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Full text of "Zentralblatt für Psychoanalyse 1914 Band IV Heft 9/10"

Originalarbeiten. 

i. 
Über Zyklothymie und ihre Kombinationen. 

Von Dr. N. A. Wyrubow, Moskau. 
(Autorisierte Übersetzung von Dr. Ignaz Dubrowicz.) 

Bevor ich auf mein Thema eingehe, möchte ich einige Worte über 
das uns zur Verfügung stehende Material sagen. Hysterie in den ver- 
schiedensten Schattierungen und Ätiologien, diverse psychasthenische Zu- 
stände, und endlich eine erhebliche Anzahl von Zyklothymiefällen das 
wäre so der Hauptkern unseres Krankenkontingents. Jetzt werden wir 
uns aber lediglich im Rahmen des Themas: Zyklothymie und ihre Kom- 
binationen bewegen. 

Seit einer Reihe von Jahren sammle ich Beobachtungen und sichte 
mein Material im allgemeinen in der Richtung der temporären und 
periodischen Schwankungen des seelischen Tonus, seiner Hebungen und 
Senkungen. Die Welle, ein gewisser Rhythmus stellen augenscheinlich 
ein biologisches Phänomen dar. Es ist sehr wahrscheinlich, dass der 
Zufluss und Abfluss der Lebensspannung (vitalen Intensität) ihre liefsten 
Wurzeln in ferner Vergangenheit der Menschheit hat, in jener Ver- 
gangenheit, als noch der Lebensrhythmus der Natur die primitive Organi- 
sation des der Natur so nahen und sich sogar ihr eins fühlenden 
Menschen viel mächtiger beeinflusste. Es wurde ja die Menschheit selbst 
aus dem Schoss dieser Natur geboren. Trotzdem sich der Mensch während 
seiner langen Entwicklungsgeschichte von der unmittelbaren Einwirkung 
der physischen Naturfaktoren in beträchtlichem Masse frei gemacht hat, 
spiegeln sich die biologischen Einflüsse bis auf den heutigen Tag in 
den Intensitätsschwankungen des psychischen Tonus nicht minder ab. 
Um nur ein Beispiel anzuführen, sei auf die Frequenz der Selbstmorde 
hingewiesen, die im Zusammenhang mit den Jahreszeiten gesetzmässigen 
Schwankungen unterworfen ist. 

Aber auch abgesehen von solchen Fällen möchte ich behaupten, 
dass die Veränderung der Tonusintensität bald nach der negativen, bald 
nach der positiven Seite ein universelles Phänomen in der Psyche des 
Menschen darstellt. Nur ist der Diapason dieses Phänomens, wenn man 
sich so ausdrücken darf, sehr weit — von den an einem Ende stehenden 
kaum bemerkbaren Veränderungen des psychischen Tonus bis zu den am 
anderen Ende stehenden schroffen und sehr tiefen Stimmungen des seeli- 
schen Gleichgewichtes. Im ersteren Fall handelt es sich um ganz leichte 
Stimmungen emotioneller und intellektueller Prozesse. Die ganze Sache 

Zentr«lbl»tt für Psychoanalyse. IV •/ u . 28 



INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




4 22 Dr - N. A. Wyrubow, 

erschöpft sich dann nicht selten in einer mehr oder minder lange dauern- 
den Disthymie und Unlust zu geistiger Arbeit. Diese subtilen Störungen 
der Seelentätigkeit kommen bei Künstlern, Schriftstellern usw. besonders 
leicht und deutlich zum Vorschein. Es lässt sich bei ihnen nicht selten 
das Einsetzen ganzer Perioden von Untätigkeit, von Unmöglichkeit, zur 
Feder, zum Pinsel, zum Meissel etc. etc. zu greifen, konstatieren; es ver- 
gehen' Tage, Wochen, Monate, während welcher das gewöhnliche Tagewerk 
vollkommen stillsteht, und die Stimmung eine sehr gedrückte ist, wofür 
der Stillstand im Schaffen als äusseres Motiv einspringt. Von solchen 
Schwankungen sind auch hervorragende kräftige Organisationen, im all- 
gemeinen tadellos beschaffen, nicht ganz frei. Dieses Phänomen fiel mir 
bei der Lektüre der Briefe Turgenjeff's besonders auf. Auch bei ihm 
macht sich ein gewisser Rhythmus im Schaffen, in den Stimmungen, die 
mit Schwankungen sowohl im Sinne der Hemmung, wie auch der Leichtig- 
keit des Schaffens bemerkbar. Aber dasselbe finden wir, wenn wir genauer 
zusehen, bei einer beträchtlichen Anzahl von Menschen, die sonst gar 
keinen Grund haben, über ihren Seelenmechanismus Klage zu führen. 

Nun können wir uns leicht denken, und damit auch im Leben be- 
obachten das Anwachsen und die Steigerung der Amplitude dieser Schwan- 
kungen nach beiden Seiten hin, sowohl nach der Seite des Ansteigens, 
des psychischen Tonus, als auch nach der des Sinkens. Und in der Tat 
lässt sie die Allmählichkeit dieser Übergänge von den sich noch inner- 
halb der Gesundheit befindenden Schwankungen bis zu ihrer ausgesprochen 
krankhaften Steigerung an einer Reihe von Beobachtungen mühelos fest- 
stellen. In dieser Beziehung ist unser klinisches Material ganz besonders 
wertvoll und lehrreich. Hier bekommen wir jene leichten kaum auf- 
fallenden Fälle zu sehen, die vielleicht früher unbemerkt und unaufgeklärt 
bloss die Ambulanz passiert hatten. Hier beobachten wir auch alle 
Übergangsformen und Grade bis zur Grenze, hinter welcher die Intensität 
und andere Krankheitsbedingungen eine Behandlung in speziellen Heil- 
anstalten erfordern. Und so kommen wir im gegebenen Moment von den 
Schwankungen, die man noch als normal anzusprechen pflegt, auf Zu- 
stände, die man als krankhaft anerkennt und schon als Zyklothymie 
klassifiziert. 

Vorderhand sehe ich mich gezwungen eine Einschiebung über eine 
sehr wichtige und bis jetzt noch nicht ganz aufgeklärte Frage nach 
der Pathogenese der zyklothymischen, resp. zirkulären Formen zu machen. 
Die Auffassung des psychischen Tonus im allgemeinen, als eines Phänomens 
biologischer Ordnung leitet uns naturgemäss zum Gedanken, dass bei 
Steigerung der Schwankungsamplitude dieses Tonus d. h. bei zyklothymi- 
schen Zuständen gewisse Veränderungen ebenfalls biologischer Ordnung 
im Organismus auftreten müssen, die sich im veränderten Chemismus und 
anderen inneren Prozessen manifestieren. Und in der Tat verfügen wir 
gegenwärtig über eine ganze Reihe von Angaben, die diese Ansicht be- 
stätigen. 

Harn- nnd Stoffwechseluntereuchungen werden von vielen Autoren angestellt. 
Schaefer hat einen Fall von zirkulärer Psychoso beschrieben, der in der Exalta- 

i) Die Literaturangaben bezüglich der Harn- und Stoffwecbseluntersnchungen 
werden zum Teil aus dem grossen Sammelbericht Simonelli, La ricerca urologica 
nelle malattie nervöse e mentali angeführt. (Rivista di Patologia nervosa e men- 
tale. 1911.) 



Über Zyklothymie und ihre Kombinationen. 423 

tionsperiode mit Polyurie und Polydipsie, in der Depressionsphase mit Oligurie 
einherging. Pini fand die reduzierende Kraft des Harnes in der Erregungsperiode 
deutlich in der Depressionsperiode weniger deutlich vermindert, und in Intervallen 
normale' Verhältnisse. Eine im Vergleich mit manischen Kranken und Gesunden 
^steigerte Toxizität des Harnes wurde von vielen Autoren konstat.ert (Chevalier. 
Lavaure, Bettencourt, Dubois und Weil, Brugia, Mairet u. •■)• Brug.» 
behauptet, dass der Harn an Depressionszuatänden leidender Kranker, Kräfteverfall, 
Somnolenz, mitunter schlaffe Lähmung der Extremitäten, Puls- und Atmungsarhy hm.e, 
Hvpothermie von 2-3», Myosis hervorruft; der Harn manischer Kranker dagegen lokale 
und allgemeine Krämpfe, Temperatursteigerung auf 1°, häufig Mydriasis •«-**•».. 
urotoxischen Verhältnisse sind übrigens nicht allein bei Manie und Melancholie anzu- 
treffen, sondern auch bei episodischen Erregungs- und Depressionszuständen, während 
des Stupors und Expansionswahns der Epileptiker, bei melancholischen und manischen 
Formen der progressiven Paralyse. . 

Die biologische Probe der Nierenfunktion zeigt nach den Untersuchungen 
d'Ormea und Maggiotto, dass die Ausscheidung von Methylenblau bei manisch- 
lpr e r 8 ivem Irresein ziemlich gleichmässig und mit grösserer Geschwmd.gke.t als 
n ormaliter vor sich geht. Nach Zuelzer werden die Erregungszustände von e.ner 
Z Verhältnis zum Gesamtstickstoff verminderten, die Depressionszustände von einer 
vermehrten Phosphormenge begleitet. Mairet fand bei Krankheiten, die sich durch 
T ^ W.WB^kAit auszeichnen, wie Manie - Vermehrung der Erdphosphate, 
LTZeT n^unler- wie z.' B. Melancholie - Verminderung des Gesamt- 
phosphors. bni88e ü ber die bei manisch depressiven, Irresein ausgeschiedene 

E.nwandlreieiLrg wdeB , Nach Mendel, Merro 

v. k*Wi«A im 7,,sammenhang mit der schlechteren Ernährung. 
MhM tt M-* d" Behauptung auf, dass die periodische Melancholie ihre Ent- 

n^ M ^ÄV W? M seinein Lehrbuch^) 
wie auch dil Untersuchungen Steggmann's, welcher bei penod.scher Neurasthenie' 
o;™ V fi rn.inderune der ausgeschiedenen Hainstoffmenge fand. 

e,ne Vj^gJ ££J£ seiner Monographie .La cyclothy»»« (1909) die Unter- 
, , ■ nr.Kiira Lall em an d's an, welche bei Manie eine unbedeutende 

sacr ^^iÄ^; * ?*nÄ?säÄS! 

unTgegen N 0rm vermehrte Harnsäureausscheidung fanden. Bei Melancholie dagegen 
- Verminderung der Gesamtmenge der Phosphorsäure und des Harnstoffes; dabei 
pflegt eT^mUches Herausfallen von Harnstoff das Ende des Depressionszustandes 

" **M *»• persönlichen Erfahrungen über die Harnverhältnisse bei zyklothymischen 
Kranken sind vorderband noch rein klinisch. Aber dennoch konnte es mir nicht 
fnteeben wie häufig man eine gesteigerte Hamsalzausscheidung ganz besonders der 
Urate ^er auch Oxalate und teilweise der Phosphate beobachten kann. Ausser- 
^denüich klar treten die Erscheinungen im Verlaufe der Krankheit be. Exazerbat.onen 
der C «o-tänd. zutage. Es fa.len dann plötzlich, ohnedass «eh die äusseren 
Bedingungen irgendwie geändert hätten, Harnsalze hauptaätml.ch Urate in beträcht- 
liehen Quantitäten aus. 

Kurz es gibt bereits eine bedeutende Menge von Angaben die auf 
ea nz v^esentliclfe Stoffwechselveränderungen bei Zyklothymie hmweiser. 
Dabei sfnd diese Angaben, meines Erachtens. derart überzeugend dass 
sie bereits gestatten, die Pathogenese der Zyklothymie m chemischen 



424 Dr. N- A. Wyrubow, 

und toxischen Veränderungen, die im Organismus stattfinden, zu suchen. 
Wenigstens hat sich Kraepelin in der VII. Auflage seines Lehrbuches 
der Psychiatrie dahin ausgesprochen, dass eine Klärung dieser Frage viel- 
leicht noch am ehesten von den Stoffwechseluntersuchungen zu erwarten sei. 

Aber auf den Gedanken des chemisch toxischen Prozesses bei Zyklo- 
thymie sollten uns nicht nur die Stoffwechselveränderungen führen, 
sondern vieles andere. Die Reichhaltigkeit rein somatischer Symptome 
und auch der Krankheitsverlauf bezeugen es. Weder der Umfang, den 
ich meinem Aufsatz verleihen kann, noch der Zweck, den er verfolgt, 
gestatten es mir, mich eingehend mit allen uns interessierenden Gruppen 
der klinischen Krankheitssymptome zu befassen, und daher sehe ich 
mich unwillkürlich gezwungen, diesen Teil womöglich gedrängt darzulegen. 
Aber ich kann bei dieser Gelegenheit nicht unerwähnt lassen, dass viele 
der Fragen, die wir weiter unten anschneiden werden, eine eigene Unter- 
suchung erfordern könnten. 

Zu somatischen Erscheinungen gehören sowohl subjektive, wie auch 
objektive Symptome. Letztere bieten grösseres Interesse, beginnen wir 
daher mit ihnen. Eine dominierende Rolle fällt in dieser Hinsicht den 
Gefässerscheinungen zu. Die Veränderung der Pulsschläge, besonders 
im Sinne ihrer Vermehrung (bis 120—130) ist eine sehr häufige Erschei- 
nung; dazu gesellt sich nicht selten eine deutlich ausgesprochene Irre- 
gularität des Pulses, mit bedeutenden Schwankungen der Frequenz in 
einzelnen Intervallen. Die Pulsspannung erleidet ebenfalls Störungen, die 
s^ich auch bei gewöhnlicher Krankenuntersuchung leicht nachweisen lassen. 
Pilcz, der den Puls bei depressiven Zuständen manometrisch unter- 
suchte, fand eine Drucksteigerung bis 170 mm, Einige Autoren haben, 
worauf Stransky 1 ) in seiner schönen Monographie hinweist, eine Ver- 
breiterung der Herzdämpfung beobachtet. Auch ich hatte Gelegenheit das- 
selbe zu beobachten bei jeglichem Fehlen beliebiger anderer Symptome 
von Seiten des Herzens. 

Bezüglich der Blutveränderungen sind die Angaben, wie Stransky 
erklärt, widersprechend. Vorster fand eine Erhöhung des spezifischen 
Gewichts und des Hämoglobininhaltes bei depressiven Zuständen und Agi- 
tation. Unsere Beobachtungen, die sich auf die bei Kranken von K anna- 
le ich, Schernoruk und Bieloborodof vorgenommene Bestimmung 
des Perzentgehaltes nach Hämoglobin (nach Sahlis Methode) gründen, 
würden etwa für ein Sinken des Hämoglobingehaltes bei Depression und ein 
sukzessives Anwachsen desselben parallel dem Erlöschen des krankhaften 
Zustandes sprechen. 

Auf Störungen seitens Intestinaltraktes möchte ich ganz besonders 
hinweisen, um so mehr, als manche von ihnen bis jetzt wenig Beachtung 
fanden. Zu den am meisten banalen Symptomen, die bei Zyklothymie 
mit grosser Konstanz anzutreffen sind, gehören eine belegte Zunge, Appetit- 
losigkeit, die sich meistens bis zum vollständigen Widerwillen gegen das 
Essen steigert, und Funktionshemmungen des Darmes. Wilmanns, der 
den zyklothymischen Verdauungsstörungen eine ganz besondere Aufmerk- 
samkeit schenkte, hält es für sehr wahrscheinlich, dass dieselben eine 
direkte Folge einer einzigen allgemeinen Ursache — der Erkrankung 

i) E. Stransky, Das manisch depressive Irresein. Handlung der Psy- 
chiatrie. Herausgg. von Prof. Aschaffenburg, 6. Abteilung, 1911. 



Über Zyklothymie und ihre Kombinationen. 425 

des Zentralnervensystems sind 1 ). Zu diesen Erscheinungen füge ich noch 
zwei hinzu, die ich in letzter Zeit nicht selten beobachtete. Erstens, 
eine vom Gefühl der Trockenheit im Munde begleitete Verminderung der 
Speichelsekretion. Es ist möglich, dass diese Erscheinung nicht ohne 
Einfluss auf die Verarbeitung der Kohlehydrate bleibt, obwohl andererseits 
aus den Untersuchungen Raimans 2 ) bekannt ist, dass Zucker bei 
Depression (im Gegensatz zu manischen) Zuständen schlechter assimi- 
liert wird Zweitens sind es Darmstörungen und zwar hauptsächlich 
Diarrhöen die eine besondere Aufmerksamkeit verdienen. Sie entstehen 
nicht selten während der Krankheit, sei es dass sie vorübergehend auf 
1—2 Tage an Stelle der Obstipation treten, sei es, dass sie bei relativ 
normalen Darmverrichtungen einsetzen. Ausserdem besitze ich bereits 
eine ganze Reihe von Beobachtungen, die sich auf depressive zyklo- 
thymische Anfälle beziehen. Den Beginn der Anfälle kennzeichneten wieder- 
holt stark diarrhoische Stühle .von durchdringendem Geruch, worauf sich 
dann eine typisch verlaufende depressive Periode konstituierte 3 ). Solche 
Fälle lassen' unwillkürlich an irgend eine Intoxikation denken (vielleicht 
von der Seite der Drüsen der inneren Sekretion). 

überhaupt muss man sagen, dass auch die übrigen sekretorischen 
und exkretorischen Funktionen bei Zyklothymie Störungen darbieten. 

v Tf o o r d e n und Conrad Alt weisen auf eine Hyperazidität des 
Magensaftes hin. Die Tränenabsonderung pflegt auf der Höhe einer 
schweren Depression häufig zu stocken, und die Kranken klagen alsdann 
über das Unvermögen, den Kummer durch Tränen zu lindern (Pierre- 
K a h n und i c h). Dagegen hatte ich während der Lösungsperiode der De- 
pression Gelegenheit, eine gesteigerte Tränensekretion bei der geringfügig- 
sten Erregung zu bemerken. Endlich habe ich in allerjüngster Zeit bei 
einem Patienten eine schwere Depressionsperiode beobachtet, welche mit 
Bewusstseinstrübung und starken Schweissen begann. Beides dauerte 14 
Tage worauf sich dann das Bild einer typischen Depression einstellte. 
Pierre- Kahn sah bei Depression eine Verminderung der Schweiss- 

splcrction 

' Vergrösserung der Schilddrüse ist bei Zyklothymie nichts seltenes, 
und ich kann lediglich die diesbezüglichen Angaben anderer Beobachter 
bestätigen. Nebennierenveränderung bei manisch-depressiven Kranken be- 
schrieb Muratow. . . 

Hautjucken und Ausschläge werden bei Zyklothymie gleichfalls von 
einigen Autoren beschrieben. Pierre-Kahn führt einen Fall an, in 
dem die Depression mit einer Urtikaria endete. Hautjucken ist meinen Be- 
obachtungen zufolge ein gar nicht seltenes Vorkommnis bei Zyklothymie. 
Meistens empfinden die Kranken das Jucken gegen Abend beim Entkleiden 
nachdem sie sich ins Bett gelegt haben, oder morgens beim Aufstehen 
Pruritus bei periodischen Psychosen erwähnt auch Kirn*). Haut- 
exantheme unter dem Bilde eines Ervthema tuberculatum, die sich in 

1) R. Wilmanns, Die leichten Fälle des manisch depressiven Irreseins 
(Zyklothymie) und ihre Beziehungen zu Störungen der VerdauungBorgane. 1906. 

2) Raim ann, Über Glykosarie und alimentäre Glykosnrie bei Geisteskranken. 
Zeitschrift f. Heilkunde 1902. Zit. bei Stransky. 

3) Ein solcher Fall wurde von mir und Bieloborodof jüngst beobachtet. 
«) Kim, Die periodischen Psychosen. 1878. Zit. bei Wilmanns. 



426 Dr. N. A. Wyrubow, 

Schmetterlingsform im Gesicht lokalisierten, beobachtete ich in einer 
psychiatrischen Heilanstalt bei einer zirkulären Kranken. Im Verlauf 
von einer ganzen Reihe von Jahren änderten sich alljährlich die Phasen der 
Psychose und jedesmal, wenn die manische Periode herannahte, begann 
sich auch das erwähnte Exanthem zu zeigen. Im Gegenteil kündete das 
Abblassen desselben den Beginn der Depression an. 

Schlafstörungen, Verlust und Schwankungen des Körpergewichtes 
sind im Verlaufe der Krankheit derart gewöhnliche Vorkommnisse, dass 
ein Hinweis auf sie genügt. 

Ebenfalls wird es genügen, bloss die Hauptklagen der zyklothymi- 
schen Kranken zu nennen. Kopfschmerzen, vorzugsweise aber Schwere 
und Kopfdruck in verschiedenen Kopfregionen, Rückenschmerzen an be- 
liebigen Stellen, Herz- und Magenschmerzen usw. beunruhigen die Kranken 
sehr häufig. Eine der häufigsten Klagen ist Schlaflosigkeit. Dabei gelingt 
es oft, sich zu überzeugen, dass in Wirklichkeit Schlaf vorhanden ist, 
aber die Kranken kommen offenbar auch während des Schlafes nicht zum 
Gefühl der gewöhnlichen Beruhigung. Der Mangel eines ruhigen Schlafes 
wird bei depressiven Zyklothymikern unter anderem durch ihre höchst 
ängstlichen und komplizierten Träume bestätigt. (In Parenthese sei be- 
merkt, dass die Veränderung des Trauminhaltes im Sinne der gewöhnlichen 
Erlebnisse des verflossenen Tages nicht selten eines der Indizien der be- 
ginnenden Lösung des Depressionszustandes bildet). 

Wenden wir uns zur Entwicklung und Verlauf der Krankheit, so 
erblicken wir eine ganze Reihe von Erscheinungen, welche uns zu dem- 
selben, obwohl vorderhand noch als hypothetisch geltenden, aber von 
meinem Standpunkt aus in höchstem Grade wahrscheinlichen Schluss von 
der toxischen Genese der Zyklothymie führen. In der Tat werden wir in 
ihrem Verlauf viele tiefgehende Analogien mit dem Entwicklungsgang 
anderer toxischer Erkrankungen finden. Zahlreiche Prodromalerschei- 
nungen rein somatischer Natur zeigen in der Mehrzahl der Fälle die heran- 
nahende Krankheit an. Viel seltener setzt das Leiden plötzlich ein, aber 
auch in solchen Fällen vermisst man die somatischen Symptome nicht. 
Im weiteren Verlaufe treten dann psychische Symptome auf. Beide 
wachsen bis zu einem gewissen Zeitpunkt allmählich an, verharren dann 
mehr oder minder auf einer gewissen Höhe, um dann gewöhnlich mit 
grossen Schwankungen sukzessive zurückzugehen, oder statt zur Norm 
in den entgegengesetzten Zustand überzugehen. Die Sache geht so vor 
sich, als ob Antitoxine im Organismus erzeugt worden wären, die das 
ursprüngliche Toxin neutralisieren. Unter solchen Bedingungen könnten die 
Fälle des Überganges in den entgegengesetzten Zustand auf Bildung von 
Antitoxin in einer die Neutralisation überschreitenden, überschüssigen 
Menge hindeuten. Das meistenteils mit Schwankungen einhergehende 
Schwinden der Krankheitssymptome könnte dann in Verbindung mit einer 
allmählichen anfangs noch nicht ausreichenden Produktion von antitoxi- 
schen Substanzen gebracht werden. 

Und so sind wir, glaube ich, auf Grund der angeführten Tatsachen 
und Erwägungen berechtigt, die Zyklothymie als ein toxisches Leiden 
aufzufassen. Dabei versteht es sich von selbst, dass damit die Definition 
der Zyklothymie als einer konstitutionellen Erkrankung in keiner Weise 
verändert ist. Das Wesen der Sache bleibt dasselbe, nur tritt an Stelle 
der krankhaften Disposition des Gehirnes eine solche (Diathese) des 



Über Zyklothymie und ihre Kombinationen. 427 

Gesamtorganismus. Diese krankhafte Disposition besteht darin dass unter 
dem Einfluss exo- und endogener Faktoren Reaktionen ausgelost werden 
in Gestalt jener Summe psychischer und somatischer Erscheinungen, die 
eben das klinische Bild der Zyklothymie ausmachen 

Diese Reaktionen manifestieren sich als Anfälle von verschiedener 
Dauer, sogar bei einem und demselben Individuum, und treten in ganz 
verschiedenen Intervallen auf. . 

Eine grosse Ähnlichkeit! kann man zwischen der zyklothymischen 
Diathese (bzw Konstitution) und gichtischen Diathese (bzw. Konstitution), 
mit der man schon die Zyklothymiepathogenese gebunden hat i^Laage, 
Kowalewskv), bemerken. Auch die gichtische Diathese weist eine 
Summe von bestimmten somatischen und neurotischen Reaktionen auf. 
Die Reaktionen treten hier ebenfalls in Form von mehr oder minder aus- 
cesnrochenen Anfällen auf, wobei sie ebenso von exo- und endogenen 
Faktoren abhängen. Endlich zeigt sie, gleich der Zyklothymie, die Tendenz 

2Ur V Je°tzt U w1rd es uns nicht mehr schwer fallen, an die Frage heran- 
zutreten wie weit eine Kombination der Zyklothymie mit anderen neuro- 
Td psychopathischen Formen möglich sei, und von welcher Bedeutung 
sie sein könne. Diese Frage ist, wie bereits erwähnt, nicht neu 

Vor allem ist schon rein theoretisch nicht unwahrscheinlich, dass 
sich eine zyklothvmische (toxische) Diathese auf der Basis einer patho- 
bgLhen Konstitution - wie Hysterie Psychasthenie, Paranoia (im binne 
•Krae pelins) entwickeln könne. Komplizierter wird die Frage der 
Kombinationsmöglichkeit bei Vorhandensein anderer Inflationen - Epi- 
lepsie, Dementia praecox, progressive Paralyse ™ lorilI ,„ 

Trachten wir uns in den Tatsachen zurechtzufinden. Eine Gruppierung 
der sich auf zyklothymische Kranke beziehenden Beobachtungen fuhrt 
zu höchst interessanten Ergebnissen. Es zeigt sich dann wie stark die 
allgemeine psychologische Konstitution des Individuums den Verlauf der 
Anfälle zu beeinflussen vermag. • 

So kann ein auf dem Boden einer psychisch gesunden Persönlich- 
keit entstandener Depressions-Anfall sich in seiner Symptomatologie auf 
gewöhnliche Hemmungszustände und begrenzten Kreis von Befürchtungen 
der Untauglichkeit zur Arbeit (infolge der Unruhe des Leidens) ^»^nkeft, 
schränken? wohin allgemeine dysthynesische Empfindungen, und Unmög- 
lichkeit geistig zu arbeiten, naturgemäss führen. 

Heischet, die um ihre körperliche Gesundheit besorgt sind werden 
alsdann, falls die Funktionen ihrer inneren Organe (Herz, VMP^D» 
kanal, sexuelle Sphäre etc.) auch nur die geringsten Abweisungen vo 
der Norm aufweisen, das Bild dieser oder jener somatischen ^Phobie m 
zyklothymischen Anfall bieten. Sie werden „am Herz sterben an Luf - 
mangel ersticken, an Verdauungsstörungen leiden *re ganze Auf«™ re- 
kelt auf Sexualfunktion richten (es wird z. B. Impotenz auftreten) usw. 
Kurz das allgemeine Bild des Grundleidens (des zyklothymischen An- 
falls) kann sich bis zur Unkenntlichkeit verändern, derart, dass nur eine 
ganz genaue Untersuchung den wahren Sachverhalt aufzudecken im- 

Ich konnte in meinen Krankenaufzeichnungen ziemlich viel Instruk- 
tives finden So verfüge ich über eine Reihe von Fällen, in denen ich 
mich gezwungen sah, die anfangs gestellte Diagnose nachträglich beim 



428 Dr. N. A. Wyrubow, 

Wiedererscheinen der Kranken im Sinne einer kombinierten Erkrankung 
auszudehnen. Das war z. B. der Fall bei der Patientin K., bei der ich 
ein Jahr vorher auf Grund des ganz typischen zweifellosen Bildes Angst- 
hysterie diagnostizieren konnte. Nach Angaben der Kranken hatte die 
vorgeschriebene Kur einen allmählichen Stillstand des Leidens zur Folge; 
Aufregung und Angst schwanden. Damals fehlten auch nicht der ent- 
sprechende ätiologische Faktor Coitus interruptus. Nun setzte vor einen 
Monat die gedrückte weinerliche Stimmung mit derselben peinlichen Sen- 
sation in der Herzgegend etc. von neuem ein. Diesmal war die obige 
sexuelle Ätiologie nicht vorhanden. Aber auch ohne diese gelang es mir, 
die hysterische Grundlage inmitten der zyklothymischen Erscheinungen 
herauszuheben. 

Ich möchte mich auf einen Fall von Zyklothymie bei einer Hysterica 
berufen, über den Kann ab ich in einer Mitteilung berichtet. Dieser Fall, 
der von uns gemeinschaftlich beobachtet wurde, gehört zweifelsohne zu den 
typischen dieser Art. 

Auch das Exaltationsstadium wird mitunter mit Hysterie verwechselt. 
Das kommt freilich, weil die Kranken sich so wohl fühlen, dass sie sich 
gar nicht für krank halten und daher unsere Hilfe nicht in Anspruch 
nehmen. Höchst gehobene Stimmung, dabei inkonstant, eine auffallende 
Unbeständigkeit der Wünsche und Ziele, sonderliches launenhaftes Betragen, 
Übergänge vom Weinen zum Lachen und umgekehrt bei geringsten An- 
lässen, Hang zum Kurmachen und Liebelei, endlich ganz bedeutende 
Suggestivität im Sinne eines leichten Unterliegens fremden Einflusses 
— das sind die Charakteristika solcher Kranken. Sie kehren dann, von 
ihrem Anfall genesen, zu ihrem gewöhnlichen Zustand zurück und bleiben 
dieselben hysterischen Individuen, wie sie es früher gewesen 1 ). 

Ein diagnostischer Fehler passierte mir auch mit einer anderen 
Patientin Seh., bei der ich ursprünglich Psychasthenie, ein Bild von 
ziemlich schwerer Zwangsneurose mit Zweifel, Misstrauen etc. — dia- 
gnostiziert hatte. Die dann folgende Attacke brachte mich wiederum auf 
die richtige Fährte. Es stellte sich heraus, dass wir es mit einer zyklo- 
thymischen Attacke, die ich bis zu Ende verfolgen konnte, bei einer 
Psychasthenischen zu tun hatten. 

Noch interessanter ist der Fall W. Die Kranke, die ich seit dem 
Jahre 1901 von Zeit zu Zeit zu sehen bekomme, hatte sich zum ersten 
Male noch als 19 jähriges Mädchen anlässlich allgemein neurotischer Sym- 
ptome an mich gewendet. Im Laufe einer dreimonatlichen Kur gingen 
diese Symptome gänzlich zurück. Ein Jahr darauf sah ich die Kranke 
wieder. Diesmal klagte sie ausser allgemeiner Nervosität über zwangsartige 
Angstzustände. Die Zimmerdecke müsse einstürzen, eine Nadel werde 
sich in ihre Hand einbohren, sie werde sich mit Glas schneiden, etc. — Dazu 
ständiger Zweifel und Unsicherheit. Damals stellte ich die Diagnose auf 
Zwangsneurose, oder wie ich jetzt sagen möchte — Psychasthenie. Dann 
sah ich die Kranke noch im Jahre 1907 und endlich im Frühling 1911. 
Die für das verlaufende Dezennium durchgeführte Katamnese zeigte auch, 

i) Mein hierher gehöriges Material ist vorläufig noch nicht gross. Ich könnte 
provisorisch sagen, dass bei in diese Kategorie gehörigen Zyklothymikem neben 
Steigerung des emotionellen Tonus und psychomotorischer ZUgellosigkeit eine intel- 
lektuelle Hemmung besteht 



Über Zyklothymie and ihre Kombinationen. 429' 

dass wir es hier mit einer Reihe von zyklothymischen Anfällen bei einer 
Psychasthenikerin zu tun haben. Viele dieser Anfälle weisen eine klassische 
Symptomatologie auf, die sofort manifestiert wird, sobald man sich be- 
müht, in den sich vordrängenden sinnlosen, phobisch zwangsartigen Sym- 
ptomenkomplex tiefer einzudringen. Bei der Kranken W. trat während des 
letzten Anfalles schwere Depression mit ziemlich hartnäckigen Selbst- 
mordgedanken sehr deutlich hervor. 

Die letzten vier Jahre hatte ich eine Kranke S. beobachtet, die mit 
der Diagnose Psychasthenie in meine Behandlung kam. Ursprünglich waren 
auch wir mit der Diagnose einverstanden, jedoch hatte die weitere Be- 
obachtung gezeigt, dass die Sache viel komplizierter war, und dass wir 
es mit einer Kombination von Psychasthenie und einem depress-zyklc- 
thymischen Anfall zu tun hatten. Die Depression war nach einigen Monaten 
verschwunden, aber die Kranke war natürlich damit nicht von der Psych- 
asthenie befreit. Seit Frühling 1913 machte die Kranke einen neuen Anfall 
von agitierter Depression durch, der mit einem Zustand von leichter Ex- 
altation endete. Während wie auch nach demselben blieben die psych- 
asthenischen Erscheinungen, wenn auch schwächer, bestehen. 

Zum Schluss möchte ich noch eines kranken Arztes erwähnen, 
den ich einige Jahre früher in einem psychiatrischen Krankerihause 
beobachtet hatte. Er litt an Paranoia (im Sinne Kraepelins) und 
zeigte einen komplizierten religiösen Wahn. Abgesehen von dieser Wahn- 
idee wies er keinerlei Intelligenzdefekte auf und hatte sowohl für die 
Well, wie auch teilweise für die Medizin Interesse. Bei ihm traten 
ebenfalls ganz typische Erregungszustände abwechselnd mit schweren 
Depressionen auf. Diese Perioden, die eine spezielle Beobachtung in ent- 
sprechenden Krankenhausabteilungen erforderten, hielten einige Monate an. 

Über Beobachtungen, die eine Kombination von Zyklothymie mit 
Epilepsie oder Dementia praecox und progressive Paralyse betreffen, ver- 
füge ich nicht. Die diesbezüglichen Literaturangaben sind nicht ganz, 
einwandfrei. Es fehlt vollständig an sicheren Hinweisen auf die Möglich- 
keit einer Kombination von Zyklothymie, beziehungsweise manisch depres- 
sivem Irresein mit Epilepsie und Dementia praecox. Pierre-Kahn hält 
die Koexistenz der Epilepsie mit Zyklothymie nicht für unmöglich, da „beide 
als Töchter derselben Mutter — der psychischen Heredität — zu betrachten 
sind" (1. c). Berze gibt doch, obwohl andererseits jeneigt eine Art Anta- 
gonismus zwischen Dementia praecox und Zyklothymie anzunehmen, in 
jüngster Zeit die Möglichkeit einer Disposition für beide Erkrankungen 
zu. Von grossem Interesse wäre der Hinweis auf die hereditären Be- 
ziehungen zwischen den katatonischen Formen der Schizophrenie (Dementia 
praecox) und manisch depressiver Psychose, falls man die in solchen 
Fällen unterlaufenden diagnostischen Irrtümer nicht zu befürchten hätte, 
da doch katatonische Symptome bei manisch depressiven Formen bekannt- 
lich keine Seltenheit sind. Fast genau so ist es um die progressive Paralyse 
bestellt. Obwohl eine solche Kombination angesichts der Nähe der here- 
ditären Bedingungen, vom theoretischen Standpunkt unzulässig wäre, ist 
das faktische Material dürftig und wenig glaubwürdig. Einerseits sind 
beide Krankheiten so häufig, dass falls die Möglichkeit der Kombination von 
Zyklothymie mit progressiver Paralyse gegeben wäre, dieser man nicht 
allzu selten begegnen müsste. Andererseits wird von den wenigen in 
der Literatur beschriebenen Fällen bloss ein einziger Fall Scholtens 



430 Dr. N. A. Wyrubow, 

als einwandfrei angesehen (Pilcz), während Landsberg's Fall Bern- 
stein keineswegs als überzeugend betrachtet. 

Diese Literaturangaben stehen mit dem vorher geschilderten Stand- 
punkt im vollsten Einklang. Bei einer solchen Auffassung der Zyklo- 
thymie, wird freilich eine Koexistenz von Erkrankungen, von denen jede 
ihre eigene toxische Grundlage hat, wenig wahrscheinlich: hier Zyklo- 
thymie, dort Epilepsie, Schizophrenie, progressive Paralyse. Dagegen er- 
scheint uns die Möglichkeit einer Kombination von Zyklothymie mit 
Hysterie, Psychasthenie (J a n et) und Paranoia (K r a e p e 1 i n) als voll- 
kommen zulässig. Vor allem finden wir auch in der Literatur manche An- 
haltspunkte für eine solche Möglichkeit. Auf Koexistenz hysterischer und 
manisch depressiver Erscheinungen weisen Nissl, Raiman, Imboden 
nnd andere hin (siehe Stransky). „Ein Antagonismus zwischen beiden 
Leiden besteht nicht, eine Symbiose ist aber leicht möglich", sagt 
Stransky. Hinsichtlich der Paranoia fehlen derartige positive Angaben. 
Manche Autoren, darunter Schlöss (siehe Stransky) vermuten, dass 
es Übergangsformen zwischen Melancholie und Paranoia gibt. Sehr inter- 
essant ist auch die Ansicht Spechts, der die Paranoia als eine manisch 
depressive Erkrankung auffasst. Kurz, diese Frage ist noch nicht ein- 
deutig gelöst. Meine Beobachtungen, von denen einige oben erwähnt 
wurden, berechtigen mich zur kategorischen. Behauptung, dass sich eine 
Zyklothymie mit Hysterie wie auch Psychasthenie und Paranoia kom- 
binieren kann. 

Vom Standpunkt meiner Auffassung der Zyklothymie erscheint eine 
solche Kombination als vollständig möglich, da es sich in solchen Fällen 
um eine Kombination von einer toxischen Diathese (Zyklothymie) mit einem 
psychischen Mechanismus (Hysterie, Psychasthenie, Paranoia) handelt. Aus 
dem oben dargelegten Gedankengang ergibt sich ohne weiteres, dass ich 
mich gegenüber der Einführung von kombinierten Definitionen ablehnend 
verhalte, da dieselben weder dem Wesen, der Sache, noch unseren noso- 
logischen Vorstellungen entsprechen. Daher kann man von meinem Stand- 
punkt wohl von einer Zyklothymie bei einer Hysterica, bei einem Psych- 
astheniker usw. sprechen, nicht aber von Hystero-Zyklothymie, Psych- 
astheno-Zyklothymie usw. 

Eine richtige Beurteilung kombinierter Fälle hat nicht allein theo- 
retisches Interesse, sondern ist auch von praktischer Bedeutung. Von der 
Wichtigkeit der Prognose schon gar nicht zu reden. Also auch thera- 
peutisch ist die richtige Beurteilung solcher Fälle wichtig, sowohl für 
Allgemeinbehandlung, wie auch für die Wahl dieser oder jener psycho- 
therapeutischer Methode. Während wir bei rein hysterischen Erkrankungen 
wahrscheinlich der Psychoanalyse, bei Psychasthenie der Methode Dubois 
den Vorzug geben werden, werden wir bei mit Zyklothymie kombinierten 
Erkrankungen energische psychotherapeutische Massnahmen vermeiden, und 
lediglich allgemein beruhigende Psychotherapie anwenden. 

Die in solchen Fällen bei schweren Depressionszuständen auftretende 
Neigung zu Selbstmord ist von ganz besonderer Bedeutung. Es leuchtet 
ein, dass sobald das Vorhandensein einer kombinierten Erkrankung bei 
diesen Symptomen konstatiert wurde, so werden wir weder dem thea- 
tralischen Gebahren einer Hysterica, noch der Inaktivität einer psych- 



Über Zyklothymie und ihre Kombinationen. 431 

asthenischen Kranken Vertrauen schenken, sondern in beiden Fällen eine 
fleissige Überwachung einleiten *) f). 

i) Dasa ein sehr genaues Ausfragen der Kranken in der Richtung ihrer Selbst- 
mordversuche notwendig ist, ist selbstverständlich. Dennoch glaube ich, dasB man 
darauf keine verlasslichen Schlösse bauen darf. Derart dass, falls dem Kranken 
eine bestimmte Selbstmordart sympathisch geworden, er auch ferner bei derselben 
verharren wird. Die Erfahrung lehrt uns im Gegenteil, dass bei Miaslingen einer 
Art die Kranken während allerkürzester Zeitdauer zu anderen Selbstmordarten greifen, 
wovon nicht wenige Beispiele in der Zeitungschronik zu finden sind. 

f) Anmerkung des Herausgebers. Ich halte diese Arbeit 
von Wyrubow für sehr wichtig und gerade für den Analytiker von Be- 
deutung. Denn in letzter Zeit hatte ich wiederholt Fälle von Zyklothymie 
zu begutachten, die vorher einer Psychoanalyse unterzogen wurden. Jch 
verstehe, dass es den Analytiker reizt, seine Methode bei den schweren 
Psychosen zu versuchen, möchte aber meine Erfahrungen dahin zusammen- 
fassen dass es mir noch nie gelungen ist, eine Psychose — die Melancholie 
ausgenommen — durch längere Zeit günstig zu beeinflussen und die 
Rezidiven zu verhindern. Die Zyklothymen lassen sich im Beginne der 
Depression durch einfache Psychotherapie sehr leicht lenken. Sie übertragen 
rasch auf den Arzt und das macht einen verblüffenden Erfolg möglich. 
Es hat auch manchmal den Anschein, als sollte die Psychoanalyse mög- 
lich sein und sich gut anlassen. Sie sind sehr offenherzig in Sexuahbus, 
verhüllen ihre Konflikte zum Teil sehr wenig und sind auch sehr mit- 
teilsam Aber bald merkt der Analytiker, dass sie an der Oberfläche bleiben, 
dass sie sich immer wiederholen, dieselben Dinge zahllose Male wieder 
vorbringen einem Eingehen auf tiefere Komplexe einen starren Negativis- 
mus entgegenhalten. Sie hören an Fragen, die ihnen nicht passen, vorbei. 
Ihre Träume sind merkwürdig einförmig und wiederholen sich häufig. 
Sie träumen, dass sie noch immer krank sind und mit den Eltern streiten, 
dass sie irgend eine Gewalttat begangen haben, dass sie hoffnungslos krank 
sind und dass sie wieder zu Hause sind und der Doktor ihnen nicht geholfen 
hat Kurz die Träume verraten eine unüberwindliche Tendenz zur Krank- 
heit eine Flucht in die Psychose aus Angst vor ihren kriminellen Impulsen. 
Ebenso deutlich brechen die Versiindigungsideen durch, ein Schuldbewusst- 
sein das keiner Logik zugänglich ist. Im manischen Zustande wird dies 
Schuldbewusstsein durch einen Drang zur Lebenslust überwunden, dessen 
Exaltation das Krankhafte-Reaktive verrät. Die Stärke der Erregung dient 
nur dazu die Stimme des Gewissens zu übertönen. Ob die Stoffwechsel- 
störungen primäre sind, wie Wyrubow annimmt, oder durch die De- 
pression hervorgerufen werden, das möchte ich nicht entscheiden. Die 
letztere Annahme erscheint mir wahrscheinlicher. Ich rate also, von 
Psychoanalyse abzusehen und sich auf freundliches Zureden zu beschränken. 
Am Ende der Kur kann leicht ein Suicid versuch gemacht 
werden. Solche Fälle sind mir auch bekannt und werden natürlich 
auf das Schuldkonto der Psychoanalyse gebucht. Will man schon aus Inter- 
esse am psychischen Problem den Versuch der Analyse machen, so lasse 
man die Kranke nach der Analyse sorgfältigst bewachen. Im Stadium der 
Übertragung ist man vor einem Suicid ziemlich sicher. Die Gefahr kommt 
erst nachher Dr. Stekel. 



IL 

W. M. Garschin's Traum. 

Eine neuropsychologische Studie zur Frage des Selbstmordes. 
Von Dr. J. Birstein, Odessa. 

In der Notiz von P. Bykow „Einem lichten Andenken" ist der 
Text eines Traumes angeführt, den W. Gar sc hin dem Autor der Er- 
innerungen an den auf tragische Weise umgekommenen Dichter erzählt hat. 

„Ich sah mich verirrt auf einem weiten, wie das Meer uferlosen 
Felde. Das Feld war kahl, der Boden glühend. Üher mir strahlte der 
Himmel in einem rötlichen Glänze, und es schien mir, ich weiss nicht 
weshalb, als wäre dies verdünntes Blut. Und't r otz des Tageslichtes 
war am Himmel ein Stern, der vor mir herging und mir gleich- 
sam den Weg wies. „Aber warum m u s s ich gerade in seiner Rich- 
tung gehen?" — kam mir in den Sinn, und ich wandte mich, dem Stern 
zum Trotz, nach der entgegengesetzten Richtung. Aber was geschah? 
Der Stern, der verhängnisvolle, machtvolle Stern, stand 
wiederum vor mir, auf meinem Wege. Mit einer mir im Wachen nicht 
eignen Hartnäckigkeit wandte ich mich nach links und fürchtete 
sogar den Himmel anzuschauen. Ich senkte mein Haupt 
und fühlte trotzdem den' Stern über mir. Ich blieb stehen, setzte mich 
zum Ausruhen nieder — mein Stern stand ebenfalls unbeweg- 
lich. Es schien mir , als ob ich lange geruht hätte. Ich sprang auf 
und fing an, nach der entgegengesetzten Seite zu laufen. Der 
Stern lief mit mir, und endlich zeigten sich die verschwommenen 
Umrisse der Stadt. Ich beschleunigte meine Schritte, doch plötzlich 
stand vor mir ein dichter Wald von Palmen der verschiedensten 
Arten. Ich liebe Palmen sehr, hier jedoch ärgerten sie mich, weil 
ich keinen Ausgang aus diesem Wald sah. Der Lärm aus der Stadt 
nahm jedoch unterdes zu. Ich vernahm deutlich Geschrei und Gestöhn 
und empfand den glühenden Wunsch, so schnell als möglich irgend 
jemandem zu Hilfe zueilen. Ich fand mit Mühe durch die dichten 
Kronen der Bäume meinen Stern. Er strahlte noch heller, während der 
Himmel dunkler wurde, und die Schatten der Dämmerung sich bereits 
ausbreiteten. Der Wald war weit hinter mir zurückgeblieben. Die Stadt lag 
ganz nahe vor mir . . . Und plötzlich verlosch mein Stern. Eine 
dichte, undurchdringliche Finsternis überfiel mich . . . Ich erwachte, ver- 
mochte jedoch lange nicht darüber Klarheit zu gewinnen, ob dies ein 
Traum oder ein Wahn im Wachen gewesen war.'" 

Wie bekannt, litt Garschin an schwerer Neurose, die ihn in 
seinem 33. Lebensjahre zum Selbstmord führte. Als Form des Selbst- 



Dr. J. Birstein, W. M. Garschi ns Traum. 433 

mords wählte er den Sprung in den Schacht der schmutzigen 
Stiege seiner Wohnung. Zerschmettert, mit einem gebrochenem Beine, 
hob man ihn auf. Auf die Frage, ob er Schmerzen empfinde, gab der 
Sterbende zur Antwort: „Was ist Schmerz im Vergleich zu dem, was 
hier ist!" Und er deutete auf sein Herz . . . 

An periodischen Verschärfungen depressiver Zustände leidend, hatte 
er Rettung in Vielem gesucht: in physischer Arbeit, in Reisen nach 
dem Süden. Und gerade am Tage vor einer beabsichtigten Reise nach 
dem Süden, am 17. März 1888, vollzog Garschin, in Vorahnung (?) 
eines neuen Anfalls von Wahnsinn, selbst an sich das Todesurteil. 

' Eine aufmerksame Prüfung der biographischen Daten, die in ge- 
nügender Anzahl vorhanden sind (leider ist mir über die Erlebnisse des 
Dichters aus der Zeit seiner frühen Kindheit, sein Verhältnis zu den Eltern, 
insbesondere zu der Mutter, dem Bruder, ■ und anderen nur Weniges be- 
kannt), bietet die Möglichkeit einer mehr oder weniger genauen Darstellung 
der Natur Garschins. Diese Möglichkeit basiert auf der Kenntnis der 
psychologischen Grundsätze, die von Alfred Adler und seiner Schule 
ausgearbeitet und festgelegt worden sind. 

Bekanntlich erleichtern Träume („ein Traum oder ein Wahn 
im Wachen'") bedeutend unsere psychoanalytischen Aufgaben. Ich beab- 
sichtige daher den obenangeführten Traum zu benutzen, um im Endresultat 
seiner Analyse mich den schematischen Umrissen von Garschins seeli- 
scher Konstitution nähern zu können. 

