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Full text of "Zentralblatt für Psychoanalyse. Medizinische Monatsschrift für Seelenkunde. III. Jahrgang 1913 Heft 6/7"

Originalarbeiten. 



L 

Psychoanalyse und Philosophie. 

Eine Erwiderung auf die Kritik von Dr Otto Reik 1 ). 
Von Prof. James J. Putnam (Boston). 

Darf ich den Raum des Zentralblattes noch ein wenig in Anspruch 
nehmen, um den Zweck meines vor dem Weimarer Kongress 1911 ge- 
haltenen Vortrags, den Herr Dr. Theodor Reik die Güte hatte in der 
Oktober-Nummer zu besprechen — freilich ein wenig verspätet — , zu 
erklären f 

Hoffentlich wird mich der Herr Referent entschuldigen, wenn ich 
gleich hier sage, dass ich nach der Lektüre seiner Rezension nur noch 
inniger überzeugt bin von der Berechtigung und den praktischen Wert 
meiner Argumente ; ich will aber auch zugleich zugeben, dass es mir 
selber klar wurde, dass ich in meinen psychoanalytischen Kollegen nicht 
dasselbe Gefühl hervorzurufen vermocht habe, das mich selbst zu diesem 
Vortrag bewogen hat. 

Es waren hauptsächlich vier Grundsätze, die ich zu verteidigen 
suchte. 

Erstens behauptete ich, dass, wenn Psychoanalytiker das engere 
Gebiet rein therapeutischer Arbeit verlassen (wie sie es ja vielfach getan 
haben, um als Seelenkenner hervorzutreten), sie verpflichtet wären, um 
der Wissenschaft und sich selbst gerecht zu werden, auch alle jene 
anderen Deutungsmethoden sorgfältig und wohlwollend zu studieren, durch 
welche die Handlungen und Motive normaler Menschen schon früher er- 
klärt worden sind. Dies gilt vor allem von den Deutungsmethoden der 
Philosophie, die gerade ihrer Wichtigkeit und ihrer Subtilität wegen allen 
Psychoanalytikern von besonderem Interesse sein sollten. 

Das Studium der Philosophie und der Metaphysik ist in den letzten 
fünfzig Jahren von den Naturwissenschaftlern so ungebührend vernach- 
lässigt worden, dass viele heute die Überzeugung haben, diese Versuche, 
das menschliche Leben zu interpretieren, könnten nichts wesentliches zu- 
tage fördern. Das aber ist ein ernster Fehler. Es ist meine Meinung, dass 
gerade die Psychoanalytiker imstande wären, wertvolles Material herbei- 
zuschaffen, um das Ansehen der Philosophie und der Metaphysik unter 

i) Dr. Reik 's Referat über die Arbeit von Putnam: „Über die Bedeutung 
von philosophischen Anschauungen und Ausbildung für die weitere Entwicklung der 
psychoanalytischen Bewegung" erschien im Heft 1 des III. Bandes des ZentralblatteB. 

ZentralbUtt für Psychoanalyse. III V. 18 



266 James J. Putnam, 

Ärzten und Naturforschern zu rehabilitieren, ist es ihnen doch dank ihrer 
Schulung gelungen, so viele Nuancen geistiger .\klivital aufzuspüren, die 
anderen Forschern bisher entgangen sind. 

Sicherlich aber wäre das Gehaben der Psychoanalytiker, die das 
optimistische Motto „Di : ganze Wahrheit" im Banner führen, weder würdig 
noch wissenschaftlich wenn sie weiter und immer weiter in das Gebiet 
der Philosophie eindringen sollten, ohne der Philosophie selbst Gerechtig- 
keit widerfahren zu lassen. Allerdings isL die Wahl der Systeme „teil- 
weise" der Wirksamkeit des l'nhewusslen der verschiedenen Philosophen 
zuzuschreiben; wir sollten aber nicht unnötig lange im Unklaren bleiben 
darüber, wieweit diese Wirksamkeit des Unbewussten für eine solche 
Syslemwahl verantwortlich zu halten ist. Der Vorschlag, das Wort und 
den Konzept ..Metaphysik" durch „Metapsychologie" zu ersetzen, ist auch 
von grossem Wert, nur möchte man gerne wissen, oh damit gemeint ist, 
dass die Philosophie und die Metaphysik überhaupt als Erscheinungen 
biogenetischen Ursprungs anzusehen sind. 

Gerne gebe ich zu, dass solange die Psychoanalyse noch in ihren 
Kinderschuhen steckte, ihre Anhänger nicht genötigt oder verpflichtet waren, 
der Nebenbuhlerin Philosophie volle Gerechtigkeit und Anerkennung wider- 
fahren zu lassen. Meine Kritik richtet sich also keineswegs gegen die 
Tatsache, dass bis jetzt die Ansprüche der Philosophie nicht in Er- 
wägung gezogen worden sind, wohl ahoi- hoffe ich, wie schon der Titel 
meines Vortrages sagt, dass der Tag nun hereinbricht, an dem man es 
nur für gewinnreich halten wird, die Aktivität des Geistes nicht allein 
vom biogenetischen, sondern auch vom philosophischen Standpunkte aus 
zu studieren. Dass man bis jetzt damit gezögert hat, beruht, meiner An- 
sicht nach, auf einem Widerstand, d. h. auf einem unbegründeten Vor- 
urteil; man glaubte und glaubt nämlich, dass während die Naturwissen- 
schaften exakt seien und ihre Prozesse zuverlässig, dies für die Meta- 
physik nicht angenommen werden könnte. Dies wäre aber eine sehr mangel- 
hafte Schlussfolgerung. Der Grund für diese Auffassung liegt wohl darin, 
dass die Metaphysik eine äusserst schwierige Wissenschaft ist, die neben 
grosser Klarheit des logisciien Denkens auch eine spezielle Fähigkeit in 
geistige Prozesse einzudringen und eine besondere Schulung erfordert. 
Dasselbe könnte man, wie wir ja alle wissen, auch von der Psychoanalyse 
behaupten, erklärt sich doch daraus am leichtesten die auch heute noch so 
arge Vernachlässigung derselben. 

Mein zweiter Punkt war der, dass jede psychoanalytische Behandlung 
„eine Phase eines erzieherischen Prozesses" ist, der not- 
wendigerweise auf irgend eine Art „Sublimation" als sein ideales Endziel 
hinweist. Diese Sublimation wird vielleicht nicht in jedem einzelnen 
Fall vom Psychoanalytiker angestrebt, doch gibt es sehr wenige Fälle, 
in denen nicht der Wille oder die moralische Einsicht oder das soziale 
Bewusstsein des Patienten bis zu einem gewissen, manchmal sehr hohen 
Grad in Anspruch genommen wird. Der Psychoanalytiker, in seiner Rolle 
als Erzieher, sollte daher völlig vertraut sein mit allen Quellen moralischer 
Ideen und Impulse, auch wenn er dieses sein Wissen den Patienten nicht 
systematisch mitteilt. Wenn wir überzeugt sind, die Quellen unserer 
moralischen Ideen zu kennen, so würde diese Überzeugung sicherlich dazu 
beitragen, die Richtung unseres Sublimationsprozesses zu bestimmen. 
Keine Sublimation aber kann vollständig 'sein, die nicht die ihr zugrunde 



Psychoanalyse und Philosophie. 267 

liegenden Tatsachen studiert. Jedes andere (agnostische) Vorgehen führt 
wieder zu jenem entsetzlichen Individualismus und Indifferentismus der 
sogenannten „wissenschaftlichen" Periode zurück, deren allzufester Um- 
klammerung wir uns eben jetzt glücklicherweise entwunden haben. Die 
Psychoanalytiker verwenden grosse Sorgfalt auf das Studium der Aspekte 
und verfolgen den Einfluss der Triebe, aber sie befassen sich nur unge- 
nügend mit deren Ursprung und mit dem Ursprung und der Natur der 

Geistesprozesse überhaupt. 

Unter naturwissenschaftlich gebildeten Männern scheint die allge- 
meine Ansicht zu bestehen, dass die Seele das Endresultat einer rein physi- 
schen Evolution ist, die mit dem Chaos begann. Dieser Lehre nach 
könnte von dem Menschen, seinem Ursprung und seiner Bestimmung 
nach, keinerlei Anerkennung einer hohen moralischen Verantwortlichkeit 
verlangt werden. Durch sie würde die Ethik auf das Niveau eines reinen 
und engen Utilitarianismus herabgedrückt. Diese Lehre wurde geradezu 
zu einer allgemeinen Anschauung, die sich aber nur schwer verteidigen 
liesse Sie ist aber unleugbar das logische Resultat des bestehenden Aber- 
glaubens, dass man mit Hilfe der biogenetischen Methode alles erklären 

könne. , 

Das Studium der Metaphysik und die nötigen Voraussetzungen der 
Philosophie sind nicht bloss Phrasen ohne praktische Tragweite. Wer das 
glaubt braucht nur die Titelblätter von McTaggarts's „Studies in 
Hegeli'an Cosmolgy" anzusehen und das Vorwort des Buches zu lesen. 
Die höhere Metaphysik ist schwer zu fassen, doch sind, meiner Ansicht 
nach, die grundlegenden Prinzipien dieser Wissenschaft von Natur aus 
Gemeingut aller normal veranlagten Menschen. 

Die Behauptung Abrahams, der in seinem bewundernswürdigen 
Traum und Mythus" (S. 67) sagt: „Ebensowenig wie das Kind mit einer 
altruistischen Ethik zur Welt kommt, ebensowenig ist anzunehmen dass 
die Menschen der vorhistorischen Zeit philosophische oder religiöse Ideen 
in sich tragen und diese nachträglich in Mythen symbolisierten"', will mir 
also nicht einleuchten. Wie soll man es sich erklären, dass die Philosophie 
überhaupt ins Leben gerufen wurde, wenn ihre Keime nicht schon in 
der gesunden Seele des vorhistorischen Menschen vorhanden waren, oder 
als Naturanlage in dem Geiste jedes Neugeborenen schlummerten-? Das- 
selbe gilt natürlich von jeder Form der Wissenschaft. Keine Evolution 
bewegt sich in gerader Linie, sondern drückt sich in Kreisen und Spiralen 
aus. In jedem Sprösschen liegt der Kreis des Baumes und des nächsten 
Samens als Vorahnung und das Zustandekommen jedes Geistes setzt 
voraus, dass Geist schon als sein Vorläufer existierte. Geist also muss der 
Anfang des Weltalls gewesen sein. Der Mangel der biogenetischen als 
alles erklärenden Methode liegt also darin, dass sie nicht ein wirkliches 
Beispiel der Evolution als Ganzes studiert, sondern immer nur eine kurze 

Phase derselben. 

Der Geist eines jeden Menschen, selbst in den primitiveren Formen, 
muss ferner nach demselben Plane geschaffen sein wie der Universal- 
geist, dessen innere Reaktionen folglich wohl wert sind, studiert zu werden. 
' Mein dritter Punkt war im wesentlichen der, dass es heute nicht 
mehr in Frage kommt, ob Psychoanalytiker „Allgemeine Anschauungen" 
verwerten sollten, da sie ja dieselben, wie sehr man sich dagegen auch 
sträuben möge, bereits verwerten und, noch mehr als das, verwerten 

18* 



268 James J. Putnam, 

müssen. So charakterisiert mich z. B. Dr. Reik als einen (geistigen) 
Monisten und führt dabei Kant's Autorität ins Feld, um meine Anschau- 
ungen als unhaltbar darzutun. Hier aber heisst es: entweder — oderl 
Wenn Dr. Reik meinen Ansichten nicht zustimmt, muss er notwendiger- 
weise andere für besser halten. Ist er also Dualist? Und ist er wirklich 
bereit, die unmögliche dualistische Doktrin zu verteidigen? Würde er 
leugnen, dass ein vielleicht noch grösserer Denker als Kant (Hegel) 
uns gute Beweise dafür gegeben hat (Beweise, die gerade an uns Psycho- 
analytiker appellieren sollten), dass des Königsbergers Behauptungen in 
obiger Beziehung recht mangelhaft begründet waren? Oder verwirft der 
Herr Referent etwa die dualistischen Prinzipien und akzeptiert dafür die 
Lehre eines materiellen Monismus, indem er seine geistigen Fähigkeiten 
zu dem Beweis gebraucht, dass psychische Phänomene den physischen 
untergeordnet sind und dass sie in ihrem Wirkungskreis durch die evo- 
lutionären Fähigkeiten der letzteren eingeschränkt werden? Das wäre 
allerdings eine recht gewichtige Behauptung, repräsentiert aber meiner 
Ansicht nach einen Standpunkt, der nicht verteidigt werden kann. 

Mein vierter Punkt ist, dass keine geistige Tätigkeit von der Erfahrung 
allein abhängig ist. Es mag sein, dass jede geistige Handlung durch die 
Erfahrung eine gewisse Färbung erhält, d. h. dass sie sich kaum unter 
gewöhnlichen Verhältnissen aller erfahrungsgemässen Elemente entledigen 
kann. Aber es gibt eine Menge nötiger Voraussetzungen, die vage in jeder- 
manns Geist als Begleiter jedes Gedankens tätig sind und deswegen doch 
nicht durch die Erfahrung zu uns kommen. Niemand „erfährt" z. B. 
„Bewegung" als solche, oder Kausalität als solche, sondern nur deren 
Resultate. Und doch verweisen uns diese Begriffe auf wirkliche und 
analysierbare Fähigkeiten des Geistes, die von fähigen Männern eifrig 
studiert wurden. Von ihnen wurde eine Anzahl wichtiger Tatsachen zu- 
tage gefördert, an denen wir Forscher auf dem Gebiet geistiger Aktivität 
und deren Symbolismus nicht vorüber gehen dürfen. Einige dieser Tat- 
sachen wurden in meinem Vortrag angeführt, auf andere habe ich 
mich in meinem zweiten Artikel in der Zeitschrift „Imago" (I. 5.) 
bezogen (in der philosophischen Literatur sind diese alle natürlich 
zu finden). Ich habe dort darauf hingewiesen, dass diese Art geistiger 
Tätigkeit, durch welche jene „Voraussetzungen" erkannt werden, ihre eigene 
symbolische Ausdrucksweise hat, die wir in unser Studium einschliessen 
sollten, um jene anderen uns Psychoanalytikern besonders interessierenden 
Arten des Symbolismus erst recht ihrer Wichtigkeit nach einschätzen 
zu können. 

Bei dieser Gelegenheit möchte ich auf die wertvollen Arbeiten 
S i 1 b e r e r's hinweisen, besonders auf diejenigen, in denen er den Mecha- 
nismus der Träume studiert, die im Übergangsstadium vom Schlafen zum 
Wachen geträumt werden. „Übergang" an sich aber, als ein wirkliches 
Untersuchungsobjekt betrachtet, wird nirgends anerkannt, ausgenommen 
in der Metaphysik, und seine Bedeutung von niemandem eifriger studiert 
als von Hegel und seinen Jüngern, die ihn als einen definitiven und 
typischen geistigen Prozess behandelt haben. Dasselbe trifft zu bei der 
„Versöhnung gegensätzlicher geistiger Zustände", die wir ja bei unserer 
Arbeit fortwährend in Betracht zu ziehen haben. Warum sollte es aber 
eine Beleidigung der psychoanalytischen Bewegung sein, wenn wir vor- 
schlagen, das Ziel unserer Arbeit klarer zu stellen und den Wert derselben 



Psychoanalyse und Philosophie. 269 

durch Studien zu erhöhen, wie wir sie eben erwähnt haben? Herr 
Dr. R e i k bestellt darauf, „dass unsere Stellung zur Metaphysik bisher 
keine negative war, wie Putnam annimmt, sondern eine neutrale" ; ich 
habe aber bereits Argumente geliefert, die vollauf dartun, dass das nicht 
zutrifft und nicht zutreffen kann. Eine neutrale Macht nimmt sich nicht 
die Freiheit, ihre eigenen Grenzen so zu bestimmen, dass man, wenn 
schon nicht als eine Forderung, so doch als einen Wunsch auffassen 
könnte, die Grenzlinien der Nachbarländer damit einzuschränken. Herr 
Dr. Reik aber tut etwas Ähnliches, wenn er ohne Qualifikation sagt: 
„Denn was einer für Philosophie treibt, hängt ja in letzter Linie davon 
ab, was er für ein Mensch ist". Teilweise wahr wie diese Behauptung ist, 
ist es eben doch nur teilweise wahr. Herr Dr. Jung z. B., dessen Beiträge ' 
von so hervorragendem Wert sind, würde ebenfalls die ..Libido" im 
weiten Sinn zur Basis aller geistigen Erkenntnis machen. Warum aber 
sollen wir gerade hier anhalten? Warum können wir uns nicht zu der 
Erkenntnis durchringen, dass die „Libido", unter diesem Gesichtswinkel 
betrachtet, in Wirklichkeit weiter nichts ist als die „poussee vitale" 
B e r g s o n's oder die „Selbstbetätigung" H e g e l's und anderer Philosophen? 
Das zuzugeben bedeutet freilich die völlige Anerkennung der Wirklich- 
keit und Obergewalt eines idealistischen Prinzips als die Basis alles 
Lebens; das zu leugnen aber hiesse einer Lehre anhängen, welche logisch 
die Geistestätigkeit von physischen Gesetzen abhängig macht, und die 
es doch versäumt, den Ursprung und Sinn der physischen Gesetze zu er- 
klären oder die Geistestätigkeit als das Resultat derselben aufzuzeigen. 

Kurz gesagt, wir müssen den Garten der Philosophie betreten, haben 
es auch ja schon getan. Wenn wir nicht durch die Tür eindringen können, 
müssen wir über die Zäune klettern, als Freunde oder Feinde — einerlei I 
Das aber auf Umwegen zu tun, ohne gründlich die Bedeutung der Philosophie 
erkannt zu haben, hiesse denselben Fehler begehen, wie ihn jene Ärzte 
begehen, die sich Psychiater, Psychologen, Psychotherapeuten usw. nennen, 
ohne die Psychoanalyse genau studiert zu haben. 

Wir, die wir erklären, dass wir „das Wirkliche" erforschen und 
aufdecken wollen, sollten uns nicht nur mit dem relativ Wirklichen zu- 
frieden geben. Es ist nicht genügend anerkannt, dass für uns ..Wirklich- 
keit" „Übereinstimmung mit unserem Geiste" meint, der allein fühlt und 
urteilt. Aber Wirklichkeit in diesem Sinn wird nicht völlig durch den Er- 
fahrungsinhalt ausgedrückt, wie ihn die Sinneswahrnehmungen definieren. 
Unsere Erfahrungen könnten eher als die symbolischen Ausdrucks formen 
der Wirklichkeit angesehen werden als die Wirklichkeit „an sich". 

Zum Schluss, glaube ich, kann man sagen, dass* die verwirrenden 
Diskussionen über „Monismus" und „Dualismus" ihre Existenzberechtigung 
dadurch verlieren, dass man sie im Lichte der philosophischen Forschung 
betrachtet. Das ist jedenfalls eine Erleichterung und Wohltat auch für uns. 

Bergsons Arbeiten über dieses Thema sind sehr interessant und 
wichtig, auch wenn sie nicht metaphysisch sind. Aber die Anerkennung 
der Hegel'schen Beweisführung (die mir logisch unwiderleglich erscheint), 
nach der es ein Charakteristiken aller Geistestätigkeit ist, dass sie unter 
einer quasi dualistischen subjektiv objektiven Form vor sich geht, gibt 
uns doch wenigstens eine Basis für die weitere Argumentation, durch die 
das ganze Problem in ein Licht gerückt wird, das kaum von anderer Seite 
her erhältlich ist. 



II. 

Analytische Bemerkungen über das Gemälde eines 

Schizophrenen. 

Von Dr. Hermann Rorschach, Münsterlingen. 
Mit 1 Tafel. 

Der Maler des hier wiedergegebenen „Abendmahls" ist ein 40 jähriger 
unverheirateter Schizophrene, der zugleich an einem beträchtlichen Grade 
von angeborenem Schwachsinn leidet. Dieser letztere Umstand musste 
natürlich eine Psychoanalyse beeinträchtigen, er verhinderte jede Plan- 
mässigkeit und machte die Benutzung wesentlicher Hilfsmittel, nament- 
lich der Assoziationsexperimente, fast vollständig unmöglich; auch die 
Traumdeutung konnte nicht recht gedeihen, wenn auch die Eigentümlich- 
keit der schizophrenen Psyche, ihre Träume in gewissem Masse selbst 
zu deuten, zu Hilfe kam. Andererseits ist es interessant, in den Gedanken- 
gängen dieselben Symbole, dieselbe Ausgestaltung des Wahns vorzufinden, 
wie bei irgend einem intelligenten Schizophrenen, wieder ein Beweis für 
die Autonomie des , .symbolischen Denkens" J ). 

Weitaus, den wichtigsten Zugang zur Deutung erlaubte das „Abend- 
mahl" des Patienten, der von Beruf Flachmaler ist, aber in hohen künst- 
lerischen Ambitionen schwelgt. Er hatte sich für sein Bild einen ganz 
kleinen Holzschnitt in einer kleinen „biblischen Geschichte" als Vorlage 
gewählt und ist von dieser nur in einigen Punkten abgewichen, die natür- 
lich analytisch das grösste Interesse beanspruchen. Während auf der 
Vorlage Johannes gerade aufgerichtet sitzt, schmiegt er sich auf dem 
Bilde des Patienten an Christus an; ferner sind eigene Zutaten des Kranken 
die kurzen, borstigen Haare des Judas, die langen Frauenhaare der übrigen 
Apostel und Christi, dann einige Ausschmückungen an den Kleidern von 
Christus und Johannes und schliesslich die sonderbaren Heiligenscheine. 

Die Erläuterungen, die der Patient bei verschiedenen Gelegenheiten 
zu dem Bilde gab, seien hier zusammengefasst, ohne vom Wortlaut des 
Kranken abzuweichen; auch die nötigen Daten der Vorgeschichte seien 
darin verflochten. 

„Christus ist eigentlich ein Mädchen, er ist mir auch 
immer als Mädchen erschienen (Halluzinationen); er hat sich auch als 
Mädchen gekleidet. — Er versinnbildlicht die Liebe. Christus ist die 
Liebe, Christus ist auch die Sonne. Als Sonne gibt er Wärme 
und Liebe. Darum hat er auch einen so schönen Heiligenschein 2 ). 

>) Vgl. Jung: „Wandlungen und Symbole der Libido". Jahrbuch für psycho- 
analytiscbe und psychopathologische Forschung. Bd. III. 
2) Vgl. Jung 1. c. 



Dr. H. Korschach, Anal) tische Bemerkuugen über das Gemälde eines Schizophrenen. 271 

(Patient hatte zuerst den Heiligenschein als grosse Sonne mit vielen 
Strahlen hinter Christi Haupt dargestellt.) — Christus ist für alle 
Menschen gestorhen, d. h. er will, dass alle Menschen 
lieben und auch heiraten können. — Christus ist zu gleicher 
Zeit Mädchen und Herr. Er versinnbildlicht die Liebe im Mädchen wie im 
Mann. Er will halt, dass jeder junge Mann und jedes junge Mädchen, jeder 
Mensch, der ihm nachstrebt und der ihm nahe ist, heiraten kann und 
nicht Selbstbefriedigung treiben muss. Mir hat Gott den Gedanken ein- 
gegeben, dass Christus auch habe Selbstbefriedigung treiben müssen. Und 
darum ist er gestorben, damit andere das nicht tun müssen; wenn 
sie ihm nur nachstreben, so erlöst er sie. Auch ich will ihm nachstreben, 
er hat mich schon einmal im Traum geprüft, er hat mir Herz und Nieren 
herausgenommen, um mich zu prüfen, denn von der Selbstbefriedigung 
wiid man nierenkrank. Wenn mein Bild fertig ist, bin ich auch erlöst, 
dann bin ich Christus so nahe wie Johannes. Ich bin dann selber 
Johannes. (Er hat talsächlich das fertige Bild unterzeichnet: „I. N. J. 
Chr. Johannes")." 

„Judas hat Christus verraten um 30 Silberlinge. So hat mein 
Vater auch getan. Judas hat die Liebe um Geldes willen verraten. 
Mein Vater hat immer zu mir gesagt: „Bub, du darfst nicht heiraten, 
du verdienst ja lange nicht genug, um eine Frau zu erhalten." Also hat 
auch mein Vater um Geldes willen die Liebe verraten. 
Judas ist zwar auch ein heiliger Mann, denn Gott hat es einmal so gewollt, 
dass er Christus vorrate, nur eines schrecklichen Todes hat er ihn sterben 
lassen. Mein Vater ist jetzt auch mit mir zufrieden und sieht, dass ich 
duch recht gehabt habe, ich höre ihn jetzt manchmal mir zurufen: „Es 
wird doch noch recht mit dir, Bub." Er kommt manchmal zu mir in 
den Stimmen und sagt, mein Bild sei sehr schön." 

„L a n g e II a a r e b e d e u t e n L i e b e , s i e s i n d w i e d i o S t r a h ■ 
len der Sonne. Ich habe den Herren hier lange Haare gemacht, weil 
sio eigentlich Mädchen sind und weil sie die Liebe versinnbildlichen. 
So lauge Haare sind eben das Schönste an einem Menschen. Meine 
Mutter hat früher auch so lange Haare gehabt, so schöne, 
wie hier Christus. Auch ein Mädchen, das ich gern geheiratet hätte, 
hat solche Haare gehabt. Aber der Vater hat mich ja nicht heiraten 
lassen wegen des Geldes. Sehen Sie den Judas hier, dieser 
verdient halt keine langen Haare, weil er die Liebe ver- 
raten hat. Er hat lieber den Geldsäckel haben wollen als die Liebe, 
SS o»h at es mein Vater auchge macht; er hatte auch gerade 
so wüstes, kurzes struppiges Haar wie hier der Judas. 
Das ist göttliche Eingebung gewesen, dass ich die Haare so geraalt habe. 
Warum hat mein Vater das Geld höher geschätzt als die Liebe!" 

Die Heiligenscheine hatte der Patient zuerst bewusst sonnenähnlich 
gemacht; später veränderte er sie zu einer Art Federrosette, und schliess- 
lich gab er ihnen eine Form, wie sie die Hauben einer alten Thurgauer 
Frauentracht aufweisen. 

Die Deutung des Bildes ist eigentlich mit den angeführten Worten 
des Patienten schon gegeben, und es bleibt wenig beizufügen übrig. Das 
,, Abendmahl" ist eine ausgesprochene Wunschphantasie des Patienten; 
die verschiedensten Strebungen toben sich darin aus. Zunächst der I n - 
zestkomplex: Ch r,i stus ist die Mutter und die Liebe zur Mutter, 



272 Dr. H. Rorechacb , Analytische Bemerkungen über das Gemälde eines Schizophrenen. 

Judas der Vater, der Verräter an Christus, an der Liebe, an der 
Mutter, der die Liebe nicht verdient, der ausgeschlossen ist von der Ge- 
meinde der Liebenden und in der heiligen Gesellschaft nur geduldet wird, 
weil Gott es nun einmal so haben wollte. Johannes, der Lieblings- 
jünger Christi, wird zu einem Bilde des Patienten selber, der sich 
so zum Liebling der Mutter, zu dem unbesiegbaren Nebenbuhler des 
Vaters Judas aufwirft. — Die Mutter erscheint als das Vorbild der 
späteren Sexualobjekte. Ein fetischstischer Zug drückt sich in der Be- 
handlung der Haare aus. — Die homosexuelle Komponente ist 
deutlich: Christus ist eigentlich ein Mädchen, Christus wird zur Mutter, 
der Geliebten des Patienten, ferner kommt sie in der Darstellung der Haare 
und der Kleider zum Durchbruch. Andererseits wird sie bekämpft: Wenn 
der Patient erst Christus ganz nahe ist, — was ihm Christus in seinen 
Halluzinationen oft in Aussicht stellt, und worum er täglich stundenlange 
Gebete, manchmal unter angstvollem Weinen, abhält — , dann wird 
auch er heiraten dürfen, und zwar wird er, da er selbst seinen unge- 
nügenden Verdienst anerkennt, eine reiche Aristokratin heiraten. — Christi 
Opfertod wird ihn, wenn er erst erlöst ist, von seinen grössten Kämpfen 
befreien, denn Christus ist darum gestorben, dass die Menschen keine 
Selbstbefriedigung treiben müssten, sondern alle, ungehindert von Judas- 
vätern, zur rechten Zeit zum Heiraten kommen könnten. So habe Christus 
die Sünden der Welt auf sich und von denen abgenommen, die ihm 
nachfolgen. 

Dass er gerade das „Abendmahl" zur Vorlage gewählt hatte, erklärte 
der Patient damit, dass erstens hier die „heiligen Herren" alle so schön 
beieinander seien, und zweitens habe das Abendmahl „kurz vor dem 
letzten schweren Kampf" stattgefunden, und auch er befinde sich 
jetzt kurz vor dem letzten schweren Kampf. 



Zentralblatt für Psychoanalyse. 



Tafel I. 




III. 

Die Besessenheit auf dem Lande in Russland. 

Von Dr. M. Lachtin, Privatdozent der Universität Moskau. 

Die slawischen Volksstämme glauben bis auf den heutigen Tag an 
die Herrschaft besonderer Elementargeister der Luft, des Wassers, der 
Wälder und Felder. Viele Schöpfungen des Volkes, die im Anfange des 
russischen historischen Lebens entsprangen, enthalten viele derartige 
Glaubensansichten. 

Aphanassieff führt viele Beispiele von Geisterglauben aus den 
der Landbevölkerung geläufigen Ausdrücken an. Snegiereff findet die 
Bekundung dieses Glaubens in den Volkssprichwörtern und Gebräuchen. 
In Kerechta, zum Beispiel, bei' einer Einweihungsfeier wendet sich der 
Gastgeber, Brot und Salz in der Hand haltend, an den Hausgeist mit den 
Worten: ,',Grossväterchen, beliebe deinen neuen Platz einzunehmen". 

Die Bauern des Gouvernements Smolensk wenden sich mit folgendem 
Bannspruche an die umgebenden Geister: „Grossväterchen Hauswirt und 
Grossmütterchen Hauswirtin, Grossväterchen Waldbeherrscher und Gross- 
mütterchen Waldbeherrscherin, Grossväterchen Wasserherr und Grossmütter- 
chen Wasserherrin, Grossväterchen Herr des Feldes und Grossmütterchen 
Herrin des Feldes, verzeihet mir Sünder und Unwürdigem (Verneigung nach 
den vier Weltgegenden), helfet, unterstützet, schenket gute Gesundheit". 
Die heidnischen Volksgetter, an die, wie wir sehen, bis auf den heutigen 
Tag in vielen Orten noch geglaubt wird, wurden mit der Einführung des 
Christentums, ebenso wie in der antiken Welt, als bäse Geister bezeichnet, 
deren alleiniges Bestreben dahin zielt, die Anbetung des wahren Gottes 
seitens des Menschen zu verdrängen. Auf solche Weise hat der ursprüngliche 
Volksglauben an böse und gute Geister mit der Einführung des Christen- 
tums an innerer Kraft nicht verloren, sondern es änderte sich nur die äussere 

Form. 

Am Dasein teuflischer Kräfte konnte kein Zweifel herrschen. Dafür 
sprachen allzusehr achtunggebietende heilige Zeugnisse und besonders die 
von Einsiedlern und Weltentsagenden, die ihr ganzes Leben mit dem Feinde 
der Menschheit im Kampfe lagen. 

In den Überlieferungen der Heiligen wimmelt es von Beschreibungen 
der Künste des Teufels . Der hl. Antonius und Paul, die in der ägyptischen 
Wüste ihre Zuflucht nahmen, bestätigen, dass diese Wüste von bösen Geistern 



274 !>«■• M. Lachtin, 

wimmele. Den teuflischen Versuchungen waren ausserdem ausgesetzt: der 
Bischof Nicon, der heilige Nikita, Pakhomius der Grosse, Makarius, Mark, 
Isaak Petschersky u. a. 

Die geeignetste Zeit der Versuchungen war die Nacht, die der Mönch, 
in Anbetracht des besonderen Charakters der russischen Gebetsform, häufig 
schlaflos in ununterbrochenem Gebete verbrachte. Der böse Geist erschien 
dem Einsiedler in Gestalt eines schwarzen Hundes, einer feuerspeienden 
Schlange, die sich in der Zelle in einer Flamme verbreiteten und rings 
umher einen schlechten Geruch von sich gaben, die Luft mit Geschrei und 
Grollen erfüllend. Mitunter geschah es auch, dass sie, um die Aufmerk- 
samkeit des zu Versuchenden abzulenken, in Gestalt eines Engels oder irgend 
eines Himmelsbewohners erschienen. Die Geister mischten sich in alles, 
sowohl in grosse als kleine Angelegenheiten. Weicht der Mönch vom Lesen 
der heiligen Schrift ab, so ist es das Werk des Teufels, schläft er während 
eines langen Stehenbleibens ein, so ist es ebenfalls dessen Werk. „Die 
bösen Geister — lesen wir in der Sammlung über das Leben des Heiligen — , 
wütend darüber, dass sie früher Götter waren und jetzt von den Anbetern 
Christi erniedrigt werden, jammerten: „0, Dir unsere bösen, grimmigen 
Feinde, wir beruhigen uns nicht eher, bis wir im Kampfe um Leben und 
Tod Euch besiegen." Im Volke ist folgende Legende verbreitet. Ein Fürst, 
der die rascheste Vergebung seiner Sünden wünschte, wurde von einem 
Popen in einer einsamen Kirche ausserhalb der Stadt über Nacht gelassen. 
Da versammelten sich viele Dämone, um ihn zu verlocken: Einer von 
ihnen nahm die Gestalt seiner geliebten Schwester an und rief ihn aus 
der Kirche, aber er hatte keinen Erfolg. Ein zweiter Dämon verwandelte 
sich in des Fürsten Gemahlin, die mit seinem Sohne kam, und ihn dem 
betenden Fürsten vor die Füsse warf und sagte : „Eile zurück, in deiner 
Abwesenheit überfielen uns Räuber, die all dein Eigentum raubten!" Aber 
der Fürst gab auch diesem kein Gehör. Darauf begann ein fürchterlicher 
Sturm, mit Donner und Blitz, die Kirche stand in Flammen und die Teufel 
in Gestalt der Stadtbewohner erfüllten die Kirche mit den Rufen: „Rette 
dich, Fürst, es brennt". Aber dennoch verliess der Fürst die Kirche nicht. 
Endlich nahm einer der Teufel die Verwandlung in einen Popen vor, befahl 
zur Frühmesse die Glocke zu läuten und jagte den Fürsten aus der Kirche, 
da um diese Zeit gewöhnlich niemand in der Kirche zu bleiben wagte; 
aber auch dieser Versuch misslang. Bald darauf erschien die Morgenröte und 
von seinen Sünden gereinigt trat der Fürst aus der Kirche. 

Die ersten Andeutungen über Besessene in der russischen Literatur 
datieren zu Anfang des XV. Jahrhunderts. Aber zu jener Zeit war die 
Besessenheit noch eine ausserordentlich seltene Erscheinung, wenigstens 
finden wir davon keinerlei Spuren im Volksepos. 

Eine Volkserscheinung wird die Besessenheit im XV. Jahrhundert. 
Eine der ältesten Erzählungen dieser. Art bietet die Sage über Matrena, 
welche nach einem ausgiebigen Beischlafe mit ihrem Manne am folgenden 
Morgen so unverschämt war, ohne das jüngste Gericht zu fürchten, vor 
die Reste des heiligen Sebastian zu treten, als sie der böse Geist im Beisein 
des versammelten Volkes erfasste und in sie fuhr. Weder das Gebet des 
Geistlichen noch Zauberei konnten ihr helfen, da mehr als eine Legion 
Teufel in sie gefahren war. 

Im berühmten „Rath der Hundert" im Jahre 1551 urteilte man über 



Die Besessenheit auf dem Lande in Russland. 275 

die Besessenheit wie über eine allgemein bekannte und weit verbreitete 

Erscheinung. 

Im XVII. Jahrhundert diente der religiöse Kampf und die Bildung 
der Sekte der Raskolniky (Altgläubig), als Anstoss zur Verstärkung der 
Besessenheit. Die Besessenen, mit dem Namen Klikuschy bezeichnet, traten 
als Prophetinnen und Verteidigerinnen des alten Glaubens auf. Der be- 
rühmte Protopop Awakuma erzählt selbst von einer von ihm geheilten 
Besessenen. Sie sehnte sich lange Zeit nach einem Eliesar, in dessen 
Hause sie aufgewachsen war. Endlich erreichte sie das erträumte Ziel, 
seine Frau zu werdeo, aber sie fand kein Glück in der Ehe und wuitfe 
eine Klikuscha. Sie starb als Nonne in einem altgläubigen Kloster. 

Von den Sagen über die Besessenen im XVII. Jahrhundert verdient 
besonders die Geschichte einer Solomonia, Tochter eines Geistlichen in 
der Nähe der Stadt Ustjug, hervorgehoben zu werden (1661). Diese Sage 
hat sich in verschiedenen Variationen erhalten. In der ersten Hochzeits- 
nacht ging der junge Gatte der Solomonia, der Viehhirt war, hinaus, um 
eine gewisse Notdurft zu verrichten. Diesen Moment benutzte der böse 
Geist um in Solomonia zu fahren, und plötzlich fühlte sie in ihrem Bauche 
einen Dämon stecken. Seit dieser Zeit besuchten sie stets die Teufel in 
Gestalt der schönsten Jünglinge und verbrachten mit ihr jede Nacht. 
Und sie gebar von dem Teufel sechs Teufelchen. Solomonia war sechs 
Jahre lang besessen, bis endlich zwei gottbegnadete Pilger, Prokopius und 
Johann, ihr den Bauch aufschnitten, von dort die Teufel herauszogen und 
sie mit Schürhaken an der Kirchentür töteten. 

Von 1666 bis 1671 wurde in der Stadt Schuya eine effektive Epidemie 
von Besessenheit beobachtet. Der Ursprung dieser Epidemie war folgender 
In der Kirche „Auferstehung Christi", wo ein neugemaltes Heiligenbild 
der Mutter Gottes von Smolensk aufgestellt wurde, fanden plötzlich Wunder- 
kuren der Besessenen statt. In kurzer Zeit übertraf die Zahl der Wunder- 
heilungen an hundert. Nun begann man, von nah und fern, Besessene 
nach Schuja zu bringen. Das Besultat der Anwesenheit so vieler Besessenen 
in der Stadt rief das Erscheinen der Besessenheit, unter den Einwohnern 
der Stadt Schuja selbst hervor. Die Besessenheit nahm derart überhand, 
dass es endlich unmöglich war, aus dem Hause zu treten ohne der Gefahr 
ausgesetzt zu sein, besessen zu werden. — Im Jahre 1658 trat eine ähnliche 
Massenerkrankung in der Stadt Luscha im Gouvernement Wladimir auf. — 
In allen ähnlichen Fällen wurden energische Massregeln ergriffen: alle 
Personen welche die Besessenen in ihren Anfällen nannten, wurden fest- 
genommen und auf Befehl des Zaren bis auf den Tod gefoltert, um von 
ihnen zu erfahren, wer den Teufel angelockt habe. 

Zu Ende des XVII. Jahrhunderts wurden die Besessenen (Khkuschen) 
in den politischen Kampf zwischen der Prinzessin Sophie und Peter dem 
Ersten verwickelt, welches für die Erstgenannten sehr unangenehme Folgen 
hatte. Um sich beim Volke populär und beliebt zu machen, unterhielt die 
Prinzessin Sophie falsche Besessene, welche sie angeblich unter Feierlich- 
keiten vor aller Augen, vermittels wundertätiger Gebete, von ihrer Besessen- 
heit heilte. Als man den Schwindel entdeckte, wurden alle von der 
Prinzessin unterhaltenen Simulantinnen festgenommen, durchgepeitscht und 
aus Moskau verwiesen. Seit dieser Zeit verloren die Klikuschen ihr An- 
sehen, da sie sich als Betrügerinnen entpuppten. 

Im Jahre 1715 erschien der Befehl, wenn irgend ein Besessener, ohne 



276 Dr. M. Lacbtin, 

Unterschied des Geschlechtes, auftritt, muss er unbedingt in Haft genommen 
und durch die Folter verhört werden. Die Vollführung dieses Befehles 
wurde hauptsächlich der höheren Geistlichkeit unterstellt, da die Besessenen 
ihren wirklichen Charakter meistens in den Kirchen offenbarten. Von 
dieser Zeit an begann eine richtige Jagd auf die Klikuschen. In manchen 
Fällen wurden sie nur gefesselt und hinter die Klostermauern geworfen, 
in anderen Fällen spannte man sie auf die Folter, verrenkte ihnen die 
Glieder, schlug und brannte sie. Aber diese energischen Massregeln hatten 
nicht den erwarteten Erfolg. Die Zahl der Klikuschen wurde immer grösser 
wobei besonders oft Krampfanfälle bei den Behafteten beobachtet wurden. 
Es traten jetzt ganze Epidemien von Krampfbehafteten auf. Die Regierung 
schrieb die rasche Verbreitung der Besessenheit dem Umstände zu, dass 
ihre Befehle manchmal umgangen wurden und verstärkte deshalb im 
Jahre 1737 ihren früheren Befehl und drohte bei Vernachlässigung des- 
selben, die Bischöfe und andere höheren Würdenträger ihres Amtes zu 
entsetzen. 

Im Jahre 1765 wurden die Hexenprozesse dem Senate übergeben. 
Einer der ersten dieser Prozesse im Senate war „der Prozess von den 
schamlosen Bauerndirnen" des Kreises Jarensk. Bevor dieser Prozess in 
den Senat kam, passierte er bereits zwei Instanzen: die Kanzlei des 
Wojewoden und das geistliche Konsistorium in der Stadt Ustjug, und hier 
und dort wurden sie der Hexerei angeklagt, geprügelt und gefoltert. Allein 
der Senat urteilte anders. Er erkannte die Angeklagten als Opfer des 
Volksaberglaubens und der Unwissenheit der Richter und ordnete deshalb 
an: „Der Wojewode und seine Gehilfen müssen zur Strafe ihres Amtes ent- 
hoben, aber die freigesprochenen Klikuschen dennoch nochmals gepeitscht 
weiden." — Im Jahre 1785 wurde eine ähnliche Ansicht vom Erzbischof 
Benjamin ausgesprochen. 

Die Besessenheit sei eine „natürliche Krankheit" und man müsste 
„den Menschen eher Mittel zur Vermeidung und zur Heilung solcher Krank 
heiten bieten, als sie als Verbrecher zu verfolgen". 

Allein solche Persönlichkeiten, wie Erzbischof Benjamin, bildeten 
seltene Ausnahmen zu dieser Zeit und noch in der ersten Hälfte des 
XIX. Jahrhunderts (1843) veranlasste das Ministerium die Polizeiverwal- 
tungen, die Besessenen der Leibesstrafe auszusetzen und in Haft zu nehmen, 
aber diese Befehle sollten nur heimlich ausgeführt werden. 

Im Jahre 1868 wurde zum ersten Male ein Hexenprozess im Moskauer 
Kreisgerichte geführt. Die Angeklagten wurden zu zweimonatlicher Gefäng- 
nishaft verurteilt. 

Jetzt komme ich zu meinen persönlichen Beobachtungen, welche 
ich im vergangenen Sommer (1909) gemacht habe. Im Frühjahr 1909 er- 
schienen in dem zum Moskauer Gouvernement gehörigen Dorfe Telepneff, 
5—7 Werst von der Eisenbahn entfernt, und in der Nähe eines ziemlich 
berühmten Klosters und Wallfahrtsortes einige Weiber, in die, wie das 
Volk und sie selber glaubten, der Teufel gefahren sei. Alle Weiber litten 
an Krämpfen. Eines derselben namens K. benahm sich in solchem Zu- 
stande wie folgt: sie kreischte, krähte, bellte, brüllte, blökte, schimpfte 
und lästerte Gott. Ein anderes Weib namens W., das stets gesund und 
munter war, lenkte die Aufmerksamkeit der Betenden während der Dar- 
reichung des heiligen Abendmahls auf sich, indem sie von Krämpfen 



Die Besessenheit auf dem Lande in RuBßland. 277 

befallen wurde und nur mit grosser Mühe und Beihilfe dritter, die ihr 
gewaltsam den Mund festhielten, das heilige Abendmahl empfangen konnte, 
woraufhin sie das Bewusstsein verlor. Man sprach noch von einem dritten 
Weibe, das bis zu der Zeit nichts Auffälliges zeigte. 

Ich nahm die Untersuchung der Kranken vor. Sie war zufrieden, 
dass ihr Zustand Interesse erregte, aber sie weigerte sich heilen zu lassen, 
indem sie versicherte, „solche Doktoren passen uns nicht", und Hess 
die Anwesenden deutlich fühlen, dass es sich hier nicht um eine blosse 
Krankheit handle und dass die gewöhnlichen Arzneien hier nichts ver- 
mögen. 

Die Kranke K. ist Analphabet, 30 Jahre alt, verheiratet. Ihre Mutter, 
ein Zögling des Findelhauses, 60 Jahre alt, ist eine kluge, redselige Alte. 
Der Vater der Kranken ist gesund. Der Grossvater starb an einem Leber- 
leiden, die Grossmutter an Verengerung der Speiseröhre. Nach Aussage 
der Mutter der Kranken, war sie während der Schwangerschaft gesund 
und gebar zu rechter Zeit. Bis zum 17. Jahre war Klaudia immer gesund. 
Als einzige Tochter ist sie augenscheinlich gewöhnt, von den Verwandten 
verzogen zu werden. Sie war ziemlich fromm und besuchte die Kirche 
„so oft sie konnte". Klaudia hatte viele Bewerber, aber sie musste einen 
solchen wählen, der in die Wirtschaft ihrer Eltern einzutreten und in 
ihrem Elternhause zu verbleiben einwilligte. (Aber für diese Bedingungen 
fanden sich keine tüchtigen Bewerber.) Klaudia liebte die Gesellschaft, 
verkehrte mit Baueramädchen und Jungen, was aber das „Gefallen" an- 
belangt, so verstand sie es nicht — nach ihrer Aussage. Sie schätzte im 
Manne nur die Bescheidenheit und Nüchternheit. Sie wollte sich nicht 
verheiraten und strebte nach Moskau zu fahren, um eine Dienststelle 
anzunehmen. 

Ein besonders roher Bauer T., der überhaupt niemanden in Ruhe 
liess, und im besoffenen Zustande mit jedermann haderte, beschimpfte 
ihren Vater, indem er öffentlich behauptete, dass er, der Vater der 
Klaudia, mit seiner Tochter unerlaubten Verkehr treibe, 
und sie daher nicht heiraten wolle. Einst beleidigte er sie derart auf offener 
Strasse, dass sie ihn verklagte und er dafür mit zehn Tagen Gefängnis 
büssen musste. Nach dem zweiten ähnlichen Falle, als er wiederum zu 
einer Strafe verurteilt wurde, kniete er vor Klaudia nieder in Gegenwart 
aller Versammelten und bat um Verzeihung. 

Im 23. Lebensjahre heiratete Kl. einen ehemaligen Zögling d*s Findel- 
hauses namens N., einen Tischler. Sie heiratete ohne Widerwillen, liebte 
ihn aber nicht besonders, noch achtete sie ihn. Die Adoptivverwandten des 
N. vertrugen sich nicht mit den Verwandten der KL, zankten hauptsächlich 
über die Dauer der Hochzeitsfeierlichkeiten. Die letzteren wollten nicht, 
dass die Gäste lange bei ihnen verbleiben, „sie bewirteten sie und damit 
war es genug". Am Polterabend entstanden Misshelligkeiten unter den 
beiderseitigen Verwandten und einer aus der Sippschaft des N. sagte, „es 
muss so verfahren werden, dass weder Ihr noch wir etwas Angenehmes 
daran haben". Während der Trauung in der Kirche, als man den Neu- 
vermählten die Kronen aufsetzte und sie um den improvisierten Altar 
herumführte, schüttelten sich plötzlich die Kronen. Klaudia erinnert sich 
noch gegenwärtig, dass nach der Trauung drei Hühner plötzlich den Pieps 
bekamen und krepierten. In der Folge erinnerte sich Klaudia noch eines, 
ihrer Meinung nach, äusserst wichtigen Vorfalles, worauf sie ursprünglich 



278 Dr- M. Lachtin, 

nicht achtete: nach der Trauung nämlich entdeckte sie bei sich eine 
Stecknadel, die ihr jemand hineingesteckt hatte und die ihren Körper stach. 
Jetzt zweifelte sie nicht im geringsten, dass dies das Werk ihrer Schwägerin 
war. Nach der Trauung, zu Hause, fühlte Kl. einen schlagähnlichen Schmerz 
im Kopfe, es wurde ihr derart übel, dass sie den Tee nicht einnehmen konnte 
und zu Bette ging. 

In der Brautnacht ereignete sich auch ein unangenehmer Vorfall: 
nachdem man die Brautleute zu Bett geführt hatte, wurde der Bräutigam 
derart schwach, dass sie unwillkürlich dachte, man hätte ihn betrunken 
gemacht, um sie lächerlich zu machen. Die Brautjungfern und Verwandten, 
die einem Brauche gemäss sich zu erkundigen pflegten, ob die Neuver- 
mählte bereits Frau sei, wurden ungeduldig, und einer aus deren 
Mitte, der Schmied W., der immer bei den Hochzeiten den Leiter 
spielte, besoff sich und begann die Neuvermählte zu schmähen, 
indem er auf die Beschuldigung des T. anspielte, sagend: „Es scheint 
wahr zu sein, was man behauptet". Dem W. schlössen sich auch die Hoch- 
zeitskuppler an: „Es scheint also doch wahr zu sein". „Ach, was ge- 
schehen nicht bei uns für Gemeinheiten es ist nicht zu sagen", 

bemerkte trübselig aus diesem Anlasse das alte Weib Arina. Der Neuver- 
mählte bestätigte immerhin, dass nicht sein Weib, sondern er schuldig 
sei, und „was mit ihm vorgehe, wisse er nicht". Mit Tagesanbruche aber 
löste sich alles in Wohlgefallen auf und die Neuvermählten waren Mann und 
Weib geworden. Klaudia sagt, dass dies alles sie nicht besonders aufregte: 
„bei uns Bauern darf man sich nicht über alles ärgern, sonst könnte man 
gar nicht leben". Allein, nachdem sie am Morgen aufgestanden war, fühlte 
sie Leibschmerzen und konnte nicht essen, am zweiten oder dritten Tage 
erkrankten ihr die Füsse, so dass sie danieder lag und nur mit Mühe in 
der Hütte sich bewegen konnte. Die Fussschmerzen dauerten eine Woche, 
und nachdem dieselben ein wenig nachgelassen hatten, fühlte sie einen 
Schlag in der Seite des Schulterblattes; nachher überging derselbe in den 
Leib, wobei während des Anfalles Kl. Anschwellung verspürte, die aber 
die alte Arina nicht finden konnte. Die Schmerzen wurden stärker, „es 
zwickte sie in der Leiste". Die Kranke holte sich Rats bei einer Wahr- 
sagerin, die ihr die Krankheit „beschwor". Gleichzeitig schmerzten ihr auch 
die Hände, die noch zeitweilig gefühllos wurden und es fiel ihr schwer zu 
melken und zu nähen. Nichtsdestoweniger arbeitete die Kranke sehr viel 
während dieser Zeit. 

