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Full text of "Zentralblatt für Psychoanalyse. Medizinische Monatsschrift für Seelenkunde. III. Jahrgang 1913 Heft 3"

Herr Professor Dr. Sigm. Freud ist von der Herausgeberschaft dieses 

Blattes zurückgetreten. 



Originalarbeiten. 



Reflcxhalluzination und Symbolik. 

Von Dr. H. Borsuhach, Münsterlingen. 

Bei einer Untersuchung über Reflexhalluzinationen, die nächstens 1 ) 
publiziert werden soll, sind mir verschiedene auf psychoanalytische Mecha- 
nismen, besonders auf die Symbolik sich beziehende Tatsachen aufgefallen, 
die hier zusammengefasst seien. 

Besonders kommen in Betracht die optisch-kinästhetischen 
und die kinästhetisch-optischen Reflexhalluzinationen, die ich 
als „syn kinetische Halluzinationen" zusammenzufassen ver- 
suchte. Zunächst zwei Beispiele: 

Beispiel 1. Eine Schizophrene, die wegen eines akuten katatonen 
Schubes in die Anstalt kam, gab an : Manchmal, wenn eine Nebenpatientin 
den Boden kehrte, spürte sie deren Bewegungen in den eigenen Gelenken; 
eine halluzinatorische Bewegungsempfindung, geweckt durch die optische 
Wahrnehmung einer analogen Fremdbewegung, eine zu halluzinatorischer 
Intensität gesteigerte Mitbewegungsempfindung. 

Beispiel 2. Eine Schizophrene, ausgesprochene Dementia paranoides, 
die infolge eines Klappenfehlers viel an Tachykardieanfällen leidet, hallu- 
ziniert zuweilen, wenn die Anfälle einsetzen, über ihrer Zimmertüre- Räder, 
die durch Transmissionsriemen mit ihrem Herzen, dem „Herzrädchen", 
in Verbindung stehen; ein kinästhetisch-optischer Vorgang. 

Im ersten Beispiel wird eine der Sukzession optischer Eindrücke 
parallel gehende kinästhetische halluzinatorische Sukzession geweckt, im 
zweiten weckt die wahrgenommene kinästhetische Sukzession eine halluzi- 
natorisch-optische, das sich drehende Rad. In beiden Fällen ist es ein 
Bewegungsmoment, das die optischen und die kinästhetischen Bestand- 
teile der Gebilde verbindet, daher wählte ich die Bezeichnung „synki- 
netisch". 

Es erwies sich nun, dass besonders solche optische Ein- 
drücke Reflexhalluzinationen auslösen, die geeignet 
sind, als Symbole verwendet zu werden. 

Beispiel 3. Eine Schizophrene, Dementia paranoides, sieht zuweilen 
in der Luft kleine „Messerchen" herumwirbeln, offenbar illusorisch ver- 



J) Erscheint ungefähr gleichzeitig in der .Zeitschr. f. d. ges. Neuro!, n. Psych." 

Zt-utr/Ublatt für Psychoanalyse. III*. 9 

INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




122 Dr. H. Rorschach, 

änderte Mouches volantes. Sobald die Messerchen auftauchen, fühlt sie 
ein heftiges Schneiden in den Geschlechtsteilen. Ein Wärter, in den sie 
verhebt ist und den sie in sich verliebt glaubt, „verfolgt" sie mit diesen 
„Messerchen". 

Beispiel 4. Die Patientin, von der auch Beispiel 1 stammt, erblickt 
eine auf meinem Tisch liegende Schreibfeder und fühlt sich sofort mit 
dieser Feder in den „Unterleib" gestochen. 

Beispiel 5. Ein Schizophrene, Dementia paranoides, fühlt sich oft in 
die Gestalten eines illustrierten Buches, das er gerade ansieht, verwandelt, 
auch in abgebildete Tiere, sogar in grosse Titelbuchstaben; er fühlt diese 
Verwandlungen jeweils sehr genau: Heflexhalluzinationen der Kinästhetik 
und des Allgemeingefühls. Gelegentlich erzählt er, wenn er auf die über 
seinem Bett angebrachte Glühlampe blicke — eine in ein kugeliges Glas- 
gehäuse eingefügte, gewöhnliche Glühbirne — , so fühle er sich plötzlich 
zusammengezogen, verkleinert und starr, glühend und in die Lampe hinauf- 
gezogen, dann sei er selber „in den elektrischen Draht verwandelt". 
Nach der Bedeutung dieses sonderbaren Erlebnisses befragt, gibt er un- 
willig die Antwort: „Es ist ja doch so klar: die Kugel (das Schutzgehäuse) 
ist das Weibliche und die Birne mit dem Draht ist halt das Männliche. 
Jetzt werden Sie es ja wohl verstehen, was es bedeutet, wenn ich (als 
elektrischer Draht in der Kugel bin." Die Halluzination ist also das 
symbolische Erleben eines Geschlechtsaktes; gleichzeitig bedeutet sie eine 
Mutterleibsphantasie: In dem weitschichtigen Wahnsystem des Patienten 
kommt nämlich eine besondere Kugeltheorie vor; es handelt sich um einen 
„Kugelkreislauf der Welt": Das Weib bekommt eine Kugel in den Leib, 
die sie zu einer gewissen Zeit hergeben muss, dann bekommt ein anderes 
Weib die Kugel. Jedesmal, wenn ein Weib seine Kugel hergeben muss, 
sagt man, es sei ein Mensch geboren. 

Die Wahrnehmung der optischen Eindrücke an sich ist meist völlig 
korrekt; die Schreibfehler, die Glühlampe werden korrekt wahrgenommen, 
nur die Mouches volantes sind illusorisch verändert. Gleichzeitig aber 
werden durch denselben optischen Eindruck bedeutungsvolle Halluzi- 
nationen wachgerufen: Stechen, Schneiden im Unterleib, das Gefühl, ver- 
kleinert, starr und glühend zu werden. Dadurch erscheinen Feder, Messer, 
Lampe als S y m b o 1 e. Der optische Eindruck wird sozusagen gleichzeitig 
von zwei psychischen Potenzen assimiliert, vom Intellekt und von der 
halluzinatorischen Disposition, vom Wach- und Traum bewusstsein, vom 
gewöhnlichen und vom schizophrenen Denken. Die Affektivität aber hält 
bei den Patienten die schizophrenen Territorien besetzt; zur beherrschenden 
Wahrnehmung wird deshalb nicht der gewöhnliche optische Eindruck, son- 
dern die begleitende Heflexhalluzination. 

Es fragt sich nun nur: Wird ein bestimmter optischer Eindruck zu 
einer derartigen Halluzination verwendet, weil er zuvor schon als sym- 
bolisch verwendbar bekannt ist, oder wird er zum Symbol, weil er diese 
Halluzination erzeugt? 

Dies kann nicht so allgemeingültig entschieden werden. Es wird 
dabei wohl der Halluzinationstypus des betreffenden Individuums in Be- 
tracht zu ziehen sein. Wahrscheinlich wird für einen hauptsächlich kin- 
ästhetisch und Körperempfindungen halluzinierenden Patienten ein solcher 
optischer Gegenstand zum Symbol werden können, dessen gesehene Be- 



Reflexhallurination und Symbolik. 123 

wegungen gewisse Motive gemeinsam haben mit bestimmten, die stark 
besetzten Komplexvorstellungen betreffenden Eigenbewegungen. (Anderer- 
seits lässt sich oft auch die andere Möglichkeit nicht ausschliessen : die 
Symbolwahl beruht auf optischer Ähnlichkeit, und das Symbol wird bereits 
als solches zu der kinästhetischen Halluzination verwendet.) 

Besonders lebhafte Mechanismen dieser Art werden sich bei Patienten 
finden, die sowohl stark zu Halluzinationen der Kinästhetik und der 
Körperempfindungen, als auch zu optischen Halluzinationen neigen. Dies 
trifft besonders bei den Patienten, von denen die Beispiele 1, 2, 3 und 6 
stammen, in hohem Grade zu. 

Das Beispiel 1 bedarf noch einer Erläuterung. Auch hier drückt 
sich in dem Umstand, dass eben die Bewegung des Bodenkehrens Anlass 
zu der Halluzination gab, eine bestimmte Wahl des optischen Eindruckes 
aus. Warum konnte eben diese gesehene Fremdbewegung eine zu hallu- 
zinatorischer Intensität verstärkte Mitbewegungsempfindung zur Folge 
haben? Die Patientin, ein sehr feinfühliges Mädchen, litt schwer 
unter verschiedenen Komplexen. Der katatone Anfall war ausgebrochen, 
als ein junger Mann, auf den sie Absichten hatte, sich mit einer 
ihrer Freundinnen verlobte. Als der akuteste Zustand, während dessen 
lebhafte motorische Erregung mit stundenlangen kataleptischen Zuständen 
abwechselte, vorüber war, kam die Kranke zur Analyse. Es waren auch 
jetzt noch deutliche katatone Symptome, Sperrungen aller Art, Impulse, 
Negativismen, katatone Stellungen vorhanden; aus dieser Zeit stammen 
auch die angeführten Beispiele. — Zu der Gelenkempfindung nun, die 
sie hatte, als sie eine Nebenpatientin den Boden kehren sah, wusste sie 
nichts zu erwähnen; dagegen kam vorerst ein anderes Symptom zur Deu- 
tung: Die Patientin hielt lange Zeit, auch noch während der analytischen 
Sitzungen, die Beine in starrer, katatoner Stellung, die Füsse dicht neben- 
einander gestellt; sowie sie die Beine etwas bewegen, einen Fuss vor den 
andern schieben, gehen musste, überfiel sie die Angst, sie tue etwas Un- 
rechtes. Die Analyse ergab, dass diese Angst, die Beine zu bewegen, in 
einem Kindheitserlebnis begründet war: Ein roher Mann hatte dem Mäd- 
chen einst zugerufen: „Hoch das Bein, die Liebe winkt!" Das hatte sie 
damals geängstigt, und sie hatte dem Erlebnis lange nachgedacht. In 
der Krankheit wurde nun das Heben des Beines zum Symbol, es bedeutete 
den Wunsch nach sexuellem Genüsse, und als Abwehr gegen diesen Wunsch 
entstand die katatone Starre der Beine, die Angst, die Beine zu bewegen. 
Es ist nun wahrscheinlich, dass die kinästhetischen Empfindungen, die bei 
der Kranken in dem fraglichen Beispiel entstanden, auch die Beine betrafen, 
dass sie aber aus Gründen der Dezenz nur die in den Ellbogen entstehenden, 
unverfänglichen empfinden wollte. Es fragt sich sogar, ob nicht das 
ganze Bild der katatonen Starre in diesem Falle auf die Angst, die Beine 
hochzuheben, zurückging. — Wir haben also in Beispiel 1 eine Eigen- 
bewegung als Sexualsymbol. 

Nun sind auch im Leben der normalen Psyche reflex- 
halluzinatorische Erscheinungen nichts Seltenes und in Andeutungen häufig 
zu finden: die Mitempfindungen beobachteter Bewegungen, die Empfin- 
dungen, die wir bei Erwartungen eines gegen uns gerichteten wirklichen 
oder fingierten Stosses etc. haben („Damoklesschwertempfindungen"), 
die ästhetischen Synästhesien. Es ist deshalb von vornherein anzunehmen, 

V* 



124 Dr. H. Rorschach, 

dass auch im Leben der normalen Psyche auf dieselbe Art und Weise 
Symbole gebildet werden können, wobei dann für Halluzinationstypus 
der Gedächtnistypus einzusetzen wäre. Nur so lässt sich die All^emein- 
verständlichkeit z. B. folgender Reimzote erklären : 

Frau Wirtin hat einen Maschinist, 
das war ein ganz gefehlter Christ, 
denn als er auf und nieder 
die Kolbenstange gleiten sah, 
das fuhr ihm in die Glieder. 

Auch hier scheinen die kin ästhetischen Empfindungen, 
die durch das angeführte optische Bild geweckt werden, 
die Ursache der Symbolik zu bilden. 

Über die kinästhetisch -optischen Reflexhalluzinationen hat 
vielfach Mourly Vold 1 ) geschrieben. Er hat besonders die Wichtigkeit 
der „kutan-motorischeu" Empfindungen für die optischen Bilder des 
Traumes experimentell nachgewiesen. Die Traumsymbolik berührt er in- 
dessen nicht. Ich verweise im übrigen auf sein vor kurzem herausgegebenes 
Traumwerk und gebe hier nur ein Beispiel seiner Betrachtungsweise: 

Eine weibliche Versuchsperson träumt bei um- und zusammengebundenen 
Fussgelenken : »Ich erblicke eine Schlange (Kreuzotter?) auf dem Schnee liegend; 
p\e lag wie eine Acht (8) auf dem Schnee emporgerichtet, und ich sah sie ganz 
deutlich; die Schlange läuft nach einem kleinen Hunde; aber beide laufen unter dem 
harten Schnee, so dass wir sie zunächst allein durch diesen sehen. Ob die Schlange 
beisst oder nicht, kann ich nicht sagen. Ich frage meinen Bruder: „Bist du ge- 
bissen worden?" Er antwortete: „Ja, ein wenig am Rocke." — Mourly Vold 
knüpft an diese Schlangenerscheinung folgende Erörterungen: „Das interessante 
Hauptmotiv, die laufende und beissende Schlange, hat offenbar mehrere Wurzeln : 
1. Die Acht form des gesehenen Bildes, die mit oder vor der Vorstellung der Schlange 
diesfn Traumteil eröffnet, weist deutlich auf die empfundene Form der um die 
Knöchel angelegten Doppelumbildung hin. — Der Form des Bildes liegen also zu- 
nächst kutane Empfindungen beider Pttsse zugrunde. 2. Die Vorstellung gerade einer 
Schlange taucht aus mehrfachen Gründen auf: Erstens weil dieses Tier — nämlich 
weil es sich ringelt — eine Ähnlichkeit mit der genannten Form haben kann: 
zweitens, weil e* unter den bei uns lebenden Schlangen auch eine giftige, die Kreuz- 
otter gibt, die den Menschen, vorzüglich den Füssen derselben gefährlich ist, wes- 
wegen man vor derselben am liebsten flieht (Andeutung des pandlel kutanen und 
des starken rhythmischen Motivs für die Füase) und die hier wirklich vom Bericht- 
erstatter (mit Fragezeichen) genannt wird ; drittens, weil die Schlange sich schnell 
bewegt, und zwar nicht mit rhythmischen Untergliedsbewegnngen, sondern vielmehr 
ohne Vermittlung von Füssen vorwärtskommt, weshalb wir auch die wiederholten, 
zum Teil durch den Schnee beschwerlich gemachten Bewegungen derselben im Traume 
mit den in bezug auf die Küsse passiven Gesamtbewegungen zusammengestellt, 
haben, welch letztere wir überhaupt als einen Ausdruck von empfundener Gesamt- 
Spannung auffassen zu müssen glauben. Das Schlangenmotiv wird uns also ein 
komplizierter Ausdruck von kutan-muskulären Empfindungen beider Füsse und von 
Empfindungen der Spannung des Gesamtkörpers." 

So eingehend diese Analyse auch ist, so geht sie doch in den unter 
2 genannten Determinierungen ins Erzwungene über und überzeugt darum 
nicht recht davon, dass eben die Schlange gerade das unbedingt gegebene 
optische Bild war, das infolge der muskulo-kutanen Empfindungen allein 
erscheinen musste. Nimmt man dagegen an, dass die Schlange als ur- 
altes und allgemein verbreitetes Symbol dem Traumbewusstsein jederzeit 



i) Dr. J. Mourly Vold: Über den Traum. Herausgegeben von 0. Klemm. 
Leipzig 1910 und 1912. 



Reflexhalluzination and Symbolik. 125 

zur Verfügung stehe, und nimmt man weiter an, dass solche muskulo- 
kulanen Empfindungen, wie der Versuch sie mit sich brachte, tatsächlich 
geeignet sind, das bereitlicgende Symbol reflexhalluzinatorisch zur 
Wahrnehmung zu bringen, so wird man M o u r 1 y V o 1 d's Determinierungen 
erst eigentlich einleuchtend finden. Es kann keine Rede davon sein, dass 
die V o 1 d'sche Traumanalyse die psychoanalytische Traumdeutung aus- 
schliesst, worauf Klemm in der Vorrede des Vold'schen Traumwerkes 
antont; man lese nur das oben gegebene Schlangentraumheispiel oder andere 
Beispiele des Vold'schen Buches vom Standpunkte des Analytikers durch, 
und man wird sehen, in welch interessanter Weise V o 1 d'sche und Freud- 
sche Traumanalyse sich ergänzen. 

Auch das Gleiten, Fahren, Kriechen, Fliegen, Treppensteigen, das 
Ziehen von Wagen, Tragen von Gepäck, das Sehen von Bergen, Stöcken, 
Füssen und viele andere Traumerlebnisse werden dadurch, dass sie durch 
Mourly Vold eine sorgfältige Determinierung aus muskulo-kutanen 
Momenten heraus erfahren, selbstverständlich keineswegs als die Symbole, 
die der Psychoanalytiker in ihnen sieht, entwertet. Im Gegenteil: erst 
die Annahme der symbolischen Bedeutung der Traumwahrnehmungen er- 
klärt, warum im einzelnen Falle diese oder jene Traumbewegung ausgeführt 
wird, dies oder jenes Objekt gesehen wird. In den Vold'schen Traum- 
analysen bleibt doch immer ein ungelöster Rest zurück: Warum träumt 
z. B. bei dem Versuch mit Umbindung des einen Fussgelenkes der eine 
Träumer, er stehe auf den Zehen, der andere, er fahre Schneeschuh, ein 
dritter, er gleite? Es bleibt doch immer die Frage bestehen, warum die 
zufliessenden Empfindungen gerade diese oder jene Bewegungsempfindung, 
dieses oder jenes optische Bild wachrufen, und diesen Rest beantwortet 
die Annahme der Symbolik. 

Andererseits geben Versuche wie die Mourly Vold's einen Ein- 
blick in die Frage der Symbol wähl. Warum ein Träumer eben dieses 
oder jenes Symbol wählt, ist eine Frage, die dem Psychoanalytiker oft auf- 
steigt; und in Mourly Vold's Schriften finden sich eine Menge der 
bekanntesten Symbole einleuchtend auf kutan-motorische Empfindungen 
zurückgeführt. (Natürlich soll damit nicht gesagt sein, dass alle Symptome 
notwendig nur aus solchen Wurzeln stammten.) 

Eine Zusammenfassung Freud'scher und Vold'scher. Traum- 
betrachtung würde etwa ergeben : In letzter Instanz entscheiden psychiseche 
Momente, Wünsche und Befürchtungen, Komplexe über die Gestaltung 
des Traumes; unter deji Ausdrucksmitteln spielen die grösste Rolle die 
Symbole, die dem Traumdenken jederzeit zur Verfügung stehen. In 
Aktion treten sie oft durch somatische Reize; so entstehen die 
„Momente" Vold's. Sie kommen dadurch zur Manifestienmg, dass eine 
ihrer Qualitäten, vor allem Bewegungsmotive und optische Ähnlichkeit, 
von irgend einer analogen oder ähnlichen Qualität einer zufliessenden 
realen Empfindung zu sinnlicher Erregung gebracht wird und dann auch 
die andern mit ihr verknüpften Qualitäten zur sinnlichen Wahrnehmung 
bringt. — Die Vold'schen Momente sind ein Teil des Baumaterials, die 
Symbole die Arbeiter, die Komplexe die Bauführer, die Traumpsyche der 
Baumeister des Gebäudes, das wir Traum nennen. 

Eine spezielle Bedeutung scheint den kinästhetischen und Druck- 
empfindungen noch zuzukommen: Es scheint, dass sie eine grosse Rolle 



126 Dr. H. Rorschach, 

spielen insofern, als sie von Zeit zu Zeit ihren Ei.nf luss geltend 
machen müssen, um die Sinnlichkeit des Traumes auf 
der Höhe zu halten, sie nicht erlöschen zu lassen. Dafür spricht 
verschiedenes: Einmal werden experimentelle Träume besser in der Er- 
innerung behalten; ferner gibt Mourly Vold als Mittel, sich seine 
Träume besser in Erinnerung zu halten, an, nach dem Erwachen die 
Körperlage nicht zu verändern. Auch die reflexhalluzinatorischen Wahr- 
nehmungen Geisteskranker zeichnen sich durch besonders überzeugende 
Sinnlichkeit laus. Schliesslich sind die (oben genannten) reflexhalluzina- 
torischen Phänomene der normalen Psyche diejenigen, die von allen Wahr- 
nehmungsvorgängen der normalen Psyche den Halluzinationen am nächsten 
kommen. Sie lassen sich sogar willkürlich zur Auslösung lebhafterer 
Gedächtnisbilder verwenden: Will ich mir ein möglichst sinnliches Er- 
innerungsbild z. B. von dem S c h w i n d'schen Bilde: „Der Falkensteiner 
Ritt" machen und bringe es nicht fertig, weiss ich aber, wie der Ritter auf 
dem Bilde z. B. den rechten Arm hält, so ahme ich die Stellung dieses 
Armes willkürlich nach oder erwecke nur in Andeutungen die betreffende 
kinästhetische Sukzession, worauf meist sofort ein intensiv und extensiv 
viel besseres sinnliches Erinnerungsbild erscheint, als dies ohne diese 
kinästhetische Beihilfe möglich ist. 

Eine besondere Form der reflexhalluzinatorischen Vorgänge kin- 
ästhetisch-optischer Natur liegt vor in dem, was Mourly Vold „Ob- 
jektivierung" nennt : Kinästhetische Empfindungen wecken das optische 
Bild eines bewegten Andern, eventuell auch eines bewegten Tieres. Wir 
hätten damit in gewissem Sinne eine physiologisch erklärende Parallele 
zu dem Mechanismus der Substituierung des eigenen Ich durch 
einen Andern, wie wir es so oft in den Traumanalyseu finden. Nur wird, 
es nicht allein die Stärke der kutan-motorischen Empfindungen sein, 
wie Mourly Vold annimmt, die determiniert, ob sich an die kutan- 
motorische Empfindung eine Eigenbeweguug oder eine objektiviert gesehene 
Bewegung anschliesst, sondern es werden darüber vor allen» psychische 
Faktoren im Sinne der Freu d'schen Traumzensur bestimmen. 

Was nun die Lokalisation der durch optische Eindrücke ge- 
weckten kinästhetischen und Körperempfindungen betrifft, so ist die Ur- 
sache ihrer Determinierung am leichtesten zu erkennen, wenn eine ein- 
fache Mitbewegungsempfindung vorliegt, oder dann, wenn sich 
eine gewisse somatische Bereitschaft der Lokalisation, z. B. eine Art 
„somatischen Entgegenkommens" nachweisen lässt, wie in Bei- 
spiel 2. Ähnlich in 

Beispiel 7. L. Martin bemerkt in ihrer Arbeit über die ästhetischen 
Synästhesien, dass z. B. besonders solche Personen, die von Natur aus 
einen „schwachen" Rücken haben, geneigt sind, bei Betrachtung einer 
„Kreuztragung" Empfindungen zu erleben, als ob sie selbst das Kreuz 
trügen. 

Anders verhält es sich, wenn die Lokalisation einer reflexhalluzina- 
torischen Empfindung nicht durch solche Momente bestimmt wird. Es 
kommt da oft zu den bizarren, auf den ersten Blick physiologisch voll- 
kommen unmöglichen Empfindungen, wie wir sie aus dem Traum und 
besonders aus den Äusserungen Schizophrener kennen: Schnitte im Ge- 
hirn, Gegenstände im Körper etc., vielfach präzise empfundene Sensationen 



Reflexiialluzination und Symbolik. 127 

in Körperteilen, in denen präzise Körperwahrnehmungen überhaupt physio- 
logisch unmöglich sind. Wenn sie als Halluzinationen trotzdem vorkommen, 
so lässt sich dies nur durch die Annahme erklären, dass, ebenso wie z. B. 
die optischen Gedächtnisbilder von der Traumpsyche jederzeit in ver- 
schiedenen Zerlegungen und Kontaminationen zu Gebote stehen, unter den 
gleichen Umständen auch dieKörperempfindungs-Gedächtnis- 
bilder ohne Rücksicht auf ihre primäre Lokalisation 
verwendbar seien. So wäre z. B. in Beispiel 3 die bekannte Qualität 
Stechen von ihrer primären, aus eigenem Erlebnis bekannten Lokalisation 
losgelöst und neu lokalisiert worden. Die Stelle, an welche die reflex- 
halluzinatorische Empfindung lokalisirt wird, ist nun vor allem durch 
die affektbetonten Komplexe bedingt; die Beispiele zeigen das 
zur Genüge. 

Wie sehr die Lokalisation einer Empfindung von der Affektivität 
abhängig ist, zeigt z. B. folgende Beobachtung: 

Beispiel 8. In meiner Kindheit kannten wir einen Scherz: Man er- 
klärte einem Spielkameraden, man werde ihm einen Zahn ausreissen, 
packte den Zahn fest an und kniff dabei die Versuchsperson unversehens 
in die Wade. Der Effekt war, dass die Versuchsperson ihren Zahn für 
verloren hielt. Die Aufmerksamkeit und ängstliche Erwartung war auf 
den Zahn gerichtet gewesen und der entstehende Kneifschmerz war unter 
dem Einfluss dieser Aufmerksamkeitsbesetzung in den Zahn lokalisiert 
worden. 

Dieser Scherz bietet noch ein Interesse. Es handelt sich gewisser- 
massen auch um eine „Verlegung von unten nach oben", sozu- 
sagen um das Negativ von dem, was man gewöhnlich „Verlegung von unten 
nach oben" nennt. Während im Kinderscherz die Lokalisierung der Emp- 
findung deshalb verlegt wird, weil die aktive Aufmerksamkeit an die 
Stelle der Lokalisierung gerichtet ist, geschieht dies bei der „Ver- 
legung von unten nach oben" deshalb, weil die aktive Aufmerksamkeit 
von der „untern" Stelle abgedrängt wird. Wie in vielen Beispielen reflex- 
halluzinatorischer Phänomene ist es dann eine gewisse somatische Bereit- 
schaft, ein gewisses „somatisches Entgegenkommen" von der 
Stelle der schliesslichen Lokalisation aus, das eben diese Stelle bestimmt. 
Ich erinnere besondere an manche Beobachtungen, die Sadger 1 ) über 
die sexualsymbolische Verwendung des Kopfschmerzes mitgeteilt hat 
und füge ein eigenes Beispiel bei: 

Beispiel 9. Ein Melancholiker erzählt, wie, als er krank geworden 
sei, sich bei ihm eine ganz neue Art von Kopfschmerz eingestellt habe: 
Er fühlte in seiner Stirn drei stark schmerzende Stränge, der eine senk- 
recht von der Haargrenze zur Nase herab, zwei seitlich von der Ilaargrenze 
der Schläfen konvergierend zu den Augen herabziehend; diese Stränge 
fühlte er unter lebhaften Schmerzen allmählich schlaff werden und gleich- 
zeitig das Gehirn dahinter zusammensinken, „weichen". Die Analyse ergab, 
dass diese drei Stränge drei andere Stränge bedeuteten, nämlich den Penis 
und die Samenstränge,- hier hatte der Mann auch ein Schlaffwerden und 



i) Sadger, Die sexualsymbolische Verwertung des Kopfschmerzes. Zentral- 
blatt f. Psychoanalyse. Bd. IL S. 190. 



jgg D r . H. Borschach, Reflexhalluzination und Symbolik. 

Weichen erlebt, für das er langjährige Onanie und Schwelgen in ver- 
schiedenen sexuellen Phantasien verantwortlich machte. Der Mann hatte 
sein Leben lang häufig an Kopfschmerzen gelitten, und es war sonnt 
ein „somatisches Entgegenkommen" gegeben; die Empfindung der Schlaff- 
heit wurde von unten nach oben verlegt und trat als eine besondere 
symbolische Art von Kopfschmerz in die Erscheinung. 

Nur erwähnen will ich, was übrigens schon die Beispiele gezeigt 
haben, dass Projektion und Introjcktion sich oft sehr deutlich 
in reflexhalluzinatorischen Mechanismen aussprechen; so stellt offenbar 
Beispiel 5 einen Projektionsvorgang, Beispiel 7 einen lntrojektionsvor- 
gang dar. 



II. 



Zur Charakteristik des lekanomantischen Sclianens. 

Von Herbert Silberer, Wien. 
(Schluss.) 

Die zweiten fünfzig Wörter des Assoziationsversuches wandte ich. 
mit dem Auftrag an, Lea möge auf die psychischen Vorgänge bei der 
Assoziation wohl achthaben. Ich gebe im folgenden nur die wichtigsten 
Stellen aus der Reihe wieder. 



Nr. 


Rw. 


t 


Reakt. 


tr 


Repr. 


1. 


scheiden 


40 


Scheide 


8 


+ 

+ 


2. 


Hunger 


200! 


Hunger tat weh 


27 


3. 


weiss 


76 


Leichengewaad 


30 


Wolke 


4. 


Ring 


36 


Kreis 


13 






5. 


aufpassen 


32 


lügen 


50 






6. 


Tanne 


96 


Lungenkatarrh 


12 






7. 


trüb 


32 


Wahnsinn , 


20 






19. 


alt 


95 


erfahren 


25 






20. 


Sammet 


75 


1, Reichtum 


10 






21. 


schlagen 


160 


Schande 


— 


— 


22. 


Kasten 


80 


Geheimnis 


49 






23. 


hell 


48 


Wolke 


15 






24. 


Familie 


155 


Hemmungen 


17 






25. 


waschen 


78 


Armut 


28 


arm sein 


30. 


anständig 


135 


anscheinend 


— 


— 


31. 


eng 


85 


1, Nervosität 


— 


— 


32. 


Bruder 


55 


Blutschande 


12 


■f 


33. 


schaden 


18 


Motten 


— 




34. 


Storch 


24 


Märchen 


10 


$ 


35. 


falsch 


96 


Geld 


15 


36. 


Angst 


230! 


Erziehung 


— 




37. 


küssen 


110 


töten 


45 






88. 


Brand 


85 


Wunde 


13 






39. 


schmutzig 


285! 


unästhetisch 


45 






40. 


Türe 


180 


Geheimnis 


35 






41. 


wählen 


50 


suchen 


31 






45. 


schlafen 


55 


entrinnen 


18 


entgehen 


48. 


Hund 


200! 


Gewitter 


24 


+ 


49. 


reden 


135 


Klatscherei 


— 







Bei der Bewertung der Reaktionen Lea's kann die Reaktionszeit 
nicht dieselbe Rolle spielen wie sonst, denn die psychische Einstellung 



130 Herbert Silberer. 

war, wie gesagt, nicht die gewöhnliche. Am wichtigsten ist hier die Prüfung 
des sachlichen Zusammenhangs an der Hand des von Lea nach dem 
Versuch gegebenen Kommentars. Ich gehe an die Interpretation der ersten 
Serie der Assoziationen. 

1. Kopf — Apfel. — Lea sah einen grossen Apfel und dachte 
dabei an einen Kinderkopf. 

2. Grün — jung. — Man sagt „grün" für „jung", besonders, 
wenn man dem Ausdruck einen spöttischen Beigeschmack geben will. — 
R i c h a r d. [Dieser Richard ist ein Mann, mit dem Lea als junges 
Mädchen — 17 bis 19 Jahre alt — verlobt war. Richard war ihr nicht 
gerade sonderlich sympathisch; eher ein bisschen komisch und dabei 
auch unheimlich, Er figuriert deshalb beim lekanomantischen Schauen in 
der seltsamen Vision x ) eines „komischen Totenkopfes". Man halte das 
Bild des Totenkopfes fest. Gelegentlich der Interpretation später noch 
folgender Assoziationen erwähnte Lea ausdrücklich, sie habe ein eigen- 
tümliches Grauen vor Richard empfunden; habe gemeint, wenn sie den 
heirate, wäre es ihr Tod; Richard 's Wesen würde ihr auf irgend eine 
geheimnisvolle Weise den Tod bringen. — Wir erhalten damit, beiläufig 
bemerkt, vielleicht auch eine neue Komponente zu einem anderen Gesichte 
Lea's; sie sah nämlich beim IX. lekan. Vers., S. 567, einen Totenkopf, 
der ein weibliches Bein verzehrte. Nun wissen wir, dass sich Lea von 
Richard (==§ Totenkopf) vorstellte, sein Wesen, seine Küsse hätten etwas 
V c r z e h reiules und Lähmendes. Daher verzehrt der Totenkopf 
der Vision die Bewegungsorgane. Auch eine Beziehung Küssen — 
Beissen 2 ) lässt sich da herauslesen. Von Richard werden wir noch eine 
überaus interessante Episode hören.] 

3. Wasser — Nichts. — Vorstellung, dass ein Tropfen Wasser 
nichts ist, weil er in der Menge zerflicsst. [Berufskomplex und Todes- 
komplex. - Die Beziehung der Assoziation zu letzterein ist ohne weiteres 
verständlich: Tod, Auflösung, Vergehen im All etc. — Im Sinne des 
Berufskomplcxes besagt die Assoziation ein Untertauchen und Ver- 
schwinden in der Menge, im Gegensatz zu den ursprünglichen ehrgeizigen 
Plänen Lea's, die nach Glanz und Macht strebte. Vgl. Assoz. Nr. 31 
„singen — herrschen".] 

4a. Stechen — Schmerz. 4b. Tod. — [Die Störung der 
Reproduktion wie auch ihr Inhalt beweisen das Nachklingen des Todes- 
gedankens von den früheren Assoziationen her.] 

5. Engel — Kinder. — [Diese Ideenverbindung lag auch jenen 
Gesichten zugrunde, welche das neue Leben andeuten sollten, das Lea 
zu beginnen vor hatte. Gleichsam eine Wiedergeburt. Sie wollte sozusagen 
wieder ein Kind werden, aber ein englisches Kind. Der religiöse Einschlag 
ist deutlich. Man findet die betreffenden Visionen im VIII. und im X. lekan. 
Versuch. Schon im VIII. Versuch umschweben den alten Juden, der krank 
ist, Engel, gleich einer Vorahnung der Verwandlung im X. Versuch.] 

6. Lang — kurz. — [Die erste mehr äusserliche Assoziation ; 
sie darf es sein, weil sie in Wirklichkeit von einer anderen als der blossen 



') Dieselbe kam im VII. lekanomantischen Versuch vor, Bd. II, S. 522 dieses 
Blattes. Die von nun an im Text hin und wieder vorkommenden Hinweise mit 
Seitenzahlen beziehen sich immer auf diesen II. Band. 

