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Full text of "Zentralblatt für Psychoanalyse 1914 Band IV Heft 11/12"

Originalarbeiten. 

i. 
Über Destruktionssymbolik. 

Von Dr. Otto Gross, Wien. 

Ich leite die folgenden Ausführungen mit drei konkreten Beispielen 
ein und bemerke vorher, dass diese nur der Exemplifizierung dienen sollen 
und nicht als beweisendes analytisches Material. 

1. Herr Dr. Neu mann von der schlesischen Landesirrenanstalt 
Troppau erzählt mir folgende Beobachtung: 

Ein 6 jähriges Mädchen wird beim Spiel von einem älteren Knaben 
plötzlich und unerwartet von rückwärts durch einen Stoss zu Boden ge- 
worfen. Sie fällt auf ein Knie und zieht sich eine unbedeutende äussere 
Verletzung zu. Im Anschluss daran verbleibt ihr eine Streckkontraktur 
im betroffenen Kniegelenk, die sich als eindeutig psychogen erweisen und 
suggestiv zur Lösung bringen lässt. 

In diesem Falle konnte eine psychoanalytische Untersuchung nicht 
vorgenommen werden. Allein der Fall ist von so klassischer Einfachheit, 
der Krankheitsaufbau derart übersichtlich und für den Kenner derart selbst- 
verständlich, dass eine nähere Besprechung hier wohl nur aus Gründen 
des Zusammenhanges stattfinden soll. 

Vergegenwärtigen wir uns die psychologischen Tatsachen, die Freud 
als „infantile Theorien" von Koitus und Geburt beschrieben hat und die 
zurzeit wohl jedem Analytiker als jenseits alles Zweifels gelten müssen, 
so ist der innere Sinn des Krankheitsbildes und Krankheitszieles von selbst 
gegeben. 

Die Lehre Freud's von den „infantilen Sexualtheorien" besagt, 
dass der Geschlechtsverkehr in der Vorstellung der Kinder habituell in dem 
Bilde einer Vergewaltigung welcher Art immer der Frau durch den Mann, 
im Bilde eines wie immer gearteten sadistischen Aktes sich wiederspiegelt, 
und dass sich Geburt und Schwangerschaft im infantilen Vorstellungsleben 
als Krankheit, Operation, Verwundung oder Tod projizieren. Die Tatsache 
dieser infantilen Symbolisierung ist mythologisch von Otto Rank, vor 
allem aus Märchenmotiven, auf das Bestimmteste nachgewiesen worden. 
Wie diese infantilen Bilder von Sexualität und Geburt entstehen, warum sie 
regelmässig geradeso zustande kommen und was aus dieser psychologischen 
Tatsache für Schlüsse zu ziehen sind, seil später behandelt werden. 

Der Fall, den ich berichtet habe, enthält die unmittelbare Umsetzung 
dieser infantilen Sexualauffassung in lebendiges Geschehen. Ein kleiner 

Zentrtlblatt fllr Pa yehoioalyte. IV /". 85 



J 



INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



526 W«"- Otto Gross, 

Knabe wirft ein kleines Mädchen zu Boden, im Spiel, aus Scherz, aus 
einem unvermittelten Impuls heraus. Er handelt aus seinem Bestimmt- 
sein vom Unbewussten her, vollführt einen Sexualakt nach seiner Weise, 
so wie sein Unbewusstes die Sexualität versteht. Und aus der gleichen 
Disposition heraus, im gleichen Sinne, wird was er tut vom Unbewussten 
des Mädchens aufgenommen: sie reagiert auf den symbolischen sexuellen 
Akt mit einer symbolischen Schwangerschaft. 

Dass die geschilderte Krankheitserscheinung des Mädchens tatsäch- 
lich nur als Schwangerschaftssymbol betrachtet werden kann, ergibt sich, 
aus dem Grundsatz, den wir als psychoanalytisches Axiom behandeln 
müssen, dass jedes aus dem Unbewussten rührende Phänomen — Symptom 
oder Traum — die Realisierung eines symbolischen Wunschmotivs, ich 
möchte sagen eines Tropismus bedeuten muss. Die deterministische Grund- 
auffassung gestattet uns nicht, an kausalitätslose, sinnlose, ja nicht ein- 
mal an wirklich unzureichend begründete psychische Aktionen zu glauben. 
Der sexuelle Tropismus ist im beschriebenen Krankheitsfall in infan- 
tiler Art ins Leben umgesetzt: mit infantiler Unklarheit über das Wesen der 
Sexualität und infantiler Sicherheit und Reinheit des sexuellen Wünschens. 
Es bleibt Problem, wieso die infantile Verkennung der Art des sexuellen 
und generativen Geschehens zustande kommt und warum sie gesetzmässig 
gerade die Symbolik von Vergewaltigung und Krankheit annimmt, warum 
sich hier gesetzmässig die Symbolismen der „Destruktion" im Sinne von 
Sabine Spieliein ausbilden müssen. 

2. Ein Arzt erzählt mir folgenden Traum: 

„Ein weibliches Tier, es ist zunächst eine Hündin. Sie liegt am 
Boden, auf der Seite, sie hat ein neugeborenes Junges bei sich. Ich streichle 
sie, rede ihr zu und sage ihr, sie soll mich mit ihrem Jungen spielen lassen 
und dass ich ihm nichts zuleide tun würde, sie ist aber etwas misstrauisch 
gegen mich. Dann später ist es ein weibliches Schwein. Eine Frau steht 
daneben, es könnte meine 'Mutter sein, und sagt mir «twa so, man habe- 
bei dem Tier zur Erleichterung einen Entspannungsschnitt gemacht. Ich 
empfinde dunkel, man habe eine Phlegmone angenommen, es werde aber 
wohl eine inveterierte Luxation gewesen sein, es sei ein Kunstfehler, eine 
brutale Nachlässigkeit, und ich empfinde Grauen dabei. Ich untersuche 
dann die Wunde, es ist eine furchtbare Verletzung in der Leistenbeuge, in 
der man den Kopf des Femur sieht, die Wunde ist nicht verbunden, sie 
macht den Eindruck wie eingestochen und aufgeschlitzt. Es macht den Ein- 
druck wie bei einem geschlachteten Tier." 

Von diesem Traum war eine ziemlich weitgehende Analyse möglich. 
Das wesentlichste Traummoment, der Ausdruck des Gcburtsrnotivs durch 
Destruktionssymbolik, liegt aber ohne weiteres klar- zutage — mit einer 
ganz besonderen Beweiskraft, weil das Geburtsmotiv hier Einmal unverhüllt 
aus der Realitätskenntnis des Erwachsenen heraus formuliert ist — im 
Traumbild von. einem weiblichen Wesen mit einem neugeborenen Jungen — 
und Einmal „regressiv" in infantiler Symbolik — im Traumbild vom ver- 
wundeten Tier 1 ) — auffallenderweise zuerst in der direkten und dann 
in der symbolischen Form. Der infantile Charakter der Destruktionssymbolik 
für den Geburtsvorgang ist durch die sekundäre Umarbeitung in medizinische 
Anschauungsbilder nur oberflächlich verhüllt. 

i) Assoziation zur Wunde, in der man den Femurkopf sieht: der Kopf des 
Kindes, der in der Vagina sichtbar wird. 



Über Destruktionssymbolik. 527 

Problematisch bleiben in diesem Falle zunächst noch zwei Momente : 
Das Wesen des treibenden Wunschmotivs und die Bedeutung der Tier- 
symbolik, der Darstellung des Prinzipes „Frau" durch die Symbole „Hündin" 
und „Schwein". Den Aufschluss gibt ein zweites, späteres, gesondertes 
Traumbild derselben Nacht: das Traumbild einer homosexuellen Situation. 
Die analytische Untersuchung ergab die Lösung beider Probleme in fol- 
gendem unmittelbarem und für den Träumer selbst höchst überraschendem 
Einfall : „Weil die Frauen so hündisch und schweinisch sind, dass sie 
Kinder bekommen, so wünschte ich, ich wäre homosexuell." 

Als tropistisches Kernmotiv des ersten Traumabschnittes ergab sich 
dann noch eine Lustmordphantasie, die auf das Festhalten des Unbewussten 
an der infantilen Destruktionssymbolik für die sexuellen und generativen 
Vorgänge zurückzuführen war. Es ist derselbe Mechanismus des sexuellen 
Eingehens vom Unbewussten des Einen auf das Unbewusste des Anderen, 
die Wechselwirkung der infantilen Unbewusstseinsformen der Sexualität 
von einem Menschen auf den anderen, die hier als Voraussetzung in den 
Traummotiven wirksam ist und die im erstbeschriebenen Falle ins Leben 
umgesetzt worden war. Die Tatsache, dass dem sexuellen Trieb in seiner 
sadistischen Ausdrucksform die stärkste innere Verneinung entgegenwirkt, 
erklärt das vorhin unterstrichene auffallende Nacheinander der direkten 
und indirekten Traumdarstellung desselben Motivs s der sexuelle Tropismus 
setzt sich schwerer und deshalb später in seiner sadistisch-symbolisierten 
Gestalt als in der realitätsgemäss korrigierten direkten durch. Der eigent- 
liche Traumwunsch wäre nach diesem Ergebnis exakt zu übersetzen : „Noch 
lieber als in der durch Destruktionsphantasien belasteten Heterosexualität 
zu leben, möchte ich homosexuell sein." In dieser Endformulierung erweist 
sich der angeführte assoziative Einfall, der erst als eine brutale Paradoxie 
erscheinen musste, als unmittelbarer Ausdruck des tiefen Konfliktes 
zwischen der ethischen Gesamteinstellung und den im Unbewussten wirk- 
samen verbildeten Triebgestalten der Sexualität. 

3. Im Roman „Kameraden!" von Franz Jung fasst eine Frau das 
Wesen ihres Leidens an sich selbst in die Worte zusammen: „Ich hasse 
alle Frauen'. Ich möchte ein Mann und homosexuell sein." Ich bin in 
der Lage beizufügen, dass diese Worte, wie überhaupt die Geschichte der 
Neurose in diesem Meisterwerk des psychologischen Realismus, dem Leben 
unmittelbar entnommen sind. — 

Die Äusserung, von welcher jetzt die Rede ist, führt uns direkt an 
das grosse Problem heran, das Alfred Adler unter dem Stichwort vom 
„männlichen Proteste" aufgerollt hat. Worum es sich dabei handelt, soll 
mit den Worten angedeutet werden, in welchen I. Birstein 1 ) das 
Grundprinzip des Ad ler sehen Gedankens ausdrückt: „Als traurige Folge 
des sozialen Vorurteiles von der Überlegenheit des männlichen Elementes 
entsteht folgende schematische, gefühlsmässige Gegensatzfassung: das 
Minderwertige, Weibliche, Schwache, ,unten' sich Befindende und, auf 
der anderen Seite, das Vollwertige, Männliche, Starke, ,oben' Befindliche." 
Als Konsequenz dieser unbewusst herrschenden Gefühlseinstellung ergibt 
sich bei der Frau die Endeinstellung: „Männlicher Protest — der Wunsch 
ein Mann zu sein" x ). 

An sich, dass eine Frau ein Mann sein möchte, ist zweifelsfrei 
aus dem „sozialen Vorurteil von der Überlegenheit des männlichen Ele- 

i) Zentralblatt für Psychoanalyse IV, 7/8. 

85* 



528 Dr. Otto Gross, 

mentes" zu erklären — wir kommen auf diese grundlegend wichtige Tat- 
sache noch später zu sprechen. Allein die Worte der Frau in Jung's 
Roman, auf die wir uns beziehen, enthalten noch einen zweiten Wunsch, 
der kompliziertere Mechanismen voraussetzt und sich nicht ohne weiteres 
nur aus der „Sicherungstendenz" im Sinne Adler's erklären lässt, das 
ist also aus der „Selbstverteidigung der Persönlichkeit, d. h. dem Entgegen- 
wirken gegen das Eindringen des Minderwertigkeitsgefühles in das Be- 
wusstsein" 1 ). Das Problematische liegt im zweiten Teil des Satzes : „Ich 
möchte ein Mann und homosexuell sein". 

Es ist wohl ohne weiteres zweifellos, dass dieser zweite Wunsch 
nicht aus dem Minderwertigkeitsgefühl der Frau um ihrer Weiblichkeit 
willen und der Tendenz zur Überkompensation dieses Minderwertigkeits- 
gefühles erklärt werden kann. Aus jenen rein egoistischen Strebungen 
nach dem Durchsetzen des eigenen Ich um jeden Preis, das Adler und seine 
Schule als das einzig wirksame Prinzip in der Genese von allen Unter- 
bcwusstseinsäusserungen ansetzen, könnte in einer Frau wohl nur der 
Wunsch entstehen, ein Mann im gewöhnlichen Begriffe der „Männlichkeit", 
das ist ein Vergewaltiger der Frauen zu sein. 

Die kompliziertere Motivierung wird verständlich, wenn wir das 
letzte Beispiel mit dem zuvor erzählten Traum vergleichen. Gemeinsam 
ist beiden Fällen, also einem Mann und einer Frau, das Wunschmoment, 
ein homosexueller Mann zu sein. Diesem gemeinsamen Wunschmoment 
muss augenscheinlich eine gemeinsame, für Mann und Weib in gleicher 
Weise mögliche Motivierung zugrunde liegen. Und dies Motiv ist zwar im 
Fall der Frau nicht ausgesprochen, im Fall des Männertraumes aber als 
analytisches Ergebnis klar zutage liegend und kann wohl zwanglos in die 
psychologische Konstruktion des letzten Falles herübergenommen %verden. 
Wir haben die Formel für dieses Motiv bereits zusammengefasst: es ist 
der Wunsch von der im Unbewussten mit infantilem Material belasteten 
Heterosexualität, das ist von den die Heterosexualität belastenden Tropismen 
der Destruktionssymbolik freizukommen. — 

Wir überschauen nun, was sich aus den drei Fällen ergeben hat 
und was wir erschliessen konnten. Zugrunde liegt jedesmal — teils 
analytisch erweisbar, teils eindeutig zu erschliessen — das Festhalten des 
Unbewussten an der destruktionssymbolischen Formulierung für die Vor- 
stellungen von Sexualität und Geburt, als deren wesentliches Prinzip im 
Unbewussten die Vergewaltigung des Mannes durch die Frau und deren 
Folgen als Krankheit und Leiden figurieren. Im ersten Fall, dem Fall des 
Kindes, setzt sich die Sexualität in dieser Form ins Leben um : im Kindes- 
alter überwiegt die Vitalität des unmittelbaren Wünschens die Kraft der 
Hemmungen. In den zwei anderen Fällen, welche Erwachsene betreffen, 
überwiegt die Hemmung: es ist das Widerstreben gegen die Destruktions- 
tropismen, das sich in diesen beiden Fällen als Wunsch des Unbewussten 
manifestiert. Wir sind in diesen beiden Fällen, beim Mann wie bei der 
Frau, zur Rekonstruktion des Wunschmotivs gelangt, mit der Frau nichts 
Sexuelles zu tun haben zu wollen, weil die Sexualität mit der Frau eine 
Vergewaltigung der Frau bedeute. Und dieses Wunschmotiv ist seiner 
psychologischen Natur nach ein ethisches. 

Die psychoanalytische Literatur hat uns vertraut gemacht mit der 
Bedeutung des moralischen Motivs als Komponente der inneren Konflikte. 

i) Zentralblatt für Psychoanalyse IV, 7/8. 



Über DeBtruktionsBymbolik. 529 

W. S t e k e 1 hat die konflikterregende Wirkung der religiös-moralischen 
Motive an den Tag gebracht und I. Marcinowski hat den Charakter 
der krankheitschaffenden inneren Konflikte als Folge des unlösbaren Wider- 
spruchs der menschlichen Natur mit den bestehenden moralischen Wert- 
urteilen mit unübertreffbarer Deutlichkeit klargelegt. Allein die ethische 
Grundtendenz, von welcher hier die Rede ist, hat nichts zu tun mit den 
moralischen Werturteilen, von denen Marcinowski sagt: „Moral ist 
Furcht vor rächenden Dämonen" und welche ich selbst als „die Summe 
aller fremden Suggestionen, die wir Erziehung nennen", bezeichnet habe. 
Es handelt sich vielmehr um einen kongenitalen, den Menschen artgemässen 
Urinstinkt, der auf die Erhaltung der eigenen Individualität und die liebend- 
ethische Beziehung zur Individualität der Anderen zugleich gerichtet 
ist, für dessen Wesen man die konkrete Fassung gebrauchen kann: das 
Streben, sich selbst nicht vergewaltigen zu lassen und 
Andere nicht zu vergewaltigen. 

An dieser Stelle soll diese Fassung nur die Bedeutung eines heuristi- 
schen Prinzipes haben; ich habe eine grössere Arbeit darüber in Vor- 
bereitung. Hier soll zum Zwecke dieser Ausführungen hervorgehoben 
werden: der ethische Grundinstinkt, von dem die Rede ist, ergibt zusammen 
mit der Destruktionssymbolik der Sexualität im Unbewussten den Kon- 
flikt von zwei Antagonistenpaaren : sich nicht vergewaltigen lassen und 
nicht vergewaltigen wollen auf der Einen Seite und auf der Anderen die 
Gefühlsfestsetzung des unüberwindlichsten Triebes als Vergewaltigen und 
Vergewaltigtwerden. 

* 
Bei meiner Beschäftigung mit sexuellen Problemen hat mich eine 
Frage "besonders interessiert: warum dieser mächtigste Trieb, der Fort- 
pflanzungstrieb, neben den a priori zu erwartenden Gefühlen negative 
wie Angst, Ekel in sich beherbergt, welch' letztere eigentlich überwunden 
werden müssen, damit man zur positiven Betätigung gelangen kann." Mit 
dieser Problemstellung beginnt die gedankenreiche Untersuchung von 
Sabine Spielrein über „Die Destruktion als Ursache des Werdens" 1 ). 
Mit diesen Worten ist die tiefste Frage angeschnitten, mit der sich die 
moderne Psychologie zu beschäftigen hat, und diese Frage ist in ihrer 
menschheitumfassenden Allgemeinheit aufgerollt. Ich schliesse an, was ich 
dereinst geschrieben habe: „Die Klinik des Psychoanalytikers 
umfasstdas ganze Leiden derMenschheit ansich selbs t." 

Wir finden in der Tiefe des menschlichen Inneren einen Konflikt, der 
die seelische Einheit zerreisst, wir finden, dass dieser Konflikt in jedem 
Menschen ist, dass diese seelische Zerrissenheit die ganze Menschheit 
durchzieht, und diese Erkenntnis führt in die Versuchung, das Leiden an 
sich selbst als unvermeidbar, den inneren Konflikt als etwas „Normales" 
zu sehen. Doch unser naturwissenschaftliches Erkennen muss es ab- 
lehnen, etwas so Unzweckmässiges für einen angelegten Artcharakter, 
für etwas artgemäss dem Menschen Angeborenes zu halten. 

Diese Erwägung führt zu einer soziologischen Problemstellung in 
der Psychologie der inneren Konflikte. Ich habe einer solchen Anschau- 
ung in meiner Arbeit „Über psychopathische Minderwertigkeiten" *) Aus- 

1) Jahrbuch für payehoanalyt. etc. Forschungen 1911, IV. Band, I. Hälfte, 
pag. 465. 

2) BraumttUer 1909. 



530 Dr. Otto Gross, 

druck gegeben: „Der Sexualkonflikt scheint in seiner ungeheueren Bedeutung 
gerade nur als Ausdruck einer allgemeinsten sozialen und psychischen 
Gegebenheit verständlich. Die typischen Erziehungs- und Milieuverhältnisse 
des Kindes in der Familie bedingen die exogene, die hohe Suggestions- 
empfänglichkeit der Kindheitsphase die endogene Ätiologie der ideogenen 
Alterationen. Die eingeborenen individuellen eigenen und die von früh 
auf suggerierten fremden Entwickelungs- und Assimilatioustendenzen sind 
eigentlich die souveränen Gegenströmungen im pathogenen Konflikt. Die 
Frühsuggestionen der Erziehungstendenz und des Nachahmungszwanges 
im Familienmilieu fixieren die fremden Impulse, die mit der Individualtät 
im unlösbaren Gegensatze stehen und so die pathogenen Dauerkonflikte 
bedingen. Die wirklich trennenden Kontraste in der zerrissenen Psyche 
sind nur als Gegensatz des Eigenen und Fremden möglich. Ich glaube 
darum auch sagen zu können : Die psychoanalytische Heilung 
der ideogenen Zerrissenheit ist die Befreiung der in- 
dividuell präformierten Zweckmässigkeit vom sug- 
gestiv fixierten fremden Willen der infantilen Um- 
gebung." 

Das Kind in der bestehenden Familie erlebt zugleich mit dem Be- 
ginnen des Erlebenkünnens, dass seine angeborene Wesensart, sein an- 
geborenes Wollen zu sich selbst, sein Wollen, so wie es ihm angeboren ist 
zu lieben, nicht verstanden und von niemanden gewollt wird. Dass keine 
Antwort kommt auf die Erlösungsforderung: die eigene Persönlichkeit be- 
halten und nach den eigenen angeborenen Gesetzen lieben können. Auf 
diese Forderung gibt niemand Antwort als das eigene Erkennen, verschmäht 
und wehrlos unterdrückt zu sein, das eigene Erkennen der allausfüllend 
weiten Einsamkeit ringsum. Und auf die grenzenlose Angst des Kindes in 
der Einsamkeit hat die Familie, wie sie jetzt besteht, die eine Antwort: 
Sei einsam oder werde, wie wir sind. 

Kein Mensch vermag bereits als Kind auf Liebe zu verzichten: Das 
ist unmöglich, weil der Trieb zum Anschluss an die Anderen so arterhaltend 
wie das Streben zum Bewahren des angeborenen eigenen Wesens ist. Das 
Kind in der bestehenden Familie muss werden wie die anderen, die es 
umgeben, sind : mehr oder minder gänzlich, wenn es zu den Meisten, zum 
Teil nur, wenn es zu den Wenigen gehört, die ihre angeborene Wesensart 
und eine innere Notwendigkeit, danach zu streben, nie ganz verlieren 
können. 

Die Angst der Einsamkeit, der Trieb zum Anschluss zwingt das Kind, 
sich anzupassen: die Suggestion von fremdem Willen, welche man Er- 
ziehung nennt, wird in das eigene Wollen aufgenommen. Und so bestehen 
die Meisten geradezu allein aus fremdem Willen, den sie aufgenommen, 
aus fremder Art, der sie sich angepasst, aus fremdem Sein, das ihnen völlig 
als die eigene Persönlichkeit erscheint. Sie sind in ihrem Wesen im grossen 
ganzen einheitlich geworden, weil aller fremde Wille, aus welchem sie in 
Wirklichkeit bestehen, in seinem tiefsten Wesen und seinen letzten Zielen 
einheitlich gerichtet ist. Sie haben sich das innere Zerrissensein erspart, 
sie sind den Dingen wie sie liegen angepasst. Sie sind die Allermeisten. 

Allein wenn auch kein einziger, so wie die Dinge liegen, es vermag, 
das aufgedrängte Fremde völlig von sich fern zu halten : es gibt auch Solche, 
welche auch das Wesenseigene nie. ganz verlieren können. Das Schick- 
sal dieser Menschen ist der innere Konflikt des Eigenen und Fremden, die 



Über Destruktionssymbolik. 531 

innere Zerrissenheit, das Leiden an sich selbst. Es ist die Menschenart, 
mit deren unverlierbar führenden Motiven es unvereinbar bleibt, dass sie 
den ersten grossen Kompromiss geschlossen haben. 

Die Angst der Einsamkeit, welche das erste innere Erleben des 
Kindes ist, wird durch den Kontrast der angeborenen eigenen Wesensart 
mit der Umgebung bedingt, und diese Angst enthält den Zwang, sich an 
die Anderen anzupassen. Nur die Tendenz, zu werden wie die Anderen 
sind, eröffnet für das Kind den Ausblick auf Befriedigung des Anschluss- 
triebes, und sie allein enthält zugleich' die Möglichkeit, zwar nicht die 
eigene Wesensart bewahren, jedoch das eigene Ich in angepasster Form 
den Anderen gegenüber zur Geltung bringen zu können. Die Angst der 
Einsamkeit des Kindes ist der erste, ursprüngliche und entscheidende Zwang 
zur Umwandlung des Willens zur Erhaltung der Individualität in den „Willen 
zur Macht", von dessen unabsehbarer Bedeutung in den inneren Konflikten 
uns die geniale Forschung Alfred Adler's überzeugt hat. 

Mit dieser Umwandlung des Willens zur Erhaltung der Individualität 
in Willen zur Macht ist eine vollkommene Dissoziierung und Gegensatz- 
stellung der beiden ursprünglich harmonisch einheitlichen Triebkomponenten 
gegeben, für welche wir früher die Formulierung gefunden haben: sieb 
selbst nicht vergewaltigen lassen und andere nicht vergewaltigen wollen. 
Und diese sekundäre, erworbene Gegensatzstellung der egoistischen und 
altruistischen Tropismen erst ergibt das Antagonistenpaar des inneren 
Konfliktes, welcher im Selbsterhaltungskampf im Sinne Alfred Adlers 
zur unzweckmässigen Äusserung kommt. 

Es ist die Konsequenz der Gegensatzstellung, der gegenseitigen Rei- 
bung im inneren Konflikt, dass beide antagonistisch geordneten Trieb- 
komponenten durch Überkompensation immer mehr entstellt und hyper- 
trophisch werden. Infolgedessen äussert sich das Kräftespiel des Nicht- 
vergewaltigtwerdenwollens und Nichtvergewaltigenwollens in modifizierter 
Form der beiden Impulse als innerer Konflikt von Willen zur Macht und 
Selbstaufhebung. 

Die Frage der Selbstaufhebungstendenzen ist das Problem, das A. 
Adler's Forschung zu keiner voll befriedigenden Lösung gebracht hat. 
Die Selbstaufhebung als Ausdruck des durch Uberbelastung hypertrophisch 
verbildeten Grundinstinktes des Nichtvergewaltigenwollens aufzufassen, 
scheint mir ihr eigentliches Wesen verständlicher zu machen. 

Es ist im vorigen angedeutet worden, dass die Erhaltungsfähigkeit 
der angeborenen Wesensart und ihrer Grundinstinkte von grösster indivi- 
dueller Verschiedenheit ist. Es ist gesagt worden, dass es nur wenige 
sind, in denen sich das angeboren artgemässe Wesen und seine Grund- 
instinkte noch wirksam geltend erhalten können. Und damit unterliegt 
auch die ethische Komponente der kongenitalen Instinkte — das, was wir 
als Nichtvergewaltigenwollen bezeichnet haben — so grossen individuellen 
Schwankungen, dass sie gerade nur bei einigen, und zwar bei einer Minder- 
zahl von Individuen sich noch als nachweisbare Komponente der inneren 
Konflikte manifestieren wird. Es ist darum ohne weiteres zuzugeben, 
dass für die Mehrzahl der Fälle das Schema A d 1 e r's vom inneren Kon- 
flikt zwischen den rein egozentrisch orientierten Antagonisten der persön- 
lichen Minderwertigkeitsangst auf der Einen Seite und des überkompen- 
sierenden Bestrebens sich durchzusetzen auf der Anderen von praktisch 
uneingeschränkter Geltung sein dürfte. Allein ich wiederhole, dass dieses 



532 Dr. Otto Gross, 

Schema allein in allen jenen Fällen sich als unzureichend erweist, in 
denen das Moment der Selbstaufhebung in die Erscheinung tritt. Als das 
Moment, das Adler's Erklärungen am meisten problematisch gelassen 
haben, erscheint mir das Phänomen des Masochismus im weitesten Sinne 
des Wortes. Wir werden uns mit diesen Fragen nunmehr noch weiter zu 
befassen haben. Wir kommen damit zu dem Problem zurück, von dem wir 
ausgegangen sind: zur Destruktionssymbolik in der Sexualität. Der sa- 
distisch-masochistische Erscheinungskomplex ist nur die höchst gesteigerte 
klinische Ausdrucksform der sexuellen Destruktionssymbolik überhaupt. 
Für diese aber können wir jetzt die allgemeine Formulierung geben: die 
sexuelle Destruktionssymbolik ist das Verschmelzungsresultat der Sexualität 
mit den erworbenen Endeinstellungen Willen zur Macht und Selbstaufhebung. 

Dies ist nicht mehr als die Definition für eine im Grunde fast 
selbstverständliche Tatsache. Für uns kommt jetzt die Frage in Betracht, 
wie diese Verschmelzung der Triebe zustande kommt. Wir können dabei 
von vorhinein die Voraussetzung machen, dass die zur Destruktions- 
symbolik in Beziehung stehenden physiologischen Momente des Sexual- 
und Generativgebietes, die Momente der Defloration und Geburt, für das 
Zustandekommen der Destruktionssymbolik nicht mehr Bedeutung haben 
als die von inhaltlieferndem Material. Tatsachen der Natur, auf welche 
eine einfache und selbstverständliche Reaktion von selbst gegeben ist, 
sind nie der Grund und eigentliche Kern von inneren Konflikten und 
konfliktenthaltender Symbolik. Die ungelösten Konflikte des Unbewussten, 
die sich in den Symbolerscheinungen nach aussen projizieren, entstehen als 
Reaktion aus Tatsachen, auf welche zweckmässig zu reagieren dem Men- 
schen zu schwer geworden ist: auf Tatsachen, die man zu ändern nicht 
imstande ist und doch auch !nie auf eine letzte Sehnsucht sie zu ändern ganz 
verzichten kann. Das heisst, die ungelösten inneren Konflikte und die 
Konfliktsymbolik, die als ihr Ausdruck aus dem Unbewussten kommt, 
entstehen durch den Druck von übermächtigen und unerträglichen Tatsachen 
der umgebenden Gesellschafts- und Faniilienordnung. 

Ich habe vorhin die resümierende Äusserung Birstein's nach 
Adler erwähnt, dass die inneren Konflikte und ihre Folgeerscheinungen 
„die traurige Konsequenz des sozialen Vorurteiles von der Überlegenheit 
des männlichen Elementes" sind. Genauer gesagt, die traurige Konsequenz 
aus der bestehenden Stellung der Frau in der Gesell- 
schaft und im besonderen in der Familienordnung. Wenn 
ich vorhin gesagt habe, dass der Sexualkonflikt „in seiner ungeheueren 
Bedeutung gerade nur als Ausdruck einer allgemeinsten sozialen und 
psychischen Gegebenheit verständlich scheint", so ist dies, wenn wir auf 
den tiefsten Grund zurückgehen, dahin auszuführen, dass wir sagen: das 
Entstehen der bestehenden Stellung der Frau in der Gesellschafts- und 
Familienordnung ist das menschheitsgeschichtliche menschheitumfassende 
Trauma gewesen, von welchem das innere Leiden der Menschheit an sieb 
selber stammt. 

Es ist nach den Ergebnissen der Anthropologie wohl nicht mehr 
zweifelhaft, dass die bestehende Familienordnung, die Vaterrechtsfamilie 
keine solche ist, die mit der Menschheitsentwickelung von Anbeginn her 
sich mitentwickelt hätte, dass sie vielmehr das Ergebnis einer Umwälzung, 
vorherbestandener andersartiger Verhältnisse darstellt. Als uranfängliche 
Institution erkennt die moderne Anthropologie das freie Mutterrecht, das. 



Über DeBtruktionBBjmbolik. 533 

sogenannte Mutterrecht der Urzeithorde. Das Wesen der mutterrechtlichen 
Institution besteht darin, dass die materielle Vorsorge für die Mutter- 
schaftsmöglichkeit der Frau von Allen Männern der Gesellschaftsgruppe — 
hier also des ganzen Stammes — gewährleistet wird. Das Mutterrecht 
gewährt der Frau die wirtschaftliche und damit die sexuelle und mensch- 
liche Unabhängigkeit vom einzelnen Mann und stellt die Frau als Mutter 
in ein Verhältnis der direkten Verantwortlichkeit der Gesellschaft gegen- 
über, die als die Trägerin des Interesses an der Zukunft eintritt. Die 
Mythologie aller Völker bewahrt die Erinnerung an den prähistorischen 
Zustand des freien Mutterrechts in der Idee von einem gerechten goldenen 
Zeitalter und Paradies der Urzeit, und dass die Hoffnung auf eine bessere 
Menschheitszukunft auf eine Wiederkehr des freien Mutterrechtes gerichtet 
sein muss, wird nach den Arbeiten Caspar Schmidt's wohl nicht mehr 
lange zweifelhaft sein. 

Erwägungen über das, was sein sollte, gehören in unser spezielles 
Gebiet, nach Mar ci no wski's hochherziger Lehre, dass wir Psycho- 
analytiker berufen sind, denen, die unsere Hilfe suchen, befreiende 
Weltanschauung finden zu helfen. Und auch aus Gründen der Erkenntnis 
heraus: denn nur das Sichhineinversetzen in eine vorausgedachte positive 
Ordnung der Dinge macht es uns möglich, in der bestehenden das Negative 
sehen zu lernen, das was traumatisch wirkt. 

Über den Übergangsvorgang vom alten Mutterrecht zur jetzt be- 
stehenden Familienordnung besteht zurzeit die sehr plausible Vermutung, 
dass. die bestehende Form der Ehe als sogenannte llaubehe ihren Ursprung 
genommen hat, dass also die Grundlage der bestehenden Vaterrechts- 
familie aus dem Gebrauch von kriegsgefangenen Sklavinnen hervorgegangen 
ist. Es wäre damit gesagt, dass die Assoziation der Sexualität mit Ver- 
gewaltigungsmotiven, die sexuelle Vergewaltigungssymbolik, welche die 
Menschheit durchzieht, auf einen universalen sexuellen Vergewaltigungs- 
vorgang als ihre menschheitumfassende Ätiologie zurückgeht. Sei dem 
wie immer, auf jeden Fall müssen wir erkennen, dass die bestehende 
Familienordnung auf den Verzicht auf Freiheit der Frau gestellt ist, und 
dass diese Tatsache im inneren sexuellen Konflikt, genauer gesagt, in der 
sexuellen Vergewaltigungs- und Destruktionssymbolik ihren notwendigen 
psychologischen Ausdruck findet. 

Das Grundprinzip jeder Gesellschaftsordnung ist die materielle Für- 
sorge für die Frau zur Ermöglichung der Mutterschaft. In der bestehenden 
Gesellschaftsordnung, der Ordnung des Vaterrechtes, wird die Ermöglichung 
der Mutterschaft der einzelnen Frau vom einzelnen Manne geboten, und 
dies bedeutet die materielle und damit die universelle Abhängigkeit der 
Frau vom Manne um der Mutterschaft willen. 

Der Trieb zum Muttersein in der Frau ist zweifelloser als irgend 
ein anderer ein angeborener und unveräusserlicher Grundinstinkt, und 
die bestehende Gesellschaftsordnung erzeugt mit der der Frau gestellten 
Alternative zwischen dem Verzicht auf das Muttersein und dem Verzicht 
auf die freie Selbstbetätigung die Gegensatzstellung und Konfliktbildung 
zwischen den beiden essentiellen Grundinstinkten in der Frau: des spe- 
zifisch weiblichen Triebes zum Mutterwerden und des allgemein mensch- 
lichen zur Aufrechterhaltung der eigenen unabhängigen Individualität. 

Der Mutterinstinkt gehört so sehr zum Wesen der Weiblichkeit, dass 
sich die innere Gegensatzstellung zu diesem Instinkt nur als Verneinung . 



534 Dr. Otto Gross, Über Destruktionssymbolik. 

der eigenen Weiblichkeit selbst, als Wunsch nach Männlichkeit psycho- 
logisch manifestieren kann. Und das bedeutet, dass aller Willen zur eigenen 
individuellen Selbständigkeit, zur Freiheit und zum Sichbetätigen sich 
in der Frau mit der Verneinung der eigenen Weiblichkeit selbst, mit einer 
Art von homosexueller Endeinstellung assoziieren muss. Und ebenso er- 
gibt es sich aus der der Frau gestellten Notwendigkeit, auf ihre individuelle 
Selbständigkeit zu verzichten, wenn sie Mutter werden will, dass sich 
der Trieb zum Mutterwerden und damit das Weibseinwollen überhaupt 
an sich mit einer menschlich und sexuell passiven Endeinstellung, mit 
einer masochistischen Triebkomponente verknüpfen muss. 

Es ist nach dem früher Gesagten selbstverständlich, dass der Kon- 
flikt zwischen diesen beiden Endeinstellungen, dieser tiefste innere Kon- 
flikt der Frau nur dort erhalten bleibt, wo sich ein unverlierbarer Willen 
zum Festhalten an der eigenen Individualität und ihrer Freiheit, ein 
Willen, sich nicht vergewaltigen zu lassen, erhalten kann. Das heisst also 
in den Allerwenigsten. Die ungeheure Mehrzahl der Frauen finden ihr 
inneres Gleichgewicht und ihre innere Einheit in dem Verzicht auf eigene 
Individualität, in menschlicher wie sexueller Passivität. Allein in Allen 
Frauen erhält sich, sei es bewusst oder unbewusst, sei es mit innerlichem 
Ja oder Nein, das innere Gefühl, dass sie mit ihrer Sexualität und Mutter- 
schaft sich vergewaltigen lassen: die Vergewaltigungs- und Destruktions- 
symbolik für Sexualität und Mutterschaft. Gleichwie in allen Männern, sei 
es bewusst oder unbewusst, sei es mit innerlichem Ja oder Nein, sich 
unverlierbar ein Gefühl erhält, dass ihre sexuellen Beziehungen zur Frau 
im Grunde Vergewaltigung sind. 



II. 

Das erotische Moment in den unbewussten Talent- 
äusserungen der sogenannten Medien. 

