die Träume im Zustand der Indigestion, 
Intoxikation oder des Fiebers häufiger und lebhafter sind.* 

„Viele Störungen, die man bei nervösen und geistigen Erkrankungen beobachtet, 
besonders fixe Jdeen und Zwangsvorstellungen haben häufig in einem Traum ihren 
Ursprung, den die Nacht nicht verwischt hat und der sich nach dem Erwachen fort- 
setzt. Diese Störungen sind immer von Willensschwäche begleitet. Menschen mit 
normaler Willenskraft leiden nicht an fixen Ideen und so ist wohl das beste Mittel 
zur Heilung der fixen Ideen eine Erziehung und Stärkung des Willens." 

„Das ist eines der hauptsächlichsten Ziele der Psychotherapie. In das Bereich 
der Psychotherapie gehört auch die Kontrolle des Schlafes, seine Hygiene und 
Disziplin. Sie will die Schlaflosigkeit heilen und diejenigen Träume, die den 
Schlummer stören, unterdrücken. Der Traum ist als ein Parasit zu be- 
trachten, gegen den man Krieg fuhren mass. Wenn die Träume uns 
erschöpfen und unserer Gesundheit gefährlich werden, so muss man zu einer 
methodischen Psychotherapie Zuflucht nehmen, welche durch Stärkung und Pflege 
der latenten Kräfte es denselben ermöglicht, auch während des Schlafes eine Kon- 
trolle und geistige Disziplin auszuüben." 

„Vielleicht ist es von allgemeinem Interesse, zu hören, dass ich durch ein 
gewisses Training dahingelaugt bin, meine Träume zu regulieren, zu schlafen wann 
ich will, zu einer bestimmten Stunde aufzuwachen und nicht zu träumen, wenn 
ich nicht will." 

„Andererseits kann ich durch massigen Gebrauch von Katfee oder anderen 
Reizmitteln Träume hervorrufen. Diese Träume beziehen sich meist auf Situationen, 
in denen ich eine Rolle spiele, und ich habe aus diesen Träumen schon viele An- 
regungen, Gedanken für Vorträge, Artikel und Vorlesungen geschöpft. Um diese 
flüchtigen Ideen festzuhalten, schreibe ich manchmal in halbwachem Zustand einige 
Worte auf ein Blatt Papier. Am nächsten Morgen kann ich das Gekritzel oft kaum 
entziffern. Das ist ein Beispiel von der Nutzbarmachung der Träume. Aber ich 
muss zugeben, da9s mein Schlaf darunter leidet. Der Schlaf während einer Eisen- 
babnfahrt hat mir oft ähnliche Dienste geleistet. So kann der Traum, wenn er auch 
meist schädlich ist, doch literarischen und schöpferischen Zwecken dienen, aber nur 
wenn er beaufsichtigt und dirigiert wird." 

Mr. Emile Fagnet sagt: „Ich träume niemals". „Ich träume niemals, 
es sei denn morgens im Moment des Erwachens, und immer sagt mir dann eine 



560 Varia - 

innere Stimme : „Du weißst genau, dass du Dummheiten denkst, das macht, weil du 
träumst, wache auf." 

„Und ich wache auf. leb bin davon überzeugt, dass man die ganze Zeit, die 
man schläft, auch träumt. Einige können sich .an ihre Träume erinnern, andere 
nicht. Letztere haben einen tiefen Schlaf. Ich gehöre zu diesen und kann daher 
über das Tiäumen keine Aufklärung geben." 

Den Träumer als Feind behandelt M. Edmond Harancourt: „Träumen? 
Nein, nein! Das ist verboten — ich verbiete es mir". 

„Übrigens kenne ich nur einen Traum, er ist reizend und bleibt sich immer 
gleich: In der Luft schweben, ohne Anstrengung, wie man schwimmt, sich durch 
eine einfache Lage des Rumpfes vorwärtsbewegen und sich mit den Fussspitzen vom 
Erdboden abstossen — um sich manchmal an einer Wegbiegung uu einer grossen 
Mauer zu stossen und zu verletzen." 

„Ich weiss, dass dieser Traum banal, sehr bekannt, klassisch und klassifiziert 
ist ; ich gebe mich damit zufrieden, erstens weil er physiologisch ein gutes Symptom 
ist und dann, weil ich mich damit begnüge." 

„Denn jeder Traum ist eine unnötige Ausgabe des Organismus, 
eine vergeudete Kraft, Arbeit ohne Zweck." 

„Er ist ausserdem ein Eingriff in die Rechte des Schlafes. Der Schlaf, der 
eine chemische Wiederherstellung der Gewebe mit sich bringt, ist eine treffliche 
Nahrung für dieselben mit Elimination der Toxine." 

„Träumen heisst: seinen Schlaf schlecht verdauen. Ich habe 
das abgeschafft. Man erreicht es schliesslich. " 

Der Traum ist ein Freund. Dies die Ansicht von M. J. Claretie. 

Träume sind Vorboten von Krankheiten oder Unpässlichkeit, sie bilden die 
Vorrede zu unserem Leiden. Man träumt, dass man leidet, und das Leiden ist 
schon da. So öffnet der Traum dem Arzt die Türe, er kündigt seinen Besuch an. 