*) St ekel führt in seiner .Sprache des Traumes* mehrere Zusammenhänge 
dieser Art (AggreBsion-Zärtlichkeit) aus. 



Zur Charakteristik des lekanomantischen Schauens. 131 

Gegensatzbeziehung getragen wird; sie bezieht sich nämlich auf Sexuelles, 
auf den Penis.] 

7. Schiff — Amerika. — „Nach Amerika fahren; eigentlich 
nach Brasilien. Bevor ich von Prag nach Wien fuhr, hatte ich daran 
gedacht, nach Brasilien zu fahren." [Man erkennt daraus deutlich den 
Fluchtcharakter der Reise Prag-Wien.] 

8. Pflügen — (Ein Lied). — Ein Lied, worin vom Pflügen die 
Rede ist, mit sexueller Anspielung. 

9. Wolle — ja, Bock. — Eine Reminiszenz, die wieder auf den 
so mächtigen Todesgedanken hinführt. 

10. Freundlich — Maske. — Verschiedene Bekannte. [Kette 
der Enttäuschungen, deren ich schon gedacht.] 

11. Tisch — Toter (Tod). — [Der Todesgedanke ist von der 
2. Assoziation her noch immer lebendig! Ich habe seine Bedeutung bei 
der Interpretation der lekanomantischen Gesichte keineswegs überschätzt!! 

12. T r a g e n — W o I k e ti. — Das Gedicht vom Traum des Dichters 
[Vgl. X. lekan. Vers., S. 578, 583.] 

14 1 ). Trotzig — ich. — „Ich bin trotzig. Jetzt nicht mehr so 
sehr wie früher. Vieles wäre nicht geschehen, wenn ich nicht so trotzig 
veranlagt gewesen wäre. Ich habe darüber nachgedacht, wie der Trotz 
in einem Kind entsteht. Wahrscheinlich durch schlechte Erziehung. Das 
ist ein grosser Feind fürs Leben." [Hauskomplex, Trotzeinstellung.] 

15. Tanzen — Salome. — „Eigentlich bin ich mir selber ein- 
gefallen in der Gestalt der Salome." [Vgl. I. lekan. Vers., S. 388.] 

16. See — das Schwarze Meer. — Lea meint, es sei das 
Schwarze Meer gewesen, durch welches die aus Ägypten kommenden Israe- 
liten trockenen Fusses zogen. Öffnen und wieder Schliessen des Schwarzen 
Meeres erinnert an Vagina. [Das irrtümliche Einsetzen des Schwarzen 
Meeres für das Rote Meer ist auffällig. Es erklärt sich aus den nach- 
folgenden freien Assoziationen:] Schwarzes Meer. — Schwarze Flut. 
— Schwarze Seele; Sünde. [Alan wird jetzt vollkommen verstehen, was 
gemeint ist, wenn ich an den Sc et räum erinnere, der in der Besprechung 
des IV. lekan. Vers., S. 393 ff., mitgeteilt wurde; und an die darin vor- 
kommenden Bilder des isolierenden Zauberkreises und der Veranda. Es 
handelt sich bei allen diesen Symbolen um Lea's Idee oder Wunsch, von 
den Ereignissen nicht berührt zu werden. Es hiess in der 
Traumanalyse u. a. : „. . . Ich komme mir dann vor, wie in einem Zauber- 
kreis. Die Dinge können nur bis an den Kreis kommen. . . . Glauben Sie, 
dass man durch lebhaftes Wollen etwas ungeschehen machen kann? . . ." 
Die Veranda stellte die Möglichkeit des Fallens, die moralische Gefahr dar. 
In der Assoziation: „Schwarzes Meer" ist nun Lea selbst 
die Israelitin, die trockenen Fusses durch das Schwarze 
Meer der Sünden und moralischen Gefahren hindurch- 
komm t. Diese konstellierende Phantasie entspricht jenem Traum in 
S t e k e l's „Sprache des Traumes", wo ein Mädchen den Sumpf (der Gross- 
stadt) ohne Schaden überschreitet. — Man vgl. auch das Reizwort „See" 
mit der in dem Seetraum zum Ausdruck kommenden Bedeutung der 

i) Nr. J3 und einige andere Assoziationen übergehe ich als minder wichtig. 
Man müge dieselben also nicht vermissen. 



132 



Herbert Silbeier. 



(isolierenden) See. Beim Reizwort „See" hat offenbar dieser ganze Vor- 
stellungskomplex angeklungen.] 

17 Krank — Gesetz dcsTötens. — Es sollte ein Gesetz be- 
stehen nach welchem man hoffnungslos Kranke tüten dürfte. [Das Miss- 
lingen'der Reproduktion dürfte auf ein Nachwirken der Assoziation Nr. 16 
zurückzuführen sein. Auch der Gedanke an den Tod zeigt sich wieder.] 

20 Tinte — schwarze Seele. — „Man hat zu Hause sehr 
oft zu mir gesagt: „Deine Seele ist schwarz, wie Tinte", und ich habe 
es nicht begreifen können." [Hauskomplex. — Vgl. die Assoziation Nr. 16. 
— Eine schwarze Seele kommt auch im VII. lekan. Vers., S. 519 vor; wir 
haben also für diese Vorstellung jetzt die wichtigste Quelle gewonnen, 
nämlich jene der Kindheitserinnerungen. Der schwarze Kopf oder die 
schwarze Seele des VII. lekan. Vers, ist in tiefster Bedeutung Lea selber, 
bzw. ein Teil von ihr, sowie die schwarze Katze ein Teil, und zwar der- 
selbe Teil von ihr ist; verwandelt sich doch sogar der schwarze Kopf in 
die schwarze Katze! Und so wie diese später einen Feuerreif — Feuer 
der Leidenschaften, der wilden Instinkte — hat, so weist auch der schwarze- 
Kopf eine Umrahmung von Feuer auf.] 

21. Bös — Brasilien. „Als ich mit meinen Leuten böse war, 
wollte ich zuerst nach Brasilien." .[Vgl. Assoziation Nr. 7. — Das Ver- 
sagen der Reproduktion zu dieser und der nächsten Assoziation ist auf 
das lebhafte Nachklingen der schon durch Nr. 20 angeregten, von Nr. 21 
verstärktem Komplexe — Hauskomplex, Freiheitskomplex, Vorwurfsmotiv *■) 
— zurückzuführen.] 

23. Schwimmen — retten. — [Auch hier versagt die Re- 
produktion. Mag sein, dass die vorigen Komplexe noch wirksam sind; zur 
Erklärung genügt aber auch schon das folgende, dem Fritz-Komplex an- 
gehörige Faktum:] Als Lea mit Fritz in Ostende war, machte sie beim 
Baden einen Selbstmordversuch und wurde von Fritz mit Muhe 
gerettet. [Dieser Selbstmordversuch, den erst die Assoziationsversuche 
ans Tageslicht gebracht haben, lässt uns wieder um einen Grad besser 
viele Zusammenhänge in den Visionen und den Träumen verstehen. Die 
Bilder, welche Todessehnsucht ausdrücken, erhalten hier ein neues Substrat. 
Auch die Figur des kleinen Kindes (Lea selbst) am Meeresstrand im 
IV. lekan. Vers. 2 ) erhält eine wichtige neue Bedeutung; dort will jemand 
das kleine .Mädchen mit Gewalt ins Meer hineinstossen, und es steht 
fest und ruhig: eine Umkehrung der äusseren Situation und eine wahre 
Wiedergabe des inneren Sachverhalts; denn Fritz, ihr faktischer Retter 
beim Selbstmordversuch, war es, der sie moralisch — durch die 
furchtbare Enttäuschung — ins Meer gestossen und zum Selbstmordversuch 

getrieben hat.] 

25. Blau — Himmel. — Die Hoffnung. Nämlich die Hoffnung 

auf das Himmelreich nach dem Tod. 

26. Brot — Bäcker. — [Diese Assoziation gehört zu den wenigen, 
die einen mehr äusserlichen Zusammenhang 3 ) aufweisen. Diese Form 
der Assoziation war, wie bei Nr. 6, nur auf Grund einer anderweitigen, 
und zwar einer sexuellen Beziehung möglich:] Brot und Bäcker erinnern 

i) Dieser Komplex ist aus den Vorwürfen aufgebaut, die Lea sich selbst macht. 

2) II. Bd., Heft 7; III. Bd., Heft 2. 

3) Bei langer Reaktionszeit sogar. 



Zur Charakteristik de» lekanomantiscben Schanens. 133 

Lea an' sexuelle Begebenheiten, die sich unweit von einem Bäckerladen 
abspielten. 

27. Drohen — unvernünftig. — [Ist zum Teil durch einen 
erst nach den lekanomantischen Versuchen entstandenen Komplex hervor- 
gerufen. Die Assoziation enthält aber unstreitig auch eine Kritik der 
elterlichen Erziehungsart und ist daher dem Hauskomplex zuzuordnen.] 

31. Singen — herrschen. — Eine bestimmte Sängerin. „Sie 
beherrschte alle Menschen, alle Zuhörer. ... Ich habe mir gedacht, ich 
möchte auch so herrschen, erhaben sein über die anderen. Ich würde mir 
in solchen Momenten als ein höheres, reineres Wesen vorkommen." [Die 
ehrgeizigen Bestrebungen, wie §ie z. B. im VII. lekan. Vers., S. 520 f., 
zutage treten. Berufskomplex.] 

34. Berg — Geheimnis. — „Ein Berg wirkt auf mich ge- 
heimnisvoll." [Vgl. die Bergsymbolik der lekan. Versuche.] — Eine Er- 
zählung von einem 40 jährigen Schlaf im Berg. Ein Mann gelangt durch 
Höhlen in das Innere eines Berges. Dort, weilt er 40 Jahre lang unter den 
Berggeistern, glaubt aber, es seien nur ein paar Augenblicke J ). Wie er 
herauskommt, hält er seine Tochter für seine Frau. [Hier 
wären gar bedeutende Anknüpfungen möglich!] 

37. Neu — wertlos. — „An alles Neue muss man sich erst ge- 
wöhnen. Erst mit der Zeit kann einem etwas 'lieb und wertvoll werden." 
[Liebeswehr. — Vgl. ferner die Vorliebe Lea's für alte kostbare Gewänder, 
alte Spitzen, Truhen etc., wie aus dem VII. lekan. Vers., S. 520 f., hervor- 
ging. — Schwierigkeit, den alten Juden abzulegen, den neuen Glauben 
anzunehmen.] 

38. Sitte — Heuchelei. — „Das Sittsame, Gezwungene von 
jungen Mädchen und jungen Herren in Gesellschaft. Vor älteren Leuten 
tun sie artig, recken aber hinter deren Rücken die Zunge heraus. Ihnen 
gefällt das Alte nicht. [Vgl. die Assoziation Nr. 37.] Kinder haben nur 
Kinder gern oder die Mama, wenn die Mama schön ist." 
[Letztere Äusserung ist sehr interessant.] 

40. Wand — Gespenster. — Eine Vision, die Lea einmal als 
Mädchen von 17 Jahren hatte, als sie mit Richard 2 ) verlobt war. Während 
eines Gewitters sah sie Gespenster aus den Wänden hervortreten. Die Sinne 
schwanden ihr; der inzwischen ins Zimmer getretene Richard weckte sie 
auf. [Veranlagung zu Visionen; zeigte sich auch bei drei oder vier anderen 
Gelegenheiten. Das Erlebnis, von dem hier die Rede ist, war stark sexuell 
betont und die Ohnmacht geradezu teleologisch. Man höre die — von 
mir etwas gekürzte — schriftliche Schilderung Lea's :] 

„Abenddämmerung . . . 

„Ich bin ganz allein in der Wohnung meiner Eltern. Es geht auf 
5 Uhr Abend. Ich erwarte Richard, der mein heimlicher Bräutigam 
ist. Er kommt nicht. Ich irre aufgeregt im Zimmer umher. Und da fühle 
ich dies: 

„Der Gerichtstag ist gekommen; das Ende naht, und alles wird 
in nichts 3 ) vergehen. Heisses Fieber umspannt meinen Körper, 
und ich erwarte zitternd die letzte Minute. Draussen flattern 



>) Von tiefer psychologischer Bedeutung. Zeitproblem des Unbewu68ten ! 

2) Vgl. die Assoziation Nr. 2 (grün — jung). 

8) Vgl. die Assoziation Nr. 3 (Wasser— Nichts). 



134 Herbert Silberer, 

die Vögel erschrocken durcheinander ; sie fühlen ein Gewitter kommen ; 
oder fühlen auch sie das Nahen des letzten Augenblicks? 

„Es ist Sommer. Drückende Schwüle umringt alles; heim- 
tückisch heiss brennt die Sonne, so ungefähr, wie ein mutwilliges 
Mädel küsst. Mit müder Langweile verschwindet die Sonne jetzt 
hinter den vorhin noch weissen, nun in schweres Grau übergehenden 
Wolken, und mit einem Male umgibt mich Höllenfinsternis. 

„Verzweiflung erfasst mich. Ich möchte schreien und kann nicht. 
Ich rufe im Geiste, doch niemand komm t. Ich drücke mich 
an die Wand. Wohin ich blicke, sehr ich entsetzliche Gestalten, die 
mich mit glühenden Augen anstarren. Em Gespenst wie ein Faun 
naht sich mir. Ich schaudere und kann mich nicht rühren. Eine unhör- 
bare innere Stimme 1 ) spricht in mir: nur das eine Mal erscheine auf 
mein rufendes Wortl Schon umfängt mich das Ungeheuer 
mit seinen eklen Armen; sein nasskalter Mund berührt den meinen. 
— Hilfe! Hilfe! 

„Ich sinke ermattet, ohnmächtig geworden, in eine Ecke 

desSofas. — — 

„Eine sanfte Stimme spricht zu mir: „Fürchte dich nicht, du Süsse. 
DasGewitteristvorüber. Siehst du ? Es regnet in Strömen, 
und die goldenen Strahlen der Sonne durchbrechen die Wolken." Richard 2 ) 
drückt mich an sich. Ich antworte leise: 

„„Ich war allein und erwartete dich, als bei hellem Tag finstere 
Nacht über mich hereinbrach. Und du bist nicht gekommen. Ich dachte 
zitternd daran, es könnte statt deiner jetzt jemand anders kommen — ich 
konnte nicht zu Ende denken. Nur das weiss ich, dass Ungeheuer hervor- 
traten aus den Wänden, den Bildern, den Kasten; und dass das Eine herab- 
kam zu mir und mich umarmte. — Weiter weiss ich nichts. Ich 
kam erst zu mir, als deine Lippen die meinen berührten. 
Jetzt bin ich wieder ruhig — das Gewitter ist vorbei — mir ist kühl — 
umarme mich fester. . . ." " 

Das teleologische Moment des Erlebnisses ist offenkundig. Aus einer 
durch die schwüle Gewitterstimmung verstärkten erotischen Spannung, 
wofür die Erwartung des heimlich Verlobten die Grundlage abgibt, wird 
eine Situation zurechtgezimmert, welche zu einer innigeren Zärtlichkeit 
führen muss, als die beiden ziemlich zurückhaltenden Verlobten bisher 
gewohnt sind. Lea hätte es längst gerne gesehen, wenn sich Richard etwas 
mehr Freiheit ihr gegenüber herausgenommen und sie umarmt und geküsst 
hätte. Ein offenkundiges Geltendmachen dieses Wunsches war ihr psychisch 
nicht möglich. Als Ersatz dafür tritt die teleologische Ohnmacht ein. 

Das Interessanteste für uns, die wir uns mit dem Thema der Visionen 
befassen, ist nun der Inhalt jener Gesichte, welche den so zweckmässigen 
Dämmerzustand Lea's bevölkern. Diese Halluzinationen (visuell und taktil) 
samt den dazu gehörigen Emotionen sind nämlich eine treffliche sym- 
bolische Schilderung jenes Erlebnisses, das die unbefriedigte Lea herbei- 
sehnt; allerdings nicht des blossen Kusses, sondern der vom Unterbewusst- 
sein geforderten vollständigen sexuellen Befriedigung. Das die äussere 
Grundlage der Stimmung bildende Gewitter mit seinen Verlaufsphasen 

i) Vgl. zu dieBer eigen tümlichen Wendung die Stelle: „Ich sehe eine un- 
sichtbare Hand", am Beginn des IV. lekanomant. Versuchs. 
2 ) Der sich mittlerweile faktisch eingefunden bat. 



Zur Charakteristik des lekanomantischen Schauens. 135 

wird dabei geschickt symbolisch verwoben. Allen Kennern der sexuellen 
Traum- und Märchensymbolik wird die zudringliche Gestalt des rass- 
kalten Fauns eine deutliche Sprache sprechen. Er ist derselbe, wie (nach 
der bekannten R i k 1 i n'schen *) Deutung) der eklige, nasskalte Frosch 
(Penissymbol) im Märchen vom Froschkönige, der sich zum Schluss im 
Bett der Prinzessin in einen schönen Prinzen verwandelt. In der Ver- 
wandlung ist das Umschlagen des anfänglichen mädchenhaften Horror vor 
dem Sexuellen in die sexuelle Lust ausgedrückt. Wie fein ist nun in 
Lea's teleologischem Ohnmachtserlebnis die Situation zurechtgemacht, dass 
das nasskalte Ungeheuer von Richard abgelöst wirdl Im übrigen habe 
ich in der Schilderung die für die sexuelle Symbolik bemerkenswertesten 
Stellen im Druck hervorgehoben. 

41. Dumm — die Nacht. — [Der Ausfall der Reproduktion ist 
auf die Wirkung der vorhergehenden Assoziation zurückzuführen.] 

43. Verachten — verachten. — Sich selbst verachten. [Diese 
komplexstarke Beziehung macht das eigentümliche Kleben am Reizwort 
verständlich.] 

50. Frosch — König. — Das Märchen vom Froschkönig. [Lea'n 
ist die Riklin'sche Deutung dieses Märchens bekannt. Eine Beziehung 
zur Assoziation Nr. 40 ist nicht ausgeschlossen.] 

Zum zweiten Assoziationsversuch gehören folgende Inter- 
pretationen. 

2. Hunger — Hunger tut weh. — „Zu Hause wollte man uns 
Kinder manchmal mit Hunger zu etwas zwingen." [Hauskomplex — 
Zwangsmassregeln wie diese erweckten die Trotzeinstellung Lea's.] 

3a. Weiss — Leichengewand. 3b. Wolke. — [Beide Ver- 
bindungen sind wichtig und kommen in den lekanomantischen Versuchen 
mehrmals vor, nur dass sie dort untereinander nicht so deutlich ver- 
bunden sind.] 

4. Ring — Kreis. — Zauberkreis. [Hier haben wir wieder den 
Begriff der Isolierung. Vgl. Assoziation Nr. 16 der vorigen Reihe.] 

5. Aufpassen — Lügen. — [Scheint dem Vorwurfskomplex 2 ) 
anzugehören. Der auf Lea selbst zu beziehende Sinn wäre:] Wer lügt, 
muss aufpassen, um sich nicht zu verraten. 

7. Trüb — Wahnsinn. — Düster. — Verdunkelt. — Getrübte 
Gedanken. — Getrübte Seele. [Diese Assoziation legt es nahe, in dem 
Hellen und Dunklen der lekanomantischen Visionen eine auf den Bewusst- 
seinszustand bezügliche Symbolik zu vermuten.] 

19. Alt — erfahren. — Je älter, desto erfahrener, aber auch 
desto enttäuschter wird man. — Solon's Ausspruch, niemand könne sich 
vor seinem Tode glücklich preisen. [In dieser Assoziation liegt sowohl 
das Motiv des Probierens als das der Enttäuschungen. Nach Lea ist ja 
das Leben ein beständiges Probieren, wie sich am deutlichsten gelegent- 
lich des Haartraumes zeigte, der im Zusammenhang mit dem IV. lekan. 
Vers., S. 395 ff., analysiert wurde. Dass Lea ihre Tendenz zum „Probieren" 
mit allerhand Enttäuschungen büssen musste, ist aus den Analysen schon 
bekannt. Der Solonische Ausspruch hat ein ziemliches Analogon in folgen- 

i) Dr. F r an z Riklin , , Wunscherfüllung und Symbolik im Märchen." Leipzig 
and Wien, 1908. (F. Deuticke.) 

9) Siehe die Note zu Assoziation Nr. 21 der ersten Serie. 



-jgg Herbert Silberer, 

dem : Im VI. lekan. Vers., S. 437 f., sieht Lea einen schwarzen Berg, auf 
den zwei Füsse hinaufsteigen. In der Analyse bemerkt sie, S. 443, der 
Berg erinnere sie an jene Märchen, wo ein gläserner Berg vorkommt; viele 
jener Prinzen, die den Aufstieg versuchen, gleiten dabei ab, nur einem 
gelingt er. Schon in diesem Einfall Lea's konnte man das Motiv des 
Suchens nach der richtigen Liebe erkennen, die keine Enttäuschung bringen 
soll. Weiter hiess es: „Ich habe mir öfters gedacht und gesagt, dass alle 
die vielen Menschen, mit denen ich zu tun gehabt, nur Stufen ... der 
Entwicklung waren und Stufen, über die ich schreite, bis ich den richtigen 
Menschen finde. Es ist allerdings nicht möglich, irgend 
einmal zu sagen, dass man angelangt sei und die letzte 
Stufe hinter sich habe. Man könnte das erst wissen, 
wann man stirbt."] ■ 

20 Sammet — Bei cht um. — [Hier gibt sich wieder die Innig- 
keit der Verbindung jener Vorstellungen kund, die im VII. lekan. Vers, 
auftraten; Lea sah sich in einem Samtkleid mit weissen Spitzen auf einer 
Bühne tanzen. Samt und Spitzen erregten bei der Analyse, S. 520 f., die 
Vorstellung der Liebhaberei Lea's für alte Spitzen, Brokate, Truhen etc., 
wie auch jene Komplexe, die mit Reichtum und Geldverdienen zusammen- 
hängen: Berufskomplex.] 

21. Schlagen — Schande. — Erinnerungen au Schläge, die 
Lea zu Hause bei den Eltern erhalten. Sie dachte sich immer, es sei mehr 
Schande für den Schlagenden als für das geschlagene Kind. [Kritische 
Beurteilung jener Erziehungsmethode von Lea's Eltern, die dem Kind 
und seinen Intentionen kein Verständnis entgegenbringt und daher geeiget 
ist, jene Trotzeinstellung hervorzurufen, die wir bei Lea kennen gelernt 

haben."! 

22. Kasten — Geheimnis. — Märchen. — Alte Kasten mit 
Geheimfächern'. — Schätze. [Die Assoziation kommt einerseits überein 
mit Nr. 34 der ersten Serie (Berg-Geheimnis), welche auch Märchen- 
vorstellungen zur Grundlage hatte; andererseits steht sie mit der oben 

— Nr. 20 — erwähnten Liebhaberei Lea's zusammen.] 

23. Hell — Wolke. — Religiöse Schriften. — Himmelsgestalten. 

— Engel. [Vgl. Assoziation Nr. 3 der zweiten Serie.] 

24. Familie — Hemmungen. — Die durch die Familie hervor- 
gebrachten Hemmungen der individuellen Entwicklung; Hemmungen z. B. 
auch deswegen, weil man halb durch Liebe, halb durch Zwang veranlasst 
wird, sich für seine Fam'ilie aufzuopfern; man wird dadurch gewissermassen 
gelähmt. [Der Hauskomplex. Seine starke Wirkung wird durch die lange 
Reaktionszeit deutlich gekennzeichnet. Diese erstreckt sich auch auf die 
nächste Reaktion, die nicht bloss mit dem Hauskomplex inhaltlich zu- 
sammenhängt, sondern auch einen kleinen Reproduktionsfehler — „Arm 
sein" statt „Armut" — ergibt.] 

30. Anständig — anscheinend. — [Die Assoziation kommt 
mit Nr. 38 der ersten Serie überein: Sitte.— Heuchelei.] 

31. Eng — Nervosität. — Die Nervosität empfindet gewisser- 
massen alles zu enge. Man fühlt Angstzuständc, Beklemmungen, man 
möchte aus seiner Haut fahren, aus der engen Welt hinaus. [Sehr be- 
merkenswert wegen des gefühls massigen Erkennens 
des emotionellen Zusammenhangs von Angst und Enge. 

— Aus der engen Welt hinaus: Todesgedanke. Ein Ein- 



Zur Charakteristik des lekanomantischen Schauen«. 137 

fall Lea's zum Stichwort „Aas der engen Welt hinaus" 
lautet ferner:] „Geboren werden" 1 ). 

32. Bruder — Blutschande. — [Gelegentlich einer Schilderung 
des immerwährenden „Probierens" Lea's auf sexuellem Gebiet erwähnte 
ich in der Analyse des VI. lekan. Vers., S. 445, auch ein kindliches 
„Probieren" mit dem Bruder. Auf diese sexuellen Kindheitserlebnisse be- 
zieht sich die Assoziation.] 

34. Storch — Märchen. — Das Storchmärchen, mit dem die 
Mutter Lea noch zu einer Zeit abspeiste, wo eine Aufklärung erziehlich 
richtiger gewesen wäre. Lea erhielt die Aufklärung von einer anderen 
Seite, was ihr Vertrauen zur Mutter in geradezu katastrophaler Weise er- 
schütterte. 

36. Angst — Erziehung. — Die Einschüchterungsmethode der 
bequemen Erzieher. Sie wurde auch von Lea's Eltern geübt, zum Schaden 
der jungen Psyche. — Erziehung zur Nervosität. [Richtige Beobachtung 
Lea's. Ausserdem aber auch das Bestreben, die Fehler, die man an sich 
erkennt, anderen, hier den Erziehungsfaktoren, in die Schuhe zu schieben. 
Die enorme emotionelle Wertigkeit der Assoziation zeigt sich deutlich in 
der selbst für Lea ausserordentlich grossen Reaktionszeit, 230 Fünftel- 
sekunden, und dem Fehlen der Reproduktion.] 

37. Küssen — töten. — „Als ich noch nicht geliebt hatte, 
dachte ich, dass, wenn mich jemand lieben würde, er mich mit seinen 
Küssen töten könnte. Auch von Richard 2 ) habe ich Ähnliches gedacht." 
{In den lekan. Vers, kam auch öfters der Gedanke vor an eine verzehrende 
oder tötende Kraft der Liebe. Auch der Ausdruck des Sich-Selbst-Verzehrens 
oder Verbrennens vor Leidenschaft und Sehnsucht wurde gebraucht. Zu- 
sammenhang von Liebe und Tod. Auch auf der Höhe der Leidenschaft im 
Genuss erstirbt man für das äussere Leben. Vgl. die Feuer- und Berg- 
symbolik in den lekanomantischen Versuchen.] 

38. Brand — Wunde. — Diese Assoziation ist nicht so zu ver- 
stehen, dass „Wunde" das Reizwort zu der Zusammensetzung „Brand- 
wunde" vervollständigen soll. [Die Verbindung hat eine reichere Deter- 
mination, als man vielleicht meint. Die ersten Einfälle Lea's führen, 
wie man gleich sehen wird, auf zwei Wege, die sich schliesslich ver- 
einigen.] „Eine Wunde wird brandig, der Brand führt zur Blutvergiftung, 
diese zum Tod. — Unser Haus, wo wir (Lea's Familie) wohnten, als ich 
noch klein war, brannte ab; es sah dann aus wie eine offene Wunde." 
Der Brand wurde dadurch verursacht, dass der Vater Lea's' eine Lampe 
fallen Hess. — „Offene Wunde" erinnert an ein Gedicht, dessen Inhalt 
ungefähr dieser ist: „Ich bin eine offene Wunde und brenne. Es quält 
mich das Licht, es quält mich der Schatten. Deinetwegen bin ich ge- 
kommen, Dich will ich haben, küsse, küsse mich aus! etc." („Ausküssen" 
wie Aussaugen einer Wunde.) — [Ich muss hier daran erinnern, dass im 
VI. lekan. Vers., S. 437 ff., die Vision eines Berges auftauchte, der oben 
wie eine offene Wunde war, in der ein Feuer brannte. Auch 
dort gab es eine Verbindung von „Wunde" und „Brand" ohne die Idee 
von „Brandwunde". Vielmehr war das Brennen ein Akzidens der Wunde 



i) Vgl. zu dieser ganzen Ideengrappe Stekel, »Sprache des Traumes", S.274. 

2) Vgl. Assoziation Nr. 2 der ersten Serie, wo von dem Grauen die Rede 
war, das Lea vor Richard empfand. Vgl. auch das OhnmachtserlebniB. Die Gleichung 
8terben=Orga8mus drängt sich dem Deuter auf. 

SentralMatt für Payehoanalyw. III •. 10 



138 Herbert Silberer, 

oder aber es entwickelte sich eins aus dem anderen. Zur Erläuterung 
der in dem Bilde steckenden Idee' diente bei der Analyse der Vision 
eben jenes Gedicht, welches sich auch jetzt Lea aufdrängte. Dasselbe 
zeigte — in Verbindung mit anderen Einfällen — ganz deutlich, dass 
„Wunde" und „Brand" ganz dasselbe sind, nämlich die Liebeswunde 
und der Liebesbrand oder, in eines zusammengezogen, die brennende 
Liebes wunde. Der Assoziation Nr. 38 liegt genau derselbe Gedanke 
zugrunde wie damals der Vision, nur verraten die Einfälle diesmal noch 
ein Stückchen mehr, indem sie den Autor desjenigen Brandes und der- 
jenigen Wunde enthüllen, welche die Vorbilder für alle späteren gleich- 
betonten Erlebnisse Lea's abgeben : den Vater. Er ist es gewesen, 
der den ersten (realen^ Brand hervorrief, der auf das Kind Lea einen, 
nachhaltigen Eindruck hervorbrachte; und das Feuer dieses Brandes ver- 
zehrte das Innere des Hauses, so dass es schliesslich wie aus einer offenen 
Wunde emporloderte. Die Verwendung just dieses Kindheitserlebnisses 
als Symbol für die brennende Liebeswunde weist dem Vater als dem 
Autor des Brandes einen Platz in der psychosexuellen Entwicklung Lea's 
an, über welchen sich der Psychanalytiker gewiss nicht wundern wird. 
Ich verweise jetzt nochmals mit Nachdruck auf die Assoziation Nr. 34 
der I. Serie, „Berg — Geheimnis". — Damit haben wir aber den Be- 
ziehungsreichtum noch nicht erschöpft. Die Wunde geht in Brand über. 
Sie erzeugt einen Brand wie jene des Berges (die auch = Vagina) und, 
jene des Herzens. Der Brand wirkt vergiftend und tötend. Giftige 
Wunden, wie etwa jene von Schlangenbissen, pflegt man auszusaugen. 
Der Gedanke des Aussaugens kommt aber just in dem angezogenen Ge- 
dichte vor und zwar in der bedeutsamen Form des Ausküssens! 
Das stellt zwei Verbindungen her. Die des Heilcns oder Löschens des 
(subjektiven) Brandes, d. h. Abfuhr der Libido einerseits; und die minder 
wichtige, speziellere, einer Cunnilingusphantasie. Dass der Brand tötet, 
hat darin sein Analogon, dass Lea Zeiten hatte, in denen sie meinte, das 
(unbefriedigte) Liebesfeuer würde sie ganz aufzehren (wie weiland das 
Haus; das Haus der Seele ist 'der Leibl) und töten. Der Doppelsinn von 
„Brand" (brandig und brennend) ist äusserst geschickt verwendet. Der 
Tod müss abermals in seiner doppelten Bedeutung von Sterben (Todes- 
wunsch) und Orgasmus genommen werden.] 

39. Schmutzig — unästhetisch. — [Die überaus lange 
Heaktionszeit, 285 Fünftelsekunden, dürfte zum Teil aus einer Nachwirkung 
der vorhergehenden Assoziation zu erklären sein. Man darf aber jene 
selbstkritischen ethischen Momente nicht ausser acht lassen, die das 
Reizwort „schmutzig" selbst angeregt haben dürfte und die mit jenen 
identisch wären, die ich zur Assoziation Nr. 16 der I. Serie („See — das 
Schwarze Meer") schon besprochen habe. Dort handelte es sich darum, 
nicht nass zu werden; und „schmutzig" dürfte ähnlich zu nehmen 
sein wie „nass". Lea selbst ist bei der Assoziation Nr. 39 eigentlich 
bloss einer Beziehung zu ihrer Schwester Eva deutlich bewusst geworden, 
die sich äusserlich vernachlässigt. Da aber Eva Anlagen zu einem lockeren 
Leben hat und Lea ihr gerne jene schlimmen Erfahrungen ersparen 
möchte, denen sie selbst erst etwas spät entkam, liegt die Analogie zu 
Assoziation Nr. 16 I. Serie auf der Hand.] 

40. Türe — Geheimnis. — Das Märchen vom Marienkind und 
verwandte Vorstellungen. — Blaubart. [Es handelt sich in allen diesen 



Zar Charakteristik des lekanomantischen Schauens. 139 

Vorstellungen um eine verbotene Tür. Namentlich das erste Märchen, 
worin das kleine Mädchen dadurch Unglück auf sich lädt, dass sie mit 
dem Finger an den berückenden Glanz jenseits der verbotenen Tür 
rührt, scheint auf einen Onanie-Komplex hinzudeuten. Ein solcher Kom- 
plex ist gelegentlich der Analysen der lekan. Vers, tatsächlich zur Sprache 

gekommen.] 

41. Wählen — suchen. — Das Suchen nach dem richtigen 
Manne. [Ein Motiv, das in den lekan. Vers, öfters vorkam.] 

45. Schlafen — entrinnen (entgehen). — Bedeutet, dass 
man im Schlaf dem Leben und seinen Unannehmlichkeiten entrinnt. — 
Sehnsucht nach dem Schlaf und nach dem Scheintod (Ohnmacht). — 
[Wieder einmal die Todessehnsucht. Schlaf und Tod sind Brüder.] 

48. Hund — Gewitter. — „Eine Redensart, die man bei sehr 
schlechtem Wetter gebraucht: „Bei dem Wetter schickt man nicht ein- 
mal einen Hund auf die Gasse hinaus." Mich hat man zu Hause (Eltern- 
haus) oft bei solchem Wetter auf die Gasse geschickt, und da dachte ich, 
wie gut es doch ein Hund hat, den man ja bei so eineon Wetter eben 
nicht hinausschickt." Lea malte sich die Redensarten und Sprichworte 
als Kind immer sehr anschaulich dem Wortsinn nach aus. [In diesem 
Ausmalen steckt, abgesehen, dass es allgemein kindlich ist, vielleicht 
auch ein Stück des Hangs zum visuell-symbolischen Denken bei Lea. — 
Die Sache selbst offenbart wieder ein Stück Hauskomplex. Die starke 
Affektbelastung drückt sich in der langen Reaktionszeit, 200 Fünftel- 
sekunden, aus.] 