Ihr Mann wohnt beständig in Moskau und besucht sie von Zeit 
zu Zeit, ebenso sie ihn. Kl. beklagte sich nicht besonders über den Mann; 
allein will die alte Arina hindeuten, dass unter ihnen viele Unannehmlich- 
keiten vorgingen und dass er sich seit ihrer Krankheit von ihr abwandte. 
Nach der Geburt des letzten Kindes vor ungefähr fünf Jahren verkehrten 
sie anscheinend nicht mehr miteinander. Vor zwei Jahren starb ein Mäd- 
chen Klaudia's, das sehr kränklich war und der Mutter viel zu schaffen 
gab. Kl. war anfänglich froh darüber, dass sie endlich Ruhe hatte, allein 
später nahm sie es sich sehr zu Herzen. Nach acht Tagen bekam Kl. eine 
rote Gesichtsfarbe, so dass Arina sich über die Besserung der Tochter 
freute, die auch kurz darauf dicker zu werden begann. Aber bald bemerkten 
alle, dass dieses Dickwerden nicht normal, sondern krankhaft war. Nach 
Verlauf eines Monats sprach man allseits mit Verwunderung: „Weshalb 
wurde sie denn so dick?" Im Dorfe erzählte man sich, dass sie deshalb 



Die Besessenheit auf dem Lande in Rassland. 279 

so fett geworden sei, weil ihr der Mann in Moskau „Menschenfett" gekauft 
hätte, und selbst Makar, der überall als kluger Mann galt, sagte ihr bei 
einer Begegnung: „Du bist selbst schuld daran. Zu viel treibst du dich 
bei den Doktoren herum, mit Menschenfett hast du dich kurieren lassen." 
Zu gleicher Zeit wurden ihre Augen wie verschleiert und sie beklagte 
sich, dass sie die Begegnenden nicht erkenne und nicht sehe, auch klagte 
sie über Kopfschwindel, aber die Ärzte, an die sie sich wandte, konnten 
bei ihr keine somatische Krankheit feststellen. Die Kranke fühlte eine 
heftige Schwäche, Schmerzen im Halse und in den Vorderarmen und war 
fast den ganzen Winter bettlägerig. So dauerte es bis zur Adventszeit des 
Jahres 1909 fort. Es ist noch zu bemerken, dass die Kranke selbst, wie 
auch ihre Angehörigen sich darüber wunderten, dass Kl., die sonst jedes 
Jahr um diese Zeit zur Beichte ging, dieses in den letzten Jahren unter 
allerlei Vorwänden verschob. 

Vor Ostern traf sie gelegentlich mit einer anderen Ortsbewohnerin, 
namens Matrena, die auch immer kränkelte, zusammen. Von derselben 
erfuhr sie, dass sie auf den Rat vieler erfahrener Menschen nach Moskau 
„zu Bruder Jacob", einem frommen Pilger, gefahren sei, der ihr gesagt 
habe, dass sie gar nicht krank sei, aber ein Teufel in ihr sitze und sie quäle. 
Die alte Arina ging zu Matrena und erfuhr von derselben, dass ihr 
Jacob geholfen hätte. Seit diesem Zeitpunkte schickten die Verwandten 
die Klaudia immer nach Moskau, wobei ganz besonders ihr Mann darauf 
bestand. Klaudia gab zu und reiste ab. Vor allem beschloss sie zu 
beichten. Vor der Beichte fühlte sie sich ziemlich gut, aber nachdem sie 
gebeichtet hatte, kreischte sie plötzlich, ohne Grund, ganz laut auf, so 
dass sie in der Kirche allgemeines Aufsehen erregte. 

Ganz besonders fürchtete Klaudia das heilige Abendmahl, und bat 
ihren Mann, falls ihr etwas zustossen sollte, sie mit Gewalt zum Altare 
zu führen. Allein sie empfing das heilige Abendmahl ohne Zwischen- 
fall und war darüber sehr zufrieden. Am folgenden Tage gingen sie zu 
Jacob. Hier erfuhren sie, dass die Polizei niemanden zu ihm einlasse. 
Eine grosse Menge wartete vor dem Tor. Klaudia war jetzt schon voller 
Ungeduld ihn zu sehen. Endlich, nach langen Verhandlungen, gab die 
Polizei den Eintritt zu ihm frei. Jacob kniete vor den Heiligenbildern 
und betete. Klaudia begann zu zittern, schrie auf, weinte, wie vergangenen 
Abend in der Kirche, und fiel nieder. Die Anwesenden stürzten ihr zu 
Hilfe, aber Jacob sprach: „Lasset sie, es wird ihr nichts geschehen". 
Klaudia stand auf und schalt und schrie so laut, dass Jacob sie beruhigte, 
indem er sagte: „Ach, du Unverschämte, alle hören", aber sie beachtete 
seine Worte gar nicht. Jacob empfing zuerst viele andere, und zuletzt 
legte er Claudia auf sein Bett und begann sie überall abzuhören. Kaum 
hatte Jacob den Bauch mit seinem Kopfe abgehört, als er laut 
erklärte: „Hier sitzt er im Bauche". Dann Hess er sie mit dem Tuch 
bedecken und befahl ihr zu husten und zu spucken. Plötzlich fing die 
Kranke mit unmenschlicher Stimme zu schreien an: „Sehet, was für ein 

Ungeheuer er zerstückelt hat Ich krieche aus ihr zuerst mit den 

Füssen hinaus und mit den Krallen habe ich ihr die Gurgel zerkratzt." 
Das Volk weinte. Und Jacob sprach zu den Versammelten. „Nun Recht- 
gläubige, ihr glaubtet nicht, dass ein Dämon im Menschen stecken kann 
und sehet, welch ein Teufel in ihr sass, einer der scheusslichsten, ich 
dachte, ihn kaum überwinden zu können." 



280 Dr. M. Lachtin, 

Als die Kranke nach Hause zurückkehrte, fühlte sie sich sehr schwach 
und vor vielem Schreien hatte sie gänzlich die Stimme verloren. Zu 
Hause wurde ihr noch schlechter, die Krampfanfälle folgten nacheinander 
und sie hörte Tag und Nacht nicht zu schreien auf. Am Charfreitag begann 
sie das Schreien verschiedener Tiere zu imitieren, lästerte Gott und schlug 
um sich herum. Während der Osterwoche änderte sich ihr Zustand nicht, 
so dass die alte Arina selber verrückt zu werden dachte. Alle Weiber 
des Dorfes kamen herbei, um zu hören und jede urteilte nach ihrer Art. 
Während der Anfälle hustete Klaudia und spuckte und zog immer etwas 
aus dem Munde heraus. Auf die Frage der Nachbarin, was sie denn eigent- 
lich mache, antwortete Klaudia mit Abscheu: „Siehst du denn nicht die 
Schafswolle". Der Teufel verwandelte sich also in einen Widder und kroch 
zum Halse empor, um auf diese Weise hinauszukommen. Alle waren 
starr vor Schreck. .... 

Der Mann schickte der Kranken aus Moskau vom Bruder Jacob 
ein Muttergottesbild. Aber sie verspürte dessen Ankommen, als das Gnaden- 
bild noch auf dem Wege war, und begann fürchterlich zu kreischen und 
zu lästern, dass sie es nicht empfangen wolle. „Was suchst du hier?" 
schrie sie, die Rede mit allerlei Schimpfworten würzend. „Was für eine 
Passlose kommt des Weges?" 1 ) ,-,Ich kann dich nicht brauchen. Du 
kommst her mit der Eisenbahn, aber von hier wirst du zu Fuss ab- 
marschieren." Klaudia spricht von dieser Periode mit Betrübnis und er- 
zählt, dass sie sich des wenigsten erinnert und damals weder ihre An- 
gehörigen erkannte, noch wusste, wo sie sich befände. Nach Ostern brachte 
man sie wieder zum Bruder Jacob. Nachdem sie wieder das heilige 
Abendmahl, auf sein Geheiss, empfangen hatte, ging sie zu ihm und 
schimpfte und bespuckte ihn, zog ihn bei den Haaren und schlug ihn, 
aber Jacob bewahrte seine Ruhe und nahm es ihr nicht übel. Als sie, auf 
seinen Befehl; zu husten anfing, zeigte sich Blut aus dem Halse. In 
Extase geraten, schrie sie: „Lieber Bruder Jacob, lass mich nur sprechen. 
Ich durchschaue alle: wer ein Dieb ist, wer dich auszuforschen kam, 
wer ein Sünder ist." Unter anderem Gefasel offenbarte sie, wer schuld 
an ihrer Besessenheit habe und in wen der Teufel aus ihr hineinfahren 
werde, nachdem er durch Bruder Jacob aus ihr vertrieben werde, was 
besonders alle in Staunen versetzte. „Ich werde nicht mehr Besessene in 
diesem Dorfe machen, aber ich fahre in einen fremden Bauern, in Jegor, 
den Ofensetzer", lautete das Gespräch des Teufels durch den Mund der 
Kranken, „jetzt werde ich in einen Mann fahren, Bruder Jacob. Ich sass 
hier seit vier Wochen am Tore und zitterte und wartete, in wen zu fahren. 
Da kommt ein Ladengehilfe, aber sein Mund ist durch die Worte des 
Gebetes geheiligt und da habe ich keine Macht. Es kommt ein Tischler, 
der ist mir zu mager. Endlich kommt Jegor, der Ofensetzer, seine Ge- 
danken sind mit alltäglichen Dingen beschäftigt, er möchte in Moskau 
Hemden kaufen. Er gähnt, öffnet seinen Mund und ich springe hinein 
und bleibe in ihm sitzen. Er wird nach Hause kommen, der Kopf wird 
ihm schmerzen, ohne zu wissen warum, da er weder Bier noch Schnaps 
getrunken hat. Bis zu seinem Tode bleibe ich jetzt in ihm stecken, denn; 
er kann nicht erraten, zu. . Bruder Jacob zu gehen, und nirgends sonst 



! ) In Russland, wo der Passzwang herrscht, hat niemand das Recht, ohne 
Pass irgendwo Aufenthalt zu nehmen. 



Die Besessenheit auf dem Lande in Russland. 281 

kann er geheilt werden." Klaudia bat unter anderem: „Bruder Jacob, 
schneide mir die Zunge ab, denn ich schimpfe zu fürchterlich." Er ant- 
wortete aber: „Nicht du schimpfst, aber der Dämon, der in dir steckt." 
„Bruder Jacob 1 Man spricht, dass ich nach Podolsk unter die Verrückten 
kommen soll." Aber er antwortete ihr darauf: „Du bist doch nicht wahn- 
sinnig. Was für eine Verrückte bist du denn, wenn du dich an alles 
erinnerst. Der Teufel steckt in dir, und du wirst im Irrenhause umsonst 
verfaulen, aber besser würde dir nicht." 

Die andere Kranke, W. F. Bolschakowa, 37 Jahre alt, aus dem Dorfe 
Ch., ist ein Findelhauspflegling. Sie erinnert sich nicht, in der Kindheit 
krank gewesen zu sein. Das Weib schaut kräftig aus, ist gesund, mit 
lustigem, fröhlichem Gesicht und ist scharfzüngig. Sie errötet häufig und 
wird während des Erzählens aufgeregt. 

Ihre Kindheit war trübe; nach Aussage der Kranken hatte sie viel 
auszustehen gehabt. Ihre Adoptivmutter wurde „ins bessere Jenseits in- 
folge von Schlägen befördert" : Sie wurde die meiste Zeit von ihrem 
Manne geprügelt, schliesslich beschädigte und verletzte er ihr den Hals 
und das Rückgrat, so dass sie daran starb. Er selbst lebt bis heute; er 
ist bereits ein starker Neunziger. B. musste immer viel arbeiten. Nach 
Aussage ihrer Umgebung wäre sie eine vorzügliche Arbeiterin. Sie hei- 
ratete, als sie 20 Jahre alt war, ebenfalls einen Findelhauspflegling, der 
ihr gefiel. Ein hübscher, arbeitsamer Bursche, aber kein Schnapsverächter. 
In trunkenem Zustande unausstehlich, machte er sogar während des Polter- 
abends Dummheiten. 

Kaum hatte B. die Kirche nach der Trauung verlassen, fühlte sie 
Schmerzen im Leibe. Nach der Trauung erfolgte zu Hause ein kleiner Streit. 
Nachdem man sie in die Brautkammer geführt hatte, begannen die beiden 
sogenannten Schwiegermütter während des Töpfeschlagens (ein Hochzeits- 
brauch) zu zanken. Der junge Ehemann sprang auf und ohrfeigte beide, 
worauf alles ins Geleise kam. 

B. hatte vier Kinder, wovon nur eins am Leben blieb; sie nahm 
elf Findelkinder in Pflege, die sämtlich starben. Bis zur ersten Geburt 
litt sie stark an Leibschmerzen. Die Ärzte halfen ihr nicht, allein mit 
dem Beginne der Schwangerschaft schwanden die Schmerzen. Sie hatte 
leicht geboren: am Sonnabend fuhr sie zur Stadt; unterwegs kippte der 
Wagen um und am Sonntag bereits gebar sie, nach dreistündigen Wehen. 
Jetzt ist sie gesund; seit sieben Jahren hat sie kein Kind mehr. Sie 
lebt stets in Eintracht mit ihrem Manne, bald besucht er sie, bald sie 
ihn in Moskau. Er ist immer guter Dinge, sobald sie zu ihm kommt. 

Vor zwei Jahren gab es Hochzeit beim Bauern S. E., er verheiratete 
nämlich seinen Sohn mit T. Als der Zug, der die Brautleute holen sollte, 
sich in Bewegung setzte, befanden sich der Schmied Peter an der Spitze 
und B. am Ende desselben. Kaum erreichte der Zug das Heimatsdorf 
der Braut, wollte ein dortiges Weib, eine Hexe, denselben kreuzen. Peter 
drohte ihr und störte sie in ihrem Beginnen, allein sie durchschritt den 
Weg an B. vorbeigehend und machte einen Kreis bis zu ihrem Hofe. Wie 
B. behauptet, kannte sie das Weib damals gar nicht, noch hatte sie von 
ihr was gehört, allein sie erschrak deshalb, weil das Weib einen Melk- 
eimer trug, was eben beweist, dass das Weib anrüchig war, weil um 
diese Zeit doch die Kühe nicht gemelkt werden; und tatsächlich ging 

Zentrdblmtt flJr FtycboanalyM. III V. 19 






282 Dr. M. Lachtin, 

ein halbes Jahr später das Gerücht um, das Weib mit dem Eimer schädige, 
sie wäre eine Hexe. 

Während der grossen Fasten hatte die B. eine erhebliche Unannehm- 
lichkeit. Im Herbste wohnte in ihrem Hause der Schmied Peter mit seiner 
Familie wegen eines Umbaues an seinem Hause. Ein Kalb B.'s musste 
deshalb bei Peter und den Seinigen überwintern. Die beiden Familien 
lebten im herzlichsten Einvernehmen, obgleich der Schmied Peter die B. 
einigermassen ausbeutete und sie ihrerseits viel für ihn tat. 

Der benachbarte Schmied Peter ist hübsch, von groben Manieren, 
und mit einem sehr hübschen Weibe verheiratet. Einst musste B. mit 
Peter im Hofe zusammentreffen, um über irgend eine Sache zu verhandeln. 
Die Unterredung war, ihrer Aussage nach, ganz unbedeutend, allein nach 
einiger Zeit liess Domna, das Weib des Schmiedes, sagen, B. möge sein 
Kalb zurücknehmen. B. nichts ahnend, ging sofort es zu holen. Kaum 
hatte sie den Hof des Schmiedes betreten, als Domna sie plötzlich über- 
fiel und sie mit einem Feuerhaken schlug, ausrufend: ,,Du hast mit 
meinem Manne gelebt, nun ist es genug". Sie schlug die Kranke über's 
Gesicht und wollte ihr durchaus das Nasenbein zerschlagen. Ungeachtet 
der grossen physischen Stärke wurde die B. derart perplex, dass sie 
sich gar nicht verteidigen konnte. ■ Der Sohn des Schmiedes schrie : „hau 
zu", Peter schwieg und rief nur einmal seiner Frau: „Höre auf, dummes 
Luder, du wirst sie ohne Grund totschlagen". Dieser Vorfall wirkte nieder- 
drückend auf die Kranke, ausserdem bemerkte sie, dass alle im Dorfe sich 
gegen sie verschworen hatten. Die Kranke bestätigt, mit Peter nie Um- 
gang gehabt zu haben, und wenn sie sich etwa vergangen hätte, so wäre 
es nur mit Redensarten gewesen, eine Folge ihrer eigentümlichen Verein- 
samung, da ihr Mann in Moskau wohnt und sie gezwungen sei, die ganze 
Wirtschaft zu führen, und obendrein noch manche Pflichten, die das 
Dorf jedem männlichen Gemeindemitglied auferlege, zu tragen. Mit einem 
Worte, da sie bemüssigt war ihre eigenen Interessen wahrzunehmen. Eine 
schreckliche Niedergeschlagenheit bemächtigte sich ihrer. Sie begann 
schwach zu werden, zu schwinden und stark abzumagern. Einst über- 
kam sie eine derartige Angst, dass sie zu Hause nicht übernachten konnte 
und bis zum Morgen im Dorfe herumirrte. 

Die Kranke Klaudia, die im Dorfe allgemein als Hellseherin betrachtet 
zu werden begann, schrie während eines zu Ostern vorgekommenen Anfalles, 
dass die B. ebenfalls während der Trauung (besessen) verdorben worden 
war. Als Klaudia wiederum zum Bruder Jacob fuhr, wurde sie von B. be- 
gleitet. Letztere begab sich fröhlich zu dem Genannten, erschrak aber 
fürchterlich, als sie seiner ansichtig wurde, weil er ein scheussliches 
Aussehen hatte. Zuerst rief er nach Klaudia, die man dort schon kannte, 
und dann wandte er sich an B. Bebend fragte sie ihn : „Bruder Jacob, willst 
du mich nicht segnen, damit ich aus dem Hause komme oder da bleibe, 
ich habe keine Kraft mehr und alle sind gegen mich?" Jacob segnete sie 
nicht und befahl ihr zu Hause zu bleiben, indem er sich selber als Beispiel 
anführte, behauptend, dass viele ihn angefallen hätten, dass aber seine 
Angreifer im Kerker lägen, während er sich unbeschädigt befinde. Dann 
liess er sie sich auf sein Lager legen, kniete neben ihr hin und begann sie 
abzuhören. Er fing bei den Füssen an, stiess mit den ein Kreuz bildenden 
Fingern in die Seiten, legte seinen zitternden Kopf auf ihren Bauch und 
klopfte wiederholt mit demselben, wobei er ihr zu atmen und husten 



Die Besessenheit auf dem Lande in Rusaland. 283 

befahl. B. begann zu weinen und zu schreien und hustete die ganze Zeit, 
ohne aufzuhören. Jacob befahl immerzu: „atme, huste", und sie fügte 
sich, so dass der Schleim mit Blut untermischt in grossen Mengen zum 
Vorschein kam. Klaudia, die ebenfalls husten musste, spuckte ebenfalls 
Schleim mit Blut, Jacob erklärte, dass der Böse in ihr sitze und befahl 
ihr immerzu zu husten: „halte ihn doch nicht auf, huste". Vom Schreien, 
Weinen und Husten wurde sie ganz erschöpft. „Schrei, schrei, schrei nur, 
er muss doch schliesslich ermüden", erklärte Jacob. Die B. schrie und 
weinte immer, endlich verfiel sie in einen sonderbaren Zustand, ihr ganzer 
Körper wurde steif und konnte sich nicht rühren, im Halse aber schien 
es ihr, wie wenn ein Apfel drin steckte, der sie am Atmen behinderte. 
Daraufhin wurde sie ganz schwarz im Gesicht und die Anwesenden glaubten, 
sie stürbe. Nach einiger Zeit ermannte sie sich wieder, hustete und erholte 
sich. — Nach dieser Prozedur wurde sie äusserst niedergeschlagen. Im 
ganzen besuchte sie fünfmal den Jacob und jedesmal wurde ihr schlimmer. 
Sie besuchte ihn deshalb, weil er in ihr den Bösen beunruhigte, der in 
ihr früher verborgen steckte, und den sie nicht bemerkt hatte. Jacob 
verjagte den Bösen, ihn in Teile zerschlagend. — Zu Hause war B. immer 
in gedrückter Stimmung, sie hatte keinen Appetit, noch Schlaf. Jacob 
befahl ihr häufiger zu beichten, welchem Befehle sie nachkam; nach 
jeder Beichte aber hatte sie Krampfanfälle. Während dem der Beichte 
vorangehenden Gebete krampften sich ihr die Hände zusammen, sie wurde 
zusehends blau. Beim Beginn der Beichte erbebte sie, darauf, d. h. während 
der Kinderbeichte, hielt sie sich noch ziemlich aufrecht, als sie aber das 
Abendmahl empfangen sollte, fühlte sie einen Schlag im Kopfe und zwar 
von der Stirn nach dem Hinterkopfe, sie begann zu weinen und zu 
schluchzen und verfiel darauf in Krämpfe. Das Abendmahl musste sie 
gewaltsam empfangen. Von der Kirche schleppte sie sich mühsam nach 
Hause. Unlängst, als man im Kloster zu läuten begann, erstarrte ihr ein 
Fuss und sie konnte denselben nur mit Mühe nachschleppen. Bemerkens- 
wert ist, dass sie früher vom Besessensein keine Ahnung hatte und Be- 
sessene erst beim Bruder Jacob kennen lernte. 

In Anbetracht dessen, dass die Bauern auf die Kranke Natalia, 
im Dorfe B., eine Werst von Ch. entfernt, hinwiesen, wurden daraufhin 
Erkundigungen eingezogen und die Kranke ärztlich untersucht. -Die zu 
der Zeit 26 Jahre alte Natalia hatte im siebzehnten Lebensjahre geheiratet. 
Sie wurde sechsmal schwanger; abortierte mehrmals; nach der letzten 
Fehlgeburt bekam sie einen Blutsturz. Nur ein Mädchen blieb ihr am 
Leben. In den Fasten 1909 wurde sie operiert, indem man ihr den Uterus 
auskratzte. Nach der Operation wurde die Kranke stark niedergeschlagen, 
alles schien sie zu beleidigen und zu demütigen. Ihre Schwiegermutter A., 
die nicht wusste, wie ihr zu helfen wäre, ging nach Ch., um mit der Kl. 
zu beraten. Als diese die oben erwähnte nur erblickte, so rief sie sofort 
aus: „Du selbst bist schlechter als deine Schwiegertochter, du hast ver- 
zauberten Branntwein genossen." A., darüber empört, erwiderte: „Wie 
so, ich bin doch scheint's gesund" und begann wegen der Jungen zu 
fragen. „Sie ist verdorben, fahrt zum Bruder Jacob", war die Antwort. 
Die Schwiegertochter hatte gar keine Lust zum Fahren. Sie selber begab 
sich zur KL, die sie mit den Worten empfing: „Genau so wie ich." Das 
veranlasste N. zu Jacob sich zu begeben. Bei diesem erfolgte der be- 
kannte Vorgang. Er legte sie ebenfalls auf sein Lager, klopfte ihr mit 

19* 



284 Dr. M. Uchtin, 

dem Kopfe auf den Bauch, sagte aber nichts weiter und befahl ihr nur, 
häufiger zu beichten, namentlich während der Schwangerschaft. Sie fühlte 
sich nun bedrückter als je. 

Ihre Schwiegermutter gestand nun, ebenfalls auf einer vor zwanzig 
Jahren stattgefundenen Hochzeit verdorben worden zu sein und wollte 
ebenfalls sämtliche bereits geschilderten Zustände durchgemacht haben. 

Am Ende desselben Sommers, nachdem die B. ärztlich behandelt 
worden war, welche Behandlung später noch detailliert geschildert werden 
soll, wurde ihr zusehends besser und sie konnte schliesslich als geheilt 
betrachtet werden . Die wesentliche Besserung im Zustande wurde während 
der jährlich am 6. August in dieser Gegend stattfindenden Prozession be- 
sonders auffällig. Die Prozession, die darin bestand, dass man das Bild 
des heiligen Sawwa in sämtlichen dem Kloster umliegenden Dörfern herum- 
trägt, dauerte unter besonderen Festlichkeiten mehrere Tage. Vorberei- 
tungen zu diesen Festlichkeiten wurden auch in Ch. wie übrigens in den 
anderen Dörfern getroffen. Beide Besessenen im Dorfe Ch., Klaudia und B. 
wurden in Erwartung dieser Tage sehr unruhig. Am 6. August fand 
die Prozession statt. Alle Einwohner des Dorfes Ch. gingen dem Heiligen- 
bilde entgegen. Und zum Erstaunen aller befand sich auch B. in der Menge. 
„Komme was da wolle", rief sie aus, „ich muss dem Heiligenbilde entgegen- 
gehen." Währenddem lag Klaudia auf einer Bank ganz verzweifelt und 
erschöpft, laut und in Abständen stöhnend. Auf die Fiage, weshalb sie 
stöhne, erwiderte sie: „Ich habe Schmerzen". Nach Aussage des alten 
Weibes Matrena soll Klaudia gewusst haben, wann man das Heiligenbild 
bringe und hatte bereits am Vorabende, um sechs Uhr, gerade zur Zeit, 
wo das Heiligenbild ins nächste Dorf gebracht wurde, zu heulen begonnen, 
ausrufend: „der Teufel liebt die Heiligkeit nicht". „Sie habe eine Vor- 
ahnung", erklärt Matrena. „Ich sehe alles klar im voraus", bestätigt 
Klaudia unter Stöhnen. Die Zeremonie, die von der letztgeschilderten 
Besessenen mehrmals unterbrochen wurde, verlief im übrigen ohne 
Zwischenfall. 

Zum besseren Verständnis des Vorangegangenen muss hervorgehoben 
werden, dass der Ursprung des Aberglaubens der Besessenheit im ziem- 
lich niedrigen geistigen Niveau der Dorfgeistlichkeit, die selber an diesem 
Aberglauben hält und ihn von der Kanzel herab predigt, zu suchen ist. 
Als ein glänzendes Beispiel für das eben Angeführte, möchten wir die 
Tätigkeit des Geistlichen gerade des Dorfes Ch. anführen. Im Juni des- 
selben Jahres predigte er nach dem Evangelium über die Besessenen 
und erklärte dabei die Art, wie der Böse in den Menschen fahre. Zu 
den Besessenen aber zählt er die Diebe, Trunkenbolde und die der Völlerei 
ergebenen. Es ist auch ferner nicht überflüssig, einen Ausspruch des 
Bruders Jacob anzuführen. Derselbe behauptet seinen Patienten gegen- 
über, dass die Besessenheit gerade nach den vielen Streiks stark zu- 
nehme. Es lässt sich daher der Schluss folgern, dass die Besessenheit 
eine direkte Folge der jüngsten Befreiungsbewegung ist, wodurch die im 
russischen Volke herrschende Finsternis blitzartig beleuchtet wird. Merk- 
würdig aber ist diese Erscheinung schon deshalb, weil die genannten Orte 
nicht etwa weitab von Kulturzentren liegen, sondern in der allernächsten 
Nähe von Moskau sich befinden, ferner dass diese Orte teilweise als 
Sommerfrische den Städtern dienen, die doch nicht wenig Einfluss in 
kultureller Beziehung haben, indem sie durch Wort und Schrift auf die 



Die Besessenheit auf dem Lande in Russland. 285 

Landbevölkerung wirken. Nachdem wir obiges vorausschickten, kann es 
daher nicht Wunder nehmen, den Bruder Jacob in Moskau selbst ansässig 
zu finden. Ich stellte die ganz berechtigte Frage, wo denn eigentlich der 
Bruder Jacob wohne, und erhielt von allen Weibern die stereotype Ant- 
wort: „Hinter der Presnia, dort, wo die vielen zu Tode Erdrückten 1 ) 
liegen, beim Abdecker." 

Ich begab mich dorthin. Am Endpunkte der elektrischen Stadt- 
bahn wissen alle: Schaffner, Krämer, Fuhrleute etc. vom Bruder Jacob 
zu erzählen, und es gibt sogar eine besonders festgesetzte Fahrtaxe zur 
Behausung des Heiligen. Die Aussagen der Weiber entsprachen der Wahr- 
heit. Bruder Jacob wohnte, wie gesagt, beim Abdecker, wo er als After- 
mieter eines Einwohners ein ziemlich schmutziges Zimmer einnahm und 
im Gegensatze dazu verhältnismässig schöne, ja sogar kostbare Gottes- 
und Heiligenbilder besass. Beim Eintritt ins Zimmer gewahrte man eine 
sich auf den Knien befindliche dichte Menge von Betenden. Vor einem 
von der Menge entfernter stehendem Tische befand sich eine von den 
Anwesenden fast verdeckte Figur, die mit eigentümlich falscher oder un- 
natürlicher Stimme Gebete vor sich hermurmelte. Ein undefinierbares, 
unangenehm berührendes und bedrückendes Etwas erfüllte den Raum, 
als ob man etwas Fürchterliches erwarte. Die Gebete verstummten, eine 
unheimliche Stille trat ein und vor der erwartenden Menge erhebt sich 
hinter dem Tische eine sonderbare ungeschlachte Figur : mittelgross, skelett- 
artig abgemagert, in einer Mönchskutte, die aber einen verunstaltenden 
Buckel nicht zu verdecken vermag; stellt man sich noch dazu einen schief 
auf dem Halse sitzenden und wackelnden Kopf und die rechte, paralysierte 
Hand, von der linken unterstützt, vor, so wird der Schreck der kranken 
Weiber beim Anblick dieser Figur begreiflich. Dessen Gesicht war leichen- 
blass, einer Maske ähnlich, mit ausdruckslosen, verglasten Augen und 
blutleeren, zusammengekniffenen Lippen. Dieses alles machte den Ein- 
druck eines geistig Schwerkranken. Er unterbricht die Stille, indem er 
etwas Unzusammenhängendes vom Teufel spricht. Daraufhin erfolgen von 
verschiedenen Seiten Fragen, wie z. B. : „Darf ich heiraten?" „Ich halte 
es von der Schwiegermutter nicht aus" usw. Die Antworten sind kurz: 
„Mit Gott", „Gehe, tue Gutes I" „Sei nur ehrenhaft, gehe fort!" Ein 
erregtes, mit glänzenden Augen auf ihn schauendes Weib sagt: „Ihr Mann 
trockne aus". „Er soll kommen", brummt Jacob und wendet sich an andere. 
Bevor er einen Besucher verabschiedet, umfasst er ihn vermittelst der 
linken Hand mit der rechten paralysierten um den Hals, veranlasst ihn, 
die Hand auf seine (Jacob's) Brust in der Herzgegend zu legen und sagt 
dabei Gebete her. Der derart Umfasste fühlt, wie Jacob am ganzen Körper 
erzittert, schwer atmet und vernimmt in dessen Brust ein Glucksen, sieht 
dessen bleiches Gesicht und ein ungeahnter Schrecken erfasst ihn. Alle 
kranken Weiber mussten sich auf sein wenig einladendes Bett legen, 
woraufhin er sich auf die Knie mit grosser Anstrengung niederliess und 
seinen wackelnden Kopf auf die Brust der Betreffenden fallen Hess. Dann 
verlangte er ein Tuch, das ein vierschrötiger Kerl über die Kranke und 
Jacob legte. Sobald die Zudeckung erfolgte, begann Jacob seine eigentlichen 
Untersuchungen. Natürlich erweist sich zum Schluss ,dass die Betreffende 



M Die während der Kvönungsfeierlichkeiten auf dem Chodinkafelde zu vielen 
Tausenden durch Erdrücken Getöteten. 



286 Dr. M. Lachtin, 

vom Bösen besessen ist; sie schreit entsetzt, während die Anwesenden, 
schweigend, aber erregt zuhören. 

Nun will ich auf die Untersuchung der beschriebenen Erscheinungen 
übergehen. 

Ich fasse in Kürze die die Krankheit der K. und B. charakterisierenden 
Symptome zusammen. Von der psychischen Seite treten hier scharf hervor: 
seelische Lebhaftigkeit, rascher Übergang von einem Gefühl zum anderen, 
Neigung nachzuahmen, was die Einbildung reizt, cynische Lästerung der 
Gegenstände religiösen Kultus. Von den physischen Erscheinungen der 
Krankheit sind besonders Krampfanfälle ohne Verlust des Bewusstseins 
und nachfolgender Amnesie hervorzuheben. — Ferner folgt Globus, 
da die Kranken beständig über ein im Halse steckendes Hindernis, das sie 
würge, klagen. Klaudia hatte noch ausserdem beständige Schmerzen, die 
immerwährend einen anderen Körperteil erfassten, und trophische Stö- 
rungen, eine aussergewöhnliche Beleibtheit, keineswegs von irgend einem 
physischen Leiden bedingt. B. hatte zeitweilige Lähmung der Füsse, Stimm- 
verlust, Verengerung des Gesichtsfeldes und Mangel an Schleimreflexen, 
Im grossen und ganzen wiesen die Beobachtungen, die objektiven Unter- 
suchungen und Befragen auf hysterische Psychose der Genannten hin. 

Aksinja Bonderewa litt, wie bereits bemerkt, an Dipsomanie. 

Tatjana, die zu allererst die Kunde von dem in Moskau erschienenen 
Bruder Jacob nach Chomutowo brachte, wurde nicht untersucht und lässt 
ihr Benehmen ebenfalls eine Hysterie höchst vermuten. 

Bei der Natalia Bonderewa ergab die Untersuchung keine hysterischen 
Symptome, dagegen aber ein syphilitisches Leiden. Es muss hervorgehoben 
werden, dass Jacob, der die Klaudia und B. mit einem Male für Besessene 
erklärte, bei N. B. nichts Ähnliches vorfand und ihr bloss mehr Beten 
verordnete. Augenscheinlich besitzt Jacob in gewisser Beziehung Erfahrung 
in der Erkennung von Krankheiten, nur diejenigen für besessen erklärend, 
die an Hysterie leiden, und die aus diesem Grunde ein solch dankbares 
Material für allerlei Einflüsse liefern. 

Was stellt also die Hysterie in den geschilderten Fällen eigentlich 
vor und wo ist deren Ursprung zu suchen? 

Unter den vielfältigen Faktoren, die die Psychoneurosen bedingen, 
nimmt das geschlechtliche Leben eine hervorragende Stelle ein, dieses 
wird uns sowohl klinisch, als auch von der täglichen Erfahrung bestätigt. 

Bezüglich der „Verdorbenen" muss bemerkt werden, dass in allen 
von mir angeführten Erzählungen über Malrena, Salamonia und andere 
das eheliche Unglück und unglückliche Liebe in Verbindung mit der sogen. 
„Verdorbenheit" stehe, kurz in allen diesen Fällen bildet das sexuelle Leben 
des Weibes den Kern des Geschehenen. 

Der gewöhnliche Hergang bei den früheren Erzählungen von „Ver- 
dorbenen" lautet stets: „Es gab eine Hochzeit und da begannen die Ver- 
dorbenen zu kreischen " 

Alle russischen Forscher der letzten Zeit, wie Jacowlenko, 
Karpinsky, Henike u. a., weisen ebenfalls auf den Zusammenhang 
der Verdorbenheit und Hochzeitsgelage hin. Einige Forscher glauben es 
damit zu erklären, dass die Hochzeiten gewöhnlich von Trinkgelagen be- 
gleitet sind, dagegen aber sprechen eingehende Untersuchungen über die 
Bedingungen und das Wesen der „Verdorbenheit". In den von mir be- 
schriebenen Fällen beginnt die „Verdorbenheit" der Klaudia auf einer 



Die Besessenheit auf dem Lande in Russland. 287 

Hochzeit, die der B. auf Grund einer Verdächtigung wegen verbrecherischer 
Liebe und die der Tatjana infolge Uneinigkeit mit ihrem Manne, der kränk- 
lich und schwächlich ist. 

Die Hysterie wird auf Grund einer ganzen Reihe von körperlichen 
und geistigen Anzeichen festgestellt, allein das Charakteristische ist daran, 
dass das Gleichgewicht des Nervensystems beim geringsten Anlasse ins 
Schwanken kommt, und zwar, dass dasselbe von einem Extrem ins andere 
übergeht: man beobachtet gleichzeitig eine Anästhesie und Hyperästhesie, 
Lähmung und Kontrakturen usw. Dieselbe Unstetigkeit wird auch im 
Seelenleben beobachtet. Alle seelischen Erscheinungen der Hysterickranken 
bezeugen eine gewisse Unsicherheit, wobei ein besonderes Merkmal der 
Hysterie die Neigung, die seelischen Erscheinungen in körperliche Symptome 
zu verwandeln, zum Vorschein kommt (Freu d). 

Der Züricher Psychologe Jung sieht auch in der Verdrängung des 
psychischen Traumas aus dem Bewusstsein und in dessen Ersatz durch 
irgend ein oberflächliches, psychisches Symptom das eigentliche Wesen 
der Hysterie. 

Die äusserste Ungleichheit aller seelischen Erscheinungen der 
Hysteriekranken macht sie in sehr grossem Masse von den sie Umgebenden 
abhängig. Die Neigung zur Nachahmung ist bei ihnen stark entwickelt. 
Sehr oft stellen sie ein treues Bild der sie Umgebenden dar. Wenn, zum 
Beispiel, eine hysterisch Kranke in der Nähe eines Paralytikers oder 
Tabikers sich befindet, so kann bei ihr eines schönen Tages eine Fuss- 
lähmung eintreten; falls sie einen Schwindsüchtigen sieht, so kann sie 
ebenso wie er an Luftmangel leiden; sieht sie einen Rheumatiker, so 
können bei ihr leicht Schmerzen in den Gliedern auftreten. Die blosse 
Furcht vor irgend einer Krankheit genügt schon, um die Entwicklung gerade 
der Symptome, die die gefürchtete Krankheit charakterisieren, herbeizu- 
führen. Gegenwärtig, wo die Appendizitis als Krankheit allgemein be- 
kannt ist, kommt es nicht selten vor, dass Neuropathologen und Psychiater 
auf Fälle von falscher Appendicitis bei Hysterischen stossen. 

Wie gesagt, vermag die Hysterie jede Krankheit nachzuahmen, wobei 
alle Symptome der Krankheit derart genau zum Vorschein kommen, dass 
sogar Spezialisten nicht selten irre geführt werden. Infolge der bei den 
Hysteriekranken vorherrschenden, unbewussten Neigung, die allgemeine 
Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, und bei den sie Umgebenden sich hervor- 
zutun, ahmen sie grösstenteils diejenigen Krankheiten nach, worüber be- 
sonders gesprochen wird. 

In der russischen Landbevölkerung, bei welcher der Glauben an 
Dämonen stark entwickelt ist und der die Erzählungen über die Ver- 
dorbenen mit den kleinsten Details von Geschlecht zu Geschlecht über- 
liefert wird, nimmt die Hysterie die Form der Besessenheit an. 

Das Benehmen der an Hysterie Leidenden veranlasst nicht selten 
deren Umgebung auf Verstellung und Lüge zu schliessen, allein dies ent- 
spricht nicht den Tatsachen. Hysterische Frauen unterscheiden sich in 
dieser Hinsicht nur wenig von normalen Frauen, und unter ihnen sind Personen 
voller Teilnahme und Güte nicht selten. Die Beschuldigung, dass sie sich 
verstellen, wird gewöhnlich durch die Form, in der die Gemütserlebnisse 
der Kranken sich äussern, bedingt. Wenn irgend etwas die Vorstellung 
der Hysteriekranken erfasst, so verlieren dieselben infolge der im 
hysterischen Zustande liegenden Bedingungen zur psychischen Zergliede- 



oug Dr. M. Lacbtin, 

rung der eigenen Person sehr rasch jedes Gleichgewicht und beginnen 
unmässig und sehr oft unbewusst in der Richtung, von wo der Reiz 
kommt, stark zu fabeln. — Die Neigung zur Pose und Dramatisierung ver- 
dichtet' alle Farbentöne, und so wird das einfachste Geschehnis in ein unge- 
wöhnliches Ereignis durch deren Darstellung verwandelt. Um das Oben- 
erwähnte zu beleuchten, möchte ich das Benehmen hysterischer Frauen 
während des Beischlafes anführen. Die Ansicht, dass sie besonders leiden- 
schaftlich wären, ist irrig, und es gibt sogar unter ihnen nicht wenig 
Individuen, die weniger leidenschaftlich als normale Frauen sind. Sobald 
sie aber den Reiz des geschlechtlichen Triebes verspüren, so sind sie im- 
stande, ihre Wünsche derart zu übertreiben und sich in solch einer Weise 
zu benehmen, dass man sie vom geschlechtlichen Gefühle förmlich über- 
mannt wähnen könnte, wobei sie tatsächlich nur wenig geschlechtlich erregt 
sind. Noch mehr, ihre erregte Phantasie veranlasst sie zu verschiedenen 
sexuellen Übertreibungen, da ihnen der gewöhnliche Akt zu einfach zu 

sein scheint. 

Infolge der schwachen Entwicklung der Auffassung der tatsächlichen 
Wirklichkeit vermögen sie oft nicht ihre eigenen Einbildungen von der 
Wahrheit zu unterscheiden, und es ergibt sich schliesslich, dass sie keine 
Betrügerinnen, sondern durch eigenes Zutun Betrogene sind. Eben dieser 
durch die pathologischen Phantastereien bedingte Kontrast zwischen den 
tatsächlichen Erlebnissen und deren äusserlich zum Vorschein kommenden 
Ausdruck führt dazu die Hysterischleidenden als Simulanten hinzustellen. 

In schärfer hervortretenden Fällen erhält man den Eindruck, als 
ob die Kranken unbewusst sprechen und handeln, und die Kranken ver- 
spüren tatsächlich manchmal selbst ein Gefühl, sich im Dämmerzustande 
befunden zu haben. Eine von Paul Garnier beschriebene Kranke, 
die bei Gericht falsche Aussagen machte, bekannte schliesslich, dass sie 
sich täglich mehr und mehr in ein Lügengewebe verwickelnd, das Gefühl 
hatte, als ob jemand anders und nicht sie gesprochen hätte. Von diesem 
Zustande ist nur ein Schritt in denjenigen, wo die einzelnen Teile des 
Bewusstseins ohne Verbindung untereinander, quasi selbstständig, hervor- 
treten und daher zur Zergliederung des eigenen Ich's der Kranken, wie es 
bei den Besessenen der Fall ist, führen. 

Psychologisch müssen alle Arten des Automatismus durch eine starke 
Entwicklung des unbewussten geistigen Lebens und durch leichte Ver- 
schiebung der Grenzen desselben einerseits und durch grösseres Auf- 
treten der peripherischen Teile des Bewusstseins auf Kosten der zentralen 
Teile desselben andererseits erklärt werden. Alles was von der Peripherie 
des Bewusstseins und aus dem Gebiete des Unbewussten kommt, erschüttert 
das Gleichgewicht des Bewusstseins, indem es ein anderes Zentrum der 
geistigen Energie an Stelle des früheren bildet. Der Mensch kennt die 
Quelle dieser Verschiebungen nicht und sie kommen ihm daher, vom 
Standpunkte der gewöhnlichen Erlebnisse betrachtet, als unerklärlich vor. 
Alle Phasen dieses Prozesses entwickeln sich im Gebiete des Unbewussten 
und nur dessen Endergebnisse werden vom Bewusstsein erfasst. 

Die unwillkürlichen Gotteslästerungen der Besessenen, die während 
des Anfalles im Namen des Bösen und in dessen Sprache hervorgebracht 
werden, werden anatomisch ■ als vom Automatismus des Sprachzentrums 
bedingt', erklärt. Eine nicht zu unterschätzende Rolle in der Erscheinung 
der Besessenheitsidee spielt das sogenannte Allgemeingefühl, das aus vielen 



Die Besessenheit auf dem Lande in Russland. 289 

besonderen Gefühlen zusammengefügt ist, deren man im normalen Zu- 
stande sich, nicht bewusst ist. Allein zur Zeit der Krankheit treten sie in 
unangenehmer.. Weise hervor und beeinflussen beträchtlich das Seelen- 
leben des Menschen, Bei der Hysterie stellen die anormalen Gefühle 
gerade den Hauptsymptomenkomplex dar und wahrscheinlich dient als 
Hauptquelle des Entstehens der Besessenheitsidee die illusorische Ver- 
zerrung verschiedener anormaler innerer Gefühle. Das besessene Weib 
fühlt in sich ein anderes Wesen, ihr Bewusstsein ist getrübt, die Zunge be- 
wegt sich gegen ihren Willen und bringt Gotteslästerungen hervor, die 
sie selbst fürchtet. Natürlich deutet sie diesen Zustand in der Richtung 
des ihr suggerierten Wahnsinns und unter dem Einflüsse dieses letzteren 
bezeichnet sie selber den historischen Typus einer Besessenen. Daraus 
können wir mit ziemlicher Sicherheit die These aufstellen, dass die 
hysterische Zergliederung des Bewusstseins der Hysteriekranken bei der 
russischen Landbevölkerung nicht eher den Charakter der Besessenheit 
verlieren wird, bis im Volke der Glaube an die Möglichkeit eines engen 
Zusammenlebens des Menschen mit dem Teufel verschwindet. 

Wie ist der Besessenheit abzuhelfen? Die Hysterie ist eine psycho- 
gene Krankheit, alle ihre Symptome sind funktionelle Störungen, und 
deshalb muss die Heilung der Hysterie hauptsächlich auf die Beeinflussung 
des Seelenlebens der Kranken gerichtet sein; günstige Resultate können 
nur dann erzielt werden, wenn die Heilung ätiologisch ist, d. h. wenn sie 
auf die Grundursachen des Leidens, das psychosexuelle Trauma, gerichtet 
ist, wie es Prof. Freud darstellte, weil, wie in jedem einzelnen Symptome, 
so auch im grossen und ganzen in der Hysterie eine versteckte sexuelle 
Veranlassung zu sehen ist. Die Hauptaufgabe des Arztes bei der Behand- 
lung der Hysterie besteht darin, den hysterischen Symptomenkomplex 
aufzulösen, quasi zu entziffern und den eigentlichen Komplex der Vor- 
stellungen und Gefühle blosszulegen, der das Entstehen der Krankheit 
verursachte. Dieses zu erreichen gelingt nicht immer, da die hysterische 
Reaktion einen Schutz gegen das menschliche Missgeschick bildet und 
darin besteht, alles dasjenige aus unserem Bewusstsein zu entfernen, was 
trübe Gefühle hervorbringt. So wird derjenige Komplex der Vorstellungen 
und Gefühle, welcher der Hysterie zugrunde liegt, verdrängt und durch 
verschiedene somatische, der Hysterie eigentliche Erscheinungen, ersetzt. 
Um den Kranken zu der psychischen Verfassung, die der Entwicklung 
der Psychoneurose vorausging, wiederzubringen, schlägt Prof. Freud 
eine besondere Methode, die er Psychoanalyse nennt, vor und die voll- 
ständig zweckmässig erscheint. Wenn auf diesem Wege die Quelle der 
Krankheit entdeckt werden soll, so muss es dem Kranken durchaus über- 
lassen sein, dem Arzte von allen seinen geistigen Erlebnissen, von allen 
seinen zum Teil sogar vergessenen schweren Gefühlen ein Bild zu ver- 
schaffen. Die Möglichkeit, sich frei und ruhig auszusprechen, wirkt auf 
den Kranken in gleicher Weise, wie das Öffnen des Ventils an einem über- 
heizten Kessel. Die Anspannung lässt nach und es tritt, wie mit Zauber- 
macht, eine vollständige Beruhigung des Kranken ein : die krankhaften 
hysterischen Symptome, die als Verdolmetschung der schweren moralischen 
und hauptsächlich psychosexuellen Erlebnisse in die Sprache der physi- 
schen Erscheinungen dienen, werden allmählich schwächer und ver- 
schwinden dann ganz, als ob ihnen der Boden entzogen worden wäre. 

Diese geschilderte Art der Heilung wurde bei der W. angewandt. 



290 Dr. M. Lachtin, 

Meine Aufgabe war mir durch den Umstand erleichtert, dass mir die Be- 
gebenheiten im Leben der W., die ihrer Erkrankung vorausgingen, sehr 
gut bekannt waren. Die W. hatte eine physische und moralische Er- 
schütterung durchgemacht. Physisch erholte sie sich bald. Moralisch hin- 
gegen verblieb es beim alten, ja, sie begegnete sogar bei ihrer Nachbar- 
schaft entweder offenbarem Spott oder groben Anspielungen, obgleich man 
in der eigenen Familie sie nach aussen hin in Schutz nahm, fand sie doch 
in derselben schweigenden Tadel. W. trug sich mit empörten Gefühlen 
über die ihr gewordene Vergewaltigung herum, und da sie denselben keine 
Ableitung gab, so verfiel sie schliesslich in die Psychose. Der Yolksaber- 
glaubcn aber und die vorherrschende Finsternis schrieben dieser Psychose 
einen bestimmten Charakter zu, nämlich den der Besessenen. Wie konnte 
der W. geholfen werden? Höchstwahrscheinlich würden ihr manche 
beweisen, dass sie keine Besessene sei, allein ich zweifle sehr, dass 
eine derartige Überzeugung wirksam wäre, da W. physisch in sich den 
Teufel fühlte, indem sie dadurch ihre inneren Gefühle falsch angab. Man 
hätte sie mit allen Teufeln verschonen müssen, und ihr die Möglichkeit 
verschaffen, sich frei auszuweinen. In der Tat, nachdem sie nur Teil- 
nahme von mir fühlte, begann sie einzusehen, dass ich ihr zu Hilfe kam 
und erzählte mir ihr ganzes Leben mit ungewöhnlicher Schnelligkeit, 
sich selbst unterbrechend, sich aufregend, als ob sie befürchtete, nicht 
bis zum Ende angehört zu werden; ihre Augen glänzten dabei und eine 
Röte bedeckte ihre Wangen. Die gewöhnlich ruhige W. war nicht zu er- 
kennen. Nachdem sie alles erzählt hatte, was ihr die Seele bedrückte 
und wessen sie sich bereits nur dunkel erinnerte, atmete sie mit einem 
Gefühl der Erleichterung auf und man konnte ihr die Anerkennung für 
die ihr durch das Zuhören erwiesene Aufmerksamkeit ansehen. Am 
folgenden Tage wiederholte sie ihre Erzählung, einige Tage später wiederum 
und so konnte man bemerken, dass sie dabei immer ruhiger wurde; 
nach kurzer Zeit, ohne auch nur das Geringste von ihrem Aberglauben zu 
verlieren, hörte sie auf, die Heiligtümer, Heiligenbilder, Beichte etc. zu 
fürchten, und worüber man mit ihr kein Wort sprach. Gegenwärtig ist 
sie vollkommen geheilt. 

Als Gegensatz zur W., die sich immer durch gute Gesundheit und 
grosser Ausdauer auszeichnete und nur infolge äusserst ungünstiger Um- 
stände erkrankte, stellt Klaudia einen Typus tiefster Degeneration dar; 
sie war immer verschlossen in sich gekehrt und misstrauisch. Ihre Arbeits- 
fähigkeit war nicht gross, sie bedurfte immer einer Unterstützung. Das 
psychosexuelle Trauma stellte sich bei ihr schon in der frühesten Mädchen- 
periode ein. Im Dorfe ging hartnäckig die Rede um, dass sie mit ihrem 
Vater Blutschande treibe. Diese Tatsache konnte sogar im Gerichtsver- 
fahren nicht bewiesen werden; allein die während der Brautnacht der 
Klaudia sich einstellenden Unzulänglichkeiten lassen den Verdacht zu, 
dass das Gerede des Volkes nicht ganz unbegründet war. Es war ganz 
unmöglich, Klaudia auf die psychosexuellen Erlebnisse, die die Psychose 
verursachten, zu bringen und sie zu veranlassen, sich über alles aus- 
zusprechen, da im vollsten Gegensatze zu W., die sich als beleidigt be- 
trachtete, die Vergangenheit der Klaudia etwas verhüllte, dessen Er- 
innerung allein schon sie äusserst schmerzlich berührte und in sich zu 
kehren zwang. Der krankhafte Zustand der Klaudia, der ununterbrochen 
zehn Jahre hintereinander währte, nahm einen paranealen Charakter an. 



