(navigation image)
Home American Libraries | Canadian Libraries | Universal Library | Community Texts | Project Gutenberg | Children's Library | Biodiversity Heritage Library | Additional Collections
Search: Advanced Search
Anonymous User (login or join us)
Upload
See other formats

Full text of "Zentralblatt für Psychoanalyse 1914 Band IV Heft 1/2"

Zentralblatt 

für 



Psychoanalyse und Psychotherapie. 

Medizinische Monatsschrift für Seelenkunde. 



Schriftleiter : 
Dr. Wilhelm Stekel, Wien, Gonzagagasse 21. 



IV. Jahrgang. 




E. J. BONSET - AMSTERDAM 
1964 



Lizenznachdruck der Ausgabe J.F.Bergmann, Wiesbaden 1914. 



Originalarbeiten. 

i. 

Die Rolle der Psychotherapie in der Behandlung der 

Ischias. 

Über die Notwendigkeit einer Korabination der Physio- und Psycho- 
therapie. 

Von Dr. Paul-Emile Levy (Paris). 

I. 

Die Überschrift dieser kleinen Abhandlung erscheint vielleicht auf 
den ersten Blick befremdlich. Ist man doch nicht daran gewöhnt, von dem 
Einfluss zu sprechen — wie wichtig derselbe ist, das hoffe ich in diesen 
Zeilen darzulegen — den die Psychotherapie, die Einwirkung auf den 
Intellekt, neben der physischen Behandlung, sei sie lokal oder allgemein, 
auf eine scheinbar rein organische Erkrankung wie die Ischias hat. Meiner 
Ansicht nach ist eine Vereinigung beider Behandlungsarten fast immer 
von Nutzen für unsere Kranken, besonders bei Zuständen wie Ischias, 
bei der alle Mittel der Therapie manchmal zu versagen scheinen. Physio- 
therapie und Psychotherapie haben in diesem Fall das Interesse, Hand 
in Hand miteinander zu gehen. Die Krankheit hat. sozusagen zwei Ge- 
sichter, ein physisches und ein psychisches, gegen die man gleichzeitig vor- 
gehen muss. 

Diese enge Vereinigung beider Heilmittel, des psychischen und organi- 
schen, habe ich seit fast 15 Jahren angestrebt und mich als einer dor ersten 
bemüht, auf den hohen Wert der Psychotherapie hinzuweisen 1 ). Der 
Ansicht vieler Therapeuten entgegen vertrete ich die Meinung, dass sich 
die Psychotherapie nicht isolieren und von der übrigen Heilkunde trennen 
darf. Die Psychotherapie als Heilmittel ist nicht nur auf die Neurosen 
zu beschränken. Was nun die Neurosen selbst anbetrifft, so habe ich be- 
wiesen, dass sie nicht rein psychische Krankheiten sind, wie die Be- 
zeichnung „Psychoneurosen" auszudrücken scheint, sondern Erkrankungen, 
die den ganzen Organismus ergreifen, teils physisch, teils moralisch. 
Andererseits stehe ich auf dem Standpunkt, dass die Psychotherapie nicht 
auf das Gebiet der nervösen Beschwerden zu beschränken, sondern auch 
bei gewissen organischen Erkrankungen anzuwenden ist. Die Psycho- 
therapie sollte, von den alten unzulänglichen Formeln und Gebräuchen wie 

i) P.E. Levy. L'Education rationelle de la volonte, efc son emploi th6ra- 
peutique (9« edition F. Alcan). 

ZentralbUtt für Psychomalysa. 1V 1 /' 1 

INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

nie ncwrunftMA.vTicruc HOCHSCHULE IN BERLIN 




o Dr. P»ul-Emüe Levy, 

Hypnose und Suggestion befreit, in einem weiteren, rationelleren Sinne, näm- 
lich zu einer physischen und moralischen Erziehung angewandt worden. 
Dies einfache Wort charakterisiert meine Auffassung der Psychotherapie 
und weist darauf hin, wie dieses Heilmittel in vereinfachter Form in 
Verbindung mit der Physiotherapie anwendbar ist. 

II. 

Ich beschäftige mich nicht zum ersten Male mit der psychischen 
Behandlung der Ischias. Ich habe über diese Erkrankung vor ungefähr 
10 Jahren im „Journal des Praticiens" eine meiner ersten Abhandlungen 
geschrieben, die in meinem Werk „Neurasthenie et Nevroses" wieder ver- 
öffentlicht ist. Diese Arbeit war eingeleitet durch eine Studie über den 
Schmerz, der bei Erkrankungen wie Neuralgie und Ischias wohl das 
hervorstechende Symptom ist. Ich hatte darin nachgewiesen, dass es keine 
absolute Grenzlinie zwischen den nervösen und organischen Erkrankungen 
gibt, und dass daher die psychische Behandlung immer die alten bewährten 
Methoden ergänzen müsse. Der von mir beobachtete sehr typische Fall 
betrifft eine Dame, die ich während eines Sommeraufenthaltes in der 
Schweiz untersucht und behandelt habe. Dieselbe war infolge von Ischias 
drei Wochen lang nicht fähig sich zu bewegen ; die psychische Behandlung 
und die Wiedererziehung zum Gehen führte hald eine allmähliche Besserung 

und Heilung herbei 1 ). 

Vor kurzem habe ich mich auf dem Kongress für Physiotherapie 
im Jahre 1911 wieder eingehend über die Anwendung der geistigen Be- 
einflussung schmerzhafter Erkrankungen wie Ischias geäussert. Ich glaube 
zwar nicht, dass diese Indikationen trotz ihrer grossen Einfachheit und 
ihrem praktischen Wert die medizinische Mitwelt beeindruckt haben. Und 
das ist der Grund, warum ich es für gut halte, heute darauf zurückzu- 
kommen. 

III. 

Einen Punkt möchte ich gleich hervorheben, nämlich das häufige 
Auftreten der falschen Ischias und die Notwendigkeit einer ersten gründ- 
lichen Untersuchung, wobei im Interesse einer richtigen Diagnose der 
Kranke nicht durch eine gewisse Fragestellung becinflusst und beein- 
druckt werden darf. Das macht oft grosse Schwierigkeiten. Da ist z. B. 
ein Kranker, der über Schmerzen in der Hüfte — besonders im hinteren 
Teil derselben — klagt. Ist es nicht naheliegend, dass der Arzt zuerst 
an Ischias denkt und vor allem die pathognomischen Schmerzpunkte unter- 
sucht? Und ebenso begreiflich ist es, dass dann der erste Gedanke des 
Kranken auch der Ischias gilt, dass seine Vorstellungskraft die Schmerzen 
und Beschwerden verstärkt. Die Kenntnis der Ischias ist tatsächlich sehr 
verbreitet. Sobald der Kranke Schmerzen in der Hüfte hat, bildet er 
sich auch ein, Ischias zu haben und was noch schlimmer ist, er fürchtet sie. 

Oft handelt es sich, wie bei vielen Fällen sogenannter Neuralgien, 
um einen Schmerz, der nicht vom Nerv selbst ausgeht, sondern mehr 
oder weniger unbekannten Ursprungs ist, hervorgerufen z. B. durch Er- 
kältung, eine übersehene Übermüdung, durch eine Anstrengung, welcher 
der Kranke keine besondere Aufmerksamkeit schenkte, durch das, was 

i) P. E~.~Levy, Neurasthenie et Növroaea; leur guemon definitive, en eure 
libre — 2« eüition. Etudes I et II. (F. Alcan). 



Die Rolle der Psychotherapie in der Behandlung der Ischias. 3 

wir mit dem vagen Ausdruck ..Muskelrheumatismus" bezeichnen oder 
durch die von Dr. Durey nachgewiesenen Verhärtungen des Zellen- 
gewebes etc. Das Auffinden der bekannten Schmerzpunkte wird meist 
keine Schwierigkeiten machen, da sich der ganze Körperteil im Zustand 
der Schmerz-Empfänglichkeit befindet. Es handelt sich hier um ähnliche 
Vorkommnisse wie bei den schmerzhaften Ovarien, die früher massenhaft 
mit Unrecht operiert wurden oder um Pseudoappendizitis, die auch sehr 
schwierig von der wirklichen Appendizitis zu unterscheiden ist. 

Wie kann man min derartige Irrtümer vermeiden? Es kommt darauf 
an, dass man schon beim ersten Zusammensein mit dem Kranken — denn 
etwas später wäre vielleicht zu spät — sowohl Anamnese wie Unter- 
suchung der erkrankten Stelle mit grosser Vorsicht vornimmt. Man darf 
den Kranken nicht durch Fragen zu sehr in die Enge treiben und ihn 
lieber selbst sprechen lassen; ebenso ist bei der Untersuchung zu ver- 
meiden ohne weiteres dem Ischias-Nerv und den Schmerzpunkten nach- 
zuspüren. Wenn man dagegen den Körperteil untersucht, ohne etwas zu 
sagen, ohne bestimmten Entschluss, ohne eine vorgefasste Meinung zu 
äussern, nur bestrebt, einen Punkt nicht mehr als den anderen zu drücken 
so wird man konstatieren, dass der Schmerz diffus ist und sich ebenso 
auf der vorderen Seite, auf der Fascia lata, wie auf dem Knochen konsta- 
tieren lässt und dass man endlich nach Belieben solche Schmerzpunkte 
durch bewusste Suggestion erzeugen kann. Selbst in zweifelhaften Fällen 
wird es im Interesse des Kranken besser sein, zu kleinen, übrigens berech- 
tigten Ausflüchten zu greifen und die Frage zugunsten der falschen Ischias, 
des Muskel-Rheumatismus, der unbestimmten Neuralgie zu entscheiden. 
Wenn die Erkrankung nicht durch die Impressionabilität des Patienten 
gesteigert wird, wird sie um so schneller heilbar sein. 

Hat der Patient seine Aufmerksamkeit lange Zeit, auf Ischias und 
Schmerzpunkte konzentriert, wird eine Diagnose fast zur Unmöglichkeit. 
Ganz ähnlich verhält es sich bei der falschen und wirklichen Appendizitis. 
Ist der Schmerz durch Verletzung des Nerven oder durch Autosuggestion 
entstanden, bis er zum douleur fixe geworden ist, so wird es in beiden 
Fällen gleich schwierig sein, ihn auszurotten. 



IV. 

Ich nehme an, dass die Diagnose eine wirkliche Ischias konstatiert 
hat. Wie weit ist nun das psychische Element dabei beteiligt und hat 
die seelische Beeinflussung, die Psychotherapie, hier einzugreifen? 

Man machte früher einen Unterschied zwischen Ischias im eigentlichen 
Sinn und der hysterischen Ischias. Ich für meine Person glaube nicht 
an die hysterische Ischias. Alle diese Fälle gehören meiner Ansicht 
nach in die eben beschriebene Kategorie: es sind diffuse Algien mit 
schwer zu präzisierendem Ausgangspunkt, Topoalgien, wie der Fach- 
ausdruck heisst, bei denen der Schmerz durch unbewusste Suggestion 
künstlich in besonders akuter Weise auf den Nerv lokalisiert wurde. 
Mag sich die Ischias bei Kranken, die man als hysterisch bezeichnet oder 
als einfach nervös oder auch bei solchen, die frei von jeder Art der 
Nervosität scheinen, zeigen, wir müssen dennoch immer die psychische 
Behandlung anwenden, und zwar aus leicht begreiflichen Motiven. Diese 

l* 



4 Dr. Paul-Emile Levy, 

Motive bezichen sich nicht auf Ischias allein, sie erstrecken sich auf 
die Behandlung jedes anderen Schmerzes. 

Jeder Schmerz wird durch zwei hauptsächliche Erscheinungen 
charakterisiert : einerseits durch die periphere Läsion (und das ist der 
Punkt, wo man ihn gewöhnlich zu bekämpfen sucht), andererseits aber 
auch durch die Sensation, die der Kranke empfindet, durch die Wahr- 
nehmung organischer Modifikationen im Gehirn. Warum nun nicht den 
Schmerz gleichzeitig an beiden Punkten angreifen, vorn organischen und 
vom seelischen aus? Die Notwendigkeit einer solchen Behandlung ist 
noch einleuchtender, wenn man sich darüber klar wird — und hierzu 
gelangt man schon nach oberflächlicher Beobachtung — -, wie diese beiden 
immer vorhandenen Elemente sich wechselweise in gewisser Art ver- 
binden. Der psychische Koeffizient, wie ich ihn genannt habe, der uns 
die organische Läsion vermittelt, kann sie verändern, grösser und kleiner 
empfinden lassen, so dass er das Krankheitsbild in unendlichen Variationen 
modifiziert. Daraus folgt, dass bei dem scheinbar gleichen klinischen 
Bild der wirkliche Zustand der verschiedenen Kranken ganz voneinander 
abweichen kann. In Berücksichtigung dieses wechselnden Materials sollte 
nun auch die Therapie sich der jeweiligen Natur des Falles anpassen und 
sie entsprechend modifizieren. Ich möchte hier noch auf die bei ver- 
schiedenem Lebensalter gemachten Beobachtungen hinweisen: ein Kind 
vergisst den Schmerz sehr bald und geht rasch über ihn hinweg, ein 
Erwachsener dagegen denkt darüber nach, ängstigt sich und fixiert so 
seinen Schmerz. Dann die Unterschiede der sozialen Klassen, zwischen 
Patienten aus der Stadt und solchen im Spital, zwischen mehr oder weniger 
gebildeten Personen, Leuten aus dem Volk, Bauern, mit einem Wort 
zwischen denen, die sich selbst beobachten, sich analysieren, sich selbst 
bestrafen und denjenigen, die sich weder beobachten noch selbst analy- 
sieren. Welche individuelle Verschiedenheit zwischen einer Person und der 
andern, die kaum zu definieren ist — , Verschiedenheit bei ein und der- 
selben Person, je nachdem sie disponiert ist, sich in die Krankheit ver- 
tieft oder durch andere Gedanken ablenken lässll So kann der Schmerz 
ganz verschwinden, wenn die Ablenkung oder Zerstreuung gross genug 
ist. Bei einer kürzlich von mir behandelten Patientin, die an Ischias 
erkrankt war, verloren sich während der Vorbereitungen zu einer grossen 
Reise die Schmerzen vollkommen ; bei einem anderen Kranken während 
einer aufregenden Wahlkampagne. Wenn wir diese Tatsachen immer im 
Auge behalten — Tatsachen, welche nur den einen Fehler haben, zu 
einfach und' zu alltäglich zu sein — so wird man durch sie immer 
Mittel und Wege finden, das Schmerz-Phänomen, diese wichtigste Mani- 
festation der Ischias, wirksam zu bekämpfen. 

V. 

Andere Erwägungen treten in Wirksamkeit, welche die eigentlichen 
Ursachen der Ischias ins Auge fassen — und sind nicht die Ursachen 
entscheidend für die Behandlung dieser Krankheitserscheinungen? — 
Die Ursachen der Ischias bleiben oft, von einigen feststehenden und 
altbekannten abgesehen, vollkommen unklar. Bei den unbestimmten Fällen 
beruft man sich häufig auf einen vagen Arthritismus; — ich bin nun 
der Ansicht, dass bei diesen ätiologisch unbestimmten Fällen oft ganz 
einfach psychische Wurzeln und Störungen des Charakterbildes als Ursprung 









Die Rolle der Psychotherapie in der Behandlung der Ischias. 5 

der Erkrankung anzusehen sind, deren Wirkung jedenfalls viel umfas- 
sender ist als die meisten Autoren, die über Psychotherapie geschrieben 
haben, bis jetzt begriffen zu haben scheinen. 

Psychische Wurzeln sind oft Langeweile und Sorgen, wie ich es 
bei einer -Anzahl von Patienten beobachtet habe. Es handelt sich nicht 
immer um wirkliche Sorgen, sondern mehr um Ärger und Verdruss, wie 
sie jeder Tag mit sich bringt — der Mann hat sie in seinem Beruf, die 
Frau in häuslichen Verdrießlichkeiten, deren Bedeutung von ihr meiner 
Ansicht nach häufig überschätzt wird. Aus den täglichen Verdriesslich- 
keit.cn entsteht allmählich dieser gereizte Zustand, diese immerwährenden 
Zornausbrüche, diese Aufregung, Nervosität und ständige Ungeduld. So ent- 
wickelt sich bei dein Kranken die Disposition zu psychischer Erregbar- 
keit, die ihn in der Tat reizbar macht und in eine Verfassung bringt, in 
der alle Nerven, alle Körperteile ihm Schmerz bereiten. 

Aber das ist nur einer der Punkte, und um in die Art und Weise 
dieser emotiven Ursachen tiefer einzudringen, muss man von der allge- 
meinen Meinung abstrahieren, die darunter einzig und allein intelektuelle 
Vorgänge, die gewissermassen ausserhalb und über dem Organismus 
schweben, versteht. Affekte sind immer — wie ich mich festzustellen 
bemüht habe — Vorgänge, die das ganze Wesen erfüllen, physikalisch- 
seelische Tatsachen. „In wie grossem Mass" — schrieb ich — .haben 
diese Ursachen die Fähigkeit, den ganzen Organismus, sei es im Guten 
oder im Hosen, zu erschüttern! Findet man ihren grundlegenden Ein- 
fluss nicht auch im ersten Stadium so vieler anderer Erkrankungen, 
abgesehen von den Neurosen auch bei organischen Krankheiten? Und 
gibt es wohl einen pathogenen Faktor von grösserer Wichtigkeit, wenn 
auch meist so wenig Werl auf ihn gelegt wird? Der Affekt ist nicht nur, 
wie man gewöhnlich annimmt, rein intelektuellen Ursprungs; er charakte- 
risiert sich nicht allein durch den Rewusstseinsvorgang, wie wir ihn 
als Affekt empfinden; er ist eine direkte Grundlage der Erschöpfung 
und Abnützung des Nervensystems. Schliesslich äussert er sich durch 
die verschiedenartigsten organischen Veränderungen (Herzklopfen oder ver- 
langsamte Herztätigkeit, Zusammenziehung oder Erweiterung der Gefässe, 
Spasmen oder Hypotonie der Verdauungsorgane, daher beschleunigte oder 
verlangsamte Verdauung, häufiger oder seltener Stuhlgang, Störungen der 
inneren Sekretion etc.). Ist es zu verwundern, dass diese lange bestehen- 
den emotiven Störungen ihrerseits ernste chronische Störungen nach sich 
ziehen 1)?" 

Diesen schon an sich wichtigen Erwägungen möchte ich andere folgen 
lassen, welche darlegen werden, wie allein durch die Affekte Störungen 
der Ernährung wie Ischias eintreten können. Das ist darauf zurückzu- 
führen, dass der Affekt nicht nur durch sich selbst tätig ist, sondern auch 
durch Störungen der sekundären Rückwirkung, welche er determiniert. 
Ein von Sorgen und Aufregungen gequälter Mensch wird auch unter 
Funktionsstörungen leiden; er überanstrengt sich, verbringt schlaflose 
Nächte; er reduziert seinen Schlaf und der Schlaf selbst hört auf für 
ihn ausruhend zu sein; ebenso leidet er unter Verdauungsstörungen, denn 
er iässt sich zu einer falschen Lebensweise verleiten, isst entweder zu 

1) V. Neurasthenie et Növroses, Etudes XI: Les psychoneVroses mäuonnus 
pseudo-appendicite et pseudo-dyapepsie. 



6 Dr. Paul-Emile Levy, 

wonic oder zu viel - zu schnell etc. So entstehen einerseits Erschöpfung 
und Überreizung des Nervensystems, andererseits Funktionsstörungen be- 
sonders der Verdauung: und man begreift, dass durch diesen zw erfachen 
Prozess die Assimilation und die Ernährung des Organismus gestört wird 
und sich aus dieser Ernährungsstörung eine lokale Erkrankung wie Ischias 
bilden kann Wie ich schon gesagt habe, schreibt man oft bei unbestimmten 
Fällen die Ischiaserkrankung dem Allgemeinbefinden des Kranken der 
arlhritischen Diathese zu; aber mit Unrecht wird diese Diathese dieser 
arthritische Zustand als konstitutionell, so dass der Kranke dem Leiden 
nicht entgehen kann, angesehen. Dem ist nicht so. Es handelt sich oft 
— und dies ist von Wichtigkeit — um einen momentanen, vorübergehenden 
Arthritismus. Der Ursprung dieses vorübergehenden arthritischen Zustandes 
war bisher wenig bekannt, erscheint aber, nach den von mir aufgestellten 
Betrachtnugen und klinischen Beobachtungen nicht zweifelhaft. Seine 
Heilung wird meist auch die Heilung der lokalen Erkrankung, die^ mit 
ihren emotiven Affekten den Kranken ausschliesslich beschäftigt, zur Folge 
haben. Diese Kenntnis gibt uns auch den Schlüssel zu vielen bisher unbe- 
stimmten Fällen von Ischias, denen gegenüber sich die Therapie ihrer 
ätiologischen Unbestimmtheit wohl bewusst ist. Sie erlaubt es, dem bis- 
herigen bewährten Verfahren nützliche Elemente zur Errichtung einer 
neuen rationelleren Therapie anzugliedern, die sich der Erkrankung in allen 
ihren Erscheinungen anpasst. 

VI. 

Wenn wir nun die verschiedenen notwendigen Elemente dieser Thera- 
pie analysieren, werden wir im Hinblick auf die von mir betonten neuen 
ätiologischen Gesichtspunkte zugeben, dass bei jedem Ischiasfall sich die 
Therapie dem Ensemble der vorhandenen Indikationen anpassen muss 
und daher folgende Punkte in Betracht zu ziehen hat: 

1 Einesteils lokale oder symptomatische Behandlung mit den be- 
kannten beruhigenden oder ableitenden Mitteln und die verschiedenen 
Prozeduren, Elektrizität, heisse Luft etc. - auf die es mir trotz ihrer 
Bedeutung überflüssig erscheint hier näher hinzuweisen. 

Dazu gesellt sich natürlich noch die medikamentöse Behandlungsweise 
mit den schmerzstillenden Mitteln aller Art, wie Antipyrin, Aspirin etc. 
Eine Bemerkung scheint mir noch nützlich: man begeht oft den Fehler, 
mit den Verordnungen zu leicht zu wechseln, zu schnell von einem Medi- 
kament zum andern überzugehen, was dazu beiträgt den Patienten zu 
verwirren, den Glauben in ihm zu erwecken, dass er schwer heilbar 
sei Im allgemeinen scheint es mir angemessener, bei jedem Mittel nach 
der wirklich zuträglichen und wirksamen Dosis zu suchen und sich daran 
zu halten um dann diese Dosis nötigenfalls zu modifizieren. Es ist 
immer von Vorteil, wenn der Kranke den Eindruck gewinnt, dass man 
ihn planmässig, nach einer bestimmten Methode behandelt. 

2 Andererseits geistige Beeinflussung, die sich auf der Basis der 
erzieherischen Psychotherapie aufbauen wird, über die ich mich schon 
des längeren an anderer Stelle geäussert habe. Ich werde hier nur die 
hauptsächlichsten Punkte wiederholen. 

Der an Neuralgie oder Ischias Erkrankte ist meist dem Temperament 
nach nervös, leicht erregbar, sensitiv. Oder er ist es erst in zweiter 
Linie durch den Schmerz und die verschiedenen damit zusammenhangenden 



Die Rolle der Psychotherapie in der Behandlung der Ischias. 7 

Beschwerden wie Schlaflosigkeit, Entkräftung, Sorgen. In beiden Fällen 
muss man auf die allgemeine Reizbarkeit einzuwirken suchen, den Kranken 
lehren, diese Impressionabilität zu beherrschen, seine Befürchtungen zu 
zerstreuen und ihm — wenn nötig — den Glauben an seine Genesung 
wiedergeben. Je mehr sich die allgemeine Reizbarkeit des Kranken ver- 
ringert, desto leichter wird er den lokalen Schmerz überwinden und sich 
von ihm nicht aus der Fassung bringen lassen. 

Es wird auch gut sein sich klar zu machen, welchen schädlich, • 
Einfluss die Lektüre medizinischer Bücher auf viele Kranke hat, ebens 
die Unterhaltung mit Personen, die selbst an Ischias gelitten haben oder 
Gcbpräche über Kranke, welche monate- oder jahrelang ischiaskrank waren 
— oder nie davon geheilt wurden : es gibt da so viele seelische Motive 
und Suggestionen, die oft dazu beitragen, die Schmerzerscheinungen zu 
erhalten und sie der Behandlung schwerer zugänglich zu machen. Die 
Aufmerksamkeit des Arztes sollte in dieser Hinsicht immer rege darauf 
gerichtet sein, so entstandene Befürchtungen zu verstreuen und indirekt 
auf die dadurch hervorgerufene Verschlimmerung einzuwirken. 

Ausserdem ist es ratsam zu wissen, dass das bei einer Anzahl 
von Kranken vorhandene Wiederauftreten der Schmerzen zu bestimmter 
Stunde auf rein seelischem, wenn auch schwer verständlichem Vorgang 
beruht — eine Tatsache, für welche sich in den klassischen Beschreibungen 
der Meister keine befriedigende Erklärung findet. Sie bilden in der Tat 
schmerzhafte Gewohnheiten (habitudes douloureuses) — zufolge der Be- 
zeichnung von Brissaud. Der Kranke erwartet sie bewusst oder halb- 
bewusst; sie sind — mit einem Wort — das Ergebnis dessen, was die 
ersten Psychotherapeuten ängstliche Erwartung (l'attention expeetante) 
nannten, eine furchtsame Einstellung, welche Empfindungen, die sonst 
unbeachtet geblieben wären und sich vielleicht zerstreut hätten, wieder 
ans Tageslicht bringt, fixiert und vergrüssert. 

Eine noch weniger bekannte Tatsache, von deren Richtigkeit ich 
mich überzeugt habe, ist die Übertreibung des Schmerzes unter dem 
Einfluss von Erregungen, Ärger, Zorn, Nervosität, Diskussionen etc. Man 
kann sich denken, wieviel die Psychotherapie in allen diesen Punkten 
auszurichten imstande wäre und wie sehr sie noch rückwirkend die Inten- 
sität neuralgischer Schmerzen lindern könnte. 

Ich halte mich immer an die Bedeutung des psychischen Elementes 
bei der Behandlung des ischiatischen Schmerzes und muss noch einen 
Punkt erwähnen: ich habe schon anderweitig ausgeführt, welche Nach- 
tfeile die Ruhe und die lange fortgesetzte Immobilisation nach sich ziehen. 
„Einmal immobilisiert richtet der Kranke, der seinen gewohnten Beschäfti- 
gungen entzogen ist und durch keine anderen Gedanken und Empfindungen 
abgelenkt wird, eine erhöhte Aufmerksamkeit auf seine schmerzhafte Stelle, 
wodurch sich die Intensität des Schmerzes natürlich steigert. Der Kranke 
bewegt sich nicht mehr, die Muskeln verlernen ihre Tätigkeit, sie koordi- 
nieren schlechter ihre Bewegungen oder kontrahieren sich zu heftig. Daher 
auch die sekundären Störungen, welche auf den ursprünglichen Schmerz 
einwirken und ihn vergrössern — ein letztes mögliches Stadium wollen 
wir nicht vergessen, das ist die Neurasthenie, welche eine allgemeine Er- 
schütterung des Nervensystems darstellt. Diese Erschütterung ist erst 
durch die lokalen Störungen hervorgerufen worden (I.)". 



8 Dr. Paul-Emile Levy, 

Die Ruhe ist also ein zweischneidiges Schwert. Wenn sie auch im 
ersten Stadium der Erkrankung fast immer notwendig ist, darf man sie 
nicht ohne Grund verlängern. Hat die notwendige Ruheperiode stattge- 
funden, so muss die allmähliche Wiedererziehung, das Training heginnen, 
um den Kranken nach und nach abzuhärten. Das Training wird noch 
durch einen anderen Faktor wirken, den man als psychische Ablenkung 
bezeichnen kann. „In dem Mass als der Kranke aufhört sich in seinem 
Bett zu verschanzen, wird er auch aufhören sich in seinen Schmerz zu 
verbohren. Die Fähigkeit sich wieder zu beschäftigen wird seine Auf- 
merksamkeit mehr und mehr von dem Schmerz ablenken, den er bewusst 
oder unbewusst immer wieder genährt hat," Diese Gedanken, die ich 
seit langem entwickelt habe, sind zu meiner Genugtuung kürzlich von 
Froment (Lyon) bestätigt worden, der sich auch an meine früher 
erschienenen Arbeiten erinnert und gleich mir an der Beteiligung des 
psychischen Elementes bei der Ischias festhält — auch er hält es für 
wichtig, die Ruheperiode nicht his ins Ungemessene zu verlängern, sondern 
Wiedererziehung und Mobilisierung der Ischiaskranken vorzunehmen. 

3. Allgemeine Behandlung. — Diese Behandlung wird wohl im all- 
gemeinen nicht vernachlässigt, verfährt aber zweifellos oft etwas sum- 
marisch und lässt es bei einigen Ernährungsvorschriften und medikamen- 
tösen Verordnungen bewenden, wodurch man die arthritische Diathese, 
die meist als Ursache der Neuralgien angesehen wird, zu bekämpfen 
sucht. 

Man sollte in der Tal eine genaue und gründliche Untersuchung 
aller Funktionen vornehmen. Durch Behandlung der Verdauungsstörungen, 
der Schlaflosigkeit etc. wird man indirekt den neuralgischen Schmerz 
günstig beeinflussen können. Die Urinsekretion sollte ganz besonders kon- 
trolliert werden, Wenn man nicht immer krankhafte Veränderungen wie 
Zucker findet, zeigen sich dagegen häufig Modifikationen — übrigens 
wechseln*! — in der Quantität der normalen Ausscheidungen; besonders 
vermehrte oder verminderte Ilamabsonderung, welche nützliche Finger- 
zeige für das festzustellende Regime geben können. Man kann sehr leicht 
konstatieren, dass die tägliche Urinmenge vermindert ist, ein Symptom, 
das ich fast konstant gefunden habe. In solchen Fällen sollten Waschungen, 
Medikamente wie Lilhin und Urodonal verschrieben werden, wodurch der 
Organismus von den Schlacken, welche sich häufig während der Neural- 
gien bilden, entlastet wird; hierdurch habe ich oft auf die Schmerzerschei- 
nungen einwirken können. Auch über die Gewichtsveränderungen des 
Kranken informiere man sich, ob es wie gewöhnlich in der Abnahme 
begriffen ist; eine Gewichtszunahme ist immer ein gutes Zeichen. 

Schliesslich vergesse man nicht nach den bekannten physischen und 
psychischen Zeichen der Neurasthenie zu suchen, jenes nervösen Zu- 
Standes, der bei diesen Kranken so häufig vorkommt und sich nicht immer 
erst im Verlauf der Krankheit ausbildet. Man wird sie selbstverständlich 
mit allen Mitteln der Physio- und Psychotherapie bekämpfen, um den 
Kranken rascher herzustellen. 

VII. 
Ehe ich schliesse, möchte ich noch nachstehende Folgerungen formu- 
lieren : 






Die Rolle der Psychotherapie in der Behandlung der Ischias. 9 

1. Es scheint unleugenbar, dass bei einer Anzahl von alltäglichen 
Ischiasfallen — man nennt sie mit Unrecht idiopathisch — das psychische 
Element, eine deutliche Rolle spielt, erstens als Ursache der Krankheit 
(Aufregungen, Sorgen, Angstzustände), denen der Kranke unterworfen ist 
und welche die allgemeine Heizbarkeit steigern. Es kommt dann zu 
organischen Störungen, besonders in der Ernährung, so dass die Alte- 
ration des Nerven eine sekundäre Erscheinung ist — zweitens wird die 
Intensität des Schmerzes auf der Höhe dös Leidens auf psychogene Weise 
bedeutend gesteigert und fixiert. 

2. Es folgt daraus, dass neben den bewährten physikalischen Heil- 
methoden und der inneren Medikamentation eine sich auf präzise Indi- 
kationen stützende psychische Rückerziehung (reeducation) eingreifen und 
eine bedeutsame Rolle in der Therapie spielen muss. 

3. Wenn die Ischias nicht ohne Grund als eine allen Heilmethoden 
trotzende Krankheit gilt, so muss meiner Ansicht nach die Ursache der 
Erkrankung darin gesucht werden, dass man zu sehr die lokale Neuralgie 
bekämpft und die von mir erwähnten Gesichtspunkte nicht berücksichtigt. 
Viele dieser anscheinend unheilbaren Fälle können durch solche kombinierte 
Therapie günstig beeinflusst und geheilt werden. Es handelt sich darum, 
lokal und allgemein zu behandeln und jene psychogenen Elemente, welche 
die Krankheit hervorrufen, steigern oder unheilbar machen, aufzusuchen 
und wirksam zu bekämpfen. Dies hat mir meine klinische Erfahrung 
wiederholt bewiesen. — 

(Autorisierte Übersetzung von Theda Edelsheim.) 



II. 

Studien über den perversen Charakter (mit besonderer 
Berücksichtigung der Inversion). 

Von Hans Blüher (Berlin). 

Ursprünglich hatte ich vor, diesem Thema, das mir seit Monaten 
im Kopf herumging den anspruchsvollen Titel einer „Lehre %on den 
piver'ione? Z u 8 ge 8 ben. Ich bin davon zurückgekommen aus begre ifh^hen 
Gründen und begnüge mich mit einer bescheideneren überschnftTeunge 
eine Wissenschaft ist, um so mehr muss man sich davoi hüten, Ä£ 
Schlüsse geben zu wollen. Ein theoretisches Blinkfeuer ist hier wert 

^AÄÄ Wissenschaft als ein Fortschritt gelten wenn man 
in die Lage kommt, eine willkürliche Definition einer taM 
durch eine andere zu ersetzen, die aus den Tatsachen stammt und uns 
von diesen aufgenötigt wird. In der Sexuologie und der sich daran W 
schliessenden Neurosenlehre steht der Begriff der Per v er sio ne n fa t 
in der Mitte und doch muss man von ihm sagen, dass er in dei luu 
herumflattert und der Willkür noch in hohem Mause preisgegeben ist^ 
Der eine nennt dies eine Perversion, der andere das, der «m e » imn * 
die Grenze des Perversen und des sogenannten Normalen hier an, der 

ander Was rt bisher das Festlegen einer sowohl für die Sexualtheorie, als 
auch für die therapeutische Praxis wertvollen ^ Begriffsbestimmung 5 von 
„Perversion" gehindert hat, das ist einerseits die Lehre vom .normalen 
Ser.ualziel", andererseits der Krankheitsbegriff Man hört noch überall 
bei Ärzten wie bei Laien das Wort „normales Sexualziel und die Art 
wie es betont und wichtig genommen wird, lässt dann die Vermutung 
kommen als ob es sich hierbei um ein von der Natur autoritativ fest- 
«etestes'ziel des sexuellen Wollene handele, nachdem alle Menschen 
mit Notwendigkeit streben, wie etwa alle irdischen Körper nach dem 
Mittelpunkte der Erde; ein Ziel, dessen Verfehlung oder Erreichung die 
Menschen objektiv in Kranke und Gesunde einteilt. Aus welchem Grunde 
ich die Existenz eines solchen objektiv gültigen „normalen Sexuale es 
bezweifle, möchte ich hier nicht ausführen, man gestatte mir nur das 
ich zum Zwecke dieser Arbeit an seine Stelle den Begriff m| •▼«***£• 
Sexual/iel" setze, und man wird sehen, dass man hiermit auch über den 
Rahmen dieser Arbeit hinaus theoretisch wie praktisch viel weiter kommt. 
Für den vielumstrittenen Begriff „Krankheit" hat meines Erachten* 
Freud das entscheidende Wort gefunden. Er nennt ihn einen „praK- 



Hans Blüher, Stadien über den perversen Charakter. 



11 



tischen Summationsbegriff". Das sagt in der Tat alles. Es sagt nämlich, 
dass der Begriff „Krankheit" theoretisch überhaupt wertlos ist, und 
dass er eben nur rein praktischen Zwecken dient. Arzt und Patient kommen 
vor der Behandlung überein, die Summe gewisser den Patienten störender 
Symptome seine Krankheit zu nennen, ganz gleichgültig, ob gerade dieser 
Symptomenkomplex in den Wörterbüchern für Pathologie enthalten ist 
oder nicht; ihre Beseitigung nennt man dann die Heilung. Damit ist 
also der Krankheitsbegriff einfach in das Sprechzimmer des Arztes ver- 
bannt und hat in der Theorie nichts mehr zu suchen. 

Diese Prämissen sind notwendig um weiter zu kommen. Die Wissen- 
schaft bleibt aber noch bei Willkürlichkeiten stehen, solange sie z. B. 
Sitten, Gewohnheiten und Üblichkeiten, selbst wenn sie Jahrhunderte alt 
sind als ein Maass für die Beurteilung eines Vorganges annimmt. Was 
ist z. B. damit gewonnen, wenn man die gegenseitige Berührung der 
Lippenschleimhaut mit stark erogener Wirkung, also den präludialen Kuss, 
als keine Perversion betrachtet, wohl aber die Berührung der Lippen- 
schleimhaut des Objektes mit dem Penis? Gewiss ist der Unterschied 
durch die Brille der Sitte gesehen gross, aber er hat keine eigentliche 
Bedeutung; jeder sexuell stark begabte Mensch tut so etwas vor der 
Kulmination seiner Libido und es hat nicht den geringsten Einfluss auf 
den Charakter seines Liebeslebens. Etwas anderes aber ist es, wenn sich 
beim erregten Individuum plötzlich die ganze Libido mit psychischem 
Zwange in diesen Teilvorgang versackt. Dann hat es Sinn, von einem 
perversen Charakter zu reden. Anders ausgedrückt: wenn die 
sexuelleLeitlinie durch den hypertrophierten Beiz einer Komponente 
durchbrochen wird. Ich bilde das Wort „sexuelle Leitlinie" mit Absicht 
in Anlehnung an Alfred Adler 's „männliche Leitlinie". Sie läuft 
dieser nämlich völlig parallel. Wir haben die männliche Leitlinie beim 
„Willen zur Macht", die sexuelle Leitlinie beim Willen zur Lust. Bei 
jedem Menschen ist sowohl eine männliche, als eine sexuelle Leitlinie 
nachweisbar, um sie herum gruppieren sich glückend oder missglückend 
die jedesmaligen Unternehmungen. Beide Leitlinien können in bestimmter 
Weise miteinander in Konflikt geraten. 

Es kommt also bei der Entstehung eines perversen Charakters vor 
allem erst einmal darauf an, dass eine der sexuellen Lustkomponenten 
in ihrem erogenen Wert hypertrophiert. Das ist die erste Vor- 
bedingung. Die sexuelle Leitlinie erstrebt einen möglichst symphoni- 
schen Charakter des erotischen Gesamtereignisses ; d. h. die Kom- 
ponenten stehen etwa wie in der Musik die zweiten und dritten Stimmen 
hinter und neben dem Haupteffekt (Motiv), der durch den Orgasmus be- 
siegelt wird. So sieht dann eine „ideale Liebe" aus, die mit der völligen 
Befriedigung der sexuellen Psyche und mit der Auslösung riesigen Glückes 
endet. Nun liegt aber bei manchen Menschen die Möglichkeit vor, dass eine 
der sexuellen Komponenten vermöge einer bestimmten in die Kindheit 
zurückreichenden Überbetonung die Herrschaft an sich reisst und zwar 
gegen den Willen des Sexualsubjektes, das ja seine sexuelle Leitlinie 
im Auge hat. Hier verwandelt sich dann die hypertrophierte Komponente 
in eine Perversion, sie bekommt einen übergebührlichen Reizwert, der 
imstande ist, den ganzen psychischen Aufbau des Sexualsubjektes zu be- 
stimmen. Wir können etwa sagen: die Perversionen zerstören den symphoni- 
schen Charakter der Libido. — Ich möchte noch einmal betonen: es hat 



22 Hans Blüher, 

für die theoretische Weitung gar keinen Sinn, das einfache Vorhanden- 
sein eines „üher das normale Mass hinausgehenden" Teilreizes schon für 
das Kennzeichen eines perversen Charakters zu halten. So etwas ist ein- 
fach willkürlich. Wenn z. 13. ein Mann mit überstarker Libido im Stadium 
der Wollust die schier unglaublichsten Gelüste befriedigt, deren Bekannt- 
werden in der Öffentlichkeit ihn sofort kompromittieren würde, etwa: 
Cunnilingus, usw. und wenn er dann algolagne Themen anschlägt und 
schliesslich doch im gewünschten Orgasmus per coitum den verwegensten 
Höhepunkt der gegenseitigen Libido erreicht, so haben wir keinen per- 
versen Charakter vor uns. Solange die libidinöse Symphonie erhalten 
bleibt, mögen im übrigen die Komponenten so stark betont sein, wie sie 
wollen, ist von keinem perversen Charakter die Rede und selbst, wenn 
die Endlust von einer sadistischen Aufwallung begleitet eintritt und den 
Tod des Sexualobjektes zur Folge hat, darf diese Diagnose nicht ge- 
stellt werden. Ein solcher Fall ist in der Sexualbiologie des Tierreiches 
ganz geläufig. Pervers sein ist also niemals gesteigerte Libido, sondern 
nur abgelenkte, in einer Komi»onente versackte. 

Ich wende mich nun, nachdem ich die Grunddefinition scharf genug 
gegeben zu haben glaube, zur kasuistischen x\nwendung. Es wird noch 
eine geraume Zeit dauern, bis man alle Möglichkeiten, die für die Entstehung 
eines perversen Charakters vorhanden sind, wird erschöpft haben. Die 
Zahl der einzelnen Fälle dürfte recht gross sein, aber es lassen sich, 
wenn man die gewöhnliche Entwickelung der Sexualität vom infantilen 
Stadium zum reifen zugrunde legt, sofort Gruppen bilden, die sich an 
die einzelnen Sexualkomponenten anschliessen. Wenn wir einmal historisch 
ordnen wollen, so stossen wir zunächst auf die erogenen Zonen. 
Die sexuelle Leitlinie erfordert es, dass ihr Heizwert eine gewisse Grenze 
nicht überschreitet, die Art ihrer Lusterregung muss eine gewisse Dumpf- 
heit an sich haben und darf psychisch nicht allzu tief dringen. Wenn in 
diesem Satze das Wort „normal - ' aus dem Hintergrunde hervorzuklingen 
scheint, so möchte ich darauf hinweisen, dass es im Wesen der sexuellen 
Leitlinie liegt, in die Richtung des Alloerotismus zu stossen, und 
dass man also, ohne doktrinär zu sein, ruhig sagen kann, dass die 
erogenen Zonen, wenn sie der sexuellen Leitlinie nicht entgegenstehen 
sollen, die Sphäre des Autoerotismus nicht zu weit überschreiten dürfen. 
Dies stimmt sogar für den Fall des N a r z i s s t y p , der keineswegs auto- 
erotisch ist, wie ich gleich auseinandersetzen werde, sondern der viel- 
mehr eine retroverse sexuelle Leitlinie hat, die gleichfalls keine Durch- 
brechung von Seiten autoerotischer Teilreize duldet. Der Autoerotismus 
hat von der Pubertät an absteigende Tendenz und muss sie haben. 

Die erogenen Zonen liefern das weiteste Material für die Entstehung 
des perversen Charakters. Ihre Summe bildet das Sexualinventar der 
Kindheit, und in der Kindheit liegen die Ereignisse, die imstande sind, 
ihren Reizwert so stark zu hypertrophieren, dass sie nach der Reife 
dauernd, statt sich mit einem Vorlustwert zu begnügen, den ganzen sexuellen 
Reiz an sich zu ziehen vermögen gegen die Vorschrift und Absicht der 
sexuellen Leitlinie des Individuums. Ich gebe hierfür das Beispiel eines 
beinahe Perversen, der dicht vor der totalen Fixierung der Libido an 
eine erogene Zone vorbeigekommen ist. Der Betreffende fühlte noch in 
den frühen Mannesjahren das unwiderstehliche Bedürfnis nach der weib- 
lichen Analgegend. Obwohl ihm der Koitusplan durchaus lag und er in 



Stadien über den perversen Charakter. 13 

seiner Durchführung den Höhepunkt des gegenseitigen Sexualglückes er- 
strebte, trieb es ihn doch mit fast gleicher Stärke an die Analgegend 
wobei die Erwiderung von seiton des Weibes ihm gleichfalls Bedürfnis 
war. so dass die Ausführung des gewollten Hauptplanes in Frage gestellt 
oder doch der Reizwert herabgemindert wurde. Natürlich stiess er meistens 
auf geringes Entgegenkommen, da das Sexualobjekt gewöhnlich eine unge- 
störte Leitlinie hatte und dies auch vom Partner erwartete. Da der 
Patient nun ein sehr aufnahmefähiges Bewusstsein hatte und wenig zur 
Sexual Verdrängung neigte, Hess sich die Gefahr der Totalfixierung und 
damit der völligen Durchbrechung der sexuellen Leitlinie beseitigen — 
Die Überbetonung der Analgegend konnte leicht in die Kindheit zurück- 
verfolgt werden und es ergab sich als erregendes Ereignis folgendes - 
Als ca. 4 jähriges Kind hatte er an einer sehr empfindlichen Analschleim- 
haut gelitten, die ein öfteres Behandeln durch die Mutter notwendig machte 
Die Anamnese förderte mit aller Deutlichkeit die Szene des Hingelegt- 
werdens auf ein Kopfkissen und die Behandlung des Anus durch den 
Finger der Mutter zutage und daran anknüpfend eine starke sexuelle 
Erregung; Erektion wurde nicht erinnert. Ich betone noch ausdrücklich, 
dass es sich hier nicht um ein sonst krankhaft veranlagtes Kind handelte — 
Dieses Ereignis mit der Mutter, das sich öfters wiederholte, war für die 
sexuelle Entwicklung tonangebend: Der Anus behielt, einmal gereizt 
eine sehr starke Lustbetonung, die nicht nur die übrigen erogenen Zonen 
weit übertraf, sondern auch geradezu in Konkurrenz mit der Genital- 
zone treten konnte, deren Primat sich aber sonst gut durchsetzte. 

Ich muss hier eine theoretische Zwischenbemerkung machen, die für 
das Verständnis des Weiteren notwendig ist. Man unterscheidet ZU wenig 
zwischen Analerotik und D e f äk a 1 erotik, obwohl Beides zwei ganz ver- 
schiedene Dinge sind, die zwei getrennten sexuellen Systemen angehören. 
Die Defäkalerotik ist durchweg und ohne Ausnahme Autoerotismus, die 
Analerotik dagegen hat einen alloerotischen Nebenklang. Alle diejenigen 
sexuellen Nebengewinne, die bei der Exkretion zu erzielen sind, treten 
niemals in Konnex mit einer anderen Person, sondern sind verschwiegen- 
stes Geheimnis der Autoeroten. Bei den meisten erwachsenen Menschen 
haben diese Autoerotismen ihre Bolle verspielt, sie sind in der Versen- 
kung verschwunden, seit die Objektliebe durchdrang. Aber sie lassen 
sich doch in sexuellen Sonderlagen leicht nachweisen; sowohl die Exkre- 
tionsvorgänge selbst, wie auch die Schleimhautpartien, die mit ihnen in 
Zusammenhang stehen, gewinnen eine um so grössere Rolle, je weiter ein 
Mensch vom sexuellen und sonstigen Vorkehre mit anderen abgeschlossen 
jst. Eine junge Transvestitin berichtete mir sogar, dass sie beim Essen, 
sofern sie es allein täte, tiefe autoerotische Erlebnisse habe. Der an 
Dementia paranoides erkrankte Senatspräsident Schreber erzählt in 
seinen „Denkwürdigkeiten", dass sein Stuhlgang mit einer „überaus kräftigen 
Entwickelung der Seelenwollust verbunden" sei. Hierzu ist noch das 
Beispiel L u t h e r 's zu erwähnen, der seinem Hämorrhoidalleiden eine 
Empfindung von wunderbarer Süsse verdanke, wenn er sich infolge des 
Juckens kratzen müsse. (Vor kurzem zitiert durch W. Stekel in den 
„Sexualproblemen" Februar 1913 S. 92.) Solche rein somatischen Ver- 
änderungen haben des öfteren ein Hervorlocken des infantilen Autoerotis- 
mus zur Folge. So berichtete mir jemand folgendes Erlebnis: Er habe 
sich nach einem Koitus mit einer Dirne aus Furcht vor Ansteckung die 



]4 Hans Blüher, 

Nacht über einen mit Sublimatlösung getränkten Verband über die Schleim- 
hautpartien des Penis gemacht und beim Erwachen habe er bemerkt, dass 
diese stark angeätzt seien. Dies habe ein ganz immenses Jucken hervor- 
gerufen voll starkem sexuellen Reiz; er habe ihm nachgegeben und sei 
schliesslich per masturbationem ohne alloerotische Phantasie zum Orgas- 
mus gelangt, rein aus dem Juckgefühl heraus. Hier «ritt a so der echte 
infantile Autoerotismus nur verstärkt durch die virile Potenz deutlich 

Es ist aber kein Autoerotismus mehr, wenn die erogene Zone als 
anatomisches Gebilde selbst Objekt der Libido wird und zwar auch die 
betreffende erogene Zone bei einem anderen Menschen; wenn 
also das sexuelle Wechselspiel aktiv-passiv hinzukommt. Und dies war 
der Fall in dem oben genannten Beispiel. Der Betroffene erinnerte sich 
deutlich, weil es ihm als Kind damals einen grossen Reiz bedeutete, dass 
gerade die Mutter die Manipulationen am Anus vornahm, von seilen 
des Vaters wäre ihm. das völlig gleichgültig, wenn nicht unangenehm 
gewesen. Auch die masochistisch-passive Komponente, die dann in den 
Reifeiahren in die sadistisch-aktive umschlug, trat hierbei deutlich als 
Lustbeitrag ins Bewusstsein. Mit dem so gewonnenen fexualreiz machte 
er dann seine Eroberungen in den späteren Kinder- und Pubertatsjahron; 
immer war der Anus bei sich und bei den Partnerinnen das ausschlag- 
gebende Ziel, und als dann in der Jünglingszeit von der sexuellen Leit- 
linie andere gefordert wurden, trat die Lustspaltung ein die den Beige- 
schmack eines Konfliktes hatte. Er sah, wie der Anus für seine Sexual- 
objekte ganz belanglos war und fühlte sich selbst in so entscheidender 
Weise daran hängen. Erst die Anamnese und die Genealogie semer Per- 
versionsneieung konnte ihn davon abbringen, sowie die klare Überlegung, 
dass doch nun einmal der Anus für den Erwachsenen nichts weiter sei. 
als eine Kloake. Und in der Tat ist es ihm gelungen, am perversen Charakter 
vorbeizukommen. Dies wäre aber sicherlich nicht geschehen, wenn der 
Betroffene weniger bewusstseinstüchtig gewesen wäre und starker zur 
Verdrängung geneigt hätte. 

Man kann an diesem Beispiel wieder einmal sehen, wie gefahrlich 
es ist, wenn Mütter und Pflegerinnen eine erogene Zone des Kindes fahr- 
lässig überreizen, und der Rat ist immer wieder am Platze: Vom kindlichen 
Anus soviel wie möglich die Finger weg ! 

Man kann sich nun natürlich bei jeder anderen erogenen Zone das- 
selbe vorstellen und jedesmal kommt eine andere Form des perversen 
Charakters heraus, wenn die erogene Kraft wirklich führend durchdringt. 
Brust und Fuss spielen vielfach eine besonders verheerende Holle. Man 
gewöhne sich aber daran, erst dann von „Fetischismus" zu sprechen, 
wenn diese Parallele aus der Völkerpsychologie wirklich am Platze ist, 
d h. wenn diese Körperteile auch abgelöst vom menschlichen Korper, 
aiso z B in bildlichen Darstellungen, Wachsfiguren usw., erogenen ttert 
bekommen. Ist dies nicht der Fall und besteht der sexuelle Wert nur 
im lebendigen Zusammenhang mit dem menschlichen Körper, so nenne 
man dies einfach eine erogene Zone mit hypertrophiertem Reizwert. 

Der Fetischismus scheint insofern eine besondere Stellung ein- 
zunehmen, als er, nach Freud 's Meinung, unter den unbewußten Ge- 
dankengängen der Neurose sich nicht findet (Abh. z. Sexualtheone b. 8»J. 
Ich wage es nicht, hieran zu rühren und überlasse es den Forschungen 



Studien über den perversen Charakter. 15 

Berufener, hierüber Licht zu verbreiten. Die Schwäche oder überhaupt 
das Nichtvorhandensein fetischistischer Neigungen beim Zustandekommen 
der Neurosen scheint mir aber insofern recht verständlich, als es sich 
hierbei nicht um einen spontanen sexuellen Reiz handelt, der sich beim 
Vorstoss der Libido von selbst einstellt, sondern um einen Übertra- 
gungsreiz. Er ist durch einen vermittelten Gegenstand hindurchge- 
gangen, und hat dadurch etwas von seiner Ursprünglichkeit verloren. 
Trotzdem aber vermag sich, wie wir ja aus der Kasuistik wissen, der 
Stärkegrad gleichfalls soweit zu steigern, dass jene verhängnisvolle Total- 
fixierung der Libido zustandekommt. Man denke an die besonders häufige 
Form des Schuhfetischismus, 

Die fetischistischen Neigungen in ihren ungefährlichen Stärkegraden 
begleiten das ganze Liebesleben des Menschen. Der Mechanismus ist 
einfach folgender: Die auf einen Sexualpartner gerichtete Libido wird 
niemals von seiner Person allein ganz aufgefangen und zur Abspannung 
gebracht, sondern auch von den Gegenständen, mit denen sie in äusserem 
oder innerem Zusammenhange steht. Ein Teil der Libido wird daher auf 
diese Gegenstände übertragen. Zwei Gruppen lassen sich hier leicht finden: 
die eine hängt mit dem infantilen Stadium der Sexualität zusammen und 
schafft als kulturell höchst wichtige Werte das ganze Gebiet der Pietät 
vom engeren Sinne des Wortes (Aufbewahren kleiner Andenken an Eltern 
und Verwandte) bis zum weitesten (Anhänglichkeit an Traditionen und 
Gebräuche, die an die infantile Sexuallage des Kindes gemahnen). Die 
zweite Gruppe, die leichter imstande ist, die sexuelle Leitlinie zu durch- 
brechen, schliesst sich an die gereifte Libido an und begreift dort gleich- 
falls die Gegenstände, die mit dem Sexualobjekt in Zusammenhang stehen, 
unter sich. An das oft zitierte Faustwort: 

„Schaff mir ein Halstuch von ihrer Brust, 

Ein Strumpfband meiner Liebeslust!" 
kann man hierbei ruhig noch einmal erinnern. 

Der ganze fetischistische Komplex ist für die Kultur unentbehrlich. 
Ohne ihn würde der Mensch zum rohen Sexual tier herabsinken. Die 
zwanghafte Fixierung an ein fetischistisches Objekt ergibt aber wiederum 
den perversen Charakter. W i e dieser im einzelnen oder typischen Falle 
entsteht, darüber sind jetzt Forschungen im Gange, und wahrscheinlich 
gehört hierzu ein weit komplizierterer Mechanismus, als zur Erzeugung 
der übrigen perversen Charaktere, die ihre Existenz unmittelbar aus dem 
sexuellen Objektstoff herleiten. 