49. Reden — Klatscherei. — Judenfrauen, Sabbath. [Ich 
habe die Assoziation bloss deswegen hergesetzt, weil sie in ihren Störungen 
— hohe Reaktionszeit, Reproduktionsfehler — eine Perseveration des 
Affekts von Nr. 48 enthalten dürfte. Das Milieu der Klatscherei bewahrt 
deutlich den Schauplatz von Assoziation Nr. 48; es lässt sich also schon 
aus diesem Grunde die Perseveration vermuten.] 

Nachdem wir nun die mitgeteilten Assoziationen durchgegangen 
haben, taucht die Frage auf, ob der Wert, den sie für die Überprüfung 
der aus den lekanomantischen Gesichten gezogenen Deutungen haben 
sollen, nicht etwa der eigenartigen psychischen Einstellung Lea's wegen 
hinfällig wird. Man könnte nämlich sagen, die Assoziationsversuche seien 
mit einer gewissen Voreingenommenheit angestellt worden; die schon er- 
wähnte Einstellung der Versuchsperson auf das „Bedeutungsvolle" habe 
die Experimente so beeinflusst, dass bloss deshalb solche Resultate 
erhalten wurden, welche mit den Grundideen der Visionen übereinstimmen ; 
die Übereinstimmung könne somit nicht als Bestätigung oder Bekräftigung 
gelten. Dem ist entgegen zu halten, dass die Einstellung Lea's wohl auf 
das Bedeutsame, nicht aber auf seinen Inhalt gerichtet war; d. h. Lea 
erwartete wohl irgendwelche bedeutsamen Einfälle, richtete aber ihre Auf- 
merksamkeit nicht auf bestimmte Gebiete. Die Einstellung bewirkte somit 
eine Ausschaltung der äusserlichen Verknüpfungen, eine Hingabe, an das 
Spiel der Komplexe; sie bestimmte sozusagen die Form, nicht aber den 

Inhalt der Einfälle. 

Hätte die Erinnerung an die Visionen die Assoziationen dem Inhalt 
nach bestimmt, so müsste sich das darin kundgeben, dass die Assoziationen 
eben Reminiszenzen an die Gesichte brächten. Das ist jedoch nicht der 
Fall. Die oben gegebenen Hinweise auf die Visionen beruhen nicht auf 



140 Herbert Silberer, 

Reminiszenzen Lea's, sondern wurden von mir auf Grund von Analogien 
vermerkt. Das, worin Visionen und Assoziationen zusammentreffen, sind 
vielmehr die gemeinsam hinter beiden liegenden Komplexe. Also : die 
Assoziationen fussen nicht auf den Visionen, sie sind ihnen nicht sub- 
ordiniert, sondern sie fussen ebenso auf den Komplexen wie die 
Visionen und sind diesen koordiniert. Visionen und Assoziationen 
bekräftigen ihre Deutungen wechselweise, indem sie beide kon- 
zentrisch auf die gleichen Komplexgruppen hinweisen. 

Weiters erhebt sich die Frage, ob die Entwicklung der Gestalten 
oder Figuren, welche uns an den lekanomantischen Visionen auffiel, 
nicht auf einer Täuschung beruht, in dem Sinn, wie man gleich sehen 
wird. Wie schon anfangs hervorgehoben wurde, zeigten einzelne bei den 
Visionen mehrmals und mit einer gewissen Regelmässigkeit auftauchende 
Figuren (z. B. der „alte Jude", das „schwarze Huhn", die „schwarze 
Katze") eine fortschreitende Entwicklung von Fall zu Fall, so dass ihre 
Bedeutung sich teils verschob oder erweiterte, teils vertiefte. Es fragt 
sich nun, ob diese Erscheinung dem lekanomantischen Schauen als solchem 
als Charakteristikum zukomme oder ob nicht eine (oder beide) der zwei 
folgenden Möglichkeiten zutreffe : 

1. Die Entwicklung der Bedeutung der Figur liegt nicht in der 
Vision selbst, sondern ist in dem zunehmenden Deutungsverständnis (durch 
das Fortschreiten der psychischen Analyse) begründet. 

2. Die Entwicklung der Bedeutung liegt zwar in der Figur (Vision) 
selbst, wurde aber in diese durch den Einfluss der Deutungen (der jeweiligen 
vorherigen Versuche) auf die Versuchsperson hineingebracht. 

Ad 1 ist zu bemerken: Zweifellos gelangt die Analyse mit fort- 
schreitender Zahl der Versuche zu immer tieferem Verständnis der anfangs 
weniger vers-tandenen Figuren. Bei der Interpretation meines lekanoman- 
tischen Materials hat man sich dies auch vor Augen zu halten. Es wäre 
jedoch verfehlt, deshalb den Figuren selbst ihre innere Entwicklung ab- 
zusprechen. Die Art, wie die Figuren auftreten, ihre Umgebung, ihre 
Handlungen etc. verleihen ihnen jedesmal einen gewissen Charakter; und 
das Wechseln bzw. Sich-Ausgestalten und Sich-Vcrtiefen dieses Charakters 
von Versuch zu Versuch bleibt aufrecht auch für die mit dem vollendeten 
(zuletzt gewonnenen) Deutungsverständnis angewendete Prüfung. 

Ad 2 ist zu sagen: Es mögen wohl derlei Beeinflussungen vor- 
kommen; doch wurden meine Deutungen der Versuchsperson durchaus 
nicht nach jedem Versuch, ja sie wurden ihr eigentlich erst nach Abschluss 
des X. Versuches und der gesamten Analyse mitgeteilt. Wenn ich 
hier von „meinen" Deutungen spreche, so ist dies vielleicht sogar schon 
zu vorsichtig ausgedrückt: sind doch „meine" Deutungen, weiter nichts als 
die durch die Logik des Materials geforderten Zusammenfassungen der 
von Lea selbst gelieferten Aufklärungen. Somit ist auch Punkt 2 nicht 
geeignet, für sich allein die Entwicklung der Figuren zu erklären oder 
überhaupt darauf einen wesentlichen 'Einfluss genommen zu haben. Ich muss 
noch hinzufügen, dass ich sogar die Analysen, die ich nach den einzelnen 
Versuchen durchführte, sehr kurz hielt und das meiste Material erst 
nach Absolvierung aller zehn Versuche gewann, so dass schon aus diesem 
Grund die „Störung" der Visionen durch die Analysen auf ein kleines Mass 
zu veranschlagen ist. 



Zur Charakteristik dos lekanoman tischen Schaue ns. 141 

Aus diesen Erörterungen geht hervor, dass die zwei Möglichkeiten 
zwar keine grosse Rolle gespielt haben können, aber nicht ganz ausge- 
schaltet waren; es würde sich, um ein von ihnen absolut, unabhängiges 
Ergebiüs zu bekommen, die Abhaltung neuer Versuchsserien unter den 
entsprechenden Kautelen empfehlen. Und woran liegt es nun eigentlich, 
dass die Figuren in ihrer Bedeutung eine Ausbreitung oder Vertiefung 
erfahren? Es scheint mir hier ein der Einübung analoger Vorgang zu 
obwalten. Eine Figur tritt zuerst zögernd auf in vager Beziehung zu 
einer Komplexgruppe. Der Schauende gewöhnt sich nach und nach, mit 
zunehmender Bestimmtheit die ihm geläufiger werdende Figur als Kom- 
plexausdrucksmittel anzuwenden. Die Figur wird immer mehr Material 
der betreffenden Komplexgruppe um sich ranken und wird, immer mehr 
Kraft und Leben erlangend, vielleicht ab und zu auch die Vertretung ver- 
wandter Komplexgruppen übernehmen, bis sie schliesslich mit einer ganzen 
Seelenströmung oder Potenz der Versuchsperson verschmilzt. So eine 
„Potenz" gehört dann nicht mehr einem einzigen untergeordneten Kom- 
plex an, sondern durchdringt eine grosse Anzahl einzelner Komplexe. 
Als so eine Potenz oder Seelenströmung wäre z. B. zu nennen: das 
Bestreben, in die Gestaltung des Lebens rücksichtslos aktiv einzugreifen 
(etwa wie Adler's „Aggressionstrieb"); oder aber das Sich-Zurückziehen- 
W ollen von aller Aktivität; die Selbstkritik (kritische Instanz, Traumzensur 
u. dgl.); und ähnliche umfassende seelische Potenzen. 

Es ist wohl klar, dass das symbolische Spiel der Figuren, je mehr 
sich diese Figuren (Symbole) in ihrer Bedeutung und in ihrem innersten 
Wesen den soeben besprochenen seelischen „Potenzen" nähern, — dass 
ihr Spiel, sage ich, dann immer mehr das Spiel der Seelenkräfte 
selbst abbilden, also immer mehr in die Symbolik der funk- 
tionalen Kategorie hineinwachsen wird. 

Das soeben über die Symbolik funktionaler Kategorie Gesagte gilt 
auch dann, falls den oben erwähnten zwei Möglichkeiten eine grössere 
Rolle bei der Entwicklung der Gesichte zukommt, als ich ihnen zuschreiben 
zu müssen glaubte. 

Der Entwicklung waren so ziemlich alle in den Visionen Lea's vor- 
kommenden Figuren unterworfen. Eines der deutlichsten Beispiele ist 
natürlich die dominierende Gestalt des alten Juden. Der Werdegang 
dieser Figur und ihres Gehaltes ist ungefähr folgender. Beim I. Versuch 
nahm sich die Vision so aus: „Ein alter Mann, Jude, mit einem Vollbart, 
angetan mit Kaftan und Thalles, wie redend." Er machte einen ehr- 
würdigen Eindruck, schien gute Lehren vorzutragen, ohne von seinen 
Zuhörern (die vielleicht eigentlich den Visionen eines späteren Versuches 
angehören) recht verstanden zu werden. Wir haben somit das Bild eines 
ehrwürdigen Alten mit dem Motiv des Lehrens oder Belehrenwollens 
und des Nichtverstehens. Letzteres führt zum Hauskomplex; der Thailes 
stellt eine Verknüpfung mit dem religiösen Ideenkreis her. Der Todes- 
gedanke kommt (nicht deutlich ausgesprochen) zweimal im I. Versuch 
vor, aber ausserhalb der Figur des alten Juden. Im II. Versuch 
kommt der alte Jude in mehreren Auftritten vor. Zuerst so wie im 
I. Versuch; dann so, dass von rückwärts eine Hand erscheint, die ihn mit 
einem Schwert fällen will; dann als Kriegsheld; dann in Meditation. Er 
ist also mit Kampf und Tod in Zusammenhang gebracht. Zum Auftauchen 
der Hand mit dem Schwert lautet ein Einfall aus späterer Zeit: Die 



142 Herbert Silberer, 

Hand wolle nicht den Juden, sondern etwas in ihm fällen. Bemerkens- 
wert ist, dass gegen Ende des II. Versuchs, na'ch dem Erscheinen des 
Juden, das Bild eines offenen Grabes, mit einem Kreuz daneben, 
auftaucht. Es scheint also schon jetzt die undeutliche Erkenntnis vor- 
zuliegen, dass etwas mit dem „alten Juden" Zusammenhängendes getötet 
und erlöst oder bekehrt (Kreuz) werden soll. Nur ist nicht klar aus- 
gesprochen was und in welcher Richtung. Im III. Versuch kommt ein 
junger Rabbi vor, der vor einem Altar predigt; ihm erscheint der alte 
Jude, der einen noch längeren weissen Bart hat, als neulich, in einem 
■wallenden Gewand. Der junge Rabbi wehrt ihn ab. Der alte Jude wird 
■also älter und ist etwas, das abgewehrt wird oder werden soll. Das Älter- 
werden schreitet von Versuch zu Versuch weiter fort und stellt eine Ver- 
bindung her zum Grossvater und zum Vater Lea's. Lea wünscht nämlich, 
ihr Vater möge so werden wie der ehrwürdige Grossvater, den sie von 
einem Bilde kennt. Die Verbindung des alten Juden mit dem Todes- 
gedanken bleibt von nun an aufrecht; diesmal ist die Todesidee durch 
die weissen Gewänder (Totengewänder) angedeutet. 

Im IV. Versuch taucht wieder die Hand auf, die „jemanden" mit 
dem Schwert fällen will; später fleht der alte Jude jemanden an — er 
fleht wohl um sein Leben. Im V.- Versuch zeigen sich sowohl direkt als 
auf dem Umweg über die dem „alten Juden" verwandte Figur des 
„schwarzen Huhnes" starke Beziehungen des „alten Juden" zum Vater 
Lea's. Auch heisst es am Schluss des Versuches : „Der alte Jude vergeht 
in Rauch", und in den Einfällen hierzu sagt Lea; „Das ist der Moment, 
wo man die Macht über mich verloren hat und ich von zu Hause weg- 
gegangen bin". In dieser Phase der Entwicklung hat sich der „alte Jude" 
in seinen Beziehungen zum Hauskomplex derart gefestigt, dass er als 
der erklärte Vertreter oder Botschafter desselben gelten kann. Er ist 
der Vater, die väterliche Gewalt. Das Imperium dieser Gewalt schwindet, 
so wie der „alte Jude" in Rauch aufgeht. Der Todesgedanke hat in dieser 
Phase bloss die Bedeutung des Erlöschens dieses Imperiums. Es obwaltet 
da eine ähnliche Beziehung wie in den von Stekel in seiner „Sprache 
des Traumes" mitgeteilten Träumen vom zweiten Tod 1 ). Lea's Vater, 
dessen Imperium durch den alten Juden ausgedrückt wird (gegen den 
die Jugend — junger Rabbi — im II. Versuch sich wehrt und der lehr- 
haft auftritt), ist zwar in Wirklichkeit am Leben; aber man kann sagen, 
dass er in dem Sinn für Lea bereits gestorben sei, als diese sich ausserhalb 
seines Bereiches befindet, und dass das Sterben des alten Juden in diesem 
Sinn ein „zweiter" Tod sei; das Sterben des alten Juden ist auch deshalb 

J ) Stekel schreibt a. s. 0. S. 401 f.: »Haben die Lebenden (d. h. insbe- 
sondere die lebenden Eltern) schon eine so ungeheure Gewalt über uns, so scheint 
die Herrschaft der Toten manchmal noch tyrannischer zu sein. Wie viele neuro- 
tische Symptome sind nur .nachträglicher Gehorsam* oder .nachträglicher Trotz". 
Also immer Reaktionen auf Imperative der Erzieher. Der Tod kann hie und 
da diese Imperative lösen. Wir sehen Menschen frei werden, wenn eine der 
imperativen Gewalten der Jugend stirbt. Manchmal tritt jedoch das 
Gegenteil ein. Der Tod versteinert die Imperative und macht sie unlösbar. Die 
armen Menschen stehen dann unter der Herrschaft unlöslicher affektativer Impera- 
tive, gegen die die intellektuelle Einsicht nie aufkommen kann. . . Die Toten müssen 
noch einmal psychisch sterben, ehe er (der Neurotiker) frei wird. . . In den 
Traumen erscheint dieses Problem der Befreiung von den Imperativen der Toten 
in einer sonderbaren Form. Die Toten sterben noch einmal. . . Die Macht der 
Toten erlischt, wenn sie zum zweiten Male sterben.' 



Zar Charakteristik des lekanomantiachen Schauen«. 143 

ein „zweiter"' Tod, weil der alte Jude zunächst nicht den „Vater, 
sondern den Grossvater Lea's darstellt, der in * Wirklichkeit schon 
gestorben ist. Freilich vertritt der Gross vater eigentlich den Vater; aber 
dass für den Vater der tote Grossvater dasteht, will nicht übersehen sein. 
In der Analyse des VI. Versuches spricht es Lea expressis verbis aus, dass 
sie den alten Juden (der immer älter aussieht) für ihren Grossvater 
nimmt. Durch eine Parallele setzt sich Lea ihrer gleichnamigen Tante 
an die Seite und bringt sich auf diese Weise zu dem Grossvater in das 
Verhältnis einer Tochter; es beginnt somit die Substitution Gross- 
vater = Vater deutlich zu werden. Der alte Jude wird am Schlüsse 
des Versuches von Engeln entführt, was offenbar wieder Sterben bedeutet. 
Im VI. Versuch wird der alte Jude vorübergehend auch mit Hans identi- 
fiziert, und zwar in einer Episode, wo Lea ihn hinters Licht führt. Und 
warum eignet sich der alte Jude bei dieser Gelegenheit zur Identifikation 
mit Hans ? Weil er in diesem Fall des Hansens Imperium darstellt, 
welches Lea umgeht; Imperative, die sie übertritt. In diesem Sinn zeigt 
sich auch die (vielleicht durch die religiöse Färbung der Figur des alten 
Juden vemittelte) Beziehung des alten Juden zum Gewissen, eine Be- 
ziehung, die später noch verwertet wird, aber eine andere Richtung be- 
kommt. 

Im VII. Versuch wird Lea klar, dass der alte Jude ihr Vater ist. Er 
wird deshalb zusehends älter, weil Lea, wie schon erwähnt, den Wunsch 
hat, ihr Vater möge so sein, wie sie sich (nach einem Gemälde) den ehr- 
würdigen Grossvater vorstellt. Im VIII. Versuch stirbt der alte Jude 
wieder einmal. Aber es kommt auch eine Szene vor, wo er eine heilige 
Statue an sich drückt, die zu einem Kinde wird. Der alte Jude tritt 
sozusagen zu einem neuen Glauben über. Der X. Versuch führt dies näher 
aus. Ich verweise auf meine oben l ) gebotene ausführliche Relation dieses 
Versuches. Hier wird nun Lea durch den eignen Mund des alten Juden 
kundgetan, dass er, der im Grabe liegt, eigentlich ein Teil von Lea's Psyche 
sei. Lea hat die Empfindung, er sei ihr vergangenes Leben; er sei das, 
was sie abstreifen wolle. Nun erhält der Tod des alten Juden (welcher 
jetzt nicht mehr bloss das väterliche Imperium darstellt) eine tiefere Be- 
deutung: ein Seelen teil in Lea selbst soll sterben; Lea selbst soll eine 
Bekehrung, eine Erneuerung, eine Wiedergeburt durchmachen; und auch 
ihre antiquierte Gewissensform soll einer neuen Platz machen. Lea's 
Psyche zerfällt sozusagen in zwei Teile 2 ): die zynische und die ideale 
Lea. Der Tod und die Wiedergeburt des alten Juden (als Kind) bedeutet 
den Untergang der zynischen, den Sieg der idealen Lea. 

Man sieht, wie die Bedeutung der Figur von den äusseren 
Gegenständen und Personen 8 ) sich abwendet (eigentlich: durch sie hin- 
durchgeht), um sich den seelischen Potenzen zuzukehren. 

Man hat sich den Vorgang bei der Verinnerlichung der Bedeutung 
einer Figur wohl ungefähr so vorzustellen: die Figur tritt zuerst im Dienst 
einer (von einem Komplex aus) affektiv betonten Episode auf. Sie bleibt 
mit dem betreffenden Komplex in Verbindung und schlägt neue Verbin- 
dungen mit verwandten Komplexen. Bei jedem neuen Gebrauch bleibt 

i) Im ersten Teil dieses Aufsatzes, Heft 2. 
») Das sind solche Potenton, wie ich sie oben nannte. 
3) In Wirklichkeit waren die Bedeutungen des alten Juden im Anfang noch 
viel kasuistischer, als ich es in dieser komprimierten Betrachtung wiedergeben konnte. 



144 Herbert Silberer, Zur Charakteristik des lekanomantischen Schauens. 

etwas Frisches an der Figur hängen und führt ihr neues Leben zu, auf 
dem Wege der V e r d i c h t u n g. So gelangt die Figur in den Mittelpunkt 
eines grossen Bedeutungskreises; sie stellt das allen den Episoden, die an 
ihr hängen, Gemeinsame dar: sie wird zum Typus. Der Typus ist 
aber (in diesem Sinn) eine Erlebnisform, dem ein psychischer Modus des 
Erlebens entspricht. Er stellt sozusagen ein Register (musikalisch ver- 
standen) der Psyche dar. Wenn eine Figur zum Typus wird, so bringt 
sie sich damit in symbolische Relation zu Wesenheiten und Vorgängen 
innerhalb der Psyche. Und auf diesem Wege erlangt sie, sich verall- 
gemeinernd, die symbolische Vertretung dessen, was ich vorhin eine 
„psychische Potenz" oder „psychische Strömung" nannte. 

Ich gerate hiermit in Probleme, die über den Rahmen dieser Arbeit 
schon deshalb hinausführen, weil sie mir nicht für das lekanoskopische 
Schauen allein sich zu stellen scheinen, sondern gewiss auch für den 
Traum usw. Untersuchung heischen. Und deshalb will ich nun schlicssen. 



m. 

Zur Frage des psychischen Determinismus. 

Von Frits van Raalte, Arnhem (Holland). 

Jede Sprache hat Wörter, die ausser Gebrauch kommen und nach? 
kürzerer oder längerer Zeit der Gruppe der Archaismen angehören, weil 
die Sache nicht mehr besteht oder als Realität nicht mehr anerkannt 
wird. So kennen z. B. die meisten Holländer das Wort mee = mede 
als Bezeichnung für ein ehemals sehr beliebtes Getränk aus Honig bereitet 
nicht mehr (der Met), weil es, soweit mir bekannt, nicht mehr getrunken 
wird und durch Limonade usw. ersetzt ist. 

Vielleicht wird einmal das Wort „Zufall", wenn auch erst nach 
langer Zeit, praktisch der Vergessenheit anheimfallen, nachdem man all- 
gemein erfahren haben wird, dass es psychisch ebensowenig wie physisch 

„Zufälle" gibt. 

Die Beweise, welche Freud in der „Psychopathologie des 
Alltagslebens" für seine Behauptung gibt, dass alle menschlichen 
Handlungen psychisch determiniert sind, mögen noch so einleuchtend sein, 
immerhin bleibt Experientia optima Magistra, und wer einmal auf die 
Vorherbestimmung aufmerksam gemacht ist, wird früher oder später von 
ungefähr Beispiele finden, welche einen besseren Beweis liefern, als ein 
Dutzend Fälle, die man in der Literatur findet. Für mich wenigstens war 
es mehr überzeugend, als ich an eigenen Arbeiten Psychoanalyse zu treiben 
Gelegenheit hatte. 

Vor einiger Zeit veröffentlichte ich eine kurze Abhandlung über 
„Kinderteekeningen in verband m et psycho-pathologie" 
in den Niederländischen „Psychiatrische en Neurologische bladen". 

In einer Tabelle gab ich an, welche Objekte die Knaben gewählt 
hatten, in einer zweiten, tieferen, ebenfalls vertikalen Tabelle die Objekte 
der Mädchen, auf diese Weise: 

1. Jan — huis — soldaat — schip. 

2. Piet — vogel — schip — boom. 

3. Steven — pijp — huis — tafel. 

usw. 23 Namen. 
Nun sind die Vornamen Jan und Piet landläufig in Holland. Wenn 
man z. B. eine Rechenaufgabe für die Schule verfasst, wählt man zuerst 
diese Namen, ebenso wie Müller und Meier in Witzblättern. Man wählt 
aber stets Jan. Piet en Kl aas; z. B.; Drei Knaben, Jan, Piet und Klaas 
müssen 378 Nüsse teilen 



146 Frits van Raalte, 

Weshalb habe ich nun Steven, einen selten vorkommenden Namen, 
für Klaas substituiert? 

Die Tabelle für die weiblichen Schüler fängt an: 

1. Anna — tafel — boom — tram. 

2. Mi na — emmer — schip — bloem. 

3. Marie — duif — man — huis. 

usw. 20 Namen. 

Als ich damals alle Zeichnungen vor mir hatte, musste ich die Vor- 
namen wählen, da ich bloss wusste, ob eine bestimmte Zeichnung von 
einem Knaben oder einem Mädchen herrührte, die Namen der Schüler 
aber nicht kannte. 

Als ich nun die Korrektur bekam, bat ich eine Kollegin, die öfters 
so liebenswürdig ist, mir bei dieser Arbeit zu helfen, nach meiner Korrektur 
die Probe durchlesen zu wollen, ob ich nicht vielleicht noch Fehler über- 
sehen hätte. 

Das Thema nötigt mich leider, einen Satz aus einem imaginären Tage- 
buch zu veröffentlichen. Meine Kollegin und ich leben in guter Freund- 
schaft und ich habe ihr mehrere Male in Zeitschriften literarische Arbeiten 
zugeeignet. 

Als ich nun meine Kollegin frage, ob sie noch Fehler gefunden 
habe, zeigt sie mir in der Tabelle den Mädchennamen Marie. Dann 
richtet sich ihr Bleistift zur anderen Tabelle und sie sagt: „Marie steht 
hier bei Nr. 3 und sehe dort . . ." Bevor ich aber erfasse, was sie 
meint, sage ich voreilig: „Oh, gewiss habe ich Nr. 3 der Knaben auch 
Marie genannt." Ich fürchte eine so grosse Unaufmerksamkeit meinerseits, 
weil sie so sehr erstaunt scheint. Dann sehe ich aber, dass Nr. 3 der 
Knaben Steven heisst. 

Soweit ist noch nichts Ausserordentliches zu bemerken: 

Nr. 3 Marie — Nr. 3 Steven. 

Meine Kollegin, die in grossen Zügen der Psychoanalyse kundig ist 
und z. B. das Zentralblatt und mehrere psychoanalytische Publikationen 
liest, blickt mich forschend an, um zu sehen, welchen Eindruck das Zu- 
sammentreffen beider Namen auf mich macht, und ich bin auch wirklich 
sehr erstaunt, denn meine Kollegin heisst: Marie Stevels. 

Dass ich die beiden Namen wählte, war also überhaupt kein Zufall, 
sondern war durch den Affekt unentrinnbar psychisch determiniert. Dass 
es sich hier um einen vollkommen unbewussten Vorgang handelt, leuchtet 
klar aus meiner irrtümlichen Furcht hervor, dass sie mich darauf auf- 
merksam machen könnte, ich hätte anstatt eines Knabennamens einen 
Mädchennamen gewählt. 

Woher kommt es nun, dass die beiden Namen gerade bei Nr. 3 zu- 
sammentreffen und nicht z. B. bei 7 oder bei 16? 

Genau kann ich es nicht sagen, aber als ich die Sache überdachte? 
kam eine erratische Erinnerung auf, die möglich Nr. 3 vorherbestimmt hat : 
Einige kleine Schülerinnen meiner Kollegin erzählten mir eines Tages, 
das Fräulein sei immer so liebenswürdig und diesen Morgen habe sie als 
Schreibmuster auf die schwarze Wandtafel geschrieben : Een, twee, drie, 
de juffrouw heet Marie. 

Auch kann der Umstand, dass sich Marie und drie (= drei) im 
Holländischen reimen, eine Bolle mitgespielt haben, so dass die Zahl 3 



Zar Frage des psychischen Determinismus. 147 

mehrfach determiniert ist. Viele Assoziationen bei mir sind Reim- 
assoziationen. 

Als ich hier die Anfangsstücke der beiden Tabellen schrieb, habe 
ich aufs Geratewohl einige Objekte genannt, weil es für diesen Aufsatz 
gleichgültig ist, was die Schüler gezeichnet haben. Das Demonstrandum 
bleibt hier dasselbe, welches die Objekte auch sein mögen. 

Es ist daher wahrscheinlich, dass Jan nicht gerade ein Haus, einen 
Soldat und ein Schiff gewählt hat. Man kann also die Namen Jan, Piet usw. 
als Reizwörter betrachten und die hinzugefügten Objekte als Wort- 
assoziationen. 

Das erste Wort nun, das mir bei dem Namen Marie einfiel, war 
duif = die Taube. Als ich nun dieses Wort, nachdem es in mir auf- 
gestiegen war, hinschreiben sollte, hatte ich zuerst die Absicht, es durch 
ein anderes, indifferentes Objekt zu ersetzen; denn ich konnte mich gar 
nicht erinnern, dass es unter den ^ 175 Zeichnungen eine Taube gab. 
Und als ich. in dem Schreibheft mit den aufgeklebten Zeichnungen suchte, 
fand ich bloss einen Storch, durch einen Knaben gezeichnet, der mir seiner 
Faulheit wegen etwas antipathisch ist. 

Dass ich auf Marie Taube assoziierte, ist auch ein durch einen 
Komplex determinierter Vorgang, dessen genauere Beschreibung in das 
imaginäre Tagebuch gehört. 

Wer solche Erfahrungen macht, muss seine Logik wohl mit voller 
Kraft verdrängt haben, um hinfort noch an einen „reinen Zufall" 
im Reiche der Psyche glauben zu können. 



Mitteilungen. 



Bemerkungen zu einer „Selbststudie über Retour 

ä l'enfance". 

Von stud. med. Ernst Marcus. 

Der Redaktion einer Zeitschrift 1 ) ist unter einer Deckadresse von 
einem schweren Neurotiker eine Darlegung seines Zustandes nebst einigen 
Heften „Gedichte eines Psychopathen" und eine Sammlung von Zeitungs- 
ausschnitten über Retour ä l'enfance, Verkleidungen in Kinderkleider u. 
dgl. zugegangen. Die Selbststudie bringt die „Zeitschrift" als „Dokument" 
zum Abdruck, leider nicht auch die Gedichte, die gewiss, besonders für 
den Analytiker, eine Reihe interessanter Ausblicke geboten hätten. So 
müssen sich diese Ausführungen auf Besprechung der „Selbststudie" be- 
schränken, die auch eine reiche Fülle an Material bietet 2 ). 

Die Einleitung der Schrift klingt wie ein Notschrei nach Psycho- 
analyse: „ ,Tout comprendre, c'est tout pardonner'. Verständnis, Ver- 
zeihung! Wenn ich dennoch diese Worte schreibe, so tue ich 

es, weil ich es muss; sie sind das Ventil, durch das die schwelenden und 
brodelnden Dämpfe entweichen, damit der Kessel nicht zerspringt." Bei 
seinen wenigen Vertrauten hat Patient nur sprachloses oder auch ab- 
fälliges Kopfschütteln gefunden. Weil er das vom neuen fürchtet, hat 
er auch eine Scheu, sich einem einzelnen Arzt auszusprechen; „zu einem 
Konzilium von' Ärzten kann ich sprechen". Schon in der Einleitung er- 
kennt man den Faktor, der in dem Krankheitsbild die Hauptrolle spielt, 
den Masochismus; Heilung erwartet Pat. entweder von vollkommenem 
laisser aller, leisser faire, oder von der — Hypnose. 

Über sich selbst sagt Pat., dass er allzusehr Altruist ist, zu gefühls- 
weich, andererseits sparsam, ja filzig und knickerig. Er gehört den ge- 
bildeten Kreisen an, ist Doktor und stolz darauf. Von seinen Verwandten 
sagt er nur, dass seine Brüder und ein Onkel väterlicherseits sein kontra- 
diktorisches Gegenteil sind. Sie sind ihm verhasst. „Auffällig ist, wie 
sehr ihr Charakter sich gleicht, und zwar in der Neigung zum Schlechten." 
„Zu den wenigen Vorzügen, die ich besitze, rechne ich es mir am höchsten 
an, ihr genaues Gegenteil zu sein." 

Als sein auffallendstes Symptom bezeichnet Pat. die Leidenschaft, 
Knabenanzüge anzulegen. Als wahrscheinliche Wurzel oder doch eine 
der Wurzeln gibt er eine dunkle Erinnerung an einen Blusenanzug 
an, den er etwa im 6. Jahre getragen habe. Er sei ihm zu eng geworden 
und habe durch Friktion am Genitale einen eigentümlichen Reiz auf ihn 

') über eine btsondere Art sexueller Anomalie (Selbststudie über Retour ä 
l'enfance) von Dr. R. Pettow. Zeitschrift f. d gesamte Neurologie u. Psychiatrie. 
1911, Bd. III. S. 692. 

s ) Vgl. auch Abraham, .Bemerkungen zur Psychoanalyse eines Falles von 
Schuh- und Korsettfetischismus*. Jahrbuch, III. Bd, 1912. 2. Hälfte, S. 555. Der 
dort mitgeteilte Fall weist mit dem hier besprochenen eine Reihe von Analogien auf. 



etud. med. Ernst Marcos, Bemerkungen zu einer .Selbststudie über Retour ä l'enfance " . 149 

ausgeübt. Viel bedeutsamer als Wurzel erscheint mir aber sein Masochis- 
mus, den er wenig später bespricht. „Jedenfalls steht soviel fest, dass 
der 'Anblick, wie Lehrer dem Schüler das Höschen straffziehen — und 
vor allem bei grösseren Jungen — ungemein stimulierend in diesem Falle 
gewirkt hat, und zwar dahingehend, diese Prozedur unter möglichst den- 
selben Umständen — also auch in derselben Kleidung — am eigenen 
Leibe vornehmen zu lassen." Ob er selber in der Kindheit auch körper- 
liche Züchtigungen erfahre« hat, wird nicht gesagt, doch ist es anzu- 
nehmen, da von mannigfachen Kränkungen und Zurücksetzungen die Rede 
ist, auch die Züchtigung durch ^en Lehrer als etwas Selbstverständliches 
hingestellt wird. Zu dem Minderwertigkeitsgefühl, das aus diesen Zurück- 
setzungen entsprang, kommt noch die Beobachtung körperlicher Defekte, 
besonders der grossen Magerkeit seiner Arme und Beine. Das reizte zu 
Vergleichen, zu diesen boten eben die kurzen Kniehosen der Knaben 
Gelegenheit. Hierbei wie bei der Beobachtung von Prügelszenen kommt 
auch der Schautrieb auf seine Rechnung. Um die Minderwertigkeit seiner 
Arme und Beine zu vertuschen, stellt er Theorien auf, man gebe den 
Kindern weniger zu essen, damit sie mehr in die Höhe wachsen. Ver- 
gleiche mit Bäumen werden angestellt. Andererseits haben die Minder- 
wertigkeitsgefühle eine Überkompensation erfahren, die zum Narzissismus 
führt. Pat. hat einen „selbstgefundenen, stolzen Wahlspruch: ,Maior sumP" 
Ich möchte hier auf einen Zusammenhang zwischen Masochismus 
und Analerotik hinweisen. Die erste Gelegenheit, bei der das Kind körper- 
liche Züchtigung oder beschämende Strafen erleidet, ist die Gewöhnung 
an Ordnung in den analen Angelegenheiten. Diese scheinen bei Pat. 
ganz und gar nicht in Ordnung gewesen zu sein; er scheint an Obstipationen 
gelitten zu haben; die Klistierspritze hat ihm einen tiefen Eindruck 
hinterlassen (s. u.). Auch sein Geiz spricht für einen starken Analkomplex, 
ebenso die Phantasie, dass Frauen den Urin per anum entleeren, eine 
Phantasie, die auf infantile anale. Sexualtheorien hinweist. Auch die 
besondere Aufmerksamkeit für die Züchtigung aufs Gesäss mag hierher 

gehören. 