Träume sind auch manchmal Gehilfen bei der Arbeit. Man findet im Traum 
die Lösung von Fragen, die man im wachen Zustand vergeblich zu lösen suchte. 
Die unbewusste Gehirntätigkeit findet das, was die bewusste Denkarbeit nicht leisten 
kennte. Dies ist kein regelmässiger Vorgang, tritt aber öfter eiu. Und endlich — 
die spärlichen Schreckbilder abgesehen — wieviel schöne Träume! 

Görard de Nerval behauptete sogar, das Leben sei ein Traum. Und da er 
den Verstand verloren hatte, war dieser falsche Prophet vielleicht sogar im Recht. 

M. Romain Romain Coolus, der Professor der Philosophie, behauptet: 
Das Problem des Traumes ist so verwickelt, dass es kaum möglich ist es zu erörtern, 
ohne die schwierigsten Fragen zu berühren. Träume sind Zusammenstellungen von 
Bildern, welche in keiner Weise durch die Einmischung des Willens verfälscht, 
sondern genau nach den Gesetzen unserer Vorstellungawelt geordnet sind. Sie 
ergeben deshalb als psychologische Notwendigkeit eine verschwommene Vorstellung 
des Weltalls und sind diesem dadurch in Wahrheit ähnlicher als in der bewussten 
Vorstellung. Aber die richtige Deutung dieser dunkeln Kunde wird 
uns noch lange, vielleicht für immer verborgen sein. 

Wir lassen ein neues Bild folgen: Pierre Loti's geheimnisvolle Hol- 
länderi nnen. 

Pierre Loti erwähnt, dass er in „Figures et choses qui passaient" einen 
Traum erzählt hat, in dem er ein unbekauntea junges Mädchen in einem ihm fremden 
Haus sieht. Einige Jahre später hörte er, dass sein Groesonkel in Guadeloupe ein 
Haus besass, das nach der Beschreibung mit dem Haus, von dem er geträumt hatte. 



Varia. 561 

identisch war, und dass dieser GrossoDkel eine Tochter hatte, die das genaue Eben- 
bild des jungen Mädchens war, von der er geträumt hatte. 

Ausserdem erzählte M. Pierre Loti, dass er häufle; von Gärten, Menschen 
und Räumen träumte, die er in Wirklichkeit nie gesehen hat. Das kann bei einem 
80 weit Gereisten wie Pierre Loti nicht wundernehmen! Wie sollte es nicht 
möglich sein, da98 sich unklare Erinnerungen an fremde Länder in der Wirrnis des 
Traumes zu unbekannten, in Wirklichkeit nicht existierenden Ländern verschmelzen? 
Zum Schluss noch ein häufig wiederkehrender Traum des bekannten Schrift- 
stellers: er sieht Frauen in holländischer Tracht, die sich, während er schläft, mit 
verstörter Miene über ihn beugen und mit einem kleinen Hammer sein Gesicht fast 
berühren, als ob sie ihn damit schlagen wollten ... Pierre Loti wacht auf und 
ist ganz verstört. Er kann den Sinn dieses Traumes nicht deuten. Der einzige 
Anhaltspunkt für diese Halluzination besteht seiner Ansicht nach darin, dass seine 
Vorfahren nach Aufhebung des Ediktes von Nantes in Holland lebten. 

Besonderes Interesse wird die Auskunft von Henry Bergson erregen: 
Ich bemerke Gegenstände, und es ist nichts da. Es ist, als ob Sachen und 
Personen wirklich vorhanden wären, während beim Erwachen alles verschwunden 
ist, Personen und Gegenstände. Welchen Grund hat das? Ist es wirklich wahr, 
dasa nichts da ist? Ist eine gewisse, wahrnehmbare Materie nicht unseren Augen 
sichtbar, sowohl während des Schlafes wie im wachen Zustand? 

Wenn man seine Aufmerksamkeit konzentriert, werden allmählich verschiedene 
Dinge sichtbar werden. Zuerst gewöhnlich ein dunkler Hintergrund. Auf diesem 
dunklen Hintergrund leuchtende Punkte, die kommen und gehen, auf- und nieder- 
steigen — oder auch farbige Flecke. Die Physiologen haben sich mit diesem 
leuchtenden Spiel beschäftigt ... .Spektral -Analyse" . . . »farbige Flecke" . . . 
„Phosphene" sind die Namen, die sie diesen Phänomenen gegeben haben. 

Aber es handelt sich hier nicht um die Erklärung dieses Phänomens oder um 
seine Bezeichnung. Es tritt bei jedermann in die Erscheinung und bildet die haupt- 
sächlichste Materie, den Stoff, aus dem sich unsere Träume zusammensetzen. 

Es gibt also wirklich und uns wahrnehmbar während des Schlafes visuelle 
Keime, welche das feine Gewebe unserer Träume spinnen. 

Was mag sonst noch dazu beitragen? Ausser der angezündeten Kerze in 
unserem Schlafzimmer werden noch andere visuelle Sensationen vorhanden sein . . . 
Gehörs -Sensationen . . . Gefühls -Sensationen. 

Aber alle diese Angaben sind doch nur das Material unserer Träume. Sie 
würden nicht fähig Bein, dieselben hervorzurufen. Was diesem Traum- Material 
Gestalt verleihen konnte, das sind unsere Erinnerungen. 

