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Full text of "Zentralblatt für Psychoanalyse. Medizinische Monatsschrift für Seelenkunde III. Jahrgang 1913 Heft 8/9"

;-}68 Redaktionelle Mitteilungen. 

Redaktionelle Mitteilungen. 

Auf mehrere Anfragen: Wir haben von der Publizierung einer Liste der Mit- 
arbeiter auf dem Titelblatte verzichtet. Man vergleiche die alte Liste der ständigen 
Mitarbeiter mit den Namen der wirklichen Mitarbeiter und man wird die Diskrepanz 
zwischen Worten und Taten leicht verstehen. Wir wollen nicht durch klingende 
Namen wirken. Massgebend für die Güte einer Zeitschrift ist der Inhalt. Übrigens 
haben die letzten zwei Hefte bewiesen, dass es uns auch nicht an Namen fehlt. 

Ebenso sehen wir von der Rubrik Literatur vollständig ab. Die grosse An- 
zahl der Referenten ermöglicht uns eine ziemlich vollständige Berichterstattung über 
die wichtigsten Arbeiten der uns interessierenden Literatur. Durch die neu einge- 
fügte Rubrik .Aus verschiedenen Zeitschriften" wird auch eine Rundschau der 
wichtigsten in Zeitschriften erschienenen Arbeiten geboten, welche den beschäf- 
tigten Lesern sehr willkommen sein dürfte. 



Die Überfülle des Materials ermöglicht es uns die einzelnen Hefte nach 
Materien zu ordnen. In Vorbereitung sind drei Hefte: Über den Traum, Über das 
Stottern. Literatur und Psychoanalyse. Unsere Mitarbeiter werden gebeten, das 
einschlägige Material innerhalb der nächsten Monate zu übersenden. Zuerst dürfte 
die Traumnuinmer erscheinen. 



Auf viele Anfragen : Wir lassen uns in keine persönliche Polemik ein, obwohl 
die Mitteilungen der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung uns dazu her- 
ausfordern, Wir wünschen nur durch die Tatsachen zu überzeugen. 



Das Skizzenbuch von Dr. Stekel .Was am Grund der Seele ruht" ist in 
dänischer Übersetzung unter dem Titel ,N ei vosi tef iHvad der Hviller i Sjaelens 
Dyb) im Verlage von H. Hagerup in Kopenhagen erschienen. Eine liebenswürdige 
Vorrede des bekannten dänischen Forschers Dr. Frode Sadolin leitet das Werk 
ein. Als Übersetzer zeichnet die unseren Lesern bekannte Margarete Petersen. 



Dozent H. M. Baege gibt jetzt im Verlage von Dr. Arthur Tetzlaff die 
„Neue Wissenschaftliche Rundschau" heraus, die sich durch besondere 
Reichhaltigkeit auszeichnet und dem Probleme der Psychologie eine wohltuende Auf- 
merksamkeit widmet. 

Die beiden letzten Hefte der „Grenziragen des Nerven- und Seelenlebens« 
enthalten eine ausgezeichnete Darstellung von Lue w enf eld über „Bewusstsein und 
psychisches Geschehen" (Die Phänomene des Unterbewusstseins und ihre Rolle in 
unserem geistigen Leben) und eine zeitgemässe pathographischo Studie „Das Patho- 
logische bei Otto Ludwig" von Otto Jen t seh. Wir werden auf beide Bücher noch 
zurückkommen. 



Originalarbeiten. 



Unser Verstehen der seelischen Znsammenhänge in 
der Neurose und Freud's und Adler's Theorien. 

Von Privatdozent Dr. Otto Hinrichten, Basel. 

I. 

Sadger hat einmal in dem G a u p p'schen ,.Centralblatt für Nerven- 
heilkunde." frisch-fromm-frei ausgesprochen und diesen Ausspruch in der 
„Imago" — 1. (2) 1912 — wiederholt, wenn ein sonst ganz intelligenter 
Mann von der menschlichen Psyche gar nichts verstehe, sei er sicher 
Psychologe von Beruf oder — Psychiater. Das ist ja sehr hübsch gesagt, 
nur dass Sadger. zu diesem Ausspruch nur kommen konnte, indem er 
Bemühungen durchaus differenter Art zusammenwarf. Jaspers 5 ) hat 
kürzlich sich über diese Dinge prinzipiell und sehr klar ausgesprochen. 
Er sagt, wir können Zusammenhänge in die sinnlich wahrgenommenen 
Fakten bringen durch Erklärungen, durch kausales Denken. „Ähnlich 
können wir seelische Zustände, seelische Gegebenheiten, Erlebnisse, 
Bewusstseinsweisen als solche (z. B. Vorstellungen, Gedanken, Gefühle, 
Pseudohalluzinationen, wahnhafte Ideen, Triebregungen usw.) uns an- 
schaulich vergegenwärtigen und beschreiben. Wir können zweitens seelische 
Zusammenhänge verstehen; wie Seelisches aus Seelischem hervor- 
geht, wie Handlungen aus Motiven entspringen, wie Stimmungen und 
Affekte aus Situationen und Erlebnissen hervorgehen. Der sinnlichen 
Wahrnehmung steht die anschauliche Vergegenwärtigung 
von Seelischem, der kausalen Erklärung das psycho- 
logische Verstehen" gegenüber." Dies psychologische Verstehen 
allein konnte S a d g e r im Auge haben, wenn er behauptete, der Psycholog 
von Beruf und der Psychiater sei psychologisch impotent. Jaspers 
nun stellt der verstehenden Psychologie die Leistungspsychologie 
gegenüber, die gar nichts verstehen will, der aus der Physiologie ent- 
wickelten objektiven Psychologie die subjektive, welche teils ver- 
stehen will, teils rein phänomelogisch bleibt. „Wie falsch es ist, sagt er, 
dass manche Geisteswissenschaftler die Leistungspsychologie a n sich 
verachten, ebenso falsch ist es, dass naturwissenschaftlich gerichtete, nur 
Sinnliches, nur Experiment und Statistik anerkennende Forscher die ver- 
stehende Psychologie verachten. Die Forschungsrichtungen verfolgen ganz 
verschiedene Ziele. Der Fehler entsteht erst, wenn sie sich ersetzen 



») Zeitschr. f. die gcs. Neur. u. Psych. (Originalien), Bd. XIV. S. 160. 
Zentralblatt für Psychoanalyse. HIV». 25 



370 Privatdozent Dr. Otto Hiorichsen, 

und fälschlich aus dem einen Gebiet in das andere etwas übertrage« 
wollen." 

Was also nötig ist, ist die reinliche Scheidung, ist, dass einer sich 
klar bewusst ist, was er will. So betont denn auch Jaspers, dass es 
sich bei Freu d's Bestrebungen um verstehende Psychologie 
handle, „nicht um kausale Erklärung, wie Freud meint". „Kausale Er- 
klärungen spielen hinein, indem die physischen Grundlagen eines ganzen 
verständlichen Zusammenhanges als Ursache z. B. einer Armlähmung, 
einer Bewusstseinstrübung usw. angesehen werden." Freud, fährt 
Jaspers fort, lehre in überzeugender Weise viele einzelne verständ- 
liche Zusammenhänge kennen. „Wir verstehen, wie ins Unbemerkte ver- 
drängte Komplexe sich in Symbolen wieder zeigen. Wir verstehen die 
Reaktionsbildungen auf verdrängte Triebe, die Unterscheidung der primären, 
echten, von den sekundären, nur als Symbole oder Sublimierung vor- 
handenen seelischen Vorgängen." Freud dringe weit vor ins unbemerkte 
Seelenleben, dass durch ihn zum Bewusstsein erhoben werde. Auf der 
Verwechslung verständlicher Zusammenhänge mit kausalen Zusammen- 
hängen beruhe die Unrichtigkeit der Freu d'schen Forderung, dass alles 
im Seelenleben, dass jeder Vorgang verständlich (sinnvoll deter- 
miniert) sei. „Nur die Forderung unbegrenzter Kausalität, nicht die Forde- 
rung unbegrenzter Verständlichkeit besteht zu Recht. Mit diesem Irrtum 
hängt ein anderer zusammen. Freud macht aus verständlichen: 
Zusammenhängen Theorien über die Ursachen des gesamten seelischen 
Ablaufs, während Verstehen seinem Wesen nach nie zu Theorien führen 
kann, während kausale Erklärungen immer zu Theorien führen müäsen 
(die vermutende Deutung eines einzelnen seelischen Vorgangs — hur 
solche einzelne Deutungen kann es geben — ist natürlich keine 
Theorie)." Ferner handle es sich bei Freud in zahlreichen Fällen nicht 
um ein Verstehen und ins Bewusstsein Heben unbemerkter Zusammen- 
hänge, sondern um ein „als ob Verstehen" ausserbewusster 
Zusammenhänge. 

In diesen Sätzen ist endlich einmal ein klarer Standpunkt gewonnen. 
Jaspers sagt dann selbst auch, das Interesse für „die verständlichen 
Zusammenhänge, welche auf der — durch kausal zu erklärende Vor- 
gänge — krankhaft veränderten Basis des Seelenlebens erwachsen, ist heute 
in Zunahme begriffen." Er fordert dann vor allem auf, mehr Phäno- 
menologie zu treiben, da nur sehr wenige rein phänomenologische 
Arbeiten vorliegen. Das Interesse für die verständlichen Zusammenhänge 
wieder wachgerufen zu haben, ist Freu d's grosses Verdienst. Als Ärzte 
muss uns daran liegen, unsere Kranken auch so weit immer möglich ist, 
zu verstehen, so wenig damit auch wieder alles getan ist. Immerhin ist 
dieses Verstehen speziell für alle psychotherapeutischen Bemühungen 
Grundbedingung, andererseits aber wieder wichtig zu wissen, in welchen 
Grenzen es möglich ist, wirksam Psychotherapeut zu sein. Und diese 
Grenzen liegen da, wo die nur durch kausal zu erklärende Vorgänge ver- 
änderte krankhafte Basis des Seelenlebens direkt berührt wird, denn hier 
versagen notwendig alle psychotherapeutischen Eingriffe. So will auch 
Sommer 1 ) die Psychoanalyse im Prinzip anerkennen und warnt nur 



i) Klinik f. psych, u. nerv. Krankh. V. 1910. 



Unser Verstehen der seelischen Zusammenhänge in der Neurose. 371 

vor der einseitigen Betonung der sexuellen Momente, vor einer Dograa- 
tisierung und Übertragung auf andere Gebiete. 

Der Anspruch der Psychoanalytiker, die Psyche in der Weise so- 
zusagen zerlegen zu wollen, wie der Chemiker eine chemische Verbindung 
in die Elemente zerlegt, muss vor allem erst aufgegeben werden, denn wir 
kennen keine psychischen Elementarerscheinungen, welche den Elementen 
des Chemikers irgendwie gleichzusetzen wären. Wenn Freud und seine 
Schüler darauf Anspruch machen, in der Sexualität etwas Derartiges ge- 
funden zu haben, so liesse sich etwa eine Differenz eruieren zwischen den 
seelischen Vorgängen bei dem einen und dem anderen Individuum, wenn 
wir das Quantum Libido sexualis exakt feststellen, messen könnten, 
welches in einem Individuum ist. Dann könnte man in exakter Weise 
von einer „übermächtigen Libido" bei einem Individuum reden und aus 
dieser Konstatierung etwas gewinnen. Und in unklarer Weise scheint mir 
diese Vorstellung von einer real vermehrten Libido, von einem in dieser 
Beziehung quantitativen Anderssein in allen Arbeiten der Freud'- 
schen Schule allzusehr zu spuken. Man wird etwas derartiges, sobald 
klar gedacht wird, gar nicht Vertretbares natürlich nicht klipp und klar 
heraussagen, aber auch die Freudianer haben noch ihr Unbewusstes und 
noch nicht alles bei sich ins Bewusstsein gehoben. Tatsächlich spricht 
man wesentlich von „psychosexueller Konstitution" und kommt sich über 
den sonst ganz intelligenten Psychiater" Sadger's erhaben vor, der 
von der menschlichen Psyche gar nichts versteht, der, wenn er sonst nichts 
mehr zu sagen weiss, sich auf das konstitutionell Angeborene beruft. Man 
selber tut aber nichts Besseres, denn alles, was man durch die psycho- 
sexuelle Konstitution zu erklären sucht, vor allem das Vorhandensein 
einer übermächtigen Libido, das schliesst dieser Begriff von vornherein 
als reiner Verlegenheitsbegriff ein, der er ist und der somit den mit ihm 
Operierenden auch zu keinerlei Überlegenheitsgefühlen berechtigt. Spreche 
ich dem Neurotiker erst einmal eine übermächtige Libido zu, indem ich 
von seiner psychosexuellen Konstitution rede, d. h. ihn zum wenigsten 
für psychisch libidinös erkläre, so habe ich es natürlich leicht, dasjenige, 
was ich ihm selber gab, nachher als in all seinem Psychischen wirksam 
und in den seelischen Vorgängen sich überall verratend nachzuweisen, 
stets den Finger darauf zu legen und zu sagen: „Sixte, Sexualität^ Libido 
sexualis!" Dehne ich dann den Begriff noch so weit aus, wie ganz offen 
es Jung tut, so dass es schon edne sexuelle Leistung ist, wenn einer 
mit den Ohren wackelt, ich also lebend Sein und Libido sexualis gleich- 
setze, Libido nehme im Sinne des Schopenhauer'schen Willens, so 
ist natürlich klar, dass sich die Erde aus Libido um die Sonne dreht. 
Tatsächlich ist aber nun die sexuelle Leistung wie die sexuelle Begierde 
nur eine von vielen Äusserungsformen der Vitalität, und diejenige 
Erscheinung, von der auch die Sexualität nur eine Teilerscheinung dar- 
stellt, der 'allem Lebenden eigene Selbsterhaltungstrieb. Kein 
lebendes Wesen kann ohne diesen und ebenso ohne Fortpflanzungs- 
trieb gedacht werden. Oder, wenn ein Tier oder ein Mensch etwa auch 
ohne Fortpflanzungstrieb, bloss strebend sich und nicht auch seine Art 
zu erhalten, gedacht werden kann, so sprechen doch alle unsere Er- 
fahrungen dafür, dass in jedem Menschen etwas von dem Fortpflanzungs- 
trieb ist, dass diese Dinge zu tief in seiner Organisation gegründet sind, 
als dass sie nicht inirgendeinerWeise stets in ihm wirksam wären. 

25* 



372 Privatdozent Dr. Otto Hinrichaen, 

Diese Allmacht der Libido sexualis existiert, das völlig asexuelle Individuum 
existiert nicht. Aber in dem, was sich uns phänomenologisch als sinnlich 
wahrnehmbar bietet, zu scheiden: dies gehört rein dem Sexualtrieb, dies 
dem Selbsterhaltungstrieb, der Vitalität im ganzen an, ist uns bei dem 
engen Verflochtensein aller menschlichen Triebe nicht möglich. Der Er- 
scheinung nach verhält sich die Sache so, dass zwar Selbsterhaltungs- 
trieb im engsten Sinne und Sexualtrieb gelegentlich in Konflikt miteinander 
kommen, dass das Verlangen nach sexueller Befriedigung das Individuum 
zu Handlungen veranlasst, welche im übrigen seiner Fortexistenz gefähr- 
lich werden, immer aber wirkt auch bei dem Auftreten eines solchen 
Interessengegensatzes in dem Menschen selbst, also wenn ihn das sexuelle 
Verlangen nach einer Seite reisst, wo des Individuums Schädigungen harren, 
in der Libido sexualis der Selbsterhaltungstrieb insofern mit, als im 
Augenblick die Begierde eben so gross ist, so sehr zur Befriedigung 
drängt, dass das Individuum dem Augenblicksvorteil der Lustbefriedigung 
den dauernden zu opfern gewillt ist. Es kann jetzt sozusagen, ohne dass 
seine Geschlechts- oder Liebeslust befriedigt wird, nicht leben. Der Mensch 
wird, Schopenhauerisch gesprochen, vom Gattungswillen besiegt. 
Schopenhauer hat vom „Primat des Willens" gesprochen; es ist 
ihm aber nicht eingefallen statt im Geschlechtlichen einen „Brennpunkt 
des Willens" die Ursache überhaupt zu sehen, dass es einen Willen 
(und schliesslich auch eine Welt) gibt. Freud behauptet, die sexuelle 
Reaktionsweise eines Menschen sei vorbildlich für seine Reaktions- 
weise im Leben überhaupt, während wir tatsächlich immer nur davor 
stehen, dass ein Mensch energisch ist oder nicht, seinen Willen durchsetzt 
oder nicht, nur konstatieren können, dass, wenn er energisch ist, er überall 
da zum Ziel zu kommen sucht, wo ein Interesse für ihn vorliegt, zum 
Ziel zu kommen. Die Reaktionsweise eines Menschen sonst im Leben 
ist nicht an seiner (isoliert gar nicht existierenden und kaum eruierbaren) 
sexuellen Reaktionsweise orientiert, sondern in seiner geschlechtlichen 
Reaktionsweise drückt sich seine ganze Art aus. Sie ist ein Spezialfall 
seiner Beaktionsweise überhaupt und ist orientiert nach seinem Charakter 
im ganzen, ist eine Ausserungsfonu dieses Cbarakters unter be- 
stimmten Umständen. Schreibt man, wenn einer stets sich in 
verlobte Mädchen oder verheiratete Frauen verliebt, dies der Eigenart 
seiner Sexualität zu, so erklärt man diese Erscheinung gar nicht aus etwas 
Sexuellem, sondern eben aus einer Charaktereigenart, die bewirkt, 
dass der Betreffende seine Libido sexualis mit einem Weibe zu befriedigen 
wünscht, welche er erst einem anderen abspenstig machen muss. Es gibt 
solche Naturen tatsächlich. Sie werden diese Charaktereigenart mehr oder 
minder überall zeigen, gern nur Verbotenes oder erst zu Erkämpfendes 
begehren, und somit auch da, wo sie sexuell begehren. Und wenn man 
nun, um die Entstehung dieser Charaktereigenart zu erklären, auf erste 
infantile Eindrücke zurückgreift, deren formende Bedeutung ich keineswegs 
unterschätzen will — derartiges wird jedenfalls für die Form, welche ein 
Charakter annimmt, seine grosse Bedeutung haben — , so trifft man doch 
auch hier schon auf nichts anderes als Charaktereigenart, wenn auch 
noch unausgebildete, im ganzen. Nur das sexuell in irgend einer Weise 
frühreife Kind macht entschiedene Beobachtungen nach gewisser Richtung, 
macht sich bereits Vorstellungen, und, soweit es sich um die sexuelle Früh- 
reife des späteren Neurotikers handelt, schafft diesem nie seine sexuelle 



Unser Verstehen der seelischen Zusammenhänge in der Neurose. 373 

Frühreife die Neurose, sondern ist diese Frühreife schon selbst erstes, 
wenn auch noch nicht etwa ausgesprochen neurotisches, so doch immer 
schon ein Symptom, das eben das normale Kind von demjenigen Kinde 
unterscheidet, das später als Erwachsener ein ausgesprochener Neurotiker 
wird. Wenn hier von „Vorbedingungen" gesprochen wird, auf deren Boden 
die Neurose später erwächst, so erwächst die Neurose hier auf dem Boden 
dieser Vorbedingungen genau so, wie auf dem Boden des „schizophrenen 
Reaktion sty pus" (Stransky) in einem gewissen Alter die De- 
mentia praecox erwächst, d. h. notwendig, gesetzmässig. Bei der Dementia 
praecox ist das insofern klarer als bei der Neurose, als es sich bei dieser 
Psychose um einen in den meisten oder doch sehr vielen Fällen so deutlich 
fortschreitenden Krankheitsprozess handelt, dessen Ursachen wir trotz aller 
Eigenart der beobachtbaren seelischen Vorgänge bei dieser Krankheit doch 
nur in physischen Veränderungen suchen und sehen können (z. B. trotz 
der nur „funktionellen" Demenz bei den Dementia praecox - Kranken), 
dass psychische Ursachen allein, wie das auch Jaspers ausspricht, 
nie zur Erklärung ausreichen. Nur, wo im Verlauf des Krankheits- 
prozesses ein reaktiver psychotischer, zur relativen Norm sich zurück- 
bildender zeitweiliger Zustand auftritt, wird uns der ursächliche Zu- 
sammenhang zwischen Erlebnis und reaktivem psychotischem Zustand 
(psychotischer Exazerbation) in gewisser Weise verständlich, während 
in anderen Fällen uns ein Zusammenhang zwischen Erlebnis und 
psychotischem Zustand mit seinen Symptominhalten nicht verständlich 
wird, wenn es sich nämlich um einen blossen, rein dem Krankheits- 
prozess entstammenden Schub handelt. Die Neurose verläuft nicht in 
dieser Weise gesetzmässig progressiv, aber wie dort um einen schizophrenen 
Reaktionstypus handelt es sich hier um einen neurotischen Re- 
aktionstypus als Basis aller bei dem Neurotiker beobachtbaren 
Erscheinungen. Ihn können wir nur feststellen, nicht (über Adler's Ver- 
such nach dieser Richtung ist später zu reden) erklären. Das erhöhte 
Zärtlichkeitsbedürfnis des neurotischen Kindes, seine grössere Empfindlich- 
keit, die Eigenart, sehr früh schon sexuelle Traumen zu erleben, die 
sexuelle Frühreife usw., alles dies besteht, und diese ersten Anzeichen 
einer neurotischen Veranlagung zu kennen ist wertvoll. Wir können, 
wo wir solches bei einem Kinde konstatieren, vermuten, es werde aus 
diesem Kinde später einmal ein ausgesprochener Neurotiker werden. Oder 
auch es werde — vielleicht lassen sich einmal die Unterschiede finden — 
bei ihm später eine Dementia praecox apparent werden. Wir können 
aber nicht zweifeln, dass die Neurose so gut wie die Dementia praecox auf 
der Basis einer krankhaften Veränderung des Seelenlebens erwächst, denn 
jeder normale oder krankhafte psychische Zustand ist immer konstitutionell 
bedingt. Spricht man von der „psychosexuellen Konstitution" des Neu- 
rotikers, so ist damit nur ausgedrückt, dass der Neurotiker als Kind schon 
abnorm sexuell, libidinös ist, in dieser Beziehung „frühreif" ist und auch 
später in seinem Vorstellungsleben das Sexuelle eine grössere Rolle 
spielt. Wollte man etwas erklären, müsste man, wie schon betont, nach- 
weisen, dass seine Sexualität (qualitative Unterschiede würden nichts be- 
weisen) quantitativ vermehrt ist. So wäre eine verlässliche Basis 
gewonnen und so, als ob man dieses nachgewiesen hätte oder wenigstens 
nachgewiesen zu haben annähme, wird auch überall, wo mit einer „über- 
mächtigen Libido" als Ursache argumentiert wird, gesprochen. Ein 



374 Privatdozent Dr. Otto Hinrichaen, 

derartiger Nachweis ist jedoch nicht möglich, sondern immer nur der, dass 
den Neurotiker seine Sexualität mehr beschäftigt. Aus diesem nach- 
weisbaren stärkeren Beschäftigtsein mit seiner Sexualität wird nun aber 
schlankweg geschlossen, die Sexualität sei real vermehrt. Bei einem 
Menschen, der sexuell sehr potent wäre, ein Moment, welches beim 
Weibe überhaupt schon im Stich lässt, könnte man etwa sagen, er sei 
real sexueller als ein anderer. Hier läge ein körperlicher Zustand 
mit seinen körperlichen Spannungszuständen, etwas Greifbares, 
Verlässliches, eine vis a tergo, etwas, worin man einen fast absoluten 
Zwang sehen könnte. Hier läge das, worauf wir immer rekurrieren 
müssen, wenn wir überhaupt etwas erklären wollen, und, wie mir scheint, 
hat der Gedanke an derartige reale Zustände, wenn dies auch noch niemals 
klar ausgesprochen wurde, bei den Freud"schen theoretischen Kon- 
zeptionen mitgewirkt. Der sexuelle Erregungszustand des stark potenten 
Kormalen ist ein Zustand, mit dem unter Umständen sehr zu rechnen ist 
Er führt zu Unruheerscheinungen, die uns ihrer Herkunft nach verständlich 
sind, er führt in dem Koitus oder auf ihn zielende Handlungen zu einem 
greifbaren Effekt. Auch diese sexuelle Erregung des noch so potenten 
Normalen ist meist oder noch immer durch den Willen beherrschbar. Das 
Individuum lenkt sich nach Möglichkeit ab. Er ist aber als körperlicher 
Erregungszustand natürlich nicht verdrängbar. Unterdrückbar sind aus 
ihm hervorgehende geschlechtliche Handlungen. Es kommt zu «.einer Ent- 
ladung im Koitus oder, wenn nicht, so wird die Erregung durch eine 
Pollution entladen, aber immer wird sie, wie mir scheint, ganz unweiger- 
lich so oder so entladen. Und weil die reale Erregung das wird, ist es 
durchaus unwahrscheinlich, dass sie für das Individuum noch weitere 
ganz entschiedene Folgen hat, denn, was die körperliche Seite der Sache 
anbetrifft, ist nicht annehmbar, dass die Entladung im Koitus eine voll- 
kommenere ist, als die Entladung durch eine Pollution. Weg ist weg, und, 
wenn der Mensch weiter keine W ü n s c h e hätte, als von den Spannungs- 
erscheinungen befreit zu sein, welche ihm die Tatsache schafft, dass er 
Hoden hat, könnte er stets ruhig die Pollution abwarten oder auch ruhig 
(und meiner Ansicht nach dann ohne Schaden) onanieren. Nun hat der 
Mensch aber weitere Wünsche, wodurch eben das psychischeMoment 
in die ganze Sache hineinkommt. Weil er nicht nur „entladen" sein will, 
sondern ein Weib haben, liebeii und geliebt sein will, ist dem Individuum 
die Pollution auf die Dauer nicht genug. Ja, dies Lieben und Geliebt- 
werden steht bei dem normalen jungen Menschen als Sehnsucht sogar 
im Bewusstsein zuerst im Vordergrunde, und, wenn der Mensch auch 
schon genau weiss, was jener zuerst inhaltlosen, noch an kein bestimmtes 
Liebesobjekt geknüpften Sehnsucht zugrunde liegt, dass die vis a tergo 
hier eine vis ex testibus ist, so will er die „Entladung" doch immer noch 
unter jenen weiteren gemütlich befriedige nden Umständen, welche 
wir Lieben und vor allem auch Geliebtwerden nennen. Bei diesem Geliebt- 
werden, bei dem Erobern eines Weibes handelt es sich nun schon gar 
nicht mehr nur um strikt sexuelle Befriedigung, sondern auch um Be- 
friedigung von Forderungen, welche das Selbstgefühl stellt. Hier 
schon wirr* klar, wie eng Sexualtrieb und Selbstgefühl zusammenhängen, 
wie stark bei dem Verlangen nach dem Koitus der Wunsch, ein Weib 
zu besitzen, mitspielt. Erst, wenn ein Weib in oder ausser der Ehe den 
Koitus gewährt, hat sie den höchsten Liebesbeweis gegeben, und kann sich 



^_ 



Unser Verstehen der seelischen Znsammenhänge in der Neurose. 375 

ein Mann als Sieger fühlen. Es gibt impotente Don Juans, die, wenn sie 
das Weib soweit haben, von ihm geschlechtlich gar nicht mehr Besitz 
ergreifen können, die Situation, in der sich ihre Impotenz offenbaren 
muss, aber doch eifrigst erstreben. Mit anderen Worten, es gibt Individuen, 
die, obwohl impotent, psychisch stark libidinös sind. Mir scheint nun aber, 
wenn man aus Sexualität irgend etwas kausal erklären will, so sei 
dabei eine bloss psychische Libidinösität als ein in dieser Weise nur 
bei gewissen Individuen bestehender Zustand, eine Libidinösität 
ohne den Rückhalt des körperlich sexuellen Spannungs- 
zustandes wenig brauchbar, denn, wenn hier schon ein Zwang ebenfalls 
als bestehend angenommen werden soll, so ist er doch wesentlich anderer 
Art bei dem psychisch Libidinösen als bei dem sexuell Erregten, der das 
nur zu bestimmter Zeit in ausgesprochenem Masse auf Grund seiner Potenz 
ist. Bei dem ausgesprochen psychisch Libidinösen führt die Begierde, 
abgelöst vom Körperlichen, im Vorstellungs leben fixiert, eine Sonder- 
e x i s t e n z. Sie wird ständig unterhalten, immer wieder, trotzdem die 
natürlichen Voraussetzungen mangeln, aufgestachelt. Sie ist mehr oder 
minder bewusst, gewollt, die körperlich sexuelle Erregung, soweit sie noch 
eintritt und das Individuum sich noch potent zeigt, sekundärer Natur. 
Es besteht keine übermächtige Potenz, die etwas konstatierbar Reales 
wäre, ihrer Leistungsfähigkeit nach sogar an dem so oder sovielmal wieder- 
holten Koitus messbar, sondern nur eine übermächtig 1 -ohnmächtige, 
sozusagen spielerische Libido psychischer Provenienz. Etwas 
derart Sekundärem, nur Psychischem, Machtlosem nun aber eine besondere 
Wirkung im psychischen System zuschreiben zu wollen, eine Erscheinung, 
welche nur auf Grund einer Störung, eines Missvörhältnisses zwischen 
Wollen und Können im Individuum zustande kommt, als Erklärungsmoment 
verwenden zu wollen, erscheint mir durchaus untunlich. Psychisches 
lässt sich überhaupt nicht durch Psychisches erklären. 
Verständlich ist uns, dass es bei einem psychisch libidinösen Individuum, 
das immer will und nicht kann, zu eigenartigen Reaktionen kommen muss ; 
verständlich, dass, wenn die Libido erst einmal psychisch fixiert ist, das 
Individuum ständig in sexuellen Vorstellungen lebt, in der Phantasie mit 
diesen Dingen spielt, es dazu kommt, an alles und jedes geschlechtliche 
Vorstellungen zu knüpfen, alles, wie Adler sagt, sexuell zu sehen; ver- 
ständlich, dass ein solcher Mensch nicht befriedigbar ist, weil er es doch 
gar nicht sein will und er sich geschlechtlich stets wieder reizt, geschlecht- 
liche Reize sucht und deshalb natürlich auch überall findet. Bald werden 
sich nun alle diese Dinge mehr im Bewusstsein abspielen, bald bleibt 
diese Eigenart dem Individuum selbst mehr unbemerkt, werden die Dinge 
vom Individuum sich selbst eingestanden oder erscheinen nur mehr als 
dunkler Drang in seinen Träumen, in seinem unbewussten Handeln, treten 
in allerhand symbolischen Verkleidungen zutage oder zynisch-nackt, je 
nachdem das Individuum im ganzen ist, intelligent und einsichtig in seine 
Zustände oder über sich unklar, moralisch oder unmoralisch usw. Diese 
hier erwähnten Zusammenhänge sind uns verständlich, in sie können wir 
eine gewisse Einsicht gewinnen. Nicht dagegen darin, wodurch ein Indi- 
viduum in dieser Weise psychisch libidinös wird, was zur psychischen 
Fixierung der Libido führt. Oder, wenn man die sexuelle Abstinenz und 
das, was an sozialen Momenten das Individuum hindert, sich rechtzeitig, 
ehe es derart psychisch libidinös wird, sexuell zu befriedigen, als Er- 



376 Privatdozent Dr. Otto Hinrichsen, 

klärung heranziehen will, so reichen diese Dinge (loch nicht für all die 
Fälle zu, wo eine Libidinösität schon sehr früh in Erscheinung tritt. Und, 
wenn man für diese Frühlibidinösität die Ursachen in infantilen Erlebnissen 
sucht, so ist die Grenze zwar ja nicht zu ziehen zwischen denjenigen. 
Fällen wo durch ungünstige äussere Umstände die Sinnlichkeit nur ge- 
weckt wurde, und denjenigen, wo dies Gewecktwerden der Sinnlichkeit nicht 
zufällig durch äussere Umstände bewirkt war, sondern die Sinnlichkeit 
des Kindes schon ganz offensichtlich auf der Lauer lag, um sich wecken 
zu lassen, die Disponiertheit zur geschlechtlichen Frühreife sehr gross, 
der äussere Anstoss sehr klein war. Wie sich diese Dinge im einzelnen 
Fall verhalten, wird sich nicht immer aufzeigen lassen, wie sie generell 
liegen, ist dagegen durchaus klar. Und ebenso ist durchaus klar, dass die 
sexuelle Reaktionsweise eines Menschen nur eine Teilerscheinung seiner 
Gesaintreaktionsweise darstellt. Wenn Bleuler 1 ) sagt, wo wir eine 
auffällige Sublimierung der Erotik konstatieren, handle es sich um Leute 
mit lebhaften Affekten und lebhaftem Streben: „sie werden unter allen 
umständen sich bei irgend einer Betätigung stark ins Zeug legen", so 
rekurriert, er damit in bezug auf die Sublimierung, von der er ausspricht, 
es stehe zwar fest, dass es eine Sublimierung im Sinne Freud's gebe, 
er sei aber nicht sicher, wie gross die Bolle sei, welche wir ihr zuschreiben, 
dürfen, ganz wie ich auf die Gesamtpersönlichkeit. Bleuler getraut 
sich nicht zu entscheiden, wie weit einer sublimiere, d. h. die Libido 
sexualis in etwas verwandelt wird, was vorher nicht da war, wenn ein 
Individuum sich künstlerisch oder wissenschaftlich strebsam zeigt. Er 
zieht sich aus der Affäre, indem er es für wahrscheinlicher erklärt, dass 
die wissenschaftliche^ oder ästhetischen Bestrebungen primär vorhanden 
seien, die Libido sich ihnen erst sekundär zuwende und ihr damit „die 
Stärke und die lebensausfüllende Bedeutung" gebe. Ja, Bleuler spricht 
von einem für sich in grösserer Selbständigkeit bestehenden „Wissens- 
trieb" und von einer für sich bestehenden Energie des Individuums. Wie 
sehr durch solche Zugeständnisse die Freud'sche Sublimierung Einbusse 
erleidet, ja im Grunde als etwas Bedeutsames total aufgehoben wird, muss 
ich das erst genauer aufzeigen? Entweder haben wir in der Sexualität 
die Basis allen psychischen Geschehens oder wir haben in ihr überhaupt 
keine Basis mehr. Existiert erst ein „Wissenstrieb" — und warum dann 
nicht auch ein „Kunsttrieb" usw.? — , dann liegt gar kein Grund vor zu 
glauben, dass sich diesen Trieben noch erst die Libido sekundär zuwenden 
müsse. Entweder existiert eine sich in nichtsexucllen Dingen verratende 
Energie, welche nicht der Libido entstammt, dann braucht auch gar keine 
Libido sekundär hinzukommen, damit Energie erst Energie wird. Oder, 
wenn mit der Libido, mit der Sublimierung usw. etwas anzufangen sein 
soll, muss eben auch jeder „Trieb" und jede Energie der Libido ent- 
stammen, restlos nichts anderes als verwandelte Libido sein. Mit dem 
B 1 e u 1 e r'schen Standpunkt fällt also alles dahin, wird alles eitel Wind, 
zerflattert der ganze Libidobegriff überhaupt. Aber Freud selber kann 
Bleuler nichts vorwerfen, denn er selbst erkennt ja „Ichtriebe" an und 
verfällt damit, in die ganz gleiche, für seine Anschauung von der alles, 
bewirkenden Macht der Libido einfach tödliche Inkonsequenz wie Bleuler. 



i) Die Psychoanalyse Freud's. Jahrb. f. psychanal. Forsch. Bd. II. 1910. 
S. 699. 



Unser Verstehen der seelischen Zusammenhänge in der Neurose. 377 

Eine Libido, die nicht alles kann und alles ist, ist keine Libido 
im sonstigen Freu d*schen Sinne mehr und vermag als Erklärungsmoment 
gar nichts mehr zu leisten. Sie kann einpacken und schlafen gehen. Exi- 
stieren erst neben ihr „Ichtriebe" zugegebenermassen, so kann mich nichts 
mehr hindern, auch in der Libido eine Äusserung dieser „Ichtriebe" zu 
sehen bzw. die kaum trennbare Einheit der Sexual- und Ichtriebe zu kon- 
statieren. 

II. 

Es ist richtig: im allgemeinen steht es sich am besten auf zwei 
Beinen. Mit einer Theorie aber steht es sich auf einem Sexualtrieb-Bein 
und e i n e in Ichtrieb-Bein doch nicht gut, was ja insofern gleichgültig ist, 
als die Verdienste Freu d's auf einem ganz anderen Gebiet, liegen als auf 
demjenigen der richtigen Theorienbildung. Einer aber steht als verstehender 
Psycholog wirklich auf einem Bein und zwar ist es, wie mir scheint, 
rein das „Ichtrieb"-Bein, und das ist Alfred Adler. 

Er kommt von Freud her, erkennt Freu d's Verdienste an. Ich 
selbst lege auf den Nachweis, den ich im ersten Teil dieses Aufsatzes zu 
erbringen versucht habe, dass man weder alles Seelische auf Sexualität 
als die einzige primäre Kraft verständlich zurückführen kann, noch, dass 
Freud selbst konsequent bei dieser Anschauungsweise bleibt, nicht soviel 
Wert, dass ich nun glaubte, mit dieser Kritik eines Punktes in seinem 
System Freud im ganzen widerlegt zu haben. So gut wie B 1 e u 1 e r sagt, 
es gebe eine Sublimierung im Freud'schen Sinne, er wisse aber nicht, 
wie gross die Rolle sei, welche wir ihr zuschreiben dürfen — und es 
ist mir ganz begreiflich, wie Bleuler bei seiner immer doch auch noch 
kritischen Stellung zu Freud zu dieser Formulierung kam — , so sagt 
auch Jaspers, es gebe tatsächlich Abspaltungen seelischer Zusammen- 
hänge bei der Hvsterie, man habe es in extremen Fällen im selben Indi- 
viduum mit zwei Seelen zu tun, die nichts voneinander wissen, und in 
solchen tatsächlichen Spaltungen habe das „als ob Verstehen" eine reale 
Bedeutung, es sei aber eine nicht beweiskräftig zu beantwortende Frage, 
wieweit solche Abspaltungen bei der Hysterie, ob tatsächlich über- 
haupt bei der Dementia praecox vorkommen: — genau so habe ich andern- 
orts mich ausgesprochen : dem, was Freud „Verdrängung" nennt T scheine 
tatsächlich etwas zugrunde zu liegen. Es trete bei schmerzlichen Erleb- 
nissen das Bestreben auf, sie zu vergessen oder etwa auch sie von vorn- 
herein sich möglichst wenig zu Bewusstsein kommen zu lassen. „Man 
wird gut tun, sein endgültiges Urteil hier zu suspendieren," sagt Jaspers 
in bezug auf' die Abspaltungen, und ganz ähnlich bin ich vielem Freud'- 
schen gegenüber früher schon verfahren und habe mein: „Ich weiss nicht" 
ausgesprochen. Und so weit ich sehe, hat bisher noch niemand in bezug 
auf den Freud'schen Mechanismus der Verdrängung usw. wesentlich 
anderes gesagt als : es ist etwas daran oder es ist nichts daran. Endgültiges, 
Ausschlaggebendes ist meines Wissens noch nicht beigebracht. Dagegen 
scheint mir, was ich über den Freud'schen Sexualitätsbegriff gesagt 
habe, doch einige Beachtung zu verdienen. Durch die Art, wie F r e u d's 
System allmählich wurde, durch die nach und nach daran angebrachten 
Korrekturen und Erweiterungen mussten wohl einige Inkongruenzen in 
das Ensemble der Freud'schen Anschauungen notwendig hineinkommen, 



378 Privatdozent Dr. Otto Hinrichsen, 

wodurch das einzelne Gute und Richtige nie wertlos werden kann. 
Und, wenn jemand auf diesem Gebiete auch nur einzelnes Gute gebracht 
hat, ist das schon immer sehr viel bei der Schwierigkeit der zu bewältigen- 
den Aufgaben. „Wenn man bedenkt, sagt Jaspers wieder, dass der 
Psychiater akuten Psychosen gegenüber weiter nichts als Verworrenheit, 
Desorientierung, Leistungsdefekte oder sinnlose Wahnideen konstatiert, so 
muss es als ein Fortschritt erscheinen, wenn es gelingt, durch „als ob 
verständliche" Zusammenhänge in diesem Chaos vorläufig etwas zu cha- 
rakterisieren und zu ordnen (zum Beispiel die Wahninhalte bei Dementia 
praecox)." Kritik ist immer viel leichter als neue Gesichtspunkte zu bringen, 
und so nötig "Kritik ist, so sehr man gerade, wenn jemanden diese Dinge 
ehrlich interessieren, gezwungen ist zu kritisieren, um selber und sei es 
auch nur zu einem vorläufigen Standpunkte zu kommen, der kleinste 
Fund von etwas, das unser Verstehen nur irgendwie zu fördern geeignet 
ist, ist immer mehr wert als die blosse kritische Ablehnung. Jaspers 1 ) 
hat mir seiher über meine früheren Ausführungen in bezug auf Freud 
gesagt, ich mache mir teilweise Freu d'sche Anschauungen zu eigen, 
ohne einen klaren Standpunkt zu gewinnen in meiner dann doch wieder 
fast alles ablehnenden Kritik. Ich will mich gegen dieses Urteil über meine 
damaligen Freud betreffenden Auseinandersetzungen nicht wehren. Ich 
weiss talsächlich in bezug auf das bei Freud eine solche Rolle spielende 
„Abreagieren" nicht (hierum handelte es sich mir bei jener Arbeit vor- 
wiegend), welche Bedeutung wir diesem Abreagieren zuschreiben dürfen. 
Ich könnte meinen, auch Jaspers, dessen scharfe und klare Ausführungen 
über „Verstehen" und „Erklären" ich hier so sehr und dankbar genutzt 
habe, werde wie in bezug auf die Abspaltungen auch in bezug auf das 
Abreagieren vielleicht geneigt sein, sein Urteil noch zu suspendieren. Es 
wird wohl in der Art dieser Dinge liegen, dass sich zuverlässige Kriterien 
darüber, wie weit diesen Freu d'schen Mechanismen etwas Reales ent- 
spricht, schwer gewinnen lassen. Es wird mit Abreagieren etwas bezeichnet, 
was, soweit es sich im Bewusstsein abspielt, tatsächlich einen realen 
Vorgang darstellt, während der gegensätzliche Vorgang: die Verdrängung, 
die Abreagierungs v e rhinderung als nicht im Bewusstsein sich ab- 
spielend ihrem Vorgang nach uns vollkommen unklar bleibt und doch wohl 
nur eine Annahme darstellt, um uns verständlich zu machen, wie etwas, 
das nicht mehr im Bewusstsein ist, hintergründig als „eingeklemmter 
Affekt' , als „psychischer Fremdkörper" doch noch vorhanden ist. Diese 
Dinge sind doch wohl an sich von den Freu d'schen Sexualtheorien 
durchaus unabhängig und somit auch unabhängig diskutierbar, diese Sexual- 
theorien nur nachträglich hinzugedacht. Und, wie mir scheint: An- 
schauungen, die ein entsprechend Begabter in sich auf Grund von 
Beobachtungen und Erfahrungen erzeugt, haben immer mehr Wert, als 
die nachträglichen, zum Zweck der Abrundung und Komplettierung er- 
dachten Theorien. Jaspers 2 ) hat in seiner Arbeit : „Die phäno- 
menologische Forschungsrichtung in der Psychopathologie" einen sozusagen 
rein praktischen Psychiater geschildert, der seinen Kranken gegen- 
über rein „miterlebt", „soweit solches eben immer, ohne dass ein Nach- 
denken erforderlich ist, eintritt, er kann darin ein durchaus persönliches, 



i) Zeitschr. f. die gea. Neur. u. Psych. Referate, Bd. IV., S. 888. 
2) Zeitschr. f. die ges. Neur. u. Psych. Bd. IX. 1912. S. 394. 



Unser Verstehen der seelischen Zusammenhänge in der Nearose. 379 

unformulierbares und unmitteilbares teilbares Verstehen gewinnen, das aber 
auch für ihn selbst reines Erleben bleibt, nicht bewusste Kenntnis wird. 
Er gewinnt wohl Übung im Verstehen, aber keine Sammlung bewusster 
Erfahrungen, die er klarer als in vagen „Eindrücken" und „Gefühlen" ver- 
gleichen kann, die er ordnet, festlegt, zur Prüfung hergibt". Auch ein 
solcher Psychiater ist produktiv, aber er ist nicht wissenschaftlich 
produktiv, eben, weil seine Erfahrungen keine bewussten, geordneten, 
durchdachten Erfahrungen, weil sie nicht mitteilbar sind. Dennoch muss 
auch der wissenschaftlich produktive Psychiater erst einmal genau so 
„mitleben", auf Grund dieses seines Mitlebens dann allerdings zu An- 
schauungen kommen, muss Gesetzmässigkeiten, Zusammenhänge sehen. 
Auf der Gegenseite zu jenem sich mit rein subjektiv bleibenden Erfahrungen 
begnügenden Psychiater als sein im Grunde ebenso wissenschaftlich un- 
produktives Gegenbild stände ein Psychiater, der, ohne auf genügenden 
Anschauungen zu f ussen, eilfertig theoretisierte. Derartige Psych- 
iater hatte wohl S a d g e r , der freilich ganz einseitig nur die verstehende 
Psychologie berücksichtigte, vorwiegend im Auge, als er aussprach, der 
Psychiater sei von aller Psychologie verlassen, wobei die Ironie der Sache 
ist, dass in dem F r e u d ianismus, der mit seiner „Tiefenpsychologie" für 
S a d g e r doch im alleinigen Besitz der Wahrheit, des psychologischen Ver- 
ständnisses ist, von solcher Theorie ein voll geschüttelt und gerüttelt 
Mass steckt. Und dadurch nun, dass er, vielleicht durch Freud's Bei- 
spiel gewarnt, von Freud angeregt, aber strenger sich im Rahmen des 
blossen Verstehens haltend, solcher Theorien nicht so voll ist, resp. theo- 
retische Voraussetzungen und, was er an Beiträgen zur verstehenden Psycho- 
logie bringt, sich leichter trennen lassen, scheinen mir die Anschauungen, 
welche Alfred Adler in sich in bezug auf die Eigenaxt des nervösen 
Charakters entwickelt hat, interessant. Mit Jaspers begegnet sich 
Adler, ohne seinem Buch derart streng methodologische Erörterungen 
vorausgeschickt zu haben, wie sie der Erstgenannte in dem hier mehrfach 
angezogenen Aufsatz bringt, schon darin, dass auch bei ihm das „als ob" 
Verstehen eine grosse Rolle spielt. 

Von Freud unterscheidet sich Adler vor allem schon dadurch, 
und deshalb glaubte ich meinen Ausführungen über A d 1 e r's Buch die- 
jenigen über den Sexualitätsbegriff bei Freud vorausschicken zu müssen, 
dass er mit seiner Psychoanalyse nicht den Anspruch erhebt, "ein real 
wirksames Moment aus der Psyche herauszuanalysieren, die Sexualität 
nämlich als einzig primär wirkende Kraft. Er treibt keine, wie ich es 
genannt habe, „chemische" Seelenanalyse. Auch das verfängliche „Un- 
bewusste" spielt bei ihm als Begriff nicht die Rolle wie bei Freud. Ich 
muss mich hier immer wieder auf Jaspers stützen, der sagt : „Es scheint 
zunächst, dass alle Phänomenologie und alle verstehende Psychologie im 
Bewusstsein bleibt Dieser Gegensatz bleibt auch tatsächlich be- 
stehen. Für Phänomenologie und verstehende Psychologie ist es aber nie 
endgültig klar, wo die Grenzen des Bewusstseins liegen. Beide 
gewinnen immer weiter vordringend an Boden. Die Phänomenologie be- 
schreibt vorher gänzlich unbemerkte Weisen seelischen Daseins und 
die verstehende Psychologie begreift bis dahin unbemerkte seelische 
Zusammenhänge, so wenn sie gewisse moralische Anschauungen als Re- 
aktionsbildungen auf das Bewusstsein von Schwäche, Ohnmacht, Arm- 
seligkeit begreift. So erlebt es jeder Psychologe bei sich selbst, dass sich 



380 Privatdozent Dr. Otto Hinrichsen, 

sein seelisches Leben zunehmend erhellt, dass Unbemerktes ihm bewusst 
wird, dass er nie sicher weiss, ob er an der letzten Grenze angelangt ist." 
Von diesem Unbemerktem, das aber zu Gewusstem gemacht werden 
kann, unterscheidet Jaspers das echte Unbewusste, das prinzipiell 
Ausserbewusste, nie Bemerkbare, welche beide Dinge in Freud's 
und seiner Schule „Unbewusstem" zusammengeworfen sind. Derartige 
ausserbewussten Zusammenhänge sind nur einem „als ob"-Verstehen zu- 
gänglich. So sei von Charc 1 und M ö b i u s das Zusammentreffen der 
Ausbreitung hysterischer Sensibilitäts- und Motilitätsstörungen mit den; 
groben physiologisch-anatomischen Vorstellungen des befallenen Kranken 
betont und daraus verstanden worden. „Man konnte aber nicht als Aus- 
gangspunkt der Störung eine solche Vorstellung wirklich nachweisen — ab- 
gesehen vom Fall der Suggestion — , sondern verstand die Störung, als 
ob sie durch einen bewussten Vorgang bedingt wäre. Ob es sich in diesen 
Fällen um diese Genese handelt, wenngleich die Aufklärung unbemerkter, 
aber wirklicher seelischer Vorgänge ausbleibt, oder ob es sich nur um 
eine treffende Charakteristik bestimmter Symptome durch eine 
Fiktion handelt, das steht dahin." 

Ich selbst war — wie andere — dem, was Jaspers unwiderleglich 
klar herausstellt, nämlich, dass Freud's Verdienste auf dem Gebiet der 
verstehenden Psychologie und der Phänomenologie liegen, in bescheidener 
Weise nahe, wenn ich in dem Kapitel: „Libido sexualis und Dichtung" 
meiner zweiten Grenzfragen-Arbeit 1 ) aussprach: „Dass sich nun bei dem 
Neurotiker auch Störungen und zwar typische des Sexuallebens finden, 
werden, wird wohl kein Arzt anders erwarten, und dass diese Ä u s s e - 
rungs weise einer neurotischen Veranlagung bisher zum Teil allzu 
wenig berücksichtigt sein mag, will auch ich gerne zugeben. ... In bezug 
auf die Art, wie diese Dinge in Erscheinung treten, mag vieles, was 
die Freud'sche Schule gebracht hat, sich dauernd als wertvoll erweisen." 
Sicher ist auch an Dingen wie dem Ödipus-Komplex etwas daran; 
phänomenologisch existieren diese Dinge in ihrer Art, worauf genauer 
einzutreten hier jedoch nicht der Ort ist. 