Von Hans Freimark, Berlin-Friedenau. 

Ist schon beim bewussten künstlerischen Schaffen die erotische 
Motivation mehr oder minder deutlich nachweisbar, um wieviel mehr 
muss dies der Fall sein bei Erzeugnissen, die der bewussten Hemmungen, 
bald in grösserem, bald in geringerem Grade entbehren. Zwar die Art 
des Auftauchens der künstlerischen Idee, die Besitzergreifung des Fühlens 
und Wollens durch die Idee vollzieht sich beim Künstler nicht wesentlich 
anders als bei dem in seinen Trancezuständen sich künstlerisch betätigenden 
Medium. Nur die Form, in der der Künstler die Idee der Allgemeinheit über- 
mittelt, unterscheidet sich beträchtlich von dem, was durch das Medium 
Form wird. Dem Künstler beeinflussen die Form Bedenken und Erwägungen 
ästhetischer, sozialer, ja selbst ethischer Natur, das Medium hat solche 
Rücksichten nicht, weil es nicht wie der Künstler das Bestreben hat, die 
Idee im Stoff zu meistern, sondern weil es sich widerstandslos dem 
Strömen hingibt. dns aus ihm quillt. Auf dieser Hingabe, die auf jegliche 

^ircrleßune und B&dachtsnmlcoit vci'uiw cl i J ~ ruht e *. wo *» 1 . a ? ch - da5S die 

maienden Medien, es sind vielfach Frauen, anstandslos iMßuuuugtu YV r " 
weisen, die von sexueller Symbolik wimmeln. Sie sehen darin freilich nur 
„Jenseitsblumen" oder „Blumen der Sphären-. Albin dieser Umstand 
zeigt bereits, wie sehr in den unbewussten Taientäusserungen das Gebiet 
der erotischen Wünsche der Beobachtung blossliegt. Die uubewusste» 
Talentäusserungen verhalten sich zu dem bewussten künstlerischen Schaffen 
wie das Märchen zur Mythe. Durch die neuere Sagenforschung, besonders 
durch Ricklins geistvolle Erhellungen, wissen wir, dass der Grundton 
der Märchen der erotische Wunsch ist. Kaum verhüllt, nur in dramatischer 
Bewegtheit stellt er sich dar. Eine Traumerzählung, Kunst des Unbewussten. 
Die Mythe dagegen bringt Deutung. In der Mythe setzt das Denken ein, 
das dem einfachen natürlichen Wunsch weitere und tiefere Beziehungen 
gibt. Die Mythe ist gegenüber dem Märchen die bewusste künstlerische 
Formung des nämlichen Urstoffs. Das ist das Verhältnis in einen Satz 
gebracht. Dass es nicht so einfach ist wie dieser, dass auch in die Mythe 
neu erwachte Strebungen des Unbewussten mitgestaltend hineinspielen, 
ist uns bekannt. Doch worauf es ankam, die entwickelungsgeschichtliche 
Parallele zu dem individuellen Vorgang zu bieten, das konnte mit dieser 
kurzen Gegenüberstellung geschehen. Sie war notwendig, weil sie den 
weiteren Ausblick von den Einzelbeobachtungen eröffnet und im individuellen 
Beispiel das Typische erkennen lässL 



536 Hans Freimark, 

Genau wie im Märchen nimmt auch in den Erzählungen der Medien, 
mit denen sie sich die Entstehung ihres Talentes erklären, der fremde 
Prinz oder die fremde Prinzessin den Hauptplatz ein. Prinz und Prinzessin 
dürfen hier freilich nur als Gradmesser der Wichtigkeit der betreffenden 
Figuren verstanden werden. Diese selber werden meist bescheidener be- 
nannt. Zwar Helene Smith hat in ihren somnambulen und halb- 
somnambulen Zuständen mit dem indischen Fürsten Sivrouka, dem marsi- 
schen Zauberer Kanga zu tun, und die intelligible Freundin, mit der ein 
junger schlesischer Dichter als Medium in Verbindung zu sein meinte, 
gab sich als indische Prinzessin aus. Doch für gewöhnlich greift heutzutage 
die Phantasie nicht mehr so hoch. Frieda Gentes begnügt sich, einen 
Arzt und Maler Conrad Ramsavi alias Berlamotte in den Mittelpunkt 
ihrer Träume zu stellen, und Frau E. Sp. nennt sich ihr „Kontrollgeist" 
Ulrich von Meregny. Und Clara Eysell-Kilburger's Dichtergeist 
ist ein ganz gewöhnlicher Otto Dalberg. Es sind nicht allemal ersonnene 
Figuren, unbewusst ersonnene, die als Urheber der Begabung bezeichnet 
werden. Zuweilen werden ehemalige Bekannte zum Range des Führers 
erhoben, wie im Falle der Frau Textor, die ihre Zeichengabe auf den 
Einfluss eines geistigen Lehrers ihrer Jugend, eines als Magnctopathen 
tätig gewesenen Dekorationsmalers zurückführt. Oder es werden berühmte 
Namen aus der Geistesgeschichte gewählt, wje bei dem D. sehen Ehepaare 
und bei dem früheren Gerber August Machner. Durch die einen 
teilten sich Goethe, Schiller, Shakespeare und andere Dichtergrössen mit, 
des andern Hand lenkten Michelangelo und Menzel. Bei der Wahl dieser 
Namen spricht die Eitelkeit ein gut Teil mit, denn selbstverständlich gibt 
der bedeutende Name des angeblichen Inspirators den Produkten der Be- 
gabung in den Augen der Umgebung des Mediums einen grösseren Wert, 
als die Erzeugnisse eines unbekannten Geistes, die eher darauf angewiesen 
sind, durch sich selber zu wirken. 

Allerdings der Schein des Wunderbaren und Seltsamen umwittert 
auch sie zur Genüge und verleiht ihnen nicht nur in den Augen gläubiger 
Spiritisten, sondern leider auch in denen mancher im übrigen kritischen 
Kunstbetrachter eine Bedeutung, die ihnen tatsächlich nicht innewohnt. 
Besonders ereignet sich dies gegenüber den mediumistischen Malereien, 
sobald sie nur mit einigem Geschick und Geschmack gefertigt sind. Die 
seltsamen bizarren Motive, die von keiner Regel beengte Entwickelung 
der Formen einerseits, die starke Farbengebung und die mühselige tech- 
nische Durcharbeitung mancher Einzelheiten verwirren die Beurteiler der- 
massen, dass selbst angesehene Kunstschulleiter erklären, derartige Zeich- 
nungen könne ein Künstler bewusst beim besten Willen nicht zuwege 
bringen, er besitze nicht die Treffsicherheit der medialen Zeichnerinnen. 
Oft wird auch behauptet, er würde dreimal soviel Zeit brauchen zur Her- 
stellung der Malereien wie die Medien. Wird in Betracht der Zeitdauer 
die Übung ausser Rechnung gelassen, die die Medien sich allmählich an- 
eignen, wird vor allen Dingen völlig der anormale Zustand vergessen, 
in dem sie sich bei der Ausführung der Malereien befinden und der ihnen 
die Herstellung sehr erleichtert, so wird in bezug auf die bestaunte Treff- 
sicherheit übersehen, dass das Medium gar nicht „trifft", sondern lediglich 
jeden Strich stehen lässt, wie er kommt. Ebenso wie das dichtende Medium 
jede Verszeile stehen lässt, wie sie ihm aus der Feder fliesst. Daher denn 
auch das Überwiegen der freien Rythmen bei den medialen Dichtungen und 



Das erotische Moment i. d. unbewassten Taient&usseruogen d. sog. Medien. 537 

der unregelmässigen Verse. Bei den Malereien die phantastisch ins Grenzen- 
lose wuchernden Blumenmotive. 

Die künstlerische mediale Betätigung tritt keineswegs nur bei an- 
scheinend Unbegabten und künstlerisch Ungebildeten auf, wenngleich diese 
Fälle überwiegen. Sie macht sich auch neben dem bewussten künst- 
lerischen Schaffen geltend. Oft auf dem gleichen Gebiet, nur in anderer 
Richtung, zuweilen jedoch auch auf einem andern. So zeichnete S a r d o u 
auf mediale Weise Landschaften vom Jupiter, die deshalb sehr reizvoll 
sind, weil sich an einzelnen von ihnen die irdische Herkunft der Vorbilder 
leicht nachweisen lässt. Aus Blumen machte Sardou's Hand Bäume, des- 
gleichen aus Notenschlüsseln. Das Ganze wurde mit zierlichen Ranken 
durchschlungen, gehörnte und geschwänzte Menschtiere dazwischen ge- 
setzt, die sich mühen, aufrecht stehende spitze Kegel mit kugeligen Bechern 
zu bedecken, und — der Garten Zoroasters auf dem Jupiter war fertig. Das 
Kegelspiel und manches in dem Blumenbeiwerk deutet durchaus auf eine 
erotische Beimischung dieser spielerischen Laune Sardou's. Die Laune 
selbst knüpfte, wie Flammarion in den „Unbekannten Naturkräften*' 
berichtet, daran an, dass der Kreis, zu dem Sardou und Flammarion damals 
gehörten, annahm, der Jupiter sei von einer höheren Rasse bewohnt. Ging 
im Falle Sardou's der erste Anstoss von einer abstrakten Annahme aus, 
so ist es für gewöhnlich gerade umgekehrt eine gewisse Unbefriedigtheit, 
die bewusst künstlerisch Schaffende zu medialer künstlerischer Betätigung 
drängt. Der Pariser Graveur Fernand Desmoulins, ein Freund 
Zolas, lebte bis zum Jahre 1900 nur seinem bewussten Schaffen. Im 
Sommer dieses Jahres wurde er mit dem Spiritismus bekannt und begann 
bald für sich selbst eine Kommunikation mit dem vermeintlichen Jen- 
seitigen zu suchen. Die von ihm erwarteten Botschaften wurden ihm 
jedoch nicht. Dagegen bekam er konvulsivische Zuckungen in den Armen, 
die Hand, die den Bleistift schreibbereit gehalten hatte, sprang von einem 
Ende des' Papiers zum andern und zog grosse mächtige, aber wirre Linien. 
Von Versuch zu Versuch wurde das Liniengewirre klarer, es entstanden in 
kurzer Zeit Porträts, symbolische Fächermotive und — ihm selber das 
Erstaunlichste — Landschaften. Alles leicht, bewegt, voll Schwung und 
Schmiss, während er sonst ein ängstlicher und genauer Arbeiter war !und 
zumal als Landschafter nur Stümperhaftes zuwege gebracht hatte. Bei 
diesen medialen Sitzungen kam er nicht gerade in Trance, aber es stellte 
sich stets eine leichte Bewusstseinstrübung ein, und er konnte sie nur in 
der Dämmerung abhalten. In diesem Falle war die Medialität nicht viel 
mehr als eine Maskerade, die dazu diente, dem Künstler die bewusst be- 
stehenden Hemmungen: mangelndes Zutrauen zu der eigenen Begabung, 
Überwindung der durch den Beruf gewöhnten peinlich-kleinlichen Arbeits- 
weise, zu beseitigen. Die Steigerung der Arbeitskraft, die sich auch (bei 
Desmoulins zeigte, ist eine gewöhnliche Begleiterscheinung des medialen 
Zustandes. Frau Assmann berichtet, dass selbst hauswirtschaftliche 
Arbeiten ihr fast um das Dreifache rascher von der Hand gehen, wenn 
sie sie im Anschluss an eine ihrer medialen Malsitzungen vornimmt. Dieser 
schnellere Ablauf des Lebens ist eine Folge der hohen Erregung der Nerven, 
in die sie durch die tranceartigen Zustände versetzt w.erden. Diese Erregung, 
die von den Erlebenden durchaus als eine Erhöhung des Lebensgefühls 
empfunden wird, wird von ihnen selber häufig der Empfindung beim 
Orgasmus gleichgestellt. So gestand das Malmedium E. Sp. ohne Um- 



538 Hans Freimark, 

schweife zu, dass es bei seinen Malsitzungen nicht nur seelische, sondern 
auch sinnliche Entzückung geniesse. Wie stark das sinnliche Moment 
mitspricht, illustriert auch trefflich die Beschreibung, die Nietzsche 
von seinen Schaffungsekstasen gibt, in denen ihn der „Zarathustra über- 
fiel", schon dieser Ausdruck ist bezeichnend, und „wo man ihn hätte 
tanzen sehen können". Und zugleich erklärt er, dass nur „mit dem geringsten 
Rest von Aberglauben in sich man in der Tat die Vorstellung, bloss In- 
karnation, bloss Mundstück, bloss Medium übermächtiger Gewalten zu 
sein, kaum abzuweisen wissen würde". 

Was Nietzsche, trotz der Gewalt, mit der ihn die innerlichen Ein- 
drücke überstürmten, durchschaute, durchschauen weniger kritische Naturen 
nicht. Wobei gern zuzugeben ist, dass das Durchschauen nicht immer leicht 
ist. Denn die neuen Persönlichkeiten sind oft derart verschieden von dem 
gewöhnlichen Ichbewusstsein, dass es diesem schwerfällt, sie als Teil- 
erscheinungen seines Selbst anzuerkennen. Dazu kommt, dass diese Teil- 
Iche die Fähigkeiten haben, sich zu entwickeln, sobald man ihnen nur den 
geringsten Spielraum lässt. Sehr gut hat S tauden maier i) diesen Vor- 
gang experimentell an sich selber beobachtet. Und was er willkürlich 
sich vollziehen liess, das sieht man im spiritistischen Milieu alle Tage 
sich abrollen. Die sogenannten Kontrollgeister gewinnen um so rascher 
eine selbständige Stellung gegenüber dem Medium, je mehr dieses von ihrer 
besonderen Existenz überzeugt ist. Sie bleiben Traumgestalten, sobald 
sie als solche behandelt werden. De Rochas erwähnt in einem Bericht 
der „Annales des Sciences psychiques", dass „John" der Kontrollgeist der 
Eusapia Paladino, der in spiritistischen Zirkeln sich als Geist eines 
Verstorbenen behandein lässt, in kritischer Umgebung diesen Anspruch 
nicht erhebt und von seinem Medium einfach questa forca genannt wird. 
Tritt, wie dies vielfach der Fall ist, gar noch ein Geschlechtswechsel ein, 
so kann es nicht verwundern, wenn selbst gebildete Medien die ganz 
andersartige Individualität ihres Kontrollgeistes nicht als ein psychisches' 
Gebilde von ihnen anerkennen wollen. Weist doch gerade auf diesen Gegen- 
satz Clara Eysell-Kilburger in dem Vorwort zu ihren „Klängen 
aus einem Jenseits" hin, um ihre Ansicht zu bekräftigen, dass sie nicht 
der Autor dieser Gedichte sei. „Eine durchweg männliche Individualität 
kommt in dem Buche zur Geltung, kaum ein Ton, der weiblichen Klang 
hat." Dabei ist sich Eysell-Kilburger sehr wohl des Einflusses bewusst, 
den sie bei der Formung und Entstehung der Dichtungen hatte. In diesen 
Dichtungen lebt sich das männliche Element der Verfasserin in der Gestalt 
des Otto Dalberg, ihres Kontrollgeistes, aus. Was die Frau nie zu sagen 
gewagt, was sie kaum je sich eingestanden hätte, das nennt Otto keck beim 
Namen. Interessant ist dabei auch der Umstand, dass die Vertauschung 
der Charaktere sich sogar bis auf die Schrift erstreckt. Die stark männ- 
lichen Schriftzüge Eysell-Kilburger's nehmen, wenn Otto dichtet, einen 
zarten weiblichen Duktus an. Otto's Gedichte sind in der Hauptsache 
Liebesgedichte und zwar vielfach seinem Medium gewidmete Liebesgedichte. 
Er lebt nur, indem er seinem Medium lebt. 

„. . . Ich bin vom Erdenleben so betört, 
Dass aller Glanz der Himmelssphären 



i) Die Magie als experimentelle Naturwissenschaft, Leipzig, 1912. 



Das erotische Moment i. d. unbewussten Talentansserungen d. sog. Medien. 53S> 

Mir dunkel scheint und gänzlich blass, 
Wenn nicht das blaue Auge meines Mediums 
Mir leuchtet." 
Ja, er gibt unumwunden zu, dass er gewissermassen überhaupt nur 
durch das Medium zu Wahrnehmungen gelange, soweit es die Umwelt 
zu erfassen gilt. In Clara Eysell-Kilburger ist eben, trotz allen Spintismusses, 
doch immer noch ein starkes Gefühl dafür lebendig, dass ihr Kontrollgeist 
eigentlich nur ein Teil von ihr ist. Das hindert freilich nicht, dass in andern 
Gedichten von Otto's früherem Vorleben gesprochen wird, und dass Schil- 
derungen, allerdings sehr unspiritistische, aus dem. Jenseits gegeben werden. 
Der Hauptton aber ist, wie gesagt, der der Liebesleidenschait. Und diese 
Leidenschaft bleibt keineswegs auf Otto beschränkt. Auch seinem Medium 
rät er, die „Glut seiner Wangen und seines Herzens zu kühlen". Ein ander- 
mal wieder peitschte er es auf. mit dem Hinweis, es habe das Beste seines 
Lebens nicht gelebt, als Leiche liege es im Sarge. Zwischen Otto und 
seinem Medium entwickelte sich schliesslich ein richtiges Liebesverhältnis. 
Victor Blüthgen, der Gatte der Dichterin, hat in seinem Roman 
„Die Spiritisten" dieses Verhältnis ziemlich ausführlich geschildert. Wie 
er selbst in der Einleitung betont, entspricht die Darstellung im Roman, 
soweit sie sich um rein spiritistische Dinge dreht, genau seinen persönlichen 
Erlebnissen. Diese sind das alte Lied vom Incubus in neuer Fassung. 

Die Wunschverkörperungen, die das Incubus- oder Succubus-Erlebnis 
für den Menschen bedeuten, haben mit dem Aufkommen des Spiritismus 
wieder an Verbreitung gewonnen. Die Aufklärung, die mit den Geistern 
des Altertums und Mittelalters aufzuräumen versuchte, beschränkte der- 
artige Empfindungen auf ausgesprochen geistig Erkrankte. In den spiri- 
tistischen Kreisen sind aber diese Erscheinungen ziemlich alltäglich, ohne 
dass die von ihnen heimgesuchten Individuen in stärkerem Grade Anomalien 
aufweisen. Nicht immer kommt es zu vermeintlicher Vornahme sexueller 
Akte. Vielfach treten nur auditative Halluzinationen auf in Form von zu- 
gerufenen Liebesworten oder, in schlimmeren Fällen, von Obszönitäten. Bei 
anderen kommt es zu Visionen symbolischer Art. So sieht ein Medium 
seinen Schutzgeist Feuerkugeln aus der Nase schnellen, die er ihm zuwirft. 
Helene Smith, Flournoy's Medium, über das er in der wertvollen 
Studie „Des Indes ä la Planete Mars" ausführlich berichtet, hatte in ihren 
halbsomnambulen Zuständen wiederholt die Vision einer Blumenvase, in 
die sich eine Schlange verkroch. Flournoy weist an dieser Stelle ausdrück- 
lich auf die Freud'sche Traumdeutung hin. Leider erwähnt er diese 
Visionen nur sehr kurz, und doch liegt in ihnen wohl ein Schlüssel zu 
manchen unverständlich gebliebenen Einzelheiten der somnambulen Dar- 
stellungen seines Mediums. Einen solchen Schlüssel bietet z. B. in aus- 
gezeichneter Weise die vermeintlich inspirativ verfasste Erklärung der 
mediumistischen Zeichenbegabung der Frau Textor. Diese jetzt 71 jährige 
Frau litt in jungen Jahren an nervösen Krämpfen, die ein in ihrem Ort 
ansässiger Dekorationsmaler durch magnetische Behandlung beseitigte. 
Ohne hier über das wirksame Moment bei diesem Verfahren in eine Aus- 
einandersetzung einzutreten, sei nur festgestellt, dass, wie die magne- 
tistische Literatur des 18. Jahrhunderts lehrt und wie ebenso heute die 
Beobachtung ergibt, dem Rapport, in dem Magnetiseur und Magnetisierte 
stehen müssen, stets eine starke erotische Beimischung eigen ist. Auch 
zwischen Frau Textor und dem Heiler bestand solch ein Rapport, und er ist 



540 Hans Freimark, 

in ihrem Innern noch heute vorhanden, und diese Empfindung behebt ihr 
jetzt wie einst ihre Nöte. Sobald ihr Leiden sie befällt, nimmt sie ihre 
Zuflucht zur „Strichelkunst", wie sie ihr Zeichnen nennt, die sie an 
den „teuren Freund" erinnert und zugleich ,,mit dem göttlichen Geiste ver- 
bindet". Der Bleistift ist ihr ihr „Mosesstab" geworden und mit seiner Hilfe 
,,kann sie sich selbst ihren Jammer vertreiben" 1 ). Das im späten Alter 
sich ausbildende Zeichentalent dieser Frau, dessen Produkte an Plafond- 
zierrat gemahnen, ist ein zarteres und schöneres Erinnern an den Jugend- 
freund, als es einer Geisteskranken blieb, die Jung 2 ) beobachtete, und 
die in ihrem umdüsterten Hirn nur noch eine mechanische Bewegung 
bewahrt hatte, die sie unaufhörlich übte. Der Geliebte war Schuhmacher 
gewesen, und sie strich beständig mit der Rechten über das rechte Knie, 
al»-zöge sie Pechdraht durch Schuhsohlen. 

Einen sehr breiten Raum nimmt die Erotik in der Mediumschaft der 
Frau E. Sp. ein. Bei Frau Sp. war das Erotische durch die Lebensumstände 
völlig in das über-, oder wie es besser zu nennen ist, Innersinnliche ge- 
drängt worden, wo es lange Jahre als unerfüllte Sehnsucht sein Dasein 
hat fristen müssen. Durch die Bekanntschaft mit dem Spiritismus wurden 
die verschlossenen Tore aufgeriegelt und nun gewann auf seltsame Weise 
ein Leben Leben, das eigentlich als Leben versäumt worden war. — Frau 
Sp. ist ein Landkind. A r on der Mutter her, die in ihrer Jugend sich wieder- 
holt dichterisch betätigt hatte, mit Storm verwandt, war sie durch den 
Vater, einen Westfalen, einer mystisch vertieften Betrachtung der Lebens- 
geschehnisse geneigt gemacht worden. Als Kind wild und ausgelassen, 
von leidenschaftlicher Naturliebe erfüllt, schloss sie sich mit zunehmenden 
Jahren immer enger an den Vater an. Mit ihm, der neben seinem tier- 
ärztlichen Berufe eine grosse Kunstliebe besass, unternahm sie weite Amts- 
fahrten, auf denen sie sich mit den Bauern ihrer friesischen Heimat an- 
freundete und von ihnen allerhand Seltsames über Anzeichen und Ahnungen, 
Vorspuk und zweites Gesiebt erfuhr. Konnte sie den Vater einmal nicht 
begleiten, so verzehrte sie sich in Sehnsucht nach ihm. Aus dieser Sehn- 
sucht heraus kam es wiederholt zu Vorspuk, einmal auch zu einer Todes- 
vision. Der Vorspuk beschränkte sich in der Regel auf Gehörstäuschungen : 
sie glaubte das Rollen des Wagens, den Schritt des Vaters zu vernehmen. 
Möglicherweise sprach hierbei etwas Gedankenübertragung mit. Denn da 
«auch der Vater ihr sehr zugetan war, so eilten seine Gedanken von seiner 
Berufstätigkeit oft zu ihr. Die Todesvision, bei der sie ihren Vater im 
Sarge liegend erblickte, während sie im Hause einer Freundin weilte, ist 
ein offenbares Wunschgebilde. Die Familie der Freundin kannte ihre 
Neigung zu Ahnungen und Gesichter. Stellte sich also ein derart bedroh- 
liches Anzeichen ein, so war es selbstverständlich, dass man den Gast, den 
man gern im Hause hatte, ziehen liess. Der Gast aber sehnte sich un- 
bändig nach seinem Vater. Schliesslich wurden die Sehnsuchtsgefühle 
schmerzhaft, was flugs in Beängstigungen umgedeutet wurde. Beängsti- 
gungen um den Vater konnten jedoch nur ihre Ursache in etwas Üblem 
haben, das ihm zugestossen war: Krankheit oder Tod. Schon schob sich 
der Sarg vor den inneren Blick. Der Beweggrund zur Abreise war ge- 
geben, zugleich war das Gefühl, Waise geworden zu sein, den geliebten 

i) »Wahres Leben*, Leipzig 1908, Nr. 1 v. 1. Okt. 

2) „Der Inhalt der Psychosen*, Schriften zur angew. Seelenkande, Leipzig u. 
Wien 1908, Heft 3. 



Das erotische Moment i. d. unbewussten Talentäuasernngen d. sog. Medien. 541 

Vater unter Tränenströmen betrauern zu können, von einem entzückenden 
romantischen Reiz. Dieser Gedanke überwog auf der Heimfahrt. Zu Hause 
angekommen stellte sich die völlige Nichtigkeit der Vision heraus. Aber 
ihr Zweck war erreicht. 

Der romantische Zug, der durch dieses Erlebnis geht, ist Frau Sp. 
auch jetzt noch eigentümlich, und in ihrer Erziehung ist nichts dazu 
getan worden, diese Neigung einzudämmen. Eher wurde sie verstärkt. 
Einen regelmässigen Schulunterricht genoss sie nur kurze Zeit, später 
hatte sie mit einigen anderen Kindern von den benachbarten Gutshofen 
Privatunterricht in den Elementarfächern. Im 7. oder 8. Jahre erhielt sie 
einige Zeichenstunden durch einen Geistlichen. Der alte Landpastor liebte 
merkwürdige Aufgaben. Er Hess sie ein Profil zeichnen, das sie weiterhin 
in eine Landschaft zu verwandeln hatte. Von diesem Unterricht her dürfte 
ihre Manier stammen, die von ihr gezeichneten „Geisterköpfe" mit Flecken 
und Malen zu versehen, die Miniatur-Köpfe sind. Verstärkt wird diese 
Manier durch den Umstand, dass die Häufung der Motive überhaupt etwas 
der mediumistischen Kunstbetätigung Eigentümliches ist. Die Korrektur 
durch das Bewusstsein fehlt, oder wird geflissentlich ausgeschaltet und 
nur rein formale Grenzen gebieten Einhalt. In ihren Rahmen aber wird 
gedrängt, was nur hineingeht. Und die spiritistischen Bewunderer der 
„mediumistischen Kunst" sehen in dieser Überladung eine weitere Be- 
währung für den „jenseitigen" Ursprung der Erzeugnisse. Für ihre Geister 
lassen sie das Goethe 'sehe Wort von der Beschränkung, die erst den 
Meister zeigt, nicht gelten. — Abgesehen von dem unterhaltsamen Zeichen- 
unterricht bei dem Landpastor, der dem jungen Mädchen eine grosse 
Künstlerschaft prophezeite, will Frau Sp. bis zu ihrem vor einigen Jahren 
auftretenden medialen Zeichnen keinen Bleistift mehr angerührt haben. 
Dagegen berichtet sie, dass sie sich einmal von einem bei ihren Eltern 
zum Besuch weilenden Bildhauer Ton erbeten haben, den sie spielend in 
den Händen herumknetete, um schliesslich erstaunt zu gewahren, dass sie 
einem Räuberkopf mit geschulterter .Keule geformt hatte. Erschreckt ver- 
schloss sie das Gebilde. Dieses Erschrecken unterstreicht das Symbol, 
das der Räuber mit der Keule ist. Eine ähnliche Symbolik sprach sich 
auch in den ersten medialen Zeichnungen aus, die ihr entstanden. Es 
waren Kastanien- und Palmenblätter. Die Kastanienblätter sind die zeich- 
nerische Entsprechung für den Duft der blühenden Kastanie, dessen 
Charakter als Erotikum ziemlich allgemein bekannt ist. Und die Palmen- 
blätter dürften eine Anspielung an das Paradies, in diesem Falle freilich 
weniger an ein verlorenes als an ein kaum je besessenes, sein. Bald 
wurde die Symbolik noch deutlicher. In die Blätter wurde ein Männerkopf 
eingezeichnet, ein süsslicher, etwas spanisch anmutender Männerkopf: 
Ulrich von Meregny, der Führergeist. Räuberromantik. 

Diese Räuberromantik bildet den Grundbestandteil ihrer Zeichen- 
kunst. Die Schutzgeisterbilder, die sie für die verschiedensten Menschen 
zeichnet — sie sind übrigens zeichnerisch recht wertlos — , erzählen ihr 
nach Fertigstellung allemal die Geschichte ihres Lebens. Es sind hoch- 
romantische Geschichten. Am häufigsten kehren die wieder, worin Damen 
aus altadeligem Geschlecht ihr Geschick beklagen, das sie unglaublichen 
Kriegswirren und Unglücksfällen aller Art aussetzte und über das sie nur 
eines tröstet: nämlich, dass sie trotz aller durchlittenen Fährnisse sich 
ihre reine und edle Gesinnung bewahrt haben. Diese Geschichten sind 

ZentrtlbUtt «r P«ycho»n»ly»8. IV»/"- 36 



542 • HaiiB Freimaik, 

die immer neu abgewandelten Auflagen der Gedanken, die Frau Sp. über 
ihr eigenes Dasein hegt. Oder eine andere Reihe von Erzählungen, wo der 
betreffende „Schutzgeist" aus niederen Sphären zu höheren sich durchringt. 
Zu den höheren gesellschaftlichen, ins Reale übertragen, die sich Frau 
Sp. mit ihrer Verheiratung verschlossen. Die gesellschaftliche Abschliessung, 
die infolge ungünstiger Gestaltung der materiellen Lage bald nach Ein- 
gehung der Ehe zu völliger Vereinsamung führte, ist der Angelpunkt ihrer 
Mediali tat geworden. Die Ehe ist zwar nicht unglücklich, aber sie beruht 
nur auf der einseitigen Zuneigung des Mannes, die von Frau Sp. nicht 
erwidert wird, da der Mann in keiner Weise ihrem erträumten Ideal ent- 
spricht und auch wirtschaftlich keine Position sich hat schaffen können. 
Was sie zur Ehe bewog, war das romantische Mitleid mit dem Menschen, 
der sie für seinen einzigen Halt erklärte. Kinder blieben dem Paare ver- 
sagt. In alle diese Ungenügendheiten trat eines Tages der Spiritismus 
mit "der offenen Hand der Erfüllung. Durch ihre Stundenfrau erfuhr sie von 
einer russischen Familie, die mit ihren Kindern obdachlos geworden war. 
Sie liess sich bereit finden, die beiden Knaben für einige Zeit aufzunehmen. 
Während der älteste bald anderweitig untergebracht wurde, blieb der 
jüngere, Guido, einige Wochen bei ihr. Durch ihn hörte sie vom Spiritis- 
mus. Seine Schwester war Medium und zeichnete als solches die Wesen 
anderer Welten, die sie im Traume besuchte. ;,Das muss ich auch lernen!" 
Der Gedanke, die brach liegenden inneren Kräfte, wenn sie schon künst- 
lerisch umgewertet werden sollten, in ernster Ausbildung zu entwickeln, 
kommt ihr gar nicht. Gleich einer Sturmflut bricht der lange gehemmte 
Drang über die Dämme, um sich endlich strömen zu lassen. Mit dem zwölf- 
jährigen Knaben, der über sein Alter gereift war, hält sie abendliche 
Sitzungen ab. Ihre Muttersehnsucht entzündete sich an diesem Kinde. 
Noch heute spricht sie mit einer Leidenschaft von ihm, dass leise Zweifel 
aufsteigen, ob es nur Muttergefühle waren, die sie dem Knaben gegenüber 
empfand. In einer dieser .Sitzungen entsteht durch wilde Striche ihrer 
bebenden Hand die erste Zeichnung. .Weitere folgen. Als bald darauf der 
Knabe das Haus verliess, blieb ihr die Gewohnheit des medialen Zeichnens. 
Die Bilder werden begonnen, ohne dass sie eine Ahnung hat, was 
entstehen soll. Ebenso weiss sie nie, wenn ein Bild beendet ist. Oft hält 
sie die Zeichnung für fertig und stellt sie beiseite. Nach einiger Zeit 
aber fühlt sie sich gedrungen, sie wieder vorzunehmen und aufs neue 
daran zu arbeiten. Mitunter werden dann ganze Teile überzeichnet oder 
müssen ausradiert werden und werden durch anderes ersetzt. Der Trieb 
zum Zeichnen wird ihr vielfach als von aussen ertönender Befehl deutlich, 
auch während des Zeichnens hört sie Stimmen, die ihr Anweisungen über 
die Haltung des Stiftes geben. Sehr interessant ist dabei, wie diese Stimmen 
trefflich den beiderseitigen Anteil an der Arbeit abzugrenzen wissen, wenn 
sie ihr sagen: „wir geben dir die Kraft, du musst die Kunst geben". Es 
ist überhaupt erstaunlich, wie in allen medialen Erlebnissen durch die 
Geistermaskerade doch immer wieder zeitweilig das Wissen bricht, dass 
das Ich selber der Inspirator dieses Spukes ist. Nur sind die meisten 
Medien und mehr noch ihre Umgebung derart von der Geistertheorie ver- 
blendet, dass dergleichen blitzartige Aufschlüsse von ihnen gar nicht 
in ihrer Bedeutung erfasst werden. Auch Frau Sp. wertet die Stimmen 
nur rein spiritistisch. Willenlos gibt sie sich während des Zeichnens den 
führenden Anweisungen hin. Sie fällt während des Zeichnens nicht in 



Das erotische Moment i. d. unbewussten Talentäusserangen d. sog. Medien. 543 

Tieftrance, doch tritt eine leichte Bewusstseinstrübung ein, ein Zustand 
sinnlich wohlig betonter Konzentration auf das Zeichnen. Zuerst werden 
bei einem Bilde die Umrisse angelegt, darauf beginnt die Ausarbeitung 
der Details, doch ohne jedes System, bald ein Auge, dann das Kinn, dann 
etwa ein Stück der Kopfbedeckung oder der Kleidung. Ähnlich systemlos 
malt auch Helene Smith ihre medialen Gemälde des Lebens Christi. 
Meist arbeitet Frau Sp. nachts und arbeitet oft über ihre Kräfte. Dabei 
gibt sie zu, dass persönliche Anlage sehr viel zur Sache tut, kann sich aber 
zu deren regelrechter Ausbildung nicht entschliessen. Als Grund nennt 
sie: zum Lernen sei sie schon zu alt, aber nicht dazu, sich einfach dem 
Zeichentrieb hinzugeben. Vor allem aber fürchtet sie, und sicher mit 
Recht, dass ein gründliches zeichnerisches Studium ihr die medialen 
Einfälle ihres Zeichnens, die seltsamen Schleier, die eigentümlichen Male 
der Köpfe, verleiden würde. Und das will sie nicht. An diesen Spielereien 
hängt ihr Herz, weil sie gewissermassen die „Siegel des Jenseits" unter 
die Abenteuer sind, die sie bei ihrer Beschäftigung erlebt. 

Diese Abenteuer sind von mancherlei Art. Eines der wichtigsten ist 
das mit dem Kontrollgeist Ulrich von Meregny. Frau Sp. fühlte sich von 
Ulrich bedrängt, und als er sich ihr endlich in einem zweiten grösseren Bilde 
gezeichnet hatte — ein süsslich-fades Gesicht mit Henri-quatre, dünnen Lippen 
und grossen schmachtenden. Augen — empfand sie sich völlig unter seinem 
Bann. Wie sie berichtet, sollen Besucherinnen, die keine Ahnung von 
dem Geheimnis des Bildes hatten, sich bei ihr über den dämonischen Blick 
des Kopfes beklagt haben. Ulrich wurde zu ihr jedenfalls immer zudring- 
licher. Von Ausgängen heimkehrend hörte sie sich von dem Bilde als 
seinen Gruss entgegenschallen: du meine Heissgeliebte ! Sie meinte auch, 
dass er mit noch zwei anderen Malergeistern, der eine davon soll Rembrandt 
gewesen sein, um ihren Besitz kämpfte. Ulrich siegte und wurde in seinen 
Liebesbeteuerungen immer heftiger. Seit dieser Zeit datiert auch ihre 
Angst vor Visionen. Sie will keine Visionen haben, weil sie fürchtet, 
„Grässliches" zu sehen. Dieses „Grässliches" wäre, das geht aus ihren 
Andeutungen hervor, das visuelle Gebilde dessen, was Ulrich ihr sagte, und 
„was sie nicht gewohnt war zu hören". Sie verbat sich schliesslich Ulrichs 
Liebesbefceuerungen, hiess ihn schweigen. Und er schwieg. Malte ihr aber 
bald darauf das Bild der „kleinen Ingeborg", das nun in ihrem Schlafzimmer 
hängt. Jetzt hat sie Ruhe vor seinem Glühen, selbstverständlich. Denn 
die „kleine Ingeborg" ist da, die gemalte Erfüllung ihrer Muttersehnsucht. 
Um dieses Bild hören ihr die Wunder nicht auf. Sie sieht daran und darum, 
auf der benachbarten Tapete, Veränderungen sich vollziehen. Dazu muss 
man freilich wissen, dass sie in jeden Fleck einen Kopf hineingeheimnist. 
Diese Neigung teilt sie mit noch anderen weiblichen Malmedien, die 
überall, in Tapetenmustern, auf Photographien, auf bunten Drucken, in 
zufälligen Unsauberkeiten einer Decke Köpfe entdecken, als deren Haupt- 
bestandteil sie die grossen „starrenden Augen" ansprechen. Was darin 
sich ausdrückt, bedarf kaum noch einer Erläuterung. Frau Sp. aber gibt 
sie, sie sieht nicht nur Köpfe um das Bild der „kleinen Ingeborg" ent- 
stehen, sie hört auch von ihm Musik hertönen, die wehend herankommt 
und an ihr vorüberstreicht. Man kann getrost ergänzen: gleich einem 
Zephyr. Sie brauchte diesen Ausdruck nicht, doch ihre Schilderung liess 
kaum einen Zweifel, dass sie diese Metapher und ihre Fortführung zu dem 
Kuss des Windes im Sinne hatte. Die Musik hört sie als ein Gemisch 

36* 



544 BiDH Freimark, 

von Posaunen und Kinderstimmen. — Betrogene Sehnsucht bildet sich in 
diesen Phantasien ihr Leben. Vielleicht würde diese Frau, wenn sie Mutter 
geworden wäre, kein Medium geworden sein. Die Welt hätte nichts daran 
verloren. Nun ist nur die Einsicht zu gewinnen, dass die medialen Ent- 
zückungen ein Tröstungs mittel mehr für erotisches Unbefriedigt- oder 
Sondersein sind. Ein Ersatz freilich, der nur selteg, wie der der Kunst, 
Leistungen bewirkt, die zum Anlass werden können, ihn als wertvollen 
Daseinsfaktor in Rechnung zu ziehen. 