Eine wichtige Wurzel für die „Höschenmanie" bildet natürlich seine 
Homosexualität. „Diese Jungen liebe ich, wie mein besseres Ich und 
ihre Blusenanzüge als illusionistisches Werkzeug." Der Zusammenhang 
zwischen Homosexualität und Narzissismus tritt hier schön zutage 1 ). — 
Ich liebe diese schönen jugendlichen Geschöpfe, weil ich es muss, 
ich kann nicht anders. Aber weltenweit bin ich entfernt von jedem 
Gedanken an Homosexualität oder Päderastie. Und wer einmal die Klistier- 
spritze in den After eingeführt bekommen hat, wird auch verstehen, wenn 
ich sage, dass mich ein gelindes Grausen bei dem Gedanken befällt, seine 
Liebe in dieser wunderlichen Form zu zeigen." Für seine Analkomponente 
ist es bemerkenswert, dass er die Päderastie nicht nur als Lustquelle, 
sondern auch als Liebesbezeugung auffasst. 

Ein Gefühl zum Weibe will er nie gekannt haben. Er erwähnt auch 
kein einziges Weib. Die Brüste erscheinen ihm als ein „hässhcher Ans- 

') Sadeer, («Ein Fall von multipler Perversion mit hysterischen Menschen*. 
Jahrbuch 11, Band 1911, 1. Hälfte. 8. 59 ff., speziell S. 114) gibt an, dass der Weg 
zur Homosexualität über den Narzissismus führt; ob nicht auch der urngekehrte 
Weg gangbar ist? Jedenfalls ist die »Identifikation mit dem Sexualobjekt be- 
deutend erleichtert, .wenn dieser gleichgeschlechtlich ist. 



150 Btad. med . Erust Marcus. 

wuchs", „ein entstellender Knollen". Manchmal wil|l er die Schuld für 
diese Einstellung seinen Eltern geben, weil sie ihm keine Gelegenheit ge- 
boten haben, mit Mädchen zusammen zu kommen. Doch kann er es sich 
andererseits nicht vorstellen, dass ein sonst so übermächtiger Trieb durch 
Nichtgebrauch vollkommen verkümmern kann, und darum hält er seine Ver- 
anlagung für angeboren. Übrigens hat er bis vor kurzem keine klare 
Vorstellung davon gehabt, wo sich eigentlich das weibliche Genitale be- 
findet. 

Seine sexuelle Befriedigung findet Pat. durch „gelegentliche Onanie 
und von selbst eintretende Pollutionen". Manchmal tritt auch beim An- 
legen von Höschen oder Blusen „unfreiwillige" Ejakulation ein. 

Versuchen wir nun zusammenzufassen, die Geschichte des Patienten, 
zu rekonstruieren! Ich bin mir voll bewusst, dass ich nur Konjekturen 
geben kann, doch sind sie begründet genug, um für sehr wahrscheinlich 
zu gelten. Schon mit seinem ersten Sexualobjekt, Amme oder Mutter, 
scheint Patient trübe Erfahrungen irgend welcher Art gemacht zu haben 1 ). 
Wie weif, hier schon die anderen Angelegenheiten mitspielen, ist nicht 
ersichtlich. Die Reaktion war so stark, dass das Interesse für Frauen 
aus dem ganzen ferneren Leben des Patienten ausgeschaltet wurde. Dafür, 
dass diese Abwendung schon in der allerersten Lebenszeit erfolgte, spricht 
die Aversion gegen Brüste. 

Als Ersatz suchte Patient sich seinen Brüdern zu nähern. Doch 
er fand nur Hänseleien und Zurücksetzungen; es mag sich um seine 
körperliche Zurückgeblieben heit sowie um die Unordnung seines Stuhl- 
ganges gehandelt haben. Doch da die heterosexuellen Bahnen zu sehr 
obstruiert waren, richtete sich die Verdrängung nicht gegen die allgemeine 
Richtung des Sexualtriebes, nicht gegen das Geschlecht der Sexualobjekte, 
sondern mit um so grösserer Stärke gegen ihre Personen selbst. Sie ver- 
körpern das Schlechte, er rechnet es sich als Vorzug an, ihr Gegenteil 
zu sein, ist es vielleicht eben aus diesem Grunde geworden. Dass er 
auch den Bruder des Vaters einbezieht, mag äussere Ursachen haben, 
vielleicht liegt auch Identifizierung des Onkels mit dem Vater vor, vielleicht 
versuchte er, wenn auch vergeblich, zur Mutter zurückzukehren. — Er 
schloss sich ab, das einzige Mittel gegen Zurücksetzung und Hänselei, wurde 
vorzugsweise autoerotisch, analerotisch. Er hatte Obstipationen, wurde 
mit der Klistierspritze behandelt und empfand dabei Lustgefühle. Erst 
infolge der später eintretenden Sexualverdrängung wird dieses Lustgefühl 
in der Erinnerung zu etwas Grausigem umgewandelt. Auch die Genital- 
zone tritt bereits erogen auf (Masturbation durch die enge Hose). Auch der 
Schautrieb scheint in dieser Zeit recht bedeutend gewesen zu sein, wahr- 
scheinlich mit besonderem Interesse für das Anale. Woher der Hang, 
die Beine der Knaben zu beobachten, stammt, ist nicht ersichtlich. „Viel- 
leicht spielt Kleinheit seines Penis eine Rolle." 

In der Latenzperiode vervollkommnete sich seine Vereinsamung. 
Pat. hat keine Freunde. Gegen die aus den Hänseleien und Zurücksetzungen 
sowie aus der Beobachtung seiner Zurückgebliebenheit entspringenden 
Minderwertigkeitsgefühle baut er sich Schutzwälle, Überkompensationen. 
Er ist besser als die anderen, er ist ja ihr Gegenteil, „maior sum" I Die 

l ) Es ist auch nicht ausgeschlossen, dass Pat. von ganz klein auf in rein 
minnlicher Gesellschaft aufgewachsen ist; in der ganzen Selbstatudie wird kein 
Weib erwähnt. Allerdings würde Pat, diesen umstand wahrscheinlich selbst anführen. 



Bemerkungen zu einer „Selbstatudie aber Retour ä l'enfance*. 151 

Grundlage zum Narzissismus ist gegeben. So tritt er in die Vorpubertät 
mit Anlagen zum Narzissismus, zur Homosexualität, zur Analerotik' und 
zum Masochismus, der durch die Zurücksetzungen und wohl auch Schläge 
entstehen musste (Zusammenhang mit der Analerotik). 

Als Quartaner, also etwa ^m 12. Jahr, erinnert sich Pat., eine 
Vorliebe für hübsche wohlgestaltete Knaben gehabt zu haben. Ob um 
diese Zeit auch Züchtigungen vorkamen, ist nicht ersichtlich. Vielleicht 
stammen auch gerade aus dieser Zeit einige gute Erfahrungen, so dass 
er sich später zu ihr zurücksehnte. Das Interesse an den Züchtigungen 
anderer, verbunden mit den masochistischen Phantasien, scheint späteren 
Datums zu sein, als er aus der Zeit schon hinaus war. Die Identifizierung 
mit den Gezüchtigten ergab eine Brücke zwischen Narzissismus und 
Homosexualität; eines begünstigte das andere. Den Knabenanzügen wird 
besonderes Interesse zugewendet als einem Symbol seiner Lieblinge, und 
weil sie ihm ermöglichen, sich selbst zum Knaben, also seinem Liebling und 
ausserdem zum gezüchtigten Knaben zu machen. Spielt doch das Spannen 
der Höschen bei seinen Prügelbeobachtungen eine Rolle. Auch ist die 
Kinderhose mit angenehmen Erinnerungen an frühere masturbatorische 
Lustgefühle verknüpft. 

Der Gedanke an Päderastie tritt auf. Dem Analerotiker erscheint 
sie zunächst nicht nur als Lustquelle für sich, sondern auch als Liebes- 
bezeugung. Doch neben anderen Hemmungen tritt die Erinnerung an die 
infantilen Erlebnisse mit der Klistierspritze auf. Früher einmal war das 
ein ganz besonderes Lustgefühl; durch die Verdrängung während der 
Latenzperiode ist die Erinnerung in ihr Gegenteil verkehrt; der Gedanke 
daran erweckt Grausen. Die Erotik der Genitalzone ist von der Ver- 
drängung Weniger berührt worden, weil sie weniger Bedeutung hatte, wohl 
auch, weil sie überhaupt weniger anstössig erscheint. 

Der Weg 'zum Weib ist ihm verschlossen, Päderastie unmöglich, seine 
masochistischen Phantasien kann er nicht verwirklichen; obwohl die Mode 
der Sportanzüge aufgekommen ist und er „unter dem Knie endende sog. 
Manschettenhosen" auch öffentlich tragen könnte, waren bisher Hinder- 
nisse dagegen; welcher Art, wird nicht ausgeführt. Die Realität ist ihm ver- 
schlossen. Er kann nur in infantilen, masochistischen, homosexuellen 
und vielleicht auch sadistischen Phantasien onanieren oder sich Pollu- 
tionen hingeben; die einzige Konzession, die ihm die Realität macht, ist 
die Möglichkeit, sich im stillen Kämmerlein Knabenanzüge anzuziehen und 
sich, wohl wieder unter masochistischen Phantasien, seiner Erregung hin- 
zugeben. In seinem ganzen Leben hat er nur Enttäuschungen erfahren, 
erst Zurücksetzungen in der Jugend, später sprachloses und auch abfälliges 
Kopfschütteln über seine Phantasien; er ist nervös geworden, aus der 
Karriere gedrängt; er hat ein „dringendes Bedürfnis nach Aussprache, 
warmherzig«m Verständnis und womöglich nach Heilung". Die Psycho- 
analyse könnte ihm die ersten beiden Wünsche sicher, vielleicht auch 
den letzten erfüllen. 

Zum Schlüsse sei noch bemerkt, dass es schade ist, dass nicht 
auch die eingesandten Gedichte veröffentlicht wurden. Wahrscheinlich 
hätten sie noch manches Licht auf diesen interessanten Fall geworfen. 



lb2 Dr - M - Wulff ' 

IL 

Zur Psychologie der Syphilophobie. 

Von Dr. M. Wulff, Odessa. 

Ein schwerer Zwangsneurotiker führt sich bei mir mit der folgenden 

Anamnese ein : . , . , , . . . 

Ich bin schon seit 6 Jahren krank. Zu Anfang habe ich bloss Angst 
vor der Svphilis gehabt. Eines Abends vollzog ich einen Koitus mit einem 
Mädchen. 'Am nächsten Morgen erzählte ich es meinem Bruder i) , Warum 
tust du es", sagte er, „sie verkehrt doch mit BF. und der hat die Syphilis 
Das hat mich sehr erschrocken, die Haare standen mir zu Berge bleich 
bin ich zu einem Arzt hingelaufen. Seitdem finde ich keine Ruhe. Ich 
leide an Angst vor Syphilis, vor Wahnsinn; die ganze Welt scheint mir 
anders geworden zu sein, ich bin immer traurig, nichts ist mir lieb etc. 

Drei Tage nachher, schon während der psychoanalytischen Kur, 
bringt er eine Korrektur der Anamnese: „Ich habe es ganz vergessen, 
und gestern kam es mir plötzlich in den Kopf. Kurze Zeit vor meiner Er- 
krankung war meine zweite Lieblingsschwester sehr schwer an lypnus 
krank. Ich habe sie hauptsächlich gepflegt, habe Urlaub genommen und 
Tag und Nacht an ihrem Bett verbracht, sie sogar gebadet etc. Eines 
Tages ging ich in's Klosett und dabei, meiner Gewohnheit nach, unter- 
suchte ich meine Genitalien, weil ich, seitdem ich eine Gonorrhoe gehabt 
habe, es immer so mache. Da glaubte ich am Penis ein Bläschen bemerkt 
zu haben. Ich erschrak fürchterlich und im selben Augenblick ging 
mir der Gedanke durch den Kopf: „Du kannst noch deine 
Schwester anstecken", ein Gedanke, der mich mit Schauer erfüllte. 
Am nächsten Tag ging ich zum Arzt, aber vom Bläschen war nichts zu 

merken." .. , • 

Dazu ist noch folgendes zu bemerken: Während der mehrwochent- 
lichen Pflege der kranken siebzehnjährigen Schwester (Pat. war damals 
92-23 Jahre alt) verliess Pat. das Haus fast gar nicht, und den letzten 
Koitus hatte er mindestens sechs Wochen vor dem mitgeteilten Vorfall. 
Das war aber zugleich sein erster Koitus nach einer schweren Gonorrhoe, 
die ungefähr ein Jahr dauerte und ihn „fast bis zur Verzweiflung quälte". 
Am nächsten Tag nach dieser Mitteilung kommt Pat. von selbst 
auf sein Schuldgefühl zu sprechen, das ihn seit vielen Jahren nicht ver- 
lässt und in seiner Krankheit eine so grosse Rolle spielt. Er fühlt seine 
Schuld seiner Frau gegenüber, weil er sie verlassen wollte und sie schlecht 
behandelte. „Und auch meiner zweiten Schwester gegen- 
über fühle ich eine schwere Schuld" — fügt er hinzu und erzahlt 

folgendes : , 

Er war damals 12—13 Jahre alt und die Schwester war noch ganz 
klein, vielleicht 5-6 Jahre. Eines Tages blieb er allein mit dem kleinen 
Mädchen zu Hause und wurde sexuell stark erregt. Er ging auf die Meine 
zu, schleppte sie in ein anderes Zimmer, hob ihr das Kleidchen hoch und 

"Tp^usste, dass dieser Bruder früher mit dem Mädchen ««$[«» Jjj 
kehr hatte. Hier ist ein Wink, der die homosexuelle Wurzel der Syphilisphobie, 
-wie der ganzen schweren Neurose zeigt. 



Dr. M. Wulff, Zur Psychologie der Syphilophobie. 153 

presste seinen Penis an ihre Genitalia. Dabei bekam er seine erste 
Ejakulation. Nachher quälten ihn Gewissensbisse. Die Anhänglichkeit 
des Patienten an seine Familie, besonders an seine Mutter und die zweite 
Schwester war sehr gross. So hat er eines Tages seine Frau verlassen, 
um bei seiner Mutter zu wohnen, wollte ohne jeden besonderen Grund 
sich von seiner Frau, die er eigentlich widerwillig geheiratet hat, scheiden 
lassen. Einige Monate später kehrte er aber zu seiner Frau zurück, mietete 
eine Wohnung, besorgte Möbel und Einrichtung und erkrankte dabei wieder, 
nach einer relativen Besserung, so schwer, dass er alles verlassen musste, 
um nach Odessa in ärztliche Behandlung zu kommen. Erst während der 
Behandlung besserten sich seine Beziehungen zu seiner Frau soweit, 
dass ein Zusammenleben möglich wurde. Auch inzestuöse Träume und 
mehr oder minder verkleidete Inzestphantasien hatte Patient wiederholt. 
Statt vielen nur ein kleines Beispiel, seinen letzten Traum: 

„Ich räume mit der Schaufel Schnee auf und mache einen Weg 
über die Strasse, um irgendwo zu gehen (nachher hinzugefügt: zur Mutler), 
dann Sfche ich meine Mutter und spreche mit ihr." 

Zum „Schnee" fallen ihm folgende Assoziationen ein: „schmilzt, 
angenehm, rein, weiss, flaumhaarig, weich, feucht, ich räume den 
Schnee auf, Schnee eher Haare, der Schnee ist weich und flaumhaarig 
wie Haare, graue Haare, Greis, ich wollte zur Mutter, zu ihren grauen 
Haaren (crines pubis), Mutter, Wirtin. Eine alte Frau von 90 Jahren 
urinierte im Kloset, ich sass im Nebenraum, habe hingeguckt und onanierte, 
ich war damals ein kleiner Junge." 

„Die Schaufel!" — „Das bin ich, der Mann .... die SchauEel ist 
mein Penis." 

Der Fall ist, glaube ich, klassisch: Die Gonorrhöe kann bei einer 
disponierenden psychosexuellen Konstitution ein Traum werden, das die 
Libido schon etwas hemmt. Danach folgt eine schwere Krankenpflege 
bei der Schwester, während der die infantilen erotischen Regungen 
mit dem begleitenden Schuldgefühl und Gewissensbissen auf's neue er- 
wachen (die selbstaufopfernde Pflege hat wohl in diesem Schuldgefühl 
ihre unbcvvusste Begründung) und bahnen der Libido den Weg zur Re- 
gression. Die Folgen sind Libidoverdrängung und Angst, die auf die im 
Bewusstsein vorhandenen Infektionsvorstellungen verschoben sind 4 ). 



• ) Dieser Fall ist ein klassischer Beweis für meine Eindeckung , dass die 
Syphilisangst symbolisch als Angst vor dem Inzeste aufzufassen 
ist. In meiuem Aufsatze „Einige Bemerkungen zur Rettungaphantasie" (Z. B. 
IL Band, Seite 591) Bage ich: Die Syphilisangst zeigt immer die gleiche Wurzel: 
Die Inzestphantasie. Das Unreine der neurotischen Phantasien wird 
durch die »Syphilis" vertreten. Die Syphilis ist ein Symbol des 
Unreinen und Gemeinen." Der Patient von Wulff fQrchtet die Strafe Gottes 
und fasst die Gonorrhoe offenbar auch als höhere Fügung und Warnung zur Keusch- 
heit auf. Die Überdetermination des Schneeschaufeins zeigt ihn als herabgekomraenen 
Strassenkehrer, der sich mühsam den Weg ins andere Leben bahnt und sich selbst 
das Grab schaufelt. Der Schnee als Symbol der Reinheit vertritt wunderbar seine 
Sehnsucht nach Keuschheit und Reinheit. . . . 

Stekel. 



Zentnlbl&tt für Psychoanalyse III*. 11 



154 Dr. Wilhelm Stekel, 

III. 

Fortschritte der Traumdeutung. 

Von Dr. Wilhelm Stekel (Wien). 

Ich habe die Absicht, regelmässig die Fortschritte der Traumdeutung 
mit Beispielen zu belegen, wie sie mir die tägliche Praxis der Analyse 
bringt. Als Anfang dieser Aufgabe möge mein Aufsatz im ersten Hefte 
dieses Jahrganges, „Die Darstellung der Neurose im Traume", gelten. 
Eine zusammenhängende Beschreibung der Religionssymbolik soll dann 
bald folgen. 

Ich beginne mit einer Traumreihe, wie sie mir zufällig in der letzten 
"Woche von meinen Patienten gebracht wurde. Ich betone hier ausdrück- 
lich, dass die Träume alle nur in einer oder in einigen Determinationen 
gedeutet wurden. Ich wiederhole, dass andere Bedeutungen von mir auch 
erkannt und in der Analyse besprochen wurden. 

Ich betone dies nur aus diesem Grunde, weil mir von 'mancher Seite 
gerne Einseitigkeit und Oberflächlichkeit vorgeworfen wird. Aber ich ver- 
meide gerne Ballast und Menschen, die immer wieder nach Beweisen 
schreien, verkennen, dass es eine innere Wahrheit gibt, die sich selbst 
beweist. Dieser inneren Wahrheit zu folgen war immer mein heisses 
Bemühen. Es gibt Menschen, welche schaffen und solche, welche das 
Geschaffene beweisen oder bestreiten. Ich möchte zur ersten Kategorie 
gezählt werden. 

Ich will nun einige Träume vorführen, welche das Innere des Hauses 
behandeln. Es wird von vielen. Zimmern im ersten Stocke, von Kellern, 
von Kammern und Bodenkammern die Rede sein. Und nun in medias res! 

Ein an einer quälenden Zwangsvorstellung leidender Kranker, ein 
Photograph, teilt mir folgenden Traum mit: Ich erhalte mit der 
Post drei merkwürdige Karten, welche in der Mitte vier- 
eckig vorgebaucht sind. Sie enthalten eine freudige 
Nachricht von meiner Gouvernante. Ich will diese Nach- 
richt lesen, da kommt meine Frau ins Zimmer, ich will 
die Karten verbergen und eile damit auf den Dachboden. 
Ich komme in eine Kammer, in der sich zwei Herren be- 
finden, von denen der eine eine Schnurrbartbinde an- 
hat. Es kommt mir vor, als ob die Räume am Dach nicht 
meinem Hause zugehören, sondern fremde Räume sind, 
während ich im Beginne des Traumes in meinem Hause 
war. Ich pralle zurück und gehe Cin paar Schritte zu- 
rück und komme auf den Dachboden. Ich will nun in einer 
Ecke die Karten verstecken. Ich stecke meine Hand 
hinein und mache mich ganz schmutzig. Die Ecke war 
voller Schmutz und Spinngewebe... Ich eile zurück 
und stecke die Karten in die linke Rocktasche. Auf der 
Stiege begegne ich meiner Frau. Ich weiss nicht, ob sie 
mich sucht oder ob sie zu den beiden Herren wollte. 
Sie macht mir Vorwürfe. Ich entgegne barsch und un- 
wirsch. 

Eine vollständige Analyse dieses Traumes ist hier nicht beabsichtigt. 
Ich will bloss einige Tatsachen hervorheben, die uns das funktionale 



Fortachritt* der Traumdeutung. 156 

Symbol im Traume verständlich machen sollen. Zu den Karten fällt dem 
Patienten ein, dass sie dunkel waren, am Rande blutig rot. Sie erinnern 
ihn an einen Sargdeckel. Sie enthalten offenbar eine Todesnachricht. 
Er hat mit der Gouvernante seiner Kinder ein Verhältnis, das er gerne 
lösen möchte, obwohl er sie leidenschaftlich liebt. Aber er ist Vater 
von drei Kindern und seine Frau leidet an einer quälenden Eifersucht. 
Das Haus ist ihm infolgedessen zur Hölle geworden. Der Tod der Gouver- 
nante bildet eine friedliche Lösung aller Konflikte. Allein dieser Einfall 
erklärt uns nicht, warum er diese Nachricht vor der Frau verbergen will. 
Auch sind die Karten vorgebaucht, und meine Vermutungen gehen 
auf Schwangerschaft und Geburt. Die Einfälle des Patienten vermeiden 
aber dies Thema, bis ich ihn auf das Thema „Gravidität" aufmerksam 
mache. Da erzählt er, dass die Gouvernante sich ein Kind von ihm 
wünscht. Sie hätte einen Bräutigam, den sie dann erhören und sein 
Kind unterschieben würde. Dann, wenn sie ein Kind von ihm hätte, 
könnte sie ihn ruhig • verlassen. Und vor seiner Abreise nach Wien habe 
sie ihm mitgeteilt, dass ihr die Periode ausgeblieben sei, und dass sie wahr- 
scheinlich gravid wäre. Ihr Tod befreit ihn also von der Sorge wegen 
der verschiedenen Komplikationen. 

Ein anderer unangenehmer Gedanke ist der Wunsch, dass seine 
drei Kinder sterben sollen. Er hatte sich, als er einmal mit dem Revolver 
spielte, bei dem Gedanken überrascht, seine Kinder zu erschiessen. Ein 
geheimer Gedanke enthüllt sich allmählich : Die Gouvernante soll in seiner 
Abwesenheit die Kinder vergiften. Er ist Photograph und sie hat auch 
das Zyankali zur Verfügung .... Die beiden Herren sind Hausfreunde 
und er hat sie in Verdacht, dass sie mit seiner Frau ein Verhältnis haben. 
Sie sind vielleicht die Väter der Kinder. Deshalb hasst er diese Kinder. 
Er argwöhnt, es wären nicht die seinen. Es sind schmutzige Gedanken, 
die er in seinem Hirn hin- und herwälzt. Wir verstehen nun das 
Bild von der Hand, die in die Ecke er hineinsteckt und 
voller Schmutz und Spinngewebe macht. Es handelt sich 
ja nur um Hirngespinste. Jetzt merken wir erstaunt, dass der Dach- 
boden ein funktionales Symbol seines Gehirnes ist. Sagt man doch von 
einem Verrückten, es wäre in seinem Dachstübchen etwas nicht 
in Ordnung! Sein Gehirn ist auch so ein Dachboden mit verschiedenen 
Kammern, die Geheimnisse enthalten, geheime Gedanken, von denen er 
im Wachen nichts wissen will. Da ist die Kammer mit den zwei Herren, 
die auch in seinen homosexuellen Phantasien eine grosse Rolle spielen. 
Dorten im Hirne versteckt er auch die Todeswünsche gegen die Gouver- 
nante und gegen die Kinder .... Doch alle diese Phantasien sind ihm 
nicht bewusst, er drückt das wunderschön im Traume aus: „Es kommt 
mir vor, als ob die Räume am Dach nicht meinem Hause 
angehören, sondern fremde Räume sind . . ." Immer wieder 
können wir die Beobachtung machen, dass so viele Neurotiker ihren 
Phantasien fremd gegenüberstehen. Brechen die unbewussten Wünsche 
ins Bewusstsein, so haben wir die bekannte Sensation des Fremden. 
Hier ist das Unbewusste ins Gehirn, in die Dachkammer verlegt, in einen 
Dachboden mit verschiedenen Kammern, in denen Schmutz und Spinn- 
gewebe zu finden sind. 

Der verdrängte Gedanke vom Tode der drei Kinder wird durch 
eine Bodenecke symbolisiert. In einem Winkel seines Gehirnes schlummern 

11* 



156 Dr. Wilhelm Stekel, 

die bösen Gedanken, die er sich nicht eingestehen will. Weitere Asso- 
ziationen führen tief in das Dickicht seiner Neurose. Ich wollte nur 
auf das funktionale Symbol „Kammer" gleich „Gehirn" oder „Seele" 
aufmerksam machen. Ich will übrigens noch einmal auf diese Art der 
funktionalen Symbolik zurückkommen. Wir waren gewöhnt, das Haus 
und die Bestandteile des Hauses im Traume immer als Teile des Körpers 
aufzufassen. In der Psychoanalyse scheint es aber -wenig allgemein geltende 
Regeln zu geben und Voraussetzungen stören das Finden der Wahrheit. 
Das soll uns die nächste Traumanalyse lehren. 

Ein anderes funktionales Symbol enthält der nächste Traum einer 
Dame, die wegen einer schweren Neurose in meiner Behandlung steht 
und der der Wille zur Gesundheit vollkommen mangelt. Sie träumt : I c h 
befinde mich in einem kellerartigen Gewölbe ohne Aus- 
sicht, wie im letzten Akte bei Aida... Hoch über mir 
gehen Menschen vorüber, flutet das Leben. Einzelne 
versuchen mich zu rotten. Man wirft mir ein Seil zu, 
das ich erfassen und mich e m porziehen lassen soll. 
Vergebens! Alle Stricke reissen, und ich bleibe allein 
und verzweifelt im dunkeln Grabe, lebendig begraben... 

Hier ist die Neurose als ein dunkler Keller symbolisiert, in dem 
die Kranke lebendig begraben ist. Das stimmte auch vollkommen. Sie 
hatte sich in der Neurose lebendig begraben. Sie hatte jeden Verkehr 
abgebrochen, besuchte kein Theater, keine Konzert© mehr; eine hysterische 
Akkomodationsstörung verhinderte sogar das Lesen. Sie spielte nicht mehr 
Klavier, sie malte nicht, was sie einst so leidenschaftlich getan, kurz 
sie war lebendig begraben. 

Viele Ärzte hatten schon versucht, sie zu retten. Sie war in ver- 
schiedenen Sanatorien gewesen und hatte sich berühmten Männern anver- 
traut. Aber 'alle Versuche misslangen, sie brach alle Beziehungen zu 
den Ärzten ab ... . Nun, da „alle Stricke gerissen" sind, kommt sie zu 
mir und wiederholt mir immer wieder: „Ich habe gar keine Aussichten 
gesund zu werden." (Man beachte das Bild des Kellers ohne Fenster. 
Dort hat man auch keine „Aussichten".) „Ich werde nie gesund 
werden, geben Sie sich keine Mühe ..." 

Sie will nicht gesund werden, da sie mit ihrer Krankheit ihren 
Mann und ihre Familie sehr hart bestraft. Sie will auch in meiner Be- 
handlung krank bleiben und so über mich und meine Bemühungen 
triumphieren. 

Bei dieser Gelegenheit will ich ein materiales Symbol bekannt geben, 
das ich schon halb verraten habe. Männer träumen oft von Zimmern, 
die k«ine Fenster haben. Dieses Symbol geht in deutschen Landen 
auf eine „aussichtslose" Verbindung oder Bemühung hinaus. In 
ähnlicher Weise werden andere Symbole gebildet. Ich träumte einmal, 
dass ich einen alten Mann mit einem Kind am Arm im seichten Wasser 
sah und sehr fürchtete,' es könnte ihm ein Unglück passieren. Als er 
ins tiefe Wasser überging, schwand meine Furcht. Die Erklärung dieses 
Traumes 'klingt wie ein schlechter Witz. Die erste Befürchtung hatte 
einen Grund, da musste ich zittern. Die zweite war aber „grundlos", und 
deshalb brauchte ich nicht zu fürchten .... Allein ausser dieser Be- 
deutung hatten diese Bilder auch eine zweite. Das Wasser ist ein Bild 
der Seele. Im tiefen Wasser war der böse Gedanke, den dieser Traum. 
Ausdruck gab, gut verborgen. Im seichten kam er bald auf die Ober- 



Fortschritte der Traumdeutung. 157 

fläche. Das musste ich befürchten. Ich wollte einen argen Todes wünsch 
nicht erkennen. 

Eine wunderbare Vermengung materialer und funktionaler Symbole 
bringt der nächste Traum einer dreissigjährigen Dame: Ich bin auf 
unserer Stiege gewesen. Der Diener ist in dem einen 
Zimmer gelegen, das das Dienerzimmer im Elternhause 
war. Ich habe die Türe aufgemacht und habe mich dann 
wieder auf die Stiege schlafen gelegt. Dann habe ich 
gedacht, dass ich doch die Türe schliessen muss und 
habe es probiert, so dass der Diener erwachte und 
furchtbar aufgeregt in den zweiten Stock lief und 
dachte, es wären Räuber. Ich bin ihm nach und habe 
ihm gesagt: Ich habe die Türe aufgemachtund motivierte 
das damit, dass ich öfters in der Nacht herumgehe. Er 
war ganz in Seh weiss gebadet. Ich sagte, er bekomme 
hoffentlich keine Lungenentzündung. Ich deckte ihn 
mit der Decke zu und sagte, er solle sich ja nicht ver- 
kühlen. 

Dieser Traum gestattet uns die Deutung nach verschiedenen Methoden. 
Die ersten Einfälle der Patientin gehen auf ein infantiles Erlebnis zurück. 
Sie hatten im Elternhause einen Diener, der sie auf Händen trug und 
dabei so zärtlich war, dass es den Eltern auffiel und sie ihm das* Spielen 
mit dem Kinde verbieten mussten. Von diesem Erlebnis scheint der 
Ausdruck „Diener" seine symbolische Verwertung zu beziehen. Den 
aktuellen Anlass gibt ein Diener, der ihr offenbar sehr gefällt. Sie findet, 
er sei immer heiter und beneidet ihn um sein Naturell. Die Relationen! 
zu diesem Diener sind unschwer als erotische zu erkennen, wenn man 
den Traum aufmerksam liest. 

Allein der „Diener" hat noch eine symbolische Bedeutung und 
vertritt nach meiner Erfahrung in vielen Fällen den „Phallus". Un- 
beeinflusst bringt die Kranke eine Assoziationsreihe, die sich auf den 
Phallus ihres Mannes bezieht und erwähnt auch eine Perversion die fellatio. 
Wir verstehen jetzt die Bedeutung des Satzes, dass der Diener in den 
zweiten Stock (os!) flüchtet. Der Traum erweist sich als ein Verlangen 
die fellatio zu wiederholen, was der Gatte schon seit längerer Zelt nicht 
beantragt hatte, während sie die Scham abhält, ihn dazu zu provozieren. 
Sie ist aber mit seiner „Kälte" nicht zufrieden. („Er wird sich ver- 
kühlen.") 

Diese Bedeutung des Dieners ist ein materiales Symbol im Sinne 
Silberer's. Allein das Symbol hat schon die Progression zum funk- 
tionalen durchgemacht. Es ist der erste Traum, den die Patientin in 
meiner Behandlung geträumt hat. Er muss auch eine Beziehung zu mir 
und zu der Behandlung aufweisen. 

Diese Patientin hatte mir am ersten Tage der Behandlung gestanden, 
dass jsie eigentlich nicht gesund werden wolle. Sie fürchte sich, ich 
könnte ihr die „lieben Phantasien" rauben, an denen sie so hänge .... 
Das beweist deutlich genug, dass ihr der Wille zur Gesundheit fehlt, 
und dass sie ohne die Neurose nicht leben könne. 

Der Diener ist also auch ein funktionales Symbol 
und personifiziert ihre Neurose. Das Haus steht* für das Ge- 
hirn und der zweite' Stock ist wieder einmal das bekannte Dachstübchen, 
das Gehirn. Der Traum lautet also in der Übersetzung: Ich wache darüber, 



158 Dr. Wilhelm Stekel, Fortschritte der Trmmdeutung. 

dass mir kein Räuber meine Neurose raubt. Die Neurose ist mir ein 
lieber Diener gewesen, der mich immer mit erotischen Phantasien ge- 
speist hat. Dr. Stekel ist ein Räuber, der mir diesen alten treuen Diener 
rauben will ... In der Nacht verkehre ich ja immer mit meiner Neurose. 
Ihre Schwester ist an Lungenentzündung vor einigen Monaten gestorben. 
Ihre Angst ist, der Diener, d. h. die Krankheit, könnte ebenfalls sterben . . . 
Sie deckt den Diener mit der Decke zu. Sie will alle Gedanken, die ihre 
geheime neurotische Fiktion (Adler) ausmachen, vor mir verbergen und 
verstecken ' 

An dieser Stelle möchte ich noch eine interessante Auflösung mit- 
teilen. Es ist, wie gesagt, gefährlich, in der Psychoanalyse von be- 
stimmten Voraussetzungen auszugehen. Wenn der Kaiser den Vater be- 
deutet, so heisst das noch nicht: Der Kaiser ist immer der Vater und 
ist nur der Vater. Da ich in dieser Hinsicht mancherlei gesündigt habe, 
möchte ich jetzt an dieser Stelle vor jeder Einseitigkeit warnen und allen 
Kollegen empfehlen, die bekannten Symbole nur als Lösungsmög- 
lich k e i t e n in Betracht zu ziehen. 

