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Full text of "Zentralblatt für Psychoanalyse 1912 Band II Heft 6"

Originalarbeiten. 



i. 
Über neurotische Erkrankungstypen. 

Von Sigm. Freud. 

In den nachstehenden Sätzen soll auf Grund empirisch gewonnener 
Eindrücke dargestellt werden, welche Veränderungen der Bedingungen 
dafür massgebend sind, dass bei den hiezu Disponierten eine neurotische 
Erkrankung zum Ausbruch komme. Es handelt sich also um die Frage 
der Krankheitsveranlassungen; von den Krankheitsformen wird wenig 
die Rede sein. Von anderen Zusammenstellungen der Erkrankungsan- 
lässe wird sich diese durch den einen Charakter unterscheiden, dass sie 
die aufzuzählenden Veränderungen sämtlich auf die Libido des Indivi- 
duums bezieht. Die Schicksale der Libido erkannten wir ja durch die 
Psvchoanalyse als entscheidend für nervöse Gesundheit oder Krankheit. 
Auch über den Begriff der Disposition ist in diesem Zusammenhange 
kein Wort zu verlieren. Gerade die psychoanalytische Forschung hat uns 
ermöelicht, die neurotische Disposition in der Entwicklungsgeschichte 
der Libido nachzuweisen und die in ihr wirksamen Faktoren auf mit- 
geborene Varietäten der sexuellen Konstitution und in der frühen K.nd- 
heit erlebte Einwirkungen der Aussenwelt zurückzuführen. 

a Der nächstliegende, am leichtesten auffindbare und am besten 
verständliche Anlass zur neurotischen Erkrankung hegt in jenem äusseren 
Moment vor, welches allgemein als die Versagung beschrieben werden 
kann Das Individuum "war gesund, solange seine Liebesbedurft.gkeit 
du?ch ein reales Objekt der Aussenwelt befriedigt wurde es wird neu 
rotisch sobald ihm dieses Objekt entzogen wird, ohne dass sich ein Er- 
satz dafür findet. Glück fällt hier mit Gesundheit Unglück mit Neurose 
zusammen Die Heilung fällt dem Schicksal, welches für die verlorene 
BefnedSg^ngsmöglichkeit einen Ersatz schenken kann, leichter als 

dem Füfdiesen Typus, an dem wohl die Mehrzahl der Menschen Anteil 
hat, begnn dTe ffirankungsmöglicbkeit also erst mit .der Abst = 
woraus man ermessen kann, wie bedeutungsvoll d.e ta^bd^ 
kuneen der zugänglichen Befriedigung für die Veranlassung der Neurose 
sein mösen Die Versagung wirkt dadurch pathogen, dass sie die Libido 
SÄ nun das Individuum auf die Probe stellt, W« > ange yj fcese 
Steigerung der psychischen Spannung ertragen, und welche Wege es 
eSlagen wird? sich ihrer zu entledigen. Es gibt nur zwei Möglich- 

21 

Zontralblatt für Puehoinmlyi». II'. 

INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




208 Sigm. Freud, 

keiten, sich bei anhaltender realer Versagung der Befriedigung gesund 
zu erhalten, erstens, indem man die psychische Spannung in tatkräftige 
Energie umsetzt, welche der Aussenwelt zugewendet bleibt und endlich 
eine reale Befriedigung der Libido von ihr erzwingt, und zweitens, indem 
man auf die libidinöse Befriedigung verzichtet, die aufgestaute Libido 
sublimiert und zur Erreichung von Zielen verwendet, die nicht mehr 
erotische sind und der Versagung entgehen. Dass beide Möglichkeiten 
in den Schicksalen der Menschen zur Verwirklichung kommen, beweist 
uns, dass Unglück nicht mit Neurose zusammenfällt, und dass die Ver- 
sagung nicht allein über Gesundheit oder Erkrankung der Betroffenen 
entscheidet. Die Wirkung der Versagung liegt zunächst darin, dass sie 
die bis dahin unwirksamen dispositionellen Momente zur Geltung bringt. 

Wo diese in genügend starker Ausbildung vorhanden sind, besteht 
die Gefahr, dass die Libido introvertiert werde 1 ). Sie wendet sich 
von der Realität ab, welche durch die hartnäckige Versagung an Wert 
für das Individuum verloren hat, wendet sich dem Phantasieleben zu, 
in welchem sie neue Wunschbildungen schafft und die Spuren früherer, 
vergessener Wunschbildungen wiederbelebt. Infolge des innigen Zusammen- 
hanges der Phantasietätigkeit mit dem in jedem Individuum vorhandenen 
infantilen, verdrängten und unbewusst gewordenen Material und dank 
der Ausnahmsstellung gegen die Realitätsprüfung, die dem Phantasie- 
leben eingeräumt ist 2 ), kann die Libido nun weiter rückläufig werden, 
auf dem Wege der Regression infantile Bahnen auffinden und 
ihnen entsprechende Ziele anstreben. Wenn diese Strebungen, die mit 
dem aktuellen Zustand der Individualität unverträglich sind, genug Inten- 
sität erworben haben, muss es zum Konflikt zwischen ihnen und dem 
anderen Anteil der Persönlichkeit kommen, welcher in Relation zur 
Realität geblieben ist. Dieser Konflikt wird durch Symptombildungen 
gelöst und geht in manifeste Erkrankung aus. Dass der ganze Prozess 
von der realen Versagung ausgegangen ist, spiegelt sich in dem Ergebnis 
wieder, dass die Symptome, mit denen der Boden der Realität wieder 
erreicht wird, Ersatzbefriedigungen darstellen. 

b) Der zweite Typus der Erkrankungsveranlassung ist keineswegs 
so augenfällig wie der erste und konnte wirklich erst durch eindringende 
analytische Studien im Anschluss an die Komplexlehre der Züricher 
Schule aufgedeckt werden 3 ). Das Individuum erkrankt hier nicht infolge 
einer Veränderung in der Aussenwelt, welche an die Stelle der Befriedigung 
die Versagung gesetzt hat, sondern infolge einer inneren Bemühung, um sich 
die in der Realität zugängliche Befriedigung zu holen. Es erkrankt an 
dem Versuch, sich der Realität anzupassen und die Realforderung 
zu erfüllen, wobei es auf unüberwindliche innere Schwierigkeiten stösst. 
Es empfiehlt sich , die beiden Erkrankungstypen scharf gegen- 
einander abzusetzen, schärfer, als es die Beobachtung zumeist gestattet. 
Beim ersten Typus drängt sich eine Veränderung in der Aussenwelt 
vor, beim zweiten fällt der .Akzent auf eine innere Veränderung. Nach 
dem ersten Typus erkrankt man an einem Erlebnis, nach dem zweiten 

i) Nach einem von C. G. Jung eingeführten Terminus. 

2) Vgl. meine . Formulierangen über die zwei Prinzipien des psychischen Ge- 
schehens'. Jahrb. f. Psychoanalyse. Bd. III. 

3) Vgl. Jung, Die Bedeutung des Vaters für das Schicksal des Einzelnen. 
Jahrb. f. Psychoanalyse I, 1909. 



..A. 



Über neurotische Erkrankungstypen. 299 

an einem Entwicklungsvorgang. Im ersten Falle wird die Aufgabe ge- 
stellt, auf Befriedigung zu verzichten, und das Individuum erkrankt an 
seiner Widerstandsunfähigkeit; im zweiten Falle lautet die Aufgabe, 
eine Art der Befriedigung gegen eine andere zu vertauschen, und die 
Person scheitert an ihrer Starrheit. Im zweiten Falle ist der Konflikt 
zwischen dem Bestreben, so zu verharren, wie man ist, und dem anderen 
sich nach neuen Absichten und neuen Realforderungen zu verändern, von 
vorneherein gegeben; im früheren Falle stellt er sich erst her, nach- 
dem die gestaute Libido andere und zwar unverträgliche Befriedigungs- 
raöglichkeiten erwählt, hat. Die Rollen des Konfliktes und der vorherigen 
Fixierungen der. Libido sind beim zweiten Typus ungleich augenfälliger 
als beim ersten, bei dem sich solche unbrauchbare Fixierungen eventuell 
erst infolge der äusseren Versagung herstellen mögen. 

Ein junger Mann, der seine Libido bisher durch Phantasien mit 
Ausgang in Masturbation befriedigt hatte, und nun dieses dem Auto- 
erotismus nahestehende Regime mit der realen Objektwahl vertauschen will, 
ein Mädchen, das seine ganze Zärtlichkeit dem Vater oder Bruder ge- 
schenkt hatte und nun für einen um sie werbenden Mann die bisher 
unbewussten, inzestuösen, Libidowünsche bewusst werden lassen soll, eine 
Frau, die auf ihre polygamen Neigungen und Prostitutionsphantasien 
verzichten möchte, um ihrem Mann eine treue Gefährtin und ihrem 
Kinde eine tadellose Mutter zu werden : diese alle erkranken an den 
lobenswertesten Bestrebungen, wenn die früheren Fixierungen ihrer Libido 
stark genug sind, um sich einer Verschiebung zu widersetzen, wofür 
wiederum die Faktoren der Disposition, konstitutionelle Anlage und 
infantiles Erleben, entscheidend werden. Sie erleben alle sozusagen das 
Schicksal des Bäumleins im Grimm'schen Märchen, das andere Blätter 
haben gewollt; vom hygienischen Standpunkt, der hier freilich nicht 
allein in Betracht kommt, könnte man ihnen nur wünschen, dass sie 
weiterhin so unentwickelt, so minderwertig und nichtsnutzig geblieben 
wären, wie sie es vor ihrer Erkrankung «varen. Die Veränderung, welche 
die Kranken anstreben, aber nur unvollkommen oder gar nicht zustande 
bringen, hat regelmässig den Wert eines Fortschritts im Sinne des realen 
Lebens. Anders, wenn man mit ethischem Masstabe misst; man sieht 
die Menschen ebenso oft erkranken, wenn sie ein Ideal abstreifen als 
wenn sie es erreichen wollen. 

Ungeachtet der sehr deutlichen Verschiedenheiten der beiden be- 
schriebenen Erkrankungstypen, treffen sie doch im Wesentlichen zusammen 
und lassen sich unschwer zu einer Einheit zusammenfassen. Die Er- 
krankung an Versagung fällt auch unter den Gesichtspunkt der Un- 
fähigkeit zur Anpassung an die Realität, nämlich an den einen Fall, 
dass die Realität die Befriedigung der Libido versagt. Die Erkrankung, 
unter den Bedingungen des zweiten Typus führt ohne weiteres zu einem 
Sonderfall der Versagung. Es ist hiebei zwar nicht jede Art der Be- 
friedigung von der Realität versagt, wohl aber gerade die eine, welche 
das Individuum für die ihm einzig mögliche erklärt, und die Versagung 
geht nicht direkt von der Aussenwelt, sondern primär von gewissen 
Strebungen des Ichß aus, aber die Versagung bleibt das Gemeinsame 
und Übergeordnete. Infolge des Konflikts, der beim zweiten Typus so- 
fort einsetzt, werden beide Arten der Befriedigung, die gewohnte wie 
die angestrebte, gleichmässig gehemmt ; es kommt zur Libidostauung mit 

21* 



300 Sigm. Frend, 

den von ihr ablaufenden Folgen wie im ersten Falle. Die psychischen 
Vorgänge auf dem Wege zur Symptombildung sind beim zweiten Typus 
eher übersichtlicher als beim ersten, da die pathogenen Fixierungen der 
Libido hier nicht erst herzustellen waren, sondern während der Gesund- 
heit in Kraft bestanden hatten. Ein gewisses Mass von Introversion 
der Libido war meist schon vorhanden; ein Stück der Regression zum 
Infantilen wird dadurch erspart, dass die Entwicklung noch nicht den 
ganzen Weg zurückpelegt hatte. 

c) Wie eine Übertreibung des zweiten Typus, der Erkrankung an 
der Realforderung, erscheint der nächste Typus, den ich als Er- 
krankung durch Entwicklungshemmung beschreiben will. Ein 
theoretischer Anspruch, ihn abzusondern, läge nicht vor, wohl aber ein 
praktischer, da es sich um Personen handelt, die erkranken, sobald sie 
das unverantwortliche Kindesalter überschreiten, und somit niemals eine 
Phase von Gesundheit, d. h. von im Ganzen uneingeschränkter Leistungs- 
und Genussfähigkeit erreicht haben. Das Wesentliche des disponierenden 
Prozesses liegt in diesen Fällen klar zu Tage. Die Libido hat die infan- 
tilen Fixierungen niemals verlassen, die Realforderung tritt nicht plötz- 
lich einmal an das ganz oder zum Teil gereifte Individuum heran, 
sondern wird durch den Tatbestand des Älterwerdens selbst gegeben, 
indem sie sich selbstverständlicher Weise mit dem Alter des Individuums 
kontinuierlich ändert. Der Konflikt tritt gegen die Unzulänglichkeit 
zurück, doch müssen wir nach allen unseren sonstigen Einsichten ein 
Bestreben, die Kindheitsfixierungen zu überwinden, auch hier statuieren, 
sonst könnte niemals Neurose, sondern nur stationärer Infantilismus der 
Ausgang des Prozesses sein. 

d) Wie der dritte Typus uns die disponierende Bedingung fast 
isoliert vorgeführt hatte, so macht uns der nun folgende vierte auf ein 
anderes Moment aufmerksam, dessen Wirksamkeit in allen Fällen in 
Betracht kommt und gerade darum leicht in einer theoretischen Er- 
örterung übersehen werden könnte. Wir sehen nämlich Individuen er- 
kranken, die bisher gesund gewesen waren, an die kein neues Erlebnis 
herangetreten ist, deren Relation zur Aussenwelt keine Änderung er- 
fahren hat, so dass ihre Erkrankung den Eindruck des Spontanen machen 
muss. Nähere Betrachtung solcher Fälle zeigt uns indess, dass sich in 
ihnen doch eine Veränderung vollzogen hat, die wir als höchst bedeut- 
sam für die Krankheitsverursachung einschätzen müssen. Infolge des 
Erreichens eines gewissen Lebensabschnittes und im Anschluss an gesetz- 
mässige biologische Vorgänge hat die Quantität der Libido in ihrem 
seelischen Haushalt eine Steigerung erfahren, welche für sich allein hin- 
reicht das Gleichgewicht der Gesundheit umzuwerfen und die Bedingungen 
der Neurose herzustellen. Wie bekannt sind solche eher plötzliche 
Libidosteigerungen mit der Pubertät und der Menopause, mit dem Er- 
reichen gewisser Jahreszahlen bei Frauen, regelmässig verbunden; bei 
manchen Menschen mögen sie sich überdies in noch unbekannten Perio- 
dizitäten äussern. Die Libidostauung ist hier das primäre Moment, 
sie wird pathogen infolge der relativen Versagung von Seiten der 
Aussenwelt, die einem geringeren Libidoanspruch die Befriedigung noch 
gestattet hätte. Die unbefriedigte und gestaute Libido kann wieder 
die Wege zur Regression eröffnen und dieselben Konflikte anfachen, die 
wir für den Fall der absoluten äusseren Versagung festgestellt haben. 



Über neurotische Erkrankungstypen. 301 

Wir werden auf solche Weise daran gemahnt, dass wir das quantitative 
Moment bei keiner Überlegung über Krankheitsveranlassung ausser Acht 
lassen dürfen. Alle anderen Faktoren, die Versagung, Fixierung, Ent- 
wicklungshemmung bleiben wirkungslos, insoferne sie nicht ein gewisses 
Mass der Libido betreffen und eine Libidostauung von bestimmter Höhe 
hervorrufen. Dieses Mass von Libido, das uns für eine pathogene Wir- 
kung unentbehrlich dünkt, ist für uns freilich nicht messbar; wir können 
es nur postulieren, nachdem der Krankheitserfolg eingetreten ist. Nur 
nach einer Richtung dürfen wir es enger bestimmen; wir dürfen an- 
nehmen, dass es sich nicht um eine absolute Quantität handelt, sondern 
um das Verhältnis des wirksamen Libidobetrags zu jener Quantität von 
Libido, welche das einzelne Ich bewältigen, d.h. in Spannung erhalten, 
sublimieren oder direkt verwenden kann. Daher wird eine relative 
Steigerung der Libidoquantität dieselben Wirkungen haben können wie 
eine absolute. Eine Schwächung des Ichs durch organische Krankheit 
oder durch besondere Inanspruchnahme seiner Energie wird imstande 
sein, Neurosen zum Vorschein kommen zu lassen, die sonst trotz aller 
Disposition latent geblieben wären. 

Die Bedeutung, welche wir der Libidoquantität . für die Krank- 
heitsverursachung zugestehen müssen, stimmt in wünschenswerter Weise 
zu zwei Hauptsätzen der Neurosenlehre, die sich aus der Psychoanalyse 
ergeben haben. Erstens zu dem Satze, dass die Neurosen aus dem 
Konflikt zwischen dem Ich und der Libido entspringen, zweitens zu der 
Einsicht, dass keine qualitative Verschiedenheit zwischen den Bedin- 
gungen der Gesundheit und denen der Neurose bestehe, dass die Ge- 
sunden vielmehr mit denselben Aufgaben der Bewältigung der Libido 
zu kämpfen haben, nur dass es ihnen besser gelungen ist. 

Es erübrigt noch, einige Worte über das Verhältnis dieser Typen 
zur Erfahrung zu sagen. Wenn ich die Anzahl von Kranken überblicke, 
mit deren Analyse ich gerade jetzt beschäftigt bin, so muss ich fest- 
stellen, dass keiner von ihnen einen der vier Erkrankungstypen rein 
realisiert. Ich finde vielmehr bei jedem ein Stück der Versagung wirk- 
sam neben einem Anteil von Unfähigkeit sich der Realforderung anzu- 
passen; der Gesichtspunkt der Entwicklungshemmung, die ja mit der 
Starrheit der Fixierungen zusammenfällt , kommt bei allen in Betracht, 
und die Bedeutung der Libidoquantität dürfen wir, wie oben ausgeführt, 
niemals vernachlässigen. Ja ich erfahre, dass bei mehreren unter diesen 
Kranken die Krankheit in Schüben zum Vorschein gekommen ist, 
zwischen welchen Intervalle von Gesundheit lagen, und dass jeder dieser 
Schübe sich auf einen anderen Typus von Veranlassung zurückführen 
lässt. Die Aufstellung dieser vier Typen hat also keinen hohen theo- 
retischen Wert; es sind bloss verschiedene Wege zur Herstellung einer 
gewissen pathogenen Konstellation im seelischen Haushalt, nämlich der 
Libidostauung, welcher sich das Ich mit seinen Mitteln nicht ohne 
Schaden erwehren kann. Die Situation selbst wird aber nur pathogen 
infolge eines quantitativen Moments ; sie ist nicht etwa eine Neuheit für 
das Seelenleben und durch das Eindringen einer sogenannten „Krank- 
heitsursache" geschaffen. 

Eine gewisse praktische Bedeutung werden wir den Erkrankungs- 
typen gerne zugestehen. Sie sind in einzelnen Fällen auch rein zu be- 
obachten; auf den dritten und vierten Typus wären wir nicht auf merk- 



302 Sigm. Freud, Über neurotische Erkrankungstypen. 

sam geworden, wenn sie nicht die einzigen Veranlassungen der Erkran- 
kung für manche Individuen enthielten. Der erste Typus hält uns den 
ausserordentlich mächtigen Einfluss der Aussenwelt vor Augen, der 
zweite den nicht minder bedeutsamen der Eigenart des Individuums, 
welche sich diesem Einflüsse widersetzt. Die Pathologie konnte dem 
Problem der Krankheitsveranlassung bei den Neurosen nicht gerecht 
werden, solange sie sich bloss um die Entscheidung bemühte, ob diese 
Affektionen endogener oder exogener Natur seien. Allen Erfah- 
rungen, welche auf die Bedeutung der Abstinenz (im weitesten Sinne) als Ver- 
anlassung hinwiesen, musste sie immer den Einwand entgegensetzen, andere 
Personen vertrügen dieselben Schicksale ohne zu erkranken. Wollte sie 
aber die Eigenart des Individuums als das für Krankheit und Gesund- 
heit wesentliche betonen, so musste sie sich die Vorhaltung gefallen 
lassen, dass Personen mit solcher Eigenart die längste Zeit über gesund 
bleiben können, so lange ihnen nur gestattet ist, diese Eigenart zu be- 
wahren. Die Psychoanalyse hat uns gemahnt, den unfruchtbaren Gegen- 
satz von äusseren und inneren Momenten, von Schicksal und Konstitu- 
tion, aufzugeben, und hat uns gelehrt, die Verursachung der neuro- 
tischen Erkrankung regelmässig in einer bestimmten psychischen Situa- 
tion zu finden, welche auf verschiedenen Wegen hergestellt werden kann. 



IL 

Ansätze zur psychoanalytischen Erforschung und Be- 
handlung des manisch-depressiven Irreseins und ver- 
wandter Zustände 1 ). 

Von Dr. Karl Abraham (Berlin). 

Während die nervösen Angstzustande in der psychoanalytischen 
Literatur eingehend behandelt worden sind, haben die Depressionszustände 
nicht die gleiche Berücksichtigung gefunden. Und doch ist der depressive 
Affekt über alle Formen der Neurosen und Psychosen ebenso verbreitet 
wie der Angstaffekt. Oft findet man beide Affekte bei dem gleichen 
Individuum nebeneinander oder in zeitlicher Folge. Der an Angstneurose 
Leidende ist depressiven Stimmungen unterworfen; der tief verstimmte 
Melancholiker klagt über Angst. 

Eines der frühesten Ergebnisse der F r e u d'schen Neurosenforschung 
lautete: die neurotische Angst stammt von der Sexualverdrängung. Durch 
diese ihre Herkunft ist die neurotische Angst von der Furcht geschieden. 
Ganz entsprechend trennen wir den Affekt der Trauer oder Nieder- 
geschlagenheit von der unbewusst motivierten, d. h. auf Verdrängung 
beruhenden neurotischen Depression. 

Zwischen Angst und Depression besteht ein analoges Verhältnis 
wie zwischen Furcht und Trauer. Wir fürchten ein kommendes Unheil; 

i) Mit Benutzung eines Vortrages auf dem III. psychoanalytischen Kongress 
in Weimar (21. September 1911). 



Ansätze zur paychoanaly tischen Erforschung und Behandlung etc. 303 

wir trauern über ein eingetretenes. Der Neurotiker wird von Angst be- 
fallen,, wenn sein Trieb einer Befriedigung zustrebt, die zu erreichen 
seine Verdrängung ihm verbietet. Die Depression setzt ein, wenn er 
erfolglos, unbefriedigt sein Sexualziel aufgibt. Er fühlt sich liebesunfähig 
und ungeliebt; darum verzweifelt er am Leben und an der Zukunft. 
Dieser Affekt hält an, solange seine Ursachen nicht in Wegfall gekommen 
sind, — sei es durch tatsächliche Änderung der Situation, sei es durch 
psychische Verarbeitung der unlustbetonten Vorstellungen. Jeder neuro- 
tische Depressionszustand enthält die Tendenz zur Lebensverneinung, ganz 
wie der ihm wesens verwandte Angstzustand. 

Mit den obigen Bemerkungen sage ich denjenigen, welche die Neu- 
rosen unter den Gesichtspunkten der Freud'schen Lehren betrachten, 
kaum etwas Neues, obwohl die Literatur auffallend wenig über die 
Psychologie der neurotischen Depression enthält. Der depressive Affekt 
im Rahmen der Psychosen harrt dagegen noch der genaueren Unter- 
suchung. Die Aufgabe seiner Erforschung wird dadurch kompliziert, dass 
ein Teil der in Frage kommenden Krankheiten „zirkulär" verläuft, einen 
Wechsel melancholischer und manischer Zustände erkennen Iässt. Die 
wenigen bisher erschienenen Vorarbeiten 1 ) beschäftigen sich aber je- 
weilen nur mit einer der beiden Phasen. 

Im Laufe mehrerer Jahre konnte ich in der psychotherapeutischen 
Privat-Praxis sechs einschlägige Fälle beobachten. Zwei davon waren 
leicht manisch-depressive Patienten, deren einen ich freilich nur vor- 
übergehend behandelte (Fälle von sogenannter Zyklothymie); eine dritte 
Kranke litt an kurzen, aber rasch aufeinander folgenden Depressions- 
zuständen mit typisch-melancholischen Erscheinungen. Bei zwei Patienten 
handelte es sich um erstmalige depressive Psychosen; schon früher hatte 
bei ihnen die Neigung zu leichten manischen und depressiven Stim- 
mungsschwankungen bestanden. Ein Patient endlich war mit 45 Jahren 
an einer schweren und hartnäckigen Psychose erkrankt. 

Die Depressionszustände des fünften Dezenniums werden nach 
Kraepelin's Vorgang von den meisten Psychiatern nicht dem manisch- 
depressiven Irresein zugerechnet. Wegen der weitgehenden Übereinstim- 
mung der psychischen Struktur, wie sie durch die Analyse aufgedeckt 
wurde, reihe ich den letztgenannten Fall hier denjenigen an, deren Zu- 
gehörigkeit zum manisch-depressiven Irresein keinem Zweifel unterliegen 
kann. Zur Frage der Abgrenzung dieser Psychosen gegeneinander will 
ich damit .nicht Stellung genommen haben. 

Auf die Depressionszustände im Krankheitshilde der Dementia praecox 
beabsichtige ich nicht einzugehen. 

Schon zu Beginn der ersten Analyse einer depressiven Psychose fie) 
mir auf, wie sehr diese in ihrem Aufbau der Zwangsneurose ähnelt«. 
Beim Zwangsneurotiker 2 ) ich habe hier die schweren, ausgeprägten 



i) Maeder, Psychoanalyse bei einer melancholischen Depression. Zentral- 
blatt für Nervenheilkunde und Psychiatrie. 1910. 

Brill, Ein Fall von periodischer Depression psychogenen Ursprungs. (Über- 
setzung.) Dieses Zentralblatt, Bd. I. p. 158. 

Jones, Psycho- Analytic Notes on a Case of Hypomania. Bulletin of the 
Ontario Hospitals for *he Insane. 1910. 

2) Die folgende kurze Charakteristik hält sich eng an die Darstellung F r e u d ' s 
in den , Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose". (Jahrbuch für psyebo- 
analyt. Forschungen. Bd. I.) 



304 Dr. Karl Abraham, 

Fälle im Auge — kann die Libido sich nicht in normaler Weise ent- 
falten, weil zwei verschiedene Tendenzen — Hass und Liebe — einander 
dauernd beeinträchtigen. Die Neigung zur feindseligen Einstellung auf 
die Aussenwelt ist- so gross, dass die Liebesfähigkeit aufs äusserst« 
herabgemindert wird. Gleichzeitig aber wird der Zwangsneurotiker durch 
Verdrängung des Hasses (oder allgemeiner gesagt: der ursprünglich über- 
wiegenden sadistischen Komponente seiner Libido) schwach und energie- 
los. Eine ähnliche Unsicherheit besteht bei der Objektwahl in bezug auf 
das Geschlecht des Objektes. Die Unfähigkeit, der Libido eine bestimmte 
Einstellung zu geben, führt zu einem allgemeinen Gefühl der Unsicherheit, 
weiterhin zur Zweifelsucht. Der Zwangsneurotiker vermag keinen Ent- 
schluss zu fassen, keine klare Entscheidung zu treffen; er leidet in 
jeglicher Situation unter Gefühlen der Insuffizienz und steht dem Leben 
hilflos gegenüber. 

Ich teile nun in möglichster Kürze die Geschichte eines Zyklothymen 
mit, wie sie sich nach erfolgter Analyse darstellt. 

Der Patient erinnert sich, dass der Geschlechtstrieb bei ihm sehr 
frühzeitig, d. h. schon vor dem sechsten Lebensjahre, mit grosser Heftig- 
keit hervorbrach. Als sein erstes Sexualobjekt aus dieser Zeit nannte er 
eine Kindergärtnerin, deren Gegenwart ihn erregte. Auch in der Phantasie 
beschäftigte er sich lebhaft mit ihr. Die damalige Erregung führte zur 
Onanie, die er ausübte, indem er sich auf die Bauchseite legte und dann 
reibende Bewegungen ausführte. In dieser Betätigung wurde er durch 
die Kinderfrau (früher Amme) gestört. Sie verbot ihm sein Tun ein- 
dringlich, prügelte ihn wiederholt, wenn er dem Verbot zuwiderhandelte 
und stellte ihm in Aussicht, er werde sich auf diese Weise für »sein 
ganzes Leben unglücklich machen. Während der Schuljahre hatte Pat. 
eine mehrere Jahre dauernde erotische Schwärmerei für einen Mitschüler. 
Im elterlichen Hause fühlte Pat. sich während der Kindheit und 
auch später nie zufrieden. Er hatte stets den Eindruck, dass die Eltern 
den ältesten Bruder bevorzugten, weil dieser sich als besonders intelligent 
erwies, während er selbst nur inittelmässig veranlagt war. Ebenso war 
er der Ansicht, dass der jüngere Bruder, der kränklich war, von der 
Mutter mit grösserer Aufmerksamkeit bedacht werde als er. Daraus ging 
eine feindselige Einstellung gegenüber den Eltern hervor, während die 
Brüder seine Eifersucht und seinen Hass erregten. Wie intensiv diese 
Hass-Einstellung war, geht aus ein paar impulsiven Handlungen in seiner 
Kindheit hervor. Aus Anlass eines geringen Streites wurde er gegen 
den jüngeren Bruder zweimal so gewalttätig, dass dieser zu Fall kam 
und beide Male ernstliche Verletzungen davontrug. 

Diese Gewalttätigkeit fällt besonders auf, wenn wir hören, dass Pat. 
während der Schulzeit stets der Kleinste und Schwächste unter seinen 
Mitschülern war. Er fand nie rechten Anschluss, hielt sich meist allein. 
Er war fleissig, brachte es aber nicht zu entsprechenden Erfolgen. In 
der Pubertät erwies sich dann deutlich, dass seine Triebe, die sich zuerst 
so stark gezeigt hatten, durch Verdrängung lahm gelegt waren. Er fühlte 
sich — im Gegensatz zu seinem Verhalten in der Kindheit! — vom 
weiblichen Geschlecht nicht angezogen. Seine Sexual betätigung war die 
schon in der Kindheit geübte, die sich aber nicht im wachen Zustande, 
sondern nur im Schlaf oder Halbschlaf vollzog. Freunde hatte er nicht. 
Er bemerkte selbst, wenn er sich mit andern verglich, das Fehlen der 



Ansätze r.ur psychoanalytischen Erforschung und Behandlung etc. 906 

rechten Lebensenergie. Zu Hause fand er keine Ermutigung; im Gegenteil 
bekam er vom Vater geringschätzige Bemerkungen zu hören. Zu allen 
diesen deprimierenden Momenten gesellte sich noch ein besonderes psychi- 
sches Trauma. Ein Lehrer beging die Roheit, ihn vor versammelter 
Klasse als einen körperlichen und geistigen Krüppel zu bezeichnen. Bald 
danach brach der erste Depressionszustand aus. 

Auch später fand er nicht den Anschluss an andere Menschen, 
hielt sich aber auch absichtlich von ihnen zurück, weil er fürchtete, 
doch nur für beschränkt gehalten zu werden. Einen guten gemütlichen 
Rapport hatte er nur mit Kindern, denen gegenüber ihn nicht, die sonst 
gewohnten Insuffizienz-Gefühle befielen. Im übrigen hielt er sich isoliert. 
Vor Frauen hatte er geradezu Angst. Zum normalen Sexualverkehr war er 
fähig, empfand aber eigentlich keine Neigung dazu und entbehrte auch der 
Befriedigung durch ihn. Die Schlafonanie blieb auch in späteren Jahren 
die hauptsächlichste Sexualbetätigung des Patienten. Im praktischen Leben 
zeigte er sich wenig energisch; besonders fiel es ihm immer schwer, in 
zweifelhafter Situation zu einem Entschluss oder einer Entscheidung zu 
gelangen. 

Diese Vorgeschichte deckt sich in allen Einzelheiten mit derjenigen, 
wie wir sie bei den Zwangsneurotikern ermitteln. Aber wir finden bei 
unserem Patienten nicht Zwangserscheinungen, sondern zirkuläre Stun- 
mungsschwankungen, die sich seit nunmehr etwa 20 Jahren viele Male 
wiederholt haben. 

In der depressiven P h a s e ist die Stimmung des Patienten — 
je nach der Schwere des Zustandes — „deprimiert" oder „apathisch" 
(Ich gebe hier die vom Pat. selbst gebrauchten Bezeichnungen wieder.) 
Er ist gehemmt, muss sich auch zu einfachen Verrichtungen mühsam 
zwingen, spricht langsam und leise, wünscht sich den Tod und hegt 
Selbstmordgedanken. Seine Vorstellungen haben einen depressiven Inhalt. 
Oft sagt er zu sich selbst: „ich bin ein Ausgestossener", „ein Verfluchter', 
ein Gezeichneter"; „ich habe keine Zugehörigkeit zur Welt". Er hat ein 
unbestimmtes Gefühl, als treffe der Depressionszustand ihn als btrafe. 
Er hat das Gefühl der Nichtigkeit; er malt sich häufig aus, wie e* spur- 
los vom Erdboden verschwände. Während dieser Stimmungslage leidet 
er an Mattigkeit, Angst und Druckgefühlen im Kopf. Die Dauer der 
depressiven Phase betrug nieist einige Wochen; manchmal war sie kurzer. 
Die Intensität der Depression schwankt ebenfalls zwischen den einzelnen 
Attacken; Pat. hatte im Laufe eines Jahres etwa zwei oder drei schwerere 
melancholische und etwa sechs oder noch mehr leichtere Zustande. Im 
Verlauf jeder einzelnen Attacke war ein allmähliches Ansteigen, ein ^er- 
weitert auf der Höhe der Depression und ein allmähliches Absinken 
der Verstimmung sowohl dem Patienten fühlbar als auch objektiv deutlich 
wahrnehmbar. 