Äussert sich bei der Frau Sp. der Einfluss des erotischen Momentes 
vorzugsweise in der Art der Einkleidung ihrer medialen Talentäusserungen, 
so bei dem Medium Assma-nn in der Gesamttönung seiner medialen 
Kunst und in seiner Lebensbetrachtung im allgemeinen. Frau Sp. stellt 
gewissermassen den Typus der Medialität dar, der erotischer Unbefriedigt- 
heit entwächst. Frau Assmann ist der Typ der sexuell Frigiden, die von 
Hause aus zu dem gewöhnlichen sexuellen Verkehr keine Neigung hat und 
deren Erotik andere Weisen der Auslösung braucht. Schon in dem Kinde 
machte sich die Besonderheit geltend. Es suchte nie Umgang mit Alters- 
genossinnen, schloss sich vielmehr von ihnen ab und war am liebsten 
allein. In einem thüringischen Dorfe in der Nähe von Halle aufgewachsen, 
suchte es, sobald die Schule aus war, die es ungern besuchte, in den 
Wald zu entwischen. In seiner Einsamkeit gab es sich mit grossem Ver 7 
gnügen immer wieder dem nämlichen Traum hin: eine vornehme Dame zu 
sein. Es ging mit gebeugten Knien, damit sein Kleid schleppte, schmückte 
sich mit Blumen und hielt an sich selber ehrfurchtsvolle Ansprachen. Die 
Neigung, sich selber für etwas Besseres zu halten als die Umgebung, ist bei 
vielen Medien anzutreffen. Von Helene Smith berichtet Flournoy, 
dass sie als Kind ihre Eltern, Leute aus dem Mittelstande, häufig mit 
der dringlichen Frage kränkte, ob die Eltern auch sicher seien, dass sie 
ihr Kind wäre und ob es nicht sein könne, dass sie bei einem Ausgange 
ihnen vertauscht worden wäre. Sie liess sich auch durch die abweisenden 
Antworten der Ehern nicht beirren und hing noch jahrelang dem Ge- 
danken nach, dass sie ein Kind vornehmerer Leute sei, und dass diese eines 
Tages kommen würden, sie zu sich zu holen. Auch der schon erwähnte 
junge schlesische Dichter, der auf dem Umwege über eine sich bei ihm 
entwickelnde Medialität seine dichterische Begabung entdeckte, lebte als 
Kind der Meinung, dass er nicht der Sohn seiner Eltern, sondern fürstlichen 
Herkommens sei. Und August Machner, der ehemalige Gerber und 
Matrose, sucht heute noch, in den Fünfzigern stehend, seinen vermeint- 
lichen hochgeborenen Erzeuger, den er in Visionen in einem Schloss am 
Meer sieht, weil er sich nicht damit begnügen mag, der Sohn eines Hafen- 
arbeiters zu sein. Die Annahme von dem höheren Ursprung gründet sich 
bei all diesen Individuen auf der mangelnden Übereinstimmung, in der 
sie sich mit ihrer Umgebung befinden, und die vornehmlich von ihrer an- 
geborenen grösseren Sensibilität, ihrer gesteigerten Reizempfindlichkeit ver- 
anlasst wird. Dieser gesteigerten Eindrucksfähigkeit entspricht das Ver- 
langen nach verstärktem Ausdruck. Das Kind baut sich eine eigene Welt 
um sich. In diese Welt möchte es auch die andern führen, es spricht den 
andern von ihr und begegnet Spott, Schelten, zum mindesten gleichgültiger 
verständnisloser Abwehr. Es erlebt: die andern haben keinen Teil an dem, 
was es entzückt, ängstigt, beschäftigt, also, der Schluss liegt nahe, kann 
es nicht das Kind oder die Schwester, der Bruder dieser andern sein. 



Das erotische Moment i. d. unbewussten Talent Äusserungen d. sog. Medien. 545 

Bei allen derartigen Persönlichkeiten findet sich bereits in frühester Kind- 
heit ein stark ausgesprochener Hang zum Wachträumen, zum Sinnen 
und Grübeln. Bei den einen vollzieht sich der Vorgang getrennt: hier 
Sinnen, hier Träumen, bei den andern läuft er zusammen, das Sinnen wird 
Darstellung. Dies war bei Wilhelmine Assmann der Fall, ebenso bei 
Machner. Wilhelmine «Assmann sah, sobald sie allein in einem geschlossenen 
Raum war und vollends nach Einbruch der Dunkelheit, allerlei seltsame 
menschliche und tierische Gestalten. Das „Sehen" hatte bereits der Vater 
gehabt, wie sie später erfuhr, nur dass er dem „Sehen" niemals nach- 
gegeben und es, abgesehen von einer Ankündigung des Ablebens seiner 
Mutter, als Phantastereien gewertet hatte. Erst die spiritistische Auf- 
klärung durch die Tochter änderte diese vernünftige Ansicht. Der Tochter 
blieb das „Sehen" bis gegen die Zeit ihrer Einsegnung, dann machte es 
einem „Hören" Platz. Fremde Stimmen sprachen in fremden Lauten. 
Stets nach dem Auftreten der Stimmen kam es zu Ohnmächten. Die Stimmen 
sind die Personifizierungen der Blutwallungen, die das in der Reife be- 
findliche Mädchen heimsuchten. Noch bleiben all diese Personifizierungen 
im allgemeinen und Gestaltlosem stecken. Es fehlt noch der Richtung 
gebende Anstose. Den sollte sie erst um ihr 40. Jahr erleben. 

Von der Pubertät bis zu diesem wichtigen Lebensabschnitt blieben 
Frau Assmann, auch nach ihrer Verheiratung, andauernd quälende Kopf- 
schmerzen. Es blieb ihr auch die Neigung zur Einsamkeit. Sie ging nicht 
gleich anderen Mädchen an den dienstfreien Sonntagen zum Tanz, nicht 
einmal spazieren ging sie. Stets sass sie für sich allein. Die Stunden 
kürzten ihr weder Lektüre noch Handarbeit, sondern einzig ihr Grübeln 
und Träumen. Kirchlich religiös ist sie gar nicht; den kirchlichen An- 
schauungen völlig abgeneigt, machte sie sich ihre eigene Lebensauffassung 
zurecht. Deren Quintessenz besteht darin, dass das Leben, wie es aie 
meisten Menschen, besonders in geschlechtlicher Hinsicht, führen, ver- 
kehrt und schädlich ist. Die Frau wird vom Manne als Objekt zur Be- 
friedigung seiner Lüste gebraucht, und das soll nicht sein. Nur einmal soll 
sie empfangen und gebären. Ihre fernere Aufgabe besteht dann in der 
Erziehung des Kindes, der Mann ist für sie erledigt. Frau Assmann hatte 
nur ein Kind. Dieses starb früh. Ihm folgte bald eine ihrer Schwestern. 
Die beiden Todesfälle brachten sie völlig aus dem seelischen Gleich- 
gewicht. Sie hatte für nichts mehr Sinn, Haushalt und Geschäft begannen 
unter ihrer Verstörtheit zu leiden. Sie vergrübelte weinend Stunden und 
Tage über den Sinn des Lebens. In seiner Not und um ihr einen seelischen 
Halt zu schaffen, ging ihr Mann mit ihr zu den Apostolikern, den Baptisten, 
der Heilsarmee. Nichts verfing. Schliesslich gerieten sie in einen spiri- 
tistischen Zirkel. Schon in der ersten Sitzung, der sie beiwohnte, fing 
sie an, automatisch zu schreiben. Sie hielt von nun ab sehr häufig Schreib- 
sitzungen. Die Niederschriften schlössen meist mit Schnörkeln, die ge- 
legentlich die Form kleiner Blumen bekamen und von denen sie sagte, sie 
sollten diese oder jene Farbe haben. Daraufhin riet einer der Teilnehmer, ein 
russischer Student, zur Benützung von Buntstiften. Frau Assmann folgte 
dem Rate; die erste bunte Zeichnung, unbeholfen, zitternd in der Linien- 
führung, matt und schüchtern in den Farben, entstand, und rasch bildete 
sich ihr Können aus. Sie arbeitete vorwiegend nachts. Bevor es zum 
eigentlichen Zeichnen kommt, befällt sie peinigende Unruhe, nach etwa 
einer halben Stunde ebbt die Empfindung des Umgetriebenseins ab, aus 



54G Hans Freimark. 

der Magengrube steigt ein flaues Gefühl in ihr auf, ihr ist, als ob ihr Ge- 
sichtskreis sich verdunkle, als ob Schleier sie einhüllten, sie hört und 
sieht nicht mehr, was um sie her vorgeht, oder doch nur völlig fern und 
schattenhaft, das Zeichnen beginnt. Im Anfange ihrer Maltätigkeit währte 
das Zeichnen nächtlich 7 Stunden. Doch dauerte es danach noch etwa 
eine Stunde, bis sich die nervöse Erregung gelegt h^tte. Mit dem Beginn 
der Zeichenperiode entzog sie sich jeder Gemeinschaft mit ihrem Gatten. 
Zugleich endete aber auch das nervöse Kopfweh, an dem sie jahrelang 
gelitten hatte. Sie erzählt, ihre „geistigen Freunde" hätten ihr gesagt, 
sie würde wahnsinnig geworden sein, wenn sie nicht zum Zeichnen ge- 
kommen wäre. Diese Erklärung fusst auf dem richtigen Gefühl, dass 
Zeichnen und Malen ihr eine zufriedenstellende Auslösung ihrer inneren 
Bedürfnisse sind. Wenn sie sich ihrem Maltrieb hingibt, ist sie glück- 
lich. Gleich einem Künstler vergisst sie bei seiner Ausübung alle Pein- 
lichkeiten ihrer materiellen Lage. Aus den Schwierigkeiten des Daseins 
flüchtet sie in die blühenden Gärten der Phantasie. 

Ihre Pastellmalereien zeigen hauptsächlich pflanzliche Motive, erst 
vor ein paar Jahren zog sie auch Tiere in den Kreis ihrer Darstellung. 
Die Form ihrer Malereien ist stilisierend. Perspektiven Vermag sie nicht 
zu geben, weshalb denn auch ihre Tiergestalten durchweg steif wirken 
und lediglich gleich einem heraldischen Schmuck, nicht aber als plastische 
Wiedergabe irgend eines natürlichen Vorbildes. Dennoch sind die Ur- 
typen der Umwelt entnommen, Pfau und Wiedehopf haben Modell gestanden, 
Und Frau Assmanns Phantasie hat sich von diesen Vorbildern weniger 
entfernt, als es die Phantasie manches Malers tut. Anders bei ihren 
Pflanzengebilden. Die sind in der Tat seltsam, und der erste Eindruck lässt 
sofort an orientalische Kunst denken. Ein unerschöpflicher Formenreich- 
tum zeigt sich; nicht ein Motiv gleicht dem andern. Es scheint unmöglich, 
den Ursprung dieser Motive nachzuweisen. Und dann bietet er sich wie 
von selbst. Eine Schwester von Frau Assmann ist durch diese ebenfalls 
zum medialen Zeichnen gekommen, und eine ihrer ersten Malereien setzt 
sich aus vielen sich allmählich verbreiternden Streifen von Blumenmustern 
zusammen. Diese Muster sind eine teilweise genaue, teilweise vergrösserte 
und abgewandelte Wiedergabe von solchen, wie sie Bauerngeschirr und 
bessere bäuerische Kleiderstoffe verzieren und die die beiden Frauen, 
in ihrer Jugend oft vor Augen hatten. Die Blumen dieser Muster, die durch 
die Schwester noch fast original nachgebildet werden, haben in der Phan- 
tasie der Frau Assmann gewuchert und sich zu den seltsamsten Formen 
entfaltet. Warum gerade diese künstlichen Schöpfungen sie beeindruckten 
und nicht das Leben in Wald und Feld, das sie als Kind täglich um sich 
hatte ? Eben weil es das Tägliche, das Alltägliche war. Nur das Besondere, 
das Seltene zieht an, erst recht dieses Kind, das die andern Kinder mied 
und sich selbst als Besseres träumte. Diese Neigung zur Besonderheit ist 
ihr geblieben. Dem Exotischen gehört ihre Vorliebe. Sie hüllt sich gern 
in Kimonos und ihre Wohnung ist angefüllt mit japanisierendem Kleinkram. 
Aus dieser Vorliebe für das Fremdartige erklärt sich zum Teil auch ihr 
Verhalten gegenüber dem jungen Russen, der ihr als erster zur Benutzung 
von Buntstiften riet. Als Frau Assmann den jungen Mann zum eisten Male 
im spiritistischen Verein erblickte, erstarrte sie förmlich. Und nachher lud 
sie, die damals nie fremde Menschen zu sich bat, ihn zu sich ein. Ihr 
Gatte denkt heute noch mit eifersüchtigen Regungen an Ilja Michaelowitsch. 



Das erotische Moment i. d. unbewussten Talentäusserungen d. Bog. Medien. 547 

Unberechtigt in einer Hinsicht, berechtigt in der anderen. Denn wie stark 
der Eindruck war, den Ilja Michaelowitsch auf die sensible Frau machte, 
geht daraus hervor, dass sein Vorname zu dem Namen Helize, des sich 
bald darauf einstellenden Kontrollgeistes der Frau Assmann, Pate gestanden 
hat. Wie Ilja behauptete Helize russischer Geburt und jüdischer Ab- 
stammung zu sein. Und kürzlich reklamierte sie einen Berliner Grosskauf- 
mann jüdischer Rasse als ihren ehemaligen Gatten zur Zeit ihrer ägyptische» 
Existenz. Beachtenswert ist auch, dass Frau Assmann, ohne anfänglich 
um diese zu wissen, an den hohen jüdischen Feiertagen nicht in Trance 
zu fallen vermag, wenn es eine Zeichensitzung gilt. Dem bewussten 
Nichtwissen dieser Daten dürfte freilich ein unbewusstes Wissen gegen- 
überstehen, das ja bei jeder, selbst der flüchtigsten Betrachtung eines 
Kalenders zu erlangen ist. Aber dass ein solches unbewusstes Wissen 
sich derart äussert, gibt zu denken. Zumal, wenn man es mit der Tat- 
sache zusammenhält, dass Ilja religiös sehr streng gewesen sein soll, 
und dass Helize das gleiche von sich angibt. Oh diese Momente einfach mit 
der unbezweifelbar starken erotischen Anziehung erklärt sind, die der 
junge Russe auf Frau Assmann ausübte oder ob ererbte Faktoren mit- 
sprechen? Soweit sich Frau Assmann 's Stammbaum zurückverfolgen lässt, 
ist allerdings kein Anhaltspunkt für artfremde Blutbeimischung gegeben. 
Man muss es also einstweilen bei der Feststellung ihrer Neigung zum 
Besonderen, Fremdartigen und Exotischen bewenden lassen. Erklärt wäre 
diese, weil sich die Phantasie in den reichen üppigen Gefilden orientalisch 
anmutender Seelengebilde heimischer fühlt als in der schlichteren Um- 
welt ihrer Geburtsstätte. Flüchtet doch sogar Helene Smith aus der ge- 
wiss nicht nüchternen Schönheit Genfs in ihre indischen und in ihre 
chinesisch-japanisch aufgeputzten Marsträume. Und ähnlich fühlte sich 
Kerner's Seherin am wohlsten, wenn sie in das bewegte Leben des „inneren 
Ringes", wie sie diesen Zustand treffend bezeichnete, eintreten konnte. 
Dem Leben des „inneren Ringes", dem reichen Leben des Un- 
bewussten, dem Drängen seiner Vielfältigkeit, verfallen begreiflicherweise 
künstlerisch gestimmte Naturen stärker als Durchschnittsmenschen. Was 
bei den letzteren ein kaum empfundener Vorgang während des Schlafes 
bleibt, ringt sich bei jenen zu grösserer Deutlichkeit durch und greift, 
wenn nur ein wenig Nachgiebigkeit geübt wird, in das Tagleben ein. Die 
künstlerische Gestimmtheit ist jedoch keineswegs gleichbedeutend mit künst- 
lerischer Bemeisterung der Triebe und Dränge. Daher begegnet man denn 
auch in den Talentäusserungen der Medien deutlicheren erotischen Ge- 
bilden um so mehr, je weniger das künstlerische Element zum Durchbruch 
gelaugt ist. Bei Machner, dem künstlerisch bedeutendsten Medium, 
dessen Medialität im Grunde nur noch eine lose, ihm liebe Verkleidung 
seiner ihm mehr und mehr bewusst gewordenen Begabung ist, stösst man 
kaum auf ein Stück erotischen Charakters, selbst dann nicht, wenn man 
die Grenzen dieser Art Symbolik ziemlich weit setzt. Das gleiche gilt 
von Frau A s s m a n n , deren Leistungen künstlerisch zwar vielfach über- 
schätzt werden, der aber in der Einheitlichkeit ihres Stilgefühls doch 
ein gewisser künstlerischer Zug eigen ist. Bei ihrer weniger begabten 
Imitatorin, dem Medium Frieda Gentes, dagegen mischt sich erotische 
Symbolik schon recht beträchtlich ein. In ihren medial-künstlerischen Pro- 
duktionen ist das Muschelmotiv sehr häufig und wird oft durch Blüten- 
rispen ergänzt, die sich gegen die vaginaartigen Blumenmuscheln neigen 



548 H* n| B Freiinark, 

oder über sie aufrichten. Bei der Frau Sp. kommt, wie erwähnt, die 
erotische Symbolik weniger in den Zeichnungen als in den zu diesen ge- 
hörigen Erzählungen zum Ausdruck. So erklärte sie einem jungen Manne 
im Trance das ihm gezeichnete Schutzgeistbildnis „Esther Gordon," : „Esther 
gibt dir, was du brauchst im Leben, Zufriedenheit und Glück, wie es dir 
noch nicht beschieden war; und wie es dich grüsst noch in der Ferne, 
so schön wird dich Esthers Auge scherzend, grüssend be- 
glücken, erregen und wandeln." Und in einer anderen Sitzung 
erklärte die Personifikation „Esther" ihrem Schützling : „Ich bin und bleibe 
dein treuer Begleiter bis am Wege der Scheide, dann bist du ganz 
mein, dann drängt die Wucht der Massen dich nicht mehr, befreit suchst 
du zum Lichte zu ringen, zum weiteren Werden." Sehr richtig schätzt 
der junge Mann, dem diese Worte galten, sie als „Zeichen inniger Zuneigung 
und Sympathie" ein, nur macht er sich nicht klar, wieviel irdische Sinn- 
lichkeit in dieser übersinnlich verkleideten Freundschaft liegt. Es ist 
überhaupt erstaunlich, wie blind die spiritistischen Kreise gegenüber der- 
artigen Anspielungen sind. Die Übersinnlichkeiten, in denen sie sich zu 
bewegen glauben, entrücken sie völlig dem Sinnlichen, obwohl gerade 
dieses es ist, das den Wesensgrund des vermeintlich Übersinnlichen aus- 
macht. Interessant waren in dieser Hinsicht Geistgestalten, die ein Wies- 
badener Medium gezeichnet hatte, über das leider nichts Näheres in Er- 
fahrung zu bringen war. Die künstlerisch völlig wertlosen Köpfe und Ge- 
stalten wirkten seltsam und unirdisch nur durch ihren eigentümlichen. 
Kopfputz und ihre Bekleidung. Bei genauerem Zusehen zeigte sich sowohl 
Kopfputz wie Bekleidung aus zahllosen phallischen Symbolen gebildet. 
Diese Symbolik steckt auch in den Illustrationen zu dem Kalender auf 
das Jahr 1912/13, der in Dr. Steiners Sinne in den Logen der Theosophisch- 
anthroposophischen Gesellschaft zum Zwecke der „intuitiven Betrachtung" 
der Bilder verbreitet wird. Die Illustrationen gleichen völlig medialen, 
Zeichnungen. Da jedoch über ihre Entstehung nichts Näheres bekannt ist, 
bleibt die Möglichkeit offen, dass ihre Symbolik keine unbewusste, sondern 
eine absichtlich gewählte ist Sehr häufig ist die Darstellung zueinander- 
strebender Zellkerne, und neben einer modernen Variation der Danae findet 
sich die merkwürdige Zeichnung eines Marienbildes mit dem Kinde, das 
zugleich ein genaues Abbild des weiblichen Genitals ist. 

Recht deutlich ist auch die Wunschverkörperung in den medialen 
Malereien einer bekannten Schriftstellerin. Liniengekritzel, das ihre Hand 
nächtlicherweile, vielfach auch bei Tage, vollführt, vollendet sie zu anderen 
Stunden zu Gesichtern. Vorwiegend zu männlichen. Und aus diesen männ- 
lichen Gesichtern hebt sich der Typus eines kräftigen bebarteten Mannes 
auffallend heraus. Dieser Kopf und die entsprechende Gestalt kehren weiter- 
hin gesondert wieder. Dann trägt die Gestalt einen Blumenstrauss und 
daneben, auf demselben Blatte, ist ein Ring und ein Blütenstiel gezeichnet, 
der an Myrthe erinnert. Der Text dazu: er kommt zu dirl Oder nur die 
männliche Gestalt mit dem Text ; er ist auf dem Wege zu dir ! er ist dir 
nah! — Auf dem Wege über den „geistigen Freund und Beschützer" beginnt 
die Gestalt allmählich mit dem „Einen", dem himmlischen Geliebten der 
Religiösen, identisch zu werden. Und damit auch die Erfüllung im Bilde 
nicht fehle, erscheinen bunte Zeichnungen unter der erregten Hand, Wickel- 
kinder von farbigen Streifen umbunden. Bei dieser Dame ist auch gut die 
Entstehung fremder Schrift, die sich wiederholt auf ihren Blättern findet, 



Das erotische Moment i. d. unbewussten Talentäusaerungen d. sog. Medien. 549 

zu beobachten. Sie hat ein Blatt, das dreierlei Schrift enthält. Die erste 
in der Hauptsache aus musikalischen Vorzeichen bestehend, die letzte 
stenographischen Zeichen ähnelnd. Die mittelste bildet den Übergang und 
zeigt, wie aus den der musikalisch gebildeten Dame geläufigen Notenzeichen 
durch Umbildung die vermeintliche „fremde Schrift" sich entwickelte. Was 
diese Schrift sagen will, ist in der Regel nicht erläutert. Nur einige Male 
wird es durch Noten und Übersetzung ergänzt, und dann ist es ein Gesang 
an die , .liebe Ulla". U. N. empfindet denn auch ihre künstlerisch-mediale' 
Betätigung als Auslösung und Ersatz. Wie sie sich ausdrückt, als Mittel, 
um sie vor einer Infamie zu retten. Die Talentäusserung setzte auch 
bei ihr, wie bei Frau Assmann, in den kritischen Jahren ein. Das dst 
übrigens fast durchgängig der Fall. Die Blütezeiten der Medialität fallen 
mit dem Erwachen und dem Erlöschen des Geschlechtstriebes zusammen. 
Diese Beobachtungen haben nicht erst die Spiritisten, oft sehr zu ihrem Leid- 
wesen, machen müssen. Schon die Magnetisten und Pneumatologen des 
18. Jahrhunderts hatten sie an ihren Somnambulen gemacht, und das 
Mittelalter sowie die Antike waren sich, wie ich in meiner Studie „Okkul- 
tismus und Sexualität" 1 ) nachweisen konnte, über den innigen Zusammen- 
hang von Geschlechtsleben und magischem Wirken, d. i. Wirken aus dem 
Unterbewussten heraus, ebenso im klaren, wie sich die meisten Natur- 
völker darüber im klaren sind. Die Tendenz zur Gestaltung, die sich einer- 
seits des Geschlechtstriebes zur sinnlichen Befriedigung und Verwirklichung 
bedient, verwendet andererseits die brachliegende Kraft für seelische Ge- 
staltungen. Weil beides demselben Grunde entstammt, ist es so innig mit- 
einander verknüpft. 

Dass diese Verknüpfung noch vielfach geleugnet, ja bestritten wird, 
ist weniger bedauerlich wegen der betrof fenen Einzelnen — diese fühle» 
sich ja in ihrem Glauben durchaus glücklich — als wegen der kulturellen 
Möglichkeilen, die durch solche Verschleierung in der Entwicklung ge- 
hemmt oder in falsche Bahnen gelenkt werden. Zahllose Talente werden 
vergeudet, weil die Gefühlsseligkeit ihrer Besitzer sie lieber einem ata- 
vistischen Schamanismus als Schaugepräge eingefügt, denn dass sie ihre' 
Ausbildung zu allgemeinen Zwecken zugibt. Und selbst da, wo die Medialität 
zu keinem Talent reichte, vermöchte vernünftige Einsicht in die gestaltende 
Tendenz des Unbewussten wenigstens, wie ich in meiner im Erscheinen 
begriffenen Arbeit über „Mediumistische Kunst" 2 ) darlegte, jene beklagens- 
werten Missbräuche zu verhindern, die teils in gutem Glauben, teils aber 
auch in bewusster Spekulation mit den Seelen- und Herzensbedürfnissen 
vieler getrieben werden. Aber es scheint: Antike und Mittelalter sind auch 
in der jetzigen Menschheit noch recht lebendig, wenigstens in verschiedenen 
sehr ausgebreiteten Gruppen, und das Bewusstsein bewegt sich immer 
noch nicht völlig in den Bahnen reinen Denkens, sondern haftet wie in 
alter Zeit am Bilde. Vielleicht ist ja das unüberwindbares menschliches 
Erbteil. Dennoch wäre es für das Allgemeine dienlicher, die Menschen 
würden nach dem Wesen der Dinge trachten und nicht nach ihrer Gestalt. 
Noch aber ist den meisten die Gestalt das Wichtige und zwar die ihnen er- 
wünschte und von ihnen erwünschte Gestalt. 



1) Leipzig 1909. 

2) Beitrage zor Geschichte der neueren Mystik und Magie, 2. Heft. 



III. 

Fortschritte der Traumdeutung. 
(Kritisches, Polemisches und Neues.) 

Von Dr. Wilhelm Stekel, Wien. 

Anderweitig beschäftigt, konnte ich leider mein Versprechen nicht 
halten und die „Fortschritte der Traumdeutung" nur in kleinen Beiträgen 
erledigen. Ich sehe mich aber genötigt, noch einmal das Thema der 
Traumdeutung hier aufzurollen und einige kritische Fragen ausführlich 
zu besprechen. Zuerst möchte ich mich mit Maed er auseinandersetzen, 
der soeben eine grössere Arbeit über das Traumproblem publiziert hat 1 ). 

Es ist dies ein hochinteressanter, sehr instruktiver Vortrag, den 
der Autor auf dem letzten psychoanalytischen Kongresse in München ge- 
halten hat, um seine Abweichungen (und die der Züricher Schule) von der 
orthodoxen Freudschule zu begründen und festzustellen. Es wird aus- 
geführt, dass mit der Funktion des Traumes als Wunscherfüllung das Wesen 
des Traumes nicht restlos geklärt sei. Der Traum wurde nach Maeder 
bisher von der Freudschule zu wenig klinisch untersucht und zu sehr als ein 
Symptom für sich angesehen. Die Sexualdeutung des Traumes sei nur eine 
erste Stufe, vielleicht nur eine Vorstufe der Traumwissenschaft. Die „Wiener 
Deuterei" ohne Kenntnis des Kranken sei zu verwerfen, die Auflösung 
eines Traumes durch die Symbole sei nur eine oberflächliche. Der Traum 
zeige ein Gesicht in die Vergangenheit, das entspräche seiner retro- 
spektiven Tendenz und eines in die Zukunft, das entspräche seiner 
prospektiven Tendenz. Man habe bisher den manifesten Trauminhalt 
vernachlässigt und zu sehr auf den latenten geachtet. Die Kenntnis der 
Lebensgeschichte des Träumers zeige den Traum in einer Funktion als Ver- 
kündet- kommender Zeiten, als Warner und Vorbereiter von wichtigen 
Entscheidungen. Em dies zu beweisen, werden eine Reihe nicht sehr glück- 
lich gewählter Beispiele mit sehr willkürlichen Deutungen angeführt, 
Deutungen, die ich durch alle bestreiten und durch andere ersetzen könnte. 

Man wird mir zugeben, dass ich in Traumdeutungen einiges Geschick 
habe. Aber ich habe mich zu der Erkenntnis durchgerungen, dass wir bei 
der Traumdeutung sehr leicht Täuschungen unterliegen und zu Verall- 
gemeinerungen kommen, die sehr gefährlich sind. Dem Traum deuter 
entgeht meistens der wichtigste Teil des Trau min halte s, 
der sich auf das Verhältnis des Patienten zum Arzte 
bezieht. Besonders verdächtig für die Zwecke der Wissenschaft sind die 
Träume, die von dem Arzte bestellt wurden. De# grosse von Maeder 



i) Maeder: Üeber das Traumproblem. (Jahrbtca für psychoanalytische 
Forschungen. Band V. 1914. Verlag J. F. Deuticke. Leipzig und Wien.) 



Dr. Wilhelm Stekel, Fortachritte der Traumdeutung. 551 

analysierte Traum ist so ein Produkt. Der Kranke hatte Bleistift und Papier 
unter dem Kopfkissen, er träumte sehr selten und erwartete gespannt einen 
Traum. Er teilte auch dem Arzte mit, dass er sich über den Traum sehr 
gefreut habe, beim Erwachen ärgerlich war. nichts geträumt zu haben. . . . 
Solche Träume sind schon arg entstellt und enthalten sicherlich eine 
Tendenz, die sich über den Arzt lustig macht und ihn verspottet. In den 
Assoziationen des von Mae der Analysierten fällt auch das unmotivierte 
Sprunghafte auf. Es sind sicher Lücken da, die das Wichtigste verschweigen. 
So lachte der Kranke, wie er von der blauen Farbe eines Pferdes spricht. 
„Affen können solche Farben am Gesäss oder im Gesichte haben. ... Es 
war so schön. . . ." Die Tendenz, den Arzt zu verlachen, dringt durch 
den manifesten und latenten Trauminhalt durch, der Arzt wird herabgesetzt; 
der Patient fühlt sich unverstanden, er ist nur eine Nummer, der Arzt ist 
ein Süddeutscher (Schweizer), was in seinen Augen eine Minderwertig- 
keit bedeutet. Er mag den Schweizerdialekt nicht. Er produziert auch 
Hass gegen seine Lehrer, worunter er natürlich den Arzt meint. Er will 
sich gegen den Analytiker wehren und machte sogar eine Abwehrbewegung 
mit der Hand. Mae der bemerkt dazu: „Der Jüngling machte eine kleine 
Abwehrbewegung mit der Hand, bis er merkte, dass es sich um einen rein 
intrapsychischen Vorgang handelt." Proteste gegen einen Professor kommen 
vor, Anschuldigungen gegen Dr. D. Er wendet sich direkt gegen die 
Psychoanalyse und sagt: „Ich habe in letzter Zeit ein besonderes Gefühl 
in mir, etwas was schneidet, wie wenn ich etwas in der Lunge hätte, an 
einem wichtigen Teil, wie wenn mir etwas abgeschnitten worden wäre 
in der Brust, wie wenn eine Axt selbständig in mir schneiden würde. 
Was soll ich ändern? Wie tun.?" .... Ferner: „Jetzt bin ich besser, 
aber was soll ich tun, wenn ein Rückfall kommt?'" Mae der aber fasst 
dieses Brustleiden auf: „Ein ernstes Leiden, das lebenswichtige Organ in 
seiner Brust, welches angegriffen ist, d. h. die E i n s i c h t d iL m m e r t 
dem Träumer auf". Ja dämmert Mae der nicht die Einsicht, dass 
der Träumer die psychische Kur schildert, dass Mae der die Axt ist, 
die in seiner Brust sägt und dass er das ändern will? Merkt er nicht, 
dass die Drohungen eines Rückfalls nicht nur Zweifel andeuten, sondern 
auch ein Memento für den Arzt sind?! 

Mae der jedoch sieht in dem Traume eine Stufe der Entwickelung 
der Patienten zur Heilung und den Ausdruck der „Sehnsucht nach Domesti- 
zierung seiner Libido". 

Ich meine also: Wenn Maeder auch im wesentlichen Recht hat, 
seine Beispiele sind nicht überzeugend und seine Deutungen sind sicher 
sehr einseitig und durch die Züricher Brille gesehen. Er hätte noch an 
manchem Traume wichtige Einsichten zu lernen. So sieht er es als einen 
Fortschritt in der Entwickelung des Kranken an, wenn der Patient folgenden 
Traum hat. Doch lassen wir Maeder selbst das Wort: 

„Einige Wochen früher, während einer starken Widerstandsperiode, 
hatte der Analysand von Menschen geträumt, welche durch 
einen Kanal schwimmen. In einem kleinen Bote steht 
ein starker Mensch, welcher mit einer Harpune die Vor- 
beischwimmenden erlegt. Er selbst (der Träumer) sieht 
zu, empfindet aber mächtige Empörung und Hass gegen 
den grausamen .Fischer'. 

„Die Analyse ergab, dass durch den Fischer das Jüngste Gericht 
symbolisiert war, ein Problem, welches den Jüngling damals im geheimen 



552 Dr. Wilhelm Stekel, 

beschäftigte und quälte. Eine der Hauptassoziationen dazu war das 
Gedicht : Prometheus von Goethe, in welchem bekanntlich der Pro- 
test gegen Gott den Vater verherrlicht wird. Ein blinder und 
ohnmächtiger Hass gegen das Schicksal klingt aus diesem 
Traume. Der Analysand stand noch auf dieser primitiven Stufe der 
Einsicht, nach welcher alles Übel von aussen kommt, demgegenüber 
man ohnmächtig ist, über welches man aber schimpft. Die Reaktion ist 
noch nicht gegen das eigene Ich als Ursache des Übels gerichtet. Die Ein- 
sicht gegen sich selbst gefehlt zu haben, ist noch nicht vorhanden. Es 
wird Zeit brauchen, bis der Reifungsprozess so weit ist, dass der Analysand 
versteht, der Hass richte sich eigentlich gegen ihn selbst; etwas in ihm, 
die archaische Libido (nach Jungs trefflichem Ausdrucke) muss sterben, 
geopfert, aufgegeben werden. Wenn dies ihm gelungen sein wird, hat das 
•Jüngste Gericht seinen quälenden Charakter verloren. Zwischen den zwei 
mitgeteilten Träumen hat wie ersichtlich eine gewaltige innere Verarbeitung 
stattgefunden, welche sich auch äusserlich durch die grossen Fortschritte 
in der Anpassung an die Realität dokumentierte. In der Zwischenzeit kam 
ein Traum vor, aus dem ich wie beim vorigen nur einzelne Daten mit- 
teilen will. Eine Figur trat dort auf, welche unter die Gestalt eines Mit- 
gliedes der Familie die Personifikation der schlechten Instinkte des Träumers 
und seiner Neigung zur Last und Bequemlichkeit darstellte. Mitten in 
einer Schnellzugfahrt ging die betreffende Person aus 
dem Kupee heraus, ohne dass der Zug gehalten hätte, 
schrittaufeinHauszu, kletterte ander Leitung des Blitz- 
ableiters bis zur Spitze desselben, worauf sie in die 
Luft verschwand. Dies war das ganze Opfer, dessen der Träumer 
zurzeit fähig war. Wenn mein Doppelich, das feindselige, sich verflüchtigen 
kann, ohne mich arg zu stören (der Zug braucht nicht einmal zu halten), 
bin ich damit einverstanden. Der Jüngling wünscht sich die Befreiung auf 
dem Wege des Zaubers; er setzt also seine Kräfte selbst noch nicht ein." 

Auch hier erkennt Maeder das Wichtigste nicht. Der grausame 
Fischer ist M a e d e r. Durch einen engen Kanal (ein wunderbares Bild 
für die Zensur des Bewusstseins!) schwimmen Menschen, hier die Symbole 
der Gedanken, und der Arzt fängt alle diese Gedanken auf. Der erste 
Einfall des Träumers ist das Jüngste Gericht, hier wirklich das jüngste im 
Doppelsinn. Der Kranke stellt sich gegen die Trias Arzt, Vater, Gott mit 
Hass und Empörung ein. Eine weitere Bedeutung erhellt aus der Bedeutung 
der Menschen als Spermatozoen und zeigt die tiefe Unzufriedenheit mit dem 
Leben, die retrospektive Tendenz bis zur Zeugung, den Wunsch, noch 

einmal auf die Welt zu kommen Ich sehe keine „archaische 

Libido" (J u n g), die geopfert werden muss, ich sehe nur Wünsche, Wünsche, 

Wünsche Auch der zweite Traum ist ein Spermatozoentraum und 

schildert ausserdem wie ein Gedanke laus dem Hirn des Analysierten kommt, 
und an dem Kopfe des Arztes vorbei in der Luft verschwindet. Also auch 
ein Widerstandstraum ersten Ranges! Die Deutung von Maeder: „Der 
Jüngling wünscht sich die Befreiung auf dem Wege des Zaubers", ist bei 
den Haaren herbeigezogen und übertrifft die berüchtigten Wiener Deutungen 
an Willkür. Man könnte höchstens sagen: Der Jüngling wünscht sich die 
Befreiung von seinem Arzte, er wünscht, ihm nichts mehr sagen zu müssen. 