Adler sieht die hervorstechendste fassbare Erscheinung im Seelen- 
leben des Individuums, um es ganz kurz zu sagen, in seinem Selbst- 
gefühl. Aus dem Bedürfnis, sich nicht minderwertig zu fühlen, sich 
vor sich selbst in seinem Fühlen zu behaupten, sucht Adler 2 ) die 
Reaktionsweise des Normalen wie des Nervösen (Neurotikers) im Leben 
zu verstehen. „Alle Autoren, sagt er, welche dem Problem der Nervosität 
nachgegangen sind, haben mit besonderem Interesse gewisse Charakter- 
züge ins Auge gefasst. Das Urteil war ein allgemeines, dass der Neurotiker 
eine Reihe scharf hervortretender Charakterzüge bietet, welche das Mass 
des Normalen überschreiten. Die grosse Empfindlichkeit, die Reizbarkeit, 
die reizbare Schwäche, die Suggestibilität, der Egoismus, der Hang zum 
Phantastischen, die Entfremdung von der Wirklichkeit, aber auch speziellere 
Züge, wie Herrschsucht, Bösartigkeit, opfervollc Güte, kokettes Wesen, 
Feigheit und Ängstlichkeit, Zerstreutheit figurieren in den meisten Kranken- 
geschichten. . . ." Besonders beruft sich Adler dann noch auf Janet's 
..sentiment d'incompletude". Dann aber als sehr wesentlich: das ganze 



i) Sexualität nnd Dichtung. 1912. 

*) Über den nervösen Charakter. Wiesbaden 1912. 



Unser Verstehen der seelischen Zusammenhänge in der Neurose. 381 

Bild der Neurose ebenso wie alle ihre Symptome sind von einem fin- 
gierten Endzweck aus beeinflusst, ja entworfen. „Dieser Endzweck 
also hat eine bildende, richtunggebende, arrangierende Kraft, Er lässt sich 
aus der Richtung und dem „Sinn" der krankhaften Erscheinungen ver- 
stehen" . . . aus der „neurotischen Zwecksetzung". Am Anfang 
der Neurose, heisst es später, stehe drohend das Gefühl der Unsicherheit 
und verlange mit Macht eine leitende, sichernde, beruhigende Zwecksetzung, 
um das Leben erträglich zu machen. „Was wir das Wesen der 
Neurose nennen, besteht aus dem vermehrten Aufwand 
der verfügbaren psychischen Mittel. Unter diesen ragen 
besonders hervor: Hilfskonstruktionen im Denken, 
Handeln, Wollen." 

Was Adler über den zu dem des Neurotikers im Gegensatz stehen- 
den Charakter des Gesunden zu sagen weiss, ist rein negativ: der Nicht- 
nervöse hat alle die Charakterzüge nicht, die der Nervöse hat, wie wir 
denn eine Anschauung vom Wesen des Nichtnervösen, Geistesgesunden 
nur gewinnen können per exclusionem, Störungen, Symptome des 
Krankhaften können wir nachweisen und nennen dasjenige Individuum 
geistesgesund bzw. nichtnervös, bei dem wir keine Störungen des geistigen 
Gleichgewichts, keine Wahnideen und Halluzinationen, keine unmotivierten 
Erregungs- oder Depressionszustände oder keine abnorme Empfindlich- 
keit, Reizbarkeit usw. nachweisen können. Ob man das nun positiv oder 
negativ ausspricht, sagt, der Gesunde ist nicht abnorm reizbar oder ihn 
wie Adler „unbefangen" usw., nicht an ein fiktives Endziel ohnmächtig 
ausgeliefert usw. nennt, ist gleichgültig. Das Wesentliche bleibt immer, 
dass wir bei ihm das Vorhandensein unbestreitbar krankhafter oder der 
Krankhaftigkeit verdächtiger Erscheinungen ausschliessen. Eine Sym- 
ptomatologie der geistigen Gesundheit zu schreiben hat 
noch niemand unternommen. Das Wesen der gesunden Psyche ist uns 
so unbekannt wie das der kranken. Wir haben es in beiden Fällen immer 
nur mit sinnlich wahrnehmbaren Erscheinungen zu tun. Was uns 
objektiv phänomenologisch bei anderen Menschen entgegentritt und als 
individuelle Äusserungs weise, als Charakter beobachtbar und 
beschreibbar wird, das ist in uns subjektiv als Gefühl, als Wollen und 
Handeln gegeben, und von diesem in uns unmittelbar Gegebenen aus können 
wir andere verstehen. Nicht, dass sie uns jemals vollkommen -verständ- 
lich würden. Aber das werden wir uns selber auch nicht, sondern stets 
nur mehr oder minder. Darin, dass er im Hauptteil seines Buches nur 
den Charakter des Nervösen, soweit möglich, verstehen will, liegt die 
Stärke von A d 1 e r's Bemühen, und nur diesem seinem Bestreben werde 
ich vorerst hier folgen, nicht dem, wodurch er seine Anschauungen von 
der Wesenscigenart des Nervösen weiter noch theoretisch zu stützen sucht. 
In seinem Bemühen, uns die Charaktereigenart des Nervösen verständlich 
zu machen, rekurriert Adler auf das Minderwertigkeitsgefühl des 
Nervösen. Dies ist ihm das primär Gegebene, von hier auch sucht er die 
Charakterentwicklung des Nervösen zu verstehen. Eine gewisse 
Furcht vor dem Leben, d. h. vor den Anforderungen, welche das 
Leben an uns stellt, ist uns allen eigen und daher begreiflich. Kaum ein 
Mensch fühlt sich den Anforderungen des Lebens vollkommen gewachsen, 
und dass aus diesem Unsicherheitsgefühl dem Leben gegenüber dem Indi- 
viduum allerlei Sicherungs tendenzen erwachsen werden, ist unraittel- 



382 Privatdozent Dr. Otto Hinrichaen, 

bar einleuchtend. Es kann höchstens zweifelhaft sein, ob eine be- 
stimmte Reaktionsweise in Fühlen, Handeln, Wollen, bestimmt© 
Einstellungen im Einzelfall derartige Sicherungen darstellen. Dass aber 
der Mensch stets gezwungen sein wird, sich nach Möglichkeit zu sichern, 
unterliegt keinem Zweifel, nur, dass uns dann wieder doch Handlungen 
entgegentreten, die allem anderen als der Vorsicht zu entstammen, 
scheinen, sondern wir vielmehr zu dem Eindruck kommen, seine Wünsche 
brächten den Menschen dazu, im Gegensatz zu aller Vorsicht, allen Siche- 
rungsbestrebungen sehr unvorsichtig zu handeln und die Gefahr direkt 
herauszufordern, es, um zu einem bestimmten Ziel zu gelangen, nicht zu 
scheuen, auch ein sehr bedeutendes Risiko zu laufen. Wenn jemand heute 
Aviatiker wird, so scheint dabei ein ganz anderes Bestreben wirksam zu 
sein als dasjenige, sich sein Leben zu sichern. Wenn einer sich, um sich. 
sexuell zu befriedigen, der Gefahr aussetzt, Lues zu erwerben, so wird mau 
nicht behaupten können, der Betreffende handle vorsichtig. Man wird 
im Gegenteil sagen, der Wunsch, geschlechtlich zu verkehren, lasse das 
Individuum jede Sicherung, vorausgesetzt, dass der Betreffende weiss, 
was er bei ausserehelichem Geschlechtsverkehr riskiert, ausser acht setzen. 
Trotzdem jedoch, dass das Individuum oft so in einer Weise handelt, 
welche mit dem Selbsterhaltungsbestreben in ihm nicht unmittelbar in 
Einklang zu bringen ist, ist es uns doch verständlich, dass in gewissen 
Augenblicken die Begierde, etwas zu, erreichen, sich z. B. als Aviatiker 
einen Namen zu machen oder geschlechtlich sich zu befriedigen, so gross 
wird, dass die Befriedigung der betreffenden Wünsche fast um jeden 
Preis gesucht werden muss. 2a: „Und setzest du nicht das Leben ein" usw. 
(Schiller), wo durch Ehrgeiz, Eitelkeit u. dgl. das Selbstgefühl 
eines Menschen gereizt wird., erweist es sich als so stark, dass selbst 
ein Beruf, der fast sicher den Tod bringt, erstrebt und ergriffen wird, oder 
andererseits unter Umständen Kränkungen des Selbstgefühls so stark ge- 
fühlt werden, dass der Selbsterhaltungstrieb überwunden und der Tod 
der Fortexistenz vorgezogen wird. Darin sich nicht minderwertig fühlen 
zu wollen, im Gefühl von sich selbst nicht unter den Begriff von sich 
selbst sinken zu wollen, den der Mensch einmal von sich für sich selbst 
sich geschaffen hat, liegt also tatsächlich ein äusserst starkes Motiv für 
alles Handeln des Menschen. Es lässt sich auch nicht behaupten, dass 
irgend ein Mensch dieses Selbstgefühls, dieses Wunsches, den einmal ge- 
fassten Begriff von sich festzuhalten, entbehre, und es ist unmittelbar 
überzeugend, dass alle Mittel und von früh an aufgeboten werden, über 
die ein Individuum verfügt, um in dieser Beziehung zum Ziele zu kommen. 
So sagt auch Nietzsche, er habe nie einen grossen Mann gesehen 
sondern nur immer den Schauspieler seines eigenen Ideals. So sagt 
Goethe, es müsse einer sein Ziel über seine Kräfte hinaus ansetzen, 
um überhaupt etwas zu erreichen. Das Individuum wird sich einerseits 
immer so hoch, als nur irgend möglich, werten und wird andererseits,, 
was sich ihm als diese Wertung mindernd aufdrängt, dadurch zu be- 
seitigen suchen, dass es dies nach Möglichkeit zu entwerten bestrebt 
sein wird. Bestrebungen, welche als Hass, Bosheit, Neid, Eifersucht in 
Erscheinung treten. Ich kann hier nun unmöglich alles erschöpfen, was 
Adler an Beispielen in seinem Buch anführt, wie er von dieser Tendenz 
des Menschen, in seinem Begriff von sich selbst sich zu behaupten, aus die 
verschiedensten und auch durchaus gegensätzliche Reaktionsweisen 



Unser Verstehen der seelischen Zusammenhänge in der Neurose. 383 

als stets lediglich dem „Willen zur Macht" dienend verständlich macht 
kann nicht A d 1 e r's Gedankengang im einzelnen verfolgen. Adler geht 
von dem Unsicherheitsgefühl des normalen Kindes, etwas unmittelbar 
Einleuchtendem, aus. Vor dem Knaben steht als Ideal, als das, was er 
werden will, das Mann-Sein, und dieses Mann-Sein, das dem Knaben real 
zu erreichen noch unmöglich ist, sucht er doch schon nach Möglichkeit 
zu verwirklichen. Nach Möglichkeit, d. h. eben bei seinem realen Kind- 
Sein mit unzureichenden Mitteln, woraus eine Anzahl von seltsamen, un- 
ruhigen, gereizten, zum Teil übermässig agressiven psychischen Reaktionen 
resultieren. Durch die Differenz zwischen dem realen Kind-Sein und dem 
Männlichsein-Wollen wird ein unsicheres schwankendes Verhalten gesetzt. 
Bald zeigt sich der Knabe trotzig, selbständig, hart, bald aber überwiegt 
wieder das Gefühl davon, dass ihm für sein Ideal doch noch allzuviel 
mangelt, was eine gegensätzliche Reaktionsweise bewirkt, den Knaben 
gehorsam, gefügig, nachgiebig sein lässt. Jede Situation, die ihm seine 
kindliche Hilflosigkeit und Abhängigkeit zu scharf zu Bewusstsein zu 
bringen droht, wird als unangenehm empfunden, dadurch entweder der 
Trotz ganz besonders gereizt oder aber es werden solche Situationen zu 
vermeiden gesucht dadurch, dass der Knabe für sich bleibt, sich Genossen 
wählt, denen er sich überlegen vorkommen kann. Oder auch, indem er, 
was er in Wirklichkeit noch nicht sein kann, in der Phantasie zu 
realisieren erstrebt. So kommt es zu den Vorstellungen, Indianerhäuptling, 
Räuberhauptmann und so weiter zu sein. Dieser Wunsch, Mann und ein 
rechter Mann zu sein, wird aber auch notwendig von dem Erwachsenen 
festgehalten und, wenn der Betreffende danach ist, auch erfüllt, indem er sich 
als rechten Mann beweist. Diesen Beweis kann er sich selber wie andern 
nur dadurch führen, dass er zu Lebenserfolg gelangt — auf irgend 
eine im Grunde der Art nach ganz gleichgültige, nur möglichst vollkommene 
und befriedigende Weise. So auf dem Gebiete des Gelderwerbs oder indem 
er sonst zu irgend einer Machtstellung gelangt, in seinem Kreise etwas 
erreicht, etwas bedeutet. Es kommt nicht auf die reale Macht an, die 
einer ausübt, es ist nur nötig, dass er sich auf dem Wege zur Macht 
fühlt, sich die Hoffnung bewahrt, eines Tages auch real etwas zu er- 
reichen, vor sich und den anderen gross dazustehen. Dazu ist Erfolg 
auf ideellem Gebiet ebenso geeignet wie auf ökonomischem, Erfolg als 
Forscher, Künstler, Dichter usw. Ja, das Streben auf derartigen- Gebieten 
hat sogar noch den Vorteil, dass dem Individuum, wenn es sofortige Erfolge 
nicht erreicht, die Überzeugung, er sei trotzdem ein rechter Kerl, habe 
Fähigkeiten (Talent, Genie), nicht leicht genommen werden kann, und 
nur um den Begriff von sich selbst geht es dem Menschen stets. In allen 
diesen Dingen scheint mir Adler ziemlich rein phänomenologisch vor- 
zugehen. Er bezeichnet nun diesen Widerstand, den der Mensch sein 
Selbstgefühl schädigenden Lebenserfahrungen im weitesten Sinne ent- 
gegensetzt, bei dem Neurotiker als den „m ännlichen Protes t", der 
in etwas anderer Art und sogar auch als männlicher Protest beim 
Weibe ebenfalls in Erscheinung tritt. Er kann das auf Grund der sozialen 
Stellung des Weibes, welche auch notwendig auf physiologischer Basis 
eine solche geworden ist und nicht zufällig durch eine „falsche" kulturelle 
Entwicklung. Der Mann ist physiologisch in gewisser Weise bevorzugt, 
nicht derart wie das Weib durch das Fortpflanzungsgeschäft belastet. 
Die Vorgänge der Menstruation, besonders aber der Geburt bestehen nur 



yg4 Privatdozent Dr. Otto Hinrichseo, 

beim Weibe, und so kann beim Weib eher das Gefühl auftreten, physio- 
logisch benachteiligt zu sein als beim Mann, kann das junge und auch 
schon das kindliche Weib sich eher wünschen Mann und Knabe zu sein, 
als der Mann und der Knabe Weib und Mädchen. Damit es zu diesem 
Wunsch bei einem Manne kommen kann, braucht es schon etwas Be- 
sonderes, nämlich den Wunsch, die Forderung des Männlichseins möge 
auf ihn ganz und gar keine Anwendung finden, während das sozial so viel 
unfreiere, durch die Forderungen der Sittlichkeit und Sitte weit mehr 
beschränkte Weib viel eher „natürlicherweise" zu dem Wunsch kommen 
kann, zwar im allgemeinen nicht direkt ein Mann zu sein, aber die Vorteile 
des Mannseins zu gemessen. Möglich ist aber auch das Gegenteil, und so 
behauptet Adler, dass viele Erscheinungen des männliche Neigungen 
zeigenden Weibes und weibliche Neigungen zeigenden Mannes wesentlich 
(soweit hier eine, wie klar, notwendige Einschränkung zu machen ist, wird 
von ihr später die Rede sein) auf psychischem Wege zustande kommt, 
psychische Ursachen haben, nicht angeboren, sondern psychisch ent- 
wickelt sind. 

Wer nun ein rechter Mann real ist, bei dem wird der „männliche 
Protest" sich nicht besonders bemerkbar machen, er hat sich gegen die 
Erschütterung seines sich Mann Fühlens zu sichern, nicht nötig; wohl 
aber ist der männliche Protest stark in dem Knaben und demjenigen Er- 
wachsenen, der sich den Forderungen des Maiinseins gegenüber nach 
Neurotikerart insuffizient fühlt. Er liegt ständig auf der Lauer und achtet 
darauf, ob er von anderen als Mann eingeschätzt werde, hat ständig das 
Bedürfnis sich seine Mannheit zu beweisen, woraus eine weit aggres- 
sivere Einstellung der Umwelt gegenüber hervorgeht. Diese in ver- 
schiedener Weise sich äussernde Aggressionseinstellung, diese Empfindlich- 
keit und Reizbarkeit, das Bedürfnis stets anerkannt und geschätzt zu 
werden kennen "wir bei gewissen Psychopathen ja nun gut genug. Sie er- 
scheint bald rein als solche, d. h. in der aggressiven Form, bald in einer 
dem Bilde nach veränderten Weise, wo nicht die Anerkennung, die Durch- 
setzung des eigenen Willens gesucht zu werden scheint, sondern gegen- 
sätzlich die Kränkung im eigenen Ich. Dass es sich aber nicht um toto 
coelo Verschiedenes handelt, sondern nur um eine etwas anders gefärbte 
individuelle Erscheinungsform der gleichen oder doch einer sehr ähn- 
lichen Grundeinstellung wird leicht klar. So fing der ausgesprochene 
psychotische Zustand eines Dementia praecox-Kranken meiner Beobachtung 
damit (unter anderem) an, dass der Patient stets fand, die Leute Hessen 
es ihm gegenüber an der nötigen Höflichkeit fehlen. Er suchte sie nun, 
soweit er sich nicht direkt zur Wehr setzte, was ihm bei seiner eigenen 
höflichen Art, die wieder seiner Unsicherheit entstammte, schwer fiel, 
was er, wenn er es unterliess, sich nachträglich aber vorwarf (er forderte 
also von sich eine gewisse Aggressivität, ein Sich-zur-Wehr-setzen), da- 
durch zur Höflichkeit zu zwingen, dass er sehr höflich war. Und ähn- 
liches beschreibt Adler an vielen Stellen seines Buches. Was hier als 
Teilerscheinung des Krankheitszustandes bei einem Dementia praecox- 
Kranken akut in Erscheinung tritt (richtiger: in akuter Exazerbation), 
finden wir bei vielen Psychopathen als chronische Reaktionsweise. 

In Adler's Schilderung des neurotischen Charakters spielt nun 
eine grosse Rolle das „alles haben Wollen" des Neurotikers, die 



Unser Verstehen der seelischen Zusammenhänge in der Neurose. 385 

Schrankenlosigkeit seiner Wünsche, etwas, das Freud und seine Schüler 
im engeren Sinne genau ebenso im Sinne hatten, wenn sie von der „Über- 
macht der Libido" sprachen. Nur, dass diese Übermacht des Wünschens 
bei Freud eine Übermacht nicht des Begehrens schlechthin, sondern 
eine Übermacht der Libido s e x u a 1 i s ist bzw. in ihr seine Ursache haben 
soll. Adler konstatiert bei dem Neurotiker nur eine Übermacht alles 
Wünschens und sieht in der „Übermacht der Libido sexualis" nur einen 
Spezialfall der Übermacht allen Begehrens. Alles, was ich vorhin in bezug 
auf Freud's Ausspruch, in der Sexualität in weitestem Sinne eine Ursache 
gefunden zu haben, ein in allem psychischen Geschehen wirkenden 
Movens, sagte, hätte ich ungesagt lassen können, wenn ich mir sofort 
A d 1 e r's Behauptung zu eigen gemacht hätte, dass der Neurotiker sexuelle 
Vorstellungen ständig zum Zweck der Behauptung und Erhöhung seines 
Selbstgefühles nutzt. Und es ist klar, dass nicht hinter der Übermacht alles 
Begehrens bei dem Neurotiker die Libido sexualis als einzige treibende 
Kraft steht, sondern, dass Individuen, welche kein Gefühl für die durch 
die Wirklichkeit der Wunschbefriedigung gesetzten Schranken haben, auch 
eben auf geschlechtlichem Gebiet in extremer Weise ihren Wünschen nach- 
geben, Wünsche in sich aufrufen werden. Wenn ich trotzdem an diese 
Dinge in meiner Weise herantrat, geschah es, weil ich mir die von mir 
gebrachten Überlegungen zum Teil unabhängig von Adler bereits ge- 
macht hatte und es mir nicht ganz wertlos scheint, gerade diesen Dingen 
auf jedem einigermassen gangbaren Wege kritisch beizukommen. Übrigens 
ist, die Freud'sche Schule von Ad Je r's Ausführungen darüber, wie sich 
alles in der Vorstellung sexualisieren lässt, heute schon, so wenig 
sich beide Vorstellungsweisen, diejenige von der Sexualität als treibender 
Grundkraft alles psychischen Geschehens und diejenige Adler's, dass 
sich der sexuelle Antrieb in der Phantasie und im Leben des Neurotikers 
nach der männlichen Zweckselzung richte, wir im Sexuellen eine Aus- 
drucksform, einen „Jargon", einen „Modus dicendi", wie Adler sagt, 
vor uns haben, wirklich vereinigen lassen, schon beeinflusst worden. 
Sicher macht Adler auch auf etwas absolut Richtiges aufmerksam, wenn 
er ausspricht, dass die eigene Sexualspannung als Übermacht des Gegen- 
parts (beim Manne also des Weibes) empfunden wird, dass Liebes- 
beziehungen dem Manne dienen, um sich den Beweis seiner überlegenen 
Männlichkeit zu erbringen, dem Liebenden die Geliebte, wenn er verlangt, 
dass sie ganz in ihm aufgehe (Gr i 1 1 p ar z e rl), zum Mittel wird, das 
eigene Persönlichkeitsgefühl zu heben, dass sich die Inzestregungen als 
zweckmässige sexuelle Konstruktionen und Symbole auffassen lassen, zu 
denen die Kindheitsgeschichte mit ihren Vorbereitungen nur das meist 
harmlose Material abgibt usw. „Wie sich aus dieser Deutung (des Ödipus- 
komplexes) entnehmen lässt, führt uns die Betrachtung der Sexualneurose 
immer wieder zum Befund einer leitenden Fiktion, die sich sexuell darstellt 
oder sexuell vom Therapeuten darstellen lässt, und im Zusammenhang 
damit zur Aufdeckung einer nach einem sexuellen Schema 
arbeitenden Apperzeptionsweise, der zufolge der Nervöse 
wie auch der „Normale" oft versuchen, die Welt und ihre Erschei- 
nungen in einem sexuellen Bild einzufangen und zu 
verstehe n." Diese genaue Auflösung der Sache brachte mir erst Adler, 
aber sie beweist mir, dass, wenn ich in einer eigenen Untersuchung 
leugnete, der Dichter produziere aus Libido, leugnete, dass es sich beim 

Zentralblatt für Psychoanalyse. MV». 26 



386 Privatdozent Dr. Otto Hinrichsen, 

geistigen Schaffen um „sublimierte Libido*' als die treibende Kraft handle, 
ich damit im Recht war. Es produziert einer geistig nur aus Libido, 
wenn einer auch mit der blossen Aussage: „Ich bin" oder ,,Ich leide" 
etwas Sexuelles tut. Es verhält sich mit der ganzen Sublimierung Freud's 
so, dass jeder doch auch immer sexuelle Mensch seiner individuellen Art 
nach eben mehr Energie für strikt praktisch sexuelle Zwecke aufwendet 
oder nicht, seine Persönlichkeitsgefühls-Erhöhung mehr nur in der Liebe 
sucht oder, wenn ihm dies verwehrt ist, anderswo. Wenn er sie auf dem 
Gebiet der Liebe sucht, dabei entweder auch mehr strikt den Geschlechts- 
genuss sucht oder es eben vielfach bei einem „Phantasielieben" bewenden 
lässt, wie ich das für Goethe herauszustellen versucht habe, nach Mög- 
lichkeit rein phänomenologisch vorgehend, Goethe's Eigenart als Lieben- 
der beschreibend. Wie ich vorhin betonte, dass mit dem Begriff psycho- 
sexueller Konstitution schon alles von vornherein gesetzt ist, was nach- 
träglich aus dem Wirken der Libido erklärt werden soll, so nennt es auch 
Adler den „Missbrauch einer Abstraktion, wenn aus den verschieden- 
artig zusammengesetzten psychischen Bewegungen mittels einer Petitio 
principii als leitendes Motiv die Sucht nach Lust herausgeholt wird, 
während man vorher schon jede Regung als lustsuchend — libidinös — 
erklärt hat." So habe ich auch schon in „Sexualität und Dichtung" aus- 
gesprochen, dass, wenn eine Frau sexuell mit ihrem Mann unzufrieden ist, 
für mich diese „sexuelle" Unzufriedenheit mit dem Mann nur eine Teil- 
erscheinung der Unzufriedenheit der Frau mit allen Dingen des Lebens ist, 
und in ausgesprochenen Fällen dieser Art gar kein Unbefriedigtsein sexueller 
Art und nur in bezug auf diesen bestimmten Mann vorliege oder vorliegen 
müsse, sondern ein ganz allgemeines Unbef riedig bar sein durch jeden 
Mann, wie es eben der neurotischen Frau eigen. Jeder Arzt kennt den Fall, 
dass die eine Frau kommt und klagt, ihr Mann sei impotent oder nicht 
potent genug für ihre Wünsche, die andere, ihr Mann stelle zu starke ge- 
schlechtliche Anforderungen an sie. Nun könnte man ja sagen und ist dies 
im Einzelfalle natürlich auch möglich, es treffe eben nicht leicht im Leben 
die Rechte den Rechten. Die sexuell stark bedürftige Frau komme an den 
mehr oder minder impotenten, die sexuell wenig bedürftige Frau, wie sie 
mir in der Mehrzahl zu sein scheint, unglücklicherweise aber an den allzu 
Potenten. Dennoch scheint mir sich die Sache im allgemeinen nicht so zu 
verhalten, lässt zum mindesten jedoch eine ganz andere Auffassung zu. 
Es ist allgemein menschlich, dass wir auf das, was wir in jedem Augen- 
blick haben können, leicht zu verzichten vermögen, ja, dass wir nur in 
Besitz von etwas gelangen müssen, damit es sofort an Wert für uns ein- 
büsst oder wir gar keinen Wert mehr (aber immer nur solange wir es 
noch haben) darauf legen. Fontane sagt einmal, eine Frau, die einen 
Kürassierleutnant habe, wünsche sich einen intelligenten Mann, eine, die 
einen intelligenten Mann habe, einen Kürassierleutnant. Gerade die Hyste- 
rische will nun immer alles anders, als es im Augenblick und in ihrem 
Leben überhaupt ist, ist unbefriedigbar und will es in gewisser Weise sein. 
Aber auch die normale Frau, die einen mehr oder minder impotenten Mann 
hat, fühlt, dass ihr etwas abgeht, und aus diesem Gefühl des Benachteiligt- 
seins wird erst, wie Widerstände immer unsere Begierden erhöhen, der 
Wunsch nach Geschlechtsverkehr stark und oft selbst überstark, wo denn 
der Psychoanalytiker Freu d'scher Richtung eine übermächtige Libido und 
ein sexuelles Unbefriedigtsein konstatiert. Nach dem Gesagten ist 



Dnser Verstehen der seelischen Zusammenhange in der Neurose. 387 

aber klar, in weicher Weise das Unbefriedigtsein ein speziell sexuelles 
ist. Diese gleiche Frau, die nun unglücklich ist, weil sie an einen impotenten 
Mann gekommen ist und dies dem Arzt klagt, würde, wenn sie an einen 
potenten gekommen wäre, ebenso unglücklich, wie vorher wegen der Im- 
potenz des Mannes, dann wegen seiner Potenz sein und auch etwa dies 
dem Arzte klagen. Was ihr vorher zu wenig war, wäre ihr, nun sie es 
hat, sofort zu viel. Dies in leichterer Art, so dass sie es etwa einmal 
sagt oder bei sich nur als Unbequemlichkeit, mit der sie sich aus Liebe 
zum Manne doch abfindet, gesteht oder in schwerer, dass sie daraus eine 
ständige Haupt- und Staatsaktion macht und dem Manne vorwirft, wenn 
sie sexuell leicht ansprechbar ist und, einmal in Versuchung geführt, auch 
entschieden mitmacht, er ruiniere sie, je nachdem sie sonst ist, mehr normal 
oder mehr neurotisch. Nicht aus ihrer primären Sexualspannung erwachsen 
der Frau mit dem nicht gerade impotenten, aber doch der mit dem wenig 
potenten Mann ihre Konflikte, sondern die spezielle Situation schafft der 
Frau auf psychischem Wege eine vermehrte Sexualspannung. Und so hat 
Adler ganz recht, wenn er behauptet, dass Libido unter gewissen Um- 
ständen mobil gemacht wird zur Erreichung gewisser realer oder 
fiktiver, dem Individuum bewusster oder als bei ihm vorhanden nicht 
bemerkter Zwecke und Ziele. Und wie das Individuum gelegentlich sexuell 
erregt sein will, so will es unter anderen Umständen wieder sexuell nicht 
erregbar sein, psychisch impotent, „verdrängt" seine Libido. Und da dies 
Wollen auch' nicht im Bewusstsein zu erscheinen braucht, ein Wollen 
gegen das andere steht, so treten dem Bilde nach, den Äusserungen 
und Handlungen nach ausserordentlich zwiespältige Willensregungen ans 
Licht, wofür Adler sehr gute Beispiele gibt. Wir wollen selten etwas 
eindeutig. Wir wollen etwas, ohne das mit ihm naturnotwendig Verbundene, 
alle daraus hervorgehenden Konsequenzen auch zu wollen, sorgen oft dafür 
selber, dass wir in dem, was wir erstreben, nicht zum Ziel kommen, und 
verraten in unserer Reaktionsweise deutlich unsere Willenszwiespältigkeit, 
Diese Dinge nun in Verbindung mit der dem Psychopathen von jeher 
zugeschriebenen Mas slosi gkei t und Unfähigkeit sich anzu- 
passen, seinem Mangel an Sinn für das Tatsächliche, wie er 
den Normalen auszeichnet, ergeben das Bild des nervösen, neurotischen, 
psychopathischen Charakters seinen Grundzügen nach. Die Neurose ent- 
steht nicht dadurch, dass einer nicht abreagiert, sondern in der Unfähig- 
keit das Reale zu sehen, sich in Fühlen, Wollen, Handeln den Schranken 
der' Wirklichkeit anzupassen, was eben auch schon „abreagieren" heisst, 
verrät sich von vornherein der neurotische Reaktionstypus. Welche physi- 
sche Ursache diesen schafft, wissen wir so wenig, als was den „schizo- 
phrenen Reaktionstypus" schafft, die noch latente Dementia praecox-Dis- 
position, auf deren Boden nach Bleuler die apparente Schizophrenie 
erst durch Komplexwirkungen entsteht. In welchem Umfang Adle r's Über- 
legungen uns nun alles und jedes verständlich macht in der Reaktions- 
weise des neurotischen Charakters, ist schwer zu sagen. Sehr vieles aber 
wird uns im Charakter des Nervösen wie des Normalen auf diese Weise 
plausibel gemacht. Wenn Adler behauptet, es gebe keinen angeborenen 
Charakter, so hat er, so, wie er die Sache nimmt, mit dieser Behauptung 
recht. Ein. Charakter wird, entwickelt sich auf Grund angeborener Mo- 
mente, er wird als solcher nicht angeboren. Ein Schwerhöriger oder Tauber 
wird reaktiv misstrauisch, reizbar; dass dieses Misstrauen psychischen 

26* 



388 Pnvatdozent Dr. Otto HinrichseD, 

Ursprungs ist, lässt sich nicht bezweifeln. Und so steht die Charakter- 
bildung des Kindes unter dem Einfluss mannigfacher angeborener Faktoren. 
So bringt Adler sehr interessante Hinweise (auf diese Dinge kann ich, 
so interessant sie gerade für mich sind, hier nicht eingehen) darauf, wie 
auf Grund angeborener Faktoren auf dem Wege psychischer Kom- 
pensation Phantasie, rein intellektuelle und künstlerisch-intellektuelle 
Fähigkeiten entwickelt werden, Dinge, die einer genaueren Nachprüfung, 
Durcharbeitung und Klärung im einzelnen durchaus wert sind. Adler 
gibt mit diesen Dingen fruchtbare Anregungen, von denen zu erwarten ist, 
dass sie allmählich, nachdem Einzeluntersuchungcn der entsprechenden. 
Verhältnisse vorangegangen sind, zu bedeutsamen Aufschlüssen führen 
werden. 

Hier aber habe ich mich, um Adler gerecht zu werden, vor allem 
noch mit dem zu beschäftigen, was A d 1 e r allen seinen Ausführungen 
über den nervösen Charakter zur Grundlage gibt, seine Organminder- 
we r t i gk ei t sichre und den damit eng zusammenhängenden von ihm 
aufgestellten Begriff der psychischen Kompensation. Erörte- 
rungen, die ich absichtlich an das Ende gestellt habe. 

Wenn ich vorhin sagte, wir wüssten nicht, wo die Ursache des 
neurotischen Reaktionstypus liegt. so unternimmt es Adler eben den 
vagen Begriff: Konstitution genauer zu bestimmen, indem er von der 
minderwertigen Konstitution im ganzen rekurriert auf einzelne Organ - 
mindcrwertigkeilen als ein weit eher fassbarcs Moment denn .Minderwertig- 
keit im ganzen. Die Ursache der Neurosen ist ihm etwas Physisches 1 ): 
die Minderwertigkeit einzelner Organe mit der Reaktion der Psyche auf 
diese Organminderwertigkeit, welche Reaktion sieh äussert in dem Be- 
streben der Psyche die Organminderwertigkeit zu kompensieren. Der ob- 
jektiven Organminderwertigkeit entspricht ein subjektives Unsicherheits- 
gefühl, Janet's sentinient d'incompletude. Beim Kinde erwachsen auf der 
Basis der Organunfertigkeil, beim neurotischen Erwachsenen auf derjenigen 
dauernder funktioneller Organinsuffizienz. Aus den Organminderwertig- 
keiten kommt der Reiz, welcher die psychische Kompensation und Über- 
kompensation bei genügenden psychischen Vorbedingungen wirksam werden 
lässt. Dass es kompensierende Kräfte im Organismus gibt, zeigt uns wie 
vieles andere die funktionelle Hypertrophie des Herzmuskels bei Klappen- 
fehlern usw. als einfacher Fall. Einfach und leicht verständlich in seiner 
Mechanik deshalb, weil es sich erstens um körperliche Vorgänge handelt, 
und weil sich zweitens der ganze Prozess in ein und demselben Organ 
abspielt. Es ist aber gleichgültig, ob ein funktioneller Ausfall in einem 
anderen Organ, den Nieren oder Lungen, zur llerzmuskelhypertrophie führt 



') Zu einem aolchen scheint mir auch die Freud'sche Schule hinzustreben, 
wenn sie in der Sexualität die Grundkraft in allem Seelischen zu sehen sucht. 
Wenn wir von Sexualität sprechen, bezeichnen wir damit körperliche wie seelische 
Zustünde: der Begriff schlägt nach beiden Seiten und ist daher so verwendbar, dass 
man bald mehr die physischen, bald mehr die entsprechenden psychischen Vorgänge 
dabei im Auge haben kann und immer ein bischen nach beiden Seiten gedeckt ist. 
Meyerhof (Baiträge zur psychologischen Theorie der Geistesstörungen 1910) be- 
zeichnet Freud's Lehre als eine „streng psychologische". Sie ist das im weiteren, 
nicht aber ihrer Basis nach, indem, was den sexuellen Vorstellungen ihre Kraft 
gibt, immer nur die physische Sexualspannung sein kann und, je mehr es sich nur 
um sexuelle Vorstellungen handelt, um Psy chosexuolles meiner Ansicht nach die 
Triebkraft Schaden leidet, die vis a tergo, mit deren Hilfe erklärt werden soll. 



Unser Verstehen der seelischen Zusammenhänge in der Neurose. 389 

die Sache bleibt dieselbe. Die Wirkung aussergehirnlicher Organslörungen 
auf das Gehirn jedoch wird für uns nicht in einer greifbaren Veränderung 
des Gehirns, etwa einer Gehirnhypertrophie, deutlich, sondern bleibt etwas 
nur auf Umwegen Erschlossenes, eine Erklärung, die wir uns schaffen. 
Es ist aber überzeugend, wenn Adle r ausführt, dass Organläsionen oder 
funktionelle Organminderwertigkeiten auf die Psyche wirken müssen. 
Starke Kurzsichtigkeit Astigmatismus. Otosklerose und dergleichen m u s s 
die Folge haben, dass das an diesen Dingen leidende Individuum eben, 
weil es leidet, d. h, ihm die funktionelle Störung auf dem betreffenden 
Sinnesgebiete auch zu Bewusstsein kommt, merkbar wird, den Ausfall 
auszugleichen strebt durch Zuhilfenahme intakter Sinnesfunktionen und 
überhaupt eines psychischen Mehraufwandes in bestimmter Richtung. Es 
wird auf bestimmte Dinge in stärkerem Masse die Aufmerksamkeit gelenkt, 
und so erscheint auch als glaubhaft, dass z, B. durch Augenfehler der 
visuelle Charakter des Individuums eine besondere Verstärkung erfahren 
kann usw. Hier liegen sicher sehr berücksichtigenswerte Momente. So 
werden gerade primär minderwertige Organe zur Bedingung einer Plus- 
leistung auf irgend einem Gebiete, und wie aus solchen Momenten dem 
Individuum auf dem Wege der psychischen Kompensation und Über- 
kompensation sein Charakter erwächst, stellt Adler generell sehr gut 
heraus. So kann Adler dazu kommen, den angeborenen Charakter, indem 
er im Charakter eben ein rein psychisches Ge bilde sieht, ZU leugnen. 
Nun haben wir es aber nicht nur mit der Psyche als einem Überbau 
über allen Organen zu tun, sondern auch mit dem Gehirn als einem 
Organ selber. Auch, wenn wir, wie notwendig, annehmen, dass alle 
— ich will mich einmal für „aussergehirnliclT des Ausdruckes „peripher" 
bedienen — peripheren Organminderwertigkeiten im Gehirn organisch re- 
gistriert sind, so fällt es doch schwer, das Gehirn nur als die organische 
Zusammenfassung und den organischen Überbau der peripheren Organ- 
minderwertigk eilen anzusehen, als blosses organisches Produkt sozusagen 
der peripheren Organminderwertigkeilen. Wir können uns nicht die Vor- 
stellung machen, dass zuerst das Periphere entsteht und dies peripher 
Gegebene nachträglich im Gehirn organisch zu sa m in c nge f asst wird, 
sondern der Organismus entsteht als Ganzes, aus eine m Entwicklungs- 
kernpunkt, und aus diesem Prozess resultiert ein organisches Ganzes, 
welches das Gehirn von vornherein als ein seiner Beschaffenheit nach 
ebensogut Gegebenes einschliesst wie alles Aussergehirn liehe. 

In der Beschaffenheit des ganz e n Organismus gelangen die Be- 
dingungen- zum Ausdruck, unter denen der Organismus entstand, also 
die Heredität. Es werden nicht nur aussergehirnliche Beschaffenheiten 
vererbt, sondern ebensogut die Gehirnbeschaffenheit selber. Diese Gehirn- 
beschaffenheit des Individuums wird für uns in vielen Fällen, wo es sich 
nicht um grobe anatomische Defekte handelt, nur erkennbar durch die 
psychischen Minderleistungen dieses Gehirns, z. B. bei der kongenitalen 
Demenz. Einen angeborenen Schwachsinn können wir nicht zurückführen 
auf eine nicht zustande gekommene psychische Kompensation peripherer 
Organminderwertigkeiten. Wir finden ihn mit solchen verbunden, körper- 
liche Degenerationszeichen weisen uns unserer Erfahrung nach auf geistige 
Minderwertigkeit in verlässlicherer oder weniger verlässlicherer Weise hin. 
Wir können dabei immer noch auch bei dem kongenital Schwachsinnigen 
an die psychische Genese einzelner Charakterzüge glauben, wofür 



390 Privatdozent Dr. Otto Hinrichsen, 

ein gewisser Beweis darin liegt, dass auch kongenital Demente noch er- 
ziehbar sein können, was immer nur möglich auf Grund einer gewissen 
psychischen Freiheit, eines nicht totalen organischen Gebundenseins. Der 
der Charakterentwicklung gegönnte Spielraum ist geringer bei dem Schwach- 
sinnigen, aber er ist immer noch da. So sind die Grenzen schwer zu 
ziehen, innerhalb deren der Charakter des Individuums angeboren, direkt 
und fassbar organisch bedingt ist, und wo die rein psychische Cha- 
rakterbildung einsetzt. Diese Rolle des ■ Gehirns als selber eines in 
seiner Beschaffenheit angeboren gegebenen Organs scheint mir Adler 
doch ein wenig aus den Augen verloren zu haben, allzusehr Psyche 
und periphere Organminderwertigkeiten einander gegenüber zu stellen 
mit den Reflexwirkungen der peripheren Organminderwertigkeiten auf das 
Gehirn, die Psyche. Wir wollen aber diese Standpunktnahme nicht be- 
dauern, denn, wenn auf diese Weise auch etwa nicht alles Tatsächliche 
berücksichtigt wird, kam Adler mit seinem Nachweis, in wie grossem 
Umfang der Charakter psychischen Ursprungs ist, doch zu sehr er- 
wägenswerten Resultaten. Wir wissen, dass embryonale Gehirnläsionen 
zu peripheren Organentwicklungsslörungen führen, ja, wenn wir irgendwo 
einen Entwicklungskernpunkt suchen wollen, können wir uns eher die Vor- 
stellung machen, dass alle peripheren Organminderwertigkeiten Ausdruck 
einer partiellen Gehirn-Entwicklungsstörung sind als umgekehrt. Deshalb 
besteht nicht weniger die Vorstellung zu Recht, dass Organminderwertig- 
keiten psychisch kompensiert werden, nur wird diese psychische Kom- 
pensation von einem Gehirn von bestimmter Beschaffenheit mehr 
oder minder geleistet oder mehr oder minder auch nicht geleistet. Mit 
dem allen sage ich natürlich Adle r und niemandem etwas Neues und 
will nui betonen, dass die Aufgabe darin liegt, soweit dies leistbar, zu. 
trennen, was in der psychischen Reaktionsweise eines Individuums, also 
in seinem Charakter doch direkt angeboren ist (und dass hier angeborene 
Faktoren stecken, leugnet Adler ja keineswegs), der Gehirnbeschaffenheit 
entstammt, in diesem Sinne konstitutionell ist, was auf dieser Basis 
psychisch entwickelt wird. 

Wenn z. B. C. F. Meyer erst gegen das vierzigste Lebensjahr hin 
äusserlich den ausgesprochenen männlichen Habitus bekommt, so kann 
diese ungewöhnlich retardierte körperliche Entwicklung, die dann mit der 
Reife auch in einer gesteigerten psychischen Männlichkeit zum Ausdruck 
gelangt, nie andere als direkt physische Ursachen haben, verdankt auch 
Meyer seine um diese Zeit einsetzende geistige Produktivität nicht einem 
manischen Erregungszustand, wie das behauptet worden ist; sondern dem 
Umstand, dass er jetzt erst körperlich-psychisch dazu reif wurde, in 
rechter Weise produktiv zu sein. Meyerhof 1 ) spricht aus, dass allen 
psychischen Vorgängen eindeutig somatische (Hirnrinden-) Prozesse zu- 
geordnet sind, dass jedem beso • t eren psychischen Akt, normalem wie 
pathologischem, ein bestimmt charakterisierbarer physiologischer Vorgang 
korrespondiert. „Jeder psychischen Anomalie muss also eine irgendwie 
aus dem gewöhnlichen herausfallende Himfunktion entsprechen." Er fährt 
dann fort, es sei möglich, dass einer „funktionellen" Psychose (wobei er 
die Hysterie einbegreift) „nicht eine einheitliche Veränderung der Hirn- 
funktion entspricht, sondern, dass nur die Resultante der verschiedenen 



M Beiträge zur psychologischen Theorie der Geistesstörungen, 1910. 



Unser Verstehen der seelischen Zusammenhänge in der Neurose. 391 

dynamischen Umsetzungen in ihrer Richtung oder "Länge verändert ist" 
Und vorher schon : die physiologischen Anomalien könnten bei der Hysterie 
leichter ausgleichbar sein. Es kann ja schon als denkbar gelten, dass ein 
Individuum sich in bestimmte Gedankengänge „verrennt", zu unglücklichen 
Einstellungen kommt, und wir so verstehen können, dass es in. 
seinem Streben nicht weiter kommt aus Hemmungen, die es sich selber, 
wie Adler will, geschaffen hat, z. B. eine starke Skepsis, ein Auto- 
kritizismus es als Handelnden oder geistig Produktiven hemmt, welche 
Hemmnisse dann zu anderer Zeit auch wieder überwunden werden mit Hilfe 
von aussen oder durch eigene Kraft, ohne dass diese Hemmungen vorher 
einer Depression entstammten und nachher durch eine Manie gelöst wurden. 
So können wir eine Entwicklung psychologisch verstehend verfolgen, 
ohne aber dass dabei für uns durchsichtig wird, in welcher Weise die 
„physiologische Anomalie" sich ausgleicht, es sei denn, es handle sich 
um jugendliche total ausheilende Hysterie. So wenig C. F. Meyer seine 
Manie seinen Schnurrbart um die Zeit seines Reifwerdens schuf 
(ich sage das nicht Adler, sondern denen gegenüber, die ein manisch- 
depressives Irresein bei M e y e r in genaue Beziehung setzen zu seinen 
schöpferischen Erregungszuständen), schuf sie ihm seine Werke. Deshalb 
würden sich hei M e y e r in seiner Reaktionsweise um dieso Zeit auch 
noch verhältnismässig rein psychische Charakterzüge, in denen sich die 
oben erwähnte Hemmungsüberwindung verrät, eruieren lassen; dies gebe 
ich wieder Adler zu. Genauer noch geht es A d 1 e r an, wenn ich sage, 
dass es mir nicht einleuchtend ist, wie ein Individuum auf psychischem 
Wege sexuell frühreif wird und sehr früh zur Masturbation 
kommt. Für Adler drückt sich in der sexuellen Frühreife die Tendenz 
aus erobern zu wollen, in der Masturbation die „Furcht vor dem Partner", 
beim Manne die Furcht vor der Frau, die „Furcht vor der Entscheidung 
überhaupt". So plausibel mir sehr vieles in Adier's Ausführungen ist, 
soweit sie auf das Verstehen psychischer Zusammenhänge in Berufung 
auf das Selbstgefühl zielen, scheint er mir, wenn er solche Vorgänge in 
der noch unentwickelten Psyche des Kindes verstehen will, etwas weit 
zu gehen und es sich mir hiet um Verallgemeinerungen von sonst 
vom Selbstgefühl aus Verstellbarem zu handeln, zu denen jeder, der in sich 
erst einmal bestimmte Anschauungen erzeugt hat, leicht kommt. Ob die 
reale Sexualspannung bei derartig frühreifen Kindern eine grössere ist 
als bei nicht frühreifen, wird sich nicht konstatieren lassen. Klar ist, 
dass sie körperlich-sexuell noch unfertig sind und doch in ihrer Weise 
schon libidinös. Der von dem bewussteren Zustand des Erwachsenen her 
bezogene Terminus „Furcht vor der Frau" aber versagt sich hier der An- 
wendung nach meinem Gefühl, und es erscheint mir gezwungen, hier beim 
Kinde zwischen sexuellem Reiz und Handlung (Masturbation) schon ver- 
stehbare psychische Prozesse einschieben zu wollen, die, wenn psychische 
Vorgänge natürlich in einer dem Alter entsprechenden Art auch schon 
da sein müssen, sich doch schwer mit Ausdrücken, die vom bewussteren 
Auffassen des Erwachsenen hergenommen sind, charakterisieren lassen. 
Hier wie an anderen Punkten scheint sich mir eine unserem Verstehen 
nach Adle r'sche Weise gezogene Grenze zu offenbaren, die Überleitung 
von Reiz, den wir doch wohl als bestehend annehmen müssen, in die 
masturbatorische Handlung noch eine ganz unmittelbare zu sein. Ebenso 
ist es mir noch allzu unbestimmt, wenn Adler sexuelle Perversität auf 



392 Privatdozeut Dr. Otto HinrichBen, 

aageborene Minderwenigkeit der Sexualorgane zurückführen will. Die 
Virago mit männlichem Habitus und der effeminierte Mann mit weiblichem 
haben diese Körperbeschaffenheit bei der Geburt mitbekommen und mit 
dieser Körperbeschaffenheit ein entsprechendes Gehirn, eine entsprechende 
Psyche. Und so ist doch vielleicht eben noch manches „Schnurrbart", 
was Adler psychologisch verstehen will, und nicht psychisch erworben, 
und lässt sich wohl schwer feststellen, was im Charakter einer etwa noch 
gar homosexuellen Virago angeboren gegeben, was psychisch entwickelt 
ist. So können wir auch nicht genau trennen, was als Gehirnbeschaffen- 
heit in neurotischen, ganz entschieden aber in psychotischen Zuständen 
angeboren ist und als funktionelle Störung etwa direkt vererbt wird, was 
nur auf Grund angeborener Faktoren sich als psychisch erworben auf- 
fassen und psychologisch verstehen lässt. Adler hat diese Dinge aber 
prinzipiell keineswegs übersehen, denn er spricht selbst davon, dass den, 
peripheren Organniinderwertigkeiten ein ./Ursprünglich minder- 
wertiger Anteil des Zentralnervensystems" 1 ) entspricht, 
der nach Adler späterhin dann eben häufig zur Überkompensation gelangt 
und damit physisch und psychisch eine dominierende Stellung innehat 2 )." 
Die zu einer Kompensation unfähigen Organe fallen nach Adler unter 
dein Einfluss der Aussenwelt einem rascheren oder langsameren Verderben 
anheim. „Andererseits gestaltet die Natur aus minderwertigen Organen 
unter dem Einfluss von Kompensation Apparate von variablerer Funktion 
und Morphologie, die sied» in vielen Fällen als durchaus leistungsfähig er- 
weisen und den äusseren Verhältnissen zuweilen um einiges besser an- 
gepasst. sind, da sie ja aus der Oberwindung dieser äusseren Widerstände 
ihren Kiaftzuwachs bezogen haben, demnach die Probe bestanden haben. 
Zwischen diesen extremen Fällen liegen nun noch Mischbildungen und 
solche, bei denen die Kompensation nicht völlig -durchzusetzen war, sei 
es infolge eines Mangels an Reservekräften oder infolge vorzeitiger Er- 
schöpfung dieser Kräfte, Kompensationsstörung. Unter bestimmten Be- 
dingungen entwickeln sich aus dieser Gruppe die Fälle von Neurosen und 
Psychoneurosen." Die gleichzeitig minderwertigen Organe stehen zueinander 
„wie in einem geheimen Bunde". „Dies und das geheime Band wird 
nirgends so leicht nachzuweisen sein, als wo sich zu einer Organminder- 
wertigkeit eine Minderwertigkeit des zugehörigen Anteiles des Zentral- 
nervensystems gesellt." Wie das der Fall sei bei der Hypochondrie, der 
Hysterie, der Angst- und Zwangsneurose. Adler selbst erkennt aber an, 
dass es schwerer sein dürfte, in diesen Zusammenhang beider Minder- 
wertigkeiten einzudringen, „wo es sich um Epilepsie oder psychische Er- 
krankung, Paranoia, Demenz, Manie usw. handelt". Er spricht in seinem 
Buche „Über den nervösen Charakter" nur heiläufig von der Psychose, 
so dass man dort den Eindruck gewinnen könnte, ihm sei die Psychose, 
etwa die Dementia praecox, nur eine Steigerung der Neurose, was man 
ja auch, je nachdem, was man unter Steigerung versteht, vertreten könnte. 
Immer wird, was nicht die kausale Erklärung, wo erst eingehendere Unter- 
suchungen zeigen müssten, wie weit man auf A d 1 e r's Weg auch den 
Psychosen beikommen kann, sondern das Verstehen von seelischen Zu- 
sammenhängen in der Psychose betrifft, dieses unmittelbare oder „als ob"- 
Verstehen in der Psychose nur ein Stück weit reichen können. „Nur ge- 

i) Von mir gesperrt. 

