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Full text of "Zentralblatt für Psychoanalyse. Medizinische Monatsschrift für Seelenkunde. III. Jahrgang 1913 Heft 4/5"



Originalarbeiten. 



Zur Rolle des Unbewussten in der Neurose. 

Von Dr. Allred Adler, Wien. 

Unser Verständnis für die Einzelfragen in der Psychologie der 
Neurosen ist so sehr an die individuelle Betrachtungsweise geknüpft, dass 
man behaupten kann: die Arbeitshypothese obwohl aus 
Einzelerkenntnissen erwachsen, gibt ein Bild von der 
Weite der Anschauungen und von den Grenzen der Er- 
kenntnis des Untersuchenden. Und dies so sehr dass dadurch 
erklärlich wird wie es zu verschiedenen Auffassungen, Wertungen Vor- 
MMtaMH kommt, wie die eine Schule diesen, die andere jenen Punkt 
fhre, Darstellu^en hervorhebt oder mindert, wie dem einen dl e Wichtig- 
keit eines Beobachtungsmaterials entgeht, wo ein anderer Unwesent- 
Uchem besondere Würde verleiht. Wer für eine formulierte Lehre em- 
steht is .kaum wankend zu machen i); es wäre denn, dass ihm die inneren 
Widerspruch^ Tbewusst werden. Im allgemeinen benimmt er sich wie ein 
nVÄ Patient, der eine Änderung seines Lebensplanes solange nicht 
!SS biTer sein unbewußtes Grössenideal erkannt hat und es als 

^^Ä «1 manchen anderen Autoren möchte ich den 
Leser zu? PrSung ermuntern, diese Betrachtung auch auf die fegenden 
Abführungen anwenden. Die Psychotherapie ist ein künstlerischer Be- 
ruf Die Selbstanalyse - wertvoller ist die Erfassung der «W^ £*"* 
hnie - etwa dem' Selbstporträt vergleichbar, bietet schon deshalb keine 
Garantie für voraussetzungsloses" Forschen, weil sie wieder mit den 
2S? beschränkten Mitteln* der Persönlichkeit t******^ 
keilen] zustande kommt und weil die individuelle Perspektive nicht zu 
fässt sich oder andere anders als individuell zu betrachten. Persönliche, 
d h. andere als in der Wissenschaft übliche Argumentationen bei der 
Beurteilung psvchotherapeutischer Anschauungen anzuwenden, 'st dem- 
nach ein Unfug, der nur durch die Jugend unserer Disziplin erklärlich 
ist, der auch auf die Dauer keinen Anklang finden durfte. 

Durchaus nicht so störend wirken diese Grenzen der Individualität 
in der psychotherapeutischen Praxis. Scheitert der Nervöse an dem Druck 
der Realität, so lehrt ihn der Arzt sich mit der Realität auseinanderzusetzen. 

i) Siehe Furtmüller, Paychoanalyae und Ethik, E. Reinhardt, München 1912. 
ZontrMblatt fBr P«yeho*niüy»«. 111 V». ** 



170 Dr. Alfred Adler, 

Der Zusammenstoss von Patient und Arzt hindert immer wieder das 
Wandeln des Neurotikers in der Fiktion. Und während der Patient um 
seine Überlegenheit zu kämpfen vermeint, verweist ihn der Arzt auf die 
Einseitigkeit und Starre seiner Attitüde *). 

Dabei erweist sich als die grösste Schwierigkeit in der Kur, dass 
der Patient, obgleich er die Einsicht in den neurotischen Mechanismus 
hat, gleichwohl seine Symptome teilweise aufrecht erhält. Bis sich ein 
neuer, vielleicht der schwerwiegendste der neurotischen Kunstgriffe ent- 
hüllt: der Patient bedient sich des Unbewussten, um mit 
seinen alten Bereitschaften und Symptomen trotz der Aufklärung dem 
alten Ziel der Überlegenheit folgen zu können. Und mit dieser Feststellung 
sind wir wieder auf der Linie der Aufklärungen, die ich in meiner Arbeit 
„über den nervösen Charakter" 2 ) den neurotischen Lebensplan beschreibend 
erörtert habe. Die nervöse Psyche ist, um ihr überspanntes Ziel über- 
haupt anstreben zu können, zu Kunstgriffen und Finten gezwungen. Einer 
dieser Kunstgriffe ist die Verlegung des Zieles oder 
eines Ersatz zieles ins Unbewusste. Steckt dieses Ziel als 
„Moral" in einem Erlebnis oder in einer Phantasie, dann können auch 
diese der Amnesie ganz oder soweit verfallen, dass das fiktive Endziel 
darin verschleiert wird. 

Es ist nur eine andere Ausdrucksweise, geht übrigens folgerichtig 
aus diesen Feststellungen hervor, wenn ich hervorhebe, dass dieses gleiche 
Ziel ode* Bruchstücke von Erlebnissen und Phantasien, die mit diesem 
Ziel verknüpft sind, dem Bewusstsein soweit und in der Form zugänglich 
sind, dass sie der Erreichung des Persönlichkeitsideals förderlich und nicht 
im Wege sind. Die biologische Bedeutung des Bewusstseins wie die des 
geschilderten Anteils des Unbewussten liegt also in der Ermöglichung 
des Handelns nach einem einheitlich gerichteten Lebensplan. Diese An- 
schauung deckt sich zum Teil mit den bedeutsamen Lehren Steinthal's, 
Vai hinge r's und Bergson's 3 ) und weist auf die aus dem Instinkt 
erwachsene, den Zwecken der Aggression angepasste Qualität des Bewusst- 
seins hin. 

Auch die dem überspannten neurotischen Ideal gehorchende bewusste 
Vorstellung ist also in der Qualität ihres Bewusstseins ein 
Kunstgriff der Psyche, wie aus der Analyse der überwertigen 
Ideen, des Wahnes, der Halluzination 4 ), vor allem der Psychosen deutlich 
hervorgeht. Jede bewusste Manifestation der Psyche weist uns demnach 
in gleicher Weise auf das unbewusste fiktive Endziel wie die unbewusste 
Regung, sofern man sie richtig erfasst. Die billige Redensart vom „Ober- 
flächenbewusstsein" kann nur den täuschen, der diesen Zusammenhang 
noch nicht kennt. Die häufige Gegensätzlichkeit von bewussten und un- 
bewussten Regungen ist nur ein Gegensatz der Mittel, für den Endzweck 
der Erhöhung der Persönlichkeit, für das fiktive Ziel der Gottgleichheit 
aber irrelevant. 



>) Siebe auch dieees Zentralblatt, I. Jahrgang, Heft 5: Adler, .Zur Lehre 
vom Widerstand*. 

*) Verlag J. F. Bergmann, Wiesbaden 1912. 

3) Paul Schrecker, Bergson'B Philosophie der Persönlichkeit. E. Rein- 
hardt, München, 1912. 

*) Adler, Neurologische Betrachtung über Berge r's .Hofrat Eygenbardt € . 
Zeitschr. f. media. Psychologie und Psychotherapie, 1913. (Erscheint demnächst.) 



Die Rolle des unbewußten ia der Nenroee. 171 

Dieser Endzweck aber und jeder überspannte Formenwandel desselben 
muss im Unbewussten bleiben, wenn er durch seinen offenen Gegensatz 
zur Realität das Handeln nach der neurotischen Leitlinie unmöglich macht. 
Wo die Bewusstseins<rualität als Mittel des Lebens, als Sicherung der 
Einheit der Persönlichkeit und als Sicherung des Persönlichkeitsideals nötig 
wird erscheint sie auch in der geeigneten Form und Ausdehnung. Selbst 
das fiktive Ziel, der neurotische Lebensplan kann teilweise ins Bewusst- 
sein treten, wenn dieser Vorgang geeignet ist, eine Erhöhung des Persönhch- 
keitsgefühls zu bewirken. So besonders in der Psychose. Sobald aber 
das neurotische Ziel durch sein Bewusstwerden sich selbst aufheben konnte, 
formt es den Lebensplan aus dem Unbewussten. 

Diese aus den Tatsachen neurotischer Phänomene erhobenen Be- 
funde finden ihre theoretische Bestätigung in einer Schlussfolgerung die 
— wenn auch unausgesprochen — aus den fundamentalen Lehren V a 1 - 
hinger's von dem Wesen der Fiktion hervorgeht i). In einer grandiosen 
Synthese erfasst dieser geniale Forscher das Wesens des Denkens als ein 
Mittel zur Bewältigung des Lebens, das mit dem Kunstgriff der Fiktion, 
einer theoretisch wertlosen aber praktisch notwendigen Idee, seinen Zweck 
zu erreichen sucht. War diese tiefe Konzeption des Wesens der Fiktion 
erst nötig uns ganz mit den Kunstgriffen unseres Denkens vertraut zu 
machen - eine Einsicht, die unsere Weltanschauung entsprechend um- 
gestalten wird -. so liegt in der Tatsache einer „Entdeckung" bereits an- 
gedeutet dass auch die leitende Fiktion dem Unbewussten angehört, und 
dass ihr Auftauchen ins Bewusstsein für ihren Zweck teils überflussig, 
teils aber hinderlich sein kann. 

An diese Tatsache kann die Psychotherapie anknüpfen, indem sie 
die leitende Grössenidee ins Bewaisstsein ruft und dadurch ihre Wirksam- 
keit für das Handeln unmöglich macht. Dementsprechend sol in folgendem 
gezeigt weiden, dass nur die u n b e w u s s te leitende Personhchkeitsidee 
das neurotische System ganz ermöglicht *). 

I Eine Nichte einer Patientin kündigt im Geschäft den Dienst Pat. 
ist besorgt, dass diese, - obwohl sie sie früher sehr gering gewertet hatte, - 
unerse^fich wäre. Sie jammert, dass sie nie fertig wird, zweifelt ob 
T die oder die Person insteilen solle. Der Mann »st unbrauchbar. Das 
Fräulein ist ein Papagei.^ Man hört heraus: „Nur ich, ich, ich! - und. 
wenn ich nicht wärel" ... . 

" Die Frau leidet an Platzangst. Das heisst: sie kann nicht fortgehen. 
Ja wie sollte sie denn fortgehen können, wenn sie sich immer „in die 
Ausixe stehen muss"! Si? sichert sich durch die ^zangst um zu 
Saus zu bleiben und ihre Unersetzlichkeit zu demonstrieren. S ,e leidet 
an Schmerzen in den Beinen. Nimmt 3-4-5 Gramm Aspirin ttghcL 
Des Nachts wacht sie oft vor Schmerzen auf, nimmt Pulver, denkt über 
geschäfüiche Aufgaben nach, und dies mehrere Male in einer Nacht Sie 
hat Schmerzen, um sogar in der Nacht an das Geschäft denken m 
können Das überspannte Grössenideal dieser Patientin, Mann, Königin 
die Erste überall zu sein, kann nur wirksam werden, solange es unbewusst 
bleibt. Reminiszenzen aus der Kindheit, wie die Knaben es besser hatten, 

i) Vaihingen Die Philosophie dee Ale— Ob, Reuter u. Reicbardt, Berlin 1911. 
2 Der Gegensatz zur Auffassung Freud'* liegt klar zutage. Der Zusammen- 
hang meines Befundes mit dem Ganeer'schen Symptom bedarf noch der Erörterung. 



172 Dr. Alfred Adler, 

decken sich mit ihrer heutigen Anschauung, dass die Frauen minder- 
wertig seien. 

II. Traum eines 26 jährigen Mädchens, die wegen Wutausbrüchen, 
Suicidgedanken, Weglaufen in Behandlung kam. 

„Mir war, als ob ich verheiratet wäre. Mein Mann war ein schwarzer, 
mittelgrosser Herr. Ich sagte: Wenn du mir nicht hilfst mein Ziel zu 
erreichen, so werde ich alle Mittel versuchen, auch gegen deinen Willen." 

Das der Patientin unbewusst gewesene Ziel aus der Kindheit war : 
sich in einen Mann zu verwandeln. (Siehe K a i n o s , v i d) J ). 

Dieses Ziel war in der Kindheit nicht unbewusst, wenngleich es für 
das kleine Mädchen nicht alles bedeutete, was wir in dieser Aufstellung 
sehen. Besser gesagt: die psychologische und soziale Bedeutung konnte 
von dem Kinde nicht mit voller Klarheit erfasst werden. Aber es äusserte 
sich in besonderer, übertriebener Wildheit, in nahezu zwangmässigem An- 
trieb, Knabenkleider anzulegen, Bäume hinaufzuklettern, in Kinderspielen 
die Rolle des Mannes zu wählen, Knaben — um das Prinzip der Meta- 
morphose aufrecht zu erhalten — weibliche Rollen zuzumessen. 

Unsere Patientin war ein kluges Kind und erkannte bald ihre leitende 
Fiktion als unhaltbar. Da geschah zweierlei : 1. Sie kam zum Formen- 
wandel der Fiktion, die nunmehr lautete: Ich muss von allen ver- 
zärtelt werden! Auf die Kraftlinie reduziert: ich muss alle be- 
herrschen, das Interesse aller auf mich ziehen. 2. Sie vergass, verdrängte 
ihre ursprüngliche leitende Idee, — damit sie sie weiter behalten 
konnte. — Dieser Kunstgriff der Psyche ist ungemein wichtig. Ich 
brauche kaum zu erwähnen, dass es sich nie dabei um die Verdrängung 
sexueller Regungen oder von „Komplexen" ins Unbewusste handelt, 
sondern immer nur um das Unbewusstwerden von Machtbestrebungen, 
die vom leitenden Persönlichkeitsideal abstammen, um Fiktionen, die in 
dessen Interesse so festgehalten werden müssen, dass sie einer be- 
wussten Anwendung und somit einer Erprobung und Beeinträchtigung 
entzogen werden. So sichert sich das Persönlichkeitsideal, um nicht auf- 
gelöst zu werden, damit nicht die über alles erstrebte und lebensnotwendige 
Einheit der Persönlichkeit verloren gehe : durch die Verschleie- 
rung seiner Fiktionen, indem es sie dem Bewusstsein 
en tzieh tl 

III. Traum eines Patienten, der wegen Suicidversuchs, wegen Uh- 
tauglichkeit und Ungeschicklichkeit, wegen sadistischer Phantasien und 
Perversionen, wegen Zwangsmasturbation und wegen Verfolgungsideen in 
meine Behandlung kam: 

„Ich teilte meiner Tante mit, mit Frau P. sei ich jetzt fertig. Ich 
kenne alle ihre guten und schlechten Charakterzüge, und ich zählte sie 
auf. Die Tante erwiderte: auf einen Zug hast du vergessen: auf die 
Herrschsucht." 

Die Tante ist eine schlagfertige, etwas sarkastische Frau. Frau P. 
hat mit dem Patienten ein Spiel getrieben, durch das sie ihn zur Raserei 
brachte. Sie zeigte ihm durch ihre Haltung, dass sie ihn geringschätze, 
und stiess ihn zurück, um ihn nach einiger Zeit wieder an sich zu ziehen. 
Für den Patienten überwogen natürlich die Demütigungen. Sie waren, 



1} Diesen wertvollen Hinweis yerdantce ich Herrn Professor Oppenheim 
in Wien. 



Zur Rolle dea Unbewuasten in d«r N«urose. 173 

wie für die meisten Nervösen die Niederlagen, nur Anlässe sich in diese 
Affäre zu verbeissen, um doch einen Umschwung herbeizuführen und zur 
Beherrschung der Situation zu kommen. Das gereizte, gesteigerte Minder- 
wertigkeitegefühl sucht eine Überkompensation, und es ist ein typisch 
nervöser Zug, wie solche Patienten niemals von Menschen loskommen, 
die ihnen eine Niederlage bereitet haben. Das Verständnis dieses Cha- 
rakters löst uns das ganze Geheimnis der Neurose. 

In der Literatur werden ähnliche Züge als masochistisch gewertet. 
Ich habe in der Arbeit „Die psychische Behandlung der Tngemmus- 
neuralgie" (Zeitschr. f. Psychoanalyse 1910) diesen verwirrenden Irrtum 
bereits aufgeklärt. Man kann nur von pseudomasochistischen Zügen reden 
Denn sie dienen in gleicher Weise wie der Sadismus dem Streben nach 
Überlegenheit, scheinen nur gegensätzlich, ambivalent so- 
lange man nicht weiss, dass beide Formen des Lebens 
gleichwertig nach dem gleichen Ziele streben Sie sind 
bloss für den Betrachter gegensätzlich, nicht aber für den Kranken, nicht 
aber in der Betrachtung vom Standpunkt eines richtig verstandenen neuro- 
tischen Lebensplanes aus. 

Patient hatte seit jeher einen ausserordentlich starken Hang zu einer 
analysierenden Welt- und Menschenbetrachtung. Wie so oft stammte dieser 
Zug aus einer starken Entwertungstendenz. Der analysierende Neuroner 
handelt förmlich nach dem Schlagwort: divide et impera! Er lost die 
oft reizvollsten Zusammenhänge auf und erhält dann ein wertloses Ge- 
menge von Schablonen. Ecce homo! Ist dies aber wirklich der Mensch? 
Eine wirkliche, lebendige Psyche? 

Sarkastisch wie die Tante möchte Patient selbst sein. Er hat aber 
nur den Treppenwitz und findet nie eine schlagfertige Antwort. Diese 
zögernde Attitüde" verdankt er freilich seinem Lebensplan der ihn zwingt, 
j'ede g Antwort so zu geben, dass der „Gegner" - und jeder f e.genthch 
seL fiegner - vernichtet ist, oder gar nicht oder so mangelhaft zu ant- 
worfen.'dass er und seine Angehörigen den Eindruck gewinnen, man 
müsse zart mit ihm umgehen, ihm in jeder Weise behilflich sei* 

Patient stand am Tage, bevor er träumte, unter dem ^Emdruck e 
Unterredung mit dem älteren Bruder, dem er sich nie ge wachsen gefühlt 
hatte D^T Bruder versprach ihm, er wolle sich noch einmal für ihn 
btmühen und ihm zum letzten Male eine Stelle verschaffe* Solche Unter- 
nebmungen des stärkeren Bruders zum Scheitern zu hringen war aber 
gerade de Spezialität unseres Patienten gewesen Und seine Behandlung 
wurde nötig,weil er einen Suicidversuch gemach hatte kurz nachdem 
er sich bei dem Bruder für die Erlangung einer Stelle bedank ^ 
Als ihm der Bruder eines Tages wegen seiner sch 4 lechten an Kle ^" n ^ V m - t 
würfe machte, träumte er, er habe einen neuen Anzug an den _ er mit 
T?nte Übergossen hatte. Kennt man die psychische Situation nes Pa- 
tienten so sind auch seine Träume ohne viel Deutungsarbeit leicht ver- 
stand^ Wir sehen Gedanken und antizipierte Handlungen darauf ab- 
zielen, den Bruder um seine Geltung zu bringen, «M«**» ««g 
seine Leistungen hinterrücks und heimlich wieder aufzuheben. Dabei ist 
unser Patient ein gewaltiger Ethiker und Moralist. 

Die gegen den Bruder gerichtete E n t w e r t u n g s t e n d e n z arbeitet 
also verdeckt, sozusagen im Unbewussten. Nichtsdestoweniger 



174 Dr. Alfred Adler, Zur Rolle des Unbewussten in der Neuroae. 

leistet sie mehr als sie im Bewuastsein erreichen 
könnte! 

Woher sie kam, ist leicht zu sagen: sie ist ein Abkömmling der 
überspannten Grössenidee des Patienten. Warum arbeitet sie im Un- 
bewussten ? Dam i t sie überhaupt arbeiten kann ! Denn das Persönlich- 
keitsideal unseres Patienten würde durch ein derartiges bewusst herab- 
setzendes, beschimpfendes Wollen eine Beeinträchtigung erfahren, der 
Patient würde sich minderwertig fühlen. Deshalb der Um- 
weg, deshalb die Charakterzüge der Unbeholfenheit und Ungeschicklich- 
keit, die Finessen und Raffinements ausgeübter Minderwertigkeit im Beruf 
und im Leben! Deshhalb auch der Selbstmordversuch im äussersten Fall 
und die heimliche Drohung mit demselben, um den Druck gegen den 
Bruder zu verstärken ! Um dessen Anspannung zu erhöhen, um ihn um die 
erhofften Früchte seiner Bemühungen zu bringen! 

Daraus leiten wir den praktisch ungemein wichtigen Satz ab: Wir 
können das neurotische Handeln so betrachten, als ob es wie im Be- 
wussten einem Ziel gehorchte. Und wir können vorläufig abschliessend 
behaupten: die Unbewusstheit einer Fiktion, eines morali- 
sierenden Erlebnisses oder einer Erinnerung kommt als ein Kunstgriff der 
Psyche zustande, wenn das Persönlichkeitsgefühl und die Einheit der 
Persönlichkeit durch das Bewusstwerden derselben bedroht wäre. 

„Auf die Herrschsucht nicht vergessen!" lautet mein Warnungsruf 
an den Patienten. Ich werde im Traum mit der Tante in eine Linie gestellt, 
sowie der Bruder mit der Frau P., die immer überlegen war. Diese Ver- 
weiblichung von zwei Männern geschieht unter dem gleichen Impuls der 
Entwertung, von der oben die Rede war. Aber der Patient ermahnt sich 
im Traume bereits, durch die Worte der Tante, d. h. durch meine Worte, 
was bisher meine Aufgabe war, ja die wichtigste Aufgabe des Psycho- 
therapeuten überhaupt ist. Man sieht das derzeitige Stadium der Neurose: 
die durch den Bruder erlittene Herabsetzung beantwortet er durch Ent- 
wertung des Bruders. Da ruft er sich zur Ordnung, wie ich es sonst 
getan habe. 

Am nächsten Tage schrieb er an die Schwester einen Brief, den 
er zu schreiben gezögert hatte. Er beschwert sich zum ersten Male offen 
über die Arroganz des Bruders. Zum Schlüsse fügte er allerdings hinzu, 
sie möge den Brief geheim halten. Der offene Kampf scheint ihm noch 
zu schwer, weil er die heimliche Herrschsucht des Patienten enthüllen 
würde. 



II. 



Die Ausgänge der psychoanalytischen Kuren. 

Von Dr. Wilhelm Stekel, Wien. 

Jeder Analytiker macht die Beobachtung, dass es sehr schwer ist, 
die Patienten für die Aufdeckung ihrer versteckten Triebkräfte zu ge- 
winnen Ist man in den ersten Stunden unvorsichtig und deckt man zuviel 
von geheimen Kräftespiel auf, so weckt man den Widerstand gegen die 
Heilung und die Kranken bleiben unter allerlei Vorwänden aus. Manch- 
mal nützt die äusserste Vorsicht nicht. Kommt doch der Patient zum 
Arzte mit dem festen Vorsatz, sich „nicht unterkriegen zu lassen" Jeder 
Neurotiker hütet das Geheimnis seiner Neurose wie einen kostbaren Schatz, 
wie sein Rheingold, das er sich nicht entreissen lassen will t ) Wittert er 
Gefahr für seine kunstvolle Fiktion, so ergreift er die Flucht Oft 

nützt die grösste Vorsicht nichts. Nach ein paar Tagen findet der Kranke, 
dass" er eigentlich schon geheilt ist und verlässt mit unendlich überschwang- 
lichen Beteuerungen der Dankbarkeit den Arzt vergisst nicht zu betonen, 
dass er einige Bekannte oder Verwandte zur Kur schicken werde 
und ist natürlich gerade so krank wie zuvor. Ein anderer muss plötzlich 
verreisen den dritten regt die Behandlung zuviel auf er muss sich erst 
beXTn usw. Der Variationen gibt es unendlich viele. Man gehe daher 
anreden Fall mit Skepsis und mit grosser Vorsicht heran Je spater man 
seine Trümpfe ausspielt, je mehr man von seinen Kenntnissen für sich 
behalt desto sicherer der Erfolg. Es ist töricht, dem Kranken m den 
ersten Tagen Auflösungen zu geben, auch wenn er noch so OlMg 
analytisch geschult und selbst wenn er Arzt ist. Im Gegenteil! Die Vor- 
gebildeten sind die schwersten Fälle. Sie sind gewarnt und nutzen ihre 
Kennt" ^e der Psychoanalyse zu Widerständen aus. Ich muss daher 
Freu d vollkommen beipflichten, wenn er widerrät, d,e Pa .enten < durch 
Lektüre zum Verständnis der Psychoanalyse zu bringen und so die Kur. 
^unterstützen.») Man tut dies in der Hoffnung, rascher zum Ziele zu 

.TMa^chmal «halt der Arzt beim Abschied ^ vom dankbarer •»&«<« ™ 
Geschenk, das natürlich einen tiefen Sinn bat. ■ **£*%• £Ä *£ft ft 
und da symbolisch leicht zu begreifende Schmuckstücke. MJW J-y» 
von einem meiner intelligentesten Patienten den ,R.ng der «»belang^. E ^b m.r 
symbolisch seinen teuersten Schatz, sem Rheingold, seine Neurose. *J maente buch 

lUm E tr^- B ^^ für den A«t bei der psychoanalytische* Behandlung. 
Zentralblatt f. Psychoanalyse. II. Band.) 



176 Dr. Wilhelm Stekel, 

kommen. Die Kranken lesen gierig die analytischen Schriften, lernen 
aber daraus die Arten der Verteidigung gegen den Arzt. Es ist töricht, 
Kranke alles lesen zu lassen. Das tat ich nur so lange, als ich an den 
Willen der Neurotiker zur Genesung glaubte. Heute weiss ich, dass der 
Neurotiker nur eine Angst hat: Seine Neurose zu verlieren. (Einer meiner 
Zwangsneurotiker erkrankte während der Behandlung an einer neuen Angst, 
der Angst zu verlieren. Es erwies sich, dass neben der Angst, die Selig- 
keit zu verlieren, die Angst, die Neurose zu verlieren und geheilt zu 
werden, die Wurzel dieser Angst war.) 

Der Analytiker, der seine Kranken durch Lektüre vorbildet, gleicht 
dem Strategen, der dem Feind seinen Fcldzugsplan ausliefert. Deshalb 
bestehe ich darauf, dass die Kranken mir gewisse, sie nur oberflächlich 
orientierende Schriften lesen. 

Einer meiner Patienten studierte bei Tag und bei Nacht die psycho- 
analytische Literatur, angeblich um die Kur zu unterstützen. Auf meine 
Einwände meinte er, er erinnere sich bei der Lektüre dann an verschiedene 
Vorfälle. Er notierte sich gewissenhaft die Einfälle, so dass die Stunde 
kaum ausreichte. Und doch war alles nur ein Spiel und er blieb trotz 
unzähliger Einfälle und Erinnerungen immer an der Oberfläche. 

Erst wenn wir dieses Bestreben des Kranken verstehen, können 
wir die Analyse erfolgreich zu Ende führen. Der grösste Teil der Wider- 
stände stammt nicht von der Übertragung, d. h. von der Liebe des Patienten 
zum Arzte, wie wir bisher geglaubt haben. Die Übertragung ist 
selbstnureineForm des Widerstandes. InjederPsycho- 
analyse besteht die Tendenz, durch Aktualitäten den 
Blick von der Vergangenheit und der Neurose abzu- 
lenken. Jeder Kranke wird durch eine Menge von aktuellen Erregungen 
die Besprechungen stören. Ja manchmal sagen die Kranken: So lange 
ich mit dieser Geschichte nicht fertig bin, hat die Behandlung keinen 
Sinn. Man lasse sich durch diese Spiegelfechtereien nicht täuschen. Es 
kommen immer neue Aktualitäten, wenn die Gefahr der Entlarvung nahe 
ist. Eine solche Aktualität ist die Liebe zum Arzt. Wozu 
über die Liebe zum Vater reden, wenn man eine präsente Liebe hat? 
Diese Liebe zum Arzt kann dann wieder eine Kraft werden, welche der 
Genesung förderlich ist. Denn die Neurotiker werden nie sich 
zuliebe gesund. Sie gesunden dem Arzte zuliebe. Sie tun ihm 

den Gefallen 

Ich habe schon in einer Mitteilung 1 ) darauf aufmerksam gemacht, 
dass die ersten Träume der Patienten oft in symbolischer Form die 
Stärke eines manchmal unbeugsamen Widerstandes verraten, wenn man 
sie zu entziffern imstande ist. Ich verweise nur auf den Traum vom 
König Alphons (S. 27). 

Ein anderer Patient brachte mir folgenden ersten Traum : 
Ich stehe neben dem Katheter vor der Tafel, auf 
welcher sich dieses Bild befindet. Ein Professor ist 
auch dabei. Ich soll die Aufgabe rechnerisch, vielleicht 
auch zeichnerisch lösen und habe das Gefühl gänz- 
licher Ohnmacht. Lampenbeleuchtung. 



i) Darstellung der Neurose im Traume. (Diese Zeitschrift, III. Band, I.Heft.) 



Di« Ausgänge der psychoanalytischen Kuren. 
Das Bild zeichnet der Patient folgendermassen : 



177 







-~ t »■" 



Brennpunkt 



Hier bricht das Bild ab. 



Die Analyse dieses Traumes ergibt eine Fülle von Determinationen. 
Es wäre sehr verlockend, an Hand dieses Traumbildes die ganze Neurose 
des Kranken aufzurollen. Ich will mich hier auf mein engeres Thema 
beschränken. Der Zeichner zeigt mir das Bild, in dem der Brennpunkt 
nur durch Punkte angedeutet ist. Die Strahlen brechen an einer Stelle 
ab. „Hier bricht das Bild ab", meint der Träumer. Er hat nur das „Ge- 
fühl"',' dass hinter dem Schirm oder der Wand ein Brennpunkt liegt. 
Dieser Traum fsagt uns, dass der Brennpunkt der Neurose verborgen bleiben 
soll. Die fünf Strahlen sind nach seinem ersten Einfalle fünf Mädchen, 
die er geliebt hat. Strahl a ist am dicksten, dann nimmt die Stärke der 
Strahlen ab, so dass Strahl e schon etwas verschwommen erscheint. Alle 
diese fünf Mädchen geben ein Bild. Sie treffen in einem Brennpunkte 
zusammen. Ich habe später gefunden, dass dieser Brennpunkt die Mutter 
ist. Mit anderen Worten, diese fünf Mädchen waren Ersatzobjekte für 
die einzige Liebe seines Lebens'. ... Die jüngste war die stärkste Liebe. 
Aber Strahl e ist schon fast ganz vergessen. 

Doch was bedeutet dieser erste Traum ? Doch nur, dass er mir nie 
die ganze Wahrheit verraten wird. Die Analyse wird nur bis zu einer ge- 
wissen Schichte gehen, dann wird sie abbrechen. Der Arzt, der in diesem 
Traum die Rolle eines prüfenden Professors übernimmt, wird nie die 
ganze Wahrheit erfahren. Er fühlt sich der Aufgabe der Psychoanalyse 
gegenüber vollkommen ohnmächtig. 

Ich verlasse hier die anderen Determinationen. Ich verweise nur 
auf dieses böse Omen für meine Behandlung. Und der Patient hielt 
Wort. Seine Erinnerungen und Einfälle reichten nur bis zu einer gewissen 
Grenze, weiter kam er nicht. Als aber die Traumanalyse gegen seinen 
Willen den ganzen Reichtum der Komplexe, besonders seine unbewusste 



178 Dr. Wilhelm Stokel, 

Homosexualität (Brennpunkt = Anus), aufdeckte, flüchtete er plötzlich 
unter allerlei Vorwänden. Vorher hatie er gegen meinen Willen mit un- 
glaublichem Fleisse die ganze psychoanalytische Literatur durchstudiert, 
um, wie er sagte, rascher vorwärts zu kommen, in Wahrheit aber, um 
sich besser verteidigen zu können. Er studierte, wie gesagt, den Feldzags- 
plan und die Strategie seines Gegners, des analysierenden Arztes. Dann 
kam er nach drei Monaten wieder und nahm den Kampf aufs neue auf. 
Denn es galt ihm nur, den Arzt zu besiegen und unerkannt und ungehoilt 
fortzugehen. Er brachte in den ersten Tagen einen Traum, der deutlich 
seine neue Kampfesstellung verriet. 

Ich stehe mit meinem Bruder vor meinem neuen 
Hause und halte scharfe Wache. Es nahen zwei Ein- 
brecher, gegen die ich meinen Revolver erhebe und 
s c h i e s s e. Der eine wird von mir i in Bücken getroffen. 
Ich denke: Ach, das ist. mir unangenehm, wie soll ich 
nun beweisen, dass ich aus Notwehr so gehandelt habe? 

Ich will von der homosexuellen sehr durchsichtigen Bedeutung ab- 
sehen und nur den Widerstand aufdecken. Das neue Haus ist seine 
neue Neurose. Er hat ein neues Haus gebaut in meiner Abwesen- 
heit. Der Bruder dient ebenfalls der Darstellung seiner Neurose. Nun 
bin ich der eine Einbrecher (der zweite soll nach einem Einfall des 
Kranken Freud sein), der in das dunkle Gehege seiner Seele brechen 
will. Wieder die funktionalen Symbole in wunderbarster Plastik I Er 
kann nicht anders handeln. Er muss seine Neurose verteidigen und sich 
mit allen Mitteln gegen meine Einbrecherkunst wehren. . . . 

In einem anderen Traume sieht der Patient einen Professor Jodl, 
der durch ein Bassin mit kräftigen Schlägen schwimmt. Er soll nach, 
tut es zögernd und holt den Professor bald ein. Das Bassin ist das 
Symbol seiner -Seele. Jodl. ein Professor für Psychologie, steht für mich. 
Und der Schluss des Traumes erzählt, dass er allein zurückschwimmt. 
Er geht zum Ausgangspunkt zurück. Der Traum enthüllt seinen Neid 
gegen den Seelenforscher, sein Bestreben, ihn zu übertreffen und die Kur 
„allein" durchzuführen. 

Je tiefer ich in das Wesen der Analyse eindringe, desto fester wird 
meine Überzeugung, dass die Analyse ein permanenter Kampf mit dem 
widerstrebenden Kranken ist, der nicht gesund werden will, wenn er auch 
immer pathetisch das Gegenteil behauptet. War doch die Krankheit dazu 
bestimmt, über die Umgebung mit ihrer Hilfe zu herrschen und unter 
schweren Opfern seinen Willen durchzusetzen. So tritt der Patient auch 
dem Arzte gegenüber. Sein eigenes Schicksal wird ihm Nebensache. Der 
Arzt wird ihm ein Symbol für die ganze Welt. Er will in dem Arzte den 
Vater und den Lehrer, die ganze Umgebung besiegen und übertreffen. 
Wenn er gesund wird, so wird er es nur dem Arzte zuliebe. Aber diese 
Fälle sind eigentlich die viel selteneren. In den meisten Fällen will der 
Kranke über die Bemühungen des Arztes lächeln und den Sieg in dem 
langen Ringen davontragen. 

Allmächtig herrscht in dem Neurotiker der Wille zur Macht! Und 
Wille zur Macht heisst: Ich will von allen geliebt werden. . . . Wille zur 
Macht ist Wille zur Liebe. Der Patient wendet nun jedes Mittel an, um 
den Arzt zur Liebe zu zwingen. Er geht sogar mit dem Beispiel voran 
und verschmäht es selbst nicht, um Liebe zu betteln. Er unterliegt aber 



Die Ausgänge der psychoanalytischen Kuren. 179 

dem Willen zur Unterwerfung und verliebt sich in den Arzt, der in der 
Übertragung alle [möglichen Rollen spielen muss. 

Vom Beginne der Kur hat der Kranke das Ende der Behandlung 
im Auge. Er will zuerst kein leichter Fall sein. Im Beginne meiner 
psychoanalytischen Tätigkeit war ich so naiv zu glauben, dass ich den 
Kranken eine besondere Freude zu bereiten glaubte, wenn ich ihnen mit- 
teilte, sie wären ein leichter Fall und ich hätte viele dergleichen behandelt. 
Jeder Neuro tiker betrachtet seine Neurose als ein be- 
sonderes Kunstwerk, als eine sinnreiche Konstruktion 
mit unzähligen Fallen und Schutzwällen, gegen jeden 
Feind fest versichert und ist sehr empört, dass er diese 
geniale Erfindung mit anderen Menschen teilen soll. 
Eine leichte Auflösung würde auch sein Leiden als ein leichtes entlarven 
— und das darf unter keinen Urnständen geschehen. Ich behandelte einen 
Arzt, der die Praxis unterbrochen hatte und bald nach Hause musste. 
Wir hatten vier Monate veranschlagt. Da traf er einmal zufällig einen 
Herrn, der bei Freud über ein Jahr in Behandlung stand. Er war nun 
empört und verlor einen Monat mit den Ausführungen über seinen Zweifel, 
in solch kurzer Zeit Fertig zu werden. Warum hatte der andere Herr 
ein ganzes Jahr gebraucht? War er nicht der schwerere Kranke? Ich 
hätte seinen Fall unterschätzt usw. 

An diesem Beispiel lässt sich sehr schön die Auflösung der Über- 
tragung nachweisen. Viele Analytiker glauben, eine Übertragung auflösen 
heisst einen Kranken aufmerksam machen, dass er in den Arzt verliebt 
ist. Damit ist in den meisten Fällen nichts erzielt und die Übertragung 
bleibt nach "wie vor bestehen. Eine Übertragung auflösen heisst die parallele 
Situation (Konstellation) ausfindig machen, welche einen Affekt auslöste, 
der noch nicht abreagiert wurde, der noch besteht. Ferner auf den Wider- 
stand stossen, der im Materiale liegt und durch die Übertragung verdeckt 
wird. In diesem Falle ging es so zu. Der Vater hatte dem Kranken die 
Schwere der Erkrankung nicht glauben wollen. Und da ich den Vater 
spielte, musste mein Glaube, sein Leiden sei kein schweres und in einigen 
Monaten zu beheben, seinen grössten Zorn und Widerstand provozieren. 
Ich stand dann in der Übertragung für den Vater. 

Ich will gleich zum Verständnis der Übertragung noch einen- zweiten 
Fall anführen. Im Sommer behandelte ich einen Kranken, dem ich es 
freistellte, die Analyse ambulant durchzuführen, eine Art der Technik, 
die sich mir in manchen Fällen bewährt hat. Aber gerade dieser Patient 
hatte während des Spazierganges nie einen Einfall und ging schweigsam 
neben mir her. Am liebsten blieb er zu Hause, wo es viel besser ging. 
Es stellte sich heraus, dass sein Vater ihm in der Jugend immer zum 
Spazierengehen gezwungen hatte. Die Erinnerung an die unangenehmen 
Ausflüge der Jugend wirkte in der Übertragung als Widerstand. Die alte 
Einstellung gegen den Vater mit Trotz (Adler) wurde durch die parallele 
Situation wieder lebendig. 

Es wird also die Psychoanalyse das alte Rivalitätsverhältnis zwischen 
Vater und Sohn, zwischen alter und neuer Generation neu beleben. Der 
Kampf mit. dem Arzte weckt die alten Kämpferstellungen und gibt ihnen 
neues Leben und neuen Inhalt. Und es handelt sich bald beim Kranken 
nur um eines :DenArztzuüberwindenundunbesiegtdavon- 
zugehen. Man Vergesse auch nicht die hohen Lustprämien der Neurose 



180 Dr. Wilhelm Stekel, 

Was können wir dem Kranken dafür bieten? Realitäten, die gegen seine 
Phantasien lächerlich dürftig aussehen. 

Ich habe in meinem Werke „Die Träume der Dichter" den Glauben 
der Neurotiker an ihre grosse historische Mission aufgedeckt und be- 
schrieben. Man glaubt es nicht, wie scheu die Neurotiker diesen Glauben 
verbergen und wie sie sich sträuben, diesen Glauben sich entreissen zti 
lassen. Was ist nun die Wirklichkeit gegen die grandiose Phantasie der 
historischen Mission? Er ist ein Apostel, ein Auserwählter Gottes, er 
wird seinen Namen an die Sterne heften. Alle Welt wird ihn bewundern 
und vor ihm im Staube liegen. Jetzt mögen sie ihn verspotten und 
lächeln, er wird doch über alle triumphieren! Und der Kampf mit dem 
Arzte wird ihm das Symbol seines Kampfes mit der Welt. Am Arzte 
misst er seine Kräfte und kämpft um das Recht auf seine Krankheit. Denn 
wir haben es ja wiederholt betont: Er will gar nicht gestind 
werden. Er sucht für diesen Willen zur Krankheit die sonderbarsten 
Rationalisierungen. So fürchtete ein schwerer Neurotiker, die Analyse 
werde seine Dichterkraft zerstören. Der Mann hatte noch gar nichts 
geleistet I Die Neurose hatte eben einen Grad erreicht, der das Schaffen 
unmöglich machte. Ein anderer sagte mir allen Ernstes, er fürchte, die 
Analyse werde ihm die Möglichkeiten der Perversionen „abbauen". . . . 
Der Dritte brachte mir in der ersten Stunde folgenden Traum: 

Ich liege auf einem Sofa. Kornitzer kommt zu mir 
und ist sehr lieb mit mir. Ich sage ihm: Jetzt kommst 
du zu mir? Jetzt ist es viel zu spät. Jetzt mag ich dich 
nicht. 

Kornitzer ist ein gewesener Schulkollege, der mit ihm freundschaft- 
lich verkehrte, bis sie den Verkehr aus geschäftlichen Differenzen ab- 
brachen. Man kann sich leicht vorstellen, dass homosexuelle Spannungs- 
differenzen zwischen ihnen herrschten und dass Kornitzer hier für mich 
steht. Er liegt im Traume auf dem Sofa wie bei der Psychoanalyse. 
(Er ist einer jener Fälle, die in dieser Stellung viel leichter assoziieren.) 
Und doch! Der tiefe Sinn des Traumes ist ein anderer und enthält einen 
rationalisierten Widerstand. Ich frage ihn, oh Kornitzer gut aussieht. 

„Das Bild der Gesund hei t". erwidert der Analysierte sofort. 

Also Kornitzer ist auch in diesem Traume das Bild der Gesundheit. 
Und der Traum lautet in der Übersetzung: Wozu brauche ich denn, die 
Kur? Die Gesundheit kommt mir jetzt zu spät. Wäre ich jünger, so 
hätte das einen Sinn. Aber in meinem Aller! Der Mann ist 32 Jahre alt! 

Dieser Widerstand des Kranken liisst ihn alle Listen in der Psycho- 
analyse anwenden, die nur möglich sind. (Einige dieser Widerstandsformen 
will ich hier gleich anführen und behalte mir vor, dieses Thema einmal 
besonders zu .besprechen.) Ein Kranker zeigt sich kolossal begeistert 
von der ,Kunst der Traumdeutung. Er bringt so viel Träume, dass man 
Jahre brauchen würde, um sie zu analysieren. In den Träumen tauchen 
Anspielungen auf Traumen auf, wie sie der Arzt vermutet hat. Wehe 
dem unerfahrenen Arzte, der sich zu der Äusserung verleiten Hess : Nun 
werden wir das wichtige Trauma bald haben. Wir sind nahe daran. Es 
beginnt, jetzt eine aufregende Traumenjagd. Ein Traum interessanter als 
der andere. Das Trauma taucht in den verschiedensten Variationen und 
Bildern auf. Die assoziierten Gedanken gehen ganz nahe an das wichtige 
Ereignis. Und es vergehen Monate und das gesuchte Trauma kommt 



Die Ausgänge der psychoanalytischen Kuren. IUI 

nicht, es ist gar nicht da gewesen. Es ist das Spiel des Kranken mit 
dem Arzte. Innerlich lacht er und triumphiert über die Ohnmacht und 
Kurzsichtigkeit seines Arztes. 

Es ist unglaublich, was für ein Missbrauch mit den sexuellen Traumen 
getrieben wird. Ich stehe seit Jahren auf dem Standpunkt, dass die 
Traumen an ,und für sich nichts bedeuten und erst vom Neurotiker zu 
Traumen gemacht werden. Mitglieder des Wiener Kreises werden sich 
noch erinnern, dass ich scherzhaft behauptete, für manche Kinder scheine 
das Trauma die beste Form der sexuellen Aufklärung gewesen zu sein. 
Man sieht nämlich Kinder, welche zahlreiche Traumen erlebt haben und 
vollkommen gesund geblieben sind. Der Neurotiker hat die Tendenz, die 
Vergangenheit kritisch zu durchforschen und für sein Schuldbewusstsein 
Fixierungspunkte zu suchen. Er benötigt auch Vorgänge, die ausser ihm 
liegen und ihn entschuldigen. Es sind die für die Dynamik der Neurose 
hochwichtigen Entschuldigungstendenzen. Das Trauma befreit ihn von 
dem quälenden Vorwurfe, er habe sich die Neurose arrangiert. Er kann 
die Schuld auf das Trauma schieben. Manche Traumen wirken als Memento 
(Adler) im moralischen Sinne. Auffallend ist es; dass die meisten 
Neurotiker ihre Traumen schon in den ersten Stunden berichten können. 
Wir glaubten früher, es sei die Ausnahme. Es ist aber die Regel. Die 
Neurotiker kennen die Traumen und manche beschuldigen direkt in der 
ersten Stunde die bösen Traumen, als Urheber der Neurose. Besonders die 
Kranken, die über die Freud'sche Neurosenlehre wohl informiert sind. 
Ja es kommt vor, dass wir von Neurotikern aufgesucht werden, mit der 
skeptischen Bemerkung: „Ich weiss nicht, wie mir die Psychoanalyse 
helfen soll. Ich kenne meine Traumen, ich kenne meine verdrängten Ge- 
danken — ich habe nämlich keine — , ich bin mir der Inzestregungen 
vollkommen bewusst. . . . Also was habe ich von der Psychoanalyse zu 
erwarten?" Besonders Ärzte, die selber Psychoanalyse treiben, zeigen 
diese Erscheinung und eine Verblendung ihren Komplexen gegenüber, die 
ich als „psychoanalytisches Skotom" bezeichnet habe. Dar- 
unter befinden sich oft bedeutende und sonst sehr helle Köpfe. Aber in 
eigenen Angelegenheiten wird der klügste Mann durch den Affekt begriffs- 
stutzig. 