Damit will ich nicht ausführen, dass Maeder im Unrechte ist, 
wenn er sich den Anschauungen A d 1 e r's über die Funktion des Traumes 



Fortschritte der Traumdeutung. 553 

als Warner anschliesst. Fraglich ist freilich, ob die Warnung nicht eine 
Wunscherfüllung des moralischen Ich bedeutet. . . . 

Wenn ich aber nun einige persönliche Worte zu dem Thema sage, 
so werden es mir alle jene Kollegen nicht verübeln, welche meine intensiven 
Bemühungen kennen, das Wesen des Traumes zu erhellen. Ich habe also 
ein Recht, zu diesem Thema zu sprechen und möchte — das letztemal in 
dieser Sache — mich in die mir immer peinlichen Fragen der Priorität 
verlieren 

In dieser ganzen Arbeit von Maeder kommt mein Name an einer 
einzigen Stelle vor, nämlich, wo von den ..ersten Träumen" die Rede ist, 
auf deren Bedeutung ich besonders aufmerksam gemacht habe. Aber ich 
möchte Maeder aufmerksam machen, dass sein Ausspruch: „Der Traum 
ist vielleicht das primitive Kunstwerk", eine Variation der Ausführungen 
ist, die sich in meinem Aufsatze „Dichtung und Neurose" findet und zwar 
gleich auf der ersten Seite (1909 erschienen!). .,Jeder Träumer ist ein 
Dichter" heisst es dort und ich weise nach, dass es sich um eine alte 
Binsenwahrheit handelt. Aber schliesslich habe ich das Thema in meinem 
Buche „Die Träume der Dichter" ausführlich behandelt. Sollte der Traum- 
forscher Maeder dies Buch nicht kennen, so mache ich ihn darauf auf- 
merksam. Er wird dort manche Wahrheit finden, die er in seinen Arbeiten 
nachher ausgesprochen hat. Denn esgibtnureine Wahrheit und 
schliesslich müssen verschiedene Menschen darauf 
kommen. . . . . Der Traum kommt dort wiederholt in der Funktion 
des Warnens und Vordenkens vor und besonders der von Maeder ange- 
führte Traum von Rosegger findet dort eine eingehende Deutung, die noch 
weit über die von Maeder hinausgeht. Den Traum als Warner und Künder 
der Zukunft behandle ich schon in der ersten Auflage der „Nervösen 
Angstzustände", S. 182 (erschienen 1908!). Dort sage ich wörtlich: 
„Der Schluss des Traumes enthüllt den Vorsatz, seinen 
Beruf nicht mehr so schwer zu nehmen und ohne Ge- 
wissensbisse den Leuten etwas vorzuheucheln. Er 
will — — — — usw." 

Ich zeige also deutlich die proskektive Tendenz des Traumes auf. Zahl- 
los sind aber die Beispiele, die sich in meinem Werke „Die Sprache des 
Traumes" finden. Ich führe daselbst Warnungsträume an, z. B. auf S. 345, 
welche die Überschrift trägt „Das Schicksal des Vaters als Warnung", ich 
zeige eine prospektive Tendenz, die bis in die andere Welt geht (Christus- 
neurose) ..... Warnungen und Mementos enthält der Traum 266 und 
viele andere. Sind ferner Maeder meine Arbeiten aus den letzten Jahren 
nicht bekannt, die ich systematisch in diesem Blatte veröffentlichte, in denen 
ich gegen die monosexuellen Deutungen Stellung nahm ? Und habe ich nicht 
in der Sprache des Traumes unter Protest der ganzen Züricher Schule 
auf die Bedeutung des manifesten Trauminhaltes aufmerksam gemacht? 
Habe ich nicht in diesem Buche alle Deutungen immer im Zusammen- 
hange mit der Krankengeschichte gebracht? Wenn Wexberg in seiner 
Arbeit „Zur Verwertung der Traumdeutung in der Psychotherapie" (Zeit- 
schrift für Individualpsychologie, Heft 1, Bd. 1) sagt: ,,Was diese Art von 
Traumdeutung — nämlich die von Adler — von der Freud sehen Methode 
unterscheidet, ist die grössere Sicherheit der Schlussfolgerungen, die von 
erzwungenen Einfällen des Patienten unabhängig, einzig auf der Kennt- 
nis der Persönlichkeit beruhen" — so hat er sich eben meine Methode 



554 Dr. Wilhelm Stekel, 

angeeignet, den Traum ohne Einfall des Träumers zu dechiffrieren, eine 
Methode, die ich ja besonders in meinem Buche ,,Die Träume der Dichter" 
an zahlreichen Beispielen klargelegt habe. Auch in der Sprache des 
Traumes findet sich immer der Zusammenhang mit dem Lehen und Denken 
des Kranken und in vielen Fällen seine Zielsetzung, so in allen Fällen 
von Christusneurose, welche ja die „Gottähnlichkeit" Adlers deutlich 
antizipiert. 

Die Zielsetzung des Traumes findet sich im Beispiel 4 der Sprache 
des Traumes. Ich erkläre einen prophetischen Traum, den Artemidoros 
veröffentlicht: „Es träumte jemand, er wäre mit einer Kette an das 
Postament des Poseidon am Isthmos gefesselt. Er wurde Poseidons- 
priester " Dazu sage ich: „Dieser Blick in die Zukunft ist ebenso 

wohlfeil als die nächste Prophezeiung des Artemidoros, die ich bald mitteilen 
werde. Es wird keiner Priester, der es nicht vorher lebhaft wünschte. ..." 

Und solcher Blicke in die Zukunft und Zielsetzungen, solcher Vor- 
sätze und Warnungen habe ich genügend publiziert. Ist das aber genügend, 
um eine neue Ära der Traumdeutung zu inaugurieren und die Methode von 
Freud zum alten Eisen zu werfen? Erstens gebe ich zu bedenken, dass 
auch diese Warnungsträume Wunscherfüllungen eines Partial-Ich sind, 
des moralischen religiösen, das um jeden Preis, selbst um den Preis eines 
Unglücks seinen ethischen Besitzstand erhalten will, weil es nach höheren 
Zielen strebt als sie auf dieser Welt erreichbar sind. Wer mit dem Himmel 
Beziehungen hat, kann auf die Freuden und Wünsche irdischer Art ver- 
zichten und je mehr er bei Tag seinem Erdenleben und Erdenwünschen 
gerecht wird, desto tiefer kann er sich bei Nacht in das Moralisch-Religiöse 
verlieren. . . . Und welcher lächerliche Vorwurf von Mae der, die Wiener 
Schule sollte den Traum mehr im Zusammenhange mit der Kranken- 
geschichte betrachten und nicht Symbole dechiffrieren! Ich verweise nur 
auf die berühmte Analyse von Freud in der „Dora", wo dieser Zu- 
sammenhang in plastischer Weise dargestellt ist, ich verweise auf meine 
Angstzustände, auf die „Sprache des Traumes". 

Sicherlich I Die Traumdeutung hat grosse Fortschritte gemacht und 
gerade in den letzten Jahren aber alle diese Fortschritte knüpfen sich 
an Wiener Namen, an Freud, Stekel, Silberer und Adler. Was 
die Schweiz für die Traumdeutung geleistet hat, soll nicht gering geschätzt 
werden, aber es gibt noch nicht die Berechtigung, von einer neuen Ära 
der Traumdeutung zu sprechen, weil unsere Arbeiten dieses Thema nach 
allen Seiten hin auch nach der Schweizer Seite vollkommen erschöpfen, 
und wir alle jetzt mit Fleiss und Ausdauer die neuen Wege gehen, ohne 
erst auf die Anregungen von Jung und seinen Schülern gewartet zu 
haben 

Aber ich weiss es — und es wird immer wieder mitgeteilt — , dass 
es schon zum Gesetz geworden ist, sich über die Art meiner Traum- 
deutung lustig zu machen, und die jungen Schüler vor dem bösen Traum- 
wolf Stekel zu warnen. Dabei werden aber meine Bücher von den 
Herren fleissig studiert, weil sie eben daraus sehr viel lernen können. 
Ich schäme mich meiner symbolischen Forschungen gar nicht, obwohl ich 
heute schon über sie hinaus gekommen bin. Ich brauche auch kein Wort 
zurückzunehmen von den Deutungen, die ich in der Sprache des Traumes 
und meinen anderen Büchern gegeben habe. Ich habe nur gelernt, tiefer 
zu blicken, und es gelüstet mich manchmal, an meinen Träumen, an der 



Fortschritte der Traumdeutung. 555 

Traumdeutung von Freud, an den Träumen, die Jung und Adler 
publiziert haben, zu zeigen, wie vieles sich noch aus einem solchen 
Traume herausholen Hesse, was der Analyse würdig wäre. Ich tue es nicht. 
Ich arbeite nicht, um etwas zuerst zu sagen, etwa einen Monat früher als 
ein anderer Analytiker, sondern aus einem inneren Drange. Ich arbeite, 
was ich eben arbeiten muss, und kann mir die Arbeitsthemen nicht 
suchen oder von einem Lehrer diktieren lassen. Ich werde sicherlich 
einmal noch einen zweiten Band für „die Sprache des Traumes" schreiben, 
und da soll alles Neue kommen, was ich gefunden habe und was der Publi- 
zierung harrt. 

Ich habe es im Dechiffrieren der Träume zu einer grossen Virtuosität 
gebracht. Aber ich würde nie so weit gehen wie Adler und W e x b e r g 
und auch Mae der und Jung gehen und auf die Einfälle des Träumers 
vollkommen verzichten. Ich habe dies an meinem Musterbeispiele „Die 
Technik der Traumdeutung" klargelegt (Die Sprache des Traumes). Ich 
glaube auch noch heute, dass es viele Träume gibt, welche wir ohne Hilfe 
des Träumers und sein Material, ohne genaue Kenntnis seines Lebens 
nicht deuten können. Wie aber beweisen, dass eine Traumdeutung richtig 
ist? Der Traum ist ein Rätsel, und jeder behauptet, die richtige Lösung 
zu haben. Welche ist die richtige? Wie leicht kann man Täuschungen 
unterliegen! Ich will nur ein Beispiel anführen. Maeder publiziert einen 
Traum, den er als Ausdruck einer klar erfassten augenblicklichen Situation 
anspricht, als Ausdruck eines Heilungsvorganges. Lassen wir Maeder 
das Wort: 

.Eine Dame, welche sich seit vier Tagen in kurzer psychotherapeutischer Be- 
handlung befindet (es handelt sich mehr um eine Orientierung als um eine eigentliche 
Behandlung), erzählte mir spontan folgenden Traum, dem sie selbst eine grosse Be- 
deutung beimisst. (Es sei ausdrücklich bemerkt, dass ich mit ihr kein Wort über die 
Verwertung oder Bedeutung der Träume in einer psychischen Kur gesprochen habe) : 

Ich bin bei einer (schon längst verstorbenen) Tante, im Land- 
haus der Eltern. Ich sitze bei ihr; eine andere Verwandte ist dabei. 
Sie sagt mir, in ihrer liebenswürdigen, immer aufmunternden und 
dezidierten Art: Stehe auf, gehe zu Karl (der Ehemann der Träumerin) 
und den Kindern . . Aber ziehe das Rosakleid an. 

Die Dame erwacht und ist über ihren Traum sehr glücklich. Sie achtet nie 
auf Träume, hat sonst kaum plastische, klare Träume. Sie sieht in ihm eine 
klare Angabe des zu befolgenden Weges. — Die psychische Situation der 
Dame ist folgende: Sie ist 40 Jahre alt, verheiratet, Mutter von drei Kindern, welche 
ihr neulich grosse Sorgen verursacht haben (ErziehuEgsschwierigkeiten). Den Mann 
liebt sie, sie verehrt ihn sehr, sie steht ihm aber doch nicht nahe; sie hat Angst 
vor ihm, wagt nicht, sich neben ihm zu behaupten; er ist ein bedeutender Geist 
von herrscherischer Veranlagung. Die Dame hatte eine sehr sonnige Kindheit und 
Jugend, wuchs in einer grossen Familie auf. Die Heimat hat sie mit der Verheiratung 
verlassen. Das Leben hat ihr seitdem viele Schwierigkeiten bereitet, sie hat sich 
immer noch nicht an das neue Milieu angepasst, sehnt sich nach dem Elternhause 
oder nach dem Tode. Sie hat verschiedene Depressionen durchgemacht, leidet 
unter gewissen Phobien. Seit anderthalb Jahren hat sie durch eine geheilte Ver- 
wandte von psychischen Kuren gehört und hoffte, im Stillen, eine solche durchzu- 
machen. Endlich ist es ihr nach langem Sehnen gelungen, sich für einige Tage frei 
zu machen, am Referenten zu sprechen und ihn um Rat für ihre Lebensführung zu 
fragen. Sie ist eine tief angelegte Natur, welche aber entfernt iat, den für Bie- 



556 Dr. Wilhelm Stekel, 

möglichen Urad psychischer Entwickelung errreicht zu haben (sie ist schon 40 jährig!). 
Sie hat schon viel über ihre Lage nachgedacht. Ihr Eigensinn sogt ihr, sie solle sich 
beim Arzt Kraft holen, um gegen ihren Mann vorgehen zu können, sie fühlt aber 
auch, das9 dieser Weg nicht verspricht, fruchtbar zu werden. In den drei Besprechungen, 
welche dem Traum vorangegangen sind, konnte ich ihr ihre infantile, unadäquate 
Einstellung zum Mann und deren Beziehungen zur Elternkonstellation zeigen. Sie 
hatte verstanden, dass ihre Todessehnsucht einen bildlichen Ausdruck ihres 
ZurUckkrebsens vor ihrer Lebensaufgabe bedeutete, nämlich ihrem Manne ein reifes 
Weib, ihren Kindern eine liebende nnd entschlossene Mutter zu sein. Die Dame hatte 
immer von ihrem Manne die gleiche Überreiche Anerkennung erwartet, welche ihre 
ganze Familie ihr in der Jugend gezollt hatte. Sie ärgert sich immer noch, dass die 
Art des Gatten eine andere sei. Am Tage nach der dritten Besprechung kam der 
Traum, welcher ihr sagte : .Gehe zu deinem Mann und zu deinen Kindern, und zwar 
mit dem Rosakleid*. Dieses Kleid ist ein Kleid der Jugendzeit, welches 
sie bei feierlichen Anlässen trug. Mit Tränen in den Augen sitzt sie sonst in ihrem 
Hause, sie soll jetzt das Rosakleid trugen. Nicht gegen ihren Mann soll sie losziehen, 
sondern zu ihm zurück, aber sie soll in richtigerer Weise vor ihm stehen wie zuvor, 
nicht in der infantilen Stellung der ewig Erwartenden, sondern in derjenigen der 
Gebenden (Mutter und Gattin). Was ihr bevorsteht, ist gerade dies Stück Nach- 
«ntwickelung. Von der Tante berichtet sie, sie sei eine bedeutende Erzieherin 
gewesen (Leiterin eines grossen Hauses) und die einzige, welche verstanden habe, 
ihr als Kind das Unangenehmste (Vorw lirfe) in einer Weise zu sagen, 
dass das eigensinnige Mädchen es annehmen musste und der Tante dankbar dafür 
war, Sie ist also eine Personifizierung einer Tendenz der Mutterimago. Das Land- 
haus ist der Geburtsort der Mutter unserer Träumerin und zugleich das Paradies ihrer 
Kinderzeit. Der Traum ermahnt die Dame, dieses Paradies zu verlassen (ihre Mutter- 
übertragung zu überwinden), um in ihr eigenes Heim zu ziehen. Die Beziehung zum 
Arzt ist die gleiche, wie diejenige zur erwähnten Erzieherin und Tante. 

Für denjenigen, welcher die Konstellation des Traumes kennt, erscheint er 
*ehr durchsichtig; er bedeutet den ersten entschiedenen Schritt zur Lösung der bo 
lange pendent gebliebenen Aufgabe der Dame. Er ist nicht nur der erste Schritt 
nach einer neuen Richtung, sondern das Glied einer langen Kette von Erscheinungen, 
das selbst durch eine lange Elaboration vorbereitet ist, welche mit den Gesprächen 
der geheilten Verwandten (ebenfalls Patientin des Referenten) eine besonders aktive 
Phase begonnen hat. Dies Beispiel gibt wieder eine lllustrierung der in dieser Arbeit 
hervorgehobenen Notwendigkeit, den Traum in einem grossen Zusammenhang zu 
•betrachten. 

Lesen wir diese Traumanalyse, die ja richtig sein kann und deren 
Auffassung ich nicht bestreiten will, so fällt uns ein merkwürdiger Gegen- 
satz in der Darstellung von Maeder auf. Die Träumerin soll mit einem 
Rosakleid zu ihrem Manne gehen. Wie der Autor sagt: „mit dem Kleide 
der Jugendzeit", also als Kind. Maeder interpretiert aber dies weiter: 
„In der Stellung der Gebenden, der Mutter und Gattin." Wie kommt er 
zu diesen gegensätzlichen Schlüssen? Sagt der Traum nicht vielmehr: 
Gehe zu deinem Manne, aber behalte deine bisherige infantile Einstellung 
bei!? Darüber ist sie offenbar glücklich, dass sich nichts in ihrer Ein- 
stellung ändern soll, dass sie die Träume der Kindheit beibehalten soll. 

Ich finde, dass Maeder seinen Kranken noch zu viel traut, alles 
wörtlich nimmt, was sie ihm sagen. Die Kranke sieht in diesem Traume 
eine gute Vorbedeutung, eine klare Angabe des zu befolgenden Weges. Dieses 
Glücksgefühl nach einer kurzen Besprechung mit dem Arzte ist verdächtig 



Fortschritte der Traumdeutung. 557 

und wir können mit Recht annehmen, dass der Traum mehr verschweigt, 
als M a e d e r ahnt, und dass das Glücksgefühl einer ganz anderen Quelle 
entspringt. 

Ich will nun zeigen, dass wir diesen Traum ganz anders auffassen 
können, ja sogar anders auffassen müssen, wenn wir die Psyche der Kranken 
genau kennen. Mae der misst seiner orientierenden Besprechung zu viel 
Wert bei. rio rasch ändern sich die Einstellungen der Kranken nicht! Sie 
macht sich Vorsätze . . .; aber wie oft hatte sie sich vorher schon vor- 
genommen, das Leben auf eine andere Basis zu stellen? 

Im Mittelpunkte der Krankengeschichte steht das Verhältnis der 
Frau zu ihrem Manne. Wir erfahren, dass er ihr überlegen ist, dass sie 
vor ihm Angst empfindet; sie will sich beim Arzte Kraft holen, um gegen 
(wohlgemerkt gegen!) ihren Mann vorgehen zu können. Dieser Mann 
drückt ihr Persönlichkeitsgefühl, er macht sie zur Null und sie . . . liebt ihn 
nicht. Sie sagt es wohl, dass sie ihn liebe und verehre! Aber wie oft 
habe ich solche Aussprüche in den ersten Stunden gehört? — Und dann 
kam der Pferdefuss zutage : Der Hass und die Abneigung gegen den Mann ! 
Eine wirkliche Liebe überwindet alles ! Sie unterwirft sich, sie anerkennt 
die Grösse des Mannes, sie überschützt sie und kommt seinem Herzen nahe. 
Diese Frau aber leidet an Depressionen, an Phobien und Todessehnsucht 
und hat Selbstmordideen. Ich habe wiederholt betont: Der Selbstmord 
ist die Poena talionis für Todeswünsche, die man gegen andere hegte. 
(Siehe die Diskussion über den Selbstmord. Heft 1. Verlag von J. F. Berg- 
mann, Wiesbaden.) Diese Frau leidet unter ihrem Manne und wünscht ihm 
den Tod. Nur sein Tod könnte diese Ehe lösen und sie selbständig machen, 
sie einer ihr unbekannten, nur dunkel geahnten Zukunft zuführen. Hätte 
Maeder vorsichtig weiter geforscht, so wären die Beseitigungsideen dieser 
Frau, ihre unglückliche Liebe schon zutage getreten. Nun zur Traum- 
deutung. Wir wissen, dass die Anwesenheit von Toten im Traume immer 
eine besondere Bedeutung hat. Sie sind Todesboten, wie ich in der 
Sprache des Traumes wiederholt nachgewiesen habe. Die Toten im Traume 
künden den Tod. Nun könnte man glauben, dieso.iTote künde ihr ihren 
eigenen Tod und erfülle so ihre Todessehnsucht. **Dem widerspricht der 
manifeste Trauminhalt. Es ist auch nicht der Sinn des Traumes. Ich würde 
den Traum so analysieren: 

„Meine Tante erschien mir im Traume und prophezeite mir den 
baldigen Tod meines Mannes. Sie sagte es mir bestimmt (dezidiert) vorher 
und sprach mir liebenswürdig und aufmunternd Trost zu: Du brauchst 
diesen Tod nicht so schwer zu nehmen. Du brauchst keine Trauer- 
kleider, nimm dein Rosakleid, werde wieder frei und 
unabhängig. 

Das ist die Tragödie der Frau, welche einen Mann hat, der eine 
Herrschernatur ist. Sie wünscht sich von diesem Manne zu befreien und 
der Tod ist der Erlöser. Das Glücksgefühl, das verdächtige Glücksgefühl 
stammt also aus einer ganz anderen Quelle: 

Du brauchst dir aus den Reden und Ermahnungen 
des Arztes nichts zu machen. Du bist dieser Aufgabe 
nicht gewachsen, aber der Tod deines Mannes wird dich 
von dieser Aufgabe befreien! 

Ich wäre mit der Analyse dieses kleinen Traumes zu Ende: Ich habe 
sie • nur ausgeführt, um zu beweisen, dass Traumanalysen a lä M a e d.e -r 

Zentralblatt fUr Psychoanalyse. IV ,l /»*. 37 



558 ^r. Wilhelm Stekel, 

gar nichts beweisen. Ich habe zeigen wollen, dass jeder aus dem Traume 
lesen kann, was er kann und was er will. Es fragt sich, ob die innere- 
Wahrscheinlichkeit für die eine oder andere Deutung spricht. Ich glaube nun, 
dass die innere Wahrscheinlichkeit in dieser letzten Traumanalyse für 
mich spricht. 

Auf solche Deutungen kann man noch keine neue Theorie des Traumes 
stützen. Die Herren machen jetzt das, was sie mir immer vorgeworfen haben. 
Sie tragen ihren eigenen Geist in die Analyse hinein! 

Ich meine, die alten Symbolforschungen bestehen zu recht und auch 
die Art der Analyse, die Einfälle des Träumers zu befragen, hat ihre Be- 
deutung nicht verloren, wenn sie kritisch angewendet wird. Alles was ich 
in der Sprache des Traumes über die Sexualsymbole gesagt habe, behält 
seine Richtigkeit. Wenn meine neuen Traumanalysen nicht das gleiche 
Material enthalten, so kommt das daher, dass mich jetzt die funktionale 
Deutung mehr interessiert als die materiale (um mit unserem trefflichen 
Silberer zu reden), der ja in seinen Arbeiten selber zugibt, dass ich 
viele Träume funktional gedeutet habe, ehe seine Arbeiten erschienen 
sind, einfach aus meinem Instinkt für das Wesen des Traumes heraus. 
Es ist daher lächerlich, wenn mir Kritiker das vorwerfen, was eben meinen 
Fortschritt ausmacht. So sagt Bruno Saaler in einer Kritik (Zeitschrift 
für Sexualwissenschaft) über meine Arbeit über den Fetischismus. „Bisher 
her war mau gewohnt, dass die Psychoanalyse mitunter harmlosen Dingen 
einen sexuellen Sinn unterschob; jetzt liest mans umgekehrt." Das be- 
weist mir, dass Saaler noch nicht den Sinn meiner Arbeit erfasst hat. 
Wenn ein Patient 14 Monate lang analysiert wird und täglich seine Träume 
erzählen muss, dann macht es ihm eine grosse innere Freude und ver- 
schafft ihm einen Triumph, sich über den Arzt lustig zu machen. Er 
kann ihm dann Sexualsymbole auftischen, die keine sind, sondern nur 
der Tendenz dienen, den Arzt zu entwerten und herabzusetzen, die eigene 
Überlegenheit ins rechte Licht zu setzen. Und zweitens ist eben alles in 
der Neurose doppelt geartet. Früher haben mich die Sexualsymbole inter- 
essiert. Jetzt gehen meine Interessen in der entgegengesetzten Richtung. 
Ich suchte früher das Unmoralische hinter dem Moralischen, jetzt suche 
ich das Moralische hinter dem Unmoralischen. Und das muss ich näher 
begründen. 

Wir engeren Freudschüler waren gewohnt, die Ursachen der Neurose 
immer in der unterdrückten Sexualität zu suchen. Ich habe diese Ansicht 
bald verlassen und schon in meiner ersten Arbeit über Psychoanalyse der 
kleinen Broschüre „Die Ursachen der Nervosität" (Verlag Paul Knepler, 
1907) mich dahin geäussert, die Ursachen der Neurose seien in drei Punkten 
zu suchen: 1. der grossen Empfindlichkeit der Neurotiker, 2. in der Ver- 
drängung, 3. in einem psychischen Konflikte, der meist ein Konflikt zwischen 
Trieb und Hemmung sei. 

Dieser weiten Fassung kann ich auch heute nichts hinzufügen. Ich 
glaube nicht an die Minderwertigkeit, auf die Adler so grossen Wert 
legt, ich glaube nur an ein überstarkes Triebleben (Rückschlagserscheinung) 
als disponierendes Moment für die Neurose. 

Während ich ursprünglich die Fälle herausfand, in denen die Sexu- 
alität verdrängt wurde, wurde es mir sehr bald möglich, einen anderen 
Typus herauszufinden : den amoralischen, scheinbar amorali- 



Fortschritte der Traumdeutung. 559 

sehen, areligiösen Menschen, der seine Moral und seine 
Frömmigkeit verdrängt. 

Es ist genau der entgegengesetzte Typus, wie ihn Freud beschreibt. 
Man sieht, das Wichtigste bleibt erhalten: die Verdrängung, der 
Konflikt zwischen Trieb und Hemmung. 

Dieser Typus interessierte mich viel mehr, weil er der interessantere, 
verstecktere und seltenere ist. Zuerst gelang mir der lückenlose Nachweis 
der verdrängten Religiosität an den Fällen von Fetischismus, die ich zu 
untersuchen Gelegenheit hatte *). Später lernte ich eine Menge von solchen 
Neurotikern kennen. Naturgemäss hat mich diese Art von Traumanalyse 
mehr interessiert. Deshalb sehe ich jetzt das verdrängte Religiöse und 
Moralische, während ich früher das Sexuelle gesehen habe. Das heisst, ich 
sehe auch jetzt das Sexuelle und mehr als alle anderen Kollegen, weil 
mir ein überreiches Material von Neurotikern aller Kategorien zuströmt, 
aber ich publiziere diese Dinge nicht mehr. Schliesslich wird die Wissen- 
schaft durch die Aufdeckung einiger neuer Phallussymbole nicht weiter 
gebracht, während die Kenntnis der verdrängten Religiosi- 
tät, während die Aufdeckung von Widerstandsträumen 
uns um ein tüchtiges Stück vorwärts rückt. 

Das an die Adresse des Kollegen S a a 1 e r und vieler anderen 
Kollegen, welche mich nicht mehr zur Psychoanalyse rechnen, wie z. B. 
Theodor Reick, weil ich nicht die ausgetretenen Pfade wandle und 
weil "ich nicht alle Aussprüche Freud's als unumstössliche Wahrheilen 

ansehe 

Es gibt aber auch Mischtypen. Menschen, welche zugleich das 
Religiöse und das Sexuelle verdrängt haben, und echte Kompromissnaturen 
von beiden Strömungen, welche nur einen Teil ins Bewusstsein fliessen 
lassen. Diese werden Träume von beiden Typen geben, und zu diesem 
Typus zählt das Gros der Neurotiker. Doch der andere Typus kommt auch 
vor und sogar in Reinkultur. Oft in einer von einem Psychoanalytiker ge- 
züchteten Reinkultur. So behandle ich jetzt eine Dame, welche an Platz- 
angst leidet, von Schwindel und Erbrechen lebensunfähig gemacht wird. 
Sie hat sich durch eine Reihe von Männern durchgeliebt und macht sich 
scheinbar kein Gewissen daraus, den Mann und den Geliebten zu betrügen. 
Sie lebt ihre sexuellen Triebe in jeder Hinsicht aus. Und trotzdem die 
Phobie? Was fürchtet sie, wenn nicht die Sünde? Ich habe schon in der 
II. Auflage meiner Angstzustände in dem Kapitel „Die Psychologie der 
Furcht" ausgeführt, dass alle Menschen die Strafe Gottes fürchten. Auch 
diese Kranke fürchtet die Strafe Gottes. Kollegen könnten sagen: Sie 
lebt sich doch nicht aus. Sie verdrängt die Homosexualität. Nein, diese 
Frau ist sich auch ihrer Homosexualität bewusst und hatte schon einige 
homosexuelle Verhältnisse. Sie verdrängt die Religiosität, und das will ich 
bald an einigen Träumen demonstrieren. 

Oder ein anderer Fall! Ein Mann, der unzählige Mädchen verführt 
hat, der eine ganze Anzahl von Frauen als Geliebter zugleich besitzt, 
der' auch homosexuelle Verhältnisse hat. Er ist sehr schön, ein Weltmann 
von gewandten Manieren, sehr reich, alle Frauen fliegen ihm zu. Er hat 
schon ein halbes Dutzend Mädchen defloriert. Woher seine Schlaflosig- 
keit, seine Angst, seine Unfähigkeit zur Arbeit. Ist er fromm? Er kann 

l) .Zur Psychologie und Therapie dea Fetischmua'. Dieser Jahrgang dieses 

Blattes. 

37* 



560 Dr. Wilhelm Stekol, 

es doch nicht sein, denn er erzählte mir während der Behandlung, er habe 
in einer Kirche eine Kohabitation vollzogen. Der Rückschlag bleibt auch 
nicht aus. Nach einer solchen frechen Tat, mit der er sich seine religiöse 
Unabhängigkeit beweisen will, folgt ein neurotischer Katzenjammer, der 
das Gegenteil beweist. Seine Träume zeigen den bekannten Prüfungs- 
charakter, zeigen ihn immer als Frömmling, der die Strafe Gottes fürchtet. 
Seine Neurose ist die selbst diktierte Strafe. . . . 
Er träumt: 

„IchsollinReligiongeprüftwerdenundbingarnicht 
vorbereitet. Der Lehrer hält ein dickes grosses Buch, 
in dem alle meine schlechten Noten eingetragen sind. 
Ich erwache mit Angst und Herzklopfen." 

Ebenso tritt die Angst bei Gewitter ein und ein trüber Tag bringt 
ihn zur Verzweiflung. Die Hypochondrie, die Angst vor verschiedenen 
Krankheiten, vor Operationen zeichnet diesen Typus aus. Jede Krankheit 
ist eine Gefahr, in der ihn Gott in der Hand hat und ihn bestrafen kann. 
Solche Menschen sind feig und vermeiden Gefahren, als wollten sie es 
nicht darauf ankommen lassen, die höheren Mächte herauszufordern. Dass 
sie abergläubisch sind, ist selbstverständlich. 

Ich möchte bei dieser Gelegenheit auf die grosse Bedeutung von 
längeren Krankheiten für das Zustandekommen der Neurose resp. für deren 
Ausbruch sprechen. Ich werde dieses Thema einmal ausführlich behandeln. 
Aber eines möchte ich schon heute sagen. Während der Krankheit haben 
Menschen, die sich sonst sehr viel beschäftigen und ablenken, sehr viel 
Zeit, über sich und ihr Leben nachzudenken. Es steigen ihnen Probleme 
auf und es werden Gedanken bewusst, klar bewusst, die früher im Nebel 
des Traumlandes nicht greifbar waren, ihnen immer undeutlich ver- 
schwammen. Andererseits gilt die Krankheit als eine Probe. Besonders 
Operationen sind solche Proben, in denen man dem Tode ins Auge sieht, 
und die Idee einer Verantwortung vor einem höchsten Richter plastisch 
vor Augen tritt. Und wie 'oft hört man freisinnige Kranke erzählen, dass 
sie vor einer Operation gebetet oder ein Gelübde getan haben, wenn sie in 
schwerer Krankheit waren. Not lehrt beten und glauben und macht so, 
dass die Konflikte wieder lebendig und aktuell weiden. Auch unser Kranker 
wurde erst nach einer Blinddarmoperation so krank, dass er seine Ab- 
normitäten und Besonderheiten als Krankheit empfand. ..... 

Doch kehren wir zur Doppelnatur des Menschen zurück. Die Tendenz, 
seine Natur zu verbergen, entweder die fromme oder die sexuelle, muss 
im Traume zum Ausdruck kommen. Ich verweise auf den Traum vom 
Schaf im Wolfspelze, den ich in meiner Arbeit über den Fetischismus 
publiziert habe (S. 151). 

Ich will jetzt einige solcher Träume hier anführen. Erst ein solcher 
Traum, der uns diese Tendenz mehrfach zeigt. 

Die erwähnte Dame, welche eine Messalina war und innerlich fromm, 
hat ein Kind zu Hause, an das sie bei Tage niemals denkt. Sie schreibt 
nie, was das Kind macht; das Kind ist ihr gleichgültig. Sie will sich 
von ihrem Manne scheiden lassen und ihm das Kind gerne überlassen. Sie 
ist in der Nähe des Kindes kränker und fühlt sich am wohlsten, wenn sie 
recht weit weg von dem Kinde ist, das nach ihrem Ausspruche ein sehr 
liebes Kind ist. Sie kränkte sich nie darüber, dass sie das Kind nicht liebt. 
Sie dachte, es müsse so sein, weil sie den Mann nicht liebe. Sie hatte den 



Fortschritte der Traumdeutung. 561 

Mann ohne Liebe geheiratet, ja obgleich er ihr physisch ekelhaft war, weil 
es ihr ein Psychoanalytiker Dr. St. geraten hatte, der glaubte, nur die 
sexuelle Befriedigung werde sie heilen. Er sagte ihr damals: Und wenn 
sie ihr Mann nicht befriedigt, so nehmen sie sich halt einen Liebhaber oder 
mehrere Liebhaber! (Solche Analytiker gibt es leider auch!) Nun erlebte 
sie das Elend einer solchen Ehe, sie war anästhetisch und setzte alle 
Hoffnung auf das Kind. Bald kam das Kind und sie liebte es nicht; im 
Gegenteil — sie hassle es. Sie träumt aber in der Behandlung jede Nacht 
von dem Kinde : 

„Ich sah mein Kind, es sah blassund abgehärmt aus 
und faltete beide Hände und sagte: Mein liebes Mutti 
komm zu mir!" 

In der Nacht erwacht die moralische Natur und zeigt ihr ihre Ver- 
worfenheit. Und solcher Träume hatte sie Dutzende. In der Analyse kamen 
nun die Hassgedanken gegen das Kind zutage, und wir sprachen gerade 
über ihre kriminellen Impulse. Sie wollte dem Kinde etwas antun. Sie 
konnte mit dem Kinde nicht allein bleiben, konnte kein Messer ansehen. 
Wenn sie das Kind liebkoste, durchzuckte sie der Gedanke: Das kleine 
Wesen ist in deine Hand gegeben, du könntest es erdrücken. Ein Druck 
um den zarten Hals, und das Kind ist hin. Sie wollte mit ihm nicht im 
Bette liegen aus Angst, sie könnte das. Kind erdrücken. Sie dachte beim 
Trinken des Kindes: Es sollta — nein es könnte jetzt ersticken, du bist 
frei und lässt dich von deinem Manne scheiden. Die Folge dieser Gedanken 
waren Atemnot, ein Erstickungsg^fühl, ein Knödel im Halse. Dieser Globus 
hystericus wurde von S a d g e r als der Phallus gedeutet, als eine Phantasie 
einer Fellatio und Freud hat diese Deutung akzeptiert. Es mag ja manch- 
mal so sein. Ich habe immer wieder konstatiert, dass die Hysterischen 
diesen Globus produzieren, wenn sie einen „bösen" Gedanken nicht be- 
wältigen können. Ein Kranker sagte mir über einen solchen Gedanken : 
Der Knödel sass mir einige Monate im Halse, dann habe ich ihn doch 
hinuntergewiirgt. 

Der Globus ist der hysterische (symbolische) Aus- 
druck, dass es den Kranken nicht gelingen will, einen 
bestimmten Wunsch zu unterdrücken, eine bestimmte 
peinliche Vorstellung zu verdrängen! 

Diese Kranke träumt in der Analyse während der ihr sehr pein- 
lichen Auseinandersetzungen über die Beseitigungsideen dem Kinde 

gegenüber : 

„Im Walde habe ich ein Tier getötet. Als ich den 
Jäger sah, fürchtete ich mich vor ihm sehr. Ich zog 
schnell dem Tiere das Fell ab und wollte es in die Erde 
begraben. Ich konnte aber nicht so schnell eine Grube 
scharren. Da fiel mir ein, das Fell einfach umzukehren 
und die andere Seite zu verwenden. Ich tat es auch und 
zog mir den Mantel an, es war ein schöner weicher Her- 
melin. Der Jäger merkte dann nicht, was ich getan habe. . . 