„Ich sah mich verirrt auf einem weiten, wie das Meer ufer- 
losen Felde" — eine symbolische Darstellung des Gefühls seiner Unbo- 
holfenheit, Verlegenheit, Infantilismus — zusammen genommen — seiner 
„Minderwertigkeit" auf der Erde, unter den Bedingungen des realen 
Lebens. „Das Feld kahl, der Boden glühend" . . . „Ein kahles Feld" — 
das ist die Wüste, in der der Mensch nichts zu suchen hat, wo ihm von allen 
Seiten der Untergang droht. „Der glühende Boden" verbrennt die Füsse und 
führt natürlich zum Wunsche fortzugehen oder sich in höhere Regionen xu 
begeben, d. h. also zur Idee der Unmöglichkeit resp. zum Wunsche, 
den unerträglichen Boden der Wüste = der realen Welt — zu verlassen. 
(Die unterstrichene Tendenz zur Entwertung alles Realen und die 
psychologische Begründung des Einsiedlertums und Asketismus.) Das 
Streben nach „oben" ist in dem Eindruck des „strahlenden Himmels" 
ausgedrückt. Aber auch der Himmel spiegelt den „glühenden Boden" wider, 
und „sein rötlicher Glanz erinnert an verdünntes Blut". Das ist der 
Zweifel, die Unentschlossenheit, das Schwanken bei der endgültigen Ent- 
scheidung hinsichtlich dieses oder jenes Lebensplanes : ein Verbleiben 
auf der Erde ist unmöglich (das Minderwertigkeitsgefühl bedingt eine 
Überkompensation). Der Blick richtet sich nach den himmlischen Höhen, 
die dennoch eines idealistischen Kolorits entbehren, denn, 
indem sie den ,, glühenden Boden" widerspiegeln, unterscheiden sie sich 
kaum von den Niederungen der Erde! 

Warum wird der rötliche Glanz des Himmels mit der Farbe des „ver- 
dünnten Blutes" verglichen? Weist das Verdünntsein des Blutes nicht 
auf die Abwesenheit einer Einheit, auf eine Spaltung der Seele, der Persön- 
lichkeit, des Herzens, des „Blutes" hin? Lässt sich in diesem Symbol 
nicht die Fortsetzung jener psychischen Hemmung erblicken, die das Fassen 



434 D»\ J. Birsteio, 

eines bestimmten Entschlusses hinsichtlich dieses oder jenes Lebensweges 
erschwert ? 

Im Traume findet eine Art von Probe, von Anpassen statt; die 
seelischen Impulse werden einer allseitigen Einschätzung und Beleuchtung 
unterworfen. Es lassen sich deutliche Züge eines Konfliktes, eines Kampfes 
feststellen. 

Mit wem oder mit was? Mit dem Leben, mit dem Weltall, offenbar 
aber — mit sich selbst in der Form „als ob" aufrichtiger, in Wirklichkeit 
aber, — simulativer Versuche, auf dem Erdboden zu verbleiben, 
sich im Realen zurecht zu finden, denn der „Himmel", indem er das 
„Reale" widerspiegelt, ist mit letzterem identisch. Die Simulation be- 
zweckt also eine scheinbare Aussöhnung mit der Wirklichkeit. Der- 
artige psychische Anstrengungen, einen solchen inneren Kampf zwischen 
den bewussten Elementen und dem unbewussten Streben nach einer „Über- 
kompensation", nach einer Lossagung von der Wirklichkeit oder einer 
Umformung dieser, treffen wir auf Schritt und Tritt in der Analyse neu- 
rotischer Naturen an. Schon die „Inszenierung" des Kampfes lässt 
uns auf letzteren als eine unbewusste, mitunter aber auch fast bewusste 
seelische Konstruktion, einen psychischen Kunstgriff schliessen, 
deren Ziel dennoch ein endlicher Sieg des wahren Sinnes der neurotischen 
Natur ist, d. h. : Realisierung der Herrschsucht („Der Wille 
zur Macht", Nietzsche), Emporhebung „nach oben", Schweben über 
der Welt und endlich eine möglichst grosse Annäherung an das Prinzip 
der Göttlichkeit. 

Und in der Tat : „trotz des Tageslichtes war am Himmel 
ein Stern, der vor mir herging und mir gleichsam den Weg wies". 
Das Tageslicht als bildlicher Ausdruck für das reale Leben soll nicht und 
kann folglich auch nicht dem Vorwärtsschreiten einer Persönlichkeit zum 
halluzinatorischen (für den Traumseher aber — mit dem Stempel 
der Realität), fiktiven, weil unerreichbaren Endziel — dem „Sterne", 
ein Hindernis sein. Dieser „Stern" weist, d. h. gibt die Richtung einzig 
und allein für den ernstlich und aufrichtig vorgezeichneten Weg „nach 
oben" an. Und in ihm ist der Inhalt der ganzen Dynamik des fiktiven 
Lebensplanes des „nervenkranken" Garschin konzentriert. 

Und dennoch, nochmals eine Demonstration eines Kampfes mit 
einer selbsterschaffenen Fiktion. Für dieses Mal vielleicht in einer Anti- 
zipation der Motive, die zur Resignation, zur Versöhnung mit der Wirk- 
lichkeit und zur Lossagung von dem Unerreichbaren führen. Angst, 
Zweifel in das Ausreichen seiner Kräfte diktieren Garschin eine 
bewusste Motivierung des „als ob" notwendigen Zurücktretens von Wahn- 
trieben, und er ruft: „Aber warum muss ich gerade in seiner Richtung 
gehen? . . . und ich wandte mich dem Sterne zum Trotz nach 
der entgegengesetzten Richtung". 

Die erwähnten Gefühle der Unsicherheit, des Zweifels an seinen seeli- 
schen Kräften führen Garschin zu einer Rekonstruktion der hemmen- 
den Komponente, weil das heilige Ideal seiner psychischen Struktur — um 
jeden Preis die so hohe (überkompensatorische) Stellung seiner Persön- 
lichkeit zu behaupten, sie mit allen Kräften vor einer möglichen Senkung 
ihres Niveaus zu schützen — im Vordergrunde steht. Hieraus resultieren die 
psychischen Hemmungen vor den Augenblicken endgültiger Entscheidungen 



W. M. Garschins Traum. 435 

und eine ganze Reihe Sicherungsmassnahmen („Memento", Adlers), 
die sich in einem wohlgeordneten, zweckentsprechenden und planmässig 
ausgearbeiteten System psychoneurotischer Symptome realisieren. Die sicht- 
baren Symptome, die auf den ersten Blick dem Psychopathologen manch- 
mal unverständlich erscheinen, dem Neurotiker aber vollkommen fremd, ja 
absurd vorkommen, lassen sich bei einer genauen Untersuchung (Analyse) 
als tiefsinnige, gesetzmassige Handlungen dechiffrieren, die sich voll- 
ständig mit dem prinzipiellen, erstarrten Charakterinhalte, decken, der 
in jedem einzelnen Falle einer neurotischen Erkrankung sich auf die- 
schematische und recht bestimmte Gefühlsformel: „Macht und Über- 
legenheit über die ganze Welt" zurückführen lässt. 

Zur Verwirklichung, zur Realisierung dieser abstrakten Formel exi- 
stieren zwei Kardinalwege: ein unmittelbarer, direkter, aktiv-aggressiver, 
und ein indirekter, der obgleich auch aggressiv, dennoch passive, 
pseudo-masochistische Kunstgriffe ausnützt, die, eine Art von 
Kompromiss darstellend, im gleichen Masse, sowohl der Tendenz, 
einer fortschreitenden Aggressivität, als auch der so notwendigen Siche- 
rung des persönlichen „Ich", — da, wo diesem eine reale oder unter- 
schobene halluzinatorische Möglichkeit einer Niederlage oder Ver- 
kürzung droht, — zu dienen geeignet sind. 

Der erste Weg ist der Weg jener, die sich bei ihrem Streben zur 
Idee der Macht und der Überlegenheit in den Grenzen des r e a 1 Erreich- 
baren halten. Zur Kategorie der annähernd Normalen gehörend („an- 
nähernd" deshalb, weil es eine absolute Norm nicht gibt; das tendenziöse 
Streben zur „Macht", das der gesamten Menschheit eigen ist, schliefst den 
Begriff einer Fiktion ein. Ausserhalb derselben kann man sich die 
Möglichkeit des Denkens und Handelns nicht vorstellen. In ihr ist die 
Dynamik des Lebens!), entwickeln sie die Operationsbasis ihrer 
strategischen Handlungen auf der festen Grundlage des realen Fundaments. 
Sie wissen, was sie wollen, sie wissen, was sie können, Isie besitzen die 
Fähigkeit einer fast unfehlbaren Selbsteinschätzung, weshalb sie, 
in den Aufgaben des Lebenskampfes sich leicht zurecht findend, ohne 
affektive Schwierigkeiten, höchstens mit einem kurzdauernden Unlust- 
gefühl, dort zurücktreten, wo die innere Stimme der gehörigen Selbstein- 
schätzung ihnen die tatsächliche (nicht halluzinatoriseh-iendenziöse!) Mög- 
lichkeit einer Niederlage voraussagt. Nüchtern, ohne ' Gefühlsbetonung, 
ohne Voreingenommenheit reagierend, sind sie geneigt, jedes Mal, wo die 
Umstände dies erfordern, die Hauptbasis ihrer aktiven Massnahmen nach 
der Seite des „locus minoris resistentiae" zu verlegen, in der Hoffnung 
auf einen realen Gewinn, und gehen auf diese Weise zu 'der Tages- 
ordnung des Lebens mit Annahme der Formel einer aufrichtigen Resi- 
gnation über. 

Der zweite W r eg ist den Menschen mit dem sogenannten „nervösen 
Charakter" x ) eigen. Dieser letztere unterscheidet sich von dem „normalen" 
nur dadurch, dass die in ihm enthaltene Fiktion (die gleichfalls zum 
Prinzip der Macht führt), ausserhalb des Bereiches der sozialen Möglich- 
keiten liegt. _ 

Kraft des vorerwähnten „Minderwertigkeitsgefühls" und der mit ihm 
verbundenen misslungenen Kompensation kommt das psychische Phä- 

i) A. Adler, Über den nervösen Charakter. 1912. 



436 Dr. 'i Birstein, 

nomen der „Überkompensation" zustande, das verwandt oder, richtiger, 
identisch ist mit dem Prinzip des „in ä n n 1 i c h e n Protestes". 

Die dynamischen Momente der Aggression sind bereits unfähig, Be- 
friedigung aus dem Inhalte der primitiv-natürlichen realen Kombinationen 
zu schöpfen. Sie erstrecken sich weit über die Grenzen des Wirklichen 
hinaus und lassen sich auf irgendeinem irrealen, abstrakten (für das Sub- 
jekt dennoch wahren) Punkte — dem Leitsterne fixieren. Dieser 
Punkt ist auch jenes Endziel, zu dem wie rote Fäden alle besonderen 
psychophysischen Erscheinungen des subjektiven, fiktiven Lebensplanes — 
Charakters hinziehen. Zu diesen Erscheinungen gehören die halluzinatori- 
schen Arrangements: Handlungen, seelische Ausdrücke, Symptome — 
„die Körpersprache" (Adler) und alle übrigen sichtbaren Erscheinungen. 

. . . „Und ich wandte mich dem Stern zum Trotz nach der 
entgegengesetzten Richtung" .... 

Erstens — weshalb „zum Trotz"? Weil der Zwang, in einer be- 
stimmten Richtung gehen zu müssen, einen für den Neurotiker gesetz- 
mässigen Protest hervorruft: für ihn kann der Begriff des „Müssen" nicht 
•existieren, denn jede aufgedrungene Gesetzesanerkennung ist mit einem 
Unterordnungsgefühl verbunden, letzteres wird aber von einem 
Menschen, der sich in den Mittelpunkt des Weltalls gesetzt hat und nach 
der Art einer Gottheit, sich als einzige und höchste gesetzgeberische 
Instanz konstituiert hat, nicht anerkannt. Die ganze Welt ist von ihm 
in zwei Teile geteilt, entsprechend der Formel: „ich und alles übrige". 
Hieraus entspringt der markante innere Konflikt, der Kampf mit sich 
selbst, eine Art von Spiegelfechterei. Garschin protestiert gegen 
jenes „M ü s s e n", das er selbst sich aufgebürdet und selbst 
für sich zum Gesetz gemacht hat. 

Charakteristisch ist ferner das unbewusste Arrangement solch eines 
Kampfes. Seine Inszenierung verfolgt den Zweck einer „demonstratio ad 
oculos" der Unterwerfung eines Teils des gespaltenen „Ich", des ver- 
nunftigen, bewussten, logischen Teils, und des siegreichen Triumphes des 
-anderen Teils, der nach oben, zur Macht über der Welt, zu den unent- 
behrlichen Prinzipien der Menschenverneinung und des Men- 
schenhasses treibt. 

Als ob er sich vor sich selbst den Menschen, vor den bewusst- 
ethischen Gewissensmotiven und vor allem, was mit dem Begriff der 
Moral zusammenhängt, rechtfertige, versucht es Garschin in einem mög- 
lichst vorteilhaften Lichte zu erscheinen, zeigt seine ehrliche Absicht 
sich den sozialen Forderungen einer Unterscheidung von Gut und Böse 
«mzuschliessen und wendet sich „als ob zum Trotz" dem „als ob" 
verhassten Sterne nach der entgegengesetzten Richtung. 

Wir glauben an die bewusste Ehrlichkeil dieses psychischen 
Kunstgriffs, wie wir gezwungen sind, an die Worte und Handlungen des 
Schauspielers zu glauben, der mit der von ihm selbst erwählten Rolle zu 
eins verschmolzen ist. Wir glauben an die bewusste Engelsmaske 
über der unbewussten, prinzipiellen und folglich wahren geistigen Physio- 
gnomie des Luzifer, glauben daran in demselben Grade, in welchem Gar- 
schin selbst an den sichtbaren, zur Schau gestellten Teil seines ge- 
spaltenen „Ich" glaubte. 

Aber was geschah? Der Stern, der verhängnisvolle, 

machtvolle, stand wiederum vor mir auf meinem Wege" 



W. M. Garschins Traum. 437 

Was war es in der Tat? 

Obgleich Gar sc hin sein Gewissen durch Rehabilitierungsversuche 
( er der Verhängnisvolle, Machtvolle," dem man nicht, ent- 
rinnen kann), deren Ziel die Darstellung einer sichtbaren Gestalt des 
guten Genius ist, einschläfert, hört er faktisch nicht auf, den dämoni- 
schen Stern seiner „verbrecherischen" (antisozialen - weil asozialen) 
■Nato!' zu fixieren und, wie dies stets der Fall ist, fixiert er den 
negativen Wesensinhalt seines „Ich" vermittelst einer Projektion auf etwas 
Äusseres, mit den Begriffen des Fatums, des Schicksals, der Macht 
Denn es ist ja nicht seine Schuld: der Stern, der „verhängnisvolle, macht- 
volle" steht wiederum vor ihm, auf seinem Wege. 

Doch in Wirklichkeit, vor wessen Augen steht er? Wer hat ihn 
vor sich hingestellt? Wem weist er den ferneren und einzig planmassigon 
Weg? Und endlich, wer hat ihn mit den Eigenschaften des Verhängnis- 
vollen der Macht und dergleichen bedacht? Natürlich Garschin selbst! 

Und gleich darauf - noch ein wiederholter Versuch vor seiner 
eignen gespaltenen Persönlichkeit nnd der Welt, das zweifellose Vor- 
handensein ethischer Grundsätze zu unterstreichen: mit einer mir im 
Wachen nicht eignen Hartnäckigkeit, wandte ich mich nach links und 
fürchtete sogar, den „Himmel anzuschauen". 

Garschin inszeniert einen Zweifel an das Ausreichen seiner 
Kräfte schafft eine Wahnidee von der Unmöglichkeit fiktiver Realisierungen 
konstruiert die Angst, den ..Himmel" anzuschauen (die für sem UM 
seTn verbotene, für seine ganze seelische Konstellation aber ausschliess- 
lich ersehnte Frucht) simuliert einen Rückzug und versinkt in ein pseudo- 
äSfita Fühlen, indem er sich nach „link*", d. h. ab von dem 
bejahenden „Rechts i n ha 1 te" der wahren Triebe seiner Persönlich- 

' "mt* Absichtlichkeit" eines solchen Kunstgriffes geht aus 
folgenden Fragmenten dos Traumes hervor : „ich senkte das Haupt und 
fühlte ihn trotzdem über mir. Ich blieb stehen, setzte mich zum Aus- 
ruhen nieder — mein Stern stand ebenfalls unbeweglich. 

Garschin macht bewusste Willensanstrengungen, um von seinem 
Doppelgänger, dem ihn verfolgenden Schatten loszukommen, verrat aber 
gleichzeitig die Unaufrichtigkeit eines solchen Rückzuges die aus 
den soeben angeführten Momenten des Traumes hervorgeht Mit anderen 
Worten Garschin kann, d. h. w i 1 1 sich nicht i m E r n s t e von seinem 
individuellen Inhalte, von seinem „Schatten", von dem Imperativ seiner 

Persönlichkeit trennen. 

Wie in allen Fällen neurotischer Konstellationen, der Patient, wanrena 
er sich beim Arzte über diese oder jene peinlichen Symptome beklagt mit 
dem aufrichtigen" Ersuchen, ihn zu heilen, gleichzeitig einem un- 
bewus'sten Gebot seines Charakters folgend, zweckmässige und für ihn not- 
wendige Symptome einer Erkrankung produziert, so, genau so, versucht 
es auch Garschin das wachsame Auge der öffentlichen Meinung zu 
täuschen, indem er den für alle sichtbar sein sollenden Protest gegen seine 
eigne unmittelbare antisoziale Natur in den Vordergrund stellt und 

unterstreicht. . 

Und gleichzeitig mit den Worten: „ich blieb stehen, setzte mich zum 
Ausruhen nieder" konstatiert er, „mein Stern stand ebenfalls unbeweglich ' 

ZeutralbUtt für Paychoanaly««. tV»/'°. ™ 



438 I> r - J- Birstein, 

Der erstarrte, unbewegliche, versteinerte Inhalt des unmittelbaren 
„echten" Gar sc hin! 

„Es schien mir, als ob ich lange geruht hätte." 

Natürlich, einer kampflustigen Natur muss jeder dem Ausruhen 
geweihte Augenblick wie eine Ewigkeit erscheinen. „Lange ausruhen** 
muss mit der Befürchtung verbunden sein, dass ein anderer in der 
Zwischenzeit mehr erringt oder, oh Entsetzen, ihn überholt. 

„Ich sprang auf und fing an nach der entgegengesetzten 
Seite zu laufen", d. h. nach der Seite, auf der (bis zur Wendung 
nach links) der Weg seines „Sternes" lag. Und wirklich: „der Stern 
lief mit mir." 

Doch wohin wird Garschin von ihm gezogen? In die Richtung 
der höchsten Ideale? Wem will er sie aufdrängen, einimpfen, beibringen? 
Wo ist jener heilige Ort, von dem aus ihm, aus der Höhe seiner maniakalen 
(iiüsseneinstellung, die Möglichkeit sich bietet, Gesetze des Heils und der 
Liebe zu diktieren. Wie nennt sich jenes Etwas mit „verschwom- 
menen Umrissen", wohin sein prophetischer Impuls ihn treibt? Sein 
Name ist „die Stadt". In der Stadt wohnen Menschen . . . „und endlich 
zeigten sich vor mir die verschwommenen Umrisse der Stadt . . . ." 

„Verschwommen" deshalb, weil von der unermesslichen Höhe des 
an der Himmelskuppel hell strahlenden Sternes (seiner Persönlichkeit) 
das Reale, Irdische, Menschliche (die Stadt) von Garschin verschwom- 
men, undeutlich, in blassen Umrissen und in verkleinertem Massstabe 
wahrgenommen werden muss, wie es auch den Gesetzen der Raumbe- 
ziehungen entspricht. 

Ausserdem, könnte man diese ,, Verschwommenheit" als eine Art 
(die übliche für die „Windmühlenritter") von psychischer Zurück- 
haltung, eine momentane Hemmung in der Formulierung der offenen 
Frage auslegen: „Was wird dort zu vollbringen sein? Zu welchem Ende 
werden sich die beabsichtigten Unternehmungen führen lassen? Wird ge- 
siegt werden? Über wen? Über einen halluzinatorischen oder einen wirk- 
lichen Feind? Falls ein Sieg, was wird er mit sich bringen? Welchen 
Triumphanteil wird der „strahlende Stern" des persönlichen „Ich" haben ?" 
Diese Fragen sind indes bereits vorentschieden, denn der Stern 
blendet und entwaffnet, als psychischer charakterologischer Projektor, die 
bewussten Elemente der Persönlichkeit, indem sie den Menschen in einen 
affektiven Zustand versetzen, der an Unzurechnungsfähigkeit grenzt. 

„Ich beschleunigte meine Schritte . . . aber plötzlich stand vor mir 
ein dichter Wald von Palmen der verschiedensten Arten." 

„Ich beschleunigte meine Schritte . . ." = schneller auf den Kampf- 
platz ! „Ich liebe Palmen sehr, hier aber ärgerten sie mich, weil 
ich keinen Ausgang aus diesem Walde sah. Der Lärm (ein 
Hilferufen?) aus der Stadt nahm aber unterdes zu. Ich vernahm deutlich 
Geschrei und Gestöhn und empfand den glühenden Wunsch so rasch als mög- 
lich irgend jemandem zu Hilfe zu eilen (wem es auch seil)". 

Ein recht typischer Abschnitt des Traumes. Seine Analyse ist nicht 
schwer und ergibt im allgemeinen folgendes : die Palme, der Palmen- 
zweig — das ambivalente Symbol = 1. die Friedenspalme und 2. der 
Palmenzweig — als Attribut des Siegers. Der dichte Wald von Palmen 



W. M. Garachina Traum. 

der verschiedensten Arten lässt sich als endliches (übrigens, richtiger — 
unendliches) idealistisches Ziel des Lebensplanes Garschms dechif- 
frieren „Palmen der verschiedensten Arten" bedeuten natürlich das phan- 
tastische "Erringen des Vorrangs, der Überlegenheit über alles: eine Ab- 
straktion, die zum Prinzip der Allmacht, der Göttlich- 
keit führt! Mit ihr muss eine Entwertung alles Realen verbunden 
sein: der beständige Impuls der Verkürzung des Umgebenden, um des 
fiktiven Zieles der eignen Verherrlichung willen. Also wird dieses Reale, 
Irdische nur in jenen Fällen ausgenützt, wo es mit der ten- 
denziösen Idee des Kämpfers (in der Perspektive) und Siegers, mit einer 
möglichst grossen Anzahl von „Palmenzweigen" geschmückt zu werden, 
zusammenfällt. Ein zeitweiliger Waffenstillstand, ein Herablassen zu den 
niedrigsten entwerteten Elementen (Stadt, Menschen) wird möglich, ja 
sogar wünschenswert; erst dann, wenn das Armselige, Minderwertige, 
Zurückgewiesene um Hi 1 f e fleht („Rettungsphantasien"). Dann, im Beugen 
über dem letzteren, wird die Apperzeption nach dem Schema: „oben- 
unten" möglich. Und hierin liegt ja der Kr i stal li s ati ons - 
moment der verschiedenen reaktiven Geistesmanipu- 
lationen. , 

Jetzt — wird man gezwungen, sich über die Palmen zu argern 
(eher so zu tun, als ob man sich ärgere), denn „man sieht den Wald 
vor Bäumen nicht". Der Wald — das ist die Einheit der Natur, ihr all- 
umfassendes Wesen, der Wald - das ist der „Stern", der Kompass, der 
Leuchtturm Verliert man ihn aus den Augen, so kann man sich unter 
der Masse der einzelnen Bäume — der teilweisen, zufälligen und 
verstreuten Äusserungen des Charakters — verirren. Um sich nicht selbst 
zu verlieren und die E i n h e i t des Endziels zu erhalten, ist eine bestimmte 
und beständig im geistigen Gesichtsfelde verbleibende Haupt- Leit- 
linie nötig. Und nur durch ein Anklammern an die letztere 
kann es zu Handlungen kommen, die mit der grossen Anzahl der s e k u n - 
dären Leitlinien übereinstimmen. 

Und . . . „ich fand mit Mühe durch die dichten Kronen der 
Bäume meinen Stern". • 

Natürlich braucht's für jeden Menschen zur Festsetzung und Richt- 
gebung für seine Handlungen die Erschaffung eines analogen Sternes. 
Wie bereits erwähnt, würde ohne Konstruktion einer solchen Fiktion über- 
haupt keine Handlung möglich sein. Das psychische Boot bedarf der 
Zweck und Planmässigkeit, und nur unter dieser Bedingung (dem Vor- 
handenseins eines Kompasses — Sternes) kann es — mit Hilf e eines 
Steuers — in dem Ozean des unmittelbaren Lebenschaos lavieren. 
Der normale Mensch als Steuermann, indem er ein konkretes (obgleich dem 
inneren Wesen nach — fiktiv — abstraktes) Lebensziel sich vorzeichnet 
und schafft, strebt nach der Annäherung an dasselbe unter voller Wahrung 
des seelischen Gleichgewichts, indem er mit den realen Schwierigkeiten, 
Hindernissen, Klippen, scharfen Felsen usw. rechnet. Bewusst und nüch- 
tern in seinen Wegen sich zurechtfindend, gibt er Veranlassung zur An- 
nahme, dass das von ihm gesetzte Endziel so oder anders erreicht wird, 
denn die Fiktion — der Stern erhebt sich kaum über dem Niveau 
des Lehensmeeres. 

Von neurotischen Naturen lässt sich dies nicht sagen: ihr Stern ist 
an den höchsten Punkt des Firmaments gesetzt, ihr Lebensplan stellt 

29« 



440 Dr. J. Birstein, 

sich in der Form einer steilen, vertikalen Linie dar, die mit der Erd- 
ebene einen Rechtwinkel bildet. Ihre Natur gleicht einem Flugapparate 
mit nur einem prinzipiellen Steuer, dem Höhensteuer. 
Sie wandeln auf der Erde mit trotzig und stolz zurückgeworfenem Haupte 
und nach oben gerichteten Blicken. 

Mir dünkt, dass in der biblischen Erzählung von den drei Königen (Wahr- 
sagern — Weisen), die mit ihren Geschenken zum Jesuskindlein kamen und 
sich auf ihrem Wege von dem führenden Sterne leiten Hessen, 
ein analoger psychologischer Sinn liegt, der die Könige und Weisen 
(als Vertreter der höchsten irdischen Ziele) zu weiteren aggressiven 
Handlungen, zur weiteren Verherrlichung der eigenen Persönlichkeit, zum 
Ideale der Gottähnlichkeit geführt hat. Vom psychologischen Standpunkt 
entspricht diese sichtbare Aggression, verbunden mit der Darbietung 
von Geschenken, den psychoneurotischen Kunstgriffen pseudo- 
masochistischer Art. Die Könige — Vertreter der verschie- 
denen Rassen und Völkerschaften — das ist eine symbolische An- 
spielung auf das der ganzen Menschheit eigne Streben zu den 
höchsten Möglichkeiten des Sieges und der Überlegenheit des persönlichen 
„Ich" über die ganze Welt. Leicht möglich, dass auch gerade zu 
diesem Zwecke vom Menschen das fiktive Bild der Gott- 
heil geschaffen worden ist. 

Kehren wir jedoch zur weiteren Analyse des Traumes zurück. 

In dem phantastischen Ausleben der perspektivischen Erfolge auf 
der Erde, dem Triumphe in der „Stadt", richtet Garschin — „der 
König" — seine Blicke nach oben. Was ist für ihn, für seine über- und 
aussermenschlichen seelischen Komponenten ein ganzer Wald von „Palmen- 
zweigen", Palmenpflanzen, die sich von Säften der Erde nähren, 
wenn der Impuls des Vorrangs, der Göttlichkeit das Reale entwertet 
und über jeden realen Ruhm und jede reale Befriedigung dominiert? 

Und siehe da „der Himmel wurde dunkler und die Schatten der 
Dämmerung breiteten sich bereits aus." 

Nur sein Stern brennt hell am Himmel, alles Übrige versinkt 
in Finsternis ... in eine Finsternis, die augenscheinlich durch den Kon- 
trast zwischen seinem hellstrahlenden Sterne und den übrigen Him- 
melsleuchten bedingt ist. Eristdererste und der einzige am Himmel, 
er ist die einzige Gottheit, die mit niemandem ihre Macht 
und ihre Herrschaft teilt. 

Noch ein Schritt weiter und die konstruierte Fiktion verwandelt 
sich in eine vollkommen vollendete halluzinatorische Verwirk- 
lichung, noch ein Schritt in der Richtung dieser charakteristischen 
Wege, und wir würden das typische Bild einer paranoischen Konstitution 
vor uns haben. 

Nachdem sich Garschin von dem Realen vollständig losgesagt 
und sich in das Wahnideal der unbegrenzten Allmacht restlos hinein- 
gefühlt hat, würde er Glückseligkeit und Frieden — als Endstadium in der 
Entwicklung paranoischer Tendenzen finden. Aber darin besteht gerade der 
Unterschied (quantitativ im dynamischen Sinne) zwischen dem Schaf fen 
neurotischer Mechanismen und den Prozessen dpr paranoischen 
Erkrankung. Dem Neurotiker gelingt eine vollständige und endgültige Los- 
sagung von dem Realen nicht. (Die konstruktiven Kunstgriffe 
eines paranoischen Fühlens in den Neurosen tragen 



W. M. Garschins Traom. 441 

meistens zeitlichen, periodischen Charakter, der einer Fixie- 
rung entbehrt. ) Bildlich ausgedrückt, ist der Neurotiker mit einem Beine 
fest an die Erde gebunden; im Bestreben sich von letzterer loszumachen, 
um gemäss der Leitlinie seiner Natur sich in wolkenfreie Höhen zu erheben, 
macht er unglaubliche psychische Anstrengungen, die auf eine tenden- 
ziöse Umformung der Realität (Verschiedenheit der symptomatischen Kunst- 
griffe) hinauslaufen, und nach einer Unzahl solcher, im Grunde genommen, 
fruchtloser Versuche, die jedes Mal immer stärker das Gefühl der 
Minderwertigkeit" und den aus ihm hervorgehenden „männlichen 
Protest" unterstreichen, ist er geneigt, das gleiche immer zu wiederholen 
und jedesmal zu dem Zwecke, um in dem äusserten Gefühle seiner Impo- 
tenz die Möglichkeit einer Reaktion, einer noch grösseren Erbitterung, 
eines noch grösseren Protestes, Trotz und Wut zu gewinnen. Dieses- 
aber «einerseits zu dem Zwecke, um auf der Plattform solcher arrangierten 
Gefühle operierend, sich noch krampfhafter an die charakterologische 
Linie zu klammern, die (subjektiv) zu dem üblichen statischen Zustand 
der tendenziösen Entwertung des Realen und zum männlichen Pro- 
teste führen müssen. ..,,,- u .. i i; 
,Der Wald war weit hinter mir zurückgeblieben aber „die 

Stadt lag ganz nahe vor mir." . Lil . , » ,_*.* w 

Wie aus dieser Situation des Traumes ersichtlich, besteht keine 
Möglichkeit dazu, die Brücken hinter sich zu verbrennen, die Fesseln 
dei sozialen Formen abzuwerfen, fehlt die Kraft, sein „Ich" zum anarchi- 
stischen Ideal der vollständigen Unabhängigkeit von den Direktiven 
der gesellschaftlichen Einordnung, den ethischen Prinzipien und seiner auf- 
gezwungenen Moral zu bringen, und ipt eine Realisierung seiner fiktiven 
Überlegenheit über alles Existierende nicht denkbar. 

Unmöglich undenkbar, keine Kraft . . .? Nein, es ist sicher uner- 
wünscht in bezug auf die konstruktive Unsicherheit, Angst und Z weift 
Unerwünscht? . . Wieso denn, wenn dies dem Inhalte des ganzen Lebens- 
planes widerspricht? Folglich - erwünscht, notwendig un- 
entbehrlich .. . Und die Angst, das Schwanken, die Unsicherheit? . . 
Was soll man tun, wie diesen gordischen Knoten durchhauen? ... Sehr 
einfach : man muss ihn durchhauen in der Richtung des Grundsätzlichen, 
Kategorischen, Charakterologischen, d. h. das Leben bis zum letzten 
Grade entwerten, dies aber ist gleichbedeutend mit dem 
Fortgehen aus demselben. 

Solch ein durchaus durchdachter und (für Garschin) gesetz- 
mässiger Ausweg tauchte einmal in Garschins Seele auf. In dem 
Traume findet eine seelische Bilanz statt, werden perspektiv die Summen 
gezogen, die ein grosses Aktiv in der psychischen Buchhalter Gar- 
schins nicht verkennen lassen. Jedoch dieses Aktiv ist relativ, und 
man kann ihn nur von dem Gesichtspunkte der Natur Garschins ein- 
schätzen .... 

„Und plötzlich verlosch mein Stern." 

Nein, wir glauben nicht daran: wir sind überzeugt, dass im 
Verlauf der nächsten 5 Jahre nach dem von Garschin erzählten Traume, 
der „Stern" noch heller am Himmel strahlte, noch intensiver und deutlicher 
alle "seelischen Anspannungen des Dichters zu sich lockte und, so sonder- 
bar es auch erscheinen mag, in den letzten Augenblicken des Sturzes in den 






442 Dr. J. Birstein, W. M. Garachins Traum. 

Schacht der Stiege, in blendendem Glänze der Verlockung, wie noch nie 

zuvor, strahlte. 

G a r s c h i n , als er sich nach unten stürzte, schwang sich 
eigentlich hinauf nach oben, ihm entgegen, in seine Umarmungen, 
wobei er diesen einzigen, wirklich glücklichen Augenblick 
seines kurzen, unerträglicher Widersprüche und beständiger innerer Kon- 
flikte vollen Lebens, segnete. Der gordische Knoten ist durchhauen, und 
dies führt zum seelischen Gleichgewicht, zur vollen seelischen Befriedigung. 

Alle Menschen streben zum Glück, zur Befriedigung ihrer Persön- 
lichkeit in jeder Beziehung. Herrschsucht, Unterjochung anderer, Ein- 
stellung über Alles und Allen, überall und immer — darin liegt die 
seelische Dynamik sowohl der Normalen, als der Neurotiker. Unauf- 
haltsam steuern sie der Erreichung dieser höchsten Ideale zu, entweder 
auf den Wegen der direkten, unmittelbaren Aggressivität (in annähernder 
Norm) oder auf schweren, versteckten Umwegen (in der Neurose). Und 
natürlich, je deutlicher, plastischer die seelischen Anspannungen eines 
Menschen nach der Seite des ephemeren und abstrakt-fiktiven „Glück- 
sternes" sind, desto qualvoller, komplizierter sind seine Lebenswege und 
desto heller die Apotheose, worin sie auch ihren Ausdruck finden 
mag : in genialer Schöpferarbeit, in der Psychoneurose 
oder sogar im Selbstmord. 



III. 

Ein Beitrag zur Kritik der physiologischen Theorie 
der normalen und pathologischen Wahrnehmung. 

Vortrag, gehalten im Verein für freie psychoanalytische Forschung; 

Wien, 10. April 1913. 

Von Max Cresta, Wien. 

Wenn Wilhelm Specht 1 ) in seinem Aufsatz über die „Phäno- 
menologie und Morphologie der pathologischen Wahrnehmungstäuschungen" 
bei der kritischen Würdigung der physiologischen Theorie das Ergebnis 
seiner Untersuchungen über diese Theorie in den Satz zusammenfasst, „dass 
es ja gar nicht mehr die pathologischen Tatsachen selbst sind, welche 
die Motive einer physiologischen Erklärung in sich bergen, sondern dass 
die physiologische Theorie bereits mit bestimmten Voraussetzungen an 
die Tatsachen, die sie erklären will, herantritt," so ist das ein Urteil, das 
formell zwar nicht mehr als eine kritische Auseinandersetzung, inhalt- 
lich aber eine vollständige Absage bedeutet. Aber wir stehen hier, dieser 
Theorie gegenüber, vor einem gefährlichen, wissenschaftlichen Kompro- 
mis, das sich aus dem Verlangen ergibt, die Resultate einer Wissenschaft 
müssten sich mit den Resultaten einer anderen decken, wir stehen vor 
den Konsequenzen eines fast gewollten Missverstehens, so dass des Urteils 
Strenge auch des Urteils Gerechtigkeit wird, und ich glaube, es wäre nach 
einigen Jahrzehnten selbständiger Psychologie endlich an der Zeit, Unbe- 
fangenheit zu üben und einzusehen, dass die Physiologie unmöglich im- 
stande sein könne, uns auch nur den geringsten Aufschluss über ein psy- 
chisches Geschehen — so weit es psychisch ist — zu geben : ebensowenig, 
wie es jemals der Chemie gelingen könnte, selbst wenn sie eine lebende 
Zelle auf chemischem Wege zu erzeugen vermöchte, irgendwie das Pro- 
blem, das das Leben bedeutet, zu lösen. 

Sobald wir physiologische Erscheinungen, die die psychischen be- 
gleiten, ihnen vorausgehen oder folgen, ins Auge fassen, müssen wir uns 
schon, ' soferne wir unbefangen sind, darüber klar sein, dass wir uns von 
der Psyche entfernen. Wissen wir doch kaum, inwieweit hier das post hoc 
auch ein propter hoc ist: und wüssten wir es, so wäre wenig geholfen. 
Immer noch wäre die Seele der Dogmen als ein per se alterum, so wenig sie 
vor wissenschaftlicher Einsicht Stand zu halten vermag, eine berechtigtere 
Auffassungsmöglichkeit, als eine wie immer lokalisierte und materialisierte 
Psyche. Erklärt uns z. B. die physiologische Theorie die Wahrnehmung 

l) Zeitschrift für Pathopsychologie, II. Bd., Hft. 1 u. 2. Leipzig, Engelmann 
Hier kommt zunächst der Artikel in Heft 2 in Betracht. 



444 Max Cresta, 

als das Ergebnis der Fortleitung der durch einen physikalischen Reiz ent- 
standenen Veränderung im Nerven, Sinnesorgan usw. zum Gehirn, so 
bleibt sie uns noch die Antwort auf die Frage schuldig, wo dabei das 
psychische Geschehen beginnt; sie gesteht es nicht ein, dass sie schon 
dadurch, dass sie das Wort: Bewusstsein braucht, das Gebiet der Physio- 
logie vollständig verlassen hat, dass das psychische Geschehen sich nicht 
als das Endergebnis einer physiologischen Reihe lösen lassen kann. 
Wenn ich den Tisch berühre, so — behauptet die physiologische 
Theorie — empfinde ich nicht den Teil des Tisches, sondern den Teil 
der Haut, der den Tisch berührt usw. : aber das hat, so wenig wir die 
physiologische Richtigkeit der Behauptung bezweifeln wollen, für die Psyche 
keinerlei Bedeutung, denn das Objekt der Wahrnehmung ist in diesem Falle 
nicht die Haut, sondern der Tisch. 

Es will mir — wie es bei Wissenschaften, in denen das Spekulative 
eine grosse Rolle spielt, häufig genug geschehen mag, — in der Beob- 
achtung der konstruktiven Verwendung psychischer Momente bei physio- 
logischen Systemisierungen zur Überzeugung werden, dass es sich da um 
eine jener in sich unkontrollierbaren Erscheinungen handelt, die — ver- 
gleichbar der unentschiedenen Haltung, welche man „das Sitzen auf zwei 
Stühlen" nennt — ein Ergebnis des Verfolgens eines bestimmten Zieles 
und der Verwendung unbestimmter Mittel sind; dass also hier, in unserem 
Falle, die physiologische Theorie das Psychische zur Entwertung der 
Realität und andererseits das Organische und Physiologische zur Ent- 
wertung der Psyche benützt: nur geschieht es ihr dabei, dass sie selbst 
zwischen die Puffer gerät. Denn es ist merkwürdig genug, dass die Aussen- 
welt, die problematische und verleumdete Realität, erst ausserhalb unseres 
Körpers beginnen soll, das Psychische aber, dieses als eine Realität höherer 
Ordnung jener „objektiven" Realität Entgegengehaltene, doch dabei in 
organischen Vorgängen seine Erklärung finden muss. Wenn es um uns 
nur Schwingungen eines unbekannten Mediums gibt, so können die Nerven 
und das Gehirn, welche wir doch nur durch das Sehen oder Tasten kennen, 
auch nicht etwas anderes sein. 

Schon bei J o h a n n e s M ü 1 1 e r x ) ihren deutlichen Ausdruck findend, 
hat die Physiologie, bei der Untersuchung der Nerventätigkeit im mensch- 
lichen Körper durch das psychische Phänomen des ßewusstseins ge- 
stört, sich gezwungen gesehen, zum Problem der Psyche selbst, die doch 
so innig mit den Vorgängen im Nervensystem verknüpft erschien, Stel- 
lung zu nehmen und hat in strenger Durchführung ihrer Methode dieses 
Problem dadurch zu überwinden gemeint, dass sie durch eine Art Mate- 
rialisierung die Psyche in den Kreis ihrer Interessen zog, indem sie näm- 
lich, diese Psyche als Ausgangs- oder Endpunkt erfassend, sie in den 
Bereich der physiologisch erklärbaren Tätigkeit der Nerven zwang. Anderer- 
seits erschien anatomisch die Lokalisierung der Psyche schon durch die 
Tatsache eines zerebralen Zentrums gegeben. Doch müsste man sich 
urteilslos der Physiologie anvertrauen, um nicht zu erkennen, dass damit 
eigentlich nichts erreicht wurde, abgesehen davon, dass auch noch nichts 
bewiesen war. 



i) Uim db. der Physiol. d. Menschen; dazu auch die einschlägigen Kapitel bei 
Wundt, Lehrb. der Physiol. d. Menschen, und Claude Bernard, Lecons sur les 
phenomenes de la vie. 



Kritik d. physiologischen Theorie d. normalen u. pathologischen Wahrnehmung. 44E> 

Denn wenn sich auch kein Zweifel dagegen erheben kann, dass 
die Nerventätigkeit an die nervöse Substanz gebunden sei, dass sie, sei 
es chemisch (Veränderung in der Substanz), sei es physikalisch (im 
Bilde eines Kraftstromes, Elektrizität) oder sonst wie, in jedem Falle 
nur im Nerven selbst vor sich gehen könne, so wird es doch vollständig 
unmöglich, dem rein psychischen Geschehen (Bewusstsein, Wille, Gefühl 
usw ) einen bestimmten Ort als bedingenden, mechanischen Apparat in der 
zerebralen Masse anzuweisen; es wird sich dieses Psychische vielmehr 
immer wieder hinter die Materie zurückziehen: schon deshalb, weil sich uns- 
das Psychische als in einer Einheit (Psyche) zusammenhängend repräsentiert 

Nun ist es klar, dass, wenn die Voraussetzungen, mit denen die Phy- 
siologie an ein psychisches Geschehen tritt, falsch sind, es auch die 
Schlüsse und Ergebnisse, die sich darauf bauen, sein müssen: Und eines 
dieser Ergebnisse ist die physiologische Theorie. 

Es muss uns begreiflich erscheinen, dass es hauptsächlich die wahr- 
nehmende Tätigkeit des Menschen sein wird, die dadurch, dass sie 
unbedingt als Voraussetzung die Funktion der Nerven hat, die Physiologie 
zur Erklärung herausfordern muss. Kann aber die Physiologie das Erste 
im Entstehen einer Wahrnehmung nur interpretieren, indem sie von 
einem physikalischen Reiz spricht, der ein peripheres Organ trifft, so kann 
die Wahrnehmung schliesslich — physiologisch — nur dadurch zustande 
kommen dass die Veränderung, die durch diesen Reiz im peripheren 
Organ entsteht also eine Qualität der Sinnesnerven und nicht eine Quali- 
tät des Objektes" zum Zentrum geleitet wird *). Aber die physiologische 
Theorie "die nicht so sehr physiologische als psychologische Ambitionen 
hat nennt dieses Zentrum nicht mehr Gehirn, sondern Psyche. Das 
heisst wenn sie es nicht so nennt, so macht sie es so. Und darin hegt 
der Fehler Waren die Schlüsse, die die Physiologie aus den Vorgangen 
im Nerven bis zum Gehirne zog, auch richtig - und darüber haben 
wir hier nicht zu urteilen — , so sind sie hier, in der physiologischen 
Theorie, zweifellos falsch. , 

Das Endergebnis jenes physikalischen Reizes in der Psyche, die 
Wahrnehmung ist ganz anders, als es der physiologischen Lehre zufolge 
sein müsste Die Psyche setzt sich über alles, was zwischen ihr und 
dem peripheren Organ, das jener Reiz traf, liegt, also über das ganze- 
Nervensystem samt Gehirn hinweg, sie weiss nichts von einer Qualität 
des Sinnesnerven oder ihrer Fortleitung, für sie existiert endlich doch 
nur die Qualität des „Objektes 1 ', d. h. die Psyche glaubt an die Existenz 
der Aussenwelt, sie steht unmittelbar vor einer objektiven Realität. 

Wenn also, wie es gefordert wird, die physiologische Erklärung 
der Entstehung der Wahrnehmung für die Psychologie massgebend sein 
sollte, so stünden wir, da die Physiologie doch auch nicht ohne Beitun 
der Psyche entstanden sein kann, vor der seltsamen Erscheinung, dass die 
Psyche etwas bewusst täte, wovon sie bewusst nichts weiss. 

Und nicht weniger seltsam ist es, wenn wir dann, ohne dass dafür 
eine Notwendigkeit in der Sache selbst läge, die physiologische Theorie 
selbstherrlich ihre Lehren über die Wahrnehmung auch auf die Vor- 
stellung hinübertragen sehen; wenn wir also hören, dass sich die Vor- 
stellung von der Wahrnehmung nur durch geringere Intensität unter- 

i) Siehe dazu auch Specht, -w. o. S. 127 und 220. 



446 Max Creata, 

scheide. Soweit werden wir allerdings das Zugeständnis machen müssen, 
dass wir keine Vorstellung haben könnten, wenn wir keinerlei Wahr- 
nehmung hätten, was psychologisch ungefähr so viel bedeutet, als dass 
wir uns die Psyche ohne Sinnesorgane, ohne Aussenwelt überhaupt nicht 
denken könnten, aber der Schluss, der von der physiologischen Theorie hier 
gezogen wird, die Vorstellung entstünde dadurch, dass ein Wahmehmungs- 
bild der Qualität nach unverändert, nur weniger intensiv reproduziert 
werde, ist mehr als willkürlich, er widerspricht geradezu den Tatsachen. 

Dieser Schluss fand seine Stütze hauptsächlich aus dem Hilfsbilde, 
die Vorgänge, die sich bei der Wahrnehmung in der nervösen Substanz 
abspielten, hinterliessen in dieser Spuren, die die Vorstellung in ihrem 
Entstehen benütze, auffrische. Wir hätten es also mit einer Erscheinung 
zu tun, die ebenso, wie sie durch einen physikalischen Reiz auf das 
Sinnesorgan entstehen kann, willkürlich zentral erzeugt werden könne, 
und es bliebe uns endlich auch hier nichts anderes übrig, aJj die Autorität 
der Psyche zuzuerkennen. Und der physiologischen Theorie wäre nichts 
anderes gelungen, als das Zurückschieben des psychologischen Momentes, 
nicht aber ein Verflechten desselben mit dem Vorgang im Nervensystem. 

Aber ich glaube, wir dürfen der physiologischen Theorie nicht einmal 
so weit folgen : denn einerseits unterscheiden sich in unserem Bewusstsein 
Wahrnehmung und Vorstellung qualitativ, andererseits müsste die Psycho- 
logie, wollte sie die beiden Probleme miteinander verquicken, nicht nur 
diesen Unterschied, sondern auch den verschiedenen psychischen Inhalt 
verkennen. Wenn also z. B. der Tisch a in der Wahrnehmung etwas 
bestimmt Gegebenes bedeutet, so ist es zweifellos', dass derselbe. Tisch a in 
der Vorstellung ein unbestimmt Gegebenes ist: d. h. der Tisch als Vor- 
stellungsbild unterscheidet sich vom Tisch als Wahrnehmungsbild — wobei 
beide vor der Psyche als „Objekt" identisch seien durch den Inhalt und 
nicht durch die Intensität (sinnliche Frische). Form und Farbe haben 
für die Vorstellung gegenüber der Wahrnehmung eine Überbedeutung über 
das Stoffliche, das Flächenhafte wird zu einem räumlichen Bild (in der 
Vorstellung kann ich den Tisch von allen Seiten zugleich sehen) usw.; 
mit anderen Worten: Je weniger die Psyche in Abhängigkeit von den 
Sinnesorganen, von der Aussenwelt steht, um so mehr wird sie ein 
„Objekt" sich angleichen, entmaterialisieren und isolieren. So gelingt 
ihr das Schaffen von Begriffen, die Entsinnlichung, die Assoziations- 
möglichkeit, so gelingt ihr die Herrschaft über die Welt. Wir können 
dabei die Psyche nur in ihrer Bedeutung für das Individuum als höhere 
Einheit erfassen, nicht als Selbstzweck, sondern eingestellt in die Rich- 
tung auf ein Ziel, indem dieses Ziel, aber auch schon die Richtung, 
für das Individuum einen Lebenswert bedeutet. 

So sehr diese letzte Betrachtung aus dem Rahmen der gestellten 
Aufgabe herauszufallen scheint, so fügt sie sich sofort wieder ein, wenn 
wir die Vorstellung als einen Träger psychischer Tendenzen erfassen, 
wenn wir einsehen, wie sehr schon die Vorstellung gegenüber der Wahr- 
nehmung imstande ist, in die Stromrichtung psychischer Tendenzen zu 
fallen; um vieles deutlicher und ausgesprochener zeigt, geradezu geladen 
von unbewussten Wünschen und Bedeutungen, ihrem Sinne nach immer 
nur aus der Psyche — wie ein Arrangement (Adler) — erklärbar, die 
sogenannte Wahrnehmungstäuschung, die Halluzination, diesen Charakter. 