Es gibt gewiss eine Reihe von Fällen, in denen durch die- Analyse 
Verdrängungen behoben werden. In den meisten Fällen berichten die 
Kranken Dinge, die sie immer gewusst haben und nicht „hergeben" wollten. 
So sagte mir eine ZwangsDeurotikerin ihr Zeremoniell erst nach sechs 
Monaten. Sie hatte es allerdings schon vorher mitgeteilt. Aber so ober- 
flächlich und so nichtssagend, dass man sich keinen rechten Begriff 
davon machen konnte. 

Ein anderer Zwangsneurotiker teilte mir sein Zeremoniell bei der 
Defäkation erst nach einem Jahre mit. Es ist der Kranke, dem ich die 
höchsten und besten Einsichten in das Gefüge der Neurose verdanke. 
Ich muss beschämt gestehen, ich habe bei diesem Kranken die Dynamik 
des Widerstandes gelernt. Er wollte mir diese Zeremonien nicht eingestehen. 
Er wollte über mich triumphieren. Er wollte mir den stärkeren zeigen. Er 
wollte nicht gesund werden. (Es ist der Kranke, der den schönen Traum 
von König Alphons geträumt hatte. Heft 1, S. 27.) 

Ich kenne einige Fälle, in denen der Analytiker dem Kranken die 
Heilung nach Hebung der Traumen versprochen hatte. Es begann eine 



182 Dr. Wilhelm Stekel, 

wilde Traumenjagd. Täglich kamen Träume, die von einem Trauma er- 
zählten. Der Arzt triumphierte. Nun sind wir dem Trauma sehr nahe. 
Wir werden es bald haben. Aber der Kranke triumphierte im Innern 
noch mehr. Er führte den Arzt durch viele Monate an der Nase herum. 
Er produzierte die kühnsten Traumen, die der Arzt schliesslich als Phan- 
tasien ablehnte. Das dauerte viele viele Monate. Der Kranke lag den 
ganzen Tag zu Hause und mühte sich ab, Erinnerungen zu fangen. Er 
machte sich die grössten Vorwürfe, er unterstütze die Kur nicht. Der 
Arzt löste - Übertragung nach Übertragung und die Analyse kam nicht 
weiter 

Was wir eben lernen müssen, ist der Umstand, dass die Kranken 
nicht gesund werden wollen. Mit dem Munde jammern sie nach Genesung, 
aber durch ihre Taten beweisen sie das Gegenteil. 

Es ist keine leichte Aufgabe, einen Kranken zum Aufgeben seiner 
Neurose zu veranlassen. Die Auflösung allein macht es noch nicht. Manch- 
mal lässt sich der Kranke ein Symptom auflösen, weil er einen Vorwand 
haben will, um gesund zu werden und weil er dem Arzte einen Triumph 
gönnt. Er liebt den Arzt und Liebe ist Unterwerfung. So wird die Über- 
tragung, die ein Kunstgriff des Kranken im Sinne Adlers ist, zur Quelle 
seiner Triumphe. Ja aber diese . Übertragung lässt sich auch ohne den 
mühevollen Umweg der Psychoanalyse erzielen. Deshalb können gewisse 
leichte Fälle durch eine oberflächliche Psychoanalyse rasch geheilt werden. 
Aber manchmal auch durch andere Methoden. Es heilt eigentlich nicht die 
Methode, sondern nur der Arzt. Die Psychoanalyse lässt uns tiefer in 
das Gewebe der Neurose blicken. Sie deckt uns den Widerstand des 
Kranken gegen seine Genesung auf. Sie zeigt uns seine Kämpferstellung, 
seine permanente Attitüde zum Angriff, der zugleich Verteidigung ist. 

Es gehört grosser Scharfsinn und eine reiche Erfahrung dazu, hinter 
diese Schliche zu kommen, den Kranken zu entlarven und ihn seiner 
böswilligen Absicht zu überführen. 

Hält man sich alle diese Momente vor Augen, so wird man ein- 
sehen, dass es das schwerste aller Probleme ist, eine psychoanalytische 
Kur zu beenden. Die beste Prognose stellen die Fälle mit 
durch die Verhältnisse bestimmte beschränkte Zeit. 
Ein Beamter, der zwei Monate Urlaub hat, ein Arzt, der die Praxis unter- 
brochen hat, Menschen, welche grosse materielle Opfer für ihre Gesund- 
heit bringen. Sie haben alle ein Interesse, die Kur möglichst bald zu 
beenden. Wie schwer ist dies Problem bei reichen unabhängigen Leuten, 
die nie aufhören wollen! Der Kampf mit dem Arzt wird ihnen wichtiger 
als ihr eigenes Los. Sie verzichten auf die Gesundheit, an der ihnen 
doch so wenig gelegen ist, wenn sie nur über den Arzt triumphieren 
können. Wenn sie sich nur sagen können : Du magst viele andere geheilt 
haben, mit mir wirst du nicht so leicht fertig werden. Mich wirst du 
überhaupt nicht heilen. 

Ich behandelte einen reichen, vollkommen unabhängigen Mann wegen 
einer schweren Neurose, deren hervorstechendes Symptom die Platzangst 
war. Er wurde in jeder Hinsicht vollkommen gesund. Seine Essstörungen, 
die Krisen der Verdauung, seine soziale Scheu, seine Unfähigkeit zur 
Arbeit, sie schwanden alle. Aber trotz aller Bemühungen schwand seine 
Platzangst nicht. Er brach unvermutet die Behandlung ab und suchte 
seinen alten Arzt auf. Dieser riet ihn, einen Kollegen aufzusuchen, der 



Die Ausgänge der psychoanalytischen Euren. 183 

solche Zustände durch eine Brille heilen könne. Ja — er fuhr sogar 
mit dem Kranken zu dem Augenarzt nach Deutschland. Und was sagte 
der „treue" Patient im Eisenbahnwagen? Charakteristisch genug: „Das 
wird der grösste Triumph meines Lebens sein, dass der 
Doktor Stekel mich nicht geheilt hat, mich nicht heilen 
konnte. Dass ich die Heilung Ihnen verdanke " 

Die Brille half ihm einige Tage, aber bald kam der alte Zustand 
wieder. Er wollte auch seinem Hausarzte nicht den Triumph gönnen. 
Dann lernte er einen Masseur kennen, der ihm Heilung nach einigen 
Massagen versprach. Siehe dal Nach der dritten Sitzung konnte der 
Kranke wieder allein durch alle Strassen gehen. Er war geheilt. Er danke 
seine Heilung nur dem einfachen Masseur. Er rächte sich an allen seinen 
Ärzten. 

Berücksichtigt man diese Eigenschaften der Analysierten, so wird 
uns manche Erscheinung verständlich. Verständlich die Erfolge, die in 
manchen Sanatorien bei Kranken erzielt werden, die eine analytische Kur 
hinter sich haben. So mancher Gegner der Psychoanalyse brüstet sich 
stolz, er habe in kurzer Zeit Fälle geheilt, welche die Psychoanalytiker 
nicht heilen konnten, trotz langer Mühe. Diese Menschen ernten 
nur, was wir gesät haben. Es wird uns verständlich, dass ge- 
wesene Patienten die grössten Gegner werden und uns wissenschaftlich 
und durch üble Nachrede bekämpfen. In dem Finale der Analyse 
verrät sich der Charakter des Analysierten. Ein edler 
Mensch -wird sich nie zu diesen Schritten herablassen, trotz der Stimmen 
im Innern, die ihn dazu drängen .... Aber der sogenannte ekelhafte Kerl, 
wie wir ihn in der Psychoanalyse so oft begegnen, wird sich schliesslich 
als ekelhafter Kerl bewähren. 

Andererseits werden wir begreifen, dass unsere Resultate de facto 
bessere sind als es den Anschein hat. Denn eine ganze Reihe Patienten 
gehen scheinbar ungeheilt fort, um dann nach kurzer Inkubation sich 
selbst zu heilen oder von einem anderen Arzte oder Kurpfuscher heilen 
zu lassen. 

Fast alle Patienten fürchten das Ende der Behandlung. Ich will 
nun einige Kunstgriffe der Kranken enthüllen und zeigen, welche Diplo- 
matie der Arzt aufbieten muss, um durch noch schlauere Kunstgriffe 
den Kranken zu besiegen. 

Eine zirka schon ein halbes Jahr wegen Platzangst in meiner Be- 
handlung stehende Dame soll die Kur beenden und nach Hause fahren. 
Sie konnte schon grössere Strecken anstandslos gehen und schätzte diesen 
Erfolg um so höher, als sie schon d r e i s s i g Jahre ( ! ) krank war 
und während dieser Zeit selbst mit Begleitung nicht gehen und fahren 
konnte. Einige Tage vor der Abreise erlebte sie bei einem kleinen Spazier- 
gang einen furchtbaren Angstanfall auf der Gasse. Sie kam ganz ent- 
setzt zu mir und klagte mir ihr Leid. Wie solle sie jetzt wegfahren, 
wenn das Leiden wieder genau so beginne wie es eingesetzt habe? Sie 

können doch nicht nach Hause fahren, ehe sie ganz genesen sei 

Ich machte ihr klar, dass es sich nur darum handle, einen Vorwand zu 
schaffen, um länger in Wien zu bleiben und die Behandlung fortzu- 
setzen, Sie produziere die Angst in der Tendenz, noch meine Hilfe zu 
bedürftig zu sein. In der nächsten Nacht träumte sie folgendes Bild • 



184 Di. Wilh»lm SUkel, 

Ich habe meiner Tante die alten Schuhe geschenkt 
und stand nun nackt ohne Schuhe da. Ich dachte, wie 
kannst du denn barfuss durch die Strassen gehen und 
hatte Angst, so ohne Schuhe durch die Strassen zu 
laufen 

Die betreffende Tante ist schon lange gestorben. Sie war arm und 
hatte von der Träumerin manche milde Gabe erhalten. Vielleicht auch 
ein Paar Schuhe. Die Kranke berichtet, dass sie gerne barfuss gehe und 
sich in letzter Zeit öfter dabei ertappt habe, dass sie gerne barfuss hinaus- 
gehen möchte. Es zeigen sich deutlich Ansätze zu einem Fussfetischis- 
mus, wie er bei vielen an Gehstörungen leidenden Neurotikern zu finden, 
ist. Die Erklärung dieses Traumes als Darstellung der Neurose ergibt 
aber folgenden Sinn. Die alten Schuhe waren sehr bequem und doch 

drückten sie sie. Ja am Rist hatte sie sie ganz aufgedrückt 

Die Schuhe waren das Symbol ihrer Neurose. Sie sollte 
nun die "Neurose der toten Tante übergeben, d. h. zu den Toten werfen, 
und versuchen, ohne Neurose zu leben. Sie hatte sich schon durch 
dreissig Jahre in die Neurose eingelebt. Die Krankheit drückte sie (Schuh- 
druck), aber sie war ihr ein sicherer Schutz gegen die bösen Gefahren 
der Welt .... Nun sollte sie ohne die Neurose (barfuss) durch die 
Welt gehen. Davor hatte sie Angst. Eine andere Determination führt 
über meinen Namen. Die Absätze werden hier Stökel genannt. Nun 
sprach sie in der letzten Zeit wiederholt davon, dass ihr die Stökel zu 
hoch. seien. Sie brauche niedere Stökel. Lauter Anspielungen auf mich. 
Kurz, sie kann auch ohne mich, ohne meinen Schutz, ohne mein Zureden, 
ohne meine Imperative nicht leben. Der Traum zeigt auch eine Be- 
freiungstendenz, wie viele letzte Träume der Geheilten. Ich werde zu 
den Toten geworfen. 

Nun beginnt das Blindekuhspielen mit der Kranken. Sie will nicht 
gesund sein und will doch gesund sein. Überwiegt ihre Einstellung auf 
Trotz, so wird sie an der Platzangst festhalten ... In diesem Falle 
kam noch die Schwierigkeit hinzu, sich von mir zu lösen. In solch 
einem Stadium muss man die Kraft haben aufzuhören und die Analyse 
abzubrechen, wenn die wichtigsten Motive der Angst dem Kranken be- 
wusst geworden sind und er den Zusammenhang zwischen diesen Motiven 
und der Angst akzeptiert hat. Die Kranken gehen dann unbefriedigt 
nach Hause und fangen dann nach einer indifferenten Kur oder nach einer 
kurzen Zeit zu gehen an. Vor einigen Tagen traf ich die Dame, welche 
ich in „Nervöse Angstzustände und ihre Behandlung" Kapitel XXI der 
zweiten, XX der ersten Auflage als ungeheilt beschrieben habe. Sie 
hatte die Kur nur gebessert nach vier Wochen abgebrochen. Ich traf 
sie ganz allein auf dem Ring spazieren gehen, was ihr einst unmöglich 
war. Sie gab mir an, dass sich einige Zeit nach der Kur ohne jede andere 
Behandlung der Zustand allmählich zu bessern begann. Die Kranken 
fühlen sich in ihrer Neurose sicher. Einer meiner Patienten nannte sie 

seine „Gehschule" Der Arzt ersetzt ihnen den Schutzbau der 

Neurose. Nun sollen sie lernen ohne Arzt und Neurose auszukommen. 
Das ist eine ungeheuer schwere Aufgabe für Menschen, denen jede Selb- 
ständigkeit fehlt 

Nun zurück zu meiner Kranken, die nicht gehen wollte. Sie hatte 
die ganze Zeit über ihre Kräfte mit mir gemessen. Nun sollte sie die 



Die Ausginge der psychoanalytischen Kuren. 185 

Behandlung abbrechen und sich für überwunden erklären. Das ging über 
ihre Kraft. 

Lernt man die geheime Struktur der Neurose kennen, so muss 
man Adler recht geben, der von einem fiktiven Leitziel und 
von gewissen Leitlinien spricht, die dem Kranken eine bestimmte 
Richtungslinie fürs Leben angeben. Ich habe nun gefunden, dass die 
fiktive Leitlinie in den Himmel und zur Seligkeit führt. Die ganze Neurose 
hatte bei dieser Frau den Zweck, sie vor den Abwegen zu schützen und 
ihr die ewige Seligkeit zu sichern. Sie fühlte sich zu schwach, den Pfad 
der Tugend zu wandeln, und so sicherte sie sich den Himmel durch die 
Platzangst. Was galten ihr die Freuden dieser Welt gegen die ewige 
Seligkeit ? Ihre Leitlinie führte in den Himmel. (Adler meint zur „Gott- 
ähnlichkeif.) Ich glaube, ihr ganzes Leben war eine Vorbereitung zur 
Prüfung vor Gott. Sie hoffte, dass alle Entbehrungen für sie sprechen 
und zu ihren Gunsten beurteilt werden. Dabei zeigte sie die Fiktion „d e r 
grossen historischen Mission"'. Sie ist ein besonderes Wesen, 
eine Heilige, Gott müsse auf sie aufmerksam werden und sie besonders 
auszeichnen. Kurz, sie hüllte sich in ihre Neurose wie in einen warmen 
Pelz, der sie vor den Einflüssen der rauhen Aussenwelt schützen sollte. 
Sie wollte nicht mehr gehen Sie träumte unter anderen Träumen: 

Ich soll ausgehen und freue mich sehr. Aber meine 
schöne, fein gestrickte Jacke fehlt mir. Deshalb bleibe 
ich zu Hause. Ich könnte mich sonst erkälte. n. 

Die „fein gestrickte Jacke" ist das Gespinst ihrer Neurose. Sie kann 
ohne Neurose nicht leben. Sie fürchtet, das schöne Feuer ihres Glaubens 
würde verlöschen Und sie wollte die Behandlung hinausschieben. 

Ich nahm zu einer Kriegslist Zuflucht. Ich kündigte ihr die Be- 
handlung. Sie werde in ihrer Heimat schon gehen können ... Die em- 
pörte Dame wies darauf hin, dass andere an Platzangst leidende Kranke 
viel länger bei mir in Behandlung waren. 

j a " _ erwiderte ich. „Da waren bessere Aussichten. Diese Damen 
sind schon nach einigen Wochen allein zu mir gekommen. Würden Sie 
allein kommen können, da hätte ich Aussichten, Sie zu heilen und würde 
Sie wahrscheinlich weiter behandeln. Denn die Platzangst ist nicht die 
Neurose, sondern nur e i n sichtbares Symptom derselben . . ." 

Nach drei Tagen kam die Kranke allein zu mir und geht heute an- 
standlos durch die Strassen Wiens. 

Ich drängte auf baldigen Abbruch der Behandlung. Die Kranke 
weigerte sich, und wie es sich später zeigte, mit Recht. Sie hatte mir 
noch wichtige Dinge mitzuteilen. Sie hatte noch eine falsche Einstellung 
zu korrigieren. Sie wollte mich noch besiegen und mir meine Unfähig- 
keit beweisen. Sie brachte mir folgenden Traum: 

„Ich schimpfe mit meiner Magd, weil sie die Küche 
nur zur Hälfte aufgeräumt hat. In der einen Hälfte ist 
Ordnung, in der anderen liegt noch sehr viel Schmutz 
herum." 

Diese Küche ist ein Symbol ihrer Seele oder wenn man will, ihres 
Gehirnes, in dem ihre Neurose „ausgekocht" wird. Ich habe die Arbeit 
schlecht besorgt. Ich werde in diesem Traume zur Magd. Ich bin ihr 
bezahlter Dienstbote. Sie befiehlt und ich habe zu gehorchen. Kurzum: 
Ihr Stolz vertrug es nicht, dass ich das Ende der B e - 

ZratrtlbUtt für PajcboftnaljM. HIV*. 18 



18G Dr. Wilhelm Stekei, 

Handlung bestimmte. Sie wollte die Kur abbrechen, wann sie 
es für geraten hielt. Nur sie hatte das Recht, die Magd zu kündigen. 
Aber sie Hess sich nicht kündigen. Nun brachte sie mir reichliches 
Material und behauptete immer, das habe sie mir schon erzählt. Wieder 
ein Kunstgriff, um mich herabzusetzen und über mich zu triumphieren. 
Derartige Behauptungen hört man von den Kranken wiederholt. Sie ver- 
schweigen die wichtigsten Phantasien und Vorkommnisse und behaupten 
dann dezidiert, sie hätten schon darüber gesprochen .... Oder sie sagen 
scheinheilig: Das habe ich Ihnen nicht gesagt? Ich glaube mich bestimmt 
zu erinnern, dass ich davon gesprochen habe. 

Die Kranke teilte mir nur das wichtigste Material mit: Ihr Glaube 
an die Allmacht der Gedanken. Sie bringe den Leuten Unglück. Sie habe 
den Gedanken, sie sei ein besonderer Mensch. Es kommt jener Grössen- 
wahn zutage, den Adler die Gottähnlichkeit, ich den „Glauben an d i e 
grosse historische Mission" genannt habe. Ohne die Kenntnis 
(Hauben an seine Unbesiegbarkeit und an seine Mission aufgeben. Gelingt 
es in der Psychoanalyse, den Kranken zu heilen, so hat er sich das erste- 
mal von einem Menschen besiegen lassen. Er bescheidet sich mit der 
einfachen Rolle, die ihm zukommt. Unsere Kranke bestimmte dann das 
Ende der Behandlung. Sie habe "plötzlich Sehnsucht nach Hause be- 
kommen. Sie liess durchblicken, dass sie noch mancherlei auf dein 
Herzen habe. Schliesslich fügte sie sich und gab ihre letzten Phantasien 
preis. Phantasien, die sie während der ganzen Behandlung ver- 
schwiegen hatte. • Sie bewiesen, dass sie immerwährend in dem Glauben 
lebte, durch ein heiliges Leben voller Entbehrung die Aufmerksamkeit 
höherer Mächte Auf sieh zu lenken. Die Traumen ihrer .lugend hatten 
auf sie wie ein Memento (Adler) gewirkt, die Bahn des Lasters zu 
verlassen und der Tugend zu leben. Ihr Ringen ging um die ewige Selig- 
keit. Deshalb' konnte sie dreissig Jahre als Gefangene im Zimmer leben. 
Denn was bedeutet das kurze Leben gegen die Unendlichkeit der Ewig- 
keit? Ihre Leiden waren eine Vorbereitung zur höchsten Seligkeit und 
sollten ihr einen Platz im Himmel sichern. Im Himmel wollte sie dann 
über die Menschen triumphieren, welche auf der Erde dem Genüsse lebten 
und ihr die irdischen Wonnen voraus hatten. Ihr Leben war eine Vor- 
bereitung zu dem letzten Triumphe und die Angst sollte sie gegen die 
Sünde sichern. 

Solche Heilungen kommen auch ohne Psychoanalyse zustande. Ich 
denke an den berühmten Fall der Schläferin von Oknö, die dreissig Jahre 
in einem Schlaf zustand lag und dann plötzlich aufstand und die häus- 
lichen Arbeiten verrichtete. Aber alle Leute kamen von weit und breit, 
um dies Wunder anzustaunen. Diese Kranke hatte sicher auf diesen 
historischen Moment vorgearbeitet. Ihr Leben war eine Vorbereitung für 
dieses grosse Wunder. . . . Auch meine Kranke wollte als ein Wunder 
angestaunt werden. Sie erzählte aller Welt, dass sie durch meine Be- 
handlung nach dreissigjährigen Leiden geheilt worden sei, nachdem sie 
von 68 Ärzten vergeblich behandelt worden war. 

Ich wollte sie in einer medizinischen Gesellschaft vorstellen. An 
diesem Tage bekam sie wieder Angst und konnte nicht zu mir allein 
kommen. Sie gönnte mir nicht den Triumph, denn am nächsten Tage 
ging sie wieder anstandslos durch die Strassen. Sie jonglierte mit ihrer 
Angst in geschicktester Weise, konnte durch sie die Familie beherrschen; 



Die Ausgänge der psychoanalytischen Kuren. 187 

sie versuchte auch mich in ihren Dienst zu stellen. Als ihr das nicht 
gelang, gab sie die Angst auf, die nur an jenem Tage wieder kam, der 
meinen Triumpf offenbaren sollte. Dabei gestand sie mir, es hätte ihr 
ein ungeheueres Vergnügen gemacht ein so seltener Fall zu sein und an- 
gestaunt zu werden. Aber plötzlich schoss es ihr durch den Kopf: Du 
willst kein besonderer Fall sein. Du bist ein einfacher aber ein gesunder 
Mensch. 

Wir lernen aus diesem Falle die Quellen und Wege der Erfolge. Mit 
der Psychoanalyse hat uns Freud eine gewaltige Waffe in die Hand ge- 
geben. Eine Waffe, die furchtbar verwunden kann, wenn sie ungeschickt 
angewendet wird, eine Waffe, die im Kampfe gegen die Neurose unschätz- 
bare Dienste leisten kann. Wir werden aber viele unserer Anschauungen 
modifizieren müssen und uns hüten, die Methode nach den Erfolgen und 

Misserfolgen zu beurteilen In diesem Falle half die Psychoanalyse 

die Wurzeln des Schuldbewusstseins finden und wirkte im Sinne einer 
seelischen Entlastung. Aber eine Behandlung von vielen Mo- 
naten brachte kein Moment zutage, das der Kranken 
nicht bewusst gewesen war. Bei anderen Kranken ist es gewiss 
der Fall Aber hier wurde nur die falsche Einstellung der Kranken korrigiert 
und es wurden ihr die Konflikte greifbar vor Augen geführt. Sie lernte 
über Verhältnisse reden und denken, über die sie vor- 
her nicht reden und nicht denken wollte. Sie vyollte davon 

nichts wissen Todeswünsche, kriminelle Regungen, -ihr brutaler 

Egoismus, ihre Faulheit, ihr Neid und ihr grenzenloser Ehrgeiz wurden 
ihr bewusst. Aber sie war erst gesund, als sie den Glauben an ihr „be- 
sonderes Ich'* aufgegeben hatte. Sobald sie den Entschluss fasste, ein „ein- 
facher Mensch" zu sein, war die Aufgabe des Arztes zu Ende. Damit will 
ich nicht behaupten, dass alles, was wir bisher über die Rolle der Sexualität 
gelernt und gelehrt haben, zum alten Eisen geworfen werden könne. Auch 
in diesem Falle spielten die Inzestgedanken zum Bruder, ihre starke Homo- 
sexualität eine grosse Rolle. Aber die Verwendung dieser Regungen in der 
Dynamik der Neurose muss entschieden von einer höheren Warte aus 
betrachtet und in der Art zusammengefasst werden, wie es Adler in 
seinem Buche „Der nervöse Charakter" {l.W. Bergmann. 1912) ver- 
sucht und durchgeführt hat. Erst das „f i k t i v e L e i t z i e 1" und die Kennt- 
nis der „Leitlinien" gestattet uns, in das Gewirre neurotischer Sym- 
ptome Ordnung zu bringen. Es ergibt sich als wichtigste Auf- 
gabe der Psychoanalyse, den Widerstand des Kranken 
gegen seine Heilung aufzudecken und ihn davon zu 
überzeugen, dass er nicht gesund werden will, weil er 
auf sein geheimes Lebensziel nicht verzichten will. 

Das nächste Mal will ich dann andere Varianten des psycho- 
analytischen Finales vorbringen. Ich beschliesse diese Ausführungen mit 
einem Zitate aus den Gedanken von Otto Ludwig. Der Dichter weiss, 
was wir so nicht gewusst haben. Der Glaube an die eigene grosse historische 
Mission muss in Brüche gehen, wenn die Realität gewürdigt werden 
soll. Schliesslich laufen alle psychoanalytischen Wege in den einen: Den 
Kranken mit der Nüchternheit der Realität zu versöhnen. Dies drückt. 
Ludwig wunderschön aus 1 ): 

i) Gedanken Otto Ludwigs. Aus seinem Nachlas*, herausgegeben von 
Cordelia Ludwig. (Leipzig, En«en Diedericha. 1903.) 

13* 



188 Dr. Wilhelm Stekel, Die Ausgänge der psychoanalytischen Kuren. 

„Der Idealismus junger Menschen ist Eitelkeit). Mit einer gewissen 
Willkürlichkeit kann der Jüngling für jedes sich enthusiasmieren, er 
braucht es nur mit seiner Eitelkeit in Verbindung zu bringen. Und was 
sagt dieser Eitelkeit mehr zu, als die erhabene Veraphtung, mit der er 
von der Höhe einer schmeichelnden Selbsttäuschung auf das Wirkliche 
und Menschliche als auf das Gemeine herabsieht? Er verlangt das Un- 
geheure von anderen, nicht weil er es selbst leistet, — nein — weil er 
es sich nur zutraut. 

Die Skepsis, die, wenn sie kommt, nach dem Enthusiasmus, und 
als sein Gegensatz aus ihm geboren, kommt, ist die grosse Ausbildungs- 
krankheit unseres inneren Menschen und die Bedingung dieser Aus- 
bildung. Wir müssen an unserem eingebildeten Werte 
verzweifeln, um unseres wirklichen gewiss zu werden. 
Was der Mensch vorher von anderen verlangt, ohne zu 
wissen, ob er selbst es leisten könnte, das wird er nun 
leisten, ohne es von anderen zu verlangen. 

Das Höchste, wozu er sich erheben konnte, war, 
für etwas rühmlich zu sterben; jetzt erhebt er sich zu 
dem Grössten, für etwas ruhmlos zu leben." 

Auf dieses Endziel muss der Psychoanalytiker vom ersten Tage 
an lossteuern. Wer dies Geheimnis gelernt hat, der hat den Schlüssel zu 
den grössten Erfolgen in den Händen. (Schluss folgt.) 



III. 
Wandlungen in der Freud'schen Schule. 

Von Dr. Carl Furtmüller, Wien. 

Auf dem III. Psychoanalytischen Kongress, der im September 1911 
in Weimar stattfand, hat C. G. Jung als Präsident der Internationalen 
Psychoanalytischen Vereinigung eine eigenartige Erklärung abgegeben. Er 
mahnte die Mitglieder zu „zähem Festhalten an den einmal gewonnenen 
Prinzipien" und warnte sie vor „umstürzenden und unberechtigten Ver- 
änderungen". Von der offiziellen Lehre abweichende wissenschaftliche 
Bemühungen wurden als „wilde" Psychoanalyse gebrandmarkt. Es wurde 
als Aufgabe des Vereines bezeichnet, solche Bestrebungen „zu desavou- 
ieren und bei sich nicht zu dulden" und den Ortsgruppen wurde es aus- 
drücklich zur Pflicht gemacht, auf ihre Mitglieder in diesem Sinne ein- 
zuwirken !). So stellte diese Erklärung einen Versuch dar, eine organisierte 
Freu d'sche Orthodoxie zu konstituieren. Ein solches Unternehmen schien 
nicht nur mit dem Wesen wissenschaftlicher Forschung in Widerspruch 
zu stehen, es musste sich auch von allem Anfang an die Vermutung auf- 
drängen, dass es auf die Dauer kaum durchführbar sein werde. 

Die tatsächliche Entwicklung hat diese Vermutungen weit überholt. 
Ein Jahr ist erst seit jener Erklärung verflossen und schon hat sie nur 
mehr historischen Wert. Wer die jüngsten Veröffentlichungen des Freu.d- 
kreises aufmerksam verfolgt, dem kann es nicht verborgen bleiben, dass 
sich das geforderte „zähe Festhalten", was die gefährdeten Punkte des 
Freu d'schen Systems anlangt, nur auf einige charakteristische Termini 
erstreckt, nicht aber auf ihren Inhalt. Was man festlegen wollte, ist 
wieder in Fluss und lebhafte Bewegung gekommen. Und der jene Er- 
klärung abgegeben hat, nimmt unter den Neuerern eine führende Rolle 
ein. Diese Wandlung, die sich so gewissermassen gegen den Willen der 
Beteiligten vollzogen hat, scheint mir ein starker Hinweis darauf, dass 
wichtige Teile des Freud'schen Lehrgebäudes einen Umbau gebieterisch 
erfordern ; so gebieterisch, dass es mich zweifelhaft dünkt, ob Freud 
selbst sich auf die Dauer dem Zuge, der durch seine Schule geht, wird 
entziehen können. Diese ganze Evolution ist wohl wichtig genug, um eine 
Darstellung und kritische Würdigung einiger ihrer charakteristischesten 
Erscheinungen zu rechtfertigen. 

Den Psychoanalytiker, der ja gewohnt ist, Gegensätze unmittelbar 
nebeneinander wohnend zu finden, kann es nicht wundernehmen, dass 



i) Vgl den Kongresabericht. Zentralblatt för Psychoanalyse , 2. Jahrgang, 
Heft 4, S. 234. 



190 Dr. Carl Furtm Oller, 

gerade auf jenem Weimarer Kongress sich auch die neue Richtung, zwar 
nicht scharf ausgesprochen, so dach recht deutlich kundgab. Ich rede 
hier von dem zweifellos bedeutsamsten Vortrage, der auf jenem Kongress 
gehalten wurde, von Professor James J. Putna m's Ausführungen „Über 
die Bedeutung der Philosophie für die weitere Entwicklung der Psycho- 
analyse" ] ). Putnam steht auf dem Boden einer spiritüalistischen Meta- 
physik und er geht so weit zu verlangen, dass die Psychologie als Er- 
fahrungswissenschaft solche metaphysische Voraussetzungen zu ihrem 
Fundament mache. Darin vermag ich ihm ebensowenig zu folgen wie wohl 
die allermeisten Psychoanalytiker. Aber scheint mir auch der Weg, den 
er anzeigt, nicht gangbar, so erfasst er doch scharfsichtig das Problem, 
um das es sich handelt, und erkennt treffsicher den toten Punkt, an dem 
die Forschungsarbeit der Freud schule stecken zu bleiben droht. Bei 
aller warmen Bewunderung für die wissenschaftliche Leistung Freud's 
und trotz wiederholter geflissentlicher Betonung, dass er die Lehren der 
Freud schule völlig akzeptiere, verschweigt er doch nicht, dass ihm 
die bisherige Arbeitsweise gerade dort zu versagen scheine, wo es sich 
darum handle, das Verständnis der komplizierteren psychischen Gebilde 
und der kulturell wertvollsten Erscheinungen zu vermitteln ; er unterlässt 
auch nicht anzudeuten, dass der Freud schule die Gefahr einer gewissen 
Mechanisierung des Wissenschaftsbetriebes drohe. So spricht sich bei 
Vermeidung jeder Polemik in dem ganzen Vortrage doch der Drang aus, 
über das Bestehende hinauszugehen. Epigrammatisch hat das Putnam 
in den Sätzen zusammengefasst, mit denen er seine Ausführungen schliesst : 
,,Mit Recht rühmen wir uns, die Bedeutung des Kirchturms, als Symbol 
betrachtet, von einer Seite eingehend beleuchtet zu haben. Es obliegt uns 
jetzt als twichtige Aufgabe, die anderen Bedeutungen mit gleicher Genauig- 
keit verstehen zu lernen." 

Wie weit diese Entfernung von der F r e u d'schen Basis, die hiev 
mehr als Tendenz zu spüren ist, unterdessen gediehen ist. sieht man 
vielleicht am besten aus einer Arbeit F. R i k 1 i n's 2 ), gerade weil diese 
Arbeit nicht neue Forschungsergebnisse vermitteln, sondern nur der Psycho- 
analyse fernstehende Ärzte üher einzelne Probleme derselben aufklären 
will. Auch hier ist jede Polemik mit Freud vermieden, den Eingeweihten 
aber muss es überraschen, in wie vielen und wichtigen Punkten sich 
Riklin von Freud entfernt. Die Lehre vom sexuellen Trauma in der 
Kindheit als Wurzel der Neurose ist ja freilich von Freud selbst schon 
verlassen. Immerhin muss es auffallen, mit welch besonderer Schärfe 
sich Riklin gegen sie kehrt. Jedenfalls aber müsste man dann erwarten, 
dass er als korrekter Freudianer auf die sexuelle Konstitution 
als für " die Ätiologie der Neurose massgebend hinweist. Statt dessen 
rückt er den Aktualkonflikt in den Vordergrund, von dem uns 
Freud immer gelehrt hat, dass er bei den Psychoneurosen nur als aus- 
lösendes, nicht als eigentlich verursachendes Moment eine Rolle spiele. 
Die Sexualität erscheint nur mehr als eine Teilfunktion der Libido, die 
sexuellen Phantasien sind ihm in vielen Fällen nur mehr ..archaische 
Bilder" zur Darstellung ,, anderer, komplizierterer Probleme des Wünschens 

i) Veröffentlicht in der Jraago*, 1. Jahrg., 2. Heft, Mai 1912. 
z) F. Riklin .Über Psychoanalyse' . Korrespondenzblntt f. Schweizer Ärzte, 
42. Jahrg., Nr. 27, 20. September 1912. 



Wandlungen in der Freud'schen Schule. 191 

und Begehrens". Und auch in der Traumtheorie finden wir Freud gegen- 
über zumindest eine Verschiebung. Denn nicht mehr auf die Wunsch- 
erfüllung wird der Nachdruck gelegt, sondern darauf, dass der Traum 
„Aufschluss gibt über die Versuche und Überlegungen, welche in der 
Traumphantasie gemacht werden, Vorproben der Entschlüsse und Hand- 
lungen, welche in nächster Zeit möglich und wahrscheinlich sind". In 
all diesen Punkten steht R i k 1 i n unter dem Einfluss der weiter unten 
zu behandelnden Arbeit Jung's und der Forschungen Alfred Adler's, 
wobei nicht immer zu entscheiden ist, ob dieser letztere Einfluss unmittel- 
bar oder durch Jung vermittelt ist. 

Die Unbestimmtheit und Dehnbarkeit mancher Freud'scher Be- 
griffe bringt es jedoch mit sich, dass man sich mit keiner der Fr e ud'schen 
Formulierungen in ausdrücklichen Widerspruch zu setzen braucht und 
sich doch recht weit entfernen kann nicht nur von dem Sinn der Freud'- 
schen Lehre, sondern von dem tieferen Geist der Psychoanalyse über- 
haupt. Dies scheint mir der Fall zu sein bei Pfarrer Pf ister und den 
Schülern, die sich jetzt um ihn zu sammeln beginnen, Gewiss haben wir 
alle mit grosser Sympathie den Mut und die Tatkraft beobachtet, mit der 
er unter seinen Berufsgenossen für die Psychoanalyse eingetreten ist und 
jede seiner Arbeiten zeigt uns von neuem, wie ein ethisch und intellektuell 
gleich hochstehender Mann sich bemüht, sich in der Psychoanalyse ein 
Werkzeug für seine schwierige und von ihm auf ein so hohes Niveau ge- 
rückte Aufgabe zu schmieden. Aber es ist klar, dass sich zwei so wesens- 
verschiedene Geistesrichtungen, wie es die Psychoanalyse und christliche 
Theologie und Seelsorge, möge man diese auch noch so modern auffassen, 
im tiefsten Grunde sind, doch nur vereinigen lassen, wenn auf beiden 
Seiten nachgegeben wird. Dieses Nachgeben nun wurde Pfister durch 
zwei Punkte des Freud'schen Systems ermöglicht. Das eine Moment 
ist die Unbestimmtheit des Terminus Libido, der für Freud Liebe be- 
deutet, wobei es freigestellt bleibt, von Fall zu Fall diese Liebe mehr 
im Sinne Frank Wedekind 's oder des heiligen Jobannes zu verstehen. 
Bei Pfister spricht natürlich, wo die Libido aufbauend wirkt, immer 
der heilige Johannes. Das zweite ist die Sublimierung, die Freud als 
Vorgang beschrieben, beziehungsweise supponiert hat, die aber 
Pfister zu einer Forderung der Kur erhebt. Auf diese A_rt muss 
die Psychoanalyse freilich viel von ihren Schrecken, aber auch von ihrer 
Tiefe verlieren. Damit hängt es zweifellos zusammen, dass man bei 
den kasuistischen Veröffentlichungen Pf isters so oft davon überrascht 
wird, wie vergleichsweise glatt und einfach alles geht. Bedeutet sonst die 
psychoanalytische Kur eine Aufrollung und Umwälzung des ganzen 
inneren Menschen, so wird man hier manchmal an eine Automobilreparatur 
auf offener Strecke erinnert. Hier wird eine Schraube angezogen, dort eine 
Mutter gelockert und die Fahrt kann weitergehen. So entsteht eine neue 
Spielart, eine Art „gemässigter Psychoanalyse". Dieser Eindruck wird 
besonders deutlich bei der Lektüre der Voten, mit denen in der Züricher 
Psychoanalytischen Vereinigung eine Diskussion über Psychoanalyse und 
Pädagogik eingeleitet wurde 1 ). Es kann uns dann gar nicht mehr so 
wundern, dass Dr. Ernst Schneider, der Direktor des Oberseminars 



11 



') Veröffentlicht in den neuerdings anter Pfister's Mitredaktion stehenden 
, Berner Seminarblattern', VI. Jahrg., 10.— 12. Heft. 



192 Dr. Carl Fnrtmüller, 

in Bern, wie er in der Diskussion mitteilt, in der Lage war, im Psychologie- 
unterricht nicht allein psychoanalytische Probleme zu behandeln, sondern 
sogar mit den Schülern kleine Psychoanalysen anzustellen und Märchen 
analytisch zu erklären. 

Berechtigt das bisher Angefübrte, von einem Abbröckelungsprozess 
innerhalb der Freud'schen Schule zu sprechen, so geht der Mann, der 
vor einem Jahre die Freud'sche Theorie als einen rocher de brohze 
stabilisieren wollte, gleich mit der Spitzhacke auf diesen Felsen los. 
Jung's Arbeit „Wandlungen und Symbole der Libido" ist in zwei Teilen 
erschienen, der zweite Teil ein Jahr nach dem ersten l ). Während dieses 
Jahres haben sich offenbar in J u n g's Geist jene Wandlungen der Libido 
vollzogen, die ihn dazu geführt haben, eine ganz neue Libidotheorie auf- 
zubauen. Er sagt uns zwar, dass er seinen neuen Libidobegriff schon im 
ersten Teil „subreptive" verwertet habe. Die Nachprüfung ergibt aber nur, 
dass im ersten Teil von der Libido in so unbestimmter Weise geredet wird, 
dass sich alles Mögliche darunter denken lässt; ja, wenn einmal (Jahrbuch, 
3. Bd., S. 208) der Phallus als Ursprungsort der Libido bezeichnet wird, 
so lässt sich das, wie man sehen wird, von Jung's neuem Standpunkte 
aus auch metaphorisch kaum rechtfertigen. 

Die Jung'sche Arbeit stellt sich ihrer Anlage nach dar als eine 
Analyse dreier hypnagogischer Dichtungen, die Miss Frank Miller ver- 
öffentlicht hat' 8 ). Der erste Teil behandelt die beiden ersten Dichtungen 
(Gloire ä dieu, poeme onirique. The moth to the sun), der zweite das 
„hypnagogische Drama" Chiwantopel. Aber schon eine Übersicht über 
die Kapitelüberschriften zeigt, wie weit Jung bei seiner Arbeit, besonders 
in ihrem zweiten Teil, über seinen Ausgangspunkt hinausgeführt worden 
ist"). Die Deutung erfolgt durch Symbolik unter Heranziehung eines 
überaus reichhaltigen mythen- und religionsgeschichtlichen Materials; dabei 
reiht sich meist Detail an Detail, ohne dass das Gerippe der Untersuchung 
genügend hervorgehoben wurde. Hineinverschlungen sind einerseits aus- 
führliche theoretische Erörterungen, andererseits ausgedehnte Exkurse (so 
Analysen von Longfellows Epos The song of Hiawatha, einer Anzahl 
Hölderlin'scher Gedichte, der Siegfriedsage). Eine Zusammenfassung der 
Deutungsresultate, überhaupt eine zusammenfassende Darstellung des 
Gangs der Untersuchung fehlen. Sehr erschwert wird das Studium dieser 
über fünfhundert Seiten starken Arbeit mit ihrer verwirrenden Fülle von 
Details, von Zitaten und Namen durch das Fehlen eines Registers, ja 
selbst eines Inhaltverzeichnisses. Eine klare Übersicht über die Arbeit 
in ihrer Gesamtheit zu geben, ist daher fast unmöglich. Im Mittelpunkt 
des Ganzen steht der Mythus von der Nachtmeerfahrt des Sonnengottes 
und seine Deutung. Der Gott, der Held, ist eine Exteriorisation unserer 



i) Jahrbach f. psycho&nalyt und psychopathol. Forschungen, III. Bd. (1911), 
S. 120—227; IV. Bd. (1912), S. 162-464. 

*) Quelques faits d'imagination cröatrice subconsciente. Archive» de Psycho- 
logie, V. Bd. 1905. „ _ , 

») I. Teil. 1. Einleitung. 2. Über die zwei Arten des Denkens. 3. Vorbe- 
reitende Materialien zur Analyse der Miller'schen Phantasien. 4. Der Schöpfer- 
hymnus. 5. Das Lied von der Motte. — II. Teil. 1. Einleitung. 2. liber den Be- 
griff und die genetische Theorie der Libido. 8. Die Verlagerung der Libido als 
mögliche Quelle der primitiven menschlichen Erfindungen. 4. Die unbewusste Ent- 
stehung des Heros. 5. Symbole der Mutter und der Wiedergeburt. 6. Der Kampf 
um die Befreiung von der Mutter. 7. Das Opfer 



Wandlungen in der Freud'sohen Schule. 193 

Libido. Er darf, was uns verwehrt ist, er darf den Inzest begehen. Be- 
deutsam aber ist die Tendenz des Inzestes: der Held geht in die Mutter 
ein, um aus ihr wiedergeboren zu werden. Auf die Überwindung der Mutter, 
auf das Loskommen vom Inzest fällt schliesslich das Hauptgewicht. 

Die formellen Mängel des Werkes stehen wohl damit in Zusammen- 
hang, dass sich soviel Gärendes, Unausgeglichenes, Widerspruchvolles in 
seinem Inhalte findet. Bezeichnend dafür ist folgendes: Die äussersten 
Extreme innerhalb der Freudschule werden gebildet durch Pfister 
einerseits und Sa dg er andererseits; bei Jung fühlt man sich bald 
an den einen, bald an den anderen erinnert. An Pfister gemahnt der 
starke christliche Einschlag. Schon im ersten Teil der Arbeit musste 
es auffallen, dass er die Strömungen extremer Sexualverdrängung im 
Frühchristentum für heilsam und notwendig erklärt hatte 1 ). Im zweiten 
Teil aber lesen sich manche Seiten wie Vorarbeiten zu einem psycho- 
analytischen Erbauungsbuche. Ja er ruft geradezu die Gefahr von Prioritäts- 
streitigkeiten hervor, indem er uns Christus als ersten Psychoanalytiker 
vorführt. Man lese nur, was er über das Gespräch zwischen Christus und 
Nikodemus zu sagen hat und wie er schliesslich Christus in der ersten 
Person reden lässt: „Du sollst an den inzestuösen Wunsch deiner Wieder- 
geburt denken, jedoch sollst du usw." (Jahrb., 4. Bd., S. 268—270). Nahe 
bei Sadger fühlen wir uns dagegen, wenn er uns von einer Patientin 
erzählt, die sich zu seinem Empfang vom Kopf bis zu den Füssen mit 
Kot eingeschmiert hat, und in dieser Handlung eine infantile Begrüssungs- 
zeremonie und Liebeserklärung erkennt. (Jahrb., 4. Bd., S. 233 f.) 

