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Full text of "Zentralblatt für Psychoanalyse 1912 Band II Heft 5"

Originalarbeiten. 



i. 
Unbewusste Zahlenbehandlung. 

(UncoBseious manipulations of nurabers.) 
Von Professor Ernest Jones (Toronto). 

Es gibt vielleicht keine andere Erfahrung in der Psycho-Analyse, 
welche die Ungläubigkeit so sehr herausfordert, wie jene Fälle, bei denen 
das Unbewusste Zahlen zum Ausdrucke seiner Zielvorstellungen benützt. 
An der Tatsache selbst, wie sie von Freud, Adler, Stekel und Jung 
geschildert wurde, kann niemand zweifeln, der sie aus eigener Anschauung 
kennt, doch an einige von den komplizierteren Beispielen zu glauben, be- 
sonders an jene, die Stekel mitgeteilt hat, scheint fast physisch unmög- 
lich zu sein. Jung 1 ) hat sehr treffend bemerkt: „Die Grenzen, wo das 
rein Spielerische anfängt, sind schwer zu ziehen — notwendigerweise, 
denn das unbewusste Produkt ist Schöpfung spielender Phantasie, jener 
psychischen Instanz, aus der auch das Spiel entsteht. Es widerstrebt 
dem exakten Geiste, dieser nach allen Seiten ins Haltlose sich verlierenden 
Spielerei nachzuhängen." Gehäufte Erfahrung erzeugt immer mehr und 
mehr die Überzeugung, in wie ausgedehntem Masse die Behandlung der 
Zahlen im Unbewussten vor sich geht, so dass man dahin gelangt, unser 
instinktives Widerstreben und unsere starke Abneigung, die Erklärungen 
zu akzeptieren, bloss als eine Form des von: Unbewussten ausgehenden 
Widerstandes anzusehen. Die Intensität und die Regelmassigkcit im Auf- 
treten dieses Widerstandes überraschen, da sie weit grösser sind als bei 
gewöhnlichen Symbolen und man kann sich der Vermutung schwer ent- 
schlagen, dass Zahlen vom Unbewussten auf andere Weise behandelt 
werden als Worte oder andere Vorstellungen. In durchaus überzeugender 
Weise hat F e r e n c z i in einem Artikel *) darauf hingewiesen, dass obszöne 
Worte nicht wie die übrigen behandelt werden «nid er bringt Grunde bei, 
die es wahrscheinlich scheinen lassen, dass die besondere Bedeutung, 
die ihnen beigelegt wird, auf gewisse infantile Eigenschaften zurück- 
zuführen ist, die sie sich zu bewahren wussten. Die Annahme liegt nahe 
dass eine ähnliche infantile Fixierung bei den Zahlen geschehen ist und 
dann lassen sich rasch zum mindesten drei Quellen nachweisen, aus 
denen ihre vermehrte Bedeutsamkeit stammt: 



i) Jung: Zentralbl. f. Psychoanalyse, Jahrg. 1. S. 570. 

«) Ferenczi: .Über obszöne Worte 1 , Zentralbl. f. Psychoanalyse. Jahrg. 

Zenür«lbl»tt fOr P«yeho»n»ly«o H*. 

INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



'J 



242 Ernest Jones, 

1. Der wichtige Platz, den sie bei der Kindererziehung einnehmen. 
Die Kinder werden im Zählen viel früher und mit weit selteneren Aus- 
nahmen unterrichtet als im Lesen. 

2. Die Bereitwilligkeit, mit der sich die fast zauberhaften Eigen- 
schaften der Zahlen zum Kinderspiel gebrauchen lassen. Die Richtig- 
keit der Bemerkung Freud 's: „Die Kinder behandeln Worte wie Gegen- 
stände", ist bei Zahlen leichter erweisbar als bei Worten. 

3. Die enge Verbindung zwischen den Zahlen und einer der grössten 
Lustquelle der Kinder, nämlich den Fingern. Es ist bezeichnend, dass fast 
jedes Land in alter und neuer Zeit sein Zählen auf dem Dezimalsystem 
aufgebaut hat, d. h. auf der Anzahl der Finger. 

Es ist daher klar, dass das ganze Thema einer besonderen Unter- 
suchung wert ist, sowohl vom Standpunkte der Theorie, wie von dem 
der Praxis aus und dass insbesondere die Veröffentlichung von kasuisti- 
schem Material, das darauf Bezug hat, wünschenswert ist. 

Bei Durchsicht der Notizen betreffs eines Falles, über den ich vor 
kurzem berichtet habe 1 ), traf ich auf das folgende Beispiel, welches hin- 
reichend abgegrenzt erscheint, um seine Wiedergabe zu ermöglichen. Die 
Aufzeichnungen wurden vor mehr als zwei Jahren gemacht, wo ich in/ 
Hinsicht auf das Thema zum Unglauben viel bereiter war als jetzt; sie 
wurden deshalb ohne Tendenz gesammelt und ich kann dafür bürgen, 
dass sämtliche Erklärungen, die hier mitgeteilt werden, unvermittelte Ein- 
fälle des Patienten waren. 

Der Patient, ein 24 jähriger Mann, litt unter einer schweren Zwangs- 
neurose und war sehr abergläubisch; er hatte u. a. einen enorm starken 
Mutterkomplex. Er sah einzelne Zahlen, z. B. 3, 9 \»tc., als besonders 
„glückbringend" an und andere, z. B. 4, 36 etc., als ebenso „unglück- 
bringend" an.- Die ersten hatten meist auf ihn Bezug, die letzteren auf 
seine Mutter. So hatte drei für ihn die gewöhnliche sexual-symbolische 
Bedeutung und neun, dreimal drei in noch höherem Grade; neun stellte 
das Maximum der sexuellen Potenz dar und er erzählte mir, dass dies 
die höchste Zahl sei, die er je in der Sexualbetätigimg einer Nacht er- 
reicht habe. Andererseits war vier die „geweihte Zahl" seiner Mutter, 
und zwar deshalb, weil diese das vierte Glied ihrer Familie war. Sechs- 
unddreissig war mit seiner Mutter besonders verknüpft, denn so alt war 
sie, als sie vor sieben Jahren starb. 

Eines Nachts träumte er, dass er sich vergeblich bemühe, sein altes 
Elternhaus in einer bestimmten Strasse zu finden, wo er bis etwa zu 
seinem siebenten Jahre gelebt hatte. Nach Überwindung erheblicher 
Schwierigkeiten gelang es ihm, die Nummer oberhalb der Türe zu erkennen 
und er rief freudig aus: „Ja, das ist es, Nummer 72." Darauf erwachte 
er. Nun war in Wirklichkeit die Nummer des betreffenden Hauses 243, 
wie er sogleich beim Erwachen erinnerte; ich nahm mir übrigens die 
Mühe, dies durch Nachfrage bei einem seiner Verwandten zu verifizieren. 
Es sind also in dem Traume zwei Abänderungen vorgenommen worden: 
a) die beiden letzten Ziffern wurden addiert und b) die beiden Hälften der 
Zahl wurden umgekehrt 2 ). Diese Abänderungen konnten offenbar auf 

J ) .Einige Fälle von Zwangsneurose', Psychoanalytisches Jahrbuch. Band III 
1911. Zweite Folge. * 

-') Kürzlich beobachtete ich in einem Konzert, dass Mozart's 89. Symphonie 
auf dem Programm als 453. bezeichnet war. Der Irrtum war offenbar durch einen 



Unbewusate Z&falenspiele. 245 

durchgeführt wurde. Bei der einen Methode würde das Addieren zuerst 
daran kommen und die Umkehrung später, und so der Reihe nach 243, 27, 
72 ergehen Bei der anderen käme die Umkehrung zuerst und dann das 
Addieren, dies ergäbe der Reihe nach 243, 432, 72. A priori sollte man 
erwarten, dass die Reihenfolge durch die Beobachtung, ob die erste oder 
zweite Mittelzahl (27 oder 432) mit den Fäden der das Ganze durch- 
ziehenden Gedanken enger verknüpft sei, feststellbar sein müsste. Doch 
wir werden sehen, dass beide Zahlen von gleicher Bedeutsamkeit sind, 
wenn wir nach den Einfällen urteilen dürfen und ich möchte vermuten, 
dass beide Alternativen im Unbewussten des Patienten durchgeführt 
wurden, selbstverständlich zu verschiedenen Zeiten ; dies stimmt wiederum 
sehr gut von dem, was wir von dem spielerischen Verhalten gegen 
Zahlen wissen, dass nämlich jedes mögliche Spiel damit versucht wurde. 
Die Einfälle des Patienten werden hier nicht genau in derselben, 
Reihenfolge gegeben, wie sie ausgesprochen wurden, sondern in Gruppen 
geordnet, um sie der verfolgenden Beobachtung leichter übersehbar zu 

machen. 

72 — 2 X 36 • ? 2 war das Alter, in dem eine geliebte Grossmutter 
starb. 36 Jahre war das Alter, in dem die Mutter starb. 2 war die einzige 
Zahl, die der falschen und der richtigen Hausnummer, 243 und 72 ge- 
meinsam war; es gab zwei Menschen, denen er zustrebte, die beide durch 
das Alter, in dem sie starben, angedeutet werden. Der ganze Zweck der 
Entstellung der Zahlen, sowie der des ganzen Traumes war der Kunst- 
griff, ihn und seine Mutter in der Phantasie zusammenzubringen. Dies 
wurde im Falle der Zahl durch das Mittel einer mannigfaltigen Bearbeitung 
der Ziffern drei und neun erreicht, die für ihn standen, und der Ziffer 
vier die für seine Mutter stand. Wir können die Bemühung, dm den Zahlen 
drei' und vier galt, und jene neun und vier zusammenzubringen, gesondert 
betrachten 

Der kürzeste Weg drei und vier, die Endziffern von 243, zusammen- 
zubringen war der, sie einfach zu addieren, was 27, oder die Umkehrung 
72 ergibt. Derselbe Erfolg wird erreicht, wenn man die zwei ersten 
Ziffern dieser Zahl addiert, was 63 ergibt, die Umkehrung der schicksals- 
vollen 36, das ist die Hälfte von 72. Sowohl 72 wie 63 stehen mit 7 m 
Zusammenhang, welche Zahl in 72 direkt erscheint während 63 ein \iel- 
fache.3 davon ist (mit der magischen Neun, 7 X 9). Der Patient war 
sieben Jahre alt, als er das fragliche Haus verhess, und sieben Jahre 
waren seit dem Tod der Mutter vergangen. 

Die Zahlen 243 und 36 selbst, zwischen denen ein Zusammenhang 
hergestellt werden sollte, sind eng mit drei und vier verknüpft '-43 ent- 
hält nicht nur beide Ziffern in dem, was man den manifesten Inhalt 
nennen könnte, es ist auch ein Produkt aus 3 X 3 X 3 X 3 X .3, a. ö. es 
stellt einen ungeheuer hohen Grad von Potenz dar. Im Falle der ßweiten 
oben genannten Alternative, d. h. wenn die Umkehrung der Ziffern dem 
Addieren voranging, gelangen wir zu 432 als Mittelzahl, welches das 

Vorgang erzeugt worden, der grosse Verwandtschaft mit dem von uns betrachteten 
Falle bat- der unterschied Legt nur darin, dass es sich nicht darum handelt, zwei 
Ziffern zusammenzuziehen, um eine grössere zu erhalten, sondern eine grössere in 
ihre Komponenten (9 in 4 uud 5) zu spalten. Das eine ist eine i Verrentung, das 
andere eine Auseinanderlegung; in beiden Fällen liegt eine Umkehrung vor. 



17 



244 Einest Jones, Unbewusste ZahlenBpiele. 

Produkt aus 3X3X3X4X4 ist oder mit anderen Worten eine inten- 
sive Vereinigung von drei und vier. Andererseits ist 36 aus 3X3X4 
zusammensetzbar und wenn die zweite Ziffer allein zerlegt wird, kann 
man es als 3 (3 — j— 3) niederschreiben. Die Umkehrung des als Schluss- 
produkt auftretenden 72, d. h. also 27, kann in 3X3X3 aufgelöst werden, 
während 72 sowohl durch 3 wie durch 4 teilbar ist. Wir sehen daraus, dass 
die Zahlen drei und vier auffallend eng mit allen Zahlen, die in Benützung 
gezoger. wurden, verknüpft sind. 

Dasselbe gilt offensichtlich für die zweite persönliche Nummer, 
neun, was im Detail zu zeigen überflüssig wäre. Es genügt, zu bemerken, 
dass alle in Betracht kommenden Zahlen 243, 432, 63, 36, 27, 72 aus- 
nahmslos durch neun teilbar sind, dass aber auch in jedem Falle die 
einzelnen Ziffern, aus welchen die Zahlen bestehen, addiert neun als 
Resultat ergeben. Es muss zugegeben werden, dass die natürlichen Eigen- 
schaften der in Frage kommenden Zahlen der Absicht des Patienten 
ungewöhnlich gut entgegenkommen und es ihm dadurch ermöglichten, die 
Vereinigung zwischen ihm und seiner Mutter sehr nachdrücklich zu sym- 
bolisieren, doch lässt sich auch nicht leugnen, dass er die günstige Ge- 
legenheit voll und ganz auszunützen verstand. 

Wie wenn dies alles noch nicht genügend auf die Spitze getrieben 
wäre, wies der Patient noch auf andere, von den Zahlen gebotene 
Möglichkeiten hin. In Amerika wird die Nummer 23 allgemein mit den 
Vorstellungen des Todes sowohl wie einer plötzlichen Abreise in Ver- 
bindung gebracht; dieser Aberglaube, dessen Ursprung für unseren gegen- 
wärtigen Zweck gleichgültig ist, wurde jedenfalls so wie zahlreiche ähn- 
liche von dem Patienten geteilt. Wenn nun vier, die geweihte Zahl der 
Mutter, von einer der in Frage kommenden Zahlen entfernt wird, d. h. 
wenn die Mutter durch den Tod entfernt wird, bleibt in jedem Falle die 
Zahl 23 übrig. Bei 243 braucht vier nur einfach ausgestrichen zu werden, 
bei 6H und 27 muss es von der höchsten Ziffer subtrahiert (weggenommen) 
werden. Wenn man ns von 423 wegstreicht oder von der höchsten Ziffer 
von 36 und 72 subtrahiert, so braucht das Resultat bloss umgedreht zu 
werden, um 23 zu ergeben. 

Schliesslich Hesse sich noch eine Anmerkung darüber machen, dass 
die Mechanismen, die hier am Werke sind, denen, die Freud uns als 
charakteristisch für die Traumbildung nachgewiesen hat, sehr ähnlich 
sind, oder eigentlich eben dieselben, wie jene. Jn der Vertauschung von 
243 gegen 72 sehen wir die Verdichtung der beiden letzten Ziffern in eine, 
die Verschiebung des psychischen Akzentes von den bedeutsamen Zahlen 
drei und vier, welche ersetzt werden auf das verhältnismässig gleich- 
gültige zwei, das unverändert bleibt, und die äusserst charakteristische 
Umkehrung der verschiedenen Teile des Ganzen. Zahlen werden also 
mittels derselben Mechanismen verarbeitet wie Worte, Vorstellungen und 
Szenen und die Zahlenspielerei lässt sich wohl der Wortspielerei an die 
Seite setzen, die so wichtig ist für die Bildung oberflächlicher Asso- 
ziationen im allgemeinen; beide dienen zur Entstellung und Verhüllung 
wichtiger Gedanken und es gibt einen guten Grund für unsere Gegner, 
beide als ungebührlich verallgemeinert, willkürlich oder bedeutungslos 
zu verwerfen. Deutsch von Dr. Hanns Sachs. 



n. 
Die Beziehungen des Neurotikers zur „Zeit". 

Von Dr. Wilhelm Stekel (Wien). 

Die Bemühungen, zu einer allseits befriedigenden Definition der 
Hysterie zu gelangen, haben bis heute zu keinem Resultate geführt. Ist 
es uns doch schon schwer, eine Definition der Neurose zu geben, obwohl 
wir alle wissen, was wir unter einer Neurose verstehen. Erst die Ein- 
führung der „Verdrängung" und die Berücksichtigung des „Unbewussten" 
durch Freud hat uns diesem Ziele ein Stück näher gebracht. Wir wissen 
seit den ersten Analysen Freud 's, dass die Handlungen und Vor- 
stellungen der Neurotiker aus dem Bewusstsein allein nicht zu erklären 
sind. Hier könnte eine Definition einsetzen. Sie müsste etwa lauten: 
Neurose ist der Zustand, in dem die Grenzen zwischen Realität und Phan- 
tasie infolge unbewusster und bewusster Motive zeitweilig ver- 
schwimmen. Bei der Psychose hat die Phantasie, die wir als die Realität 
des Unbewussten bezeichnen können, die ganze Realität oder ein be- 
stimmtes Gebiet derselben vollkommen verdrängt. Das Unbcwusste 
kennt nämlich keine Phantasien; es kennt nur Reali- 
täten. Wenn also dieses Werturteil des Unbewussten dauernd und un- 
korrigierbar vom Bewusstsein akzeptiert wird, dann sprechen wir von 
einer Psychose. Wenn aber die Grenzen schwankend sind und immer 
wieder korrigiert werden, dann können wir von einer Neurose sprechen. 
Bei der Neurose gibt es also ein Grenzgebiet, das zwi- 
schen Schein und Wahrheit liegt. Dies Grenzgebiet wird bald 
als Eigentum des Bewussten angesprochen, bald dem Unbewussten völlig 
oder teilweise überlassen. 

In seinem Verhältnis zur Realität verrät sich der Neurotiker. Er 
ist eigentlich nicht imstande, sich mit der Realität abzufinden. Er hat 
das immerwährende Prinzip, die Realität zu verwerfen (zu „annullieren") 
und durch die Phantasie zu ersetzen. Die Nichtanerkennung der Realität 
nimmt manchmal die wunderlichsten Formen an. Sie erinnert uns an die 
Könige im Exil, beispielsweise die Orleans, die die Republik nicht an- 
erkennen, sich den Titel eines Königes beilegen, einen Thronfolger er- 
nennen, ihren treuen Untertanen Briefe schreiben, kurz sich so benehmen, 
als wäre die Realität der Republik nicht vorhanden. Sie annullieren die 
Realität wie die Neurotiker. 

Ein an einer Zwangsneurose leidender 26 jähriger Mann erzählt mir 
eine sonderbare Zwangshandlung. Er trägt in der rechten Rocktasche 
immer einen Fetzen eines alten Briefes mit sich herum. Er wäre unglück- 
lich, wenn dieser Papierfetzen nicht in seiner Tasche liegen würde. Dieser 
ganz abgegriffene, mehrfach eingerissene Papyrus wird schon zwei Jahre 



-wq Dr. Wilhelm Stekel, 

in derselben Tasche gehalten. Er ist die Kopie eines „angeblich ganz 
flleichßültigen" Gratulationsbriefes an eine Darne, die vor zwei Jahren 
geheiratet hat. Die betreffende Dame sei ihm immer eine Nebensache 
gewesen, er könne sich diese sonderbare Handlung nicht erklaren Die 
Analyse ergibt nun eine langjährige tiefe unbewusste Neigung zu dieser 
Dame Die Neurose brach eigentlich nach der Hochzeit der Schwester 
und nach der Hochzeit dieser Dame, die eine Freundin der Schwester 
war, aus. Beide Male waren es Verluste eines geliebten Wesens, und 

.zwar Verluste für immer. 

Was für einen Sinn hat nun diese Zwangshandlung ? Sie annul- 
liert eine Realität und fixiert eine historische Reali- 
tät, die heute schon Phantasie ist. Unser Patient benimmt sich 
.einfach so, als ob die Dame noch nicht verheiratet wäre. Er hat den 
Gratulationsbrief noch gar nicht abgeschickt. Sie ist noch frei, sie harrt 
noch seiner, er hat sie nicht für ewig verloren. Er „annulliert die 
Realität ihrer Hochzeit und ersetzt sie durch eine ihm genehme Phantasie, 
welche wieder nur eine fixierte Realität der Vergangenheit ist. Die Dame 
ist in der Phantasie noch ein Mädchen. Der Gratulationsbrief ist noch 
nicht abgeschickt, weil sie noch ein Mädchen ist. .Er begnügt sich tat- 
sächlich mit einem Fetzen der Realität, mit der Kopie des Gratulations- 
briefes, und verwendet sie zur Stütze seiner Phantasie. Dies eine Beispiel 
steht für viele. Der Patient zeigt zahlreiche solcher Annullierungen. Da 
es sich um eine ganze Reihe solcher Annullierungshandlungen handelt, 
so ist er für das praktische Leben unbrauchbar. Wir sehen, dass er die 
Gegenwart beharrlich ignoriert und zwei Jahre seines Lebens ungeschehen 
macht. Die Zeit ist für ihn nicht verstrichen. Das erklärt uns neben 
anderen Determinationen (Trotz gegen den Vater!) auch den Umstand, 
dass er in diesen Jahren unfähig war, seinen Studien nachzugehen. 
Wozu auch? Die. Zeit galt ihm ja nichts und er musste künstlich den Zu- 
stand vor zwei Jahren fixieren. 

Derselbe Patient zeigt noch eine andere Symptomhandlung, die sich 
mit dem Gesetze der „Bipolarität" sehr schön erklären lässt. Er tragt 
noch einen Brief in der Tasche. Es ist eigentlich nur die Abschrift eines 
Briefes, den seine Mutter dereinst an einen Jugendfreund geschrieben 
hatte. Eine Stelle in diesem Briefe lautete: „Wohin ist unsere schone 
Jugend, die uns eine Fülle von roten Rosen brachte?" Er meinte damals 
zu seiner Mutter, man könnte bei bösem Willen aus dieser Stelle schlössen, 
es hätte zwischen seiner Mutter und dem Freunde ihrer Jugend em Liebes- 
verhältnis bestanden. Die erschrockene Mutter änderte diese Stelle. Er 
trägt aber die Abschrift des ersten Entwurfes nun an die sechs Jahre 
in seinei Brieftasche. Dieses Schriftstück war für sein Unbewusstes der 
Beweis für jene Verdächtigungen, wie sie der neurotische Familienroman 
in ungeheuerlichem Reichtum produziert. Hier wurde der „Fetzen Realität 
ebenfalls benützt, um eine Phantasie unbewusster Natur zu stutzen. 
Aber es wurde nicht nach dem Prinzip der Annullierung verfahren. Im 
Gegenteil 1 Die Annullierung der Mutter wurde nicht akzeptiert und das 
Beweisstück behielt seine Gültigkeit. Hier war das kleine Stück Realität 
willkommen und wurde zur Stütze der Scheinwelt verwendet. In beiden 
Fällen zeigt sich die Parteilichkeit des Neurotikers, dessen psychxsche 
Phänomene im Dienste der Wunscherfüllung stehen. , 

Ein anderes Beispiel. In einer anderen Analyse zeigt sich bei emem 



^ 



Die Beziehungen des Neurotikers zur .Zeit'. 247 

Patienten eine so vehemente Übertragung auf eine alte Wirtschafterin, äass 
dieselbe entlassen werden muss. Der Kranke löst seine Wirtschaft auf 
und verköstigt sich im Gasthause. Allein eine Reihe von Zwangshand- 
lungen zeigen, dass er die Realität der Entlassung im Unbewussten rasch 
annulliert hat. Er muss nach jedem Mittagessen nach Hause fahren und 
sich einige Minuten niederlegen, was er früher nie getan hat. Das heisst, 
er fahrt zu seiner alten Liebe. Sie ist noch nicht entlassen. Er muss 
nach Hause. Er geht täglich in die leere Küche, spricht zu sich einige 
Worte und untersucht, ob keine Gas ausströmt usw. — immer unter ver- 
schiedenen Vorwänden. Er macht der geliebten Donna einen Resuch. 
Kurz, er lebt mit ihr immer noch, und seine Träume beweisen, dass ihre 
Entfernung den Beziehungen eigentlich gar kein Ende gemacht habe. Das 
Unbewusste anerkennt eben keine Realitäten, die ihm nicht passen. Man 
könnte nun sagen, meine Annullierungstendenzen wären nur eine be- 
sondere Form der Verdrängung. Das entspricht aber nicht den Tatsachen. 
Eine Dame hat in ihrer Jugend mit einem Vetter ein schweres Trauma 
erlebt. Verschiedene Zwangshandlungen erweisen sich als die Wieder- 
holung dieses Vorfalles, den sie vollkommen „vergessen" hatte. Das heisst 
mit anderen Worten : Ihr Unbewusst.es weiss, was dem B e - 
wusstsein verschlossen ist. Wie benimmt sich aber der Patient 
mit der Abschrift des Gratulationsbriefes? Er weiss im Bewusst- 
sein, dass die betreffende Dame verheiratet ist. Bloss 
das Unbewusste will von der Ehe nichts wissen. Es 
ignoriert die ihm unangenehme Realität. Die Verdrängung und die An- 
nullierung stehen beide im Dienste unbewusster Tendenzen. Die Ver- 
drängung hat die Tatsache dem Bewusstsein entzogen und dem Unbe- 
wussten überliefert. Die Annullierung schiebt auch eine Tatsache bei- 
seite, aber nur im Unbewussten. Die Tatsache bleibt für das 
Bewusstsein die Tatsache. Es ist also eigentlich der umgekehrte 

Vorgang. 

Während in diesen Fällen der ewige Verlust oder besser ausgedrückt 
der Verlust für ewige Zeiten annulliert und ignoriert wird, kennen wir 
auch Fälle, in der eine Realität noch immer hartnäckig festgehalten und 
für ewige Zeiten fixiert wird, wenn sie schon längst keine Realität mehr 
ist. Gewisse kindliche Eindrücke unterliegen nicht der Usur der Zeit. 
In diesen Fällen anerkennt das Unbewusste die Zeit nicht, d. h. es will 
sie nicht anerkennen. Jede Realität ist eigentlich nur so lange Realität, 
als sie Wahrnehmung ist. Wahrnehmen heisst den wahren Zustand sehen. 
Beim Neurotiker gibt es Realitäten, die dadurch Ewigkeitswert erhalten, 
dass sie das Gesichtsfeld des Bewusstseins nicht verlassen. Jede Wahr- 
nehmung wird unfehlbar zur reproduzierten Wahrnehmung, die wir Er- 
innerung nennen. Der Neurotiker verwandelt permanent Er- 
innerungen in Wahrnehmungen. Diese Tendenz zeigt sich in 
Träumen, Halluzinationen, in Umdichtungen der Gegenwart zu Wieder- 
holungen der spezifischen historischen Szenen, des „Klischees", wie Freud 
es treffend benannt hat. . 