Ungefähr im 28. Lebensjahre des Patienten traten Verstimmungen 
entgegengesetzter Art hinzu; seither findet ein ständiger Wechsel hypo- 
manischer und depressiver Zustände statt. 

Im Beginn der manischen Phase erwacht Pat. aus seiner Apathie, 
wird geistig rege, allmählich sogar überrege. Er ist vielgeschäftig, kennt 
keine Ermüdung, erwacht früh vor Tag und beschäftigt sich dann mit 
beruflichen Plänen. Er ist unternehmend, traut sich grosse Leistungen 



306 Dr. Karl Abraham, 

zu, ist redselig und zum Lachen und Scherzen geneigt. Er neigt zu Wort- 
spielen und Wortwitzen. Er bemerkt selbst, dass seine Gedanken etwas 
Flüchtiges an sich haben; objektiv lässt sich ein leichter Grad von 
Ideenflucht nachweisen. Er spricht in schnellerem Tempo, lebhafter und 
lauter als sonst. Die Stimmimg ist heiter und leicht gehoben. In den 
höheren Graden der manischen Verstimmung pflegt die Euphorie in Reiz- 
barkeit und impulsive Heftigkeit überzugehen. Stört ihn z. B. jemand bei 
der Arbeit, tritt ihm jemand in den Weg, fährt ein Automobil rasch an 
ihm vorüber, so macht sich ein heftiger Wutaffekt bemerkbar. Pat. möchte 
den Missetäter am liebsten auf der Stelle niederschlagen. Er bekommt 
in diesem Zustand öfter auch wirklich Streitigkeiten, in denen er sich 
dann sehr schroff benimmt, — Während in den Depressions-Zeiten der 
nächtliche Schlaf ruhig ist, tritt während der manischen Phase, besonders 
in der zweiten Hälfte der Nacht eine lebhafte Unruhe ein. In den meisten 
Nächten macht sich eine explosive sexuelle Erregtheit bemerkbar: 

Der Kranke, dessen Libido sehr frühzeitig und mit grosser Energie 
hervorgetreten war, hat die exekutive Fähigkeit zu Liebe und Hass grössten- 
teils eingebüsst. Auf gleichem Wege wie die Zwangsneurotiker ist er 
liebesunfähig geworden. Freilich liegt keine Impotenz bei ihm vor; allein 
er entbehrt des eigentlichen Sexualgenusses. Die Pollution bringt ihm 
grössere Befriedigung als der Koitus. Seine Sexualbetätigung ist im wesent- 
lichen auf den Schlaf verwiesen. Es zeigt sich hier das auch den 
Neurotischen eigene autoerotische Bestreben, sich von der Aussenwelt 
zu isolieren. Solche Menschen können nur in gänzlicher Abgeschlossenheit 
Lust gemessen. Jedes lebende Wesen, jeder tote Gegenstand wird störend 
empfunden. Erst wenn ein völliger Abschluss gegen jeden von aussen 
kommenden Eindruck erzielt ist — wie dies im Schlaf der Fall — er- 
leben sie träumend die Befriedigung ihrer sexuellen Wünsche. Unser 
Patient äussert sich dazu mit den Worten: „Ich fühle mich im Bett am 
wohlsten; da bin ich wie im eigenen Hause 1 )." 

In der Pubertätszeit musste Pat. in besonderem Masse bemerken, 
dass er in wichtigen Beziehungen hinter seinen Altersgenossen zurück- 
stand. Körperlich hatte er sich diesen nie ebenbürtig gefühlt. In geistiger 
Hinsicht fürchtete er — besonders im Vergleich mit seinem älteren Bruder 
— ebenfalls inferior zu sein. Jetzt kam das Gefühl sexueller Unzulänglich- 
keit hinzu. Gerade in dieser Zeit traf ihn die Kritik des Lehrers („geistiger 
und körperlicher Krüppel") wie ein Keulcnschlag. Ihre Wirkung erklärt 
sich zu einem wesentlichen Teil daraus, dass sie, wie Pat. angibt, die 
Prophezeiung der Amme in seine Erinnerung zurückrief. Sie hatte ihm 
ja gedroht, er werde sich durch seine Masturbation fürs ganze Leben 
unglücklich machen. Gerade in dem Zeitpunkt also, da er zum Mann 
werden und sich männlich fühlen sollte wie seine Altersgenossen, er- 
hielten die schon früher in ihm wohnenden Gefühle der Insuffizienz 
eine bedeutende Verstärkung. Im Anschluss daran entstand der erste 
dem Patienten erinnerliche Depressionszustand. 

Der Ausbruch der eigentlichen Krankheit erfolgte — ganz wie wir 
es bei der Zwangsneurose so oft erweisen können — als über die Ein- 

') Ich bemerke hier, dass die anderen männlichen Patienten, deren depressive 
Psychosen ich analysieren konnte, sich ganz Ähnlich verhielten. Impotent war keiner 
von ihnen. Aber für alle war das autoerotische Verhalten von jeher lustvoller, 
während ihnen jede Applikation an weibliche Personen beschwerlich und lästig war. 



Ansätze znr psychoanalj-tiachen Erforschung und Behandlang etc. 307 

Stellung des Patienten auf die Aussenwelt, über die zukünftige Verwen- 
dung seiner Libido die endgültige Entscheidung getroffen werden sollte. 
In den anderen analysierten Fällen hatte ein Konflikt der gleichen Art 
den ÄJiiass zum ersten Ausbruch eines Depressionszustandes gegeben. 
So hatte sich SS, B. einer der Patienten verlobt. Bald darauf überwältigt!' 
ihn das Gefühl mangelnder Liebesfähigkeit; er verfiel in eine schwere 
melancholische Depression. 

In sämtlichen Fällen hatte die Krankheit erweislich ihren Ausgang 
genommen von einer das Liebesvermögen paralysierenden Hasseinstellung. 
Ganz wie in der Psychognncse der Zwangsneurose erwiesen sich aber 
auch hier noch andere Konflikte im Triebleben der Patienten als krank- 
machende Faktoren. Ich betone hier besonders die Unsicherheit in bezug 
auf dis Geschlechtsrolle. In M a e d e r's Fall trat dieser Konflikt zwischen 
männlicher und weiblicher Einstellung besonders hervor. Bei zweien 
meiner Patienten erhob ich einen Befund, der dem von Mac der ge- 
schilderten überraschend ähnlich war. 

In der weiteren Entwickeluug aber entfernen die beiden Krankheiten 
sich voneinander. Die Zwangsneurose schafft an Stelle der unerreich- 
baren Sexualziele E r s a t z z i e 1 c ; die Betätigung im Sinne dieser letzteren 
ist mit den Erscheinungen des psychischen Zwanges verbunden. Anders 
ist der Vorgang bei der Entstehung der depressiven Psychosen. Zu dem 
Verdrängungsprozess gesellt sich hier der Vorgang, welcher uns, besonders 
aus der Psych ogenese gewisser Geistesstörungen, unter dem Namen „Pro- 
jekt i o n" geläufig ist. 

In den „Bemerkungen zu einem autobiographisch beschriebenen 
Fall von Paranoia" (Jahrb. f. psychoanalyt. Forschungen, Bd. III) gibt 
Freud eine bestimmte Formulierung über die Psychogenese der Paranoia. 
In kurzen Formeln präzisiert er die Stadien, welche bis zur Bildung 
des paranoischen Wahnes durchlaufen werden (1. c. S. 55 f.). Auf Grund 
meiner Analysen depressiver Geistesstörungen möchte ich hier eine ähn- 
liche Formulierung für die Genese der depressiven Psychosen zu geben 
versuchen. 

Freud sieht — mindestens in einem grossen Teil der Fälle von 
paranoischer Wahnbildung - den Kern des Konfliktes in der homo- 
sexuellen Wunschphantasie, ein Individuum des gleichen Geschlechtes zu 
lieben. [Formel: ich (ein Mann) liebe ihn (den Mann).] Der Verfolgungs- 
wahn erhebt Widerspruch gegen diese Einstellung, „indem er laut pro- 
klamiert: ich liebe ihn nicht, ich hasse ihn ja". Da die innere Wahr- 
nehmung bei der Paranoia durch eine Wahrnehmung von aussen ersetzt 
wird, so wird der eigene Hass als eine Folge der von aussen her .er- 
duldeten Gehässigkeiten hingestellt. Die dritte Formel lautet nun: „Ich 
liebe ihn ja nicht — ich hasse ihn ja weil er mich verfolgt." 

In den uns hier beschäftigenden Psychosen verbirgt sich ein andrer 
Konflikt. Er nimmt seinen Ausgang von einer überwiegenden Hass- 
Einstellung der Libido, die sich zuerst den nächsten Angehörigen gegen- 
über geltend macht, sich dann aber verallgemeinert. Sie lässt sich durch 
folgende Formel ausdrücken: 

1. Ich kann die Menschen nicht lieben; ich muss sie hassen. 

Von dieser unlustvollen „inneren Wahrnehmung" nehmen die 
schweren Insuffizienzgefühle dieser Kranken ihren Ausgang. Wird nun 



30g Dr. Karl Abraham, 

der Inhalt der Wahrnehmung verdrängt und nach aussen projiziert, bo 
gelangt das Individuum zu der Auffassung, von seiner Umgebung — zu- 
nächst sind es -wieder die Eltern usw., dann ein weiterer Kreis von 
Personen — nicht geliebt, sondern gehasst zu werden. Diese Auffassung 
wird aus ihrem ursprünglichen ursächlichen Zusammenhang mit der 
eigenen Hass-Einstellung des Individuums losgelöst und mit andern — 
psychischen oder körperlichen — Mängeln in Zusammenhang gebracht 1 ). 
Es scheint, dass ein reichliches Vorhandensein solcher Minderwertigkeiten 
die Entstehung depressiver Zustände begünstigt. 

So ergibt sich die zweite Formel : 

2. Die Menschen lieben mich nicht; sie hassen mich .... weil ich 
mit angeborenen Mängeln behaftet bin 2 ). Darum bin ich unglück- 
lich, deprimiert. 

Die verdrängten sadistischen Hegungen aber ruhen nicht. Sie zeigen 
die Tendenz, ins Bewusstsein zurückzukehren und erscheinen in mancherlei 
Formen wieder : in Träumen und in Symptomhandlungen, besonders aber 
in quälerischen Neigungen gegen die Umgebung, in heftigen Rachegelüsten 
oder kriminellen Impulsen. Derartige Anwandlungen kommen gewöhnlich 
nicht zur direkten Beobachtung, weil sie meist unausgeführt bleiben. 
Bei intimerem Eingehen auf die Kranken — eventuell in der Katamnese — 
erfährt man genug darüber. Wer sie in der depressiven Phase übersehen 
hat, findet, übrigens reichlichere Gelegenheit, sie in der manischen Phase 
zu beobachten. Darüber später. 

Gerade hinsichtlich dieser Gelüste nach Rache, gewalttätigen Hand- 
lungen usw. tritt die Neigung hervor, sie von dem quälenden Gefühl 
körperlicher oder seelischer Unvollkommenheit abzuleiten, anstatt von 
dem eigenen, mangelhaft verdrängten Sadismus. Jeder Kranke der manisch- 
depressiven Gruppe neigt zu den Folgerungen Richards des Dritten. Der 
enthüllt mit schonungsloser Grausamkeit gegen sich selbst alle seine 
Gebrechen und zieht daraus das Fazit: 

„Therefore, since I cannot prove a lover 
I am determined to prove a villain." 

Wegen seiner Gebrechen kann Richard nicht lieben; er wird um 
ihrer willen gehasst. Dafür will er Rache nehmen. Ganz ebenso wollte 
jeder unsrer Kranken; aber er kann nicht, weil die Aktivität seiner Triebe 
durch Verdrängung paralysiert ist. 

Für ihn gehen aus der Unterdrückung dieser oft genug auftauchenden 
Regungen des Hasses, der Rache usw. neue krankhafte Erscheinungen 
hervor : die Ideen der V er schuldung. Nach den bisherigen Er- 
fahrungen glaube ich sagen zu dürfen: je heftiger die unbewussten 
Regungen der Rache sind, um so ausgeprägter ist die Neigung, Wahn- 
ideen der Verschuldung zu bilden. Dieser Wahn kann, Wie bekannt, 
ins Ungeheure gehen, so dass der Kranke etwa angibt, er allein habe 
seit Weltbeginn alle Sünden verschuldet, oder alles Böse in der Welt 
stamme allein von ihm. Es handelt sich hier um Individuen mit einem 



i) In manchen Fällen — anscheinend besonders in den leichteren — geht der 
ursprüngliche Zusammenhang nur teilweise verloren. Doch bleibt die Verachiebungs- 
tendenz auch dann deutlich erkennbar. 

2) Man beachte in der deutschen Sprache die Etymologie von „hftsslich" : was 
den Haas. erregt 



Ansätze zur psychoanalytischen Erforschung und Behandlung etc. 309 

ins Unbewusste verdrängten unersättlichen Sadismus, der sich gegen alle 
und alles richten möchte. Freilich ist die Vorstellung einer so unge- 
heuren Schuld dem Bewusstsein im höchsten Masse qualvoll; einem 
solchen Grade des verdrängten Sadismus entspricht eine besondere Schwere 
des depressiven Affektes. Dennoch enthält die Verschuldungsidee die 
Erfüllung eines Wunsches: des verdrängten Wunsches, ein Verbrecher 
allergrössten Stiles zu sein, mehr Schuld auf sich zu laden als alle 
andern Menschen zusammengenommen. Auch hier werden wir an ge- 
wisse psychische Vorgänge bei den Zwangsneurotikern erinnert. Ich nenne 
nur die Vorstellung dieser Kranken von der „Allmacht" ihrer Gedanken. 
Sie leiden häufig an der Angst, durch Gedanken an den Tod gewisser 
Personen deren Tod tatsächlich verschuldet zu haben. Auch beim Zwangs- 
neurotiker sind die sadistischen Triebregungen unterdrückt. Da er nicht 
gemäss seinem ursprünglichen Triebe handeln kann, gibt er sich un- 
bewusst der Phantasie hin, durch Gedanken töten zu können; dem 
Bewusstsein wird dieser Wunsch nicht als solcher, sondern als quälende 
Beängstigung bemerkbar. 

Aus der Verdrängung des Sadismus sehen wir Depression, Angst 
und Selbstvorwürfe hervorgehen. Wird aber die wichtige Lustquelle der 
aktiven Triebbetätigung versperrt, so ist die Hinwendung zum Masochismus 
die selbstverständliche Folge. Der Patient stellt sich passiv- ein; er zieht 
Lust aus seinem Leiden, aus der beständigen Selbstbespiegelung. Im 
tiefsten melancholischen Elend ist so noch ein versteckter Lustgewinn 

enthalten. . 

Manche Kranke sind, bevor ein eigentlicher Depressionszustand bei 

ihnen einsetzt, besonders tätig im Berufsleben oder auf anderen Gebieten. 
Sie sublimieren — oft gewaltsam — die Libido, die sie ihrem eigentlichsten 
Zwecke nicht zuführen können. Sie täuschen sich damit über die Kon- 
flikte in ihrem Innern hinweg und wehren den depressiven Stimmungen, 
die in ihr Bewusstsein einbrechen wollen. Das gelingt oft recht lange 
Zeit hindurch, freilich nie vollkommen. Wer dauernd mit der Abwehr 
störender Einflüsse zu tun hat, kommt nie zu innerer Ruhe und Sicherheit. 
Eine Situation, welche eine bestimmte Entscheidung in Sachen der Libido 
zur Notwendigkeit macht, hebt dann plötzlich das mühsam erhaltene 
psychische Gleichgewicht auf. Mit dem Beginn des Depressionszustandes 
kommen die vorherigen Interessen (d. h. Sublimierungen) des Patienten 
plötzlich in Wegfall; daraus resultiert die Einengung des geistigen Ge- 
sichtskreises, die bis zum sogen. „Monideismus"' gehen kann. 

Ist die depressive Psychose manifest geworden, so tritt als Kardinal- 
erscheinung die allgemeine psychische Hemmung hervor. Sie erschwert 
den Rapport zwischen dem Kranken und der Aussenwelt. Unfähig zu 
einer nachhaltigen, positiven Applizierung seiner Libido, sucht der Kranke 
unbewusst die Abgeschlossenheit von der Welt. Dieses autoerotische 
Streben gibt sich in der Hemmung des Kranken kund. Nun stehen frei- 
lich in der Symptomatik der Neurosen und Psychosen auch andre Mittel 
zur Verfügung, die einer autoerotischen Tendenz Ausdruck verleihen 
können. Dass gerade die Hemmung und nicht ein beliebiges andres 
Ausdrucksmittel hier in die Erscheinung tritt, erklärt sich einwandfrei 
daraus, dass die Hemmung gleichzeitig noch anderen, unbewussten Ten- 
denzen zu dienen vermag. — Ich nenne hier besonders die Tendenz 
der Lebensverneinung. Namentlich die höheren Grade der Hern- 



310 Dr. Karl Abraham, 

mang, die man als depressiven Stupor bezeichnet, stellen ein symbolisches 
Sterben dar. Der Kranke bleibt selbst auf Applikation starker äusserer 
Reize reaktionslos, als gehörte er nicht mehr zur lebenden Welt. Aus- 
drücklich sei bemerkt, dass im vorstehenden nur zwei durchgängige Ur- 
sachen der Hemmung behandelt worden sind. Die Analyse ergibt in 
jedem Falle noch weitere, mit den individuellen Verhältnissen zusammen- 
hängende Determinationen. 

Gewisse Einzelerscheinungen des Depressionszustandes weiden uns 
verständlich, wenn wir auf gut gegründete psychoanalytische Erfahrungen 
zurückgreifen. Genannt sei hier die so häufige Idee der Verarmung. 
Der Patient klagt etwa, er und seine Familie seien dem Verhungenn, 
preisgegeben. Ist dem Ausbruch der Krankheit tatsächlich ein pekuniärer 
Verlust vorausgegangen, so behauptet der Patient, diesen Schlag unmöglich 
überstehen zu können; er sei vollkommen ruiniert. Diese eigentümlichen, 
den Kranken oft gänzlich beherrschenden Gedankengänge erklären sich 
aus einer uns geläufigen Identifizierung von Libido und Geld, von sexuellem 
und pekuniärem „Vermögen". Für den Kranken ist, sozusagen, die Libido 
aus der Welt gegangen; während andere mit ihrer Libido die Objekte der 
Aussenwelt besetzen können, fehlt ihm dieses Kapital. Die Idee der Ver- 
armung entspringt aus der verdrängten Wahrnehmung der Liebes- 
unfähigkeit. 

Befürchtungen oder ausgesprochene Wahnideen mit derartigem Inhalt 
begegnen uns besonders häufig in den Depressionszuständen des In- 
volutionsalters. Soweit meine noch nicht sehr umfangreichen analytischen 
Erfahrungen über diese Zustände einen Schluss zulassen, handelt es 
sich um Personen, deren Liebesleben dauernd unbefriedigend verlaufen 
ist. In den vorausgegangenen Jahrzehnten hatten sie diesen Tatbestand 
verdrängt, hatten ihre Zuflucht zu allerhand Kompensierungen genommen. 
Der klimakterischen Revolution ist die Verdrängung nicht gewachsen. 
Diese Menschen halten jetzt gleichsam Rückschau über ihr verlorenes 
Leben und empfinden gleichzeitig, dass es nun für eine Änderung zu 
spät ist. Gegen alle hierher gehörigen Vorstellungen sträubt sich ihr 
Bewusstsein mit grösster Heftigkeit; zu schwach, um sie völlig zu bannen, 
muss es ihnen den Zutritt in maskierter Form gewähren. In der Ver- 
hüllung des Verarmungswahnes sind sie immer noch peinvoll, aber nicht 
mehr unerträglich in dem vorherigen Masse. 

In der äusseren Erscheinung ist die manische Phase der 
zirkulären Störungen das volle Gegenteil der depressiven. Für die ober- 
flächliche Betrachtung sieht eine manische Psychose sehr lustig aus; 
verzichtet man auf ein tieferes Eindringen mit Hilfe der Psychoanalyse, 
so kann man zu dem Schluss gelangen, die beiden Phasen ständen auch 
inhaltlich im Gegensatz zueinander. Die Psychoanalyse aber lüsst mit 
Sicherheit erkennen, dass beide Phasen unter der Herrschaft der g 1 ei chen 
- nicht etwa entgegengesetzter — Komplexe stehen. Verschieden ist 
nur die Einstellung des Kranken auf die sich gleichbleibenden Komplexe. 
Im depressiven Zustand lässt er sich vom Komplex niederdrücken und 
sieht keinen andern Ausweg aus seinem Elend als den Tod 1 ); im 
manischen Zustand setzt er sich über den Komplex hinweg. 

i) Manche Kranke verfechten auch die Meinung, geheilt werden zu können 
durch die Erfüllung einer äusseren Bedingung, die allerdings unerfüllbar zu sein 
pflegt. 



Ansätze zur psychoanalytischen Erforschung und Behandlung etc. 311 

Zum Ausbruch der Manie kommt es dann, wenn die Verdrängung 
dem Ansturm der verdrängten Triebe nicht mehr standzuhalten vermag. 
Der Kranke wird, besonders in den Fällen schwererer manischer Erregung, 
von seinen Trieben wie im Taumel mitgerissen. Hier sei ganz besonders 
betont, dass positive und negative Libido (Liebe und Hass, erotisches 
Verlangen und aggressive Feindseligkeit) sich gleichermassen ins Bewusst- 

sein drängen. 

Gerade dadurch, dass libidinöse Regungen von beiderlei Art wieder 
Zutritt zum Bewusstsein erhalten, wird ein Zustand geschaffen, wie der 
Patient ihn schon einmal durchlebt hat: in seiner frühen Kindheit. Während 
in der depressiven Phase alles zur Lebensverneinung, zum Tode drängt, 
fängt der Manische das Leben von Neuem an. Er kehrt in ein Stadium 
zurück, in dem die Triebe der Verdrängung noch nicht anheimgefallen 
waren, in dem er von dem heraufziehenden Konflikt noch nichts ahnte. 
Charakteristischerweise äussern die Patienten öfter, — so auch in dem 
oben beschriebenen Fall — sie fühlten sich „wie neugeboren". Die 
Manie birgt in sich die Erfüllung des Wunsches: 

„Gib ungebändigt jene Triebe, 

Das tiefe schmerzenvolle Glück, 

Des Hasses Kraft, die Macht der Liebe, 

Gib meine Jugend mir zurück." 
Die Stimmung des Maniacus ist, gegenüber dem normalen oder 
dem depressiven Zustand verändert, teils im Sinne einer sorglosen oder 
ausgelassenen Heiterkeit, teils im Sinne erhöhter Reizbarkeit und ge- 
steigerten Selbstbewusstseins. Je nach der Individualität herrscht diese 
oder jene Veränderung vor; auch in verschiedenen Krankheitsstadien 
kann diese oder jene Stimmungslage vorherrschen. 

Der Lustaffekt der Manie lässt sich aus denselben Quellen 
ableiten wie die Witzeslust. Die. folgenden Ausführungen können 
sich daher aufs engste an die von Freud gegebene Theorie des Witzes ) 

i rmcllllGSSGH 

Während der Melancholische sich im Zustand allgemeiner Hemmung 
befindet, kommen mit dem Ausbruch der Manie auch die beim Normalen 
vorhandenen Hemmungen der Triebe teilweise oder ganz m Wegfall. 
Die hierdurch bedingte Hemmungsersparnis wird zur Lustquelle, und 
zwar zu einer dauernd fliessenden, während der Witz nur eine vorüber- 
gehende Aufhebung von Hemmungen mit sich bringt. 

Die Ersparnis an Hemmungsaufwand ist jedoch keineswegs die 
alleinige Quelle der manischen Lust. Durch Wogfall von Hemmungen 
werden alte Lustquellen wieder zugänglich, auf denen die Unterdrückung 
lag; gerade hierin zeigt es sich, wie sehr die Manie im Infantilen wurzelt. 
Als' dritte Lustquelle ist die Technik der manischen Gedankenproduktion 
zu nennen. Die Aufhebung des logischen Zwanges und das Spielen mit 
Worten — zwei wesentliche Züge des manischen Vorstellungsaldaufs — 
bedeuten eine weitgehende „Wiederherstellung infantiler Freiheiten". 

Der melancholischen Hemmung des Gedankenablaufs entspricht als 
gegensätzliches Symptom in der manischen Phase die Ideenflucht. Dort 
Einengung des Ideenkreises, hier schnelles Wechseln des Bewusstseins- 

i) Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten. Wien 1905. 



312 Dr. Karl Abraham, 

inhaltes. Der hauptsächlichste Unterschied zwischen Ideenflucht und 
normalem Denken liegt darin, dass der Gesunde, während er denkt oder 
spricht, dem Ziel der Denkoperation konsequent zustrebt, der Manische 
dagegen die Zielvorstellung sehr leicht verliert 1 ). Damit ist das Formale 
der Ideenflucht gekennzeichnet, nicht aber ihre Bedeutung für den 
Manischen. Es muss betont werden, dass die Ideenflucht dem Kranken 
bedeutende Möglichkeiten der Lustgewinnung bietet. Dass durch den Weg- 
fall des logischen Zwanges, durch die Einstellung auf den Wortklang 
statt auf den Wortsinn psychische Arbeit erspart wird, wurde bereits 
erwähnt. Darüber hinaus hat aber die Ideenflücht noch eine zwiefache 
Funktion. Sie ermöglicht das spielende Hinweggehen über solche Vor- 
stellungen, welche dem Bewusstsein peinlich sind, so z. B. über die Vor- 
stellungen der Insuffizienz. Sie begünstigt also — ähnlich wie der Witz — 
das Hineingelangen in einen anderen Vorstellungskreis. Und femer erlaubt 
die Ideenflucht, das sonst unterdrückte Lustvolle scherzend zu streifen. 

In einer Anzahl von Zügen prägt sich die Ähnlichkeit der manischen 
und der kindlichen Psyche aus. Hier sei nur noch ein einzelner Hinweis 
nach dieser Richtung gegeben. In den Zuständen leicht manischer Exal- 
tation findel. man eine Art der sorglosen Heiterkeit, die einen offensicht- 
lich kindlichen Charakter trägt. Der Psychiater, der viel mit solchen 
Kranken zu verkehren hat, bemerkt deutlich, dass sein gemütlicher Rapport 
mit ihnen ein ganz gleichartiger ist wie der mit einem etwa 5 jährigen 
Kinde. 

Die höheren Grade der Manie gleichen einem Freiheitsrausch. Die 
sadistische Triebkomponente ist ihrer Fesseln entledigt. Alle Zurück- 
haltung schwindet; statt dessen zeigt sich die Neigung zu rücksichts- 
losem, aggressivem Verhalten. Auf einen geringen Anlass hin reagiert 
der Manische in diesem Stadium mit heftigen Wutausbrüchen, mit über- 
triebener "Rache. Der zyklothyme Patient, von dem oben die Rede war, 
spürte, wenn die Exaltation eine gewisse Höhe erreicht hatte, den Impuls, 
jemanden niederzuschlagen, der ihm auf der Strasse nicht sogleich Platz 
machte. Die Kranken pflegen gleichzeitig ein übertriebenes Kraftgefühl 
zu äussern ; sie messen ihre Kraft nicht an den wirklichen Leistungen, 
sondern an der Heftigkeit der Triebe, die ihnen jetzt in ungewohnter 
Weise fühlbar wird. Nicht selten finden sich Grössenideen, die dem 
Renommieren eines Kindes mit seiner Kraft oder seinem Können äusserst 
ähnlich sehen. 

Eine sehr wichtige Frage, die sich aus dem ausführlicher be- 
schriebenen Fall von Zyklothymie ergibt, wage ich nicht bestimmt zu 
beantworten. Es bleibt zu erklären, warum zu den schon lange vorher 
aufgetretenen depressiven Zuständen ungefähr im 28. Lebensjahre des 
Patienten manische Exaltationen hinzutraten. Ich vermute, es handle 
sich hier um eine der körperlichen Reifung verspätet nachfolgende psycho- 
sexuelle Pubertät. Wir sehen bei Neurotikern die Entwicklung des Trieb- 
lebens oft in so verspäteter Weise erfolgen. Der Patient hätte also 
in der Pubertät nicht eine Verstärkung seines Trieblebens erfahren, sondern 
einen weiblichen Verdrängungsschub durchgemacht, während erst gegen 
Ende des dritten Dezenniums ein gewisses Erwachen der Triebe in Gestalt 
des ersten manischen Zustandes erfolgte. Tatsächlich hat in dem be- 

>j Li ep mann, Über Ideenflacht. Halle 1904. 



Ansätze zur psychoanalytischen Erforschung nnd Behandlang etc. 313 

zeichneten Alter sein Sexualinteresse sich mehr als früher dem weib- 
lichen Geschlecht zugekehrt und vom Autoerotismus mehr abgewandt. 

Ich habe nunmehr noch über die therapeutische Wirkung der Psycho- 
analyse zu berichten. 

Der Krankheitsfall, über den ich am ausführlichsten berichtet habe, 
war zur Zeit meines Referates in Weimar soweit analysiert, dass seine 
Struktur im ganzen durchsichtig wurde. Im einzelnen blieb dagegen 
noch manches zu tun. Ein therapeutischer Erfolg war erst in den An- 
fängen erkennbar; er ist in den seither verflossenen 2 1 / 2 Monaten deut- 
lich geworden. Ein abschliessendes Urteil kann in dieser Hinsicht natür- 
lich noch nicht gefällt werden; denn nach zwanzigjährigem Kranksein, 
das überdies gelegentlich durch freie Intervalle von verschiedener Dauer 
unterbrochen war, bedeuten zwei Monate der Besserung noch sehr wenig. 
Immerhin sei das bisherige Ergebnis mitgeteilt. In der genannten Zeit 
ist kein Depressionszustand mehr eingetreten, nachdem schon der letzt- 
vorausgegangene auffallend leicht verlaufen war. Infolgedessen war Pat. 
während dieser Zeit dauernd arbeitsfähig. Nach der manischen Seite 
hat im gleichen Zeitraum zweimal eine Stimmungsschwankung statt- 
gefunden, die der sorgfältigen Beobachtung zwar nicht entgehen konnte, 
aber dem Grade nach hinter früheren Exaltationen ganz erheblich zurück- 
blieb und gewisser sonst regelmässig beobachteter Erscheinungen über- 
haupt entbehrte. Zwischen diesen beiden manischen Phasen lag nicht 

wie sonst — eine depressive, sondern ein Zustand, den man mangels 

aller zyklothymen Erscheinungen als normal bezeichnen durfte. Hier 
muss uns der fernere Verlauf belehren. Nur eine Bemerkung sei hinzu- 
gefügt. Wenn es in diesem Falle lediglich gelänge, einen Zustand wie 
den der letzten zwei Monate dauernd aufrecht zu erhalten, so wäre für 
den Patienten auch ein partieller Erfolg dieser Art von Wsrt. — In 
dem andern, eingangs erwähnten Fall von Zyklothymie war die Beobach- 
tungszeit zu kurz, um über die therapeutische Einwirkung ein Urteil zu 
gestatten, während sich bezüglich der Struktur der Krankheit von An- 
fang an überraschende Analogien mit dem ersten Fall herausstellten. 

Der eingangs angeführte dritte Fall erwies die Wirksamkeit der 
Analyse in schlagendster Weise, trotzdem äussere Verhältnisse den Ab- 
bruch der Behandlung nach etwa 40 Sitzungen erzwangen. Schon in 
der ersten Zeit der Behandlung gelang es einmal, eine frisch entstandene 
melancholische Depression zu kupieren, was früher auf keine Art zu 
erzielen gewesen war. Die Einwirkung wurde im Laufe der Zeit nach- 
haltiger; sie äusserte sich in einer deutlichen Hebung der Stimmungs- 
lage und in einer bedeutenden Zunahme der Arbeitsfähigkeit. Nach Unter- 
brechung der Behandlung ist in den folgenden Monaten die Stimmung 
nicht wieder auf das frühere Niveau herabgesunken. An dieser Stelle 
sei bemerkt, dass der Fall mit besonderer Deutlichkeit das Überwiegen 
der Hasseinstellung, das Gefühl der Liebesunfähigkeit, die Verknüpfung der 
Depression mit dem Insuffizienzgefühl erkennen Hess. 

Die oben erwähnten zwei Fälle von erstmaliger melancholischer 
Depression gestatteten eine konsequente Durchführung der Analyse nicht, 
weil ihr von aussen her Schwierigkeiten in den Weg gelegt wurden. 
Die Einwirkung war dennoch unverkennbar. Vor allem gelang es durch 
die psychoanalytische Klarstellung gewisser Tatsachen und Zusammen- 
hänge, einen psychischen Rapport mit den Patienten zu gewinnen, wie 

Zentrnlblatt für Piycbo&iulyee II ". 28 



314 Dr. Karl Abraham, 

ich ihn früher niemals zu erlangen vermocht hatte. Die Herstellung der 
Übertragung ist bei diesen Kranken, die sich in ihrer Depression von 
aller Welt abkehren, ausserordentlich erschwert; die Psychoanalyse, die 
mir bisher allein ermöglicht hat, das Hindernis zu überwinden, erscheint 
mir deshalb als einzige rationelle Therapie der manisch-depressiven 
Psychosen. 