Mit St ekel wieder verbindet Jung die reichliche Ausnutzung 
der Symbolik unter Verzicht auf individuelles Material. Allerdings sucht 
er es durch überaus zahlreiche mythologische Parallelen zu ersetzen. In 
diesen Partien der Abhandlung steckt der Ertrag einer äusserst fleissigen 
und mühevollen Sammelarbeit und hier sind wir Jung für manche geist- 
reiche Deutung, für manches interessante Schlaglicht, für die Aufdeckung 
mancher unvermuteten Beziehung dankbar. Inwiefern er dabei dem Postulat 
kritischer Vorsicht gerecht geworden ist, könnte nur ein genauer Kenner 
der mythen- und religionsgeschichtlichen Forschung beurteilen. Etwas 
misstrauisch wird man freilich, wenn man ihn bei Streifzügen in andere 
Wissenschaften beohachtet und sieht, wie ihn dabei die vollendete- Sicher- 
heit seines Auftretens nicht hindert, sich eine Blosse um die andere 
zu geben. 

Nur streifen will ich hier, dass er es sehr liebt, sich philosophischer 
Termini zu bedienen und seine Ausführungen mit philosophischen Wen- 
dungen und Ausblicken zu schmücken, dass ihm aber dabei Dinge unter- 
laufen, die für den philosophisch Geschulten einer Kritik überhaupt nicht 
bedürfen 9 ). Von weit grösserem Einfluss auf die Beurteilung der Jung- 

i) Vei. meine Schrift .Psychoanalyse und Ethik", München 1912, S. 32. 

2) Ich zitiere daher ein paar Beispiele ohne Kommentar. Jahrbuch, 4. Band, 
S. 171: .Eine erkenntnistheorotisebe Korrektur des Satzes von der Er- 
haltung der Energie könnte bemerken, dass dieses Bild [nämlich der Satz von der 
Erhaltung der Energie! die Projektion einer endopsycbi Bchen Wahrnehm ung 
der Äquivalenten Libi doum Wandlungen sei". S. 441. .Insofern die Welt 
und alles Seiende ein Gedachtes .... ist (dem wir auf dem Weg empirischer 
Nötigung auch eine transzendente „Substantialitat' zuerkennen) . . . (Die Sper- 
rungen rühren von mir her.) 



194 fr. Carl Furtmüller, 

sehen Arbeitsweise inuss aber sein Verhalten zur Sprachwissenschaft sein. 
Er hat eine besondere Vorliebe dafür, Hilfstruppen aus der Etymologie 
heranzuziehen ; auf diesem Gebiete fliegen ihm die Belege nur so zu — 
weil er eben durch keinerlei methodologische Redenken gehindert ist. 
Mit welch ahnungsloser, aber gar nicht anspruchsloser Naivität Jung 
mit linguistischem Material umgeht, dafür seien aus dem reichen Vorrat 
zwei Beispiele herausgegriffen, die auch für den Nichtphilologen schlagend 
sein dürften. Nachdem er im N a c h t m a r , wie natürlich auch im Meer, 
ein Muttersymbol nachzuweisen versucht hat, wendet er sich der Etymo- 
logie von Mar zu und da stellt er fest, dass im französischen miire eine 
starke lautliche Annäherung stattfinde zwischen Mutter und Mar. Ganz 
korrekt stellt er zunächst fest, dass das etymologisch allerdings nichts 
beweise. Aber schon zwölf Zeilen weiter beginnt ihm diese nüchterne 
Zurückhaltung leid zu tun. „Der klangliche, etymologisch zufällige Gleich- 
klang von mar, mere mit Meer und lateinisch mare ist merkwürdig. 
Sollte es vielleicht zurückweisen 1 ) auf das .grosse, urtüm- 
liche Bild' der Mutter?" (Jahrb., 4. Bd., S. 296.) Nur schade, dass Jung 
das ebenfalls gleichlautende maire Gemeindevorsteher nicht herangezogen 
hat. Welch ungeahnte Ausblicke hätten sich da ergeben ! Solche unkritische 
Spielereien versetzen uns in die Vorgeschichte der Wissenschaften zu- 
rück. Nicht besser steht es um den zweiten Fall. Er sucht die Bäume 
als bisexuelles Symbol zu erweisen; und diesen bisexuellen Synibol- 
charakter findet er nun „angedeutet durch die Tatsache, dass im Lateini- 
schen die Bäume männliche Endung und weibliches Geschlecht haben" ! 
(Jahrb., 4. Bd., ' S. 264.) Niemand wird von einem Manne, den sein 
Doppelberuf als Arzt und Psycholog vor ein unerschöpfliches Arbeitsgebiet 
stellt, verlangen, dass er ausserdem noch historische Grammatik studiere. 
Aber dann dilettiere er auch nicht in einer Wissenschaft, zu der ihm 
die elementarsten Voraussetzungen fehlen. 

Jungs Interesse für das Christentum führt ihn auch auf historisches 
Gebiet. Er will psychologisch erklären, warum das Christentum einer 
tiefen Notwendigkeit der Zeit entsprang, und zeigen, dass es für jene 
Zeit wirklich eine Erlösung darstellte. Aber auch da macht er es sich sehr 
bequem und geht von Vulgärmeinungen aus, die wissenschaftlich längst 
aufgegeben sind. Für ihn zerfällt die Gesellschaft der Spätantike in faulen- 
zende Herren und nichtstuende Sklaven; für ihn hatte das Altertum die 
Bedeutung der Arbeitspflicht und der Pflichtarbeit noch nicht erkannt. 
Ja, wenn ich ihn recht verstehe, ist die antike Welt eigentlich an der Faul- 
heit, „die aller Laster Anfang ist", zugrunde gegangen. Dass dabei die 
Zerstörung der Sklaverei dem Christentum zugeschrieben wird, ist selbst- 
verständlich. (Jahrb., 4. Bd., S. 270, 440.) So mutet alles, was er im 
einzelnen über diese Entwicklung sagt, merkwürdig schief an, die all- 
gemeine Formel freilich. , Sublimierung der inzestuösen Libido", lässt 
sich, wenn man einmal in Freud'scher Terminologie sprechen will, lauf 
jede beliebige historische Bewegung, die man für kulturell wertvoll hält, 
anwenden. 

Es wird jetzt vielleicht nicht mehr wundernehmen, dass Jung 
sich mit besonderer Vorliebe ins Dunkel der Urgeschichte der Menschheit 

l) Von mir gesperrt. 



Wandlungen in der Freud'schen Schule. 195 

begibt 1 ). Im Mittelpunkt steht da für ihn seine Theorie von der Erfindung 
der Feuerbereitung. Wir erfahren von ihm, dass der primitive Mensch 
für den verpönten inzestuösen Koitus Ersatz in der Onanie gesucht habe 
und für diese Onanie wieder darin, dass er mit einem Holzstücke in einem 
durchlochten Holze rhythmische Bohrbewegungen ausführte. Da dieser 
symbolische Akt natürlich nie zu wirklicher Befriedigung führen konnte, 
wurde er sehr lange und hartnäckig fortgesetzt, einmal so lange, bis das 
Holz in Flammen stand. Und so war die Feuerbereitung für die Menschheit 
entdeckt. Zunächst führt Jung diese Auffassung zwar nur bescheiden 
als Vermutung ein, aber indem er sie ausspricht, gewinnt er zu ihr Ver- 
trauen, so viel Vertrauen, dass er sie gleich zum Stützpunkt einer weit- 
gehenden Generalisation macht. „In derselben Weise sind wohl 2 ) auch 
andere primitive Entdeckungen zu ihrer Sexualsymbolik gekommen; sie 
stammen eben 2 ) aus Sexuallibido ab. 1 ' (Jahrb., 4. Bd., S. 212.) Solche 
genaue Angaben über das Seelenleben und die Kulturentwicklung der 
primitiven Völker weiden Jung dadurch ermöglicht, dass er auf gewisse 
Analogien zwischen den Phantasiegebilden der Psyehotiker und den Mythen 
der Vorzeit besonders Gewicht legt und das Schlagwort, vom „archaischen 
Denken" des Geisteskranken prägt. Daraus leitet er dann umgekehrt das 
Recht ab, aus Erscheinungen, die er an Patienten beobachtet hat, auf 
das normale Seelenleben der Urzeit Schlüsse zu ziehen. Wie gefährlich 
dieses Schlagwort ist, wird Jung vielleicht aus der Art ersehen, in der 
andere es verwenden. Schreibt doch Ferenczi (dieses Zentralblatt, 
2. Bd., 12. Heft, S. 649): „Man kann die seit undenklichen Zeiten so hart- 
näckig verteidigte Lehre von der Seelenwanderung als mythologische Pro- 
jektion der sich immer bestimmter aufdrängenden Erkennt- 
nis auffassen, dass die menschliche Seele unbewusste Er- 
innerungsspuren der phylogenen Entwicklung beher- 
bergt 2 )." Gibt es denn wirklich keine Phantasterei, die nicht die Flagge 
der psychoanalytischen Wissenschaft zu missbrauchen wagte? 

Nachdem wir so Jung's Streifzügen durch fremde Wissenschaften 
gefolgt, sind, freuen wir uns, wieder auf den heimischen Boden der Psycho- 
analyse zurückkehren zu können. So interessant und geistreich die Deu- 
tungsarbeit Jung's in vielem Einzelnen ist, so wären ihr doch in 
ihrer Gesamtheit zwei methodische Bedenken entgegenzustellen, die sich 
gegen jede radikale und ausschliessliche Benützung der Symbolik erheben. 
Eine solche Arbeitsweise kann zweier meiner Ansicht nach unhaltbarer 
Voraussetzungen nicht entbehren. Einmal muss sie die Ubiquität des 
Symbols annehmen, d. h. sobald man die symbolische Verwendung 
einer Vorstellung in einem oder mehreren Fällen nachgewiesen hat, muss 
man. wann und wo immer man diese Vorstellung wieder vorfindet, auch 
ihre Symbolbedeutung wieder postulieren. Dann aber muss sie sich auf 
den Standpunkt der absoluten Umkehrbarkeit des Symbols 
stellen. Ein Beispiel möge das erläutern. Jung bespricht die Frucht- 
barkeitszauber , die darin bestehen . dass auf dem Acker eine Zere- 
monie von deutlicher Koitussymbolik aufgeführt wird. Was man hier 
als gegeben vorfindet, ist also, dass die Bearbeitung des Bodens unter dem 
Bild des Koitus dargestellt wird. Vom Ackerbau wird ausgegangen und 



l) Siehe vor allem das 3. Kapitel des 2. Teilt«. (.Tahrhnrk 4. Bd. S. 186—216.) 
*) Von mir gesperrt. 



196 Dr. Carl Fartmttller, 

zur Darstellung wird der Geschlechtsakt verwendet. Jung aber kehrt 
das Verhältnis sofort um und schliesst, dass der Ackerbauer seine Tätig- 
keit als Darstellung des Geschlechtsakts auffasse und zwar nicht nur 
gelegentlich, sondern so intensiv und dauernd, dass dadurch Kräfte der 
Sexualität auf den Ackerbau übergeführt werden. ,,Das Symbol leitet 
Sexuallibido über auf die Bebauung und Befruchtung der Erde." (Jahrb., 
4. Bd., S. 196.) Merkwürdig ist übrigens auch, wie gerade durch das 
ständige Spüren nach bestimmten Symbolbrücken der Blick für sehr nahe- 
liegende Zusammenhänge getrübt wird. So wird Jung die Versinnbild- 
lichung des Windes durch dahinstürmende Pferde nur dadurch verständ- 
lich, dass er das Libidosymbol als .tertium comparationis auffasst. 
(Jahrb., 4. Bd., S. 320.) Und um sich 'die Darstellung des Zeitablaufs 
durch das Unter- und Aufgehen der Sonne zu erklären, benötigt er auch 
das Absterben und die Wiedererneuerung der Libido als Mittelglied. (Jahrb., 
4. Bd., S. 322.) 

Im übrigen bestätigt Jung's Arbeit neuerdings, dass die Synibol- 
deutung, angesichts der mannigfaltigen Möglichkeiten, die sie eröffnet, 
nur dann zu eindeutigen Resultaten führen kann, wenn die Deutungen 
in einen gegebenen festen Rahmen eingefügt werden können, sei es in 
den Zusammenhang eines individuellen Lebens, sei es in den einer psycho- 
logischen Theorie. Das erste war hier ausgeschlossen, da ja über die Per- 
sönlichkeit Miss Miller's nur sehr Spärliches gegeben war, und so emp- 
fangen Jung's Deutungen ihre Stützung und ihre Direktive von Jung's 
neuer Libidotheo.rie. Dies ist der wahre Sachverhalt, nicht etwa, dass, 
wie Jung vielleicht meint, seine Deutungen die Grundlage seiner Theorie 
bilden könnten. 

So bildet also die Libidotheorie den Angelpunkt der ganzen Arbeit. 
Was hat ihn nun zu ihrer Aufstellung veranlasst? Weshalb kann er mit 
den Freud'schen Anschauungen nicht mehr sein Auslangen finden? 
Jung meint, dass sie zwar vorzüglich geeignet seien, die Über- 
tragungsneurosen zu erklären, dass es aber unmöglich sei, mit 
ihnen den Mechanismus der Introversion spsychosen zu verstehen. 
Denn die Introversion der Sexuallibido führe zum Autoerotismus, die 
völlige Abkehr von der Wirklichkeit, das Schwinden der Realitätsfunktion 
beim Dementen aber mache sie nicht verständlich. Zwar habe Freud 
in seiner Analyse Schreber's 1 ) den Versuch gemacht, auch die Realitäts- 
funktion als Leistung der Sexualität aufzufassen, aber dass die normale 
„fonetion du reel" nur durch „libidinöse Zuschüsse" oder „erotisches Inter- 
esse" erhalten würde, sei wohl kaum anzunehmen. 

So steht also Jung, an einem einzelnen Punkte wenigstens, vor der 
klaren Erkenntnis, dass die Freud'sche Libidotheorie nicht vollbringen 
könne, was sie sich vorgesetzt hat: Die einheitliche Erklärung der seeli- 
schen Zusammenhänge, und vor allem der psychischen Erkrankungen. 
Die wissenschaftliche Konsequenz hätte erfordert, ein wissenschaftliches 
Instrument, das in einem so wichtigen Falle seine Leistung versagt, in 
allen seinen Teilen sorgfältig zu überprüfen, und so hätte Jung jetzt 
zu einer eingehenden und besonnenen Kritik der Freud sehen Libido- 
theorie schreiten müssen. Da hätte er das Stück Weg, das Freud in 
falscher Richtung gewandert war, zurückgehen und schliesslich die rechte 

l)_ Jahrbuch, III. Bd. 



Wandlungen in der Freud'schen Schule. 197 

Fährte finden können. Statt dessen aber macht er sich daran, Freud 
gerade dort, wo er geirrt hat, noch zu überbieten und den schon bis zum 
Platzen gespannten Begriff der Libido noch weiter zu dehnen. 

An Stelle von Freud's deskriptiver setzt er eine gene- 
tische Libidotheorie. Phylogenetisch könne man allerdings fast alle 
kulturellen Leistungen des Menschen als Abspaltungen des Propagations- 
triebs begreifen. Aber ein solcher entwicklungsgeschichtlicher Zusammen- 
hang habe nichts zu tun mit aktueller Sexualität. „Wenn schon über die 
sexuelle Herkunft der Musik kein Zweifel obwalten kann, so wäre es 
eine wert- und geschmacklose Verallgemeinerung, wenn man Musik unter 
der Kategorie der Sexualität begreifen wollte. Eine derartige Terminologie 
würde dazu führen, den Kölner Dom bei der Mineralogie abzuhandeln, 
weil er auch aus Steinen besteht.'* (Jahrb., 4. Bd., S. 177.) Nur in diesem 
entwicklungsgeschichtlichem Sinne könne man vielleicht sagen, dass die 
Wirklichkeitsfunktion, wenigstens zu einem grossen Teile, sexueller Pro- 
venienz sei. 

Aber damit ist die Umgestaltung des Freud'schen Libidobegriffs 
noch lange nicht zu Ende. Freud hatte der Libido die Ichtriebe entgegen- 
gesetzt, Jung nimmt sie in die Libido auf. Neben die Sexuallibido tritt 
die Hungerlibido und diese geht jener in der Entwicklung des Indi- 
viduums voran. Jung spricht von einer vorsexuellen Entwick- 
lungsstufe, einer Art „Puppenstadium", die bis zum 3.-5. Lebens- 
jahr reiche. Freud's Lehre von der Sexualität des Säuglings, vom sexu- 
ellen Charakter des Lutschens, vom sexuellen Orgasmus des Kindes an der 
Mutterbrust, war in manchen Kreisen so populär geworden, dass jeder 
Zweifel daran nur belächelt wurde. Jung betont demgegenüber, dass 
die Freude am Lutschen und an rhythmischen Bewegungen nicht ursprüng- 
lich sexuell sei. 

Bei Freud hatte die Sexualität, als sie sah, zu welch hohen und 
mannigfaltigen Aufgaben sie berufen sei, geglaubt, sich mit einem neuen 
und klingenden Namen schmücken zu müssen; und so hielt der Terminus 
Libido seinen Einzug. Aber der Sexualität scheint es mit der Libido gehen 
zu wollen wie dem Maulwurf mit dem Igel. Dieses Geschöpf ihrer Gnade 
macht sich jetzt breit und sie wird bald froh sein müssen, wenn man ihr 
ein bescheidenes Eckchen gönnt. Denn nicht nur, dass die Libido jetzt 
erst allmählich sexuell wird; kaum sexualisiert, droht ihr schon wieder 
die Desexualisierung, die sich bei der ontogenetischen Entwicklung 
analog vollzieht wie bei der phylogenetischen. Und kein Ausweg ist aus 
diesem Drang, auch die Regression kann keine Rettung bringen, 
denn in ihr strömt ja die Libido wieder dem Ausgangspunkt der Entwick- 
lung, dem Puppenstadium, zu. Nur weil die Libido bei diesem Rückströmen 
auch die sexuelle Phase zurück durchlaufen muss, kann in Nichtsexuelles 
sekundär sexuelle Bedeutung hineingetragen werden, während andererseits 
die Regressionserscheinungen oft sexuelle Form aufweisen, aber etwas 
Nichtsexuelles meinen. 

Die Entwicklung des Libidobegriffs, die wir da vor uns haben, könnte 
einen an die immanenten Gesetze der Hege l'schen Dialektik glauben 
lehren. Bei Jung entwickelt sich der Freud'sche Libidobegriff zu seiner 
"letzten Konsequenz und löst sich dadurch selbst auf. Die Libido ist jetzt 
tatsächlich alles: „Die Seele ist ganz nur Libido." (Jahrb., 4. Bd. 



193 Dr. Carl Furtmüller, 

S 290.) Sie ist der vage Grundbegriff einer naiven Metaphysik, aber kein 
Werkzeug mehr, das zur Erkenntnis des Konkreten dienen kann. Sie kann 
daher ohne Schwierigkeit mit den verschiedensten metaphysischen Vor- 
stellungen identifiziert weiden. Bald ist sie die dtva/us Xiv^taaj des 
Zeno, bald der Schopenhauer'sche Wille, bald die s^aQ^ievrj der 
Alten Hatte sie sich einst damit bescheiden müssen, eine Teilkraft des 
Psychischen zu sein, so ist jetzt ihre Wirksamkeit längst nicht mehr 
auf die Psyche beschränkt. Spricht er doch von „jener sexuellen Irhbido, 
welche die Millionen Eier und Samen aus einem kleinen Geschöpf heraus 
erzeugte". (Jahrb., 4. Bd., S. 180.) 

Nachdem so die Libido alles geworden ist, kann es auch nichts 
mehr geben, womit sie in Konflikt geraten könnte. Da ergibt sich aber 
für Jung ein neues Problem: Woher stammen denn dann die Konflikte 
der Seele, woher stammt die V e r d rängu n g? Es bleibt nur mehr eine 
Antwort möglich: Auch aus der Libido. Was sich gegen die Libido er- 
hebt, ist selbst wieder Libido, diese ist ihrem Wesen nach gespalten in 
zwei' Komponenten mit entgegengesetzten Vorzeichen. Libido strebt vor- 
wärts und Libido strebt zurück, Libido ist Wille zum Leben und Libido 
ist Wille zum Tod. „Dieser Gegensatz /.wischen Pferd und Schlange*) 
stellt einen Gegensatz der Libido in sich selbst dar, ein Vorwärtsstreben 
und ein Zurückstreben in einem. Es ist nicht nur so, dass die Libido 
ein unaufhaltsames Vorwärtsstreben, ein endloses Leben und Aufbauen- 
wollen wäre, als welches Schopenhauer seinen Weltwillen formuliert 
hat, wobei der Tod und jegliches Ende eine von aussen herantretende Tücke 
oder Fatalität ist; sondern die Libido will, dem Sonnengleichnis ent- 
sprechend, auch den Untergang ihrer Bildung." (Jahrb., 4. Bd., S. 461.) 
In der Jugend prävaliere die eine, im Alter die andere Tendenz, natürlich 
könne aber jede von ihnen die Maske der anderen annehmen. 

Die Libido enthält also nicht nur qualitativ verschiedene Elemente 
iHungerlibido. Sexuallibido, daraus entstandene höhere Bildungen), sondern 
sie schliesst auch den Gegensatz .von Positiv und Negativ ursprünglich 
ill sich. Es ist klar, dass ein solcher Begriff, in den ich alle aus der 
Erfahrung bekannten Variationsmöglichkeiten hineingenommen habe, sieh 
dann auch auf die Beschreibung aller Vorgänge uuwenden lässt. Aber an 
Einsicht habe ich dadurch nichts gewonnen. Auf diese Weise wird das 
Gesetz nicht der ruhende Pol in der Erscheinungen Flucht, sondern ebenso 
schwankend, wechselnd und widerspruchsvoll wie die Oberfläche der Er- 
scheinungen. Bei Freud war die Libidotheorie ein kühner, wenn auch 
meiner Überzeugung nach verfehlter Versuch, alle psychischen Erschei- 
nungen auf eine qualitative Einheit zurückzuführen. Die Theorie war 
falsch, aber in ihrem Rahmen war der Begriff der Libido notwendig. Bei 
Jung, der die prinzipielle Qualität«- und Richtungsverschiedenheit des 
Psychischen bestehen lässt, wird der Terminus Libido zu einem leeren 
und überflüssigen Wort. Man muaa dabei an das Kinderspiel denken, in 
jedes Wort eine bestimmte Silbe willkürlich einzufügen und so den An- 
schein einer Geheimsprache zu erwecken. Was in dieser Sprache mitgeteilt. 

i) Wobei das Pferd natüriieh als Libidosymbot gedacht ist, die Schlange aber 
für Jung die Ablehnung der Sexualität, die Angst vot ihr darstellt („Negativer 
Phallus"). 



Wandlungen in der Freud'sctien Schule. 199 

wird, kann ja sehr klug und interessant sein. Cm es aber zu verstehen, 
muss man erst die willkürlich hinzugefügte Silbe wieder eliminieren. 

Aber noch mehr. Solange es sich nur um Qualitätsunterschiede 
handelte, da mochte die gemeinsame Bezeichnung Libido als Hinweis 
auf die Einheit alles Psychischen eine gewisse Berechtigung haben. Da- 
durch aber, dass Jung eine prinzipielle Gegensätzlichkeit in die Libido 
hineinverlegt, wird gerade diese Einheit gesprengt und ein psychologischer 
Dualismus geschaffen. Hier hört J u n g's Libidobegriff auf, bloss über- 
flüssig zu sein, er wird geradezu ein Hemmschuh für die Erkenntnis. Da- 
durch, dass er die Antithetik des Psychischen als etwas Prinzipielles und 
Ursprüngliches auffasst, schneidet er der Wissenschaft die Möglichkeit ab, 
eine Erklärung der Gegensätzlichkeiten des Seelenlebens zu versuchen. 

Die geänderte Grundauffassung muss Jung natürlich auch in vielem 
Einzelnen von Freud wegführen. Aber auch da zeigt sich das Bestreben, 
die Worte womöglich bestehen zu lassen und nur ihren Sinn gründlich 
zu verändern. So ist auch für Jung der Inzestwunsch der „Kernkomplex". 
Aber wie hnders sieht der Inzest hier aus! Dieser Inzestwunsch, der für so 
viele die Freu d'sche Lehre zu etwas Verruchtem machte, der etwas so 
Furchtbares war, dass der moderne Kulturmensch im Wachleben nur an 
ihn zu rühren wagte, wenn die Weihe und die Schauer tragischer Kunst 
ihn adelten und verhüllten, er erfährt bei Jung eine so völlige Ver- 
wandlung, dass man ihn mit Kleist's Natalie einen Inzestwunsch „blond, 
mit blauen Augen" nennen möchte. Vor allem: in der Jung'schen .Auf- 
fassung ist das eigentliche Ziel des Inzestwunsches durchaus nicht der 
sexuelle Besitz der Mutter, ja, es rücken Inzest und Erotik überhaupt weil 
auseinander. Für Jung läuft die unterste Grundlage des „inzestuösen" 
Begehrens „nicht auf die Kohabitation, sondern auf den eigenartigen Ge- 
danken hinaus, wieder Kind zu werden, in den Elternschutz zu rück- 
zukehren, in die Mutter hinein zu gelangen, um wiederum von der 
Mutter geboren zu weiden" (Jahrbuch, 4. Bd., S. 267). Zwei Faktoren 
findet er also am Inzestkomplex beteiligt: Das Rückstieben in die Kindheit 
und den Traum einer Wiedergeburt. Das erste Moment steht dabei im 
Vordergrund. „Wenn irgend ein grosses Werk zu tun ist, vor dem der 
schwache Mensch, an seiner Kraft verzweifelnd, zurückweicht 1 ), dann 
strömt seine Libido zu jenem Quellpunkt (zur Mutter) zurück." (Jahrbuch, 
4. Bd., S. 334. Vgl. auch S. 323.) Im Gedanken der Wiedergeburt aber 
liegt für J u n g schon der Keim der Überwindung des Inzestkomplexes. 
Sehnsucht nach der goldenen Jugendzeit — in dem naiven Sinn, wie man 
vor Freud diesen Ausdruck gebraucht hat — ist also der eigentliche Sinn 
des Inzestgedankens. „Ihre Kraft . . . bezieht die Mutterimago einzig und 
allein aus der Geneigtheit des Sohnes, nicht nur vorwärts zu schauen und 
zu arbeiten, sondern auch rückwärts zu schielen nach den verweichlichen- 
den Süssigkeiten der Kindheit, nach jener herrlichen Unverantwortlichkeit 
und Lebenssicherheit, mit der uns schützende Mutterobhut einstmals um- 
geben hat." (Jahrbuch, 4. B.d., S. 340; vgl. auch S. 279, Anm. 2.) Aus 
dem Individuellen ins Kulturhistorische übertragen, erscheint dann der 
Inzestkomplex als Widerstand gegen die Domestikation, das Inzestverbot 
als der Zwang zur Domestikation. „Es scheint, als sei kein Begriff und 
kein Wort stark genug, die Bedeutung dieses Konfliktes auszudrücken. . . . 



J) Von mir gesperrt. 



20(1 Dr. Carl Furtmüller, 

Dieses durch Jahrtausende fortgesetzte Ringen nach Ausdruck kann gewiss 
seine Kraftquelle nicht in dem durch den Vulgärbegriff des 
Inzestes allzu eng gefassten Tatbestand 1 ) haben; vielmehr 
muss man wahrscheinlich das in letzter Linie und ursprünglich als „Inzest- 
verbof sich ausdrückende Gesetz als den Zwang zur Domesti- 
kation auffassen."' (Jahrbuch, 4. Bd., S. 314 f.) Die dem primitiven 
Menschen vor allen anderen zukommende Leidenschaft sei die Trägheit 
und diese sei es, „die unter der bedenklichen Maske der Inzest- 
symbole 8 ) erscheint, von der uns die Inzestangst wegzutreiben hat" 
(Jahrbuch, 4. Bd., S. 219). Je stärker er das Symbolische betont, 
desto mehr muss ihm natürlich der Inzest als Realität in den Hinter- 
grund treten. „Es scheint, dass die Mutter erst psychologisch inzestuös 
bedeutsam geworden ist." (Jahrbuch, 4. Bd., S. 446.) Der Inzest als 
solcher dürfte wohl nie eine besonders grosse Bedeutung gehabt haben ; 
denn man werde wohl nie die Paarung mit einein alten Weibe der Paarung 
mit einem jungen vorgezogen haben. Wo uns von Inzestehen berichtet 
werde, seien sie ein mehr künstliches als natürliches Gebilde, das wohl 
mehr theoretischer als biologischer Neigung entsprungen sei. Man merkt 
deutlich die Spitzen gegen Freud's Studie im ersten Heft der „Imago". 
Aber nicht nur der Inzestkoniplex, die sexuellen Vorstellungen über- 
haupt erscheinen Jung jetzt vor allem bedeutsam als Symbole. Das 
Sexuelle wird für ihn ein Material, dessen sich die Seele zum Ausdrucke 
weit allgemeinerer und bedeutsamerer Tatbestände bedient. Wenn er in 
einem Traum zu der Deutung gelangt ist: Ich entmanne den Vater, so ist 
das für ihn kein Endpunkt; er deutet weiter; für ihn will das eigentHch 
heissen: ich opfere meine Infantilpersiinlichkeil. (Jahrbuch, 4. Bd., S. 460.) 
Ein anderes Mal bespricht er eine Pfeilsehussszene und sagt; dass man 
bei direkter Übersetzung hier natürlich ein Koitussymbnl vorfinde. Doch 
er fährt fort:',',Mit dieser Reduktion auf das Grobsexuelle 
ist jedoch nichts gewonnen und nichts verstanden 1 ), 
denn dass das Unbewusste Koituswünsche beherbergt, ist. ein Gemein- 
platz, dessen Entdeckung weiter nichts bedeutet. Der Koituswunsch 
unter diesem Aspekt ist nämlich ein Symbol für die eigene 
von den Eltern abgetrennte Betätigung der Libido, für die Eroberung des 
selbständigen Lebens." (Jahrbuch, 4. Bd., S. 344.) Und ganz allgemein 
und grundsätzlich spricht er denselben Gedanken aus, wenn er sagt: Es 
ist nie zu vergessen, dass die sexuellen Phantasien der Neuro- 
tiker und die exquisit sexuelle Sprache des Traumes 



i). Von mir gesperrt. . _ ö 

2) Abschliessend noch ein Zitat, das Jungs Standpunkt von vielen beiten 
her beleuchtet; „Die Welt entsteht, wenn der Mensch sie entdeckt. Er entdeckt 
sie, wenn er die Mutter opfert, d. h. wenn er sich aus den Nebeln seines Unbe- 
wusstseins in der Mutter befreit hat. Was ihn vorwärts zu dieser Entdeckung 
treibt, lässt sich psychologisch als die von Freud sogenannte .Inzestschranke auf- 
fassen. Das Inzestverbot setzt dem kindlichen Sehnen nach der nah rungsspen- 
denden Mutter ein Ziel und zwingt die allmählich sexuell werdende Libido auf 
die Bahn des biologischen Ziels. Die durch das Inzestverbot von der Mutter abge- 
drängte Libido, die „Mutterlibido", sucht nach dem Sexualobjekt an Stelle der ver- 
botenen Mutter. Id diesem weiten psychologischen Sinn, der in der Gleicnms- 
sprache von „Inzest verbot". „Mutter* usw. sich ausdrückt, ist auch »reuds 
paradoxer Satz zu verstehen: Ursprünglich haben wir nur Sexi-dohjekte gekannt. 
(Jahrbuch, IV. Bd., S. 443.) (Die Sperrungen rühren von mir her.) 



Wandlungen in der Freud'schen Schale. 201 

Regressivphänomene sind. Die Sexualität des l!n- 
bewussten ist nicht das, was sie zu sein scheint, sie 
ist bloss Symbol 1 ). (Jahrbuch, 4. Bd., S. 422.) Jung begibt 
sich da auf den Standpunkt, den Alfred Adler seit einer Reihe 
von Jahren in zahlreichen Schriften verfochten hat 2 ). Hier zeigt sich, 
dass die Einsicht in die Fehler der Freud'schen Sexualtheorie, wenn sie 
auch Jung zu keiner tragfähigen theoretischen Konstruktion geführt 
hat. ihm doch für gewisse praktische Fragen den Blick geweitet und ge- 
schärft hat. 

So wenig ich auch von den Ausführungen Jung's im einzelnen 
akzeptieren konnte, so gross erscheint mir ihre symptomatische Bedeutung, 
besonders wenn man sie im Zusammenhang mit den anderen von mir be- 
sprochenen Arbeiten betrachtet. Dadurch, dass so bedeutende Vertreter des 
F r e u d kreises aufhören, sich mit der Freud'schen Theorie zu identi- 
fizieren, ja sich in entschiedener Weise gegen sie wenden, wird die wissen- 
schaftliche Öffentlichkeit neuerlich und deutlich vor dem Irrtum gewarnt, 
die Idee der Psychoanalyse mit einer bestimmten Formulierung derselben 
zu verwechseln. Und nur soweit man aufgehört hat, ein 
einzelnes, historisch bedingtes Stadium der psycho- 
analytischenEntwicklungfürdiePsychoanalyseselbst 
zu halten, ist auch den grossen und echten Errungen- 
schaften Freud's fruchtbare Weiterwirkung gesichert. 
Damit scheinen mir freilich, für den Augenblick wenigstens, die Er- 
rungenschaften Jung's erschöpft zu sein. Denn was er an die Stelle 
des alten Systems zu setzen sucht, bietet der Kritik eher mehr An- 
griffspunkte als dieses. Allerdings weist die ganze Arbeit in der Un- 
ausgeglichenheit ihrer Form, in dem ständigen Sichkreuzen verschiedener 
Gedankengänge, in der jugendlichen Schneidigkeit ihres Urteils auf eine 
starke innere Gärung hin und so darf man vielleicht hoffen, dass aus 
dem treibenden Moste bald klarer Wein werde. Ein solcher Klärungs- 
prozess wird freilich dadurch nicht gefördert, dass man den neuen Wein 
in alte Schläuche füllt. 



i) Von Jung gesperrt. Vgl. auch Jahrbuch, IV. Bd., S. 329, 446, 459. 
i) Zuerst im .Psychischen Hermaphroditismus", dann vor allem in der 
Psychischen Behandlung der Trigeminusneuralgie" (»Sexueller Jargon'') und in 
seinem Buche »Über den nervösen Charakter" (J. F. Bergmann, Wiesbaden, 1912). 
Da Jung's Arbeit als mythenKeschichtliche auch Nichtpsychoanalytikem in die 
Hand kommen dürfte, wäre ein für Kenner der psychoanalytischen Literatur freilich 
entbehrlicher Hinweis auf Adler hier wohl am Platze gewesen. 



ZentrmlbUtt fllr Psyebomalyac HIV. 14 



IV. 

Zur Psychogenität des Asthma bronchiale. 

Von Dr. M. Wulff, Odessa. 

Die Frage der Ätiologie des Asthma bronchiale bleibt noch immer 
ungelöst und jede Beobachtung, die einen Blick in die Natur des Leidens, 
dessen Ätiologie und Pathologie gestattet, ist deshalb von Wert. Einen 
kleinen Beitrag in dieser Beziehung liefert der folgende Fall. 

Es handelt sich um eine Frau von 37 Jahren, Mutter von 6 Kindern. 
Sie leidet schon seit 8 Jahren an Asthma bronchiale, das als solches 
ganz zweifellos von vielen Ärzten diagnostiziert worden ist. Anfangs 
traten die Anfälle nur selten auf, seit 3 Jahren aber ziemlich oft. Ausser- 
dem krankt sie oft an einem „nervösen" Schnupfen, an „nervösem" 
Husten, und beim Essen kann sie manchmal den Kissen nicht herunter- 
schlucke», er bleibt ihr im Halse stecken, auch leidet sie an starken 
Kopfschmerzen, ist sehr reizbar, labiler Stimmung, jähzornig. 

Über den Anfang und die Ursachen ihres Leidens konnte mir Patientin 
zunächst nichts angeben, aber die Verschlimmerung in den letzten 3 Jahren 
trat angeblich nach einem schweren seelischen Erlebnisse ein, an das sich 
Patientin ganz genau erinnern konnte. Bei der letzten Entbindung wurde 
sie infiziert, 'machte ein schweres Kindbettfieber durch und ihr Leben 
war in Gefahr. Ein verwandtes Mädchen hat sie als Krankenschwester ge- 
pflegt, das intime Beziehungen zum Mann der Patientin anknüpfte. Eines 
Tages lag Patientin im Bett in hohem Fieber und belauschte den Koitus 
zwischen den beiden im Nebenzimmer. „Meine Sinne waren damals sehr 
gespannt und übernatürlich fein, ich horchte und hörte das leiseste Ge- 
räusch, kein Laut entging meinem Gehör, ich konnte mich aber nicht be- 
wegen, konnte keinen Laut von mir geben und litt seelisch schrecklich. 
In diesem Augenblick kam der schwerste Asthmaanfall. So ging es einige 

Male zu." 

Was ich noch von ihr über ihr trauriges Ehe- und Liebesleben er- 
fahren habe, will ich hier kurz wiedergeben. Mit 15 Jahren verliebte 
sie sich in einen jungen Mann, aber ihre Eltern waren gegen die Be- 
ziehungen, die von den jungen Leuten heimlich während 5 Jahren weiter 
unterhalten wurden. Eines Tages kam es zum Koitus zwischen ihnen 
und bald danach wurden die Beziehungen abgebrochen. Sie wurde 
schwanger und hat ein Kind geboren. Einige Jahre später ging sie eine 
Vernunftheirat" ein. Der Mann, der um ihr früheres Liebeserlebnis 
wusste, war «rob, roh, beleidigte sie. Sie konnte ihn kaum ertragen. Kurze 
Zeit nach der Hochzeit ging sie mit dem Mann nach einer kleinen Stadt, 
wo sie ganz allein, ohne Verwandtschaft und Freunde, in schweren mate- 
riellen Verhältnissen leben und schwer arbeiten mussten. Einige Male 
kam der Mann betrunken nach Hause, war dann geschlechtlich erregt und 



Dr. W. Wulff, Zur Psychogenität des Asthma bronchiale. 203 

ihr besonders unerträglich; er zwang sie zum Koitus, sie widerstrebte, 
gab endlich widerwillig seiner Gewalt nach und — nun erinnert sich 
Patientin ganz klar — sie erstickte in der von alkoholischem Geruch 
durchtränkten Luft aus seinem Munde, sie konnte buchstäblich nicht auf- 
atmen und dann bekam sie beim Koitus ihren ersten 
Asthmaanfall. Solche Szenen wiederholten sich einige Male. Nun 
gibt Patientin an, dass auch jetzt der Koitus, der ohne jegliche Be- 
friedigung für sie verläuft, ihr oft unangenehm und peinlich ist, oft mit 
einem Asthmaanfall endet. 

Es wäre sehr verlockend, die Schuld an dem Asthma in diesem Kall 
dem Koitus zuzuschreiben, aber so einfach liegt die Sache doch nicht, 
die Verhältnisse sind komplizierter. 

Ein paar Jahre später lernte die Frau einen jungen Mann kennen, 
den sie lieb gewann; aber ihre Beziehungen blieben rein freundschaft- 
liche, trotzdem der Verzicht ihr nicht leicht fiel. Sie erinnert sich auch, 
dass in jenem Augenblick, als sie den Koitus des Mannes mit der Kranken- 
schwester belauscht hatte, ihr der Gedanke durch den Kopf blitzte: „Ich 
habe deinetwegen auf meine Liebe verzichtet und du betiützest meine 
Krankheit, um mich zu betrügen." Der junge Mann mietete bald in der 
Familie ein Zimmer und die Beziehungen zwischen ihnen wurden noch 
intimer, freundschaftlicher, wenn es auch nicht zum Ehebruch kam; aber 
die Gefühle der Frau zu ihrem Ehegatten wurden entsprechend feindlicher, 
wenn sie es auch durch Willensanstrengung zu verbergen gewusst. Zugleich 
verschlimmete sich auch ihr Zustand. Ein schwerer Konflikt /wischen 
Ehepflicht und Liebe tobte ununterbrochen in ihrer Seele und fand in den 
Asthmaanfällen seinen Kompromissausgang. Das mag wohl die eigent- 
liche Ursache der Verschlimmerung des Leidens in den letzten Jahren 
sein. Einzelne Anfälle waren diesbezüglich sehr charakteristisch. So be- 
suchte Patientin eines Tages das Theater zur Aufführung der Oper „Eugen 
Onjegin". Im letzten Akt weist die Hedin Tatjana die Liebeswerbung 
Onjegin's ab, weil sie ihrem Manne treu bleiben will. Patientin wird von 
der Szene hingerissen und bekommt auf der Stelle einen schweren Anfall. 
Ein anderes Mal brach der Anfall im vierten Akt der Ibsen'schen „Nora" 
aus. (Patientin wollte die Anfälle durch die ,,Luft im Theater" erklären.) 
Ähnliche auslösende Ursachen für den einzelnen Anfall habe ich wieder- 
holt beobachtet. 

Patientin besuchte mich unregelmässig und eine kunstgerechte 
Analyse konnte ich nicht durchführen, aber trotzdem besserte sich ihr 
Zustand so weit, dass die Anfälle nur sehr selten und sehr schwach auf- 
traten. Den folgenden Sommer verlebte sie ohne Behandlung (ausserhalb 
der Stadt und weit von der Gesellschaft des jungen Mannes) fast gante 
anfallsfrei, während früher im Sommer, „bei der heissen Luft", ihr Zu- 
stand besonders schwer war. Aber gegen den Herbst bekam sie plötzlich 
einen schweren und langdauernden Anfall und ihr Zustand verschlimmerte 
sich bald bedeutend. Der Grund war aber nicht schwer zu finden. Im 
Frühjahr, unter dem Einfluss der Behandlung, hatte sie beschlossen, eine 
neue kleinere Wohnung zu mieten, um kein Zimmer zu vermieten und 
den jungen Mann vom Hause zu entfernen. Während des Sommers ver- 
stärkte sich aber der Widerstand, sie hielt ihren Beschluss nicht, der 
junge Mann blieb im Hause. Kurz nach der Rückkehr aus der Sommer- 
frische bekamen sie Besuch von einem dem jungen Mann befreundeten 

14* 






204 Dr- M - Wulff » 

jungen Ehepaar, das gewissermassen das eheliche, Ideal de' Patientin 
verkörperte, ,,so was hätte sie sich auch gewünscht" In der nachfolgen- 
den Nacht hat sie schwere Träume (die sie gleich vergessen hat) und 
wird durch einen schweren Asthmaanfall aus dem Schlafe geweckt. 

Die Behandlung brach sie ab mit der Begründung, ,,ich wolle sie 
von dein jungen Manne trennen, ihr das Beste nehmen, was sie im 
Leben habe". Auch der junge Mann bestärkte sie in ihrem Widerstand. 
Einige Monate später besuchte sie mich und erzählte mir, dass ihr Zu- 
stand sich progressiv verschlimmerte, die Anfälle waren oft und schwer, 
trotzdem sie fast ununterbrochen von Ärzten verschiedenartig behandelt 
wurden. Jetzt wird sie nach einem Kurort geschickt. 

So weit die Krankengeschichte. Nun will ich noch etwas über die 
„organische Disposition"" in diesem Falle hinzufügen. Erstens, wie- im 
Falle Sadger's 1 ), war auch hier ein funktioneller Schnupfen, der manch- 
mal nicht mehr als eine halbe Stunde dauerte, dann eine starke Empfind- 
lichkeit der Hautpartie vorne am Halse gegen Kitzeln, auch Parästhesien 
an dieser Stelle während des Asthmaanfalls. Ihr nervöser Husten brach 
immer während der Schwangerschaft und während des Stillens aus, ähn- 
lich wie bei ihrer Mutter, die auch immer einen nervösen Husten in der 
Schwangerschaft hatte. Wann der Husten bei der Patientin zum ersten 
.Male auftrat, konnte sie sich nicht genau erinnern, glaubte aber nach dem 
Tode des ersten unehelichen Kindes. Die Angabe, die sehr ungenau und 
von Patientin sehr bezweifelt war, bezweifle ich auch, aber ein Zu- 
sammenhang zwischen dem Husten und dem Tode jenes Kindes, ja ihrer 
unbewussten Gedanken an den Tod ihrer Kinder überhaupt ist wohl zu 
vermuten. Patientin trug immer eine übertriebene, leidenschaftliche Liebe 
zu ihren Kindern zur Schau, konnte aber mitunter, besonders wenn sie 
durch etwas gereizt oder aufgeregt war, „sie nicht ausstehen". l ; nd nicht 
einmal äusserte sie, dass der Kinder wegen sie ..nicht mal daran denken 
darf" sich vom Manne zu trennen, wenn aber die Kinder nicht da wären, 
hätte sie es schon getan ; den Kindern will sie ihr ganzes Leben und 
Glück opfern. Aus vielen Analysen wissen wir aber, d iss solche Opfer 
nicht so leichten Herzens gebracht werden und viele bösen Wünsche 
und Gedanken im Unbewussten gebären. Diese und viele andere ähnliche 
Einzelheiten scheinen mir die Vermutung zu rechtfertigen, dass der „nervöse 
Husten" durch psychische Ursachen ausgelöst wird, nämlich, dass wir es 
hier mit einem „Verlegen von unten (Uterus) nach oben" (Lungen) zu 
tun haben und der Husten eine Abwehrbewegung ist, die Frucht aus- 
zustossen. Die dunkle Erinnerung an das Auftreten des Hustens nach 
dem Tode des ersten unehelichen Kindes ist wohl eine unklare bewusste 
Erkenntnis dieses unbewussten Todeswunsches. 