Kritik d. physiologischen Theorie d. normalen u. pathologischen Wahrnehmung. 447 

Warum aber die physiologische Theorie das besprochene Verhältnis 
zwischen Wahrnehmung und Vorstellung aufgestellt hat, wird uns, auch 
wenn wir die Schuld nicht allein der Begierde nach Ländererwerbung 
zuschreiben wollen, klar, sobald wir uns ihre Erklärung der Halluzinationen 
öetrachten; fast will es da erscheinen, die physiologische Theorie behaupte, 
es sei so, aus dem Wunsche, es möchte so sein. Bestünde jenes Ver- 
hältnis, so würde die Halluzination nach gezogener Konsequenz zu einer 
Vorstellung mit Wahrnehmungsintensität. — Aber wo liegt dann das Patho- 
logische? Doch nur, da der Reiz die Titelrolle spielt, in der nervösen 
Substanz. Und die Psyche gibt, wie es auch von neurologischer Seite 
oft genug gemeint oder getan wurde, den passiven Zuschauer ab. 

Die physiologische Theorie hat sich endlich, bei der Frage nach dem 
Ursprung und der Sphäre des Reizes, in eine zentrale, eine zentrifugale 
und eine zentripetale Theorie geteilt. Wenn wir nun, wobei es auf 
dasselbe hinauskommt, welche dieser drei Theorien wir herbeiziehen, die 
zentrifugale Theorie lehren hören, eine Halluzination käme dadurch zu- 
stande, dass der Zustand gesteigerter Reizbarkeit vom Zentrum aus zu 
einer Reizung des Sinnesorganes werde, so ergibt sich, wie bereits 
oben bei der physiologischen Theorie der Vorstellungen, sogleich die 
Frage, wodurch dieser Reiz eigentlich entsteht. Wenn wir früher von 
der Willkür sprechen konnten, mit der die Psyche die Vorstellung ihren 
Interessen unterordnet, so sehen wir hier einen gewissen Zwang walten 
und inhaltlich und bedeutungsmässig ergibt sich für die Halluzination der 
Artcharakter der Wahrnehmung. Und weil jener „physikalische Reiz", 
das Objekt fehlt, nennen wir die Halluzination pathologisch. Aber da 
das. Halluzinationsbild sich nur aus den Möglichkeiten der Psyche selbst 
ergeben kann, d. h. da es nicht bedeutungslos sein kann, wird der 
Zwang, unter dem die Halluzination steht, selbst wieder nur aus der 
psychischen Konstellation zu erklären sein, als ein Mechanismus, der, 
der Lebenstendenz des Individuums untergeordnet, einer mehr minder un- 
bewussten, momentan gesteigerten Tendenz der Psyche entspricht. Im 
Halluzinationsbild selbst liegt also ein Ausdruck der Psyche vor, der Wahr- 
nehmungscharakter ist etwas Sekundäres und es wird Aufgabe des Psycho- 
logen, damit auch des Arztes, aus diesem Ausdruck zu lesen, was er ent- 
hält, und den tieferen Sinn, der sich verbirgt, zu finden. 

Das wird uns jedoch niemals gelingen können, wenn wir, wie 
es die physiologische Theorie tut, bloss konstatieren, dass ein Individuum 
halluziniert, und, in der Frage nach der Ätiologie beim Wahrnehmungs- 
charakter der Halluzination stehen bleibend, ihren Inhalt nicht berück- 
sichtigen oder die Form, in der das halluzinierte Bild erscheint, dem 
Zufall allein zuschreiben wollten. Wir sind hier an den wichtigsten 
Punkt der Frage gelangt, wir stehen dort, wo das weitgreifende Verkennen 
des Problemes der Halluzination wurzelt. 

Wenn wir den von Specht aus Sander zitierten Fall 1 ), das 
Mädchen, das mit dem Fuss einen weichen Gegenstand zu berühren und 
dann einen dreibeinigen Hasen zur Türe hinauslaufen zu sehen ver- 
meint, betrachten, so drängt sich uns, auch ohne Untersuchung, die 
Überzeugung auf, dass die Erklärung der physiologischen Theorie: die 



i) Zeitschrift für Pathopsychologie II. Bd., Heft 1. 



44g Max Cresta, 

Halluzination entstehe durch einen Reizzustand des Zentrums 1), wobei 
jene Wahrnehmungsspuren" in Verwendung kämen, eigentlich an der 
Sache'selbst vorbei gefahren sei. Wir werden doch kaum der Physiologie zu 
Liebe annehmen wollen, dass es eine Wahrnehmungsspur, die dem Bilde : 
dreibeiniger Hase, oder auch nur: Hase entspräche, geben könne, und 
endlich wird man schon instinktiv den Mangel einer solchen Betrachtung 
der Halluzinationen herausfühlen, die sich begnügt, einen Fall zu be- 
sprechen, der zusammenhanglos und beziehungslos in der Luft hängt 2 ). 
Mit einer Halluzination, von der man nur das wahrgenommene Bild 
(Ton usw.) und einige begleitende Umstände (z. B.: dass die betreffende 
Person hysterisch ist) kennt, kann man gar nichts anfangen, weil man 
ebensogut, alles damit anfangen kann: man legt hinein, nimmt heraus, 
was man gerade braucht, und die widersprechendsten Behauptungen bleiben 
unantastbar und unzerstörbar, weil ein Gegenbeweis unmöglich ist, wo 
es keine Beweise gibt. (Vieldeutigkeit der Symptome.) Zum früher er- 
wähnten Fall würde aller Voraussicht nach so mancher Anhänger F r e u d's 
sofort entdecken, der dreibeinige Hase sei ein Sexualsymbol, und wir könnten 
höchstens sagen: es Hesse sich nichts dagegen tun. Denn, solange wir 
nicht wissen, welchen Sinn und Inhal!, ein Halluzinationsbild für die 
Psyche hat, wie es mitten drin liegt in der Vielfältigkeit des Spieles aus- 
langender Wünsche, hingreifender Süchte, herausgehoben aus der Tiefe 
für einen Augenblick als ein mahnendes Phantom voll Wert und Ausdruck, 
solange man, wie Adler sagt, die Leitlinie des Individuums nicht kennt, 
muss uns die Halluzination ein Rätsel bleiben; ein Rätsel in jenem Sinne, 
in welchem es uns ein Ton ist, der, herausgerissen aus einer Melodie, in 
der er, auch wenn sie voll von Dissonanzen klang, ein Herrscher oder 
ein Träger, vielleicht eine Überfülle des Ausdruckes war, uns nichts mehr 
zu sagen vermag. Was nützte uns bei diesem Ton die Lehre der Physik, 
der Akustik oder eine physiologische Besprechung über die Vorgänge im 
Gehörorgan? Wäre dies alles nicht etwas ganz anderes, als was der Ton 
in der Melodie für die Psyche war ? Oder bestünde etwa die Melodie noch 
anders, als für die Psyche? Fällt doch das Wort: Melodie vor der 
Akustik hin. 

Und doch ist das nur ein Vergleich. Und doch ist die Musik nur 
ein Ausdrucksmittel, wie die Sprache, aufgebaut aus starren, längst ge- 
wohnten Gliedern. Müsste es uns da nicht als ein Missverstehenwollen 
erscheinen, wenn man die Halluzination, die doch ganz im Innenkreis 
der Psyche liegt, keine Verständigung ■ mit der Aussenwelt, sondern ein 
Ausdruck für die Innenwelt bedeutet, die daher nicht alles enthalten kann, 
was in der Psyche vorgeht, sondern nur das, was die Psyche aus eigener 
Nötigung sich einmal zeigen will, wenn man diese Halluzination zu ver- 
stehen meinte, bevor man das Gewebe von Tendenzen und Wünschen der 
Psyche zu erschauen und zu lösen suchte, um aus ihr, aus der Psyche 
selbst, den Sinn und den Schlüssel für das Verstehen zu finden. 

i) Müssten wir nicht eigentlich erwarten, daas eine solche Reizung des Zen- 
trums im Auge eine Lichtwirkung, im Ohre eine Klangwirkung, nicht aber ein Wahr- 
nohmungsbild zu erzeugen im Stande wäre? Muss die Erregung der „Spuren* gleich- 
bedeutend sein mit dem „Reproduzieren" des Wahrnehmungshildes? 

2) Wie es bis auf Freud (siehe auch seine Arbeiten über Traumdeutung) 
regelmässig getan wurde. 



Kritik d. physiologischen Theorie d. normalen u. pathologischen Wahrnehmung. 449 

Im allgemeinen können wir erkennen, dass die Halluzination eine 
Mahnung bedeutet, ein Arrangement, wie Adler i) sagt, als Memento 
oder als Warnung; im einzelnen Falle wird der Psychologe und Psycho- 
nathologe es sich zur Aufgabe machen müssen, auch den Grund, auch den 
Sinn zu finden Denn die Psychologie kann synthetisch nur die Grenzen 
finden innerhalb welcher ein psychisches Geschehen sich abspielt den 
Wert nennen den eine Erscheinung für die Psyche hat, im besonderen 
Falle kann sie uns nur die Grundlage und die Methode für dio Analyse 

bieten 'Wenn wir also zum Schlüsse zusammenfassend die Ergebnisse 
unserer Betrachtung rekapitulieren wollen, so möchte ich zunächst allen 
Nachdruck nochmals auf den prinzipiellen Artunterschied dann und wieder 
auch gleichlautender Fragen der Psychologie und der Physiologie egen. 
Alle die Begriffe von denen wir oben gesprochen haben, wie Vorstellung, 
Wahrnehmung, Halluzination usw. können so oft -»»^"* ** 
Physiologie bearbeitet werden mögen, niemals in das Gebiet der I hyso- 
loKie gehören Was hier die Physiologie tun kann, beschrankt sich natur- 
gemäss auf eine Untersuchung der Vorgänge im Sinnesorgan und -nerven, 
mit denen die psychischen Erscheinungen verbunden sind. Die Ergeb- 
nisse, zu denen sie da gelangt, werden insoweit als &****** 
Funktionen nicht unabhängig von der organischen Leistungsfähigkeit sein 
können, sondern einen zweiten Modus des Individuums der Welt gegenüber 
bedeuten auch von der Psychologie als angewandte Wissenschaft be- 
sonders in klinischen Fällen berücksichtigt werden müssen, aber dabei 
wird es sich nicht um einen Ausschluss über die psychisch-pathologische 
Erscheinung selbst handeln, sondern nur um ein Erkennen der imstande 
und Bedingungen, die sie verursachen oder begleiten. Die Physiologie 
wird schwerlich aus eigenem Willen ihre Insolvenz der Psyche gegenüber 
eineestehen sie wird es nicht unterlassen, über das Gebiet des Organi- 
schen in das der Psyche zu greifen, weil das ein Verschieben der Grenzen 
von unten nach oben'" bedeutet, aber die Psychologie darf ihr dabei 
nicht auf halbem Wege entgegenkommen, sie muss sich dessen klar werden, 
was allein ihre Aufgabe sein kann, und für die Verlockungen der Physio- 
logie bliebe ihr das Mittel, das sie die Psyche lehrt, die „abwehrende 

Über die Notwendigkeit, bei der Untersuchung einer psychischen 
Erscheinung von der Psyche als Einheit auszugehen, wird kein Zweifel 
bestehen können, sobald wir uns - wie schon oben, bei Besprechung 
der physiologischen Theorie der Halluzination gezeigt wurde — zur Ein- 
sicht erheben dass in jeder psychischen Manifestation eine psychische 
Tendenz liegen muss: und somit bleibt uns abschliessend noch übrig, 
mit einigen Worten auf die Stellung der Psychologie der Philosophie gegen- 
über einzugehen, weil wir es hier mit einem ähnlichen Verhältnis zu tun 
haben, wie wir es früher zwischen Physiologie und psychologischen Pro- 

i) Adler, Über den nervösen Charakter, Wiesbaden 1912. Siehe auch: 
Adler Neurologische Bemerkung zu Freiberrn Alfr. v. Berger's: .Hofrat Eysen- 
hardt". Vortr. im Ver. f. fr. ps.-a. Forsch., 22. Febr. 1912. Erscheint demnächst 
in der Zeitechr. f. med. Psycbol. und Psychotherapie. Ebenso die Halluzinationen, 
die .Gesichte* des Alten Testamentes, denen immer ein mahnender Charakter 
unterliegt. 



450 Max Creata, Kritik d. physiolog. Theorie d. normalen u. patholog. Wahrnehmung. 

blemen aufzudecken suchten ; weil im Verlangen nach philosophischer Unab- 
hängigkeit, vielleicht nach philosophischer Willkür, das die Psychologie 
oft genug zeigt, die Ursache mancher prinzipieller Fehler liegt. 

So war es hauptsächlich die Frage nach der Existenz der Dinge, 
das Problem der Welt ohne Menschen, der Wirklichkeit, die der Philosophie 
ihr« ältesten und tiefsten Probleme gab, weil darin etwas vom grossen Hohn 
des Nihil liegt, weil sich gerade da das Leben und das Nichtleben berührt: 
wo die Psychologie mitzureden sich berufen glaubt. Und doch liegt gerade 
im Bewusstsein der einzige, überlegene Beweis der Welt; und doch könnte 
die Psyche, auch wenn die Philosophie einmal uns noch so zwingend über- 
zeugen könnte, dass es keine Wirklichkeit gibt, nicht anders tun, als 
an die Wirklichkeit zu glauben, weil sie selbst nicht anders bestehen kann, 
als wie sie in der Welt besteht. Denn die Psyche müsste, um die Welt 
zu leugnen, sich selbst zerstören; und doch liegt in der Selbstvernichtung, 
im Selbstmord, für die Psyche selbst wieder nur ein Beweis der Realität. 
Allerdings: wenn ein Individuum zugrunde geht, so geht für ihn mit 
seinem Bewusstsein auch die Welt zugrunde; aber setzt es nicht das Weiter- 
bestehen der Welt auch im Sterben voraus? 

Aber es handelt sich uns hier natürlich nicht um die erkenntnis- 
theoretische Frage, wir wollen nur feststellen, dass der Psychologe, soferne 
es ihm um das Problem der Psyche Ernst ist, nichts mit dieser Frage zu 
schaffen hat: sobald er die Realität der Aussenwelt leugnet, fällt auch 
die Psychologie hin. Wie uns Vaihinger 1 ) zeigt, dass die Funktion des 
Denkens nur dadurch zustande kommt, dass die Psyche eine Relation 
zwischen sich und einem Objekt oder zwischen zwei (oder mehreren) 
Objekten fingiert, so wird auch jede andere Manifestation der Psyche zu 
einer Relation, zu einem Beweis für die Realität, zu einem Beweis für ihre 
eigene Existenz. Sicherlich: dieser Beweis gilt nur für die Psyche, aber 
«ler Psychologie muss es genügen. 



)) Die Philosophie des „Alg ob." Reuther und Reichardt, Berlin 1912. 



IV. 
Hermann Bang 's „Hoffnungslose Geschlechter". 

Eine Studie zum Problem der Decadence. 

Von Alexander Schmid, Wien. 

Ein literarisches Kunstwerk kann von der vergleichenden I n - 
dividualpsychologie, die sich der Psychoanalyse als eines metho- 
dischen Hilfsmittels bedient, in doppelter Weise ausgewertet werden: 

1. — Und von dem soll hier abgesehen werden — kann es uns 
mancherlei wichtige Aufschlüsse über die psychische Struktur des Autors 
geben und 

2. kann sich der Psychologe bemühen, aus den gegebenen charak- 
terologischen Merkmalen und Handlungen der Akteure ihre Persönlich- 
keitsbilder zu klären, Widersprüche aufzulösen, kurz: ihre fiktiven 
Leitlinien, in die alles münden muss, aus den einzelnen Etappen dar- 
zustellen. 

Bevor man aber daran geht, drängt sich eine andere, sehr heikle 
Frage auf, die ich hier nur flüchtig berühren kann : Sind die Menschen in 
einem Drama oder Roman so für die Wissenschaft nutzbar zu machen, 
gleichsam als ob sie lebten oder gelebt hätten? Ich glaube, mit leiser 
Anlehnung an S c h e 1 1 i n g und Bergson, dass es hier besonders 
darauf ankommt, ob wir die Möglichkeit haben, aus den vom Dichter 
beigebrachten Einzelzügen seine Gestalten intuitiv, von innen heraus als 
ganze, lebende zu erfassen. Sind die Personen hinreichend plastisch, 
und das sind sie in jedem wirklichen, nicht etwa allein im naturalistischen 
Kunstwerk, dann dürfen wir wohl auch an ihnen wissenschaftliche Unter- 
suchungen vornehmen und für deren Resultate einen nicht nur hypo- 
thetischen Wert beanspruchen. Nebenbei bemerke ich, dass gerade nervöse 
Menschen sehr leicht dazu neigen, den Lebensgehalt von Romanfiguren 
ganz besonders intensiv zu empfinden. Es ist dies deutlich daraus zu 
ersehen, dass sie sich auf Grund oft wenig belangvoller, durch spür- 
sinnige Abstraktion entdeckter Gemeinsamkeiten, aus ihnen Leitbilder 
formen, ja völlige Identifikationen vornehmen. Der eine tut, als ob er 
Raskolnikow wäre, der andere meint, Niels Lhyne und der dritte Dorian 
Gray zu sein. Natürlich geschieht dies nur im Interesse des Persönlich- 
keitsideals des betreffenden Lesers, denn dieser Held, mag er auch ein 
sehr trauriger und kläglicher sein, bleibt doch insoweit eben der Held, 
als er im Mittelpunkt einer Anzahl von Menschen, eines Komplexes 
von Handlungen steht, was ihm immer eine gewisse Über Wertigkeit ver- 
leiht. Der Trieb, sich mit ihm zu identifizieren, hat also reih kompen- 
satorischen Charakter. 



452 Alexander Scbraid, 

William Hög, der Held von Bangs „Hoffnungslosen Geschlechtern" 
entstammt einer keineswegs im Interesse der Zuchtwahl geschlossenen 
Ehe. Sein Vater Ludwig Hög, Sohn eines Ministers, aus altadeligem 
Hause stammend, war schon als Jüngling schwächlich, nervös und tief 
melancholisch, machte seinen Eltern durch »nissiges und regelloses Leben 
viel zu schaffen; erst im 35. Jahre, also ziemlich spät, war er bereit ein 
Amt anzunehmen, kurz nachdem er sich verheiratet hatte. Seine Frau. 
Stella, war aus einer Familie, in der Fälle von Tuberkulose häufig waren; 
sie war um 17 Jahre jünger als ihr Mann, dessen Ahnengalerie, Bildung und 
weltmännisches Gebühren ihr ziemlich imponierten. V on vornherein 
fixierte sie in der Ehe eine kindliche Einstellung: Ihr 
Liebstes ist mit Puppen zu spielen, sie weint, wenn der Gemahl einmal etwas 
länger von zuhause ausbleiht. Bald zeigen sich auch bei ihr die Anzeichen 
der Tuberkulose, sehr bezeichnend gerade zu einer Zeit, da sie von einer 
Heise zurückkehrt, die den Zweck hatte, sie eine plötzlich erwachte Leiden- 
schaft zu einem Jugendfreund vergessen zu lassen. Sie durfte um keinen 
Preis ihrem Manne selbst eine Waffe gegen sich in die Hand geben, 
deshalb musste sie durchaus „anständig^ und , .tugendhaft" bleiben, was 
eben das Ertöten, wenigstens jeder sichtbaren Regung dieser Liebe er- 
heischte. 

Dann wurde Stella Mutter, gebar zuqrst ein Mädchen: Nina, zwei 
Jahre später den kleinen William. Während sie mit ihm schwanger ging, 
zeigte sie eine stark aggressive Haltung gegen ihren Mann, wollte ihn 
lange, gar nicht sehen, war W r ochen hindurch lethargisch und an allem 
uninteressiert, bis sie wieder ins andere Extrem verfiel und — als gravide 
Frau — wie toll tanzte und von einem Vergnügen zum anderen jagte. 
Willianis Geburt war sehr schwer, und nur mit Anwendung künstlicher 
Mittel wurde er am Leben erhalten. Es ist gar kein Zweifel, dass ein 
Kind solcher Eltern und unter solchen Umständen zur Welt gebracht, aus- 
gesprochene Organniinderwertigkeit in mehr als einer Hinsicht zeigen 
und dadurch auf dem Wege über das Minderwertigkeilsgefühl in die männ- 
liche Proteststellung gedrängt werden muss. 

Nach drei Jahren — Stella hatte inzwischen noch ein Mädchen: 
Sophie geboren — übersiedelt die Familie, denn der Vater war zum 
Bürgermeister in Randers ernannt worden. Seitens der Mutter und der 
Kinder gibt es ein schmerzliches Abschiedsnehmen von dem früheren Wohn- 
orte, bei welcher Gelegenheit wir die erste Äusserung des kleinen William 
hören: „Willy küssen!" sagt er, während die Mutter betrübt ist; er will 
geküsst werden: ein hübsches Vorausdeuten in die Zukunft, in der die kind- 
liche Attitüde, der Formenwandel des männlichen Protestes 
noch sehr häufig zur Verwendung kommen sollte. In Randers, wo noch ein 
vieites Kind, ein Knäblein namens Aage hinzukam, lebt die Högsche Familie 
sehr zurückgezogen. Nur selten kommen Gäste zur Mahlzeit und da darf 
William nebst seiner Schwester manchmal auch bei der Tafel sitzen, 
was dazu führt, dass ihm der ohnehin schon grosse Abstand zwischen 
sich und den Erwachsenen noch tiefer klaffend erscheint. Wird ihm ein 
Wunsch nicht erfüllt, bekommt er z. B. bei Tische keinen Kuchen, dann 
beginnt er ganz einfach zu weinen. Dies tut er auch in sehr ausgiebigem 
Masse — wobei er sich fest an die Mutter klammert — als während eines 
kurzen Krieges der Vater wenig zuhause weilt und obendrein der kleine 
Aage. mit dem es zu Ende geht, im Sterben liegt. Sich dem Vater gegen- 



Hermann Bange „Hoffnungslose Geschlechter". 453 

übor durchzusetzen, ist nicht so einfach: um es zu können, arrangiert er 
heftige Angst: ja, wenn er ihn küssen soll, besonders aber wenn am 
Morgen der häufig schlaflose Bürgermeister schon auf ist und sich die 
Kinder zur Schule rüsten, macht William in seiner Angst stets Lärm — 
was der Vater um alles nicht ertragen kann — indem er über den Kohlen- 
kasten stolpert, trotzdem er manchmal auf allen Vieren kriecht, sich 
also zum ganz kleinen Kinde macht — oder die Haustüro mit grossem 
Geräusch schliesst, bis der Vater von ihm Notiz nehmen muss. Je mehr 
ihm das Dienstmädchen — sie tut dies allerdings in sehr herabsetzender 
Art — bedeutet, stille zu sein und sich unbemerkbar zu machen, um so 
mehr gerade macht er sich bemerkbar. 

Bang beschreibt uns nun auch seinen Helden: dunkle Hautfarbe, 
grosse, etwas unruhige Augen, ein unverhältnismässig grosser Kopf. Den 
Rücken hat er stets gebeugt; ich glaube, dass dies ein nach Vorwärts- 
streben aber auch ein Insichzusammensinken andeuten kann. Beim Gehen 
setzt er die Beine stets einwärts, stolpert häufig und fängt dann jedesmal, 
wie um den Schaden rasch gut zu machen, zu laufen an. 

Aus diesen Merkmalen dürften sich wohl die physiologischen Grund- 
lagen seines Minderwertigkeitsgefühles erschliessen lassen. Es beginnen 
seine ersten, eigentlichen Grösse nphantasien, der Endpunkt seiner 
fiktiven Leitlinie, der alle Ausstrahlungen seines Wesens wie ein Magnet 
in eine bestimmte Richtung zieht, wird sichtbar. Er spielt mit seinen 
Altersgenossen. Da heisst es: „William war der kleinste von 
allen, deshalb war er beständig König - zu etwas anderem 
taugte er nicht — aber das Königsein verstand er aus dem ff." Hoch oben 
auf einer Tonne stehend hält er Reden, teilt Orden aus, dirigiert die Unter- 
gebenen und nach einem Siege lässt er sich eine Huldigung bereiten. Ebenso 
war er Kapitän — die Tonnen stellten Schiffe vor — leitet Entdeckungsfahrten, 
nach deren glücklichem Abschluss er von den Jungen im Triumph herum- 
getragen wird. Ja, er lässt die Gespielen sogar Meutereien fingieren und sich 
von ihnen binden, nur damit die Sühne, die Erhöhung um so wirkungs- 
voller ausfalle. Denselben Zug nach oben haben auch seine Wach- und 
Schlafräume, deren Substrat meist der Märchen lektüre entlehnt ist. Auch 
im Traum ist er ein herrlich gekleideter, gebietender König, der seine 
Feinde stets besiegt; er ist unermesslich reich, geniesst die seltensten 
Speisen und heiratet die schönste Krau des Landes. — Es spielt hier eine 
Reminiszenz an ein kleines Mädchen aus der Tanzstunde, das sehr an 
ihm hing, hinein; sie waren im Scherz oft Braut und Bräutigam; als 
William diese treue Untertanin durch ihre Abreise verliert, ist er sehr 
traurig, weint heftig und hüllt sich schliesslich in die noch oft gebrauchte 
sichernde Schwermut. „Der Junge kennt kein Mass, in nichts! Wie soll 
das noch einmal mit ihm werden!" klagt seine Mutter. Häufig pflegt sie 
ihm auf dem Klavier vorzuspielen, es macht dies auf den sehr sensiblen 
Knaben stets grossen Eindruck oder sie lesen miteinander Dramen, be- 
sonders Oehlenschlägers Stücke; William, der beim Lesen genau die 
Aussprache und die Gesten der Mutter kopiert — dadurch wird er ihr 
scheinbar gleich — fallen natürlich stets die Heldenrollen zu. 

Auch mit der Geschichte seines Geschlechtes beginnt er sich zu 
beschäftigen: Diese Ahnen liegen in einer der schönsten Kirchen des 
Landes, es sind sehr berühmte darunter: ein Bischof, der seinem Vater- 

Z«ntr*lblatt fär P«ycho»n»]y«e. IV ■/". 30 



454 Alexander Sobmid, 

lande viel nützte und einer war ein Königsmörder. Als William einst einen 
Schulkollegen diesen schmähen hörte, stürzt er, der kleine und schwäch- 
liche, auf ihn los und schlägt ihn: um der Ehre seines Ge- 
schlechtes willen, die ihm rein erhalten bleiben muss, de na 
sie ist ein treffliches Mittel ihn zu verklären und gross 
zu machen. Langsam denkt er jetzt darüber nach, was er werden 
sollte; gewiss etwas sehr Grosses, „denn dies war er ja seinem Geschlechte 
schuldig." 

Ein Erlebnis, das seiner Sensibilität wieder neue Nahrung zuführte, 
kam ihm von einer, in dem sonst recht langweiligen Provinzstädtchen 
gastierenden Schauspielergesellschaft. Nach langem Sichbittenlassen ge- 
nehmigte endlich der Vater den Besuch dieses Etablissements. William 
kvar vor der Aufführung äusserst erregt und lief beständig hin und her — 
eine Eigenschaft, die er auch in seinem künftigen Leben, wenn er rat- 
odcr hilflos war, beibehilt. Im Theater lebte er mit grossen, feuchten 
Augen nur den Vorgängen auf der Bühne, trotzdem oder gerade deshalb 
spielt er nach gefallenem Vorhang gleich den Überlegenen und kritisiert un- 
barmherzig einige Fehler. Er sieht noch einen erotischen, spanischen Tanz 
und als er mit seinen Eltern schon vor Schluss der Vorstellung l)ereits 
den Kaum verlassen hatte, schleicht er sich in einem unbeobachteten 
Moment nochmals zurück und erblickt hier kaum bekleidete Tänzerinnen 

auf der Bühne. „Das war es also das war es" stammelt er. Dieser 

letzte Eindruck ist sehr wichtig, denn William war als einziger Knabe 
fast nur unter Mädchen aufgewachsen, was eine Unsicherheit im 
Auffassen seiner Geschlechtsrolle und, als deren Folge, oft 
hervortretende Zweifelsucht und stetes Misstrauen zeitigte. 

Mittlerweile wurde der Zustand des Vaters immer schlimmer, ganz 
deutlich machte sich das Anfangsstadium einer Psychose bemerkbar. So 
wortkarg er gegen seine Frau ist, so munter und aufgeräumt zeigt er sich 
den Kindern, die das aber verdächtig finden und sich — besonders Wieder 
William — durch Angst vorbereiten und zu sichern trachten. Während eines 
kurzen Aufenthaltes in Kopenhagen, an einem Tage, da. Stella und die 
Kinder etwas vergnügter denn sonst waren, wird Ludwig Hög im Ernst 
als geisteskrank erklärt. 

Für William, der auf einem Nachbargute weilt, isi dies ein pein- 
voller Schlag, es verstärkt sein Minderwertigkeitsgefühl in besonderem 
Masse, deshalb flüchtet er rasch in Gedanken zu seinen berühmten 
Ahnen, die in der alten Kirche begraben sind. 

Das Leiden des Vaters bessert sich ein wenig, die Familie ist 
wieder zusammen, aber dafür wird jetzt die Mutter schwer krank, hustet 
viel und muss meist zu Bette liegen. 

Für William ist es schmerzlich, aber es gibt ihm doch Gelegen- 
heit zu einer höheren Rolle. Der Vater ist nämlich ganz apathisch ge- 
worden, kümmert sich nur sehr wenig um seine Frau, so bekommt William 
die Möglichkeit, ihn zu vertreten und sich um die Mutter viel anzunehmen, 
ihr vorzulesen, wobei sie stets seine schöne Stimme lobt. „William wusste 
selbst nicht, wie das zuging, aber er fühlte, dass er diesem Vater über 
den Kopf gewachsen war." Während der Krankheit der Mutter träumt er 
einmal, dass er mit ihr weisse Blumen pflückend über eine Wiese laufe 
und schliesslich trotz einer warnenden Stimme tief hinunterstürze. Der 
Endsinn dieses Traumes scheint mir ein Memento, eine Warnung und 



Hermann ßang's „Hoffnungslose Geschlechter". 455 

Mahnung zur Vorsicht zu sein: sich auch nicht allzusehr auf die Mutter 
zu verlassen, auch sie kann vor einem erniedrigenden Sturze nicht schützen. 
Sehr charakteristisch für ihn ist es, dass nach dem Tode der Mutter, 
das Weh über den Verlust zwar gross, aber noch viel grösser tias Grauen 
ist, einen Leichnam im Hause, den Tod, die feindliche Macht der Vernich- 
tung in so unmittelbarer Nähe zu haben. Die Kinder sind nun mit dem 
Vater allein, der sich besonders William anschliesst; er fühlt, dass der 
Sohn sich ihm überlegen dünke, er tut deshalb was möglich, dies zu 
verhindern und sich seinerseits gross zu zeigen. Er erzählt z. B. Schlimmes 
von seinem Vater und den Brüdern, entwertet so seine Familie, spricht von 
den Fahrten seiner Jugend und macht Pläne zu neuen Reisen mit (dem 
Sohn, dem er sich als vollendeter Weltmann zeigen muss. Während sie 
kurze Zeit in einem Badeorte weilen, tut er sich viel auf seine Kunst 
als Schwimmer zugute, wobei er den Sohn übermässig lange auf sich warten 
lässt und ihn so doch in eine Art Abhängigkeitsverhältnis zwingt. Schliess- 
lich kommt es zu einer Reise nach Deutschland, William bemüht sich 
krampfhaft, den Vater in möglichster Einsamkeit zu halten, Gespräche und 
Zusammenkünfte mit Reisegenossen zu verhindern, aber es gelingt ihm 
nicht. Schon auf einer kleinen holsteinischen Station trifft der Vater 
eine bekannte Dame, die Gräfin Hatzfeld, und es ist schön zu sehen, wie 
der Wunsch, von dieser Frau estimiert zu werden, für kurze Zeit aus 
dem kranken einen heiteren, elastischen und galanten Gentleman 
macht. — In Köln, wo sie zur Karnevalszeit ankommen, muss William 
noch wachsamer sein, denn der Vater droht hier fortwährend zu ent- 
schlüpfen; nicht allein das, um seinen eigenen Zustand zu verbergen, setzt 
er William in den Augen der anderen Gäste herunter, nennt ihn schwer 
erblich — natürlich von der Mutter her — belastet. Prompt glaubt deshalb 
auch William zu bemerken, dass die Kellner ihn scheu behandeln, 
ihn überhaupt alle Leute misstmuisch und mitleidig betrachten: wieder 
eine Aufrüttelung seines Minderwertigkeitsgefühles. Eines Abends muss 
William wieder mit Bangen auf den Vater warten, der lang über die ge- 
wohnte Zeit ausbleibt. Endlich kommt er: alkoholisiert, mit einer türkischen 
Mütze auf dem Kopfe, er war bei einem Maskenfest. William, in wahn 
sinniger Angst, lacht gellend auf, diesem Vater ist er weit überlegen! Der 
Vater merkt, dass ihm dies Lachen gilt, protestiert dagegen, es kommt 
zu einem Kampfe, in dem William in dem Wissen, es mit einem Ver- 
rückten zu tun zu haben, nachgibt und sich dann bereit erklärt zu 
schreiben, was ihm der Vater diktieren will. Was er da schreiben muss, 
ist — um mich eines Adlerschen Ausdruckes zu bedienen — die 
Essenz der Privatphilosophie Ludwig Högs : In wenigen Sätzen eine 
durchgehende Entwertung des weiblichen Geschlechts: 
„Man soll die Frauen in Käfige sperren .... das Weib ist nichts Besseres 
wert, der Mann ist der Herr und kann sie ohne Verantwortlichkeit zugrunde 
richten" und besonders : „Wer nicht zugrunde richtet, wird selbst zugrunde 
gerichtet, wer sich nicht zum Herrn macht, wird Sklave." Diese Sätze 
bedeuten Ludwig Högs Rechtfertigung vor seinem Sohne, in dessen Augen 
er wohl manchmal den Vorwurf las, er sei schuld gewesen am frühen 
Tode der Mutter. In der Psychose wird seine Grössenfiktion 
Wirklichkeit: er nennt diese Thesen sein Evangelium, sich selbst, als 
ihren Verkünder, den heiligen Markus, und zwingt William, ihn als solchen 
anzubeten. Daraufhin bekommt er einen Anfall und stirbt. 

30* 



45Q Alexander Schmid, 

William führt heim, wo ihn seine hilflosen Schwestern erwarten, 
denen er jetzt Vater und Mutter sein muss. Der Nachlass wird geordnet, 
es stellt sich heraus, dass gar kein Vermögen übrig ist: also Verarmung. 
Adler hat häufig darauf hingewiesen, auch in Schreckers Arbeit 
über „Peer Gynt" ist es deutlich zu sehen, ein wie scharfer Stachel 
des Ehrgeizes der Vermögensverlust sein kann, der zu 
grosser Verstärkung der leitenden Fiktion führt. Auch William, so drückend 
er die Armut empfindet, entnimmt aus ihr das doppelt leidenschaftliche 
Verlangen, stark zu sein, zu stützen und zu helfen. „Die Wirklichkeit" 
sagt Her man Bang „erschien ihm jetzt als etwas, mit dem man 
kämpfen müsste". — Eine kurze Zeitspanne bleiben die Geschwister noch 
zusammen, Nina spielt Klavier und singt etwas von den Liedern der 
Mutter. Nur zu gut nimmt William den Sinn einer Strophe in sich auf: 

„Mag der Sturm entwurzeln die Bäume! 
Mag kentern er Schiff und Kahn! 
Der lichten Küste der Träume 
Vermag er doch nicht zu nah'nl" 

Als 16 jähriger kommt William zu seinem Qnkel nach Sorö, um dort 
seine Gymnasialstudien zu vollenden. Es geht ihm gut in der Schule, 
denn abgesehen von seiner Fähigkeit., „ha.tte er die Gabe viel aus 
S i c h zu na ach e n undmitseinen E i n f ä 1 1 e n z u g 1 ä n z e n". Sorö 
ist die Stadt mit der Kirche, in der die Gebeine seiner Almen ruhen. Er 
besucht sie häufig, der Umgang mit den erlauchten Vorfahren war das 
stärkste Stimulans zu Hohem und Höchstem. Der Dichter sagt: „Um was 
es sich ihm vor allen Dingen handelte, das war, ein Ziel zu finden, 
einmal etwas Grosses zu werden — für eine grosse Aufgabe zu leben 1 Ja, 
ein hohes Ziel musste es sein, grenzenlos wie sein Ehrgeiz, der in seiner 
Seele wie Feuer brannte. So tief wie sein Geschlecht gefallen war, so 
hoch sollte es wieder steigen!" Er vergleicht die Begrabenen mit den 
noch Lebenden seiner Familie: da waren nur die Onkel, von denen nicht 
viel zu erwarten war, sonst lauter Frauen. 

Manchmal befällt ihn Zagheit, sein Minderwertigkeitsgefühl macht 
sich geltend, aber er bannt es; fast gleichzeitig erfolgt die Kompensation: 
Ich will und ich werde können. 

In derselben Kirche pflegt Fräulein Kamilla Falk, eine Gutsbesitzers- 
tochter aus der Umgegend Orgel zu spielen. William hört ihr mehrmals 
andächtig zu, errötet heftig, wenn er sie sieht — ein Versagen 
dort, wo er sich beweisen sollte. Diese Stunden werden ihm 
lieb und wertvoll, bis er von seinem Schulkollegen Gerson erfährt, sie sei 
dessen Cousine. Nun verliert es für ihn an Reiz, es ist kein Geheimnis mehr, 
nichts für ihn allein, was ihm, da die anderen es nicht haben, ein starkes 
Überwertigkeitsgefühl geben könnte: Fräulein Falk — wie prosaisch — eine 
„Cousine"! Er meidet die Kirche auch eine Woche lang, und nur die 
Furcht, sich vor Fräulein Falk lächerlich zu machen, so in ihren Augen 
zu verlieren, albern und kindisch zu erscheinen, bringt ihn dazu, die Kirche 
doch wieder zu besuchen. Sie lernen einander bald kennen, und es ent- 
wickelt sich Neigung zwischen ihnen. Freilich hatte er sich gegen diese 
Neigung gesträubt: Sie ist etwas Lebendiges, Entscheidendes. Bang 
sagt: „Ebenso wie Menschen, die sich daran gewöhnt haben in einer 
halbdunkeln Stube mit vorgezogenen Gardinen zu leben — was auf die 



Hermann Bang'a .Hoffnungslose Geschlechter". 457 

Dauer ihre Augen verdirbt und ihre Sehkraft ruiniert — zuletzt volles 
Tageslicht überhaupt nicht mehr ertragen können, hatte er seine Fenster 
mit dem Schleier der Schwermut verhüllt, und als nun jetzt das Leben 
durch den Nebel schien, hatte er nicht Übel Lust, die Augen zu schhessen." 
Diese sichernde Schwermut hatte er zu einem festen Charakterzug 
gemacht, weil ihm eben vor jeder Art der Entscheidung, vor jedem Sich- 
bewähren bange war: er musste fürchten, nicht zu bestehen. Er konnte 
ja ausweichen und sich dieser Neigung langsam entziehen, aber dem 
steht seine Neugierde, sein Tota 1 i t äts tr ieb , der Wunsch alles, also 
auch eine ihm gerade in den Weg kommende Frau zu besitzen, entgegen. 
Getreu nach dem Schema m ä n n 1 i c h— w eiblich, nützli ch-sch a d - 
lieh apperzipierend und handelnd, drängt er sie einfach in die Bahn, in 
der er sie braucht, in der sie seinem Lebensplan förderlich sein kann. Sein 
Verhältnis zu Kamilla hat dieselbe Note wie einst das 
zur Mutter Sie ist um zehn Jahre älter als er, hat eine Liebes- 
affairc die mit einem grellen Missklang schloss, hinter sich und hatte 
sich seit der Zeit öfters in kleine amouröse Beziehungen zu freunden 
ihres Cousins eingelassen. Sie war da stets die Überlegene und konnte so 
recht mit den jungen Herzen „spielen" - wie man es nennt. Auch 
William behandelt sie zuerst als kleinen Jungen, sie bespöttelt ein wenig 
seine Vorliebe zu den Ahnen, und als er sie einmal resigniert, um eine 
eünstige Prognose herauszufordern, fragt: „Was soll ich denn Grosses 
ausrichten?' 1 gibt sie ihm sehr von oben herab den Rat, zuerst ein gutes 
Examen zu machen und sich dann einen, den Voraussetzungen und 
Kräften seiner Person entsprechenden Beruf zu wählen. Nach t-reud- 
seher Auffassung vv ; ire Williams Liebe zu Kamilla einfach eine Inzest- 
reg u n g ; es ist ein gar nicht hoch genug zu veranschlagendes Verdienst 
Adlers in dieses dunkle Gebiet Licht gebracht und gezeigt zu haben, dass 
ein solcher Vorgang ein Gleichnis abgibt: Von niemandem 
ist William bis nun so geliebt und geschützt worden, wie von seiner Mutter 
und dies will er nun auch von Kamilla. Er weist ihr eine in vielem der 
Mutter äquivalente Holle zu, erzählt ihr schon anfangs viel von ihr, um ihr 
gleich zu sagen, was er von ihr verlangt, legt den Kopf in ihren fWms, 
spricht wie zu einer Mutter von seinen Träumen, Verlangen und Sehn- 
süchten, lässt häufig eine gewisse Müdigkeit durchblicken, die natürlich 
stets arrangiert ist, um, aber ja nicht in heftiger Art, angespornt zu werden. 
Er wechselt die Attitüde: Bald ist er das liebebedürftige Kind, das einen 
Stützpunkt braucht, dann wird er zum männlichen Liebhaber, der alles 

erreichen will. 

Bei einem Besuche, den er auf dem Gute von Kamillas Vater macht, 
wird das Verhältnis intim, aber dies ist lange nicht von so grosser Wichtig- 
keit für ihn, als die grossartigen Zukunftspläne, die er mit Kamillas 
Hilfe entwirft. Er hat sie sich dienstbar gemacht. Am letzten Tage ihres 
Beieinanderseins liest er ihr aus Molieres Tartuffe vor, es klingt ihr 
sehr gut, und als er geendet, fasst sie ihn bei den Händen und fragt: 
„Warum willst du nicht Schauspieler werden?" Das ist das einzige von 
Kamilla, was er auch weiter mit sich nimmt. Hatte nicht schon die 
Mutter stets seine schöne Stimme gelobt? Und nun sagt Kamilla dasselbe. 
Ein grosser Schauspieler werden! In dieser Zielsetzung hat er das <Jdg 
HOL nov orö, von dem aus er die Welt erobern will, gefunden. Wozu 
braucht er noch Kamilla? Gerade an diesem Beispiel wird klar, wie 



458 Alexander Schmid, 

gcringder rein libidinöseFaktor am männlichen Proteste 
gemessen erscheint. 

Nach Sorö zurückgekehrt, gibt sich ihm auch gleich Gelegenheit, 
sich weiter in diese Rolle hineinzuleben: Ein berühmter Schauspieler 
aus Kopenhagen kommt zu einem Gastspiel in die Stadt und William ist 
dazu ausersehen, nach ihm die tragendste Rolle zu spielen. Vor dem 
Auftreten produziert er wieder gewaltige Angst als Hereitschaft und als er 
zum Sprechen kommt, ist es erst der oft gerühmte Wohllaut seiner Stimme, 
den er hören muss, um daraus sein Selbstbewusstsein zu schöpfen und 
damit schliesslich auch zu siegen. 

Der grosse Gast aus Kopenhagen spendet ihm mit Blicken und 
Worten Beifall und tut wie beiläufig die Äusserung: „Sie wollen doch 
gewiss Schauspieler werden." Diese Worte machen William ganz ver- 
zückt, er fühlt sich berufen, eine herrliche Aufgabe zu lösen, er fühlt 
sich ganz oben, wie einst zu Hause, als er im Spiel mit Kameraden 
König war und ihm von allen gehuldigt wurde. 

Was machte ihm gerade den Berufeines Mimen so erstrebens- 
wert ? Besonders der Wille zum Schein, der Wunsch nach aussen 
hin zu glänzen, Lob und Lorbeeren einzuheimsen und so eine domi- 
nierende Stellung auszuüben, lassen ihn in besonderem Masse verlockend 
erscheinen. Auch der Trieb nach Universalität mag dabei ins Gewicht 
fallen, die Möglichkeit sich heute in der und morgen in einer anderen 
Rollo zu zeigen, die leichte Gelegenheit seinen Aufenthaltsort zu wechseln 
und so dem Reisetrieb, wie auch dem nach einem gewissen ungebundenen 
Leben zu genügen. 

Was soll ihm noch Kamilla, da er ihren Wink benutzt hat? Alles 
andere von ihr ist versunken; wie der Nervöse gewisse Erinne- 
rungen förmlich hypertrophiert immer parat haben 
kann, so kann er auch beliebig vergessen, was unver- 
wendbar i s t. Als Kamilla zu William, der sich ganz zurückgezogen hatte, 
ins Zimmer tritt, fällt ihm nur noch ein, was ihm sein Freund über sie 
erzählt hatte : dass sie es gern auf junge Leute abgesehen habe. Er schleudert 
ihr den Vorwurf entgegen, sie hätte ihn verführt, entwertet sie damit aufs 
tiefste, worauf auch sie in ihre allererste Einstellung zurückgeht und 
ihn einen grünen Jungen nennt. Bald hört man von ihr, sie sei mit ihrem 
Kammerdiener durchgegangen; das ist gar nicht merkwürdig, sie hatte 
immerhin eine starke Erniedrigung erleiden müssen, und der ihr auch sonst 
subordinierte Lakai dürfte für die Exerzitien ihres männlichen Protestes 
nun ein geeigneteres Objekt abgeben. 

William zieht nach Kopenhagen zu seinen Schwestern, denen ei- 
serne Absicht, Schauspieler zu werden, in um so schrofferer und be- 
stimmterer Art kund gibt, je mehr er bemerkt, dass sie sich, besonders 
Nina, dagegen heftig sträuben. All ihre Hoffnungen hatten dem Bruder 
gegolten, auch sie wollten ihn gross und bedeutend sehen, — freilich um 
damit selbst zu wachsen — aber der Beruf eines Schauspielers schien 
ihnen für einen Ministerenkel aus so alter Familie doch nicht sehr 
passend und sie bemühten sich sehr, ihn davon abzubringen; Nina tut 
dies so, dass sie in ihm Zweifel an seiner Begabung wachruft, sie weiss 
nicht, was für eine heftig schmerzende Wunde sie ihm damit aufreisst; 
sie versteht deshalb auch nicht, warum er sich so sehr gegen diesen 



Hermann Bang's .Hoffnungslose Geschlechter V 459 

Schla« den seine Männlichkeit erdulden muss, aufbäumt und ihr seinen 
Glauben an sich, sein ernstes, heiliges Wollen und seinen „beabsich- 
tigten" eisernen Fleiss entgegenschreit. Während er den Schwestern vor- 
liest muss sie allerdings zugestehen - gleich der Mutter und Kamilla, 
dass' er ein schönes Organ habe und gut lese, aber sofort kommt es wieder 
zu einer Verstimmung, als Nina meint, wenn er Schauspieler sei könne 
er doch nicht mehr den Namen Hög führen, der Name des Vaters auf einem 
Theaterzettel käme ihr geschändet vor. Dies ist der erste, entscheidende 
Konflikt zwischen den Geschwistern, William schhesst sich in sein Zimmer 
ein und wendet sich langsam von der Familie ab: eine beim Neurotiker 
sehr häufige Erscheinung, die Familie u entwerten, mit der 
Motivierung sie stehe einem im Wege, sei hinderlich und unverlasshch. 
Man braucht darin nicht so weit zu gehen, wie F. Asnaourow in 
seiner Schrift über Sadismus und Masochismus, worin er sagt der Fluch 
der Sippe sei das erste Zeichen der Genialität-. Der Fluch der Sippe 
ist jedenfalls für den Verfluchten nur e>n negatives 
Kriterium, zeigt, dass er eben nicht so ist, wie ihn die Sippe braucht. 

William fühlt sich in dieser Zeit der Vorbereitung sehr schlecht: 
Er arrangiert aus Gründen des Zweifels und der Vorsicht Schwäche- 
zustände körperliche Müdigkeit, Übelkeit. Nachts halluziniert er: Ratten 
laufen über sein Gesicht; sie mögen die verschiedenen kleinen Widerwärtig- 
keiten des Lebens bedeuten, die seine Kraft zu unterminieren und ihn von 
der Richtung seines Leitzieles abzubringen drohen, deutliche Memen- 
tosJ Er verfällt einer steten Selbstbeobachtung, betrachtet seinen Rucken, 
auf dessen wenig heldenhafte Haltung ihn schon ein Schulfreund gewiesen 
hatte _ wie ihm igerade zu passender Zeit wieder einfallt. Sein 
Gesicht wird einer genauen Musterung unterzogen, besonders aber be- 
zweifelt er sein Talent und ist unglücklich darüber, dass er jetzt niemanden, 
ß ar niemanden hat, der ihn rückhaltlos anerkennen und so zur Fixierung 
seiner Leitlinie beitragen will. Die Gesamtheit all dieser Symptome zeigt 
uns deutlich das Bild einer Berufsneurose: Nur nicht in die Lage 
kommen sich irgendwie bewähren zu müssen, nur möglichst lange die 
Entscheidung hinausschieben, denn das Versagen — und es wird ein 
Versagen — wäre die schlimmste Niederlage. Wieder tritt ein weibliches 
Wesen in seinen Gesichtskreis. 

Eine Freundin seiner Schwester, die jugendlich hübsche Margarethe 
Blom Sie treffen sich täglich und finden viel Gefallen aneinander, bis 
auch hier auf einem Balle das Verhängnis kommt. Nach einem heissen 
Tanze sitzt das Paar allein in der Ecke eines Korridors und zwischen 
Kosen und den üblichen verliebten Gesprächen sagt sie plötzlich: „Es ist 
doch so seltsam, dass Sie Schauspieler werden wollen." Er war lange 
einsam gewesen, hatte sich heiser geschrien nach jemandem, der an 
ihn glaubte; von Margarethe war er dessen sicher und wird nun so 
schmerzlich enttäuscht. Auch sie bezweifelt seine Berufung. Er liegt 
ganz darnieder, zwischen ihm und Fräulein Blom ist es für immer 
aus: auch sie bietet keinen Verlass, keinen Ankergrund, damit hat sie 
für ihn jeden Wert verloren. 