Der sadomasochistische Sexualkomplex ist in der letzten 
Zeit besonders stark in die theoretische Debatte geraten; und dies ist 
einfach dadurch zu erklären, dass in ihm der Streit Freud contra Adler 
am deutlichsten enthalten ist. Hierbei hat es sich allmählich herausgestellt, 
dass das bekannte Gegensatzpaar Sadismus-Masochismus nichts Einfaches 
ist, wie man früher annahm, sondern dass es sich noch einmal in je 
zwei Bestandteile zerlegen lässt. nämlich in die aktiv-passive Tendenz 
und in die beiden in entsprechender Weise zugesellten Schmerzwollust 
oder die analogne Komponente. Ich möchte statt der etwas umständlichen 
Bezeichnung „aktiv-passive Tendenz" das Wort Mo dal reiz vorschlagen. 
Es bezeichnet den Beiz, der durch das „Wie" der Sexualausübung ent- 
steht, und wir werden sehen, dass dieser Modalreiz mit den übrigen Korn- 



,g Hans Bitther, 

ponenten des Sexualtriebes gleichfalls das eine gemeinsam hat dass er 
perversogene Eigenschaften besitzt, d. h. also, dass die Libido ,ch 
ihn versacken kann. Die Schmerzwollust .st nun dasjenige, was 
der Modalreiz unter Umständen (aber nicht immer ) zum besonderen 
Inhalt hat: sie ist sein bester und deutlichster Erfolg - Ich halte es 
nicht für korrekt, zu sagen: der Schmerzempfindung wohne an sich che 
Tendenz inne, in Lust umzuschlagen. Es widerspricht dem Wesen des 
Schmerzes, jemals Lust sein zu können. Um ihn in Lust „umzuwandeln 
— besser gesagt: mit Lust zu überwerten — bedarf es eines hinzu- 
kommenden psychischen Mechanismus und zwar eben des Modalreizes. 
Niemals wird es z. B. ein Weib an sich als Lust empfinden, wenn sie 
plötzlich heftig in den Hals gebissen wird, sondern sie wird immer mit 
einer starken Schmerzempfindung reagieren und nur mit Schmerz. Wird 
aber dieser Verwundungsvorgang in einen sexualpsychisch.cn Mechanis- 
mus eingeschaltet, so ändert sich die Situation sofort, je nach dem Grade 
der masochistischen Komponente. Geschieht der Biss während eines stürmi- 
schen Koitus, so reiht er sich ohne weiteres in die selbstverständlichen 
perversionellen Momente ein und wird dann als Lust empfunden. Wir 
haben dann offenbare Algolagnie vor uns. Ich erinnere hier an die 
schönen Strophen von M ö r i c k e : 

Das Mägdlein hält in guter Ruh 
Wies Lämnilein unterm Messer. 
Ihr Auge fleht; nur immer zul 
Je weher, desto besser. 
Das Verlangen nach einer derartig betonten sexuellen Befriedigung 
nennen wir vom meistens weiblichen Standpunkte aus die masoch istische 
Komponente, vom männlichen die sadistische. Aber hier steckt eben schon, 
wie wir gesehen haben, etwas anderes mit darin : die ganze passive Sexual- 
konstitution des Weibes, der die aktive des Mannes entspricht. Diese 
sadomasochistischen Beiträge zur sexuellen Psyche sind in jedem Liebes- 
verhältnis aufzudecken; sie gehören zu den bitteren und herben Ge- 
würzen der Libido. Für das Entstehen des perversen Charakters nach dem 
üblichen Schema der Versackung stehen genügend Belege in der Lite- 
ratur zur Verfügung. 

Nun bleibt aber noch eine bemerkenswerte Tatsache übrig, die eben 
dazu beigetragen hat, den Streit um den Sadomasochisrnus so stark zu 
entfachen. Der von Alfred Adler beschriebene nervöse Charak- 
ter 1 ) entsteht bekanntlich dadurch, dass auf ein empfundenes Minder- 
wertigkeitsgefühl, welches sich an eine in der Kindheit zurückreichende 
Organminderwertigkeit anschliesst, mit einem männlichen Protest 
geantwortet wird, der die „männliche Leitlinie" zur Richtschnur seines 
Wollens hat. Der sich minderwertig dünkende Mensch strebt nach Grösse 
und Überlegenheit, um das Gefühl seiner Insuffizienz damit überzukompen- 
sicren Zerschellt dieses Streben, wird das „fiktive Endziel" verfehlt, 
so findet der „Wille zur Macht" die männliche Leitlinie nicht wieder 
und strömt gewissermassen in kollaterale Bahnen, d. h. in kleine Ersatz- 
strebungen die nachher zu Geiz, Eifersucht, Kleinkrämcrei usw. führen 
und dadurch allmählich den nervösen Charakter bilden. Nun trifft es 
sich, dass dieser „männliche Protest", der Aggressionstrieb, sich genau 

i) A. Adler, .Der nervöse Charakter 1 , Bergmann, Wiesbaden 1912. 



Studien über den perversen Charakter. 17 

einfügen lässt in die eine Seite des sexuellen Modalreizpaarcs, nämlich 
in die aktive K £tm [>Q n e n t o . die „männliche". Jemand, der durch 
sein Minderwertigkeitsgefühl gezwungen wird, diese Komponente zu ver- 
stärken, wird sie auch von der speziell sexuellen Zwecksetzung, mit der 
sie ursprünglich verbunden ist, abrücken, und so kommt es dann in der 
Tat dazu, dass das Sexuelle bei diesen Menschen „nur ein (ileichnis" 
wird, wie sich A d 1 e r ausdrückt. Es kommt nicht darauf an, Lust zu 
gewinnen, d. h. die Bezwingung des Weibes, sondern Macht. Die männ- 
liche Leitlinie soll über die sexuelle siegen. — Hier stecken wir also mitten 
drin in der F re u d -A d 1 er 'sehen Streitigkeil. Die Losung scheint mir 
dahin zu gehen, dass eben beide Auffassungen vom Wesen und der 
Ätiologie des nervösen (neurotischen) Charakters richtig, oder vielmehr 
wichtig sind. Sie sind nur nicht jede einzeln die Theorie der neurotischen 
Erkrankungen. (Man vergleiche hierzu den Aufsatz von Paul Federn 
über Sadismus und Masocliismus in Freud 's „Zeitschrift für ärztliche 
Psychoanalyse" Jahrgang 1. Heft J, wo man bereits die Verwobenheit 
der Freud sehen und A d 1 e r 'sehen Gedanken deutlich bemerkt.) 

Die Entstehung eines perversen Charakters auf dem Boden des Modal- 
reizes seheint besonders schwielig, weil diese Komponente des Sexual- 
triebes entschieden etwas Kaltes an sich hat. Und doch hat Paul Federn 
in seinein Aufsatz jetzt gerade hierzu die Ansätze an gutem Material 
aufgezeigt. Der aktive Modalreiz würde Siel) in Worten ausgedrückt etwa 
so fassen lassen: „es kommt nur hauptsächlich darauf an, dass ich meine 
Sexualität mit dem (Je fühle des Bezwingens ausübe." Und man 
braucht gar niebt weit zu sueben, um die ersten Schritte auf dem Wege 
zum perversen Charakter zu finden. Ich hörte vor kurzem einmal von 
einem befreundeten Arzt, der ein grosser Frauenheld ist, ganz hei- 
läufig, während er mich zur Tür hinausbegleitete, folgende Worte: „Wenn 
ich mit einem Miidel poussiere, dann kommt es mir oft nur darauf an, 
sie soweit zu bringen, dass ich sie im nächsten Augenblick ins Bett legen 
könnte. Ist sie soweit, dann hin ich so ziemlich befriedigt, und ich 
kiiege es fertig, sie dann bilden zu lassen und mir eine Dirne zu nehmen, 
wo ich keine Scherereien hinterher habe." Solche Sexualbckenntnisse 
hört man öfter, und es steckt in ihnen weiter nichts, als die Neigung zur 
Hypertrophie des aktiven Modalreizes, Nur das Wie, nichts anderes, nur 
die Tatsache „ich bin der Überlegene" liefert den Reiz. Diese Stimmung 
ist äusserst verwandt mit der Stimmung des „nervösen Charakters" im 
Sinne Adlers, nur dass hier eben die Sexualität doch noch nicht „nur 
ein (ileichnis" geworden ist,. Ihr aktiver Modalreiz hat sich nur losgelöst 
und beginnt, mit seiner aufdringlichen Stimme die Symphonie der Libido 
in Frage zu stellen. — In bestimmten Fällen tritt dies dann ein, so z. B. 
in den vielen sado-inasochistischeii üben, wo der Mann fortwährend ohne 
genügenden Crund — die Balionalisierung des sadistischen Wunsches 
versagt hier eben — . die Frau prügelt, und diese dabei durchaus nicht 
so unglücklich ist, wie sie es anstandshalber den Hausbewohnern dar- 
stellen muss. Dieses Jammern am folgenden Tage ihren Bekannten gegen- 
über und die Anschuldigungen gegen den ..groben Kerl" stehen im Dienste 
der Zensur, weil es eben nicht bewusstseiuszulässig ist, dass in dem 
Prügel und Geprügeltwerden ein Stück verrutschter Sexualität steckt. Auch 
die tiefe. Beue und die aufrichtigen Tränen, die der Ehemann am nächsten 
Tage produziert, sind Zensurerregungen, Konzessionen an die moralischen 

ZentraH.Utt lür Psychoanalyse. IV'/>. 2 



lg Hans Blüher, 

Forderungen. Bereut wird aber nicht die Tatsache des Prügeins, sondern 
die Tatsache der Durchbrechung der sexuellen Leitlinie durch den hyper- 
trophierten Modahciz. Ein geglückter Koitus ohne sadomasochistische 
Ausschweifungen spielt in solchen Ehen dann regelmässig eine Versöhnungs- 
rolle. 

Ehe ich zu dem interessantesten bisher als Perversion behandelten 

Sexualphänomen komme, weise ich 'kurz noch auf zwei andere hin: auf 
den Exhibitionismus und die Onanie. Der Enlkleidungsreiz 
stammt aus dem infantilen Sehaiitrieb, wird aber dann nach dem grossen 
Verdrängungsschube und Sexual vorstoss der Pubertät dadurch verstärkt, 
dass er die Aufhebung der Schamsehranke bedeutet. Die Grösse dieses 
Reizes kennt jedermann und die Gefahr der Versackung der Libido in ihn 
kann man u. a. daraus ermessen, dass Schiller schrieb : 
„Mit dem Gürtel, mit dem Schleier 
Reisst der holde Wahn entzwei." 

Die Onanie ist, solange sie wirklich nur ein Ersatzakt ist, in 
keiner Weise perversogen. Die sexuelle Leitlinie bleibt völlig erhalten 
nur in der Phantasie; sie ist die adäquate Sexualbefriedigung des Narziss- 
typ. Es liegt indessen bei ihr oft die Gefahr vor, dass sie beim Übermaasse 
die alten längst abgestumpften Teilreize aus der Kindheil neu belebt; 
der Penis kann z. B. wieder zur erogenen Zone degradiert werden, die 
Rolle als Angriffsglied verlieren, und dann entstehen infantile Einschläge 
in den Charakter, die das Aufrechterhalten der sexuellen Leitlinie schliess- 
lich vereiteln. Die Onanie wird Selbstzweck gegen den Willen des Indivi- 
duums, das immer noch das Ziel der Leitlinie für das allein erstrebens- 
werte hält. 

Unter den bisher als Perversionen benannten Trieblatsachen gibt 
es eine, die eine ganz besonders auffällige Rolle spielt, nämlich die 
I n v e r s i o n , die Neigung zum eignen Geschlecht. Wenn man sich zunächst 
einmal das populäre urteil in einer Spanne von über zwei Jahrtausenden 
ansieht, so bemerken wir "ein ganz ungeheures Schwanken in der W e r I u n g. 
Ja schon die Tatsache der Wertung überhaupt ist auffallend. Im all- 
gemeinen ist dies den Perversionen garnicht widerfahren, und sieht man 
etwa von den in den letzten beiden Jahrhunderten auftretenden sadomaso- 
chistischen Veröffentlichungen ab, so kann man kaum von einer ausser- 
medizinischen Literatur hierüber reden. Ganz anders bei der Inversion. 
Hier haben wir ein fortlaufendes Schrifttum ersten Ranges, ein Schrift- 
tum, das jedem Menschen, ganz gleichgültig, welchem Gcschlechtsge- 
schmacke er huldigt, ohne weiteres wegen seines rein menschlichen Wertes 
zugänglich ist. Ich erinnere hierbei an die antike Dichtung in Rhythmus 
und Prosa, an die daran anschliessende der Renaissance, an den germani- 
schen Klassizismus und die moderne Kunst (Hofmannsthal, Stephan George 
etc.) und darf dabei natürlich die homosexuellen Schundromane der Jetzt- 
zeit, die an sich keinen anderen Wert haben, als die sadomasochistische 
Literatur, gern übersehen. Pest steht das eine: um die Tatsache der 
sexuellen Inversion hat sich von Anbeginn der Zivilisation eine höchst 
wertvolle und wichtige Kulturgruppe gebildet. Die antike Pädagogik, die 
antike Dichtung, die antike Plastik mit ihren invertierten Gruiidstim- 
mungen sind in der Tat für den heutigen Kulturzusammenhang unent- 
behrlich. Es ist ferner gar kein Zweifel möglich, dass gewisse Gipfel der 
Menschheit invertiert waren, und dass dies für sie nicht etwa bloss eine 



Studien über den perversen Charakter. 19 

erträgliche, sondern die entscheidende Tatsache ihres Charakters war. 
So etwas aber gibt es bei den gewöhnlichen Perversionen in dieser 
Ausdehnung und Ausprägung nicht. 

Andererseits aber gibt es wiederum keine sexuelle Variation, die 
eine so grosse Verpönung auf sich geladen hat, wie die Inversion. Es 
besteht gegen sie ein Verdrängungsbefehl von einer Härte und Unerbitt- 
lichkeit, wie sie keine der sonstigen Perversionen zu tragen hat. Hier 
darf man höchstens von der bis zum Lustmorde gesteigerten sadistischen 
Komponente absehen, die wegen ihrer Seltenheit und leichten Ver- 
drängbarkeit der psychosexuellen Konstitution der Einzelnen keine grossen 
Schwierigkeiten bereitet; der Lustmord ist etwas so Ungeheuerliches, dass 
schon die Vorstellung seiner Ausübung imstande ist, die Verdrängung 
ganz gründlich zu bewerkstelligen. Der Endpunkt der Inversionsneigung 
dagegen, die homosexuelle Handlung, scheint durchaus noch nicht diese 
Monstrosität an sich zu haben, und wir bemerken daher bei Psycho- 
neurotikern diese Komponente so alltäglich wie das liebe Brot. — Also: 
die Werturteile über die Inversion schwanken geradezu grotesk und schon 
dies muss jeden Forscher und jeden, der an dem, was wir ,Kultur' 
nennen, interessiert ist, stutzig machen. 

Aber auch von der theoretischen Seite betrachtet stellt sich für 
die Inversion eine Besonderheit gegenüber den Perversionen heraus. Die 
an diesem Thema Interessierten haben ja schon längst behauptet, sie 
seien nicht „pervers". Die Wissenschaft kann sich aber mit solchen 
Gefühlsäusserungen nicht zufrieden geben und muss verlangen, dass sich 
eine theoretische Neuwertung mit allen der Inversion anhaftenden Tat- 
sachen deckt; und eben diese Tatsachen müssen die Wissenschaft 
zwingen, ihre bisherige Auffassung zu verlassen. 

Was die Inversion grundsätzlich von den Perversionon unterscheidet, 
ist: dass sich innerhalb ihrer genau dieselbe sexuelle 
Leitlinieaufweisen lässt, wie beiderLiebezum anderen 
Geschlecht, und dass wiederum diese sexuelle Leit- 
linie von denselben Perversionsansätzen umlagert 
wird, wie dort. Diese Tatsache verbietet es meines Erachtens in 
Zukunft, die Inversion in einem Atem mit den Perversionen zu nennen, 
und hieran wird auch dadurch nichts geändert, dass sie unter bestimm- 
ten Umständen in der Ätiologie der Neurosen mit den Perversionen in 
einer Ursachenfront marschiert; hier lastet eben über beiden der Ver- 
drängungsbefehl. 

Die Inversionsneigung ist etwas, das in verschiedenem Grade und 
in verschiedener Phasenform jedem Menschen anhaftet, und jeder Mensch 
kann sie durch Selbstanalyse bei sich in der Pubertät oder vorher und 
nachher finden. Bei denen, die wir als Vollinvertierte oder Homo- 
sexuelle bezeichnen, ist nun weiter nichts geschehen, als dass diese 
invertierte Komponente die heterosexuelle im Laufe der Entwickelung 
ausstach. Man kann auch hier, wenn man den pathologischen Neben- 
klang überhören will, sagen: ihr Reizwert hypertrophierte; aber der totale 
Unterschied ist eben der, dass hierbei durchaus kein perverser Charak- 
ter entsteht, sondern vielmehr die sexuelle Leitlinie — die eben aufs 
eigne Geschlecht weist — in günstigen Fällen ungebrochen fortbesteht. 
Es ist eine Sache für sich, dass diese günstigen Fälle in unserer heutigen 
Kulturlage seltener geworden sind, aber sie existieren, und ich bin der 

2* 



2Q Hans Blüher, 

\nsichl dass aio dem Volksleben durchaus nützlich sind und keineswegs 
als" Schädlinge KO gelten haben. Es liegt also gar kein Grund vor, in 
der Inversion an sich etwas Pathologisches zu sehen. Es gibt keine 
Pathogenese der Homosexualität. _ 

Um eine Probe aufs Exempel zu machen: wenn wir mit !• reu.d 
sagen wollen dass der Sexualtrieb nichts Einfaches sei, sondern aus 
Komnoncnten zusammengesetzt ist, „die sich in den Perversiouen wieder 
von 'ihm ablösen" (Sexualtheorie S. 25). so muss man die Inversion 
ausschalten, denn sie bildet eben gar keine Komponente, sondern 
ist der eine ganze Ast unserer prinzipiell bisexuellen Konstitution. Auf 
dem Wege zum gewollten heterosexuellen Ziel findet sich die Inversion 
niemals, und es ist ganz eine Sache für sich, dass alle Menschen einmal 
die Inversion kreuzen; sie ist aber niemals ein Teil, eine Komponente 
der auf heterosexuelle übjektwahl eingestellten Psyche. 

Anstalt für diese, meine theoretische Darstellung hier Tatsachen- 
material anzuführen, möchte ich mir gestatten, den Leser auf mein Buch 
„Die deutsche Wandervogelbewegung als erotisches 
Phänomen" 1 ) hinzuweisen. Ich habe dort an einer ausgiebigen Kasu- 
istik gezeigt, wie sich die Inversion gestaltet. Die deutsche Wandervogel- 
bewegung war, das kann man wohl sagen, der deutlichste und reinste 
Ausdruck, den die Inversion im deutschen Volke gehabt hat. Sie entkräftet 
die frühere Auffassung, nach der die gleichgeschlechtliche Liebe etwas 
mit der Rassenfrage zu tun hat und besonders mit den dekadenten Teilen 
der jüdischen Rasse. Wir haben hier ein ausgeprägt germanisches Ge- 
bilde vor uns und zugleich ein ausgeprägtes Gebilde der Inversion. Auf- 
fällig und für den heutigen Stand der Wissenschaft meines Erachtens 
wertvoll war hierbei die Möglichkeit, das Ansteigen der Inversionsneigung 
von der scheinbar ganz unsexuellen Freundschaft über die sentimentale, 
schwärmerische, hingebende Freundschaft bis zur manifesten Homosexualität, 
und ich glaube, dass nichts die Lehre von der prinzipiellen Disexualität des 
Menschen besser zu stützen imstande ist, als diese Beobachtungen an der 
Wandervogelbewegung. — Ich befinde mich hier im ausdrücklichen Gegen- 
satz zu der alten Sexuologenschule, nach deren Auffassung die Homo- 
sexualität eine Eigenschaft ist, die nur einer ganz besonderen Gruppe von 
Menschen zugehört und dort angeboren und unveränderlich ist, Für mich 
ist die Homosexualität nichts weiter, als der Endpunkt der Invorsions- 
neigung, deren Anfangspunkt wir alle in uns tragen; und daran ändert 
die Tatsache nichts, dass -„Liebe" vom Subjekt ganz anders empfunden 
wird, als „Freundschaff, und dass eben offenbare Homosexualität den 
davon Betroffenen in eine ganz andere Position zum eigenen Geschlechte 
setzl, als den, der nur Freundschaft empfindet. Hier zwischen liegt 
einfach die Verdrängung, die seit der Pubertät eingetreten ist, und die 
diese ganz verschiedenen Charaktere schuf. Aber man sieht es ja an 
der Wandervogelbewegung: wenn durch bestimmte romantisch belebende 
Ereignisse, durch psychisch wichtige Situationen die Hemmungen gelockert 
werden, so sprudelt es überall hervor, oft nur für kurze Minuten, um 
dann wieder zu versinken. Aber es sprudelt eben, und diese psychischen 
Momcntbilder reden eine deutliche Sprache von der invertierten Grund- 
bestimmung vieler Menschen, die sonst durchaus nicht als Homosexuelle 
zu bezeichnen sind. 

IpVerläg B. Weise, Tempelhof-Berlin 1912. 



Studien über den perversen Charakter. 21 

Die Tatsachen scheinen uns also jetzt dazu zu nötigen, die In- 
version mit Einschluss ihres Endpunktes, der Homosexualität, als voll- 
ständig unpathologisch anzunehmen. Alle Fälle, in denen sich Homo- 
sexualität mit Perversität oder neurotischen Einschlägen, oder mit Deka-- 
denzerscheinungen paart, hedürfen einer besonderen Erklärung und haben 
nicht die Inversion an sich zur entscheidenden Ursache. Wenn ich im- 
stande bin, zu zeigen, dass sich aus invertierter Grundveranlagung Voll- 
menschen im besten Sinne des Wortes entwickeln können — und ich 
vermag dies an genügend vielen Beispielen jederzeit — so reicht dies 
hin, um die alte Auffassung von der prinzipiellen Pathologie der Inversion 
zu entkräftigen. Pathologische Fälle entstehen immer nur durch Kompli- 
kation mit anderen Elementen, dies trifft aber genau so bei der hetero- 
sexuellen Liebesrichtung zu. 

Der (inmd, weshalb man so lange Zeit an eine Pathogenese der 
Inversion geglaubt hat, ist wohl einfach darin zu suchen, dass sich 
naturgemäss meistens nur Homosexuelle mit pathologischen Einschlägen 
dem Arzte, vorstellten; und der Arzt liess sich dazu verführen, diejenige 
Erscheinung als den eigentlichen Krankheitsherd aufzufassen, die am 
merkwürdigsten und seltensten war. Und dies ist eben die invertierte 
Triebrichtung. Er übersah aber, dass es innerhalb dieser eine sexu- 
elle Leitlinie gibt, die nur durch Perversionen oder Verdrängung 
durchbrochen worden ist. Und hier liegt der Nährboden für die ganze 
endlose Literatur über Heilbarkeit und Nichtheilbarkeit der Inversion. 
Ich muss gestehen, dass ich diese Literatur nur sehr oberflächlich kenne, 
möchte aber von vornherein einen kleineu Zweifel daran wagen, ob 
es hier überhaupt möglich ist, tief zu dringen, selbst wenn man sie 
kennte. Um aber einmal ein Beispiel von wirklich tiefgehender und dabei 
vornehm-unaufdringlicher Art auf diesem (iebk'tc zu geben, bitte ich um 
einen Augenblick Gehör für das „Fragment der Psychoanalyse 
eines H o m s e x u o 1 1 e n" des Freudsclnilcrs .1. S a d g e r , veröffent- 
licht im ..Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen Hand IX" (Herausgeber 
M. Hirschfeld). Man kann kaum tiefer gehen und weiter kommen, als 
Sa ilgcr und wenn die Psychoanalyse der Inversion einen therapeuti- 
schen Werl haben soll, so kann ich mir kaum denken, dass jemand mit 
besseren Waffen gerüstet sein könnte. 

Ich gebe zunächst einmal aus der Veröffentlichung Sadgers die 
wichtigsten Tatsachen, die die Objektfindung des Patienten betreffen, 
wieder, und halte mich dazu an dessen autobiographische Skizze, die 
am Anfange steht: 

„Die am ersten mir erinnerlichen geschlechtlichen Regungen kamen 
im ß. Lebensjahre vor. Zu dieser Zeit versuchte ein gcschlechtsreifcr 
Cousin, seinen Geschlechtstrieb an mir zu befriedigen, indem er membrum 
suurn in os meum immisit". Weiter: 

„Mit 9 Jahren kam ich in die Schule. Dort verliebte ich mich 
bald in einen blassaussehendcn Knaben. Es kam aber nur zu rein freund- 
schaftlichen Umarmungen und Küssen, geschlechtliche Dinge wurden nie 
zwischen uns berührt." 

„Als ich 15 Jahre alt wurde, schwärmte ich für meinen Lehrer." 

„Mit 17 Jahren verliebte ich mich in einen kraftvollen Jüngling. 
Auch er brachte mir Gegenliebe entgegen. Jetzt wich auf einmal die über- 
grosse Scham von tnir und in einer seligen einsamen Stunde verführte 



22 Hans Blüher, 

ich ihn". Eine Störung durch familiäre Ereignisse tritt ein, Trennung; 
nach einem Jahre Wiedersehen, von da an drei Jahre ein „eheartiges 

Bündnis". 

Ein kritischer Moment: „Ich fing an, auf meinen Zustand aufmerksam 
zu weiden. Ich konnte absolut nicht verstehen, warum ich zum andern 
Geschlechte nicht die geringste "Neigung fühlte. T\.c\igion und Phiiosophie 
nahmen wieder mein g»\Y/.es \n\evcssc gefangen. \cn studierte eitrig die 
P>iV\. Zu meinet grössten Bestürzung fand ich im ersten Römerbriefe, 
dass der gleichgeschlechtliche Verkehr höchst sündhaft sei. Bis jetzt 
hatte ich in diesem Verkehr nichts Unnatürliches er- 
blickt. Ich versuchte nun, meine Neigung zu unter- 
drücken 1 ). Furchtbare seelische Kämpfe musste ich durchleben. Ich 
fastete und betete. Den Geschlechtstrieb konnte ich wohl unterdrücken, 
die seelische Liebe jedoch nicht. In meiner Angst versuchte ich, die 
geschlechtliche Liebe auf das andere Geschlecht zu lenken. Es gelang 
mir ein paar mal (zwischen 20 und 21 Jahren) mit einer Frau, welche 
sich die grüsste Mühe gab, um mich geschlechtlich zu erregen, den Bei- 
schlaf zu vollführen. Nachher fühlte ich stets abscheulichen Ekel und 
Widerwillen, es kam mir alles so furchtbar unnatürlich vor. Verzweifelt 
gab ich alle weiteren Versuche auf." 

„Mit 22 Jahren leinte ich in der ,/fheosophischcn (icscllschaft" 
einen jungen Mann kennen, der sehr ideal veranlagt war." Diese Liebe, 
die als die reifste des Patienten zu bezeichnen ist, beginnt ganz platonisch, 
gestallet sich dann aber nach 7 Monaten zu einer Art Ehe. Aber „andere 
Menschen stören unser glückliches Leben. Wir entschlossen uns jetzt, 
allem zu entsagen, um den Pfad der Erlösung zu erklimmen. Unter 
furchtbaren Schmerzen schieden wir voneinander". Seitdem sind drei 
Jahre verflossen. Mit Ausnahme einer kleinen Entgleisung, Ihm der aber 
die Schuld auf der anderen Seite lag, beherrscht das Abstinenzprinzip 
das sexuelle Leben des Patienten. „Meinen Geschlechtstrieb befriedige 
ich hin und wieder durch Onanie." 

Sadger hatte in der Einleitung zu seiner Arbeit gesagt, dass 
er die Homosexualität bisher nur «aus der Literatur gekannt hätte. Dies 
hat ihn offenbar verleitet, diesen Fall schwieriger zu nehmen, als er ist. 
Hätte er nämlich die Inversion aus dem Lehen gekannt, so würde er ge- 
wusst haben, dass das eine ganz alltägliche Geschichte ist, deren man zu 
Dutzenden leicht auftreiben kann, wenn man nur in den geeigneten Gesell- 
schaftsschichten, also in Jugendbünden, Jünglingsvereinen usw., sucht. 
So ungefähr wird *sich das Durchschnitlsleben jedes Uraniers abspielen 
mit kleinen Varianten, je nachdem der Betreffende mehr „hopphopp" 
oder mehr „etepetetc" ist, in welche beiden Gattungen bekanntlich Frank 
Wedekind die Menschen sehr geschickt einteilt. Ja, die Alltäglich- 
keit geht noch weiter: so licht auch jeder Frauenfreund, und der einzige 
Unterschied wäre wohl in der Stärke und Art des Verdrängungsthemas 
zu suchen. Der Invertierte verdrängt, weil er den ganzen Liebesast, auf 
dem er sich befindet, für „wider die Natur" hält, der Frauenliobhaber 
verdrängt im äussersten Falle — wenn man von der Askese absieht — 
alle nicht der Fortpflanzung dienenden sexuellen Akte. Aber dieser Fall 
ist schon sehr selten und man findet ihn nur etwa in christlichen Jüng- 
lingsvereinen. 

i) Von mir gesperrt. H. B. 



Studien über den perversen Charakter. 23 

Sadger beginnt nun nach Zugrundelegung dieser Notizen des Patien- 
ten mit der Analyse, und diese zielt im wesentlichen auf zwei Punkte: 
Aufdeckung des heterosexuellen Astes und Aufdeckung der infantilen Ein- 
stellungen. Beides vereinigt sich wieder zu dem einen Zweck: zu er- 
forschen, wann und durch wen der erste alloerotische Eindruck auf die 
Psyche ausgeübt wurde. Und Sadger verspricht sich davon eventuell 
die Heilung, da durch die Bcwusstmachung seiner ersten Infektion die 
Beherrschung ermöglicht wird. — Die Aufdeckung der infantilen Kom- 
plexe gelingt Sadger gut; er dringt bis in die früheste Kinderzeit 
vor und findet schliesslich — was zu erwarten war — die ersten Fixie- 
rungen an Onkel und Vater. Die Freilegung des heterosexuellen Astes 
hat geringeren Erfolg. Aber dies liegt hier nun einmal an dem überaus 
ungünstigen Objekt. Ich würde nach meinen Erfahrungen zu behaupten 
wagen, dass ich bei jeder Psychoanalyse eines mir bekannten Invertierten 
ganz erheblich viel mehr heterosexuelles Material zutage fördern würde. 
Soweit ich es überschauen kann, finde ich überall die 
Koitusmöglichkeit mit dem Weibe, selbst in den un- 
zweideutigsten Fällen von Vollinversion; nur freilich 
ist der Lustgewinn geringer. Ich finde allenthalben recht er- 
hebliche, das Gemüt stark beschäftigende Fixierungen an Cousinen, Spiel- 
kamaradinnen, auch an die Mutter, finde luzestwünsche mit der Schwester, 
die manchmal sogar unverdrängt in die Mannesjahre reichen. Jedoch 
alle diese Fixierungen sind frei flottierende und wenig haftende Libido, 
die keine grossen Baustein«! zum erotischen Charakter sind, genau so, wie 
man beim Frauenliebhaber allerhand Schwärmereien und deutlich erotische 
Wunschregungen zu Jtigerulgeführten in der frühen Jünglingszeit findet. 
Sadger nun deckt an Stelle dieser sonst so reichen Auslese nichts 
weiter auf, als eine höchst oberflächliche und kurzlebige Fixierung an 
eine sehr virile alte Tante und eine eben so schwache an die Mutter. 
Aber dies liegt, wie ich schon sagte, am besonderen Objekt, denn der 
Patient gehört zu der seltenen Gruppe der F e m i ni n -Homosexuellen. 
Das sind also Männer, die den Mann in weiblicher Art, h. h. 
passiv lieben ev. mit masochistischen Verstärkungen. Bei einer solchen 
Affektlage wird natürlich die Möglichkeit der Übertragung der Libido auf 
ein Weib, das doch auch passiv liebt und also die sexuelle Spannung 
nicht auslösen kann, noch um ein erhebliches Maass verkürzt. 

Ich möchte an dieser Stelle, obwohl <>s nicht unmittelbar zur Sache 
gehört, auf einen Irrtum aufmerksam machen, der- heute noch allgemeine 
Verbreitung hat. Nämlich auf die Anschauung, dass Homosexuell-sein 
und Feminin-sein (vom Manne aus gerechnet) in einem notwendigen Zu- 
sammenhang miteinander stehen. Die Lehre, welche dieses behauptet, 
heisst die Zwischenstufentheorie. Unbeschadet der Tatsache, 
dass wirklich stark feminin gebildete Männer auch homosexuell sein können, 
gibt es keine Möglichkeit, diese Theorie noch zu halten. Wenn jemand 
homosexuell ist, oder auch nur etwas invertiert, so haben wir eine Ver- 
stärkung des überall vorhandenen invertierten Astes vor uns und die 
gemeinsame Wurzel mit dem heterosexuellen Aste heisst Bisexualität. 
Wenn aber jemand feminin ist, also in seinem Affektleben passiv und 
11} seiner Körperbildung mit weiblichen Einschlägen behaftet (die sich 
etwa bis zum Scheinzwitter steigern können), so liegt eine Verstärkung 
der femininen Rudimente und der femininen Erbmasse vor, die wir 



24 Hans Blüher, 

gleichfalls alle an uns haben, und deren gemeinsame Wurzel heisst Andre- 
gynie. Das sind zwei ganz verschiedene Dinge, die sich in ihren Ver- 
stärkungen wohl manchmal praktisch vergesellschaften, deren Zusammen- 
stellung" indessen keinerlei theoretischen Wort beanspruchen kann. Eine 
nähere Ausführung und die völlige Widerlegung der sog. Zwischenstufen- 
theorie findet sich in meiner kleinen Schrift „Die drei (irundfornien 
der sexuellen Inversion"'), die der Fortsetzung eines privaten 
Briefwechsels mit Freud über sexualtheoretische Fragen ihre Entstehung 

verdankt. 

Sadger 's Grundirrtum, den er in seinem ,, Fragment der Psycho- 
analyse eines Homosexuellen" begeht, liegt, darin, dass er analysiert, 
was nicht zu analysieren ist, d. h. einen T r i e b. Es ist das Wesen der 
Analvse, dass etwas, was an sich als einfach erscheint, als ein Zusammen- 
gesetztes erkannt und dann auseinandergelegt wird. Ein neurotisches Symp- 
tom ist solch ein scheinbar Einfaches; es ist aber in Wirklichkeit ein 
Koinpromiss aus Libido und 'Ablehnung, man kann Beides durch die; Analyse 
freilegen und dem Patienten nun die Möglichkeit in die Hand gehen, einen 
anderen Weg zu nehmen, als den jenes störenden Kompromisses, Man 
kann ab« nicht eine der beiden Komponenten, als hier die Libido, noch 
einmal „analysieren", und dies eben tut Sadger hier. Fr tut vor sich 
selber so, als ob die Homosexualität des Patienten ein neurotisches Symptom 
sei und beginnt die Analyse; was aber schliesslich geschieht, ist nichts 
weiter, als die Aufzeigung' des Weges, den diese Homosexualität von 
Kindheit an genommen hat, also die verschiedenen Objcklfinduiigen. Das 
aber ist eine unrichtige Anwendung der psychoanalytischen Grundsätze 
und kann niemals zu einer Heilung führen. Denn wenn es nun wirklich 
erreicht ist, dass der Patient alle seine Übertragungen kennt, was kann 
er damit anfangen? Dass er invertiert ist, wusste er ja schon vorher. 
Der eigentlich pathogenc Kern liegt aber gar nicht in der Triebrichtung, 
sondern in der Verdrängung, also in den Worten der Biographie: „Bis 
jetzt hatte, ich in diesem Verkehr nichts unnatürliches erblickt, Ich ver- 
suchte nun, meine Neigung zu unterdrücken. Furchtbare seelische Kämpfe 
musste ich durchleben. Ich fastete und betete usw." Hier hatte Sadger 
als Arzt einsetzen müssen, nur deshalb wurde der Analysierte krank 
und geriet in Depressionen, weil er verdrängte, nicht, weil er invertierte. 
Es wäre meines Erachtens der einzig mögliche Weg gewesen, den Patienten 
darauf zu bringen, dass er die Untunlichkeit seiner Verdrängung selbst 
einsähe und sie aufgäbe. „Heilen" konnte Sadger nur den neurotischen 
Charakter, nicht den sexuellen. Wenn es »bor möglich sein sollte, jemanden 
von seiner Homosexualität zu „heilen" dadurch, dass man deren Wege 
bis in den Kemkomplex aufdeckt, kann man dann auch einen Frauen- 
liebhaber „heilen" und ihn an ein Objekt des gleichen (icschlechts fixieren? 
Hier stecken wir mitten in der Irrlehre vom „normalen Sexualziel" und 
jeder muss die Sackgasse merken, in die Wissenschaft und Therapie hier- 
mit geraten sind. 

Ich habe mit einem parallelen Falle einmal vor kurzem einen sehr 
einfachen und sehr plausiblen Erfolg gehabt. Ich kannte seit Jahren 
oberflächlich einen jungen Mann, der die Allüren eines Don Juan an sich 
trug und im Rufe eines geschätzten Frauenfreundes stand. Zufällig wusste 
ich von der Mutter, dass seine scheinbare äussere Heiterkeit eine düstere 

i) Max Spohr, Leipzig 1913. 



Studien über den perversen Charakter. 25 

Kehrseite hatte; er sässe stundenlang den Kopf auf die Ellenbogen ge- 
stützt am Tisch und stiere vor sich hin. Diese Tatsache verdeutlichte 
sich mir später noch, als ich erfuhr, dass Zwangsgedanken und Selbst- 
mordideen der Inhalt dieser Grübeleien waren. Eine zufällige Bemerkung 
von mir. die in Gegenwart anderer geschah, trieb ihn eines abends zu mir, 
und unter Erregung teilte er mir mit: er glaube, dass er homosexuell 
sei. Ehe ich mich nach der Begründung dieses Glaubens weiter erkundigte, 
versuchte ich mir zunächst ein Bild seiner gegenwärtigen psychischen 
Konstitution zu schaffen und ich fand, dass ich einen innerlich aufgeriebenen 
ziellosen und arbeitsunfähigen Menschen vor mir hatte, dessen scheinbare 
Heiterkeit nach aussen eine tiefe Unzufriedenheit nach innen verbarg, 
und dessen Galanterie zu Frauen das völlig erfolglose Spiel einer sexuellen 
Mirnikrii- war. Die Frauen spielten in der Tat keine wesentliche Rollo 
im Aufbau seiner Psyche — wenn auch eine grössere, als bei dem Patienten 
Sadger's — , und ich merkte sehr bald, dass ich es hier mit dem Typ 
des „Männerhelden" zu tun hatte. <icn ich aus dem Wandervogel so 
gut kannte, und der auf die Jugend des eignen Geschlechtes so faszinierend 
wirkt. Ich fragte dann weiter, wie er denn Ku seiner Neigung stände, und 
bekam die erwartete Antwort: er täte jetzt alles, um sie zu unterdrücken, 
und er hoffe schliesslich doch noch, heterosexuell zu werden. Er habe 
seiner Mutter und einem seiner jungen Freunde, vor allem aber sich selber 
das heilige Ehrenwort gegeben, ,,es nicht mehr zu tun" (d. h. wechsel- 
seitige Onanie zu treiben) und er müsse jetzt da hindurch, denn seine 
Neigung sei doch nun einmal von der Gesellschaft verpönt und zudem 
widernatürlich. Und so ging es weiter: die üblichen Verdrängungsreflexio- 
ncnl Als ich mich nach seinen Masturbationsphantasien erkundigte, 
bekam ich die Auskunft, dass er „eigentlich gar keine" habe, und auf 
meine Frage, ob das immer so gewesen sei, die Antwort: ,,Nein, früher 
stellte ich mir einen .hingen vor, dann aber, als ich erkannt hatte, dass 
diese Neigung krank und schlecht ist, versuchte ich, die Phantasie auf 
ein Weib zu lenken, das gelang aber nicht und so wurde für mich die 
Onanie etwas ganz Mechanisches, nur damit ich es los werde. Seitdem 
aber habe ich auch nicht die geringste Befriedigung mehr davon; ich laufe 
hinterher stundenlang in den Strassen herum und könnte gleich wieder. 
Früher, als ich mir den Jungen vorstellte, war es hinterher ganz schön und 
ruhig, wenn auch nicht so, als wenn es ein wirklicher Junge gewesen 

wäre." 

Ich mache den Leser darauf aufmerksam, dass dieses psychische 
Bild im Grunde dasselbe ist, wie das des Patienten von Sadger, und 
ich gehe noch weiter und sage: es ist überhaupt das Bild des invertierten 
Verdrängers. Die meisten Menschen sind ja heteronom gebildet, d. h. 
sie gehorchen einfach in ihrem ethischen Verhalten dem Gesellschafts- 
befehl und halten ihn kritiklos für berechtigt. Dadurch entstehen nun 
auf dem invertierten Sexualast der Menschen eine Unzahl Halbnaturen, 
die mit ihrer Neigung in Konflikt leben. Je nach dein Alter und dem 
Grade der Verdrängung entsteht ein anderer Typ davon. Man findet diese 
Menschen an allen Ecken und Enden, die ganze unzählbare Schar der 
Sonderlinge, Hagestolze, der psychisch verkrüppelten Schulmeister, Apostel 
in Jünglingsvereinen, verschrobenen Rcligionsgründer usw. 

Fasst man nun in einem Falle, wo es zu heilen gilt, die Homo- 
sexualität als ein Resultat auf, das entstanden ist, so kommt man 



26 Hans Blüher, 

nicht zum Ziele. Ich hätte es ja so machen können, wie Sadger: ich 
hätte eine Psychoanalyse anstellen können und wäre im Laufe der Zeit 
allmählich auf das infantile Material gestossen. Gut ja; aber was hätte 
ich davon? Erstens kann ich mir das nach dem allbekannten Schema so 
ungefähr selber denken, und zweitens kann der Erfolg nichts weiter 
sein, als dass der Patient nun seine Inversion noch etwas genauer kennt. 
Nein. Der einzige Punkt, an dem der Hebel anzusetzen ist, liegt an 
der Stelle, wo die Verdrängung beginnt. Diese ist unter allen Um- 
ständen aufzuheben, und alles übrige verstellt sich dann von selbst. 
Aber woblgemerkt: falls nicht noch besondere Komplikationen vorliegen. 
Ich habe also weiter nichts getan, als ihm gesagt: er habe die Wahl 
zwischen einem Fortschreiten seiner Neurose und dem Jasagen zu seiner 
angeborenen und unabänderlichen Inversion. Dieses Jasagen sei der einzige 
Weg. ihn gesund und lebensfroh zu machen, wenn dieser Weg auch 
freilich gewisse Gefahren habe, die er ja kenne. Aber Gefahren hätten wir 
Frauenliebhaber ebenso zu bestehen. Er solle sofort alle sogenannten 
heiligen Schwüre an Mütter, Tanten, Freunde, und vor sich selber unge- 
schehen machen und seinen Weg gehen. 

Diese etwas rigorose Sprache durfte ich mir leisten, weil der Kranke 
dies vertragen konnte, in anderen Fällen muss man viel zarler vorgehen 
und muss oft auf dem Umwege der ganzen menschlichen Kulturgeschichte 
die mangelnde Berechtigung der heutigen Inversionsverpönung nachweisen. 
Besonders Naturen, die einen echteren religiösen Einschlag haben, junge 
Männer aus guter Familie, die mit wirklichem Recht an besserer Tradition 
hängen, sind nur sehr schwer vor dem neurotischen Schicksal zu be- 
wahren. Ich denke hier an die vielen oft jahrelangen Bemühungen, die 
ich mit Führern der Wandervogelbewegung gehabt habe. Hier muss man 
auch am besten alles Pädagogische von vornherein ausschalten und nur 
durch Fragen im sokratischen Stil den andern zum Nachdenken zwingen, 
bis er allmählich selbst die Llnhaltbarke.it des gesellschaftlichen Ver- 
drängungsbefehles eingesehen hat. Solche Beeinflussungen haben stets 
die beste Wirkung und halten für immer vor. 

In dem Falle, den ich eben nannte, hatte ich schon früher eine 
leicht frivole Auffassung des Geschlechtlichen überhaupt bemerkt und 
daher konnte ich schnell und kurz zustossen. Ich ordnete ihm natürlich 
auch an, seinen Masturbationsphantasien wieder ein Objekt zu verschaffen 
und zwar so plastisch und individuell, wie möglich. Diese ganze Therapie 
dauerte etwa zwei Stunden, und der Erfolg war, dass der Patient schon 
in den nächsten Tagen bei seinen Verwandten, die nichts von der ganzen 
Angelegenheit wussten, einen wesentlich anderen Eindruck machte. Nach- 
dem die letzten Floskeln des Verdrängungsbefehles ihre Wirksamkeit ver- 
loren hatten, drang er in das Innere seines Wesens ein, und wurde froh 
dabei. Ich glaube nicht, dass ein Rückfall in die Neurose noch zu er- 
warten ist. 

In Fällen, wie dieser, die, wie ich glaube, recht oft vorkommen, 
ist eine umständliche Psychoanalyse meines Erachtens ganz überflüssig, 
ebenso, wie es nutzlos ist, auf eine Heilung des Triebes, d. h. auf 
eine Veränderung des Liebesobjektes auszugehen. Was ich aber hierfür 
den Ärzten prinzipiell empfehlen möchte, das ist die Einschaltung des 
dritten grossen Willenskomplexes, den jeder Mensch neben dem Willen 
zur Lust und dem Willen zur Macht in sich trägt: den Willen zum 









Stadien über den perversen Charakter. 27 

Wert. Es zeugt von oberflächlicher Kenntnis, wenn einige Ärzte 
behaupten, den Invertierten wäre ihre Neigung lästig und sie sähen ihre 
Verwerflichkeit ein. Das mag stimmen, wenn man die ersten Urteile eines 
neurotisch gewordenen Verdrängers für bare Münze nehmen will. Dringt 
man ein wenig tiefer, schafft man alle Urteile, die aus der öffentlichen 
Meinung stammen, also alle heteronomen Gesetzlichkeiten beiseite, so 
findet man regelmässig eine entschiedene Hochachtung vor ihrer Neigung, 
einen Willen zum Wert. Sie sind dann fest davon überzeugt, dass 
ihre Neigung nicht schlecht sein kann, weil sie es selbst nicht sind, und 
dass ihr genau so Wertmöglichkeiten innewohnen, wie der Liebe zum 
andern Geschlecht, Schon dadurch unterscheidet sich ja die Inversion 
von den Perversionen, dass ihr Liebesobjekt der Mensch selber ist, 
d. h. der eigentliche Wertträger überhaupt, während jene niemals etwas 
an sich Wertvolles zum Inhalte haben. Und ich meine, man muss un- 
bedingt diese Werlbetonung verstärken und darf sich durch den eigenen 
heterosexuellen Geschmack nicht beirren lassen. Erst dann kann von 
einer wirklichen Heilung des neurotischen Zustandes geredet werden und 
erst dann kann man eine Festigung des Charakters erzielen, wenn die 
Wert li nie gerettet und scharf ins Bewusstsein eingezeichnet ist. Ich 
halte die alte humanitäre Auffassung der Inversionsfrage, die nur 
duldet, und die für die Bedrückten und Verpönten lediglich die sexuelle 
Leitlinie einigermassen retten will, für ganz unzulänglich. Man mutet 
da den Invertierten zu, was man selbst als Frauenliebhaber entrüstet ab- 
weisen würde: dass die Sexualität nur ein unübergehbarer Kitzel sei, 
oder gar nur ein notwendiges übel. Gerade den männlichsten und ent- 
schlossensten, also den besten unter den Invertierten, wird dieser Stand- 
punkt niemals annehmbar sein; sie streben stets nach Wert. Und wer 
dies eingesehen hat, der darf meines Erachtens als Arzt oder sonst als 
Berater sich nicht feige auf die Seite der öffentlichen Meinung stellen, 
sondern er hat die Pflicht dem Kranken gegenüber, zu sagen, was allein 
hier zu sagen ist. Man muss vom Arzte soviel Objektivität und Kultur- 
kenntnis verlangen können. Er muss von der Freundeserotik mit der- 
selben Naivität und Selbstverständlichkeit sprechen können, wie von der 
Frauenliebe, ganz gleichgültig, wie er selbst fühlt. 



m. 
Sclniitzlers Tragikomödie „Das weite Land". 

Ein Versuch psychologischer Literaturbetrachtung. 
Von Dr. Carl Furtmüiler, Wien. 

Es sei hier zunächst in grossen Zügen der Inhalt von Schnitzlers Tragi- 
komödie in Erinnerung gebracht. Der erste Akt zeigt Frau Genia Hofreiter, in ihrem 
Landhaus in Baden bei Wien, die ihren Mann vom Begräbnis eines nahen Freundes, 
des Pianisten Korsakow, zurückerwartet. Freunde und Bekannte kommen und gehen; 
darunter schärfer hervortretend : Erna, ein energisches kluges Mädchen, von früher 
Kindheit an Friedrich Hofreiter verehrend, Doktor Mauer, der ernste junge Arzt, in 
Erna verliebt und Hofreiters bester Freund. Er und Genia verstehen einander, beide 
sind Friedrich, dem ständig Ungetreuen, mit etwas resignierter, etwas hoffnungsloser 
Innigkeit zugetan; selbst Mauers Mitteilung, dass Friedrich seine Beziehung zur 
kleinen Bankiersfrau Adele Natter gelöst habe, weckt in Genia kaum eine leise 
Hoffnung auf einen Wandel in ihrer Ehe. Nun kommt Friedrich, elegant, herrisch 
und gewinnend, sich um alles kümmernd — geschäftlicher Einlauf, Briefe des jungen 
Sohnes aus England, Erinnerungen an den toten Freund. Wieder erhebt sich die 
Frage, weshalb der sich erschossen hat? Mit Genia allein geblieben, fällt Hofreiter 
ihre Bitterkeit gegen ihn auf, er bringt sie mit raschem Misstrauen in Zusammen- 
hang mit Korsakows Tod und ist sofort überzeugt, dass seine Frau — sie hätte 
ja ein Recht dazu! — ihn hintergangen hat. Nun gibt sie ihm einen Brief des 
Toten; er hat sich erschossen, weil sie nein sagte. Friedrich ist überrascht, verwirrt. 
Er empfindet ein Bedürfnis, unter Menschen zu sein und treibt Genia und Doktor 
Mauer vom Hause weg in den Kurpark, wo ja auch Erna zu finden ist, die er .nicht 
jedem gönne*. 

Der zweite Akt spielt im selben Milieu vierzehn Tage später. Der Sommer 
ist vorgerückt, Erna soll mit ihrer Mutter nach Tirol an den Völscr Weiher, Doktor 
Mauer will am nächsten Tag eine Urlaubswanderung nach Tirol antreten und möchte 
von Erna ausdrücklich ermächtigt weiden, sie am Völser Weiher aufzusuchen. 
Zögernd, aber von Mauers unbedingter Ehrlichkeit und Treue angezogen, läset sich 
Erna dazu herbei. Unter allerlei bunten Tennis-, Reise- und Flirtgesprächen fällt 
plötzlich Friedrichs Entschluss, Mauer auf seiner Fusstour zu begleiten. Genin, die 
seit dem Abend von Korsakows Begräbnis mit heimlichem Sehnen und keuschem 
Stolz auf Friedrichs Annäherung gewartet hat, erreicht mit Mühe, dass er ihr auf 
ihre betroffene, angstvolle Frage Rede steht. Warum er fortfährt? Weil er es 
nicht aushalten kann, dass sie „den Selbstmord Korsakows gegen ihn ausspielt*, 
ihre Tugend, die einen Menschen in den Tod getrieben hat, macht sie ihm unheim- 
lich. Friedrich geht und Genia schlägt in fieberhafter Lustigkeit der jungen Gesell- 
schaft eine Autofahrt in die nachtdunkle Landschaft vor. 



Dr. Carl Furtmttller, Schnitzler's Tragikomödie „Das weite Land*. 29 

Der dritte Akt vereinigt die meisten der bis jetzt aufgetretenen Personen in dem 
eleganten Berghotel am Völser Weiher, dessen Besitzer, Doktor von Aigner schon oft 
erwähnt wurde; seine geschiedene Frau, die Schauspielerin Meinhold und sein Sohn, 
der Fähnrich Otto, sind gern gesehene Gäste in Hofreiters Haas in Baden; und 
den fast unersteiglichen Felsen, der nach Aigner heisst, hat sich jetzt eine kleine 
Gesellschaft, Hofreiter, Mauer und Erna, zum Ziel gewählt. Zu Beginn des Aktes 
wird auf die Verspäteten gewartet; sie kommen dann auch — aber ohne Mauer. Er 
muss Hofreiter und Erna gesehen haben, als sie sich umarmten, und reiste sofort ab. 
Zwischen Erna und Friedrich kommt es zu einer leidenschaftlichen Aussprache und 
zum verheissenden Verpprechen Ernas ; wenn sie am Schlüsse des Aktes den Speise- 
saal betreten, wird drin ,.ihr Hocbzeitsdiner serviert." Zu erwähnen ist noch ein 
höchst beziehungsreiebes Gespräch zwischen den beiden ungetreuen Gatten, Hofreiter 
und Aigner, in dessen Verlauf der Satz fällt: „Die Seele ist ein weites Land?" 

Im vierten Akt soll Hofreiter, der nur den einen Tag am Völser Weiher ge- 
blieben war, von seiner Reise heimkommen. In der kleinen Gesellschaft, die sein 
Haus und den Tennisplatz zu beleben pflegte, hat sich manches verschoben. Otto 
von Aigner ist Genias Geliebter geworden, den sie unmittelbar vor Friedrichs An- 
kunft mit fast angstvollem Drängen für immer verabschiedet; Mauer hält sich fern, 
wird aber von Friedrich, der eben zurückkehrt, zu einer Besprechung gebeten, die 
eigentlich Genias Untreue betreffen sollte, bei der aber Hofreiter seinem wortlos 
zürnenden Freund auch zu verstehen geben möchte, dass er ihm bei Erna nicht im 
Wege Btehen will. Was ausser Ottos nächtlichem Besuch bei Genia, den Hofreiter 
belauschte, ihm bei seiner Rückkehr widerfuhr, ist ein böswilliger Zeitungsklatsch 
über sein Verhältnis zu Korsakow, der offenbar vom Bankier Natter inspiriert wurde, 
seinem letzten Opfer unter den Ehemännern seines Kreises. Aber wenn er ihm, 
dem betrogenen Ehemann, jetzt wütend gegenübertreten will, hat er keine Waffe 
gegen ihn in der Hand und teilt sogar mit ihm das Schicksal des Betrogenwerdem». 
Während er in den folgenden Minuten mit dem jungen Aigner ein Tennistournier 
auskämpft, reift ein Entscbluss in ihm und vor der versammelten Gesellschaft wirft 
er dem überraschten Partner völlig unmotiviert das Wort „Feigheit" ins Gesicht. 
Natter und der neue Liebhaber von Natter» Frau werden seine Sekundanten sein 
und der fassungslosen Genia sagt Friedrich als Grand zu seinem Vorgehen: „Man 
will doch nicht der Hopf sein." 

Der fünfte Akt spielt am nächsten Morgen. In wahnsinniger Aufregung 
wartet Genia auf Nachricht vom Duell. Sie muss einen Besuch der ahnungslosen 
Mutter Ottos ertragen, und als Friedrich kommt, noch Gruss und Gespräch zwischen 
ihm und Frau Meinhold abwarten, um dann mit Entsetzen zu erfahren, dass Otto 
im Duell gefallen ist. Nun wendet 6ie sich von Friedrich, dem „Mörder', ab. Und 
Erna, die sich ihm ganz anbietet, weist er selbst zurück. Er steht allein. In diesem 
Moment ertönt seines Kindes Stimme von draussen und mit einem Wehlaut eilt er 
ihm entgegen. So schliesst das Stück. 