An diesem Tage wollte sie mir in der Analyse plötzlich weis- 
machen, dass sie das Kind schrecklich geliebt habe. Der Traum sagt aber, 
wenn man den nach der Wahrheit suchenden Arzt als Jäger auffasst: 

Ich habe ein wildes Tier in mir, ich wollte es überwinden und meine 
Kriminalität verdrängen, das gelang mir nicht, also spiele ich die un- 



562 Dr. Wilhelm Stekel, 

schuldige und liebende Mutter. (Der Mantel als Symbol der Hülle und der 
Liebe I) Ich will dem Arzte nicht gestehen, dass ich ein Tier in mir trage. 

Ich habe es getötet Der Traum zeigt auch die prospektive Tendenz, 

von der Maeder spricht: Ich will das Tier überwinden, dem Kinde eine 
gute Mutter werden. Wenn der Tod kommt (der Jäger als Symbol des Todes 
und Richters!) und ich mich zu verantworten habe, will ich rein dastehen. 
Der Traum nimmt aber diese Zukunft als Gegenwart an. Man kann der 
Dame schon heute sagen, nach Kenntnis ihrer moralischen Tendenzen, 
dass die Neurose nie heilen wird, wenn sie das Kind verlässt und ihre 
Mutterpflichten nicht erfüllt. 

Zwei andere Träume derselben Kranken lauten: 

„Ein blühender Apfelbaum, wo jemand recht wild 
Äste heruntergerissen hat, ohne zu denken, dass aus 
den Blüten Obst werden kann. Ich habe mir auch zwei 
Stämme davon abgerissen und habe überall geschaut, 
ob nicht ein Wachmann kommt, der mich dabei erwischt. 
Denn es stand eine Tafel: Das ist verboten! Ich nahm 
die zwei Blüten, warf sie jemanden, derdort sass, in den 
Schoss und bedeckte sie mit einem schmutzig.en stinken- 
den Fetzen (ein Abwaschtuch). Wenn der Wachmann 
kommt, so fällt die Schuld nicht -auf mich und er sieht 
es vielleicht nicht." 

„Dann ass ich von einem Kirschenbaum. Es war eine 
einzige Kirsche oben. Ich dehnte mich, um die eine zu 
erwischen und ass sie auf. Da kam ein sehr dicker Mann, 
breit und rot, wie die Weinbergsarbeiter, und sagte: Ich 
bin der Besitzer, was haben Sie gemacht? Ich hob die 
Hände auf undbat:Ichbittetun Sie mit nichts. Er hatte 
schon die Hand ausgeholt und wollte mir eine tüchtige 
Ohrfeige geben. Wie er mich bitten gesehen hatte, er- 
barmte er sich und streichelte mich." 

Nachtrag :„EigentlichhabeichdreiKirschen gestohlen 
und den Besitzer des Weinberges betrogen. Ich hatte 
drei Kerne in der Hand und zeigte ihm nur einen Kern, 
so dass er bald versöhnt war. Meine Sünde aber war viel 
grösserl" 

Sic ist eine wilde lebenslustige Frau, die gar keine Hemmungen 
kennt. So hat sie schon zweimal einen Abortus an sich vollziehen lassen. 
Als die Menstruation einige Tage ausblieb, sagte sie mir: Ach, aus dem 
mache ich mir nichts ! Ich lasse mir wieder eine Auskratzung machen ! 
Doch der Traum zeigt wieder ihr moralisches Gewissen. Es gibt ein Auge, 
das uns bewacht und alles sieht. Der Wachmann ein Symbol der. Ge- 
rechtigkeit und Gottes! Es gibt Tafeln, die sagen: Es ist verboten. Sie 
hat es trotzdem getan und will sogar Gott betrügen. Sie deckt (ganz ver- 
kehrt wie in dem vorigen Traume) die weissen Blüten mit einem schmutzigen 
Tuche zu. Sie ist scheinbar schmutzig, ein verworfenes Weib, 
aber innerlich rein und fromm und weiss. Sie schreibt die Ver- 
antwortung für den Vorfall einem anderen Weibe, ihrer Schwester zu, 
die sie zu diesem Lebenswandel gebracht hat. Die Schwester ist der 
schmutzige Fetzen, der ihre Sünden decken soll. Die zwei Blüten — die 
Symbole für die Embryonen! 



J 



Fortschritte der Traumdeutung. 563 

Im dritten Traume jedoch will sie nur die Sünde an dem einen 
Kinde zugeben. (Eine Kirsche!) Die beiden anderen Kerne (die beiden 
Abortusse) will sie verbergen. Die Strafe wird sich in eine Liebkosung 
verwandeln. Es gelang ihr oft, den zürnenden Gatten und den jäh- 
zornigen Geliebten so zu besänftigen, dass die erwartete Strafe sich in 
eine Liebkosung verwandelte. Sollte es ihr nicht gelingen, den obersten 
Richter milder zu stimmen? Weitere Bedeutungen, die sich auf den Arzt 
und den Vater beziehen, will ich übergehen. 

Es zeigt sich in allen diesen Träumen die spielerische Tendenz, um 
die Schuld herumzukommen und sie mit der Hilfe der Neurose zu mildern. 
Ich habe schon an anderer Stelle ausgeführt, dass die naive Logik dieser 
Kranken lautet: Lieber Gott, ich habe so viel gelitten und war so schwer 

krank. Du wirst mich doch nicht strafen wollen ! Deshalb leiden diese 

Kranken an der Angst vor der Freude, es darf ihnen nicht gut gehen, sonst 
wird Gott sie sofort bestrafen. Sie sind Sünder und müssen leiden, oder 
zum mindesten den Leidenden spielen. Die Neurose dient dazu, ihre 
Überlegenheit über Gott zu beweisen 

Alle diese Träume zeigen aber die Tendenz, vor dem Arzte etwas 
zu verbergen. Denn der Arzt ist der Jäger, der Wachmann, der Weinbergs- 
besitzer. Er verfolgt die Gedanken wie ein Wild, er behütet die Frau wie 
ein Wachmann und forscht nach ihren Verbrechen, er macht ihr Vorwürfe, 
sie hätte Verbotenes getan. Wir wissen, wie oft der Arzt die Rolle des 
Vaters spielen muss, wie ihm in der Übertragung die sonderbarsten 
Stellungen übergeben werden. Seine Familie kommt in den Kreis der Be- 
trachtungen der Kranken, und die verbotenen Früchte holt sich die Kranke 
auch in meinem Hause. Es ist mein Sohn, der es ihr angetan hat und mit 
dem sie sich für die Kälte des Vaters rächt. 

Ich komme immer mehr und mehr zur Überzeugung, dass es für uns 
das Wichtigste ist, nach den Beziehungen des Traumes zur 
Analyse zu forschen. Wie stellt sich der Träumer zum Arzte? 
Das ist die erste Frage. Diese entscheidet über vieles. . . . 

Ich beschäftige mich jetzt therapeutisch mit einem Falle von Zyklo- 
thymie. Ich stelle die Prognose sehr schlecht, weil die Kranke jede Nacht 
träumt, dass sie noch krank ist und dies der Mutter mitteilt. Ja sie träumt 
sogar, dass es schon einige Monate nach der Behandlung ist, und dass 
sie trotzdem krank ist und dies der Mutter mitteilt. Hier sehen wir deutlich 
die Tendenz, die Krankheit festzuhalten gegen die Beeinflussung des Arztes. 
Die Neurose äussert sich in einem heftigen Magenschmerz, während dessen 
die sehr lebenslustige übermütige Kranke, die sonst immer verliebt ist 
und nur von der Liebe spricht, den Sinn für die Liebe ganz verliert. Sie 
kann nur an die Krankheit denken. Wir sehen, die Krankheit hat eine 
wichtige ' Funktion, die Tugend zu schützen. Sie erfüllt einen Wunsch 
der Mutter, welche dem Mädchen immer predigte, sie solle diese verliebten 
dummen Gedanken lassen, es wäre eine Sünde. Nun folgt sie der Mutter. 
Während des Magenschmerzes, der wie so häufig die Sprache des bösen 
Gewissens darstellt, macht sie sich Vorwürfe wegen ihrer erotischen Ge- 
danken, glaubt, dass es eine Sünde War und will sich das Leben nehmen. 
Ich rede ihr freundlich zu; eine Psychoanalyse ist unmöglich, weil sie kein 
Eindringen auf die hinter den Kulissen des Bewusstseins agierenden Kräfte 
zulässt. Aber sie wird besser, nimmt sich vor, sich zu beherrschen und 
zu überwinden. Allein jede Nacht erzählt sie einen anderen Traum, der sie 



564 Dr. Wilhelm Stek-el, 

in der Situation der ungeheilten Krankheit nach der Kur zeigt. Sie gesteht 
dann, dass sie einmal gebetet habe: Lieber Gott, gib mir die Kraft, 
die Krankheit zu überwinden und wieder gesund zu sein. Aber nur ein 
einziges Mall 

Sonst betet sie täglich : Lieber Gottl Gib mir die Kraft, die 
Krankheit weiter zu ertrage nl 

Diese Kranke weinte in der ersten Ordinationsstunde und flehte um 
Befreiung von ihrem Leiden. Schon der erste Traum orientierte mich über 
die unüberwindlichen Widerstände 1 ), Sie straft mit dem Leiden sich und 
die Mutter. Um diese Widerstände des Analysierten zu erkennen, muss 
man" das Wesen der funktionellen Symbole ausserordentlich fein diagnosti- 
zieren können. Hier versagt der Einfall des Kranken und es triumphiert 
der Scharfsinn des Arztes. 

Ich habe in den letzten Arbeiten eine Menge Hei träge zur Symboli- 
sierung der Seele und zur Darstellung der Kur und des Widerstandes ge- 
geben. Ich will noch einige Beispiele anführen. 

Sehr wichtig ist die Kenntnis des Wassers als Symbol der Seele 2 ). 

Eine ganze Reihe funktionaler Symbole befassen sich mit den ver- 
schiedenen Strömungen in der Brust und dem Unterschiede zwischen he- 
wusstem und unterbewusstem Denken. So träumt eine Dame: 

„Ich sehe einen breiten Strom mit verschiedenen 
Strömungen. Die eine geht hinauf, die andere hinunter. 
Ich glaube, es ist noch eine dritte Strömung da. An der 
Oberfläche sieht man nur ein Wasser." 

Es sind die verschiedenen Strömungen in ihrer Brust, die sie so 
symbolisiert. (Ähnliche Beispiele: „Die Sprache des Traumes".) 

Ein an einer Depression leidender Student träumt: 

„Ich befinde m ich in einem merk würdigen doppelten 
T u r n z i m m e r. Während oben vorgetragen wird, wird 
untengeturnt. IchsucheeinPlätzchen, woiehdem Vor- 
trag ruhig folgen kann u s w." 

Während das Bewusstsein allerlei gute Lehren in der Analyse ver- 
nimmt und den Ausführungen des Arztes lauscht, führen die neben- 
bewussten Gedanken einen ganzen Reigen auf. Die erotische Bedeutung 
des Traumes ist durchsichtig und entspricht einer Überdeterminierung. 
Hier haben wir das Verhältnis „Oben" und „Unten" als Bewusstsein 
und Unterbewusstsein. 

Es kommen aber auch andere Relationen und Lokalisationen vor. 
So träumt ein Student in der Kur: 

„Ich befinde mich im Gespräche mit einem Herrn, 
ichglaube, esisteinProfessor. Wirsprechen ineiner Art 
Glasveranda, die wie ein Anbau zu einem grossen Salon 
konstruiert ist. Ich denke: Warum halten wir uns hier 
draussen auf und gehen nicht in das Innere des Salons 
hinein. Aha dachte ich: Die Glasveranda ist hell be- 
beleuchtet, der Salon ist dunkel " 

i) Unterdessen ist es mir doch gelungen, tiefer zu kommen und einige 
wichtige innere Zusammenhange aufzudecken. . . . Aber nach einem ganz neuen 
Verfahren. 

2) Vergleiche meine Arbeit »Fortschritte der Traumdeutung". Dieses Zentral 
blatt 1913. 



Fortschritte der Traumdeutung. 565 

Wir sprechen über Dinge, die ihm bekannt und bewusst sind. Neben- 
her gibt es noch andere Fragen zu besprechen, auf die wir nicht kommen. 
Wir sind noch immer im Vorzimmer des Komplexes. Ich sehe nur das, was 
durchsichtig ist (Glasveranda), das was im Dunkel liegt, das sehe ich nicht. 
Wir sehen hier wie im vorigen Traume nur Beziehungen zum Arzte, die 
sich auf die Psychoanalyse beziehen. Wir sehen, dass hier die Relation 
oben und unten nicht im Sinne Adlers aufgefasst werden kann. Sie 
kann noch einen sexuellen Sinn haben, der ja den meisten Träumen eigen ist. 
Die Aufgabe der Analyse ist es aber, zuerst den Traum in den Beziehungen 
zum Arzt zu werten. Der erste Traum wirft dem Arzt vor, dass er ober- 
flächlich ist, der zweite gesteht, dass die Gedanken turnen (sich in anderer 
Richtung bewegen), während der Arzt vorträgt, und der dritte sagt klipp 
und klar: Du weisst noch das Wichtigste nicht. 

Nun wenden wir uns zu einem anderen Traum: 

„In einem Museum treffe ich meinen früheren Lehrer 
Prof. v. Niesson, der gerade das Modell des Frahm sehen 
Schlingertanks (sehr rasch) in Bewegung setzt. Ich er- 
innere mich, dass ich kürzlich bei einem Glase Wasser 
beobachtet habe, wie bei raschen Hin- und Herbeweg- 
ungen plötzlich doch eine Pause in der Bewegung des 
Wassers eintritt. Fürchte also ein Versagen bei kurzen 
Wellen. Dann fällt mir ein, dass Wellenbewegung und 
Schiffsbewegung doch zweierlei sind, analog den Ein- 
drücken und ihrer Einwirkung auf die Psyche." 

Dieser Traum wäre kaum zu erklären, wenn man keine Kenntnis 
von der funktionellen Darstellung der Neurose im Traume hätte. Ferner 
wird der Traum durch die Vorfälle des Vortages und die Krankengeschichte 
erschöpfend erklärt. Dieser Kranke leidet an nächtlichen Anfällen, in 
denen er von einem Einbrecher überfallen wird und sich gegen ihn voll 
Wut zur Wehre setzt. Also ein Pavor nocturnus, der von den meisten (seiner 
Ärzte als ein epileptisches Äquivalent oder als reine Epilepsie aufgefasst 
wurde. Der Träumer wacht auf und träumt mit offenen Augen weiter. Oder 
er hat eine Halluzination mit offenen Augen. Er sieht in Türrahmen oder 
vor seinem Bette einen Mann, der ihn bedroht, auf ihm kniet oder nach 
ihm stechen will. Dann haut er mit der Faust nach diesem Manne, schlägt 
gegen die Wand oder gegen das Bett (sprang sogar schon aus dem Fenster 1). 
Er fürchtet auch, dieser Mann könnte seine Mutter bedrohen, und begibt 
sich manchmal im Anfall in das Zimmer der Mutter, die er im Traume 
auch bedroht haben soll. 

Er befindet sich einen halben Monat in meiner Behandlung und hält 
an dem Glauben fest, er würde ganz gesund werden können, wenn er nur 
mit einem Mädchen sexuell verkehren könnte. Der 23 jährige, sehr kräftige 
Mann lebt bis auf spärliche Onanieakte abstinent. Alle Versuche, mit 
einem Mädchen zu einem Verhältnis zu kommen, misslangen. Das heisst, 
er .arrangierte" die Beziehungen so, dass sie misslingen mussten. Er 
benahm sich so tölpelhaft, obwohl er ein sehr kluger Kopf ist, dass die 
Mädchen ihm abschrieben, oder seine Aggressionen waren so lahm, dass 
sie auf die obligaten Widersprüche der Mädchen bald in j^ich zusammen- 
fielen. Es verriet sich die Tendenz, keusch zu bleiben und allen Gefahren 
des Lebens auszuweichen. Er berechnete bei jedem eVsten Schritte alle 
Möglichkeiten und sah nur die schlimmsten. Er sah sich als Vater eines 



56G Dr. Wilhelm Stekel, 

Kindes in Alimentationsprozesse verwickelt, er sah sich infiziert, sterbens- 
krank, rückenmarksleidend, enterbt, er sab sich verliebt und in der Gewalt 
eines leichtsinnigen ungebildeten Mädchens, das er heiraten musste. Kurz 
er hatte alle Ursache, sich gegen diese schrecklichen Folgen zu , .sichern" 
und seine vermeintliche Impotenz war die beste Sicherung gegen alle zu 
erwartenden Niederlagen. Deshalb konnte er kein Verhältnis finden. Er 
wich dem Verhältnis aus. 

Dieser Kranke überraschte mich mit der Mitteilung, dass er heute ein 
Rendezvous verabredet hätte. Ich hatte ihm abgeraten, während der Be- 
handlung irgendwelche Schritte zu tun. Aber wir kennen ja die Tendenz der 
Neurotiker, durch Aktualitäten sich von der historischen und präsenten 
Betrachtungsweise der Neurose abzulenken, sich am Arzte durch eine 
anderweitige Liebe zu rächen und sich nach einem bestimmten Plane, 
der vom Plane des Arztes abweicht, zu rächen. 

„Ich kann Ihnen schon prophezeien, dass dies Rendezvous nicht 
zustande kommen wird." 

„Warum denn? Das Mädchen versprach bestimmt zu kommen." 

„Ja — aber Sie werden schon irgend etwas machen, so dass das 
Rendezvous nicht zustande kommt." 

„Wie macht man das?" 

„Sehr einfach. Man irrt sich bezüglich- der Zeit und des Ortes. Man 
kommt an einem anderen Tage oder zu einer anderen Stunde. Sie wissen 
ja, wie trügerisch das Gedächtnis ist. Ich könnte jede Wette eingehen, 
dass Sie nicht die Adresse des Mädchens kennen, im Falle das Rendezvous 
nicht zustande kommt." 

„Ich habe einen Moment lang daran gedacht, den Namen und die 
Adresse des Mädchens, das mir sehr gut gefiel, zu erfragen. Aber ich 
dachte mir: sie kommt ganz sicher und meiner war ich auch sicher." 

„Haben Sie die Stunde und den Tag notiert?" 

„Ich bin zwar sehr zerstreut, aber ich war meiner Sache sicher." 

„Nun, ich glaube, dass Sie schon nicht mehr den Tag und die Stunde 
genau wissen, dass sie an einem falschen Orte warten werden." 

„Ausgeschlossen" meinte der Kranke. 

Ich konnte diese Behauptung aus Erfahrung aussprechen. Denn ich 
kannte ähnliche Fälle, in denen kein Rendezvous zustande kam oder das 
Verhältnis ging — .noch ehe es begonnen wurde — in Brüche. Plötzlich 
entdeckt der Patient in dem Objekte seines Begehrens einen verdächtigen 
Ausschlag, oder einen unangenehmen Geruch, er erfindet Hemmungen, um 
sich sagen zu können, er wollte, aber er hätte Pech gehabt. Wieder einmal 
nur Pech 

Unser Jüngling wartet auch bei seinem Rendezvous vergeblich auf 
seine Schöne, ist dann so wütend, dass er sich oder anderen etwas antun 
könnte, und träumt dann zu Hause den vorstehenden Traum. 

Zu dem Traume fällt ihm folgendes Material ein : Am Vortage spielte 
er mit einem Glase Wasser, das nur halbgefüllt war. Er Hess die künst- 
lich erzeugten Wellen hin und herfliessen und bemerkte, dass dann plötz- 
lich ein Moment kam, in dem sich das Wasser beruhigte und scheinbar still 
stand. Der Professor v. N. war sein liebster Lehrer. Er hatte für ihn grosse 
Sympathie und lernte für ihn so gerne, dass er in seinen Fächern sogar 
belobt wurde, obwohl er sonst kein sehr guter Schüler war. Ein Schlinger- 
tank ist ein Apparat, der dazu dient, die schnellen schaukelnden Be- 



Fortschritte der Traumdeutung. 567 

wegungen des Schiffes zu hindern und eine gewisse Sicherheit des 
Ganges zu gewährleisten. Dieser Apparat verhindert die See- 
krankheit. Er besteht aus einem System von kommunizierenden Röhren, 
die mit Wasser gefüllt sind. Beugt sich das Schiff auf die linke Seite, so 
läuft das Wasser nach rechts und stellt so das Gleichgewicht des Schiffes 
wieder her. Solche Apparate wurden ihm demonstriert und er sah auch 
ein Schiff, dem dieser Schlingertank eingebaut wurde. Der nächste Ein- 
fall war sehr merkwürdig: Es kränkt mich, dass ich eigentlich so wenig 
von Weberei verstehe. Man müsste eigentlich wissen, wie das zugeht." 

Nun gibt es in der Weberei auch ein Schiffchen, das hin- und her- 
geht und das Gewebe spinnt. Ich erkenne sofort, dass es sich um das Ge- 
webe der Neurose und der Gedanken handelt, und so kommen wir auf die 
funktionale Deutung dieses Traumes, die ohne Hilfe des Arztes niemals 
möglich wäre 

Das Museum ist ein sehr häufiges Symbol des Gehirnes, 
der Seele, das wie ein Museum alte Erinnerungen aufbewahrt. Der Museums- 
wächter ist dann das Bewusstsein. Ich werde bald einen ähnlichen Traum 
erklären. Er hat in seiner Psyche einen Sicherheitsapparat ein- 
gebaut, der die zu grossen Schwankungen der Psyche und seines Ich ver- 
hindert. Eigentlich die Schwankungen des Körpers, denn das Schiff sym- 
bolisiert hier den Körper, die Physis, das Triebleben, das Materielle. 
Ich bin der Lehrer, der seine ganze Psyche in Aufregung bringt und (der 
Lehrer des Traumes unterrichtete Geschichte) durch die retrospektive Be- 
trachtung seines Lebens Triebe entfessele, die bisher gebändigt waren. Der 
Schlingertank funktioniert nicht mehr so exakt, er kann die raschen 
Schwingungen seiner Affekte nicht mitmachen. Die Stabilität seiner Seele 
ist gefährdet, gefährdet durch das Verlangen seines Körpers, sich mit dem 
Mädchen einzulassen. Er fürchtet, seineSicherungenkönnten 
nicht genügen. Er könnte einen Moment lang nachgeben und wäre 
dann verloren. So stand ja auch das Wasser im Glase eine Sekunde lang 
still. Wenn der Schlingertank nicht funktioniert, legt sich das Schiff auf 
die Seite, die Bewegungen werden stark; d. h. er könnte dann koitieren, 
was durch die Schaukelbewegungen des Schiffes wunderbar symbolisiert 
wird. Er fürchtet ein Versagen bei kurzen Wellen. Das heisst, die Schwin- 
gungen seiner Psyche gehen sehr weit. Er denkt das Schlimmste voraus, 
würde er nicht so weit gehen in seinem Vorherdenken, würde der 
Sicherheitsapparat einen Moment lang langsamer funktionieren, so wäre 

er verloren Dann fällt ihm auf, dass die Wellenbewegung 

und Schiffsbewegung doch zweierlei sind, analog den Eindrücken und den 
Einwirkungen auf die Psyche. Das erklärt den letzten dunklen Rest des 
Traumes. Es ist ein unglückliches Doppelwesen. Sein Körper (das Schiff) 
und seine Seele (die Wellen — eigentlich sein Denken und Fühlen) wirken 
ganz verschieden ein. Der Körper verlangt Betätigung der 
Triebe, die Psyche begehrt, ja fordert sogar Keuschheit. 

Die wichtigste Ursache der Neurose erfahren wir aus folgender Tat- 
sache. Er hat einen älteren Bruder, der entgleiste, mit den Gesetzen in 
Konflikt kam und der nach Amerika auswanderte. Er ist verschollen. . . . 
Aber dieser Bruder wirkte auf ihn wie ein Memento. Er hatte sich in der 
Jugend zugeschworen, nicht so zu werden wie der Bruder. Er wollte 
nicht vom rechten Wege abweichen. (Dieser Kranke beschwert sich, dass 
in Wien die Leute nicht richtig gingen. Sie wollten alle links gehen, 



568 Dr. Wilhelm Stekel, 

und das Gefühl sage einem, dass man rechts gehen müsste.) Er wollte 
ein rechtschaffener Mensch werden. Das war seine „Leitlinie" und jede 
Ablenkung von dieser „ Le i 1 1 i n i e" betrachtete er als eine eminente 
Gefahr. Er fühlte sich zu schwach, den Kampf mit der Gefahr zu bestehen, 
er wählte Schleichwege, arrangierte unglückselig ausgehende Versuche, 
um einer Niederlage auszuweichen. 

Man sieht, wie glänzend dieser Fall die von Adler hervorgehobenen 
Mechanismen bestätigt und illustriert. Man könnte noch hinzufügen, dass 
der Fall des älteren Bruders auf ihn als eine Mene Tekel (Memento im Sinne 
Adlers) wirkte, das seinem Leben die Richtung wies. Es würde auch 
wie eine Bestätigung aussehen, dass dieser Mann das ausgesprochene Ge- 
fühl der Minderwertigkeit hatte \md diese Minderwertigkeit auffallend 
betonte. 

Hier weichen meine Ansichten von denen Adlers bedeutend ab. 
Seine Neurosenlehre baut sich auf der Lehre von der Minderwertigkeit auf. 
Der Neurotiker fühle sich minderwertig, weil er irgend eine körperliche 
Minderwertigkeit als Mangel empfindet, und seine Neurose kompensiert 
dann dieses „sentiment d'incomplettudide'*. Ich kann mich dieser An- 
nahme nicht anschliessen. Mir ist die Minderwertigkeit der symbolische 
Ausdruck der endopsychischen Erkenntnis des uberstarken eigenen Trieb- 
lebens. Der Neurotiker fühlt sich als schlechter, minderwertiger Mensch 
im moralischen Sinne und überträgt diese Minderwertigkeit ins Somatische. 
Er benützt die somatische Minderwertigkeit, um sich 
zu sichern und er konstruiert sich diese Minderwertig- 
keit, wo sie nicht existiert (was auch Adler in seinem Buche zugibt, 
womit die Lehre von der Organminderwertigkeit in sich zusammenfällt). 
Unser Kranker hat keine Spur von Minderwertigkeit. Er ist ein hoch- 
gewachsener, kräftiger hübscher Mensch von sehr einnehmendem Äussern. 
Aber er kommt sich hässlich vor, er hat angeblich einen kleinen Penis (was 
auch den Tatsachen nicht entspricht). Er entschuldigt damit seine Nieder- 
lage bei den Frauen, er sichert sich damit noch stärker gegen die Ver- 
suchungen der Sexualität. Und er hat eine Entschuldigung, warum er 
es zu nichts gebracht. Er fühlt auch die grosse historische Mission und 
sagt sich : Ja, wenn du nicht minderwertige Nerven und ein minderwertiges 
Gehirn hättest, wenn die Anfälle nicht wären, so hättest du es sehr weit, 
gebracht. So dient ihm die Minderwertigkeit als Entschuldigung und als 
Hilfsmittel im Kampfe um sein Ziel: Keuschheit und Tugend in jeder Form. 
Wunderschön zeigt sich die Bipolarität in seinem Denken. Er ist ein 
psychischer Anarchist und verübt sogar in seinen Phantasien Attentate. 
Sogar Attentate auf den Kaiser Wilhelm aus Zorn, weil er in einer Königs- 
berger Rede sich „König von Gottes Gnaden" nannte. Da er unter dem 
Zwange der Gesetze und der Moral so leidet, dass er in die Neurose flüchten 
musste, müssen auch die Befreiungs- und Genesungstendenzen die 
äusserste Amplitude erreichen. Sein seelischer Pendel schwingt wie das 
Wasser im Glase so weit als möglich nach rechts und links. Er ist zu- 
gleich ein königstreuer Bourgois und ein vollkommener Anarchist. Seine 
grösste Angst ist, er könnte den Verstand verlieren. Das Wasser könnte 
stille stehen und dann käme die unselige Tat, die aber eine kolossale 
herostratische wäre. „Die historische Mission" des Ver- 
brechers ist der Anarchismus. Alle Zeitungen bringen Bilder, 
man kommt in die Geschichte, man ist berühmt, und aus der grossen Masse 



Fortschritte der Traumdeutung. 569 

der gewöhnlichen Sterblichen herausgehoben. Für so ein Ziel kann man 

auch sterben. 

Das Museum als Symbol des Gehirnes, das die Erinnerung bewahrt, 
oder schlechtweg als ein Symbol der Erinnerung, bringt auch der nächste 
Traum. Er wurde von einem Mädchen geträumt, welche vor der Hochzeit 
mit einem von ihr gegen den Willen der Mutter erkürten Mann allerlei 
hysterische Symptome produziert, um die Hochzeit hinauszuschieben, immer 
wieder beteuert sie ihrem Bräutigam: Ich heirate sofort, wie ich gesund 
bin. Aber sie wird nie gesund, weil sie ihre Mutter nicht verlassen will. 
Sie ist der schönste Beweis gegen die Behauptung von Adler, dass die 
Inzestwünsche des Neurotikers nur arrangiert sind, um sich zu schrecken 
und die Grösse der eigenen Sexualität vor Augen zu führen, nur ein 
„modus dicendi". Ich stehe gewiss den Forschungen von Adler voll- 
kommen objektiv gegenüber. Aber alle Krankengeschichten der individual- 
psychologischen Schule zeigen ein krampfhaftes Bestreben, den Inzest zu 
umgehen oder, wie die Züricher Schule, zu umschreiben. Mir zeigt meine 
Erfahrung das Gegenteil. Ich bin weit davon entfernt, das Inzestproblem 
als das Kornproblem der Neurosenforschung zu betrachten, ich kenne 
viele Fälle, in denen der Inzest gar nicht in Betracht kommt, aber ich kenne 
zahllose, welche keine andere Lösung zulassen, wenn man offene Augen 
hat. Nun zu dem Traume : 

„Ich komme in ein Museum, wo sehr viele schöne 
a 1 1 e "b i 1 d e r sind. Ich suche nach einem Bilde meines 
Bräutigams und finde es nicht. Ich sehe aber im letzten 
Zimmer ein grosses Bild, das die Aufschrift trägt: 
Mutterliebe." 

Hier sehen wir einen retrospektiven Traum, da die Träumerin das 
Museum ihrer infantilen Erinnerungen besucht. Er ist auch prospektiv, 
denn er sagt: Ich werde in der Ehe unglücklich sein, weil mein Bräutigam 
mir meine Mutter nie ersetzen Avird. 

Der nächste Traum ist auch ein Museumstraum, der von mir früher 
nicht verstanden und rein materiell gedeutet wurde. Ich gedenke eine 
Nachkritik meines Buches die Sprache des Traumes zu schreiben. Dort 
finden sich viele Beispiele von Analysen, in denen schon funktionale 
Deutungen benützt wurden. In anderen habe ich die funktionale Be- 
deutung glatt übersehen. So in dem Traum Nr. 75, von dem ich hier 
nur einen Auszug wiedergebe : 

Mein Bruder sollte fortreisen von Wien. Er hatte 
schon einpacken lassen. Ich ging in die Zimmer im I. und 
II. Stock, wo Gepäck und alte Möbel waren. Der II. Stock 
glich einem Boden. Ich ging mit einem alten Wächter, 
der wie ein Museumsdiener aussah und einen Schlüssel- 
bund trug. Er erklärte mir vieles Am Boden gabs 

alte Bretter und Möbel wie bei einem Antiqua r." 

Nur so viel bringe ich aus dem grossen Traume, um das „Museum" 
als das Museum der Erinnerungen zu illustrieren. Der Wächter ist wohl 
die Erinnerung selbst oder das Bewusstsein. Wir sehen, wie 
dieser Kranke seine Analyse im Traum allein zu Ende führt und wie das 
Gehirn als II. Stock und Boden symbolisiert wird. Aber der Diener 
trägt die Schlüssel und kann alles erklären. Dieser Traum höhnt den 
Analvtiker und zeigt die Tendenz, alle wichtigen Erinnerungen für sieb 



570 Dr. Wilhelm Stekel, 

zu behalten. Der Bruder sollte abreisen, heisst natürlich: Meine Neurose 1 ) 
soll mich verlassen. Aber ich lasse das nicht zu. Ich trage als Wächter 
die Schlüssel zu meinem alten Kram und ich führe nur mich im Reiche 
der Träume durch diese Räume 

Und nun wollen wir uns zu einem grossen Traum wenden, den ein 
Patient in den ersten Tagen der Behandlung geträumt hat. Er weiss noch 
gar nichts von den Gesetzen der Traumdeutung und hat noch keine 
Ahnung, dass das Inzestproblem in der Analyse zur Sprache kommen 
wird. Er ist in keiner Weise vorgebildet und beeinflusst. Es handelt sieb 
um drei Träume, die in einer Nacht geträumt wurden. Ich will versuchen, 
die verschiedenen Formen und Arten der Traumdeutung an diesem Beispiele 
zu demonstrieren. Wir beginnen mit der Mitteilung des Traumes. 

„Ich stand vor dem Eingang eines Hauses in meinem 
Geburtsorte und betrachtete die nahe Gebirgsland- 
schaft. Dieses stattliche einstöckige Haus gehört 
meinem Vetter, einem Postmeister, der nebenbei Gast- 
hausbesitzer und Landwirt ist. Der Hauseingang führt 
in einen Flur, durch den man zum Gastzimmer, Post- 
kan zleiundStiegenhausgelangt. Wir wohnten indiesem 
Hause während meiner Kindheit, bis zu meinem neunten 
Lebensjahre. 

Während ich so in Betrachtung versunken war, kam 
gerade mein Vetter, der aushilfsweise an dem Tage die 
Feldarbeiten selbst besorgte, nach Hause gefahren und 
hielt, bevor er zum grossen Tore fuhr, bei mir an. Er 
machte zu mir einige scherzhafte Bemerkungen; unter 
anderem: es wäre für dich wohl gesünder, wenn du auch 
ein wenig ackern würdest, anstatt zu faulenzen. 

Ich wies auf die zwei, einer Egge vorgespannten 
Pferde, die ja g anz. p räc h ti g waren, und erwiderte im 
Scherze: ja, sehr gerne sogar, aber nicht mit einem so 
elenden Gespann. Die zwei gehören schon längst in die 
Wurst, besonders der linke da gebärdet sich gar so stolz 
und ist doch nur ein alter Krampen (Mähre). 

Kaum dass ich zu Ende gesprochen, bäumte sich 
wütend dieses Pferd, riss die Zugstränge entzwei, um 
sich dann auf mich zu stürzen. 

Ich ergriff die Flucht, lief in den ersten Stock hin- 
auf, sprang in die Küche und schlug die Türe zu. Das 
Pferd setzte mir nach und stiess die Türe ein. Ich lief 
in ein zweites Zimmer und verbarrikadierte die Türe 
mit allerlei Möbelstücken. Allein das Pferd war schon 
auch an dieser Türe, stampfte drauf los, bis es ihm ge- 
lang, auch in dieses Zimmer einzudringen. 

Mittlerweile war ich in ein anderes Zimmer geeilt, 
verrammte wieder auf dieselbe Art die Türe, erkannte 
jedoch, dass auch dieser Widerstand nicht wirksamsein 
wird. Ich sah mich nun rasch im Zimmer nach einem 



i) Siebe die Darstellung der Neurose im Traume. Dieses Blatt Jahrgang 
Bd. III. 



Fortschritte der Traumdeutung. 



571 



andern Hilfsmittel um und gewahrte zu meiner Über- 
raschung meine Schwester hinter mir. 

Das Pferd hatte die Türe schon soweit demoliert, 
dass es den Kopf hindurch drängen konnteund schnaubte 
wütend aus den geweiteten Nüstern. 

Die Schwester schob mir einen kleinen runden 
Ofen zu, indem sie mir zurief, mich mit den Ofenringen 
zur Wehre zu setzen, mit diesen werde ich schon den 
Gegner bewältigen können. 

Das Pferd wollte schon hereinstürzen, da schleu- 
derte ich ihm die Ringe wuchtig entgegen und schliess- 
lich den ganzen Ofen. Im letzten kritischen Augen- 
blicke gewahrte ich eine andere Türe, huschte rasch 
hinlaus, rannte zur Treppe und — erwachte. 

Ich ging den ganzen Traum noch einmal in Gedanken 
durch, vergewisserte mich auf diese Art, ihn meinem 
Arzte lückenlos wiedergeben zu können. Bald verfiel 
ich in einen leichten Schlummer und träumte ich wäre 
bei dem mich behandelnden Arzte. 

Dieser bewohnte ein geräumiges Haus mit grossen 
Treppen anlagen. Auf einer Galerie traf ich mit ihm zu- 
sammen, er hatte in einem Schranke zu schaffen. Ich 
nahm abseits von ihm Platz und erzählte ihm den vor- 
gehend geschilderten Traum. 

Er entfernte sich auf eine Weile, um Dringendes 
noch zu besorgen, da er in einer halben Stunde abzu- 
reisenhatte. Errief michdannzusichhinunter, schnürte 
sich gerade die Schuhe und forderte mich auf, in meiner 
Erzählung fortzufahren. 

Nachdem ich geendet hatte, entfernte ich mich und 
ging auf eine seitlich gelegene Türe zu und begegnete 
dort meiner Mutter. Ich wechselte einige Worte mit ihr, 
öffnete die Türe, die in eine mit Glas gedeckte Halle 
führte, und sah eine Lokomotive oberhalb eines offenen 
Feuers gelagert. 