2) Studie über Minderwertigkeit von Organen. 1907. 



Unser Verstehen der seelischen Zusammenhange in der Neurose. 393 

wisse Seiten des Seelischen, sagt Jaspers, sind unserem 
Verstehen zugänglich." In bezug auf diese Dinge wären in Adler's Buch 
einige Hinweise auf prinzipielle Einschränkungen wohl günstig gewesen. 
Der Dementia praecox z. ß. liegt ein fortschreitender Krankheitsprozess 
zugrunde, demgegenüber A d 1 e r's Organminderwertigkeitstheorie mir eben- 
so zu versagen scheint wie gegenüber dem manisch-depressiven Irresein, 
den epileptischen Psychosen usw. 

Freud und seiner engsten Schule gegenüber ist schon von ver- 
schiedenen Seiten und ganz mit Recht gesagt worden, dass eine weitere 
Häufung von im gleichen Sinne aufgefassten Material uns keine Forderung 
mehr bringen kann. Man weiss allmählich schon immer, worauf es bei einer 
neuen Pbulikation aus dem F r e u d'schen Lager hinausläuft. Und die eben- 
falls schon öfter geäusserte Forderung der Revision der Grundbegriffe 
kann nicht geleistet werden, denn der Hauptanspruch Freud's (kausale 
Erklärungen geben zu wollen) ist nur aufrecht zu erhalten durch diese 
vage Fassung der Grundbegriffe und methodologische Unklarheit überhaupt. 
Was das Verstehen seelischer Zusammenhänge in der Neurose betrifft, 
war Freud der erste, welcher diese Dinge entschieden in Angriff nahm 
und doch so schwer es auch ist, zu sagen in welchem Umfange, diese 
Dinge auch förderte. Adler hat gewisse Irrtümer Freud's für mich 
in entscheidender Weise korrigiert und damit, wie schon erwähnt, selbst 
Einfluss auf manche Freud-Schüler gewonnen; ein Beweis, wie wenig 
sicher sich auch diese zu guter Stunde noch in ihren Auffassungen fühlen. 
Andererseits ist es für mich verwunderlich, dass in der regen Diskussion 
über die Freu d'schen psychischen Mechanismen und seine Sexualtheorien 
die Auflösung welche A d 1 e r z. B. in bezug auf den ödipus-Komplex gibt, 
so wenig wie ich es freilich früher selbst getan, berücksichtigt worden ist. 
Freud's strikte Anhänger haben es wiederum, sich zu sehr im un- 
bestreitbaren Besitz der Wahrheit fühlend, aufgegeben, mit den Gegnern 
noch zu streiten, was zum Teil bei der Aufnahme, welche die F r e u d sehen 
Theorien fanden, ja begreiflich ist. Immerhin doch aber nur zum ieil. 
Adler's Minderwertigkeitstheorie scheint mir nun auf einer exakteren 
Basis zu ruhen als die so schwer diskutierbaren Freu d'schen Sexual- 
theorien und deshalb hat sie grössere Bedeutung für m.ch als die F r e u d - 
sehe Theorie ganz abgesehen von dem, was Freud an auch von Adler 
genutzten und als phänomenologisch tatsächlich übernommenen Beitragen 
für unser Verstehen der seelischen Zusammenhänge in der Neurose ge- 
liefert hat. 



II. 

Über die Grundzüge und Richtungen der jetzigen 
rationalistischen Psychotherapie. 
Von W. M. Lichnitzky, Odessa. 

Eine genaue Begriffsbestimmung des Wortes Psychotherapie zu geben 
sowie die Grenzen ihrer Anwendung festzustellen, stösst auf gar nicht wenige 
Schwierigkeiten. Soll man unter Psychotherapie alle jene Mittel, durch 
welche man auf die Seele eines Kranken einwirken kann, verstehen, so 
umfasst dieser Begriff alle Formen sowohl der bewussten wie unbewussten 
Suggestion, im hypnotischen wie im Wachzustände, ferner direkte und 
indirekte Suggestion, Autosuggestion, und zuletzt die Beeinflussung des 
Kranken durch die Überredung, das Heilen vermittels Psychoanalyse. Es 
wird öfters auf den Umstand hingewiesen, die Psychotherapie sei so alt 
wie die ganze Medizin und, in der Tat, wenn wir jenen Einfluss in Er- 
wägung ziehen, welchen der Arzt, oft unwillkürlich und unbewusst, auf 
den Kranken ausübt, so verlieren sich die Anfänge der Psychotherapie 
im Dunkel der Zeiten. 

Die ersten, die methodisch die Psychotherapie geübt haben, obwohl 
sie nicht immer eine klare Erklärung für die von ihnen gehandhabten 
Massnahmen geben konnten, waren die Hypnotiseure am Ende des XVIII. 
und in der ersten Hälfte des XIX. Jahrhunderts. Ihre Arbeiten, die 
zum Gegenstande die Probleme des Hypnotismus, der Suggestion und des 
Unbewussten hatten, zwangen die Arzte, ihre Aufmerksamkeit den Fragen 
der psychischen Heilmethoden zuzuwenden. Die Resultate, die durch den 
Hypnotismus erzielt wurden und die gezeigt haben, dass der Heilerfolg 
nicht im hypnotischen Schlaf, nur in der Suggestion, welche während der 
Versetzung in den hypnotischen Zustand stattfindet, zu suchen ist, drängten 
spätere Forscher zu Versuchen, einen therapeutischen Erfolg zu erzielen, 
ohne zürn Mittel des hypnotischen Schlafes zu greifen, nur einzig und 
allein durch die Suggestion, welche im gewöhnlichen Wachzustande zu- 
stande kam fsuggestion ä l'etat de veille]. Noch einen Schritt vorwärts 
in dieser Richtung und wir kommen von dieser Suggestion in Form eines 
Auftrages oder einer Bekräftigung zu jener der Überzeugung und Über- 
legung, deren systematische Handhabung in den nervösen Erkrankungen, 
Frucht der letzten 20—30 Jahre ist. 

Eine strenge Grenze zwischen den einzelnen psychotherapeutischen 
Methoden durchzuführen, ist nicht möglich, schon aus diesem Grunde 
allein, weil der Einfluss, den ein Individuum auf die Seele eines anderen 



Über die Grundzüge der Psychotherapie. 395 

ausübt, eine sehr komplizierte Erscheinung ist, die sich aus einer ganzen 
Reihe von Elementen zusammensetzt, und man kann bei der Klassifikation 
der psychotherapeutischen Schulen nur von einem Vorherrschen dieser 
oder jener Elemente sprechen. 

Die vorliegende Arbeit soll ein Versuch sein, eine Übersicht über 
die Anschauungen der Hauptvertreter der sogenannten rationalistischen 
Psychotherapie [psychotherapie rationelle], d. i. einer Psychotherapie, . die 
auf Erwägung und Überredung begründet ist, zu geben. Als Begründer 
dieser Schule wird der Berner Professor Dubois angesehen, dessen un- 
ausgesetzten Bestrebungen es zu verdanken ist, dass breitere ärztliche Kreise 
mit dem Wesen und der Aufgabe der rationalistischen Psychotherapie be- 
kannt wurden. Als zweitnächster folgt Prof. Dejerine. Abseits von ihnen 
steht Rosenbach, dessen Arbeiten, von seinen Zeitgenossen unter- 
schätzt, den Anstoss zur Entwicklung der sogenannten Arbeitstherapie 
gegeben haben. Zum Schlüsse unserer Skizze werden wir uns noch einige 
Worte über Marcinowski erlauben, diesem eifrigen Prediger einer 
gesunden, auf den Ergebnissen der zeitgenössischen Philosophie und Psycho- 
logie basierenden Weltanschauung, welche zur Stütze dem modernen 
Menschen dienen soll, jenem Menschen, der allzu leicht aus dem Gleich- 
gewicht kommt, allzu unbeständig ist, der soviel Chancen, Neurastheniker 
zu werden, besitzt. 

In unserer gegenwärtigen Arbeit wollen wir uns nur mit den An- 
hängern der Überredungsmethode einzig und allein befassen, während 
wir alle anderen, welche, wie Forel, Moebius, Brodmann, 
Loewenfeld, Berillon usw., gleichzeitig mit dieser Methode auch 
die Suggestion, Hypnotismus und andere psychotherapeutische Verfahren 
üben, beiseite lassen. — Im Gegensatz zu den klassischen Autoren, die 
scharfe Grenzen zwischen einzelne Neurosen setzen und genau ihre cha- 
rakteristischen Symptome, die sogenannten Stigmata, aufzählen, durch 
welche es möglich war, einzelne Fälle in die Rahmen scharfumschnebener 
klinischer Formen einzureihen, betrachtet Dubois die Einteilung der 
Neurosen in die Neurasthenie, Hysterie, Hypochondrie und Melancholie 
für künstlich und weist darauf hin, dass wir in der Praxis in der Mehrzahl 
der Fälle entweder 1. Übergangsformen oder 2. eine Kombination von 
Symptomen zweier oder mehrerer Neurosen zu Gesicht bekommen. Daher 
ist es nicht richtig, von der Hysterie und Neurasthenie als von scharf- 
begrenzten nosologischen Einheiten zu sprechen, sondern vielmehr von 
hysterischen, neurasthenischen, hypochondrischen und melancholischen Zu- 
ständen [etats]. Viele haben darauf hingewiesen, dass Dubois' Diagnosen 
sich durch keine besondere Klarheit auszeichnen, wenn wir uns aber auf 
seinen Standpunkt stellen und die Neurosen, als Krankheiten, durch Störung 
des normalen Ablaufs des psychischen Geschehens entstanden, betrachten, 
welche in Wirklichkeit, an und für sich, bloss eine Steigerung der einem 
jeden, auch sogenannten normalen Menschen zukommenden Eigenheiten, 
bedeuten, so erscheint ein solcher Mangel an Klarheit vollkommen natür- 
lich und verständlich. 

Charakteristisch für solche Kranke, sagt Dubois, sind nicht ihre 
verschiedenartigen nervösen Symptome, nicht ihre unzähligen funktionellen 
Störungen, denen ähnlich, die bei organischen Krankheiten bestehen, nicht 
ihre lästigen Empfindungen, denen sie unterliegen können, sondern die 



396 W. M. Lichnitzky, 

Besonderheiten ihrer Psyche, die Eigentümlichkeiten ihres Charakters. 
Diese Symptome sind in ihrer Art „stigmates mentaux". 

Um jene Rolle, die den psychischen Besonderheiten in der Ent- 
wicklung der funktionellen nervösen Erkrankungen zukommt, genau zum 
Ausdruck zu bringen, schlagt D u b o i s vor, den Terminus Neurose durch 
Psychoneurose zu ersetzen, welcher mehr dem Wesen jener Erkrankungen 
entspricht. — 

• Abgesehen davon, dass die Erscheinungen des psychischen Lebens 
unbedingt verschiedenartig sind und dass jeder Mensch auf äussere Ein- 
drücke nur seiner besonderen geistigen Verfassung gemäss reagiert, so 
kann man innerhalb der individuellen Verschiedenheiten zwischen solchen 
unterscheiden, die für gesunde, im Gleichgewichte sich befindliche Sub- 
jekte charakteristisch sind und solchen, die den Nervösen, den zukünftigen 
Xeurasthenikern und Hysterischen, zukommen. „Aber all das bunte Bild, 
durch diese verschiedenartigen Erscheinungsformen hervorgerufen, kann 
man, sagt Dubois, auf eine winzige Zahl wesentlicher, geistiger Eigen- 
heiten zurückführen, reduzieren. Bei solchen Individuen liegt, meiner 
Ansicht nach, eine bedeutende Überhandnähme jener Fehler vor, die der 
menschlichen Natur eignen. Sie sind vollständig beeinflussbar, sie unter- 
liegen leicht der Ermüdung, und vor allem zeichnen sie sich durch eine 
bis zur Vollkommenheit entwickelte Empfindlichkeit und Emotivität aus. 
Will man diesen Gedanken in einer ein wenig paradoxen Form ausdrücken, 
so kann man sagen, diese Individuen seien, im gewöhnlichen Sinne des 
Wortes nämlich, nicht krank. .Man findet bei ihnen keine neuen, dem 
Gesunden nicht eigentümlichen Erscheinungen, kein Vorhandensein spe- 
zieller pathogener Faktoren, wie hei infektiösen Krankheiten, auch keine 
Veränderungen in den Organen, die Funktionsstörungen zur Folge haben. 
Alles, was wir bei ihnen finden, ist bloss Steigerung der normalen psychi- 
schen Reaktionen, welche nicht nur in der Leichtigkeit, mit der sie 
hervorgerufen werden können, sich zeigt, sondern auch in der Ab- 
weichung von ihrem primären Typus, ihrer Neigung zur verschiedenartigen 
Irradiation. Ich lege grosses Gewicht auf diese Feststellung, weil sie mich 
zwingt, die Anfänge der bei den Kranken zu findenden Eigentümlichkeiten 
im normalen Seelenleben zu suchen." — Als das Wichtigsie in den Eigen- • 
tümlichkeiten der Seelenverfassung dieser Individuen erscheint Dubois 
ihre Suggestibilität, die einerseits sowohl der Hysterie wie der Neurasthenie, 
andererseits auch den ursächlichen Formen der psychischen Degeneration 
eigen ist [les degeneres et les desequilibres|. Die Suggestibilität betrachtet 
Dubois als eine der wesentlichsten Eigenschaften der menschlichen Seele 
und, indem er sie im weitesten Sinne des Wortes versteht, räumt er ihr 
einen wichtigen Platz im alltäglichen Leben ein. 

„Die menschliche Suggestibilität ist sehr gross, sie übt diesen oder 
jenen Einfluss auf alle unsere Handlungen aus, gibt dieses oder jenes 
Kolorit unseren Empfindungen, bringt ins Schwanken die Objektivität 
unserer Urteile, ist die Quelle fortwährender Illusionen, die zu verhüten 
uns als eine äusserst schwere Aufgabe auch trotz der ganzen uns möglichen 
Anspannung der Geisteskräfte erscheint." 

Mangel an Kritik bildet eine der unerlässlichen Bedingungen zur 
Realisation der Suggestion. Die Suggestibilität und speziell die erhöhte, 
gesteigerte Suggestibilität ist ein Zeichen einer relativen Schwachheit, einer 



Über die Grundzüge der Psychotherapie. 397 

ungenügenden Urteilskraft, und diese relative Schwäche der Urteilskraft 
bildet nach D u b o i s die wesentliche Eigentümlichkeit der geistigen Ver- 
fassung jener, welche das Material für zukünftige Neurastheniker und 
Hysterische abgeben, und so sieht er in den Psychoneurosen die Über- 
gangsform vom normalen Zustande zu den geistigen Erkrankungen im 
eigentlichen Sinne des Wortes. 

D u b o i s ist überzeugt, dass man aus der mangelhaften Fähigkeit 
konsequent, folgerichtig zu denken, auf das Vorhandensein einer gewissen 
Psychasthenie bei Neurosen schliessen kann. Die Psychasthenie ist an- 
geboren und gibt die Grundlage ab, auf welcher sich, unter bestimmten ge- 
wissen begünstigenden Umständen, die einzelnen Funktionsstörungen ent- 
wickeln können. „Sie werden Kranken begegnen, welche, sich immer einer 
ausgezeichneten Gesundheit erfreut zu haben, behaupten und die den Beginn 
ihrer Erkrankung auf ein bestimmtes Datum zurückführen. Wenn Sie 
aber näher mit der Natur des Kranken bekannt werden, so werden Sie 
leicht auf Voreingenommenheiten kommen, die durch gewisse Jllogismcn. 
eine Neigung zu überstürzten Schlussfolgerungen und Mangel an Urteils- 
vermögen, den Quellen der krankhaften Autosuggestion entstehen." 

Die Fähigkeit, leicht der Suggestion und Autosuggestion zu unter- 
liegen, lässt die Kranken auf die grundlosesten Ideen verfallen, sie gibt 
den Wahrnehmungen eine charakteristische Farbe aus der äusseren Welt 
bei, aber ihre Bedeutung zeigt sich besonders scharf beim Prozesse der 
Verarbeitung von Empfindungen, die von den inneren Organen her kommen. 
Man kann sich leicht vorstellen, dass Empfindungen, die den normalen 
Individuen ziemlich unklar und unbestimmt zum Bewusstseiu gelangen, 
eine Quelle der verschiedenartigsten, mehr oder weniger unangenehmen 
und lästigen, schmerzhaften Empfindungen bei leicht, zu beeinflussenden 
Individuen bilden. 

Suggestion und Autosuggestion spielen die entscheidende Rolle beim 
Prozesse der Entstehung und Entwicklung der unbegrenzt verschieden- 
artigen Erscheinungen der Psychoneurosen. ihr Einfluss sowohl auf die 
Entstehung von hysterischen Lähmungen und Anästhesien wie auf die 
Entwicklung von Funktionsstörungen des Magen-Darmtraktes und zuletzt 
auf das Hervortreten von neurnsthenischen Beschwerden ist nicht schwer 
zu erkennen. ,,Die psychoneurotischen Erscheinungen entstehen nicht auf 
somatischem Wege, unter dem Einfluss von rein physikalischen Reizen, 
wie wir es bei den unbewussten nervösen Reflexen sehen. Immer be- 
gegnen wir sogenannten psychischen Manifestationen, überall sind sie 
durch Ideen kompliziert, die einerseits sowohl allein Funktionsstörungen 
verursachen, wie andererseits wieder durch längere Zeit Störungen, die 
primär durch irgend eine zufällige Ursache entstehen, z. B. ein Trauma, 
eine vorhergegangene somatische Erkrankung oder eine Intoxikation, unter- 
halten, Störungen, welche ohne die sie komplizierenden Vorstellungen 
schnell von selbst abgelaufen wären."' 

x\n Stelle der Anschauungen klassischer Autoren, die in der Neur- 
asthenie Folge von Überanstrengung, durch forciertes Arbeiten hervor- 
gerufen, gesehen haben, traten Theorien auf, die die Hauptrolle emotionellen 
Faktoren, emotionellem Tone, Konflikten usw. zugeschrieben haben. 

Obzwar D u b o i s die Bedeutung der Emotion in dem Prozesse der 
Entstehung von Funktionsstörungen nicht leugnen will, so sieht er doch 



398 W. M. Lichnitzk;, 

in ihnen nicht das entscheidende Moment, sondern mehr Nebenfaktoren, 
die das Auftreten von krankhaften Suggestionen und Autosuggestionen. 

begünstigen. 

üie Entwicklung der physiologischen Psychologie gab Anlass zum 
Entstehen der physiologischen Emotionstheorie (\V. James, Lange, 
Sergi). Nach dieser Theorie sei die Emotion nichts anderes als Wahr- 
nehmung von rein auf physiologischem Wege entstandenen Veränderungen. 
„Da haben wir, sagt W. James, z. B. eine Mutter, die ihren Sohn ver- 
loren hat; im Prozesse der Entstellung ihrer schmerzlichen Gefühle glaubt 
man gewöhnlich drei Momente sehen zu können: 1. Wahrnehmung oder 
Vorstellung [perception ou idee], 2. Emotion, 3. Versinnlichung dieser 
Emotion. Diese Reihenfolge sei aber nicht richtig, die zwei letzten Mo- 
mente müssen wir verschieben und gleichzeitig uns die Folge der Er- 
scheinungen anders vorstellen: 1. die Mutter, die den Tod ihres Sohnes 
erfährt, 2. sie ist niedergeschlagen (ein physiologischer Zustand), 3. sie 
trauert. Auf diese Weise, was ist also die Trauer? Nichts anderes, als 
eine mehr oder weniger klare Erkenntnis der im Organismus zustande- 
gekommenen Veränderungen im Tonus der Gefässe mit allen ihren Folgen. 
— Dubois wendet sich gegen die Überschätzung der physiologischen 
Emotionstheorie, indem er zu gleicher Zeit die intellektualistische Theorie 
verfechtet. Charakteristisch für die Emotion ist ihre ideogene Herkunft. ..." 
Die Emotion ist eine absolute, psychische Erscheinung, welche man mit 
anderen Elementen nicht verwechseln kann. Warum soll man nicht 
annehmen, dass sie unmittelbar nach der Vorstellung vom Tode eines 
geliebten Wesens folgt, ähnlich dem, wie ein Gedanke dem anderen 
folgt? Nach der Emotion folgen, entsprechend ihrer psychogenen 
Natur, physiologische Veränderungen, die ein Bild des psychischen 
Zustandes geben. Diese physiologische Reaktion kann nicht von langer 
Dauer sein, wenn ihr nicht gleich ein Zufluss von zentripetalen Emp- 
findungen, aus der Peripherie kommend, folgt, welche wieder ihrer- 
seits die psychische Emotion steigern; diese können sie sogar dann noch 
unterhalten, wenn wir bereits erkennen, dass- dem Umstand, der anfäng- 
lich die Emotion hervorgerufen hat, nicht mehr diese Bedeutung, welche 
wir ihm anfangs beigelegt haben, zukommt. Als Beweis für einen reflek- 
torischen, physiologischen Entstehungsmodus der Emotion haben viele 
Autoren vorgebracht, dass manche von diesen Emotionen, besonders der 
Schreck, sich so rapid entwickeln, dass man sich unwillkürlich gezwungen 
fühlt, sie auf die gewöhnliche Reaktion der bulbären Zentren zurück- 
zuführen, in welcher die bewussten Vorstellungen keine Rolle spielen. — 
Aber auch in diesen Fällen „ist die Emotion so eng mit den sie hervor- 
rufenden Vorstellungen verbunden, dass sie sofort aufhört, wenn der 
Mensch nur bemerkt, seine Befürchtungen seien grundlos, falsch. Ein 
Kind wird keine Emotion mehr fühlen, wenn es nur erkannt hat, dass 
es sein Bruder ist, der sich in irgend ein schreckerregendes Kostüm ver- 
kleidet hat, oder nachdem es gesehen hat, wie sein Spielgenosse ruhig mit 
dem Hund, der es früher erschrocken hat, spielt. Es fürchtet in ein 
Zimmer hineinzugehen, nicht, weil es finster ist, sondern weil es die Vor- 
stellung der Gefahr hat. Führt man es in einen beleuchteten Saal hinein 
und deckt die Augen zu, so wird es trotzdem von keiner Angst befallen. 

Die Frage über das Wesen der Emotion hat nicht nur ein theoretisches 
Interesse, sondern auch grosse praktische Bedeutung; von ihrer Lösung 



Über die Grundzüge der Paychotherapie. 399 

in diesem oder jenem Sinne hängt sowohl die Bemessung der Rolle, welche 
die Emotion in der Entstehung nervöser Erkrankungen spielt, wie auch 
das Verhalten des Arztes, des Psychotherapeuten, gegenüber einer ganzen 
Reihe von affektiven Zuständen, die als schärfer begrenzte Elemente im 
bunten Bilde der Erscheinungen, denen er in einzelnen Fällen begegnet, 
hervortreten. 

Die psychotherapeutischen Anschauungen Dubois' sind eng mit 
seinen Ansichten über die Natur und Entwicklung der Psychoneurosea 
verbunden. „Au mal psychique il faut traitement psychique," — das ist 
die führende Idee, die allen seinen psychotherapeutischen Handlungen zu- 
grunde liegt. 

Vom Standpunkte ausgehend, dass die Entstehung und Entwicklung 
der verschiedenartigsten Symptome, welche wir bei Nervenkranken finden, 
durch Mängel des Charakters, durch nachteilige Eigenschaften ihrer 
seelischen Verfassung, bedingt sind, glaubt Dubois, die Aufgabe des 
Arztes bestehe in der Wiedererziehung derartiger Kranker, in einer Be- 
einflussung ihrer moralischen Individualität, wobei als Ziel, ihr einen 
stärkeren inneren Halt zu geben, vorschweben soll; nicht umsonst gab 
Dubois seinem Hauptwerke den Titel „Les psychoneuroses et leurs 
traitement moral". 

Seiner theoretischen Anschauungen wegen erscheint Dubois als 
überzeugter Determinist; alle Gedanken, Empfindungen und Handlungen 
eines Menschen sind nach ihm streng determiniert; manche von ihnen, 
obwohl sie an und für sich als Reaktionen auf äussere Eindrücke auf- 
eefasst werden können, sind gleichzeitig durch die Besonderheiten des 
betreffenden Subjektes bedingt, indem sie als Produkt seiner ganzen vor- 
herigen Erfahrung erscheinen. 

' Verhältnismässig leicht gelingt es, eine derartige strenge Folgerichtig- 
keit im Denkprozesse selbst zu entdecken. „Der Mensch erscheint als Opfer 
einer merkwürdigen Illusion, wenn er sich vorstellt, dass es in seiner 
Macht liegt, was er will und wie er will zu denken. Jeder Gedanke, 
mag er auch der komplizierteste sein, erscheint gewissermassen als ein 
Resultat der Assoziation von Ideen, die auch nicht dem geringsten Zwange 
eines höheren Willens unterworfen zu sein scheinen. Unsere Gedanken 
werden in uns erzeugt, einer löst den anderen ab, und wir können sie 
weder verändern, noch die uns unangenehmen verjagen, noch die uns 
angenehmen nach unserer Willkür festhalten. Alle sind sie Folgeerschei- 
nungen zufälliger Reize, physischer oder psychischer Natur. Diese Reize 
erscheinen unserem inneren Ich als von aussen her kommend dann sogar, 
wenn sie von unserem eigenen Organismus erfolgen. Wir walten nicht 
über unsere Gedanken, sie werden durch Reize erzeugt. Unsere Gedanken 
sind entweder Frucht unserer persönlichen Erfahrung, oder durch andere 
uns überliefert, oder schliesslich aus den Büchern geschöpft. . . Der Ge- 
danke entsteht nicht willkürlich, er ist nicht das Resultat der inneren 
Arbeit desjenigen, der denkt; er ist automatisch und unwillkürlich." 

Indem Dubois die Willensfreiheit negiert und in der den Moment 
der Entscheidung begleitenden Spannung nicht den Ausdruck irgend einer 
eigenartigen Kraft, sondern nur eine Abwehr vor einem Kampfe unserer 
Vorstellungen und Impulse in unserem Bewusstsein sieht, behauptet er, 
dass die Erziehung des Individuums wesentlich auf die Entwicklung des 



400 w - M. Lichnitzky, 

menschlichen Verstandes und nicht auf die Ausbildung irgend eines ge- 
heimnisvollen Willens, wie man es gewöhnlich darstellt, zurückgeführt 
werden kann. ..Wir glauben an die Willensfreiheit, wenn wir uns durch 
rationalisitsche Vorstellungen oder durch unsere moralischen Anschau- 
ungen leiten lassen, wir bezeichnen als energisch denjenigen, welcher auf 
Grund seiner rationellen Anschauungen, seiner moralischen, religiösen, 
oder philosophischen Überzeugungen handelt. In Wirklichkeit aber unter- 
liegt ein derartiger Mensch bloss den Eingebungen seines Verstandes; besser 
als die anderen erkennt er den Weg, welcher zu befolgen ist. Es genügt 
eine klare Erkenntnis des Zieles, dass wir dorthin unsere Schritte lenken, 
können." 

Als wesentliches Moment bei. der Wiedererziehung der Persönlich- 
keit betrachtet D u b o i s die Ausarbeitung eines normalen Verhältnisses 
zum Dasein ; nicht einmal weist er in seinen Werken darauf hin, dass 
wir nicht wenig schätzenswerte Materialien und praktische Winke, die 
bisher an ihrer Gültigkeit nichts verloren haben, in den Lehren der Stoiker 
finden können, bei welchen das mehr vernunflinässige Beherrschen ihrer 
Wünsche, die Ergebung dem Schicksale, das vom menschlichen Willen 
unabhängig ist, die Grundelemcnte ihrer Weltanschauung bildeten. „Jeder, 
der über diese Fragen nachdenken und so sich genaue Rechenschaft über 
die Ereignisse seines Lebens zu geben verstehen wird, der wird sehr 
schnell zum Resultate kommen müssen, dass unser Glück nicht soviel 
von den äusseren Umständen des Daseins abhängt, sondern vielmehr 
von unserem inneren Zustande [etat d'äme intime], d. i. von unseren 
moralischen Eigenschaften. Es ist wahr, wir werden von Unglücksfällen 
getroffen, die abzuwenden nicht in unserer Macht liegt, wir können Opfer 
irgend einer Katastrophe werden, oder Krankheiten durchmachen, denen 
wir nicht, entrinnen können, uns teuere Wesen verlieren, aber die Intensität 
der durch all dieses hervorgerufenen Leiden hängt in erster Linie davon 
ab, wie wir uns den Dingen gegenüber verhalten. Die Hauptursache unserer 
Unglücksfälle liegt in uns selber, in unseren zahllosen Mängeln, in den 
Besonderheiten unserer Psyche. In den meisten Fällen sind wir allein 
Schmiede unserer eigenen Leiden." 

Als unbedingte Aufgabe der Psychotherapie erscheint für Dubois 
die Wiedererziehung der Individualität, die Beseitigung der Fehler unseres 
Charakters, der verderblichen Gewohnheiten — das, was er als „orthopedio 
inoral" l>ezeichnet. Bevor man aber an diese Aufgabe geht, ist es un- 
bedingt notwendig, den Kranken über den psychogenen Ursprung der bei 
ihm vorhandenen Symptome zu belehren sowie ihm den engen Zusammen- 
hang zwischen den Erscheinungen von seiten seiner Erkrankung und seinen 
psychischen Eigentümlichkeiten aufzuklären. Auf diese Weise ist nach 
Dubois die psychotherapeutische Entwicklung auf den Kranken nicht 
bloss auf die Beseitigung der augenscheinlich vorhandenen Symptome 
seiner Erkrankung beschränkt, sondern als unerlässliche Ergänzung der 
Therapie erscheint ihm die Wiedererziehung des Kranken „reeducation 
moral". Eine derartige Wiedererziehung erfordert eine genaue Kenntnis 
des geistigen Lebens des Krankon und Dubois weist darauf hin, dass 
unbedingt eine zu gründliche Revision seiner Anschauungen zu vermeiden 
sowie eine Zerstörung von Überzeugungen, die durch so und 5-oviel Jahre 
die Tätigkeit des betreffenden Subjektes unterstützt und geleitet haben, 
zu verhüten sei; der Psychotherapeut soll nicht nur mit den Anschauunger 



Über die Grundlage der Psychotherapie. 

seines Patienten rechnen, er soll auch auf seinen Standpunkt sich stellen 
können, gleichgültig ob er Katholik, Protestant oder Freidenker sei. 

Seine Anschauungen über die Erziehungsaufgaben, welche bei Er- 
wachsenen noch durch Selbsterziehung ergänzt werden sollte, hat Dubois 
in einer allgemeinverständlichen Form in seiner vor kurzer Zeit er- 
schienenen speziellen Arbeit „L'education du soi meme" niedergelegt. 

Bei der praktischen Anwendung seiner Methode ist Dubois be- 
bestrebt, wofern es nur möglich ist, sowohl die direkte w.e indirekte 
Suaeestion zu vermeiden. Obwohl er auch zugibt, dass die Möglichkeit, 
die Suggestion vollständig auszuschliessen, ihm nicht m allen fallen ge- 
lingt, so erscheint ihm doch die Suggestion nur als zufälliges, nebensach- 
liches Element. 

Seine Therapie gründet sich hauptsächlich auf Sitzungen mit den 
Kranken fentretiens psychotherapeutiques], während welcher Dubois 
dem Patienten das Wesen seiner Erkrankung und die Bedeutung einzener 
Symptome zu erklären versucht, wobei er auch an seine intellektuellen 
Kräfte appelliert und die Fähigkeit, sich kritisch den vorhandenen Krank- 
heitserscheinungen gegenüber zu verhalten, in ihm zu erwecken; dabei 
w Dubois Nachdruck auf ein Moment, welches eine grosse praktische 
Bedeutung hat, das ist der Zeitpunkt, in dem der Arzt, mit der Krankheit 
des Patienten bereits vertraut, ihm den Charakter der vorhandenen 
Symptome zu erklären beginnt und zur Frage der Heilbarkeit seines 
Leidens übergeht. Bei vielen Nervenkranken, die schon eine ganze 
Reihe von Ärzten konsultiert und die auch die verschiedenartigsten 
Heilmethoden ohne irgendwelchen Erfolg durchgemacht haben, hat sich 
die Idee der Unheilbarkeit ihrer Leiden so tief eingewurzelt, dass an ihr 
zu rütteln, anfangs Hoffnung und später Glauben an Genesung einzuflossen, 
n?ch selten ein nicht allzu leichtes Ding ist. Gelang es dem Arzte, sich 
das Vertrauen des Patienten zu erobern und konnte er beim htata*» fe 
Hoffnung auf Heilung erwecken, so bildet dieser Umstand das ^terpfand 
£r den Erfolg der weiteren Therapie. Als weitere Aufgabe erscheint die 
Untersuchung einzelner Symptome, der Fehler in seinen Urteilen, die Wider- 
Sung der bei ihm entstandenen Vorurteile, die Analyse der Eigentümlich- 
keiten seines Charakters, seiner Neigung zum Pessimismus, seiner Un- 
beständigkeit und seines übermasses an Emotion. „Gebet ihm eine Reihe 
kleiner Unterrichtsstunden in rationeller Moral. 

Indem er vor allem sich an den Intellekt des Kranken wendet, indem 
er sich als Waffe der logischen Beweisgründe bedient, ihn von seinen 
Fehlern überzeugt Und zur Stellungnahme in diesem oder jenem Sinne 
aneifert benutzt D u b o i s die Methoden der Dialektik und nennt auch' 
oern diese von ihm angewandte Methode dialektisch. Ihre praktische An- 
wendung verlangt vom Arzte, dass er im Besitze von gewissen schwer er- 
hSSSL Eigenschaften sein soll, die auch den Umsfand erklaren, warum 
der Einfluss des Psychotherapeuten in sehr hohem Masse von seinem 
persönlichen Koeffizienten" abhängig ist. 

Die rationalistische Psychotherapie wendet Dubois nicht nur bei 
hysterischen und neurasthenischen Zuständen an, so "dern auch bei der 
Psvchasthenie, bei leichten Formen von Hypochondrie und Melancholie, 
sowie auch bei den nicht vollkommen scharf zum Ausdruck gelangenden 
Zuständen von psychischer Degeneration [desequilhbrees et degenerees], 

27 

Zentralblatt für P»ycho»u»ly»e. HIV». 



402 W. M- Liebnittky, 

welche sich nicht durch den vollständigen Mangel moralischen Empfindens 
kundtun. Auf diese Weise soll, seinen Beobachtungen gemäss, die Dauer 
melancholischer Anfälle unter dem Einfluss psychotherapeutischer Be- 
handlung bedeutend verkürzt werden. 

Medikamentöse sowie physikalische Heilungsmethoden neben der 
Psychotherapie sind nach Dubois' Meinung vollständig überflüssig, da- 
gegen betrachtet er vollkommene Ruhe sowie die Entfernung von der 
Familie und den gewöhnten Verhältnissen in der Mehrzahl der Fälle als 
wünschenswert, in manchen sogar als unerlässlich. Schliesslich, bei vielen 
Kranken, die mehr oder weniger an Gewicht verloren haben, leitet Dubois 
eine Mastkur ein, deren Grundlage Milch bildet. Die Mastkur schliesst sich 
da an die vollständige Ruhe an, der Kranke liegt die ganze Zeit über im 
Bette, wobei er von seiner Umgebung isoliert bleibt und keine irgendwie 
geartete geistige Arbeit verrichtet. Das einzige, was in solchen Fällen 
erlaubt ist, ist eine manuelle Arbeit oder Lektüre leichter Romane. 

Von den nächsten Schülern Dubois' verdient Z binden Er- 
wähnung. Unter seinen Arbeiten, in welchen er seines Lehrers Anschau- 
ungen Treue bewahrt, ist die interessanteste seine Monographie , .Krank- 
heiten des Magen-Darmtraktes und die Neuropathologie". Leider hat ihn 
der vorzeitige Tod auf der Höhe seiner Tätigkeit ereilt. 

Der Psychotherapie bei der Heilung von Neurosen bedient sich 
Dejerine schon seit 25 Jahren. Während er noch im Anfange seiner 
ärztlichen Tätigkeit, innerhalb eines Zeitraumes von mehreren Jahren, die 
W ei r-Mi tc hellsehe Methode anwandte, kam er zum Schlüsse, dass 
Isolation, vollständige Ruhe, Mastkur und Elektrisieren nur in diesen 
Fällen ein befriedigendes Resultat ergeben, in welchen zugleich mit der 
Anwendung dieser Methoden der psychische Zustand der Kranken sich 
bessert. Weitere Beobachtungen, die gezeigt haben, dass man da einzig 
und allein mit den psychischen Faktoren rechnen muss, haben ihn ver- 
anlasst, gänzlich sowohl von medikamentösen wie physikalischen Heil- 
methoden bei der Behandlung der Psychoneurosen abzusehen und sich 
bloss auf die Psychotherapie zu beschränken. 

Da vollständige Ruhe und Isolierung in jedem Falle nicht nur 
wünschenswert erscheint, sondern auch die conditio sine qua non bei 
der Behandlung derartiger Kranker bildet, hat Dejerine vor 15 Jahren 
einen Pavillon der Salpötriere so eingerichtet, dass die Kranken darin 
nicht nur von der Aussenwelt isoliert, sondern auch in genügendem Masse 
untereinander abgesondert waren. In diesem Pavillon „Salle Pinel" ist 
jedes Bett von allen Seiten mit weissen Vorhängen versehen, welche nur 
während der Visite, Mahlzeiten u. dgl. weggeschoben werden. Die Kranken 
— der Pavillon ist nur für Frauen bestimmt — sind auf diese Weise 
verhindert, einander zu beobachten oder anhaltende Gespräche zu führen; 
das einzige sie mit der Aussenwelt verbindende Glied ist die Aufseherin 
[surveillante], — Die Beobachtung der Kranken, welche sich im Salle 
Pinel befanden, lieferte das Material für die Dissertationen einiger Schüler 
D e j e r i n e's (M a n t o , Camus et P a g n i e z) ; auch hat er allein eine 
kurze Darstellung der von ihm angewandten Methode in einigen Artikeln 
gegeben. Sowohl in seinen klinischen Vorlesungen wie während der Kranken- 
untersuchung im Ambulatorium der Salpötriere hat er sich öfters mit der 
Frage über die Bedeutung der psychischen Faktoren für die Entwicklung 



Ober die Grundzuge der Psychotherapie. 408 

der Neurosen beschäftigt und hat auch seine Hörer mit der praktischen 
Anwendung der Psychotherapie bekanntgemacht. Unsere spezielle Auf- 
merksamkeit verdient aber seine vor kurzer Zeit erschienene Monographie 
[J. Dejerine et Gaucler, Les manifestations fonctionelles des psycho- 
nevroses et leur traitement par la psychotherapie *)]. Diese Monographie, 
der vielfache klinische Erfahrung zugrunde liegt, enthält eine ganze Reihe 
äusserst wertvoller Beobachtungen. Reichtum des Materials, systematische, 
klare, formvollendete Darstellung, eine Fülle von sehr wichtigen prakti- 
schen Hinweisen lassen das Buch als eine ausgezeichnete Vennehrung 
der psychotherapeutischen Literatur erscheinen. 

Das Anwendungsgebiet der Psychotherapie ist nach Dejerine auf 
die Psychoneurosen beschränkt, die er folgend definiert : „Die ganze Sympto- 
matologie der Psychoneurosen kann auf primär entstehende Veränderungen 
der moralischen oder intellektuellen Eigenschaften [les modifications 
primitives de l'etat moral ou mental] und auf eine ganze Reihe sekundärer 
Erscheinungen zurückgeführt werden." Indem Dejerine die Hysterie 
und Neurasthenie den Psychoneurosen beizählt, ist er der Ansicht, dass 
diese Erkrankungen sich scharf genug von anderen Krankheitsbildern, mit 
denen sie öfters verwechselt wurden, abheben und glaubt, dass sie, auf 
Grund der Besonderheiten ihrer Pathogenese, in streng individualisierte 
nosologische Einheiten getrennt werden können. 

Die Meinungsverschiedenheiten in bezug auf das Verständnis des 
Ausdruckes Neurose kommen besonders scharf bei Versuchen, eine genaue 
Begriffsbestimmung des Wortes Neurasthenie zu geben, zur Geltung. Indem 
Dejerine alle bisher erschienenen Theorien der Neurasthenie einer 
kritischen Betrachtung unterzieht, weist er darauf hin, dass man mit der 
Neurasthenie bis nun eine ganze Reihe von Zuständen und Erkrankungen 
verwechselt hat, die mit ihr nichts Gemeinsames mit Ausnahme einer 
oberflächlichen Übereinstimmung in äusseren Erscheinungen hatten. So 
müssen vor allem von der Neurasthenie die Zustände der Ermüdung und 
zeitweisen Erschöpfung nach vorangegangener Arbeit getrennt werden, 
die den im Wachstum begriffenen Organismus begleitenden, bis jetzt noch 
nicht genau erforschten, Gleichgewichtsstörungen [troubles d'evolution], 
und endlich jene Veränderungen, die bei Funktionsstörungen der Drüsen 
mit innerer Sekretion sowie zahlreichen Intoxikationen eintreten ; -in allen 
diesen Fällen hat man so wenig Grund, das Vorhandensein einer Neur- 
asthenie zuzugeben, wie wenig man mit ihr die Anfangsstadien der pro- 
gressiven Paralyse oder die psychischen Veränderungen bei Arteriosklerose 
in Zusammenhang bringen kann. Es ist keine Berechtigung vorhanden, 
in das Schema der Neurasthenie leichte Formen der Melancholie, Hypo- 
chondrie wie auch die Zustände des psychasthenischen Charakters, die 
nichts anderes als angeborene Unstetheit der Psyche ausdrücken, ein- 
zureihen. Alle jene Erkrankungen müssen eigentlich nicht den Psycho- 
neurosen, sondern den Psychosen zugezählt werden und die Psychotherapie 
bei allen diesen Zuständen ändert nichts Wesentliches am Bilde der 
Krankheit. 

Interessant und eigenartig sind die Anschauungen Dejerme's über 
die Pathogenese der Neurasthenie und Hysterie. Indem er die Rolle, welche 

l) Es ißt soeben eine russische Übersetzung der Monographie des Prof. W. 
G. Serbskij erschienen. 

27* 



4(M W.U. Lichnittky, 

eine ganze Reihe psychologischer Faktoren, wie Gedankenkonzentration, 
Suggestion und Autosuggestion, in der Entwicklung dieser Erkrankungen 
möglicherweise spielt, hervorhebt, ist er der Ansicht, dass man die Grund- 
ursache sowohl der Hysterie wie Neurasthenie in emotionellen Zuständen 
suchen muss und dass der ganze Unterschied zwischen diesen Frkrankungen 
nur darauf zurückzuführen ist, dass die hysterischen Symptome sich ge- 
wöhnlich nach einer starken Gemütserschütterung [emotion choc] ent- 
wickeln, während die Neurasthenie als Resultat nicht so starker, eher 
andauernder Einwirkung von solchen Gemütszusländen, wie Sorge und 
Befürchtungen, erscheint. 

Emotionen, sowohl solche, welche sich rapid entwickeln, wie auch 
jene, welche langsamer entstehen und die Intensität jener nicht erreichen, 
werden von einer ganzen Reihe sowohl psychologischer als auch physio- 
logischer Veränderungen begleitet. 

Die psychischen Veränderungen können unmittelbar nach der Ge- 
mütserschütterung eintreten oder innerhalb einer kürzeren oder längeren 
Zeit sich entwickeln. Zu den ersteren gehört die zerschmetternde Wirkung 
der Gemütserschütterungen, welche manchmal nicht nur die höheren Fähig- 
keiten — zu urteilen und sich in der Umgebung zu orientieren — , sondern 
auch die primitivste Perzeption paralysieren. Oft ruft ein derartiger Chok 
nicht gleich die Zerrüttung der Individualität hervor, sondern erfordert 
eine gewisse Zeit dazu. Auch die geringsten Gemütserschütterungen üben 
einen bedeutenden Einfluss weniger auf die intellektuellen Fähigkeiten im 
eigentlichen Sinne des Wortes, als vielmehr auf den moralischen Zustand 
des Individuums aus, indem sie gedrückte Stimmung, Mangel an Selbst- 
vertrauen, Furcht vor der Zukunft, hervorrufen und unterhalten. L'emotion 
engendre l'emotivite — die Emotion unterhält und vergrössert die Fähig- 
keit zur Emotion (Emotivität). Störungen des psychischen Gleichgewichts, 
die durch Gemütserschütterungen hervorgerufen werden, sind nicht bloss 
auf eine unmittelbare Reaktion beschränkt. Mit vielen Ideen, die mit 
derartigen Erlebnissen verbunden sind, kann der Mensch häufig sich 
nicht befreunden, sie geraten in Konflikt mit den Grundelementen 
seiner Individualität, zerren an seinen tiefsten Empfindungen: Affektive 
Triebe, Instinkt der Selbsterhaltung. „Nicht alle können es, und wenn 
schon, so können sie doch mit grösster Überwindung sich an die Vorstellung 
der Krankheit, des nahen Todes oder den Verlust eines geliebten Wesens 
gewöhnen. An Ideen, aufs engste mit dem Gefühlsleben verbunden, 
können sie sich nicht anpassen — es besteht ein zu strenger Gegensatz 
zwischen jenen und dem, was das Eigentlichste, Wesentlichste unserer 
Individualität ausmacht." Und solange in unserem Bewusstsein derartige 
Vorstellungen existieren, rufen sie eine entsprechende Reaktion von Seiten 
der Persönlichkeit hervor, indem sie fortwährend Befürchtungen und Be- 
sorgnisse hervorbringen [les preoecupations], die ihrerseits wiederum 
eine grosse Rolle in der Entwicklung der Erkrankungen spielen. Wie lange 
sich dieser innere Kampf abspielt und das in Betracht kommende Indi- 
viduum sich im Zustande einer fortdauernden, wenn auch nicht deutlich 
zum Ausdruck kommenden emotionellen Erregung befindet, solange fehlt 
ihm die Fähigkeit, kaltblütig seine Handlungen zu bewerten, er beginnt 
weniger kritisch gegenüber den in seinem Bewusstsein hervorsprossenden 
Vorstellungen und Ideen sich zu verhalten — ein Umstand, der seine 
Suggestibilität und Autosuggestibilität erhöht und günstige Bedingungen 



Über die Grundzüge der Psychotherapie. 

für die Entwicklung verschiedenartiger psychoneurotischer Erscheinungen 

schafft. 

Die physiologischen Veränderungen, die die verschiedenen Gemüts- 
zustände begleiten, sind nie gleichartig gestaltet. Wir finden da sowohl 
Änderungen der Herztätigkeit und des normalen Atmungstypus, wie eine 
ganze Reihe vasomotorischer und sekretorischer Erscheinungen, Störungen 
im Bewegungsapparate und in der Funktion der Verdauungsorgane; 
manche von diesen Erscheinungen folgen unmittelbar auf die sie hervor- 
rufende Emotion, andere wiederum kommen erst nach einer Periode des 
Verborgenseins zum Vorschein. Es ist schon längst bekannt, dass Un- 
annehmlichkeiten und Beunruhigungen Verlust von Appetit im Gefolge 
haben, dass plötzlicher Schreck ein Zittern und Zusammensinken der 
Beine sowie Störungen der Darmperistaltik hervorbringt, dass Aufregungen 
von Herzklopfen und einem eigenartigen Angstgefühle begleitet sind usw. 
Für gewöhnlich werden diese Störungen in der Tätigkeit verschiedener 
Organe prompt ausgeglichen, bloss bei nervösen Jndividuen sieht^ man 
infolge ihrer Gedankenkonzentration und ihrer fortwährenden Selbst- 
beobachtung nicht nur kein Verschwinden, sondern sie entwickeln sich 
weiter fort. Die Störungen bilden sich allmählich aus, werden immer be- 
ständiger und auf diese Weise entstehe ein grosser Teil der bei Neurosen 
beobachteter Funktionsstörungen. 

In der Pathogenese hysterischer Symptome spielt, nach De j er ine's 
Ansicht, die Erschütterung durch den Emotionschok die Hauptrolle. 
Hysterische Anfälle betrachtet er als Emotionskrisen. „Gegenwärtig kennen 
wir nicht mehr hysterische Anfälle mit regelrechter Einteilung in Phasen, 
wie man sie in der Salpetriere sehen konnte, in der Epoche der Kulti- 
vierung der „grande hysterie". Aber, was auch immer vorhanden war, 
ist eine nervöse Krise, eine Emotionsentspannüng [decharge emotive]. Sie 
besteht aus sehr heterogenen Elementen, welche sich verschiedenartigst 
verbinden können, — das sind die Elemente der Furcht, der motorischen 
Unruhe, die auch von tonischen und klonischen Krämpfen begleitet sein 
kann, spasmenartiges Lachen und Weinen, Dyspnoe, Trübung des Sen- 
soriums, die sich zu mehr oder weniger vollständigem Bewusstseins- 
verlust steigern kann. Von Auflagerungen, die als Kunstprodukte der 
Kultivierung betrachtet werden können, von attitudes passionelles befreit, 
weist der hysterische Anfall keinesfalls Erscheinungen der Suggestion oder 
Simulation auf. Er ist unmittelbar mit der Emotion verbunden." Funktions- 
störungen verschiedener Organe sind nach Dejerine keine primären, 
charakteristischen Symptome der Hysterie und Neurasthenie: das Wesent- 
liche bei der Hysterie und Neurasthenie ist eher ihre eigenartige psychische 
Verfassung [etat mental], als die unzähligen Symptome, welche uns, ihrer 
Natur nach, dann sekundär erscheinen. Unter diesen Besonderheiten steht 
an erster Stelle die gesteigerte Emotivität [Constitution emotive] ; vielen von 
ihnen begegnet man sowohl bei der Hysterie wie bei der Neurasthenie, 
welcher Umstand uns gestattet, beide Erkrankungen als Psychoneurosert 
zu benennen, obschon sie in ihrer Entwicklung und Erscheinung scharf 
voneinander zu trennen sind. 