Eine Flucht von Zimmern wurde von uns immer als eine symbolische 
Bedeutung eines Bordells gedeutet. Das mag ja für viele Fälle stimmen. 
Ich will aber darauf hinweisen, dass dieses Symbol auch eine funktionale 
Bedeutung hat, welche häufig genug seiue wichtigste Relation enthält. 

Eine Dame träumt : „Ich eile durch eine unendliche 
Flucht von Zimmern und komme in eine kleine Kammer, 
die eine Tafel auf der Türe trägt: Eintritt allen Unbe- 
rufenen verböte n 1 Ich gehe trotzdem hinein., ich habe 
das dunkle Gefühl, dass nur ich dazu ein Recht habe, 
und finde in einer Ecke einen Knäuel von schmutzigen 
Lumpen, JCinderspielzeug und Kot...." 

Hier ist die Flucht von Zimmern eine Darstellung des Gehirns mit 
seinen verschiedenen Kammern. Eine kleine Kammer trägt die bekannte 
Inschrift: „Eintritt verboten!" Sie will mir offenbar die Erinnerungs- 
lumpen ihrer Kindheit (Kinderspielzeug) nicht mitteilen. Sie weiss, dass 
sie sich schmutzig macht, wenn sie diese Komplexe berührt. Sie hatte 
alle diese infantilen Erlebnisse vergessen. Die Türe zur Erinnerung war 
fest verschlossen. Nun kommt sie im Traum .der Nacht zu den vorbotenen 
Regionen. Dieser Traum war ein prophetischer und brachte eine Reihe 
von Enthüllungen über ihre infantile Einstellung und über verschiedene 
charakterbildende Erlebnisse der Jugend, welche wie ein Memento 
(Adle r) vor ihrem Lebensweg lagen. 

Wie häufig träumen Patienten von verschlossenen Türen, und wie 
oft begegnen wir diesem Motiv in Märchen und Sagen I Es bandelt sich 
häufig um Gedanken, die dem Bewusstsein und der Erinnerung fremd 
bleiben sollen. Eine Dame träumt immer wieder : Es fallen grosse 
Türen zu, welche Zimmer verschliessen, in denen sehr 
viel vorgegangen ist. Dann erwacht sie. Wir merken hier die 
wunderbar beobachtete Schwellensymbolik von Silber er. Der Schlaf 
geht zu Ende: Eine schwere Türe fällt zu. Das ist doch herrlich aus- 
gedrückt! Aber Wir erkennen, dass die Träumerin des Nachts durch ihr 
Reich, durch ein Flucht von Zimmern wandelt, und dass sie uns von 
diesen heimlichen Wanderungen nicht ein Wort berichten will. 

Die Traumdeutung ist eine schier unergründliche Wissenschaft, die 
uns immer Wieder vor neue und hochinteressante Probleme stellt. 



Dr. Wilhelm Sfcekel, Ein Fall von larvierter Onanie. 159 

IV. 
Ein Fall von larvierter Onanie. 

Von Dr. Wilhelm Stekel (Wien). 

Eine zweiundvierzigjährige Frau wird mir von einem Landarzte 
wegen nervöser Bauchschmerzen zugeschickt. Diese Schmerzen quälen 
die Frau schon seit neun Jahren. Es handelt sich um eine merkwürdige 
Neuralgie in der Gegend des Appendix, gegen die Blase und den Rücken 
ausstrahlend. Der Mac B u r n'sche Punkt ist nicht durckempfindlich. Da- 
gegen wächst die Druckempfindlichkeit, je näher man der Medianlinie 
kommt. Die Patientin wurde verschiedentlich behandelt. In Wien führte 
man die Schmerzen auf eine Retroflexio uteri zurück. Schliesslich schlug 
ihr ein Gynäkologe die Exstirpation des Uterus vor. Sie willigte mit 
Freuden ein, um ganz erlöst zu werden. Drei Wochen nach der Operation 
kam der Schmerz in alter Intensität und noch stärker wieder. Nun kamen 
die Ärzte darauf, dass der Schmerz ein nervöser sei, und begannen sie 
mit Brom, Valeriana, Elektrizität zu behandeln. Alles ohne Erfolg. Dr. H., 
ein Arzt, der mein Buch „Nervöse Angstzustände" gelesen hatte, sandte 
mir den Fall mit der Bemerkung zu, der Fall habe sicher eine psychogene 
Wurzel. Er sei aber ausser stände, sie aufzufinden. 

Die analytische Durchforschung des Falles ergab gleich in der ersten 
Stunde ein wichtiges Resultat. Ein halbes Jahr vor dem Schmerz sei eine 
Art von Lustträumen eingetreten, und sie habe das erste Mal in ihrem 
Leben einen Orgasmus gefühlt. Während ihrer Ehe war sie immer an- 
ästhetisch. Sie hatte mit 23 Jahren geheiratet. Und erst mit 33 Jahren 
begann sie im Anschluss an einen Traum zu „empfinden". Sie fragte 
ihre Freundinnen, was das wäre, und beruhigte sich, als sie hörte, es 
sei normal, eine jede Frau müsse das empfinden. Das erlebte sie im 
Alter von 33 Jahren I Und nun erzählt sie, dass ein Zusammenhang 
zwischen dem Schmerz und der Lustempfindung existiert. Sie habe 
gefunden, dass der Schmerz immer heftiger auftrete, 
wen sie einen „süssen" Traum gehabt hatte. (Es ist, als 
ob der Schmerz die Strafe für eine verbotene Lust wäre . . .) 

Des Inhaltes der süssen Träume kann sie sich nicht erinnern. Sie 
glaubt, dass sie träumte, dass ihr Mann mit ihr verkehre. Manchmal, 
dass sie an einer Brust liege' und sauge. Manchmal etwas anderes, 
an das sie sich nicht erinnern kann. Sie habe auch jetzt bei 
ihrem Manne keinen Orgasmus, empfinde nur ein „leeres Hin und Her". 

Schliesslich macht sie noch eine merkwürdige Mitteilung : Wenn 
der Schmerz sehr stark sei, so müsse sie sich massieren. 
Dann lasse der Schmerz nach, aber sie empfinde ein 
leises Lustgefühl und wisse dann sicher, dass in dieser 
Nacht ein süsser Traum kommen werde. 

In der nächsten Sitzung erzählt sie mir von ihrer Enttäuschung nach 
der Operation. Man hatte ihr erzählt, dass sie keine Frau mehr sein 
werde, wenn alles entfernt sei. Nun ging sie mit Freuden auf den Vor- 
schlag ein, sich den Uterus und die Adnexe entfernen zu lassen. Drei 
Wochen war sie selig, weil kein süsser Traum kam. Dann hatte sie drei 
Pollutionsträume in einer Nacht. Der Schmerz setzte zugleich mit einer 
tiefen Depression .am nächsten Tage mit unverminderter, ja mit noch 
stärkerer Intensität ein. 



160 Vr. Wilhelm Stekel, 

i 
Wir merken, es handelt sich um eine Form von larvierter Onanie, 
auf die ich zuerst nachdrücklich -ufmerksam gemacht habe 1 ). Das Schuld- 
gefühl, das sich daran knüpft, ist ausserordentlich stark und scheint auf 
eine begleitende Phantasie zurückzugehen. Doch wie dieser Phantasie 
habhaft werden? Die Kranke konnte nur eine Woche in Wien bleiben. 
Ich versuchte eine Hypnose. Sie gelang nur oberflächlich. Die 
Kranke gab als Hemmung an, sie habe Angst, sie könnte in 
der Hypnose etwas sprechen, was sie kompromittieren 
würde. Auf Befragen, was das sein könnte, gab sie entschiedene Ant- 
worten: Sie habe nichts zu verschweigen. Sie habe mit 23 Jahren ge- 
heiratet und sei so unschuldig gewesen, wie frisch gefallener 
Schnee. Ihr Mann habe sich über ihre Unerfahrenheit und Naivität ge- 
wundert. 

Am nächsten Tage produziert sie unvermutet eine Erinnerung, an 
die sie schon seit vielen Jahren nicht gedacht hätte. Sie hatte den Vorfall 
ganz vergessen. Diese Erinnerung produziert sie im Anschluss an einen 
Traum, der folgendermassen lautet: 

Ich gehe in ein Zuckerlgeschäft, um mir Zuckerl 
zu kaufen. Die Verkäuferin gibt mir statt der Zuckerln 
Tinte. Ich mache mich gan z'schmutzig. Dann nehme ich 
einige Bäder, um mich rein zu waschen... 

Ich mache die Patientin, der gar nichts zu diesem Traume einfallen 
will, aufmerksam, dass sie etwas erlebt haben müsse, wodurch sie sich 
befleckt fühle. Sie suche sich nun reinzuwaschen . . . Das sei der Sinn 
des Traumes. Sie gibt ihre stereotype Antwort: Sie habe .--nichts erlebt, 
sie wisse sich an nichts zu erinnern. Dann frage ich, ob* sie etwas in 
einem Zuckerlgeschäft erlebt habe. Darauf erzählte sie : „In einem Zuckerl- 
geschäft nicht. Aber jetzt fällt mir plötzlich etwas Wichtiges ein, das ich 
ganz vergessen habe. Ich war sieben Jahre alt, da lockte mich ein Ge- 
selle, der bei meinem Vater in Diensten stand, mit Zuckerln in eine Scheune. 
Dort sagte er, er werde mir etwas Süsses zeigen. Er hob mir das Kleid 
auf und vollführte mit mir einen Verkehr." 

Haben sie den Eltern etwas davon erzählt? 

Nein. Ich schämte mich zu sehr. Aber ich bat den Vater, den Ge- 
sellen wegzugeben, ich könne ihn nicht leiden. Ich wich ihm aus und 
floh immer seine Nähe, wenn er mit mir wieder allein war. Ich war schon 
siebzehn Jahre alt, als er wegging. 

Haben Sie ihn dann wiedergesehen? 

Ja, aber da war ich schon lange verheiratet. 

Wie alt waren Sie da? 

Es war gerade im Jahre nach meinem Abortus, also mit 33 Jahren. 

In demselben Jahre, als Ihre Pollutionen und Schmerzen anfingen? 

Ja — in demselben Jahre. Von meiner Heimat ging ich dann 
nach Wien. 

Ich will nun einige Erklärungen geben. Wenn ein Kind so ein 
Trauma erlebt, so wirkt dies Trauma wie ein Memento (Adler) für sein 
ganzes Leben. Es kann durch so ein Trauma zur Keuschheit getrieben 
werden, und manches Mädchen ist wegen eines solchen Erlebnisses Nonne 
geworden .... So war es auch in diesem Falle. Das kleine Mädchen 
wurde schamhaft, scheu und fromm. Im Herzen hatte es eine style 

i) Ober Onanie. Diskussionen. Heft II. J. F. Bergmann, Wiesbaden, 1912. 



Ein Fall von larvierter Ouanie. 1G1 

Hoffnung, der Bursche werde seine Sünde durch eine Ehe wieder gut 
machen. Denn das Kind liebte den Gesellen und konnte ihn nie mehr ver- 
gessen. Es betrachtete sich als seine Frau. Sie heiratete nach längerem 
Zögern mit 23 Jahren. Aber der Bursch war noch ledig. Sie konnte 
die Hoffnung einer alles reinwaschenden Ehe noch aufrecht erhalten. 
In ihrer Heimat sah sie den Burschen zum ersten Male als Ehemann, 
sie erfuhr, dass er verheiratet sei ... . Sie fuhr nach Hause, und ein 
heftiger „Fluss" zwang sie, nach Wien 'zu fahren. Dieser Fluor war schon 
ein Zeichen ihrer übergrossen Erregbarkeit. Die lange zurückgestaute, 
angesammelte Libido sollte durchbrechen. 

In den nächsten Sitzungen erfuhr ich erst, dass sie in Wien 
„massiert" wurde. Die Patientin gab an, dass der Schmerz vorne 
und hinten, eigentlich innen aufgetreten sei. Ich dachte sofort an eine 
bimanuelle Untersuchung, was sie aber leugnete. Sie habe bei der Unter- 
suchung nie Schmerzen oder Lustgefühle gehabt. Am nächsten Tage er- 
innert sie sich an die Massage. Sie sei nachher immer ganz hingewesen, 
wenn der grosse starke Doktor in ihr herumgearbeitet habe. Man habe 
bei ihr eine Rückwärtsknickung der Gebärmutter konstatiert und ihr Massage 
verordnet. Sie habe blaue Flecken gehabt und die Nacht danach vor Auf- 
regung nicht geschlafen. Vor der Massage habe sie immer gezittert, wie 
vor etwas Fürchterlichen 

Kurz, ich erfahre, dass die Massage im höchsten Grade auf sie er- 
regend gewirkt hat und die ersten Lustgefühle vermittelt habe, Lustgefühle, 
die mit Schmerzen kombiniert waren. 

Der Fall wird nun klar. Das Kind hatte beim ersten Koitus neben 
den Schmerzen ein starkes Lustgefühl empfunden. Das Verhältnis vom 
grossen Phallus und der infantilen Vagina war ein solches, dass dies der 
Fall sein musste. In der Ehe enttäuschte sie die (natürlich nur relative I) 
Kleinheit des Membrum virile .... Sie blieb anästhetisch. Die Erinne- 
rung an den grossen Phallus der Kindheit störte den Eindruck der Gegen- 
wart. Der Anblick des verheirateten Geliebten weckte die alte begrabene 
Erinnerung zu neuem Leben. Die Massage aber brachte die alte trau- 
matische Szene in veränderter Form. Einen grossen Gegenstand (die Hand 
des riesengrossen Masseurs), der in ihrem Innern herumwühlte, wohl auch 
Erinnerungen an die gänzlich vergessene Kinderonanie. Nun war die 
Sperrung, der ihre Sexualität unterlegen war, wieder aufgehoben. Sie 
hatte nun Träume, welche diese Massage wiederholten. 

Jetzt verstehen wir, warum der Schmerz aufhört, wenn 
sie sich massiert, und warum sie dann sicher eine Pol- 
lution produziert. Die Massage weckt die Erinnerung an die ärzt- 
liche Massage und das Kindertrauma, und im Schlafe vollendet ihre Hand 
den autoerotischen Akt. 

Sie braucht sich darüber keine Vorwürfe zu machen, denn sie ist 
ja dann schuldlos. Und doch hat sie ein tiefes Schuldbewusstsein. Denn 
sie betrügt ihren Mann mit dem ersten Geliebten und dem Arzte. 

In diese Phantasien mischen sich auch Todesgedanken, die alle 
Hindernisse zwischen ihr und der ersten Liebe hinwegräumen .... 

Das ist die Erklärung dieses Schmerzes. Wir sehen, wie recht 
der Landarzt hatte, als er eine psychogene Wurzel annahm. Und wir 
merken mit Grauen, wie viele Operationen überflüssigerweise gemacht 
werden 



162 Referate und Kritiken.. 

Referate und Kritiken. 

Dr. Karl Furtmüller, „Psychoanalyse und Ethik". Eine vor- 
läufige Untersuchung. Schriften des Vereins für freie psychoanalytische 
Forschung, Nr. 1. Verlag von Ernst Reinhardt in München. 

Im Gegensatz zum Bewusstseinspsychologen, dem die Selhsterforschung 
gleichbedeutend mit der Absuchung des Bcwusstseinsfeldes ist, wird der 
Psychoanalytiker keine Bewusstseinstatsache arglos hinnehmen, „sondern 
wird immer darauf gefasst sein, dass sich darunter Unbewusstes ganz 
anderer, vielleicht gar entgegengesetzter Qualität verberge". Die seit jeher 
gestellte Vorfrage der Ethik: „woher erhalten die ethischen Imperative 
ihre bestimmende Kraft'?", muss daher vom Psychoanalytiker eine weit 
tiefergellendere Beantwortung erfahren, als dies von der Bewusstseins- 
psychologie bisher geschehen ist, die meistens bloss eine historische An- 
einanderreihung verschiedener Phasen der phylogenetischen und onto- 
genetischen Entwicklung gibt oder sich mit der Feststellung von Bewusst- 
scinstatsachen begnügt (Kant's Gefühl der Achtung vor dem moralischen 
Gesetz), während für den Psychoanalytiker diese Bewusstseinstatsachen 
nichts Primäres, sondern etwas Abgeleitetes bedeuten. Daraus folgt, dass 
die Psychoanalyse es sein muss, welche die Lösung der Frage „nach dem 
Ursprung der Ethik als eine Erscheinung des individuellen psychischen 
Lebens" in Angriff nehmen muss. Die phylogenetisch erworbene Dis- 
position, die Annahme einer Art sozialen Instinktes, die von mehreren 
Autoren in den Vordergrund gerückt erscheint, wird auch vom Verfasser 
nicht abgelehnt, sondern im Gegenteil als eine Bedingung der ethischen 
Erziehbarkeit angesprochen, doch kann diese Annahme gerade jene Fälle 
wo die Ethik ihre „höchsten Triumphe feiert", nicht erklären und dazu 
kommt, dass ethisch handeln und im Interesse der Gesellschaft handeln, 
keineswegs immer identisch sind. 

Zur Beantwortung dieser grundlegenden Vorfrage jeder Ethik wird 
Adler's Lehre von den Minderwertigkeitsgefühlen und ihrer Kompen- 
sation herangezogen und zwar für den speziellen Fall der Wirkung von 
Imperativen auf die Seele des Kindes : 

„Es ist leicht einzusehen, wie sehr die reiche Reihe ethischer Im- 
perative, die dem Kind als Gebote der Wohlanständigkeit, der 

Ordnung, der Unterordnung gegenüber treten, das Gefühl der Minderwertig- 
keit verschärfen muss Dem Kind, das sich nicht willig fügt,. 

tritt das Urteil der Umgebung entgegen, das es als schlecht bezeichnet. So 
wird das eigene Gefühl seiner Minderwertigkeit durch das fremde Urteil 

über seine Minderwertigkeit bestätigt Wie wird das Kind auf 

diesen besonderen Fall von Minderwertigkeit reagieren? Es kann sich im 
Trotz auflehnen oder dm passiven Gehorsam sich unter- 
werfen , aber es steht noch eine dritte Möglichkeit offen 

Das Individuum kann nämlich die fremden Gebote zu seinen eigenen 
machen. An Stelle der Imperative des Zwanges kann es Imperative der 

Freiwilligkeit setzen, die jenen inhaltlich gleichkommen Ein, 

peinlicher Druck ist von dem Individuum genommen, es ist über das Gefühl 
der Minderwertigkeit hinausgekommen, aus dem Diener anderer ist ein 

Herr seiner selbst geworden. In diesem Befreiungsgefühl liegt 

der Wert des ethischen Wollens für das Individuum." — Da aber die 
Kompensation mit der Herstellung des Gleichgewichtes nicht Halt macht, 



Referate und Kritiken. 163 

sondern sich nach der anderen Richtung hin verschiebt, so können manche 
Erscheinungen daraus erklärt werden, so z. B. u. a. die G o e t h e'sche 
Beobachtung: alle Kinder sind moralische Rigoristen. Soweit die primäre 
Entstehung der ethischen Forderungen. — 

Volle Wucht erlangt aber der ethische Wille erst dann, wenn dia 
Triebe sich dieser gegen sie gerichteten Instanz wieder bemächtigen und 
sie sekundär in ihren Dienst stellen. Das geschieht auf .-.weifache 
Art: durch Verwendung der Ethik zu indirekter Triebbefriedigung und 
durch ihre Verwendung zu Zwecken der Sicherung. 

In der ersten Beziehung gehört die Macht, die der Ethiker über 
Menschen erlangt: „Die Erhabenheit der ethischen Idee lüsst ihren Träger 
vor sich und anderen erhaben erscheinen. Er zwingt andere in den 
Dienst seiner Idee und dadurch mittelbar in den Dienst seines Willens." 
Weiters gehört dazu die Betätigung des Interesses an antimoralischen 
Trieben durch ihre Bekämpfung und durch die damit notwendig gewordene 
Beschäftigung mit ihnen. Die Methode, Grausamkeit durch ihre krasseste 
Schilderung zu bekämpfen, setzt ein unverhülltes Interesse an Grausam- 
keit voraus. 

Die sekundäre Verwendung der Ethik zu Zwecken der Sicherung 
ist hauptsächlich zweierlei : erstens erscheint sie als Sicherung gegen 
die aufgepeitschten Triebe, die sich aus der Trotzeinstellung 
des Kindes und seinem „in unerhörtem Grade gesteigerten" Verlangen 
nach Geltung und Revanche ergeben. Dem negativen Charakter der Siche- 
rung entsprechend wird die Ethik hier in den moralischen Verboten 
eine Waffe liefern. Der zweite Fall der Sicherung durch die Ethik ist 
darin gegeben, dass die Psyche, um eine Steigerung des Minderwertigkeits- 
gefühls zu vermeiden, sich die Erreichung von Zielen durch Gebote und 
Verbote der Moral versperrt: z. B., aus Furcht, vor dem Weibe nicht zu 
bestehen, wird eine Moralschranke aufgestellt, die die Erreichung des 
Zieles verbietet. 

Ein folgendes Kapitel versucht die Anwendung der obigen Gesichts- 
punkte auf zwei Richtungen der Ethik: der Harmonieethik S hafte s- 
bury's sowie der vom Autor Konfliktsethik genannten Richtung bei Kant 
und schliesst mit einigen guten Bemerkungen über das Verhältnis der 
autonomen Ethik zur Gesellschaft; das letzte Kapitel beschäftigt sich mit 
den Folgen für die eigene Stellungnahme, die der Autor in Konsequenz des 
Adler'schen Systems in dem Eintreten für eine Änderung der Gesell- 
schaftsordnung und für die Gleichberechtigung der Frau zu sehen 
scheint 

Mit einem grossen Teil des Meritorischen (also abgesehen von den prak- 
tischen Schlussfolgerungen) kann man sich wohl einverstanden erklären, über 
mehreres wird noch manches zu sagen sein, jedenfalls ist dieser vorläufige 
Versuch und insbesondere die sehr klar gehaltene Sprache anzuerkennen. Nur 
zwei Bemerkungen seien angefügt: Erstens nimmt es der Autor vorweg, dass 
eine Sicherung nur gegen „aufgepeitschte" Triebe erforderlich wird, wahrend 
doch zunächst nicht einzusehen ist, warum nicht jeder angeborene, 
unsoziale Trieb einer Sicherung gegen dessen Betätigung bedarf; man 
gelangt dann zum Freud'schen Begriffe der Reaktionsbildung (unbe- 
kümmert, ob es sich um sexuelle oder nichtsexuelle Triebe handelt), wie 
ja überhaupt für diesen bestimmten Fall Reaktionsbildung und 



164 Referate und Kritiken. 

Sicherung beinahe synonim sind. — Zweitens ist es möglich, dass diese 
eben besprochene Sicherungstendenz oder Reaktionsbildung nicht sekun- 
där, wie sie der Autor auffasst, sondern primär der Ethik zugrunde 
liegt. Doch würde eine weitere Erörterung dieser Fragen die Aufrollung 
des ganzen Problems Freud-Adler bedingen, was natürlich in diesem 
Zusammenhange nicht möglich ist. Dass natürlich auch ganz andere 
Momente ausserdem bei der Psychologie der Ethik in Frage kommen 
können, ist selbstverständlich, insbesondere darf das Problem der Ethik 
nicht losgelöst werden vom Probleme des Mitgefühls bzw. M i 1 1 e i d e n s. 
Doch treffen diese letzten Bemerkungen den Autor nicht, denn er ist 
sich der Vorläufigkeit seiner Untersuchung und der Unvollständigkeit in 
der Anführung und Durchführung der einzelnen Probleme voll bewusst. 
Die Frage nach der Anwendungsmöglichkeit der Freud'schen Libido- 
Theorie auf die psychologische Grundlegung der Ethik wird übrigens 
auch kurz gestreift. In der Auffassung des ethischen Wollens als Subli- 
mierung der Libido sind für den Autor mancherlei Bedenken enthalten. 
„Wir wüssten nicht, wie ein inhaltlich so unbestimmtes Agens, wie es die 
Libido im Freu d'schen Sinne ist, aus sich heraus das Konkrete des 
ethischen Lebens erzeugen sollte." Die Erörterung der schwierigen Fragen, 
die aus Freud's Gegenüberstellung von Libido und Ichtrieben resultieren, 
behält der Autor einer eigenen Arbeit vor. 

Gaston Rosenstein. 

Dr. L. E. Bregmann, Zur Kenntnis der mit Fieber verlau- 
fenden Dermatoneurosen. Neurologisches Zentralblatt. 1912. 

Nr. 7. 

Der Verf. sucht die spärliche Kasuistik vasomotorischer Neurosen um 
einen interessanten Fall seiner Beobachtung zu bereichern. Eine 42 jährige 
Kaufmannsgattin leidet seit 6 Jahren an Anfällen, die sich in un regelmässigen 
Zeitabständen wiederholen, jedoch zumeist durch psychische Ursachen 
ausgelöst werden. Die Anfälle beginnen mit Brennen, Rötung und Jucken 
in beiden Händen, an den äusseren Flächen beider Oberschenkel und am 
rechten Bein. Die Rötung dauert 1—2 Tage, dann erblasst die Haut, 
erscheint aber besonders an den Handtellern verändert, verdickt. Nach 
einigen Tagen fällt die Haut an den Armen, Oberschenkeln und am Knie 
in kleinen, an den Händen in grossen Schuppen, wie ein Handschuh, ab. 
Die Anfälle waren in der Regel von Temperatursteigerungen (bis 39,5°) 
und den entsprechenden Allgemeinerscheinungen, wie Schwäche, Appetit- 
mangel etc., begleitet. Die Plaques lagen (mit Ausnahme des Knies) ganz 
symmetrisch auf beiden Körperhälften. In der anfallsfreien Zeit ergab 
die Untersuchung der Patientin keine wesentlichen Krankheitserscheinungen. 
Irgendwelche hysterische Stigmata oder Antecedentia konnten nicht nach- 
gewiesen werden. Die Sehnenreflexe waren gesteigert. Es bestand deut- 
liche Dermographie. Während der folgenden Beobachtungszeit von zwei 
Jahren klagte Patientin über Ohrensausen und Gehörabnahme auf einem 
Ohre. Doch sind weitere Anfälle in dieser Zeit nicht vorgekommen. 

Gegen eine exogene Erkrankung (Infektion) spreche das vielfache 
Rezidivieren der Krankheit, die symmetrische Lokalisation der Herde, 
das Befallenwerden identischer Körperpartien in den einzelnen Anfällen, das 
Auftreten derselben nach psychischen Affekten, die auf ein nervöses Leiden 
hindeuten. Auch das Fehlen irgendwelcher stabiler Veränderungen nach 



Referate und Kritiken. 165 

7 — 8 jähriger Dauer der Krankheit lasse schliessen, dass es sich um 
eine akut-rezidivierende Dermatoneurose bei einem von Haus aus nervös 
veranlagten Individuum handle, die durch eine Reizung vasomotorischer 
Bahnen und Zentren mit gleichzeitiger Beteiligung des Temperaturregu- 
lierungsÄentrums bedingt sei. Ob diese Reizung bloss durch nervöse 
Einflüsse hervorgerufen werde oder ob auch Stoffwechselstörungen dabei 
mitspielten, könne nicht mit Sicherheit entschieden werden. 

Dr. Bernhard Dattner. 

N. jWyrubow, Zur Psychoanalyse des Hasses. (Russisch.) 
Verf. beschreibt einen Fall, in dem der Beobachtete einen anscheinend 
unmotivierten Hass gegen Katzen hatte. Dieser Hass manifestierte sich 
in Misshandlungen der Tiere, woran der Beobachtete eine Freude hatte. 
Während der Psychoanalyse fiel ihm nach einem sexuellen Traume ein, 
dass er als 13 jähriger Knabe unbestimmte Neigungen zu einer jungen 
Magd hatte und gerade zur selben Zeit der „sexuellen Vorstufe" kam es 
oft vor, dass nachts Katzen aus dem Hofe in sein Zimmer durchs Fenster 
sprangen und er seine Freude hatte, sie aus dem Fenster zu schleudern. 
In dieselbe Zeit fällt die Verunstaltung seines eigenen Katers, dem 
der Schwanz abgehauen wurde, was in ihm auch den Abscheu gegen 
Katzen verstärkte. Nach dieser Psychoanalyse schwand sein Hass gegen 
Katzen. 

Verfasser betrachtet den Ursprung des Hasses gegen Katzen in 
sadistischen Neigungen. 

Nach M. Kroll, Moskau, in der Zeitschrift f. d. ges. Neur. u. Psych. 

mitgeteilt von Dr. Bernhard Dattner. 

Josef August Lux, Grillparzers Liebesroman. Die Schwestern 
Fröhlich, Roman aus Wiens klassischer Zeit. Berlin, Richard Bong. 

Lux hat das Wagnis unternommen, den Liebesroman Grillparzer's 
zu schreiben, trotzdem die allerwichtigsten Quellen laut testamentarischer 
Verfügungen bis 1922 und 1928 verschlossen bleiben müssen. Was er 
geschaffen, ist jedenfalls eine tüchtige Leistung, Mit grossem Fleisse, noch 
grösserer Liebe und feinem psychologischen Verständnis ist das Ver- 
hältnis des einsamen Dichters zu den Schwestern Fröhlich im "einzelnen; 
entwickelt, und soweit ihn die Quellen nicht im Stiche lassen, auch richtig 
durchgeführt. Es ist unserem Autor aufs Wort zu glauben, wenn er am 
Schlüsse des Vorwortes sagt: „Seit mehr als zehn Jahren habe ich mit 
den unvergesslichen Menschen dieser köstlichsten Altwiener Vergangen- 
heit intimen seelischen Umgang; ich brauche nur nach innen zu horchen 
und ich höre sie reden; ich höre ihr Lachen und Jubeln, ihr Weinen und 
Klagen, und was ich auf diese Weise hörte, habe ich niedergeschrieben. 
Das ist sehr einfach. Aber der Dichter hat nicht mehr zu geben, als diese 
inneren Stimmen." Und ich könnte eine Fülle von Bemerkungen anführen, 
die unzweifelhaft dartun, wie gut beschlagen er in psychologischen 
Dingen ist. 

Mit Dichteraugen ist vor allem noch ein Künstler geschaut, der 
von den 20er und 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts in Österreich 
nicht wegzudenken: die Gestalt Franz Schubert's. Stellenweise dünkt er 
mich besser gezeichnet, als Grillparzer selber. An dessen Schilderung 
möchte ich vornehmlich zwei Dinge bemängeln. Zunächst, dass seine Ent- 



1C6 Referate und Kritiken. 

wicklung von Lux erst gezeichnet wird, nachdem seine Mutter verschieden 
war. Auf diese wird kaum mehr als flüchtig verwiesen, trotzdem just 
sie in ihrem Verhältnis zum grossen Sohne entscheidend wurde für Grill- 
parzer's Schicksal. Überhaupt erheischte der Familienkomplex ausführliche, 
liebevolle und verständige Darstellung, nicht kurzes Abtun, wie in unserem 
Buche. Ein zweiter Mangel desselben dünkt mich die kümmerliche Be- 
handlung von Grillparzer's Verhältnis zu den Schwestern Fröhlich nach 
dem grossen Bruche. Ob auch die Quellen hier besonders dürftig so 
müssto ein Dichter aus dem eigenen Innern zu ergänzen wissen. Auch dass 
er die physiologische Seite jener ewigen Brautschaft fast gar nicht be- 
rührte, ist fast unverzeihlich. Hat doch schon Bauernfeld zu Franzos 
über Grillparzer geäussert: „Ich muss sagen, wie er war und warum er 
ein Torso geblieben ist. Und da müsste ich die Hauptsache verschweigen. 
Man schuldigt die Metternicherei an, die Zensur, die Kritik, seine hypo- 
chondrische Anlage. Bichtig! Aber das Wichtigste war doch das qualvolle 
Verhältnis zur Kathil Hätte er die Kurage gehabt, sie zu heiraten oder 
in Gottes Namen ohne Heirat zu besitzen, dann wäre er trotz Metternich 
und Zensur, ein Ganzer, Grosser geworden! Jahrzehntelang sinnlich be- 
gehren und vergeblich schmachten, das ertrage Einer straflos! Glauben 
Sie mir: Dass die Zwei nicht zusammengekommen sind, ist das grösste 
Unglück, das die deutsche Literatur in diesem Jahrhundert betroffen hat." 
Die Frage nun freilich, warum er sich nicht zu besitzen getraute, führt 
tief in den Familienkomplex hinein. Hier muss einsetzen, wer ein volles 
Verständnis Grillparzer's geben will und seiner Beziehung zu Kathi 
Fröhlich. 

Zusammenfassend also möchte ich sagen: die Nachdichtung Lux' 
hat bei aller Liebe, Sorgfalt und Begreifen in Einzelheiten doch ent- 
scheidende Punkte und die Peripetie bestenfalls gestreift. Der wirkliche 
Liebesroman Grillparzer's ist erst noch zu schreiben. Sadger. 

Dr. Ernst Frank, München, Bibel witze. Die Gegenwart, Nr. 1. 1912. 
Der Verfasser konstatiert, dass alle Ästhetiker, welche den Witz be- 
handelten (von Jean Paul bis Freud), den Bibelwitz übersehen haben. 
Er führt eine Reihe solcher Witze auf. Es besteht indessen meiner An- 
sicht nach durchaus kein Grund, den Bibelwitz in eine eigene Kategorie zu 
setzen. Denn er zerfällt in komische Zitate, Scherzfragen etc., welche 
der Technik nach eingereiht werden müssen. Dr. Theodor Reik. 

Der Frauenfuss in der Dichtung. Zukunft, 23. März 1912. 

Der ungenannte Verfasser sucht die Rolle, welche der Frauenfuss 
als erotisches Mittel in der Weltliteratur spielt, zu verfolgen. Er weist 
darauf hin, dass Magdalena des Heilands Füsse und Kundry Parsifals 
Füsse salbt. Er würdigt ferner die Bedeutung des Frauenfusses im Märchen 
(z. B. Aschenbrödel), den Fussfetischismus bei Retif de la Bretonne und 
Sacher-Masoch. Noch in den „Meistersingern" von Wagner ist dieser 
Fetischismus nachweisbar. 