Noch eine Ähnlichkeit mit dem Falle Sadger's zeigt mein Fall: 
eine grosse Erregbarkeit des Rachenreflexes, die sich in dem Würgen 
beim Schlucken manifestiert. Zeitlich ist das Würgen zusammen mit 
den Asthmaanfällen loirz nach der Hochzeil in der kleinen Stadt aufgetreten. 
Ein ähnliches Würgen hatte die Grossmutter der Patientin (des Vaters 
Mutter) Aber auch bei diesem Symptom ist der psychische Konflikt mit 
im Spiele, denn durch dieses Nichtherunterschluckenkönnen sind ihre rein 
sexuellen wie seelischen und materiellen Beziehungen zum Mann vortreff- 

~~ i) .Ist das Asthma eine Sexualneurose." Zentralblatt, 1. Jahrgang, 5. 6. Heft 
S. 200. 



Zur Psychogenität des Asthma bronchiale. 205 

lieh symbolisiert: sie will ihm keine Frau sein, sein Brot nicht essen 
und seine Liebe nicht dulden (wieder „Verlegen von unten nach oben"). 
Die „organische Disposition" ist also hier durch den Vater (von 
dessen Mutter) wie durch die Mutter vererbt, aber trotzdem kann ich 
Sadger's Meinung, dass das Asthma eine „sexualneurotische Krankheit" 
und das Psychische nur ein Aufbau über die biologische Tatsache sei, 
nicht ganz beipflichten. Ich glaube, dass der psychische 
Konflikt doch eine grössere Rolle in der Ätiologie des 
Asthma spielt, als die i h in von S a d g e r eingeräumte 
Rolle, ja vielleicht die Hauptrolle 1 ). Wenn der Fall nicht 
von einer sexuellen Ätiologie zu sprechen erlaubt, so überzeugt er uns doch 
von einer psychosexuellen. Von diesem Standpunkte ans kann man das 
Asthma an die Seite anderer funktionellen Atemstörungen stellen, wie 
wir sie bei den Psychoneurosen oft finden, ja, gelegentlich auch bei Ge- 
sunden, durch psychische Momente ausgelöst, beobachten können. Ich 
meine die Empfindung des Druckes in der Brust, des „nicht frei Auf- 
atmen können", „keine freie Luft haben" etc. als Ausdruck eines psychi- 
schen Druckes, eines Zwanges durch eine innere oder äussere Gewalt, einer 
inneren Spannung, Widerstreben und Ungeduld. Eine solche rein funktio- 
nelle Dispnöe (die wohl oft zur Koitusdispnöe eine Beziehung hat), die 
das typische Gepräge der Asthmaanfälle nicht hat, habe ich unlängst 
bei einer Hysterika beobachtet, begleitet von einem Beklemmungsgefühl 
in der Herzgegend, eines Gefühles der Einsamkeit, Angst, und Sehnsucht, 
die durch die Analyse bald beseitigt wurde. Aber in diesem Fall war 
keine organische Disposition vorhanden. Die Kranke war eine Sängerin, 
hatte gesunde und gut entwickelte Lungen und eine gut geschulte Atmung. 
Und es drängt sich die. vielleicht etwas vage, Vermutung auf, dass bei 
einer entsprechenden organischen Disposition es auch in diesem Falle 
zu einem Asthma kommen könnte. Ohne also die Bedeutung der kon- 
stitutionellen Disposition zu vermindern, glaube ich doch, dass in 
Sadger's Auffassung das psychische Moment zu kurz kommt, und bin 
eher geneigt, bei dem Asthma einen der hysterischen Konversion ähnlichen 
psychologischen Mechanismus anzunehmen 2 ). 

') Auf der Bedeutung des psychischen Konfliktes in der Ätiologie des Asthmas 
hat W. St ekel schon vor Jahren in Beinern Buche: .Die nervösen Anüstzustflnde 
hingewiesen und die seelische Wurzel des Leidens und dessen psychischen Mecha- 
nismus aufgedeckt.* 

z) Ob die Anlage zn Asthma in der exsudativen Diathese (Czerny) besteht, 
wie Strümpel neuerdings betont, möchte ich bezweifeln. Sicher ist aber, dass die 

Ssychogene Wurzel sich leicht nachweisen läast, wenn man ausser den sexuellen 
[omenten auch die kriminellen berücksichtigt. Ich habe erst jüngst in einem Falle 
von Asthma den Wunsch entdeckt, den Partner zu erdrosseln. Auf dem Wege der 
Talion wurde dieser Wunsch zum neurotischen Symptom. Es gibt anch andere 
Wurzeln. Eine Dame wollte mit dem Anfällen von Lafthunger demonstrieren, dass 
sie den schlechten Geruch ihres Mannes nicht vertrüge nnd dass sie seine Küsse 
ersticken machen. Tn anderen Fällen spielt die respiratorische Dyspnoe beim Koitus 
eine Rolle. Aber die Durchforschung des Asthma« wird uns gewiss noch manche 
Überraschung bringen, wenn wir nicht von vorgefassten Meinungen ausgehen und 
an jedenFall so herangehen, dass wir nicht eine „bestimm te* Ätiologie erwarten. 
Im Falle, den Wulff beschreibt, würde ich annehmen, dass die Racbegedanken der 
Kranken sich in (unbewussten ?) Phantasien ergingen, die beiden Ehebrecher zu er- 
drosseln. Als Sicherung gegen den kriminellen Impuls und als Strafe für die bösen 
Gedanken trat dann das Asthma ein. Die exsudative Diathese Czerny 's käme 
nur als ein disponierendes Moment in Betracht. Anmerkung des Schriftleiters. 



Mitteilungen. 



Aus der Analyse eines Zahlentrauraes. 

Von Josef B. Lang, Zürich. 

Da die Kasuistik ausführlich analysierter - Zahlenträume noch nicht 
allzu reichhaltig ist, dürfte die folgende Mitteilung einer Zahlentraum- 
analyse nicht ohne etwelche Berechtigung sein. 

Ein in psychoanalytischer Behandlung stehender Zwangsneurotiker 
hat folgenden Traum: „Ich sass an einer grossen Tafel, es 
waren lauter mir unbekannte Menschen. Man sagte von 
einigenderTäfelgenossen.diewärenetwas über 60 Jahre 
alt, obwohl sie nur etwas über 30 Jahre alt zu sein 
schienen. Ich fragte einen Tischgenossen, der auch zu 
jener Familie zu gehören schien, wie all er denn mich 
schätze. Ei antwortete unbedenklich „68 Jahre a 1 1". I c h 
war darüber recht unangenehm berührt und rief aus: 
„68 Jahre! Wissen Sie denn nicht, dass ich noch nicht 
30 Jahre alt bin?" Dann dachte ich im Traume noch lange 
darüber nach und musste auch an 86 denke n." 

Bevor wir auf die Analyse des Traumes eingehen, möchte ich zum 
besseren Verständnis vorausschicken, dass der Träumer in der letzten 
Zeit viel darüber nachdenken musste, dass er die erste Hälfte seines Lebens 
schon durchlebt, ohne eigentlich zu wissen, wie und dass er noch nichts 
geleistet habe. Ein anderer Aktualkonflikt dt-s Patienten ist seine Frau, 
die gegen seinen Willen wieder gravid geworden ist, was ihm aus ver- 
schiedenen Gründen recht unangenehm ist und seine Widerstände gegen 
die Frau noch verstärkt hat. 

Dem Träumer macht die Stelle „68 Jahre alt" am meisten Ein- 
druck. Sein erster Einfall dazu ist „25 f 30; 25 Jahre zählt meine Frau, 
ich 30 Jahre, dann komme ich auf folgenden Gedanken: 

68 = 6 -f 8 = 14 

6X8 = 48 = 4 + 8= 12 

Zusammen 26. 
Meine Frau ist 25 Jahre 8 Monate alt 

sie ist im 4. Monat gravid „ 4 „ 

Zusammen 26 Jahre." 



Josef B. Lang, Aus der Analyse eines Zahlentraumes. 207 

Jetzt kommt ihm der Gedanke, dass er vor einigen Tagen am Leichen- 
begängnis seiner Grossmutter hätte teilnehmen sollen, aber durch äussere 
Umstände daran verhindert worden war, dass er beim Leichenmahle viele 
seiner Verwandten getroffen hätte (bei der Tafel im Traume sind es lauter 
unbekannte Gesichter). 

Der nächste Einfall lautet: 

„Ich bin jetzt 30 Jahre 8 Monate alt 

das ältere Kind 2 „ 5 u „ 

das jüngere Kind „ 11 , '■■ 

Zusammen 34 Jahre X 2 = 68." 

Es ist /.u bemerken, dass Patient diese beiden Kinder sehr liebt, 
ganz im Gegensatz zu seinen Gefühlsregungen gegen das dritte zu er- 
wartende Kind. (Man vergleiche auch, dass es im Traume heisst, man 
sage von einigen, dass sie 60 Jahre alt seien, obwohl sie nur etwa 30 Jahre 
alt zu sein schienen, also die Hälfte, 34 X 2 = 68.) 

Dann zitiert er folgenden Vers aus „Hamlet": „Das Gebackene vom 
Leichenschmaus gab kalte Hochzeitsschüsseln." Nach einer längeren Pause 
erzählte er mir jetzt unter starken Widerständen, dass er vor kurzem 
die Bekanntschaft eines Mädchens gemacht, das ihn bald erotisch stark 
fesselte; dieses Mädchen sei auch 25 Jahre alt, scheine aber kaum halb 
so alt zu sein; von den Verwandten des Mädchens kenne er niemanden. 

Jetzt lenkt Patient seine Aufmerksamkeit auf 86 und es fällt ihm 
dazu ein: 86—68=18. Sein Geburtsjahr bestehe aus zwei 18, nämlich 
1881, er sei von jeher stolz auf diese Zahl gewesen, weil sie eine der 
wenigen Zahlen ,sei, die man mit dem gleichen Resultate von links nach 
rechts und von rechts nach links lesen könne, übrigens sei er in gewisser 
Hinsicht mit dieser Zahl verwandt, da er ambidexter sei. Das Geburts- 
jahr seiner Frau sei auch aus den obigen Zahlen zusammengesetzt: 1886, 
aber auch das genannte Mädchen, das er an Stelle seiner Frau haben 
möchte, habe dieses Geburtsjahr. 

Schliesslich fällt ihm nach längerer Pause noch ein, dass sein 
Grossvater 86 Jahre alt wurde, dass derselbe allein von seinen Verwandten 
ein höheres Alter erreichte, und dass man schon bei seiner Geburt ge- 
sagt haben soll, dass er ganz jenem Grossvater ähnlich sei. Jener Gross- 
vater habe auch bald nach dem Tode seiner ersten Frau noch einmal 
geheiratet und die zweite Ehe sei glücklicher gewesen als die erste 
und kinderlos, während die erste kinderreich war. — Im Jahre 19ß8 
werde er übrigens 86 Jahre alt sein. 

Man sieht aus den hier mitgeteilten Einfällen, welch grosse Ver- 
dichtungsarbeit der Traum zustande gebracht hat, indem es ihm gelungen 
ist, in den beiden Zahlen die wichtigsten Konflikte des Patienten zum 
Ausdruck zu bringen. Ich möchte noch bemerken, dass der betreffende 
Patient seit früher Jugend viel mit Zahlen gespielt hat, und dass er später 
für Mathematik grosses Interesse und Begabung zeigte. Seiner Erinne- 
rung nach hat er sich nie b e w u s s t mit den im Traum und in den 
Traumgedanken erscheinenden Zahlen beschäftigt, so dass er beispiels- 
weise bei der Analyse erst ausrechnen musste, in welchem Monate der 
Gravidität seine Frau damals war, wie alt er, seine Frau und Kinder 
waren etc., dass wir also annehmen müssen, dass alle diese Berech- 
nungen subliminal verlaufen sind. 



20S 



Dr. Bloch. 



II. 



Freie Assoziationen bei Kindern. 

Von Dr. Bloch, Nervenarzt in Kattowitz. 

Im Winter und Frühjahr 1912 war ich mit Intelligenzprüfungen 
an hiesigen Volksschulkindern beschäftigt und zwar nach der Methode 
von Binet-Simon , unseren deutschen Verhältnissen angepasst von 

Bobertag. 

Bei diesen Intelligenzprüfungen lautet nun ein Test (so nennt man 
bekanntlich in der experimentellen Psychologie die einzelnen Prüfungen) 
folgend ermassen für 11jährige Kinder: In 3 Minuten 60 Worte nennen. 
Man stellt den Versuch in der W r eise an, dass man den Kindern sagt, 
sie möchten irgendwelche Dingworte, wie sie ihnen einfallen, ganz gleich- 
gültig welche, nennen. Die Hauptsache sei, wenn sie möglichst viele 
nennen. Man macht es ihnen vor, etwa in der Weise, dass man von 
Gegenständen des Zimmers ausgeht, also Bank, Stuhl, Tisch, Papier, Tinte, 
Feder, Blei etc. nennt. Gewöhnlich wiederholen die Kinder die ihnen 
genannten Gegenstände, um dann weiter mit den anderen im Zimmer be- 
findlichen Dingen fortzufahren, dann kommt in der Begel die Strasse 
an die Reihe, dann das Haus, wenn das erschöpft ist, Feld, Wald, 
Wiese etc. . 

Man kann nun mit Sicherheit sagen: wer nicht systematisch m 
der Aufzählung der Gegenstände vorgeht, kommt nicht auf 60 Worte. 
Dabei ereignete sich nun bei zwei Kindern, einem 11 jährigen Knaben 
und einem 10 jährigen Mädchen — wir haben nur Durc.hschnittsschüler 
untersucht; man fängt bei diesen Prüflingen gewöhnlich mit den Tests 
für eine niedrigere Stufe an und geht so lange weiter, bis die Kinder 
versagen — etwas, was für die Leser dieser Zeitschrift sicherlich von 
Interesse sein wird. 

Der Knabe war bei der Aufzählung der Gegenstände im Freien: 
.... Wald, Bäume, Wiese. Gräser, Sträucher, Erde, Erdboden, Pissoir, 
Nässe, Feuchtigkeit, Wund etc. etc. 

Als die 3 Minuten um waren und ich mir das Resultat notiert hatte 
(65 Worte), fragte ich ihn natürlich, woher es komme, dass er das Wort 
„Pissoir" mitten zwischen andere gesagt -hätte, woher denn das käme? 
Auf seine Antwort, die erst auf Rotwerden und längeres Zögern erfolgte, 
und die lautete, das wisse er nicht, sagte ich, er möchte sich mal be- 
sinnen, es hätte sicher etwas zu bedeuten, er solle sich nicht genieren etc. 
Da kam es denn heraus: er sei einmal mit seinem Vater auf einer 
W r iese gegangen; da wäre ihm plötzlich ein Bedürfnis angekommen, und 
er habe sich hingestellt und es verrichtet, mitten auf der Wiese. Da wäre 
sein Vater hinzugekommen und habe ihn heftig gescholten und unter 
anderem auch gesagt, hier sei kein Pissoir. 

Auf diese Weise wird die Fortsetzung der Gedankenreihe verständ- 
lich: Nässe, Feuchtigkeit etc. 

Auf meine Frage, wann das gewesen wäre, sagte er, er wisse es 
nicht mehr; es sei aber schon lange her, er sei noch ein „kleiner Junge" 
gewesen. Auf die zweite Frage erfolgte die allerdings mit sehr grosser 



Freie Assoziationen bei Kindern. 200 

Vorsicht (Zeugenaussagen von Kindern I) aufzunehmende Antwort, er hätte 
bis jetzt nicht mehr daran gedacht. 

Das kleine Mädchen sagte folgendes: Berg, Tal, Eisenbahn, 

Bahnsteig, Schaffner, Krummhübel, Schreiberhau, Hain, Bach, Fluss, 
Brücke etc. 

Nach Beendigung des Tests fragte ich sofort, na, wann bist Du im 
Riesengebirge gewesen, worauf die Antwort prompt erfolgte: Vor 2 Jahren. 

Eine Erklärung- ist für die Leser dieser Zeitschrift wohl überflüssig. 
Betonen will ich noch, dass es sich um ganz normale Kinder handelte, 
und dass Kinder mit psychopathischer Anlage, erblicher Belastung etc. 
von den Untersuchungen ausgeschlossen waren. 



III. 

Zur Psychologie der Alkoholfestigkeit und der 
Entschuldigungstendenzen. 

Von Dr. Wilhelm Stekel, Wien. 

Für viele Neurologen ist das Verhalten des Menschen gegen Alkohol 
ein Symptom, das wichtige Rückschlüsse gestattet. Belastete sollen sehr 
wenig Alkohol vertragen und leicht berauscht werden. Bei solchen Menschen 
lösen schon kleine Alkoholdosen unheilvolle Triebhandlungen aus. An 
diesen Tatsachen ist nicht zu zweifeln. Ich will nun einige Beobachtungen 
mitteilen, welche beweisen, dass bei der Alkoholtoleranz auch psycho- 
logische Motive neben der organischen Disposition eine Rolle spielen 
können. Es verhält sich mit dem Rausche ähnlich wie mit dem Schlafe. 
Es gibt Menschen, die an einer Angst vor dem Schlafe leiden und andere 
zeigen den Willen zum Schlafe. Wir schlafen nicht nur, weil 
wir müde sind, sondern weil das Unbewusste herrschen 
will. So gibt es auch einen Willen zum Rausch. Dagegen könnte sprechen, 
dass manche Neurotiker sich einen Rausch antrinken wollen und nicht 
berauscht werden. Das beweist natürlich nichts, als die Existenz eines 
Nebenwillens. Dieser Nebenwille sträubt sich gegen den Rausch und 
sagt: „Du darfst das Bewusstsein nicht verlieren! Denn sonst " 

Ich behandle einen Mann, der sich eine sehr komplizierte Per- 
version, eine wunderliche Art von Fetischismus zurechtgezimmert hat. 
Es drängt ihn immer wieder, seinen Trieben nachzugehen und irgend 
einem Fetisch nachzulaufen, ihn anzusprechen usw. ... In seiner Ver- 
zweiflung beginnt er sich Mut anzutrinken. Allein nach einigen Gläsern 
tritt ein Ekel ein, der es ihm unmöglich macht, weiter zu trinken. Als 
ob eine Stimme in seinem Innern, eine Stimme, die er aber nicht ver- 
nimmt, sagen würde: „Jetzt hast du genug getrunken, jetzt könnte es 
gefährlich werden!" Versucht er weiter zu trinken, so muss er sofort 
erbrechen. Wir sehen hier den Ekel wie in vielen anderen Fällen, als 
Schutzwall gegen die Triebe. Er steht direkt im Dienste einer moralischen 
Tendenz, um das Individuum gegen sich selbst zu schützen. Ein anderes 
Mal trinkt dieser Kranke sehr viel und wird trotzdem nicht trunken, 
Das heisst, sein Bewusstsein hält scharfe Wache und duldet keinen Rausch. 



211) Dr. Wilhelm Stekel. 

Das Gegenstück ist ein Mann, der seine lirolagnie immer unter der 
Wirkung kleiner Alkoholdosen ausführt. Aber er verübt seine Perversion 
auch ohne Alkohol und er kennt auch den Rausch ohne Alkohol. Er leidet 
direkt an Rauschzuständen, ohne einen Tropfen getrunken zu haben. Er 
will berauscht sein. Hier dient der Alkohol als Entschuldigung. In der 
nachfolgenden Periode des moralischen Katzenjammers entschuldigt er 
sich selbst durch den Umstand, dass er getrunken habe. Am stärksten 
ist der Katzen jammcr, wenn er nichts getrunken und doch einen uro- 
lagnistischen Akt ausgeführt hat. Dann fehlt dies Motiv der Entschuldi- 
gung und er macht sich die schwersten Vorwürfe. Das Leitmotiv aller 
Neurotiker, auf das ich immer wieder hinweise, ..Lust ohne Schuld" 
dringt in dieser Handlung durch. Es gibt ja verschiedene Variationen dieses 
Motivs, unter denen die Verringerung der Schuld eine grosse Rolle spielt. 
Hier wird dem Alkohol diese Rolle des Prügelknaben zugeteilt. 

Die Abstinenzbewegung entschleiert sich von diesem Gesichtspunkt 
aus als eine soziale Phobie. Die Menschen trinken nicht, weil sie Angst 
vor sich und ihren Trieben haben. Sie schützen sich dadurch, dass sie 
diese Erkenntnis auf die Allgemeinheit übertragen. Der Neurotiker zeigt 
eben diese beiden bipolaren Bestrebungen: Die Verschiebung auf das 
Kleine und Kleinste (Freud) und -die Verschiebung auf das Grosse und 
Grösste. So behandle ich einen Neurotiker, der sich gerne der Idee hin- 
gibt, die Vagina habe im Laufe der Jahrtausende viel von ihrer Voll- 
kommenheit verloren. Eine Vagina der Etrusker und alten Ägypter müsse 
ein Ideal gewesen sein, das wir jetzt nicht finden können. Dieser Neuro- 
tiker zeigt auch eine ausgesprochene Gerontophilie. Er steht unter der 
Herrschaft des Inzestkomplexos, aber nicht im J u n g'schen oder im 
Adle r "sehen Sinne, sondern im Sinne F r e u d's. Aber er verschiebt seinen 
grossen peinlichen Konflikt auf das Historische. Der von ihm verurteilte 
Gedanke an die Mutter, der auch offen ins Rewusstsein brach, wurde der 
Gedanke an die Etrusker und Ägypter. Die ursprüngliche Formel „Die 
Vagina alter Frauen" und besonders „Die Vagina einer alten Frau" 
wurde vergrössert als die „Vagina der Alten" wieder bewusstseins- 
fähig gemacht. Das ist die Verschiebung auf das Grösste. Diese Ver- 
schiebung macht aus dem Vater die Gottheit und erhebt die persönlichen 
Konflikte zu religiösen. Diese Mechanismen zur Entschuldigung werden 
sogar von den Psychoanalytikern als Kunstgriff in der Therapie angewendet. 
Denn wenn Jung einem Neurotiker nachweist, sein Inzestkomplex sei 
nur eine Form des archaistischen Denkens und ihm dies durch ver- 
schiedene Stellen aus der Mythologie und Sagen forschung, aus der Lite- 
ratur und dem Folklore belegt, so vollzieht er die gleiche Verschiebung 
auf ein Grosses, die der Neurotiker zu seiner Entschuldigung anwendet. 
Er arbeitet also gegen die Neurose durch Verstärkungen neurotischer 
Kunstgriffe (Adle r). 

Die Abstinenzbewegung ist auch eine Verschiebung auf das Grosse 
und Soziale, um die eigenen Komplexe leichter zu bewältigen. Furt- 
müller hat in seiner gedankenreichen Arbeit „Ethik und Psychoanalyse" 
(Verlag von Reinhardt in München 1912) nachgewiesen, dass der Neuro- 
tiker die Vorschriften und- Hemmungen der Autoritäten zu seinen Vor- 
schriften macht. Er gehorcht nicht fremden Imperativen, er gehorcht 
nur sich. Er ist sein eigener Herr. In diesem Falle aber bemerken 
wir den verkehrten Mechanismus. Der Propagandist der Abstinenz- 



Zur Psychologie der Alkoholfestigkeit und der Entschuldigungstendenzen. 211 

bewegung überträgt seine Hemmungen, um sie leichter zu ertragen, auf 
eine grosse Gemeinschaft, auf die Allgemeinheit. So schützt er sich durch 
Flucht in die Öffentlichkeit, durch öffentliche Bindung, dadurch, dass er 
sich der allgemeinen Kontrolle unterwirft Ähnlich hat sich der bekannte 
Philosoph Weihinger gegen das Weib geschützt. Sein bekanntes Werk 
„Geschlecht und Charakter" sollte eine Mauer zwischen ihm und dem 
Weibe aufrichten und seine Keuschheit für alle Zeiten sichern. Wie er 
einsah, dass es nicht möglich war, nach" den öffentlich preisgegebenen 
„Leitlinien" ruhmlos zu leben, so zog er es vor ruhmvoll zu sterben. . . . 
Soziale Bewegungen entstehen gewiss aus sozialen Ursachen. Dass 
aber der einzelne sich durch individuelle Motive treiben lässt, erscheint 
mir ziemlich sicher. Ich kannte einen Arzt, der ein feuriger Apostel der 
Abstinenzbewegung in sexueller Hinsicht war. Er gründete in der Provinz 
eine solche Gesellschaft und erzielte mit einer grossen Rede, welche die 
Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten durch Abstinenz behandelte, einen 
kolossalen Erfolg. Dieser Arzt war psychisch impotent und versagte bei 
der Dirne vollkommen. Was lag ihm also näher, als die Dirne überhaupt 
aus dem Kreise der Möglichkeiten auszuschalten? Er übertrug seinen 
Konflikt auf das Soziale. Das Nachspiel seiner Rede ist sehr heiter. An 
dem Abend der Gründung des Vereines zur Bekämpfung der Geschlechts- 
krankheiten erzielte er mit seiner Rede gegen die Prostitution einen so 
kolossalen Erfolg, dass er -umjubelt und stürmisch gefeiert wurde. Sein 
geheimer Gedanke war: Heute würde es vielleicht gehen. Heute wärest du 
vielleicht auch bei der Dirne potent. Er fühlte sich als ganzer Mann. 
Gedacht — getan! Nach der Versammlung fuhr er in ein Lupanar. Ein 
Gefühl der Minderwertigkeit hatte ihn impotent gemacht. Das gesteigerte 
Selbstbewusstsein machte ihn wieder potent. Nach dem gelungenen Koitus 
war seine Weltanschauung eine andere und er fand den Verein überflüssig 
und lächerlich. . . . 



IV. 

Zum Thema: Spermatozoenträume. 

Von Herbert Silberer (Wien). 

Herr Dr. TelJheim 1 ), der mir schon öfters Analysenniaterial zur 
Verfügung stellte und jetzt meine in der ersten Hälfte des „Jahrbuchs" 
1912 erschienene Arbeit über die Spermatozoenträume gelesen hat, ist so 
freundlich, mir eine Vision mitzuteilen, die, wie er sich ausdrückt, „wahr- 
scheinlich zu den Spermatozoenträumen zu rechnen ist, wenn sie auch 
nicht so sehr ein Traum als vielleicht eine Träumerei genannt zu werden 
verdient". 

Ich bin dem Genannten für seine Mitteilung um so dankbarer, als 
das Phänomen unter solchen Umständen erlebt wurde, unter denen man 
sonst für Beobachtungen wenig übrig hat, nämlich während eines Koitus. 
Die Vision zeigte sich bei geschlossenen Augen. Teil heim sah plötzlich 

i) Pseudonym. 



2J2 Herbert Silberer, Zum Thema: Sperraatozoenträuroe. 

mit Deutlichkeit vor sich das Bild einer sehr langen Tafel (Tisch), welche 
heiderseits mit unzähligen kleinen Menschlein besetzt war, die sich leb- 
haft bewegten. Die Tafel und das Gewimmel der kleinen Menschlein 
schienen sich schier endlos nach rechts oben (bzw. rechts in die Tiefen- 
dimension) zu erstrecken, und eine gewisse Bewegung des Ganzen schien 
gleichfalls nach jener Richtung zu tendieren. 

Um die näheren Umstände befragt, gibt Teil hei in an, dass die 
Beobachtung zu später Abendstunde erfolgt sei und dass die Lage seines 
Penis mit derjenigen der gesehenen Tafel übereingestimmt habe, dergestalt 
dass die Spitze des Penis dem ins Unbestimmte sich erstreckenden Tafel- 
ende entsprach. Es sei ferner wohl möglich, dass er bei der späten Stunde 
etwas ermüdet gewesen sei. Den Grund meiner Frage nach dem Moment 
der Ermüdung wird man wohl verstehen, wenn man sich meine Studien 
über die von mir selbst erlebten mannigfachen hypnagogischen Hallu- 
zinationen vor Augen hält. Beim Zustandekommen dieser Phänomene 
spielt ja die Müdigkeit eine gewisse Bolle. Doch will ich auf diesem 
Punkt als dem minder interessanten nichl weiter beharren. Das, weshalb 
ich das Beispiel hier wiedergebe, ist selbstverständlich die Symbolik von 
der Tafel mit den Menschlein. Diese Menschlein stellen kaum etwas 
anderes vor als Spermatozoen, und die Tafel, längs der oder mit der sie 
sich wimmelnd ins Unbestimmte verlieren, ist nichts anderes als der 
Penis, was schon deutlich genug aus der beschriebenen Übereinstimmung 
mit Gestalt und Lage des wirklichen Penis, der sich in die dunklen 
Tiefen der Vagina verliert, hervorgeht. Das ganze Bild ist ein auto- 
symbolisches Phänomen, das den aktuellen Vorgang (Koitus), statt dass 
er gefühls- oder gedankernnässig erlebt wird, in Form eines Symbols 
bildhaft anschauen lässt. Die zu dieser Umformung erforderliche apper- 
zeptive Insuffizienz wird entweder durch die Müdigkeit oder schon allein 
durch die rauschartige Benommenheit (ob toxisch oder nicht, gilt hier 
gleich) beim Koitus erzeugt. 

Die unermessliche Länge der Tafel ist zum Teil eine Macht- 
phantasie vom grossen, riesenhaften Penis. Dass die Spermatozoen tafeln, 
deutet auf ein Freudenfest; der Koitus ist in der Tal ein Freudenfest, für 
die Spermatozoen wie für ihren Besitzer. Die Tafelnden verlieren sich 
schliesslich im unbestimmten oder unendlich fernen Hintergrund: die 
Spermatozoen werden ins unbestimmte Schicksal hinausgesehleuder-t, in 
jene dunkle Unendlichkeit, aus der das Lehen kommt und in die es sich 
unermüdlich fortpflanzt . . . 



G. Ch. Lichtenberg und die Psychoanalyse. 

Von A. v. W., Wien. 

Goethe sagt von Lichtenberg: „Wo er einen Spass macht, liegt ein 
Problem verborgen", er war der Liebling Schopenhauer's und Nietzsche 
zählt ihn zu unseren ersten Sprachmeistern. Grund genug, sich mit ihm 
zu beschäftigen, wenn er nicht überdies für den Psychoanalytiker in 



A. v. W., G. Ch. Lichtenberg and die Psychoanalyse. 213 

doppelter Hinsicht interessant wäre: als beobachtendes, analysierendes 
Subjekt und als Objekt. Es bleibt erstaunlich, wie gross seine Unbefangen- 
heit des Forschers in einer Epoche unfruchtbarer, abstrakter Vermögens- 
psychologie war. Seine Hypochondrie, sein Aberglaube, „der aus jeder 
Sache eine Vorbedeutung zieht und in einem Tag hundert Dinge zum Orakel 
macht", seine Art des Witzes, sein infantiler Gesichtsausdruck, sein reges 
Phantasieleben und so mancher andere kleine Zug stimmen — bei spiegel- 
klarer Krankheitseinsicht — gut zu dem Bilde des Neurotikers (er 
scheint auch an — nervösem? — Asthma gelitten zu haben), der sich 
nicht genug tun kann in der Verwunderung über seine eigenen zwangs- 
massigen Schwächen, ohne je imstande zu sein, dagegen anzukämpfen. 
Was ihn als Beobachter über einen Zeitraum von mehr als einem 
Jahrhundert dem Psychoanalytiker die Hand reichen lässt, ist dies: seine 
Unbekümmertheit um die offizielle Psychologie, seine Wertschätzung des 
Traumes, sein scharfer Blick für das Tatsächliche, der sich nicht bei 
einem fingierten Normalzustand der Seele beruhigt, sein Interesse für 
jede einzelne Handlung, die er in ihrem individuellen Ablauf ihren treiben- 
den Kräften nach kausal zu bestimmen sucht. R. M. Meyer 1 ) führt ein 
bezeichnendes Beispiel an: „Der Dachdecker stärkt sich vielleicht durch 
ein Morgengebet zu den grüssten Gefahren . . . vielleicht aber auch durch 
eine Dosis von verbranntem Katzenhirn. 0, wenn man doch manchmal 
wüsste, was den Leuten Mut gibt!" Der lebendigen Tatsache gegenüber 
befriedigt ihn also weder die spiritualistische noch die materialistische 
Hypothese; es sucht die wirkliche Vorgeschichte des Faktunis statt aller 
Deduktion über Herrschaft der Seele oder des Körpers. Von dem Haupt- 
begriff der herkömmlichen Psychologie, dem der Eigenschaften, und seiner 
Erklärung absehend, fragt Lichtenberg bloss: Wie erklären sich die ein- 
zelnen Handlungen? Zwischen die gegenwärtige bekannte Person und 
ihrer Lebensäusserung schiebt er den wissenschaftlichen Begriff der Dis- 
position ein. Eigenschaften sagt er von sich kaum aus; hingegen erwähnt 
er seine Disposition zum Aberglauben, zur Trägheit, zur Hypochondrie. — 
Sein , .Misstrauen gegen menschliche Kräfte in allen Stücken" hindert ihn, 
von den Handlungen sofort auf den Charakter zu schliessen und jemanden, 
der ein paar löbliche Handlungen verrichtet, gleich gut zu nennen. Er 
lehnt es ab, hier ohne weiteres eine Tendenz zum Guten anzunehmen, 
denn es ist ihm wohl bewusst, wieviel Unerkanntes zwischen Neigung und 
Tat liegt. Von grösster Bedeutung sind ihm daher alle instinktiven Hand- 
lungen, in denen sich eine vorherrschende geistige Tendenz — ohne Be- 
einträchtigung durch geheime, unbewusste Absichten — rein darstellt. 
„Wir lernen die menschliche Seele nur in ihrer Tätigkeit kennen, ein Wille, 
der gerade eben nichts will, Neigungen ohne bestimmtes Objekt gibt es 
nur in der Abstraktion." In der Bewegung verrät sich Lichtenberg am 
sichersten die Seele. Seine Physiognomik hat Äusserlichkeiten wie 
Stimme, Art des Ausdrucks, kurz den gesamten Habitus des Menschen 
zum Gegenstande. In der Sucht, den menschlichen Neigungen auf den 
Grund zu kommen, sammelt er scheinbar wahllos die mannigfaltigsten 
Tatsachen des Seelenlebens. Er notiert sorgfältig Dinge, die geeignet wären, 
ihn, den Professor der Physik, in den Augen der unwissenden Welt lächer- 



') Richard M. Meyer, Jonathan Swift und Lichtenberg. Zwei Satiriker 
des 18. Jahrhunderts. Berlin 1886. 



214 



A. v. W., 



lieh zu machen. Unbekümmert um ihr Urteil, befleissigt er sich überall 
der wunderbarsten Aufrichtigkeit. Nicht zum mindesten um dieser seltenen 
Eigenschaft willen verdient es Lichtenberg, dass ihm von der psycho- 
analytischen Wissenschaft als verwandtem Geist gehuldigt werde. 

Wir geben im folgenden eine Anzahl charakteristischer Stellen aus 
seinen Aphorismen, die deutlich genug für sich selber sprechen: 

Ich fand oft ein Vergnügen daran, Mittel auszudenken, wie ich 
diesen oder jenen Menschen ums Leben bringen, oder Feuer anlegen 
könnte, ohne dass es bemerkt würde, ob ich gleich nie den festen Ent- 
schluss gefasst habe, so etwas zu tun, noch auch die geringste Neigung 
dazu in mir verspürt, und bin sehr oft mit solchen Gedanken einge- 
schlafen. 

In meinem zehnten Jahre verliebte ich mich in einen Knaben, namens 
S., eines Schneiders Sohn, der in der Stadtschule Primus war; ich hörte 
gern von ihm erzählen und forschte bei allen Knaben nach Unterredungen, 
die sie mit ihm gehabt hätten; ohne ihn selbst je gesprochen zu haben, 
war es mir ein grosses Vergnügen zu hören, dass er von mir gesprochen 
hatte. Nach der Schule kletterte ich auf eine Mauer, um ihn aus der 
Schule gehen zu sehen. Wenn ich mich jetzt seiner Physiognomie, die 
mir noch sehr deutlich vorschwebt, erinnere, so war er nichts weniger als 
schön, eine Stumpfnase mit roten Backen; war aber Primus in der Schule. 
Es sollte mir leid tun, wenn ich durch dieses freie Bekenntnis das Miss- 
trauen gegen die Welt vermehren sollte; aber ich war ein Mensch, und 
das Glück der Welt, wenn sie es jemals erreicht, muss nicht durch Ver- 
liehlung gesucht werden, auf keine Weise. Dauerndes Glück ist nur in 
Aufrichtigkeit zu finden. 

Ich habe wenige Menschen in der Welt gekannt, deren Schwach- 
heiten ich nicht nach einem Umgang von 3 Wochen (Stunden des Umgangs 
bloss gerechnet, welches wohl ein Vierteljahr im Kalender betragen konnte) 
ausgefunden hätte; und ich bin überzeugt worden, dass alle Verstellung 
nichts hilft gegen einen Umgang von 3 Wochen; denn jede Befestigungs- 
kunst hat eine eigene Belagerungskunst für den, der sehen kann. 

Ich träumte neulich an einem Morgen, ich läge wach im Bette und 
konnte keinen Atem bekommen; darauf erwachte ich ganz munter und 
spürte, dass ich, nach meiner damaligen Lage, nur sehr massigen Mangel 
daran hatte. Einem blossfühlenden Körper kommen böse Empfindungen 
allezeit grösser vor, als einem, der mit einer denkenden Seele verknüpft 
ist, woselbst oft der Gedanke, dass die Empfindungen nichts zu bedeuten 
haben, oder dass man sich, wenn man nur wollte, davon befreien konnte, 
vieles von dem Unangenehmen vermindert. Wir liegen öfters mit unseren» 
Körper so, dass gedrückte Teile uns heftig schmerzen, allein weil wir 
wissen, dass wir uns aus dieser Lage bringen können, wenn wir wollen, 
so empfinden wir wirklich sehr wenig. Dies bestätigt eine Anmerkung, 
die ich anderswo gemacht habe, dass man sich durch Drücken die Kopf- 
schmerzen vermindern könne. 

In meinem Kopfe leben noch Eindrücke längst abgeschiedener Ur. 
sacben. 



ü. Ch. Lichtenberg und die Psychoanalyse. 215 

Am 4. Juli (1775) erwachte ich in Wrest, allein nicht zu voll- 
kommener Klarheit aus einem Traume von meiner Mutter. Mir träumte, 
sie wäre bei mir in dem Garten von Wrest und hätte mir versprochen, 
mit mir über den Kanal in der fliegenden Brücke zu fahren. Sie trug 
mir aber vorher etwas zu tun auf, dieses verwickelte mich in Schwierig- 
keiten und ich sah meine Mutter nicht wieder. „Du lebst nicht mehr", 
sagte ich in dem leichten Schlummer zu mir selbst, „und über dich ist 
das: Nun lasst uns den Leib begraben — gesungen worden"; und in 
dem Augenblick fing ich mit der Melodie (aber alles in Gedanken) eine 
Strophe an zu singen, allein aus einem anderen Liede (Wo bist du denn, 
o Bräutigam? aus dem Liede: Du unbegreiflich höchstes Gut), welches 
eine unbeschreibliche Wirkung auf mich hatte, melancholisch zwar, aber 
auf eine Art, die ich dem lebhaftesten Vergnügen vorziehe. . 

Ist das nicht ein herrlicher Zug in Housseau's Bekenntnissen, wo 
er sagt, er habe mit Steinen nach Bäumen geworfen, um zu sehen, ob er 
selig oder verdammt würde? Grosser Gott, wie oft habe ich Ähnliches 
getan, ich habe immer gegen den Aberglauben gepredigt und bin für mich 
immer der ärgste Zeichendeuter. Als N. auf tot lag, Hess ich es auf den 
Krähenflug ankommen, wegen des Ausgangs mich zu trösten. Ich hatte, 
wenn ich am Fenster stand, einen hohen Turm mir gegenüber, auf dem 
viele Krähen waren. Ob rechts oder links vom Turm die erste Krähe 
erschien. Sie erschien von der linken, allein da tröstete ich mich wieder 
damit, dass ich nicht festgesetzt hatte, welches eigentlich dife linke Seite 
des Turmes genannt zu werden verdiente. Es ist vortrefflich, dass Rous- 
seau's sich mit Fleiss einen dicken Baum aussuchte, den er also nicht 
leicht fehlen konnte. 

Einer der merkwürdigsten Lüge in meinem Charakter ist gewiss 
der seltsame Aberglaube, womit ich aus jeder Sache eine Vorbedeutung 
ziehe und in einem Tage hundert Dinge zum Orakel mache. Ich brauche 
es hier nicht zu beschreiben, indem ich mich hier allzu wohl verstehe. 
Jedes Kriechen eines Insekts dient mir zur Antwort auf eine Frage über 
mein Schicksal. Ist das nicht sonderbar von einem Professor der Physik. 

Wir glauben, dass wir frei wären in unseren Handlungen sowie 
wir im Traume einen Ort für ganz bekannt halten, den wir gewiss jetzt 
zum ersten Male sehen. So träumte mir in der Nacht vom 23. auf den 
24. Oktober 1788, ich hätte mich in eine Stadt verirrt, von der mir nicht 
einmal der Name im Traum bekannt war und endlich, als ich in der 
Ferne eine zerfallene Bogenstellung bemerkte, war ich froh, weil ich 
die von meinem Garten aus sehen und also mein Haus nicht weit sein 
konnte. Beim Erwachen fand ich aber schon, dass ich nie in meinem 
Leben an einer solchen Bogenstellung gewohnt hatte usw. In meinen 
Träumen findet sich mehr dergleichen. 

Mir träumte, ich sollte lebendig verbrannt werden. Ich war sehr 
ruhig dabei. Was mich beim Erwachen eben nicht freute. So etwas 
kann Erschlaffung sein. Ich räsonnierte ganz ruhig über die Zeit, die 
es dauern würde: vorher dachte ich, bin ich noch nicht verbrannt' und 
nachher bin ich es, das war alles, was ich dachte, und bloss dachte:. 



216 A - v - w - 

Diese Zeit Hegt zwischen sehr engen Grenzen. Ich fürchte fast, es wird 
bei mir alles zu Gedanken, und das Gefühl verliert sich. 

Mein Körper ist derjenige der Welt, den meine Gedanken verändern 
können. Sogar eingebildete Krankheiten können wirkliche werden. In 
der ganzen übrigen Welt können meine Hypothesen die Ordnung der 
Dinge nicht stören. 

Als ich mich in der Nacht vom 24. auf den 25. Januar 1790 auf 
den Namen des schwedischen Literators und Buchhändlers Gjörwell be- 
sann, den ich gar nicht finden konnte, so bemerkte ich folgendes: von 
Anfang an zweifelte ich ganz, ihn je aus mir selbst wieder zu finden. 
Nach einiger Zeit bemerkte ich, dass, wenn ich gewisse schwedische 
Namen aussprach, ich dunkel fühlte, wenn ich ihm näher kam; ja ich 
glaubte zu bemerken, wenn ich ihm am nächsten war; und doch fiel ich 
plötzlich ab und schien wiederum zu fühlen, dass ich ihn gar nicht 
finden würde. Welche seltsame Relation eines verlorenen Wortes gegen 
die anderen, die ich noch bei mir hatte und gegen meinen Kopf. Den 
zweisilbigen gab ich übrigens immer den Vorzug. Endlich bemühte ich 
mich, nachdem ich mich die Nacht durchgequält und dadurch meine 
Nervenzufälle gewiss verschlimmert hatte, den Anfangsbuchstaben zu finden, 
und als ich in dem Alphabet an das G kam, stutzte ich und sagte zugleich 
Gjörwell. Allein einige Zeit nachher fing ich wieder an zu glauben, es 
sei doch der rechte nicht, bis ich endlich aus dem Bett kam und heiterer 
wurde. Was mein Aberglaube dabei für eine wichtige Rolle spielte! 
Als ich den Namen fand, glaubte ich sogar, es sei ein Zeichen, dass ich 
nun gesund werden würde. Dies hängt mit einer Menge ähnlicher Vor- 
fälle in meinem Leben zusammen. Ich bin sehr abergläubisch, allein 
ich schäme mich dessen gar nicht, so wenig als ich mich schäme zu glauben, 
dass die Erde still steht. Es ist der Körper meiner Philosophie, und 
ich danke nur Gott, dass er mir eine Seele gegeben hatte, die dieses 
korrigieren kann. 

Bei meiner Nervenkrankheit habe ich sehr häufig gefunden, dass 
das, was sonst nur mein moralisches Gefühl beleidigte, nun in das 
physische überging. Als jemand einmal sagte: „mich soll Gott töten", 
wurde mir so übel, dass ich dein Menschen auf eine Zeitlang die Stube 
verbieten rnusste. 

Ich habe oft stundenlang allerlei Phantasien nachgehängt, in Zeiten, 
wo man mich für sehr beschäftigt hielt. Ich fühlte das Nachteilige da- 
von in Rücksicht auf Zeitverlust, aber ohne die Phantasienkur, die ich 
gemeiniglich um die gewöhnliche Bninnenzeit gebrauchte, wäre ich nicht 
so alt geworden. 