Die Besessenheit auf dem Lande in Russland. 291 

Infolge des Vorhergesagten, d. h. infolge der psychopathischen Konstitution 
der Klaudia, des eigentümlichen Charakters des psychosexuellen Traumas, 
und schliesslich der langen Dauer des Leidens, war es unmöglich, die 
Klaudia unter den gegebenen Verhältnissen des Dorflebens ambulatorisch 
zu behandeln. Es wäre unbedingt erforderlich gewesen, sie der Behand- 
lung wegen vom Dorfe zu nehmen und in eine Heilanstalt unterzubringen; 
da hätte sie, von allen fremden Einflüssen abgesondert, ihrer Furcht und 
ihres Misstrauen entlastet und auf solche Weise für die psychothera- 
peutische Behandlung vorbereitet werden müssen. Allein weder die 
Klaudia selbst noch ihre Verwandten wollten darein willigen, dass sie 
nach Moskau fahre, und deshalb wurde sie auch nicht (I) einer psycho- 
therapeutischen Behandlung unterworfen. 

Es ist auch erforderlich, der Natalja Bonderewa zu erwähnen. Nach 
Aussage der Klaudia hielt man sie für besessen, und sie selber gab es 
unter grosser Erregtheit zu, immerhin aber fürchtete sie sich vor keinem 
Heiligtume, ging in die Kirche und die Beichte fiel ihr nicht schwer. Die 
Untersuchung entdeckte bei ihr keinerlei hysterischen Symptome, hingegen 
erwies sich bei ihr Syphilis der Knochen und der Eingeweide, womit 
sie ihr Mann angesteckt hatte. Auf solche Weise hatte das Fehlen der 
Hysterie und folglich das Fehlen der erhöhten Neigung zum Beeinflusst- 
werden zur Folge, dass der Volksaberglaube bei der B. den Wahnsinns- 
zustand, den wir bei W. und Klaudia sahen, nicht hervorrief, obgleich 
sie diesen Aberglauben mit dem ganzen Dorfe teilte. 

Zum Schlüsse noch einiges über den Bruder Jacob. Dieser ist eine 
Erscheinung, die von den unteren Schichten des Volkes und dessen eigen- 
tümlichen Auffassung des Religionswesens bedingt wird. In Fällen von 
Krankheit und Leiden sucht jeder Hilfe dort, wo es ihm seiner Auffassung 
gemäss am passendsten und natürlichsten erscheint. Im vorliegenden Falle 
ist der Heilbeflissene ein gelähmter, schwachsinniger alter Mann, der 
beim Abdecker unweit „der Erdrückten" wohnt. Wie niedrig muss das 
kulturelle Niveau der Leute sein, die aus solchen Quellen die Kräfte fürs 
Leben schöpfen. Eine Erklärung über Jacob's Erfolg kann man in seiner 
vollständigen Uneigennützigkeit und in dem milden mitleidigen Umgange 
mit Kranken und Unglücklichen finden. Ich wenigstens habe nicht ge- 
sehen, dass irgend jemand ihm Geld gegeben hätte, seine ganze Woh- 
nungseinrichtung schliesst jede Voraussetzung der Einträglichkeit seiner 
Beschäftigung aus. Diese moralischen Eigenschaften haben aber bloss 
einen äusseren Wert. In sehr hohem Grade sind sie dadurch bedingt, 
dass Jacob eine geistig vollständig zerrüttete Person ist, in der nur die- 
jenigen Eindrücke stark sind, die in ihrem Leben sich häufig wiederholten, 
sein ganzes Leben verbrachte er damit, Klöster und Kirchen zu be- 
suchen, den verschiedensten Gottesdiensten beizuwohnen und mit Bettlern 
und Krüppeln zu verkehren. Und nun, da er dem organischen Schwach- 
sinn endgültig verfallen war, behielt er bloss die Fähigkeit, die von 
ihm früher gehörten Worte der Beruhigung, deren Zahl in der orthodoxen 
Lehre Legion ist, hervorzubringen, und die von ihm früher beobachteten 
Kirchenzeremonien nachzuahmen, wobei er aber nicht nur den Wortlaut 
der Gebete, sondern überhaupt alles verwirrte. Einen bewussten moralischen 
Schwung, wie im ersten Augenblick vermutet werden konnte, gab's im 
Leben Jacob's nicht. Seine Klienten aber haben weder Zeit noch die 
Möglichkeit, sich mit seiner Geistesverfassung zu beschäftigen, ja sie ist 



292 Dr. M. Lachtin, Die Besessenheit auf dem Lande in Ru3sland. 

ihnen durchaus überflüssig. Sie kommen zu ihm um moralische Hilfe 
und Rat und erhalten von ihm beides, da Jacob's Worte einerseits höchst 
unklar und unbestimmt, andererseits aber so wohlwollend sind, dass jeder 
stets das findet, dessen er benötigt. 

Würde der Bruder Jacob sich nur auf's Beten und Trösten beschränken, 
so müsste von einem gewissen Standpunkt aus dessen Tätigkeit sogar 
als nützlich erscheinen, allein sie erstreckt sich bedauerlicherweise auch 
auf das Heilen und Belehren. Wie vor hundert Jahren will er auch 
jetzt in allen menschlichen Unglücksfällen und in jedem Elend bloss den 
Teufel als Urheber sehen und strengt daher alle seine Kräfte zum Kampf 
mit diesem an; auf diese Weise aber unterstützt und verbreitet er den 
Aberglauben und die Unwissenheit im Volke, und die ohnehin schon 
Nervenkranken werden von ihm zu Besessenen gestempelt. Daraus geht 
hervor, dass mit psychopathischen Epidemien, wie die von mir beschriebene, 
die bloss einzelne Individuen verfolgt, nicht aufgeräumt werden kann. 
Paranoiker, Wahn- und Schwachsinnige wird's immer genug geben und 
an Stelle des einen Abgehenden tritt stets ein anderer oder mehrere sogar. 
Der Kampf mit dem Übel muss dahin geleitet werden, dass Erschei- 
nungen wie der Bruder Jacob vollständig verschwinden, was nur dadurch 
erzielt werden kann, dass die Volksmassen durch die Wissenschaft auf- 
geklärt werden. 



IV. 
Die Ausgänge der psychoanalytischen Kuren. 

Von Dr. Wilhelm Stekel, Wien. 
(Schluss.) 

Als ein besonders heiliges Dogma galt in der Psychoanalyse der Grund- 
satz: Der Patient hat die Führungl Dieser Satz hat gewiss seine 
Berechtigung. Es ist lächerlich, sich vorzunehmen: Heute will ich den 
Inzestkomplex besprechen, morgen rede ich über das Verhältnis zum 
Vater usw. Die Kranken müssen auch für die bestimmten Fragen reif 
sein. Der richtige Psychoanalytiker fühlt es schon, was besprochen werden 
soll, ja was sogar besprochen werden muss. Aber wehe dem Arzte, 
der vollkommen kritiklos seinem Patienten die Führung überlässt und 
die Einfälle des Analisierten für souverän erklärt! Da ist der Willkür 
Tür und Tor geöffnet und der Analysierte hat es in seiner Hand, den Arzt 
bei der Nase herum zu führen und die Analyse ad infinitum zu verlängern. 
Der Arzt muss eben auch die Einfälle einer Kritik unterwerfen und muss 
erkennen, was wertvoll ist und was nur aus Gründen des Widerstandes 
vorgebracht wird. Er muss Weizen von Spreu sondern können und immer 
gewärtig sein, rechtzeitig einzugreifen. Das ist gar nicht so leicht, weil 
der empfindliche Kranke rasch gekränkt wird und immer mit grosser 
Zähigkeit die Bedeutung seiner Einfälle verteidigt. Ja aus der Verteidigung 
schmiedet er seine sinnreichen Waffen der Obstruktion und passiven 

Resistenz. 

Alle aktuellen Erlebnisse, die breit, vorgetragen werden, die Briefe 
vom Hause und der Geliebten, die aufregenden Szenen des Vortrages, viele 
endlose Träume, die in ungeheueren Mengen produziert werden, sind 
Widerstandsphänomene und es handelt sich darum, diese Mitteilungen mit 
eiserner Energie auf das notwendigste Mass zu beschränken, die Einwände 
gegen die Psychoanalyse theoretischer Natur zu ignorieren und die Ob- 
struktion durch eine eiserne Geschäftsordnung zu brechen. 

Ich will dies gleich an einem Beispiele des heutigen Tages er- 
läutern. Herr N. beginnt die Sitzung mit der Verlesung eines Briefes, den 
er an seine Braut geschrieben hat und der mit die Bipolarität seines 
Wesens veranschaulichen soll. Ich habe schon ein Dutzend dieser Briefe 
angehört und lehne diesmal entschieden ab. Es kommt nun die Erzählung 
der Eindrücke einer Analyse, die der betreffende Arzt im „Jahrbuch" 
gelesen hat. Er will Einwände gegen die Technik der Psychoanalyse 
erheben. Ich gehe auch darüber rasch hinweg. Nach einer Pause 
von einigen Minuten erzählt der Analysierte, dass er es 
schon in der Schule nicht habe vertragen können, wenn 



294 Dr. Wilhelm Stekel, 

derLehrermitderKreideüberdieTafelfuhr. Dabeihabe 
er ein physisches Unbehagen, fast einen Schmerz in 
den Zähnen empfunden. Der nächste Einfall berichtet, 
dass er auch beim Anblick und beim Streicheln von Samt 
eine gleiche Empfindung in den Zähnen verspürt habe 
und ein Grauen empfinde, wenn er mit der Hand über 
einen Samtkragen fahre. Der nächste Einfall berichtet von einem 
schwerhörigen Freunde 1 ). Man müsse dem Manne die Worte in das Ohr 
schreien. Nur manchmal habe er im Ablesen ein fabelhaftes Geschick 
gezeigt. (Wir danken im Geiste für den Tadel und das Kompliment!) Dann 
erzählt er, dass er sich oft gekränkt hatte, warum er kein Mediziner und 
besonders kein Chirurg geworden sei. Daran schliesst sich eine lange 
endlose Erzählung, die von einem Professor handelt, der Hausdurch- 
suchungen bei seinen Schülern vornahm, um nach verbotenen Büchern 
zu fahnden. (Wir merken wieder eine Anspielung auf unsere inquisi- 
torische Tätigkeit!) Jetzt setzt eine breite Schilderung der Professoren 
im Gymnasium ein, die wir als „Strohdrescherei" erkennen und der wir 
ein energisches Halt gebieten. Ich möchte gerne die Erklärung der sonder- 
baren Idiosynkrasie vornehmen und richte an den Patienten die Frage, 
wie er sich die Idiosynkrasie gegen das Kratzen der Kreide auf der Tafel 
erklären könne. Er denkt eine Weile nach und dann sagt er: 

„Die Kreide ist ein Phallussymbol, die Tafel ist die Vagina." 
Jetzt werde ich böse. „Halten Sie mich für so dumm und so einfältig, 
dass Sie es wagen, mir diese Erklärung zu geben?" 

Lachend erwidert der Patient: ,,Ich gestehe offen, dass ich mich über 
Sie lustig machen wollte. Ich dachte mir, auf diesen Speck fallen Sie, 
der Symbolist, mir gewiss herein. . . ." 

Nun verweise ich auf den Zusammenhang der Idiosynkrasie mit 
der Empfindung in den Zähnen. Die Kreide symbolisiere offenbar einen 
Knochen, Samt die „samtweiche Haut" und es handle sich offenbar um 
den ,.kannibalistischen Komplex". 

Plötzlich wird der Kranke gesprächig. Er habe gestern eine Stunde 
lang über Kannibalismus gesprochen. Er gibt eine Menge solcher sadistischer 
Phantasien zu, die in seiner Kindheit eine grosse Rolle gespielt haben. 
Ihm fällt eine Erinnerung ein, an die er schon 20 (!) Jahre nicht gedacht 
hatte. Er war ein Kind von vier bis fünf Jahren. Da hörte er die Geschichte 
eines Selchermeisters, der wegen seines , .süssen Schinkens" berühmt war 
und einen riesigen Zulauf hatte. Es stellte sich heraus, dass dieser Mann 
eine Falltür hatte, in der einsame Käufer plötzlich in eine Versenkung 
fielen, woselbst er sie dann ermordete. Dieses Menschcnflcisch verwendete 
er zum Schinken, der dann so wohlschmeckend süss wurde. (Solche 
Geschichten erzählt man den Kindern !) Auch eine andere Geschichte von 
einem Mann, der seine Geliebte aufgegessen halte, machte auf seine 
Phantasie einen grossen Eindruck. Das Blutmärchen der Juden kam aufs 
Tapet und er gestand, dass er daran glaube, dass die Juden Menschenblut 
verwendeten Kurz es sprudelte wichtiges Material wie eine ent- 
fesselte Quelle. 

Am nächsten Tage schwelgt er in kannibalistischen Phantasien. Er 
will offenbar meine Entdeckung ad absurdum führen und isst in der 



i) Bezieht sich auf den schwerhörigen Arzt, der das Wichtigste 'iberhört. 



Die Ausgänge der psychoanalytischen Kuren. 295 

Phantasie seine Geliebte stückweise auf. Dann kommen ihm die Zweifel 
an die Psychoanalyse. Sie hebe vergessene Komplexe und verwirre den 
Menschen 

Nun erhält er die Erklärung, dass die Psychoanalyse diese Komplexe 
nicht schaffe, sondern nur ins Licht des Erkennens schiebe. Er fürchte 
sich heimlich vor diesen Instinkten und deshalb habe er nicht geheiratet. 
Deshalb wage er sich nicht zu einer einzelnen Prostituierten, er dem „Jack 
der Aufschlitzer" ein heimliches Ideal gewesen. Aber er solle in der Kur 
lernen, dass er sich vor Gespenstern gefürchtet habe. Nie und nimmer 
könnten diese Phantasien eine Tat auslösen. Er solle furchtlos das Haupt 
der Medusa betrachten und die Sache dann beruhigt ad acta legen. Jeder 
Neurotiker sei eine Rückschlagserscheinung mit masslos starken Trieben. 
Aber diese Triebe seien schon längst gebändigt und ins Moralische kom- 
pensiert. Habe er die Erkenntnis, dass er über diesen Trieben stehe, so 
habe er auch keinen Anlass zur Angst — usw. — — — 

Die Aufgabe der Psychoanalyse ist es, die Kranken zu entlasten, 
sie von der Harmlosigkeit ihrer Phantasien zu überzeugen, die so oft 
nur dazu dienen, den Kranken zu schrecken und zu sichern (Adle r). 
Sie benützen dann diese Kinderphantasien, um sich immer wieder die 
eigene Schlechtigkeit vor Augen zu führen, sich mit den anderen Menschen 
zu vergleichen, woraus meiner Ansicht nach das „Gefühl der Minderwertig- 
keit" entsteht. 

Ich habe schon davon gesprochen, wie schwer es ist, den Neurotiker 
zum Aufgeben seiner ,, grossen historischen Mission" zu bewegen und seinen 
masslosen Grössenwahn zu reduzieren. Das ,,Sentiment d'incomplettitude" 
dient als bipolarer Gegensatz zur Sicherung gegen die Antriebe des Ehr- 
geizes und als Entschuldigung vor sich selbst. „Du würdest ja das Grösste 
erreicht haben, wenn du nicht ein so schwaches krankes Individuum 
wärest! Ja wenn du nur ganz gesund wärest!" Selbst die Neurose stellt 
sich in den Dienst dieser Entschuldigungstendenzen und dient 
als Vorwand, um nichts zu leisten, als Gegengewicht gegen das Schuld- 
gefühl des Nichtsleistens, der Faulheit, welche der natürlichen Abneigung 
gegen die gewöhnliche Arbeit entspringt. 

Den Kranken mit der Realität zu versöhnen, das ist 
die Aufgabe der Psychoanalyse. Dabei muss sich der Seelen- 
arzt entschieden auch als Erzieher bewähren und deshalb verlangt der 
Beruf des Psychoanalytikers Menschen, die über dem Durchschnitt stehen, 
gewissem! assen schaffende Künstler, die tatsächlich auch Menschen bilden 
können. Der Analyse muss nach einem treffenden Ausspruch von 
Dr. B. Martin die Synthese folgen. 

Freilich wird der Kranke in solchen Fällen in dem Arzte die Fort- 
setzung der Autoritäten erblicken, gegen die er sein ganzes Leben ge- 
kämpft hat und gegen die seine Krankheit eine wertvolle Waffe war. Der 
alte Trotz erwacht dem Arzte gegenüber und die Behandlung entpuppt 
sich als ein offener oder versteckter Kampf, in dem der Arzt schliesslich 
auch scheinbar den Besiegten spielen muss. Ich kann Adlpr nur he- 
stätigen, wenn er als erfahrener Psychotherapeut sagt: „Als ultimum 
refugium empfiehlt sich die Selbstaufopferung des Arztes nach 
gründlicher Analyse des Falles, so dass man den Schein eines 
Misslingens der Kur auf sich zu nehmen hat. In zweien meiner Fälle 
hat sich dieser Kunstgriff bewährt, das eine Mal wurde meine Patientin 



296 Dr. Wilhelm Stekel, 

auf brieflichem Wege von einem bosnischen Landarzte, das andere Mal 
ein Fall von langjähriger Trigeminusneuralgie, den ich zwei Jahre lang 
mit wechselndem Erfolge behandelt hatte, durch Wachsuggestion gegen, 
mich geheilt. Meist ergeben sich selbst in diesen Fallen nach der Kur 
noch weitgehende Besserungen und grosse Intervalle, zuweilen völlige 

Heilungen" : ). , 

Es ist aus diesem Grunde sehr schwer, eine Statistik über seine 
Erfolge aufzustellen. Dass Patienten erklären: Herr Doktor — jetzt bin ich 
ganz gesund. Ich danke Ihnen! — habe ich eigentlich sehr selten erlebt. 
(Und wo es der Fall Avar, da waren die Kranken noch gar nicht gesund, 
sondern wollten es sich und mir weismachen, um die weitere Tiefen- 
forschung zu verhindern.) Der Patient hat die Tendenz, die Kur endlos 
hinauszuschieben und den Arzt von seiner Uriheilbarkeit zu überzeugen. 
Oft kann man der Kur nur gewaltsam ein Ende machen. Ich hatte einst 
die Illusion, der Freund meiner Kranken zu bleiben, sie fernerhin zu 
leiten und zu beraten, sie von Zeit zu Zeit zu sehen und ihnen den rechten 
Weg zu weisen. Ich weiss heute, dass es für den Genesenen oder auf 
dem Weg zur Genesung Befindlichen am besten ist, wenn er sich vom 
Arzte löst und weiss auch, dass man manchmal gegen sein besseres 
Gefühl diese Lösung gewaltsam herbeiführen muss. Gerade diese gewalt- 
samen Lösungen sind ein ausgezeichneter Kunstgriff des Arztes, die Trotz- 
reaktionen des Behandelten aufzustacheln. 

Ich behandelte einen schweren Zwangsneurotiker, der schon seit 
vier Jahren nicht studierte, obwohl er knapp vor dem Doktorate stand. Die 
Behandlung kam zu keinem Erfolge, obwohl alle Zwangshandlungen „auf- 
gelöst" waren. AberdieAuflösunghilftnur.wennderKranke 
sognädigist.dieAuflösungalsGrundseines Nachgebe n s- 
anzu nehmen. Ich schrieb daher an seine Eltern, sie mögen sich 
nicht wundern, wenn ich ihren Sohn plötzlich entlassen werde. Es werde 
zu einer heftigen Szene kommen, in deren Verlaufe ich dem Kranken 
sozusagen die Türe weisen werde. Nach einigen Tagen hielt ich den Zeit- 
punkt des Abbruches der Behandlung für gekommen. Der Kranke war 
immer ,, überempfindlich". Ich machte ihm Vorwürfe, dass er nicht studiere 
und seine Faulheit bemäntele. Er erwiderte scharf und gereizt, ich noch 
schärfer, so dass er sich zu einer schroffen Antwort hinreissen liess. Dies 
nahm ich zum Anlass, kündigte ihm die Behandlung und meinte : „S i e 
wollen ja nicht gesund werden, und da ich ihnen jetzt 
meine Hilfe entziehe, so werden sie mich nicht gesund 
werden!" 

„Justament" — schrie der gereizte Student — „ich werde 
Ihnen zeigen, wie ich auch ohne Ihre Behandlung ge- 
sund werden kann " 

Und so kam es. Er fuhr nach Hause, machte sich an das Studium, 
absolvierte seinen Doktor, und söhnte sich, ins" Gleichgewicht gebracht, 
später mit mir aus. Aber vorher hatte ich seinen flehentlichen Bitten 
um Verzeihung und um die Erlaubnis die Kur fortzusetzen energischen 
unerbittlichen Widerstand entgegengesetzt. 

Nun eine wichtige Frage: Soll der Expatient sich weiterhin mit der 
Analvse, mit ihrer Literatur beschäftigen? Soll er bei uns Analyse lernen 



i) Der nervöse Charakter. S. 77. J. F. Bergmann, 1912. 



Die Ausgänge der psychoanalytischen Kuren. 297 

und angehalten werden, seine Zwangshandlungen und Symptomhandlungen, 
seine verschiedenen Irisch entstandenen Symptome permanent aufzulösen? 
Soll er für sich selbst zum Arzte werden? 

Auch ir dieser Frage habe ich meine Ansichten gründlich geändert. 
Ich halte es für einen Fehler, seine Expatienten zu Psychoanalytikern 
zu machen, sie in die psychoanalytischen Vereine aufzunehmen. Ich habe 
davon keine so guten Erfahrungen gesehen, als in jenen Fällen, in denen 
die Kranken getrachtet haben, die Psychoanalyse und damit die ganze 
Krankheit vollkommen zu vergessen. Es ist nicht die Aufgabe der 
Psychoanalyse, die Neurotiker zu Psychoanalytikern 
zu erziehen. Dass auf diesem Wege die meisten Ärzte zur Psycho- 
analyse kommen, ist ja selbstverständlich. Mancher, der anderen helfen 
wollte, half sich selbst, sagt Nietzsche. Für diese Ärzte wird dann 
die Psychoanalyse Beruf und Ziel. Leider stecken dann diese Psycho- 
analytiker bei der Analyse in ihrem Komplexe, was ich das „psycho- 
analytische Skotom" genannt habe. Daher mag es kommen, dass gerade 
zwischen Ärzten und besonders Neurologen und gar den Psychoanalytikern 
so viel Affekte frei werden. Wir sollten aber uns bemühen, uns über 
alle Affekte zu überheben und unsere Komplexe zu überwinden. Wir 
müssen es tun, wenn wir anderen helfen wollen. Aber die Neurotiker 
tun gut daran, die ganze Analyse mit allem was dran hängt recht bald 
zu vergessen. Sonst wird ihnen die Psychoanalyse nur ein Vorwand, 
die Neurose festzuhalten. Das kann man besonders häufig bei der Zwangs- 
neurose beobachten. Die anscheinend Genesenen haben statt der ver- 
schiedenen Zwangsvorstellungen und Zwangshandlungen die Neurose der 
Auflösungen und Erklärungen, kurz sie beschäftigen sich mit den alten 
pathogenen überwertigen Komplexen ... nur mit dem Unterschiede, dass 
sie sich in der Sprache der Analyse damit quälen. 

Solche Fälle habe ich genug gesehen. Neurotiker, die Angst hatten 
vor ihren Inzestwünschen, während früher eine symbolisierte Form der 
Angst herrschte. Solange der Kranke nicht vollkommen angstfrei ist, kann 
man von einer Heilung nicht reden, auch wenn ihm die Objekte seiner 
Angst (Inzest, Perversion, Kriminalität) vollkommen bewusst sind. Er 
muss erst über seinen Komplexen stehen. Ähnliches gilt auch für den 
Zweifel. Vor einigen Wochen sah ich einen Mann, der sich wegen Zweifel 
längere Zeit einer Analyse unterzogen hatte. Er liebte ein Mädchen und 
zweifelte, ob er genügend potent sei, ob er sie glücklich machen werde, 
ob er sie werde erhalten können usw. Jetzt führt er sich bei mir mit der 
Klage ein, er liebe ein Mädchen, aber er sei immer bestrebt, sie zu „ent- 
werten", er fürchte, sie werde über ihn „triumphieren" wollen und werde 
immer „oben" sein, er könne sich nicht demütigen lassen und „unten" 
sein, das errege seinen „männlichen Protest", deshalb sei er unglück- 
lich. Er zweifelt weiter — aber mit Adler sehen Mechanismen. Er 
zweifelt wahrscheinlich aus Trotz gegen seinen Arzt, und das ist ja der 
Grund, weshalb er zu mir gekommen ist. Aber gerade diese Trotzein- 
stellung, die der väterlichen Imago gilt, beweist, dass seine Reaktionen 
noch pathologisch sind und man noch nicht von einer Heilung sprechen kann. 

Der Kranke muss aufhören sich als Kranker zu fühlen. Er soll die 
ganze Psychoanalyse und was drum und dran hängt vergessen. Er soll 
keine Träume deuten, keine Symptom handlungen ergründen, keine Zwangs- 

ZentwlMatt fllr Psychoanalyse. III V. 20 



298 Dr. Wilhelm Stekel, 

Vorstellungen auflösen. Er soll von sich und seiner Psyche abgelenkt 
und nach aussen auf das Leben gelenkt werden. 

Je länger er sich mit der Psychoanalyse beschäftigt, desto leichter 
wird sie in seiner Psyche die Funktionen der Neurose übernehmen können. 
Er wird sich Vorwürfe machen, dass ihm nichts einfällt, wird sich 
fürchten, dass Widerstände eintreten, wird zweifeln, dass der Arzt ihm 
helfen wird. Das erklärt uns eine merkwürdige Erscheinung. Gewisse 
Fälle werden schlechter, je länger man sie behandelt. In der Gonorrhoe- 
therapie gibt es ein richtiges Wort von der Überbehandlung. Manche 
Fälle von Gonorrhoe werden nicht gut, weil die Urethra durch die Be- 
handlung in einem permanenten Reizzustand erhalten wird. Eine 
solche Überbehandlung gibt es auch in der Analyse. Je 
länger ein Fall in Behandlung steht, desto schwerer wird die Ablösung von 
dem Arzte. Nun gibt es eine Reihe von schweren Fällen, die eben eine 
lange Zeit der Behandlung (ungefähr sogar zwölf Monate und darüber) 
brauchen. Ich gestehe aber gerne, dass ich nach meinen jüngsten Er- 
fahrungen die Behandlungszeiten wesentlich einschränke und nur für die 
schwersten Fälle, die vollkommen lebensuntüchtig sind und auch organische 
Schädigungen erlitten haben, längere Zeiten veranschlage. Prinzipiell 
rede ich nie von einem Jahre und trachte mit der mög- 
lichst kürzesten Zeit auszukommen. Wie gesagt: Die Fälle, 
die eine beschränkte Zeit haben, Ärzte, welche die Praxis unterbrochen 
haben, Beamte, die einen bestimmten Urlaub erhalten haben, Frauen, 
die bald heim müssen, geben die beste Prognose. 

Das erklärt mir vielleicht den Umstand, dass meine Erfolge im 
Beginne meiner psychoanalytischen Praxis so glänzende waren. Die Be- 
handlungszeiten waren alle kurz. Ich habe sie ja in meinem Buche 
„"Nervöse Angstzustände" publiziert. 

Ich will jetzt einige der dorten veröffentlichten Fälle kritisch durch- 
gehen und auf einen Dauererfolg prüfen. ... Es ist sehr schwer, sich 
genaue Kenntnisse zu verschaffen und eine exakte Statistik aufzustellen. 
Denn viele Patienten verschwinden für immer im Dunkel, aus dem sie 
vor uns aufgetaucht sind. Von anderen erfährt man zufällig auf Umwegen. 

Überblicke ich meine Erfolge, so kann ich sehr zufrieden sein. Die 
meisten Fälle, die in den „Angstzuständen" beschrieben sind, habe ich 
in Evidenz. Die Sängerin 1 ) kann öffentlich singen, widersteht siegreich 
den Keulenschlägen des Schicksals, und zeigt nur von Zeit zu Zeit kleine 
neurotische Symptome, die sie aber nicht hindern zu erwerben und zu 
kämpfen. (Behandlungsdauer vier Monate, eine halbe bis eine Stunde 
täglich!) Der rumänische Priester (Fall Nr. 98) Hess lange nichts von 
sich hören. Eines Tages kam eine Dame aus Rumänien zu mir, die an 
Platzangst litt. Der Pope I. B. hätte sie geschickt. Er wäre so schwer 
krank gewesen und in Wien habe ihn ein Doktor mit Tropfen geheilt. 
Dabei habe er so eigentümlich gelacht. Sie solle dem Doktor Stekel 
nur ausrichten, dass er ganz gesund sei. Die Patientin verlangte nun 
ernstlich von mir die Tropfen und wollte es nicht begreifen, dass ich 
den Popen „nur mit Reden" geheilt habe. Die Behandlungsdauer dieses 
Falles betrug sechs Wochen! Und so geht es den meisten leidlich gut. 



i) Nr. 106. II. Auflage. 



Die Ausgänge der psychoanalytischen Euren. 299 

wenn das Leben sie nicht zu hart prüft. Manche haben sich auch in solchen 
Fällen sehr widerstandsfähig gezeigt. 

Ich kann also im grossen und ganzen mit meinen Erfolgen zufrieden 
sein, wenn ich die Fälle dazurechne, die angeblich durch eine 
andere Behandlung gesund wurden, wie z. B. ein Sänger, den ein Tee 
eines Kurpfuschers nach zweimonatlicher Kur von einer nervösen Ge- 
sangsstörung befreit hat. Ich muss aber wiederholen, dass 
ich den Eindruck habe, dass bei den Phobien die kurzen 
Kuren viel eklatantere Erfolge gezeitigt haben. Ich er- 
kläre mir das damit, dass in dieser kurzen Zeit sowohl die Ablösung 
(d. h. der Verzicht auf die Übertragung) leichter vonstatten ging als auch 
die Spannungsdifferenzen nicht so gross werden konnten. 

Allerdings erlebt man auch die merkwürdigen Fälle, dass Patienten, 
die kaum eine Woche in Behandlung standen, zu aller Welt laufen und 
erzählen, die Psychoanalyse habe ihnen nicht geholfen. So wurde in 
Odessa ein an Zwangsneurose leidender Kollega als Misserfolg der Psycho- 
analyse vorgestellt, der sage eine Woche (I) in meiner Behandlung ge- 
standen ist 

Ich möchte auch einiges über die Misserfolge der Psychoanalyse be- 
richten. Ein Fall ist besonders charakteristisch. Eine Dame, die schon 
zehn Jahre an Platzangst gelitten und nicht allein ausgehen konnte, war 
schon nach drei Wochen imstande, allein zu mir zu kommen. Eine Woche 
später ging sie in ganz Wien frank und frei herum. Sie war zum Skelett 
abgemagert und nahm in zwei Monaten während der Analyse um zehn 
Kilo zu. Am Ende der Behandlung, d. i. am Schlüsse des vierten Monats, 
setzte eine Essstörung ein, Sie konnte nichts Festes essen. Alle Auf- 
lösungen und Versuche, sie zu beeinflussen, halfen nichts *■}, Schliess- 
lich brachte sie einmal ihr Frühstück mit und versuchte bei mir zu essen. 
Es ging ganz ausgezeichnet. Sie wollte dann täglich bei mir eine grosse 
Mahlzeit nehmen. Sie spielte meine Frau, denn sie forderte mich immer 
auf mitzuessen. Nach Abbruch der Kur, in der die Übertragung, trotz aller 
Versuche sie einzudämmen, immer stärker wurde (ich hatte den gleichen 
Vornamen und einen ähnlichen Namen wie ihr verstorbener Vater, der 
auch Arzt war!), war die Kranke vollkommen angstfrei, aber die Ess- 
störung blieb bestehen und verstärkte sich so sehr, dass sie "in ein 
Sanatorium gehen wollte. Ich weiss nicht, ob sie es getan hat. Aber 
ihr Bestreben, sich zu rächen und meine bisherige Arbeit zu entwerten, 
ist deutlich durchsichtig. Zu einer weiteren Psychoanalyse konnte ich 
bei der pathologischen Grösse der Übertragung nicht raten. Erschwerend 
kam hier in Betracht, dass die häuslichen Verhältnisse die denkbar un- 
günstigsten waren. Der Mann stand im Anfangsstadium einer Paralyse, 
schlief immer mit seinem Säbel in seinem Bette, so dass sie vor ihm 
fürchten musste. 

Wenig ermunternde Erfolge habe ich auch bei einigen Fällen von 
Cyklothymie gehabt. Der Augenblickserfolg ist meist ein glänzender. So 
besuchte ich eine Dame, die unfrisiert, in grauen Büssergewändern, 
apathisch, gereizt, nicht gewaschen ihre Depression durchmachte. Schon 
nach einigen Tagen war sie total verändert. Meine Worte wurden für 
sie eine Offenbarung: Sie lauschte ergriffen meinen Worten, ging auf 



>) Sie wollte offenbar ihr Mehrgewicht verlieren, am mich zu strafen! 

20* 



300 Dr. Wilhelm Stekel. 

alle Erklärungen mit seltenem Verständnis ein und veränderte unheimlich 
fast ihr ganzes Wesen. Sie stand nach einem Suicidversuche und hinter 
ihr lagen viele Monate der Depression! Die Besserung zeigte einen hypo- 
manischen Charakter. Sie eilte zu allen ihren Bekannten und pries die 
Wunder der Psychoanalyse. Sie verlangte von der Schwester und einer 
Kusine, sie mögen sich von mir behandeln lassen. Sie nahm an Ge- 
wicht zu, schlief ausgezeichnet, zeigte Interesse für Theater, Lektüre und 
speziell Bücher, welche psychologischen Inhalt hatten. Während sie 
in der Depression vollkommen anästhetisch war und jede Annäherung ihres 
um dreissig Jahre ( ! ) älteren Gatten zurückwies, wurde sie wieder sehr 
erotisch gestimmt und forderte ihn heraus. Diese Besserung hielt nach 
sechswöchentlicher Behandlung ein halbes Jahr an. Es war mir inter- 
essant zu beobachten, wie die Analyse imstande war, den Depressions- 
zustand so energisch zu beeinflussen. Sonst kann man in solchen Fällen 
die Beobachtung machen, dass gerade während der Analyse eine Depression 
einsetzt, welche den Bemühungen langsam weicht. In diesem Falle hielt 
die Besserung eine Zeitlang an. Nun war ich auf einen schlechten Ausgang 
gefasst. Der alte Mann konnte dieser lebenslustigen Frau nicht genügen, 
die infolge starker homosexueller Triebregungen überhaupt sehr schwer 
zu befriedigen war. Anlässlich eines Streites mit der geliebten Schwester, 
in deren Wohnung sie sich das erstemal vergiften wollte, brach die 
Krankheit wieder los. Eine zweite Behandlung war erst fast ohne Wirkung. 
Aber es gelang schliesslich, der Depression Herr zu werden. Eine gewisse 
Hypomelancholie blieb aber zurück. Ich hörte dann zwei Jahre nichts mehr 
von der Patientin, bis mich eine Parte verständigte, dass sie sich das 
Leben genommen habe. 

Ich muss nach meinen Erfahrungen überhaupt vor Behandlung der 
manisch-depressiven Zustände mit Psychoanalyse warnen. Die Augenblicks- 
erfolge sind ' wunderbare. Aber die Patienten übertragen in geradezu 
fudroyanter Weise, werden immer dringender mit ihren Forderungen auf 
Aufmerksamkeiten, Gefälligkeiten und sogar auf Liebe. Weist man sie 
zurück, so sind sie entrüstet. Sie wehren sich mit allen Fasern gegen, 
den Begriff der Übertragung. Bei ihnen sei es keine Übertragung und 
keine gesetzmässige Erscheinung, sondern echte Liebe. Sie drohen sogar 
mit Selbstmord und erpressen die Freundlichkeiten des Arztes. Sie kommen 
mit Vorwürfen, sie wollten die Behandlung abbrechen, der Arzt ver- 
achte sie, er habe vor ihnen einen Ekel, er mache sich nichts aus ihnen. 
Sie seien „nur eine Nummer". Wenn die Stunde aus sei, so habe der 
Arzt sie vergessen und beschäftige sich mit anderen Kranken. Sie sind 
masslos eifersüchtig, kurz die Affektstörung hat bei ihnen Grade erreicht, 
welche manchmal eine Behandlung unmöglich und jedenfalls sehr gefähr- 
lich machen. Am besten ist es, wenn die Kranken aus eigener Initiative 
die Behandlung abbrechen i) und fortbleiben. Unter allerlei windigen Moti- 
vierungen. Entlässt man sie jedoch, so werden sie verzweifelt. Sie seien 
unheilbar, jetzt bleibe nur der Bevolver oder der Weg ins Wasser. Manch- 
mal brechen psychotische Störungen aus, welche vorübergehende Inter- 
nierung verlangen 

Ich weiche daher der Behandlung dieser Zustände womöglich aus 
und vermeide es, auf die tieferen Motive des Leidens einzugehen. Ich 

l) Daa verschafft ihm ein Gefühl des Triumphes über den Arzt. 



Die Ausgänge der psychoanalytischen Euren. 301 

lasse die Leute recht viel klagen, sie aussprechen, arbeite in diesen 
Fällen mehr nach D u b o i s als nach Freud. Ich benütze die Kenntnis 
der Mechanismen, um häusliche Schädlichkeiten abzustellen, Diese Fälle 
geben also für die Psychoanalyse keine sehr gute Prognose. Man kann 
sie versuchsweise angeben, muss aber die Umgebung aufmerksam machen, 
dass es sich schon um organische Störungen der Psyche handelt und dass 
die Behandlung nur ein Versuch ist. Je kürzer und je oberflächlicher die 
Analyse ist, desto sicherer ein rascher Erfolg, der aber die Rezidive nicht 
aufhält. Eine Ausnahme machen die Fälle, wo eine wirkliche Schuld 
vorliegt. Hier wirkt die Aussprache als Beichte erleichternd, besonders 
wenn es gelingt, die Schuldgefühle zu verringern. Ich lasse die Krankea 
frei sprechen, was sie wollen. Merke ich, dass sie auf einen Schuld- 
komplex mit realer Basis kommen, so erleichtere ich ihnen die Aussprache. 
Ich kämpfe dann gegen das Schuldgefühl durch Hinweis auf allgemein 
menschliche, von der Psychoanalyse ergründete Tatsachen. 

Bezüglich der Prognose kann man nicht genug vorsichtig sein. Ich 
verspreche nur den Versuch einer Beeinflussung und keinen Erfolg, 
mache auch immer auf die Gefahren der Behandlung aufmerksam, ver- 
ständige die Familie, dass während der Analyse eine Depression aus- 
brechen wird. Sonst wird sie der Psychoanalyse in die Schuhe geschoben 
und als Verschlimmerung aufgefasst, während sie eigentlich eine passagere 
Symptombildung (Ferenczi) darstellt. 

Solche Fälle sind gar nicht so selten und sind schon den besten 
Psychoanalytikern passiert. Deshalb ist grosse Vorsicht bei der Diagnose 
geboten. Ich erinnere mich an einen Fall, der hier im „Steinhof" l ) als 
Hysterie behandelt wurde. Ich stellte die Diagnose auf beginnende Hebe- 
phrenie und verweigerte die Analyse. Die Mutter bat mich flehentlich, die 
Tochter noch einmal anzusehen, was ich gerne tat. Aber wieder war 
mir auffallend, dass die Komplexe so oberflächlich lagen. Das Mädchen 
beschuldigte (nicht ohne Grund!) den Vater, dass er ein Auge auf sie ge- 
worfen habe, weshalb sie sich vor ihm fürchte. Die mühsame, durch 
vorsichtiges Ausfragen bewirkte Entdeckung eines Vergiftungswahnes er- 
möglichte es mir, die erste Diagnose zu bestätigen und der Mutter dezidiert 
zu erklären, dass die analytische Behandlung aussichtslos wäre. Wie 
richtig ich gehandelt hatte, bewies mir der Umstand, dass ich nach einer 
Woche zu der Kranken gerufen wurde, weil sie tobte, und den" akuten 
Ausbruch der Psychose konstatieren musste. (Ich hatte den Rat gegeben, 
den Vater aus dem Hause zu entfernen.) Sie kam in die Beobachtung 
der Klinik und wurde dort am ersten Tage von deren Leiter als typisches 
hysterisches Delir vorgestellt. 

Allein der Zustand wurde immer schlimmer, die Delirien wurden 
lebhafter, worauf ein stuporöses Stadium folgte. Die Kranke kam dann 
als Hebephrenie auf den Pavillon für Unheilbare. . . . Hätte ich die 
Behandlung angenommen, die Mutter und die ganze Familie (vielleicht 
auch die Kollegen) hätten den Ausbruch der Delirien als Folge der Psycho- 
analyse ausgegeben. 

Die besten, manchmal geradezu verblüffende Erfolge habe ich bei 
den verschiedenen Angstzuständen erzielt und manchesmal in auffallenden 
kurzen Zeiten und bei sehr oberflächlicher Behandlung. Zwei Misserfolge, 



i) Eine Landesirrenanstalt in der Umgebung Wiens. 



302 Dr. Wilhelm Stekel, 

die mir schwer auf der Seele liegen, betreffen ältere Frauen. Die eine 
stand schon, bevor sie zu mir kam, ein Jahr in Behandlung eines Arztes, 
der die Psychoanalyse als Wilder betrieb, eines sogenannten „Natur- 
schwimmers", wie er sich bezeichnete. Sie brauchte immer vier Personen 
ihrer Familie um sich, beherrschte mit Hilfe ihrer Angst die ganze Familie 
und besonders ihren Mann, der das Haus bis auf einen ganz kleinen 
Umkreis nicht verlassen durfte. Auf eine so kostbare Krankheit wollte 
sie natürlich nicht verzichten, so dass die Behandlung nur eine kleine 
Erweiterung ihres Aktionsradius erzielte. Der Erfolg der Analyse war 
ein negativer. Die andere Frau (ebenfalls über 50!) zeigte absolutes 
Unverständnis für die Grundlagen der psychoanalytischen Behandlung. 
Ich gab deshalb nach sechs schrecklichen Wochen, in denen einige Fort- 
schritte erzielt wurden, die Behandlung auf. Diesen beiden Misserfolgen 
stehen aber eine Menge schöner und teils glänzender Erfolge gegenüber. 
Zu erwähnen wäre noch, dass der Fall von Platzangst, von dem ich im 
ersten Teile der Arbeit berichtet (Heilung durch einen Masseur), schon 
nach einigen Wochen der Behandlung allein gehen konnte. Die Rezidive 
der Platzangst brach erst nach fünfmonatlicher Behandlung aus, um nicht 
mehr zu weichen. Hätte ich damals verstanden (entgegen dem Drängen 
des reichen unabhängigen, beschäftigungslosen Mannes), die Behandlung 
rechtzeitig abzubrechen, das Resultat wäre vielleicht erhalten geblieben. 

Wenn ich eine perzentuelle Schätzung geben sollte, so möchte ich 
sagen: In 50 bis G0 Prozent der Fälle wird man bei den Phobien voll- 
kommene Heilung erzielen können. Bei 30 Prozent Besserungen und zirka 
10 Prozent dürften refraktär bleiben. Eine schlechte Prognose stellen 
alte Fälle, in denen die Phobie z. B. der Platzangst als Mittel zur Herrschaft 
im Hause benützt wird und allerlei Vorteile zur Unterjochung der Familie 
bietet. Doch verweise ich auf die Dame, die ich nach 30 ( I ) Jahren als 
der 64. Arzt geheilt habe. Sonst gilt die Regel : Je jünger und frischer 
der Fall ist, desto sicherer der Erfolg. Die Phobien sind die dankbarste 
Aufgabe der Psychoanalyse 1 ). 

Viel schwerer sind die Fälle zu heilen, die wir als „Zwangsneurose" 
bezeichnen und die eigentlich kompliziertere Formen der Angstneurose 
darstellen. (Denn eigentlich gibt es nur eine Neurose mit Steigerungen 
der Intensität und der Dissoziation.) Die Fälle von Zwangsneurose er- 
fordern ziemlich lange Behandlungszeiten. Man wird in schweren Fällen 
kaum unter einem Jahre auskommen. Doch auch da erlebt man seltsame 
Überraschungen. Ein junger Mann, der nach zwei Monaten der Psycho- 
analyse auf Rat eines Psychiaters von mir weggenommen wurde, weil er 
„sonst ganz verrückt würde", stellte sich mir nach zwei Jahren als 
ganz geheilt vor und behauptet, diese Heilung nur der Psychoanalyse 
zu verdanken. Er habe nach der Trennung dann weiter nachgedacht und 



J ) Wie weit sich die Ansichten über die Heilbarkeit der Phobien durch 
Psychoanalyse seit den ersten Arbeiten Freud's geändert haben — und ich kann 
mit berechtigtem Stolze sagen, nicht wenig dazu beigetragen zu haben — beweisen 
die Worte, die sich in Freud's Arbeit über die Angstneurose (1895!) .... finden ; 
.Der Affekt der Phobien der Angstneurose stammt nicht von einer 
▼ erdrängten Vorstellung her, sondern erweist sich bei psycholo- 
gischer Analyse als nicht weiter reduzierbar, wie er auch durch 
Psychotherapie nicht anfechtbar ist." 'Samml. kl. Sehr. I. Bd. S. 67. 



Die Ausgänge der psychoanalytischen Euren. 303 

sich so auf autoanalytischem Wege 1 ) befreit. In solchen Fällen bahnt 
man die (sehr selten gelingende, oft schädliche) Auto-Analyse, die 
doch bei allen Dichtern eine so grosse Rolle spielt, an. 

Ich möchte einen geheilten Fall erwähnen: Ein junger Mann mit 
verschiedenen schweren Zwangshandlungen und Zwangsvorstellungen kam 
bloss einmal der Woche für ein halbes Stündchen zu mir. Ich würde 
mir wünschen, in allen Fällen zu einem solchen Resultate zu kommen. 
Sonst geht es nicht so leicht. Diese Kranken sind auf ihre Krankheit 
besonders stolz und produzieren die schwersten Widerstände. (Die Behand- 
lung ist immer ein hartnäckiger Kampf, wie ich ihn eingangs meines 
Artikels geschildert habe.) Es sei denn, der Arzt merkt nicht, dass sie 
ihn an der Nase herumführen, und er lässt sie frei reden, was sie wollen. 
Dann allerdings wird man kaum weiter kommen und die Behandlung 
nimmt kein Ende. Wollte man sich nach den Zwangsneurotikern richten, 
man müsste sie einige Jahre, ja ihr ganzes Leben behandeln. Sie wollen 
damit auch die Schwere ihrer Krankheit beweisen. Man muss den Mut 
haben, abzubrechen und ganz abzubrechen. Gerade diese Kranken binden 
sich gerne an den Arzt, kommen alle Weile für ein Stündchen wieder, 
um sich das oder jenes „auflösen zu lassen"; plötzlich leiden sie wieder 
an „der Angst zu verlieren" oder Angst vor Grünspan, Syphilisangst, 
Zwangsvorstellungen verrücktester Art (der Bücherschrank ist vergiftet I), 
und wollen dem Atzte damit beweisen, dass er ihnen gar nichts geholfen 
hat und dass sie gerade so krank sind wie zuvor. Diesen Möglichkeiten 
beuge ich vor, indem ich diese Kranken gewöhnlich weit wegschicke, die 
Korrespondenz mit ihnen auf ein Minimum einschränke, ja ihnen sogar 
rate, so zu handeln, als wenn sie mich nicht kennen würden. Ein grosser 
Teil geht ohnedies aus einem richtigen Instinkte so vor und trennt sich 
vollkommen vom Arzte. Diese Kranken vergessen den Arzt gerne, wenn 
sie nicht das böse Bild der „J u das ne u rose" bieten. Ich habe 
in der „Sprache des Traumes" die „Christusneurose" an 
einigen Beispielen beschrieben. Neben dieser Neurose gibt es noch die 
typische Judasneurose. Ein solcher Kranker berichtete mir in der ersten 
Stunde, er wollte ein Drama „Judas" schreiben. Judas sei viel interessanter 
als Christus. Er habe sich geopfert, er habe durch den Verrat Christus 
zum Gott gemacht, er fühlte aber, dass er der grössere war. Ich wusste 
gleich, dass dieser Mann ein Judas war und dass er mich bestimmt ver- 
raten werde. Er wehrte sich kräftig gegen diese Zumutung. Sein ganzes 
Benehmen war von Dankbarkeit und Freundschaft durchtränkt. Aber in 
einem entscheidenden Momente meines Lebens spielte er den Judas und 
verriet mich. Viele solcher Patienten haben die Absicht, nach der Be- 
handlung Vorträge über Psychoanalyse zu halten, zu beweisen, dass sie 
nichts tauge, eine Fopperei sei, sie möchten am liebsten dem Arzte einen 
Prozess anhängen und das Geld zurückverlangen, sie veröffentlichen 
Schmähartikel in Zeitungen, werden die erbittertsten Gegner der Psycho- 
analyse, entdecken die biologischen Grundlagen der Neurosen, verweisen 
auf den erblichen Faktor, kurzum sie trachten sich zu rächen und suchen, 
ja lechzen nach einer Gelegenheit, um den Judas zu spielen. Da ein Teil 
der Psychoianalytiker aus behandelten Ärzten besteht, so mag die Neigung 

i) Eine Dame behauptet durch die Lektüre meines Boches: „Was am Grund' 
der Seele ruht* zum Nachdenken angeregt worden zu sein. Sie habe sich von 
einer schweren unheilbaren Zwangsneurose vollkommen befreit. (?) 



304 Dr. Wilhelm Stekel, 

zu Abfall und Schisma auf diesen Judaskomplex zurückgehen, wobei 
allerdings nicht immer den armen Neurotiker die Schuld trifft. Ein ge- 
schickter Analytiker wird den Judas immer wieder entlarven und einem 
Verrate rechtzeitig vorbauen. Er wird es dem Kranken so oft vorher- 
sagen, aus seinen Handlungen und Träumen nachweisen, dass er schon 
aus Trotz nicht zum Judas wird, damit der Arzt nicht recht behält 1 ). 
Im grossen und ganzen kann man aber sagen: Gerade bei der Zwangs- 
neurose zeigt die Psychoanalyse ihre Überlegenheit über alle anderen 
Formen der Psychotherapie. Diese Formen weichen der ge- 
wöhnlichen Beeinflussung und der Überredung nicht. 
Und gelingt es der Analyse, einen Erfolg zu erzielen, so ist er so über- 
zeugend und so mit einer solchen Veränderung des ganzen Wesens ver- 
bunden, dass der Psychotherapeut des Dankes der ganzen Familie sicher 
sein kann. Allerdings ist die Behandlung dieser schweren Formen der 
Prüfstein für das Geschick des Psychotherapeuten. Die Beendung der 
Kur, das Loslösen und Überwinden des Kranken, seine Einführung in 
das Leben und die Realität, der er sich ganz entfremdet hat, strotzen von 
Schwierigkeiten und Hindernissen. 