Es wäre ein dankbares Thema, diese Perversion und ihre Symbolik 
vom psychoanalytischen Standpunkt aus zu erforschen. 

Dr. Theodor Reik. 



Varia. 167 

Varia. 

Zum Thema Masochismns. .Dass die Vorahndung des Guten bei allen 
Menschen mit dem Wunsche es zu besitzen, verbanden sei, ist natürlich und fallt 
bald in die Augen; dass aber auch der Mensch eine Art Lüsternheit nach dem Übel 
und eine dunkle Sehnsucht nach dem Genasse des Schmerzens habe, ist schwerer zu 
bemerken, mit anderen Gefühlen verwandt, unter anderen Symptomen verhüllt, die 
uns leicht von unserer Betrachtung abführen können." A. v. W. 

Zorn Thema Grausamkeit. «Der gesunde Mensch kann durch nichts gerührt 
■werden, dass nicht zugleich die Saiten seines Wesens erschüttert werden sollten, von 
denen die entzückenden Harmonien des Vergnügens auf ihn herabströmen. Und 
selbst grausam zerstörende Begierden, worüber man sich auch bei Kindern entsetzt, 
die man durch Strafen zu vertreiben sucht, haben geheime Wege und Schlupfwinkel, 
wodurch sie zu den allersüssesten Vergnügungen hinübergehen. Alle diese innerlichen 
Gänge und Wege werden durch Schauspiele, besonders durch die Tragödie mit elek- 
trischen Funken durchschüttert, und ein Reiz ergreift den Menschen; je dunkler er 
ist, je grösser wird das Vergnügen." A. v. W. 

Znr Psychologie des Mädchens. .Lassen Sie mich, sagte Aurelia, auch 
eine Frage tun? Ich habe Opheliens Rolle wieder durchgesehen und bin zufrieden 
damit und getraue mir sie unter gewissen Umstanden zu spielen; nur sagen Sie mir, 
düifte man die Wahnsinnige nicht andere Liedchen singen lassen, es könnten ja auch 
Fragmente aus Balladen Bein, nur nicht solche Zweideutigkeiten und Zoten, wozu 
das?' — „Beste Freundin, versetzte Wilhelm, ich kann nicht ein Jota nachgeben, 
auch darin liegt ein grosser Ausdruck." Wir 6ehen, womit das gute Kind im Gemüte 
beschäftigt war. Heimlich klangen die Töne der Lüsternheit in ihrer Seele, und sie 
wollte wie eine unkluge Wärterin ihre Sinnlichkeit zur Rahe singen mit Liedchen, 
die sie nur mehr wach erhalten mussten. Stille lebte sie vor sich hin, und kaum 
verbarg sie ihre Sehnsucht und ihre Wünsche. Jetzt, da ihr jede Gewalt über sich 
selbst entrissen ist, da ihr Herz auf der Zunge schwebt, wird diese Zunge ihre Ver- 
räterin, und in der Unschuld des Wahnsinns ergötzt sie sich vor König und Königin 
an dein Nachklange ihrer lieben losen Lieder der Einsamkeit: vom Mädchen, das 
gewonnen ward, vom Mädchen, das zum Knaben schleicht, und so weiter. (Goethe, 
Wilhelm Meisters theatralische Sendung, herausgegeben von Harry Mayne, 1911, 

p. 108, 110, 390.) 

Über die von der Psychoanalyse nachgewiesene enge Bindung von Liebe und 
Hass äussert sich La Rochefoucauld in nachstehender WeiBe : .Plus on aime une 
maitresse, plus on est pres de la hair." -A-. v. W. 

Zur Analerotik. Dass die Liebkosung der Afterzone ursprünglich ein Zeichen 
gegenseitiger Zärtlichkeit ist, dafür zeugt folgender Auespruch eines Dienstmädchens, 

an den sich ein Patient aus seiner Kindheit erinnert: .Wer zürnt, der trinkt nicht 

T H 
aus meinem Hintern." J - a - 

Znm infantilen Charakter des Witzes. .Die Kinder", sagt Freud, .be- 
handeln Worte wie Gegenstände". Hier ein Scherz, dessen psychologische Erklärung 
im zitierten Satze zu finden ist: Ein Patient erzählt mir, er pflege an einen oder 
den andern seiner Freunde folgende Frage zu richten: .Magst du eine Blume?" 
Ist die Antwort bejahend, so schreibt er auf einen schmalen Zettel das Wort .Rose", 
dann steckt er den Zettel ins Knopfloch des Betreffenden. J. H. 






168 Varia. 

Zum Verhältnis von Vater und Tochter. Hebbel schreibt über seine 
Geliebte: .Bevor B. die Menstruation gehabt, hat sie immer an fürchterlichen 
Schmerzen im Unterleib gelitten, wenn sie sich dann zum Vater ins Bett gelegt und 
dieser die Hand nuf ihren Bauch gelegt, hats nachgelassen; bei der Mutter hats 
nicht geholfen.« (Fr. H. Tagebücher, 1. Bd., S. 90. Berlin, 1905.) J. H. 

Hebbel über den Tranm. „Das weiss ich, solche Träume soll man nicht 
gering achten! Sieh, ich denke mir das so. Wenn der Mensch im Schlaf liegt, auf- 
gelöst, nicht mehr zusammengehalten durch das Bewusstsein seiner selbst, dann ver- 
drängt ein Gefühl der Zukunft alle Gedanken und Bilder der Gegenwart, und die 
Dinge, die kommen sollen, gleiten als Schatten durch die Seele, vorbereitend, warnend, 
tröstend. Daher komtnts, dass uns so selten oder nie etwas wahrhaft überrascht, 
dass wir auf das Gute schon lange vorher so zuversichtlich hoffen und vor jedem 
Übel unwillkürlich zittern." (Aus: „Judith", II. Akt.) J. H. 

Hebbel über Ahnungen und Vorahnungen. „Unser Ahnen, Glauben, Vor- 
empfinden etc. haben wir bis jetzt nur als den Beweis für die Existenz einer uns in 
ihrer Realität noch unfassbaren, ausser uns vorhandenen Welt in Anwendung ge- 
bracht; mir sind sie mehr, sie sind mir zugleich die ersten Pulsschläge einer noch 
schlummernden, in uns vorhandenen Welt." (Fr. H. Tagebücher, Bd. I, S. 146. 
Berlin, 1905.) J. H. 

Zum psychologischen Verhältnis von Wort und Tat. „Die Perser glauben, 
dass jedes ausgesprochene Wort zu einem geisterartigen Wesen sich umwandle, 
welches die Welt unablässig bis an die Pforten des Paradieses durchstreift, bis es 
zur Tat wird." (Zitiert nach Hebbel's Tagebücher, Bd. I, S. 45. Man vgl. dazu 
die Ausführungen Ferenczi's in seiner Abhandlung „Über obszöne Worte". Dieses 
Zentralblatt, 1. Jahrg. S. 390.) J. H. 

Die ..Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre", zweite Folge, 
von Freud (Verlag von Franz Deuticke, Leipzig und Wien) ist in zweiter Auflage 
erschienen. 

Von Professor Em est Jones ist ein stattlichor Band „Papers on Psycho- 
Analysis" in London im Verlage von Baillidre, Tindall and Cox erschienen. Wir 
werden auf dieses Buch, das eine Sammlung seiner besten Arbeiten darstellt, noch 
zurückkommen. 

Stekel's „Ursachen der Nervosität" sind in russischer Übersetzung in 
der von Ossypow herausgegebenen psychologischen Bibliothek erschienen. 

Von den Schriften des Vereines für freie psychoanalytische Forschungen sind 
bereits drei Hefte erschienen. „Psychoanalyse und Ethik" von Dr. Karl Furt- 
müller, „Der Fall Gogol" von Otto Kraus, und „Bergsons Philosophie der 
Persönlichkeit und das Persönlichkeitsideal". Alle drei im Verlage von Ernst 
Reinhardt in München. 

Von unserem fleissigen amerikanischen Kollegen Dr. Isador H. Coriat 
(Boston), dem Autor des Werkes „Religion nnd Medizin" ist ein neues Buch 
„The Hysteria of Lady Machbeth" in New York im Verlage von Moffat, Yard 
and Comp, erschienen. 



Originalarbeiten. 



Zur Rolle des Unbewussten iu der Neurose. 

Von Dr. Alfred Adler, Wien. 

Unser Verständnis für die Einzelfragen in der Psychologie der 
Neurosen ist so sehr an die individuelle Betrachtungsweise geknüpft, dass 
man behaupten kann : die Arbeitshypothese, obwohl au s 
Einzelerkenntnissen erwachsen, gibt ein Bild von der 
Weite der Anschauungen und von den Grenzen der Er- 
kenntnis des Untersuchenden. Und dies so sehr, dass dadurch 
erklärlich wird, wie es zu verschiedenen Auffassungen, Wertungen, Vor- 
aussetzungen kommt, wie die eine Schule diesen, die andere jenen Punkt 
ihrer Darstellungen hervorhebt oder mindert, wie dem einen die Wichtig- 
keit eines Beobachtungsmaterials entgeht, wo ein anderer Unwesent- 
lichem besondere Würde verleiht. Wer für eine formulierte Lehre ein- 
steht, ist kaum wankend zu machen *.) ; es wäre denn, dass ihm die inneren 
Widersprüche bewusst werden. Im allgemeinen benimmt er sich wie ein 
nervöser Patient, der eine Änderung seines Lebensplanes solange nicht 
zulässt, bis er sein unbewusstes Grössenideal erkannt hat und es als 
unrealisierbar verwirft. 

Zum Unterschiede zu manchen anderen Autoren möchte ich den 
Leser zur Prüfung ermuntern, diese Betrachtung auch auf die folgenden 
Ausführungen anzuwenden. Die Psychotherapie ist ein künstlerischer Be- 
ruf. Die Selbstanalyse — wertvoller ist die Erfassung der eigenen Lcbens- 
linie — etwa dem Selbstporträt vergleichbar, bietet schon deshalb keine 
Garantie für „voraussetzungsloses" Forschen, weil sie wieder mit den 
leider beschränkten Mitteln der Persönlichkeit (oder zweier Persönlich- 
keiten) zustande kommt und weil die individuelle Perspektive nicht zu- 
lässt. sich oder andere anders als individuell zu betrachten. Persönliche, 
d. h. andere als in der Wissenschaft übliche Argumentationen bei der 
Beurteilung psychotherapeutischer Anschauungen anzuwenden, ist dem- 
nach ein Unfug, der nur durch die Jugend unserer Disziplin erklärlich 
ist, der auch auf die Dauer keinen Anklang finden dürfte. 

Durchaus nicht so störend wirken diese Grenzen der Individualität 
in der psychotherapeutischen Praxis. Scheitert der Nervöse an dem Druck 
der Realität, so lehrt ihn der Arzt sich mit der Realität auseinanderzusetzen. 

J) Siehe Furtmllller, Psychoanalyse und Ethik, E. Reinhardt, München 1912. 
Zentr*Jbl«tt fnr P«yeho»n*Jy«e. 111 V». 12 



gebe keine Ruhe, er kitzle sie im Bett am Nacken, das 
habe er, Anton, nicht gern, das könne er nicht leiden. 
Auch ihn sekkiere der Vater, er schlage ihn und sei 
schlecht zu ihm. Anton ist während der Erzählung 
ziemlich erhitzt und aufgeregt, man merkt ihm die Em- 
pörung an. Zur Sache selbst komme ich mit ihm über- 
ein, daß wir die Angelegenheit noch besprechen wer- 
den, daß er aber vorderhand dem Wunsch der Eltern 
entsprechen und allein im Bett schlafen solle. Anton 
ersucht mich, daß er selbst der Mutter von diesem 
Übereinkommen mit mir Mitteilung machen dürfe. Es 
ist sehr charakteristisch, daß er, wie ich von der Mut- 
ter erfuhr, diese Wiedergabe in ganz entstellter Form 
vornahm, vor allem keinerlei Erwähnung lat von dem 
in der Slundc Besprochenen und der Multer einfach 
sagte, ich hätte das als ungesund bezeichnet, wenn ein 
Kind mit Erwachsenen schlafe, und darum werde er 
jetzt allein schlafen. Es ist wohl nicht nötig, hinzuzu- 
fügen, daß ich nichts dergleichen gesagt hatte. Man 
sieht schon daraus, daß der Junge über zweierlei Wis- 
sen verfügt: eines für seinen täglichen Gebrauch, fin- 
den Verkehr mit seiner Umgebung, weit von seinen 
intimen Gefühlen; das andere, echte, für sich und zeit- 
weise für mich, wenn er sich verstanden fühlt. 

Bei der getroffenen Regelung, allein im Bett zu schla- 
fen, ist es nun im großen und ganzen geblieben; gele- 
gentlich wurde das neue Regime vom Jungen doch wie- 
der durchbrochen. So oft dies geschah, wurde es zum 
erneuten Anlaß, die Dinge mit ihm zu besprechen, wo- 
bei sich immer dieselbe Szene abspielte: zuerst eine 
ängstliche Scheu, den Vater zu beschuldigen, in der 
deutlichen Furcht, von mir verraten zu werden, dann 
doch der Durchbruch seiner aggressiven Einstellung 
zum Vater. Und je mehr die Behandlung forlschritt, 
je mehr er sich überzeugte, daß er mit Verschwiegen- 
heit rechnen konnte, desto deutlicher wurden die Aggres- 
sionen. 



210 



So hat uns also ein realer Vorfall und die echte Be- 
drängnis, in die das Kind durch ihn gekommen war, 
unerwartet früh eine Einbruchstelle in die Konflikte 
des Kindes verschafft. Nach derselben Richtung tendie- 
ren nun auch die Einsichten in den Fall, die sich aus 
dem indirekten Weg durch das Spiel, durch freie Phanta- 
sien und ungebundene Unterhaltung boten. 

Unsere gemeinsamen Spiele entstammten, soweit es 
sich um Phantasiespiele handelte, der Initiative des 
Kindes. Die von mir veranlaßten Spiele, wie zum Beispiel 
Kettenflechten, waren so gewählt, daß sie ihn nicht so 
gefangennahmen, daß wir nicht nebenbei ungezwungen 
hätten plaudern können. Es ist nun bezeichnend, daß die 
von Anton gewählten Spiele durchwegs einen solchen 
Charakter trugen, daß sie ihm ermöglichten, seine Ag- 
gression zu agieren. So spielte er bald Schaffner auf der 
Straßenbahn, bald Wachmann und Passanten oder Rich- 
ter und Angeklagte; für sich beanspruchte er die Rollen 
des Schaffners, des Wachmannes, des Richters. Nun war 
Anton zu Beginn der Behandlung in seinem Benehmen 
ein bescheidenes, sehr freundliches, liebenswürdiges 
Kind; ganz anders aber in diesen Rollen. Als Schaffner 
verkehrte er mit den Fahrgästen nicht anders als in 
unwirschem Ton, der bis zur Grobheit ausartete. Als 
Wachmann war er immer brutal, gewalttätig gegen die 
Leute, die sich etwas hatten zuschulden kommen las- 
sen. Er liebte es, zugleich auch die Rolle eines exzedie- 
renden Betrunkenen oder eines selbst gegen den Poli- 
zisten gewalttätigen Renitenten zu spielen, so daß er 
sich doppelt ausleben konnte. Als Richter war er uner- 
bittlich und hatte für die Angeklagten die härtesten 
Strafen. Wie unvermittelt diese beiden Formen des Be- 
nehmens bei ihm nebeneinander standen, will ich an 
einem Beispiel illustrieren. Wir haben zum Beispiel auf 
seinen Vorschlag einmal Eisenbahn gespielt. Er war, 
wie gewöhnlich Schaffner, ich Passagier. Im Laufe des 
Gesprächs, das er im rüdesten Tonfall führte, hörte 

14 * 211 



ich von ihm, daß im gleichen Zug Kinder zur Erholung 
nach Holland fahren. Ich äußerte freundlich den Wunsch, 
ein Kind zu sprechen. Er gestattete es recht unfreundlich 
und ging — im Sinne des Spiels — zur Tür hinaus, 
ein Kind zu holen. Dann öffnete sich die Türe wieder 
und Anton erschien jetzt als das geholte Kind; aber 
ganz verändert, das unfreundliche, verdrossene Gesieht 
hatte einem strahlenden Kindergesicht Platz gemacht, 
er kam heiler und begrüßte mich sehr nett, auf meine 
Fragen antwortete er etwas scheu, zurückhallend, aber 
immer sehr freundlich, so wie er sich damals mir ge- 
genüber in natürlichen Situationen benahm. Der Über- 
gang war so plötzlich und so kraß, daß diese Verwand- 
lungsszene sehr eindrucksvoll auf mich wirkte. Als das 
Gespräch mit dem Kinde beendet war, kehrte wieder 
der brummende und polternde Schaffner zurück. 

Dieses Benehmen legte schon damals die Vermutung 
nahe, daß es eine Kopie des Benehmens des Vaters sei; 
als ich den Vater kennenlernte, fand ich diese Vermutung 
vollkommen bestätigt. Obgleich im Verkehr mit mir 
immer zuvorkommend, bekam er sofort ein verdrossenes 
und hartes, ärgerliches Gesicht, wenn er von beruflichen 
oder häuslichen Angelegenheiten sprach. Es war also 
klar, daß der Junge in diesen Rollen den Vater spielte, 
und es wundert uns nicht, daß dies seine Lieblingsspiele 
waren. Was ihm die Wirklichkeil damals versagte — 
der Vater zu sein — , suchte er so im Spiel zu erreichen. 
Wir werden noch sehen, daß es später in der Analyse, 
als die Enthemmung Fortschritte machte, nicht mehr 
des Spieles bedurfte, um diesen Wunsch auszuleben. Ein 
anderes Spiel, das er erfand, wirft noch mehr Licht 
auf seine sadistische Einstellung. Er brachte als Spiel- 
zeug eine Straßenbahn und einen Motorrad Fahrer mit. 
Er verleihe die Rollen. Ich bekam die Straßenbahn, er 
das Motorrad, und jetzt sollten wir auf dem großen 
Tisch damit herumfahren. Nun verstand er es aus- 
nahmslos so einzurichten, daß es mit der Straßenbahn, 



212 



also eigentlich mit mir, zu einem Zusammenstoß kam, 
wobei ausnahmslos die Straßenbahn der leidtragende 
Teil war. Der Eindruck der Szene läßt sich in der über- 
zeugenden Art, die sie hatte, gar nicht wiedergeben: Wie 
er dann nach dem Zusammenstoß voll begeisterten 
Vergnügens und mit dem Triumph der Bemächtigung 
im Gesicht mit dem Motorradfahrer auf der umgewor- 
fenen Straßenbahn herumtrampelte, das war keine kalte 
Aggression mehr, das war die Befriedigung in der ge- 
walttätigen Bemächtigung des Objektes, das war ero- 
tischer Sadismus. Der unbewußte Sinn des Spieles wird 
damit klar, wenn man sich vergegenwärtigt, daß die 
Straßenbahn mich darstellte. („Sie sind die Elektrische 
und ich bin der Molorradler", leitete er das Spiel ein.) 
Damit weist das Spiel wohl schon mit ziemlicher Wahr- 
scheinlichkeit auf die Beobachtung des elterlichen Ver- 
kehrs, die sadistische Interpretation dieser Beobachtung 
und die phantasierte Rolle auf den Vater hin. 

Für das Verhalten des Analytikers waren hier grund- 
sätzlich zwei Wege denkbar: Der eine wäre der Versuch 
einer Deutung des kindlichen Spiels und diese Deutung 
wäre wahrscheinlich richtig; der andere Weg — der von 
der Wiener Schule der Kinderanalyse vertreten ist — 
ist die abwartende Haltung des Analytikers; man regi- 
striert das Beobachtete, ohne darauf sofort einzugehen. 
Dieses unser Verhalten hat folgende Gründe: fürs erste 
erscheint uns das Material eine Deutung zwar nahe- 
zulegen, die Richtigkeit einer solchen Deutung aber kei- 
nesfalls schon gesichert zu sein; der zweite, wichtigere 
Grund ist aber der, daß die Deutung an dieser Stelle 
dem Kinde nicht lebendig würde und daß damit nicht 
das Ziel erreicht würde, das wir in der Kinderanalyse 
in gleicher Weise wie in der Erwachsenenanalyse ver- 
folgen, die Deutungen dort zu geben, wo das Erleben 
ihnen schon sehr nahegekommen ist, und wo wir dem 
Kinde zeigen können, wie und warum es abwehrt, — 
eine Forderung, auf die Anna Freud in der Arbeit des 

213 



•"" 



ich von ihm, daß im gleichen Zug Kinder zur Erholung 
nach Holland fahren. Ich äußerte freundlich den Wunsch, 
ein Kind zu sprechen. Er gestattete es recht unfreundlich 
und ging — im Sinne des Spiels — zur Tür hinaus, 
ein Kind zu holen. Dann öffnele sich die Türe wieder 
und Anlon erschien jetzt als das geholte Kind; aber 
ganz verändert, das unfreundliche, verdrossene Gesicht 
hatte einem strahlenden Kindergesicht Platz gemacht, 
er kam heiler und begrüßte mich sehr nett, auf meine 
Fragen antwortete er etwas scheu, zurückhaltend, aber 
immer sehr freundlich, so wie er sich damals mir ge- 
genüber in natürlichen Situationen benahm. Der Über- 
gang war so plötzlich und so kraß, daß diese Verwand- 
lungsszene sehr eindrucksvoll auf mich wirkte. Als das 
Gespräch mit dem Kinde beendet war, kehrte wieder 
der brummende und pollernde Schaffner zurück. 

Dieses Benehmen legte schon damals die Vermutung 
nahe, daß es eine Kopie des Benehmens des Vaters sei; 
als ich den Vater kennenlernte, fand ich diese Vermutung 
vollkommen bestätigt. Obgleich im Verkehr mit mir 
immer zuvorkommend, bekam er sofort ein verdrossenes 
und hartes, ärgerliches Gesicht, wenn er von beruflichen 
oder häuslichen Angelegenheiten sprach. Es war also 
klar, daß der Junge in diesen Rollen den Vater spielte, 
und es wundert uns nicht, daß dies seine Lieblingsspiele 
waren. Was ihm die Wirklichkeil damals versagte — 
der Valer zu sein — , suchte er so im Spiel zu erreichen. 
Wir werden noch sehen, daß es später in der Analyse, 
als die Enthemmung Fortschritte machte, nicht mehr 
des Spieles bedurfte, um diesen Wunsch auszuleben. Ein 
anderes Spiel, das er erfand, wirft noch mehr Licht 
auf seine sadistische Einstellung. Er brachte als Spiel- 
zeug eine Straßenbahn und einen Motorradfahrer mit. 
Er verleihe die Rollen. Ich bekam die Straßenbahn, er 
das Motorrad, und jetzt sollten wir auf dem großen 
Tisch damit herumfahren. Nun verstand er es aus- 
nahmslos so einzurichten, daß es mit der Straßenbahn, 



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also eigentlich mil mir, zu einem Zusammenstoß kam, 
wobei ausnahmslos die Straßenbahn der leidtragende 
Teil war. Der Eindruck der Szene läßt sich in der über- 
zeugenden Art, die sie hatte, gar nicht wiedergeben: Wie 
er dann nach dem Zusammenstoß voll begeisterten 
Vergnügens und mit dem Triumph der Bemächtigung 
im Gesicht mit dem Motorradfahrer auf der umgewor- 
fenen Straßenbahn herumtrampelte, das war keine kalte 
Aggression mehr, das war die Befriedigung in der ge- 
walttätigen Bemächtigung des Objektes, das war ero- 
tischer Sadismus. Der unbewußte Sinn des Spieles wird 
damit klar, wenn man sich vergegenwärtigt, daß die 
Straßenbahn mich darstellte. („Sie sind die Elektrische 
und ich bin der Motorradlcr", leitete er das Spiel ein.) 
Damit weist das Spiel wohl schon mit ziemlicher Wahr- 
scheinlichkeit auf die Beobachtung des elterlichen Ver- 
kehrs, die sadistische Interpretation dieser Beobachtung 
und die phantasierte Rolle auf den Vater hin. 

Für das Verhalten des Analytikers waren hier grund- 
sätzlich zwei Wege denkbar: Der eine wäre der Versuch 
einer Deutung des kindlichen Spiels und diese Deutung 
wäre wahrscheinlich richtig; der andere Weg — der von 
der Wiener Schule der Kinderanalyse vertreten ist 
ist die abwartende Haltung des Analytikers; man regi- 
striert das Beobachtete, ohne darauf sofort einzugehen. 
Dieses unser Verhalten hat folgende Gründe: fürs erste 
erscheint uns das Material eine Deutung zwar nahe- 
zulegen, die Richtigkeit einer solchen Deutung aber kei- 
nesfalls schon gesichert zu sein; der zweite, wichtigere 
Grund ist aber der, daß die Deutung an dieser Stelle 
dem Kinde nicht lebendig würde und daß damit nicht 
das Ziel erreicht würde, das wir in der Kinderanalyse 
in gleicher Weise wie in der Erwachsenenanalyse ver- 
folgen, die Deutungen dort zu geben, wo das Erleben 
ihnen schon sehr nahegekommen ist, und wo wir dem 
Kinde zeigen können, wie und warum es abwehrt, — 
eine Forderung, auf die Anna Freud in der Arbeit des 

213 



Seminars für die Technik der Kinderanalysc in Wien 
immer wieder hinweist. In der weiteren Durcharbeitung 
können dann die unbewußten Reaktionen bewußt er- 
lebt und unter die Kontrolle des Bewußtseins gestellt 
werden. Dementsprechend schließen unsere Deutungen 
überwiegend an die Mitteilungen des Kindes an. Verhal- 
ten und Spiel werden als Ergänzung und Bestätigung 
des Materials verwendet und nur soweit gedeutet, als es 
der jeweilige Stand der Analyse erfordert. 

Ein von Anton erfundenes Spiel heißt: Verbrecher, 
Wachmann, Richter. Er spielt eigentlich alle drei Haupt- 
rollen selber, da er sich keine Gelegenheit zu einem 
aggressiven Benehmen entgehen lassen will, obwohl 
eigentlich das Spiel zu zweit gespielt werden sollte. 
Einmal beginnt das Spiel mit der Phantasie eines Ver- 
brechens, und zwar mit dem Überfall auf eine schla- 
fende Frau im Schlafcoup6 eines Eisenbahnzuges, ge- 
wöhnlich aber erst mit dem zweiten Akt: der Verfolgung 
des Verbrechers durch den Wachmann, wobei er, beide 
Rollen spielend, im Zimmer herumläuft, sich selbst 
gleichsam jagend; dann folgt die Gefangennahme, Vor- 
führung vor dem Richter, Beschuldigung durch den 
Wachmann und schließlich schwere Bestrafung durch 
den Richter. Dieser ein einzigcsmal vorkommende Teil 
des Spieles — ein Mann überfällt eine schlafende Frau 
im Schlafwagen — ist, abgesehen von dem manifesten 
Inhalt des Spiels auch darum interessant, weil, wie 
ich später erfuhr, Anton gar nicht wußte, daß es Schlaf- 
wagen gebe. Wir hatten kurz vorher Speisewagen gespielt 
und er hatte den Schlafwagen selbst eingeführt. 

Aus den regelmäßig wiederkehrenden Bestandteilen 
des Spieles erkennen wir im übrigen wieder, welche 
große Rolle bei ihm Verbrecher, Verfolgung, Arretie- 
rung und Bestrafung spielen. Seinem Sadismus konnte 
er in allen drei Rollen des Spieles straflos freien Lauf 
lassen. 



214 



In seinen gleichzeitig erzählten Phantasien finden wir 
eine gänzlich verschiedene, beinahe entgegengesetzte 
Haltung. Er ist in diesen Phantasien weich, zart, passiv, 
ängstlich, manchmal geradezu trübsinnig oder wehmütig. 
Sein ganzes Gehaben ist dabei von dem in den Spielen 
verschieden, seine Stimme ist verändert, leicht zitternd; 
das Formale im Gehaben paßt zu den Inhalten der 
Phantasien. Ich konnte einige solcher Geschichten fest- 
halten, da ich als Spiel einführte, daß er Geschichten 
erzählt und ich die Geschichten aufschreibe. Em Bei- 
spiel- ,Was Rudi geträumt hat: Rudi hat geträumt vom 
Christkinder!", (singend) „oh, das war schön, da haben 
wir uns nicht gefurchten, gefurchten. Die schlimmen 
Kinder fürchten sich. Da wird der Krampus auf einen 
Buben schlagen, jö, jö, das ist ein grober Krampus da 
furcht ich mich, ich weine, Mutter, Mutter, Rudi schreit 
noch Mutter, Mutter, und Mimi schreit auch viermal 
oh weh, das Herz tut mir so weh, Himmelvater straf 
mich nicht, ich furcht mich vor dem groben Krampus. 
Hinaus! Die Geschichte ist aus." 

Auf den Inhalt dieser Phantasie, die neben den Tages- 
resten aus der Schule (die Geschichte von Rudi und 
Mimi) schon die Motive des bösen Vaters und des 
Schutzes bei der Mutter erkennen läßt, will ich nicht 
eingehen; dem Kind gegenüber ist jede Deutung unter- 
blieben. All diese Phantasien wurden halb singend, 
wehmütig, beinahe weinerlich vorgebracht, mit viel „oh 
weh, ach und och" und ähnlichen ängstlichen Inter- 
jektionen. 

III. 

So vergingen die ersten Wochen. Durch einen Vor- 
stoß, der° etwas von Antons Geheimnissen zutage för- 
derte, gelang es, der Analyse einen neuen Antrieb zu 
geben. Ich gehe näher auf den Zweck unserer Zusam- 
menkünfte ein, sage ihm, er komme zu mir, um seine 
Angst zu verlieren; um dies zu erreichen, sei es not- 

215 



wendig, daß er mir alles erzähle, was er im Kopf habe. 
Es gebe sicher Sachen, die er noch nicht erzählt habe, 
und ich wisse sehr wohl, daß jedem Kind allerlei im 
Kopf herumgehe, was es Erwachsenen nicht gerne er- 
zähle. Da er sich mittlerweile überzeugt hatte, daß er 
auf meine Verschwiegenheit zählen durfte, wagte er 
sich jetzt langsam und vorsichtig mit kleinen Geständ- 
nissen heraus, die allerhand verbotene Spiele betrafen. 
Doch war es nicht er, der dies oder jenes getan hatte, 
sondern ein anderer Bub, sein Freund Franzi, der so 
viel Schlechtes getan habe und tue; er selbst stellte 
sich als unbeteiligten Zuschauer hin, der nur leider nicht 
in der Lage sei, den Freund besser zu erziehen. Er 
erzählte aber die Sachen lachend und vergnügt erregt 
und gab zu, daß es ihm Spaß mache. Franzi war ein 
verwahrlostes Kind, seine Mutter war gestorben, sein 
Vater ein Trinker, ein hemmungsloser brutaler Mensch, 
der Frauen von der Straße in die Wohnung brachte 
und das Kind Zeuge der Liebesszenen sein ließ. (Dies 
erfuhr ich von Antons Mutter.) Dieser Franzi hatte 
nun nach Antons Angaben eine kleine Bande von Buben 
zusammengestellt, die sich in einer leeren großen Kiste 
im Hof des Hauses mit allerlei erotischen Spielen ver- 
gnügten. 

Ganz so direkt ging aber Anton auf die Sache nicht 
los. Er begann sondierend mit viel harmloseren Erzäh- 
lungen. So erzählte er empört, was für ein schlimmer 
Bub Franzi sei. Er hebe den Frauen auf der Straße die 
Röcke auf. Ich hatte naturgemäß den Eindruck, daß da- 
hinter eigene Vergehen stehen, und daß er den Umweg 
über den anderen Jungen gehe, um meine Reaktion ken- 
nenzulernen. Er erwartete Entrüstung und war bereit, 
den vorsichtig ausgestreckten Fühler sofort zurückzu- 
ziehen und weitere Mitteilungen zu unterlassen. Also ver- 
mied ich jedes Zeichen von Entrüstung oder Verurteilung 
dessen, was er mir erzählte, und zeigte mich interes- 
siert, um ihn zum weiteren Erzählen anzuregen. 

216 



Dieses mein Verhalten hatte aber eine Reaktion zur 
Folge, die ich nicht vorausgesehen hatte. Am nächsten 
Tag erschien Anton in der Stunde in ganz veränderter 
Haltung. Mit ernster Miene und feierlicher Stimme be- 
gann er bereits bei der Tür aus einem mitgebrachten 
Buch vorzulesen. Es war eine Sammlung kleiner mora- 
lischer Geschichten von braven Kindern, die belohnt 
werden, und von schlimmen, die einem bösen Ende 
entgegengehen. Erst nachdem er aus einer solchen Ge- 
schichte einige Sätze vorgelesen hatte, ging er einige 
Schritte vor bis in die Mitte des Zimmers und setzte 
ebenso feierüch die Geschichte fort. Und nachdem er 
damit fertig war, zeigte er mir mit großem Eifer das 
als Illustration dienende Bild: einen heruntergekomme- 
nen Mann, der bettelnd die Hand ausstreckt, und im 
Hintergrund das grinsende Gesicht des bösen Verfüh- 
rers, der durch Verlockungen und schlechtes Beispiel 
ihn vom rechtschaffenen Weg zum Diebstahl verleitet 
und damit letzten Endes ins Unglück gestürzt hatte. 

Es ist wohl klar, was sich abgespielt hat. Ich hatte 
Antons Mitteilung von schlimmen Buben in unkritischer 
Haltung entgegengenommen, um ihm seine Angst vor 
der Bestrafung oder vor der moralischen Verurteilung 
zu nehmen, und hatte jenes Maß von Entlastung provo- 
zieren wollen, das zur Fortführung der Geständnisse 
nötig schien. Aber an Stelle dessen trat das Entgegen- 
gesetzte auf; die Angst, ich könnte ihn bestrafen, war 
allerdings jetzt weggefallen, aber eine neue Angst war 
an ihre Stelle getreten: die Angst, ich könnte ihn schlecht 
machen wollen, ihn verführen. Dieselbe Instanz, die 
ihn in den ersten Behandlungsstunden sagen ließ: „Ich 
will ein braver Bub sein", revoltiert gegen die Gefahr 
der Triebenthemmung, die er in mir momentan spürt. 
An die Steile des Widerstandes wegen der Furcht vor 
Bestrafung ist der Widersland wegen der Furcht vor 
Verführung getreten. 