An diese einleitenden Worte knüpft nun Bergson eine längere Auseinander- 
setzung, die sich mit dem Einfluss der Erinnerung auf das Unbewusste beschäftigt. 
Von allen französischen Autoren hat der grosse Philosoph — wie vorauszusehen 
war — die beste Kenntnis von dem Wesen des Traumes: 

„Die Natur entwirft menschliche Körper nur in allgemeinen Umrissen. Allein, 
aus eigener Kraft wird sie nicht bis zum äussersten Punkt geheD. Seelen leben in 
der Welt der Gedanken. Unfähig selbst zu handeln schweben sie über Zeit und 
Raum. Unter den Körpern finden sich solche, die durch ihre Art, ihr Sehnen und 
Trachten mit einer oder der anderen Seele übereinstimmen. Und unter diesen Seelen 
gibt es wieder solche, die Bich mehr oder weniger in einem oder dem andern dieser 
Körper wiedererkennen werden. Der Körper, der nicht ganz lebensfähig aus den 
Händen der Natur hervorgeht, lehnt sich gegen die Seele auf, die ihm das voll- 
kommene Leben geben wird. Und die Seele, die den Körper ansieht und darin wie 



5C2 Varia. 

in einem Spiegel ihr eigenes Bild zu erkennen glaubt, wird durch dies Bild so an- 
gezogen und gefesselt, dass sie sich fallen lässt. Sie fällt, und dieser Starr ist das 
Leben. Erinnerungen, welche in die Dunkelheit des Unbewussten versenkt sind, 
gleichen diesen Seelen. Andererseits haben unsere nächtlichen Sensationen eine 
gewisse Ähnlichkeit mit diesen unfertigen Korpern. Die Sensation ist heiss, farbig, 
vibrierend, fast lebend, aber unbestimmt. Die Erinnerung ist vollständig, aber 
ätherisch und leblos. Die Sensation möchte eine Gestalt finden, nach der sie ihre 
unbestimmten Konturen formen kann; die Erinnerung würde gern eine Materie haben, 
um sich damit zu erfüllen, sich zu realisieren. Sie ziehen sich gegenseitig an, und 
dies Phantom einer Erinnerung verkörpert sich in der SenBiition, die zu Fleisch und 
Blut wird, sich zu einem Wesen entwickelt, das sein eigenes Leben lebt, nämlich 
einen Traum." 

Wir unterlassen es, aus diesem Traum materiale die verschiedensten Schlass- 
folgerungen zu ziehen. Eines ist betrübend. Die Franzosen leben in wissenschaft- 
licher Hinsicht auf einer Insel, zu der nur die letzten Wellen der grossen Stürme 
gelangen, welche sich jenseits der Insel abspielen. Theda Edelsheim. 



Offener Sprechsaal. 

Zar ich, den 18. April 1913. 
Sehr geehrter Herr Redaktor! 

Ich bitte Sie freundlich, folgende Mitteilung in Ihre Zeitschrift aufzunehmen 
um einen betreffs einer Arbeit von mir sich verbreitenden Irrtum aufzuklären. 

In letzter Zeit ist mir von verschiedener Seite, zuletzt offiziell von Herrn 
Wexberg, Sekretär der Vereinigung für freie psychoanalytische Forschung, mit- 
geteilt worden, dass in Wien im Kreise des Herrn Dr. Adler angenommen wird 
meine im Jahrbuch für psychoanalytisch Forschung (IV. Bd. II. Hälfte) erschienene 
Arbeit „Über die Traumfunktion" sei die Entwicklung von Gedanken, welche 
Dr. Adler vor mir veröffentlicht habe. — „Wir hielten es nicht für angängig, den 
Angriff gegen Sie, der in unserem Kreise erfolgt ist, Ihrem Wissen zu entziehen 
etc." heisst es in diesem offiziellen Briefe, in welchem mir das .Plagiat" unter 
geschoben wird. 

Zuerst muss betont werden, dass tatsächlich eine ausgesprochene Überein- 
stimmung zwischen der Adler'schen Auffassung der vorausdenkenden Funk- 
tion des Traumes und der meinigen des Vorübungswertes des Tranmea besteht. 
Ich verdanke dem Sekretär obiger Vereinigung eine übersichtliche Parallele der ein- 
schlägigen Stellen in den Arbeiten beider Autoren, welche in dieser Hinsicht sehr 
überzeugend wirkt. — Zweitens stimme ich den „Augreifenden" bei, wenn sie be- 
haupten, dass meine angeführte Arbeit (im Jahrbuch) lange Zeit nach dem Buche 
Dr. Adler's erschienen sei. Dr. Adler's Buch „Über den nervösen Charakter", 
welches die Hauptstellen über die Traumfunktion enthält, erschien im Mai 1912, 
während mein Aufsatz erst im Februar 1918 veröffentlicht wurde. Es steht auch 
fest, dass Dr. Adler im Jahre 1911 eine Bemerkung über die Traumfunktion in 
einer Fussnote seines Aufsatzes: »Beitrag zur Lehre vom Widerstand" geschrieben 
hat, welche mir allerdings damals entging. Dieser Aufsatz ist in der 4. Lieferung 
des Zentralblattes (I. Jahrgang) erschienen, ich schätze das Datum des Heftes auf 
März 1911, da dieses die Sitzungsprotokolle der Psych. Vereinigung bis Ende Januar 