Es war zu Ende September 1798, als ich jemanden im Traume 
die Geschichte der jungen und schönen Gräfin H. erzählte, die mich, 
und überhaupt jedermann sehr gerührt hat. Sie starb im September 
1797 in den Wochen, oder eigentlich während der Geburt, die nicht 
zustande kam. Sie wurde geöffnet und das Kind neben ihr in v-'en Sarg 
gelegt, und so wurden sie zusammen des Nachts mit Fackeln, unter 



G. Cb. Lichtenberg und die Psychoanalyse. 217 

einem entsetzlichem Zulauf von Volk, nach einem benachbarten Orte, 
wo das Familienbegräbnis ist, gebracht. Dies geschah auf dem Göttingi- 
schen Leichenwagen, einei sehr unbeholfenen Maschine. Dadurch wurden 
also die Leichname sehr durcheinander geworfen. Am Ende wollten sie, 
ehe sie in die Gruft gebracht wurde, noch einige Leute sehen. Man öffnete 
den Sarg und fand die Mutter auf dem Gesicht liegend und mit ihrem 
Kinde in einen Haufen geschüttelt. Das schöne Weib, schwerlich noch 
20 Jahre alt, die Krone unserer Damen, die auf manchem Balle den Neid 
der schönsten erregt, in diesem Zustande ! Dieses Bild hatte mich zu 
der Zeit oft beschäftigt, zumal da ich ihren Gemahl, einen meiner eifrigsten 
Zuhörer, sehr wohl gekannt hatte. Diese traurige Geschichte erzählte 
ich nun jemandem im Traume, im Beisein eines Dritten, dem die Geschichte 
auch bekannt war; vergass aber (sehr sonderbar) den Umstand mit dem 
Kinde, der doch gerade ein Hauptuinstand war. Nachdem ich die Er- 
zählung, wie ich glaubte, mit vieler Energie und Kührung dessen, dem 
ich sie erzählte, vollendet hatte, sagte der Dritte:' ja, und das Kind lag 
bei ihr, alles in einem Klumpen. — Ja, fuhr ich gleichsam auffahrend 
fort, und ihr Kind lag mit in dem Sarge. — Dieses ist der Traum; was 
mir ihn merkwürdig macht, ist dieses: Wer erinnerte mich im Traume 
an das Kind? Ich war es ja selbst, dem der Umstand einfiel; warum 
brachte ich ihn nicht selbst im Traume als eine Erinnerung bei? Warum 
schuf sich meine Phantasie einen Dritten, der mich damit überraschen 
und gleichsam beschämen musste? Hätte ich die Geschichte wachend 
erzählt, so wäre mir der rührende Umstand gewiss nicht entgangen. 
Hier mussto ich ihn übergehen, um mich überraschen zu lassen. Hieraus 
Jässt sich allerlei schliessen; ich erwähne nur eines, und gerade das, 
was am stärksten wider mich selbst zeugt, zugleich aber auch für die 
Aufrichtigkeit, womit ich diesen sonderbaren Traum erzähle. Es ist mir 
("titers begegnet, dass, wenn ich etwas habe drucken lassen, ich erst 
ganz am Ende, wenn sich nichts mehr ändern liess, bemerkt habe, class 
ich alles hätte besser sagen können, ja, dass ich Hauptumstände ver- 
gessen hatte. Dieses ärgerte mich oft sehr. — Ich glaube, dass hierin 
die Erklärung liegt. Es wurde hier ein mir sehr merkwürdiger Vorfall 
dramatisiert, rberhaupt aber ist das mir nichts Ungewöhnliches, dass 
ich im Traum von einem Dritten belehrt werde; das ist aber weiter nichts 
als dramatisiertes Besinnen. Sapienti sat. 

In der Nacht vom 9. auf den 10. Februar träumte mir, ich speise 
auf einer Heise in einem Wirtshause, eigentlich auf einer Strasse in 
einer Bude, worin zugleich gewürfelt wurde. Mir gegenüber sass ein 
junger, gut angekleideter, etwas windig aussehender Mann, der, ohne 
auf die Umhersitzenden oder Stehenden zu achten, seine Suppe ass, 
aber immer den zweiten oder dritten Löffel voll in die Höhe warf, wieder 
mit dem Löffel fing und dann ruhig verschluckte. Was mir diesen Traum 
besonders merkwürdig macht, ist, dass ich dabei eine gewöhnliche Be- 
merkung machte, dass solche Dinge nicht könnten erfunden werden, man 
müsste sie sehen. (Ich meine, kein Romanschreiber würde darauf ver- 
fallen.) Dennoch hatte ich dieses doch in dem Augenblicke erfunden. 
Bei dem Würfelspiel sass eine lange hagere Frau und strickte. Ich fragte, 
was man da gewinnen könnte. Sie sagte: „nichts"; und als ich fragte', 

Zentralbau für Psychoanalyse. Til''\ jjj 



218 A - v w - 

ob man was verHeren könnte, sagte sie: nein! Djeses hielt ich für ein 
wichtiges Spiel. 

Jedes Gebrechen im menschlichen Körper erweckt bei dem, der 
darunter leidet, ein Bemühen zu zeigen, dass es ihn nicht drückt: der 
Taube will gut hören, der Klumpfuss über rauhe Wege zu Fuss gehen, 
der Schwache seine Stärke zeigen usw. So verhält es sich in mehreren 
Dingen. Dieses ist für den Schriftsteller ein unerschöpflicher Quell von 
Wahrheiten, die andere erschüttern, und von Mitteln, einer Menge in die 
Seele zu reden. 

Die Menschen denken über die Vorfälle des Lebens nicht so ver- 
schieden, als sie darüber sprechen. 

Woher man wohl die entsetzliche Abneigung des Menschen her- 
rühren, sich zu zeigen, wie er ist, in seiner Schlafkammer, wie in seinen 
geheimsten Gedanken? In der Körperwelt ist alles wechselseitig, das 
was es sich sein kann, und zugleich sehr aufrichtig. Nach unseren Be- 
griffen sind die Dinge gegeneinander alles mögliche, was sie sein können, 
und der Mensch ist es nicht. Er scheint mehr das zu sein, was er nicht 
sein sollte. Die Kunst, sich zu verbergen, oder der Widerwille, sich 
geistlich oder moralisch nackend sehen zu lassen, geht bis zum Er- 
staunen weit. 

Ich kann nur die Oberfläche der Leute auf meine Seite bringen, 
ihr Herz erhält man nur mit ihrem sinnlichen Vergnügen davon bin 
ich so überzeugt, als ich lebe. 

Da? Glück des Menschen besteht in einem richtigen Verhältnis seiner 
Gemütseigenschaften und seiner Affekte; wenn eine wächst, so leiden 
alle anderen, daraus entstehen unzähliche Mischungen. Das, was man 
einen grossen Geist nennt, kann so gut eine Missgeburt sein, als es 
ein grosser Spieler ist, aber eine nützliche Missgeburt, so waren Savage 
und Günther wahrhafte Missgeburten; der Mann, der ruhig und vergnügt 
lebt, ist der eigentliche Mensch, und ein solcher Mensch wird es selten 
sehr weit in seiner Wissenschaft bringen, weil jede Maschine, die zu 
vielem nützen soll, selten zu jedem so stark nützen kann, als eine, die 
nur allein zu einer einzigen Absicht gemacht ist. Deswegen ist es eben 
so weise eingerichtet, dass wenige Leute Genie haben, als es weislich 
ist, dass nicht alle Leute "taub oder blind sind: 

Der gesunde Gelehrte; der Mann, bei dem Nachdenken keine Krank- 
heit ist. 

In der Sprache von Otaheiti heisst Erai die Sonne, erai der Himmel 
und Erao das weibliche Glied. 

Wenn ich im Traum. mit jemandem disputiere, und der mich wider- 
legt und belehrt, so bin ich es, der sich selbst belehrt, also nachdenkt. 
Dieses Nachdenken wird also unter der Form von Gespräch angeschaut. 
Können wir uns daher wohl wundern, " wenn die früheren Völker das, 



G. Ch. Lichtenberg und die Psychoanalyse. 219 

was sie bei der Schlange denken (wie Eva) durch; die Schlange sprach 
zu mir, ausdrücken? Von der Art sind die Ausdrücke: der Herr sprach 
zu 'mir; mein Geist sprach zu mir. Da wir eigentlich nicht genau wissen, 
wo wir denken, so können wir den Gedanken versetzen, wohin wir 
wollen. So wie man sprechen kann, dass man glaubt, es käme von einem 
Dritten, so kann man auch so denken, dass es lässt, als würde es uns 
gesagt. Hierher gehört der Genius des Sokrates. Wie erstaunlich 
vieles Hesse sich noch durch die Träume entwickeln. 

Wenn uns von einer Gesellschaft von Leuten träumt, wie sehr in 
ihrem Charakter lassen wir sie nicht reden I Warum gelingt uns das 
nicht ebenso, wenn wir schreiben? 

Ich empfehle Träume nochmals. Wir leben und empfinden so gut 
im Traum als im Wachen, und das eine macht so gut als der andere 
einen Teil unserer Existenz aus. Es gehört unter die Vorzüge des Menschen, 
dass er träumt und es weiss. Man hat schwerlich noch den rechten 
Gebrauch davon gemacht. Der Traum isl ein Leben, das, mit unserem 
übrigen zusammengesetzt, das wird, was wir menschliches Leben nennen. 
Die Träume verlieren sich in unser Wachen allmählich herein, und man 
kann nicht sagen, wo das eine anfängt und das andere aufhört. 

Dass wir uns im Traume selbst sehen, kommt daher, dass wir 
uns oft im Spiegel sehen, ohne daran zu denken, dass es im Spiegel 
ist. Es ist aber im Traume die Vorstellung lebhafter und das Bewusst- 
sein und Denken geringer. 

Worin mag der Grund der sonderbaren Erscheinung liegen, die 
ich so oft bemerkt habe, dass man mit jemandem im Traume von einem 
Dritten spricht, und wenn man erwacht, findet, dass der vermeinte Dritte 
gerade der Mann war, mit dem man auch gesprochen hat? Ist es viel- 
leicht blosse Form des Erwachens, oder worin liegt der Grund? 

Träume führen uns oft in Umstände und Begebenheiten hinein, 
in die wir wachend nicht gleich hätten können verwickelt werden, oder 
lassen uns Unbequemlichkeiten fühlen, welche wir vielleicht als klein 
in der Ferne verachtet hätten, und eben dadurch mit der Zeit in die- 
selben verwickelt worden wären. Ein Traum ändert daher sehr oft 
unseren Entschluss, sichert unseren moralischen Fond besser als alle 
Lehren, die durch einen Umweg ins Herz gehen. 

Zwischen Wachen und Traum, auch bei der herannahenden Gott- 
heit des Bacchus, nimmt oft die Erinnerung längst vergangener Wollust 
einen ganz himmlischen Schwung in unseren Seelen. 

Man kann ebensogut träumen, ohne zu schlafen, als man schlafen 
kann, ohne zu träumen. 

Wenn Leute ihre Träume aufrichtig erzählen wollten, da liesse 
sich der Charakter eher daraus erraten, als aus dem Gesicht. 

15* 



A. v. W., 

Es wäre nicht gut, wenn die Selbstmörder o|ft mit der eigentlichen 
Sprache ihre Gründe erzählen könnten, so aber reduziert sie sich jeder 
Hörer auf seine eigene Sprache und entkräftet sie nicht sowohl dadurch, 
als macht ganz andere Dinge daraus. Einen Menschen recht zu ver- 
stehen, müsste man zuweilen der nämliche Mensch sein, den man ver- 
stehen will. Wer versteht, was Gedankensystem ist, wird mir Beifall 
geben; öfters allein zu sein, und über sich selbst zu denken, und seine 
Welt aus sich zu machen, kann uns grosses Vergnügen gewähren, aber 
wir arbeiten auf diese Art unvermerkt an einer Philosophie, nach welcher 
der Selbstmord billig und erlaubt ist. Es ist daher gut, sich durch ein 
Mädchen oder einen Freund wieder an die Welt anzuhaken, um nicht 
ganz abzufallen. 

Den Männern haben wir so viel seltsame Erfindungen in der Dicht- 
kunst zu danken, die alle ihren Grund in dem Erzeugungstrieb haben, z. B. 
die Ideale von Mädchen. Es ist schade, dass die feurigen Mädchen nicht 
von den schönen Jünglingen schreiben dürfen, wie sie wohl könnten, wenn 
es erlaubt wäre. So ist die männliche Schönheit noch nicht, von den- 
jenigen Händen gezeichnet, die sie allein recht mit Feuer zeichnen könnten. 
Es ist wahrscheinlich, dass das Geistige, was ein Paar bezauberte Augen 
in einem Körper erblicken, der sie bezaubert hat, sich ganz auf eine 
.andere Art dem Mädchen im männlichen Körper zeigt, als es sich dem 
Jüngling im weiblichen entdeckt. 

Hätte die Natur nicht gewollt, dass der Kopf den Forderungen des 
Unterleibes (lehör geben sollte, was hätte sie nötig gehabt, den Kopf an 
den Unterleib anzuschliessen. Dieser hätte sich, ohne eigentlich dasjenige 
zu tun, was man Sünde nennt, satt essen und sich satt paaren, und jener 
ohne diese Systeme schmieden, abstrahieren und ohne Wein und Liebe 
von platonischen Häuschen und platonischen Entzückungen reden und 
singen und schwatzen können. Küsse vergiften ist noch weit ärger von 
der Natur gehandelt, als das Vergiften der Pfeile der Feinde im Krieg. 

Die Scheidewand zwischen Vergnügen und Sünde ist dünne, dass sie 
der Strom des langsamsten Blutes im siebzigsten in Stücke drückt. Was ? 
Will denn die Natur, was sie nicht will? oder denkt die Vernunft, was 
sie nicht denken kann? Du Narr! Weg mit dieser verfluchten Demokratie, 
wo alles das Wort führen will. Wenn ich will, soll eine uneinheimische, 
eingeführte, nichtswürdige Sentenz aufsteigen und Fleisch und Blut Trotz 
bieten ? Eine Sentenz, Herr, von diesem festen steten Hang eines ganzen 
Systems zur Wollust? Ja, werfe einem hungrigen Volk einen Zwieback 
zu und befriedige es oder halte die Flut mit einem Fächer auf. Sünde, was 
Sünde — dreitausend Stimmen gegen eine, es ist nichts. Eine Schuldistink- 
tion oder Priesterbetrug. So — hier stehe ich fest, und dieses bin ich. 
Seid, was ihr wollt, wohlan. 

Ihr, die ihr so empfindsam von der Seele eurer Mädchen sprechen 
könnt, ich gönne euch diese Freude. Glaubt aber ja nicht, dass ihr so 
etwas Erhabenes tut oder sagt; oder dünkt euch nicht edler als der 
Pöbel, der gewiss so gar unrecht nicht hat, sich hauptsächlich an den 
Körper zu halten. Was doch ein junger Rezensionenleser für eine Idee 
von einem so feinen Sentiment hat! Der Bauersknecht schielt nach dem. 



G. Ch. Lichtenburg and die Psychoanalyse. 221 

Unterrock und sucht den Himmel dort, den du in den Augen suchst. Wer 
hat recht? Ich wäge keine Gründe in dieser Frage und noch viel weniger 
entscheide ich sie; aber raten will ich es aus treuem Herzen allen emp- 
findsamen Kandidaten, dass sie sich mit den Bauern setzen, es könnte 
sonst auf verdriessliche Weitläufigkeiten hinauslaufen. 

Im Jahre 1780 kam Sir William Hamilton nach dem kleinen Städt- 
chen Isagua in Abruzzo und bemerkte daselbst in einer dem heiligen 
Cosmos und Damian gewidmeten Kirche, dass eine Menge Weiber und 
Mädchen andächtig nach einem jungen Kanonikus hinschlichen, der ein 
grosses Becken vor sich stehen hatte, in welches diese Andächtigen etwas 
opferten, das Sir William nicht gleich erkennen konnte. Als er sich er- 
kundigte, was das sei, was die Damen da in das Becken trügen, so sagte 
man ihm, es wären in Wachs geformte grosse Zehen des Schutzheiligen 
dieser Kirche, des heiligen Como. — Und warum würden sie denn ge- 
opfert? — Es geschähe, war die Antwort, sich damit Fruchtbarkeit zu 
erbitten. — Dass man nun gerade die grosse Zehe des Heiligen wählte, 
und nicht lieber den Daumen oder sonst einen Finger oder eine ganze Hand, 
machte die Neugierde des Philosophen rege. Er trat also näher hinzu, 
um die grosse Zehensammlung näher zu betrachten, und fand am Ende, 
dass das christliche Frauenzimmer zu Isagua in Abruzzo in einem christ- 
lichen Tempel im Jahre Christi Eintausendsiebenhundertundachtzig, um 
Fruchtbarkeit zu erlangen, wahre Priapen opferte, die mit vieler Kunst 
in Wachs geformt waren, und die man, um ein skandalöses Verfahren 
wenigstens hinter einer unschuldigen Benennung etwas zu verstecken, 
grosse Zehen genannt hatte. Die Mönche des Ortes schickten nämlich 
Leute aus mit Körben voll dieser Zehen, die sie feil auf den Strassen 
herumboten. Eigentlich hatten sie keinen bestimmten Preis, man konnte 
geben, was man wollte; aber da man hauptsächlich die Eigenschaft an 
ihnen rühmte, dass die Wirkung immer desto sicherer wäre, je mehr man 
dafür bezahlte, so zogen sie dadurch beträchtliche Summen an sich. 
Offenbar waren an dem Orte ehedem Priapeja gefeiert worden, und die 
Einkünfte dieser Wachsfiguren mochten den guten Nachfolgern des Heiden- 
tums zu beträchtlich geschienen haben, um sie nicht zum besten der 
heiligen Mutter Kirche zu verwenden und den heidnischen Gebrauch" unter 
einem etwas züchtigeren Namen einzuführen. Sir William glaubt, die 
Wachspriapen würden noch in den nämlichen Formen gegossen, deren 
sich ehedem die heidnischen Priester bedient hätten. Bei seiner Rückkehr 
nach Neapel erzählte er seine Entdeckung am Hofe, und erst 1780 wurde 
der Priapen handcl dem lieben heiligen Cosmo gelegt. 

Shakespeare hat eine besondere Gabe, das Närrische auszudrücken, 
Empfindungen und Gedanken zu malen und auszudrücken, die man kurz 
vor dem Einschlafen oder im leichten Fieber hat. Mir ist alsdann schon 
oft ein Mann wie eine Einmaleins-Tafel vorgekommen und die Ewigkeit, 
wie ein Bücherschrank. Er müsste vortrefflich kühlen, sagte ich, und 
meinte den Satz des Widerspruchs, ich hatte ihn ganz essbar vor mir 
gesehen. 

Unsere Welt wird noch so fein werden, dass es so lächerlich sein 
wird, einem Gott zu glauben, als heutzutage Gespenster. 



222 A. v. W., G. Ch. Lichtenberg und die Psychoanalyse. 

Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, das heisst vermutlich, 
der Mensch schuf Gott nach dem seinigen. 

Seitdem er die Ohrfeige bekommen hatte, dachte er immer, wenn 
er ein Wort mit einem sah, als Obrigkeit, es heisse Ohrfeige. 

Er las immer Agamemnon statt „angenommen", so sehr hatte er- 
den Homer gelesen. 

Ich kann nicht sagen, dass ich ihm feind gewesen wäre, aber auch 
nicht gut, es hat mir nie von ihm geträumt. 

Ich möchte was darum geben, genau zu wissen, für wen eigentlich 
die Taten getan worden sind, von denen man öffentlich sagt, sie wären 
für das Vaterland getan worden. 

Ich kann den Gedanken nicht los werden, dass ich gestorben war, 
ehe ich geboren wurde, und durch den Tod wieder in jenen Zustand zu- 
rückkehre. 



VI. 

Zwei Träume Flaubert's. 

Von Dr. Theodor Reik. 

Zwei Träume des jungen Flaubert werfen das hellste Licht auf sein 
Seelenleben. Sie sind den „Memoires d'un fou" 1 ) entnommen, welche 
nach des Dichters eigenem Geständnisse das Spiegelbild seiner Jugend- 
jahre bilden. 

Des Nachts „hörte ich Schritte, man stieg die Treppe empor, eine 
Luft, wie ein übelriechender Duft drang bis zu mir. Die Tür öffnete sich 
von selbst. Es waren viele, vielleicht 7 oder 8; ich hatte nicht Zeit, sie 
zu zählen. Sie waren klein oder gross, mit rauhen, schwarzen Barten 
bedeckt, ohne Waffen, aber alle hatten einen Dolch zwischen den Zähnen, 
und als sie sich im Kreise um mein Bett näherten, krachten die Zähne 
und das war schrecklich. Sie schoben meine weissen Vorhänge zurück 
und jeder Finger hinterliess eine Blutspur; sie betrachteten mich mit 
grossen, starren Augen ohne Lider; ich sah sie auch an; ich konnte keine 
Bewegung machen; ich wollte schreien. Es schien mir dann, als ob das 
Haus sich emporhebe von seinem Fundament, als ob es ein Hebel empor- 
gehoben hätte. Sie betrachteten mich lange so, dann entfernten sie sich 
und ich sah, dass alle eine Seite des Gesichtes ohne Haut hatten und 
dass diese Seite langsam blutete. Sie hoben alle meine Kleider auf und 
alle hatten Blut, sie setzten sich zum Essen, und das Brot, das sie brachen, 
liess Blut entströmen, welches Tropfen auf Tropfen herniederfiel, und 
sie begannen zu lachen wie das Röcheln eines Sterbenden. Als sie nicht 

i) Oeuvres de jeunesse. Bd. H. S. 498—495. (Eigene Übersetzung.) 



Dr. Theodor Reik, Zwei Träume Flaubert'g. 223 

mehr da waren, war alles, was sie berührt hatten, das Getäfel, die Treppe, 
die Dielen, alles war blutrot. Ich hatte eine Bitternis im Herzen; es 
schien mir, dass ich Fleisch gegessen hätte, und ich hörte einen langen, 
durchdringenden Schrei ....'" 

Zur Deutung dieses Traumes ist die Betrachtung des Milieus, in 
dem das Kind aufwuchs, notwendig. Sein Vater war der berühmte Chirurg 
des Krankenhauses von Rouen. Er war ein ernster, strenger Mensch. 
Der Traum enthält die verhüllte Schilderung einer Operation. Oft genug 
hörte der Knabe im Familienkreise von ärztlichen Eingriffen sprechen. 
(Auch sein Bruder Achille war Chirurg.) Wie tief die Eindrücke des ärzt- 
lichen Milieus auf Flaubert wirkten, hat Dumesnil 1 ) erst jüngst ge- 
zeigt. Alle Details sind diesem Milieu entnommen: das Operationsmesser, 
die Schar der Jünger seines Vaters. 

Dem starren Blick der Einbrecher hat der strenge Blick des Vaters 
und die scharf beobachtende Haltung des Vaters zum Vorbild gedient. 
Was für eine Operation aber konnte der Knabe fürchten? 

Wir wissen, dass Flaubert in seiner Jugend onaniert hat. Er gesteht 
selbst einmal in einem Briefe, er habe „sich selbst erregt". In jenen 
Rousseaus Aufrichtigkeit überragenden Tagebuchblättern des jungen 
Flaubert, welche das Missfallen der Berliner Polizei erregt haben, wird 
von einer Szene von Phantasieonanie sachruhig erzählt. Welche Bedeutung 
dieser Komplex für das Leben und Schaffen des Dichters hatte, habe ich 
an anderer Stelle behandelt 8 ). Hier sei nur erwähnt, dass der Vater dem 
Knaben jedenfalls mit Strafe für seine jugendlichen Vergehen gedroht 
hat. Der Traum ist seiner ganzen Struktur nach ein Kastrationstraum: 
der Vater kommt mit dem Operationsmesser, um ihm das Glied weg- 
zuschneiden. 

Ungleich günstiger stehen die Verhältnisse für die Deutung des zweiten 
Traumes. Er ist mit dem ersten verbunden: wahrscheinlich durch einen 
inneren Zusammenhang. Der Held der Novelle, hinter dem Flaubert steckt, 
fährt nämlich fort: „Ein anderes Mal, es war in einem grünen, blumen- 
durchwirkten Felde, längs eines Flusses, war ich mit meiner Mutter, die 
nahe am Ufer ging ; sie fiel. Ich sah das Wasser schäumen, die Kreise sich 
vergrössern und plötzlich verschwinden. Das Wasser nahm wieder" seinen 
Lauf und hernach hörte ich nichts mehr als das Geräusch des Wassers, 
welches zwischen den Binsen dahinfloss und das Schilf bog. Plötzlich 
rief mich die Mutter: „Zu Hilfe .... zu Hilfe! mein armes Kind, 
komm mir zu Hilfe!" Ich beugte mich, platt auf dem Bauche liegend, 
über das Gewächs, um zu sehen, aber ich sah nichts,, die Rufe dauerten 
fort. Eine unbesiegbare Macht hielt mich am Boden fest und ich hörte 
die Rufe: „Ich ertrinke, zu Hilfe, zu Hilfe!" Das Wasser floss klar dahin, 
und diese Stimme, die ich vom Grunde des Flusses hörte, stürzte mich 
in die Tiefen der Verzweiflung und des Schmerzes." Wenn der erste, 
von uns angeführte Traum eine Kastrationsszene bedeutete,, so stellt 
dieser einen typischen, ich möchte fast sagen klassischen, Geburtstraum 
dar. Durch die Forschungen Freud' s, Stekel's und R a n k ' s haben 



t) Flaubert, aon hereditl, aon milieu: sa methode. Paria 1905. 
8) In meinem Buche: , Flaubert und seine Versuchung; des heiligen Anto- 
nius". J. C. Bruns, Minden i. W. 1912. 



224 Dr. Theodor Reik, Zwei Träume Flaubert*8. 

wir Träume dieser Struktur als Geburts- und Rettungsträume kennen 

1 "üas Wasser bedeutet das Fruchtwasser, die Binsen die Schamhaare. 
Der Träumer möchte die Ertrinkende retten, d. h. ihr ein Kind machen. 
Und jetzt der stärkste Ausdruck dieser Inzestneigung als Wunscherfullung ; 
die Mutter ruft den Träumer selbst zur Rettung. Wir verstehen nun auch, 
welche ,force invincible" ihn festhält, nicht zur Tat kommen lasst. Es 
ist die moralische Hemmung. Daher stammt auch der mit dem Traume 
verbundene Affekt: beide Träume schliessen mit Angst, weil sie verbotene 

Wünsche verbergen. . 

Die Libido des Kindes und des Knaben war auf die Mutter eingestellt. 
Alle späteren Neigungen des Marines gehen diesem Vorbilde unbewusst 
nach. Der Liebestvpus Flauberts war die verheiratete Frau, die Kinder 
hatte. Die Bedingung war: dass sie einem anderen gehörte. Zeit seines 
Lebens hat er eine geheime Liebe zur Prostitution bewahrt. Wie sind _ diese 
anscheinenden Widersprüche zu vereinen? Freud hat eine Erklärung 
gegeben. Das Kind, das zuerst das Geheimnis des elterlichen \erkehrs 
entdeckt, sieht in der Mutter eine Art Dirne. Das Terlium comparationis 
liegt wohl in der rückhaltlosen Hingabe der Frau. Und so fixiert sich die 
Neigung des Kindes jetzt auf diesen Typ. Was der Erwachsene nie umd 
nimmer bewusst vereinigen kann, Mutter und Dirne, vermag das Kind 
(und der Neurotiker) zu verbinden. Freud hat die charakteristischen 
Merkmale dieser Art Objektwahl zusammengefasst; die wichtigsten sind: 
der Trieb zur Rettung der Geliebten (vgl. den obigen Geburts- und Rettungs- 
truam), ferner das Vorhandensein eines betrogenen Dritten, der an Stelle 
des Vaters steht und die Neigung zum Prostituiertentyp. Welchen Einfluss 
diese psychische Einstellung im Leben und Dichten Flauberfs allmählich 
gemacht, habe ich in meinem oben erwähnten Buche darzustellen ver- 
sucht. 



VII. 

Über verschiedene Formen der Lustgewinnung am 

eigenen Leibe. 
Von Ernst Marcus. 

Es gibt zwei grundsätzlich verschiedene Arten der Lustgewin- 
nung am eigenen Leibe. Das Kind ist autoerotisch; durch Reizung ver- 
schiedener Körperstellen gewinnt es, wenigstens in den ersten Stadien, 
objeklose, von keiner Phantasie begleitete Lust. Der heranwachsende 
Mensch in der Pubertät, der noch nicht den Mut oder Gelegenheit findet, 
seine sexuellen Wünsche in Wirklichkeit umzusetzen, der Neurotiker, 
dem die Realität versperrt ist, weil die seiner Einstellung adäquate 

2) Vrf. Freud. Traumdeutung 3. Aufl. 1912 und Jahrbuch für psychoana. 
lytische Forschung, Bd. Tl. S. 2f., Stekel Die Sprache de 9 *'*™ m >™^**l», 
1911 und Otto Rank, Mythns von der Geburt des Helden«. 1902. Fr. Deuticke. 
Vgl noch „Zur Rettungasvmbolik« von Otto Rank im Zentralblatt für Fsycho 
auaiyse. Bd. I. Heft 7. 



Ernst Marcus, Über verschiedene Formen der Lustgewinnung am eigenen Leibe. 225 

Sexualbefriedigung aus inneren oder äusseren Gründen Unmöglichkeit 
scheint, greift zur Onanie. Diese ist nicht autoerotisch, nicht objektlos, 
sondern immer und ausnahmslos von in der bei weitem überwiegenden 
Zahl der Fälle bewussten alloerotischen ^Phantasien begleitet, ja geradezu 
durch sie bedingt. Die Form dieser Lustgewinnung ist meist Onanie, 
d. h. Masturbation am Genitale bis zum Orgasmus. Wir werden sehen!, 
dass diese Art der Lustgewinnung am eigenen Körper bedeutend zweck- 
mässiger ist als die verschiedenen anderen Formen, die ich besprechen 
will. Soweit sie mit der Onanie die alloerotischen Phantasien gemeinsam 
haben, will ich sie als onanieartige bezeichnen; diese sind bei weitem 
häufiger, doch kommt auch bei Erwachsenen, die sonst ganz normal 
sind, rein autoerotischc Lustgewinnung vor. 

Der ganze Körper als ganzer kann als Lustquelle dienen und diese 
Art der Lustgewinnung ist von den hier angeführten die allerhäufigste ; 
ich zweifle überhaupt, ob es Menschen gibt, die sie nicht verwenden. 
Ich meine diese bekannte „süsse Müdigkeit", dieses „wohlige Mattigkeits- 
gefühl" mit seinem Dehnen und Strecken, dem Zupressen der Augen, 
der Hyperflexion und Hyperextension der Gelenke, Spannung und Ent- 
spannung der Muskeln. Diese Art der Lustgewinnung ist, soweit ich sie 
beobachten konnte, rein autoerotisch; doch ist es sehr gut denkbar, dass 
sie auch gelegentlich von Phantasien begleitet auftritt 8 '). 

Jede beliebige Körperstelle kann als erogene Zone verwendet werden. 
Grosse Hautstücke samt dem darunter liegenden Fett werden gerieben, 
gepackt und gepresst. Manche Menschen pressen Stellen, die irgendwie 
schmerzhaft sind, blaue Flecken u. dgl. Blutkrusten werden häufig ab- 
gerissen. Besonders hervorzuheben ist natürlich die Gegend um das Geni- 
tale, ferner häufig die Axilla, die Mittellinie des Rückens („es läuft mir 
kalt über den Rücken" ; willkürliches Hervorrufen einer Gänsehaut gehört 
hierher) und vor allem die Enden der Extremitäten. Man findet lust- 
betontes Zusammenpressen der Hand 3 ), Zusammenpressen der Finger (die 
Haut der seitlichen Fingerfläche ist besonders zart), Knacken mit den 
Fingern. Dasselbe (bis auf das Knacken) gilt in noch höherem Masse von 
Fuss, besonders von der Planta und den Zeheninterstitien ; am wichtigsten 
ist das erste Interstitium, das an der Hand gerade am wenigsten oder 
gar nicht erogen ist. Der Fuss wird im Schuh gerieben, zusauimenr 
gekrampft, die Zehen stark abgebeugt, der nackte Fuss an allerlei Gegen- 
ständen gerieben, Finger oder auch leblose Gegenstände in die Inter- 
stitien eingeführt (s. u. Schweiss), der ganze Fuss als Greifapparat benützt. 

Die wichtigsten erogenen Zonen an den Extremitäten sind die Fingar- 
imd Zehenspitzen, vor allem der Nagelansatz und die Partien unter den 
Nägeln. Die Haut am Nagelgrund und an den Seiten wird zurückgeschoben, 
die verhärtete Haut an den Fingerspitzen abgeschnitten oder abgebissen, 



') Ich gebrauche den Terminus „alloerotisch" statt Mäder's .allerotiseh", 
um die von Prof. Freud wegen des Gleichklangs des griechischen äAAog mit dem 
deutschen .alles* befürchtete Verwechslung der Bedeutung dieses Terminus mit 
panerotisch zu vermeiden. Ich glaube hiezu um so mehr Berechtigung zu haben, als 
Müder auch statt des allgemein gebräuchlichen , autoerotisch" »auterotisch* sagt. 

2) Bin Mädchen erzählt, dass sie immer bei grosser Müdigkeit den Wunsch 
bat, sich auf die Stirne küssen zu lassen, wohl eine Reminiszens an den Gute- 
Naeht-Kuas aus der Kindheit. 

3) Nach Mäd'er ist die Palma bei Epileptikern sehr häufig eine erogene Zone. 
A. Mäder. Sexualität und Epilepsie, Jahrbuch I, 1. Hälfte. 



226 Ernst Marcus, 

ein Nagel fährt unter den andern u. dgl., all das geht, oft bis zum Schmerz, 
die Nägel werden abgebissen, und all das ist im hohen Grade lustbetont. — 
Auch der mediale Augenwinkel ist erogen. 

Hervorzuheben sind auch jene Häutpartien, die behaart sind. Die 
Haare werden gezupft, von Hand und Zunge gestreichelt; hier spielt auch 
die Erogenität des streichelnden Gliedes eine Rolle. 

Bekannt ist auch die „Masturbation im äusseren Gehörgang" »), 
(S a d g e r). Sie wird durch Einführen des kleinen Fingers, von Blei- 
stiften u. dgl. ausgeführt, auch durch Einpressen des Ohrläppchens. 

Bekannt ist die hohe erogene Ucdeutung der Schleimhäute, soweit 
sie- leicht zugänglich sind. Rekannt ist Anal- und Urethralerotik, ebenso 
die grosse Rolle, die der Mund bei der Obj<-ktliebe spielt. Er wird auch auto- 
erotisch vielfach verwendet. Grosse Teile der Wangenschleimhaut, speziell 
der Schleimhaut unterhalb der Unterlippe, werden zwischen die Zähne 
genommen und stark gebissen. „Ich empfinde dabei gleichzeitig ein Lust- 
gefühl an der Zunge, an dem gebissenen Teil und am Zahnfleisch, an 
das der eingeklemmte Teil von der Zunge gepresst wird." Auch sonst 
fungiert die Gingiva als erogene Zone; die Zunge wird an das Zahnfleisch 
gepresst, die Gingiva wird mit den Fingernägeln, mit Federstielen, Blei- 
stiften anderen Instrumenten gepresst, Nadeln, Zahnstocher, Fäden werden 
zwischen die Zähne gezwängt, oft mit solcher Gewalt, dass Blut austritt *), 
Die Zunge wird leise über die Wangenschleimhaut geführt, auch, wie 
schon angedeutet, über die Bartstoppeln. 

Dass das Nasebohren besonders bei Kindern in hohem Grade lust- 
betont ist, ist bekannt. Es kommt in demselben Sinne auch bei Er- 
wachsenen vor. Oft werden auch verhärtete und fest anklebende Sekret- 
stücke abgerissen, eine Prozedur, die schmerzhaft und doch lustbetont ist. 

Starke Muskelkontraktionen sind lustbetont. Bekanntlich hat der 
Sport hier eine, wenn auch nicht sehr bedeutende Wurzel. Besonders 
hervorzuheben sind Biceps brachii und Wadenmuskulatur bei Individuen, 
bei denen sie gut entwickelt sind, ferner der Schluckakt. 

Die einzelnen Sinnesorgane können als solche Lustquellen werden. 
So kann das Schmecken des eigenen Speichels und Nasensekrets lustbetont 
sein, ebenso der Geschmack der eigenen Nägel, besonders der Fussnägel, 
an denen meist etwas Schweiss haftet, ferner der Geschmack abgerissener, 
abgebissener oder abgeschnittener Hautfetzen und Blutkrusten. Auch Blut 
aus Wunden wird geleckt. Ähnlich wirkt der Geruchssinn in beziig auf 
die eigenen Flatus, den Geruch des Urins, die eigene Körperausdünstung, 
den eigenen Schweiss. Ich möchte sogar die Vermutung aussprechen, 
dass das Phänomen des Schweissfusses hier eine seiner Wurzeln hat; 
doch fehlen mir diesbezüglich Beobachtungen. Es ist ferner bekannt, 
dass in pathologischen Fällen häufig Essen der eigenen Fäzes oder Trinken 
des eigenen Urins, noch häufiger der Wunsch danach, vorkommt. 



») In einem Traum eines Mädchens kommt das Ohr unverkennbar nls Vasin*. 
symbol vor. Vgl. auch Stekel, Die Sprache des Tranmes, S. 48, 1. symbolische 
Gleichung. 

*) Vgl. Stekel, ebenda, Traum 229, S. 227. Der Traum hat eine sym- 
bolische Bedeutung, ist aber durnh die Erogenität der Gingiva überdeterminiert. Das 
durfte fast überall der Fall sein, wo ein Organ, besonders des eigenen Körpers, aj e 
Symbol gebraucht wird. Die erogene Zone ist eben eine Prädilektionsstelle fttr dos 
Eingreifen der Symbolik, ein locus minoris resistentiae, den das Verdrängte benützt, 
um sich znr Geltung zu bringen, ein „minderwertiges Organ". 



Über verschiedene Formen der Lastgewinnung am eigenen Leibe. 227 

Während die Lustgewinnung mit Hilfe des Tast-, Geschmack- und 
Geruchsinns aiitoerotisch oder onanieartig sein kann, sind, soweit meine 
Erfahrungen reichen, bei den sogenannten höheren Sinnesorganen durch- 
wegs psychische Mechanismen im Spiel, Es handelt sich hier einerseits 
um das Hören der eigenen Flatus, das Geräusch beim Fallen der Fäzes 
und beim Urinieren, also um Derivate der Anal- und Urethralerotik. 
Andererseits wird der Schautrieb und sein Korrelat, der Exhibitionstrieb, 
an der eigenen Person gleichzeitig betätigt. Es gibt Menschen, die Ver- 
gnügen daran finden, sich selbst nackt im Spiegel zu sehen, besonders 
auch bei erigiertem Penis; auch Onanie vor dorn Spiegel kommt vor *). 
Hier, wie wohl meist bei der Exhibition, spielt der Gedanke mit: „Ich 
bin schön, stark, potent, also geeignet, anderen zu gefallen", also rein 
onanieartige Lust. In manchen Fällen mögen auch narzissistische Momente 
mitspielen. Ähnliches mag auch von Menschen gelten, die sich gern reden, 
singen, pfeifen hören und sich einbilden, das ist schön; doch fehlen mir 
derartige Beobachtungen. 

Die autoerotische Bedeutung der sadistisch-masochistischen Kom- 
ponente haben wir gelegentlich der Besprechung des Beissens der Mund- 
schleimhaut und der Fingerspitzen, des Pressens der Gingiva, der Haut 
um und unter den Nägeln, des Drückens und Reibens schmerzhafter 
Körperstellen, des Abreissens von Blutkrusten u. dgl. gestreift. Hierher 
gehören die bekannten Selbstkasteiungen der Mönche und Derwische. 
Ähnliches kommt auch ohne religiöse Einkleidung vor. Ein Fall eines 
18 jährigen Realschülers ist mir bekannt, der auch häufig unter allo- 
erotischen sadistisch-masochistischen Vorstellungen onanierte; er ist der 
einzige unter allen von mir herangezogeni-n Fällen, der gleichzeitig keinen 
normalen Geschlechtsverkehr hatte, doch nahm er ihn einige Jahre später 
auf. Dieser schlug sich öfters mit einem spanischen Rohr, auch mit einer 
Florettklinge recht kräftig auf das Gesäss und auf die Oberschenkel, auch 
vor dem Spiegel, allerdings ohne sich ernstlich wehe zu tun. Ob diese 
Akte nach Aufnahme des normalen Geschlechtsverkehrs weiter geübt 
werden, ist mir nicht bekannt. 

Wir sehen also Lustgewinnuug am eigenen Leibe in jeder nur denk- 
baren Form. Ich möchte nur noch ein Gemeinsames fast aller dieser Akto 
hervorheben, das eigentlich selbstverständlich ist. Sie können nicht zum 
Orgasmus führen, sie tragen den Charakter der V o r 1 u s t. Ein ge- 
ringer Reiz erweckt den Wunsch nach immer mehr und mehr, bis das 
Lustgefühl in Schmerz einmündet, der auch anfangs noch lustbetont ist, 
bis endlich das Unlustgefühl überwiegt und der ganze Akt in Disharmonie 
endet. Weitere schädliche Folgen dieser frustraner» Erregung sind 
mir nicht bekannt, doch möchte ich darüber kein bestimmtes Urteil abgeben. 
Nur auf eine Analogie möchte ich aufmerksam machen. Auch die in- 
fantile Onanie muss nicht immer zum Orgasmus führen. Vielleicht haben 
wir hier eine Wurzel des Umstandes zu suchen, dass die infantile Onanie zur 
Angst führt, dass sie auch ohne ausdrückliches Verbot als verboten ange- 
sehen wird. Die Unlust der frustranen Erregung mag als Strafe Gottes 
angesehen werden. Der Selbstvorwurf wegen der schliesslichen Unlust 
wird nach aussen projeziert, um gewichtiger zu werden. Doch auch 
hierüber kann ich kein bestimmtes Urteil abgeben '). 

') Sadger, Ein Fall multipler Pervoreion mit hysterischen Absenzen, Jahr- 
buch, II. Bd. 1. Hälfte. 



228 Alexander Schmid, 

VIII. 

Zur Homosexualität. 

Von Alexander Schmid, Wien. 

I. Nach Adler führen hauptsächlich zwei Komponenten zur In- 
version: Unklarheil, üher Geschlet htsuntersehiede und eine Sicherungs- 
tendenz in Form von Auflehnung (Trotz). — Zur Bestätigung dessen 
führe ich ein Beispiel an, den Fall eines mir bekannten jungen Mannes. 
Kr ist der /.weite Sohn eines Lehrers. Der Vater, ein typischer preussischer 
Oberlehrer von strenger, verschlossener Wesensart (u. a. hat er die Ge- 
wohnheit, mit seinen Söhnen von- früher Jugend an auch zu Hause nur 
lateinisch zu sprechen) bevorzugt auffallend seinen ältesten Sohn, so 
dass der jüngere sich um so enger an die ihm ähnliche, mildere Mutter 
schliesst. Aber noch als Kind von nicht ganz zehn Jahren inusste er 
sie verlieren, er ist nun ganz allein dastehend — untröstlich über 
den Verlust, beweint die Verstorbene und besing! sie in zahlreichen hoch- 
tönenden Verseil. Dem Vater, wie dem älteren Bruder bleibt er gleich 
ferne. Seine erste, ihm bewusst gewordene Geschlechtsregung hat homo- 
sexuellen Charakter, wobei als stärkstes Moment der Protest gegen die 
Zurücksetzung mitspielen mag, verbunden mit einem Einschlag von pro- 
testierenden Narzissis'mus. Sein lange Zeit hindurch nur auf dasselbe Ge- 
schlecht gerichtetes Empfinden wurde einmal in bemerkenswerter Weise 
durchbrochen, indem er eine erotisch gefärbte Neigung zu einer sehr 
bejahrten Frau fasste: dies ein Fall von Gerontophilie; die Angst vor 
einer alten Frau ist natürlich viel geringer als vor einer jüngeren, 
die ihr Geschlecht noch in markanter Weise repräsentiert. Die Verliebt- 
heit in die .Mutter ist aufgebauscht und arrangiert, um sich vor anderen 
I'" rauen zu sichern. 

II. Es ist darauf nachdrücklich zu verweisen, dass Homosexuelle 
verhältnismässig zahlreich unter Künstlern und Leuten, die der Kunst 
nahe stehen, zu finden sind. Mit Umgehung der Henaissance, die viele 
Homosexuelle hervorbrachte, erwähne ich aus neuerer Zeit nur Winckel- 
niann, Friedrich den Grossen von Preussen, den Grafen Platen, Oskar 
Wilde und einige lebende Künstler. Wenn man in der seelischen 
Physiognomie der Genannten etwas Gemeinsames entdecken will, springt 
besonders ihr Stolz, ihr prononciert aristokratisches Gebaren in die 
Augen, das ,.odi profanum vulgus et arceo" führen sie alle zu oberst 
in ihrem Wappenschild. Auch ihre Kunst hat etwas durchaus Exklusives, 
förmlich Isoliertes an sich: Sie wollen Priester sein, aber nicht Priester 
im Sinne von Führern, in denen sich die Stimme ganzer Völker resp. 
Massen eint, sondern Priester mit eigener, hieratischer Sprache, Hüter 
von Mysterien, von denen sie nur selten ein Stückchen Schleier 
heben. 

Kann man nicht dem Part pour Part, das sich auf ihre Schöpfungen 
anwenden lässt, ein l'homme pour I'homrne an die Seite stellen, zumal 
wenn man die ihnen allen eigene starke Entwertungstendenz 
gegenüber der Frau in Betracht zieht ? Durch ausgebreitete und 
tiefschürfende Untersuchung jedes einzelnen und Zusammenfassung ge- 
meinsamer Momente müsste gezeigt werden — was ich hier nur andeuten 
kann — , dass eben ihr stark in die Höhe getriebener Stolz > 



Zur Homosexualität. 229 

in dem sich aber auch eine starke Dosis ängstlicher 
Eitelkeit nachweisen lässt, eine Kompensation über 
das feminin Minderwertige in ihnen vorstellt. 