Dabei muss der Neurotiker sich immer über einen wichtigen Faktor 
hinwegsetzen: über die Zeit. Die Zeit zerstört „mit der Zeit" jede Realität. 
Diese destruktive Tendenz der Zeit wird vom Neurotiker beharrlich 

ignoriert. 

Nehmen wir das bekannte Beispiel, dass ein erwachsener Neurotiker 






248 Dr- Wilhelm Stekel, 

bei einer Erziehungsperson seiner Jugend erotisch verankert ist, die eigent- 
lich physisch jenseits von Liebe und Begehren steht. Wieso kommt eine 
solche Verankerung zustande? Wieso kann sie zustande kommen? Merkt 
der Kranke nicht, dass sein einst so schönes Ideal alt geworden ist und 
Runzeln hat. Ja, im Bewusstsein erkennt er dies und doch bleibt sein 
Affekt bestehen. Er, der affektive Mensch, merkt das Alter wirklich nicht. 
Sein Unbewnsstes anerkennt nicht die Zerstörung, die die Zeit vollzogen 
hat. Es existiert ein sehr charakteristisches Gedicht von Wilhelm 
Pfau, das sich „Mama bleibt ewig schön" betitelt. Ein Knabe sieht 
eine ältere Frau und macht über sie eine abfällige Bemerkung. Die Muttor 
stellt ihn zur Rede und meint, sie werde auch einmal so aussehen, wie 
die alte Frau. Darauf schüttelt der Knabe sein Haupt und meint: „0 — 
Nein! Mama bleibt ewig schön I" 

Die infantilen Ideale widerstehen also der Usur der Zeit. Das 
heisst, der Neurotiker steht in einem- ewigen Kampfe mit der Zeit. Er 
schiebt die Zeiger der Lebensuhr zurück. Er bleibt Kind und hat noch 
die junge Mama oder er ignoriert die Heirat und bleibt noch Student usw. 
Er verachtet die Zeit und vergeudet sie, wie reiche Erben aus Verachtung 
ihres Vaters ihr Geld vergeuden. Diese Verachtung der Zeit ist schon 
eine Überkompensation. Der Neurotiker hat einmal in der Kindheit die 
Zeit überschätzt. 

Das Problem der Zeit ist das tragische Problem des 
Kindes. Seine „Eltern" sind die „älteren"'. Die älteren haben 
alle Rechte und Freiheiten. Er muss ihnen gehorchen, weil sie älter 
sind. Sie sind reicher an Zeit. Sie haben dem Kinde so und so viel Zeit 
voraus. Wir wissen es aus unseren Psychoanalysen, wie schmerzlich das 
Kind diesen Konflikt empfindet. Es möchte am liebsten sein eigener Vater 
sein. Es möchte gross sein. Die Zeit vergeht ihm viel zu langsam. Ein 
Jahr dünkt ihm ,eine Ewigkeit. Man denke an das grosse Interesse der 
Kinder für Geburtstage, an den Stolz, mit dem jedes neue Jahr registriert 
wird. Das Kind denkt immerwährend an die Zeit und selbst an die 
komplizierten Probleme der Ewigkeit. Als Beweis möchte ich hier die 
primitiven Gedichte des sechsjährigen Oskar anführen. 

Das erste Gedicht heisst: Die rüttelnde Eisenbahn, und lautet: 

Sie rüttelt und rüttelt 1 
Einsteigen und Aussteigen. 
Umsteigen und Absteigen. 
Ankoppeln und Abkoppeln I 
Holla, du Träger, komm' herauf 
und dann saufl 
Das Gedicht ist aus. 
Es rüttelt die Bahn! 
Es rüttelt die Bahn! 

Es erscheint dem geübten Psychanalytiker nicht schwer, aus den 
einfachen Zeilen die erotische Symbolik herauszulesen. Doch schon das 
zweite Gedicht dieses aufgeweckten Knaben zeigt seine Grübeleien über 
die Zeitfrage. 

Die verschlungene Zeit. 
Die Zeit vergeht. 
Mir kommt es vor, wie wenn 



Die Beziehungen des Neurotikers zur .Zeit'. 249 

in einer Minute Stunden 

vergangen wären. 

Mir kommt es vor, wie wenn 

die Tage verschlungen wären. 

Die Zeit vergeht. 

Ich werde alt. 

Meine Glieder fallen zusammen. 

Meine Haare werden weiss. 

Die Zeit vergeht. 

Die Zeit vergeht. 

(Dies hat Buhi gedichtet.) 
Wir merken hier eine starke Identifizierung mit dem Vater, bei dem 
offenbar mit einer gewissen Schadenfreude die ersten Spuren des Alters 

bemerkt werden. . 

Von demselben Knaben liegt ein Gedicht aus dem neunten L,enens- 
jahre vor Auch dieses beschäftigt sich mit dem Problem der Zeit. Es 
behandelt eigentlich die Liebe, aber in Variationen: als Jüngling, als 
junger Mann, als erfahrener Mann und schliesslich als Greis. 

Andere Kinder interessieren sich sehr lebhaft für das Alter der 
Könige, besonders wie lange sie regiert haben. Es beschäftigt sie der 
Gedanke, alle zu überleben, ein Gedanke, der seine pathogene Kraft nie- 
verliert und sich zu einer Wurzel der Hypochondrie ausbildet. Ideen 
von Weltuntergang, bei denen das Kind allein erhalten bleibt, gehören, 
zu den alltäglichen Phantasien. Der Wunsch, die Eltern zu überleben, 
äussert sich in Todeswünschen gegen Mutter und Vater, von deren Tod 
das Kind sehr gerne spricht (vergleiche den „kleinen Hanns")- Das Kind 
beschäftigt sich auch lebhaft mit der Altersdifferenz, die zwischen ihm 
und den Eltern besteht. So hatte ein kleiner ßl/g jähriger Knabe, der 
durch sein mathematisches Talent die ganze Umgebung in Erstaunen 
setzte eine Tabelle, in der ausgerechnet erschien, dass bei «ehr lang.Mi. 
Leben die Differenz zwischen ihm und der Mutter immer kleiner wird*) 

Als er ein Jahr alt war, zählte die Mutter 20 Sie WttflDnil 

älter Schon nach vier Jahren war sie nur sechsmal alter (24). Die 
Tabelle veranschaulicht seine Phantasien und Berechnungen: 

1 20 ..• • zwanzigmal (20 X * ) 

b '.'.'.'. 25 ... • fünfmal (& X 5) 

10 ... . 30 ... • dreimal (3 X 10) 

20 . . 40 ... ■ zweimal (2 X 20) 

40 ' ' ' ' 60 ... • eineinhalbmal (l 1 /* X 60) 

80 .... 100 ... . ein und ein Viertelmal (l 1 /* X 100) 
Trotz dieser Spielereien verzehrte dies Kind der Gedanke, der wohl 
allen neurotischen Kindern und vielleicht allen Menschen «£»*: M 
werde meinen Vater nie erreichen." Jedes neurotische Kind 
möchte gerne sein eigener Vater sein. „Der kleine Hanns" schickt seinen 
Vater Lf Grossmama schlafen. Der Vater wird Grossvater und er avanciert 
zum Vater. Diese Menschen haben als Neurotiker im späteren Alter immer 
die Angst des „Nichtcrreichens". Sie haben das sichere Bcwusstse.n, 
dass M ihre Eltern nie erreichen können. Solche Neurotiker spielen 

i) Ein' typischer Traum dieses Patienten: .Es ist nach 1800 Jahren. Ich 
treffe Napoleon." 



250 Dr. Wilhelm Stekel, 

immer wieder das „Nichterreichen", möge es sich um einen Eisenbahnzug 
oder eine Theatervorstellung handeln, wie ich in meiner Mitteilung „Der 
Neurotiker als Schauspieler" (Zentralblatt, 1. Bd., Heft 1) ausgeführt habe. 

Das Problem der Zeit beschäftigt die Neurotiker in verschiedenster 
Weise. Immer wieder wird man die Klagen hören, sie hätten ihre Zeit 
nicht gehörig ausgenützt, sie hätten die Tage totgeschlagen, dem lieben 
■Gott die Zeit gestohlen. P 1 a t e n drückt diese Stimmung aus, wenn er 
sagt: „Wer wusste je das Leben recht zu fassen? Wer hat die Hälfte 
nicht davon verloren?" Und an anderer Stelle bricht die Klage durch: 
„0 — wehe, wie hast du das Leben verbracht!" Bei und trotz aller dieser 
Klagen ist der Neurotiker genial im Vertrödeln der Zeit. Er hat an- 
scheinend immer etwas zu tun, es ist aber zwecklose Arbeit, die Zeit 
vergeuden soll. „Ich komm' zu gar nichts," klagt so ein Kranker — „ich 
verbandle zu viel Zeit. Bis ich mich anziehe oder ins Bett lege, ver- 
gehen Stunden." Ein anderer kann nicht studieren, weil er sich über 
seine Zwangsvorstellungen erst beruhigen muss, eine häufige Form, die 
Zeit zu verschwenden. 

Ein dritter Zwangsneurotiker zeigt auch einige interessante Phäno- 
mene in bezug auf das Problem der Zeit. Er leidet an der Angst, dass 
die verschiedenen Gegenstände ihm näher rücken. Dass diese Angst 
bei Spitzen grösser wird, ist leicht begreiflich und auch leicht erklärlich. 
Die endgültige Auflösung bringt erst die Beziehung zu seinen Todes- 
wünschen: Der Tod rückt uns täglich näher. Der Tod seines 
greisen Vaters rückt auch täglich, ja stündlich und jede Minute und 
Sekunde näher. Dieser Kranke hat manchmal die Empfindung, dass er 
schon so alt ist, dass er bald sterben werde usw., ganz wie der kleine 
Oskar, dessen Gedichte wir kennen gelernt haben. Auch hier stammt 
diese Empfindung von der Identifizierung mit dem Vater und erscheint 
als Talion für die bösen Todeswünsche. 

Dieser Kranke hat die Eigenschaft, immer zu spät zu kommen. Er 
imitiert dabei den Vorgang bei seiner Geburt. Er ist der dritte der Ge- 
schwister. Der Neid auf den Erstgeborenen stammt ja zum Teil daher, 
dass er zu spät und der andere früher gekommen ist. Auch dieser Kranke 
möchte am liebsten sein eigener Vater sein. 

Eine bei Kindern sehr häufige Zwangshandlung, das häufige Blicken 
-auf die Uhr 1 ) oder die Unmöglichkeit und die Angst, auf die Uhr zu 
blicken, ferner die Störungen des Schlafes durch das Ticken der Uhr 
haben innige Verbindungen mit dem Zeitproblem. Eine an Zwangsneurose 
erkrankte Dame konnte keine Rechnung bezahlen und war stets in Kon- 
flikten mit der Uhr. Die Rechnung liess sich in der Analyse als Schuld 
-auflösen. Als Brücke für diese Zwangsvorstellung und Zwangshandlung 
erwies sich der bekannte Vers von Schiller: 

Mach' deine Rechnung mit dem Himmel, Vogt! 
Deine Uhr ist abgelaufen. 

Bei der Symbolik der Uhr spielt auch die Todessymbolik eine grosse 
Rolle, wie ja überhaupt Symbole bevorzugt werden, die Leben und Sterben, 
weiblich und männlich in einem Bilde vereinen (Bipolarität aller Sym- 
ptome). Ein jedes Symbol hat die Eigenschaft, eine Mehrheit von Bildern 
in einem Bilde auszudrücken- 2 ). 

)) Vergleiche die Stelle aus Ludwig Fiokh's .Rapunzel* in „ Varia" dieses Heftes. 
2) Über die Symptom wähl wären von diesem Gesichtspunkte aus viele inter- 



Die Beziehungen des Neurotikere zur .Zeit". 251 

In der Behandlung zeigen die Neurotiker alle ihre „Zeitkrank- 
heiten" in bezug auf den Arzt. Sie kommen zu spät oder wie einer 
meiner Patienten immer um einige Stunden sogar zu früh. Sie klagen, 
dass sie mit einer Stunde nicht auskommen. Sie kontrollieren den Arzt, 
ob er sie in der Stunde nicht verkürze. Sie produzieren dann Widerstände 
und vergeuden die für sie in jeder Beziehung kostbare Zeit. So traf einer 
meiner Angsthysteriker, ein Arzt, zu dessen Heilung ich vier Monate 
angenommen hatte, einen Patienten, den ein anderer Analytiker über ein 
Jahr behandelt hatte. Drei Wochen vergingen im heftigsten Widerstände, 
dann kamen die gleichen Fragen: Warum ich nicht ebenfalls ein Jahr 
proponiert hatte? Wie ich in der kurzen Zeit fertig werden könnte? Was 
er dann machen werde, wenn er nach vier Monaten ungeheilt sein 
werde usw. Kurz, er vergeudete die Zeit, setzte die Verlängerung der 
Behandlung um einen Monat durch, wobei natürlich auch das Moment in 
Frage kam, dass er kein leichter Fall sein wollte. Dieser Stolz auf die 
Schwere der Erkrankung ist bei allen Neurotikern ausserordentlich gross. 
Sie sind alle eigentlich tief gekränkt, wenn man sie unter die leichten 
Fälle rangiert. Besonders die nächsten Angehörigen, zu deren Beherrschung 
und Bestrafung die Neurose 'produziert wurde, sollen und müssen alle 
glauben, dass er ein „schwerer- Fall ist. Die Behandlungsdauer muss 
also eine Proportion zu der Schwere aufweisen. 

Die Bedeutung der Zeit für den Neurotiker zeigt sich am besten 
aus dem unbewussten Kalender der Kranken. Die Träume verraten uns, 
dass der Geist fortwährend mit gewissen Zahlen, besonders den Geburts- 
iahren den Todesjahren, den Tagen der Traumen jongliert (vgl. Zentralb 
f Psych Bd I 1 ) u. I3d. II S. 128: „Ein prophetischer Nummertraum ). 
Verstimmungen und Depressionen an manchen Tagen erweisen sich m der 
Analyse als Jahrestage wichtiger Ereignisse. So durchlebe der Neurotiker, 
dessen Wirtschafterin entlassen wnrde, nach einem Jahre die traurigen 

Szenen noch einmal durch. r„i,,„K~ p;„ 

Auch eine Menge anderer Symptome deutet auf die falsche Ein- 
stellung zur Zeit. Ich habe schon das Zufrüh- und Zuspätkommen er- 
Ä? Hierher gehört der Zweifel, wie spät es ist. Solche Menschen 
haben kein Zeitgefühl. Ereignisse von gestern erscheinen ihnen weit m 
Ser Vergangenheit, die ferne Vergangenheit erscheint ihnen wie vor einigen 
Tagen. Sic spielen mit der Zeit. Der Tag wird ihnen ein Symbol des 
Jahres und des Lebens. Sie sind am Abend müde, als stunden Sie um 

^^IcfnJölr diese Ausführungen mit einem Beispiel b^hlieBsen 
das uns wie kaum ein zweites geeignet erscheint, diese Verhältnisse «* 
illustrieren. Der Neurotiker, dem wir die Zahlenrechnung ***»™*; 
plikationsverhältnis verdanken, zeigte mit 5-6 Jahren ein P^ena Us 
mathematisches Genie. Er konnte sechs- und v&mfM* -Zahle* im 
Kopfe in einigen Sekunden tadellos berechnen. Die ^^t „ITZ 
Eltern bildeten den fortwährenden Gegenstand seiner Berechnungen in 
der Jugend. Alles prophezeite dem aufgeweckten Jungen eine grosse 
mathematische Zukunft. Allein schon im Gymnasium begann er in üer 
essaote Untersuchungen zu machen. Ich weiss es jetzt, dass die Symbolik ^ ausser 
der erotischen Beziehung noch eine religiöse und e.ne sich auf das Lebens und 
Todesproblem erstreckende aufweisen. 

i) .Zur Symbolik der Mutterleibsphantasie. * 



252 Dr. Wilhelm Stekel, Dio Beziehungen des Neurotikers zur .Zeit*. 

Mathematik vollkommen zu versagen. Er war bei den Stunden wie geistes- 
abwesend, so dass der Professor sagte: „Der Junge ist mit seinem Kopfe 
immer wo anders I" In den anderen Fächern war er einer der besten 
Schüler. Es ist klar, dass sich an die Zahlen ein Affekt knüpfte, der 
die klare Auffassung trübte. Die bange Frage, die den Jungen bewegte, 
war: „Werde ich meinen Vater überleben." Er wollte im Wettlaufe des 
Lebens der stolze Sieger sein. Die Folge der Todeswünsche gegen den 
Vater war einerseits als Talion und andererseits direkt aus dem Wunsche 
unendlich lange zu leben eine unglaubliche Hypochondrie. Der Kranke 
hatte mit zwanzig Jahren kein anderes Ziel, als nur das zu machen, was 
einen gesund erhält und das Leben verlängert. Er wurde Sportsmann, 
Luftfex, Vegetarianer usw. Alle Fragen schmolzen ihm zu der einen 
Frage ein: Ist das gesund? 

Er wurde auch sexuell abstinent mit der Vorstellung, durch das 
Zurückhalten des Spermas das Leben ins Unendliche verlängern zu können. 
Eine Pollution machte ihn tief unglücklich. 

Interessant sind auch die Symbolisierungen der Zeit bei den 
Nourotikern. Hier berühren sich die Probleme der Zeit mit denen des 
Raumes. Die Zeit wird zu einem unendlich langen Weg, den man zu 
durchwandern hat. Zu einem Strome», den mau übersetzen muss. Zeit und 
Geld, Blut, Sperma und alle Sekrete gehen eine symbolische Gleichung 
ein, deren Auflösung die merkwürdigsten Beziehungen ergibt. 

Dass die Ungeduld der Neurotiker die deutlichsten Beziehungen 
zum Zeitproblem ergibt, ist ja einleuchtend. Der Neurotiker ist des 
Wartens müde. Er hat die Geduld verloren. Diesem einen Typus ent- 
spricht als bipolarer Gegensatz der andere, dem das Warten zur höchsten 
Lust wird, der alle Entscheidungen hinausschiebt, um die Vorlust zu 
verlängern. Schliesslich wird ihm die Vorlust zur Hauptsache. Auch da 
verrät sich die durch die Neurose erfolgte Störung. Der Neurotiker ist 
unfähig, die Lust des Augenblickes zu erfassen. Man denke an die Worte 
von Faust: „Könnt' ich zum Augenblicke sagen, verweile doch, du bist 
so schön I" 

Der Neurotiker kennt nur die Vorlust der Realität und die Nachlust 
der Erinnerung. Das ist seine geheime Strafe dafür, dass er die einzig 
schöne Gegenwart, die Kindheit, nicht als Lust empfand und damals gross 
sein wollte. 

Aus allen diesen Ausführungen ergibt sich die Wichtigkeit des 
Problems der Zeit für den Neurotiker. Das Prinzip, die Realität zu annul- 
lieren, geht meistens gegen die Realität der Zeit. Das Unbewusste kennt 
nach einem Ausspruche von Freud keine Zeit. Das hat eine tiefe 
psychische Motivierung. Es will die Zeit nicht kennen. Es setzt sich als 
Wunscherfüllung über die Zeit hinweg und ist zeit- und raumlos. Aus 
dieser Dissonanz zwischen dem Bewussten, das ohne Zeit nicht 
existieren kann, und einem Bewussten, das m i t der Zeit nicht existieren 
will, entstehen manche Unsicherheiten und manche Zweifel des Neurotikers. 
Zwischen der Realität und der Phantasie gibt es ein Grenzgebiet, in dem 
die Zeitbegriffe schwanken. Die Grösse dieses Grenzgebietes gibt einen 
trefflichen Massstab für die Schwere der Neurose. 






IIL 

Introjektion, Projektion und Einfühlung. 

Von Dr. Sändor Koväcs (Budapest). 

Vorbemerkungen. 

Ich will versuchen, zu sondern, was in den folgenden Ausführungen 
aus der Zeit vor und nach meiner Bekanntschaft mit den Freud 'sehen 
Theorien herrührt. 

Musikästhetische Untersuchungen stellten mich dem Problem der 
Einfühlung gegenüber. Mach und Poincare klärten mich über die 
Kompliziertheit des Mechanismus der Unterscheidung: Ich-Nicht-ich auf 
und brachten mich auf den Gedanken, dass jede Befreiung von dieser 
harten Arbeit eine Erleichterung, eine Lust mit sich bringen müsse: ich 
identifizierte diese Lust mit der Lust der Einfühlung. Aus Schriften 
Hirth's, Reibmayr's, Poincare's schöpfte ich die unklare Über- 
zeugung, dass dem Unbewussten im künstlerischen Schaffen, wie Ge- 
niessen; bedeutende Rolle zukomme. Schliesslich legte ich mir eine phylo- 
genetische Erklärung der Einführung zurecht und fand eine zeitweilige 
Befriedigung in dem Gedanken, dass die Fähigkeit zur Einfühlung eine 
soziale Notwendigkeit, somit der Akt der Einfühlung lustvoll sein müsse. 

Da war die Tatsache der Freud 'sehen „Verdrängung" eine wahre 
Erleuchtung für mich. Nun erst wurde mir die Rolle des Bewussten und 
Unbewussten in der künstlerischen Betätigung klar; die Determiniertheit 
der Zensur durch das Unlustvolle machte die Lust bei der Aufhebung 
der Zensur verständlich. Diese Idee — in dem „Witzbuch" von Freud be- 
züglich des Witzes ausgesprochen — versuchte ich auf das Ästhetische 
überhaupt auszudehnen. Der Projektionsbegriff Freud 's und der durch 
Ferenczi in seiner Schrift: Introjektion und Übertragung 
klargelegte Begriff der Introjektion wurde mir dann zur Veranlassung, 
den bisher als einheitlich dargelegten Vorgang der Einfühlung aus zwei 
Momenten zusammengesetzt zu erkennen, nämlich aus Introjektion und 
Projektion. Bei der Konstruierung dieser Theorie waren die von 
Ferenczi mir mitgeteilten Krankengeschichten von Paranoischen 
und das letzte Kapitel von F r e u d 's Traumdeutung von mächtiger Hilfe. 
Überhaupt sind aber die Ideen, die ich aus den verschiedenen Werken 
von Freud und seiner Anhänger schöpfte, die eigentlichen Grundlagen 
dieser Schrift und es wäre mir ganz und gar unmöglich, die einzelnen 
Stellen anzugeben, die mich zu diesem oder jenem Gedankengang an- 
geregt haben. Dies» erklärt auch, warum ich in dem Texte die Schriften 
Freud 's verhältnismässig selten zitiere. Ich bin aber der Psychoanalyse 
doppelten Dank schuldig : erstens, da sie mir die Fähigkeit und Freude 



254 SAndor Koväcs, 

zur Arbeit wiedergab; zweitens wegen des Gewinns an Erkenntnis, den 
mir der theoretische Teil der Freud 'sehen Psychologie verschaffte. 

I. 

Wollte ein Sophist seinen Gegner in recht arge Verlegenheit bringen, 
erreichte er sein Ziel sicher mit der Frage: „Wo hört das Ich auf? Wo 
fängt das Nicht-Ich an? Wo ist die Grenze, die sie scheidet?" 

„Das ist mir doch ohne weiteres klar," würde jener antworten; 
„habe ich Zahnweh, so zweifle ich nicht, dass es meinem Körper ent- 
springt; sehe ich einen Baum, weiss ich ohne weiteres, dass er ausser- 
halb meiner selbst ist, wie könnte ich sie verwechseln?" 

„Wieso denn? Du hast ja doch von beiden nur durch deine 
Empfindungen Kenntnis; die eine Empfindung im Zahn, die andere im 
Auge. — Mit welchem Rechte sagst du, dies gehört zu meinem Ich, 
jenes aber nicht?" 

„Ich glaube, weil die ersteren Empfindungen nur eines bedeuten — 
etwa einen Baum, ein Haus, ein Gewitter — , die anderen aber, ausser 
ihrer einfachen Bedeutung, — sei es etwa ein schmerzender Zahn — , 
noch eine zweite Bedeutung mit sich führen, sozusagen einen Zusatz, 
welcher besagt, dass sie dem Ich angehören." — 

„Du behauptest also, dass alle Empfindungen, die diesen „Ich- 
Zusatz" besitzen, dem Ich angehören, alle dagegen, die den „Ich-Zusatz" 
nicht besitzen, dem Nicht-Ich." — 

„Ja, das will ich sagen." — 

„Nun frage ich dich: Ist es dir noch nie vorgekommen, dass dir 
bei Nacht ein Arm eingeschlafen ist? Du erwachtest, ergriffst deinen Arm 
und warst heftig erschrocken, weil du ihn für einen fremden mensch- 
lichen Körper hieltest?" 

„Ja, das ist mir oft vorgekommen." — 

„Antworte mir nun: War dein Arm in jenem Momente noch zu 
deinem Ich gehörig? Deiner Empfindung fehlte doch der Ich-Zusatz: 
denn hätte er nicht gefehlt, so hättest du dich nicht geirrt und wärest 
nicht erschrocken." — 

„Ich müsste sagen, dass mein Arm damals nicht zu meinem Ich 
gehörte, doch ich spräche gegen meine Überzeugung; ich bin sicher, dass 
mein Arm damals ebenso mir gehörte wie jetzt." 

„Dann, fürchte ich, ist es nicht weit her mit deinen Ich-Zusätzen. — 
Nun beachte aber folgendes: Wir lauschen dem Spiele eines grossen 
Violin- Künstlers: die Bewegungen seiner Hände sind in seiner unbedingten 
Gewalt, nie zeigen sie sich ihm rebellisch. Er braucht nur die Bewegung 
zu denken, und schon ist sie da. — Und derselbe Virtuose wird viel- 
leicht daran zugrunde gehen, dass er nicht imstande ist, die ungeordneten 
Bewegungen seines Herzens oder seiner Eingeweide zu regeln. — Darf 
man da mit Recht behaupten, dass sein Herz, seine Eingeweide inniger, 
fester zu seinem Ich gehören als seine Violine?" 

„Ich glaube, vielleicht doch; denn würde man sein Herz oder die 
Eingeweide aus seinem Körper entfernen, so stürbe er unter den fürchter- 
lichsten Qualen." 

„Man schneidet Haare und Nägel ab, ohne dass man es bemerkt; 
gehören die also auch nicht zu dem Ich?" 