Schlechter steht die Prognose für die verschiedenen Fälle von „Per- 
versionen", die wir nach einem treffenden Ausdruck von 1. F. Kraus 
„Paraphilien" nennen wollen. Ich habe noch nie eine vollstän- 
dige Heilung einer Homosexualität durch Psycho- 
analyse gesehen und Magnus Hirschfeld, der grosse Kenner 
dieses Gebietes, hat mir diese Erfahrung bestätigt. Es kommt ja vor, dass 
wir den Homosexuellen dazu bringen, mit einem Weibe zu verkehren. 
Das ist aber noch keine Heilung. Es ist auch eine Unmöglichkeit, von 
Heilungen zu sprechen, wo so viele organische Grundlagen mitspielen. 
Andererseits habe ich sogenannte Heilungen gesehen, ohne dass der Homo- 
sexuelle psychotherapeutisch beeinflusst wurde. Einfach durch die Not 
der Verhältnisse. Ich hatte einen Homosexuellen in Beobachtung, der wie 
die meisten Homosexuellen nicht geheilt werden wollte. Er hatte zwei- 
mal mit dem Gerichte zu tun und zweimal war es mir möglich, durch 
den Hinweis, dass er sich einer Behandlung unterziehen wollte, ihn zu 
befreien. Nach der zweiten Verhandlung machte ich dem dreissigjährigen 
Manne begreiflich, dass er aus den Konflikten mit der Polizei und den 
Gerichten nicht herauskommen werde, wenn er sich nicht entschlösse, 
sich anderweitige Sexualobjekte zu suchen. Er versprach mir, sein Mög- 
lichstes zu tun. Nach einem Jahre kam er zu mir und zeigte mir eine 
Photographie: sein Verhältnis. Er bereitet jetzt alle Papiere vor, um 
die Dame zu heiraten, mit der er seit Monaten anstandlos den Koitus aus- 

') Eine ergötzliche Episode erlebte ich mit einem typischen Judas, einem 
Arzte, in der jüngsten Zeit. Er wollte nach freier Wahl mein Buch „Nervöse Angst- 
zustände" lesen und berichtete mir täglich, dass er etwas anderes lesen musste. 
Damit, wie im Zuspätkommen um einige Minuten und pünktlichem Fortgehen (sich 
nichts schenken lassen!), bekundete er seine Unabhängigkeit. Eines Tagos be- 
richtete er mir, er habe die Abhaudlung von Jones über Hamlet mit grossem Ge- 
ousse in einem Tage gelesen, wozu wohl am meisten die herrliche Übersetzung bei- 
getragen habe. Es stellte sich heraus, dass er einen Herrn Tausk:, der mich öfters 
angegriffen und meine Forschungsmethode getadelt hatte, mit dem Übersetzer T a u s i g 
verwechselt hatte. Er gab mir zu, er habe geglaubt Tausk heisse Tausijr. Er 
trug sich auch mit dem Gedanken, plötzlich zu Freud zu gehen und auch der 
Wunsch sich von „Tausig* behandeln zu lassen, spielte in seinen Judasphantasien 
eine grosse Rolle. 



Die Ausgänge der psychoanalytischer! Kuren. 305 

übe. Seine Liebe zeigt einen ausgesprochen männlichen Typus und ein 
kleines Schnurr bärtchen. Durch solche Kompromisse kann sich mancher 
an ParaphiJie Leidender — denn alle empfinden den Zwang als ein 
Leiden — helfen. So konsultierte mich ein zirka 34 jähriger Kaufmann 
wegen einer unüberwindlichen Liebe zu kleinen Schulmädchen. Er war 
bisher noch immer in Lupanar impotent. Der Anblick eines kleinen Schul- 
mädchens bringe ihn in Raserei. Ich gab ihm den Rat (da er auswärts' 
lebte und eine Analyse unmöglich war), sich eine kleine Frau mit jugend- 
lichem Aussehen zu verschaffen. Ein Vermittler übernahm die Mission 
und war glücklich, ein zwergenhaftes, sonst sehr hübsches Mädchen, das 
überdies noch reich war, an den Mann zu bringen. Der Kaufmann war 
diesem Objekte gegenüber immer potent. Er vereinbarte mit ihr, dass sie 
sich immer jugendlich kleiden müsse. Sie trug am Abend ein kurzes 
Kleid, einen Zopf. Manchmal Hess er sie eine Schultasche tragen und 
im Zimmer auf und ab gehen. Das Resultat war eine überaus glückliche 
Ehe. Der Mann war Händler mit Schulrequisiten — ein schöner Beitrag 
zum Kapitel Berufswahl und Neurose. Seit seiner Ehe nahmen die Ver- 
suchungen ein Ende. 

Ich habe den Eindruck, dass verschiedene Formen von Homosexualität 
einen ausgesprochen neurotischen Zug aufweisen. In solchen Fällen, in 
denen auch der starke Wunsch besteht, sich heterosexuell betätigen zu 
können, wäre ein Versuch einer Analyse zu wagen. Doch sei man mit der 
Prognose sehr vorsichtig. Ich verspreche nie mehr, als den 
Kranken lebensfähig zu machen, das heisst ihn eventuell mit 
seiner Paraphilie auszusöhnen 

Dagegen habe ich mit dem Fetischismus bessere Erfahrungen ge- 
macht. Ich bin gerade jetzt in der Erforschung dieser überaus interessanten 
Neurose begriffen und hoffe einiges zur Psychologie und Heilung bei- 
tragen zu können. Auf dem gewöhnlichen Wege scheint mir die Heilung 
unmöglich zu sein, d. h. nach den von Freud bisher als wichtig er- 
kannten Prinzipien. Ich hatte Gelegenheit, einen Fall von Kleiderfetischis- 
mus zu sehen, der 14 Monate lange von einem erfahrenen Schüler Freu d's 
analysiert wurde. Ich riet ihm, nach Hause zu fahren, alles zu vergessen 
und sich in die Arbeit zu versenken. Nach vier -Monaten erhielt ich 
von ihm folgenden Brief, der mir Auskunft über sein Befinden gab: 

In den ersten Monaten, die ich hier verbracht habe, ist es mir ganz gut ge- 
gangen, aber seit einiger Zeit verspüre ich eine von Tag zu Tag grösser werdende 
Unlust zu allem, -was zu meiner gegenwärtigen Lebensweise gehört, und ich erörtere 
nur noch den GedankeD, wie ich möglichst schnell von zu Hause fortkommen kann. 
Ein wie unglücklicher Plan es ist, mich zum Erben des väterlichen Geschäfts machen 
zu wollen, wird mir immer klarer. In dem Verhältnis zu meinem Vater nämlich, 
das fühle ich ganz deutlich, wurzeln alle die Hemmungen, die mir die Lust ; zur 
Arbeit, Lebensfreude uud Selbetbewuseteein nehmen. Eine unglaubliche Empnndlich- 
keit Äusserungen und Handlungen des Vaters gegenüber, so rücksichtsvoll er auch 
ist, lege ich an den Tag, und sie veranlasst mich xu einem Benehmen, 
über das ich zuweilen die tiefste Reue empfinde. Freilich bin ich ganz machtlos 
dagegen. Eine ungeheuere Ansammlung von Arger befindet sich in mir und I nicht 
einmal das vermag ich zu ergründen, welche umstände es bewirken, dass Blasen 
aus diesem Sumpf aufsteigen, so oft dies auch der Fall ist Alle meine guten Vor- 
sätze und der Wunsch, an meinen Eltern gutzumachen, was ich wirklicher oder 
eingebildeter Weise an ihnen gefehlt habe, haben sich nur bo lange als wirkungs- 
voll erwiesen, wie das Leben daheim den Reiz der Neuheit hatte. Jetzt bin ich 
wieder ganz im alten Fahrwasser. Zu Hause herrisch, unhebenswürdig. an- 
spruchsvoll und reizbar, vermag ich doch zuweilen ausser dem Hause aufgeräumt 



306 Dr. Wilhelm Stekel, 

zu sein und verstehe es für mich einzunehmen, was freilich nach keinen geheimnis- 
vollen Gesetzen sich vollzieht, sondern immer dann eintritt, wenn es gilt, irgend 
jemandes Aufmerksamkeit zu erregen, an dessen Urteil mir liegt. Damit sage ich 
Ihnen natürlich nichts Neues. Ich erwähne es aber, weil es so sehr charakteristisch 
für mich ist. Jener fruchtlose Ehrgeiz, über den ich in Ihren „Träumen der Dichter" 
so Interessantes gelesen habe, treibt mich zu den wunderlichsten Selbsttäuschungen. 
Unzählige Male setze ich die Feder an, um nun endlich das grosse Werk zu be- 
ginnen und zu vollenden, das mich mit einem Schlage berühmt machen soll, und 
ebensooft lasse ich sie wieder sinken. Alles, was ich etwa aufa Papier bringe, er- 
scheint mir so nüchtern, läppisch und unbedeutend, dass ich es schleunigst wieder 
zerreisse. Im Grunde genommen ist dieses Verfahren gar nicht so verzweiflungs- 
voll, wie man meinen soll. Habe ich doch immer wieder eine Entschuldigung dafür, 
und einmal wird schon der Tag kommen, der die Erfüllung meiner Wünsche bringt. 
Mein letzter Plan war der, ein Drama mit dem Titel „Erlkönig* zu schreiben. Ganz 
deutlich empfand ich die dämonische Lust, die den Lockungen des Erlkönigs inne 
wohnt, und das Grausen, wenn er seinem Opfer den Tod gibt. Es sollte eine Nerven- 
Sensation weiden, wie sie noch in keinem Theater erlebt wurde. Habe ich diese Phan- 
tasie ein paar Tage lang ausgesponnen, so wird sie durch eine andere abgelöst. 
Es ist nicht möglich, dass ich einmal einen geistigen Genuas ohne jede Neben- 
gedanken unbefangen auf mich wirken lasse. Immer stelle ich Reflexionen an und 
gefalle mich in einer Analyse, deren Ergebnis im günstigen Falle das ist, 
dass das Gebotene doch eigentlich recht dürftig ist, im ungünstigen Falle, dass der 
Autor mehr als ich kann und dass ich etwas so tiefgründiges nie hervorzubringen 
vermag. Hebbel sagt einmal: »Das Leben ist zu innerlich geworden. Es kann 
ohne ein Wunder nicht mehr äusserlich werden . . . Dies stete Bespiegeln und Aus- 
kundschaften unserer selbst — wohin führt es? Der Gedanke tritt zwischen den 
Menschen und das Leben und verbrennt die Früchte, die es bietet." 

Eine grenzenlose und unaufhörliche Angst vor Verdummung verbittert mir alle 
Lebensfreuden. Sie treibt mich, nur gelehrte Bücher zu kaufen, ohne dass ich mehr 
als einen flüchtigen Blick hineinwerfe, sie macht mich unglücklich, wenn ich die 
Grenzen meines Begriffsvermögens fühle, und sie lässt mich ängstlich auf jedes 
Wort achtgeben, das jemand spricht: Könntest du selbst wohl je auch einmal so 
etwas Gescheites sagen? Sie wissen es ja, zu meinen Kindheitsphantasien hat es 
gehört, mir soviel Verstand zu wünschen, wie der und der und der zusammen ge- 
nommen haben. Einen Trost in dieser Not gewähren mir einzig meine Träume. 
Sind diese phantastisch, märchenhaft und farbenreich, so vermögen sie mir zu ge- 
währen, wonach ich unaufhörlich jage, das Bewusstsein nämlich, dass ich doch 
etwas anderes, besseres bin als die anderen alle. Und dann verweile ich lange bei 
den Traumbildern und die Geräusche der wirklichen Welt dringen nur ganz ver- 
worren an mein Ohr und das reiche Innenleben, das ich führe, ist mir ein Ersatz 
für die vielen Entbehrungen, die ich mir aufgelegt habe. . . . 

Ganz schattenhaft und flüchtig sind die Eindrücke, die ich im Geschäft empfange. 
Ich weiss heute nicht mehr, was gestern geschehen ist. Eine förmliche Lähmung 
hat meinen Geist ergriffen und macht mich untüchtig zu den einfachsten Verrich- 
tungen. Schuld daran hat wohl zum grossen Teil die starke Trotzeinstellung gegen 
den Vater. So genau ich weiss, dass die Reue nicht ausbleiben wird, gegenwärtig 
weiss ich mir keinen anderen Rat als den, schleunigst starke Reize auf mich ein- 
wirken zu lassen, nm wieder festen Boden zu fassen. Meine Sehnsucht geht weit 
in die Ferne. Irgendwo im Ausland möchte ich mir eine Position schaffen und 
möchte zeigen, dass doch ein guter Kern in mir steckt, vor allem aber die Freude 
empfinden, durch Aneignung einer fremden Sprache meine Lernhegier auf eine Weise 
befriedigen zu können, die mir mein gehemmtes Merkvermögen allenfalls noch ge- 
stattet. Und das wäre doch auch etwas, womit man sich aus dem Gros der 
Gleichgestellten heraushöbe! 

Meine sexuellen Phantasien haben sich nicht geändert, viel 
leicht haben sie nicht mehr ganz so grossen Reiz wie früher!" 

So weit der Bericht des hochintelligenten Patienten, Man sieht die 
Analyse hat hier bei diesem enormen Zeitaufwand fast gar nichts geleistet. 
Die Einstellung zur Welt und Familie erscheint nicht korrigiert, der Kranke 
hat sich noch nicht mit der Realität abgefunden, er lebt in einer Welt 
der Träume Das eigentliche Rätsel des Fetischismus wurde nicht 



Die Ausgänge der psychoanalytischen Euren. 307 

ergründet, weil es sich mit Fixierung von infantilen sexuellen Eindrücken, 
mit dem Inzestkomplex allein nicht erklären lässt. Da kommen noch viele 
andere Momente in Betracht, die ausserhalb des Schemas von Freud 
liegen. In erster Linie eine bestimmte Tendenz durch den Fetischismus 
unter dem Bilde einer Perversion, die ewige Keuschheit zu sichern. Immer 
wieder wird man hinter diesen Fällen eine enorme Furcht vor dem 
Weibe finden (die Angst vor dem geschlechtlichen Partner Adler's) und 
Tendenzen, durch das Leiden sich einen Platz im Himmel zu sichern. 
Also religiöse Tendenzen! Der Fetischismus ist gleich der Zwangsneurose 
eine selbstgebildete Religion! Näheres will ich demnächst aus genauen 
Analysen mitteilen. Hier scheint mir aber die Möglichkeit einer Besserung 
und einer Erziehung zu liegen, über die Erfolge kann ich noch nichts 
Definitives berichten. Ich hoffe, dass die Kuren nicht mit einer Enttäuschung 
schliessen. Doch ich habe meinen Kranken, die alle lebensunfähig waren, 
nicht mehr versprochen, als ich halten kann: sie lebens- und arbeitsfähig 
zu machen. Fällt der Erfolg grösser aus und können sie auch zur Ehe 
gebracht werden, so wird es mir und dem Kranken eine angenehme Über- 
raschung sein. 

Endlich hätte ich zu erwähnen, dass Neurosen mit dem ausge- 
sprochen typischen Bilde einer Hypochondrie der Analyse sehr schwer 
zugänglich sind. Der Stolz dieser Kranken auf ihre Krankheit, ihre Neigung 
das Leiden zu übertreiben und sich damit interessant zu machen, das 
Kokettieren mit der Krankheit, die hinter den Zwangsvorstellungen ver- 
borgene Paraphilie, die masslose Eigenliebe dieser Kranken äussern sich 
als Widerstand und Verständnislosigkeit. Immerhin habe ich in einem 
Falle von Hypochondrie, die als hervorstechendes Symptom eine Angst 
vor Zungenkrebs aufwies, durch Aufdeckung der Talion und der kriminellen 
Wurzel einen schönen Erfolg erzielt. In anderen Fällen waren vorüber- 
gehende Besserungen, Beruhigungen zu erzielen, aber die Kranken Hessen 
den Arzt nicht an ihre Komplexe herankommen und hüteten ihxe Krank- 
heit in übertrieben ängstlicher Weise 1 ). 

Zusammenfassend möchte ich sagen, dass wir die besten Erfolge 
bei den verschiedenen Formen der Angst (den Phobien) erzielen und 
auch die Psychoanalyse der Zwangsneurosen sehr bemerkenswerte, alle 
bisherigen in den Schatten stellende Erfolge aufzuweisen hat. An Para- 
logien (Paranoia) habe ich mich bisher nicht gewagt; der eine von Bjerre 
beweist, dass in gewissen Fällen auf dem Wege der Analyse manches 

zu erzielen ist. 

Es wird Freud's unvergängliches Verdienst bleiben, diesen Weg 
eröffnet und eine ganz neue Forschungsrichtung angebahnt zu haben. 
Es ist aber gar nicht zu verlangen, dass die ersten Ergebnisse und Funde 
für alle Zeiten festgehalten werden müssen. Eine wertvolle Bereiche- 
rung der Mechanismen bringen uns die Arbeiten von Adler, die aber dem 
objektiven Forscher als Ergänzung und Erweiterung der Freud'schen 
Mechanismen erscheinen. Ich habe bei meinen Patienten alle Gesichts- 
punkte angewendet, die mir ungezwungen anwendbar erschienen. Ich habe 

i) Man mag sich wundern, dass ich nichts von der echten Hysterie (Konyer- 
sionshysterie Freud's) spreche. Ich sehe bei einem sehr grossen Krankenmateriale 
keine Hysterie mehr, wie ich sie auf der Klinik von Krafft-Ebing und in der Praxis 
so häufig beobachten konnte. Keine grossen Anfälle, keinen arc de cercle, keine 
Lähmungen. Woran soll das liegen? Hat die Hysterie ihren Charakter geändert? 



308 Dr. Wilhelm Stekel, Die Ausgänge der psychoanalytischnn Kuren. 

immer finden können, dass die Berücksichtigung der kriminellen und 
religiösen Momente, welche die Freud schule so arg vernachlässigt 
hat, sich in der psychotherapeutischen Praxis als sehr verwendbar erwiesen. 
Ebenso wichtig erscheint mir die Erziehung des Kranken, die Reedukation. 
Levy's. Aber das sexuelle Moment leugnen zu wollen, hiesse den Tat- 
sachen Gewalt antun. Ich kann nur wiederholen, dass wir es beim Neurotiker 
mit einem pathologischen Triebleben zu tun haben, das sich scheinbar 
als Affektivität äussert (denn hinter jedem Affekt steckt der Trieb), also 
muss auch der wichtigste Trieb, der Sexualtrieb, pathologisch stark sein 
und Sicherungen verlangen. Ich kann die Ansicht Adle r's nicht teilen, 
dass der Inzest arrangiert ist, auch die von Jung nicht akzeptieren, 
dass er nur eine Form des „archaistischen Denkens" ist. — der Inzest 
spielt in der Neurose eine grosse Rolle. Aber nicht die Hauptrolle. Der 
Ödipuskomplex ist sicher nicht der Kernkomplex der Neurose. Der Kern 
ist in der weitesten Fassung der Konflikt zwischen Trieb und Hemmung 
(der psychische Konflikt!) . . . ., woraus das tiefe Schuldbewusstsein als 
Zeichen des nicht bewältigten Konfliktes entspringt. Mit dem Inzest geht 
es den Forschern f olgendermassen : Die einen sehen ihn durch ein ver- 
kehrtes Glas an, so dass er ganz fem erscheint. Die anderen durch ein 
Opernglas, das alles näher rückt 1 ). Die Wahrheit scheint mir in der 
Mitte zu liegen. Wir müssen nur die Brille der vorgefassten Meinung 
ablegen. 

An jeden Fall müssen wir herantreten, als hätte er uns das Rätsel 
der Neurose zu lösen. Ich habe auf diese Weise in der Traumdeutung immer 
neue Erkenntnisse gewinnen können. Aber ich verhehle mir nicht, 
dass wir in der Traum- und Neurosenforschung erst im 
Beginne der Erkenntnis stehen. Wir werden viel Wasser in 
unseren alten Wein giessen müssen. Wir werden dafür nüchterner sein 
und statt des Siegesrausches mit nachfolgendem Katzenjammer offenen 
Auges den verschlungenen Spuren der Wahrheit nachspüren. 

In diesem Sinne wollen diese Ausführungen gedeutet sein. Sie sollen 
auch eine Warnung für alle Unberufenen und Unbefähigten enthalten, die 
sich mit der Psychoanalyse beschäftigen wollen. 

Ich habe den Eindruck, dass heutzutage schon zu viel Psycho- 
analyse getrieben wird . Die Analyse ist mit einer schweren Laparotomie 
zu vergleichen. Nicht jeder Patient wird sich einer Laparotomie unter- 
ziehen und nicht jeder Arzt ist befähigt, eine Laparotomie durchzuführen. 
Die Analyse ist eine schwere Wissenschaft und — um ein treffliches Wort 
von R i k 1 i n zu gebrauchen — das feine Gewebe der Neurose 
darf nicht von plumpen Händen betastet werden. 

i) Jeder Psychotherapeut hat die Tendenz, seine Anschauungen durch die 
Aussprüche seiner Kranken zu beweisen. Aber in der Analyse lernt der Patient 
den .Jargon" seines Arztes und benutzt ihn, um sich mit ihm zu verständigen. Das 
führt zu groben Täuschungen über die Methode und die Funde. 

Ich muss immer an die bekannten Gummifiguren denken, welche die Kinder 
mit Luft aufblasen. Auch der Neurotiker lasst sich mit unserer Luft und unseren 
Ideen füllen. Er erscheint dann wie ein grosser massiver Körper. Allein er platzt, 
wenn er überdehnt wird oder er gibt die Luft von sich. In der Retentions- 
fähigkeit der neuen Ideen.. Einstellungen, Leitlinien, beweist sich 
die Güte der Methode und der Erfolg der Behandlung. 



Mitteilungen. 



i. 
Beiträge zur Psychopathologie des Alltagslehens. 

Von Dr. Luise v. Karpinska, Zakopane (Galizien). 

Ich führe einige Beispiele an, die ihrer Einfachheit wegen als Beiträge 
zur Psychopathologie des Alltagslebens vielleicht nicht ganz ohne Inter- 
esse sein dürften. 

Verschreiben. 

Vor einigen Monaten in einer Zeit, wo ich mich mit der Absicht herum- 
trug, einen populären Aufsatz über F r e u d's „Traumdeutung" zu schreiben, 
erhielt ich eine Nachricht, dass eine Kollegin von mir einen Vortrag eben 
dieses Inhalts in einer psychologischen Gesellschaft halten sollte. Diese 
Nachricht war mir nicht gleichgültig, um so mehr, dass ich mir den 
Vorwurf machen musste, mich dieses Mal wie so auch in manchem 
anderen nur infolge meiner Nachlässigkeit von anderen überholt haben 
zu lassen. Noch in diese Gedanken versunken wurde ich abgerufen, um 
eine Dame zu empfangen, deren Name und Adresse ich notieren musste. 
Den Namen halblaut wiederholend, schrieb ich ihn automatisch auf einen 
Zettel nieder. Als ich aber den Blick nochmals auf den Zettel- richtete, 
bemerkte ich zu meinem grössten Erstaunen, dass ich statt des zu 
notierenden Namens „Freud's Traumtheorie" geschrieben habe. Dies 
war der Titel des Vortrages meiner Kollegin. So machte ich in der Phan- 
tasie gut, was ich in Wirklichkeit versäumt habe. 

Namenvergessen. 

Ich begegne einem Herrn M., der mir seit vielen Jahren bekannt ist. 
Zwar ist unsere persönliche Bekanntschaft ziemlich oberflächlich, durch 
meine Freundin aber, in deren Leben er eine grosse Bolle gespielt bat, 
kenne ich sein intimes Leben sehr gut. Ich erinnere mich ganz genau, 
wer er ist, seine ganze Lebensgeschichte taucht für einen Moment im 
Bewusstsein auf, aber ich kann mich an seinen Namen nicht erinnern. 
Es wundert und ärgert mich. Ich versuche mir den Anfangsbuchstaben 
und die Silbenzahl in's Gedächtnis zu rufen, jedoch vergebens. Da fange 
ich mit der Analyse an. 



310 Dr. Luise v. Karpinska, 

Es fällt mir zuerst eine gewisse Analogie auf, welche zwischen dem 
Verhältnis des Herrn M. zu meiner Freundin und dem eines Herrn N. zu 
mir besteht. In beiden Fällen war die Situation ebenso schmerzhaft wie 
ermüdend. Diese Analogie reicht sehr weit, weiter als ich es hier berichten 
könnte und kann auf gewisse gemeinsame Züge in den Charakteren der 
beiden Herren zurückgeführt werden. Es fällt mir weiter ein, dass ich 
mit scharfen Worten gegen Herrn M. Stellung genommen habe, als mir eine 
neue Komplikation, an der Herr M. Schuld trug, zwischen ihm und meiner 
Freundin bekannt wurde. Dieses von mir geäusserte Urteil kränkte meine 
Freundin sehr und sie nahm es mir übel. Natürlich war mir die Erinnerung 
an die ihr verursachte Pein sehr unangenehm, sie wäre aber allein nicht 
imstande, das Vergessen des Namens zu bewirken, wenn sie sich nicht 
mit einer mir persönlich sehr unangenehmen Erinnerung assoziiert hätte. 
Wie ich meiner Freundin bei obiger Gelegenheit mein für Herrn M. un- 
günstiges Urteil geschrieben habe, so musste ich selber eine Zeitlang 
später dulden, dass sich jemand ebenso scharf über Herrn N. äusserte, 
als sein Verhalten eine ähnlich peinliche Wendung in unserem Verhältnis 
herbeigeführt hatte. Dieses Urteil war mir unangenehm und schien mir 
damals übertrieben. Ich erinnerte mich auch damals, wie unzufrieden 
seinerzeit meine Freundin mit meinem Urteil war. Mit dieser Erinnerung 
tauchte auch der gesuchte Name plötzlich im Bewusstsein auf. 

Das Motiv des Vergessens war in diesem Falle der Wunsch, sich 
die Unannehmlichkeiten zu ersparen, welche mit der Erinnerung an meine 
persönlichen Erlebnisse verknüpft waren. Das Vergessen hat aber dies- 
mal sein Ziel verfehlt und sich auf etwas anderes verschoben. Mit diesen 
für mich persönlich peinlichen Erinnerungen haben sich ähnliche, aber 
auf Herrn M. bezügliche Tatsachen assoziiert. Es gelang mir zwar, etwas 
zu vergessen, aber das Vergessen verschob sich von einem auf das andere 
mit ihm assoziierte Glied der Assoziationskette, — nämlich auf Herrn 
M., der mir selbst ganz gleichgültig war; und so vergass ich seinen 
Namen. 

Opferhandlung. 

Ich erhielt vor zwei Jahren ein sehr schönes Papiermesser aus 
Achat von einer Kollegin zum Geschenk. Wie bekannt, knüpft sich 
an alle scharfen Instrumente der Aberglaube, dass sie Uneinigkeit herbei- 
führen und deshalb Freunden nicht geschenkt werden dürfen. Trotz des 
schlechten Vorzeichens aber blieben unsere Beziehungen ebenso herzlich 
wie früher. Ich bediente mich des Messers mit Vorsicht, um es nicht 
zu Boden fallen zu lassen, da ich es sehr gern hatte. 

Vor einiger Zeit hob ich einen Stoss Bücher, auf welchem das Messer 
lag und wollte ihn auf einen anderen Tisch tragen. Ich liess das Messer 
auf den Büchern liegen, und erst als ich vom Tisch schon ziemlich weit 
war, kam mir der Gedanke, das Messer könnte ja hinuntergleiten; gleich- 
zeitig manövrierte ich so ungeschickt mit den Büchern, dass das Messer 
tatsächlich zu Boden fiel und zerbrach. 

Auffallend war für mich selber die Gleichgültigkeit und sogar eine 
geheime Freude, mit der ich diesem Verlust begegnete. Ich suchte nach 
dem Grunde meines sonderbaren Verhaltens und fand ihn darin, dass zur- 
zeit zwischen mir und einer mir sehr nahen Person Uneinigkeiten be- 
standen, welche in ein ernsteres Zerwürfnis überzugehen drohten. Das 



Beiträge zur Psychopathologie des Alltagslebens. 311 

Zerschlagen des Messers sollte dieses Zerwürfnis verhüten. Dass dieser 
und kein anderer Gegenstand zur Opferhandlung verwendet wurde, dies 
kam daher, weil er sich dazu besonders eignete durch die unbewusst 
fest gewordene Assoziation, dass seine Existenz eine Uneinigkeit ver- 
ursachen und unterhalten, seine Vernichtung also eine Uneinigkeit zu 
verhüten und zu beseitigen imstande war. 

Symbolhandlung. 

Ich will noch ein Beispiel einer, wie sie Freud nennt, endopsychi- 
schen Wahrnehmung anführen, wo der innere Affekt nach aussen auf 
die Realität projiziert wurde. Das ganze kann ja ebensogut als eine 
Symptomhandlung beschrieben werden, da es den inneren unbewussten 
Zustand symbolisch zum Ausdruck bringt. 

Nachdem ich die Doktorprüfung abgelegt habe, bin ich noch einige 
Zeit in der Nähe von Zürich in einem Orte am rechten Seeufer wohnen 
geblieben. Eines Tages wollte ich meine Kollegin besuchen, welche eben- 
falls in der Nähe von Zürich, aber am linken Seeufer wohnte. Um 
dorthin zur bestimmten Stunde zu gelangen, musste ich ein Schiff benutzen, 
welches von Zürich kam, mit ihm nach einer weiter entlegenen Station 
am entgegengesetzten Ufer fahren, dort in eine „Schwalbe" umsteigen, 
welche dem linken Ufer entlang nach Zürich ging, und auf einer Zwischen- 
station, wo meine Kollegin wohnte, aussteigen. So machte ich es auch. 
Doch wurde ich unterwegs von einem quälenden Gefühl der Ungewissheit 
und des Zweifels beherrscht. (Ich muss vorausschicken, dass ich mich 
sogar in ganz unbekannten Gegenden ausnahmsweise gut orientiere und 
nie eine Angst oder Ungewissheit in betreff der gewählten Richtung ver- 
spüre.) Den ganzen Weg schwankte ich hin und her zwischen folgenden 
Gefühlen: Zuerst als ich auf das Schiff wartete, bin ich unruhig geworden, 
ob es auch das richtige Schiff sei, ob ich nicht ein falsches benutzen will, 
das mich wo anders hinbringt, als ich gehen möchte. Auf dem Schiff 
ängstigte ich mich weiter, ob ich richtig fahre und zur rechten Zeit kommen 
werde, um noch das Schiff zu wechseln, und ob die „Schwalbe" wirklich 
das Schiff sei, das ich weiter benutzen soll; sogar die Versicherung des 
Schaffners konnte der Ungewissheit kein Ende machen. Als ich um- 
gestiegen bin, dieselbe Ungewissheit: habe ich mich nicht geirrt und das 
richtige Schiff genommen, wird es auch in Kilchberg halten oder steige 
ich in einer falschen Station aus? Ich stieg aus; — und wieder die 
quälende Frage, ob ich den richtigen Weg zu meiner Kollegin gehe, ob 
ich ihre Wohnung finden werde oder einen falschen Weg gewählt habe. 

Einen grossen Teil des Tages arbeiteten wir gemeinsam und ich ver- 
spätete das letzte Schiff, das mich direkt nach meinem Wohnort bringen 
konnte. Um dorthin noch am selben Tage zu gelangen, musste ich 2 km 
zu Fuss bis zur nächsten Bahnstation gehen, von dort zwei Stationen 
in der Richtung von Zürich ab fahren, und dort auf das letzte Schiff warten, 
welches direkt nach meinem Wohnort fahren sollte. Die Kollegin begleitete 
mich zur Bahn. Sobald ich aber allein im Wagen sass, wurde ich wieder 
von der Angst gepeinigt, ob ich richtig eingestiegen bin, ob ich nicht meine 
Station verpassen und auf einer anderen aussteigen werde. Als ich auf das 
Schiff wartete, fürchtete ich wieder, ob es überhaupt kommen werde, 
vielleicht warte ich vergebens an einer falschen Station. Und auf dem 
Schiffe: hält es in meinem Wohnort, fahre ich richtig oder falsch? Sogar 



312 Dr. Luise v. Karpinska, Beiträge zur Psychopathologie des Alltagslebens. 

als ich ausgestiegen bin, hat mich die Unruhe nicht verlassen; ich sah 
die mir gut bekannten Strassen und stellte mir dennoch die Frage: ist 
es wirklich K., bin ich gut ausgestiegen; und noch weiter: gehe ich 
richtig zu meiner oder vielleicht zu einer fremden Wohnung; sogar als 
ich in mein Zimmer eintrat, musste ich noch fragen: ist es wirklich mein 
Zimmer oder ein fremdes? . 

Dieser innere Zustand war sehr quälend, um so mehr, da ich ihn 
nicht los werden konnte, obgleich ich mich zu überzeugen suchte, dass 
eigentlich objektiv kein Grund zu solch quälender Unruhe vorlag. 

Und wie ist die Deutung dieses Zustandes? — Es war eine symbolisch 
ganz getreue Abbildung der heimlich gehegten Zweifel. Unter dem Ein- 
fluss von Vernunftmotiven und teilweise auch von bewussten Gefühls- 
motiven habe ich in einer mich sehr nahe angehenden und wichtigen Sache 
einen entscheidenden Entschluss gefasst: von einer bestimmten Richtung 
im Handeln nicht abzulassen, einen bestimmten Weg einzuschlagen und 
von ihm nicht abzuweichen. Aber einer anderen Gefühlsrichtung sagte 
dieser Entschluss nicht zu: habe ich so oder vielleicht anders handeln 
sollen? Ich zweifelte wirklich, ob der Weg, welchen ich gewählt habe, 
auch der richtige sei; und dieser Zweifel, welchen ich verdrängt habe, 
bahnte sich einen anderen Weg, um sich zum Bewusstsein vorzudrängen 
und sich durch Verschiebung in einem anderen der äusseren Realität zu- 
gehörigen Gebiet zu äussern, welches sich infolge der symbolisierenden 
Analogie vorzüglich zum Vertreten des inneren Zweifels eignete. Ich wollte 
eigentlich, den geheimen Wünschen entsprechend, dass der von mir ge- 
wählte Weg der falsche wäre, damit ich umkehren und einen anderen 
Weg einschlagen könnte. 

Seit dieser Zeit ist es mir noch einige Male vorgekommen, dass ich 
mir nicht gut Rechenschaft geben konnte, in welcher Richtung ich gehen 
oder an welcher Haltestelle der Elektrischen ich aussteigen sollte, und 
das in einer Stadt, die ich seit meiner Kindheit bewohnt habe und 
also sehr gut kenne. In diesen Fällen habe ich jedesmal feststellen können, 
dass das Gefühl der Ungewissheit und des Zweifels ein getreues Abbild 
einer momentanen inneren „Desorientierung" in persönlichen Angelegen- 
heiten war, und dass es immer wich, sobald ich die geheime Ursache ge- 
funden habe, d. h. sobald ich mir bewusst gemacht habe, worauf sich 
die innere Ungewissheit bezog. 



IL 

Ähnlichkeiten. 

Von Dr. Wilhelm Stekel, Wien. 



Ein sehr intelligenter Patient schreibt mir: „Haben Sie schon darüber 
nachgedacht, dass wir an manchen Tagen Ähnlichkeiten entdecken und 
an anderen gar nicht? Sie wissen sicherlich, dass die Neurotiker und die 
Normalmenschen gerne Ähnlichkeiten konstruieren, wenn sie Identifizie- 
rungsprozesse vollziehen. Der Liebende findet, dass die Geliebte den 
Gang der Mutter, ihre Sprache zeigt, und wenn die Physis keine Vergleiche 



Dr. Wilhelm Stekel, Ähnlichkeiten. i 313 

zulässt, so findet er die gleiche Seele, die gleichen Eigenschaften, die 
gleichen Fehler. Aher das Phänomen, von dem ich sprechen will, ist 
ein ganz anderes. Ich sah an einem Vormittage einen Mann, der meinem 
Freunde, dem Maler X., zum Verwechseln ähnlich sah. Ich gehe auf ihn 
zu und sage: Servus X. — noch immer in dieser Täuschung befangen. 
Ein fremdes Gesicht mit der gleichen Bartform starrt mir entgegen. Mit 
der üblichen Entschuldigung beende ich diese Szene und gehe weiter. 
Nach einer Weile sehe ich wieder meinen Freund X., diesmal etwas 
nebelhafter, nicht mit der gleichen Präzision wie vorher. Ich kann auch 
diese Illusion gleich korrigieren. 

Nun wird mein psychologisches Interesse geweckt und es fällt mir 
ein, dass meine Frau mir des Morgens gesagt hatte, sie mache heute Vor- 
mittag beim Maler X. einen Besuch. Ich nahm gleichgültig davon Notiz 
und bat, herzliche Grüsse zu bestellen. Im Unbewussten spann sich ein 
gewisses Misstrauen. Dem Bewusstsein vollkommen fremd. Meine Frau 
geht zum Maler, der sie verehrt und ihr den Hof macht. Maler sind 
leichtsinnige Menschen, die es nicht sehr genau nehmen. Wer weiss, 
ob deine Frau genug Widerstandskraft aufbringen wird? 

Diese geheimen Befürchtungen führten zu einer Symptomhandlung. 
Ich sprach einen fremden Herrn als Maler X. an. Also eine Wunsch- 
erfüllung. Denn wenn X. auf der Strasse ist, so kann er jetzt unmöglich 
in seinem Atelier sein. Ich wünsche, dass er nicht zu Hause sein soll. 
Meine Frau soll ins Atelier kommen und dort vernehmen: Herr X. ist 
nicht zu Hause. . . . Dieser Wunsch setzte sich dreimal durch. Denn 
dreimal sah ich Herrn X. auf der Strasse. Andererseits projiziere ich den 
Herrn X. auf fremde Gesichter. Weil ich immer an Herrn X. denke, weil 
mein Ich von ihm ganz erfüllt ist, weil mich innerlich der uneingestandene 
Gedanke beherrscht: Was macht X. jetzt mit deiner Frau? — sehe ich 
überall den Herrn X. Die Ringstrasse ist überfüllt mit lauter Ähnlich- 
keiten, jeder Mann ist ja ein Herr X. 

Hier verrät die Illusion eine weitere Verdächtigung. Ein anderer 
Gedanke leiht dem ersten seine besondere Wertigkeit. Gestern hörte ich 
in einer Gesellschaft die Ansicht aussprechen, „alle Frauen wären 
zuhaben und es gäbe eigentlich keine anständige Fra u". 
Ich opponierte lebhaft gegen diese Pauschalverdächtigung und versuchte 
das Lächerliche und Ungerechte dieser Ansicht klarzulegen. Und heute 
ertappe ich mich auf dem Gedanken: Diese Ähnlichkeiten mit dem Herrn X., 
dem grossen Unbekannten, sind alle schöne und kräftige Männer wie X. 
Du denkst eben daran: Wer weiss, ob nicht dieser Herr oder der andere 
der Geliebte deiner Frau ist? Warum fallen mir die Worte aus dem Faust 
ein: Es hat sie schon die ganze Stadt? ... Ich muss nun zur Ehrenrettung 
meiner Frau berichten, dass sie wirklich eine musterhafte Gattin ist und 
dass mir jeder Verdacht ferne liegt. Aber ich suche offenbar Motive, 
um mich zu exkulpieren. Ich soll an die Schuld aller Frauen und damit 
auch an die Schuld meiner Frau glauben, damit ich freie Hand für neue 

Liebeshändel bekomme Ich beneide eben den Herrn X., um seine 

Libertinage und möchte gerne wie er im Atelier verschiedene Damen 
empfangen. Ich möchte X. sein. Ich bin in der Phantasie X. und ich 
sehe mich als X. in jedem Fremden. 

Eine Dame meiner Bekanntschaft sah immer ihren verstorbenen 
Mann auf der Strasse in Form einer auffallenden Ähnlichkeit. Diese Ähn- 

ZentrUbUtt fBr P»yeho»nalyse. III V. 21 



314 Siegfried Peine, Zur Psychologie der Zahleneinfalle. 

lichkeit meldete sich, wenn ihr „leichtlebige" Gedanken kamen. Als wollte 
sie die Erscheinung des Mannes mahnen und warnen 1 „Drei Jahre sind es 
erst, seit ich gestorben bin und du fängst mit leichtsinnigen Sachen an? 
Hüte dichl Hüte dich! Ich bewache im Himmel dich und alle deine 
Streiche! . . ." 



in. 
Zur Psychologie der Zahleneinfälle. 

Von Siegfried Peine, Hamburg. 

Eine neunzehnjährige unverheiratete Dame wird aufgefordert, eine 
beliebige ihr gerade einfallende Zahl zu nennen. Sie nennt die Zahl Neun- 
zehnhundertfünfundzwanzig. Irgendwelche Determinierung für diesen Ein- 
fall vermag die Dame nicht anzugeben. Bei der Analyse wird der Zahlen- 
komplex in 19 und 25 zerlegt. Zu 19 bleibt eine Assoziation aus, zu 25 
wird nach längerem Ausweichen unter Erröten ein der Dame bekannter 
Herr erwähnt. Das Bestehen einer erotischen Beziehung wird zugegeben. 
Dieser Herr ist 25 Jahre alt. In der Phantasie hat die Dame die Zahl des 
eigenen Alters (19) derjenigen des besagten Herrn oftmals gegenübergestellt, 
teils um einer Wunschsymbolik zu genügen, teils in Erwägung des Alters- 
unterschiedes, da nämlich eine eheliche Verbindung für die Dame zurzeit 
unmöglich ist, während eine solche des Objektes ihrer Zuneigung nicht 
nur möglich ist, sondern sogar von ihr befürchtet wird. 

Die beiden Zahlenkomplexe 19 und 25, die bewusst das psychische 
Leben der Analysandin intensiv beschäftigt hatten, waren nunmehr in 
der Verhüllung des Unbewussten zu 1925 verdichtet wieder zutage 
getreten. 



IV. 

Über das Verhältnis der Psychoanalyse zum 

Christentum. 

Von Alexander Schmid, Wien. 

Herr Prof. Furtmüller hat in einem Vortrage gelegentlich der 
Erwähnung Pfister's das Verhältnis der Psychoanalyse zum Christen- 
tum gestreift. P f i s t e r's Bestrebungen, mit Mittelschülern Deutungsversuche 
zu unternehmen, werden wohl nur sehr zweifelhafte Erfolge erzielen; 
denn diesen Übungen muss notwendig eine peinvolle Ängstlichkeit und 
Oberflächlichkeit innewohnen. 

Die Wendung eines Theologen zur Psychoanalyse erscheint mir aber 
bemerkenswert und viel eher symptomatisch als „zufällig", weil — wenn 
ich recht sehe — die beiden Gebiete doch in engerer Beziehung zueinander 
stehen, als man auf den ersten Blick hin anzunehmen geneigt ist. 



Alex. Schmid, Über daa Verhältnis der Psychoanalyse zum Christentum. 315 

Das Christentum verlangt von seinen Anhängern unbedingte Auf- 
richtigkeit gegen Gott im Gebet ; allerdings wird dies auch in den Satzungen 
anderer Religionen von den Gläubigen gefordert, aber das unumwundene 
Aufrichtigsein wird ihnen nicht so leicht gemacht. Denn Gott ist bei ihnen, 
abgesehen von seinen sonstigen Attributen den Menschen gegenüber be- 
sonders der strenge Richter, im Christentum aber steht seine Eigen- 
schaft als Vater im Vordergrunde. Hinweise auf dieses Kindschaftsverhältnis 
zwischen Mensch und Gott durchziehen die ganze christliche Lehre und 
es ist natürlich, dass man sich einem milden Vater eher und rückhalts- 
loser erschliesst als einem zürnenden Herrn. 

Das Beten hat freilich heute vielfach seinen ursprünglichen Charakter 
eingebüsst und ist zu einer Formalität, zu einem blossen Paktieren mit 
Gott gesunken. Es war aber bei den grossen, im Mittelalter sehr zahlreichen 
Betern und Beterinnen nicht ein Erbitten irgendwelcher Guttaten, sondern 
eine stets geübte, intensive Zwiesprache mit Gott, dem Vater — oft 
ganz ohne äusseren Anlass — , in der Art einer vollständigen Selbstent- 
schleierung. „Es ist nur ein Bild meiner selber und sagt 
hold mein Heimlichstes aus", sagt Mechthild von Magde- 
burg zu Beginn ihres Buches „Das fliessende Licht der Gottheit". Alle 
diese Menschen enthüllen in ihren Gebeten ihr ganzes Wesen, vorbehaltlos 
breiten sie vor Gott ihr Inneres aus, nicht in selektiver Verstandesarbeit, 
sondern in einem scheinbar ungeordneten Stammeln und Zungenreden 
{ylb)TToXa\*iv), ihr Zustand steigert sich bis zum höchsten Trance, zur 
Ekstase, von der ein trefflicher Kenner (Maeterlinck) sagt: „sie sei im 
Grunde' nichts als der Anfang der völligen Entdeckung unseres Wesens". 

Die ungehemmten Ergüsse und Bekenntnisse dieser Menschen sind 
zur Bestimmung ihrer Eigenart äusserst wertvoll. Sie sind in ihrem 
Charakter den durch psychoanalytische Tätigkeit gelieferten Assoziations- 
ketten sehr verwandt und wohl auch für ebenso zuverlässig zu erachten. 
In diesem Sinn ist auch manches Produkt der religiösen oder religiös 
inspirierten Lyrik zu betrachten; ich verweise hier besonders auf eine 
Hymne von Novalis, wo c'as Abendmahl, der Genuss des göttlichen 
Leibes und Blutes in stark erotischer Färbung besungen wird. Darin die 

Stelle : 

„Einst ist alles Leib, 

Ein Leib, 

In himmlischem Blute 

Schwimmt das selige Paar. — 

Ol dass das Weltmeer 

Schon errötete 

Und in duftiges Fleisch 

Aufquölle der Fels." 

Schliesslich ist auch noch kurz auf die Ohren beichte zu ver- 
weisen. Der Protestantismus begnügt sich damit, dass man reumütig 
erklärt, man habe gesündigt und lSsst darauf die Absolution erfolgen, 
während die katholische Kirche eine namentliche Aufzählung; 
aller einzelnen Vergehen verlangt. Diese zweite Methode ist 
psychologisch viel tiefer und feiner, ihre kathatische Wirkung stärker, 
denn ich werde mir eher über die Bedeutung und Tragweite einer Hand- 
lung (im weitesten , Sinne des Wortes) klar, wenn ich sie von Zeit zu 

21* 



316 Alex. Schmid, Über das Verhältnis der Psychoanalyse zum Christentum. 

Zeit mit all ihren Einzelheiten in meinem Bewuässtsein wieder hervor- 
rufe, viel besser als durch blosses „Bereuen" werde ich so ihr wahres 
Wesen erkennen. Da ist also auch ein der Psychoanalyse zumindest 
analoges Vorgehen, die ja auch sich nichts verschweigen las st, 
sondern es zu ihren wichtigsten Aufgaben zählt, eine vollständige Auf- 
hellung des psychischen Inventars eines Menschen in all seinen kleinsten 
Teilen zu erzielen (Individual-Psychologie). 

Das Christentum, besonders in seiner Brechung und Verästelung 
in Einzelwesen kann dem Psychoanalytiker reiches Material zu frucht- 
barer Arbeit liefern. Ob es aber umgekehrt zu begrüssen ist, wenn sich 
Theologen zur Psychoanalyse „bekehren" (ich meine so, dass sie nebenbei 
auch weiterhin überzeugte Theologen bleiben), ist eine Frage, die ich 
mit „Nein" beantworten möchte. Eine unliebsame, störende Begriffsver- 
wirrung wäre die baldige Folge, denn vor allem die auf dem Dogma 
basierten, vorgefassten Moralbegriffe eines Theologen lassen sich mit ehr- 
licher, rücksichtslos im Dienste der Wahrheit arbeitender Wissenschaft 
nie in Einklang bringen. 



V. 

Ein Beitrag zur Neurosenpsychologie. 

Von Dr. J. Birstein, Odessa. 

Ich verfolge mit diesen Zeilen gewisse didaktische Ziele den Hefren 
Kollegen gegenüber, die noch nicht die Möglichkeit gehabt haben, voll- 
ständig mit den Grundprinzipien der Adle r'schen Neurosenlehre bekannt 
zu werden. 

Der Fall betrifft eine Dame im Alter von ungefähr 45—50 Jahren, 
Witwe eines hochgestellten Beamten. Das erste was uns auffällt, ist 
das Äussere, die Art des Sprechens und Benehmens — all das ist scharf 
ins „Männliche" gerichtet. Gleichzeitig damit das Bemühen jung 
zu erscheinen, sich nicht altersgemäss zu kleiden und leichtes Koket- 
tieren nach Frauenart. Mit einem Wort, ein ausgeprägter Typus von 
psychischem Hermaphroditismus. Noch vor Beginn der offi- 
ziellen Analyse hatte ich dank privater Gespräche mit ihr Gelegenheit, 
eine Menge Material zu sammeln, welches ich, leider, nicht im ganzen 
mitteilen kann, teilweise aus Gründen der Diskretion, teilweise der Un- 
möglichkeit wegen, in kurzen Worten eine ganze Biographie zu schildern. 
Deswegen will ich nur die Hauptpunkte aus der Entwicklung ihrer psychi- 
schen Konstitution berühren. Vor allem bemerke ich das schon in der 
Kindheit scharf ausgeprägte Minderwertigkeitsgefühl im Zu- 
sammenhang mit dem Bewusstsein ihrer Frauenrolle. 
Ein organisches Substrat habe ich in diesem Falle fast nicht vorgefunden, 
mit Ausnahme vielleicht einiger Andeutungen von Enuresis. Aber 
dafür liess der ganze Familienkreis und die Familientradition die weib- 
licheMinderwertigkeitin grossem Masse hervortreten und bedingte 
als Kompensation und später Überkompensation die Entstehung des Lebens- 
planes in der Richtung „des männlichen Protestes" und des fiktiven 
Endzieles „ein Mann zu sein". In ihrer Kindheit sehen wir einen neuroti- 



Dr. J. Birstein, Ein Beitrag zur Neuroaenpeycbologie. 317 

sehen Vater, der die Mutter, die Kinder und die ganze Umgebung seiner 
Macht unterwirft. Unsere Patientin, welche die jüngste unter den 
Geschwistern ist, erinnert sich, dass es ihr allein gelang, die Sympathie 
des strengen Vaters zu erobern. Sie erinnert sich an verschiedene Auf- 
merksamkeiten väterlicherseits. Gleichzeitig betont sie beständige Uneinig- 
keiten mit der Mutter, den Kampf mit ihr (Entwertungs tendenzen!). 
Nach ihren Erzählungen war die Mutter eifersüchtig auf das Benehmen 
des Vaters der Tochter gegenüber und gab sich alle Mühe, derselben das 
Leben zu erschweren. Weiter in den Jugendjahren stossen wir schon 
auf bestimmte Züge in ihrer Natur, welche vollständig dem neurotischen 
Schema entsprechen: ein hübsches, kluges Mädchen, welches von einer 
Schar auserlesener männlicher Jugend der Grossstadt umgeben wird. Sie 
treibt mit allen ihr Spiel, zieht und reisst alle an sich, wobei sie selbst 
ganz gleichgültig bleibt und nur mit einem Lächeln die Bemühungen 
ihrer zahlreichen Bewerber verfolgt. So währt es einige Jahre. Dann 
stirbt der Vater. Nun steigt der Gedanke an die Ehe auf, 
welche auch sehr schnell geschlossen wird. Der Auserwählte ist natür- 
lich eine Person, welche äusserlich dem verstorbenen Vater gleicht. Den- 
selben schildert mir die Patientin als einen physisch schwachen 
Menschen, der um seine Vorrechte und um seine Männlichkeit beständig 
kämpfen musste. Die Wahl unserer Patientin fällt auf einen analogischen 
Typus, jedoch mit dem sehr wichtigen Unterschiede, dass sie in ihrem zu- 
künftigen Manne die deutliche passive Form der Kompensation nicht be- 
merkt hat und gehofft hat, in diesem Falle ihren „männlichen Protest" 
ungestört durchführen zu können. Aber auch hier hatte sie sich geirrt, 
indem sie nicht bemerkte, dass ihr Mann derselbe Neurotiker war, wie 
es ihr Vater gewesen, aber nur entgegengesetzte Formen im Kampfe mit ihr 
ergriff: Unterwerfung, passive Resistenz und, natür- 
lich, — Impotenz. Der allgemeine Charakter ihres Zusammenlebens 
im Verlaufe von 12—15 Jahren ist für das Gegenspiel oder richtiger für 
den Kampf zwischen solchen Eheleuten überaus typisch : Sie leitete seine 
Arbeit, brachte ihn schnell und energisch auf seiner Laufbahn weiter und 
zum Schlüsse erreichte sie es, dass die Vorgesetzten ihres Mannes eher 
mit ihren Ansichten, ihrer Meinung und ihren Plänen rechneten. 
Er erwidert darauf mit Impotenz im wahren und bildlichen Sinne des 
Wortes. Ihn steigen lassend, ihm die Karriere machend, bleibt sie doch 
als Frau der Gesellschaft gegenüber im Hintergrunde und unbemerkt, wo- 
für sie sich boshaft an ihrem Mann rächt, jede Gelegenheit benützend, um 
ihm seine Nichtigkeit vorzuhalten, sich über ihn, seine Impotenz usw. 
lustig zu machen. Selbstverständlich blieb auch der Mann nicht zurück: 
durch den ganzen Plan ihres gemeinsamen Lebens geht als roter Faden 
„die Entwertungstendenz der Frau", gegen die er auch die erwähnten 
Formen „des männlichen Protestes" mit „weiblichen 
Mitteln" konstruiert. 