In derselben Ballnacht hatte er auch die Gräfin Hatzfeld wieder 
getroffen, sie sprach ein paar wohlwollende Worte zu ihm und bot ihm 
Freundschaft an; nur zu bald sollte er sie brauchen. — Auch einen 



460 Alexander Schmid, 

jungen Dichter: „Hoff, hatte er dort kennen gelernt, der war damals in 
Kopenhagen sehr berühmt und angesehen ; auf einen solchen Menschen 
musste William neidisch sein: Er freut sich auch, als er bei Hoff ge- 
wisse schlaffe Züge konstatieren kann und setzt ihn dadurch herunter, 
dass er seiner Schwester und Margarethe ohne besonderen Grund abrät, 
mit ihm, den von allen Damen umschmeichelten Dichter, zu tanzen. Spät 
nachts folgt William noch einer Einladung in Hoffs Wohnung; der ist 
sehr entgegenkommend zu ihm, William verharrt anfangs stark in seiner 
misstrauischen Attitüde. Wir erfahren, dass er vor kurzem einen Vortrag 
über die „Arbeit" gehalten hat, eine gewaltige Ciberkompensation, denn es 
drückte ihn, dass er eigentlich nichts arbeitete. William spricht auch 
zu Hoff von seinem Glauben und seinen Zweifeln, und eine vorgespielte 
Elegie von Rubinstein gibt ihm wieder Gelegenheit zu weinen und zu 
schluchzen, sich ganz zum Kinde zu machen. 

Vor seinem ersten Auftreten ist William in einem permanenten 
Zustande der Angst, er ist unfähig, ruhig zu warten und sich sach- 
gemäss vorzubereiten, planlos rennt er wie schon als Kind umher, er 
zweifelt fortwährend an seinem Talent. „Wenn es nichts wird, wenn 
es aus und vorbei ist?" So antizipiert er seine Niederlage sicher in das 
bevorstehende Probegastspiel. Müde und zerschlagen macht er sich am 
betreffenden Tage auf den Weg, als er hinkommt, friert und schwindelt 
es ihn, und als die gelahmte Zunge sich endlich löst, weiss er wieder 
genau, sich im vorhinein sichernd, dass es nichts wird. Er stürzt davon, 
obzwar ihm der Intendant noch gesagt hatte: „etwas sei dahinter gewesen". 
Er hatte die von Adler öfters betonten Charakterzüg^ des Lampen- 
fiebers hergestellt: verstärkte Ängstlichkeit, um einer Bedrohung des 
männlichen Protestes vorzubeugen, die bei einer doch eintretenden Nieder- 
lage nach aussen hin als deren Ursache gelten kann. Tröstungen seiner 
Schwestern lehnt er ab, schliesst sich in sein Zimmer und sucht Halt 
bei kleinen Kindheitserinnerungen: wie er einmal als Knabe einen präch- 
tigen Paletot hatte, seine Halbstiefel waren die schönsten in ganz Randers, 
auch die kleine Tanzstundenfreundin fällt ihm ein. — Dann denkt er 
wieder an seine Niederlage, geniesst sie förmlich wie ein Schauspiel, 
wodurch er sich über die ganze Affaire stellt. Alles schien ihm auf das 
Gelingen dieses jetzt zerstörten Planes aufgebaut, konsequenterweise musste 
es also jetzt zusammenfallen. Einen Trost gibt ihm immerhin das Vorher- 
gewussthaben seines Unvermögens, relativ ist dies doch noch viel besser, 
als durch einen Misserfolg aus allen Himmeln gestürzt zu werden. 

Zu später Abendstunde geht er noch aus, um einen Freund zu 
besuchen, trifft ihn nicht daheim, bemerkt aber, dass im selben Hause 
die Gräfin Hatzfeld wohnt. Er geht zu ihr, wird freundlich empfangen, 
zeigt eine forcierte Lebhaftigkeit und Heiterkeit, die nichts als eine über- 
kompensierende Gegenfiktion ist: so als ob gar nichts geschehen wäre. 
Bald lässt er aber diese zugunsten seiner Lieblings-Attitude, der 
infantilen, fallen: Die Gräfin musiziert, er beginnt zu weinen, er- 
zählt sein Leid, klagt die Welt und alle Menschen an, die ihm so 
übel mitspielten. Ganz Kind ist er wieder, sein Kopf ruht in ihrem 
Schoss. „An dieses Weib klammerte sich William Hög und sie war ihm 
wie eine Mutter" heisst es im Roman. Er verstärkt sogar seine Schmerzen, 
um sie von ihr besänftigen zu lassen, von ferne schimmert wieder ein 



Hennann Bang's , Hoffnungslose Geschlechter*. 461 

Leitbild: Alfred de Musset in seiner Beziehung zu George Sand. 
— Gräfin Hatzfeld, eine sehr erfahrene Dame, weiss in das Liebesspiel ge- 
nügende Abwechslung zu bringen, so dass in William stets die Fiktion er- 
halten bleibt, als ob er sie immer auf neue Art erobern müsste: als Kind die 
Mutter, als galant-homme die grosse Dame, als zärtlicher Liebhaber die 
schmachtende Geliebte. — Manchmal freilich scheint ihm all dies von der 
Gräfin deutlich arrangiert, er antwortet sofort mit der Entwertung, wird 
kühl, gleichgültig und zerstreut. 

„Er fühlte die Ketten, sie drückten ihn, aber er blieb." Er blieb, 
weil er stets noch auf Gelegenheit warten musste, sich der Gräfin als 
ganzer Mann, als Herrschender zu zeigen. Diese kam bald. Er erfuhr 
von Hoff, dass die Gräfin auch dessen, wie vieler anderer Geliebten 
gewesen sei, es sei nicht recht von William, bei ihr seine Schwestern 
verkehren zu lassen; zufällig sah er auch gerade während dieses Gespräches 
die Gräfin mit einem jungen Künstler vorüberfahren. 

Nun hat er eine Handhabe gefunden : Er kann sich — wozu ihn 
auch die eben erfahrene Zurücksetzung antreibt — als Mann bestätigen. 
Er provoziert einen Streit mit der Gräfin, nennt sie eine Dirne, droht ihr 
mit Schlägen und, als sie ihm den Mut hierzu abspricht, schlägt sie 
auch wirklich. 

Von seinen Schwestern hat er sich mittlerweile auch räumlich ge- 
trennt, er konnte ihre vorwurfsvollen Blicke nicht mehr ertragen, die 
ihn stets daran erinnerten, was man von ihm vergebens erwartete. Er 
haust in einem schlechten, unordentlichem Zimmer, liegt den grössten 
Teil des Tages auf dem Sofa, arbeitet nichts, obzwar es ihm an passender 
Tätigkeit nicht fehlen würde. Wenn es gar kein Mittel mehr 
gibt sich zu erhöhen, so kann der männliche Protest 
sich noch immer so äussern, dass er alles vernach- 
lässigt: alles ist nichts wert, es steht nicht dafür, sich um 
etwas zu kümmern. Nachts schwärmt er mit jungen Lebemännern und 
Kokotten herum, das kostet viel Geld und da er einmal wieder keines hat, 
so fälscht er kurzerhand einen Wechsel, indem er den Namen eines ihm 
bekannten Barons neben den seinigen setzt. In echt neurotischer, gleich- 
gültig dem Gesetze und Formalitäten entwertender Art tröstet er sich 
damit, er werde bis zum Verfallstage das Geld schon auf irgend eine, viel- 
leicht wunderbare Weise erhalten. Der Fälligkeitstermin ist aber da, 
er hat nichts, trotzdem er doch noch an mehrere Verwandte geschrieben 
hatte. In höchster Bedrängnis wendet er sich an einen Parvenü, der ihm 
vielleicht vom Glänze seines Namens geblendet, das Geld geben würde; 
eine eitle Hoffnung. 

Er beruhigt sich aber: bekommt er kein Geld, wird er also öffent- 
lich als Wechselfälscher gebrandmarkt, so bleibt ihm ja immer noch, um 
der tiefsten Erniedrigung vorzubeugen, der Selbstmord; er hat es ja 
in seiner Macht, jeden Moment endgültig abzuschliessen. Zuhause erwartet 
ihn die Mitteilung, ein Geldbrief sei gekommen, im nächsten Moment 
ist auch der Bote schon da und händigt ihm tausend Kronen ein. Nicht 
aus einem Märchenland kommen sie, sondern von seinem Paten, an 
den er in seiner Verwirrung auch geschrieben hatte. Er kann den Wucherer 
zahlen, die Gefahr ist vorüber und er verbringt mit Freunden eine lustige 
Nacht. Seinen Schwestern, zu denen er noch kurz vorher in seiner be- 



462 Alexander Schnürt, 

drängten Lage gehen wollte, kann er nochmals seine Überlegenheit und 
Geringschätzung beweisen, er lässt sie einfach warten, obzwar er gut weiss, 
wie weh ihnen dies tut. 

Am nächsten Tage kommt er mit ihnen zusammen, ist auffallend 
milde und ruhig, eine Art, die bedeutet : Niemand kann mir etwas 
anhaben. Zu Hause schreibt er dann zwei Tage lang an einem Drama, 
einem Einakter, in dem, wie wir aus einem Gespräch mit Hoff erfahren, 
der Sieg eines Menschen über feindliche Mächte dargestellt wird. Das 
ist Williams Sieg, den er im Leben nicht erringen konnte, der ihm aber 
nun doch in veränderter Form zuteil wird, denn das Stück wird — durch 
Hoffs Vermittlung — aufgeführt, findet Beifall und der Autor wird ent- 
sprechend gefeiert. Alle seine Bekannten, von dem Schuldirektor in Sorö 
und Kamilla angefangen bis zur Gräfin Hatzfeld und dem Wucherer 
Ohlsen, waren Zeugen seines Triumphes. 

Aber William fühlt, dass dies das Letzte wie das Einzige sei, was 
er leisten konnte. Gleichsam sein Schwanengesang ist dieses Werk, un- 
mittelbar nach dem Erfolge, den es ihm gebracht hatte, tötet er sich selbst. 
Hoff bekommt einen Brief, worin ihm William mitteilt, dass er von der 
Welt gehe. „Ich träumte einst, etwas Grosses leisten zu können und 
war unvermögend. Das ist die traurige Geschichte meines Lebens. Ein 
schlechter Mensch zu werden, langsam immer tiefer hinunter zu gleiten 
in Selbsterniedrigung, dafür war ich zu gut" schreibt er. Er sieht 
sich selbst als ein Ikarus, der mit angeleimten statt ange- 
wachsenen Flügeln in die Höhe wollte, er weis, dass ein 
ferneres Leben für ihn nur aus Niederlagen und Hcrabs" Izungen bestehen 
würde, dem will er endgültig entgehen. Gibt es hierzu eine bessere 
Gelegenheit als gerade jetzt, wo er den Menschen bewiesen hatte, dass 
er doch ein Grosser war? Die würden jammern und klagen, was für 
ein bedeutender Jüngling sich da umgebracht habel So können wir 
aus seinem Selbstmorde die Form eines stärker als der 
Selbsterhaltungstrieb wirksamen posthumen männ- 
lichen Protestes lesen. 

Leute, vom Schlage William Högs bezeichnet man häufig als Deka- 
denten: Es ist überraschend zu sehen, wie leicht sich dieses so kompli- 
ziert aussehende Dekadenz-Problem auf eine, freilich nicht als 
starr aufzufassende Formel bringen lässt, wenn wir Adlers physio- 
und psychologische Einsichten zu Hilfe nehmen. Organminder- 
wertigkeit, die ja in alten Familien häufiger vorzukommen pflegt, 
jdann das Gefühl der Minderwertigkeit und als positiv ver- 
wendbare Kompensationen: gesteigerte Intelligenz und 
eine besondere sensuelle Empfindlichkeit (Sensibili- 
tät), eingeordnet in den männlichen Protest, als dessen variable Phasen, 
Bereitschaften und Instandsetzungen — bedingt durch die jeweilige Sach- 
konstellation — alle markanten Erscheinungsformen des Lebens solcher 
Menschen aufzufassen sind. 

Die Schwermut — die in unserem Roman eine so grosse Rolle spielt 
— ist ein hypostasierter Charakterzug und setzt eine sich als 
Passivität äussernde, schon vorhergegangene Entwertung der Um- 
gebung voraus, zeigt sich als Sicherungstendenz gegen Ag- 



i 



Hennann Bang's .Hoffnungslose Geschlechter". 463 

g r e s s i o n e n , die sie ebenfalls als entwertet abprallen lässt und misst 
zugleich der eigenen Persönlichkeit ein starkes Übergewicht bei; sie 
fordert ferner die Anerkennung für diesep Übergewicht und 
für die Passivität vielleicht stillschweigend, aber doch impera- 
t i v i s c h. 

Hermann Bang, der selbst schwermütig war, hat diesen Charak- 
terzug auch allen seinen Helden zugeschrieben: von William II ög bis 
zum Grafen Joan in seinem letzten Roman: „Die Vater land s 1 osen", 
Vielleicht ergibt sich im Zusammenhang damit noch einmal Gelegenheit 
auf dieses Problem zurückzukommen. 



Die gekreuzigte Heilige von Wildisbuch. 

Von Theodor Schroeder, New York City. 

Gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts lebte abseits des Weilers 
Wildisbuch in der Nähe von Winterthur in der Schweiz der verwitwete 
Johann Peter mit sechs Kindern, Kaspar, Barbara, Susanne, Elisabeth, 
Magdalena und Margaret; diese, 1794 geboren, war das jüngste und 
Licblingskind. Frühreif wie sie war, konnte sie schon mit sechs Jahren 
die Bibel lesen und der Familie etwas daraus vorpredigen und vorbeten. 
Besonderes Ansehen gab ihr Ferner in den Augen ihrer ziellos hahin- 
lebenden Familie der Umstand, dass sie am -Weihnaehtstag geboren war. 

1816 hielt sie für einen Onkel mütterlicherseits, einen Bauer zu 
Rudolfingen Haus, und dort geriet die junge Heilige in das Fahrwasser der 
Pietisten von Schaffhausen. Ihre religiösen Gefühle wurden immer stärker, 
damit aber auch die häufig die Unterdrückung geschlechtlicher Gefühle be- 
gleitende geistige Depression. Gott offenbare sich ihr immer mehr, und 
sie werde sich von Tag zu Tag ihrer Sündhaftigkeit stärker bewusst; 
so erklärte sie ihren Zustand. Binnen kurzem fühlte sie sich zum Predigen, 
Offenbaren und Prophezeien berufen und kehrte schon nach einem Jahre 
ins väterliche Haus zurück; um sich ganz diesem Berufe hinzugeben. 

Eingezogen waren hier mittlerweile der Knecht Heinrich Ernst, 
Margaret Jäggli, eine wegen „Unmoralitäten" aus ihrem Heimatsdorf aus- 
gewiesene junge Person und die neunzehnjährige Ursula Kündig, eine 
Dienerin, die sich infolge einer unglücklichen Liebesgeschichte mit ihren 
Eltern überworfen hatte. Sie alle suchten Rettung und Heilung bei 
Margaret, ihrer „geistigen Beraterin", in der „sich Christus fleischlich 
geoffenbart habe und Tausende von Seelen ihre Rettung fänden". Margaret, 
die Hohepriesterin der Mystik, unterrichtete, leitete und erleuchtete alle, 
die so „geistig" veranlagt waren, dass die zwingliche Pfarrkirche ihren 
tiefen „Seelenhunger" nicht befriedigen konnte. 

Im Herbst 1817 machte Margaret die Bekanntschaft einer anderen 
Wunderpredigerin namens Julianne von Krüder. Diese, 1766 geboren, 
entstammte einer russischen Adelsfamilie und war nach einem an A\is- 
schweifungen reichen Leben im Alter von 40 Jahren an dem Punkte ange- 
langt, wo sich nach ihren eigenen Worten die Frau der Religion hingeben 
müsse, nachdem sie zuerst der Liebe und dann der Kunst gehuldigt 
habe. Auf ihren Reisen hatte sie sich der Pietistenbewegung angeschlossen 
und bei ihren eigenen Predigten grossen Zulauf gefunden. Aber infolge 
„häuslicher Zwistigkeiten" kam die Heilige Julianne überall mit der 
sündhaften Polizei in Konflikt, die sie dann auch schliesslich nach Russ- 



Theodor Schroeder, Die gekreuzigte Heilige von Wildiabuch. 465 

land zurückbeförderte. Vorher aber empfahl sie ihre Anhänger der ge- 
benedeiten Margaret von Wildisbuch, die sie 1817 auf einer Massions- 
reise am Rhein kennen gelernt hatte. 

Die hierdurch hervorgerufene Wallfahrt Gläubiger nach Wildisbuch 
erhöhte Margarets Einfluss zu Hause. Ihre Schwester Magdalene und 
deren Mann, ei" Schuster. Johann Moser, wurden so sehr bekehrt dass 
sie die alte Mutter Moser wegen ihrer „Weltlichkeif' und Mangels an 
Gnade- aus dem Hause stiessen. Konrad, Mosers jüngerer Binder, wurde 
durch eine Hungerkur „bekehrt". Die älteste Schwester Barbara, unfähig 
ihren Mann, einen dickköpfigen Schmied, für ihre re hg.öse Ideen zu ge- 
wannen hing sich an eine ebenbürtige fromme Seele, einen Schneider 
namens Halblützcl. Bruder Kaspar, dein wegen seiner Brutalitat seine 
S weglief, worauf er ein uneheliches Kind zeugte, zog predigend 
im Lande umher. Margaret selbst bekehrte auf ihren religiösen Stre.f- 
zügen zu ihrem Glauben, aber auch zu ihrer Liebe den Schuster von 
Hlnau, Jakob Morf, dessen Frau zuweilen die Flitterwochen der beiden 
Liebenden störte. 

Die Folgen dieser Liebespenode zwangen die Heilige Margaret aber, 
sich monatelang von der Welt zurückzuziehen; Schwester Elisabeth war 
hre SS Begleiterin. Nach Hause zurückgekehrt, gab sie das Wandern 
aut und verhielt sich ruhig auf ihrem Zimmer mit Meditationen Bibe - 
tesen und Schreiben an ihr ..liebes Kind", den Schuster, beschäftigt. 
Abends wurde den Besuchern gepredigt. Immer mtensiver wurde die 
religiöse Ekstase, die sich des Haushalts bemacht.gt hatte. Die fixe 
35 wurde immer stärker in ihr. dass der Teufel eine zunehmende 
AMahl von Seetell in seine Gewalt bekäme, und dass ihr Widerstand allein 
Ihn an vollständiger Herrschaft hindere; der Glaube machte sich beende» 
nfolge erneuter epileptischer Anfälle der Magd jäggh immer starker geltend, 
wozu no"h „Visionen" beitrugen, dass Satan sich ein Nest unter ihrem 
Dache gebaut habe. Diese Zerrüttung der Gemüter musste nach und nach 
zu einem Punkte gelangen, wo nur Gewalttat und Blutvergiessen die 
Entspannung herbeiführen konnten. Zu dieser Entscheidungsschlacht mit 
den bösen Mächten wurde der vielgeliebte Schuster Jakob am Samstag 
den 8 März 1823 eingeladen. Am Montag kamen auch Johann Moser, 
sein Bruder Konrad und Margarets Bruder Kaspar Peter. 

An diesem Abend war noch alles still, die folgenden Tilge und 
Abende vergingen unter Scharmützeln mit dem Teufel und seinen Scharen, 
von denen einer in der Gestalt Napoleons, ein anderer in der dessen Sohnes 
leinen Einzug in Jäggli und Elisabeth gehalten habe. Am Donnerstag 
abend wurde dann in Margarets Zimmer oben im verschlossenen und 
dicht verhängten Haust- der „Antichrist, der Schurke, der Seelenmorder 
mit aur ihren Befehl herbeigeschafften Hämmern, Äxten. Knütteln Brech- 
eisen usw von den elf im Zimmer anwesenden Personen bekämpft Mar- 
garet feuerte die Kämpfer von ihrem Bette aus an: „Schlagt ihn! Stecht 
ihn nieder, den Erzfeind 1 Fürchtet nichts. Schlagt zu, bis ihr Blut 
schwitzt' Da ist er in der Ecke; auf ihn los!" Und Elisabeth echote: 
Haut und schlagt drauf los I Er ist ein Mörder, es ist der junge Napoleon 
der kommende Antichrist, der in mir seinen Einzug gehalten, und mich 
beinahe vernichtet hat." So wurde das ganze Mobiliar zerstört und 
die eine Wand des Hauses eingeschlagen. Um sich den Blicken der 



466 Theodor Schroetter, 

mittlerweile unten versammelten Menschenmenge zu entziehen, setzten 
sie ihren Kampf gegen den Teufel im Erdgeschoss in der Weise fort, 
dass sie sich selbst und gegenseitig mit Fäusten bearbeiteten und so „den 
Alten Adam austrieben". Endlich verschaffte sich die Polizei mit Ge- 
walt Eintritt ins Haus, wo man mehrere Menschenknäuel in tiefer Er- 
schöpfung auf dem Fussboden vorfand. Am schlimmsten war "der Vater, 
der alte Peters, zugerichtet. 

Am nächsten Tage setzte der letzte Akt der Tragödie ein. Nach einem 
Verhör durch den Amtmann, der Margaret und Elisabeth in eine Irren- 
anstalt zu bringen beabsichtigte, begab sich jene auf ihr Zimmer, wo 
man die am vorhergehenden Abende gebrochenen Lücken mit Brettern zuge- 
deckt hatte. Um zehn Uhr waren hie* der alte Vater, seine fünf Töchter, 
sein Sohn, die zwei Brüder Johann und Konrad Moser, Ursula Kündig, 
die Magd Jäggli und der Knecht Heinrich Ernst, im ganzen zwölf Personen 
versammelt. 

Margaret erklärte jetzt feierlich: „Ich habe Bürgschaft für viele 
Seelen geleistet, auf dass Satan sie nicht besitzen soll? Darunter ist 
die Seele meines Bruders Kaspar. Aber ich kann in dem Kampfe nicht 
siegen, ohne Blut zu vergiessen." Auf ihre Aufforderung hin bearbeiteten 
sie sich alle wieder mit ihren Fäusten. Dann aber fasste sie einen eisernen 
Keil, zog ihren Bruder Kaspar zu sich heran und bearbeitete damit 
seinen Kopf und seine Brust unter den Worten : „Sieh I Der Böse trachtet 
nach deiner Seele." Er versuchte zu fliehen, aber sie verfolgte ihn, und 
er hatte nach seiner eigenen Aussage nicht die Kraft, ihr Widerstand zu 
leisten. Endlich fiel er erschöpft zu Boden und wurde vom Vater nach 
seinem Zimmer gebracht. Dieser blieb dann unten, hielt aber alle Störung 
von der nun folgenden Szene fern. 

Das nächste Opfer der „geistigen" Wut der auserlesenen Seelen 
war Elisabeth. Margaret stachelte die anfangs Widerstrebenden an. „Ihr 
müsst sie töten", schrie sie, „ich will meine Schwester wiedererwecken und 
will selbst wieder nach drei Tagen auferstehen." Mit einem hölzernen 
Hammer, einem Brecheisen, einem Stück Diele und eisernen Keil be- 
arbeiteten sie den Kopf, die Brüste und Schultern der Märtyrerin, bis sie 
nnt dem Ausruf, dass sie sich in Gottes Willen gemäss der Worte ihrer 
Schwester füge, ihren Geist aufgab. 

„Jetzt muss ich sterben", schrie die dämonisch aufgeregte aMargaret; 
„ihr müsst mich kreuzigen, denn es ist besser, dass ich sterbe, als dass 
lausende von Seelen umkommen." 

Susanne beschaffte die Nägel von dem Knecht Heinrich, der sich 
entfernt hatte und unten Weinbergspfähle schnitzte. Mittlerweile hatte 
sich Margaret neben die tote Elisabeth auf ihr Bett ausgestreckt und 
sich mit ihren Armen, Brüsten und Füssen auf Holzblücke gelegt, die 
Johann Moser und Ursula Künding in Kreuzesform angeordnet hatten. 
Den Kreuzigungsprozess selbst, an dem sich besonders Konrad Moser 
und Ursula beteiligten, hielt sie mit übernatürlicher Kraft aus, während 
sie ihre Kreuziger zur Ausführung der Tat anfeuerte. Den Rest gaben 
ihr nach ihrer eigenen Aufforderung Schläge mit dem Hammer und Brech- 
eisen. 

Es war Samstag gegen Mittag als das Opfer vollbracht war. Alle 
gingen hinunter und assen die mittlerweile von Margaret Jäggli bereitete 
Mahlzeit. 



Die gekreuzigt« Heilige von Wildisbuch. 467 

Die folgenden Tage vergingen mit Warten auf das Wunder der Auf- 
erstehung; sie zogen die Nagel aus dem Leichnam, „um Margaret die 
Auferstehung zu erleichtern." Endlich am vierten Tage nach der Kata- 
strophe als die Tatsache nicht länger verheimlicht werden konnte, meldete 
der alte Peter dem Pastor zu Trüllikon den Tod seiner Tochter Elisabeth 
und Margaret. 

Das gerichtliche Nachspiel der entsetzlichen Tragödie fand in Zürich 
statt. Ursula Kündig wurde zu 16 Jahre Gefängnis verurteilt, Konrad 
Moser und Johann Peter je zu 8 Jahren, Susanne Peter und Johann Moser 
zu 6 Jlahren, Heinrich Ernst zu 4. Jakob Morf zu 3, Margaret Jäggli zu 2, 
Barbara Baumann und Kaspar Peter je zu einem Jahre und Magdalenc 
Moser zu 6 Monaten und Zwangsarbeit. Das Haus zu Wildisbuch wurde 
dem Erdboden gleichgemacht, der Pflug durch das Fundament gezogen, und 
kein Haus durfte mehr an der Stelle erbaut weiden. 

Trotzdem gab es noch genug fromme Seelen, die an die güttliche 
Mission der Margaret glaubten und sich an ihre Stelle wünschten. Darunter 
waren ihr eigener Vater und ihre Schwester. 

Diese Nachricht beruht auf der Erzählung des Pastors S. Baring 
Gould in Freaks of Fanaticism, S. 1—38, die ihrerseits auf J. Scherrs 
Die Gekreuzigte von Wildisbuch (2. Aufl., St. Gallen, 1867) zurückgeht. 
Scherr stützt sich auf persönliche Untersuchungen und die im Züricher 
Archiv (Bd. 166, S. 104 ff.) veröffentlichten Prozessakten. 

* * * 

Zwei Hauptpunkte sind von besonderem Interesse bei der Betrach- 
tung der psychischen Faktoren dieser Tragödie. Erstens: Inwieweit lassen 
sich die dargestellten Phänomene in Ausdrücken der Scxualpsychologie 
erklären und deuten? und zweitens: inwiefern unterstützt eine solche 
Erklärung die Theorie von der Erotogenesö aller Religionen? 

Margaret Peters religiöse Offenbarungen waren tatsächlich das einzig 
Hervorstehende an ihrem sonst alltäglichen Charakter. Bei der mystischen 
Empfänglichkeit ihrer Familie erschien die Tatsache, dass sie am Weih- 
nachtstage geboren war, von eigentümlicher Bedeutung, ebenso ihre Fähig- 
keit, mit sechs Jahren die Bibel zu lesen, und so mischte sich die natürliche 
kindliche Begierde nach Aufmerksamkeit mit dem Gefühl religiöser Be- 
deutung. Diese Nahrung für ihre Eitelkeit war gleichzeitig ein Stachel 
für ihren Aberglauben, bis ihr Verstand im heranwachsenden Alter ganz 
und gar zu deren Unterscheidung unfähig wurde. Sie und ihre Religion 
wurden so leicht eins und untrennbar, und die Identifikation ihrer selbst 
mit dem Gegenstand ihrer religiösen Anbetung war ein beinahe unver- 
meidbarer Schritt. 

Was immer ihre psychische Grundlage war, Margaret Peters Religion 
entsprach einem subjektiven Bedürfnis und leitete ihre Beweisgründe 
zuerst zum grossen Teil und zuletzt ausschliesslich aus subjektiver Quelle 
her. Ihre abwechselnden Anfälle von Depression und Exaltation nebst 
der Überzeugung ihrer Sündhaftigkeit sind wohlbekannte geschlechtliche 
Äusserungen des heranwachsenden Alters. Der innerliche Antrieb zum 



468 Theodor Scbroeder, 

Handeln, zum Selbstausdruck fand willkommene Deutung und günstige 
Gelegenheit in den Predigten und Prophezeiungen der Pietisten; deren 
Übungen reizten sie an, und die sich steigernde Intensität einer nicht 
konzentrierten Leidenschaft erklärte sich leicht als die sich ihr und in 
ihr offenbarende Gottheit. 

Das heftige Verlangen und die Defriedigung lagen beide in ihr 
selbst, d. h. sie war im höchsten Grade religiös veranlagt und zwar mit 
einer Intensität, die keinen Widerspruch duldete. Ähnliche Vorbedingungen 
hatten dieselbe Tendenz bei den anderen Mitgliedern der Gruppe. Dies 
zeigt sich an der schlechten Behandlung, die der „weltlichen" Mutter 
Moser und Konrad Moser zu Teil wurde, und an dem unehelichen Kind 
Kaspar Peters, an Margaret Peters eigenem ehebrecherischem Verhältnis 
mit Jakob Morf, der „Uumoralität" und Psychoepilepsie Margaret Jägglis 
mit den darauffolgenden Gewissensbissen, dem Sündeuhewusslscin und der 
Erweckung des religiösen Enthusiasmus. 

Alles in allem genommen, legen diese Vorfälle die Vermutung nahe, 
dass nach dem erfolgten Sündenfall der Führer eine ungewöhnlich inten- 
sive jugendliche Sinneslust und deren darauffolgende Unterdrückung mit 
der sie begleitenden und unerträglichen Idee, die selbst wieder der Ver- 
heimlichung bedurfte, die Gefühlsdynamik lieferle, während die religiöse 
Atmosphäre der Zeit die Deutung des psychologischen Imperativs als 
Gottes Wille nahelegte. 

So kann sexueller Enthusiasmus zu religiösem Eifer geworden 
sein. Aber war dem wirklich so? 

Um zu klarer Entscheidung zu kommen, ist es notwendig, der Ent- 
wicklung dieses Enthusiasmus in seine intensiveren Äusserungen zu 
folgen, wo wir in voller Deutlichkeit das finden können, was anfangs nur 
halb offenbar war. 

Die heilige Margaret fühlte sich zweifellos als Treibholz im Strome 
einer höheren Gewalt, die sie unwiderstehlich in ein unbekanntes Ge- 
schick mit sich zog. Dies erfährt weiteren Nachdruck durch das feste 
Vertrauen der zu ihr angezogenen Personen auf ihre Fähigkeit, die Fall- 
süchtigen heilen, die Schuld der Ehebrecher sühnen, geistigen Trost 
jenen geben zu können, die das Bewusstsein ihrer Sündigkeit zu Boden 
drückte. Die Lust nach Gewalt, krankhaft gesteigert in ihrer Egomanie, 
fand eine andere Quelle der Kraft in den Pilgerfahrten der Anhänger 
Julianne von Krüdners, einer anderen Mystikerin, deren Seelenzustand 
eine Analyse verdiente. Das Bewusstsein des ausserordentlichen Charakters 
ihrer Impulse Hess Margaret Peter diesen übernatürlichen oder göttlichen 
Ursprung zuschreiben und erzeugte die Furcht in ihr, dass ihre Anhänger 
diese nicht mehr verstehen werde, und den Zweifel an deren Fähigkeit, 
treu zu bleiben. Dies ist die handgreifliche Erklärung ihrer häufig aus- 
gedrückten Angst vor einer bevorstehenden Glaubensprüfung, in der die 
kleine Gruppe die Probe der Rechtschaffenheit nicht bestehen würde. 

Es ist von Interesse zu konstatieren, dass die. die solche Prüfungen 
am ebenmässigsten und musterhaftesten bestanden, die waren, die sich der 
Sinnlichkeit am verdächtigsten zeigen, wie die psychoepileptische Jäggli, 
der unglücklich verheiratete und träumerische Schuster von Illnau, Schwester 
Elisabeth und Ursula Kündig, alte Jungfern und Führerinnen der Gruppe. 
Es ist auch von negativer Bedeutung, dass der alte Peter ein passiver 



Die gekreuzigte Heilige von Wildisbuch. 469 

Beobachter der Ereignisse so lange blieb, wie diese durch ihre Mystik an 
seine Ignoranz appellierten, aber als es zu den schweren Ausbrüchen 
exstatischer Gewalt kam, da zog er sich zurück und verhielt sich ruhig. 
Offenbar hatte das Alter seine Leidenschaftlichkeit zu sehr abgestumpft, 
als dass er an solch „geistigen" Übungen Geschmack gefuuden hätte. 

Diejenigen, in deren Leben das Geschlechtliche eine geringe Rolle 
spielt, haben es' kaum nötig, ihre inneren Kämpfe zu symbolisieren. Wo 
aber geschlechtliche Qualen intensiv sind und die Unterdrückung normaler 
Geschlechtsfunktionen notwendig wird, äussert dies sich notwendigerweise 
in Symbolen, und der Charakter des Symbols wird zum grossen Teil 
durch die Natur der verbotenen Leidenschaft oder ihrer in Bewusstsein 
des Subjekts vorhandenen assoziierten Beziehungen bestimmt. Wir können 
also viel vom Charakter des Unterdrückten aus der Natur seiner symbo- 
lischen Darstellung erkennen. 

• Wenn demnach das Verlangen nach Ausdruck und Unterdrückung 
der Geschlechtslust des klaren und andauernden Übergewichts zugunsten 
des einen oder des anderen Kurses entbehrt, findet der Konflikt (der 
inneren Kräfte symbolischen Ausdruck als Kampf. Der Egoismus legt es 
nahe, dass das Vorgehen, dass die Billigung derer galt, deren Billigung 
am höchsten geschätzt wird, als der natürliche Charakter des Individuums 
erklärt wird. Eitelkeit veranlasst ein Spalten der Konfliktsvorstellung, so 
dass der Trieb, der seinem Opfer Unehre einzubringen sucht, ausgeschieden 
— -objektiv gemacht — werden kann. Nachdem so eine dualistische 
Philosophie konstruiert worden ist, wird die entstehende Tendenz ge- 
wöhnlich als Satan personifiziert. Die gebilligte Tendenz wird Gott und 
dem Selbst beigeschrieben, die oft in gewisser Weise als identisch auf- 
gefasst werden. 

Im Masse, wie die sich bekämpfenden Triebe an Intensität zunehmen, 
und das betreffende Individuum sich heftig und plötzlich bald zu diesem, 
bald zu dem entgegengesetzten Lebenswandel hingerissen fühlt, so wird 
das Subjekt verwirrt und verliert sein geistiges Gleichgewicht. Ein ver- 
loren gegangener Proportionssinn und das Bewusstsein eines allverzehren- 
den und allumfassenden Konflikts der Leidenschaft legt die Konzentration 
des Konflikts und der Leidenschaften vieler in einer Person nahe. Daher 
denn ein Gefühl der Selbstbedeutung, das im Verhältnis zu der Intensität 
der Leidenschaft und der aus geschlechtlicher Leistungsfähigkeit ent- 
stammenden Egomanie steht — Nymphomanie und Egomanie voneinander 
abhängig und vielleicht nur in ihren Wortsymbolen voneinander ver- 
schieden. 

Die Apotheose des Ich kann jetzt durch die Idee des Ich als der 
Verkörperung einer Armee — der himmlischen Heerscharen — ersetzt 
werden. Die gegenüberstehende satanische Halluzination wächst auch an 
Bedeutung, bis sie zu der eines Heeres von Teufeln wird, die die Scharen 
der im Selbst personifizierten Rechtschaffenheit zu stürzen suchen. Dies 
ist der Weg, auf dem Margaret Peters wandelte. Die Wortbilder, durch die 
sie ihren subjektiven Konflikten der Leidenschaft Ausdruck lieh, er- 
reichten bald durch ihren der Deutung leicht offenen Einfluss die Be- 
deutung von Gesichtshalluzinationen. Da Satan ein zu abstrakter Begriff 
war, um sich leicht ein augenfälliges Bild davon zu machen, wurde er in 

Zentralblatt fBr PiyehoaMlyie. IV7">. 81 



470 Theodor Schroeder, 

der augenfälligsten Personifikation von Gewalt und Mord, Napoleon, 
konkret gemacht. 

Nachdem Satan einmal als Mensch den Augen vorgeführt worden, 
war es ein Leichtes, ihn sich als Einbrecher in der Wohnung der 
Auserlesenen und selbst in deren Leiber vorzustellen. Die bildliche Be- 
schreibung konträrer innerer Triebe als persönlichen Kampfes und Ober- 
herrschaft legt den Gedanken an das Eingehen in eine wirkliche Schlacht 
nahe, und in dem vorliegenden Falle, wo das Stadium entsprechender 
Halluzinationen erreicht worden war, war es natürlich, dass die Hallu- 
zination objekti visiert wurde und so mit Leichtigkeit einen tatsächlichen 
Angriff auf die „besessenen" Personen herbeiführte, wobei die Absicht 
vorlag, den innewohnenden Satan zu besiegen. Das Hinschlachten der 
Elisabeth war so eine natürliche Weiterentwicklung von geschlechtlichem 
Hyperästhetizismus und von der Autosuggestion religiöser Sprachsymbolik, 
die man sich infolge des Miss Verständnisses und der „Vergeistigung" 
der Sinnenlust zu eigen gemacht hatte. 

Der Psychiatiker denkt sofort bei der Betrachtung der Tatsachen, 
wie sie sich in der religiösen Blutgier darstellen, die sich im Totschlagen 
der Elisabeth und der Kreuzigung der Margaret offenbart, an Sadismus 
und Masochismus; doch dürfte sich genaueres Eingehen auf den psy- 
chischen Mechanismus lohnen, durch den die 'Schlusstragödie zustande kam. 

In Reaktion gegeji die durch ihre geschlechtlichen Ausschweifungen 
und Schwangerschaft hervorgerufenen Folgen bemühte sich Margaret Peter 
wahrscheinlich in der Folge enthaltsam zu leben, und die erste Folge 
dieser Unterdrückung war ein überempfindlicher Sensualismus mit wahr- 
scheinlicher Empfänglichkeit für psychischen Autoerotismus. Die Betrach- 
tung göttlicher Liebe, religiöse Ermahnungen und Gebete, solche Liebe zu 
gewinnen, kann das wirksame Mittel weiden, sich den Genuss von psycho- 
sexuellem Orgasmus zu verschaffen. Einem Naturgesetz gemäss, steht die 
Wirkung von Reizmitteln in umgekehrten Verhältnis zu deren Häufigkeit 
oder Dauer. Auf den vorliegenden Fall angewandt, bedeutet dies, dass eine 
zunehmende Intensität des Reizes die Vorbedingung der höchsten Be- 
friedigung wurde. Im vorliegenden Falle muss die Ursache der fort- 
schreitenden Verschärfung des furor religiosus in einer fundamentalen 
Begierde, auf die er reagiert, gesucht werden; dies scheint darauf hin- 
zudeuten, dass die zuletzt angestellten Theorien die wahre Erklärung 
für die zu untersuchenden Phänomene bieten. 

Wie die Häufigkeit und die Intensität des Reizes zunahm, wurde 
die endliche Reaktion des Orgasmus heftiger, und diese anwachsende Inten- 
sität der krankhaften Muskelreaktionen gegen einen entsprechenden Ge- 
schlechtsreiz bringt zur Oberfläche des Bewusstseins die Begierde nach 
einem Objekt, gegen das sich diese Anstrengung richten kann, um die 
Freude am Bewusstsein der Kraft zu erhöhen. Ich glaube, dies erklärt 
die Begierde, die zuerst das Demolieren der Möbel und Wände hervorrief. 
Als der Orgasmus erreicht war, löste sich die Spannung, und Ruhe kehrte 
ein. Nach den Halluzinationen, die Elisabeth mit einem Dämonen aus- 
gestattet hatten, fand der frühere subjektive Kampf, der als Krieg symboli- 
sieit worden war, praktische Verwirklichung in einem Angriff auf sie, 
eingestandenermassen zu dem Zwecke, den Satan in ihr zu vernichten 



Die gekreuzigt« Heilige von Wildiabuch. 471 

Die wirkliche treibende Kraft jedoch in dieser ganzen Aufführung 
war die nur schwach oder halb ins Bewusstsein getretene Begierde nach 
erotischem Reiz. Die direkte Quelle des anscheinend Transzendentalen 

d er Religion — war der abnorm intensive Geschlcchtsdrang. Aber 

der gewöhnliche erotische Hang zur Grausamkeit hatte sich noch zwischen 
Sadismus und Masochismus nicht entschieden. Als die Heilige ihre Fähig- 
keit für die höchsten Reaktionen auf die gewöhnliche Art des Reizes 
verloren hatte, wurde eine noch intensivere Reizung notwendig, einen 
trägen Orgasmus herbeizuführen. Die religiöse Deutung durch eine Ideen- 
assoziation der schwachbewussten Begierde bestimmte die Natur des Ver- 
suches, diese durch Kreuzigung und schliesslich durch selbstauferlegtes 
Hinschlachten zu befriedigen. 

Es ist in diesem Falle ganz klar, dass die eigene Natur der Religion, 
wie sie sich in den „übernatürlichen" Kräften äusserte, bloss übernormaler 
Sensualismus, vergeistigter, transzendentalisierter, vergötterter Psychoero- 
tismus war. Insofern erklären sich die ausserordentlichen Phänomene 
durch die Anwendung der an anderer Stelle begründeten Hypothese, und 
die von diesem Falle gemachte Analyse enthält eine kräftige Unterstützung 
der zugrunde gelegten Hypothese. 

Später wird es sich einmal zeigen, wenn das Tatsachenmaterial 
vollständiger ist, dass dieser Fall nur einer von vielen eine ähnliche Deutung 
zulassenden ist, und die hier angewandte Hypothese kann dann mit 
Leichtigkeit erwiesen werden. 



31' 



Mitteilungen. 



i. 

Die Stellung der leidenschaftlichen Idealisten in der 

Pathologie. 

Von Dr. M. Dide (Paris) 1 ). 

Die Leidenschaft ruft, welches auch immer ihr Objekt sei, eine 
Störung im seelischen Gleichgewichte hervor, und die Handlungen des 
Individuums werden während ihrer Dauer durch sie bedingt. Das Urteil 
wird mehr oder weniger vorübergehend inhibiert, und die Lebensgewohu- 
heilen werden nicht mehr durch die Selbstkritik geregelt. Die Geschichte 
der Verbrechen aus Leidenschaft zeigt dies ja, und der gesunde Menschen- 
verstand empfindet dies so deutlich, dass die Geschworenengerichte in 
den meisten Fällen, wo ein Verbrechen aus offenbarer Leidenschaft er- 
folgt den Verbrecher freisprechen. In den meisten Fällen ist ein passio- 
nelle'r Zustand an bestimmte Ursachen geknüpft, nach deren Schwinden 
das Individuum sich in einem ziemlich normalen Zustand befindet Ich 
sage nicht in einem ganz normalen, denn man müsste noch klar- 
legen, warum die Leidenschaft sich bis zu dem Mordpunkte entwickeln 
konnte, während sie bei anderen Individuen keinen dramatischen Epilog 
hat. Doch kann man theoretisch sich vorstellen, und die klinische Be- 
obachtung hat dies erwiesen, dass ein leidenschaftlicher Zustand sich 
im Menschen einnisten und organisieren kann. Es handelt sich dann 
um die sogenannte affektive System isi er ung (in Analogie mit 
der deliranten Systemisierung, die vornehmlich intellektueller Art ist). 
Bei der affektiven Systemisierung bleibt die Vorstellung von der äusseren 
Welt intakt bestehen, ebenso wie die Integrität der Persönlichkeit, doch 
wird sie eine Kanalisierung der Aktivität in einem ganz bestimmten Sinne 
bewirken. Man findet bei diesen Psychopaten eine Reduktion des gesamten 
intellektuellen Lebens auf ein feststehendes Ideal. Das innere Leben 

i) Maurice Dide hat ein Buch unter dem Titel „Lob ldealistes paasiones* 
bei F. Alcan, Bibliotheque de Philosophie contemporaine, Paris 1913, erscheinen 
lassen, in dem er versucht, den Typus der .leidenschaftlichen Idealisten*, wie er 
sie nennt, aufzustellen und ihnen einen Platz in der Pathologie anzuweisen. Dem 
Werke Dides kommt eine grosse Bedeutung zu. Um eine Skizze von seinen Ideen 
zu bieteD, folgen wir am besten den Ausführungen, in denen der Autor im August- 
heft des .Journal de Psychologie normale et pathologique* seine Lehren zn- 
sammenfasst. 



M. Dide, Die 8telluog der leidenschaftlichen Idealisten in der Pathologie. 473 

wird überhandnehmen und die Hypertrophie des affektiven Sturmes wird 
in der Folge der objektiven Phänomene unveränderlich bleiben Der 
leidenschaftliche Idealist verändert das Milieu, in welchem er sich be- 
wegt wenn er an ihm nicht zerbricht; doch W1 rd er durch dasselbe fast 
car nicht geändert. Es besteht ein wesentlicher Unterschied zwischen 
diesen Psychosen der affektiven Systemisierung und allen anderen be- 
kannten Psvchosen. Der Unterschied, der diese systemis.erten passio- 
nellen Zustände von den sentimentalen oder ästhetischen Ausbrüchen 
trennt, ist einfach in ihrer Dauer gelegen. Die Grundlage ist die 
gleiche, und das psychopathologische Phänomen ist die leidenschaftliche 

" Wir 'können jetzt schon die psychologische Autonomie der leiden- 
schaftlichen Interpretation festlegen. Der Irrtum wird nur vorübergehend 
sein- andere Irrtümer können entstehen, aber sie werden stets durch 
die Glut der Leidenschaft geschaffen, die in einem gegebenen Problem nur 
eine gewisse Anzahl seiner Atribute — jene, die mit der Vorstellung a 
priori übereinstimmen — erfassen. Doch wird der Irrtum nicht den 
Ausgangspunkt für neue Irrtümer bilden, er wird nicht in ein zusammen- 
hängendes System eintreten, das bei intakten Grundlagen delirieren würde. 
^ Muss die leidenschaftliche Interpretation stets als pathologisch be- 
trachtet werden und kann man die Idealisten nicht als normale Wesen 
auffassen? Gewiss nicht, denn das psychologische Gleichgewicht erscheint 
zugunsten des affektiven Lebens durchbrochen, das übertrieben und schliess- 
lich fast exklusiv wird. Gewiss erzeugen diese Tendenzen, wenn sie sich 
auf einem geisügen Fundus mit schönen Qualitäten und mit seltenem Stoffe 
entwickeln Werke von einer manchmal wunderbaren künstlerischen Schön- 
heit Doch wird diese polarisierte affektive Hypertrophie stets von Ano- 
malien begleitet, und die halbveraltete Frage von Wahnsinn und Genie 
könnte von diesem Gesichtspunkte aus aufgefrischt werden. 

Wir wollen uns also möglichst von den klassischen Traditionen 
befreien und den leidenschaftlichen Idealisten ihre Stellung als Kranke 
anweisen Ich bin überzeugt, an dem Tage, wo diese neue Definition end- 
Bültic anerkannt sein wird, wird die Auffassung der Paranoia einerseits 
und die der Manie andererseits an Klarheit gewinnen, denn beide werden 
von der störenden Nachbarschaft jener geistigen Formen, befreit werden, 
die durch eine ganz spezielle Psychologie charakterisiert sind, deren 
objektiver Ausdruck aber mit der depressiven Manie wie mit der delirieren- 
den Interpretation deutlich Analogien aufweist, von den Analogien mit der 
Hysterie ganz zu schweigen. 

* * * 

Die Frage wäre sehr einfach, wenn das Interpretationsdelirium 
nur eine intellektuelle Störung wäre. Man brauchte bloss den 
Krankheiten der Vernunft die Krankheiten der affektiven Sphäre ent- 
gegenzuhalten; und wenn man von den Interpretatoren sagt, dass sie 
einen chronischendelirierenden Zustand darstellen, unterscheidet 
man sie nicht hinreichend von den Idealisten, bei denen man einen chro- 
nischen passioneilen Zustand gewahrt. Denn der- delirie- 
rende Zustand des Interpretators enthält, im Anfang wenigstens, einen 
affektiven Zustand. Aber während in diesem Falle der Anfang an eine 



474 M. Dide, 

affektive Instabilität gebunden ist, deren das Individuum sich bcwusst 
ist und an der es leidet, enthüllt sich dem Idealisten bei vollkommener 
affektiver Stabilität plötzlich ein Thema, das in ihm vorwiegend, fast 
exklusiv werden wird. Diese Enthüllung geht nicht aus der Analyse oder 
aus dem Raisonement hervor, sondern sie bricht plötzlich aus dem Ur- 
grund seiner Affektivität mit einer Expansionskraft hervor, die um so 
grösser ist, als die vernunftgemässe Kritik ganz davon frei ist. Es gibt 
da die verschiedensten Varietäten, aber man muss wohl zugeben, dass 
die Idealisten der Gerechtigkeit, ob sie nun Reformatoren sind oder neue 
Forderungen aufstellen, die psychopathologischen Drüder der Idealisten, 
der Schönheit und der Liebe sind. Die Sentimentalität, die sich gekränkt 
fühlt, wenn man Assisi und Caserio, d'Anunzio und Sandon 
nebeneinander stellt, kann den Philosophen nicht berühren. Die Unter- 
schiede werden immer klarer. 