„Dochl" 



IntrojektioD, Projektion und Einfühlung. 255 

Und hast du noch nie von Fällen gehört, wo die Trennung von 
etwas," das nicht zum Körper gehört, was also ohne operativen Eingriff 
entfernt werden kann, etwa die Trennung von einem gehebten Wesen, 
dem Vatcrlande, oder gar von einer blossen Idee, die bittersten körper- 
lichen Schmerzen, ja, den Tod hervorgerufen hat? Müsste man daraus 
nicht schliessen, dass alles das eigentlich viel organischer zum Ich gehört, 
als Haare und Nagel?" 

„Ja, das muss man." — 
Erscheint dir nun die Violine nicht vielmehr als ein edles, feines- 
Organ!' das sich der Mensch zurecht gemacht, womit er sein Ich er- 

1a überhaupt jedes Werkzeug, dünkt mir nun, ist nichts anderes 

als eine Ausdehnung, Hinaus- Versetzung des körperlichen Ichs, gewisser- 

massen ein Wachsen über den Körper hinaus." 

So erscheint es mir auch. — Der Mensch, der den Hebel ersann, 

erschaffte sich einen übermenschlich langen Arm und der Erfinder des 

Hammers eine gar kräftige Faust." — 

„Und der erste Ruderer mächtige Flossen." 

"Und der Erfinder der Eisenbahn behendere Beine." 

"Und die Telephondrähte sind Lungen, die unsere Stimme bis ans 

ander-" Ende der Welt schmettern." — 

„Und das Teleskop Augen, die in andere Sternensystemc hinein- 

SPa ' Und die Retorten und Eprouvetten recht feine Nasen und Gaumen." 
",Üttd die Schrift ein unendliches Gedächtnis, eine gigantische 

Voraussicht." — - ; * , 

Wahrhaftig, ich gestehe, all diese Dinge sehe ich nun alt, zu 
dem Ich gehörig, ohne dass sie an sich „Ich-Gefühle" verursachen 

k0Tmt !'und andererseits: so oft du den Schmerz eines Verwundeten mit- 
fühl tes, vor Mitleid weintest, so oft du mit dem G luckhchen achtes , 
waren die Objekte deiner Lust und Unlust nicht tatsächlich in dein Ich 
eingedrungen? Du hattest ja so starke Ich-Gefuhle! .. 

8 „Vollkommen; ich wage fast zu sagen: Kultur ist Ich-Ausbreitung _ 

Der Sophist hat nicht unrecht; die Grenzen des Ich und Nicht-ich 
sind nui für das gewöhnliche praktische Leben, konventionell zurecht- 
gerückt, tatsächlich gegeben sind für uns nur Sinneseindrucke, die wn 
nachher teils dein Ich. teils dem Nicht-Ich attnbu.eren. 

Das muss gelernt werden. Das Kind kennt diesen unterschied 
noch nicht; fortwährendes Experimentieren an dem eigenen «Htt fremde* 
Körpern, mühselig Erlernen vieler Relationen, die « «**•*£""* 
der Erwachsenen" hin als bestehend annehmen muss, ist notig, ihm die 
Geschicklichkeit an dieser Unterscheidung beizubringen. 

Diese Erfahrungen und Unterweisungen gestatten ihm, nach und 
nach dessen bewusst zu werden, dass gewisse Verknüpfungen von Sinnes- 
elementen unbeständig sind, andere dagegen zu relativ unveränderten 
Komplexen vereinigt, immer neben- oder nacheinander anzutreffen sind 
Er bewegt sich und bemerkt, dass die Bäume, Häuser, denen er sich 
nähert, sich vergrössern, eventuell die Form, die Farbe ändern, dann 
hinter seinem Rücken verschwinden, um anderen Gegenständen Hatz 
zu machen, dass dagegen seine Glieder nicht voneinander lassen, dass 



256 Bf« Sändor KovAca, 

seine Bewegungen, seine Muskelempfindungen und ihre Reihenfolge 
während des Gehens unverändert bleiben. — Er stellt notgedrungen die 
Beständigkeit dieser — nach Ort und Zeit gruppierten — Komplexe von 
Sinneseindrücken der Unbeständigkeit anderer Komplexe gegenüber, be- 
merkt Übergänge zwischen den beiden, lernt die Grade und Bedingungen 
der Beständigkeit zu bestimmen : lernt Gesetzmässigkeiten kennen. 
— All dies vereinigt sich zu einem System von Kriterien, was 
wichtig, möglich, ausführbar, reell, was unwichtig, unmög- 
lich, irrcell. Phantasiegebilde ist; ein System, welches fürderhin als Kon- 
trolle bei der Sichtung der Sinnesbilder bezüglich ihrer Zugehörigkeit 
zum Ich oder Nicht-Ich, zum Subjekt oder Objekt, zur Irrealität oder 
Realität dient. — Wir wollen diese Form der geistigen Anpassung die 
„individuelle Kontrolle" nennen. 

Da sie die Anpassung an äussere Umstände darstellt, ist sie im 
Grunde genommen von allumfassender Allgemeinheit; es gibt aber eine 
G nippe von „Umständen", die durch die ungemein wichtige Rolle, die 
sie im menschlichen Leben spielen, eine spezielle Anpassung er- 
fordern; jene nämlich, deren Summe man Gesellschaft nennt. — 
Mit der individuellen Logik kommt man in der Gesellschaft nicht mehr 
aus; die gesellschaftliche Logik ist vielfach anders, ja oft sogar jener 
entgegengesetzt. — Neue, unendlich kompliziertere Gesetzmässigkeiten 
müssen bemerkt, benützt werden, um die Anpassung an die Gesellschaft 
zu vollenden. — Zur individuellen, materiellen Kontrolle, die über 
Realität, physische Möglichkeit Auskunft gab, gesellt sich nun die 
moralisch-ästhetische Kontrolle, die die Frage nunmehr so 
stellt : Ist es gestattet, gezie m e n d , schön oder nicht. — Nun 
werden unsere Gedanken, Wünsche, Empfindungen auch von dieser 
sozialen Kontrolle gesichtet ; nur was diese unbehelligt passieren 
lässt, was „gesellschaftsfähig" ist, wird für mein, meiner würdig 
deklariert, wird gedacht, gesprochen, getan; Erziehung heisst Erlernen 
und Befestigen der individuellen und der sozialen Kontrolle. 

Der Mechanismus der Kontrolle besteht zunächst in der systemati- 
schen Nichtbeachtung eines grossen Teiles der Sinneselemente, die sich 
uns darbieten. James unterscheidet sieben Arten oder Stufen oder In- 
stanzen dieser Selektion — ebenfalls ein Überleben des geeignetesten — 
für uns. — Die- erste gibt sich schon darin kund, dass jedes unserer Sinnes- 
organe aus der Masse der Bewegungen in der Aussenwelt nur gewisse, 
unseren Zwecken zusagende, extrahiert, die dann die Ursachen unserer 
Empfindungen werden. — Zweitens zieht die Aufmerksamkeit aus diesen 
nun zugelassenen Empfindungen nur jene aus, die — sei es durch ihren 
Nutzen, sei es durch ästhetische Eigenschaften — Recht dazu gewinnen; 
das Namengeben ist das Zeichen der Würdigung gewisser Objekte. — 
„Unterdrücken wir dieses subjektive Interesse, betrachten wir die Dinge 
an sich ; und ein namenloser Wirbelwind, der den Staub aufwühlt, wird 
ebenso eine Individualität sein, wie unser Körper und verdient ebenso 
sehr oder ebensowenig die Würde eines individuellen Namens." — Drittens 
wühlen wir aus den Empfindungen, die uns die Objekte liefern, einige 
aus, die die wahre Natur dieses Objektes repräsentieren sollen, und be- 
trachten die übrigen als puren Schein, der den Umständen der Zeit und 
des Ortes gemäss wechselt. — „So gibt die Platte meines Tisches unend- 
lich viel Netzhautbilder, deren eines vier Rechtwinkel besitzt, alle anderen 



Introjektion, Projektion und Einfühlung. 257 

aber zwei Stumpfwinkel und zwei Spitzwinkel; trotzdem sage ich, dass 
die wahre Wahrnehmung jene mit den vier Rechtwinkeln ist und reduziere 
einfach alle übrigen Wahrnehmungen zu Perspektivbildem ; ich nenne 
meinen Tisch ein Parallelogramm und erhebe diese Eigenschaft zur wesent- 
lichen" — etc. 

Wir eignen uns Gewohnheiten der Aufmerksamkeit an, wodurch 
das bereits so gesichtete Wahrnehmungsmaterial einer vierten Auswahl 
unterworfen wird; Alter, Geschlecht, Erziehung, Profession dirigieren die 
Aufmerksamkeit in verschiedene Richtungen. Ja, alles Denken ist die 
Funktion eines psychischen Organes, das das Ganze einer Erscheinung 
zerteilen und unter den so künstlich geschaffenen Teilen jene auswählen 
kann die zum bezweckten Ergebnis führen muss: die fünfte Auswahl. 
Die 'Konvergenz der Charaktereigenschaften" ist das Pendant dieses Vor- 
ganges im künstlerischen Schaffen. — „Ein jeder weiss, dass der Künsüer 
jedes Detail einer Wahl unterwirft, indem er Töne, Farben und Formen, 
die miteinander und der führenden Intention des Werkes nicht im Ein- 
klänge stehen, zurückwirft; — jedes beliebige Naturobjekt kann das Material 
eines Kunstwerkes abgeben, wenn nur der Künstler Talent genug besitzt, 
einen wesentlichen und wahrhaft charakteristischen Zug zu betonen und 
alle zufälligen Details aufzuopfern, die sich nicht vertragen." Endlich 
ist Moral nichts anderes als unausgesetzte Wahl — keine Handlung 
besitzt moralische Qualität, wenn sie nicht von mehreren ebenso mög- 
lichen ausgewählt wurde. — „Die Argumente, die zugunsten des geraden 
Weges sprechen, aufrecht erhalten und verstärken, die Augen davon nicht 
abzuwenden dementsprechend die Gelüste zu ersticken, die uns zu den 
blumigen Pfaden der Lust einladen; festen und sicheren Schrittes auf 
den ernsten Wegen der Pflicht zu wandeln: das sind gewiss charakte- 
ristische moralische Energien" 1 ). — . . 

Diese negaüve Leistung des Kontrollmechanismus wird durch eine 
oositive ergänzt. — Die Vorstellungen, die wir ausgewählt, die wir von 
den Objekten als die einzig wichtigen, charakteristischen, der Aufmerksam- 
keit würdigen abstrahiert haben, werden sozusagen zu Organen - von 
der eigenen Funktion geschaffen - dazu dienend, jede neue Wahrnehmung 
ihren spezifischen Energien gemäss umzugestalten. - Sie werden zu 
Ökonomiebeamten der Seele, die ihr Möglichstes tun, alles Neuangekommene 
in den ihnen zugeteilten Fächern unterzubringen. — 

Die Masse der schon vorhandenen Vorstellungen ist m ewiger Fehde 
mit den neuen Ankömmlingen, sie annektiert letztere endlich, aber nicht 
ohne selbst durch sie beeinflusst zu werden. - Dieser ftozess der Ami- 
milation der auf Gegensätzlichkeit beruhenden Verfälschung der Wahr- 
jungen durch 3 bereits vorhandenen Vorstellungen, begteitet ^ 
auf Schritt und Tritt; ohne sie wären wir nicht imstande, selbst die ge- 
wöhnlichsten Verrichtungen zu bewältigen. — 

Dieses Wählen bedeutet eine harte Geistesarbeit. — Je honer wir 
nämlich auf der Stufenleiter der Auswahl hinaufsteigen, d. h. an je ferner 
liegende Konsequenzen die geistige Anpassung Rücksicht nehmen muss 
desto weniger wird die Verleihung des Bürgerrechtes der Vorstellungen 
durch die blosse Intensität oder anderweitige grössere Eignung zur Nerven- 
erregung bestimmt. — Die logische, moralische und ästhetische Auswahl 

i) Precia de Psychologie par William James. Paris 1910, S. 220/224. 

18 
Zentr»lbl»tt für P»yoho»n»ly««. II«. 



258 Dr. Sändor KoväcB, 

setzt komplizierte Denkvorgänge voraus, die bei der Bekämpfung grösserer. 
Intensitäten (Interesse, Gefälligkeit) vielfach eine zu harte Arbeit zu 
leisten hätten. Um dieser Arbeitsleistung zu entgehen, bedient sich 
das Bewusstsein des Mechanismus der Verdrängung. Jeder seelische Vor- 
gang lässt im Organismus die Disposition zur Wiederholung desselben 
Vorganges zurück. Die Verdrängung trachtet diese Reproduktion möglichst 
zu hemmen. Das Mittel zu diesem Zweck ist die Isolierung, die Aus- 
schaltung des betreffenden Vorganges aus dem Komplex bewusstcr 
Seelenprozesse. — Subjektiv ausgedrückt heisst das so viel, dass die 
betreffende Vorstellung ins Unbewusste hinuntergedrückt, dass sie ver- 
gessen wird. — Allein dies Vergessen beansprucht Energie und hält solche 
fest. — Beweisen das schon die therapeutischen Erfolge der Froud'schen 
Schule im allgemeinen, indem sie durch das Wiedcrbowusstmacheu ver- 
drängter (d. h. ins Unbewusste hinuntergedrückter) Vorgänge viel ander- 
weitig benutzbare geistige Energie zutage fördern, so ist das Gefühl der 
stürmisch befreienden Erleichterung, dass uns die plötzliche Aufhebung 
der Zensur *) verursacht, mag es sich um eine Zote, einen Tendenzwitz, 
um eine Narrheit, Kindereien oder um die Phantasien des Dichters 
handeln — noch viel überzeugender. 

Unter normalen Umständen pflegen wir keine Kenntnis von der 
Arbeit zu nehmen, die wir während der Verrichtung der Kontrolle zu 
leisten haben, so wenig wir es bemerken, dass die Atmung oder Ver- 
dauung Energie in Anspruch nehmen. Anormale Fälle aber belehren uns 
eines anderen, indem sie bezeugen, dass es Individuen gibt, die nicht 
imstande sind, die nötige Energie aufzubringen, um die Kontrolle zu 
bewältigen. 

Die belehrendsten Beispiele bieten Geisteskranke. Ich beziehe mich 
auf die Grcnzfällc: auf die Paranoia und die Hysterie. In beiden Fällen 
handelt es sich um einen Konflikt mit der Umwelt; der Kranke vermag 
die Tatsachen, seine oder anderer Gedanken und Handlungen mit den 
(irundsätzen der sozialen Zensur nicht in Einklang zu bringen. Sie 
entgehen der Schärfe des Konfliktes dadurch, dass sie die unlust- 
vollen Vorstellungen verdrängen, d. h. ihres Affektes berauben, sie 
gleichsam für „gleichgültig" erklären. Dadurch wird grosse Masse 
Affektes von ihrem ursprünglichen Objekte abgelöst, „flottiert frei" 
(Freud). Der freiflottierende ungesättigte Affekt ist aber — wie eine 
freie Säure — ätzend, unlusterzeugend. Der Paranoiker wird diese Affekte 
los, indem er die Welt — das Nicht-Ich — zum fühlenden Subjekte 
dieser Affekte macht, der Hysterische, indem er unermüdlich auf der 
Lauer nach Objekten ist, die er zur Linderung seiner immer disponiblen, 
objektlosen Affektmenge in das Ich einbezieht (Ferenczi). Dies könnte 
auch in der Form ausgedrückt werden, dass sich die Zensur u. a. 
auch gewisser Verschiebungen im Kontrollmechanismus be- 
dient, um die Affektverdrängung sicherzustellen. Das wäre wohl die 
knappste Formulierung der Überlegungen Ferenczi 's über die Rolle 

i) Unter Kontrolle und Zensur lässt sich folgender Unterschied statuieren : 
Kontrolle nenne ich den Mechanismus, der dazu dient, um das Ich vom Nicht-Ich 
zu sondern. Den Ausdruck „Zensur* gebrauche ich im Fr e ud 'schon Sinne, näm- 
lich als den Namen für oinen Prozess der Sichtung, die die Vorstellungen und Affekte 
den Bedingungen eines kultivierten Gemeinwesens anzupassen und das Gesellschafts- 
unfähige zu verdrängen Bucht. 



Introjektion, Projektion und Einfühlung. 259 

der Ich- Ausdehnung (Introjektion) bei der Hysterie und der Ich-Schrumpfung 
(Projektion) bei der Paranoia 1 ). Hysterie, wie Paranoia, beide verschieben 
die Ich-Grenze, nur beide in gegensätzlichem Sinne; die Paranoia, 
indem sie gewisse Gefühle der Welt, dem N i c h t - 1 c h , zuschreibt, die 
Hysterie, indem sie Vorgänge der Aussenwelt in den eigenen Gefühlskreis 
einbezieht. Ein idealer Paranoiker würde die ganze Welt zum Subjekte 
seiner Gefühls- und Vorsteüungskomplexe gestalten; seine Individualität 
wäre aus seinem Denken scheinbar gänzlich ausgeschlossen. Die Analyse 
der Wahnideen zeigt deutlich, wie der Paranoische seine Individualität 
auf die Welt projiziert. — Er ist verliebt, will es aber nicht sein; 
darum projiziert er die Liebe, indem er bemerkt, dass andere verliebt 
sind, er aber nicht. Und nun konstatiert er alles, was in ihm vorgeht, 
an seinen Nebenmenschen. Hat er gewalttätige Absichten, so findet er, 
dass alle anderen, nur er nicht, böswillig seien; ist er furchtsam, so 
bemerkt er mit Genugtuung die Befangenheit anderer, ihm, dem Helden, 
gegenüber. — Er ist nicht der Autor seiner Gedanken, er ist nicht schuld 
an ihnen, er ist nicht verantwortlich für sie; sie werden ihm vorgesprochen, 
diktiert, eingeflüstert. Darum fühlt er sich unschuldig, unfehlbar, grösser, 
wertvoller als andere Menschen; er ist Übermensch, Genie, König, Papst, 
Gott. Aber die Grösse hat auch ihre Schattenseiten: Er ist von Neidern 
und Rivalen umgeben, er wird verfolgt, beobachtet, von geheimen Feinden 
insultiert, es werden Anschläge gegen seine Person geplant. 

Der Paranoiker begeht keinen logischen Fehler; aus seinen Prä- 
missen folgert er die Ergebnisse mit der strengsten Konsequenz, sein 
System ist mit Wissenschaft! ichkeit aufgebaut. — Auch ist er nicht eigent- 
lichen Sinnestäuschungen unterworfen, seine Illusionen haben immer ob- 
jektiv ausweisbare Ursachen (Kräpelin). Die Abnormität des Para- 
noikers besteht einfach darin, dass er die Wahrnehmungen zu anderen 
Vorstellungsmassen assimiliert, aus anderen Gesichtspunkten sichtet als 
der normale: seine Aufmerksamkeit ist anders gerichtet. 
Seine Auswahl ist aber abgesehen von der ursprünglichen Verschiebung 
in der „Kontrolle", nicht minder, auch nicht, mehr willkürlich als die 
sogenannte normale; sein System ist eine mögliche Weltanschauung; 
sie ist für ihn entschieden ' die beste; sie ist widerspruchslos, und er 
rettet sich in sie vor den Widersprüchen, die ihn quälen. 

Ich will es hier versuchen, den Projektionsmechanismus an einem 
berühmten Dichterwerke zu exemplifizieren. 

Ich meine den Don Quixote von Cervantes, und möchte hier den 
psychischen Vorgang untersuchen, durch welchen er die objektive Welt 
in seinem Sinne umgestaltet. 

Don Quixote verliebt sich in die Wunderwclt der Ritterromane. 
Die Wirklichkeit aber steht in hartem Widerspruch zu dieser Phantasie- 
welt. — Er kann diesen Widerspruch nicht ertragen, hilft sich also, indem 
er die Ich-Kontrolle aufhebt, und alles, was nur in seiner Phantasie 
lebt, auf die Aussenwelt projiziert, d. h. diese derart verwandelt, dass sie 

l) Bei dieser Gelegenheit weise ich darauf hin, dass diejenigen, die diese Ab- 
lösung der Affekte von ihren ursprünglichen Objekten als Mystizismus und Per- 
sonifizierung der Gefühle ablehnen, es vergessen haben, dass derselbe Gedanke in 
J araes- Lange 'sehen Affekttheorie schoD längst ohne Widerspruch zu erregen, aus- 
gesprochen wurde. 

18* 



260 Dr- Sftndor Koväc», 

in sein System passt. — Er lügt nie, folglich glaubt er jedem; er ist gut, 
daher kann keiner schlecht sein; er vergöttert die Frauen und erwartet 
dasselbe von jedermann; er ist der Ritler, der auf Abenteuer ausgeht: 
es liegt auf der Hand, dass jeder, dem er begegnet, es ebenfalls sein muss; 
e r ist tapfer, folglich hat er viele starke Feinde. Sehr charakteristisch ist 
es aber — und beweist den genialen Blick Cervantes — dass Don 
Quixote, wie falsch er auch die Ereignisse am Ende auffassen mag, eigent- 
lich nie echten Sinnestäuschungen unterworfen ist. Vielmehr ist der 
Ausgangspunkt seiner Wahnvorstellungen immer eine undeutliche, ver- 
schwommene Wahrnehmung, die mehrere Deutungen zulässt. Er sieht in 
der Finsternis grosse, sich rhythmisch bewegende Massen. Auch S a n c h o 
erblickt jene Bewegungen, nur deutet er sie anders, nämlich als Wind- 
mühlen. Don Quixote sieht eine Staubwolke, ein anderer ebenfalls; nur 
deutet sie der Normale für eine Schafherde, Don Quixote für zwei feindliche 
Heere, mit denen seine Phantasie eben beschäftigt ist. Der Schlussprozess 
ist bei beiden streng logisch, die neuen Eindrücke werden bei beiden richtig 
assimiliert. Erst die weitere Erfahrung zeigt, wer im Rechte war. — Die 
grössten Irrtümer begeht der Held hei Nacht oder in der Finsternis. 
Bei Nacht hält er die ungewaschene Tochter des Wirtes für ein Burgfräulein, 
bei Nacht kämpft er mit dein Biesen; in einer finsteren Höhle glaubt er 
sich in dem verzauberten Lande des Montesino. Die Entstehung \tnd Ent- 
wickelung des Wahnes sehen wir vor unseren Augen vor sich gehen. Zuerst 
eine undeutliche Wahrnehmung, die falsch gedeutet wird, und alles was 
darauf folgt, muss sich dieser einmal gefassten Idee fügen. Es blinkt 
etwas in der Ferne: das kann nur der Helm Manbrin's sein; und mag er 
später das Barbierbecken auch in nächster Nähe sehen, umsonst: das erste 
Bild wird darauf projiziert, es bleibt ewig der Helm des Manbrinus. — 
Vermag er die Meinung anderer schon gar nicht mit der seinigen in Ein- 
klang zu bringen, so nimmt er zur Annahme der Verzauberung Zuflucht. — 
„Wahrlich Sancho, bei demselben Gotte, bei dem du vorher ge- 
schworen hast," sagt Don Quixote, „du hast den allerdümmsten Ver- 
stand, den nur jemals noch ein Stallmeister in der ganzen Welt hat oder 
gehabt hat. Wie ist es möglich, dass du, der du schon solange in meiner 
Gesellschaft bist, nicht einsiehst, wie alles, was die irrenden Ritter an- 
geht, nur wie Hirngespinnst, Narrheit und Unsinn aussieht, und alles ver- 
kehrt und wunderlich scheint? Nicht deswegen, weil es sich also be- 
findet, sondern weil immer ein ganzes Regiment von Zauberern hinter 
uns herläuft, die alle unsere Dinge verändern und verwandeln und sie 
nach ihrem Gefallen auswechseln, je nachdem sie uns beschützen oder 
verfolgen, und so scheint, was dir ein Barbierbecken aussieht, mir der 
Helm Manbrin's, und ein anderer wird es wieder für etwas anderes an- 
sehen. Auch war es eine herrliche Vorsicht des Weisen, der auf meiner 
Seite ist, es so einzurichten, dass allen das ein Bartbecken scheint, was 
doch wahrhaftig und in der Tat der Helm Manbrin's ist, denn da er von 
so unermesslichem Werte ist, würde mich die ganze Welt verfolgen, um 
ihn nur zu besitzen; da sie ihn aber nur für ein Barbierbecken ansehen, 
kümmern sie sich nicht sonderlich darum, wie es sich auch bei jenem 
auswies, der ihn zerbrechen wollte und ihn dann mit Verachtung auf 
dem Boden liegen liess, wo er ihn wahrlich nicht um alle Welt gelassen 
hätte, wenn er seine Preislichkeit gekannt." 



Introjektion, Projektion und Einfühlung. 261 

II. 

S. Freud wirft an einer Stelle der Traumdeutung die Frage auf, 
was uns eigentlich an der Tragödie des Ödipus so mächtig ergreife: Der 
Beweis der Unerbittlichkeit des Schicksals vielleicht, dem keiner von uns 
zu entrinnen vermag? Wäre dem so, so wäre die Wirkungslosigkeit, ja fast 
komische Wirkung der modernen Schicksalsdramen nicht zu erklären. 
Den wirklichen Grund findet Freud vielmehr darin, dass wir uns durch 
das Schicksal ödipus' in der innersten Seele getroffen fühlen. Wir sind 
eben alle Ödipusse. Sagt doch schon Diderot: „Auf uns verlassen 
und wenn die Kräfte unseres Körpers denen unserer Phantasie gleich- 
kämen, würden wir unsere Väter ermorden, um unsere Mütter geschlecht- 
lich zu besitzen." 

Ebenso könnte man aber die Frage aufwerfen: Was ist es, das 
einen an den berühmten Roman E. T. A. Hoff mann 's, an den 
Elixieren des Teufels so ausserordentlich fesselt und so lief auf 
uns einwirkt? Was bewirkt es, dass wir dieses Konglomerat von Mord, Blut- 
schande, Gespenstern, Verrückten, Wundern, Zufälligkeiten nicht wie einen 
Schauerroman verwerfen, sondern zu den grüssten Werken eines grossen 
Dichters zählen? Warum müssen wir auch diesen armseligen verrückten 
Ritter von Mancha so aus ganzem Herzen lieben, wie einen vertrauten 
Freund? Warum nennen wir seine Geschichte eines der grossen Bücher 
der Menschheit? — Ja, warum lieben wir alle die Irrfahrten eines Robinson 
Crusoe? Mit demselben Rechte könnte man fragen, warum die subjektiv- 
ideelle Dichtungs-Philosophie Pia ton 's, der Bealismus der Scholastiker, 
der Mystizismus eines Hegel, Schopenhauer eine so liefe und 
dauernde Wirkung ausübt, mit der sich die Popularität eines Locke oder 
Spencer nicht messen kann? 