Für den Psychoanalytiker, der an ein literarisches Problem heran- 
tritt, sind zwei Standpunkte möglich. Er kann sein wissenschaftliches 
Objekt in dem Dichter sehen. Das Kunstwerk wird dann für ihn die 
Bedeutung eines Symptoms oder eines Symptomenkomplexes annehmen, 
die ihm den Schlüssel liefern sollen für das Verständnis der Psyche ihres 
Schöpfers. Diese Forschungsrichtung schliesst ihrerseits wieder zwei ge- 
trennte Möglichkeiten in sich, je nachdem, ob der Psychologe an dem 
Spezialfall des Dichters allgemein menschliche Seelenpro- 
blcme studieren will oder ob er es geradezu auf die Psychologie des 



30 Dr. Carl FurtmUller, 

Künstlers abgesehen hat. Der andere Standpunkt ist der, dass der Psycho- 
analytiker nicht dem Dichter, sondern den Gestalten der Dich- 
tung sein Augenmerk zuwendet, dass er ihre vom Dichter uns einzeln 
vorgeführten Handlungen, Reden und Gedanken auf Grund seiner psycho- 
logischen Erkenntnisse zu einem einheitlichen Gesamtbilde zu vereinen 
und auf ihre innersten Triebfedern zurückzuführen sucht. Als Methode 
der Psychologie wird dieses Verfahren freilich von sehr beschränktem 
Werte sein. Sind schon die Personen der Dichtung Phantasicgestalten, 
so müssen Schlüsse, aus einer Analyse gezogen, die diese Phantasie- 
gebilde wie reale Personen behandelt, ein noch luftigeres Gebäude er- 
geben. Was dieses Verfahren leisten könnte, wäre nur, für auf anderem 
Weg gewonnene Erkenntnisse ein allgemein zugängliches Anschauungs- 
und Erläuterungsmaterial zu liefern. Ihre volle Bedeutung aber kann 
diese Methode, glaube ich, nur dort bekommen, wo man nicht die Dichtung 
in den Dienst der Psychoanalyse stellen will, sondern wo umgekehrt die 
Psychoanalyse sich in den Dienst der Dichtung stellt. Mit ihrer Hilfe 
wird man den Komplex von Einzelzügen, die der Dichter intuitiv als 
zusammengehörig und gegenseitig bedingt gefühlt hat und die ihm in 
ihrer Gesamtheit das Wesen einer Gestalt zu erschöpfen schienen, aus- 
einanderlegen, die einzelnen Züge auf ihre psychologische Tragweite prüfen 
und dann die Einheit der Persönlichkeif, die der Dichter intuitiv vor 
uns hingestellt hat, diskursiv nachzeichnen können. So kann psycho- 
analytische Durchleuchtung uns zu einem vertieften ästhetischen Verständ- 
nis des Kunstwerkes verhelfen. Auf zwei Einwände bin ich hier gefasst. 
Der eine wäre der, dass hier das Verständnis des Kunstwerkes gewjsser- 
massen als eine wissenschaftliche Aufgabe aufgefasst worde, statt als 
eine Sache des gefühlsmässigen Mit- und Nacherlebens. Nichts liegt mir 
femer, als das Kunst-Erleben durch das Kunst- Verstehen ersetzen 
zu wollen. Doch ist dieses ästhetische Erleben an intellektuelle Voraus- 
setzungen geknüpft, und das Ziel jeder fruchtbaren Literaturbetrachtung 
und Literaturkritik ist es, diese intellektuellen Voraussetzungen zu schaffen 
oder zu verbessern. 

Der zweite Einwurf, den ich erwarte, ist: Ich sähe im Dichter vor 
allem den Psychologen und unterläge da einer unkünstlerischen, 
intellektualistischen Zeitströmung. Dem hätte ich entgegenzuhalten, dass 
für die hier vorgeschlagene Literaturbetrachtung der Künstler wohl gerade 
um so interessanter sein wird, je weniger er Psychologe sein will. Der 
Dichter, der, bevor er ans Werk ging, die Lehrbücher der Psychologie 
und Psychiatrie zu Rate gezogen hat, wird dem Psychologen nicht viel 
zu bringen haben. Am meisten Staunen und Bewunderung werden wir 
bei denen empfinden, die naiv und doch tief gesehen haben. Und bei 
dem bewusst psychologischen Dichter wird unser Interesse gerade dort 
erwachen, wo sein Werk ihn über sein Wissen hinausführt. 

Dass ich hier zwei Gesichtspunkte der psychologischen Literatur- 
betrachtung logisch scharf geschieden habe, soll natürlich nicht sagen, 
dass sie auch praktisch voneinander völlig getrennt werden können oder 
sollen. Im Gegenteil, wer in einer von beide,n Betrachtungsweisen wird 
wirklich in die Tiefe gehen wollen, wird sich der andern als Hilfe be- 
dienen müssen. 



Schnitzler's Tragikomödie .Das weite Land*. 31 

Für heute aber möchte ich mich trotzdem bei meiner Untersuchung 
von Schnitzler's Tragikomödie „Das weite Land" auf die zweite Methode 
beschränken, also vom Dichter ganz absehen und mich nur den Gestalten 
der Dichtung, speziell dem Helden, zuwenden. 

Es handelt sich mir dabei zunächst darum, den Versuch zu wagen, 
ob die psychoanalytische Literaturbetrachtung wirklich imstande sei, das 
Verstehen eines Kunstwerkes zu fördern. Schnitzler's Drama scheint mir 
zu einem solchen Versuch geradezu herauszufordern, weil die literarische 
Kritik, wenigstens soweit ich sie verfolgen konnte, diesem Werke gegen- 
über eine merkwürdige Unentschiedenheit, ja Hilflosigkeit bekundet hat. 
Ich rede da nicht von der Wertung des Dramas, sondern von seiner 
Auffassung, Man fand, dass der Dichter uns vor Rätsel stelle und 
uns auch mit Rätseln entlasse, man wollte bald in der, bald in jener 
Äusserung des Helden den Schlüssel zu seinem Charakter finden, um als- 
bald durch einen gegensätzlichen Zug wieder desorientiert zu werden. 
Meist tröstete man sich dann damit, dass der Dichter eben bewusst auf 
blendende und verblüffende Paradoxie ausgegangen sei und enthob sich 
so der Mühe, hinter dem Paradoxen Verständliches zu suchen. 

Daneben aber scheint mir die psychoanalytische Betrachtung dieses 
Dramas doch auch eines gewissen theoretischen Interesses nicht zu ent- 
behren. Einer der Angelpunkte unserer wissenschaftlichen Diskussionen 
ist ja gegenwärtig das Problem, ob die Sexualität, die Libido es ist, die 
das psychische Geschehen in seiner ganzen Tiefe und seinem ganzen 
Wesen beherrscht und bestimmt, oder ob nicht die Äusserungen der 
Sexualität selbst dahinterliegenden Kräften gehorchen. Schnitzler scheint 
eigentlich auf seine Weise, als Dichter, zu diesem Problem längst Stellung 
genommen zu haben. Wenn man sein bisheriges Schaffen überblickt, 
könnte man es wagen, ihn den Dichter der Libido zu nennen. Um so merk- 
würdiger würde es sein, wenn wir bei einer seiner Gestalten, und zwar 
bei einer von besonders betonter Sexualität, finden sollten, dass nicht 
die Libido sie treibt, sondern dass etwas anderes in ihr ist, was sie zui! 
Libido treibt. Wir würden dadurch natürlich zur Lösung der wissenschaft- 
lichen Streitfrage nichts beitragen, aber wir hätten doch ein Streif- 
licht auf sie geworfen. Für den oberflächlichen Beobachter kann ein 
Zweifel freilich nicht bestehen. Für ihn kann im „Weiten Land" in allen 
seinen Teilen, in den episodischen Vorgängen so gut wie in der Haupt- 
handlung nur eine treibende Kraft offenbar werden, die Libido, die mit 
ihrer geheimnisvollen, verstandesmässig nicht begreifbaren Macht die 
Menschen zueinander treibt, und indem sie so nach ihren dunklen 
Gesetzen Bande schafft, alle durch Vernunft, Gesellschaft und persön- 
liche Achtung geschaffenen Verbindungen erbarmungslos auseinanderreisst. 
Die Liebe ist ja ausser dem Tennisspiel die einzige menschliche Aktivität, 
die auf der Bühne erscheint, und der Held des Stückes spricht die Lehre 
vom Primat der Sexualität gewissermassen programmatisch aus, wenn 
er sagt: „Wenn man Zeit hat und in der Laune ist, baut man Fabriken, 
erobert Länder, schreibt Symphonien, wird Millionär. . . . Aber glaub mir, 
das ist doch alles nur Nebensache. Die Hauptsache seid ihr! —r ihr — 
ihr! . . ." Alles Leben, das nicht die. Frauen erfüllen, ist ihm nur die 
Pause zwischen der einen und der anderen. 



M Dr. Carl Furtmüller, 

Jetzt wissen wir zumindest, wie der Held sich verstanden wissen 
will. Aber wir werden uns hüten, uns mit. seinein Selbstzeugnis zu be- 
gnügen; nicht umsonst hat der Dichter an diese Gestalt eine fast unüber- 
sehbare Menge charakterisierender Züge verschwendet. Wir wollen ver- 
suchen, uns von dieser Fülle nicht verwirren und von den Widersprüchen 
nicht aus der Fassung bringen zu lassen, und wollen sehen, ob es uns so 
gelingt, aus der bunten Mannigfaltigkeit der Details ein einheitliches 
Charakterbild des Helden zu gewinnen. 

Betrachten wir zunächst Hofreiter, wie er in jenen „Pausen" seines 
Lebens ist; sehen wir zu, wie er sich dort verhält, wo es sich nicht um 
Erringen oder besitzen einer Frau handelt, um so den allgemeinen Hinter- 
grund zu gewinnen, von dem das Krüftespiel der Libido sich abhebt. Der 
ganzen Anlage des Stückes nach ist, was wir über diese „Pausen" erfahren, 
spärlich genug. Um so sorglicher müssen wir das Wenige zurate ziehen. 
In seinen früher zitierten Worten — „W r enn man Zeit hat . . . baut man 
Fabriken, erobert Länder, schreibt Symphonien, wird Millionär" — geht 
er von seiner eigenen Person aus, um das Beispiel dann immer mehr ins 
Ideale zu erhöhen, bis er im vierten Glied wieder plump ins Materielle 
zurückfällt und damit wohl auch zu seiner eigenen Person zurückkehrt. 
Hier also haben wir die Zielvorstellung, die ihn in den Pausen, also in 
seinem Leben, soweit nicht die Frauen es ausfüll6n, leitet. Und wir 
hören, dass er diesem Ziel eine zähe Ausdauer, eine ungewöhnlich grosse 
und bis aufs Äusserste angespannte Arbeitskralt widmet. Wo des Ge- 
schäftsmanns Hofreiter Erwähnung getan wird, geschieht es mit einem 
Unterton von Achtung, die an Bewunderung grenzt. Wir können also 
wenigstens darüber beruhigt sein, dass er die Pausen so grosszügig und 
zeitgerecht bemisst, dass die geschäftlichen Unternehmungen nicht zu leiden 
haben. Dieses allgemeine Bild wird durch einen einzelnen Zug belebt: 
er kündigt an, dass er geschäftlich nach Amerika müsse, und auf den er- 
staunten Einwand seiner Frau: „Du wolltest ja einen Herrn aus dem 
Bureau hinüberschicken!" antwortet er: „Ach, ich muss ja doch alles 
selber machen." Diese Antwort scheint charakteristisch für ihn zu sein, 
denn sein Freund Mauer nimmt sie spater wieder auf. 

Haben wir so einen Mann vor uns, der seine Aktivität aufs Äusserste 
anspornt und sich in seinem Kreise die höchsten Ziele steckt („seine 
neuen Glühlichter müssen die Welt erobern, sonst macht ihm die ganze 
Sache keinen Spass", Mauer, S. 22), so begegnen uns dann wieder Züge, 
die mit der Selbstsicherheit, die daraus, zu sprechen scheint, schlecht 
übereinstimmen. Er ist von einer Empfindlichkeit, die ihn über eine 
vorlaute Bemerkung Ernas, über eine belanglose Indiskretion Mauers in 
schlecht verhaltene Wut geraten lässt, aus der man die Rachsucht auf- 
flammen fühlt. Er ist ein eitler Mann, sagt uns seine Frau (S. 24). Der 
Widersprüche sind noch mehr. Er zählt mit schadenfrohem Behagen die 
Unfälle auf, die seine Freunde getroffen haben („Aber es ist schon wahr, 
die Versicherungsgesellschaften werden bald keine Bekannten von mir 
annehmen wollen"), aber seit dem Absturz seines Freundes hat er das 
Bergsteigen aufgegeben. Er raucht mit Genugtuung die Zigarre des toten 
Korsakow, aber der Friedhof hat für ihn etwas Unheimliches („Du kannst 
Dir gar nicht vorstellen, wie unwesentlich und nebensächlich gewisse 
Dinge für einen werden, wenn man grad' vom Friedhof kommt"). 



Schnitzler's Tragikomödie »Das weite Land". 33 

So losgelöst betrachtet, müssen uns diese widerspruchsvollen Züge 
verblüffen. Sie werden uns verständlich, wenn wir sie in den Zusammen- 
hang unserer psychologischen Kenntnisse einreihen und uns an die 
psychische Konstellation erinnern, die Adler als neurotische Disposition 
beschrieben bat. Wir begreifen dann, dass gerade das Gefühl der Unsicher- 
heit, das sich in jenen negativen Zügen verrät, ihn dazu treibt, sein 
Persönlichkeitsideal besonders hoch zu stecken und zu betonen. Wir 
sehen dann auch, dass seine Frau ihn sehr gut kennt, wenn sie sagt: 
„Es geht ihn; wirklich nicht so gut, wie Sic glauben. Auch nicht so gut, 
wie er selber manchmal glaubt. Zuweilen tut er mir geradezu leid. 
Wirklich, Doktor, manchmal denk' ich, es ist ein Dämon, der ihn so 
treibt.*' 

in dieser aufgepeitschten Seele scheint von den normalen mensch- 
lichen Beziehungen nur eine unversehrt geblieben zu sein: das Verhält- 
nis zu seinem Sohn. Immer wieder spricht er von ihm voll Liebe und 
Stolz. Aber bei näherem Zusehen merken wir, dass auch hier die über- 
reizte Zielscl/.ung sich geltend macht, dass im Grunde genommen auch sein 
Sohn ihm nur ein Mittel ist, um seine eigene Persönlichkeit, und zwar 
nach aussen bin und äusserlich, durchzusetzen. Wir wollen uns merken, 
dass er den Buben Percy genannt hat, im Gedanken offenbar an Shake- 
speares männlichsten Helden. Der Junge muss etwas ganz Besonderes 
werden ; er lässt ihn in England erziehen, so schwer die Trennung auch 
seiner Frau und angeblich auch ihm wird; er registriert genau jeden 
äusseren Erfolg („schreibt englisch wie deutsch", „hat schon Freunde 
in Piichmond") und wenn Percy meldet, dass er die beste griechische 
Aufgabe gfhabt hat, so macht der Vater dabei nicht Halt, sondern denkt 
sofort daran, wie man das verwerten kann. („Na, auch nicht schlecht. 
Vielleicht wird er Philolog oder Archäolog.") Wir haben also zunächst 
nicht den Eindruck, dass es die Mensch an Mensch bindende Libido ist, 
die ihn treibt, sondern die Kraft, die in ihm wirkt, richtet, indem sie 
ihn auf die andern hinweist, zugleich zwischen ihm und ihnen eine 
Schranke auf. Sogar im Verhältnis zu seinem Sohn können wir fühlen, 
dass Erna ihn richtig beurteilt, wenn sie sagt: ., Korsakow war sein 
Klavierspieler . . . ., so wie der Doktor Mauer sein guter Freund ist, 
Herr Natter sein Bankier, ich seine Tennispartnerin, der Oberleutnant 
Ranzirtcs sein Sekundant. ... Er nimmt sich von jedem, was ihm gerade 
konveniert, und um das. was sonst in dem Menschen stecken mag, kümmert 
er sich kaum" (S. 14). 

Dies ironische Urteil ist freilich mit gar nicht ironisch gemeinter 
Bewunderung versetzt und spiegelt eigentlich nur die hohe Meinung wieder, 
die Hofreiter selbst von seiner Despotennatur hat. Fast an den Hebbel- 
scheu Holofernes erinnern manche seiner Wendungen: ,,Du denkst, man 
kann bei ihm nie wissen?" fS. 37). ..Hineinschaun in mich kann keiner" 
(S. 171). „So bin ich einmal. . . . Andere wären halt anders" (S. 78). 
„Ich weiss schon, wen ich mir aussuch' zum Konvenieren" (S. 30). 

Was treibt diesen Mann nun zu Erna? Es kann sich nicht um 
einen mystischen Zug des Herzens handeln, auch nicht darum, dass Erna 
in ihrem Wesen Hofreiters individuelle Liebesbedingungen in besonders 
hohem Masse erfülle; denn Erna gebt ja schon lange neben ihm her, hat 
immer für ihn geschwärmt und ist für ihn bisher doch nur seine Tennis- 

Zentralblatt für Psychoanalyse. IV f. 3 



34 Dr. Carl Furtmflller, 

Spielerin geblieben. Auch dass er eine geheime Neigung zu ihr aus ethischen 
Gründen bisher unterdrückt hätte, können wir nicht annehmen, denn 
sobald er sich ihre Eroberung als Ziel gesteckt hat, geht er ihm ohne jeden 
Schatten innerer Bedenken nach. In welcher Situation befindet sich Hof- 
reiter, als er sich daran macht, Erna zu gewinnen? Er ist ein Mann von 
etwa 45 Jahren. Das gesteht er freilich sich selbst und anderen nicht 
gerne ein und sogar der Dichter scheint seine Empfindlichkeit zu schonen, 
indem er bei ihm nicht, wie bei den anderen Personen des Stückes, das 
Alter angiht. Aber er ist gleichaltrig mit Ernas Mutter, was für ihn freilich 
der Anlass wird, sie ostentativ nicht anders als „Mama Wahl" zu nennen 
und so recht weit von ihr abzurücken. Im übrigen sorgt er dafür, dass 
die Leute seiner nächsten Umgebung viel jünger sind als er, um sich 
dann unter ihnen als Altersgenosse zu bewegen. Sein bester Freund ist 
ein um 10 Jahre jüngerer Mann. Aber die Zeichen schwindender Jugend 
lassen sich nicht abweisen. Gerade jetzt ist sein Verhältnis mit Adele 
Natter zu Ende — und wohl nicht auf seine Initiative hin, sonst würden 
wir nicht verstehen, warum es ihn gar so ärgert, dass Mauer seiner Frau 
davon gesprochen hat; und in seinem Gespräch mit Adele sehen wir 
ihn bemüht, wenigstens äusserlich die alten Formen aufrecht zu erhalten, 
während sie energisch fürs Schlussmachen ist. Und sie ist hartherzig 
genug, ihn an das nahende Alter zu erinnern („Die Zeit der JugendV 
torheiten ist vorbei. Für uns beide, denk ich. Meine Kinder wachsen 
heran. Und Ihr Bub auch." S. 59). 

Diese ersten Vorboten des Alterns müssen den Fonds von Unsicher- 
heit, den wir an ihm schon kennen, ganz ausserordentlich verstärken 
und er wird nach nichts eifriger suchen als nach der Gelegenheit zu 
einer Probe, die ihm zeigen soll, dass er noch der alte ist, dass seine 
Persönlichkeit nichts von ihrer Kraft und AVirkung eingebüsst hat. 
(„Mit vierzig Jahren sollt man jung werden, da hätte man erst was davon. 
Soll ich Dir was sagen, Adele? Mir ist eigentlich doch, als wäre alles 
Bisherige nur Vorstudium gewesen. Und das Leben und die Liebe fing erst 
jetzt an." S. 61.) Und welche Probe könnte schlagender sein, als ein 
Mädchen zu erobern, das seine Tochter sein könnte, das er noch auf den 
Knien geschaukelt hat. Und noch dazu jetzt, wo es gilt, einem um zehn 
Jahre jüngeren Bivalen das Feld abzugewinnen. Alles bei diesem Ausflug 
zum Völser Weiher läuft darauf hinaus, sich zu beweisen, dass er noch 
zu jeder Jugendtat fähig, ja dass er noch vor keiner Jngendtorheit sicher 
ist, Deshalb überwindet er auch die jahrelange Scheu und steigt wieder 
auf den Aignerturm, was übrigens wohl nicht nur vom Dichter Bhon sym- 
bolisch mit Fraueneroberung in Zusammenhang gebracht wird. Mit be- 
sonderer Genugtuung erzählt er von dieser Tour Herrn Aigner, der so 
schwierige Besteigungen schon aufgegeben hat. („Den guten, alten Herrn 
Aigner" nennt er einmal [S. 1711 den um etwa 7 Jahre älteren Mann.) Und dn 
seinem Liebeswerbcn um Erna fehlt kein Zug allorjugendlichslen Über- 
schwangs. („Erna, Erna! Ich war imstande, eine rasende Dummheit zu 
brachen. Plötzlich versteh' ich allen Unsinn, ül>er den ich mich früher 
lustig gemacht habe. Ich verstehe Fensterpromenaden, Serenaden, ich 
versteh', dass man mit gezücktem Messer auf einen Bivalen losgehn, aus 
unglücklicher Liebe in einen Abgrund springen kann." S. 117.) Er bietet 
ihr an, sich von Genia scheiden zu lassen und sie zu heiraten. 



Schnitzler's Tragikomödie .Das weile Land*. 35 

Aber diese stürmische Jugendlichkeit findet noch eine zweite und 
sehr merkwürdige Verwendung. Am Tage nach dieser Werbung reist Hof- 
reiter ab. Denn, wäre er dort geblieben, „in wenigen Tagen, ach Gott — 
am selben Tag hätte es das ganze Hotel gewusst" (S. 137). Der „Schein 
um den Kopf", der ideelle und der materielle, hätte sie verraten. Und 
er hat es vermeiden wollen, Erna zu kompromittieren. Man merkt wohl, 
dass da nicht die Vorsicht dem Taumel einfach folgt, sondern dass die 
aufs Höchste gesteigerte, zu jeder Unvorsichtigkeit verleitende Leidenschaft- 
lichkeit ein wirksamer Mahnruf zur Vorsicht gewesen ist. So sorgt gerade 
die überbotene Zügellosigkeit seines Begehrens dafür, dass er sich recht- 
zeitig wieder zurücknimmt und dass die , .Pause" wieder in ihre Rechte 
eintritt. Man möchte fast glauben, er stelle ein Programm fest, wenn 
er mitten im heissesten Werben hervorstösst : „Ich werde mich mit nichts 
Vernünftigem beschäftigen können, ehe ich Sie in den Armen halte. Ich 
werde nicbts mehr denken können, nichts mehr arbeiten" (S. 119). 

Aber noch haben wir die allerwichtigste Triebkraft seiner Leiden- 
schaft für Erna nicht erörtert. Nur ganz flüchtig haben wir bisher die 
Tatsache erwähnt, dass sein Interesse für sie gerade in dem Moment ein- 
setzt, wo sein Freund Mauer deutlich um sie wirbt. Sie wird für ihn in 
dem Augenblick zum Liebesobjekt, wo er sie einem andern wegnehmen 
kann. Da hätten wir allerdings eine der typischen Liebesbedingungen 
gegeben, die Freud beobachtet hat. Aber wir sehen in diesem Falle auch 
klar, dass diese Liebesbedingung nichts Unverständliches an sich trägt, 
das uns nötigen würde, zu der Freud'schen Hypothese zu greifen, hier 
wolle eigentlich der Sohn dem Vater die geliebte Mutter abringen. Sein 
Verhalten hier entspricht genau seinem sonstigen Charakter. Er kann 
überhaupt nicht vertragen, sich ausgeschaltet zu sehen, er kann einem 
andern nichts lassen. Er verübelt seiner Frau jedes „dear mother" in 
den Briefen seines Sohnes; und dass die Wahls mit Doktor Mauer, „ohne 
ihn um Erlaubnis zu fragen", ein Zusammentreffen am Völser Weiher 
verabreden, erfüllt ihn mit ehrlicher Entrüstung und bildet den letzten 
Anstoss dazu, dass er Mauer auf seiner Reise begleitet. 

Die Freundschaft zwischen Hofreiter und Mauer gehört nun überhaupt 
zu jenen, deren Untergrund eine versteckte Feindseligkeit bildet; und 
zwar nicht nur auf Seite Hofreiters: man achte nur auf die Bemerkungen, 
die Mauer in seinem ersten Gespräch mit Genia über seinen Freund 
macht. In Hofreiter ist dieser stets bereite Fonds durch Mauer's kleine 
Indiskretion der Oberfläche näher gerückt. Das alles, diese Unfähigkeit, 
jemand anderem etwas zu lassen, die aufflammende Feindseligkeit und 
das Bedürfnis, Mauer herabzusetzen, kann man aus den achtlos hin- 
geworfenen und achtlos aufgenommenen Worten Hofreiter's heraushören: 
„Ah? Die Erna! Ja, das war was. Na, Mauerl, nimm Dich zusammen, 
die gönn ich nicht jedem. . ." (S. 45). An diese Worte schliesst sich die 
schon früher gestreifte bissige Bemerkung über Erna an und so, unheim- 
lich und drohend, nicht mit einer Liebes-, sondern mit einer Kriegserklärung, 
schliesst der erste Akt. 

Die hier offenkundige Tendenz, Mauer herabzusetzen, zeigt sich in 
voller Entfaltung nach der Rückkehr vom Völser Weiher, als er ihn 
überreden will, bei Erna der Zweite zu werden. Hier wird es völlig klar, 
dass es nicht eine tragische Macht ist, die ihn zu Erna getrieben und ihn 

3* 



36 Dr. Carl FurtmUlJer, 

gezwungen hat, dem Freunde wider seinen Willen weh zu tun, sondern 
dass der Angriff auf den Freund seiner EroberungslusL positive Kräfte 
geliehen hat. 

Es mag unnatürlich erscheinen, dass wir bis jetzt auf Hofreiters 
Verhältnis zu seiner Frau nicht eingegangen sind. Aber da er sich hier 
am widerspruchvollsten zeigt und uns hier die meisten Rätsel aufgibt, 
so war es besser, uns erst von anderswoher darüber klar zu werden, 
was für eine Art Mensch er ist und welche Antriebe ihn leiten. Jetzt wird 
es uns nicht schwer werden, uns auch im Kernpunkt das Dramas zurecht 
zu finden. 

Seinen Worten nach hat Hofreiter das Verhältnis zu seiner Frau 
auf vollständige gegenseitige Freiheit aufgebaut: keines soll dem andern 
Rechenschaft schulden. Freilich unter der stillschweigenden Voraus- 
aussetzung, dass sie von diesem Rechte keinen Gebrauch machen werde. 
So ist er Herr seiner Handlungen und sie bleibt gebunden und hat nicht 
einmal das Recht, ihm Vorwürfe zu machen. Aber nicht nur in diesem 
Punkte sind Licht und Schatten ungleich verteilt; auch über die Erziehung 
des Sohnes entscheidet er allein und selbst in den kleinsten Details des 
täglicher. Lebens verträgt e r keinen Widerspruch und s i e ist gewohnt, 
sich schweigend zu fügen (S. 44). Dass die Gleichgültigkeit gegen die 
Treue seiner Frau bei ihm nur Maske ist,' weiss Genia sehr genau. Sie 
spricht von einer Zeit, wo sie „das Rücksichtsloseste vor hatte, was eine 
Frau einem Mann und besonders einem eiteln antun kann. , ." (S. 24). 
Und auch wir werden uns durch seine scheinbar ruhigen und beruhigenden 
Worte: („Aber ich versichere Dich, Genia — halt das nicht für Hinter- 
list — ich würde es vollkommen begreifen. Du hättest ja schliesslich 
nur Recht gehabt — ob's nun Alexej war oder . . ." S. !57) nicht täuschen 
lassen, wenn wir beachten, was vorher und nachher steht. Nicht nur, 
dass sein Hass gegen seinen Freund Korsakow immer wieder durch- 
bricht: („Er ist ja tot und begraben, — der Herr Alexej Korsakow. . ." 
[S. 36]. „Etwas ausführlich schreibt er, der Herr Alexej lwänowitsch . . ." 
[S. 41]), wir sehen, wie aufmerksam er die beiden beobachtet, ja be- 
lauert hat: „War er denn am Sonntag da? Ja, richtig, ihr seid in der 
Allee hinten auf und ab gegangen miteinander . . ." (S. 46). Und als er 
die Todesnachricht nach Hause brachte, da ruhten wieder seine lauernden 
Augen auf der Frau mit der Frage: Weiss sie darum? Es ist uns jetzt auch 
klar, warum Korsakows Tod einen so auffallend starken Kindruck auf 
ihn gemacht hat; glaubt er doch jetzt zu wissen, dass zwischen seiner 
Frau und dem jungen Russen etwas Entscheidendes vorgefallen ist. Und 
wie sehr die Unsicherheit, was vorgefallen sei, ihn quält, das fühlen wir 
aus seiner mühsam verhaltenen, aus der Pose der Gleichgültigkeit immer 
wieder hervorbrechenden Aufregung heraus. 

Jetzt scheinen sich allerdings die Schwierigkeiten vermehrt, statt 
vermindert zu haben. Von dem Hofreiter, der im orsten Akt erklärt, er 
würde die Untreue seiner Frau begreiflich finden und ruhig hinnehmen, 
könnten wir es verstehen, wenn er im zweiten Akt sagt, sie sei ihm geradezu 
unheimlich geworden dadurch, dass ihr „Nein" einen Menschen in den 
Tod getrieben habe. Wie aber jetzt, wo wir gesehen haben, dass die 
Untreue seiner Frau ihm unerträglich wäre, weil er überhaupt nicht ver- 
tragen kann, dass sich jemand seiner Macht entzieht oder dass ihm ein. 



Scbnitzler's Tragikomödie .Das weite Land". 37 

anderer etwas wegnimmt. Aber auch bei dieser scheinbar so bizarren 
Wendung Genia gegenüber finden wir die Einheit des Charakters völlig 
gewahrt. Von zwei Seiten her ist diese Szene nur die konsequente Weiter- 
führung des im ersten Akte Angebahnten. Korsakows Tod war für ihn ein 
Sieg- er ist aus dieser Krise mit der Überzeugung hervorgegangen, seiner 
Frau unbedingt sicher zu sein; er treibt jetzt das Hochgefühl dieses 
Triumphes, das Gefühl seiner Überlegenheit auf die Spitze: „ihm ist seine 
Frau treu obwohl er sogar möchte, dass sie ihm untreu sein"! Und 
doch war in seinem Sieg etwas vom Stachel einer Niederlage; Genia 
war ja „leider" nicht Korsakow's Geliebte; sie ist ihrem Mann treu 
geblieben — nicht um seinetwillen, sondern weil sie einfach nicht anders 
konnte. Er rächt sich nun, indem er ihr Opfor zurückstösst. 

Wir haben jetzt aufgezeigt, was diese Szene des zweiten Akts 
mit dem Vorausgegangenen verbindet, aber wir glauben nicht, ihren Ge- 
halt dadurch erschöpft zu haben. Wenn Hofreiter Genia sagt, sie sei ihm 
unheimlich, so ist ihm das nicht nur ein Mittel des Triumphs und der 
Rache; sie ist ihm wirklich unheimlich geworden. Die Grösse des Opfers, 
das sie gebracht hat. lässt sich ja nicht wegleugnen. Und dieses Opfer 
scheint darauf hinzudrängen, dass in ihrem Verhältnis etwas anders werden 
muss; es gibt Genia ein neues Recht auf ihn, sie ist sich dieses Neuen 
zwischen sich und ihrem Manne bewusst und wartet mit schüchterner 
Zuversicht, auf das Kommende. Dass Hofreiter sich diesem Anspruch 
entziehen will, dass er ihm unbequem ist, hätte nichts Rätselhaftes. Dass 
ihm seine Frau dadurch unheimlich wird, gibt zu denken. Unheimlich 
ist was man fürchtet. Rei dem Manne, der den Frauen anscheinend mit 
solcher Sicherheit und Überlegenheit gegenübertritt („Obacht geben!" — 
eines seiner Lieblingsworte zu Frauen), bricht also in dem ersten Momente, 
wo eine Frau in der Lage zu sein scheint, ihn unter ihren Einfluss zu 
bringen die Furcht vor der Frau hervor. Wir entdecken da in seinem 
Verhalten zur Frau dieselbe Zwiespältigkeit, die wir in seinem ganzen 
Wesen schon gefunden haben : auch hier ist die Sicherheit und Sieghafhg- 
keit dem Roden der Unsicherheit entsprossen. Wieder sehen wir uns auf 
bekanntem Terrain. Unsere psychologischen Forschungen haben uns ja 
die ungeheure Bedeutung dieser Furcht vor der Frau ermessen gelehrt. 
Wir lernen hier auch ein neues Moment kennen, das ihn zu Erna treibt. 
Er flüchtet sich in das Abenteuer, um dem, was er als Angriff seiner 
Frau empfindet, zu entgehen. Und wir können jetzt auch besser verstehen, 
warum er bei der Episode mit Erna so auffallend rasch Schluss zu 
machen trachtet; auch sie hat ein grosses Opfer gebracht, auch sie könnte 
Ansprüche erheben, auch hier beherrscht ihn die Furcht, unter die Herr- 
schaft der Frau zu geraten. So gelangen -wir in unserem speziellen Fall zu 
einer Erklärung, die sich auch allgemein für den Don Juan- und Casanova- 
Typus aufstellen lässt. Die fundamentale psychische Unsicherheit ist es, 
die zur immer wiederholten sexuellen Aggression treibt, weil das Individuum 
dieses Beweises seiner Männlichkeit bedarf; die Furcht, unter die Herr- 
schaft der Frau zu geraten, ist es. die ihn von der kaum Eroberten wieder 
wegtreibt. Der erste Zug ist beim Don Juan-Typus, der zweite beim 
Casanova-Typus mehr ausgeprägt 

So wie Hofreiters Charakter jetzt vor uns liegt, hat sein Verhalten 
bei Genia's Untreue nichts Rätselhaftes mehr für uns. Unverständlich 



38 Dr. Carl Furtmüller, 

wäre es uns nur dann, wenn wir früher die Versicherungen seiner Gleich- 
gültigkeit ernst genommen hätten. Zwar versucht er sich auch jetzt an- 
gesichts der vollzogenen Tatsache in dieser Attitüde. Er findet auch 
rasch die Vorteile der neuen Situation heraus; jetzt braucht Genia ihm 
nicht mehr unheimlich zu sein, jetzt ist sie schuldig und ihm daher viel 
unbedingter unterworfen als früher. Wahrend sie früher noch den Ver- 
such machen konnte, über sich zu verfügen, vorfügt jetzt er über sie 
(„Nach Amerika wird Genia mit mir reisen", S. 147). Aber schon in 
seinem Gespräch mit Mauer bricht aus allen seinen Versuchen, die Sache feu 
bagatellisieren, die zitternde Aufregung hervor. Der sonst seiner messer- 
scharfen Rede so sichere Hofreiter verplaudert sich sogar: 

„M. : Und was hast Du dann getan? 
Fr.: Ich hab mich auf die Wiese hingelegt. 
M. : Du bist ja schon gelegen. 

Fr.: Richtig. Aber bequemer als vorher hab ich mich hin- 
gelegt . . ." (S. 147). 

Natter gegenüber wird ihm dann klar, dass er nicht imstande ist, diese 
Rolle durchzuführen. Früher war seine Stellung zu den andern Männern 
die, dass er sie betrog und sie sich betrügen Hessen; jetzt steht er dorn 
verachteten Natter gegenüber nicht nur gleich auf gleich, sondern dieser 
hat ihn untergekriegt, er ist ihm wehrlos ausgeliefert. Mit verblüffender 
Behendigkeit findet Hofreiter die Wendung, die ihn wieder obenauf bringt: 
teilt er das gleiche Schicksal mit Natter, so will er ihm doch zeigen, wie 
ein Mann sich einem solchen Schicksal gegenüber benimmt. Er provoziert 
den Fähnrich und nimmt Natter (noch dazu mit Stanx.idcs!) zum Sekun- 
danten. Er wird nicht der Hopf sein. 

Aber damit gibt er uns nur einen Teil der Wahrheit preis. Das 
würde den Skandal erklären, aber nicht die Katastrophe; das Duell, aber 
nicht seinen tödlichen Ausgang. Objektiv ist es nebensächlich, subjektiv 
aber von der höchsten Redeutung, dass ein um so viel Jüngerer Genia's 
Liebhaber geworden ist. Während er sich am Völser Weiher bewiesen 
hat, dass er es noch mit jedem Jüngling aufnehmen könne, hat ihn zu 
Hause ein Jüngerer aus dem Felde geschlagen. So fühlt er seinen Sieg 
sich in Niederlage wandeln. Es ist ein verzweifeltes Sichaufbäumen da- 
gegen, wenn er den Jungen niederknallt. Aber gerade dadurch besiegelt 
er seine Niederlage; indem er sich der Jugend feindlich gegenüberstellt, 
erklärt er sich selbst als alt. 

„Aus, Erna, auch zwischen uns. Du bist zwanzig, Du gehörst nicht 

zu mir Ich weiss, was Jugend ist. Es ist noch keine Stunde her, 

da hab ich sie glänzen gesehn und lachen in einem frechen, kalten Aug. 
Ich weiss was Jugend ist. — Und man kann doch nicht jeden . . . . (S. 173). 

Hierin liegt seine — wir wissen nicht, ob definitive oder vor- 
läufige — Katastrophe: Die Leitlinie, die er sich bisher vorgezeichnet 
hatte, ist durchschnitten. Er sucht zwar sofort tastend nach einer neuen, 
nach einer, auf die schon Adele Natter ihn hingewiesen hatte: er sucht sich 
seiner Frau zu nähern. Sie weist ihn zurück und er will einen neuen 
Weg gehen: er will der sein, der ganz allein steht auf der Welt. („Ich — 
gehöre niemandem auf der Welt. Niemandem. Will auch nicht" fS. 174].) 
Aber Percy's Stimme erinnert daran, dass auch dieser Ausweg ihm ver- 



Schmtzler's Tragikomödie .Das weite Land*. 39 

sperrt ist. Und so verlassen wir ihn als völlig desorientierten, als einen, 
dessen Lebensfäden in anscheinend unlösbare Verwirrung geraten sind. 

Wir glauben nun, den inneren Zusammenhang im Charakter des 
Helden dargelegt und die Verknüpfung seiner Handlungen untereinander 
aufgezeigt zu haben. So hätten wir den einen Teil unserer Aufgabe 
gelöst. Wir haben uns dabei darauf beschränkt, die vom Dichter 
dargebotenen Züge zu gruppieren und die bei dieser Zusammenstellung 
sich aufdrängenden Schlüsse zu ziehen. Wir hätten nicht so verfahren 
können, wie wir es getan haben, wenn wir nicht der Psychoanalyse- 
eine Gewöhnung an gewisse Problemstellungen und einen geschärften 
Blick für die Beurteilung unscheinbarer Einzelheiten verdankten. Wir 
haben es aber absichtlich vermieden, die konkreten Ergebnisse der Psycho- 
analyse von aussen in den Stoff hereinzutragen und haben unser psycho- 
logisches Wissen höchstens dazu benützt, einen oder den andern Zug 
stärker hervorzuheben und so das ganze Bild deutlicher zu machen. 
Trotz dieser Zurückhaltung finden wir, dass das gewonnene Charakterbild, 
wenn es auch nicht die systematische Vollständigkeit besitzt, die wir an 
dem Ergebnis einer gründlichen ärztlichen Analyse gewohnt sind, doch 
dieselben typischen Züge aufweist, die Adler uns dort zu sehen gelehrt 
hat. Wir haben gesehen, wie eine Tendenz seine gesamten Lebcns- 
äusserungen beherrscht, und wie sein Verhalten zur Frau nur einen Spezial- 
fall seines allgemeinen Verhaltens darstellt. Die bei ihm zunächst in 
die Augen springende Sicherheit, Überlegenheit und Unbekümmertheit hat 
sich als etwas Sekundäres erwiesen. Eine Reihe von Zügen hat uns ver- 
raten, dass im Grunde seines Wesens ein nie ruhendes Gefühl der Un- 
sicherheit wohnt, und wir haben verstanden, dass gerade dieses es ist, 
das ihm den trügerischen Schein der Sicherheit verleiht, indem es ihm 
jeder Lage und jeder Person gegenüber aufpeitscht, seine Vollwertigkeit, 
zu beweisen, indem es ihn durch die ständige Angst vor einer Niederlage 
in jedem Moment antreibt, seine ganze Persönlichkeit einzusetzen. Er- 
innern wir uns nun daran, dass wir als eine besonders charakteristische 
Ausdrucksform seines Gefühls der Unsicherheit die Furcht beobachten 
konnten, unter die Herrschaft der Frau zu kommen, und halten wir da- 
mit zusammen, dass die hervorstechendste Art, wie er zur Sicherheit 
gelangen will, der Angriff auf die Frau ist, so kommen wir wohl zu dem 
Schlüsse, die Besorgnis, die ihm am meisten zu schaffen mache, kleide 
sich in den drängenden Imperativ: ,,Ich muss zeigen, dass ich ein Mann 
bin. Ich muss um jeden Preis die dem Manne zustehende Herrscher- 
rolle ausüben." Wollten wir hinter diesem Imperativ die Frage auf- 
spüren: „Bin ich ein Mann?", so hiesse das freilich über das im Drama 
Gegebene hinausgehn. Aber wir glauben hier an den Punkt gelangt zu 
sein, wo wir den Charakter Hofreiters ohne Gewaltsamkeit in den Rahmen 
unserer psychologischen Erkenntnisse einfügen dürfen. So können wir 
wohl abschliessend sagen: ein Mann, der so handelt wie Hofreiter, steht 
unter der Herrschaft eines intensiven männlichen Protestes und die ge- 
steigerte Libido, die wir an ihm bemerken, ist nur eines der Mittel, 
deren sich der männliche Protest bedient. 

Wenn wir jetzt über das Verständnis des Hauptcharakters hinaus 
zum Sinn des Dramas vordringen wollten, so harrte unser eigentlich 
noch ein weiter Weg. Der Dichter hat ja das Problem des Verhaltens zu 



40 Dr. CarJ Furtmüller, Schnitzler's Tragikomödie „Das weite Land". 

ehelicher Untreue in vielen Variationen vor uns hingestellt iiinJ erst 
durch dieses Nebeneinander der widersprechensteu Reaktionen auf d;is 
gleiche Erlchnis erlangt das Leitmotiv, „die Seele ist ein weites Land", 
seine volle Bedeutung. Wir ständen also vor der Aufgabe, auch die andern 
Charaktere des Stückes zu analysieren. Hier, wo der Dichter mit den 
charakterisierenden Zügen sparsamer gewesen ist, sich oft mit wenigen 
Strichen hcgnügl hat, kämen wir schneller zum Ziele, aber nur deshalb, 
weil wir ungleich mehr als hei der Gestalt des llaupthclden auf Ergän- 
zungen und Hypothesen angewiesen wären. Diese Analysen müssten daher 
der überzeugenden Kraft, die die Analyse Hofreiters zumindest haben 
könnte, von vornherein entbehren. Es scheint uns aber, als oh man 
schon von der Gestalt Hofreiters her zum Sinn dieses Leitsatzes gelangen 
könnte, wobei wir es freilich dahingestellt lassen müssen, wie weit der 
Sinn, den wir in dem Werke finden, sich mit dem Sinn deckt, den der 
Dichter ihm geben wollte. 

Das eine freilich dürfte dein Zweifel entrückt sein, dass der Dichter, 
indem er den Ausdruck „das weite Land" seiner Tragikomödie als Titel 
vorangestellt hat, ihm eine ironische Note hat verleihen wollen. Das 
„weite Land" wird sich eben nur in gewissem Sinne als weites Land er- 
weisen. 

Halten wir nun dazu, was wir gefunden haben. Wir haben ein 
Drama vor uns, zwischen dessen Personen die mannigfachsten Liebes- 
beziehungen hinüber und herüber spielen, dessen einziger Inhalt Liebe 
und Liebeshändel sind, in dem aber das eine Thema sich unablässig auf 
die wunderlichste Weise variiert. Kein Widerspruch ist so krass, keine 
Wendung so rätselhaft, dass wir sie hier nicht fänden. Die Seele dieser 
Menschen ist wirklich ein weites Land voll unergründlicher Schluchten, 
voll die Aussicht sperrender Berge, voll in die Irre führender Labyrinthe, 
in dem es unmöglich scheint, sich zurecht zu finden. Dort aber, wo wir 
näher eingedrungen sind, bei der. Persönlichkeil. llofreilers, hat sich gezeigt, 
dass trotz allem ein Zielpunkt gegeben war, den er nie aus dem Auge 
verlor, dass trotz aller Irr- und Umwege ihm eine Richtung unabänderlich 
vorgezeichnet war. Hinter all der verwirrenden Mannigfaltigkeit haben 
wir eine einheitliche Leitlinie gefunden und die war nicht gegeben durch 
die Libido, sondern durch den m'ännlichen Protest. 

Die Tragikomödie ist eine zwiespältige Dicbtungsart. Aus der 
Komödie soll überraschend und doch folgerichtig die Tragödie auftauchen. 
Wir sollen zuerst durch die interessanten Verwicklungen des Zufalls und 
der Laune gefesselt, dann durch die tragische Notwendigkeit erschüttert 
werden. So zeigt uns auch Schnitzler's Drama ein doppeltes Gesicht: Auf 
dem Grunde einer Komödie der Libido erhebt sich die Tragödie des 
männlichen Protestes. 



IV. 

Über den Wert der Psychoanalyse für Ätiologie und 
Therapie des Stotterns und verwandter Sprach- 
störungen. 

Von Dr. Otto Laubi (Zürich). 

Angeregt durch Dr. Frank, der als Erster Stotterer der Psycho- 
katharsis unterwarf, hat der Autor diese Untersuchungs- und Behandlungs- 
methode, über welche das Technische in der Frank sehen Arbeit „Affekt- 
störungen, Studien über ihre Ätiologie und Therapie" nachzulesen ist, 
hei sieben Fällen -von Stottern angewendet. Es liegen bis jetzt etwa 
ein Dutzend Analysen von Stottern und verwandten Sprachstörungen vor. 
Drei bringt Frank im obigen Werke, zwei in früheren Arbeiten 1 ). Ver- 
fasser hat seine erste Analyse in der Monatschrift für Sprachheilkunde 
veröffentlich! einige andere werden teilweise in diesen Blättern erscheinen. 
Durch diese Studien kam der Autor wie Frank zu der Überzeugung, 
dass ein grosser Teil der Stotterer der von Freud aufgestellten Gruppe 
der A.ngstneurose zuzurechnen sei. Der Beweis für die Bichtigkeit dieser 
Anschauung ist in erster Linie dadurch gegeben, dass viele Stotterer 
dieselben psychischen Svmptomc zeigen, wie die andern Angstneurotiker, 
in zweiter Linie durch die Analyse, welche denselben Determinanten- 
Aufbau zeigt, den wir bei dieser Krankheitsgruppe kennen. Freud nennt 
als Symptome der Angstneurose erstens die ängstliche Erwartung oder 
chronische Ängstlichkeit, die immer bereit ist, sich an irgend eine Vor- 
stellung zu heften; zweitens den Angstanfall ohne einen Vorstellungs- 
inhalt Diese Symptome zeigen die nachfolgenden Analysen bei einigen 
Stotterern die ich als Beweis folgen lasse. Bei Kindern konnte ich bis jetzt 
nur Funktionsangst und chronische Ängstlichkeit aber keine Angstanfälle 
ohne Vorstellungsinhalt nachweisen. 

Frl. M. M. 19 Jahre alt. 

Pat. gibt an, seit frühester Jugend zu stottern, schon bevor sie 
zur Schule gegangen sei. Sie erinnert sich, dass sie mit furchtbarer 
Angst in die Schule ging und förmlich darauf lauerte, ob sie der Lehrer 
und die Schüler auslachen werden. Pat. ist sehr intelligent und ge- 
hörte immer zu den besten Schülern. Die Ursache beständiger Affekt- 
erregungen bildet der Vater, ein sehr schwerer Alkoholiker, der von frühester 
Jugend auf der Erreger unzähliger Schrecken bei der Pat. war. Pat. 

l) Stottern als Angatnenrose. 2) Psychoanalyse. 



42 Dr. Otto Laubi, 

gibt an, dass sie grosse Angst vor dem Sprechen habe (Funktionsangst). 
Wenn sie z. B. weiss, dass sie am folgenden Tag viele Kommissionen zu 
machen hat, bekommt sie im Bett grosse Angst, was sie im Laden sagen 
solle und bereitet sorgfältig jedes Wort vor, das sie sprechen soll. Da- 
neben hat sie aber auch Angstanfälle, ohne dass sie weiss, warum sie 
Angst hat. Plötzlich während der Arbeit oder in einer gleichgültigen 
Unterhaltung bekommt sie Angst und einen roten Kopf und kann nur noch 
mit grösster Mühe sprechen. Wenn man sie fragt, warum sie nicht weiter- 
spreche, sagte sie, weil sie Angst habe. Fragt man sie, wovor sie Angst 
habe, so sagt sie, sie wisse «es nicht, es komme auf einmal über sie. Diese 
Angstanfälle sind ihr so peinlich, dass ihr das Leben verleidet ist und 
sie hat schon zwei Selbstmordversuche gemacht, einmal durch Ertränken, 
einmal durch Trinken von Opiumtinktur, die ihr der Arzt gegen die Angst- 
anfällc verschrieben hatte. Sie sagt, dass sie beständig gegen ihre Angst 
ankämpfe, aber alles sei umsonst. Eine mehrmonatliche sprachgymnasti- 
sche Behandlung führte zu gar keinem Ziel. Daher wird ein Versuch 
mit Psychokatharsis gemacht. In den ersten Hypnosen will Pat. nichts 
sehen, in der dritten aber fängt sie von selbst im Schlafe zu sprechen 
an und antwortet auf Fragen ohne zu erwachen. Dabei erscheint der 
Affekt mit elementarer Gewalt und nimmt oft geradezu dramatische 
Formen an. 

15. März 1912. Hypnose. Sie sieht ihren .Vater schwankend heim- 
kommen. Er hat ganz andere Kleider an als sonst. Als man ihn fragt, 
wo er gewesen sei, antwortet er immer nur mit den Worten: „Nichts, 
nichts." Am folgenden Tage stellt sich heraus, dass er im Rausch in den 
See gefallen ist und dass ihm Bekannte andere Kleider angezogen haben. 

18. März. Hypnose. Sie sieht den väterlichen Garten, der am See 
liegt. Da kommt der Vater mit seinen Trinkkumpanen und einer Anzahl 
Kinder, die vom Garten aus fischen wollen. Pat. ärgert sich darüber 
sehr, weil sie den Garten eben in Ordnung gebracht hat. 

20. März. Hypnose. Pat. hat erst lebhaftes Angstgefühl, sieht aber 
nichts. Dann sieht sie, wie sie von einem Hund angefallen und ins 
Bein gebissen wird. 

Hypnose. Sie sieht wiederum den Vater. Er liegt im Bett und 
schlägt den Kopf immer gegen die Wand, um sich zu töten, weil er 
sich unglücklich fühlt, dass er soviel Elend über seine Familie gebracht 
habe. Sie sieht die Mutter am Kopfende des Bettes stehen, während die 
Schwester den Vater an den Händen festhält. 

22. März. Hypnose. Pat. fängt in der Hypnose plötzlich zu lachen 
an. Sie sieht, wie ein Kind zum Fenster hinausspringt, dann folgt ein 
zweites und schliesslich die ganze Klasse. Der Lehrer ist zu spät ge- 
kommen und sie haben sich durch das Fenster geflüchtet. Dann sieht 
sie. wie sie dem Lehrer einen Rausch angehängt haben, mehrere Kinder 
haben einen Liter „Sauser" gebracht, den der Lehrer in der Stunde aus- 
trinkt und sie in seinem Rausche eine halbe Stunde früher nach Hause 
entlässt. 

Dann sieht sie den Vater schwankend auf das Haus zukommen; 
es ist gerade Besuch da. Man 'hatte grosse Mühe ihn nach oben zu bringen. 
Sie schliesst ihn ins Zimmer ein, er poltert aber gegen die Türe. Pat. hält 
in der Hypnose den Arm so, wie wenn sie die Türe zuhalten müsste und 



Ober den Wert der Psychoanalyse für Ätiologie u. Therapie des Statten». 43 

wird ganz rot im Kopf. Nach dem Erwachen klagt sie über grosse Müdigkeit 
im rechten Arm. 

25. März. Hypnose. Sie sieht sich am See unten; dort sieht sie 
einen Sack schwimmen. Wie sie denselben öffnet, bemerkt sie, dass 
man ihr Lieblingskätzchen ersäuft hat. in der Hypnose fängt sie an 
bitterlich zu weinen und jammert beständig: „Oh mein armes Kätzchen." 
Erwacht erzählt sie die ganze Szene unter heftigem Stottern, muss aber 
nachher selbst darüber lachen, dass sie deswegen sich so habe aufregen 
können. 

Hypnose. Sie setzt sich plötzlich im Sofa auf, ballt die Fäuste 
und bringt die Finger in Krallenstellung. Dann sagt sie: „Ich weiss viel 
besser, wie dieses Spiel geht als du. Es ist ganz recht, dass du jetzt 
einen Kratz im Gesicht hast. Es ist mir gleich, wenn ich nichts zu 
Weihnachten bekomme." Es handelt sich um einen Streit mit der Schwester, 
den sie wegen eines Spiels gehabt hat. 

26. März. Hypnose. Pat. gibt an, sie sei in der Zeichnungsstunde. 
Plötzlich gibt sie mir einen heftigen Stoss gegen die Brust, richtet sich 
auf, ruft: „Pfui, pfui) Machen Sie, dass Sie fortkommen," und schlägt 
gegen mich und wendet sich mit den Zeichen grössten Abscheues von mir 
ab. Erwacht erzählt sie unter heftigem Stottern, dass der Lehrer einen 
Versuch gemacht habe, ihre Genitalien zu berühren. Es habe einen grossen 
Skandal gegeben und dieser Lehrer sei wegen Sittlichkeitsdelikten fort- 
gejagt worden. Sie habe von dieser Sache zu Hause nichts erzählt, um 
der Mutter nicht noch mehr Angst zu machen, die wegen des Vaters 
genug Kummer gehabt habe. Während dieser Zeit habe sie besonders 
schlecht sprechen können. 

Hypnose. Nachher sieht sie ihren Vater. Er ist schon um 10 Uhr 
morgens betrunken und sagt, er wolle verreisen. Die Mutter und sie 
wollen ihn am Verreisen hindern, was ihnen aber nicht gelingt. Als 
er fort ist, sehen sie, dass er eine Anzahl Wertpapiere mit sich ge- 
nommen hat. Dann muss sie sich an der Bahn erkundigen, wo er hin 
gegangen sei; sie müssen an verschiedene Banken hintelegraphieren, um 
zu verhindern, dass er die Wertpapiere versetze. 

Hypnose. Sie sieht ihren Bräutigam über den See rudern. Dann 
sieht sie, wie der Vater, der betrunken ist, nackt im Zimmer herum- 
läuft. Sie hat nun grosse Angst, der Bräutigam könne mit dem Vater 
zusammentreffen. Sie schliesst ihn nun in ein Zimmer ein, hält die 
Türe zu und ruft der Schwester, sie könne den Bräutigam jetzt nicht 
empfangen. 

9. April. Hypnose. Pat. fängt in der Hypnose plötzlich an zu lachen. 
Sie ist mit der Schwester im Bade und die Schwester schwimmt mit 
der brennenden Zigarette im Wasser herum. Dann sieht sie wiederum 
den Vater; sie ist 12 Jahre alt; er kommt betrunken um 12 Uhr nach Hause 
und verlangt, dass die Tochter in den Keller gehe und ihm Wein hole. Die 
Tochter weigert sich und dann gibt es einen grossen Skandal. 