Indem Dejerine die Möglichkeit der Entstehung neurasthenischer 
Beschwerden ohne Vorhandensein gewisser psychischer Eigentümlichkeiten 
negiert, weist er darauf hin, dass manche von ihnen in der Konstitution 
begründet, andere wieder zufällig, von der Zeit abhängig, sein können. 



40ß W. M. Lichnitzky, 

Diese Besonderheiten beweisen das Existieren gesteigerter Emotivität. „Was 
die psychologische Struktur des Neurasthenikers charakterisiert, das ist 
das vollständige Fehlen der Fähigkeit, indifferent zu sein. Fragt man dies- 
bezüglich den Kranken, so wird er stets antworten, dass ihm alles immer 
nahe ans Herz geht ... er fühlt mehr, denn er urteilt. Sein Dasein ist 
ein ewiger Kampf zwischen Anstrengungen, sich selbst zu regieren, zwischen 
seinem Willen, wenn Sie es so nennen wollen, und seinen Gefühlen. Es 
wäre verfehlt und ungerecht, solche Leute als willensschwach und 
schüchtern zu bezeichnen. Der Wille des Neurasthenikers, wie stark er 
auch sein mag, hat mit sehr grossen und oft an ihn herantretenden Ver- 
suchungen zu kämpfen." 

Es ist selbstverständlich, dass Individuen, die sich durch eine der- 
artige Empfindsamkeit auszeichnen, viel und häufig unter Gemütserschütte- 
rungen zu leiden haben. Die neurasthenischen Beschwerden entwickeln 
sich gewöhnlich allmählich: „Anfangs kämpft der Kranke mit seiner 
Emotion, fühlt aber gleichzeitig, wie sie mehr und mehr seiner Herr wird. 
In dem Masse, wie die Geinütserschütterungen sich mehren, wird es ihm 
immer schwerer, Selbstbeherrschung zu bewahren. Schliesslich verliert 
das betreffende Individuum die Macht über sich, die Kontrolle' von Seiten 
seiner Vernunft wird schwächer und. von diesem Momente an wird er in 
den Stand versetzt, alle physischen und psychischen Formen und Phasen 
der Neurasthenie durchzulcben. Er wird in dem Momente Neurastheniker, 
in welchem das Gefühl die Herrschaft über die Vernunft für längere Zeit 
gewinnt. Wir können ohne weiteres sagen, dass der Neurastheniker drei 
Phasen durchmacht: die erste Phase der gewöhnlichen emotionellen Stö- 
rungen, die zweite, wenn funktionelle Störungen zum Vorschein kommen, 
und endlich die dritte, wenn Störungen der Tätigkeit des ganzen Organismus, 
durch die vorangehenden Verstimmungen hervorgerufen, erscheinen." 

Bei einem Individuum, das das Gleichgewicht verloren hat, bringt 
jede Geistesarbeit leicht Ermüdung hervor, das Gedächtnis scheint ge- 
schwächt zu sein, das Verständnis erschwert, er ist nicht imstande, ein 
Gespräch zu verfolgen oder sich in ein Buch zu vertiefen — „das ist auch 
erklärlich, weil seine ganze Aufmerksamkeit von dem, was um ihn ge- 
schieht ab- und dem, was in ihm vorgeht, zugewendet ist". In dieser 
Periode erscheinen und werden auch die Funktionsstörungen fixiert. 
„Physisch und intellektuell schwächer zu werden fühlend, neigt er leicht 
zur Schlussfolgerung, er sei krank. Es beginnt die Selbstbeobachtung und 
die Analyse des eigenen Zustandes. . . . Bei normalen Menschen zeichnen 
sich die somatischen Erscheinungen der Emotion durch eine einen ziemlich 
weiten Spielraum einnehmende Vielgestaltigkeit aus. Bei manchen tritt 
das Gefühl von Krämpfen im Magen in den Vordergrund, bei anderen un- 
angenehme Sensationen im Bereiche der Perinei und der Harnblase. Es 
sind Leute vorhanden, bei denen die Emotionen Herzklopfen, Diarrhöen 
oder Polyurie, Taubheitsgefühl in den Füssen hervorbringen. Und wenn 
auch unser Kranke zuletzt doch sich selbst überwindet, so bleibt ihm 
trotzdem die Erinnerung an diese Empfindungen. Verliert er aber die 
Selbstbeherrschung, so wird ihm das, was er soeben empfunden hat, 
zur Quelle einer ganzen Reihe von Autosuggestionen. Es entwickelt sich in 
ihm allmählich und wird ihm zur Gewissbeit die Vorstellung, er leide an 
irgend einer Psychose oder an einer Rückenmarksaffektion. Er wird fest 
überzeugt sein vom Bestehen einer Herzkrankheit, Tuberkulose, Dyspepsie, 



Ober die GrundzQge der Psychotherapie. 407 

Darmleiden. Gesellen sich dazu unpassende Lektüre und Gespräche oder 
leitet der Arzt seine Gedanken auf einen unrichtigen Weg hin, so wird 
unser Kranke, der anfangs vor allem möglichen gefürchtet hat, jetzt 
schon mit voller Gewissheit seine ganze Aufmerksamkeit auf dieses oder 
jenes Organ richten." 

Auf diese Weise kommen jene Typen von Kranken, die D e j e r i n e 
so meisterhaft beschrieben hat, zustande, und welche er ganz treffend 
„falsche Gastropathen, falsche Kardiopathen" usw. [faux, gastropathes, 
faux urinaires, faux cerebreaux, faux medullaires] benannt hat. Die 
medikamentösen Heilmethoden der Neurosen, sowohl wie die Psycho- 
therapie, betrachtet Dejerine für ganz ungenügend, da sie, auf der 
Pathogenese dieser Erkrankungen nicht basierend, zum erwünschten Ziele 
nicht führen, im Gegenteil, derartige Kranke von der Unheilbarkeit ihrer 
Leiden definitiv überzeugen. Indem sie der Natur dieser Erkrankungen 
nicht entsprechen, können sie für sich allein ihren Lauf nicht beeinflussen; 
betrachtet man sie wiederum als Mittel, durch welche man indirekt Wir- 
kungen erzielen kann, vermittels der Suggestion, die damit verbunden ist, 
so kann auch dann von ihnen eine wesentliche Änderung nicht erwartet 
werden. „Durch das Medikament kann man den Zustand des Magens oder 
Darms bessern. Der Kranke wird weniger über seinen K^pf, Rücken, 
Füsse, seine Schwäche klagen. Er wird eine ganze Serie von Fläschchen 
mit Mixturen, die eine spezifische Wirkung entfalten, besitzen. Er wird 
die Pulver peinlichst in seinem Kasten ordnen, eines gegen Kopfschmerzen, 
das andere gegen Verdauungsbeschwerden, andere zur Beschleunigung 
des Einschlafens, und wird sich jeden Monat eine Kur subkutaner In- 
jektionen verschiedener tonisierender Mittel, die auf ihn dieselbe Wirkung, 
wie die Peitsche auf ein abgehetztes Pferd zeigen, leisten. Die sug- 
gestive Wirkung der Medikamente wird die ganze Zeit über andauern, 
und der Arzt wird triumphieren, wenn er seinen Kranken fragt: „Wie 
steht es mit Ihrem Magen, schlafen Sie jetzt besser?" und darauf die 
Antwort bekommt: „Mir scheint, dass in dieser Beziehung eine Wendung 
zum Besseren eintritt." Und die Sache wird wirklich den Anlauf zum 
Besseren nehmen, solange de.- Patient nicht bemerken wird, dass, obwohl 
sein Zustand sich in vielen Beziehungen bessert, er im allgemeinen doch 
so krank wie früher bleibt." 

Da Dejerine die medikamentöse Heilungsmethode als „gefähr- 
lich, unwirksam bezeichnet, deren Hauptfehler darin besteht, dass sie 
die Psyche des Kranken auf einen Weg leitet, der gerade jenem, den sie 
einschlagen sollte, entgegengesetzt ist, in die Richtung der Selbstbeobachtung 
und Selbstanalyse, hat er bei der Heilung von Psychoneurosen die An- 
wendung von Medikamenten ganz aufgegeben. Ja, obschon er in vielen 
Fällen Bettruhe, Mastkur und Isolierung empfiehlt, ist das alles für ihn 
doch nichts, nicht mehr wie nebensächliche Massnahmen, die günstigere Be- 
dingungen für die Anwendung der Psychotherapie schaffen, die aber keines- 
falls unerlässlich sind. Von den verschiedenen Formen der Psychotherapie 
nennt D e j e r i n e als ihrem Zwecke vollkommen entsprechend die Methode 
der Überredung [persuasion] ; der Suggestion sowohl als Hypnose wie im 
Wachzustande haftet, seiner Meinung nach, eine ganze Reihe von Mängeln 
und Fehlern an. Der am meisten ins Gewicht fallende Mangel besteht 
darin, dass die Anwendung der Suggestion, wenn auch nicht immer, 
so doch in den meisten Fällen zur Heranbildung eines Automatismus 



408 W. M. Liohnitxky, 

führt. „Man darf nicht ohne weiteres jemanden, fremden Eingebungen zu 
unterliegen, gewöhnen. . . . Wenn man im Laufe Von so vielen Jahren 
die Gefährlichkeit der Hypnose nicht bemerkt hat, so liegt die Schuld 
daran, dass man ihre später erscheinenden Folgen nicht zu Gesicht be- 
kommen hat. In unseren Tagen, die ziemlich entfernt sind von jenen Zeiten, 
da man diese Methode anzuwenden begann, kann man schon eher sagen, 
dass sie eine ganze Reihe von Gefährdungen in sich birgt, welche in gar 
keinem Verhältnisse zu den von ihr gebotenen Vorteilen steht." Die An- 
wendung der Hypnose, auf der Entwicklung eines psychologischen Auto- 
matismus basierend, bringt mit sich die Gefahr der Heranbildung des 
unterbewussten Ich auf Kosten der höheren Elemente der Individualität 
— des Bewusstseins und Urteils. Dazu gesellt sich noch, dass die Sug- 
gestion als solche bloss ein rein symptomatisches Mittel darstellt, vermittels 
dessen es, andere Symptome zu beheben, gelingt; aber was würden Sie 
von einem Arzte denken, der, um ein Symptom abzuschwächen, z. B. die 
Temperatursteigerung, ein Mittel angewandt hätte, das gleichzeitig mit dem 
Sinken der Temperatur eine Resistenzverminderung des Kranken seiner 
Krankheit gegenüber bewirken würde?" 

Da Dejerine die Psychotherapie, auf der Überredung begründet 
[psychotherapie par persuasion], als die hoffnungsvollste und rationellste 
Form der Psychotherapie betrachtet, und unter Dubois' N'ichfolgem 
als der ihm am nächsten Stehende gelten kann, so unterscheidet er sich 
doch von ihm in vielen Hinsichten sowohl in bezug auf seine praktischen 
Massnahmen wie auf seine theoretischen Anschauungen über die Aufgaben 
der Psychotherapie. Besonders scharf tritt der Unterschied zwischen beiden 
bei der Beantwortung der Frage, was als Grundlage der psychotherapeuti- 
schen Beeinflussung des Kranken dienen soll, hervor. Für Dubois steht 
am ersten Plane die Einwirkung auf die Vernunft des Kranken, Berichti- 
gung von Urteilsfehlern, vor allem muss man auf den Kranken erklärend 
und beweisend wirken ; indem er sich in der Hauptsache auf die Fähigkeiten 
des logischen Denkens des Kranken stützt, gibt er seiner Methode gern den 
Namen der dialektischen. Für Dejerine wiederum genügt nicht die 
nüchterne Analyse bloss; um auf den Kranken einzuwirken, ist es un- 
umgänglich, auf sein Gefühl einen Einfluss auszuüben. „Die Erwägung 
als solche ist indifferent. Erst dann wird sie zur Quelle von Energie, kann 
als Angriffspunkt einer Kraft dienen, wenn sich ihr ein Emotionselement 
zugesellt und wenn die Individualität desjenigen, der seine geistige Ver- 
fassung zu verändern bestrebt ist, von ihm durchdrungen wird. Es wäre 
ein Irrtum zu erklären, dass das Urteil, von primärer, und der Eindruck 
oder das Gefühl, von sekundärer Natur, in eine und dieselbe Ordnung 
psychologischer Erscheinungen gehören. . . . Die einzige Grundlage, auf 
welcher die ganze Psychotherapie basiert, ist der segensreiche Einfluss, 
den ein Individuum auf das andere auszuüben vermag. Weder durch Er- 
wägungen' noch durch Syllogismen kann man Hysterische oder Neur- 
astheniker heilen, oder ihre Geistesverfassung [etat mental] ändern. Nur 
dann ist man imstande sie zu kurieren, wenn sie zu uns Vertrauen . zu 
schöpfen beginnen. . . . Zwischen dem Momente der Erwägung und dem 
des Entschlusses besteht ein Element, dessen Bedeutung man besonders 
unterstreichen muss — das Gefühl. Durch das Gefühl wird jene Atmo- 
sphäre des Vertrauens geschaffen, ohne welche keine einzige Psycho- 
therapie möglich ist. II n'y a pas de psychotherapie ä froid." 



Über die GrundtüRe der Psychotherapie. 409 

Nur wenn der Arzt sich das Vertrauen des Kranken erobert hat,- 
werden seine Worte kein leerer Schall bleiben und er wird auf ihn ein- 
zuwirken imstande sein. Dabei wird er sich aber wohl hüten, seine 
Meinungen, seine Ansichten über das Dasein dem Patienten aufzudrängen, 
seine Rolle besteht in erster Linie darin, beim Kranken die Grundelemente 
seiner früheren Individualität wieder wachzurufen. Er soll die geschwächte, 
aus dem Gleichgewicht gebrachte Individualität des Kranken wieder zu- 
sammenfügen und befestigen, ohne sie dabei vollständig aus dem Fundament 
zu heben, im Gegenteil, als Bausteine jene emotiven Elemente, auf denen 
seine ganze bisherige Tätigkeit basiert hat, weiter benutzend. „Man darf 
nur jene Saiten anschlagen, die bereits früher geschwungen haben. Nur 
auf diese Weise, und nicht auf dem Wege deduktiver Erwägungen, sondern 
durch Anleitungen, als Quelle stenischer Emotionen, kann die frühere 
Individualität, die derzeit in halbverfallenem Zustande sich befindet, re- 
konstruiert werden." . . 

Die Wiederherstellung der Individualität des Kranken scheint nicht 
selten" solange ein Hindernis nicht entfernt wird, das in vielen Fällen 
existiert, unmöglich zu sein, welches Hindernis aber zu entdecken keine 
leichte Aufgabe ist. Dieses Hindernis — das sind Zweifel, Gewissensbisse 
und Vorwürfe, welche die Kranken aufs sorgfältigste verhehlen, die aber die 
moralische Depression unterhalten. In einem derartigen Falle tritt an 
den Psychotherapeuten die äusserst schwere Aufgabe heran, die den 
erössten Takt Vorsicht und Feinfühligkeit erheischt — das ist die Rolle 
eines weltlichen Beichtvaters [confesseur laique]; hat er von allen Ge- 
heimnissen des Kranken erfahren, dann bietet sich dem letzteren die 
Möglichkeit, sich selber zu verzeihen und die Verfehlungen der Vergangen- 
heit zu vergessen — Irrtümer, die man gesteht, vergibt man sich leichter 
als die in der Tiefe des Schweigens verborgen bleiben. Auf dieser 
befreienden Wirkung des Geständnisses [action liberatrice] beruht auch 
jener äusserst starke Eindruck, welchen in vielen Fällen die Beichte als 
religiöse Zeremonie hervorbringt." 

Die Einwirkung auf die moralischen Elemente der Individualität, die 
Änderung der seelischen Verfassung [modification du fond moral et mental], 
das allein gibt die Möglichkeit, das übrige Resultat zu erreichen; ohne 
sie bleibt der Kampf mit den einzelnen Erscheinungen der Psychoneurosen 
bloss symptomatisch, und Dejerine vergleicht ihn mit den Bemühungen 
jenes Arztes der Kopfschmerzen syphilitischen Ursprungs mittels Aspinn 
zu heilen versucht hätte, ohne der Syphilis als solcher Rechnung zu tragen. 
Die Beseitigung einzelner Symptome, welche mit den allgemeinen 
therapeutischen Massnahmen Hand in Hand gehen sollte, erfordert selbst- 
verständlich eine strenge Individualisation; wir können aber nicht bei der 
Schilderung der detaillierten Heilungsmethoden Dejerme's hier verweilen 
und weisen alle Interessierten an seine Monographie, wo man eine Menge 
praktischer Winke, deren grossen Wert nur derjenige abzuschätzen weiss, 
der allein in der' Praxis auf Schwierigkeiten gestossen ist, finden kann. 
Etwas abseits von den übrigen Psychotherapeuten steht Otto mar 

Rosenbach. . . 

Ein talentvoller Kliniker, von seinen Zeitgenossen verkannt, hinter- 
liess er eine ganze Reihe wertvoller Monographien; indem er sich haupt- 
sächlich mit inneren Krankheiten beschäftigte, hat er eine grosse Rolle 
in der Entwicklung der allgemeinen Therapie und Lehre von den Herz- 



410 W. M. Lichnitzky, 

krankheiten gespielt. Als subtilem Beobachter fiel ihm der grosse Einfluss 
auf, den psychische Faktoren auf die Entstehung einer ganzen Reihe von 
funktionellen Erkrankungen ausüben. 

Als Rosenbach sich noch anfangs der achtziger Jahre mit den 
Fragen der Hypnose beschäftigte, kam er zum Schluss, dass den hypnotischen 
Erscheinungen äusserst komplizierte psychische Prozesse zugrunde liegen, 
und als einer der ersten wies er darauf hin, dass man sie als einfache 
Reflexe nicht erklären kann, die zustande kommen, ohne dass das Bewusst- 
sein daran teilnimmt. Durch kritische Bewertung der von berühmten 
Hypnotiseuren erzielten Resultate ist Rosenbach zum Schlüsse gelangt, 
dass die Ursache ihrer Erfolge nicht im Hypnotiseur, der sich mit der 
Aureole des Geheimnisvollen umgibt, zu suchen ist, vielmehr in dem Subjekt, 
das sich der Hypnose unterzieht. Alles, was die Hypnotiseure erzielt haben' 
ist auf der Suggestion gegründet und die Erscheinungen der Hypnose 
können auf keinen Fall von den Erscheinungen der Suggestion getrennt 
■werden. 

Die Erlernung des Mechanismus der Hypnose wurde für Rosen- 
bach der Ausgangspunkt seiner weiteren Arbeiten, die der Ausgestaltung 
der komplizierten Fragen über die Entwicklung der funktionellen nervösen 
Erkrankungen und der Rolle, welche die psychische Beeinflussung bei der 
Heilung solcher Zustände spielen kann, gewidmet waren. 

Die engen Grenzen, innerhalb deren sie sich abspielten, und die 
Unbeständigkeit der Resultate, die mit Hilfe der hypnotischen Suggestion 
und anderer Massnahmen, deren Erfolg auf ihrer Zusammensetzung aus 
mysthischen Elementen beruht, erzielt wurde, zwangen Rosenbach, 
andere Wege zu suchen. Energisch gegen die Bestrebungen, die Hypnose 
in allen möglichen Fällen anzuwenden und den ganzen Einfluss von Seiten 
des Pädagogen oder Arztes auf sie zurückzuführen, protestierend, stellt 
Rosenbach den hypnotherapeutischen Massnahmen die Erziehung und 
Überredung gegenüber, die die Möglichkeit bieten, auf das Bewusstsein 
des Kranken zu wirken, wobei diese Art der Beeinflussung, diese oder jene 
Änderungen in der Individualität des Kranken selbst hervorrufend, das 
einzige Mittel darstellen, einen ziemlich andauernden therapeutischen Effekt 
zu erzielen. 

In seinen Arbeiten hat Rosenbach sich öfters mit der Frage des 
Entwicklungsmechanismus der funktionellen Symptomenkomplexe befasst. 
Durch eine ganze Reihe von Beispielen zeigte er, dass sie nicht selten 
Folge irgend einer organischen Erkrankung ist. Die Erkrankung ist längst 
vorüber, es sind bloss die damit verknüpften Vorstellungen zurückgeblieben, 
es haben sich Gewohnheiten ausgebildet, die jähre-, ja jahrzehntelang die 
funktionellen Störungen unterhalten haben. Besonders interessant in dieser 
Beziehung sind Rosen bachs Artikel: „Über nervösen Husten und seine 
Behandlung", „Die Emotionsdyspepsie" und über „Die Psychotherapie bei 
Funktionsstörungen des Herzens"; in diesen Arbeiten untersucht er, auf 
welche Weise die Aufmerksamkeit des Kranken, indem sie auf dieses oder 
jenes Organ hingelenkt wird, eine Störung der Tätigkeit der betreffenden 
Organe hervorbringt. Aber ähnlich wie bei solchen Kranken, so liegt 
für Rosenbach auch in den alltäglichen Fällen der Hysterie und Neur- 
asthenie das Wesen der Erkrankung in einer Störung des normalen Ablaufs 
der Vorstellungen. „Diese Leute sind deshalb krank, weil ihr Vorstellungs- 
leben, ihr Wille, infolge irgendwelcher Einwirkungen in eine bestimmte 



Üb6r die Grundxüge der Psychotherapie. 411 

Richtung eingelenkt wurden; sie würden nicht krank geworden sein, wenn 
ihre Vorstellungen auf einen anderen Weg geleitet oder wenn ihrem Denken 
und Empfinden anderer Inhalt gegeben worden wäre." Es ist daher leicht 
verständlich, dass die Erkrankungen „nur dann vollkommen geheilt werden 
können wann der Kranke selbst unmittelbaren, aktiven Anteil an der 
Heilung nimmt, d. i. wann er mit vollem Bewusstsein, mit der ganzen 
Willensanstrengung bemüht ist, seine Bestrebungen, seine Tätigkeit zu 

regulieren". , „, , ... 

Rosenbach unterscheidet zwei Formen der Psychotherapie, die 
auf Wiedererziehung beruhen — das ist die Methode der Disziplinierung 
und die der Aufklärung und Überredung. Die Disziplinierung, die in An- 
wendung unangenehmer, manchmal sogar schmerzhafter Mittel (wie der 
Faradisationspinsel), besteht, muss man in allen jenen Fällen verwenden, 
wo der Arzt auf eine bewusste Mitarbeit von selten des Kranken nicht 
rechnen kann, z. B. bei Kindern in manchen Fällen der Hysterie oder 
bei solchen Kranken, die, infolge überflüssiger Mitleidsbezeugungen von 
Seiten ihrer Umgebung, allmählich von der Selbstbeherrschung abgewohnt 

worden sind. 

Solche Disziplinierungsmassregeln anzuwenden, findet Kosenbacn 

am Platze nur bei jenen Fällen, wo die psychischen Besonderheiten des 
Kranken es nicht gestatten, sich der Methoden der Aufklärung und Über- 
redung welche er als die höchste Form der psychischen Beeinflussung 
der Kranken betrachtet, zu bedienen. Aber einzig und allein auf Über- 
redung und Aufklärung ist die Rolle des Psychotherapeuten nicht be- 
schränkt und nachdem man dem Kranken das Wesen und die Ursachen 
seines Zustandes auseinandergelegt hat, ist es unbedingt notwendig, an 
die Heranbildung seines Willens heranzutreten. Das Wesen dieser Er- 
ziehung liegt in der Anleitung derartiger Kranker zu systematischer Arbeit 

(Willens- und Übungstherapie). 

Rosenbach hat ganz richtig den Wert, den eine rationelle Arbeit 
für Nervenkranke, die sich gewöhnlich durch ihre Unbeständigkeit, Mangel 
an Energie an Fähigkeit, unangenehme Sensationen zu unterdrücken aus- 
zeichnen besitzt, erkannt. Der Einfluss der physischen Arbeit ist äusserst 
kompliziert und setzt sich aus einer ganzen Reihe von Faktoren zusammen ; 
indem sie einerseits die beste Förderung der Willensstärkung darstellt, 
zeigt sie andererseits ihren grossen Wert darin, dass sie, eine mehr oder 
weniger bedeutende Konzentration der Aufmerksamkeit erfordernd, die 
Nervenkranken an ihre schmerzlichen Empfindungen vergessen macht. Auch 
das Gefühl der Befriedigung, das dann entsteht, wenn die Arbeit gewisse, 
wenn auch ganz unbedeutende Resultate ergeben hat, übt schliesslich gute 
Wirkung auf die Stimmung aus. _ 

Diese Bedeutung, die R o s e n b a c h der rationellen Arbeit bei- 
misst, bildet eine jener Besonderheiten, die ihn von anderen Psycho- 
therapeuten unterscheiden lassen; seine Ideen bildeten den Keim zur 
Entwicklung einer neuen Richtung, der sogenannten Arbeitstherapie. Die 
Heilungsmethode durch Arbeit hat sich innerhalb der letzten zwei Dezen- 
nien nicht wenige Anhänger erworben, besonders in Deutschland und m 
der Schweiz, wo derzeit zu diesem Zwecke eine ganze Reihe von speziellen 
Sanatorien existiert. Die markantesten Vertreter dieser Richtung sind 
Möbius, Grohmann, Eschle und Buttersack. Der Umfang 
unserer jetzigen Arbeit erlaubt uns nicht, sich in Einzelheiten ihrer Arbeiten 



412 W. M. Lichnitzky, 

einzulassen. Die sich näher mit diesen Fragen zu beschäftigen wünschen, 
verweisen wir auf die ausführliche Arbeit von E s c h 1 e (Zeitschrift für 
Psychotherapie, 1909), die sowohl die Geschichte der ganzen Bewegung 
wie auch ein ziemlich vollständiges Literaturverzeichnis enthält. 

Neben manchen anderen hat sich in Deutschland Marcinowski 
grosse Popularität erworben. In den letzten 10 Jahren hat er eine ganze 
Reihe von Arbeiten veröffentlicht; viele von ihnen sind nicht bloss für 
den Spezialisten bestimmt, sondern wenden sich vielmehr an die weitesten. 
Kreise intelligenter Leser; in verschiedenen Arbeiten, die in fliessender, 
anschaulicher Sprache verfasst sind, entwickelt er seine Ansichten in Form 
von Zwiegesprächen zwischen Arzt und Patient. Mit den einzelnen Formen 
der nervösen Erkrankungen, mit ihren atypischen Erscheinungen, zufälligen 
Symptomen sich nicht eingehender befassend, richtet er sein Augenmerk 
hauptsächlich auf die Ursachen der allgemeinen Nervosität und sieht sie 
nicht in der äusseren Welt, nicht im Missgeschicke und Unglücke, die den 
Kranken zustossen, nicht in seinen Lebensbedingungen, sondern in den 
Eigentümlichkeiten seiner seelischen Verfassung, in seiner Weltanschauung. 
Zur Entwicklung der Nervosität hat nicht wenig die Ausbreitung des Mate- 
rialismus im XIX. Jahrhundert beigetragen, der die religiösen und sitt- 
lichen Anschauungen, die bisher vielen als Stütze und Trost gedient, 
haben, erschüttert, aber »an Stelle der von ihm geschaffenen Trümmer 
nichts Positives gegeben hat. 

Die Nervosität, ihre einzelnen Erscheinungen sind für Marci- 
nowski bloss äusserer Ausdruck der nicht zum Entscheiden gebrachten 
inneren Konflikte, die einen Zustand fortwährender Aufregung schaffen 
und das psychische Gleichgewicht stören. Deshalb ermöglichen die ge- 
wöhnlich angewandten psychotherapeutischen Methoden bloss die Be- 
hebung einzelner Symptome, greifen aber an der Ursache selber nicht an. 
Begegnen wir, Ärzte, irgendwelchen chronischen Erkrankungen, so müssen 
wir eine scharfe Trennung zwischen der allgemeinen Therapie und der 
Beseitigung einzelner Symptome durchführen. So eine Trennung sollte 
man auch zwischen den einzelnen Methoden der Psychotherapie durch- 
führen. Auch hier können wir zwischen Massnahmen, die, typische Krank- 
heitserscheinungen mittels der Hypnose. Suggestion, Psychoanalyse usw. 
zu beseitigen, uns gestatten, unterscheiden, sowie zwischen Massregeln 
mehr allgemeinen Charakters, welche er als eine Bestrebung zur Wieder- 
herstellung des gestörten Gleichgewichts durch eine Umwertung der Welt- 
anschauung des betreffenden Kranken .bezeichnen möchte. 

In solchen Fällen fügen sich die Aufgaben des Arztes nicht in die 
engen, traditionellen Rahmen der ärztlichen Tätigkeit ein und fühlt er 
sich innerlich dazu berufen, so kann und soll er dann für seine Patienten 
geistiger Führer werden. „Einst waren Priester Ärzte, jetzt sollen Ärzte 
Priester werden und zugleich Führer und Verkünder einer gesunden Welt- 
anschauung, die erhebt, heilt und neue Kräfte gibt." 

Hat der Arzt .aber Seelsorgerpflichten übernommen, so darf er kein 
einseitiger und engherziger Sektierer bleiben: „Er soll nicht nur psycho- 
logische, sondern auch philosophische Kenntnisse besitzen, die es ihm 
ermöglichen, von einer höheren Warte die verschiedenen Meinungen 
und Weltanschauungen der Menschen zu beobachten, das Wesentliche, 
Typische in ihnen herausfindend, und ähnlich, wie die Kenntnis mehrerer 
Sprachen, so soll er auch die Kenntnis verschiedener Formen der Welt- 



Über die Grundzüge der Psychotherapie. 413 

anschauung besitzen. Ja, noch mehr, wenn er diese Formen wirklich wie 
verschiedene Sprachen kennt, so wird er auch in den Besitz jener Ruhe 
und Geduld gelangen, welche ihn von der engherzigen Einseitigkeit der 
Repräsentanten der Geistlichkeit fernhalten wird." 

Die Nervosität ist nach Marcinowski als eine Störung des 
psychischen Gleichgewichts aufzufassen, als eine Folge des Übergewichtes 
der affektiven Seite des Daseins über die intellektuelle, über die Fähigkeit, 
die Eindrücke der Aussenwelt richtig abzuschätzen; noch ehe das nervöse 
Individuum imstande ist, seine Eindrücke richtig zu erfassen und sie 
seinem kritischen Urteil zu unterbreiten — so reagiert es schon. Die Ur- 
sachen der Nervosität liegen in abnormer Funktion der höheren Vor- 
stellungszentren; sie in geeignete Bahnen zu lenken sei eben die Aufgabe 

der Therapie. . . 

Geben wir den Vorstellungen anderen Inhalt, leiten wir sie auf den 
richtigen Weg, dann können wir, nach Marcinowski, die Handlungs- 
weise eines Menschen von Grund aus ändern, denn alle äusseren Er- 
scheinungsformen unserer Tätigkeit sind nichts anderes als bloss 
plastischer Ausdruck unseres Vorstellungsinhaltes; es wäre ein Fehler, 
Nervenkranke als Individuen von schwachem Willen und als arbeits- 
unfähig zu betrachten. Viele von ihnen sind sehr begabt, es mangelt ihnen 
bloss an leitenden Ideen, die mit ihrer Tätigkeit koordiniert wären. Ihre 
Schwäche ist öfters nur scheinbar, durch Mangel an Selbstvertrauen 
bedingt Was Sie am sicheren Handeln hindert, sagt seinen Patienten 
Marcinowski, das ist Ihr Misstrauen, das Fehlen von Selbstbewusst- 
sein und Ihre eingebildete Abhängigkeit von allen möglichen äusseren Be- 
dingungen. Misstrauen — das ist Schwäche, Vertrauen — das ist Kraft. . . 
Nur wer wagt, dem gehört die Welt — das ist das Wesen meiner Lehre. 
Es darf kein „ich kann es nicht" existieren." 

Aber nicht nur der Vorstellungsinhalt allein, der dieses oder jenes 
als Lebensziel vor die Augen setzt, erscheint als Ursache des Missgeschickes 
der Neurastheniker ; sogar in diesen Fällen, wenn sie nach etwas streben, 
dann können sie ihren Willen nicht anstrengen, können nicht begehren, 
ihre Bestrebungen sind nicht auf Erreichen irgend eines bestimmten Zieles 
gerichtet, nein, nur um irgend einer Sache auszuweichen, aus dem Wege 
zu gehen, etwas zu beseitigen. Ihre ganze Tätigkeit ist auf solchen negativen 
Zielvorstellungen gegründet. „Nehmen wir an, Sie sind da versammelt, 
um mir aufmerksam zuzuhören, und auch redlich bemüht, nicht ein 
einziges Wort entgehen zu lassen, auch das Subtilste aufzufangen, damit 
Sie das alles später aufzeichnen können. Und anstatt mir einfach zu- 
zuhören, ist Ihre ganze Aufmerksamkeit darauf gerichtet, hören zu wollen 
und nicht, den Inhalt meiner Worte, die Sie gar nicht merken, zu verstehen." 

„Stellt vor die Augen eines Nervenkranken irgend ein festes Ziel 
au f _!'j e höher es sein wird, desto besser — , zeigt ihm, wie er zur Er- 
reichung dessen streben soll und wie er es erreichen kann, dann werden 
Sie sehen, sagt Marcinowski, wie solche Individuen ein Leben voller 
Tätigkeit führen, wie sich bei ihnen ungeahnte Kräfte und Energievorräte 
finden können, von deren Vorhandensein Sie nicht die geringste Ahnung 

gehabt haben." 

Bevor wir jedoch diesen kurzen Aufsatz schliessen, wollen wir 

nochmals betonen, dass er nicht eine Übersicht über alle Richtungen und 

Strömungen in der zeitgenössischen rationalistischen Psychotherapie dar- 



414 W. M. Lichnitzky, Ober die Grundztlge der Psychotherapie. 

stellt; wir haben uns bloss zur Aufgabe gemacht, nur eine Darstellung der 
Ansichten der markantesten Vertreter dieser Richtung zu geben. 



Literatur. 



P. Dubois: Les troubles gastro-intestineux du nevrosisme. Revue de medicine. 

1900. Nr. 7. 
-- Les psychoneuroses et leur traitement moral. Paris 1904. 

— Die Einbildung als Krankheitsursache. Wiesbaden 1907. 

— De l'iofluence de l'esprit sur le corps. 

— Psychologie und Hoilkunst. B. kl. W. 1909. 

— Ziele und Wege einer ration. Psychotherapie. M. f. phys.-diät. Heilmeth. 1909. 

— Pathogenese der neur. Zustände. Leipzig 1909. 

— Zur Psychopathologie der Angstzustände. B. kl. W. 1909. 

— Education du soi-müme. Paris 1909. 

— Die Begriffe „Nervenkrankheiten und Neurose." Z. f. Psychotherapie 1909. 

— Conception psycho], de l'origine des psychopatics. Arch. de psychol. 37. 
Camus et Pagniez: Isolement et psycbotherapie. Paris. 

.1. Dejerine: Le traitement des psychoneuroses & l'hopitals par l'isolemenr. Revue 
neurol. 1902. 

— et E. Gauckler: La reeducation des faux gastropathes. Presse medicale 1908. 

— Les manifestation functionales des psychoneuroses et leur traitement par la 

Psychotherapie. Paris 1911. 
Grobmann: Beschäftigung der Nervenkranken. Stuttgart 1899. 
Monto: Sur le traitement de l'hysterie ä l'hßspital. These de Paris 1899. 
J. Marcinowski: Im Kampf um gesunde Nerven. Berlin 1907. 

— Nervosität und Weltanschauung. Berlin. 

-- Die Bedeutung der Weltanschauungsprobleme in der Heilkunst. Z. f. Psycho« 
therap. 1909! 

— Zur Kasuistik der sexuellen Ätiologie nervöser Symptome. Z. f. Psychoth. 1910. 
F. Eschle: Erziehung zur Arbeit und durch Arbeit als souveränes Mittel der psych. 

Therapie. Z. f. Psychoth. 1909. 

— Ottomar Rosenbach als Begründer der Psychoth. Z. f. Psych. 1910. 
O. Rosenbach: Zur Pathologie und Therapie der Chlorose. D. m. W. 1883. 

— Über nervösen Husten. B. kl. W. 1884. 

— Über hyster. Luftschlucken. Wr. med. Presse 1889. 

— Über funktionelle Lähmung der sprachl. Lautgebung. D. m. W. 1890. 

— Über psych. Therapie innerer Krankheiten. B. Kl. 1891. 

— Die Entstehung und hyg. Behandlung der Bleichsucht. Leipzig 1893. 

— Nervöse Zustände und ihre psychische Behandlung. Berlin, II. Aufl., 1903. 

— Die Emotionsdyspepsie. B. kl. W. 1897. 

H. Zbin-den: Neurasthenie et psychothärapie. 1902. 

— Conseils aux nerveux. 1905. 

— Lettres ä un jeune homme. 1906. 

— La psychoth6rapie rationelle. 1907. 

— Les affections du Systeme digestif en neuropathologie. 1909. 

(Aus dem Russischen übersetzt von med. Dr. Philipp Aszkanaiy.) 



III. 

Inhalt nnd terminologische Berechtigung des Begriffes 

Psychoanalyse. 

Von Franz Grüner, Wien. 

Es ist nicht reine Neigung, was mich zur Behandlung eines derartigen 
historisch-philosophischen, halb scholastischen Themas treibt. Die eigent- 
lichen Leistungen der Wissenschaft entstehen auf einem anderen Gebiet. 
Fs ist dem Fleischer herzlich gleichgültig, ob das Kalb, das er schlachtet 
und zerlegt. Kalb oder irgendwie anders heisst; und in Wahrheit machen 
nicht die Menschen die Sprache. Trotz der souveränen Geste, mit der sie 
mit ihr umzugehen scheinen, wählt sich die Sprache die Worte, die ihr 
genehm sind, selbst und spottet aller Diskussionen, ob dieser Ausdruck 
oder jener vorzuziehen sei. Was aber die Methodologie betrifft, diese 
subtilen Erörterungen, die scheinbar mit solcher Sicherheit den Weg 
zeigen, auf dem man die Wahrheit unweigerlich finden müsste, so 
zeigt sich leider immer wieder, dass es damit ist, wie mit einer 
Inschrift, die man nur entziffern kann, wenn man ihren Inhalt schon 
kennt: Hat man den rechten Weg noch nicht, dann geht auch die raetho- 
logische Auseinandersetzung meist in die Irre, und hat man ihn schon, nun 
dann mag der Nachweis, inwiefern die Methode des Forschers früher eine 
verfehlte war und das Richtige daher nicht finden Hess, inwiefern _ dagegen 
jetzt die richtige Methode zum Ziele bringen musste, eine gewisse Be- 
friedigung erzeugen. Es hiesse aber sich Illusionen hingeben, wenn man 
nicht einsehen wollte, dass man damit nur die Konsequenzen aus be- 
stimmten Errungenschaften der Wissenschaft gezogen habe, und glaubte, 
wirklich neue hinzugefügt zu haben. Und doch, auch diese — methodo- 
logische — Erkenntnis bleibt unfruchtbar. Mag man die Überflüssigkeit 
der Erörterungen darüber, wie etwas gesagt werden soll, nicht was gesagt 
werden soll noch so gut eingesehen haben, man kommt unter Umständen 
ohne sie nicht aus. Hier ist ein solcher Fall. 

Freud und, was man im weitesten Sinne als seine Schule zu be- 
zeichnen gewohnt ist, sprachen von „Psychoanalyse", trieben „Psycho- 
analyse". Nun hat Alfred Adler in den Untertitel seines neuen, hoch- 
bedeutsamen Buches x ) den Ausdruck „vergleichende Individualpsychologie" 

i) Dr. Alfred Adler; .Der nervöse Charakter*. Grandzüge einer ver- 
gleichenden individualpsychologie und Psychotherapie. Wiesbaden 1912. 



416 Franz OrUner, 

gesetzt und nur gleichsam inoffiziell kommen — freilich an vielen Stellen 
des Buches — Ausdrücke wie „psychische Analyse", Annäherungen an den 
alten Gehrauch, vor. Andererseits gibt es an den Universitäten und sonst 
seit jeher Gelehrte, die sich mit Psychologie beschäftigen, sich gewöhnlich 
schlechthin Psychologen nennen oder irgend etwas Unterscheidendes hinzu- 
setzen. Der „Psychoanalytiker" — gebrauchen wir diesen Ausdruck vor- 
läufig noch ganz naiv, sowie er bis zu dem Buch Adle r's üblich war — , 
wird%ich nun vor die Frage gestellt sehen, oh er hinfort von „Psycho- 
analyse" oder von „vergleichender Individualpsychologie" sprechen soll, 
oder' ob diesen Ausdrücken vielleicht ganz verschiedene Begriffe zugrunde 
liegen, sie daher nebeneinander zu verwenden sind; andererseits lässt sich 
auf die Dauer der Frage kaum aus dem Wege gehen, ob die Scheidung, wie 
sie praktisch zwischen den „Psychoanalytikern" und den Psychologen 
alten Stils besteht, nur in ihrer historischen Veranlassung zu verstehen 
und daher nach Möglichkeit fallen zu lassen sei, oder ob sie trotz der Ge- 
meinsamkeit des Forschungsobjektes, der Psyche, doch in der Verschieden- 
heit der wissenschaftlichen Methode begründet und deshalb aufrecht- 
zuhalten sei. 

Es wird sich also darum handeln, festzustellen, ob dem Ausdruck; 
Psychoanalyse überhaupt ein einheitlicher Begriff entspricht, von dem sich 
die alte Psychologie prinzipiell unterscheidet, und welcher das ist. In 
zweiter Linie wird in Frage kommen, ob er durch das Wort Psychoanalyse 
gut versinnbildlicht wird, oder ob da« Adler'sche, „vergleichende In- 
dividualpsychologie", vorzuziehen ist. Eventuell käme noch die Möglich- 
keit in Betracht, dass die Forsch ungsweisc- A d 1 e r's sich prinzipiell irgend- 
wie von der Freud's und dessen engerer Schule unterscheidet, wir daher 
einerseits von Psychologie im alten Sinne, andererseits von Psychoanalyse 
und daneben noch von vergleichender Individualpsychologie sprechen 

müssten. 

Was bezeichnet nun der Ausdruck Psychoanalyse eigentlich? Die 
Lexika, die man darüber befragen kann, schweigen. In Ei sie r's „Philo- 
sophischem Wörterbuch" (2. Aufl. 1904) fehlt das Wort ebenso wie in 
Meyers Konversationslexikon (ich habe in der 6. Auflage von 1907 
nachgeschlagen). Daraus ergibt sich, dass das Wort relativ neu 1 ) ist und 
wir nur die Bedeutung untersuchen müssen, in der es von Freud in die 
psychologische Terminologie eingeführt worden ist. 

Rein philologisch untersucht, scheint das Wort auf den ersten Anblick 
nicht besonders vielsagend zu sein. Psychoanalyse: das heisst zunächst 
nicht mehr, als dass diese Wissenschaft die Psyche zum Gegenstand hat 



i) Hier genügt die Feststellung der Neuheit ' als terminus technicus Daher 
ist nur die Bedeutung zu untersuchen, die das Wort bei Freud und seinen 
Schülern hat, da es regelmässig von andern nicht verwendet wurde. Em gelegent- 
liches Vorkommen in früherer Zeit, das nur wahrscheinlich ist, wenn mir ein solches 
auch nicht bekannt geworden ist, wäre nur für eine rein philologische Untersuchung 
der Geschichte des Wortos von Interesse. Ebenso kann hier das Vorkommen der 
Ausdrücke „analyse psychique" und „psychic analysis* (auf die mich Herr Score cker 
aufmerksam macht) in der modernen französischen und englischen Psychologie 
ausser Betracht bleiben. Es handelt sich da um Richtungen, die vielfach mit der 
Freud'schen parallel laufen und daher analoge Ausdrücke gebrauchen. Um was 
abor die Freu d'sche Forschungsmethode erfolgreicher und mehr indie 1 lefe gehend 
ist sind auch ihre Ausdrücke prägnanter und in ihrer eigentlichen Bedeutung leichter 
zn erfassen, sodass es jedenfalls genügen wird, sich an die Anwendung des Wortes 
in der Freud'schen Literatur zu halten, um seinen Sinn kennen zu lernen. 



Inhalt und terminologische Berechtigung des Begriffes Psychoanalyse. 417 

und analytisch vorgeht. Das letztere stimmt für jede nicht rein deskriptive 
Wissenschaft, stimmt selbstversätndlich sowohl für das, was Freud, als 
auch für das' was Adler tut. Es wird das Mittel der Analyse angewendet: 
Erscheinungen werden in ihre Bestandteile zerlegt, Gemeinsames wird her- 
ausgehoben Spielt in Phantasien, Träumen oder Erinnerungen zum Beispiel 
ein Vorgesetzter, ein Lehrer, der Kaiser eine Rolle, findet Freud, dass 
diese Vorstellungen in letzter Linie an die des Vaters anknüpfen; hält der 
Patient die Behandlungsstunde nicht ein, klagt er über Verschlechterung 
seines Zustandes, erscheint ihm das ärztliche Honorar plötzlich zu hoch, 
findet Adler darin durchgehend ein Streben, den Arzt herabzusetzen. 
Übrigens ist die letztere Deutung bei Freud nicht undenkbar, kann die 
erstere bei Adler leicht vorkommen, wenn auch die eine für die 
Freud'schen, die andere für die Adler'schen Analysen besonders cha- 
rakteristisch ist. 

Damit scheint eine der aufgeworfenen Fragen beantwortet zu sein: 
Der Ausdruck Psychoanalyse passt dem Wortsinn nach in gleicher Weise 
für die Freud'sche wie für die Adler'sche Forschungsmethode, aber 
— und damit berühren wir die andere zur Diskussion gestellte Frage — 
wodurch unterscheiden sich denn dann Freud und Adler von der alten 
Psychologie die doch auch analytisch vorgeht? Sollte da weiter kein Gegen- 
satz bestehen und Psychoanalyse nur eine neumodische Benennung der 
altehrwürdigen Wissenschaft der Psychologie sein? Es wird aus sub- 
jektiven und objektiven Gründen nicht leicht sein hier zu einem richtigen) 
Schluss "zu kommen. Einerseits muss ich gestehen, dass mir auch nur ein 
beiläufiger Überblick über alle Richtungen, die das auf Erkenntnis der 
Psvche gerichtete Forschen so vieler Jahrhundertc eingeschlagen hat, fehlt. 
Andererseits wird man auch von vornherein vermuten können, dass man 
die grösste Mannigfaltigkeit finden wird und die ganze vergangene Psycho- 
logie kaum in eine Einheit zu bringen sein wird, die man der Freud sehen 
oder \ d 1 e r'schen gegenüberstellen könnte. Nun ist es für die Erreichung 
unseres Zweckes nicht notwendig, eine vollkommene Geschichte der psycho- 
logischen Bestrebungen zu erhalten, allen Versuchen, die auf diesem Ge- 
biete im Laufe der Zeiten gemacht wurden, nachzugehen; um zu erfahren, 
ob und inwiefern Methodik und Fragestellung der Psychoanalyse sich von 
der bisher in der Psychologie herrschenden unterscheiden, muss es ge- 
nügen wenn in die wenigstens bis zu einem gewissen Grade abgeschlossenen 
Leistungen der bisherigen Psychologie zum Vergleiche herangezogen werden. 
Da die Psychoanalyse so grundlegende Wahrheiten aufgedeckt hat und an 
so Grundlegende Tatsachen anknüpft, wird man notwendigerweise annehmen, 
dass sich auch schon seit jeher Einsichten und Anschauungsweisen finden, 
die denen der Psychoanalyse völlig gleichen. Derartige Versuche, die 
keinen systematischen Ausbau gefunden haben, brauchen uns hier nicht 
weiter zu interessieren i), und was dann übrig bleibt ist nicht soviel, dass 

"iTrTedndb wird auch auf die vielfachen psychologischen Erkenntnisse die 
in den Werken der Dichter und mancher Philosophen enthalten smd. kerne Rttck- 
sieht genommen werden können. Diejenigen, die in ihrer heu e so modernen Ver- 
Xunfdes .Genies' Grenzen seiner Leistungen nicht sehen wollen, vergessen, dass, 
enmng oes .» eui intai tives Verstehen und Lösen unendlich vieler Probleme der 
W?DD nXÄn Psvcho «ie in den Werken der Sophokles und Plato, Shake- 
Tp^tnf ÄeSt g bis D auf Dostoiewsky, Nische und Wedekind finden 
kann es sich doch immer um Leistungen handelt, die m der unsystematischen Art 
der Darstellung höchstens geeignet sind, Erkenntnisse auf andere im speziellen dar- 

Z«ntr»lbUtt für Payoliosnalyse. III •/». *° 



41g Franz Grüner, 

es sich nicht, wie gezeigt werden wird, von einem Gesichtspunkt aus zu- 
sammenfassen Hesse, Wenn ich nun versuchen werde, das unterscheidende 
Kriterium beider Methoden zu finden, so darf in dem Ergebnis nicht ein Urteil 
über Wert oder Unwert der einen oder der anderen gesehen werden. Aller- 
dings dürfte auf diesem Wege auch Material zu einem derartigen Werturteil 
gefunden werden. Zunächst fragen wir aber nicht nach Richtigkeit und 
Wichtigkeit der betreffenden Art Psychologie, nur nach dem Weg, den sie 
eingeschlagen hat, um das Ziel zu erreichen. 