Liegt etwa das Geheimnis der Wirkung des Hof fm a n n 'sehen 
Romans im Mystischen, Dämonischen? Tausend Schauer- und Detektiv- 
romane arbeiten mit denselben Requisiten und wir verschmähen sie. — 
Wirkt an Don Quixote die Genugtuung angenehm, dass wir vernünftiger 
sind als er? Sicherlich nicht; ist doch der Geistesgestörte cm trauriger 
Anblick, und wir weichen ihm womöglich aus. - Wirkt Robinson Crusoe 
durch die wunderbaren Beweise einer gütigen Vorsehung oder durch seine 
Abenteuer? Ungezählte Bücher, die nur moralisch waren, ungezählte 
Abenteurerromane sind in wohlverdiente Vergessenheit geraten. - ■ Ilnä 
eroberten etwa Plato, die Mystiker, oder Hegel die Welt mittelst 
grosser Wahrheiten, die sie verkündeten? 

Unsere Antwort kann nicht anders lauten als die Freud s Ödipus 
betreffend. All die aufgezählten Vorzüge hatten zu ihrer Zeit einen Anteil 
an der Wirkung. Das eigentlich Wirksame sind sie gewiss nicht. Wie vom 
ödipus, fühlen wir uns durch diese Werke im Innersten getroffen. Sie 
rühren am Triebhaft-Menschlichen in uns. Diese Werke sprechen Gedanken 
aus die auszusprechen wir, sei es aus Mangel an klarer Einsicht, sei es 
infolge der Schmerzlichkeit oder moralischen Verträglichkeit des Ge- 
dankens — nicht vermochten oder nicht wagten.. Der Medardus E. T. A. 
Hof fmann's, Don Quixote, Robinson, Piaton verwirklichen ein geheimes 
Ideal unser aller: ihnen gelingt es, die Welt dem Ich gemäss um- 
zugestalten, eine Welt nach ihrem eigensten Geschmack und Gutdünken 
ins Leben zu rufen, das Ich, das bei uns allen ewig in seinen selbst- 



262 Dr. Sändor Koväca, 

gesetzten Schranken zu beharren gezwungen ist, fast restlos auf die 
Aussenwelt zu projizieren. — 

Eine halbwegs in die Tiefe gehende Selbstanalyse kann es jedem 
zeigen, dass wir vieles vom Charakter aller dieser vier Persönlich- 
keiten in uns haben. — Wir selber sind es, die die Projektion in jedem 
Augenblick gebrauchen, ja ohne Projektion das Leben kaum aushalten 
könnten. — Wir sind es, die die Schuld unserer Taten so gerne auf einen 
anderen wälzen, wenn nicht auf den Teufel, wie Medardus, so auf 
Gott, oder einen Mitmenschen oder auf den Zufall; wir sind es, die wir 
in einer Art Grössenwahn uns den Mitmenschen unberechtigterweise über- 
legen fühlen. Wir alle sind es, die die Aussenwelt mit dunklen und lichten 
Mächten bevölkern, wir, die so gerne Kausalität in der blossen Aufeinander- 
folge, Zufall in der gerechtesten Konsequenz, Symbol im Unbedeutensten, 
bedeutenden Wink im Alltäglichsten, eine Flachheit im Grossarligsten, 
die Regel erhärtende Ausnahme im grellsten Widerspruch schon,, kurz, 
einen „sachlichen Zusammenhang der Erscheinungen auf Grand des 
leicht geschürzten psychologischen Bandes vermuten" (Kräpelin), so- 
bald und insofern er uns bequem ist, es in unser „System" passt. — Wer 
von uns darf sich rühmen, aus dem gewöhnlichsten Tonfall noch nie 
Liebe oder Haas herausgehört zu haben? Einen, dem man Unrecht zufügte, 
nie mit Schuld beladen zu haben, nur um ihn hassen zu können? Nie 
unter jedem Hut dilti (iesicht seiner Geliebten entdeckt, nie ein gebuchtetes 
Ereignis halluzinatorisch in Realität vor sich gesehen, seine Erinnerungen, 
die Erzählungen anderer — wie der Paranoische — zu seinen gunsten 
gefärbt zu haben? Nie Windmühlen für Riesen, eine Bauerndirne für 
Dulzinea, das Barbierbecken für Manbrins Helm angesehen zu haben? 

Ohne Unterlass sind wir damit beschäftigt, die Wirklichkeit unserer 
Bequemlichkeit gemäss zu entstellen, unsere Innenwelt zu projizieren ; 
was Wunder, wenn uns dichterische Gestalten imponieren, denen dies in 
Ungewöhnlichem Masse gelang. Ist doch das höchste Menschenideal; Gott, 
zugleich das Ideal des Projizierenkönnens. Gott schafft den Menschen 
nach seinem Bilde, weil dieses Bild das Höchste ist, was Menschengeist 
unternehmen kann. 

Niemand kommt diesem Ideal so nahe als der Künstler, der geniale 
Mensch. Wie schon so oft geschehen, müssen auch wir Kunst und Irrsinn 
miteinander vergleichen. — Nachdem wir die Verrücktheit als Kunstwerk 
angeschaut haben, nun die Kunst mit den Augen des Psychopathologen 
betrachten — , nicht, um die Kunst zu erniedrigen, wie dies durch die 
pathologische Ästhetik Lombroso's geschehen ist, eher vielleicht um 
den Wert der Narrheit zu erhöhen. — Im grossen und ganzen ist die 
Geistestätigkeit des Dichters mit dem des Paranoikers identisch: Beide 
unterscheiden sich von dem gewöhnlichen Menschen durch die Fähig- 
keit, die Ich-Kontrolle aufheben, d. h. projizieren zu können. — Ebenso, 
wie der Verrückte, kann dies der Dichter in den verschiedensten Mass- 
staben bewerkstelligen, er kann sich gewissennassen an verschiedenen 
Schichten der Kontrolle vergreifen. Fr kann die logische Kontrolle ver- 
schieben, um die Gegenwart oder die Vergangenheit oder die Zukunft 
oder die Entfernung von der Herrschaft der Naturgesetze zu befreien 
und sie den Gesetzen seiner Phantasie zu unterordnen ; er vermag uns eine 
Welt zu schaffen, in der die Bestimmungen der konventionellen Moral 
aufgehoben sind; ebenso wie der Verrückte kann er die halb logische, 



Introjektion, Projektion und Einfühlung. 263 

halb konventionelle Kontrolle überschreiten, die unsere Sprache regelt, 
um die Wörter nach ihrem Klange und Wohlklange statt der der strengen 
logischen Konsequenz aneinanderzureihen. — 

Wie übrigens auch mancher Paranoiker, ist er, der Künstler, keinen 
wirklichen Sinnestäuschungen unterworfen. Er baut sich aber seine Welt 
ähnlich 'wie jener; er schiebt die Ich-Grenze hinaus und verändert die Welt 
nach seiner eigenen Lust. Der Charakter des Dichters — der, wie der Ver- 
rückte nach der einmaligen Verschiebung der Ich-Kontrolle seine Konse- 
quenzen mit tadelloser Logik zieht weist notwendigerweise Ähn- 
lichkeiten mit dem des Paranoikers auf. Es gehört nicht zu unserer 
Aufgabe, diese sonst ungemein interessante Parallele zu verfolgen, die 
übrigens bei Lombroso (Der geniale Mensch) ziemlich vollständig durch- 
geführt ist. Nur kurz weise ich auf den oft übermässigen Stolz hin, der 
die unvermeidliche Folge einer Weltanschauung ist, die jede Person, jeden 
Gegenstand und jede Begebenheit in Beziehung zu seinem Ich bringt; 
sowie auf die überaus häufig ausgesprochene Idee der Künstler, dass 
sie ein Werkzeug einer fremden, gewöhnlich höheren Inspiration seien. 
Die Aussage Möbius' (über Schopenhauer), dass fast alle grossen 
Männer mehr als die gewöhnlichen das Gefühl „es denkt in mir" empfunden 
haben, kann durch eine grosse Anzahl Geständnisse bekräftigt werden. 
Homer sagt uns durch den Mund des Odysseus: „Ich liebte Schiffe, 
Huder, Kampf, Speer und Pfeil, was andere verabscheuen, mir aber war 
lieb, was ein Gott mir in die Seele gab." Sokrates wurde seine Weis- 
heit von einem Dämon eingeflüstert 1 ). 

Mozart bekennt, die musikalischen Erfindungen entständen in 
ihm wie Träume, sogar gegen seinen Willen. — E. T. A. Hoffmann 
äusserte wiederholt gegen seine Freunde. „Wenn ich komponieren will, 
setze ich mich ans Klavier, schliesse die Augen und spiele, was mir 
von aussen vorgesagt wird." 

„Nieht ich bin es, der denkt." sagt Lamartine, „es sind meine 
Gedanken, die für mich denken." In einer Handschrift A lf ie r i 's fand 
man über einer Sonette die eigenhändige Notiz des Dichters : „Im Spazieren- 
gehen. W r ider Willen verfasst." 

Zitieren wir noch Goethe 2 ): 

„Jede Produktivität höchster Art, jeder grosse Gedanke, der Früchte 
bringt und Folgen hat, steht in niemandens Gewalt und ist über alle 
irdische Macht erhaben. — Dergleichen hat der Mensch als unverhoffte 
Geschenke von oben, als reine Kinder Gottes zu betrachten, die er mit 
freudigom Danke zu empfangen und zu verehren hat. — Es ist dem 
Dämonischen verwandt, das übermächtig mit ihm tut, wie es beliebt 
und dem er sich bewusstlos hingibt, während er glaubt, er handle aus 
eigenem Antriebe. — In solchen Fällen ist der Mensch oftmals als ein 
Werkzeug einer höheren Weltregierung zu betrachten, als ein würdig be- 
fundenes Gefäss zur Aufnahme eines göttlichen Einflusses." — 

(Schluss folgt.) 

i) Die folgenden Beispiele aus Lombroso: .Der geniale Mensch'. Hamburg 
1809. S. 24/25. 

ü) Die Entwicklungsgeschichte des Talentes und Genies von Dr. Albert 
Reibmayer. München 1908. Ü. Bd. S. 176. 



Mitteilungen. 

i. 

Aus der Analyse zweier Treppenträume. 

Von James J. Putnara (Boston). 

1. Eine 37 jährige, unverheiratete, sehr feine Dame, an Angst- 
zuständen leidend, mit ausgeprägten homosexuellen Neigungen behaftet, 
hatte folgenden kurzen Traum: Sie war im Begriffe, eine treppenähnliche 
Leiter zu besteigen, die sich innerhalb einer Art von Turm spiralig 
hinaufzog. Die Wände dieses Turmes waren ganz offen, also gerüst- 
ähnlich. Dabei war es ihr möglich, nach jeder Richtung eine breite Land- 
schaft zu übersehen ^Schaulust?). Dicht vor ihr ging ein grosser Hund, 
der aber nach kurzer Zeit tat, als ob er sich fürchtete weiter hinaus zu 
geben, und ohne sich umzuwenden, also mit dem Hinterteil gegen sie 
gerichtet, abzusteigen anfing. Er war bald soweit heruntergerückt, dass 
er unterhalb ihres Oberkörpers zu stehen kam und sich selbst gegen ihre 
Kniee drückte. Dabei will sie keinerlei Angst oder Aufregung empfunden 
haben, sondern sah in dem Hund nur ein gewaltiges Hindernis, welches 
ihr das Erreichen des ersehnten Zieles unmöglich machte, nämlich das 
Aufsteigen bis zu einer bestimmten Plattform, von der aus eine schöne 
Aussicht zu haben war. 

Zu dem Ziel bemerkt die Träumerin, sie möchte gerne ihre Talente 
zugunsten der von ihr bevorzugten älteren Damen verwerten, sei aber 
durch ihre Krankheit daran gehindert. Aus den reichen Ergebnissen der 
Analyse soll hiev nur wenig mitgeteilt werden: Als kleines Mädchen 
spielte sie gerne mit Buben und wollte selbst gerne ein Hub sein. Ihre 
im ganzen von ihr sehr geliebte Mutter starb vor vielen Jahren an einer 
langwierigen Krankheit; nach ihrem Tode machte sich die Tochter Vor- 
würfe, sie etwas vernachlässigt zu haben. Mit etwa 16 Jahren ein Koitus- 
versuch mit einer Schulgenossin, der ihr ausserordentlich schwere Selbst- 
vorwürfc eintrug. Ihre Vorliebe für ältere Damen setzte mit etwa 20 Jahren 
ein. Wenn sie aber in der Nähe einer solchen Dame ist, gerät sie in 
so starkes Zittern, dass ihr jedes Entgegenkommen unmöglich wird; sie 
bringt es auch nie dazu, die Rolle der intimen Freundin, die sie gerne 
spielen möchte, zu erreichen. 

Es liegen hier komplizierte Verhältnisse vor, die ohne Mitteilung 
weiterer Daten nicht aufzuklären sind. Soviel scheint mir aber fest- 
zustehen, dass der Traum einen Koitusversuch wiedergibt, und dass er 
auf verdrängte Lustgefühle hindeutet, an die sich die grossen Hemmungen 
in ihrem Leben knüpfen. 



James J. Putnam, Aus der Analyse zweier Treppenträume. 265 

2. Ein Mann, der in der vorigen Nacht (also 24 Stunden vor dem 
Traum) einen Koitus ausgeführt und sich am nachfolgenden Tag noch 
immer aufgeregt gefühlt hatte, träumte im Verlaufe einer Analyse: Er 
sah einen Mann, in dem er sich selbst zu erkennen glaubte, eine steile 
Leiter hinaufklettern, die sich gegen einen verschwommenen Hintergrund 
deutlich abhob. Ganz oben auf dieser Leiter befand sich ein sonderbares 
Objekt, etwa ein hohles, dunkel gefärbtes, mit dicken abgerundeten Rändern 
versehenes Gefäss, vielleicht ein aus Papiermache verfertigter Eimer, 
der über das obere Ende der Leiter gestülpt war, nur gingen seine Um- 
risse allmählich in den dunklen, verschwommenen Hintergrund über. Es 
kam dem Träumer vor, dass der hinaufkletternde Mensch endlich mit 
seinem Kopf an den Eimer anstiess, und dass der Kopf in die Höhlung 
des Eimers gut zu passen schien. Der Mann trug in der linken Hand 
eine von einem Drahtgriff herunterhängende Kanne, in der rechten eine 
grosse Bürste, etwa wie ein Anstreicher, und so schien es dem Träumer 
ganz angemessen, dass er die Seitenteile der Leiter bis zur Höhlung des 
Gefässes und vielleicht auch das Innere derselben mit einer gelblich- 
weissen Flüssigkeit bestrich. Dann wachte der Träumer auf. 

In der kurzen Analyse gab er an, dass er vor dem besprochenen 
Koitus sein Glied mit Vaseline bestrichen hatte. Dies mag das Be- 
streichen der Leiter teilweise erklären und uns gestatten, auch diesen 
Traum als einen Koitustraum zu deuten. 



IL 

Fehlleistungen aus dem Alltagsleben. 

Mitgeteilt von Otto Rank (Wien). 

Die fortgesetzte Mitteilung von Beiträgen zur „Psychopathologie des 
Alltagslebens" rechtfertigt sich durch die besondere psychologische Durch- 
sichtigkeit, welche die meisten unserer harmlosen Fehlleistungen vor 
den ihnen nahestehenden pathologischen Äusserungen des Seelenlebens 
auszeichnet. Wie kein zweites psychisches Phänomen kommen sie der 
psychoanalytischen Aufklärung entgegen, ja drängen sich ihr in vielen 
Fällen geradezu auf. Nicht selten werden sie von psychologisch uninter- 
essierten Menschen mit jener Verwunderung erlebt und berichtet, welche 
den ersten Anstoss zur verständnisvollen Beurteilung und die Grundlage 
für die Annahme der psychoanalytischen „Deutung" bietet Wer sich 
Skeptiker genug dünkt, um die Möglichkeit und Zulässigkeit derartiger 
psychologischer Aufklärungen zu bestreiten, sich aber trotz seines Skepti- 
zismus mit der simplen Tatsache der Fehlhandlung abzufinden vermag, 
dem sei entgegnet, dass auch der Psychoanalytiker etwa einen Verlust 
ohne unbewusste psvehische Motivierung gelegentlich wird anerkennen 
müssen, dass aber in vielen Fällen uns die Empfindung der betreffenden 
Person selbst auf die Spur der geheimen Motivierung zu leiten vermag. 
Äussert sich doch in der störenden Fehlhandlung oft mit aller Deutlich- 
keit das Wirken eines (unbewussten) „Gegenwillens"', den man nicht 
einmal, wie etwa beim Traum, dem geänderten psychischen Zustand zu- 
schieben kann, sondern den man in seinem anscheinend einheitlichen 



2G6 Otto Rank, 

Seelenleben anerkennen muss. Besonders lehrreich sind dann jene Fälle, 
in denen die schädigende oder „zwecklose" Fehlleistung durch einen 
folgenden scheinbar „sinnlosen" Traum erklärt und motiviert wird, wie in 
unseren', ersten Beispiel *). Dass auch diese anscheinend ganz harmlosen 
Konflikte mit dem unbewussten Gegenwillcn sich häufig auf dem Gebiet 
der Erotik mit seinen mannigfachen Heimlichkeiten und Zwiespältigkeiten 
abspielen, kann uns nach allem, was wir über die Verdrängungsvorgänge 
und den Inhalt des Unbewussten wissen, nicht mehr überraschen. 

I. Fehlleistung und Traum. 

Eine Dame gibt mit auffälligem Affektaufwand die nichtige Tat- 
sache zum Besten, dass sie beim Nachhausekommen in der Wohnungs- 
türe fehlgegangen sei, indem sie m das nächsthöhere Stockwerk steigen 
wollte. Auf ihren Irrtum aufmerksam geworden, habe sie sich darüber 
verwundert, wieso ihr das denn passieren konnte. Sie habe allerdings 
vor nicht langer Zeil, erst die Wohnung gewechselt, die früher im 4. Stock- 
werk gelegen war, jetzt aber im ersten ist, habe sich jedoch bis dahin 
noch kein einziges Mal geirrt, sich im Gegenteil schon so eingewöhnt, 
dass ihr dieser nachträgliche Irrtum um so befremdlicher sei. Auf Be- 
fragen nach besonders affektiven und insbesondere unangenehmen Er- 
lebnissen der letzten Tage, die sich etwa in dieser Wohnung zugetragen 
hätten, fällt ihr allerdings ein peinliches Vorkommnis ein, das sie vor 
dorn Weggehen ungemein erregt hatte, das sie jedoch nicht preisgeben wolle 
und das auch keinerlei Zusammenhang mit ihrem Irrtum haben könne, 
Der Vermutung, dass dieses Erlebnis in ihr den Wunsch rege gemacht 
haben könnte, die Wohnung zu meiden, muss sie zwar Recht geben, bemerkt 
jedoch, dass der Wunsch nach einem Wechsel der Wohnimg sich bereits 
kurz nach dem Einziehen geltend gemacht hatte, da ihr die ganze Gegend 
bald nicht gepasst habe. Sie hatte darum bereits früher beschlossen, 
den nächsten Termin zur Kündigung zu benutzen. Lässt nun schon diese 
erste Auskunft die Verwechslung der Wohnungstürc tatsächlich als Aus- 
druck des Wunsches nach einem Wohnungswechsel erkennen, so bleibt 
doch die durch das verschwiegene Erlebnis noch bedeutsamer gewordene 
Frage bestehen, warum dieser vordem vollbcwusste und offenbar logisch 
motivierte Wunsch sich gerade an diesem Abend nicht bewussterweise 
äussern kann, sondern nur in der seltsamen Form der zunächst unver- 
standenen Symptonihandlung. Es müssen dabei jedenfalls Regungen 
wirksam sein, welche die direkte Äusserung der Intention verhindern 
durch Einmengung von Verdrängungsmotiven, die der bewussten Wahr- 
nehmung entzogen bleiben. Die Verdrängungs Vorgänge, die in der ab- 
geschlossenen Symptomhandlung bloss zu äusserlicher Wirksamkeit ge- 
langen, lassen sich im Traumleben, wo sie gleichsam gelockert sichtbar 
werden, ein Stück weit verfolgen und durchschauen. Wir könnten uns 
daher, nachdem wir auf die persönliche Auskunft verzichten müssen, 
keinen erwünschteren Zugang zum Verständnis der Fehlleistung denken 
als nachstehenden, unmittelbar in der Nacht darauf vorgefallenen 



1) Vgl. dazu: ,Das Verlieren als Symptonihandlung. Zugleich ein Beitrag 
zum Verständnis der Beziehungen des Traumlebens zu den Fehlleistungen des All- 
tagslebens''. Zentralblatt f. Psa. I. S. 450—460. 



Fehlleistungen aus dem Alltagsleben. 267 

» 

Traum: 
1. „Ich war in Triest auf der Wohnungssuche und plötzlich 
begegne ich einem Rauchfangkehrer, der, wie er mich erblickt hat, mir 
nachgegangen ist. Das war mir sehr lästig. Er hat mit seinen schwarzen 
Händen meine weisse Kappe angegriffen und schwarz gemacht, worüber 
icli mich sehr ärgerte. Ich bin jedoch weiter gegangen, habe aber immer 
gesellen, dass er hinter mir geht. Da begegne ich einem älteren Herrn 
und sage ihm: „Bitte, könnten Sie den nicht abweisen; der Hauchfang- 
kehrer steigt mir fort nach und hat mich schon ganz schwarz gemacht, 
ich kann mir ihn nicht vom Halse schaffen." Darauf sagte der Herr: 
„Kommen Sie nur mit mir." Ich fragte ihn: , .Ritte, können Sie mir nicht 
eine Wachstube zeigen, ich möchte den Rauchfangkehrer anzeigen, damit 
ich Ruhe von ihm habe." Dabei habe ich mich umgesehen, hatte aber nur 
Ausblicke auf alte, wie zusammengefallene Häuser. Er sagte: „Wach- 
stube weiss ich hier keine, die ist von hier sehr weit entfernt, aber dort 
sehen Sie einen Wachmann stehen, dem können Sie es anzeigen." Der 
alte Herr hat sich dann empfohlen, sagte, er habe keine Zeit mehr und 
ging über die Brücke. Ich komme dann in ein enges Gasserl mit schwarzen 
alten Mauern und sehe den Rauchfangkehrer wieder hinter mir. Ich 
dachte, er hat doch keinen Respekt vor mir, trotzdem ich mit dem Herrn 
gegangen bin. Er kam hinter mir und ich habe gesehen, wie er schon 
wieder schwänzelt und lacht und knapp neben mir geht. Auf einmal 
fasst er mich an einer Hand und beschmutzt mir meine weissen Glace- 
handschuhe. Ich habe ihn zusammengeschimpft und dabei gedacht: Ich 
werde bald Ruhe haben. Da hat er aber noch einen Tupfer mit einem 
Finger gemacht, ich weiss nicht wohin. Ich bin dann weiter durch das 
Gässchen gegangen und auf einen freien Platz gekommen, wo eine Wach- 
stube war. Wie ich hineinkomme, fällt mir plötzlich ein junger Mann auf, 
der dasteht und mit einem Gensdarmen spricht. Es waren no^h vjxün 
andere da und ich dachte, dass sie Posten wechseln. Wie ich ein- 
trete, hört er auE zu sprechen und macht die andern aufmerksam, die 
alle mit aufgepflanztem Gewehr aufstehen und mir salutieren. Der Blonde 
hat freudig gedacht und ich war auch sehr freudig. Er fragt, was ich 
wünsche. Ich sagte: „Pardon, ich möchte Ihnen etwas sagen." Ich er- 
zähle ihm, dass mir der Schwarze immer nachgeht, ich habe keine Ruhe 
von ihm, er hat mich schon ganz schwarz gemacht. Man möge ihm 
eine Verweisung geben, dass er mir nicht immer nachsteigt. Er fragt, 
mich, wo er ist und ich sage, er wird hier irgendwo sein. Dann gehen 
wir wieder durchs enge Gässchen, in entgegengesetzter Richtung, und 
ich sage : „Sehen Sie, da sitzt er," wobei ich mir dachte, der setzt sich 
gar auf einen Eckstein. Ich habe gesagt, ich gehe nicht mit hin, er hat 
aber gesagt, ich solle mit hingehen. Der Rauchfangkehrer sass dort so 
gebückt, als ob er niemand sehen wollte. Der Gensdarm trat hinzu, klopfte 
ihm auf die Schulter und sagte: „Im Namen des Gesetzes sind Sie ver- 
haftet." Als er erschrocken aufspringt, fragt er ihn, warum er mich 
belästigt hat; da lachte er und sagte, bloss scherzweise. Da sagt aber der 
andere: „Nun, warum werden Sie dann jetzt so rot und verlegen? Weil 
Sie sich schuldig fühlen." — „Ja, sehen Sie, das haben Sie jetzt," habe 
ich ihm noch, gesagt. Wir haben ihn dann auf die Wachstube geführt 
und der Blonde hat gesagt, er begleitet mich, dass mir nichts geschieht. 
Wieder gingen wir durch das Gässchen und ich sage: „Jetzt muss ich 



268 Otto Hank 

aber schon trachten, dass ich eine Wohnung finde." Da 
sagt der Blonde: „Ich lade Sie für morgen zu mir ein." Ich sagte darauf: 
„Ja, was glauben Sie denn," und dachte, der hält mich gewiss für so 
etwas. Er aber sagte, er glaubt gar nichts, sondern er liebt mich und 
„Sie gehören schon mir, Fräulein, Sic sind ja meine Braut." Ich dachte, 
ich wäre damit gar nicht unzufrieden, weil er hübsch war und mir ge- 
fallen hat. 

2. Wir sind dann zusammen weiter gegangen, kommen auf einen 
freien Bauplatz und haben uns auf Baumstämmen ausgeruht. Da sehe 
ich von der Ferne einen Soldaten kommen, der gelacht hat und der 
Gensdarm sagte, dass der nicht recht bei Trost sei. Ich habe gesagt: 
„Schauen Sie die Wecken und Würstel, die er in der Hand hält, er bringt 
sie gewiss aus der Kantine" (es war Vormittag). Ich weiss nicht, wo 
ich den Gensdarmen gelassen habe, denn plötzlich fängt der Soldat an, mir 
nachzulaufen. Ich wäre auf den Stufen, die vom Bauplatz in . einen 
Keller führten, fast gefallen und hätte beinahe die Türe eingestossen, 
die in die Wohnung einer bekannten Frau führt. Ich sage: „Schnell, 
schnell, da läuft mir einer nach," und wir halten die Türe zu. Ich will 
noch den Riegel vormachen, aber der macht einen Stoss und ist schon 
drin. Er war aber wie verzaubert, nämlich ein Weib, und zwar eine 
Schwester von dieser Frau, eine alte Person. Ich glaube, sie hat dann 
zu mir gesagt: „Das haben Sie davon, immer mit ihren Bekanntschaften, 
dass Sie Ihnen dann bis ins Tor nachlaufen." 