Der Zugsführer (Maschinist) rüttelte an verschie- 
denen Maschinenteilen vergebens, es wollte ihm nicht, 
gelingen, die Maschine in Gang zu setzen. Während- 
dessen kam der Arzt hinzu, schaute auf die Uhr und b e - 
merkteunruhig,dassesschonhochanderZeitsei. Plötz- 
lich kam ein Dienstmädchen die Treppe herunterge- 
laufen, und brachte drei zugeschnürte, mit Papier- 
abfällen gefüllte Pakete. 

Um die arbeitsfähige Dampfspannung zu erreichen, 
war es notwendig, rasch nachzuheizen. Der Arzt wollte 
es selbst versuchen und schleuderte ein Paket ins 
Feuer. Es verbrannte rasch, war jedoch wirkungslos. 

Da deutete die Mutter an eine andere Stelle, dort 
müssees unbedingt gehen, nahm ein zweitesPaket, warf 
es an die Stelle, erzielte jedoch dasselbe Resultat wie 
der Arzt. 



572 Dr. Wilhelm Stekel, 

Mit den Worten: das muss anders gemacht werden, 
seilt so, fasste ich das dritte Paket, schwang mich auf 
einen vorspringenden, von Flammen bestrichenen Ma- 
schinenteil und legte das Paket an die höchste Stelle 
der Feuerung. Die Flammen loderten hoch auf, das 
Sicherheitsventil begann zu zischen, es ertönte ein 
Pfeifen und die Maschine setzte sich langsam in Be- 
wegung. 

Der Arzt sprang auf, reichte mir noch flugs die 
Hand, ich hatte gerade noch Zeit zu fragen, wohin er 
fährt. Nach Brunn, bekam ich zur Antwort. Kurze Ver- 
wunderung — ich war wieder erwacht. 

Nachdem ich wieder eingeschlummert bin, hatte ich 
«inen, dem ersten Fall ähnlichen Traum. Ich befand 
mich in einer vornehm eingerichteten Wohnung. 

Es wurde die Türe geöffnet und trat eine junge, 
hübsche Dame ein. Sie blickte mich längere Zeit an und 
lächelte dann boshaft. Ich verlor meine ruhige Fassung 
nicht. und sagte etwas zu ihr. Sie wurde immer erregter, 
erhob ihren Arm, in dem sie eine Waffe hielt, und machte 
Miene, sich auf m ich zu stürzen. ' 

Ich sah sie gefasst an. als dürfte sie mir nichts an- 
h a 1b c n können. D a r au f stürzte sie sich auf mich. Ich 
sprang in ein Nebenzimmer, sie lief mir nach und so 
ging die tolle Jagd durch mehrere Räume. 

Gerade wollte ich wieder eine Türe aufklinken, da. 
in demselben Augenblicke, erschien sie hinter mir, in 
der Hand ein perolinspritzenartiges Instrument hal- 
tend. Sie spritzte daraus eine weisse, seifenwasser- 
ähn liehe Flüssigkeit. Sie spritzte einigemal, ohne mich 
zu treffen, nur auf die Kleider waren einige Tropfen 
gefallen. Ich dachte, es sei eine ätzende Flüssigkeit 
und wollte weiter flüchten. 

Als sie wieder zu einer neuen Attacke ausholen 
wollte, schlug ich rasch die Türe zu, es klemmte sich 
dabei die Spritze zwischen Türe und Türrahmen. 

Ich entwand ihr die Spritze und schleuderte selbe 
zur Seite, fasste die Frau am Halse und wollte sie zu 
Boden werfen. Sie aber umschlang meinen Hals, küsste 
mich heiss und fiel auf ein Sofa, mich mitziehend. Ich 
hielt sie mit der linken Hand umschlungen, während 
ich mit der rechten sie zwischen den Beinen an fasste. 
Ich empfand ein wohliges Gefühl; während wir uns un- 
verwandt in die Augen blickten, glitten wir nieder. 

Sie sagte, sie wollte mir ja nichts Böses tun, 
lächelte herzlich, zog mich an sich, ihr Gesicht begann 
sich plötzlichzu verändern, es lächelte michjetztmeine 
Schwesteran. 

Von Liebe ermannt wo Ute ich sie stürmisch an mich 
drücken — da ging plötzlich die Türe auf und herein- 



Fortschritte der Traumdeutung. 573 

gestürmt kam eine ältere Frau. Ich erschrak, erwachte 
— Pollution." 

Nun möchte ich zum besseren Verständnis des Traumes die Kranken- 
geschichte des Träumers mitteilen lassen, die wir den Patienten selbst 
erzählen lassen. 
Meine Krankengeschichte, zugleich meine Biographie. 

„Ich war bis zu meinem 4. Lebensjahre im Elternhause und kam 
dann auf ein Jahr zu den Eltern meiner Mutter in Pflege. 

Der Beruf meines Vaters brachte es mit sich, dass er monatelang, 
mitunter ein ganzes Jahr seiner Familie fernbleiben musste. 

Ich wurde von den Grosseltern liebevoll behandelt, und da sie fromm 
waren, war auch meine Erziehung danach geartet. 

Sie wohnten in einem schön gelegenen D-orfe, einem alten, beliebten 
Wallfahrtsorte. Der um den Ort führende Fluss war der Tummelplatz für 
uns Kinder. Wegen der damit verbundenen Ertrinkungsgefahr bildete ich 
die ständige Sorge meiner Grosseltern, so dass sie mich nach Möglichkeit 
in ihrer Nähe hielten. 

Ich ging täglich mit ihnen in die Kirche, machte mit ihnen Be- 
suche, in der ftegel bei alten Leuten, wo man fast ausschliesslich fromme 
Gespräche führte und mir bei jeder Gelegenheit eingeschärft wurde, ja 
recht fleissig zu beten und brav zu sein, unter Androhung erdenklichster 

Schreckmittel. 

Einmal verkleidete sich ein altes hässliches Weib als Hexe und wollte 
mich betsäumigen, ungebärdigen Jungen mitnehmen. Das jagte mir derart 
grosse Angst ein, dass ich sehr lange unter diesem Eindruck stand. 

Es wurden mir eine Unmenge schauriger Begebnisse und Wunder- 
wirkungen, die sich an die dortige Mutter Gottes knüpften, erzählt und 
die Stellen gezeigt, wo sich das zugetragen. 

Ich kam dann wieder zu der Mutter zurück und nach kurzer Zeit 
übersiedelten wir nach Slavonien. Das Unternehmen, wo mein Vater 
beschäftigt war, ging zugrunde, und wir mussten wieder zurückkehren. 
Bald darauf kam ich in die Schule. Von der Schwester lernte ich schon 
vorzeitig in der Fibel lesen und konnte bald in meinem Lieblingsbuche, 
einer alten, grossen Bibel selbst lesen, wo ich früher aufs Fragen ange- 
wiesen war. 

Ich habe gar oft anderen Spielen entsagt und mich lieber mit dieser 
Bibel in eine stille Ecke zurückgezogen. Es ist auf dem Lande üblich, 
alle */» Jahre in der Kirche eine öffentliche Religionsprüfung abzuhalten. 
Zu dieser hatte sich meine um 2 1 / 2 Jahre ältere Schwester längere Zeit 
vorbereitet, da sie nicht ganz leicht lernte. Ich folgte diesem mit grossem 
Interesse und hatte es auch mit auswendig gelernt. 

In der Kirche wurde dann geprüft und auf eine Frage wusste niemand 
Bescheid. Ich Knirps hatte es mir gemerkt, weil es die Schwester gelernt 
hatte, gab Zeichen, der Vikar fragte mich, und zu aller Staunen wusste ich 
die Antwort. Es war das Gebet „Vater unser". Die Leute haben mich nach- 
her sehr belobt und beschenkt und sagten, Knabe aus dir wird ein geist- 
licher Herr werden. Dieser Vorsatz fasste tiefe Wurzel bei mir. 

In einem Alter von ca. 7 1 / 2 Jahren hat mich ein 12 jähriges Mädchen 
zu einem unzüchtigen Spiel verleitet, wir spielten uns gegenseitig mit 
den Geschlechtsorganen, ich musste auf ihr herumbalgen usw. Dies wieder- 
holte sich sehr häufig. Ich fand daran grossen Gefallen und stand stets 

Zeiitralblstt fQr Psychoanalyse IV ",'*. 38 



574 D'. Wilhelm Stekel, 

unter dem Eindrucke dieses Erlebnisses. Ich hatte dann grossen Drang, 
es auch mit anderen Mädchen zu praktizieren, Als nach einem Jahr die 
Schwester meiner Mutter bei uns zu Besuche weilte und mich sehr lieb- 
koste, hatte ich ganz andere Gefühle dabei, und konnte mich nur schwer 
zurückhalten sie aufzufordern, dass sie ähnliches Spiel mit mir treibe 
wie das erste Mädchen. 

Beim Beginn des 3. Schuljahres bekamen wir einen neuen Lehrer. 
Dieser wurde bald auf mich aufmerksam, da ich gut lernte, und ich wurde 
sein Lieblingsschüler. Dieser Lehrer hatte die unsaubere Gewohnheit, 
mich zu seinem Tische zu rufen, wo er, mit mir sprechend, mich beim 
Glied hielt und solange damit spielte, bis es steif ward. Ich grübelte viel 
darüber nach, was es für eine Bedeutung haben sollte, jemanden etwas 
zu sagen, wagte ich jedoch nicht. 

Am Ende des Schuljahres übersiedelten wir nach Wien, um hier 
ständig Wohnsitz zu nehmen. Ich kannte kein Wort deutsch und wurde 
nur mit Rücksicht auf den guten Ausweis in die 2. Klasse eingereiht, so dass- 
ich trotzdem um zwei Jahre zurück war. Ich hatte unsägliches Heim- 
weh; die Zurücksetzung, die mir überall widerfuhr, hat mir den Wiener 
Aufenthalt gänzlich verleidet, und ich trug mich heimlich mit dem Vorsatz, 
lieber Hungers zu sterben, als hier zu bleiben. Es wurde mir gedroht, 
wenn ich sitzen bleibe, dass ich nicht mehr- aufs Landheim fahren dürfe 
und dass ich in eine Besserungsanstalt komme; mit letzterer hatten sie mich 
besonders erschreckt, als sie mir, allerdings falsche, Schriftstücke vor- 
wiesen, wonach meine Aufnahme dorthin schon beschlossen wäre. Dieses 
und die beständige Angst in der Schule, wo wir einen rabiaten Lehrer 
hatte, der die Kinder sehr misshandelte, dazu kannte ich kein Wort 
deutsch, das alles zusammen hat mein Gemüt stark zerrüttet; es übertrug 
sich denn auch auf den körperlichen Zustand, ich magerte sehr ab und lebte 
in einer Art Taumel dahin. Im Stillen schuf ich mir oft Erleichterung durch 
Tränen. 

Auch das wurde überwunden und nach zwei Jahren wurde ich 
auch hier einer der ersten Schüler. Ich hatte einen Schulkameraden, 
dessen 16 jähriger Bruder krankheitshalber ein Jahr zu Hause war und 
mit dem wir uns spielten. Von den beiden wurde ich ziemlich gründlich 
in die „Schweinerei" eingeweiht. Diese Brüder schliefen zusammen in 
einem Bette, das hinter jenen der Eltern stand, und hatten oft Gelegen- 
heit, die Eltern beim Beischlaf zu beobachten. Sie schilderten mir das 
immer und zeigten mir auch das befleckte Hemd ihrer Mutter. Dies übte 
grosse Wirkung auf mich und ich begann dann auch meine Eltern zu 
beobachten. Ich hatte bis zu meinem 12. Lebensjahr mit der Schwester 
zusammen geschlafen. Dann schlief ich in dem Bette neben meiner 
Mutter, da der Vater grösstenteils abwesend war. 

Meine Phantasie nahm derart ungesunde Dimensionen an, dass ich 
den bei uns wohnenden Onkel, einen Bruder der Mutter, in Verdacht 
hatte, er unterhielte ein strafbares Verhältnis mit meiner Mutter. Ich 
beruhigte mich langsam, da ich trotz meiner scharfen Beobachtung nichts 
wahrnehmen konnte. 

Mit ca. 13 Jahren lernte ich von anderen Schulgefährten onanieren. 
Ich habe es nicht sehr häufig betrieben aus Furcht vor der Sünde und 
stand im ständigen Konflikt zwischen beiden. Ich hatte dann einmal ein 
Buch zur Hand bekommen, wo über die Onanie mit ihren schrecklichen 



Fortschritte der Traumdeutung. 575 

Folgeerscheinungen geschrieben wurde. Dieses war geeignet, mich jetzt 
ganz davon abzuwenden, und als sicheren Schutz schwur ich dann mit 
ca. 14*/* Jahren an dem Grabe meines Grossvaters, dass ich bis zu meinem 
20. Lebensjahre keinen, wie immer gearteten, geschlechtlichen Verkehr 
führen werde. Ich hatte bei meinem starken Bedürfnis nach Befriedigung 
darunter sehr zu leiden. Den Schwur habt ich so ziemlich gehalten. 

Mit 14 Jahren kam ich an eine technische Lehranstalt. Ich hatte 
unter meinen Mitschülern die geringste Vorbildung und es wurde mir von 
einem Professor bedeutet, dass ich mich nicht lange des Daseins an der 
Anstalt werde freuen können. Dies war eine schwere Sorge für mich. Es 
war mir sehr bange zu mute bei dem Gedanken, dass mir die Möglichkeit 
zu einem gewählten Berufe auf diese Art gefährdet wird. 

Als bei der ersten Zensur bloss ich und ein zweiter Mitschüler durch- 
gekommen waren, so betrachtete ich es als eine Fügung Gottes, um so mehr, 
als meine mich sehr liebende Grossmutter stets eifrig für mich betete. 

Man Hess mich unter der Bedingung studieren, dass ich von der Ent- 
richtung des nicht unbeträchtlichen Schuldgeldes befreit werde. Die gänz- 
liche Befreiung bedingt Vorzugsschüler zu sein. Ich führte mich verhält- 
nismässig bald in die Lehrfächer ein, die ungenügende Vorbildung wett- 
machend. 

Mein häuslicher Fleiss liess viel zu wünschen übrig. Ich hatte 
stets grosses Vertrauen auf den Beistand Gottes, und nicht zuletzt eigene 
Fähigkeit hatten mir das vorgesteckte Ziel — Vorzugsschüler — nach 
zwei Jahren erreichen lassen. 

Während dieser Zeit, trat jenes Mädchen, das mich als Kind zur 
Unzucht verleitet hatte, wieder in meine Nähe. Durch ihr verleitendes 
Gebaren hat sie mich vollständig aus der Ruhe gebracht. 

Ich hatte mit l'Va Jahren „unschuldige" Liebschaften mit anderen 
Mädchen unterhalten und bei den sich gar oft bietenden Gelegenheiten 
zum Koitus dieselben nicht benützt, Beweggrund: „unmoralisches Handeln". 

Ich schlief mit meiner Schwester und einer Kusine in einem Zimmer. 
Ich konzentrierte meine Aufmerksamkeit auf die Kusine. Die sich bietenden 
verlockenden Gelegenheiten hielten mich beständig in Erregung, um so 
mehr als ich wahrnehmen konnte, dass die Kusine selbst ihre Zuneigung 
und Wünsche nur mühsam unterdrückte. 

Gegen Ende des letzten Studienjahres lernte ich ein Mädchen näher 
kennen das schon lange vorher meine Aufmerksamkeit geweckt hatte. 
Wir fassten grosse Zuneigung, konnten aber leider nur sehr selten zu- 
sammentreffen, und das nur unter schwierigen Umständen. Wir waren 
gezwungen, uns schliesslich zu trennen; da ich das Mädchen aufrichtig 
liebte litt' ich darunter sehr. Bei dem verstohlenen Zusammentreffen 
hatte sich immer vorher eine mir unerklärliche Aufregung bemächtigt, die 
sich auf den Magen übertrug; ass ich dabei, so reizte es mich zum Erbrechen. 

Nach Beendigung der Studien kam ich zu einer hiesigen Firma 
in Stellung. Ich knüpfte die Bekanntschaft mit einem anderen Mädchen 
an und wir hatten sonderbarerweise auch grosse Schwierigkeiten zu über- 
winden, um zusammentreffen zu können. Als wir nach ca. einem Jahre un- 
gehindert verkehren konnten, erfasste mich nach kurzer Zeit eine grosse 
Gleichgültigkeit für dieses Verhältnis, und ich hatte nur den einen Wunsch, 
von solchen tollen Liebschaften nichts wissen zu müssen. 

38* 



576 Dr. Wilhelm Stekel, 

Hatte mich früher vor dem Koitus mit einem anständigen Mädchen 
der Gedanke, es sei unwürdiges, unehrenhaftes Handeln, zurückgehalten, 
so trat jetzt eine sonderbare Erscheinung auf, ein vom Magen herrührendes 
Unbehagen, sogar Brechreiz, das aber immer vor dem Zusammentreffen. 
War ich einmal in der Gesellschaft des Mädchens, so verschwand die 
Geschichte. 

Also immer vor dem Stelldichein und bei den Gedanken an dieses. 

Ich Hess von jedem Verhältnis ab, aber mein Zustand verschlechterte 
sich immer mehr und mehr. .h musste täglich mehrmals erbrechen, 
nicht einmal eine Semmel konnte ich verzehren, selbst reine Suppe konnte 
ich nur mit grosser Schwierigkeit essen. Bei jedem Bissen reizte es mich 
zum Erbrechen, und trinken konnte ich auch nichts. Ausserdem 
litt ich an Schlaflosigkeit und heftigen neurasthenischen Schmerzen. 

Schliesslich musste ich ein volles Jahr ausspannen und nahm während 
dieser Zeit vier xMonate Landaufenthalt, ohne dass sich mein Zustand 
merklich gebessert hätte. 

Es kostete mich viel Anstrengung, meinen starken sexuellen Drang fcvj 
unterdrücken. Der Verkehr mit einem Freudenmädchen mutete mich schänd- 
lich an, jener mit Anständigen war teils durch meine moralischen An- 
sichten, teils durch ungünstige örtliche Verhältnisse unmöglich. 

Seit dem Auftreten der Krankheit war. das Hindernis von selbst ge- 
geben. Erst auf Anraten eines Arztes entschloss ich mich, mit Freuden- 
mädchen zu verkehren." 

Nun, da wir die Krankengeschichte des Falles kennen, wollen wir an die 
Analyse dieses Traumes gehen und ihn von verschiedenen Gesichtspunkten 
aus betrachten. Dabei wird es vorteilhaft sein, die drei Träume getrennt 
zu analysieren und dann erst einen Überblick über das ganze Traumgebilde 
zu werfen. 

Das erste Traumstück beginnt in seinem Geburtsorte und seinem 
Geburtshause. Wir kennen aus unseren früheren Analysen die Deutung, 
und ein Freudschüler strenger Observanz wird nicht verlegen sein, diesen 
Geburtsort als Symbor%er Mutter anzusprechen. Wir erfahren, dass der 
Postmeister ein Bruder des Vaters ist, ihm sehr ähnlich ist, und srhliessen, 
dass er im Traume für den Vater steht. Der Redekampf zwischen dem 
Onkel und ihm ist die Wiederholung alter Vorwürfe. Er war ja längere 
Zeit ganz arbeitsunfähig und ist heute auch noch nicht imstande, seinem 
Vater im Geschäfte zu helfen. Er begründet das mit seiner Krankheit. 
Die inzestuöse Einstellung zur Mutter ist ziemlich durchsichtig. Die Hem- 
mungen, welche bestehen, so dass er dem Vater nicht im Geschäfte helfen 
kann, rühren von einer Hasseinstellung als Rivalen her. Am Vortage 
des Traumes hatte er mit dem Vater einen kleinen Disput, avcü der Vater 
in einer Rechnung einen Fehler gemacht hatte, den er nicht einsehen 
wollte. Im Traume rächt er sich für den Vorwurf des „Nichtackernwollens" 
(ackern für koitieren) durch eine Anspielung auf das Alter des Vaters, er 
sei nicht mehr recht für die Ehe tauglich. Das Elternpaar ist schon alt, 
es lebt viel zu lange („Die zwei gehören schon in die Wurst'!), und der 
Linke (der Vater) wäre ein alter Krampen. Dann kommt allerdings die 
Rache des geschmähten Vaters als Verfolgung durch das Pferd. Es ist 
nicht schwer, in diesem Traum eine Mutterleibsphantasie zu erblicken, 
und es spricht manches für diese Deutung. Der Träumer erzählt, dass er 
sichseinerlnzestgedankenaufdieMutterundSchwester 



Fortechritte der Traumdeutung. 577 

voll bewusst gewesen ist undnur geglaubthabe, es wäre 
das alles schon vorbei. Er träume aber noch jetzt hie und 'da von 
einem Verkehre mit der Mutter und besonders häufig mit der Schwester. 
Er habe aber geglaubt, dass diese Träume nichts zu bedeuten hätten "und 
nur der Nachklang einer überwundenen Periode wären. 

Wir erkennen aber die bipolare Einstellung gegen den Vater. Sein 
Leiden muss auch mit einer nicht überwältigten Homosexualität zusammen- 
hängen. Nun erzählt uns seine Krankengeschichte eine Begebenheit der 
Kindheit, die ihn tief beeindruckt hat. Gerade in diesem Geburtsorte gab 
es in der Schule einen Lehrer, der die guten Schüler auf sehr merkwürdige, 
einzig dastehende Art belohnte. Wenn einer sehr gut entsprach und der 
Lehrer sehr zufrieden war, so sprach er, gut mein Sohnl Du sollst belohnt 
werden 1 — und gab ihm den erigierten Penis in die Hand, den der Knabe 
bis zur Ejakulation behalten durfte. Das geschah öffentlich vor der ganzen 
Klasse I Dieser Lehrer konnte sein Laster bis vor fünf Jahren ungeniert 
weiter treiben, und da musste er erst über eine Anzeige den Ort ver- 
lassen, ohne mit dem Gerichte in Berührung zu kommen. Ihm, der ein 
besonderer Liebling des Lehrers war, wurde diese Ehre sehr oft zu teil 
und er war der am häufigsten Auserkorene. Er soll auch der Schönst© 
unter allen Knaben gewesen sein. Von diesem Erlebnisse an ziehen sich 
homosexuelle Szenen bis zum 17. Lebensjahre, in dem sie plötzlich ab- 
brechen. Jetzt weiss er nicht, dass diese Szenen Zeichen von Homo- 
sexualität waren und behauptet nur, dass er „vor allen diesen homosexuellen 
Sachen" einen fürchterlichen Ekel hat. Der Kranke hat offenbar auf den 
Vater Tendenzen, die verlangen, dass er das gleiche machen soll, wie 
der Herr Lehrer. So ein Beispiel fordert ja zu dieser Art Belohnung heraus. 
Wir merken aber die erste Wirkung der Übertragung gerade an diesem 
Einfall des Träumers. Jetzt bin ich sein Lehrer, und er hofft, dass ich 
die gleiche Art der Belohnung vornehmen werde, wie er es in der Schule 
gewohnt war 

Er wird von homosexuellen Gedanken verfolgt. (Das 
linke Pferd!) Wir kommen jetzt zur funktionalen Bedeutung des Traumes. 
Er stellt eine Verfolgung dar. Die Beziehung zum Arzte ist klar. Er 
wird jetzt vom Arzte durch alle seine Erinnerungen (die Flucht von 
Zimmern!) verfolgt. Diese Flucht von Zimmern wird von Freud gewöhn- 
lich als eine Flucht von Frauenzimmern (Lupanar) aufgefasst. Ich habe 
schon wiederholt darauf aufmerksam gemacht, dass es sich um die Kammern 
der Seele handelt, dass die Verfolgung durch alle Gemächer des Kopfes 
(Hirn gleich dem obersten Stocke . . . dem Oberstübchen .... Vergleiche 
die Bedensart: Der Mann ist im Oberstübchen nicht ganz richtig). Wir 
sehen, wie. ihn ein bestimmter Gedanke durch alle seine Barrieren und 
Hindernisse verfolgt, wie er sich dieses versuchenden Gedankens nicht 
erwehren kann. Die Hilfe kommt ihm von der Schwester. Sie schiebt 
ihm einen kleinen Ofen zu, der ihn vor dem Pferde rettet. Der Ofen und 
die Ringe symbolisieren die Weiblichkeit der Schwester. . . . Der Traum 
sagt: Vor der homosexuellen Einstellung zum Vater kann dich nur die 
Schwester, kann dich nur eine Frau retten. Der Traum zeigt auch die 
prospektive Tendenz: Er wirft die Schwester dem Vater hin und rettet 
sich durch eine andere Türe. Er wird seine Komplexe überwinden. Die 
Beziehung zum Arzte ist auch klar: Er wird meiner weiteren Verfolgung 
dadurch entgehen, dass er mir die Inzestwünsche auf die Schwester, nach 



578 Dr. Wilhelm Stekel, 

denen ich ihn nicht gefragt habe, eingestehen wird. Der Traum drückt 
den Vorsatz aus, mir seine Phantasien und Erlebnisse mit der Schwester 
mitzuteilen. Aber dadurch hofft er einer weiteren Untersuchung seiner 
Begehrungsvorstellungen zu entgehen und mir die Einstellung zu Vater 
und Mutter verschweigen zu dürfen. 

Nun schläft der Träumer wieder ein, wiederholt den Traum, um 
ihn erzählen zu können. Wir können annehmen, dass der Traum schon 
bei dieser ersten Wiederholung redigiert und verändert wird. Wir be- 
kommen dann nur einen Auszug, der das Wesentliche verschweigt. . . . 
Er erzählt mir im nächsten Traume den Traum. Solche Träume erhält 
man sehr selten. Wenn eine Dame träumt, sie hätte ihren Traum dem 
Arzt erzählt, so hat sie das Peinliche schon im Traume erledigt und die 
Erinnerung für den Traum verschwindet, ebenso wie in den Fällen, da 
die Kranken erzählen: Heute habe ich etwas Wichtiges geträumt. Ich 
sagte mir noch im Traume oder Halbschlaf, das musst du dem Doktor St. 
erzählen. Ich weiss es nicht mehr. Aber es war sehr wichtig. Damit 
wird der Arzt zum Besten gehalten, der Widerstand wird im Traume über- 
wunden, der Wunsch, es zu erzählen, wird im Traume erfüllt, der Wunsch, 
es zu verschweigen, ist der Stärkere; so setzen sich beim Träumer beide 
Strömungen durch. Unser Patient hofft offenbar, ich werde die Tätigkeit 
des alten Lehrers fortsetzen. 

Der nächste Traum : Wieder eine Darstellung der Analyse. Ich stehe 
in dem oberen Stockwerke vor einem Schranke, der sein Gehirn sym- 
bolisiert, oder seine verschlossene Seele. Aber die Analyse wird nicht 
lange dauern. Die wilde Jagd nach seinen Geheimnissen und Schätzen 
wird bald aufhören. Der Arzt muss verreisen (sterben I). Hier tritt der 
Arzt das Erbe des Vaters an. Der Traum zeigt die deul liehe Übertragung 
vom Vater auf den Arzt. Im ersten Traum erscheint die Verfolgung 
durch den Vater, im zweiten und dritten ist der Vater schon ganz ausge- 
schaltet. Seine Name ist -im Traume überhaupt nicht genannt, er ist ja 
das Geheimnis, von dem nicht gesprochen werden darf. ... Der Arzt 
schnürt die Schuhe; das ist ebenfalls ein bekanntes Todessymbol und 
der deutliche Wunsch, die Behandlung los zu werden. 

Nun soll eine Maschine in Gang gesetzt werden. Er ist Maschinen- 
ingenieur und hat täglich mit Maschinen zu tun. Die Maschine ist ein 
Symbol seiner Seele, die so schlecht funktioniert, ein Symbol für ihn 
selbst, für alles Kräftige und Treibende in ihm. Was dem Arzte und der 
Mutter nicht gelingt, das gelingt ihm aus eigenen Kräften. Zuerst ver- 
suche ich, die Maschine in Gang zu bringen. Ich nehme den mysteriösen 
Papierballen, dessen Bedeutung nicht recht aufgeklärt werden konnte (die 
Dreizahl!) und lege ihn ganz vorne; die Mutter besorgt die Feuerung in 
der Mitte. Er aber schwingt sich in die Höhe und besorgt die Feuerung 
oben 1 ). Er ist der Höchste, er triumphiert über mich und meine Unfähig- 
keit, ihn zu heilen. Ich fahre dann nach Brunn. Dazu fällt ihm ein 
Schüler ein, der immer nach Brunn nach Hause fuhr. Er erinnert sich 
einer Situation, in der er Lehrer war. Ich bin biso ein Schüler, ich 
soll bei ihm lernen, wie man eine Maschine in Gang bringt. Wenn ich 
auch etwas von kranken Seelen verstehe, von seinem Fache (er ist 
Maschineningenieur!) habe ich keine Ahnung, da ist er der Meister und 

>) Nachträgliche Ergänzung. 



Fortschritte der Traumdeutung. 579 

ich der Ignorant. Dieser Trostgedanke dient dazu, um sein Selbstbewusst- 
sein zu stärken und kein Gefühl der Minderwertigkeit mir gegenüber auf- 
kommen zu lassen. Dabei finden sich eine Menge Schmähungen auf den 
impotenten Vater und den ebenso unfähigen Arzt. Er ist täglich bei 
mir eine halbe Stunde. Er merkte schon, dass ich auf die Uhr blicke, ob 
seine Zeit vorüber ist. Im Traume kommt die halbe Stunde vor und das 
Blicken auf die Uhr. Er zeigte einen Tag vorher seinem Vater, wie eine 
Aufgabe technischer Natur gelöst werden müsse. In diesem Traume zeigt 
er mir auch, dass die Sache anders gemacht werden müsse. 

Wir sehen, wie die Beziehungen zum Arzte, als dem Repräsentanten 
des Vaters, den ganzen Traum durchsetzen. Damit wäre aber die Bedeutung 
des Traumes nicht erschöpft. Denn er ist ein Pollutionstraum. Es ist 
interessant zu beobachten, wie der onanistische Akt, der dann als Pollution 
(Lust ohne Schuld!) aufgefasst wird, in den drei Traumstücken vorbereitet 
wird. Im ersten Traumstück flieht er vor der Homosexualität, wobei deutlich 
die Beziehungen der Homosexualität zum Mutterkomplexe zutage treten. 
Im zweiten Traumstücke heisst es, die Maschine der Sexualität in Gang 
bringen. Es gelingt dies weder dem Vater (dem Maschinenführer, der an 
der Maschine herummanipuliert), noch der Mutter, noch dem Arzte. Er 
allein ist das imstande. Hier verrät sich der geheime Stolz des Onanisten, 
die Genugtuung des Autoerotikers. (Der von Flammen bestrichene Vor- 
sprung ein phallisches Symbol 1 .) Die Onanie erweist sich als Sicherung 
gegen alle sexuellen Gefahren, Das Sicherheitsventil zischt und entlädt 
sich ein Vorbild der bald folgenden Pollution 

Doch die Angst vor der Onanie, die grossen Affekte, die Angst vor 
Homosexualität und dem Inzeste wecken ihn aus dem Schlafe. Das Be- 
wusstscin (der Maschinenführer) versucht immer wieder sich der Ge- 
danken zu bemächtigen und die Gespenster der Nacht zu bannen. Die Ge- 
danken an einen Mann und an die Schwester werden unterbrochen, und er 
schläft wieder ein. Dreimal muss er verschiedene Situationen träumen, 
bis die Angst sich in Verlangen gewandelt hat. Erst floh er vor dem Pferde 
und der Schwester, dann verliess er den Arzt und die Mutter und endlich 
kommt die Erlösung. Er konnte der Homosexualität standhalten, er konnte 
die heterosexuellen Inzestwünsche abwehren. Jetzt aber spielt der Trieb 
seinen höchsten und stärksten Trumpf aus, um die letzten Hemmungen 
zu überwinden: die Bisexualität. Das Mädchen mit dem Phallus, seine 
Schwester erscheint . . . und verfolgt ihn. Es verfolgen ihn offenbar 
die Gedanken : gib nach und onaniere. Er wehrt sich, er flieht vor diesem 
Gedanken. Er ist es ja, den er im Traum sieht. Er sieht das Weibliche 
in sich, das Weib mit dem Phallus und dieser Gedanke lässt ihm keine 
Ruhe durch die Flucht der nächtlichen Stunden. Er stürzt sich auf die 
weibliche Person und will sie würgen: So kämpft er mit seinem 
Triebe, so wehrt er sich gegen den Autoerotismus. Der 
Trieb aber merkt die Schwäche seines Widerstandes und gibt ihm zu be- 
denken, dass er nur sein Gutes wolle. Er greift mit der Rechten an seine 
Genitalien und mit der Linken markiert er eine Umarmung. Da kommt der 
Orgasmus (die Schwester lächelt ihn an!) und währt nicht lange. Denn 
eine alte Frau erscheint. Die Tür geht auf, d. h. die Tore des Bewusstseins 
öffnen sich 2 ) und die Reue bemächtigt sich seiner Seele. Er wacht auf 

i) Nachträgliche Ergänzung. 

'-') Die Schwellensymbolik Silberers. 



L 



580 Dr - Wilhelm Stekel, 

und ärgert sich über die Pollution. Die alte Frau kann auch das Symbol 
der Mutter sein. Dafür habe ich ja keine Anhaltspunkte, weil der Patient 
sie ganz anders beschreibt. 

Wie verhält sich dieser Traum in bezug auf seinen Inhalt? Ist er 
eine Wunscherfüllung, ist er eine Warnung, ist er eine Prophezeiung ? Sicher 
werden in diesem Traume sehr viele Wünsche erfüllt. Er ist standhaft gegen 
so viele Versuchungen, er umarmt seine Schwester, er triumphiert über 
den Vater und den Arzt. Doch das Wichtigste ist, dass dieser Traum die 
Pollution als Sicherung gegen alle Gefahren der Sexualität einleitet und 
gegen alle inneren Hindernisse durchführt. 

Eine andere Bedeutung des Traumes muss noch hervorgehoben 
werden. Seine Neurose muss doch in dem Traume in iigend einer Person 
oder einem Gegenstande symbolisiert sein. Der Patient sagte auf die 
Frage, was ihm zu der Maschine einfalle: meine Krankheit. Die mit Glas 
gedeckte Halle, das Durchsichtige seiner Krankheit, die Maschine seine 
Neurose. Nun vergleicht der Kranke immer seinen Körper mit einer Dampf- 
maschine und besonders seinen Magen. Er hat ja allerlei Hungerprozeduren 
hinter sich. Er konnte nicht essen und magerte fürchterlich ab, sieht wie 
ein Skelett aus, "weil er seinen Sexualtrieb aushungern und sich für seine 
sündigen Regungen bestrafen wollte. Dieser Mann hat sich mit 
seiner Neurose ein wunderbares Sicherheitsventil ein- 
gerichtet. Will er zu einem Mädchen gehen, so erkrankt er an so 
heftigen Magenschmerzen, so dass ein Rendezvous unmöglich ist. Diese 
Magenschmerzen produziert er aber dadurch, dass er schon vorher vor 
Aufregung und Brechreiz nicht essen kann. Wir merken, wie schlau diese 
Inszenierung seiner Magenstörung ist. Erst wird der Ekel und der Brech- 
reiz produziert, um die Nahrungsaufnahme zu verhindern. Dann aber 
bohrt der Hunger, und dieser Hunger wird als Magenkrampf aufgefasst und 
wird so stark, dass der Hunger die Liebe ertötet. Die Begierde nach 
Nahrung ist dann stärker als die Begierde nach dem 
Weibe. Nach solchen Attacken überfällt ihn ein Heisshunger. 

Jetzt fällt ihm ein, dass er schon nachdem ersten 
Traume mit einem fürchterlichen Hunger erwachte. 
Dieser Hunger steigerte sich im zweiten Erwachen, um 
nach der Pollution vollkommen zu verschwinden. 

Was ich von den „nervösen Angstzuständen" behauptet habe, näm- 
lich, dass der Hunger die sexuelle Libido vertreten kann, wird hier klar 
ausgeführt und illustriert. Jetzt verstehen wir auch die Heizung der 
Maschine mit Papier. Der Kalorienwert des Papieres ist ebenso gering, 
wie der Kalorienwert der Nahrung, welche er in sexuellen Gefahren zu 
sich nimmt. Er hat also in seinem Magen ein ganz wunderbares Sicher- 
heitsventil gefunden. Er hungert sich aus und die Befriedigung des Essens 
•ersetzt ihm die sexuelle Befriedigung. Er erzählt eine Unmenge von Er- 
lebnissen, die alle beweisen, wie geschickt er seine Neurose verwendet. 
Ihn reizt jedes Mädchen und er bringt es so weit, dass sie ihm ein Rendez- 
vous gibt, in seine Wohnung kommt, oder ins Hotel mit ihm geht, aber 
nie ist es zu einem Verkehr gekommen 

Für die Analyse ergeben sich schlechte Aussichten. Er will auf sein 
Sicherheitsventil, die Neurose, nicht verzichten, er will die Art seiner 
Heizung fortsetzen und wünscht den Arzt über alle Berge. Ja er will 



Fortachritte der Traumdeutung. 581 

sich lieber zur Onanie bekehren, will die Reue und die eigenen Vorwürfe 
erdulden, doch auf seine Sicherung nicht verzichten. 