Der sechste oben angeführte Fall gibt zu dieser Auffassung eine 
noch grössere Berechtigung, besonders deswegen, weil die Behandlung 
bis zum Schluss durchgeführt werden konnte. Sie endete mit einem 
ausserordentlich schönen Erfolg. Der Kranke kam nach l 1 / i jähriger Dauer 
seines Leidens in meine Behandlung; vorher hatte der Aufenthalt in 
verschiedenen Sanatorien nur palliativ gewirkt resp. einzelne Krankheits- 
erscheinungen günstig beeinflusst 

Einige Wochen nach Beginn der Psychoanalyse fühlte der Kranke 
sich zeitweise erleichtert. Nach 4 Wochen begann die schwere Depression 
zu weichen. Pat. äusserte, es komme ihm zuweilen ein Hoffnungsgefühl, 
als werde er doch noch wieder arbeitsfähig werden. Er gelangte zu 
einem gewissen Grad von Einsicht: „ich bin ja jetzt so egoistisch, dass 
ich mein Geschick für das tragischste halte." Im dritten Monat der Be- 
handlung war die Stimmung im ganzen freier; alle psychischen Äusse- 
rungen trugen nicht mehr im früheren Grade den Charakter der Hemmung. 
Es kamen bereits halbe oder ganze Tage vor, an denen. Pat. sich gut 
befand und sich mit Zukunftsplänen befasste. Er sagte in dieser Zeit 
einmal in bezug auf seine Stimmung: „wenn sie gut ist, so bin ich so 
sorglos und zufrieden wie nie zuvor." Im vierten Monat erklärte er, 
von der eigentlichen Depression sei keine Rede mehr. Während dea 
fünften Monats, in welchem die psychoanalytischen Sitzungen nicht mehr 
täglich stattfanden, waren noch deutlich Schwankungen des Befindens 
bemerkbar, die Tendenz zur Besserung aber Hess sich nicht verkennen. 
Im sechsten Monat konnte Pat. die Behandlung verlassen; die Veränderung 
seines Wesens im günstigen Sinne fiel auch seinen Bekannten auf. Seit- 
her ist ein halbes Jahr verflossen, ohne dass ein Rückfall eingetreten wäre. 

Diagnostisch liegt der Fall insofern durchaus klar, als es sich 
mit Sicherheit um eine depressive Psychose und nicht etwa um eine 
Neurose des klimakterischen Alters handelte. Ich bin leider nicht in 
der Lage, die Einzelheiten des Falles zu veröffentlichen; sie sind so 
eigenartig, dass das Inkognito des Patienten sich nicht genügend wahren 
Hesse. Auch andre Rücksichten liegen vor, die zu ganz besondrer Dis- 
kretion nötigen, wie sie mir im Interesse der Wissenschaft durchaus 
nicht erwünscht sind. Nur einem Einwand in therapeutischer Hinsicht 
habe ich zu begegnen. Es könnte der Eindruck entstehen, als hätte 
ich einen Fall von Melancholie, — der auch ohne mein Zutun geheilt 
wäre — gerade in dem Stadium erwischt, als er sich zur Rekonvaleszenz 
wandte. Daraus ergäbe sich der Einwand, der Psychoanalyse komme 
der Heilwert, den ich ihr beilegen wolle, nicht zu. 

Demgegenüber betone ich, dass ich von Anfang an darauf bedacht 
war, mich vor derartigen Selbsttäuschungen zu schützen. Als ich die 
Behandlung übernahm, hatte ich einen dem Anschein nach ganz un- 
beeinflussbaren Kranken vor mir, der unter seiner Krankheit zusammen- 
gebrochen war. Ich stand dem Erfolg der Behandlung sehr skeptisch 



Ansätze zur psychoanalytischen Erforschung nnd Behandlung etc. 315 

gegenüber. Um so erstaunter war ich, als ich nach Überwindung be- 
trächtlicher Widerstände zur Aufklärung gewisser, den Patienten völlig 
beherrschender Ideen gelangte und die Wirkung dieser Aufklärungsarbeit 
beobachtete. Unmittelbar an die Auflösung ganz bestimmter Verdrängungs- 
produkte schloss sich sowohl diese erste als auch jede fernere Besserung 
an. Während des gesamten Verlaufs der Analyse Hess sich mit aller 
Deutlichkeit beobachten, dass sich die Fortschritte der Besserung an 
die Fortschritte der Analyse anschlössen. — 

Indem ich die wissenschaftlichen und praktischen Ergebnisse meiner 
bisherigen Psychoanalysen bei exaltativen und depressiven Psychosen mit- 
teile, bin ich mir der Unvollständigkeit des Gebotenen durchaus bewusst. 
Ich hebe diese Mängel meiner Arbeit selbst hervor. Ich war nicht in 
der Lage, meine Anschauungen in dem Masse, wie ich es gewünscht 
hätte, durch ausführliche Wiedergabe der analysierten Fälle zu belegen. 
In bezug auf einen unter ihnen wurden die Gründe bereits erwähnt. 
In drei weiteren, sehr instruktiven Fällen, bin ich ebenfalls durch be- 
sondre Pflichten der Diskretion an der Mitteilung irgendwelcher Einzel- 
heiten verhindert. Eine einsichtsvolle Kritik wird mir nach dieser Rich- 
tung hin keinen Vorwurf machen. Diejenigen, welche an der Psycho- 
analyse ein ernstes Interesse nehmen, werden den Mangel meiner Publi- 
kation durch Untersuchungen an eigenem Material ersetzen. 

Dass weitere Untersuchungen erforderlich sind, soll ebenfalls aus- 
drücklich betont werden. Gewisse Fragen sind im obigen überhaupt nicht 
berührt oder nur gestreift worden. Erinnert sei besonders daran, dass 
wir zwar zu erkennen vermochten, bis zu welchem Punkt ihrer Psycho- 
genese Zwangsneurose und zirkuläre Psychose miteinander übereinstimmen; 
dass wir aber nichts über die Ursachen ermittelt haben, warum von 
diesem Punkt an die eine Gruppe von Individuen diesen, die andre jenen 

Weg beschreitet. 

In therapeutischer Beziehung sei noch ein Wink gegeben. Es dürfte 
sehr vorteilhaft sein, bei solchen Kranken, welche zwischen ihren einzelnen 
manischen oder depressiven Attacken längere, freie Zwischenzeiten haben, 
die Psvchoanalvse während dieser letzteren Zeiten vorzunehmen. Der 
Vorteil' liegt auf der Hand. An schwer gehemmten melancholischen und 
unaufmerksamen manischen Kranken wird man sie nicht durchführen 

können. . . , 

Mögen unsre Resultate gegenwärtig unvollkommen und luckenüatl 
sein — die Psychoanalyse allein ist es dennoch, die uns die bisher 
verborgene Struktur einer grossen Gruppe von psychischen Erkrankungen 
enthüllt. Überdies berechtigen uns die ersten therapeutischen Ergebnisse 
auf diesem Gebiet zu der Erwartung, der Psychoanalyse werde es vor- 
behalten sein, die Psychiatrie von dem Alb des therapeutischen Ni- 
hilismus zu befreien. 



22' 



316 Dr. Sftndor Koväca, 

m. 
Introjektion, Projektion und Einfühlung. 

Von Dr. Sändor Koyacs (Budapest). 
(Schluss.) 

Im Charakter jener Dichter, die man Heilige nennt, ist dieser 
Charakterzug, d. h. die Überzeugung der Auserwähltheit, das Gefühl, dass 
man ein Instrument sei, an welchem der Geist spiele (wie beim heiligen 
Johannes Chrysostomus), das wesentlichste. — Von grundlegender psycho- 
logischer Bedeutung und für den Ästhetiker von allerhöchstem Interesse 
ist dabei die Tatsache, dass, sowie der Paranoische nur projiziert, um 
Unlust zu ersparen, so auch dem Künstler das Schaffen seiner Werke eine 
Erleichterung und hierdurch lustvoll ist. Wir haben es schon betont, dass 
der Paranoiker seine Krankheit nötig hat, er könnte ohne sie nicht leben, 
die „Flucht in die Krankheit" (Freud) ist eben die für ihn einzig mög- 
liche Lösung eines Konfliktes, den er auf andere Art nicht lösen kann. 

Dass Geistesverrückung mit Glücksgefühlen einhergehen kann, zeigt 
folgendes Geständnis Gerard de Nervals in seinem Buche „Le Reve 
et la Vie": „Ich will die Eindrücke einer langen Krankheit schildern, die 
sich lediglich in den Geheimnissen meines Geistes zutrug. Ich weiss 
eigentlich nicht, weshalb ich den Ausdruck Krankheit gebrauche, denn 
nie in meinem Leben habe ich mich wohler gefühlt. — Mitunter glaubte 
ich, meine Kraft und Tätigkeit seien verdoppelt, es schien mir, als wisse 
ich alles, als verstünde ich alles; die. Phantasie verschaffte mir unend- 
liche! Genüsse. — Wenn man das wieder bekommt, was die Leute den 
Verstand nennen, sollte man da bedauern, ihn verloren zu haben?" Und 
ich vergleiche mit dieser Aussage die zahlreichen Beobachtungen von 
Irrenärzten, die alle die Anstrengung und den Schmerz beschreiben, 
die dem Verrückten die zeitweilige normale, d. h. wohlkontrollierte Denk- 
weise auferlegt 1 ). — Ebenso flüchtet sich der Dichter in das Dichten. — 
Er ist traurig und findet, dass heute das Wetter, die Häuser, die Bäume, 
die Blumen, die Berge, ja das Lachen, die Lust selber so traurig sei. — 
Und siehe: seine Qual hört auf oder mildert sich wenigstens, er wurde 
sie los, indem er sie auf die Aussenwelt projizierte. — Ungezählte Male 
haben die Dichter den schmerzlichen Seelenzustand beschrieben, der der 
Produktion vorausging und der sie förmlich zwang, im Schaffen die Er- 
leichterung zu suchen; „der wirkliche Künstler arbeitet nicht, weil er 
will, sondern weil er muss", sagt William Hirsch (Genie und Ent- 
artung). Jeder kennt die diesbezügliche Aussage Goethe 's in „Dichtung 
und Wahrheit". Belehrend ist die Schilderung Pietsch's über die Art 
und Weise, wie sich diese innere Nötigung bei Turgenjew kundgab. 

„Wenn Turgenjew schrieb, geschah es jedesmal unter dem 
Zwange einer ihn beherrschenden und treibenden unerklärlichen Macht. 
Er sah ein bestimmtes Bild, eine Einzelgestalt oder Gruppe in einer 
gewisser, Beleuchtung und Farbenstimmung. Diese Erscheinung kehrte 
unablässig wieder, peinigte ihn wochenlang, monatelang und verlangte 
von ihm künstlerische Gestaltung. Immer deutlicher bildeten sich dio 

i) James 605. 



Introjektion, Projektion und Einfühlung. 317 

Figuren, in ihrem Benehmen., in ihrer Sprache, ihren Erlebnissen zur 
Klarheit heraus, Wille und Schicksal führten Katastrophe und Lösung 
herbei. — Er litt und stöhnte unter dem innerlichen Zwange des Schreiben- 
müssens, suchte sich ihm durch Billardspielen, durch eine Schachpartie, 
durch eine Jagd zu entziehen, bis er endlich der unentrinnbaren Nötigung 
sich beugte und unter dem Ausrufe einer komischen Verzweiflung an 
den Schreibtisch ging 1 )." 

Es ist wohl nicht allzu gewagt, diese Auffassung über die künst- 
lerische Produktion auch auf das wissenschaftliche und philosophische 
Schaffen auszudehnen. Bei dieser, wie. bei der dichterischen Arbeit, 
spielt der Mechanismus der Projektion die Hauptrolle. — Ein wissen- 
schaftliches System gestaltet sich in derselben Weise, wie das Don 
Quixote's: Eine Idee taucht auf, und von dem Moment an wird jede 
Erfahrung uir mehr in der Beleuchtung dieser Idee erblickt. — Diese 
Idee repräsentiert einen Vorstellungskomplex, an den alles Neue von 
nun an assimiliert wird. — Diese Idee nimmt dadurch, dass von nun an 
die Aussenwelt an ihr gemessen wird, dem Normalen, Alltaglichen gegen- 
über eine ähnlich ungewohnte Stellung ein, wie der Wahn des Verrückten. 

— Der Paranoiker ist daran zu erkennen, dass er in allem Symbol, 
Gesetzmässigkeit findet. Das ist aber die bedeutendste Charaktereigenschaft 
des wissenschaftlichen, des philosophischen Geistes. Wäre Newton der 
herabfallende Apfel nicht das Symbol von etwas, was noch dahinter steckt, 
d. h. des Gesetzes gewesen, sondern ein nichtssagendes, bedeutungs- 
loses Ereignis, wie für alle anderen Sterblichen, so würde dieses Ereignis 
nicht den Ausschlag für die Entdeckung des Gravitationsgesetzes ge- 
geben haben. — Auch der Paranoiker würde das Herabfallen des Apfels 
nicht für selbstverständlich halten; er würde dahinter etwas Verstecktes 

— vielleicht die Handlung, die Absicht eines Geistes — suchen. Der Stand- 
punkt Plato's oder eines Aristoteles, Newton oder Spencer 
erinnert also an den des Paranoischen. Wir können keinen anderen 
Unterschied zwischen ihnen entdecken , als den , dass das System 
Plato's, Aristoteles* , Newton 's, Spencer's geeignet war, 
von vielen Menschen, lange Zeiten hindurch, doch eben- 
falls nicht ewig, anerkannt zu werden, das System des 
Verrückten dagegen nur für ihn gut, aber für ihn auch das möglichst 
beste ist. Die entwicklungsgeschichtliche Auffassung hat selbst die Idee 
der „Wahrheit" nicht verschont. Nicht mehr in der starren, unbeweg- 
lichen, heilig-ewigen Objektivität einer Piaton 'sehen Idee steht sie vor 
unseren Augen ; Spencer, Mach und P o i n c a r e haben uns gelehrt, 
auch in ihr ein Produkt des Kampfes um das Leben zu sehen, etwas 
stark Subjektives, Menschliches, das aus uns wächst wie Nägel und Haare, 
das wir aber entfernen, wenn es unbequem geworden ist, oder besser: 
wie ausgewachsene Kleider. — Als Kriterium der Wahrheit bleibt also 
nur die Bequemlichkeit einer Idee, ihre Eignung, von möglichst 
vielen ohne Widerspruch mit sämtlichen Ereignissen in Einklang ge- 
bracht werden zu können. — Die Weltanschauung des Verrückten ist 



i) Reibmayr: „Die Entwicklungsgeschichte des Talentes und Genies. München. 

1908." . 

Die unbewussten, persönlichen Determinantf-n der künstlerischen Projektion 
sind in Max Grafs Schrift .Richard Wagner im Fliegenden Holländer". Wien 1911 
lebrreichidargestellt. (F r e n d ' a^Schriften zur angewandten Seelenkunde.) 



318 Dir« Sändor Kovacs, 

eine mögliche Weltanschauung, für ihn ist sie befriedigend, 
ja seligmachend, also ist sie wahr; sie ist aber nicht allgemein, 
wahr, weil sie andere nicht befriedigt. Man sieht daraus, wie nichts- 
sagend dieser Unterschied eigentlich ist. — Wie viele „Wahrheiten" wurden 
in der Zeit ihrer Entstehung nicht als solche anerkannt? Sie waren also 
Wahnsysteme nach der allgemein gebräuchlichen Definition des Be- 
griffes. — Und von der anderen Seite: Kann ein Narr, der viele macht, 
noch ein Narr genannt werden? Wir sehen einfach eine natürliche Aus- 
lese am Werk: Viele Ideen entstehen in vielen Gehirnen, und es steht 
nirgends geschrieben, ob sie Wahrheiten oder Unwahrheiten sein werden; 
manche eignen sich besser, mit den eben gegebenen allgemeinen Er- 
fahrungen in Einklang gebracht zu werden, andere weniger; die ersteren 
siegen. Aber — das ist zu betonen — es gibt. nur vorgefaslstc 
Ideen. Gelingt die Projektion der Idee auf die Dinge und wird sie 
allgemein anerkannt, dann ist sie eine Wahrheit; wird sie nicht ange- 
nommen, ist sie eine Wahnidee. Grosse Wahrheiten sind ge- 
lungene Projektionen. — 

Und damit lernen wir die philosophischen Systeme besser ver- 
stehen. — Für Plato, den Künstler, war das Weltprinzip die Kunst; 
er musste das Unbekannte ausdrücken, und er tat es mit seinen 
ureigensten Ausdrücken, er projizierte sich. Sein System war und wird 
ewig wahr sein für Künstlernaturen. — Schopenhauer, dem 
Germanen, stellt sich das Weltprinzip als „Wille" vor: Immer wird 
er deutsche Jünglinge zu Anbetern haben. — Für Spinoza, den 
Juden, ist alles „Gott"; für Religiöse ist er der wahrste Philosoph. 
Alle diese Philosophen finden in ihren Systemen eine — nach ihrer 
Meinung die einzig mögliche — Befriedigung. Selbst der Pessimist be- 
trachtet sein System mit Wohlgefallen, er ist glücklich dabei und war 
glücklich während der Arbeit, sonst hätte er sie nicht geschrieben. Ist 
dem aber so, dann können wir auch im philosophischen Schaffen keinen 
anderen Vorgang erblicken als den, der den Dichter und den Paranoiker 
von seinen Leidenschaften befreit, indem er Affekte den Objekten der 
Aussenwelt anhängt. 

Die „Wahrheit" entschlüpft so unseren Fingern, sie ist nicht mehr 
das Unterscheidende zwischen einem philosophischen System und einem 
Wahngebäude, aber auch bei der künstlerischen Produktion fällt es uns 
schwer, ein sicheres Unterscheidungsmerkmal des „Ästhetischen" aus- 
findig zu machen. Man wäre versucht, den charakteristischen Unter- 
schied zwischen der dichterischen Phantasie und den Wahngebilden in 
der relativ geringeren Intensität der ersteren zu suchen. — Ist dies im 
allgemeinen auch zutreffend, als psychologischer Unterschied kann es 
nicht gelten; wir haben nämlich von ungezählten Beispielen Kenntnis, 
wo die Bilder, die die Phantasie beschäftigten, eben während der künst- 
lerischen Produktion zu solcher Intensität gestiegen sind, dass sie den 
automatisch als „real" zugelassenen Sinneseindrücken an Intensität gleich- 
kamen, ja sie übertrafen; mit einem Worte, dass die Verschiebung der 
Ich-Kontrolle eine sehr hochgradige war. 

Aufs Geratewohl entnehme ich einige Fälle Lombroso's 1 ) 
zitiertem Werk. Dickens und Kleist waren um das Schicksal ihrer 



l) „Der geniale Mensch" vod Cesare Lombroso, S. 29. 



A 



Introjektion, Projektion und Einfühlung. 310 

Helden ernstlich bekümmert. — Kleist äusserte nach Vollendung einer 
seiner Tragödien gegen seinen Freund unter Tränen: „Sie ist tot!" Er 
meinte die Penthesilea. — Schiller war von dem, was mit Personen 
seiner Erfindung geschah, so bewegt, dass er es für wirklich Geschehenes 

hielt!" 

T. Grossi erzählte von Verga, dass er beim Niederschreiben 
der Erscheinung „Prinas" die letztere wirklich vor sich erscheinen ge- 
sehen und Licht angezündet habe, um das Phantom zu vertreiben. — 

Ball sagt von Reynolds, er habe bis zu 300 Porträts jährlich 
gemalt und jede Person nur eine halbe Stunde lang fixiert, dann aber sie 
in einer Halluzination wieder erblickt, ganz so, als ob sie lebte. — 
Brierre de Boismont erzählt von dem Maler Martina, er habe 
die Bilder seiner Erfindung wirklich vor sich gesehen. — Einmal habe 
sich jemand zwischen ihn und den Ausgangspunkt der Halluzination 
gesetzt und er habe ihn gebeten, sich zu entfernen, weil es ihm unmög- 
lich sei, an seinem Bilde weiter zu arbeiten. — 

Luther hörte die Einwürfe des Teufels, die er Tags vorher nicht 
zu widerlegen vermochte. — 

Schumann (S. 81) „vernimmt Akkorde und ganze von Mendel- 
sohn ihm eingegebene Musikstücke". — 

Wir haben schon oben gezeigt, dass die Sinnestäuschungen den 
genialen und Kunstschöpfungen so anhaften, dass Brierre de Bois- 
mont sie geradezu als dein physiologischen Zustande grosser Männer zu- 
gehörig ansieht. — Cellini 's berühmte Halluzination im Kerker ist 
bekannt, ebenso die des Brutus, Cäsar's, N a p o 1 e o n 's. Sweden- 
borg glaubte im Himmel gewesen zu sein, sich mit den abgeschiedenen 
Geistern grosser Gelehrten besprochen, den ewigen Vater in Person ge- 
sehen zu haben. 

Der materialistische Hobbes glaubte, sobald er im Finstern war, 
die Bilder von Verstorbenen zu sehen. 

Malebranche wollte ganz deutlich die Stimme Gottes in sich 
vernommen haben. - Deseartes glaubte nach langer Zurückge/.ogcn- 
heit von einem unsichtbaren Wesen öfter besucht und aufgefordert worden 
zu sein, die Erforschung der Wahrheit fortzusetzen. — 

Lord Byron bildete sich bisweilen ein, ein Gespenst besuche ihn. 

Pope fragte eines Tages seinen Arzt, was das für ein Arm sei, 
der auf; der Mauer heraustrete. — 

Goethe erzählt selbst, dass er sich leibhaftig gesehen hat, so wie 
er acht Jahre zuvor desselben Weges geritten sei. — 

Oliver Crom well lag auf seinem Bett und konnte vor Müdig- 
keit die Augen nicht schliessen. Plötzlich öffneten sich die Vorhänge und 
eine Frau von riesiger Gestalt erschien und sagte ihm, er werde der 
grösste Mann in England werden. — 

C a r d a n u s vermochte alle Trugbilder seiner Phantasie vor sich 
zu sehen, als wären es wirkliche Dinge. — Von E. T. A. Hoff mann 
ist es allbekannt, dass er lange Jahre hindurch an Verfolgungs- 
wahn mit Gesichtstäuschungen litt, bei welchen er die Phantasiebilder 
seiner Erzählungen in wirkliche Dinge und Personen verwandelt sah 
(S. 107). Nach all diesen Beispielen dürfen wir der „Intensität" als 
unterscheidendem Merkmal zwischen Künstlerisch-Phantastischem und 
Wahnhaftem nicht allzuviel Bedeutung beimessen. 



320 Dr. Sändor Koväcs, 

Nichts liegt mir ferner als die Absicht, das Genie als pathologisches 
Produkt, als eine Degenerationserscheinimg hinzustellen; ich sehe in ihm 
vielmehr die schönste Blüte, die reifste Frucht des menschlichen Stamm- 
baumes. — Was ich beweisen wollte ist lediglich, dass der psychologische 
Prozess, der ein philosophisches System oder ein künstlerisches Werk 
oder einen Wahn hervorbringt, im Grunde ein und derselbe ist 1 ). Man 
müsstc sich wundern, wenn es anders wäre, bedenkt man, wie wenig 
der Plan, worauf sich das Geistesleben der Menschen aufbaut •-- selbst 
bei der grössten individuellen Differenzierung — voneinander abweicht. 
Der schönste Mensch ebenso wie der hässlichste hat zwei Hände und 
Füsse, zwei Augen und zwei Ohren, einen Mund, die Leber an der 
rechten, das Herz an der linken Seite, und die beiden unterscheiden 
sich nur in der Proportion und nicht in den Grundlagen ihrer Körper- 
organisation. Ebenso unterscheidet sich der geniale Mensch vom nor- 
malen und verrückten nur quantitativ, nicht aber bezüglich der Mecha- 
nismen ihrer psychischen Vorgänge. Wenn wir daher trotzdem so enorme 
Wertunterschiede zwischen diesen Leistungen statuieren, kann das Unter- 
scheidende aicht an der Qualität des psychologischen Prozesses, sondern 
— wie wir es im Falle der Wahrheit gesehen haben — nur :m einer 
nachträglichen Selektion liegen. — Ich habe damit das Problem 
angeschnitten: welches die Kriterien sind, die ein geistiges Produkt zum 
Ästhetischen stempeln. 

Ich muss oft an eine Szene denken, deren Zeuge ich unlängst ge- 
wesen bin. Drei vorzügliche Musiker, darunter die zwei berühmtesten 
Komponisten des heutigen Ungarn, entschieden grossangoleglo, geniale 
Künstler, setzten sich gleichzeitig zum Klavier und klimperten blindlings 
darauflos, angeblich, um gewisse ultramoderne Richtungen zu karrikieren. 
— Dies war aber nur ein Vorwand, denn, wenn es nicht schon der Um- 
stand, dass sie volle Dreiviertelstunden lang derart musizierten, be- 
wiesen hätte, zeigten ihre glänzenden Augen und ihr begeisterter Eifer 
das grosse Vergnügen, das sie davon hatten. — Und ich hörte Dreiviertel- 
stunden lang zu, hatte ebenfalls ein grosses Vergnügen und konnte in 
diesem Vergnügen nichts entdecken, was nicht verdiente, ästhetisch ge- 
nannt zu werden. — Es war gewiss nicht der Gipfel der Kunst, aber es 
war schon Kunst. — 

Diese Erinnerung gibt mir den Mut, folgende Frage zu stellen: Wäre 
es so ganz und gar ausgeschlossen, dass die Grenze des Ästhetischen schon 
durch den Akt der Aufhebung der Ich-Kontrolle überschritten wird ; dass 
das sozusagen ein Minimum des Ästhetischen, aber auch gewiss ästhetisch 
war? Fände sich ein Ästhetiker, der dies zugibt, so könnte er nur in 
der Allgemeingiiltigkeit, d. h, in der Möglichkeil, dass ein Werk von 
möglichst vielen schön gefunden werde, als das Kriterium des „Schönen" 
anerkennen, wie wir e s bezüglich des „Wahren" zu tun uns ge- 
zwungen sahen. 

Den eigentlichen Nutzen dieser Betrachtungen für die Ästhetik sehe 
ich aber in der Klarheit, die sie in die deskriptive Ästhetik und nament- 



i) Diese Idee hat Freud in den letzten Kapiteln seiner „Psychopatho- 
logie des Alltagslebens* mit aller Schärfe ausgesprochen. Alle Metaphysik 
qualifiziert er dort als Metapsycbologie. Siehe auch Perenczi, Zar Begriffs- 
bestimmung der Intiojektion. (Dieses Zentralblatt 1912, Heft 4.) 



Introjektion, Projektion und Einfühlung. 321 

lieh in das Hauptproblem der Einfühlung zu bringen geeignet, ist. So viel 
über Einfühlung in der modernen Ästhetik auch gesprochen wird, so vag 
und konturlos — gestehen wir's — ist ihr Begriff noch immer. Wenn 
wir ganz aufrichtig sein wollen, müssen wir bekennen, dass ihre be- 
friedigendste Definition eigentlich ein Negativum ist: Einfühlung ist das., 
was nach Abzug der Sinneseindrücke und der Verstandesgefühle (z. B. 
der Freude an der Virtuosität des Künstlers, der Freude an der eigenen 
Fähigkeit, diese Virtuosität wahrnehmen zu können etc.) aus dem iistheti 
sehen Eindruck als weiter nicht analysierbarer Rest von jeglichen — also 
schönen, wie hässlichen — ästhetischen Gefühlskomplexes zurückbleibt. 
Eine endgültige positive Umgrenzung des Einfühlungsbegriffes gibt es 
eigentlich nicht; dagegen zahlreiche, mitunter vorzügliche Beschreibungen 
des Vorganges als solchen. — Ich greife zu der von Volkelt 1 ). „Wenn 
ich Niobe und ihre sich schutzsuchend an sie schmiegende Tochter be- 
trachte, so erfahre ich in mir nicht etwa das Anschauen tür sich und 
das Fühlen für sich und dann noch ein in Beziehung-Setzen der einen 
Seite zur anderen. Es ist nicht so, dass die reine Wahrnehmung der 

Linien- und Flächenverhältnisse die eine Seite bildete und daneben das, 
sei es wirkliche., sei es vorstellungsmässige Erleben von Gefühlen der 
Angst, des Hilfesuchens, des Bergen wollens vorhanden wäre und nun 
zwischen beiden Seiten ein beziehendes, vergleichendes, verknüpfendes 
Hin- und Hergehen stattfände. — Weder finde ich in mir ein kahles, 
kaltes, leeres Wahrnehmen, noch ein gesonriortes anschauungsloses, rein 
innerliches Fühlen, noch auch ein von der einen Seite zur anderen sich 
begebendes Knüpfen. Auch wenn diese drei Vorgänge nicht als ein 

Nacheinander, sondern als gleichzeitiges Nebeneinander im Bewusstsein 
aufgenommen würden, so wäre damit die Einfühlung keineswegs richtig 
bezeichnet. Freilich handelt es sich in der Einfühlung um ein Gleich- 
zeitiges, aber eben nicht um ein gleichzeitiges Nebeneinanderbestehen 
und Nebeneinandervorgehen. — Was im Einfühlen gleichzeitig im Be- 
wusstsein vorkommt, besteht nicht aus leerem, fühllosem Wahrnehmen 
und rein innerlichem anschauungslosem Fühlen und zusammenbringendem 
Verknüpfen. Ein gleichzeitiges Nebeneinander findet z, B. im Bewusst 
sein statt, wenn ich eine Flüssigkeit zugleich betrachte und berieche. — 
Hier weist das Bewusstsein eine Gesichtswahrnehmung und daneben eirm 
Geruchsempfindung auf und zwischen beiden findet gleichzeitig ein Be- 
ziehen statt: Ich sehe den Geruch als ausgehend von der Flüssigkeit 
an. — Ein solcher in sich getrennter Vorgang ist die ästhetische Ein- 
fühlung weder in dem herangezogenen Beispiel noch irgend anderswo. - 
Vielmehr erscheint die Wahrnehmung der Niobe und ihrer Tochter so 
innig eins mit den Gefühlen von Angst, Entsetzen, Hilfesuchen u. dgl., 
dass sie an sich selber den Eindruck dieser Gefühle macht. — Die Ge- 
sichtswahrnehmung hat als solche das Aussehen der entsprechenden Ge- 
fühlserregungen. — Die Gefühle kommen überhaupt in meinem Bewusst- 
sein nicht noch irgendwie neben der Wahrnehmung von den Formen 
der Niobe vor, sondern sie werden von mir lediglich als Ausdruck dieser 
wahrgenommenen Formen erlebt. — Nur als aus den' Formen zu mir 
sprechendes Leben, nur als die eigene Seele der Formen kommt das 
Eingefühlto in meinem Bewusstsein vor. — Ich darf dieses Verhältnis 



i) .System der Ästhetik*, München 1905. S. 215. 



322 Dr. Sändor Koväcb, 

von Anschauen und Fühlen als innere Einheit bezeichnen. Und zwar 
erfahre ich diese innere Einheit ohne vorausgegangenes bewusstes Be- 
ziehen und Verknüpfen." 

Die Einfühlung ist also ein Vereinheitlichungsvorgang, eine „Identi- 
fizierung" im Sinne Freud's; sie hebt die Schranken zwischen dem Ich 
und dem ästhetisch wirkenden Gegenstände auf, sie verschmilzt Subjekt 
und Objekt, so dass ich im ästhetischen Objekt nicht mehr etwas ausser 
mir Seiendes, mir Fremdes fühle. Ich bin Held mit dem Helden, feig 
mit dem Feigen, richte mich empor mit der aufstrebenden Linie, wiege mich 
mit dem Wellenförmigen. — Die Einfühlung an sich selbst (also abgesehen 
davon, ob wir uns in „schöne", „hässliche", „tragische", „komische" etc. 
Objekte einfühlen) ist eine Lust, ja die ästhetische Lust par excellence, 
sie ist der Kern alles ästhetischen Betrachten*, sie kann geradezu zur 
Delimticn des Ästhotischen überhaupt dienen. Die nahe Verwandtschaft 
dieser Auffassung mit der von uns bisher dargelegten liegt auf der Hand. 
Beiden gemäss handelt es sich um die Aufhebung des Unterschiedes 
zwischen Subjekt und Objekt und um die Lust, die durch diese Auf- 
hebung veranlasst wird. Ich gebe aber meiner Darstellung der Ein- 
[uhlungsvorgänge vor der Vo I k e l t/sehon den Vorzug. Erstens, da sie 
sich mit dem Deskriptiven nicht begnügt und wenigstens den Versuch 
macht, das ästhetische Wohlgefallen bei der „Einfühlung" allgemeinen 
besetzen unterzuordnen. Zweitens, weil sie Anlass gibt, den bisher als 
einheitlich behandelten Einfühlungsbegriff in zwei psychische Prozesse 
zu teilen und somit den Begriff selbst zu klären. 