Der Interpretator hat einen manchmal sehr grossen delirierenden 
Reichtum; das Zentrum der Kristallisation ergibt sich sehr spät, der 
Leitgedanke ist sekundär. Der Idealist dagegen geht methodisch von einem 
einzigen Ausgangspunkte aus und seine Leistung bewegt sich progressiv 
um das, was ich eine fixe Inklination genannt habe. Der Interpretator 
leidet immer an Ilngewissheit, er fühlt sich melancholisch verfolgt und 
hypochondrisch, er wird immer grausamere und traurigere Eventuali- 
täten sehen, bis zu dem Tage, wo seine Persönlichkeit sich ändert und 
er seine geistige Anstrengung in grössenwahnsinnigen Vorstellungen zu- 
sammenfasse Beim Idealisten entwickelt sich ein glühender Glaube in 
die Berechtigung seiner Ansprüche, der in den euphorischen Formen 
gleich zur Realisierung seines Systems übergehen wird, während in den 
Formen, wo der affektive Zustand deprimiert ist, die notwendigen Akte 
ohne Zögern und mit Kraft sich aufdrängen. Der Idealist macht stets 
den Eindruck eines Menschen, der auf das Hindernis losstürzt und der 
entschlossen ist, die Widerstände zu brechen: Er hat grosses Selbst- 
vertrauen. Seine Ausstrahlungskraft, seine Überredungskraft entspringen 
der primitiven Übertreibung seiner Persönlichkeit, die niemals zum 
Grössenwahn wird. 

Die geistige Erkrankung des Interpretators ist für jeden zweiffellos. 
Mögen auch seine Vorstellungen mit einer manchmal sehr reellen Kohärenz 
aufeinander folgen, so ist doch ihr Ausgangspunkt falsch und ihre Un- 
sinnigkeit offenbar. Die emotiven Störungen haben sofort das Urteil 
gefälscht, und die delirierende Interpretation ändert die subjektive Persönlich- 
keit des Individuums gleich wie die äussere Welt. Alles, was der Kranke 
nicht begreift, alles, was ihm sonderbar oder übernatürlich vorkommt, 
erhält eine Erklärung, deren delirierender Charakter zweifellos ist. 

Dagegen bleibt der Idealist stets in der Domäne des Plausiblen, des 
Wahrscheinlichen, und der pathologische Charakter seiner psychologischen 
Tätigkeil ist nicht erkenntlich. Ich könnte viele Beispiele zitieren, und 
wie die Journalisten, die Richter und die Philanthropen, die gerecht zu 
handeln glaubten, indem sie diesen oft schädlichen Leuten die Freiheit 
gaben, habe auch ich mich oft täuschen lassen und manchmal Skrupel 
empfunden, diese Kranken interniert zu halten, die oft sehr verführerisch 
und manchmal in wunderbarer Weise begabt sind. Und doch ist dies 



Die Stellung der leidenschaftlichen Idealisten in der Pathologie. 475 

die einzige Lösung für jene, deren Idealismus antisoziale Reaktionen her- 
vorgerufen hat. . . 

Der Interpretator kann wohl heftige Reaktionen aufweisen, aber »nre 
Grösse ist stets proportional den Beweggründen und kann darum voraus- 
gesehen werden, und in den äussersten Phasen wird die Intensität der 
Reaktionen oft abgeschwächt. Der Idealist dagegen bleibt das ganze Leben 
lang ein gefährliches oder nahezu gefährliches Wesen. Es braucht seiner 
Vorstellung nur irgend ein Hindernis entgegenzutreten, und er wird mit 
feiner Art Dilletantismus sogar die Grausamkeit ausüben, wenn sie in sein 
System passt Der Interpretator wird stets durch einen intakten moralischen 
Sinn zurückgehalten, während die moralischen Lücken und Unzuläng- 
lichkeiten des Idealisten seine monströsesten Phantasien begünstigen 
werden Die Entwicklung ist beim Interpretator autonom und fast un- 
vermeidlich progressiv; seine Krankheit ist unheilbar, während der Ide- 
alist Schwächungen und Verstärkungen sowie Pausen aufweist. 

Die Tätigkeit des Interpretators ist ausserhalb seiner interpretativen 
Manifestationen normal, und wenn sein Zustand nicht durch Manie oder 
Melancholie kompliziert wird, stellt er trotz seiner Internierung eine 
nutzbare Kraft dar. Der Idealist bedeutet infolge seines Tätigkeitsdranges 
und seines Bedürfnisses, Proseliten zu machen, in den meisten Fällen 
trotz seiner grossen Fähigkeiten ein Element der Desorganisation, das um 
so grösser ist, als seine .Schädlichkeit vorübergehend durch Exzesse 
(Alkohol, Morphium usw.) erhöht wird. 

* * * 

Wir gelangen nun zum zweiten Teil unserer Studie, wo die 
Analogien mit den manischen Zuständen erörtert werden sollen. Unsere 
Vorgänger, denen diese Kranken sehr wohl bekannt waren, wenn sie 
uns auch keine zusammenhängende Beschreibung von ihnen hinterlassen 
haben studierten unter dem Namen der raisonierenden Manie 
geistige Störungen, in denen der psychologische Erethismus den verbalen 
Ausdruck und die allgemeine Tätigkeit bei Erhaltung der Kohärenz betraf. 
Man sprach auch von Hypomanic, um jene Phänomene zu charakteri- 
sieren, in denen die Exaltation mit einer fast normalen Existenz vereinbar 
ist, wo die Überaktivität nicht so ist, dass man jene ideative Unfrucht- 
barkeit gewahren kann, der ich den Namen Inproduktiver Ideation gegeben 

Es steht fest, dass zwei charakteristische Zeichen der Manie bei 
vielen leidenschaftlichen Idealisten zu finden sind: Die Euphorie, ent- 
springend aus der moralischen Ruhe, die an die Enthüllung der Ge- 
wissheit gebunden ist, andererseits der fieberhafte Tätigkeits- 
drang, dessen Ausgangspunkt psychologisch von der Euphorie sehr 
verschieden ist. Das Bedürfnis zu handeln, um den anderen die eigene 
innerste Überzeugung mitzuteilen, schürt die Energie der leidenschaft- 
lichen Idealisten, die sich ausgeben ohne zu rechnen. Das Selbstvertrauen, 
das ihnen die Enthüllung ihrer eigenen Kraft mitteilt, ist von einer ge- 
wissen Übertreibung ihrer Persönlichkeit nicht frei. Doch ist dieses Ge- 
samtbild, wo der stürmische Drang zur Betätigung und zum Ausdrucke 
übernormal ist — in den typischen Fällen wenigstens — nicht mit dem 
psychologischen Substrat der Manie identisch. Denn wenn die Formel 



476 M Dide ' 

Kräpelin, der von psychischer Paralyse im Falle der Manie sowohl, wie 
der Melancholie spricht, offenbar übertrieben ist, ist doch das psychische 
Produkt des Manischen praktisch ohne Wert: er erschöpft sich in zer- 
splitterten Anstrengungen, sein Denken zerfällt in Embryos von Worten, 
es handelt sich nicht um eine Hyperideation, sondern um eine regel- 
lose Ideation, wo ein Durcheinander von geistigen Zuständen mit einer 
kalaidoskopartigen Inkohärenz äusserlich dargestellt wird. 

Nun ist die Analogie mit dem leidenschaftlichen Idealismus nur 
scheinbar, denn hier ist die Tätigkeit reell, sie kann nutzbar gemacht 
werden und sie ist manchmal sogar von ausserordentlicher Qualität. Ge- 
wiss ist sie übertrieben; doch bedingt diese Übertreibung nicht die Inko- 
härenz, sondern einfach den Mangel an Rücksicht auf sonstige Umstände 
und eine Progressionskraft, die auf ihrem Wege alles beiseite drängt, und 
sich nicht im geringsten um gesellschaftliche Rücksichten oder Geschick- 
lichkeit kümmert. Analysiert man diese beiden Geisteszustände genauer, 
so findet man, dass beide durch eine grosse affektive Expansion gekenn- 
zeichnet sind; aber während beim Idealisten der Mechanismus der Ideen- 
assoziation intakt bleibt, ist beim manischen der Bruch des Gleich- 
gewichtes in der affektiven Sphäre von einer parallelen Regellosigkeit 
der eigentlichen affektiven Tätigkeit begleitet. 

Die physiologischen Analogien zwischen der Manie und der Melan- 
cholie sind, wenn wir der Kräpel i n sehen Doktrin folgen, so enge, 
dass man die Parallele weiter ziehen kann. Der leidenschaftliche Idealist 
ist mehr ein Euphoriker, aber in gewissen Formen, namentlich beim 
Vertreten neuer Forderungen, ist auch ein gewisser Pessimismus zu finden. 
Es handelt sich nicht um einen ausgesprochenen affektiven Zustand, wie 
die Melancholie oder die Hyperchoudrie; nein — dieser Typus hat eine 
leidenschaftliche Angst, dass ihm keine Gerechtigkeit geboten werde, und 
er nimmt dazu ohne Traurigkeit, aber mit Zorn Stellung; man könnte 
diesen emotiven Zustand vielleicht gewissen gemischten Zuständen, be- 
sonders der zornigen Manie näher stellen. Die Analogie bleibt übrigens 
wie früher beim emotiven Ton stehen, denn die intellektuelle Tätigkeit 
bleibt gross, man könnte fast sagen unersättlich. 

* 

Die traditionelle Auffassung der Hysterie hat zu einer solchen Kon- 
fusion geführt, dass man heute nur noch mit der äussersten Vorsicht 
von ihr zu sprechen wagt. Die grosse Konfusion rührt wohl daher, dass 
man eine Affektion, die Charcot selbst als eine Psychose bezeichnete, 
zu einer nervösen Krankheit mit einer feststehenden Symptomatologie 
machen wollte. 

Doch das geistige Substratum der Hysterie besteht und kann formell 
klargelegt werden; in meinem Buche habe ich einen derartigen Versuch 
unternommen: „es handelt sich auch hier um eine affektive Ten- 
denz, die sich — jedoch in einer unterbewussten oder unbewussten 
Art — im Sinne einer Dissoziation der Persönlichkeit 
systemisiert. Während beim Idealisten die affektive Tendenz alles 
beherrschend hervortritt, und sich über eine sich selbst übertreibende 
Persönlichkeit ausdehnt, gewahren wir beim hysterischen Individuum eine 
sozusagen unterirdische Arbeit, die die Einheit des zur Desagregation 



Die Stellung der leidenschaftlichen Idealisten in der Pathologie. 477 

disponierenden Ich untergräbt. Beim ersteren sehen wir die Entfaltung 
eines sozialen, religiösen, ethischen oder künstlerischen Reformsystems, 
dessen Zentrum er selbst bleibt. Und er wird die Mittel für seine mündliche 
oder praktische Lehre aus der ihn beherrschenden Leidenschaft ziehen 
und er wird sämtliche affektive oder intellektuelle Elemente, die in seine 
Auffassung passen, mit Gewalt gruppieren. Im zweiten Falle dagegen nimmt 
ein affektiver Zustand der im Unterbewusstsein bleibt, eine analoge, aber 
geheimbleibende und in allen Fällen von der bewussten Persönlichkeit 
verschiedene Arbeit vor, und eines schönen Tages äussert sich euie 
Störung in der motorischen Tätigkeit und es entsteht eine imaginäre Er- 
zählung, die mit nichts Tatsächlichem zusammenhängt. 

Diese Produktion partieller psychologischer Synthesen, die plötzlich 
ohne anscheinenden Grund im Bewusstsein des Kranken auftauchen, hat 
keine Analogien in der geistigen Pathologie, und wenn wir diese Fakten 
hervorhoben, geschah es einesteils wegen der affektiven Systemisierung, 
vor allem aber wegen der Herstellung imaginärer Erzählungen, die wir 
nun ins Auge fassen müssen. 

Die affektiven Tendenzen können in zwei Klassen geteilt werden. 
Die einen sind allen Menschen in allen Altern gemeinsam und sind 
sogar bei den Tieren zu finden : Freude und Traurigkeit, Begierde, Furcht, 
Zorn usw andere dagegen scheinen nur der menschlichen Rasse anzu- 
gehören, und ich habe sie anderswo zusammengefasst: das Streben nach 

dem Glücke. , _, . ... 

Die pathologische Psychologie der Hysterie kann mit einem Worte 
zusammengefasst werden: Unbewusste Instabilität der Affektivität. Der 
Übergang von der Freude zur Traurigkeit, und die hohen Tendenzen, die 
wir bei den Idealisten systemisiert wahrgenommen haben, sind hier 
inkohärent. Die sentimentalen Ergüsse wechseln mit einem absoluten 
affektivlen Negativismus ab, der Egoismus koinzidiert mit dem Altruismus, 
eine tiefe Disharmonie herrscht zwischen der Idee und der Tendenz. 
Und in der Liebe wie in der Ästhetik denkt der Kranke Empfindungen 
aus, die er gar nicht fühlt. 

Ich habe eine zusammenhängende Arbeit über den geistigen Zustand 
der Hysterie vor, wo diese Auffassungen die notwendigen Entwickelungen 
erhalten werden.' Aber jetzt schon sieht man den tiefen Unterschied, ja 
den Antagonismus, der zwischen dem leidenschaftlichen Idealismus und 
der Hysterie besteht: in dieser erlaubt die affektive Instabilität einfach 
dem Kranken, Empfindungen zu spielen, die er nicht hat und die seine 
Intelligenz ihn in imnemotiver Weise ausdenken lässt, während der Idealist 
nur in der Exaltation seiner ausserordentlich mächtigen Empfindungen lebt. 

* 

Dupre und seine Schüler haben dem Studium der Einbildungskraft 
Studien gewidmet, die Epoche machen werden, und wenn sie noch nicht 
einen originalen klinischen Typus geschaffen haben, haben sie wenigstens 
unsere Kenntnisse über die Pathologie der Einbildungskraft erweitert. 

Ihr Imaginationsdelirium scheint ein psychopathischer Kom- 
plex zu sein, in dem delirante Interpretationen und wohl auch imaginäre 
Erzählungen hysterischer Natur zusammentreffen. Wie dem auch sei, 
man kann sagen, dass das Schwelgen in der Phantasie unter sehr ver- 



478 s - s - Golouschew, 

echiedenen Umständen zustandekommt. Die häufigste Ursache ist nach 
meiner Auffassung in den Erinnerungslücken zu suchen, und 
die Erfindungen, die diepe Lücken ergänzen, sind klassisch. Die Mytho- 
manie der Hysterischen entlehnt mehr, als man glauben möchte, der 
Pathogenie, der Fabelbildung, und die unzureichende affektive Erinnerung 
dürfte die letzte Ursache des sentimentalen Romanes dieser Kranken sein. 
Die schöpferische Einbildungskraft des leidenschaftlichen Idealisten 
ist von den Störungen der Einbildungskraft, auf die wir anspielten, sehr 
verschieden. „Der Imaginative dichtet" sagen D u p r 6 und L o g r e , aber 
er ist ein matter Poet, ein Träumer! Er hat nicht die schöpferische Kraft 
des Poeten, eine Eigenschaft, die wir beim leidenschaftlichen Idealisten 
vorfinden. 

* * * 

Ich glaube, dem leidenschaftlichen Idealismus in der 
mentalen Pathologie seinen Platz klar genug angewiesen zu haben, so 
dass seine Legitimität, wenn auch nicht unbestritten anerkannt, so doch 
wenigstens in einer Weise diskutiert werden kann, die es mir ermöglichen 
mag, auf Einwendungen einzugchen. 

Man würde meine mehrjährigen Bemühungen verkennen, wollte man 
mir zumuten, dass ich stets reine Fälle und typische Beobachtungen zu 
finden glaube; ich bin mir wohl bewusst, dass die hybriden Fälle die 
Bcgel sind. Doch erlauben gewisse Gesetze, die häufigsten Assoziationen 
vorauszusehen, und gerade die geistigen Störungen, deren Klarlegung 
in dieser Arbeit versucht wurde, dürfte man dem leidenschaftlichen Ide- 
alismus angegliedert finden. Daran ist nichts Oberraschendes zu suchen 
und die verschiedenen Gattungen üben ja aufeinander wechselseitigen 
Einfluss aus. Man braucht nur ihren Platz in einer natürlichen Klassi- 
fikation zu kennen. 



n 

Zur Kasuistik der Psychoanalyse. 

Von S. S. Golouschew (Moskau). 
(Aus dem Russischen Obers, von Dr. med. Philipp Aszkenazy.) 

Da die Frage der Psychoanalyse in der Praxis sich in dem Stadium 
befindet, wo die Erweiterung der Kasuistik für sie von grösster Bedeutung 
ist, finde ich es nicht uninteressant, einen nicht oft vorkommenden Fall 
aus meiner Praxis hier mitzuteilen. 

Die junge 23 jährige Frau Ch. erscheint in meiner Konsultations- 
stunde mit der Frage, ob ihr unnormales eheliches Leben nicht mit 
einer Anomalie ihrer Geschlechtsorgane in Zusammenhang stehe. Bei 
der Untersuchung zeigt sich, dass Frau Ch., trotzdem sie bereits seit 
5 Jahren verheiratet, eine virgo intaeta geblieben ist. Der von seiten 
ihres Mannes jedesmal versuchte normale Koitus konnte infolge eines 
plötzlichen Nachlassens der Erektion nicht zustande kommen und schliess- 
lich kam er zur anormalen Ausübung des Koitus, indem er absichtlich 



^ 



Zar Kasuistik der Psychoanalyse. 479 

den Penis in der Leistenbeuge gleiten Hess, wobei die Ejakulation auf die 
äusseren Bauchdecken stattfand. Diese Art des Koitus begann mit der 
Zeit der Frau äusserst lästig zu werden, sie rief in ihr das Gefühl des 
Ekels hervor und in weilerer Folge kam es zum Erkalten ihrer Gefühle 
für den Mann. 

Die Untersuchung der Frau Ch. ergab ausser einer erworbenen 
hochgradigen Gleichgewichtsstörung ihres Nervensystems und Seelenlebens 
normale Verhältnisse. Somatisch erwies sich Frau Ch. vollständig gesund, 
speziell ihr Geschlechtsapparat als vollkommen normal. 

Da der Fall mich interessierte, Hess ich ihren Mann zu mir kommen. 

Herr Ch. erwies sich auch in seinem psychischen Gleichgewichte 
gestört, durch künstlerische Neigungen und produktives Talent aus- 
gezeichnet. Physisch gesund. 27 Jahre alt, von gut entwickeltem Körper- 
bau, im Genitalapparate keine anatomischen Anomalien vorhanden. Das 
Bedürfnis nach geschlechtlichem Verkehre bedeutend unter der Norm. 
Bis zu seinem 22. Lebensjahre, in welchem Jahre er auch heiratete, 
blieb er Junggeselle, hat nie Onanie getrieben, Pollutionen kamen vor, 
jedoch nicht oft und auch nicht lästig. Er bestätigte die Darstellung seiner 
Frau über den Charakter ihres Ehelebens. Diese Form seiner Impotenz 
wirkt auf ihn sehr deprimierend, und er sagt aus, dass infolge dessen 
seine Gefühle zur Frau einen krankhaften Zug angenommen haben; er 
wird vom Eifersuchtswahn und Furcht, seine Frau werde ihm untreu, 
verfolgt. Er erwähnt jedoch von keinem irgendwie gemachten Versuche, 
seine Frau auf andere Weise zu befriedigen. Augenscheinlich habe er 
weder früher noch jetzt an mutuelle Masturbation oder dergleichen ge- 
dacht, 

Die weitere Untersuchung ergab, dass weder der Koitus als solcher, 
noch der mit der Frau etwas an sich Widerliches für den Herrn Ch. 
darstellt. Ja, noch mehr, er hat das Bedürfnis, ausschliesslich mit seiner 
Frau ,zu verkehren, ihr Genitale aber ruft in ihm so einen Ekel hervor, 
dass er es überhaupt nicht ansehen konnte. Schon der Gedanke an dieses 
Organ ist ekelerregend und dadurch wird die Unmöglichkeit eines normalen 
Koitus bedingt. Dabei ist es interessant, dass andere Teile des weib- 
lichen Körpers wie: Schulter, Arme, Brüste, Leib, Rücken und Füsse 
für ihn nichts Abstossendes haben. Sie können ihm sogar als schön 
erscheinen und ihn im sexuellen Sinne erregen. 

Es lag am nächsten, an das Vorhandensein irgendeines besonderen 
Erlebnisses zu denken, das für den Herrn Ch. mit der Vorstellung weib- 
licher Sexualorgane eng verbunden war; jedoch alle Versuche, die Klärung 
des Rätsels während einer Unterredung mit Herrn Ch. im bewussten Zu- 
stande herbeizuführen, blieben absolut ohne Resultat. Seine sämtlichen Er- 
innerungen, die mit Eindrücken sexueller Natur zusammenhingen, waren 
in einen undurchdringlichen Nebel gehüllt. Herr Ch. konnte sich sogar 
dessen nicht erinnern, wann und unter welchen Umständen er zuerst 
über den anatomischen Unterschied der Geschlechtsteile bei Mann und Weib 
belehrt wurde. 

Herr Ch. äusserte den Wunsch, von mir hypnotisiert zu werden 
und bei der ersten Sitzung bereits zeigte sich, dass er verhältnismässig 
leicht in den somnabulen Zustand versetzt werden kann. Schon bei der 
zweiten Sitzung habe ich an Ch. die Frage nach den. Ursachen seines Wider- 
willens gestellt, ohne aber Antwort zu erhalten. Herr Ch. konnte sich an 



48D S. S. Golouechew, Zur Kasuistik der Psychoanalyse. 

nichts erinnern. Damals begann ich in ihn zu drängen die Erinnerung 
an seine erste Bekanntschaft mit den anatomischen Eigentümlichkeiten 
der weiblichen Geschlechtsorgane aufzufrischen und allmählich gelang es 
mir von folgenden Tatsachen Kenntnis zu erlangen: Als sechsjähriges 
Kind wurde er von seinem Kindermädchen in eine Badeanstalt gebracht 
wo gerade zur selben Zeit auch Wäscherinnen nach beendigter Arbeit 
badeten Als das Kind entkleidet war, begannen die Frauen seinen Fems 
•u berühren und ihm ihre Geschlechtsorgane zu zeigen, wobei sie die 
verschämtesten Posen einnahmen. Dabei lachten sie ausgelassen es 
roch von ihnen nach übelriechendem Schweisse, und überhaupt war der 
Eindruck in so hohem Grade ekelerregend, dass das Kind zu weinen 
begann, und die Wartefrau gezwungen war, es gleich wegzutragen. 

Die Tatsache des psychischen Insultes ward gefunden und Herr Ch. 
wurde aufgefordert, die ganze Erzählung nach dem Erwachen zu wieder- 
holen und tatsächlich wiederholte er sie in allen Einzelheiten und war 
sehr verwundert, dass die Quelle seines Widerwillens gegen weibliche 
Geschlechtsorgane entdeckt wurde. Der Sachverhalt wurde aber doch 
nicht geändert. Der Widerwille bestand offenbar weiter und Herr Ch. 
behauptete immer, er sei trotzdem zu einem normalen Koitus nicht fähig. 
Im Laufe der nächsten Sitzungen, schon ohne Hypnose, gelang es Herrn Ch., 
noch eines Ereignisses sich zu erinnern. Bereits im Alter von 9 Jahren 
hatte er mit einem zweiten Freunde Gelegenheit, Geschlechtsorgane eines 
kleinen Mädchens, während sie ihren Rock in die Höhe hob, zu sehen. 
Dieser Anblick hat ihn auch damals mit Ekel erfüllt, und es erwachte m 
ihm das sadistische Verlangen, diesem widerlichen Gegenstande Schmerzen 
zu bereiten, aber der Gedanke ging auf unerklärliche Weise vom Teil auf s 
Ganze über, und er hatte derart seine Gefühle befriedigt, dass er das 
Mädchen barfüssig und mit erhobenem Kleidchen auf einem Brett, worauf 
kleine Nägel ausgestreut waren, zu gehen zwang. 

Andere Erinnerungen sonst sexuellen Charakters bei Herrn Ch. her- 
vorzurufen, gelang mir weder im Wachzustande noch in der Hypnose, 
und ich beschloss, mittels Suggestion in -Hypnose ihn von seinem be- 
lästigenden Widerwillen zu befreien. 

Folgende Methode wandte ich an. In erster Linie suchte ich im Be- 
wusstsein des Herrn Ch. eine vollständige Trennung der Vorstellung von 
den weiblichen Geschlechtsorganen einerseits und der des Organs der Wasch- 
frauen andererseits zu bewerkstelligen. Als endlich Herr Ch. die Trennung 
sowohl in Hypnose wie im posthypnotischen Zustande klar vollziehen 
konnte, begann ich ihm die Vorstellung der weiblichen Geschlechtsorgane 
als einer Quelle der höchsten Lust einzuflössen und schliesslich ging ich 
zur Suggestion der besonderen Lust über, welche die Einführung des Penis 
in die Vagina hervorzurufen pflegt. 

Nach Verlauf von 2 Wochen änderte sich die Vorstellung des 
Herrn Ch. über den normalen Koitus von Grund aus, es zeigte sich bei 
ihm eine sehr bestimmte Neigung zum normalen Verkehr und allem An- 
scheine nach wäre das eheliche Leben der Ch. in gänzlich normale Bahnen 
gelenkt worden, hätte sich keine Schwierigkeit von seiten der Frau er- 
geben Sie konnte leider ihren Widerwillen zum Koitus mit ihrem Manne 
nicht mehr unterdrücken und bestand fest auf einer vollständigen Trennung. 
Der Zwiespalt war zu tiefgehend, als dass die Gegensätze noch hatten über- 
brückt werden können. Dass eine Heilung möglich war, beweist die Tat- 



Riebard Jenichen, Über den Alptraum in der sächsischen Sagenwelt. 481 

sache, dass der Patient später mit einer anderen Frau auf ganz normale 
Weise verkehrte 1 ). 



III. 

Über den Alptraum in der sächsischen Sagenwelt. 

Von Richard Jenichen, Radebeul bei Dresden. 

Angeregt durch die Arbeiten von Riklin und Jones habe ich 
versucht, das Sagenmaterial eines bestimmten Landes in be/.ug auf das 
Vorkommen von Alpsagen zu untersuchen und deren Bedeutung mit Hilfe 
der Psychoanalyse zu erklären. 

Für mich lag es naturgemäss nahe, den Sagenschatz des König- 
reichs Sachsen als Gegenstand meiner Untersuchungen hinzustellen, zumal 
über die sächsischen Sagen eine umfangreiche Sammlung in M eiche's 

Sagenbuch zu finden ist. 

In den dort gesammelten 1268 Sagen kommt, für Sachsen bezeichnend, 
das Alpdrücken sehr wenig vor, wenngleich nicht geleugnet werden kann, 
dass in so manchen anderen Sagenborichten für den Psychoanalytiker 
sich Anklänge und Andeutungen in jener Richtung zeigen. 

Von sämtlichen sächsischen Sagen habe ich als Unterlage für meine 
Ausführungen nur diejenigen gewählt, die das Alpdrücken augenfällig 
behandeln. Hierzu kommt eine Auslese von den Sagen über die Holz- 
weibchen und -männchen, sowie die ebenfalls nicht zahlreich vertretenen 
Sagen über die Druckgeister und die MitUgsfrau. Alle tragen jedoch das 
Charakteristikum des Alpdrückens an sich. 

Mein Alpsagenbestand beläuft sich sonach auf 20 Sagen mit 27 Er- 
lebnissen, welche ich tabellarisch nach verschiedenen Merkmalen zerlegt 
habe, wobei ich zu folgenden Ergebnissen gekommen bin. 

Raum: Der Alp erscheint in meinem Material öfters im Freien, 
als in bewohnten Räumen. Das ergibt sich aus dem schon angeführten 



i) Dieser Fall ist deshalb interessant, weil er uns die Wirkung eines schweren 
Traumas deutlich vor Augen führt. Nach meinen Erfahrungen liegen in solchen 
Fällen die Verhältnisse viel komplizierter. Das Trauma steht schon im Dienste einer 
Tendenz. Gerade der Horror vaginae ist ein häufiges Symptom einer maskierten 
Homosexualität. Denn ein starker heterosexueller Trieb überwindet alle Hemmungen, 
selbst die negativen Imperative infantiler Traumen. Aber die Vagina ist das Symbol, 
die Verkörperung des Weibes. Die Leistengegend ist beiden Geschlechtern gemein- 
sam eigen. Ebenso ist in diesem Falle die sadistische Komponente nicht berück- 
sichtigt. Bei Sadisten bildet sich infolge einer Überkompensation leicht eine Angst 
vor der Defloration aus, die jede starke Erektion verhindert. Die Damo, bei der 
nach der Behandlung der Koitus gelang, dürfte eben keine Virgo gewesen sein . . . 
Die Frage ist, ob der Mann imstande wäre, eine Defloration durchzuführen. Ich 
zweifle daran. Dieselben Gesichtspunkte gelten auch für den „Fall von Fetischhass 
eines Heterosexuellen gegen die weiblichen Genitalien", den Hirschfeld im Heft II 
der „Zeitschrift für Sexualwissenschaft" beschrieben hat. 

Stekel. 



432 Richard Jenichen, 

Grunde durch das Heranziehen eines Teiles der Sagen von den Holz- 
weibchen und -männeben. Hierzu kommt noch die Erwägung, dass das 
im Freien statfindende Alpdrücken die Allgemeinheit weit mehr interessiert, 
als das Alpdrücken im Schlafzimmer und Bett. Sagen über das letztere 
Drücken sind auch deswegen weniger entstanden, da diese Art des Vor- 
kommens individueller ist, als diejenige in der freien Natur. Das Er- 
scheinen des Alpes im Baume scheint auch weniger symbolisch aufzutreten. 
Die Betroffenen fühlen sich zunächst nicht so sehr veranlasst, von dem 
Vorkommnisse Mitteilung zu machen, weiter erfahren gewöhnlich hier- 
von nur die näheren Angehörigen und Hausgenossen, und ferner liegt 
auch eine Verheimlichungstendenz zufolge des mehr oder weniger starken 
erotischen Anstriches des Vorkommnisses für die Betroffenen vor. Ich 
erinnere hier nur an die mittelalterliche Bezeichnung Buhlteufel für 
Alp. Dieselbe Verbergungstendenz tritt aber auch in der anderen Art der 
Alpsagen hervor und hat hier zu einer psychischen Verschiebung geführt, 
wodurch die später noch zu schildernden Alpsymbole erklärlich werden. — 

Zeit: Der Alp erscheint in bewohnten Bäumen gewöhnlich nachts, 
in der Natur tritt er nur am Tage, selten »abends, oft aber auch mittags 
auf (Daemon meridianus, Mittagsfrau). 

Gestalt und Geschlecht: In dr.ei Sagenberichten nimmt der 
Alp die Erscheinung von einer grösseren Anzahl weiblicher oder 'männlicher 
Wesen an, einmal ist sein Geschlecht unbestimmt, am meisten wird er 
aber als männlich geschildert. 

Sein Alter ist meist ungenau angegeben, nur einmal wird (er als jung 
bezeichnet, sonst alt, steinalt. 

Von Aussehen ist er durchweg grundhässlich, oft hülfebedürftig, 
krüppelhaft klein, nur einmal schön. 

Hieraus schliesse ich, dass die Betroffenen der von Jones .be- 
zeichneten „Rationalisation ihrer unbewussten Motive" doch bis zu einem 
gewissen Grade bewusst geworden sind. Das ergibt sich aus der Tendenz, 
die oft symbolisch dargestellte Umarmung zu verbergen. Namentlich 
trifft das bei dem Alpdrücken im Freien zu, denn das Alpdrücken im ge- 
schlossenen Räume kann ja ohne weiteres leicht verheimlicht werden. 
Das Alpdrücken als Sexualhandlung, wie R i k 1 i n es ausführt, deutet auf 
den durch Angst verdrängten Wunsch nach sexueller Betätigung doch 
gleichzeitig auf den natürlichen Wunsch nach sexueller Befriedigung durch 
ein jugendliches Wesen hin. Um aber diesen Wunsch zu verbergen, sucht 
der Betroffene die Verwirklichung seiner unbewussten Motive zu ver- 
bergen und schildert den Alp durchgängig als grundhässlich, steinalt, um 
den Zuhörer ohne weiteres von den ihn bewegenden, geheimen sexuellen 
Motiven abzulenken. 

Betroffene Personen: Bestimmte Schlüsse auf das Geschlecht 
der vom Alpdrücken heimgesuchten Personen lässt das nicht sehr um- 
fangreiche sächsische Material nicht zu. Fast die Hälfte der Sagen lassen 
den Alp beiden Geschlechtern erscheinen. In der anderen grösseren 
Hälfte der Sagenberichte erscheint der Alp Jungfrauen und Mädchen 
häufiger als Frauen — zu demselben Ergebnis kommt auch Jones 
(Zentralbl. f. Psychoanal. I, 3G1) — , hinwiederum geht nicht deutlich hervor, 
ob bei Männern oder Jünglingen das Alpdrücken zahlreicher vorkommt. 



siebenmal 


„ weiblicher 


einmal 


„ ungeschlechtlicher 


zweimal 


„ männlicher 


viermal 


weiblicher 


einmal 


„ ungeschlechtlicher 


zweimal 


„ weiblicher 


einmal 


„ männlicher 


fünfmal 


weiblicher 



Über den Alptraum in der sächsischen Sagenwelt. 483 

Interessant ist das Verhältnis des Geschlechtes zwischen Alp und 
betroffener Person. 

In meinem Material erscheint der Alp 

einmal als männlicher Geist einer männlichen Person 

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„ weiblichen „ 

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Kindern (Geschlecht unbestimmt) 

beiden Geschlechtern und 
>> ii 

Hieran möchte ich die feine Bemerkung erwähnen, die der Erzähler 
der Sage von den grauen Männchen am Hochwalde (Meiche Nr. 458) an 
diese knüpft. Er schliesst seinen Bericht mit den Worten: „Sonderbar ist 
es endlich, dass die Personen, welche mit ihnen verkehrt haben, immer 
Mägde oder Frauen sind." 

Ich weiss wohl, dass obige Aufstellung bei weitem nicht genügt, urn 
irgendwelche Schlüsse auf hetero- oder homosexuelle Neigungen der be- 
troffenen Personen zu ziehen, wollte aber, wie auch durch die nach- 
stehenden Zusammenstellungen, Anregung geben, das weite Gebiet der 
mythischen Sagen, seien es Seelen-, Spuk-, Eiben-, Dämonen-, Götter- oder 
Teufels-, Wunder- oder Schatzsagen, auf ähnliche Art zu erforschen. — 

Gegenseitiges Verhalten: Was nun das gegenseitige Ver- 
halten anlangt, so ersieht man, dass der Alp fast immer von den heimge- 
suchten Personen etwas verlangt. Um Schutz bittet die Erscheinung 
viermal, sie ängstigt, durch Fragen, ist unfreundlich und erschreckt fünf- 
mal, sie hockt auf zweimal, bittet um Kleinigkeiten, namentlich Garn zu 
spinnen oder sie zu kämmen fünfmal, am wenigsten beschenkt der Geist 
freiwillig, aber oft verlangt er gar nichts. 

Sehr bezeichnend ist die Art der Belohnung seitens des Geistes. 

Achtmal erhält die betroffene Person in Gold oder Geld sich ver- 
wandelndes Laub oder Späne, auch werden Wunderknäule und Garn ge- 
schenkt. Weniger folgt Tod oder schwere Krankheit. Auch schon Kinder 
erhalten Wandellaub, leisten aber dafür nichts. 

Was Laub, Späne, Wunderknäuel, nicht alle werdendes Garn zu be- 
deuten haben, ist erklärlich. 

Dagegen lässt sich kein tieferer Einblick in das sexuelle Verhältnis 
zwischen dem schenkenden Geist und der beschenkten Person tun. Nur 
ist der Alp, welcher Wandellaub, Wundergarn usw. schenkt, mit einer 
Ausnahme immer weiblich. Die Personen sind jedoch bald Männer, bald 
Frauen. Nur einmal erhält eine Frau von einem männlichen Alp einen 
Garnknäuel. 

Aus dieser Tatsache schliesse ich, dass, wenn man die einzelnen 
Sagenberichte inhaltlich noch näher prüft, man sehr oft bemerken wird, 
dass hier eben auch wieder die Verheimlichungstendenz eine grosse Rolle 
spielt. Wo ein heterosexuelles Liebesverhältnis vorliegt, z. B. wo ein 
Mädchen für das einem Männlein geleistete Kämmen und Lausen, was ja 



484 Richard Jenichen, Über den Alptraum in der sächsischen Sagenwelt. 

ein Lust- und Kitzelgefühl bedeutet, Wandellaub oder Späne erhält, findet 
sehr oft noch aus derselben Verbergungstendenz heraus eine zweite Ver- 
schiebung statt, indem aus dem Manne ein altes Weib wird, und der 
Vorgang erhält einen homosexuellen Anstrich. 

Sehr oft wird man aber auch das Gegenteil erfahren können. Um 
die homosexuelle Neigung zu verbergen, wird aus dem weiblichen Aip- 
wesen eine männliche Gestalt. Das ist natürlich nicht bloss für die be- 
troffenen weiblichen Personen zutreffend, sondern dasselbe gilt auch von 
den männlichen Personen. Zuweilen dürfte auch der Spott über die homo- 
sexuelle Neigung einen volkstümlichen Ausdruck gefunden haben. Die 
unter dem Deckmantel der Hilfsbereitschaft verborgene homosexuelle 
Neigung wird vom Geist durch Auslachen zurückgewiesen. 

Wenn Höfler 1 ) das Resultat der Alpminne, nämlich Missgeburten, 
Kretinen oder elbisch gezeichnete Wesen auf das frühere innere Zusammcn- 
wolmen der früheren Generationen mit ihren Haustieren als die nächste 
Ursache hinstellt und weiter anführt, dass noch jetzt viele Kinder der 
modernen Zeit im Pavor nocturnus vom schwarzen Pudel mit rauhem 
Pelz träumen, ohne dass eine zottige Decke auf ihrer Lagerstätte zu finden 
wäre, so kann ich ihm hierin nur bedingt zustimmen. Es kommt ganz 
auf den Kulturzustand eines Volkes an. Ist er ein ziemlich hoher, so 
wird der mittelalterliche Buhlteufel zur menschlichen Personifikation, 
ist er ein noch sehr niedriger, so dürfte die Annahme Höflers zutreffen. 

In meinem sächsischen Material habe ich nichts von Produkten der 
Alpminne finden können. Ausserdem habe ich nur einmal feststellen 
können, dass der Alp auch Tiere drücken kann, während ein Alpdrücken 
der Bäume (Eschen) in Sachsen nicht vorkommt. Diese, wohl mehr 
in Norddeutschland verbreitete Ansicht lässt auf das innige Verhältnis 
zwischen Mensch und Pflanze schliessen. Der letzteren sollte es in 
der Alpminne ähnlich wie den Menschen ergehen. Überdies hiess die 
Esche im Altdeutschen Ask,. was der erste Mensch, welcher aus der Esche 
entstanden sein soll, bedeutet. 

Zum Schlüsse möchte ich noch eine Geschichte wiedergeben, wie 
sie sich nach der Erzählung des Leipziger Magisters Prätorius im An- 
fange des 17. Jahrhunderts zugetragen haben soll, und die Mogk in 
Wuttkes sächsischer Volkskunde (S. 318) als Zeugnis für die noch damals 
geglaubte Wanderung der Seele während des Schlafes anführt: 

„Eine thüringische Magd brachte einst den Körper ihrer schlafenden 
Genossin, aus deren Munde ein rotes Mäuslein fortgelaufen war, in andere 
Stellung. Als das Tierlein wiederkehrte, suchte es vergeblich nach dem 
Munde; die Magd war infolgedessen tot. Zu derselben Stunde aber, da die 
Magd so totenähnlich dagelegen hatte, berichtet dieselbe Sage, hatte 
ihren Geliebten der Alp gedrückt 2 )." 

Hier sieht man, dass die Seele eines Menschen, um entschlüpfen 
zu können, Tiergestalt annimmt und, sich hingezogen fühlend, dem Ge- 
liebten als Alp erscheint. 

Die Alpminne als solche ersetzt aber die Erfüllung des erotischen 
Wunsches nach der Minne überhaupt. 

i) Höf ler, M., Der Alptraum als Urquell der Krankheita Dämonen ; Janus V, 

Heft 10. 

2) Vgl. auch Germanische Mythologie von Mogk. 



Referate und Kritiken. 435 

Das Motiv der Angst ist hier von dem von der Alpminne heim- 
gesuchten Geliebten auf die dem Erzähler lausehenden Personen ver- 
schoben, da sonst kein Raum für dasselbe in jener Erzählung vorhanden 
ist, denn der Zuhörer erfährt, wie gefährlich es ist. Personen im Schlafe 
zu stören, von denen die Seele auf Zeit gewichen ist. 

Die Erzählung des Magisters Prätori us, welcher von der Schwester 
seiner Schwiegermutter, die es mit eigenen Augen gesehen hat, öfters 
erzählen hörte, ist aber wert, selbst wiederum psychoanalytisch durch- 
dacht zu werden. 



Referate und Kritiken. 

Dr. Alfred Adler und Dr. Karl Furtmüller: Heilen und Bilden. Ärztlich- 
pädagogische Arbeiten des Vereins für Individualpsychologie. Ernst Reinhardt, 
München 1914. 

In .Die Anwendung der Psychoanalyse auf Kindheit und Jugend" (Ambrosins 
Barth 1913) hat William Stern neuerdings ausgesprochen, psychologisch besonders 
aussichtsvoll erscheine die Wendung, welche die psychoanalytische Theorie in der 
ketzerischen Schule Alfred Adlers genommen habe. Mein eigenes Eintreten für 
Adler in dieser Zeitschrift ist den Lesern des Zentralblattes für Psychoanalyse be- 
kannt. Auch in meinen Referaten in der „Zeitschrift für Psychologie" habe ich 
mehrfach bei entsprechender Gelegenheit auf Adler und das Plausible und Richtige 
in seiner Kritik Freud' s wie seiner eigenen positiven Anschauungen hingewiesen. 
Wenn Adlers Organminderwortigkeitstheorie bisher noch immer nur etwas in 
grossen Zügen Entworfenes darstellt und überhaupt nur leisten kann, was jede der- 
artige Theorie zu leisten vermag, eine spezielle Schwäche dieser Theorie zum Bei- 
spiel, wie ich früher schon betonle, darin liegt, dass, wo die zentrale Gehirnminder- 
wertigkeit das Wesentliche darstellt, wir auch auf diesem Wege zu keiner genaueren 
Einsicht kommen, so ist das eine Sache für sich und berührt Adlers Ausführungen, 
soweit sie uns in unserem psychologischen Verstehen fördern und auch den Wechsel 
und das Werden psychisch reaktiver Erscheinungen mehr oder minder verständlich 
werden lassen, weiter nicht. Dein Anstaltspsychiater müssen freilich kausale 
Fragestellungen wesentlich und weit mehr wesentlich sein, auf welche vom teleo- 
logischen Standpunkt Adlers aus überhaupt kaum Antwort gegeben werden kann. 
Wie bei Freud liiuft auch bei Adler die Psychose in der Erwähnung so gelegent- 
lich mit, ohne dass ich diese Hinweise doch lür besonders fruchtbar erachten kann. 
Hier und ebenso überall da, wo es sich noch um psychische Zustände handelt von 
so unausgebildeter Art wie beim Kinde scheint mir ein psychologisches Verstehen 
weitgehend unmöglich. Es kommt nicht darauf an konsequent psychologisch zu 
bleiben, sondern darin konsequent, psychologisch nur verstehen zu wollen, wo die 
Möglichkeit eines psychologischen Verstehens eben gegeben ist. So wenig wie die 
Frage: Wodurch erkrankt der Neurotiker? (s. S. 110 ,Zur Kritik der Freud'schen 
Sexualtheoiie der Nervosität" in .Heilen und Bilden") psychologisch beantwortbar 
ist und von Adler beantwortet wird, sondern sich immer nur die Differenz zwischen 
der psychischen Reaktions weise des Neurotikers und des Gesunden konstatieren 
lässt, so wenig nützt uns alles psychologische Verstehen der Vorgänge in der Psychose 
(z. B. in der Dementia praecox) , soweit solches überhaupt möglich ist, in bezug auf 
Zentnüblatt für Psychoanalyse. IV V". 32 



486 Referate und Kritiken. 

die Ursachen, aus denen heraus der Kranke zu seiner Psychose kommt. Diese 
Ursache bleibt für uns bei der Dementia praecox immer der primäre organische Prozess 
und psychologisch verstehend verfolgen können wir nur diejenigen seelischen Zu- 
sammenhänge in der Psyche des Kranken und diejenige psychische Reaktivität, 
welche als Funktion des noch sozusagen gesunden Restes in der Psyche zustande 
kommt. Hier liegen die Reserven, welche der Psychiater machen muss, und kann 
Psychoanalyse oder Individualpsychologie nie Entschiedenes leisten. Hätte Adler 
diesen Punkt scharf betont, würde er sich wohl manchen Widerstand (und Freud 
ebenso) erspart haben, den die Allgemeinheit der Psychiater dem von ihm Gegebenen 
entgegensetzt. Eine derart schärfere Abgrenzung wäre durchnus wünschenswert. 
Ich gebe Birstein („Eine kritische Bemerkung", diese Zeitschrift IV. 1/2. S. 77) 
vollständig zu, dass die am angegebenen Orte von ihm angegriffenen beiläufigen 
Ausführungen von mir revisionsbedürftig sind, muss aber sagen, dass ich mit dem, 
was er ausspricht, gar nichts anzufangen weiss. Die Geschieht«, welche er S. 79 
von dem Abdomen in den gewünschten Dimensionen erzählt, kann ich für nichts 
anderes als eben eine Geschichte halten. „Es ist der Geist, der sich den Körper 
bildet', hat schon Friedrich Schiller gesagt und dadurch, dass Birstein es auch 
sagt, oder seine Patientin sich freundlichst die Fähigkeit zuschreibt, ihr Abdomen 
nach Wunsch zu gestalten, ist nichts geändert. Etwas kritischer wollen wir denn 
doch bleiben und nicht vor dorn „wundervollen Phänomen der Einwirkung des Ich- 
wollens' (Birstein) nur anbetend in die Knie sinken. 

Doch zu Adler zurück. Freud hat psychische Mechanismen zu eruieren 

gesucht, fassbare einzelne Vorgänge (Abreagieren, Verdrängung usw.), wobei aber 

.heute doch wohl klar geworden ist, dass uns die entsprechenden Vorgänge nicht 

fassbar werden. Es wird ein Gewisses mit diesen Mechanismen gel'asst, es ist etwaB 

daran, wie mancher Freud- Kritiker gesagt hat, aber recht fassbar wird uns das, 

was da vorgehen soll, doch nicht. Hier hat Adler zurückgesteckt, will weniger 

und gibt durch diese Begrenzung mehr, will nicht durch Berufung auf „Mechanismen* 

erklären, sondern nur individuelle psychische Zusammenhänge verstehen. Aber auch 

dieses unser Verstehen hat Grenzen. Wenn ein Kind früh masturbiert, bo besteht 

meines Erachtens keine Möglichkeit dies psychologisch zu verstehen. Der Erwachsenere 

kann aus „Furcht vor dem Weibe* masturbieren. Der Trieb ist da, verlangt Be 

friedigung, und da ihm anders den Umständen nach nicht genügt werden kann, wird 

ihm masturbatorisch genügt. Mit der „Furcht vor dem Weibe", dem „männlichen 

Protest* usw. fasst Adler etwas, was psychologisch tatsächlich seine Rolle 

spielt. So wenig wir jedoch Freud zugeben können, dass dasjenige, was 

Freud als die Sexualität des Säuglings bezeichnet, bereits schon in ausgebildeter 

Weise Sexualität ist, wenn natürlich auch die ersten Bedingungen für das, was 

später Geschlechtstrieb wird, im Säugling auch immer schon gegeben sein müssen, 

so wenig ist es möglich vom Psychologischen aus zu erklären, weshalb beim Kinde, 

wo sie ganz aussergewöhnlich früh auftritt, es zur Masturbation kommt. Es liegt hier 

eine Erscheinung der Frühreife und speziell der sexuellen Frühreife vor, und nervöse 

Kinder sind eben frühreif. Übrigens, ich will mit dem, was ich hier als „Einwand* 

gegen Adler bringe, gar nichts präjudizieren. Es liegt in der Natur der Adler- 

schen Ausführungen, dass sie im ganzen schwer Uberblickbar sind, wenn auch Adlers 

Standpunktnahme generell klar genug ist. Es wird immer mit einem speziellen 

Fall argumentiert, und Adlers Auffassungsweise erschoint nun einem speziellen Fall 

und einer speziellen psychischen Keaktionsweise gegenüber plausibel oder weniger 

plausibel. Es liegt in der Natur aller individualpsychologischen Ausführungen, dass 

sie uns nur bis zu einem bestimmten Punkt führen und die individuelle Reaktionsweise 

verstehen lassen. Die Furcht vor der Frau setzt den Trieb zur Frau voraus, der 



Referate und Kritiken. 487 

männliche Protest das sich nicht genügend männlich Fühlen, nnd die aus dem einzelnen 
Fall gewinnbare generelle Einsicht ist immer in bezug auf den Aueschlag hierhin oder 
dorthin nur eine ungefähre. Gewisses steht fest z. B., dass ein Individuum sich 
scheut, dauernd in die Gewalt einer Frau zu kommen, ehescheu ist, frei bleiben will 
bei starkem Bedürfnis nach der Frau und so etwa zur Untreue disponiert. Oder aber 
ganz ähnlich, indem beide Sachlagen unter dem Begriff des UnsicherheitsgefUhls sub- 
summiert werden, mit Ausschlag nach der anderen Seite, wird das Individuum, weil 
es eine Frau braucht und sich doch nicht zutraut, sich stets neue zu verschaffen, 
gerade besonders hartnäckig treu. Hier, in der Aufzeigung, wie dem individuellen 
So oder So nur in verschiedener Form das .Gleiche" zugrunde liegt, gewährt uns 
Adler ganz entschiedene Aufklärungen, indem als plausibler Fixpunkt eben die Er- 
haltung des Selbstgefühls angenommen wird. Im Verzicht auf das Feste ausser in 
dem einen Punkt der Erhaltung des Selbstgefühls liegt hier das Wertvolle, Richtige. 
Wenigstens im Prinzip. Wollte man nun Adler kritisieren, so wäre man weitgehend 
darauf angewiesen auf jeden einzelnen Fall, die Auffassung jeder einzelnen Charakter- 
änsserung einps Individuums einzugehen und zu konstatieren, inwieweit die von 
Adler gegebeno Deutung für uns plausibel ist. Es ist klar, dass dieser Weg kaum 
gangbar ist, und so muss ich mich denn begnügen wie früher auch hier auszusprechen, 
dass auf dem Adler 'sehen Wege psychologisch vieles zu gewinnen ist so lange, 
wie das leicht geschieht, nicht schematisch verfahren wird. Wieviel im einzelnen 
Fall gewonnen wird, hängt davon ab, wieweit die psychologische Intuition des- 
jenigen reicht, der auf Grund der generellen Adler'schen Anschauungen es unter- 
nimmt Individualpsychologie zu treiben. Die Methode, soweit in diesen Dingen von . 
einer solchen überhaupt die Rede sein kann, gewährt wie bei jeder Art von „Psycho- 
analyse" ansich keinerlei Sicherheit. 