Um die Schwierigkeit einer solchen Untersuchung zu verringern will 
ich von bestimmten Beispielen ausgehen. Was dadurch die verallgemeinerte 
Behauptung an Überzeugungskraft verliert, dürfte sie reichlich durch die 
grössere Klarheit für den Einzelfall gewinnen. Sehen wir uns das „Lehr- 
buch der Psychologie" von Jodl (3. Aufl. 1908) an, das gewiss geeignet 
ist, einen verhältnismässig ungetrübten überblick der modernen Psycho- 
logie zu geben: Nach einleitenden Auseinandersetzungen über Methodik 
und das Verhältnis von Leib und Seele setzt die eigentliche Psychologie 
mit einer allgemeinen Beschreibung des „Bewusstseins" ein, dann kommt 
der Begriff des Unbewussten, die Besprechung abgeänderter Bewusstseins- 
zustünde wie Schlaf, Hypnose u. dgl. Es folgt die alte Dreiteilung der 
„Grundfunktionen" des Bewusstseins in die Erscheinungen des „Emp- 
findens", „Fühlens" und „Strebens", auf der der Aufbau des ganzen 
Werkes beruht. Dann wird Allgemeines über die Empfindungen ausgeführt, 
z. B. über die Möglichkeit, sie zu messen, über ihre „Intensität", „Qualität"; 
weiter eine möglichst eingehende Spezifikation für jeden einzelnen Sinn, 
der Begriff des Gefühles, die Gefühlsqualitäten „Lust" und „Schmerz", ihr 
Verhältnis zu den Empfindungen, die „ästhetischen" Gefühle. Schliesslich 
die Willenserscheinungen, der Begriff der Aufmerksamkeit, die sogenannten 
sekundären Phänomene Gedächtnis, Reproduktion und Assoziation. . . . 
Doch es würde zwecklos ermüden, wollte ich diese Aufzählung, die eigent- 
lich ein Extrakt des Inhaltsverzeichnisses ist, bis zum Ende des Werkes 
durchführen. 

Worum handelt es sich hier? Werden Vorgänge beschrieben, ur- 
sächliche Verknüpfungen zutage gebracht, das grosse ununterbrochene Nach- 
einander, das nach der Erklärung so vieler Philosophen das Spezifische des 
Psychischen ist, klargelegt? Offenbar geschieht das hier nicht; es handelt 
sich vielmehr um Aufstellung formaler Kategorien, in die alle psychischen 
Erscheinungen durch Abstraktion eingeordnet werden können. Es ist für 
uns gleichgültig, ob sich daraus in der weiteren Folge vielleicht die Mög- 
gestellten Fall gefühlsraässig zu übertragen, nicht aber diese Erkenntnisse in ihrer 
Allgemeinheit verstandesraässig begreifen zu lassen; es bleibt eben selbst dann 
zwischen .Kunst", zu der man die Philosophie in dieser Hinsicht noch rechnen muaa 
und .Wissenschaft* noch eine letzte und prinzipielle Kluft, wenn das Objekt der 
Darstellung dasselbe ist. Eine Erkenntnis, die schon bei Sophokles nachzuweisen 
ist. kann sich in einer anderen Form bei Shakespeare finden und wird wieder ,nen" 
sein und auch bei den sogenannten Philosophen wird das in der Regel möglich sein. 
Ist dagegen eine Erkenntnis bei Freud oder Adler, pagen wir allgemein bei einem 
Gelehrten, einem Naturforscher gestanden, werden spätere Gelehrte sie nur als. be- 
kannt zitieren können. Ein Fortschreiten im Sinne eines stetigen Hinzufügens von 
Neuem zu Altem gibt es nur in der Wissenschaft. Da der Zweck unserer ganzen 
Betrachtung das voraussetzt, müssen Erzeugnisse der Kunst (und der Philosophie, 
soweit sie ihr affin ist) ausserhalb bleiben. (Siehe darüber auch die im Prinzipiellen 
vortreffliche Arbeit von Dilthey .Ideen über eine beschreibende und zergliedernde 
Psychologie*. Sitzungsberichte der k. preuss. Akademie der Wissenschaften J894.) 



Inhalt und terminologische Berechtigung des Begriffes Psychoanalyse. 419 

lichkeit ergibt, das Nacheinander im Psychischen einer bestimmten Person 
in seiner Verknüpftheit von Ursache und Wirkung zu erkennen. Wenn 
wir (von Lipps) erfahren, dass es ein psychologisches Intellektualgefühl 
und auch noch ein Strebungsgefühl ist, z. B. wenn jemand sich mit Rück- 
sicht auf die fehlenden Beweise, wenn auch ungern, genötigt sieht, von 
der Existenz eines Gottes abzusehen, dann will uns die Feststellung eines 
solchen Gefühles zunächst gar nichts darüber sagen, welche psychischen 
Erscheinungen vorher in der betreffenden Person aufgetreten waren, als 
deren Folge es anzusehen wäre. Das Wesen dieser Methodik liegt eben im 
Folgenden: Jede psychische Erscheinung wird zunächst isoliert betrachtet 
und nach gewissen Gesichtspunkten (soviel ich sehe, ist es vor allem das 
verschiedene Verhältnis der psychischen Erscheinung zur _ „Aussen"- Welt) in 
eine Klasse eingeordnet, in die ganz unterschiedslos die psychischen Er- 
scheinungen aller Menschen gehören, soweit sie eben unter den betreffen- 
den Gesichtspunkt fallen. Dass die Relation der Ursache und Wirkung, 
die Aufeinanderfolge der Erscheinungen im Individuum dabei völlig ausser 
Betracht bleibt, ist klar. Allerdings werden mit Hilfe der so aufgestellten 
Kategorien weitere Beobachtungen gemacht, um nach Möglichkeit mit 
neuen Eigenschaften der betreffenden Kategorie bekannt zu werden, und 
man kann so auch auf diesem Wege zweifellos ursächliche Verknüpfungen 
aufdecken. Der Ausgangspunkt ist aber immer die Aufstellung einer all- 
gemeinen Kategorie. Zum Beispiel: „Im Laufe der intellektuellen Ent- 
wicklung nehmen die Affekte, die jede Willenshandlung einleiten müssen, 
mehr und mehr an Intensität ab, so dass endlich auch aus einem an- 
scheinend völlig affektlosen Gefühlsverlauf Willenshandlungen entspringen 
können." Oder: „Bei häufiger Wiederholung zusammengesetzter Willens- 
vorgänge von übereinstimmendem Motiveninhalt erleichtert sich der Kampf 
der Motive: die in früheren Fällen unterlegenen Motive treten bei den 
neuen Anlässen schwächer auf und verschwinden zuletzt völlig. Die zu- 
sammengesetzte Handlung wird eine einfache oder Triebhandlung. Im 
weiteren Verlauf kann die Triebbewegung eine automatische werden, der 
Willensvorgang wird zu einem Reflexvorgang." (Beides nach Wundt, 

„Grundriss".) . . 

Davon, dass diese Feststellung so ziemlich allgemein gültig ist, 
können wir uns überzeugen, wenn wir den schon genannten „Grundriss der 
Psychologie" von Wundt nachschlagen, der ganz ähnlich aufgebaut ist 
wie das Buch Jodl's; weiter, wenn wir, wie auch schon erwähnt, bei 
Lipps („Leitfaden der Psychologie", 1903) ebenfalls dieses Ausgehen 
vom Allgemeinen finden, obwohl dieser Forscher gewiss bemüht ist seine 
eigenen Wege zu gehen. „Apperzeption", „Erkenntnis", ..Wille", „Die 
Gefühle'', „Besondere psychische Zustände" sind die Liberschriften der 
einzelnen Abschnitte; im einzelnen werden z. B. das Urteil, Arten der 
Aufmerksamkeit, des Gedächtnisses besprochen. Sogar die experi- 
mental-psychologische Methode, scheinbar auf der Betrachtung 
des Einzelfalles begründet, zeigt dieses Streben, vom Allgemeinen aus- 
zugehen. Denn das Experiment, wie es in den psychologischen Instituten 
gewöhnlich angestellt wird, bezweckt eben, den allgemeinen Fall im Realen 
möglichst rein darzustellen, sei es durch möglichste Ausschaltungen aller 
nicht zu betrachtender Nebenumstände, sei es durch oftmalige Wieder- 
holung, die den Kern der Sache klar hervortreten lassen soll. Nehmen 
wir das Gesetz vom Verhältnis der Reizstärke zur Empfindungsintensität. 

28* 



420 Franz Grüner, 

Es beruht auf der Aufstellung der Kategorien Reiz und Empfindung, die 
dann durch die Unterscheidung nach Stärke beziehungsweise Intensität 
weiter eingeteilt werden. Dadurch, dass man dann das Auftreten beider 
Kategorien im Einzelfall beobachtet und in Relation bringt, kommt man 
erst zur Möglichkeit, das genannte („psychophysische Grund"-) Gesetz aus- 
zusprechen. — Die französische psychologische Forschungsweise unter- 
scheidet sich ziemlich stark von der deutschen, aus der die bisher ge- 
brachten Beispiele gewählt wurden; nehmen wir, um uns davon zu über- 
zeugen, dass diese Unterschiede sich nicht bis auf das aufgezeigte Grund- 
prinzip erstrecken, die kleine Schrift von Ribot über den „Willen" 
(deutsch von P a b s t , Berlin 1893) vor. Auch sie geht von Kategorien 
aus. Die „Krankheiten des Willens" werden untersucht und dabei unter- 
schieden: „zu grosse Stärke des Antriebs", „Schwächung der natürlichen 
Aufmerksamkeit", „Herrschaft der Launen", „Vernichtung des Willens" 
u. dgl. m.. jedenfalls werden zunächst gewisse allgemeine Typen festgestellt. 
Oder wenn Janet die Ursache der Hysterie in der Unfähigkeit der Per- 
sönlichkeit sieht, alle Bewusstseinstatsachen zusammenzuhalten, so be- 
ruht das eben darauf, dass er nach Aufstellung der Kategorie „Hysterie" 
gefunden hat, dass zugleich mit dieser auch immer die Kategorie „un- 
bewusste Ideen" auftritt. Schliesslich geht auch die herrschende Psychi- 
atrie in ihrer rein deskriptiven Methode zunächst auf Aufstellung gewisser 
Kategorien (Krankheitsbilder) aus. Es wäre zu umständlich zu zeigen, dass 
auch diejenigen ihrer Sätze, die sich auf den Zusammenhang von Ursache 
und Wirkung beziehen, gewöhnlich von solchen Kategorien ausgehen, doch 
kann man sich auch davon leicht überzeugen. Ja selbst ein Forscher wie 
Scherner 1 ), den man fast schon einen „Psychoanalytiker" nennen muss, 
benützt die Analyse des Einzelphänomens nur dazu, um es in eine gewisse 
allgemeinere Klasse einzuordnen. (Z. B.: „Wohnungsräume im Traume 
beziehen sich_ auf die Vorstellung analoger Teile des Körpers.") Es sind 
nun genügend Belege angeführt worden : Die Erkenntnis, dass die Psycho- 
logie bis auf Freud von der Klassifikation der Einzelphänomene, ihrer 
Einordnung in bestimmte Kategorien ohne Rücksicht auf den ursächlichen 
Zusammenhang, das Nacheinander, in dem sie im Individuum aufgetreten 
sind, ihren Ausgang nahm und noch nimmt, scheint eine gesicherte 
zu sein 2 ). 

Wenden wir uns nun der „psychoanalytischen" Methode 3 ) zu, so 
sehen wir sofort, dass es sich hier um etwas ganz anderes handelt. 
Der Psychoanalytiker denkt kaum darüber nach, ob er ein Gefühl 
oder ein Wollen vor sich hat, es kommt ihm sogar eigentlich wenig 
darauf an, ob es ein Traum, ein neurotisches Symptom, eine Phantasie, 
ein Handeln oder ein Unterlassen ist; es muss nur eine Erscheinung sein, 
die innerhalb des psychischen Kausalablaufes auftritt. Denn dies ist der 
einzige Gesichtspunkt, unter dem der Psychoanalytiker prinzipiell die 

>) Siehe die zahlreichen Zitate aus Beinern Buche »Das Leben des Traumes", 
Berlin 1861, bei Stekel »Die Sprache des Traumes", Wiesbaden 1911. 

2) Die Ursachen dieser Erscheinung können hier nicht weiter besprochen 
werden, obwohl nur ihre Aufdeckung den Beweis voll machen würde. Offenbar 
sind sie, Ranz allgemein gesagt, hauptsächlich darin zu sehen, dass man in Un- 
kenntnis eines Mittels zur genaueren Erkenntnis der Zusammenhange im Psychischen, 
sich mit gewissen mehr logiBch-formalen Bestimmungen der einzelnen Erscheinungen 
begnügen musste. 

3) Die Psychoanalyse wird hier natürlich nur als Mittel der psychologischen 
Erkenntnis, nicht als therapeutisches Verfahren besprochen. 



Inhalt und terminologische Berechtigung des Begriffes Psychoanalyse. 421 

psychischen Erscheinungen betrachtet. Es gilt ihm, das Nacheinander zu 
erkennen, in das die betreffende Erscheinung gehört. Das drückt sich 
praktisch' aus in der Frage: „Was fällt Ihnen dazu ein?", die (neben, 
manchen anderen Mitteln) dazu dient, um in möglichster Fülle das 
psychische Material' zu erhalten, in dem die Linien gesucht werden können, 
die im psychischen Geschehen bis zu der betreffenden Erscheinung führen, 
so dass dann gesagt werden kann, was sie „bedeutet". Als Grundprinzip 
des ganzen Vorgangs kann auch die Zerlegung jeder psychischen Erscheinung 
in die Elemente, aus denen sie entstanden ist (die Auflösung der „Ver- 
dichtungen"), angesehen werden. Das ist der Sinn der „Analyse" des 
Neurotikers, die der Arzt durch so viele Stunden hindurch macht. Jede 
psychische Erscheinung wird auf diesem Wege in ihre Bestandteile zerlegt 
oder, hesser gesagt, auf die Elemente zurückgeführt, aus denen sie entstanden 
ist. ihre Wertigkeit herleitet, sowie das die eingangs gebrachten Heispiele 
schematisch veranschaulichten. Der Gedanke der ursächlichen Verknüpfung 
alles psychischen Geschehens im Individuum, verbunden mit dem Auf- 
weisen der Möglichkeit, dem auch praktisch nachzugehen, ist das ge- 
sichertste Verdienst Freud's und, wie schon gesagt, das Prinzipielle der 
Methode, das sie von der der älteren Psychologie unterscheidet. 

Ein weiterer, allerdings für die wissenschaftliche Ausbeutung der 
Methode notwendiger Schritt ist es dann, wenn auf Grund des Durcharbeitens 
des psychischen Materials vieler Menschen ein gewisser typischer Ablauf 
gefunden, bestimmte Ursachen als immer wirksam erkannt werden. Es 
liegen bisher zwei derartige Versuche vor. Freud sieht in den psychischen 
Erscheinungen letzten Endes Kompromissrealisierungen der von der (ihrem 
Wesen nach nicht erklärten) Verdrängung zurückgedrängten libidinösen 
Wünsche des Kindes; Adler sieht überall die Reaktion des Strebens 
nach Persönlichkeitsbetonung auf ein (ebenfalls letzten Endes infantiles) 
Minderwertigkeitsgefühl. Nun nimmt allerdings Adler (in einer über 
diesen Gegenstand im „Verein für freie psychoanalytische Forschung" ab- 
gehaltenen Diskussion) für seine Methode in Anspruch, dass sie nicht nur 
mit dem Mittel der Analyse, sondern auch der Vergleichung, der Simpli- 
fikation und der Abstraktion arbeite, und dass sie schliesslich ganz all- 
gemein künstlerisch-intuitiv sei. Beides gebe ich gerne zu; aber künst- 
lerische Intuition ist bei jeder Wissenschaft notwendig, die aus .einem 
verwirrenden Vielerlei von Wirkungen die einfache und immer gleiche 
Ursache zu erkennen hat; so nennt man eben die verstandesmässig kaum 
fassbare Gabe, dort einen Weg zu finden, wo noch niemand gegangen ist 
und sichtbare Weiser, scheinbar fehlen. Vergleichung, Simplifikation und 
Abstraktion sind Ausdrücken für verschiedene Arten, einen Begriff in seine 
Bestandteile (Vergleichung: Heraushebung eines gemeinsamen Merkmals 
mehrerer Begriffe, Simplifikation und Abstraktion: Beiseitelassung spezieller 
Merkmale) zu zerlegen, für welchen Vorgang eben der allgemeine und all- 
gemein übliche Ausdruck „Analyse" lautet, dem man die anderen daher 
nicht als gleichgeordnete gegenüberstellen darf. Tatsächlich ist in einer 
solchen ganz prinzipiellen Beziehung ein Unterschied zwischen der Freud'- 
schen und der Adle r'schen Methode nicht zu finden. Beide beruhen auf 
der Beobachtung sämtlicher Äusserungen der Psyche, das heisst neben 
den Erzählungen von Träumen u. dgl. auch des gesamten sonstigen Ver- 
haltens. Beide finden dabei dem Bewusstsein der Analysierten (und der 
ganzen Menschheit) früher nur sehr fragmentarisch bekannt gewesene 



422 FraDZ Grüner, 

Verknüpfungen. Beide führen diese Verknüpfungen sogar bis auf infantile 
Erlebnisse und Veranlagungen zurück, was für die hier behauptete methodo- 
logische Übereinstimmung nicht einmal nötig wäre. 

Nun kann ja die in den letzten Arbeiten Adler's.so starke Betonung 
der immer gleichen Bereitschaftseinstellung des unter der Herrschaft des 
,. männlichen Protests" Stehenden, die Vergangenheit, Gegenwart und Vor- 
bereitung auf die Zukunft gleichsam in Einem in jedem Handeln und Unter- 
lassen zum Ausdruck bringt, den Eindruck erwecken, als handelte es sich 
hier um eine prinzipiell einheitlichere (daher unter einem anderen methodo- 
logischen Gesichtspunkt zu bringende) Auffassung des psychischen Ge- 
schehens als bei F r e u d , wo die Hervorhebung des Unterschiedes zwischen 
Bewusstem und Unbewusstem, dann das grosse Gewicht, das oft auf die 
symbolische Auflösung eines Phänomens in einer bestimmten Hinsicht 
ohne Rücksichtnahme auf seine Einordnung in den allgemeinen psychischen 
Zusammenhang v ) gelegt wird, bei oberflächlicher Betrachtung die im 
Grunde gleich einheitliche Auffassung vergessen lassen können. In Wahr- 
heit hat Freud von so gut wie allen psychischen Erörterungen (vom 
Traum, dem neurotischen Symptom und den unter dem Begriff der Psycho- 
pathologie des Alltagslebens zusammengefassten ausgehend) erklärt, dass 
ihre Wurzeln im Infantilen liegen; .er hat (vor allem in der Studie über 
Analerotik „Kleine Schriften zur Neurosenlehre", 2. Folge) gezeigt," dass 
er das auch für die sogenannten „Eigenschaften des Charakters" annimmt; 
schliesslich kann man aus vielen Stellen seiner Schriften erkennen, wie 
er die Handlungen des Individuums als Wiederholungen einer ansieht, die 
aus einer infantilen Disposition stammt (z. B'. „Der Sohn sucht in jeder 
Geliebten wieder die Mutter, die Tochter den Vater" oder in dem Bruch- 
stück einer Hysterieanalyse" in der eben zitierten Sammlung das in jeder 
Liebesbeziehung, einschliesslich der durch die „Übertragung" entstandenen 
zum Arzt, immer gleiche Verhalten Dora's). Der Gegensatz zwischen 
beiden Forschern liegt demnach in der Verschiedenheit der Resultate einer 
mit so ziemlich gleichen Mitteln geführten Untersuchung -). Das Forschen 
Freud's und Adlor's ist als wesensgleich dem andersgearteten der 
Psychologen der alten Schule gegenüberzustellen. 

Wir können zusammenfassen. Die alte Psychologie stellt die psychi- 
schen Phänomene zusammen und ordnet sie nach Gesichtspunkten, die 
für alle Menschen in gleicher Weise anwendbar sind, in Klassen ein. Die 
Psychoanalyse geht von der Betrachtung des konkreten Einzelphänomens 
aus, sie setzt es in Beziehung zu dem übrigen psychischen Material der 
betreffenden Person und sucht das Entstehen jedes Phänomens aus den 
vorhergehenden zu verstehen und dazu zu gelangen, es als Endprodukt der 

i) Am stärksten ist dieses Streben nach einer von der Betrachtung der all- 
gemeinen psychischen Dynamik losgelösten Symbolik in Stekel's — meiner An- 
sicht nach eben deshalb sehr verdienstvollem — Buch über ,Die Sprache dea 
Traumes". 

2} Er liegt deshalb ausserhalb unseres jetzigen Themas. Ich kann nur an- 
deuten, dass mir hier ein Problem von zwei verschiedeneu Seiten gesehen zu werden 
scheint. Ich glaube, dass Adler zu seiner Aufhellung den wohl für immer Richtung 
gebenden Forschungen Freud's ausserordentlich Wichtiges hinzugefügt hat, aber 
ich glaube nicht, dass die Tatsachen, die beide Theorien veranschaulichen wollen, 
in Wirklichkeit ao verschieden 'sind, wie es ihre so verschieden orientierten Formu- 
lierungen viele (auch Freud und Adler selbst) glauben lassen. (Siehe darüber 
auch die ausgezeichnete Arbeit Wexberga ,Zwei psychoanalytische Theorien*, 
Zeitschrift für Psychotherapie und medizinische Psychologie IV, 2, 1912.) 



Inhalt und terminologische Berechtigung des Begriffes Psychoanalyse. 423 

bisherigen psvchischen Entwicklung der betreffenden Person auffassen zu 
können. Das 'sind gänzlich verschiedene Arten der Behandlung psycho- 
logischer Probleme und man kann erst dann auf beiden Methoden gemein- 
samen Boden kommen, wenn man jenseits dieser ersten Stadien angelangt 
ist Die alte Psychologie kann nämlich, wenn sie in der besprochenen 
"Weise Kategorien aufgestellt hat, auf empirischem Wege zu gewissen 
Sätzen über ihr Auftreten kommen. Die Psychoanalyse wieder kommt da- 
durch zu allgemeinen Sätzen, dass sie die Arten der Verbindung der psychi- 
schen Phänomene, die sie in den einzelnen Fällen aufgedeckt hat, mit- 
einander vergleicht und typische Formen des Kausalablaufes aufstellt. 
Solche Sätze über das psychische Geschehen können mitunter recht ahnlich 
klingen aber es wird immer gefährlich sein, wenn man sich dadurch ver- 
leiten lässt, sie miteinander in Beziehung zu bringen, sie als gleichartig an- 
zusehen In Wahrheit sind sie auf so verschiedenem Boden entstanden, 
dass auch die formell gleiche Behauptung in der Regel eigentlich einen ver- 
schiedenen Inhalt verdecken wird. Es ist nicht dasselbe, wenn z. B. ein 
Neurologe der nicht Psychoanalytiker ist, den Satz aufstellt, die Neurose 
beruhe auf einer Affektion der Sexualität, und wenn Freud das sagt. Bei 
dem einen bedeutet das ein unmittelbares Nebeneinandersehen zweier 
Kateeorien bei dem anderen die Vorstellung des in möglichster Vollständig- 
keit zusammengestellten psychischen Materials eines Menschen, in dem eine 
bestimmte Ursache als immer weiter fortwirkend erkannt wird; ebenso 
ist es mit den Adler'schen Sätzen. Deshalb ist es — wenigstens vor- 
läufig - kaum denkbar, dass Psychoanalytiker mit Nicht-Psychoanalytikern 
zusammenarbeiten. Dem Psychoanalytiker bleiben die Satze der alten 
Psychologie leer weil sie, aus allgemeinen Abstraktionen heraus gedacht, 
ihm nichts für 'sein Bild eines aus einer kontinuierlichen Verknüpfung 
von Ursache und Wirkung bestehenden psychischen Geschehens geben 
können Der Psychologe alter Schule kann mit den psychoanalytischen 
Wahrheiten nichts anfangen, weil diese, die ursprünglich aus einer Ver- 
binduno des Psychischen jeder Art, wie es im Individuum nebeneinander 
lieet Geschöpft sind, sich nur schwer von einer Anschauung aus erfassen 
lassen die von der Scheidung der psychischen Phänomene 10 einzelne 
Klassen ausgeht. Gewiss, auch diese Gegensätze verwischen sich mitunter, 
aber im allgemeinen wird man immer gut tun, sie sich vor Augen zu halten 
Zweifellos aber sind sie gross genug, um es zu rechtfertigen, dass che mit 
der neuen Methode betriebene Wissenschaft auch einen eigenen Ixamen 

Welches aber soll dieser Name sein? Wir sind zu dem Resultat ge- 
kommen dass Adler im Wesen die Freudsche Methode hat. Wu' 
werden 'also die Forschungs weise beider mit demselben Ausdruck be- 
zeichnen Freud hat den jetzt schon altgewohnten, „Psychoanalyse , 
eingeführt Adler sagt neuerdings „vergleichende Individualpsycöologie". 
Wie sollen wir uns entscheiden? Es wurde schon gesagt, dass das Wort 
Psychoanalyse für den ersten Anblick nicht sehr prägnant ist; es ist nur 
eine Selbstverständlichkeit und sagt über das Spezielle der Methode schein- 
bar noch gar nichts, wenn das Wort hervorhebt, dass sie eine analytische 
ist Es liegt aber noch eine Nuance darin, die wir bis jetzt nicht beachtet 
haben- Von „analytischer Psychologie 1 ' sprach man gelegentlich schon 
früher Freud erst nannte seine Wissenschaft „Psychoanalyse . Diese 
Änderung weist offenbar speziell auf eine Tätigkeit hin, mit welcher das 



404 Franz Grüner, 

Betreiben dieser analytischen Psychologie verbunden ist. Welche Tätigkeit 
gemeint ist. wissen wir: die Unterhaltung des Analysierenden mit dem 
Analysierten, der sein psychisches Material vorbringt, damit es analysiert 
wird.' Gerade darin liegt nun auch nach dem oben Ausgeführten das Neue 
dieser psychologischen Betrachtungsweise, dass es sich um die Ordnung 
des psychischen Materials eines Individuums handelt. Und diese Ordnung 
wird zunächst durch Zerlegung der Einzelphänomene in ihre Bestandteile 

alten 
daher 




er 

alten Psychologie sagen kann. In dein Ausdruck „Psychoanalyse" ist 
demnach alles angedeutet, was die neue Methode von der alten prinzipiell 

scheidet. 

Kann man das auch von dem Ausdruck „vergleichende lnaiviüual- 
psvchologie" sagen? „Individualpsychologie" besagt, dass es sich um 
die wissenschaftliche Betrachtung der Psyche des Individuums handelt, 
hebt also auch den oben erläuterten Gegensatz zur alten Psychologie hervor, 
ohne aber, wie es das Wort Psychoanalyse tut, zugleich das neue Mittel 
des Forschers anzudeuten. Jedenfalls abzulehnen ist das Attribut „ver- 
gleichend". Nach dem Sprachgebrauch („vergleichende" Anatomie, „ver- 
gleichende" Bechtswissenschaft, „vergleichende" Sprachkunde usw.) müsste 
„vergleichende" Individualpsychologie eine Wissenschaft sein, die die 
Existenz einer Individualpsychologie schon zur Voraussetzung hat, auf 
Grund dessen analoge psychische Erscheinungen in verschiedenen Indi- 
viduen vergleicht und so zu irgendwelchen Schlüssen kommt. (Die ver- 
gleichende Sprachwissenschaft vergleicht analoge Ausdrücke verschiedener 
Sprachen, die vergleichende Bechtswissenschaft analoge Bechtsinstitute 
verschiedener Völker, die vergleichende Anatomie analoge Körperteile ver- 
schiedener Tiergattungen; dazu muss selbstverständlich eine Wissenschaft 
der einzelnen Sprachen, der einzelnen Bechte, der Anatomie der ein- 
zelnen Tiergattungen wenigstens in den Grundzügen schon bestehen.) So 
hat Adler seinen Ausdruck natürlich nicht gemeint. Da aber die Be- 
zeichnung einer Wissenschaft als einer vergleichenden zweifellos nicht 
zufällig immer diese Bedeutung hat. diese vielmehr wie alle sprachlichen 
Erscheinungen aus einer gewissen in der Natur der Sprache gelegenen 
Notwendigkeit stammt, ist es klar, dass es auf die Dauer nicht möglich 
wäre, dem Ausdruck die von Adler vorgeschlagene Bedeutung beizulegen, 
die er offenbar nur im Widerspruch zu der in der Entwicklung der Sprache 
sonst, immer zur Geltung kommenden Gesetzmässigkeit behalten könnte. 
Was meint aber Adler mit dem besprochenen Attribut? Die einzelnen 
Elemente des Materials werden verglichen und auf Grund dessen ein Ge- 
meinsames herausgehoben. Das ist eine Selbstverständlichkeit, wenn damit 
gesagt wird, dass das Vorgehen ein analytisches in dem Sinne ist, in dem 
so gut wie jede Wissenschaft, auch die alte Psychologie, es ist. Denn 
die prägnantere Bedeutung, die das Wort analytisch nach meiner Darlegung 
in „Psychoanalyse" hat, kann das Wort vergleichend kaum annehmen. 
Aber eine andere Bedeutung hat Adler wahrscheinlich eigentlich im 
Auge gehab*, nämlich, dass die psychischen Erscheinungen verglichen 
werden, nicht um sie in alle, ihre Bestandteile zu zerlegen, sondern nur 
unter einem vorausbestimmten Gesichtspunkt, und das wäre bei Adler 
ihre Beziehung zum Streben nach Erhöhung des Persönlichkeitsgefühles. 



Inhalt und terminologische Berechtigung des Begriffes Psychoanalyse. 425 

Damit würde das Wort aber wieder mehr aussagen, als es aussagen 
darf Denn abgesehen davon, dass es sich hier eigentlich schon um 
ein RestStat, nicht ein Prinzip des Forechena handelt, ist es zwar 
rchtiV dass es der Endzweck Adler'a ist, aus den psychischen 
ErscheinuMen das Streben nach Erhöhung des Persönlichkeitsgefühles 
he au zuheU aber auf dem Wege dahin muss er ^-h anderes im 
Wenn er zum Beispiel in einem Traum den ödipuswunsch erkennt, so 
sieht er diesen allerdings als Ausdruck des Streben» nach Persönlichkeits- 
Sonm« an aber das Erkennen des ödipuswunsches, der ja auch nicht 
manif sf gewesen sein muss, ist nicht eine Folge des Vergleichen«' im 
Sinne der unmittelbaren Anwendung des Schemas des Strebens nach Per- 
SXchkeitsbetonung auf alle psychischen Erscheinungen. So zeigt sich, dass 
der AusdruS Sf seine Bildung schon äusserlich dem Sprachgebrauch 
^wiirSt, auch sonst dem, was er bezeichnen will nicht entspricht. 
Cbriens muss noch darauf hingewiesen werden dass alle erörterten Be- 
deuUingsmöglichkeiten von „vergleichende UnAM^ *£ ^» 
Forschunesmethode Freud's ebenso anwendbar sind, wie für die Adlers. 
Das ist S der Fall, wenn man in dem Wort „vergleichend" den Hinweis 
ad das ^Anwenden eines Schemas (des Strebens nach Persönlichkeits- 
be onung) auf alle psychische Erscheinungen sieht denn man braucht nur 
dL Adle fache Schema durch das Freud'sche (Realisierung der infan- 
tüm Sexualwünsche) zu ersetzen und die Sache bleibt unverändert. Wir 
werden jedenfalls dann, dass die von Adler seiner Methode gegebene 
Bezeichnung auf nichts hinweist, was ihr nicht mit der Iren dachen 
gemeinsam wäre, eine eminente Bestätigung der früher aufgestellten Be- 
hauptung sehen, ' dass hier nur unterschiede in den Resultaten, nicht in 

den Mitteln des Forschens, vorliegen. 

So können wir denn feststellen, dass die aufgeworfenen Fragen, 
ihre Beantwortung gefunden haben. Wir werden als wichtigstes Ergebnis 
de^Unt^nchu^Jaehen, dass es gelungen ist, aufzuzeigen, inwiefern die 
Methoden der aften und modernen Psychologen analoge sind, von denen 
seh de Betrachtungsweise der „Psychoanalyse" prinzipiell unterscheidet 
Dort e n Einteilen in Kategorien, hier ein Versuch der psychischen Kausalität 
^rniSbar nachzugehen 8 das ist die Formel, in die man die Differenz 
mm knapp bringen kann. Die Grösse dieser Differenz laset es einerseits 
als verSlich erscheinen, dass es der Psychoanalyse - die R.cbtigkei 
ThvJr Satae angenommen - möglich war, so viele bis dahin unbekannt 
Lebl ebene grundlegende Tatsachen des Seelenlebens aufzudecken Anderer- 
seits erklärt sie, wieso die Forscher beider Schulen bisher fast gans ich 
aneinander vorbei gearbeitet haben, ja sie läset es als gar nicht ra ich 
erscheinen hier einen Kontakt gewaltsam herzustellen, da die Resultate 
Tweier so verschiedener Methoden fast als intemmenswrabel ^n^ehen. 
werden müssen Dagegen ergab sich die völlige Einheitlichkeit der Psycho- 
Syse S Methode trotz der schon eingetretenen Dil erenz.erung m den 
Anschauungen über ihre Ergebnisse. Schliesslich fand auch die an sich 
wen ger wichtige Wertfrage ihre Beantwortung es ergaben sich _ über- 
wiegende Gründe - fast könnte man sagen die Notwendigkeit - für Bei- 
behaltung des älteren Gebrauches, der Bezeichnung Psychoanalyse. 



IV. 

Fortschritte der Traumdeutung. 

Von Dr. Wilhelm Stekel (Wien). 

III. 

Es wäre noch müssig, darüber zu streiten, ob der Psychotherapeut 
einen Traum ohne Hilfe des Träumers deuten darf. Ich glaube den Be- 
weis geliefert zu haben und kann es ganz bestimmt behaupten, dass 
beisielsweise die gaaze Todessymbolik im Traume uns bis heute noch 
unbekannt gewesen wäre, wenn wir an der Methode festgehalten hätten, 
auf die „beweisenden Einfälle" des Träumers zu warten. Allein 
Freud, der geistige Vater der analytischen Trauindeutekunst, gewiss die 
erste Autorität auf diesem Gebiete, hat erst vor kurzer Zeit in einer öffent- 
lichen Vorlesung diese Behauptung wiederholt. Wir kennen die Beharrlich- 
keit, mit der Freud seine Thesen verteidigt und fühlen uns doch ver- 
pflichtet, unseren Standpunkt zu behaupten. Der richtige Psychoanalytiker 
muss die Sprache des Traumes so kennen, dass er auch ohne Einfall 
das Traumgewebe durchblicken kann. Das ist leider nicht in allen Fällen 
möglich. Allein es wird bestimmt soweit kommen, dass wir es imstande 
sein werden. Ich kann schon heute bei der Mehrzahl der Träume wichtige 
Schlüsse auf die geheimen Traumgedanken ziehen. Ich hoffe nach einigen 
Jahren noch weiter zu sein. Und wie gewaltig ist die Hilfe, die ich 
dabei in der Analyse erhalte! Ich durchblicke den Widerstand, ich durch- 
schaue das lügnerische Spiel, das der Analysierte mit mir treiben will. 
Oder ich mache auf eine Deutungsmöglichkeit aufmerksam und der Strom 
der nachfolgenden Einfälle bringt das wichtige Material zutage. 

Es gehört grosse Übung dazu, um zu erkennen, dass die Methode, 
auf Einfälle zu warten, vom Kranken häufig in geschickter Weise aus- 
genutzt wird, um uns zu hintergehen. Vergessen wir das eine 
nicht, dass der Kranke uns immer wieder seine Über- 
legenheit und Unheilbarkeit beweisen will. Und die Asso- 
ziationsmethode ist ein wunderbares Mittel, um den Arzt auf Abwege 
zu leiten, ihn in die berüchtigte Sackgasse der versagenden Einfälle zu 
bringen, und über ihn zu triumphieren. 

Ich hatte einen Kranken, der zu Hause hundert Seiten Einfälle zu 
einem Traume aufschrieb. Die Durchsicht des Materials dauerte eine 

Woche /und der tatsächliche Effekt war lächerlich gering Der 

Neurotiker wirft dem Arzte einige Brocken gnädigst zu und frohlockt 
im Innern, dass er nicht entlarvt wurde. Wie selten kommen eigentlich 



Dr. Wilhelm Stekel, Fortschritte der Traumdeutung. 427 

Assoziationen, welche das wichtige Rätsel des Traumes enthalten! Am 
ehesten noch in den ersten Stunden und bei den ersten Analysen der 
Träume. Da lässt sich der Neurotiker noch überlisten. Aber dann bringt 
er schon die Träume in der heuchlerischen Absicht, den Arzt zu hinter- 
gehen. Da produziert er schon seine Einfälle so geschickt, dass sie 
nichts von den geheimen Traumgedanken verraten. Da arrangiert er 
Traumen, die nie existiert haben, Erinnerungen, welche keine Erinne- 
rungen, sondern nur Phantasien sind. Wehe dem Arzte, der alle 
Einfälle für haare Münze nimmt! 

Ich habe wiederholt Träume bei Ärzten analysiert, welche der Analyse 
kundig sind. Ich habe immer wieder gefunden, dass die 
Einfälle dazu da sind, um die Gedanken zu verbergen. 
Erst wenn ich den Träumer überführte, konnte ich wertvolles Material 
gewinnen Diese Behauptung werde ich demnächst an verschiedenen Bei- 
spielen 'belegen. Ich möchte hier nur einen Traum anführen, weil er 
uns in das komplizierte Thema der Religionssymbohk einführt. Ein an 
einem komplizierten Fetischismus leidender hoher richterlicher Funktionär 

träumt : 

IchkommezueinerVersammlungderUnterbeamten. 

Sie kümmern sich gar nicht um meine Awesenheit. Ich 
frage den Diener, was diese Versammlung zu bedeuten 
habe Er gibt mir erst keine Antwort und auf mein ener- 
gisches Drängen sagt er: „Was haben sie denn hier zu 
reden' Sie krähen ja wie ein Hahn." Ich merke mit 
Schrecken, dass ich alle Autorität verloren habe.... 
Nun lasse ich den Patienten die Einfälle zu diesem Traume bringen. 
Er weiss nur dass der Saal, wo die Versammlung stattfand, der Zeichen- 
saal der Mittelschule war. Damit ist die Reihe seiner Einfälle beendet. 
Was ihm zum Hahn einfalle? Er erzählt, eine Menge belangloser Ge- 
schichten aus der Kindheit. Auch zum Diener weiss er eine grosse 
Quantität wertlosen Materiales beizutragen. 

Nun hatte dieser Pat : ent schon einige Dienerträume, aus denen 
ich entnehmen konnte, dass es sich in diesem Traume um den Diener 
Gottes um einen Priester handeln musste. Ich verriet dem Träumer aber 
nichts 'von meinem Einfall und drang in ihn, mir eine Stelle zu nenne», 
in der der Hahn eine Rolle spiele. Er wusste keine. Da machte ich ihn 
auf die Stelle im Evangelium aufmerksam. „Wahrlich, ich sage dir: In 
dieser Nacht wirst du mich dreimal verläugnen, ehe der Hahn kräht. 

Nun strömen die Einfälle. Die Stelle hatte ihn immer mächtig 
ergriffen Und nun weiss er plötzlich, dass im Zeichensaal die sog. 

Meditationen" seines Religionslehrers stattfanden. Es tauchen Erinne- 
rungen an eine fromme Periode auf, die „verdrängt" waren. Predigten, 
in Senen die Schüler ermahnt wurden, das Heil der Seele zu rettea 
und die irdischen Güter zu verachten. Alle diese Predigten fanden im 
Zeichensaal statt. Und der Sinn des Traumes lautet: Ich habe jeden 
Glauben (alle Autorität) verloren. Dreimal habe ich meinen Glauben 
verläugnet. Aber Petrus tat es auch und wurde heilig. Die Kirche wird 
mir vielleicht verzeihen. Hier sehen wir zwei religiöse Symbole: Den 

Diener als Priester und den Hahn als Ausdruck der Reue über seinen 

Verrat. Er ist Atheist und Nietzscheaner. 



428 Dr. Wilhelm Stekel, 

Solcher Beispiele könnte ich viele anführen. Der Träumer prüft 
mit jedem Traume seinen Arzt. Findet der Arzt die Fährte, so kann er 
wieder ein Stück tiefer eindringen. 

Es gibt viele Träume, zu denen die Träumer gar keinen Einfall 
bringen, höchstens weitere Beschreibungen aus dem Traumbilde. Das ist 
besonders bei den funktionalen Träumen der Fall, welche die Träumer 
nie lösen helfen. Einen solchen Traum will ich hier anführen, weil er 
auch das Thema des Hahnes behandelt. 

Eine vierzigjährige schwer leidende Dame träumt: 

Ich komme in ein Zimmer, das das meine sein soll 
und mir doch so fremd vorkommt. Alles ist drinn so 
klein als wäre es ein Puppenzimmer. Aber alles lebt 
drinn. Die Stühle, der Tisch, die Bilder an den Wänden 
alles lebt. Ich merke auch, dass der Herr Hahn im 
Zimmer ist. Durch ein kleines Fenster sehe ich in eine 
weite blühende Landschaft. Ein grosser Tannenbaum 
steht vor dem Zimmer und benimmt mir einen Teil der 
Aussicht. Der Baum ist aber oben und unten bezeichnet, 
als ob er gefällt werden sollte. 

Wieder versagen alle Einfälle.' Der Herr Hahn, war ein Mann, 
der ihr den Hof gemacht hat und mit dem sie in guter Kameradschaft 
gelebt hatte. Es werden Erzählungen aus dieser Zeit vorgebracht. Damit 
ist das Traummaterial erschöpft. Wir haben aber schon gelernt, dass 
das Zimmer ein funktionales Symbol der Psyche darstellt. Sie betritt 
in diesem Zimmer das Puppenzimmer ihrer Erinnerung. Alles ist klein, 
weil alles in der Kindheit spielt und ihr so fern erscheint. Sie findet 
das Zimmer fremd, weil sie keinen bewussten Zugang zu diesen Er- 
innerungen hat. Und alles lebt! Das heisst: Alle diese Eindrücke der 
Kindheit sind noch in mir lebendig. Die Bilder der Vergangenheit sind 
in mir noch lebendig. Der Tannenbaum ist ein Symbol ihres Mannes, mit 
dem sie scheinbar in glücklicher Ehe lebt. Sie leidet an der perma- 
nenten Angst, er könnte sterben. Er ist im Traume „oben und unten 
gezeichnet". Er wird bald sterben. Ihre Neurose ist die Reue wegen 
ihrer Todeswünsche .... Soll ich noch erwähnen, dass die phallischen. 
Symbole (Hahn und Tanne) in diesem Zimmer eine Rolle spielen? Dass 
ein Missverhältnis zwischen ihrem kleinem Genitale und einem über- 
mässig grossen Phallus ihres Mannes besteht? Dass ihre Sexualität schein- 
bar erstorben ist und sie scheinbar anästhetisch ist? Zu all' diesen 
Tatsachen gar kein Einfall 1 

Auch dieser Traum hat eine religiöse Bedeutung. Sie ist ein Frei- 
geist. Sie hat den Ausgang ins Freie gefunden. Aber vor dem Fenster 
ihrer Seele steht ein mächtiger Baum und benimmt ihr die Aussicht. 
Es ist der Kirchturm und der Weihnachtsbaum! Weihnachten! Eine Fülle 
von wehmütigen Einfällen springt hervor, wenn wir diese Quelle mit 
unserem Einfall entzaubern. Einfälle an den toten Vater, an die hart- 
herzige Mutter, an ihre Frömmigkeit. Sie fühlt es, der schöne Kinder- 
glaube ist im Wanken. Der Tannenbaum benimmt ihr die Aussicht. Sie 
will frei sein und die Welt, die schöne Welt vor sich sehen. Und 
auch hier steht der Hahn für den Verrat. Sie hatte bei dieser Stelle 
in der Mathäuspassion von Bach immer bitterlich geweint. Auch sie 



Fortechritte der Traumdeutung. 429 

tat ihren schönen Glauben verraten. Einmal fand ich sie, die Frei- 
denkerin, während eines schweren Krampfanfalles mit einem Evangelium 
in der Hand. Es beruhige sie, in den Anfällen vom Leiden Christi zu 
lesen .... Ihre Neurose erwies sich als eine Art Märtyrertum. Ihr 
Magenleiden, das sie zu einer breiigen Diät verurteilte, war Askese. 

Ein wichtiges funktionales Symbol der Seele ist 
auch das Wasser. Freud hat die Behauptung aufgestellt, dass alle 
Wasserträume Geburtsträume sind und Rank hat diese Hypothese 
durch eine umfangreiche Mythenforschung zu stützen versucht. Ich komme 
aber immer mehr zur Überzeugung, dass die Wasserträume Träume von 
der eigenen Psyche sind. Diesbezügliches Material habe ich ja in meinem 
Buche „Die Träume der Dichter" mitgeteilt. Ich will hier nur einige 
Beispiele anführen. 

„Ich schwimme lustig in einem grossen Bassin. Be- 
sonders imponiert mir, was ich sonst ja nicht kann, 
dass ich tief untertauche und allerlei Muscheln und 
Tang an die Oberfläche bringe." 

Es handelt sich um einen Mann, der seine Kindheit fast ganz 
vergessen hat und dieses Vergessen als Mangel empfindet. Im Traume 
schwimmt er in dem Bassin seiner Seele und taucht mühelos in die Tiefen. 
Da dieser Patient bei Tage vollkommen versagt, so kann man den Schluss 
ziehen, dass er seine Einfälle nicht hergeben will. 

Eine andere Patientin träumt: 

„Ich stehe vor einem tiefen klaren Wasser. Ich will 
mich'in die Tiefe stürzen, da merke ich, dass sich das 
Wasser in eine grüne Wiese verwandelt hat." 

Sie will sich in die klaren Tiefen ihrer Seele stürzen. Aber der 
klare See verwandelt sich in einen grünen Rasen. Der grüne Rasen 
deckt die Gräber ihrer Erinnerungen. Die Patientin hat auch Wort ge- 
halten und während der Analyse sehr wenig Erinnerungen produzieren 
können. Dieser Widerstand stammt aus der Tendenz das kostbare Mate- 
rial der Jugend für sich zu behalten und keinem Fremden diese Ge- 
heimnisse zu zeigen. 

In ähnlichem Sinne möchte ich den folgenden Traum einer Patientin 
von Freud deuten. 

„In ihrem Sommeraufenthalt am . . . . See stürzt sie 
sich in das dunkle Wasser dort, wo sich der blasse Mond 
im Wasser spiegelt". 

Freud deutet, dieser Traum wäre ein Geb urts träum. Man 
müsse den Traum umkehren. Für „sich ins Wasser stürzen" sei zu 
lesen „aus dem Wasser kommen" d. h. geboren werden. Die Lokalität, 
aus der man geboren wird, erkenne man, wenn man an den mutwilligen 
Sinn von „la lune" im Französischen denke. Der blasse Mond sym- 
bolisiere den weissen Popo, aus dem nach einer infantilen Sexualtheorie 
das Kind stamme. Die Wiedergeburt durch die psychoanalytische Kur 
sei ein Wunsch der Patientin. Der zugrunde liegende Gedanke sei: Möge 
meine Kur, durch die ich neugeboren werde, in meinem Sommeraufent- 
halte am . . See fortgesetzt werden. 

Ich will hier die Richtigkeit dieser Deutung nicht bestreiten. Ich 
bezweifle, dass sie durch die unbeeinflussten Einfälle der Patientin er- 



430 Dr. Wilhelm Stekel, 

möglicht wurde. Ich möchte hei dieser Gelegenheit betonen, 
dass ich die Umkehrung in der Traumdeutung schon 
lange nicht mehr verwende. Ich stehe auf dem Standpunkte, 
dass der manifeste Trauminhalt dem erfahrenen Traumdeuter den wich- 
tigsten Inhalt verraten muss. Kontrollversuche mit Kollegen, die nach 
der Assoziationsmethode gearbeitet haben, haben mir die Überlegenheit 
meiner Methode immer wieder bewiesen. Ich kehre also keinen Traum 
um. Ich habe es offenbar nicht notwendig. Ich habe es nicht nötig zu 
diesen Kunstgriffen meine Zuflucht zu nehmen, welche die Deutekunst 
bei vielen Forschern diskreditiert haben, weil man schliesslich — so 
lautet ihre Behauptung — auf solche Weise alles in einen Traum hinein- 
interpretieren könnte. Doch kehren wir zum Traum der Patientin von 
Freud zurück. Ich sehe in diesem Traume nur eine Verhöhnung des 
Arztes. Das dunkle Wasser ist die Seele. Sie will sich erst 
im Sommer in das dunkle Wasser stürzen. Das heisst, sie will erst im 
Sommer, wenn Freud nicht in ihrer Nähe ist, die Erinnerungen und die 
nebenbewussten Regungen ins Bewusstsein zurückrufen. Und wo soll 
das geschehen? Gerade dort, wo sich der blasse Mond im Wasser spiegelt. 
Das ist nur so zu verstehen. Der blasse Mond ist Fl r e u d. Er ist ihr 
keine Sonne, die sie erwärmt und durchleuchtet, er ist ihr nur ein 
blasser Mond. Und was liest er in "ihrer Seele? Nur sein eigenes Bild, 
das sich auf der Oberfläche ihrer Psyche spiegelt. Der Traum lässt 
sich also folgendermassen übersetzen: Dir bringe ich keinen Einfall und 
keine Erinnerung. Ich warte, bis du auf Urlaub gehst und ich in der 
Sommerfrische bin. Da lasse ich mir alle die tiefen Gedanken einfallen, 
die dir verschlossen sind, weil du nur dein Ich in meiner Seele findest. 
Du liest nur das heraus, was du lesen willst. Du liest nur den sich 
spiegelnden Freud in meiner Psyche, nicht aber was noch tiefer ver- 
borgen ist. 

Wir sehen hier eine Verhöhnung des Arztes, die sich den Witz 
leistet, sich als einen Wunsch zur Fortsetzung der Kur im Sommer 
deuten zu lassen. Die andere Deutung mag als bipolares Gegenstück 
ebenfalls einer Regung ihrer Seele entsprechen. Aber die meine verrät 
die feindliche Einstellung zum Arzte, den Widerstand, die Tendenz 
den Mechanismus der Analyse in sich und mit sich abzumachen. 

Die Kenntnis dieser Symbolik ermöglicht uns das Verständnis des 
Gedichtes „der Fischer" von Goethe und des Tauchers von Schiller. 
Die Angst vor der Kenntnis der nebenbewussten Gedanken kommt auch 
im „verschleierten Bild von Sais" zum Ausdruck. 

Nun lasse ich einen wunderschönen Traum eines Studenten folgen. 
Er lautet: 

„Ich hatte heute nachts einen Traum, der mir 
trotz seines kindischen Inhaltes in lebhafter Erinne- 
rung geblieben ist. Ein lang mächtiger Strick ver- 
wehrte mir den Eintritt in mein Zimmer; bei der Tür 
hatte er seinen Anfang und wand sich dann durch 
schmale Spalten zwischen den einzelnen Parketten 
über den ganzen Fussboden hin. Ich musste mich der 
Mühe unterziehen diesen aufzuhaspeln, was mir bis un- 
gefähr zur Mitte des Zimmers gelang. Hier stiess ich 



Fortschritte der Traumdeutung. 431 

auf einen unentwirrbaren Knoten und bei der An- 
strengung diesen zu lösen erwachte ich. 