..... Zltiere " wir weiter aus Volkelt (S. 219): „Die ästhetische Ein- 
fühlung ist doppelter Art: Entweder ist sie einfach, unbetont oder 
subjektiv betont. Im ersten Fall kommen uns die gegenständlichen Ge- 
fühle, die „eingefühlt" werden, nicht als von uns gespürt! Gefühle zum 
Bewusstsein, die subjektive Seite an ihnen bleibt unbeachtet, unbetont. 
Das Eingefühlte steht uns nur als Gehalt des Gegenstandes vor dem 
Bewusstsein. — Abgesehen von seinem Verschmolzcnsein mit dem ge- 
schauten Gegenstande ist das gegenständliche Gefühl für unser Bewusst- 
sein einfach nicht vorhanden. Bildlich kann ich auch sagen : Das gegen- 
ständliche Gefühl besteht in diesem Falle für unser Bewusstsein nur als 
ein Hinausverlegtes, in den Gegenstand Projiziertes. In anderen Fällen 
kommt uns dagegen das Eingefühlte, abgesehen davon, dass es uns im 
geschauten Gegenstände- entgegentritt, auch noch als unser Ich-Erlebnis 
in Form einer subjektiven Mitbeteiligung zum Bewusstsein. — Neben dem 
Hinausverlegtsein des Gefühls in den Gegenstand kommt eben dieses Gefühl 
auch als Schwingen und Erzittern unseres eigenen Selbstgefühls zum 
Bewusstsein. — Die „Projektion" des Gefühls geht hier nicht so völlig 
und restlos vor wie dort. — Doch ist auch in diesem zweiten Falle die 
Hauptsache das Hinausverlegtsein. — Fehlt dies, so ist ästhetisches Be- 
trachten überhaupt nicht zustande gekommen; fehlt hingegen die sub- 
jektive Betonung, so ist dies keine Vereitelung der ästhetischen Haltung." 
„Wenn wir ein Drama lesen, aber auch wenn wir es von der Bühne 
auf uns wirken lassen, ist der. gewöhnliche Fall wohl der, dass uns die 
eingefühlten Regungen nur als Gefühle der Menschen im Drama zu Be- 
wusstsein kommen, dass uns diese Gefühle lediglich wie ein von aussen 
Gegebenes berühren. — Es bleibt in der Regel völlig ungespürt, dass 
beispielsweise Egmont's Erregungen doch zunächst von uns geleistet 



Introjektion, Projektion und Einfühlung. 323 

werden, dass unser Bewusstsein es ist, das sie herleiht. — Wir über- 
springen gleichsam unser Ich und begrüssen unsere eigenen Gefühle 
wie etwas Fremdes. — Daneben kann aber doch auch Egmont gegenüber 
die subjektivere Weise der Einfühlung vorkommen. — Wo er z. B. von dem 
süssen Leben, der schönen freundlichen Gewohnheit des Daseins und 
Wirkens Oder weiterhin von der lieblichen, lösenden Kraft des Schlafes 
spricht, da kann es geschehen, dass wir die entsprechenden Gefühle 
nebstdem, dass sie uns als Egmont's Gefühle erscheinen, doch zugleich 
auch als selbsterlebt empfinden. — Oder wenn wir Iphigenie ihr Ver- 
langen nach der Heimat oder ihre Sehnsucht nach fleckenloser Reinheit 
des Herzens aussprechen hören, kann gleichfalls unsere Mitbeteiligung 
in dem Grade steigen, dass wir die entsprechenden Gefühle auch als 
unsere eigenen Innenvorgänge spüren. — Ähnlich verhält es sich in den 
bildenden Künsten: Auch hier ist die unbetonte Einfühlung das Gewöhn- 
liche. — Wenn wir den Hermes oder die Aphrodite des Praxiteles, die 
Statue des Sophokles oder Aischines, die Büste Homers oder Zenos be- 
trachten, so gehört wohl eine ganz besonders erregbare künstlerische 
Stimmung dazu, wenn die Einfühlung in der Form der subjektiven Mit- 
beteiligung erfolgen soll." 

Bei diesem Punkte des Gedankenganges gehen aber unsere Wege 
auseinander. — Wir fanden, dass beim Projektions Vorgang der Proji- 
zierende sich von Ichgefühlen befreit, indem er das betrachtete Objekt 
mit seinen Affekten beseelt. — Die „subjektive Betontheit" passt nicht in 
unser System. Wir müssen die Aufnahmsfähigkeit dieses Begriffs er- 
weitern oder aber es verwerfen, wenn dies nicht gelingt. 

In der Tat, die ästhetische Projektion ist nur die eine Art 
des Einfühlungsprozesses, die Einfühlung des Künstler s. Sie kann 
folgenderraassen kurz charakterisiert werden: Der Künstler projiziert sein 
Ich auf die Welt und empfindet Lust, indem er so Affekt ver- 
liert — Es gibt aber auch eine andere Art des Einfühlens, das Gegen- 
stück der ersteren: Das Subjekt identifiziert sich mit dem angeschauten 
Objekt und empfindet Lust, indem es Objekte für seine freiflottierenden 
Affekte gewinnt. Das ist die Einfühlung des Publikums. 

Die Paranoia erkannten wir als die Karrikatur der projizieren- 
den Einfühlung. Die Pathologie bietet uns aber auch für jenen 
Vorgang ein Beispiel, den wir als „Einfühlungsvorgang des Publikums" 
nannten, und zwar in der hysterischen Introjektion. In 
seiner zitierten Arbeit zeigt uns Ferenczi, dass Paranoiker , wie 
Hysterische, an einen» ihre Kräfte übersteigenden Übermass von Affekt 
leiden; der Paranoische sucht sich von den Ich-Gefühlen durch Pro- 
jektion zu befreien, während der Hysterische, alle möglichen Objekte 
mit seinem Ich-Komplex in Beziehung bringt, introjiziert. Nichts ist 
gleichgültig für die Hysterika; es gibt nichts, dem gegenüber sie nicht 
bewusst oder unbewusst affektiv Stellung nehmen müsste. Sie ist im 
höchsten Grade teilnehmend, bis zur Selbstaufopferung; so identifiziert 
sie sich mit der Sache der Armen, Unterdrückten, der Kranken. Das 
Verhalten des Paranoikers ist antisozial; der Hysterische entfaltet ein 
Übermass an sozialer Hilfsbereitschaft; das Sichhineinversetzen in den 
körperlichen oder seelischen Zustand eines anderen, für den Paranoiker 
eine absolute Unmöglichkeit, ist Hauptgeschäft und grösste Befriedigung 
der Hysterischen. — Die Krankheiten, über welche sie liest oder die sie 



Dr. SfLndor Koyäcs, 

vor sich sieht, leidet sie mit; das Zuschauen bei einer Operation ver, 
ursacht ihr nicht weniger Schmerzen als dem Patienten selbst. Sie ist 
ungemein leichtgläubig und suggerierbar. Die Hysterischen liefern die 
grösste Zahl der Betrogenen und der Glaubensfanatiker. Ihre Sich- 
Identifizierung mit anderen geht so weit, dass sie ohne ihr Wissen sich 
die Gedanken, Worte und Taten anderer aneignen, sich in ihrer be- 
wussten oder unbewussten Phantasie als Helden von glänzenden, inter- 
essanten, aber auch von finsteren, scheusslichen Begebenheiten hinstellen. 
Grell beleuchten sich die Gegensätze der Paranoia und der Hysterie, wenn 
sie nebeneinander gestellt sind, wie in den „Elixieren des Teufels", wo 
der hysterische Bruder des Medardus alle Sünden auf sich nimmt, die 
sein paranoischer Bruder auf ihn projiziert. (Man kennt Beispiele solcher 
sich ergänzenden Narrheiten. Mozart litt an der Verfolgungsidee, dass ihn 
die Italiener vergiften werden; Salieri, sein Gegner, an der neuroti- 
schen Angst, Mozart vergiftet zu haben.) 

Der Hysterische ist mit einem Worte die Kanikatur des Publikums. — 
Das Publikum geht ins Theater, ins Konzert, kauft Kücher, besucht Bilder- 
galerien, um aus dem alltäglichen Leben, dessen Objekt«« durch die An- 
gewöhnung ihre Eignung, Affekte zu beschäftigen, längst eingebüsst haben, 
herausgehoben zu werden; es hat das Bedürfnis, sein Leben nach 
der Gefühlsseite hin zu betätigen, hat Objekte für seine Rührung nötig. 
Und das erreicht es, indem es sich in die ästhetischen Objekte einfühlt 
und des Künstlers Phantasien sich aneignet, sie miterlebt. So ent- 
faltet sich die Einfühlung des Publikums als das Spiegelbild der Ein- 
fühlung des Künstlers: Der Künstler fühlte ein und wurde affektlos, 
das Publikum fühlt ein und kann nunmehr seine Affekte betätigen. Der 
Künstler projiziert, das Publikum i n t r o j i z i e r t. 

Wir sehen also, wie sich der scheinbar einheitliche Begriff der 
Einfühlung zwanglos in zwei grundverschiedene Typen gliedert: in den 
der Projektion und den der Introjektion 1 ). — 

Nun wirft sich die Frage auf, ob diese Typen je rein realisiert 
vorkommen, oder ist nicht vielmehr zum einzelnen Einfühlungsakte die 
Mitwirkung beider psychischer Mechanismen unerlässlich? Die Frage ist 
ohne Zweifel von der grössten Wichtigkeit für die Ästhetik, hier aber, 
wo es sich in erster Linie um Klarstellung der Begriffe und um ihre 
allgemein-menschlichen, psychologischen Wurzeln handelt, müssen wir auf 
ihre nähere Besprechung verzichten. Nur einzelne Gesichtspunkte seien 
hier hervorgehoben: 

Starke Disposition zur Projektion und starke Introjektionsneigung 
scheinen sich miteinander nicht zu vertragen. So sind ausübende Künstler 
und namentlich die von sehr ausgesprochener Individualität, in der Regel 
ein sehr schlechtes Publikum; bringen sie überhaupt Aufmerksamkeit 
für fremdes Schaffen auf, so sind sie in der Regel taub und blind für 
alles, was nicht zum Grundton ihrer Persönlichkeit stimmt. — Mit weniger 

i) Die interessante und tiefgehende Arbeit 0. Rank 's: „Der Künstler* (H. 
Heller's Verlag, Wien), der so ausgezeichnete Aufklärung über die unbewussten, be- 
sonders die sexuellen Motive des künstlerischen Schaffens tfibt, und die Wesens- 
gleichheit von Kunst und Neurose wissenschaftlich beweist, erwähnt an manchen 
Stellen seines Werkes den Unterschied des psychischen Vorganges beim künstle- 
rischen Schaffen und beim Genieseen, gliederte aber beide Prozesse den neurotischen 
Mechanismen an. 



Introjektion, Projektion und Einfühlung. 325 

Entschiedenheit kann andererseits behauptet werden, dasB auch das 
Publikum von Haus aus schlecht zum Künstler tauge; war doch jeder 
Künstler zuerst Publikum. Dem könnte man aber mit Recht damit ent- 
gegnen, dass sein Verhalten sich schon damals von dem des übrigen 
Publikums unterschieden haben kann, durch Eigenschaften, die ihn eben 
zum Künstler stempelten; er war eben niemals Dilettant. Viele ge- 
wichtige Stimmen erklären, dass Dilettantismus und Künstlertum nicht 
aufeinanderfolgende Etappen einer Entwickelungsriehtung, sondern prin- 
zipiell verschiedene psychische Qualitäten bedeuten 1 ). 

Es ist übrigens mit grosser Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass 
Introjektion und Projektion nicht so selten zu einem ästhetischen Akte 

vereinigt sind. 

Es erheben sich da weitere schwer zu beantwortende Fragen. Sind 
solche Fälle wirklich Ausnahmsfälle? Ist nicht vielmehr ein Mitwirken 
beider Arten der Einfühlung in jedem ästhetischen Akte vorhanden ? 
Ist dieses Zusammenwirken gleichzeitig oder geht der eine Prozess dem 
anderen voraus? Ist es nicht möglich, dass wenigstens in gewissen ästheti- 
schen Akten ein Alternieren der Projektion und Introjektion stattfindet? 
Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Antwort für verschiedene ästhetische 
Gestaltungen verschieden ausfallen wird und leicht möglich, dass z. B. 
für das Tragische, Komische, Erhabene, Schöne usw. das zeitliche und 
dynamische Verhältnis der beiden Einfühlungen als massgebend sich 
erweisen wird. Wäre dem so, so hiesse die Klarlegung dieser Verhältnisse 
eine bedeutende Bereicherung unseres Wissens über ästhetische Seelen- 
vorgänge. Im allgemeinen glaube ich, dass die Einfühlung dos Publikums 
in der Regel aus einer kurzen Projektion und aus darauffolgender 
dauernder Introjektion bestehe. 

Die künstlerische Einfühlung scheint mir dagegen eine fortlaufende 
Projektion zu sein, unterbrochen durch kurze Introjektionsmomente, in 
welchen nämlich der Künstler sich an die Stelle des Publikums zu ver- 
setzen versucht, um die Wirkung seines Schaffens zu beurteilen und zu 
kontrollieren. 



In der Projektion F r e u d's und der Introjektion Ferenczi's lernten 
wir zwei psychische Akte kennen, die sich zwar grundsätzlich unter- 
scheiden, aber durch einen gemeinschaftlichen Zug zusammengehalten 
weiden, der uns berechtigt, die beiden in einen Begriff zu vereinigen; 
beide entspringen dem Bedürfnis, die drückende, logische Kontrolle und 
moralische Zensur, die das Ich von gewissen Erlebnissen, den verdrängten 



i) Danriac (Lionel D. Es9ai sur 1' Esprit Musical 1904) meint z. B. „Es ist 
mit Kecht zu befürchten, dass allzu ausgesprochener Dilletanlismus das Schaffen 
verhindere. Der Dilettant erhält den Müssiggang. Damit ist aber noch nicht genug 
gesagt. Er hat den Müssiggang nötig, denn er braucht viel Zeit, um alles zu sehen, 
alles zu unterscheiden, Uher alles zu urteilen, er wird nie mit dem Betrachten fertig, 
Der vollkommene Dilettant ist ein Massiggänger, der kurzsichtige Äugen hat. Wenn 
man so geschaffen ist, schafft man nichts." Andererseits kann man sich der Ein- 
sicht nicht verschliesaen, dass, wie sehr auch die eine oder die andere Art der Ein- 
fühlung dominiert, aie gewisBermassen nicht ohne einander bestehen können. Die 
Periode des Lernens, des Verstehens müssen wir auch beim Künstler als eine Periode 
fortgesetzter Introjektion auffassen. 



326 Dr. Sändor Konica, 

nämlich, fernhält, aufzuheben und die Seele zeitweilig in einen der 
Kindheit, dem Traum, der Hysterie oder dem Wahnsinn ähnlichen Zustand 
zu versetzen. In diesem Lichte betrachtet, lassen sich die psychischen 
Tendenzen den biologischen Lebensprozessen vergleichen. Wie der Körper 
sich einerseits der Umgebung anpasst, andererseits die Materialien der 
Umwelt zur Aufrechterhaltung seiner speziellen eigenen Organisation ver- 
wendet so lässt sich die Introjektion als der Mechanismus der passiven, 
die Projektion als der der aktiven seelischen Assimilation bezeichnen. 

Sind aber einmal Introjektion und Projektion als passiv und aktiv 
einander gegenübergestellt, so ist vielleicht nicht allzu gewagt, einen 
Schritt weiter zu gehen und eine tiefere Erklärung dieser Zweiheit unseres 
Seelenlebens in Freud's ,, Vorbildlichkeit der Sexualität" zu suchen. 
Diesem Prinzipc gemäss gibt sich das Charakteristische des sexuellen 
Lebens in sämtlichen Lebensäusserungen des Individuums kund. Aktivität 
und Passivität der seelischen Assimilation findet sein frappantes Ana- 
logon in dem Unterschied des sexuellen Verhaltens des Mannes und 
des Weibes 1 ). 

Eine Assimilation ist der nicht notwendigerweise bewusste Zweck 
jedes geschlechtlichen Aktes. — Der Mann und das Weib nähern sich 
diesem Ziele auf entgegengesetzten Wegen: Der Mann greift an, er be- 
herrscht, er „projiziert" gewisse Bestandteile seines Körpers; das Weib 
verteidigt sich, wird unterworfen und empfängt, es introjiziert. Das wird 
für das seelische Verhalten beider vorbildlich: Der Mann ist psychisch 
aktiv schöpferisch, er greift die Welt an, er drängt ihr seine Persönlich- 
keit auf, er gibt. Das Weib assimiliert passiv: es nimmt die Welt in 
sich auf, formt sich ihr gemäss, gibt sich ihren Einflüssen hin, es empfängt. 
Der Mann ist der überwiegenderweise projizierende, das Weib der intro- 
jizierendc Charakter; der Mann ist der geborene Künstler, das Weib das 
geborene Publikum 2 ). — Dies war es in der ganzen Geschichte der 
Menschheit. Der Wilde führt Tänze auf, um sein Weibchen sexuell zu 
erregen, der Ritter brach sich den Hals, um seine Dame auf der 
Tribüne zu ergötzen, die unzähligen Petrarca's girrten ihre Sonette 
zu ebensovielen Laura's. Kein Wunder, wenn auch die krankhaft über- 
triebene Projektion, die Paranoia, bei Männern häufiger beobachtet wird, 
während die zur Krankheit gesteigerte Introjektion, die Hysterie, über- 
wiegend die Krankheit des weiblichen Geschlechtes ist. — 

Die Analogie zwischen künstlerischer und geschlechtlicher Zeugung 
ist. manchem grossen Geiste aufgefallen. „Die grössten und edelsten 
Schöpfungen", sagt Bacon, „verdankt man kinderlosen Männern; sie 
haben die Gebilde ihres Geistes zu erzeugen gesucht, da ihnen die des 
Körpers versagt waren. — Auf diese Weise haben diejenigen für die 
Nachkommen Sorge getragen, die sonst keine hatten." 

Es fällt von diesem Punkt ein Licht auf das Problem der so häufigen 
Ehefeindlichkeit und Kinderlosigkeit grosser Männer. 



') Über die unbewussten sexuellen Triebfedern jedes künstlerischen Schaffens 
a. Ran k ' 8 „Künstler* und die Arbeit Freud's: » Der Dichter und das Phantasieren* 
(Kleine Schriften zur Neurosenlehre. II. Serie). 

8) Die nicht mehr zweifelhafte Bisexunlitat iedes Menschen (Fliess) macht 
die vielen Ausnahmen von dieser Kegel verständlich; sie ist natürlich nur für typi- 
sche Fälle, wo die eine Geschlechtsrolle überwiegt, giltig. 



Intrtjtktion, Prttektioa ■■* Einfühlung. 327 

Zum Schluis sei noch auf einige hellseherische Zeilen des in seiner 
ganzen Tiefe offenbar immer noch nicht ergründeten Shakespeare hin- 
gewiesen, in denen Wahnsinn, Kunst und Liebe zu einer gross- 
artigen Einheit zusammeagefesst sind (Sommernachtstraum, III. Akt, 
I. Szene) : 

Verliebte und Verräekte 

Sind beide von so brausendem Gehirn, 

So bildungsreicher Phantasie, die wahrnimmt, 

Was nie die kühlere Vernunft begreift. 

Wahnwitzige, Poeten und Verliebte 

Besteh'n aus Einbildung. Der eine sieht 

Mehr Teufel, als die weite Hölle fasst: 

Der Tolle nämlich. Der Verliebte sieht 

Nicht minder irr, die Schönheit Helenas 

Auf einer äthiopisch braunen Stirn. 

Des Dichters Aug', in schönem Wahnsinn rollend, 

Blickt auf zum Himmel, blickt zur Erd' hinab, 

Und wie die schwangre Phantasie Gebilde 

Von unbekannten Dingen aus gebiert, 

Gestaltet sie des Dichters Kiel, kenennt 

Das luft'ge Nichts, und gibt ihm testen Wohnsitz. 



Mitteilungen. 



Ein charakteristischer Kiiidertrauin. 

Von Professor Dr. James Putnam. 

Ein etwa 26 jähriger Student der Medizin erzählte mir folgenden 
Traum aus seiner Knabenzeit, dessen Interesse darin liegt, dass er die 
unbewussten Gedanken und lebhaften Gefühle eines gesunden, wenn auch 
vielleicht erregbaren Kindes im bedeutsamen Alter von ca. 3 — 4 Jahren 
wiedergibt : 

Der Kleine befand sich — im Traum -— in einer 
grossen, leeren Halle; er fühlte sich allein, als wie 
verloren, und beschäftigte sich damit, seine Eltern zu 
suchen. Da kam ihm auf einmal ein grosser Mann ent- 
gegen, welcher eine Uniform mit Metallknöpfen trug 
und den er (beim Erzählen des Traumes) als einen 
Polizei beamten bezeichnet. 

Dieser Herr führte ihn in das nebenliegende Zimmer, 
wo sich zwei Särge befanden. Es wurde ihm erzählt, 
dass diese Särge die Leichen seiner zwei Tanten ent- 
hielten, welche in der Tat seiner Mutter (ihrer Schwester) 
sehr ähnlich sahen, und die ihm sowie (wenigstens 
später) seine Mutter sehr lieb waren. Dann wurde einer 
von diesen Särgen aufgemacht, und der Junge sah, dass 
er ganz voll von Blut war; zur selben Zeit wurde ihm 
gesagt, dass der Körper seiner Tante darin liege. — 
Weiteres vom Traume erinnert er nicht. 

Was die persönliche Geschichte des Träumers anlangt, kann nur 
wenig berichtet werden, da keine Gelegenheit bestand, in die Geheim- 
nisse seines Lebens einzudringen; er hatte den Traum nur aus wissen- 
schaftlichem Interesse erzählt. Nur so viel nab er noch an, dass, soweit 
er wisse, die Mutter es gewesen sei, die auch von Anfang an der 
von ihm bevorzugte Elternteil gewesen sei, die er sehr lieb gehabt 
und an der er auch später immer mehr oder weniger gehangen haben soll. 

Aber auch ohne tiefergehende Angaben über die näheren Verhält- 
nisse, darf man wohl behaupten, dass der nur 3—4 Jahre alte Junge 
leidenschaftliche Gefühle irgend einer Art seinem Vater und seiner Mutter 
entgegengebracht haben muss, welche so stark waren, dass sie sich im 



Ein charakteristischer Kindertraum. 339 

Traume nur durch das Symbol von grimmigen Todeswünschen ent- 
sprechend ausdrücken Hessen. 

Die der Mutter ähnelnden Tanten dürfen wir wohl mit der Mutter 
identifizieren, während der grosse, militärähnlich angetane Herr als der 
Vater anzusehen ist. 

Ob der ganze Traum vom — im Interesse einer frühzeitigen Vater- 
jiebe — umgekehrten Ödipus-Komplex abzuleiten; ob der Todeswunsch 
sadistischer Ausdruck starker Liebesleidenschaft gewesen ist; ob endlich 
die grosse Hall« als Mutterleib, die Rettung durch den Vater als Geburt 
zu deuten wäre, wage ich nicht zu entscheiden. Vielleicht kamen ver- 
schiedene, konkurrierende Gefühle und Gedanken in Betracht. 

Das Interesse an der Sache liegt darin, dass der Traum in mancher 
Beziehung typisch erscheint, und dass er auf das kleine Kind einen so 
mächtigen Eindruck machte, dass er die ganze Zeit im Gedächtnis blieb. 

Was den äussern Anlass des manifesten Traums betrifft, sei hervor- 
gehoben, dass der Junge am Tag vor dem Traume von den Eltern 
auf einer Reise durch die ungewöhnlich geräumige Eisenbahnstation einer 
grossen amerikanischen Stadt geführt wurde, wo er vielleicht einige Zeit 
auf den Zug warten musste. Diese Tatsache mag dem Kinde später von 
den Eltern erzählt worden sein; den Traum aber muss' er tatsächlich 
geträumt haben, wenn auch seine Deutlichkeit teilweise späteren Er- 
jzählungsversuchen zu verdanken sein mag. 



IL 

Das Kind, wie die Gebrüder Margueritte es 

schildern. 

Von Dr. A. Maeder (Zürich). 

Das Kind wurde bekanntlich erst im 18. Jahrhundert „entdeckt". 
Sehr weit ist jetzt noch die Erforschung der Kinderpsyche nicht ge- 
kommen; in den Köpfen der Pädagogen und Psychologen spukt jetzt 
noch zu viel die Vorstellung, dass das Kind ein „Homunculus" sei, 
ein Erwachsener in kleinen Dimensionen. Die Psychoanalyse hat indirekt 
ein schönes, wenn noch wenig umfangreiches Material zur Bekämpfung 
dieser irrigen Anschauung geliefert. Man traut ihr aber nicht; Eltern 
und Pädagogen haben Mühe zuzugeben, dass die Kinder nicht nach 
ihrem frommen Wunsche gebaut und nicht aus lauter Tugenden zu- 
sammengesetzt sind. Die sogenannte Unverdorbenheit und Naivität des 
Kindes ist, wie gewöhnlich aufgefasst, ein Missverständnis. Man könnte 
mit dem gleichen "Rechte sagen, dass ein „Wilder" unverdorben sei. 
Der Ausdruck passt einmal nicht. — Auf der anderen Seite geht St ekel 
meiner Ansicht nach zu weit, wenn er vom Kinde sagt, es sei „universell- 
kriminell" angelegt. Es ist ein recht unglücklicher Ausdruck, für etwas 
Richtiges allerdings. Wir brauchen aber für den Begriff keinen neuen 
Ausdruck, da der bisher gebräuchliche Terminus „amoralisch" absolut 
zutreffend ist. Das Kind ist weder moralisch noch unmoralisch, sondern 
amoralisch; es steht im Anfang der ontogenetisch abgekürzten Wieder- 

Zentralblatt für Psychoanalyse. W. 23 



330 Dr. A. Maeder, 

holung der kulturellen Entwickeln ng. In diesem undifferenzierten Stadium 
gibt es noch keine Verbrechen und keine Kriminellen. Die Auffassung 
„das Kind sei universell-kriminell angelegt" ist als eine Projektion der 
Verhältnisse des Erwachsenen in die Psyche des Kindes aufzufassen. 

Meine Absicht ist nicht länger zu polemisieren, ich will viel lieber 
den grossen französischen Schriftstellern, den Gebrüdern „Margueritte" 
das Wort lassen, welche uns Interessantes über die Kinderseele zu er- 
zählen wissen. Vor über 15 Jahren haben sie zusammen ein kleines 
Buch „Poum" betitelt herausgegeben, welches die Schilderung des Seelen- 
zustandes eines kleinen Knaben bis zum Eintritt in das „Lycee" enthält. 
Ich habe Anhaltspunkte, um anzunehmen, dass es sich zum guten Teil 
um autobiographische Schilderungen handelt. — Interessant ist es, fest- 
zustellen, dass die Psychologie des Knaben Poum genau dieselbe ist, 
welche wir aus den schönen Analysen von Freud und Jung kennen, 
sie entspricht ganz und gar den Anschauungen, welche man über das 
Kind nach der Psychoanalyse der Neurotiker gewinnt. 

Ich zitiere aus dem schönen Buch einige charakteristische Stellen, 
kann aber nur den Lesern des Zentralbl. empfehlen, das Original selbst 
zu lesen. Zum Kapitel „Grausamkeit": Der Vater hat Poum gedroht, 
ihm das Halsband des Hundes anzulegen, wenn er mit den unpassenden 
Kopfbewegungen und Grimassen nicht aufhört; P. lässt es natürlich so- 
weit kommen; in Gegenwart des Kutschers, welcher verschmitzt lacht, 
wird P. mit dem Halsband versehen, worüber er wütend ist. Er irrt 
rasend im Garten herum und schafft seiner Wut einen Ausweg durch 
Phantasien grausamen Inhalts. Er wünscht, dass den Kutscher zur 
Strafe für sein Lachen seine eigenen Pferde auffressen möchten. Der Vater 
wird nicht besser behandelt; P. stellt sich vor, das Haus brenne, und der 
Vater werde darin lebendig verbrannt. Dann kommt die Korrektur : Nein, 
er wird nicht verbrannt, er hat aber eine furchtbare Angst. - P. war 
zu Ostern schön beschenkt worden ; beim Mittagessen wurde ihm ein drittes 
Stück Kuchen verweigert, da er schon zu viel gegessen hatte. Er fühlt 
sich sehr gekränkt, das Verweigerte erscheint ihm besonders wünschens- 
wert, er schmollt und phantasiert. Vater, Mutter, das Mädchen, der 
Hausdiener, alle kommen ihm wie persönliche Feinde vor, es sind böse, 
hinterlistige, grausame Peiniger, welche nur Lust daran finden, ein un- 
schuldiges Kind zu plagen. Er verdammt sie alle. Er träumt davon, 
sie zu vernichten und zu zerstäuben; der Boden könnte z. B. einstürzen, 
oder eine Überschwemmung sie alle zusammen wegraffen; ein Brand sie 
verzehren oder sie könnten an einem Hasenknochen ersticken. — Es 
geht übrigens nicht lange, bis P. sich an das feierlich gegebene Ver- 
sprechen erinnert, ihm am gleichen Abend von dem Fruchteis zu geben, 
er wird darüber selig und vergissl seine Rache. . . . P. ist in ein 
gleichaltriges kokettes Mädchen (ca. 5 Jahre) „verliebt". Bei einem Be- 
suche benimmt sie sich kühl zu P., aber sehr entgegenkommend einem 
etwas älteren Knaben gegenüber. Die Gebrüder M. schildern diese Eifer- 
suchtsszene glänzend; am Ende derselben stürzt sich der vernachlässigte 
P. mit furchtbarer Wut auf den Rivalen, kratzt und prügelt ihn derart, 
dass die Beiden auseinandergebracht werden müssen. — Die Autoren 
heben die von ihnen selbst genannte „unbewusste Grausamkeit" der 
kleinen Zette und ihre Koketterie hervor. Dies zum Thema der Grau- 
samkeit. Obiger Passus über die Verfolgung seitens der Umgebung, 



.*. 



Das Kind, wie die Gebrüder Margueritte es schildern. 331 

als der Kuchen ihm verweigert wird, ist eine hübsche Illustrierung der 
einen der zwei Entstehungsmöglichkeiten der Verfolgungsideen, welche 
ich im theoretischen Teil meiner psychologischen Untersuchungen an 
Dementia Praecox-Kranken x ) beschrieben habe. Die Frage der Eifer- 
sucht erfährt noch eine Behandlung, bei der Erzählung der Geburt 
eines Geschwisterchens. P. war seit einigen Monaten für die Ankunft 
einer kleinen Schwester vorbereitet worden. Der Gedanke war ihm an- 
genehm, denn er wünschte sich eine lenkbarere Spielgefährtin als die 
kleine Zette. Letztere behandelt ihn nämlich wie einen „Chevalier servant"; 
er hat ihr Spielzeug, ihre Vesper zu tragen, sie befiehlt in allem, er hat 
ihr Diener zu sein. Genug davon; wenn er eine kleine Schwester be- 
kommt, welche um mindestens einen Kopf kleiner sein muss wie er, 
wird er selbst der Herr sein. Dafür wird er sie gegen Hunde und sonstige 
bösen Tiere schützen. — Statt der gewünschten Schwester kommt aber 
ein Brüderchen, „ein anderer Poum", wie das Dienstmädchen ihm meldet. 
Grosse Aufregung und Zorn, „ich will ihn nicht, was will er hier?" 
Sein Gefühl zeigt er allerdings nur vor dem Dienstmädchen; vor den 
Eltern ist er still, schweigsam, wohl erzogen; er lässt sich von der 
Mutter küssen und vor das Bett des Ankömmlings führen. Schon der 
Anblick „seiner" Wiege, welche nieder besetzt ist, ärgert ihn; er sagt 
nichts, denkt aber um so mehr. Dieses rote hüssliche kleine Ding 
sollte ein zweiter Poum sein, niemals I Dass er die Aufmerksamkeit und 
Liebe seiner Eltern mit dem Kleinen zu teilen haben wird, ahnt er mit 
Schmerz. Die Konstatierung, wie unbedeutend der Rivale ist, beruhigt 
ihn etwas; er betrachtet dieses kleine Häufchen Fleisch mit Hochmut 
und etwas Mitleid. 

Die Einstellung des kleinen Helden zum Vater und zu seinen 
Surrogaten wird sehr treffend skizziert. P. hat eine grosse Achtung 
vor seinem Vater, welche des Charakters des Mystischen nicht entbehrt. 
Er bewundert ihn sehr in seiner Offiziersuniform und ist sehr stolz auf 
ihn. „Kommandiert er nur seinem Regiment oder verfügt er auch über 
den Regen und den Wind, befiehlt er allen Bewohnern der Stadt und 
Frankreich? Ist er vielleicht der Kaiser?" Alles unsichere Dinge. Vor 
ihm hat er jedenfalls eine grässliche Angst. Der Vater wird von einem 
Nimbus umgeben. 

Die Mutter ist schön und lieb, aber schwer nahbar; es ist eine 
grosse Begünstigung für P., wenn er sie vor einer Gesellschaft in Toilette 
sehen darf. Sein Gefühl wird der schönen Cousine (ca. 18 jähr. Mädchen) 
zugewendet, welche selbst gern als Mutter und Schutzengel fungiert. Die 
Übertragung auf die schöne „Mad" hat entschieden den Charakter einer 
Verliebtheit, wie übrigens die Übertragung auf Zette auch (siehe z. B. 
die Schilderung der Gefühle unseres Helden für den Fuss der Kleinen). 
Nach einer Rettungsszene, in welcher Poum die Cousine umarmt und sich 
dicht an sie anschmiegt, macht er ihr sogar den Vorschlag, sie, wenn 
er grösser ist, zu heiraten. 

Auf einen letzten Punkt möchte ich noch die Aufmerksamkeit der 
Leser lenken. Die Gebrüder Margueritte erkennen sehr richtig die enorme 
Bedeutung des Phantasielebens beim Kinde. Sie schildern diese eigen- 
artige Mischung von Wirklichkeitssinn und Phantasie, die entstellende 

i) Jahrbuch für Psychoanalyse. I. Bd. II. Hälfte, üeuticke, Wien. 



332 Gaston Rosenstein, 

Macht des Wunsches, die egozentrische Einengung etc. 1 ) an klareil 
Beispielen. 

Poum wird nicht als ein „besonderes Kind" dargestellt. Er zeigt 
sich so, wie die nicht Voreingenommenen unserer Zeit die Kinder sehen. 
Wieder einmal haben die Ärzte und Psychologen von Fach Gelegenheit 
zu konstatieren, dass die Künstler intuitiv viel tiefer in die mensch- 
liche Seele hineinblicken wie sie selbst, und den Menschen der Wissen- 
schaft wertvolle Anregungen geben können. 






III. 

„Prinzipien der Charakterologie 2 )." 

Von Gaston Rosenstein (Wien). 

Entwurf eines Systems der Charakterkunde unter Betonung be- 
stimmter prinzipieller, zum Teil ganz neuartiger Gesichtspunkte. Die ein- 
leitende Kritik des bisherigen Psychologiebetriebes erklärt die herrschende 
Psychologie für unfähig zur Lösung aller irgendwie belangreicher Mensch- 
heitsfragen, als „lebensdünne Ausgeburt der Durchschnittsverständigkeit, 
sobald man sie nimmt, als wofür sie sich gibt: eine Wissenschaft vom 
Innenleben" (S. 8). Sie ist eine Sonderform der Erkenntniskritik; ihr 
Gegenstand bildet nicht der Mensch, sondern der „rationale" Mensch 
und der Beweggrund ihres Forschens ist nicht das „psychologisch" poin- 
tierte Interesse am Leben, sondern das „logische" am Vermögen, des 
Denkens und Wollens. 