Meine letzte Bemerkung ist nicht so gemeint, dass sie einen Tadel einschliesaen 
soll. Uelmholtz sagt einmal, auch in Gebieten, welche den Grenzen unseres 
Wissens näher kämen, sei ihm noch mancherlei gelungen. Im Experimentellen und 
Mathematischen sei er allmählich wie jeder, der viel experimentelle Aufgaben an- 
gegriffen habe, ein erfahrener Mann geworden, habe viele Wege und Hilfsmittel ge- 
kannt und seine Jugendanlage der geometrischen Anschauung zu einer Art mechani- 
scher Anschauung entwickelt: „ich fühlte gleichsam, wie sich die Drucke 
und Züge in einer mechanischen Vorrichtung verteilen, was man 
übrigens bei erfahrenen Mechanikern u nd M aschinenbanern auch 
findet". Was so einer mechanischen Vorrichtung gegenüber möglich ist, warum 
sollte das dem Psychischen, einem Charakter gegenüber nicht auch möglich sein 
dem entsprechend Begabten und Erfahrenen? Hier wird immer die Hauptsache 
liegen, das, was am meisten nötig ist. Allerdings, wenn Helm ho Uz sich die ent- 
sprechenden Verhältnisse, wie er betont, dann noch durch .theoretische Analyse* 
klarmachen und, was er nicht sagt, das intuitiv Geahnte durch das Experiment 
sicherstellen konnte, ist dies auf unserem Gebiet derart nicht möglich. 

Otto Hinrichsen. 

Dr. W. Bergmann: Selbstbefreiung aus nervösem Leiden, Freiburg i. Br. 
Herder'scbe Verlagshandlung. 

Von den zahlreichen ähnlichen Werken, mit denen der Büchermarkt jetzt über- 
schwemmt wird, unterscheidet sich das Buch Bergmanns durch einen raase vollen 
Ton und eine klare wissenschaftliche Darstellung. Zu bedauern ist, dass der Verf. 
noch der Hypnose das Wort redet, die aus dem Heilachatz des modernen Psycho- 
therapeuten zu streichen ist. Sie richtet meiner Erfahrung nach mehr Schaden als 
Nutzen an. Zu bedauern ist ferner, dass der Verf. sich noch nicht alle Errungen* 

32 » 



488 Referate und Kritiken. 

schiften der modernen Seelenkunde zunutze gemacht hat. Überall zeigen sich An- 
sätze, die Kräfte des Unbewussten darzustellen .... aber es bleibon nur Ansätze. 
Der Kranke wird manches vernünftige Wort in den gewandten Darstellungen finden, 
dem Psychotherapeuten bietet das Buch nur einen Spiegel, iu dem sich die moderne 
Auffassung der Neurosen widerspiegelt. Sie ist noch immer auf dem halben Wege 
zur Wahrheit stecken geblieben. Stekel. 

Dr. Trigant Burrow, Assistent für Psychiatrie am JohnsHopkins Hospital, Baltimore. 
Charakter und Neurose. (The Psychoanalyticc Rewiew, Februar 1914) 

Die amerikanischen Psychoanalytiker sind wacker an der Arbeit. Die neue 
Zeitschrift beweist schon durch ihren Untertitel: A Journal devoted to an unter- 
standing of human conduet (eine dem Verständnis des menschlichen Benehmens ge- 
widmete Zeitschrift), wie das Vers'iindnis der amerikanischen Schule ist. Der 
Originalartikel Dr. Burrows, der hauptsächlich die These aufstellt, dass der Mecha- 
nismus der Unterdrückung wesentlich eine soziale Reaktion sei und dass dor neurotische 
Charakter ein organisch-moralischer Charakter sei, ist sehr interessant und be- 
achtenswert. 

Wenn wir die Empfindungen, die Interessen und die seelischon Eigenschaften, 
mit einem Worte die Persönlichkeit des Individuums betrachten, das sich in die 
Barrieren jenes Vorteidigungssystems zurückgezogen hat, das wir als die Neurose 
bezeichnen, so finden wir gewisse charakterologische Tondenzen, die in interessantem 
Zusammenhang zu jenem zentralen Faktor stehen, welchen das Grundprinzip der 
Freud'scben Psychologie als Basis in der Erzeuguug von neurotischen Störungen 
auffasst — nämlich den Faktor eines inherenten geistigen Konfliktes. Denn dieser 
Faktor einer anhaftenden inneren Unruhe, eines durch unversöhnliche Gegensätze 
hm- und Lergetriebenen Geistes bleibe die Basis der Neurose. Alle Ausdrücke, wie 
Nervosität, nervöse Störungen usw. enthalten ja die Idee des Ungcnügens , der 
schlechten Anpassung, der Rastlosigkeit, und sie alle lassen sich auf die Idee eines 
geistigen Konfliktes, einer inneren psychischen Disharmonie zurückführen. Die Psycho- 
analyse habe gezeigt, dass der Konflikt zwischen organischen Wünschen und kulturellem 
Streben gegeben sei. Der elementare biologische Impuls nach unmittelbarer erotischer 
Genugtuung werde zuiückgestossen durch die unterdrückenden inhibitorischeu Ten- 
denzen des kollektiven sozialen Bewusstsein und wahrscheinlich sei der Hauptansporn 
zur Entwicklung des sozialen Bewusstseins aus diesem primären Konflikt entsprungen, 
aus diesem grundsätzlichen Interessengegensatz zwischen biologisch verwandten 
Elementen. Wo immer ein solcher Interessenkonflikt, wie z. B. zwischen Eltern 
und Kindern, entstand, siegten die Forderungen des Stärkeren «bar die des Schwächeren 
und in dem Prozess der sozialen Entwicklung wurde die Wunscherfüllung des Kindes 
immer mehr verkürzt und ausgeschaltet. Der Autor glaubt, dass dieser primäre 
soziale Mechanismus, wonach die elementaren, egoistischen Forderungen im scharfen 
Konflikt zur äusseren Welt der Wirklichkeit und der sozialen Forderungen gebracht 
wurden, im Individuum die primäre Empfindung für die soziale Beziehung schuf. 
Der Konflikt zwischen dem eigenen Ich und den anderen stärkeren Ichs war ein un- 
gleicher. Das Individuum wurde durch die Umstände zur Nachgiebigkeit an die 
grösseren sozialen Forderungen gezwungen. Mit der weiteren Entwicklung des 
Bewusstseins wurde die soziale Prohibition immer mehr und mehr rationalisiert und 
auf diese Weise wurde das Kind durch bewusste Empfindungen beeinfluBSt. Die 
primären moralischen Reaktionen entstanden demnach aus der Reibung zwischen dem 
frühen egoistischen und den sozialen Forderungen. Eine Differentiation trat ein, 
indem sich allmählich Hindernisse geltend machten, die dem Nichtich eine grössere 
Rolle einräumten und so wurde der objektive Faktor der Erfahrung eingeführt. Der 



Referate und Kritiken. 489 

Autor sucht auf diese Weise die biologische Genese des grundlegenden Faktors der 
Unterdrückung aufzudecken. Denn da das soziale Bewusstsein seinen Stimulus dem 
peinlichen Kontrast zwischen dem autosozialen und den heterosozialen Forderungen 
verdankt, die aus den Einschränkungen entspringen, welche dem- Individuum durch 
die Forderungen der Gruppe auferlegt werden, da ferner das soziale Bewusstsein aus 
der moralischen Gegenwirkung zwischen inneren und äussei-eu, egoistischen nnd sozialen, 
unbewussten und bowussten biologischen Tendenzen entspringt, sei der Schluss zu 
ziehen, dass der Faktor der Unterdrückung, wodurch dieser Konflikt verwirklicht 
wird, mit dem sozialen Bewusstsein zugleich auftrete. 

Danach wäre der Mechanismus der Unterdrückung wesentlich sine soziale 
Reaktion und diese primäre soziale Reaktion trete schon frühzeitig als moralische 
Reaktion auf. Denn da9 moralische Empfinden sei bloss ein Spross des sozialen 
Bewusstseins. Die Unterdrückung sei daher biologisch eine moralische 
Reaktion. 

Bei Behandlung der Reaktion der Unterdrückung habe man es daher mit einer 
moralischen Reaktion zu tun. Und dies trete bei der Behandlung der an Neurose 
leidenden Patienten hervor. Ob es sich nra obsessionale Zustände handle, um Hysterie, 
um Angstzustände, um Neurasthenie, am (Jrunde der Neurose liege immer ein morali- 
sches Drängen. Dieses richtet sich unfehlbar gegen die Zulassung primärer egoistischer, 
organischer, unbewusster sexueller Tendenzen. Wie -wir durch die Psychoanalyse 
wissen, meint der Autor, bilden die verschiedenen Neurosen nur verschiedene Äusse 
rungen eines fundamentalen Bemühens, zu entrinnen, aber der entsprechende Ansporn 
sei in jedem Falle auf eine primäre biologische Intuition von Recht nnd Unrecht 
begründet. Die Neurose ist demnach eine biologisch-moralische Integration. Daher 
stellt Dr. Burrow die These auf, dass der neurotische Charakter ein organisch- 
moralischer Charakter sei. Die unbewusste Unterdrückung ist ökonomisch nicht weise, 
sie ist wesentlich nihilistisch und führt zur unvermeidlichen Vernichtung. Trotzdem 
verrät die Anwesenheit dieses inherenten moralischen Elementes im Organismus eine 
charakteristisch charakterologische Tendenz, die für einen sozialen Körper von 
ökonomischer Bedeutung werden kann. Die wesentlich moralisehe Situation, wie wir 
sie in den Neurosen finden, sei der herrschende Zug in den entsprechenden Störungen. 
Der moralische Charakter, den der neurotische Patient durchzumachen hat. ist offen- 
bar. Aber daneben gäbe es gewisse charakteristische Züge, die in interessanter Weise 
mit dieser elementaren Reaktion und mit den weiteren Faktoren verwandt seien, die 
Freud als ursprünglich wirkend in der Produktion der Neurose angenommen habe. 
Der Autor will die auf Verwandtschaft der bisher behandelten Zusammenhänge nicht 
näher eingehen, sondern nur die allgemeine sozialen und ethischen Emp- 
findungen und Tendenzen betrachten, die mit den ursprünglichen 
biologiech-moralischeuund sozialen Reaktionen verwandt acheinen, 

in denen die Neurose ihre Wurzel hat. 

Kin häufig vorkommender Typus illustriert die entsprechenden charakteristischen 
Seiten, wie wir sie in der Neurose kennen lernen, sehr gut. Am Patienten dieses 
Typus fällt auf eine gewisse kindliche Einfältigkeit, ein Mangel an Selbstvertrauen 
kombiniert mit der Geneigtheit, die Bedeutung der anderen Menschen zu übertreiben, 
Dieser Patient zeigt Zweifel und Misstrauen sich selbst und allen seinem Tun gegen- 
über, er hat dagegen die Neigung, die Leistung der anderen zu überschätzen. Er 
leidet an der Furcht, missverstanden zu werden und auf die Personen seiner Um- 
gebung einen ungünstigen Eindruck zu machen. Besonders schüchtern ist er gegen 
Personen, die eine autoritäre Stellung einnehmen, da er unbewusst sie in strengen 
Kontrast zu sich selbst setzt und in ihnen das unbewusste Bild des Vaters reinkarniert. 
Der neurotische Patient besitzt eine freundliche liebenswürdige Natur. In seinen 



490 Referate und Kritiken. 

Affektionen ist er beständig, denn er trägt in seinem Inneren stets das Bild der 
vollständigen infantilen Liebe mit sich herum und seine Natur ist auf eine inherente 
Ehrlichkeit gestützt. Und weil er durch seine frühzeitige unbewusste infantile Ent- 
sagung gelitten hat, ist seine Natur so milde und verfeinert. Hier ist zum Teil die 
Erklärung für die Liebe des Neurotikers zur Schönheit zu finden, besonders für jene 
Art von Schönheit, die natürlich und einfach ist. AU weitere Folge der Introversion 
des Neurotikers und der Tatsache, dass er seine Interessen und seine Libido nach 
innen drängen muss, erwirbt das Individuum die geistige Gewohnheit, in steter Be- 
ziehung zur eigenen Person zu legen. Infolgedessen ist ein neurotischer Patient stets 
hervorragend intuitiv und psychologisch, das heisst, er besitzt eine hervorragende 
Fähigkeit, sich in die innere Lage eines anderen Menschen zu versetzen. Er wird 
mehr durch intuitive Wahrnehmung geleitet, als durch intellektuelle Deduktion. 

Er hält stets an den nnbewussten Phantasien des primären Ich fest und in- 
folgedessen wird dem Neurotiker die Wirklichkeit zu einer gespenstischen Sache, 
So entfernt vom primären Mutterkomplex eine solche charakterologische Reaktion 
auch erscheinen möge, ist doch ihr biologischer Ursprung in dem koukreten Beispiel, 
wie sie die Analyse liefert, unfehlbar nachgewiesen. Ein Patient zum Beispiel, der 
die neurotische Charakterologie «ehr gut illustriert, — er ist im Innern ein Freund 
der Metaphysik und der spekulativen Philosophie, nach aussen dagegen ein harter 
verschlagener, stets mit der Realität rechnender grosser Geschäftsmann - erinnert 
sich, wie er in seinem frühesten Kindesalter eine besondore Freude daran hatte, sich 
die philosophische Kondition durch das vollständige Aufhören des Fliessens dar- 
zustellen; und das kam zum Ausdruck, duss er die Sehnsucht hatte, in die ruhigen 
Wässer einer verborgenen Höhle einzudringen - und diese Phantasie kam in einem 
Traumbild zum Ausdruck, in dem die gleiche Wunscherfüllung, die Rückkehr zum 
Schlaf im Mutterleibe analog symbolisiert war. Der Neurot.ker ist mehr phantasie- 
begabt, mehr philosophisch-künstlerisch interpretativ angelegt, als literarisch, me- 
thodisch, kritisch, mechanisch und deduktiv. Ihm fehlt die wissenschaftliche Kapazität, 
dagegen verfügt er über eine raschere philosophische Einsicht. 

Es liesse sich sehr viel über diese Charakterologie reden, aber die Frage vom 
vitalen Interesse ist der Einfluss, den diese ganze Charakteneaktiou auf das praktische 
Problem der schliesslicheu Rehabilitation des Patienten ausübt. 

Wir haben gesehen, dass am Grunde des neurotischen Charakters die Emp- 
findung der Verpflichtung liegt, das moralische Gefühl oder die Liebe zur Wahrheit, 
wie sie durch die organische Unterdrückung natürlicher Wünsche eingepflanzt wird' 
mit all dem Leiden, das dadurch über dem Menschen kommt und zwar infolge des 
wenn auch unbewussten und blinden Gehorsams gegenüber dem organischen Gesetz, 
wie es durch die biologische soziale Prohibition dekretiert wird. Indem also ein 
wesentlich moralischer und sozialer Mechanismus am Grunde der charakterologischen 
Reaktion liegt, wie sie in den Neurosen gegeben ist, müsate die logische Anpassung 
für den neurotischen Patienten in der Richtung jener Interessen liegen, welche die 
Ausübung der Fähigkeiten ermöglichen, die den höchsten moralischen und sozialen 
Zwecken dienen. 

Der Autor gelangt daher zu der Anschauung, dass die Psychoanalyse begleitet 
sein müsste von reedukativen Einflüssen, die in den Patienten ein effektives Interesse 
an jenen sozialen und erzieherischen Problemen fördern müasten, von denen das 
Glück des sozialen Gemeinwesens abhängt. Die neurotischen Männer und Frauen, 
die von Natur aus mit der Liebe zur Wahrheit, mit der Achtung fürs Gesetz, mit 
der Sympathie für Nebenmenschen und mit einer ehrfürchtigen Empfiudung für den 
Wert des Lebens begabt sind , sind mehr als alle anderen geeignet zur hohen Auf- 
gabe, die Menschen zu belehren und ihnen zu dienen. 



Referat« und Kritiken. 491 

Mehr als sonst jemand ist der neurotische Patient, d.-r die organischen Wahr- 
heiten des Lebens an sich selbst erfahren und der eingesehen hat, dass Beine eigene 
Neurose in der Unterdrückung der elementaren Wahrheit beruhte, der weiss, dass 
sein eigener geistiger Konflikt aus der unbewussten Anpassung an die moralischen 
und sozialen Hemmungen entsprang, geeignet, Anteil an den moralischen und Bozialeu 
Problemen des Gemeinwesens zu nehmen, denn durch seine Analyse hat er die Wahr- 
heit, die in ihm ist, akzeptiert und durch den Mut, der aus einem grossen moralischen 
Konflikt entsprungen ist, ist er gerüstet, ihn zum Ausdruck zu bringen. J. S. 

Prof. Knight Dunlap von der Johns Hopkins Universität: The pragmatic ad- 
vantageof Freudoanalyais (A Criticism). (The Psyrhoanalytic Review Nr. 2.) 
Die Kritik Professor Dunlaps knüpft an den bekannten Bericht Morton Princes 
über die Heilung der Glockenphobie') an. Die Analyse dieses Falles, meint der 
Autor mache aus zwei Gründen besonderen Eindruck. Auf der einen Seite falle 
die Geschicklichkeit auf, mit der die Analyse und die Kur durchgeführt wurde, auf 
der anderen Seite die Schwierigkeit, derartige Fälle zu behandeln. Man wird so 
zum Gedanken geführt, wie es wohl der Patientin ergangen wäre, wenn sie in 
weniger kompetente Hände gefallen wäre. Gewiss gehe der wirklich Sachverständige 
rasch und sicher auf den Grund der Dinge los, aber derartige Sachverständige sind 
schliesslich ziemlich seilen und wenn solche Fälle die Aufdeckung der wirklich 
störenden Assoziationen erfordern, müsste ein bedauerlich grosser Teil von ihnen 

nie heilungsfähig sein. • 

Der scheinbare Erfolg jener Praktiker, die in solchen Fallen auf Grundlage 
der bereits ganz konventionell gewordenen sexuellen Interpretation der Freud - 
sehen Schule vorgehen, legt die Möglichkeit nahe, dass Kuren ohne die Aufdeckung 
der wirklichen Ursachen der Störung durchgeführt werden könnten. Es ist sehr 
wahrscheinlich, dass es in einem solchen Falle allein auf eine Sache ankommt, 
nämlich die Assoziation — oder die neurotische Gewohnheit — zu zerreissen. Ge- 
wiss kann die vollständig durchgeführte Psychoanalyse die Mittel zur Zerre.ssung 
solcher Komplexe bieten; aber ihre Trennung mag vielleicht auch auf andere Weise 

möglich sein. ,. 

Wenn man es mit einem stark verschanzten Feind zu tun hat, kann man die 
genaue Stärke und Lage seiner Befestigungen herausfinden nnd .hn aus diesen ver- 
treiben- es mag aber vielleicht leichter sein, ihm die Zufuhr abzuschneiden und ihn 
auszuhungern. Dieses letztere Verfahren wird anscheinend von den Freud- Schülern 

° g Die offenbare Interpretation der Freud 'sehen Analyse würde im Falle der 
Patientin Dr Princes die gewesen sein, dass sie an einem infantilen Komplex litt, 
der sich auf ihren Vater bezog. Die Mitteilung einer solchen Interpretation an den 
Patienten würde gewiss nicht gut sein, denn sie würde einer solchen Annahme den 
schärfsten Widersland entgegensetzen; aber durch eine klnge - und lange — Be- 

i) Dieser Fall wurde im Zentralblatt III. Band, Seite 298 ausführlich besprochen. 

Der Fall ist im Journal of Abnormal Psychology, 1913, VIII, 228-242 
publiziert worden. Es handelte sich um eine Frau, die anscheinend an einer Phobie 
im Zusammenhang mit Kirchtürmen und Glockentürmen litt. Doktor Prince wollte 
sich mit der naheliegenden leichten Freud'schen Interpretation, nach welcher in 
diesem Falle die Türme phänische Symbole gewesen wären, nicht begnügen und fand 
hei tiefergehender Analyse, dass die Angstneurose nur indirekt sich auf Türme, aber 
direkt sich auf Kirchenglocken bezog und auf Umstände zurückging, die mit dem 
Tode der Mutter der Patientin zusammenhingen. 



492 Referate und Kritiken. 

bandlung könnte sie dahin geführt weiden, die Entdeckung selbst (!) zn machen, 
und zwar ganz allmählich und so umständlich, dass Bio gegen die vollständige Ak- 
zeptierung keinen Widerstand aufbringen würde. Durch verlängerte Behandlung 
wird die Idee des Komplexes in ein kräftiges Entwicklungssradium gebracht und 
eine feste Assoziation zwischen ihm nnd der störenden emotiven Reaktion hergestellt. 
Diese neue Assoziation untergräbt allmählich das Leben der älteren assoziativen Ver- 
bindung der Reaktion and ermöglicht die schliessliche Beseitigung der alten Assoziation. 
Ist dann der Arzt imstande die neue Assoziation zu zerstören, so ist die Patientin 
geheilt, und zwar ohne die Aufdeckung der ursprünglichen Assoziation. 

Die Hauptbedingungen für eine glückliche Freud 'sehe Analyse wären dem- 
nach die folgenden: 

1. Die neue Assoziation muss durch eine relativ lange Zeitperiode entwickelt 
werden, damit sie genügend stark werden und die ursprüngliche Assoziation unter- 
minieren kann. Tatsächlich erfordert eine erfolgreiche Freud "sehe Behandlung 
viele Monate. 

2. Die neuen Assoziationen dürfen der Patientin nicht aufgedrängt werden, 
sondern sie muss sie langsam und geschickt selbst entdecken (!). 

3. Die ausgewählten Assoziationen müssen derartige sein, dass sie durch fast 
jeden Inhalt des Bewusstseins der Patientin suggeriert werden, wodurch die Auf- 
deckung leicht gemacht wird; und Bie müssen ein starkes natürliches Interesse ins 
Spiel bringen, damit die Akzeptierung der Idee und das rapide Wachstum der 
Assoziation erleichtert werde. Sexuelle Dinge erfüllen diese Anforderungen vortreff- 
lich. Durch die organische Rückstrahlung und dia Fortdauer solcher Ideen können 
Assoziationen mit beliebigen anderen Inhalten leicht hergestellt werden. Es gibt 
absolut nichts im Universum, das nicht leicht in ein sexuelles Symbol verwandelt 
werden könnte. Zur Illustrierung dies« Tatsache hat DunUp Fragmente aus der 
Literatur herausgerissen und sie mechanisch in ein wüstes Material übersetzt, das 
charakter.st.sch Freudisch wäre. Die Reime der Kinderlieder wären dann ohne 
weiteres Vorbilder für diesen Typus der Pornographie. Weiters können alle natür- 
lichen und künstlichen Objekte in Freudische Symbole verwandelt werden. Nach 
Freudschen Prinzipien könnten wir erklären, warum die Bäume die Wurzeln in 
der Erde haben — warum wir mit Federn schreiben - warum wir einen Liter 
Wem in eine Flasche füllen und ihn nicht wie ein Stück Fleisch auf einen Haken 
hangen usw. 

Kurz, sexuelle Assoziationen Bind für die Zwecke der Freudschen Analyse 
ausgezeichnet brauchbar. Wenn der Analytiker über Geduld und Geschick verfugt 
und solche Mittel zur Verfügung hat, so ist es in vielen Fällen ganz überflüssig, 
die Ursache der psychoneurotischen Umstände zu bestimmen, wenn es sich um deren 
Heilung handelt. Nur von diesem pragmatischen Gesichtspunkte kann man annehmen, 
dass die Freud sehe Analyse einen Vorteil gegenüber den mehr wissenschaftlichen 
Methoden, wie sie von Prince befolgt werden, besitze. 

Damit die Darstellung absolut keinen Zweifel über den Ernst seines Ge- 
dankens lasse, will der Autor die Dinge in einer unzweideutigen Form aussprechen. 

D.e Behandlung nach der Freudschen Analyse mag in manchen Fällen die 
wirklichen Assoziationen treffen nnd ausrotten, aus denen die Störungen des Patienten 
erwachsen sind; aber in den meisten Fällen besteht der Mechanismus der 
glücklichen Behandlung nur darin, dass der ursprüngliche nicht 
aufgedeckte Komplex durch einen neuen pathologischen Komplex 
ersetzt wird. Dies allein sollte klarmachen, daes Kuren infolge Freudscher Be- 
handlung nicht bewertet werden können als Beweise zur Unterstützung der Freud- 
schen Dogmen. 



Referate und Kritiken. 

Die Ratsamkeit der substitutioneilen Therapie, — ausser wenn es sich um 
ein letztes Auskunft9mittel handelt — ist jedoch zweifelhaft. Wohl möglich, dass 
eine solche Behandlung in so vielen Fällen erfolgreich sei, dass sie hinreichend ge- 
rechtfertigt erscheint. Auf der anderen Seite aber kommen zwei Möglichkeiten in 
Betracht: erstens, dass der durch die Freu dache Analyse geschaffene Komplex 
nicht den ursprünglichen Komplex verdrängp, zweitens, dass der Analytiker nicht 
imstande sei, den Komplex, den er geschaffen hat, zu zerstören. — Und diese letztere 
Möglichkeit birgt grosse Gefahren in sich. 

„Zum Schluss möchte ich sagen, dass ich auch eine strenge Kritik würdige, 
wenn sie wirklich auf die zur Diskusion stehend* Frage abzielt. Aber ich kann 
nicht jene Kritik ernst nehmen, die so häufig von den Freu d- Schülern erhoben 
wird: „Sie kennen die Dinge nicht; wir, die wir sie studiert haben, wir kennen sie 
und sind nicht imstand mit ihnen zu diskutieren, weil Sie sie nicht kennen." Ich 
könnte vielleicht hinzufügen, mir ist schon gesagt worden, dass die vorausgegangene 
Darlegung eine interessante Enthüllung meiner eigenen Komplexe sei". J. S. 

Willy Mayer: ZurPhänomenologieabnornierGlücksgeftihle. Zeitschrift 
für Pathop3ychologie, II. Band, 4. Heft. 

Die Studie Mayers über die abnormen Glücksgefühle, die sich der Psycho- 
analyse enthält, ist eine sehr interessante und genaue Schilderung und Festlegung 
gewisser abnormer Gefühle. Er unterscheidet zwischen dem Glücksransch und dem 
Glücksaffekt. Beim Glücksransch ist etwa an die Empfindungen der Mystiker zu 
denken und der Autor knüpft an eine bedeutsame Stelle aus Heinrich Suso an. Die 
Gegenstände und alle Fragen des Gegenstandsbewusstseins verschwinden: .Ver- 
gessen seiner selbst und aller Dinge". Was an ihre Stelle kommt, wird bildlich als 
ein glanzreicher Widerschein, als ein Sehen und Hören, was formlos und weiselos 
ist und doch aller Formen und Weisen freudenreiche Lust in sich hat umschrieben. 
Diese Metafer von der inneren Helle, die sich in fast allen Schilderungen des 
Glücksrausches findet, ist ebenso wie die oft verwandte Bezeichnung „Süssigkeit" von 
ähnlichen Gefühlserlebnissen in gegenständlicher Einstellung entnommen. Im Be- 
wDBstsein ist nichts von äusserer oder innerer Bewegung, Abachluss von der Welt 
ist das alleinige Gefühl des Glücksberauschteu. Trotzdem aber wohnt dem Gefühl 
im Glück8rausche eine Bewegungstendenz inne, nicht mit dem strebenden Ich nach 
aussen, sondern gegen das aktuelle Ich gerichtet, es gefährdend, zur Aufgabe seiner 
selbst drängend. Hier sei zu beobachten, was Geiger im Zusammenhang derartiger 
Erlebnisse zuerst aufwies, dass nämlich dieses Sichverlieren des Ich im Gefühl mit 
dem Phänomen der Vereinigung von Ich und Gegenstand nahe verwandt ist. Geiger 
hat gezeigt, wie solche Erlebnisse der Auflösung und ebenso der Ausweitung dps 
Ich bei der einfühlenden Einstellung auf Kunstwerke aus der Vereinigung der aus 
der Spontanität des Ich stammenden Stimmung mit dem Stimmungscharakter des 
Gegenstandes hervorgehen können. Der Glücksrausch aber ist gegenstandslos: und 
bo eint sich das Ich, wenn es sich ihm hingibt, mit etwas ganz allgemeinem, mit 
Gott, mit dem All. Der Autor zitiert verschiedene Schilderungen entsprechender 
Gefühle. Das eine zeigt die Züge der das Ich tragenden Gefühlsfülle und der Ich- 
hingabe an 6ie, wenn auch mehr an der Oberflache der Persönlichkeit sich haltend. 
Es wird noch ausdrücklich auf die Gefühlsfärbung der umgebenden Situation aus 
der Ursache des Einklangs hingewiesen, während andere Schilderungen nichts neben 
dem Rausch des allumfassenden Gefühls und der Auflösung des selbst darin wieder- 
geben. Man ist damit sehr nahe der Ichaufgabe der echten Extase gerückt — ent- 
sprechendes Material ist am besten in den exatischen Konfessionen Bubers zu 
finden. Was den Bewustaeinszustand anlagt, so muss die eigenartige Hingabe an 



494 Referate und Kritiken. 

das Innenleben im Glücksrausch nicht als ein normales Bewusstsein bezeichnet werden; 
andeierseits aber ist das Eileben ein durchaus hellbewusstes klares und in der Er- 
innerung lebendiges. Einmal ist unter klarem Bewusstsein die geistige Einstellung 
verstanden, welche zweckbewusst auffasst, urteilt und handelt, also daher apperzipiert. 
In diesem Sinne ist der Glückarausch ein Vorgang bei abnormem, zumindest ver- 
ändertem Bewusstsein. Bezeichnet man dagegen als klares Bewusstsein die Teil- 
nahme des ganzen psychischen Ich an dem Erleben, ohne dessen rationale Wertung, 
so handelt es sich um einen Zustand klarsten Bewusstseins. Die Körperempfindungen 
wirken scheinbar überhaupt nicht irgendwie fundierend in dem Gefühl, sie sind ihm 
entgegen, feindlich gerichtet. .Der Leib war zu schwach diesen Glanz zu ertragen. 
Da bat ich und sagte: Herr nicht mehr oder ich muss zerbersten!" (aus einer 
Schilderung des Wiedertäufers Hemme Hayen. Im Glücksrausch wird das Ich vom 
allmächtigen Gefühl in seinem Bestände bedroht und sie worden auch mit dem Tode 
in Verbindung gebracht (Suso) wie auch in der Schilderung Finneys: .Jene Wogen 
der Liebe überfluteten mich, dass ich ausrief: Ich sterbe, wenn sie sich noch länger 
über mich ergiessen." 

Mayer fasst die Charakteristika des Glücksrausches folgendermassen zusammen. 

1. Der Glücksrausch ist charakterisiert durch ein Gefühl, das das Bewusstsein 
in möglichst grossem Umfang an sich zu reissen sucht. 

2. Dies Gefühl ist in reiner Inneukonzentration (nach der Bezeichnung Geigers) 
erlebt, d. h. es ist frei von jeder Tendenz zur Vecgegenständlichung. 

3. Das Gefühl ist ferner frei von jeder Bewegung nach aussen im Sinne eines 
Impulses oder einer Strebung. Es hat eine stillstehende, ruhige Eigenart. 

4. Das Gefühl hat die Tendenz das Ich in sich aufzulösen, es zur Hingabe 
an sich zu bringen, während das Ich sich mehr oder weniger zu dieser Auflösung 
im Gefühl bereit zeigt. Dieses Sichverlieren an das Gefühl sieht in nächster Be- 
ziehung zu den Erlebnissen der Ausweitung des Ich und des Einsseins des Ich mit 
Gegenständen. 

5. Den Bewusstseinszustand im Glücksrausch wird man ju nach der Definition 
de Bewusstseinsklarheit als einen getrübten, im Vergleich zur apperzeptiveu Geistes- 
haltung, als einen klaren, nach Massgabe der Fülle seiner Lebendigkeit und Er- 
innerungsfähigkeit bezeichnen. 

6. Die Körperempfindungen geben im Glücksrausch durch ihre eigenartige 
Qualität dem in seiner Existenz bedrohten Ich die Farbe. 

„Ein namenloses Entzücken und Dankbarkeit nahmen in meinen Herzen Platz 

(entnommen der von Engelken veröffentlichten Selbstschilderung) ich war 

unbeschreiblich heiter Mein Zustand war damals beneidenswert, so hatte ich 

ihn mir immer gewünscht: Welt und Menschen lachten mich an, ich verlangte sehr 
nach Tätigkeit, um aufs Neue anzufangen zu leben. Ich hatte das Bedürfnis die 
ganze Welt durch eigene Aufopferung zu beglücken Wunderschön er- 
erschienen mit die Menschen hier " Diese Schilderung offenbart ein 

völlig anderes Glückserlebnis. Hier handelt es sich um den Glücksaffekt. Auch 
hier lebt der Schilderer in dem Gefühl, aber es findet 6ich zugleich eine Tendenz 
des Gefühls, die Erlebensseite zu verlassen und sich auf die gegenständlichen Be- 
wusstseinsteile auszubreiten. Dadurch entsteht nun nicht etwa ein Gefühl, das in 
Ausseukonzentration erlebt wird, sondern im Abglanz des in zustündlicher Ein- 
stellung erlebten Gefühls erscheinen die Gefühlstöne der Gegenstände. Die Stiramunga- 
f«rbe ergieBSt sich wahllos auf alle Gegenstände (.meine Pferde und Schweine und 
jedermann wurde verwandelt", zitiert voti Starbuck). Aber im Gegensatz zu dem 
Glücksrausch, der nur Begriffe, wie Gott, Universum und so weiter und diese auch 



Referate und Kritiken. 495 

in anderer Form einbezieht, werden jetzt die konkreten Dinge Trager der Gefühls- 
töne des GlücksgefübJs. Die Gegenstände ei scheinen verwandelt, sie sind verschönert, 
verklärt, von einem Glorienschein umgehen, oder dem Licht, der Luft um sie wird 
die beglückende verklärende Wirkung zugeschrieben. Die Menschen erscheinen 
sympatisch und besser. In anderen Schilderungen handelt es eich nicht mehr um 
das sich über alle Gegenstände ergiessende Glucksgefühl, sondern es liegt ein diffe- 
renzierteres spezielles Glucksgefühl vor, das in besonderer Weise mit einem Gedanken- 
bilde verknüpft ist — wir haben Glücksgefülile als Ahnungsgefühle vor uns. Die 
Farbe des Gefühls, die wir auf die Gegenstände der äusseren Welt haben ausstrahlen 
sehen, eigiesst sich auch auf die Seele des Glücklichen: „es war als winde sich mit 

jeder Minute der Geist mehr los aus seinen Banden usw Es begann ein 

ganz neues himmlisches Leben in mir.* Und ganz im Gegensatz zu dem Glücks- 
rausch, der mit seinem Gefühl das ganze Bewusstsein zu erfüllen trachtet, das alle 
seelischen Kräfte aufsaugt, macht das hier beschriebene Glücksgefühl neue Strebungen 
und Wollungen frei (»meine Ideen häuften sich ... ich verlangte nach Tätigkeit') 
(„er machte Kraftübungen mit Stühlen, er dachte an alles"). Dem Glücksgefühl 
wohnt ein Drang zur Aktivität inne, der in der Richtung der Strebung wirkt, wie 
umgekehrt diese ganze innere Bewegung aus dem Gefühl herzukommen scheint. 
Dieses ist die Triebfeder des Strebens, das seinerseits, indem es strebt, es als Kraft- 
quelle verbraucht. An der Hand sehr interessanter Zitate aus Gerard de Nerval und 
aus den „Denkwüidigkeiten eines Nervenkranken" dringt Mayer immer tiefer in die 
Schilderung dieser Zustände ein. Ausser dem Strom, der vom Gefühl zur Strebung, 
sie gleichsam speisend, hinläuft, saugt das Gefühl aus der Strebung, besonders aber 
aus ihrer Verwirklichung, neue Kraft. Diese zweifache Verwicklung von Gefühl und 
Strebung stellt die Fähigkeitsgefühle auch phänomenologisch in Parallele zu den 
ihnen entsprechenden Insuffizienzgelühlen, wo die auf ihrem Gefühlsanteil fundierte 
Hemmung wieder rückläufig dem Gefühl neue Nahrung gibt. Wir haben hier die 
Eigenart eines auf einem Glücksgefühl fundierten Fähigkeitsgefühlea zu betrachten, 
das sich durch die besondere darin enthaltene Fähigkeit auszeichnet. Die Strebung, 
richtiger die Tätigkeit darin ist ein irgendwie geartetes Erkennen. Es handelt sich 
um den komplizierten Vorgang, den man als Gefühl des Klarsehens bezeichnen kann. 
„Es folgte eine intellektuelle Erleuchtung*. Um Klarheit zu gewinnen, muss man 
sich dem Charakter der Passivität, der dem Erkennen eigentümlich ist, vergegen- 
wärtigen. In ganz ausgeprägtem Masse ist die Erleuchtung des Klarsehenden ein 
sulch passiver Erkennungsvorgang. Sie wird mit dem Geschenk des Angenlichts 
an einen Blinden verglichen. Und das Gefühl des Klarsehens enthält ein Glücks- 
gefühl. In ausführlicheren Schilderungen wird aber deutlich, dass sich das Glücks- 
gefühl dem nähert, was wir als Bestandteil des Glücksrausches kennen gelernt haben. 
Während im Glücksrausch sich das Ich dem Gefühl hingibt, behauptet sich 
das Ich im Glücksaffekt. Das bedeutet nicht, dass es dem Gefühl irgendwie gegen- 
überstände. Es lebt vollständig in dem Gefühl und fühlt sich durch dasselbe in 
einen neuen Daseinszustand versetzt. Man spricht von dem gehobenen Selbstbewusst- 
sein solcher Zustände. Es ist nun die Frage aufzuwerfen, die beim Glücksrausch 
keinen Sinn batte: Ist der Glücksaffekt notwendig im Zentrum des Ich verankert, 
oder kann er auch mehr von der Oberfläche des Ich ausgehen? Tatsächlich schliefst 
schon unsere Bezeichnung Glücksgefühl die zweite Möglichkeit aus. Den Bewusst- 
seinszustand in diesem Affekt wird man als klar bezeichnen, sowohl seiner Lebendig- 
keit und Erinnerungsfrische nach, wie im Hinblick auf die Auffassung der Umgebung. 
Es ist. nur zu beachten, ob nicht die Färbung der Umwelt durch die GefUhlscharaktere 
als Kennzeichen eines abnormen Bewusstseinszustandes heranzuziehen "ist. Jeden- 
falls haben wir in dieser Erscheinung einen der Faktoren zn sehen, die die ihrer 






496 



Referate und Kritiken. 



eigentlichen Natur nach wenig bekannte Bewusstseinstrübung in Affekten mit- 

bedingen. 

Als Ergebnis jener Untersuchungen stellt der Autor die aufgezeigten Merk- 
male des Glücksaffekten denen des Glücksrausches gegenüber: 



Das Gefühl im Glücksrausch wird in 
Innenkonzentration erlebt, es hat das Be- 
streben das ganze Bewusstsein zu erfüllen, 
alle anderen psychischen Inhalte daraus 
zu verdrangen. 

Phänomene des Gegenstandsbewusst- 
seins linden daher in der Seele des Glücks- 
berauschten keinen Platz. Der Glücks- 
rausch ist frei von jeder inneren Be- 
wegung, sein Gefühl ist von stillstehender, 
ruhiger Eigenait. Das Gefühl im Glücks- 
rausch hat die. Tendenz das ich in sich 
aufzulösen, wahrend das Ich entsprechend 
zur Hingabe an das Gefühl neigt. 



Das Bewusstsein im Glücksrausch ist 
ein klares durch die Lebendigkeit und 
Erinnerungsfähigkeit des Erlebten, ein 
gotrübtes durch den Unterschied von der 
apperzeptiven Haltung gegenüber der 
Aussenwelt. 

Die Körperempfindungen des Glücks- 
lauschea betonen durch ihre Unlustquali- 
tät die Gefährdung der Existenz des Ich. 



Das Gefühl im Glucksaffekt wird in 
Innenkonzentration erlebt. Es strebt da- 
nach, alle psychischen Inhalte mit seinem 
Gefühlslon zu färben. 

Der Gefühlscharakter des Glücksaffekts 
strahlt auf die Gegenstände aus, ohne 
dass das Gefühlerlobnis in Aussenkonzen- 
tration übergeht. Die Gefühlscharaktere 
gehen Verbände mit Bewusstheiten zu 
Ahnungen ein. 



Der Glücksaffekt enthält Slrebungen, 
mit denen sein Gefühl Veibindungen von 
der Form eines Fähigkeitsgefühls eingeht. 
Für den Glilcksaffekt ist eine starke, 
selbstsichere Behauptung des Ich charak- 
teristisch. 

Das Bewusstsein im Glückt-aftekt ist 
klar durch Lebendigkeit, Erinnerungsfähig- 
keit und appeizcptive Haltung, es ist 
abnorm in bozug auf die Störung r'er 
Apperzeption durch die Gefühlscharaktere. 



Die Körporempfindttngeii geben der 
Gefühlsfarbe des Glücksaffektes sinnliche 
Frische und betonen die Ichhehauptung 
im Glücksatfekt. 

Bei der Analyse der beiden Erlebnisse wurde es nötig, einigen Zusammen- 
hängen nachzugehen und einige Begriffe abzugrenzen : 

1. Wir konnten auf die Mitwirkung von Gefühlen bei ekstaseaitigen Ich- 
phänomenen hinweisen. 

2. Als Ahnung stellten wir ein noch näher zu untersuchendes Gcfühls-Gedanken- 
Erlebnis heraus, das eich durch eine eigenartige Verbiudungsweise seiner beiden Teile 
auszeichnet. 

3. Die Verbindung eines Gefühls mit einer Strebung nannten wie Fähigkeits- 
gefühl, wenn das Gefühl nicht nur die Triebfeder der Strebung ist, sondern sich auch 
aus ihr wieder erneut. 

4. Das Gefühl des Klarsehens ist seiner Struktur nach ein Fäbigkeitsgefiihl 
sein Gefühlsbestandteil ist dem des Glucksrausches ähnlich. J. S. 
A. Z. Storfer: Marias jungfräuliche Mutterschaft [Ein völkerpsychologi- 
sches Fragment über Sexualsymbolik). Berlin. Hermann Barsdorf 1914. 

Ein Fragment nennt der Autor sein Werk mit jener Bescheidenheit, die 
den gründlichen Kenner eines Gebietes auszuzeichnen pflegt; und ein solcher 
Kenner der Mythen und Sagen der alten Völker ist A. J. Storfer. Dem 



Referate und Kritiken. 497 

Buche kommt bei der ausserordentlichen Rolle, die das Dogma von der Jung- 
fräulichkeit Marias im Geistesleben der Völker Europas gespielt hat, eine 
hohe Bedeutung zu und die analytische Arbeit des Verfassers ist auf der Höhe 
dieser Aufgabe geblieben. Sie ist besonders klar durchdacht und dargestellt. Dem 
Dogma von der unbefleckten Empfängnis des Heilandes ist sowohl vom freisinnigen 
Protestantismus wie vom militauden Freidenkertum oft arg zugesetzt worden. Der 
Rationalismus übersieht gewöhnlich, dass die kirchliche Doktrin nicht Ursache, 
sondern bloss eine sekundäre Erscheinung ist und dass die allgemeine Menschlichkeit 
des Motivcs über hiatorisch-geographisch-kultuielle Isoliertheiten hinausragt. Der 
Mythus von der jungfräulichen Mutter ist ein wichtiges Glied im Gewebe jener tieferen 
Religion, die nicht aas Offenbarungen, Konzilbeschlüssen und Hirtenbriefen heraus- 
wächst, sondern im Völkerpsychischen, in letzter Hinsicht also im Seelenleben des 
Menschen schlechthin wurzelt und bisher eher nur von unten heraus den niedrigsten 
Äusserungen (wie os beispielsweise der Aberglaube ist) zu begreifen ist, als nur 
aus dem offiziell zurechtgelegten kirchlichen Bekenntnis. Es hiesse aber die Funktion 
des sozialen Religionsverbaudes im völkerpsychischen Haushalte überschätzen, fügte 
man nicht hinzu, daBS im wesentlichen auch der hierarchisch modifizierte Religions- 
Kehalt voh der untersten und letzten Instanz durchaus abhängig ist, — abhängig 
in dem Sinne, dass die »legitimen* Legenden, Dogmen, Kultgebrftuche, wie sie sich 
in einer organisierten Religionsgemeinschaft entwickeln, wohl in ihrer äusserten 
Hülle der .Zensur" durch das völkerpsychische Obernewusstsein unterworfen sind, 
in den ihnen zugrundeliegenden Affekten und Vorstellungsverknüpfungen aber umso 
hartnackiger fortbestehen bleiben als Äusserungen einer relativ interethnischen und 
relativ ausserhistorischeii Volksreligiun. Diese Abhängigkeit nach unten auch bei 
einem so stark zensurierten Religionssystem, wie es das Christentum darstellt, tritt 
in dieser Arbeit oft zutage. 

Trotz der grossen Bedeutung des christlichen Mythus von Marias Jungfräu- 
lichkeit für das Seelenleben der Kulturmenschheit wird ihm nur geringe wissen- 
schaftliche Behandlung zuteil. Diese Tatsache festzustellen scheint dem Autor von Be- 
lang, nicht um die Berechtigung oder Notwendigkeit der vorliegenden Untersuchung aus 
ihr abzuleiten, sondern: weil die Scheu vor der wissenschaftlichen Entschleierung 
dieses Mythus durch seinen hier festzustellenden Charakter selbst bedingt ist. Auf 
psychologische Gründe ist zurückzuführen, dass man (selbst noch in einer Zeit, in 
der Altertumskunde uud Naturgeschichte, Ethnologie und Soziologie unser Wissen 
um das Völkerlebon in einem früheren Epochen unerträumbaren Grade vermehrt 
haben, in der eine unübersehbare Reihe von Forschern bestrebt ist, das scheinbare 
Chaos von Material psychologisch zu durchleuchten) die Beantwortung der das Christen- 
tum betreffenden Fragen in der Hauptsache der Theologie Uberlftsst. Oder wenn 
nicht cum studio, so tritt man cum ira an den Stoff heran. Auch in dieser feind- 
seligen (psychologisch gesprochen: negativistischen) Einstellung gegen das Christen- 
tum ist oft eine gefühlsbetonte (und dabei religiös-sexuell bedingte) Abhängigkeit vom 
Objekte zn erkennen. Daher wird in den Forschungen über das ausserchristliche 
Altertum (obschon auch dort manches mit geschwellten Segeln ausfahrende Schiff 
auf den Sandbänken der Philologie strandet) viel mehr geleistet, als in der jüdisch- 
christlichen Religio nsforschung. Und daher schreitet die völkerpsychologische Er- 
forschung der „Naturvölker* in ihren Erkenntnissen weitaus rascher und sicherer 
vorwärts als die völkerpsychologische Forschung in jener — man darf vielleicht 
sngen: vornehmsten — Domäne, die die religiösen Äusserungen christlicher Völker 
umfasst. 

Besonders auffällig — und das hat, wie schon angedeutet, seine Gründe — 
äussert sich der Rührmichnichtancharnkter eigenreligiöser Erscheinungen in dem 



49S Referate und Kritiken. 