Dieser Traum zeigt uns alle Komplexe, auf die Freud ein solches 
Gewicht legt. Wir erfahren auch, dass der Inzest bei ihm eine über- 
ragende Rolle neben der Homosexualität spielt. Wir sehen aber keinen 
„männlichen Protest". Wir sehen wohl einen grossen Ehrgeiz, einen Willen 
zur Macht, aber eine entschiedene weibliche Einstellung, ein Auftreten 
des Orgasmus, wie *• r sich als W T eib fühlt. Und die höchste Lust 
ist immer an die stärksten Strömungen des Innern ge- 
bunden. Er flieht die Weiber nicht, weil er eine Niederlage fürchtet, 
denn er hat seine Potenz bei Dirnen so kräftig erwiesen und ist ihrer so 
sicher, dass er sie überall verwenden kann, wo keine moralischen Hem- 
mungen vorliegen. Bei anständigen Mädchen erscheint die Assoziation 
zur Schwester, bei Frauen die zur Mutter. Die Homosexualität ist durch 
die Beziehungen zum Vater verbarrikadiert. Und hinter allen Hemmungen 
steckt eine übergrosse Religiosität, 'die bei ihm jahrelange manifest dauerte 
und nun scheinbar überwunden 'ist. Er wollte Geistlicher werden und gab 
diesen Plan erst mit 14 Jahren auf. Es ist sehr wahrscheinlich, dass alle 
seine Störungen in einer Ehe verschwinden werden, wenn es gelingt, ihn 
von seinem Elternhause zu lösen. . . . 

Ich möchte noch einige Worte über die religiöse Bedeutung des 
Traumes sagen. Es ist merkwürdig, wie von allen Traumdeutern die nahe- 
liegende religiöse Bedeutung der Träume übersehen wird, obgleich sie 
doch die Bedeutung der Religion für das Seelenleben kennen und bedenken 
sollten, dass eine solche gewaltige Kraft sich auch im Traume ausdrücken 
muss. So übersieht Maeder in der im Jahrbuche mitgeteilten Traum- 
analyse, wo ein grüner Reiter auf einem blauen Pferde über eine Brücke 
reitet und ihm den linken Vorderfuss des Pferdes zeigt, dass der Teufel 
einen linken Pferdefuss hat und auch hinkt. Tatsächlich gibt, der Patient 
als eine der ersten Assoziationen zum blauen Pferde an, dass sie ein 
Pferd zu Hause haben, das am linken Vorderbein lahm ist. Auch in dem 
Traume ist hier die Beziehung zum Teufel ausgesprochen, der einen ver- 
führt; zum Trinken, zum Huren, kurz zur Sünde. Die homosexuelle Begung 
wird als Teufelswerk betrachtet, wie man besonders aus den Mitteilungen 
Luthers erkennen kann, dem der Teufel so oft auf dem Abort erschien und 
ihm seinen Hinterteil zeigte. . . . 

j a — es ist erstaunlich, wie wenig die moderne Traumforschung die 
religiösen Regungen des Traumes berücksichtigt. Allerdings gehört ein 
gewisser Spürsinn dazu, die religiösen Symbole aufzufinden. Ich habe 
in meinem Buche „Die Träume der Dichter"' und auch in der letzten Arbeit 
über den Fetischismus instruktive Beispiele gegeben. Ich will nun auch 
an diesem Traumbeispiele die Bedeutung der Religiosität für die Dynamik 
der Neurose aufweisen. Zu bemerken ist, dass für die Religionssymbolik die 
gebräuchliche Assoziationsmethode von Freud versagt. Die Einfälle sind 
selbst maskiert und bedürfen einer Deutung, was gerade aus der Analyse 
von Maeder deutlich hervorgeht. (Siehe den Einfall vom lahmen Pferde 1) 
Unser Patient ist ein Atheist und Freigeist, der früher sehr fromm war. 
Er musste seiner Mutter schwören, jeden Sonntag in die Kirche zu gehen, 
was er mit 20 Jahren aufgab. Die Mutter protestierte erst dagegen und 
war sehr unglücklich und fügte sich erst, als ihr Sohn sie von seinem voll- 
kommenen Unglauben überzeugte. Sie sagt ihm aber wiederholt: Ich 



5S2 Dr. Wilhelm Stekel, 

glaube bestimmt, dass Gott dich erleuchten wird, und du eines Tages wieder 
fromm sein wirst. Darüber lacht er nur und ist überzeugt, dass diese Zeit 
nie kommen wird, Noch frömmer war seine Grossmutter, bei der er 
jeden Sommer zu Gast war. Ein Traum der letzten Nacht während dieser 
Niederschrift lautet: 

„Ich bin bei meiner Grossmutter. Sie geht früh 
morgens in die Kirche und fordert mich auf mitzugehen. 
Ich weigere mich. Am nächsten Morgen wiederholt sie 
dieAuff orderung. Ichbekomme heftige Magen sc hm erzen 
und sage: Ich werde ein Sonnenbad nehmen. Das ist- 
dasselbe " 

Wir sehen, wie die Imperative der Kindheit in der Mahnung der Gross- 
mutter im Traume lebendig werden. Wir konstatieren einen Zusammen- 
hang zwischen der Weigerung in die Kirche zu gehen und den Magen- 
schmerzen, und lernen, dass die Sonnenbäder des Patienten eine Ersatz- 
religion sind, wie ich das wiederholt betont habe 1 ). Wir forschen nach 
und hören, dass der Kranke jeden Abend mit der Versuchung kämpft, ein 
„Vater unser" zu sagen, dass er das abwehrt und sich gesteht: Das ist 
doch ein Unsinn! Du glaubst ja diese Sachen nicht mehr. Trotzdem 
passiert es ihm im Halbschlafe, dass er einige Sätze aus dem „Vater 
unser" betet, weil er sich wieder ein Kind fühlt. Er trägt zwei kleine 
Marienmünzen immer bei sich, die er in einem Wallfahrtsorte erhalten 
hatte. „Es ist so mehr ein Aberglauben. Ich trage sie immer in meiner 
Börse, weil ich glaube, dass sie mir Glück bringen." Er hat sein Gebet- 
buch der jüngeren Schwester geschenkt, wo er es dann immer wieder 
sehen und in die Hand nehmen kann. Er besucht Kirchen, weil er sich 
für Kirchenmusik interessiert. 

Und nun zu seinem Traume. Der Teufel erscheint ihm in der Gestalt 
des Pferdes und will ihn durch seine Teufclskünstc verführen. Deshalb 
kommt das Pferd durch alle Türen und über alle Hindernisse. Er glaubte 
eine Zeitlang fest an den Teufel. Er ging in eine Kirche, wo der Pfarrer 
sehr viel vom Teufel sprach, auch behauptete, es gäbe lebende Zeugen, 
die einen Teufel gesehen hätten. Sein Grossvater war ganz empört, weil 
der Pfarrer den Gläubigen so dumme Geschichten erzähle und weigerte 
sich in die Kirche zu gehen. Er wurde aber immer mit der Angst vor 
dem Teufel erzogen. War er schlimm, so hiess es, der Teufel werde ihn 
holen. Wollte er nicht beten, so Hess man im Nebenzimmer klappern 
und der Teufel wurde angesagt. Demselben Erziehungszweckc diente die 
Hexe. Eine alte hässliche Frau kam einmal als Hexe in sein Zimmer 
und schreckte ihn und die anderen Kinder so furchtbar, dass sie noch viele 
Jahre an diese furchtbar schreckliche Erscheinung denken mussten. Im 
Traume wird er vom Teufel verfolgt, vor dem er sich rettet. Im zweiten 
Traumstücke ist er selbst der Teufel und kann zaubern. Dies war die 
stärkste Sehnsucht seiner Jugend und er hätte sich gerne dem Teufel 
verschrieben, um zaubern zu können. Nur durch Teufelskünste bringt 
er die höllische Maschine in Bewegung. In seiner Kindheit war es auch 
sein heisser Wunsch, sich eine Lokomotive durch Zaubern zu erbauen 
und mit ihr zu fahren, wohin er wollte. 

Die Magd, die ihm drei Papierknäuel bringt (Anspielung auf die 
heilige Dreieinigkeit?), das Dienstmädchen ist wie in vielen Träumen ein 

i) Vergl. „Masken der Religiosität*. Dieses Blatt Band IV. 



Fortschritte der Traumdeutung. 583 

Symbol der Himmelsmagd, wofür ich viele Beweise erbringen könnte. 
Er war ein schwärmerischer Marienverehrer. Er muss erst diesen Kult 
aufgeben, um zaubern zu können. Doch der Traum ist ein Kompromiss aus 
beiden Regungen und drückt auch eine polare Strömung aus ; Er heizt 
mit himmlischem Feuer, mit dem Glauben, der ihn schützt und sein 
Leben auf die richtige Bahn bringt. Er wünscht mich zum Teufel, um seine 
geheime Religion weiter führen zu können. Doch der alte Kinderwunsch, 
Zauberer zu sein, geht am deutlichsten hervor. (Der Traum stellt eben 
nicht einen Wunsch dar. sondern das Konglomerat von Wünschen, die 
im wirren Durcheinander durch die Seele ziehen.) Im Traume, der sich 
anschliesst, ist der Zauber ebenso durchsichtig. Die religiöse Bedeutung 
des Anspritzens (mit Weihwasser .... Perolin reinigt und desinfiziert 
die Luft!) ist leicht zu erkennen, ebenso wie die Vermengung von religiösen 
und sexuellen Motiven, die in der Neurose und Psychose eine so über- 
ragende Rolle spielt. Er erliegt der Versuchung, er wird von einer Teufeline 
verführt. Das alte Weib am Schlüsse ist die Hexe seiner Kindheit, die 
erscheint, um den Sünder zu bestrafen. (Er gibt auch eine starke Geron- 
tophilie zu und hat sich einmal in eine GO jährige Dame verliebt.) 

Die Bibel, die Evangelien, seine Gebetsbücher, seine Beichtzettel, 
sie befinden sich alle in den Papierknäueln, die er verbrennen muss, um 
sich von allen religiösen Hemmungen zu befreien. 

Der Traum zeigt also eine prospektive Tendenz, die Hemmungen 
der Religion, die Angst vor Hölle und Teufel, die Angst vor Hexen zu über- 
winden und sich den Trioben hinzugeben. Er wird sein Leben in die 
Hand nehmen, wird seine Maschine selbst heizen, wird sich Frauen hin- 
geben, die alle das Bild seiner Schwester tragen werden. Deutlich drückt 
auch der Traum aus, dass die Homosexualität auf die Weise fixiert wird, 
dass alle Frauen Affektwerte der Mutter und Schwester erhalten. Er 
befindet sich auf einer sexuellen Leitlinie, die vom Weibe weg zum 
Manne führt. Diese will er verlassen und alle Hemmungen überwindend 
ein normaler Mensch werden. Er benotigt nicht mehr die Sicherungen seiner 
Neurose, er ist sein eigener Herr, empört sich gegen die religiösen Im- 
perative, wird selbst zum Zauberer und Gotte und tut hemmungslos, 
wozu es ihn treibt. 

Hat dieser Traum nicht die Funktion eines Warners? Selbstverständ- 
lich. Er sagt ihm, so wird es dir gehen, wenn du die Sicherungen auf- 
gibst und deinen Trieben folgst. Vor dir steht drohend der Inzest und 
die furchtbare Reue. . . . 

Und trotzdem ! Ist denn dieses innere Warnen, dieses 
Abwägen der Zukunft kein Wünschen? Ist nicht jeder 
Wunsch ein Gestalter der Zukunft? Wir müssen Freud, 
dem genialen Bahnbrecher der modernen Traumdeutung, die Konzession 
machen, dass sich bei einigem guten Willen jeder Traum — mit Ausnahme 
der telepathischen Träume — auf einen Wunsch zurückführen lässt. Die 
Warnung ist ein Wunsch des moralischen Ich, ist das Bestreben des 
Edelmenschen, sich trotz aller Regungen der Triebe durchzusetzen und 
das Ich einer höheren Entwickelung zuzuführen. Der Höhendrang des 
Menschen, an den ich fest glaube, die Umwandlung zum Edelmenschen 
setzt sich in diesen Warnungen und in dem Vorhalten der moralisch- 
ethischen Imperative durch. Das lehrt uns jede Traumanalyse, die sich 
bemüht, bis auf einander widerstrebende Wünsche zu kommen. Denn 



u 



584 Dr. Wilhelm Stekel, 

jede Seele ist ein Durcheinander von Wünschen und Strebungen, die mit- 
einander im Kampfe stehen. Ich habe lange gebraucht, bis ich die Kampf- 
träume verstanden habe. Jetzt weiss ich, was alle die Schlachten, die 
Hingkämpfe, die Verfolgungen bedeuten, von denen die Menschen träumen. 
Armeen marschieren auf, Türken kämpfen mit Deutschen, Franzosen mit 
Engländern, und jeder einzelne Soldat bedeutet einen Wunsch, eine Regung 
unseres Innern. Die Türken sind die Vertreter der Polygamie, die Eng- 
länder die Vertreter der religiösen Gedanken, um nur eine Lösung aus 
einer Traumanalyse anzuführen. Ein anderes Mal mögen sie etwas anderes 
bedeuten. Es gibt eigentlich keine allgemein gültigen 
Symbole. Ihre Kenntnis kann uns in der Traumdeutung unterstützen, 
aber wehe dem Trauindeuter, der sich nur auf sein Traumlexikon verlässt. 
Es gibt ein soziales und ein individuelles Traumlexikon und beide müssen 
nicht übereinstimmen 1 ). 

Wir haben bisher geglaubt, dass uns der Traum wichtige Aufschlüsse 
über die Vergangenheit bringen kann und ein Wegweiser in der Psycho- 
analyse wird. Ich habe schon wiederholt darauf hingewiesen, dass man 
die Träume von Patienten, die lange in Behandlung stehen, mit grosser 
Skepsis verwerten muss und sich immer zuerst die Frage vorlegen muss: 
Was will der Träumer dem Arzte mit diesem Traume sagen? Oder mit 
anderen Worten: Wie stellt er sich zur Psychoanalyse und zum Arzte. 
Der Traum ist das wertvollste Hilfsmittel zur Entdeckung der Widerstände. 
Freilich muss man die Sprache des Traumes verstehen und die geheimen 
Beziehungen zum Arzte aufdecken können. 

Ich will das an zwei Beispielen zeigen. Eine Dame, die in meiner 
Behandlung steht und sehr willig ist, scheinbar gar keinen Widerstand 
produziert, ist sehr genial im Erfinden von Aktualitäten, welche den 
Einfall durch den Vorfall ersetzen. Sie erlebt immer etwas, was 
ungeheuer wichtig ist, verliebt sich, setzt sich Gefahren aus, arrangiert 
Konflikte, nur um die Stunde auszufüllen und die retrospektiven Tendenzen 
zu verhindern. Diese Dame träumt: 

„Ich bin einen Tag nicht in die Malschule gekommen 

und fürchtete mich vor der Frau Professor und er wartete 
eine Rüge. Ich sah sie schon von weitem kommen und 
wollte mich schnell verstecken. Doch sie erblickte mich 
gleich und frug mich um meine Arbeit. Ich habe sie an- 
gelogen und sagte, dass ich in der Kirche gemalt habe, 
und dass meine Arbeit drinnen steht. Ich hatte schreck- 
liche Angst, dass sie mir auf die Lüge drauf kommt. Mit 
dem Fusse hielt ich die Kirchentüre zu, mit der Hand 
täuschte ich ihr vor, dass die Schnalle nicht aufging 
und dass die Kirche versperrt sei. Sie war schon nahe 
daran, selbst die Türe zu versuchen, doch zum Glücke 
tat sie es nicht." 

Ein Teil des Traumes entspricht den Tatsachen. Sie hatte einen 
Tag nicht gemalt und sich vor der Frau Professor gefürchtet. Viel wichtiger 
ist die Beziehung zu mir. Ich bin die Frau Professor, werde zur Frau ent- 
wertet, weil ich ihre Liebeswerbungen abweise. Ihr Inneres wird hier als 



>) Vergleiche meine Ausführungen in dem kleinen Aufsätze , Individuelle 
Traumsymhole". (Dieses Blatt IV. Band Heft V/VI.) 



Fortschritte der Traumdeutung. 

Kirche, als Kapelle dargestellt. Sie beteuert immer ihre Aufrichtigkeit. 
Der Traum verrät dieses Doppelspiel. Sie sperrt mit dem Fusse die Türe 
ab und versucht scheinbar willig die Schnalle, um die Türe zu öffnen. 

Kennt man die Beziehungen zum Arzt und die Symbolisierung der 
Neurose, wie ich sie dargestellt habe, so wird mancher dunkle Traum 
durchsichtig und wir ersparen uns manche Täuschung. Als Beweis will 
ich eine Traumdeutung anführen, die sich Sa dg er in seiner Arbeit 
„Analyse eines Falles von Autoerotismus" (Jahrbuch V. Band) geleistet 
hat. Der Traum lautet; 

„Es ist ein Zimmer, in dem ausser mir noch andere 
Personen anwesend sind. Eine alte Frau, deren Tage 
gezählt zu sein scheinen, geht aus dem Zimmer in ein 
Nebengemach und alle Anwesenden verabschieden sich 
von ihr. Ich tue dies als letzterund bemühe mich, etwas 
besonders Herzliches zu sagen, wünsche auch wohl 
gute Besserung. Ein ungläubiges müdes Lächeln zeigt 
die Frau nach meinen Worten. Ich sehe meine Mutter 
mit verweinten Augen und empfinde unendliches Mit- 
leid mit ihr. Aus diesem Gefühle heraus habe ich ihr 
die Ehe versprochen. Als sie nicht mehrso von Schmerz 
gepeinigt erscheint und mein Mitleid infolgedessen 
geringer wird, bereue ich mein Ehe versprechen f a s t e i n 
wenig, da ich fürchte, bei ihrer Launenhaftigkeit wird 
die Ehe nicht besonders angenehm werden." 

Ich entnehme die Traumanalyse dem Jahrbuch für psychoanalytische 
und psychopathologisclie Forschungen (SL 480). 

Sadger Bagt: „Ich gebe die Traumdeutung nur, soweit sie zu unserem Thema 

gehört". 

„Zunächst sieht der Traum so aus, als ob ich beim Tode der Grossmutter da- 
bei gewesen wäre, doch weiss ich nichts davon. Übrigens ist es im Tranm nicht 
unmittelbar das Sterben, sondern kurz vorher. Dass sie aus dem Zimmer ins Neben- 
gemach geht, heisst wohl: Sie ist im Begriffe zu sterben. Möglich, dass sie die Kinder 
noch einmal sehen wollte." 

„Es ist sehr bezeichnend, dass sie das Mitleid nicht mit der Grossmutter, sondern 
mit der weinenden Mutter haben.'' 

„Und das ganze Versprechen heisst vielleicht: Ich will meine Liebe von der 
Grossmutter auf die Mutter übertragen." 

„Und kann anknüpfen an ein wirkliches Ehe versprechen des Kindes, zumal 
Kinder auf solche Art sehr häufig ihre Liebe dokumentieren. Das heisst dann nichts 
anderes als: Ich möchte mit dir zusammenschlafen, wie der Vater, der mit dir ver- 
heiratet ist. Und sie bereuten das vielleicht nachträglich, nachdem sie Bähen, dass 
ihre Mutter weniger auf ihre Liebe reflektierte, als auf die des Bruders." 

„Ja was sollte es anders? Der Traum ist so durchsichtig, dass 
kaum'ein ZweiTel bestehen kann, dass ich beim Sterben der Grossmutter war. 
Und dass ich ihr etwas besonderes Herzliches sagen will, beweist meine besonders 
grosse Liebe zu ihr." 

„Das Wesentliche des Traumes besteht darin, dasssie ihre 
Liebe auf die Mutter übertragen wollten und da eine grosse Ent- 
täusch ung erl ebten." 



A. 



586 Dr. Wilhelm Stekel, 

,,.Ta. Man kann sagen, bis dahin war ich mit der Grossmutter verheiratet, 
wir schliefen zusammen und jetzt wollte ich mit der Mutter schlafen. " 

„Und endlich beweist der Traum, was wir schon aus anderen Dingen 
erschlossen, dass die Launenhaftigkeit der Mutter die frühe grosse Enttäuschung 
setzte, auf Grund deren sie sich auf den Autoerotismus zurückzogen." 

„Gerade in der Zeit des ersten grossen sexuellen Vorschubs mit 2*/« Jahren 
ward ihm das Glück, die gesamte Liebe der Mntter auf sich zu ziehen durch seine 
lebensgefährliche Erkrankung und die ihr folgende Entfernung der Geschwister aus 
dem Hause. Bisher nämlich hatte er die Liebe der Mutter mit jenen nicht nur teilen 
müssen, das wäre ja der natürliche Fall, sondern war von ihr den beiden älteren 
und hübscheren Geschwistern allzeit arg hintangesetzt worden. Nun besass er zum 
erstenmal eine Mutter, mit der er zusammen schlafen durfte und die ihn mit Sorg- 
falt und Treue pflegte. Wie stark er sie damals geliebt haben muss, erweist uns 
ein von den Eltern berichteter, unscheinbarer Zug, der aber für den Analerotiker 
durchaus bezeichnend ist. Patient, der wiederholt darauf zurückkommt, erzählt dies 
so : „Ich hatte Diarrhöe und habe die Wand am Kopfende des Bettes auf ganz un- 
erklärliche Weise beschmutzt. Ob diese, ich muss schon sagen: Liebkosung am 
Kopfende nicht den Eltern zugedacht war? Was macht sonst der Kot an der Wand? 
Ich muss ganz besondere Veranstaltungen getroffen haben, sonst wäre es ja unmöglich, 
dass es am Kopfende geschah. Es war nicht bloss mit den Fingern hingeschmiert, 
sondern ich muss direkt hingemacht haben, denn Mutter schrieb: Auf ganz uner- 
klärliche Weise, und mit den Fingern wäre es ja nicht unerklärlich." 

„Es kann wohl nicht anders gewesen sein, als dass ich einen erotischen Sinn 
damit verband. Es muss einen Sexual akt mit meiner Mutter dargestellt 
haben". 

Damit beschliesse ich die Probe aus dem Schatzküstlein von Weis- 
heiten, welche uns die letzte Arbeit von Sadger erschliesst. Das soll 
eine Wissenschaft und das soll Traumdeutung sein! Sadger lenkt die 
Einfälle nach seinem ßelieben in die Mutterkomplexe „es muss schon so 
sein" . . . „so wird es gewesen sein" . . . „es kann nicht anders sein". — 
Nun möchte ich dem Kollegen Sadger doch zeigen, dass es anders 
sein kann, und dass der publizierte Traum eine ganz andere Bedeutung 
hat und höchstens einen Beweis liefert, dass Dr. Sadger in Traum- 
deutungen seinen Patienten furchtbar hereinfällt. Ein Traum, in der 
An alyse geträumt, beweist an und für sich gar nichts, 
und ein Patient endlos oft nach infantilen Traumen gefragt, so träumt 
er die schönsten Träume. Doch in diesem Falle ist nur eine ungeheuere 
Verhöhnung des Analytikers herauszulesen. 

Zuerst. . . Wer ist die Grossmutter des Traumes? Niemand anderer 
als Dr. Sadger. Wer es nicht glaubt, halte sich an Sadger, der auf 
beite 479 folgende Worte des Patienten (aus seinem stenographischen Pro- 
tokoll) berichtet. Man muss nämlich wissen: Sadger stenographiert 
hinter dem Patienten sitzend alle Aussprüche und auch seine eigenen 
Fragen. So kommt das enorme kostbare Material zustande. Nun der 
Patient sagt zu Sadger: 

„Sie, Herr Doktor, sind in Wirklichkeit auch immer 
eine schlechte Grossmutter gewesen und haben mir nie 
geholfen. Darum sind meine Träume so eigentümlich 
und setzen voraus, dass ich ungeheilt bin und dass es 
mir schlecht geht wie damals. Wozu noch der Wunsch 
kommt, Sie — — — — respektive die Grossmutter.. ." 



Fortschritte der Traomdeutung. 587 

Wir sehen, diese Deutung ist nicht schwer. Sadger ist die Gross- 
mutter. Er mag diese Identifizierung als Kompliment auffassen und 
nun die Liebe der Grossmutter beanspruchen. Sie enthält auch eine 
Schmähung und entwertet den Arzt; sie macht zu einem alten Weibe. 

Der Anfang des Traumes heisst also: Ich bin im Ordinationszimmer 
von Sadger, wo ausser mir noch andere Patienten in Behandlung stehen. 
Seine Tage sind gezählt. Ich werde die Kur bald abbrechen. Nicht nur 
ich allein. Alle anderen Patienten werden diese Kur aufgeben, ich werde 
sogar als letzter ihm den Abschied geben und meine Unhöflichkeit mit 
ein paar herzlichen Worten drapieren. 

Auch für diese Deutung findet sich auf Seite 479 in einer Anmerkung 
die Erklärung. Der Patient leistete sich mehrere Male während der Be- 
handlung den „Scherz", ihm einen Abschiedsbrief zu schreiben. Sad- 
ger erkannte sofort, dass der Patient nur auf die Aufforderung wartete, 
um zurückzukommen. Er baute ihm dann immer „eine Brücke". Das 
heisst, er forderte ihn mit dem Versprechen der Heilung auf, die Behand- 
lung fortzusetzen *). 

Doch setzen wir die Analyse fort. Wer ist die Mutter des Traumes? 
Diese Figur ist ein sehr durchsichtiges Symbol für die Neurose selbst. Seine 
Krankheit sträubt sich gegen das Gesundwerden und er sieht sie mit ver- 
weinten Augen. Die Neurotiker erzählen uns solche Dinge in der Behand- 
lung, wenn wir sie danach fragen und auch ohne Befragen. So gestand 
mir ein Zwangsneurotiker, dass er seine Krankheit seufzen höre : Lass 
mich leben, lass mich leben I ,.Der Kranke hat seiner Neurose die Ehe 
versprochen", d. h. er ist unlöslich mit seiner Krankheit verbunden, auf 
die er sehr stolz ist. Er bereut dies Versprechen, weil er fürchtet, dass 



i) Ich mochte über diesen Vorgang einige Worte sagen. Wie soll sich der 
Arzt verhalten, wenn der Kranke mit der Drohung kommt, dass er aus diesem oder 
jenem nichtigen Grunde die Behandlung abbrechen wolle? Ich ziehe in einem solchen 
Falle sofort alle Konsequenzen und breche die Behandlung ab, lasse mich vom 
Patienten bitten, sie fortzusetzen und dann kommt diese Drohung nie mehr vor. 
Bricht aber der Patient die Behandlung ab, dann ist der Widerstand so gross, dass 
jede Analyse illusorisch und überflüssig wird. Ich muss aber gestehen, dass diese 
Eventualität bei mir sehr selten ist. Ich mache es dem Patienten immer begreiflich, 
dass ich mir das Recht vorbehalte die Behandlung abzubrechen, wenn ich merke, 
dass die Aussichten einer Heilung schlechte und die Widerstände zu grosso sind und 
mache unter Umständen von der Drohung ausgiebigen Gebrauch, ja ich schrecke nicht 
davor zurück, die Behandlung in der Tat abzubrechen. Der Patient darf nie das 
Gefühl haben, dass der Arzt auf ihn augewiesen ist, dass er um ihn steht, sonst ist 
achon die ganze Analyse zum Teufel. Die Drohungen des Patienten dienen dazu, 
um den Arzt zu demütigen und über ihn zu triumphieren. Man muss es den Kranken 
begreiflich machen, dass ein Misserfolg sie trifft und nicht den Arzt. Gegen Sadger 
hatte der Kranke schon wegen der Konfession die grössten Widerstände, wie er mir 
gestand. Das war der Grund, weshalb ich den Kranken nach lnehrwöchentlicher 
Analyse fortschickte. Vielleicht bezieht sich auf diesen Gegensatz der Ausdruck 
des Traumes „ungläubiges" Lächeln. Nie darf der Analytiker dem Krankeu eine 
Brücke bauen, nie darf er ihn mit Bücksicht auf den Erfolg ersuchen, zu bleiben, 
ihm Versprechungen machen. ... Ich habe einen Patienten behandelt, der sechs Jahre 
über den Arzt triumphierte, der ihn immer wieder ersuchte zu bleiben. Nach sechs 
Jahren kam er zu mir und wurde in einigen Wochen gesund. 



588 Dr. Wilhelm Stekel, 

die Ehe bei ihrer Launenhaftigkeit nicht besonders angenehm sein wird." 
Die Krankheit ist ja kein Vergnügen und stört ihn empfindlich im Lebens- 
genuss. 

Aus diesem Traume ist aber ersichtlich, dass ein geheimes Gelübde 
den Kranken an die Krankheit bindet. Hier stossen wir auf das ,,J u n k t i m" 
Adler's oder auf den „neurotischen Konditionalsatz", wie ich 
dieses Symptom nenne. Solange er krank ist, wird der Vater leben .... 
oder so ähnlich lauten die Gelübde, welche sich solche Kranke geben. 
Ich habe schon vor vielen Jahren auf diese Todesklausel bei der Zwangs- 
neurose aufmerksam gemacht. Der Fetischismus ist nur eine bestimmte 
Form der Zwangsneurose und enthält alle Mechanismen der Zwangs- 
neurose. .... 

Jetzt lese man aber die Analyse Sadgers, die Analyse dieses 
„hochbedeutsamen Traumes", wie sich dieser Autor ausdrückt. Er meint, 
der Kranke hole den Abschied von der Grossmutter nach, findet eine 
Übertragung der Liebe auf die Mutter, beschreibt ausführlich die un- 
appetitliche Dreckszene und merkt nicht, dass der Traum besagt: Ich 
verlasse dich und will mir meine Krankheit, behalten, auch wenn sie mir 
einige Unannehmlichkeiten bereitet. 

Der Kranke studierte den ganzen Tag die Freud'sche Traumdeutung. 
Bort holte er sich die Waffen, um sich über'seinen Arzt lustig zu machen 
und über ihn zu triumphieren. Jede Traumanalyse ein neuer Triumph, 
jeder Tag der Analyse mehr eine grössere Demütigung des Arztes. 

Analytiker sein, heisst ebendieses feine Zwischen- 
spiel erkennen. Diese Leiden sind nur in der Hand des Stümpers 
unheilbar. Die Analyse ist ein herrliches Skalpell, mit dem der ge- 
schickte Operateur die grössten Neoplasmen operieren kann. In der Hand 
des Stümpers wird die Analyse und die Operation zur Farce und ein 
neues Trauma. 

Gerade die Traumanalyse kann uns ein sicherer Führer sein, ob 
wir uns auf dem rechten Wege befinden, kann uns ein Wegweiser sein' 
in dem Dunkel der Arbeit 

Ich komme häufig in die Lage, Träume zu analysieren, welche andere 
Analytiker bereits analysiert haben und staune jedesmal, wie blind die 
Kollegen sind. Sie warten auf die Einfälle des Kranken und übersehen 
die wichtigste Einstellung, die gegen den Arzt. 

So hatte ich jetzt Gelegenheit, einen psychoanalytischen Ahasver 
zu untersuchen, der bereits vier Ärzte mit seiner Neurose beschäftigt hatte. 
Der erste in München hatte ihn über ein Jahr lang und dann später wieder- 
holt analysiert, schickte ihn dann nach Wien, wo er auch viele viele 
Monate bei einem erfahrenen Analytiker in Behandlung stand. Man glaube 
nicht, dass diese Kranken über die Analytiker immer ungehalten sind. Im 

Gegenteil! Sie loben sie über den grünen Klee — aber sie werden 

nicht gesund. So kenne ich einen Patienten, der auch in psychoanalytischen 
Blättern mitarbeitet und sehr schöne Beiträge liefert, aber er behält trotz 
dreijähriger Behandlung seine Platzangst bei und bleibt weiterhin krank. 
Mit der Krankheit schmäht und straft er seinen Arzt. Dieser Arzt, einer 
der besten seines Faches, erkannte nicht, dass der Patient ihn scheinbar 
bewunderte und sich innerlich über ihn lustig machte. So konnte der 
Kranke eine Zeitlang seinen Stuhl nur in der Wohnung des Arztes ab- 



Fortschritte der Traumdeutung. 

setzen und Hess sich sogar des Nachts die Wohnung öffnen, um sein 
Bedürfnis zu verrichten und .... das wurde ihm gestattet! 

Der Kranke aber, von dem ich jetzt spreche, erklärte sich als 
gesund. Er arbeitete nicht, machte keine Prüfung, der Weg zum Weibe blieb 
ihm nach wie vor verschlossen, aber die Analyse mehrerer Jahre hatte 
sein Persönlichkeitsgefühl gesteigert und die Minderwertigkeitsgefühle in 
den Hintergrund gedrangt. 

Wie kam das zustande! Nicht durch die Psychoanalyse! Nein, 
nur weil die Analytiker ihm nicht geholfen hatten, weil er über vier 
kluge Menschen triumphieren konnte, er, der Neurotiker, der Kranke, der 
Schüler über seinen Lehrer. Das Misslingen der Analyse hatte 
ihn stolz gemacht und er arbeitete nun daran, sich 
selbst zu heilen und zu analysieren.- Er analysierte 
viele Stunden täglich, blieb so krank wie zuvor und 
fühlte sich gesund. ... 

Solche Schleichwege geht der Neurotiker und die Ärzte nehmen seine 
Worte für bare Münze. Ärzte, die er schätzte, suchte er nicht auf, weil 
er sie fürchtete. Er besuchte Freud nur einmal, kannte Adler sehr 
genau und fürchtete ihn, wäre auch nicht zu mir gekommen, wenn nicht 
ein harmloses Feuilleton aus meiner Feder ihm Mut eingeflösst und die 
Gewissheil gegeben hätte, auch mich niederzuringen, über mich zu trium- 
phieren und seine Neurose zu behalten. Ich stellte ihm als Aufgabe, zwei 
beliebige Träume aus den früheren Behandlungen zu bringen, die nicht 
erklärt werden konnten. Ich überliess ihm die Auswahl, weil ich wusste, 
dass jeder Traum sein Verhältnis zum Arzte und zur Psychoanalyse be- 
handeln werde. 

Der erste dieser Träume folgt nun samt den Einfällen des Kranken : 

„Mir träumte, ich befände mich in einem Hörsaal 
der Universität, in welchem soeben Professor Schick 
seine Vorlesung beginnen sollte. Statt seiner erscheint 
ein anderer Dozent — : ich bin in einen falschen Hör- 
saal geraten. Ich will den Hörsaal verlassen und den 
Hörsaal Professor Schick's aufsuchen, um sein mir sehr 
wichtiges Kolleg nicht zu versäumen, doch am Aus- 
gang des Auditoriums angekommen, fällt mein Blick 
auf den Dozenten und ich bleibe in dem falschen Hör- 
saal um ihm zuzuhören. Es ist nämlich der berühmte 
neue Privatdozent der Germanistik Scherer (NB. ein 
Phantasieprodukt). Er hat ein nicht unsympathisches 
Äussere, dunklen Tituskopf, goldene Brille, gestutzten 
Schnurrbart, und trägt sehr interessant und mit sym- 
pathischer Schlichtheit sprachgeschichtliche Pro- 
bleme vor. Dabei verwandelt er sich nach und nach in 
einen ekelhaften Kerl, mit weichem gepflegtem Kopf- 
und Barthaar (Vollbart), zarter Gesichtshaut, mädchen- 
haften hellblauen Augen, affektiertem Vortrag. Er be- 
handelt plötzlich irgendwelche ästhetische oder litte- 
rarische Fragen, wobei eine gekünstelte, süsslich- 
sentimentale Auffassung zutage tritt, die sich ihrer 
Wirkung auf die anwesenden weiblichen Zuhörer b e - 

Zentnüblatt fllr Psychoanalyse. 1Y"/ 1 ». 39 



590 Dr- Wilhelm Stekel, 

wusst ist. Ich fühle Abscheu gegen diesen femininen 
Kerl. Ich nehme immer deutlicher weibliche Züge an 
ihm wahr, bis er auf einmal in einem dekolletierten 
grünen Kleid auf dem Katheder steht. Ich denke mir: 
„Jetzt ist der Kerl doch ein Frauenzimmer und merkt 
es nicht." Inzwischen geht wieder eine Metamorphose 
vor sich (oder habe ich dies schon vorher geträumt?). 
Der Mann steht in einem blauen Saccoanzug auf dem 
Katheder; dabei ist sein Hosentürl offen. Zu meinem 
Schrecken scheint er plötzlich mein ironisches Lächeln 
wahrzunehmen. Doch nein, dies Lächeln ist ihm nicht 
nur an mir aufgefallen, sondern am ganzen Auditorium. 
Und die Ursache dieser Heiterkeit ist nicht sein femi- 
nines Aussehen — denn er hat auf einmal wieder ein 
ganz männliches Äussere und trägt einen blauen Sack- 
anizüg — , sondern sein Hosentürl ist offen und zwar 
einschliesslich des obersten Knopfes, so dass es in 
Form eines Dreiecks offen steht, dessen Spitze unten 
beim Penis ist. Der Dozent entdeckt den Toiletten- 
mangel, zeigt jedoch nicht die Spur von Befangenheit, 
sondern beginnt in durchaus, männlich -sachlicher 
Weise dem Übelstand abzuhelfen. Die Sache ist aber 
merkwürdig umständlich. Sein Penis ist nämlich in 
dunkelblaue Stoffbinden gewickelt, die sich gelockert 
haben, und die er erst sorgfältig wieder herumwickelt. 
Auch ist ein brauner Lederriemen sichtbar, den ich mir 
merkwürdigerweise als zu einem Suspensorium gehörig 
erkläre. Ein Suspensorium trägt auch mein Freund T. , 
der sich überhaupt auf alle Fragen der Toilette, der 
Sexualhygiene besser versteht wie ich, der mit Weibern 
sicher umgehen kann, ,weil er seiner nie versagenden 
männlichen Kraft sich be wusst ist'." 