Die Psychologie, wie sie sich heute darstellt, als Analyse dor Be 
wusstseinsphänomene, wird niemals zum „Charakter", zur Totalität vor- 
dringen können. „Man muss das Ganze haben, ehe man es mit Erfolg 
unternimmt, die Teile zu erforschen. Man kann wohl jenes in diese 
zerlegen, nicht aber umgekehrt jemals aus diesen jenes zusammensetzen, 
es sei denn, dass man aus ihm für den Gang der Zusammensetzung die 
leitende Vorstellung schon gewonnen hat. Alle grossen Entdecker emp- 
fingen den schöpferischen Antrieb aus der Totalität des Geschehens" 
(S. 13). Angesichts der Ratlosigkeit vor dem Unbewussten und bei dem 
völligen Versagen der bisherigen Psychologie vor dem Problem der Indi- 
vidualität oder vor der Mannigfaltigkeit von Zeiten, Völker und Kultur- 
schichten soll eine neue Behandlung des Stoffes angebahnt werden, die 
ihre Aufgabe im Verstehen der ganzen Formenfülle des psychischen 
Lebens sucht und dabei die bleibenden psychischen Dispositionen er- 
forscht und boschreibt. 

Die Seele als Substrat gewisser Vorgänge des Innenlebens ist der 



! ) Poum hat entschieden eine Ader für das tragische Empfinden; er unter 
zieht sich den Plagereien und dem Terroiisrnua des Veters gern; das Schauern vor 
dem Ungetüm der Apokalypse, an welches er doch nicht glaubt, ist von einem ent- 
schiedenen Lustgefühl begleitet, er erlebt gern etwas schreckliches, wie die Zuschauer 
des volkstümlichen Melodramas. 

2) Von Dr. Ludwig Klages, Joh. Ambros Barth, Leipzig 1910. Verfasser 
der .Probleme der Graphologie", ref. im Zentralbl. f. Psych. Anal. Bd. I. H. 10/11. 



„Ptinzipicn der Charakterologie." 333 

Zelle vergleichbar. Die heutige Bewusstseinspsychologie entspricht der 
Erläuterung chemischer Prozesse an den Lebensvorgängen und sieht somit 
ganz ab von der speziellen Eigenart des zu Beschreibenden. Der Erfolg 
dieser neuen Bemühungen soll ein von moralischen Orientierungen freies 
System sämtlicher psychischer Dispositionen sein, das sich fähig er- 
weisen soll zur Erfassung der Geistigkeit fremdester Völker und hetero- 
genster Geschichtsepochen. Ausserdem sollen die Wege gebahnt werden 
zum Verständnisse der Gesetze, nach welchen gewisse Eigenschaften zu- 
sammengehören, andere nicht (z. B. die nahe Beziehung von sanguinischem 
Temperament und Euphorie, die Dissonanz von psychologischer und 
mathematischer Begabung usw.). 

Man erkeimt aus dieser Einleitung die interessante Fragestellung 
und das präzise Ziel, das der Verfasser für die neue Disziplin feststellt. 
Das vorliegende Werk gibt einstweilen nur einen Grundrissentwurf und 
bezweckt somit keineswegs die Lösung alles dessen, was oben als Gegen- 
stand der Forschung postuliert wurde. 

Charakter wird im allgemeinsten Sinne von Persönlichkeit begriffen. 
„Persönlichkeit ist das zum Konkretum Person gehörige Abstraktum und 
hat insoferne das Merkmal der Einheit" (S. 1.9). Persönlichkeit ist 
psychische Einheit. Ohne der eventuellen Kritik vorzugreifen, konstatieren 
wir also erstlich die ausgesprochene Zugehörigkeit des Verfassers zu 
einer „synthetischen" Psychologie und somit die ausdrückliche Gegen- 
sätzlichkeit au jenen Auffassungen, die von den englischen Empirikern 
ausgehend, also von Locke bis Mach, eine Ich-Einheit negieren. 

Die Untersuchung des Charakters ergibt eine Teilung in drei Zonen 
mit von Grund aus verschiedenen Gesetzlichkeiten. Zunächst die An- 
lage zur Aufnahme, zur Bewahrung und zur Assimilierung psychischer 
Inhalte. (Materie des Charakters.) Ferner die Summe aller Triebfedern 
oder Gefühlsanlagen, die die Rangordnung der Motive des Handelns und 
des Strebens abgeben (Qualität des Charakters) ; endlich jene Dispositionen, 
welche die verschiedenen Verlaufsformen der Innenvorgänge be- 
dingen — bei gleichen Triebfedern und Zielvorstellungen. (Struktur des 
Charakters.) Zur Illustrierung diene folgendes: zur Materie des Charakters 
gehören Talente, Begabungen, kurzum Fähigkeiten. Der Qualität ent- 
sprechen die S t r e b u n g e n , das Interesse. Bei ausgezeichnetem 
Gedächtnis kann der Antrieb fehlen, es zu benützen; es kann um- 
gekehrt erhebliches Interesse mit mangelnder Anlage zu dessen Betätigung 
verbunden sein. (Redensart von den „guten Leuten" und „schlechten 
Musikanten".) Zum Vergleich der Anlagen sind gleiche Übungs- 
prämissen erforderlich. Die Struktur berührt sich zum grossen Teile 
mit der gebräuchlichen Wendung Temperament. Der gleiche psychische 
Vorgang kann rasch oder langsam, fliessend oder intermittierend verlaufen. 
Man versteht z. B. mit dem sprachlichen Ausdrucke temperamentvoll 
oder -los bekanntlich weder die vorhandenen Vorstellungen noch die 
Strebungsrichtungen, die in beiden Fällen die gleichen sein können, 
sondern die Heftigkeit und Ablaufsgeschwindigkeit der psychischen Prozesse. 

Die Unterteilungen ergeben scharfsinnige Definitionen. Dem Be- 
griff der Materie wird subordiniert : die differenzielle Fähigkeit zur Auf- 
nahme von Vorstellungen und die differenzielle Disposition zur Auf- 
fassung und Verarbeitung der Vorstellungsinhalte (Vorstellungs- 



334 4»*Um JEUmd*4*m, 

kapazität und AuffaMunfidiipoiition). Die Vorstellungskapazität weist zu- 
nächst quantitative Unterschiede auf. Jeder Vorstellungsinhalt enthält 
als Grundbestandteil Reproduktionen früherer Wahrnehmungen, ist somit 
mit dem „Timbre" d«s Unbewuiiten behaftet, aus dem er herauftauchte. 
Jeder neue Inhalt ist daher bei grossem Fassungsvermögen Teil eines 
reichen und dichten Gewebes, bei geringem Fassungsvermögen nur 
Teil eines dürftigen Gewebes. „Es gehört zur eigentümlichen Atmosphäre 
mancher Menschen, dass sie mit jedem Wort, von ihnen gesprochen, ja 
schon mit ihrer stummen Gegenwart aus der Fülle schöpfen, während 
andere, auch wo sie zu breiter Darlegung ausholen, nur einen kümmer- 
lichen Hausrat mühsam ins Licht zu rücken scheinen." Der Autor nennt 
diesen Unterschied den des Vollen und Leeren. Ein weiteres Einteilungs- 
prinzip hinsichtlich der Vorstellungskapazität ist der Deutlichkeitsgrad. 
Es gibt Geister, denen jede Erinnerung in beinahe sinnlicher Frische 
auftaucht und andere, die für keine mehr als ein blosses Schattenbild 
aufbringen. Meistens ist die sinnliche Mangelhaftigkeit ersetzt durch 
bessere Fähigkeiten zum abstrakten Denken. Wir haben den sensuellen 
und spirituellen Menschen. Weiter wird unterschieden der Grad der 
Mobilität: — rascher Vorstelhmgsablauf, bzw. Haften am Vorstellungs- 
inhalt (in den pathologischen Extremen: Ideenflucht und Verbohrtheit). 
Der vierte Einteilungsgrund beruft sich auf die Verschiedenheit in der 
Qualität des Unbewussten, in der grösseren oder geringeren „Rcsonanz- 
fähigkeit des Bewusstseinshintergrundes", es wird der nach ..aussen ge- 
kehrte" Geist mit dem „flacheren" Bewusstseinshintergruml gegenüber- 
gestellt dem nach „innen gekehrten" Geist mit dem Merkmal riVi' Tiefe. 
„Man verfügt z. B. als ein grosser Gelehrter über den reiehslrn Vor- 
stellungsschatz und kann doch zugleich beanlagt sein, den neuen Inhalt 
mit jener nackten Bestimmtheit und schleierlosen Deutlichkeit ins Be- 
wusstsein aufzunehmen, die in der Nähe eines webenden und quellenden 
Unbewusstseins nicht existenzfähig wäre." Die Tiefe des Unbewusstseins 
führt im Extrem zur Anpassungsunfähigkeit; die vorwaltende Extensität 
kennzeichnet in der gesunden Mittellage den praktisch anstelligen und 
„frischen" Kopf 1 ). 

Diese Unterscheidungen bezogen sich auf die Aufnahmefähigkeit; 
daneben wird wie oben erwähnt die Anlage zur apperzeptiven 
Verarbeitung behandelt. Gegensätzliche Typen sind hier vornehmlich 
gekennzeichnet durch das Vorwalten des assoziativen Geschehens auf 
der einen und der apperzeptiven Tätigkeit auf der andern Seite. (Geistige 
Passivität und Aktivität.) „Die geistige Aktivität wird von den uns be- 
kannten Modalitäten der Logik, seine Passivität von den uns so gut 
wie unbekannten der Assoziation beherrscht" (S. 48). Von den dazu 
gehörigen Eigenschaften finden wir korrespondierend : Phantasie, Intuition. 
Dialektik. Kombinationsgabe. Auch die Gegensätze des konkreten und 
abstrakten Kopfes gehören hierher, Hand in Hand gehend mit dem Unter- 
schiede der Vorstellungskapazität für sinnliche Deutlichkeit. „Konkrete 



i) Eine ganz überraschende Analogie dieser Unterscheidungen (sowohl der 
Beweglichkeit der Vorstellungen als der Qualitäten der Flachheit und Tiefe) mit den 
in der Psychiatrie wirklich ganz vereinzelt dastehenden, bedeutsamen charaktero- 
logischen Untersuchungen von Otto Gross bestätigt, die Richtigkeit des Ge- 
schehenen. Siehe Otto Gross: .Die Sekundarfunktion", „Über psychopathische 
Minderwertigkeiten". 



„Priozipien der Charakterologie.* 335 

Köpfe können ein gutes Gedächtnis für Namen, Zahlen, Anekdoten usw. 
haben und erweisen sich oft als ebenso geschickt in der Beurteilung des 
einzelnen Falles wie unfähig zur Formulierung der sie leitenden Prin- 
zipien, wohingegen ausgesprochen abstrakte bei grossem Reichtum an 
Allgemeingedanken nicht selten versagen, sowohl im Behalten von „Tat- 
sachen" als auch in der Anwendung eines Grundsatzes auf den einzelnen 
Fall." Die Vorbedingungen für bildende Kunst, Geschichte einerseits, Mathe- 
matik, Philosophie andererseits sind darin enthalten. 

Alle diese kurz skizzierten Gegensätzlichkeiten (die man sich natür- 
lich in kontinuierlichen Skalen und untereinander kombiniert vorstellen 
muss) bezogen sich auf das Material der Psyche, das Vorstellungs- 
leben. Die obenerwähnte zweite Zone des Charakters, seine Struktur, 
führt zur Lehre vom Temperament, als deren einen wichtigen Faktor. 
Hier beurteilen wir den Ablaufsmodus der inneren Tätigkeit, den Vor- 
gang des Strebens, nicht aber dessen Motive und ohne Rücksicht auf 
die Summe der verfügbaren psychischen Kraft. Vielmehr ist die persön- 
liche Reagibilität gemeint, die auf dem individuell konstanten Ver- 
hältnisse von Grösse der Triebkraft zur Grösse des Widerstandes, 
nicht aber auf der Grösse beider Faktoren beruht. Die Voraussetzung ist 
somit, dass das Verhältnis variabel für verschiedene Menschen, 
aber für jedes einzelne Individuum konstant sei. Oder genauer ausgedrückt : 
dass das Verhältnis ein charakteristisches Maximum und Minimum nicht 

überschreite. 

Die verschiedenen Charakterunterschiede ergeben somit doppelte 
Reihen. Grosse Reaktionsleichtigkeit aus Stärke der Triebkraft oder aus 
Schwäche des Widerstandes, umgekehrt Schwerreagibilität aus Stärke des 
Widerstandes oder Schwäche der Triebkraft. Aus diesen Skalen werden 
z B. begreiflich: die Sanguiniker mit kräftigstem Zielbewusstscin und 
andere, die launisch und verführbar sind; ferner Phlegmatiker mit wirk- 
licher 'Trägheit und Interesselosigkeit und andere, die i/\var schwor 
reagieren, aber mit Wucht, wenn sie erst einmal Feuer fingen. Die 
überlieferten Bezeichnungen des cholerischen und melancholischen Tem- 
peraments entsprechen hingegen Kombinationen der Anlagen zu 
einer gewissen Ablaufs weise mit Gefühlsdispositionen, dm Kombi- 
nationen werden übrigens unter Zuziehung der weiteren Gegensätzlich- 
keiten von Stimmung und Affekt äusserst mannigfaltig und vielfach ge- 

Es gelangt nun das Gebiet der Triebfedern, der Gefühlsanlagen 
selbst zur Besprechung. Von teilweise schon bekannten psychologischen 
Tatsachen ausgehend, betritt der Verfasser hier plötzlich metaphysisches 
Terrain, von wo aus allerdings ganz neue Gesichtspunkte gewonnen werden, 
die vom Metaphysischen abgelöst, sehr brauchbaren, am empirisch Ge- 
gebenen verifizierbaren Erkenntnissen die Richtung geben. 

Das Streben kann ein fühlendes oder wollendes Streben sein. Erst 
dann, wenn Gefühle zu ausschlaggebenden Motiven unseres Handelns 
werden, verwandelt sich ein Wunsch in ein Wollen. Es ist nämlich 
nicht jedes Ziel auch bezweckbar. Man hofft wohl auf gutes Wetter, 
aber man beabsichtigt es nicht. Der Wille sieht das Ziel auf dem 
Umwege über das Mittel zu dessen Verwirklichung und ist daher an den 
Zusammenhang der Erfahrungswelt gebunden. Der Wunsch kann 
erst zum Wollen werden durch die Apperzeption der Erfahrungsnieder- 



336 Gaston Rosenstein, 

schlage, um die das Gefühl ganz unbekümmert war. Die Erfahrung 
kommt aber selbst erst durch den Akt der Apperzeption zustande, durch 
die Fähigkeit des Fixierens, also des Heraushebens bestimmter Wahr- 
iiehmungs- und Vorstellungselemente aus einer ungeordneten Anzahl dis- 
parater Inhalte, Ohne weiter diese in der Literatur schon festgelegten 
erkenntnis-psychologischen Tatbestände zu verfolgen, sei nur darauf ver- 
wiesen, dass der Autor auch auf dem Gebiete des Strebens die gleichen 
Prozesse feststellen will. Der Wille hebt aus dem Bereiche des Wünsch- 
bareu das Bezweckbare hervor, er bindet, reguliert das Streben, 
schränkt somit seinen Spielraum ein. Der Wille ist limitiertes Streben und 
wird als „universelle Hemmtriebfeder" gedacht. 

Der Wille hat somit zwei Merkmale: Erstlich den Charakter des 
Bindens und Fixierens bestimmter Inhalte und Ziele, zweitens das auch 
sonst einleuchtende des Sichbemühens. Im Gegensatze dazu ist das fühlende 
Streben passiv und masslos. Eine Anzahl sprachlicher Formen wird 
zur Illustrierung herangezogen. Es ist vom Überschwang der Gefühle 
die Rede, hingegen von Anspannung des Willens. Man spricht, dass 
man sich gehen lasse, wenn man seinen Gefühlen folgt, hingegen von 
festem Willen und diesem innewohnender „Beherrschung". Erheblich für 
die prinzipielle Auffassung des Autors sind vornehmlich die Merkmale des 
Aktiven und Passiven. „Wir haben den Willen und werden gehabt vom 
Gefühl Die Begierde zwingt, die Bewunderung ergreift, die Wut packt. 
Der Affekt — ein unbekanntes „Es" und „Ausser" mir — bewegt mich, 
der ich meinerseits wieder Beweger meines Willens bin. Er kann dem 
Gefühl, sei es folgen, sei es widerstreben, nicht aber agierend hervor- 
rufen, was vielmehr unter Verzicht auf Aktivität ein Geschehenlassen 
und Erleiden wäre." (S. 70.) 

Die weiteren Argumentationen verlassen vorübergehend das 
empirisch-psychologische Terrain und geraten auf erkenntnistheoretisches 
und ontologisches Gebiet. Wir übergehen die Versuche einer Beweis- 
führung, die ohnehin sehr kärglich ausfallen und sich vornehmlich auf 
die uns unmittelbar gewisse Identität des Ich stützen. — Der Wille 
resultiert dann aus diesen Betrachtungen als ein Vermögen des Ich; 
das Streben des Ich ist das Streben nach Perpetuierung des Daseins, 
also „Trieb nach Erhaltung des Ich-Seins". Dazu muss zweierlei be- 
griffen werden. Erstens: Es wird ein „personelles Ich" vom „generellen 
Ich" unterschieden, erstes als mit der Zeitlichkeit behaftete Erscheinungs- 
form des letzten aufgefasst; der Trieb nach Erhaltung des Ich-Seins ist 
somit nicht bloss „Selbsterhaltungstrieb", sondern zielt auch auf das 
generelle Ich, auf alle Personen schlechthin (rationale Ethik, Pflicht, 
kategorischer Imperativ). Zweitens: der „Trieb nach Erhaltung des Ich- 
Seins" ist nur der eine Pol im psychischen Leben, der andere Pol 
erscheint in der Wirksamkeit einer zweiten „psychischen Substanz" : 
„Drang nach Hingebung des Daseins." Diese zuerst sehr befremdende 
Form einer Bipolarität der Persönlichkeit versucht der Verfasser durch 
gewisse Erfahrungen und durch Vorführung des Beispiels aus der Antike 
dem Verständnisse näherzubringen. Man werde z. B. durch den An- 
blick eines geeigneten Gegenstandes (z. B. die untergehende Sonne, 
die Gestalt der Geliebten) gefesselt. „Da mag es vorkommen, dass der 
Betrachter im Betrachteten versinkt." (Das Gefühl soll, nach dem 
Autor, wenigstens im Ansätze von jedem erfahren werden können.) „Es 



„Prinzipien der Charakterologie/ 337 

erlischt dann vor der Allgewalt des Bildes das Ich-Gefühl Ein 

vollkommen „Schauender" weiss von keinem Dasein mehr, hat sich ver- 
gessen und ist dennoch — weit entfernt von Bewusstlosigkeit — in einem 
Zustande des Erglühens, mit welchem verglichen der erhabenste Denk- 
inhalt verblasst." (S. 72.) Diesen Rausch hat mit voller Stärke nur 
die Antike erlebt. — Tiefe Erregung der Sinne bereitet die Ekstase 
— buchstäblich das „Aussersichsein" — vor. (Man ist z. B. in dem An- 
blicke des Meeres „aufgegangen".) 

Die Theorie postuliert nun für jedes Gefühl den ihm inne- 
wohnenden Selbsthingebungstrieb. Auch hier wird das Widerstrebende 
dieser Fassung vom Autor nicht verkannt. Hass, Habsucht erscheinen 
nämlich durchaus als egoistische Leidenschaften und sind es auch. Nur 
sieht der Verfasser in jedem Fühlen zwei entgegenstrebende Tendenzen, 
die eine zielt zum Ich und damit zum Willen und zur Handlung, die 
andere Richtung strebt vom Ich fort zum „Aussersich", d. h. zur Auf- 
hebung der Person. Die Sprache bezeichnet entsprechende Gefühlsintensi- 
täten mit „Sucht": Habsucht, Herrschsucht, Rachsucht und bringt damit 
das jeder Leidenschaft Eigentümliche zum Ausdruck: die Person zu 
gefährden. Am augenscheinlichsten wird der en tselbs te n de- 
Charakter, der Hingebungstrieb, in der Liebe. Der genannten Bi- 
polarität ist es aber zuzuschreiben, dass auch „die Hochgefühle der 
Liebe und Inbrunst einen Unterton tiefen Wehes niemals vermissen lassen". 

Die Bipolarität des psychischen Geschehens auf ihrer Grundlage 
einmal festlegend, geht der Autor über zur Ausarbeitung eines Systems 
möglicher Triebfedern und entsprechender Charaktermerkmale. Das Prinzip 
der Bipolarität bedingt meistens schon an sich die schismatische Dualität 
der Persönlichkeit. Nur wenn statt des Gegeneinander beider „Substanzen" 
ein Miteinander wird, ergibt die Totalität den harmonischen, ebenmässigen 

Charakter. . . 

Je nach dem Vorwalten des einen oder anderen Pnnzipes tritt der 
Selbsterhaltungs- oder der Selbsthingebungstrieb mehr in Erscheinung. 
Beim ersten wird abgegrenzt der S elbs ter weiter ungs trieb (die 
aktivere Form des Eigennutzes, der Herrschsucht und des Ehrgeizes), 
von dem Selbstbewahrungstrieb (die passivere Erscheinung der 
Vorsicht und Wachsamkeit) und von den reaktiven Formen, d. h. dem 
bloss auf äusseren Anreiz hin in Wirksamkeit tretenden Selbst wieder- 
herstellungstriebe. (Vergeltungsbedürfnis, Grausamkeit, Neid, Heim- 

tückö. ) 

Der Gegenpol äussert in der aktiveren Form die Begierde, in der 
passiveren Gestall Liebefähigkeit, Inbrunst, Aufopferungsfähigkeit, in der 
reaktiven Form endlich Mitgefühl und Teilnahmefähigkeit. 

Verdeutlicht man sich entsprechend der bipolaren Formel statt der 
Stärke des Triebes die Schwäche der gegenpolaren Hemmung, so ergeben 
sich Charaktere mit Mangel an Hingebungstrieb und solche mit Mangel 
an Selbsterhaltungstrieb; hierzu gehörig: Uneigennützigkeit, Selbstlosigkeit, 
Sorglosigkeit, Härte, Erbarmungslosigkeit, Hinreissungsunfähigkeit. 

Das Lebensgefühl der „Ich"-Charaktere schwankt zwischen „Erfolg" 
und „Misserfolg", das der „Gefühlscharaktere" zwischen Freude und 

Trauer. 

Ich habe den Inhalt in den wesentlichen Zügen darum etwas 
breiter ausgeführt, weil ich glaube, dass entgegen den meisten anderen 



338 Gaston Rosenstein, 

fach-psychologischen Erscheinungen hier vieles auch für psychoanalytische 
Gedankengänge Brauchbares vorliegt und zwar sowohl im positiven, wie 
im negativen Sinne. Dessenungeachtet möchte ich aber zuerst in einigen 
Worten den Vorwürfen begegnen, die der Autor dem herrschenden Psycho- 
logiebetriebe macht. Die Unbekanntschaft mit „niedrigen" Trieben und 
Leidenschaften stimmt wohl, der Vorwurf aber, die Psychologie sei eine 
Sonderform der Erkenntniskritik, ist ganz unberechtigt, sobald man sich 
nur einmal entschliesst, unter Psychologie nicht bloss die deutsche Psycho- 
logie zu verstehen; schon Lipps kann in den Vorwurf nicht miteinbezogen 
werden und unter den nicht-deutschen Psychologen ist z. B. Pikler's 
Lehre 1 ) nichts weniger als „rational". Höffding's Lehrbuch, das z. B. 
von den Affekten und dem Unbewussten schon in ganz anderer Art 
Kenntnis nimmt als z. B. Wandt, ist vom Rationalismus ebensoweit 
entfernt als die Franzosen Jan et und die Theoretiker und Praktiker des 
Hypnotismus, Bernheim, Liebaul t. Nur wenn die ganz spezielle 
Konzeption des Gefühls als einer dem Willen polaren Erscheinung 
gemeint ist, hätten jene Einwände gegen die herrschende Wissenschaft 
einen Sinn, aber das kann der Autor nicht gemeint haben, da er doch 
nicht erwarten kann, eine von ihm erst gefasste Konzeption schon vor- 
zufinden. — Die Beschäftigung mit der Psychoanalyse hätte übrigens 
den Autor die sonst mit Recht vermisste Bekanntschaft mit „niederen 
Trieben" in grosser Breite vorfinden lassen. 

Die scharfe Beobachtung und Begriffsfassung in der Klarlegung 
von Persons- und Merkmalsverschiedenheiten zeichnet das Buch vernehm- 
lich aus und befähigt es in vielen Punkten, wirklich Grundlage einer 
Charakterologie zu werden. Auffallend ist der Mangel jeglichen biologischen 
Hinweises. Für den Autor selbst bedeutet es wohl keine Unterlassung, 
sein Bekenntnis liegt klar vor uns: „Die entwickelungsgeschichtliche Rich- 
tung ist weder die einzig mögliehe, noch wird sie alle geistigen Phänomene 
jemals zu erklären hinreichen. Wir müssen uns mit dem Gedanken be- 
freunden, dass bei gewissen Stufen einer genetischen Reihe neue Kräfte 
einschiessen .... wir dürfen nicht jener petitio prineipii verfallen, die 
für alles Menschliche nur eine Notwendigkeit gelten lässt." (S. 33.) 
Das klingt ähnlich dem „Einströmen der Gnade" bei Weininger. Ich 
finde nur, dass die immerhin zugegebene eine Notwendigkeit über Ge- 
bühr vernachlässigt ist. Wenn dafür, auch ohne den leisesten Versuch 
einer biologischen Rechtfertigung, Wendungen auftreten wie: Brechung 
des Ichs zugunsten der Kraftüberlassung an einen ausserpersönlichen 
Weltinhalt (S. 74) oder (für den harmonischen Charakter): im niemals 
zu schlichtenden Zwist der Urpotenzen die Pause einea Waffenstillstandes 
(S. 83), bei denen an die schlimmsten Zeiten S c h e 1 1 i n g'scher Natur- 
philosophie erinnert wird, so wird wohl der Verfasser an diesen Stellen 
bei den Psychologen beider Fakultäten wenig Entgegenkommen finden. 
Ob daran die „ärmliche Nüchternheit" unserer Zeiten oder nicht doch 
die bessere naturwissenschaftliche Orientiertheit die Ursache ist, soll un- 
entschieden bleiben. Immerhin: Unsere Unbekanntschaft mit dem Wesen 
komplizierter Leistungen und Gefühle, die nicht wegzuleugnende Erfahrung 
der Ich-Identität, der keine empirische Psychologie bisher ganz beikommen 



i) Siehe vom Referenten: Pik ler 's Dynamische Psychologie und ihre Be- 
ziehungen zur Psychoanalyse. Zentral!)), f. Psych. Anal. Bd. I, Heft 7/8. 



.#v 



.Prinzipien der Charakterologie.* 339 

konnte, die bisherige Unlösbarkeit des psycho-physischen Problems sind 
alles Gegenmotive, einer andersartigen Behandlung des Stoffes nicht 
a priori mit metaphysischer Abneigung zu begegnen. Zudem kommt etwas, 
das uns gleichzeitig in das engere Gebiet der Psychoanalyse führt. Ich 
meine nämlich das Problem der psychischen Liebe, das so ganz von 
Psychologie und Psychoanalyse bis zum heutigen Tage ungelöst geblieben 
ist. Nicht der Geschlechtstrieb schlechthin ist damit gemeint, sondern 
jene psychischen Symptome, die der Verfasser nicht unrichtig Selbst- 
hingebung nennt und die sich mit dem Freud'schen Ausdruck „Zu- 
wendung von Zärtlichkeit'- teilweise deckt. Versteht doch Freud unter 
Libido nicht bloss Sexualität schlechthin, sondern auch das im gemeinen 
Sprachgebrauche „Liebe" genannte. Darüber müsste einmal in breiter 
Ausführlichkeit gesprochen werden, die Psychoanalyse ist uns bisher vieles 

schuldig geblieben. 

Die Übereinstimmung der vom Verfasser postulierten psychischen 
Bipolarität mit jenem psychischen Konflikt, der bei Freud sozusagen 
den Typus des Konfliktes ausmacht, dem Kampf zwischen Libido und 
Ich-Trieb, liegt auf der Hand und vornehmlich darum habe ich versucht, 
das Wesen jener prinzipiellen Anschauung etwas deutlicher zu machen. 
Dass Freud hier intuitiv für den Selbsterhaltungstrieb gerade Ich-Trieb 
setzte nnd diesem in scharfer Gegensätzlichkeit alle Formen der Libido 
gegenüberstellte, ist eine weitere Analogie und vielleicht kern Zufall. 
Da wir gerade bei den grundlegenden Fragen im Dunkeln sind, mögen 
Analogien nicht ohne Wert sein. — Die Übersetzung jenes Freud'schen 
psychischen Konfliktes in den zwischen Arterhaltungs- und Selbsterhal- 
tungstrieb wäre biologisch am gangbarsten und erscheint mir am plau- 
sibelsten, weil damit auch die Neurose als die Resultante zweier bio- 
logischer Zweckmässigkeiten verstanden werden könnte. Dem steht aber 
anderseits die rätselhafte Natur der Hingebungsfähigkeit in der Liebe 
entgegen; Freud selbst hat es bekanntlich stets abgelehnt, Libido mit 
Fortpflanzungstrieb zu identifizieren. Dass nun gewisse Charaktere das 
Überwiegen des einen, andere das des entgegengesetzten Faktors zeigen, 
unterliegt keinem Zweifel und dass es gerade die „Hingebung" ist, die 
am meisten vom Ich bekämpft wird, haben die Psychoanalysen gezeigt 
und Adler 1 ) hat daraus eine Formel abgeleitet. Freud war der erste, 
der auch in der Begeisterung und in manchen anderen Gefühlen den 
Liebesgrundton entdeckte, auch für den Autor ist Begeisterung: Liebe 

zur Sache. 

Von wahrer Tiefe der Menschenbeobachtung zeigt die oben erwaiintc 
Unterscheidung im Ton des Lebensgefühles (Erfolg — Misserfolg, Freude 
— Trauer). Im ersten Gegensatzpaar wird man den von Adler 
beschriebenen Tvpus wiedererkennen. Die tiefgehendste Analogie ist 
folgende: Der Mangel an Hingebung führt nach dem Autor zum Über- 
legenheitswillen. Die „kritische Ader" ist ressentiment aus Mangel an 
Liebe. Wir erinnern uns hier sofort an die Psychologie der Dementia 
praecox, die dem Mangel an Libido die Hypertrophie des Ichs, den 
Grössenwahn parallel laufen lässt. — Kurzum: Man kann auch der 
metaphysischen Betrachtung heuristischen Wert beimessen und das vor- 
liegende Werk darf keineswegs übersehen werden. 

') Adler: »Über psychischen Hermaphroditiamus" in »Fortschritte der Me- 
dizin«, Nr. 16, 1910. 



340 Alfred Robitaek, 

Die Bekanntschaft mit den psychoanalytischen Ergebnissen wird für 
den Autor unerlässlich werden; ohne den notwendigen Begriff der Ver- 
drängung wird eine Fortführung der Gedankengänge von den sich, be- 
kämpfenden Trieben nicht mehr durchführbar sein. Das führt uns natür- 
lich auf die weitere Frage der charakterologischen Disposition; denn 
die Psychoanalyse hat sich bemüht; im Charakter viel eher das Ge- 
wordene zu sehen (durch Verdrängung, Beaktionsbildung, Sublimierung 
[Freud], Minderwertigkeitsgefühle und deren Kompensation [Adler]), 
als das dispositionell Invariable. 

Ich glaube, es können beide Richtungen einander befruchten. Wenn 
die Psyche der Zelle gleicht, so hätte die Psychoanalyse unter anderem 
die Aufgabe — um das Gleichnis fortzusetzen — die Entstehung der 
Zelle zu studieren. Aber sie wird dabei die Dispositionen selbst nicht 
ganz aus den Augen verlieren dürfen. Es wird ein irreduzibler Rest 
bleiben, der übrigens bei der Materie des Charakters, den Fähig- 
keiten ganz unverkennbar ist und mit der Beschreibung der sexuellen 
Konstitution nicht erschöpft wird. Vielleicht wird sich dann auch das, was 
der Autor die Struktur nennt, insbesondere jenes Verhältnis von Trieb- 
kraft und Hemmung als eine individuell bestimmte Grösse herausstellen. 
Es wird vielleicht, unbeschadet der Richtigkeit aller analytischen Er- 
fahrungen, erst bei einem gewissen Verhältnisse die Neurose resultieren, 
bei einem anderen individuellen Werte z. B. die Psychopathie. Die Dis- 
position zur Zwangsneurose wird wahrscheinlich jenem Typus zukommen, 
dessen Vorstellungsablauf oben als erschwert bezeichnet wurde (Vor- 
walten des Haftens am Vorstellungsinhalte); kurz, die Forschung »wird 
sich mit der Genese des Charakters beschäftigen, aber den irrediuiblcn, 
angeborenen Kern nicht übersehen. 

Auch die. Therapie kann aus dieser Sachlage Nutzen ziehen, indem 
sie die Lösungen der Konflikte dem unkorrigierbaren Teil des Charakters 
anpassen wird. 



IV. 

Zur Frage der Symbolik in den Träumen Gesunder. 

Von Dr. Alfred Robitsek (Wien). 