Der genannte Traum schliesst sich an folgende unmittelbar vor- 
ausgegangene Beschäftigung an: Der Träumer hatte ein Päckchen erhalten, 
das mit einer vielfach verknoteten Schnur zusammengebunden war. Diese 
aufzubinden bereitete ihm grosse Schwierigkeiten. 

Man könnte ja den Traum eine Wiederholung des Erlebnisses vom 
Vortage bezeichnen. Das entspräche nicht unseren Erfahrungen. Der 
Traum drückt in wundervoll plastischer Weise aus, dass die Erinnerungen 
wie ein Strick aufgehaspelt werden. Leider kommt der Träumer zu einem 
Knoten, wo sich die Gedanken verwirren. Solche Knoten hat jeder Neu- 
rotiker. Die Analyse ist die Kunst, diese Knoten zu lösen. Der Träumer 
denkt auch im Traume über die Lösung eines Problems nach, das für 
ihn grosse Bedeutung hat. Er findet, aber keinen Ausweg aus diesem 
Konflikte. Das Bild vom Labyrinthe, in dem sich Jason mit Hilfe eines 
Zwirnfadens zurechtfand, mag auch das Eindringen in das Labyrinth 
der Seele symbolisieren. 

Ein besonderer Typus von Träumen sind die, in denen das Be- 
wusslsein als eine hemmende Person dargestellt wird. Ich habe solche 
Träume vorher nie ganz verstanden und mir mit anderen Determinationen; 
geholfen. Es ist aber klar, dass die funktionalen Deutungen uns die 
wichtigsten sind, denn sie informieren uns direkt über Funktionen der 
Psyche. Wie erhellt sich der Sinn des Traumes, den ich jetzt mit- 
teilen werde, durch die Kenntnis der funktionalen Symbolik! 

„Ich will in einen wunderbaren Garten eindringen. 
Vor dem Garten steht ein Wächter und lässt mich nicht 
hinein. Ich sehe, dass sich Frl. Elsa drinnen befindet. 
Sie will mir über das Gitter die Hand reichen, aber der 
Wächter verhindert das, nimmt mich beim Arm und 
führt mich nach Hause, wobei er sagt: Seien Sie doch 
vernünftig! Sie wissen, dass Sie das nicht dürfen." 

Den Wächter habe ich früher als den Ehemann oder die Ehefrau 
aufgefasst. die den anderen Teil der Ehe bewacht. In diesem Traume 
stimmt auch diese Deutung. Der Träumer ist ein verheirateter Mann, 
der sich in das Frl. Elsa verliebt hat, ohne es sich einzugestehen. Der 
Sinn des Traumes wird ja sofort klar. Aber die zweite und wichtigere 
Bedeutung ist die des Wächters als Bewusstsein. Das Bewusstsein, oder 
wenn man will „die Summe aller Moralen und Hemmungen", die sich 
im Bewusstsein befinden. Das Bewusstsein verhindert das Durchbrechen 
feindlicher Wünsche und unmoralischer Handlungen. In diesem Sinne 
sind die meisten Wachmänner, Polizeibeamte, Gen- 
darmen des Traumes zu deuten. Ich will hier von weiteren 
Beispielen absehen und nun zu einem schönen Beispiele einer Darstel- 
lung der Neurose im Traume kommen. 

Ich habe schon in meinem ersten Artikel (im Heft I. dieses Blattes) 
über die Symbolisierungen der Neurose ausführlich gesprochen. Jetzt 
möchte ich nur ergänzen, dass Fetischisten sich häufig einen Fetisch 
wählen, der zugleich das Symbol der Neurose darstellt. Z. B. eine enge 
Hose, die tief ins Fleisch schneidet, wirkt als lusterzeugender Fetisch 
und stellt zugleich die Neurose durch ein plastisches Bild dar. Dem- 



432 Dr. Wilhelm Stekel, 

selben Zweck dienen enge oder weisse Handschuhe. In dem nächsteri 
Traume wird die Neurose resp. der Fetischismus als Handschuh darge- 
stellt Daraus erhellt die wichtige Mission des Fetisch, 
seinen Träger vor der Sünde zu bewahren, ihn vor dem 

Weibe zu schützen und die Lust auf Umwegen zu ver- 
schaffen. Der Traum des Fetischisten lautet also: 

Ichging Margaretezubesuc he n. Unterwegsgeschah 
etwa's wodurch die grauen Handschuhe, die ich trug, 
ganz schmutzig wurden. Im Garten ihres Hauses be- 
gegnete ich Margaretens Mutter. Sie gab mir ein Stuck 
Seife um damit die Handschuhe zu reinigen. Ich seifte 
die Handschuhe ein, konnte aber kein W asser finde n , 
um den Seifenschaum von ihnen abzuwaschen. Ich ging 
also mit den eingeseiften Handschuhen in die Wohnung 
und fand im Speisezimmer Margarete und die ganze 
Familie. Der Onkel M. Z. erschien mir so klein, wie ein 
fünfjähriges Kind. Nach der Begrüssung sagten sie mir, 
ich könnte im Nebenzimmer beim Klavier Wasser zum 
Reinigen meiner Handschuhe finde... Ich ging auch hin 
und habe dort eine - Wasserleitung gesehen Ich 
habe die Handschuhe nicht gewaschen, sondern habe 
sie zuerst mit einer rosafarbigen Pasta c i ngeschmi er t 
und habe dabei auf der lichten Brokaldecke des Klaviers 
grosse Rosaflecke gemacht. Das war mir sehr peinlich.. . 
Dann habe ich die Handschuhe wahrscheinlich ge- 
wasche Q." 

Durch den ganzen Traum geht das Motiv, die schmutzigen Hand- 
schuhe zu waschen. Die Handschuhe symbolisieren hier seine Neurose, 
die ihm die Abstinenz gewährleistet. Er hat sich innen vollkommen rein 
bewahrt. Der Schmutz traf nur die Oberfläche. Er ist auch im Innern 
gläubig, was die weitere Deutung des Traumes besagt. Der 1 raumer 
findet im Traume die ganze heilige Familie. Margarete heisst auch Maria, 
die kleine Exzellenz" ist das Jesukindloin, die rosenfarbige Pasta 
ein Symbol des Glaubens, wie das Klavier. Die Musik ist das emzige 
Band das ihn im Bewusstsein mit der Kirche verbindet. Der Glaube 
(das Klavier) hat eine Wasserleitung. Der Glaube kann alle seine Sunden 
reinigen Freilich er kann sich nicht fleckenlos vorstellen. Die Brokat- 
decke ist ein Messgewand. Doch sehen wir von der komplizierten Rehgions- 
symbolik ab, die ich aus anderen Träumen überzeugender darstellen kann, 
so bleibt die Darstellung des Fetischismus als äussere Decke, als Haut, 
sehr bemerkenswert. Die kleine Exzellenz in Uniform ist eine wunder schone 
Symbolik. Die Uniform symbolisiert die alles gleichmachende Nacktheit. 
Die Exzellenz deutet den hohen Rang des Kindleins an. Alle hohe Per- 
sonen im Traume, der General, der Oberst, der Kaiser können die Gott- 
heit symbolisieren. 

„Ich sehe den General N. in einer goldstrahlenden 
Uniform. Er sieht mich strenge an und fordert von mir 
einen Generalbericht über die letzten Gefechte. Ich bin 
verwirrt und stottere unzusammenhängen de Worte. Aus 
diesem Traum erwache ich mit grosser Angst." 



Fortachritte der Traumdeutung. 433 

Hier symbolisiert der General N. die Gottheit, die einen Bericht 
über die Kämpfe des Lebens verlangt. Einen grösseren derartigen Traum 
werden wir noch analysieren-. 

Ein an einer Christusneurose Leidender träumt: 
Einige Personen, unter diesen ein Bösewicht. Diese 
haben eben die Hände aufeinander gelegt und mit einem 
„rossen Nagel durchstochen. Zuletzt war es nur der 
Bösewicht, der frei war. Ein dritter durchsticht ihm 
die Hände Ich denke mir, dass der Schmerz sehr gross 
sein muss, so stark, dass er ihn beinahe nicht fühlt." 

Die verschiedenen Personen sind Abspaltungen seines Ichs, die er 
alle in der Neurose als verschiedene Identifizierungen vereinigt hat. Er 
hat sich ans Kreuz der Neurose geschlagen. Aber Satan (der Bösewicht) 
war noch frei. Das Böse in ihm ist lebendig und er beeilt sich, es zu 
fixieren. Er leidet wie Christus und ist offenbar stolz auf alle Leiden, 
welche er sich durch die Neurose auferlegt. 

Die nächsten Träume stammen von einem kranken Arzte, der sich 
durch allerlei Zwangsvorstellungen und Zwangshandlungen für seine bösen 
Gedanken bestrafte. Er träumte in einer Nacht die folgenden Traume: 
Ich ging mit Unterbrechung der Kur für die Oster- 
feiertaee nach Hause. Ich sollte auf Anraten des Dr. Stekel 
in einer mit der Kur zusammenhängenden Frage mit 
unserem Hausarzt sprechen. Mein Vater soll te mich zum 
Hausarzt begleiten und wir besprachen, uns um eine 
8eW i S se Stunde auf der Strasse zu treffen. Ich wartete 
in einer Strasse, die nicht zu der Wohnung des Haus- 
arztes führt in der wir aber vor 20 Jahren wohnten. 
Der Vater kam aber lange Zeit nicht und ich dachte da- 
rüber nach, wie ich meine Bitte dem Hausarzt verständ- 
lich machen soll, da ich früher nie über die Krankheit 
mit ihm gesprochen habe und ihm Näheres über die 
Krankheit mitzuteilen nicht geneigt bin." 

Ich dachte oder träumte dann — ich weiss nicht 
mehr"— ich hätte mit meinem eigenen Sohn gesp to che n. 

Der Bub war klein im Alter von zehn Jahren. Er stellte 
an mich Fragen über Religion. Ich trachtete ihn auf- 
zuklären und die Unrichtigkeit der katholischen Dog- 
men klar zu machen. Er stellte mir aber Fragen, die 
ich nicht recht beantworten konnte.. Ich dachte mir 
auch was geschehen würde, wenn der Bub in der Schule 
erzählen würde, dass sein Vater seine religiöse Er- 
ziehung in solcher Weise beeinflussen wollte. 

Im ersten Traume stellt der Hausarzt eine Symbolisierung des 
Glaubens und des Beichtvaters dar. Der Kranke hat seit 20 Jahren 
nicht gebeichtet und will dies in den Osterfeiertagen tun. Der zweite 
Traum bringt Daten über seine fromme Periode. Er war mit zehn Jahren 
sehr fromm In diesem Traume stellt ihm das Kind Fragen, die er nicht 
beantworten kann. Die Szene erinnert an die bekannte aus dem neuen 
Evangelium, Jesus im Tempel setzt die Schriftgelehrten durch seine Weis- 

ZentndblAtt für Psychoanalyse 111 8 /*. 29 



434 I>r. Wilhelm Stekel, 

heit in Erstaunen. Das Kind symbolisiert den jungen Christus. Zu be- 
merken ist, dass der Träumer sich seiner Frömmigkeit nicht bewusst.ist. 

Ähnlich wie der Glaube als Arzt symbolisiert ist, kann er auch 
als Freund erscheinen. 

„Ich treffe meinen alten Freund X. Er sagt mir: 
Willst du mit mir in die Kirche gehen?" 

Etwas komplizierter ist die Religionssymbolik in dem nachfolgenden 
Traume. Er stammt von einer an Depressionen leidenden Dame, welche 
einst beim Theater war und nun als Maitresse eines reichen Mannes 
lebt. Sie stammt aus einer tiefen Schichte der Gesellschaft und hat sich 
aus den niedersten Anfängen hinaufgearbeitet. Sie war schon als Kind 
eine Dirne. Sie lief älteren Männern nach und leistete ihnen allerlei 
Liebesdienste. Das Geld brachte sie der Mutter oder vernaschte es. Im. 
Alter von achtzehn Jahren erlebte sie ein schweres Trauma. Sie wurde 
zur Polizei gebracht und dort untersucht, ob sie gesund sei. Es wäre 
angezeigt worden, dass sie geheime Prostitution treibe. Sie hatte damals 
einige Verhältnisse, aber die meisten nur aus Liebe. Darunter eines mit 
einem Offizier, das durch ihr ganzes Leben spielt. Später wurde sie 
öffentliche Prostituierte in einem Hause, in dem nur „feine Kundschaft" 
verkehrte. Ein hochstehender Mann lernte sie dort kennen und beschloss 
sie zu retten. Er liess sie ausbilden. Sie hatte eine schöne Stimme 
und kam zum Theater, wo ihr alles eine grosse Zukunft prophezeite. 
Beim Theater brach sie plötzlich mit merkwürdigen Nervenanfällen zu- 
sammen. Sie lebte seit damals still zurückgezogen als Geliebte dieses 
hochstehenden Mannes. Der Offizier, der sie die ganze Zeit verfolgt 
hatte, machte ihr einen Heiratsantrag. Sie forderte vom Freunde die 
Kaution, die ihr der Freund nicht geben wollte. Er schilderte den Offizier 
als Säufer, sie werde unglücklich sein, auch werde man ihr die Ver- 
gangenheit vorwerfen, vielleicht werde der Offizier nicht die Erlaubnis 
zur Heirat erhalten usw. Nach dem Offizier kam eine heisse Liebe mit 
einem verheirateten Mann, die ihre Sexualität am meisten befriedigte. 
Er war ein roher Mensch, ein Trinker und Spieler, der sie mit dem 
Revolver bedrohte, aber sie war in seinen Armen glücklich. Eines Tages 
kam er nicht mehr. Er wurde von seiner Familie in ein Sanatorium ge- 
steckt und sie verfiel immer mehr in eine Depression, wegen der sie 
in meine Behandlung trat. Sie träumte nun folgenden Traum: 

„Ich bin in einem kleinen niederen Kahn auf einem 
Riesenwasser gefahren. Mit einer Geschwindigkeit, 
wie ein Torpedoboot. Nach einiger Zeit befand ich mich 
oben in einem hohen Leuchtturm. Ich war in grosser 
Rosatoilette, dekolltdertem Kleid un'd hatte viel Schmuck 
an.. Ich sah ringsherum auf die Wasserfläche. Mit einem 
Male habe ich das Gefühl, als wenn jemand hinter 
mir auf mich zukommen wolle. Ich drehe mich um, sehe 
einen Mann und denke mir: „Aha, das ist der Seeräuber 1" 
Ich beeile mich rasch aus dem rechten Ohr das Ohr- 
gehänge herauszunehmen und neige den Kopf tief nach 
links, damit er das Ohrgehänge nicht sieht. Er sagt da- 
rauf: „Ja, ja, das will ich." Er kommt auf mich zu und 
nimmt das Ohrgehänge aus dem Ohr heraus, nimmt die 
Halskette herunter. Währenddem schreie ich: „Toni, 



Fortschritte der Traumdeutung. 435 

komm rasch, komm rasch I" Ich schrie einige Male. Toni 
liegt im flachen Wasser und schläft. Das Wasser reicht 
ihm bis zur Hüfte. Der Räuber zückte auf mich drei 
Messer. Mit einem Male kommt ein Wachmann und er hält 
ihm das dritte Messer entgegen. Ich schau das Messer 
anund sehe, dasistganzstumpf, wieein Austernmesser, 
rund, stumpfundohneSpitze. Ichschreie darauf: Fürch- 
ten Sie sich nicht, das Messer ist stumpf! Der Wach- 
mann geht auf den Mann zu und windet ihm das Messer 
aus der Hand. Auf einmal sehe ich den gefesselt. Ich 
gehe dann mit dem Wachmann hinunter und wie ich zum 
Treppenkorridor komme, sitzt er gefesselt da und ich 
lache ihn an und sage: Enjoy jour seif! Auf der Treppe 
begegneich dem Toni, der ganz gemächlich hinaufkommt 
und ich rufe ihm zu: Na, du mit deiner Laxität, bis du 
kommst, derweil kann man ein paarmal umgebracht 

sein." 

Die Kranke steht zwischen zwei Strömungen. Die eine verlangt 
von ihr schrankenlose Liebe und Genuss, die andere geht den Weg zur 
Ehe und Ehrbarkeit. Sie hatte eine Köchin, welche sie zur Frömmigkeit 
bekehrte und mit ihr eine Wallfahrt nach Rom machte. Sie hatte sich 
aus den Wellen der Leidenschaften auf einen Leuchtturm gerettet. Dieser 
Leuchtturm symbolisiert hier den Glauben. (Die zweite Deter- 
mination eines Spermatozoentraurnes in der von Herbert Silberer 
gewürdigten Bedeutung ein neues Leben zu beginnen, können wir hier 
nicht weiter verfolgen.) Sie hat sich auf den Turm des Glaubens ge- 
rettet und ihr Schmuck ist ihre Ehre. Sie hajt sie noch nicht verloren, 
sie hat sie (aller Welt sichtbar!) noch zu verlieren. Es erscheint ein 
Mann — der grosse Gegner ihres Lebens, der sie immer zur Sünde 
verleitet hat. Diesmal will sie ihren Schmuck (Ohrgehänge, Verlegung 
von unten nach oben!) besser verteidigen. Trotzdem sie nach dem rätsel- 
haften Toni, zu dem ihr kein Mensch ihrer Bekanntschaft einfällt, 
ruft wird sie ihres Schmuckes beraubt. Allerdings Lust ohne Schuld. 
Gegen einen Seeräuber kann man sich nicht so leicht wehren! Toni 
liegt aber im flachen Wasser und schläft. Aber ihr Bewusstsem, ihre 
Moral (der Wachmann) halten scharfe Wache. Sie fürchtet das Messer 
(in deutlich phallischer Form!) nicht, sie entwindet dem Manne seine 
Waffe, sie fesselt ihn und gibt ihm den Auftrag „Enjoy jour seif!" 
Das heisst: Ohne Weib (Onanie?). Hier bemerken wir einen Durchbruch 
ihrer homosexuellen Tendenz. Sie überwindet den Mann, den wilden 
Räuber in sich, das Tierische. Allerdings erhält dann Toni bittere Vor- 
würfe im Wiener Dialekt. 

Doch wer ist dieser rätselhafte Toni, der halb im Wasser liegt? 
Wohl ein merkwürdiges Beispiel der Religionssymbolik. Die Symbolik 
religiöser Strömungen zeigt uns immer zwei Tendenzen : Die Unterwerfung 
und den Spott, bald die eine, bald die andere stärker hervortretend. Toni 
steht hier für den heiligen Antonius, den Schutzpatron dieser 
Kranken, die sein Bild über ihrem Bette hängen hat. Da der heilige 
Antonius den Fischen gepredigt hat, ist auch verständlich, warum er 
halb im Wasser liegt 1 ). Ist aber das Wasser das Symbol der Seele, 

i) Ihr fällt nachträglich ein, da88 sich im Wasser der blaue Himmel spiegelt 

29« 



436 Dr. Wilhelm Stekel, 

so verstehen wir, dass es ihr mit der Frömmigkeit nicht sehr ernst ist, 
sie steckt nicht sehr tief in ihr. In diesem Traume macht sie sich über 
ihren Schutzheiligen lustig. Sie hat sich selbst geholfen. Sie ist selbst 
mit dem Seeräuber (Seelenräuber) fertig geworden. Der letzte Zuruf heisst : 
Wenn ich auf die Hilfe des heiligen Antonius warten sollte, wäre meine 
Tugend längst verloren. Der Traum macht also ihre ganze Vergangen- 
heit hinfällig. Es ist ein schönes Beispiel der „Annullierungstendenz" 
die beim Neurotiker eine so bedeutsame Rolle spielt. Wie muss aber 
der Traum ihr Selbstgefühl erhöhen, wenn sie mit den Männern allein 
fertig wird, wenn der so heiss verehrte Priap für sie eine stumpfe 
Waffe wird! Ihr Glaube hat geschlafen, als sie ihren höchsten Schmuck, 
die Unschuld, verloren hatte. Sie braucht aber keinen Glauben. Ihr 
Gewissen, ihr Bewusstsein (der Wachmann!) hält scharfe Wache. Sie 
lacht über alle Männer und dem Rufe „Enjoy jour seif!" entspricht ein 
zweiter, der herauszulesen ist: Hilf dir selbst! 

Andere Träume sind offener, so die beiden nun folgenden einer 
Frau aus dem Volke, die seit mehreren Monaten an Depressionen und 
Platzangst leidet: 

„Ich gehe auf die Gasse. Da fliegen Besen, eigent- 
lich nur ein Besen herum. 'Der verwandelt sich in den 
Teufel." 

Oder: „Ich bin in K. Da ist ein Kaufmann, an dessen 
Geschäft ich vorüberging. Es war als ob er auf mich 
böse wäre. Als wenn er mich schimpfen würde. Ich bin 
durch eine Türe, wie durch ein Durchhaus und dort habe 
ich mich umgedreht und habe ihn so mit der Hand ge- 
droht. Er ist dann nach und hat mich verfolgt. Ich bin 
ihm davongeflogen. Ich hatte riesige Angst. Dann wars 
als wie ein Sack auf der Brust und ich habe es mit Ent- 
setzen weggeworfen. Ich hatte den Gedanken, der Sack 
wäre entweder eine Hexe oder der Teufe 1." 

Hier sehen wir die Versuchung als Teufel auftreten. 

Eine wunderschöne Verschmelzung religiöser Symbole und eines 
funktionalen Symbols zeigt der nächste Traum. 

„Ich bin in der Religionsstunde und der Professor 
will mich etwas prüfen. Ich kann mich an wichtige Tat- 
sachen nicht erinnern. Dann trägt er sehr interessante 
Dinge vor. Ich schreibe sie alle in ein Notizbuch, das 
ich in die Lade fest versperre." 

Wir sehen hier die bekannte Prüfung vor Gott. Der Träumer hat 
alle seine Sünden vergessen. Eine leicht begreifliche Wunscherfüllung. 
Interessanter ist die Episode mit dem Notizbuch. Das Notizbuch sym- 
bolisiert, wie viele Bücher im Traume, die Erinnerung. Die Lade das 
Gehirn. (Er sperrt alle Erinnerung in sein Gedächtnis!) Er hat viele 
wichtige Eindrücke in den Religionsstunden empfangen, die er nicht ver- 
raten will. Er hat seine geheime Religion, von der sein Bewusstsein 
nichts wissen darf. 

Es folgt nun: Der Traum von der Uhr. 
Eine Dame träumt: 



Fortschritte der Traumdeutung. 437 

„Meine Uhr war verdorben. Die Zeiger waren ver- 
bogen. Ich zeigte sie jemanden und sagte: Ich werde 
zum Uhrmacher gehen müssen. Er muss mir frische 
Zeiger machen." 

Sie ist keine Jungfrau mehr. Sie wurde in der Kindheit von einem 
Knaben defloriert. Der Uhrmacher ist der liebe Gott. Die be- 
kannte Ballade von Löwe „Die Uhr", in der Gott als Meister (Uhrmacher) 
angeredet wird, war das Lieblingslied ihres Vaters. Die Uhr ist aber 
auch das Herz und ihr Glauben. Sie will wieder fromm und rein sein. 
Gott soll ihr helfen. 

Dieselbe Frau, deren Träume eine sehr durchsichtige Religionssym- 
bolik zeigen, träumte auch: 

„Ich bin zu einem Fleischhauer gegangen. Ich habe 
Speck eingekauft. Der Weg war sehr lang und schwierig. 
Ich ging auf einer langen, schmalen Mauer unsicher wie 
auf einem Seile. Der Fleischhauer fragte mich, warum 
ich nicht komme und ich habe ihm versichert, dass ich 
öfters kommen werde. Dann war es mir, als ob ich auf 
einer Mauer oben sitzen würde. Vis ä vis hat ein Mädel 
ein Bild heruntergenommen. Ein grosses Bild in einem 
viereckigen Goldrahmen. Ich fürchtete, sie werde mit 
dem Bilde herunterfallen. Und zugleich denke ich, das- 
selbe kann dir, wie dem schönen blonden Mädchen 
passieren. Ich stürzte dann und hatte eine wollüstige 
Empfindung wie bei einer Umarmung " 

I. Nachtrag: ,,Die Mauer war weiss wie frisch ge- 
strichen. Vor einem alten Haus. Wie eine Ruine. Vis ä 
vis, wo das Mädel herauskam, da war ein grosses dunkles 
Loch, an dem hat. sich das Mädel angehalte n." 

II. Nachtrag: „Das Mädchen kam aus dem dunklen 
Loche und klammerte sich an das Bild. Ich fürchtete, 
das Bild wird für das Mädchen zu schwer sein. Die Mauer 
ging eigentlich schräg nach aufwärts, wie eine Leiter. 
Sie ging so hoch hinauf, dass sie sich in den Wolken ver- 
lor " 

Die Deutung wird verständlich, wenn man erfährt, dass der -Fleisch- 
hauer, ein starker Mann, ihr unzüchtige Anträge gemacht hat. Da ihr 
eigener Mann impotent ist, so verfolgten sie die derben Worte des rohen 
Menschen, der im ganzen Städtchen als „Steiger" bekannt war. Das 
blonde Mädchen ist eine Bekannte, die ein Kind vor der Hochzeit hatte 
und dann mit einem reichen Herrn in wilder Ehe lebte. Sie hiess Marie. 
Damit leiten die Gedanken zum grossen Bild, einem Marienbild. Der 
Glauben soll sie vor dem Speck des Fleischhauers schützen, er solle 
sie vor dem Falle bewahren. Allein man fällt auch mit dem Glauben, das 
beweist ihr die Freundin Marie, die immer sehr fromm war und in einem 
Kloster erzogen wurde. Die Mauer führt wie eine Himmelsleiter in die 
Höhe bis in den Himmel .Sie will aber lieber fallen wie das blonde 
Mädel, das zugleich ein Bild ihrer eigenen Jugend darstellt. 

Der erste Traum einer anderen Patientin: 

„Ich träumte, dass Dr. Stekel sagte: Der Mensch 
müsse ine Religion habe n, einen festen Glauben an eine 



438 Dr. Wilhelm Stekel, 

Gottheit. Ich sah dann, dass sie mir irgend jemanden 
als diese neue Gottheit vorgestellt haben. Darauf wollte 
ich anfangs nicht eingehen. Dann haben sie mir einen 
anderen Götzen gezeigt und mit einer solchen Eindring- 
lichkeit erklärt, dass ich mich unbedingt zu diesem 
Glauben bekennenmüsse, wasichauch dann versprochen 
habe. Dies erzählte ich meinem Mann, dass ihre Be- 
handlungsmethode in dieser Form besteht und dass ich 
Angst hätte, sie nochmals aufzusuchen.'* 

Ich habe mit der Patientin noch gar nicht gesprochen. Der Traum 
ist gar nicht von meinen Anschauungen beeinflusst. Sie leidet an einer 
heftigen Depression und stellte sich mir mit den Worten vor: Ich weiss 
nicht, warum ich so traurig bin und weine. Ich liebe meinen Mann 
und bin so glücklich in der Ehe, wie keine zweite Frau 

Die Analyse ergab, dass sie einen anderen Mann lieben wollte, 
aus Rache, weil ihr Mann ihre Individualität vollkommen unterdrückte. 
Ihr Mann war ihr Gott. Sie hatte Angst, dass ich ihr ihre Gottheit rauben 
werde. Also ein religiöser Traum, der gar kein religiöser ist. Sie muss 
an ihren Mann glauben, wenn sie glücklich sein soll. Sie muss lieben. 
Ihre Liebe ist gestorben und sie sucht einen anderen Götzen. Sie unter- 
legt mir im Traume ihre Gedanken, was die Patientin ja so gerne 
machen. Die bekannte Phrase ,,Ich weiss, was sie sich dabei denken" ist 
eine häufige Form des Geständnisses. 

Nun zum Schlüsse der Traum einer an Platzangst leidenden Dame: 

„Es war als wenn ich nach Hause gehen würde. Die 
Strasse war furchtbar finster. Ich denke mir: Schau 
jetzt ist es so finster und es ist ja nicht so spät. Man 
konnte kaum den Weg sehen. Da sind zwei Hunde gelaufen 
gekommen.. Der eine ist auf mich gesprungen und ich 
habe ihm alte Semmeln hingeworfen, die ich im Sack 
hatte, weil ich mich vor ihm so gefürchtet habe. Ich kam 
bis zu einem Platz. Dort waren drei Hotels. Dann bin 
ich weiter und kam in eine kleine Kapelle, die war innen 
ganz mit Holzbalken so ausgelegt. Auf so einem Holz- 
balken sass ein kleiner Bub in einem Ministrantenkittel 
(einem weissem Chorhemd) zusammengekauert. I c h h a b e 
mich darüber gewundert. Mitten in der Nacht ein Bub 
da? Da bin ich wieder fort, da hat sich mir ein Mann an- 
geschlossen. Wir kamen in eine grosse Kirche. Mir war 
als wenn der Mann Absichten hätte. Da habe ich fürch- 
terliche Angst gehabt." 

Die sexuelle Symbolik ist ja den Kennern der Traumdeutung ver- 
ständlich. Darüber will ich kein Wort verlieren. Aber die Religions- 
symbolik ist sehr interessant. Der kleine Knabe im Chorhemd^ in der 
Nacht, der auf einem Holzbalken sitzt, ist das Jesukindlein. Sie kämpft 
einen schweren Kampf zwischen Versuchung und den Hemmungen der 
Religion. 

Wir können wiederholen: Kinder im Traume, besonders Kinder in 
Nischen, und mit sonderbaren Kopfbedeckungen können das Jesukind dar- 
stellen. Bilder, besonders grosse Bilder in Goldrahmen, die sich erleuch- 



Fortschritte der Traumdeutung. 439 

ten usw. symbolisieren Heiligenbilder, besonders Marienbilder. Lehrer, 
Kaiser, Kommandanten, alle Autoritäten können für Gott stehen. 

Zum Schlüsse dieser kleinen Serie, die ich bald fortsetzen werde, 
ein interessantes Symbol „Der schräge Balken". Männer träumen 
oft, dass sie in ihren Wanderungen gehemmt werden, weil ein schräger 
Balken sie hindert. Der Balken ist ein phallisches Symbol. Das heisst: 
Sie sind homosexuell und das hindert sie bei heterosexuellen Akten. 
Ein wunderschönes Beispiel aus dieser Art von Träumen will ich hier 

mitteilen : 

„Ich soll einem Mädchen nachlaufen, das sich vor 
mir auf der dunklen Strasse bewegt, Ich sehe sie nur 
von hinten und bewundere ihre schönen Formen. Mich 
erfasst eine mächtige Begierde, ich renne ihr nach. 
Plötzlich springt wie aus einer Feder ein Schlagbaum 
über die Strasse und versperrt mir den Weg. Ich er- 
wache mit Herzklopfen " 

Andere derartige Träume schildern den Balken, eine Säule, oder 
auch ein schräges Gitter, einen Stock, eine Eisenstange als schwer zu 
überwindendes Hindernis. 

Dieses schräge Hindernis kann in anderen Fällen auch das 
„Hymen" repräsentieren, besonders in den Fällen, in denen eine 
Angst vor dem Weibe besteht. — — — 

Als letzten Traum dieser Beihe lasse ich nun den folgenden an neuen 
Symbolen reichen folgen: 

„Fin Friseur bindet mich mit Ketten. Er legt mir 
Fesseln an die Hände und Beine, so dass ich nicht fort- 
laufenkann. Er sagt: Dukannst bei mir nur frühstücken. 
Ich eile ihm nach, wobei mich die Ketten nicht hindern. 
Ich fühle grosse Liebe zu ihm und will ihn umarmen. 
Aber auf der Gasse liegt ein grosser gelber Balken. Über 

den komme ich nicht hinweg." 

Die Deutung wird verständlich, wenn man weiss, dass der Patient 
seinen Vater hasst, weil er ihn hatte „beschneiden" lassen (Friseur!). 
Er vergöttert aber auch den Vater (bipolare Einstellung), der ihn durch 
Liebe an sich gefesselt hat. Er möchte sich frei machen und das 
Elternhaus verlassen, er weiss aber, dass er seinem Vater damit wehe 
tut. Auch das F r ü h s t ü c k ist ein häufiges Symbol in einer merkwürdigen 
Bedeutung: Menschen, die ihren geliebten Gegenstand nicht ganz besitzen, 
träumen, dass sie mit ihm frühstücken. (Auch ein Hinweis auf die Liebe 
in früher Kinderzeit.) Wenn wir diesen Traum übersetzen, so heisst er 
eigentlich: Mein Vater, der Jude, der mich zum Juden gemacht hat, bindet 
mich mit seiner Liebe, so dass ich nicht von ihm loskommen kann. Doch 
was er mir an Liebe bietet, ist sehr wenig. Zwischen uns steht das Ge- 
spenst der Homosexualität. 

Das Symbol „In Ketten legen" als eine Fesselung durch Liebe 

kommt sehr häufig vor. 

In den nächsten Aufsätzen sollen noch viele neue Auflösungen 
materialer Symbole neben der weiteren Aufhellung der funktionalen folgen. 

(Fortsetzung folgt.) 



Mitteilungen. 



Zwei sexual-symbolische Beispiele von Zahnarzt- 
Träumen. 

Von Isidor H. Coriat M. D. Boston, Mass. U. S. A. 

Im Verlauf der Analyse zweier. Fälle von Zwangsneurose mit Angst- 
anfällen, in welchen ein Ödipuskomplex und sexuelle Phantasien von 
masochistisch-sadistischem Charakter zutage traten, zeigte sich in jedem 
Falle ein interessanter Zahnarzt-Traum *). Man weiss durch die Psycho- 
analyse der Träume, dass Zahnarzt-Träume den Akt der Masturbation 
symbolisieren. Dass ein solcher Traum auch den Wunsch sexueller Potenz 
darstellen kann oder eine kindliche Geburtsphantasie symbolisiert, ist 
weniger bekannt, und aus diesem Grunde scheint es angezeigt, folgende 
Träume wiederzugeben. 

Im ersten Fall wurde während des Traumes kein Schmerz empfunden. 
Im Licht der Analyse bekam diese Schmerzlosigkeit wichtige Bedeutung. 
Der Traum war sichtlich egozentrisch und betraf Dinge von hohem persön- 
lichem Interesse, das heisst grosse seelische Konflikte und unbewusste 
sexuelle Wünsche, während das darin enthaltene Symbol genau definiert 
wurde. Oberflächlich betrachtet erschien der Traum unbedeutend, aber die 
Analyse offenbarte seine verborgene Bedeutung, nämlich eine maskierte 
persönliche Wunscherfüllung. 

Der Patient träumte, dass er beim Zahnarzt sässe, 
der damit beschäftigt war, ihm einen hohlen Vorder- 
zahn zu füllen. Weder Zahnarzt noch Patient konnten 
sich die vollkommene Schmerzlosigkeit des Zahnes er- 
klären. Um den Zahn zu füllen, benutzte der Zahnarzt 
eine Glasröhre, ein Instrument, das wie eine grosse 
Pravaz-Spritze aussah. Während der Behandlung brach 
die Röhre plötzlich entzwei und der Patient bekam den 
Mund voll kleiner Glassplitter. Da er fürchtete von 
dem Glas zu schlucken, spuckte er die Splitter aus. In 
diesem Moment erwachte er mit Erbrechen. 



>) Eine vollständige Analyse dieser Fälle mit besonderem Hinweis auf den 
Ödipus-Komplex findet sich in meiner Arbeit: .Der Ödipus-Komplex und die Psycho- 
Neurosen", Fall II und III. Journal Abnormal Psycbology, Vol VII, Nr. 3, 1912. 



leidor H. Coriat M. D., Zwei sexual-symbolische Beispiele von Zahnarzt-Träumen. 441 

Die Analyse enthüllte die Tatsache, dass der Patient in der letzte' 
Zeit beabsichtigt hatte, seine Zähne in Ordnung bringen zu lassen. Dies 
rief den Traum hervor, der uns das Beispiel eines sexuellen Symbols 
gibt. In dem Traum kommt eine merkwürdige Verschiebung vor, die darauf 
beruht, dass der Patient fähig war, die Höhlung seines Zahnes selbst 

zu sehen. 

Dies stellte sich als Erinnerung an seine Wissbegierde in der Kind- 
heit heraus, weibliche Genitalien mit folgender sexueller Erregung sehen 
zu können. Während des Traumes hatte er die Empfindung, dass der 
Zahn tot wäre, da er keinen Schmerz fühlte. Jahre hindurch hatte der 
Patient sexuelle Erregung durch sadistisch-masochistische Akte erzeugen 
können, die immer eine Ejaculatio praecox hervorriefen. Aus zwei Gründen 
hat er wenig normalen Verkehr gehabt, erstens weil sexuelle Erregung 
auf abnorme Weise durch passive oder aktive Grausamkeit hervorgebracht 
werden konnte und zweitens, weil seine Versuche einen Verkehr zu unter- 
halten nur teilweise erfolgreich waren wegen der Ejaculatio praecox, ent- 
standen durch sexuelle Hyperästhesie. Als Resultat dieser abnormen 
sexuellen Neigungen entwickelte sich bei dem Patienten die Furcht, dass 
er entweder sexuell schwach oder ganz impotent wäre. Durch seine vor 
kurzem stattgehabte Verlobung hatte sich diese Furcht wesentlich ge- 
steigert, da er fühlte, dass seine abnormen sexuellen Neigungen und 
Akte ihn zur Ehe unfähig gemacht hatten. 

Die Höhlung in seinem Zahn war unempfindlich, weil sie die Vagina 
darstellen sollte, die auch nicht sehr empfindlich ist. Die Glasspritze 
(Penis) zerbrach, ehe die Zahnhöhlung (Vagina) gefüllt war, eine Art 
maskierter prämaturer Emission. So war das Füllen des Zahnes und das 
Zerbrechen der Spritze, ehe der Zahn fertig war, das Symbol seiner Furcht, 
er würde nicht imstande sein normalen Verkehr in der Ehe auszuführen 
infolge von Ejaculatio praecox, seiner Meinung nach entstanden durch 
vorzeitige Masturbation und sexuelle Phantasien, wie auch durch die 
abnormen Mittel, durch die er sexuelle Erregung hervorgerufen hatte. 
Seit seiner Verlobung hatte die Furcht zugenommen, obgleich sie mit 
Erfolg unterdrückt, sich nur im Traum bemerkbar machen konnte. Um 
die Furcht unwirksam zu machen und einen Ausgleich zu schaffen für 
seine Angst, er könne im Verkehr nach der Hochzeit versagen, wünschte er 
wiederholt, dass seine Sexualität wieder normal würde und er während 
des sexuellen Aktes potent sein möchte. 

So stellte der ganze Traum in maskierter Form den Wunsch nach 
sexueller Potenz und Zeugungskraft dar. Auch fasste er den Entschluss 
nicht zu heiraten, wenn die sexuelle Anormalität weiter bestünde, da sein 
moralisches und ethisches Gefühl ihm nicht erlaubte seine Frau in einer 
Ehe zu fesseln, die voraussichtlich beiden Teilen nur Unglück bringen 
würde. Er sah sich auf diese Weise zu einem einsamen Leben verdammt, 
denn er besass keine Geschwister und seine Eltern waren alt. Die sexuelle 
Hyperästhesie reichte bis in seine früheste Kindheit zurück und er er- 
innerte sich, dass die erste Ejaculatio praecox bald nach der Pubertät 
aufgetreten war. Die Furcht vor sexueller Impotenz hatte sich ungefähr 
8 Jahre vor der Analyse zum erstenmal gezeigt. Er glaubte, dass selbst 
die sexuelle Familiarität der Ehe ihn nicht von der sexuellen Hyper- 
ästhesie heilen könne, die sich schon in der Kindheit entwickelt hatte 
infolge der aufregenden masochistisch-sadistischen Impulse und der darauf. 



442 Iaidor H. Coriat, M. D., 

folgenden sexuellen Liebe zu seiner Mutter (Ödipuskomplex). Er fürchtete 
auch, dass seine Kinder Gefahr liefen diese psychoneurotischen Symptome 
zu erben. So war der Traum auch Folge einer hyperästhetischen Libido 
in der Kindheit. 

Die verschiedeneu Bestandteile des Traumes wären foleendermassen 
zu summieren: 

Zahnhöhlung = Vagina. 

Pravaz-Spritze (im Traum Instrument genannt) = Penis, weil 
sich aus der Spritze Wasser ergoss, was in mechanischer 
Weise dem Erguss von Samen gleicht. 
Mund (und hohler Zahn) mit Glasstückchen gefüllt = Vagina 

mit Spermatozoen gefüllt. 
Teile von zerbrochenem Glas = Spermatozoen. 
Zerbrechen der Spritze, ehe der hohle Zahn (Vagina) gefüllt ist 

= prämature Emission. 
Das Verlangen sich von den Glassplittern zu befreien = der 
Wunsch, die Vagina auszuspülen und Schwangerschaft zu ver- 
meiden. 
Die Furcht Glas zu schlucken = Furcht vor Schwangerschaft. 
Abgestorbener Zahn = Impotenz (Furcht vor der Unfähigkeit 
einer Erektion). 

So war der Traum das Symbol für den Wunsch des Patienten nach 
normaler Sexualität, nach Vollziehung einer glücklichen Ehe und nach 
Vermeidung von Übertragung seiner nervösen Erkrankung auf seine Kinder. 
Alle Bestandteile eines normalen sexuellen Aktes waren daher in maskierter 
Form in dem eben besprochenen Traum enthalten. 

Im zweiten Fall träumte der Patient, dass der Zahn- 
arzt ein Instrument in seinen Mund einführte, um damit 
einen Zahn, zu ziehen. Auch hier, wie in dem eben be- 
sprochenen Traum des ersten Patienten, wurde kein 
Schmerz empfunden. Nach verschiedenen Eingriffen 
mit dem Instrument gelang es schliesslich, aus dem 
Munde des Patienten eine übelriechende, weiche Sub- 
stanz herauszuziehen. Dieser Traum kehrte in gleicher Gestalt 
verschiedene Male wieder. Jedesmal glich das vom Zahnarzt benutzte 
Instrument folgender Skizze. 




Die Ähnlichkeit dieser Skizze mit den männlichen Genitalien ist er- 
sichtlich und daher stellt das im Traum vorkommende Instrument ein 
phallisches Symbol dar. Die Mundhöhle ist das Symbol der Vagina. Das 
Einführen des Instrumentes in den Mund bedeutet Koitus. Die aus dem 



Zwei sexual-symbolische Beispiele von Zahnarzt-Träumen. 443 

Munde entfernte übelriechende Substanz ist das Symbol der Geburt eines 
Kindes. 

In der Kindheit hatte der Patient geglaubt, dass Kinder bei der 
Geburt mit Exkrementen bedeckt wären und daher einen schlechten Geruch 
hätten In seinen Kindheitsphantasien hatte er auch die Idee, dass jedesmal 
bei einer Darmbewegung der Frau ein Kind geboren würde und dies be- 
stätigte seinen Glauben, dass neugeborene Kinder mit Exkrementen be- 
deckt wären Daher zwang er sich zu dem Glauben, dass das neugeborene 
Kind vom Storch gebracht wird, was ihm sauberer und weniger abstossend 
schien als das mit Exkrementen bedeckte, durch das Rektum geborene 
Kind Er hatte auch eine unbestimmte Idee von dem, was man unter 
normalem sexuellem Verkehr versteht, ein Vorgang, der ihm in hohem 
Masse erniedrigend zu sein schien, da er mit seiner Vorstellung der Geburt 
durch die Analöffnung nicht übereinstimmte. Kinder glauben häufig, dass 
die Geburt durch ein Loch stattfindet wie Mund, Vagina, Rektum oder 
selbst durch eine Öffnung des Unterleibes. Der Traum ist daher sowohl 
das Symbol der Geburt wie einer Kindheitsphantasie. Es ist ja bekannt, 
dass Kinder oft Träume und Phantasien haben, meist sehr symbolisiert, 
entweder den Akt ihrer eigenen Geburt oder die Geburt anderer Kinder 
betreffend. Kindheitsphantasien, wie in dem eben erwähnten Falle sind 
oft Vorboten späterer Angstanfälle. 

In beiden Träumen bedeutete die Einführung des Instrumentes in 
den Mund den Wunsch nach normalem Koitus, besonders da in jedem der 
beiden Fälle sexuelle Erregung durch abnorme Mittel wie masochistisch- 
sadistische Akte erzeugt war. 

Um es kurz zu fassen, enthielt der erste Traum den Wunsch sexueller 
Potenz und der zweite Traum eine maskierte sexuelle Kindheitsphantasie 
Der Widerspruch bezüglich der Schmerzlosigkeit in beiden Träumen wird 
dadurch erklärt, dass Träume nur den augenscheinlichen Inhalt wieder- 
geben während der Affekt dem latenten Inhalt angehört, der nie in den 
Träumen zum Ausdruck kommt und nur durch die Analyse bestimmt 
werden kann 1 ). 

«> Beide Traume enthalten auch funktionale Symbole und beschäftigen sich 
mit dem Verhältnis von Arzt und Patient. Der Psychoanalytiker wird, wie ich es 
An ™ der .Sprache des Tr.umes« dargestellt habe, als Unarzt UgMMg . *• 
Neuroi .st der We Zahn, das Forschen entspricht dem Herumbohren im Zahne 
Im ersten Traume erklart sich die Schmerzlosigkeit des Bohrens aus der Freude 
rfT« Kranken an der Analyse, vielleicht auch aus seinem heimlichen Triumphe, dass 
der I zt nicht auf seine wunden (kariösen!) Stellen kommt. Ein böses Ze.chen ist 
das Ausspucken der Glasspritze: Der Analysierte bat den Wunach all das, was «hm 
der Angesagt hat, zu vergessen. Er will sich der neuen Kenntnisse entledigen. 

scnon pmwnwoa . Analvse geht schmerzlos vor sich, die 

Deutungen für das Verständnis der Einstellung des Kranken für sehr ™btig^ 



444 Dr- Wilhelm Stekel, 



II. 



Beiträge zur infantilen Kriminalität. 

Von Dr. Wilhelm Stekel, Wien. 

Meine ersten Mitteilungen über die universell-kriminelle Anlage der 
Kinder wurde mit begreiflichem Misstrauen aufgenommen. Die Einwände, 
es gebe kein kriminelles Kind — ein Kind sei eben nur ein Kind mit allen 
seinen Eigenschaften — , sind nur Einwände gegen eine mangelhafte Nomen- 
klatur, nicht gegen die Tatsachen an und für sich. Ein Kind ist an und 
für sich weder „polymorph-pervers" noch „universell-kriminell". Es ist 
ein Kind. Aber wir geben mit der Bezeichnung kriminell kein moralisches 
Werturteil. Wir konstatieren nur das Vorhandensein von Triebregungen, 
die wir beim Erwachsenen als kriminell bezeichnen, die aber beim Kinde 
offenbar natürlich sind. 

Ich halte meine Bekannten an, ihre Kinder genau zu beobachten 
und die ersten erotischen und kriminellen Regungen genau zu registrieren. 
Ich gebe im folgenden die Mitteilungen von zwei hochintelligenten Eltern, 
die beide meine Werke genau kennen und vorurteilslos die Tatsachen mit- 
teilen, wie sie sich ihnen aufgedrängt haben. Der Vater schreibt mir: 

„Ich sende Ihnen meine Beobachtungen an meinem Buben Otto, 
wobei ich mir zu bemerken erlaube, dass die von uns eingeflochtenen 
Beobachtungen so objektiv als möglich sind. 

Die nachfolgenden Schilderungen und zitierten Äusserungen verteilen 
sich auf einen Zeitraum von V/ 2 Jahren. Gegenwärtiges Alter des Otto K. 
5 Jahre. 

Bei der Geburt des zweiten Knaben war der ältere 3 x / 2 Jahre alt 
und in keiner Weise vorbereitet. So stand er sprachlos verwundert vor 
dem in seiner Abwesenheit erschienenen Ankömmling, stellte auch nach- 
her wenig Fragen über seine Herkunft, wenngleich er — wie eben aus 
mancher Äusserung doch hervorging — im Stillen immer wieder über das 
Problem nachdachte. — Die erste Regung nach dem Staunen war Eifer- 
sucht; niemand sollte das Kind ansehen, beachten; alle Aufmerksamkeit 
sollte sich auch weiterhin auf den Erstgeborenen konzentrieren. In Ge- 
danken war er wohl bereit, den Bruder in Zukunft an seinen Spielen teil- 
nehmen zu lassen und konnte diese Zeit kaum erwarten. In Wirklichkeit 
aber konnte er sich an den Nebenbuhler nicht gewöhnen und machte seinem 
gepressten Herzen öfter mit der Frage Luft : ;,Z u was ist er da?" 

Es kam eine Periode der Abneigung gegen das männliche Geschlecht 
des Kindes. — „Ich mag ihn nicht, weil er ein Bubi ist und 
so braun. Ich mag nur ein blondes (oder auch weisses) 
Mädi. Er soll ein Mädi sein." 

In dem Masse als der Kleine heranwuchs, nahm der Hass des älteren 
gegen den jüngeren Bruder zu. Der Wunsch nach dessen Zerstörung 
nahm einen nicht unbedenklichen Charakter an. — Verbot man ihm, den 
Kopf des Kleinen zu berühren, versicherte er prompt, dass der Bruder 



Beiträge zur infantilen Kriminalität. 445 

ja nichts spüre, da er „eine Maschine" sei. Oder: „Es macht ja 
nichts, wenn er den Kopf bricht, er ist ja nicht von 
Glas." — „Wir sollen ihn hinauswerfen" usw. 

Gefühllosigkeit wird dem jüngeren Kinde von ihm überhaupt in 
allen möglichen Formen zugeschrieben, wenn es sich darum handelt, es 
zu quälen. — Er ist „von Gips", „ein Ofen", „aus der Fabrik". Von 
dort will er auch „ein neues Kindi" bestellen, wenn man ihm droht, dass 
der Bruder sich seinen Quälereien entziehen wird. 

Manche Äusserungen deuten auf eine ausgesprochene Tötungsabsicht. 
So tauchte plötzlich der Wunsch auf, „das Kindi zu zerhacken". 

— Als einmal die Frage des Nachtmahls zur Sprache kam, meinte er in 
gemütlichem Tone: „Wir sollen das Kindi zum Nachtmahl 
aufessen." Auf die Frage, wie ihm wohl zumute wäre, wenn er ver- 
speist würde, kam die Antwort: „Mich soll man nicht essen, nur das 
Kindi, es lebt ja nicht." Und nach einer Weile intensiven Nach- 
denkens: „Mama, wenn das Kindi 4 Jahre alt sein wird und wird 
mich essen wollen, so sollst du es in vierzehn Tagen hinaus- 
werfen 1 )." (Es war dies eine Periode, da der Zeitbegriff sein Denken 
stark in Anspruch nahm.) 