3. Ich bin dann wieder über die Stiege hinaufgegangen und habe 
einen Zettel am Haustor gesehen; ich ging hinein fragen und sah 
im Kabinett die Frau von unten, worüber ich mich wunderte. Ich 
frage wegen des Kabinetts und sie hat mich aufge- 
nommen. Ich bin erst durch ein Zimmer durchgegangen, wo die Frau 
ohne Bluse, nur im Hemd, drin war. Ich habe angefangen, mich aus- 
zuziehen und will mich niederlegen ins Bett, als auf einmal zwei 
Mädeln dastehen mit ihren Koffern, die jetzt da einziehen wollen. Die 
Frau sagt, sie hat das nicht gewusst, die Wohnung gehört der andern 
I'iau und die hat ihr nichts davon gesagt. Die Mädchen haben warten 
müssen, bis ich mich angezogen habe und sind inzwischen hinausgegangen 
auf eine Terrasse, von wo sie in einen Hof hinuntergeschaut haben, den 
ich dann später auch gesehen habe. Wie ich sie so durchs Fenster da- 
stehen sah, dachte ich mir: das scheinen ja „solche" Mädeln zu sein. 
Ich bin dann auf einer finstern Stiege hinuntergegangen (wie in einem 
Durchhaus) und sehe über den Hof eine bekannte Frau, bei der ich ein- 
mal wohnte, mit einem Kind gehen. Jetzt war ich erst froh, dass 
ich das Kabinett nicht behalten konnte.'" 

Der ausführlich mitgeteilte Traum, dessen Deutung natürlich noch 
weniger als die der Symptomhandlung versucht werden konnte, gestattet 
uns dennoch einen tieferen Einblick in das Gefüge der Fehlleistung. Er 
zeigt zunächst ganz offenkundig den Wunsch nach einer anderen Wohnung, 
verrät aber zugleich das unzweideutige Bedauern darüber, dass eine 
passende für eine alleinstehende Dame nicht so leicht zu finden sei: 
Es folgt ihr auf der Wohnungssuche stets ein „Rauchfangkehrer", der 
ihre „weisse" Unschuld „anschwärzt", ihren Ruf „befleckt", und den sie 
nicht loswerden kann, ja, der im „engen Gasserl" zudringlich wird. Der 
„blonde" Retter, der sie endlich von ihm befreit, wird aber dann selbst 



Fehlleistungen aua dem Alltagsleben. 209 

wieder zu ihrem Verfolger, der ihr ditf Wohnungssuche dadurch zu er- 
leichtern trachtet, dass er sie zu sich einladet, offenbar in der Meinung, 
sie sei „so eine", was auch der Rauchfangkehrcr aus dem „engen 
Gässchen" mit den alten dunklen Mauern geschlossen haben muss. An 
diese Einladung wird allerdings im Traum die erwünschteste Lösung der 
Wohnungsfrage, nämlich durch die Ehe mit einem geliebten Manne, ge- 
knüpft. — Der zweite Teil des Traumes zeigt, wie sie von den Männern 
bis zum Tor, ja bis zur Wohnung verfolgt wird, ohne sich ihrer erwehren 
zu können. — Der dritte Teil knüpft wieder an das erste Motiv der 
Wohnungssuche an und zeigt endlich den Wunsch nach einem neuen 
Heim verwirklicht, das jedoch die gleichen Mängel nur in noch deut- 
licherem Grade aufweist. Die verrufene Stadt Triest, das „Durchhaus" 
mit dem alten Hof und der finsteren Stiege, das Kabinett, das man nicht 
mietet, sondern in das man aufgenommen wird, das Zimmer, durch das 
man durchgehen muss, die verdächtigen Mädeln mit ihren „Koffern" 
(denen im vorigen Traumstück die „Wecken" und „Würstel" des Soldaten 
entsprechen), die entkleidete „Frau" und das eigene „Ausziehen", das 
so hübsch auf den neuerlichen Wohnungswechsel vorbereitet, deuten 
unzweifelhaft auf die Ablehnung einer Bordellphantasic, die ja zur 
„Prostitutionsphantasie" des ersten Teiles passt und wieder zeigt, dass 
der Wohnungskomplex mit diesem sexuellen Komplex verknüpft und daher 
unlustbetont ist. Etwas Ähnliches ahnte uns ja bereits bei der Mitteilung 
der Träumerin, sie hätte beschlossen gehabt auszuziehen, weil ihr die 
Gegend nicht gepasst habe, was sie damit näher motivierte, dass sie 
sich beim Nachhausegehen in der etwas abgelegenen Gasse unheimlich 
fühlte, da sie dort immer Männer unverschämt ansahen; vor einigen 
Tagen seien ihr sogar zwei, ein auffällig schwarzer und ein anderer, 
blonder, bis zum Tor nachgegangen. Auch habe sie einmal an einer 
Ecke („Eckstein") ein verdächtiges Frauenzimmer und in der Nähe einen 
Wachmann stehen gesehen; sie habe sich damals vorgenommen, aus 
dieser Gasse auszuziehen. Wir kennen damit das historische Vorbild dos 
(1.) Traummilieus, dem sie zu entkommen sucht, sowie die Vorbilder 
des „Schwarzen" und „Blonden", die im Traume mit dichterischer Charak- 
terisierungskunst als Typen des sexuell Abstossenden, Unästhetischen, 
Unmoralischen (Rauchfangkehrer) *) und Anziehenden, Eleganten, Recht- 
mässigen (Militär, Gendarm, Wachmann) symbolisiert sind. 

Hat uns bereits die oberflächliche Betrachtung des Traumes im 
Hinblick auf die Symptomhandlung den Zusammenhang des Wunsches 
nach dem Wohnungswechsel mit einem unlustbetonten Sexualkomplex 
gezeigt, so fehlt uns als Schlussstein noch jenes Erlebnis, das offenbar 
den unmittelbaren Anlass zur Symptomhandlung wie zum Traume ge- 
geben hatte. Zum Glück sind wir, was die Mitteilung dieser Vorgeschichte 
betrifft, nicht auf die Träumerin angewiesen, ja erfahren vielmehr von 
ihren Hausgenossen, dass sie dabei eine rein passive und episodische 

i) Der Essenkehrer oder Schornsteinfeger, der mit seinem Besen in der engen 
Röhre hin- und herfährt, ist übrigens ein typisches, in gewissen Volksschichten voll- 
bewusstes Koitussymbol, das iu der Sexunlsymbolik des Ofens und Feuers das er- 
gänzende (Jesenstück findet. So singt der Bergener Schornsteinfeger: »Morgens, 
ganz zuerst ich kehre de» Priorin die Bohre." (Antluopophyteia VI: Onomastikon 
norddeutscher das Sexualleben betreffender Ausdrücke von Schlicbtegroll.) — Mit 
dieser Symbolbedeutung des Rauchfarjgkehrers hängt seine Glücksbedeutung innig 
zusammen. 



270 O tto Ra n k, 

Rolle gespielt hatte. Es war ein junger Mann an der Türe erschienen 
und hatte gefragt, ob hier ein Fräulein Paula wohne. Als ihm das Dienst- 
mädchen bedeutete, dass sie nicht so heisse, erwiderte er, dass er kein 
Dienstmädchen, sondern ein anderes Mädchen suche, das ihm den Vor- 
namen und die Adresse angegeben hätte. In diesem Moment betrat die 
zum Ausgang bereite Dame den Schauplatz; sie hatte die letzten Worte 
vermutlich gehört und war Zeuge, wie dem Frager energisch die Türe 
gewiesen wurde. Sie bestand darauf, dass er in Gegenwart des Haus- 
besorgers zur Rechenschaft gezogen werde und er entschuldigte sich, in- 
dem er zugab, die Dame nicht zu kennen und gewiss im Haus oder in 
der Türe irregegangen zu sein, da er schon im Stockwerk unterhalb ver- 
gebens nachgefragt habe. — Dann ging die Dame aus und als sie ungefähr 
zwei Stunden später von einem Besuch zurückkehrte, verfehlte sie ihre 
Türe und wollte in das nächsthöhere Stockwerk steigen. Bringt dieser 
Bericht auch keine inhaltlich neuen Momente, so vermag er doch den 
Mechanismus der Fehlleistung verständlicher zu machen. Der Vorfall 
befestigt, den bereits gefassten Entschluss, die Wohnung zu wechseln und be- 
stärkt sie auch in der Richtigkeit seiner früheren Motivierung (Gässchen, 
Männer, Wachmann), die daher im Traum an Stelle des rezenten An- 
lasses treten kann. Was dagegen dem Bcwusst&ein zu anstössig und daher 
der Verdrängung verfallen ist, das ist die Gefahr der Einbeziehung ihrer 
eigenen Person in das Milieu, dem sie ja durch den Wohnungswechsel 
zu entgehen sucht. Die Verdrängung dieser Zumutung ist eine so intensive, 
trotzdem aber — wie die Symptoinhandlung zeigt — wenig erfolgreich, 
weil ihr nach dem Inhalt des Traumes eine ältere von früher her ver- 
drängte positive Prostituti<>n*phantasie entgegenwirkt. Dio Symptomhand- 
lung wurzelt offenbar in diesem tief begründeten Widerstreit zwischen 
der ursprünglich leidenschaftlichen, von moralischen Dämmen mühsam 
gebändigten Natur, findet aber ihren nächsten Anlass darin, dass die 
in ihrem Ehrgefühl so tief gekränkte Dame nicht einmal mehr die Zeit 
bis zur Kündigung in dieser Wohnung zubringen will. Aus der Unrealisier- 
barkeit dieses Wunsches geht die Symptomhandlung hervor; sie ist eine 
vorgreifende Ungeduldsaktion und deutet an, dass es der Dame peinlich 
sei, noch länger hinter einer Türe zu wohnen, hinter der man eine „solche" 
Person auch nur vermuten könne. Der Umstand, dass sie in das höhere 
Stockwerk steigt, dürfte sich gleichfalls aus der Abwehrtendenz erklären, 
denn dort hatte der junge Mann nicht gefragt, weist aber andererseits 
auf die frühere hochgelegene Wohnung hin und ist vermutlich auch 
symbolisch begründet (Tendenz nach einem besseren, „höheren" Milieu). 
Ist auch die Syniptomhandlung, bei deren Deutung wir auf jegliche 
Aufklärung von seiten der betreffenden Person verzichten mussten und 
uns nur an die einander ergänzenden Tatsachen (Fehlleistung, Traum, 
Vorgeschichte) halten konnten, keineswegs vollständig aufgelöst und in 
ihrem psychischen Mechanismus geklärt, so liess sich doch ersehen, dass 
sie sehr sinnreich einem unterdrückten Gedankengang Ausdruck verschafft, 
der dann im Traumleben etwas offenherziger weitergesponnen wird. Zum 
Verständnis der Fehlleistung hätte uns aber die Vorgeschichte eigentlich 
vollkommen genügt, die ja auch der nächste Anlass des Träumens ge- 
wesen ist. Der Traum ist uns aber nicht nur wertvoll als eine zweite 
Form der Reaktion auf das gleiche Erlebnis, sondern er lässt uns auch 
ahnen, dass Symptoinhandlung und Traum wie iu letzter Linie auch der 



Fehlleistungen aus dem Alltagaleben. 

nachhaltige Eindruck des Erlebnisses nur auf dem Boden einer bestimmten 
Komplexkonstellation zu dieser Wirksamkeit und Entfaltung gelangen 
konnten. 

II. Ein Fall von hartnäckigem Vergessen. 
Ein peinlich ordentlicher und pedantisch genauer Mann berichtet 
das folgende für ihn ganz aussergewöhnliche Erlebnis. Eines Nachmittags, 
als er auf der Strasse nach der Zeit sehen will, bemerkt er, dass er seine 
Uhr zu Hause vergessen hat, was seiner Erinnerung nach noch nie 
vorgekommen war. Da er für den Abend eine pünktliche Verabredung 
hat und nicht mehr die Zeit findet, vorher seine Uhr zu holen, benützt 
er den Besuch bei einer befreundeten Dame, um sich ihre Uhr für den 
Abend auszuleihen; dies war um so eher angängig, als er die Dame infolge 
einer früheren Verabredung am nächsten Vormittag zu besuchen hatte 
und bei dieser Gelegenheit die Uhr zurückzustellen versprach. Zu seinem 
Erstaunen merkt er aber, als er tags darauf der Besitzerin die entlehnte 
Uhr überreichen will, dass er nun diese zu Hause vergass; seine eigene 
Uhr hatte er diesmal zu sich gesteckt. Er nahm sich nun fest vor, die 
Damenuhr noch am Nachmittag zurückzustellen und führte den Vorsatz 
auch aus. Als er aber beim Weggehen nach der Zeit sehen will, hat er 
zu seinem masslosen Ärger und Erstaunen wieder die eigene Uhr ver- 
gessen. Diese Wiederholung der Fehlleistung kam dem sonst so ordnungs- 
liebender. Manne derart pathologisch vor, dass er gerne ihre psycho- 
logische Motivierung gekannt hätte, die sich auch prompt auf die psycho- 
analytische Fragestellung ergab, ob er an dem kritischen Tage des ersten 
Vergessens irgend etwas Unangenehmes erlebt habe und in welchem 
Zusammenhang dies geschehen sei. Er erzählt darauf sogleich, dass er 
nach dem Mittagessen, kurz bevor er wegging und die Uhr vergass, ein 
Gespräch mit seiner Mutter gehabt hatte, die ihm erzählte, ein leicht- 
sinniger Verwandter, der ihm schon viel Kummer und Geldopfer ver- 
ursacht hatte, hätte seine Uhr versetzt; da sie aber zu Hause gebraucht 
werde, liesse er ihn bitten, ihm das Geld zur Auslösung zu geben. Diese 
fast erzwungene Art des Geldleihens hatte unseren Mann sehr peinlich 
berührt und ihm all die Unannehmlichkeiten wieder in Erinnerung ge- 
bracht, die ihm dieser Verwandte seit vielen Jahren bereitet hatte. Seine 
Symptomhandlung erweist sich demnach als mehrfach determiniert: 1. gibt 
sie einem Gedankengange Ausdruck, der etwa besagt, ich lasse mir das 
Geld nicht auf diese Weise abpressen und wenn eine Uhr gebraucht 
wird, so lasse ich eben meine eigene zu Hause; da er sie jedoch abends 
zur Einhaltung seines Rendez-vous braucht, kann sich diese Absicht 
nur auf unbewusstem Wege, in Form einer Symptomhandlung, durch- 
setzen; 2. besagt das Vergessen soviel als: die ewigen Geldopfer für 
diesen Taugenichts werden mich noch gänzlich zugrunde richten, so dass 
ich alles werde hergeben müssen. Obwohl nun der Ärger über diese Mit- 
teilung nach Angabe des Mannes nur ein momentaner gewesen war, 
zeigt doch die Wiederholung der gleichen Symptomhandlung, dass er im 
Unbewussten intensiv weiterwirkt, etwa wie das Bewusstsein sagen würde: 
Diese Geschichte geht mir nicht aus dem Kopf 1 ). Dass dann das gleiche 

i) Dieaes Weiterwirken im Unbewussten äussert sich einmal in Form eines 
Traumes, welcher der Fehlhandlung folgt, ein andermal in der Wiederholung der- 
selben oder in der Unterlassung einer Korrektur. 



272 Otto Bank, 

Schicksal einmal auch die entlehnte Damenuhr betrifft, wird uns nach 
dieser Einstellung des Unbewussten nicht wundernehmen. Doch begünstigen 
vielleicht noch spezielle Motive diese Übertragung auf die „unschuldige" 
Damenuhr. Das nächstliegende Motiv ist wohl, dass er sie vermutlich 
gerne als Ersatz seiner eigenen, aufgeopferten Uhr behalten hätte und 
sie darum am nächsten Tage zurückzugeben vergisst; auch hätte er die 
Uhr vielleicht gerne als Andenken an die Dame besessen. Ferner bietet 
ihm das Vergessen der Damenuhr Gelegenheit, die verehrte Dame ein 
zweites Mal zu besuchen; er hatte sie ja des Morgens einer anderen 
Sache wegen aufsuchen müssen und scheint mit dem Vergessen der Uhr 
gleichsam anzudeuten, dass ihm dieser schon längere Zeit vorher be- 
stimmte Besuch zu schade sei, um ihn noch nebenbei zur Rückgabe der 
Uhr zu benützen. Auch spricht das zweimalige Vergessen der eigenen 
und die dadurch ermöglichte Rückstellung der fremden Uhr dafür, dass 
unser Mann es -unbewussterweise zu vermeiden sucht, beide Uhren • gleich- 
zeitig bei sich zu tragen. Er trachtet offenbar, diesen Anschein des 
Überflusses zu vermeiden, der in zu auffälligem Gegensatz zu dem Mangel 
des Verwandten stünde; andererseits aber weiss er damit seiner an- 
scheinlichen Heiratsabsicht der Dame gegenüber mit der Selbstmahnung 
zu begegnen, dass er seiner Familie (Mutter) gegenüber unlösbare Ver- 
pflichtungen habe. Ein weiterer Grund für das Vergessen der Damenuhr 
mag endlich darin zu suchen sein, dass er sich am Abend zuvor als 
Junggeselle vor seinen Bekannten geniert hatte, auf die Damenuhr zu 
sehen, was er nur verstohlen tat, und dass er, um die Wiederholung 
dieser peinlichen Situation zu vermeiden, die Uhr nicht mehr zu sich 
stecken mochte. Da er sie aber andererseits zurückzustellen hatte, so 
resultiert auch hier die unbewusst vollzogene Symptomhandlung, die sich 
als Kompromissbildung zwischen widerstreitenden Gefühlsregungen und 
als teuer erkaufter Sieg der unbewussten Instanz erweist. 

III. Das Verlieren als Symptomhandlung: Zum Mecha- 
nismus des Aberglaubens. 

Einem Mädchen, das den Äusserungen ihres labilen Unbewussten 
abergläubische Bedeutung beizulegen gewohnt ist, kauft ein Verehrer am 
Jahrestage ihrer Bekanntschaft auf der Strasse eine Rose und überreicht 
sie ihr in Papier gewickelt. Sie löst die Blume in ihrem oberen Teil aus 
der Hülle, so dass sie nur noch unten vom Papier gehalten wird. Sie 
gehen dann im Gespräch weiter und nach einem Weg von wenigen 
Minuten schaut das Mädchen plötzlich auf das leere Papier in ihrer herab- 
hängenden Hand und sagt: „So, jetzt habe ich die Rose verloren." Und 
ohne sich auch nur umzusehen, ob die Blume nicht vielleicht in unmittel- 
barer Nähe verloren gegangen war, geht sie ruhig weiter, als wäre nichts 
geschehen. Der gekränkte Begleiter — die betroffenen Menschen pflegen 
bekanntlich derartige Fehlleistungen als beabsichtigte Gefühlsäusserungen 
aufzufassen — geht schweigsam neben ihr her. — Plötzlich beginnt sie 
spontan: „Das muss doch eine" Bedeutung haben! Das ist mir doch noch 
nie passiert, dass ich Blumen aus der Hand verloren habe; ich pflege 
sie ja sonst auch immer an die Brust zu stecken. Und dass ich gerade 
diese Rose und noch dazu am heutigen Tage verlieren musste; das muss 
loch etwas bedeuten!" (i. e. eine Vorbedeutung haben). Als der Begleiter 



Fehlleistungen »us dem Alltagsleben. 273 

die Möglichkeit abergläubischer Ahnungen und Vorbedeutungen entschieden 
bestreitet, entgegnet sie: ,, Wahrschein lieh hast du mir sie nicht vergönnt 
(eine allgemein gebräuchliche Redensart zur Rechtfertigung von Fehl- 
leistungen, insbesondere beim Essen, wenn einem ein Bissen entfällt). 
Natürlich," setzt sie hinzu, „ich habe dich doch gestern um Blumen 
gebeten und du hast gemeint, es wird sich bald eine geeignetere Gelegen- 
heit ergeben; damit hast du wohl den heutigen Tag gemeint, hast Inh- 
aber die Blumen wohl nur wegen des gestrigen Versprechens und nicht 
gerne und freiwillig geschenkt, also doch nicht vergönnt." Er versucht 
diese echt weibliche Argumentation logisch zu widerlegen : Wieso es 
denn möglich sein könne, dass seine Gedanken — die Richtigkeit der 
von ihr gemachten Supposition vorausgesetzt — den Verlust der Rose 
von ihrer Seite motivieren könnten. Darauf sie: „Dann bedeutet es 
also, dass du mich nicht mehr liebst." Er versucht die gleiche logische 
Widerlegung mit dem gleichen negativen Erfolg. Er meint ganz zutreffend, 
diese ihm untergeschobenen Gedanken müssten bei ihr selbst voraus- 
gesetzt werden, da ihre Argumentation anders nicht zu verstehen sei. 
Das bestreitet sie auf das Entschiedenste. 

Es gelingt dann durch eingehenderes Befragen, den Fall psycho- 
analytisch aufzuklären. Man braucht nur die logisch und' psychologisch 
korrekten Überlegungen des Begleiters geradlinig fortzusetzen und ge- 
langt zu dem psychoanalytischen Ergebnis, dass der Verlust der Gabe 
auf einer (wahrscheinlich nicht voll bewussten) Geringschätzung des 
Gebers beruht. Wenn wir den Sachverhalt psychologisch richtig dar- 
stellen wollen, so müssen wir in Umkehrung ihrer eigenen Worte sagen: 
sie liebt ihn nicht mehr, schätzt darum seine Aufmerksamkeit 
und seine Gabe nicht, die sie darum gleichsam verächtlich wegwirft, als 
fände sie es nicht der Mühe wert, sie zu tragen. Dieser unbewusste Sach- 
verhalt drängt sich ihr, die sich selbst nach einer Motivierung ihrer 
Fehlleistung zu suchen genötigt sieht, im Bewusstsein in der Abwehr- 
form auf: Er liebt mich nicht mehr, was vollkommen der paranoischen 
Projektion einer eigenen inneren Wahrnehmung nach aussen und ihrer 
damit versuchten Rechtfertigung entspricht 1 ). Der gleiche psychische 
Mechanismus liegt auch ihrer ersten Motivangabe: Du hast es mir nicht 
vergönnt, zugrunde. Denn auch diesem bewussten: „Du hast es mir 
nicht vergönnt" entspricht ein unbewusstes : Ich schätze es nicht. Diese 
Auffassung wird bestätigt nicht nur durch das offenkundige Schwinden 
ihrer Zuneigung, sondern auch durch die später zugestandene Tatsache, 
dass sie die Rose nicht besonders schön gefunden hatte und sich bei 
ihrem Anblick dachte: Er hätte mir wirklich, wenn er mir schon Blumen 
schenkt, schönere aussuchen können. Auch dieser unausgesprochen ge- 
bliebene Gedanke beeinflusst ihre Redewendung, wenn er sie sagen lässt: 
„Du hast mir die Blume nicht gerne geschenkt" (nicht vergönnt), ob- 
wohl die Prämisse dieses Schlusses verschwiegen wird, die lautet: Denn 
hättest du mir sie gerne geschenkt, so hättest du eben das Schönste aus- 
gesucht. Darin musste sie noch seine Bemerkung vom Vortage bestärken, 



i) Vergl. dazu <Jie lichtvollen Aufklärungen Freud's über die Psychologie 
des Aberglaubens in seiner .Psychopathologie des Alltagslebens 1 , 2. Aufl. S. 116 ff. 
Neuerdings auch die .Psychoanalytischen Bemerkungen über einen autobiographisch 
beschriebenen Fall von Paranoia (Dementia paranoide). Jahrb. f. Psa. Bd. III (1911). 

Zentralblatt für PBychoanttlyae. II* 19 



274 Otto Rank, 

die sie schliessen Hess, dass er ihr Blumen nicht freigebig schenke, 
sondern nur, wenn ein bestimmter Anlass ihn dazu nötigt. 

Sic drückt also mit dieser Symptomhandlung verschiedene teils 
bewusstc, teils nicht völlig bewusste Gedankengänge aus, deren ver- 
schiedenci Grad von Bewusstseinsfähigkeit in der Reihenfolge vnseres 
Erklärungsversuches zum Ausdruck kommt. An der Oberfläche liegt der 
Gedankenkomplex, der in den Worten: „Du hnst sie mir nicht vergönnt'* 
Ausdruck findet und besagen will : Erstens ist mir die Rose nicht schön 
genug (deswegen steckt sie sie offenbar auch nicht an, wie sie sonst zu 
tun pflegt, mit der geheimen Absicht, sich ihrer zu entledigen); für mich 
und zu Ehren des heutigen Tages hättest du wohl eine schönere aussuchen 
können. Also hast du mir sie nur pflichtgemäss überreicht und nicht 
mit Sorgfalt ausgewählt, da du mir ja überhaupt Blumen nicht gerne 
schenkst (Bemerkung vom Vortage). Aber ich verzichte auf solche er- 
zwungene Aufmerksamkeiten ; ich mag sie nicht. Da sie sich all dies 
nicht vollbewusst einzugestehen, noch weniger ihm direkt zu sagen ver- 
mag, stellt sich als Ausweg das Verlieren ein, das möglicherweise schon 
vom Augenblick der Überreichung an intendiert worden sein mag, da sie 
ja die Rose nicht wie gewöhnlich ansteckte, sondern in der unverläss- 
lichen Papierhülle in der Hand behielt. 