Endlich stirbt der Mann im Krankenhause. Es ist interessant, den 
Augenblick hervorzuheben, in dem die Frau elegant gekleidet und stark 
parfümiert zu dem schwerkranken, sterbenden Manne kommt. Der Sterbende 
ist nicht imstande, einen solchen Angriff zu ertragen, und bemüht sich, 
seiner psychischen Struktur treu bleibend, denselben abzuwehren, indem 
er das ärztliche Personal bittet, die Frau aus seinem Zimmer zu ent- 
fernen. 



318 D*- J- ßirstein, 

Ihren Zustand unmittelbar nach dem Tode des Mannes beschreibt 
die Patientin als ein Gefühl der Erleichterung und der Befreiung. Sie 
zieht in eine andere Stadt, wo sie von niemandem gekannt ist, nimmt 
eine separate Wohnung, führt eine ganze Reihe von Vorbereitungen aus, 
um die Rolle einer echten, erotisch gestimmten Frau zu spielen. Sie 
unternimmt Reisen nach dem Kaukasus, der Krim, mit welchen die Mög- 
lichkeit sexueller Erlebnisse vereinigt sind. Selbstverständlich erreicht 
sie bei all diesen Versuchen nichts, da die Angst „unten" zu bleiben zu 
gross ist, im Einklang mit ihrer kategorischen männlichen Einstellung. 
Zuletzt wächst die hauptsächliche Befürchtung im Zusammenhange mit 
der wirklichen Möglichkeit einer zweiten Ehe so stark, dass sie 
zu einem Rückzuge, resp. vollständiger Isolation gezwungen ist: sie meidet 
die Gesellschaft, d. h. die Männer, schliesst sich ganz von der Welt ab 
und befriedigt die Forderungen ihrer Natur im häuslichen Milieu. Die 
Objekte ihrer Herrschsucht wählt sie sehr kunstvoll : zu ihren Diensten 
sind ein Hund, die Kinder und eine ansehnliche Zahl von Frauen, welche 
sie unterstützt. 

In solch einer Situation wandte sich die Patientin an mich in betreff 
eines nichtigen kosmetischen Fehlers auf dem Gesichte. Der wirkliche 
Sinn ihres Wunsches jedoch enthielt in sich die Vorbereitung zum aller- 
letzten Versuche der Reise nach dem Kaukasus. Nach einigen Unterhaltungen 
über allgemeine psychologische Themen, bei welchen das eigentliche Wesen 
ihrer Natur angedeutet wurde, erklärte sie mir. dass sie die Absicht 
hätte, nach der Rückkehr von der Reise sich bei mir einer psycho- 
analytischen Kur zu unterziehen. Und in der Tat begann eine solche nach 
Verlauf von 2—3 Monaten, dauerte jedoch nur zirka 2 Wochen. Die 
Patientin Hess sich nicht mehr blicken : eine neue Möglichkeit ihrer Nieder- 
lage vor dem Feinde, dem Arzte, fühlend, als ob derselbe sie ganz ent- 
blössen würde.. Ich nehme an, dass die verschärfte Sicherungstendenz durch 
die Fortsetzung derselben psychischen Isolation, in der sie sich während 
der letzten Monate auf dem Kaukasus befand, begründet war. Das Gefühls- 
schema lautete wahrscheinlich so: Dort im Kaukasus, wie immer und 
überall, hielt ich meine Fahne fest und hoch erhaben und plötzlich hier 
droht die Gefahr, dieselbe zu verlieren; sie könnte als Zeichen einer 
Siegestrophäe in die Hände des verhassten und lebenslänglichen Feindes, 
des Mannes, Arztes usw., fallen. Mit strategischen Kunstgriffen kämpft 
sie im Verlaufe von 2 Wochen, und in der Perspektive der drohenden 
Niederlage tritt sie den Rückzug an. Wie immer in solchen Fällen steckt 
hinter solchem sichtbaren Rückzug das Gefühl des verschärften männ- 
lichen Protestes. Der Patient tritt zurück und hisst die weisse Flagge, 
jedoch bemüht er sich, die Zeit des Waffenstillstandes aus- 
zunützen, um einen noch intensiveren Angriff zu unter- 
nehmen. In solchem Falle also dient der Waffenstillstand nur als 
Mittel, um Zeit zu gewinnen und das quanti- und qualitativ ermüdete Heer 
zu verstärken. Einen wirklichen und aufrichtigen Rücktritt vom Schlacht- 
felde gibt es nicht. Manchesmal freilich wird die Operationsbasis an 
einen anderen Ort übertragen, — die Schlacht fängt auf einer anderen 
Position an. Aber ein wesentlicher Unterschied ist nicht vorhanden, denn 
zum Schluss ist der Neurotiker gezwungen, mit der ganzen Welt zu 
kämpfen, um den Schein der allgemeinen Überlegenheit vor 
sich selbst demonstrieren zu können. — In diesem Falle aber konzentrieren 



Ein Beitrag zur Neuroaenpsychologie. 319 

sich die kriegerisch-neurotischen Operationen um meine Person und, wie 
mir scheint, auf relative Dauer. 

Mir wurde mitgeteilt, dass kurz nach meiner Abreise nach Wien 
sich die betreffende Patientin in meinem Hause nach meiner Adresse er- 
kundigt hätte. Mit dem Gefühle der wissenschaftlich begründeten Neugier 
habe ich den weiteren Verlauf der Dinge erwartet. Und wirklich haben 
sich meine Vermutungen bestätigt. Hier ist der kurze Inhalt ihres Briefes, 
dessen letzte Zeilen so demonstrativ für die Richtigkeit der psychologischen 
Erforschungen von Adler sind, dass mir dieser wenigen Zeilen wegen 
der Gedanke gekommen ist, eine kleine Mitteilung über den neurotischen 
Fall zu machen. (Diese Absicht hat auch Dr. Adler unterstützt, welchem 
ich deswegen hiermit meinen Dank aussprechen will.) 

Und so wird zu Anfang des Briefes eine Menge Verschlimmerungen 
der Krankheit mitgeteilt, es werden viele neue Symptome aufgezählt, es 
wird von Phantasien in betreff einer, die ganze Welt ergreifenden Kata- 
strophe gesprochen, vom Abstürze der ganzen Stadt, in der sie wohnt, 
in die Hölle, es wird ein Depressionszustand und eine allgemeine Apathie 
erwähnt. Ihr ganzes Leben konzentriert sich auf die Erinnerungen des 
längst Vergangenen (d. h. auf den Gegensatz; die Vergangenheit, in der 
sie sich eben gefühlt hat und die Gegenwart, in der dieses augenscheinlich 
nicht der Fall ist). Hier sind ihre Worte: „Meine Vergangenheit erinnert 
mich an mein Leben, aber die Gegenwart hasse ich. Ich bin 
zu nichts Neuem mehr fähig" (tendenziöse Betonung ihrer Minder- 
wertigkeit in der Gegenwart, um nochmals ihren männlichen Protest 
kräftiger anzuspornen). Und, in der Tat, folgt unmittelbar nach diesen 
Worten: „Theoretisch nehme ich mir vor, im Jänner nach Wien zu 
kommen, aber praktisch weiss ich selbst nicht, was mit mir sein wird." 
Hier zeigt sich ein kunstvoller Orientierungsversuch, ein raffiniertes Ab- 
tasten, wie meine Reaktion, auf ihre Absicht nach Wien zukommen, ausfallen 
würde. Weiter folgt die Darstellung eines Traumes, in welchem sie, nach 
dem gewöhnlichen neurotischen Benehmen, wegen des ganzen Tatbestandes 
ihrer Hemmungen den Arzt beschuldigt. Sie stellt ihn in Gestalt eines 
deutschen Schutzmannes dar, welcher ihr das Wandeln auf verbotenen 
Wegen nicht gestatten will usw. Und zuletzt die Schlussworte: „Eine Zeit- 
lang hatte ich ein eigenartiges Gefühl der Psychoanalyse gegenüber. Ich 
dachte so : soll er (der Arzt natürlich) sich mit meinem Ultimatum ein- 
verstanden erklären und sagen, dass alle Männer Canaillen sind, 
und ich werde ein Wundergeschehen lassen und werde momentan 
gesunden. Dieser Gedanke hat mich immer verfolgt und ich habe fest 
daran geglaubt, dass ich wirklich von allem geheilt werden könnte. Dann 
später habe ich diese Phantasie, richtiger gesagt, diesen Wahn fallen 
lassen." Natürlich aber konnte sie sich von diesem Wahne nicht trennen, 
denn ihr eigener Ausdruck „Phantasie" beweist eben, dass im Vorher- 
gegangenen die wirkliche Wahrheit gelegen sei, während sie sich gleich 
bemüht, dieselbe zu annullieren, wobei sie weitere diplomatische Kämpfe 
mit mir in anderer (passiver) Form im Auge behält. Sie will ihre Karten 
nicht aufdecken, um zum Schlüsse mich zu überrumpeln, rücklings an- 
zugreifen und so energischer meine Annahme ihres Ultimatums zu verfolgen. 
Es ist unzweifelhaft, dass die Stellung einer Witwe (im Sinne der Möglich- 
keit einer neuen Ehe) alle Sicherheitsmassnahmen als Folge oder eher 
Mittel zum Hauptziel stark verschärfen muss : zur Entwertung des 



320 Dr. J. Birstein, Ein Beitrag zur Neoroaenpsychologie. 

Mannes Im Zusammenhange mit solchen gegenwärtigen psychischen 
Zuständen der Patienün kommt mir folgender Gedanke. Ich glaube aus 
der Stelle ihres Briefes, an welcher sie mir die Aufnahme ihres Ultimatums, 
dass alle Männer Canaillen sind, aufdrängt, zu ersehen, dass sie gerne 
auch mich zu solchen Canaillen, d. h. wirklichen Männern, „wie alle" 
zählen möchte, um auf Grund der sexuellen Regungen die Möglichkeit zu 

Erstens durch die unmittelbare „Weiblichkeit" einen Versuch zu 
machen oder wenigstens in Gedanken sich der natürlichen Art der Be- 
friedigung der Libido zu nähern, indem sie mich als einen gemeinen Mann, 
der den Koitus mit ihr ausüben könnte und wollte, phantastisch darstellt. 

Zweitens aber, durch solch einen Weg der Verlockung zeigen zu 
können, dass sie doch die Stärkere sei, über dem Manne stände, da doch 
der Zauber ihrer Weiblichkeit die gewünschte Wirkung auf denselben 
ausgeübt hat, was ihr den festen Glauben gibt, ihn erobert zu haben. 
Daher ihre Voraussetzung, dass, wenn ihre unbewussten Absichten sich 
auch in meinem Falle bewährten, sie mit einem Male von allem gesunden 
würde, d. h. sie würde einen kolossalen Sprung in die Höhe, in die verti- 
kale Richtung ihrer Überkompensation — ihres männlichen Protestes — 
tun. Aus der Praxis und aus dem normalen Leben ist uns auch bekannt, 
dass eine auffallende Besserung der psychischen Stimmung immer an 
ein wirkliches oder vermeintliches Überlegenheitsgefühl geknüpft ist. Der 
normale Mensch unterscheidet sich vom Neurotiker bloss dadurch, dass 
er mit realen Möglichkeiten rechnend, ihnen auch einen gewissen objek- 
tiven Wert einräumt und deshalb imstande ist, dort zu resignieren, wo 
es die äusseren Verhältnisse verlangen. Der Neurotiker will nicht dem 
Endziele seines fiktiven Lebensplanes entsagen und dort, wo die Realität 
als wirkliches Hindernis seinem Vorhaben gegenüber tritt, greift er zu 
verschiedenen Hilfsmitteln, um doch dieselbe umzuformen. Und so be- 
ginnen die endlosen Versuche, die Wirklichkeit seinem Endziele anzu- 
passen, dazu die Konstruktionen der Unsicherheit, des Zweifels, der Kult 
des Minderwertigkeitsgefühls usw. So sehen wir auch das deutliche Bild 
des psychischen Hermaphroditismus bei unserer Patientin, welche bald 
die Rolle einer Frau zu spielen versucht, bald ihre Worte zurückzieht, 
wie sie es in ihrem Briefe getan hat, indem sie den Vorschlag ihres 
Ultimatums als Wahn und Phantasie bezeichnet. Natürlich nährt die erste 
wie die zweite Anpassung trotz ihrer äusserlichen Gegensätzlichkeit die 
Leitlinie ihres nervösen Charakters, die zum Ziele des „männlichen Pro- 
testes" führt. Es ist möglich, dass sich mir späterhin die Gelegenheit 
bieten wird, nochmals auf diese Krankheitsgeschichte zurückzukommen. 
Überhaupt scheinen mir Mitteilungen, wenn auch nur schematische, der 
typischsten Fragmente aus den Krankheitsgeschichten sehr wünschenswert, 
denn zum Schlüsse schöpfen wir doch das lehrreichste und demonstrativste 
Material von unseren Patienten. Und je mehr solcher kurzen Mitteilungen 
erscheinen werden, desto schneller wird die Entwicklung der psycho- 
logischen Probleme fortschreiten, desto energischer wird der Mechanismus 
der wissenschaftlichen Propaganda funktionieren, desto mehr werden sich 
die Reihen der Opposition lichten und desto schneller wird sich die Mög- 
lichkeit der psychotherapeutischen Unternehmungen entwickeln. Und auf 
dieses letztere müssen doch unsere ärztlichen Ziele gerichtet sein. 



Ludwig Klebinder, Über den Ursprung der Familie. 321 



VI. 
Über den Ursprung der Familie. 

Von Ludwig Klebinder, Wien. 

Keine der Behauptungen F r e u d's hat eine erbittertere Zurückweisung 
in den Kreisen der Gegner gefunden als jene Stelle seiner „Sexualtheorie", 
welche die sexuellen Liebesneigungen des Kindes zu seinen Eltern und 
Geschwistern postuliert. Und gerade dieses, mit dem grossen Banne be- 
legte Thema der inzestuösen Liebe ist häufig der Kernpunkt aller Konflikte 
in der Seele des Neurotikers. 

Freud hat nun in einem ganz ausgezeichneten Aufsatze über einen 
Parallelismus im Seelenleben der Wilden und der Keurotiker berichtet 1 ), 
und eben darum scheint es mir von besonderem Werte, als weiteren 
Beitrag zu dieser hochwichtigen Entdeckung hier einige Stellen aus August 
Behel's Buche „Die Frau und der Sozialismus" 2 ) wiederzugeben, welche 
deutlich zeigen, wie der Glaube an die „ewig so dagewesene" Ehe- und 
Familienform unserer Zeit lediglich und nichts als eine Fiktion ist. 

Auch der Psychotherapeut kann aus diesen Untersuchungen manch 
Wertvolles für seinen Beruf entnehmen, denn es dünkt mir nicht gleich- 
gültig, wenn dem, nicht selten mit einem ganz besonders feinfühlenden 
Seelenapparat ausgestatteten, neurotischen Patienten gezeigt werden kann, 
wie gerade der von ihm als tief verwerflich empfundene Trieb mächtig 
in längst vergangener Völker Sitten wurzelt und wie gerade hier Goethe's 
Worte über das Schicksal so tiefe Weisheit künden: 
„Ihr führt ins Leben uns hinein, 
Ihr lasst den Armen schuldig werden, 
Dann iiberlasst ihr ihn der Pein. ..." 

„Eine erhebliche Lüftung des Schleiers, der über die früheste Ent- 
wicklungsgeschichte unseres Geschlechts gebreitet war, ist durch die For- 
schungen, wie sie Morgan und Bachofen in ihren Werken darlegten, 
herbeigeführt worden ), Tatsachen und Resultate, die dann Fr. Engels 
in systematischer Weise ordnete und näher begründete 4 ). 

Durch die Darstellungen, wie sie insbesondere in klarer und über- 
sichtlicher Weise Fr. Engels, gestützt auf die erwähnten Forscher, 



l) „Über einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neu- 
rotiker." I. Die Inzestscheu. Erschienen im „Image 1 . Zeitschr. f. Anwendung der 
Psychoanalyse auf d. Geisteswissenschaften. I. Jahrg., Heft I. März 1912. 

*) Verlag von J. H. W. Dietz, Stuttgart 1895. 24. Aufl. 

3) Ancient Society, or researches in the Lines of Human Progress from 
Savagery tbrough. Barbarism to Civilization. By Lewis Morgan. London, Mac- 
millan & Co. 1877. Die Übersetzung ist erschienen bei J. H. W. Dietz, Stuttgart, 
unter dem Titel: Die Urgesellschaft. Untersuchungen über den Fortschritt 
der Menschheit aus der Wildheit durch die Barbarei zur Zivilisation. — Das 
Mutter recht. Eine Untersuchung über die Gynäkokratie der alten Welt nach 
ihrer religiösen und rechtlichen Natur von J. J. Bachofon, Appellationerat zu 
Basel. Verlag von Krais & Hoffmann, Stuttgart 1?61. 

*) Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats. Im An- 
schluss an Lewis H. Morgans Forschungen von Fr. Engels. Vierte vermehrte 
Auflage. Verlag von J. H. W. Dietz, Stuttgart 1892. 



322 Ludwig Klobinder, 

in der genannten ausgezeichneten und grundlegenden Schrift gibt, wird 
eine Fülle von Licht und Klarheit über eine Menge bisher vollständig 
unverständlicher und zum Teil widersinnig erscheinender Vorgänge im 
Leben der Völker und Völkerschaften höherer und niederer Kulturentwick- 
lung verbreitet. Jetzt erhalten wir erst einen Einblick in den Aufbau, 
den die menschliche Gesellschaft im Laufe der Zeiten genommen hat. 
Danach ergibt sich, dass unsere bisherigen Auffassungen über Ehe, Familie, 
Gemeinde, Staat alle auf vollständig falschen Anschauungen beruhten und 
diese nicht viel besser als ein Phantasiegebilde sich darstellen, dem jede 

Grundlage für die Wirklichkeit fehlt Bachofen und Morgan 

haben in sehr gründlichen Untersuchungen diesen Beziehungen nachge- 
spürt, B a c h o f e n , indem er alle Schriften der Alten und Neueren aufs 
Eingehendste studierte, um hinter das Wesen von Erscheinungen zu kommen, 
die uns vollkommen fremdartig in Mythologie, Sage und historischer Dar- 
stellung erscheinen und doch so manche Anklänge an Erscheinungen und 
Vorkommnisse späterer Zeiten und zum Teil bis in unsere Tage enthalten; 
Morgan, indem er Jahrzehnte lang unter den noch im Staate New- York 
ansässigen Irokesen zubrachte und dabei Wahrnehmungen machte, durch 
die er ganz neue und ungeahnte Einblicke in die Lebens-, Familien- und 
Verwandtschaftsbeziehungen der genannten Indianerstämme gewann, auf 
Grund welcher auch anderwärts gemachte Beobachtungen erst ihre richtige 

Beleuchtung und Klarstellung erhalten Zur Zeit, als Morgan unter 

den Irokesen lebte, bestand dort eine beiderseits leicht lösliche Einzelehe, 
die er als „Paarungsfamilie" bezeichnet. Er fand aber auch, dass die 
Bezeichnungen für den Verwandtschaftsgrad, wie Vater, Mutter, Sohn, 
Tochter, Bruder, Schwester, obgleich für deren Anwendung nach unserer 
Meinung kein Zweifel bestehen kann, ganz andere waren. Der Irokese 
nennt nicht nur seine eigenen Kinder seine Söhne und Töchter, sondern 
auch die aller, seiner Brüder, und deren Kinder nennen ihn Vater. Um- 
gekehrt nennt die Irokesin nicht bloss ihre Kinder ihre Söhne und Töchter, 
sondern auch die aller ihrer Schwestern, und deren Kinder nennen sie 
Mutter. Dagegen nennt sie die Kinder ihrer Brüder Neffen und Nichten, 
und diese nennen sie Tante. Die Kinder von Brüdern nennen sich Brüder 
und Schwestern und ebenso die Kinder von Schwestern. Dagegen nennen 
sich die Kinder einer Frau und ihres Bruders gegenseitig Vettern und 
Kusinen. Es tritt also das Seltsame ein, dass die Verwandtschaftsbezeich- 
nung sich nicht in unserem Sinne nach dem Grade der Verwandtschaft 
richtet, sondern nach dem Geschlecht des Verwandten. 

Dieses System der Verwandtschaft steht aber in voller Geltung nicht 
nur bei allen amerikanischen Indianern, sowie bei den Ureinwohnern 
Indiens, den dravidischen Stämmen in Dekan und den Gaurastämmen 
in Hindostan, sondern es haben nach den Untersuchungen Bachofens 
ähnliche Verwandtschaftsverhältnisse in der Urzeit überall bestanden, wie 
sie heute unzweifelhaft noch bei vielen Völkerschaften Hoch- und Hinter- 
asiens, Afrikas und Australiens bestehen. Werden erst einmal an der 
Hand der Untersuchungen von Morgan und Bachofen überall die 
Untersuchungen über die Geschlechts- und Familienbeziehungen der noch 
lebenden wilden und barbarischen Völkerschaften in Angriff genommen, 
so wird sich zeigen, dass, was Morgan bei den Irokesen, Bachofen 
wenn a'.ch nicht mit vollständig klarer Erkenntnis, bei zahlreichen Völker- 
schaften der alten Zeit fand, eine soziale Formation ist, die gleich oder 



Über den Ursprang der Familie. 323 

ähnlich die Grundlage aller menschlichen Entwicklung auf der ganzen 
Erde bildete. 

Es treten aber bei den Untersuchungen M o r g a n's noch andere 
interessante Tatsachen hervor. Steht die Paarungsfamilie der Irokesen 
mit den von ihnen gebrauchten Verwandtschaftsbezeichnungen in unlös- 
lichem Widerspruch, so stellte sich dagegen heraus, dass noch in der 
ersten Hälfte dieses Jahrhunderts auf den Sandwichsinseln (Haweii) eine 
Familienbildung vorhanden war, die tatsächlich dem Verwandtschaftssystem, 
das bei den Irokesen nur dem Namen nach bestand, entsprach. Aber das 
Verwandtschaftssystem, das in Hawaii in Geltung war, entsprach wiederum 
nicht der dort tatsächlich bestehenden Familienform, sondern verwies auf 
eine ältere, noch ursprünglichere, aber nicht mehr vorhandene Familien- 
form hin. Dort galten alle Geschwisterkinder ohne Aus- 
nahme als Bruder und Schwestern, sie galten also nicht für 
die gemeinsamen Kinder nur ihrer Mutter und deren Schwestern, oder 
ihres Va.ters und dessen Bruder, sondern aller Geschwister ihrer Eltern 
ohne Unterschied 

..... Die beliebte Auffassung, die als die allgemein gültige heute 
angesehen und von den Vertretern des Bestehenden hartnäckig als wahr 
und unumstösslich verfochten wird, die jetzt bestehende Familienform 
habe von uralter Zeit in gleicher Weise wie heute bestanden und müsse, 
solle nicht die gesamte Kultur gefährdet werden, in alle Ewigkeit fort- 
bestehen, stellt sich nach diesen Entdeckungen Morgan's als falsch 
und unhaltbar heraus, wie das noch weiter bewiesen werden wird. Die 
Form der jeweiligen Familienbildung ist von dem jeweiligen Sozialzustand 
in einer bestimmten Epoche nicht zu trennen, sie entspricht dem Bedürf- 
nisse und dem Kulturgrad der einzelnen Perioden und sie verändert sich 
in demselben Masse, wie die Grundlagen der sozialen Beziehungen der 
Menschen und ihre Lebensbedingungen andere werden. 

.... Das Studium der Urgeschichte lässt also heute keinen Zweifel 
mehr, dass auf den untersten Entwicklungsstufen das Verhältnis der beiden 
Geschlechter von dem der späteren Zeit ein total verschiedenes war 
und Zustände sich herausbilden mussten, die, mit den Augen unserer Zeit 
betrachtet, als eine Ungeheuerlichkeit und als der Pfuhl der Sittenlosig- 
keit erscheinen. 

Morgan, Bachofen und alle, die sich tiefer mit dem 

Studium der Geschichte beschäftigt haben, gelangen zu dem Schluss, dass 
auf der Unterstufe der Wildheit ein Geschlechtsverkehr innerhalb jedes 
Stammes herrschte, bei dem jede Frau jedem Manne und jeder Mann jeder 
Frau gleichmässig gehörte, wo also kein Unterschied des Alters und der 
Abstammung innerhalb des Stammes bestand und allgemeine Vermischung 
(Promiskuität) vorhanden war. Es leben also alle Männer in Vielweiberei 
und alle Weiber in Vielmännerei. Die Kinder sind allen gemeinsam. Es 
besteht allgemeine Frauen- und allgemeine Männergemeinschaft, aber auch 
Gemeinschaft der Kinder. Strabo berichtet (66 vor unserer Zeitrechnung), 
dass bei den Arabern die Brüder den Beischlaf bei der Schwester und der 

eigenen Mutter ausübten Morgan nimmt nun an, dass aus diesem 

Zustande der allgemeinen Geschlechtsvermischung schon frühzeitig sich 
eine höhere Form des Geschlechtsverkehrs entwickelte, die er als die 
Blutsverwandtschaftsfamilie bezeichnet. Hier sind die im Ge- 
schlechtsverkehr stehenden Gruppen nach Generationen gesondert, 



324 Ludwig Klebinder, 

dergestalt, dass alle Grossväter und Grossmütter innerhalb der Grenzen 
der Familie Mann und Frau, ebenso deren Kinder und wiederum die Kindes- 
kinder einen Kreis gemeinsamer Gatten bilden. Hier ist also im Gegensatz 
zu der ersten Familienform, in der allgemeine Geschlechtsvermischung 
ohne Unterschied des Alters besteht, die eine Generation vom Ge- 
schlechtsverkehr mit der anderen ausgeschlossen. Da- 
gegen besteht derselbe unter Brüdern und Schwestern, Vettern und Kusinen 
ersten, zweiten und entfernten Grades. Diese alle sind miteinander 
Schwester und Bruder, aber alle sind zueinander auch Mann und Frau. 
Dieser Familienform entspricht also das Verwandtschaftsverhältnis, wie es 
in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts auf Hawaii noch dem Namen 
nach, aber nicht mehr in der Tat bestand. Dagegen können nach dem 
amerikanisch-indischen Verwandtschaf tssyslern Bruder und Schwester nie 
Vater und Mutter desselben Kindes sein, wohl aber nach dem hawaii'schen. 
Familiensystem. Blutsverwandtschaftsfamilie mag der Zustand gewesen 
sein, der zur Zeit Herodot's bei den Massageten bestand, und worüber 
er also berichtet: „Jeder ehelicht eine Frau, aber allen ist erlaubt, sie zu 
gebrauchen". Im ersten Satze irrt Herodot, denn was er weiter sagt, 
schliesst den Begriff der Einzelehe aus. Er fährt fort: „So oft einem 
Manne nach einem Weibe gelüstet, hängt er seinen Köcher vorn an dem 
Wagen auf und wohnt ihm unbesorgt bei . . . Dabei steckt er seinen Stab 

in die Erde, ein Abbild seiner eigenen Tat Der Beischlaf wird offen 

ausgeübt" 1 ). Ähnliches wird von äthiopischen und indischen Völkern seitens 
der alten Schriftsteller berichtet. In Ägypten, in dem Jahrtausende lang 
ähnliche Sitten herrschten, war der Hund als das Sinnbild dieser Form 
des Geschlechtsverkehrs Gegenstand der religiösen Verehrung. Der öffent- 
liche Beischlaf wird auch in der Bibel erwähnt, 2. Samuelis, Vers 20 und 
folgende, woselbst Ahitophel dem wider David auf gestandenen Absalon 
rät, des Königs Kebsweiber öffentlich vor allem Volke zu beschlafen, 
um damit die Übernahme der Herrschaft und der Mannesrechte auszu- 
drücken, ein Bat, den Absalon auf dem Dache seines Hauses befolgt. 

Der Blutverwandtschaftsfamilie folgt nach M o r g a n eine dritte höhere 
Form, die er Punaluafamilie nennt. Jetzt sind nicht bloss Eltern und 
Kinder vom gegenseitigen Geschlechtsverkehr ausgeschlossen, wie in der 
Blutverwandtschaftsfamilie, sondern auch Bruder und Schwester. Dieselbe 
beginnt also mit der Ausschliessung der leiblichen Geschwister und zwar 
von mütterlicher Seite. Wo eine Frau viele Männer hat, ist der Nachweis 
der Vaterschaft unmöglich. Die Vaterschaft ist nur Fiktion, Die Vater- 
schaft beruht, wie ja auch Goethe in seinen Wanderjahren Friedrich 
sagen lässt, „nur auf gutem Glauben". Ist sie in der Einehe häufig 
zweifelhaft, so ist sie in der Vielehe unmöglich nachweisbar, dagegen ist 
die Abstammung von der Mutter zweifellos und unbestreitbar. Die Ab- 
stammung mütterlicherseits wurde also von Anfang an massgebend und 
allein entscheidend für die Abstammung überhaupt. Wie alle tiefein- 
schneidenden Umgestaltungen in den sozialen Beziehungen sich langsam 
vollziehen, so hat auch unzweifelhaft die Umwandlung der Blutverwandt- 
schaftsfamilie in die Punaluafamilie längere Zeiträume in Anspruch ge- 
nommen und ist von manchen Bückschlägen durchbrochen worden, die 
noch in sehr später Zeit bemerkbar sind. Die nächste äussere Ver- 



i) Bachofen, Das Mutterrecht. 



Über den Ursprung der Familie. 325 

anlassung für die Entwicklung der Punaluafamilie — Punalua: lieber 
Genosse, Genossin — mochte die Notwendigkeit sein, die stark ange- 
schwollene Familienkopfzahl zu spalten, damit man neuen Boden für 
Viehweiden oder Ackerland in Anspruch nehmen konnte. Wahrschein- 
lich ist aber auch, dass auf höherer Kulturstufe allmählich Begriffe über 
die Schädlichkeit und Ungebühr des Geschlechtsverkehres zwischen Ge- 
schwistern dämmerten; dazu kam, dass die gestiegene Volkszahl eine Be- 
schränkung aufzugeben ermöglichte, die bis dahin bei schwächerer Zahl 
sich von selbst verbot. Möglich, dass auch die Züchtung der Herden den 
Stammesgenossen die Schädlichkeit der Inzucht vor Augen führte. Dass 
man in der Tierzucht schon sehr frühzeitig wichtige Erfahrungen hatte, 
zeigt die Art, wie Jakob den Laban, seinen Schwiegervater, übers Ohr 
zu hauen verstand, indem er für die Geburt fleckigter Lämmer und 
Ziegen, die ihm zufielen, zu sorgen wusste (1. Buch Mosis, Kapitel 39, 
Vers 33 und folgende). 

In der Punaluafamilie gestaltete sich die Geschlechtsverbindung also, 
dass eine oder mehrere Reihen Schwestern einer Familie mit einer oder 
mehreren Reihen Brüder einer anderen Familie sich ehelichten. Die 
leiblichen Schwestern oder Kusinen ersten, zweiten und weiteren Grades 
waren also die gemeinsamen Frauen ihrer gemeinsamen Manner, die nicht 
ihre Brüder sein durften. Die leiblichen Brüder oder Vettern verschiedenen 
Grades waren die gemeinsamen Männer ihrer gemeinsamen Frauen, die 
nicht ihre Schwestern sein durften. Indem so die Inzucht aufhörte, trug 
die neue Familienform unzweifelhaft zur rascheren und kräftigeren Ent- 
wicklung der Stämme bei und verschaffte denjenigen Stämmen, die dieser 
Form der Familienverbindung sich zugewandt hatten einen Vorteil über 
diejenigen, die noch die alte Form der Beziehungen beibehalten hatten. 

Das aus der zuletzt geschilderten Familienverbindung, der Punalua- 
familie, sich ergebende Verwandtschaftsverhältnis war nun folgendes: 
Die Kinder der Schwestern meiner Mutter sind ihre Kinder und die Kinder 
der Brüder meines Vaters sind seine Kinder und alle zusammen sind meine 
Geschwister. Dagegen sind die Kinder der Brüder meiner Mutter ihre 
Neffen und Nichten und die Kinder der Schwestern meines Vaters 
seine Neffen und Nichten, und sie alle zusammen sind meine Vettern 
und Kusinen. Weiter: Die Männer der Schwestern meiner Mutter sind noch 
ihre Männer und die Frauen der Brüder meines Vaters sind noch seine 
Frauen, aber die Schwestern meines Vaters und die Brüder meiner Mutter 
sind von der Familiengemeinschaft ausgeschlossen und sind die Kinder 
derselben meine Vettern und Kusinen 1 ). 

Mit steigender Kultur entwickelt sich die Ächtung des Geschlechts- 
verkehrs zwischen allen Geschwistern und dehnt sich allmählich auf die 
entferntesten Kollateralverwandten mütterlicherseits aus. Es entsteht eine 
neue Blutsverwandtschaftsgruppe, die Gens, die sich in ihrer ersten Form 
aus einer Reihe von leiblichen und entfernteren Schwestern, zusamt ihren 
Kindern und ihren leiblichen oder entfernteren Brüdern von mütterlicher 
Seite bildet. Die Gens hat eine Stammutter, von welcher die weiblichen 
Nachkommen generationsweise abstammen. Die Männer dieser 
Schwestern können aber nicht mehr die Brüder ihrer Frauen sein, sie 
gehören danach auch nicht in die gleiche Verwandtschaftsgruppe oder 



i) Fr. Engels, Der Ursprung der Familie etc. 



326 Referate und Kritiken. 

Gens wie ihre Frauen, sondern sie gehören derjenigen ihrer Schwestern 
an. Dagegen gehören die Kinder dieser Männer in die Familiengruppe ihrer 
Mütter, weil nach der Mutter sich die Abstammung richtet. Die Mutter ist 
das Haupt der Familie und so entsteht das „Mutterrecht"^ das für die 
Familien- und Erbschaftsbeziehungen die Grundlage bildet." 



Referate und Kritiken. 



A. Adler, Das organische Substrat der Psychoneurosen. 
(Zeitschr. f. d. ges. Neurologie u. Psych. Bd. XIII, Heft 3/4.) 

Verf. sieht in der Neurose den „Versuch, ein hochgespanntes Per- 
sönlichkeitsideal zu erreichen, während der Glaube an die eigene Be- 
deutung durch ein tiefsitzendes Minderwertigkeitsgefühl erschüttert ist". 
Das Gefühl der Minderwertigkeit soll resultieren aus körperlich vermittelten 
Empfindungen der Schwäche, des Leidens, der körperlichen und psychi- 
schen Unsicherheit, die wiederum die Folge der Minderwertigkeit der aus 
einem minderwertigen Keimplasma hervorgegangenen Organe sind. Es 
wird verstärkt einerseits durch Realien, unter denen die konstitutionellen. 
Erkrankungen des Kindesalters eine dominierende Stellung einnehmen, 
andererseits durch subjektive Tatsachen, die die Position des Kindes im 
Rahmen der Familie, seine Eindrücke und Wertungen von Schwierigkeiten 
der Welt, der Zukunft betreffen. Um das im Drange der Welt von mannig- 
fachen Unfällen bedrohte Persönlichkeitsideal zu schützen, sollen „die 
sonderbarsten Attitüden, Umwege, die stärksten Sicherungen, Sonderbar- 
keiten, Krankheitsbeweise, neurotische und psychotische Erscheinungen 
sowie planmässige Aggressionshemmungen" erforderlich werden; letztere, 
um gefährlichen Entscheidungen und vermuteten Niederlagen auszuweichen. 
Die im wesentlichen bereits aus früheren Publikationen des Verf. 
bekannten Ausführungen bilden einen interessanten und wertvollen Bei- 
trag zum Verständnis des nervösen Charakters. Seine Auffassung vom 
Wesen der Neurose wird man nichtsdestoweniger als zu einseitig be- 
zeichnen müssen und sich mit der geringen Einschätzung des sexuellen 
Faktors bei der Genese der Neurose auch dann nicht einverstanden er- 
klären, wenn man nicht zu den unbedingten Anhängern der Freud'schen 
Lehre gehört. Eine Frau, die wie die Patientin, von der Verf. berichtet, 
die symbolische Verwandlung in einen Mann durchsetzen will und in der 
absoluten Mannähnlichkeit ihr Persönlichkeitsideal sieht, ist unter allen 
Umständen mit den Augen des Sexualpathologen zu betrachten. Denn an 
dem Aufbau dieses Ideals sind ja Sexualregungen in hervorragendem 
Masse beteiligt, die allerdings weniger der weiblichen als der männlichen 
Komponente der bisexuellen Anlage entsprechen. Wenn die Patientin ohne 
Bedauern zusieht, wie ihr Mann die eheliche Treue bricht, so ist das 
keine „Entwertung der Sexualität", sondern ein Moment, das geeignet ist, 
den Verdacht einer überwiegend homosexuellen Triebrichtung zu ver- 
stärken. Die Auffassung der Angst lediglich als Arrangement, um dem 
Ehemann weitere Verpflichtungen aufzuerlegen, wirkt wenig überzeugend, 
wie überhaupt der betreffende Fall eher geeignet erscheint, die Freud'- 



Referate and Kritiken. 327 

sehe Lehre zu stützen, als gemäss der Absicht des Verf. „den methodo- 
logischen Irrtum der Freu d 'sehen Schule*' darzutun. 

Besonders beachtenswert erscheint mir bei dem mitgeteilten Falle, 
dass die gegen normalen sexuellen Verkehr frigide Patientin während der 
Schwangerschaft an Angst erkrankt, die allem Anscheine nach als Folge 
der Verdrängung der homosexuellen Triebrichtung anzusehen ist. Die 
geliebte Schwester „kündigt ihr den Gehorsam", „nicht ohne Zusammen- 
hang mit der besprochenen Schwangerschaft". Eine schwangere Frau konnte 
nämlich der Schwester, die damals offenbar der unterworfene, in die Rolle 
des Weibes verwiesene Teil in dem Verhältnis der beiden Schwestern war, 
in dieser Rolle nicht länger als Sexualobjekt dienen. Erscheint es nun 
an sich verständlich, dass die aus ihrer männlichen Rolle verdrängte 
Patientin an Angst erkrankt, so bleibt doch die Frage offen, warum sie 
anstatt sich in die Neurose zu flüchten, die nichts anderes als den Ver- 
zicht auf ihre Männlichkeit bedeutet, nicht den langjährigen Kampf mit 
der Schwester um die männliche Rolle weiterführt; denn die Tatsache, 
dass sie in dem Eintritt der Schwangerschaft eine Entwürdigung ihrer 
Männlichkeit sah und sich darum zu dem Verzicht entschloss, reicht für 
die Erklärung nicht völlig aus. Wahrscheinlich ist, dass infolge körper- 
licher Vorgänge im Organismus, wie sie durch die Schwangerschaft her- 
vorgerufen werden (innere Sekretion!), der Anstoss zur Weiterentwicklung 
der Persönlichkeit von der Männlichkeit, die ja nur ein Durchgangsstadium 
darstellt, in dem die Sexualentwicklung vorzeitig Halt gemacht hatte, 
zur Weiblichkeit gegeben wurde. Hierfür spricht auch die Änderung des 
Verhaltens der Patientin ihrem Gatten gegenüber, der „nicht mehr gewärtig 
sein durfte, wie früher sexuelle Freiheit zu gemessen". So ist es auch 
verständlich, warum sie einige Wochen nach der Geburt des Kindes von 
neuem an Angst erkrankt; nachdem die körperlichen Einflüsse der 
Schwangerschaft aufgehört hatten zu wirken, ohne die Umwandlung zum 
Weibe gebracht zu haben, konnten die männlichen Sexualregungen nicht 
länger in der Verdrängung zurückgehalten werden. Diese Auffassung von 
dem organischen Substrat der Neurose ist im wesentlichen identisch mit 
der des Verf., weicht nur insofern von ihr ab, als sie weniger Wert auf 
die Minderwertigkeit der Organe in ihrer Gesamtheit als auf die Funktions- 
untüchtigkeit gewisser Drüsen mit innerer Sekretion legt, die wohl die 
wesentlichste Ursache für die Entstehung derjenigen Formen des Infanti- 
lismus ist, die sich in einem vorzeitigen Stillstand der Sexualentwicklung 
zu erkennen geben. Aber auch in den Fällen, in denen ein ursächlicher 
Einfluss der Sexualität auf die Neurose nicht nachweisbar ist, kann der 
Minderwertigkeit der Organe nur symptomatische Bedeutung beigemessen 
werden, da die von ihr ausgehenden Minderwertigkeitsgefühle nur da 
pathogen werden können, wo die Grundlage jeder neurotischen Erkrankung, 
die aus der Organschwäche des Gehirns resultierende Psych- 
asthenie, oder besser gesagt, wo psychischer Infantilismus vorhanden ist. 

Dr. Bruno Saaler. 

Dr. Julius Wallner, Religiöser Wahnsinn oder Betrug? 
H. Gross' Archiv, Bd. 47. 

Ein 19 jähriges, im Kloster zu schwärmerischer Frömmigkeit er- 
zogenes, mittelloses Mädchen wird von einem 49 jährigen, geschiedenen 
Viehhändler als Hausgenossin zu seinen zwei erwachsenen Töchtern auf- 



328 



Referate und Kritiken. 



genommen. Eine sexuelle Annäherung des Mannes im Anfang ihres Auf- 
enthaltes wehrt sie ab, indem sie niederkniet, sich die Brust entblösst 
und ausruft: „Lieber ein Messer, als mir die Unschuld rauben lassen". 
Sie bekehrt mit ihrer Frömmigkeit den Viehhändler, wird von ihm zu 
spiritistischen Versuchen verwendet und entwickelt sich bald zu einem 
guten Medium, schreibt Geisterbriefe, bekommt Anfälle, in denen sie wild 
um sich schlägt, und grosse Unordnungen anrichtet, weil sie mit dem 
„bösen Feind" kämpfen müsse. Der Viehhändler sass bei diesen Anfällen 
häufig an ihrem Bett, hielt sie und küsste sie, weil dadurch der böse 
Geist entweichte! 

Durch dieses Gebahren und durch Christusvisionen mit ganz offen- 
sichtlich sexuellem Inhalt gewinnt sie unbeschränkte Macht über den 
Viehhändler, der sie für etwas „Übernatürliches" hält und ihr beträcht- 
liche Geldsummen zuwendet, um ihr den Eintritt in ein Kloster zu er- 
möglichen. 

Auf einer Reise vor dem projektierten Eintritt ins Kloster benimmt 
sie sich sehr lebenslustig; „ihr Charakterbild schwankt in allen Ab- 
stufungen von der Heiligen bis zur Dirne". 

Die geschiedene Gattin des Viehhändlers, die mit diesem aber auf 
freundschaftlichem Fusse steht, erhebt Strafanklage, in der sie das Mäd- 
chen als Schwindlerin denunziert. 

Das Mädchen wurde freigesprochen, weil ihr nicht nachgewiesen 
werden konnte, dass sie sich den Mann zum Zwecke der Ausbeutung 
unterwürfig gemacht habe. Der Viehhändler, ein bis dahin sehr ange- 
sehener Mann, der seine Geschäfte gut geführt und sich ein hübsches Ver- 
mögen erworben hatte, wurde als geistesschwach entmündigt. 

Marg. Stegmann. 

Dr. med. Otto Hinricliscn, Sexualität und Dichtung. Ein 
weiterer Beitrag zur Psychologie des Dichters. (Grenzfragen des Nerven- 
und Seelenlebens, Heft 85.) Bergmann, Wiesbaden 1912. IV u. 81 Seiten. 
Seiner allgemeineren Arbeit „Zur Psychologie und Psychopathologie 
des Dichters (Grenzfragen Heft 80) lässt Hinrichsen hier eine spezielle 
Studie über die Bedeutung der aus dem geschlechtlichen Triebleben des 
Dichters für seine Produktion stammenden Impulse folgen. Der Autor 
scheidet in der Betrachtung das Psychisch-Sexuelle scharf vom körperlich 
Geschlechtlichen, und für den Dichter als Phantasiemenschen scheint ihm 
das Überwiegen des ersteren über das letztere charakteristisch. Die Unter- 
suchung der Psychosexualität einer Beihe untereinander sehr verschiedener 
Dichterindividualitäten (vor allem Goethe's, Grillparzer's und Holtei's) führt 
ihn zu dem Ergebnis, dass die hervorstechendste Art ihrer Erotik sich als 
„Phantasieliebe" kennzeichnen lasse, d. h. als eine Liebe, die sich nach 
zwei Richtungen hin von der Realität entferne. Sie ziele gar nicht eigentlich 
auf den Besitz des Liebesobjektes, sondern sie schrecke vor diesem Be- 
sitz manchmal geradezu zurück, sie liebe oft gerade dort, wo der höchste 
Liebesgenuss ausgeschlossen sei, oder sie erkalte sofort, wenn sie ihn 
erlangt habe. Und dann sei das Gefühl lebhafter, äussere sich stürmischer 
in Abwesenheit der Geliebten als in ihrer Gegenwart. Diese Stellung zur 
Realität bringt Hi nrichs e n damit in Zusammenhang, dass dem Dichter 
eben sein Dichten höchstes Lebensinteresse sei und er in einem gewissen 
Sinn sein Leben und auch sein Lieben in den Dienst der Dichtung stelle. 



Referate und Kritiken. 329 

Dies führt ihn auf das, was er für das wesentlichste Merkmal der dich- 
terischen Psyche hält: auf eine gewisse Spaltung der Persönlichkeit, so 
dass der Dichter bei allem seinen Erleben sich selbst als ,, innerer Zu- 
schauer gegenüberstehe. Und die Bedeutung des Dichters hänge nicht 
so sehr von der Art seines inneren Erlebens, von seiner Sensibilität, 
ab als von der Kraft, dieses Erlebte zu gestalten, von seiner Intellek- 
tua lität. Dies legt er an dem Beispiel eines wenig erfolgreichen Dichters, 
des Österreichers Nissel, ausführlich dar. Und so könne man auch dem 
Dichter weder eine besondere Art, noch ein besonders gesteigertes Mass' 
von Sexualität zusprechen. 

Hinrichsen's Arbeit ist eine gedankenvolle, fesselnde Schrift. 
Es ist eine Freude zu sehen, mit welch zurückhaltender Klugheit or die 
Äusserungen der Dichter interpretiert, und man hat immer das Gefühl, 
vor einem Manne zu stehen, der sich m die Eigenart der von ihm ge- 
schilderten Persönlichkeiten wirklich versenkt hat, der über sie mehr 
weiss und gedacht hat, als er uns in dem jeweiligen Zusammenhange 
gerade sagt. Dabei diskutiert er im Verlauf seiner Abhandlung eine ganze 
Reihe allgemeiner Probleme (so die psychische Bedeutung der Masturbation, 
die Bisexualität, die angebliche „sexuelle Not" unserer Zeit) und erweist 
sich dabei immer als kluger und unabhängiger Kopf. Doch macht die Arbeit 
mehr den Eindruck des Aphoristischen als des innerlich Abgeschlossenen, 
der Autor weiss oft durch eine hingeworfene Bemerkung eine Menge 
Fragen in uns aufzuwerfen und eilt dann weiter, ohne uns eine Antwort 
gegeben zu haben; und wenn man das Buch aus der Hand legt, hat man 
viele Anregungen erhalten und manchen Aufschluss empfangen, aber man 
hat doch das Gefühl, als ob der Verfasser bei der Verwertung seiner zahl- 
reichen treffsicheren Beobachtungen nicht bis ans Ende gegangen sei. 
Es scheint uns das auf zwei Gründe zurückzugehen. 

Zunächst erscheint es uns unbedenklich, an die Erörterung einer 
Spezialfrage, wie der nach den Beziehungen zwischen Sexualität und 
Dichtung, zu gehen, ehe man zu dem allgemeineren Problem, also dem 
der psychischen Bedeutung der Sexualität überhaupt, einen festen Stand- 
punkt gewonnen und dargelegt hat. Nicht nur, dass es dann an der 
Möglichkeit fehlt, das für den speziellen Fall Charakteristische von dem 
Allgemeingültigen zu unterscheiden, man ist dann auch gezwungen, mit 
Begriffen zu arbeiten, denen die nötige wissenschaftliche Klärung und 
Bestimmtheit fehlt. So ruft gleich die Unterscheidung von körperlich 
Geschlechtlichem und Psychosexuellen. mit der Hinrichsen einsetzt, 
eine Reihe von Problemen wach. Denn mit diesem körperlich Geschlecht- 
lichen steht doch zweifellos eine Reihe psychischer Erscheinungen in un- 
mittelbarem Zusammenhang, die der Autor zweifellos auch von dem von 
ihm als „Erotisch (Psycho-sexuell)" charakterisierten trennen will. Da 
erhebt sich aber dann sofort die Frage, ob der Gegensatz zwischen diesen 
beiden Erscheinungsreihen als ein primär in der Sexualität liegender auf- 
gefasst werden soll oder ob er sich nicht vielleicht aus der Wirkung 
eines nichtsexuellen Faktors heraus erklärt. Wäre das zweite 
der Fall, so ergäbe sich sofort die Unmöglichkeit, die Erotik eines Menschen 
getrennt von seinem übrigen Verhalten verstehen zu wollen, und die 
ganze Fragestellung müsste geändert werden. 

Eine weitere Folge des Mangels einer solchen prinzipiellen Vor- 
untersuchung ist, dass der Verfasser sich zu verschiedenen Malen genötigt 

JSentralMatt für Psychoanalyse. HIV. 22 



330 Referate und Kritiken. 

sieht, sie stückweise nachzutragen und so die Erörterung seines! eigentlichen 
Themas zu unterbrechen. Insbesondere seine sehr sachliche und in vielen 
Punkten zutreffende Auseinandersetzung mit Freud (vor allem über die 
Sublimierung sagt er Beachtenswertes) hätte in einer allgemeinen Unter- 
suchung über die Sexualität eine viel bessere Stelle gefunden. Denn hier, 
in der allgemeinen Einschätzung der Sexualität, wurzelt ja sein Gegensatz 
zu Freud. Wenn er in der speziellen Frage der Sexualität des Dichters 
gegen ihn polemisiert, erreichen seine Argumente nicht immer ihr Ziel. 
Es trifft Freud nicht, wenn er darauf hinweist, mit demselben Recht wie 
die Dichtung Goethe's könne man auch die Taten Napoleon's auf Sexualität 
zurückführen; denn diese Konsequenz, die Hinrichsen karikaturistisch 
erscheint, wird jeder Freudianer unbedenklich ziehen. Wenn sich Hin- 
richsen so um den Nachweis bemüht, dass die Sexualität nicht das 
Spezifikum des Dichters sei, so wird ihm Freud ohne weiteres zu- 
stimmen; ist sie doch für ihn das Allgemeinmenschliche xaz 1 e£o#?v. 
Und gerade der konsequente Freudianer wird sagen müssen, nicht durch 
seine Sexualität unterscheide sich der Dichter von den anderen, sondern 
durch das, was er mit seiner Sexualität anfange. Allerdings zeigt gerade 
dies, dass der Freudianer, sobald er vor konkrete Probleme gestellt wird, 
mit einem Jdg nov aztö über die . Sexualität hinausgehen muss. 