11. April. Hypnose. Sie sieht sich in der Kirche und soll ein 
Gedicht anfangen. Sie fängt an in der Hypnose zu deklamieren. „Es 
geht ein stiller Engel durch diesen Erdengrund", dann wird sie plötzlich 
dunkelrot im Gesicht und kann nicht mehr weiter. Sie erzählt nach- 
her, der Pfarrer habe immer gesagt: „Vorwärts, vorwärts I" sie habe 
aber nicht sprechen können und die Buben hätten sie ausgelacht. Nach- 



44 Dr. Otto Laubi, 

her sieht sie sich auf der Weide mit andern Kindern. Sie hat die ganze 
Schürze voll gestohlener Kürbisse. Da (kommt der Dauer und springt ihnen 
nach, wobei sie ihre sämtlichen Kürbisse verliert. 

14. April. Hypnose. Sie sieht sich in der Kirche. Sie hat zwei 
Mädchen vor sich die Zöpfe zusammengebunden. Da wird nun das eine 
gefragt und muss aufstehen, es kann aber nicht allein aufstehen. Das 
bemerkt der Pfarrer und nun muss sie zur Strafe hundert Verse ab|- 
schreiben. 

17. April. Hypnose. Sie sieht sich in der Schule. Da ist ein Mädchen, 
das regelmässig epileptische Anfälle bekommt. Sie hat das kranke Mäd- 
chen im Schoss aufgefangen. Alle Buben drehen sich um, was ihr sehr 
peinlich ist. 

25. April. Hypnose. Sie sitzt mit ihren Eltern am Tisch. Da fällt 
plötzlich die Hängelampe herunter und zerschlägt alles. Dann sieht sie 
sich auf der Strasse. Ein Mann ist umgefallen und blutet heftig aus 
dem Munde. Dann sieht sie sich in der Sekundärschule. Sie soll ein 
Gedicht aufsagen. Sie weigert sich aber, weil sie nicht ausgelacht werden 
will. Da sagt sie dem Lehrer, sie werde ihm das Gedicht allein auf- 
sagen. Sie fängt in der Hypnose das Gedicht an, bleibt dann stecken 
und wird dunkelrot im Kopf und hat einen Puls von 120 Schlägen. 

2. Mai. Hypnose. Sie ist im oberen Stocke ihres Hauses. Sie sieht 
den Vater schwer betrunken heimkommen, er kann nicht mehr allem; 
die Treppe herauf. Sie geht nun herunter, um ihn zu stützen. Dabei 
fühlt sie deutlich, wie schwer ihr rechter Arm ist. Nachher zieht sie 
ihm die Schuhe aus, wobei der Vater ihr auf die Hände schlägt. 

Hypnose. Sie sieht die Nachbarsfrau hei der Mutter. Über diese 
Nachbarin ist sie sehr wütend. Sie hört von der Küche her, dass dieselbe 
sagt, sie werde auch eine Trinkerin werden wie ihr Vater. 

3. Mai. Hypnose. Sie ist etwa 4 Jahre alt. Der Vater hat auf dem 
Balkone Wein stehen lassen. Sie trinkt denselben aus und bekommt 
Schwindel. Sie fällt nun die Treppe herunter und verletzt sich am rechten 
Arm. Sie fühlt deutlich den Schmerz im Arm. Dann wird sie ins Bett 
gelegt, sieht die Mutter, die sich über sie beugt, worüber sie dann er- 
wacht. 

G. Mai. Hypnose. Sie ist im Garten mit ihrer Mutter und will 
Bohnen setzen. Die Mutter sagt, es gäbe mehr Bohnen, wenn man die- 
selben zwischen zehn und zwölf Uhr setze, was die Pat. nicht glaubt. 
Darüber wird die Mutter sehr ärgerlich und läuft davon. Nachher geht 
die Pat. und will die Mutter uni .Verzeihung bitten. Die Mutter nimmt 
aber die Abbitte nicht an. Sie nimmt sich vor, nun nie mehr um Ver- 
zeihung zu bitten. — Dann sieht sie sich bei der Bahnstation; da sieht 
sie, wie ein alter Mann «ich' auf die Schienen legt. Nun kommt der Zug, 
schneidet ihm den Kopf ab und sie sieht Beine und Haare herumliegen. 
Sie ist etwa 11 Jahre alt. Während sie das sieht, hat sie starke Angst. 

10. Mai. Hypnose. Sie macht mit dein Vater eine Fahrt nach dem 
Mythen. Auf dem Wege betrinkt sich der Vater, so dass er ganz be- 
trunken oben ankommt. Alle Leute schauen nun nach dem Vater hin 
und sie muss sich wegen des Vaters furchbar schämen. Dann sieht 
sie sich nachts im Bett. Plötzlich fährt sie mit der Hand gegen ihre 
Schulter und reibt dieselbe. Gefragt, warum sie das tue, sagt sie, sie 



Über den Wert der Psychoanalyse für Ätiologie u. Therapie des Stotterna. 45 

habe soeben von ihrem Vater tmen Schlag bekommen; sie habe nachts 
im Bett gelesen, was ihr vom Vater verboten worden sei. 

13. Mai. Hypnose. Sie sieht sich in grosser Gesellschaft. Es werden 
Pfanderspiele gemacht. Um ihr Pfand zu lösen, soll sie ein Gedicht 
aufsagen. Zuerst will sie nicht, nachher sagt sie, sie wolle es doch 
tun, aber man dürfe sie nicht auslachen. Dann fängt sie in der Hypnose 
unter starkem Stottern an zu deklamieren, kann aber das Gedicht fertig 
sagen. Nach dem Erwachen fühlt sie sich furchtbar aufgeregt und stot- 
tert stark. Nachher sieht sie ein militärisches Manöver. Da bekommt 
ihre Mitschülerin mitten unter den Soldaten einen epileptischen Anfall. 
Sie sieht, wie das Kind umfällt; sie ruft den andern Kindern zu, sie 
sollten ihr doch helfen." Diese kümmern sich aber nicht um sie, sondern 
laufen den Soldaten nach. 

17. Mai. Hypnose. Sie sieht sich auf einem Ausflug nach dem 
Säntis. Da bringt man einen jungen Mann auf einer Bahre, der ab- 
gestürzt ist. . 

21. Mai. Hypnose. Sie sieht, wie ihre Liebliugskatze von der Eisen- 
bahn überfahren wird. Sie regt sich darüber sehr auf; sie ist etwa 
acht Jahre alt. Nachher fängt sie plötzlich an zu lachen. Sie steht 
mit ihrer Freundin im Badehäuschen. Dieselbe ist bereits angezogen und 
spricht mit ihr. Da gleitet sie plötzlich aus und fällt mit den Kleidern 
nochmals ins Wasser. 

23. Mai. Hypnose. Sie sieht ihren Vater, wie er in der Trunken- 
heit die Mutter mit einem grossen Messer bedroht. Nachher sieht sie 
sich im Streit mit dem Vater, der ihr vorwirft, sie habe noch nicht 
20 Cts. verdient. Sie weint heftig in der Hypnose und erklärt, sie werde 
das Haus sofort verlassen, wenn er noch einmal so etwas sagt. 

24. Mai. Hypnose Der Vater ist wieder betrunken heimgekommen. 
Derselbe hat sein Portemonnaie verloren. Nun sollte sie gehen und das- 
selbe im Graben suchen. Sie erklärt, sie täte das nicht mehr. Die Schwester 
könnte auch einmal gehen. Dieselbe täte ja doch nichts anderes als 
lesen. Nachher fährt sie plötzlich mit einem Schrei vom Sofa auf und 
streckt die Arme aus. Sie sieht ein Pferd, das durchgebrannt ist, mit 
einem Wagen die Strasse heruntergaloppieren. Pat. fällt demselben .in 
die Zügel und kann es aufhalten. 

28. Mai. Hypnose. Sie sieht das Dienstmädchen. Sie bemerkt, dass 
dieselbe Eier gestohlen hat. Darüber regt sie sich sehr auf. Als das 
Mädchen das Kleid ausgezogen hat, zerschlägt sie ihr die Eier im Sack. 
Nachher sieht sie ihren Nachbarn; derselbe schlägt einen Fremden, der 
Rosen in seinem Garten gestohlen hat, mit seinem Stock. Sie sieht, wie 
dieser aus dem Kopfe blutet. 

20. Juni. Hypnose. Sie sieht ihren Vater. Derselbe kommt mit 
schmutzigen Schuhen betrunken heim und beschmutzt die Stube, die die 
Pat. vorher gereinigt hat. Dann wirft ihr der betrunkene Vater vor, 
es sei am Abend vorher ein Herr in ihrem Zimmer gewesen. Pat. regt 
sich darüber sehr auf und verlangt, dass der Vater das, was er gesagt 
habe, zurücknehmen müsse, sonst werde sie das Haus verlassen. 

Nachher sieht sie ihren Vater betrunken auf einer Wiese liegen. 
Derselbe schimpft über seine Frau. Die Pat. verteidigt die Mutter und 
sagt ihm, er solle sich schämen, so etwas über dieselbe zu sagen. Da 
Pat. verreist, wird die Analyse hier abgebrochen. 



46 Dr. Otto Laubi, 

Es folgen einige Szenen aus der Analyse eines 14 jährigen Knaben 
M. Derselbe will schon seit frühester Jugend stottern. Er hat oft Angst, 
wenn er abends in sein Zimmer kommt. Jedesmal, bevor er einschläft, 
muss er unter dab Bett sehen, ob keine „Schelmen" unter demselben 
lägen. Er fällt einem sofort durch sein aufgeregtes Wesen auf und soll 
nach der Angabe der Mutter Nachtwandler sein. 

27. März 1911. Hypnose. Pat. schläft sofort ein. Während der Hypnose 
macht er lebhafte Bewegungen mit Armen und Beinen, wenn er eine Szene 
sieht. Nachher erwacht er von selbst und erzählt, was er gesehen hat. 
Während der ersten Hypnose schrickt er einige Male heftig zusammen; 
erwacht erzählt er, dass er zuerst einige Gesichter gesehen habe. Dann 
hörte er wie die Türe knackte und wie ein Schelm ins Zimmer hinein- 
kam. Derselbe hatte einen Bevolver mit schwarzem Griff in der Hand 
und einen schwarzen Hund. Er hatte einen roten Bart gehabt, kurze 
Kniehosen und gelbe Schuhe. Im Zimmer habe er alle Schubladen ge- 
öffnet. Erwacht kann Pat. keine Auskunft geben über den Zusammenhang 
dieses Bildes mit seinen Erinnerungen. 

30. April. Hypnose. Nach einigen Minuten fängt Pat. an, heftig 
mit den Beinen um sich zu schlagen, so dass er beinahe vom Sofa 
hei unterfällt. Erwacht erzählt er, er habe zwei Polizisten gesehen, die 
einen Italiener verhaften wollten, der einen Mann gestochen hatte. Er 
wohnt dieser Verhaftung mit seinem Freunde bei. Er sieht, wie der 
Bruder des Gestochenen der Geliebten des Italieners mit einem Stuhl- 
bein droht, er würde sie zu Tod schlagen, wenn sie nicht den Aufent- 
haltsort des Italieners angebe. Dann sagt dieselbe, der Italiener sei unter 
dem Bett versteckt und derselbe wird hervorgezogen. Auf dem Trans- 
port macht der Italiener einen Fluchtversuch, dabei wird der Pat., der 
neben ihm läuft, zu Boden geworfen und wehrt sich mit Strampeln 
der Beine. 

Hypnose. Pat. sieht sich im väterlichen Geschäft. Da kommen 
zwei Handwerksburschen. Der eine sagt dem Vater, es habe sich ein 
Mann in der Scheune versteckt, er solle nachsehen gehen. Unterdessen 
ist der Knabe mit dem Fremden allein im Fleischerladen. Da nimmt der 
Handwerksbursche mehrere Stücke Fleisch weg und läuft davon. Der 
Knabe, der das nicht hindern kann, ist in grosser Angst. 

Nachher sieht er sich im Bett. Es ist nachts um 1 Uhr. Er hört 
wie zwei Männer auf der Strasse miteinander streiten und einer um 
Hilfe ruft. Ein vorbeigehender Student will den Streit schlichten, be- 
kommt aber dabei einen Schlag auf den Kopf, so dass er bewusstlos zu 
Boden sinkt. Er sieht nun vom Fenster aus, wie man den Bewusstlosen 
zum Brunnen schleppt und ihm den blutenden Kopf wäscht. 

Er sieht sich wiederum im Bett. Da hört er plötzlich Feuerlärm. 
Man bringt viele Pferde, die im Hofe herumtrampeln. Nachher kommt 
der Vater und fragt, wo es brenne. Man sagt ihm, dass der Brand in 
der Nähe seines Geschäftes sei, worauf der Vater nach der Brandstelle 
geht. Pat. wartet nun stundenlang auf denselben und hat Angst, es 
könne dem Vater ein Unglück geschehen. 

1. Mai. Hypnose. Pat. schläft sehr tief, kann aber nichts sehen. 

4. Mai. Hypnose. Pat. sieht einen grossen Wald. Er sieht, wie 
er abends allein durch diesen Wald gehen muss, um etwas nach einem 
benachbarten Dorfe zu bringen, er empfindet nun grosse Angst, als er 



Über den Wert der Psychoanalyse für Ätiologie u. Therapie des Stotterns. 47 

allein auf dem Wege ist. Nachher sieht er sich auf dem Auto mit seinem 
Vater. Es ist Winter und abends spät. Da kommt ihnen plötzlich ein 
Wagen entgegen, den sie wegen des Nebels vorher nicht sahen und in 
den sie fast hineingefahren wären. 

7. Mai. Hypnose. Pat. sieht sich Holz spalten. Dabei hat er sich 
mit der Axt den Fuss verletzt. Er wird nun nach Hause gebracht und 
nun hat er grosse Angst, der Doktor werde ihm die Wunde noch zusammen- 
nähen. Nachher sieht er sich in einem Fuhrwerk, mit dem der Vater 
ausgefahren ist, das er allein nach dem Stall fahren muss. Da brennt 
ihm das Pferd durch und er ist in Gefahr, herunter geworfen zu werden. 
Im letzten Moment springt ein Nachbai' auf den Wagen und hilft ihm das 
Ross bändigen. 

9. Mai. Hypnose. Er sieht sich auf dem Schlittschuhplatz. Er fällt 
um und ein anderer Knabe schlägt ihm mit dem Schlittschuh ein Loch 
in den Kopf. 

11. Mai. Hypnose. Er sieht mehrere Velofahrer von einem Wett- 
rennen zurückkommen. Einer davon hat das Bein gebrochen, ein anderer 
den Arm verstaucht, ein dritter ein grosses Loch im Kopf. Da er selber 
Velofahrer ist. macht ihm alles einen grossen Eindruck. Nachher sieht 
er sich auf dem Eisweiher. Er bricht ein und kommt unter das Eis. 
Man muss das Eis einschlagen, um ihn wieder herauszuziehen. 

14. Mai. Hypnose. Er sieht sich beim Schwimmexamen. Die Knaben 
müssen unter dem Wasser schwimmen. Da klemmt er sich zwischen zwei 
Holzpfosten der Badanstalt ein; glücklicherweise bricht einer der Pfosten 
ab so dass er wieder an die Oberfläche kommt. Dann sieht er sich mit 
seinem Vater und Bekannten auf dem Bodensee in einem kleinen Schiff- 
chen. Da der Vater ein schwerer Mann ist, ist Gefahr vorhanden, dass 
das Schiffchen umkippe und Pat. empfindet auch in der Hypnose starke 

Angst. 

5. Mai. Er ist mit seinen Kameraden im Wald. Da sieht er einen 
Mann, der mit einem Revolver schiesst. Zuerst glauben sie, der Mann 
würde auf sie zielen, und springen davon. Als sie nachher wieder an 
den Ort hinkommen, sehen sie, dass sich der Mann erschossen hat, und 
finden neben ihm den Revolver liegen. Pat. ist etwa 11 Jahre alt. 

18. Mai. Hypnose. Er sieht sich mit einem Freund auf dem Jahr- 
markt. Sie schaukeln so stark, dass er fast von der Schaukel gefallen 
wäre. Nachher sieht er sich auf dem Karussell, dabei wird es ihm 
schwindlig und er muss die Augen schliessen, um nicht aus dem Wagen 
zu fallen. Nachher sieht er sich mit dem Vater in einem Dorfe. Er 
muss einen grossen Stier halten. Da geht ein Mann vorüber, der ein 
rotes Tuch trägt. Darüber wird der Stier unruhig und der Pat. kann den- 
selben nur noch mit grösster Anstrengung halten. Die Analyse wird hier 
von den ungeduldigen Eltern plötzlich abgebrochen. 

Ausser diesen Analysen verfüge ich über vier weitere Analysen 
bei jungen Leuten. Bei denselben handelt es sich meistens um ähnliche 
affektbetonte Erlebnisse wie die mitgeteilten. Meistens sind es Erlebnisse 
mit Tieren, Hunden, Kühen, Affen, Truthähnen, Gänserichen, welche die 
Kinder erschrecken, ferner um Erschrecken durch Verkehrsvehikel, Autos, 
Eisenbahnen, Trams, Schlitten, Schiffe, um Feuersbrünste, Gewitter, Erd- 



48 



Dr. Otto Laubi, 



beben und Überschwemmungen, um Erlebnisse beim Baden, Bergsteigen, 
Schulszenen, Unglücksfälle, Krankheiten und Todesfälle etc. Fast immer 
sind es Szenen mit Angstaffekt, selten spielen freudige Affekte eine 

Holle. 

Wie Frank konnte ich vor der Pubertät bis jetzt keine sexuellen 

Szenen nachweisen, während solche nach dieser Zeit und bei erwachsenen 
Stotterern nicht selten auftreten. Ebenso spielt der Verlegenheitsaffekt 
besonders bei Erwachsenen eine gewisse Bolle, sowohl das Verlegenheits- 
gefühl selbst, als auch die Angst vor dem Durchbruch des Verlegenheits- 
gefühles, so dass die Patienten mit sich kämpfen müssen, um die Angst 
zu verdrängen. Da nun die Patienten Sitzung für Sitzung ohne suggestiv 
beeinflusst zu werden, solche angstbetonte Szenen abreagieren, — sich dies 
in dem Dutzend Analysen von Stottern, die vorliegen, regelmässig wieder- 
holt, ganz ähnlich wie bei den Patienten, die an andern Angstneurosen 
leiden, so dürfen wir per analogiam schliessen, dass diese Schrecken 
bei der Entstehung des Stotterns eine Bolle spielen und dass das Stottern 
den A-ngstneurosen zugereclinct werden müsse. Wenn wir uns fragen, warum 
dif.se Kinder ihre Schreckerlebnisse nicht vergessen, wie die gesunden, so 
können wir uns das nur erklären durch die Annahme einer besonderen Kon- 
stitution, der psychoneurotischen Konstitution, welche bewirkt, dass bei 
diesen Patienten Affekte leichter ausgelöst,, dass bei denselben aber auch 
stärkere Affekte entwickelt werden und dieselben tiefere Bahnen hinterlassen, 
als bei normalen Kindern. Infolgedessen befinden sieh dieselben im Affekt 
häufig in einem Zustand des eingeengten Bewusslseins. Sie sind nur mit 
ihrem Affekt beschäftigt, alles andere ist für sie verschwunden. In einem 
solchen Zustand kann das betreffende Erlebnis direkt unterbewusst werden, 
ohne mit dem übrigen Bewusslseinsinhalt in Verbindung zu treten. Solche 
unterbewusste affektbetonte Erlebnisse, die wir Komplexe nennen, haben 
aber immer wieder die Tendenz, sich bewusst zu machen. Kommen nun bei 
solchen Kindern in der Sprachenlwickelung oder durch hastiges Sprechen 
besonders im Affekt vorübergehende, noch innerhalb des Normalen liegende 
Sprachstörungen vor (ataktisches Sprechen), so übertragen sie bei einer 
gewissen Affektspannung ihre unterbewusst akkumulierte Angst auf den 
Sprachakt, auf bestimmte Worte oder Buchstaben. Infolgedessen werden 
diese Buchstaben, Silben und Worte zu Komplexreizen, die beim Ein- 
treten ins Bewusstsein wiederum die unterbewusst akkumulierte Angst 
auslösen. Die Übertragung kann aber nicht nur auf Buchstaben, Silben, 
Worte, Töne bei Sängern, Personen und Situationen, sondern auch auf 
die innere Sprache, auf den Gedanken, sprechen zu müssen, stattfinden. 
So können solche Patienten im Hotte- Herzklopfen bekommen beim Ge- 
danken, am folgenden Tage an gewissen Orten reden zu müssen. Dann 
kann sich aber auch der Angstaffekt allein bemerkbar machen in Form 
eines Angstanfalles 'ohne Bewusstseinsinhalt, allein infolge der Affekt- 
spannung oder bei Anlässen, die sowieso mit leichten Angst/.uständen 
verbunden sind, oder beim Erwachen im Anschluss an Träume, ohne 
dass dem Patienten der Zusammenhang bewusst. ist. Ein weiteres Moment 
der unterbewussten Angstakkumulierung ausser den Schreckerlebnisscn 
und der psychoneurotischen Konstitution bildet das Moment der Vor- 
drängung. Solche Patienten haben meist nicht das Bedürfnis, sich über 
ihre Affekte auszusprechen wie Gesunde. Sie kämpfen mit dem Willen 
dagegen und so kommt es zu immer grösserer unlerbewusster Affekt- 



über den Wert der Psychoanalyse für Ätiologie u. Therapie des Stotterns. 49 

ansammlung. Dazu kann dann noch die Angst kommen, die aus ver- 
drängter Libido stammt. Bis sich die ausgeprägte Stottererpsyche ent- 
wickelt, vergehen Jahre und ein erwachsener Stotterer zeigt meist ein 
ganz anderes psychisches Bild als ein beginnender Stotterer. Die Cha- 
rakterveränderungen, die wir beim erwachsenen Stotterer finden, die 
Hopf frier beschreibt, sind als Schutzmassregeln im A d 1 e r 'sehen *) 
Sinne zu erklären, die sich der Stotterer wie jeder andere an Minder- 
wertigkeitsgefühlen leidende Mensch entwickelt, je nach den Lebensschick- 
salen, die auf ihn einwirken. 

Wenn ich nochmals kurz zusammenfasse, so können wir das psycho- 
neurotische Stottern auffassen als eine Neurose, die entstanden ist durch 
Affekttraumen, die auf eine in der Anlage hypersensible Affektivität ein- 
gewirkt haben. Durch diese Anlage sowohl, als auch durch Verdrängen 
im Kampf mit ihren Affekten werden bei diesen Individuen Affekte akku- 
muliert, was sich dadurch zeigt, dass bei denselben zeitweilig sich leichte 
Angstanwandlungen einstellen. Wenn die Affektspannung einen gewissen 
Grad erreicht hat, wird bei irgend einem affektbetonten Erlebnis oder 
einem körperlich schwächenden Moment die unterbewusst akkumulierte 
Angst auf einen Teil des Sprachaktes übertragen. Dadurch wird dieser 
Spi achteil zu einem Komplexreiz, der beim Auftauchen im Bewusstsein 
die unterbewusst akkumulierte Angst auslöst, die dann den Sprachablauf 
ungünstig beeinflusst. Ausser durch den Vorstellungsinhalt kann aber 
die unterbewusste Angst auch durch den Affekt ausgelöst werden, in der 
Art, dass sich bei Situationen, die sowieso mit leichten Angstgefühlen 
verbunden sind, z. B. Erwartung, die unterbewusste Angst superponiert, 
so dass die Patienten stärkere Angstgefühle bekommen, als sie der relativ 
gleichgültigen Situation entsprechen. Nur so lassen sich die Angstanfälle, 
die Stottere) plötzlich vor oder mitten im Sprechen befallen, erklären, 
die dem Patienten nur als ein dunkles sie bedrückendes Gefühl zum 
Bewusstsein kommen, im Gegensatz zum Stottern der Gesunden, die immer 
wissen, warum sie bei ihrem Stottern Angst haben. Natürlich kann auch 
ein Slotterer, der ein schlechtes Gewissen hat, Angst bekommen und dann 
stottern, und er kennt in diesem Falle die Ursache seiner Angst, was 
aber für gewöhnlich nicht der Fall ist. Immer ist es aber die Angst, 
welche den Stotteranfall hervorruft, nicht aber eine ungenügende Atmung 
oder unrichtige Artikulation. Der Umstand, dass Stotterer häufig stottern, 
ohne Angst zu empfinden, spricht nicht gegen diese Auffassung. Durch 
die unendlich häufigen Wiederholungen wird der unrichtige Sprachab- 
lauf bis zu einem gewissen Gra.de automatisiert. Es entstehen krank- 
hafte Sprechgewohnheiten, so dass schon der physiologische Heiz des 
Sprechen-Wollens auch ohne Affekt genügt, um den Stotteranfall hervor- 
zurufen. 

Wenn wir nun zum zweiten Teil unserer Aufgabe übergehen und 
uns fragen, was für einen therapeutischen Wert hat die Psychokatharsis 
für die Behandlung von Stotterern, so war es ein naheliegender Ge- 
danke, die Methode zur Verbesserung von Angstzuständen auch bei dieser 
Neurose zu verwenden, nachdem es gelungen war, andere Angstzustande 
wie Platzangst, Schlafstörungen etc. durch dieselbe zum Schwinden zu 



i) Adler, Über den nervösen Charakter. 1912. 

ZaiitralbUtt für Psychoanalyse. IV'/ 1 . 






50 Dr- Otto Laubi, 

bringen. Was meine Resultate betrifft, so sind dieselben am günstigsten 
im jugendlichen Alter, weil sich hier noch nicht ein so grosses affekt- 
betontes Material wie bei Erwachsenen angesammelt hat. Mein günstigster 
Fall betrifft eine Sprachstörung bei einem 14 jährigen Knaben; derselbe 
stotterte nicht, sondern behauptete, dass er seit einem halben Jahre in 
der Schule keine Antworten mehr geben könne, wenn er an seine Sprache 
denke; wenn er das nicht tue, so könne er zuweilen antworten. Die 
Eltern waren auf dem Punkte, die Gymnasialstudien ihres Sohnes zu 
unterbrechen und ihn ein Handwerk lernen zu lassen. Eine kurze ana- 
lytische Behandlung, bei der hauptsächlich Schreckerlebnisse abreagiert 
wurden, die sich derselbe durch Besuch von kinomatographischen Vor- 
stellungen zugezogen hatte, sowie die Abstellung von Masturbation brachten 
die Sprachstörung völlig zum Verschwinden und die Heilung hat seit 
bald zwei Jahren weiter angehalten. In diesem Falle lagen einfachere 
Verhältnisse vor, als 130101 Stottern, weil sich hier keine falschen Sprach- 
gewohnheiten gebildet hatten, zu deren Beseitigung wir meist nicht ohne 
Sprachgymnastik auskommen. 

Bei einem 14 jährigen Stotterer, der ohne Erfclg zwei Kurse durch- 
gemacht hatte, hat sich durch die Analyse das Leiden so hochgradig ge- 
bessert, dass derselbe beim Sprechen nie mehr stecken bleibt und die 
Antworten in der Schule, ohne in Angst zu geraten, gibt, nur spricht er 
noch etwas zögernd und sehr ungewandt. 

Bei dem Knaben, dessen Analysen im ersten Teil der Arbeit mit- 
geteilt wurde, ist eine grosse Beruhigung eingetreten. Er hat die Angst 
vor den Schelmen ganz verloren und muss nicht mehr unter das Bett 
schauen, soll auch in letzter Zeit nicht mehr nachtgewandelt hoben und 
spricht viel ruhiger. Leider wurde hier die Behandlung nach wenigen 
Wochen von den Eltern abgebrochen. 

Für die erwachsenen Stotterer sind die Resultate, was die Besse- 
rung des Sprachleidens betrifft, im allgemeinen wesentlich ungünstiger; 
immerhin wurde bei keinem das Verfahren ohne Nutzen für das psychische 
Verhalten angewendet. So schrieb der Patient, dessen Analyse teilweise 
in der Monatsschrift für Sprachheilkunde veröffentlicht ist, dass er seit 
der Analyse ein ganz anderer Mensch geworden und wieder arbeits- 
freudig sei, und auch meistens besser sprechen könne als früher. 

Ähnliches kann von Frl. M., deren Krankengeschichte oben mit- 
geteilt wurde, gesagt werden. Ein Jahr nach der Analyse schrieb sie 
mir, dass sie ihre Angstzustände fast völlig verloren hätte; seit ihrer 
Verlobung seien dieselben aber wieder etwas häufiger aufgetreten. Wenn 
man berücksichtigt, dass die Analyse dieses ungemein schweren Falles 
nur relativ kurze Zeit fortgeführt wurde, dass ferner die ungünstigen 
Reizmomente in der Gestalt des sich täglich betrinkenden Vaters fort- 
bestehen, und dass zur Zeit einer bevorstehenden Heirat bei einem schwäch- 
lichem, von Minderwertsvorstellungen geplagtem Patienten häufig Angst- 
vorstellungen auftreten, so hat die Analyse bei dieser unglücklichen 
Selbttmordkandidatin doch sehr beruhigend gewirkt, die Angstzuständc 
grossenteils zum Verschwinden gebracht und ihr die Verlobung ermög- 
licht. Wenn wir a;i die Kompliziertheit der Psyche erwachsener Stotterer 
denken, die uns so trefflich ein erfahrener Kenner wie H ö p f f n e r schil- 
dert, mit ihren Minderwertigkeitsgefühlen, Charakterveränderungen, Aus- 




Über den Wert der Psychoanalyse für Ätiologie n. Therapie des Stotterns. 51 

fallserscheinungen und geringem Heilwillen, so ist von vornherein zu 
erwarten, dass mit der Abreaktion der das Leiden verursachenden Schreck- 
affekte unsere Tätigkeit als Psychotherapeuten nicht erledigt ist. Die 
Psychokatharsis ist nur eines der vielen Hilfsmittel, die wir im Kampfe 
gegen dieses so überaus schwer zu bekämpfende Leiden anwenden. 
Langjährige Erfahrung hat mir aber gezeigt, dass wir nie so gute Resultate 
erzielen, wenn wir uns nur mit dem "bewussten und nicht auch unterbewuss- 
ten Seelenleben dieser Patienten beschäftigen, zu dem wir den Zutritt 
auf keine andere Weise so leicht gewinnen, wie durch die Anwendung der 
Breuer- Frank 'sehen Psychokatharsis. 

Gegenüber der Sprachgymnastik hat diese Methode den Vorteil, dass 
sie die Ursachen des Übels blosslegt, die in den meisten Fällen in den 
fortgesetzten Psychotraumen liegen, während sich bei den staatlich ge- 
leiteten Stottererkursen meist niemand um die Ätiologie des Falles kümmert. 
So kam mir vor einigen Wochen ein Stotterer zu Gesicht, der erfolglos 
zwei von Lehrern geleitete Sprachkurse durchmachte. Die Ursache des 
Misserfolges war darin zu suchen, dass der Knabe einen paralytischen 
Vater hatte, der ihn fortwährend durch Schläge und Drohungen ängstigte. 
Dann gibt es aber auch nicht wenige Fälle, die von vornherein so liegen, 
dass wir mit der Übungstherapie nichts ausrichten können. So hatte ich 
längere Zeit einen Stotterer in Behandlung, den ich sozusagen nie habe 
stottern hören. Derselbe stotterte nur Leuten gegenüber, die ihm anti- 
pathisch waren, und in der Analyse erschienen immer die Personen, 
gegen die er Komplexe hatte. Ebenso wird den Patienten, die wegen 
des Verlegenheitsaffektes nicht sprechen können, nur durch Analyse 
zu helfen sein. So konnte einer meiner Patienten gar nicht oder nur 
mit Mühe sprechen, wenn er zu Anfang eines Balles in den Saal hinein 
kam, ebenso nicht, wenn er auf der Strasse von Bekannten angeredet 
wurde, weil er glaubte, er werde beobachtet. War der Ball aber im Gange, 
oder befand er sich auf einem Maskenball, wo sein Gesicht durch eine 
Larve gedeckt war, so war er einer der ausgelassensten Tänzer. Es 
handelte sich bei diesem Patienten um einen langjährigen Masturbanten, 
der Angst hatte, man könnte ihm sein Laster auf dem Gesichte ansehen, 
ähnlich dem jungen Stotterer, den S t e k e 1 in seinem Buche erwähnt. 

Wenn es uns auch nicht gelingt, durch die Psychokatharsis er- 
wachsene Stotterer zu heilen, sondern nur zu bessern — auch Frank 
spricht bei seinen Fällen meist nur von Besserungen — , so ebnet sie 
uns doch den Boden, um mit Hilfe von Sprachgymnastik und den übrigen 
Mitteln der Psychotherapie, wie Autosuggestion, Ablenkung der Aufmerk- 
samkeit, Erziehung zum Stoizismus, dieses hartnäckige Leiden zu bessern. 
Günstiger sind die Resultate im Kindesalter, wo Heilungen und der Heilung 
nahe kommende Besserungen häufiger vorzukommen scheinen. Da wir 
jetzt in Zürich eine psychiatrische Poliklinik haben, der wir die jugend- 
lichen Stotterer teilweise zuschicken können, wird sich uns bald Gelegen- 
heit bieten, die Resultate dieser Methode an einem grösseren, gleich- 
artigen Material zu prüfen und sie mit den Resultaten der Schulkurse zu 
vergleichen. 

Zum Schlüsse möchte ich einen Versuch machen, die Indikationen 
aufzustellen, bei welchen Patienten die Psychokatharsis angewendet werden 
sollte. Die Methode sollte in erster Linie bei den Kindern versucht 
werden, bei denen wir eine psychische Auslösung des Übels annehmen 



52 Dr. Otto Laubi, Wert der Psychoanalyse für Ätiologie u. Therapie d. Stottems. 

müssen, also Kindern, die zuerst normal gesprochen und dann nach irgend 
einem Erlebnis plötzlich zu stottern anfangen; ferner die Nachahmungs- 
stotterer, Kinder, bei denen in der Pubertät das Übel auftritt, endlich 
alle jungen und älteren Stotterer, bei denen wir ausgesprochene psychi- 
sche Symptome finden, wie Funktionsangst, Angstanfälle, Verlegenheit, 
Depressionszustünde, Neigung zu Selbstmord, die, wie auch Fr ose hei 
in seinem Buch zeigt, bei Stotterern nicht gauz selten ist. Sie kann 
aber auch bei den Entwickelungsstotterern versucht werden, bei denen 
die Psychogenität des Übels nicht so durchsichtig ist, wie bei den erwähn- 
ten Fällen. Dazu kommen die verwandten Sprachstörungen, Aphthongie, 
Angstzustände beim Sprechen, Singen, Deklamieren, Lampenfieber, Schreib- 
krampf, Schiesskrampf, Trompeten-, Geigen-, Klavierstottern etc., Fälle, 
die alle denselben Determinantenaufbau und dieselbe Ätiologie haben, 
wie die psychogenen Stotterer. 



V. 

Analyse einer schizophrenen Zeichnnng. 

Von Dr. Hermann Rorschach (Münsterlingen). 

Der Patient, von dem die hier besprochene Zeichnung stammt, ist 
heute 44 Jahre alt. Er hat seit 1897 die meiste Zeit in Anstalten zuge- 
kracht und leidet, wie sich heute mit Bestimmtheit sagen liisst, an 
Schizophrenie. Seine Krankengeschichte ist ausserordentlich kompliziert. 
Ich gebe hier ausser einem Überblick nur das für die Analyse Notwendige 
wieder. 

Der Patient Z. ist kaufmännisch gebildet, hat sich aber, von seinen 
vielartigen Strebungen geleitet, in allen möglichen Berufen versucht. Er 
erkrankte zuerst 1897 an einer akuten Psychose, die in wenigen Wochen 
ablief und am ehesten als katatoner Erregungszustand zu taxieren ist. 
Im Lauf der nächsten Jahre stellten sich weitere Schübe ein, die bald 
unter dem Bilde katatoner Erregungen verliefen, bald an einfache, bald 
an querulatorische Manie erinnerten; wie aus Katamnesen hervorgeht, 
waren sie aber alle mit paranoiden Momenten vermischt. 1906 setzte 
eine ausgesprochene paranoide Phase ein, die zunächst noch mit kata- 
tonen Symptomen durchsetzt war. Mit dem Zurücktreten der letzteren 
änderte sich das paranoide Bild, das bisher durch anscheinend ganz inko- 
härente Grössen- und Verfolgungsideen charakterisiert gewesen war; es 
ging nun in einen vollkommen systematisierten Wahn über. 1909 bis 
1911 war der Patient in Freiheit, arbeitete teils als Weber, teils als 
Schlosser, teils als Krankenpfleger. In dieser Zeit Hess er fast plötzlich 
das Wahnsystem fallen. Vereinzelte Verfolgungs- und Grössenideen blieben 
zurück, doch konnte im Vergleich mit früher von einer sehr weitgehenden. 
Besserung gesprochen werden. 1911 kam der Pat. in die Anstalt zurück 
und zwar freiwillig, weil er sich hier ruhiger fühlt, und um den Brot- 
sorgen zu entgehen. 

Der Patient ist der Sohn „etwas seltsamer" Eltern. Er hatte schon 
als kleiner Knabe darunter gelitten, dass Vater und Mutter sich schlecht 
vertrugen. Er schwankte zwischen Vater und Mutter. Er 
war der Mutter feindlich gesinnt, weil sie den Vater beherrschte, und dem 
Vater feindlich, „weil er die Mutter nicht zu behandeln wusste". Dem 
Vater war er indessen immer mehr zugetan als der Mutter; er war 
zärtlicher mit dem Knaben, als die Mutter. Er „genierte sich aber", mit 
dem Patienten zärtlich zu sein, wenn die Mutter dabei war. Andererseits 
musste Z. die Mutter lieben, weil sie ihn während einer schweren Kinder- 
krankheit aufopfernd gepflegt hatte. Diese ambivalente Einstellung sowohl 
gegen den Vater, als auch gegen die Mutter begleitete ihn sein ganzes 
Leben hindurch. Bald idealisierte er seine Eltern, bald beschimpfte er sie. 



54 Dr. Hermann Korscbacb, 

Im Zusammenhang damit stellt der ausgesprochene bisexuell*! 
Zweifel <les Pat. Sein ganzes Leben besteht aus Versuchen, diesem 
Zweifel auf irgend eine Art aus dem Wege ku gehen, Di« Wahl der jeweiligen 
Tätigkeit war immer ebensosehr dadurch hcstiinint, wie in Zeiten der 
manifesten Krankheit die walmhaften Erlebnisse, die bald eine Spaltung 
in verschiedene Personen, bald irgendwelche, oft schnell wechselnde Meta- 
morphosen zum Inhalt hatten/ Auch heute, wo sich kaum von einer 
manifesten Erkrankung reden lässt, eher von einer „Heilung mit Defekt*', 
bezeichnet der Put. seine rechte Seile als die münnlicbc, seine linke 
als die weibliche. Er empfindet die Versehiedenstrebigkcit seiner beiden 
Seiten so stark, dass er zuweilen der einen oder anderen Körperhälfte, 
die gerade nicht parieren will, einen Puff versetzt. „Wie die Mutter den 
Vater*', so versucht immer wieder seine linke Seite die rechte zu be- 
herrschen; sie ist die „tätigere, munterere", die rechte ist die „zag- 
haftere, bedächtigere'" Hälfte seiner Person, genau, wie es zwischen seinen 
Eltern der Fall war. 

Ein weiterer Zwiespalt im Leben des Patienten betrifft die Frage 
der Konfession. Auch dieser geht auf die Eltern zurück. Sein Vater 
ist vor der Heirat vom Katholizismus zum Protestantismus übergetreten, 
anscheinend, weil es die Mutter wünschte. Der Patient hatte schon als 
Knabe diesen übertritt als ein Zeichen von Schwäche seinem Vater übel 
genommen; schon damals und oftmals später bat er sich mit dem Gedanken 
getragen, selber wieder zum Katholizismus zurückzukehren, also der Mutter 
zum Trotz des Vaters übertritt zu annullieren. 

Von grosser Bedeutung sind ferner im Leben des Patienten zwei 
Psychiater geworden, mit denen er in früheren Jahren in Berührung kam. 
Wie der Patient ('., von dessen zwei Freunden ich in einer früheren Mit- 
teilung l } berichtete, so hat sich auch Z. in fremden Personen eine Familien- 
fmago geschaffen. Wie jener, so hat auch er sich einen Vater- und einen 
Mutter er satz gewählt, um die aus der Kindheit übernommenen affek- 
tiven Einstellungen auch weiterhin objektivieren zu können. Er hat sich 
in Dr. N. einen Vaterersatz, in Dr. I. einen Mutteiersatz gewählt. Wäh- 
rend aber bei dem Neurotiker G. die Treibkräfte der Freundewahl ganz 
dem Unbcwussten angehörten, wird dem Schizophrenen Z. all dieses bis 
zu einem hohen Grade bewusst, und zwar während einer halluzinatorischen 
Exacerbation seiner Krankheit. Wahrend dieser halluzinatorischen Aufregung 
verehrte er Dr. N. als „g r u n d g ü tigen Vater und Gott", seinen 
wirklichen, damals schon verstorbenen Vater als „heiligen Vater 
und Gott"'. Er bezeichnet auch heute Dr. N. als seinen „väterlichen 
Ratgeber"; es ist ihm vollständig bewusst, dass Dr. N. der Erbe aller 
guten Gefühle ist, die er seinem Vater entgegengebracht hatte. Zu Dr. 1. 
verhält er sich in verschiedenen Zeilen sehr verschieden. Dieser hat ihn 
immer an seine Mutter erinnert. Allerlei Vorwürfe, die er seit seiner 
Kindheit gegen die Mutter herumtrug, treffen aiudi Dr. 1.. Dr. I. ist ein 
Jude; auch die Mutter hatte viel Jüdisches in ihrem Charakter. Die 
Mutter konnte sehr energisch sein, war aber oft ungerecht; ebenso taxiert 
er auch Dr. 1.. Die Mutter habe vor ihm, dem Patienten, eigentlich immer 
ein böses Gewissen gehabt; auch Dr. I. sei ihm immer davongelaufen, 



ij „Über die Wahl des Freundes beim Neurotiker." Dieses Zentralblatt, 
III. Jahrgang. Heft 10/11. 



Analyse einer schizophrenen Zeichnung. 55 

wenn er ihn über dies oder jenes habe zur Rede stellen wollen. Die 
Mutter kam nicht mit dem Vater aus; auch Dr. I. und Dr. N. vertragen 
sich nicht gut. Es hat den Anschein, als oh besonders dieser letztere 
Umstand die Wahl des Mutterersatzes bedingt habe. In der schon er- 
wähnten halluzinatorischen Erregung identifizierte er Mutter und Dr. I. 
noch vollständiger, er feierte Versöhnung zwischen Dr. N. und 
Dr. I., und während er den ersteren seinen „grundgütigen Vater" nannte, 
verehrte er den letzteren als ,,die Liebe". 

Wie er von Kind auf zwischen Vater und Mutter geschwankt hatte, 
so schwankt er auch seit Jahren zwischen Dr. N. und Dr. I., wenn er 
auch dem Vaterersatz, wie einst dem Vater, mehr zugetan ist. 

Damit wären die in unserem Patienten herrschenden Konflikte ge- 
nannt, soweit sie für die Analyse der Zeichnung in Frage kommen. 

Es ist fast selbstverständlich, dass der von soviel inneren Wider- 
sprüchen sein Leben lang verfolgte Patient ein passionierter Vermittler 
werden musste. Sein Leben ist eine Reihe von Versöhnungsversuchen: 
zwischen seiner rechten und seiner linken Körperhälfte, zwischen Vater 
und Mutter, zwischen Katholizismus und Protestantismus, zwischen Dr. N. 
und Dr. I.. Die Vermittlerpassion geht noch weiter. Der Patient will über- 
haupt bei jeder Gelegenheit und überall vermitteln. So verwendete er 
einmal viel Mühe darauf, einen Hund an eine Katze zu gewöhnen. Als 
es ihm gelungen war, machte er sich indessen wieder Vorwürfe; er 
grübelte darüber nach, ob man versöhnen dürfe, was einmal nicht zu- 
sammenpasse. 

Die Zeichnung, um die es sich handelt, entstand im Jahre 1902, 
erwies sich aber 10 Jahre später noch sehr gut analysierbar. Der Patient 
befand sich damals in unserer Anstalt. Er bot ein Zustandsbild dar, das 
als Katatonie bei psychopathischer Konstitution aufgefasst wurde; er hallu- 
zinierte mit allen Sinnen, sprach verworren, verbigerierte, zeigte viel 
Stereotypien, war deutlich autistisch, oft mutazistisch und negativistisch. 
Eine später von dem Patienten aufgeschriebene Katamnese und die während 
der Analyse aufsteigenden Erinnerungen geben Auskunft über seine 
damaligen inneren Erlebnisse. Er lebte vor allem in Versöhner- 
phantasien. Er versöhnte zunächst seinen Vater mit der Mutter. Darauf 
gab ihm der Vater einen „S ti ni m e n- A p p ar at", eine Röhre 
in der Art eines Nivellierapparates; mit diesem Apparat, 
könne er mit allen Menschen verkehren. Nun versöhnte er weiter, teils 
durch !den Nivellierapparat, teils durch die Kraft seines „persönlichen 
Magnetismus". Er stieg in seiner Bedeutung immer höher. Eine 
Zeitlang war er eine „Magnetnadel", die „die Welt regulieren" 
musste. Er lag in dieser Zeit fast immer mit dem Kopfe nach Norden 
unbeweglich. „So hielt er die Welt in Eintracht". Dann er- 
hob er sich zu Christus, dem göttlichen Versöhner. Er drapierte sich 
aus den Bettüchern einen Christusmantel zurecht, heilte mit seinem 
„persönlichen Magnetismus" Kranke und weckte Tote auf. 
Schliesslich wurde er Gott selber, der die ganze Welt 
in sich selber versöhn t. Er „vereinigte nun alle Konfes- 
sionen, alle Rassen (den Juden Dr. I. und den Arier Dr. N.) und 
beide Geschlechter" (Vater und Mutter, seine eigene männliche und 
weibliche Hälfte), indem er als Gott sich mit allen identifizierte. Dr. I. 
sprach in dieser Zeit, ebenso wie die Mutter, in seinem linken Ohr, Dr. N., 



56 Dr. Hermann Rorschach, 

ebenso wie der Vater, im rechten. Sein linkes Bein war ein Mädchen ge- 
worden, das er mit seinem rechten, männlichen Bein schützte und „be- 
deckte". Wie man, wenn man zwei Brüche mit verschiedenem Nenner 
addieren will, diejenige Zahl suchen muss, in der beide verschiedenen 
Nenner enthalten sind, so hatte der Patient sich selber, um alle die 
verschiedenen Konflikte in sich enthalten zu können, zu immer höheren 
Werten, schliesslich zu Gott selbst erheben müssen. 

In diesem Zustand also entstand die fragliche Zeichnung: 







Diese anscheinend so einfache Figur hat durch äusserst vielschich- 
tige Überdeterminierung eine sehr komplizierte Bedeutung. Ein Teil der 
Bedeutungen war dem Patienten noch gegenwärtig, die übrigen stellten 
sich im Verlauf der Analyse heraus. Der Patient besass zur Zeit der 
Analyse (1912) die volle Einsicht in die Krankhaftigkeit des Zustandes, 
in dem die Zeichnung entstanden war und erlaubte ein ziemlich regel- 
mässiges analytisches Verfahren. 

Die Zeichnung zerfällt in drei Bestandteile: 1. die Röhrenform, 
2. eine die Röhre in eine linke und eine rechte Hälfte trennende schiefe 
Gei ade, 3. zwei gleiche Figuren, die aus je einem Buchstaben Z bestehen, 
um den sich ein fragezeichenartiges Gebilde schlingt. Sowohl die Zeich- 
nung als Ganzes, als auch jeder einzelne der Bestandteile stellen den 
Patienten selber dar, immer in verschiedener Rolle. 

Die Röhre für sich allein hat mehrere Bedeutungen. Sie ist ein 
Verdichtungsprodukt aus einem Sonnenstrahl und aus dem vom Vater 
erhaltenen Stimmen- oder Nivellierungsap parat. Der Patient er- 
innert sich, wie er, kurz bevor er die Zeichnung verfertigte, unter einem 
Baume stehend, einen durch das Blätterdach des Baumes fallenden Sonnen- 
strahl röhrenförmig gesehen habe. Er habe sich damals als Sonnenlenker 
gefühlt, denn er war ja damals Gott selber, also auch der Sonnengott. 
Von dem Nivellierungsapparat, den er von seinem verstorbenen Vater 
erhalten hatte, um mit allen Menschen verkehren zu können, war schon 
die Rede. Nun haben sowohl Sonnenstrahl, als auch Nivellierapparat 
eine gemeinsame tiefere Bedeutung. Die Sonne ist die Spenderin alles 
Lebens, die befruchtende Kraft. Der röhrenförmige Strahl ist ein Phallus- 
s v m b o 1. Ich erinnere an den von Honcgger bei einem Schizophrenen 
gefundenen Begriff eines Sonnenschwanzes. Ein anderer unserer schizo- 
phrenen Patienten erklärte, die Sonne sei keine Kugel, sondern ein Stab. 






Analyse einer schizophrenen Zeichnung. 57 

Auch der Nivellierungsapparat ist. ein Phallussymbol. Er hat ihn vom 
Vater, mit dem er jetzt in sei n er Gottesrolle eine Person 
bildet, erhalten, um mit allen Mensehen verkehren zu können. Der 
Vater hat ihm seinen eigenen Phallus gegeben, damit er als Gott-Sonne 
alle Menschen glücklich machen könne. 

Eine zweite Zeichnung des Patienten macht diese Bedeutung der 
Röhre noch klarer. Während der Analyse hatte der Patient die folgende, 
der ersten sehr ähnliche Zeichnung geliefert, er hatte sie „unbewusst 
spielend" während des Gesprächs, aber ohne Zusammenhang mit diesem, 
aufgezeichnet. 




Die Röhrenform und der die Röhre teilende Strich finden sich 
auch hier. Statt der Z-figuren erscheinen Schraubenformen, die aber das 
Motiv der Z-Form deutlich genug zeigen. Für diese „unbewusste Zeich- 
nung" gab der Patient die Analyse selber: Sie stellt einen geschlecht- 
lichen Akt dar; der Teil rechts ist ein Phallus, der Teil links eine 
Vagina, die den Phallus aufnimmt. Der die Röhrenform teilende Strich 
ist die Grenze zwischen männlichem und weiblichem Organ. Die Schrauben 
sind Spermatozoon auf der Wanderung. Sie bedeuten aber auch ein Z; 
mit Z beginnt der Name des Patienten, also bedeuten sie den Patienten 
selbst. Das Ganze ist eine Phantasie über den elterlichen Verkehr, eine 
Vaterleibs- und Mutterleibsphantasie. „Rohren" und „Schrauben" sind 
ausserdem vulgäre Ausdrücke für den Geschlechtsverkehr. 

Die Röhrenform unserer ersten Zeichnung, verdichtet aus Sonnen- 
strahl, Nivellierungsapparat und Phallus, bedeutet also erstens den Patien- 
ten als Gott- Vater, als befruchtende Kraft der Welt. 

Der Nivellierungsapparat hat indessen noch eine weitere Bedeutung. 
Nivellieren heisst gleichmachen, ausgleichen; das Wort ausgleichen 
bedeutet aber auch versöhnen. Der Nivellierapparat ist also auch 
ein Versöhnungsapparat. Der Patient ist ja auch nicht nur Gott-Vater, 
sondern auch Gott, der Sohn, Christus, der Vermittler. 

Das zweite der Gebilde, der die Röhrenform teilende Strich, ,, stellt 
eine Magnetnadel dar". Sie bedeutet zunächst wieder den Patienten 
selber; er fühlte sich ja zeitweise als Magnetnadel, die nach seinen etwas 
verworrenen Begriffen in der Welt eine „regulierende" Rolle zu spielen 
hat. Wie nivellieren, so ist auch regulieren ein Ausdruck für ver- 
söhnen, vermitteln. Auch die Magnetnadel ist also ein Versöhnungs- 
apparat und unterstreicht die Rolle des Patienten als des versöhnenden, 
vermittelnden Gottes. Gleichzeitig ist der Magnetismus eine heilende 
Macht. Die Rolle „Christus, der Arzt" tritt hier hervor. Der Patient hatte 
auch vor und nach der damaligen Halluzinose sich immer wieder mit 
dem Plan getragen, Magnetopath zu werden, ärztliche Wunder 
zu verrichten. Schliesslich ist auch die Magnetnadel ein phallisches Sym- 
bol. In das Gottesbild, das die Röhre als Ganzes darstellt, fällt also 
aussei' der befruchtenden und versöhnenden auch die hei- 
lende Gotteskraft. 






58 Dr. Hermann Rorscbach, Analyse einer schizophrenen Zeichnung. 

Schliesslich hat die Magnetnadel in der Zeichnung noch die Auf- 
gahe, die Röhre in eine rechte und eine linke Hälfte zu teilen, die 
zwei Z-Figuren voneinander zu trennen, gleichzeitig aber vor allem 
zwischen den letzteren ein regulierendes Instrument darzu- 
stellen. Denn diese zwei Z sind nun die Darstellung der verschiedenen 
feindlicher) Paare, deren Aussöhnung einen hauptsächlichen Inhalt der 
Psychose unseres Patienten bildet. 

Z ist einmal der Patient selbst. Sein Name beginnt mit Z. Das 
linke Z ist die weibliche, das rechte Z die männliche Hälfte des Patienten. 
Mit Z beginnen ferner die Namen der Wohnorte der beiden erwähnten 
Psychiater. Das linke Z steht für Dr. I., das rechte für Dr. N., das 
linke also für die Mutterimago, das rechte für die Vaterimago. Ferner 
steht das linke Z für die Mutter selber, das rechte für den Vater. Nun 
ist die Versöhnungsphantasie klar. Der Patient als regulie- 
rende Magnetnadel, als vermittelnde göttliche Macht, reguliert 
zwischen den Z-Figuren, zwischen seiner eigenen männlichen 
und weiblichen Hälfte, zwischen Vater und Mutter, damit auch zwischen 
Katholizismus und Protestantismus, zwischen Dr, N. und Dr. [ Vater- 
und Mutterimago, damit auch zwischen den verschiedenen Rassen, dem 
Juden und dem Arier. Die Magnetnadel mit den beiden Z-Figuren ist eine 
Darstellung der Worte des Patienten, die. er während jener Erkrankung 
oft verbigerierte : „Wir vereinigen alle Rassen, alle Konfessionen, alle 
Geschlechter." 

Schliesslich bleiben noch die fragezeichenartigen Gebilde 
übrig, die sich um jedes der beiden Z schlingen. Der Patient ineint dazu: 
„Es ist eigentlich ein einfaches Fragezeichen oder auch wieder ein -- etwas 
entstelltes — Z. Damit habe ich auch wieder mich gemeint. Das Frage- 
zeichen steht da, weil ich eben immer nicht wusste auf 
welche Seite ich mich halten solle." Es bedeutet also wieder 
jedes der Zeichen, das ein Fragezeichen und ein entstelltes Z zugleich 
ist, den Patienten selber, und zwar ist der Patient in der Rolle dargestellt 
die er jahrelang in „gesunden" Zeiten einnahm: als schwankender 
Mensch, zweifelnd, ob er sich zu seiner rechten oder linken Hälfte, 
zu Vater oder Mutter, zu Katholizismus oder Protestantismus, zu Dr n! 
oder Dr. I., zu Vater- oder Mutterimago halten solle. 