Ein tieferer Gedankengang zeigt sich wirksam, wenn man weiter 
nach dem speziellen Grunde der Geringschätzung dieser Gabe forscht. 
Sie waren nicht lange vor Überreichung der Rose an einein Schaufenster 
voi übergegangen. Sie war stehen geblieben, hatte einen Gegenstand be- 
wundert, und ihn zu besitzen gewünscht. Er mochte offenbar diesen 
Wink nicht verstehen, sie gingen weiter und bald darauf kaufte er die 
Rose. Die Rose ist ihr also nicht nur an sich zu wenig schön, sondern, 
auch als Ersatz eines wertvolleren erhofften und gewünschten Geschenkes 
zu geringfügig. Deutlicher noch als vorhin kommt hier eine Regung von 
Trotz zum üurchbruch, die sich etwa in die Worte kleiden liesse: Wenn 
du mir nicht das kaufen willst, was ich mir wünsche und was ich für 
wertvoll genug halte, so brauche ich auch diese blosse Aufmerksamkeit 
nicht. Da hast du den Schmarren. Auch dieser nicht vollbewusste Ge- 
danke vermag sich gleichfalls nur auf dem Kompromisswege des Ver- 
lustes durchzusetzen. 

Das dritte noch weniger bewusstseinsfähige, aber zentrale Motiv 
der Symptomhandlung wurzelt in dem Schwinden ihrer Zuneigung, eine 
Tatsache, die vom Bewusstsein nicht voll anerkannt, sondern auf dem 
Wege der Projektion abgelehnt resp. gerechtfertigt wird, indem das Be- 
wusstsein ein Schwinden der Zuneigung beim andern supponiert (du 
liebst mich nicht mehr). Sie liebt ihn nicht mehr, darum freut sie die 
Rose als Zeichen seiner Aufmerksamkeit und Zuneigung nicht, darum 
bekrittelt, sie das Geschenk, sowie die Art seinor Überreichung und darum 
auch das verächtliche Wegwerfen, das eigentlich besagen will : Wenn ich 
kein Geschenk nach meinem Geschmack haben kann, so verzichte ich 
auch auf deine Liebe, da die meinige nicht mehr stark genug ist, mich 
allein an dich zu fesseln. 

IV. Auflösung einer scheinbaren Vorahnung. 
Vor einiger Zeit erlebte ich selbst eine seltsame Variation jenes 
„merkwürdigen Zusammentreffens", wobei man einer Person begegnet. 



Fehlleistungen aus dem Alltagsleben. 275 

mit welcher man sich gerade in Gedanken beschäftigt hat (Alltag 2, 
S. 120). Ich gehe unmittelbar vor Weihnachten in die österreichisch- 
ungarische Bank, um mir 10 neue Silberkronen zu Geschenkzweckefi ein- 
zuwechseln i). In ehrgeizige Phantasien versunken, die an den Gegen- 
satz meiner geringen Barschaft zu den im Bankgebäude aufgestapelten 
Geldmassen anknüpfen, biege ich in die schmale Bankgasse ein, wo die 
Bank gelegen ist. Vor dem Tor sehe ich ein Automobil stehen und viele 
Leute aus- und eingehen. Ich denke mir, die Beamten werden gerade 
für meine Paar Kronen Zeit haben; ich werde es jedenfalls rasch ab- 
machen, die zu wechselnde Geldnote hinlegen und sagen: Bitte, geben 
Sie mir Goldl — Sogleich bemerke ich meinen Irrtum — ich t-ollte ja 
Silber verlangen — und erwache aus meinen Phantasien. Ich befinde 
mich, nur noch wenige Schritte vom Eingang entfernt und sehe einen 
jungen Mann mir entgegenkommen, der mir bekannt vorkommt, den ich 
jedoch wegen meiner Kurzsichtigkeit noch nicht mit Sicherheit zu er- 
kennen vermag. Wie er näher kommt, erkenne ich in ihm einen Schul- 
kollegen meines Bruders, namens Gold, von dessen Bruder, einem 
bekannten Schriftsteller, ich zu Beginn meiner literarischen Laufbahn weit- 
gehende Förderung erwartet hatte. Sie blieb jedoch aus und mit ihr 
auch der erhoffte materielle Erfolg, mit dem sich meine Phantasie auf 
dem Wege zur Bank beschäftigt hatte. Ich muss also, in meine Phantasien 
versunken, das Herannahen des Herrn Gold unbewusst apperzipiert haben, 
was sich meinem von materiellen Erfolgen träumenden Bewusstsein in 
der Form darstellte, dass ich beschloss, am Kassenschalter Gold — statt 
des minderwertigen Silbers — zu verlangen. Andererseits scheint aber 
auch die paradoxe Tatsache, dass mein Unbewusstes ein Objekt wahr- 
zunehmen imstande ist, welches meinem Auge erst später erkennbar 
wird, zum Teil aus der Komplexbereitschaft (Bleuler) erklärlich, die 
ja aufs Materielle eingestellt war und meine Schritte gegen mein besseres 
Wissen von Anfang an nach jedem Gebäude gelenkt hatte, wo "ur die 
Gold- und Papiergeldverwechslung stattfindet. 

V. Aufklärung einer Sinnestäuschung. 
Vor längerer Zeit fuhr ich auf der Stadtbahn eine Strecke, die ich 
häufig befahren hatte und die mir in allen ihren Einzelheileu genau 
bekannt ist. Bei der Ausfahrt aus einer der Zwischenstationen glaube 
ich plötzlich unzweifelhaft zu bemerken, dass der Zug in der entgegen- 
gesetzten Richtung meines Zieles fahre und springe erschreckt von meinem 
Sitze auf. um den Wagen zu verlassen. Ich merke aber sogleich, dass 
ich mich getäuscht hatte und nehme, von dem heftigen Schreck noch 
kaum beruhigt, wieder Platz. Wenige Augenblicke spater jedoch wich 
mein nicht nur unberechtigter, sondern auch völlig unangemessener 
Schreckaffekt einer heiteren Stimmung, die sich meiner unwillkürlich 
bemächtigte, als mir die Erklärung dieser Sinnestäuschung spontan ein- 
fiel. Beim Einsteigen in den Wagen war mir ein Mädchen aufgefallen, 
das mir hübsch erschien und mein Interesse auf sich lenkte. Sie sass 
mit dem Gesicht in der Fahrtrichtung und ich hätte, um sie nach Herzens- 
lust beobachten zu können, mich ihr gegenüber, also gegen die Fahrt- 

i) Ich erfahre doit. dass die Silber- und Nickelgeld weehslung, wie ich früher 
einmal schon wusste, in der Landeshauptkassa, unweit des Bankgebäudes, sei. 

19* 



276 Otto Rank, Fehlleistungen aus dem Alltagsleben. 

richtung setzen müssen. Nun bin ich seit jeher gewohnt, aber durchaus 
nicht wie manche Bahnkranke gezwungen, in der Richtung der Fahrt 
zu sitzen, und diese instinktive Bevorzugung nötigte mich auch diesmal, 
gegen meine bewusste Absicht, die auf den Anblick des schönen Visavis 
ging, in der Fahrtrichtung — hinter dem Mädchen — Platz zu nehmen. 
Doch bedauerte ich während der Weiterfahrt sehr meine ungünstige Posi- 
tion, dachte zu wiederholten Malen daran, sie durch einen Platzwechsel 
zu verbessern, Hess mich aber durch begreifliche Rücksichten von dieser 
allzu auffälligen Kundgebung meines Interesses abhalten. So musste ich 
mich also damit begnügen, mich in die ersehnte Situation des Gegenübers 
zu phantasieren, und aus diesen Phantasien wurde ich durch den Ruck 
beim Ausfahren jäh geweckt, mit dem bestimmten Eindruck, der Zug 
bewege sich in entgegengesetzter Richtung. Der Zusammenhang der Sinnes- 
täuschung mit dem begleitenden Erlebnis, der mir sofort spontan und 
ohne jede Nebenabsicht der psychoanalytischen Verwertung einfiel, er- 
möglicht das psychologische Verständnis des Phänomens und damit auch 
die Zurückführung des begleitenden inadäquaten Affektes auf die ihm zu- 
grundeliegende Quelle. Mein nicht voll bewusster Gedankengang war 
gewesen, dass ich den gewünschten Platz, der Dame gegenüber und zu- 
gleich in der Fahrtrichtung, hätte einnehmen können, wenn der Zug in 
entgegengesetzter Richtung gefahren wäre. Die Sinnestäuschung entpuppt 
sich so gleichsam als halluzinatorische Wunscherfüllung, zu der der 
Affekt des Schreckens nur passt, wenn man seine Rückverwandlung in 
die lihidinöse Regung vornimmt, die hier unbefriedigt blieb. Die Sinnes- 
täuschung gibt aber nicht bloss dem unbewussten Gedankeninhalt Aus- 
druck, der den Anblick des Visavis ohne die Unbequemlichkeit des Platz- 
wechsels wünscht, sondern stellt ihn zugleich formal dar 1 ), indem 
meine Intention des Platzwechsels durch die vorgetäuschte Änderung der 
Fahrtrichtung nach aussen projiziert und so illusorisch gemacht wird. 



m. 

Beitrag zu den Träumen nach Coitus interruptus. 

Von Dr. Ernst Bloch, Nervenarzt in Kattowitz. 

Angeregt durch den Artikel von Alfred M e i s 1 (diese Zeitschrift, 
II. Jahrgang, Heft 2) möchte ich kurz folgenden Fall veröffentlichen: 

Vor ca. einem halben Jahre suchte mich ein 33 jähriger Post- 
beamter mit den bekannten Klagen über nächtliches Aufschrecken, an- 
fallsweise Angst und Herzklopfen etc. auf, bei deren Anhören man bereits, 
ohne danach zu fragen, die Diagnose „Coitus interruptus" stellen kann. 
In der Tat wurde diese Methode des Koitus seit 2 x / 4 Jahren ausgeübt, 
und zwar etwa 2 — 3 mal in der Woche. 

Als ich den Patienten, dessen übriges Nervensystem vollständig 
normal war, nach Schlaf, Träumen etc. fragte, antwortet er: „Ja, ich 
wollte Sie auch danach fragen, Herr Doktor, jedesmal, wenn ich in der 



i) Vergl. Silberer'a .funktionale Kategorie* im Jahrb. f. psa. Forschung. 
II. 1910. 



Dr. Ernst. Bloch, Beiträge zu den Träumen nach Coitus interruptus. ' 277 

Nacht einen solchen Angstanfall bekomme, habe ich vorher folgenden 
Traum- Ich befinde mich auf einem freien Platz und will in ein Haus 
der gegenüberliegenden Seite. Ich überschreite den Platz und habe mein 
Ziel fast erreicht, plötzlich fängt das Haus an, sich von mir zu entfernen 
und ich muss laufen, um es zu erreichen, oder aber das Pflaster ist dicht 
vor dem Hause aufgerissen, so dass ich einen Umweg machen muss, um 
wieder in die Nähe des Hauses zu kommen, oder es stehen eine Menge 
Leute da, welche mir den Eintritt verwehren, oder es ziehen mit einem 
Mal Soldaten vorbei, gleich ganze regimenterweise, oder es ist ein anderes 
Hindernis da, kurz, es ist mir unmöglich, in jenes Haus oder in jene 
Strasse hineinzukommen. Manchmal steht auch meine Frau (!) da, die 
.mir sagt es ginge nicht. Ich bemühe mich nun mehrere Male, da rein- 
zukommen, bis ich schliesslich in Seh weiss gebadet aufwache, ich be- 
komme dann Angst, Herzklopfen, welche Erscheinungen erst verschwinden, 
wenn meine Frau (!) aufsteht und mir einen nassen Imschlag macht. 
Wenn ich den Umschlag selbst mache, dann hilft er nicht gleich." 

Er gab mir weiter an, dass dieser Traum durchschnittlich jede 
Woche käme, zwar nicht immer nach einem Coitus interruptus, aber 
doch nur, wenn ein solcher vorausgegangen wäre. 

Die Auseinandersetzung, dass der Coitus interruptus schädlich fui 
ihn sei der Hinweis auf den Gebrauch eines Kondoms etc. führte wie mit 
einem Schlage völlige Heilung herbei. Träume sollen seitdem überhaupt 
nicht mehr aufgetreten sein. ., , . ft 

Die Deutung dieses Traumes, die ja für die Leser dieser Zeitschrift 
keine Schwierigkeiten hat - ich will hier nur darauf hinweisen, dass 
Sie Veranlasset des Coitus interruptus die Ehefrau gewesen ist daher 
die eigentümliche Rolle, die sie im Traume spielt - war "«*"» 
unbekannt und ich ging mit kurzen Worten darüber hmweg, Mfc M* 
diese Beobachtung mitgeteilt, weil .sie mir m bezug au! dio Entstehung 
der Träume sehr instruktiv erscheint. 



IV. 

Beiträge zum Kapitel „Verschreiben" und „Verlesen". 

Von Frau Dr. H. Hellmuth, Wien. 
1 Ein Arzt verordnet einer Patientin Levitico statt Lcvico- 
wasser: Dieser Irrtum, der einem Apotheker willkommenen Anlass zu 
aWälligen Bemerkungen gegeben hatte, kann leicht einer milderen Auf- 
fassung begegnen, wenn man nach den möglichen Beweggründen aus 
dem Unbew\iMten forscht und ihnen, sind sie auch nur subjektive An- 
nahme eines diesem Arzte Fernstehenden, eine gewisse WahrscheinUch- 
keit nicht von vornherein abspricht: Dieser Arzt erfreute sich trotzdem 
er seinen Patienten ihre wenig rationelle Ernährung in ziemlich derben 
Worten vorhielt, ihnen sozusagen die Leviten las, starken Zuspruchs, 
so dass sein Wartezimmer vor und in der Ordinationsstunde dicht besetzt 
war was den Wunsch des Arztes rechtfertigte, das Ankleiden der ab- 
solvierten Patienten möge sich möglichst rasch, vite, vite vollziehen. 



^ 



278 Frau Dr. H. Hellmuth, 

Wie ich mich richtig zu erinnern glaube, war seine Gattin aus Frank- 
reich gebürtig, was die etwas kühn scheinende' Annahme, dass er sich 
bei seinem Wunsche nach grösserer Geschwindigkeit seiner Patienten 
gerade der französischen Sprache bediente, einigermassen rechtfertigt. 
Übrigens ist es eine bei vielen Personen anzutreffende Gewohnheit, solch 
kleinen Wünschen in fremder Sprache Worte zu verleihen, wie mein eigener 
Vater uns Kinder bei Spaziergängen gern durch den Zuruf „Avanti 
gioventü" oder „Marchez au pas" zur Eile drängte, dagegen wieder ein 
setoon recht bejahrter Arzt, bei dem ich als junges Mädchen Wegen eines 
Halsübels in Behandlung stand, meine ihm allzu raschen Bewegungen 
durch ein beschwichtigendes „Piano, piano" zu hemmen suchte. So er- 
scheint es mir recht gut denkbar, dass auch jener Arzt dieser Gewohnheit 
huldigte; und so „verschreibt* 4 er Levitico — statt Lcvicowasser. 

2. Frazösisch statt Französisch: Dieses Verschreiben pas- 
sierte mir als Kind (vom 7.— 14. Jahre) regelmässig, so oft ich ein Heft 
für den Gebrauch in der französischen Stunde durch Beschreibung des 
Schildchens bestimmte; ebenso bei jeder anderen schriftlichen Verwendung 
dieses Wortes, insbesondere in der Aufschrift „Französ. Vokabeln - ". Zur 
Erklärung drängt sich folgendes auf: Schon in der Zeit, da ich zu Hause 
französischen Unterricht erhielt (7.— 11. Jahr), pflegte ich in diesen Stunden 
allen möglichen Ulk zu treiben, unter dem Tisch ein Bein meiner Schwester 
mit den meinen einzufangen, meine Schuhe aufzusebnüren und sie gegen 
die Wand zu schleudern, oder, wenn nieine Schwester neben mir sass, 
unter den rohrgeilochtencn Sitz ihres Sessels zu klopfen, mit dem Finger 
hineinzustochern (was an unser Spiel vom „Kranksein" anknüpfte), kurz, 
ich benahm mich so recht als „Fratz", wie denn auch Mama mich wieder- 
holt so nannte, besonders wenn ich nach solchen Störungen mich ihren 
Züchtigungen- entzog, indem ich mit erstaunlicher Geschwindigkeit unter 
dem Tisch Sicherheit suchte. Gleichzeitig diente diese Uezeichnung aber 
zuweilen als Kosename, zumal wenn ich irgend eine harmlose „Fratzerei", 
wie Papa sagte, ausgeführt hatte. Die Äusserung: „Der kleine Fratz hat 
Ideen!" machte mich trotz des leisen Tadels, den sie enthielt, doch Bchr 
stolz, merkte ich doch am Tone, dass die „Idee" im Grunde Beifall ge- 
funden hatte. 

Als ich später eine französische Sprachschule besuchte, in der 
nicht gerade die beste Disziplin herrschte, Hess ich abermals meinem 
Mutwillen freien Lauf, schrieb unter dem Tisch Briefe au Kolleginnen, 
kratzte mit der Feder, fing Papierfetzen aus der Tinte heraus (ein unter 
Kindern sehr verbreitetes Spiel, dem vermutlich ein Rest der juvenilen 
Koprophilie und ihrer Betätigung in den ersten Lebensjahren zugrunde 
liegt), war also wieder ein rechter Fratz und so ganz in meinem Element, 
da mir von jeher solches Tun als Heldentat erschien, zu der in der Schule 
aufzuschwingen ich mich wegen grosser Strenge meines Papas nicht 
getraute; von den frühesten Volksschulklassen an beneidete ich stets die 
berüchtigten „Klassenfratzen". 

„Frazösische statt französische Vokabeln". Dieser Sclireibirrtum voll- 
zog sich mit hartnäckiger Regolmässigkeit, so dass ihm sexuelle Motive 
nicht abgesprochen werden können. Und in der Tat ist gerade die fran- 
zösische Sprache reich an Worten, die einem Kinde, das durch Alters- 
genossinnen niedriger Sphäre in sexuelle und erotische Dinge eingeweiht 
wird, indes das Elternhaus allzu ängstlich jede diesbezügliche Aufklärung 



Beitrag zum Kapitel .Verschreiben* und .Verlesen". 279 

von ihm fernhält, willkommenen Anlass geben, durch scheinbares Ver- 
sprechen oder Verschreiben Vater und Mutter zu zeigen, wie es sich 
ohne ihre Hilfe, ja gegen ihr Verbot zurechtgefunden auf dem schlüpfrigen 
Boden. Bis zum Eintritt in die französische Sprachschule (im 12. Jahre, 
nach dem Tode meiner Mama, die meinen ersten Unterricht im Französi- 
schen geleitet hatte), wo offenbar die Scheu vor den fremden Kindern 
und die Furcht, für ordinär gehaiten zu werden, da doch die „feine 
jj " Z u sein der grösste Stolz meiner Kindheit war, meinem Be- 
ginnen Schranken setzte, bis dahin also liebte ich es, alle französischen 
Vokabeln auf die Möglichkeit einer sexuellen Bedeutung in der deutschen 
Sprache zu prüfen und durch unrichtige Aussprache, durch Umstellen 
von Lauten, kurz, durch „Verlesen" und „Verschreiben" sie dahin aus- 
zunutzen, und gerade solch brauchbare Vokabeln merkte ich mir natür- 
lich besonders gut, schrieb sie auch gern in scheinbaren Sätzen auf, was 
mir ein ebenso grosses Vergnügen machte wie dem 7 jährigen Helden in 
Bartsch' „Das deutsche Leid" seine Liste vom „ersten Schmutz dieses 
Lebens", die nur einem milderen Richter in die Hände fielen, als gelegent- 
lich die meinen. 

3. Verschreiben resp. Nichtsrlireibenkünnen des Wortes „Karl". Aus 
meinem 10. Lebensjahr entsinne ich mich deutlich eines. in der Schule 
gegebenen Diktats über Karl den Grossen, wobei ich mich vergeblich 
bemühte, den genannten Namen richtig zu Papier zu bringen; Karel, 
Kar de 1, Kradl, Kral stand da im Hefte zu lesen hei Verbrauch 
einer ansehnlichen Menge von Tinte und schliesslich musste ich heimlich 
so lachen, dass mir die Feder aus der Hand fiel, was mir auch oft zu 
Hause beim Ulk in der französischen Stunde geschah. Da ich sonst zu 
den besten Schülerinnen der Klasse zählte, ist diese scheinbare Unkenntnis 
ein wenig befremdend. Folgende Erlebnisse machen die Sache einiger- 
maßen klar: Zunächst wollte ich von dem Namen Karl aus zwei Gründen 
nichts wissen; erstens hatte mir die böswillige Klatscherei eines kleinen 
Karls einen grossen Verdruss zu Hause eingetragen; zweitens hatte mein 
Onkel Karl, ein etwas leichtlebiger Kavallerie-Offizier gerade damals 
meinen Eltern viel Sorge bereitet, so dass ich aus gelegentlichen Be- 
merkungen entnahm, dass besonders Papa ihm nicht grün war; und 
wen Papa nicht liebte, den mochte ich ebenfalls nicht leiden; ich tausche 
mich wohl nicht in der Erinnerung, von Papa Äusserungen wie: „Jetzt 
hab' ich genug vom Karl, ich will von ihm nichts mehr wissen oder 
Ähnliches gehört zu haben. Tatsache ist, dass dieser Onkel erst nach 
Papas Tode wieder unser Haus besuchte. Zu dem orthograpnischen 
Schnitzer erinnere ich ferner, dass der 1-2 jährige Sohn unseres da- 
maligen böhmischen Hausbesorgers Karl, d. i. im Tschechischen Karel, 
hiess; als dieses Kind an Keuchhusten erkrankte, wurde uns streng ver- 
boten im Garten an dem Hausbesorgerhäuschen vorüberzugehen oder 
gar stehen zu bleiben, welches Verbot ich natürlich oft übertrat; von 
Karel führl der Weg über Kardial (Karderl == Kosename für Karl im 
Wiener Dialekt) zu Kradl, i. e. GradI, einem Stoff, aus dem Waschestucke 
gefertigt werden; ich selbst hatte nun als Kind Beinkleider aus Gradl, 
die ich mir gern über die Knie hinaufzog und irgendwie stramm an- 
spannte, um einerseits mit meinen „dicke- \Vade(r)ln" (Ähnlichkeit mit 
Gradl) zu exhibitionieren, um mir andererseits durch die Spannung der 
Hose sexuelle Lust zu verschaffen. Und wie ich in solchen Augenblicken 



280 Referate und Kritiken. 

ganz schwach wurde, so konnte ich heim Verschreiben unter dem charak- 
teristischen unbezähmbaren Verlegenheitslachen, das sich in dem scheinbar 
unmotivierten Kichern der Backfische wiederfindet, die Feder nicht mehr 
halten. Schliesslich ist noch die Umstellung von a und r in Kral unerklärt. 
Kleiner und schwächer als meine um 2 Jahre ältere Schwester, suchte 
ich mich bei Streitigkeiten und Raufereien zwischen uns durch Kratzen 
(wienerisch krallen, „ich krall' dich") zu verteidigen. Vielleicht hätte 
ich diese Prozedur auch gerne an der Lehrerin, die uns Kinder mit end- 
losen Diktaten quälte, vollzogen, um so mehr als ich gerade damals in 
heisser Liebe zu einer jungen Lehrerin einer anderen Klasse entflammt war. 



Referate und Kritiken. 



Prof. Dr. 0. Messmer, Die Psychoanalyse und ihre päda- 
gogische Bedeutung. Berner Seminarblätter. V. Bd. Heft 9 (1911). 

Das Urteil Prof. Messmer 's ist für uns Analytiker um so bedeut- 
samer, als es sich auf der Grundlage genauester Kenntnis der bisherigen 
psychologischen und pädagogischen Leistungen erhebt. In seinen Werken 
■„Lehrbuch der Psychologie für werdende und fertige Lehrer" (Leipzig 
1909) und „Grundzüge einer allgemeinen Pädagogik und moralischen Kr- 
ziehtmg" (3 Bde., Leipzig 1909) hat sich Mos sin er als ebenso gründ- 
lichen und gelehrten, als scharfsinnigen Forscher ausgewiesen. 

Der hier zu besprechende Aufsatz gipfelt in einem begeisterten 
Lob der Psychanalyse. Ausgehend von der Ablehnung des Exaktheits- 
fanatismus, der sich in experimentellen Messungen erschöpft, liebt 
Messmer diejenigen wissenschaftlichen und praktischen Bedürfnisse 
hervor, die durch qualitative Untersuchungen befriedigt sein wollen. 
Während aber Külpe und seine Schule sich mit Querschnitt-Analysen 
begnügen, wendet sich die Psychanalyse der Vergangenheit des Indi- 
viduums zu, um genetisches Verständnis für seinen gegenwärtigen Zu- 
stand zu gewinnen. Dabei ist sie Forschung und Heilung zugleich. 

Während die experimentelle Psychologie an das im Bewusstscin 
der Versuchspersonen Vorhandene notgedrungen gebunden war, wendet 
sich die Psychanalyse mit Recht dem Unbewussten zu, aber nur einem 
solchen, das früher bowusst war. So kommt sie zu einer Tiefenpsychologie. 

In seiner Darstellung der psychanalylischen Methode folgt Messmer 
im wesentlichen dem Buche von Hit seh mann. Wie verständnisvoll er 
seinem Gegenstand gerecht wird, zeigen u. a. die Sätze: 

„Man lese nur einmal das I. Heft der „Diskussionen des Wiener 
psychoanalytischen Vereins", das unter .Mitwirkung eines Pädagogen die 
sehr aktuelle Frage des Selbstmordes und besonders des Schülersclbst- 
mordes behandelt. Selten findet sich in einer bcruis-pädagogischcn Zeit- 
schrift so viel konzentrierte Erziehungsweisheit beieinander und völlig 
frei von schablonenhafter, durch lauge Tradition verholzter Svstematik" 
(S. 281). 



Referate und Kritiken. 281 

„Es ist ungemein wohltuend, die sexuelle Frage mit so weittragendem 
Verständnis und ohne jede scheinheilige Befangenheit erörtert /.u finden" 

(S. 291). 

„Alles in allem: Wir haben viel von der Psychanalyse zu lernen. 
Mit etwelcher Beschämung (in Ansehung unserer Versäumnis), aber auch 
mit tiefer Freude (tri Ansehung des objektiven Fortschrittes) stellen wir 
fest, was für grosse und schöne Früchte uns von fremder Seite her in 
den' pädagogischen Garten wachsen." P f i s t e r. 

Dr. med. Otto Dornblüth, Nervenarzt in Wiesbaden, Die Psycho- 
neurosen (Neurasthenie, Hysterie und l'sychasthenie). Ein Lehrbuch 
für Studierende und Ärzte. Leipzig, Verlag von Veit u. Co., Laden- 
preis 10 Mk. 