Ein von den Gegnern der Psychoanalyse häufig — zuletzt auch 
von Havelock Ellis 1 ) — vorgebrachter Einwand lautet, dass die 
Traumsymbolik vielleicht ein Produkt der neurotischen Psyche sei, aber 
keineswegs für die normale Gültigkeit habe. Während nun die psycho- 
analytische Forschung zwischen normalem und neurotischem Seelenleben 
überhaupt keine prinzipiellen, sondern nur quantitative Unterschiede kennt, 
zeigt die Analyse der Träume, in denen ja bei Gesunden und Kranken 
in gleicher Weise die verdrängten Komplexe wirksam sind, die volle 
Identität der Mechanismen, wie der Symbolik. Ja die unbefangenen Träume 
Gesunder enthalten oft eine viel einfachere, durchsichtigere und mehr 
charakteristische Symbolik als die neurotischer Personen, in denen sie in- 
folge der stärker wirkenden Zensur und der hieraus resultierenden weiter- 

i) „The World of Dreama", London 1911. S. 168. 



Zur Frage der Symbolik in den Träumen Gesunder. 341 

gehenden Traumentstellung häufig gequält, dunkel und schwer zu deuten 
ist. Der in Folgendem mitgeteilte Traum diene zur Illustrierung dieser 
Tatsache. Er stammt von einem nicht neurotischen Mädchen von eher 
prüdem und zurückhaltendem Wesen; im Laufe des Gespräches erfahre 
ich, dass sie verlobt ist, dass sich aber der Heirat Hindernisse ent- 
gegenstellen, die sie zu verzögern geeignet sind. Sie erzählt mir spontan 

folgenden Traum: 

„I arrange the centre of a table with flowers for a 
b i r t h da y." (Ich richte die Mitte eines Tisches mit Blumen für einen Ge- 
burtstag her.) Auf Fragen gibt sie an, sie sei im Traume wie in ihrem 
Heim gewesen (das sie zurzeit nicht besitzt) und habe ein Glücks- 
g e f ü h 1 empfunden. 

Die „populäre" Symbolik ermöglicht mir, den Traum für mich zu 
übersetzen. Er ist der Ausdruck ihrer bräutlichen Wünsche: der Tisch 
mit dem Blumenmittelstück ist symbolisch für sie selbst und das Genitale ; 
sie stellt ihre Zukunftswünsche erfüllt dar, indem sie sich bereits mit 
dem Gedanken an die Geburt eines Kindes beschäftigt; die Hochzeit 
liegt also längst hinter ihr. 

Ich mache sie darauf aufmerksam, dass „the centre of a table*' 
ein ungewöhnlicher Ausdruck sei, was sie zugibt, kann hier aber natür- 
lich nicht direkt Veiter fragen. Ich vermied es sorgfältig, ihr die Be- 
deutung der Symbole zu suggerieren und fragte sie nur, was ihr zu 
den einzelnen Teilen des Traumes in den Sinn komme. Ihre Zurück- 
haltung wich im Verlaufe der Analyse einem deutlichen Interesse lan 
der Deutung und einer Offenheit, die der Ernst des Gespräches er- 
möglichte. — Auf meine Frage, was für Blumen es gewesen seien, 
antwortete sie zunächst: „expensive flowers; one has to pay 
for them" (teuere Blumen, für die man zahlen muss), dann, es seien 
„Uli es of the valley, violets and pinks or carnations" 
gewesen (Maiglöckchen, wörtlich Lilien vom Tale, Veilchen und Nelken). 
Ich nahm an, dass das Wort Lilie in diesem Traume in seiner popu- 
lären Bedeutung als Keuschheitssymbol erscheine; sie bestätigte diese 
Annahme, indem ihr zu „L i 1 i e" „p u r i t y" (Reinheit) einfiel. „V a 1 1 e y", 
das Tal, ist ein häufiges weibliches Traumsymbol; so wird das zufällige 
Zusammentreffen der beiden Symbole in dem englischen Namen für Mai- 
glöckchen zur Traumsymbolik, zur Betonung ihrer kostbaren Jungfräu- 
lichkeit — expensive flowers, one has to pay for them — verwendet 
und zum Ausdruck der Erwartung, dass der Mann ihren Wert zu würdigen 
wissen werde. Die Bemerkung „expensive flowers etc." hat, wie sich 
zeigen wird, bei jedem der drei Blumensymbole eine andere Bedeutung. 

Den geheimen Sinn der scheinbar recht asexuellen „violets" 
suchte ich mir — recht kühn, wie ich meinte — mit einer unbewussten 
Beziehung zum französischen „viol" zu erklären. Zu meiner Über- 
raschung assoziierte die Träumerin „violate", das englische Wort für 
vergewaltigen. Die zufällige grosse Wortähnlichkeit von v i o 1 e t und 
violate — in der englischen Aussprache unterscheiden sie sich nur 
durch eine Akzentverschiedenheit der letzten Silbe — wird vom Traume 
benützt, um „durch die Blume" den Gedanken an die Gewaltsamkeit 
der Defloration (auch dieses Wort benützt die Blumensymbolik), viel- 
leicht auch einen masochistischen Zug des Mädchens zum Ausdruck zu 
bringen. Ein schönes Beispiel für die Wortbrücken, über welche die 



342 Alfred Robitsek, 

Wege zum Unbewussten führen. Das „one has to pay ror them" be- 
deutet hier das Leiden, mit dem sie das Weib- und Mutterwerden be- 
zahlen muss. . 

Bei „pinks", die sie dann „carnations' neum, taut mir die 
Beziehung dieses Wortes zum „Fleischlichen" auf. Ihr Einfall dazu lautete 
aber „colour" (Farbe). Sie fügte hinzu, dass carnations die Blumen 
seien, welche ihr von ihrem Verlobten häufig und in grossem 
Mengen geschenkt werden. Zu Ende des Gespräches gesteht sie plötz- 
lich spontan, sie habe mir nicht die Wahrheit gesagt, es sei ihr nicht 
„colour", sondern „inkarnation" (Fleischwerdung) eingefallen, 
welches Wort ich erwartet hatte; übrigens ist auch „colour" als Einfall 
nicht entlegen, sondern durch die Bedeutung von carnation — 
Fleischfarbe, also durch den Komplex determiniert. Diese Unauf- 
richtigkeit zeigt, dass der Widerstand an dieser Stelle am grössten war, 
entsprechend dem Umstand, dass die Symbolik hier am durchsichtigsten 
ist, der Kampf zwischen Libido und Verdrängung bei diesem phallischen 
Thema am stärksten war. Die Bemerkung, dass diese Blumen häufige 
Geschenke des Verlobten seien, ist neben der Doppelbedeutung [von 
carnation ein weiterer Hinweis auf ihren phallischen Sinn im Traume. 
Der Tagesanlass des Blumengeschenkes wird benützt, um den Gedanken 
von sexuellem Geschenk und Gegengeschenk auszudrücken: sie schenkt 
ihre Jungfräulichkeit und erwartet dafür ein reiches Liebesleben. Auch 
hier dürfte das „expensive flowers, one has to pay for them" eine — 
wohl wirklich finanzielle — Bedeutung haben. — Die Blumensymbolik 
des Traumes enthält also das jungfräulich-weibliche, das männliche 
Symbol und die Beziehung auf die gewaltsame Defloration. Es sei darauf 
hingewiesen, dass diese sexuelle Blumensymbolik, die ja auch sonst sehr 
verbreitet, ist,' die menschlichen Sexualorgane durch die Blüten, die 
Sexualorgane der Pflanzen symbolisiert; das Blumenschenken unter 
Liebenden hat vielleicht überhaupt diese unbewusste Bedeutung. 

Der Geburtstag, den sie im Traume vorbereitet, bedeutet wohl die 
Geburt eines Kindes. Sie identifiziert sich mit dem Bräutigam, stellt 
ihn dar, wie er sie für eine Geburt herrichtet, also koitiert. Der latente 
Gedanke könnte lauten: Wenn ich er wäre, würde ich nicht warten;, 
sondern die Braut deflorieren, ohne sie zu fragen, Gewalt brauchen; 
darauf deutet ja auch das violate. So kommt auch die sadistische 
Libidokomponente zum Ausdruck. — 

In einer tieferen Schichte des Traumes dürfte das „I arrange etc." 
eine autoerotische, also infantile Bedeutung haben. 

Sie hat auch eine nur im Traume mögliche Erkenntnis ihrer körper- 
lichen Dürftigkeit: sie sieht sich flach wie einen Tisch; um so mehr 
wird die Kostbarkeit des „centre" (sie nennt es ein andermal 
„a centre piece of flowers"), ihre Jungfräulichkeit hervorgehoben. 
Auch das Horizontale des Tisches dürfte ein Element zum Symbol bei- 
tragen. — Beachtenswert ist die Konzentration des Traumes; nichts ist 
überflüssig, jedes Wort ist ein Symbol. 

Sie bringt später einen Nachtrag zum Traume: „I decorate 

the flowers with green crinkled paper." (Ich verziere die 

Blumen. m\\. $c\in£m, %etaäwS£\tem "Papier.) Sie lügt hinzu, es sei jJaoßY 

paper" (Phantasiepapier), mit dem man die gewöhnlichen Blumentöpie 

verkleide. Sie sagt weiter: „to hide untidy things, whatever 



1 



Zur Frage der Symbolik in den Träumen Gesunder. 343 

was to be seen, which was not pretty to the eye; there 
is a gap, a little space in the flowers." Also: „um un- 
saubere Dinge zu verbergen, die nicht hübsch anzusehen sind; ein Spalt, 
ein kleiner Zwischenraum in den Blumen." „The paper looks like 
velvet or moss" („das Papier sieht wie Samt oder Moos aus"). 
Zu „decorate" assoziiert sie „de cor um", wie ich es erwartet hatte. 
Die grüne Farbe sei vorherrschend; sie assoziiert dazu „hope" (Hoffnung), 
wieder eine Beziehung zur Gravidität. — In diesem Teile des Traumes 
herrscht nicht die Identifizierung mit dem Manne, sondern es kommen 
Gedanken von Scham und Offenheit zur Geltung. Sie macht sich schön 
für ihn. gesteht sich körperliche Fehler ein, deren sie sich schämt und 
die sie zu korrigieren sucht. Die Einfälle Samt, Moos sind ein deut- 
licher Hinweis, dass es sich um die crines pubis handelt. 

Der Traum ist ein Ausdruck von Gedanken, die das wache Denken 
des Mädchens kaum kennt; Gedanken, die sich mit der Sinnenlieb» 
und ihren Organen beschäftigen; sie wird „für einen Geburtstag zu- 
gerichtet", d. h. koitiert; die Furcht vor der Defloration, vielleicht auch 
das lustbetonte Leiden kommen zum Ausdruck; sie gesteht sich ihre 
körperlichen Mängel ein, überkompensiert diese durch Überschätzung des 
Wertes ihrer Jungfräulichkeit. Ihre Scham entschuldigt die sich zeigende 
Sinnlichkeit damit, dass diese ja das Kind zum Ziel hat. Auch materielle 
Erwägungen, die der Liebenden fremd sind, finden ihren Ausdruck. Der 
Affekt des einfachen Traumes — das Glücksgefühl — zeigt an, dass 
hier starke Gefühlskomplexe ihre Befriedigung gefunden haben. 



Referate und Kritiken. 



Freud, Psychoanalytische Bemerkungen über einen 
autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia 
(Dementia paranoides). Jahrbuch für psychoanalytische und 
psychopathologische Forschungen, Bd. III. 

In der Darstellung seiner Krankheit durch den paranoiden Schreber 
selbst nimmt den Mittelpunkt der Symptome das Verhältnis zu Flechsig 
ein, das, wie Freud zeigt, wenigstens in der Krankheit ein homo- 
sexuelles ist. Schreber ist 8 Jahre vor seiner definitiven Erkrankung 
in einem hypochondrisch gefärbten, leichteren Anfall seiner Schizophrenie 
von Flechsig behandelt und geheilt worden und hat seitdem eine grosse 
Verehrung für diesen seinen Arzt bewahrt. Wie bei einer bereits be- 
kannten Gruppe von Homosexuellen kommt bei dem sonst normal- 
geschlechtlichen Patienten die homosexuelle Anknüpfung auf dem Wege 
der Übertragung zustande. Auf Flechsig werden Gefühle übertragen, die 
zuerst dem Vater (und vielleicht auch einem älteren Bruder) gegolten 
hatten. In der Auffassung Flechsigs durch Schreber lässt sich dabei auch 
der gewohnte Vaterkomplex mit seiner ambivalenten Mischung von ver- 
ehrungsvoller Unterwerfung und rebellischer Auflehnung deutlich finden. 
Genau die gleiche Parallele lässt sich ziehen zwischen dem Vater und 
Gott, der später in den Phantasien Schrebers Flechsig ersetzt. Da kamt 



.344 Referate und Kritiken. 

mm die homosexuelle Note ungehemmt durch Wahnzensur und Buch- 
zensur zum Vorschein kommen. Denn während die Rolle der mehr oder 
weniger weiblich gewordenen Dirne Flechsigs für den Mann eine Ent- 
würdigung bedeutet, ist die Aufgabe, „Gott selbst Wollust zu bieten", 
■kein Schimpf mehr. Sie wird für Schreber bald ordnungsgemäss und 
erfüllt zugleich seinen Wunsch nach Kindern, indem nun die Möglich- 
keit besteht, dass an Stelle der untergegangenen Welt nach seiner Ent- 
mannung durch göttliche Befruchtung eine Neuschaffung „von Menschen 
aus Schreber'schem Geist" aus seinem Schosse hervorginge. In der 
Schreber'schen Gotteswelt gibt es eine Zweiteilung: die vorderen Gottes- 
reiche und die Vorhöfe des Himmels symbolisieren die Weiblichkeit, 
die hinteren Gottesreiche die Männlichkeit, die homosexuellen Vorstel- 
lungen. Vater und Gott werden wieder symbolisiert in dem Verhältnis 
des Patienten zur Sonne, das ebenfalls ein feindliches und zugleich 
vcrehrtmgsvolles ist. Schreber selbst identifiziert die Sonne bald mit 
seinem obern, bald mit keinem untern Gott, nachdem er den einen 
Gott gespalten hat, analog wie er sein paranoides Abbild Flechsig 
zerlegte. 

Die Krankheit Schrebers verlief in einem länger dauernden, kata- 
tonieähn liehen akuten Stadium, aus dem sich der chronische paranoide 
Zustand entwickelte. Das Verhältnis des Patienten zu Flechsig und zu 
Gott ist im wesentlichen ein Kampf; beiden Gegnern werden aber zu- 
gleich positive Gefühle entgegengebracht. 

Was an diesen Grundlagen, auf denen Freud eine „Theorie des 
paranoischen Mechanismus" aufzubauen versucht, als „Deutung" be- 
zeichnet werden kann, lässt sich aus Schrebers Buche selbst oder dann 
aus der Erfahrung an andern Fällen so belegen, dass ein Zweifel an 
der Richtigkeit schlechterdings nicht möglich ist. 

Die Theorie nun gründet sich darauf, dass sich auch in andern 
Fällen eine wesentliche Beteiligung der homosexuellen Komponente an 
der Wahnbildung des Paranoiden nachweisen lässt. Nach der Freud- 
schen Darstellung von der Entwickelung der Sexualität wird auf dem 
Wege vom kindlichen Auterotismus zur Objektliebe des Erwachsenen 
das Stadium des „Narzissmus" passiert, indem „das in Entwickelung 
begriffene Individuum, welches seinen autoerotisch arbeitenden Sexual- 
trieb zu einer Einheit zusammenfasst, um ein Liebesobjekt zu gewinnen, 
zunächst sich selbst, seinen eigenen Körper, zum Liebesobjekt nimmt, 
ehe es von diesem zur Objektwahl einer fremden Person übergeht". 
Die abnormen Sexualtriebe werden während der Entwickelung mehr oder 
weniger in soziale, ästhetische oder andere Triebe sublimiert. Begegnet 
nun die Betätigung der sublimiorten Kräfte Schwierigkeiten, oder wird 
einmal die Libido übermässig gross, so kann die soziale Triebbesetzung 
wieder regressiv sexualisiert werden. Die Paranoiker Analysen ergeben 
nun nach Freud, dass die Kranken sich der Sexualisierung ihrer 
sozialen Triebbesetzung zu erwehren suchen; daraus schliesst er, dass 
sie eine schwache Stelle, eine. „Fixierung", in der Entwickelung zwischen 
Auterotismus, Narzissmus und Homosexualität haben. 

Aus der Ablehnung der homosexuellen Wunschphantasien lassen 
sich nun die verschiedenen Formen der „Paranoia" ableiten. 

Gegen den Satz: ich (ein Mann) liebe ihn (den Mann), gibt es 
vier Formen des Widerspruchs: 



Referate nnd Kritiken. 345 

1. Ich liebe ihn nicht, denn ich hasse ihn ja. Nun „fordert" 
der Mechanismus der paranoischen Symptombildung, dass die innere Wahr- 
nehmung, das Gefühl, durch eine Wahrnehmung von aussen ersetzt werde. 
Durch diese „Projektion" wird der zweite Teil des Satzes umgeändert in: 
er hasst mich. Dieser Satz in logischem Zusammenhang gebracht mit 
dem früheren ergibt : ich liebe ihn nicht, ich hasse ihn ja, 
weil er mich verfolgt (Verfolgungswahn). Der Verfolger ist kein 
anderer als der Geliebte. 

2. Ich liebe nicht ihn — ich liebe ja sie — ergänzt durch die 
Projektion: weil sie mich liebt (Erotomanie). Der Beweis, dass diese 
Krankheit nicht eine übertriebene Form der Verliebtheit ist, liegt darin, 
dass alle diese Verliebtheiten nicht mit der internen Wahrnehmung des 
Liebens, sondern des Geliebtwerdens einsetzen. 

3. Nicht ich liebe den Mann, sie liebt ihn ja (Eifersuchtswahn). 

4. Es gibt noch eine vierte Form des Widerspruchs: Ich liebe 
überhaupt nicht und niemand. Das heisst, da man doch mit 
seiner Libido irgend wohin muss: ich liebe nur mich. So entsteht als 
Sexualüberschätzung des eigenen Ichs der Grössenwahn. 

Der für die Entwicklung der Paranoia so wichtige Begriff der 
Verdrängung setzt nach Freud zunächst die „Fixierung" eines der 
Kinderzeil angehörigen sexuellen Partialtriebes voraus, der die normale 
Weiterentwickelung nicht mitgemacht hat. Dadurch wird er unbewusst 
verdrängt. Wenn nun später psychische Abkömmlinge eines solchen Triebes, 
oder Strebungen, gegen welche starke Widerstände bestehen, auftreten, 
so werden sie mit dem verdrängten Komplexe verbunden und damit 
ebenfalls verdrängt und unbewusst. In der Verdrängung können sie sich 
aber wegen ihrer starken Affektbesetzung nicht halten und brechen wieder, 
wenn auch in veränderter Form, in die „bewussten Systeme" durch. 
Der Verdrängungsvorgang besteht oft (oder immer?) in einer Ablösung 
der Libido von den geliebten Personen und Dingen. 

Wie in vielen andern Fällen war auch bei Schreber die Ablösung 
der Libido, d. h. die Verdrängung, unter dem Bilde eines Weltunterganges 
verlaufen. Schreber hielt sich für allein übrig geblieben. Die Menschen, 
die er sah, waren „flüchtig hingemachte Männer", ohne eigentliche Realität. 
Zu den von ihr verlassenen Personen und Dingen kommt die Libido 
wieder in Form des Verfolgungswahns (hier gegen Flechsig) und. einer 
veränderten Auffassung der Aussenwelt. Während sich die abgelöste 
Libido bei der Hysterie in körperliche Innervation oder Angst verwandelt, 
wendet sie sich beim Paranoiker, dessen Narzissmus sich fixiert hat, 
auf sich selbst zurück, das eigene Ich wird zum Sexualobjekt. Diesem 
Vorgang entspricht das Stück Grössenwahn, das jede Paranoia zeigt, 
ja, das unter Umständen für sich allein eine Paranoia konstituieren kann. 
Der Rückschritt von der sublimierten Homosexualität bis zum Narzissmus 
gibt den Betrag der für die Paranoia charakteristischen Regression an. 
Im Falle Schrebers aber ist der Verfolgungswahn allerdings früher auf- 
getreten als der Weltuntergang. Die Ablösung der Libido wird zunächst 
eine partielle gewesen sein und auch sich auf Flechsig beschränkt haben. 
Mit negativem Vorzeichen kehrte die Libido als Affekt des Verfolgungs- 
wahnes zu Flechsig zurück. Das umstrittene Objekt ist aber das wichtigste 
der Aussenwelt, strebt alle Libido an sich zu ziehen, macht aber auch 
alle Widerstände gegen sich mobil, und so entsteht eine neue Ver- 

Zroti-Alblatt für Psyehofcnalyu II '. 84 



346 Referate und Kritiken. 

drängungsschlacht, in der das Selbst allein übrig bleibt. Ganz allerdings 
ist der Zusammenhang mit der Aussenwolt nicht unterbrochen, Schreber 
nimmt sie noch wahr und gibt sich Rechenschaft über ihre Verände- 
rungen. Es hat sich also nicht alles, was wir Interesse nennen, von der 
Welt zurückgezogen, sondern nur die aus erotischen Trieben stammende 
Libido. Die Umformung der Welt durch wahnhafte und halluzinatorische 
Zutaten ermöglicht die Rückkehr zu derselben. Das was uns als die 
wesentliche Krankheit erscheint, bedeutet also in Wirklichkeit einen 
Heilungsversuch. 

Anschliessend möchte Freud die Paranoia, trotzdem sie häufig 
durch schizophrene Züge kompliziert wird, von der Schizophrenie (gleich 
Dementia praecox), für die er den Namen Paraphrcnia vorschlägt, unter- 
scheiden. Gemeinsam ist beiden Krankheiten die Verdrängung, die Libido- 
ablösung mit Regression zum Ich. Der Heilungsversuch bedient sich aber 
bei der Schizophrenie nicht der Projektion, sondern des halluzinatorischen 
(hysterischen) Mechanismus. Ferner bleibt bei der Schizophrenie der 
Sieg nicht der Rekonstruktion, sondern der Verdrängung. Die Regression 
geht bis zur vollen Auflösung der Objektliebe und Rückkehr zum infantilen 
Auterotismus. Die disponierende Fixierung muss also weiter zurückliegen, 
eben beim Auterotismus; die homosexuellen Anstösse werden bei der 
Schizophrenie seltener sein. 

Freud schliesst mit dem Satze, dass die Neurosen, zu denen 
er Paranoia und Schizophrenie zählt, im wesentlichen aus dem Konflikte 
des Ich mit dem Sexualtriebe hervorgehen, und dass ihre Form die 
Abdrücke der Libido — und des Hasses bewahre. 

Der kurze Aufsatz von 60 Seiten enthält einen enormen Gedanken- 
reichtum. Man kann ihn nicht lesen, man muss ihn studieren. Diese 
Arbeit wird ein wenig erschwert durch die Vielseitigkeit der einzelnen 
Ideen, die nach allen Richtungen Berührungsflächen haben. Ihre Dar- 
stellung muss manchmal abbrechen und zu etwas anderem übergehen, 
um später wieder einen neuen Stein an einen früher gelegten zu fügen, 
bis das Mosaik vollendet ist. Das Ganze wiederum erscheint so kompliziert, 
dass eine Übersicht nicht leicht wird. Zugleich bildet es einen Teil 
des imponierenden Gebietes der Freud'schen Neurosenlehre, allerdings 
ohne dass die hier entwickelten Theorien eine notwendige Folge der 
übrigen Freud'schen Psychopathologie wären. Wenn ich also vorläufige 
Einwendungen dagegen machen möchte, so werden die bisherigen Neu- 
rosentheorien dadurch in keiner Weise berührt. 

Die Haupteinwendung ist die, die sich Freud selbstverständlich 
auch gemacht hat, dass es noch vieler Beobachtungen bedarf, um die 
ganze Auffassung sicher zu stellen. An wenigen Fällen lassen sich eben 
nur Hypothesen, aber keine Gewissheiten gewinnen. 

Ferner bin ich nicht damit einverstanden, dass der Autor die 
Dementia praecox den Neurosen gleichstellt, während doch die Gründe, 
die den Kern und die Mehrzahl dieser Fälle als auf physischer Störung 
beruhend erscheinen lassen, noch nicht widerlegt sind. Immerhin steht 
und fällt die Freud'sche Theorie der „Paranoia" nicht mit der funktio- 
nellen Auffassung der Krankheit. Bei einer primären Störung der Hirn- 
funktion könnten die von Freud herausgehobenen Mechanismen das 
eigentliche Krankheitsbild ebensogut hervorbringen wie bei einer ange- 
borenen „Disposition". 



.v 



Referate und Kritiken. 347 

Ich möchte mich auch gegen die Bezeichnung der Krankheit Schrebers 
als Paranoia wehren. Die Krankheitsgruppe, die sicher besteht und von 
K r ä p e 1 i n unter dem alten Namen Paranoia beschrieben worden ist, 
zeichnet sich gerade gegenüber der Schizophreniegruppe dadurch aus, 
dass alle diese als Realität erkannten Symbolismen und der ganze logische 
Unsinn bei ihr nicht vorkommen. Die Verwischung dieser Grenzen ist 
also ein Nachteil. Die Freu d'schen Ausführungen betreffen das Paranoid 
resp. die ganze Schizophreniegruppc, die sich davon bis jetzt nicht trennen 
lässt, nicht aber die K räp e 1 in'sche Paranoia. 

Der Grundstein der Theorien ist die Rolle der homosexuellen 
Komponente, die sich durchdrücken will, aber abgelehnt wird. Die Idee 
ist nicht selbstverständlich, ob sie richtig ist, kann nur durch fleissige 
Untersuchung eines grösseren Materials entschieden werden. Vorläufig 
ist zu bemerken, dass Ferenczi aus homosexuellen Konflikten paranoide 
Krankheitsbilder entstehen sah, und dass auch wir bei einer grösseren 
Anzahl Analysen eine unerwartete Bedeutung der homosexuellen Kompo- 
nente gefunden haben. Doch wären wir von uns aus nicht dazu ge- 
kommen, das Symptom in den Mittelpunkt zu stellen, und bei andern 
Analysen, bei denen allerdings nicht besonders darauf geachtet worden 
ist fehlte das Symptom. In welchem Falle der Verfolgungswahn eine 
Ablehnung des gleichgeschlechtigen Geliebten bedeutet, wäre noch zu 
studieren. Durch welche Mechanismen der Wahn dann auch auf anders- 
geschlechtige Personen übertragen werden kann, wäre wieder eine be- 
sondere Frage. Nach den jetzigen Kenntnissen können wir ohne die 
Kausalreihe über die Homosexualität zu führen, viele Fälle von Paranoid 
nicht schlechter verstehen als an Hand der Freu d'schen Theorien. Ja, 
bei Schreber selbst scheint mir noch nicht sicher, dass es gerade die 
Abwehr der Homosexualität war, die die Krankheit hervorbrachte, wenn 
sie auch in der Symptomatologie eine hervorragende Rolle spielt. 

Manche Details stehen und fallen mit der Freu d'schen Theorie 
von der Entwickelung der Sexualität, so die Benutzung der Begriffe der 
Fixierung, der Regression usw. Umgekehrt könnten die hier e.rorterten 
Auffassungen, wenn sie an sich bewiesen wären, jene Auffassungen stützen. 
Vorläufig aber bedarf das Stehenbleiben auf der Stufe des Narzissmus 
beim Paranoid, sowie die Auffassung des Grössenwahnes als einer Sexual- 
überschätzung der eingehenderen Beweise. Ich möchte auch Auffasäungen 
wie die dass der normale infantile Grössenwahn der Gesellschaft 
zum Opfer gebracht werde, noch nicht teilen. Ist es nicht einfacher, 
anzunehmen, dass er mit der Zunahme der Erfahrung von der Wirk- 
lich k e i t zerstört werde ? 

Als weitere Frage drängen sich auf : Kann nicht jeder unangenehme 
Affekt ohne Rücksicht auf die Sexualität und deren unterdrückte Partial- 
triebe eine Verdrängung hervorbringen? Ist die Verdrängung wirklich 
oft oder immer eine Ablösung der Libido? Suchen sich die meisten 
Paranoiden der Resexualisierung der sozialen Triebbesetzung zu erwehren? 
Inwiefern ist der Trieb ein Grenzbegriff des Somatischen gegen das 
Psychische? Könnte nicht die häufige Phantasie vom Weltuntergang statt 
durch den Rückzug der Libido durch den Verlust des gewohnten Zu- 
sammenhanges der einzelnen Wahrnehmungen und Erinnerungsbilder, der 
bei der Schizophrenie ja sicher eine Rolle spielt, entstanden sein? 

24* 



348 Referat« und Kritiken. 

Schwierigkeiten sehe ich auch noch bei der Abtrennung der Krank- 
heit Schrebers von der Schizophrenie. Den Unterschied der Projektion 
nach aussen von dem hysterisch-halluzinatorischen Vorgang verstehe ich 
nicht recht. Beide Dinge sind so häufig miteinander verbunden, dass 
es mir schwer fällt, sie prinzipiell zu trennen. Die (im Freu d'schen 
Sinne) paranoiden und schizophrenen Symptomreihen kommen nicht nur 
nebeneinander beim nämlichen Kranken vor, sondern sie scheinen auch 
ineinander überzugehen, ja geradezu zwei Seiten des nämlichen Vorganges 
zu sein. Ob eine Idee als primärer Wahn oder als Halluzination oder 
als Gedächtnistäuschung ins Bewusstsein tritt, scheint für die Art der 
Krankheit irrelevant. Auch kann der Wahn eines Paranoids identisch 
sein mit dem einer Katatonie. Warum wir das Krankheitsbild im einen 
Falle anders bezeichnen als im andern, ist dadurch zu begründen, dass 
sich bei der Katatonie noch andere Symptome (die katatonischen) hinzu- 
gesellen. Warum ist das nämliche Wahngebilde im einen Fall auf einen 
homosexuellen Konflikt zurückzuführen und im andern Falle nicht? 

Es ist selbstverständlich richtig, dass bei der Schizophrenie die 
Libido von den äusseren Dingen mehr oder weniger zurückgezogen wird. 
Aber nur von den Dingen, wie sie sind, oder wie sie dem 
Kranken erscheinen. Dinge liebt der Schizophrene doch, aber 
diejenigen, die ihm seine Phantasie in eine eingebildete Aussenwelt setzt. 
Er bildet, sich eine neue Aussenwelt, an die er sein Herz hängt, die 
wirkliche wird ihm feindlich, insofern sie mit ihr in Widerspruch tritt. 
Der Kranke liebt also gar nicht sich selbst, sondern eine Phantasiewelt, 
die er sich draussen vorstellt. Ich könnte also dieses Verhalten noch 
lange nicht dem Freu d'schen Auterotismus des Kindes gleichstellen, 
das neben seinen unentwickelten sexuellen Gefühlen eine sehr grosse 
Tendenz zur Erfassung der wirklichen Aussenwelt hat. Ich habe auch 
versucht, den Inhalt der Schizophrenie, ihren Grössenwahn und ihren 
Verfolgungswahn, auf einfachere Weise auf Aspirationen und ihre Hinder- 
nisse zurückzuführen. Allerdings weiss ich wohl, dass, wenn auch solche 
Mechanismen existieren, deswegen die Freud'schen Erklärungen daneben 
doch zu Recht bestehen können. Aber ich muss mich vorläufig noch 
fragen, ob sie nötig sind. 

Man sieht, die Arbeit Freud's gibt noch viel zu denken, zu 
fragen und zu forschen. Das beste Zeichen, dass sie eine bedeutende 
Arbeit ist. Bleuler. 

E. Claparfede, Etat hypnoi'de chez un singe. Archives des 
Sciences physiques et naturelles. CXVI, Geneve 1911. 

Es ist Verf. gelungen, einen weiblichen Affen (Cynocephal) durch 
mesmerische Striche und Fixation zu hypnotisieren. Das lebhafte, be- 
wegliche und nicht dressierte Tier zeigte sich in der Hypnose ausser- 
ordentlich lenkbar (flexibilitas cerea unter anderm). Claparede führt 
das Beispiel als Argument gegen die Annahme, dass die Hypnose bloss 
ein Produkt der Suggestion sei. Er neigt zur Annahme Ferenczi's, 
dass es sich um eine Art Unterwerfung auf sexueller Grundlage handelt. 

A. M a e d e r. 



Referate und Kritiken. 349 

E. Clapar&de, Interpretation psychologique de l'hypnose. 

Journal für Psychologie und Neurologie, Bd. XVIII, 1911, A. Barth, 

Leipzig. 

Diese Arbeit wurde als Referat im September-Kongress der Inter- 
nationalen Gesellschaft für medizinische Psychologie 
(1911) vorgelesen. Verf. nimmt Stellung gegen die zahlreichen Autoren, 
welche die Spezifität der Hypnose ableugnen (Bernheim, Babinski, 
Meige, Dupre etc.); er bringt ein kleines Experiment vor, welches 
geeignet erscheint, zu beweisen, dass die Hypnose ein besonderer psychi- 
scher Zustand ist. Wie ist der psychische Zustand in der 
Hypnose? Unter den (nicht suggerierten) Veränderungen, welche die 
Hypnose in den verschiedenen seelischen Funktionen verursacht, werden 
erwähnt: der Verlust der Initiative, die posthypnotische Amnesie. Die 
intellektuellen Funktionen (Reaktion, Assoziation, geistige Arbeit, 
Urteil) zeigen kaum Änderungen. [Ausgedehnte Versuche des Verf. liegen 
vor ; siehe : Claparede-Baade: Recherches experiment. sur quelques 
Processus psychiques simples dans un cas d'hypnose; Archives de 
Psychologie VIII.] Die Affektivität scheint mehr modifiziert zu sein 
(Variationen der Gemütslage., Charakterwechsel). Das Verhalten der Sug- 
gestibilität wechselt, sie scheint mit den direkten Suggestionen zu-, 
mit den indirekten Suggestionen abzunehmen. Ein wichtiger Zug ist die 
Mobilmachung der unbewussten Prozesse. C 1. fasst den psychischen 
Zustand der Hypnose wie folgt zusammen: eine mehr oder weniger starke 
Abschwächung der Initiative und Spontaneität, mit 
Tendenz zur Lenkbarkeit und Herabsetzung der Schwelle 
des psychischen Lebens, welches in intimeren Konnex 
mit dem Unbewussten tritt. 