-l 



Varia. 563 

enthält. . . . Jetzt gehe ich zur Geschichte der Entstehung des Gedankens der Traum- 
funktion bei mir selbst über. Im Jahre 1908 tauchte in mir bei der Analyse einer 
dazu besonders günstigen Reihe von Träumen des gleichen Menschen der Gedanke 
auf, dass sich in Träumen manchmal die Lösung eines bestehenden Konfliktes vor- 
bereitet. Im folgenden Jahre deutete ich diesen Gedanken in einem Aufsatze : ,üne 
voie nouvelle en Psychologie, Coenobinm, Milan - Lugano 1909 an, und zwar in der 
Darstellung eines Traumes dieser Serie. (In meiner von Dr. Adler inkriminierten 
Jahrbucbsarbeit ist ein zweiter Traum derselben Serie verwertet worden, nämlich 
der Traum des Knochenbrucbs.) Im Jahre 1910 erschien ein Autoreferat dieser 
französischen Broschüre im Jahrbuch für Psych. (II. Band, I. Hälfte), in welchem 
ich mich folgendermassen ausdruckte: „Der Traum steht in innigem Zusammen- 
hang mit dem aktuellen Konflikte des Individuums, er gibt eine Lösung 
des Unbewussten, welche später häufig angenommen wird und zur Ver- 
wirklichung gelangt/ Der Hauptgedanke einer vorübenden Trauraf unktion 
war also in aller Klarheit in einer Dr. Adler zur Verfügung stehenden Publikation, 
ein Jahr vor seiner ersten Notiz im Zentralblatt formuliert. In diesem Jahre (1910) 
wurde mir die Parallele zwischen der Spielfunktion Groos und dieser Traumfunktion 
klar; ich setzte sie mündlich im Herbste Herrn Prof. Claparede in Genf aus- 
einander und fand seine Zustimmung. Im März 1911 korrespondierte ich darüber 
mit Herrn Professor Freud und machte mich an die Redaktion der Arbeit, welche 
im Mai 1911 in der, von der Publikation her bekannten Form in der Zürcherischen 
Vereinigung für Psych, vorgetragen wurde. In der Diskussion fand ich ebenfalls 
die Zustimmung der Herren Jung. Riklin etc. Die Arbeit liess ich bis zum 
Herbste liegen, verwertete sie für die wissenschaftliche Herbstsitzung des Vereins 
Schweizerischer Irrenärzte. (Ein Autoreferat ist im Jahresbericht obiger Gesellschaft 
erschienen, siehe auch Zentralblatt für Psych. II. Jahrg. S. 240.) Im Dezember 
1911 wurde das Manuskript an Herrn Dr. Jung (Redaktion des Jahrbuches für 
Psych.) zugeschickt, es konnte aber wegen Platzmangel nicht sofort aufgenommen 
werden und blieb eia ganzes Jahr in den Händen von Herrn Dr. Jung. Die 
definitive Redaktion der Arbeit war also 6 Monate vor Erscheinen des A d 1 e r'schen 
Werkes (Mai 1912) vollendet. Eine Zusammenfassung der Traumfunktion habe ich 
auch in einem französischen Aufsatze (Annee psychologique 1912) gegeben, welcher 
Ende Februar 1912 nach Paris an die Redaktion der Zeitschrift abgeschickt wurde. 

Ich glaube, dass die obigen kontrollierbaren Daten einen jeden von der völligen 
Unabhängigkeit der Entwicklung meiner Auffassung überzeugen werden. 

Wenn ich eine persönliche Frage so öffentlich behandeln muss, ist es nicht, 
um Prioritätsansprüche zu erheben, sonst hätte ich es sofort nach Kenntnis des 
Adle r'schen Werkes getan; es ist vielmehr geschehen, um mich gegen einen 
wiederholten öffentlichen Angriff zu wehren, welcher mich in ew Macke* m, 
richtiges Licht stellen will; ferner aber, um die Psychoanalytiker auf *»*^f* 
noch zu wenig beachtete Seite der Betrachtung Wf*** *"*Z2*2E£ 
8 am zu machen, welche in der nächsten Zeit eine breitere Behandlung und Erweiterung 

erfahren wird. 

Ich danke Ihnen, verehrter Herr Redaktor, für Ihre bereitwilhge^ufnahme 

und zeichne hochachtungsvoll 



564 



Offener Sprechaaal. 



Erwiderung. 