Verhalten der Wissenschaft zum Maria Christus-Mythos. Im Unbewussten macht 
hier ein patriarchalisches Tabu Bein auf Züchtung von Scheu- und Schauerempfindungen 
bedachtes „Handab!" geltend, ein Tabu, wie es in einer Hymne des hl. Ephrems in 
Worte gefasst wird: „Schamrot werde der Schriftgelehrte, der die erlauchte Mutter 
zu erfo. sehen sucht, wissen will, wie sie Mutter ihres Schöpfers geworden ist. 

Einer Kritik, deren Ausgangspunkt das .Schamrot werde...!« ist, steht - 
meint der Autor — diese Arbeit wehrlos gegenüber. Wehrlos in dem Sinne, als sie 
von vornherein darauf verzichtet, sich in »ine verteidigende Stellung zu versetzen, 
als sie es für überflüssig erachtet, sich hinter dem fortgesetzten Hinweis auf die 
Ethik wissenschaftlichen Strebens zu verschanzen. 

Die Annlyse selbst behandelt zunächst mythische Vorstellungen, die sich an 
die Jugend Marias anknüpfen («Marias Darbringung" und „Josefs Ausorwftblung'), 
dann die Verkündigung, ergänzend sodann die Untersuchung einiger Mariensymbole 
und gewisser mythischer Bestandteile der Christus- Vorstellung. Hervorzuheben ist, 
dass manche Symbole im Werke S torfers zum ersten Male ihre Deutung er- 
fahren. Die Analyse ist äusserst klar und leicht übersichtlich, zumal der Autor 
seine Auffassung der Methode vorher klar präzisiert. Mit dem mythischen Stoffe muss 
vorgegangen werden, wie von jedem einzelnen Momente des Traumes der Assoziatious- 
faden bis zum verdrängten Komplex abgewickelt wird. Von dieser Ansicht aus- 
gehend, dass die Methode der Vülkerpsychoanalyse im Wesen der der Indivi.lual- 
psychoanalyse analog, weist der Autor durch die Ergebnisse seiner Untersuchungen 
nach, dass die Chiffren der mythischen Geheimsprache Symbole und zwar vornehm- 
lich Sexualsymbole sind, die zugleich auch wirtschaftliche Symbole, Machtsymbole, 
genauer gesagt Recht- oder Unrechtsymbole sind. Analysiert werden folgende Be- 
griffe: In .Marias Darbringung' - Weihe, Fackel, Kerze, der S"gen des Priesters, 
ausgebreitete Arme, Stufensteigen, Waben, aufgelöstes Haar, gottgeweihte Jungfrauen, 
Schleier, Lilie, Myrthe ; in .Josefs Auserwähluog" : Stab, Rute, Wettbewerb , Sieg. 
In .Marias Verkündigung": Schlange, Wort. Zunge, Hände, Mond. Blick, Strafe, 
Hegon, Flügel, Zweig, Zepter, Schwert, Einhornjagd, Mühle. 

Es folgt die Analyse der Mariensymbole : Arche, Schiff, Buch, Erde, Paradies, 
Brunnen, Quelle, Gefäss, Stadt, Festung, Tempel, Brautgemach, Bundeslade, Ver- 
schlossen, Tor, Tür, Fenster, Schwarz. Schliesslich wird die .pliallische Komponente 
der Chnstusvorstellung" untersucht an den Begriffen: Ego et Pater unus sumus, die 
Geburt der Helden, der Medizinmann, die Vorhaut, Tisch, Esel, Hammer, Kreuz, Tod 
und Auferstehung. 

Die Resultate über die mythischen Tendenzen des Christentums, zu denen 
Stör f er gelangt, sind bei dieser gründlichen Vertiefung des Gegenstandes natur- 
gemäss ganz originell, so wenn er schreibt: die Spitze richtet sich dem verhüllten 
Sinn nach nicht gegen den Geschlechtsverkehr überhaupt, sondern gegen seine Ein- 
engung durch die Monogamie, gegen die patriarchalische Ordnung. Er entdeckt über- 
haupt eine gewisse intime Beziehung zwischen dein Christentum und seinem Mythus 
and gelangt zu einigen grundlegenden Erkenntnissen. Da die tatsächliche (historisch- 
wissenschaftliche) Revolution missglückt ist, (indem die Kirche, mit der weltlichen 
Macht verbunden, selbst ein Imperium errichtete) tritt der Sieg der anti patriarchali- 
schen Bestrebungen in der psychischen Realität ein. Das Buch Storfers darf 
als Grundstein für Erforschung der Psychoanalyse des Christentums bezeichnet 
werden. Julius Sachs. 

Priv.-Doz. Dr. pbil. W. Petera: Die Beziehungen der Psychologie zur 
Medizin und die Vorbildung der Mediziner. (Würzburg 1913, Curt 
Kabitzsch. 33 S.) 



Referate und Kritiken. 499 

„Sicher ist — sagt Verf. einleitend — , dass heute dem Mediziner in der Regel, 
sofern er nicht gerade Psychiater ist, die Einstellung auf das Psychische und die 
psychischen Kenntnisse abgehen.' unter diesen versteht Verf. Kenntnisse in „der 
experimentellen, streng empirischen* Psychologie, deren Zusammenhang mit einzelnen 
Disziplinen der Medizin er darzulegen versucht. So spricht Verf. bei der Pharmakologie 
über die Beeinflussung psychischer Vorgänge durch die Schlafmittel, wie Chloral- 
hydrat, Paraldebyd, Trional etc. Natürlich stellt Verf. auch die Forderung auf, dass 
der mit chemischen und pathologisch-anatomischen Kenntnissen für die Praxis (!) 
ausgerüstete Mediziner auch in dieser Art von Psychologie noch obendrein sich 
einer Prüfung unterziehen soll. Wie furchtbar gleichgültig ist es, zu wissen, dass 
z. B. Chloralhydrat „den Ablauf psychischer Vorgänge verlangsamt", und wann 
kommt je der Praktiker in die Lage, dies unzuverlässige, tückische Mittel zu ver- 
schreiben! Ganz abgesehen davon sollten Hypnotika nur im Notfall verordnet werden. 
Wozu dieser überflüssige Ballast? Iüt es nicht viel wichtiger, dass man den Mediziner 
lehrt, die Wurzeln der Schlaflosigkeit zu erkennen und weiter, darüber klar zu sehen, 
■warum Menschen nach Schlaf- und Rauschmitteln greifen?! Was nutzen ihm dabei 
Kenntnisse in „der experimentellen, streng empirischen* Psychologie! ... Die Hysterie 
(pag. 14 f.) gibt dem Verf. Gelegenheit, sich über die Forschungen von Faust und 
speziell von Freud zu äussern. Nach seiner Meinung „bedeutet die Assoziations- 
methode sicher einen grossen Fortschritt gegenüber der ursprünglich von Freud 
angewandten". Es seien „die empirischen Grundlagen, auf denen sich die psycho- 
logischen Theorien Freud's aufhauen, mehr als dürftig*... . „Völlig unbewiesen 
ist jedoch die von Freud vertretene Auffassung der Absperrung oder Verdrängung 
von einzelnen gefühlsbetonten Erlebnissen aus dem Bewusstsein, unbewiesen im 
weitesten Sinne ist ferner die Freud 'sehe Lehre von der Symbolfunktion gewisser 
psychischer Vorgänge und damit der eine Grundgedanke seiner Uysterietheorie. 
Nicht bewiesen ist dann aber auch der andere Grundgedanke dieser Theorie, wonach 
die hysterische Erkrankung wesentlich bedingt ist durch ein stark gefühlsbetontes 
Erlebnis und zwar ein Erlebnis sexueller Natur" .... Die bekannteste Form der 
Psychotherapie ist nach Verf. die Suggestivtherapie, neben ihr gibt es noch die 
psychoanalytische und als dritte Form die „Erziehungs- oder Übungstherapie". (Verf. 
bemerkt im Vorwort, dass Isserlin ihn auf „manches Verbesserungsbedürftige auf- 
merksam gemacht") . . . Allen Besuchern des letzten Kongresses wird der Vortrag 
von Bleuler noch lebhaft in Erinnerung sein. Über die Notwendigkeit einer gründ- 
lichen, psychologischen Schulung der Mediziner bestand hier nicht der leiseste Zweifel, 
wohl aber sehr über das Wie? Verf. vorliegender Schrift schlügt nun eine Anleitung 
insbesondere durch die Vorlesungen über Psychiatrie vor. Hier sei jedoch sehr wohl 
die periphere Stellung dieser Disziplin zu berücksichtigen. In den übrigen klinischen 
Fächern biete sich infolge des an sich schon grossen Stoffes kaum Gelegenheit. Es 
bliebe somit nur übrig, die Psychologie in den offiziellen Lehrplan aufzunehmen und 
(wie bereits vom Ref. vorweggenommen) auch hierüber ein Examen ablegen zu lassen, 
und er Bcbliesst: „Über das Wie wird man sich einigen können. Die Hauptsache 
bleibt, dass das Bedürfnis anerkannt wird und der Wille vorhanden ist, ihm Rechnnng 
zu tragen". Möchte man sich auch über das Was einigen, bevor man den Willen in 
die Tat umsetzt! Hans Schnorr. 

Dr. med. Walter Hirt: „Das Leben der anorganischen Welt.' (Verlag von 
Ernst Reinhardt in München 1914, 149 S.) 

„Löst mir das Rätsel des Lebens" rief einst über das wogende Weltmeer der 
Jüngling dahin von grässlichem Zweifel gefoltert. Unzählige taten es vor, Unzählige 
nach ihm. Wie anders wohl mochte das uralte, qualvolle Rätsel lauten als: „Kann 



500 Referate und Kritiken. 

belebte Materie aus unbelebter hervorgehen?" Auf Grund neuerer und jüngster For- 
schungsresultate aus dem weiten Gebiet der Naturwissenschaften bejaht der Verf. 
diese Frage und mit ihr auch die logisch zu folgernde: „Kann belebte, höher organi- 
sierte re8p. komplizierter zusammengesetzte Materie aus belebter, niedriger organi- 
sierter resp. einfacher zusammengesetzter Materie hervorgehen?" Manch' zUnftiger 
Gelehrter und Nichtgelehrter wird gar UDgläubig das bebrillte Haupt schütteln, wenn 
er so z. B. vom Atmen und der Ernährung, über Foitpflanzung und Krankheiten in 
der .leblosen* Natur vernimmt, Vorgänge, für die grosse Menge von Beispielen 
Zeugnis ablegen, jäh stutzen aber wird er und seine Brille verschieben, wenn er beim 
letzten Kapitel anlangt, in dem der Verf. eine „Vergleichung mit seelischen Vorgängen 
mit Vorgangen in der anorganischen Welt" vornimmt. Nun, diese zuriftyemässe Ver- 
ständnislosigkeit kennt der Analytiker ja zur Genüge, wohl niemand weiss so gut 
wie er, wie gar leicht sie geneigt ist, Pioniere für „Narren" zu erklären, da' sich 
solche mühen mit blinkendem Beil Bäume zu fällen, abseits von der Hauptstrasse 
eiuen neuen Weg zu ebnen, auf dessen Weiser nur das eine Wort steht: Leben. 
Und das muss ihn locken, klingt es doch seinem Ohr gar vertraut, oder hört er 
nicht täglich den hallenden Schrei . . .gestorbener Sehnsucht.. ..? Huscht da nicht 
scheu über die zögernde Lippe gar zagend die Frage: Gibt es überhaupt einen Tod...? 
Für solch reichhaltigen, übersichtlichen Führer aber wird er dem Verf. dankbar sein 
und sich freuen, schon so viele Wandergenossen zu finden, in deren Händen sich 
nunmehr die ganze vergriffene erste Auflage befindet. 

Wir können das fesselnd geschriebene Buch allen Kollegen wärmstens empfehlen. 
Es wird sie überzeugen, dass die Welt noch voller Rätsel ist. .. H ans Schnorr. 

Dr. Oskar Pfister: Die psychanalytische Methode. Eine ert'ahrungswissen- 
schaftlicli-systematische Darstellung. (Verlag von Julius Klinkliardt, Leipzig und 
Berlin 1913. Preis Mk. 11.) 

Vor uns liegt ein mächtiger, reichlich 500 Seiten schwerer Band. Ursprüng- 
lich angefangen für I 'sychologen , Pädagogen und Theologen, beschränkt Pfister 
diese zuviel umfassende Aufgabe auf ein Werk für Pädagogen. Dieses nun sollen 
wir an erster Stelle bei der Beurteilung ins Auge fassen, so dass wir nicht den Maas- 
stab anlegen dürfen, den ein rein medizinisches Werk uns auferlegen würde. Aber 
wie eng ist nicht die Pädagogik verwandt mit der Psychologie, und diese mit der 
Therapie der Nervenkrankheiten? Wie wertvoll ist nicht die Prophylaxis, die ja 
einen Teil der Pädagogik bildet. 

Die darauf bezügliche Fachliteratur ist allerdings schon so umfangreich, dass 
derjenige, der nicht unbedingt dabei interessiert ist, sich in dem Chaos verirrt, und 
also lieber ruhig zu seiner Unwissenheit wiederkehrt, oder weil ihm die rechte Ein- 
sicht fehlt, eine vernichtende Kritik ausspricht. 

Eben deshalb wird Pfisters Buch, wozu Freud selbst ein begleitendes Wort 
schrieb, und daa eine Einleitung bezweckt zu dieser Untersuchungsmethode des Un- 
bewussten, auch vielen Medizinern willkommen sein. 

Pfister teilt sein Buch in zwei Teile ein. Der erste enthält die Theorie, 
der zweite die Technik der Psychanalyse. Voran geht eine Einleitung über den 
Begriff und die Geschichte der Psychanalyse, mit einzelnen Betrachtungen über die 
logischen Grundsätze der Lehre. Bequem zu lesen für den Laien ist das Werk nicht 
nnd kann es auch nicht sein. Man muss es mehrere Male ernstlich durcharbeiten 
ehe man auch nur anfängt sich darin zurecht zu finden. 

Der erste Teil wird wieder in zwei Hälften geteilt, eingeleitet durch die psych 
analytisch bewiesene Feststellung eines Unbewussten. 



Referate und Kritiken. 501 

Die erste Abteilung redet also über die Verdrängung und Fixierung der psychi- 
schen Prozesse , wobei die verschiedenen Formen des Verdrängungsprozesses vor- 
geführt werden, und auch die Zensur und der Widerstand als Groasmächte behandelt 
werden. 

„Die zweite Abteilung gibt einen Überblick über die Art und Weise, in welcher 
die Verdrängung sich äussern kann. Hier sehen wir, wie die Libido bei dem Ver- 
drängungsprozesse verschiedene Bahnen betritt. Die Empfindungsformen, die Qualität 
der Gefühlstöne und die intellektuellen Manifestationen, wozu Anästhesie, Unacht- 
samkeit, Amnesie, Hypermnesie, das Auftreten des dejä vu, die Regression usw. 
gehören, werden der Reihe nach behandelt. 

Hierauf folgt eia von Dr. C. C. Jung geschriebener Abschnitt über die psycho- 
pathologischen Haupttypen. Weiter ein Abschnitt über den Inhalt der Manifestationen, 
worunter die Reminiszenzen, Identifikation und Projektion, Symbolismus, Lust und 
Realitfttsprinzip, Sublimierung; und ein auderer über die Formen, welche die Mani- 
festationen annehmen können. Hierzu gehören: die verschiedenen Stimmungen 
(Launen) Liebe, Haas, Assoziationen, Einfälle, Träume, Phantasien, Kryptographie 
und Kryptolalie, Kunst usw. Mit der Behandlung des Manifestationssinnes schliesst 
der erste Teil. 

Der zweite Teil zerfällt in fünf Abschnitte, deren erster die Methoden be- 
handelt, worunter auch Hypnose und Suggestion einen Platz finden. 

Der zweite gibt einen Blick in die Wirkung der psychanalytischen Sondierung, 
wie Pfister sich ausdrückt, und bespricht d;is sogen. Abreagieren, die Übertragung 
und das zum Bewusstseinbringen des anfangs Unbewussten. Darauf wird der Be- 
handlungsgang geschildert, wonach Pf ister weist auf die erforderlichen Eigenschaften 
des Analytikers und der zu analysierenden Person gegenseitig, um- mit einem Ab- 
schnitt über die Ausübung der Pädanalyse diesen zweiten Teil abzuschliessen. 

Endlich fügt er einige Abschnitte hinzu über die Resultate der Psychanalyse. 
Hier findet er Veranlassung auf das Verhältnis von Eltern zu Kindern, und zwischen 
Geschwistern zu weisen; zu reden über Autorität und Freiheit, Strafe, die sexuelle, 
moralische und religiöse Erziehung. Ein ausführliches und dadurch bequemes Sach- 
und Namenverzeichnis beendet das Ganze. 

Zur Erhaltung eines allgemeinen Bildes von dem Inhalt des Werkes, jedoch 
zugleich mit dem Zweck auf die eventuell schwächere Seite desselben zu weisen, 
will ich einzelnes aus dem Text anführen. Letzteres um so mehr, weil der Verf. 
mir persönlich mitteilte, er werde bei der Besprechung An- und Bemerkungen dankbar 
entgegennehmen. 

Das ABC in der Psychanalyse ist die Voraussetzung des Bestehens unbewusster 
psychischer Prozesse. Dass das ünbewusste oder Unterbewusste besteht (bis jetzt u. a. 
von Ziehen als solches nicht anerkannt] beweisen die hypnotischen Experimente 
von Forel und die Reaktionsversuche von Narziss Ach, welche empirisch die 
determinierende Tendenz der selbst nicht bewusst werdenden Zielvorstellung bewahren. 
Auch hier behauptet sich wiederum ein Wortstreit über die Auffassungen und Defini- 
tionen des Unbewussten, erklärlich aus dem rein Abstrakten des Begriffes. 

Einzelne Philosophen wie Th. Lipps, Friedrich Faul sen und Max Offner 
sprechen den unbewussten Elementen des Nervenlebens, welche alle Vorgänge des 
Bewusstseins tragen uud bestimmen, eine psychische Existenz zu. Die moderne 
Psychologie wird ohne das ünbewusste nicht mehr fertig, und da liegt nun der 
Grundbegriff der Psychoanalyse. Wo Wundt uns alle Hoffnung nimmt, je die Natur 
und damit die Gesetze des Unbewussten kennen zu lernen, weist Verf. darauf hin, 
wie die Psychanalyse schon deutlich Tatsachen und Gesetze in bezug auf das Un- 
bewuRste auffand. 

Zentralblatt für Psychoanalyse. IV '/'°. 33 



502 Referate und Kritiken. 

Schade dass er in diesem Kapitel schon spricht über und Beispiele gibt von 
Deutungen psychischer Prozesse, ohne zuvor eine genügende Erklärung des Begriffes 
„Deutung" gegeben zu haben. Ein systematischerer Aufbau in dieser Hinsicht wäre 
uns hier gewiss zugute gekommen. S. 41 spricht der Verf. über ein Bild Schleier- 
macbers in der Form einer Halluzination, und lenkt, in einer Anmerkung auf der 
nächsten Seite, noch einmal die Aufmerksamkeit darauf, falls der Le9er sein Buch 
zweimal lesen sollte, indem er später, S. 55. obgleich er dasselbe meint, von einer 
Beelhovenvision redet. Spielt ein unbewusster Komplex ihm selber da einen Streich? 
Möglicherweise ist es interessant, diesen Wortfehler zu analysieren. S. 60 steht 
Pschoanalyae, wo der Verf. eine Äusserung Freuds anführt. Zu näherer Erklärung 
soll man wissen, dass Freud schreibt Psychoanalyse, und dass Verf. aus guten 
Gründen meint, Psychanalyse schreiben zu müssen. Ist es ein Schreib- oder Druck- 
fehler? 

Da ich jetzt doch Unrichtigkeiten hervorhebe, will ich gleich einzelne folgen 
lassen, ohne Anspruch auf Vollständigkeit zu machen. 

S. 64 redet der Verf. von einer 48jährigen Halluzinautin , und nennt sie 
schliesslich 30jahrig. Es ist hier die Rede davon , dass Pat. u. a. vor SO Jahren, 
also in ihrem achtzehnten Halluzinationen hatte. 

S. 168 ist ein Druckfehler übersehen, wo enier anstatt einer steht. 

S. 178 finden wir das Wort unmannierlichen mit doppel n, welchem Wort der 
Korrektor zu wenig Aufmerksamkeit widmete. 

S. 410 Zeile 6, 9 und 10 v. u. fangen die Sätze an mit Es (Neutrum) wahrend 
zuvor von Dem Zögling die Rede ist. 

S. 418, Zeile 11 v. u. steht »ist tief", soll sein .ist nicht tief*. 

S. 455 sagt Verf., dass diese Störungen auch durchaus physiologisch ent- 
stehen können. Soll das nicht psychologisch sein, oder besser noch auf psychischem 
Wege? ludern er einige Zeilen weiter spricht von keinen Gebärden, wo er doch 
wohl kleinen meinen wird. 

Das Wort alleroritischer Sehnsucht in der ersten Alinea von S. 476 siebt 
eigentümlich aus. Ist dieses vielleicht ein Beispiel von Kryptographie? 

Zum Schluss finde ich p. 489, 8. Zeile v. u. religöse, anstatt religiöse. Übrigens 
nicht unbegreiflich für einen Theologen! 

Ich erwähne allerdings diese Beispiele vom Fehlschreiben oder Versehen nur, 
weil wir durch Freud wissen, dass solches auch in Komplexen seinen Grund findet. 

Kehren wir nun zurück zu dem UnbewusBton , das wir also als bestehend an- 
nehmen. Wir werden dann einsehen lernen, dass dieses Unbewusste die Eigenschaft 
besitzt, verdrängt werden zu können, obgleich das freilich nicht immer der Fall zu 
sein braucht. So nähern wir uns mehr dem Essentiellen der Psychoanalyse, nämlich 
der Entwicklung der Freud 'sehen Theorie, welche seine ursprüngliche Auffassung, 
dass der Grund der Hysterie, AngRt und Zwangneurose in dem sexuellen Leben zu 
suchen sei, schliesslich insofern änderte, dass er das Sexuelle sehr breit auffasst. 
Freud behauptet nämlich, alle zarteren Empfindungen (welche ursprünglich aus dem 
Quell der primitiven Sexualität hervorkommen) gehören dazu, so dass er von Psycho- 
Bexualität redet. 

Dieses nun ist ein wichtiger Punkt, weil es, nach der anfangs begreiflichen 
Abneigung gegen seine Lehre im allgemeinen, und speziell vieler Psychiater und 
Neurologen, leichter wird, seine Ansichten zu teilen, da nun die Gefahr nicht mehr 
nahe liegt, dass man öffentlich für begierig nach Sexualität gescholten wird. 

Dieses Kapitel wird geschlossen mit eigenen Wahrnehmungen vom Verf. 
Diese Beispiele aus der Praxis sind meistens deutlich und überzeugend, aber erhalten 
für den Arzt nichts Neues. 



Referate und Kritiken. 

Die Diagnose der Bogen, traumatischen Neurose (S. 79), welche auf die sub- 
jektiven Beschwerden und die Geschichte des unglücklichen Schicksals des Patienten 
bernht, und weiter die übrigen Fälle traumatischer Neurose wären besser nicht er- 
wähnt, jedenfalls nicht auf diese Weise in dieser Rubrik. Das Material ist zu wenig 
erschöpft, als dass es in dieser Hinsicht beweiskräftig sein könnte, und wird am 
allerwenigsten statistisch verarbeitet werden können. 

S. 87 finden wir ein nettes Beispiel von der Psychologie der neurotischen 
Symptome, wo die Rede ist von der sogen. Flucht in die Krankheit. 

Das Beispiel auf S, 108 vom Knaben mit Armkonvulsionen, von einem Nerven- 
arzt als epileptische Anfälle gedeutet, welche Verf. heilte, würde auch wieder 
überzeugender sein, wenn es klinisch etwas ausführlicher bearbeitet wäre. Der Witz 
auf den Nervenarzt vom alten Schlag mit Elektrisierapparat und Mastkur in seinem 
Armamentarium, hat, obgleich im allgemeinen sehr angebracht, hierdurch keine Be-' 
rechtigung. Wir hören ja nichts von der Zahl und Erscheinungsweise der Anfälle, 
und dürften fragen, ob hier nicht die Rede wäre von einem Intermissionsstadium, 
oder gar von unbeobachteten Äquivalenten. Lehrreich bleiben allerdings viele Bei- 
spiele, welche die Psychogenese verschiedener Symptome aufklären. 

Besonders der Mediziner kann seinen Vorteil ziehen aus den kasuistischen 
Mitteilungen, welche immer wieder zeigen, wie die unbegreiflichsten physischen 
Symptome in einem lauter psychischen Zustand wurzeln können. 

Deshalb ist es auf der anderen Seite schade, dass Verf. ohne weiteres, 
mit zu wenig beweisendem Material, immer wieder Beobachtungen zum besten gibt, 
welche für den Uneingeweihten nahezu an das Unglaubliche grenzen. 

Um die Geschichte (S. 149) vom Tumor an der Zunge, welcher nach einem 
einzigen insinuierenden beschuldigenden Worte heilte, richtig beurteilen zu können, 
sollten wir viel mehr wissen, und möchten eher annehmen (Verf. nennt es selbst 
nicht korrekt analytisch), dass hier durchaus nicht von Psychoanalyse, sondern von 
Suggestion die Rede sei. 

Wünscheu wir zu überzeugen, so sollen wir nicht so viel Enormitäten er- 
wähnen; das schadet, indem es den Unglauben weckt, und die Gegner zum Wider- 
spruch reizt. 

Der Fall (S. 148) von der Anästhesie der grossen Zehe, ohne Erwähnung irgend- 
einer neurologischen Untersuchung, welcher erklärt wird als sexuelles Symbol, nämlich 
als männlicher Frigidität, muss in medizinischen Kreisen einen eigentümlichen Ein- 
druck machen und die Furcht wecken, ob hier nicht z. B. eine anfängliche Tabes 
oder sonstiges organisches Leiden übersehen würde. Wäre hier die Anästhesie ver- 
schwunden nach der Psychoanalyse, so könnte man sich zufrieden geben, aber das 
wird gar nicht erwähnt. Luetische oder sonstige ernste Symptome hätten auf diese 
Weise nach einer monate- oder jahrelangen Behandlung, die antiluetiscbe oder sonstige 
Kor rechtzeitig entbehren bönnen. 

Dieses ist eine Tatsache, welche die analysierenden Pädagogen vor allem ins 
Auge fassen Bollen, wenn sie kein Unheil anrichten wollen. Die Schwierigkeit besteht 
gerade hierin, zu entscheiden, welche die leichten und unschuldigen Fälle seien. 

Lehrreich sind die Beispiele auf S. 164 u. f. über das Verschwinden der Liebe 
bei Verlobten oder Eheleuten usw. Wir sehen es manchmal augenscheinlich plötzlich 
in rätselhafter Weise geschehen. Gewöhnlich werden solche Personen als Neur- 
asthenici nach der gebräuchlichen symptomatischen Therapie behandelt, indem die 
wahre Ursache unberührt bleibt, und gerade da die Therapie angreifen sollte, nämlich 
in der Psychologie der Konflikte des bewussten oder unbewussten Seelenlebens. 

S. 178 u. f. finden wir bei einem 16jährigen Mädchen, was Pf ister die 
Trnnsposition der Libido nennt, eine Begebenheit, der wir regelmässig im täglichen 

33* 



504 Referate und Kritiken. 

Leben begegnen. Bleuler weist u. a. daraufhin, wie man im Jähzorn 80 leicht 
geneigt ist, gerade die Sachen zu zerschlagen, welche am eigentlichen Affekt durch- 
aus unschuldig sind. So wird die Frau, welche sich in ihrer Ehe unglücklich fühlt, 
ihren Ärger auf das Dienstmädchen ergiessen usw. 

S. 184 sagt Verf., dass die Ursachen der sexuellen Anästhesie bei Frauen 
immer beruhen auf der Verdrängung und Fixierung nämlich meistens von Inzest- 
gedanken dem Vater gegenüber, welche in der Pubertät erwachten und dann kräftig 
unterdrückt, d. h. ganz und gar vergessen wurden. 

Überzeugendes Material, welches zeigt, wie schön die Analyse den Zusammen- 
hang zwischen Symptom und Ursprung erklärt, finden wir glücklicherweise immer 
wieder. Das sind nicht mehr zu leugnende Tatsachen, und da finden wir die Grund- 
_ sätze der analytischen Therapie. 

Im Kapitel über die Symbole (eine der Formen, deren der Traum und im all- 
gemeinen das UubewuBste sich bedient, um sich zu äussern) erwiüint I 1 fister die 
Traumdeutungen Freuds und Jungs einander gegenüber, indom er J u nps asexuelle 
Erklärungen betont. Für diejenigen, welche eine Einleitung zu der Psychoanalyse 
erwarten, ist dieser Teil zu wenig fundamentell, und also nicht genügend begreiflich 
gemacht. Hierdurch bekommen wir auch von den Jung'schon Auffassungen, speziell 
von seiner Libidotheorie, ein zu unklares Bild. 

Es ist mehr ein beiläufiges Memorieren und Anführen als ein nach Verdienst 
Hervorheben. Besser gelingt dieses im nächsten Kapitel über die tiefste Bedeutung 
des Sinnes der Symbole. Der von Freud entwickelte Urgrund des Lustprinzips im 
Gegensatz zu dem Kealitätsprinzip des Denkens, und die Theorien über das Denken 
von Adler, Bleuler und Jung, werden erwähnt, und speziell wird auf das anti- 
stische Denken von Bleuler eingegangen. 

Im Kapitel über die Sublimierung stellt Veif, die neurotische Äiisserungs- 
weise der Libido der gesunden, ethischen gegenüber, und weist dann auf das viele 
Gute, welches man durch die Sublimierung erzeugen kann. 

Ein bequemer und praktischer Übei blick folgt S. 284 über die Reaktionen bei 
dem Assoziationsexperiment, besonders wissenschaftlich ausgearbeitet von Jung, 
welcher das bekannte Wortschema dafür aufsetzte. Die Wichtigkeit, des Assoziations- 
Experimei.tes zeiat Verf., indem er S. 289 das Beispiel anführt von einem Mädchen 
mit suiciden Ideen, welche sich offenbarten durch die Reaktion auf die vier Wörter: 
Wasser, Schiff, Meer, schwimmen, welche in diesem Zusammenhang verräterisch sind. 

Verf. warnt die Kritici, welche zweifeln an dem diagnostischen Wert der 
Assoziationen, ihre eigenen Assoziationen nicht zu veröffentlichen, damit sie keine 
unangenehmen Erfahrungen machen, wie sie schon einigen Zweiflern zu Teil wurden. 
Man ist dadurch in der Gefahr, seine persönlichen Komplexe zu verraten. 

Die Untersuchungen der Emma Fürst über die familiäre Übereinstimmung 
in dem Reaktionstypus werden weiter angeführt. 

Hiernach kommt S. 291 die Kede auf das psychogalvanische Experiment. 

Die Wichtigkeit der freien Assoziationskette, d. h. das scheinbar lose hinter- 
einander Aussprechen von Wörtern und von sogen, zufälligen Einfällen, wovon S. 297 
ein nettes Beispiel gibt von einer obsediereiiden Melodie, wird angezeigt. Interessant 
ist dies alles um zn beweisen, wie scharf intelligent unser Unbewusstes arbeiten kann. 

Nach einzelnen Beispielen von Traumanalysen, gibt Verf. eine höchst merk- 
würdige Zergliederung auf dem Gebiete der Kryptolalie. Er erklärt hier, wie ein 
oder mehr scheinbar sinnlose Wörter sich, bei der Zergliederung im Zusammenhang 
zeigen, und innere Komplexe ausdrücken. Diese Wörter aber sind nur durch die 
Klangassoziation u. dorgl. darin wiederzufinden. 



Referate und Kritiken. 505 

So analysiert er die Wörter: parastintunga, nodaratschiwu und findet dadurch die 
Schlummernden Komplexe der betreffenden Versuchsperson. Dasselbe mit der Krypto- 
graphie , wo gedankenlos gemachte Zeichnungen oder Striche, auch Komplexe inne 
haben. Der Laie ist hier gewiss geneigt sich abzufragen, ob der gefundene Zusammen- 
hang nun wirklich propter und nicht post sei. 

Nach den Symptomhandlungen, welche man automatisch, unbewusst, gleichsam 
spielend verrichtet (allerlei Angewohnheiten z. B.), die aber alle als notwendige, 
psychologische Äusserungen betrachtet werden sollen, kommen die Fehlhandlungen 
zur Sprache. 

S. 333 finden wir ein Kapitel über Kunst i. c. die Analyse einer Zeichnung 
und eines Gemäldes, wovon die Reproduktionen dem Text beigefügt sind. Gerade in 
unserer, als Reaktion gegen d«-n Materialismus, nach transcendentalen Erscheinungen 
strebenden Zeit, finden wir eine Neigung zur Vergeistlichung, zur Symbolisierung. 
eine Kunst der Idee, welche sich so ausserordentlich eignet zur Psychoanalyse. Em 
höchst interessante» und lehrreiches Studiumgebiet. Auch hier ist, besonders bei der 
Analyse des zweiten Gemäldes, wieder zu wenig Rücksicht genommen auf di» noch 
p.oblematischen Kenntnisse des Anfängers in der Analyse. 

Ausdrücke wie z. B. Verlangen nach dem Mutterleibe, welche sich zeigen als 
Sehnsucht nach der Irrenanstalt, klingen vielen Ohren notwendig sehr wunderbar. 

Ptißter gibt später bei der Dichtkunst interessante Bemerkungen über das 
Entstehen der Poesie und der Prosa u. a. wie das Dichten und Schreiben ein Bestreben 
ist, sich vom unangenehmen Komplexe zu befreieu. 

Nach der Besprechung all dieser verschiedenen Erscheinungsweisen der Neurose- 
symptome, setzt Verf. auseinander, welche Bedeutung diese Manifestationen nun 
eigentlich Haben. Vor allem finden wir darin S. 357 Ausgedrückt die Wunscherfüllung, 
von Freud selbst als der Hauptfaktor jedes Traumes aufgefasst. 

Weiter können die Manifestationen dazu dienen, Lustgefühle zu erwerben, 
oder gegen Unlust zu schützen, also positive und negative Gefühlstöne zu wecken 
oder vorzubeugen. 

Drittens kann die Manifestation ein Heilungsversuch sein. Hier ist besonders 
Jungs Auffassung kennzeichnend, dass die Träume grösstenteils unbewusste Imperative 
enthalten, welche anzeigen, was der Träumer tnn soll um seine Libido frei zu ent- 
wickeln. 

So kommen wir zum zweiten Teil dos Buches, welcher der praktisch wichtigere 
ist, weil er die Technik der Psychoaualyse enthält. 

Wo PfiBter S. 444 beim Erlernen der Psychanalyse sagt, dieses Buch wolle 
in die Psychanalyse einführen, da muss ich noch einmal daraufhinweisen, dass, 
meines Erachtens, für diejenigen, welche sich mit der Psychoanalyse befassen wollen, 
ernstes Studium über den Ursprung der Ideen, auch von Frend und Jung entwickelt 
notwendig vorangehen soll, indem es dabei am lohnendsten sein wird, wenn man sich 
persönlich analysieren lässt, also an der selbst eigenen Person seine Erfahrungen macht. 

Im Abschnitte über die Resultate der Psychanalyse spricht Verf. über die 
grosse Prozentzahl Neurotici in allen Schulklassen, und hebt einige Gruppen daraus 
hervor. Er teilt ihre Symptome S. 455 ein in A: körperliche üefekte und B: psychische 
Störungen. Wäre es auch keine Tatsache, dass wir bei Neurosen nicht von körper- 
lichen Defekten reden, (gerade kennzeichnend im Gegensatz zu den organischen Schäden 
des Nervensystems) so könnten wir dennoch z. B. Enuresis (Bettnässen) und Stottern 
nicht als körperliche Defekte betrachten. 

übrigens enthält dieses Kapitel viel Schönes und Wissenswertes. 



506 Referate und Kritiken. 

So erreichen wir nach einer Auseinandersetzung der sexuellen Erziehung, im 
Zusammenhang mit dem, waa Kinder davon zu wissen brauchen, und einigen Be- 
merkungen über die ethische und religiöse Erziehung, das Ende. 

Pf ist er hat mit grosser Kenntnis ein wundervolles Buch geschrieben, das 
jedoch als erster Versuch eines allgemeine Orientierung anstrebenden Werkes auch 
notwend.g die Schattenseite davon zeigt. Dennoch wird er gewiss und mit Recht 
viele Leser finden, weil er der erste und bis jetzt der einzige ist, der es gewagt hat, 
einen so vollständigen Überblick von ungefähr allem, was sich auf die Psychoanalyse 
bezieht in Buchform zu behandeln. Überdies bereicherte er den Stoff durch seine 
unzweifelhaft scharfsinnigen und wertvollen eigenen Untersuchungen, welche ihn 
kennzeichnen als einen Psychologen von mehr als gewöhnlicher Bedeutung. 

A. van der Chys. 

E ',o!o y v : ff ile P t0ideZu 8t««de bei Alkoholintoxikation. (Med. Klinik. 

1 Jlu. rtT. O.) 

In einer sehr interessanten Arbeit macht der Autor darauf aufmerksam, dass 
a "J, ■ t SS Rn Alkoh °l"»t°*ikationen epileptoide Anfälle ansc-hliesaen. Da die 
verderbliche Wirkung des Alkohols, wie der referierte Fall beweist, darin be- 
steh , dass er Hemmungen aufhebt, so wird uns die Genese dieser epileptoiden Anfälle 
verständlich Ich habe in meiner Arbeit .Die psychische Behandlung der Epilepsie« 
(diese Zeitschrift, I. Band) darauf hingewiesen, dass im Anfalle neben der Perversion 
JShrto^aH ZDm DuiC,lbrUch k0mmt - Dies be ' wei8t der er "te von Meyer ange- 

..In der Nacht vom 30. November zum 1. Dezember 1901 drang in Kiel plötz- 

ZlEl rft?T M ' lD d88 Z,mmer eine8 Höte ' 8 eiD ' W0 sich eine geschlossene 
GeseUschaft befand und stürzte sich, ein Messerschwingend, mit dem Rufe: «Hurra, 

der Messerstecher ist da«, auf einen ihm völlig unbekannten Herrn, dem er zwe 
uberwäitlgT " lm RÜCke " beib ' achte - ünter h6fti « em Widerstreben wurde er 

Ich bemerke dazu, dass in jener Zeit in Kiel mehrfach Frauen von einem Mann 
in ganz gle.chartiger Weise mit einem Messer gestochen waren, worüber viel Be- 
sprochen wurde. Die ja sehr auffallende Handlung M.s gab Veranlassung, seinen 
Oe.steszustand zu untersuchen. Dabei ergab sich, dass M.s Bruder Epileptiker war 
er selbst etwas an Schwindelanfällen, seiner eigenen Angabe nach, litt. Er trank 
und vertrug auch für gewöhnlich nicht viel Alkohol, von besonders auffallenden Hand- 
lungen im Rausch ist früher nichts bemerkt, nur von einzelnen stärkeren Erregungen. 

Am Tage vor der Tat war M. stark durehnässt und hatte, nachdem er viel 
gearbe.tet nachmittags bei einem Richtfest ziemlich viel Bier und Schnaps getrunken 
Auf der Heimkehr erschien er einem der Mitarbeiter nur angeheitert, dem andern 
stark angetrunken. Auch sei er sehr aufgeregt gewesen und habe fortwährend Streit 
angefangen. Das war gegen 8 Uhr. Über die Stunden von 8 bis 1 - um 1 Uhr be- 
ging er die Tat - stehen uns nur M.s eigne Angaben zu Gebote. Danach will er 
in verschiedenen Lokalen und mehreren Bordella gewesen, auch mit einem Mädchen 
verkehrt haben; er glaubt viel getrunken zu haben, ohne bestimmtes sagen zu können 
und will schliesslich ein. Schlägerei gehabt haben, weiss aber nichts Näheres darüber. 
Auf dem - kurzen — Wege von der Strasse, in der die Bordells lagen, zum Tatorte 
sah ihn, offenbar kurz vor der Tat, ein Schutzmann entlang gehen. Er taumelte 
stark, schien schwer betrunken und murmelte vor sich hin. Der Umgebung des von 
ihm schwer Verletzten erschien er nicht stark betrunken , doch ist wohl ihr Urteil 
durch die starke Erregung getrübt. M. wurde dann von Schutzleuten in die Chirurgische 
Klinik gebracht, da er auch Verletzungen erlitten hatte. Er ging ruhig mit, erzählte 



Referate und Kritiken. 507 

über den Abend, was ich oben mitgeteilt habe. Nachdem er mit den Matrosen Streit 
gehabt, Bei ihm die Besinnung verloren gegangen. Auf Vorhalt seines Delikts war 
M. sehr erstaunt, sagte, er wisse von allem nichts. Er machte einen nüchternen 
und glaubwürdigen Eindruck. Er war übrigens bei seiner Überwältigung übel zu- 
gerichtet. Während des Aufenthalts im Gefängnis verhielt sich M. stets ruhig und 
geordnet, ebenso während des sechswöchigen Auftnthalts in der Klinik. 

Der zweite Fall zeigt aber analog dem von Deutsch wie die Perversion 
durchdringen kann, wenn kleine Alkoholdosen genossen weiden '). 

Ganz kurz sei eine Beobachtung hier skizziert. Ein 20 jähriger, bisher völlig 
unbescholtener Fähnrich beging wiederholt gegen Soldaten Bexuelle Angriffe, bei 
denen auffiel, dass er dieselben nicht etwa heimlich, sondern eigentlich ganz un- 
geniert betrieb. Dies Verhalten, das in völligem Widerspruche zu seiner sonstigen 
Lebensführung stand, erweckte den Verdacht auf pathologischen Rausch, da er 
notorisch vorher getrunken hatte. Es ergab denn auch die weitere Nachforschung, 
dass die wichtigste Grundlage dafür, sehr schwere hereditäre Belastung (14 nähere) 
Verwandte, darunter die Eltern, waren nervös oder psychisch krank) sowie Zeichen 
psychopathiscner Veranlagung (Reizbarkeit, Stimmungswechsel usw.) vorhanden waren. 
Anhaltspunkte dafür, dass Neigung zu perversen Handlungen vorlag, sei es schon 
lange oder in letzter Zeit vor den Delikten, ergaben sich nicht. Stekel. 

Prof. Franz Hamburger: Ober psychische Behandlung im Kindesalter. 
Wien. klin. Wochenschr. Nr. 8. 1913. 

Eine sehr anregende lehrreiche Arbeit! Der Autor anerkennt den hoben Wert 
der psychischen Behandlung. Die kathaitische Methode nach Breuer-Freud lehnt 
er als zu zeitraubend ab, betont aber ihre Bedeutung. Auch über Hypnose hat er 
keine Erfahrungen gesammelt. Dagegen berichtet er über glänzende Resultate mit 
der altbewährten Suggestivtherapie, die er mit einer Durchforschung und Beeinflussung 
der ätiologischen Faktoren und der Methode der Ablenkung kombiniert. Seine Resultate 
sind ganz ausgezeichnete. Ich kann dem Autor gerne bestätigen, dass die Psycho- 
analyse im Kindesalter nur für die schwersten Fälle zu reservieren ist. Sonst kommt 
man entschieden mit einfachen Massnahmen ebensoweit. Ich habe schon einige Kinder 
beobachtet, die wie der «kleine Hans* plötzlich an Phobien erkrankt sind. Ich unter- 
liess Eingehen auf die ätiologischen Komplexe (Sexualität, Kriminalität) und erzielte 
hauptsächlich durch die Methode der Nichtbeachtung dieser Phänomene überraschend 
günstige Resultate. Wenn die Kinder merken, dass man diesen Phänomenen keine 
Aufmerksamkeit schenkt, dass ihre Angstzustände, Kinderfebler, Trotzregungen (Nicht- 
essen, Nichtstuhlbaben, Nichtschlafenj auf die Umgebung gar keinen Eindruck machen, 
so geben sie diese .nutzlosen* Bemühungen auf und versuchen sie durch eindrucks- 
vollere zu ersetzen oder verzichten ganz darauf. Hamburger weist auch auf die 
Schäden ungerechter Behandlung, auf das „Märtyrersein", auf den Nutzen der Psycho- 
therapie zu diagnostischen Zwecken hin und kommt zu folgenden Schlussfolgerungen : 
1. Die psychische Behandlung genügt in manchen Fällen (psychogene Neur- 
asthenie) allen Anforderungen an eine ätiologische Therapie. 2. Die Behandlung mit 
Wachsuggestion ist schon vom zweiten Lebensjahr an mit Erfolg verwendbar. 3. Diese 
Behandlungsmethode hat nicht nur auf Krankheitserscheinungen , die im wachen Zu- 
stand, sondern auch auf solche, die im Schlafe auftreten, einen wesentlichen Einfluss. 
4. Die Suggestivbehandlung leistet ausgezeichnete Dienste bei der Behandlung des 

! ) Vergl. meinen Aufsatz „Zur Psychologie der Alkoholfestigkeit" in Heft IV 
und deu von Juliusburger „Zur Psychologie des Alkoholismus" in Heft I dieses 
Jahrgangs. 



5Ü8 Referate und Kritiken. 

»psychogenen Restes* während und nach organischen Erkrankungen. 5. In diesem 
Sinne stellt sie auch eine wichtige diagnostische Methode dar. Stekel. 

Dr. Ortenan: Sieben Falle von psychischer Erkrankung nach gynä- 
kologische r Beha ndl ung geheilt. (Münch. med. Wochenschr. 29. X. 1912.) 
Der Autor berichtet über seine Erfahrung, die er auf der Klinik Bossi ge- 
macht hat. Er beschreibt sieben Fälle psychischer Erkrankung, die nach entsprechender 
gynäkologischer Behandlung geheilt wurden. Allerdings lassen diese Erfolge einer 
Kritik Tür und Tor offen. Wir wissen, wie leicht sich Hysterische beeinflussen lassen 
und wichtig für sie ein operativer Eingriff und eine gynäkologische Behandlung ist. 
Es ist ein Eingriff in ihr Seelenleben . . . Viele finden nach Operation Ruhe von ihren Be- 
schwerden, ohne dass ihnen etwas Organisches gefehlt hat. So kenne ich einige 
Fälle, die hierher gehören, Eine Dame, die an hysterischen Blinddarmbeschwerden 
litt. Em Operateur fand sich, der sie operierte und ihr Heilung versprach. Bei der 
Operation wurden vollkommen normale Verhältnisse gefunden. Aber die Patientin 
verlor die Schmerzen und sogar der ganze Schwärm phobischer Erscheinungen , der 
Ar Haupt umflatterte, war verscheucht. Ich war natürlich sehr begierig, die psychi- 
schen Mot.ve dieser Heilung ausfindig zu machen. Am meisten wunderte mich, dass 
ihr schweres Schuldbewusstsein nach der Operation ganz geschwunden war. Durch 
eine längere Besprechung kam ich auf die psychischen Wurzeln der Genesung. Die 
Dame hatte immer die Strafe Gottes gefürchtet. Vor der Operation hatte sie den 
bedanken: Wenn du eine Sünderin bist, so stirbst du nach oder während der Operation. 
Wenn Gott mit dir nicht unzufrieden ist, so lässt er dich am Leben. Die Kranke 
betrachtete die Operation als eine Prüfung ihres Verhältnisses zu Gott. Die glück- 
ten nberstandene Operation befreite sie von ihrem Schuldbewuaetsein. Ähnlich kann 
man beobachten, dass nach schweren organischen Erkrankungen, die mit Lebensgefahr 
verbunden waren, die Neurose verschwindet oder milder wird. 

Schliesslich möchte ich noch auf ein Moment aufmerksam machen, das ich in 
meinem Buche „Nervöse Ahgstzustände" besonders betont habe. Eine Störung der 
inneren Sekretion scheint mir das Zustandekommen der Neurose zu begünstigen Ich 
verweise auf den so häufigen Befund einer chronischen Prostatis bei Neurotikern 
Kme Behandlung dieser Störung bewirkt sicher eine Besserung der Neurosen durch 
den Wegfall der toxischen Störungen... Stekel. 

Perctti: Gynäkologie und Psychiatrie. (Med. Klinik. Nr. 46. 1912.) 

Der Autor untersucht an Hand der Erfahrung und der Literatur die Zusammen- 
hange zwischen Gynäkologie und psychischen Erkrankungen. Er lehnt die über- 
triebenen Forderungen Bossi 's entschieden ab. Ein gewisser Zusammenbang wird 
zugegeben. Er sagt : »Eine Anschauung, die von der Frauenklinik in Genua al 8 „grosse 
Wahrheit verkündet" und „in etwas übertriebener Weise in den Worten ausgedrückt ist- 
propter 8 o umil ter M mul i er id est quod est« und die sich in dem von Bossi als 
glücklich bezeichneten Ausspruche Peters widerspiegelt: „La femme est un uterus 
avec des organes tont autour", kann als alleiniger und massgebender Faktor in der 
Therap.e der Psychosen nicht anerkannt werden, und Ansichten, wie die einer gynä- 
kologisch behandelten Hysterika, durch die Operation sei die Verbindung zwischen 
Kopf uud Unterleib durchschnitten und dadurch Genesung vor nervösen Leiden herbei- 
geführt worden, dürfen wir Ärzte nicht züchten. Es wäre sehr schön, wenn der 
meisten geisteskranken Frauen „ewig Weh und Ach aus einem Punkte zu kurieren* 
wäre, aber so leicht ist der Geist der Psychiatrie doch nicht zu fassen. Gynäkologen 
und Psychiater müssen sich jetzt noch und voraussichtlich für unabsehbare Zeit ohne 
ein Allheilmittel gegen die Psychosen der Frau begnügen und deshalb ernstlich, vor 
allem aber auch kritisch weiterforschen." Stekel 



Varia. 509 

Bossi; Meine Ansichten über die reflektorischen Psychopathien und 
die Notwendigkeit der Verbesserung des Irrenwesons. (Wien. klin. 
Wochenschr. Nr. 47. 1912.) 