Die Besprechung dieses Widerstandes leite ich mit den 

217 



Worten ein: „Ich weiß, warum du das Buch mitgebracht 
hast." Darauf unterbricht er mich und sagt einfach: 
„Damit ich nicht weiter erzählen muß." Aus der Be- 
merkung ergibt sich, daß ihm die Situation im wesent- 
lichen bewußt ist, und daß er daher für eine Deutung 
reif ist. Ich erkläre ihm also, er habe Angst, daß ich 
ihn schlecht machen wolle, und beruhige ihn in bezug 
auf diese Befürchtungen. Ich wolle mit ihm über die 
Dinge keineswegs darum sprechen, weil ich ihn auf 
solche Gedanken bringen und schlecht machen wolle, 
sondern weil ich ihn von solchen Gedanken, die er gar 
nicht haben wolle, und die ihn stören, befreien solle. 
Aber zu diesem Zwecke müßten wir sie zuerst be- 
sprechen. Ich suche ihm also zu zeigen, daß seine Angst 
vor der Verführung ebenso unberechtigt ist, wie seine 
Angst vor der Bestrafung. Ich möchte aber gleich be- 
merken, daß es mit der einmaligen Aufklärung nicht 
getan war und ich diese noch öfters wiederholen mußte. 
Es ist eben dem Kinde besonders schwer begreiflich 
zu machen, daß die Analyse weder strafen noch ver- 
führen will, — das sind wahrscheinlich die einzigen 
Verhaltungsweisen der Erwachsenen, die das Kind im 
Zusammenhang mit solchen verbotenen Dingen kennen- 
gelernt hat. Vorgreifend möchte ich an dieser Stelle 
erwähnen, daß Anton nahezu gegen das Ende der Ana- 
lyse bei der Besprechung der Onanie sagt: „Sie wollen 
das herausbekommen, damit Sie mich bestrafen kön- 
nen." Und auf meine Verneinung fährt er fort: „Oder 
wollen Sie am Ende, daß ich das tu?" So sieht man, 
wie lange er braucht, um wirklich zu verstehen, daß 
die Analyse seine Geständnisse haben wolle, weder um 
ihn zu bestrafen, noch um ihn triebhaft zu machen, 
sondern um ihm zu helfen. 

Nach Auflösung oder, besser, Behebung dieses Wider- 
standes (Angst vor der Verführung) wagt er sich mit 
neuem sexuellen Material hervor. Er erzählt von aller- 
lei Spielen der Kinder auf der Straße, in denen die Kin- 

218 



der das bei den Erwachsenen Gesehene - Gelegenheit 
dazu gibt es in seinem Milieu genug - nachmachen, 
oder er berichtet von solchen Spielen, welche der sexu- 
ellen Entwicklungsstufe des Kindes in diesem Alter ent- 
sprechen. Jedes Kind bringt eine neue Variante dazu; 
das Ergebnis war, daß nahezu das ganze sexuelle Lexi- 
kon gespielt oder angedeutet wurde. Er berichtet daß 
in einer großen Kiste, die sich in einem Hof befand, 
dies Spiel von anderen Kindern gespielt werde; er war 
selbstverständlich nach seinen Aussagen daran völlig 
unbeteiligt, es habe ihn auch gar nicht interessiert rem 
zufällig habe er das alles durch ein Loch in der Kiste 
beobachtet. Auf die Frage, wieso zufällig sein Auge zu 
dem Loch in der Kiste kam, spielt er sich auf den 
moralisch Entrüsteten hinaus, der diesen Dingen sozu- 
sagen im Dienste der Sittlichkeit nachspioniert habe, 
um sie auszurotten, indem er sie den Erwachsenen 
mitteilt. Merkwürdigerweise ist es aber nie m &*** 
Mitteilung gekommen. Aber etwas anderes fiel mir am. 
Wenn er beim Erzählen dieser Dinge in Fluß kam und 
deutliches Vergnügen am Erzählen dieser Dinge halte 
so daß er sich nicht mehr gut kontroll erte versprach 
er sich häufig und sagte „wir" oder „ich" und nicht die 
anderen Kinder". Manchmal korrigierte er sich sofort 
nachher. Den Sinn seiner Fehlleistungen verstand er 
nicht, er wußte nicht, wieviel er mir damit verriet, und 
ich hütete mich, ihn darüber aufzuklären. 

Besonders Franzi war die Inkarnation aller Schlimm- 
heiten, er hatte dieses Spiel inauguriert, was im übrigen 
auch den Tatsachen entsprach. Diese reale Basis, aais 
nämlich der andere Junge der Verführer war benutzt 
jetzt Anton, um alles auf ihn abzuwälzen, er bleibt un- 
beteiligt, tritt höchstens als die moralische Ins tanz au , 
die ständig ihre Entrüstung und ihr Anderssein betont 
Das ist nicht einmal pure Heuchelei, denn de facto 
sind diese ablehnenden Einstellungen bei ihm vorhanden 
und irgendwie ist er auch über all dies entrüstet. 



219 



wertvolle Umweg über Franzi brachte auch 
partielle Aufklärung über die Bedeutung von 
ivor nocturnus. Das Kind wäre natürlich in 
ise der Analyse noch lange nicht so weit ge- 

mir direkt mitzuteilen, aber dieser Umweg 
i ihm die Sache, denn es war ja nicht seine 
leit, die er berichtete. Aus diesem Grunde 

Mitteilungen auch nicht voll analytisch ver- 
e ermöglichten mir aber weitgehend das Ver- 
nd gaben mir eine Waffe für die Zukunft, 
i Anton in Zeiten der Empörung gegen den 
der Stunde gegen ihn schimpfend loszog, 
3r, wenn er wieder beruhigt war, alle Vor- 
sn den Vater zurückzunehmen und seinen 
den besten darzustellen. Dann ging es aber 

Franzis Vater los. Der war ganz anders als 

— das war ja auch wirklich wahr — der 
e Frau und hatte sie umgebracht. (Anton 
•en Nachbarinnen gehört, daß Franzis Mutter 
über das Benehmen ihres Mannes gestorben 
luderte mir in sehr eindrucksvollen Worten 
r lebhafter Art, was für ein schrecklicher 
J sei. Im Laufe der Erzählung steigert er 
IT nicht eine Frau, die der böse Mann zu 
>lt hatte, ein ganzes Regiment von Frauen 
^gebracht, und auf der Höhe der Erregung 
plötzlich aus der Tiefe ein Geständnis* 

Empörung, daß Franzi all diesem Treiben 
chaut hatte, und versichert, wie anders er 
l men hätte: „Wenn ich an seiner Stelle 
ich das bei meinem Vater sehen tat, ich 
cht fürchten, ich möchte aufspringen, auch 
cht ist, und nackt im Hemd auf die Straße 
den Wachmann holen. Und dann wird der 
ührt und, und ich bleibe mit der Mutter 
Mise." Während Anton den ersten Teil bis 

des Wachmannes mit funkelnden Augen, 



hochroten Wangen und starker Erregung in der Stimme 
geradezu hinausschrie, wurde der letzte Satz mit einer 
ganz veränderten Stimme und Gesichtsausdruck etwas 
schleppend und singend gesprochen; es klang wie 
Triumph und Sieg. Er verrät uns hier eine wichtige 
Komponente seines nächtlichen Aufschreckens. Der 
Knabe sprang ja beim Anfall auf, um, wie er sagte, 
den Wachmann zu holen, den Wachmann, der, wie wir 
jetzt verstehen, die Mutter vor den Angriffen des Vaters 
schützen soll. Wir wissen nichts von solchen brutalen 
Angriffen des Vaters auf die Mutter. Wir haben keinen 
Grund zur Annahme, daß die üblichen ehelichen Szenen 
eine Heftigkeit erreichen, die solche Angstzustände bei 
Anton rechtfertigen würden. Man kann vielleicht ver- 
muten, daß es eine Zeit gab, wo der Vater so gewalttatig 
gegen die Mutter vorgegangen war, doch scheint es sich 
in erster Reihe um den sexuellen Angriff des Vaters 
gegen die Mutter zu handeln, den der Knabe sadistisch 
aufgefaßt hat und den er abwehren will. „Sekkieren 
bedeutete in seiner Terminologie „sexuell angehen .Das 
ist natürlich nur ein Beitrag zur Erklärung des Sym- 
ptoms es zeigt den Sinn des nächtlichen Aufspringens 
als den Wunsch, der Mutter beizustehen und den Vater 
abzuwehren, aber es erklärt noch nicht die eigentliche 
Angst. Doch ist es vielleicht nicht überraschend, daß 
ein Kind mit so starken Aggressionen gegen den mach- 
tigen Vater, den es vom Wachmann abführen lassen 
will, so viel Angst entwickelt. 

Wie war Antons Verhalten in dieser Zeit der Ana- 
lyse? Das Spiel, das in der ersten Zeit den Rahmen für 
die Behandlung abgab, nahm nun immer weniger Raum 
ein Im Vordergrund stand nunmehr das Erzählen, 
wenn es auch noch nicht das analytisch vertrauensvolle 
Mitteilen der intimen Dinge und Gedanken aus seinem 
Leben war, denn er erzählte ja mit dem Vorbehalt, 
persönlich unbeteiligt erscheinen zu können. Sem Bencl> 
raen sowohl in der Analyse wie in der Außenwelt hatte 



221 



sich weitgehend geändert. Er gab es auf, als braves Kind 
zu erscheinen. Es schwand seine Ängstlichkeit, die Ag- 
gression wagte sich immer mehr hervor. Freilich, soweit 
diese sich in der Behandlungsstunde äußerte, nahm sie 
ebenso wie seine „Geständnisse" einen Umweg: über 
andere Ärzte und über die Analytikerin, von der er an 
mich gewiesen worden war. Die Ärzte sind „Trottel", 
„teppert"*), „sie sitzen auf der Schulbank und lernen 
gar nichts, später können sie dann nichts und können 
so ein armes Kind nicht heilen." — „Die Frau" (die ihn 
in die Behandlung schickte) „soll sich nicht auf meine 
Gasse trauen, ich werde es ihr schon zeigen, was das 
heißt, so ein Kind in so eine Behandlung zu schicken, 
wo man nichts als erzählen muß"; einmal droht er sogar' 
sie mit einer Hacke zu erschlagen. Er drückt sich sehr 
respektlos über eine Behandlung aus, in der weder ein 
Untersuchungstisch noch irgendwelche Instrumente be- 
nützt werden. Allerdings verschwand diese Einstellung 
völlig, als ich ihn während seiner Masernerkrankung 
behandelt hatte. Da ich auf Grund seiner katarrhalischen 
Erscheinungen die Mutter aufmerksam machte, daß 
wahrscheinlich ein Ausschlag auftreten werde, galt ich 
in den Augen dieser Familie als besonders tüchtig, 
da das Masernexanthem dann wirküch auftrat. Diese 
Einschätzung übernahm auch Anton. Doch nützte mir 
diese „Tüchtigkeit" in der Phase seines Widerstandes gar 
nichts. Er sagte mir zwar nicht mehr, daß ich „keine 
richtige Doktorin" sei, daß ich ein Kind nicht gesund 
machen könne, sondern sprach mit viel Achtung über 
meine Kenntnisse über Masern und Halsschmerzen, aber 
bezweifelte sie sehr auf dem Gebiete der Seelenheil- 
kunde: „Ja, wenn ein Kind Halsweh hat oder Masern, 
dann verstehen Sie was davon, aber was für Gedanken 
ein Kind im Kopf hat, das verstehen Sie nicht." 



) = dumm. 



222 



Milieuwechsel als heilerzieherisches 

Mittel 

Von Hans Zullinger, Ittigen 

Im Verlage Hans Huber in Bern ist als 
Band X in der Reihe der von Paul Federn 
und Heinrich Meng herausgegebenen „Bü- 
cher des Werdenden" Hans 2 a U i ge r s 
„Schwierige Schüler. Acht Kapitel zur Theo- 
rie und Praxis der tiefenpsychologischen hr- 
ziehungsberatung" erschienen. Die folgenden 
Abschnitte, die hier mit Zustimmung des Ver- 
fassers und des Verlegers zum Abdruck ge- 
langen, sind dem II. Kapitel (Unterscheidun- 
gen. Dissoziales Symptom und dissoziale 
Grundlage; Dressur und Erziehung; Milieu- 
wechsel als heilerzieherisches Mittel) und dem 
III Kapitel (Diskussion des Mittels „Milieu- 
wechsel". Vom Aufbau der seelischen Per- 
sönlichkeit. Zivilisierung und Kultivierung) 
dieses Buches entnommen. Ein anderer Ab- 
schnitt des Buches ist in der >&i tsc ($ l fU"* 
psychoanalytische Pädagogik , Bd. IX Seite 
im Wien 1935 ( Internationaler Psychoana- 
lytischer Verlag) "zum Abdruck gelangt. 

Wenn wir von „schwierigen" Schülern oder Kindern 
reden, so wollen wir darunter fürderhin jene Leutchen 
verstehen, deren Erziehungsschwierigkeiten nicht auf 
Grund von Mindersinnigkeit oder gehirnlichen Verände- 
rungen entstanden, wo nicht Hormondrüsen ausgefal- 
len sind oder unrichtig funktionieren. Ich denke also 
an körperlich gesunde Kinder, die meist 
eine Zeitlang auch geistig und seelisch 
gut gediehen, dann jedoch, entweder plötz- 
lich, oder aber allmählich allen Erzie- 
hungsmitteln trotzten. Es sind die Kinder, die, 
wenn ihre Verwahrlosungsäußerungen lärmend genug 
sind, meist in die Zwangserziehungsanstalten abgelie- 
fert werden: die Verbrecherischen, die Vagabunden und 

223 



alle Gesellschaftsfeindlichen, auch die sogenannten 
„Grenzfälle". 

Es wurde bereits mitgeteilt, daß sich während der 
kindlichen Entwicklung hie und da Zeitabschnitte zei- 
gen, wo es scheint, der kleine Mensch schlage eine ab- 
wegige Entwicklung ein, und bei ihm seien — wie wir 
bildhaft sagen — „Hopfen und Malz verloren". Oft ver- 
schwinden solche Zustände von selbst wieder. Wenn sie 
andauern, so werden sie beunruhigend, und wo sie sich 
verschlimmern und in den Charakter übergehen, fügen 
sich die betreffenden Kinder dauernd nicht mehr in die 
Gemeinschaft ein, und dann ist der Zeilpunkt gekommen, 
da man sie in Anstalten absondert. 

Jeder zuerst scheinbar leichte „Fall" kann sich zu 
einem schweren und anstaltsbedürftigen auswachsen. Es 
ist möglich, daß sich die Schwererziehbarkeit im Kinde 
zu einem Dauerzustand ausgestaltet: daß sie sich „fixiert". 

Schwererziehbarkeit bedeutet einen besonderen Zu- 
stand der kindlichen Seele. Diese befindet sich in einem 
gestörten Gleichgewichtszustand, der sich in gesell- 
schaftsfeindlichen Zeichen, den „d i s s o z i a 1 e n Sym- 
ptomen", äußert. 

Hier müssen wir eine wichtige Unterscheidung treffen. 
Die Symptome stehen zum abnormen seelischen Zu- 
stand in einem Kausalverhältnis : Die ersten sind Folgen 
der Ursache, und diese ist die anormale seelische Grund- 
lage. Meist werden aber die beiden verschiedenen Dinge 
einander gleichgesetzt und miteinander verwechselt. Für 
die Behandlung ist aber die Unterscheidung von größ- 
ter Wichtigkeit. 

Es ist nämlich möglich, durch bestimmte Maßnahmen 
die Symptome der Schwererziehbarkeit zum Verschwin- 
den zu bringen, zu unterdrücken. Damit ist jedoch an 
der anormalen Grundlage nichts geändert, nichts ge- 
bessert. Die dissozialen seelischen Kräfte äußern sich 
wohl nicht mehr, aber sie bleiben unsichtbar bestehen. 

224 



Es liegt nahe, einen Vergleich aus der Medizin heran- 
zuziehen. Der Arzt kann durch besondere Mittel das 
Fieber eines Kranken herabmindern oder gar zum Ver- 
schwinden bringen. Damit ist jedoch die Krankheit nicht 
aufgehoben. Und sobald er die fieberstillenden Drogen 
nicht weiter eingibt, kommt das Fieber wieder zum Vor- 
schein. Darum kämpft er nicht allein nur gegen das 
Fieber, er verordnet zugleich Medikamente gegen des- 
sen Urheber, die eigentliche Krankheit. 

Im I. Kapitel ist gezeigt worden, wie man einen wider- 
spenstigen Zögling in der Anstalt zum Gehorsam zwin- 
gen kann: Man sperrt ihn in blaue oder dunkle Zellen 
ein. Dana gibt er klein bei. Er zeigt plötzlich seine 
Widerspenstigkeit nicht mehr, weil er fürchtet, sonst 
neuerdings eingekerkert zu werden. Aber es wäre ein 
Irrtum, zu glauben, daß der gleiche Bursche, wenn man 
ihn jetzt aus der Anstalt entließe und er wüßte, er 
brauchte nicht wieder in sie zurückzukehren, in seinem 
Leben innerhalb der Gesellschaft und bei der Erziehung 
keine Widerspenstigkeit mehr zeigen würde. Denn durch 
die Freiheitsberaubung ist meist nichts in ihm geändert 
worden. Er gibt nur nach und zeigt sein Symptom 
nicht weiter, um der Strafe zu entgehen so lange, als 
sie drohend über ihm schwebt. Um ihn voll gemein- 
schaftsfähig zu machen, müssen sich seine seelischen 
Triebe und Kräfte umstellen. Das geschieht in der 
Anstalt etwa dadurch, daß sich der Zögling an einen 
Wärter, Lehrer, Kameraden, oder an den Direktor nach 
und nach anschließt und von ihm die günstige erziehe- 
rische Beeinflussung willig aufnimmt. Der Weg dazu 
geht beim Kinde über die Liebe. Nur mit 
ihr läßt sich wirklich erziehen. Mit dem 
Zwang kann man nur dressieren. Alle Mittel, die 
dem Zwang entspringen, sind Dressurmittel. Sie können 
wohl einen jungen Menschen zivilisieren, vermögen je- 
doch nie, ihn zu kultivieren. Unter dem Firnis der 
Ziviüsation steckt dann der Barbar. 

15 Almanach 1936 22/ - 



Damit verhält es sich ähnlich wie bei der Ticrdressur. 
Hageilbeck berichtet, wie er immer mehr davon 
abkam, seine Tiere mit Strafen und durch Quälereien 
zu zähmen. Einem durch Schmerzzufügung dressierten 
Tiere sei nie ganz zu trauen, das lehrte ihn die Erfah- 
rung. Er kam dazu, die schlimmsten Bestien durch die 
Liebe und durch kleine Belohnungen zahm zu machen, 
und er hatte dabei die besten Erfolge. 

Gewiß könnte man mir entgegenhalten, der Mensch 
lasse sich nicht mit dem Tiere vergleichen, weil er 
etwas ganz anderes sei. Ihm eigneten doch Fähigkeiten 
und Kräfte, die den Tieren nicht verfügbar sind. 

Ich weiß, daß alle Vergleiche hinken. Gewiß hat der 
Mensch Vernunft. Aber je mehr er über solche verfügt, 
desto stärker kränkt ihn das, was wir als „menschen- 
unwürdig" kennzeichnen. Dazu gehören alle groben Ar- 
ten von Strafen, alle Strafen, die mehr sind als Liebes- 
entzug: jegliche Gewaltanwendung, insbesondere phy- 
sischer Art. 

Bei der Erziehung wollen wir erreichen, daß ein Zög- 
ling kultiviert (zum Kulturmenschen) werde. Er soll 
nicht nur einen äußeren Anstrich von Zivilisation er- 
halten. Seine guten Eigenschaften und seine Gemein- 
schaftsfähigkeit sollen ihm Bedürfnis werden, geboren 
aus seiner Sehnsucht nach Kameraden, Mitmenschen, 
Mitfühlenden, Helfern, Liebenden. Empfindet er solche 
Sehnsucht, dann ist er von innen heraus gewillt, auf 
seine gesellschaftsfeindlichen (antisozialen) Triebforde- 
rungen zu verzichten, sich der Gesellschaft anzupassen 
und für die erwartete Gegenliebe zu leisten, was in sei- 
nen Kräften steht. 

Dressieren wir einen Menschen nur, so zeigt er sich 
solange zivilisiert, als er weiß, daß er nicht frei schal- 
ten und walten kann, wenn er nicht riskieren will, Un- 
lust zu erleben: Strafen aller Art. Fühlt er sich irgendwo 
als Meister, dann kommen nicht allein seine barbari- 
schen Anlagen zum Vorschein, er nimmt außerdem 

226 



gewöhnlich noch Rache für die Zeit seiner Unter- 
drückung. Seine aus der Liebesunfähigkeit gewordene 
Gefühllosigkeit und seine Angriffslust (Aggression) auf 
die Mitmenschen sind durch Ressentiment (Rachebe- 
dürfnis) verstärkt. 

Wir können Schwererziehbare auch nur mit Liebe zu 
Kulturmenschen erziehen. Dieser Leitsatz gilt zu Recht, 
selbst wenn wir gelegentlich, nämlich zum Zwecke einer 
momentanen Einordnung, vielleicht die Dressurmittel 
nicht immer entbehren können. 

Wenn wir von einem Kinde sagen, es sei „schwierig", 
dann ist eigentlich etwas über uns als Erzieher festge- 
stellt. Nämlich soviel, daß wir uns als unfähig in unse- 
ren Mitteln erkennen. 

„Normalität" inbezug auf Sitte und Moral ist abhängig 
von den zeitgebundenen Durchschnittsforderungen be- 
stimmter Gesellschaftsklassen. Diese sind bei der Beur- 
teilung von ländlichen Verstößen gegen das Bräuchliche 
und von Charaktereigenschaften Unerwachsener in ge- 
ziemende Anrechnung zu ziehen. 

Da die Haltung und das allgemeine Betragen eines 
Kindes so sehr von seinen Umweltsitten abhängig sind, 
genügt oft eine Versetzung in ein anderes Milieu (Um- 
welt), um ein in gewisser Beziehung verwahrlostes Kind 
zu retten. 

Als Beispiel dafür will ich von einem zwölfjährigen 
Buben berichten, den wir Gusti Lehmann nennen 
wollen. Er war das Kind eines häufig arbeitslosen Uhr- 
machers. Auch die Mutter arbeitete außerhalb des Hau- 
ses in einem Steinbohreratelier. Die Familie wohnt in 
einem altstädtischen Armenviertel. Der Mann wurde 
kurz nach geschlossener Ehe unsolid. Er ging, wenn 
er nicht Arbeit hatte, fischen und schwämmein, dabei 
verbrauchte er mehr Geld in Wirtshäusern, als der Er- 
trag seiner Fische und Pilze wert war. Die Frau erhielt 
die Familie. Außer dem Buben war noch eine um vier 
Jahre jüngere Schwester da. Mit ihr vertrug sich Gusti 

15 * B2 7 



recht gut. Einer seiner Fehler bestand darin, daß er gern 
herumlungerte. Seine Streifereien gingen nicht etwa nur 
in die Gassen der Stadt. Er zog über Land und dabei 
stahl er. Es begann mit allerlei Feldfrüchlen, mit einem 
Rucksacklein voll Kartoffeln oder Rüben, einem Kohl- 
kopf, die er sich holte, und setzte fort mit Obstdieb- 
slählen. Die Eltern sagten nichts dazu. Ganz im Gegen- 
teil, sie waren froh, wenn es eine Abwechslung auf dem 
kargen Tische gab. Als die Mutter einmal Bedenken 
äußerte, wehrte der Vater gezwungen lachend ab. Nach 
und nach wurde der Junge raffinierter. Er besuchte 
auch den Lebensmittelmarkt. Brachte Käsestücke heim, 
ein Huhn, einen Vierteil von einer Speckseite. Jetzt fing 
er an zu handeln und nichts war mehr vor ihm sicher. 
Er entwendete außerhalb der elterlichen Wohnung alles, 
was nicht niet- und nagelfest war, und er in Geld um- 
setzen konnte. Da wurde er ein erstesmal erwischt, als 
er bei einem Kiosk Zigarettenpäckchen in seine Taschen 
verschwinden ließ. Der Vater verprügelte ihn nach No- 
ten, weil er Anstände mit den Behörden hatte. Als der 
Bub jedoch kurz darauf eine Anzahl Eier von einem 
seiner Streifzüge heimbrachte, schlug sie der Mann so- 
gleich in die Pfanne und gemeinsam wurden die Spie- 
geleier mit Brot und einem Glas Rotwein verzehrt. 
Gusli mußte den Eindruck bekommen, das Stehlen sei 
erlaubt, aber das Sicherwischenlassen sei schlimm und 
erzürne seinen Erzeuger. Als er in einer Feinbäckerei 
Schokolade mitgehen ließ, ertappte man ihn neuer- 
dings. Gusti gestand vor der Polizei auch seine andern 
Diebstähle. Um der Schande zu entgehen, seinen Bu- 
ben in die Zwangserziehungsanstalt geben zu müssen, 
willigle Herr Lehmann auf den Rat eines Erziehungs- 
beraters ein, daß man Gusti bei einem Bauern verdinge. 
Nicht bei einem erstbesten, sondern bei einem Bekann- 
ten des Beraters. 

Hier zeigte sich der Bub vorerst still und verschüch- 
tert. Er redete wenig und gehorchte aufs Wort. Denn 



er fürchtete, daß man ihn doch noch in der Anstalt 
versorge, wenn man mit ihm nicht zufrieden sei. Der 
Pflegeort gefiel ihm aber, schon deshalb, weil er reich- 
lich zu essen erhielt und mit den Tieren umgehen 
durfte Sein erster Freund war der Hofhund. In der 
beschränkten Freizeit, die ihm zur Verfügung stand, 
spielte er mit ihm und taute dabei auf, er lachte und 
wurde lebhaft. Der Hund half ihm auch beim Vieh- 
hüten. 

Den Leuten gegenüber legte er lange Zeit ein miß- 
trauisches Wesen an den Tag. Sie ließen den Buben 
gewähren, so war ihnen von zuständiger Stelle her ge- 
raten worden. Diebstähle wurden keine beobachtet. 

Schon hätte man meinen können, der Umschwung im 
Leben des Buben hätte ihn gebessert. Nur der Berater, 
dem von Zeit zu Zeit Berichte abgegeben wurden, wollte 
der Sache noch nicht recht trauen. Er verfocht die An- 
Ansicht, daß Gusti sich vorerst an einen Menschen an- 
schließen müsse. Das würde zur Folge haben, daß der 
Bub, um die Zuneigung dieses neuen Freundes aufrecht 
zu erhalten, die Diebereien für immer aufgäbe. 

Im darauffolgenden Winter durfte Gusti in Gesell- 
schaft seines Pflegevaters Holz in die Stadt bringen. 
Bei diesem Anlaß traf er sich zum erstenmal seit der 
Versetzung in eine andere Umwelt mit den Seinen. Aul 
den Hof zurückgekehrt, wurde Gusti im Stalle mit einer 
brennenden Zigarette angetroffen. Das Rauchzeug hatte 
er bei einem Kiosk anläßlich des Stadtbesuches gestoh- 
len. Der Melker schalt ihn aus, der Bub Lief weg in sein 
Gadenzimmerchen und ließ sich nicht mehr blicken. 
Der Dienstbote meldete die Sache seinem Meister und 
der besprach sich am Telephon mit dem Berater. Dann 
ließ er Gusti zu sich kommen. Der Bub erschien mit 
gesenktem, vertrotztem Angesicht, den Kopf in den 
Schultern, und jetzt entwickelte sich ungefähr folgendes 
Zwiegespräch : 

229 



„Der Melker hat mir gemeldet, du hast im Stall ge- 
raucht!" beginnt der Bauer mit ernster, aber doch ruhi- 
ger Stimme. 

Der Bub antwortet nicht. 

Der Pflegevater wartet eine Weile, dann fragt er gleich 
ruhig weiter: „Ist es auch wahr?" 

Der Bub gibt ihm einen raschen, forschenden Blick 
und drückt hervor: „Ja!" 

„Weißt du, warum du das nicht darfst, und weshalb 
das niemand machen darf?" 

Der Bub, etwas aus der Fassung gebracht, weil er 
nicht gleich gescholten wird: „Ja, der Melker hat's mir 
gesagt." 

„Was hat er dir denn gesagt?" 

„Das Stroh hätte angehen können!" 

„Siehst du, und das wolltest du doch nicht, oder?" 

„Nein!" 

„Gelt! — Aber woher hattest du denn dein Rauch- 
zeug?" 

„Gestohlen!" 

„Wo?" 

„Am Lindeneck beim Kiosk. Als ich nach dem Mittag- 
essen bei uns zu Hause wieder zu Euch kam." 

„So. — Hast du noch von den Zigaretten?" 

Gusti kramt wortlos ein angebrochenes Packchen 
„Parisiennes" hervor. Der Bauer gibt sie ihm zurück. 

„Ich hatte das nicht von dir erwartet", sagt er. „Ich 
werde das Rauchzeug bezahlen, sobald ich wieder in 
die Stadt fahre, übermorgen oder am Samstag." 

Der Bub beginnt zu weinen. 

„Höre, Gusti, das nächste Mal, wenn du unbedingt 
rauchen mußt und dem Gelüste nicht widerstehen 
kannst, so sag' es mir. Ich gebe dir dann einen Stum- 
pen, den kannst du hinterm Haus in der Hofstatt rau- 
chen. Zu stehlen brauchst du gar nicht, sei es, was es 
wolle. Du hast es nicht nötig, etwas zu entwenden, du 
kannst es nur bei mir verlangen." 

250 



Der Bub weint immer mehr. 
Ich werde dich jetzt nicht mehr hei den Holzfuhren 
mitnehmen können. Sonst bin ich ja daran schuld, wenn 
du in Versuchung gerätst. - Komm jetzt und spann 
den Hund an, bring die Milch in die Käserei!" 

Sie gehen hinaus, der Bauer hilft die Brenten auf- 
laden, Gusti fährt weg. Dann bespricht sich der Meister 
mit dem Melker und verbietet ihm, den Buben wegen 
des Diebstahls irgendwie „aufzuziehn". Der junge Mann 
verspricht, so zu tun, als ob nichts vorgefallen wäre. 

Einige Wochen darauf hat die Sache ein Nachspiel. 
Der Viehhändler ist auf den Hof gekommen und hat 
zwei Kuhkälbchen gekauft. Beim Weggehen hat er dem 
Buben einen Franken geschenkt. (Der Brauch, dem Hu- 
terbuben beim Vieheinkauf ein Geldgeschenk zu machen, 
wird von unsern Händlern auch heute noch hie und 
da gepflegt.) Nach dem Abendessen drückt sich Gusti 
unruhig in der Eßstube herum und als alle außer dem 
zeitunglesenden Hofherrn hinausgegangen waren, legt 
der Bub den Franken vor ihm hin. Dann will auch er 

weggehn. 

Der Meister hält ihn zurück. 

„Was ist mit dem Geld?" 

„Das ist für Euch." 

„Wozu?" 

„Für die Zigaretten." 

„Die haben nur einen Halbfranken gekostet." 

„Es macht nichts!" 

„Doch, Doch!" der Bauer gibt Gusti fünfzig Rappen 

zurück. • tt i 

„Ich käme so gerne wieder einmal mit auf die Holz- 
fuhre!" bettelt der Bub und blickt dem Manne scheu 

ins Gesicht. 

Gut, das nächste Mal, wenn ich fahre!" 
Seit diesem Vorfall sind jetzt vier Jahre verstrichen. 
Der Bub ist inzwischen aus der Schule entlassen wor- 
den. Er steht als junger Karrer beim selben Bauern 

231 



in Dienst und hat nie mehr etwas gestohlen. Sein We- 
sen hat sich verändert. Sein einst verschlagener Blick 
ist gerade und offen geworden. Gusti hat sich zu einem 
zuverlässigen, fröhlichen und von seinen Meistersleuten 
geschätzten Burschen entwickelt und er hängt ihnen mit 
Liebe und Hochachtung an. Vom Bauernhofe spricht er 
als von „unserm" Gute, woraus zu schließen ist, daß 
es ihm eine Heimat bedeutet. 

Der Bauer hat inzwischen einen neuen kleinen Diebs- 
jungen in seine Obhut genommen und Gusti trägt nicht 
wenig dazu bei, den jüngeren Kameraden zu erziehen. 

Es ist anzunehmen, daß Gusli seinen Weg als braver 
Mensch und Bürger machen wird. 

Dazu hat die Milieuveränderung genügt. 

An dem Beispiel fallen drei Dinge auf. Man hat 
Gusli nicht beim erstbesten Bauern untergebracht. Der 
Pflegevater ist ausgelesen worden, er war dem Er- 
ziehungsberater als Mensch bekannt, dessen Art für 
die Erziehung des Buben geeignet schien. Eine solche 
Auslese ist wichtig, denn nicht ein jeder ist befähigt. 

Zweitens hat sich der Erziehungsberater nicht nur 
während der paar Konsultationen und der Einleitung 
der Milieuveränderung um Gusti gekümmert. Er blieb 
mit dem Pflegevater in dauernder Verbindung, auch 
wenn er sich im Hintergrunde hielt und den Buben nicht 
mehr sah. Dem Pflegevater konnten erziehungsfürsorg- 
liche Ratschläge erteilt werden. 

Drittens ist ersichtlich, daß die Versetzung in eine 
andere Umwelt an sich nicht wirkte. Es mußte noch 
etwas dazukommen. Im vorliegenden Falle war es der 
neuerliche Diebstahl und dessen Erledigung. Ihre Folge 
war die gefühlsmäßige Bindung Gustis an 
seinen Vaterstellvertreter. 

Wie haben wir uns die seelischen Vorgänge und 
Umstellungen in Gusti vorzustellen? 

Die neue Umgebung, als deren menschlicher Ver- 
treter besonders der Bauer dasteht, wurde dem Buben 

232 



lieb. Was man liebt, dem wird man ähnlich, das ist 
altbekannt. Bei Verliebten wird die Wahrheit der Ver- 
ähnlichung oft sehr deutlich, etwa dann, wenn sich die 
ehedem völlig verschiedenen Schriftzüge angleichen, 
wenn die Partner sich Haltungen abschauen, die Art 
zu sprechen unbewußt nachahmen usw. Den äußerlichen 
Zeichen des Ähnlichwerdens entsprechen innere, seeli- 
sche Vorgänge. In der Seele des Liebenden wird das 
Liebesobjekt gleichsam als Idealbild aufgerichtet. Un- 
beabsichtigt, unwillentlich, unbewußt verinnerlicht der 
Liebende auch die Ansichten, die Meinungen, die Le- 
bensanschauung, die moralischen Richtlinien seines Part- 
ners und empfindet sie schließlich als die seinen. Und 
er richtet und verhält sich darnach. 