Herrn Dr. Mae der habe ich nach seinem Vortrag im Züricher Kongress des 
„internationalen Vereines für Psychotherapie und medizinische Psychologie" (Sep- 
tember 1912) öffentlich auf meine Priorität hingewiesen. In nicht misszuverstehender 
Weise. Herr Dr. Maeder hat, ohne auf diesen Angriff zu antworten, seine Arbeit 
«a. ein halbes Jahr nachher erscheinen lassen, auch diesmal, ohne eine Klärung zu 
versuchen. Ich hatte nur meine Pflicht getan, als ich zu verhindern suchte, dass 
meine Anschauungen über das „Finale' im neurotischen Seelenleben, über die Be- 
deutung des Minderwertigkeitsgefühls, über die „Kompensation desselben und ihre 
Vorbereitung", „über die Unsicherheit der Gesclilechtsrolle", über die „vorbereitende 
Funktion des Traumdenkens" verwässert, auseinaudergerisseu und in vielen Punkten 
missverständlich dargestellt würden. Ich hatte einer wissenschaftlichen Aufgabe ge- 
nügt, wenn ich dagegen auftrat, alß und so oft man versuchte, eine überwundene, 
wenn auch historisch notwendig gewesene und ergiebige Theorie der Neurosen mit 
den Ergebnissen meiner Richtung zu galvanisieren. So war es im selben Masse 
meine wissenschaftliche Pflicht geworden, die aus meinen Arbeiten sich ergebenden 
Anschauungen von den als überwunden erkannten zu trennen, wie es sich für Mae der 
als nötig erwies, meine Forschungen wie ein „Gemeingut* anzusehen, und die Unter- 
schiede zu verkleinern. Dieser letzteren Taktik ist Herr Dr. Maeder zum Opfer 
gefallen, wenn er will, im Dienste einer -wissenschaftlichen Aufgabe. 

Da Herr Dr. Maeder auf meinen Hinweis in Zürich geschwiegen hat, war 
der Fall für mich erledigt. Auch seine, wie es scheint, durch diesen Vorfall nicht 
veränderte Arbeit hat demnach für mich keinen Grund zur Wiederaufnahme eines 
persönlichen Angriffs bilden können. Wohl aber konnten andere aus dieser allgemein 
zugänglichen Veröffentlichung die Anlehnung Dr. Maeder's an meine Arbeiten er- 
sehen, und sie haben aus eigener Initiative Herrn Dr. Maeder ihren unumstöß- 
lichen Eindruck bekannt gegeben. Dies der Anlass zu Herrn Dr. Maeder's obigen 
Brief. Ich habe aber nicht Herrn Dr. Maeder, sondern dem Leserkreis dieses 
Blattes zu antworten. 

Denn die obige Darstellung ist, abgesehen von dem bereits geschilderten Sach- 
verbalt zur wirklichen Orientierung recht ungeeignet, soferne jemand noch diese 
Orientierung braucht. Die Tatsachen, die Herr Dr. Maeder anführt, berühren 
meine Rechte in keinem Punkte. Herr Dr. Maeder versucht in der erdrückenden 
Fülle von „Parallelen* und „ausgesprochenen Übereinstimmungen* in einem Satze 
eines Autoreferates einen Halt zu gewinnen, das von seiner Arbeit als von einem 
„Allgemein orientierenden Aufsatz über die Freud'sche Psychologie* spricht. Dort 
also vermeint Herr Dr. Maeder schon meine Traumtheorie untergebracht zu haben. 
In diesem retrospektiv hervorgehobenen Satz aber hat Herr Dr. Maeder 
nichts gesagt, was nicht vorher von anderen Autoren deutlicher und besser gesagt 
worden wäre. Von einer Aggression des Tr a-umden kens aber im Sinne 
einer Vorbereitung findet sich loider an jener Stelle nichts. Folgende Gegen- 
überstellung gibt ein anschauliches Bild: 



Maeder: 



Freud z. B.: 



1910: „Der Traum., 
gibt eine Lö- 
sung des Un- 
bewu ssten, 
welche später 
häufig angenora- 



,Der Traum . . 
entspricht . . . 
einem Vorsatze 
... Er wird 
darum jede 
Nacht wieder- 



Adler: 



1908: („Aggressionstrieb*, Fortschritte der Me- 
dizin). „Ebenso geht dem Schmerzanfall vor- 
aus oder folgt ihm nach ein Aggressions- 
traum mit oder ohne Angst." 

1909 (Jahrbuch): „Aus diesen Affektlagen . . . 
überragt bald das Ausweichen vor Verlet- 



Offener Sprechsaal. 



565 



Maeder: 



Freud z. B.: 



Adler: 



men wird und zur 

Verwirklichung 

gelangt." 

1913: „Viele Träu- 
me... suchen und 
geben Lösungs- 
versuche.." 

1913: „Ankündigen- 
de und nachhin- 
kende Träume." 



der 



er- 



holt , bis 
Vorsatz 
füllt ist . . ." 
(Bruchstück 
einer Hy-ana- 
lyse.) 



Zentrmiblatt für Psychoanalyse. III 'V 



zungen der Empfindlichkeit, bald das ag- 
gressive Vorbauen oder Vorschauen." 
910 (Fortschr.d. Med. „Psych. Hermaphrod."): 
.... jeder Traum zeigt uns bei seiner Ana- 
lyse die Tendenz, von der weiblichen zur 
männlichen Linie abzurücken"; ferner: 
,Jederenuretische Traum zeigt den 
Versuch ..., sich wie ein Mann zu ge- 
bärden.* 

1907 (Studie u. Minderwertigkeit von Organen) : 
Zahlreiche Hinweise auf die angestrengte 
psychische Kompensation und auf die Aus- 
bildung des halluzinatorischen Charakters. 
Desgleichen in fast allen folgenden Arbeiten. 

1910 Oktober (Ztrbl. f. Psychoanalyse): H. I 
u. II, S. 26 u. 27. Deutung eines Traumes. 
Zum Schluss: „er sichert sich dieses 
Gefühl der männlichen Überlegen- 
heit (sc. im Traum) ganz wie in der 
kindlichen pathogenen Situation 
— durch Schmerzen." Daselbst zahl- 
reiche weitere Belege. 