Damit ist die Analyse der Zeichnung erschöpft. Ich rekapituliere 
sie kurz in umgekehrter Reihenfolge. Das fragezeichenartige Gebilde stellt 
den Patienten als Schwankenden, als Zweifler, dar. Die beiden Z sind 
die verschiedenen Potenzen, zwischen donen er hin und her schwankt 
die Ohjekte seiner stets bipolaren Einstellung. In den weiteren Elementen 
der Zeichnung ist die Lösung der verschiedenen Zweifel erreicht: als 
Magnetnadel reguliert der Patient zwischen allen den feindlichen Paaren 
Schliesslich wird der Patient zu Gott, in der Magnetnadel vor allem zu 
dem versöhnenden und heilenden Gott, zu Christus, in der Röhre schliess- 
lich zu Gott-Vater, zur befruchtenden, schaffenden Gottheit ^Sonne und 
Phallus), die gleichzeitig die ganze Welt in sich vereinigt, versöhnend 
umfasst, „alle Konfessionen, alle Rassen und beide Geschlechter ver- 
einigt". 



Mitteilungen. 



i. 

Erotische Reizungen als Heilmittel. 

Von Dr. Wilhelm Stekel (Wien). 

V. 
Jedem erfahrenen Arzte ist es bekannt, dass gewisse medizinische 
Prozeduren als erdtische Reizungen auf die Patienten wirken. Schon die 
Art und Weise, wie sich die Damen bei einer genauen Untersuchung 
benehmen, verrät sofort, wie sie den Arzt werten. Für viele Kranke 
bleibt er eben immer nur ein Mann. Sie produzieren teils bewusst, teils 
mit geheimer Absicht allerlei Widerstände, betonen ihre Schamhaftigkeit, 
meinen der Arzt solle sich umdrehen und wegschauen, er solle nur einen 
bestimmten Teil des Körpers untersuchen, fragen, ob sie auch das Kleid 

unbedingt" ablegen müssen. Je unbefangener sich eine Dame entkleidet, 
desto ferner ist sie davon, die Untersuchung als erotischen Akt aufzufassen. 
Dass sich viele Frauen nur aus erotischen Motiven untersuchen lassen, 
kann ich aus der Zeit, da ich noch praktischer Arzt war, bestätigen. Ja 
eine ältere sehr zurückhaltende Dame, sagte mir einmal: Wenn ich 
Ihnen einen Rat für ihre Praxis geben sollte, ich müsste ihnen sagen: 

Untersuchen Sie die Frauen immer so genau als möglich und bleiben 
Sie dabei immer der Arzt. Die Frauen verlangen das und sind beleidigt, 
wenn man es nicht tut. Ich habe immer die Ärzte tadeln gehört, die 
aus Gründen der Zurückhaltung oder aus Zeitmangel oberflächlich unter- 
sucht haben. Ich glaube, die Frauen haben ihre geheime Lust an diesen 
Dingen und gestehen es sich nicht ein." 

Die Dame hat wirklich recht. Alle diese Reizungen liegen auf der 
Linie , Lust ohne Schuld". Doch von diesen alltäglichen Vorgängen will 
ich gar nicht sprechen. Viel wichtiger scheint mir aber der Umstand zu 
sein, dass der Frauenarzt — ohne es zu wissen — erotische Reizungen 
ausübt. Scheint mir schon die Untersuchung für manche Frauen eine 
Art Trauma, das ihre Phantasie immer wieder beschäftigt, so ist die mmanu- 
e.lle Massage oft nur eine Form der allerotischen Betätigung, wie wir sie 
früher Onanie genannt haben. Das wissen die erfahrenen Frauenärzte und 
wenden allerlei Vorsichtsmassregeln an. Die Frauen aber, die sich an 
die Massage gewöhnen, sind manchmal unglücklich, wenn sie aussetzen 
müssen. Aus meiner Praxis erinnere ich mich an eine Dame, die ich 



60 Dr. Wilhelm Stekel, 

wegen eines Exsudates vorsichtig massierte. Idi bemerkte deutlich die 
reizende Wirkung und riet der Frau, die einen ordentlichen Orgasmus 
durchmachte, von der Forlsetzung der Behandlung ab. Sie bestand aber 
hartnäckig darauf, es wäre das einzige, was ihr helfen könnte und .... 
suchte einen anderen Arzt auf. Manche Damen verbergen ihren Orgasmus 
unter allerlei Schmerzensäusserungen, sie werden vor Schmerzen rot im 
Gesichte, betonen, es wäre äusserst schmerzhaft und unangenehm. Beim 
Orgasmus winden sie sich „vor Schmerzen", um den Charakter der Lust 
zu maskieren. 

Alle diese Formen der sexuellen Betätigung sind von manchen Kran- 
ken hochgeschätzt. So erzählte mir ein Frauenarzt, er habe in seiner 
Klientel mehrere alte Jungfern, die jeden Monat einmal oder einige Male 
zur Untersuchung kämen. Diese Untersuchung scheine ihrer Phantasie 
einen Stützpunkt zu geben. Sie ist offenbar der berühmte „Fetzen der 
Realität", welchen der Neurotiker als Tragbalken seiner Phantasien be- 
nötigt. Deshalb werden von vielen Hysterischen die bekannten Erfindungen 
vorgebracht, der Arzt hätte bei Ihnen ein sexuelles Attentat versucht 
oder ausgeführt, Beschuldigungen, die sich in den seltensten Fällen als 
wahr erwiesen haben. Die Betreffenden sind schon mit der Erwartung 
eines Attentates zum Arzte gekommen. Oft ist die phantastische Er- 
zählung die Strafe für das anständige Benehmen dos Arztes, das manche 
Frauen direkt als Beleidigung auffassen. Eine jede Frau fasst den Um- 
stand, dass man sie begehrt, als Huldigung auf. Wenn die Form keine 
rohe ist, so wird sie diese Anerkennung ihrer Reize immer dankbar quit- 
tieren. Manche anständige Frau hat den Arzt schon innerlich zornig 
verlassen, weil er sie nicht als Weib berücksichtigt hat, d. h. ihr ge- 
zeigt hat. dass ihre Reize ihn nicht reizen. 

In der Psychoanalyse treten diese Erscheinungen sehr deutlich zu- 
tage. Die Kranken werben um die Liebe des Arztes und ihre Träume bringen 
immer wieder Situationen, in denen der Arzt sie untersucht. Die Kranken 
wenden grosses Raffinement auf, um den Arzt zu bewegen, seine Regel auf- 
zugeben, die da lautet: Patienten, die analytisch behandelt, 
untersucht man nicht! Aber die Kranken wollen den Arzt zur 
Untersuchung zwingen. Sie zeigen irgend eine Efloreszenz am Unter- 
arm oder am Hnlse, weil sie wegen „einer solchen Kleinigkeit" nicht 
zu einem anderen Arzte gehen wollen. Sie behaupten, das nervöse Magen- 
leiden wäre bestimmt organisch. Der Arzt solle doch einmal untersuchen, 
dann werde er sich schon überzeugen. Sie hätten bestimmt eine Ge- 
schwulst, es bilde sich eine Kugel, der Magen stelle sich auf und derlei 
Monstrositäten mehr, nur um den Arzt aus seiner Reserve zu locken. 
Ja, es sind mir schon viele Fälle vorgekommen, dass die Frauen am 
Schlüsse der Behandlung gesagt haben : „Jetzt sind Sie ja mit der Psycho- 
analyse fertig, jetzt können sie mich ja innerlich behandeln". Ganz am 
Anfang meiner analytischen Praxis kam eine Dame nach dem Schlüsse 
der seelischen Behandlung und bat dringend, ich möge sie gynäkologisch 
untersuchen. Sie habe nur zu mir Vertrauen und werde sich von keinem 
arideren Arzte lanrühren lassen. Sie fürchte aber, sie hätte einen Krebs .... 
Ich war damals noch praktischer Arzt und kannte nicht die Fallen und 
Finten der Kranken. Ich untersuchte sie, konnte sie wegen des Krebses 
beruhigen, sah sie aber niemals wieder. Sie hatte offenbar gehofft, dass 
der Anblick ihrer versteckten Reize mich überwältigen und zu ihrem 



Erotische Reizungen als Heilmittel. 61 

Sklaven machon werde. Sie hätte mich vielleicht zurückgewiesen, wenn 
ich um sie geworben hätte, weil sie mich als Siegerin verlassen wollte. 
So ging sie nach ihrer Auffassung als besiegte davon und Hess sich nie 
mehr blicken. Einen ähnlichen Ausgang nahm ein anderer Fall. Eine 
Dame wollte mich zu ihrem Hausarzte machen und begann mit einer 
gynäkologischen Untersuchung. Sie kehrte niemals wieder. 

Dass Gespräche über erotische Themen als sexueller Reiz wirken, 
müssen sich die Analytiker immer wieder vor Augen halten. Ich weiss 
es dass viele Ärzte mit ihren Kranken ziemlich offen sprechen und sich 
dabei des gebräuchlichen sexuellen Jargons bedienen. Ich betrachte es 
als einen besonderen Vorzug, dass ich bei Besprechung dieser heiklen 
Themen über alles sprechen kann, ohne verletzend zu wirken. 

Sehr viel hängt von der Art und Weise ab, wie man mit den Kranken 
spricht. Prinzipiell vermeide ich alles peinliche Ausfragen, die Form, 
wie sich Hoche und N ä c k e die Psychoanalyse vorstellen. Ich trage 
nichts in den Kranken hinein und lasse ihm das Wort. Ich erleichtere 
ihm die Geständnisse und weiss mich immer wieder zu verständigen, so 
dass der Kranke oder die Kranke sich nicht verletzt fühlen. Ich möchte 
aber nicht unterlassen zu betonen, dass viele Patienten sich von der Ana- 
lyse Vorstellungen machen, man müsse nur über seine geheimen sexuellen 
Gedanken sprechen. Alles andere sei Nebensache. Nun beginnen sie eine 
Unmenge erotischer Phantasien zu produzieren, die sich immer wieder 
erneuern, so dass man leicht verleitet werden könnte zu glauben, man 
habe nur diese Phantasien zu analysieren. Manchmal ist diese erotische 
Massenproduktion eine Form des Widerstandes und ein Versuch, die Ana- 
lyse ad absurdum zu führen. So kam eine ausserordentlich feinsinnige 
Dame wegen Zwangsvorstellungen in meine Behandlung, Sie setzte sofort 
damit ein, dass sie mir ihre Gedanken nicht sagen könnte. Sie bezögen 
sich auf meine Sexualität. Sie wollte so die Kur unmöglich machen. 
Sie hatte von einer Freundin gehört: „Du wirst fürchterliche Sachen 
hören und sprechen müssen. Denke, du musst . alles sagen, was du dir 
denkst . . . ." Ich hörte mir diese Phantasien einige Tage an und dann 
sagte ich : „Sie sind von heute von der Regel enthoben, alle Gedanken 
zu sagen. Das heisst, sie sprechen jetzt die Gedanken, die meine Person 
betreffen, nicht aus. Ich will überhaupt nicht alles hören. Sie können 
sprechen und auslassen, was sie wollen." Von diesem Tage verschwanden 
die Vorstellungen, die meine Person betrafen, vollkommen. Sie hatte 
auf den Zwang der Psychoanalyse mit einem Zwang geantwortet, der 
diesen Zwang ad absurdum führen sollte. Die Analyse ging flott vorwärts 
und es gelang mir, einen grossen Erfolg zu erzielen. Es trat dann jene 
Reduktion auf das Natürliche ein, welche die notwendige Besprechung 
der sexuellen Themen ermöglichte. Man muss also den sexuellen 
Phantasien der Kranken gegenüber sehr vorsichtig 
sein. Sie produzieren leicht unter dem Einfluss der 
Analyse Träume, welche wieder als Beweise ihrer ab- 
normen Sexualität genommen werden. Ich werde das dem- 
nächst an einem Beispiele belegen. 

Ich will zu meinem Thema zurückkehren. Manche wunderbare Heil- 
wirkung eines Heilmittels geht auf erotische Reizungen zurück. So habe 
ich schon Neurasthenien nach länger dauernden Massagen der Prostata 
verschwinden gesehen. 



62 Dr. Wilhelm Stekel, 

Es ist den Urologen immer wieder aufgefallen, dass Patienten, die 
eine Prostatamassage mitmachen, schwer loszuwerden sind. Sie kommen 
sehr gerne und lassen sich gerne quälen. Sie betonen immer wieder, wie 
schmerzhaft und peinlich ihnen die Massage wäre, aber sie hielten es 
gerne aus, wenn der Erfolg nicht ausbleiben werde . . . 

In ähnlicher Weise wirken verschiedene Massagen, Streichungen, 
Reihungen, manche Bäder. Dass Sonnenbäder ein Tummelplatz von Men- 
schen sind, welche bewusst oder unbewusst homosexuell sind, brauche 
ich nicht zu betonen. Weniger bekannt ist dies von den Wasserprozeduren, 
deren erquickende Wirkung in manchen Fällen aus den erotischen An- 
regungen stammt. Ich will hier nicht von dem famosen Reibesitzbad 
von Kühne sprechen, welche Prozedur offen eine erotische Reizung 
bezweckt und einen onanistischen Akt unter der Maske einer ärztlichen 
Verordnung darstellt. Aber die Menschen sind glücklich, wenn man ihnen 
gestattet, sich und die Mitwelt zu belügen. Es handelt sich ihnen nur 
darum, das Gewissen, zu beruhigen und nach dem Prinzipe „Lust ohne 
Schuld" zu geniessen. Bei allen diesen Prozeduren trifft die Schuld den 
Arzt. 

Betrachten wir als Beispiel einer unbewussten erotischen Reizung 
eine Beschreibung der magnetischen Heilungen, wie sie uns Kollego 
Meissner in den „Therapeutischen Monatsberichten" gegeben hat. 

.Wie der Patient — erklärt der Autor — es selber merkt, wenn die Elek- 
troden seinen Körper berühren, so wird der «empfängliche Patient", dor magnetisiert 
werden soll, nicht mit magnetischen Apparaten, nein durch den Lebensmagnetismus 
der streichenden Hände sehr bald in seinem Körper ein ihm fremdes Etwas bemerken, 
ftthlen verspüren. Aber man glaube natürlich nicht, dass dieses „Etwas" sich ebenso 
aufdringlich im Körper bemerkbar machen wird wie die Elektrizität, die dem Körper 
künstlich mit Apparaten zugeführt wird. Es zeigt seine Gegenwart vielmehr meist in viel 
zarterer, milderer Weise an, sei es wie ein sanfter Luftzug, ein leiser Wind, der den be- 
treffenden Körperteil umfächelt, oder wie ein Kribbeln, ein leichtes Eingeschlafen sein, 
wie ein Zuströmen von Blut, z. B. unter die Pingernägel und dann wie ein sanfter, warmer, 
lauer oder auch kühler Strom durch einzelne Körperglieder der durch den ganzen Körper 
der Gesamtlänge, -Breite oder -Tiefe hindurch, je nachdem die .magnetischen Luftstriche 
oder die einzelnen Arten des Handauflegens geschehen. Fast immer sind die Ge- 
fühle Empfindungen eines hindurchgehenden meist recht schwachen elektrischen 
Stromes mit dem Auftreten eines ausserordentlichen Wohlgefühla 
verbunden. Schon manchmal haben mir selbst zur Winterszeit, wo oft kaum 
13° R Wärme im Zimmer waren, Leute, die vorher vor Fieberfrost froren, als ich 
sie, wenn dafür empfänglich, selbst bis auf Zimmerlänge von mir ab, am halb 
entblössten Körper magne tisierte, bewundernd gesagt, dass sie wie 
Sommerwärme in ihren Körper eindringen fühlten; andere kranke 
Personen, die über lästige Körperhitze klagten, empfanden beim Magnetisiertr 
werden angenehmes Gefühl leichter Kühlung, und nicht zu selten ist sb mir vor- 
gekommen, dass die Kranken, meist waren ea nur speziell Krankenkassenpatienten, 
denn bei Privatpatienten, die selber zahlen sollen, wagte ich aus Furcht vor übler 
Nachrede meist das Magnetisieren nicht, also solche für den magnetischen Körper- 
strom sehr leicht und schnell empfängliche Kranke, bei welchen manchmal kaum 
ein paar Sekunden nach Beginn der Strom, von dem ich ihnen nichts sagte (ich 
erklärte ihnen nur, ich wollte einmal ihr Hautgefühl prüfen!) schon von ihnen als 
durch den ganzen Körper gegangen konstatiert bzw. nur signalisiert wurde, plötz- 






Erotische Reizungen als Heilmittel. 63 

lieh mit der Erklärung hervortraten, wie merkwürdig es sei, dass ihre vorher 
kalt gewesenen Fasse schon ganz warm würden. Eine grössere, in ihrer 
UrBprunglichkeit geradezu rührende Lobeserhebung der guten Eigenschaften des 
menschlichen „ Magnetismus*, vor allem aber einen deutlicheren Beweis für die wirk- 
liche Existenz des .Magnetismus" und der magnetischen Kraft in dem einzelnen 
Menschen kann man überhaupt wohl nicht erhalten. Denn ich wuaste vorher meist 
überhaupt noch nichts davon, dass dieser oder jener Patient, der von mir mit solchem 
Glück .magnetisiert* wurde, kalte Füsse hatte, ich konnte ihnen also auch nicht 
Heilsuggestionen in dieser Beziehung erteilen." 

Nun diese Wunder des Magnetismus sind die Wunder der Liebe 
und der Erotik ! Warme Füsse werden auch erzeugt, wenn die fröstelnde 
Frau von ihrem Geliebten umarmt wird. Sie fühlt es dann, wie ein heisser 
Strom durch den ganzen Körper rieselt. Die Sexualität kann alles. Wir 
wundern uns nicht, wenn Meissner einen gekrümmten Finger, den 
Remak nicht heilen konnte, durch magnetische Streichungen zum Strecken 
bringt. Kr sagt: 

,Man sieht, welch eine innere gewaltige Kräfteaufspeicherung in dieser so 
unscheinbar sich äussernden Naturkraftform Btecken muss! Das bewies mir auch 
ein Fall, bei dem ein etwa öOjähriger, sehr stark gebauter Schlosser von einem 
echten Bluterguss, also Schlaganfall, in die Zentralwindung der linken Hirnhemi- 
sphäre betroffen worden war. Hier bestand absolute, vollständige Lähmung des 
rechten Armes und des rechten Beines und vollständige Aphasie, die den starken 
Mann gänzlich hilflos machte. Als meine anderen ärztlichen Massnahmen zur Ver- 
besserung der Lage des wirklich hilflosen bedauernswerten Mannes mir völlig aus- 
sichtslos erscheinen mussten, da griff ich schon aus Mitgefühl für die weinende 
Ehefrau, die ich so, ohne jeden Heilerfolg, nicht verlassen wollte, zu dem letzten, 
mir möglich erscheinenden Mittel, ich versuchte auch bei diesem Patienten den 
.Magnetismus* des eigenen Körpers und war erfreut darüber, dass mir der 
Körper des gelähmten Mannes mit einem Gegenstrom, den ich fühlen 
konnte, antwortete. Nach halbstündiger schwerer Bemühung, ich merkte, dass 
immer mehr die Lähmung nachliess, war dieselbe beseitigt und auch die Aphasie 
des Patienten kam in Wegfall, denn derselbe antwortete mir auf meine Frage, wie 
es ihm jetzt ginge, deutlich: Ich danke, Herr Doktor, ganz gut.* 

Fine grosse Rolle spielt die erotische Reizung bei einem neuen 
Apparate., der glänzende Erfolge erzielen soll, bei dem sogenannten 
F. u t e ro kl ea ne r. Es handelt sich um ein in einem Bade verabreichtes 
Klysma, bei dem grosse Wassermengen zur Verwendung gelangen. Es 
werden 15—20 Liter Wasser und darüber hinaus durchgespült. Die Wir- 
kung be.i Opstipation und bei anderen Erkrankungen des Darmes soll 
eine ausserordentlich günstige sein. Bei dieser therapeutischen Wirkung 
spielen aber auch erotische Reizungen eine grosse Rolle, wie ich dem 
Buche von Privatdozenten Dr. Anton Brosch „Das subäquale Innenbad" 
II. Auflage. Franz Deutike, Leipzig und Wien 1912 entnehme. 

So schildert Brosch die Wirkung seines Enterokleaners folgender- 
massen : 

.Physiologisch setzt sich die Wirkung des subäqualen Innenbades aus 
einer Reihe von Einzelfaktoren zusammen. 

Sie wird bedingt: 



64 Dr. Wilhelm Stekel, 

A. Während des Badoa 
1. durch das Ein- und Ausquellen eines Flüssigkeitsstromes bei erschlafften 
Sphinkteren. Die Spinkterenerschlaffung lässt uns die Tatsache, da93 ein Irrigations- 
rohr im Anus liegt, gar nicht empfinden, weil der kontinuierlich ausquellende Wasser- 
strom die Wände des Irrigatorrohres von der Barmschleimhaut gewissermassen 
isoliert. Auf der Anal- und Roktalschleimhaut kommt nur die höchst angenehme, 
leicht prickende Empfindung einer Massage durch einen Flüssigkeitsstrom zur Geltung, 
in ähnlicher Weise, wie wir dies auf der äusseren Hautoberfläche beim Anprall eines 
Wasserstromes empfinden. Augenscheinlich besitzt die Rektal- und 
Anaisch leimhaut bes onder s senible Ner ven, welche uns dieses aus- 
gesprochene Lustgefühl besonders intensiv empfinden lassen. Her- 
vorgehoben werden muss, dass diese Lustempfindung ganz verschieden 
ist von einer Erregung geschlechtlicher Natur. Bei Anwendung von 
kühlem nnd kaltem Innenbade wasser macht sich sogar im Gegenteil auf die Ge- 
schlechtsorgane eine ungemein beruhigende Wirkung geltend. 

B. Nach dem Bade (S. 23) 

1. durch ein Gefühl der Körperleichtigkeit. Man hat das Gefühl, als 
ob der Körper um die Hälfte leichter geworden sei, obwohl das nunmehr entfallende 
Fäkalgewicht doch nur einen ganz verschwindenden Bruchteil dieses Erleichterungs- 
gefühles ausmachen kann. Körperliche Anstrengungen, die vorher per- 
horresziert werden, fallen nunmehr sehr leicht; 

2. durch ein mehrere Stunden bis Tage anhaltendes Gefühl der Jugend- 
frische, Lebensf reudigkei t und Unternehmungslust, welches augen- 
scheinlich auf eine wesentliche Erhöhung der Nervenspannkraft zu beziehen ist. 
Unseres Erachten s ist die intensive Temperatur ■ und Massagewirkung dieser 
Kurbadeform auf den Plexus solaris und das sympathische Nervengeilecht der Unter- 
leibsorgane, sowie die nachfolgende Periode fast absoluter Darmruho die Haupt 
Ursache dieses köstlichen Wohlseiugefühles. Durch die intensive Einwirkung 
auf diese für die Stimmung der jeweiligen Daseinsempfindung so 
wichtigen N erven Zentren dürfte es auch zu erklären sein, dass das 
subaquale Innenbad dem melancholischen Koproer statiker in einer 
kaum für möglich gehaltenen rapiden Weise das subjektive Wohl- 
gefühl der Körperleichtigkeit, der Jugen d f r ische und einer lust- 
betonten Seelenstimmung wiederzugeben vermag.* 

Ich will gerne glauben, dass der melancholische Prostatiker sich 
nach einer solchen Prozedur neugeboren fühlt. Seine quälende Zwangs- 
vorstellung, es faule alter Stuhl in seinem Innern, wird momentan be- 
seitigt, wenn er die grossen Stuhlmassen durch das Glasrohr bemerkt, 
welche der Apparat in der Tat zutage fördert. Und dm erotische Reizung 
und Befriedigung wirkt auf ihn, der gewöhnlich aus Angst ein Sexual- 
abstinent ist, in geradezu erfrischender Weise. 

Brosch ist nicht der Mann, diese Tatsache zu übersehen. Er 

sagt: 

„Das kühle subaquale Innenbad stellt eine geradezu kausale Behandlung 
dar bei der sexuellen Neurasthenie, sei dieselbe nun durch Abstinenz, durch 
Onanie, durch interrnpten oder frustranen Koitus erworben. Über die noch immer 
viel zu wenig bekannte Art nnd Weise der Entstehung einer Schädigung beim 
Coitus interruptus äussert sich Blum folgendermassen: 

„Die Gedanken des Mannes (übrigens auch die der Frau) konzentrieren sich 
während der Kohabitation auf die Gefahr der Konzeption, auf das .Sichinachtnohmen", 



Erotische Reizungen als Heilmittel. 65 

dass der Moment dea Eintrittes des Samenergusses nicht vevpasst werde. Damit 
ist aber eine Störung im Ablaufe der genitalen Reflexe gegeben; in einen physio- 
logischerweise dem Willen entzogenen Reflexakt mengt sich eine willkürliche Be- 
einflussung. 

Beim Coitus interruptus besteht die Neigung, den Eintritt der 
Ejakulation möglichst hinauszuschieben; daraus resultiert nach unserer 
Erfahrung häufig die bekannte Störung der Ejacnlatio retardata, d. h. es 
kommt schliesslich bei langer Gewöhnung des Congressus incompletus dazu, dass 
die Kobabitationsbewegungen eine überaus lange Zeit fortgesetzt werden müssen, 
um den Reiz bis zur Auslösung der Ejakulation zu steigern. 

Mit dein Eintritte der Ejakulation, des Momentes, auf welchen mit gespann- 
tester Aufmerksamkeit gewartet wurde, ist der Geschlechtsakt bei den genannten 
sexuellen Abnormitäten vollendet. 

Während der normale Beischlaf keine Ermüdungs- und Unlustgefühl zuiück- 
läest, und die Geschlechtsorgane durch die orgastische Depletion gs- 
wissermassen rapid zu ihrem normalen Verhalten und Befinden zu- 
rückkehren, hinterlässt der unterbrochene Beischlaf neben einem dauernden 
Reizzustand und einer andauernden Überempfindlichkeit der Ge- 
schlechtsteile ausserdem noch ein Ermüdnngs- und Unlustgefühl und eine 
seelische Verstimmung. 

Hier setzt nun mit geradezu kausaler Wirkung das subaquale Innenbad ein, 
indem es eine ebenso energische als rapide Depletion der Genitalorgane bewirkt. 
Das kühle subaquale Innenbad ahmt ge wissermassen künstlich die 
Orgasmusmeekanik nach; es verschafft uns alle physischen und 
psychischen Vorteile des Orgasmus ohne die Nachteile des Koitus. 

Dieser künstliche Orgasmus sine usu genitalium gibt uns auch den 
Schlüssel an die Hand zum Verständnis der so überaus erquickenden, erfrischenden 
und stärkeuden physischen und psychischen Wirkung des subaqualen Innenhadcs. 

Wenn es für Zweifler noch eines Beweises bedürfte, dass dieser künstliche 
Orgasmus fast identisch ist mit dem natürlichen Orgasmus, so kann 
dieser Beweis sofort erbracht werden durch zwei dem natürlichen und künstlichen 
Orgasmus in gleicher Weise zukommende Eigenschaften, nämlich erstens das köst- 
lichste Wohlgefiikl und zweitens den völligen Li bidom angel ')- 

Sowohl die Masturbanten, als dio interrunipierenden Eheleute betrügen sich 
selbst. Sie sehnen sich nach der höchsten Gefühlssteigerung, dem Orgasmus, können 
aber durch ihre Verfälschung der natürlichen Koitusmechanik desselben niemals 
teilhaftig werden. Je mehr sie sich in fruchtlosen Versuchen bemühen, desto giösser 
wird ihre Sehnsucht nach der köstlichen Orgasmusempfindung, desto grösser 
wird aber auch ihre nervöse Erschöpfung. Je grösser das auf diese Weise ent- 
standene Defizit zwischen Ersehntem und Erreichtem, desto grösser wird die phy- 
sische und psychische Missstimmung, kurz, es entwickelt sich das allen Ärzten satt- 
sam bekannte, erschreckend verbreitete sexuelle Neurasthenikerelend. 

Sollen die Menschen auf den Koitus verzichten? Nach Freud führt Ab- 
stinenz bei lebhafter Libido ebenso zur sexuellen Neurasthenie wie alle Arten von 
unnatürlichem Koitus. Anderseits übt der vollkommen natürlich ausgeführte Koitus 
noch Blum eine vorzügliche Wirkung auf die Psyche des Menschen aus: ,Er hebt 
das Selbstbewusstsein, das Wohlbefinden, die Arbeitsfreude und 



>) Nach dem Orgasmus eines natürlichen Koitus stellt sich für einige Zeit 
absoluter Libidomangel ein, in ganz gleicher Weise auch nach der durch das kühle 
subaquale Innenbad bewirkten Depletion der Geuitalorgaue. 

Zentralblatt für Psychoanalyse. IV '/'. ö 



66 Dr. Wilhelm Stekel, 

Schaffenskraft." Die Kenntnis dieser Tatsache ist übrigens auch in Laienkreisen 
verbreitet und es wurde sogar gerade von einem Laien schon einmal der Versuch 
gemacht, diebelebenden Eigenschaften deB Koitus Heilzwecken dienst- 
bar zu machen. Wir erinnern hier an das Reibesitzbad von Kulme. Kühne 
hatte entschieden eine grossartige Idee. Er deutet dies auch an, indem er sagt, 
dass nur von den Geschlechtsteilen aus das Nervensystem des ganzen Körpers be- 
einflussl weiden kann. Dass die praktische Ausführung nber so unglücklich ausfiel, 
und dass sein „Reibesitzbad" einer onaniatiachen Manipulation im Sitzbad so ähn- 
lich sieht wie ein Ei dem anderen, kann bei der gänzlichen medizinischen Bildungs- 
losigkeit dieses Mannes nur tragikomisch wirken. Er verfiel genau in denselben 
Irrtum wie die Masturbanten und die inierruinpierenden Eheleute. Er hielt die 
„Massage der Geschlechtsteile" für das Wesentliche des Kohabitationsaktes-und ver- 
meinte durch Hinzufügung einer hydriatischen Prozedur die Wirkung dieser „(Je- 
schlechtsteilmassage* noch besonders zu erhöhen. 

Tatsächlich besteht aber der natürliche Koitus aus drei Akten: Der Libido- 
steigerung, den mutuellen Kohabi ta tionsbe wegunge n und dem Or- 
gasmus. 

Den dritten Akt bildet der Orgasmus, der, genau genommen, aus einem 
Zwischenakt, der Ejakulation, und dem Finale, der energischen Kontraktion und 
Depletion d«r Genitalorgane, besteht. 

Der eiste und zweite Akt wirkt nur erregend. Erst der dritte Akt wirkt 
lustspendend, befriedigend und erquickend. Bei dem Kühne 'sehen Reibesitzbad 
fehlt nun der erste und der dritte Akt. Hingegen ist verhängnisvollerweise gerade 
der zweite, am meisten erregende, zurückgeblieben. Das Resultat einer Serie von 
derartigen Reibesitzbädern konnte naturgemäes kein anderes sein, als das einer fort- 
gesetzten Masturbation „sexuelle Neurasthenie". Ja, es wurden Fälle berichtet, wo 
durch diese Manipulationen Personen beiderlei Geschlechtes erst zu blindwütenden 
Masturbanten wurden. 

Im Gegensatz zu diesem traurigen Kapitel der Laienmedizin enthält das sub- 
äquale Innenbad aus der ganzen Reihe der Einzelakte der Kobabitation nur den 
zweiten Teil des Orgasmus, den Schluss: die ene rgische Kon tra ktion und 
Depletion der Gen i talorgane. Das kühle subaquale Innenbad übt demnach 
alle jene guten Wirkungen aus, welche Blum dem natürlichen Koitus zuschreibt: 
„Es hebt das Selbstbe wnsstsein, das Wohlbefinden, die Arbeits- 
freude und Schaffenskraft.* Das kühle snbaqnale Innenbad bat gegenüber 
dem natürlichen Koitus noch einen therapeutisch sehr hoch anzuschlagen- 
den Vorzug: während beim natürlichen Koitus die guten Wirkungen vorwiegend 
psychischer Natur sind, sind sie beim kühlen nubaqualen Innenbad nicht nur 
psychischer, sondern in ganz hervorragendem Masse auch physischer 
Natur. Eine — wenn auch noch so angenehme und noch so kurz andauernde — 
physische Schwächung findot im Gegensatz zum Koitus beim Innenbad nicht statt." 

Wir sehen, Brosrh ist der Verkünder einer neuen /eil. Der Koitus 
wird als schwächend hinter dein subaqualen lnncnbad angeführt. Es 
ist der Triumph der Analerolik über die (ionitalerotik. die hier in be- 
geisterten Hymnen gepredigt wird. Wie triumphierend wirken die folgenden 
Ausführungen des Wiener Forschers: 

„Auch in der Schulmedizin finden wir Versuche, von den G esc hlechts- 
teilen aus das ganze Nervensystem des Körpers zu beeinflussen. 
Wir erinnern nur an die Vorschläge der alten Ärzte, bei Hitzschlag, Sonnenstich 
und manchen Arten von Schwerkranken die Genitalien kalt zu waschen. 




Erotische Reizungen als Heilmittel. 67 

Wir sind überzeugt, die alte Idee: vom kokzygealenPol des Körpers 
aus das Gesamtnervensystem zu beeinflussen, verwirklicht zuhaben, 
indem es uns gelungen ist, zu diesem Uehufe die zweifellob nützliche Wirkung des 
natürlichen Koitus, den Orgasmus, von den rein erregenden Einleitungsakten zu 
trennen, und -weil es uns weiter gelungen ist, die wegen ihrer intensiven 
günstigen Einwirkung auf das gesamte Nervensystem sehr wün- 
schenswerte Wirkung der orgastischen Dopletion durch das kühle 
Bubaquale Innenbad sine usu genitalium nach Bedarf künstlich her- 
vorzurufen und damit therapeutischen Zwecken endgültig zugang- 
lich zu machen. 

(S. 35.) Ein weiteres Feld für das subaquale (nnenbad ist das nicht minder 
verbreitete Übel der chronischen Obstipation, die geradezu zu einer 
Kalamität des gegenwartigen Kulturzustandes geworden ist. 

(S. 36.) Nach der durchaus nicht übertrieben erscheinenden Auffassung von 
Lane macht die chronische Obstipation die von ihr Befallenen zu Invaliden. Sie 
sind in dem Kampf um das Dasein nicht mehr konkurrenzfähig. Sie 
vegetieren so lange dahin, bis sie durch die auf dem Boden der chronischen Obsti- 
pation sich entwickelnden sekundären Krankheiten zu Schwerkranken geworden sind. 

(S. 43.) Das moderne Kulturleben erzeugt durch die sitzende 
Lebensweise und die Überernähru nx chronische Obstipation und 
gesteigerte Sexualität. Die chronische Obstipation wird zu oft nicht beachtet 
und die gesteigerte Sexualität aus durchsichtigen Gründen auf unnatürliche Weise zu 
befriedigen gesucht. Die Folge dieser verkehrten Lebensweise ist Neurasthenie auf 
allen Linien. Sowohl übermassige und frustrano Sexualübuug als sexuelle Abstinenz 
führen zur Neurasthenie (Hufeland, Freud, Blum, Lorand u. a.). In diesem 
Zwiespalt der Natur rauss es daher um so freudiger bogrtisst werden, dass es eine 
Behandlung gibt, welche gegen die chronische Obstipation, die gesteigerte 
Sexualität und die neurasthenischen Folgezustände in gleicher 
Weise wirksam ist: das subaquale Innenbad. Gerade der Umstand, dass das 
Bubaquale Innenbad alle diese aus dem modernen Kulturleben entspringenden Leiden 
gemeinsam und gleichsam an der Wurzel trifft, kann als der stringen- 
teste Beweis für seine hygienische Wichtigkeit und therapeutische 
Notwendigkeit gelten." 

B ]• o s c h findet aber auch, dass die Menschheit einen viel zu 
langen Darm hat lind mennt dieses Leiden „Enteromegalia". Es ist psycho- 
logisch interessant seine Ausführungen zu vernehmen: 

(S. 53.) .Von diesem Gesichtspunkt aus scheint es allerdings, als ob die Darm- 
exstirpation der einfachen Darmausschaltung vorzuziehen wäre. Dies ist für unsere 
Zwecke nebensächlich, wichtig hingegen die Feststellung, dass der Mensch ohne 
nachweisbaren Schaden für sein Wohlbefinden ganz enorme Stücke 
seines übermässig laugen Darmes entbehren kann, ja sogar, dass 
sieb das subjektive Wohlbefinden durch eineausgiebige Darmkürzung 

viel eher bessert als verschlechtert. 

(S. 54.) Wir sind weit davon entfernt, eine neue Krankheit entdecken zu 
wollen. Der von uns als Enteromegalia auperans bezeichnete krankhafte Zustand 
war in seinen Erscheinungsformen zu allen Zeiten bekannt, in welchen es eine hohe 
Kultur gegeben hat. Ist doch Celsus der Anschauung, dass die mit Müssiggang 
und Schwelgerei verbundene hohe Kultur des alten Rom eine solche Mannigfaltigkeit 
von Heilmitteln erforderte, wie sie weder in früherer Zeit noch bei anderen Völkern 
notwendig war. Der Unterschied ist nur d«r, dass dieser krankhafte Zustand im 

IS* 



68 Dr. Wilhelm Stekol, 

Rom der Kaiserzeit durch Müssiggnng und Schwelgerei, in unserer Zeit hingegen 
durch Bitzende Lebensweise und Überernährung hervorgerufen wird. Endlich deutet 
nichts darauf hin, dasa dieser krankhafte Zustand im alten Rom auch nur annähernd 
so verbreitet war, wie in unserer Zeit. 

Neu sind an diesem krankhaften Zustand die modernen Entstehungsursachen, 
die weite Verbreitung in unserer Kulturepoche, Rowio die Erkenntnis, dass dieser 
Zustand einerseits die Quelle einer ganzen Reihe von krankhaften Folgezuständen 
(Blum, Meyer, Lane, Liebmann u. a.), andererseits aber die schwersten Krank- 
heiten vortäuscht (Payr, Hirtz u. a.). 

(S, 60.) Die Wirkung einer solchen Kur kommt zunächst durch die Darm- 
volumenverkleinerung dem Unterleib zugute. Die zentripetalen venösen Blutbabnen 
des Unterleibes werden entlastet, die Blutstauung in den Unterleibsorganen wird 
behoben, die Arbeit der unteren Extremilliten unter günstigere bämoatntisclie Be- 
dingungen geslollt, dio Hy per sex uali tat durch den leichteren Blutruckfluss be- 
hoben und eine ganze Anzahl von anderen günstigen Einwirkungen herbeigeführt, 
deren vollständige Aufzählung hier viel zu weit führen wiiide. Durch die Be- 
seitigung der Kul tu r-En ter onieual io wird eine kaum zu übersehende 
Zahl von unangenehmen Begleit- und Folgeerscheinungen mitbe- 
seitigt und der Mensch auf ein höh eres Niveau der Leben eempfin- 
dung, auf das einer ausgesprochenen Dasei nsfroudeemporgoh oben." 

Schliesslich hebt iler Autor nuch die ethische Bedeutung seines 
Innenbades hervor: 

(S. 62.) „So oft wir Gelegenheit hatten, die höchste Zweckmässigkeit der 
Natur und das wundervolle Ineinandergreifen zahlreicher Funktionen zu bestaunen, 
ebenso drängten sich uns auch Wahrnehmungen der beissondsten Ironie in 
den natürlich gii Einrichtungen auf. Darüber, dass eine Satyr laune 
der Natur den Genius der Liebe an die Nachbarschaft dos Anus ge- 
fesselt hat, darüber regen sich heute weder Dichter noch Natur- 
forscher mehr auf, aber die Entdeckung, dass das irdische Heil der 
Menschheit — welches wir mit dem kräftigst betonten subjektiven 
Verjüngungsgefühl identifizieren, — welches man Jahrtausende hin- 
durch dem Körper in Form des edelsten M et alles in der seltensten Ge- 
stalt: als flüssiges Gold „per os" einzuverleiben zu können hoffte, nun 
mehr in Gestalt des ubiquitären gemeinen Wassers seinen erlösenden 
Einzug „per anum* in den Körper hält, das ist talsächlich der Gipfel- 
punkt der Ironie, die wir bisher in der Zweckmässigkeit der natür- 
lichen Einrichtungen wahrnehmen konnten. Auch darüber wird sich 
die Menschheit trösten, sobald sie die segensreiche Wirkung an 
siebverspürt, und es wird eine Zeit kommen, wo viel von demOdium 
verschwinden wird, das gegenwärtig noch auf dem Anus lastet, 
weil man erkennen wird, dass er tatsächlich di« wichtigste Reini- 
gungspforte des menschlichen Körpers bildet." 

Somit nehmen wir von dem suliaqualen Innenbade Abschied. Wir 
konstatieren mit Befriedigung, dass der Autor den Mut gefunden hat, für 
die Heilwirkung der Sexualität einzutreten. Jede Ehrlichkeit ist ein Fort- 
schritt. Und ich kann es mir lebhaft denken, dass der Arzt oft in die Lage 
kommen wird, ein solches Bad zu verordnen, mit der bewussten Absicht, 
einem armen gequälten Menschen zu einem Orgasmus zu verhelfen, ohne 
sich die Tatsache zu verschleiern. Denken wir nun an das Heer von 
Stuhlhvpochondem, denen der Anus tatsächlich der „Mittelpunkt der Welt" 









Erotiscbe Reizungen als Heilmittel. 69 

bedeutet. Aber man wird sich wohl hüten müssen, dem Kranken diese 
erotische Heizungen zu versprechen. Sie müssen ihm heimlich gegen 
seinen Willen zugeführt werden. 

Ich kann aber nicht verschweigen, dass die Reizungen auch eine 
gewisse Gefahr in sich bergen. Es wird gewiss viele Menschen geben, 
die sich nach solchen Orgasmen schlechter fühlen werden, in denen eine 
mächtige Übermoralität, selbst gegen diese „subkutanen" Lustempfindungen, 
revoltieren wird. Wie in allen Fällen, so mag erst bei einem so mächtigen 
Heilmittel der Satz gelten: Eines schickt sich nicht für Allel Eine viel 
grössere Gefahr bestellt aber in der Gewöhnung. Bekanntlich brechen die 
schweren Neurosen erst aus, wenn uns eine Lustquelle entzogen wird. 
Drosch sieht jetzt die Wunder der sexuellen Befriedigung. Er wird 
bald die Schrecken der Abstinenz sehen. . . . Denn solche 
Piozeduren erzeugen doch keine Dauerwirkung! Er erzielt vorübergehend 
glänzende Erfolge. Zugegeben. Aber was geschieht mit den armen Patien- 
ten, wenn diese Orgasmen aufhören? Jede Lust will nach Nietzsche 
Ewigkeit. Jede Lust verlangt nach Wiederholung und sogar nach Steige- 
rung. Die Patienten werden sich an den Enterokleaner gewöhnen, sie 
werden Sklaven des Enterokleaners werden. 

Ich habe nichts dagegen, wenn ein reicher Mann sich statt einer 
Frau einen Enterokleaner anschafft, wenn er sich dadurch Ruhe und Be- 
friedigung verschafft. Aber was werden jene Menschen machen, denen 
es nicht möglich sein wird, die teuere Prozedur, die in Wien mit 12 Kronen 
pro Bad berechnet wird, zu bezahlen? Deshalb glaube ich, dass der 
Enterokleaner besser für jene Fälle reserviert wird, in denen organische 
Indikationen erfüllt werden. Chronische Obstipation, Colica mueosa usw. . . 

Über das Kapitel erotische Reizungen als Heilfaktor wäre noch sehr 
viel zu sagen. Manche Heilwirkung der Hypnose käme da in Betracht und 
manche Wirkung des Arztes- überhaupt. Wie viele Erfolge kommen in 
Sanatorien und in der Praxis durch Übertragung zustande? Doch dies 
Kapitel wäre endlos, wollte man versuchen, es zu erschöpfen. Ich habe 
in diesen Ausführungen nur einige Beispiele geben wollen. Ich halte 
es für würdiger und richtiger, wenn die Ärzte sich darüber klar sind, dass 
sexuelle Reizungen Heilmittel sein können, als dass sie sich und den 
Kranken täuschen . . . 

Diese Frage interessiert mich auch von einem anderen Standpunkte. 
Ich tiete immer wieder für die Unschädlichkeit der Onanie 1 ) ein. Diese 
Prozeduren werden meistens als onanistische bezeichnet. Wenn man auch 
alle onanistische Akte als autoerotische auffasst, Massagen aber schon 
nicht mehr autoerotisch sind, so hat man sich schon gewöhnt, bei diesen 
Vorgängen von Onanie zu sprechen. Wir sehen hier die Onanie als 
Heilfaktor. Sprechen doch alle Ärzte vom Schaden der Onanie und haben 
nicht den Mut von einem Nutzen derselben zu reden. Aber an der 
Onanie hängt das Odium von Jahrtausenden. Eine medizinische 
Prozedur umgeht dieses Odium. Es macht aus dem gleichen 
Reize einen Heilfaktor und erspart dem Kranken die Vorwürfe und die 
Belastung des Schuldbewusstseins. Hat der Enterokleaner diese wunder- 
baren Erfolge, so ist nicht einzusehen, weshalb eine onanistische Proze- 
dur nicht den gleichen Effekt haben sollte. Der Kranke könnte ja die 

l) Die Onanie . . . Aus dem zweiten Hefte der Diskussionen. J. F. Berg 
mann, 1912. St ekel: Über larvierte Onanie. Sexualprobleine. Februar 1913. 



70 Dr.. Wilhelm Steke), Erotische Reizungen als Heilmittel. 

Analschleimhaut auf eine andere Weise reizen .... Aber hier stossen 
wir auf das wichtige Thema der Onanie. Und auf keinem zweiten Gebiete 
sind die Ärzte solche Laien, wie auf diesem. So lange auf den Hochschulen 
die Sexualogie nicht gelehrt wird, so lange werden die Ärzte fortfahren, 
Aberglauben in sexuellen Dingen zu verbreiten. Diese Frage wird immer 
dringender und verlangt ihre Lösung. Die offizielle Medizin soll einmal 
tüchtig die Augen öffnen und dem unwürdigen Zustande ein Ende machen, 
dass man in sechs Jahren medizinischen Studiums kein Wort über den wich- 
tigsten aller Triebe, den Geschlechtstrieb, hört. Noch weniger von seinen 
Umformungen und Verkleidungen. Und es sind schon viele Jahrhunderte 
verstrichen, seit der grosse Paracelsus das Wort prägte: Wir Ärzte können 
unseren Patienten nichts geben als die Liobo .... 



: n. 

Bleulers „Autistisches Denken" 1 ). 

Von Gaston Rosenstein (Wien). 

„Es gibt ein Denken, das unabhängig ist von logischen Regeln und 
an deren statt durch affektive Bedürfnisse dirigiert wird." (Autistisches 
Denken.) 

Die Erscheinung wurde von Bleuler zuerst bei der Dementia praecox 
beschrieben. „Eines der wichtigsten Symptome der Schizophrenie ist ein 
Vorwiegen des Binnenlebens mit aktiver Abwendung von der Aussenwelt. 
Die schweren Fälle ziehen sich ganz zurück und leben einen Traum; 
in den leichteren finden wir geringere Grade der gleichen Erscheinung." 

Das der Realität entsprechende logische Denken ist eine ge- 
dankliche Reproduktion solcher Verbindungen, die uns die Wirklich- 
keit bietet. Das autistische Denken hingegen ist ein tendenziöses. 
Es spiegeltdieErfüllung von Wünschen oderStrebungen 
vor, Hindernisse denkt es weg und Unmöglichkeiten denkt es in Mög- 
lichkeiten und Realitäten um. Der Zweck wird dadurch erreicht, da.ss 
der Stiebung entsprechende Assoziationen gebahnt, entgegenstehende ge- 
hemmt werden, also durch den uns von der Wirkung der Affekte her 
geläufigen Mechanismus. 

Zum autistischen Denken ist ein gewisses Absehen von der Realität 
erforderlich. Die Abwendung von der Bealität wird im Schlaftraume 
durch den Schlafmechanismus selbst bewirkt. Bei der Schizophrenie ist 
sie eine Teilerscheinung des autistischen Mechanismus selbst. Eine ge- 
wisse Abwendung von der Realität besteht natürlich auch im Wach- 
traume des Gesunden, der Luftschlösser baut etc.; man will sich einer 
bestimmten Phantasie hingeben, von der man weiss, dass sie nur eine 
Phantasie ist, aber sobald die Wirklichkeit es erfordert, wird die Ein- 
bildung wieder gebannt. Aber das Vorhandensein starker affektiver Be- 
dürfnisse kann auch beim Gesunden das logische, an der Realität orien- 
tierte Denken mehr oder weniger zurückdrängen, da es eben scharfe 
Grenzen zwischen den beiden Arten des Denkens nicht gibt. Infolge- 

i) Jahrbuch für psychoanalytische und psycliopatiiologische Forschungen, 
4. Band erste Hälfte. 



Gas ton Roseaatejn: Blenler's .Autiatieches Denken". 71 

dessen zieht auch der Gesunde entsprechend seiner Gemütslage und seinen, 
Zu- und Abneigungen nur zu oft falsche Schlüsse. Sogar in der Wissen- 
schaft ist das, was man gerne glaubt, bald bewiesen; was einem nicht 
in den Kram passt wird abgelehnt, auch wenn die Ablehnungsgründe 
objektiv nicht den mindesten Wert haben. 

Das Verhältnis der autistischen Welt zur Wirklichkeit ist ein ver- 
schiedenes. Im hysterischen Dämmerzustande wird die Wahrnehmung 
der Aussenwelt im Sinne des Autismus umgedichtet. Der Schizophrene 
dagegen mischt beide Welten in unlogischer Weise durcheinander, später 
erlangen wieder die Einflüsse der Umgebung ein objektives (nicht subjek- 
tives) Übergewicht: Der Kranke nimmt mit der Wirklichkeit vorlieb, „in 
seinem Innern aber ist er Kaiser von Europa geblieben .... und für 
ihn ist diese Kaiserwürde nach wie vor das Wichtige, dem gegenüber 
das bischen Anstaltsleben überhaupt nicht in Betracht gezogen werden 
kann". Auch die normalen Menschen haben irgend ein Märchen ge- 
sponnen; sie wussten es aber immer von der Wirklichkeit zu trennen. 
Das ist normaler Autismus. — Das Spiel der Phantasie an sich muss nicht 
autistisch sein. Die Neukornbination von Ideen, die der Wirklichkeit ent- 
sprechen und die nach Analogie der realen Zusammenhänge gebildet wird, 
führt manchmal zu neuen Erkenntnissen; je mehr aber der Wirklich- 
keit nicht entsprechende Voraussetzungen in einem Gedanken- 
gange aufgenommen werden, um so autistischer ist dieser. 

Die Fälle, wo das logische Denken geschwächt und das autistische 
Denken die Oberhand gewinnt, können in vier Gruppen geteilt werden. 
Erstens: Bei Kindern, denen die Erfahrung mangelt zur Handhabung der 
logischen Denkformen. Zweitens: In Themen, die unseren Kenntnissen 
ganz unzugänglich sind, wie z. B. in der Frage der letzten Dinge. Drittens: 
Wo die Gefühle eine ihnen nicht zukommende Bedeutung erlangen, z. B. 
in starken Affekten, in der Neurose. Viertens : Wo der Zusammenhang 
der Assoziationen gelockert ist, wie in der Schizophrenie. (Bleuler 
nimmt bekanntlich eine primäre Dissoziation bei der Dementia praecox 
an, entgegen der F re u d- Jung 'sehen Auffassung, welche die Krankheit 
durch Affektwirkung erklären will.) — — 

Da das autistische Denken praktisch im grossen und ganzen ein 
Suchen nach Lustvorstellungen und ein Vermeiden von schmerzbetonten 
Gedanken ist, so „wird es begreiflich, dass Freud einen ganz ähnlichen 
nur etwas engeren Begriff unter dem Namen der Lustmechanismen 
beschreiben konnte x )." 

Die Aufstellungen Freud 's und Bleu ler 's stimmen wohl in 
vielen Punkten überein, aber in einigen und, wie mir scheint, wesentlichen 
Punkten weichen sie ziemlich beträchtlich voneinander ab. 

In erster Linie dadurch, dass Freud ausschliesslich die 
Lustmechanismen ins Auge fasst, während nach Bleuler das autistische 
Denken von zwei Prinzipien regiert wird, und zwar: 

1. „Jeder Affekt hat das Bestreben, sich zu erhalten; er bahnt die 
ihm entsprechenden Vorstellungen, verleiht ihnen ein übertriebenes logi- 
sches Gewicht und er hemmt die widersprechenden und setzt sie in ihrer 
Bedeutung herab. So kann der Fröhliche viel leichter fröhliche Ideen 
assimilieren, als traurige und umgekehrt." 

i) Formulierungen Ober die zwei Prinzipien des psychischen Geschehens 
Jahrbuch für Psychoanalyse. Band III. 



72 Gaston Rosenstein, 

2. „Wir sind so eingerichtet, dass wir das Angenehme, also auch 
lustbetonte Vorstellungen, zu erwerben und festzuhalten streben, das Un- 
angenehme aber vermeiden. Unlnstbetonte Vorstellungen begegnen des- 
halb so gut wie äussere unangenehme Erlebnisse einer Abwehr, die sie 
unter Umständen in statu nascendi oder auch, wenn sie schon ins Be- 
wusstsein getreten sind, verdrängen kann." 

Bei den positiven Affeklen wirken die beiden Prinzipien gleich- 
sinnig, bei den negativen Affekten entgegengesetzt. 

Freud hat bloss die letzten Mechanismen ins Auge gefasst. Nach 
Bleuler aber stellt der Begriff nur in der weiteren Fassung ein gene- 
tisches Ganzes dar. „Die Depression schafft. Kleinheilswahn so gut wie 
die Euphorie Grössenwabn. Der depressive Schizophrene hat nicht mehr 
alle Erfindungen gemacht, sondern er ist an allem Unglück schuld, er ist 
ein Haifisch, bringt alle Leute um; er wird nicht erhöht, sondern den 
anderen Patienten zum Zerstückeln hingeworfen. Die irgendwie körper- 
lich bedingte Angst führt im Schlaf und im Fieber zu schreckhaften Hallu- 
zinationen . . . Das alles sind Vorgänge, die sich nur auf langen hypo- 
thetischen Umwegen mit dem Lustprinzip, dagegen leicht und ganz direkt 
mit der Affektwirkung überhaupt in Verbindungen bringen lassen. So 
bleibt der Gegensatz unvollständig, wenn man dein Realitätsprinzip nur 
das Lust- und Unlustprinzip und nicht alles autistische Denken in unserem 
weiten Sinne entgegenstellt." 

Während bei Freud das autistische Denken in naher Beziehung 
zum Unbewussten steht, kann für Bleuler das autistische Denken eben- 
sogut bewusst als unbewusst sein, wenn er auch zugibt, dass das autisti- 
sche Denken häufiger unbewusst. das realistische vorwiegend bewusst 
ist, weil das bewusste Denken im wesentlichen unsere Beziehungen zur 
Aussenwelt zu regeln hat. 

Der Verfolgungswahn wird aus dem Konflikte zwischen Wirklichkeit 
und Autismus bedingt. Er entsteht, wenn die einer aulistischen Strebung 
entgegenstehenden Hindernisse gefühlt werden. 

Auch im Loben des Gesunden ist der Autismus eine Macht; unsere 
Tagträume machen in der Form von Illusionen das Leben schöner und 
erträglicher, aber auch zugleich gefährlicher. 