Ein sehr umfangreiches Lehrbuch der Psychoneuroscn (beinahe 
700 Seiten stark), das der Autor nach einer 26 jährigen psychiatrisch- 
neurologischen Tätigkeit den Fachgenossen vorlegt. Er teilt die Psycho- 
neurosen in drei Gruppen: Neurasthenie, Hysterie, Psych- 
ästhenie. Neurasthenie ist krankhafte Veränderung des Gefühlslebens 
mit Steigerung der depressiven Gefühlsvorgängc und ihrer körperlichen 
Alisdruckserscheinungen; Hysterie ist „erhöhte Affektabilität mit Störung 
der normalen Verknüpfung der Gemütsbewegungen mit bestimmten Aus- 
(Iruckserschcinungen"; zur Psychasthetiiegruppc rechnet er die Zwangs- 
vorstellungen, die Zwangshandlungen (die er als besondere Einheit an- 
führt) dieTic's, „Triebhandlungen" (Alkoholismus, Morphinismus, „Triob 
zu Unfug und Torheiten", verbrecherische Triebe) und schliesslich 
die sexuellen Perversitäten. - Wir sehen, dass es dem Autor zwar ge- 
lungen ist, einige Krankheitsbilder aus dem „Sammeistopf der Neur- 
asthenie" zu isolieren, dass er aber dafür alles in den neuen Sammel- 
topf der Psychasthenie geworfen hat, in dem man heutzutage die hetero- 
gensten psychischen und nervösen Störungen zusammenwirft, und su 
tut, als ob die Prägung dieses neuen Namens einen tortschntt in unserer 

Erkenntnis bedeutete. ,.,,.. «.««*»* 

Die Angstneurose Freud's beschreibt Dornblüth ausführ- 
lich rechnet sie aber zur Neurastheniegruppe, was der Freud sehen 
Terminologie gar nicht entspricht; ebenso unstatthaft ist es nach unserer 
\nsicht, wenn der Autor „gewisse Fälle von As tas ie- Abasie und 
die Akinesia algera (M ö b i u s) zur Neurasthenie zahlt; diese sin. 
rein psychogene (hysterische) Zustandsbildcr. Der unvollkommene! 
Kenntnis der Angsthysterie ist es auch zuzuschreiben, dass Dorn 
blüth die meisten Phobien als neurasthenische Zeichen beschreibt. 
Gut und übersichtlich ist die Darstellung der körperlichen Erscheinungen 
der Neurasthenie. — Bei den „neurasthenischen Sprachstörungen" werden 
Freud's Entdeckungen über die Psychopathologie des Alltags hervor- 
gehoben. ..... . 

Als Ursachen der Psychoheurosen unterscheidet Dornblüth erb- 
liche, allgemein disponierende und äussere Agentien. Unter letzteren 
würdigt er die von Breuer und Freud entdeckten psychischen Mecha- 
nismen. Zum Schluss gerät er aber in Widersprüche, indem er einer- 
seits zugibt, dass er bei eigenen Untersuchungen die Resultate der Freud- 
schen Schule bestätigen konnte, andererseits aber behauptet, nicht zur 



282 Referate und Kritiken. 

Überzeugung der sexuellen Ätiologie der Neurosen gelangt zu sein. Be- 
züglich der Symbolik steht er — ohne Gründe anzugeben — auf der 
Seite der Entrüsteten. 

Im Kapitel „Behandlung der Psychoneurosen" macht der Verfasser 
folgende Bemerkung über die Psychoanalyse: , .Meines Erachtens ist der 
Arzt, der diese Behandlung empfiehlt, verpflichtet, den Kranken oder 
seine bestimmenden Angehörigen vorher zu unterrichten, was alles bei 
dieser geistigen Operation berührt und freigelegt weiden kann; die Ent- 
scheidung niuss dann dem einzelnen überlassen bleiben, wie bei jeder 
Operation am Körper". Ref. hat aber noch nie etwas davon erfahren, 
dass die Chirurgen ihren Kranken anatomische Vorträge über die Organe 
und Gefässe gehalten hätten, die bei der Operation „freigelegt werden 
können". Und sie haben damit sicherlich recht, da doch der Patient über 
diese Dinge kein Urteil haben kann und ihm durch die Mitteilungen nur 
unnötige Furcht vor dem Eingriff eingejagt würde. Bei psychisch Kranken 
aber wäre die schonungslose Mitteilung alles dessen, was bei der Analyse 
„freigelegt werden kennte", direkt ein Kunstfehlcr, der schwere Zustände 
hervorzurufen geeignet ist (siehe Freud's Arbeit über „wilde Psycho- 
analytiker"). Aus dieser einen Bemerkung allein ist klar ersichtlich, dass 
es dem Autor trotz vielen guten Willens nicht gelungen ist, die richtige, 
stets taktvolle Art der Psychoanalyse sich anzueignen. Kein Wunder, 
wenn er die „Konversion auf den Arzt" (sie!) für einen Nachteil dieser 
Kur betrachtet und andere Methoden „der Psychoanalyse mit sexuellem 
Hintergrund" ( ! ) vorzieht. F e r e n c z i (Budapest). 

Antliropopliyt«ia. Jahrbücher für f o lk I ori st isc he Er- 
hebungen und Forschungen zur E n t w i c k e I n n g s - 
g e s c h i c h. t e der geschlechtlichen Moral. Herausgegeben von 
Friedrich S. Krauss. Leipzig 1911. F t h n alogischer Verlag. 
Nun liegt der VIII. Band der Anthro|>ophyteia, dieses einzig da- 
stehenden Sammelwerkes, vor uns, überrascht durch die reiche Fülle des 
gesammelten Materials und bringt wie alle vorhergegangenen Bände so 
viel reiche Anregung und Belehrung, dass man einen Band über den Band 
schreiben müsste, wollte man alle Gedanken, die sich bei der Lektüre 
aufdrängen, in Worte fassen. Da sind zuerst die verschiedenen erotischen 
Lexika, die uns Psychoanalytikern so wichtig sind, weil sie uns teils 
Bestätigungen alter Symbole, teils neue Aufklärungen bringen. Den An- 
fang macht Prof. Müller (Dresden): „Aus dein erotischen Wort- 
schätze der deutschen Mundarten, sowie der älteren 
deutschen Literatur." Ferner englische, russische, polnische, 
serbische, albanesische und jüdische Lexika. Dann eine sehr wertvolle 
Abhandlung von Ljuba T. D a n i c i e. über das „Handtuch und 
Göldtüchlein in Glauben, Brauch und Gewohnheits- 
recht der Slaven". Es folgen eine Menge von kleineren Beiträgen: 
Vom Geschlechtsleben in Kalabrien; Zauuerglaube auf Haiti; Die Passauer- 
kunst bei den Negern auf Haiti; Brautsitlen unter den Evhenegern in Togo; 
Über die Gebräuche bei Eintritt der Menstruation bei den Evhenegern; 
Neue Forschungen über das Geschlechtsleben bei den Äthiopern; Erotische 
Bildwerke aus Westafrika; Geschlechtliche Sitten in Peru; Darstellungen 
der Vulva in den seitgenössischen „Graffiti"; Homoerotische Briefe des 
Pbihstratos; Ein homosexuelles Inserat und die Angebote von Numa 



Referate und Kritiken. 2^3 

Praetorius; Homosexuelle Inserate in. Paris; Inserate aus deutschen 

Zeitungen. 

Bedeutsam sind die Ergebnisse von Forschungsreisen 

aus Zentralindien (Hinduerotik) und Beuchte über eine für die 

Anthropophvteia gemachte Reise zu den Bimbas. 

Eine reiche Ernte versprechen die verschiedenen Rundfragen. So 
die von Alfred Adler eingeleitete Rundfrage über „Erotische 
Kinderspiele". Kino zweite von Sadger über „Nachtwandeln 
und Mondsuch t". K r a u s s setzt seine Rundfrage über „DieRraut- 
nacht in Sitte, Glauben und Brauch der Völker" fort. Zur 
wichtigen Nachfrage über „Onanie als Heilmittel" bringt der ver- 
dienstvolle Amrain einen wertvollen Beitrag, ferner noch eine Menge 
Kleinigkeiten, darunter die köstliche „E r o t i k in der L a t e i n s c h u 1 e". 

Besonders reichhaltig sind „Die Erhebungen zur <ie- 
schichte der Vol k s e r z ä h 1 un g" von H. Förster ausgefallen. 
Ferner Erzählungen aus Nassau, Hessen, Heidelberg, Westfalen, Elsas*, 
England, Russland. Polen, Friaul und selbst von den Indianern, von ver- 
schiedenen Folkloristen mitgeteilt. Ebenso interessant sind die „Bei- 
träge zur Volksliedforschung" mit Mitteilungen von Amrain, 
Fr. E. Schnabel, H. Förster, Bär mann, Dr. Susruta (Indien) 
und lilinkiewicz , der wertvolle Beiträge aus Russisch-Polen bringt 
und in diesem Bande mehrfach vertreten erscheint. Auch die wichtige 
Rätselforschung, ein psychoanalytisch noch unbebautes Gebiet, 
kommt nicht zu kurz. Überraschende Wendungen findet man in den Abort- 
Inschriften, die in den ..Beiträgen zur Skatologie" eingereiht 
sind Zum Schlüsse bringt Krau SB die VII. Fortsetzung seiner „bud- 
slavi sehen Volksüberlieferungen", eines gross angelegten, 
erschöpfenden und reichhaltigen Werkes. Dass schliesslich die loreusi- 
schen Anfechtungen der Anthropophvteia und verschiedenen Mitteilungen 
von aktuellem Interesse folgen, macht das Bild des Bandes nur ebhafter 
und bunter. Im kritischen Teile wird dem „Z entra 1 blatte für 
Psychoanalyse" und meinem Buche „Die Sprache des Traumes 
eine so liebevolle und eingehende Würdigung zuteil, dass wir nicht 
umhin können, Herrn F. S. Krauss für die freundlichen Worte herzlichst 
zu danken. Möge das Zusammenarbeiten von Analytikern und I-olkloristen 
dazu beitragen, der Wahrheit zum Siege zu verhelfen! Das Studium der 
Anthropophvteia sei allen Kollegen nochmals wärmstens empfohlen 

3 t C Kc I. 

Dr L. Löwenfcld, Über die sexuelle Konstitution und 
andere Sexual p ro b leine. Wiesbaden, Verlag J. F. Bergmann. 
Das Buch zerfällt in drei Abschnitte: Über die sexuelle Konsti- 
tution — Erotik und Sinnlichkeit — Die Libido als Triebkraft im geistigen 

Leben. ■ l ','"' 

Der Begriff der sexuellen Konstitution wurde zum ersten Male in 
F r e u d 's Schrift : „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" verwertet. An 
diese knüpft der Verfasser an, doch will er dem Begriffe, in Anlehnung 
an den medizinisch gebräuchlichen Sinn des Wortes Konstitution, eine 
weitere Fassung geben. Freud betrachtet als sexuelle Konstitution jene 
Veranlagung des Individuums, durch welche die Quellen seiner sexuellen 



284 Referate und Kritiken. 

Erregung bedingt sind. Der Autor unterordnet eine weitere Reihe von 
Variationen im sexuellen Verhalten demselben Begriffe und zieht 
für die Beurteilung der sexuellen Konstitution ausser den Quellen der 
sexuellen Erregung noch in Betracht: Beginn und Dauer «1er sexuellen 
Funktionen, die Intensität des Geschlechtstriebes, Spormasekrclion und 
-Exkretion und vornehmlich die sexuelle Leistungs- und Widerstands- 
fähigkeit. Wenn auch das Kapitel zum Teile Bekanntes enthält, so ist 
doch die systematische Gliederung, die Nachweisung durch zahlreiche 
eigene Beobachtungen und die Bearbeitung eines umfangreichen Autorcn- 
materials ebenso hervorzuheben, wie die Objektivität, die der Autor im 
allgemeinen und auch im besonderen gegenüber jenen Freud 'sehen 
Sätzen bewahrt, denen er die Richtigkeit überhaupt nicht oder nur in 
beschränktem Masse zubilligt. 

Löwenfeld unterscheidet folgende Konstitutionspaare: Die robuste 
und schwächliche Konstitution (sexuelle Leistungs- und Widerstandsfähig- 
keit), die erethische und torpide (Stärke der sexuellen Erregbarkeit), 
die libidinöse und frigide (Stärke der sexuellen Bedürftigkeit), die 
plethorische und anämische (betrifft den nutritiven Zustand des Sexual- 
apparates), die sadistische und masochistische Konstitution. Kombinationen 
der einzelnen Typen werden natürlich zugegeben. 

Von interessanten Einzelheiten seien bemerkt: Der Nachweis der 
gegenseitigen Unabhängigkeit von Orgasmus und Ejakulation, der zur 
Annahme zweier (in unmittelbarer Nähe befindlichen) Rückenitutrks- 
zentren führt. Ferner: Die plethorischc Konstitution beim Weibe (gekenn- 
zeichnet durch frühes Auftreten und lange Dauer der Menstruation) ist 
bei Reichen und Jüdinnen häufiger. Dementsprechend, im Anschlüsse an 
Untersuchungen Teil ha be r 's, disponiert die plethorische Konstitution 
zum Uteruskarzinom; der anämische Typus hingegen (mit dein gegen- 
teiligen Verhalten der Menstruation, vornehmlich bei Armen und 
Christinnen) begründet eine erhöhte Disposition zum Myom. — Zu den 
Quellen der sexuellen Erregung rechnet der Autor in Übereinstimmung 
mit Freud auch chemische im Blute kreisende Substanzen (libidogene 
Stoffe). 

Nicht alle Konstitutionsmerkmale sind nach Löwenfeld ange- 
boren, sondern zum Teile erworben. Unter den Ursachen erworbener Ver- 
schlechterungen der sexuellen Leistungsfähigkeit spielt die Masturbation 
die Hauptrolle. Hier muss dem Verfasser entgegengehalten werden, dass 
sowohl Schädigung der Potenz beim Manne als Verminderung oder Auf- 
hebung der orgastischen Fähigkeit beim Weibe auf Grund der bisherigen 
psychoanalytischen Erfahrungen meistens psychogen bedingt sind, somit 
in allen diesen Fällen wohl kaum von einer Veränderung der sexuellen 
Konstitution die Rede sein kann. — In der Frage nach dem Be- 
ginne der sexuellen Funktionen greift Löwenfeld die Behauptungen 
Freud 's insoferne an, als er den Schluss von der Sexualität der 
Neurotiker auf die der Gesundgeblicbencn nicht a priori für zulässig 
erachtet. Darauf wäre zu erwidern, dass gewisse psychische Mechanismen 
bei Gesunden und Kranken nachgewiesenermassen die gleichen sind und 
dass sich insbesondere die untersuchten Träume Gesunder von jenen der 
psychisch Erkrankten überhaupt nicht unterscheiden. Immerhin ist die 
Zurückhaltung des Autors in diesem wie in manchen anderen Punkten 
durchaus nicht abzuweisen; volle Klärung wird erst dann gegeben sein, 



V 



Referate und Kritiken. 285 

wenn die praktische Möglichkeit hestehen wird, auch Gesunde zu Studien- 
zwecken systematisch zu analysieren. 

Der zweite Abschnitt, behandelt den Zusammenhang der seelischen 
und sinnlichen Elemente in der sexuellen Liebe. Diese denkt sich der 
Autor zerlegt in die von der Sexualsphäre angeregten Elemente, in die 
Sympathiegefühle (Forel) und in die Gefühle der Verehrung. Der Ge- 
fiihlszustand der Liebe ist nur Personen mit „warmem Gemüte" zugäng- 
lich. ,,Gemütsarnie" Naturen bleiben von der Liebe verschont. — Wir 
müssen hier wohl feststellen, dass man mit derartigen Begriffen, wenn 
man Analyse und nicht bloss Beschreibung will, nicht viel anfangen 
kann und müssen doch wohl fragen, was die Eigenart jener Sympathie- 
gefühle aust nacht, welche psychischen Vorgänge und Ursachen für die 
Diagnose „gcmütsnrm" und ,,gcmütsreich" bestimmend sind. Der Autor 
spricht übrigens von Verwandten- oder Nächstenliebe im Gegensatze 
zur sexuellen Liebe und es kann ihm hier der Vorwurf nicht erspart 
bleiben, dass er von den psychoanalytischen Erfahrungen und Theorien 
auf diesem Gebiete keine Kenntnis genommen hat. Der Vorwurf bezieht 
sich natürlich nicht etwa darauf, dass der Autor die diesbezüglichen 
Stellen nicht akzeptiert hat; aber er hätte sie, bei seiner vortrefflichen 
Kennini? der Freud 'sehen Arbeiten, wenn auch nur ablehnend, berück- 
sichtigen müssen. Der Autor hat aber keine Notiz davon genommen. Das 
Problem der psychischen Liebe ist durch die Psychoanalyse keineswegs 
geklärt worden, doch ist der Weg zu einem besseren Verständnisse sicher 
nicht nach der bloss deskriptiven Methode des Autors zu erreichen. Der 
Mangel tiefgehenderer Untersuchung zeigt sich unter anderem in der Fest- 
stellung des Autors, dass „in der Liebe der reinen Jungfrau das ;ibidinöse 
Moment vollständig fehle", weil bei dem „sexuell unberührten Mädchen" 
pollutions- und erektionsarüge Vorgänge mangeln und sich deshalb sexuelle 
Lustgefühle oder das Verlangen nach solchen nicht einstellen können. 
Abgesehen von diesen an sich sehr zweifelhaften Konstatierungen und 
sogar ganz abgesehen von der Pubertätsonanie, weisen die oft ganz ein- 
deutig sexuellen Träume von Jungfrauen auf ein anderes Verhalten hin. 
Bei der komplexen Natur des Geschlechtstriebes ist ja auch nicht der 
Trieb nach Kohabitation das Wesentliche in den „sinnlichen Elementen"; 
der Nachweis des Kontrcktationstriebes bei der Jungfrau ist übrigens 
auch ohne psychoanalytische Untersuchungen leicht möglich. Bei Beur- 
teilung aller dieser Verhältnisse wäre auch entgegenzuhalten, dass sexuelle 
„Unerfahrenheit" und Unempfindlichkeit wohl meistens eine durch Ver- 
drängungsschübc vorgetäuschte ist. Der Übergang der sexuellen Gleich- 
gültigkeit bei der Jungfrau in ihr Gegenteil nach der Aufnahme des Sexual- 
verkehrs dürfte auch die Erklärung finden, dass sozusagen „nach voll- 
zogener Tatsache" die Verdrängungen überflüssig werden. Übrigens ent- 
ziehen sich oft auch ganz bewusste Vorgänge, ohne den wohltätigen 
Zwang zur Wahrheit, den die Psychoanalyse ausübt, bei der gewöhn- 
lichen Anamnese der Kenntnisnahme des Arztes. 

Der letzte Abschnitt beschäftigt sich mit den Sublimierungs- 
vorgängen. Auch hier ist die ruhige Objektivität des Verfassers in den 
strittigen Fragen hervorzuheben. „Die Libido als Triebkraft im geistigen 
Leben" ist für den Autor (in beschränktem Masse) eine nicht 
zu bezweifelnde Tatsache und zwar nicht bloss auf künstlerischem und 
religiösem Gebiete. Auch der wissenschaftliche Forscher und der Kauf- 



286 Referate und Kritiken. 

mann kann auf dem Wege der Sublimierung Zuwachs an geistiger Energie 
erwerben — Doch auch hier sind die psychoanalytischen Erfahrungen 
nicht nutzbar gemacht worden. Für den Autor kommt nur jene Libido 
für die Sublimierung in Betracht, die durch einen „Willensakt" von der 
Befriedigung abgelenkt wird. Oder es werden aktuelle- Liebesvorhältnisse 
aus der Biographie bedeutender Dichter (z. B. Grillparzer, Gott- 
fried Koller) in ihren Beziehungen zur produktiven Tätigkeit unter- 
sucht. Ref stimmt wohl mit dem Schlussergebnisse des Autors überein, 
das die Behauptung, geistige Schöpfungen seien psychisch-sexuelle 
Äquivalente, entschieden ablehnt. (Uie sexuelle Energie wird nur als 
eine Komponente der Schaffenskraft betrachtet.) Duch kann hier wie 
auch in den früheren Abschnitten die Untersuchungsmethode des Autors 
nicht als genügend hezeichnet |wcrden. Die Bedeutung der unbewussten, ver- 
drängten Libido und ihrer von der Kultur zum Untergange bestimmten 
Komponenten müsste erst erforscht werden; wahrscheinlich ergäben, sich 
liier weitere Quellen geistiger Energie. Das obige Resultat kann wohl 
durch anderweitige Erwägungen erhärtet werden; die durch biographische. 
Untersuchungen der aktuellen Liebesbeziehungen erzielten negativen 
Schlüsse des Autors sind von den oben bezeichneten Seiten her an- 
zufechten. Gaston Rosenstein. 

Fritz Witteis, Tragische Motive oder das l'nhewusste in 
Held und Heldin. Egon Fleischet. Berlin 1911. 

Ein durchaus erfreuliches Buch. Was es über das Tragische und 
seinen Zusammenhang mit dem Unbewussten sagt, führt tiefer hinab in 
verborgene Tiefen menschlicher Psyche als manche berühmte ästhetisch;' 
Abhandlung. Die Ursache des Tragischen liegt im Einbruch des unethischen 
und unlogischen Unbewussten ins Bewusstsein. An Hand dieser Defi- 
nition werden aphoristisch, aber mit glücklichstem Griff die Schicksale 
eines Brutus, einer Lady Makbeth, einer Rhodope, Judith, Mcdea ab- 
geleuchtet Die -unbewusste Instanz des Seelenlebens wird als Motiv 
gezeigt, wodurch das Unmögliche zum Ereignis wird. 

Der Mechanismus, der in den Gestalten der Dichter waltet, wird 
aufgedeckt und seine Bezüge zum allgemeinmenschlichen Seelenleben 
geklärt. 

Das Theater nimmt nicht mehr den Raum in unserem Leben ein, 
den es bei dea Hellenen besass. Immerhin: an allen Ecken und Enden 
trifft man Leute, deren geistiger Horizont mit den Brettern verschlagen 
ist, die ihnen die Welt bedeuten. 

Freilich: hier ist der Punkt, wo die Forschung einsetzen müsste: 
in der Wirkungsweise der Kunst. Sie beruht auf dem Gefühl, das sich 
etwa ausdrücken Hesse in den Worten: Tua res agitur . . . Das Problem 
des Tragischen — von der Seite des Zuschauers gesehen — taucht auf, 
das schwierigste der ganzen psychologischen Ästhetik. Der psychische 
Mechanismus der Katharsis ist trotz Aristoteles und Lessing noch 
ungeklärt Vielleicht würde auch hier die psychoanalytische Betrach- 
tungsweise weiterhelfen. 

Witteis streift dieses Problem gerade. Aber manche Sätze, die 
aufblitzen, erleuchten es schärfer als viele dicke Bücher einschlägigen 
Inhaltes. 



Befurate und Kritiken. 287 

Ein sittlicher Ernst, der Heiterkeit nicht ausschliesst, spricht (unaus- 
gesprochen) aus diesen Essays. 

Noch eine Seite der Arbeit wäre zu werten: die künstlerische. 
Denn das Buch ist in Plan und Aufbau ein Kunstwerk. Man muss in 
Deutschland immer wieder sagen, dass Langweile nicht ein notwendiger 
Bestandteil der Wissenschaftlichkeit ist. In den „Tragischen Motiven" Sst 
dreimal soviel Künstlerisches als etwa in desselben Autors Roman 
„Ezechiel der Zugereiste". 

Man müsste Anatomie des Stiles treiben, um die Eigentümlichkeit 
des Witteis sehen Stiles zu erfassen. Eine freiere, beschwingtere Aus- 
drucksweise lebt in diesen Seiten als sie sonst in psychologischen Unter- 
suchungen üblich ist, Eine Unmittelbarkeit des Stiles, eine Impctuosität 
der Form, die auf Unmittelbarkeit des Erlebens zurückgeht. 

Es ist viel — fast möchte man sagen: zuviel Temperament darin. 
Eine Selbstsicherheit, die manchmal ahstossen könnte. Jedenfalls zuviel 
Temperament für diese bürgerliche Welt, die überall Anstoss sucht und 
findet. Diese verhängnisvolle (iahe liisst manchmal für den Autor fürchten. 
Noch keinen sah ich fröhlich enden — . Theodor Reik. 

Otto Rank. Die Lohengrinsage. Ein Beitrag zu ihrer Motiv- 
gestaltung und Deutung. Schriften zur angewandten Seelenkunde. 
Heft XIII. (Leipzig und Wien. Franz Deutike. 1911.) 

Es ist kaum möglich, aus dem enge zusammengedrängten Material, 
das Rank vor uns ausbreitet, einen Auszug zu geben. Mit einer unglaub- 
lichen Kenntnis der Quellen paart sich ein bewunderungswürdiger Fleiss. 
Rank zeigt gerade durch die vergleichende Mythen- und Sagon- 
forschung. wie fruchtbar die Lehren Freud's für die Erkenntnis der 
Sagen und Mvthen (der „Träume der Menschheit") werden können. In der 
einen Sage findet sich ein Stück, das in der anderen Sage ausgelassen 
wurde, und erst die Zusammenstellung des ganzen Materials ergibt ein 
Ganzes. Es ist eine mühselige Arbeit, die sich am besten mit einem 
Mosaikhik! vergleichen lässt. Schliesslich zeigt Rank mit wissenschaft- 
licher Präzision, dass die berühmte Frage Elsa's (Woher er kam der 
Fahrt) und das Frageverbot (Nie sollst du mich befragen!) infantile 
Wurzeln aufweisen und die wichtigste Frage der Kindheit betreffen, die 
Frage- Woher kommen die Kinder? Und das Verbot ist eben das 
Verbot de.- Erwachsenen an die Kinder, nach dem Entstehungsmodus 

des Menschen zu fragen. . , 

Einen breiten Raum in der Darstellung Rank s nimmt die Todes 
symbolik ein. Auch in der Sage 'ist der Schwan ein Totenvogel, ist die 
Reise eine Reise ins Jenseits, auch in der Sage geben Geburt und lotl 
seltsame symbolische Vereinigungen. Für mich persönlich war die Lektine 
des Buches von Rank eine grosse Genugtuung. Fand ich doch m den 
deutschen und fremden Sagen dieselbe Todessymbolik, wie ich sie in 
meinem Buche „Die Sprache des Traumes" eingehend dargestellt habe. 
Derartige Bestätigung der individuellen Psychologie durch die Ergehnisse 
der Sagenforschung haben eine unerschütterliche Beweiskraft. Die Lektüre 
des Rank'schen Werkes ist für jeden Psychoanalytiker überdies eine 
Quelle Teicher Anregung und Belehrung. Rank weiss dem spröden Stoff 
durch neue Auffassungen immer wieder neue Seiten abzugewinnen. Auch 



288 Referate und Kritiken. 

für die Neurosenforschung kann man aus dieser Arbeit sehr viel lernen." 
Der Blick erweitert sich vom engen Horizonte des Tages über Jahrtausende 
und die Kleinarbeit des Psychoanalytikers erhält ein historisches Relief 
von gigantischer Grösse. Stekel. 