Manchmal werden phantastische Vergleiche zwischen dem jüngeren 
Bruder und dem beim Fleischhauer ausgestellten toten Wild gemacht. 
Das Kind soll beim Fleischhauer gekauft werden, „wo man Donnerstag 
Kindis bekommt". — „Das Kindi ist zum Essen gemacht 2 )." 

— Dass die Vorstellungen von Leben und Tod nicht einwandfrei geklärt 
sein dürften, deuten mehrfache Aussprüche hin, wie z. B. : „Wann werden 
die Rehe (beim Fleischhauer) wieder im Wald herumlaufen?" — — 

Wenn die Leute nicht mehr leben, kommen sie dann auch zum Fleisch- 
hauer?" 

Parallel mit dem Hassempfinden läuft das Gefühl der Liebe für den 
Jüngeren. Der scherzende Versuch einzelner Gäste, den Kleinen mit- 
zunehmen, wird energisch zurückgewiesen, wobei er manchmal zu Tränen 
gerührt ist. Schmerzäusserungen, medizinische Behandlung des Kleinen 
stimmen den Älteren sehr ernst, bringen ihn fast zum Weinen und reissen 
ihn zu lauten Äusserungen des Mitgefühls hin. — Er unterrichtet den 
Kleinen mit staunenswerter Geduld im Sprechen, singt ihm gerne seinen 
ganzen Liederschatz vor, freut sich an der Vorstellung, dass der Jüngere 
ihn von der Schule abholen und mit ihm spielen wird, ja in letzter Zeit 
putzt er sogar dem Kleinen die Nase, trotzdem sein Reinlichkeits^efühl 
sehr stark entwickelt ist und ihm die Berührung mit etwas Unreinem sicht- 
baren Ekel verursacht. — Dies alles hindert ihn aber nicht, bei nächster 
Gelegenheit seine Abneigung gegen den Bruder in beschriebener Weise 
zum Ausdruck zu bringen ). 



l) Hier zeigt sich der erste Ansatz der Talion. 

8) Durchbruch kannibalistischer Regungen! 

3) Wunderschöne Illustration zur Bipolarität aller psychischen Phänomene. 



446 Dr. Wilhelm Stekel, Beitrag zur infantilen Kriminalität. 

Die unwillkürliche Beachtung, die der raschen geistigen Entwicklung 
des Jüngeren geschenkt wird, regt in dem Älteren den Wunsch an, auch. 
klein zu sein, und so ahmt er die Sprechweise des Kleineren gewaltsam 
nach und will in allem ebenso behandelt werden. Selbstverständlich wird 
trotzdem auf nichts verzichtet, was eben nur dem grösseren Kinde zu- 
kommt. 

Wird ihm als gutes Beispiel ein anderes Kind gezeigt, so lässt er 
dessen Vorzüge gelten, lehnt aber ein ähnliches Verhalten für sich ab : 
„Aber ich nicht ! )." - - 



III. 

Psychoanalyse und Dichtung. 

Von Dr. F. Münter-Halle a. S. 

Ich möchte auf die beiden letzten Dramen «Henning Strobart, Stadtbauptmanti 
von Halle* und „Cesare Monti, Feldhauptmann von Savona" 2 ) des Schriftstellers 
M. Horand aufmerksam machen. Horand ist seit Jahren ein grosser Anhänger 
der Frend'scben Theorien und sucht diese Entdeckungen für seine dramatischen 
Arbeiten zu verwerten. Sehen wir uns daraufbin die beiden Werke etwas näher an. 

Da nach den Lehren Prof. Freud's in jedem Traume eine Wunscherfüllung: 
vorbanden sein soll, kann Ratsmeister Ochse im , Strobart" mit Recht sagen: 
„Träume sind verkappte Begierden", also Wunsche, die im Unterbewusstsein liegen, 
die das Leben nicht erfüllen darf. 

Betrachten wir nun die Hauptperson, so erkennen wir, dass Strobart bereits 
eine Ahnung von der Macht des Unterbewusstseins besitzt, da er sagt: „Doch glaube 
ich, dass unsere Seele mehr Fenster im Körper hat, als wir glauben. Sie inuss mehr 
erkennen, als unsere Seele (besser Verstand) zugeben möchte. Wie oft findet das 
Gefühl das Richtige, nach dem der Verstand vergebens sucht. — Man wittert den 
Fuchs, ehe man ihn bemerkt.' 1 Warum? Weil der Fuchs doch bereits bemerkt 
wurde, ohne dass aber diese Erkenntnis bis zum Bewusstsein vorgedrungen wäre. 
Strobart hat das Erscheinen seines Feindes, des Probstes Busch, wohl gesehen und 
darauf sofort reagiert, denn das zeigen seine Worte: ,Mir ist, als ob mir noch etwas 
Unangenehmes begegnen müaste. Ganz unvermittelt (scheinbar) steigt ein Unlust- 
gefühl in mir auf." Kurz darauf wird sogar seine Ahnung bestätigt, da er den 
Probst bemerkt. 

Nun zur Haupthandlung. Strobart will Halle zur Reichsfreiheit verhelfen. Ist 
dies wirklich sein einziger Wille? Schlummert nicht am Grunde der Seele noch 
ein unbestimmter Wunsch? Alle Menschen sind mehr oder weniger Egoisten, das 
zeigen schon ungeschminkt die Kinder. U*fr der Gewaltige in Halle, welcher der 
Stadt ihre Macht und ihr Ansehen gab, sollte keine egoistischen Regungen besitzen? 
Auch er ist Mensch. Seine Herrschergelüste werden von den Kulturpflichten noch 
ins Unterbewusstsein gedrängt, von wo sie gewaltig nach Erlösung ringen. Je mehr 



i) Reaktion gegen die Herabsetzung seiner Persönlichkeit. Er will der „Ein- 
zige" sein. Die Redaktion, 
a) Vergl. Rud. Munter, Halle a. S. 



Dr. F. Munter, Psychoanalyse und Dichtung. 447 

sie eich dem BewusBteein aufdrängen wollen, desto stärker sucht Strobart sie zurück- 
zudämraen. Nur ein Mann durchschaut ihn, der Gesandte von Buchenberg. 

Gesandte: Dir oder das Volk; aber nicht mehr ihr und das Volk. 

Strobart: Ich und mein Volk. 

Gesandte: Und doch setzt ihr euch zuerst als den Hauptfaktor. 

Schon aber gerat er durch seine Taten in Konflikt mit seinem Willen. 

Strobert: Nur durch mein Volk will ich herrschen. Ich kann meinen Plänen 
nicht untreu werden. 

Gesandte: Und doch decken sich eure Pläne und Taten nicht. 

Immer mächtiger drängen die Strebungen nach Offenbarung, bis sie sich ge- 
waltsam durch den Gleichklang zweier Worte kund geben. 

Strobart: Immer neue Lasten und Steuern sucht der Fuchs uns aufzubürden. 
Er will die Stadt überlisten, damit er sie ganz in seine Gewalt bekommt. 

Ochse: Überlisten? 

Strobart: Wer sprach von überlisten? 

Krause: Ihr selbst. 

Strobart: Ich? Natürlich überlasten. 

Wieder allein der Gesandte erkannte, dass dies Versprechen nicht zufällig 
war, sondern Strobarts geheime, wenn auch zurückgedrängte Wünsche aufdeckte, 
und sofort nutzt er sie aus. 

Gesandte: Ihr spracht recht, die Stadt muss tiberlistet werden. 

Strobart: Ich versprach mich nur. 

Gesandte: Das gebt ihr nur vor. Kennt ihr euch selbst so wenig, oder wollt 
ihr mich tänscben? 

Strobart muss bekennen, dass er solche Wünsche hegte, »wenn ich voll 
Bitterkeit auf meine ungetreuen Freunde, auf die Unfähigkeit der Menschen für 
weiten Blick und erhabene Grösse schauen musste*. Noch einmal sucht die Moral 
den gegen die Freunde gerichteten Wunsch zu verdrängen. 

Strobart: Was fordert der Kurfürst für die Unterstützung? . . . Man könnte 
den Fall besprechen, wenn er nötig sein müsste. 

Aber der Gesannte erkennt, dass Strobart nicht mehr lange seinem Wunsche 
widerstehen kann und sagt kurz: So wollen wir ihn festlegen. 

Strobart: Sprecht ihre meine Ideen oder eure? 

Gesandte: Ich kenne eure Gefühle und euren Willen, ihr wollt nur eure Ver- 
nunft kennen. 

Strobart : Andere Menschen kennen uns oft besser, als wir selbst uns kennen. 

Das ist wohl meist so, weil wir uns vor der Erkenntnis unserer geheimsten 
Regungen fürchten, weil wir glauben, uns ihrer schämen zu müssen, weil wir das 
Spiel der Träume, Sprache, Hunde, Augen usw. als bedeutungslos anzusehen wünschen. 
Der Gesandte ist ein besserer Menschenkenner. .Weil wir kleine, wichtige Züge an 
euch erkennen, die ihr nur zu gern überseht. Ihr wünscht euere Unabhängigkeit." 
Nun bekennt Strobart offen und die Strebungen seines Unbewuastseins haben gesiegt. 
„Mein Herz wünscht sie, meine Wille versuchte das Gefühl des Herzens zu unter- 
drücken, und nun will mein Verstand den Wunsch des Herzens.* 

Noch einmal, im Sterben, führt Strobart eine Psychoanalyse aus, wenn er 
ruft: „Ewig mögen die Erinnerungen der Kindheit eure Männlichkeit vergiften, dass 
ihr mit verzerrten Werten durch das irdische Jammertal schleicht." Er hat erkannt, 
dass die Erlebnisse der Kindheit den Werdegang des Menschen mehr bestimmen, 
als wir uns eingestehen wollen, und dass, wer an ihnen hängen bleibt, unbewusst 
eine fürchterlich hemmende Last mit umherschleppen muss. Das sind die Schatten 
der Kultur, die unser Leben vergiften, die uns in Krankheiten treiben. Die Natur- 



448 Dr. F. Munter, 

triebe rächen sich für die übermässigen, ungerechten Unterdrückungen durch die 
Moral, für die Beschimpfungen durch die Kultur. 

In dem Drama „Cesare Monti" werden die Charaktere nun gänzlich auf den 
Entdeckungen der Psychoanalyse aufgebaut. Monti ist eine psychopathisch minder- 
wertige Persönlichkeit, was sich änsserlich an seinem gewaltigen Schädel, kleinem 
Gesicht, plumpen Händen, angewachsenen Ohren und mächtig vorstehenden Eckzähnen 
kund tut. Auch ist er durch Alkohol erblich belastet. Aber Scham und Ekel haben 
durch ein Jugendeilebnis den Trieb des Vaters in ihm vollständig verdrängt: »Nie 
kam ein Tropfen Wein über meine Lippen. Einmal im Leben hatte ich ganz heim- 
lich Wein getrunken, der die Freveltat mit eklem Lebensjammer mir vergalt. Die 
Mutter schalt mich einen ungeratenen Knaben, welcher den Spuren seines ver- 
kommenen Vaters folgen. Die herben Worte haben mich geschmerzt und nie mehr 
wagte ich, der Mutter weh zu tun. Den Vater aber mied ich wie ein böses Tier.» 
Hier liegt wieder eine Grundlage für den Werdegang vieler Menschen verborgen. 
Ein einzig unbedachtes Wort vermag in . überempnndsamen Kinderseelen das ganze 
Leben lang unbewnsst fortzuwirken und manches Unheil hervorzurufen. Aus diesen 
Worten erkennen wir aber bereits die Liebe zur Mutter und Abneigung gegen den 
Vater, die für seine Zukunft bedeutungsvoll werden sollten. Er liebte seine Mutter 
unendlich und bedauerte, dass er sie mit dem Vater teilen musste. „Die Liebe 
machte mich zum Tier, weil ihr die Wurzeln unbarmherzig abgeschlagen wurden. 
Mein holdes Sehnsuchtsziel, o meine Mutter. Schon mit dem Vater musste ich die 
Liebe teilen. Dann drängte sich ein kleiner Bruder zwischen uns und raubte heim- 
lich mir mein Vorrecht, noch mehr, gewissenlos zerstörte er mein Glück, da durch 
sein Erscheinen meiner Mutter Lebensfaden riss. Wie habe ich ihn wild gehasst, 
gebasst aus tiefstem Herzensgrunde. Musste ich ihn da nicht strafen, töten? An 
Beinem Ebenbilde rächten sich des Knaben Sinne und eine unend bare Gier nach Lust 
ergriff mich. Blut, der Menschheit ganzes Blut könnt' ich vergiessen, um meine 
Lustgefühle zu ersticken. Hätt ich doch meine Mutter nie geliebt, sie nicht so früh 
verloren.* Dieselben Regungen finden wir so häufig in verschiedenem Masse bei 
Kindern, nur wollen sich die Eltern darüber keine Klarheit verschaffen und durch 
richtige Leitung die anhaltende Macht derselben in gesunde Bahnen lenken. Mit 
dem Tode der Mutter ist dem Knaben Cesare das geliebte Herz entrissen worden 
und die gefühlvolle leitende Hand verloren gegangen. Da konnten die unheimlichen 
bösen Triebe wuchern, bis sie ihn ganz in ihrer Gewalt besassen. Und so können 
wir doch wohl verstehen, dass sich seine Lebensweisheit in folgenden Worten aus- 
prägt, vor allem, da wieder ein Jugenderlebnis in ihm haftet: „Das Herz des Mannes 
atme Eigennutz, sprach einst mein Vater. Kalter Eigennutz ist alles Lebens einziger 
Grundgedanke und jede Milde ist Verirrung . . . Jeder Schritt vom Egoismus ist 
Schwäche. Nur wer sich vordrängt, kommt vorwärts. Nächstenliebe ist verdeckter 
Eigennutz menschlichen Sklavengeistes und lebensunfähiger Kreaturen." Und als 
ihm sein Fehler, das Leben der Prinzessin Gaspara zu schonen, vorgehalten wird, 
seufzt er: ,0, ich weiss, hier unterliege ich zum ersten Male einer Schwäche." Bei 
solch einem Charakter, von Geburt aus und durch Jugenderlebnisse festgelegt, ist 
es wohl selbstverständlich, dass er alle Hindernisse zu seinem Ziele forträumen wird. 
Und deshalb muss seine Gemahlin sterben. Er kennt die Moral gut und sie versucht 
ihn auch zu warnen, aber er kann nicht aus seinem Zwange heraus. „Verwegen 
ist- mein Schritt, doch löst er endlich viele Sorgen anf. Vorbereitungen sind noch 
keine vollendete Tat. Noch kann ich zurück, sobald es mir beliebt. Kann ich denn 
wirklich? Martelli könnte, der Prinz, der Herzog, sie alle könnten ihrer Taten 
Triebe hemmen, nur Monti wird nicht können. Unheimlich unsichtbare Wesen 
schafften meine Taten und treiben rastlos mich von Mord zu Mord." Langsam 



Psychoanalyse und Dichtung. 449 

eicher, Schritt um Schritt wankt unaufhaltsam, zwangsgetrieben, die Seele des Ver- 
brechens Bahn." So schreitet er vorwärts, bis das Ende naht; aber auch da kennt 
er keine Reue. .Furcht und Reue habe ich nie gekannt." Das ist kurz die Analyse 
des geborenen Verbrechers. Natürlich würde der Monti des Lebens seine innersten 
Regungen nicht so klar biossiegen können, sondern dies ist die Aufgabe des Schrift- 
stellers. Daraus ergibt sich aber auch, dass die Kunst und ein Abklatsch der 
Natur, des Lebens, nicht identisch sein können. 

Noch interessanter ist das Seelenleben der Prinzessin Gaspara. In ihr führen 
das Unterbewusstsein und Bewusstsein zwei getrennte Leben. Die feinen, empfind- 
samen Gefühle haben in Martelli den edlen Menschen, in Monti den Schurken er- 
kannt; ihr Bewusstsein ist vollständig vom Glänze des Feldherrn Monti eingenommen. 
Als nun Martelli um ihre Hand anhält, versucht das Bewusstsein jede Erinnerung 
an die in Venedig verlebten Zeiten zu verdrängen, und als sie daran gemahnt wird, 
flüchtet sie im Zweifel. .Ich muss mich fleissig prüfen, ob ich euch das bieten 
kann, was ihr verlangen werdet." Aber ihr Bewusstsein gibt doch die tiefe, innere 
Zuneigung kund, als Martelli sie an die in Venedig geschenkte Halskette erinnert. .Die 
Kette? Ja, die trage ich weil sie mir lieb geworden ist. Sofort bemerke ich, wenn sie mir 
fehlt.* Sie vertröstet den Freier. Als nun Martelli nach den festgesetzten acht Tagen 
Bedenkzeit anfragt, erwidert sie beleidigt: .Jetzt, nach dem kaum erfolgten Tode meines 
Bruders, da mir das Herz so schwer ist. Ihr seit taktlos", vergisst aber, dass sie 
kurz zuvor dem Monti ihre Liebe gestanden bat. Martellis Fortgang verhindert sie 
jedoch mit den Worten: .Bleibt, ich kann — . Welch unerwünschter Drang in 
meiner Seele. Ich hätte euch so manches noch zu sagen, allein — ". Sie will ihre 
Gefühle nicht erkennen. Eine unbekannte Macht zieht sie zu dem Abgewiesenen, 
der ihr ganzes Gefühlsleben beherrscht. „Ich möchte von ce-Silvestro träumen, doch 
vergebens. Ihr, ihr gana allein erscheint im Schlafe." Martelli: .Unerkannte Gefühle 
lösen manches Lebensrätsel.* Dagegen sträubt sie sich, denn sie will ihre Seele 
nicht erkennen. .Sprecht nicht von unerkannten Gefühlen." Aber auch äusserlich 
verraten sich ihre unbewusston Triebe. Während sie mit Matelli spricht, dreht sie 
die von ihm erhaltene Halskette zu einem Ring um den Ringfinger der linken Hand 
worin sich der unbewusste Wunsch kund gibt, mit ihm verlobt zu sein. So ver- 
raten sich die tiefsten Geheimnisse der Seele, deren Sprache wir meist missachten. 

Die Macht der heimlichen Strebungen Gasparas geht so weit, dass sie trotz 
des herzoglichen Verbotes Martelli befreien muss. .Wo finde ich des Herzens 
Ruhe? Komm ich zu spät, um ihn zu retten und mich von meinem Elend zu be- 
freien? Ich darf ihm nicht, allein ich muss ihm helfen." Diese Befreiungstat ent- 
schuldigt sie später mit den Worten: „Ein innerer Drang zwang mich, dem unge- 
recht Gefesselten zu helfen. Es gibt im Menschenleben Augenblicke, wo plötzlich 
unser Geist versagt." Und diese sind oft die entscheidenden. 

Wie fest das Unterbewusstsein an Martelli hält, zeigt sich, dass sie ihn 
wiederholt mit dem ähnlichen Namen des Marinelli verwechselt. Gaspara: Martelli 
wird euch Schiffe zur Verfügung stellen. Mouti: Stets sprecht ihr von Martelli. 
wenn ihr Marinelli meint. Gaspara: Rein Zufall ist's. Monti: Ihr liebt Martelli. 
Monti ahnt also die Bedeutung des Versprechens. 

Weiter wollen wir nicht forschen, obwohl noch viele psychoanalytische Auf- 
deckungen zu finden wären. Jedenfalls können wir schon daraus ersehen, welche 
Wichtigkeit den neueren Errungenschaften der Psychologie beizumessen ist. 



Zentralblatt für Psychoanalyse. III 8 /*. 



30 



450 



Adalbert Albrecht. Zur Psychologie der Kleptomanie. 



IV. 

t 

Zur Psychologie der Kleptomanie. 

Von Adalbert Albrecht (Nord-Easton-Mass. U.S.A.). 

Der Methodistenpriester Conrad Hooker aus Westfield, Mass., ein 
modern denkender Mann, wurde in der Weihnachtswoche von der Polizei 
wegen Diebstahls verhaftet. Er hatte eine kleine Manikurbüchse (manicuring 
set, auch manicuring box genannt. Box ist im Englischen wie Büchse 
im Deutschen ein vulgärer Ausdruck für „Vulva") entwendet. Er gibt an, 
dass er in der Nacht vor der Tat 5 Schlafpulver genommen hat und „halb 
traumhaft" gehandelt haben muss. — Die Polizei lässt ihn laufen, der 
Geschäftsinhaber verzichtet auf eine Gerichtsverhandlung und die Ge- 
meinde spricht ihm nach einer langen geheimen Sitzung einstimmig ihr 
Vertrauen aus — ihm zu gleicher Zeit baldige Besserung seiner kranken 
Nerven wünschend. . . . 



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■':.•■ • 

Hooker ist ein musterhafter Familienvater, zirka 50 Jahre alt, seine 
Frau ist viel älter als er (I). Er ist ein eifriger Antialkoholiker und predigt 
jede Woche gegen die Trunksucht. 

Der Fall scheint mir eine eklatante Bestätigung für die Ansicht von 
St ekel zu sein, dass die Kleptomanie eine sexuelle Wurzel zeigt und die 
gestohlenen Gegenstände Symbole sexueller Natur sind. Hier haben wir 
einen infolge relativer Abstinenz schlaflosen Mann, der in einem Bausch- 
zustand sich eine fremde „Vulva" aneignet. 

Das nachfolgende Bild bringt die Schachtel in natürlicher Grösse. 
Die Büchse ist mit Rehleder (Haut!), das zum Polieren der Nägel dient, 
überzogen und ist mit rotem Plüsch gefüttert. Die längliche ovale Eüchse 
enthält Nagelfeilen (bekanntlich phallische Symbole), Polierpulver usw. *). 

i) Der Fall ist auch interessant für die Beurteilung der Antialkoholbewegung. 
Er zeigt deutlich den Mechanismus der Verschiebung auf ein Grosses, wie ich ihn 
in meiner Mitteilung „Zur Psychologie der Alkoholfestigkeif in Heft V/VI be- 
sprochen habe. Er fürchtet den Rausch, da er sich seiner Gefahr bewuast ist. Der 
Alkohol könnte seine Hemmnngen aufheben. Er benützt die soziale Bewegung, um 
sich zu sichern. . Die Redaktion. 



Referate und Kritiken. 451 



Referate und Kritiken. 

Marcinowski, Der Mut zu sich selbst. Das Seelenleben der Nervösen und seine 
Heilung. Verlag von Otto Salle. Berlin 1912. 

Aus dem instruktiven Artikel von Lechuitzky haben unsere Leser die An- 
fänge von Marcinowski's psychotherapeutischer Tätigkeit kennen gelernt. Er 
begann mit der rationalistischen Therapie. Sein neues Werk zeigt ihn uns als über- 
zeugten Anhänger der Psychoanalyse. Das Werk ist wohl für Laien bestimmt und 
soll eine grosse Propagandaschrift für die Psychoanalyse werden. Ich kann es aber 
auch allen Psychotherapeuten wärmstens empfehlen. Keiner wird es aus der Hand 
legeo. ohne den Autor für die zahlreichen Anregungen und Belehrungen wärmstens 
zu danken. Mit diesen Zeilen soll das gross angelegte Werk nicht abgetan sein. 
Wir werden noch Gelegenheit finden auf das Buch zurückzukommen. Vieles fordert 
zum Widerspruch heraus. VieleB ist mit anderen Augen gesehen. Manches er- 
fordert eine Auseinandersetzung und Nachprüfung. Aber durch das ganze Werk 
schlägt ein warmes menschenfreundliches Herz, das die grosse Not unserer Zeit be- 
greift und ihr nach Kräften steuern will. Marcinowskihat etwas vom Prediger 
an sich. Er fühlt offenbar die grosse historische Mission die Menschen zu einer 
neuen Religion der Lebensfreude zu erziehen und dazu scheint ihm die Psychoanalyse 
eine Stufe zu sein. 

Im Gegensatz zu anderen Psychotherapeuten tritt der Autor aus der Reserve 
kühler Zurückhaltung in den offenen Kampf mit veralteten Moralbegriffen. Im Gegen- 
satz zu den meisten Psychoanalytikern, die eine alte Welt zerstören, ohne dafür 
Ersatz zu bieten, schenkt Marcinowski seinen Kranken eine neue Religion und 
eine neue Weltanschauung. Das macht den unbezahlbaren Weit dieses Buches aus: 
Es drückt nicht nieder. Es tröstet und richtet auf. 

Du lieber Gott, was heisst heutzutage nicht alles Psychoanalyse? Heute hörte 
ich von einem Kollegen, der sich bei einem renommierten Nervenarzte einer Psycho- 
analyse unterzog, Er erhielt vom Arzte Reizworte und musste dazu assoziieren. 
Die Gattin des behandelnden Arztes sass im Zimmer und schrieb die Assoziationen 
stenographisch auf. Man sieht die Drachensaat des Assoziationsexperimentes geht 
mächtig auf. Und das Boll eine Behandlung, eine Erziehung, eine Befreiung sein? 
Möchte doch dieser Kollege das Buch von Marcinowski lesen, um zu erkennen, 
dass die Analyse eine Befreiung werden rauss und der Mut zu sich selbst nicht aus 
Reizworten und Antworten kommen kann. 

Wer seinen Kranken Bücher in die Hand geben will, die sie über die Analyse 
aufklären, der wird immer gerne zum Buche Marcinowski greifen. Es scheint 
aber, dass noch viele Ärzte, die Psychoanalyse treiben, der Aufklärung ebenso .dringend 
wenn nicht dringender als ihre Kranken bedürfen. Mögen sie auch aus dem neuen 
Werke das eben so anregend wie fliessend geschrieben ist, neue Wege lernen. 

Stekel. 

A. A» Brill, The only or favorite child in adult life. (New York State 
Journal of Medecine. August 1912.) 

Brill weist darauf hin, daa9 durch das Übermass von Liebe, das so häufig 
auf das einzige oder Lieblings-Kind vereinigt wird, die Möglichkeit der vorzeitigen 
Fixierung der Sexualtriebe auf eines der Eltern erhöht und damit der Fortgang der 
psychosexuellen Entwicklung verzögert, wenn nicht verhindert wird. Die 400 einzigen 

30* 



452 Referate und Kritiken. 

oder bevorzugten Kinder, die er als Erwachsene kennen gelernt hat, waren durchweg, 
ob belastet oder nicht, für das Leben schlecht gerüstet, psychopathiech und in 36 % 
der Fälle sexuell abnorm. 

Verf. betont, selbst, dass aus seinen Beobachtungen keine statistischen Schlüsse 
gezogen werden dürfen, da fast alle Personen, von denen die Rede ist, wegen psycho- 
neurotischer Erscheinungen zu ihm geschickt waren. Es muss ferner gesagt werden, 
dass die hohe Bedeutung, die in der Arbeit der falschen Erziehung dieser Leute bei- 
gemessen wird, ihr sicherlich nicht zukommt. Die Fixierung der Sexualtriebe auf 
die Eltern, noch dazu im Kindesalter, ist ein Symptom der angeborenen psycho- 
pathischen Konstitution; alle gegenteiligen Auffassungen beruhen auf einer Verwechs- 
lung von Ursache und Wirkung. Selbstverständlich ist zuzugeben, dass ein Über- 
mass an Zärtlichkeit bei entsprechend veranlagten Kindern der Fixierung Vorschub 
leistet, andererseits beobachtet man gar nicht so selten ausgesprochene sexuelle 
Stellungnahme von Kindern zu den Eltern, trotzdem sie von ihnen in jeder Hinsicht 
vernachlässigt wurden. Dr. Saaler. 

Hans W. Maier, Über katathyme Wahnbildung und Paranoia. (Zeitschr. 
f. d. ges. Neurologie u. Psychiatrie. Bd. XIII, S. 555.) 

Verf. versteht unter der Katathymie von Symptomen die Wirkungen affekt- 
betonter Vorstellungskomplexe auf die' krankhaften psychischen Erscheinungen 
Katathyme Syndrome entstehen dann, wenn ein Ideenkomplex so gefühlsbetont ist, 
dass durch den Affekt die Logik an Punkten, die in assoziativen Zusammenhang mit 
dem Komplexe stehen, überwunden wird. Während der Gesunde den Fehler korri- 
giert, sobald der Affekt an Frische verloren hat, der Hysterische infolge des leich- 
teren Abklingens der Affekte nur unbeständige katathyme Syndrome produziert, 
wirkt bei manchen psychischen Erkrankungen infolge der grossen Tenazität der 
Affekte der nämliche Komplex in gleicher Konstellation für die Symptome andauernd 
weiter, wodurch die Syndrome nicht nur Dauer sondern auch eine Tendenz zur 
Weiterentwicklung und Ausbreitung bekommen müssen. Dia Psychose par excellence, 
bei der katathyme Wahnbildung ohne Beimischung anderer Krankheitserscheinungen 
auftritt, ist die Paranoia Kraepelins. Ferner kommt sie vor bei Debilen und 
Imbezillen; auch bei Schizophrenen ist die Wahnbildung vorwiegend katathym, so 
dass dieser Gesichtspunkt als differentialdiagnostisches Moment zwischen Paranoia 
und Schizophrenie nach Ansicht des Verf.'s nicht zu verwerten ist. Dagegen spielen 
beim manisch-depressiven Irresein katathyme Erscheinungen höchstens sekundär eine 
Rolle (Querulantenwahn des Manischen), während im übrigen die Wahnideen durch, 
die allgemeine Affektstörungen verursacht und daher dieser adäquat sind, niemals 
aber Richtungslinien eines bestimmten Komplexes folgen, wie das bei der Katathymie 
der Fall ist. Es gibt Grenzfälle der Parauoia, bei denen die Systematisierung der 
katathymen Wahnbildung eine unvollständige bleibt oder eine Korrektur möglich ist 
(abortive Wahnsysteme auf dem Boden der Psychopathie, Fälle mit hysterischem 
Verlaufstypus). Zu diesen rechnet Verf. den von Paul Bjerre (Zur Radikalbe- 
handlung der chron. Paranoia. Jahrb. f. ps.-a. u. ps.-path. Forsch. 3,795) publizierten 
Fall, der auf psychoanalytischem Wege vollkommen geheilt wurde. Der Auffassung 
Bjerrees, dass die eigentliche Paranoia durch diese Behandlung geheilt werden 
könne, tritt Verf. entgegen und beruft sich dabei auf die mangelnden Heilerfolge 
anderer Beobachter. Bei dem van D e ven ter'schen Falle, den Bjerre als ge. 
heilte Paranoia zitiert, hält er den Verdacht, dass es sich gar nicht um eine Paranoia 
sondern um eine Schizophrenie handle für sehr naheliegend. Dr. Saaler. 



Referate und Kritiken. 453 

Stekel, Der Zweifel. Zeitschr. f. Psychotherapie u. med. Psychologie. 4. Jahrg. 

S. 332 

Nach einleitenden Bemerkungen über den Unterschied zwischen dem Zweifei 
und der Skepsis betont der Autor die Verwandtschaft des Zweifels mit der Angst. 
Wie jede Angst in letzter Linie die Angst vor sich selber ist (man vergleiche 
darüber die interessanten Ausführungen Stekel's in der „Sprache des Traumes* 
und in den „ Nervösen Angstzuständen") so ist jeder Zweifel in letzter Linie ein 
Zweifel an sich selbst. Angst wie Zweifel haben den gleichen positiven Gegenwert, 
den Glauben an' sich selbst. An instruktiven Beispielen wird die Rolle des Zweifels 
weiter illustriert: der Zweifel als Kampf zwischen bewussten Abwehrkräften und un- 
bewussten Angriffskräften, der bisexuelle Zweifel und seine verschieden Äusserungen, 
das Schwanken zwischen Glaube und Unglaube, zwischen Hass und Liebe, der 
Zweifel als Sicherung gegen kriminelle Impulse, dann die Zwangsneurose als Mittel, 
den Zweifel durch einen Imperativ zu binden und d.e Angstneurose als Mittel, den 
Zweifel durch einen negativen Imperativ, durch ein Verzichtleisten zu umgehen. — 
Der Zweifel, schliesst der Autor definierend, is t d i e endo n sy c hisch e W ahr- 
nehmung der Bipolari tat. Es fehlt dem Zweifelnden die monopolare Einstellung 
vollkommen, er wünscht und fürchtet gleichzeitig die Erfüllung seines Wunsches. 

Die Arbeit ist in fast allzugedrangler Kürze gehalten. Durch ihren Gedanken- 
reichtum bietet sie vor allem jedem, der praktisch analysiert, eino Menge interessanter 
Anknüpfungspunkte. H. Rorschach, Münsterlingen. 

BonhöHer, Die Psychosen im Gefolge von akuten Infektionen, Allge- 
meiner krankunge n und inneren Krankheiten und Schröder, Intoxi- 
kationspsychosen im Handbuch der Psychiatrie von Aschaffenburg. Franz 
Deuticke. Leipzig und Wien 1912. 

Das Werk ßonhöffer's stellt eine wesentlich vermehrte Umarbeitung seiner 
früheren bekannten Arbeit dar; die Bereicherungen betreffen hauptsächlich die 
Psychosen bei Allgemeinerkrankungen und inneren Krankheiten. „Der Mannigfaltigkeit 
der Grunderkrankungen steht eine grosse Gleichförmigkeit der psychischen Bilder 
gegenüber". Es ergibt sich die Auffassung, dass wir es mit typischen psychischen 
Reaktionsformen zu. tun haben, „die von der speziellen Form der Noxe sich ver- 
hältnismässig unabhängig zeigen". Der Autor verhält .-ich der Erwartung gegenüber 
sehr skeptisch, dass es je gelingen werde, typische Bilder nach Differenzen der 
Ätiologie zu gewinnen und stellt, indem er den Kreis der Ätiologien durch «inbe- 
ziehungder Intoxikationen, Hirntraumen etc. erweite.t, bei denen dieselben psychischen 
Bilder auch vorkommen können, auf die Charakterisierung von exogenen Grundtypen 
ab Eine Brücke zu psychoanalytischen Gebieten scheint mir auf einem Gebiet zu 
liegen, das der Autor nicht erwähnt, bei den Infektionskrankheiten etc. der Geistes- 
kranken: Für die bekannte Tatsache, dass besonders manche Schizophrene während 
und nach einer Infektionskrankheit auffallende Besserungen zeigen, liesse sich viel- 
leicht an einem analysierbaren Falle eine Erklärung finden. Könnten nicht amentia- 
artige oder korsakoffähnliche Vorgänge mit im Spiel sein, wenn sich während einer 
Infektion ein WahnsyBtem, ein Antismus lockert? 

Die Intoxikationspsychosen Schröder's enthalten vor allem vorzügliche Be- 
schreibungen der akuten Alkoholpsychosen. Die nichtalkoholschen Intoxikationen 
sind sehr kurz behandelt. Der Autor betont mehrmals die Wichtigkeit der psycho- 
pathischen Anlage für die Entstehung einer Giftsucht: vor allem Individuen mit 
psychopathischer Anlage fallen dem Alkoholismus anheim, faneen mit Morphium zu 
spielen" an etc. Psychoanalytische Ergebnisse über das Thema sind in dem Buch 
noch nicht aufgenommen, H. Rorschach. Münsterlingen. 



454 Referate und Kritiken. 

Bumke, Gerichtliche Psychiatrie und Schultze, Daslrrenrecht. Aschaffen 
burg'sches Handbuch. Franz Deuticke. Leipzig und Wien 1912 

Die gerichtliche Psychiatrie Bumke 's stellt nicht eine Beschreibung der 
forensischen Bedeutung der einzelnen Psychosen dar, wie die bekannten Werke 
Delbrück's, Kraf ft-Ebing's etc., sondern sie will ,das materielle Recht Deutsch- 
lands, Österreichs und der Schweiz so weit darstellen, wie es der forensischen Tätig- 
keit des psychiatrischen Fachmanns zur Grundlage zu dienen pflegt". Interessant 
ist vor allem der Vergleich des geltenden Rechtes mit den deutschen, österreichischen 
und schweizerischen GesetzesvorlageD, die besondere Berücksichtigung finden. 

Unter Irremecht versteht Schultze im besonderen die Regelung des Irren- 
wesens, vor allem Schutz der Geisteskranken und ihrer Rechte in und ausserhalb 
der Anstalt. Die Arbeit ist ein grosszügiges, humanes Werk, das in vielen jedem 
Psychiater oft peinlich nabetretenden Fragen Rat gibt. 

H. Rorschach, Münsterlingen. 

Redlich, Die Psychosen bei Gehirnerkrankungen. In: Handbuch der 
Psychiatrie, herausg. von Aschaffenburg. Franz Deuticke. Leipzig und Wien 1912. 

Der Autor behandelt — ziemlich kurz — die bei Hirntumoren, Hirnabszess, 
Sinusthrombose, Enzephalitis, Huntington'scher Chorea, bei den verschiedenen 
Meningitisformen, bei Blutung, Erweichung und bei den verschiedenen Sklerosen vor- 
kommenden geistigen Störungen; er kommt immer wieder zu dem Schlüsse, dass es 
spezifische psychische Bilder in dem Sinne, dass sie nnv bei bestimmten Hirnaffek- 
tionen vorkämen, nicht gibt. Es besteht eine ausgesprochene Gemeinsamkeit in 
symptomatologischer Beziehung, die zweifellos auf Ähnlichkeiten in den pathologisch 
wirksamen auslösenden Ursachen hinweist. Für den Analytiker ist das Buch so weit 
von Wichtigkeit, als es eine Menge verschiedener psychischer Erscheinungen, die 
teilweise als psychogen anmutend zum Analyseversuch verlocken könnten, als Früh- 
Bymptome von Gehirnerkrankungen beschreibt. H. Rorschach, Münsterlingen. 

Hoche, Dementia paralytica und Spielmeyer, Die Psychosen des Rück- 
bildungs- und Greisenalters. In Aschaffenburg's Handbuch der Psychiatrie. 
Franz Deuticke. Leipzig und Wien 1912. 

Die Abhandlung Hoche's über die Paralyse hat etwas lehrbuchmässiges ; sie 
ist indessen sehr gründlich; besonders wertvoll sind die differentialdiagnostischen 
Ausführungen. 

Die Arbeit Spiel meyer's imponiert durch die Einheitlichkeit, die sie durch 
die Zergliederung der Krankheitsbilder nach den Prinzipien der Anatomie erhält; die 
Beschreibung der verschiedenen Formen der senilen und arteriosklerotischen Demenz 
ist voi trefflich. Dagegen kommen die funktionellen Psychosen zu kurz. Der „Zu 
spät-Komplex" (Jung) mit seinen verschiedenen Formen, die gerade für die dopres- 
siven Krankheitsbilder des Rückbildungsalteis oft so wichtig sind, bleibt unerwähnt, 
ja, Spielmeyer setzt das Wort funktionell überhaupt in Anführungszeichen. 

H. Rorschach, Münsterlingen. 

Paul Bjerre, Zur Radikalbehandlung der chronischen Paranoia. Sonder- 
abdruck aus dem Jahrbuche der psychoanalytischen Forschungen. III. Band. 
2. Hälfte. Leipzig und Wien. Franz Deuticke. 1912. 

Ich komme auf diese ausgezeichnete Arbeit zurück, weil sie im Zentralblatte 
noch nicht besprochen wurde und ich sie für eine der besten Publikationen halte, 
die wir der Freud schule verdanken. Bjerre schildert in anschaulicher muster- 



Referate und Kritiken. 455 

hafter Darstellung, wie er in 40 Stunden (!) eine Paranoia heilte. Auffallend ist 
die kurze Behandlungedauer, was ja mit meinen Erfahrungen übereinstimmt, dass 
man oft in kurzen Behandlungszeiten bessere Erfolge erzielt als durch lange jahre- 
lange Kuren. Auffallend ist ferner, dass Bjerre auf die infantilen Grundlagen, die 
verschiedenen Traumen, die verdrängte Erotik gar nicht einging und eigentlich ein 
kombiniertes Verfahren — niao könnte sagen — Dubois-Freud anwendete, auch 
auf Adler's Mechanismen zurückkam und die logische Überredung, die Wucht der 
Tatsachen benützte. Dieser Fall sollte von allen Psychotherapeuten aufmerksam 
studiert werden. Er beweist, dass es keine alleinseligmachende Methode gibt und 
dass - wie ich es wiederholt betont habe — der Arzt heilt und nicht die Methode! 
Allerdings wäre dieser Erfolg ohne Kenntnis der Freud 'sehen Forschungen un- 
möglich gewesen. Allein dadurch unterscheidet sich der wahre Psychotherapeut von 
dorn eingebildeten: der entere geht die Wege, welche der spezielle FaU von ihm 
verlangt. Der letztere geht von Voraussetzungen aus and presst das Leben in den 
Rahmen der vorgefassten Meinungen. St ekel. 

Richard Thumwald, Forschungen auf den Salomo-Inseln und dem Bis- 
marck-Archipel. Band I. Lieder und Sagen aus Buin. Mit einem Anhang: 
Die Musik auf den Salomolnseln von E. M. v. Hombostel. Verlag Dietrich Reimer. 
(Ernst Vohsen. Berlin 1912.) 

Verfasser hat mit diesem Buche eine mustergültige ethnologische und psycho- 
logische Arbeit geleistet. Er hat mit grossem Fleisse, mit Liebe und Ausdauer die 
verschiedenen Lieder der Eingeborenen gesammelt, sie gesichtet, bringt sie in aus- 
gezeichneter Übersetzung (aber auch wörtlich) und versieht jedes Lied mit einem 
ausführlichen Kommentare. Die Lieder sind uach ihrer psychologischen Zusammen- 
gehörigkeit geordnet, so z. B. die .Sehnsuchtslieder*, „die politischen Lieder", 
Freundschaftslieder', .Eheleben", „Klatsch, Schmähungen, Überdruss", „Pflanzen und 
Tiere* „Tod und Krankheit" um nur einige Gruppen hervorzuheben. Dadurch be- 
kommen" wir einen tiefen Einblick in das Seelenleben eines Naturvolkes. Auflallend 
ist mir der Mangel seelischer Beziehungen im Liebensieben, wie er sich in den 
Liebesliedern ausdrückt. Dagegen wird die Physis unterstrichen und die stehende 
Phrase der Eingeborenen lautet: Dein Leib ist, wie ... . und nun folgen Bilder, die 
an Buntheit und Reichtum nichts zu wünschen übrig lassen. Für den psychoanaly- 
tisch geschulten Leser zeigen die Gedichte eine Fülle von Symbolen, welche, unsere 
aus der Traumforöcltung bekannten Resultate über sexuelle Symbolik glänzend be- 
stätigen. Wir behalten uns vor, unter den „Varia* verschiedene Proben aus diesem 
so anregenden jed em Psychologen warm empfohlenen Werke zu bringen 
und publiziere hier nurein kleines Liedchen, das sich des „Liebhabers Reue" be- 
titelt. „Wenn, Glimmspan, du dies Lied vernimmst, — so zürne nicht in deiner 
Rede! -Ich Prachtbaum, klage um das Amulett, - das Faulige du an dich 
nahmst — als er der Faulige dein Gatte zurückgekehrt, — Du Glimmstumpf, dein 
Leib er ist - im Süden dort die Riesenmuschel, die ihre Schalen aufge- 
spreitzt — Du Glimmaturapf, es ist dein Leib die Truhe — die Rimie mit dem 
Schlüssel sperrte auf — Da hab ich Stengel, grüner Papagei — mich drob 
entsetzt. — Du morsches Holz du fauliges. — dein Leib er ist — am Himmel drauf 
der Regenbogen — wie der begann mit Regen uns zu spritzen." Man beachte 
die weiblichen Symbole, Muschel, Truhe, Holz, die männlichen Baum, Schlüssel, Stengel, 

.,. , Stekel. 

Vogel. 



456 Referate und Kritiken- 

Freud, Weitere Ratschläge zur Technik der Psychoanalyse. (Inter- 
nationale Zeitschrift für Psychoanalyse. 1. Heft.) 

Aus seiner reichen Erfahrung erteilt der Meister der Psychoanalyse folgende 
Ratschläge : Man vereinbare mit jedem Kranken zuerst eine Probeanalyse für die Dauer 
von 1 — 2 Wochen. Man vermeide die Behandlung von Verwandten, Freunden and 
Bekannten und ebenso die unentgeltliche Behandlung. Jeder Patient erhält eine be- 
stimmte Stunde, die er auch bezahlen muss, wenn er nicht kommt — schwere Er- 
krankungen ausgenommen. Die Dauer der Behandlung lfisst sich vorher nicht be- 
stimmen, doch brauche die Psychoanalyse lange Zeiträume, etwa halbe oder ganze 
Jahre. (Das stimmt mit meinen Erfahrungen nicht überein! Ref.) Einzelne Symptome 
wegzuanalysieren solle man nie übernehmen. Am liebsten seien ihm die Patienten, 
welche die volle Gesundheit fordern. Auch die Frage der Psychoanalyse der Armen 
wird abgehandelt und empfohlen, sich für die Psychoanalyse bezahlen zu lassen. 
Zur Psychoanalyse brauche man eben wie zum Kriege Geld und Geld und wieder 
Geld. (Durch Abkürzung der Behandlungszeiten und Reduktion der Zeit auf eine 
halbe Stunde, wie ich es manchmal ausführe, kann man auch dem Mittelstand die 
Analyse möglich machen. Arme Patienten lasse ich gewöhnlich unter meiner An 
leitung von Schülern analysieren. Ref.) 

Freud lässt die Kranken auf einem Ruhebett liegen und sitzt hinter ihnen. 
Diese Methode hat einen historischen Sinn als Rudiment der Hypnose und dann 
verträgt es Freud nicht, sich durch acht- Stunden und noch länger (!) von anderen 
anstarren zu lassen. Über die hohen Ko3ten der Psychoanalyse macht der Autor 
eine sehr witzige Bemerkung: „Es ist nichts Kostspieligeres im Leben als 
die Krankheit und die Dummheit." Das mag stimmen. Aber ich habe die 
Beobachtung gemacht, dass die Gesundheit und die Klugheit mitunter viel kost- 
spieliger werden können. Stekel. 

Jones, Die Beziehungen zwischen Angstneurose und A ngst hysterie, 
Seif, Zur Psychopathologie der Angst. (Ibidem.) 

Beide Arbeiten bringen Bestätigungen meiner in der IL Auflage der Angst- 
zustände ausgesprochenen Ansichten. Es gibt keine Angstneuroae ohne 
psychogene Wurzeln. „Die physischen Zustände allein genügen nicht, um eine 
Angstneurose hervorzurufen." Dann müssten wir aber auch den Mut haben die 
einzige logische Konsequenz zu ziehen und den Ausdruck „Angsthysterie" als 
verwirrend und überflüssig fallen zu lassen. Ich habe ihn nur auf den ausdrücklichen 
Wunsch von Freud eingeführt und werde mich bemühen ihn durch die einfache 
Angstneurose zu ersetzen. . . . Seif betont noch den femininen Charakter der 
Angst, ein Gedankengang der an den von Adler erinnert. Stekel. 

Federn, Beiträge zur Analyse des Sadismus und Masochismus. I. Die 
Quellen des männlichen Sadismus. (Ibidem.) 

Eine unglaublich phantastische Arbeit . deren reiche Anregungen für den 
krausen Gedankengang und Mangel an Kritik reichlich entschädigen. Man höre und 
staune über die neue Wahrheit: Die sadistischen Regungen entstehen 
durch unbewus3te Umwandlung von infantilen obj ektlosenSpannungs- 
gefühlen im Penis! Für den weiblichen Sadismus wird eine besondere Hypothese 
vorbereitet. Die Beweise werden zum Teile aus einer mangelhaften und falsch an- 
gewendeten Traumdeutung gewonnen. So wird als Beweis folgender Traum eines 
tripperkranken Patienten angeführt: 

Die Heiteretei steht bei einem Sandhaufen mit Schaufeln be- 
schäftigt, und hat den Rock bis zu den Knien aufgeschürzt, so dass 



Referate und Kritiken. 457 

die starken Waden sichtbar sind. Ich stehe daneben und drücke sie 
in den Waden, worauf sie mich mit Riesenkraft packt, trotz meiner 
Gegenwehr, um mich in den benachbarten Wald zu tragen und mich 
dort entweder zu schlagen oder zu würgen. In diesem Momente er- 
wache ich mit schmerzhafter Pollution. Patient hatte solche Träume nur 
während der Tripperzeit. Aber im wachen Zustande hatte er früher ähnliche Phan- 
tasien gehabt. Um Himmelswillen ! Was soll dem das beweisen? Doch nur, dasa 
krankhafte Reizzustände im Genitale zurückgedrängte Triebregungen neu beleben. 

Der Traum ist übrigens eine typische Darstellung des Kampfes gegen die 
Onanie. Jede Pollution ist ein onanistischer Akt und der Träumer schildert sehr 
anschaulich wie er sich gegen die Onanie wehrt. Alte Regungen (Schaufeln im 
Sande!) werden wieder lebendig, er packt seinen Penis (Wade nach der symbolischen 
Gleichung!) fasst, ihn, drückt ihn, würgt ihn, schlägt ihn, nach tapferer Riesenwehr 
von der Riesenkraft überwältigt. In wunderschöner Weise wird in diesem Traume 
der Kampf eines schwachen Menschen gegen den Riesen »Trieb' geschildert . . . 

Ebenso ist der nächste Traum von Federn ebenfalls nicht als ein typischer 
Onanietraum erkannt worden. „Einer meiner Patienten träumte, dass er 
mit einem seiner Bürokollegen, den er hasste, in Streit geriet, mit 
ihn zn raufen anfing, zuletzt ihn mit dem Aufwand aller Kräfte 
packte und am Halse würgte. Dabei erwachte er mit schmerzhafter 
Erektion." Der Bürokollege ist funktional aufgefasst das Unbewusste, der Trieb, 
material der Phallus, der am Halse gepackt und gewürgt wird. Ein dritter Patient 
sieht im Traume eine zerfleischte Mamilla, aus der Blut herausströmt. Hier steht 
wohl „Blut" für „Milch" und die Mamilla für den Penis (das Blut auch für Sperma). 
Der Traum bandelt charakteristischerweise von einem Zweikampf. Wieder der 
Kampf mit dem Trieb zur Onanie .... .Dieser geträumte Würgimpuls — sagt 
Federn — ist als direkte Autosymbolik aufzufassen für das zusammeukrampfende 
Gefühl in dem gereizten oder entzündeten Organ." Das mag ja richtig sein. Was 
beweist das für die Entstehung der sadistischen Regungen aus diesen Organgefühlen? 
Eine Genitalreizung lässt sadistische Szenen träumen? Nun, weil wir im Traume 
jede Person darstellen und auch im Traume als ein anderer leiden. Ich glaube, dass 
Federn hier denselben Trugschluss sieht, den Freud gezogen hat, als er die Anal- 
erotik als die Quelle des Trotzes annahm. . . Alle Neurotiker sind als Rtickschlags- 
erscheinungen sadistisch, alle Neurotiker sind trotzig und alle Neurotiker haben aus- 
gesprochene Sexualempfindungen im Anus. Wahrscheinlich alle Menschen. Alle 
diese Kombinationen Hessen sich willkürlich ins Unendliche variieren. Und den 
Sadismus im Gegensatz zur einfach grausamen Regung zu stellen, wie es Federn 
getan hat, heisst neue Verwirrungen in die ohnedies so komplizierte Lehre von den 
Trieben tragen. Der Sadismus ist nach Federn ein .funktionales, somatisches und 
materiales Phänomen". -Wir sind trotzdem auf die weiteren Ausführungen des Autors 
gespannt. Denn durch alle Irrtümer und Phantasmen leuchtet der ehrliche gute 
Wille zur Wahrheit. . . Stekel. 