Ausführlicher wird die Frage inach der zeitlichen Stellung des Autismus 
in der Entwicklungsreihe behandelt, und hier ist die zweite wesentliche 
Abweichung Bleuler 's von Freud. Nach Freud stellen die Lust- 
mechanismen in der Entwickelungsicihc das Primäre dar. Dieser Auf- 
fassung tritt Bleuler entgegen. „Ich kann nirgends ein lebensfähiges 
Geschöpf finden, oder mir nur denken, das nicht in erster Linie auf 
die Wirklichkeit reagierte, das nicht handelte, ganz gleichgültig wie tief 
es stehe, und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass von einer gewissen 
Einfachheit der Organisation an nach unten hin autistische Funktionen 
vorhanden sein können. Dazu gehören komplizierte Erinnerungsmöglich- 
keiten. So kennt die Tierpsychologie (ausser einigen wenigen Beobach- 
tungen an höchststehenden Tieren) nur die Bealfunktion." Aber immer- 
hin, wenn die autistische Funktion auch nicht so primitiv ist, wie die 
einfachen Formen der Realfunktion, so ist sie doch auch nach Bleuler 
primitiver als die höchsten Formen der letzteren. 

Zum Schlüsse fragt Bleuler, wie sich das autistische Denken 
biologisch erhalten konnte, „Wenn nun das autistische Denken im grossen 






Bleuler a „Autiatisches Denken*. 73 

und ganzen als eine der Art schädlicher Verirrung erscheinen muss, 
wie konnte eine phylogenetisch so junge Funktion so grosse Ausdehnung 
und Macht erreichen, .... dass das autistische Denken bei Erwachsenen 
so leicht in den Vordergrand tritt und dass es bei vielen krank- 
haften Störungen der Realfunktion sofort die ganze Psyche in Besitz 
nelunen kann?" Die Antwort lautet: Die ganze Tierreihe ist darauf ein- 
gestellt, Lust zu suchen und Schmerz abzuwehren. Das Lustbetonte ist 
im grossen und ganzen das dem Individuum Nützliche. Dieses Prinzip 
aber, auf das die Existenz der animalischen Wesen aufgebaut ist, kann 
nicht plötzlich deshalb verlassen werden, weil auf einer gewissen Stufe 
eine Gefahr in der Anwendung eines neuen Prinzipes eintritt. Übrigens 
ist ein gewisser Grad von Autismus leicht ertragbar, nur ein Übermass 
wird deletär. Da aber der Autismus neben dieser deletären Wirkung 
doch auch für den Menschen dadurch von Nutzen sein kann, dass er durch 
den antizipierten Lustreiz die Energie im Streben fördert, ausserdem 
die Denkfähigkeit übt, endlich auch eine Form des Abreagierens von 
Affekten darstellt, so wird wohl das autistische Denken neben Aber- 
glauben, Wahnideen und psychoneurotischen Symptomen auch Kulturwerte 
erzeugen. 

Die Arbeit ist in klarer Sprache gehalten und zeigt in ganz be- 
sonderem Masse die schon aus früheren Arbeiten bekannten Hauptvorzüge 
B 1 e u 1 e r 's : Die richtige Einsicht in psychoanalytische Gedankengänge 
bei gänzlicher Vermeidung aller konstruktiven Über- 
flüssigkeiten, und, trotz Festhaltens an den psychoanalytischen Haupt- 
gedanken, niemals ein Versagen der Kritik an behaupteten aber unerwiesenen 
Einzelheiten. Da während der Niederschrift dieses Referates eine Kritik der 
behandelten Arbeit erschienen ist 1 ), die sich vornehmlich mit den von 
Freud abweichenden Gedankengängen B 1 e u 1 e r 's befasst, wollen wir 
im Belange der zwei oben erwähnten, uns am wichtigsten scheinenden Diffe- 
renzpunkte zwischen Bleuler und Freud, dem Referate einige pole- 
mische und ergänzende Bemerkungen anfügen, die geeignet sein können, 
den Bleuler 'sehen Standpunkt zu verteidigen. 

Der erste Punkt betrifft die Feststellung B 1 e u 1 e r 's : „Jeder Affekt 
hat das Bestreben sich zu erhalten, er bahnt die ihm entsprechenden 
Vorstellungen, verleiht ihnen ein übertriebenes logisches Gewicht und er 
hemmt die widersprechenden und setzt sie in ihrer Bedeutung herab. 
So kann der Fröhliche viel leichter fröhliche Ideen assimilieren, als traurige 
und umgekehrt." 

R e i 1 1 e r antwortet darauf : „Diese Behauptung des Autors, jeder 
Affekt habe das Streben sich zu erhalten, darf nicht ganz unwidersprochen 
bleiben. Es wurde hier nämlich die Bedeutung der den Affekten folgenden 
Reaktionen übersehen. Diese können doch wohl nur als Versuche der 
Gesamtpsyche aufgefasst werden, sich der Affektreize durch motorische 
Abfuhr zu entledigen, und damit wieder den reizlosen Gleichgewichts- 
zustand herzustellen. Für dieses „Abreagieren" ist nur die Quantität, 
keineswegs die Qualität des jeweiligen Affektes das Entscheidende . . . 
Davon abgesehen, dass überhaupt den Affekten selbst nicht das Streben 
zugemutet werden kann sich zu erhalten, sondern dass dieses Streben nur 
der Gesamtpsyche zukommen könnte, scheint die Tatsache der Reaktions- 

i) Von Dr. Rudolf Reitler in der .Internationalen Zeitschrift für ärztliche 
Psychoanalyse" 1. 2. 



74 U-aston Roaenstein, 

bildung viel eher eine gegenteilige Tendenz des psychischen Systems 
zu erweisen, als die der Affekterhaltung." 

Darauf muss eingewendet werden, dass diese Tendenz des Abrea- 
gierens wohl besteht, dass aber der Affekt, solange er eben nicht 
völlig motorisch abreagiert wurde, die von Bleuler auf- 
gezeigten Eigenschaften besitzt. Man könnte den Satz Bleu ler 's auf 
eine exaktere Formulierung bringen, indem -man sagt, jeder Affekt hat 
das Bestreben, einen möglichst grossen Teil der Gesamtpsyche zu ergreifen, 
insoweit er nicht durch motorische Abfuhr eine natürliche Erledigung 
gefunden hat 1 ). (Das Bestreben ist natürlich nicht gleichbedeutend 
mit dem Erfolge, dieser hängt von vielen zum Teil unbekannten Motiven 
ab.) Da nun aber in der Praxis der Fall einer derartigen motorischen 
Abfuhr im vollkommenen Masse nur selten gegeben ist, der andere Fall 
hingegen weit häufiger ist, so erscheint die Konstatierung R eitler 's 
durchaus nicht geeignet; den Satz B l e u 1 e r 's zu erschüttern. Die Gründe, 
warum eine motorische Abfuhr trotz der jedem Affekte innewohnenden 
Tendenz des Abreagierens nicht immer erfolgt, können sehr verschiedene 
sein, übrigens sind uns die Beziehungen von Affekt und motorischer Ab- 
fuhr stellenweise noch wenig bekannt. Jedenfalls erscheint es mir sehr 
fraglich, dass der Affekt, insbesondere der Unlustaffekt, durch eine inhalt- 
lose motorische Abfuhr schlechthin immer erledigt werden kann, und 
vielmehr wahrscheinlich, dass nur eine motorische Aktion, die eine zweck- 
mässige Veränderung der Aussenwelt bewirkt, oft die einzige Form der 
Erledigung sein kann 2 ). Daraus folgt ohne weiteres, dass eine motorische 
Erledigung in vielen Fällen unmöglich ist oder nicht zureichend erfolgen 
kann, bei welcher Sachlage psychische Ausbreitung des Affektes die 
notwendige Folge wird. Dazu kommt noch, dass es sich gerade in den 
Fällen, die B 1 e u 1 e r u. a. im Auge hat, oft um eine ganz bestimmte Form 
der Affektivität handelt, nämlich um Stimmungen, deren höchstwahr- 
scheinlich organischer Ursprung die Theorie des Abreagierens in ein ganz 
anderes Licht rückt. Freud hat übrigens in ganz klarer Weise bei Be- 
handlung der Angstneurose von einer aus somatischen Quellen ge- 
speisten Angst gesprochen, die frei fluktuierend sich an beliebige Vor- 
stellungen lötet und so diese zu Angstvorstellungen macht. Dass bei der 
irgendwie somatisch bedingten Angst die für den Angstaffekt wahr- 
scheinlich einzig adäquate Reaktion, nämlich die Flucht, keinen Sinn 
hat, versteht sich von selbst und darum ist sowohl die körperlich be- 
dingte Angst, als auch die normale durch äussere Gefahren hervorgerufene 
Angst, insolange diese Gefahr besteht und sich das Individuum ihr 
nicht zu entziehen vermag, geeignet, immer mehr Vorstellungen zu assi- 
milieren. Die Konsequenz davon ist die Zurückdrängung des logischen 
Urteils zugunsten des von negativen Affekten beherrschten autistischen 

Denkens. 

Die Alltagsbeobachtung gibt übrigens Bleuler ohne weiteres recht. 
Besonders die sogenannten Stimmungsmenschen zeigen recht deutlich, wie 
ein und derselbe Gegenstand einmal „im rosigen Lieble" ein anderes Mal 

i) Der AutismuB wäre übrigens nach Bleuler selbst eine Form des Ab- 
reagierens. . 

2) Die Unlustempfindungen sind assoziert mit den motorischen Impulsen des 
Fliehens, des Abwehrena, des Vonsichstossena, die Lüstern pfindung mit Impulsen der 
Annäherung, des Ergreifens (Meyneit.) Keineswegs ist für das Abreagieren und 
die Quantität das Entscheidende, wie Reit ler nieint. 






Bleuler's »Antißtisches Denken*. 75 

in den schwärzesten Farben" gesehen wird, ohne dass sich in der 
Natur dieses Gegenstandes oder an dessen realen Beziehungen zum Indi- 
viduum irgend etwas verändert hätte. Das oft zitierte Phänomen des in 
einem Walde sich Fürchtenden, der jedes harmlose Geräusch etc. im 
Sinne einer Gefahr apperzipiert, gehört auch hierher. Eine weitere Be- 
obachtung ist folgende: Sind wichtige Entscheidungen in mehreren Dingen 
zu erwarten und fällt in einem Punkte die Entscheidung im ungünstigen 
Sinne aus, so ist man gerne geneigt, für die anderen ebenfalls eine un- 
günstige Prognose zu stellen und /umgekehrt 1 ). Wollte man alle diese 
Erscheinungen durch „verdrängte lustbetonte Wünsche" erklären, man 
käme zu ganz' unmöglichen Gedankengängen. Darum sagt Bleuler mit 
Recht: „Das alles sind Vorgänge, die sich nur auf langen hypothetischen 
Umwegen mit dem Lustprinzip, dagegen leicht und ganz direkt mit der 
Affektwirkung überhaupt in Verbindung bringen lassen." Reit ler aber 
erwidert: „Sollte mit diesen langen hypothetischen Umwegen die psycho- 
analytische Forschungsmethode gemeint sein, so wäre diesem Satze mit 
Ausnahme des nunmehr doch schon anachronistischen Epithetons hypo- 
thetisch ohne- weiteres beizustimmen. Aber das kann der Autor sicher 
nicht gemeint haben, denn dazu ist seine anerkennende Stellungnahme 
zur Psychoanalytik viel zu bekannt . . . ." Hier liegt wieder die in der 
Psychoanalyse so häufig auftretende Verwechslung von psychoanalytischer 
Forschungsmethode und psychoanalytischen Einzelresultaten vor: Nicht 
die ganze Methode hat Bleuler hypothetisch genannt, sondern nur ein- 
zelne bestimmte Resultate. Hier aber das Epitheton „hypothetisch" ana- 
chronistisch zu nennen, geht doch zu weit. Eine Deutung kann doch 
auch falsch sein, trotzdem dje Methode im allgemeinen richtig ist. 
Es ist daher durchaus nicht zutreffend, die „anerkennende Stellungnahme" 
Bleuler's gegen ihn selbst anzurufen, da es keinen Widerspruch be- 
deutet, wenn man trotz Anerkennung der psychoanalytischen Methode 
einzelne und selbst auch viele ihrer Resultate als hypothetische Umwege 
ablehnt. Im vorliegenden Falle sprechen aber für -Bleu ler die ge- 
wichtigsten Gründe, meines Erachtens nicht zuletzt die Tatsache der k ö per- 
lich bedingten Depression bzw. Angst, während die gegenteilige 
Ansicht schon wegen der mangelnden introspektiven Kontrolle des analy- 
sierten Psychotikers eo ipso hypothetischer ausfallen muss und dies um 
so mehr, je weitere Umwege zur Erklärung notwendig werden. 

Der zweite wesentliche Differenzpunkt zwischen Freud und Bleu- 
ler betrifft die zeitliche Stellung des Autismus in der Entwicklungs- 
reihe. Nach F r e u d ist der Lustmechanismus das Primäre, nach Bleuler 
hingegen: „Das autistische Denken konnte sich erst dann entwickeln, 
nachdem einmal das Denken mit blossen Erinnerungsbildern die sofortige 
psychische Reaktion auf aktuelle äussere Situationen stark überwog." 

Reit ler meint nun, das sei kein Widerspruch gegen die Priori- 
tät des Lustprinzipes, denn es ist klar, dass man eine Vorstellung nur 
dann halluzinieren kann, nachdem man sie vorher real erlebt hat; er 
nimmt also an, wenn wir ihn richtig verstehen, der Säugling beginne 
erst dann zu halluzinieren, nachdem er schon mindestens einmal die 
Situation real erlebt hat, dann aber auch sofort! Aber damit ist ja gar- 
nichts gegen Bleuler gesagt. Denn Bleuler verlangt nicht bloss ein 

i) Auch der Volkaausepruch : »Ein Unglück kommt selten allein", scheint die 
Erkenntnis der bahnenden Wirkung auch der negativen Affekte za bestätigen. 






7g Gaston Rosenstein, 

Erinnerungsbild, sondern einen fortgeschritten* n Zustand der 
Psyche, in dem das Denken mit Erinnerungsbildern die sofortige Reak- 
tion überwiegt. Und dieser Zustand besteht für den Säugling effektiv 
nicht. Erfahrungsbeweise sind hier unmöglich und von Freud 
naturgemäss auch niemals geboten worden. Die Erwägungen aber, die 
Bleuler für die Gegenansicht vorbringt, insbesondere die biologische 
Erwägung, dass ein lebensfälliges Geschöpf in erster Linie auf die Wirk- 
lichkeit reagiert und handelt, aber auch das psychologische Argument, 
dass zum Autismus nicht ein Erinnerungsbild genügt, sondern dass die 
Stufe erreicht sein muss, in der es ein Denken mit Erinnerungsbildern 
gibt, sprechen dagegen, dass ein primitiver Zustand existiert, in dem 
das Wunschobjekt halluziniert wird, und dass dieser Mechanismus ein 
primärer sei. Für diese letzte Auffassung sprechen weder Beobachtungen, 
noch logische bzw. psychologische oder biologische Argumente, die zu 
erbringen auch niemals versucht worden ist. Der Sachverhalt scheint 
mir folgender: Es ist nicht richtig, dass die auiistische Funktion die 
primäre sei und dass diese wegen Unzweckmässigkeit (weil sie ja 
für die Dauer keine Befriedigung gewährt) wieder verlassen wird, 
sondern die realistische Funktion ist primär und der Autismus tritt durch 
Abwendung von der Realität auf. Diese Abwendung ist entweder 
die Folge einer primären Dissoziation, wie. sie Bleuler bei der Schizo- 
phrenie und beim Schlafe annimmt, oder sie entsteht aus einem Miss- 
verhältnis von Affekt und Wirklichkeit, also dann, wenn die Realität 
den nach der Realität gerichteten Wunsch unerfüllt lässt; wobei zuge- 
geben werden muss, dass dieses Missverhältnis wahrscheinlich beim Kinde 
immer besteht, und durch die von Bleuler richtig betonte Mangelhaftig- 
keit der Erfahrung und der Unzulänglichkeit der logischen Mittel immer 
bestehen muss. Aber man bleibt doch wesentlich entfernt von der An- 
nahme einer primären und primitiven psychischen Arbeitsweise des 
Säuglings. 

Diese hier erörterte Frage nach der Stellung des Autismus in der 
Ontogenese hat aber weitere Folgen. Die Lösung dieser Frage entscheidet 
nämlich auch über 'die weiteren Behauptungen Freud 's, dass die Regres- 
sion zur Wahrnehmung im Traume mit der Regression in die Kindheit 
zusammenfällt. Diese Auffassung ist in Konsequenz des Obigen meiner 
Meinung nach nicht zu halten, und es muss an deren Stelle die von 
Lipps ausgesprochene und von Pikler weiter ausgeführte Theorie der 
Vorstellung als Erlebnistendenz gesetzt werden 1 ), nach welcher 
die Vorstellung eben dann schon Wahrnehmung wird, wenn die 
Aussenwelt nicht mehr wahrgenommen wird, wie z. B. im Schlafe. 

In Analogie damit und im Anschlüsse an das oben Gesagte wäre 
auch in der Entwicklung des Sexualtriebes, des Autoerotisnuis, nicht das 
Primäre, sondern dieser erst die Folge davon, dass die Aussenwelt die 
Befriedigung an Sexualobjekten nicht zulässt. Bleuler leugnet ausdrück- 
lich die Priorität des Autoerotismus : „Nach Freud ist die Sexualität 
beim Menschen zunächst eine ganz autoerotische, und es bedarf einer 
besonderen Entwickelung, dass die Libido sich nach aussen auf Objekte 
wirft. Ich muss dies nicht nur deshalb ablehnen, weil eine derartige 

i) Siehe Gaston Rosenstein: .Julius Pikler's dynamische Psycho- 
logie und ihre Beziehungen zur Psychoanalyse" im Zentralblatt flli Psychoanalyse. 
I. 7/8. 



Bleuler's „Autistiaches Denken". 77 

Entwicklung in der Phylogenese unmöglich wäre, sondern namentlich des- 
halb, weil mir die Beobachtung der kleinen Kinder das Gegenteil zu zeigen 
scheint." Die endgültige Bestätigung dieses Satzes, der 
mir sowohl der Beobachtung, als auch der biologischen 
Erwägung nach unbedingt richtig scheint, hätte eine 
weit über das Thema des Autismus hinausreichende Be- 
deutung. Diese Bestätigung müsste zur Revision einer 
ganzen Anzahl von Annahmen und Schlussfolgerungen 
führen, insbesondere aller jener Theorienbildungen in 
der Psychoanalyse, die sich an den Namen des Narziss- 
mus geknüpft haben. 

Aus dem Phänomen des Autismus ergeben sich weitere Ausblicke 
in die Psychologie. Mit Autismus bezeichnet Bleuler das affektive 
Denken im Gegensatz zum logischen Denken. Eine Ergänzung 
hätte nun das affektive Handeln, im Gegensatze zum überlegten 
Handeln zu besprechen, einerseits die hier besonders stark vertretenen 
Übergänge, anderseits die aus dieser Betrachtungsweise resultierenden 
charakterologischen Verschiedenheiten. Wir hatten früher fest- 
gestellt, dass die psychische Ausbreitung des Affektes- im Falle un- 
genügender, unmöglicher oder inadäquater motorischer Abfuhr stattfindet. 
Der Gegenfall wäre das affektive Handeln, also die sofortige motori- 
sche Reaktion, und beiden gegenüberzustellen ist die vollkommene Funktion, 
in der die Affektivität weder den vernünftigen Gang des Denkens, noch 
die Überlegenheit des Handelns zu stören vermag. Die weitere Aufgabe 
muss daher sein, die Genese und Dynamik der Affekte zu studieren mit 
besonderer Berücksichtigung der Beziehungen ihrer psychischen Seite zu 
ihren motorischen Folgen. Es ist klar, dass eine derartige Affekttheorie 
mit einer psychologischen Theorie der menschlichen Bewer- 
tungen Hand in Hand gehen muss. Diese Untersuchungen werden weitere 
Aufschlüsse sowohl über das autistische Denken, als auch über das affek- 
tive Handeln bringen müssen. 



III. 

Eine kritische Bemerkung. 

Von Dr. J. Birstein (Odessa). 

• 

In dem Aufsatze von Privatdoz. Dr. OttoHinrichsen: „Unser 
Verstehen der seelischen Zusammenhänge in der Neu- 
rose und Freud's und Adler's Theorien" 1 ) ist mir folgende 
Stelle, auf S. 390, in die Augen gefallen: „Wenn z. B. C. F. Meyer erst 
gegen das vierzigste Lebensjahr hin äusserlich den ausgesprochenen männ- 
lichen Habitus bekommt, so kann diese ungewöhnliche retardierte körper- 
liche Entwickelung, die dann mit der Reife auch in einer gesteigerten 
Männlichkeit zum Ausdruck gelangt, nie andere als direkt physische 
Ursachen 2 ) haben, verdankt auch Meyer die um diese Zeit ein- 
setzende geistige Produktivität nicht einem manischen Erregungszustand, 
wie das behauptet worden ist, sondern dem Umstand, dass er jetzt erst 
körperlich-psychisch 2 ) dazu reif wurde, in rechter Weise produk- 
tiv zu sein."_ 

i) Zentralblatt für Psychoanalyse und Psychotherapie 1913, Heft 8/9. 

H) Von mir gesperrt 



78 Dr. J. Birstein, 

Mit solchen Auseinandersetzungen kann ich nicht einverstanden sein. 
Aus eigenen und fremden Beobachtungen, Analysen und Erfahrungen habe 
ich überall und immer die Gelegenheit gehabt, den bewundernswerten 
Zusammenhang zwischen dem Geistigen und dem Körperlichen des Men- 
schen zu verfolgen. 

Es scheint fast unbegreiflich, wie gross der Einfluss und die Wirkung 
des Geistes, des Charakters, der „Ichkonstellation" auf die Gesamtheit 
der körperlichen Entwicklung ist. Alles Mögliche kommt hier in Be- 
tracht: der Körperbau, organische Struktur einzelner Organe, Organ- 
funktionen usw. — Wie oft treffen wir bei Nervösen das sehr markante 
Phänomen in Bezug auf typisches äusseres Aussehen, auf die Unmög- 
lichkeit, das Alter zu definieren, auf die manchmal fast momentane Ver- 
änderung des gesamten Habitus — und immer gelingt es uns vermittelst 
der analytischen Forschung dieses oder jenes Physische, Sichtbare, Körper- 
liche auf das rein Psychische (gemäss dem individuellen Prinzip: „wie 
man will") zurückzuführen. Wie oft beobachtete man bei den neurotischen 
Frauen einen männlichen Habitus und umgekehrt bei nervösen Männern 
unterstrichene weibliche körperliche Züge. Nicht seltener findet man bei 
neurotischen Menschen ein verhältnismässiges spätes und langsames Altern 
— eine Tatsache, die auch den Laien bekannt ist, wenn sie dazu sagen: 
„Die Zeit hat auf ihn, resp. auf sie keinen Einfluss". Jedem aufmerk- 
samen Psychoanalytiker soll es ab und zu auffallend erscheinen, wenn er 
bei dem Versuche des Alterpräzisierens seiner Patienten in einen, manchmal, 
recht bedeutenden Fehler verfällt; so kommt es vor, dass ein Nervöser, 
der im Alter von ca. 40—45 Jahren steht, nicht älter als 25—30 Jahre 
zu sein scheint, und einer im Alter von z. B. 20—25 Jahren erscheint 
uns als ein sehr bejahrter Mann. 

An dieser Stelle will ich einige Zeilen aus Dr. Maxim. Steiner 's 
Monographie x ) anführen, weil sie mit unserer Meinung teilweise kongru- 
ieren: „Der Neurastheniker war nie ein Kind, er wird auch nie ein 
Mann. Die Pubertät ist hei ihm gewissermassen protrahiert (verlangsamtes 
Wachstum der Scham- und Barthaare, verlangsamtes Mutieren usw.), die 
Flegeljahre dauern bei ihm länger, er ist empfindlich und reizbar, ein 
Kind mit den Allüren, Begierden und Neigungen eines Mannes." Das 
wäre vollkommen richtig mit dem Vorbehalt, dass es auch anders sein 
oder sich je nachdem ändern kann. So z. B. habe ich einige Neurotiker 
vor Augen, die, obwohl impotent, einen scharf ausgeprägten männlichen 
Habitus vorzeigen. Von denen ist es mir bekannt, dass ihr ganzes Treiben 
sich darin äussert, dass sie eben mit der Hilfe der „Männlichkeit" die 
Möglichkeit erhalten, die Frauen zu verführen, und im letzten Moment sie 
mit der Inipotenzkonstruktion entwerten. Solch eine Art von Erschei- 
nungen, unter anderem auch die erwähnte Stabilisierung des Äusseren, 
(auf immer, oder auf einen gewissen Zeitraum, so wie es im Falle 
Meyer *s gewesen ist) können nur auf psychischen Wegen entstehen: 
Sie entsprechen vollständig der individuellen psychischen Konstellation, 
der das Oberkommando der menschlichen Einheit gehört, die wir nach 
Adler „erstarrt", felsenfest nennen können und die das eiserne : „so 
will ich" auf irgendeine, für uns noch unerforschte Weise auch auf das 
Äussere überträgt, lenkt, stabilisiert, variiert, im ganzen also eine exklusive 

') Dr. M. Steiner, Die psychischen Störungen der mannlichen Potent. F. 
Deutikc, 1913. 



Eine kritische Bemerkung. 79 

Wirkung ausübt. Es Ist die sichtbare Körpefmimik und die hörbare Körper- 
sprache, deren Sinn nur dann deschiffriert werden kann, wenn wir durch 
die Analyse bis zum wirklichen „Ich" durchdringen. — 

So habe auch ich in den letzten Zeiten einige dazubezügliche Fälle 
beobachtet, die mich fast in Erstaunen über das wundervolle Phänomen 
der Einwirkung des „Ichwollens" oder nach Schopenhauer des 
„Primat des Willens" auf das rein Körperliche versetzt haben. An dieser 
Stelle will ich über einen sehr demonstrativen Fall aus meiner Praxis 
Einiges erzählen. 

In Frage kommt eine nervöse Dame, 40 Jahre alt. Organminder- 
Wertigkeit: in der Kindheit ausgeprägte rachitische Konstitution, die 
von einen grossen, aufgeblähten Bauch begleitet war. 

Dieser sichtbare ästethische Defekt (apperzipiert als ein weib- 
liches Merkmal, dann später auch als ein Schwangerschaftssymbol, also 
wieder weiblich) bewirkte die Ausbildung des Charakters in der nervösen 
Richtung, d, h. — des männlichen Protestes. 

Im Laufe der Zeit gelang es der Patientin, recht gut und tief 
in das dynamische System der charakterologischem Mechanismen einzu- 
dringen, indem sie in den letzteren gesetz- und planmässige Ergebnisse 
konstruktiver Art wahrzunehmen vermochte. Während der letzten Tage 
unserer Arbeit, als sie sich in diesen „A d 1 e r "sehen" psychologischen 
Prinzipien vollständig sicher fühlte, gab sie mir ein reichhaltiges Material 
aus ihrem eigenen Leben zum Zwecke der Bestätigung der besprochenen 
Thesen. Aus diesen unmittbaren Mitteilungen will ich einige, a m meisten 
typische Züge auswählen. So erzählte mir die Patientin, dass, obwohl 
sie mehrere Geburten und Aborte durchgemacht hat, ihr Busen, sowie 
der Unterleib und Genitaltrakt (insbesondere die äusserlichen Geschlechts- 
teile) ganz unversehrt blieben und bis jetzt immer ein jugendliches Aus- 
sehen behielten. Es fehlen sogar die „Striae gravidarum". Dann, leidet 
weiter die Patientin seit mehreren Jahren an einem fibromatösen degene- 
rativen Prozess des Uterus. Gynäkologische Untersuchungen erwiesen sehr 
grosse Dimensionen an der Geschwulst. „Und sehen Sie," sagt sie mir, „wie 
eigentümlich es ist, dass dabei der Umfang des Unterleibs auf keinen 
Zoll grösser geworden ist. Diese rätselhafte Eigentümlichkeit haben auch 
mehrere Gynäkologen konstatiert . . . Also, heisst es, wächst das Fibrom, 
wie auf meinem Befehl, nicht wie es in der Regel ist — nach aussen, 
sondern ... ich weiss eigentlich nicht wohin . . . aber ganz bestimmt 
nach innen. Und dadurch wird mein Unterleib in den gewünschten Dimen- 
sionen erhalten." 

Wenn wir jetzt die sekundäre Reaktion (psychische Überkompensation 
usw.) auf die primäre Organminderwertigkeit (grosser Bauch etc.) zurück- 
führen, so können wir schon mit Recht zum Schlüsse kommen, dass der 
charakterfeste Ichimperativ die einzige befehlende Rolle für die 
gesamte physische Einheit und, im besonderen, auf die wunde Stelle der 
Unterleibsgrösse übernommen hat. 

Dies alles führt mich zur relativen Überzeugung, dass im Falle 
C. F. M e y e r 's das charakterologische Motiv, sich nach aussen projizierend, 
die ausübende Wirkung aufs Körperliche bedingt hat. 

Der psychische Hermaphroditismus ist gewiss für die 
Neurose 1 so charakteristisch, dass wir ihn im Zentrum der sichtbaren 
Symptome, Arrangements, Konstruktionen, Reaktionsweisen mit vollem 



80 



Dr. J. Birateiu, Eine kritische Bemerkung. 



Rechte stellen können. Aus demselben entspringt eine undenkliche Reihe 
ganz verschiedener Lebensweisen und Äusserungen, sowohl auf dem psy- 
chischen, wie auch auf dem physischen Gebiet des menschlichen Wesens. 

Warum könnte man eigentlich auch in dem von Hinrichsen 
angeführten Falle dieselben theoretischen, dennoch aus grosser analyti- 
scher Erfahrung gewonnenen, psychologischen Thesen nicht anwenden? 

Ist es denn ausgeschlossen, dass das psycho-hermaphroditische „Ich" 
des neurotischen Meyer bis 40 (es wäre auch möglich bis 50—60, 
bis zum Tode) die Überkompensation = den männlichen Protest ver- 
mittelst weiblicher, infantiler, pseudo-masochistischer Mittel zu verwirk- 
lichen bestrebt war? , 

Selbstverständlich, spiegelt sich jedes „Ich" beim Normalen, wie 
auch bei dem Nervösen in dem historischen Spruch: „j^y suis — j'y reste"', 
mit dem Unterschiede doch, dass diese seelische Formel beim Normalen 
keine erstarrt-prinzipielle Festigkeit besitzt wie bei dem Nervösen und, 
den Bedingungen des realen Lebens gemäss, Abweichungen ermöglicht. 

Anders ist es bei dem Neurotiker: Sein Charakter bleibt auf ewig 
unverändert, und was wir als unsichtbaren Formwechsel konstatieren können, 
ist nichts anderes als dasselbe „j'y roste", was wir mit Hilfe der Analyse 
feststellen können. Das "muss man auch im Falle des neurotischen Meyer 
fest vor Augen halten. 

Diese Voraussetzung scheint noch richtiger zu sein, wenn wir 
unsere Aufmerksamkeit auf die, von anderen Psychiatern als „mimischen 
Erregungszustand" in der geistigen Produktion, definierte Konstellation 
lenken. Wir haben Vertrauen zu diesen tatsächlichen Beobachtungen und 
Definitionen um so mehr, da sie uns Einblick gewähren in bekannte 
psychische Erscheinungen, und zwar: wie der „männliche Protest", d. i. 
das Streben zur fiktiven, unerreichbaren Überlegenheits- und Machtposi- 
tion (das halluzinatorische „j'y suis", „Wille zum Schein", Nie Ische) 
bei Gelegenheit mit so einer Stärke und Intensität angespornt wird, dass 
er unumgänglich zu sichtbaren, aber nur scheinbaren Aggressions- 
hemmungen treibt. 

Diese Hemmungen, ihrerseits, decken sich, als Sicherungstendenzen 
in Bezug auf die Konstruktion der möglichen Niederlage, auf. Die gesteigerte 
Affektivität soll auch nichts anderes bedeuten, als eine Hilfsrekon- 
struktion (im Sinne der Sicherung), ist innig mit dem Prinzip der 
„zögernden Attitüde", mit dem „avance nach rückwärts" verbunden, um 
zuletzt den einzig wahren Wunsch — j'y roste — verwirklichen zu 

können. 

Man darf auch die Vermutung aussprechen, dass die abnorme Atrek- 
tivität, der „manische Erregungszustand", also ein Krankheitsbeweis, von 
Meyer selbst arrangiert wurde, „um etwaige erreichte Ziele in stärkerem 
Lichte erglänzen zu lassen, da sie trotz des Leidens erreicht wurden" 1 ). 

i) Zitiert nach A. Adler, Nervenkrankheiten. Jahreskurse für arztlich© 
Fortbildung, Heft V, Seite 40, 1918. 



Dr. J. Birsteirj, Mitteilungen aus der Kinderpsychologie. 81 

IV. 

Mitteilungen aus der Kinderpsychologie. 

Von Dr. J. Birstein (Odessa). 

1. W. Knabe. 6 i / t) Jahre. Er schläft zusammen mit dem Vater in 
einem Zimmer (im Schlafzimmer des Vaters)'. Die Betten stehen neben- 
einander. Der Vater hat sich ausgekleidet und geht unter die „Federn" 
mit einem behaglichen Gefühl, nimmt ein Buch und will noch vor dem 
Schlafe lesen. Der Kleine, der es nicht ruhig ertragen kann, dass der 
Vater liest, besonders „Philosophische Dinge", die er nicht verstehen 
kann und gerade deshalb eine starke, von Schmähungen begleitete Ent- 
wertung und Opposition demonstriert, sagt folgendes: „Du schläfst wie 
ein Kaiser!" — „Wieso?" — „Weil du ein weicheres Polster und eine 
bessere Bettdecke hast." — „Also bitte, wollen wir sofort die Plätze 
tauschen." — - „Nein, das will ich nicht." — „Nun, was möchtest du denn?" 
— „Ich möchte mit dir zusammen in deinem Bette schlafen." 

Das „kaiserliche" richtet sich wahrscheinlich nicht auf das Bett 
etc., sondern auf das Lesen eines Buches, dem er noch nicht gewachsen 
ist. Minderwertigkeitsgefühl — Männlicher Protest. 

2. Derselbe Knabe. Bei dem Ankleiden des Oberhemdes arrangiert 
er die Sache so, dass er das Oberhemd über das Nachthemd arrangiert 
nur dann das letztere herunterfallen lässt. Auf die Frage, warum er es 
so macht, antwortet er: „Ich geniere mich." 

Minderwertigkeitsgefühl in Bezug auf den „kleinen Penis". Sicher- 
u n g in der Form, sich nicht kontrollieren zu lassen. 

3. Der Vater liegt im Bette, es kommt die Mutter vorbei, fragt 
den Vater um etwas und nennt ihn mit einem gewöhnlichen Kosenamen. 
Der Kleine wird dadurch aufgeregt und sagt der Mutter folgendes: „Du 
darfst nicht meinen „Pup" (ein komischer Ersatz für „Papa") „Karlchen", 
sondern bloss „Karl" nennen. Der „Pup" gehört nur mir." 

4. Noch eine Nachtszene: es ist schon 11 Uhr. Der Vater liest. 
Der Kleine schläft nicht. — „Warum schläfst du nicht ein?" „Ich werde 
nicht einschlafen, bevor du nicht eine Zigarette geraucht hast." — „Was 
hast du davon?" — „Ich bewundere, wie der Bauch aus den Nasenlöchern 
herauskommt." — „Weifest du, da hast du eine Zigarette und rauche, über- 
haupt, so viel du willst." — „Nein, das werde ich nicht tun; auch wenn ich 
gross werde — werde ich nie rauchen, aber zusehen möchte ich immer." 

— Männlicher Protest — Sicherung (das Herauskommen des Bauches 
durch die Nasenlöcher scheint, offenbar, mit der Vorstellung der Schmerz- 
gefühle verbunden zu sein) vor der möglichen Blamage. Erklärung der 
Voyeurs-Triebe. 

4. Lily. 10 jähriges Mädchen. Einmal war sie anwesend, als der 
Vater im Kreise der Familie eine Anekdote erzählte, die einen tiefen 
psychologischen Sinn hat in bezug auf neurotische Menschenbeziehungen. 
Die Anekdote lautet: „Es waren zwei Bauern. Jeder wettete um eine 
Kuh, dass der andere nicht imstande sei, einen lebenden Frosch zu 
schlucken. Beiden gelingt das Kunststück, jeder bleibt im Besitze seiner 
Kuh und am Schluss fragen sie sich erstaunt: „Wozu haben wir eigent- 
lich, die Frösche geschluckt?" — Das Fröscheschlucken war also ganz 
überflüssig. 

Zentxalblatt für Psychoanalyse. IV >(*. 6 



82 



Dr. J. Bir9tein, 



I 



Nach einigen Tagen spielt sich folgende Szene ab: Lily mag nicht 
spazieren gehen. Der Vater redet auf sie ein. Nach langem Zögern 
ist sie einverstanden, aber doch nur theoretisch: ankleiden tut sie sich 
noch nicht, und fährt fort zu plaudern, indem sie ihm verschiedene Fragen 
aufwirft unter anderem: „Wie heisst diese Pflanze auf dem Fenster?" 
Der Vater versteht die Absicht des Kindes, ihn von dem Thema des 
Spazierengehens abzulenken, und antwortet: „Das werde ich dir sagen, 
wenn du nach dem Spaziergange nach Hause kommst." „Nein", sagt 
sie, „zuerst sollst du meine Frage beantworten und dann werde ich gehen." 
Der Vater wiederholte dieselbe Entscheidung, doch sie bleibt trotzig bei 
ihrem Wunsche. Zuletzt sagt sie mit einem ironischen Lächeln : „Papa, 
höre doch mit dem Frösche schlucken auf!" 

Ein Beispiel, das uns zeigt, wie gross das richtige Verständnis bei 
Kindern auch für abstrakte Begriffe vorhanden ist, wenn sie dieselben 
zur Aggression auf Erwachsene verwenden können. 

5. Der Vater und die Mutter sind ins Theater gegangen. Natürlich 
hat dieses Ereignis bei den Kindern Neid und Unzufriedenheit hervor- 
gerufen. Und wie ist die Reaktion? — Wie die Eltern nach Hause kommen, 
finden sie die Kinder schlafend: den Bub im Bette des Vaters und 
das Mädchen im Bette der Mutter. 

6. Im Kino. Eine „kornische Szene". Folgender Inhalt: „Ein Bauer 
ist zum erstenmal nach Paris gekommen. Alles ist ihm fremd und un- 
begreiflich. Diese Unbeholfenheit ausnützend, arrangieren die Strassen] ungen 
mit ihm einen Streich: er soll auf ein Podium sich hinstellen, die Pos'«, 
eines Helden annehmen, ruhig und unbeweglich verbleiben, wie eine 
Statue, ein Monument. Er soll als ein Modell figurieren und so würde 
man ihn modellieren lassen für ein Denkmal seiner Person. Dafür soll 
er auch 5 Fr. pro Stunde Honorar erhalten. — Das alles wird mit dem 
leichtgläubigen Bauern ausgeführt. Folge : eine Masse von Neugierigen um- 
ringt ihn, dann kommt die Polizei mit dem Befehle herunterzukriechen, sie 
droht mit Verhaftung etc. Aber der Bauer will nicht herab (erhatsich 
schon in die Majes täts position eingefühlt) und trotzig ver- 
bleibt er auf seinem hohen Platz. Endlich hat die Polizei beschlossen, die 
Feuerwehr zu rufen. Im Moment kommt die letztere und durch heftigen 
Wasserstrahl wird der Armselige hinabgeschleudert. Unten wird er ver- 
haftet und ins Kommissariat geführt: ganz nass, verzweifelt, unglück- 
lich auch wegen des Honorars, das ihm nicht bezahlt wurde. Aus dem 
Kommissariat treibt man ihn in so einem elenden Zustand hinaus . . . .-." 
Der Film war zu Ende. Und da in der Theaterstille hört man die Worte des 
Knaben, laut im Tone der Empörung: „Und das nennt man eine 
komische Szene?! Sie ist gar nicht komisch, sie ist sehr tragi- 
komisch!" 

7 Wolodja fürchtet sich, den dunklen Korridor zu betreten. Vor- 
geschichte: in der Abwesenheit des Vaters wollte er Erklärungen über 
diese Phobie niemanden, auch nicht der Mutter, geben. Er sagte: „Nur 
wenn der Papa kommt, werde ich ihm die Sache auseinandersetzen. Er 
wird mich schon verstehen können und dann wird er auch dir die 
Ursache erklären." — Nach der Ankunft des Vaters, als er die genannte 
Phobie bemerkte und ihn fragte, was das bedeuten solle, sagte er, er 
möchte es ihm gerne erzählen, wenn sie mal zusammen im Sprechzimmer 



Mitteilungen nie der Kioderpaychologie. 83 

des Vaters bleiben werden. Der Vater "ist einverstanden, hat danach 
aber keine Zeit. Der Kleine jedoch erinnert ihn daran jeden Tag. End- 
lich — bleiben sie einmal zusammen im Sprechzimmer und der Vater 
fragt ihn wegen der Phobie. In grösster Verlegenheit fängt er an zu 
reden: „Ich werde dir darüber erzählen, wenn du mit der Tante (die 
in unserem Hause wohnt) liebevoller umgehen wirst." Darauf sagt der 
Vater: „Was hat das damit zu tun? Bitte ohne Vorbedingungen! Wenn 
du willst — so erzähle es mir ganz einfach." Nun spricht er folgendes: „Ich 
weiss ganz genau, dass es im Korridor keinen Teufel gibt, aber doch, 
ich weiss nicht warum, ich kann es mir selbst nicht erklären, habe 
ich Angst." Darauf versucht der Vater ihm den wahren Sinn dieser Angst- 
konstruktion in möglichst verständlichen Sätzen vor seinen Augen zu demon- 
strieren, indem er betont, dass die ganze Geschichte auf seine Unbeholfen- 
heit zielt und dass er vermittelst derselben die Möglichkeit bekommt, — > 
die Tante, Mutter, das Dienstpersonal, kurz, die ganze Umgebung in seinen 
Dienst zu stellen. — Nach dieser Erklärung wird er zornig, aufgeregt 
und im kategorischen Ton spricht er folgende Meinung, Überzeugung aus: 
„Du fängst schon wieder mit deinem Philosophieren an. Der dumme Doktor, 
er meint, dass es möglich sei, die Seele eines Menschen 
zu durchschauen. Ich sage ihm und dir, dass es vollständig aus- 
geschlossen ist. Auch in dieser Erklärung sind sie beide hereingefallen!" — 
Das mächtige „Nein" — nicht identisch mit Freud 's 
„Widerstand", sondern Folge der, für das erwünschte 
Handeln, nötigen Verdrängung des Hauptzweckes. 

8. Die Mutter geht mit der Kleinen in die Stadt, um für sich einen 
Sommerhut auszuwählen. Abends kommen beide nach Hause. Der Hut 
sollte auch abends aus dem Geschäft gebracht werden. Die Mutter er- 
zählt, dass es im Geschäft sehr aufgeregte Szenen gab: die Kleine wollte 
unbedingt die Mutter überzeugen, einen bestimmten Hut zu kaufen. Es 
war ein etwas extravaganter, heller Hut mit roter Plumage. Die Mutter 
wehrte sich gegen die Forderungen Lilys, da sie die Absicht hatte, einen 
bescheidenen, schwarzen und nicht allzu modernen Hut zu kaufen. Doch, 
es hat ihr nichts geholfen und der schicke Hut wurde zugeschickt. Die 
Mutter weigerte sich fortwährend gegen den Ankauf dieses Hutes. Die 
Kleine wurde fast wütend. Als eine ganze Reihe von ihren Motivierungen 
doch scheiterte, schrie sie der Mutter folgende herabsetzende Worte ins Ge- 
sicht. „Glaubst du, ich weiss nicht, warum du eigentlich diesen schönen 
Hut nicht nehmen willst I Das ist deine ganze Natur! Du fürchtest, 
dass man dich bemerken wird. Dazu passt auch deine ganze Lebens- 
weise: immer bist du krank, jeden Tag fehlt dir was anderes, du schläfst 
während des Tages 3 — 4 mal und spielst die Rolle einer Kranken. Ich 
aber weiss bestimmt, wozu du das alles machst: nur um 
für dich das allgemeine Mitleid zu gewinnen und beson- 
ders von Seiten des Papa." (Stenographischer Bericht.) 

9. Der Kleine verreist nach N. mit der Mutter. Zum Hafen soll man um 
9 Uhr abends fahren. Den ganzen Tag ist er sehr aufgeregt. — Eine 
halbe Stunde vor dem Fortfahren spielt sich folgende Szene ab: Der 
Vater liegt auf dem Divan. Da kommt der Kleine zu ihm und äussert ganz 
aussergewöhnliche Liebesregungen : „Du, mein Guter, mein Bester in 
der ganzen Welt, ich liebe dich, wie niemanden." Dann folgen unauf- 
hörliche Küsse und Liebkosungen. Weiter spricht er folgendes: „Du 

6* 



84 Dr. J. Biretein, Mitteilungen aus der Kinderpeycnologie. 

bist mein kleines Kindchen, ich will dich streicheln, ich will dir ein 
Liedchen singen, damit du einschläfst." Zum Schluss nochmals Liebes- 
erklärungen in den als Kosenamen fast ausschliesslich weibliche ge- 
nannt werden wie Mütterchen, Mägdelein etc. — Er kann sich nicht losreissen 
von dieser Gefühlsäusserung. Erklärung: Er verreist und der Vater bleibt 
zu Hause; er ist also — gross, der Vater klein; er mannlich, 
der Vater weiblich. — Vielleicht ist noch von Bedeutung, dass die 
Zeit eben die ist. da er als K 1 ei ne r gewöhnlich zu Bett gehen musste. 
Gerade in den letzten Tagen besuchten die Eltern das Theater, er 
blieb allein und sollte frühzeitig schlafen gehen. Vor dem Weggehen ging 
der Vater zu ihm, streichelte und beruhigte ihn, weil er unzufrieden war 
und auch ins Theater gehen wollte etc. — Also heute war es die Bache, 
die Äusserung des männlichen Protestes, die in einer 
zärtlichen Liebesform maskiert war. 



V. 
Ein telepathischer Traum. 

Von Margarete Petersen. 

Ich teile die nackten Tatsachen mit, ohne daran irgend welche Schluss- 
folgerungen zu knüpfen. 

Ein sehr nervöser 18 jähriger, unbemittelter Junge erhält eine An- 
stellung bei einem Gärtner, muss aber zu Hause, ungefähr zehn Minuten 
weit von seiner Arbeitsstätte, schlafen. Er träumt nun einmal, der Gärtner 
verlange nach ihm und erwacht in grosser Angst. Er kann sich nicht 
beiuhigen, zieht sich rasch an und läuft zum Gärtner. Er findet diesen 
anscheinend leblos im Treibhause. Er schlägt Lärm, man ruft einen Arzt, 
dessen Wiederbelebungsversuche von Erfolg gekrönt waren. Der Gärtner 
erwacht aus seiner liefen Ohnmacht und erzählt, er hätte, als es ihm 
schlecht wurde, innig gewünscht, der Junge solle ihm zu Hilfe kommen. 
Mehr konnte er sich nicht erinnern. 



Referate und Kritiken. 

Dr. Ernst Jentsch: Das Pathologische bei Otto Ludwig. Wiesbaden, Verlag 
von J. F. Bergmann 1913. 

Verf. betont den hoben Wert der biologisch-pathographischen Betrachtungs- 
weise auch für die Würdigung der Werke eines Autors vom künstlerischen Gesichts- 
punkte aus. Man kann diesen Satz ohne Bedenken dahin erweitern, dass man die 
Pathographie als eine für das volle Verständnis der Werke eines neuropathischen 
Künstlers notwendige Ergänzung der literarischen Biographie bezeichnet, wobei 
natürlich nicht zu vergeseen ist, dass auch diese nicht achtlos an dem Pathologischen 
vorbeigeht. Von diesem Gesichtspunkte aus ist die vorliegende Schrift sehr lesenswert, 
aber auch in biologischer Hinsicht bietet sie recht Interessantes. Die innigen Be- 









Referat© und Kritiken. 85 

Ziehungen zwischen künstlerischem Schaffen und nervösen Erscheinungen, die seit 
Lombrc-BO der Gegenstand eifrigster Diskussion geworden sind, lassen sich auch bei 
Otto Ludwig, den uns Jentscb als erblich belasteten, zu funktionellen nervösen 
Störungen disponierten Neuropathen und gleichzeitig als genialen Dichter schildert, 
ohne Schwierigkeiten nachweisen. Sehr schön wird gezeigt (es kann das im Referat 
natürlich nur angedeutet werden), wie ein Kunstwerk von innen heraus entsteht, 
durch den Moment geboren wird, wie visionäre Momente, den Illusionen der Geistes- 
kranken vergleichbar, «Bilder- und Farbenschau" das poetische Schaffen Ludwigs 
beeinflussen. Leider glaubt der Verf. noch an die längst überwundene Lombroso'sche 
Lehre von der epileptischen Grundlage des Genies, von der bei Otto Ludwig auch 
nicht das Mindeste zu merken ist. Für die Annahme einer epileptoiden Konstitution 
gentigt doch wahrlich nicht .1er Nachweis periodischer insidrativer Zustände. Hier wäre 
vielmehr ein Hinweis auf die leider viel zu wenig gewürdigte Flies s'sche Lehre von der 
Periodizität alles biologischen Geschehens am Platze gewesen. Ebensowenig befriedigend 
ist die Erklärung, die Verf. für die starke Asymmetr.e der beiden Gesichtshälften des 
Dichters gibt, die bei Betrachtung der dem Werke beigefügten Reproduktion der Toten- 
maske in die Augen springt. Er glaubt die ^Anschwellung in der Gegend der linken 
oberen Prämolarzahnfacher' auf chronische Zahnperiostitiden zurückführen zu müssen, 
während er die übermässige Entwicklung der linksseitigen Gesichtsmuskulatur als eine 
Aktivitätshypertrophie infolge des von Jugend auf bestehenden Tic convulsif erklärt. 
Diese Annahme hat. zur Voraussetzung, dass der Tic. auf der linken Seite des Gesichts 
lokalisiert war, wovon aber Verf. nichts mitteilt. Aber selbst wenn er erwiesener- 
massen linksseitig gewesen wäre, so wäre trotzdem die Schlussfolgerung, die sich 
nach der Ansicht dos Verf. aus der Betrachtung der Totenmaske ergibt, näml.ch dass 
Ludwig mit einem Tic auf der linken Gesichtshälfte behaftet gewesen se., nicht 
eerechtfertiet. Bekanntlich ist die übermassige Entwicklung der linken bes.chts- 
halfte be, belasteten Neuropathen nichts Ungewöhnliches, ihr Vorkommen bei Künstlern 
hat W. Flies s in seinem .Ablauf des Lebens" als eine Erscheinung der «Links- 
betonung des Künstlers* beschrieben. 

Von den Werken Ludwigs ist am ausführlichsten der Roman -Zwischen 
Himmel und Eide« behandelt, in dem der Dichter in meisterhafter V> eise die Ent- 
wicklung einer Schreckneurose bei einem vorzüglich charakterisierten, mit Zwangs- 
erscheinungen behafteten Psychopathen zeichnet. Hier zeigt sich wieder einmal 
recht deutlich, dass die geniale Intuition dem Fortschritt der W,s S enschaft vorause.lt, 
was ia auch vor kurzem Julius burger mit Bezug auf Scln.pe nha uer nach- 
gewiesen bat Der vorliegende Fall verdient allerdings eine Einschränkung insofern, 
als es dem Psychopathen Ludwig nicht allzu schwer fallen konnte, sich in d.e 
Psyche seines Romanhelden Appollo n .us Net tenmai r einzufühlen. 

J Dr. Bruno Saaler. 



Ewald Stier: Wandertrieb und pathologisches Fortlaufen bei Kindern. 
Gustav Fischer, Jena 1913. 

Die wichtigsten Resultate der auf einem ausserordentlich umfangreichen Material 
fussenden Beobachtungen des Verf. sind folgende: 

Das Hauptkontingent unter den gewohnheitsmässig fortlaufenden Kindern stellen 
die Psychopathen und die Schwachsinnigen; sehr viel geringer ist die Zahl der Epi- 
leptiker; selten ist ausgesprochene Hysterie, am seltensten echte Psychosen. 

In vielen FälUn von Psychopathie ist charakteristisch die Impulsivität, die für 
andere völlige Motivlosigkeit des Davonlaufens. Eine gewisse Selbständigkeit des 



8(5 Referate und Kritiken. 

„Wandertriebs" als eines Krankheitssymptoms sui generis ist für diese Fälle nicht 
ganz in Abrede zu stellen. 

Eine Sonderstellung nehmen die Fälle von familiärem| Fortlaufen ein. Sie 
zeigen, dass bei gleichartiger psychopathischer Veranlagung ungefähr um die Zeit 
der Pubertätsentwicklung ein solcher „Wandertrieb" auftreten kann, der Bpäter, sei 
es mit, sei es ohne Behandlung wieder verschwindet. Die Annahme, dass die sexuelle 
Entwicklung für das Kommen und Gehen dieser Tendenzen von Bedeutung ist, wird 
durch diese Fälle gesichert. 

Wesentlich Neues bringt das Buch nicht. Die Behauptung, dass die Zeit der 
Überschätzung der Epilepsie für die Bedeutung des Wandertriebs nun endgültig vor- 
bei sei, kann ich deshalb nicht unterschreiben, weil ich nicht glaube, dass die klinische 
Stellung des Wandertriebs durch die Arbeit Stiers eine Änderung erfahren hat. 
Auch früher unterschied man zwischen Wandertrieb der Epileptiker und der Ent- 
arteten. Dass schwachsinnige Kinder dazu neigen sich umherzutreiben, ist ebenso- 
wenig neu wie die Entdeckung, dass die Tendenzen von Mädchen, die auf der Leip- 
ziger Strasse mit Männern herumlaufen, eine Gonorrhoe akquineren, in eine Erziehungs- 
anstalt gebracht werden müssen usw., durch den sexuellen Faktor beeinnusst werden. 
Der Krankheitsgruppe „familiäres Fortlaufen" wäre mit der gleichen Berechtigung 
an die Seite zu stellen: familiäres Schwindeln, Stehlen, Kinolaufen, Whisky trinken 
u. dergl. mehr. Dr. Bruno Saal er. 

Morris J. Karpas: Contribution to the Psychology of the so-called 
Dipsomania. Journal of Abnormal Psychology. Boston 1912. 

Verf. rekapituliert den von Juliusburger in diesem Zentralblatt mitgeteilten 
Fall von Dipsomanie, in dem die verdrängte homosexuelle Komponente als psychische 
Wurzel der dipsomanischen Anfälle erkannt worden war, und knüpft daran Betrach- 
tungen über die Psychologie des Alkoholismus, die im Einklang mit den von Julius- 
burger vertretenen Anschauungen den Alkoholabusus ebenso wie die Neurose als 
eine Ersatzbildung ansehen. Dr. Bruno Saaler. 

Dr. med. J. Sopp: Suggestion und Hypnose. Würzburg, Verlag von Kurt 
Kabitzsch 1913. 

In der Absicht die „Geheimnisse" der Hypnose so weit als möglich zu ent- 
hüllen und das Vertrauen zu ihrer Verwendung zu Heilzwecken anbahnen zu helfen, 
bespricht der Verf. in gemeinverständlicher und ansprechender Form Wesen und 
Erscheinungen der Suggestion und Hypnose. Das Büchlein enthält alles, was Patienten, 
die einer hypnotischen Behandlung unterzogen werden sollen, gesagt zu werden braucht 
und gesagt werden mnss. Es ist daher als informierende Schritt zur Einleitung der 
Behandlung sehr zu empfehlen. Dr. Bruno Saal er. 