Greta Meisel-Hess, Die Intellektuellen. (Berlin 1911. öster- 
helä u. Co.) 

Dem grossen Wert dieses Buches dürfen kleine technische Mängel 
wie überflüssig genaue .steckbriefartige Personsbeschreibungen und eine 
gewisse Oberflächkeit, mit der zum Schluss manches in der Exposition 
breit aufgerolltes Menschenschicksal einer allzu raschen Lösung zugeführt 
wird, keinen Abbruch tun. Dieses Werk ist ein Kulturdokument unserer 
Zeit, an dem ein späterer Schilderer ihrer geistigen Strömungen und 
deren Ursachen nicht achtlos wird vorübergehen können. Wirkungsvoll 
und anschaulich wird das ganze Wesen jener „Intellektuellen" geschildert, 
die, den Schichten des breiten Bürgertums durch ihre geistigen Sonder- 
forderungen und Ansprüche entfremdet, vom Proletariat und seinen 
modernen Massenbestrebungen aber durch eben diese eher geistig-aristo- 
kratischen Tendenzen unüberbrückbar getrennt sind. Dabei finden sich 
ganz wunderbare Stellen, die ohne besonderen Zusammenhang mit jener 
Grundtendenz, viel erörterte und allgemeinem Interesse begegnenden Fragen 
behandeln: so z. B. der im Verlaufe der Schildcrungeines Frauenschicksals 
fein herausgearbeitete Gegensatz des Wiener und Berliner Kulturkreises, 
der — den Tatsachen entsprechend und einem falschen Lokalpatriotismus' 
ins Gesicht schlagend — nicht zugunsten des ersteren entschieden wird. 
Für die Psychoanalyse hat das vorliegende Werk jedoch noch eine 
ganz besondere Bedeutung: Zum ersten Male wird hier in der nicht- 
wissenschaftlichen Literatur der Psychoanalyse eingehende Erwähnung 
getan. Das betreffende Kapitel verrät zwar ein gründliches theoretisches 
Studium der psychoanalytischen Methoden, aber eine Unkenntnis des 
praktischen psychoanalytischen Verfahrens. So benimmt sich kein wirk- 
licher Psychoanalytiker, wie er hier geschildert wurde. Daher nimmt es 
uns nicht Wunder, dass der Schluss, zu dem die Verfasserin in diesem 
Teile ihres Werkes gelangt, nie und nimmer von der Psychoanalyse wird 
wissenschaftlich anerkannt werden können. Eine Frau, die die Er- 
kenntnis grausamer Enttäuschungen ihres ehelichen Lebens in sich unter- 
drückt und aus dieser Ursache in einen Verdrängungswahn verfällt, wird 
durch die Psychoanalyse von diesem Wahn befreit. Und nun soll die 
Folge dieser Befreiung die sein, dass die Frau durch den Verlust dieses 
— ihr Leben angeblich verklärenden — Wahnes in den Selbstmord ge- 
trieben wird? Niemals kann jene höchste und letzte Erkenntnis griechischer 
Philosophie, jenes „Erkenne dich selbst", das auch die Psychoanalyse zu 
ihrem wichtigsten Grundsatz macht, zu einer Verneinung der eigenen 
Daseinsberechtigung, zum Selbstmord, führen. 

Alfred B a u c r - 1 m h o f. 



X 



Varia. 289 

Varia. 
Die Uhr als Symbol des Lebens. 

(Ein Beitrag zur Uhrensymbolik.) 

Ein Berufskollege, der auch ein sehr feinsinniger Dichter ist, Lud- 
wig Finkh, erzählt in seinem offenbar autobiographischen Werke 
„Rapunzel" (Stuttgart u. Leipzig, Deutsche Verlagsanstalt 1909) folgende 
Beobachtung aus seiner Jugend: 

„Des Grossvaters Sohn war der Vater, der ausser seinem Acker 
und den zwei Kühen eine ganze Stube voll Uhren hatte. Er war ein fröh- 
licher Bauer und ein nachdenklicher Mann, dem es nicht wohl war, 
wenn ihm nicht zwanzig Uhren im Hause tackten. 

Woher ihm diese Lust kam, wusste niemand zu sagen. Sie fuhr 
in ihn kurz nachdem er das Mostbad genommen hatte. Als er nämlich 
sieben' Jahre alt war, beteiligte er sich in der Herbstzeit mit Eifer am 
väterlichen Mosten, indem er sein Becherlein an den Auslauf der Obst- 
presse hielt und den Saft auffing. Auch verfolgte er die übrige Hantierung 
mit Aufmerksamkeit, wenn der Vater einen grossen Butten mit Most 
schöpfte und in eine fernstehende gewaltige Kufe goss, wo er zum Garen 
verblieb Es mag den Buben gelüstet haben, auch einmal aus dem grossen 
Zuber zu schöpfen 5 sicher ist nur, dass der Vater ihn vermisste, irgendwo 
pfludern hörte, und als er zum Zuber lief, bloss noch zwei Bohrstiefelein 
aus dem süssen Most herausstehen sah, die er flugs ergriff, da sie ihm 
wohlbekannt waren. In den Stiefeln steckte denn auch sein Sohn, den 
er nur durch eine ausgiebige Bearbeitung seines Hinterteils wieder zum 
Leben brachte. Es hat ihm weiter nichts geschadet; aber als er nachher 
in der Stube sass und sich trocknete, war er ganz süll und in sich 

g6keb Am Abend fragte er mit grossen Augen den Vater: „Vater, ***■* 
gewesen mit mir, wenn du meine Stiefele net noch herausgezogen hattest? 
Dann wärst vertrunken, Jaküble," sagte der Vater. 

"War 1 ich dann nimmer bei dir und der Mutter gewesen? 

Statt aller Antwort stand der Vater auf, ging mit hartem Schritt 
auf die einzige Wanduhr zu und hielt den Pendel an. 

Äbn^die^UhTrn der Wand, die immer fleissig und rechtschaffen 
gegangen war, mit einem Male stund, erschrak der Jaküble an der Stille 
5 Tode und fing an, aufzuschluchzen. So jung er war, er hatte ver- 
standen, dass ein rauher Finger mitten ins fromme Uhr- und Tagwerk 
eingegriffen und es angehalten hatte, und ein erster Schauer des Todes 

hatte gUOCjj fa'jMfr, auf und führte das Büblein zur Uhr hin: 

„Wisch deine Tränle ab, Jakob, musst net greinen; guck, so hat 

der Vater mit dir gemacht." „,. . . 

Damit stiess sie den Pendel frisch an und gab dem Ührlem wieder 

Seither schlössen si'h alle Geheimnisse des Lebens für Jaköble 
in der Uhr ein. Er bekam das Recht, sie am frühen Morgen aulzuziehen, 
und verstand bald die stille und treue Arbeit des Gewichts, das an der 

Zentralblatt för Pnyehoanaljio. II ♦. *° 



290 Varia. 

Kette zog, solange es ziehen konnte, und damit die Zähne zwang, einem 
um den andern, sich zu bewegen und die Räder zu treiben. Mit zwölf 
Jahren brannte Jakob dem Vater durch in die Stadt und bat einen Uhr- 
macher, ihn einzustellen, er wolle ihm sägen, Holz spalten und das Vieh 
versorgen. Der Uhrmacher schrieb an den Vater, er wolle den Buben 
der ihm gefalle, behalten und die Uhrmacherei lehren, wenn er ein- 
verstanden sei. Was der Vater dazu sagte, das steht auf einem andern 
Blatt; aber dem Jakob haben damals die Ohren geklungen drei Tage 
lang. Die Mutter bat für ahn, und er sollte ein halbes Jahr zur Probe 
in der Stadt bleiben, wenn er nachher wieder heraufkommen wollte 
Diese Zeil nutzte der Jakoble aus. Doch muss das Heimweh nach der 
Ali) und den Buchenwäldern mächtig an ihm genagt haben; denn als er 
nach der verabredeten Zeit heimkam, mager und abgcblasst, war von 
der Stadt nimmer weiter die Rede. Er griff ins grosse öhrwerk der Acker- 
arbeit ein, packte die Speichen der Räder und wurde zu einem starken 
gleichmässigen Gewicht an der goldenen Kette. 

Als er das Bärbele zur Frau nahm, waren ihm die Mucken soweit 
vergangen bis auf die eine, dass er in jeder Stube eine Uhr hangen hatte 
br hatte jeder einen Namen gegeben wie einem Kind, und als er einen 
Buben bekam, waren alle seine Lieblingsnamen schon an die Uhren 
vergeben, bis auf den Namen Konrad." Stekel 

Eine sehr durchsichtige Symbolik finden wir im Gedicht 's klaine 
Herzerl" (aus Volkslust) von Franz Stelzhamer). 
Mein Herzerl is klain | A wä gäch wird a wild, 

Und drum hat nur mein Schatz Gebt in d' Dicken und Läng 

It. mein'n Herzerl allain Und oft fluecht er und schilt: 

Und sunst kainä not Platz. 

Oft macht so mein Lippli) 
So schmeidi und dünn 
Liegt wie's Kmderl in Krippl 
So ruesaili^) drin. 



Is mä d' Liegästatt z'eng! 
Lippl, mein Lippl! 
Guet is's und das gwiss, 
Dass mein Herz äzwies Krippl 
Not glöseräS) ia. 

Dr. E. Hitschmann. 



Zum Thema: „lenkbare Träume". S. Ferenczi hat im 2. Jahrg. Heft 1 
des Zontralblattes für Psychoanalyse eine besondere Art von Träumen als lenk 
bare" Träume bezeichnet. In den letzten Monaten hatte eine mir befreundete Person 
dre. solche Träume, di« durch die Verwertung der theoretischen Erkenntnisse 
h reud's im Traume bemerkenswert sind. Di- betreffende Person hat sich in dieser 
Zeit viel mit Freud 's Schriften beschäftigt. Herr N. 0. erzählt: 

a) „In einem hell beleuchteten Saal — in Anwesenheit vieler Personen — be- 
ginnen der grosse Oberleutnant R. und der kleine P. S. eine Rauferei. Ich selber ver- 
berge mich im Traume hinler der Person von P. S. - Später sage ich mir im Traum 
wie um dje aufdämmernde peinliche Erkenntnis von der homosexuellen Bedeutung 
der obenerwähnten Szene zu verdrängen : Ein Traum, in dem viele Personen als 
Zeugen einer Szene vorkommen, bedeutet einen Potenztraum". 

i ) Lippl = Philipp. 

2 ) ruesaili = ruhselig. 

3) glösera = gläsern. 



Varia. 291 

bl »Ich ringe mit einem unschönen Mädchen (Negerin?) und sage mir dabei: 
Ein hübsches Mädchen wäre mir lieber. Der Traum erfüllt einem ja jeden Wunsch. 
Warum sollte das nicht gehen? Ich denke angestrengt nach (wobei ich Kopf- 
schmerzen verspüre) und das hässliche Mädchen verwandelt sich nach und nach in 
ein sehr hübsches." Ich glaube, doss der Traum mit einer Pollution endete. 

c) »Ich bin irgendwo, verspüre ein aufsteigendes sexuelles Begehren und 
sage mir: Der Traum kann einem ja jeden Wunsch erfüllen, ich wünsche mir eine 
schöne Frau herbei." Der Wunsch geht aber nicht in Erfüllung, ich erwache. 
— Der dritte Traum ist also eigentlich ein missglückter .lenkbarer Traum". 

Herr N. 0. kann die Bemerkung Ferenczi's, dass diese Träume zumeist in 
den Morgenstunden geträumt werden, bezüglich seiner drei Träume nicht bestätigen. 

A. v. W. 

Für das Fortleben der infantilen Eindrücke zeugt die nachstehende Stelle 
aus den Bekenntnissen des hl. Augustinus (1. Buch. 8. Kapitel): 

„Bin ich nicht aus der Kindheit auf dem Wege zu meinem jetzigen Lebens- 
alter in das Knabenalter gelangt? Oder besser gesagt: kam es nicht in mich und 
folgte meiner Kindheit. Doch jene ist nicht vergaugen; wohin sollte sie 
auch gehen? A. v. W. 

Zum Thema: Künstlerisches Schaffen und Kunstgennss. a) .Keuschheit ist 
bloss die Ökonomie eines Künstlers. Es ist ein und dieselbe Kraft, die man in der 
Kunstkonzeption und die man im geschlechtlichen actus ausgibt. Es gibt nur eine 

Art Kraft," 

b) „Rechnen -wir aus der Lyrik in Ton und Wort die Suggestion jenes intesti- 
nalen Fiebers ab: Was bleibt von der Lyrik und Musik übrig?" 

Aus Nietzsche, Fragment zur „Physiologie der Kunst." 

c) „Wo ist der üi quell der Natur, 
Daraus ich schöpfend 
Himmel fühl' und Leben 
In die Fingerspitzen hervor? 
Dass ich mit Göitersinn 
Und MenschenhHnd 
Vermöge zu bilden, 
Was bei meinem Weib' 
Ich animalisch kann und musa." 
Goethe, Kenner und Künstler. 

Znr Symbolik des Traumes. In der XII. der römischen Elegien Goethes 
findet sich eine Stelle, an der gebräuchliche Symbole des Traumes auf ihre eigent- 
liche Bedeutung zurückgeführt werden: 

Hast du wohl je gehört von jener mystischen Feier, 

Die von Eleusia hieher frühe den Sieger gefolgt? 

Griechen stifteten sie, und immer riefen nur Griechen, 

Selbst in den Mauern Rom's: „Kommt zur geheiligten Nacht!'" 

Fern entwich der P.ofane: da hebte der wartende Neuling, 

Den ein weisses Gewand, Zeichen der Reinheit, umgab. 

Wunderlich irrte darauf der Eingeführte durch Kreise 

Seltener Gestalten; im Traum schien er zu wallen; denn hier 

20* 



292 V*"*- 

Wanden sich Schlangen am Boden umher, verschlösse nes Kästch en 

Reich mit Ähren umkränzt, trugen hier Mädchen vorbei, 

Vielbedeutend geberdeten sich die Priester, und summten, 

Ungeduldig und bang harrte der Lehrling auf Licht. 

Erst nach mancherlei Proben und Prüfungen ward ihm enthüllet, 

Was der geheiligte Kreis seltsam in Bildern verbarg. 

Und vaa war das Geheimnis, als dass Demeter, die grosse, 

Sich gefällig einmal auch einem Helden bequemt, 

Als sie dem Jaoon einst, dem rüstigen König der Kreter, 

Ihres unsterblichen Leib's holdes Verborgne gegönnt. 

Da war Kreta beglückt! Das Hochzeitsbette der Göttin 

Schwoll von Ähren, und reich drückte der Acker die Saat. A. v. W. 



Zwei Belege für die Wunschei-füllung im Traume und die ihn be- 
stimmenden Affekte: 

„Ein jeder gleichet seinen Träumen 

Im Traume zecht Anakreon; 

Ein Dichter jauchzt bei seinen Reimen 

Und flattert um den Helikon. 

Für euch, Monaden, ficht mit Schlüssen 

Ein Labung der Ontolo*rie; 

Und allen Mädchen träumt von Küssen: 

Denn was ist wichtiger für sie? 

Johann Peter Uz (1720-96). 

. . Die Erfahrung bestätigt unsere Behauptung, dass wir am häufigsten von 
den Dingen träumen, auf welche unsere wärmsten Leidenschaften gerichtet sind. 
Hieraus sieht man, dass unsere Leidenschaften auf die Erzeugung unserer Träume 
Einfluss haben müssen. Der Ehrgeizige träumt von den (vielleicht nur in seiner 
Einbildung) errungenen, oder noch zu erringenden Lorbeeren, indes der Verliebte sich 
in seinen Träumen mit dem Gegenstand seiner süssen Hoffnungen beschäftigt. . . . 
Alle sinnlichen Begierden und Verabscheuungen, die im Herzen schlummern, können 
wenn sie durch irgend einen Grund angeregt werden, bewirken, dass aus den mit 
ihren vergesellschafteten Vorstellungen ein Traum entsteht oder dass sich diese 
Vorstellungen in einen bereits vorhandenen Traum einmischen. 

J. G. E. Maass .Über die Leidenschaften" 1805. A. v. W. 



3 Fälle von Versprechen, a) Wie sehr scheinbar zufällige Fehlhandlungen 
durch unbewusste Komplexe determiniert sind, zeigt der im nachstehenden ange- 
führte Fall, wobei die betreffende Pereon die der symbolischen Fehlhandlung zu- 
grunde liegende sexuelle Absicht durch ein Versprechen verrät. Herr N. erzählt mir: 
„Heute hab ich meinen Stock auf dem Spaziergang verloren, ich kann mich aber 
nicht genau entsinnen, wo. Ich habe heute überhaupt einen ungeschickten Tag. Zuerst 
lasse ich den Stock mehrereuiale auf das Pflaster fallen. Später steige ich in die 
Tramway ein, und wie ich mich niedersetzen will, fällt mein Stock in den Schoss 
der gegenüberliegenden Dame." Ich mache ihn aufsein Versprechen aufmerksam, 
worauf er lächelnd fortfährt: „Ich equhb diesen Stock rein in der Tramway liegen 
gelassen haben, denn nachher, wie ich wieder zu Fusa gehe, entdecke ich plötzlich 
den Verlust." 



Varia. 293 

b) Eine Dame erzählt mir: „Mein Mann und ich waren im Sommer in N. Wir 
unternahmen eines Tages einen Spaziergang und entdecken auf diesem ein uns bis 
dahin völlig unbekannt gebliebenes kleines, ziemlich primitives Schwimmbad. Es ist 
nur ein einziger Herr im Wasser. Wir fragen ihn, da gerade Heirenstunde ist, ob 
er gestatte, das» ich auch bade. Kr ist einverstanden. Wie ich aber ins Wasser 
steigen will, entfernt er sich leider." Ich wiederhole lachend das letzte Wort, 
worauf sie erstaunt fragt, ob sie das denn gesagt habe, und rot und ärgerlich wird. 

c) Eine Dame will einen Federkiel, der aus einem Stachelschweinstachel ver- 
fertigt ist, kaufen, betritt den Laden und sagt zum Verkäufer: „Geben Sie mir die 
Feder von einem Schweinigel!'- A. v. W. 



Ein schönes Heispiel von Versprechen. Ein Herr, der mit einer Dame 
einen leichten Sommerfliert eingeleitet, aber aus Zeitmangel nicht fortgesetzt und 
ausgenutzt hatte, obwohl ihm die Dame sehr entgegengekommen war, sagt zu der 
betieftVnden Dame: „Nächstes Jahr werden wir wieder zusammen Radpartien machen. 
Aber nicht so selten wie heuer. Wir werden fleischige, sein." 

Das Versprechen motiviert sich selbst. Der Herr ist Vegetarianer. 

S t e k e 1. 

Eine sonderbare Rationalisation einer inzestuösen Eifersucht. In einer 
vielgelesenen Tageszeitung fand sich kürzlich folgende Notiz: 

Dia Tragödie der Vererbung. Aus Paris wird gemeldet: Am 22. Mai 
war in Angers die begabte Malerin Amelie Lhermite von ihrem Bruder ermordet 
worden. Der Mord, d^r anfangs geheimnisvoll und unbegreiflich schien, ei hielt eine 
erschütternde Aufklärung durch die gestrige Schlussverhandlung gegen den Mörder 
vor den Geschworenen von Anders. Eugen Lhermite g»b an, er habe seine einzige 
Schwester heiss geliebt. Er habe nur dafür leben wollen, ihre Zukunft und 
ihr Lebensglück zu sichern. Nun wären aber ihre Grossmutter, ihr Vater und ihre 
Mutter im Wahnsinn gestorben, über ihnen beiden schwebte gleichfalls der 
drohende Schatten der Geisteskrankheit, und als die Schwester ihm eines Tages 
ihren Entschluss mitteilte, sich zu verheiraten, habe er sie beschworen, diese Ab- 
sicht aufzusehen, um nicht neue Wahnsinnskandidaten in die Welt zu setzen. 
Die Schwester wollte auf diesen Rat nicht hören. Den Vorschlag, gemeinsam in 
den Tod zu gehen, wies sie entsetzt zurück. Da sei ihm, wenn er dem düsteren 
Verhängnis ihrer Familie ein Ende machen wollte, nichts übrig geblieben, als die 
Schwester zu töten. Auch für ihn wäre ein Todesurteil das beste. Die Geschworenen 
fanden ihn schuldig, unterzeichneten jedoch nach ihrem Wabrspruch ein Gnaden- 
gesuch. Der Gerichtshof verurteilte Lhermite zu lebenslänglichem Zucht- 
haus. 

Wer Freud 's Lehren verstehen gelernt hat, wird sich mit der Deutung, die 
der Mördr-r vor den Richtern seiner Tat gibt, und die offenbar auch geglaubt 
wurde, kaum zufrieden geben. Um die Vererbung des Wahnsinns zu verhüten, 
kennt man in Frankreich wohl weniger tragische Mittel als Selbstmord oder Mord. 
Wir halten uns wohl mit Recht an die Äusserung, Lhermite habe seine Schwester 
heiss geliebt, nur für ihr Glück hahe er leben wollen. Da sie einem andern an- 
gehören will, handelt der mit seiner Libido an die Schwester fixierte wie mancher 
andere pathologisch hemmungslose Liebhaber. ¥ riedjung. 

Sir William Ramsay über die Genese wissenschaftlicher Entdeckungen. 
,Die Kunst der Entdeckung besteht darin, dass man Glieder schmiedet, durch welche 



294 Varia. 

Tatsachen in Zusammenhang gebracht werden, zwischen denen man früher keinerlei 
Beziehung vermutete. Einige sind in solcher Beziehung mehr begabt, ah andere. 
Ein gutes Gedächtnis schi-int mir oft eher ein Hindernis als eine Hilfe beim Ent- 
decken zu sein. Die Erklärung liegt vermutlich darin, dass etwas wie ein unter- 
bewusstes Gedächtnis besteht, in welchem „vergessene" Tatsachen aufbewahrt 
liegen und wo erforderliche Verbindungen hergestellt werden, die ins Bewusstseiu 
aufsteigen, wenn eine ausreichende Anregung dazu eintritt." (S. W. R. : „Vergangenes 
und Künftiges aus der Chemie." Deutsch herausgegeben von Prof. W. Ostwald, 
Leipzig, 1909. Man vergleiche dazu die Ausführungen Freud 's über das Thema 
im letzten Kapitel der Traumdeutung.) J. Härnik. 

Zar Tranmforschang. „Im Traume sind wir oft so schlechter Gesinnung, 
so hä8slicher Taten fähig, da98 wir im Wachen darüber erschrecken. Aher dennoch 
verraten diese Traumbilder, dass in uns Kräfte schlummern, die einmal auch im Leben 
jäh hervortreten können. Für den Denker und Seeleuforscher hat das Wort 
„Träume sind Schäume" längst die Wahrheit verloren." 

Otto von Leixner, Aus meinem Zeltelkasten p. 16. 

Theodor Reik. 

„Psyche". So benennen Morselli, Villa und Sante de Sanctis eine 
neue psychologische Revue, deren Herausgober sie sind und deren Redaktion unser 
-Mitarbeiter Roberto Assagioli übernommen hat. Die Revue hat sich ein grosses 
Prournmm nicher Aibeit vor^czeichnet. Unter Anderen Themen soll auch die Freud- 
sche Schule ausreichend behandelt werden. Jode Nummer wird italienische Original- 
artikel und Übersetzung, n bedeutender fremder Arbeiten, Referate, Varia und eine 
Bibliographie enthalten. Wir freuen uns, dass unser Zentralblatt so rasch ein be- 
freundetes, im gleichen Sinne redigiertes Schwestprorgan erhalten wird und wünschen 
dem jungen Unternehmen eine freundliche Aufnahme. Das Blatt wird jährlich sechs 
Hefte im Umfange von je vier Bogen enthalten. Der Preis beträgt für Italien acht 
Lire, fürs Ausland zehn Lire. Redaktion 'und Administration bei Dr. Ro- 
berto Assagioli, Florenz, Via degli Alfani 46. 



Die zweite Auflage der ..Nervösen Angstzustündc und ihre Behandlung'' 
von Dr. Willi. St ekel (Verlag von Urban und Schwarzenberg, Berlin und Wien, 
1912) ist bereits erschienen. Sie tritt als der erste Band einer zusammenhängenden 
Darstellung der „Störungen des Trieb- und Affektlebens" auf. Das ganze 
Werk soll sechs Bände umfassen, deren zweiter den Zweifel und die Zwangs- 
handlungen behandeln wird. Die Angstzustände sind gegen die erste Auflage 
um mehr als acht Bogen vermehrt und enthalten vierzig neue Krankengeschichten. 



Demnächst erscheint im Verlage von Hugo Heller & Co in Wien eine 
neue Zeitschrift mit dem Titel: „Imngo", welche der Anwendung der Psycho- 
analyse auf die Geisteswissenschaften unter Ausschaltung des rein patho- 
logisch-therapeutischen Gebietes gewidmet ist. Die Zeitschrift erscheint jeden zweiten 
Monat im jährlichen Gesamtumfange von ca. 30 Bogen. Als Herausgeber wird 
Professor Freud zeichnen. Redakteure sind Otto Rank und Dr. Hanns Sachs. 



Literatur. 295 



Literatur. 

(Abkürzungen: R? = Referat gesucht; B = das Bück ist bei der Redaktion ein 

gelaufen.) 

Dr. Heinrich Kahane: „Grundzüge der Psychomechani k.' I. Die Auto- 
nomie der Seele. (Wien. Georg Szelinskii. 1911. 2. Kr.) 

Adolf Stöhr: Psychologie der Aussage. In .Das Recht". Sammlung von Ab- 
handlungen für Juristen und Laien. Herausg. von Dr. Franz Köhler. Berlin 
1911. Puttkammer und Mühlbrecht. (R?) 

Rudier: Einige Wege der Familienforschung mit Rückeicht auf die Psychiatrie. 
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