III. Zur sogenannten Not-Homosexualität, wie sie auf Schiffen, in 
Gefängnissen, Kasernen usw. häufig vorkommt, bemerke ich, dass dabei 
sicher der zu Brutalität, Roheit und Vergewaltigungstendenz verdichtete 
männliche Protest von Seite des Stärkeren oder stärker scheinen Wollen- 
den eine grosse Rolle spielt. Übrigens findet man auch ihr Gegenteil: 
Homosexuelle Neigung aus freiem Willen. Z. B. galt es vor einigen Jahren 
in manchen Berliner Literatenkreisen für einzig richtig, sich homosexuell 
zu gebärden, oder noch besser: bisexuell zu sein resp. wenigstens zu 
tun, als ob rnans wäre. Ich erinnere hier an den bezeichnenden Scherz, 
den einer machte, indem er im Cafe rechts von sich eine Kokotte und 
links einen Lustknaben placierte und ich erwähne ferner in diesem Zu- 
sammenhang Frank Wedekind's kleines Gedichtchen, gerichtet an eine 
seinerzeit sehr bekannte Diseuse: 

„Von vorn besehen bist du die schönste Maid, 
Die je ein Herz aus Liebesnot befreit. 
Doch wenn du halb dich nur zur Seite kehrst, 
Dann schien's mir schon, dass du ein Knabe wärst. 
Drum bleibe ich wie dem Glücksrad stets dir nah, 
Du duplex Venus Amathusial" 

Damals, an den Cafehaustischen Berlins, erhieltdas Schlag- 
wort von der Totalität des Sexualempfindens, das diese 
Leute angeblich erstrebten, seine Prägung; es zeigt sich 
darin deutlich das von Adler erwiesene Hinausgreifen wollen dos 
neurotischen Charakters über alle Grenzen, es ist nur 
eine Sicherungsmassnahme des Nervösen, um das Gefühl von sich selbst 
zu erhöhen. Alle Himmel und Höllen will der Neurotiker durchmessen, 
Totalität und Universalität schwebt ihm in allem als Leitlinie 
— und bestimmendes Endziel vor, mag er ihrer auch nur in 
blassen Fiktionen teilhaftig werden. 



IX. 

Neurotische Lebenslinie im EinzelpJiänomen. 

Von Otto Raus, Wien. 

Vom Standpunkte ausgehend, dass sich in den einzelnen Äusserungen 
eines Neurotikers nicht nur ein einziger (verdrängter) Gedanke, ein eng 
zirkumskripter Komplex von psychischen Fakten und Reaktionen mani- 
festiert, sondern dass sich selbst aus den unbedeutendsten Details des 
modus vivendi die gesamte Erstellung zur Welt ableiten lässt, möchten 
wir eine kleine Episode erörtern, die uns geeignet scheint, uns wichtige 
Fragen über das Wesen der Zwangsneurose näher zu rücken. 

Ein junger Mann, der an Zwangsneurose und Pseudologia phan- 
tastica leidet, teilt mir mit, er rauche von nun an nicht mehr Zigaretten, 



230 Otto Kaus, 

sondern Pfeife. Da ich weiss, dass er, als beschnittener Jude, sehr staxk 
an der Fiktion des „kleinen Penis", am Gefühl der Verkürztheit 
und dem entsprechenden kompensierenden Drange nach 
Männlichkeit, nach Ergänzung und Verlängerung zu 
tragen hat, äussere ich die Vermutung, er habe sich für die Pfeife ent- 
schlossen, weil diese den Vorzug habe, ein männliches Aussehen zu ver- 
leihen. Er leugnet und sagt, sie sei einfach „billiger"; nur deshalb habe 
er sie gewählt. Scheinbar auf seine Tendenz eingehend, füge ich hinzu, 
sie sei ausserdem hygienischer. Er bestätigt das lebhaft: man rauche 
eigentlich weniger als bei einer Zigarette. Wie er jedoch die Pfeife heraus- 
zieht, äussere ich Bedenken gegen diese Behauptung; denn das Instrument 
zeichnet sich durch einen sehr grossen und dicken Kopf aus Meerschaum 
aus, der auf ein beträchtliches Volumsvermögen schliessen lässt. Da geht 
ein sehr befriedigtes Lächeln über die Züge meines Partners: das sei 
gar nicht wahr ! Der Behälter für den Tabak lasse sich nämlich abschrauben 
und sei viel kleiner! — Er tut das und da kommt in der Tat aus dem 
dicken Pfeifenkopf ein kleiner Kegel mit gebogenen Seiten zum Vorschein, 
der deutlich die Form einer Eichel trägt und an dessen Spitze ein kleines 
Loch für den Durchgang des Bauches angebracht ist (der Herr hat während 
einer Gonorrhöebehandlung vom Arzte gehört, dass er ein enges Ori- 
fizium habe). 

Ich glaube, dass die freche Geste und das sardonische, hässliche 
Lachen, womit mir der Mann die beiden Teile der Pfeife jetzt entgegen- 
hielt, der beste und konzentrierteste Ausdruck seiner ganzen Einstellung 
zur Welt und seiner Neurose sind: er will immer wieder den Eindruck 
erwecken, als ob er ein grosses männliches Sexualorgan hätte, was er 
durch fortwährendes, unkontrollierbares Lügen erzielt, um den innerlichen 
Trost, den Nebenmenschen „gefoppt", entwertet, beschmutzt zu haben, 
zu geniessen. — Bemerkenswert ist auch die sekundäre Verwendung eines 
bei demselben Falle sehr ausgeprägten neurotischen Zuges, nämlich des 
Geizes, und zwar nicht im Sinne einer Sublimierung, sondern als Uni- 
kleidung und Unterstützung seiner stärkeren Haupttendenz; er weiss, dass 
die Ausrede der Vereinigung plausibel erscheinen wird und schützt da- 
durch die Aufdeckung der agressiven Linie, die in seinem Entschlüsse liegt. 
Ähnlich, wenn auch schwächer, äussert sich die Syphilidophobie in dem 
Vorwand der „Hygiene". 

Wir brauchen also dem Phänomen nur die äusserliche Hülle der 
harmlosen Begründung, die jedoch in ihrer Art auch cha- 
rakteristisch für das Individuum ist, abzustreifen und es 
zeigen sich uns in wünschenswertester Deutlichkeit die beiden Extreme 
eines höchst komplizierten und kunstreichen Lebensplanes: das Gefühl 
der Minderwertigkeit einerseits, das Grössenideal, das Bedürfnis nach Über- 
legenheit, nach Hebung des Selbstbewußtseins andererseits. Der Weg der 
Lüge präsentiert sich als ein Arrangement, u m Widerstände 
im Bilde zu überwinden und gefährliche Situationen, 
die das Insuffizienzgefühl unterstreichen könnten.zu 
umgehen; dabei wird der Lügner von der aktuellen Absicht geleitet, 
seinem Partner gegenüber eine, wenn auch nur fiktive Überlegenheit, zu 
betonen und trägt die Pseudologie in sich, als einen jederzeit beraten 
Mechanismus, um die Entwertung der Ausseh weit und die Hebung seines 



Neurotische Lebenslinie im Einzelphäuomen. gäl 

Persönlichkeitsgefühls durchzuführen ). Ausserdem kann man an dem 
Beispiel nachweisen, inwieweit die Libido sexualis, die Genitalorgane und 
Sexualsymbole in den Mechanismus der psychischen Entwicklung einereifen ■ 
unserer Überzeugung nach nicht primär motivierend, sondern nur 
Material schaffend; als ein Reservoir von Fakten und Realien 
die einer weiteren Verwendung zugeführt wenden können, — das Genitale 
speziell, mit seiner empfindlichen Mechanik und. Struktur, als willkommene 
Pforte zum Gefühl der Minderwertigkeit und Zurücksetzung, das wir immer 
dann auftauchen sehen, wenn der Neurotiker ei.ie besonders starke Ag- 
gression, einen Feldzugsplan vorbereitet. Er holt sich daraus die Kraft 
und Berechtigung zum Vorgehen; der Stachel des Schmerzes reizt ihn 
zum Angriff und lässt ihn den Sieg, wenn er auch mit noch so unred- 
lichen Mitteln errungen wurde, als den Erfolg einer ausgleichenden Ge- 
rechtigkeit empfinden. 

Auf das Phänomen der Pseudologie eingehend, möchten wir 
gegen die ätiologische Erklärung Stellung nehmen, die Rank in den 
„Diskussionen über Onanie" zu geben versucht 2 ). Dort wird die Lügen- 
sucht, besonders bei Kindern, aus dem Masturbationskomplex abgeleitet 
insoferne als die ehemals zur Herstellung der Befriedigungssituation ver- 
wendeten Phantasien der intensivsten Verdrängung und Nachwirkung aus 
dem Unbewussten fähig sein sollen. Dabei soll das Hauptgewicht nicht 
auf der aufdringlichen Form der Lügensucht liegen, sondern vielmehr 
auf dem passiven Verhalten oder trotzigem Ableugnen der geforderten 
Wahrheit. Das Wesentliche sei also die Verheimlichung und auch wo es 
zur aktiven Lüge kommt, scheine sie weniger der (wunschgemässen) Ent- 
stellung von Tatsachen als dem Bedürfnis nach Verleugnung eines psychi- 
schen Tatbestandes zu dienen 3 ). Was den Zusammenhang zwischen Mastur- 
bation und Pseudologie anbelangt, sind wir der Ansicht, dass die Onanie 
wie bei jeder Zwangsneurose, wohl auch in der Anamnese der Lügen- 
sucht eine Rolle spielen kann; aber wir verweisen dabei auf die oben 
ausgesprochene Ansicht über die Rolle der Sexualität in der psychischen 
Entwicklung und präzisieren sie dahin, dass die Onanie insoferne bei 
einer Lügensucht in Betracht kommt, als wir in ihr den Ausdruck der- 
selben Tendenzen wiederfinden müssen, welche das Individuum zum 
Arrangement der Lüge geführt haben, — nicht etwa als ob die- Mastur- 
bation direkt motivierend die Pseudologie auslösen könnte, wie Rank 
behauptet. (Im geschilderten Falle wurde die Onanie sehr massig aus- 
geübt, aus Geiz und Vorsicht, um seine männlichen Kräfte nicht zu 
vergeuden und sie für den Kampf mit der Frau [in dem als weitere 
Sicherung die Syphilidophobie wirkt] zu sammeln; ausserdem gewährte 
dem Knaben seine Enthaltsamkeit ein Gefühl der Überlegenheit über seine 
weniger tugendhaften und „sinnlichen" Kameraden, — wir sehen also 
ari dem Phänomen der Masturbation, wie stark und tyrannisch die 
Machttendenz und das K amp f be w u ss t se i n zu einer Zeit im 
Individuum herrschten, in der angeblich die Befriedigung der übermächtig 

i) Eine umfassendere Ausführung dieser Ansichten und eine genauere Präzi- 

raltÄfÄ mi ' kt " elle ° T —'"« des ÄS«ffi 

i «*1 i?' e ,? na " i< r- Vierz eJ"» Beiträge zu einer Diskussion der .Wiener nhsvcho 
«nalyt«chen d ^ereioignngv Verlag von J. F. Bergmann, Wiesbaden 1912 P 7 



262 0ltu Kaua > 

auftauchenden Pubertätslibido das binnen und Trachten jedes Menschen 
ausfüllen soll.) Rank begeht in seiner Annahme den Fehler, die ag- 
gressive Komponente, welebe in der Pseudologia liegt und die ihr 
erst eine Richtung und einen funktionellen Wert gibt, vollkommen zu 
übersehen; die Abwertenden/., die er hervorhebt, bat nur eine sekundäre 
Bedeutung und tritt erst dann in Aktien, wenn der Lügner darauf bedacht 
sein muss, seine falschen Bebauptungen vur Entdeckung zu bewahren, 
weil damit leicht eine Niederlage für ihn verbunden sein könnte. Bei 
besonderen Anlässen gelingt es ihm jedoch sogar die Entdeckung der Lüge 
zu seinen Zwecken zu verwerten und in den Mechanismus der Pseudo- 
logie einzubeziehen, wenn er nämlich ungestraft und gefahrlos sich 
die Genugtuung gewähren kann, dass sich der andere beschmutzt und ge- 
foppt weiss. In der Linie liegt auch die Erklärung der intermittierenden 
Impotenz, die bei unserem Falle vorkommt; wenn er unter Anwendung 
aller seiner Verführungskünste und Don Juan-Allüren (Don Juan als „der- 
jenige, der die grossen Genitalien hat"') eine Krau verführt und in eine ge- 
fährliche Situation gebracht hat, die ihm auch bei ausbleibendem Koitus 
zum Richter über die Frau einsetzt und ihm ihre Ehre, ihren Ruf und 
ihr Lebensglück in die Hand spielt, greift seine Impotenz weiter; er emp- 
findet sie nicht als eine eigene Blamage, sondern als eine Blamage der 
Frau, die ihm ins Netz gefallen ist. 

Die Analogien zu arideren Äusserungen desselben Individuums sind 
bei der Pseudologie aus dem Grunde so vielfältig und leicht zu entdecken, 
weil der Neurotiker weder bewusst noch unbewusst das Hauptgewicht 
auf das Lügen legt, sondern sogar gezwungen ist, um lügen zu können, 
vor sich selbst die Tatsache, dass er lügt, zu verheimlichen. 
Das klare Bewusstsein des Faktums würde nur sein Minderwertigkeits- 
gefühl betonen und den Enderfolg der Hebung des Selbstbewusstseins 
abschwächen. Der Lügner halluziniert eine Realität, weil er sie braucht, 
ebenso wie der Angstneurotiker die Angst halluziniert; der Lügner glaubt 
in eben demselben Masse an sein Hirngespinst wie der Angstneurotiker 
seine Angst fürchtet: ebensoviel oder ebensowenig, je nach dem Grade 
seiner Unsicherheit; er ist auch meistens bestrebt, nur unter den wahr- 
scheinlichsten Eventualitäten zu wählen, nicht nur um die Fiktion nach 
aussen, sondern auch nach innen unterstützen zu können. 

Damit treffen wir eine charakteristische Färbung der Lügensucht, 
welche ihr eigentlich erst die starke pathologische Bedeutung verleiht 
(sie kann das Bild einer Sinnesverwirrung vortäuschen) und zu dem 
Wesen der Neurose überhaupt hinüberführt, die sich immer als ein Kunst 
griff darstellt, die Wirklichkeit zu fälschen, aus der geraden, realen Per- 
spektive eine schiefe, krankhafte Systematik der Phänomene der Aussen- 
welt zu gestalten, um einem Ideal von Grösse und Macht zum Siege 
zu verhelfen. Der Lügner kann auch seinen Zweck erreichen, indem 
er die Wahrheit sagt, oder besser : indem er die Wahrheit lügt 1 ). 
Besonders, wenn die betreffende Wahrheit etwas abenteuerlich und selt- 
sam ist, kann er leicht die Genugtuung haben, dass ihm die Leute nicht 
glauben und zuletzt unrecht bebalten. Er hat dabei sogar Gelegenheit, 

l) Ein Witz erzählt: Ein Jude fragt den anderen: „Wohin fährst da?« — 
Ich fahre nach Krakau.* — .Wenn du sagst, du fährst nach Krakau, ao willst du, 
dass ich glaube, du fährst nach Lcmberg; dn fährst also doch nach Kraktru. Warum 
lügst du. du Schuft?" 






Neurotische Lebenslinie im Einzelphänomen. 233 

sich als Märtyrer und Verfechter der Wahrheit zu fühlen, — und ist im 
Grunde froh, dass er nun eine Zeitlang unbehelligt wird aufschneiden 
können, weil er auf seinen Sieg hinweisen kann, Alle seine Reden werden 
ja nur von dem Bedürfnis geleitet, sich immer wieder zu beweisen, dass 
er gescheiter, intelligenter, scharfsinnigerundschlauer 
istalsdieanderen, dass ihm die anderen auf seine genialen Schliche 
nicht kommen können usw., es ist ihm jedoch im Grunde gleich, ob er 
dieses Ziel durch die Wahrheit oder durch die Lüge erreicht. 

Die Frage nach der Herkunft der Pseudologie führt uns auf die 
generelle Frage von der Neurosenwahl, die man wohl nur von Fall zu 
Fall befriedigend lösen kann. Einige Hauptpunkte, die bei der Entwick- 
lung der Pseudologie in Betracht kommen können, wollen wir festhalten: 
lügenhaft werden meistens Kinder sein, die infolge einer allgemeinen 
körperlichen Schwäche oder einer spezifischen organischen Minderwertig- 
keit, die sie von der geradlinigen Ausgestaltung ihrer Kräfte abhält (im 
vorliegenden Falle liegt ein angeborenes Vitium cordis vor; Missbildungen 
der unteren Extremitäten), darauf angewiesen zu sein glauben, im Kampfe 
ums Dasein mit den Kunstgriffen und Finten des Geistes auszukommen 
(daher die Überschätzung ihrer intellektuellen Fähigkeiten und das Be- 
dürfnis, deren Leistungsfähigkeit fortwährend zu prüfen); Kinder, die zu 
oft von den Eltern zur Wahrheit gemahnt wurden und das Lügen 
als Mittel des Widerspuches erlernt haben, um ihm dann 
jedoch noch wichtigere Interessen einzuverleiben, Kinder, die zu oft zur 
Lüge greifen mussten, weil zu strenge Eltern sie auch bei kleinen An- 
lässen hart bestraft hätten, und im Lügen einen Ausweg vor der drohenden 
Situation, die ihnen ihre Minderwertigkeit vor Augen geführt hatte, fanden; 
andererseits Kinder von zu leichtgläubigen Eltern, die gfich leicht durch 
eine Lüge ihre Grenzen der Freiheit und Tätigkeit erweitern konnten. 
Ein Trauma kann bei der Entstehung der Pseudologie insoferne wirk- 
sam sein, als das Kind (oder auch der Erwachsene) bei einer bestimmten 
Gelegenheit, die auch sonst für das Kräftespiel Minderwertigkeit — 
Grössenideal wichtig war, erlernt haben kann, wie es sich aus der Ver- 
legenheit rettet oder seinen überlegenen Standpunkt besonders stark be- 
hauptet. Eine tiefere Einsicht in das Wesen der Pseudologie kann man 
jedoch nur dann gewinnen, wenn man sich nicht auf eine retrospektive 
Betrachtung beschränkt, sondern immer in Erwägung zieht, dass der 
Neurotiker etwas Zukünftiges, Grosses, ein stets fernes Ziel erreichen 
will; nur im Hinblick auf dieses Ziel hat die Lüge einen Sinn. In dem 
Augenblick, da der Neurotiker durch die wachsende Unsicherheit seiner 
Lebenslage gezwungen wird, stärkere .Sicherungen und stärkere Mittel 
der Aggression zu suchen, wird er aus allen seinen Erlebnissen und Er- 
fahrungen jene herausgreifen, die diesem Zwecke am meisten entsprechen; 
ist genügendes Material aufgespeichert, so greift er zur Lüge und ent- 
wickelt die Pseudologie als ein Arrangement im Dienste 
des männlichen Protestes. 



ZMtnJbUU fflr PsjrcfaouilyM. Uiyr ]S 



234 P au ' Schrecker, 

X. 

Kant über das Verhältnis der Geschlechter. 

Von Paul Schrecker, Wien. 

In der „Anthropologie in pragmatischer Hinsicht", 
dem einzigen Werke Kaufs, welches eine ausführliche Inhaltspsycho- 
logie enthält, findet sich eine Reihe von Aussprüchen, welche beweisen, 
dass er das konkrete Verhalten von Mann und Weib zueinander in seiner 
psychischen Motivierung wenn nicht durchschaut, so doch in den Haupt- 
zügen richtig gesehen hat. 

Wie bekannt, teilt Kant die Leidenschuften (wir würden heute aller- 
dings nicht allem, was er so bezeichnet, diesen Namen geben) in an- 
geborene und solche ein, die erst aus der Kultur hervorgehen. Erstere sind 
Freiheits- .und Geschlechtsneigung, zur zweiten Gattung gehören Ehr- 
sucht, Herrschsucht und Habsucht. Wenn wir fik> diese Drei- 
heit der „erworbenen" Leidenschaften (w i e sie erworben werden, diese 
Frage stellt und beantwortet Kant nicht klar) einen gemeinsamen Namen 
suchen, so fallen wir sofort auf Nietzsche's „Willen zur Macht" und 
zwar mit um so grösserer Berechtigung, als sie „nicht mit dem Ungestüm 
eines Affccts, sondern mit der Beharrlichkeit einer auf gewisse Zwecke 
angelegten Maxime verbunden sind" (S. 230 der Originalausgabe). Sie bilden 
demnach eine Leitlinie zur Erreichung der „gewissen Zwecke". Diese 
können nun, da Ehrsucht, Herrschsucht und Habsucht „von Menschen auf 
Menschen gerichtete Begierden" sind, nur die mittelbare oder unmittel- 
bare Macht über die Mitmenschen sein, und da die drei Leidenschaften 
„blos auf den Besitz der Mittel gehen, um alle Neigungen, welche un- 
mittelbar den Zweck betreffen, zu befriedigen" (S. 233), so werden sie 
sich auch der angeborenen Freiheits- und Geschlechtsneigung bedienen, 
um ihre Ziele zu erreichen; wir haben dabei unter Freiheitsneigung nach 
Kant's Erklärung das Bedürfnis, nach eigener Wahl glücklich zu werden 
und von niemandem abhängig zu sein, zu verstehen. Da die Befriedigung 
der Freiheitsneigung in diesem Sinne schon eine Voraussetzung der Be- 
herrschung der Mitmenschen ist — man kann offenbar nicht wirklich 
von jemandem abhängen und zugleich Gewalt über ihn haben — , so 
wird die Herrschsucht vor allem dahin tendieren, in jeder Beziehung 
möglichst unabhängig von fremdem Willen und selbständig zu sein; die 
Ehrsucht aber begibt sich in Abhängigkeit von der Meinung anderer 
— ein scheinbar schwer zu lösendes aber sehr reales Dilemma, unlösbar 
dann, wenn man die Frage nach der Entstehung der „erworbenen" Leiden- 
schaften nicht stellt. Es wirft immerhin schon einiges Licht auf das 
Problem, wenn Kant sagt, dass die Herrschsucht „von der 
Furcht anfängt, von andern beherrscht zu werden und 
darauf bedacht ist, sich bey Zeiten in den Vortheil der 
Gewalt über sie zu setzen" (S. 238). Wenn aber Kant vorher 
sagt, die Ehrsucht sei „das Ansinnen an einen Anderen, sich selbst, 
in Vergleichung mit jenem gering zu schätzen" und sie sei eine ver- 
fehlte Ehrbegierde, da sie „als Mittel, andere Menschen zu 
seinen Zwecken zu gebrauchen" betätigt wird, aber den ent- 
gegengesetzten Erfolg hat, die Mitmenschen nämlich abstösst, so zeigt 
sich die innere Einheit von Herrschsucht und Ehrsucht. Die Habsucht 






Kant aber das Verhältnis der Geschlechter. 235 

schliesst sich enge an, da sie „eine Macht enthält, von der 
man glaubt, dass sie den Mangel jeder anderen zu er- 
setzen hinreichend sey" (S. 239), um so mehr, als ihre Be- 
friedigung zugleich die Befriedigung der Ehrsucht in sich begreift; denn, 
wie Kant bemerkt, „der grosse Haufe bewundert den Mann, der so grosse 
Handelsweisheit beweiset". 

Noch klarer ist bei Kant das Ineinanderspiel von Will« zur Macht 
und Geschlechtsneigung. Auf der männlichen Seite ist das Verhältnis 
ziemlich einfach, denn die Liebe des Mannes geht ja unmittelbar auch 
auf vollständige Beherrschung der Geliebten, wie die Eifersucht zeigt. 
(Allerdings kann sich hier ein Konflikt ergeben, wenn die Herrschsucht 
und Geschlechtsneigung der Freiheitsneigung entgegenarbeiten; davon 
spricht Kant aber nicht und scheint es übersehen zu haben.) 

Anders verhält es sich auf der weiblichen Seite ; zwar wirken auch 
hier die gleichen Leidenschaften wie auf der männlichen; aber da die 
Kräfte zu gering sind, um unmittelbar herrschen zu können, macht das 
Weib einen Umweg. „Was die mittelbare Beherrschungskunst be- 
trifft", sagt Kant, „z. B. die des weiblichen Geschlechts durch Liebe, 
die es dem männlichen gegen sich einflösst, diesen zu 
ihren Absichten zu brauchen, so ist sie unter jenem Titel 
(nämlich der Herrschsucht) nicht mit begriffen; weil sie keine Gewalt 
bey sich führt, sondern den Unterthänigen durch seine eigene Neigung zu 
beherrschen und zu fesseln weiss. — Nicht als ob der weibliche Theil 
unsrer Gattung von der Neigung über den männlichen zu herrschen, frey 
wäre (wovon gerade das Gegentheil wahr ist), sondern weil es sich nicht 
desselben Mittels zu dieser Absicht als das Männliche bedient, nämlich 
nicht des Vorzugs der Stärke (als welche hier unter dem Worte 
herrschen gemeint ist), sondern der B e i t z e , welche eine Neigung des 
andern Theils, beherrscht zu werden, in sich enthält" (S. 238 f.). Das 
bedeutet, dass in der Liebe beide Teile herrschen wollen, nur durch 
verschiedene Mittel: der Mann durch seine Stärke, seinen Mut und seine 
geistige Überlegenheit, das Weib dadurch, dass es die Glückseligkeit des 
Mannes in Abhängigkeit von ihrem Willen bringt, sich „der Neigung des 
Mannes zu ihr bemeistert". Die Frau benützt so ihre Minderwertigkeit 
in jenen Eigenschaften, durch welche der Mann herrscht, als „Hebezeuge, 
die Männlichkeit zu lenken und sie zu jener ihrer Absicht zu gebrauchen" 
(S. 285). 

Es ist zweifellos, dass die Frau auf diese Weise ihre Leidenschaften 
befriedigen kann, solange sie in der weiblichen Bolle das Gleichgewicht 
ihrer verschiedenen Bedürfnisse und Fähigkeiten behält. Das muss sich 
aber ändern, wenn entweder der Mann jene erwähnten Eigenschaften ver- 
liert oder wenn sie dem Weibe gegenüber keine Superiorität mehr be- 
deuten, da dieses sie auch schon erworben hat und in dieses Stadium 
tritt die Kultur im Laufe der fortschreitenden Entwicklung. „W e n n 
der verfeinerte Luxus hoch gestiegen ist, so zeigt sich 
die Frau nur aus Zwang sittsam und hat kein Heel zu 
wünschen, dass sie lieber Mann seyn möchte: wo sie 
ihren Neigungen einen grösseren und freyeren Spiel- 
raum geben könnte; kein Mann aber wird ein Weib seyn 
wollen" (S. 291). In unseren Lebensverhältnissen wird also, das er- 
leben wir täglich, das Weib mit männlichen Mitteln ihre Leidenschaften 

16« 



236 Paul Schrecker, Kant Ober das Verhältnis der Geschlechter. 

zu befriedigen trachten. Soviel lässt sich aus der Anthropologie über 
Kant's Auffassung des Verhältnisses der Geschlechter entnehmen,. 

Fragen wir nun nach dem Verhältnis dieser von Kant durch reine 
Beobachtung und Menschenkenntnis aufgestellten Behauptung zu den Re- 
sultaten der neueren Forschung, so ergibt sich eine auffallende Verwandt- 
schaft mit den Theorien Alfred Adle r's, welche man wohl als neue 
Stütze für diese in Anspruch nehmen darf. Eine kurze Überlegung wird 
das noch augenfälliger machen. 

Niemand kann leugnen, dass, wie die Furcht beherrscht zu werden 
den Willen zu herrschen verursacht, umgekehrt wieder der Wille zur 
Macht vor allem auf Vermeidung jeder Abhängigkeit geht. Da aber die 
Frau, solange sie ihre weibliche Rolle behält, naturgemäss vom Manne 
abhängig ist, so wird sie sich, sobald der von Kant bezeichnete Um- 
schwung eingetreten ist, in dieser Rolle unglücklich, minderwertig fühlen 
und wird, da sie ja ihre somatische Weiblichkeit nicht ändern kann, 
wenigstens in ihren Handlungen so auftreten, als ob sie ein Mann 
wäre; d. h. sie wird männliche Mittel, vor allem eine gewisse Aktivi- 
tät und Aggressivität (herrschen und Gewalt sind für Kant ziem- 
lich gleichbedeutend und sind es in gewissem Masse auch für uns, wenn 
auch die Gewalt meistens nur einen symbolischen Ausdruck findet) zur 
Befriedigung ihres Willens zur Macht verwenden. 

Komplizierter ist das Verhältnis beim Manne. Hier sind zwei 
psychische Motivierungen wirksam: einerseits wird der Mann, welcher 
infolge einer angeborenen oder erworbenen, körperlichen oder geistigen 
Minderwertigkeit über die männlichen Mittel zur Herrschaft nicht ver- 
fügt, seine Männlichkeit stärker betonen, also eine intensivere Aktivität 
und Aggressivität entfalten, um sich das Gefühl der Macht über die Mit- 
menschen zu sichern. (Der von Adler so genannte „männliche Pro- 
test".) Es kann aber auch sein, dass er, wenn es ihm vorteilhafter er- 
scheint, weibliche Mittel benützt, um zu herrschen. Andererseits aber 
ergibt sich in vielen Fällen ein Konflikt zwischen der Herrschsucht und 
der Geschlechtsneigung, da der Mann fürchtet, durch die Liebe, die ihn 
in Abhängigkeit vom Weibe bringt, seine Herrschaft zu verlieren; dann 
erzeugt der Wille zur Macht die Furcht vor der Frau. Ebenso be- 
steht aber die Furcht vor dem Manne bei der Frau, die mit der weiblichen 
Rolle unzufrieden ist, und so ergeben sich „männlicher Protest" 
und „Furcht vor dem sexuellen Partner" als Resultante 
des Willens zur Macht und der fortschreitenden Kultur- 
entwicklung. 

XL 

Zur Psychologie des Stottems. 

Von Paul Schrecker, Wien. 

Zur Theorie des psychogenen Stottems und der Schwerhörigkeit, 
welche in den letzten Jahren die Psychoanalyse vielfach beschäftigt hat, 
möge die Charakteristik des alten Grandet in Honore de Balzacs Roman 
„Eugenie Grandet" eine Illustration liefern. Vater Grandet, der seine 
bäurische Unsicherheit durch die Anhäufung immenser Reichtümer über- 
winden will, dann das Prototyp eines neurotischen Geizhalses wird und 



Paul Schrecker, Zur Psychologie des Stotterns. 237 

ohne reale Befriedigung seines Ehrgeizes es sich am blossen Machtbewusst- 
sem genügen lasst, stottert zeitweilig und ist gleichzeitig LhwerlöS 
Und zwar immer gerade dann, wenn es gilt, eine wichtige geschlfX 
oder private Entscheidung zu treffen, wie er auch ein Geschäft n e be! 
der ersten Unterredung abschliesst, sondern den anderen Teil jedesma 
mit einem „Wir werden sehen" vertröstet. Diesen Sprach- und Tehör- 
ehler hatte er aber nicht seit jeher, sondern er nahm ihn erst nach einem 
für ihn bedeutsamen Erlebnis an. Als er noch nicht so reich gewesen 
S; 31 ' v eS «"f eine ™ J üdiscI *» Händler gelungen, ihn trotz seines 

unf fei r^ 65 -^ UberV ° H rtei l en - Der «ändler stotterte entsetzlich 
und legte im Gesprach seine Hand muschelförmig ans Ohr um besser 
zu verstehen Grandel war durch dieses fortwährende Stottern ungeduldig 
geworden und hatte die Worte und Sätze, die sein Gegner nicht 8 h erau S g 
brachte ergänzt. Lnd darum war er überlistet worden; denn er war 
dadurch gezwungen, das zu sagen, was der Händler sagen wollte so zu 
raisonmeren wie dieser raisonnierte und sich infolgedessen schliesslich 
ganz im Gedankengele.se des Stotterers zu bewegen. Diesen Trick imitierte 
Grandel nun in Zukunft, indem er bei allen wichtigen Anlässen so arg 
stotterte, dass sein Gegner ungeduldig wurde und, da er ausdrückte, was 
Grandel selbst vorbringen wollte, endlich ohne es zu wissen auch dessen 
Standpunkt einnahm und seinen eigenen verliess. Ebenso war es mit 
seiner Schwerhörigkeit, die ihm selbst Zeit zur Überlegung ließ, während 
der Gegner gezwungen war, ununterbrochen zu reden und in seiner Un- 
geduld immer mehr von seinen geheimen Nebenabsichten verriet 

Diese von Balzac mit intuitivem Scharfblick durchschaute Verwen- 
dung einer scheinbaren Minderwertigkeit zur Befriedigung des Willens 
zur Macht" liefert eine Bestätigung, wie man sich sie eklatanter gar 
nicht denken kann, für die von Adler auf psychoanalytischem Wege 
aufgedeckte Ätiologie des neurotischen Stotterns, die später auch von 
Alfred Appe t gefunden wurde. Denn dieses Stottern ist nur eine 

St. mT, T dei ? Neurotiker im allgemeinen eigenen „zögernden 
Attitüde (Adler), ,n der er s.ch vor Überrumpelung und Herabwertung 
sichert Und wie auch Balzac zeigt, ist es zugleich ein Mittel, die Mit" 
menschen zu beherrschen, das der alte Geizhals Grandel mit wahrer 
Virtuosität ausgebildet hat. Denn es lässt sich kaum eine stärkere und 
für den Sieger gefahrlosere Besiegung des Gegners denken, als dadurch 
dass man ihn gegen seinen Willen, ja sogar ohne sein Wissen zwingt, 
diejenigen Gesichtspunkte und leitenden Ideen zu den seinen zu machen 
die mit den Absichten, die man selbst hat, übereinstimmen 



Referate und Kritiken 

Wagner v Jauregg über krankhafte Tr ie b han dlunge n 
Vortrag, gehalten in der kriminalistischen Vereinigung in Wien am 

U. m£"| Tot" k,iniSChe W ° Che ™> XXV%ahrg Wl Nr. U, 

„Von Triebhandlujigen spricht man, wenn eine Willenshandlung aus 
einem einzigen Motiv hervorgeht, das in der Regel in einem eingehen 



238 Referate und Kritiken. 

sinnlichen Gefühl wurzelt." Das Handeln des Kindes auf der ersten 
Entwickungsstufe ist somit hauptsächlich ein triebartiges. 

Der Stehltrieb ist jedem Kinde angeboren; er wird aber durch die 
Erziehung gehemmt, wenn er nicht abnorm stark ist. Im letzteren Falle 
gibt es alle Übergänge vom moralischen Menschen, der nur unter dem 
unwiderstehlichen Zwang seiner Abnormität und unter äusserstem Wider- 
stand gelegentlich stiehlt und das Gestohlene nicht verwertet, durch die 
weniger Moralischen, die mit mehr oder weniger Bewusstsein den Trieb 
in den Dienst der Genusssucht oder der Arbeitsscheu stellen, zu den Ge- 
wohnheitsdieben, bei denen das Triebarlige in den Hintergrund tritt vor 
der Schwäche der Moral überhaupt, und schliesslich bis zu den gewöhn- 
lichen Dieben, bei denen gar kein pathologischer Trieb besteht. 

Ein schwächer ausgebildeter Trieb kann in Schranken gehalten 
werden, bis etwa ausserordentliche Umstände (Menstruation, Alkohol) den 
Widerstand schwächen. Die Frage, ob ein bestimmter Mensch im Falle 
war, dem Antrieb zu einer verbrecherischen Handlung zu widerstehen, 
will Wagner v. Jauregg sehr richtig nur auf folgende. Weise beant- 
worten: „Die vollzogene Tat erst ist der vollste und zugleich der einzig 
mögliche Beweis, dass der Täter dem Antrieb zur Tat nicht hat wider- 
stehen können." Das Hauptkriterium der Kleptomanie liegt für den Ge- 
richtsarzt darin, dass nicht zum Zwecke der Erwerbung gestohlen wird. 
Da der § 335 des österreichischen Strafgesetzes als ein Merkmal des 
Diebstahls die Absicht anführt, sich oder einem Dritten einen unbe- 
rechtigten Vermögensvorteil zuzuwenden, kann ein echler Kleptomane gar 
nicht als Dieb bestraft werden. Er kann aber in leichlerer Weise wegen 
„eigenmächtiger Aneignung" nach § 345 bestraft werden. 

Die anderen Triebverbrechen haben nun nach Wagner v. Jauregg 
psychiatrisch und forensisch ähnliche Bedeutung. Besonders erwähnt 
werden die Pyromanie, die sexuellen Verbrechen und der Mord trieb. Da- 
bei macht Verf. in richtiger Weise darauf aufmerksam, dass oft die nach- 
träglich angegebenen Gründe (z. B. Rache bei Brandstiftung) in Wirklich- 
keit nur eine nachträgliche Rationalisierung seien. 

Die in dem Vortrag sehr schön dargestellte Lehre von den krank- 
haften Trieben hat aber doch einige Schwächen, die gerade in dieser 
Darstellung sich fühlbar machen. Der Stehltrieb des Erwachsenen, der 
mit „Unruhe und Angst" verbunden ist, scheint doch eigentlich etwas 
anderes zu sein, als der normale kindliche Trieb, sich der erreichbaren 
Objekte zu bemächtigen, und sicher ist prinzipiell etwas anderes der 
Brandstiftungstrieb. Denn die Freude am hellen Feuer ist in keiner Weise 
vergleichbar mit dem zur Erhaltung des Individuums notwendigen Trieb, 
brauchbare Dinge in seinen Besitz zu bringen. Bemerkenswert ist auch, dass' 
nach Verfasser selbst die Feuerträume der Pyromanie mit geschlechtlicher 
Erregung verbunden sein könne. Und direkt mit den Tatsachen im Wider- 
spruch ist die Bemerkung, dass die Anknüpfung falscher Assoziationen 
an den Geschlechtstrieb, die zu Perversitäten führt, in der Pubertät oder 
nach derselben geschehe. Die meisten dieser Perversitäten lassen sich 
ja schon früher nachweisen. Es wäre schön, wenn die Wissenschaft 
auch in diesen Punkten unser Wissen ergänzen könnte. Die Psychanalyse 
hat allerdings schon angefangen, es zu tun. Bleuler, Burghölzli. 



Referate und Kritiken. 239 

D W? h !!; ^hk 08 ^ ™' Die P s Y chi *che Vererbung. (Samm- 
lung von Abhandlungen zur psychologischen Pädagogik.) Aus dem 
SÄST m gesamte Psychologie". Herausgegeben* von E. Meu 
1912 P ' ig ' Verlag V ° n WiIhelm ^mann, 

ri ao mS Ve , rfaSSer betont > d j e erste Arbeit geliefert zu haben, welche 
das Problem der psychischen Vererbung von allen Seiten in Angriff nimmt 
Z, ÜEJ? f \ bsc 1 hmtt u entb f t ^ne Darlegung und kritische Sichtung 
der wichtigsten biolog.schen Theorien, insbesondere der Vererbungsiehref 
Prohir m n d Sj S v pen h Cers ' Galton's, de Vries", Weismana's t 
,n dln v!/^ r? er 7 rbener Eigenschaften stellt sich naturgemäss 
in den Vordergrund des Interesses, die bisher durchgeführten Experi 
Jcheinlich" 3 n Verertmn & ^orbener Eigenschaften höchst wVhr- 

Der zweite Abschnitt behandelt die psychische Seite des Vererbunes- 

5 m™ 8 ,- k? 6 -. ei ß enüi ^\ Zw - eck d er Untersuchung ist die Darlegung 
der Möglichkeit eines Nachweises der psychischen Vererbung durch die 
menschliche Psychologie und durch die Tierpsychologie. Eine Anzahl von 
Experimenten werden vorgeschlagen und diese auf ihre Durchführbar- 
keit geprüft. Es sollen Untersuchungen angestellt werden z B über die 
Variationen der Qualitäts- und Intensitätsunterschiedsempfindlichkeit und 
ihrer Vererbungsmöglichkeit, über die Prädisposition zu gewissen Affekt 
lagen über die Vererbung gewisser stark ausgeprägter Gefühlsformen usw 
in letzter Linie sollen die Untersuchungen zur Beantwortung der Fra PP 
führen, ob die Persönlichkeit erblich ist oder nicht Der Autor 
ist sich bewusst, dass die Studien nicht nur an der Individualpsychologie 
sondern auch an einer Charakterologie, richtiger gesagt, an einer Tvnen- 
psychologie" orientiert werden müssen. Andere Wissenschaften" hätten 
wichtige Ergänzungen zu liefern, so z. B. die Neuro- und Psychopatho- 
logie; eine Frage, die die lierpsychologie zu beantworten hat wäre die 
der psychischen Vererbung bei Bastardierungen. Der Verfasser' will keine 
neuen Lehren oder neue experimentelle Nachweise liefern, sondern be- 
SÄff e Präzis , i f Un « neuer Richtlinien für künftige Forschungen 
und gibt prinzipielle Bemerkungen zu den auf diesem Gebiete 

ÄSftft ; <° aTw • m Sinne dieser Grunda ^gabe des Werkes 
behandelt der letzte Abschnitt den Zusammenhang des Physischen und 
Psychischen und die Grundsätze der Erklärung psychischer Vererbung 
tlttr^nd i", SCh r , Gesicbts P™ kt en- Die materialistischen und 
ÄKShS?^ & Ä l *? hen Erklärungen werden abgelehnt. Die 
tZIa r g Ich . keit / me A s ^ckenlosen Verständnisses der -psychischen Ver- 
erbung hegt für den Autor m der „höchstwahrscheinlichen Hypothese 
des psychophysischen Parallelismus". Ihre völlige Durchführung in der 
psychischen Vererbung, also auch für den Keim! ist aber nur möglich 
wenn der Begriff „psychisch" erweitert wird, nur dürfen in diSen er 
weiterten Begriff „psychisch" nicht Latenzzustände mit einLogen werden 
weil diese nicht erlebt werden können und somit, nach der Ansicht des 

S^ik^SrÄr elementare Form des - Er,ebens " auch 

bemerken bK fT ^^ ?** nÄher darauf ein e e hen und 
bemerken bloss, dass m diesem, für die erkenntnistheoretische Betrach 



240 Referate und Kritiken. 

tung des Parallelismus, allerkritischsten Punkte, der Frage nach der Kon- 
tinuität des psychischen Geschehens durch den Keim hindurch über das 
individuelle Leben hinaus, auch die vorliegende Deutung nicht völlig be- 
friedigend ausgefallen ist. Die antimaterialistische Auffassung ist hier, 
unbeschadet ihrer sonstigen Berechtigung, am schwersten zu vertreten, 
diese Schwierigkeit steigert sich aber noch viel mehr, wenn- der Autor 
im Sinne Wundt's u. a. jede Abweichung vom Satze: psychisch == 
bewusst als contradictio in adjecto bezeichnet. Über diese Schwierigkeit 
leitet auch die Definition des Autors nicht hinweg: „Das Psychische kann 
seinem Wesen nach noch elementarer sein, als die von der Psychologie 
unterschiedenen psychischen Elemente.- — Doch müssen die sehr lesens- 
werten Aufstellungen und die ernsten Bemühungen des Autors zur Recht- 
fertigung eines „Erhaltungsprinzipes psychischen Geschehens" voll an- 
erkannt werden. 

Das Buch ist trotz der stellenweise undeutlichen Diktion dem bio- 
logisch und philosophisch vorgebildeten Psychoanalytiker zu empfehlen. 
Die darin angeregten Untersuchungen werden vielleicht in Zukunft den 
Nachweis erbringen, dass viele der von den Psychoanalytikern aller Schat- 
tierungen mit dem Ausdrucke „Identifizierung" meines Erachtens etwas, 
zu einseitig aufgefassten Phänomene, einer biologischen Erklärung mög- 
licherweise besser zugänglich sind.' Gaston Rosenstein. 

Richard Thurnwald, Probleme der ethno-psychologischen 
Forschung. Zur Praxis der ethnu-psychologischen Ermittlungen be- 
sonders durch sprachliche Forschungen. In „Beihefte zur Zeitschrift 
für angewandte Psychologie". Herausgegeben von William Stern 
und Otto Lipman. Heft 5. Leipzig, Job. Ambr. Barth. 1912. 

Die Aufsätze erörtern die Ziele der ethno-psychologischen Forschung; 
und geben in Form einer Instruktion für wissenschaftliche Reisende die 
Wege an, auf denen die Erforschung fremder Völker angebahnt werden 
\ ann Gaston Rosenstein. 

Dr. Hans W. Maier, Unfallgutachten über Fälle von De- 
mentia praecox. Korrespondenz-Blatt für Schweizer Ärzte. Jahrg. 

1912. Nr. 8. 

An zwei in der psychiatrischen Universitätsklinik in Zürich be- 
gutachteten Dementia praecox-Fälleri sucht Mai er nachzuweisen, dass 
auch ein von aussen einwirkendes Moment auf die meist von Jugend auf 
vorbereitete und hauptsächlich durch endogene Ursachen hervorgerufene 
Krankheit Einfluss zu nehmen vermag und daher bei einem Versicherungs- 
anspruch berücksichtigt werden muss. Verf. ist der Ansicht, dass bei 
zur Dementia praecox disponierten Individuen irgendwelche Schock- 
wirkung einen Anfall auslösen kann, der nach der Erfahrung in Parallel- 
fällen ohne dies Trauma zudieserZeit sonst nicht eingetreten wäre. 
Es sei dabei durchaus nicht nötig, dass eine Bewusstlosigkeit eingetreten 
sei. Der Schock mit der folgenden Störung des seelischen Gleichgewichtes 
genügt völlig, um die latente Disposition in einen Anfall ausgesprochener 
Geistesstörung zu verwandeln. Es sei allerdings anzunehmen, dass i n 
solchen Fällen die Disposition so stark sei, dass auch ohne das Trauma 
die Geisteskrankheit einmal ausgebrochen wäre, aber nicht gerade i n 
diesem Zeitpunkte, sondern erst später. 






Referate und Kritiken. 



2« 



Der Willkurbchkeit „bei Abschätzung des Schadens, der auf die 
Rechnung des auslösenden Momentes und desjenigen, der auf die des 
endogenen Krankheitsprozesses zu setzen ist", sei sich Verf. bewusst 
doch scheine es im Interesse der Patienten gelegen zu sein, wenn die 
Möglichkeit einer solchen gutachtlichen Fragestellung mit einer ge- 
wissen Aussicht auf Erfolg in den ärztlichen Kreisen allgemeiner be- 
kannt * Dr. Bernhard Dattner. 