Bank, Die Matrone von Ephesus. (Ibidem.) 

Ein echter Rank ! Unheimlicher Fleiss verbindet sich mit grübelndem Scharf- 
sinn, um Bestätigungen für Freud zu finden. 

Buschmann, Gesteigertes Triebleben und Zwangsneurose bei einem 
Kinde. (Ibidem.) 

Die wertvollste Arbeit im ganzen Hefte, weil sie wahrheitgetreue Aufzeich- 
nungen einer Mutter über das infantile Triebleben ihres Kindes bringt. Der ünbe- 



458 Referate und Kritiken. 

fangene wird alle jene Momente, die ich für die universelle Kriminalität des Kindes 
angeführt babe, hier vereint finden. Eine schönere Bestätigung meiner Anschauungen 
kann es gar nicht geben . . . 

Freud: Ein Traun» als Beweismittel. (Ibidem). Hier passiert V reu d ein 
charukteristisches Vergessen. Er meint: „Der enge Steg ist wahrscheinlich ein 
Genitalsymbol, wenngleich ich gestehen muss, dass dessen genauere Erkenntnis noch 
aussteht." Ich babe längst darauf hingewiesen, dass dieser Steg gleich der Brücke 
ins Reich des Todes führt, also auch ein Todessymbol ist. Aus der Traumanalyse ist 
diese Bedeutung klar zu ersehen. 

Gineburg, Mitteilung eines Kindertraumes. (Ibidem). 

Ein typischer Spermatozoentraum, wie man ihn sich schöner nicht vorstellen 
kann — man vergleiche die nebenanstehende Zeichnung — wird als Beweis aufgefasst, 
dass der Träumer in den Kinderjahren Zuschauer eines sexuellen Verkehrs gewesen 
ist! Ein Hebephreniker hat ihn geträumt und gibt an, dass er ihn das erste Mal 
zwischen 5. und 6. Lebensjahre geträumt hatte. (Wohl eine falsche Rückphantasie!) 
,In einem engen Gange rollen zwei Kugeln, von denen die eine sich 
mit rasender Geschwindigkeit bewegt, die andere nur langsam.* Das 
bekannte Phänomen: Die Unmöglichkeit eine ältere Person einzuholen. (Erstgeburt?) 
Die Röhre stellt sich der Mann als eine „Kanalrühre* vor. Die charakteristisch© 
Zeichnung sieht so aus: 



.1. 



\ 



D 



Seine Kugel. 

Ein schöner Beweis für das analytische Skotom einer Dame, die gewisse Vor- 
8tellung8gruppen nicht aufkommen lässt. St ekel. 

Paul Schrecker, Henri BeigsonsFhilosophie der Persönlichkeit. (Schriften 
des Vereines für freie Psychoanalytische Forschung. Nummer 3. Verlag von 
Ernst Reinhardt in München. 1912). 

Der Autor bemüht sich, die Persönlichkeitsphilosophie Bergson's mit den 
Adler'schen Lehren in Verbindung zu bringen. Nach einer kurzen Wiedergabe der 
B er gson 'sehen Theorie werden die wesentlichsten Sätze aus Adler's „Der nervöse 
Charakter* erläutert, worauf der Versuch gemacht wird, eine einheitliche Theorie 
aufzustellen, welche beide Ideenrichtungen zusammenfasst. Die Absicht des Autors 
darf nicht als gelungen hingestellt werden. Die metaphysische Betrachtungsweise 
Bargson'a und die psychologische Methode Adler's mögen zwar einige ähnliche 
Partialre8ultate zeitigen, es wird aber kaum gelingen, aus den Gesamtresultaten 
Beider ein organisches Ganze zu bilden. 

Insbesondere wird Bergson's Lehre vom Gedächtnis auf die Verdrängungs- 
lehre Freud's und diese wieder auf die Theorie vom Persönlichkeitsideal Adler's 
angewendet. Man liest manche interessante Gedanken, man hat den Eindruck einer 
geistreichen Lektüre, niemals aber den eines zwingenden Zusammenhanges. An einer 
Stelle erwähnt der Verfasser selber, dass sich seine Auffassungen auch auf die 
James Lange 'sehe Theorie der Gemütsbewegungen stützen können; ähnliches 
lässt sich auch an vielen anderen Stellen sagen, wo nicht durch den aphoristischen 
Charakter des Vorgebrachten a priori die wissenschaftliche Beweiskraft mangelt. 



Referate und Kritiken. 459 

Sieht man von dem Erfordernis wissenschaftlicher, an strenger Beobachtung 
erhärteter Beweisführung ab, so kann doch die Schrift wegen mancher interessanter 
Gedankengänge und Hypothesen als lesenswerte Abhandlung empfohlen werden. 
Unter anderm stellt z. B. der Autor im Anschlüsse an Bergson's Gedächtnistheorie 
die Hypothese auf, die hysterische Lähmung sei nicht die Folge der Verdrängung, 
sondern ein Mittel der Verdrängung, weil nach Berg so n infolge des mangelnden 
Bewegungsantriebes sich auch die korrespondierenden Erinnerungen nicht im Be- 
wusstsein einstellen können und somit die Persönlichkeit vor einer herabsetzenden 
Erkenntnis gesichert wird. Es folgen weitere hypothetische Sätze, z. B. über das 
Verhalten der Kontraktaren zu den Lähmungen, der Anästhesie zur Hyperästhesie, 
der Neurosen zu den Psychosen : „wie man jede körperliche Krankheit als Schutz 
vor dem Tode auffassen kann, so stellt sich die Neurose als Schutz vor der 

Psychose dar." (S. 53.) 

Zum Schluss kommt der Autor zum Resultat: .Eine Philosophie, welche wie die 
Henri Bergson's ihr Erkenntnismittel in der der intdlektualistischen Tendenz 
unseres Geistes entgegengesetzten Intuition siebt, kann der Menschheit gegenüber 
dieselbe Wirkung haben, welche die Psychoanalyse dem Einzelnen gewährt. Denn 
eine solche, die sich in den Strom des Lebens hineinversetzt und sich von ihm vor- 
wärts bringen lässt, ist allein im Stande auch eine Beantwortung der die Menschheit 
seit jeher in ihrem tiefsten Grunde beschäftigenden Fragen nach dem Woher und 
Wobin des menschlichen Lebens zu geben." (S. 60.) Dieser Satz zeigt mir deutlich, 
wie a priori unfruchtbar das Beginnen war, zwei so heterogene Dinge wie die Philo- 
sophie Bergson's und die Psychologie Adlers zu einem organischen Ganzen zu 
verschmelzen, dem. was von der praktischen Wirkung der Bergson'schen 
Philosophie gesagt wird, kann natürlich auch von anderen Philosophien (natürlich 
auch von den Religionen) gesagt werden; im übrigen können auch die anderen 
aphoristischen Satze mit vielen anderen Gedankengängen assoziert werden. Ein 
organischer Zusammenhang besteht nirgends '). 

Aber die reiche Belesenheit und die interessante Art der Gedankenführung 
durch den Autor machen trotz der sonstigen Mängel immerhin den Aufsatz lesens- 
, Gaston Rosenstein. 

Dr. med. Georg Lomer : Ignatins von Loyola Vom Erotiker zum Heiligen. 
Eine pathographische Geschichtsstudie. (Leipzig, Barth, 1918.1 

Ausgerüstet mit einem sehr umfangreichen und kritisch gewerteten Tatsachen- 
material ist es Dr. Lomer in dieser Arbeit gelungen, das Leben des Begründers 
der Gesellschaft Jesu vom psychologisch-psychiatrischen Siandpunkt aus darzustellen. 
Diese Biographie eines Weltmannes, der sich spfttor bekehrt und „Heiliger" wird, 
ist fast typisch zu nennen ; die gleichen psychischen Motivationen sind bei den 
meisten Mystikern wirksam — bei zahlreichen Vertretern der deutschen Romantik, 
bei Pascal, Swedenborg, Tolstoj. um nur einige zu nennen. Sehr klar zeigt 
es sich besonders bei Ignatius von Loyola, wie der „Wille zur Macht", der ihm 
in seiner Jugend den Charakter eines Kriegshelden, Dou Juan und Draufgängers 
verleiht, infolge der Unmöglichkeit, auf diese Weise weiter erhöhtes Selbstgefühl zu 
gemessen (Ignatius wird am Bein verwundet und hinkt seither) andere Bahnen ein- 
schlägt und durch Askese, hysterische Halluzinationen, ekstatische Euphorie etc. sich 
das Gefühl einps Menschen verschafft, der als Auserwählter Gottes besonders be- 
i) In einer Arbeit von Willi Mayer über „Störungen des Wiedererkennens" 
{Referat in diesem Zentralblatte IU./l) wird übrigens gezeigt, dass auch die klinische 
Beobachtung paychopathischer Fälle ( Wortblindheit, Worttaubheit etc.) keine Bestä- 
tigung der Bergsonschen Theorie liefert. 



460 Varia. 

gnadet ist. Und im weiteren Verlauf wird — wie bei allen .Bekehrten" — diese 
Heiligkeit verwendet, um andere Menschen zu beherrschen, verehrende Anhänger zu 
gewinnen und schliesslich zu einem Ansehen zu gelangen, das alle erlittenen Ent- 
behrungen reichlich aufwiegt. Gerade diese letzte Partie des Werkes, die aus der 
Persönlichkeit des Grunders die herrschsüchtige, rücksichtslose Politik des Jesuiten- 
ordens entwickelt, ist besonders gelungen und liefert einen wertvollen Beitrag zu- 
gleich zur Psychologie der Mystik und der religiösen Massenbeeinflussung. 

Dem mit Dr. Alfred Adler's Theorie des nervösen Charakters vertrauten 
Psychologen gibt das Leben Ignatius von Loyolas eine klare Illustration zum 
Formenwandel des »Willens zur Macht". Schrecker. 



Varia. 

Ein Feuilleton: Mensch und Name. (Die Verpflichtung des Namens) von H. Silberer. 

In einem Aufsätze „Die Verpflichtung des Namens", der in der »Zeitschrift für 
Psychotherapie und med. Psychologie. Bd. III. Heft 2" erschienen ist, wiesStekel 
auf die interessanten Zusammenhänge zwischen dem Namen und der Berufswahl hin. 
Er konnte sogar Beziehungen zwischen Neurose und Namen nachweisen. So berich- 
tete er über den Fall eines jungen Mannes, der an Zwangsvorstellungen litt. „Wenn 
ich Pakete zähle — so lautete die Klage -des Patienten — so bin ich nie meiner 
Sache sicher. Ich weiss nicht, ob die Zahl richtig ist. Ich bin immer unsicher. 
Nie sicher!" .Wie heissen Sie?" fragte Stekel. Nun und die Antwort lautete: 
Ich heisse „Sicher" 1 ). Solche Zusammenhänge, die nach dem treffenden Ausdrucke 
von Abraham die .Determinierende Kraft des Namens* beweisen, könnte man an 
Behr schönen Beispielen belegen. Stekel wollte nicht beweisen, dass der Name die 
alleinig ausschlaggebende Kraft hatte. Aber daas der Name wiederholt eine Rolle 
spielt, wird kein einsichtiger Psychoanalytiker bestreiten können. 

Der Name eines Menschen ist wie sein Schatten. Er begleitet ihn durchs 
ganze Leben. Er ist" in unzertrennlicher Verbindung mit ihm, ja geradezu ein Stück 
von ihm und doch, wenn man es genau nimmt, nur ein Hauch, ein Nichts. Zeitweise 
kann der Mensch seinen Begleiter verbergen: was dem Schatten die Nacht, ist für 
den Namen das Inkognito. Aber wie der Tag die Nacht verjagt und man nicht in 
die morgende Sonne treten kann, ohne den Schatten sichtbar zu machen, so kann 
auch der Name nicht verhohlen werden, wenn der Mensch in die Öffentlichkeit tritt. 
Und wie man sagt, dass grosse Ereignisse ihre Schatten vorauswerfen, so eilt den 
berühmten Männern ihr Name voraus wie ein Herold ; nur zu oft ist der Name grösser 
als sein Träger, so wie bei schiefer Beleuchtung auch der- Schatten eines kleinen 
Männchens riesenhaft werden kann; daran ist eben die schiefe Beleuchtung schuld. 
• . . Wenn endlich der Mensch stirbt, da sterben meist auch der Schatten und der 
Name. Der Bedeutende freilich, der sich Denkmäler gesetzt hat in den Gemütern 
der Menschen, der stirbt nicht: sein Name lebt weiter in aller Mund, und die Erinne- 
rung an ihn ist, obwohl wie alle Erinnerungen nur ein Schatten, so doch vielleicht 
unvergänglicher als der wetterharte Marmor. 

Der Name, der mit dem Menschen so innig verwachsen ist, er sollte eigentlich 
das Wesen seines Trägers aussprechen. Einstmals hatten die Namen auch wirklich 
diese Bedeutung. Sie bezeichneten entweder den Beruf des Betreffenden (man denke 
an Familiennamen wie Müller, Maier, Schulze etc.) oder sie gaben hervorstechende 
Eigenschaften, den Geburtsort an — jedenfalls sagten sie etwas Charakteristisches 

') Abraham: Über die determinierende Kraft des Namens. (Dieses Zentral- 
blatt. Bd. II. Seite 183.) 



Varia. 461 

über den Träger aus. Heute ist das nicht mehr so, und ich habe es eigentlich immer 
etwas unrichtig gefunden, dass der Name, dieses ehemals so geschmeidige, wohlan- 
gemessene Kleid des Menschen, im Laufe der Zeiten zu einer starren, geistlosen 
Uniform geworden ist, die am Menschen sitzt, ob sie ihm nun passt oder nicht. 

Meinetwegen soll man mich auslachen, aber ich glaube, ein Mensch, der Fischer 
heisst, soll Fische fangeD, ein Mensch, der Riese heisst, soll ein baumlanger Kerl 
sein, und ein Mensch, der Brünner heisst, soll nicht aus Salzburg sein, sondern eben 
aus Brunn. Wie ist es nun in Wirklichkeit? Da ist der Fischer Kanzleisekretär, 
der Biese ein Knirps von 150 Zentimeter Höhe und der Brünner aus Leitmeritz. 
Doch — es gibt wohltuende Ausnahmen, vielleicht sogar mehr, als man vermuten 
sollte. Wenn ich eine solche entdecke, wenn ich sehe, dass die Beschäftigung der 
Leute zu ihrem Namen in Beziehung steht, das freut mich jedesmal so sehr, dass 
ich mir seit gevaumer Zeit alle solchen Fälle, die mir unterkommen, notiere. Ich 
will eine Anzahl Proben geben — sie sind sämtlich aus dem Leben gegriffen. 

Da gibt es zum Beispiel einen Reiterobersten Freiherr v. Klingspor; könnte 
der einen hübscheren Namen tragen? Ein Mann, der Tintner heisst, ist wie ge- 
schaffen, Stampiglien zu erzeugen. Leutnant Marsch klingt ausgezeichnet und gleichen 
Namen trägt sehr schicklich ein Regimentsmusiker. Ich weiss einen Modesalon 
Rosa Spiegel: für wie viele Frauen ist doch der Modesalon ein rosa Spiegel! Der 
Leiter der Wasserflugzeugkommission in Kiel ist Kapitänleutnant Heering. Wenn 
wir bei der Marine sind, vergessen wir nicht den Kontreadmiral v. Wellenburg und 
den Kapitän Kühlwetter. Ein Hotelier, der Heger heisst, lässt Günstiges ahnen, und 
Restaurateure wie Leber und Knödel haben auch etwas Ansprechendes (Leberknödel 
wäre allerdings noch besser); das gleiche gilt vom Delikatessenhändler Krautwurst. 
Der Apotheker Leimkugel gefällt mir; da sieht man doch gleich, dass man dort 
Pillen bekommt. Dass ein Deutschnationaler Schnorrer heisst, ist dagegen ein ebenso 
beklagenswerter Irrtum, wie dass die Firma Kapun, Hanakamp u. Co. ein Bankhaus 
ist Btatt eine Geflügelhandlung. Für eine solche sind Gansl, F. Eder (das gibt: Feder) 
begreifliche Namen; weniger passt Hungerleider. Herr Fuchs als Gefiügelhändler 
kommt mir vor wie Herr Bock als Gärtner. Eine Eierhandlung Schneeweiss oder auch 
nur Weiss lasse ich mir gefallen ; Elefant lässt besonders grosse Eier erwarten. 

Ein gewisser Metall wurde, wie ich in der Zeitung las, verhaftet, weil er mit 
einer falschen Krone zahlen wollte ; noch dazu bei der Familie Sorg, wo man gewiss 
kein falsches Geld brauchen kann. Neulich sah ich ein Billardlehrbuch von Siegbert 
Schnurpfeil; das muss ein trefflicher, akurater Spieler sein, nnd von ihm- wird man 
was lernen können. Ein Herr Bauerreiss hat über Schacbprobleme geschrieben und 
noch andere schöne Namen von Schachleuten gibt es : Ritter Zug v. Skarszewski 
gründete eine polnische Schachzeitung, Weiss und Schwarz hiessen bekannte Spieler, 
und Albin ist doch wieder eine „Variante* des Namens Weiss. Ein Übersetzer des 
Ritterepos „Parzival" und anderer verwandter Dichtungen heisst Pannier. Ich kenne 
einen Tischler, der so aufrichtig ist, wirklich Tischler zu heissen. Ein Teppich- 
bändler in Salzburg heisst Gehmacher. Feinhals ist ein besserer Name für einen 
Sänger als Foltermayer, und Fluss passt gut für eine Waschanstalt. Der Verfasser 
eines ,Liebesbrevier6" heisst Voneisen; das muss doch den Damen imponieren. In 
Ischl entdeckte ich die Antiquitätenhandlung Scherb. Es gibt einen aeronautischen 
Buchverlag Auffahrt und einen Luftschiffer Schleiffahrt. Der Erfinder eines Lanzier- 
apparatee für Luftbomben heisst Guerre (zu deutsch Krieg), jener eines Hydroplans 
Riviere (Strom). Ein Fabrikant von Öfen für Leichenverbrennung trägt den Namen 
Asbrand. Ein Herr Kleinsorgen schreibt eine „Cellular-Ethik", Dulaure über Folklore, 
Kind über Sexualwissenschaft. Jeremias über die Bibel. Kyrieleis hiess ein be- 



462 Varia. 

rühmter Fälscher von Luther-Autographen. Windhoff erzeugt Vorrichtungen für 
Luftkühlung an Flugmotoren, Lüftschitz Staubsaugapparate. 

Die Herren Dr. Bader, Dr. Doctor und Dr. Arzt konnten nichts Besseres tun 
als Ärzte werden. Das Gleiche versteht Bich von den Herren Doktoren Nirenstein, 
Gall, Kropf, Ornstein, Mark, Herzmark, Krebs und Stauch. Man sieht förmlich die 
Instrumente und das Blut vor sich, wenn man Namen liest wie Schnitzler (der grosse 
Chirurg), Fleischer, Hacker, Fleischmann, Schneider, Aufschnaiter atmet aber auf bei 
den Namen Vollbracht. Sonderbar genug, ein Dozent Herz ist Spezialist für Herz- 
leiden und Doktoren namens Steiner und Fluss für Krankheiten der Harnwege. 
Gründlichkeit lässt Dr. Kuttelwascber vermuten, und tröstlich für den Kranken 
klingen Namen wie Glücksam oder Fröhlich. Der Zahnarzt namens Schreier ver- 
wechselt sich wahrscheinlich mit dem schreienden Patienten, und ähnlich wirds mit 
Weinmann sein; die Wichtigkeit der Zahnpflege ist wohl in den Namen Scheuer und 
Reiniger angedeutet. Reissberg ist auch ein schicklicher Name, Dr. Pfeffermanna 
Zahnpasta lflsst schon im Namen Pfefferminze riechen. Laas endlich die Herren 
Rössel, Rossmeissel und Ganslmayer Tierärzte wurden, ist selbstverständlich. Ich 
erwähne auch Prof. Freud als den Schöpfer einer neuen Libido-Theorie. 

Geben wir zu anderen Berufen über. Baumann, Hauser, Sandig, Pfeiler, Babel, 
Keller, Steiner sind natürlich Architekten, wozu als Baumeister noch Mörtinger, 
Bauer, Neubauer, Maurer, Steinmetz, Münster und Ziegeiwanger kommen. Bei Wolliach 
bekommt man Baumwollabfälle, bei Schneeweiss, Spitzer und Spitzner Bettwaren 
und Wäsche, bei Hönigschmid Brautausstattungen, bei Siebenschein Bijouterieartikel, 
bei Gebrüder Bergmann Bergwerks- und Ilüttendrodukte, bei Frost Brennmaterialien, 
Brenner Eis, bei Eisenschimmel Dampfmaschinen (das Dampfross ist ja aus Eisen), 
bei Goldhammer, Silberknopf und Spiegel Galanteriewaren. Von Edelstein handlangen 
nenne ich Goldberg und Bergstein und, waa ea für die Frauen bedeutet; Freudenberg. 
Herr Schein ist Tapezierer und Dekorateur. Ich komme zu Gemischtwaren- und 
Lehensraittelverschleissern ; da gibt es essbare Namen wie Honig, Mandelbrot, Häring, 
Lampl oder sonst damit zusammenhängende wie Kreiesler, Koch, Keller, Flaschner, 
Vielgut and Lamm und Fleischner. Unter den Fleischhauern sind nicht nur anzu- 
treffen Fleischhacker und Fleischmann, sondern auch Ochs und Kaibl ; ich will auch 
zwei Selcher namens WurBt nicht übergehen und einen mit Namen Bei.nl. 

Ein grosses Kapitel für sich machen die Wiener Advokaten aus. Da ist für 
jeden Geschmack besorgt und für jede Sachlage. Dies drückt sich bereits in dem 
Namen Dr. Allerhand aus. Wer niedergebeugt ist von seiner Schuld, sucht natür- 
lich den Dr. Trost auf oder seine Kollegen Doktoren Freund, Freundlich, Liebmann 
and Liebermann ; auch Dr. Langbank mag in solchen Fällen nutzen , indem er 
bewirkt, dass die drohende Strafsache auf die lange Bank geschoben wird. Will 
man Gründlichlichkeit, so geht man gewiss zu Doktor Wurzel und in unklaren, 
verworrenen Fällen za Doktor Klärmann. Wo Schlauheit nottut, wird man zu 
Doktor Katz oder Dr. Fuchs seine Zuflucht nehmon,' und wenn alle6 nichts hilft, 
nimmt man sich die zwei Verteidiger Dr. Blau und Dr. Rauch, damit sie dem Gegner 
einen blauen Dunst vormachen. Fühlt man sich dagegen sicher und will energisch 
am Gegner sein Mütchen kühlen, so wählt man Dr. Grimm, Wolf, Low, Brecher, 
Boxer, Faust, Rittersporn oder Hauenschild, endlich den Dr. Messer, oder noch besser 
den Dr. Scharfmesser. Neigt man hingegen zur Milde, so dürfte vor allem Dr. Turtel- 
taub in Betracht kommen. Furchtbar ists, den Dr. Schnürdreher gegen sich zu 
haben ; ich weiss nicht, ob man da dem Galgen entkommt. Wichtig ist oft, dass der 
Anwalt mit seiner Stimme ordentlich beioand ist; ich weiss nicht, ob mit Rücksicht 
darauf Dr. Kantor oder Dr. Brüll vorzuziehen ist; jedenfalls ist Dr. Ichheiser im 
Nachteil. Mit gewaltsameren Mitteln haben es die Doktoren Bum, Knall und Klem- 



Varia. 465 

perer auf das Erschrecken des Gegners abgesehen; was ich von Dr. Blech und Dr. 
Stroh denken soll, weiss ich nicht recht. DaBs Herr Links Doktor der Rechte ge- 
worden ist, finde ich unpassend; er hätte sich an Dr. Recht ein Beispiel nehmen 
sollen. Zum Ausgleich werden die Doktoren Mittler, Fried und Friedmann geneigt 
sein. Wer in guten Bänden sein will, wird den Dr. Vortrefflich aufsuchen, noch 
sicherer wird man mit Dr. Glück fahren, am sichersten aber mit Dr. Immerglück. 

Wer sind wohl Kraus, Kampelmüller, Harmuth, Bartusch, Bartonik, Oehl, 
Oehler, Schönol, Scheidl, Schnetz, Schnelzer und Schnipper? Es sind Friseure. Und 
Taubennestler? Nnn, selbstverständlich ein Damenfriseur. 

Es gibt Leute, die an ihrem Namen erkranken. Der mir befreundete Nerven- 
arzt, Dr. W. Stekel, erzählte mir von einem Herrn Gross, der an Grössenwahn, 
einem Heim Kleiner, der an quälendem Gefühl von Kleinheit litt. Ein Herr Breier 
nahm fast nur Brei zu sich. Ein Herr Bauer träumte von aristokratischen Ahnen, 
ein Herr Fürst entpuppte sich als leidenschaftlicher Sozialdemokrat. Ein Herr Heim 
fühlte sich in der Ehe unglücklich. Einmal kam ein Patient, der über beständige 
Zwangsvorstellungen klagte, die das Drücken betrafen. Er wollte die Gegenstände 
so drücken, dass nur er den Druck empfand. Der Druck sollte nur von seinem 
Körper ausgehen. Der Mann hiess »Drucker". 

Es scheint in der Tat, dass bei nervösen Personen der Name, den sie tragen, 
manchmal für die Form ihrer Krankheit mitbestimmend ist. Es acheint auch, dass 
für grüblerisch angelegte Leute der eigene Name Stoff zu unendlichem Nachdenken 
und Phantasieren gibt; dass sich solche Leute seelisch gedrängt fühlen, das, was 
ihr Name sagt, zu erfüllen oder aber ins Gegenteil zu verfallen. 

Man braucht übrigens nicht erst zu den Nervösen und den Grüblern zu gehen, 
um zu rinden, dass der Name seinem Träger meist etwas Ernstes, gleichsam Ge- 
heiligtes ist. Und darum steigen mir jetzt nachdem ich mit dem Namen so vieler 
Mitmenschen Scherz getrieben, einige Bedenken auf. Aber man erinnere sich doch 
des boshaften Verses, den Herder an Goethe schrieb: ..... Der von Göttern Du 
stammst, von Gothen oder vom Kothe*. Na, und wenn sich der grosse Goethe so 
was gefallen lassen musste, dann . . . 

Ursache und Wirkung. 

In den „Therapeutischen Monatsberichten'' plaudert ein Kollege Dr. R. Rüg 
über „Ursache und Wirkung' und macht sich über die Nervenärzte lustig, die in 
mangelnder Befriedigung die Ursachen von Schlaf und Herzstörungen suchen: 

Kürzlich las ich irgendwo die Behauptung eines anscheinend vielbeschäftigten. 
Nervenarztes, die meisten Fälle von Schlaflosigkeit und nächtlichem Herzklopfen seien 
die Folgen des Coitus interruptus. Er sage dies derartigen Patienten auf den Kopf 
zu, und iu 99 von 100 Fällen werde seine Vermutung bestätigt. Diese Erzählung 
ist ein besonders klassischer Fall der Selbsttäuschung über Ursache und Wirkung. 

Mit dem Akt des Coitus einhergehend ist eine starke Erregung des gesamten 
Nervensystems, also insbesondere auch des gesamten TJnterleibsnervengeflechtes. Bei 
nervösen, geschwächten Menschen ist die notwendige Folge dieser Erregung eine 
starke Entwicklung von Gasen. Das musste jeder wissen, der sich mit elektro- 
lytischen Versuchen befasst hat. Die einfache taturnotwendige Folge der durch 
diese Gabe bewirkten Spannung des Darmrohres ist die behinderte Zirkulation des 
Blutes, und dadurch bedingt ist wieder die stürmische Aktion des Herzens, das Herz- 
pochen. Dasistso fürchterlich einfach und selbstverständlich. Wenn 
Ärzte sich nicht darüber klar sind, so liegt dies doch nur daran, 
dass sie nicht die genügende Übung und Sicherheit im m at he ma tisch - 
physikalischen Denken haben. Hat ein in seiner Gegend beliebter Arzt, also 



464 Varia. 

der Modearzt, irgend eine Vermutung ausgesprochen, die für seine Gegend neu und 
unerhört ist, so kann er sicher sein, dass diese neue Vermutung sehr rasch ihren 
Weg in alle Kaffeekränzchen der ganzen Gegend findet, die neue These wird populär, 
besonders wenn sie das Geschlechtsleben betrifft, also .interessant* ist. Männlein 
und Weiblein strömen zu dem jungen Doktor, um sich von ihm persönlich seine 
neueste Entdeckung sagen resp. bestätigen zu lassen. Der glückliche Arzt merkt 
gar nicht, dass mit ihm Theater gespielt wird, weil er gern das Honorar einstreicht, 
das man ihm willig für die interessante Unterhaltung zahlt und für den probaten 
Rat, den man bereits von anderer Seite gratis erbalten hatte.* 

Wir freuen uns unseren Lesern diese köstlichen Blüten unfreiwilligen Humors 
darbieten zu können. Dr. W. B. 

Aus dem Kinder land. 

Einen tiefen Einblick in das Entstehen erotischer Regungen bei Kindern bringt 
der folgende Brief, den ich in diesen Tagen erhalten habe. 

Lieber Herr Doktor! 

Erst heute komme ich dazu Ihnen von dem Ergehen meiner Kleinen zu be- 
richten, was ich um so lieber tue, als ich hauptsächlich Gutes sagen kann! Mädi 
ist für ihre zwei Jahre eine kräftige kleine Person und auch in geistiger Beziehung 
ihrem Alter eigentlich voraus. Leider fehlt es ihr bei unserem Wanderleben an 
Spielgefährten, nach denen sie anscheinend grosses Verlangen hat. Neulich be- 
gegnete uns auf der Treppe ein kleiner 3 '/a jähriger Türkenjunge, der auch hier im, 
Hotel wohnt. Er hat auf Mädi grossen Eindruck gemacht, denn sie sprach den 
ganzen Tag nur von .Bubi* und „Bubi sehen* war ihr. drittes Wort. Nachmittags 
trafen sich die beiden Kinder auf dem Korridor, wobei der kleine Türke Mädi galant 
die Hand küsste und sie ihn freudestrahlend streichelte. Sie kam gleich zu mir ge- 
laufen und erzählte mir alles sehr lebhaft. Auf meine Frage: „Wie sieht denn der 
Bubi aus, ist er lieb?" antwortete Mädi mit Überzeugung „er hat schöne Haare". 
Sie war ganz erfüllt von ihrem kleinen Abenteuer und verlangte stürmisch, dass 
man sie aus dem Zimmer heraus liesse. Sie lief dann laut „Bubi, Bubi* rufend den 
Korridor entlang und stellte sich vor die Tür, wo der kleine Junge wohnte. Er 
schlief aber und die Enttäuschung war gross. Da Mädi sich nicht beruhigte, Hess 
ich den kleinen Türken bitten sie zu besuchen. Er kam auch und es giug wieder 
sehr zärtlich zu. Sie küssten sich und spielten nett zusammen, obgleich der Kleine 
kein Wort Deutsch sprechen kann. 

Ungefähr gleichzeitig mit diesem Erlebnis haben sich bei Mädi Zeichen von 
Angst gezeigt. Mitten aus dem Spiel heraus kommt sie mit erschreckten Augen, 
wie aus einem bösen Traum erwacht, angelaufen „Habe Furcht, habe Furcht!" Nach 
längcrem Fragen, wovor sie denn eigentlich Angst habe, antwortete sie: „Fürchte 
mich vor Auto!* 

Das hat sich nun in der letzten Zeit ohne sichtbare Veranlassung mehrere 
Male wiederholt und ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn sie mir raten wollten, wie 
man sich bei derartigen Vorkommnissen Mädi gegenüber verhalten soll ! Mit besten 
Grüssen Ihre ergebene E. 

Nach einer Woche kam ein kleiner Nachtrag: „Gestern fragte ich Mädi, ob 
sie noch an den kleinen Türken denke und sich nach ihm sehne. Sie erwiderte: 
Nein! Ich mag ihn nicht mehr. Ich habe gestern ein kleines Bubi gesehen, daa 
gefällt mir viel besser Stekel. 



Varia. 465 

Zum Thema: „Die Träume der Dichter" 
In Karin Michaelis Roman „Treu wie Gold", finden sich einige für uns 
interessante Stellen. 

.Und doch konnte sie sich nicht dazu bequemen, ihn mit ihren Lippen zu be- 
rühren." Sie strich ihm leicht mit ihrer Hand über die Stirn und huschte davon. 

In ihrer Handfläche fühlte sie noch immer die angeschwollene Stirnader. Sie 
empfand plötzlich eine beklemmende Angst bei der Vorstellung, dass die Ader platzen 
könnte, wenn sie wieder einmal so schwellen sollte, und dass dann sein heisses 
Blut herausströmen musste.'" 

Später, als die Heldin von der Reise zurückgekehrt ist und sich schwanger 

fühlt, träumt ihr: 

„Dass sie wieder auf den Boden des Schiff es stünde, 

trippelnd, um die Ratten fernzuhalten. Auf einmal konnte sie sich 
nicht mehr rühren, und sie fingen an, an ihren Beinen hin au fzu kriechen. 
Sie wollte schreien, aber sie war stumm. Höher hinauf krochen die 
Tiere, unter ihre Kleider, in ihr Haar, in ihre Brust hinein und da 
sogen sie sich fest, und das Blut tröpfelte und fiel als rote Träne 
auf den Fussboden." — 

Gleich nachher hat sie folgenden Traum: 

„Sie stand auf dem Deck der „Luna", es war Nacht. 

Drausaen auf dem Wasser kam ein kleines Boot gerudert. Der 
Vater sass darin mit einem Mädchen auf dem Schoss. Sie hatte 
einen roten Stiefel an dem einen Fuss und einen goldenen an dem 
anderen. D er M on d schien dar auf. Der Vater en terte die Fallreep- 
treppe, während das Mädchen auf seinen Schultern ritt. Regine (die 
Träumerin) wollte rufen: „Vater!" War aber w ied er stumm. Und sie 
verschwanden in die Kajüte hinab. Da wurde sie so traurig, dass 
sie sterben wollte. Aber als sie sich so ganz leise über Bord gleiten 
lassen wollte, wurde sie von hinten von dem Koch (ihrem Ver führer) 
erfasst: „Wie lange soll ich da liegen und warten!" Und siemusste 
mit ihm gehen, während sie wusste, was in der Kajüte ihres Vaters 
vor sich ging. . . - Plötzlich stand der Vater vor ihr, seine Augen 
waren rot wie Blut: „Du weisstwas ich gesagt habe!" Sie nickteund 
erwach te. 

Der letzte Traum soll eine kleine Analyse begleiten. 

Schauplatz ist die „Luna", das Schiff, mit dem sie die Reise machte, sie steht 
auf dem Deck und hält Ausschau nach dem Vater, der wieder 'mal ohne sie ans 
Land gegangen ist, was sie beunruhigt; sie macht ja die Reise mit ihm, dem 
Kapitän des Schiffes, um zusehen, ob er der Mutter auf seinen Reisen die Treue hält. 
Da kommt der Vater gerudert und hatte ein Mädchen auf dem Schoss mit einem 
roten Stiefel und einem gokhnen. 

Das Mädchen erinnert an eine Dirne, mit der der Vater in ihrer Gegenwart 
trank und scherzte und an deren Kleidung ihr die roten Absätze aufgefallen waren. 

Der goldene Schuh ist wahrscheinlich eine Anspielung auf den Ausdruck 
Treu wie Gold", und die Geschichte, die ihre Gedanken ausfüllt: Die Treue des 
Vaters. In dem Mädchen also die Phantasie einer Dirne und eine Identifikation mit 
der Mutter zu erblicken. 

ZentralbUtt für Psychoanalyse. 111"/*. 31 



466 Varia. 

Jetzt entert der Vater die Treppe und das Madchen reitet auf seinen Schaltern. 
Das gemeinsame Treppensteigen ist durchsichtig, sowie die Verlegung nach oben in 
dem Reiten. 

In dem Augenblick ruft sie „Vater" und sie verschwinden zusammen in die 
Kajüte. — Und um die Einheit entgegengesetzter durchzuführen, will sie jetzt sterben. 
Liebe und Tod! 

Im selben Augenblick wird der Trnum plastischer und wird sie von ihrem 
Verführer angegriffen und zwar von hinten. 

Schliesslich kommt der Vater, hier wahrscheinlich als Todessymbol: ,Du 
weisst, was ich gesagt habe!" 

Die Träumerin trägt sich nämlich mit dem Gedanken zu sterben — ihre einzige 
Rettung. I. van de Linde. 

Jugend und sexuelle Subiimierung. 

Cabanis spricht von der Jugend (Memoire IV, Seite 202-203.): 
„Das Gehirn, erstaunt von den seltsamen Eindrücken, die zu ihm gelangen, 
kann anfangs nur schwer den wahren Sinn herausfinden; von ihrer Zahl und Neuheit 
verwirrt hat es nicht die Fähigkeit ihre Beziehungen zueinander zu erfassen. 

Es ist der Augenblick, wo selbst in geordnetem und natürlichem Zustand das 
Gehirn am meisten von diesen Eindrücken empfängt, die wir als ihm eigentümlich 
bezeichnet haben, deren Ursachen in seinem Innen» selbsttätig sind. Das ist auch 
der Augenblick wo die Einbildungskraft die grösste Macht ausübt, es ist das Alter 
der romantischen Ideen, aller Illusionen ; Illusionen, die man weder künstlich erregen 
noch nähren darf, die aber plötzlich durch eine falsche Denkungsart auseinander 
gesprengt weiden. Dann wird das Liebesbedürfnis leicht in Religiosität verwandalt, 
in Gottesdienst! Man betet die unbekannten Mächte so leidenscha f t- 
lich wie e ine Geliebte an, vielleicht weil man das Bedürfnis hat 
eine Geliebte anzubeten, weil alles aufgewühlt, alle Fibern reizbar, alle Sinne 
erregt sind und weil das unersättliche Bedürfnis zu fühlen, von dem man gequält 
wird, sich mit der Realität nicht ganz zufrieden stellen lässt." — 

I. S. Van Teslaar Worcester, Maas. 

Die Psychotherapie des moralischen Schmerzes. 

So benennt Brillon seine „Colloboration psychochirurgicale", von der er in 
der „Societe de Psychotherapie et de Psychologie" in Paris spricht. Vor der Operation 
Hypnose und Beruhigung durch Hypnose, während der Operation Psychotherapie 
und selbstredend auch nach der Operation. Auch Dr. M. Paul Farez spricht von 
einer „Psycho-narco-anesthesie". Günstige Resultate mit der hypnotischen Anästhesie 
erzielten M. Paul Joive aus Lille, Lehmann, der Chloroform und Hypnose 
kombiniert, und H. W. Mittchel aus London, der zahlreiche Operationen, wie 
Zahnextraktionen, Eröffnungen eines Abszesses, selbst eine Circumcision in der 
hynotischen Narkose vornahm. StekeL 

Zur Symbolik der Höhle. 

In dem Werke: Leonardo du Vinci von Mereschkowski finde ich eine 
Stelle, die für Psychoanalytiker von durchscheinender Symbolik ist. Bei Leonardo 
der uns übrigens in psychoanalytischer Beleuchtung bekannt ist durch Freud: 
„Ein Kindheitserlebnis von Leonardo du V i n c i", finden wir bei vielen Neurotikern 
die Enthaltung des Geschlechtsgenusses symbolisiert durch die Enthaltung des 
Fleischgenusses. Nachdem er sich nicht entscheiden konnte, was Monna Lisa ihm 



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Min solle, ein lebensvolles Weib oder ein geistiges Wesen, erscheint sie zur letzten 
Zusammenkunft in seiner Werkstäfcte. Da heiast es: 

Plötzlich schien ihm ein fremder Schatten eines ungebetenen, nicht von 
ihm eingefiössten, ihm unnötigen Gedankens ihr Gesicht wie ein Hauch auf der 
Spiegelfläche zu überfliegen. Um sie zu beschützen, sie wieder in seinen Zauberkreis 
zu bannen und den fremden Gedanken zu verscheuchen, begann er in halb singendem, 
halb befehlendem Tone, wie ein Zauberer seine Formel hersagt, eine der geheimnis- 
vollen, rätselhaften Erzählungen, die er zuweilen in sein Tagebuch einzuschreiben 

pflegte : 

In dem unwiderstehlichen Drange, neue, den Menschen unbekannte, von der 
kunstvollen Natur in langer Zeit erschaffene Bildungen zu sehen, erreichte ich auf einer 
Wanderung durch nackte, finstere Felsen den Eingang zu einer Höhle und blieb un- 
entschlossen vor ihr stehen. Nachdem ich mich aber entschieden hatte, seukte ich 
den Kopf, krümmte den Rücken, legte die linke Hand auf mein rechtes Knie, be- 
schattete mit der rechten meine Augen, um mich an die Dunkelheit zu gewöhnen, 
trat ein und machte einige Schritte. Mit hochgezogenen Brauen, zusammengekniffenen 
Augen, um die Sehkraft möglichst zu verschärfen, änderte ich öfter die Richtung 
und irrte, in der Dunkelheit hcrumtastend, bald hierhin, bald dorthin und gab mir 
Mübe etwas zu erblicken. Aber die Dunkelheit war gross. Als ich einige Zeit in 
der Höhle verweilte, erwachten und kämpften in mir zwei Gefühle: Furcht und 
Neugierde. — Furcht vor der weiteren Durchforschung der Höhle und Neugierde, 
ob sie nicht irgend ein wunderbares Geheimnis verberge. — Er verstummte. Von 
ihrem Gesicht war der fremdartige Schatten noch nicht gewichen. Welches der 
beiden Gefühle ist dann Sieger geblieben? fragte sie. 

Die Neugierde. 

Und habt ihr das Geheimnis der Höhle ergründet? 

Ich habe alles das gefunden, was man finden konnte. 

Werdet ihr es den Menschen mitteilen? 

Alles darf ich nicht und wüsste es auch nicht mitzuteilen. Aber ich möchte 
ihnen die Neugierde einflössen, dass dadurch ihre Angst immer besiegt werde. 

Aber, wenn die Neugierde allein nicht genügt, Messer Leonardo? sagte sie 
mit einem unerwarteten, leuchtenden Blicke. Wenn man noch etwas anderes, Grösseres 
bedarf um in die letzten, vielleicht wunderbarsten Geheimnisse der Höhle einzu- 
dringen? 

Sie sah ihm mit einem Lächeln in die Augen, wie er es bis jetzt an ihr nicht 

gesehen hatte. Wessen bedarf man denn noch mehr? fragte er: Sie schwieg." 

Hedwig Schulze. 

Psychoanalyse im Volkshochschulkurs. 

Professor Dr. H.. Bor ut tau- Berlin spricht sich in seinem Werkchen über 
„Leib und Seele, Grund züge der Physiologie des Nervensystems und der physiolo- 
gischen Psychologie 1 )", das aus sechs Vorträgen entstanden ist, welche er im Winter 
1909/10 in einem Volkshochschulkurs in Berlin gehalten hat, über Psychoanalyse 

wie folgt aus: 

„Einige Worte seien nur noch einer in letzter Zeit viel erörterten Richtung 
gewidmet: Der Wiener Neurologe Freud und seine Schüler legen an sich mit Recht 
darauf Nachdruck, dass vielfach unb ew uss te Verl ustgefühle, die an Erleb- 
nisse oder Vorstellungen anknüpfen, die der Kranke anderen von selbst nicht mit- 

') Bd. 92 der Sammlung: Wissenschalt und Bildung. Verlag von Quelle u. 
Meyer. Leipzig 1911. 6. Kap.: Der Schlaf und verwandte Zustände. Seite 91. 



468 Vari »- 

teilt den Anlass zu Seelenstörungen geben können. Vielfach sind die betreffenden 
Erlebnisse vergessen, oder sie kehren nur im Traum, in der Erinnerung wieder usw. 
Es soll nun eine Erleichterung des Patienten resp. Besserung des Leidens dadurch 
erzielt werden, dass der Arzt denselben systematisch ausfragt und so die un- 
angenehmen Dinge, von deren Zusammenhang mit seinen unglücklichen Klagen er 
selbst nichts weiss, herausbekommt: sog. Psychoanalyse. Wenn, wie gesagt, 
dem ein wahrer Kern innewohnt, so muss andererseits betont werden, dass Über- 
treibungen hier mehr schaden als nützen können, um so mehr als Freu'd und seine 
Schüler fast ausschliesslich geschlechtliche Momente als Grundlage der Stö- 
rungen ansehen und durch ihr Ausfragesyatem herausbekommen wollen. Wenn auch 
hier wahr sein mag, dass mehr unterdrückt wird und wirklich vorhanden zu sein 
pflegt, als gewöhnlich zugegeben wird, so muss vor Übertreibung als doppelt gefähr- 
lich diingend gewarnt werden." 

Hinzuzufügen wäre hier nur, dass die gesperrt gedruckten Stellen vom Ver- 
fasser herrühren. Richard Jenichen. 

Eine deutliche Symbolik bringt daB folgende chinesische Gedicht: 

Das Mädchen, wenn es tief gebückt 

Den ganzen Tag um kargen Lohn 

Auf Seide Prachtgewänder 9tickt, 

Träumt abendlich von einem Ton, 

Von eines Knaben Melodie, 

Und durch das Fenster stiehlt sich dreist 

Ein Myrtenschatten auf ihr Knie; 

Sie träumt, dass wer ihr — Kleid zerreisst. 

Tiu-Tun-Ling. 1870. 
Übersetzung von Haussmann. H. Rorschach. 



Der internationale Verein lür medizinische Psychologie und Psychotherapie 

wird seine Jahresversammlung heuer in Wien und zwar am 18. und 19. September 
unmittelbar vor dem Beginn des Ärzte- und Naturforschertages abhalten. Das Pro- 
gramm wird rechtzeitig bekanntgegeben werden. Auf der letzten Jahresversamm- 
lung vom 8. und 9. September 1912 in Zürich wurden in den Voratand des Vereines 
folgende Herren gewählt: Herr Professor H. Bernheim, Paris, Präsident; Herr 
Professor E. Bleuler, Zürich, I. Vizepräsident; Herr Professor A. Forel, II. Vize- 
präsident; Dr. L. Frank, Zürich, Geschäftsführer; Frhr. Dr. v. Stauf fenberg, 
München, I. Schriftführer; Dr. v. Hattingberg, München, II. Schriftführer; als 
Beisitzer: Professor Dr. R. Semon, München, für Deutschland; Professor Dupre, 
Paris, für Frankreich; Professor E. Jonns, London, für England und Amerika; 
Dr. F. Ferrari, Milano, für Italien. Aufschlüsse je'der Art erteilen: Dr. Frank- 
Zürich, Dr. v. Stauffenberg-München, Ziemssenstr. 1 und Dr. v. H attingberg- 
München, Rauchstr. 12. 

Dr. Wilhelm Stekel wird auch heuer vom 15. Juni bis zum 15. September 
in Bad Ischl, Kaltenbachstrasse 26, tätig sein. Alle Sendungen lür das Zentralblatt 
sind in dieser Zeit nach lsehl zu richten. 



Originalarbeiten. 



L 

Über die Behandlung des Stotterns. 

Von Dr. Emil Fröseliels, 

gew. Assistenten der Universitäts-Ohrenklinik *nd Arzt für Logopädie in Wien. 

Obwohl mich zu dem folgenden Aufsatze hauptsächlich die ver- 
schiedenen Ansichten der einzelnen Forscher über die bei der Stotter- 
in er apio einzuschlagenden Wege veranlassten, so kann ich mir doch 
nicht ersparen, auch die Symptomatologie und Ätiologie des Übels zu 
besprechen. Denn erstens sind die Kenntnise dieser beiden Faktoren noch 
sehr wenig verbreitet und zweitens werden wir bei unserem therapeuti- 
schen Ansichten immer wieder auf einzelne symptomatologische und ätio- 
logische Details hinweisen müssen. 

Wir unterscheiden k ö r p e r 1 i c h e , nervöse und psychische 
Symptome des Leidens. Wenn ich nunmehr mit der Beschreibung der 
körperlichen Symptome, welche, wie vorausgeschickt sei, wohl 
ausschliesslich funktioneller Natur sind, beginne, so bin 
ich mir dessen bewusst, dass ich mich später werde bemühen müssen, die 
psychischen Grundlagen dieser Funktionsstörungen zu erklären. Denn 
solange ein Individuum lebt, ist jede körperliche Funktion gleichzeitig 
eine seelische und jede Beschreibung und Erklärung wird solange nicht 
erschöpfend sein, als sie. nicht beiden Komponenten gerecht wird. Patho- 
logische organische Erscheinungen bei St-otterernmuss 
ich nach meiner Erfahrung lediglich als nebensächlich 
bezeichnen. Der Ansicht von K 1 e n c k e , dass das Stottern auf skrofu- 
löser Basis entstehe, kann absolut nicht beigepflichtet werden. Seine 
Theorie ist schon deshalb anzuzweifeln, weil er dem damaligen Stande 
der Wissenschaft gemäss die Skrofulöse aus allen möglichen Symptomen 
diagnostizierte; eine blasse Hautfarbe, eine enge Brust, ja selbst eine 
unausgiebige Atmung führte er auf das Leiden zurück. Doch wäre seine 
Anschauung über das Wesen des Stotterns mit diesen Differenzen zwischen 
der alten und neuen medizinischen Auffassung und Terminologie allein 
nicht widerlegt. Hingegen muss mit aller Entschiedenheit betont werden, 
dass sich unter den Stotterern kein geringer Prozentsatz organisch Ge- 
sunder findet wie überhaupt unter den Menschen. Wer Klenckes Bücher 
gelesen hat, wird sich darüber wundern, wie der glänzende psychologische 

Zentralblntt für P»yehomiilyM. III »Z". 22