Der zweite schwache Punkt der Arbeit, mit dem ersten in innerem 
Zusammenhang, scheint mir die von Hinrichsen gewählte Methode 
zu sein. Nach dem Vorgange Dilthey's will er die „deskriptive Methode 
ohne jede Einmischung erklärender Hypothesen" anwenden. Zu einer 
Auseinandersetzung mit Dilthey ist hier nicht der Ort; nur mit Bezug 
auf die vorliegende Studie möchte ich kurz darauf hinweisen, dass die 
Deskriptionsmethode Probleme der Persönlichkeitspsychologie vielleicht auf- 
zeigen, unmöglich aber lösen kann. Die Deskription kann mir nur einzelne 
psychische Fakten liefern, die alle auf derselben Ebene nebeneinander 
liegen; sie kann mir nicht anzeigen, was daran wesentlich und was 
sekundär, was Ausdruck des Kerns der Persönlichkeit und was trügerischer 
Schein ist. Wenn uns z. B. Hinrichsen die Äusserung Grillparzer's 
mitteilt: „Ich glaube bemerkt zu haben, dass ich in der Geliebten nur 
das Bild liebe, das sich meine Phantasie von- ihr gemacht hat", so 
hat er uns gewiss auf einen sehr charakteristischen Zug hingewiesen. 
Aber verstanden habe ich diesen Zug erst, wenn ich mir klar ge- 
macht habe, was an ihm das Entscheidende ist: die Tendenz zur Ideali- 
sierung, die von Momenten objektiver Erkenntnis unterbrochen wird, oder 
etwa eine hinter der scheinbaren Objektivität verborgene Tendenz zur 
Entwertung, der das vorausgehende Idealisieren nur als Vorbereitungsakt 
dient. So kommt es, dass Hinrichsen, der so ausserordentlich feine 
Beobachtungen über das Verhalten der Dichter zur Frau zu machen ver- 
steht, diese Beobachtungen nicht ihrer ganzen Tragweite nach verwertet. 
Natürlich verzichtet er nicht auf Deuten und Aufbauen, aber es ist eben 
ein ungeheurer Unterschied, ob sich diese Arbeit als bewusste Anwendung 
einer sicher gehandhaibten Methode vollzieht oder ob sie gewissermassen 
hinter der Methode vor sich geht. 

Dass wir dem Verfasser die Kraft zutrauen, uns noch mehr zu 
bringen, heisst aber nicht, dass wir das unterschätzen, was er uns in 
dieser schönen Schrift schon gegeben hat. Mit um so grösserer Spannung 
sehen wir seinen nächsten Arbeiten entgegen. Denn man darf zuversichtlich 



Referate und Kritiken. 331 

hoffen, dass er das schöne und fruchtbare Arbeitsgebiet, das er hier in 
Angriff genommen hat, weiter bebauen und noch manche reiche Ernte 
heimführen wird. Dr. C ar 1 F u r t m ü 1 1 e r. 

A. Brill, AnalEroticism and Character. (Journal of Abnormal 
Psychology, Boston, August/September 19i2.) 

Verf. berichtet über Beobachtungen in drei Fällen, die geeignet sind, 
die Freu d'sche Auffassung von den Beziehungen zwischen AnalErotismus 
und Charakter zu bestätigen. Alle drei Patienten zeigten besonderes Inter- 
esse für die Defäkation während der Kindheit. Später gehörten sie zu 
den Leuten, die die Stuhlentleerung durch Lesen auf dem Kloset zu ver- 
längern trachten. Mit dem Auftreten der Neurose, die ein Misslingen des 
Verdrängungsprozesses ausdrückt, kamen die analerotischen Triebe wieder 
an die Oberfläche und zwar in Form von Symptomen, die sich als Negativ 
der Perversion erwiesen. Der erste Patient, dessen Charakter die anal- 
erotische Trias: „ordentlich, sparsam, eigensinnig" sehr prägnant erkennen 
Hess, hatte Zwangsgedanken, die alle Ereignisse des täglichen Lebens mit 
der Stuhlentleerung und allem was damit zusammenhängt, in Verbindung 
brachten, der zweite litt neben Zwangsideen an der Zwangshandlung, 
seine Fäzes an der Wand oder an seinem Körper zu verreiben, der dritte, 
bei dem die Grausamkeitskomponente in früher Jugend besonders stark 
entwickelt war, konnte seit Beginn der Neurose den Stuhl nur entleeren, 
nachdem er das Bild eines Mädchens mittels einer Stecknadel in der Herz- 
gegend durchstochen hatte. Es handelt sich in dem letzten Falle also 
um ein Wiederaufleben eines der Partialtriebe gleichzeitig mit der erogenen 
Zone. Dr. Bruno Saaler. 

M. Hirschfeld und E. Borchard, Zwei Gutachten über Be- 
ziehungen homosexueller Frauen. (H. Gross" Archiv, 
Bd. 50.) 

In dem ersten der beiden interessanten Gutachten wird die Persön- 
lichkeit einer „viril gearteten, bis zur Brutalität energischen" Urninde 
gezeichnet, „die auch in der Liebe rücksichtslos und berechnend mit der 
Erfüllung ihrer sexuellen Wünsche materielle Vorteile zu verknüpfen 
weiss" und die Freundin sich in jeder Hinsicht Untertan macht. Das 
zweite schildert eine in ihrem Wesen und Liebesempfinden überwiegend 
feminine Homosexuelle, die in der virilen Geliebten Stütze und Halt sucht. 
Während die Verf. in dem ersten Falle offenbar keinen Zweifel an der 
ausschliesslich homosexuellen Triebrichtung haben, sprechen sie sich im 
zweiten Gutachten dahin aus, dass „zum mindesten eine überwiegend 
homosexuelle Komponente der geschlechtlichen Individualität" nachweis- 
bar ist. In der Tat ist ein grösserer Unterschied zwischen den beiden 
Frauen kaum denkbar. . Während die eine das Urbild primitiver Männlich- 
keit darstellt, spricht aus den Liebesergüssen der anderen so viel schönes 
und echtes weibliches Empfinden, dass man wohl im Zweifel sein kann, 
ob hier nicht ein Irregehen bei der Objektwahl vorliegt, wie sie die 
ersten Regungen nach der Pubertät häufig mit sich bringen (Freud). 
Leider haben die Verf., die ihr Gutachten nur auf Briefe, die die betreffende 
Dame an die Geliebte geschrieben hat, basieren, es verabsäumt, über ihr 
Alter und ihre Entwicklung Angaben zu machen. 

Dr. Bruno Saaler. 
22* 



332 Referate und Kritiken. 

M. Hirschfeld und E. Burchard, Zur Kasuistik des Verklei- 
dung s t r i e b s. (Ärztliche Sachverständigen-Zeitung 1912, Nr. 23 u. 24.) 

Die Verf. haben drei Begutachtungen von Fällen von Trans vestitismus 
zusammengestellt, in denen das Bedürfnis, sich in der Kleidung des anderen 
Geschlechts zu bewegen, ein so ununterdrückbares und stürmisch Be- 
friedigung verlangendes war, dass, im Falle ihm nicht Rechnung getragen 
wurde, die Gefahr schwerer Depression, eventuell des Suicids bestand. 
Als Sexualobjekt dieser nicht homosexuellen Transvestiten kommt, wie 
dargelegt wird, nur das eigene „Ich" in Betracht, woraus sich Beziehungen 
zu dem von R o h 1 e d e r beschriebenen Automonosexualismus und dem 
Autoerotismus der Freu d'schen Schule ergeben. Während bei dem jungen 
Transvestiten des ersten Gutachtens irgendwelche auf Personen gerichtete 
Sexual regungen überhaupt nicht hervortreten, begegnet man in dem zweiten 
Falle Ansätzen heterosexuellen Liebesempfindens, das , .durch autoerotische 
und fetischistische Momente mit dem entschieden dominierenden Ver- 
kleidungstrieb verknüpft" ist; im dritten sind die anfangs vorhandenen 
heterosexuellen Regungen immer mehr in den Hintergrund gerückt. Alle 
drei Fälle erwiesen sich frei von anderweitigen bemerkenswerten patho- 
logischen Zügen. Dr. Bruno Saaler. 

M. Hirschfeld und E. Burchard, In Dr. Stiers Artikel „Ober die 
Ätiologie des konträren Sexualgefühls". (Monatsschr. f. 
Psychiatrie u. Neurologie 1912, Heft 6.) 

Die Verf. bekämpfen die Auffassung Stier's, der „die Findung eines 
allgemeinen und speziellen Sexualobjekts als Ergebnis einer vom höheren 
geistigen Leben zu leistenden Aufgabe" und nicht in der Eigenart des 
Individuums begründet ansieht, während er „die Stärke des primären 
Triebs und die gesamte geistige Konstitution als durch erbliche Einflüsse 
festgelegt" auffasst. Im Gegensatz dazu betonen die Verf., dass die Homo- 
sexualität eine ,,in der Anlage begründete und harmonisch mit der Gesamt- 
konstitution verknüpfte Variante der Triebrichtung" darstellt, eine Auf- 
fassung, die, wie dargelegt wird, mit den phylogenetischen Verhältnissen 
in vollem Einklang steht. Äxissere Einflüsse, die infolge einer Verwechslung 
von Ursache und Wirkung meist überschätzt würden, sollen nur da fort- 
wirkende Erinnerungsbilder hervorrufen, wo der psychische Boden ihnen 
adäquat ist. Spätes Hervortreten der homosexuellen Neigungen spreche 
nicht gegen ihren endogenen Charakter. Im Kindesalter könne ausge- 
sprochene Homosexualität kaum je festgestellt werden, als vorübergehende 
Erscheinung finde sie sich aber ausnahmslos in irgend einer Epoche der 
Entwicklungsjahre. Die Verf. berufen sich dabei nicht allein auf das 
durch die Psychoanalysen der Freud'schen Schule gelieferte Material, 
sondern auch auf ihre eigenen Erfahrungen. Was die geheilten Fälle 
von Homosexualität betrifft, so glauben die Verf., däss es sich bei diesen 
entweder um vorübergehende suggestive Beeinflussung gehandelt hat oder 
dass gar keine echte Homosexualität, sondern eine Zwangsneurose homo- 
sexuellen Inhalts vorlag. 

Die Verfasser glauben die von der ihrigen abweichende Auffassung 
der Psychiater daher ableiten su müssen, dass diese infolge der Eigenart 
ihres Materials zu einer Überschätzung des pathologischen Moments bei 
der Beurteilung des Phänomens gelangen. ■ Dem ist entgegenzuhalten, dass 



Referate und Kritiken. 333 

die Ansicht S t i e r's vom Wesen der Homosexualität wohl kaum von 
der überwiegenden Mehrheit der Psychiater geteilt wird; andererseits ist 
aber nicht zu verkennen, dass auch die Verf. durch ihr Material, das 
vorwiegend aus geistig Gesunden besteht, einseitig informiert werden. 
Nur so ist es verständlich, dass sie die dem Psychiater geläufige Tat- 
sache, dass manche psychisch abnorme Menschen (meist Manisch-Depressive) 
zu gewissen Zeiten ihres Lebens vorübergehend homosexuell empfinden, 
offenbar nicht kennen. Gerade diese Fälle sind aber von hervorragender 
Wichtigkeit, weil sie mit grosser Klarheit die bisexuelle Veranlagung des 
Menschen erkennen lassen, der die Verf. vielleicht doch nicht genügend 
Rechnung tragen. Es ist auch darauf hinzuweisen, dass eine Zwangsneurose 
homosexuellen Inhalts auf eine übermässig entwickelte homosexuelle Kom- 
ponente des Geschlechtstriebs schliessen lässt. 

Dr. Bruno Saaler. 

Behrensaat, Diesexuelle Herzneurose. (Deutsche med. Wochen- 
schrift. Nr. 3. 1913.) 

Die Drachensaat von Herz geht auf. In der Arbeit von Behren- 
saat wird die sexuelle Ätiologie der Herzneurosen zugegeben. Von Autoren 
sind nur erwähnt: Hoffmann, Treupel.. Krehl, Binswanger, 
Kraus, Goldscheider, Dubois, Romberg usw. Freud, der 
Entdecker, existiert nicht und mein Buch „Die Angstzustände", das die 
erste klinische Beschreibung der „Herzneurosen" gebracht hat, steht offen- 
bar auch auf dem Index. Und das nennt man vorurteilslose Wissen- 
schaft! St ekel. 

Karl Jaspers, „Kausale" und „verständliche" Zusammen- 
hänge zwischen Schicksal und Psychose bei der De- 
mentia praecox (Schizophrenie). (Zeitschr. f. Neur. und Physiol. 
IV. Band. 2. Heft. 1913.) 

Eine gross angelegte, sich auf genaue Beobachtungen stützende Arbeit, 
welche im wesentlichen die Funde Beuler's über die Reaktivität der 
Schizophrenie bestätigen. Bei schweren, organisch anmutenden Katatonien 
konnte der Autor die Beziehungen von Schicksal und Psychose nicht er- 
kennen. Sie zeigen nur eine momentane Reaktivität. St ekel. 

Dr. W. Lichnitzky, Die Psychotherapie und die Psycho- 
analyse. (Odessa- Moskau 1913.) 

Das Buch von Dr. Lichnitzky hat einen informativen Charakter. 
Lichnitzky bespricht in seinem Buche nur drei Arten von Psycho- 
therapie: 1. Die „rationelle Therapie" von Dubois, 2. die Arbeits- 
therapie, als deren wichtigster Vertreter Ottomar Rosenbach er- 
scheint, und 3. die „Psychoanalyse" von Freud. Lichnitzky nimmt 
keine kritische Stellung zu den erwähnten Methoden, sondern erörtert 
sie rein sachlich und räumt den grössten Platz der „Psychoanalyse" ein. 
Er beschränkt sich auf die Wiedergabe der Neurosenbehandlung. Um, wie 
Lichnitzky sagt, die ohnehin komplizierten Fragen nicht noch mehr 
zu komplizieren, beschäftigt er sich nur mit Freud und lässt seine 
Anhänger, sowie seine Gegner beiseite. Nach der sehr objektiven Be- 
sprechung kommt Lichnitzky zu dem Schlüsse, dass trotz der vielen 



334 



Referate and Kritiken. 



theoretischen Widersprüche man die praktischen Resultate der Psycho- 
therapie nicht übersehen kann. Auch ist die Mannigfaltigkeit der psycho- 
therapeutischen Behandlungsweise nur eine scheinbare. Die Aufgabe jedes 
Psychotherapeuten ist, aus dem Patienten, der zum Leben ungeeignet, 
das innere Gleichgewicht verloren hat, einen stabileren, kräftigen Men- 
schen zu machen, der eine richtige Beurteilung seiner selbst und der 
äusseren Welt hat. Die Psychotherapeuten verschiedener Schulen aner- 
kennen die entscheidende Bedeutung der psychischen Faktoren in der 
Entwicklung der Neurosen. Den Umstand aber, dass der Mechanismus der 
Entwicklung dieser Krankheiten von ihnen verschieden erklärt wird, ver- 
steht man, wenn wir uns erinnern, wie unvollständig unsere Kenntnisse 
der grundlegenden psychischen Prozesse sind. 

Gegenwärtig bleibt die Psychotherapie noch in hohem Masse eine 
Kunst, die durch Intuition einzelner Persönlichkeiten ent- 
standen ist. Nach und nach aber verwandelt sich die Psychotherapie in 
eine streng begründete wissenschaftliche Methode, und es ist zu wünschen, 
dass diese Methode möglichst bald das Eigentum der breiten ärztlichen 

Kreise wird. 

Lichnitzky's Buch ist gut und leicht verständlich geschrieben 
und wegen seiner objektiven Darstellung zu begrüssen, wenn es auch 
einigermassen befremdend wirkt, dass der Autor sich für keine Methode 
entscheidet, auch keiner den Vorzug gibt, was in der Praxis bei indi- 
vidualisierender Behandlung oft nicht zu umgehen ist. R. A. E. 

Dr. Bruno Saaler, Eine Hysterie-Analyse und ihre Lehren. 
(Allg. Zeitschr. f. Psych, u. psych.-gerichtl. Med. Band 69.) 

Eine 20 jährige Frau von ausgesprochen kindlichem Habitus er- 
krankte unmittelbar im Anschluss an die Hochzeitsnacht an einer Neurose, 
deren wesentlichste Symptome waren: Schmerzen in der linken Unter- 
bauchgegend, Blasenlähmung, spastische Obstipation, starker nervöser 
Husten, Trockenheit des Mundes und des Rachens, Essunlust, Erbrechen, 
Verlust des Gefühlssinns und der Schmerzempfindung, Unfähigkeit zu 
gehen und zu stehen, Ohnmachtsanwandlungen, Krämpfe und endlich Angst- 
anfälle, in denen die Kranke ihren früheren Bräutigam, der ihr einmal 
brieflich gedroht hatte, sie und ihren Mann zu erschiessen, vor sich sah, 
wie er sie mit einer Pistole bedrohte. Während der Angstanfälle war der 
Mund krampfhaft geöffnet, die Zunge lutschte gierig an den Lippen. Die 
Annahme des Verf., dass der Angstanfall das Symbol eines geschlecht- 
lichen Verkehrs durch den Mund darstelle, bestätigte sich, indem sich 
herausstellte, dass die Patientin mit ihrem früheren Bräutigam 2 Jahre 
lang munderotisch verkehrt hatte, in der Hochzeitsnacht versuchte die 
Perversion zugunsten normaler sexueller Betätigung aufzugeben, von dieser 
aber nicht befriedigt wurde, weil sie, wie bald offenbar wurde, gegen 
normalen Verkehr überhaupt frigide war. Die Neurose erwies sich als 
der Ausweg, den das Unbewusste aus dem Konflikt der um die Herrschaft 
ringenden perversen und normalen sexuellen Triebe suchte und fand. 
Die Aufklärung über das Wesen der Neurose brachte zunächst alle Sym- 
ptome zum Schwinden: die Patientin war im Geiste wieder mit fliegenden 
Fahnen zur Munderotik zurückgekehrt. Damit war der psychosexuelle 
Konflikt natürlich nicht erledigt, und es erfolgte auch zunächst wieder 
von neuem die Verdrängung der perversen Wünsche. Die Analyse, die 



Referate und Kritiken.. 33g 

unter Verzicht auf die eigentliche psychoanalytische Technik dem Gang 
der Neurose folgend sich nur von den klinischen Erscheinungen leiten 
liess, machte offenbar, dass die munderotischen Neigungen der Patientin 
nur einen Teil der sexuellen Lust ausmachte, die in ihrem Leben bis- 
her eine Rolle gespielt hatte. Sie schöpfte sie vielmehr ausserdem aus 
einer Reizung der Analzone durch Eingiessungen, der Klitoris durch 
Masturbation, der gesamten Körperoberfläche durch Hautreize (heisse 
Bäder etc.) und aus einem ausgiebigen Gebrauch der Muskulatur des Be- 
wegungsapparates (Umhertollen); dazu kamen als psychische Komponenten 
die Freude am Anschauen der sexuellen Lust des Partners und an seiner 
Unterwerfung, Triebe, die identisch sind mit denen, die von Freud 
als Schau- und Grausamkeitstriebe bezeichnet wurden. Das Gesamtbild 
entsprach also völlig dem, das Freud von der infantilen Sexualität 
entworfen hat, während die Neurose sich recht deutlich als ihr Negativ 
zu erkennen gab: Husten, Übelkeit, Erbrechen (Negativ der Munderotik), 
Spasmen im Darm und After (Negativ der Analerotik), Unempfindlichkeit 
der Haut, Lähmung der der Bewegung dienenden Körpermuskulatur und 
Angst. Die Schmerzen auf der linken Seite des Leibes wurden auf eine 
neuralgische Erkrankung der Fliess'schen nasalen Genitalstellen bezogen, 
eine Auffassung, die durch den eklatanten Erfolg der F 1 i e s s'schen Therapie 
(Verätzung der nasalen Genitalstellen mit Trichloressigsäure) bestätigt 
wurde. In der periodischen Steigerung dieser Schmerzen, die stets mit 
dem Auftreten anderer Symptome Hand in Hand ging, wurde das Negativ 
der Klitoriserregung erblickt, und zwar mit Hinblick darauf, dass die 
Ursache der Affektion an den nasalen Genitalstellen, wie Fliess betont, 
in der Klitorismasturbation zu suchen ist. Die vorübergehend aufgetretene 
Blasenlähmung erwies sich als der spastischen Obstipation homolog und 
liess damit erkennen, dass auch die Urinentleerung zu den Quellen der 
infantilen Sexualität zu rechnen ist. 

Der psychosexuelle Konflikt war nicht allein die Folge des durch 
die Eingehung einer Ehe bedingten Wunsches, normaJ geschlechtlich zu 
verkehren, sondern wurzelte in der mächtig erwachenden normalen Trieb- 
richtung. Der erste Verdrängungsschub der Pubertät, mittels dessen die 
infantile durch die weibliche Sexualität ersetzt werden soll, war Jahre 
vorher bereits misslungen, teils infolge von Onanie, teils infolge eines 
sexuellen Traumas, das geeignet war, hemmend auf die Sexualentwicklung 
einzuwirken. Die Wirksamkeit einer normalen, weiblichen, masochisti- 
schen Triebrichtung neben der infantilen sadistischen wurde durch die 
Analyse, worauf im Referat nicht näher eingegangen werden kann, auf- 
gedeckt; auch einige der hysterischen Anfälle und Erregungszustände charak- 
terisierten sich recht deutlich als das Symbol eines normalen, weiblich 
empfundenen Geschlechtsverkehrs. Das Wesen der Frigidität der Patientin 
wurd« daher in einem Missverhältnis der psychischen und somatischen 
Komponenten des Geschlechtstriebs erblickt. Infolge der jahrelang be- 
triebenen Klitorismasturbation war der körperliche Umwandlungsprozess 
die Abgabe der Erregung von der Klitoris auf die Scheidenschleimhaut! 
misslungen, so dass der normalen Libido der normale Weg zur Be- 
friedigung versagt war und auf die Lustquellen der infantilen Sexualität 
zurückgegriffen werden musste. Beseitigung der Frigidität konnte daher 
nur von einer Monate langen völligen Abstinenz von jeder geschlecht- 
lichen Betätigung erwartet werden. Hierfür war aber die Kranke infolge 



336 



Referate und Kritiken. 



ihrer psychischen Minderwertigkeit nicht zu hahen. So kam es, dass der 
Verdrängungsschub, der die infantile Männlichkeit beiseite schaffen sollte, 
wiederum misslang. Die Neurose, das Negativ der Perversion, verschwand, 
aber die Perversion, die infantile Sexualität, erlangte wieder die alte 

Machtstellung. . 

Der Kampf der beiden feindlichen Sexualitäten, der sich klarer 
noch als aus der Neurose aus den Träumen der Kranken zu erkennen 
gab, wurde gewissermassen auf die Körperoberfläche projiziert. Es zeigte 
sich nämlich, dass jedesmal mit der Verdrängung der infantilen Sexualität 
zuerst auf der linken, mit der Verdrängung der weiblichen zuerst auf der 
rechten Körperhälfte die Schmerzempfindung erlosch. Als sich beide 
Sexualitäten in der Verdrängung befanden, kam das bei absoluter psychi- 
schsr Indifferenz körperlich zum Ausdruck durch eine normal empfind- 
liche Linie, die den Körper sagittal in zwei Hälften zerlegte, während die 
gesamte übrige Körperoberfläche gegen Nadelstiche unempfindlich war. 
Verf. schloss aus diesen Beobachtungen, dass die weibliche Sexualität 
nicht aus der infantilen hervorgeht, vielmehr glaubte er annehmen zu 
müssen, dass beim Weibe ein mit vorwiegend männlichen Sexualeigen- 
schaften ausgestattetes, die infantile Sexualität verkörperndes Sexual- 
zentrum auf der rechten und eines mit vorwiegend weiblichen auf der 
linken Hirnhemisphäre angelegt ist. Das linke gelangte hiernach normaler- 
weise erst in der Pubertät zur vollen Entwicklung, löste das rechte gewisser- 
massen ab, dessen Eigenschaften dann für die Sublimierung frei würden. 
Dieses selbe Zentrum müsste beim Manne natürlich, da die infantile die 
Vorstufe zur männlichen Sexualität darstellt, das persistierende sein und 
auf der linken Hemisphäre liegen. Aus Analogieschlüssen würde man 
genötigt sein, bei ihm auf der rechten Seite ein der weiblichen Sexualität 
entsprechendes Zentrum anzunehmen, dessen Übergewicht über das linke 
Homosexualität zur Folge haben würde. Die Triebrichtung des Individuums 
erschiene demnach abhängig von dem Übergewicht der einen oder der 
anderen Hirnhälfte sowie von dem Grade der Sublimierung, welche die 
der Sexualität des anderen Geschlechts angehörenden Triebe erfahren 
haben. 

Der Verf. glaubt den Nachweis erbracht zu haben, dass die psychi- 
schen Vorgänge, aus denen die Neurose resultiert, wiederum in körper- 
lichen Prozessen wurzeln, bei denen wahrscheinlich die innere Sekretion 
eine hervorragende Rolle spielt. Er zeigte sich nämlich, dass sowohl die 
Tage, an denen ein Krankheitsschub ablief, was regelmässig durch die 
Wiederaufnahme der munderotischen Wünsche geschah und körperlich 
durch die Wiederkehr der Hautempfindlichkeit zum Ausdruck kam, als 
auch die Tage, an denen eine sexuelle Erregung im Sinne der weiblichen 
Sexualität, sei es im Positiv, sei es im Negativ beobachtet wurde, die 
Fliess'sche Periodizität der 23 und 28 Tage in sehr typischer Weise er- 
kennen Hessen. (A u t o r e f e r a t.) 

Rassegna di studi psichiatrici, Diretta da A. D'Oriuea, Siena. 
Vol. II. Fase. 4, 5. 

Diese Zeitschrift verbindet in ungemein glücklicher Weise spezielle 
Forschung mit Weite der Ansichten und Ausblicke. Praktisch wird die 
Aufgabe dadurch gelöst, dass jede Nummer neben zwei, höchstens drei 



Referate und Kritiken. 337 

Originalarbeiten sehr übersichtliche und reichhaltige Referate über die 
wichtigsten Publikationen der psychiatrisch - neurologischen Forschung 
bringt, worin sie ihre Hauptaufgabe zu erblicken scheint. Sie wird dadurch 
nicht nur zu einem wichtigen und dankbaren Ratgeber für jeden psychia- 
trisch tätigen Forscher, sondern sie findet Gelegenheit, durch die Grup- 
pierung und Behandlung des Materials, eigentlich ihre eigene Anschauungs- 
weise durchzusetzen, die in jedem Sinne fortschrittlich und fruchtbar ge- 
nannt zu werden verdient. Aus den zitierten Referaten heben wir her- 
vor: Rudolf Fleisch mann, „Beiträge zur Lehre der konträren Sexual- 
empfindung" (Zeitschr. für die gesamte Neurologie und Psychiatrie, VII.), 
wo der Autor zu dem Schlüsse gelangt, dass die Homosexualität keine 
wesentlichen Unterschiede im Vergleich zu anderen sexuellen Perversionen 
trage und in keinem Individuum als angeboren zu betrachten sei. — 
Karl Birnbaum, „Zur Frage der psychogenen Krankheitsformen" 
(ibidem), der in klarer Weise die Beziehungen zwischen neurotischer Dis- 
position und auslösendem Trauma erörtert, um den wichtigsten Faktor 
bei allen psychogenen Erkrankungen in der Prädisposition festzustellen, 
und diese Schlussfolgerungen bis auf die Psychosen ausdehnt, die er als 
psychogene Krankheitsformen auffasst. De Fortuni e und Hannerd 
beschreiben in der Revue de Psychiatrie eine Psychose, die sich 
ihrer Meinung nach hauptsächlich aus Tendenzen des Ehrgeizes, Zweifels, 
des Misstrauens und der Wiedervergeltung entwickelte, — also aus jenen 
charakterologischen Elementen, welche der „männliche Protest" vor allem 
betont. Ducoste (ibidem) sieht in einem speziellen Falle Beziehungen 
zwischen Zwangserektionen und Epilepsie; der Autor sieht in der Erektion 
mit nachfolgender Masturbation ein Äquivalent des Anfalls, — wir möchten 
diese Ansicht dahin einschränken, dass die Masturbation vielleicht in 
derselben Situation eintritt, in der sich auch ein Anfall einstellen könnte, 
also dasselbe ausdrückt. Padovani zeigt in seinen Referaten, 
besonders in der Besprechung von Toulouse und Mignard eine tief- 
gehende und erschöpfende Auffassung der psychischen Erkrankungen, die 
ihn zum Schlüsse führt, dass die Klassifikation der Krankheitsbilder von 
Tag zu Tag zweifelhafter wird und dass erst eine komplexe, einheitliche 
Einsicht ihrer Vorbedingungen zu einem Verständnis ihres Wesens führen 
kann. Rogucs de Fursae (ibidem) entwickelt die Mythomanie aus 
dem Ehrgeiz und der Geltungssucht und fasst sie als einen Künstgriff 
auf, um gefährlichen Situationen zu entgehen, — eine Ansicht, der wir 

vollinhaltlich beistimmen 1 ). 

Die wenigen Beispiele mögen genügen, das Programm der Zeitschrift 
zu illustrieren. Wenn die ganze italienische Psychiatrie sich auf _ diesem 
selten hohen Niveau erhalten könnte und imstande wäre, mit derselben 
Objektivität und Intensität die ausländische Forschung zu beurteilen und 
sich zu assimilieren, könnte Italien das „Land der Sehnsucht" jedes 
ernsten Forschers werden. Wir wissen aber leider, dass wir es hier nur 
mit einem erfreulichen Einzelfall zu tun haben. Otto Kaus. 



i) Siehe dieses Zentralblatt 1913, Januar-Februar-Heft „Neurotische Lebenalinie 
im Einzelphänomen" von Otto Kaus. — Im „ Jahrbuch für Pädagogik" Öster- 
reichischer Verlag, angekündigt für April 1913). „Lügenhaftigkeit bei Kindern", von 
demselben Autor. 



338 Referate und Kritiken. 

„Psiche", Rivista di studi psicologici. Direttori: Prof. Enrico 
M o r s e 1 1 i (Genova), Prof. SanctedeSanctis (Roma), Prof. Guido 
Villa (Pavia). Redattore-Capo : Dott. Roberto A s s»a g i o 1 i (Firenze). 
— Anno I. Nr. 1—4. 

Die bisher erschienenen Hefte dieser neuen Zeitschrift geben einen 
sehr guten Überblick über den Stand der psychologischen Forschung 
Italiens. Was uns am vorteilhaftesten für die Unternehmung zu sein 
scheint, ist die weite Perspektive, die sie sich gestellt hat, und die voll- 
kommene Objektivität, für welche die Namen der Redaktionsleiter Ge- 
währ leisten. Mit der „Psiche" wird eigentlich zum ersten Male in Italien 
der Versuch unternommen, sich mit streng psychologischen Problemen 
an eine breitere Öffentlichkeit zu wenden. Infolge der Hochflut des Posi- 
tivismus und Materialismus, dem der italienische Geist vielleicht wegen 
des nationalen Hanges einerseits zum Grob-Sinnlichen und Oberflächlichen, 
andererseits zur unmittelbaren Synthese und Einheitlichkeit länger und 
intensiver huldigte als es bei anderen Nationen (mit Ausnahme Frank- 
reichs) der Fall war, waren die Pfleger aller geistigeren Wissenszweige 
durch lange Zeit gezwungen, sich in den Schmollwinkel zurückzuziehen. 
Infolgedessen erweckt diese Zeitschrift in uns ein doppeltes Interesse: 
das für ihre Leistungen und das für. ihren Erfolg, der zugleich ein Mass- 
stab für die Aufnahmsfähigkeit des Publikums jenseits der Alpen für die 
feinsten, man möchte fast sagen: wichtigsten wissenschaftlichen Fragen 
unserer Zeit sein wird. Denn wir würden uns nicht wundern, wenn sich 
unser Jahrhundert zum „Jahrhundert der Psychologie" entwickeln würde, 
und es wäre bedauerlich, wenn Italien, das Land der passionierten, leiden- 
schaftlichen Arbeiter, den Anschluss versäumte. 

Nach der durch die „Psiche" vorgelegten Probe ist das allerdings 
nicht zu befürchten. Die meisten Probleme psychologischer Forschung 
finden wir durch eminente, berufene Forscher erörtert, wenn auch nicht 
immer völlig umschrieben (wir nennen Enrico Morselli: „Anmer- 
kungen über die Assoziationsmethode in ihrer Anwendung auf die Psycho- 
analyse", eine etwas vorsichtig gehaltene Schrift, die sich energischer 
Schlussfolgerungen enthält, aber viele Seiten des Problems gründlich be- 
handelt; Roberto Assagioli: „Die Psychologie des Unbewussten" ; 
Guido Ferrando: „Die Psychologie des Mysticismus"). Assa- 
gioli sucht und findet mit vielem Geschick und Takt Verbindungs- 
fäden und Beziehungen zu den wichtigsten Forschern des Auslandes und 
scheint am meisten von der medizinischen Psychologie zu erhoffen. In 
diese Richtung weist auch Agostino Gemelli mit seinem Artikel 
„Psychologie und Pathologie" *•), Nur scheint uns, im Gegensatz zu den 
übrigen Ausführungen, welche alle von der klar ausgesprochenen und 
oft wiederholten Tendenz nach Synthese und intensiver Erfassung des 
Ganzen (Villa sieht darin geradezu das Wesen der Psychologie) getragen 
werden, die Pflege gerade dieses Gebietes am mangelhaften Verständnis 
für den wirklichen Umfang der Frage zu leiden. Entweder bleiben die 
Autoren an der Peripherie (wie Morselli) oder gestatten sich (Assa- 
gioli) eine Differenzierung, Zwei- und Dreiteilung der Motive, die nach 



*) Mit freundlicher Erlaubnis des Autors und des Herausgebers sind wir in 
der Lage, in einer der nächsten Nummern der .Monatshefte für Pädagogik* (österr. 
Verlag. 1913) eine Obersetzung der trefflichen Arbeit zu bringen. 



Referate and Kritiken. 339 

unserer Ansicht unstatthaft und das Zeichen einer tastenden, unsicheren 
Haltung ist (was übrigens die Autoren selbst zugeben). Assagioli z. B. 
bespricht die Psychoanalyse Freu d's, zu welcher er seinem persön- 
lichen Standpunkt nach zu inklinieren scheint, um zum Schlüsse zu ge- 
langen: die sexuelle Ätiologie treffe sicher in vielen Fällen zu, in manchen 
anderen könne er damit nicht auskommen. Damit verurteilt er die Me- 
thode viel schärfer, als es in seiner Absicht lag; denn die Annahme einer 
eventuell und zufallsweise richtigen Hypothese ist wissenschaftlich un- 
haltbar und die Verwicklungen, die sich daraus ergeben können, ersehen 
wir aus den Arbeiten der Freud schule selbst, die sich oft nicht anders 
zu helfen weiss, als durch Elimination der Fragen und Belastung der 
Physiologie mit Aufgaben, die eben dem Psychologen zustehen sollten 
(Ausscheidung der Neurasthenie aus der Reihe der psychogenen Erkran- 
kungen, Eintagsneurasthenie Ferenczi's, Aktualneurose Freu d's). Diese 
Zurückhaltung mag vielleicht dadurch motiviert sein, dass der italienische 
Geist aus denselben Gründen, der ihn dem exzessiven Materialismus zutrieb, 
sich bei einem Problem, das schon tief und kontinuierlich in die Realität 
des Lebens und der Therapie eingreift, um so mehr Reserven auferlegt, 
als er eigentlich noch die Hälfte des Weges zurückzulegen hat: während 
er sich jetzt vom rein Formalen immer mehr entfernt, beabsichtigt eine 
medizinische Psychologie schon die Verbindung von realen Forderungen 
mit der psychologischen Forschung. Jedenfalls liegt die Entwicklung 
nicht in der pedantischen Behandlung äusserlicher Momente, wie sie 
Morselli betreibt (weshalb auch die Assoziationsmethode als solche 
unzulänglich ist: sie bringt nur Resultate nach Annahme einer primär 
determinierenden Ursache, — also erst nach Aufdeckung der tiefer Hegenden 
Motive und wird dadurch überflüssig), noch im Vertrauen auf den ratio- 
nalistischen Ausbau und die logische Korrektur der Systeme, die sich 
schon jetzt als lückenhaft und widerspruchsvoll erweisen (Morton 
Prince, Freud). Auch hier kann nur jene Intuition und Beach- 
tung der Einheit des psychischen Erlebens vorwärts bringen, 
welche „Psiche" in ihren übrigen Beiträgen empfiehlt und worin wir 
ihren fruchtbarsten Faktor erblicken. Wenn ausserdem Ferrando speziell 
für das Verständnis des Mysticismus eine Forderung aufstellt, die wir 
für alle psychologischen Probleme verallgemeinern möchten, 
nämlich die nach Beachtung ihrer zielbewussten Entwicklung, 
so sprechen wir die Hoffnung aus, dass es diesem Kreise von Psychologen 
gelingen wird, die Verbindung zu den Arbeiten Alfred Adler's und 
seiner Schule zu finden, in welchen sie ihre eigenen wichtigsten Tendenzen 
schon in vollster Tätigkeit und Arbeit finden wird. Otto Kaus. 

Hamburger, Über den Mechanismus psychogener Erkran- 
kungen bei Kindern. (Wien. klin. Wochenschr. Nr. 45. 1912.) 

Der Autor betont, dass die Kenntnis psychischer Mechanismen im 
Kindesalter für den Praktiker von der grössten Bedeutung ist. Er greift 
auf die wichtigen Untersuchungen von P a w 1 o w zurück. Die Kennt- 
nis der „halbwillkürlichen Reflexe" gibt ihm den Schlüssel zu den funktio- 
nellen Erkrankungen. Jeder psychischen Erkrankung liege etwas Tatsäch- 
liches zugrunde. (Wie unrichtig 1 Wie oft sind Phantasien der Ausgangspunkt 
schwerer neurotischer Störungen!) Der Somnabulismus und der Pavor noc- 
turmus beruhen auf einem Traume. Die Wiederholung der Anfälle rühre 



340 Referate und Kritiken. 

von stereotypen Träumen her Wie schade, dass der Autor die 

Probleme nur an einem winzigen Zipfelchen erfasst und all die Funde 
der Psychoanalyse über das Kinderleben und die Kinderträume als ein 
„Noli me tangerei" betrachtet. Derartige Arbeiten sind von symptomati- 
scher Bedeutung. Sie zeigen uns, dass auch die hohe und höchste Wissen- 
schaft allmählich zur Überzeugung kommt, dass auch das Kind eine Psyche 
hat und dass von dieser Psyche aus körperliche Störungen hervorgerufen 
werden. Schon diese Erkenntnis ist gegenüber dem bisherigen Stand- 
punkte ein nicht zu unterschätzender Fortschritt. Stekel. 

Franz Mllgdan, Periodizität und periodische Geistes- 
störungen. Sammlung zwangloser Abhandlungen aus dem Gebiete 
der Nerven- xind Geisteskrankheiten. Bd. IX. H. 4. Halle, Marhold. 
18 Seiten. 0,75 Mk. 

Der Verf. schreibt den von Fliess und Swoboda. aufgestellten 
Begriff der Periodizität der Mathematik und Naturwissenschaft zu. Jede 
verlangt eine andere Fassung des Periodizitätsbegriffes zu ihrem Zwecke. 
Sofern er für die Neuro- und Psychopathologie in Betracht kommen soll, 
lautet seine Definition: „Einem Systeme von Ereignissen kommt die Eigen- 
schaft der Periodizität zu, wenn in" zeitlich gesel zulässigen Intervallen 
logisch verwandte Ereignisse eintreten, aus Gründen, die lediglich in der 
Organisation des Betroffenen liegen, ohne dass dafür ein äusserer Anlass 
oder doch ein entsprechender äusserer Anlass vorläge." Periodisch in 
diesem Sinne sind nach Mugdan 1. bestimmte Zustände der Zyklothymie, 
2. des manisch-depressiven Irreseins und 3. eines „periodischen Schwan- 
kens der Hirnfunktion". Für den Psychoanalytiker kommt dieser Begriff 
nur insofern in Betracht, als die Frage aufgestellt werden könnte, ob eine 
periodische Abfuhr der Libidobesetzung angenommen werden soll; ob 
die Konsequenz gezogen weiden darf, dass beim Fehlen eines solchen Ab- 
flussweges eine Libidostauung und damit der pathologische Zustand die 
Neurose zutage tritt. Dr. Fritz K o 1 i s c h. 

Aage von Kohl, Der Weg durch die Nacht. Bütten u. Lönig, 
Frankfurt a. M. 

Es gibt verschiedene Arten, wie die Dichter die Erkenntnisse der 
Psychoanalyse verwerten. Der eine unterstreicht die unbewussten Be- 
ziehungen und überträgt sie förmlich ins Bewusstsein. Der andere lässt 
den unbewussten Prozess vor unseren Augen auch als unbewussten ver- 
laufen. Aage von Kohl, dessen Werk aus dem Dänischen von 
Mathilde Mann übersetzt wurde, wählt den letzteren Weg. Er ist ein 
echter Dichter, der tiefer sieht als die gewöhnlichen Sterblichen. Das 
Problem der Novelle ist bald erzählt. Ein Mann, dessen Frau vor zwei 
Jahren grausam ermordet wurde, erhält eine Vorladung vors Gericht. 
Er soll im Spitale mit dem Lustmörder seiner Frau konfrontiert werden. 
Mit jener unvergleichlichen Meisterschaft, welche die nordischen Schrift- 
steller bei Seelenanalysen bekunden, wird nun dieser Tag des Dichters — 
als solcher ist der Mann der Ermordeten geschildert — vorgeführt. Wie 
aus der Tiefe seines Unbewussten die Erkenntnis aufsteigt, dass er selbst 
der Mörder hätte sein können, das ist meisterhaft dargestellt. Ich kann 
allen Kollegen die Lektüre des Werkes wärmstens empfehlen. Dieser 



Referate und Kritiken. 341 

Weg durch die Nacht führt zu den lichten Höhen der Erkenntnis, die 
jenseits von Gut und Böse liegen St ekel. 

Dr. Paul Häberlin, Kinderphantasien. Der schweizerische Kinder- 
garten. Zweiter Jahrgang. Nr. 8. Basel, 15. August 1912. 

Spontan fragt eines Tages ein' vierjähriges Töchterchen seine über 
alles geliebte Mama: „Mama, wie lange geht's eigentlich noch, bis du 
stirbst?" Auf die. Frage, was es damit meine, antwortet es prompt: 
„Hm, dann ist nur noch ein Rock (Kleid)." „Den bekommt die Stiefmama." 
Der Verf. sucht „die der kindlichen Frage vorangehenden inneren Vor- 
gänge" zu rekonstruieren. Das Kind möchte gern das Aschenbrödel sein, 
das der Prinz zu Ehren brachte, das vom Bäumchen schöne „Röckli" 
bekam. „Aschenbrödel" kann man nur sein, wenn die rechte Mutter tot 
ist und die Stiefmutter alle schönen Kleider der eigenen Mama hat. Der 
Wunscherfüllung wegen wünscht das Kind entschieden den Tod der Mutter, 
was Häberlin dem Kinde nicht zumuten will. Den Vorgang, der sich 
nach Häberlin „begrifflich kaum ausdrücken" lässt,' „weil es sich 
wesentlich um Gefühle mit halbbewussten Vorstellungen handelt", deutet 
der Psychoanalytiker als einen Wachtraum mit einer Wunscherfüllung 
und spricht von unbewussten Vorstellungen. 

Ein zweites Erlebnis, das Häberlin vorbringt, besagt: „In der 
Nachbarschaft hat die kleine Freundin ein Brüderchen bekommen, unser 
Kind hat das „Buschi" gesehen und hat sich mütterlich zu schaffen ge- 
macht. Natürlich fragt es, ob es auch einmal ein Brüderchen bekäme, 
und die Eltern leugnen nicht die Möglichkeit." Von nun ab beschäftigt 
dieses Erlebnis aufs intensivste die Phantasie des Kindes.- „Mama, ich 
weiss ein Geschichtli, es ist aber ein wüstes", sagt einmal die Vierjährige. 
Aufgefordert zu erzählen, führt sie aus: „Es war einmal ein Paulinchen, 
das trug ein Buschi. Da gab es ein grosses Feuer und das ganze Haus 
verbrannte und das Buschi auch." Nach einer Pause: „Und das Paulinchen 
auch." Häberlin konstatiert die Identifikation des Kindes mit dem 
„Paulinchen" des Struwelpeter — die Wunscherfüllung: nach Verbrennung 
Buschi die Einzige zu bleiben — die „Zensur", wenn Paulinchen mit dem 
Buschi mitverbrennt — als unbewusster Selbstvorwurf wegen der Todes- 
wünschung des zukünftigen Brüderleins die Charakterisierung" des Ge- 
schichtli als „wüst". Ein eklatanter Beweis für die Bedeutung der Sexual- 
sphäre im frühesten Kindesalter ist die folgende Episode: „An seinem 
vierten Geburtstag bekommt das Kind ein Geldgeschenk von seinen Gross- 
eltern." Der Vater fragt, was es einmal, gross geworden, für das Geld 
kaufen werde. Das Kind: „Weisst du Papa, da hab ich gewiss schon ein 
Brüderchen oder ein Schwesterchen; dann will ich ihm von dem Geld 
Kleider kaufen." Dr. Fritz Kolisch. 

Dr. phil. et med. Arthur Wreschner, DieSprachedesKindes. 
Zürich, Verlag: Art. Institut Orell Füssli 1 ). 

Die Schrift schildert die Entwicklung der Sprache beim Kinde, nach 
ihrer lautlichen Beschaffenheit, ihrem Inhalte, ihrer psychologischen und 



l) Rathausvortrag vom 28. Nov. 1911. Neben eigenen Beobachtungen sind 
vor allem die von Clara und William Stern und von E. Meumann berück- 
sichtigt. 



342 Referate und Kritiken. 

ihrer logischen Natur. Einige <ler wesentlichsten Erkenntnisse seien im 
folgenden verzeichnet. Bezüglich der logischen Natur der Sprache geht 
die Entwicklung vom Worte als Bezeichnung von Individualvorstellungen 
zum Worte als Symbol und führt so zu einer fortschreitenden „Intellek- 
tualisierung" der Sprache: „So sah ein Kind einmal eine Ente im Wasser 
und lernte dabei den Ausdruck „kuak"; in der Folgezeit bezeichnete es 
mit diesem Worte Enten, Vögel, Insekten etc. Was also das Kind an -der im. 
Wasser schwimmenden Ente beachtete, war die Bewegung." „Später er- 
fährt die Wortbedeutung eine Umwandlung. Das einzelne Wort rückt in 
seiner Bedeutung immer mehr aus der Sphäre des subjektiven Gefühls- 
und Willenslebens in die der objektiven Wirklichkeit." 

Beim Hervortreten der einzelnen Wortklassen, macht sich gewöhn- 
lich folgende Sukzession geltend: Zuerst besteht der Wortschatz fast nur 
aus Substantiva, einige Monate später treten auch Verba auf, am Schlüsse 
des zweiten Lebensjahres gesellen sich auch die anderen Wortklassen, 
hinzu. Die Verba werden zunächst nur zur Bezeichnung der Gegenwart 
gebraucht, von den Adjektiven werden zuerst nur solche benützt, welche 
einen eigenen Zustand ausdrücken. — Das Kind liebt die Gegensätze, 
,,da sie seine ablehnende oder zustimmende Stellungnahme «ausdrücken. 
Wie wenig objektiv sie jedoch noch gemeint sind, zeigt die fälschliche 
Gegensetzung von etwa gut und sauer Ja selbst die entgegen- 
gesetzten Vorstellungen werden oft durch ein und dasselbe Wort aus- 
gedrückt (sogenannter „Gegensinn"), offenbar zum grossen Teil, weil sie 
den gleichen Gefühlston haben. So wird z. B. „aiss" auch für das gleich 
unangenehme kalt gebraucht." 

Das erste „nein" tritt gewöhnlich um die Mitte des zweiten Jahres 
auf und zwar in der Bedeutung einer Affektäusserung, indem es die ab- 
lehnende Stellungnahme im Sinne von „ich will nicht" etc. zum Ausdruck 
bringt. Das dem Zwange so häufig ausgesetzte Kind hat viel mehr Anlass, 
seine Ablehnung als seine Zustimmung zum Ausdruck zu bringen. — 
Erst spät, gewöhnlich etwa im fünften Jahre tritt die Frage nach dem 
„Warum" imd „Wozu" auf und zwar zunächst als Frage nach dem 
Grunde für einen Befehl ; aber auch der reine Wissensdrang führt zu- 
weilen schon im vierten Jahre zu Fragen, z. B. „Warum können Häuser 
nicht laufen?" 

Die Faktoren, welche bei der Entstehung der Sprache in Betracht 
kommen, sind hauptsächlich Milieueinflüsse und innere Bedingungen. Für 
diese letzteren sind in der individuellen Entwicklung Übereinstim- 
mungen mit der generellen Entwicklung zu finden. In dieser Begrenzung 
gilt das biogenetische Grundgesetz auch für die Sprache. „Gewisse Eigen- 
tümlichkeiten der allgemeinen Sprachgeschichte sind bei der kindlichen 
Sprache deutlicher und gesicherter, da sie hier direkt .... zu beobachten 
sind; daher der unschätzbare Gewinn, den das Studium der Kindersprache 
nicht nur dem Psychologen, sondern auch dem Sprachforscher bringt," 
Es ergeben sich aber auch wegen des ersteren Faktors Unterschiede gegen- 
über der Entwicklung der allgemeinen Menschheitssprache. „So entbehrt 
/.. B. der gewaltige Einfluss der Erwachsenen, die Nachahmung mit ihrer 
Bevorzugung der sichtbaren Laute, die Zahnung mit ihrer Begründung 
des späten Auftretens der Zahnlaute, jeder Parallele." Dieser zuletzt 
angeführte Satz scheint mir besonders wichtig, er stellt mutatis mutandis 



Referate und Kritiken. 

die Fixierung der natürlichen Grenzen dar für alle Untersuchungen, die 
das biogenetische Grundgesetz in der Psychologie zur Anwendung bringen. 
Die Schrift ist besonders wegen der systematischen Anreihung der 
Beobachtungsresultate und des wohldurchdachten Aufbaus des Inhalts zu 
loben. Gaston Rosenstein. 

Dr. phil. et med. Arthur Wreschner, Vergleichende Psycho- 
logie der Geschlechter. Zürich, Druck und Verlag: Art. Institut 
Orell Füssli, 9. 

Die Entwicklung der Psychologie tendiert immer mehr dahin, neben 
der „durchschnittlichen" Psyche auch ihre Varietäten und Differenzierungen, 
wie sie das wirkliche seelische Leben ausmachen, zu ergründen. Solcher 
Differenzierungen und Bereicherungen der Durchschnittsseele gibt es mannig- 
faltige, wie z. B. ihre kindliche Eigenart und Unentwickeltheit oder ihre 
krankhafte Entartung. Von besonderer Bedeutung ist der Unterschied 
zwischen der männlichen und weiblichen Psyche. Die vorliegende Schrift 
sucht diesen Unterschied zu charakterisieren, soweit er bisher nament- 
lich durch das psychologische Experiment sich ermitteln Hess. 