.Wilhelm Specht, Zur Phänomenologie und Morphologie 
der pathologischen Wahr nehmungs täuschungen. Zeit- 
schrift für Pathopsychologie, II. Bd., V Heft. 

Das vorliegende Heft enthält die beiden ersten Teile der Arbeit in 
denen der Verfasser die Phänomenologie der Wahrnehmung und 'die 
Phänomenologie der pathologischen Wahrnehmungstäuschungen bespricht 

n? u Wen [ 8 gege ° die Prämisse > dass es sich bei den Halluzinationen um 
Wahrnehmungstäuschungen und nicht um Sinnestäuschungen handelt ein- 
zuwenden wäre, so unzuverlässig und unnotwendig erscheinen mir die 
Resultate der weiteren Untersuchung. Es ist richtig, dass es keine Sinnes- 
wahrnehmungen m der Inhaltsbedeutung dieses Wortes gibt, weil die Wahr- 
nehmung eine Innentätigkeit ist, eine Art Verwertung der Sinnestätigkeit 
aber unrichtig ist es, daraus eine partielle Unabhängigkeit der Wahrnehmung 
zu folgern. So sagt Specht: „Derselbe identische Gegenstand kann 
mir auch durch andere Sinnesfunktionen gegeben sein." Wohl- wenn 
ich einen Tisch betaste, nehme ich denselben Gegenstand wahr als wenn 
ich diesen Tisch sehe; wenn ich ihn betaste, so habe ich gleichzeitig auch 
sein erschautes Bild; aber wir werden doch nicht vergessen: vorausgesetzt 
dass ich diesen Tisch oder zum mindesten irgend einen Tisch schon ge- 
sehen habe. Daraus folgt doch nicht, dass es für die Wahrnehmung gleich- 
gültig sei, ob ich einen Gegenstand sehe, oder betaste, oder höre sondern 
nur, dass die Bekanntschaft mit dem Gegenstande mir die Wahrnehmung 
insoweit erleichtert, als bei der Funktion eines Sinnes das Wahrnehmungs 
objekt sich leicht zu den anderen ergänzt. 

Ähnlich verhält es sich bei den Halluzinationen. Specht sagt zwar 
dass „das, was bei den echten Wahrnehmungstäuschungen in Erscheinung 
tritt, bei den pathologischen Phänomenen wiederkehrt", aber die Gleich- 
setzung des Wertes der einzelnen Sinnesfunktionen für die Einheit der 
Wahrnehmung, die ich früher die partielle Unabhängigkeit nennen konnte 
bedingt hier, auf dem Gebiet der pathologischen Erscheinungen, durch 
ihre Unsicherheit und Ungenauigkeit die schiefe Stellung, in die diese 
Fragen geraten, so dass Specht das Wesen der Halluzinationen mit 
der Bezeichnung: „Vermeintlichkeit" zu treffen glaubt. Zwar hat er das 
letzte Wort darüber noch nicht gesprochen, da die Morphologie der Wahr- 
nehmungstäuschungen noch im nächsten Heft zu erscheinen hat, aber die 
Krankengeschichten, die besprochen werden, bieten Gelegenheit, durch die 
Art ihrer Deutung das wissenschaftliche Ziel, das der Autor verfolgt 
zu erkennen. Specht bespricht unter anderen einen aus S a n d e r zitierten 
fall: Einem kranken Mädchen kam es, während e« auf einem Stuhle sass 
und damU schaukelte, plötzlich vor, als ob ihr Fuss gegen einen weichen 
Gegenstand abesse: sie blickte unter den Tisch und sah einen dreibeinigen 
Hasen, den sie dann durch die Tür hinauslaufen sah. Der Autor hat Recht 
wenn er sagt, dass ,es sich hier nicht um eine Tast- und obendrein um eine 






242 Referate und Kritiken. 

Gesichtshalluzination handelt, sondern dass es zwei Erscheinungen einer 
und derselben Halluzination sind; aber es gelingt ihm nicht, eine halb- 
wegs annehmbare Formel für seine Ansicht zu finden. Wenn er sich dann 
gegen die Assoziations-Psychologie wendet, so wollen wir mit ihm glauben, 
dass eine Erklärung, die das Objekt der Wahrnehmung auf eine Empfin- 
dungsassoziation zurückzuführen versucht, niemals eine Lösung sein kann. 
Doch zeigt sich eine ähnliche Erscheinung, wie wir sie manchmal im Traume 
beobachten können, in den Wahrnehmungstäuschungen immer wieder, dass 
sich nämlich mit einem Bild, das in Korrelation zu einem Sinne steht, 
bald genug ein zweites, zu einem zweiten Sinne korrelatives Bild deckt. 
Steht nun das Mädchen, das mit dem Fusse einen weichen Gegenstand 
zu berühren glaubt, wo keiner ist, unter einem Zwange, so zeigt die Wahl 
des Objektes der Parallelempfindung ihres Auges, in unserem Falle also 
die Wahl des Hasen, noch viel deutlicher die Tendenz ihrer Neurose. 
Nicht dass ihr Auge den Gegenstand ersieht, den ihr Fuss berührt, sondern 
dass dieser Gegenstand ein Hase ist, darauf kommt es an. Denn die Hallu- 
zination ist nicht die „Krankheit", sondern eine Form, und zwar eine von 
Vjelen, in der die „Krankheit" eine Entspannung sucht. 

Max Cr es ta. 

Parkes Weber, Two stränge cases of functional disorder with remarks 
on the association of hysteria and malingering. Sonderdruck aus Inter- 
national Clinics I, 22. Philadelphia. 

Wer meint, dass die Wiener psychologische Schule, die, mit einer 
neuen und eigenartigen Methode arbeitend, ganze (wenn auch verschieden- 
artige) Systeme des psychischen Geschehens konstruiert hat, wirklich Posi- 
tives, wissenschaftlich Wertvolles geleistet hat, der kann nicht erwarten, 
in einem 14 Seiten langen Aufsatz Aufklärungen zu finden, die über das 
in den Schriften F r e u d's oder Adlers Gegebene hinausgehen. Besonders, 
da der Verfasser nur auseinandersetzen will, in welcher Richtung bei- 
läufig er sich die Lösung des Rätsels der Hysterie gelegen denkt. 

Andererseits macht es der Mangel eines ausgearbeiteten Systems und 
einer besonderen Methode wieder bemerkenswerter, wenn Web er's Bei- 
trag zur Lösung des Neurosenproblems sich so nah mit den Ergebnissen 
von Adler's Forschungen berührt, wie im Folgenden gezeigt werden soll. 
Im ersten Teil der Arbeit werden rein deskriptiv zwei Fälle berichtet, 
die uns weiter nicht beschäftigen sollen, im zweiten Teil entwickelt 
Weber ziemlich theoretisch, unter geringer Bezugnahme auf die vorher 
mitgeteilten Fälle, seine Hysterietheorie. Anknüpfend an die Auffassung 
Hippokrates', die Hysterie komme von einer Erkrankung der weib- 
lichen Geschlechtsteile, erklärt Weber, der natürlich auch eine männ- 
liche Hysterie kennt, sie sei begründet in einer „Übertreibung oder Un- 
ordnung der tertiären weiblichen Geschlechtscharaktere". 
So nennt er psychische Eigenschaften „weiblicher" Art, die sich ent- 
sprechend der bisexuellen Theorie auch beim Manne finden sollen. Jedem, 
der mit Adler's Theorien vertraut ist, wird auffallen, wie nah dies dem 
Ausdrucke Adler's kommt: der Neurotiker glaube sich in einer weib- 
lichen Rolle zu befinden und bediene sich weiblicher Mittel zum männ- 
lichen Protest. Dass es sich aber nicht nur um eine Annäherung in der 
Ausdrucksweise handelt, sondern dass Webe r wirklich eine ähnhebe 
Erscheinung im Auge hat wie Adler, sieht" man später. Mehrere Klassen 



Referate und Kritiken. 243 

von Hysteriesymptomen werden aufgezählt (Schmerzen, Lähmungen Sug- 
gesübihtät etc.), wobei Weber im Einzelnen ausführt, mit jedem dieser 
Symptome benehme sich der Kranke wie eine Frau. Man kann also nicht 
bezweifeln, dass Weber in diesen Punkten das Richtige — da er der 
analytischen Methode Freud's ausgewichen ist und Adler kaum kennen 
dürfte — erraten hat. Und wenn ein solches intuitives Vorgehen auch 
nicht geeignet ist, neue Resultate wissenschaftlich zu begründen oder alte 
neu zu fundieren, so kann man immerhin eine Bestätigung der Richtig- 
keit von Adler's Auffassung darin finden, wenn andere unbeeinflusst 
nur aus der Betrachtung der Tatsachen heraus, zur gleichen Auffassung 
gedrängt werden. F r a n z G r ü n c r. 

Die Onanie. Vierzehn Beiträge zu einer Diskussion der „Wiener psycho- 
analytischen Vereinigung". — Verlag von J. F. Bergmann, Wiesbaden 
1912. 

Man könnte die vorliegende Publikation auch von einem internen 
Standpunkte, aus der Perspektive der Herausgeber, als welche die Redaktion 
der „Wiener psychoanalytischen Vereinigung" zeichnet, kaum als gelungen 
betrachten, eine Tatsache, die um so mehr befremdet, als sich die Mit- 
arbeiter aus einem Kreise rekrutieren, der seit Jahren das Studium sexual- 
pathologischer Phänomene förmlich monopolisiert und mit grossem Eifer 
betrieben hat. Die Diskussionen bringen nicht nur kein Licht in das wichtige 
Problem der „Onanie", sondern sind eher imstande, die Frage noch zu 
komplizieren; wie weit das Ergebnis von einem halbwegs befriedigenden 
Erfolg entfernt ist, geht schon daraus hervor, dass man nicht einmal die 
geringste Übereinstimmung über die Formulierung und das Wesen 
des behandelten Problems erzielen konnte. Man hätte sich vielleicht viel 
Arbeit, und Mühe von vornherein ersparen können, wenn man mehr dem 
Umstand Rechnung getragen hätte, dass eine Antwort nur dann verständlich 
erscheint, wenn man die Frage kennt. Die Missachtung dieser wichtigsten 
Vorbedingung jeder wissenschaftlichen Arbeit brachte es mit sich, dass 
nicht nur die verschiedenen Autoren vielfach zwecklos aneinander vorbei- 
reden, sondern dass auch den von den einzelnen vorgebrachten Resultaten 
jede Treffsicherheit und jede Kontrolle fehlt, da sie richtungslos ins 
Leere gehen. Unter solchen Bedingungen können selbst die kühnsten 
Behauptungen niemals kühn genug erscheinen, da keine Notwendigkeit 
der Einschränkung vorliegt und sie sich bei einer eventuellen Nachprüfung 
immer wieder auf etwas anderes beziehen können. Wenn das eine 
gute Präventivmassregel gegen eine Kritik ist, so ist es eine um so 
schlechtere Unterstützung für die Wirkung der geleisteten Arbeit. Die 
Einsicht der Herausgeber, die im Vorwort zugeben, „es mag viel vorbei- 
geredet und vorbeigehort worden sein", kann diesen Eindruck nicht ab- 
schwächen, der andererseits ihre gute Absicht, „zu zeigen auf welche 
Wege die Forschung über die Probleme der Onanie durch das Auftauchen 
der psychoanalytischen Arbeitsweise gedrängt worden ist", bedauern lässt 
— weil es eben mit der guten Absicht allein nicht getan ist und das 
Geringste, was man von einem so umfangreichen Werk verlangen kann 
wirklich das wäre, zu erfahren, auf welche Wege usw. Anstatt dessen 
wird man sich bewusst, dass zu viele Wegweiser nicht nach Rom sondern 
in eine pfadlose Wirrnis führen. Wir konstatieren das mit Bedauern 
denn wenn so emsige Betrachter des menschlichen Sexuallebens in einei 



244 Referate und Kritiken. 

Kapitalfrage desselben im Grunde uns um keinen Schritt weiterführen 
können, möchte man beinahe an der Möglichkeit einer Lösung verzweifeln; 
mit doppeltem Bedauern, weil ein solcher Misserfolg geeignet ist, das 
Vertrauen zu einer Methode und einer Schule, die Gutes geleistet hat, zu 
erschüttern. Wir wollen uns jedoch bemühen, den einzelnen Autoren 
zu ihrem Rechte zu verhelfen und diejenigen, die eine Ausnahme von 
dieser allgemeinen Regel bilden, hervorzuheben. 

Es wäre interessant zu erfahren, nach Welchem System die Reihen- 
folge der Beiträge bestimmt wurde, ob dabei einfach die chronologische 
Aufeinanderfolge der Vorträge beachtet wurde, oder ob die Herausgeber 
bemüht waren, einen tieferen Sinn in die räumliche Anordnung zu bringen. 
Man wäre beinahe geneigt, einen solchen darin zu vermuten, dass Hitsch- 
m a n n's Ausführungen das Werk einleiten, während Fieud's Vortrag einen 
wirkungsvollen Abschluss schafft. Hitschmann lässt uns nämlich, ab- 
gesehen von jenen Stellen, wo er Freud zitiert, also durch ein rein 
äusserliches Merkmal, beinahe vollkommen vergessen, dass eine neue 
Stunde der psycho-pathologischen Forschung geschlagen hat. Im Vergleich 
zu radikaleren Kollegen (Rank, Tausk, Stekel) steht er eigentlich 
auf dem Boden der guten alten Zeit und bringt pädagogische Ratschläge 
vor, die mit den Kenntnissen übereinstimmen, welche sich Gymnasiasten 
aus dem Konversationslexikon holen, — was wir mit Freuden begrüssen, 
da dieser Umstand die allzu schroffe und schädliche Haltung, welcher 
sich die psychoanalytische Schule älteren Leistungen gegenüber befleissigt, 
abzuschwächen imstande ist. Frugale, den Sport fördernde Erziehung 
usw., volle Aufrichtigkeit zwischen Kind und Erzieher, liebevolle, robuste 
ablenkende, die Verführung ausschliessende Betätigung sind gute päda- 
gogische Prinzipien, die sicher sehr gute Erfolge zeitigen können, wenn 
sonst keine ungünstigen Bedingungen vorherrschen, und gegen die nichts 
einzuwenden wäre, als dass sie eben bisher auch bekannt waren, ohne 
dass sie die Leiden der Menschheit irgendwie gelindert hätten. Wir können 
seiner Ansicht, die er übrigens mit den meisten seiner Mitarbeiter teilt, 
dass die Onanie unter gewissen Bedingungen von Vorteil sein kann, weil 
sie den Betreffenden vor allerlei Gefahren schütze (Geldausgaben, In- 
fektion, schlechte Gesellschaft), nicht beistimmen und heben sie nur hervor, 
um einem Missverständnis, das sich durch das ganze Werk zieht und 
in Stekel's Referat besonders stark hervortritt, von vornherein entgegen- 
zutreten. Dahingegen nehmen wir mit Hitschmann an, dass in der 
Masturbation bei Mädchen wohl eine Art infantiler Männlichkeit 
nachzuweisen wäre, wenn man sich die Mühe gäbe, diesen Weg weiter zu ver- 
folgen; ein Weg, der jedoch unserer Ansicht nach sehr weit von sexual- 
ätiologischen Prinzipien weg und der Annahme eines „männlichen Pro- 
testes" sehr naheführt. Dass exzessive Onanie der Behandlung nur 
schwer zugänglich sei, ist bedauerlich, um so mehr als Hitschmann 
aus ihr die meisten hystero-neurotischen Symptome ableitet, so dass also 
eine allgemein ungünstige Prognose für jede Psychotherapie gestellt wird,. 
die ja das Spezialgebiet eines Psychoanalytikers darstellt. Allerdings führt 
die exzessive, durch Jahre betriebene Onanie nur „zuweilen" zur sexuellen 
Neurasthenie. Man könnte eigentlich annehmen, dass exzessive Onanisten 
schon früher neurotisch waren. 

Ferenczi erinnert uns durch die große Wichtigkeit, die er der 
Frage beimisst, ob Koitus und Masturbation psychologisch und physio- 



Referate und Kritiken. 



245 



logisch verschieden zu wertende Vorgänge sind, daran, dass wir wohl in 
Sh!n w „ Un ? f0 ™ Un ! al,Gr Begriffe und des beständigen Zweifels 

wird W^T. '"r f f T'/ aSS , dieSer ümacke -»g «*«• reiche Ernte folgen 
WWL Titte Begriff der E in tags neuras th en i e anbelangt den 
der Autor einfuhren möchte, nehmen wir an. von einer Eintagsneurasthenie 
könne nur dann die Rede sein, wenn man die VorgeschichteTbeisiehtT 
man sonst gezwungen wäre, an eine creatio ex nihilo zu glauben, 'was 
beim übersehen charakterologischer Anhaltspunkte sehr leicht möglich ist 
Dieser Standpunkt lässt sich eben nur von der eminent retrospektiven 
Freud sehen Anschauungsweise aus festhalten, welche von allen Autoren 
(mit Ausnahme von Tau sk und Feder n) ihren Ausführungen zugrunde 
gelegw.rd (Charakter als Wirkung nach aussen und in die Zu 
kunft) Die diesbezügliche Lückenhaftigkeit des Systems zeigt sich am 
deutlichsten ,m Referat Sadger's, der als für den Onanisten charakte- 
ristisch gewisse Merkmale hervorhebt, die Gemeingut aller Neurosen sind 
S£ A a !' 7 e,1 u ' iani f kein zirkumskriptes Symptom ist), obwohl 
h'L ^ t0I Q du f h , die Annahme einer „Überkompensation" zu 
helfen sucht. Stekel's Behauptung, nicht die Onanie, sondern die Ab- 
stinenz nach exzessiver Onanie sei schädlich, mutet wie der Paradoxe 
Ausdruck einer halben Wahrheit an: beides ist möglich, insoferne als 
Onanie und Abstinenz dasselbe ausdrücken und das- 
selbe Ziel verfolgen können. Dass das Individuum in jeder 
Liebesbeziehung sein „Ich" suche, kann wahr sein, hat jedoch mit der 
Libido nichts zu tun. sondern tührt gerade von der sexuellen Fragestelluni: 
weg. Fried jung bringt interessante Beobachtungen über Organminder 
Wertigkeit und Masturbation bei Kindern, enthält sich jedoch joder Sehluss 
folgerung, die gerade hier nicht uninteressant wäre. 

Eingeweihten dürfte die Stellungnahme Tausk's bedeutungsvoll er- 
scheinen Wir waren seltsam überrascht von der Haupttendenz seiner 
Beweisführung die sehr stark mit den „leitenden Ideen" seiner Kollesen 
kontrastiert Er begeht nur den Fehler, einen Misston in sein System 
durch die Annahme einer Doppeldetermination psychischer Phänomene zu 
bringen (wie z B. eines Arterhaltungs- und eines Selbsterhaltungstriebes 
zwei Begriffe die vielleicht fruchtbare philosophische Fiktionen sind bei 
einer psychologischen Untersuchung jedoch, die reale psvehische Fakten 
zu präzisieren hat, die grösste Verwirrung anrichten müssen). Aus der 
Dichtigkeit die er dem Ichbewusstsein (eine unzutreffende Umschreibung 
des Personhchkeitsgefühls) beimisst, geht deutlich hervor, dass der Autor 
bestrebt ist, mit der Entwicklung der Zeit Schritt zu halten und besonders 
die Ergebnisse der vergleichenden Individualpsychologie (für welche 
Alfred Adlers Werk ..Über den nervösen Charakter" i) grundlegend ist) 
mit erfreulicher Bereitwilligkeit übernommen hat. Der Grundton seiner 
Behauptungen bezieht sich auf Auffassungen über die Verwendung der 
Angst, wie wir sie aus Adler's „Neurotischer Disposition" 2) kennen 
und aus dessen Theorien des neurotischen „Junktims", auf den Gegensatz 

llLn mde8 .. 1 f n ' ****** seineri Dra "S> den Eltern gleichzukommen, die 
selben zu über flügeln, auf die treibende Kraft des Selbstbewusstseins und 

Deuticke 180? W«*OMi«lyt»ch. und Psychopathologie Forschung. Wien, 



246 Referate und Kritiken. 

der Eitelkeit, kurz jener Tendenzen, die wir im Mechanismus des „männ- 
lichen Protestes" wirksam kennen gelernt haben. 

Was Tausk's Behauptung anbelangt, „in dieser Zeit beginnt das 
Kind die sozialen Forderungen, die es selbst zu erfüllen hat, an die Um- 
gebung zu stellen" (S. 58) und „Diese Forderung wurde zunächst in 
frühester Kindheit von den Eltern gestellt. Dann erfolgte die Identifizierung 
des Kindes mit den Eltern, wodurch die Forderungen der Eltern zu den 
eigenen Forderungen des Kindes wurden" (S. 62), verweisen wir auf Dr. 
Karl Furtmtiller's Schrift „Psychoanalyse und Ethik i), wo die 
Frace ausführlich erörtert wird und es unter anderem heisst: 

Aber es steht noch eine dritte Möglichkeit offen, die dem In- 
dividuum über das Gefühl der Minderwertigkeit hinaushilft, und m dieser 
liegt der subjektive Ursprung der Ethik. Das Individuum kann 
nämlich die fremden Gebote zu seinen eigenen machen 

(S. 15). , . , , ., 

, Wer ethische Gebote innerlich anerkannt hat, kann und wird den 
anderen mit ethischen Forderungen gegenübertreten. Eine rudimentäre 
Form dieser Erscheinung finden wir in der ostentativen Übergenauigkeit, 
mit der manchmal Kinder die Einhaltung kleiner Ordnungsregeln, die man 
ihnen eben erst beigebracht hat, von- anderen verlangen. Von hier aus ge- 
langt man wohl auch zum Verständnis von Goethe's Beobachtung: ,Die 
Kinder sind alle moralische Rigoristen'." (Dichtung und Wahrheit, 

VI. Buch.) (S. 16 ff.) 

Da wir ausserdem aus öffentlichen Diskussionen wissen, dass 
Tausk die Trie b ve r seh r änku ng , wie sie Adler im „Aggressions- 
trieb im Leben und in der Neurose" 2) einführte, vollinhaltlich akzeptiert 
und geradezu für gleichbedeutend mit seinen eigenen Forschungsergebnissen 
erklärt, so begrüssen wir in seiner Tätigkeit das Walten einer progressiven 
Tendenz. Das ist nicht ohne Bedeutung in einem Kreise, in dem noch vor 
kurzer Zeit die Erwähnung des Aggressionstriebes nur der erstaunten Frage 
begegnete: „Wer aggrediert?" (Tausk in der Diskussion der „Wiener 
psychoanalytischen Vereinigung" über den Aggressionstneb.) — Bedauer- 
lich am Referat Tausk's sind jedoch die vielen Widersprüche, zu denen 
er gezwungen ist, um den Anschluss an die übrigen Mitarbeiter zu finden; 
indem man einer guten Idee einen fremden Sicherheitskoeffizienten zu- 
gunsten einer anderen, widersprechenden Theorie anhängt, kann man leicht 
den Eindruck erwecken, man scheue sich seiner eigenen Worte. Doch 
bei einem jungen Adepten (dies ist die erste Publikation Tausks) sind 
derlei Fehler unvermeidlich. 

Phimose, Paraphimose, abnorme Stellung des Gliedes und andere 
Organminderwertigkeiten, die Federn zwar für wichtig, aber für >>banal" 
hält, spielen unserer Erfahrung nach eine wesentliche Hauptrolle bei der 
Entwicklung von Neurosen; es dürfte auf die weitgehende psychische 
Interpretation, welcher gerade solche Momente fähig sind, zurückzuführen 
sein, dass für einen oberflächlichen Beobachter bei vielen Erkrankungen 
die sexuelle Sphäre in den Vordergrund gerückt zu sein scheint Der 
Autor zitiert Adler an falscher Stelle. Rosen st ein behandelt ein- 

)) Schriften des Vereins für freie psychoanalytische Forschung. Nr 1. Ernst 
Reinhardt Verlag, München 1912. Dr. Carl Furtmüller (Molltor), Psychoanalyse 
und Ethik. Eine vorläufige Untersuchung. 

2) Fortschritte der Medizin. 1908, Heft 19. 



Referate und Kritiken. 247 

gehend die physiologische Seite des Problems, die wir jedoch für weniger 
wichtig halten; denn es bleibt ja immer der psychische Überbau zu er- 
klären und die Annahme toxischer Schädigungen darf einem Psychologen 
nicht als Ausrede dienen. Es gibt keinen eingreifenden biologischen Vor- 
gang, der nicht von einer psychischen Interpretation begleitet wäre, und 
gerade diese schafft die Basis und den Hintergrund, innerhalb welcher 
sich das Phänomen entfaltet. In diesem Sinne müssen wir Stekel bei- 
stimmen, welcher am konsequentesten die psychologische Frage im Auge 
behält. Rank scheint auf die Masturbation überhaupt alle Ausdrucks- 
formen des Lebens zurückführen zu wollen, während Steiner die beste 
Erkenntnis wiedergibt, die wir in dem Werke angetroffen haben, indem er 
sagt, „die Onanie erzeuge nicht die Neurasthenie, doch sei sie imstande 
eine schon vorhandene Neurasthenie in hohem Grade zu steigern". Wir 
glauben jedoch, dass jeder halbwegs einsichtige Arzt seit Äskulaps Zeiten 
sich dasselbe gedacht hat und dass es nicht eines solchen Aufgebots 
bedurfte, um zu dieser Feststellung zu gelangen. Diesen Eindruck der 
Unzulänglichkeit der gewonnenen Resultate vermag auch Freud nicht 
zu beheben, der in seinem äusserst vorsichtig gehaltenen Resume so 
weit geht, die Möglichkeit der Einsicht in die neurotische Disposition 
zu leugnen. Eine Behauptung, die wohl mehr Pessimismus als Überzeugung 
ausdrücken will, denn es hiesse den Stand der heutigen Psychopathologie 
um 100 Jahre entwerten, wollte man die Fülle von charakterologischen 
diagnostischen Hilfsmitteln leugnen, die uns für das Erkennen einer solchen 
Vorstufe zur Verfügung stehen. 

Zur Verteidigung aller Autoren wollen wir noch bemerken, dass 
diese Diskussion vielleicht nur aus dein Grunde keine reichen Ergebnisse 
brachte, weil das behandelte Problem nicht ein solches ist. das als Mittel- 
punkt einer ausführlichen Debatte dienen könnte. Die Masturbation selbst 
ist ein Syndrom, unendlich vieldeutig wie die meisten als .Mittel ver- 
wendeten „Realien" der Neurosen, die in tausend Konstellationen und 
Verbindungen auftreten können. So ist es auch zu erklären, dass viele 
Diskussionsredner in den engen Rahmen einer Onaniedebatte Motive ge- 
zwängt halien, welche weit über das enge Gebiet hinausreichen ; sie 
glaubten zum Problem der Masturbation beizutragen, während sie Fakten 
erörterten, bei welchen die Onanie höchstens als lllustrationsfaktor in Be- 
tracht kommt. Dass sie sich ins Dunkel der physiologischen Schädlich- 
keiten verirrten, erklärt sich aus dem unsicheren Gefühl, welches das 
Stehen auf einem so schwankenden Boden erzeugen muss. (Man geht so 
weit, das Krankheitsbild der Neurasthenie als ein von den Neurosen 
wesensfremdes, durch rein toxische Ursachen bedingtes auszuscheiden; 
wir verweisen darüber auf unsere Bemerkungen über Ferenczi's Eintags- 
neurasthenie.) Wir glauben auch an Nie tz sehe's „Feier des Fleisches 
am Denken", wir glauben an ein Martyrium der Gewebe, einfach weil wir 
nicht an eine Trennung von Soma und Physe zu glauben vermögen. 
Es heisst aber mit mystischen Begriffen arbeiten und sich eine Hintertür 
offen lassen, wenn man als Psychologe jedes ungelöste Problem der 
Biologie zuschiebt. 

Seltsam erscheint es auch, dass alle Referate mit einer gewissen 
Noncholance über die Frage hinweggehen, wie die Onanie wird 
wieso ein Individuum dazu kommt, dass es masturbiert. Das Eingehen 
auf diese Frage hätte eben gezeigt, dass die Masturbation einfach auf das 



248 Referate und Kritiken. 

Problem der Neurosen überhaupt zurückführt. Für die Entstehung der 
Onanie wird im allgemeinen der Sexualdrang verantwortlich gemacht, wobei 
dieser Begriff in einem unmöglichen Masse rationalisiert und geradezu 
als quantitative Grösse genommen wird. (Reit ler glaubt an die Mög- 
lichkeit einer Elimination von Triebkomponenten, also eines absoluten 
Wegfalls und Verlustes von etwas Bestehendem, was wohl ein sehr an- 
genehmes Kunstmittel ist, aber den Prinzipien jeder wie immer gearteten 
Forschung widerspricht.) Nur Tausk bemerkt gelegentlich, dass er in 
der Onanie den „Ausdruck der Auflehnung gegen den Vater" erblicke. Das 
hat aber mit Sexualität nichts zu tun, und der Autor hatte nicht den Mut, 
seinen Gedanken weiter zu verfolgen, weil er ihn auf seltsame Abwege 

geführt hätte. 

Wenn wir uns bemühen, diese Wege weiter zu verfolgen, so stossen 
wir auf Argumente, die der ausschliesslichen Annahme von der Sexualität 
als primär determinierender Kraft beim Entstehen der Masturbation den 
Boden entziehen. Die Masturbation präsentiert sich, sobald wir hinter 
den äusseren Schein des sexuellen Aktes zurückschauen, als einer der 
vielen Kunstgriffe, deren sich das Kind sowie der Neurotiker bedienen, 
um sich auf ihren individuellen Lebenskampf vorzu- 
bereiten, den er eben in der Auflehnung gegen den Vater,, im Drange, 
dem Vater gleich zu werden, ihn zu überflügeln, zuerst kennen gelernt hat. 
Von seinem überspannten Persönlichkeitsgefühl und den hohen Anforde- 
rungen, die er an das Leben stellt, zu übertriebener Vorsicht und Furcht 
vor Niederlagen gezwungen, zieht er sich auf Augenblicke vom Kampf- 
platz zurück, um seine Kräfte zu sammeln. Zeit zu gewinnen usw. 
(Avance nach rückwärts) und erhebt das Ibsen'sche „Genüge dir 
selbst- zu seiner Devise. Der Verzicht auf fremde Hilfe, die Sicherung 
vor der Frau, die er durch die Masturbation durchführt, kommen seinem 
Bedürfnis nach Erhöhung seines Selbstgefühls, nach Grösse und Macht 
und seiner „Furcht vor der Frau" entgegen, die wieder nichts anderes ist 
als die Furcht vor der Niederlage (also das Bedürfnis nach Sieg) in ihrer 
Anwendung auf die sexuelle Sphäre. Diesem Schema passt sich der von 
Stekel geschilderte Fall des Mannes, der nach jahrelanger exzessiver 
Onanie plötzlich ein grosser Don Juan wird, sehr gut an; wir nehmen 
nicht an, dass eine Heilung, oder überhaupt eine wesentliche Änderung 
in der psychischen Konstellation des Individuums vor sich gegangen ist. 
Als Onanist und Don Juan ist er derselbe: der Typus des ehrgeizigen 
Menschen, welcher zuerst dem Kampfe aus dem Wege geht, um keinem 
Beweis seiner Minderwertigkeit ausgesetzt zu werden, und später über- 
haupt nie genug Beweise seiner Überlegenheit finden kann ; in jedem Fall 
also ein Mensch, der an krankhaft überspanntem Selbstgefühl leidet. Diese 
Annahme finden wir auch in der Bedeutung bestätigt, welche die Philo- 
sophie des Kynikers, des selbstherrlichsten aller Philosophen Griechen- 
lands 1 ), der Masturbation beimisst; sie soll nichts anderes sein als der 
Ausdruck seiner Genügsamkeit, Selbständigkeit und Menschenverachtung. 
Wir sehen darin sozusagen einen zum Prinzip erhobenen „männlichen 
Protest" Und von dieser Linie lassen sich auch die Depressionszustände 
widerspruchslos ableiten: der Neurotiker, der im Kampfe um scn Grössen- 
ideal zum Kunstgriffe der Masturbation gegriffen hat, wird von der Er- 
i) Dies« Argument verdanke ich einer Mitteilung Dr. Oppenheims (Uno* 
multorum). 






Referate und Kritiken. 



kenntnis überrumpelt, dass er sich eigentlich sein GrössenideaJ 

Z !n S R° rge f tel, V hat; die ®WWtät meiner Situation kommt 
ihm zum Bewusstsem, die ungeheure Entfernung vom Endziel - und 
dass ei -wirklich niemandem seine Macht bewiesen, niemanden direkt durch 

mÄLwÄ 1- hat " Darin lie § t das Krankhafte und 
Qualende des Symptoms: dass es seinen Zweck nicht erreicht 
oder nur in Verbindung mit der Depression erreicht 

Wir haben dies nur erwähnt, um einen der Hauptpunkte zu präzi- 
sie.-en, die unserer Ansicht nach bei der Beurteilung der Onanie in Be- 
tracht zu ziehen sind und welche am stärksten die Differenz zwischen uns 
und den Diskussionsrednern der „Wiener psychoanalytischen Vereinigung 
aufweisen : die Frage nach d e m Z i e 1 , dem das Symptom zustrebt. Freu d's 

SZÄ S, k ™ T* DarsteIlun g zweifelhafter Begleitumstände 
der Masturbation begnügt, die wenigsten haben nach den Ursachen gefragt 
- hatte Tausk die angedeutete Richtung weiter verfolgt so wäre er 
wenigstens zu einer umfassenden Fragestellung gelangt. Die hätte ihm 
aber auch zugleich die sexuelle Erklärung aus der Hand gerissen, welche 
wahrscheinlich die einzige ist, über welche er verfügen zu dürfen glaubt 
obwohl er - wie wir gesehen haben - auch andere Hilfsmittel nicht 
verschmäht Auf jeden Fall wäre grössere Vorsicht am Platze gewesen- 
um nicht Motive anzuschlagen, welche den Leser auf fremde den Ab" 
sichten des Autors sehr widersprechende Nebengedanken bringen müssen. 

Otto Kaus. 

Die Onanie. Eine Gegenkritik der vorhergehenden Kritik von Otto 

AäUS. 

* wr i UC K iC u K Mn l° a dCm , El S bnis der Onaniedebatte keineswegs be- 
friedigt. Ich habe schon in der Diskussion konstatieren müssen dass die 
meisten Redner unhaltbare Positionen mehr oder weniger glücklich ver 
teidigen. Ich habe mir die Behandlung des Themas „Onanie" für den 
dritten Band der „Störungen des Trieb- und Affektlebens" vorbehalten 
Allein haus scheint mir in seinem jugendlichen Eifer zu weit zu gehen' 
und die Parteinahme für seinen Meister Adler scheint ihm jene gefähr- 
liche Dosis von Affekten eingeimpft zu haben, welche den klaren vor- 
urteilslosen Bück trübt. So wichtige komplizierte Fragen wie die -Onanie 
lassen sich nur auf der Basis reicher Erfahrungen lösen Der Referent 
dessen psychologische Begabung für mich über jeden Zweifel feststeht" 
kann diese Erfahrungen noch nicht gesammelt haben. Deswegen wäre 
meiner Ansicht nach etwas grössere Zurückhaltung und Bescheidenheit in 
den Formulierungen am Platze gewesen. Schliesslich enthält die Debatte 
die Ansichten von manchen Forschern, die sich seit vielen Jahren be- 
muhen, die sexuellen Probleme vorurteilslos zu betrachten. Ich sage be- 
SÄ TH ^ Schüler Freud's sich unwillkürlich verleiten lassen, 

,^m!T/\ Be f w zu finden - So e eraten sie tefc& 

RÄfJC* n 6 B ^ n d6S ******* «aus scheint mir «aber den 
JJ^t £ D °e matlsmus d L urch *m Ad.ler'schen Dogmatismus zu 
ÄnW ""* V 7 esc * nttener s ein. Aber Dogmatismus bleibt 
Sg? m Ä ' ■ \- m i Wird immer der vorur teilslosen Forschung eine 
Klippe. Muss denn die Onanie der Ausdruck des „männlichen Protestes" 

TEL 0nan rV iCh t die Hunde und die **» ä v? fande^e itre 
denen wir die komplizierten Mechanismen eines männlichen ftotoS 

ZentralbUtt für Payehoanalyae. in*/" 

17 



250 Referate und Kritiken. 

und einer feindlichen Einstellung gegen den Vater doch nicht zumuten 
können? Kaus möchte gerne die Frage beantwortet wissen: Wie Onanie 
wird. Ich verweise auf die sicheren Beobachtungen an Tieren. Übrigens 
bestehen die Ausführungen Frcud's „Drei Abhandlungen über die Sexual- 
theorie", welche auf diese Fragen eine ausführliche, stellenweise er- 
schöpfende Auskunft geben. Ich will auch mit Kaus nicht polemisieren, 
ob die Ausführungen in der Onaniediskussion uns der Lösung des Problems 
um keinen Schritt weiter führen. Polemik ist selten fruchtbar und Argumente 
überzeugen nicht. Wir sehen schliesslich alle Probleme durch die Brille 
unserer Affekte. Diese Brille macht uns kurzsichtig, weitsichtig, astig- 
matisch. Es gehört viel Übung dazu, wissenschaftliche Fragen so zu 
betrachten, als stünde man neuen und fremden Erscheinungen gegenüber. 
Ich möchte auch stark bezweifeln, ob die Onanie, wie Kaus meint, in 
allen Fällen nur ein „Kunstgriff", eine „Avance nach rückwärts** darstellt. 
Sicherlich ist sie in vielen Fällen eine Sicherung und schützt vor Nieder- 
lagen. Der Furcht vor der Frau, die den männlichen Onanisten beherrscht, 
steht aber bei der Frau die Furcht vor dem Manne gegenüber. In den 
meisten Fällen aber die Furcht vor den Folgen und die Unmöglichkeit, 
die adäquate Form der Geschlechtsbefriedigung zu finden. 

Kaus übersieht auch meine wichtige Polemik mit Freud. Ich 
habe hauptsächlich die Frage von der Schädlichkeit der Onanie besprochen 
und wieder darauf hingewiesen, dass ich keine Neurasthenie kenne und 
dass die Onanie nach meinen Befunden (wohlgenierkt — Befunden 
und nicht Annahmen!) vollkommen unschädlich ist. Freud hat in 
der Debatte dargelegt, er hätte nie behauptet, die Onanie erzeuge die 
Neurasthenie, sondern; „in der Anamnese der Neurastheniker finde man 
regelmässig exzessive Onanie". Nun lese ich in Freu d's „Sammlung 
kleiner Schriften zur Neurosenlehre" (Die Sexualität in der Ätiologie der 
Neurosen, Seite 187) folgenden Satz : „Die Neurasthenie lässt sich 
jedesmal auf einen Zustand des Nervensystem zurück- 
führen, wie er durch exzessive Masturbation erworben 
wird oderdurch gehäufte Pollutionen spontan entsteh t." 
Das besagt doch deutlich, dass der Onanist sich die Neurasthenie durch 
die Onanie erwirbt und ebenso der Mann, der an Pollutionen leidet, 
denn die Pollution ist eine maskierte Onanie mit Ausschaltung des Be- 
wusstseins. (Entschuldungstendenzen I) 

Gegen diesen Satz und diese Auffassung habe ich mich gewendet. 
IchkennekeineAktualneuroseundkenncnurpsychische 
Wurzeln bei eventuell somatisch zur Neurose dispo- 
nierten Individuen. 

Ich würde es nie wagen, eine solche Behauptung aufzustellen, wenn 
ich sie aus meinem Materiale nicht erweisen könnte. Nun sehen wir 
zahllose Leute, welche die Onanie als Ursache ihrer Neurose beschuldigen. 
Diese Kranken erkennen nicht, dass das Schuldgefühl, das sich an die 
Onanie knüpft, die Ursache der Neurose wird. Wie harmlos selbst exzessive 
Onanie wirken kann, davon gibt ein Fall Kenntnis, den ich dieser Tage 
beobachtet habe. 

Es handelte sich um einen 41jährigen Advokaten (Ausländer), der 
mir folgende Leidensgeschichte übergab: 

„Ich leide an abnormaler Geschlechtsempfindung. welche durch 
Onanie befriedigt wird. Im 16. Lebensalter onanierte ein Schulkollege 



Referate und Kritiken. 251 

vor mir. Einige Wochen später erweckte in mir der Anblick, als ein 
Herr einer Dame ehrerbietig die Hand küsste, ein noch nie empfundenes 
wollüstiges Gefühl. Abend im Bette reproduzierte ich in meiner Phan- 
tasie die gesehene Handkussszene, erinnerte mich an den onanistischen 
Akt meines Schulkollegen, und onanierte das erstemal. Von da an onanierte 
ich täglich einmal, später auch öfter, sogar auch sechsmal des 
Tages. Die begleitende Phantasie war immer ein Handkuss, den ich 
oder ein anderer einer Dame gab. Wenn ich jemand die Hand einer 
Dame küssen sah, oder wenn ich selbst hiezu Gelegenheit hatte, oder 
wenn ich einer solchen Episode in einer Lektüre oder auf einem Bilde 
begegnete, so empfand ich heftige Libido, welche sodann durch Onanie 
befriedigt wurde. Je mehr Devotion, Erniedrigung sich im Handkusse 
äusserte, um so grösser war die Libido. Da ich fast immer Gelegenheit 
hatte, Handküsse zu sehen, oder selbst auszuüben, so hatte meine Ge- 
schlechtsempfindung immer neue Nahrung, was immer wieder zu ona- 
nistischen Akten führte. Als ich in meinen Uni versitäts jähren zur Kennt- 
nis gelangte, dass meine Geschlechtsempfindung eine abnormale, und deren 
Befriedigung eine schadhafte ist, da war in mir der perverse Trieb schon 
derart eingewurzelt, dass ich das Laster nicht mehr bekämpfen konnte. 
Trotz der besten Vorsätze verfiel ich beim geringsten Reize wieder der 
Onanie. Dies hinderte mich auch zeitweilig an der Beendigung meiner 
Studien, denn wenn ich mich zu einer Prüfung vorbereitete, so hatte 
mich die hiezu notwendige Einsamkeit immer zu häufiger Onanie 
veranlasst. Zweimal versuchte ich einen Koitus, derselbe gelang 
jedoch nicht. Die Puella reizte mich zwar. Nachdem aber die Erektion 
langsam vor sich ging, fing die Puella an ungeduldig und spöttisch zu 
werden, was sodann die Stimmung ganz verdarb. Ein schönes Frauen- 
zimmer übt auf mich an und für sich einen Reiz aus, und ich habe oft 
das Gefühl, dass ich meinen Geschlechtstrieb in normaler Art und Weise 
befriedigen könnte. 

In meiner Familie kam meines Wissens keine geistige oder ge- 
schlechtliche Abnormität vor. 

Als körperliche Folgeerscheinungen kann ich nur 
etwas Mattigkeit und öfteres Reissen in den Gliedern, 
besonders in den Füssen anführen. Geistig bin ich ganz 
normal, bekunde sogar einen Scharfsinn, und entfalte 
als Leiter einer grossen Ad vokat u r skanzle i rege 
geistige Tätigkeit." 

So der Bericht des Onanisten. Er gesteht mir, dass er in den 
letzten zehn Jahren niemals weniger als dreimal täg- 
lich onaniert hat. 

Und wie sieht der Mann aus? Wir sehen einen blühenden, gut 
genährten Menschen vor uns, der kein graues Haar zeigt. Die Muskel- 
kraft normal, die Reflexe leicht gesteigert, sonst keinerlei pathologischen 
Befund. 

Also ein sogenannter „Onanismus" durch 25 Jahre und keinerlei 
Zeichen einer Neurasthenie, wie sie Freud in dem oben erwähnten 
Aufsatz als charakteristische für die Onanie anspricht. Keinen Kopfdruck, 
keine leichte Ermüdbarkeit, höchstens etwas Mattigkeit, keine Dyspepsie, 
keine Stuhlverstopfung und keine Spinalirritation! 

17* 



252 Referate und Kritiken. 

Die Symptome Mattigkeit und Reissen in den Gliedern machen doch 
keine „Krankheit" aus! Das Reissen ist ausgesprochen rheumatischer 
Natur. Auf die Psychologie dieses Falles will ich nicht eingehen. Hier 
stammt die Libido aus einem Gefühl der Unterwerfung unter das Weib, 
mit dem er möglicherweise seine Schwäche geschickt maskiert. Denn 
die Episode bei der Meretrix beweist, dass er auf eine Demütigung ein- 
gestellt, sie aber nicht vertragen kann. Aber allen Sexologen sei dieser 
Fall zur Beachtung empfohlen, wenn sie von den Schäden der Onanie 
sprechen. Ich verweise auf einen anderen Fall, den ich in der Diskussion 
erwähnt habe. Ein hoher Vierziger, der täglich onanierte und ausserdem 
noch täglich einen Kongressus mit seiner Frau ausführte, dabei über 
eine ausgezeichnete Potenz verfügte, wofür ich das Zeugnis seiner Frau 
anführen kann, die er während eines Kongressus mehrmals zum Orgas- 
mus brachte. 