Verf. bespricht die verschiedenen Theorien des Mechanismus der 
Hypnose. Die Auffassung Ferenczi's als ein besonderes Abhängigkeits- 
verhältnis zwischen Hypnotiseur und Hypnotisiertem auf Basis der in- 
fantilen Sexualität (Elternkomplex) kommt ihm als die interessanteste 
und die tiefste vor. Die skizzenhaften Ausführungen über die biologische 
Funktion der Hypnose sind anregend und im Original zu lesen. Es ist 
sicher, dass derartige Erscheinungen ohne Berücksichtigung ihrer Phylo- 
genese niemals verständlich sein werden. A. Mae der. 

Morichau-Beauchant, Le „rapport affectif" dans la eure 
des psycho nevreses. Gazette des Hopitaux. 14 Novembre 1911, 
Paris. 

Verfasser, Professor der internen Medizin in Poitiers (Frankreich), 
ist wohl der erste ausübende Psychoanalytiker in Frankreich. Er gibt 
in seinem Aufsatz eine elegante, übersichtliche Schilderung des sogenannten 
„gemütlichen Rapports" während einer psychotherapeutischen Kur. Er 
beginnt mit der Jane t'schen Darstellung der hypnotischen Beeinflussung, 
analytisch ausgedrückt der Übertragung des Hypnotisierten, deckt 
dabei das sexuelle Element auf, welches J. unbenannt lässt. Verf. stützt 
sich dabei auf Freud und Ferenczi und erkennt die Bedeutung 
der hetero- und homosexuellen Bindung und der masochistischen Kompo- 
nente in der Übertragung an. Sehr prägnant ist seine Schilderung der 
verdrängten infantilen Wünsche, ihrer Verschiebung und der Entstehung 



350 



Referate und Kritiken. 



der Ersatzbildungen. Beauchant hält die Erkennung der Übertragung 
für sehr wesentlich vom psychotherapeutischen Standpunkte aus; seine 
Erfahrung deckt sich vollständig mit derjenigen der Psychoanalytiker 
des deutschen Sprachgebietes. Verfasser gehört zu den leider seltenen 
Forschern, welche nach Studium der psychoanalytischen Literatur es 
für notwendig erachtet haben, die Methode praktisch auszuüben um 
sie zu erproben und sich ein eigenes Urteil zu bilden. Sein Aufsatz 
ist der beredte Ausdruck des Resultates seiner Bemühungen. 

A. M a e d e r. 

Joteyko, La Vie des Clements psychiques. Revue psycho- 
logique, Bruxelles. III. Heft 1911. 

Verf. betitelt ihre Ausführungen im IV. Kapitel: Dissoziation und 
Psychoanalyse. Sie bespricht in Form des Feuilletons die Frage der 
pathologischen Dissoziation; sie hat die Beobachtung gemacht, dass das 
Unbewusste in den Stunden der Ermüdung, Depression etc. tatig ist. 
Die Synergie des Bewussten und Unbewussten scheint notwendig zur 
Herstellung des psychischen Gleichgewichts zu sein. Beim Normalen ist 
eine Art Dissoziation nachweisbar; dafür werden Beispiele von Fehl- 
handlungen angegeben. Nirgendwo wird eine tiefere psychische Motivation 
nachgewiesen oder gesucht. Freud's „Psychopathologie des Alltags wird 
nicht gewürdigt. Der folgende Abschnitt behandelt die Dissoziation im 
Traum und die Traumanase. J. scheint sehr physiologisch zu denken, 
denn sie behauptet nach kurzer Mitteilung eines Traumes: die Dissoziation 
ist in dem Fall durch den Schlaf einzelner Gehirnteile zu erklären (I). 
Was Verf. „Psychoanalyse des reves" nennt, ist eine 1. 1 o 8 s e E r z a h 1 u n g 
von zwei Träumen ohne Spur von Psychoanalyse. (Ref.) Es wäre zu 
wünschen, dass die Autoren von Psychoanalyse nur dann reden, wenn 
sie die FreudVsche Methode meinen, um unnötige Verwechslungen zu 
vermeiden. Dies gilt um so mehr, als die „Revue psychologique in 
einer Nummer dieses Jahrganges auf die Psychoanalyse F re u ds auf- 
merksam machte. A - Mae der. 

William Graham, Ps ychotherapy in Mental Disorders. 
Journal of Mental XX Science, Oktober 1911, S. 617. 

Der Artikel gibt einen in der Medico-psychological Association ge- 
haltenen Vortrag wieder und beschreibt als klassische Methoden der Psycho- 
therapie Suggestion, therapeutisches Gespräch (persuasion), Psychoanalyse, 
Beschäftigung und Neu-Erziehung. Der grösste Teil der Schrift ist einer, 
selbstverständlich kurzen Darstellung der Psychoanalyse gewidmet und 
einigen Krankengeschichten, in welchen die Methode mit befriedigendem 
Erfolge zur Anwendung kam. Der Autor steht der Methode durchaus 
anerkennend gegenüber und bezweckt, das Interesse für ihre wertvolle 
Leistung zu erwecken. Als. Ire meint er, dass speziell seine Landsleute 
der psychischen Behandlung zugänglich sind und gerade seine ärztlichen 
Kollegen den psychologischen Gehalt der Krankheiten erforschen sollten. 
— An den Vortrag schloss sich eine ungewöhnlich unbedeutende Diskussion 
an in welcher die meisten Sprecher behaupteten, sie hätten die Methoden 
vor vielen Jahren ausprobiert und als wertlos verlassen. Graham 
brachte in einer geistvollen Replik seine Überzeugung zum Ausdruck, 



Referate und Kritiken. 351 

dass das Werk von Freud und Jung einen höchst bedeutsamen Fort- 
schritt für die Psychiatrie darstelle. Ernest Jones. 

Macfie Campbell, The Form and Content of the Psychosis: 
the Röle of Psychoanalysis in Psychiatry. Review of 
Neurology and Psychiatry. September 1911, S. 469. 

Campbell stellt zwei Richtungen in der modernen Psychiatrie 
einander gegenüber, und nennt sie die Schulen der „formalen Unter- 
scheidung" (Differentiation) und der „subjektiven Analyse". Er bebt die 
Unzulänglichkeit der ersten hervor, ihre Unfähigkeit, Entwickelung pmd 
Sinn einer Geistesstörung zu verstehen. Anschliessend bringt er einige 
kurze und klare ausführliche Analysen von verschiedenen Typen von 
Psychosen, um zu »eigen, dass die Psychoanalyse ein viel weiteres 
Arbeitsfeld hat, als gewöhnlich angenommen wird. Die Krankheits-Ana- 
lysen sind überzeugend und auch für erfahrene Psychoanalytiker inter- 
essant. Der Verfasser scheut sich nicht, die sexuellen Ursachen zu nennen 
und weist ihnen eine vorherrschende Bedeutung zu. Zum Schluss be- 
richtet er kurz über zwei Fälle von manisch depressivem Irresein und 
versucht die Anfälle mit psychogenen Faktoren in Beziehung zu bringen. 
Die Schrift ist keine tiefgehende Untersuchung, bringt vielmehr Bei- 
spiele für das weite Arbeitsgebiet. Ernest Jones. 

Bernard Hart, ThePsychologicalConceptionoflnsanity. 
Archives of Neurology and Psychology 1911, Vol. V, p. 90. 

In dieser Arbeit, die sich mit theoretischen Fragen beschäftigt, 
plädiert Hart für die psychologische Untersuchung der Geistesstörungen 
und vergleicht die physiologischen und psychologischen Gesichtspunkte. 
Solche prinzipielle Darlegungen gelingen dem Autor besonders gut; er bringt, 
was er zu sagen hat, in einem verständlichen und überzeugenden Stil vor. 
Bei der Besprechung der materialistischen Schule, die darauf ausgeht, die 
geistigen Vorgänge erst in physiologische Vorgänge zu übertragen, bevor 
sie wissenschaftlich untersucht werden, zitiert er Höf fdings Bemerkung, 
das* diese Schule in Wirklichkeit die Psychologie vernichten will, um sie 
zur Wissenschaft zu machen. Überhaupt ist Wissenschaft nur durch 
ihre Methodik und nicht durch ihr Material charakterisiert. Die Methode 
besteht erstens in der Beobachtung und Klassifizierung der Geschehnisse, 
zweitens in dem Aufbau eines begrifflichen (Konzeptual-) Modells mit Hilfe 
des disziplinierten Vorstellungsvermögens und drittens im Vergleich der 
Ergebnisse, die vom Modell abgeleitet werden, mit den Tatsachen der 
fallweisen Erfahrung. Es ist grundlegend wichtig, klar zwischen dem 
Phänomenalen und dem Begrifflichen zu unterscheiden. Jede Erfahrungs- 
tatsache ist ein Phänomen, die Annahme ist eine Konstruktion des 
Menschen: Farbe ist Phänomen, Äther und Ätherwellen Annahme. Hart 
besteht nun im Anschluss an die Lehre vom psycho-physischen Parallelis- 
mus darauf, die Elemente der physischen und der psychischen Folgen 
von Geschehnissen unbedingt auseinander zu halten. Es ist ebenso un- 
statthaft, physiologische Bezeichnungen für geistiges Geschehen zu ge- 
brauchen, als psychologische Bezeichnungen für physisches Geschehen. 
Diese Regel wird von der physiologischen Wissenschaft bereits befolgt 



352 Referate und Kritiken. 

und nach Hart hat das langsame F ortschreiten der psychologischen 
Erkenntnis seinen Grund in der lässigen Art, mit der man sich an diese 
Vorschrift hält. 

Dann beschäftigt sich Hart mit den zwei Bedeutungen des Aus- 
drucks „Ursache". Auf dem phänomenalen Boden bedeutet er zunächst 
nur etwas Vorläufiges, Elementares, nämlich die empirische Beobachtung 
einer regelmässigen Aufeinanderfolge, abgesehen von der Bedingtheit. Der 
andere, ideelle, Begriff „Ursächlichkeit" geht weiter und erblickt in der 
Folge eine tatsächliche Fortsetzung der Ursache, als deren Weiterdauern 
in einer andern Form sie erscheint; hier sind wir auf dem Boden der 
Annahme. Die empirische Bedeutung der Ursächlichkeit bezieht sich auf 
das „Wie", die theoretische auf das „Warum". Nur die letztere kann 
wirklich unsere Erfahrungen „erklären". Dem Psychologen steht es frei, 
physische Bezeichnungen solange zu verwenden, als er bloss sich auf 
deskriptive Wissenschaft beschränken will. Er muss sie aber aufgeben, 
wenn er methodisch eine begriffliche Annahme benützen will, d. h. wenn 
er die Psychologie auf das Niveau der Naturwissenschaft bringen will. 

Die erste Enlwickelungsstufe der Psychologie als Wissenschaft be- 
stand in der Klassifizierung der beobachteten Tatsachenreihen, in der 
Formulierung der empirisch gewonnenen kausalen Beziehungen, wofür 
J a n e t's Arbeit über Dissoziation als bewunderungswürdiges Beispiel an- 
geführt wird. Aber bis Freud waren die einzigen Versuche, in der 
Psychologie zu einer begrifflichen Auffassung zu kommen, also zu einer 
wissenschaftlichen Arbeit in engerem Sinne, völlig unsystematische An- 
nahmen, die seit Beginn der Kultur vom Menschen gemacht worden sind. 
Das wird an einem Beispiel, der Erklärung des Gedächtnisses, ausführ- 
lich gezeigt. „Erst Professor Freud in Wien verdanken wir die erste 
Inangriffnahme einer begrifflichen Psychologie mit ähnlichen Mitteln, wie 
sie sich in andern Wissenschaften bewährt haben. . . . Welche Stellung 
man auch gegenüber der Weiterbildung seiner Lehre im einzelnen ein- 
nehmen mag, so muss dennoch nach unserem Erachten zugegeben werden, 

dass das Wesentliche seiner Theorie endgültig festgelegt wurde 

Wenn man die kurze Zeit bedenkt, seit welcher die Untersuchungen der 
Freu d'schen Schule im Gange sind, so zeigen sie eine erstaunliche 
Fruchtbarkeit: Wir sind heute nur mehr eine absehbare Distanz von 
einem psychologischen Erfassen der Geistesstörung entfernt. Wenn auch 
noch viel Arbeit nötig ist, so können wir schon mit Berechtigung die 
Entstehung einer Psychiatrie erwarten, welche den Namen „Wissenschaft" 
verdient." Einest Jones. 

G. F. Barham, Two Cases of „Was hing Hand" Mania, with 
some Observations on her Aetiology. Archives of Neurology 
and Psychiatry 1911, Vol. V, p. 101. 

Zwei ausführliche Krankengeschichten, offenbar von Fällen von 
Dementia praecox, in welchen das Symptom vorherrschte. B. versucht, 
dasselbe mit allgemeinen psychischen Tendenzen der Patienten (Scham 
wegen Masturbation, Sexualablehnung etc.) in Zusammenhang au bringen. 
Im zweiten Falle bestanden auch Angstzustände, welche der Autor genau 
korrespondierend mit Perioden von Coitus interruptus auftreten sah. Er 
diagnostiziert beide Fälle als „Psychasthenie" und erörtert sie ausführ- 



' 



Referate und Kritiken. 363 

lieh im Lichte der Janet'schen Theorie. Er kommt zum Schlüsse, dass 
die8elbe nur zum Teile die krankmachenden Vorgänge verständlich macht, 
und unterzieht die Fälle einer Prüfung unter Anwendung der Freud'schen 
Lehren über die Genese der Psychoneurosen. Vom Gesichtspunkt dei 
sexuellen Konflikte und der psychischen Verdrängung erscheint die Patho- 
genese des Symptoms viel verständlicher. Infantile Faktoren werden nicht 
erwähnt. Ernest Jones. 

J. A. Ormerod, Two Theories of Hysteria. Brain 1911, 
* Vol.* XXXIII, p. 269. 

Diese Publikation wurde als „Presidential Address" vor der neuro- 
logischen Sektion der „Royal Society of Mediane" vorgetragen und ist 
deshalb von symptomatischer Bedeutung für die allgemeine Stellungnahme 
in England. Die beiden Theorien sind die von J a n e t und die von F r e u d 
Ormerod gibt zuerst eine durchsichtige Darstellung der ersteren, ohne 
sich viel in Kritik einzulassen. Seiner Meinung nach erklärt Jan et 
in hervorragender Weise gewisse Züge des Krankheitsbildes, andere hin- 
eecen nicht Er vermisst den genügenden Beweis für die Existenz einer 
primären geistigen Unfähigkeit, die als Grundlage abnormer. Einschränkung 
des Bewusstseins angenommen wird. Eine psychologische Theorie der 
Hvsterie ist für jetzt zu begrüssen, bis wir imstande sein werde«, 
die geistigen Vorgänge mit physiologischer Terminologie darzustellen. 
(Vgl hierzu die Besprechung von Hart's Arbeit in dieser Nummer des 
Blattes ) Jede solche Theorie muss eine unterbewusste geistige Tätigkeit 
voraussetzen. „An der Existenz einer solchen ist kaum zu zweifeln; 
aber auf einem solchen Gebiete besteht die grösste Schwierigkeit, beides, 
sowohl die Einzeltatsachen als die allgemeinen Gesetze mit Sicherheit 
festzustellen. Die unterbewussten Vorgänge mögen ja das beste Beweis- 
material sein, das für eine Theorie zu haben ist; aber sie sind sehr 
unwirklich (unsubstantial), buchstäblich „ein Stoff, aus dem Traume sich 
bilden"" (Diese Stellungnahme ist sehr charakteristisch für das Ver- 
langen des Engländers nach Konkretem, nach Tatsächlichkeit, welches 
seinem Misstrauen und Widerstreben der Psychologie gegenüber zugrunde 

hegt Dann folgt eine ganz unzulängliche Darstellung von Freud's Theorie 
der Hysterie Als Basis diente offenbar bloss die Brill'sche Übersetzung 
einer Auswahl von Freud's ersten Schriften, so dass wir viel von 
Abreagieren, hypnoider und Retentions-Hysterie, sexuellem Trauma u^ dgl. 
erfahren Der Konversions-Mechanismus „eröffnet ein schönes reld für 
Rätsellösungen". In bezug auf zwei Angaben Freud's über Sexualität 
und Hysterie sagt der Autor: „Ich gestehe, ich sehe wenig Beweisführung 
für diese Behauptungen, sie scheinen mir Theorie in excelsis zu sein. 
Er fährt fort: „Welche sind denn diese sexuellen Störungen m der 
Kindheit, die später all das Unheil anrichten? In einer seiner Schriften 
erklärte F r e u d auf Grund von 13 Fällen, es wären wirkliche sexuelle 
Angriffe gegen das Kind gewesen. Er hat diese sehr überraschende 
Behauptung später zurückgezogen." Unter Bezugnahme auf andere Kritiken 
schliesst er den Artikel mit folgenden Sätzen: „Ich kenne wohl die 
darauf erteilte Antwort — nämlich der Beweis liege in den sogenannten 
Tatsachen der Psychoanalyse. Aber dürfen wir an und für sich den 



354 Referate und Kritiken. 

traumhaften Einbildungen eines Patienten, der sich dieser Prozedur unter- 
zieht, Vertrauen schenken? Ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass wir 
in seine Ideenwelt einführen, was wir dort zu finden wünschen? Wir 
wissen, dass Freud den Teil seiner Theorie aufgab, der sich auf sexuelle 
Angriffe bezog, weil er fand, dass seine Patienten ihn irregeleitet haben. 
Und wenn der Meister getäuscht werden konnte, um wieviel mehr seine 
Schüler? Auch kann ich nicht unterlassen, hinzuzufügen, dass die Psycho- 
analyse, wenn man darunter das Wiedererwecken begrabener sexueller 
Vorstellungen versteht, vielen Kranken viel mehr Übel als Gutes antun 
mag. Die Güte des Puddings, wird man einwenden, erweist sich beim 
Verspeisen; aber das Gericht ist ein wenig unappetitlich, und ich kann 
nicht anders als hoffen, dass der Geschmack dafür nicht allgemein werden 
wird." Der Referent möchte darauf aufmerksam machen, um wieviel 
mehr herabsetzend und wirksam die englische Art des Kritisierens mit 
ihrer weltmännischen (gentlemanly) Süssigkeit und dem unwidersprech- 
lichen, ruhigen Kräuseln der Lippe ist als die temperamentvollen Dekla- 
mationen der Gegner am Kontinent. Ernest Jones. 

Anmerkung des Übersetzers: Freud hat die Behauptung von der Bedeutung 
sexueller Angriffe in der Kindheit nicht zurückgezogen sondern nur dahin richtig- 
gestellt, dass auch Gesunde nahezu eben so häufhj ihnen ausgesetzt waren, ohne zu 
erkranken. Ihre Wirksamkeit für die Entstehung des einzelnen Symptoms bleibt 
aber aufrecht. Ein Teil der mitgeteilten Angriffe haben sich als Phantasien erwiesen. 
Aber Frend hat hinzugefügt, dass auch sexuelle Phantasien der Kinder die 
Bildung der einzelnen Symptome bestimmen. 

S. A. K. Wilson, Some modern French Conceptions of 
Hysteria. Brain 1911, Vol. XXXIII, p. 293. 

Wilson bespricht einige französische Lehren über Hysterie, da 
in derselben Nummer des Brain die Freud'schcn Lehren von Hart 
erörtert wurden .(s. Zcntralbl. Jahrg. II, S. 43). Er diskutiert die Theorien 
von Jan et und Babinski. Wilson's Artikel ist lesenswert, sowohl 
wegen der vorzüglichen Darstellung des Gegenstandes, als auch wegen 
des kräftigen und nicht humorlosen Stiles. Er beginnt mit allgemeinen 
Bemerkungen auf Grund von Ansichten verschiedener Autoren des letzten 
Jahrhunderts und hebt die. Tatsache hervor, dass j e d e r an die Ergebnisse 
der Erfahrung appelliert und wirklich von ihr grade seine Ansicht be- 
stätigt findet. Wi 1 s o n hebt die Züchtung von künstlichen .Krankheitsbildern 
durch den Einfluss einer eigentümlichen geistigen Umgebung hervor, so 
in der Salpetriere, in Wien usw. In England ist die Krankheit nie ge- 
pflegt oder erforscht worden, und es müsste hier am ehesten gelingen, 
die subjektiven Momente auszuschalten und ein objektives Urteil über 
die verschiedenen Meinungen zu gewinnen. 

B a b i n s k i's Definition der Hysterie verwirft er aus nosologischen 
Gründen und wendet gegen seine allgemeine Auffassung folgendes ein : 
Wir haben kein charakteristisches Zeichen für Suggestion oder Persuasion; 
Babinski's Lehrsätze können nicht ausreichend die häufige Vereinigung 
von wirklichen Symptomen mit pithiatischen erklären, ebensowenig das 
häufige gleichzeitige Auftreten von Erscheinungen, die offenbar auf Simu- 
lation beruhen ; hysterische Symptome können auch anders als infolge 
von Suggestion entstehen ; die Lehre B a b i n s k i's gewährt keine Ein- 
sicht in das grundlegende Problem der hysterischen Psyche. 



Tieferate und Kritiken. 355 

Janet's Hypothese "findet Wilson wesentlich vernünftig, meint 
aber, dass sie sich für bestimmte Typen von Krankheitsfällen nicht an- 
wenden lässt; solche sind die Fälle mit plötzlichem Einsetzen von Sym- 
ptomen bei Patienten, welche keine hysterische Psyche und keine Neigung 
zur Bewusstseinsspaltung erkennen lassen, ferner solche mit vorherrschend 
vasomotorischen, trophischen und Ernährungsstörungen. Er erwartet viel 
von einem genauen Vergleich der Symptome der Hysterie mit den ent- 
sprechenden in organischen Fällen. (Die allgemeine Richtung der eng- 
lischen Schule geht dahin, die Bearbeitung solcher Zustände, wie der 
Hysterie, zu verschieben, bis der Tag anbricht, an welchem das körper- 
liche Substrat der Menschenseele erkannt sein wird. Ref.) „Ein Gegen- 
stand bedarf am meisten der Aufklärung, der Mechanismus, durch 
welchen die Symptome entstehen. Zugegeben, dass ein be- 
sonderer Seelenzustand für die Funktionsstörung verantwortlich sei, wie 
kommen diese wirklich zustande? Und zugegeben, dass Amnesie odei 
Aufmerksarnkeits-Entziehung hysterische Bewegungsstörungen verursacht, 
warum findet sich Zittern in einem und Lähmung im andern Falle? 
Welches sind die objektiven Zeichen der Seelenzustände? Können wir 
dadurch irgend etwas über die Lokalisation der funktionellen Störung 
erfahren? Ich bin nach dem Studium einer Anzahl von Fällen über- 
zeugt, dass die organischen Erkrankungen uns mehr Aufklärung über 
die Hysterie bringen werden als umgekehrt." 

Ernest Jones. 

M. D. Eder, A Case of Obsession and Hysteria Treated 
by the Freud Psycho- Analytic Method. Brit. Med. Journ. 
Sept. 30, 1911, p. 750. 

Die Arbeit ist nur zwei Seiten lang. Sie gibt einen Vortrag wieder, 
der in der British Medical Association gehalten wurde. Der Patient, ein 
20 Jahre alter Mann, litt an Nackenschmerzen und verschiedenen Phobien 
und Zwangsvorstellungen. Eder teilt das Resultat des J u n g'schen As- 
soziationsversuches mit, der sich als brauchbar erwies, um einige sexuelle 
Komplexe wie Masturbation, Homosexualität, Munderotik festzustellen. 
Auch die Traumanalyse konnte er mit Erfolg verwenden. Die Analyse 
ist so klar und gut dargestellt, als auf so kleinem Räume möglich ist 
und zeigt bemerkenswerte praktische Kenntnis der psychoanalytischen 
Prinzipien. Ernest Jones. 

Henry Devine, The Significance of Some Confusional 
States. Brit. Med. Journ. Sept. 30, 1911, p. 747. 

Devine, ein Pionier der Psychoanalyse unter den englischen 
Psychiatern, gibt in dieser Schrift, die einen in der Brit. Med. Assoc. 
gehaltenen Vortrag wiedergibt, einen kurzen Bericht über vier Fälle von 
Geistesstörung, welche Verwirrtheitszustände zeigten, Er zeigt, dass sie 
eine Flucht vor einer quälenden Wirklichkeit darstellen, ein Erleben 
von verzerrten Phantasien, welche verschiedene persönliche Wünsche zu 
eingebildeter Erfüllung brachten. Er stellt den Mechanismus mit dem 
der Abwehrneurose in Parallele. Ernest Jones. 



356 Referate und Kritiken. 

Hugh Wingfield, Four Gases Illustrative of Certain 
Points in Psycho-Analysis. Brit. Med. Journ. August 5, 1911, 
p. 256. 

Der Autor meint, die Freud'sche Methode werde vernachlässigt, 
weil sie missverständlich für sehr kompliziert gelte; „aber es scheint 
nicht bekannt zu sein, dass die praktische Anwendung ihrer Prinzipien 
oft verhältnismässig leicht sei." Diese Bemerkung wird verständlich, wenn 
wir des Autors Auffassung der Methode kennen lernen. Sie besteht 
darin, während der Hypnose die Suggestionen gegen die voraussetzlich 
wirkenden „aktuellen gefühlsbetonten Ideen, welche die Störung ver- 
ursachen", zu richten. Kommentar ist überflüssig. 

Ernest Jones. 

Theodor Reik, Flaubert's Jugendregungen (Halbmonatschrift 
„Pan", II. Jahrg. Nr. 3, 1. November 1911). — Der liebende 
Fl au b er t (ebenda Nr. 4). 

Im ersten von Alfred Kerr eingeleiteten Ausschnitt aus einer 
grösseren vorbereiteten Arbeit über die „Psychogenese von Flaubert's 
Tcnlation de Saint-Antoine" werden die infantilen Bedingungen und späteren 
Nachwirkungen des bei Flaubert ziemlich stark ausgeprägten Inzest- 
komplexes nachgewiesen. An Hand der Werke, Briefe und Tagebuch- 
blätter wird der Einfluss dieser infantilen Konstellation auf das spätere 
Leben und Schaffen sowie die neurotische Erkrankung des Dichters auf- 
gezeigt. In der zweiten Abhandlung werden insbesondere die von Freud 
festgestellten Züge der mütterlichen Objektwahl hervorgehoben, die das 
Liebesleben Flaubert's beherrschten und auch in seinen dichterischen 
Produktionen Ausdruck fanden. Die zum Belege für die psychoanalytische 
Auffassung angeführten Äusserungen Flaubert's zeigen, über welch 
tiefen Einblick in sein Seelenleben der Dichter verfügt und vermögen 
die Psychoanalytiker über das Unverständnis zu trösten, das ihren Be- 
funden von den weniger hellsichtigen Fachgenossen entgegengebracht wird. 
Reit hat sich mit dieser ersten Arbeit nicht nur vielversprechend in 
die Psychoanalyse eingeführt, sondern auch, wie seine hoffentlich bald 
vorliegende Abhandlung zeigen dürfte, um die psychologische Vertiefung 
der ästhetischen und literarischen Betrachtungsweise verdient gemacht. 

Rank. 

Ernest Jones (Toronto), The Psychopathology of Everyday 
Life. American Journal of Psychology, October 1911, Vol. XXII, 
p. 477—527. 

Nachdem ich erst kürzlich an dieser Stelle eine englische Dar- 
stellung der Freud'schen Witztheorie von Brill in New York anzeigen 
konnte, liegt nun von unserem fleissigen Mitarbeiter Professor Jones, 
dem die Psychoanalyse nicht zum wenigsten ihr rasches Vordringen in 
Amerika zu verdanken hat, eine ausführliche und glänzend gelungene 
Darstellung der „Psychopathologie des Alltagslebens" vor, die nicht nur 
ihrem Umfang, sondern auch der Art der Durchführung nach wie eine 
selbständige Nachschöpfung der Arbeit Freud's erscheint Die über- 
sichtliche Anordnung des nach den einzelnen Fehlleistungen gesonderten 
Materials, die klare und präzise Darstellung sowie eine Reihe neuer 



Referate und Kritiken. 357 

schlagender Beispiele machen die Abhandlung nicht nur zu einer lehr- 
reichen, sondern auch in hohem Grade genussreichen Lektüre. Der Autor 
hat die grundlegende Arbeit Freud's um einzelne treffende und feine 
Bemerkungen, sowie um eine Anzahl, besonders interessanter Fälle aus 
der Literatur und der eigenen Beobachtung bereichert. Seine Beispiele 
könnten den kurzsichtigen Gegnern — wenn sie nur sehen wollten — 
wieder einmal zeigen, dass die Gesetze der Psychoanalyse nicht bloss 
für eine bestimmte Stadt oder einen gewissen Kreis von Leuten, sondern 
allgemein-menschliche Geltung besitzen. Die Einwendungen, die nicht vor- 
eingenommene, wenn auch kritische Leser erheben könnten, hat Jones 
im vorletzten Abschnitt seiner Arbeit vorweggenommen und geklärt. 

Die in letzter Zeit in so erfreulicher Weise sich mehrende ameri- 
kanische Literatur der Psychoanalyse gibt nicht nur Zeugnis von der 
intensiven Arbeit unserer dortigen Anhänger, sondern - auch von dem 
Erfolg ihrer Tätigkeit, der sich in dem stets zunehmenden Interesse 
der amerikanischen Ärzte- und Gelehrtenwelt für die psychoanalytische 
Bewegung kundgibt. Rank. 

Friedrich Hacker (Amberg), Systematische Traumbeobach- 
tungen mit besonderer Berücksichtigung der Ge- 
danken. Archiv für die gesamte Psychologie, XXI. Bd., 1.— 3. Heft 
(ausgeg. 5. Sept. 1911), Verlag Wilh. Engelmann, Leipzig. 

Die fleissige Arbeit, die sich jedoch über die Beschreibung einzelner 
Bewusstseinsphänomene des Traumes nicht erhebt, hätte kaum Anspruch 
auf Registrierung in der den Psychoanalytiker interessierenden Literatur, 
wenn sich darin nicht ein typisches Missverstehen der Freud'schen 
Traumlehre fände, auf die zweimal (bes. S. 122—125) rekurriert wird. 
Dass der Verfasser nicht in jedem Traum eine Wunscherfüllung sehen 
kann, ist klar, solange er nicht im psychoanalytischen Sinne über den 
manifesten Inhalt hinausgeht. Wenn er aber meint, die Psychoanalyse, 
die vom unverlässlichen Traumbericht und den meistens erst später produ- 
zierten Einfällen ausgehe, an Exaktheit schon dadurch zu übertreffen, 
dass er nichts verwendet, was nicht unmittelbar nach dem Erwachen 
aufgezeichnet ist, so zeigt das einen Mangel jeglichen Verständnisses 
für die Determiniertheit des psychischen Geschehens, der jede weitere 
Diskussion ausschliesst. Rank. 

A. J- Storf er , Zur Sonderstellung des Vater mordes. 
Schriften zur angewandten Seelenkunde. Zwölftes Heft, Deuticke 1911. 
Im Frühstadium der sozialen Entwicklung, in der Epoche der 
Vaterrechtsfamilie, war der Vatermord mit Hochverrat gleichbedeutend; 
da die sonst übliche, primitive Art der Rechtsverfolgung, die Blutrache, 
in diesem Falle nicht möglich war — innerhalb der Familie nicht, weil 
der Sohn durch seine gelungene Tat Geschlechts-Oberhaupt geworden 
war und nicht von Sippe zu Sippe, weil keine Verletzung eines fremden 
Geschlechtsgenossen vorlag — wurde das Bestreben, das Leben des 
wichtigsten Gliedes der Gemeinschaft zu schützen, zum Anlass der ersten 
Statuierung der Strafbarkeit einer Handlung vom Gesichtspunkte des öffent- 
lichen Rechtes. Der Vatermord ist daher als Archityp des Verbrechens 
anzusehen. 



358 Referate and Kritiken. 

Die Motive einer solchen Tat sind in der wirtschaftlichen Rivalität 
zwischen Vater und Sohn zu suchen ; da unter den wirtschaftlichen 
(Jütern des primitiven Menschen das Weib in erster Reihe steht, gesellt 
sich zur wirtschaftlichen die sexuelle Rivalität. Die enge Verbindung 
zwischen dem Vatermord und dem Inzest mit der Mutter, die Freud 
im unbewussten Seelenleben des Einzelnen gefunden hat, lässt sich durch 
rechtsgeschichtliche Untersuchung auch an der Wurzel sozialer Phänomene 
nachweisen. Die strenge Beurteilung des Vatermordes und der Vater- 
misshandlung, die typisch wiederkehrende Behauptung, dass der Vater- 
mord unmöglich sei, die 'wir fast bei allen antiken Kulturvölkern finden, 
kontrastiern mit der Häufigkeit des Vatermordes in den Göttersagen eben 
jener Völker und der Sitte d er » Beseitigung des Vaters durch den zu 
Kräften gelangten Sohn bei den, ursprünglichen Verhältnissen noch näher 
stehenden, wilden Stämmen. 

Das Gegenstück bildet das Recht des Vaters auf die Frau des 
Sohnes, welches in patriarchalisch regierten Gemeinwesen als ius primae 
noctis des Gutsherrn noch im Mittelalter fortbesteht. In der „Tobias-Ehe", 
bei der sich die Neuvermählten aus Motiven der Frömmigkeit während 
der ersten drei Nächte des Geschlechtsverkehres enthalten, wird das 
früher dem Vater Zugestandene seinem erhöhten Abbild, dem Gotte, 
eingeräumt. 

Aus der, dem Numa Pompilius zugeschriebenen, ältesten römischen 
Strafbestimmung über die Tötung lässt sich neuerdings folgern, dass der 
ursprüngliche Kriminalfall der Vatermord (Verwandtenmord) war, und 
von dort erst der Begriff auf die Tötung des gleichberechtigten Freien 
ausgedehnt wurde. 