C. G. Jung, Versuch einer Darstellung der psychoanalytischen Theorie. 

(Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen, V. Bd. 1913, 

S. 307-441.) 

Ein durchaus irreführender Titel, denn nicht um eine Darstellung der be- 
stehenden Theorie handelt es sich, sondern die Arbeit stellt in ihrem ganzen Um- 
fang eine Polemik gegen die Freud'schen theoretischen Anschauungen dar und ver- 
bindet damit den Versuch, eine neue Theorie an ihre Stelle zu setzen. Jung ist es 
schwül geworden in der wissenschaftlichen Vereinsamung, die die Paradoxien 
Freud'a um seine Schule verbreiteten, und nun will er versuchen, mit der Wissen- 



Referate und Kritiken. 87 

achaft seinen Frieden zu machen (S. 319). Er ist sich allerdings darüber klar, dass 
ein solcher Friede bezahlt werden will und so räumt er so gut wie alle Freu d 'seh«. ■ 
Positionen und behält sich nur die militärischen Ehren des Abzugs vor. Die Fahn<j 
Libido" schwingend, sucht er ein Neuland zu erreichen, ohne zu bemerken oder 
bemerken zu wollen, dass dort schon vor ihm ein anderer festen Fuss gefasst hat. 

In seiner Polemik gegen Freud lassen sich zwei Hauptrichtungen unter- 
scheiden. Die eine ist schon -aus Jnng's letzter Arbeit „Wandlungen und Symbole 
der Libido" bekannt und wendet sich gegen Freud's Auffassung der Sexualität. 
Nur gebt er hier mehr ins Detail und zerpflückt insbesondere den Begriff der poly- 
morphen Nervosität des Säuglings. Dem Ödipuskomplex wird die zentrale Bedeutung 
abgesprochen und überdies bezeichnet Jung diesen Terminus als „so unpassend wie 
möglich" (S. 368). Dem jüngsten Lieblingskinde Freuds, dem Narzissmus, widmet 
er überhaupt kein Wort der Beachtung. 

Die andere Seite seiner Kritik kleidet sich in eine Darstellung der historischen 
Entwicklung von Freud's Neurosenlehve. Auf die Traumatheorie, die Jung bizarrer- 
weise als eine reine Dispositionstbeoric auffasst, die den Einfluss des Milieus gar 
nicht berücksichtige, sei eine gewissermassen „historische* Auffassung der Neurose 
gefolgt, welche die Ursache einer Neurose direkt aus den Einflüssen des infantilen 
Milieus ableiten möchte. Diese Darstellung von Freud's Entwicklung ist sicher 
lückenhaft und unrichtig. Sie übersieht vollkommen, welche ausserordentliche Be- 
deutung für Freud, und zwar je länger je mehr, die sexuelle Konstitution hat. 
Dieses Übersehen ist um so auffallender, als manche der von Jung so sehr ge- 
schmähten aussenstehenden Kritiker — wie z. B. Isserlin — die Wichtigkeit dieses 
Punktes sehr wohl erkannt haben. Jung hat aber gute .Gründe für sein Vorgehen. 
Er hält es nämlich für angezeigt, die Differenzen, die zwischen ihm und Freud in 
der Auffassung der Sexualität bestehen, zu bagatellisieren und es so darzustellen, 
als handle es sich nur um eine kritische Säuberung der Terminologie. Freud, „der 
nichts weniger sei als ein Theoretiker' (wenn diese Bemerkung freundschaftlich 
gemeint ist, so erinnnert sie an die Fabel vom Bären und dem Einsiedler), habe eben 
einige theoretische Ungeschicklichkeiten begangen und Jung müsse da helfend ein- 
greifen. Ein näheres Eingehen auf die Rolle der sexuellen Konstitution hafte da 
freilich zu sehr in die Tiefe geführt. Jung's Kritik der historischen Auffassung ist 
sehr treffend. Sie geht der Hauptsache nach dahin, dass der Patient die Neigung 
habe, seine Krankheit auf wirkliche oder phantasierte Erlebnisse der Jugendzeit 
zurückzuführen, und dass die historische Neurosentheorie da dem Patienten kritiklos 
folge. Nur vergisst Jung dabei ganz, daran zu erinnern, dass dieser Gedanke lange 
vor ihm eine der Hauptstützen der Kritik bildete, die Alfred Adler gegen die 
Freud'sche Neurosenlehre gerichtet hat 1 ). 

*j Zwei kleine Zitate mögen diesen „Parallelismus" der Auffassungen be- 
leuchten. Jung, S. 411: „Wenn ein Psychoanalytiker auf dieses Rezept kommt, 
so ist es darum, weil er den Irrtum des Patienten mitmacht, welcher glaubt, seine 
Sexualphantasien kämen von aufgestauter („verdrängter") Sexualität." Da mir die 
Schriften Adler's gegenwärtig nicht zur Hand sind, so wähle ich zur Charakteri- 
sierung seines Standpunktes eine Stelle aus meiner im Frühjahr 1912 erschienenen 
„Psychoanalyse und Ethik* (S. 31): „Zunächst wäre da zu entscheiden, ob man mit 
Freud und seinen engeren Anhängern das, was die Analyse an sexuellen Vor- 
stellungen der Neurotiker zutage fördert, als reale Äusserungen der Sexualität auf. 
zufassen und sich von diesem Punkte ans auch seine Vorstellungen über die normale 
Psyche zu bilden hat, oder ob man nach dem Vorgänge Alfred Adler's die Analyse 
hier fortzusetzen und diese Vorstellungen der Patienten als neurotische Illusionen zu 
entlarven hat.* 



OB Referate und Kritiken. 

Eine sehr wichtige Rollrt spielen bei Jung die Kreud'schen Begriffe der 
Übertragung und der Regression, aber auch sie erfahren eine tiefgreifende 
Umwandlung. Die Übertragung wird ihres sexuellen Charakters entkleidet, 
und der Begriff der Regression erfuhrt bei ihm oino vülligo Umkehrung. Ea 
handelt sich bei ihm nicht mehr wie früher um ein reales Rücknuten der 
Libido in frühere Stadien ihrer Entwicklung, obwohl Jung bisher immer ein Ver- 
fechter dieser Anschauung war, im Gegenteil, jetzt scheint ihm gerade die Regression, 
wie er sie versteht, am meisten gegen die ätiologische Bedeutung der Kindheitserleb- 
nisse zu sprechen. Denn in den allermeisten Fällen erweisen sich die Erinnerungen, 
auf die sich der Patient beruft, als phantastisch verändert oder gar als reine Phan- 
tasien, so das8 alles vom Patienten „inszeniert" sei (S. 393). Häufig sehe es so 
aus, als ob der Kranke seine Vorgeschichte recht eigentlich dazu benutze, um zu 
beweisen, dass er nicht vernünftig handeln könne (S. 395). Die Regression habe 
also eine vorwiegend formale Bedeutung, das Dynamische der Neurose könne 
durch sie nicht erklärt weiden. Auch in diesem Teil der neuen Juug'scheti Gedanken- 
welt wird sich derjenige leicht einleben, der die Schriften Alfred Adlor's kennt. 
Wie Jung den Terminus Libido beibehält, den Begriff aber systematisch allen 
Inhaltes beraubt, das hat man schon in seiner letzten Arbeit gesehen. leb habe 
in meiner Besprochung derselben 1 ) ausführlich davon gehandelt und habe nach dem 
Studium seiner jüngsteu Ausführungen von meiner durchaus ablehnenden Kritik nichts 
zurückzunehmen. Gerade ein Vergleich der beiden Abhandlungen zeigt besonders 
deutlich die Unsicherheit und Unklarheit .lung's. Vor dem liinübergleiten in die 
Metaphysik, welches man in den »Wandlungen und Symbolen der Libido" bemerken 
konnte, ist ihm jetzt bange geworden, er sucht seine Ausführungen eikenntnis- 
theoretisch zu verbrämen und sucht Anlehnung an die Theorie der Physik einerseits, 
an die Lehre vom Vitalistum andererseits, und die Inhaltslosigkeit des Begriffs soll 
gerade seine Stärke darstollon. „Ich zerstöre daher die Illusion, die geanmte psycho- 
analytische Schule hätte einen wohlverstandenen und anschaulichen Libidobegriff, 
und sage, dass die Libido, mit der wir operieren, nicht nur nicht konkret oder be- 
kannt sei, sondern geradezu ein x ist, eine reine Hypothese, ein Bild oder ein Rechen- 
pfennig, ebensowenig konkret fassbar wie die Energie der physikalischen Vorstellungs- 
welt* (S. 342). Schon die Häufung der Prädikate zeigt die vollständige Verworren- 
heit. Entweder ein x oder ein Bild oder ein Rechenpfennig, das mochte noch an- 
sehen; aber alles zugleich! Das Mildeste, was man sagen müsste, wäre, dass für 
Jung kein Anlnss vorläge, seinen früheren schlichten Ausdruck .psychische Energie* 
mit dem pompösen Namen „Libido* zu vertauschen. Sollte er aber allen Ernstes 
glauben, dass der Energiehegrilf in der Psychologie dieselbe Rolle spielen könnte 
wie in der Physik? In der Physik kann man messen und rechnen und gerade als 
Hilfsmittel der Rechnung bewährt der physikalische Energiebegriff seine wissen- 
schaftliche Brauchbarkeit. In der Psychologie tritt an Stelle dessen ein durchaus 
willkürliches und spielerisches Abschätzen und Herumschieben von Libidobetrügen, 
die an einer Stelle entzogen und an einer anderen hinzugefügt werden, und dieses 
Kokettieren mit der Energetik kauD im allerbesten Falle dazu führen, psychologische 
Erkenntnisse, die auf ganz anderem Wege gewonnen sind, mit dem trügerischen 
Schein der Exaktheit zu umkleiden. Dazu kommt noch, dass die physikalische 
Energetik auf dem Prinzip von der Erhaltung der Energie beruht. Nun hat ja 
allererdings Freud versucht, auch diesen Gedanken in die Psychologie zu über- 

M Wandlungen in der Freud'schen Schule, Zentralblatt für Psychoanalyse, 
Band III. Heft IV. 



Referate und Kritiken. 89 

tragen (.Gesetz von der Erhaltung der Affekte") und Jung scheint nach derselben 
Richtung zu tendieren. Aber diese Übertragung des Konstanzgesetzes vom Kosmos 
auf den von allen Seiten her bedingten und beschränkten Organismus müaste zu 
ungeheuerlichen Schlussfolgerangen führen, wenn man, statt mit ihr zu tändeln, wirk- 
lich Ernst machte. 

Aber Jung gibt uns noch bessere Proben von der Klarheit seines philo- 
sophischen Denkens. „Es kann uns nicht stören, wenn man uns Vitalismus vor- 
wirft. Wir sind von dem Glauben an eine spezifische Lebenskraft ebensoweit ent- 
fernt, wie von anderer Metaphysik. Libido soll der Name sein für die Energie, die 
sich im Lebensprozess manifestiert und die subjektiv als Streben und Begehren 
wahrgenommen wird" (S. 342). In dem einen Satze also lehnt er die Metaphysik 
ab, um im folgenden selbst Metaphysiker zu werden. Denn wie anders könnte 
man das Problem Leib und Seele positiv lösen, sei es im Sinne eines realen Dualis- 
mus, «ei es, wie Jung es tut, im Sinne eines realen Monismus, als indem man 
Metaphysik treibt. Jetzt ist es natürlich vollends klar, dass in der Psychologie für 
die Jungsche Libido kein Platz ist. Denn diese Energie, die gemeinsam hinter dem 
Physiologischen und dem Psychischen steht, welche einerseits die Millionen Eier 
und Samen aus einem kleinen Geschöpf heraus erzeugt und andererseits das Kunst- 
werk des Dichters schafft und die Denkarbeit des Philosophen leistet, kann selbst 
weder etwas Psychisches noch etwas Physisches sein, sie stellt das .Ding an sich* 
des menschlichen Organismus dar und hat keinen Platz in einer Erfahrungswissen- 
schaft Es ist unter solchen Umständen kein Wunder, wenn Jung bei der An- 
wendung seines Libidobegriffs zu den abenteuerlichsten Inkonsequenzen kommt. 
Dieser Libido, in der sich doch das Wesen des Menschen erschöpft, tritt nämlich 
trotzdem das Individuum selbständig gegenüber. Es wendet sie an (S. 351), es 
erlaubt sich, seine Libido vor notwendigen Aufgaben zurückweichen zu lassen«, ja es 
kann ihr sogar, wenn auch „nur in ganz beschränktem Masse" „bewusst Aufgaben 
stellen". An anderen Stellen gibt Jung ausführliche psychologische Erörterungen 
über die sozialen Anlagen des Menschen, über die Kingeborenheit des moralischen 
Imperativs, ohne überhaupt auf den Begriff der Libido zu rekurrieren, und bewe.st 
so selbst dessen Entbehrlichkeit. Hiermit glaube ich, kann man vom Begriff der 
Libido endgültig Abschied nehmen. 

Bei weitem bedeutsamer ist seine neue Auffassung der Neurose, die er an 
Stelle der „historischen« Auffassung Freud"s setzt. Mit grosser Energie rückt er 
den aktuellen Anlass der Neurose in den Vordergrund. „Hauptsächlich in der 
Gegenwart liegt der pathogne Konflikt" (S. 382). Wolle man die Neurose ver- 
stehen, so müsse man zunächst fragen: „welche Aufgabe will der Patient nicht er- 
füllen, welcher Schwierigkeit des Lebens sucht er auszuwe.cben?" (S. 397). Vor 
einem Hindernis zurückweichend, flüchtet er sich in die Regression, das he.sst, er 
ersetzt die durch die realen Verhältnisse geforderte Anpassung durch einen An- 
passungsmodus des kindlichen Geistes" (S. 386). Der Patient bezahlt aber diese 
Erleichterung, die er durch Anwendung dieser „Infantil-Attitüde" erzielt, damit, dass 
er lebensunfähig wird. Die Aufgabe der Kur besteht nun dann, dass der Patient 
aus der Regression herausgeführt wird, Ihr wichtigstes Moment ist die Auffindung 
eines neuen Lebensplanes (S. 396). Wenn man hier von der Beibehaltung des einen 
Freud'schen Ausdrucks „Regression" absieht, so findet man hier eine bis zur wört- 
lichen Beibehaltung einzelner fundamentaler Wendungen gehende Wiedergabe eines 
Stücks der Neurosentheorie Ad ler's, dessen Geist einem ja überhaupt in der ganzen 
Arbeit immer wieder entgegentritt; ein Gegenspiel zu Banquo, für alle sichtbar, 
nur scheinbar für Jung nicht. 



90 Referate und Kritiken. 

Durch diese Hervorhebung des aktuellen Konflikts ist freilich das Rätsel der 
Neurose nicht gelöst, sondorn eigentlich eist von neuem aufgegeben. Denn woher 
kommt es, dass der eine sich vor einer Schwierigkeit in die Krankheit flüchtet, 
wahrend der andere kämpft oder resigniert, aber gesund bleibt? Eine ernstliche 
Verfolgung dieser Krage führt darauf, dass die beiden Lebenswoge sich schon lange 
vor dem Ausbruch der Krankheitssymptome geschieden haben müssen und dass 
somit das Studium der neurotischen Disposition der wichtigste Teil der 
Neurosenlehre ist. Hier freilieb erfahren wir von Jung nur dürftige Allgemein- 
heiten. Er spricht zunächst von einer angeborenen hochgradigen Empfindlichkeit. 
Er will aber diese nicht als einen eo ipso krankhaften Bestandteil eines Charakters 
ansehen, weil man sonst »wahrscheinlich etwa ein Viertel der Menschheit" als 
pathologisch betrachten müsste. Und so sieht er das Entscheidende in der Wechsel- 
wirkung zwischen dieser angeborenen Empfindlichkeit und den Ereignissen des 
Lebens; eine gewisse angeborene Empfindsamkeit führe nämlich zu einer besonderen 
Vorgeschichte, das heisst, zu einem besonderen Erleben der infantilen Ereignisse. 
Dabei verwickelt sich Jung allerdings in Widersprüche. In der Vorgeschichte ein- 
zelner Neurosen nimmt er wohl Ereignisse von unzweifelhafter traumatischer Wir- 
kungsmöglichkeiten an, in den meisten Fällen aber überwiege der Regressions- 
mechanismus, das heisst, das Individuum verleihe Erlebnissen der Kindheit erst post 
festum traumatische Bedeutung. In diesen Fällen bleibt dann die vage angeborene 
Empfindlichkeit doch das einzige Positive, was. uns Jung über die Vorgeschichte 
der Neurose zu sagen hat. Es wäre Jung nicht schwer gefallen, an dieser Stelle 
gründlicher und ausführlicher zu sein. Gerade der Vorgeschichte der Neurose hat 
ja Alfred Adler seine besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Er ist nicht bei 
dem bequemen Auskunftsmittel der angeborenen Empfindlichkeit stehen geblieben, 
sondern er gibt uns die organische und psychische Geschichte dieser Überempfind- 
lichkeit, er zeigt uns im einzelnen, wie sie das weitere Erleben beeinflusst, wie sich 
au3 ihr die „zögernde Attitüde", von der auch Jung spricht, entwickelt und so 
weiter. Wir stehen hier vor einer äusserst, interessanten psychologischen Tatsache. 
Wer einem Autor in weitestgehendem Masse folgt, ohne ihn zu nennen, beweist 
dadurch gewiss seine Fähigkeit, sich über mancherlei Bodenken hinwegzusetzen; 
zuletzt aber stösst er doch auf Schranken, über die er nicht mehr hinweg kann. Wir 
werden daher, von allen persönlichen Momenten streng Bbsehend, eine derartige 
Arbeitsweise vom Standpunkt wissenschaftlicher Zweckmässigkeit aus entschieden 
ablehnen müssen, weil sie notwendigerweise zu Halbheiten und Unklarheiten führt. 
Lückenhaft bleibt Jung auch, wo er an die teleologische Bedeutung dor Neurose 
und des Traums erinnert, weil ihm der eigentliche Sinn ihrer Zielstrebigkeit, der 
Drang zur Annäherung an ein vorschwebendes Persönlichkeitsideal, fehlt. 

Jung liebt übrigens die Anonymität der andern nicht nur dort, wo er lernt, 
sondern auch dort, wo er polemisiert. Die Arbeit wimmelt von Angriffen auf die 
Schüler Freud's; Angriffe, die sich gegen ihre Theorie, gegen ihre Technik, gegen 
ihre therapeutischen Erfolge, ja gegen ihren Charakter (S. 410, S. 415) richten, ohne 
dass je ein Name genannt wird („excmpla sunt odiosa", meint Jung). Wir zweifeln 
stark, dass es Jung auf diese Weise wirklich gelingen wird, seinen Frieden mit 
der Wissenschaft zu machen. Das menschliche Streben, das wir als Wissenschaft 
werten und verehren, ist schon in Äusserlichkeiten völlig verschieden von den 
Methoden, die Jung in dieser Arbeit angewendet hat. Dr. Carl Furtmüller. 



Referate und Kritiken. 91 

KarpaB, M. J. — Die Prinzipien der Freud'schen Psychologie. N. Y. 
Medical Journal. Juni 14, 1913. 

Der Verfasser betont zuerst die Bedeutung der Ernährung und Fortpflanzung 
für das Individuum und die Rasee. Alsdann erklärt er die Verdrängung und erläutert 
sehr verständlich vier verschiedene Arten der Kompensation für verdrängte Wünsche : 
Reaktion in das Gegenteil, Übertragung, Halluz ; nationen und Wahnvorstellungen, 
Träume und Tagträume. Darauf folgt eine kurze und bestimmte Darlegung der psycho- 
analytischen Traumlehre und des Mechanismus der Traum-Entstehung. Daran 
schliessen sich verschiedene interessante Träume und ihre Bedeutung. Zum Schluss 
gibt uns der Verfasser einen kurzen Auszug der Fr end 'sehen Sexualtheorie 
mit besonderer Betonung der Sublimierung. 

Leider enthält Dr. Karpas Essay neben stilistischen Unklarheiten auch einige 
falsche Angaben, die den Wert der Studie für die Allgemeinheit und besonders für 
den Praktiker herabsetzen. Die Angabe (p. 1234), das« .die Sexualität des Kindes 
polymorph pervers ist, dass sie aus vier Grundtrieben besteht, nämlich dem hetero- 
sexuellem, dem homosexuellen, dem masochistischen und dem sadistischen Triebe", 
ist inkorrekt weil die Tatsache nicht erwähnt wird, dass ein Kind auch ebenso zu 
Auto-Erotismus, Exhibitionismus, Voyeurtum und anderen Perversionen neigt. 
Auch glanbe ich nicht, dass man von einer .Inversion" des masochistischen und 
sadistischen Triebes sprechen kann, ebensowenig kann ich den Verfasser verstehen, 
wenn er sagt (p. 1234), »dass die Richtlinien der psychischen Energie in ein nicht 
sexuelles Ziel münden, welche ihren bestimmten sozialen Wert erhöhten*. Die Be- 
hauptung, dass „die Sublimierung der homosexuellen Komponente durch Ekel und 
Sittlichkeit charakterisiert wird*, ist ebenso ungenau wie die Angabe, dass „sadistische 
Komponenten in Ekel sublimiert wurden." S. A. Tannenbaum. 

M. Mortrie, Donglas C. .Grundzüge der Homosexualität und sexuelle 
Inversion in das Weibliche". — The American Journal of Urology. Mar. 1913. — 

Eine glänzend geschriebene allgemeine Kritik des Themas in seinen wichtigsten 
Beziehungen und Ausblicken. 

Der Verfasser behauptet, dass infolge der modernen Zustände Inversion bei 
Frauen mindestens ebenso häufig wäre wie die bei Männern. Es ist bedauerlich, dass 
Mr. M'Murtrie von Freud und seiner Schule keine Ahnung hat. An einer Stelle 
sagt er (p. 146.): .Viele Personen haben homosexuelle Empfindungen oder Neigungen« - 
er führt Moll an und verwirft die Theorie, dass die Neigung zur Homosexualität 
erworben wird. Vom Mechanismus und der Entwicklung der Homosexualiät weiss 
er nun folgendes (nach Moll); „In einer Zeit sexueller Erregung des Individuums 
muss es durch eine Person desselben Geschlechtes stark beeinflnsst worden sein." 

Mr. M. Murtrie hebt folgende charakteristische Kennzeichen weiblicher Inver- 
sionen hervor, die er für allgemein verbreitet hält: ihre Unruhe und die Unfähigkeit bei 
einer und derselben Beschäftigung und in derselben Umgebung zu bleiben. Erworbene 
homosexuelle Neigungen sind nach Ansicht des Verfassers nicht als wirkliche In- 
version zu betrachten und er macht die gesellschaftlichen Verhältnisse (society) dafür 
verantwortlich. Die Behauptung des Verfassers, dass die wirklich invertierte Frau 
unfruchtbar sei, ist nicht bewiesen. Sehr interessant sind die Bemerkungen über die 
komparative Sexualität eines .Lesbischen Paares*. Eine weibliche Invertierte, die in 
einer Verbindung die männliche Rolle spielt, kann in einer anderen den weiblichen 
Teil abgeben, je nach der relativen Sexualität beider Beteiligten, auch können äussere 
zufällige Ursachen eine Konversion im Verhältnis zwischen zwei Frauen herbeiführen, 
so dass der männliche Teil zum weiblichen wird. S. A. Tannenbaum. 



92 Referate und Kritiken. 

Prof. Dr. Tli. Kirchhoff: Geschichte der Psychiatrie, von Dil?« Dr. A. Gross: 

Allgemeine Therapie der Psychosen. Aus dem Aschaf f enb urg'schen 

Handbuch. Leipzig und Wien, Franz Deuticke 1912. 

Kirchhoff, der längst bekannte Historiker der Psychiatrie, gibt in dem vor- 
liegenden Buche eine Geschichte der Psychiatrie, die aber leider nur 48 Seiten um- 
fasst. So interessant auch die Schrift ist, besonders die Behandlung des Altertums 
und der Entwicklung der Irrenanstalten, so wird beim Lesen doch immer wieder der 
Wunsch rege, von dem vielbelesenen Autor eiu grösseres Werk zu besitzen, dem 
auch Illustrationen und Quellenzitate nicht fehlen dürften. 

Im 2. Teil des vorliegenden Baches gibt Gross, der Direktor der Anstalt 
Rufach im Elsass, ein Werk, das sich ebensosehr auszeichnet durch den weiten Blick 
über das Ganze wie durch das sorgfaltige Eingehen auf die anscheinenden Kleinig- 
keiten eines Anstaltsbetriebes. Wenn es auch nicht im Plan des Bucbes liegt, viel 
Neues zu bringen, so findet sich darin doch manche Anregung, für die man dem 
Autor zu Dank verpflichtet ist. So tritt er z. B. entgegen der immer wiederholten 
Forderung der .zellenlosen Behandlung," für die Anwendung der „Separierung* in 
gewissen Fällen ein, sicher mit Recht. Bedauern muss man, dassG rossdem kolonialen 
Anstaltstypus (Alt - Scherbitzer Typus) aus finanziellen Rücksichten das Grablied singen 
zu müssen glaubt. Die Psychoanalyse kommt, leider in dem Werke schlecht weg: 
sie wird nur kurz erwähnt und unter Berufung auf Anton, v. Strümpell und 
Aschaffenburg ad acta gelegt. Glücklicherweise bringt der Bleu ler'sche Band 
des Handbuches in diesem Sinne eine Ergänzung zu dem Thema der allgemeinen 
Thempie der Psychosen. Dr. Rorscliach. 

Prof. Dr. J, Wagner v. Jaurcgg : Myxödem und Kretinismus. Aus dem 
Aschaffenburg'scben Handbuch. Leipzig u. Wien, Franz Deuticke 1912. 

Eine 90 Seiten umfassende, infolge des lebhaften speziellen Interesses, das der 
Autor seinem Thema entgegenbringt, Behr anziehend geschriebene Arbeit. Das Myx- 
ödem der Erwachsenen, das operative Myxödem, der endemische und der sporadische 
Kretinismus finden darin eine vortreffliche Darstellung. Am interessantesten Bind 
natürlich die Ausführungen über den endemischen Kretinismus. Möglicherweise, nimmt 
Wagner v. Jauregg an, handelt es sich beim endemischen Kretinismus nicht nur 
um quantitative, sondern auch um qualitative Änderung der Funktion der Schilddrüse. 
Diese Annahme würde die Erscheinungen des unvollständigen Parallelismus zwischen 
den verschiedenen Symptomgruppen am ehesten erklären. Eine eingehende Be- 
sprechung finden auch die Myxödempsychosen. Dr. Rorscliach. 

N. E". üssipow: Gedanken und Bedenken über einen Fall von degenera- 
tiver Psychopathie. Psychotherapie (russisch) III. Jahrg. lieft 4/5 und 6. 1912. 

Gestützt auf die Schriften Ricker ta über das naturwissenschaftliche und das 
historische Denken, untersucht der Autor an Hand eines Falles von degenerativer 
Psychopathie Aufgaben und Methoden der praktischen Psychiatrie; er kommt zum 
Schlüsse, dass die praktische Psychiatrie auf Grnnd der Ricke rt 'sehen Ausführungen 
nicht zu den (generalisierenden) naturwissenschaftlichen, sondern zu den (indivi- 
dnalisierenden) Kulturwissenschaften gerechnet werden müsse. Interessant sind haupt- 
sächlich manche Bemerkungen über die als Exempel dienende Patientin : ein schwer 
belastetes, aber sehr intelligentes Mädchen, das an intensiven Zwangsvorstellungen 
leidet. Einer eigentlichen Psychoanalyse setzte die Kranke heftigen Widerstand ent- 
gegen. Schliesslich brachte eine Behandlung nach Dubois weitgehende Besserung 



Referate und Kritiken. •» 

Man hat beim Lesen allerdings den Eindruck, als ob durch die — wenn auch noch so rudi- 
mentäre — Psychoanalyse der Boden für die weitere Behandlung wesentlich gelockert 
worden sei. Dr. Rorschach. 

M. M. Assatiani: Der psychische Mechanismus der Symptome in einem 
Fall von hysterischer Psychose. Psychotherapie (russisch) III. Jahrg. H. 3. 

1912. 

Eine 21jährige, erblich schwer belastete Frau verfällt nach dem Tode ihres 
3 jährigen, leidenschaftlich geliebten Sohnes in eine eigentümliche Psychose: In einer 
Reihe von hysterischen Anfällen und Dämmerzuständen erlebt sie die Geburt des Kindes 
wieder und erlebt nach und nach das erste, zweite und dritte Jahr ihres Kindes von 
neuem bis dicht zu dem Zeitpunkt seiner Erkrankung. Aber auch zwischen den Anfällen 
(die Amnesie hinterlassen) besteht eine komplette Verdrängung aller Erinnerungen 
und Affekte, die mit der Krankheit und dem Tode des Kindes zusammenhängen. Dabei 
ist die Orientierung in der Gegenwart für alles übrige erhalten. Allerdings anerkennt 
die Patientin diese Gegenwart nicht: sie sieht und bestätigt, dass es Winter ist und 
Bchneit, aber sie behauptet trotzdem, es sei Sommer, die Sonne scheine und der Himmel 
sei blau und im Garten spiele ihr Sohn. Von körperlichen Symptomen bestanden 
Hemianästhesie, Astasie— Abasie uud eine kurzandauernde Parese des linken Arms. 
Da die Kranke nach kurzer Zeit der Anstaltsbebandlung entzogen wurde, kann der 
Autor lefder eine eingehende Analyse nicht geben. Dr. Rorschach. 

L. .T. Bjeloborodow: Psychoanalyse eines Falles von Hysterie. Psycho- 
therapie (russisch) III. Jahrg. Heft 2 u. 6. 1912. 

Der Autor gibt die Darstellung der analytischen Behandlung und Heilung eines 
klassischen Falles von Hysterie mit Anfällen, die bereits das neunte Jahr angedauert 
hatten. Der Fall ist sehr gut, wenn auch nicht in alle Tiefen hinein, durchleuchtet 
und hat ausserdem ein wesentliches didaktisches Interesse dadurch, dass der Autor 
eich mit Erfolg bemüht, den Gang der Analyse möglichst klar zu veranschaulichen. 
Ein interessantes Detail der Anfälle sei hier genannt : Jeder Anfall schloss damit, 
dass die Patientin den Ehering von der Hand riss und ihn wegwarf; daran schloss 
sich regelmässig Beruhigung und Abklingen des Anfalls. Dr. Rorschach. 

N. N. Schreider: Psychotherapeutische Beobachtungen. Psychotherapia 
(russisch) 111. Jahrg. Heft 6. 1912. 

Bemerkungen über die Indikationen verschiedener psychotherapeutischerMethoden. 
Die Hypnose wendet der Autor an: 1. wo ein Einblick ill das Werden der Psychose 
auch ohne Psychoanalyse möglich ist. 2. bei intellektuell wenig entwickelten Patienten, 
3. zum Zweck schnellerer Erleichterung bei schweren Zuständen und 4. wenn die Psycho- 
analyse trotz Aufdeckung der Mechanismen keine greifbaren therapeutischen Resultate 
liefert. Dr - Rorschach. 

W.N.Lichnitzky: Die Grundlagen der gegenwärtigen rationalistischen 
Psychotherapie. Psychotherapia (russisch) III. Jahrg. 1. u. 2. Heft. 1912. 
Der Autor gibt eine klar zusammenfassende Darlegung der psychotherapeutischen 
Lehren von Dubois, Dejerine, Ottomar Rosenbach uud Marcinowsky. 

Dr. Rorschach. 

J. Kannabich: Die Hystero-Cyklothymie und einige Worte über den 
Selbstmord. Psychotherapia (russisch) III. Jahrg. Heft 1. 1912. 



94 Referate und Kritiken. 

Eine Warnung davor, alle Äusserungen von Selbstmordgedanken bei Hysterischen 
ohne weiteres für harmlos anzusehen. Unter AnfilhruDg zweier Fälle rät der Autor 
dringend, bei anscheinend einfach Hysterischen, die Selbstmordneigung zeigen, die 
Anamnese genau nach cyklothymischen Erscheinungen zu durchsuchen. Nach seinen 
Erfahrungen ist die Kombination von Hysterie mit Cyklothymie nicht so selten. Mehr 
oder weniger regelmässiges Eintreten von depressiven Phasen bei anscheinend ein- 
fachen Hysterien ist immer verdächtig und die Selbstmordgedanken Bolcher Patienten 
sollen mit ernster Vorsicht behandelt werden. Dr. Rorschach. 

N.A. Wyrubow: Über die Cyklothymie und ihre Kombinationen. Psycho- 
therapia (russisch) III. Jahrg. 2. Heft. 1912. 

Anschliessend an die vorgenannte Arbeit seines Mitarbeiters Kannabic h gibt 
Wyrubow zur Begründung der Annahme von der toxischen Natur der cyklothymen 
Prozesse zunächBt einen Überblick über die bisher bei solchen Patienten beobachteten 
Stoff Wechselstörungen. Kombiniert erscheint die Cyklothymie verhältnismässig häufig 
mit Hysterie und Psychasthenie, dann kommt auch die Vergesellschaftung mit Paranoia 
vor. Dagegen hat Wyrubow Kombinationen mit Epilepsie, Dementia praecox und 
progressiver Paralyse nicht beobachtet; er nimmt an, dass die toxisch bedingte Cyklo- 
thymie in einem gewissen Antagonismus zu anderen toxisch bedingten Affektionen 
stehe. Kombinationen der Cyklothymie mit anderen Geistesstörungen haben nicht nur 
differential- diagnostisches Interesse, sondern ihre- Erkennung muss auch der Therapie, 
speziell der Psychotherapie, gewisse Richtungen weisen. Dr. Rorschach. 

31. M. Assatiani: Der Begriff der .bedingten Reflexe" in seiner An- 
wendung auf die Symptome der Peychoneurosen. Aus den Verhand- 
lungen des psychiatrischen Zirkels .kleine Freitage'. Psychotherapia (russisch) 
IV. Jahrgang. H. 4. 1913. 

Der Autor vertritt die Annahme, dass viele psychoneurotische Symptome sich 
nach dein Schema der — besonders durch Pawlow untersuchten — bedingten Re- 
flexe entstanden denken lassen, und dass diese Erklärungsart einfacher wäre, als die 
durch die komplizierte Freud 'sehe Analyse. Einige Beispiele: Eine Patientin war 
unter dem Einfluss schwerer Erlebnisse eines Morgens mit starkem Herzklopfen er- 
wacht; dasselbe Herzklopfen trat in der Folge jeden Morgen beim Erwachen ein, 
obschon sich die äusseren Verhältnisse der Patientin längst wieder geordnet hatten. 
Ein Mädchen liest am Meeresstrand einen Brief mit schlimmen Nachrichten. Seither 
leidet sie an Platzangst, vor allem an einer lebhaften Angst vor dem Meer. Da der 
Autor zur Stütze seiner Ansicht eine grössere Publikation in Aussicht stellt, erlaubt 
es sich noch nicht, auf die Annahmen Assatianis kritisch einzugehen. 

Dr. Rorschach. 

I. A. Birstein: Ein Traum W. M. Garschins. (Psychoneurologische Studie zur 
Frage des Selbstmordes.) Psychotherapia (russisch) IV. Jahrg. H. 4. 1913. 

Ein Traum des bekannten russischen Schriftstellers G ar sc hin wird unter Zu- 
grundelegung Ad ler 'scher Mechanismen analysiert. Interessante Brückeu führen 
zu dem Selbstmord des Schriftstellers, der an einer schweren Neurose gelitten und 
durch Sturz durch ein Treppenhaus seinem Leben ein Ende gesetzt hat. 

Dr. Rorschach. 



Referate uud Kritiken. 95 

N.E. Ossipow: Die „Memoiren eines Wahnsinnigen* , ein unvollendetes 
Werk L. N. Tolstois. (Zur Frage des Angstaffektes.) Psychotherapia (russisch) 
IV. Jahrg. H. 3. 1918. 

Der Autor weist auf die auffallende Übereinstimmung hin, die sich zwischen 
gewissen Grundmomenteu der Freu d 'sehen Lehren und der Tolstoi'schen Darstellung 
der Entwicklung einer Psychoneurose aufdecken lässt. 

Der Patient Tolstoi's leidet als Kind an Angstzuständen (hysterischen Anfällen). 
In der späteren Kindheit erlaubt die Masturbation, und im Beginn des Mannesalters 
der Geschlechtsverkehr einen Abfluss der Emotionen, und der Pat. bleibt gesund bis 
zu seinem 35. Jahre. Da brechen plötzlich wieder Angstanfälle hervor, wie Ossipow 
annimmt, weil der Patient sich in seiner Ehe unbefriedigt fühlt und doch seiner Frau 
die eheliche Treue halten will. 

Das Fragment Tolstoi's bricht mit einer interessanten Wendung ab; der 
Patient verfällt in eine hysterische Wunschpsychose, in der die Angst untergeht und 
der Patient sich selber geheilt erscheint. 

Ossipow schliesst seine Darlegungen mit einer Besprechung der verschiedenen 
Lehren über den Angstaffekt. Er spricht sich für die sexuelle Ätiologie der Angst 
aus, .wenn auch nicht in dem Sinne, dass die eine Emotion in die andere übergebt 
so doch in dem Sinne, dass die eine Emotion eine Kompensation in den Erscheinungen 
der anderen hervorrufen kann.' 1 Dr. H. Rorschach. 

Marthe de Maday-Hentzelt : Re"flexions sur L'Amour Maternel. Pro- 
blemes et Mäthodes. Jn Archives de Psj'chologie XII. Nr. 48 Genf. 

Die Auffassung der „ Finalisten", nach der die Mutterliebe ein einheitlicher 
Instinkt ist, der der Arterhaltung dient, wird bekämpft. Die Mutterliebe ist nicht 
ein einheitlicher Instinkt mit einem bestimmten Zwecke, sondern entsteht 
erst aus dem Zusammenwirken der verschiedenen Impulse und Tendenzen, die selbst 
aus verschiedenen Quellen stammen, aber alle kausal erklärt werden können. Es 
werden also die einzelnen Handlungen, die man als Ausdrucksformen der Mutter- 
liebe auffasste, einzeln zu erklären versucht. Unter anderem wird behauptet, diis 
Bebrüten der Eier entstehe aus einem Bedürfnisse nach Wärme bei dem fiebernden, 
eierlegenden Weibchen, das im warmen Neste und durch die angenehme Wärme, die 
das Ei ausstrahlt, befriedigt wird. Au9 dem engen Zusammenwohnen von Mutter 
und Jungen entsteht nach dem Prinzips der Einfühlung im mütterlichen Tier eine 
Art von Mitfühlen des Hungers etc., das das Tier zwingt, für die Jungen die 
Nahrung zu besorgen und die sonstigen Bedürfnisse der Jungen zu befriedigen. 

Die Beziehung zwischen Eltern und Kindern bei den Menschen sind hingegen 
in erster Linie aus sozialen Ursachen zu begründen, so erklärt sich zum Beispiel die 
ehemals verbreitete Tötung von neugeborenen Töchtern aus der sozialen Unbrauch- 
barkeit der Frauen in gewissen Perioden, ebenso wie umgekehrt der Wunsch nach 
Kindern , die Wertschätzung der Nachkommenschaft etc. aus den ökonomischen 
Weiten, die die Arbeitskraft zahreicher Kinder repräsentieren. Diese Erscheinungen 
resultieren also zum grossen Teile als Funktionen der jeweiligen sozialen und öko- 
nomischen Struktur, während die Mutterliebe als einheitlicher Instinkt mit dem ihm 
innewohnenden Arterhaltungszweck nicht anerkannt wird 

Gaston Rosenstein. 

Prof. Dr. Max Kassowitz: Unbewusste Seelentätigkeit. In der .öster- 
reichischen Rundschau" Band V. Heft 60-61. 

Nach einer kurzen Übersicht über die bisher von den Autoren mitgeteilten 
Ansichten von der „unbewussten Seelentätigkeit" erörtert der Autor zuerst die 



gß Referate und Kritiken. 

Vorfrage nach den physischen Grundlagen der psychischen Vorgänge und bezieht 
sich dabei auf seine ausführliche Schrift. (Schlussband der .Allgemeinen Biologie" 
.Nerven und Seele"), in der er dargelegt hat, dase es sich um Vorgänge handelt, 
die in keiner einzigen Art von Seelentätigkeit fehlen.* Uiese Vorgänge sind eben 
die Reflexaktionen und die kettenförmig aneinandergereihten Reflexe, welche fort und 
fort ablaufen, wenn sich uns auf der subjektiven Seite Bewusstseinserscheinungen dar- 
bieten. Diese gar nicht hypothetischen, sondern ganz sicher existierenden und der 
messenden Beobachtung zugängliche Reflexvorgänge sind aber genau definierbare 
physiologische Prozesse in den Nerven und Muskeln: .Diese Prozesse tragen an sich 
nichts Psychisches, aber sie können von Bewusstseiuserscheinungen begleitet sein, 
die wir dann als Empfindung, Gefühl etc. bezeichnen." Der darauffolgende Satz scheint 
uns für die Auffassung des Autors der wichtigste zu sein, er enthält auch, zum Teil 
wenigstens, den Kernpunkt des ganzen Problems: .Fehlen diese subjektiven Erschei- 
nungen, dann haben wir es mit Reflexen und Reflexketten ohne Beteiligung des Bewusst- 
seins zu tun; und wenn jemand trotzdem aus irgend einem Grunde dabei beharrt, 
diese physiologisch definierbaren Vorgänge als psychische oder seelische zu bezeichnen, 
so beseitigt er eben die einzige Schranke, durch die man die übrigen Lebensvorgänge 
und selbst die Vorgänge in der leblosen Natur von jenen abtrennen kann, für die 
man die Bezeichnung als psychisch reserviert; und tatsächlich sucht man in den 
früher zitierten Aussprüchen vergeblich nach einer Definition jener Prozesse, die 
zwar ohne Bewusstsein verlaufen, die aber dennoch von den nichtpsychiachen als 
psychische oder Sepienvorgänge unterschieden werden sollen. Mit der Beseitigung 
dieser Schranke ist aber das Feld für das subjektive Ermessen, um nicht zu 
sagen für die persönliche Laune jedes Einzelnen frei geworden und jeder 
kann sich dann unter Seelen Vorgängen denken, was ihm eben zu denken be- 
liebt.* Es werden dann einige Aigumente bekämpft, die für die unbewusste Seelen- 
tätigkeit angeführt wurden, z. B. das Argument Forel's vom .Ausweichen von 
Hindernissen" (wir wandern in Gedanken durch Wald, Berg, Gowässer, ohne zu 
fallen, zu ertrinken etc. indem wir durch unbewusste Schlüsse aus unseren frühereu 
Erfahrungen alle gefährlichen Gegenstände und Bewegungen vermeiden). Kasso- 
witz erwidert unter anderem damit, dass dieselben Bewegungen auch Tiere un- 
mittelbar oder kurz nach ihrer Geburt tun und dass der Mensch seine Bewegungen 
ebenso mechaniach und unbewusst vollführt, wie das frühzeitig freibewegliche Tier. 

Die bewusste Tätigkeit ist nach Kassowitz an die Sprache gebunden. 
Die Lebhaftigkeit, mit der uns die subjektive Seite der Ketteureflexe zum Bewusst- 
sein kommt, ist eine Funktion der Zahl der simultan und sukzessiv aneinander- 
geketteten Reflexe. Wenn unser Bewusstsein eine Unterbrechung erleidet, dann 
bleibt nicht der Gedanke im latenten Zustande zurück, sondern es haben sich die 
Umstände dermaösen verändert, dass die Reflexe und die Ueflexketten während einer 
gewissen Zeit keine subjektive oder psychische Seite besitzen. Sie müssen eben 
einen gewissen Grad von Ausgedehntheit und Kompliziertheit erreichen, um zum 
Bewusstsein zu kommen. Die Bedingungen des .bewusst Seins» hat der Autor in 
seiner ausführlichen Schrift näher behandelt. 

Die im .Unter Bewusstsein" schlummernden Vorstellungen, dunklen Er- 
innerungen, Träume zwischen Wachen und Schlafen, die Bewegungen der Hyp- 
notisierten etc. beruhen auf den Nachwirkungen von materiellen Veränderungen, 
welche von früheren Reflexvornängen zurückgelassen wurden sind. 

Der .psychische Kausalzusammenhang" endlich wird rundweg abgelehnt und 
das Verhältnis von Reflexketten und Bewusstsein an folgendem Gleichnis illustriert: 
.Man denke sich eine Spielzeuglokomotive, die sich iu einem grossen Kreise herum- 
bewegt und sich dabei nacheinander in mehreren Wandspiegeln abbildet. Hier 



Referate und Kritiken. 97 

weiss jedermann, dass die Spiegelbilder der einzelnen Phasen der Bewegung nicht 
voneinander abhängen, sondern sie folgen nur deshalb aufeinander, weil die ein- 
zelnen Phasen des wirklichen Vorgangs aufeinander folgen. Aber die scheinbare 
Kette der in dem Spiegel sichtbaren Bewegungen braucht keine lückenlose zu sein, 
weil die spiegelnden Teile der Wand unterbrochen sein können. So wenig es also 
jemandem einfallen wird zu sagen, die Spiegelung dauere in latentem Zustande auch 
dann fort wenn sich die kleine Maschine an den nicht reflektierenden Teilen der 
Wand vorbeibewegt, so wenig Sinn hat es zu sagen, dass auch bei den unbewusst 
ablaufenden Teilen der Reflexkette das Bewusstsein, wenn auch in latentem Zu- 
stande, fortbesteht." 

Diese interessanten Gedankengänge bedürfen einer ausführlicheren Erörterung, 
als im Anschlüsse an ein Referat möglich ist. Wir begnügen uns daher mit der 
Wiedergabe, ohne dass damit Referent seine Stellungnahme zum Inhnlte der Schrift 
präjudizieren wollte. Gaston Rosenstein. 

Rev: Samuel McComb, D. D. „The New Interpretation of Dreams", 
(The Century lllustrated Monthly Magazine, London, Sept. 1912.) 

Der Autor erfreut sich als Psychologe eines grossen Rufes in den wissen- 
schaftlichen Kreisen Grossbritanniena und der Vereinigten Stnaten von Nordamerika. 
Er hat sich seit Jahren mit Freud 's Anschauungen vertraut gemacht und gibt in 
der obigen Arbeit die Umrisse der Freud'schen Traumdeutung, ohne zu verschweigen, 
dass seiner Überzeugung nach die Wunscherfüllungstheorie in vielen Fällen unhalt- 
bar ist. 

Der Verfasser führt zunächst zwei Träume an, die eine scheinbare Wunsch- 
erfüliung enthalten, wirft aber nach einer kurzen Polemik dio Frage auf: .Hat 
Prof. Freud eines der grossen Welträtsel gelöst?' und fährt foit: .Ein Ultra- 
Freudianer würde sagen „Ja*, aber vorsichtige kritische Prüfung würde die Antwort 
ergeben .Nicht ganz«. Er hebt besonders hervor, dass Angstträumo und Traume, 
die das Gefühl des Gohemmtseins enthalten, mit einer Wunsclierfüllung nicht in 
Einklang gebracht werden könnten. 

Er hat durch Umfrage festgestellt, dass alle Berufe ihre besonderen Nacht- 
mars (nightmares) haben. Als Belege führt er zwei interessante Träume an; der 
erste, von ihm selbst wiederholt geträumt, lautet wie folgt: 

.Es ist Sonntag Morgen; die Kongregation, die grösser als gewöhnlich zu 
sein scheint, füllt die Kirche. Ich bin im Begriff, eine Bibelstelle — sagen wir das 
bekannte 53. Kapitel aus Jesaias — zu verlesen. Die Kongregation wartet, dass 
ich beginnen soll, aber — ach! — sie wartet vergebens, denn trotz aller Anstregung 
kann ich das Kapitel nicht finden. Ich wende die Seiten mit fieberhafter Hast um, 
aber die gewünschte Seite entgeht mir; meine Aufregung und meine Verlegenheit 
nehmen zu, während ich die verzweifeltsten Versuche mache, die Bibelstelle auf- 
zufinden. Endlich scheine ich Erfolg zu haben: ich finde das 52. und das 54. Kapitel. 
Mit einem Seufzer der Erleichterung wende ich die Seite um, sehe aber, dass sie 
— unbedruckt ist. Das ist denn doch zu viel!! Aus der fatalen Situation werde 
ich schliesslich durch mein Erwachen erlöst* 

Der zweite Traum wurde ihm von einem Amtsbruder erzählt: „Er träumte, 
dass er eines Abends in einer sehr grossen Kirche predigte, die von einer unge- 
heuren Menschenmenge dicht gefüllt war. (Es mag nebenher bemerkt werden, dass 
ein Geistlicher niemals träumt, dass er zu einer kleinen Kongregation spricht,) — 
Im vorliegenden Falle füllten die Leute nicht nur die Kirchstühle, sondern snssen 
auch ganz regelwidrig auf dem Fussboden. Das Thema, das mein Freund in seiner 

Zentralblatt fOr Psychoanalyse IV V*. * 



9S Referate und Kritiken. 

Predigt verhandeln wollte, hatte ihm im voraus einige Unruhe verursacht. Als er 
auf die Kanzel gestiegen, öffnete er seine grosse Mappe, fand aber, dass sie mit 
losen Blättern angefüllt war, die ein buntes Allerlei der verschiedensten Themata 
enthielten. Wenn es ihm gelang, von einem Bogen etwas abzulesen, das Logik zu 
haben Bchien, so war er beim nächsten in grosser Verlegenheit, da der Bogen von 
einem ganz anderen Gegenstand handelte. Trotz der grössten Anstrengungen konnte 
er nicht verhindern, dass sein Mischmasch auf die Kongregation einen sehr un- 
günstigen Eindruck machte. Viele verliesson die Kirche, andere gaben deutliche 
Anzeichen ihres Missfallens, während wieder andere ihm laut zuriefen, dass er sie 
mit weiterem verschonen möchte. Das Letztere aber war er ausser stände zu tun: 
er fühlte sich durch eine innere Notwendigkeit gezwungen fortzufahren. Eudlich 
schien er ein Thema gefunden zu haben, das mehr Erlolg versprach; indes im 
selben Augenblick strich ein Luftzug über die unglückseligen Notizen, und sie flogen 
wie Vögel in der Kirche umher, ohne sich wieder einfangen zu lassen. Um den 
Kelch seines Leidens voll zu machen, stand ein Herr aus der Kongregation auf und 
begann eine lange und angeregte Unterhaltung mit dem Geistlichen, der meinen 
Freund unterstützte. Der Träumer ersuchte die beiden Streitsüchtigen vergeblich, 
ihren Dialog einzustellen; sie erhoben ihre Stimme immer mehr, bis schliesslich die 
ganze Gemeinde aufhörte, meinem Freunde zu lauschen, und vorzog zuzuhören, was 
die beiden anderen Redner sich gegenseitig zu sagen hatten. Mein Freund, der 
keinen anderen Ausweg sah. befahl dem Geistlichen stille zu sein; der aber erhob 
sich mit einem sardonischen Lächeln, setzte einen hohen Hut auf, der sich sehr 
komisch im Verein mit seiner Amtskleidung ausnahm, schritt lächelnd an den Kirch- 
stühlen vorbei, nickte lebhaft mit dem Kopfe und blieb bei jedem stehen, dem er 
begegnete, um ein Gespräch anzuknüpfen. Als er an der Kanzel vorbeiging, drehte 
er rücksichtslos das Gas aus, und der Träumer konnte nichts weiter tun, als ihm 
sprachlos in der Dunkelheit nachzuschauen." 

Der Verfasser versucht — unter völliger Ausserachtlassung der infantilen 
Situation — die vorstehenden beiden Träume damit zu erklären, dass Bie ein 
dramatischer Ausdruck von Befürchtungen seien, die den Geist während der täglichen 
Routine auf kurze Zeit beschäftigen, dann aber fallen gelassen werden und nnbewusst 
geworden seien. — Tatsächlich aber sind die beiden Träume, vornehmlich der letzte, 
eine hübsche Illustration der Tatsache, dass die .Berufung" zum Geistlichen in 
ihrem innersten Wesen nichts weiter darstellt als das in der .fiktiven Leitlinie" 
(Adler) enthaltene Bestreben, sich mit allen Mitteln Gehör (Hörige) zu verschaffen 
und die ganze Umgebung unter seinen Einfluss zn bringen. Appelt. 

H. Vogt: .Psychotherapie". (Therap. Monatshefte. April 1913). 

Ein guter Überblick über Wesen und Wirkung der Psychotherapie. Die 
Objektivität verliert der Verfasser erst, da er auf die Psychoanalyse zu sprechen 
kommt. .In der praktisch-therapeutischen Betätigung laufen nun die sexual- 
analytischen Fragestellungen hinaus, auf die grösste Willkür der Deutung und ein 
Wühlen in den sexuellen Antezedentien des Patienten, die sowohl in ihrer Kritik- 
losigkeit, wie im Mangel an Geschmack und ethischem Empfinden jeder Beschreibung 
spotten. Man braucht nur das StekePsche Buch über dio Traumdeutung zu lesen, 
um das zu begreifen." — Da musa ich aber doch sehr energisch protestieren. Wo, 
Herr Vogt, haben Sie in meinen Schriften einen Mangel an ethischem Emp- 
finden konstatieren können! Oder wollen Sie mir die TatBnchen zur Last legen, 
die ich gefunden habe? Ist Krafft-Ebing für die Taten seiner Patienten, für 
ihre Phantasien und Träumo auch verantwortlich gemacht w6rden? Oder soll ich 



Heferate und Kritiken. 99 

das Leben fälschen, damit Herr Vogt einen ethischen und ästhetischen Genuas 
beim Lesen hat? Wo bleibt denn die wissenschaftliche Wahrheit? Oder hört die 
Wahrheit auf, wenn die Schilderung der sexuellen Phantasien beginnt? 

Herr Vogt kennt offenbar meine Publikationen nicht! Sonst würde er nicht 
so vorschnell urteilen können. Ich bin mir bewusst, mehr Selbstkritik zu haben, 
als alle meine Kritiker. Stekel. 

Felix Asnaonrow: Sadismus und MasochismuB in.Kultur und Erziehung. 

Schriften des Vereins für freie psychoanalytische Forschung Nr. 4. Verlag von 

Ernst Reinhardt in München. 

Das zuletzt erschienene, von Dr. A. Adler herausgegebene Werk, F. Asna- 
ourows enthält eine Fülle sehr prägnanten und lehrreichen Materials aus dem 
Gebiete der Psychopathologie. Kino Anzahl von treffenden und höchst interessanten 
neurotischen Erscheinungen (hauptsächlich an jugendlichen Individuen) wird vor 
unsern Augen auch in Einzelheiten demonstriert. Der Verfasser, als berufsmässiger 
Erzieher und Pädagoge, bestrebt sich mit vollem Recht bei der Erziehung der ihm 
anvertrauten Zöglinge die psychoanalytischen und psychotherapeutischen Er- 
gebnisse anzuwenden. — Nach unserer Meinung kann er vorläufig die erwünschten 
erzieherischen. re<p. therapeutischen Krfolge kaum in vollem Masse erzielen, weil eben 
der neurotische Soelenmechanismus vom Verfasser nicht bis zum Grunde erforscht 
ist. Daher mehrere Widerspruche in den Erklärungen neurotischer Phänomene, 
daher ein gewisses Schwanken in den wissenschaftlichen Prinzipien (Adler'a, 
Freud's, Stekel's, Janets. Forel's, Dubois' usw.). Um nicht unbegründet 
zu sprechen, wollen wir den Versuch machen, aus der Schrift das Material für die 
Bestätigung unserer Meinung zu gewinnen. 