Mir handelt es sich immer wieder nur darum, das Dogma von der 
Schädlichkeit der Onanie zu zerstören und die vermeintlichen Schäden 
auf ihre psychischen Wurzeln, Angst und Schuldbewusstsein, zurückzu- 
führen. Das sind Fragen von der eminentesten praktischen Bedeutung, 
und Kollege Kaus wird schon später einmal zur Erkenntnis kommen, 
dass erst festgestellt werden muss,- dass der allgemein verbreitete auto- 
erotische Trieb eine notwendige Einrichtung der Natur ist, die man eben- 
sowenig „heile n" kann, als den Nahrungstrieb. Den Hunger stillt nun durch 
Essen. Der Geschlechtstrieb wählt autoerotische Betätigungen, wenn die 
allerotische verschlossen oder weniger lustbetont ist. Wir können hie 
und da einen alten Onanisten dazu bringen, seine autoerotische Lust- 
gewinnung auf das Weib zu transponieren. Damit ist der Kranke keines- 
wegs geheilt. Und die Zusammenhänge zwischen dem Selbstmord und 
dem Aufgeben der Onanie, wie ich sie in der Diskussion über den Selbst- 
mord nachgewiesen habe, zeigen uns, dass der autoerotische Trieb vielen 
Menschen der Träger der Lebensfreude bedeutet und ihrem Dasein einen 
Inhalt gibt. Der Onanist erkrankt an keiner Depression, so lange er 
nicht über den Schaden der Onanie die verwirrendsten Berichte hört. 
Er hat gar nicht das Gefühl, dass er seinen Zweck nicht erreicht hat. 
Hie und da kommt es vor, aber nicht immer, wie Kaus es annimmt. 

Nein, nein und wieder nein! Lassen wir alle Voraussetzungen und 
zwängen wir die Erscheinungen der Neurose nicht gewaltsam in einen 
Rahmen und sei er noch so kostbar und alles umspannend. Ich zweifle 
ja nicht, dass die Mechanismen des männlichenProtestes, wie Kaus 
sie im Adler'schen Sinne annimmt, in dem komplizierten Räderwerk des 
Autoerotismus vorkommen. Aber ich zweifle, dass sie allgemein gültig sind. 
Und ich möchte jetzt allen Kollegen raten, ihr Material in der Onanie- 
frage aufzurollen. Ein gut beobachteter Fall wirft alle Hypothesen und 
Theorien über den Haufen. Kollege Kaus wird mir hoffentlich an Hand 
seiner Beobachtungen beweisen, dass er recht hat. Für diesen Beweis 

stelle ich ihm das Zentralblatt gerne zur Verfügung 

St ekel. 

Dr. Ludwig Staudenraaier, Die Magie als experimentell^ 
Naturwissenschaft. (Leipzig, Akademische Verlagsgesellschaft 
1912.) 






Referate und Kritiken. 253 

Die Auffassung der Aufgabe der Naturwissenschaft als Beschreibung 
der naturwissenschaftlichen Phänomene hat die Erkenntnistheorie längst 
widerlegt. Sie hat erwiesen, dass der naturwissenschaftliche Erkenntnis- 
prozess besteht in der Bearbeitung des — an sich = x zu setzenden — 
Gegenstandes mit bestimmten Fassungsformen und Begriffen, theoretisch 
also in der methodischen Erzeugung des Gegenstandes, praktisch in seiner 
prinzipiell jederzeit möglichen Wiedererzeugung oder seiner absoluten Be- 
herrschbarkeit. Beschreibung ist nur der Ausgangspunkt oder vielmehr 
die unterste Stufe auf diesem Weg der methodischen Erzeugung. Handelt 
es sich um noch wenig bekannte, neue Phänomene, so wird die erste Auf- 
gabe sein, sie zu beschreiben; die zweite, die empirischen Bedingungen 
kennen zu lernen, unter denen sie auftreten und von denen ihr Auf- 
treten abhangig ist. Sind diese bekannt, so ist das Ziel, die Phänomene 
absichtlich hervorzurufen, sie willkürlich zu beherrschen, in erreichbarer 
Nähe. Nicht immer freilich hält sich der Gang der Wissenschafts-Entwicke- 
lung an diese Stufenfolge und es gelingt bisweilen zufällig oder auf Grund 
einer Art Intuition oder einer vorläufigen Hypothese die Erzeugung und 
Beherrschung in einem gewissen Umfang, ohne dass die Bedingungen be- 
kannt sind. 

Was die sogenannten „okkulten"' oder „übernatürlichen" Phänomene 
angeht — die anormalen nämlich — , so ist für sie die Notwendigkeit einer 
naturwissenschaftlichen Bearbeitung längst anerkannt. Wir besitzen auch 
bereits eine grosse Zahl genau beschriebener Fälle, z. B. in den Proceedings 
der Society for Psychical Research. Dagegen sind weder die subjektiven 
noch die objektiven Bedingungen ihres Auftretens näher bekannt; nicht 
die seelisch-körperlichen Eigentümlichkeiten, die ein Individuum besitzen 
muss, um die Phänomene des Somnambulismus und Mediumismus zu 
entfalten, noch die äusseren Umstände, unter denen sie allein zutage 
treten. Selbst wo in einer geringen Zahl bekannter Fälle die Phänomene 
mit bewusster Absichtlichkeit hervorgerufen werden, ist das „Wie" der 
Produktion gänzlich im Dunkel und nur eben der mit mehr oder weniger 
Konzentration auftretende Willensentschluss konstatierbar. 

Der Verfasser hat sich die Aufgabe gestellt, diese anormalen Phäno- 
mene methodisch zu erzeugen. Um es gleich vorweg zu nehmen: In das 
Gebiet dessen, was wir in Übereinstimmung mit dem Verfasser heutzutage 
magisch zu nennen pflegen (wo das Gebiet des Magischen sich schon etwas 
verringert hat), ragen die erzielten Resultate kaum hinein!). Ob von 
ihnen ausgehend auf Grund der Theorie und der praktischen Anleitung 
ein direkter Weg zu den eigentlich magischen Phänomenen führt, muss 
dem weiteren Experiment vorbehalten bleiben. Das tut natürlich der 
wissenschaftlichen Bedeutung des Erreichten keinen Abbruch. 

Es ist dem Verfasser gelungen, eine Reihe von Phänomen der will- 
kürlichen Erzeugung und Beherrschung zu unterwerfen, die bisher, wo 
sie auftraten, eben schlechthin als gegeben angesehen werden mussten. 
Die systematische Einübung von Halluzinationen auf allen Sinnesgebieten 
und deren Vereinigung bildet den Ausgangspunkt. Der Übergang zu den 
magischen Leistungen, d. h. zur Produktion allgemein wahrnehmbarer, 

«1K« SLÜLÜäL ' m 7 eBe P üi< * e ° blo8s f olcbe Phänomene, die dem Experimentator 
hllinn^M und wahrnehmbar sind, nicht aber dem andern, und das Magische 
beginüt erst da, wo allgemein konstatierbare Tatsachen vorliegen. 



254 Referate und Kritiken. 

vielleicht sogar mit Apparaten (Photographie und Phonograph) aufnehm- 
barer Phänomene wird durch folgende Theorie vermittelt, die .ich schon 
an einer Stelle der Upanishaden findet und die wir modern ausgedruckt 
als die Theorie von der Produktivität des Vorstellungsvorgangs bezeichnen 
könnten: Jeder Sinnesapparat soll die besondere Art von Schwingungen 
oder die Energieform, für die er spezifisch empfänglich ist, umgekehrt 
auch wieder produzieren können, wenn die vom zugehörigen Genirn- 
zentrum ausgehende Innervation, wie sie bei jeder Vorstellung im Gegen- 
satz zur Wahrnehmung stattfindet, nur genügend verstärkt wird durch 
Energie- (Blut-) Zufuhr, psychologisch gesprochen durch Aufmerksamkeit 
und Konzentration auf die peripheren Empfindungen. So also soll es mög- 
lich sein, die blosse Vorstellung eines Gegenstandes durch die nur dem 
Subjekt selbst wahrnehmbare Halluzination in eine objektive sogenannte 
reale Halluzination" überzuführen, die eine quasi-Realität im objektiven 
Raum bildete und durch andere ebenfalls konstatierbar sein wurde. Ge- 
lungen scheinen dem Verfasser nur einige Fernwirkungen die er zweck- 
mässig als reale motorische Halluzinationen bezeichne . Die für andere 
wahrnehmbaren realen akustischen Halluzinationen sind unabsichtlich im 
Laufe des Experimentierens aufgetreten. Ob sich das dem Verfasser vor- 
schwebende Ziel erreichen lässt, muss erst praktisch erprobt werden, 
jedenfalls aber verdient der (iedanke selbst, die Theorie der Halluzination 
und die technische Anleitung, alles Interesse. 

Prinzipiell bedeutsam und in vollkommener Übereinstimmung mit 
den Lehren der Joga-Systeme ist die Anschauung von der Gewinnung der 
für diese Leistungen notwendigen Nervenenergie durch Umwandlung der 
Muskelenergie in Nervenenergie im Gegensatz zu dem uns geläufigen Prozess 
der Umsetzung von Nervenenergie in Muskelarbeit. Man hat erkannt — 
und darauf kann nicht nachdrücklich genug hingewiesen werden — dass 
die Asanas oder Körper-Übungen und -Stellungen der Jogis lediglich eine 
Folge der psychischen Konzentrationsübungen sind (wenn auch im Hatha- 
Joga mit ihnen begonnen wird, um im Psychischen die gewollten Wir- 
kungen zu erzielen), indem die psychische Leistung einer gegen die natur- 
liche Instinkt- und Interessenrichtung arbeitenden Konzentration nur aus 
der Muskeltätigkeit ihren nötigen Energieaufwand bestreiten kann (so wie 
wir ja schon beim scharfen Nachdenken unwillkürlich die Muskeln spannen 
und eine vielleicht sonst sehr unbequeme Körperhaltung einnehmen). 
Im zweiten Teil geht der Verf. von der „Magie des bewussten Ich" 
zu der des Unbewussten über. Auch hier dürfte es zunächst das Interesse 
des Psychopathologen wachrufen *), dass die Erzeugung des als Spaltung 
der Persönlichkeit bekannten Phänomens und der Zerfall in mehrere 
Ich-heitcn absichtlich methodisch gelungen ist. Es würde zu weit fuhren, 
im einzelnen zu besprechen, wie der Verf. diese Personifikationen m 
sich erzeugte resp. aufspürte und sich mit ihnen auseinandersetzte, w* e 
eine Regierung in einem konstitutionellen Staat mit den oppositionellen 
Parteien - ohne doch im ganzen die Herrschaft zu verlieren. Für fl le 
Psychologie des „Ich" ergibt sich, dass Tendenzen u «\ Regungen die 
sonst unbewusst bleiben, nur in ihren direkten oder indirekten Wirkungen 

») Den Verfasser, seine Gedanken und Leistungen als .Kall« »£"[**?• .«•}* 
natürlich nicht an. Aber die psychiatrische Diagnose, insbesondere die psychoanalytisch 
Betrachtung wäre von höchstem Interesse. 



Referate und Kritiken. 255 

n,V d ht A nf 1 ! äU h ern T Be T Sstsei " kommen > durch das geeignete Verfahren 
fj^^' sondern auch aus unpersönlichen Tendenzen 
L'^nnTn vJ tf™' qaM ; "»"»«""«gen Ich-heiten gebracht werden 
können. Und nicht nur gebärden sie sich dabei wie selbständige 
„Iche , sondern sie entwickeln ihrer Natur entsprechende Fähigkeiten, 
z. B auf künstlerischem Gebiet, die dem normalen (Gesamt- lieh nich 
erreichbar sind. Diese neuen psychischen Einheiten (die Quasi-Iche) inner- 
halb des oder neben dem Gesamt-Ich bilden nun aber auch physisch sich 
ihren Körper im Gesamt-Leib, d. h. sie sind an bestimmten Körperstellen 
und Zonen, peripher sowohl wie organisch, lokalisiert; so ist der Sitz der 
Personifikation Bocksfuss (Satan) in der Dickdarmgegend, die der Hoheit" 
ist wiederum an bestimmte Leibesteile gebunden, auf die sie 'und die 
auf sie w,rken. Die mittelalterlichen Beschreibungen der Besessenheit 
und manches aus der Lehre des Joga könnten als Parallele und Bestätigung 
dienen. Es braucht nicht gesagt zu werden, welche Bedeutung diese 
psychische Deutung des Organismus' 1 gewinnen kann, diese wechselseitige 
Bedingtheit und Beeinflussbarkeit von Psychischem und Physischem in 
einer ganz neuen Richtung, wenn sie sich allgemein bewahrheitet und 
naher erforscht wird. 

Die Bedeutung dieser Persönlichkeiten für die Magie im eigentlichen 
Sinn soll nun nach dem Verf. in folgendem liegen: So wie das bewusste 
Ich in der oben berührten Weise magisch tätig sein kann, so können auch 
die unbewussten Zentren Magie treiben, und von ihrer Fähigkeit also leiten 
sich die grosse Mehrzahl der sogenannten okkulten Phänomene her die 
einfachen, wie Klopf laute, Bewegung von Gegenständen, Gedankenüber- 
tragung etc., ebenso wie die kompliziertesten, Materialisationen etc Der 
Beweis ist freilich nicht erbracht; denn wenn auch für den Verf selbst 
seine Personifikationen mit halluzinatorischer Deutlichkeit ihrer physischen 
und psychischen Existenz auftreten, so wäre doch noch der Wee bis 
zu ihrer allgemeinen physischen Wahrnehmbarkeit und der genauen Fass 
barkeit ihrer Wirkungen zurückzulegen. Aber der Erklärung einer Reihe 
spiritistischer Phänomene kann man in ihrer naturwissenschaftlichen Ten- 
denz nur beipflichten. 

Im ganzen liegt einstweilen der Hauptwert des Buches in seiner 
prinzipiellen Anschauung vom Ich, seiner psychischen Struktur und deren 
Zusammenhang mit dem physischen Organismus. Lehren, die während 
des MUtelalters und in Indien als tiefstes Wissen galten, kommen ihrer 
mystisch-mythologischen Einkleidung beraubt in modemer Form wieder 
zu ihrem Recht. 

Was sich für die „Wissenschaft" einer Magie ergibt, hängt wohl 
davon ab ob sich Jünger finden, die auf dem vom Verf. vorgeschriebenen 
Weg weiterarbeiten unter Vermeidung der Irrwege, denen er als erster 
Experimentator notwendig verfiel und auf die er auch genugsam hin- 
We,sL Dr. W. H. 

Wilhelm Rüllmann, Witz und Humor. Streifzüge in das Gebiet 
des Komischen. Egon Fleischel, Berlin. 

nml w!! 6S ?T?? d \ Bn S f ht V ° n der Fra S e: »Worüber lachen wir?" 
und „Was ist das Lachen?" (physiologisch) aus. Rüllmann zieht alle 



256 Referate und Kritiken. 

Theoretiker des Komischen zu Rate. Es ist interessant, dass Stendhal 

in Briefen an seine Schwester (veröffentlicht in der „Neuen Rundschau" 

1908) folgendes schreibt: „Lächerlich ist das Benehmen eines Menschen, 

der dasselbe will wie wir, aber aus dem Geleise kommt. Das Gefühl, 

etwas vorauszuhaben, und der Wahn, es könne uns nie fehlen, lasst uns 

den andern auslachen." Endlich gelangt Stendhal zu folgender Defimton : 

Das Lachen ist eine plötzliche Entladung der Selbsthebe, hervorgerufen 

durch die jähe Überlegenheit angesichts einer, an einem andern Menschen 

entdeckten, von uns selbst überwundenen Schwäche. Wir lachen über 

unsere eigenen Dummheiten, die wir im vergangenen Jahre begangen 

haben" Diese Zeilen stehen den Frend'schen Ausführungen über das 

Komische sehr nahe, nur betont hier Freud den infantilen Ursprung. 

Im ersten Teile seines Buches nimmt Bull mann besonders Bezug auf 

das Freu ersehe Buch, das er als geistreich bezeichnet. Er findet, dass 

Freud das Wesen der Zote als Verführungsversuch nicht vollständig 

gezeichnet habe. Dies sei nur für eine Spezies der Zote charakteristisch. 

Es wäre darauf zu erwidern, dass F t e u d mit seiner Erklärung besonders 

auf die Psychogcnese der Zote hingewiesen haben will. Ebenso wird es 

abzuweisen sein, wenn der Autor die Unterscheidung von Witz und 

Komik bei Freud bekämpft. Dieser Unterschied tritt gerade lichtvoll 

im ,Witz und seinen Beziehungen zum Unbewussten" hervor. Es ist 

zu bedauern, dass der Autor, der alle bisherigen Definitionen des Komischen 

unzutreffend oder wenigstens unzureichend findet, mit seinen eigenen 

Theorien aus zu grosser Bescheidenheit zurückhält. 

Es wäre erfreulich, wenn psychologisch und literarisch Interessierte 
die vielfachen Anregungen, welche das Freudsche Buch über den Witz 
gibt, benützten. Der Witz ist nicht nur ein vorzüglicher Spiegel der Kultur 
einer Zeit und Nation, er ist auch ein Reflex aller jener Konflikte, welche 
das Unbewusste und das Bewusstsein miteinander auszutragen haben. 

Dr. Theodor Reik. 

Dr. Erwin Stransky, Das manisch-depressive Irresein. 

(Handbuch der Psychiatrie. 6. Abteilung. Franz Deuticke. Leipzig und 

Wien 1912.) 

Eine gewiss sehr anerkennenswerte Darstellung unserer Kenntnisse 
von manisch-depressivem Irresein. Die klinischen Bilder sind scharf um- 
rissen dargestellt und werden von den Grenzzuständen nach Möglichkeit 
getrennt Aber alle Darstellung bleibt trotz heissen Bemühens an der 
Oberfläche. Wir lesen die Schilderung des enormen Schuldbewusstseins 
und er wird auf das „geschärfte Gewissen" dieser Kranken zurückgeführt. 
Von den Forschungen der psychologischen Schulen wird nicht einmal Er- 
wähnung getan. Ähnlich sind die Krankengeschichten dargestellt. Wir 
lechzen nach einem psychologischen Zusammenhang, allem überall starrt 
uns das Fatum der „Degeneration" entgegen. Auch bei Berücksichtigung 
der somatischen Faktoren würde uns die Genese der Insuffizienzgefuhle 
und der Angst interessieren. . . . Wer sich über den bisherigen Stand der 
Lehre vom manisch-depressiven Irresein interessiert, dem sei das reich- 
haltige Werk von Stransky empfohlen. Im wesentlichen halt er am 
bekannten Standpunkte Kräpelins fest. St ekel. 



Referate und Kritiken. 257 

Prof. Ernest Jones, Der Alptraum in seiner Beziehung zu 
gewissen Formen des mittelalterlichen Aberglaubens. 
(Deutsch von Dr. E. H. Sachs.) Schriften zur angewandten Seelen- 
kunde. XIV. Halbheft. Leipzig und Wien, Franz Deuticke, 1912. 

Alle Werke von Jones verblüffen durch die grosse Belesenheit 
des Autors. Jones ist der Polyhistor unter den Psychoanalytikern. Er 
versteht durch ein reiches Material aus Geschichte, Philosophie und 
Folklore seine kühnen Thesen zu stützen. Trotz des Reichtums an Zitaten 
wirkt er nie ermüdend und verwirrend. Man merkt, dass er sicher auf sein 
Ziel losgeht und keine Kompromisse kennt. In diesem überaus anregenden 
Werke versucht er den Nachweis zu bringen, dass die bekannten sozialen 
Erkrankungen des Mittelalters, deren Wirkung bis in unsere Zeit sich 
erstreckt, „Inkubus" und „Inkubation", ferner der „Vampir" und Wehr- 
wolfglaube", ferner der Glaube an den Teufel und die Hexen auf Alpträume 
und in tieferer Motivierung auf verdrängte Inzestregungen zurückgehen. 
Mir erscheinen die Rückführungen auf den Alptraum eigentlich überflüssig, 
da ja der Alptraum selbst nur der Ausdruck einer Verdrängung ist. Doch 
dieser Einwand stört uns nicht, da wir ja wissen, dass Jones den Alp- 
traum in einer ausführlichen, sehr anregenden Arbeit „The Nightmar" 
im gleichen Sinne aufgeklärt hat. Es war meiner Ansicht nach ein Fehler, 
dass die ebenso wertvolle Arbeit über den Alpdruck nicht übersetzt 
und dieser Arbeit vorgestellt wurde. Vielleicht trägt der Herausgeber der 
Schriften zur angewandten Seelenkunde das Versäumnis zum Danke der 
zahlreichen Leser des tapferen englischen Gelehrten nach. 

Stekel. 

Samuel A. Tannenbaum, Some Objektions to Psychoana- 
lysis. (Med. Review of Review. Sept. 1912.) 

Der flott geschriebene Aufsatz ist eine Polemik gegen einen Artikel 
von Dr. I. V. Hab ermann, der in demselben Blatte im Juni erschienen 
ist, sich „Hysteria" betitelte und eine heftige Polemik gegen Freud 
enthielt. Tannenbaum widerlegt in sehr geschickter und stilistisch 
glänzender Weise die bekannten Einwände unserer Gegner. In einer kurzen 
Replik verweist Habermann auf die an dieser Stelle schon gewürdigte 
Arbeit von Kronfeld und verspricht einen ausführlichen Artikel über 
„The Psychoanalytic Mania". Der Ruhm Hoch e's scheint eben auch nach 
Amerika gedrungen zu sein. Stekel. 

Friedrich S. Krauss, Das Geschlechtsleben, in Glauben, 
Sitte, Brauch und Gewohnheitsrecht der Japaner. 
Zweite, neu bearbeitete Auflage. Leipzig, Ethnologischer Verlag, 1911. 
II. Band der Beiwerke zur Anthropophyteia. 

Das treffliche Werk bedarf keiner besonderen Empfehlung. Es ist 
gegen die erste Auflage reich vermehrt worden. Von besonderem Interesse 
ist diese Darstellung, weil sie ein hochkulturelles Volk betrifft, bei dem 
die beliebte Phrase von der Degeneration nicht anzuwenden ist. Über Homo- 
sexualität, die Stundenehe, Baumseelen, das japanische Kind finden sich 
Ausführungen, die einer eingehenden Schilderung in diesen Blättern würdig 
wären. Wir müssen aus Raummangel darauf verzichten und die Lektüre 
des Buches empfehjen. Stekel. 






258 Var,a - 

Krafft-Ebing. Psychopathie sc\u;ilis. Stuttgart, Ferdinand 
Knke, 1012. 

Nun liegt die von Professor F U c h s herausgegebene 14. Auflage dos 
trefflichen Werkes vor uns. Wenn der Herausgober auch bestrebt ist, 
das Buch durch Berücksichtigung der neuesten Literatur, besonders über 
die konträre Sexualempfindung, auf der Hohe der Zeit zu erhalten, so 
kann man sieh doch des Eindruckes nicht erwehren, dass dies Riesen - 
gebiet einer umfassenden Erforschung psychologischer Art dringend be- 
dürftig ist. Fuchs meint: „Die biologische und experimentelle- Methodik 
hat auf dem (iehiete der inneren Sekretionslehre einen Weg für das Ver- 
ständnis der Sexualvorgänge angehahnt und Ausblicke für die Zukunft 
eröffnet, welche die Hoffnung erwecken, dass einst auch die Psycho- 
pathia sexualis einen realen physiologischen Boden gewinnen werde." 

Speziell die Lehre von der konträren Srxualempfindung! Wir 

Psychoanalytiker haben bereits die Erforschung von der psychologischen 
Seite angehahnt und hoffen auf die Aufklärung dieser dunkeln Rätsel. Der 
Kr äff t-Fbing der Zukunft ist noch nicht erschienen. Aber dass dies 
Werk einmal neu geschrieben werden muss und gerade vom psycho- 

logischen Standpunkte darüber sind wir uns alle einig. Wir würden 

gerne die physiologischen Funde als wertvolle Bereicherung ansprechen» 
wenn sie nur imstande wären, uns das Ihitsel der Disposition vollkommen 
zu erklären. S t e k e 1. 



Varia. 

Wem erzählt man seine Träume? Wir Analytiker wissen, dass man seine 
Träume gerade jener Person zu erzählen aich gedrängt fühlt, auf die deren Inhalt 
sich bezieht. Das scheint aber schon L es sing geahnt zu haben, als er folgendes 
Sinngedicht schrieb: 

So in du in. 
Alba mihi semper narrat aua somnia mane. 
Alba sibi dormit: somniat alba mihi. 
(Lessing, Sinngedichte. II. Buch.) Ferenczi. 

Zur Genese des Jus primae noctis. Es war mir von vorneherein wahr- 
scheinlich, dass das Hecht des Gutsherrn zur Deflorierung jeder Leibeigenen ein Host 
patriarchaler Zeiten war, in denen dem Familienoberhaupt das Verfügungsrecht über 
alle Weiber des Hauses zustand. Die autoritative Gleichstellung von Vater — Priester 
— Gott gestattet es, folgende religiösen Gebräuche zur Stütze dieser Ansicht heran- 
zuziehen: „In der Umgebung von Pondichery bringt die Neuvermählte dem Götter 
gebilde ihre Jungfräulichkeit dar. In einigon Gegenden Indiens vertreten die Priester 
die Stelle des Gottes. Der König von Calicut überlädst dem angesehensten Priester 
seines Reiches während der ersten Nacht das Mädchen, das er heiratet" (H. Frei- 
mark, Okkultismus und Sexualität. S. 75.) In unserer nächsten Nähe, in Kroatien. 
soll sich mancher Familienvater noch heule das Recht herausnehmon, die Schwieger- 
tochter bis zum Heranwachsen des sehr jung verheirateten Sohnes geschlechtlich Zl4 
gebrauchen. Eine neuropathologische Parallele dieser religiösen und ethnischen Brftn c j, e 
finde ich in jenen, meist unbewu9sten Phantasien vieler Nemotiker, in denen beim 
Geschlechtsverkehr der Vater als Vorgänger postuliert wird. Ferencii. 



Varia. 259 

Die Psychoanalyse in der modernen Lyrik. In den Versen vonJobannes 
R. Becber (Verlag von Heinrich F. S. Bachmair, Berlin, 1912) finden sich sehr 
viele Stellen, welche die Kenntnis der Freud 'sehen Werke verraten, es sei denn, 
der Dichter habe seine Erkenntnisse aus dem Unbewussten seiner Kunst geschöpft. 
So finden wir ein Gedicht .Befreiung', dem die folgenden Verse entnommen sind: 

.Die Wünsche, die ich tags gedacht, 
Sehnsüchte, die ich tags nicht stillen konnte, 
werden die Ängste meiner Nacht. 
Sie glüh'n Wahn, 
den ich nicht fliehen kann, 
dass ich in Feuer rings und Flammen steh', 
in der Geliebten meine Mutter seh', 

meinen Vater, wie einen Frass der Hunde 

Und! Und! 

mein beb Mutter fass ich sanft am Mund! Mund! 

drück ihr den letzten Atem zu, 

stehl mich fort — und 

werf mich meinem Vater in die Arm." 

Vom Wesen des Traumes spricht eine andere Stelle: 
.Und eine nach der anderen Gestalt 
stirbt hin vor mir. Und bin doch alles ich. 
Lustwandle selbt-t in Tausender Gestalt, 
Liebe mich selbst in jeglicher Gestalt, 
töto mich selbst — oh, höchste Angst! — in Tausender Gestalt.* 

Stekel. 

Masken der Homosexualität. 
Als eine sehr häufig anzutreffende Maske der Homosexualität habe ich die 
Liebe zu einer Frau beschrieben, deren Mann man liebt. Es ist dies der bekannte 
Umweg über das Weib. Maupassant, der feine Psychologe, schildert in der 
Novelle Misti, die sich in dem gleichbenannten Novellenbande als erste befindet, 
einen Don Juan, der nur verheiratete Frauen lieben kann, deren Männer ihm gefallen. 
Er hat einen wahren Abscheu vor Mädchen. .Es ist eine Schwäche" — führt er aus 
— .aber ich gestehe sie freimütig. Ich habe aber noch eine Schwäche : Ich liebe die 
Männer meiner Maitressen. Ich bekenne auch, dass gewisse kommune oder prahlerische 
Gatten mir ihre Frauen verekeln, mögen sie noch so scharmant sein. Aber wenn 
der Ehemann Geist hat oder den Zauber der Persönlichkeit (.charme"), dann werde 
ich unfehlbar wahnsinnig verliebt. Ich bewahre mir die Freundschaft des Mannes, 
wenn ich mit seiner Frau breche. Auf diese Weise habe ich meine besten Freunde 
gewonnen. Auf diese Weise konnte ich viele Male die Überlegenheit des Mannes über 
das Weib konstatieren. Diese macht dir alle mögliche Verlegenheiten, Szenen, Vor- 
würfe; jener behandelt dich wie die Vorsehung seines Hauses, obgleich er wirklich 
ein Recht hätte, sich zu beklagen." Diese Zeilen sprechen deutlich genug. Übrigens 
findet sich in dem Novellenbande Misti noch eine Reihe feiner psychologischer 
Details, auf die ich gelegentlich noch zurückkommen werde. Stekel. 

Aus Theodor Fontanes Werken. Glaubst du denn, dass Mutter und Vater 
ausserhalb aller Kritik stehen'?* — .Wenigstens ausserhalb der ihrer Kinder." — 
.Mit Dichten. Im Gegenteil. Die Kinder sitzen überall zu Gericht. Still und uner- ' 
bittlich.« Dr. Theodor Reik. 



260 Van*. 

Psychoanalytische Momentbildor aus dem Alltagsleben. 

Die Schwester einer Malerin klagte Über Leibschmerzen und legte sich aufs 
Sofa in die Position, die ihr am meisten Erleichterung gab: etwas gekrümmt, mit 
angezogenen Beinen, den Rücken gegen den Beschauer gekehrt. Der Malerin schien 
die Lage charakteristisch und sie fixierte dieselbe in einer Skizze, von der sie nicht 
besonders viel hielt, die sie Aber doch mit andern Bildern nach Berlin zur Ausstellung 
sandte. Zum eigenen Erstaunen der Kuustlerin wurde die Skizze zur Ausstellung 
angenommen, während nach ihrer Ansicht wortvollere Sachen zurückgewiesen wurden. 
Ein biederer Mecklenburger kam mit Frau und Tochter vor das Bild und rief voll Ent- 
zücken : »Ach, sieh' da, ein hübsches Bild. Siehst Du, die liegt einmal richtig.' Und 
er kaufte die Skizze sofort, ohne wahrscheinlich zu ahnen, wie viel er mit dem 
Ausruf vei raten hatte. — Vielleicht haben bei der Jury ähnliche Seelenstimmungen 
die Annahme des Bildes bewirkt. 

In einer jungen Ehe besteht ein tiefes Zerwürfnis zwischen den Gatten. Das 
kleine, 16 jährige Dienstmadehen verrat ihr Verständnis der Sachlage und ihre Lebens- 
kenntnis sehr hübsch, indem es beim Tischdecken mit Vorliebe vergisst, dem Haus- 
herrn ein Obstmosserchen zu geben und indem es überdies gleichzeitig einmal der 
Hausfrau kein Wasser in die Eingerschale gibt. Dr. Marg. Steg mann. 



Eine bezeichnende Syinplomkandlnng. 

Eine meiner analytisch behandelten Patienlinnon dringt auf eine genaue Unter- 
suchung der inneren Organe, was ich ablehne, Ihre Magenschmerzen seien psycho- 
gener Natur und bedeuteten die Ablehnung einer hewusstseinsfremden peinlichen 
Vorstellung. Die Kranke besteht auf Untersuchung und droht, sie werde sich einen 
anderen Arzt holen lassen, was ich ihr freistelle. Sie Ittsst in der Tat um einen Arzt 
telefonieren, erkundigt sich heim Hotelier über die Grösse des Honorars und steckt 
einen Zehnkronenschein in ein Kuvert hinein. Während der Untersuchung des Arztes 
bereut sie den Schritt, hört sehr zerstreut auf seine Ausführungen und denkt: Wozu 
habe ich mich mit diesem Ignoranten eingelassen? Der Arzt gibt ihr genaue Diät- 
vorschriften und ein Rezept. Sie geht ins andere Zimmor und bringt das Kuvert 
mit der Banknote. Der Arzt dankt höflich und öffnet vorsichtigerweise das Kuvert 
auf der Stiege. Sein Erstaunen und seine Entrüstung waren grenzenlos, als er in 
dem Kuvert seine Diätvorschriften nnd das Rezept aber kein Honorar findet. Er 
kommt zurück und verlangt Aufklärungen. Die Dame entschuldigt sich. Sie habe 
in der Aufregung die beiden Kuverts verwechselt. In Wahrheit hatte sie nur ein 
Kuvert und — erzählte mir den Vorfall am nächsten Tage mit der richtigen Deutung: 
Sie hatte nämlich die Zehnkronennote in die Tasche gesteckt, wo eine Visitenkarte 
von mir lag... Stekel. 

Liebeault über die Rollo deB Unbewusstcn bei psychischen Krankheitszuständen. 

Liebeault, dem wir die Begründung unseres heutigen Wissens über die 
Hypnose verdanken, entwickelt in seinem trefflichen Werke: „Le sommeil provoque 
etles etats analogues", Theorien, die wie eine Vorahnung psychoanalytischer Erkennt- 
nisse klingen. Sie verdienen wörtlich zitiert zu werden: 

„Une emotion . . ., une fois developpee, ne s'e'teint pas en möme temps, qu e 
'idee qui en est la cause occasionnelle; eile persiste meme, lorsqu' une seconde ideo 
affective et contraire vient lui succeder ... II nous arriva, une nuit, de nons reveiller 
avec un sentiment de peur, sans en connaitre la cause ; ce sentiment n'etait, sans 



Varia. 261 

doute, qu' ud öbranlement, suite de Emotion d'un reve dont les idöes e^aient dejä 
effacöes de ootre peos6e." (1. c. p. 138.) 

,On a avance" que les Emotione, les sentiments etc., penvent naitre sans des 
id£es qui les roveillent, et qu'ils ne tiennent de ses idäes leurs caracteres speciaux. 
Pour soutenir ce paradoxe, on s'est base" sur ce que des bypochondriaques, des 6pi- 
leptiques, des maniaques ont assure" eprouver le sentiment de la penr sans motif. 
II en ätait du sentiment de ces malades, comme de leur es halluci- 
nations; il prenp.it, son origine dans une inconscience de sa cause 
etdans des rfiveries dont ils avaient perdu le Souvenir* 1 ). (1. c. p. 140). 

Diese Theorien konnte Liöbeault allerdings in Ermangelung unserer analy- 
tischen Hilfsmittel nicht durch Beweise unterstützen. Liebeault's Arbeiten stammen 
aus dem Jahre 1866. DaB zitierte Werk schrieb er in 1888. Ferenczi. 

Ein Schreibfehler als Antwort auf einen anderen. 
Ein Mädchen meiner Bekanntschaft korrespondiert während des Sommers mit 
einer jungen Freundin, gegen die ihr Gefühl in hohem Masse zwiespältig ist. Einmal 
widerfährt es ihr, dass sie der gewohnten Anredeformel .Liebe Anna!" statt eines 
Ausrufungszeichens ein Fragezeichen hinzusetzt und den Brief abgehen lässt, ohne 
den Irrtum zu bemerken. In dem Antwortsohreiben macht die Freundin sie auf ihr 
Versehen aufmerksam und begeht wenige Zeilen später selbst ein anderes, welches 
beweist, dass jener psychischen Instanz, durch die es verursacht wurde, auch das 
Verständnis für die Motivierung des fremden Schreibfehlers nicht abging. Die Brief- 
schreiberin beklaat sich nämlich über den Mangel an Zuneigung und Liebe, den sie 
bei ihren Verwandten fühle und schreibt von ihnen: „so kalt sind sie" — verschreibt 
aber das »sie", indem sie ihm einen grossen Anfangsbuchstaben gibt. 

Dr. Hans Sachs. 

Zur Frage der Schädlichkeit der Onanie. 

Dem „Buch vom gesunden und kranken Menschen" von Dr. C. E. Bock 
weiland Professor der pathologischen Anatomie in Leipzig, entnehme ich die folgen- 
den Stellen. Wann das Buch erschienen ist, ist mir nicht bekannt. Ich weiss nur, 
dass es um das Jahr 1870 schon ein altbeliebtes Hausbuch war. Die mir vorliegende 
sechzehnte Auflage (neu bearbeitet von Dr. W. Camer er, Oberamtsarzt in Arach) 
stammt aus dem Jahre 1898'-). 

„Dass durch dieselbe die Lebensfrische eines guten Teiles unserer jetzigen 
Generation schon in der Jugend untergraben wird, ist gewiss, allein dass die 
FolgenderOnanie so schlimm wären, wie sie invielen Büchern 
geschildertwerden, istunwahr. Schon oft wurden durch diese übertriebenen 
Schilderungen Personen, die früher einige Zeit der OnaDie ergeben waren, ganz un- 
nützerweise in Angst und Verzweiflung gebracht." — »Das Unvermögen zum 
Beischlaf bei solchen, die früh er Onanie getrieben haben, ist 
meist eineFolgederMelancholie unddesMisstrauens auf ihre 
eigene männliche Kraft, welches vielen Onanisten eigen ist, 
und verschwindet in der Ehe, bei regelmässigem Geschlechts- 
verkehr in solchen Fällen stets." — „Es ist daher nichts verkehrter, als 
die Onanisten barsch zu behandeln und als die ärgsten Sünder zu betrachten.» — 
„Nicht genug kann bei Knaben vor heftigen und häufigen Rutenhieben auf den 

i) Vom Ref. gesperrt. 

2) Ebenda S. 440: „Die Eindrücke der Jugend sind die wichtigsten und können 
oftmals die bewegenden Ursachen aller Handlungen für das ganze Leben werden." 



Varia. 

Hintern gewarnt werden, weil diese einen sebr grossen Reiz auf die Zeugangsteile 
erregen und so zur Onanie verleiten, wie die Geständnisse vieler Onanisten beweisen." 
— Wichtiger sind die psychischen Störungen der Onanisten. Die meisten kämpfen 
gegen ihre Unart an, aber häufig genug erfolglos. Gewissensbisse, Furcht vor Ent- 
deckung, vor Strafe nnd Schande, Verbergung des Hanges durch Lüge and sonstige 
unerlaubte Mittel, dazn immer wieder die Begierde nach dem Genuss machen 
den Geisteszustand eines in jugendlicher Entwicklung befindlichen Menschen zu 
einem sehr unglücklichen und hemmen seine gesunde Entwicklung in den meisten 
Fällen erheblich. Dazu kommt noch der Kinfluss populärer Schriften über Onanie, 
welche die Folgen desselben in massioser Weise übertreiben." — „Denn die Onanie 
ist au sich dem Erwachsenen nicht schädlicher, als der gewöhnliche geschlechtliche 
Verkehr, schädlich ist nur das llbermass der geschlechtlichen Heilung, in welche 
der Onatist fast immer verfällt. Ihm ist die Gelegenheit zur Befriedigung ja so 
viel leichter, als dies beim normalen Verkehr der Fall.* (S. 818 ff.) Marcus. 

Zum Thema Enuresis, Uarnreiztraum, psychische Hemmung finde ich eine 
überraschend kenntnisreiche Stelle in dem in der Goethe-Zeit geschriebenen autobio- 
graphischen Roman, betitelt .Anton Reiser", von B. P Moritz: 

„Es fällt auch wirklich in der Kindheit oft Bchwer, das Wachen vom Traume 
zu unterscheiden; und ich erinnere mich,' dass einer unserer grossten jetzt lebenden 
Philosophen mir in dieser Rücksicht eine sehr merkwürdige Beobachtung aus den 
Jahren seiner Kindheit erzählt hat. 

Er war wegen einer gewissen bösen Angewohnheit, die bei Kindern sehr ge- 
wöhnlich ist, oft mit der Rute gezüchtigt wordeu. Es hatte ihm aber, wie es auch 
gewöhnlich ist, immer sehr lebhaft geträumt, er habe sich an die Wand gestellt 
und . . . Wenn er sich nun manchmal bei Tage zu dem Ende wirklich an die Wand 
gestellt hatte, so fiel ihm die harte Züchtigung ein, die er so oft erlitten hatte — 
und er stand oft lange an, ehe er es wagte, einem dringenden Bedürfnis der Natur 
Genüge zu tun, "weil er befürchtete, es möchte wieder ein Traum sein, für den er 
wieder eine scharfe Züchtigung erwarten müsste — bis er sich erst allenthalben 
umgesehen und dann auch in Ansehung der Zeit zurückgerechnet hatte, ehe er sich 
völlig überzeugen konnte, dass er nicht träume." Dr. E. Hitschmann. 

Der Dichter als Seelenarzt. Der berühmte französische Romancier Marcel 
Prevost legt in oiner kleinen Novelle „Der Andere" dem Helden, einem Arzt, 
folgende Worte in den Mund: „Übrigens habe ich schon früher ziemlich gründlich 
Nervenleiden der Frauen studiert. Ich habe mich überzeugt, dass deren Ursache 
immer ein Liebesgeheimnis, oder eine traurige Geschichte einer sexuellen Anomalie 
ist. Solange der Arzt das Geheimnis nicht orfäbrt, behandelt er auf's Geradewohl. 
Unsere Kunst besteht darin, die Kranke zu bewegen, uns ihr Geheimnis mitzuteilen.« 

Es ist doch merkwürdig, dass einem Mann, der Nervenleidende nur zufällig, 
vorübergehend, nicht systematisch, laienhuft und nicht professionell beobachtet, Tat- 
sachen nicht entgehen, die Männer von Beruf, Spezialisten, die ihr Leben lang i ö 
ernster Arbeit dem Studium der Nervenkrankheiten widmen, nicht merken. Alles nur 
auf den Unterschied in der Beobachtungsgabe zurückführen zu wollen, wäre doch 
wenig befriedigend. Die Ursachen müssen tiefer liegen und ihre Aufdeckung un«l 
Darstellung wird einst eine der interessantesten Seiten einer zukünftigen Geschichte 
der Medizin, ja, vielleicht der gAnzen gegenwärtigen Kultur sein. 

Dr. I". Wulff. 



Varia. 263 

Selbstbefriedigung in Fusssyinbolik. 

„Es wäre schön," sagte mir eines abends ein als gesund geltendes Mädchen, 
.wenn man sich selbst lieben könnte. Da gäbe es keine Sehnsuchtsschmerzen auf 
der Welt, weil man ja sich selbst stets treu bleiben würde." 

.Passen Sie auf, was Sie diese Nacht träumen werden," meinte ich darauf. 

Nächsten Morgen erzählt die junge Dame: „Ich träumte, es wurde mir ein 
menschlicher Fuss zum Essen gereicht, den ich bald als meinen eigenen Fuss er- 
kannte. Ich ass ein wenig mit grossem Widerwillen, weil ich doch nicht anders sein 
wollte, wie die übrigen Menschen, welche, ohne den geringsten Anstoss daran zu 
nehmen, menschliches Fleisch essen. Eine Weile konnte ich mich so überwinden, 
aber dann war die Abscheu doch zu gross : wenn ich den Fuss nicht gesehen hätte 
und nicht wissen würde, dass er ein menschlicher und, noch schrecklicher, mein 
eigener Fuss ist, dann würde ich ihn schon essen. So geht das über meine Kräfte." 

Der Traum leuchtet jedem als Darstellung der Selbstbefriedigung in Ess- 
symbolik ein. Die Symbolik ist eine der typischen, denn sie ist der Völkerpsycho- 
logie geläufig. Die philogenetische Disposition und entsprechende kindliche Spiele 
(Erlebnisse) dürften das Material zu diesem Traume liefern. Man weiss ja wie gerne 
die Kleinen den Fuss in den Mund nehmen zum Lutschen und in einem gewissen 
Alter wird geradezu Sport damit getrieben, wer noch die Grosszehe in den Mund 
stecken kann. 

Warum das Mädchen gerade diese und nicht eine andere Symbolik zur Dar- 
stellung der Selbstbefriedigung 1 ) wählte — darüber könnte nur eine genauere Ana- 
lyse Auskunft geben. Dr. S. Spiel rein. 

Psychologisches aus der Kinderstube. 

Ein fünfjähriger Junge kommt zu einer Dame auf Besuch, deren Mann soeben 
nach einer längeren Mastkur aus einem Tuberkulosesanatorium zurückgekehrt ist. 
Der Mann hatte 32 Pfund zugenommen und sah auffallend dick aus. Der Junge 
starrt den Mann lange verwundert und misstrauisch an. Dann zieht er die Dame 
in ein anderes Zimmer und sagt ihr heimlich ins Ohr: Tante — weisst du, der Onkel 
wird dir bald einen Jungen bringen. Deshalb ist er krank und wird immer dicker. 
Immer dicker, bis er so dick wird, so dick, dass er platzt. Denn mnsst du ihn ins 
Bett legen und darfst nicht hineingehen, bis das Kind dich ruft. So wars auch bei 
Mama, als Bubi kam... Margarete Petersen. 

Der Herr Major kommt nach längerer Abwesenheit zu seiner Frau auf Besuch. 
Die kleine Marie erkennt den Papa nicht. Papa sitzt bei der Mama und streichelt 
ihre Hand. Marie sieht eine Zeitlang zu, dann geht sie auf Papa zu, zieht die Hand 
weg und versucht in ungeschickter Weise das Streicheln nachzumachen. Ihre Miene 
drückt deutlich aus: Die Hand gehört mir, das ist meine Mama! St ekel. 

Goethe soll anPavornocturnus gelitten haben, wenn man den Berichten 
der Bettina von Arnim trauen darf. Auch scheint er den Tod seines Bruders 
mit innerer Genugtuung begrüsst zu haben. Wir finden in den Briefen Bettinas an 
Goethe folgende zwei sehr interessante Stellen: 

.Von seiner (Goethe's) Kindheit — wie er schon mit 9 Wochen ängstliche 
Träume gehabt, wie er allerlei sonderbare Gesichter geschnitten und wenn er auf- 

i) Es ist nicht ausgeschlossen, dass das Mädchen in der Kindheit was .ge- 
sehen" hat. Ich wollte sie nicht darüber ausfragen.