Der durch seine letzten Arbeiten bekannte Autor wendet sich in diesem Artikel 

an das deutsche Publikum und sucht seine bekannten Thesen zu beweisen. 

Wagner Jauregg: Bemerkungen zu dem vorstehenden Aufsätze des Herrn 
Prof. Bossi (ibidem). 

Wagner wendet sich in scharfer Weise gegen Bossi, dessen Behauptungen 
einen entschieden provokatorischen Charakter aufweisen. Er sagt u. a.: 

„Der Spezialist ist immer geneigt zu einer optimistischen Beurteilung seines 
therapeutischen Handeln; auch der Gynäkologe. Und es wird daher gut sein, wenn 
der Gynäkologe seine Behandlungserfolge bei Geisteskranken der kritischen Beur- 
teilung des Psychiaters unterwirft, besonders, wenn er in das Gebiet dor Psychiatrie 
so wenig eingedrungen ist, wie das bei Herrn Prof. Bossi, nach seinem Aufsatze 
zu urteilen, der Fall ist. 

Denn es gibt Psychosen, von denen der Satz gilt: .Die letzte Kur hilft." Und 
es gibt viele Psychosen, in denen der Psychiater dem Gynäkologen mit Bestimmtheit 
oder Wahrscheinlichkeit voraussagen kann, dass sie in Heilung übergehen werden, 
ob sie gynäkologisch behandelt werden oder nicht: und anderen, in denen er mit 
Bestimmtheit oder Wahrscheinlichkeit voraussagen kann, dass sie rezidivieren werden, 
ob nun eine behobene gynäkologische Erkrankung wieder auftritt oder nicht. 

Ich sage das nicht, etwa um zu bestreiten, dass man in manchen Fällen von 
Geistesstörung durch einen gynäkologischen Eingriff einer kausalen Indikation ge- 
niigen kann. Wenn aber Herr Prof. Bossi der Ansicht ist, dass man durch eine 
häufigere Beachtung solcher Indikationen der Überfüllung der Irrenanstalten abhelfen 
könne, so macht er sich einer kolossalen Übertreibung schuldig. Diese Ansicht spricht 
er aber wirklich aus. Nicht nur dass er, sogar an zwei Stellen, in einer anders 
nicht verständlichen Weise auf die Überfüllung der Irrenanstalt Quarto dei Mille 
bei Genua hinweist, die 1450 Irre beherbergt statt 650. für die sie gebaut ist. Er 
sagt es an einer Stelle ganz ausdrücklich , dass der zurückgebliebene Zustand der 
Psychiatrie an diesem Übelstande, der Überfüllung der Irrenanstalten nämlich, schuld ist. 

So kann nur jemand sprechen, der von Irrenwesen und Psychiatrie eine höchst 
oberflächliche, laienhafte Kenntnis bat. Für den gilt ein altes, lateinisches Sprich- 
wort: „Sutor, ne supra crepidam." St ekel. 



Varia. 

Die kracht erster Kindheitserinnerungen 

und des ersten Milieus zeigt uns Ibsen in seiner Tragödie .Brand-* Brand, dem Priester 
der Eiskirche fehlt die Liebe. Selbst seinem Weibe, das er liebt, ve.mag er nicht 
Liebe zu zeigen. Als Erbfehler, als Schuld drückt ihn dieser Mangel. Es fehlt ihm 
an dem, woran es im Elternhause gebrach: er ist das Kind einer liebeleeren Ehe. 
Die Umwelt seiner ersten Kindheit bestimmt seinen Charakter, ist sein Geschick 
und wird sein Verhängnis. Die Mutter liebte den armen Kätnerssohn, nahm aber 
gehorsam den alten Mann. Der erwartete Wohlstand bleibt aus. Da wird sie zur 
Geizigen, die gierig alles zusammenkratzt, in der Angst, auch das noch zu verlieren, 
wofür sie ihre Liebe hingab. Das Gold besitzt jetzt ihre Liebe, die sie Mann und 
Kind verweigerte. Durch die trostlosen Verhältnisse im Elternhause wird Brand, 



510 Varia. 

was er ist. Von einer entsetzlichen Kindheitserinnerung wird er nie frei. .Herbst- 
nbend war's, der Vater tot.* Einem gierigen Tiere gleich sah er die Mutter das 
Sterbelager durchsuchen und den Leichnam roh hin- und herstossen, um verborgenes 
Geld zu finden. In jener Stunde verlor sie die Liebe ihres Kindes, aber auch er 
verlor damals für Lebenszeit die Fähigkeit warmer Menschenliebe. Auch im Peer 
Gynt, dem Gegenstück zu Brand, zeigt uns Ibsen die Macht erster Kindheitseriunerungen 
und die lebenbestimmende Kraft der Umwelt der ersten Kindheit. Peer Gynt ist der 
typische Neurotiker, der ohne den Mut zum Verbrechen und ohne die Fähigkeit sich 
von lastenden Gemütsstimmungen durch künstlerische Ausprägung dieser Stimmungen 
zu befreien, ewig hin- und herschwankt zwischen den zwei Seelen in seiner Brust, 
der romantisch- phantastischen und der ganz materiell angelegten. Er wird daher 
weder für Himmel noch Hölle tauglich erfunden, sondern für den Löffel des Knopf- 
giessers, um dort umgegossen, wieder ins Leben geschickt zu werden, damit er in 
Heiligung oder Sünde zu seinem wahren Selbst komme. Wie für Brand, so war 
auch für Peer Gynt das Milieu seiner ersten Kindheit von entscheidender Bedeutung 
für sein ganzes Leben. Wir finden den kleinen Peer zwischen den Zechgenossen des 
Vaters. Wie ein Kaiser erschien dem Knaben der reiche prassende Vater, der von 
seinen Zechgenossen wie ein solcher geehrt wurde und der dem kleinen Peer, wenn 
er um ein Stückchen Zinn zum Spielen bat, prahlerisch einen Silbertaler schenkte. 
Da erwachte die Sehnsucht in dem Knaben, an Stelle des Vaters zu sein, der alles 
besass: Reichtum, Gut und Ansehen und — seine Multer. Eiuo innige Liebe vorband 
Mutter und Sohn. Die Zechgenosseu des Vaters verhätscheln ihn, rühmen seine 
Gaben und trinken auf sein Wohl. 

Du bist vom Grossen gekommen 

Und was Grosses wirst Du einmal. 
So wird im Kindergemüt die Meinung fixiert, er sei zu etwas Besonderem be- 
stimmt. Als der Vater alles vertrunken und verspielt hat, ist auch das hohe An- 
sehen bei den Leuten dahin. Da leitet die Mutter den Knaben an, aus der wirklichen 
Welt in eine erdichtete zu fliehen. Der erwachsene Peer spielt noch immer die 
Rolle des Knaben. Da niemand Beine Ansprüche einer glänzenden Ausnahmenatur 
anerkennt, greift er zu Erfindungen, um sich dadurch auszuzeichnen: er dichtet, er- 
zählt Märchen, wie seine Mutter ihn gelehrt. Aber auch er selbst geht träumend 
durch das Leben, durchdrungen davon, dass ihm eine Ausnahmestellung zukäme, 
und dass seine Taten anders beurteilt werden mUssten als die gewöhnlicher Sterb- 
licher. Dieser Irrwahn seiner ersten Kindheit bestimmt sein ganzes Leben. Als die 
Stimme seines Gewissens ihn mahnt an die Werke, die er nicht getan, an die Ge- 
danken, die er nicht gedacht, da entschuldigt sich Peer: Gab mein Leben fortan einen. 
Das ist die Kindheitsphantasie. Er geht durch das Leben als der heimliche Kaiser, 
der sich zu etwas Besonderem bestimmt glaubt und sich über alle hoch erhaben 
fühlt, und vieles bei sich als sein Recht anerkennt, was er bei anderen hart ver- 
urteilen würde. Hedwig Schulze. 

Extrakt aus einem Vortrag über „Der nervöse Faktor in der Gesundheit 
der Frau", gehalten am 17. November 1913 von Dr. T. Claye Shaw im Institute 
of Hygiene, London. 

.Frauen haben unzweifelhaft während der letzten Jahre Fortschritte in ihrer 
physischen Entwicklung gemacht. Ist aber auch eine Wechselbeziehung zwischen 
der geistigen und körperlichen Entwicklung zu verzeichnen? Der Frauentypus hat 
sich geändert: die Frau hat härtere und runzligere Gesichtszüge erhalten; ihre 
Gesichtsfarbe ist beeinflusst worden durch Sportspflege; sie ist unabhängiger; sie 
hat weniger Achtung vor der Autorität, hat weniger Wirtschafts- und Familien- 



t 



Varia. 511 

interessen und hat bis 2u einem gewissen Grade ihre sexuelle Organisation in vielen 
Fällen invertiert. 

Wenn, wie es der Fall zu sein scheint, der Wunsch vieler Frauen dabin geht, 
das zu sein, was die Männer sind, und das zu tun, was die Männer ausführen, dann 
lässt Bich leicht eine Erklärung finden für den gegenwärtigen Schnitt der Frauen- 
kleidung: kurz und sehr anschliessend, um die muskulöse Figur zur Schau zu stellen. 
Ich halte es für meine Pflicht, auf diesen Irrtum hinzuweisen, der geeignet ist, das 
Geheimnisvolle in der Frau zu beseitigen- 

Es kann kein Zweifel darüber bestehen, dass Frauen jede Art Sport in ge- 
wissem Sinne ausüben können; sie haben indes nicht die Stärke der Männer nnd 
können nicht mit ihnen in Wettbewerb treten, es sei denn vielleicht beim Groquet- 
and Ping-pong-Spiel ! Aber in bezug auf graziöse Modifikation sind sie ausgezeichnet. 

Sport ist ein schlechter Heiratsmarkt; ein Mädchen, das dem Sport ergeben 
ist, wird dem Manne allzu ähnlich und stellt ihren Charakter vor ihm zu sehr bloss. 
Ein solches Mädchen lässt sich leicht erkennen an ihren plumpen, meist beschmutzten 
Schuhen, ihrem bukolischen Gesichtsausdruck und an der athletischen Sorglosigkeit 
in der Haltung. 

Geeignete Entwicklung der Geschlechtscharaktere ist notwendig für die volle 
geistige Entwicklung, und jede Hemmung dieser Entwicklung kann zu verhängnis- 
vollen körperlichen und geistigen Schädigungen fuhren , die zu einem Fluch werden 
können, wenn nicht noch beizeiten vorgebeugt wird. 

Eine Frau, die glücklich verheiratet ist, erhalt notwendigerweise einen tieferen 
Einblick ins Leben durch die Übung und Pflege von Altruismus, Patriotismus, Selbst- 
verleugnung und Verantwortlichkeit. Vergleichen Sie das Leben einer Frau, die sich 
von ihren natürlichen Pflichten absichtlich zurückzieht, mit dem einer ärmeren Frau, 
die nie störend einwirkt auf den natürlichen Lebensplan und die deshalb auch nie 
an ihren Nerven oder an Neurasthenie leidet! Vergessen Sie auch nicht die Gefahren, 
die dem einzigen Kinde drohen, dessen Mutter der Natur Gewalt antun will. — 

Sind Fraueu affektiver als Männer? Ich denke, die Frage muss bejahend be- 
antwortet werden, weil die Frauen seit Generationen an Unterwürfigkeit und Schmeichelei 
gewöhnt gewesen sind, und weil das dahin geführt hat, dasä sie in Rivalität gelebt 
und der Notorietät gehuldigt haben. Da Affektivität für die Verbreitung neuer Ideen 
und eigener Propaganda notwendig ist, so musste das Gefühl natürlich zunehmen ; 
aber die Zunahme erfolgte nicht in einer gesunden Richtung, insofern als sie dazu 
neigte, die Frauen härter, runzliger und mehr den Männern gleich zu machen, 
während sie der zarten Gefühle weit mehr bedürfen Sind sie ebensogut in der 
Kunst-Malerei, Architektur, Musik, Skulptur und Dichtkunst? Ja, ich denke, dass 
sie grosse Möglichkeiten in dieser Richtung haben, aber dxss ihnen bisher noch 
nicht die gleichen Gelegenheiten geboten worden sind. 

Tennyson sagte : Die Sache der Frau ist die des Mannes — sie stehen und 
fallen zusammen. Was ist die Sache der Frau? Bleiben Sie der Tatsache eingedenk, 
dass Sie niemals Männer sein können, und dass Ihre wesentliche Funktion verschieden 
und in der Hauptsache mit der Erziehung der Kinder verbunden ist. Die Ideale der 
beiden Geschlechter sind verschieden: das Ideal des Mannes ist sein Beruf, das der 
Frau ist die Familie. Versuchen Sie nicht zu streiken um deswillen, weil Sie 
nicht in jeder Beziehung den gleichen kommerziellen Wert besitzen — für manche 
Dinge haben Sie unzweifelhaft einen höheren Wert, aber wieder für andere haben 
Sie nicht dieselbe Stärke, die Sie gleich machen würde — Sie haben kein Monopol, 
das eine Trotzeinstellung rechtfertigte, denn dieMänner, rightly orwrongl>, 
denken , dass sie ihre eigenen Domänen haben , und wollen sie nicht aufgeben. 
Spielen Sie die Rolle, die Ihnen zugedacht ist " Alfred Appelt. 



. 



512 Varia. 

Ein Traum von uoothe. 

„Es träumte mir, ich landete mit einem ziemlich grossen Kahn an einer frucht- 
baren, reich bewachsenen Insel, von der mir bewusst war, dass daselbst die schönsten 
Fasanen zu haben seien. Auch handelte ich sogleich mit den Einwohnern um solches 
Gefieder, welches sie auch sogleich häufig getötet herbeibrachlen. Es waren wohl 
Fasanen, wie aber der Traum alles umzubilden pflegt, so erblickte man lange farbig 
beäugte Schweife, wie von Pfauen oder seltenen Paradiesvögeln. Diese brachte man 
mir schockweise ins Schiff, legte sie mit den Köpfen nach innen, so zierlich gehäuft, 
dass die langen bunten Fedei schweife, nach aussen hängend, im Sonnenglanz den 
herrlichsten Schober bildeten, den man sich denken kann und zwar so reich, dass für 
den Steuernden und die Rudernden kaum hinten und vorn geringe Räume verblieben. 
So durchschnitten wir die ruhige Flut, und ich nannte mir indessen schon die Freunde, 
denen ich von diesen bunten Schätzen mitteilen wollte. Zuletzt in einem grossen 
Hafen landend, verlor ich mich zwischen ungeheuer bemasteten Schiften, wo ich von 
Verdeck auf Vordeck stieg, um meinem kleinen Hahn einen sicheren Landungsplatz 
zu suchen. 

An solchen Wahnbildern ergötzen wir uns, die, weil sie aus uns 
selbst entspringen, wohl Analogie mit unserm übrigen Leben und 
Schicksal haben müssen.* M. P. 

Arthur Symons' Buch „ The Symbolist movement in literaturc* (London 1908), 
das in mehr als einer Hinsicht dem Psychoanalytiker fruchtbare Anregungen bietet, 
linde ich in dem Aufsatz über Gerard de Nerval einige bemerkenswerte Stellen. 
Verf. weist auf die ständige Wiederkehr einer Person (Adrionne) im ganzon Lebens- 
werke Nervals hin, die später ganz zum Symbol wird. Die Bedeutung einer Schau- 
spielerin (die auch in Nervals Gedanken- und Vorstellungakomplox eine bedeutende 
Holle spielt) im Liebealeben des Neurotikeis scheint, mir bisher noch nicht Kcnii^end 
gewürdigt zu sein. Die sonderbnre Transfiguration des menschlichen Wesens im 
Lichte der Rampe, in dem sich Wirklichkeit und Eingebildetes mit so phantastischer 
Regelmüssigkeit verbinden, hat und wird noch manchen imaginativen Geist aus der 
Realität auf den schwanken Boden des Autismus ziehen. Die Bedingungen für eine 
Katastrophe in menschlicher oder künstlerischer Hinsicht sind damit bereits gegeben. 
— Die Stelle aus dem Roman „Sylvie", die mir leider nicht im Original zugängig 
war (die Übersetzung ins Deutsche ist aus dem Englischen), lautet : „Diese unbestimmte 
und hoffnungslose Liebe zu einer Schauspielerin, welche mich Nacht für Nacht zur 
Zeit der Aufführung ergriff, und die mich nur verliess, wenn der Schlaf sein Recht 
forderte, hatte ihren Ursprung in der Erinnerung an Adrienne, die Blume der Finsternis", 
die sich unter den bleichen Strahlen des Mondes entfaltete, an das blonde und rosige 
Phantom, das nachts über das grüne Gras schwebte, umflossen von weissem Nebel... 
Eine Nonne unter der Form einer Schauspielerin zu lieben! und wenn es dieselbe 
wäre. Das genügt, um einen wahnsinnig zu machen!* 

Dann noch eine andere Stelle aus demselben Roman, die geeignet ist, auf die 
Symbolbildung ein Licht zu werfen; sie steht aber auch mit obiger Stelle in engem 
Zusammenhang: 

.Während ich schlief hatte ich einen wunderbaren Traum Es war mir, als ob 
die Gottheit vor mir erschien und sprach: „Ich bin dieselbe wie Mary, dieselbe 
wie deine Mutter, und auch dieselbe, welche du, unter allenFormen, 
immer geliebt hast. Und doch habe ich bei jeder deiner Heimsuchungen durch 
mich eine der Masken fallen lassen, mit denen ich mein Antlitz verhülle, und bald 
sollst du mich sehen, wie ich wirklich bin!* Horst-Witt, Berlin. 



Varia. 513 

Ein instruktiver antoexperiruenteller Traum. 

Der Wunsch ist der unbestimmte Ausdruck der psychischen Zielstrebigkeit 
— ein Pleonasmus. So verschieden der kindliche Wunsch von den Wünschen eines 
Forschers ist, so verschieden sind die Träume — Neurosen — von Kindern und 
Philosophen. In den Schriften von Tschuang-tse (Annales du muse'e Guimet XX, 
261) wird von diesem grossen Taoisten berichtet; (fingierte Träume folgen den Ge- 
setzen der wirklichen Traurabilduug!) 

Tschuang-tse sah eines Tages — fast ohne dabei irgend etwas zu empfinden — 
einen leeren Schädel, der ganz deB Fleisches entblöast war, aber noch seine ganze 
Form hatte. Er schlug ihn mit seinem Reitstocke und sprach zu ihm, als wollte er 
an ihn eine Frage stellen: „bist du ein reicher Mann gewesen, der die Gerechtigkeit 
vergewaltigt hat, dass du dies geworden bist? Hast du den Untergang eines Staates 
verursacht? Und bist du darum durch die Streitaxt gefallen? Hast du ein schänd- 
liches Leben geführt und deinen Eltern, deiner Frau, deinen Kindern nur Schande 
uls Erbteil hinterlassen? Bist du vielleicht vor entsetzlicher Kälte oder Hunger ge- 
storben, um in einen solchen Zustand zu geraten oder durch diu natürliche Folge der 
Zeit und des Lebensalters? 

Nachdom er dies gesprochen hatte, nahm er den nackten Schädel, 
legte ihn wie ein Kissen auf die Erde und legte sich darauf. (Vorbe- 
reitung zum autoexperimentellen Traum.) 

Mitten in der Nacht erschien ihm der Schädel in einem Traume und sprach 
zu ihm: .Deine Worte sind die eines gebildeten Literaten, der die Knast der Rede 
versteht; aber alles, was du sagst, bezieht sich auf das Verhalten der Lebenden. 
Nach dem Tode jedoch ist all dies ohne Erklärung. Möchtest du, dass ich dir die 
Dinge des Todes erkläre?* 

.Gewiss", erwiderte Tschuang-tse, worauf der Schädel wieder zu sprechen anhub: 
.Unter den Toten gibt es keinen Herrscher und keine niedrigen Untertanen. Dort 
gibt es keine vier Jahreszeiten. Das ganze Weltall formt die Jahreszeiten. Das 
Vergnügen des giössteu Herrschers der Welt, der auf dem Throne sitzt, können die 
dieses Staates nicht übertreffen. 

Tschuang-tse aber glaubte seinen Worten nicht und entgegnete: .Wenn ich 
den Herrn der Geschicke bestimmen wollte, dir das Leben wiederzugeben, dein Gebein 
und dein Fleisch neu zu formen, dich in das Leben neben deine Eltern, neben deinem 
Weib und deine Kinder und in deine Heimat zurückzuversetzen, würdest du nach all 
dem, was du jetzt woisst, damit einverstanden sein? 4 

In den weitgeöffneten Augenhöhleu lagen die Augen des Schädels tief ein- 
gesunken, der die Stirne runzelte und antwortete: „Wie könute ich auf diese Freuden 
verzichten, die des Königs auf dem Throne würdig sind, und in das Elend der 

Menschheit wiederkehren?" 

* * 

* 

Die Psychologie der Todessymbolik im Traum ist wenigstens zum Teil zu be- 
gründen in dem .Wunsch" nach Einweihung in die geheimnisvollen Freuden der 
postmortalen Psyche, die schon im .irdischen" Bestände der Seele Erlebnis werden 
sollen. Das Mysterium des Todes wird durch die archatische Tempeleinweihung ge- 
löst, sagt die philosophische Tradition, dadurch dass der Adept lernt, schon im Körper 
f.a sterben. Der einweihende Tod als Sjiva heisst der Gärtner der Natur. 

(Secret Doctrine I, 495). wie in modernen Träumen der Gärtner sich auch als 
Todessymbol bewährt hat. Die Kathopanischad erzählt uns die Geschichte von 
Nachiketaa und seine Initiation in die heilige Wissenschaft durch Yama, den Tod, 
das heisst durch ein Wesen, das von allen subjektiven Daseinszuständen 



514 Varia. 

zwischen zwei Erdenleben Kenntnis hat. (Meadond Chatte padhyaya. Upaniscbads 
1,36.) Vaivatsoato Manu, der legendarische Gründer der früharischen Mysterien wird 
in der Secret Doctrine von H. P. Plawatsky der Sohn Yamaa genannt (II. 644). In 
der Astrologie wird das achte Tierzeichen, Skorpion (23. Oktober bis 22. November) 
das Haus des Todes und der Einweihung genannt, sowie Mars, der Herrscher von 
Skorpion, der Herr des Todes in der archaischen Symbolik heisst. (Secret Doctrine 
2, 410 usw.) Das Studium der Todessymbolik in der Mythologie, im Folklore und 
in den Träumen kann uns über die Bedeutung der subjektiven Daseinszustände 
zwischen zwei Erdenleben in der Haushaltung der irdischen Psyche belehren (Autismen, 
Symbolgeist, Trance, Tagtiäume, Telepatie, Psychonietrie usw.) und das Problem der 
psychischen Zielstrebigkeit leichter nachfühlbar machen , als es das starre naive 
„Urmensch"dogma erlaubt. So kann erst das gewaltige, aber chaotische psychische 
Material, das uns in den alten theosophischen Schriften, besonders in denen aus China, 
Indien, Chaldäa und Ägypten stammenden, sowie farner auch in der neuzeitlichen 
Gnosis, Kabnla und Alchemie überliefert ist, erst durch die strenge methodologische 
Zucht der modernen Wissenschaften bewältigt weiden, ohne dass wir die alten 
königlichen Hierophanten, wie Echnaton, als moderne bleichsuchtige Neurotiker ab- 
fertigen müssten. a. J. Resink. 

Geistiges und psychisches Hellsehen. 

Die wissenschaftliche Bearbeitung der theosophischen Psychologie ist heute 
erst ein frommer Wunsch. Neben dem theosophischen Begriffsmaterial wird man 
die Psyche des Thesophen als Objekt zu untersuchen haben, um zu einer klaren 
Vorstellung zu gelangen, wie die theosophische Weltanschauung zu lebendiger Kraft 
verarbeitet wird. Die theosopische Literatur der älteren und der neueren Zeiten 
stellt uns ein ungemein reichhaltiges Material von interessanten psychologischen 
Daten zur Verfügung. 

Eine klassische Illustration zu der theosophischen Lehre von der geistigen 
(aktiven) und psychischen (passiven) Clairvoyance gibt uns folgende Erzählung aus 
den Schriften Tschuang-tses (nach der Übersetzung von C. de Harlez in Annales 
du musee Guimet XX 243/4). 

Im Reiche Tschengs gibt es einen Magier namens Tschi-Han, der das Leben 
und den Tod aller Menschen kennt, die Dauer und den Fall, das Glück und das 
Missgeschick , das lange und das kurze Leben und die Frist nach Jahren, Monaten 
und Tagen wie ein Geist festaetzt. Wenn die Leute Tschengs ihn sehen, fliehen sie 
aus Angst. Li-tse sah ihn einst und das Herz von Angst erfüllt, kehrte er um, um 
dies seinem Herrn Hu-tse anzuzeigen und sprach zu diesem: »Ich glaubte, dass der 
Tao eurer Herrlichkeit der höchste wäre; nun aber sehe ich, dass es einen noch 
höheren gibt. Ich habe dich nämlich noch nicht gelehrt,- entgegnete Hu-tse, dass 
das Äussere nicht das wirkliche Wesen ausmacht. Den Menschen dieser Welt, die 
dem Tao sich widersetzen, muss man verschiedene Mittel besitzen, um ihnen das 
Vertrauen einzuflössen. Führe diese Person herbei, damit ich mit ihr spreche. Am 
nächsten Morgen kam Li-tse mit dem Magier. Als Hu-tse wegging, sprach Tschi-han 
zu seinem Schüler: Dein Herr ist tot; er wird keine zehn Tage mehr leben. Ich 
sehe in ihm ausserordentliche Zeichen der nassen Asche. 

Li-tse kehrte schluchzend heim und wiederholte diese Worte Hu-tse, der ihm 
sagte: Ich habe mich ihm gezeigt wie die Erde ihr Äusseres zeigt, in voll- 
kommener Ruhe, als gäbe es in ihr weder eine Kraft der Bewegung noch eine Kraft 
der Ruhe ; dagegen habe ich ihn nicht mein Prinzip der inneren Handlung gezeigt. Komm 
noch einmal mit ihm zu mir. 



Lesefrücbte. 515 

Am nächsten Tag sahen sich diese Personen wieder. Beim Fortgehen sprach 
Tschi-han zu Li-tse. Es ist gut für deinen Herrn, dass er mit mir zusammengekommen 
ist; es geht ihm besser, er wird sich wieder erholen und wird leben. Jetzt habe ich 
die Kraft gesehen, mit der er dem Übel Widerstand leisten kann. 

Li-tse wiederholte diese Worte und Hu-tse antwortete: Ich habe mich diesem 
Manne gezeigt, wie Mächte zwischen dem Himmel und der Erde, die sich nicht voll- 
kommen verbergen; eine geheime Tugend ist aus meinen Fersen hervorgegangen, 
und er hat meinen inneren Wert und meine innere Macht geschaut. 

Am dritten Tag wiederholte sich die gleiche Szene. Tschi-han sprach zu Li-tse: 
Dein Herr ist nie der gleiche, und ich kann ihm nicht helfen; er möge sich bemühen 
zu bleiben was er ist, dann werde ich im helfen können. 

Tschi-han kam abermals, aber diesmal entfloh er, ohne dass Li-tse ihn hätte 
einholen können. Darauf sprach Hu-tse: Ich habe mich ihm gezeigt, wie mein erstes 
Prinzip, ehe es sich geäussert hat. Ich war für ihn wie der leere Kaum, unabhängig 
von allem. Er konnte nicht wissen, wer ich war. Dies hat ihn vollkommen nieder- 
geschlagen, dies hat ihn beschämt, so dass er die Flucht ergriffen hat. Da begriff 
Li-tse, dass er noch nichts verstand; drei Jßhre lang verwandte er seine ganze Auf- 
merksamkeit auf die Pflege seines Hauses und seiner Schweine; dann kehrte er zur 
Natur zurück, er wurde wie ein Schatten, er wurde unerschütterlich gegen alle Dinge 
und lebte so fort bis zum Ende seiner Tage * 

Das gewaltigste Beispiel speziell passiver Hellsichtigkeit ist in der modernen 
philosophischen Literatur in den zahlreichen Schriften der Thesophen A. Besant, 
C. W. Leadbeater und Dr. R. Steiner za finden. 

Der .komische Blick* ist eine schwache Form passiver psychischer Clairvoyance. 
Vielleicht muss man auch im künstlerischen Schaffen und im .neurotischen Schau- 
spieler* Formen und Verirrungen der .aktiven Clairvoyance* sehen. 

H. J. Resnik. 

Lesefrüchte. 

Im „S atyrikon" vonPetronius 1 ) findet sichfolgende Stelle: »Nach einigem 
Hin- und Herreden Über die glückliche Schiffsreise , sagte Lycas, sich an Tryphoena 
wendend: „„Mir ist während meines Schlafes Priapus erschienen, der also herum- 
redete: Wisse, dass dieser Encolpis, den du suchst, von mir auf dieses Schiff geführt 
ward.** — Die Dame schauerte zusammen: „.Man könnte meinen, dass wir zusammen 
geschlafen haben. Denn mir schien die Statue Aphroditens, die ich in dem Tetrastylon 
zu Baiae bemerkt habe, sagen zu wollen: In dem Schiffe von Lycas wirst du Giton 
finden "* — „„ Wisse dadurch, sagte Eumolpus, was für ein überaus göttlicher Mensch 
Epikur war, der diese Art von Phantasmen mit sehr eleganter Redewendung verdammt, 
indem er sagt: 

Die Träume, welche unsere Geister mit ihren flüchtigen Schatten wiegen, 
Nicht die Hallen der Götter, nicht Kräfte dea Äthers schicken 

uns ihren Schein zu, 
Sondern jeder lässt sie in sich entstehen. Denn, wenn wir dnrch den Schlaf 

bezwungen, 
Wenn unsere Glieder durch die Ruhe gestreckt Bind, dann schweift der Gedanke 

frei jeden Gewichts herum. 
Was in der Sonne bestand, ersteht in der Finsternis wieder. Wer feste 

Plätze zerstört 



') Le Satyrikon de Pötrone. Trad. Laurent Tailhade. — „Les Maitres du 
Livre." George, Cres & Cie. Paris 1913. p. 223. 



51G Lesefrücbte. 

Durch den Krieg und den Brand entfesselt tlber unglückselige 
Städte, 

SiehtGeschosse, Armeen in Verwirrung und königliche Leichen- 
züge, 

Und das Blut wie eine gewöhnliche Welle die Ernten über- 
schwemmen. 

Wer als Beruf Prozesse führt, beschwört Gesetze, das Forum 
herauf. 

Und furchtsamen Herzens das geschlossene Gericht. 

Der Geizige häuft die Schätze und gräbt sein vergrabenes Gold 
aus. 

Der Jäger streift die Wälder mit seinen U-unden ab. Es entrei?st 
den Wellen 

Oder drückt auf den untergetauchten Kiel, der sterben sich 
fühlende Fischer. 

Es schreibt ihrem Kunden die Dirne, Der Ehebrecher bietet ein 
Geschenk dar, 

Und der eingeschlafen© Hund verbellt die Spuren des Hasen. 

In der Ruhe der Nacht öffnen sich wieder die Wunden der Un- 
glücklichen.' 

„L'Espiit des Lois", von Montesquieu') enthält in Buch XXII, Kap. 11 
folgende, einem alten Autor entlehnte Stelle: 

„Über die Gedanken." Marsyas träumte, dass er dem Dionysius den Hals ab- 
geschnitten habe. (Plutarch , Leben Dionysius.) Dieser liess ihn töten, indem er 
sagte, dass er nicht so während der Nacht geträumt hätte, wenn er 
nicht wahrend des Tages daran gedacht hätte. 



In Pierre Loti, „Un Pelerin d'Angkor'"), findet sich folgende Stelle über 
den Einfluss von Kindheitseindiücken. 1 

, ..." Ich denke plötzlich daran. Diese uralte Nummer einer Kolonialzeitschtift, 
die die Bilder enthält, welche die ersten waren, die mir die Ruinen von Angkor zeigten, 

inuss noch immer da sein, hinter einem Vorhang stecken Gewis3 war er ent. 

scheidend, der Einfluss, den dieses „Museum" auf die Richtung meines Lebens ge- 
nommen hat. Es geht den meisten Menschen so, die einfach das Spiel- 
zeug ihrer ersten Eindrücke sind. Ein Nichts, lange im zartesten 
Alter gesehen, genügt, um die ganze Folge ihres Lebens in einem 
oder dein anderen Sinne zu bestimmen". 



Fontane 's Roman; „Irrungen, Wirrungen" 3 ) enthält folgenden Passus: 

...»Aber es geht zu Ende. Und rasch, ich weiss es. — * 

„Wie du nur sprichst." 

„Ich habe es freilich nur geträumt", fuhr Lene fort, „Aber warum 
habe ich es geträumt? Weil esmirdenganzenTagvor der Seele 
sieht. Mein Traum war nur, was mir mein Herz eingab.' 



') Paris, Garnier frens & Cie., p. 180. 

*) Paris, Calmann-Levy, Editeurs p. 218/19. 

a ) Kischer's Bibliothek zeitgenössischer Romane. S. Fischer, Verlag, Berlin, p. 97. 



Le8efrlichte. 517 

Der Roman „La maison du pöche"" (das Haus der Sünde) '), der eine Frau, 
Marcelle Tynaire, zur Verfasserin hat, enthält folgende Stelle. 

»Die Stärke der mütterlichen Einflussnahme hatte den Lehrer sehr bewegt. 
F. erinnerte sich der bezeichnenden Worte von Madame de Chanteprie: „Die Frau 
versteht nicht, den Mann zu erziehen." Er selbst betrachtete die Frau mit einem 
ganz christlichen Misstrauen; sie war die Feindin Auf alle Zeiten von ihr los- 
gelöst, fürchtete er sie immer und liebte sie nicht. Oft erinnerte er sich an die in- 
diskrete Zärtlichkeit seiner Mutter, wie sie ihn verzog, erinnerte sich an ihre Zorn- 
ausbrüche, ihre heftigen Liebesbezeigungen, durch die er bestürzt und bedrückt wurde. 
Sie hatte ihn ins Seminar gesteckt, aus Eifersucht, ohne sich darum zu 
kümmern, ob er die Berufung habe, in dem Wunsche, ihn lieber Gott zu 

geben als der Rivalin, der Geliebten, oder der Fr au Ja, die Frau 

empfängt in Sünden, die Begierde Evas geht mit ihrem Blute, mit ihrer Milch in das 
Flöisch des künftigen Adam über. Mehr als die Tochter in dem Vater wieder- 
ersteht, liebt die Mutter das männliche Kind; sie liebt es mit einer 
Liebe, die durch ihreGlut selbst den dunklen Anreiz des Geschlechtes 
verrät. DerSohn ist es, den sie nach dem Bilde ihresTraumes zu ge- 
stalten versucht; in ihm will sie ein stärkeres und freieres Leben 
Wiederbeginnen. Er ist die lebendige Rache ihrer Schwäche und ihrer Knechtung. 
Zwanzig Jahre behütete sie ihn und wenn er sich von ihr reisst, so trägt 
er mit sich das Heimweh nach ihren Armen und ihrer Brust. Sohn des 
Weibes, kehrt er zum Weibe zurück". 

Romain Rolland's Jean Christophe 2 ), 1. Band. „Die Morgenröte" (bildet 
die Geschichte der Kindheit eines deatschen Künstlers), enthält folgende Stelleu: 
S. 95 (Der Verfasser spricht von der nächtlichen Furcht, die das Kind während zwei 
oder drei Jahren seiner Kindheit zeigte). 

„Er hatte Furcht vor dem Geheimnisvollen, das sich im Schatten aufhält, vor 
den bösen Mächten , die das Leben zu belanern scheinen , vor dem wirren Schwann 
der Ungeheuer, welche jedes Kinderhirn mit Schrecken in sich trägt und die es mit 
allem vermischt, was es sieht: zweifellos die letzten Reste einer ver- 
schwundeneu Fauna, von Halluzinationen der ersten nahe dem Nichts 
verbrachten Tage, des fürchterlichen Schlafes im Leibe der Mutter, 
des Erwachens der Larve am Grunde der Materie. — * 

S. 101/102. „Das Zimmer, in dem er schlief, war ein Gehiss ohne Fenster 
und ohne Türen. Nur ein alter Vorhang, an einer Gardinenstange oberhalb des Ein- 
ganges befestigt, trennte es von dem Schlafzimmer der Eltern. Die dicke Luft er. 
stickte ihn. Seine Brüder, die mit ihm im gleichen Bett schliefen, gaben ihm Fuss- 
stösse. Sein Kopf brannte und er war die Beute eiiiji Halb- H alluzinat ion , 
in der sich alle die kleinen Sorgen des Tages wiederfanden, ins Un- 
endliche vergrössert. Io diesem Zustand ausserordentlicher Anspannung der 
Nerven, fast eiu Alb zu nennen, verursachte ihm die geringste Eischütterung Schmerz. 
Das Knarren des Fussbodens erfüllte ihn mit Entsetzen. Die Atemzüge seines Vaters 
schwollen an f fantastische Weise an; es schien dies kein menschlicher Atem zusein; 
dieses ungeheuerliche Gerauch verursachte ihm Entsetzen : es schien als würde ein 
Tier da schlafend liegen. Die Nacht erdrückte ihn, sie schien nicht enden zu wollen, 
es schien dies in alle Ewigkeit so zu sein; manchmal dauerte es Monate, dieser Zu- 
staud. Er atmete schwer, erhob sich halb in seinem Bette, setzte sich, wischte 
mit seinem Hemdärmel sein schweissbedecktes Gesicht ab. Manchmal stiess er seinen 

') „Les maitres du Livro", Georges Cres & Cie., Paris 1913. p. 45.' 

2 ) Paris, Paul Ollendorf. 
Zentralblatt für Psychoanalyse. lV»/>°. 34 



518 LeBefrüchte. 

Bruder Rudolf, um ihn zu erwecken, aber der brummte, zog den Rest der Decken 
an sieb und schlief kräftig wieder ein. 

Er blieb so in der Angst und Beklemmung des Fiebers, bis ein bleicher Streifen 
auf dorn Fussboden erschien, am unteren Rande des Vorhangs." 

S. 122. „Seine Träume waren nicht aufeinanderfolgende Geschichten; sie 
hatten weder Hand noch Fuss. Kaum dass er von Zeit zu Zeit ein genaues deut- 
liches Bild sah: Seine Mutter, wie sie einen Kuchen bereitet und mit einem Messer 
den zwischen den Fingern gebliebenen Teig entfernt; — eine Wasserratte, die er 
tags zuvor im Flusse schwimmend gesehen hatte; — eine Peitsche, die er mit einem 
Streifen Weidenrinde machen wollte . . . Gott weiss warum ihm diese Erinnerungen 
jetzt wieder kamen! — Aber meistens sah er gar nichts. (Es handelt sich um 
Träumereien des Kleinen beim Anhören von Musik.) 



Professor Werner Sombart's neuestes Werk „Der Bourgeois* 1 ) enthält 
folgende Stellen: 

(Er spricht von dem modernen Unternehmertyp)*). 

' st man der Meinung, dass schliesslich doch etwas, wie ein Lebenswert die 

Grundlage aller dieser Strebungen bilden müsse (wenn er auch den beteiligten Menschen 
selber nicht zum Bewusstsein kommt, wenn er nur in der Tiefe ihrer Seele wie ein 
Instinkt schlummert), da doch sonst ganze Generationen nichtgeisteskranker, sondern 
sehr geisteastarker Menschen nicht von dem gleichen Drange erfüllt sein konnten, 
fängt man an, auf eigene Faust die Psyche des modernen Wirtschaftsmenschen zu ana- 
lysieren, so stösst man bei seinen Nachforschungen auf — das Kind. In der Tat 
scheint mir die Seelenstruktnr des modernen Unternehmers, wie des von seinem 
Geiste immer mehr angesteckten modernen Menschen überhaupt am ehesten uns ver- 
ständlich zu werden, wenn man sieb in die Vorstellungs- und Wertewelt des Kindes 
versetzt und sich zum Bewusstsein bringt, dass in unseren überlebensgross erscheinen- 
den Unternehmern und allen modernen Menschen, die Triebkräfte ihres Handelns die- 
selben sind wie beim Kind. Die letzten Wertungen der Menschen bedeuten 
eine ungeheure Reduktion aller seelischen Prozesse auf ihre allereinfachsten Elemente, 
stellen sich als eine vollständige Simplifizierung der seelischen Vorgänge dar, sind also 
eine Art von Rückfall in die einfachsten Zustände der Kinderseele. 

Ich will diese Ansicht begründeu. 

Das Kind hatvierelementareWertekompIexe, vier .Ideale" beherrschen sein Leben: 

1. Das sinnliche Grosse; im erwachsenen Menscheu und darüber hinaus 
im Riesen verkörpert. 

2. Die rasche Bewegung: im raschen Laufen, im Treiben des Kreisels, im 
Drehen auf dem Karussel verwirklicht sich ihm dieses Ideal. 

3. Das Neue: es wirft das Spielzeug weg, um ein anderes zu ergreifen, es 
fängt ein Werk an, um es unvollendet zu lassen, weil eine andere Beschäftigung ea 
anzieht. 

4. Das Machtgeflihl: es reisst der Fliege die Beine aus, zwingt den Hund 
zum Schönmachen und Apportieren (immer wieder), lässt den Drachen in die Luft steigen. 

Diese, — und wenn wir genau nachprüfen nur diese — Ideale des Kindes 
stecken nun aber in allen spezifisch modernen Wertvorstellungen. 

Der Machtkitzel 8 ), den ich als viertes Wahrzeichen modernen Geistes be- 
zeichnen möchte, ist die Freude daran, uns anderen überlegen ' zeigen zu können. 

') Duncker & Humblot, München und Leipzig 1913. 
*) I. c. S. 221/2. 
') 1. c. S. 275. 



Leaefrllcbte. 519 

Er ist im letzten Grunde ein Eingeständnis der Schwäche; weshalb ja 
auch, wie wir sahen, er einen wichtigen Bestandteil der kindlichen Wertewelt bildet. — 

Prof. Sombart spricht dann vom Künstler und Wirtschaftsmenschen und 
ihrer gegensätzlichen Natur 1 ). 

„Es drängt sich uns dann aber wie von selbst die Wahrnehmung auf, dass 
die Unterschiedlichkeit dieser beiden leitenden Grundtypen in der letzten Tiefe auf 
einer Gegensätzlichkeit ihres Liebeslebens beruhen muss. Denn 
offenbar wird von diesem das gesamte Gehaben des Menschen, wie 
von einer höchsten, unsichtbaren Gewalt bestimmt. Die polaren Gegen- 
sätze in der Welt sind die bürgerliche und die erotische Natur. 

Alle9 in der Welt ist nichtig, ausser Liebe. Es gibt nur einen dauernden Lebens- 
werk die Liebe. 

Im Kern: die geschlechtliche Liebe, in ihren Ausstrahlungen alle Liebe : Gottes- 
liebe, Menschenliebe (nicht etwa: Liebe zur Menschheit). Alles andere in der Welt 
ist nichtig. Und für nichts in der Welt darf die Liebe nur Mittel sein. Nicht für 
den Genuss, nicht für die Erhaltung der Gattung. Die Mahnung: „Seid fruchtbar 
und mehret euch" enthält die tiefste Versündigung gegen die Liebe. 

Der erotischen Natur gleich fern steht die unsinnliche wie die sinnliche Natur, 
die beide sich vortrefflich mit der Bürgernatur vertragen. Sinnlichkeit und Erotik 
sind fast einander abschliessende Gegensätze. Dem Ordnungsbedürfnis der Bürger- 
lichkeit fügen sich sinnliche und unsinnliche Naturen, erotische nie Eine starke 
Sinnlichkeit kann - wenn gezähmt und behütet - der kapitalistischen Disziplin 
zugute kommen; die erotische Veranlagung widerstrebt allen Unterwerfungen unter 
eine bürgerliche Lebensordnung, weil sie niemals Ersatz werte für Liebes- 
werte annehmen wird. 

Ein guter Haushälter, können wir es ganz allgemein ausdrücken, also ein guter 
Bürger und ein Erotiker, welchen Grades mich immer, sind unversöhnliche Gegensätze. 
Entweder im Mittelpunkte aller Lebenswerte Bteht das Wirtschaftsinteresse (im weitesten 
Sinne) oder das Liebesinteresse. Entweder man lebt, um zu wirtschaften oder um zu 
lieben. Wirtschaften heisst sparen, lieben heisst verschwenden. In ganz nüchterner 
Weise äussern diesen Gegensatz die alten Ökonomiker. So meint Xenophon z. B.: 

„Indem ich sehe, dass du dir einbildest, reich zu sein, dass du gleichgiltig bist 
gegen den Erwerb und Liebesgeschichten im Kopfe hast, als ob du dir das so leisten 
könntest. Drum tust du mir leid, und ich fürchte, dass es dir noch recht schlecht 
geht und du in arge Verlegenheit geratest. 4 

„Zur Wirtschafterin machten wir auf Grund eingehender Prüfung diejenige 
Person," die uns am meisten Mass halten zu können schien mit Rücksicht auf Essen, 
Trinken, Schlafen und Lieben." 

Einen ganz ähnlichen Gedanken spricht der römische Landwirtscbaftsschrift- 
stellerColumellaaus, wenn er seinem Wirte rät : „Halte dich von Liebesgeschichten 
fern : wer sich denen ergibt , der kann an nichts anderes denken. Für ihn gibt es 
nur einen Preis: die Erfüllung seiner Liebessehnsucht; nu eine Strafe: wenn er un- 
glücklich liebt.* Eine gote Wirtschafterin darf keine Gedanken an Männer haben, 
sie muss „a viriB remotissima* sein. — 

M 1. c. S. 261 u. ff. 

34» 



520 Lesefrüchte. 

Das alles konnte und sollte hier nur angedeutet werden. Eingehende Unter- 
suchungen werden tiefere und breitere Erkenntnis zutage fördern. Ich wollte den 
Gedanken nicht unausgesprochen lassen, dass zuletzt doch die Be- 
gabung zum Kapitalismus in der geschlechtlichen Konstitution 
wurzelt, und dass das Problem .Liebe und Kapitalismus" auch nach dieser Seite 
hin im Mittelpunkt unseres Interesses steht. 

(Sublimation)'). Nun wohnt nicht nur als treibende Kraft der erzwungene 
Wille in der wirtschaftlichen Welt: es wohnt die Liebe des Unternehmers selbst 
darin. Das Unternehmen ist seine Geliebte geworden, die er nun mit aller Inbrunst 
hegt und pflegt Mautner, Paris. 

Die Internationale Gesellschaft für Sexualforschung (Präsident Geh. Re- 
gieiungs-Rat Prof. Dr. Julius Wolf, Berlin) veranstaltet am 31. Oktober, 1. und 
2. November 1. J. in Berlin ihren ersten Kongress. 

Er wird das gesamte Gebiet der wissenschaftlichen Sexualforschung umfassen 
und voraussichtlich in eine biologisch-medizinische, eine sozial undkulturwissenschaft- 
l.che, eine juristische (einschliesslich der Kriminal-Anthropologie und Psychologie) und 
eine philosophiseh-psyccbologisch-pädagogische Sektion geteilt werden. Die Verhand- 
lungssprachen sind deutsch, englisch, französisch;, jedoch ist der Präsident befugt 
für besondere Fälle auch andere Sprachen zuzulassen. 

Von den bisher angemeldeten Vorträgen nennen wir: 

Prof. Dr. Broman, Lund: „Ursachen und Verbreitung der natürlichen 

Sterilität nnd ihr Anteil am Geburtenrückgang". 
Geh. Med.-Rat Prof. Dr. Fritsch, Berlin: „Thema vorbehalten". 
Prof. Dr. Hans Gross, Graz: „Vergleichende Kriroinalpsycholoirio 

der Geschlechter". 
Prof. Dr. Ch. Klumker, Frankfurt a. M. und Pastor Wilh. Pfeiffer, 

Berlin: „Was wird aus den Unehelichen r"' 
Prof. Dr. Mingazzini, Rom: „Weibliche Kriminalität nnd Menses". 
Prof. Dr. W. Mittermaier, Giessen: „Die Stellung des Strafrechts au 

den Sexualdelikten im Wandel der Geschichte". 
Dr. Albert Moll, Berlin: Zur Psychologie, Biologie und Soziologie 

der alten Jungfer". 
Prof. Dr. Seil heim, Tübingen: „Fortpflanzung und Fortpflanzungs- 
bereitschaft als Arbeit der Frau". 
Prof. Dr. E. Steinach, Wien: „Beeinflussbarkcit der Geschlechts- 

charaktere". 
Prof. Dr. S. St ein m et, Amsterdam: „Der individuelle Faktor in der 

Rassenmischung". 
Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. JuÜuh Wolf, Berlin: „Sexualwissenschaft als 
Kulturwissenschaft". 
Für die Mitglieder der Gesellschaft ist die Teilnahme am Kongress frei, Nicht- 
in.tglieder haben eine Einschreibegebühr von Mk. 10.- zu zahlen. — Anmeldungen 
zum Kongress auch von Vorträgen werden schon jetzt an den zweiten Schriftführer 
Dr.MaxMarcuse, Berlin W. 35, Lützowstr. 85 erbeten, an den auch alle sonstigen 
Anfragen betreffend den Kongress nnd die Gesellschaft zu richten sind. 

»} 1. c. S. 456.