Schon der Titel selbst gibt uns Anlass zu gewissen Zweifeln: .Sadismus, 
Masochismus in Kultur und Erziehung'. Es scheint uns, seitdem wir die Adler- 
schen Begriffe angenommen und dieselben auf ihre Richtigkeit geprüft haben, fehler- 
haft über Masochismus im allgemeinen, als irgend einer Per Version etc., zu sprechen. 
Da man Perversion" nur als Arrangements auffassen könnte, dürfte man eine 
derartige Terminologie nur nach einer richtigen Definition des Grundsinnes der be- 
treffenden Mechanismen verwenden. Im weiteren werden wir uns bemühen, den 
Beweis zu erbringen, dass F. Asnaourow eben der tiefste Sinn der von ihm an- 
geführten symptomatischen, sichtbaren Erscheinungen entgangen ist, so dass seine 
Ausführungen oft den Eindruck einer ganz oberflächlichen primitiven Analyse machen. 
In zahlreichen Fällen berichtet uns der Verfasser von .mHsochistisehen" Trieben 
seiner Zöglin-e. Im allgemeinen bieten sie ein gemeinsames äusseres Bild und einen 
einheitlichen psychischen Sinn. In kurzer Formel ausgesprochen, haben wir es immer 
mit pseudo-masochistischen Kunstgriffen als Kampfmittel im Dienste 

dbs männlichen Protestes zu tun. Aber der Verfasser selbst geht auf das 
Problem nicht weiter ein. Zum Beispiel: I.Seite 16 finden wir: „Das masocbist.sche 
Gift begann seine Reaktion, und wir sehen hier deutlich, wie aus dem masoohistischen 
Gefühl das sadistische hervorgeht: wie erstens auch dem Nichtveranlagten (,Deus 
ex machina?" B.) durch die dabei ausgelösten sexuellen Gefühle und ihre Modifi- 
kationen (?) suggeriert werden kann". 

2. Ein grober Kunstfehler: Seite 18 . . . „Am anderen Tage nach einer 
schlecht präparierten Lektion, kommt mein Junge mit einigen frischgeschnit- 
tenen Ruten und herabgelassenen Hosen zu mir mit der Bitte, ich soll ihn 
doch streng abstrafen, da dies das einzige Mittel zu seiner Besserung Bei. 
Nun ist ja klar, wie der Junge dem Lehrer, dem Manne, resp. dem Vater, einen 
Stock in dio Hand gibt, um durch dies Arrangement der notwendigen Züchtigung, 

7* 






100 Referate und Kritiken. 

eine Kampfbasis in der Richtung der Überkompensation vorzubereiten. Und wie 
wird 80 ein Kunstgriff vom Verfasser angenommen und empfanden? Er sagt: „Nun 
war das Mass voll. — Meine Bewegung bemusternd, zeichnete ich in Bcharfen 
Worten das Erniedrigende (!) seiner Handlungsweise, appellierte mit aller Kraft 
an seinen Knabenstolz . . ., erklärte ihm, dass ich einen Jungen, welcher sich 
hauen lässt, verachten muss . . . " 

3. Seite 19. „Dass dieses Benehmen auf sexueller Basis beruhte, unterliegt 
keinem Zweifel; zu urteilen darüber überlasse ich jedoch den Herren Psychiatern.« 
Ja, entweder — oder! Die Antwort der Psychiater (unserer Richtung) lautet: es 
gibt überhaupt keine „sexuelle Basis'; die Sexualität, obwohl eine grosse Rolle 
spielend, mündet in die gesamte seelische Verfassung ein und spiegelt pich schein- 
bar als primäre Komponente an der oberen Fläche des sichtbaren Handelns, während 
Bie der Psycholog bei eingehender Untersuchung als ein sinnvolles Kampfmittel 
entlarven kann. 

4. Öfters trifft man in dem referierten Buche Stellen, die uns boweisen, wie 
richtig gewisse äussere Charakter formen vom Verfasser empfunden und prä- 
zisiert Bind. Z. B. S. 21: „An fast allen Typen, wolche ich studierte, bemerkte ich 
stets dieselben Züge: persönlicher Stolz und (oft aber begrenzt) grosse Intelligenz, 
einerseits Mannhaftigkeit, darunter aber immer viel Effeminiertheit verschleiert . . 
grosse Verstellungsgabe." Noch einige Schritte. in die Tiefe und wir könnten aus 
Asnaourow's Munde manches über den .psychischen Hermaphroditismus" hören 
aber leider steht diesem begabten Seelenforscher in der vorliegenden Schrift noch 
nicht eine vollkommene Orientiertbeit zur Verfügung. 

5. Seite 24: „Er fand alles schlecht und suchte soviel wie möglich Geld aus- 
zugeben (gegen das Prinzip des Vaters). Schon am Anfang der Reise, als ich be- 
merkte, dass er immer das Gegenteil zu meinen Wünschen ausdrückte, redete ich 
ihn einmal recht derb an . . . Nach zehn Schritten hatte ich ihn am Arm gefasst, 
schüttelte ihn kräftig und drohte bei nächster Veranlassung mit einer Ohrfeige. 
Der Effekt war verblüffend: wie ein geschlagener Hund schlich er mir 
nach, eine Entschuldigung stammelnd. — Dieser Moment gilt als Scheidepunkt zwischen 
zwei Zuständen: vor Florenz und nach Florenz. Von nun an bedurfte es nur eines 
ernsten Blickes, um alle Widersprüche und Ungebübrlichkeiten zu vernichten." 
Wir würden die gegebenen Fakten eher dahin interpretieren, dass der Jüngling 
durch sein Benehmen ein Arrangement ins Werk setzte, das ihm zu einer schärferen 
Agrversion verhalf. Durch die pseudo-masochistische Einstellung „Hundeposition* 
(„wie ein geschlagen er Hund schlich er mir nach ...") und in dieser „Hundeposition* 
verbleibend — , kann er nun gegen den Herrn, Erzieher, Mann, Vater seinen männ- 
lichen Protest geltend machen. Wir verweisen darauf, dass man gerade bei oinifen 
Hundearten (z. B. Terriers, Bulldogs etc.), die klein gewachsen sind, die eigen- 
tümliche, tückische Manier beobachten kann, dass sie plötzlich und ohne besonderen 
Anlnss den Herrn beissen. Bei solchen Exemplaren sind die Zähne meistens sehr 
scharf. — Kurz gesagt: der Neurotiker hat sein vorläufiges Ziel erreicht, indem er 
sich noch tiefer in das Minderwertigkeitsgefühl hineinbohrt, auf die Gefahr hin, Bich 
schlagen zu lassen. 

6. Seite 25. Fortsetzung desselben Falles: „. . . ich erklärte ihm, dass der gröaste 
Teil seiner Nervosität auf Einbildung (!) basiere. . . . Seine un regelmässige Herztätigkeit 
ist teilweise hereditär (!), wird aber durch Masturbation erhöht (!)." (In 
solcher Form sind diese Begriffe für einen Psychotherapeuten unbrauchbar.) 

7. Fortsetzung. Seite 26: „Darum soll er mir vollkommene Offenheit ent- 
gegenbringen, wenn er wirklich von seiner autosuggerierten Nervosität sich 
befreien will." 



Referate und Kritiken. 



101 



8 Schluas der Krankbeitageschichte. Seite 27: „Im Februar ist er auf der 
Strasse besinnungslos aufgefunden worden und hat dann während 2 Monaten das 
Bett oehlitet mit fortwährend erhöhter Temperatur; die Arzte haben keine feste 
Diagnoee aufgestellt, und der Vorfall ist als eine Pubertätskrise (?!) charak- 
terisiert worden. Der Patient erzählte mir, er habe das Gefühl einer Lähmung der 
rechten Gesicbtshälfte gehabt (vielleicht noch einmal die erwünschte Ohrfeige?) nnd 
sei dann ohnmächtig geworden" (betonte Unterwerfung, Ohnmacht, Minderwertigkeits- 
einstellung, Übertreten der Interpretation der Züchtigung). 

Seite 28: „Während der zwei Monate seiner Krankheit hat sieb dann eine 
hysterieartige Nervosität eingestellt.» Und dann wieder Worte und Worte : „ich halte 
den ganzen Fall für interessant, da an ihm das Minderwertigkeitsgefühl als Basis 
zur Hysterie und Neurose beleuchtet ist." Aber der Verfasser bemüht sich nicht 
die vielfachen Widersprüche aufzuklären. 

Seite 32: „Einst, nachdem alles Reden wegen des Fingerkauens nichts genützt 
hatte, gab ich ihm einen leichten Klaps auf seine Finger; sofort ergriff er meine 
Hand und . . - bedeckte sie mit Küssen, so dass ich vor Staunen einige Sekunden stumm 
blieb." Den Pädagogen sollte ein solcher Vorgang nicht unerwartet überrumpeln. 
Es ist ja alles ganz gesetzmässig vorgegangen im Rahmen einer stereotypen 

Dynamik. , -_ 

Auf den letzten Seiten lesen wir Zitate aus manchen Autoren, die der Ver- 
fasser als richtig erkennt, z.B. Seite 35; „Hans Rau sagt auf Seite HO „Die Grau- 
samkeit* — Nichts trägt so sicher dazu bei, den Geschlechtstrieb in un- 
natOilicne Bahnen zu lenken als körperliche Misshandlung." Auch Dr. A. Moll 
spricht von der Gefahr, welche durch die Prügelstrafe dem Sexualempfinden des 
Kindes droht. Wir sehen darin nur die alten Vorurteile und Missverständmsse über 
den sog Sexualtrieb". Ebensowenig können wir beistimmen Seite 37: „aber es 
entstehen aus diesem Verdrängen dann Symptome, Sublimierungen und die ver- 
schiedensten Reaktionsbildungen, aus welchen dann der Krankheitskern so schwer 
hervorzuheben ist. ... Dem Gros der Menschheit gilt, wie wir glauben als höchste 
irdische Lust die geschlechtliche, und darum glauben wir auch, fuhrt treud 

alles darauf zurück". . 

Aus Janet: „Wir müssen ihm nach dem Gesagten beistimmen, wenn er meint, 
dass Neurosen in Wirklichkeit aus einer Art Ermüdung in Erscheinung treten: „Sie 
sind Erschöpfungen, welche die feinsten und vollkommensten Leistungen des Organis- 
mus herabsetzen und lähmen." 

Zum Schlüsse ein Reaume\ das ganz richtige Auseinandersetzungen enthält. Va. 
wird Nietzsche, Klopstock, Goethe, S c h i 1 1 e r zitiert ; ; der Verfasser zeigt 
auch ein tiefes Verständnis für Tolstoi's Psychologie. Im allgeme.neu macht die 
Schrift jedoch mehr den Eindruck einer reichhaltigen Materialsammlung, als einer 
selbständigen Vertiefung pädagogischer Prinzipien. Dr. H. Birst ein. 

Varia. 

Beiträge zur infantilen Sexualität. 

1. Es sei zunächst von einem dreijährigen Jungen berichtet: 
J.: „Wo war ich vor meiner Geburt, Mamma?" 

M.: „In Amerika." og 

J.: „So, in Amerika -, aber wie ist dann mein Gepäck hierher gekommen^ 
Seitdem erzählt der Bube: „Ich bin schon in Amerika gewesen, davon habe 
ich aber nichts gewusst." 



102 Varia. 

Auf derselben Etage wohnt eine Dame, zu welcher er eines MorgenB über- 
raschend eintritt. Sie befand sich im Morgenrock, der nur fluchtig zugeknöpft war, 
so dass Brüste und Beine sichtbar wurden, als sin sich nach, dem Eintretenden er- 
schrocken umblickte. Schnell ordnete sie den Rock und nahm den Jungen auf ihron 
Schoss. Dieser krallte seine Finger unter Zittern und Erröten in ihre Brüste und 
liess nur widerwillig davon ab, als man ihn bedeutete, dass er Schmerzen verursache 
und sagte: „Ach. Fräulein, ich war ja so zart, Fräulein, bitte ich möchte sie zwicken, 
das tue ich so gern." Seit jener Begebenheit tritt er täglich iu's Zimmer mit der 
Fra^e: .Fräulein, sind Sie noch im Hoserl?* und bittet dann: .Ach bitte Fräulein, 
ziehen Sie sich aus, ich möchte Sie gern im Hoserl sehen, ich möchte nämlich gern 
sehen, wo das Hoserl auseinander geht." Und damit kein Unberufener etwas sehen 
kann, hängt der Junge (er sieht immer durch das Schlüsselloch) ein Handtuch über 
die Türklinke. Die Dame hob ihn nun hoch und zeigte ihm im Spiegel seine eigenen 
Hosen: ,Ach, die interessieren mich nicht, ich habe nur Damenhosen gem.* Auch 
kommt er nach Verlassen des Klosetts mit der Bitte zu ihr, ihm doch sein „Geschäfterl* 
schliessen zu wollen. 

Seinen Hauswirt fragt er, ob er auch ein .Geschäfterl" hat. 

H. : .Jawohl, da unten liegt es.' 

J.: .Was machen Sie*?* 

H.: .Ich frisiere." 

J.: .Was, Sie frisieren Ihr Geschäfterl? Ich werde Ihnen sagen, was ich für 
ein Geschäfterl meine, ich meine Ihre Hose da." ' 

Ein andermal geht er zu seiner schlafenden Tante, deren partes posteriores 
unglücklicherweise unbedeckt unter der Bettdecke hervorschauen. Er küsst ihr diesen 
Körperteil, und als die Tante sagt, das hätte sie sehr gern, küsst er sie immer wieder. 

Der Bube erzählt nun mit den entsprechenden Gesten jedem Menschen : „Ich 
heirate nur eine Frau, die solch einen Nacketen hat, so gebaut, wie Tante G." 

2. Ein fünfjähriges Mädchen sehr wohlhabender Eltern zieht sich seit etwa 
2 Monaten sofort nach der Mittassmahlzeit auf ihr Zimmerchen zurück mit einem 
weissen Spitz (Hund). In der ersten Zeit schloss Bie die Tür hinter sich ab, doch 
als in der Folge sie nie wieder gestört wurde, vernachlässigte sie diese Vorsichtsmaas- 
nähme. Plötzlich tritt eines Tages ihre Gouvernante ein und findet das Kind mit 
hochgehobenen Röckchen auf dem Rücken liegen, während es sich vom Spitz die 
Vulva lecken liess. Abgewöhnung trat erst ein, als man ihm sagte, im Wieder- 
holungsfalle müsse es sofort sterben. (!) 

3. Ein guter Bekannter, der wie seine Geschwister als Kind am Sonntagmorgen 
länger im Bett liegen bleiben durfte, berichtete mir von folgendem Spiel: 

Sein damals etwa 5 jähriger Bruder stieg mit einein Kamm bewaffnet zu ihm 
unter die Bettdecke. Mit diesem Instrument schlachteten sie sich nacheinander ab, 
zunächst wurde unter Quietschen die Kehle durchschnitten, dann der Bauch auf- 
geschlitzt, darauf die Arme und mit besonderer Sorgfalt die Oberschenkel (als 
Schinken) vom Rumpf getrennt. Beide hatten dabei häufig Erektion. 

4. Ein 6jähriger Junge verlangt von seiner Erzieherin stets den nackten Arm 
und drückt ihn dann unter heftigem Zittern. Als sich jene einmal die Brust wäscht, 
starrt er diese wie fasziniert an, so dass der Erzieherin unheimlich wurde und sie 
sich sofort ankleidete. cand. med. Hans Schnorr. 

Der Dichter als Analytiker. 
In selten klarer und zugleich feiner Art beobachtet und schildert Hermann 
Oeser in einem Gedicht aus der Novelle .Hinterchrist" den aussichtslosen Kampf 
der progressiven Strömung seiner Libido: 



Varia. 103 

Es war einmal ein Ostertag, 
Wo sich die ersten Veilchen fanden, 
Und wir das letzte Sträusslein banden, 
Und hinter mir die Heimat lag. 

Es war einmal. 

Es war einmal ein holder Gang 
Wo Vöglein ängstlich flatternd flogen, 
Und schwere Wolken ostwärts zogen, 
Und Du an mich Dich schmiegtest bang. 
Es war einmal. 

Es war einmal zur Rosenzeit. 
Ich träumt, ich hätf ein Lieb gefunden 
Und war doch an mein leb gebunden, 
Das nicht zum Sterben noch bereit. 
Es war einmal. 

Es war einmal, das war der Tag, 
Wo ich der Mutter Blick gemieden 
Und eilig zog aus ihrem Frieden 
Zu dem, was dunkel vor mir lag. 

War das einmal? 

Julias Niedermann. 

"Wilhelm Busch über Sublimierung und Überkompensation: 
„Das Gute, — dieser Satz steht fest — , 
Ist nur das Böse, was man Iasst." 

Trauindeuterei, Astronomie und Astrologie in China 1 ). 

Die Traumdeuter haben seit undenklichen Zeiten in fast allen asiatischen 
Ländern eine wichtige Rolle gespielt. Auch die Chinesen sind jederzeit eifrige Traum- 
gläubige gewesen, und in ihren alten Geschichtsbüchern finden sich Berichte über 
gewisse, in Erfüllung gegangene Träume von Kaisern und hervorragenden Männern. 
Der Auslegung ihrer Träume messen sie grosse Bedeutung bei. Wer ungünstig ge- 
träumt hat, braucht übrigens nicht zu verzweifeln, denn der Traumdeuter ist gegen 
eine kleine Vergütung bereit, ihn mit einem Amulet zu versehen, welches die Kraft 
besitzt, das drohende Unslück abzuwenden. Der Traumdeuter schreibt einige ge- 
heimnisvolle Zeichen auf rotes oder gelbes Papier, das er sodann dreieckig falzt und 
seinem Klienten ans Kleid heftet. Hierauf muss der Hilfesuchende den Mund voll 
Quellwasser und in die rechte Hand ein Schwert nehmen, gen Osten blicken, nach 
einiger Zeit das Wasser ausspeien, mit dem Sehweite in der Luft herumfuchteln und 
dabei gebieterischen Tones folgendes sprechen: .Ebenso schnell und kräftig, wie die 
Sonne im Osten aufgebt, mögest du, geheimnisvolles Amulet, alle Übeln Folgen ab- 
wenden, die mein böser Traum nach sich ziehen könnte. Ebenso rasch, wie der 
Blitz die Luft durchzuckt, mögest du, Amulet, das drohende Ungemach verschwinden 
lassen.* 1 Die Beschaffenheit der geheimnisvollen Schriftzeichen variiert je nach dem 
Monatstage, an welchem der Traumdeuter in Anspruch genommen wird. 

Wir lassen hier einige Traumauslegungen folgen, die von Tschan Kung, 
einem altberühmten Traumdeuter, herrühren, der seit langer Zeit als die hervor- 
ragendste Autorität auf diesem Gebiete gilt. 

1) Aus „Himmel und Erde». Heft 6. 1913. 



104 



Varia. 



Traum : 
Die Himmelspforten öffnen sich, um dem 

Träumenden Einläse zu gewähren. 
Schiines Wetter. 

Jemand ist krank und träumt, dass er 
von einem hellen, vom Himmel kom- 
menden Licht beschienen wird. 

Dass das Firmament hellrot ist. 

D«ss der Träumende gen Himmel schaut. 

Er reitet auf einem Drachen gen Himmel. 

Er fliegt gen Himmel. 

Er erhält von den Göttern den Auftrag, 
auf Erden wichtige Aufgaben zu er- 
füllen. 

Das Himmelsgewölbe spaltet sich. 

Mond- oder Sonnenuntergang. 

Verdunkelung der Sonne oder deB Mon- 
des. 
Die Sonne fällt herunter. 
Der Mond fällt herunter. 
Die Sterne fallen herunter. 

Dass es donnert. 



Dass der Träumende vom Blitz getötet 
wird. 

Dass er einen Baum pflanzt. 

Dass er einen Baum erklettert. 

Dass er Kieselsteine in der Hand hält. 

Dass er liebliche Musik hört. 

Dass er die Kaiserin sieht. 

Dass er sich in einem Weinhause be- 
findet. 

Regen und Wind. 

Schnee. 

Dass der Tr&nmende gut gekleidet ist. 

Dass er schlecht gekleidet ist. 

Dass er Nonnen sieht. 



Auslegung: 
Glück urjd Segen. 

Befreiung von jeglichem Kummer wäh- 
rend eines Jahres. 
Genesung. 



Krieg steht bevor. 

Reichtum und Auszeichnungen erwarten 

ihn. 
Beamtenrang wird ihm übertragen. 
Glück in der Ausführung seiner Arbeiten. 
Grosses Glück hinieden und im Jenseits. 



Das Reich wird geteilt werden. 

Der Vater oder die Matter des Träumen- 
den werden bald sterben. 

Ein Sohn des Träumenden wird sich durch 
grosse Begabung auszeichnen. 

Ein Sohn wird ihm geboren werden. 

Eine Tochter wird ihm geboren werden. 

Krankheit und gerichtliche Abstrafung 
stehen ihm bevor. 

Falls er nicht sein Haus verlässt und in 
eine andre Wohnung übersiedelt, er- 
wartet ihn Ungemach. 

Er hat Aussicht auf Rang und Reichtum. 

Er wird sehr reich werden. 

Ebre und Ruhm. 

Grosse Glückseligkeit. 

Auswärtige Freuade werden ihn besuchen. 

M isserfolge. 

Erfolge. 

Ein Familienmitglied wird sterben. 

Der Träumende wird bald Trauer tragen. 

Glück. 

Unglück. 

Verlust des ganzen Vermögens. 



Von fast sämtlichen Nationen des Altortums gekannt und gepflegt, ist die 
Astrologie nirgends so heimisch und vorbroitet wie in China. Die Chinesen hegen 
offenbar nicht die Ansicht, dass die Planeten die Werkaeuge sind, mit deren Hilfe 
die Götter den Lauf der Ereignisse auf der Erde feststellen ; sie glauben vielmehr, 
dass die Himmelskörper selbst jene Macht sind, von der allein das Menschenschicksal 
abhängt. Sie wenden sich daher vielfach an Astrologen, wenn sie über künftige 
Geschehnisse Aufschluss wünschen. Die Zahl der Sterndeuter ist denn auch Legion 
und alle machen gute Geschäfte. Vor jeder Hochzeitsfeier, vor jeder Laod- oder 



Varia. 105 

Seereise, vor Beginn jeder geschäftlichen Unternehmung wird ein Astrolog ersucht, 
einen Tag von günstiger Vorbedeutung ausfindig zu machen. Handelt es sich um 
eine Vermählung, so prüft der Sterndeuter die Horoskope der Heiratslustigen und 
die Stunden, Tage, Monate und Jahre ihrer Geburt nacn den Regeln seiner Kunst 
und fällt danach seinen Wahrspruch. 

Jeder Monatstag hat seinen eigenen Namen. Im offiziellen Almanach, der all- 
jährlich zu Peking veröffentlicht wird, führen die Hof-Astrologen die zur Vornahme 
oder Unterlassung gewisser Zeremonien und Geschäfte gunstigen oder ungünstigen 
Tage besonders an. Der von dem aus sieben Sternen bestehenden, drachenförmigen 
Gestirn Koksing regierte Tag bringt Glück, wenn man an demselben wichtige Ge- 
schäfte unternimmt, die Grundsteine neuer Häuser legt, Töchter verheiratet, Ländereien 
kauft oder literarische Prüfungen ablegt. Wer dagegen an diesem Tage seine Eltern 
beerdigt oder Gräber ausbessern lässt, wird binnen drei Jahren vom Unheil heim- 
gesucht. Ganz und gar unheilbringend ist der von der Konstellation Kongsing be- 
herrschte Tag. Auch dieses Gestirn besteht aus sieben Sternen und hat die Gestalt 
eines langgeschwänzten Drachens, auf welchem ein General Namens N'ghon reitet. 
Wer an diesem Tage ein Grundstück oder einen Rang kauft oder eine Tochter ver- 
heiratet oder seine Eltern begräbt, setzt sich den schlimmsten folgen aus. Noch 
ungünstiger ist der unter dem Taising — einer aus sechs Sternen bestehenden Kon- 
stellation in Form eines Kamels, neben dem ein General namens Kah-Huh steht — 
befindliche Tag. Wer an demselben ein Geschäft unternimmt, dem schlägt es fehl; 
wer sein Feld zu pflügen oder seinen Garten aufzugraben beginnt, hat eine schlechte 
Ernte zu gewärtigen. Begräbt jemand an dem in Rede stehenden Tage Vater oder 
Mutter, so wird binnen kurzem ein Familienmitglied einen Selbstmord begehen. Legt 
ein Werftenbeaitzer den Kiel eines Schiffes oder lässt ein Kaufmann eines seiner 
Schiffe in See stechen, BO erfolgt ein Schiffbruch. Die Gattinnen von Männern, die 
an diesem Tage heiraten, werden sich bald als untreu erweisen. Auch alle übrigen 
Tage des Monats werden von je einer Konstellation regiert und jedes Sternbild übt 
besondere - gute oder schlechte - Einflüsse aus. Nichts auf Erden entgebt der 
übernatürlichen Herrschaft der Sterne; das gesellschaftliche Leben, das Beamten- 
wesen, der Handel, der Schiffbau, die Seidenkultur, die Viehzucht, das Bauwesen, 
das Prüfungswesen, das Reisen, das Ackern, die Berieselung - kurz, alles, alles 
wird von ihnen geregelt. 

Kometen, Erdbeben, Sonnen- und Mondfinsternisse, sowie alle anderen unge- 
wöhnlichen Vorkommnisse üben in der Anschauung der Chinesen auf Länder, Herr- 
scher und Untertanen einen guten oder bösen Einfluas aus. Bei Mond- und Sonnen- 
finsternissen steigen die Leute auf die Dächer ihrer Häuser und machen einen Höllen- 
lärm, um die Himmelshunde vom Verschlucken jener grossen Gestirne abzuhalten. 
Wie bei uns, gelten die Kometen auch in China für Unglücksvorboten. Als im Jahre 
1858 alle Ursache zur Voraussetzung vorbanden war, dass zwischen China und seinen 
europäischen Feinden ein dauernder Friedens- und Freundschaftevertrag zustande 
gekommen sei, erschien plötzlich ein glänzender Komet und vernichtete alsbald die 
Hoffnungen, die die Chinesen auf einen solchen langersehnten Vertrag gesetzt hatten. 
In Kanton war man von der Überzeugung, es werde zu neuen Feindseligkeiten 
kommen, bo sehr durchdrungen, dass die Einwohner ihre Familien und ihr bewegliches 
Vermögen abermals in Sicherheit brachten. 

Die astronomisch -astrologische Oberbehörde zu Peking bildet eine sehr wich- 
tige Abteilung der Reichsregierung. Sie hat zunächst Tage von günstiger Vor- 
bedeutung für Hochzeiten, Begräbnisse usw. im Kaiserhause zu wählen. Eine ihrer 
Hauptaufgaben besteht in der Anfertigung des offiziellen Jahreskalenders, der auf 
ihren monatlichen Vorhersagungen mutmasslicher wichtiger Ereignisse beruht uud 



106 Varia. 

in den Hauptstädten aller Provinzen auf Kosten des Staatsschatzes unter amtlicher 
Aufsicht nachgedruckt wird, um vornehmlich den Beamten zur Verfügung gestellt 
zu werden. Der Druck erfolgt stets im nennten Monat des alten Jahres. Am ersten 
Tage des zehnten Monates werden die für die Beamten bestimmten Exemplare von 
der Druckerei aus unter einem geschnitzten, reichverzierten Holzpavillon in Prozession 
in den Jamen des "Vizekönigs oder des Gouverneurs getragen, wo der von Fahnen- 
trägern und Musikhanden eingeleitete Zug von sämtlichen in der betreffenden Stadt 
dienenden Zivil- und Militärmandat inen erwartet wird. Bei seiner Ankunft stellen 
sich die Zivilbeamten an der Ost-, die Militärs an der Westseile des Jamens auf. 
Der die Kalender bergende Pavillon wird feierlichst zwischen deu beiden Menschen- 
reihen hindurchgetragen und inmitten einer grossen Halle aufgestellt. Nun schreiten 
alle anwesenden Mandarinen in nördlicher Richtung vor, und sodann findet die Ver- 
teilung des Kalenders statt. Auch fUr das grosse Publikum werden zahlreiche 
Exemplare gedruckt, deren jedes den Stempel der Pekinger astronomischen Ober- 
behörde aufweisen muss. Obgleich die meisten Staatsbeamten und ein erheblicher 
Teil des Volkes im Besitze von Kalendern sind, gibt die soeben erwähnte Behörde 
den Oberbeamten aller Provinzen behufs Weiterverbreitung Nachricht von jeder 
bevorstehenden Mond- und Sonnenfinsternis; übrigens geschieht Ähnliches ja auch 
bei uns: obgleich fast jedermann einen Kalender besitzt, machen die Zeitungen den- 
noch Mitteilungen von jeder zu gewärtigenden Verfinsterung der Sonne und des 
Mondes. 

Im siebzehnten Jahrhundert, als die Jesuiten sich am chinesischen Kaiserhofe 
grossen Einflusses erfreuten, schenkte der Hof dem Studium der Astronomie grosse 
Aufmerksamkeit. Die Jesuiten, die sich als Lehrer dieser Wissenschaft Verdienste 
erwarben, waren sehr fleissig und erwirkten 1662 die Errichtung einer Sternwarte 
deren Überbleibsel — einige ausgezeichnete Instrumente — noch gezeigt werden. 
Die Jesuiten wurden dem Kaiser Kamhi 1(568 von Ludwig dem Vierzehnten mit 
folgenden Zeilen neuerdings empfohlen: „Höchster, ausgezeichnetster, mächtigster, 
grossmütigster Herrscher! Vielgeliebter, guter Freund! Möge Gott deine Grösse 
mehren und alles glücklich zu Ende führen! Nachdem wir in Erfahrung gebracht, 
dasa Ew. Majestät den Wunsch hegten, um Ihre Person und in Ihrem Reiche eine 
beträchtliche Anzahl gelehrter, in den europäischen Wissenschaften wohlbewanderter 
Männer zu haben, beschlossen wir vor einigen Jahren, Ihnen sechs gelehrte Mathe- 
matiker, französische Untertanen, zu senden, damit sie Ew. Majestät über die merk- 
würdigsten Wissenschaften Aufschluss geben, namentlich über die astronomischen 
Beobachtungen der berühmten Akademie, die wir in unsrer guten Stadt Paris ge- 
gründet haben." L jj 

Ein Fall von Gedankenübertragung im Traum '). 
Einen sehr beachtenswerten Fall von Gedankenübertragung im Traum be- 
richtete mir unlängst einer meiner Schüler, ein Kandidat der Theologie. Das Vor- 
kommnis ist so gut bezeugt und steht so fest, dass es au Ort und Stelle auf jene 
Kreise grossen Eindruck machte, die, an einer zum Teil veralteten scholastisch- 
aristotelischen Psychologie zähe festhaltend, das Bestehen eines UnterbewusstseinB 
und der Telepathie hartnäckig leugneten. Der betreffende Kandidat hatte den Direk- 
tor seines Seminars um Weihnachtsurlaub gebeten, aber vorgeblich auf die Bewilligung 
gewartet, so dass er seinen Eltern schrieb, sie möchten seine Heimkunft nicht er- 
warten, er komme nicht. Nach oinigen Tagen ward ihm aber gegen sein Erwarten 
der Urlaub doch noch bewilligt. Der Kandidat war nicht wenig überrascht, als er 
nach Hause gekommen, erfuhr, dass eine seiner Familie befreundete Dame seine 

') Psychische Studien. XL. Jahrg. 6. Heft. (Juni 1913.) 



Varia. 107 

Ankunft zufolge eines ihr gewordenen Wahrtraumes bereits angekündigt habe. Auf 
Ersuchen des jungen Theologen hat die Dame ihre Eindrücke schriftlich in folgender 
Weise geschildert: 

Die Nacht vor Ihrem Eintreffen träumte mir, Sie seien mit mehreren Herren 
versammelt. Hierbei erinnerte sich der Herr Direktor, dass Sie um Urlaub nach- 
gesucht hatten. Er entschuldigte sich, er habe ir-folge vieler Arbeit und Aufregung 
ganz darauf vergessen. Sie hatten schon beschlossen, nicht mehr nachzusuchen. 
Herr Direktor gewährte Ihnen vier Tage Urlaub, welchen Sie auch sofort antraten. 
Im Traume war ich selbst anwesend. Herr Direktor war ein mittelgrosser, schwarzer 
Herr. Am Sonntag vor Weihnachten hatte ich durch Ihre Frau Mutter erfahren, 
dass Sie wohl nachgesucht, aber keinen Urlaub bekommen hätten!' — 

Das Merkwürdigste ist, dass alle von der Schreiberin bemerkten Einzelheiten 
genau zutreffen. Der Kandidat befand sich auf dem Korridor im Gespräch mit 
einigen Mitalumnen, als sich ihm der Direktor näherte unter den oben angegebenen 
Worten. Auch die Schilderung seines Äusseren stimmt vollkommen. Wir brauchen 
zur Erklärung dieses Faktums nicht anzunehmen, dass ein wirkliches Fernsehen 
stattgefunden vermittelst des sog. transzendentalen Subjekts (nach du Prel) oder 
dass die Psyche der Schlafenden ihren Zusammenhang mit dem Körper gelockert 
und sich räumlich hätte nach F. versetzen können, sondern die Sache erklärt sich 
damit dass der von freudiger Erregung erfüllte junge Mann die kurz vorher erlebte 
Szene in den Schlaf hinübernahm, seiner Angehörigen und Freunde in M. lebhaft 
gedachte und das ganze Erlebnis, die Worte und das Bild der Szene aus seinem 
Unterbewusstsein auf das für telepathische Einwirkung empfängliche Unterbewußtsein 
der schlafenden Dame, die sich wohl schon vorher im Wachen viel mit .hm be- 
schäftigt hatte, übertrug. Dr - J " Cler.cus. 

Eine Aufgabe für Traumdeuter. 
Der bekannte Schriftsteller Stabsarzt Dr. Heinrich von Schul lern hat in 
der Ost. Standeszeitung vom 15. V. 1913 einen Traum veröffentl.cnt, den er dem 
Traumdeuter Dr. Wilhelm Stekel gewidmet hat. Dieser Traum lautet: 

Die Rettung der Mona Lisa. 
Ein ganz junger Mann irgendwo in den U. S. A„ ««gen wir Sir James 
Brinton mit Namen hat jüngst seinen Vater verloren und eine M. 0«* ■«£ 
auch Kunstschätze von unendlichem Wert und Pretiosen. Die Mutter war .Jahre 
früher gestorben, Geschwister hatte er nie besessen. So kam es. dass der zarte 
Junge unter der Last der Milliarde beinahe niedersank Er alle.niger Erbe ,* der 
Früchte jahrzehntelanger genialer Spekulationen seines Vaters! Der alte Sir Carleten 
Brinton war plötzlich infolge eines Herzschlages gestorben und man hatte Kein 
Testament finden können. Wochen nach dem Ereignisse brachte der junge Bnntoo 
erst die nötige Tatkraft auf, ein Inventar des Besitzstandes anzulegen. Ganz am 
Schlüsse seiner Arbeit betrat er seines Vaters Lieblingsvilla, in derem Ferice nur 
Pflanzen ans fernen Ländern wuchsen, Pflanzen, die einen fremden Duft ausströmten 
und in Farben prangten, die man nie gesehen. Der Jüngling scheute «ch lange 
Zeit, die Villa zu betreten; das Gefühl beherrschte ihn, dieses Blumenlnsthaus habe 
der Vater nur für sich allein erbaut. Denn nur er selbst und sein alter Diener hatten 
es je betreten dürfen. So eilte James ganz scheu, nur gefolgt von einem seiner 
Sekretäre durch die Pracht der Räume. 

Erst später einmal, als eine Spur von Rübe zu ihm gekommen war und ihn 
die Villa stärker zu locken begann, gewahrte er darin eine Geheimtüre; Zu dieser 
passte ein zierlicher goldener Schlüssel, den er im geheimsten Fache von seines 



108 Varia. 

Vaters Sekretär gefunden hatte. Diese Türe erachloss ein kleines Qemach, das voll 
war von verwelkten blauen Rosen. Und die Rosen waren wie huldigend um ein 
verhülltes Bild gruppiert. 

Mit grosser Mühe nur war das Bild zu entschleiern. — — — — — — 

Mona Lisa! 

Es dauerte lange, bis sich James fassen konnte. Es war ausgeschlossen, dass 
hier eine Kopie von Da Vincis göttlichem Werke vor ihm hing. Mona Lisa! 

Der Jüngling warf sich auf eine Ottomane und Btarrto vor sich hin. Ein 
Orkan angstvoller Empfindungen durchtobte seine Seele. 

.Vater! Vater!* 

Bei jedem Geräusche schrak er empor. Sein Geist war wie verwirrt; er 
wusste nicht, was er im Augenblicke beginnen und was er lassen sollte. Mit zitternden 
Händen verhüllte er das Bild, schleppte vor dasselbe, was nur geeignet war, es zu 
verstellen und zu verstecken; dann schloss er sorgfältig die Geheimtüre ab und 
zerrte noch mit verzweifeltem Aufwände der ganzen Kraft seines schwächlichen 
Körpers ein schweres Möbelstück davor hin. 

Dann wandelte er stundenlang, die widerstreitendsteu Pläne fassend und doch 
immer von neuem planlos, im Parke hin und her. 

Was um alle Goldschätze der Welt war in diesem entsetzlichen Falle zu be- 
ginnen! Sein Vater ein Dieb, sein Vater, des ganzen Freistaates angesehenster 
Mann ein Dieb, ein Dieb! 

Erst wollte er mit seiner Bürde zum Kammerdiener des Verewigten flüchten, 
damit er ihm helfe zn tragen. Aber der war noch nicht lange aufgenommen; den 
alten, der den Vater aufwachsen gesehen, den hatte der Tod erst vor kurzem 
wenige Tage vor seinem Herrn hinweggerafft. So beschloss denn der Erbe, das 
furchtbare Geheimnis niemandem zu verraten. Aber um so schwerer drückte es auf 
seine eigene Seele. Ja, es drohte dies zarte, zweiflerische Ding unter seinem Ge- 
wichte zu zermalmen. Brinton litt über seine Kraft. Zu irgendwelchem Schritte 
vermochte er sich nicht aufzuraffen. Er verbot nur jedermann bei Strafe sofortiger 
Entlassung, auch nur den Park von Vaters Lieblingsvilln zu betreten. Dann kam 
ihn wieder der Schrecken an, durch diese Verfügung lenke er aller Augen und aller 
Gedanken gerade nur auf das Versteck des schrecklichen Erbstückes. Befehle und 
Gegenbefehle jagten sich. Wie ein Geistesabwesender schlich er, der Erbe ungeheuren 
Reichtums, nur immer durch den verwildernden Park um seines Vaters Lieblingsvilla. 
Er bekam das Aussehen eines einsamen Menschenkindes, das furchtbar schwerer 
Kummer drückt, eines Menschenkindes, dem der Tod gleich einem Erlöser ist. Und 
er magerte ab, seine WaDgen waren hohl und blass und sein Auge, wenn es auch 
unstät sich bewegte, schien gebrochen wie das eines Verstorbenen. 

Da war es, dass sich hei ihm ein fremder Herr zu melden kam, der ihn wegen 
geschäftlicher Dinge ohne Aufschub zu sprechen begehrte. Es hatten eine Unmenge 
von Leuten wegen geschäftlicher Angelegenheiten schon mit ihm in aller Eile zn 
sprechen gewünscht. Deshalb sali James an der Sache nichts Auffallendes und 
empfing den Mann. Doch lieh er auch ihm, abgelenkt durch die furchtbaren Sorgen, 
die ihn drückten, nur einen kleinen Bruchteil seiner Aufmerksamkeit. Erst als der 
Mann ganz leise den Namen Mona Lisa gleichsam über seine Lippen fliessen lieas, 
da riss Brinton den Kopf empor und starrte, von seinem Sitze emporschnellend, den 
Unbekannten mit weit aufgerissenen Augen an. Auch der Fremde erhob sich, trat 
auf den jungen Milliardär mit ein paar .raschen Schritten zu und flüsterte hastig 
die Worte: 



Varia. 109 

„Sir Brinton, ich bin der Mann, der . . ." 

„Der Mona Lisa entwendet hat?" 
,Der Mona Lisa aus dem Louvre entwendet hat, im Auftrage Ihres Vaters." 

Der Fremde hielt den Kopf hoch, nicht eine Spur von Rene, von Scham lag 
in seinen Zügen. James hatte kein Verständnis für solchen Verbrecherstolz. Scheu 
blickte er den Unbekannten von der Seito an. Ein Schauer nach dem andern liess 
seinen schwächlichen Körper erbeben: 

„Sie Unseliger, Sie müssen mir helfen, Sie müssen! Bringen Sie das ent- 
setzliche Bild wohin Sie wollen, nur fort, fort, fort mit ihm! Befreien Sie . .!" 

Die Stimme blieb Brinton in der Kehle stecken. Schwäche und Schwindel 
kamen ihn an, er liess sich in seinen Fauteuil zurückfallen und schloss die Augen. 

Da hörte James die Stimme des Fremden dicht an seinem Ohr: 
Wohin wir das Bild bringen, überall wird es entdeckt werden und von 
überall wird man mit Leichtigkeit den Weg zurückfinden zur Villa, die Sir Carleton 
Brinton, Ihr Vater, für Mona Lisa erbaute." 

„Mein Vater, was hast du getan!" 

James begann sein Gesicht in die Hände zu vergraben. 

„Ihr Vater liebte das Bild, er liebte Francesco del Giocondo's schöne Gattin. 
Ihr Vater war dem Wahnsinn nahe, seit er dies Antlitz im Louvre gesehen." 

.Schaffen Sie es fort, schaffen Sie es fort! Keine Summe ist mir zu gross...!" 

„Ich sagte doch : Unmöglich, Sir Brinton ! In ganz Amerika kennt jeder Polizist 
die Zügo Mona Lisa's." 

Was aber wollen Sie von mir, warum kommen Sie zu mir?" stöhnte der 

Unglückliche. 

„Ich komme, Sir Brinton, um Ihnen den — einzigen Ausweg zu sagen, der 
un8 schützt. Sie und mich, tiberlegen Sie; es gibt nur einen einzigen Ausweg. 
Ich will nichts von Ihnen; Ihr Vater ist tot, mit ihm seine Gier dieses Besitzes. 
Ich will nur meine, unsere Sicherheit." 

Der junge Milliardär verfiel in Brüten. 

„Quälen Sie mich nicht!" stöhnte er alsbald, „foltern Sie mich nicht! . . .' 

Plötzlich durchfuhr ihn ein Gedanke. 

„Sie haben Recht. Es gibt nur einen Ausweg. Das Bild muss zurück an 
seinen Platz im Louvre zu Paris. Ich biete eine Million . . ." 

„Bieten Sie zwei Millionen" lächelte der Fremde. 

„Auch zehn, was Sie wollen, nur fort, fort mit dem Bilde!" 

",Und wenn sie mir eine Milliarde bieten, ich kann nicht, was Sie von mir ver- 
langen. Denken Sie an die Grenzen, denken Sie an die hundertfache Bewachung des 
Louvre, Sir Brinton. Mbu wird das Bild früher entdecken und mit Leichtigkeit den Faden 
zurlickverfolgen zur — Villa, die Sir Carleton Brinton für seine Göttin erbaut hat." 

James lag marmorbleich in seinem Fauteuil, die Lippen bewegten sich im 
Takte seines Pulses. So arbeitete sein Herz. 

„Reden Sie, reden Sie, ich flehe Sie an! Sie müssen das Bild zurückbr.ngen 
woher Sie es genommen!" 

Der Fremde zog die Augenbrauen empor und kicherte leise vor sich hin. 

„Ich habo damals 12 Tage an meinem Plane geschmiedet und gefeilt, bis ich 
es wagte, dies Weltkleinod zu entwenden. Wenn ich nun aber 12 Jahre lang nach- 
grübelte, wie ich es machen solle, Mona Lisa wieder unentdeckt an ihren Platz 
zurückzubringen, es könnte mir nicht gelingen. Es würde heissen, einen Rekord, 
meinen Rekord zn schlagen, der nicht - zu schlagen ist. Nur eine einzige 
Möglichkeit bleibt, jede Gefahr für uns zu tilgen. Denke« Sie an den Namen, das 
Andenken Ihres Vaters. Es gibt nur einen Ausweg, Sir James!" 



110 Varia. 

„Welchen, welchen? Ich will Sie belohnen, wie noch nie ein Mensch belohnt 
wurde, wenn Sie mir die Ruhe wieder bringen. Ich sterbe vor Angst. Ich beneide 
jeden Bettler . . .' 

Da hörte er wieder das leise Eichern des Fremden. 

Dann flüsterte es an seinem Ohr: 

„Mona Lisa muss zu . ." 

„Mona Lisa muss . . .?" 

„Muss zu — Asche werden!" 

Vor den Augen des Jünglings begann ein wüstes Funkentanzen, wie ein 
grosses Fallen von Sternschnuppen auf dem schwarzen Grunde des Nachthimmels. 
Dann blieb nur das Schwarz des Himmels. 

„Das Andenken Ihres Vaters! . . Ich komme wieder! . . Denken Sie an Ihren 
Vater!" 

Das letzte, was sein Obr noch zu fassen vermochte. Dann schwand ihm die 
Besinnung. 

Als er erwachte, stand ein Arzt an seiner Seite. Diener huschten durch das 
Zimmer. Der Unbekannte war verschwunden. 

Niemand wusste eine Erklärung dafür, warum dieser Jüngling inmitten seines 
Reichtums unrettbar der Schwermut verfiel. Man gedachte wohl der Verehrung, 
die er für den Vater stets gehegt. Doch der Schmerz um die Toten pflegt in 
Wehmut sich zu lösen. James Wangen hingegen wurden immer blilsser und hohler, 
sein Geist immer absonderlicher. Stundenlang sperrte er sich ein, hinter Doppel- 
türen, damit niemand ihn borte, wenn er mit sich selber sprach. — Seine Seele 
hätte er dem Teufel lächelnd verschrieben, würde ihm dieser das fürchterliche Bild 
dorthin zurückgebracht haben, woher es gekommen. Der masslose Frevel, musste 
er denn geschehen, die Vernichtung eines Denkmals, das unersetzlich war? Da 
Vinci's Werk, es war Eigentum der — Menschheit! Sein Vater hatte es dieser 
Menschheit nicht genommen. Nur für eine Spanne Zeit verborgen. James schwindelte 
es bei dem Gedanken. Der Wahnsinn reckte seine Krallen nach ihm aus. Er sollte 
es — vernichten? 

Hier bricht das Traumbild, dass der Dichter Die Rettung der Mona Lisa 
betitelt, ab. . . . 

Unsere Aufgabe ist es, den geheimen Sinn dieses Traumes herauszufinden. 
Ich enthalte mich jeder Deutung und lasse anderen Kollegen das Wort. Stekel. 

Zum „Last- nnd Realitätsprinzip". 

Sermo8i (Imago 1, 3 „Symbolische Darstellung des Lust- und Realitäts- 
prinzips im Oiiipusmythus") zitiert eine Stelle aus einem Briefe Schopenhauers 
an Goethe, in dar der ödipus des Sophokles als Repräsentant des Realitätsprinzips, 
Jokaste als Typus des Lustprinzipa dargestellt wird. Sermosi fügt hinzu: „Nicht 
schlecht würde zu dieser Deutung stimmen, dass nach alltäglicher Erfahrung die 
Verdrängungsneigung, also das Lustprinzip tatsächlich beim Weibe, die Fähigkeit zu 
objektiver Urteilsfällung und zum Ertragen schmerzlicher Einsichten, d. h. das 
Realitätsprinzip, im allgemeinen beim Manne vorherrscht." Hierzu zitiere ich 
Schnitzler. Masken und Wunder, S. 176 (Das Tagebuch der Redegonda) „Und 
dass sie als Weib den Urgründen des Lebens, wo Wunsch und Erfüllung 
eines sind, näher war als ich, war sie wahrscheinlich im tiefsten überzeugt ge- 
wesen, alles das, was in ihrem violetten Büchlein aufgezeichnet stand, wirklich 
durchlebt zu haben." Marcus. 



Varia. 111 

Frank Wedekind über sexuelle Aufklärung'. 

„Unsere Jugend hat es nun aber meiner Ansicht nach gar nicht in erster Linie 
nötig, sexuell aufgeklart zu werden. Eine genauere Aufklärung über Vorgänge und 
Gefabren der Sexualität hätte jedenfalls nicht das Haus, sondern die Schule zu be- 
sorgen. Das HauB, die Familie aber hat die heranwachsende Jugend vor allem 
darüber aufzuklären, dass es in der Natur überhaupt gar keine unanständigen Vor- 
gänge gibt, sondern nur nützliche und schädliche, vernünftige und unvernünftige. 
Dass e3 in der Natur aber unanständige Menschen gibt, die über diese Vorgänge 
nicht anständig reden oder die sich bei diesen Vorgängen nicht anständig benehmen 
können.« Dr. W. B. 

Die Eifersncbt der Mutter auf die Tochter. 

Wieder berichten die Blätter über ein Drama, das tief in die Abgründe der 
menschlichen Seele hineinleuchtet. Wir entnehmen dem Wiener Montags -Journal 
folgende Nachricht: 

Von der Schwiegermutter erstochen. Hier versuchte eine Frau 
Wasilewska aus Eifersucht ihren zukünftigen Schwiegersohn Zavikowski zu 
ermorden. Sie hatte erklärt, dass er, falls er ihre Tochter heirate, nicht lebend das 
Haus verlassen werde. Am Abend vor der Trauung machte sie ihren Schwiegersohn 
betrunken und versuchte, ihm in der Nacht mit einem Rasiermesser den Hals zn 
durchschneiden. Zavikowski erwachte und schlug der Frau die Waffe aus der Hand. 
Er hatte aber so schwere Verletzungen erlitten, dass er sterbend ins Kranken- 
haus gebracht wurde. Dr - w - B - 

Kinderbriefe. 

Eine mir befreundete Lehrerin nahm sich die Mühe, die Briefe, welche die 
Kinder einander schreiben, zu sammeln. Die Briefe stammen aus der dritten Volks- 
schulklasse in einem grösseren Dürfe. 

Ein Knabe schreibt an ein Mädchen: Bitt komm heile abend zub mir ich 

wehrde dich dan v . . . . n. . . , ,< 

Ein anderer Brief. Schreiber unbekannt. „Du kanst mich in A. 1 

Ein anderer Knabe schrieb einem Mädchen (ebenfalls 3. Volksschulklasse) 

Folgendes: 

„Du bekommst ein kleines Kind; das Ludern ist sehr gut. 

Auf einem anderen Zettel stand: 

„Der Wechdern und dei Refenner heirroden." Stekel. 

Aas der Kinderstube. 

Ein 5jähriges Mädchen versichert bei jeder Gelegenheit, sie werde ihren Papa 
heiraten. Einmal sagt er: „Aber geh, was sollt ich denn mit dir anfangen!" Sie 
antwortet: „Na, was du halt mit der Mama nnfängst!" 

Auch den kleinen Nachbarssohn möchte sie heiraten. Aber den Papa dazu. 

Ihre 7jährige Schwester arrangiert ein Spiel folgendermassen: Sie und ihr 
etwas filterer Bruder „heiraten". Grosse Zeremonie unter einem Baum, der ich 
leider nicht beiwohnen durfte. Dann bekommen sie ein Kind (die Puppe wird in die 
Wiege gelegt). Die kleine Gretel möchte auch „Kind" sein, wird aber abgewiesen: 
Das passt nicht. Du musst die Köchin sein!" Wenn das Spiel soweit gediehen 
ist geht es nie weiter. Meinen Vorschlag, mit dem Kind spazieren zu gehn, lehnen 
sie blasiert ab. Es geht ihnen wie den Grossen: nachher — wissen sie nichts mehr 
anzufangen. F. Tenebris. 



112 Varift - 

Der hartnäckige Setzer. 

Im letzten Hefte dos Zentralblattes teile ich auf Seite 634 ein Verschreiben 
mit, in dem ich einer klerikalen Zeitung statt Redaktion Reaktion schreibe. 
Der Setzer druckt aber immer beharrlich Redaktion, obwohl ich zweimal korrigiert©. 
Der Satz hiess : an die Reaktion der N. N. Zeitung. Und das wollte dem Setzer 
nicht gefallen. 

Der Kongress für medizinische Psychologie in Wien hat sich unter lob- 
hafter Beteiligung der Jugend vollzogen. Von den berühmten Wiener Forschern 
fehlten viele aus verschiedenen Gründen. Über „Verdrängung nnd Konversion« ent- 
spann sich eine lebhafte Debatte. Wir werden über den Kongress in der nächsten 
Nummer ausführlich berichten. 

Der private Kongress der „Internationalen Vereinigung für Psychana- 
lyse" wurde heuer in München abgehalten. Die Gegensätze prallten heftig aufein- 
ander. Die Einsichten sagen sich schon heute, dass die grossangelegle Organisation 
nicht mehr lange zu halten sein wird. Die Wissenschaft kann dabei nur gewinnen. 
Die Wissenschaft der Psychotherapie hat eine schöne Hoffnung zu be- 
klagen. Der Mediziner Ernst Marcus, den unsere Leser aus verschiedenen Refe- 
raten und kleinen Arbeiten kennen, ist in den Bergen von einer Schneelawine er» 
fasst -worden nnd zu Grunde gegangen. Jeder, der den hochinlelligenten strebsamen 
Jüngling gekannt hat, wird diesen Verlust beklagen. 

Ein Versäumnis ist noch nachträglich gut zumachen. Dr. Karl Schrötter, 
dessen Arbeiten über experimentelle Träume in der wissenschaftlichen Welt ein so 
grosses Aufsehen gemacht haben, hat seinem Lebon am 9. Mai d. J. ein gewaltsames 
frühes Ende bereitet. Kar 1 Sehr ö tt er kam 1887 in Ohnütz zur Welt. Die kleine 
Bischofsstadt umschloss seine Knabenzeit. Nach der Matura, die or 1904 ablegte, 
verbrachte er ein Jahr in Graz an der Universität mit Arbeiten im psychologischen 
Laboratorium. Dem Studium der Psychologie widmete or sich auch in Wien, wo 
er von seinen Lehrern Jo dl, S töhr und Swob o da bald als eine der bedeutsamsten 
Hoffnungen der jungen philosophischen Generation anerkannt wurde. In Wien er- 
warb er sich ferner (1907) das Diplom der Pharmazie, dann deu Doktorhut (191^). 
Seine Dissertation über die periodische Wiederkehr nicht assoziierter Vorstellungen, 
schuf ihm trotz seiner jungen Jahre einen Kreis von Verehrern, den seine prächtigen 
Vortrage in der Philosophischen Gesellschaft („Über die Lüge', .Die Wurzeln der 
Phantasie", „Traum und Suggestion", „Das Heimweh") stets vergrosserton. Er hatte 
nun das Studium der Medizin ergriffen und bereits die ersten Rigorosen mit Erfolg 
abgelegt, als ihn der Tod mitten aus seinem Aufstieg riflS, 

Karl Schrötter war als Psychologe ein Anhänger der empirisch-experi- 
mentellen Methode, obgleich er durchaus nicht zu Wundts Schule zählte, sondern 
jener modernen Richtung angehörte, die, ohne sich auf einzelnes zu spezialisieren, 
vom ganzen Menschen ausgeht, dessen psychophysischen Organismus sie psycho- 
biologisch durchforscht. Seine wichtigsten Anregungen empfing er von Avenarius, 
Stöhr und Swoboda. In der letzten Zeit wirkte auch Freud's Psychoanalyse 
auf ihn ein, deren Extremen er sich allerdings nicht anschloss. Sein letztes Werk, zu- 
gleich sein erstes grosses, war das „Buch über den Traum", das seine Habilitations- 
schrift bilden sollte, bereits dem Abschlüsse nahe gerückt war. Es blieb ein Torso . . . 

Im nächsten Hefie erscheinen Arbeiten von Niedermann (Ermatingen), 
Frescbls (Wien), Stekel, Paul Schrecker (Wien), Asnauro w und Köhler 
(Heidelberg), Cornelius (Paris).