Dass auch die spätere Zeit noch den Zusammenhang zwischen 
Vatermord und Inzestwunsch empfindet, leuchtet aus der die Bestrafung 
begleitenden Symbolik hervor. Durchgängig zeigt sich das Bestreben, 
den Verbrecher an der Berührung mit der Erde zu hindern, da hier- 
durch die Vereinigung mit der durch die Erde symbolisch vertretenen 
Mutter, also der angestrebte Inzest, zustande käme. Im alten Rom be- 
gleiten den Vatermörder gewisse Tiere, die allgemein als Sinnbild der 
Schamlosigkeit und des geschlechtlichen Exzesses gelten, in den Tod. 

Die Arbeit, deren wichtigste Gedankenzüge' im Obigen wiederzugeben 
versucht wurde, beweist eine ausgebreitete Kenntnis und vollkommene 
Beherrschung des weitverstreuten ethnologischen und rechtshistorischen 
Materiales. Die Ergebnisse, zu denen der Verfasser gelangt, werden allen 
Freunden der Psychoanalyse als vollgültige Bestätigung eines ihrer Leit- 
sätze willkommen sein, haben aber als Versuch einer neuartigen Sozial- 
Psychologie auch Anrecht auf allgemeines Interesse. 

Dr. Hanns Sachs. 

Alfred Freiherr von Berger, Hof rat Eysenhardt. Wien, 
Deutsch-Österreichischer Verlag. 

Die kleine meisterhaft geschriebene Novelle unterscheidet sich von 
anderen Schriften, welche die Lehren Freud's literarisch verwerten, 
durch eine gewisse Zurückhaltung und Noblesse. Das Thema ist einer 
wahren Begebenheit entnommen. 'Ein hoher, durch seine Strenge be- 
rüchtigter richterlicher Funktionär begeht ein Sittlichkeits verbrechen und 
verurteilt sich dafür zum Tode. Er wird eines Morgens erschossen auf- 



Referate und Kritiken. 359 

gefunden. Berger versucht nun mit grossem Verständnis und .dichterischer 
Intuition die tieferen psychologischen Motive dieser Tat aufzudecken und 
das Verständnis des Charakters aus dem verdrängtem Triebleben klar- 
zulegen. Er zeigt, was mit meinen Ausführungen in der kleinen Arbeit 
„Berufswahl und Kriminalität" (Gross. Archiv, Bd. 41) über- 
einstimmt, wie das verdrängte Verbrecherische im Hofrat Eysenhardt ihn 
zur Richterkarriere trieb und schliesslich unter dem Einflüsse einer 
klimakterischen Altersperiode zu seinem Verhängnis führte. Ich kann 
das kleine Büchlein wärmsten» empfehlen. Es hat neben der literarischen 
Bedeutung den Wert einer .wunderbar beobachteten Krankengeschichte. 

Stekel. 

N. Kostyleff, Freud et le probleme des reves. Revue philo- 
sophique. Novembre 1911. 

Auf 32 Seiten gibt Kostyleff eine gedrängte Darstellung und 
Kritik der Freud'schen Traumtheorie, die, im Wesentlichen ablehnend, 
als einzigen grossen Gewinn für die Wissenschaft die von Freud unter- 
nommene Feststellung des Prozesses der Regression betrachtet. Verf. 
lässt die Annahme von vier Arten der Traumarbeit: Verdichtung, Ver- 
schiebung, Rücksicht auf Darstellbarkeit und sekundäre Bearbeitung voll- 
auf gelten, leugnet aber, dass der Antrieb zum Traum stets nur von 
einem Wunsche ausgehen müsse; jeder affektive Zustand („der am Vortag 
empfundene Schrecken, ein irgendwie heftiger Eindruck, eine Wallung des 
Zornes oder Ekels usw.") ist nach seiner Ansicht hierzu ausreichend, 
ja noch weniger. Die Regression, der K. sein Hauptaugenmerk zuwendet, 
anlangend, meint dieser, eine vollständige Regression bis zum Systeme W 
sei kaum möglich. Indes stelle sich der Mechanismus vom dynamischen 
Standpunkt aus — dem des Verf. — ganz anders dar. Der rückläufige 
Weg sei keine Regression, sondern eine Wiederherstellung, nicht eine Rück- 
kehr zur primären Region, sondern zur ursprünglichen Form. Gleich- 
giltig, ob Empfindung, Erinnerung oder Traum: die Richtung der Reflexe 
bleibt stets dieselbe. Man kann daher nicht sagen, dass eine progrediente 
Nervenströmung einen Widerspruch, schaffe. Erinnerungen und Assozia- 
tionen — die zentralen Ursprungs sind — entstehen anstandslos neben 
den direkten Perzeptionen. Wenn sie nicht die sinnliche Lebhaftigkeit 
der Träume erreichen, ist nicht eine entgegengesetzte Leitung (die im 
Traume natürlich fehlen würde) daran schuld, sondern die Konkurrenz 
der parallelen Strömungen. Die Verstärkung (nach Freud: „des be- 
wussten Wunsches durch einen gleichlautenden unbewussten, wodurch 
jener zum Traumerreger wird") braucht nach K. nicht immer durch einen 
infantilen Wunsch zu erfolgen,' sondern kann durch jede Erinnerung statt- 
haben, bei der die 'zwei Bedingungen: sinnliche Frische des Subjektes 
und entsprechende Richtung der Aufmerksamkeit, erfüllt waren, und ver- 
mag sich auf alle Eindrücke zu erstrecken, die ohne Erledigung geblieben 
sind. Der Traum stellt überhaupt die Rückleitung einer solchen un- 
erledigten Impression dar. Die Zensur erhält dann bei' dem Verf. einen 
ganz bestimmten Sinn, nämlich den einer Dissoziation der Gehirn reflexe. 
Besprochen werden ferner die Angstträume, die Träume vom Tode der 
nächsten Verwandten .und die zahlreichen phantastischen Träume, die 
keine Beziehung zur Realität zu haben scheinen. Bezüglich der Todes- 



36U Referate und Kritiken. 

träume bemerkt K. folgendes : Freud schliesst aus diesen auf das Wieder- 
aufleben infantiler Erinnerungen, ohne zu fragen, woher die schmerz- 
lichen Empfindungen stammen, die sie im Traume begleiten; wie kann 
auch eine derart verworrene Erinnerung einen dem geistigen Zustand 
des Erwachsenen entsprechenden plastischen Ausdruck erhalten. Man 
begreift sehr wohl, dass ein rezentes oder vertrautes Bild sich durch 
dunkle Erinnerungen aus der Kindheit verstärkt, jedoch nicht, wie eine 
unklare Erinnerung sich von selbst zu einem neuen Bilde entfalten kann. 
Ist es nicht einfacher, dahinter anstatt eines infantilen Wunsches eine 
;iktuelle Beschäftigung mit diesem Gegenstand zu vermuten, die durch 
mehr oder weniger entfernte Erinnerungen verstärkt wird? 

Mit einem Wort: Die Behauptung Freud's, dass stets der kind- 
liche Wunsch die Rolle des Motors spielt, ist willkürlich und unbewiesen. 
Schon die Mannigfaltigkeit der vorgeführten Träume widerspricht einem 
solchen allein seligmachenden Schema, man muss vielmehr die ver- 
schiedensten Formen der sensoriellen Regression zulassen: von der Re- 
gression des Wunsches, wie man sie bei den Kindern beobachtet, ange- 
fangen, überhaupt von der Regression eines affektiven Zustandes, bis zur 
Regression der flüchtigsten Bilder, die allein verursacht wird durch die 
funktionelle Verstärkung. Auf Grund dieser Annahme der gegenseitigen 
funktionellen Verstärkung analoger (nicht bloss gleicher) Reflexreaktionen 
(die Analogie kann oft unbewusst bleiben) lässt sich, wie K. meint, 
Freu d's Theorie des Witzes und zum Teil auch seine Symbolik recht- 
fertigen. Hier wirft der Verf. einen flüchtigen Seitenblick auf die Arbeiten 
von Riklin, Maeder, Abraham und Rank. Er wiederholt dann 
zum Schlüsse noch einmal: Der Traum stellt nur eine Reihe von sen- 
soriellen Regressionen dar, die durch psychische Verstärkungen bewirkt 
und durch das Wiederaufleben eines Wunsches nuanciert werden. Das 
Auftreten des Wunsches ist bloss eine Folge der vorhergehenden Er- 
regungen und nicht die causa efficiens des Traumes. 

Vom Standpunkte der objektiven Psychologie Bechterew's aus 
betrachtet, gewinnt also die so ungleiche Arbeit F r e u d's eine Bedeutung, 
die alle bisnun über sie gefällten Urteile zunichte macht. Die ihm vorge- 
worfenen Mängel: die Naivität des Schemas des psychischen Apparates, 
das Vorurteil, alle Träume auf die Regression eines Wunsches zurück- 
führen zu wollen, das Willkürliche und Gewagte vieler Hypothesen und 
Schlüsse (trotz des Suggestiven seiner Interpretation), verschwinden gegen- 
über der von ihm festgestellten Tatsache des Prozesses der Regression. 
Diese findet in der objektiven Psychologie, d. h. in den Bedingungen 
des Funktionierens der Reflexe, eine physiologische Grundlage, die allen 
Varietäten des Traumes gerecht wird. Die Verstärkungen, die die Reflexe 
in jedem Gehirn, sei dieses auch noch so wenig entwickelt, erhalten, 
erklären alle Konstellationen dieses letzteren. Die Wunschhypothese und 
die willkürlichen Schlussfolgerungen, die sich daran knüpfen, fallen von 
selbst in sich zusammen, Während die Entdeckung des oben genannten 
Phänomens ein unbestreitbares Verdienst Freud's bleibt. 

Dr. A. Frh. v. W i n t e r s t e i n. 

Alfred Appelt, Stammering and its permanent Cure. 
London, Methuen & Co. Ltd. 



Referate and Kritiken- 361 



,In Zukunft kann die Therapie des Stotterns nur die Psychoanalyse 
sein", "schreibt St ekel (Nervöse Angstzustände, 1. Aufl., S. 231) und 
Appelt zitiert auch diese Stelle. Und dies ist auch gleichzeitig der 
ganze Inhalt des Werkes. Der Yerf. hat die Analyse an einer Reihe 
von Patienten mit Erfolg durchgeführt, bleibt aber die Wiedergabe der 
Analysen schuldig, da sie zuviel Platz einnehmen würde; hoffentlich 
trägt er sie bald nach. 

Das Werk beginnt wie ein „echtes deutsches Buch" mit der Wieder- 
holung all dessen, was bisher über die Ätiologie und Therapie gesagt 
wurde. Im Anfang wurden physiologische Ursachen angegeben, ßpäter 
eine Schwäche des Willens; der erste, der die psychische Ätiologie er- 
kannte war Denhardt (Das Stottern, eine Psychose, 1890). Auf dem- 
selben ' Staudpunkt stehen Wyneken, Skikorski (1894), S a n d o w 
(1898) Baeth (1904), Froemer (1905) und St ekel (1908). Als 
Therapie wurden Sprech- und Atemübungen vorgenommen, auch operative 
Eingriffe und schliesslich Suggestion mit und ohne Hypnose. St ekel 
und Jung haben Psychoanalyse vorgeschlagen. 

Die physiologischen Ausführungen über den Mechanismus des 
Sprechens und des Stotterns (Krämpfe) haben für den Analytiker wenig 
Interesse In Besprechung der Ätiologie folgt Appelt vollkommen den 
Ausführungen Stekel's über die Angstneurose bei Kinder. Stellenweise 
zitiert er ihn wörtlich 1 ), ohne jedoch die Quelle anzugeben. Stottern ent- 
steht wenn das Kind etwas zu verbergen hat — eine Gelegenheit, bei 
der ja auch sonst Gesunde stottern — speziell nach einem sexuellen 
Erlebnis. Die Ursache des Stotterns ist Angst, ein Gefühl der Minder- 
wertigkeil, und eine daraus resultierende Überempfindhchkeit. 

Die bisherigen Übungsmethoden können suggestiv heilkräftig wirken, 
solange nicht ein Komplex allzusehr bereitet wird. Sobald dies aber 
geschieht und — wie es bei jedem Menschen gelegentlich vorkommt — 
Stottern eintritt, hat die Suggestion meist ihre Wirkung auch für weiter 
verloren Bei leichten und rezenten Fällen kann Suggestion, speziell 
Autosuggestion gut wirken. Ausgesprochener Drill ist direkt schädlich, 
da er auf die Schwierigkeiten hinweist und so die Angst vermehrt. 

Schliesslich werden die Begriffe des Unbewussten, der Verdrängung, 
des Komplexes dargelegt und psychoanalytische Methoden dargestellt, mit 
besonderer Berücksichtigung des Assoziationsexperiments und der Iraum- 
deutung. Wegen der Kürze der Darstellung wird auf Freud, Bleuler, 
Jung, Stekel u. a. hingewiesen. 

"Das einzige Neue, das das Werk bringt, ist die Erklärung der 
Atembeschwerden beim Stottern, nämlich dass sie bei allen Angstzustanden 
auftreten und daher auch beim Stottern auftreten müssen. Für die Psycho- 
analyse bringt das flott geschriebene Buch nichts Neues, doch durfte 
sein Erscheinen den Vorteil haben, die Psychoanalyse den Ärzten und 
Pädagogen, die sich mit der Therapie des Stotterns befassen, bekannt 
zu machen und sie speziell in England, wo sie so gut wie gar nicht 
verbreitet ist, zu propagieren. Hierzu wäre aber die Mitteilung einer 
vollständigen Analyse notwendig. Markus. 

i) Appelt, S. 106 u. 1161, Stekel, S. 100 u. ff. Das Weglassen der Quellen, 
die der Autor BonBt gewissenhaft anführt, dürfte ein Versehen sein; wir hoffen, 
dass der Autor bei einer 2. Auflage diesem Mangel abhelfen wird. 

Z»Dtr»lbl»U fdr P»yehowi»ly»«. H». 25 



362 Referate und Kritiken. 

Prof. Julius Donath (Budapest), Psychotherapeutische Rich- 
tungen. Med. Klinik, 1911, Nr. 43. 

Nach einer weit ausgreifenden historischen Einleitung befasst sich 
der Autor mit den bekannten Erscheinungen der Hypnose, kommt schliess- 
lich auf die psychoanalytische Methode von „Breuer und Freu d" zu 
sprechen : 

„Die Behandlung ist auch langwierig und kann dadurch Schaden anrichten, 
dass die Aufmerksamkeit der jugendlichen Individuen erst recht auf die sexuellen 
Vorstellungen gelenkt -wird, die aus solchem Anlass eher ignoriert werden sollten, 
und dass sie mit solchen Ideen geradezu vollgepfropft werden. Ein fundamentaler 
Irrtum dabei ist die Anschauung, dass psychische sexuelle Traumen die Ursache der 
Hysterien seien, denn diese beruht auf einer endogenen, meist hereditären Grund- 
lage, wo dann ein beliebiger psychischer Sliock oder ein psychisches Trauma, wie 
es ja die traumatischen Neurosen und Hysterien beweisen, der Agent provocateur 
sein kann. Gewiss kann ja der Shock auch einmal sexueller Natur sein, aber welchem 
jugendlichen Individuum ist ein solches Ereignis nicht einmal begegnet? Jedenfalls 
ist die psychoanalytische Methode in der Therapie entbehrlich und der Zweck kann 
gerade auch auf entgegengesetztem Weg erreicht werden, indem wir den Kranken 
lehren und ermutigen, dass er mit kräftigem Willen, durch Ablenkung der Aufmerk- 
samkeit, nützliche Arbeitsbetätigung die unangenehmen Krinnerungen in Lethes 
Strom vt-raenke. 

Allen bisher erwähnten psychotherapeutischen Mitteln und Methoden überlegen 
ist die rationelle Psychotherapie, wie sie von Duboia in Hern benannt und 
in jahrzehntelanger Arbeit systematisch ausgebaut wurde. Von warmfühlenden und 
k ardenkenden Ärzten seit jeher geübt, von der praktischen Philosophie seit den 
ältesten Zeiten gelehrt, hat sie erst in unserer Zeit besonders mit dem eingehenderen 
btu.lium der Psychoneurosen durchdringen können, und da muss auch der wertvollen 
Heilrüge b. sonders von Rosenbach, Strümpell, Löwenfeld, Oppenheim 
ßinswan^er, Paul-Emile Levy, Payot, liutiersack gedacht werden." 

Der Aufsatz schlugst mil dem Ausdruck der Genugtuung, dass 
die alten Beziehungen zwischen Medizin, Psychologie und praktischer 
Philosophie in unserer Zeit „enger und enger" geknüpft werden. 

S t e k e 1. 

Dr. Henri Buqiiet, ,.H etourä l'enfanc e". Le monde medical. 16/X, 
1911. ' ' 

Der Verfasser beschreibt die von G a n d y entdeckte hochinteressante 
Erscheinung des tardiven Infantilismus beim Erwachsenen. (Infantilisme 
tardif de l'adulte.) Der Autor fasst die Erscheinung als physische 
Begression zur Jugend auf. Die Symptome sind folgende. Bei Indi- 
viduen zwischen 20 und 30 beginnen die Barthaare, und die Haare am 
Körper, besonders an den Schamteilen, auszufallen, die Hoden und der 
Penis werden klein und atrophisch. Der äussere Anblick wird geschildert: 

»Teint cireux, töguments bouffis ou finement plissös, rides, un vieage frippo, 
en un mot, 1 aspect de »petit fieux« bien connu. Voilä pour ce que tout le monde 
peut voir, si l'on y ajoute la rarefaction des aourcila et des eils et surtout la dis- 
pantion ä peu pres complete de la barbe, reduite ä quelques touffes de poil follet 
des deux cötes du menton et de Ja moustache que lepreaentent Beulement quelques 
bnns pauvres, semblables ä ceux que l'adolescent prend tant plaisir ä effaler d'un 
doigt orgueilleux. 

Si l'on poursuit l'examen mödical plus complet, on trouve que le revetement 
pileux a egaleraent disparu de toutes les regions qu'il recouvre habituellemenl: 
aissellee, thorax, abdomen sont glabres et nua comme ceux de l'enfant et, natur- 
eltement, c'est surtout ä la region pubienne que cette absence de poils est le plus 
appnrente.« 



Referate und Kritiken. 363 

Die Kranken werden impotent, die Erektionen werden imnier spär- 
licher, bis sie ganz verschwinden. Die Fähigkeit der Testikel Sperma 
zu produzieren, geht vollkommen verloren. Bei den Frauen, bei denen 
die Krankheit viel seltener vorkommt, atrophieren der Busen, der Uterus, 
die Ovarien, die Menses bleiben zuerst lange aus und verschwinden 
schliesslich gänzlich. Über die psychische Verfassung wird wenig be- 
richtet. Allgemeine Apathie, Klagen über Nachlassen der Gedächtnis- 
kraft. Als Ursache wird eine Störung der inneren Sekretion angenommen. 

Für uns Analytiker, die wir so oft mit den Erscheinungen des 
psychischen lnfantilismus zu tun haben, ist diese Ergänzung von der 
somatischen Seite besonders interessant. St ekel. 



Varia. 

Ein interessanter Fall von „Versprechen' oder „Verschreiben". Die 

Nummer 636 dea „Berliner Tageblatt" bringt einen telegraphischen Bericht aus 
Petersburg über ein in der „Nowoje Wremja" enthaltenes Interview mit dem russischen 
Minister des Auswärtigen Sasonow, in dem folgende Satze enthalten sind: „Die 
Völker Europas haben sich abermals überzeugt, dass der Zweibund und die 
Triple- Entente die Rechte keines Teiles verletzen und dafür zuverlässige Be- 
dingungen für die Aufiechterhaltung dea allgemeinen Friedens bieten. Unter solchen 
Umständen kann von einer Änderung der so glücklich gefügten politischen Grup- 
pierung nicht die Rede sein." 

Die Redaktion des „Beiliner Tageblatt" macht zu dem Worte Zweibund 
des Telegrammes in Klammern die Bemerkung: „Ist für Herrn Sasonow der „Drei- 
bund" schon erledigt?" — In Wahrheit scheint hier ein sehr interessantes Beispiel 
von „Versprechen" vorzuliegen. Zunächst gibt es vier Stellen, die das „Versprechen" 
oder „Verschreiben" verschuldet haben können: I. Sasonow. '2. Der russische Journa- 
list in „Novoje Wremja". 3. Der russische Telegraphenbeamte. 4. Der deutsche 
Korrespondent des „Berliner Tageblattes" in Petersburg. In allen vier Fällen kann 
der Fehler Ausdruck eines unbewussten oder verdrängten, im Gegensatz zu dem 
Gesagten stehenden Wunsches sein. Ist er von einem der sub 1—3 Genannten ge- 
macht, so ist es naheliegend, dass das Unterbewusstsein des Russen gegenüber der 
Behauptung, es könne von einer Änderung der so glücklich gefügten Gruppierung 
nicht die Rede sein, die in letzter Zeit viel diskutierte Hoffnung gehegt hat, es werde 
gelingen, Italien vom Dreibund abzuziehen. Daher drängt sich das Wort „Zweibund" 
für Deutschland und Österreich auf die Zunge bzw. in die Feder. Stammt das 
„Verschreiben" aber von dem deutschen Korrespondenten, so kann er nnbe- 
wusst den in Deutschland jetzt häufig ausgesprochenen Gedanken gehabt haben, 
dass es wünschenswert sei, das unzuverlässige Italien nicht im Dreibund zu be- 
halten, weil es uns mehr geschadet, als genützt habe. 

Dr. Emil Simonson (Berlin). 

Eine infantile Sexualtheorie bei Gerhart Hauptmann. Eine Hauptperson 
des Hauptmannschen Märchendramas „Und Pippa tanzt" ist ein wandernder Hand- 
werksbursche, namens Michel Hellriegel: eine eigentümliche Persönlichkeit, die die 
Welt der Wirklichkeit übersehend, nach den Trugbilder seiner Phantasie läuft. (Sie 
wäre auch einer eingehenderen Analyse würdig; sie zeigt uns sehr schön die „dis- 

26» 



364 Varia. 

soziative" Macht dos über dem Roalitätsprinzip siegenden Lustprinzips 1 ).) Was dieser 
Junge spricht und tut, ist für die anderen Personen des Dramas (und auch für das 
Publikum) meist unverständlich und höchst: seltsam, fast geheimnisvoll. Es stehe 
hier ein Beispiel, für das ich eine einfache und nicht unwahrscheinliche Erklärung 
gefunden zu haben glaube: 

„Und Pippa tanzt'* II. Akt: Pippa: Wer bist Du denn? Hellriegel: Ein 
Sohn der verwitweten Obstfrau Hellriegel. Pippa: Und woher kommst Du? Hell- 
riegel: Aus dem grossen Wurstkessel unseres Herrn. Pippa lacht herzlich: Aber 
Du sprichst ja so sonderbar! 

Ich glaube die seltsame Antwort Hellriegel's leicht verständlich zu machen, 
wenn ich an die „Lunypflheorie" des kleinen Hanns erinnere 2 ). Die Kinder 
kommen ja, gleich den (wurstähnlichen) Stuhlmassen, aus dem Leibe der Mutter oder 
des Vaters („Herr"). Vergessen wir auch nicht der merkwürdigen Obereinstimmung 
zu achten, die zwischen dem „Kessel" Hellriegels und der Badewanne des kleinen 
Hanns — beide Gegenstände dienen als Symbole für den menschlichen Leib — zu 
finden ist. J. Hämik. 



Ein absurder Traum. Nach Freud bedeutet das Absurde im (manifesten) 
Traum bekanntlich eine Kritik; diese Kritik ist schon in den (latenten) Traum- 
gedanken vorhanden. Um sie aber im (manifesten) Traum zum Ausdruck zu bringen, 
bedient sich die Traumarbeit eben des Absurden. 

Da ich über einen Traum verfüge, der mir dieses interessante Verhalten be- 
sonders gut zu illustrieren scheint, so möchte ich mir erlauben, ihn — nebst kurzer 
fragmentarischer Deutung — hier zu publizieren. 

Ein den gebildeten Ständen angeböriger Herr von 45 Jahren erzählte mir, er 
habe geträumt, er solle (als Einjahrig-Freiwilliger?) zum M il itär eingestellt werden. 
Da ergibt es sich^ — in Aussprache mit dem diensttuenden Offizier, der ihn sehr 
„verbindlich" behandelt — dass er doch schon Soldat gewesen sei, ja sogar schon 
eine 6 wöchige Übung abgeleistet habe; auch macht der Träumer, der sich selbst im 
Traume erblickt, die Umstehenden darauf aufmerksam, dass er ja in anderen Um- 
ständen sei, und doch schon deshalb nicht zum Dienst eingestellt werden könnte — ein 
Grund, der dem Offizier so plausibel erscheint, dass sich die ganze Situation in Wohlgefallen 
auflöst. Der Träumer sah, wie er noch hinzufügte, im Traum ganz anders aus als 
sonst: am Oberkörper war er als Clown, am Unterkörper als Reiter angezogen; im 
gewöhnlichen Leben schlank, hatte er im Traum einen sehr starken Leib, über den 
er, um seine Gravidität zu demonstrieren, beide Hände von oben nach unten führte. 

Die rezenten Veranlassungen, die zu diesem Traume führten, waren einmal, 
dass ein oder zwei Tage vor dem Traume der Erzähler in der Zeitung gelesen hatte, 
man sei bei der Vernehmung des Pfarrers Traub in Breslau sehr „verbindlich" 
gewesen ; sodann, dass der Träumer gesprächsweise geäussert hatte, er wäre sehr 
gern Soldat, am liebsten Kavallerist geworden. Dieser letztere Wunscbgedanke 
ist aber mit Recht nachher vom Träumer selbst (im Unbewussten) kritisiert und ad 
absurdum geführt worden. Denn abgesehen davon, dass die körperliche Gewandtheit 



i) Vgl. Freud, Über die zwei Prinzipien des psychischen Geschehens Jahr- 
buch, III. 1. 

2) Vgl. Freud, Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben. Jahr- 
buch, I. 1. 



Varia. 365 

des Träumers keine sehr grosse ist, und dass er speziell beim Reiten mehrfach Fiasko 
erlitten hatte, waren anch die sonstigen „Umstände' 1 (ungünstige Konfession, 
mangelnde Protektion etc.) deartige, dass die Chancen der militärischen Karriere in 
Preussen für den betreffenden Herrn die denkbar schlechtesten gewesen wären. Bei 
der gemeinschaftlichen Deutungsarbeit erklärte der Traumerzähler wörtlich, dass er 
unter den obwaltenden Umständen ja natürlich nie im Ernste habe daran denken 
können, seinen Lieblingsgedanken, nämlich Soldat zu werden, in Ausführung zu 
bringen. Dr. Richard Traugott (Breslau). 

Zum Thema „Traum": „Doch Träume sind Begierden ohne Mut, sind freche 
Wünsche, die das Licht des Tages zurückjagt in die Winkel unserer Seele, daraus 
sie erst bei Nacht zu kriechen wagen." (Artur Schnitzler: Schleier der Beatrice.) 

A. v. W. 

Zum Thema „Sexualsymbolik". Im einem Schreibbuche fand ich das fol- 
gende schweizerdeutsche Gedichtchen, das stark an das letztbin an dieser Stelle wieder- 
gegebene Lied von Mörike erinnert. Der Verfasser ist mir unbekannt. 

Gretlis Chranket. 
Herr Dokter, i glaube, i leb nümme lang, 
Es isch iner so schwer ond es isch mer 30 bang, 
I han e kei Lust ond kein fröhleche Muet, 
Es dunkt mi kei Schnitzli, kei Chrömli meh guet. 
I hau mit em Hannesli gfischet im See, 
Der Hannesli will go e Laugeli') neb, 

1 will em's goh hebe, das Laugeli hüpft 

Ond isch mer, 1 glaube, i's Herz ine gschlüpft. 

Wie's ggangen isch, chunnt mer halt uümme-n-in Sinn ; 

Es drängt mi ond druckt mi ond chräbelet drin. 

Ond bin i bim Hannesli, denked Sie, flugs 

lsch's Laugeli rüehig ond macht e kei Mux! 

Ond siderher han i's halt alliwil gha. 

Herr Dokter, was meined Sie, stirbe-n-i draV 11. R 01 seh ach. 

Aus Gcrhart Hauptmanns Diarium. Das Theaterjahrbuch für 1912 des Ver- 
bandes Deutscher Bühnenschriftsteller ,.Die Rampe" bringt eine Reihe von Apho- 
rismen Ger hart Hauptmanns, die er unter dem Titel „Aus meinem Diarium" 
zusammengefasst hat. Wir geben daraus folgende Proben: 

Dichten heisst, hinter Worten das Urwort aufklingen zu lassen. — Deine 
tiefste Erkenntnis ist zugleich am meisten und ganz ausschliesslich dein Eigentum. — 
Jeder Mensch verbirgt ein geheimstes Motiv. Es ist oft über jeden Begriff neben- 
sächlich und lächerlich: weil er das weiss, stirbt er, ohne es je verraten zu habeD. 
Wer es entdeckt, besitzt oft den Schlüssel zu vielen und grossartigen Handlungen 
eines grossen Mannes. — Man verehrt seine Mutter und verachtet das wahrhaft 
Volksmässige: wie kommt das? — Wir wissen von keiner höheren Vollkommenheit, 
al9 die menschliche ist. — Der schöne Klang der Stradivarius-Geige ist bedingt vom 
Lack. Der christliche Lack hat nur selten die gleiche Wirkung. — Unter den Ehefrauen 
gibt es sehr viele eingemauerte Nonnen. — Eitelkeit ist eine schöne Wiege für Er- 



l) kleiner Fiach. 



366 Vari«. 

wachsene. — Wie wäre es mit einem neuen Begriff: Humanitätsachurkerei. — Mein 
Freund, Pfaffen stecken in vielen Vermummungen, und wir sind stets in Gefahr, 
entweder von solchen der Religion, der Philosophie, der Wissenschaft und der Kunst 
vergewaltigt zu werden. — Genies sind unbequem. — Wir wissen nicht einmal, was 
wir sind; geschweige, was wir werden können. — Es gibt Männer, die sind ihre 
eigenen Schulmeister, Pfaffen und Henkersknechte. — Es ist bitter, diiss die Beschäf- 
tigung im Geistigen uns nicht soweit freimachen kann, dass wir ganz unabhängig 
von den gröbsten Instinkten urteilen. — Meine Kunstform ist eine Moral. 

Stekel. 



Literatur. 

(Abkürzungen: R? = Referat gesucht; B = das Buch ist bei der Redaktion ein- 
gelaufen.) 

Ernst Heinrich RosenfcM: „Die Zusammenhänge zwischen Rasse und Ver- 
brechen*. (Deutsche med. Wochenschr. 18. I. 1912.) — Prof. R. Weber (de Ge- 
neve): Petite Psychologie dediee a Freud. (Archiv de Neurologie. Janvier. 
1912.) — Dr. Varenne: Essai sur la psychologie etbnique de quelques vaces asia- 
tiques. (Ibidem.) — Voss: Beitrag zur Psychologie des Brautmordea. (Monatsschr. 
f. Kriminalpsych. u. Srrafrechtsreform. Januar 1912.) — Wanke: Über Psycho- 
analyse. (Kritische Diskussionsbe merkungen Antons als Nachtrag.) 
(Zeitschr. f. die ges. Neur. u. Psychiat. IV. Band. 6. Heft. 13. I. 1912.) - Svenson : 
Psychopathische Vorbrecher. (H. Gross Archiv. Januar 1912.) — Bossi: Die gynä- 
kologische Prophylaxe beim Wahnsinn. (Berlin. 0. Coblentz. 1912). — Bomke: 
Über nervöse Entartung. (Berlin. J. Springer. 1912). — L. Frank: Ober Angst- 
neurosen und das Stottern. (Zürich. Art. Institut. Grell Füssli. 1912.) — 
Gruhle: Die Ursachen der jugendlichen Verwahrlosung und Kriminalität. (Berlin. 
J- Springer. 1912.) — Thurnwalil : Die Denkart als Wurzel des Totemismus. (Kor- 
respondenzblatt d. deutsch. Gesellsch. f. Anthropologie, Ethnologie u. Urgeschichte. 
XL1I. Jahrg. Nr. 8/12.) — Rudolf Förster: Beziehungen von Beruf und Mode zu 
Geisteskrankheiten. (Zeitschr. f. Psychotherapie und med. Psycho!. III. Bd. 6. H.) 
— Otto Conrad-Charlottenburg : Grundfragen der Völkerpsychologie. (Wiss. Rund- 
schau. 1. I. 1912.) — Dr. Erwin Stransky: Das manisch-depressive Irresein. 
6. Abteilung des Handbuches der Psychiatrie. (Franz Deuticke. 1911.) (B.) — F. 
van Langenliuve: Sur les facteuis inconscients de l'attraction sociale. (Bulletin 
mensuel. Instituts Solvay. Nr. 17.) — Warnotte: Le recours a la guerre et le 
sentiment de la sup^riorite" nationale. (Ibidem.) — Schult/.: Neuere Literatur zur 
Psychopathologie. (Zeitschr. f. Psychologie. Bd. V. Heft 5 u. 6.) — Wilker: Die 
Analysen des kindlichen Gedankenkreises. (Ibidem.) — Dugas: L'introspection. 
(Revue philos. Dec. 1911.) — Selliere: Bewusstes und Unbewusstes im 
Erfindergenie. (Int. Monatsschr. Okt. 1911.) — Pettow: Zur Psychologie der 
Transvestie. (Archiv f. d. ges. Psychol. Bd. 22. Heft 2 u. 3.) — Philippson : Über 
die Anfänge des Seelenlebens im eisten Lebensjahr. (Zeitschr. f. Säuglingsschutz. 
Bd. III.) — Grasset: Un domi-fou de genie: August Comte. (Aesculape. 1911.)