Einige dieser Resultate seien referiert. — Frauen sind empfind- 
licher als Männer. So genügt bei Frauen ein geringeres Gewicht, um 
etwa auf dem Ann als Belastung wahrgenommen zu werden, als bei 
Männern; die unempfindlichste Person benötigte bei den Frauen 30, bei 
den Männern mehr als 40 mg. — Bei den niederen Sinnen wie Geschmack, 
Geruch und Hautsinn, die mit dem Gefühl engstens verknüpft sind, liegt 
die grössere Sensibilität auf Seite der Frauen, bei den höheren Sinnen, 
dagegen, die für das Verstandesleben in Betracht kommen, auf Seite der 
Männer. — Bei der möglichst schnellen Beantwortung eines Reizes, z. B. 
eines Gesichtsreizes in Form des Aufleuchtens einer G e i s s 1 e r'schen 
Röhre, durch Aufheben des rechten Zeigefingers, reagierten die Männer 
schneller und gleichmässiger als die Frauen. — Die Frauen machen mehr 
automatische, unwillkürliche Bewegungen als Männer. Ruhte z. B. der 
rechte Arm auf einem von der Decke herabhängenden horizontalen Brette, 
während die Hand mit einem Bleistifte so herabhing, dass der Stift 
ein Blatt Papier eben berührte, und wurden die Versuchspersonen gleich- 
zeitig durch Fragen geistig beschäftigt, dann führten die Frauen öfter 
automatische Bewegungen mit dem Bleistifte aus als die Männer. — 
Auch haben die Frauen öfters Synästhesien. 

Interessant sind einige der Assoziationsexperimente, insbesondere 
die „fortlaufende Assoziation", die darin besteht, dass ein Reizwort Aus- 
gangspunkt zu einem Vorstellungsverlaufe während einer bestimmten Zeit 
wird. Frauen behandelten in derselben Zeit eine grössere Anzahl ver- 
schiedener voneinander unabhängigen Themen als Männer. Frauen sind 
also sprunghafter in ihrem Denken, während die Männer es vorziehen, ihre 
Aufmerksamkeit auf ein Thema oder wenige Themen zu konzentrieren. — 
Bei den Assoziationsexperimenten, in denen nur eine Antwort auf ein 
Reizwort zu erfolgen hat (die von Jung bekanntlich angewendet wurden), 
ergibt sich, dass Männer schneller antworten als Frauen. Die Komplex- 
lehre Jung's, die so wichtige Behelfe zum Verständnis geliefert hat, 
wird zwar vom Autor explicite nicht genannt, doch spricht er an einer 
Stelle „von der Scheu sich zu verraten" als einer Ursache der Modifikation 
des Vorstellungsverlaufes. — Eine konkrete anschauliche Ge- 



344 Referate und Kritiken. 

staltung des Vorstellungsverlaufes trat häufiger bei Frauen als bei Männern 
au f_ — Um das elfte Jahr herum zeigen die Mädchen einen geistigen 
Stillstand; es ist die Zeit der Präpubertät, in der sich der psychische wie 
physische Organismus auf die tiefgreifende Umwandlung, welche die ge- 
schlechtliche Reife mit sich bringt, vorbereitet. „Mit dieser Reife . . . 
setzte nun ein so gewaltiges, geistiges Wachstum ein, dass die Mädchen 
nicht nur die gleichaltrigen, sondern auch die um 3—4 Jahre älteren 
Präparanden und Seminaristen — übertrafen." Doch gilt die Überlegen- 
heit 14 jähriger Mädchen über 19 jährige Knaben, wie überhaupt er- 
wachsener Frauen über erwachsene Männer nicht schlechthin. Die Knaben 
sind mehr sachlich, die Mädchen mehr persönlich interessiert. — Von 
Interesse für die Bedeutung der Religiosität ist eine Betrachtung der Be- 
kehrungen. Bei Männern wurden sie am häufigsten im 17., bei Frauen 
am häufigsten im 13. Jahre beobachtet, also im Zusammenhange mit 
der Pubertät. 

Der Autor ist sich bewusst, dass die bisherigen experimentellen 
Ergebnisse hinsichtlich der psychischen (ieschlechlsunterschiede noch gar 
keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben und dass ihnen auch sonst 
manche Mängel anhaften. Immerhin meint der Autor aus den bisherigen 
experimentellen Untersuchungen ein. gewisses Resume ziehen zu können: 
„Frauen sind im allgemeinen überlegen in bezug auf die Sensibilität, das 
Gedächtnis und das Gefühl; Männer in der Motilität, den spontanen geistigen 
Fähigkeiten, wie z. B. Unterscheiden, Urteilsfähigkeit und in der Aktivität 
oder Willensenergie." Auf die Frage, ob die tatsächlich vorhandenen 
psychischen Unterschiede „ursprünglicher Natur oder erst ein Produkt 
der Kultur, der Vererbung, der Erziehung und des Milieus sind", geht der 
Autor nicht näher ein. Immerhin entscheidet er sich eher für den Unter- 
schied ursprünglicher Natur. „Gibt es doch gewisse Eigentüm- 
lichkeiten des • Geschlechts, denen Kultur und Erziehung eher entgegen- 
wirken als günstig sind. Wieviele Fähigkeiten weiden von Kultur und 
Erziehung in dem einen Geschlechte begünstigt und kommen doch nicht 
in ihm zur gleich hohen Entfaltung wie in dem anderen? Man denke 
nur aii die schon oft betonte Erscheinung, dass Frauen in der Malerei, 
Musik, Hebammenkunst usw. keine sonderlich schöpferischen Leistungen 
aufzuweisen haben, ja selbst Kochkunst und Schneiderei finden ihre besten 
Vertreter noch heute unter den Männern Auch müssen doch Er- 
ziehung und Kultur wieder ihre Ursachen haben. Eine einigermassen 
befriedigende Erklärung muss doch auch sagen, warum das Leben und 
Verhalten der Knaben anders eingerichtet ist als das der Mädchen. Es ist 
nun mehr als wahrscheinlich, dass wenigstens zum Teil die Antwort auf 
diese Frage in einer natürlichen und ursprünglichen seelischen Differenz 
der beiden Geschlechter gesucht werden muss." 

Am Schluss wird die praktische Frage der Koedukation erwogen. 

Gaston Rosenstein. 

Iwan Bloch, Die Prostitution. Band I. (Berlin 1912. Luis Marcus.) 
Dieses Werk erscheint als erster Band des „Handbuches der 
gesamten Sexualwissenschaft in Einzeldarstellunge n**, 
als deren Herausgeber der bekannte Sexualforscher Iwan Bloch zeichnet. 
Das Unternehmen wurde dem Forscher anvertraut, der zuerst den Aus- 
druck „Sexualwissenschaft" gebildet und in die Wissenschaft eingeführt 



Referate und Kritiken. 345 

hat. Wir verdanken Bloch schon eine grosse Reihe von grundlegenden 
anthropologischen Arbeiten über dieses gewaltige Thema. Er verbindet 
wie kaum ein zweiter eine immense Belesenheit, einen klaren Blick- mit 
einer vorurteilslosen Objektivität. Auch in diesem Werke sind die er- 
wähnten Vorzüge zu finden. In der Einleitung betont er seine Priorität 
Freud gegenüber. Er nimmt für sich die Ehre in Anspruch, der Urheber 
der anthropologischen Forschungs weise auf dem Gebiete der Sexualwissen- 
schaft zu sein. Er habe schon vor Freud den Begriff der „sexuellen 
Äquivalente" aufgestellt und die Entartungstheorie widerlegt. Er betrachtet 
die anthropologische Forschung der individuellen psychoanalytischen weit 
überlegen. (Ich halte den Streit für müssig. Beide Forschungsarten müssen 
einander offenbar ergänzen I) 

Das Problem der Prostitution betrachtet der Autor als das Zentral- 
problem der sexuellen Frage, die „Frage aller Fragen" in der Sexualwissen- 
schaft. Er präzisiert seine Ergebnisse in sieben Punkten. 1. Die neue Um- 
grenzung des Begriffes Prostitution. 2. Die Prostitution ist ein Rudiment 
alter sozialer Missstände. 3. Sie ist eine Form der dionysischen Selbstent- 
äusserung. 4. Die ökonomischen Beziehungen der Prostitution sind sekun- 
därer Natur. 5. Die Widerlegung der Notwendigkeit und Unausrottbarkeit 
der Prostitution. 6. Die moderne Prostitution zeigt eine typische Hellem- 
sierung der christlichen Sexualethik. 7. Die noch heute geltende antike 
Sexualethik ist die Moral typischer Sklavenstaaten. 

Diese Thesen werden an Hand eines überwältigenden Materials ver- 
fochten. Der erste Band reicht bis zur Prostitution des Mittelalters. Es 
ist hier unmöglich, eine Andeutung von dem reichen Inhalt zu geben. Das 
Werk von Bloch gehört zu den Büchern, die jeder Forscher, der sich 
mit Sexualwissenschaft und Psychologie, ebenso Soziologie befasst, lesen 
muss Wir können auf den zweiten Band gespannt sein, der uns ein Bild 
der modernen Prostitution bringen wird. Welche unerwartete Einblicke 
in die geheimen Kammern der modernen Kultur erwarten uns! Wir 
danken dem unerschrockenen konsequenten Forscher, dass er unsere Wissen- 
schaft um ein so wertvolles Buch bereichert hat. Wir sind auf die weiteren 
Bände des Handbuches, die unter anderem auch eine Darstellung der 
Homosexualität durch Hirschfeld enthalten werden, gespannt und 
hoffen, dass dieses Unternehmen dazu beitragen wird, die Öffeatlichkeit 
von der Bedeutung der Sexualwissenschaft zu überzeugen. Wie lange 
wird es noch dauern, bis wir die offiziellen Lehrkanzeln für Sexual- 
wissenschaften erhalten! Der heutige Zustand ist unhaltbar. Die meisten 
Ärzte verlassen die Kliniken und wissen keinen Bescheid in der wichtigsten 
Frage, die den Menschen bewegt. Auf diese Weise werden ungeheuerliche 
Irrtümer gerade von den Ärzten verbreitet, die auf sexologischem Gebiete 
Laien sind und sich oft von ihren Kranken belehren lassen müssen. 

Stekel. 

S. Varjas, Zur Kritik der Freud'schen Theorie. [„Huszadik 
Szäzad" („Das zwanzigste Jahrhundert"), Zeitschrift für Soziologie und 
Sozialpolitik, Organ der Soziologischen Gesellschaft. Budapest, XIII 

Jahrg. Bd. 25. Nr. 6.] 

Eine sinnreiche und auch manche interessante Daten enthaltende 
Arbeit eines Philosophen. „Auf welcher Weise entstand", fragt der Verf., 
„in der Seele des Menschen ein vom Bewusstsein zu unterscheidender 

Zentralblatt für Psychoanalyse. HIV. 23 



346 Referate und Kritiken* 

anderer Teil ? Das ist nach F r e u d die Wirkung und Folge der gesellschaft- 
lichen Moral." „Die Theorie von Freud scheint so einfach und 

überzeugend zu sein, dass sie lange Zeit hindurch unverändert blieb. Wie 
ich erfahre, arbeitet er jetzt selber an bedeutsamen Veränderungen und 
wird eben die Grundbegriffe umformen. Eine solche Umgestaltung ist 
auch unvermeidlich und notwendig." Insbesondere sei aus der Anwendung 
der Freud'schen Methode auf die Mythenforschung hervorgegangen, dass 
„wir in den Mythen fast ausschliesslich Zeichen der sexuellen Verdrän- 
gung wahrnehmen können, wo doch in der Zeit ihrer Entstehung von aus- 
gebildeter Gesellschaft und Moral in unserem Sinne nicht die Rede sein 
kann. Diese Mythen behandeln eben sehr häufig die Einschränkung des 
Inzestes, die eines der urältesten moralischen Phänomene genannt werden 
darf. (Ref. macht darauf aufmerksam, dass in der analytischen Literatur 
noch keine Einigung in der Frage herrscht, ob diese Erscheinung teleo- 
logisch oder anderswie aufzufassen sei.) Aus der Theorie von Freud 
geht auch nicht hervor, wie die Verdrängung selbst zustande käme; und 
auch die merkwürdige Erscheinung der Sublimierung ist derweilen noch 
nicht zu verstehen." Diese Schwierigkeiten scheinen eine Umformung: 
der Grundbegriffe zu berechtigen, die sich im wesentlichen folgender- 
massen durchführen lasse. Stellen wir uns, im Gegensatz von Freud, 
vor, dass „die ursprüngliche Spaltung der Seele, die Trennung in 
zwei (hier bewusstem, dort unbewusstem) Teile, die Ursache der Entstehung 
der Moral sei. Wenn wir von dieser Annahme ausgehen, dann wird nicht 
die Seele des einzelnen vom sozialen Medium determiniert, sondern wir 
können umgekehrt aus den Grundgesetzen der Einzelseele die Massen- 
erscheinungen, wie z. B. die Moral, begreifen. Alle anderen Phänomene 
sind nur Folgeerscheinungen." Die ursprüngliche Spaltung der Seele soll 
nun aus folgenden Ursachen hervorgekommen sein. 1. Die Enge des 
Bewusstseins. Im Zentrum des Bewusstseins können immer nur 
sehr wenige Vorstellungen erscheinen. 2. Die Spannung und Er- 
schlaffung des Bewusstseins nach den verschiedenen Graden 
der Merktätigkeit. Der Energiegehalt eines jeden Affektes steigt vom 
Augenblicke seiner Entstehung an nur bis zu einem gewissen Grade, er- 
reicht einen Kulminationspunkt ihrer Intensität und steigt dann ab, bis 
sein Energiegehalt gleich Null wird und der Affekt selbst aus dem Be- 
wusstsein verschwindet. Das ist eine ökonomische Einrichtung der Seele,, 
die zur Verhütung von Unlust (Ermüdung) dient. Nun hat aber eine Gruppe 
von Affekten die Eigenschaft, sehr stark zu sein und dabei von dem Kulmi- 
nationspunkt ihrer Intensität nicht absteigen zu können. Das sind die 
sexuellen Gefühle der Kindheit. Die ganze Erotik des Kindes. 
besteht demnach aus frus tränen Erregungen. Zur Verhütung der 
aus demselben stammenden Unlust werden nun diese Gefühle und Erleb- 
nisse (in der eintretenden Latenzperiode) verdrängt, vergessen. Die 
sexuelle Verdrängung ist somit nur ein Fall, gewiss der wichtigste Fall, 
von Verdrängungen, die auf der ursprünglichen Dissoziation der Seele 
beruhen. Natürlich können äussere Eindrücke (Umgebung, Erziehung, 
Traumen) vieles dazu beitragen, um diese Neigung der Seele zu fixieren 
und zu stärken. 

Nun wendet der Verf.- seine Theorie auf das konkrete Beispiel der 
Inzestvermeidung an. „Wenn wir bedenken, dass die Inzestwünsche zu 
den gewaltigsten frustranen Erregungen der Kindheit gehören, können 



Referate und Kritiken. 347 

wir sofort ihre rasche Verdrängung verstehen." Die innere Zensur ist 
also das Ergebnis der Unlustverhütung, die soziale Zensur, die Moral 
beruht dagegen eben auf diesem Vorhandensein einer Zensur in der Psyche 
des einzelnen. „Die Zensur ist das Ergebnis der ökonomi- 
schen Einrichtung der Seele." 

Wir haben den Gedankengang des Verfassers mit Aufmerksamkeit ver- 
folgt und womöglich treu wiedergegeben. Es fragt sich nun, welchen 
Standpunkt wir ihm gegenüberstellen sollen. Zuerst machen wir darauf 
aufmerksam, dass der Verf. die Prinzipien der Psychoanalyse nicht genau 
wiedergibt, wenn er die Entstehung des Unbewussten als ausschliessliche 
Wirkung der Moral darstellen lässt. Gewiss bedienen wir uns in praxi 
dieser Erklärung der neurotischen Verdrängung. Doch äussert sich Freud 
in den „Drei Abhandlungen" in nicht misszuverstehender Weise über 
die Entstehung der Verdrängung. „Man gewinnt beim Kulturkind den 
Eindruck, dass der Aufbau dieser Dämme ein Werk der Erziehung ist, 
und sicherlich tut die Erziehung viel dazu. In Wirklichkeit ist diese Ent- 
wicklung eine organisch bedingte und kann sich gelegentlich ganz ohne 
Mithilfe der Erziehung herstellen. Die Erziehung verbleibt durchaus 
in dem ihr angewiesenen Machtbereich, wenn sie sich darauf einschränkt, 
das organisch Vorgezeichnete nachzuziehen und es etwa sauberer und 
tiefer auszuprägen" (II. Aufl. S. 38). Daraus folgt schon in selbstver- 
ständlicher Weise die Ableitung der Moralprinzipien aus der ursprüng- 
lichen Spaltung der Seele. Doch findet sich das auch bei Freud in ganz 
präziser Weise ausgedrückt „Auch über den Mechanismus der Sublimie- 
rung kann man eine Vermutung wagen. Die sexuellen Regungen dieser 
Kinderjahre wären einerseits unverwendbar, da die Fortpflanzungsfunk- 
tionen aufgeschoben sind, was den Hauptcharakter der Latenzperiode aus- 
macht, anderseits wären sie an sich pervers, d. h. von erogenen Zonen 
ausgehend und von Trieben getragen, welche bei der Entwicklungsrichtung 
des Individuums nur Unlustempfindungen hervorrufen könnten. Sie rufen 
daher seelische Gegenkräfte (Reaktionsregungen) wach, die zur wirksamen 
Unterdrückung solcher Unlust die erwähnten psychischen Dämme: Ekel, 
Scham und Moral aufbauen" (II. Aufl. S. 39). 

Somit bedeuten die Erörterungen V a r j a s' über die Entstehung 
der Moral keine Erneuerung oder Umgestaltung der Theorie, sondern nur 
eine Präzisierung der Konsequenzen, die aber wohl als sehr nützlich 
betrachtet werden kann. Anders steht es mit der Auffassung der Ver- 
drängung, als ein Mittel zur Verhütung von frustranen Erregungen. Der 
Verfasser — der bei seiner genauesten Kenntnis der „Studien" und der 
„Traumdeutung" sich mit den „Drei Abhandlungen" nicht in gebührender 
Weise beschäftigt zu haben scheint — stellt sich hier auf eine gänzlich 
falsche Grundlage. Die Kindheit bietet doch zur Ableitung der Sexual- 
erregung Gelegenheiten in Hülle und Fülle, und zwar nicht nur in den auto- 
erotischen Betätigungen, sondern wohl auch in der Objektliebe. Es hat 
nämlich den Anschein, als ob diese Theorie des Verf. sich vielleicht zur 
Erklärung der Inzestvermeidung eigne, inwiefern auf dem Gebiete der 
Inzestwünsche frus träne Erregungen tatsächlich häufig hervorzukommen 
scheinen (z. B. bei nächtlichem Belauschen von Koitusgeräuschen etc.). 
Doch müsste dann diese Erklärung auch zur phylogenetischen Betrach- 
tung des Phänomens geeignet sein, welche Möglichkeit ich aber nicht er- 
sehen kann. Denn: gesetzt, dass nachdem das goldene Zeitalter der Pro- 

23* 






348 Referate und Kritiken. 

nüskuität überwunden war, die Söhne, um Verhütimg von frustranen Er- 
regungen zu erreichen, zur Verdrängung der Inzestgedanken ge- 
zwungen waren, bleibt die Hauptfrage noch immer unbeantwortet, näm- 
lich diese, warum sie zur Vermeidung des tatsächlichen 
Inzestes gezwungen worden sind? Dass aber diese beiden 
Phänomene eine gemeinsame Ursache haben, ist doch kaum zweifelhaft. 
Übrigens enthält die interessante Abhandlung von Varjas in ihren 
weiteren (demonstrativen) Teilen sehr gute, mit hübschen Beispielen er- 
läuterte Bemerkungen über das Determiniertsein des Willens, über die 
Genese der Anarchisten-Psyche und über Mut und Tapferkeit. Er ver- 
spricht uns auch einen weiteren Artikel, der über Sublimierung, Götter- 
glauben und Religion, sowie über moralische und Willensschwäche handeln 
soll. Wir erwarten die also angekündigte Arbeit mit wohlverdientem 
Interesse. J. H ä r n i k. 

Herbert Silberer, „Über die Sy m bolbil du ng". (Jahrbuch, 
III. Band.) 

Die vorliegende Arbeit ist einer Untersuchung des psychischen Vor- 
ganges bzw. der psychischen Bedingungen der Symbolbildung gewidmet. 
Der Symbolbildung im weitesten Sinne; denn es erscheinen hier nicht 
bloss alle dem Psychanalytiker begegnenden Symbolphänomene auf eine 
einheitliche Grundlage gebracht, sondern es wird auch alles symbolische 
Denken überhaupt (individual- wie völkerpsychologisch) mit hereinbezogen. 

Die Symbolbildung vollzieht sich auf Grund eines positiven und 
eines negativen Faktors. Ersterer ist der zum Bewusstsein sich drängende, 
weil 'von einem Willensakt (Aufmerksamkeit) oder von einem Affekt heran- 
gezogene Gegenstand (Gedanke, Idee); der zweite Faktor ist eine apper- 
zeptive Insuffizienz, welche das Klarwerden der vordringenden Idee, in 
ihrer vollkommensten Form verhindert und nur den symbolischen Aus- 
druck dafür zulässt. Die apperzeptive Insuffizienz kann wieder entweder 
in einer ungenügenden intellektuellen Kapazität oder in einem Spiel der 
Affekte begründet sein. Was die erste Gattung der Insuffizienz betrifft, 
kann man zwei * Richtungen unterscheiden: Das Symbol kann eine Idee 
vertreten, deren ich (z. B. im Schlaf) nicht mehr Herr bin, oder auch 
eine solche, deren ich noch nicht Herr bin (was natürlich auch 
völkerpsychologisch zu verstehen ist). Der Verfasser unterscheidet zwei 
Haupttypen der Symbolik, deren Entstehen sich nach der Kompliziertheit 
der multiplen Determination und nach dem Grade des Eingreifens der 
Affekte bestimmt. 

Als fruchtbar bei der Betrachtung verschiedener psychologischer 
Theorien über die Symbolik erweist sich der doppelte Gesichtspunkt von 
Kausalität und Finalität. So zeigt der Verfasser z. B., dass gewisse schein- 
bare Gegensätze in den Meinungen der Wiener und der Züricher Schule 
verschwinden, sobald man erkennt, dass ganz einfach in der einen 
Schule die finale, in der anderen die kausale Betrachtungsweise vorwiegt. 

An die theoretischen Ausführungen schliessen sich eine Anzahl Bei- 
spiele, die nach den Kategorien der Symbolik in drei Gruppen eingeteilt 
sind. Autoreferat. 



Referate und Kritiken. 349 

Herbert Silberer, „Über die Behandlung einer Psychose 
bei Justinus Kerne r". (Jahrbuch, 111. Band.) 

Die psychotische Gräfin v. Maldeghem wird, wie aus einer Darstellung 
bei Justinus Kerner, „Seherin von Prevorst", hervorgeht, von der Seherin 
Frau Hauffe in einer Weise geheilt, die mit den Grundsätzen der Psycho- 
analyse übereinstimmt. Autoreferat. 

Herbert Silberer, „Symbolik des Erwachens und Seh w ei- 
le n Symbolik überhaupt". (Jahrbuch, III. Band.) 

In mehreren vorhergegangenen Abhandlungen, namentlich in „Phan- 
tasie und Mythos" (Bd. II des Jahrbuches) und in den „Kategorien der 
Symbolik" (Zentralblatt, Bd. II, Heft 4), hat der Autor die Zweckmässig- 
keit der Einteilung aller Symbolphänomene in solche materialer und funktio- 
naler (und somatischer) Kategorie dargetan. Die symbolisierenden psychi- 
schen Erscheinungen können sich nämlich auf zweierlei beziehen; erstens 
auf Inhalte von Gedanken und Vorstellungen, zweitens auf den Zu- 
stand oder die Funktionsweise der Psyche selbst. Durch das symbolische 
Bild wird also im ersten Falle die Materie des Denkens — sie sei nun 
bewusst oder unbewusst — dargestellt; im zweiten Falle der psychische 
Vorgang oder Status. Im ersten Falle gehört dann die Symbolik der 
materialen, im zweiten Falle der funktionalen Kategorie an. Zu den 
psychischen Akten, welche eine autosymbolische Darstellung erfahren, 
gehören nun, wie der Verfasser beweist, auch das Einschlafen, das Er- 
wachen, sowie höchstwahrscheinlich noch andere Vorgänge, bei denen 
es sich um das Überschreiten einer psychischen Schwelle handelt. Daher 
die vom Verfasser gewählte Bezeichnung Schwellensymbolik. 

Die Schwellensymboiik bedient sich solcher Bilder, in welchen eins 
Situationsänderung, ein Übergang oder Untergang, das Beschreiten einer 
Schwelle etc. das Charakteristikum ist. 

Der Verfasser bringt drei Gruppen von Beispielen. Die erste, beweis- 
kräftigste, umfasst einfache autosymbolische Erscheinungen (Halluzi- 
nationen); die zweite bringt Traumschlüsse, worin man speziell die Sym- 
bolik des Erwachens ausgeprägt findet; die dritte solche Träume und 
Phantasien, in denen andere Schwellenvorgänge, als bloss das Einschlafen 
und Erwachen zum Ausdruck kommen. Die Sammlung der Beispiele ist 
noch klein; mittlerweile sind jedoch viele Erfahrungen hinzugekommen, 
welche die Anschauungen des Autors bestätigen. Autoreferat. 

Stefan Zweig, Erstes Erlebnis. Vier Geschichten aus 
Kinderland. Inselverlag, Leipzig 1911. 

Wohl selten habe ich bei einer Lektüre einen so ungetrübten Genuss 
empfunden, als bei diesem Werke von Stefan Zweig, das feine psycho- 
logische Beobachtungen in dem wunderbaren Gewände einer formvollen- 
deten Sprache bietet. Alle vier Geschichten handeln vom Erwachen des 
Geschlechtslebens. Sie behandeln eigentlich halb Erwachsene. Es sind 
Menschen, die knapp vor der Reife stehen und ihr erstes grosses sexuelles 
Erlebnis mitmachen. Da ist ein vierzehnjähriger Knabe, dem sich ein 
schönes verführerisches Weib zu eigen gibt. Er kennt sie nicht, weil sie 
ihn immer im Dunkel der Nacht besucht. Er vermutet eine andere und 
verliebt sich in die andere und kann, als er die Wahrheit erkennt, die 



350 Referate und Kritiken. 

Liebe nicht mehr aus seinem Herzen reissen. Da, machen Kinder eine 
alltägliche Liebesgeschichte einer Gouvernante mit, die ein Angehöriger 
des Hauses verführt und die mit Schimpf und Schande aus dem Hause 
gejagt in den Tod geht. Da wird ein Knabe vorgeführt, dessen Herz der 
Mann erobert, welcher der Geliebte seiner Mutter wird. Meisterhaft sind 
die Qualen der Eifersucht geschildert, meisterhaft die bisexuelle Ein- 
stellung des Knaben, sein Heranreifen zum Manne durch das erste ge- 
wichtige Erlebnis. Schliesslich führt uns der Dichter das Erwachen des 
Liebeslebens bei einer Mädchenknospe vor. Lauter alltägliche Geschichten. 
Aber die Art und Weise, wie der Poet das Alltägliche sieht und schildert, 
macht den unbeschreiblichen Zauber dieses Buches aus. Immer habe ich 
bei den meisten Romanen und Novellen die Empfindung gehabt, sie streiften 
bloss die Oberfläche des Lebens und gingen an den wichtigsten Problemen 
der Seele scheu vorbei. Bei diesem Buche hat man diese Empfindung nicht. 
Es ist sicherlich ein Verdienst der Psychoanalyse, der Kunst dieses psycho- 
logische Neuland erschlossen zu haben. Sie raubt dem Dichter nicht 
die Möglichkeiten der unbewussten Schöpfung, weil sie ihm die Augen 
öffnet. Im Gegenteil! Sie zeigt ihm neue Probleme und gibt ihm Gelegen- 
heit, sein Können reicher und schöner zu entfalten. Stekel. 

Dr. Ch. Hoepfner (Baden weiler), Ein Fall phantastischen Er- 
lebens im Verlauf einer chronischen Lungentuber- 
kulose. Zeitschr. f. d. ges. Neurologie u. Psychiatrie. 1911. Bd. 4. S. 678. 

Ein 34 jähriger Fabrikant leidet eine Zeitlang an eigentümlichen Tag- 
träumen, „Theaterstücke", „Phantasien", „Träume" nennt er sie selbst. 
Auch dem Nicht-Analytiker Hoepfner fällt ihre wunscherfüllende Ten- 
denz auf; bei einer Psychoanalyse müsste sie noch deutlicher hervor- 
treten. Patient erscheint immer als hervorragend klug und tüchtig, ver- 
hütet durch se'ine Umsicht Unglücksfälle und Verbrechen, auch solche, die 
gegen Feinde gerichtet sind, nimmt dabei auch Rache an seinen Feinden, 
indem er sie als schlechte undankbare Menschen darstellt, und benimmt 
sich doch grossmütig gegen sie. Auch in allerlei Künsten, wie Seiltanzen, 
glänzt er. Erotische Tageträume will Patient nie gehabt haben. Die Erleb, 
nisse treten mit grosser Lebhaftigkeit auf, und wenn eines einmal jm 
Gang ist, kann er es nicht willkürlich unterbrechen. Marcus. 

M. Mar cuse, Ein Fall von vielfach komplizierter Sexual- 
perversion. Zeitschrift für die gesamte Neurologie und Psychiatrie. 
Bd. IX. Heft 3. 

Ein überaus interessanter Fall, der eine Anzahl von Perversionen 
in sich vereinigt. Die Autobiographie des Patienten bringt schätzbare Mit- 
teilungen, leider aber nur das Rohmaterial. Nach bekannten Mustern hat 
Marcuse sich gehütet, durch Fragen in den Patienten etwas hinein zu 
suggerieren, freilich auch durchaus, etwas aus ihm heraus zu examinieren. 
Die epikritische Betrachtung des Falles sowie die sogenannte Therapie be- 
wegen sich in ausgelaufenen Bahnen. Die meiste einschlägige Literatur hat 
Marcuse gelesen, zum Teil sogar Freud, den er freilich gelegent- 
lich nicht versteht. Hingegen scheint ihm die psychoanalytische Literatur 
über Fetischismus, Narzismus und Homosexualität grösstenteils entgangen 
zu sein, oder mindestens verrät er deren Kenntnis nicht, obwohl sie ihm 



Referate und Kritiken. 351 

z. B. bei Beurteilung des vorliegenden Falles sehr zustatten käme. Im 
ganzen kann ich nur sagen : es ist schade, dass ein so lehrreicher Fall, der 
zur Aufklärung aller einschlägigen Probleme soviel beitragen könnte und 
last not least soviel Heilungschancen bietet, nicht in die Hände eines 
erfahrenen Psychoanalytikers kam. Dr. J. S. 

Magnus Hirscbfeld, Kastratenstudien, Untersuchungen 
über den sexuellen Chemismus. Sexual-Probleme. Febr. 1912. 
Auf einer Orientreise hatte der Autor Gelegenheit, genauere Studien 
an den Lipowanern in Bukarest und den Eunuchen in Konstantinopel zu 
machen. Als körperliche und geistige Eigenheiten führt er folgende an: 
Mangel an Individualität, grosse Sorgfalt auf das Äussere, Zoophilie, 
exzessives Längenwachstum in jüngeren Jahren, glanzlose, fahle, früh 
welkende Haut, Fehlen der Kahlköpfigkeit, hohe Kastratenstimme, tiefe 
Melancholie. Der Geschlechtstrieb sei zwar etwas vermindert, doch 
keineswegs erloschen, mindestens nicht bei später Verschnittenen. Erfolge 
der Verlust der Keimdrüsen erst im reiferen Alter, so verändere er den 
Geschlechtstrieb fast gar nicht. Die Tätigkeit des Sexual-Zentrums könne 
also nicht abhängig sein von den libidinösen Substanzen, die von den 
Testikeln in die Blutbahn abgegeben werden, vielmehr werde die jenes 
Zentrum reizende chemische Substanz — von Hirschfeld als „Andrin" 
bezeichnet — bereits vor der Pubertät in wenn auch geringer, doch keines- 
wegs unwirksamer Menge abgesondert. Sie stamme hauptsächlich aus 
der Prostata, in geringerem Masse aus den C w p e r'schen Drüsen und 
jenen der Samenbläschen. Beim Weibe seien unabhängig von der Ovarial- 
sekretion chemische Substanzen, „Gynäzin", anzunehmen als Produkte 
der Bart hol in i'schen und Schleimhautdrüsen der Gebärmutter, vor 
allem aber der Zervikaldrüsen. Dieser ganze Chemismus wirkte nur irri- 
tierend und anregend, nicht neuschaffend. Seine belebende Wirkung sei 
allerdings eine beträchtliche. Das hätten schon die alten Ärzte gewusst, 
die den blutarmen, nervösen, seelisch deprimierten Mädchen das Heiraten 
mit bestem Erfolge anrieten. „Andrin wirkt besser als Arsen." 

Dr. J. S. 

Max Hochdorf, Die Träume der Natalie Braunstein. — 
Roman. — Verlag von Egon Fleischl, Berlin. 

Auch dieses neue Werk Hochdorf's leuchtet in bewunderungs- 
würdiger Weise in das Dämmerdunkel einer weiblichen Seele und unwill- 
kürlich kommen einem Worte aus Dörmanns Gedicht „Was ich liebe" 
in den Sinn: 

„Ich liebe, was niemand erlesen, 

Was keinem zu lieben gelang: 

Mein eignes, urinnerstes Wesen 

Und alles, was seltsam und krank." 

Natalie Braunstein ist schon in der Brutatmosphäre des elterlichen 
Hauses, in Mitte ihrer Schwestern, eine „geknickte Persönlichkeit" und 
zeigt bereits den müden, dekadenten Zug, der notwendig ist, um ihre 
späteren, fern vom Hause erlebten, sonderbaren, fast willensfremden Hand- 
lungen zu verstehen. 



352 Referate und Kritiken. 

Aus dem Elend, in das sie der erste Geliebte, ihr alternder 
Gesangslehrer Benno Farina, der ihr den Weg zur grossen Sängerin 
weisen soll, stürzt, begibt sie sich in die sklavische Abhängigkeit 
des hoffnungslos lungenkranken Jünglings Kmanuel Orban, um ihm im 
wahrsten Sinne eine Todesbraut zu sein und wird schliesslich (nach dem 
Tode des an ihr Künstlertum in rührender Weise glaubenden Vaters) die 
Geliebte eines früheren, leichtgearteten Kunstkollegen, dessen AVerbungen 
sie zu Beginn der Ereignisse noch siegreich zu widerstehen vermochte. 
Auch von diesem verlassen, kehrt sie schliesslich müde, stumpf wie im 
„Automatisme psychique" in ihre serbische Heimatsstadt zurück. : . . 

Wahrhaft grossartig ist es dem Autor auch gelungen, die Wand- 
lung im Charakter Nataliens Mutter zu zeichnen. Ausgehend von der 
Schilderung der im Hause Braunstein geübten mütterlichen Tyrannis» 
lässt der Dichter diese einfache Frau, durch die schneidende Härte ihres 
Schicksals, sich zu einer mater dolorosa läutern („Eine Mutter — ja. 
das ist eine Krämerin mit Seelen!") und erreicht in der erschütternden 
Leihhausszene den Kulminationspunkt dieser ergreifenden Charakterdar- 
stellung. 

Eine gerechte Kritik muss anmerken, dass es Hochdorf hier ge- 
lungen ist, uns das dunkle Gebiet psychischer Grenzzustände menschlich 
wunderbar nahe zu rücken. 

Dem psychoanalytisch gebildeten Leser bringt das Buch noch einen 
tieferen Genuss: sieht er doch hinter all' diesen, mit ihren blutenden 
Herzen agierenden Personen, das alte Spiel der unbewussten Seclentriebe 
mit seinen unerbittlich opferheischendi-n Konflikten. 

Ludwig Klebinder. 

Jakob Anton Dulaure, Die Zeugung in Glauben,, Sitten und 
Brauchender Völker. Verdeutscht und ergänzt von Friedrich 
S. Kr au ss und KarlReiskel. I. Band der Beiwerke zum Studium 
der Anthropophyteia. Leipzig. Ethnologischer Verlag. 

Für den Reichtum der Anregung, die dieses Buch dem Psycho- 
analytiker bringt, kann ich mich nur bei Krauss, der mich auf dieses 
Werk aufmerksam machte, bedanken. Was wir mühsam bei unseren 
Analysen ans Licht des Tages schürfen, hier steht <.'s historisch überliefert 
plastisch vor unseren Augen. Für die Traumdeutung ergeben sich zahl- 
lose Beweise und Erklärungen. Wir merken, dass der unbewusste Phallus- 
kult, den wir in allen Träumen der Menschen (nicht nur der Neurotiker!) 
konstatieren können, das starre Festhalten einer historischen Tradition 
bedeutet. Wir erkennen auch da den Zusammenhang zwischen mythischen 
Schöpfungen und neurotischen Symptomen, den alle anderen Forschungen 
immer wieder bekräftigen. 

Von besonderem Interesse sind die Kapitel „Von der Erotik im 
Glauben der Slaven", Fortdauer des Phalluskult in Frankreich", „Von 
Narrenfesten" und den „Gebräuchen bürgerlicher und religiöser Einrich- 
tungen aus der Vergangenheit, deren Unanständigkeit der des Phalluskultus 
gleichkommt, sie sogar noch übertrifft". Gegen diese historischen Tat- 
sachen ist die Phantasie unserer Kranken arm und man merkt, wie gross 
die Verdrängung der Erotik gerade in den letzten Jahrhunderten war. Diese 
Grösse der Verdrängung macht uns das rasche Anwachsen der Neurosen 
verständlich Ich möchte noch die vorzüglichen Abbildungen her- 



Referate und Kritiken. 353 

vorheben, welche uns die Kenntnis seltener Gemmen, Bildwerke, Vasen 
usw. mühelos verschaffen und einen tiefen Einblick in die ungetrübte, von 
des Gedankens Blässe nicht angekränkelte, schuldlose, freudig dankbare 
Erotik versunkener Zeiten gewähren. St ekel. 

Otto Juliusburger, ZurLehre von den Fremdheitsgefühlen. 
(Monats, f. Psych, u. Neur. Bd. XXXII. H. 3. 1912.) 

Nach entsprechender Berücksichtigung der bekannten Arbeit von 
Löwenfeld, wobei der Autor auf einen daselbst nicht berücksichtigten 
Autor, nämlich W e r n i c k e , aufmerksam macht, werden zwei sehr inter- 
essante Fälle eingehend geschildert. Juliusburger kommt schliess- 
lich zu ähnlichen Resultaten, wie ich sie in meinem Buche „Die Sprache 
des Traumes" festgestellt habe. Er sagt: 

„Das Gefühl der Identifikation, welches hier als Schutz- und Hilfs- 
mittel von der Kranken gesucht wurde, kann nur zustande kommen durch 
eine starke Gefühlsübertragung auf das Objekt. Das Ge- 
fühl der Entfremdung und Fremdheit tritt ein, wenn eine Gefühlstrennung 
mehr oder weniger extensiv und intensiv durch eine Störung des 
seelischen Mechanismus sich einstellt. Hierbei ist noch 
folgendes in Betracht zu ziehen: Wird der seelische Mechanis- 
mus in seinem harmonischen Zusammenhange erschüt- 
tert, steigen aus dem Unterbewusstsein Komplexe auf, 
welche das b c r b e w u s s t s e i n ablehnt und als Fremd- 
linge betrachtet, so wird auch hierdurch naturgemäss 
ein Gefühl der Befremdung, ein Fremd hei tsgef üb 1 , 
sich einstellen, welches einerseits das Persönlich- 
keitsbewusstsein befallen und andererseits in dem 
Drange nach Objektivierung sich dem B e w u s s t s e i n der 
Aussendinge zugesellen kann. Im letzteren Falle wird es sich 
um einen ähnlichen Vorgang wie beim paranoischen Mechanismus im 
Stadium der Bildung des Verfolgungswahns handeln, dessen Genese darin 
zu erblicken sein dürfte, dass im Unterbewussten des Individuums diesem 
gewisse Komplexe zu schaffen machen, es bedrängen, verfolgen, und 
auf die Aussenwelt projiziert in Vorstellungen der Bedrückung und Ver- 
folgung dann wiederkehren." 

Auf die gesperrten Sätze lege ich grossen Wert. Ich kann nach 
meinen letzten Erfahrungen diese Tatsachen nur bestätigen. Die Kranken 
empfinden die kriminellen und sexuellen Komplexe als bewusstseinsfremd, 
sie fühlen sich dem Unbewussten, dem Anderen gegenüber „fremd". Das 
Gefühl des Fremden drückt also die Differenzierung des Bewussten und 
Verdrängten aus. Je grösser das Mass der Verdrängung ist, desto grösser 
muss dies Gefühl des Fremden werden, wenn solche Verdrängungen plötz- 
lich endopsychisch wahrgenommen oder besser ausgedrückt: „dunkel 
geahnt" und abgelehnt werden. St ekel. 

A. A. Brill, Ph. B., M. D. (New York), Hysterical Dreamy States , 
Their Psychological Mechanism. (New York Medical Journal, 
25. May 1912.) 

Die Arbeit, die zuerst als Vortrag in der New York Academy of 

Medicine gehalten wurde, gibt eine knapp gehaltene Schilderung der hysteri- 



354 Aus verschiedenen Zeitungen. 

sehen Absenzen und, an den normalen Tagtraum anschliessend, eine 
Analyse ihres psychologischen Inhalts. Einige gut gewählte Fälle aus 
der Praxis des Autors illustrieren seine Anschauung. Besonders das 
letzte Beispiel ist sehr beachtenswert. Ein strebsamer, 26 jähriger Jour- 
nalist phantasiert in seinem Traumzustand, dass er als Instruktionsoffizier 
nach China gehe, dort als General gegen den Kaiser zu Felde ziehe und 
ihn töte; dieser Teil ist jedoch in der Phantasie undeutlich. Er heiratet 
dann die Kaiserin Witwe, welche seiner Mutter ähnlich sieht; wird schliess- 
lich vertrieben und kehrt als Flüchtling nach New York zurück. Die Ver- 
drängung, die bezüglich des Vaterhasses am besten gelungen ist, so dass 
dessen Wiedergabe auch in der Entstellung einer Ehrgeizphantasie noch 
mit Verschwommenheit behaftet ist, misslingt hinsichtlich des Mutter- 
inzestes fast völlig. Der Tagträumer muss sich deshalb auch den glück- 
lichen Ausgang versagen und mit einer Bussphantasie (vergleiche die von 
Rank mitgeteilten Inzestlegenden des Mittelalters) schliessen. H. S. 

A. A. Brill, Ph. B., M. D. (New York), A Few Rchxarks oji the 
Technique of Psych analysis. (Medical Review of Reviews, 
April 1912.) 

Eine verdienstvolle Zusammenfassung der von Freud aufgestellten 

Grundsätze für die Anwendung und Voraussetzungen der Psychoanalyse. 

Die Allgegenwart der Sexualität, die wichtige Rolle der Übertragung werden 

gebührend gewürdigt. H. S. 



Aus verschiedenen Zeitungen. 

Der Mythus vom Doppelmenschen, von F. W. Beck (Frankfurter Zeitung). 

Beck bespricht die alte Anschauung, dass der Mensch ehemals als doppel- 
geschlechtliches Wesen erschaffen wurde, von der Gottheit jedoch aus Besorgnis, 
der so geschaffene Mensch könnte zu grosse Macht erlangen, wieder in zwei ver- 
schiedene Teile getrennt wurde. Die Liebe sei demnach ein Versuch des Menschen, 
seine verloren gegangene Hälfte wieder zu finden und hierdurch unsere menschliche 
Schwäche zu heilen. Beck führt auch naturwissenschaftliche Tatsachen an, die die 
Doppelgeschlechtlichkeit als biologisch möglich erscheinen lassen. So weist er auf 
die gonochoristisch gebauten Infusorien hin, die zwei, geschlechtlich entgegengesetzte 
Körperhälften besitzen. Das „wundersame Doppeltier" (Diplozoon paradoxum) besteht 
aus zwei zwitterigen Saugwürmern, die kreuzweise zusammengewachsen sind. Ähn- 
lich ist das Zwillingstier (Didymozoon paradoxum) gebaut. Diese Lebewesen sind, 
sagt Beck, ein tiefsinniges Symbol dafür, dass der enge Verband mit einem zweiten 
Individuum zum Retter aus Todesnot werden kann, denn der Einzelwurm, der unter 
dem Namen Diporpa schon früher bekannt war, geht zu Grunde, wenn er nicht zur 
Verwachsung mit einem gleichgearteten Partner gelangt. Beck führt nun die alten 
Mythen an, die sich mit dieser Materie beschäftigen und hebt das uralte „Gastmahl" 
Ratos hervor, in dem der Mythus vom Doppelmenschen am eingehendsten dargelegt 
ist. Auch die Iwaner lassen die beiden ersten geschlechtlich getrennten Menschen 
(Meschia und Meschiane) aus der Teilung eines Doppelkörpers hervorgehen und so- 
gar Christus soll prophezeit haben : Der Übermensch werde kommen, wenn die zwei 



Ans verschiedenen Zeitungen. 355 

eins geworden und der Mann und das Weib weder männlich noch weiblich sein 
werden. 

Beck belebt mit seinem Aufsatz die psychoanalytische Ansicht, dass jeder 
Mensch neben seinem eigentlichen Geschlecht auch Eigentümlichkeiten des anderen 
Geschlechtes besitzt, also mehr oder weniger bisexuell angelegt ist. 

Von der Liebe und vom Tode, von Artur Brausewetter. (Der Tag.) 
Die Liebe ist Todesberoitschaftsagt Brau sewetter. Nur den liebt man wirk- 
lich, für den man jeden Augenblick ohne Besinnen sterben könnte. Liebe und Leben 
sind Gegensätze, aber Liebe und Tod gehören untrennbar zusammen. Nach diesen 
Erörterungen kommt Brausewetter auf einen Umweg zur Erklärung: ohne Tod 
gäbe es gar kein Leben, recht betrachtet ist der Tod das Leben. Brausewetter 
weist auch darauf hin, dass gerade dann, wenn sich des jungen Lenzes Spuren zeigen, 
sich im Herzen des Menschen eine gewisse Schwermut offenbart, die ihn veranlasst 
sich mehr mit Todesgedanken als mit lebensbejahenden Ideen zu beschäftigen und 
eben auch in dieser Zeit zieht Liebe in des Menschen Brust. Nur der liebt wirklich, 
sagt Brausewetter, der bereit ist, jeden Augenblick für den Gegenstand seiner 
Liebe das Leben zu lassen und wenn man den Zusammenhang von Leben und Tod 
in seiner Tiefe erfassen will, so genügt ein Name: Christus. Seine Liebe war Todes- 
bereitschaft von Anfang an. Er wusste, dass wer so liebte wie er, sterben müsste. 
So nimmt er den freiwilligen Tod auf sich, um das Letzte und Grösste für den 
Gegenstand seiner Liebe darzubringen: sich selber. Brausewetter nähert sich 
also der durch die Psychoanalyse bestätigte Anschauung, dass zwischen Liebe und 
Tod enge Beziehungen bestehen. 

Angstkinder, von Dr. L. Scholz (Frankfurter Zeitung). 

Dr. Scholz schildert in seinem Aufsatz einen Quartaner, dessen nervöse 
Störung einen deutlich angstneurotischen Charakter besitzt. In den Vordergrund 
der Seelentendenz des Knaben stellt Scholz gewissermassen eine Panphobie, eine 
Angst und Furcht bei jeder geringsten Ursache. Mitunter kommt es bei dem Quar- 
taner sogar zu nervösen Krisen, Tränenausbrüchen und Verzweiflung, die nichts 
anderes, als einen Angstanfall vertreten. Die Ätiologie dieser nervösen Zustände 
erscheint nach Scholz durch diebestehende hereditäre Belastung, durch die psycho- 
pathische Minderwertigkeit des Knaben vollkommen gegeben. Sicherlich dürfte uns 
erst der Einblick in das intimere Gefühlsleben dieses Neurotikers den Schlüssel zum 
Verständnis seiner Angstneurose geben. Hinter der ängstlichen Erwartung, von der 
dieser jugendliche Nervöse stets heimgesucht ist, steckt sicherlich die Sehnsucht 
nach Liebe, befinden sich zweifellos starke erotische Effekte, deuen die Auslebung 
vorenthalten ist. Scholz betont auch dns periodische Auftreten der Krisen und er 
dürfte da vielleicht an die Fliess-S woboda'sche Theorie gedacht haben. All- 
gemein bespricht nun Scholz die verschiedenen Formen der psychopathischen Minder- 
wertigkeit und zum Schlüsse seines Aufsatzes blickt er zur Heilpädagogik opti- 
mistisch emnor. 

Zur Psychologie der Jugendlichen über Vierzehn, von Friedrich Schneider 

(Germania, Berlin). 

Der Seminarlehrer Schneider legt die Notwendigkeit der Kinderpsychologie 
dar und betont, dass sich allenthalben das Bedürfnis geltend macht, eine Psychologie 
der Jünglinge und Mädchen zu erbauen. Schneider hat die diesbezügliche Lite- 
ratur gesammelt und, empfiehlt als das Älteste und grundlegenste Werk Stanley 



356 Aus verschiedenen Zeitungen. 

Hall „Adolescence" (New- York, Appelton & Co.); ferner macht er auf das englische 
Werk von Forbush „The Boy Problem" (Boston, The Pilgrini Press) aufmerksam. 
Für die generelle Jünglingspsychologie, ist in deutscher Sprache zu nennen „Die 
Psyche des Jünglinas. Beiträge zu einer pädagogischen Psychologie der männlichen 
Jugend" von Edmund Schopen (Mainz, Buchdruckerei Lebrlingshaus), ferner 
„Der Jugendverein", Leitfaden für Begründer, Leiter und Mitarbeiter von Jugeud- 
vereinen, herausgegeben von Hans Weiker (Berlin, Karl Heymanns Verlag); im 
selben Verlag schreibt Bauer über „Die Psychologie der Jugendlichen". Die Samm- 
lung „Die Entwicklungsjahre" (Leipzig, Paul Eger) gedenkt besonders auch der 
weiblichen Jugend. Das Dienstmädchen, die jugendliche Fabrikarbeiterin, die Ver- 
käuferin, die Kontoristin, die höhere Tochter etc. linden besondere Beachtung. Reiche 
psychologische Beute enthalten die Bücher von W. F. Classen, 1. „Grossstadt- 
heim, Beobachtungen zur Naturgeschichte des Grossstadtvolkes" (Hamburg, Guten- 
berg-Verlag 19U6) und 2. „Vom Lehrjungen zum Staatsbürger, zur Naturgeschichte 
unserer heranwachsenden Jugeud. (Ibidem 1909.) 

Schneider weist zum Schlusbe auf eine gute Quelle von psychologischem 
Material für die Jugendforschung hin, auf den Entwicklungsroman. Da empfiehlt 
er: „Anton Reiser", ein psychologischer Roman, herausgegeben von K. Ph. Moritz 
(Berlin, Meurer) in dem der Autor seine Jugend schildert. Ferner Goethe „Wilh. 
Meister" und Gottfried Kellers „Grüner Heinrich". Als moderne hierher 
gehörige Literatur gibt Schneider an: Frenssen „Jörn Uhl", Otto Ernst 
„Asmus Semper der Jüngling", Hermann Hesse „Unterm Rad" und Krieger 
„Gottfried Kämpfer, ein herrenhutischer Bubenroman". 

Das Liebesgefüul Michelangelos, von Emil Lucka (Frankfurter Zeitung). 