Heft 3, S. 123: (Kritik einer Arbeit und von 
Traumanalysen Jung's). „Durch allerlei 
WinkelzUge sucht es sich zu sichern, 
. . . Wie, wenn man das Genitale beseitigen 
. . . obenauf reiten könnte? Kurz, wie macht 
man aus einem Mädchen einen Mann?" 
(Traunianalysen.) 

Heft 4, S. 178: Die Deutung (des Traumes) 
ergab Gedankengänge bezüglich eiues 2. Kin- 
des, vor denen sie .... in die männliche 
Rolle flüchtet. Identisch ... die Angst (im 
Traum und in der Neurose). — 1910 habe 
ich diesen Vorgang als „Arrangement" im 
Traume zuerst beschrieben. 

Heft 5/6, S. 215: „Dieses Vorausdenken, Vor- 
empfinden mit anschliessender Sicherungs- 
tendenz ist eine Hauptfunktion des 
Traumes und bildet unter anderem die 
Grundlage telepathisch und prophetisch 
scheinender Begebnisse, . . . Der Dichter Si- 
monides wurde eiust von einem Toten im 
Traume vor einer Seereise gewarnt. Wir 
dürfen wohl annehmen, dass der berühmte 
Dichter, der sich im Traume gegen die Reise 
„scharf gemacht hat, wohl auch ohne 
Traum und ohne Warnung zuhause geblieben 
wäre.* 

38 



566 



Offener Sprechsaal. 



Maeder: 


Freud z. B.: 


Adler: 






Heft 9 (Juli 1911) 8. 406: .Die Deutung (des 
Traumes) ergibt als Versuch des Vor- 
ausdenkens im Traum Gedauken über 
den Erwerb einer Lues* . . . 



In diese festgefügte Entwicklung von Grundanschauungen, die von 1907 bis 
1911 lückenlos vorliegt, die ich mit herausgerissenen Sätzen in ihrer Abrundung 
kaum andeuten kann, aus denen meine Traumtheorie sich mühelos von selbst er- 
geben hat, fällt ein Satz Dr. Maeder's, von dessen Bedeutungslosigkeit ich gezeigt 
habe, dass er nichts Neues brachte und ursprünglich nuch nichts Neues bringen 
wollte. Ich bin auch heute nicht mehr, wie Herr Dr. Maeder, in der Lage „auf- 
merksam zu machen" und eine .breitere Behandlung und Erweiterung" in Aussicht 
zu stellen, weil mein Hauptwerk „Über den nervösen Churakter" seit mehr als 
einem Jahre gedruckt vorliegt, dessen Grundlinien bereits in meiner .Studie über 
Minderwertigkeit von Organen" (1907) deutlich genug hervorgehoben sind. 

Wer Dr. Maeder's wissenschaftliche Entwicklung der Traumtheorie an der 
meinen wird messen wollen, wird diese Tatsachen nicht übersehen dürfen. Dass 
aber Herr Dr. Maeder vielfach nur meinen Worten und durchaus nicht dem Sinn 
meiner Traumtheorie nahe gekommen ist, soll folgende kleine Gegenüberstellung lehren : 



Maeder, Jahrbuch, er- 
schienen 1913 



S. 696: .Die Psychoanalyse 
zeigt, dnss die einzelnen 
Träume einer bestimmten 
Periode häufig nur Varia- 
tionen desselben Mo- 
tivs sind und eine be- 
stimmte egozentrische 
Lösung des Konfliktes in 
verhüllter Form enthalten." 

S. 699: „Die ankündigenden 
Träume . . . entsprechen ganz 
und gar den Träumen der 
Gesunden, bei denen wir 
eine vorbereitende Funktion, 
eine Vorübung des Ent- 
schlusses und Handelns er- 
kannt haben." 

S. 700: .Viele Träume verhal- 
ten sich wie Vorübungen, 
Vorbereitungen für 
die spätere Wachtätigkeit; 
sie suchen und geben 
Lösungsversuche der 
bestehenden, aktuellen Kon- 
flikte. . . . Eine ähnliche bio- 



Adler, Über den nervösen Charakter, 
Mai 1912. 



S. 54: „Wiederholte Träume ähnlichen Inhalts zeigen 
die fiktive Leitlinie am deutlichsten ... Die mehr- 
fachen Träume einer Nacht weisen auf den Ver- 
such einer mehrfachen Lösung hin." 

S. 156: „Ganz kurz will ich erwähnen, dass die 
Vielheit von Träumen in einer Nacht sich 
daraus erklärt, dass mehr fache Versuche des 
Vorausdenkens, der probeweisen Lösung des 
Problems unternommen wurden. 

Zentralbl. f. Psychoanalyse I, 1911, 8. 215, Fussnote: 
„Dieses Vorausdenken, Vorempfinden mit an- 
schliessender Sicherungstendenz ist eine Haupt- 
funktion des Traumes etc. (s. oben). 

Über den nervösen Charakter, 1912, S. 54: 
„Der Traum ist eine skizzenhafte Spiegelung von 
psychischen Attitüden und deutet für den Unter- 
sucher die charakteristische Art an, wie der Träumer 
zu einem bevorstehenden Problem Stel- 
lung nimmt. . . . gibt immer nur Versuche des 
Vorausdenkens, probeweise Vorbereitungen einer 
Aggres8ion88tellung . . . 