In der Psychologie nennen wir nach Sigmund Freud 
die Summe aller der Idealbilder, der persönlichen Hel- 
denfiguren und Vorbilder, seien sie nun als lebendige 
Menschen einst einem Kinde nahegestanden, oder habe 
es sie aus der Lektüre und aus dem Abhören von Mär- 
chen, Sagen, Geschichten usw. in sich aufgenommen, 
das „Üb er- Ich". Es steht als unbewußter Richter 
im Menschen und umfaßt auch die Vorstellungen über 
Gott. Seine Funktion wirkt „normativ", normgebend. 
Das Über-Ich zügelt beispielsweise die Triebforderungen. 
Es ist dann so, als ob die einst geliebten und vorbild- 
lichen, die Moralität fordernden und messenden Figuren 
Teile des eignen Selbst geworden wären und gleichsam 
in uns weiterlebten, um uns dem Ideale nahe zu 

bringen. 

Spitteler hat einen Teil des Über-Ichs, des ihm 
vorschwebenden Idealbildes die „Imago" genannt, und 
deren Einfluß auf den Romanhelden in psychologisch 
feiner Weise dichterisch gestaltet. 

Kehren wir zu unserem Gusti zurück. Der Bauer, der 
es durch sein ruhiges und kluges Verhalten dahin bringt, 
daß der Bub ihn und sein neues Milieu liebt, leitet eine 
Umschichtung oder Neubildung des kindlichen Über-Ichs 

2 33 



ein. Zunächst gibt Gusti die Diebereien auf, um seinem 
Pflegevater zu gefallen — um von ihm den Liebesbeweis 
zu erreichen, wieder auf die Holzfuhren mitgenommen 
zu werden. Nach und nach werden dem Jungen die ge- 
hobeneren Umweltsverhältnisse mitsamt ihren morali- 
schen Idealen ein Lebensbedürfnis, die Ideale ein Stück 
seiner selbst. Am verinnerlichten Bilde des Pflegevaters 
bildet sich ein Stück neues Über-Ich, das anders ist 
als das am leiblichen Vater errichtete — das in ver- 
schiedenerlei Hinsicht moralischer ist, die Diebstähle 
nicht mehr erlaubt und ein solides und arbeitsreiches 
Leben fordert. 

Junge Menschen, die aus Armut und schlechten Le- 
bensverhältnissen der Verwahrlosung entgegentreiben , 
sind in der Regel leicht zu bessern. Es genügt eine sol- 
che Versetzung in eine moralischere Umwelt, worin 
sich das kindliche Gefühl liebend binden kann. 

Die einzige Schwierigkeit besieht darin, die richtigen 
Pflegepersonen zu finden. Es eignen sich dazu ruhige 
und natürliche Menschen, die den Pflegling weder zu 
kalt noch zu warm und auch nicht „gnädig" behan- 
deln. Vor allem dürfen sie ihn nicht um materieller 
Vorteile willen, etwa um einen billigen Knecht zu er- 
halten, bei sich aufnehmen. Leute mit einem geraden, 
natürlichen Wesen dürfen sich der Aufgabe widmen, 
ein fremdes und dazu noch gefährdetes Kind verstehend 
und einfühlend in ihren Familienkreis einzuschließen. 
Vielleicht sind solche Pflegeplätze selten. Aber es gibt 
Leute, die den umschriebenen Anforderungen entspre- 
chen. Man muß sie suchen, bis man sie findet. 

Die Erfolge, die bei Umweltänderungen häufig fest- 
gestellt werden können, verleiten gerne zur Ansicht, 
daß diese Maßnahme von unfehlbarem erzieherischem 
Werte sei. Es sind mir einzelne Pädagogen und Erzie- 
hungs- und Vormundschaftsbehörden bekannt, die den 
Milieuwechsel als Universalmittel bei allen „schwierigen" 
Erziehungsfällen zur Anwendung bringen. Erst die Pra- 

2 34 



xis belehrt sie dann, daß ihrem so sehr geschätzten 
Besserungsmittel nicht ein allgemeiner Erfolg zuzuspre- 
chen ist. 



Bei einem Milieuwechsel besteht die Gefahr beinahe 
immer, daß ein Kind durch sein Verhalten die neue 
Umgebung nach und nach so weit bringt, bis sie 
nichts anderes als ein Abbild der alten geworden ist. 
Gelingt es dem Pflegling, die alte Situation herzustellen, 
was er selbstverständlich nicht mit bewußter Absicht 
verfolgt, dann braucht er sich nicht zu verändern, die 
Anpassungsleistung wird ihm erspart. 

Ich will ein Beispiel dafür anführen. 

Die vierzehnjährige Marie Brunn er ist das älte- 
ste Kind einer ziemlich begüterten Familie. Ihr Vater 
gehört dem technischen Ausschuß eines weitverzweigten 
industriellen Unternehmens an. Er ist oft genötigt, mit 
seinem Wagen für längere Zeit, manchmal für Wochen, 
ins Ausland zu fahren. Darum erzieht hauptsächlich die 
Mutter die drei Kinder. Außer Marie sind ein vier Jahre 
jüngeres Brüderchen und eine kleine Schwester vorhan- 
den, die weitere drei Jahre nach dem Buben anrückte. 

Bis zu ihrem zwölften Lebensjahre zeigte Marie keine 
Absonderlichkeiten, sie war ein gesundes und normales 
Kind, versichern die Eltern. Dann wurde sie angeblich 
immer mehr verstockt und trotzig, besonders der Mutter 
gegenüber. Sie belog und bestahl sie, obschon man ihr 
ein ansehnliches Taschengeld gab. Groß gewachsen und 
frühzeitig entwickelt wie sie war, verschaffte sie sich 
Eintritt in Kinos, saß in Konfiserien und in Bars herum 
und kümmerte sich immer weniger um die Schule. Mit 
vierzehn Jahren war ihr Zustand so schlimm geworden, 
daß sich die Eltern schweren Herzens entschlossen, 
sie in ein Mädchenpensionat fernab von der Stadt zu 
bringen. Dadurch wurde nebenbei erreicht, daß Marie 

235 



nicht eine Klasse wiederholen mußte, was ihr in der 
Vaterstadt drohte. 

Die Berichte aus der Schulanstalt lauteten zuerst gün- 
stig. Marie zeigte sich insbesondere der Direktorin ge- 
genüber sehr anhänglich. Zu allen Arbeiten, auch zu 
schmutzigen, in Haus, Küche und Garten war sie willig. 
Während der Ferien reiste das Pensionat in die Berge. 
Dort erkrankte ein Teil der Schülerinnen an einem an- 
steckenden Fieber. Die Direktorin verrichtete Kranken- 
pflegerdienste. Marie wurde nicht vom Fieber erfaßt. 
Sie kam mit einigen gesund gebliebenen Kameradinnen 
in ein anderes Haus, dort stand die Mädchenschar 
unter Aufsicht einer wenig geliebten Lehrerin. Ihr gegen- 
über verhielt sich Marie folgsam. Aber sie fing an, über 
„die Alle", die Leiterin, zu schimpfen, obschon sie dazu 
keinen Grund hatt. Sie hetzte ihre Kameradinnen gegen 
sie auf. Die Sache wurde ruchbar. Die Direktorin ließ 
die Rädelsführerin zu sich kommen und besprach sich 
mit ihr. Unter Tränen versprach Marie alles Gute, sie 
bereute ihre ungünstigen Aussprüche und sah anschei- 
nend ein, daß die Pensionatsleiterin jetzt anderes zu 
tun hatte, als sich um Marie besonders zu kümmern. 
Die Hetzereien wurden als Ausfluß eifersüchtiger Re- 
gungen erkannt. 

Eines Tages fuhr die Frau in die Stadt. Marie anerbot 
sich, sie zu begleiten, wurde jedoch abgewiesen. Die Lei- 
terin sagte sich wohl, sie müßte dann alle Gesundgeblie- 
benen mitfahren lassen, wenn sie es Marie gestatte, und 
keine Eifersüchte aufkommen lassen wollte. 

Von diesem Zeitpunkt an trotzte Marie gegen die Direk- 
torin. Sie schaute ihr nicht mehr ins Gesicht, verhielt 
sich ihr gegenüber kurz angebunden und unfreundlich. 
An einem Abend wurde festgestellt, daß vom Park her 
im Bureau der Leiterin eingebrochen worden war. Es 
fehlte ein goldbeschlagener Füllfederhalter, den die Di- 
rektorin sehr schätzte, weil er das letzte Geschenk eines 
verstorbenen einzigen Sohnes war. Sie erstattete Anzeige 

256 



bei der Polizei. Diese fand im Garten ein mit M. B. ge- 
zeichnetes Taschentüchlein. Der Verdacht fiel auf Marie 
Brunner, ihr Zimmerchen und ihre Koffer wurden ge- 
nau uniersucht, erfolglos. Aber das Tüchlein gehörte 
Marie, sie besaß noch eine Reihe ähnlicher. Die Tochter 
behauptete, es sei ihr entwendet worden. Über den Ver- 
dacht zeigte sie sich tief gekränkt. Man glaubte tat- 
sächlich, daß man Marie zu Unrecht verdächtigt hatte, 
denn sie konnte ihr „Alibi", ihre Abwesenheit vom Tat- 
ort während der für den Diebstahl in Betracht kom- 
menden Zeit nachweisen: Sie war in ihrem Zim- 
merchen gesessen und hatte in einem Buche gelesen, 
das sie unmittelbar vorher von einer Kameradin gelie- 
hen hatte. 

Am selben Abend veranstaltete die Lehrerin einen 
kleinen Tanz zu Grammophonmusik. Der unliebsame 
Zwischenfall sollte vergessen werden. 

Anläßlich dieses Tanzvergnügens, bei dem sich Marie 
betont lustig zeigte, fiel ihr plötzlich die Füllfeder auf 
das Parkelt. Marie hatte sie in den Hosen verborgen ge- 
halten. Zur Rede gestellt, gab sie hochmütig und trot- 
zig Auskunft. Sie war in einem unbewachten Augen- 
blick aus ihrem Zimmerfenster gesprungen, durch den 
Park gelaufen, und als sie das Bureaufenster offen sah, 
eingesüegen. Die Feder lag auf dem Schreibtisch, sie 
ergriff sie und machte sich eilends in ihr Stübchen zu- 
rück. Kaum war sie drin, so erschien die Besitzerin 
des Buches, und Marie tat dergleichen, als ob sie schon 
die Hälfte des Romans gelesen hätte. Gleich darauf war 
der Diebstahl entdeckt worden, man hatte die Mädchen 
zusammengerufen, und als die Untersuchung nichts er- 
gab, wurde der Polizist geholt, der unfern wohnte. 

Herr Brunner, der gerade von einer Auslandsreise 
zurückgekehrt war, wurde telephonisch verständigt. Er 
erschien am darauffolgenden Morgen, und nachdem er 
die Direktorin angehört hatte, unterhielt er sich unter 
vier Augen mit seiner Tochter. Sie beklagte sich, man 



2 



57 



habe sie vernachlässigt, das Essen sei schlecht gewor- 
den, die Behandlung der aufsichthabenden Lehrerin sei 
lieblos, usw., und sie bat den Vater, daß er sie fort- 
nehme, es gefalle ihr kein bißchen mehr. 

Auch die Direktorin verlangte die Fortschaffung Ma- 
ries. Denn Diebinnen durfte sie unter ihren Pensionärin- 
nen nicht dulden, wenn sie dem Rufe ihres Institutes 
nicht Schaden zufügen wollte. 

Kurz vorher waren Marie Zeugnis und Bericht ausge- 
teilt worden. Gestützt darauf, bestanden keine Schwie- 
rigkeiten, die Tochter an einem anderen Plätzchen un- 
terzubringen. Marie kam zu einem Freunde ihres Va- 
ters aufs Land. Man dachte jetzt nicht mehr daran, 
sie die Maturität machen zu lassen. Den Rest ihrer 
Schulzeit sollte sie in einer Sekundärschule zubringen, 
um später, ihren Neigungen gemäß, in eine kunstge- 
werbliche Schule als Keramikerin einzutreten. 

Wiederum gefiel es Marie in ihrem neuen Pflegeort zu- 
nächst gut. Sie war geradezu begeistert. Besonders paßte 
es ihr, daß die Schule nicht mehr so viel von ihr ver- 
langte, und daß sie gelegentlich mit dem Pflegevater, 
der eine kleine Uhrenfabrik betrieb, im Auto ausfahren 
durfte. Sie nahm ohne Widerspruch in Kauf, daß sie der 
Hausfrau behilflich sein mußte. 

Nach einiger Zeit geschah es, daß Marie bei ihren 
häuslichen Arbeiten „Pech" hatte. Sollte sie beispiels- 
weise abtrocknen helfen, so wurde gerade das feinste 
Geschirr zerschlagen. Trennte sie ein Kleid auf, das man 
umändern wollte, so schnitt sie ein Loch in den Stoff. 
Oberwies man ihr die Aufgabe, ihr Zimmerchen selber 
zu reinigen, dann manipulierte sie mit dem Staubsauger 
so ungeschickt, daß er beschädigt wurde, oder daß die 
Sicherungen platzten. Als sie einmal auftragen half und 
mit einer vollen Bratenschüssel auf den Eßzimmer- 
teppich stürzte, wurden die Pflegeeltern ungehalten. Die 
Hausfrau hielt dem Mädchen Unachtsamkeit vor und 

238 



sagte, sie verzichte von nun an auf Maries Mithilfe bei 
den häuslichen Geschäften, denn es gehe dabei ja mehr 
zugrunde, als die Arbeit wert sei. 

Marie darauf trotzig: „Ich bin wahrhaftig nicht da- 
zu da!" 

Die Hausfrau, heftig gereizt: „Wozu bist du denn da? 
Zu nichts bist du da!" 

Marie, frech: „Es gefällt mir überhaupt schon lange 
nicht mehr bei Ihnen! Ich bin keine Dienstmagd!" Sie 
läuft türenschmetternd in ihr Zimmer und schließt sich 
ein. Es wird ein Klagebrief nach Hause geschickt. Marie 
wollte nicht länger in dem Hause bleiben, und wenn 
man sie nicht wegbringe, so brenne sie durch. Der 
Vater stellt seinen Freund zur Rede. Dessen Frau be- 
klagt sich bitter über das ungezogene Verhalten der 
Tochter. Schließlich kommt man überein, einen Erzie- 
hungsberater um Hilfe anzugehen. 

Die Untersuchung ergab kurz folgendes: Marie war 
von jeher ein sehr eifersüchtiges Kind gewesen. Als 
sie zwölfjährig wurde, fing ihre einst so sehr um die 
Kindererziehung bemühte Mutter an, das Interesse an- 
deren Gebieten zuzuwenden, die sie oft außerhalb 
ihres Hauses führten. Schuld daran waren eheliche Zer- 
würfnisse, von denen zwar den Kindern nichts gezeigt 
wurde. Frau Brunner, in ihrer Ehe enttäuscht, suchte 
Erholung, Ersatz und Betäubung im Strudel gesell- 
schaftlicher Anlässe und als Förderin der schönen Kün- 
ste. Marie merkte die Erkaltung der mütterlichen Ge- 
fühle, ohne sie bewußt zu erkennen, und sie reagierte 
darauf mit Trotz und mit den Diebereien. Diese galten 
der Mutter und bedeuteten einen Ersatz für die mütter- 
liche Liebe, sie entsprangen jedoch auch Racheimpulsen 
für die erlebte Liebesenttäuschung. 

Die gleiche Liebesenttäuschung erlebte Marie an der 
Pensionsdirektorin, als diese sich mehr um die erkrank- 
ten Kameradinnen kümmerte als um sie, und als sie die 



2 39 



Tochter nicht auf die Reise in die Stadt mitnehmen 
wollte. Die Reaktionen darauf waren Trotz und Dieb- 
stahl. 

Zu dem Uhrenfabrikanten gebracht, wiederholte sich 
der Ablauf. Unbewußt war Marie der neuen Pflegemut- 
ter von vornherein wenig zugeneigt: Die gehäuften Miß- 
geschicke bei den häuslichen Arbeiten waren keine Zu- 
fälle. Hier zeigte sich deutlich eine Schädigungstendenz. 
Die Enttäuschung wurde besonders sichtbar, als die 
Frau Marie nicht mehr bei den Arbeiten verwenden 
wollte. Da brach der Trotz los. Das Mädchen spitzte die 
Situation dermaßen zu, daß an ein Bleiben am Pflege- 
orte nicht mehr gedacht werden kann. 

Die dissozialen Symptome bei Marie verschwanden 
erst, nachdem sie ihre Motive durchschauen konnte und 
nachdem sich die Mutter nach einigen Besprechungen 
beim Erziehungsberater anders verhielt. Marie konnte 
wiederum zu Hause untergebracht werden, sie gewöhnte 
sich rasch wieder an ein „normales" Leben und be- 
stand später ihre Maturität in einem Privatgymnasium. 

Bei Marie Brunner fruchtete die Versetzung in eine 
andere Umwelt darum nicht, weil es der Tochter im- 
mer wieder gelang, im Sinne des „W iederho\ungs- 
zwanges" das Milieu so zu verändern oder aufzufas- 
sen, daß es dem elterlichen entsprach. Die Pflegemütter 
wurden wie die richtige Mutter zu „bösen" Müttern 
gemacht, bei denen es das Kind nicht aushalten konnte. 



240 



Altere Theorien des Unbewußten 

Von Friedrich Eckstein, Wien 

Seit Eduard von Hart mann sein bekanntes Werk 
über die „Philosophie des Unbewußten" veröffentlicht 
hat, ist es die landläufige Ansicht geworden, daß der 
Begriff des Unbewußten zuerst von Leibniz für das 
wissenschaftliche Denken entdeckt worden sei. Man 
kennt ja seine verschiedenen Äußerungen über die „peti- 
tes perceptions", jene kleinsten Bewußtseins-Differen- 
tiale, von welchen jedes für sich allein, eben der Klein- 
heit wegen, nicht bewußt werden könne, während sie 
durch das Zusammenwirken einer großen Menge oder 
aber durch eine graduelle Steigerung der Intensität jedes 
einzelnen zum klaren Bewußtsein vorzudringen vermö- 
gen. Die Perzeptionen unserer Sinne müssen nach Leib- 
niz „notwendig eine Art verworrener Empfindung ein- 
schließen", denn, da die Körper des ganzen Universums 
miteinander in Verbindung stehen, so empfängt der 
unsere Einwirkungen von allen anderen, und, ^wenn- 
gleich unsere Sinne sich auf alles beziehen, so ist es 
doch nicht möglich, daß unsere Seele auf alles im 
besonderen achthaben kann . . ." „Ähnlich kommt ja auch 
das verworrene dumpfe Rauschen, das man bei der 
Annäherung an den Meeresstrand vernimmt, von der 
Anhäufung der Geräusche, die durch das Zurückprallen 
unzahliger Wellen entstehen ... Die unendliche Vielheit 
der Perzeptionen macht es uns unmöglich, sie von- 
einander zu unterscheiden, wie man auch bei dem ge- 
waltigen verworrenen Geräusche einer großen Volks- 
menge die einzelnen Summen nicht voneinander zu 
unterscheiden vermag." 

„So nehmen wir stets ein verworrenes Gesamtergebnis 
aller Bewegungen wahr, die in uns vorgehen; aber wir 
apperzipieren sie nur dann distinkt und mit Bewußtsein 
wenn, wie in den Anfängen von Krankheiten, eine be- 

16 Almanach 1936 

241 



deutungsvolle Änderung einlritl." Es wäre in der Tat zu 
wünschen, meint Leibniz, daß „die Mediziner es sich zur 
Aufgabe machten, diese Arten von verworrenen Empfin- 
dungen, die wir in unserem Körper haben, genauer zu 
unterscheiden". 

Es mußten aber beinahe zwei Jahrhunderte vergehen, 
bis „die Mediziner" diese von Leibniz ausgegangene An- 
regung sich zu eigen gemacht haben, und erst die 
Psychoanalyse ist imstande gewesen, alle Konsequen- 
zen daraus zu ziehen. 



Die hier erwähnten Gedankengänge sind jedem Leib- 
niz-Kenner geläufig; weniger allgemein bekannt scheint 
aber zu sein, daß schon nahezu anderthalb Jahrlau- 
sende vor Leibniz auch ein anderer großer Philosoph, 
P 1 o 1 i n o s, der Begründer der neuplatonischen Schule, 
eine eigenartige Theorie des Unbewußten aufgestellt 
hat. Der besondere Reiz dieses Systems liegt in seiner 
neuartigen Psychologie des Unbewußten und in der 
Lehre von der Herkunft des Schönen aus diesen Quel- 
len, deren enge Beziehung zu den antiken Mysterien- 
Kulten offenbar ist. Hierin mag wohl auch der Grund 
zu erblicken sein, warum gerade Goethe sich mit 
solchem Eii'er dem Studium der Plotinschen Schrif- 
ten hingegeben hat, so daß diese einen bedeutenden Ein- 
fluß auf sein gesamtes Denken gewonnen haben. 

Nach Plotin ist die Seele die „Mittlerin" zwischen dem 
Reiche der „Ideen" und der Sinnenwelt; sie ist aber, wie 
er sich ausdrückt, „nicht in ihrer Ganzheit in das Sinn- 
liche eingetaucht", und ein gewisser Teil von ihr be- 
findet sich stets in dem unvergänglichen „Intelligiblen". 
Der im Sinnlichen befindliche Teil der Seele läßt uns 
aber nicht zur Anschauung jenes anderen, des „oberen" 
Teiles von ihr gelangen. 

Wenn wir den Versuch unternehmen wollen, die Spra- 
che Plolins, in beabsichtigter Einseitigkeit, in jene der 



242 



Psychoanalyse zu übertragen, ohne dabei auf die rein 
logische und erkenntniskritische Bedeutung von Plotins 
Ausführungen Rücksicht zu nehmen, so müssen wir 
uns zunächst vor Augen halten, daß das Reich der „Pla- 
tonischen Ideen", von dem hier die Rede ist, oder die 
Welt des „Intelligiblen", in psychologischer Hinsicht 
als das Produkt einer Art von „Regression", eines Zu- 
rückfallens in frühe infantile Zustände des Denkens, 
angesehen werden muß; sei es nun eine Regression des 
einzelnen Individuums, sei es eine solche des ganzen 
Menschengeschlechtes zu seinen primitiven Stufen. Es 
ist die sehnsuchtsvoll herbeigewünschte Traumwelt des 
Kindheits-Paradieses und des goldenen Zeitalters, mit 
ihrer besonderen, biogenetisch bedingten, symbolhaften 
Traum-Logik, wie sie ja auch dem Mythos, den Sagen 
und Märchen und allem Mysterienwesen zum Grunde 
liegen. Jeder Traum, jede künstlerische Vision, bringt 
uns Kunde aus dieser, im übrigen verschütteten, unzu- 
gänglichen Welt; aber auch unser gesamtes Denken und 
unsere Handlungen unterliegen unaufhörlich Einflüssen 
aus diesen sonst unbewußten Sphären des „Intelligiblen", 
die, wie Plotin sich drastisch ausdrückt, nur zum Teil 

in die Welt der Sinneswahrnehmungen „eingetaucht" 
sind. 

„Nur dann", heißt es im achten Buche von Plotins 
vierter „Enneade", „tritt der Denkinhalt wirklich in uns 
hinein, wenn er bis zur Perzeption herab gelangt. Denn 
nicht alles, was sich in irgend einem Teile der Seele 
zuträgt, erkennen wir deshalb schon; wir erkennen es 
vielmehr erst, wenn es die ganze Seele durchdrun- 
gen hat." 

„Es kommt nämlich jeder Seele ein niederes, dem Kör- 
per zugewandtes, und ein höheres, der Vernunft zuge- 
wandtes Vermögen zu; und die ganze, die Allseele, 
schmückt mit ihrem dem Körper zugewandten Teile 
das All in müheloser Erhabenheit, nicht mit Über- 
legung und Berechnung wie wir, sondern vermöge der 



16* 



2 43 



Vernunft, gleich dem künstlerischen Schaffen, wobei 
nur der niedere Teil des Alls ordnet und schmückt." 

Diese letzten Sätze sind nur richtig zu verstehen, 
wenn man bedenkt, daß Plotin unter „Vernunft" die 
Tätigkeit des intuitiven Erkennens versteht, und daß 
dieser Begriff der Vernunft bei ihm zugleich auch der 
der „Freiheit" ist. Alle „höhere" Erkenntnis beruht also 
nach Plotin in einem intuitiv-regressiven Bewußtwerden 
des Unbewußten, von Inhalten, die sich „in irgendeinem 
Teil der Seele" zutragen, und die wir erst zu erkennen 
vermögen, wenn sie „die ganze Seele durchdrungen" 
haben. 

Und gerade darin liegt ihre erschütternde, reinigende 
Wirkung und ihre Bedeutung für die seelische Erneue- 
rung des Menschen. „Auf, lasset uns flieh'n zum geliebten 
Lande der Väter!" Vielleicht ist Plotins ganze Lehre 
in diesem einen, von ihm selbst mit Emphase ange- 
führten Satze Homers enthalten. 



244 



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im zweiten Abschnitt . . . haben die Beiträge 
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Bedeutung gewonnen, so daß ich jetzt . . . mit 
innerer Ruhe an das Aufhören meiner eigenen 
Leistung denken kann ... So kann ich denn, zu- 
rückschauend auf das Stückwerk meiner Lebens- 
arbeit, sagen, daß ich vielerlei Anfänge gemacht 
und manche Anregungen ausgeteilt habe, woraus 
dann in der Zukunft etwas werden soll. Ich 
kann selbst nicht wissen, ob es viel sein wird 
oder wenig. Aber ich darf die Hoffnung aus- 
sprechen, daß ich für einen wichtigen Fortschritt 
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weibliche Sexualität. — Zur Gewinnung des Feuers. 
— Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die 
Psychoanalyse. — Warum Krieg? 

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der Gesammelten Schriften): 

Der Familienroman der Neurotiker. — Psychoanalysis. 
Geleitworte zu Büchern; Gedenkartikel. 

Vermischte Schriften: 

Brief an Maxim Leroy über einen Traum des Car- 
tesius. — Goethe-Preis 1930. — Das Fakultätsgutachten 
im Prozeß Halsmann. — Brief an den Bürgermeister 
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„Auch der psychoanalytisch nicht besonders Vor- 
gebildete und auch jener, der Freuds Theorie 
skeptisch beurteilt, werden mit diesen Untersuch- 
ungen in mancher Hinsicht übereinstimmen. Denn 
alle noch so gewagten Konklusionen werden hier 
klar, logisch und an Hand vieler sachlicher Be- 
lege durchgeführt. Und obzwar man, um diese 
glänzend formulierten Essays voll bejahen zu 
können, ein überzeugter Freud-Jünger und pro- 
funder Kenner seiner Lehre sein muß, erzwingen 
sie ernstes Interesse, weil man nirgends auf wirr 
konstruierte Extreme stößt, die sonst vielfach 
daran hindern, auch das an sich Einleuchtende 
derartiger Untersuchungen anzuerkennen und, vor 
allem, zu genießen. Beides ist aber bei diesem 
Buche durchaus der Fall." (b. b.) 






„Prager Presse", 20. Februar 1935. 






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Kierkegaard schreibt in seinem Tagebuch nach dem Erscheinen von 
„Entweder-Oder" : „Wenn jemand den eigentlichen Beweggrund 
der Abfassung zu wissen bekäme! Herrgott ein so großes Werk muß 
doch wohl, denkt man, auch einen tiefen Grund haben! Und doch 
betrifft es durchaus mein privates Leben..." Die analytische 
Untersuchung erhellt nicht nur den verborgenen Sinn dieses Geständ- 
nisses, sondern beweist darüber hinaus, daß die subjektiven Erleb- 
nisse dieses seines »privaten Lebens" auch den „tiefen Grund" der 
Ideen bilden, die sich ihm als letzte religionsphilosophische Erkennt- 
nisse manifestieren. 

INHALT 

Einleitung 
I. Furcht und Zittern 
II. Die Wiederholung 
III. Psychoanalytischer Teil 

1. Die Wiederholung 

2. Die Erinnerung 

3. Das göttliche und das dämonische Paradox 

4. Die unendliche „mißglückte" Bewegung der 
Resignation 

5. Die Schwermut (Depression) und ihr Ursprung 

6. „Credo quia absurdum" 

7. Das Paradox des Glaubens und seine Genesis 

8. Die dichterische Produktivität 



INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG, WIEN 



DIE ZEITSCHRIFTEN 
DER PSYCHOANALYSE 



INTERNATIONALE ZEITSCHRIFT 
FÜR PSYCHOANALYSE 

Offizielles Organ der 
Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 

Herausgegeben von 
SIGM. FREUD 

Redigiert von Edward Bibring, Heinz Hartmann u. Sandor 
Rado. Jährlich 4 Hefte Lexikonoktav im Gesamtumfang 
von etwa 600 Seiten. Abonnement jährlich RM 28.— 

Im Januar 1936 beginnt der XXII. Jahrgang 



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Zeitschrift für psychoanalytische Psychologie, ihre 

Grenzgebiete und Anwendungen 

Herausgegeben von 

SIGM. FREUD 

Redigiert von Ernst Kris und Robert Wälder 

Jährlich 4 Hefte Großoktav im Gesamtumfang von 
etwa 520 Seiten. Abonnement jährlich RM 22 — 

Im Januar 1936 beginnt der XXII. Jahrgang 



ZEITSCHRIFT FÜR 
PSYCHOANALYTISCHE PÄDAGOGIK 

Herausgegeben von 
August Aichhorn, Paul Federn, Anna Freud, 
Heinrich Meng, Ernst Schneider, Hans Zulliger 

Redigiert von Wilhelm Hoffer 

6 Hefte jährlich im Gesamtumfang von etwa 

450 Seiten. Abonnement RM 10 — 

Im Januar 1936 beginnt der X. Jahrgang 



NEUE SONDERHEFTE 

DER ZEITSCHRIFT FÜR PSYCHOANALYT. PÄDAGOGIK 



Über Hochstapler und Verwahrloste 



IX. Jg., Heft 3 



RM 2.— 



Eine Diskussion der Schweizerischen Gesellschaft für Psychoanalyse 
über den narzißtisch-triebhaften Charakter mit Beiträgen von G. Bally, 
A. Kielholz, H. Meng, 0. Pfister und H. Zulliger. 



Jenny Wälder: Analyse eines F alles von Pavor nocturnus 

RM 2.- 



IX. Jg., Heft 1 



Die Kranken- und Behandlungsgeschichte eines siebenjährigen Knaben 
zeigt, das Milieueinflüsse, früheste Kindheitseindrücke und das Ver- 
hältnis zu den Erwachsenen nicht weniger an der Entstehung der 
Angstzustände des Pavor nocturnus beteiligt sind als die im allge- 
meinen überschätzte Konstitution. Der interessante Verlauf der Analyse 
und der anhaltende Heilerfolg bestätigen die Richtigkeit dieser psycho- 
nalytischen Erfahrung. 



Weitere Sonderhefte: 



Die Angst des Kindes 

Heilpädagogik 

Montessori -Pädagogik 

Editha Sterba: Ein abnormes 
Kind 

Erziehungsberatung 

Herta Fuchs: Psychoanalytische 
Heilpädagogik im Kindergarten 

Spielen und Spiele 

Alice Bälint: Die Psychoana- 
lyse des Kinderzimmers 

Marie Bon aparte: Die Sexuali- 
tät des Kindes 



Strafen 

Menstruation 

Richard Sterba : Einführung in 
die psychoanalytische Libido- 
lehre 

Intellektuelle Hemmungen 

Selbstmord 

Aus der Kindheit eines Prole- 
tariermädchens 

Nacktheit 

Stottern 

Onanie 

Sexuelle Aufklärung 



ALMANACH DER 
PSYCHOANALYSE 



1933 

Sigm. Freud 

Psycho-Analysis 

Imre Hermann 

Das psychoanalytische Sinnvolle 

Richard Sterba 

Die psychoanalytische Therap'e 

Sandor Rado 

Das Angstproblem 

Paul Federn 

Zunahme der Süchtigkeit 

Otto Fenichel 

Zur unbewußten Verständigung 

Alexander Szalai 

Die „ansteckende" Fehlhandlung 

Anna Freud 

Die Erziehung des Kleinkindes 
vom psychoanalytischen Stand- 
punkt 

Heinrich Meng 

Die richtige Behandlung schein- 
bar straffälliger Kinder 

Hiiiis Zulliger 

Pädagogen erliegen dem Fluche 
der Lächerlichkeit 

Fritz Redl 

Gedanken über die Wirkungen 
einer Phimoseoperation 

Helene DeutBch 

Don Quijote und Donquijotismus 

Franz Alexander 

Bemerkungen über Fallstaff 

Marie Bonaparte 

Das magische Denken bei den 
Primitiven 

Henri Codet 

Das magische Denken im Alltags- 
leben 

Edward Glover, Morris Ginsberg, 
John Rickman 

Symposion über die Psychologie 
von Krieg und Frieden 



1934 

Sigm. Freud 

Zum Problem der Telepathie 

Sigm. Freud 
Die psychischen Instanzen 

Erncat Jones 

Have Dreams a Meaning? 

Marie Bonaparte 

De la mort et des fleurs 

Theodor Reik 

Der Tod und die Liebe 

Edward Glover 

Psychologisches über Krieg und 
Pazifismus 

Rene Laforgue 

Masochismus und Selbstbestra- 
fungstendenzen bei Charles Bau- 
delaire 

Walter Muschg 

Dichtung als archaisches Erbe 

Heinrich Meng 

Krankheit, Schönheit und seeli- 
sche Behandlung 

Eduard Hitschmann 

Der narzißtische Gatte 

Viktor Tausk f 

Zur Psychopathologie des All- 
tagslebens: Ibsen, der Apotheker 

Edoardo Weiss 

Das Über-Ich 

August Aichhorn 

Erziehungsberatung 






IN LEINEN JE 4 MARK — Inhaltsverzeichnis der früheren Jahrgänge 
gerne kostenlos durch den Verlag