Lucka schildert in seinem feinsinnigen Aufsatz das erotische Leben Michel- 
angelos und hebt die deutlich homosexuelle Liebrichtung des Malers hervor. Das 
offenbart sich deutlich in den Werken Michelangelos, denn alle seine jugendlichen 
Männergestalten ' hatten weibliche Züge: Cupido und David Apollo sind nahezu 
hermaphroditisch. Dieses .perverse" Fühlen tut sich auch im Verhältnis des Malers 
zu seinen Freunden kund. Im Vers: 

„Wenn beide für einander liebend brennen, 
Doch keiner selbst sich liebt, wenn jeder täglich 
Zum höchsten Ziel den andern will begeistern" 

ist offenbar von erotischen Gefühlen die Rede. 

Einen Wendepunkt im Leben dos Dichter-Malers führt merkwürdigerweise ein 
Weib herbei. Dieses Weib wird plötzlich das Ideal Michelangelos und er entbrennt 
in höchster Liebesleidenschaft. Dass dieses Weib jedoch bloss Ideal eines weib- 
lich fühlenden, bisexuellen Mannes sein kann, wird klar, wenn man die stark männ- 
lichen Züge, die Hässlichkeit und das bereits vorgerückte Alter desselben ins Auge 
fasst. In der Liebe zu diesem Weibe offenbart Michelangelo auch einen anderen 
Grundzug seines Wesens, einen grenzenlosen Masochismus. Seine „Herrin" hat un- 
beschränktes VerfügungBrecht über ihn, in ihrem Banne hört er völlig auf, selbst- 
ständlich zu wollen; er wird ganz zum Geschöpf, allos Schöpferische in ihm schweigt 
und daher auch die Kunst, zu der er vom Augenblicke seiner Liebe nicht mehr 
fähig ist. 

Aber irgendwelche Befriedigung gewährt ihm dieses erotische Ideal nicht. 
Michelangelo verdrängt seine Gefühle ins Intellektuelle, er fängt an, metaphysische 
und ethische Betrachtungen anzustellen nnd sein Empfinden nimmt eine tiefreligiöse 
Richtung an. Nach dem Tode seines geliebten Weibes bedauert er in endlosen Vor- 



Aub verschiedenen Zeitungen. 357 

würfen, warum er nicht die Stirn statt der Hand seiner Geliebten geküsst hat. Wäh- 
rend aber bei Lebzeiten seines Ideals die Erotik — wenn auch fast vollständig 
sublimiert — die Oberhand in seinem Gefühlsleben behielt, findet nach dem Tode 
seiner geliebten Viktoria Colonna eine vollständige Umkebrung der Erotik in Todes- 
sehnsucht statt. 

Der grenzenlose Masochismus und die homosexuelle Richtung seines erotischen 
Fühlens bedingen, wie wir erkennen, das Unstete, Unbefriedigte, ewig Suchende in 
der Seele des grossen Malers. 

Zum Thema Traum und künstlerisches Schaffen, von Hans Thoma (Kunstwart) 
Thoma meint, dass es keine wunderliche Sache sei, wenn man annimmt, dass 
das künstlerische Schaffen, die Phantasietätigkeit, aus der es entspringt aus dem 
gleichen Wesensgrnnd seinen Ursprung hat, aus dem auch der Traum sich aufbaut. 
Ebenso, wie die schöpferische Phantasie ihre eigenen, von der Erfahrung nicht be- 
einflussten Wege geht, ebenso ist auch der Traum an keine Gesetzmässigkeit ge- 
bunden. Den Erfahrungen der Sinne, den Eindrücken der Aussenwelt legt Thoma 
keine wesentliche Bedeutung beim künstlerischen Schaffen bei; das Hauptmotiv der 
schaffenden Kraft, so meint er, findet der Künstler in den Tiefen seiner eigenen 
Seele. Vielleicht ist alle menschliche Kunst im letzten Grunde das Bestreben, das 
in der Menschenseele ruhende ewige Geheimnis zu erklären, vermutet der Autor. 
Thoma teilt nun ein Traumphänomen mit, dem gewiss eine grosse psychologische 
Bedeutung zukommt. Er sagt: Ks gibt so schöne Träume, die sich wiederholen, wo 
man mit lieben grundgütigen Menschen zusammenkommt, die man nur im Traume 
kennt, und wo man, wenn der Traum sich wiederholt, die liebe Traumfamilie wieder- 
erkennt; — man spricht nichts, aber man wandelt mit ihnen durch ihre Äcker und 
Wiesen — man sitzt bei ihnen in der Bauernstube, ein andermal kehrt man in ein 
Gasthaus ein — und da ist sie wieder, die gutbekannte Familie, bei der es einem 
so wohl ist. In immer anderen Umgebungen trifft man diese Traumfamilie und 
denkt: da seid ihr ja, ihr Guten, wieder!" 

„Lebensziele", von Dr. Stekel (Neues Wiener Tagblatt). 
Dr. Stekel beleuchtet in seinem Aufsatz die Sehnsucht nach Ruhm, Glück 
und Erfolg, die im Herzen der Menschen mehr oder minder deutlich eingenistet ist. 
Jeder Mensch setzt 6ich hohe Ziele, die in Wirklichkeit fast niemals erreicht werden 
können und der „Wille zur Macht", der in jedem Menschen schlummert, bildet die 
treibende Kraft zum Aufbau gewaltig hoher Lebensziele. Schon beim Kinde zeigt 
sich die Idee von der „grossen Mission", die es zu besorgen hat, deutlich und sie 
wird von den Eltern eher genährt als unterdrückt. Der Selbstmord ist ein Bankerott 
dieser „grossen historischen Mission" und die Neurose, von dieser Seite aus be- 
trachtet, erscheint als das Klagelied eines zusammengebrochenen Ehrgeizes. 

Stekel wendet sich nun den Lebenszielen der Dichter zu und findet bei ihnen 
diese Zuknnftsträume besonders entwickelt. Die einzigen Menschen, denen ein festes 
Lebensziel mangelt, sind die Neurotiker sagt Stekel; bei diesen Seelenkranken 
äussert sich die Ziellosigkeit ihres Lebens am deutlichsten in der Unzufriedenheit 
mit ihren Beruf und die jungen Leute, die schon an der Hochschule einigemale 
.umsatteln", illustrieren diese Krisis an bewussten Lebenszielen sehr gut. Es gelingt 
jedoch, auch bei diesen Entgleisten geheime Strebungen, verborgene Lebensziele zu 
entdecken, die man mit Adler die „neurotische Fiktion" nennen kann. Sich 
vollständig von den Freuden des irdischen Lebens zurückziehend, verschieben diese 



orq Aus verschiedenen Zeitungen. 

Neurotiker ihre Ziele in das Jenseits und so ist es erklärlich, dass sie meistenteil» 

fromm sind. 

Der Verfasser missbilligt nun die übertriebenen Forderungen, die man bereits 
an die Kinder stellt und erblickt darin, dass man dem Kinde frühzeitig das Ver- 
zichten lehre, einen heilsamen Balsam gegen die Wucherungen der Phantasie. „Dann. 
sagt Stekel, erblüht ihnen die Wuoderblurae der Lebensfreude. Dann verzehren 
sie sich nicht in ohnmächtigem Neide, in bitterer Ohnmacht, in dem erdrückenden 
Gefühle der eigenen Minderwertigkeit." 

Psychologische Analyse der Faulheit, von Privatdozent Dr. A. Fischer. (Die 

Umschau.) 
Dr. Fischer unterscheidet vier Typen der Faulheit. Die , Indolenzformen" 
beruhen auf geringer Fähigkeit, zu willkürlicher Aufmerksamkeit, rascher Ermüd- 
barkeit und geringem Bedürfnis, über die eingeübten geläufigen geistigen Leistungen 
hinauszukommen. Sie finden sich bei heillos unbegabten, denkschwachen, zurück- 
gebliebenen, aber auch bei gut veranlagten, jedoch zeitweise gehemmten und ver- 
träumten Schülernaturen. Die „passiven Resistenzformen" treten auf als einfacher 
Widerstand gegen jede dauernde, zielbewusste Arbeitszumutung aus Mangel an 
persönlichen Triebfedern, aus innerlichen Hemmungen, die meist in präokkupierenden 
Erlebnissen bestehen, aus Genusssucht und Vorliebe für passive Lebensführung und 
aus Scheu, sich selbst scharf anzufassen und wehzutun. Die „aktiven Resistenz- 
formen" entwickeln sich nicht selten gerade bei Begabten. Ihr Kern ist tätiger Wider- 
stand gegen die Arbeitszumutung aus Einsicht in die Zwecklosigkeit der zugemuteten 
Arbeit, oder aus Erkenntnis ihrer Unmöglichkeit. Oft ist diese Faulheit eine Art 
Selbstschutz der Begabten. Sie würden bei fleissiger Schularbeit ihren Nebenbeschäf- 
tigungen und Liebhabereien zu viel Zeit und Kraft entziehen müssen, und diese 
Liebhabereien sind für den späteren Beruf und das ganze Lebensschicksal eines 
Menschen häufig wichtiger als die Schulkenntnisse. In den „Mischformen" endlich 
treffen wir manchmal Verbindungen von echter Faulheit mit moralischen Defekten 
auf anderen Gebieten, speziell dem sexuell-sittlichen. Schliesslich erblickt Fischer 
in der Übung der willkürlichen Aufmerksamkeit den Mittelpunkt bei der päda- 
gogischen Behandlung der Faulheit. 

Geistig rege und geistig träge Kinder, von Dr. v. Gneis t. (Ost. ill. Zeitung.) 
Der Verfasser betrachtet die geistige Regsamkeit der Kinder hauptsächlich 
als ein Produkt der Erziehung und gesteht der Veranlagung hier nur eine unter- 
geordnete Bedeutung zu. Eine falsche Erziehung, sagt der Verfasser, kann am 
Kinde ungeheueren Schaden anrichten. Indem nämlich dem Kleinen fortwährend 
gesagt wird, dass er schwer begreife, dumm, und zum Lernen ungeeignet sei, sinkt 
der Wille des Kindes so sehr, dass sich hierdurch der geistesträge Zustand tief ein- 
wurzelt und im späteren Leben fast nicht mehr zu beheben ist. Bemühen sich in- 
dessen die Erzieher, das Kind schon frühzeitig zum Nachdenken anzuregen, seine 
Phantasie zu nähren und seine Aufmerksamkeit zu fesseln, dann wächst das junge 
Wesen zu einem geistesfrischen Individuum heran, das im Kampfe ums Dasein durch 
die Eigenschaft der geistigen Regsamkeit besonders gut ausgerüstet ist. 

Hans Apfelbach. 



Varia. 359 



Varia. 

Die Maus als Symbol der Seele. 
Dr. Wilhelm Stekel veröffentlicht in seinem jüngst erschienenen Werke: 
„Die Träume der Dichter* (Verlag J. F. Bergmann, Wiesbaden 1912) auch die 
ihm vom Lyriker Viktor Blüthgen übergegebenen Darlegungen. In diesen heisst 
es u. a. : »Ich erinnere mich keiner sogenannten Wahrtränme, träume fast nie von 
TageseindrQcken und mir nahestehenden Personen. So habe ich meinen Vater nur 
einmal im Traume gesehen, und da war er eineMaus, die aus einem Loche 
in der Stadtmauer kam, auf einem Holunderbusch sass und mit mir 
plauderte, leise und melancholisch.'' Diesen Traum deutet Stekel iu fol- 
gender Weise: „. . . . Ferner die wunderbare Vorstellung des Vaters als Maus, der 
aus einem Loche kommt. Dieses Bild ist nicht schwer zu erklären. Ein toter Mensch 
ist ja nach dem Sprachgebrauch mausetot. Die Charakteristik des Toten als Maus 
gibt zugleich die Gewissheit, dass er sicher tot ist. Dann steckt ja der Tote io 
einem Loche in der Erde. Die Friedhofsmauer ist vielleicht — ich sage vielleicht — 
durch die Stadtmauer ersetzt/ 

Mit dem Hinweise auf Dr. Stekel's Worte in seiner Vorrede zu dem ge- 
nannten Werke, ,dass manches andere Erklärungsmöglichkeiten zulässt* und „sich 
in den meisten Fällen mehrere Wahrheiten ganz gut nebeneinander vertragen", er- 
laube ich mir meine Erklärung für das Erscheinen der Maus in Blut h gen s Traum 
zu geben: Der Volksaberglaube gibt der Seele des Dahingeschiedenen die Gestalt 
einer Maus. Dies bestätigt Rudolf Kleinpaul in seinem Buche: „Die Leben- 
digen und die Toten in Volksglauben, Religion und Sage" (Verlag 
G. J. Göschen, Leipzig 1898) mit nachstehender Ausführung: „. . . Es gibt aber noch 
drei scblangenähnliche Seelentiere, die in unserer Brust wie in einer tiefen Höhle 
wohnen und alle drei die Gewohnheit haben, zeitweilig aus ihrem Schlupfwinkel 
hervorzugucken und ihren Zufluchtsort zu verlassen, um auf Erden herumzustreifen, 
worauf sie sich wieder in ihrem Loch einstellen. Diese drei Tiere sind: die schlanke 
muntere Eidechse, die im Winter unter der Erde schläft, — das ebenfalls lang- 
gestreckte Wiesel, das bald in hohen Bäumen, bald in Steinhaufen, bald in altem 
Gemäuer nächtigt und in dem alle Nationen etwas Menschliches, zumeist etwas 
Weibliches, ein Fräulein, eine Gevatterin, ein Bräutchen entdecken — und das Tier- 
chen, das ob seiner Anmut, Heimlichkeit und Stille in hervorragender Weise zu dem 
Vergleiche passt, das jedermann kennt, das auch zufällig in seinem Loche" singt und 
pfeift und ein auffallend langes Mäuseschwänzchen hat: die Maus, beziehentlich 
die Haselmaus, womit man den Siebenschläfer meint." 

Wenn dem Lyriker Blüthgen also sein Vater im Traume als Maus erscheint, 
die mit ihm spricht, soll damit wohl die Seele des Veratorbenen gemeint sein. 
Ist sie doch im Volksglauben unsterblich, während der Körper in der feuchten Erde 
vollkommen vernichtet wird. 

Ich habe mich von dieser Symbolisierung durch folgenden Fall überzeugt: 
Eine leidende ältere Dame beschäftigt sich in ihrem Hausgarten mit der Rosenpflege, 
wobei sie von ihrer Begleiterin unterstützt wird. Plötzlich schreit sie erschrocken 
auf: „Um Gottes Willen, eine Bchwarze Maus" und zeigt entsetzt nach einer Stelle 
am Boden. Die Begleiterin beruhigt sie, es sei nur Einbildung gewesen, da sie ja 
sonst die Maus auch hätte sehen müssen. Am nächsten Tage ordnet dieselbe Dame 
unter Beihilfe derselben Begleiterin ihieu Wäscheschrank. Wieder erscheint ihr die 
schwarze Maus, springt aus dem Schrank, eilt über die am Boden sortierte Wäsche, 
um gleich wieder nach ihrem Versteck zurückzulaufen. Die Begleiterin, vor deren 



3C0 Varia - 

Augen sich die Szene abgespielt haben müBste, hat nicht das geringste gesehen und 
tröstet die leichenblasse, bebende Frau. Kurz darauf war sie tot. Auch hier 
repräsentiert die Maus die Seele — diesmal die eigene — , die die Dame im Zustande 
der Halluzination zu sehen glaubt; mit anderen Worten: sie ahnt ihren Tod, der 
auch bald eintritt. stud. med. Erwin Fischl. 

Zum Thema des Inzestes. 

Mit Hecht sammelt Rank Ereignisse des Tages, um sie psychologisch zu ver- 
werten. Ist die Inzestregung des Neurotikers nur ein Gleichnis, ein als ob. ist sie 
nur eine Form archaistischen Denkens? Die nachfolgende Begebenheit mag 
als ein kleiner Beitrag zum Problem gelten. Sie ist dem Neuen Wiener Abendblatt 
vom 30. November 1912 entnommen: 

„Eine merkwürdige Familientragödie spielte sich dieser Tage in New- York ab. 
Mrs Griffin, eine sechzigjährige Dame, hat ihren 40 jährigen Sohn Peter durch Leucht- 
gas getötet und nach vollbrachter Tat auf die gleiche Weise sich selbst den Tod 
gegeben. 

Mrs. Gvifhn war es nicht gelungen, den festen Vorsatz ihres Sohnes, zu hei- 
raten und einen selbständigen Haushalt zu gründen, zu erschüttern, und sie beBchloss 
daher, lieber ihn und sich zu töten, als dass sie erlaubt hätte, dass eine andere Frau, 
sie ihres Rechtes, dem Haushalt ihres Sohnes vorzustehon, beraube. 

Seit je waren die Beziehungen zwischen Mutter und Sohn die 
idealsten. Beide waren einander in zllrtli eher Liebe ergeben, und der 
Sohn, als er bereits die hei vorragende Stellung des Direktors eines Telegraphen- 
bureaus erreicht hatte und von seinen Freunden zu einer Heirat gedrängt wurde, 
pflegte nur zu antworten, dass seine Mutter ihm mehr sei als die beste 
der Frauen. „Ich könnte nie erhoffen, verheiratet so glücklich und zufrieden zu 
sein, als ich es bin, ledig, unter der zärtlichen Füi sorge meiner Mutter." 

Vor kurzem jedoch verliebte er sich in ein junges Mädchen, und als die Mutter 
das wachsende Interesse des Mannes für die Dame, die versprochen hatte, seine 
Gattin zu werden, bemerkte, erfasste sie rasende Eifersucht und Verzweiflung. 

Nachdem sie ihren Sohn ohne Erfolg gebeten und ihm Vorstellungen gemacht 
hatte, von der Heirat abzusehen, entschloss sie sich zu der entsetzlichen Tat. In 
der Nacht, als ihr Sohn schon schlief, nahm Mrs. Griffin den Gasschlauch und legte 
ihn, nachdem sie den Hahn geöffnet, auf ihres Sohnes Polster. Dann ging sie in 
die Küche und öffnete dort den Hahn des Gasherdes und legte sich auf den Boden, 
um zu sterben. Als man am nächsten Morgen in die Wohnung kam, waren beide, 
Mutter und Sohn, bereits tot." Stekel. 

Hervortreten der gegengeschlechtlichen Geschlechtsmerkmale bei Abstinenz. 

Im Journal of Amaiic. Ass. 1912, Nr. 2 macht Baum darauf aufmerksam, 
dass bei abstinenten Frauen häufig Haarwachstum im Gesicht auftrete. Er beobach- 
tete einen solchen Fall, in dem nach Aufgeben der Abstinenz die Haare verschwanden 
und wieder auftraten, sobald die betreffende Frau gezwungen war, längere Zeit 
abstinent zu leben. Es können sogar die Haupthaare ausfallen, während im Gesichte 
eine reichliche Haarbildung eintritt. Diese Beobachtung ist sehr interessant und be- 
weist, wie stark die organischen Einflüsse beim Hervortreten der gegengeschlecht- 
lichen Merkmale sein können. Ich habe sehr häufig bei abstinenten Jünglingen Fehlen 
des Bartwuchses konstatieren können. Wenn dann die Abstinenz aufgegeben wurde, 
so trat — oft in ziemlich hohem Alter — eine auffallende Verstärkung des Bart- 
wuchses zutage. Stekel. 



Varia. 361 

Jacobseti. Frau Föns. Tn dieser Novelle ist die Wirkung, weiche die beabsich- 
tigte Wiederverheiratung der Mutter auf ihre erwachsenen Kinder ausübt, mit ausser- 
ordentlicher Feinheit dargestellt. 

Ich "will mich wieder verheiraten", sagte sie und erzählte ihnen, wie sie 
Thorbrögger geliebt, bevor sie ihren Vater gekannt; wie sie von ihm getrennt worden, 
und wie sie sich jetzt wiedergefunden. 

Ellinor weinte, aber Tage hatte sich von seinem Platz erhoben, gänzlich ver- 
wirrt; dann war er zu ihr getreten, war vor ihr auf die Knie gesunken und hatte 
ihre Hand ergriffen, die er schluchzend, vor Bewegung halb erstickt, an seine Wangen 
drückte, in jedem seiner Züge eine unsägliche Zärtlichkeit, eine vollständige Rat- 
losigkeit. 

0, aber Mutter, geliebte Mutter! was haben wir dir denn getan, haben wir dich 
nicht immer geliebt, haben wir uns nicht, wenn wir dir nahe waren und wenn wir dir fern 
waren, nach dir gesehnt wie nach dem Besten, was wir auf der Welt besassen. Unseren 
Vater haben wir nicht anders gekannt als durch dich, du hast uns ihn lieben gelehrt, und 
wenn Ellinor und ich so viel voneinander halten, so ist es doch, weil du unermüdlich Tag 
für Tag dem einen gezeigt hast, was an dem anderen liebenswert war — und ist 
es nicht so mit jedem Menschen gewesen , dem wir nahe getreten sind, haben wir 
nicht alles von dir! Alles haben wir von dir, und wir beten dich an, Mutter, 
wenn du wüsatest ... o, du weisst nicht, wie oft unsere Liebe zu dir 
sich sehnt, über alle Grenzen undSchranken hinauszugehen, zu dir, 
aber du wieder hast uns gelehrt, sio niederzuhalten, und wir wagen 
nie, dir so innig nahe zu kommen, wie wir so gern möchten. Und 
jetzt sagst du, dass du ganz von uns fort willst, uns ganz beiseite 
schieben! Aber das ist ja unmöglich; der es am bösesten auf der Welt mit uns 
meint, könnte uns nichts antun, das so fürchterlich wie dies — und du meinst es 
ja gut mit uns, wie ist es da möglich ! Sag schnell, dass es nicht wahr, sag, es ist 
nicht wahr, Tage, es ist nicht wahr, Ellinor.* 

.Tage, Tage, komm doch zu dir und mach es dir und uns nicht so schwer! 
Tage stand auf. 

.Schwer!* sagte er, „schwer, schwer, o wäre es nichts weiter als schwer, aber 
es ist "ja fürchterlich, — unnatürlich; es ist um wahnsinnig darüber zu werden! 
Ahnst du auch wirklich, was du mir zu denken gegeben? Meine 
Mutter der Liebe eines fremden Mannes hingegeben, meine Mutter 
begehrt, umfangen und wieder umfangend, o, das sind Gedanken für 
einen Sohn, Gedanken schlimmer als der ärgste Hohn, - aber es ist 
unmöglich, es muss unmöglich sein, es muss, denn sollten die Bitten eines Sohnes 
nicht so viel Macht haben! Ellinor, sitz nicht dort und weine, komm und hilf mir 
Mutter bitten, das6 sie Mitleid mit uns habe.* 

.Ich wollte, ich wäre tot,* sagte Ellinor, „aber alles, was Tage sagt, ist wahr, 
Mutter, und es kann nimmermehr recht sein, dass du uns in unserem Alter 
einen Stiefvater gibst." 

An jedem Tage, der hinging, vergassen die Kinder mehr und mehr, was die 
Mutter für sie gewesen, so wie Kinder nun einmal, wenn sie glauben, dass ihnen 
Unrecht geschehen, tausend Wohltaten über ein einziges Unrecht zu vergessen pflegen. 
Tage war der weichste von ihnen, aber auch zugleich der, welcher am tiefsten 
verletzt war, weil er derjenige, der am meisten geliebt hatte. Er hatte lange Nächte 
hindurch über die Mutter geweint, die er nicht behalten konnte wie er wollte, und 
es gab Zeiten, wo die Erinnerung an ihre Liebe zu ihm jedes andere Gefühl in seiner 
Brust übertäubte. Eines Tages war er auch zu ihr gegangen und hatte gebeten und 
gefleht, dass sie nur ihnen gehören möge, ihnen allein und keinem anderen, und er 
Zeiitrolblatt für Pivehomalyte. III V. 24 



362 Varia. 

hatte ein Nein bekommen, und diese» Nein hatte ihn hart gemacht und kalt, eine 
Kalte, vor der er sich im Anfang gefürchtet, weil zugleich mit ihr eine so fürchter- 
liche Leere gekommen war. 

Mit Ellinor war es andere; sie hatte es seltsamerweise meist wie ein Unrecht 
gegen ihren verstorbenen Vater empfunden, und sie begann eine Fetischanbetung mit 
diesem Vater, an den sie sich nur dunkel erinnerte, und schuf ihn sich so lebendig, 
indem sie sich in alles vertiefte, was sie von ihm gehört; sie fragte Kaetager nach 
ihm, und Tage, und küsste jeden Abend und jeden Morgen ein Medaillonporträt, das 
sie von ihm hatte, und sehnte sich mit hysterischem Verlangen nach Briefen von 
ihm, die sie zu Hause gelassen, und nach Dingen, die ihm gehört hatten. 

In demselben Verhältnis wie der Vater auf diese Weise stieg, sank die Mutter. 
Dass diese Bich in einen Mann verliebt hatte, schadete ihr weniger in den Augen 
der Tochter; sie war nicht mehr die Mutter, die Unfehlbare, die Klügste, Beste, 
Schönste, sie war eine Frau wie andere, nicht ganz so, aber gerade, weil sie es 
nicht ganz war, eine, die man kritisieren und beurteilen, an der man Schwächen und 
Fehler finden konnte." 

Beachtenswert ist, dass die Tochter zu gleicher Zeit an einer unerwiderten 
Liebe leidet und der Sohn sich gerade verlobt hat. Dadurch wird die Hinwendung 
der Tochter zum Vater weiterhin motiviert und die Empörung des Sohnes über die 
Untreue der Mutter erhält einen Teil ihres Gewichtes aus dem verdrängten Bewusst- 
ein seiner eigenen Abwendung. Dr. Else. Voigtländer. 

Die Photographie der Symbole. 

Im wissenschaftlichen Klub in Wien hielt Herr Major Dnrget aus Paris einen 
Vortrag über seine Entdeckung der V-Strahlen. Er trachtete aus Bildern den Nach- 
weis zu liefern, dass der menschliche Köiper Strahlen aussende, die sich auf einer 
photographischen Platte leicht fixieren lassen- Nachdem er so Bilder des Zornes 
und der Angst vorgestellt hatte, zeigte er eine Photographie, die er erhalten hatte, 
nachdem er seiner schlafenden Gattin eine lichtempfindliche Platte um die Stirne 
gebunden hatte. Am Morgen nahm er die umgebundene Platte ab und entwickelte 
das Bild. Sein Erstaunen war sehr gross, als er einen grossen adlerartigen 
Vogel auf der Platte fand. Würde der Vortrag nicht stellenweise einen kindischen 
Eindruck gemacht haben, man wäre versucht der „Academie des sciences" dazu zu 
gratulieren, dass sie die Angaben des Kommandanten D arg et von einem Komitee 
prüfen lässt. Wir finden es begreiflich, wenn wir in den Gedanken der schlafenden 
Frau phallische Symbole finden können. Jedenfalls ist die Sache interessant , mag 
es sich um einen „Bluff* oder um Wahrheit handeln .... 

Bei dieser Gelegenheit möchte ich mitteilen, wie die Kenntnis der Traum- 
symbole die Ursache eines schweren ehelichen Zwistes werden kann. Ein Arzt hört 
seine Frau während der Nacht aus dem Traume rufen: »Du lieber Gott, warum 
machst du die Würste so verschieden!' Von Eifersucht gequält, weckt er 
seine Frau und macht ihr bittere Vorwürfe, beschuldigt sie sogar der Untreue. Ich 
habe Mühe, ihn zu überzeugen, dass gerade die treuen Frauen am leichtesten auf 
vergleichende Gedanken kommen können. Solche Vorkommnisse machen die Angst 
der Neurotiker verständlich, im Traume ihre geheimen Gedanken zu verraten. Diese 
Angst wirkt als stärkster Widerstand gegen die Hypnose, welche bei Phobien nie- 
mals gelingt. Stekel. 

Ein schönes Beispiel von Versprechen. 
Ich erkläre einem Arzte, der bei mir in Behandlung steht, den Unterschied 
zwischen aktiver und passiver Kriminalität. Die Analyse lässt vermuten, er habe 
seinen Geschwistern den Tod gewünscht, um der einzige Erbe eines beträchtlichen 



Varia. 363 

Vermögens za werden. Die passive Kriminalität tobe sich in Todeswünschen ans, 
in denen das Schicksal die Rolle des Befreiers spiele. Ein Automobil überfährt den 
Rivalen, Man ist befreit und doch schuldfrei. Auch eine Art Lust ohne Schuld! 
Der Analysan erinnert sich nicht an solche passive kriminelle Wünsche. Sein 
nächster Einfall bezieht sich auf den Wunsch, einem Erben sein Vermögen zu über- 
geben. Er erzählt die Geschichte einer beiderseitigen Epidydemitis und sagt 
zweimal Epidemitis. Ich mache ihn auf das Versprechen aufmerksam und er 
gesteht, er habe wiederholt den Gedanken gehabt, seine Geschwister mögen bei einer 
Epidemie alle hin weggerafft werden, so ddS3 das Vermögen an ihn fallen müsste. 

Dr. W. B. 

Eine Syniptomhandlung und ihre Erklärung. 

Derselbe Patient zeigte mir am vorhergehenden Tage eine Serviette, die er 
im Kaffeehanse eingesteckt hatte und meinte, die Psychoanalyse habe ihn so auf- 
gewühlt, dass er nun zum Diebe werden müsse. Sie habe die schlummernden, 
ewig begrabenen Instinkte in ihm geweckt. Er ist an diesem Tage im heftigsten 
Widerstand, ist um eine Viertelstunde zu spät gekommen, meint, er habe nichts zu 
berichten, er sei über die Krankheit des jungen Zaren so furchtbar aufgeregt. Ob 
nicht ein Attentat vorliege? Da fällt ihm plötzlich ein, als ich ihn aufmerksam 
mache, dass diese Erregung anf eine Phantasie seiner Kindheit zurückzugehen scheine: 
Ich wurde in der Kindheit vergiftet. Ein Apotheker gab mir Lysol statt Kindermeth. 
Ich nahm nur einen halben Kaffeelöffel und spuckte ihn sofort aus. Dann wurden 
viele Ärzte gerufen, ich soll bewusstlos gelegen sein und war aufgegeben. Ich 
wurde auch von Krämpfen hin- und bergeworfen. (Wahrscheinlich ein hysterischer 
Zustand.) Da es hoffnungslos war, Hess meine Mutter einige fromme Männer rufen. 
Sie erklärten, in mir sei ein „Böser Geist", der ausgetrieben werden müsse. Diesen 
bösen Geist nannten sie den „Diebek". Es gelang ihnen bald den bösen Geist 
auszutreiben und ich wurde vollkommen gesund. Merkwürdigerweise habe ich keinerlei 
Narbe oder Striktur zurückbehalten. Doch was hat diese Erzählung mit meinem 
Diebstahl zu tun? Nun antwortete ich : Sie wollten eben beweisen, dass der „Diebek* 
noch in ihnen lebt und der jüdische Exorzismus ohne Erfolg geblieben ist . . . 

In der Kindheit trug sich der Kranke mit allerlei aktiven kriminellen Ideen gegen 
seine Brüder herum. Die Vergiftung stiess auf einen empfindlichen Komplex und 
löste so den hysterischen Anfall aus. Dr. W. ü. 

Zur Frage „Objektwahl, Inzestliebe". 

Artur Schnitzler, das Vermächtnis, I. Akt. Ennny (spricht von ihier 
Tochter). „Einer wird sie mir doch wegnehmen. Hugo ist jeden falls 
der Beste. Es ist merkwürdig, wie er mich manchmal an meinen 
armen Mann erinnert." Einerseits liebt die Tochter ihren Vetter, der an ihren 
Vater erinnert, andererseits hat die Mutter auf ihren Neffen übertragen und ver- 
wendet, wie so häufig, diese Neigung, mit der sie sonsts nichts anzufangen wüsste, 
dazu, ihre Tochter, die sie innig liebt, glücklich zu machen und will auch den Ge- 
liebten um so mehr an sich fesseln. — 2. Ebenda: Franziska: .Wenn er nicht 
mein Bruder wäre, hätte ich mich wahrscheinlich selbst in ihn verlieht.*' — 
3. Ebenda. Franzika ist, was ganz unmotiviert scheint, mit dem höchst unsympathi- 
schen Dr. Schmid verlobt, den sie auch gar nicht liebt. Es fällt allgemein auf, dass 
er genau die Stimme ihres Vaters hat. Marcus. 

Zur infantilen Sexualität. Prövost, Cousine Laura, Moers du Theatre p. 53. 
Pour tout homme de strueture sentimentale, il y a un nom de femme, — un 
seul entre les vingt noms de maitresses ou d'amies disparues, — qui resurne et 

24* 



364 Varia - 

definit l'Amour. Certaines foia c'est un nom de gran de jeune f ille en tre- 
vue lorsqu'on etait petit; eile voub prenait alor s sur ses genoux, 
vous baisant au front ou ä la Jone, Ignorant le trouble presque cruel 
qui agitait, tout pres de son coeur, un coeur d'enfant . . . 

E. Marcus. 

Ein Fall, der zu denken gibt. 
Unter diesem Titel erzählt Staatsanwalt Dr. Feisenberger, Magdeburg, in 
H. Gross' Archiv vom 15. V. 1912, wie zwei Damen in einem Geschäft als Ge- 
schenk für ihren Vater einen Spazierstock kaufen und ihn nach ihrer Wohnung 
schicken lassen. Auf dem Rückweg, etwa V/ t Stunden nachdem sie das Geschäft 
verlassen haben, bemerkt die eine der Schwestern plötzlich, dass sie über den linken 
Unterarm einen Stock an seiner gebogenen Krücke hängen hat. Sie entsinnt sich, 
dass sie ihn im Geschäft versuchsweise über den Arm gehängt hat. Die Damen gehen 
sofort zurück, um den Stock unter Entschuldigungen im Geschäft zurückzugeben, 
wo sein Fehlen noch gar nicht bemerkt worden ist. Dr. Feisenberger erörtert 
die verschiedenen Möglichkeiten, die dazu führen konnten, dass die Dame dieses 
Voikoinmnisses wegen als Diebin verurteilt worden wäre. 

Das Ünbewu8ste, das ihr einen Ersatz für den Vater an den Arm wünschte, 
hätte ihr mit dieser symbolischen Wunscherfülluog tatsächlich einen sehr schlechten 
Dienst leisten können. Bezeichnenderweise war der mitgenommene Stuck wesentlich 
billiger als der für den Vater gekaufte, denn der Ersatz für den Vater kann für sie 
offenbar im Weit dem Vater nicht gleichkommen. 

Bei den strafrechtlichen Erörterungen über die Möglichkeit, dass solche Fälle 
zur Verurteilung kämen, wäre zu bedenken, dass das Unbewusste wahrscheinlich 
nie verfehlen wird, den gespielten Streich rechtzeitig „entdecken" zu lassen, sofern 
es sich wie hier, bei der Wunscherfüllung nicht um den Besitz des Gegenstandes 
handelt, sondern nur um eine symbolische Darstellung durch denselben. Es besteht 
aber wohl die Möglichkeit, dass ein Gegenstand um seiner selbst willen unbewusst 
mitgenommen würde. Marg. Stegmann. 

Aus den Papieren eines Fragment isten. Von Dr. Fritz Kolisch. 

Parallel zur Gleichung: Das neurotische Symbol: eine Manifestation der 
Verdrängung einer Vorstellung bzw. eines ganzen Komplexes, deren Erfüllung man 
so sehnlich herbeiwünscht wie die fromme Seele die Vereinigung mit Gott: 

.Jede Fratze zeugt für den Gott, den sie entstellt.' Richard Dehmel. 

Die Dichtung, ein Wachtraum; Die Widerspiegelung sublimer Erleb- 
nisse im .Reich der Tiefe" (Freud's , Tiefenpsychologie" fBleuler: Die Psych- 
analyse Kreud's S. 3): 

„— Was ist Gedicht? 

— Nicht Wirklichkeit, aber mehr als Wirklichkeit — 
nicht Traum, aber wache Träume .... 

— Und die Menschen glauben, dass wir Dichter nur spielen — finden und 
erfinden!' S tri nd borg: Ein Traumspiel. 

Adnex: .Die Sprache, die Gebräuche, die Gesten, die Gedanken sind mehr 
oder minder versteckte Symbolismen" (Stekel „Die Sprache des Traumes" S. 2); 

.Jede Nation bat ein eigenes Vorratshaus ihrer zu Sprachzeichen gewordenen 
Gedanken; dies ist ihre Nationalsprache, ihr Idiotikon; ein Vorrat, zu dem die Jahr- 
hunderte zugetragen; ein Vorrat, der freilich oft durch Raub und Beute Nachbarn 
bereichert, aber, so, wie er ist, doch eigentlich der Nation zugehört, die ihn hat und 
allein nutzen kann, der Gedankenschatz eines ganzen Volkes. Ein Philolog der 
Nation, was könnte er nicht in ihren Zeichen dnreh ihn erklären. Herder. 



Varia. 365 

Konträrer Sexaalakt des Intellekte: Die französische Spruche denkt 
sich das Entstehen eines Gedankens als eine weibliche leidende Handlung. Sie 
spricht: „Concevoir une idäe (empfangen).* Die deutsche Sprache hingegen als eine 
männliche tätige Handlung. Sie spricht: einen Gedanken erzeugen. 

„Blumen8pracbe des Orients 14 : (ebd.) 

„ Birne — Gib mir Hoffnung, schönste Dirne," 

Die vage Ähnlichkeit einer Birne und des Uterus. 

.Aster — fliehe das Laster!" 

Die vielen Blumenblätter — Flucht vom Stempel oder Griffel. 

äait'ii) = Stern. 

„Malve Salve!" 

Auf Grund des blossen Reimklanges die Blume, die die Begrüssung symboli- 
sieren soll (Intimere Assoziation unmöglich, weil es sich nur um ein einziges Wort 
handelt). 

„Resede — Steh mir Rede!" 

Assouunz Re — .... Re — , 

„Kirschen — Ich möchte vor Wut mit den Zähnen knirschen." 

Die Abzupfung des Fleisches vom Kern mit den Zähnen. Zu Kirsche setzt 
man gewöhnlich das Attribut rot — rot vor Wut. 

„Gurke — Entferne Dich. Schurke!" 

Gurke Symbol für den Penis, der eine Konkurrenz bedeutet — Gurke in Be- 
zug mit der Nase gebracht, bedeutet eine hässlich geformte Nase. Konkurrenten 
und Leute mit hässlichen Nasen hält man sich gern fern vom Leibe. 

„Zwiebel — nimm es nicht übel." 

Eine Wunscherfüllung: Zwiebel: Erreger von Winden, die für den anderen 
unangenehm sind. 

Aus „Das IHJdnis des Durian Gray". Von Oskar Wilde. Leipzig- Rec-lam. S. 30. 

Lord Henry sagt zu Dorian: „Dennoch glaube ich, dass, wenn nur ein 
Mensch sein Leben ganz ausleben, jedem Gefühl Form, jedem Gedanken Ausdruck 
geben und jeden Traum verwirklichen könnte — ich glaube, dass die Welt dann 
einen so frischen Antrieb znr Freudigkeit erfahren würde, dass wir darüber alle 
mittelalterlichen Leiden vergessen würden und zurückkehrten zu dem hellenischen 
Ideal — und vielleicht noch zu einem feineren und reicheren Ideal gelangen würden. 
Aber selbst der Tapferste unter uns fürchtet 6ich vor sich selbst. Die Selbstver- 
stümmelung der Barbaren lebt in der Selbstverleugung, die unser Leben verdirbt, 
weiter fort. Wir werden für unser Entsagen bestraft. Jede Begierde, die wir er- 
sticken, brütet fort in uns und vergiftet unsere Seele. Der Mensch sündigt und ist 
damit seiner Sünde ledig, denn jede Tat ist eine Art Reinigung. Nichts bleibt zurück, 
als die Erinnerung an eine Wonne oder die Wollust des Schmerzes. Die einzige 
Möglichkeit, sich von der Versuchung freizumachen, besteht darin, dass man sich ihr 
ergibt. Widerstehe und deine Seele wird krank werden von dem Verlangen nach 
dun Dingen, die du dir &elli&t verboten hast und die widernatürliche Gesetze wider- 
natürlich und gesetzwidrig gemacht hahen. 

(Mitgeteilt von Dr. B. Dattner, Wien.) 



r 



366 Offener Sprechsaal. 

Offener Brief an Herrn Dr. Wilhelm St ekel. 

Wien, 16. Februar 1913. 
Sehr geehrter Herr Doktor! 
Der Einfachheit halber erlaube ich mir die Vorwürfe, die Sie in Ihrer Gegen- 
kritik gegen mich erheben, etwas präziser zu formulieren, als Sie es getan haben. 
Nach Elimination verschiedener stilistischer Wendungen, die zum Thema nur in- 
direkt Bezug haben (wie z. B. das für mich ja schmeichelhafte Zugeständnis meiner 
psychologischen Begahung, für das ich Ihnen nun öffentlich danke), bleiben mir 
folgende Punkte zu erörtern übrig. Sie werfen mir vor: 

1. dass ich jung bin; 

2. dass ich von Adler etwas gelernt habe, 

S. dass ich an die Schädlichkeit der Onanie glaube, 
4. dass ich so optimistisch bin, an eine „Heilung' der Mastur- 
bation zu glauben. 
Was den ersten Punkt anbelangt, muss ich allerdings das Feld räumen, und 
mich mit der Hoffnung begnügen, dass es mit der Zeit vielleicht besser wird. Ich 
mag meinen Taufschein drehen und wenden so viel ich will, es hilft mir nichts: 
ich bin und bleibe jung. Voriges Jahr, als ich den »Fall Gogol' schrieb, in dem ich 
mich bemühte, die psychische Konstellation eines berühmten Onanisten in ihren 
Hauptlinien aufzudecken, war ich sogar noch jüuger. Es hat mir nichts geholfen : 
: ch musste trotzdem schreiben und trotzdem auffassen und verstehen und nachsagen, 
was mir „meine psychologische Begabung" zuraunte, obwohl es meinein Alter nicht 
angemessen war. — Sie werden mir jedoch eine, vielleicht etwas zu neugierige 
Frage erlauben: welche Altersgrenze möchten Sie für solche Fälle festgesetzt wissen? 
Das Gesetz statuiert für gewisse Freiheiten das vierzehnte Lebensjahr, wahlberech- 
tigt ist der Staatsbürger mit vierundzwanzig Jahren, mit 30 kann er selbst gewählt 
werden, das Heer kennt eine Dienstzeit bis zum 60. Lebensjahr, — ich möchte end- 
lich erfahren, ob denn niemand daran gedacht hat, die Zeit der Betätigung einer 
.psychologischen Begabung* irgendwie zu bestimmen. Wir leben doch in einem 
verfassungsgemäss organisierten Staate, nicht etwa in einer Negerrepublik, wo sogar 
die Affen raasturbieren. Bei uns dürfen das höchstens die Hunde tun und auch die 
nur, wenn es nach mir ginge, im Zeichen des „männlichen Protestes." — Oder 
wollten Sie in diesem Argument nur eine Stütze finden für Ihren weiteren Einwand : 
ich könne keine Erfahrung haben V Es freut mich jedoch, Ihre Befürchtung in der 
Beziehung zerstreuen zu können. Ich habe mich etwas in der Welt umgeschaut 
und besonders als ich an die Aufgabe ging, von der ich früher sprach („Fall Gogol"), 
bin ich sehr fleissig geworden. Mein Fleiss hat mir allerdings wenig geholfen, 
denn ich bin damals zu einem Schlüsse gelangt, der mich selbst überraschte, nftm- 
lich zur Erkenntnis, dass wir den onanistischen Akt im Leben eines Individuums 
übersehen können, sobald wir dessen Notwendigkeit erfasst haben, — d. h. sobald 
wir die psychischen Verwirrungen aufgelöst haben, die das Individuum zu diesem 
Ausweg zwangen. Wenn man diese Aufgabe erfüllt, passiert es einem oft, dass 
er sich in einem gewissen Sinne scheut, auf die Realität des Symptoms selbst zurück- 
zukommen. Er lebt dann im Wahne, die ergebe sich von selbst und sei im 
Grunde gleichgültig. Soviel ich mich erinnere, ist das auch die Ansicht, der ich 
in meinem Referate Ausdruck verleihe, — vor allem liegt darin der Grund, der mir 
kaum erlaubt, von Ihrer freundlichen Einladung, dem „Zentralblatt" einen Beitrag: 
über „Masturbation* einzuschicken, Gebrauch zu machen, ganz abgesehen von meiner 



Offener Sprechsaa). 3#7 

angeborenen Unfähigkeit, andere Themen zu behandeln als die, die ich Belbst suche 
und finde (Autoerotismus?) Jch gehe noch weiter: könnte das nicht auch für den 
Fall zutreffen, von dem Sie in Ihrer Kritik berichten? Ich bin überzeugt, dass der 
Pat. masturbierte, — als er Ihnen davon sprach, meinte er aber vielleicht etwas 
anderes. Und auf dieses andere zu hören ist Aufgabe einer .psychologischen 
Begabung." Da ich nun vorgebe, eine solche zu liaben, überhöre ich oft jene psy- 
chischen Äusserungen, zu deren Erklärung Sie einen Autoerotismus annehmen zu 
müssen glaubeu. 

Was den zweiten Punkt anbelangt: ich bin nicht der einzige, der von Adler 
etwas gelernt hat, wie aus dem „Jahrbuch für psychoanalytische Forschungen 1913" 
hervorgeht. Ich unterscheide mich nur dadurch, dass ich auf Befragen und manch- 
mal auch ohne das ruhig zugebe, Adler 's Schriften, die bo interessante Befunde 
enthalten, gelesen zu haben. Zurückweisen möchte ich nur, wie es mir meine Ehr- 
lichkeit empfiehlt, die Vermutung, als stünde ich zu Dr. Adler in einem Verhältnis 
wie ein Schüler zu seinem Meister. Meine «psychologische Begabung" hat mich 
einfach bewogen und befähigt, die Postulate der Lehre von der Organminderwertig- 
keit und des .männlichen Protestes" anzuerkennen, weil sie sehr gut zu meinen 
Befunden und meinen Erfahrungen passten, — wie keine von den anderen Lebren 
in denen ich seinerzeit eine Ergänzung meiner Erkenntnisse suchte. Ich könnte 
mir, für mich selbst, keinen grösseren Misserfolg von Adler's Lehren denken als 
den, der dadurch zustande käme, dass ich sein Schüler würde. Adler sucht den 
Menschen die Selbständigkeit zu geben, die ihnen andere nehmen, und nicht umgekehrt. 

Meine Stellung zur dritten Frage habe ich eigentlich schon präzisiert. An 
die Schädlichkeit des masturbatoriscben Aktes glaube ich nur insoferne, als er die 
Fixierung von krankhaften, tieferen Tendenzen erleichtert. Dass Hunde und Affen 
auch masturbieren, ist mir kein Beweis dagegen, denn ich kann prinzipiell nur 
solche Argumente anerkennen, die uns die Psychologie des Menschen liefert. 
Eine Nützlichkeit der Onanie leugne ich für jeden wie immer gearteten Fall. Die 
Onanie ist auch für den Stärksten und Gesündesten der Ausdruck einer Niederlage 
und um darüber hinwegzukommen, ist eine Fälschung der Realität notwendig, 
die an und für sich immer schädlich ist. — Und damit wäre auch die vierte Frage, 
von der .Heilung" erledigt. Entweder heben Sie aus einem Individuum den krank- 
haften Lebensplan in toto, oder Sie müssen darauf verzichten, ihn zu heilen. Dass 
er auch masturbiert, ist uninteressant, — dass er nach einer solchen Behandlung 
nicht mehr masturbiert, ist sicher. 

Und noch einige Details: die Auskünfte, die Freud in den .drei "Abhand- 
lungen über die Sexualtheorie" gibt und die nach Ihrer Ansicht .erschöpfend* sind, 
bieten mir nur mehr oder minder glückliche Schilderungen der Nebenumstände, 
die eine individuelle Entwicklung begleiten können. An der Frage: wie die Onanie 
aus einem ganzen Lebensarrangement als ein vollkommen adäquates Gleichnis heraus- 
wächst? — geben sie einfach vorbei. — .Die Furcht vor der Frau" steht nicht 
eine .Furcht vor dem Manne" gegenüber, sondern das ist nur ein durch die ge- 
schlecl tliche Verschiedenheit bedingter Parallelismus, mehr der Sprache als der 
psychologischen Realität. Der Mann fürchtet vor der Frau selbst weibisch zu 
werden, — die Frau fürchtet dasselbe vor dem Manne, denn beide haben die Angst 
vor der Niederlage. 

Indem ich der Hoffnung Ausdruck verleihe, dass unsere zukünftigen Arbeiten 
weniger gegenseitigen Missverständnissen ausgesetzt sein werden, 

grüsse ich Sie mit Hochachtung 

Otto Kaus. 



;-}ßtf Redaktionelle Mitteilungen. 

Redaktionelle Mitteilungen. 

Auf mehrere Anfragen: Wir haben von der Publizierung einer Liste der Mit- 
arbeiter auf dem Titelblatte verzichtet. Man vergleiche die alte Liste der ständigen 
Mitarbeiter mit den Namen der wirklichen Mitarbeiter und mau wird die Diskrepanz 
zwischen Worten und Taten leicht verstehen. Wir wollen nicht durch klingende 
Namen wirken. Massgebend für die Güte einer Zeitschrift ist der Inhalt. Übrigens 
haben die letzten zwei Hefte bewiesen, dass es uns auch nicht an Namen fehlt. 

Ebenso sehen wir von der Rubrik Literatur vollständig ab. Die grosse An- 
zahl der Referenten ermöglicht uns eine ziemlich vollständige Berichterstattung über 
die wichtigsten Arbeiten der uns interessierenden Literatur. Durch die ueu einge- 
führte Rubrik „Aus verschiedenen Zeitschriften" wird auch eine Rundschau der 
wichtigsten in Zeitschriften erschienenen Arbeiten geboten, welche den beschäf- 
tigten Lesern sehr willkommen sein dürfte. 



Die Überfülle des Materials ermöglicht es uns die einzelnen Hefte nach 
.Materien zu ordnen. In Vorbereitung sind drei Hefte: Über den Traum. Über das 
Stottern. Literatur und Psychoanalyse. Unsere Mitarbeiter werden gebeten, das 
einschlägige Material innerhalb der midisten Monate zu übersenden. Zuerst dürfte 
die Traumnummer erscheinen. 



Auf viele Anfragen : Wir lassen uns in keine persönliche Polemik ein, obwohl 
die Mitteilungen der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung uns dazu her- 
ausfordern. Wir wünschen nur durch die Tatsachen zu überzeugen. 



Das Skizzenbuch von Dr. Stekel „Was am Grund der Seele ruht" ist in 
dänischer Übersetzung unter dem Titel „Nei vosi tef (Hvad der Hvillur i Sjaelens 
Dyb) im Verlage von H. Hngerup in Kopenhagen erschienen. Eine liebenswürdige 
Vorrede des bekannten dänischen Forschers Dr. Frode Sadolin leitet das Werk 
ein. Als Übersetzer zeichnet die unseren Lesern bekannte Margarete Petersen. 



Dozent H. M. Baege gibt jetzt im Verlage von Dr. Arthur Tetrlaff die 
„Neue Wissenschaftliche Rundschau" heraus, die sich durch besondere 
Reichhaltigkeit auszeichnet und dem ProWeilM der Psychologie ein.., wohltuende Auf- 
merksamkeit widmet. 

Die beiden letzten Hefte der „Grenzfragen des Nerven- und Seelenlebens" 
enthalten eine ausgezeichnete Darstellung von Loe wenf eld über „Bewusslsoin und 
psychisches Geschehen" (Die Phänomene des Unterbewusstseins und ihre Rolle in 
unserem geistigen Leben) und eine zeitgemiisse pathographische Studie „Das Patho- 
logische bei Otto Ludwig" von Otto Jent seh. Wir werden auf beide Bücher noch 
zurückkommen.