S. 56: ... viele seiner (sc. des Kindes) für die Zu- 
kunft bestimmten Bereitschaften werden antici- 
pando in spielerischer Weise . . . wachend oder 
halluzinatorisch im Traume probeweise geübt. 



Offener Sprechsaal. 



567 



Maeder, Jahrbuch, er- 
schienen 1913. 



Adler, Über den nervösen Charakter, 
Mai 1912. 



logische Funktion ist uns 
gut bekannt, wir meinen 
diejenige des Spieles.* 

L'Ajinee psycbologique 
Tome XVJ1I. 

S 416: Les rßves renseignent 
l'analyste snr l'attitude de 
l'inconscient ä l'egard des 
conflits, snr sa tendance en 
face d'un probleme. Les 
Solutions du rftve me sem- 
blent etre d'autant plus uti- 
les au sujet que ce dernier 
se rapproche d'avantage du 
normal ... Si les reves 
peuvent dövelopper une 
fonctionpröliminaire, 
ponr r^soudre un conflit, 
une fonction d'exercice 
pre*paratoire, comment 
se fait-il, qu'ils agisseut 
inconsciemment? ... Une 
tendance inconsciente se 
manifesteren reve qui Unit 
par influencer le „moi* et 
lui impose une Solution d& 
terminöe. — Cette concep- 
tion de la fonction du reve 
präsente un caractere teleo- 
logique. — 

S. 417: ibidem. „Je pense 
que l'on peut . . . dire que le 
rßve et la röverie, l'imagi- 
nalion, sont pour l'adulte 
la continuation et la 
compensation du jeu 
de l'enfant. 



Jch sehe keinen Anlass, 
Wien, am 10. Juni 1913. 



S. 27 : „Von der (sc. niedrigen) Selbsteinschätaung 
des Kindes ... bis zur vollen Entwicklung der 

neurotischen Technik .... treten Phänomene 

hervor, die im Sinne Gross' als Einübung, in 
uuserem Sinne als Vorbereitung für den 
fiktiven Endzweck aufzufassen sind." 

S. 119: „Die Halluzination, somit auch der Traum 
sind gleich anderen Vorvereuchen der Psyche da- 
zu bestimmt, den Weg ausfindig zu machen, der 
zur Erhöhung und Erhaltung des Persönlichkeits- 
gefühls nötig ist. In ihr spiegeln sich das Zu- 
trauen, die Hoffnungen oder Befürchtungen des 
Patienten." — 

S. 171 : Ich muss . . . bemerken, dass ich ... den 
Traum ... als Spiegelung eines abstrahierenden, 
simplifizierenden Versuches auffasse, aus einer mit 
einer Niederlage drohenden Situation durch Vor- 
auadenken und Ausprobung der Schwierigkeiten . . . 
einen sichernden Ausweg für das Persönlichkeits- 
gefühl zu finden* , ). 

S. 175: „Der Traum, dies ist der Inhalt meiner Be- 
obachtungen, drängt stets auf Sicherung und hat 
demnach die Funktion des Voraus'denkena." — 

S. 54 : ... diese . . . Tatsachen zeigen uns das Wesen 
des Traumes als einer Fiktion, in der sich die Vor- 
verauche und Proben verdeutlichen, durch welche 
die Vorsicht zur Beherrschung einer Situation in 
der Zukunft gelangen will "... 

S. 73: „So zeigt der Traum dem Patienten den Aus- 
weg, sich" vor der Heilung zu schützen." ... 

S. 86: „Dieser Traum zeigt uns den Versuch der 
Patienten, in Gedanken weiteren Versuchen vor- 
zubeugen.* . . . 

S. 109 : . . . „probeweise arrangierte Traumsituationen. * 

S. 120: ... „der Sinn ... ist das Vorausdeuten in 
die Richtung einer zu erwartenden Gefahr..." 

S. 127: „In einem Traum, einem Vorversuch also 
einem probeweisen Anschlag, kommt diese Ricb- 
tungslinie ... zu stärkerem Ausdruck." 

S. 130: „In diesem Traume nimmt er probeweise 
einen Vergleich vor, ob er ..." 

S. 142: „Dieser erste Traum ... beginnt also mit 
Erwägungen über ..." 

in eine „Teilung des Kindes* einzuwilligen. 

Dr. Alfred Adler. 



i) Näheres in einem 1912 gehaltenen Vortrag: „Traum und Traumdeutung" 
der im nächsten Heft dieser Zeitschrift zum Abdruck gelangen soll. 



k^ 



gg5 Redaktionelle Mitteilungen. 

Redaktionelle Mitteilungen. 

Auf verschiedene Anfragen erteilen wir nachfolgende Antwort: es ist nicht 
richtig, dass das Zentralblatt mit dem Schlüsse dieses Jahrganges sein Erscheinen 
einstellt. Im Gegenteil ! Die Vorbereitungen für den nächsten Jahrgang sind schon 
getroffen. Auch findet keine Änderung in unserer Haltung statt. Zahlreiche Briefe 
aus Ärztekreisen haben die Tatsache konstatiert, dass unsere Zeitschrift nur- ge- 
wonnen hat und den Lesern viele neue Anregungen und neue Gesichtspunkte bringt. 
„Neue Gesichtspunkte in die Psychoanalyse zu bringen", schrieb uns ein warmer, 
praktisch sich betätigender Anhänger der Psychoanalyse, „ist jetzt die Aufgabe aller 
Forscher. So wollen wir auf der beschrittenen Bahn fortschreiten. Nach wie vor 
soll unser Grundsatz „Strenge Selbstkritik und vollste Objektivität" lauten." 



Wir mussten davon absehen, die Hefte nach Materien zu ordnen. Die Autoren 
wollten nicht so lange warten und verlangten aus leicht begreiflichen Gründen 
rasches Erscheinen. Andere sind mit ihren Arbeiten noch nicht fertig und baten 
um Prolongation des Erscheinungsterinines. Wir lassen daher die eingelaufenen 
Arbeiten in verschiedenen Heften erscheinen. 



Von Dr. Wilhelm Stekel sind zwei neue populäre Schriften erschienen. 
„Dos nervöse Herz", in dem von ihm herausgegebenen „Hygienischen Zeit- und 
Streitfragen", Verlag der Hofbuchhandlung Paul Knoplor, Wien, und „Das Hebe Ieh" 
ein Grundriss einer neuen Diätetik der Seele, im Verlage von Otto Salle in Berlin. 
„Das liebe Ich" ist eine Sammlung der in den letzten zwei Jahren entstandenen 
Essays über Psychoanalyse und Psychologie. Es enthält auch eine Sammlung von 
Aphorismen, die bisher nicht publiziert wurden und dio der Autor „Rund um die 
Psychoanalyse" genannt hat. Beide Arbeiten dürften nicht nur den Laien, sondern 
auch den praktischen Analytiker sehr inteiebsieren. 



Wir bitten unsere Mitarbeiter um Geduld. Es ist sehr unangenehm, lange 
auf die Publikation einer fertiggestellten Arbeit zu warten. Aber die Wahl der zu 
erscheinenden Arbeiten kann sich nicht nur nach dem Einreichungstermin richten. 



Alle Sendungen für daR Zentralblatt sind bis zum 15. September nach Bad 
Ischl ( Kaltenbachstrasse 26) zu senden. 



Originalarbeiten. 



i. 

Psychotherapie und die Philosophie Schopenhauers. 

Von Dr. Otto Juliusburger, Steglitz. 

Mob i US hat in seinem 1899 erschienenen, höchst bedeutsamen Buche 
über Schopenhauer, dessen treuer Verehrer er sich nennt, und dessen über- 
ragendem Genius er trotz aller sachlichen Kritik seine Huldigung dar- 
bringt, den Versuch gemacht, auch vom Standpunkte des Seelenarztes in 
das Innere der Eigenart und Wesenheit Schopenhauers einzudringen. 
Möbius sagt: „Wenn wir das Leben Schopenhauers überblicken, so 
treffen wir vier Zeiten starker Verdüsterung oder anhaltender Depression. 
Erstens die Zeit nach dem Tode des Vaters 1805, zweitens die Zeit, in 
der er seine Dissertation schrieb, 1813, drittens die Zeit in München 
1823, viertens das erste Jahr in Frankfurt 1831/32." Möbius weist dann 
noch auf einige Ausführungen von G w i n n e r hin, wonach Schopenhauer, 
wenigstens vorübergehend, an Angstzuständen und Zwangsvorstellungen ge- 
litten haben könnte. — Ich glaube nicht, dass wir genügend gesicherte 
Mitteilungen besitzen, aus denen wir schliessen könnten, dass Schopenhauer 
etwa an wiederholten Anfällen einer echten melancholischen Gemütskrank- 
heit gelitten habe. Auch dürften die in den Aufzeichnungen von Gwinner 
mitgeteilten Angstzustände sicherlich keine bleibende und nachhaltige Rolle 
im Seelenleben Schopenhauers gespielt haben. Aber selbst, wenn wir 
wirklich annehmen müssten, dass Schopenhauer zu verschiedenen Zeiten 
seines Lebens von einer echten Melancholie heimgesucht war, so dürfte 
jede weitere Erörterung darüber überflüssig sein, ob Schopenhauer, wie 
dies von anderer Seite in völlig haltloser Weise behauptet wurde, als 
Geisteskranker anzusehen wäre. Die geniale und unsterbliche Leistung 
unseres Philosophen, sein Jahrhunderte überdauerndes Lebenswerk, ist 
■die Frucht eines im innersten Gefüge einzigartig angelegten Menschen, an 
dessen Wurzel nicht der Nagewurm einer heimtückischen Krankheit frass. 

Wohl aber verlohnt es sich, den Triebkräften im Seelenleben unseres 
Philosophen nachzugehen, die dank einer genialen Veranlagung zu herr- 
licher Entfaltung und fruchtbringender Betätigung gelangten, während sie 
in den Persönlichkeiten, denen ein schöpferisches Tun versagt bleibt, 
in vergeblichen Mühen und nutzlosen Arbeiten sich kund tun. 

In dem Vortrage 1 ), den ich auf der ersten Tagung der Schopen- 
hauer-Gesellschaft gehalten habe, zeigte ich, wie unser Philosoph die Be- 

l) Allgemeine Zeitschrift für Psychiatrie 1912. 
Zentralblatt für Psyehoanaly»«. III u . 89