Einfälle zum Traum: 

Falsches Auditorium: Hemmungsmotiv : Ich mache wieder einmal etwas 
verkehrt; ich versäume ein Kolleg. Ich versäume ein Kolleg Schicks. Schick gegen- 
über habe ich überhaupt ein schlechtes Gewissen, weil ich ihm immer noch nicht von 
einem günstigen Fortgang meiner Spezialarbeit berichten konnte. Der Dozent Scheret 
ist eine Verdichtung aus einer Anzahl von Personen. 

„Scherer": Ich habe mir neulich Johannes Scherrs Schillerbiographie gekauft. 
Wilhelm Scherer ist berühmter Literarhistoriker, einer der Literarhistoriker, die mit 
ein Muster und Vorbild sind, die ich beneide. Ein ganzer Kerl. Mir fällt auch der 
Name Scheeler ein. Der .Fall Scheeler." 

Weiches Haar: Neulich einem alten Schulkameraden begegnet. Sein flaumiges 
Haar und kindliches Gesicht stand in komischem Kontrast zu seiner Einjährigen-Uni- 
form. Im Seminar ist auch ein junger Mann mit flaumigem Haar und zartem Teint. 

Zugleich trägt der Dozent Züge des Privatdozenten Dr. B. und Professor S. 

Die etwas gekünstelte, sentimentale und etwas auf Erfolg bei den Damen 
spekulierende Ästhetik ist ein Zug, über den ich mich manchmal bei Sieger ärgern 
zu müssen glaubte. 

In dem Ekel am Femininen verbirgt sich der Ekel vor meinen eigenen femininen 
Charakterzügen. Offene Hosentüre ist Hemmungsmotiv? Es ist wieder einmal etwas 



Fortschritte der Traumdeutung. 591 

bo, wie es nicht sein sollte. Man wird mit dem Objekt und seiner Tücke nicht fertig, 
denn man ist verträumt und zerfahren. 

Zugleich exhibitionistisches und Voyeur -Motiv. Mir fällt jetzt ein weiteres 

Stück des Traumes ein: 

Während der Dozent mit dem Ordnen seiner Toilette beschäf- 
tigt ist, beobachtet ihn eine Hörerin und macht dabei onanierende 
Bewegungen mit den Oberschenkeln. 

Dies ist eine Erinnerung an eine Beobachtung, die ich neulich im Kolleg 
machte. Vor mir sass eine ziemlich sinnlich (autoerotisch?) aussehende Hörerin, 
die sich sichtlich langweilte und dabei wippende Bewegungen mit den Beinen machte. 
Ich überlegte mir einen Augenblick ob ich nicht mit einer Bolchen autoerotiechen 
Person anbändeln sollte und ob dies nicht viel gegenseitige Befriedigung mit sich 
brächte. Doch würde hier die Gefahr liegen, dass ich mich dabei zu stark auf ein 
perverses Sexualziel fixierte. 

Die Unbefangenheit des Dozenten beim Wahrnehmen des offenen Hosentürla 
ist eiüe Wunscherfüllung: So unbefangen möchte man in solcher Situation sein. Der 
blaue Anzug: Gestern überlegte ich mir in der Vorlesung: „Hat Seh. einen blauen 
Saccoanzug oder einen schwarzen Jackettanzug an?" 

Ich hatte selbst ausnahmsweise einen schwarzen Jackettanzug an, da ich vor 
dem Kolleg einen Besuch gemacht. Wenn wir nun beide schwarze Röcke anhätten, 
würde das Auditorium glauben, wir kämen beide von irgend einer besonderen aka- 
demischen Feier, die nur dem Lehrkörper und einigen Bevorzugten zugänglich gewesen 
sei, und solch ein Bevorzugter sei ich gewesen. Derartige lächerliche, kindisch-eitle Vor- 
stellungen kommen mir oft zwangsartig, d. h. ich weiss, dass sie lächerlich und 
kindisch sind und kann ihnen trotzdem nicht widerstehen. 

Die blauen Binden sind eine Verdichtung aus den blauen Reformunterhosen, 
die mein Mädel trägt, und aus den Monatsbinden, von denen sie neulich einmal sprach. 

So weit gehen die Einfälle des Patienten. Der Traum wird sofort 
durchsichtig, wenn man für den Professor Schick den Professor Freud 
setzt den er aufsuchen wollte und auch später aufsuchte, und für den 
Privätdozenten einen seiner Schüler, Dr. X., der ihm immer in dozierendem 
Tone Vorträge über die Charakterologie des Neurotikers hielt. Man be- 
achte aber die Fülle von Schmähungen, mit denen er seinen Arzt über- 
häuft! Er ist in einem falschen Hörsaal, am unrechten Orte, der Arzt, 
anfangs sympathisch, wird ein ekelhafter Kerl, der sich über Litteratur 
und sprachgeschichtliche Probleme unterhält, er ist ein femininer Kerl, 
gegen den er Abscheu empfindet, er merkt nicht, dass er sich über ihn 
lustig macht (das ironische Lächeln). Die ganze Analyse ist nichts als 
eine Art geistiger Onanie, der Arzt exhibitioniert selbst, wobei die Wunsch- 
erfüllung nach einer praktischen sexuellen Kur mächtig durchbricht. 

Jetzt vergleiche man mit dieser Deutung die Einfälle des Träumers 
und lerne, wie schlaue Patienten die geistreiche Methode Freud's ad 
absurdum führen können. 

Nun betrachten wir den zweiten Traum, der bei dem Wiener Psycho- 
analytiker geträumt wurde. 

„Ich träume, ich gehe mit Freunden, darunter 
Leutnant 0., in den westlichen Stadtteilen von Wien 
(oder ist es München?). Auf einmal stehen wir vor einem 
Gebäude, das an das R eic hs tagsgebäude erinnert, zu- 
gleich aber auch ans Burgtheater. Wir gehen hinei-n, 
denn drinnen soll eine Sitzung des neuen Redevereins 

39* 



592 Dr. Wilhelm Stekel, 

sein — oder es wird durch klassische Philologen, unter 
Leitung meines früheren Münchener Gymnasialrektors, 
eine Tragödie des Sophokles aufgeführt. Wir gehen in 
den Gängen des Theaters und treffen dort überall auf 
Mitwirkende — des Dramas — oder sind es am Ende die 
Redner des Rede Vereines? Wir treffen zwei Leute in 
einer Loge, jedoch vom übrigen Zuschauerraum durch 
eine Glastüre getrennt. Sie haben gut geschnittene, 
etwas antik anmutende Gesichter, schauen aber doch 
auch wieder ziem 1» ich philologenhaft aus. Sie haben es 
entsetzlich wichtig und gestikulieren auf die Bühne 
hinunter, die sich, wie im antiken Theater, dort befindet, 
wo bei uns sonst die Parkettsitze sind. Eben scheint 
ein Akt vorüber zu sein; auf der Bühne bewegen sich 
noch allerhand Leute, ich glaube, eine sehr nette 
antike Choristin zu sehen — doch nein, das Mädchen 
trägt ja moderne Kleider, grün mit rot. Nun verwandelt 
sich die Sache auf einmal in eine Art Ballsaal — eine 
ungemein elegante und erlesene Gesellschaft, mein 
erster Wiener Ball. Die Sache ist mir etwas ungemüt- 
lich — — , denn ich habe schlecht sitzende Frack hosen 
anundfühlemichziemlichalsoutsider. DasParkettdes 
Bodens verwandelt sich nun auf einmal in Kunsteis und 
ich habe Schlittschuhe an den Füssen. Ich spreche mit 

ein paar Freunden und sage, man hätte den Eisplatz doch 
nicht so uneben anlegen sollen, es sind ja ganze Hänge 
•da, das reinste Skiterrain. Meine Freunde sagen, das 
sei ja gerade das schöne und neue. Ich komme mir däm- 
lich vor. Nun versuche ich aber doch das Laufen, und 
es geht ausgezeichnet, abwärts und aufwärts, nun auf 
ein erGruppe Mädchenzu.mitdenenichm ichunter halte, 
dann geht's wieder weiter, steil abwärts, dann kommen 
Treppen; ich bin so im Schuss, dass ich nicht anhalten 
kann, aber siehe, ich gleite auch die Treppen anstands- 
los hinunter und habe eine grosse Freude, ein so guter 
Schlittschuhläufer zu sein." 

Nachtrag: „Während der Theatervorstellung trägt 
sich etwas ganz Grausiges auf der Bühne zu; ich weiss 
nicht was. Der ganze Zuschauerraum fängt an, mastur- 
ba torische Bewegungen zu machen; ich sehe eine Dame, 
die über ihrem Rock masturbatorische Bewegungen an- 
deutet, und es ist, als habe sie unter ihrem Rock ein 
erigiertes männliches Glied. Ich blicke noch einmal im 
ganzen Zuschauerraum herum. Ich befinde mich auf 
einerArt Galerie, wo die Zuschauermerkwürdigerweise 
seitlich sitzen, das heisst, nicht mit dem Gesicht gegen 
dieBühne. DieSitzesindgrüngepolstertwiedie II. Klasse 
derbayerischen Bahnen. Und nun sehe ich, es sind keine 
masturbatori sehen Bewegungen, was die Leute machen, 
sondern die Sitze bewegen sich unter ihnen, so dass 
die Leute in seltsamer Weise geschaukelt werden. Ich 



Fortschritte der Traumdeutung. 593 

selbst sitze auf so einem merkwürdigen Sitz. Er ist 
zweigeteilt, hat einen merkwürdigen Spalt, und die 
beiden Teile bewegen sich abwechselnd auf und ab, ein- 
ander entgegengesetz t." 

Ich will ja nicht bestreiten, dass der Traum sehr wichtige Deter- 
minationen enthält, die ich nicht sehe. Ich will nur die Stellung gegen 
den Psychoanalytiker hervorheben. Die Analyse ist ein Theater, der psycho- 
analytische Verein ist ein Redeverein; die Philologen und die Antiken ver- 
bergen die Schmähung, dass es sich meistens um Juden handelt; die 
Tragödie des Sophokles ist der berüchtigte Ödipuskomplex; die Loge scheint 
mir auf Freimaurerei zu gehen. Wie offen bricht die antisemitische Ver- 
höhnung in dem Satze durch: „Sie haben es entsetzlich wichtig und 
gestikulieren auf der Bühne, die sich wie im antiken Theater dort be- 
findet, wo bei uns die Parkettsitze sind." Das heisst mit anderen Worten: 
Die Analytiker bilden sich ein, wichtige Dinge zu verhandeln und . . . 
Die Deutung ist ja. klar genug. Der Triumph des Kranken bricht durch 
das Traumbild. Er ist oben auf der Bühne und der Analytiker unten 
im Parkett. Eigentlich spielt er, der Zuhörer, seinem Lehrer die Komödie 
vor. Wieder wird der Lehrer entwertet und zum Weibe gemacht, wieder 
wird die Analyse als eine geistige Onanie erklärt, weil man immer von 
sexuellen Komplexen sprechen müsse. Die ganze Analyse ist dem Träumer 
ungemütlich, er passt in diese Gesellschaft nicht hinein. Aber er lernt 
auch das. Er bewegt sich auf dem schlüpfrigen Terrain der Analyse (Eis!) 
mit grosser Geschicklichkeit, nimmt alle Hindernisse. ... Die Analyse 
macht ihm ein grausiges Vergnügen, weil er über erotische Themen 
sprechen kann. Er ist das Mädchen mit dem Penis, der während der 
Stunde onaniert Die Bipolarität seiner Seelenströmungen dem Ana- 
lytiker gegenüber (Liebe und Hass — Bewunderung und Verachtung) kommt 
La dem merkwürdigen Sitz zum Ausdruck, der zweigeteilt ist. Es ist sein 
Standpunkt, der bipolare Standpunkt des Neurotikers. 

Und nun beschliesse ich diese kleine Auswahl. Ich hoffe, dass sie 
meinen Kollegen, die Psychoanalyse treiben, einigen Nutzen gewähren 
wird. Sie wird sie jedenfalls belehren, dass wir in der Deutung der Träume 
sehr vorsichtig sein müssen. Wir tragen alle — ich kann mich nicht 
ausnehmen — unseren Geist in die Träume der Kranken hinein. Aber 
diese Gefahr ist noch geringer, als wenn wir uns ohne Kritik dem Geiste 
des Träumers überlassen. Der Einfall des Träumers muss ebenfalls kritisch 
betrachtet werden. Darum erfordert die Traumdeutung eine Art künst- 
lerischen Erfassens. Sie lässt sich nicht erlernen, sie ist eine Kunst, 
und über alle Regeln steht die Intuition des Deuters. 
Hat er die Gabe der Einfühlung und die Ruhe des Eindenkens, dann wird 
ihm die richtige Deutung einfallen. Niemals kann er etwas „erraten", 
wie viele Kollegen mir vorwerfen. Ich errate nichts. Ich finde, was ich 
sehe. Ich sehe aber sehr viel, was die anderen nicht sehen. Das macht 
es mir möglich, Traumdeutungen zu geben, die unwahrscheinlich scheinen. 
Ich lasse mich aber von dem Gesetze der inneren Wahrheit leiten. Gegen 
dieses habe ich nie gesündigt und eine spätere Zeit wird das erst erweisen, 
was ich für die Traumdeutung geleistet habe. Freud hat mir die Bahn 
eröffnet und ich will ihm immer dafür dankbar sein. Das verpflichtet 
mich aber nicht, nur in seinem Stollen zu schürfen. Wir sollen alle 
unsere Wege gehen, die irgendwo zusammentreffen müssen, wenn ÖS 
richtige Wege sind 

Wien, im Juni 1914. 



L 



IV. 

Die Objektwahl in der Liebe. 

Von weiland stud. med. Ernst Marcus, Wien. 



Freud hat uns gelehrt, dass es im Seelenleben nichts Zufälliges 
gibt. Was bei oberflächlicher Betrachtung zufällig, unbegründet erscheint, 
ist in Wirklichkeit sehr genau bestimmt, determiniert, meist sogar bedeutend 
überdeterminiert durch Vorgänge, die unbewusst bleiben, sich also der 
direkten Beobachtung entziehen, so wie oft das Handeln eines andern 
unvernünftig und unbegründet erscheint, weil wir seine Beweggründe nicht 
kennen. Wir haben gelernt, dass Allgemeingefühle, Stimmungen nichts 
anderes sind als Spiegelungen unbewusster Urteile, dass uns etwas Lust- 
oder Unlustvolles bevorsteht; dass Sympathie, Gefühle, Vorurteile, die 
wir einer Person oder einer Sache entgegenbringen, auf unbewussten Ur- 
teilen beruhen, wir hätten von dieser Person Lust oder Unlust zu erwarten. 
Es sind dies Urteile, die meist wieder auf unbewusste Erinnerungen an 
eine andere Person oder Sache zurückgehen, die mit der vorliegenden irgend 
einen Zusammenhang hat — und mag er auch nur auf einer ganz ober- 
flächlichen, unlogischen Assoziation beruhen — und an die sich eine 
lust- oder unlustvolle Erinnerung knüpft. Kurz, was im Seelenleben unbe- 
gründet und zufällig erscheint, hat doch eine Begründung, die nur unbe- 
wusst bleibt, teils wegen ihrer geringen Bedeutung und Oberflächlichkeit, 
teils — und dieser Fall ist der wichtigere — aus anderen Gründen (Ver- 
drängung). Freud hat so das Kausalitätsprinzip, das bisher 
nur in der Physik galt, auf die Psychologie ausgedehnt. 

Diese Erkenntnis, die aus Beobachtungen und Analysen an Kranken, 
später an Träumen und Fehlhandlungen Gesunder gewonnen wurde, ist 
dazu angetan, unsere ganze Psychologie einer Revision zu unterwerfen. 
Was bisher als letztes, nicht mehr analysierbares Element gegolten hat, 
wird zum Resultat vieler kleiner und kleinster Faktoren und Summanden, 
und so erscheint es auch nicht mehr aussichtslos, den Vorgang einer 
Analyse zu unterwerfen, der bisher immer als der geheimnisvollste, wahl- 
loseste gegolten hat, dem mit Vernunft und Analyse beikommen zu wollen, 
ein aussichtsloses Unterfangen schien : ich meine die Liebe oder, prä- 
ziser ausgedrückt, die Objekt wähl in der Liebe. Es galt bisher als 
sinn- und aussichtslos zu fragen, warum sich ein Mensch gerade in diesen 
und keinen andern Menschen verliebt. „Ich liebe dich, weil ich dich 
lieben muss — ich liebe dich, weil ich nicht anders kann — ich liebe dich 
durch einen Himmelsschluss — ich liebe dich durch einen Zauberbann — 
ich. lieb' dich, wie die Rose ihren Strauch — ich lieb' dich, wie die 
Sonne ihren Schein — ich lieb' dich, weil du bist mein Lebenshauch — 



Ernst Marcus, Die Objekt wähl in der Liebe. 595 

ich lieb' dich, weil dich lieben ist mein Sein" singt Rückert und gesteht 
mit all den vielen Worten nur seine Ratlosigkeit dem Problem gegenüber 
ein. Und wenn man einen beliebigen Verliebten fragt, warum, so bekommt 
man die stereotype Antwort, „ich weiss nicht, ich hab' ihn (sie) eben lieb". 

Nun, mit Vergleichen, wie Rückert sie bringt, ist uns nicht geholfen 
und einen „Himmelschluss" oder „Zauberbann" kann die Psychologie 
nicht brauchen. Wir wollen daher zu unserer obigen Annahme zurück- 
kehren, dass jedes scheinbar unbegründete psychische Geschehen, also 
auch jede Liebe auf viele Gründe zurückgeht, die unbewusst 
bleiben, und wollen weiter versuchen, diese Gründe zu finden. Zu- 
nächst wollen wir noch bei einer Analogie verweilen. Freud hat gezeigt, 
dass die Psychoneurosen ebenfalls auf viele unbewusste Gründe zurück- 
gehen und da niuss uns wieder auffallen, dass die Liebe vielfach mit einem 
Wahn verglichen worden ist. Der Volksmund tut es und Dichter und 
Philosophen tun es auch. So hat zum Beispiel Schopenhauer 1 ) ver- 
sucht, diesen Wahn biologisch zu erklären. Wir werden darauf noch 
zurückkommen. 

Freud hat gezeigt, dass die letzten Ursachen der Neurosen bis 
in die früheste Kindheit zurückgehen. Und auch für die Objektwahl hat 
er uns einen höchst bedeutsamen Fingerzeig gegeben; er hat nämlich 
gezeigt, dass speziell bei späteren Neurotikern, aber auch bei Individuen, 
die gesund bleiben, die erste infantile Libido ihr Sexualobjekt in den 
Eltern, vornehmlich der Mutter, und anderen Personen, mit denen das 
Kind in Berührung kommt, wie Ammen u. dgl., sucht und findet und dass 
die spätere Objektwahl hierdurch beeinflusst wird, indem das infantile 
Sexualobjekt wiedergesucht und in geeigneten Personen wiedergefunden 
wird. Er hat auch darauf hingewiesen — allerdings handelt es sich hier 
nicht um das erste Sexualobjekt — , dass die Erziehung von Knaben durch 
männliche Personen Entstehung von Homosexualität begünstigt (Erziehung 
durch Sklaven im klassischen Altertum, durch Hofmeister in Adels- 
häusern 2 )). C. G. Jung (Zürich) hat in einer interessanten Abhandlung 
die eminente Bedeutung des Vaters für die spätere Objektwahl gezeigt 3 ). 

Somit haben wir ein Moment gefunden, das für die spätere Objekt- 
wahl ungemein wichtig ist: die infantile Konstellation. Der Ein- 
wand, dass das nur für spätere Neurotiker gelte, ist nicht stichhaltig; 
denn es hat sich gezeigt, dass es zwischen Neurotikern und Gesunden 
überhaupt keine festliegende Grenze gibt, dass dieselben Umstände, 
die bei späteren Neurotikern krankheitbildend wirken, auch bei Menschen 
wirken, die gesund bleiben. Neurotisch werden eben die, bei denen diese 
Umstände ungünstig waren. In den von Jung mitgeteilten Fällen handelt 
es sich auch durchwegs um ganz leichte Fälle, um Menschen, bei denen 
die Erkrankung spät aufgetreten und von kurzer Dauer war und von der 
Umgebung wahrscheinlich kaum als solche erkannt wurde. Die krank- 

i) Die Welt als Wille und Vorstellung, II. Band, Ergänzungen zum 4. Buch, 
Kapitel 44, Metaphysik der Geschlechtsliebe. 

2) Freud, 8 Abhandlungen zur Sexualtheorie. Deuticke, Wien und Leipzig 
J905. 2. Auflage 1910. p. 76. 

8) C. G. Jung, Die Bedeutung des Vaters für das Schicksal des einzelnen. 
Jahrbuch für psycho-analytische und psycho-pathologische Forschungen, IL Band; 
Sonderabdruck Deuticke 1909. 



1 



596 Ernst Marcos, 

haften Symptome waren nichts weiter als Depression, nächtliche Angst, 
ängstliche Träume, schlechter Schlaf, leichte nervöse Zuckungen, „Ner- 
vosität". Die Analyse gelegentlich der Behandlung dieser fast gesunden 
Personen hat dann die eminente Bedeutung der infantilen Kon- 
stellation, speziell des Vaters gezeigt. Es ist daher anzunehmen, 
dass sich auch bei ganz gesunden Personen die Bedeutung dieses Faktors 
zeigen müsste, wenn eben eine Analyse vorgenommen würde, allerdings 
kaum so scharf ausgeprägt, da eben die scharf ausgeprägte und ungünstige 
infantile Konstellation in diesen Fällen eine unzweckmässige Objektwahl 
erzwungen und im weiteren Verlauf — die Patienten standen im Alter 
von 34, 36 und 55 Jahren, vorher hatten sich keine krankhaften Symptome 
gezeigt — die krankhaften Zustände hervorgebracht hat. An dieser Stelle 
sei auch bemerkt, dass es voraussichtlich kaum je dazu kommen wird, 
die Richtigkeit der weiteren Angaben dieser Arbeit au einer vollständigen 
Analyse der Liebe eines Gesunden zu erweisen. Denn die Psychoanalyse 
dringt in die geheimsten Regungen des Analysanden ein, deckt Wünsche 
auf, die er vor sich selbst verheimlicht, und niemand wird sich daher 
ohne Zwang dieser Entblössung unterwerfen wollen. Ausserdem bewirkt 
die Aufdeckung der Gründe eines Wahns dessen Aufhebung — dies ist die 
therapeutische Wirkung der Psychoanalyse bei Neurotikem und ihre eigent- 
liche Bedeutung — und kein Liebender wird seinen Wahn, den er mit vollem 
Recht für sein höchstes und heiligstes Gut ansieht, der Wissenschaft opfern 
wollen. Es sei denn, dass ein unglücklich Liebender seine Lage so schwer 
empfindet, dass er sich entschliesst, für seine Erlösung die tiefsten Geheim- 
nisse seiner Seele preiszugeben, Aber eine schwere unglückliche Liebe 
erzeugt wieder immer mehr oder minder schwere oder leichte neurotische 
Symptome, so dass denjenigen, die von vornherein nicht glauben wollen, 
wieder die Ausrede bleiben wird, es habe sich in dem analysierten Fall 
um einen Neurotiker gehandelt. Auf eine vollständige Analyse eines Ge- 
sunden werden wir also wohl wahrscheinlich verzichten müssen. Es 
bleiben uns nur die Analysen an Neurotikern und die Beobachtungen, die 
man gelegentlich an Gesunden machen kann. Audi die Literatur kann 
uns helfen. Ich will diejenigen Beobachtungen, die mir momentan zur 
Verfügung stehen, an dieser Stelle wiedergeben. 

I. Der häufig vorkommende Fall, dass die Liebe von dem ursprüng- 
lichen (tatsächlichen oder erwünschten) Sexualobjekt auf eine demselben 
ähnliche oder nahestehende Person übertragen wird (besonders wenn das 
ursprüngliche Objekt unerreichbar oder nicht mehr erreichbar scheint), 
wie z. B. auf Geschwister, Freunde, Personen in gleicher Lebensstellung, 
in gleichem Beruf. 

II. Ein junger Mann verliebt sich in ein Mädchen mit folgenden 
Eigenschaften: 1. Sie hat denselben Vornamen wie seine „erste" Liebe. 
Sie wird zwar mit einer anderen Abkürzung gerufen, aber auch bei der 
Ersten wurde hie und da die Abkürzung der Zweiten gebraucht. 2. Ihr 
Zuname ist dem Vornamen eines Mädchens, für das er sich kurz vorher 
interessiert hatte, fast gleichlautend. Der Betreffende will sich erinnern, 
die beiden Namen tatsächlich manchmal verwechselt zu haben. 3. Sie 
wohnt in derselben Gegend der Stadt, wie die beiden oben Erwähnten. 

4. Ihr Vorname ist dem Vornamen seines besten, langjährigen Freundes, 
dem er gerade damals sehr grossen Dank schuldig war,, fast gleichlautend. 

5. Sie sieht angeblich einem Mädchen ähnlich, das ihn unmittelbar vorher 



Die Objektwabl in der Liebe. 597 

ganz ausserordentlich interessiert hat. (Dieser letzte Punkt hat nicht 
dieselbe Bedeutung, wie die früheren; vielleicht ist die Sache umgekehrt zu 
nehmen; er hatte sich für das Mädchen schon interessiert, bevor er die 
Letztgenannte kennen lernte; die Liebesstunden, die er mit dieser ver- 
lebte, mögen dann, als das zu Ende sein musste, wieder verstärkend auf 
die Neigung zur andern gewirkt haben.) 

III. Ein Mädchen verliebt sich im Verlauf zweier Jahre in vier 
Männer, von denen sie behauptet, dass sie einander alle gcwissermassen 
ähnlich sehen, dass sie „denselben Typus" haben. Weder ich selbst, noch 
andere, die ich danach gefragt habe, konnten eine Ähnlichkeit konstatieren, 
sie selbst kann nicht angeben, worin diese Ähnlichkeit besteht (das tertium 
comperationis ist eben ein Moment, das nur für sie persönlich Bedeutung 
hat und ihr selbst unbewusst). 

IV. Ein Mädchen erklärt von Kindheit an einen bestimmten männ- 
lichen Vornamen für seinen Lieblingsnamen und verliebt sich dann auch 
tatsächlich in einen Träger dieses Namens. Dass in diesem Falle der Vorname 
tatsächlich von Bedeutung war, geht aus folgendem Vorfall hervor: Sie 
ruft einen andern, für den sie sich später leicht interessierte, in einem 
Augenblick plötzlicher Gefahr mit dem ominösen Namen; allerdings hatte 
der Name des Betreffenden grosse Ähnlichkeit mit dem gerufenen. Der- 
selbe Vorgang wiederholte sich noch denselben Tag mit einem Dritten, 
der einen grundverschiedenen Namen trug. 

Die Lehren, die wir aus diesen Beobachtungen sowie aus der Analogie 
mit der oben besprochenen infantilen Konstellation ziehen, wollen wir 
später besprechen. Zunächst wollen wir trachten, der Frage theoretisch 
näher zu kommen. 

Wir müssen hierzu wieder auf die Arbeiten Freuds und seiner 
Schule zurückgreifen. Freud selbst hat gezeigt, dass das Kind 
„polymorph pervers" veranlagt ist 1 ), d. h. dass die Anlage zu allen 
Perversionen zur Zeit der infantilen Sexualität in jedem Menschen vor- 
handen sind und erst während der „Latenzperiode" 2 ) grösstenteils 
verdrängt werden, also auchdiePer Versionen, diedasSexual- 
objekt betreffen. Für uns kommt hier nur der Gegensatz „hetero- 
sexuelle Liebe — homosexuelle Liebe" in Betracht. Aber seine Analysen 
und die seiner Schüler haben, noch mehr gezeigt. Wir haben nicht nur die 
Möglichkeit, uns in jeder Richtung zu verlieben, sondern überhaupt in 
jeden einzelnen Menschen, wenn er nur der einmal fixierten Richtung 
angehört. Bei vielen Menschen, bei denen eine derartige Fixierung nicht 
stattgefunden hat, den Bisexuellen, fällt auch diese Beschränkung weg. 
Bei genügender Aufrichtigkeit gegen sich selbst kann jeder sehn, dass er zu 
fast jedem Weib resp. Mann seiner näheren oder sogar ferneren Bekannt- 
schaft sexuelle Phantasien gehabt hat. Mit überzeugender Beweiskraft 
lehren das die Analysen, aber bei genügender Selbsterkenntnis kann es 
jeder selbst erkennen. Schon dem prüfenden Blick, mit dem wir jede Person 
des andern Geschlechts ansehn, die wir kennen lernen, und unserem 
Urteil über ihre Schönheit liegen sexuelle Beweggründe zugrunde. Stekel 
hat dies zum erstenmal präzis ausgesprochen : „E s g i b t z w i s c h e n z w e i 

i) Freud, 1. c. p. 49. 
2) Freud, 1. c. p. 32 ff. 



598 Erost MarcuB, 

Menschen keine andere Beziehung als die erotische 1 )." 
Auf Stekel's bedeutsame Ausführungen über die Entstehung der Liebe 
aus Hass brauchen wir hier nicht eingehen, weil wir uns nicht mit der 
Psychologie der Liebe, sondern nur mit der Psychologie der Objektwahl 
beschäftigen. 

Die Seele des Kindes ist ein unbeschriebenes Blatt. Sie allein 
hat noch die oben angeführte Eigenschaft, die Libido auf jedes beliebige 
Objekt fixieren zu können, im vollen Umfang. Sie fixiert sie also auf 
das erste beste Objekt, das sich ihr bietet — ein Vorgang, dem 
wir noch einmal begegnen werden — also auf die tägliche Umgebung des 
Kindes, Eltern, Geschwister (vorzugsweise ältere), Wartepersonen. Die 
auf die Zeit der infantilen Sexualität folgende Latenzperiode 
kann diese wirkliche erste Liebe oft nicht ganz unterdrücken 2 ). Diese 
Latenzperiode hat eine eminente Bedeutung für die spätere Objektwabl ; 
denn in dieser Zeit stürmen ungezählte Eindrücke und Erfahrungen auf 
den jungen Menschen ein. Das Kind lernt die Begriffe „schön" und „häss- 
lich", die ja zum grösste'n Teil auf Konvention beruhen — allerdings 
haben sie auch eine biologische Bedeutung für die geschlechtliche Zucht- 
wahl und sind vielleicht anderseits auch funktionell zu erklären; doch 
das gehört nicht hierher. — Und auch abgesehen von der körperlichen 
Schönheit hört das Kind von vielem, dass es schön, gut, erstrebenswert ist. 
Und es glaubt alles; jeder ältere ist ihm ja "Autorität, da es noch keine 
Erfahrungen hat, die ihm sagen könnten, dass die Autorität auch irren 
kann. Und auch Dinge, die das Kind von glcichalterigen oder jüngeren 
hört, sind wahr; denn der andere kann sie ja auch nur von einem „Grossen*' 
wissen. Mit der Zeit kommen dann allerdings auch Widersprüche — die 
Unglaubwürdigkeit der Storchfabel mag oft eine Rolle spielen — , und 
wenn schlechte Erfahrungen sich häufen, so kann eine gerade gegen- 
teilige Einstellung das Resultat sein, eine „Trotzeinstellung", der zufolge 
gerade all das als schlecht erscheint, was die ehemalige Autorität als 
gut erklärt hat und was bisher als gut gegolten hat, und umgekehrt. Wir 
wollen diese vollständige Umwertung aller Werte in ihr Gegenteil „Kon- 
tra ri atio n" nennen. Eine vollständige Konlrariation mag beim Kinde 
selten sein. Wir werden die Kontraration übrigens an anderer Stelle 
wiederfinden, wo sie von ungleich grösserer Bedeutung ist. Es bleibt 
übrigens für den Gang der weiteren Entwickelung gleichgültig, ob sie ein- 
tritt oder nicht, ob Autoritätseinstellung oder Trotzeinstellung herrscht. 
Jedenfalls wird eine Menge von Vorstellungen von Eigenschaften und Merk- 
malen als „gut" akzeptiert und eine Menge als „schlecht" Dieser Vor- 
stellungsschatz ist berufen, später bei der Objektwahl eine bedeutende 
Rolle zu spielen. 

Von Bedeutung ist auch, dass das Kind durch die Frage nach 
seiner Herkunft, durch ..infantile Sexualtheorien" 3 ) und Belehrung älterer. 
Kinder oder Erwachsener auf das Sexuelle hingewiesen wird, ferner, dass 
es von Liebe. Verlobungen und Heiraten hört. Das erscheint dann als 



i) Dr. Wilhelm Stekcl, Die Sprache des Traumes. J. F. Bergmann, Wies- 
baden 1911 p. 539 

2) Freud, I. c. p 37 ff. 

3) Freud, Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre, 2. Folge, Deuticke, 
Leipzig und Wien 1909, p. 159 ff. 



Die Objektwabl in der Liebe. 599 

etwas besonders Gutes und Erstrebenswertes. Die Kinder spielen „Vater 
und Mutter", „Mutter und Kind". Wird die Vorstellung „Liebe und Ehe" 
nicht als „gut" gebucht, etwa wenn das Kind sieht, dass die Eltern in 
schlechter Ehe leben, oder wenn es von schlechten Ehen anderer hört, 
besonders bei älteren Mädchen auch, wenn die Schmerzen der Geburt 
übermässig dargestellt werden (infantile Sexualtheorie von Bauchauf- 
schlitzen u. dgl.) — , so kann partielle Kontrariation eintreten. Homo- 
sexualität oder schwere Abwehrneurosen können die Folge sein, falls 
die Kontrariation nicht in der Pubertät — eventuell auch in den auf 
sie folgenden Jahren, in diesem Falle aber nur unter schweren Kämpfen — 
wieder aufgehoben wird. 

Es folgt die riesenhafte Umwälzung der Pubertät. Die Ablösung 
von der Autorität 1 ), die Aufrichtung der Inzestschranke 2 ) sind bedeutende 
Ereignisse. Das bedeutsamste Moment ist aber, dass das Mädchen und 
der Jüngling zur Einsicht kommt, jetzt ist die Zieit da, die Spiele der 
Kindheit in Wirklichkeit umzusetzen. Allerdings geschieht dies nicht sofort 
in dw Tat. „Die Objektwahl wird aber zunächst in der Vorstellung voll- 
zogen und das Geschlechtsleben (der eben reifenden Jugend hat keinen 
anderen Spielraum, als sich in Phantasien, d. h. in nicht zur Ausführung 
bestimmten Vorstellungen zu ergehen" 3 ). Ich möchte hier übrigens dem 
Wortlaut des Freu d'schen Zitats widersprechen. Die Phantasien sind 
zur Ausführung bestimmte Wünsche, wenigstens zum grössten Teil, nur 
fehlt dem jungen Menschen der Mut, die Energie, die Durchführung bei 
sich selbst durchzusetzen. Übrigens sind solche Phantasien bei vielen 
Erwachsenen fast ebenso häufig (Tagträume), nur nicht so nahezu aus- 
schliesslich wie während der Pubertät. 

Der Inhalt dieser Phantasien ist natürlich durch die bis- 
herigen Erfahrungen des Individuums bestimmt. Die phantasierten 
Sexualobjekte müssen entweder als Wiederholung der infantilen erscheinen 
und mit ihnen eine gewisse Ähnlichkeit aufweisen oder sie müssen den 
während der Latenzperiode aufgebauten Idealen entsprechen oder wenigstens 
zu entsprechen scheinen. Das Idealobjekt wäre eins, das beide Forderungen 
befriedigt. Meist dürften verschiedene Objekte gleichzeitig oder nachein- 
ander angeschwärmt werden. Freud 4 ) weist darauf hin, dass sich die 
erste Schwärmerei meist an ältere Personen richtet. Mir ist ein Fall be- 
kannt, in dem die Bedeutung des Mutterkomplexes noch auffälliger war: 
das Objekt der ersten Schwärmerei war eine gravide Frau 5 ). Hierher ge- 



>) Freud, Die Abhandlungen 7. Sexualtheorie p. 73. 

2) Diese erfolgt teilweise schon während der Latenzperiode, Freud 1. c. p. 77 ff. 

3) Freud, 1. c. p. 73. 
*> Freud, 1. c. p. 74 f. 

'■>) In diesem Fall handelt es sich allerdings nicht um einen Jüngling in der 
Pubertät, sondern um einen 18jährigen, der bis dahin bis auf ganz vereinzelte Aus- 
nahmen nur homosexuell empfunden hatte. Die Homosexualität war auf Grund der 
phantasierten Sexualobjekle seiner sadistisch-magochistischen Komponente (Bruder, 
Kutscher) entstanden. Die Stellung, die er zu seinen Objekten in der Phantasie 
einnahm, war die eines väterlichen Freundes oder Erziehers. Es handelte sich 
durchwegs um Jüngere. Erst nachdem eine schöne junge gravide Frau auf ihn 
grossen Eindruck gemacht hatte, begann er sich für weibliche Sexual-Objekte zu 
interessieren, und zwar ausnahmslos. Bei der ersten Neigung spielte die (wähl- 



600 Ernst Marcus, 

hüren auch die Schwärmereien von Schulmädchen für ihre Lehrer, die 
eine Wiederholung des Vaters darstellen. Auf der andern Seite gehören 
die Jünglings- und Backfischschwärmereien für bestimmte Gruppen von 
.Menschen hierher, wie für Schauspieler und Künstler (Schauspielerinnen, 
Künstlerinnen), für Dekadente, für Athleten, vor allem die Leutnants- 
schwärrnerei der Mädchen, besonders in bestimmten Gesellschaftsklassen, 
für die der Offizier (im weiteren auch der Einjährig-Freiwililge und der 
Soldat überhaupt — der Gedanke der Kraft 'mag mitsprechen) ein gewisses 
Ideal darstellt. Alles, was bisher im allgemeinen als schön, 
gut, erstrebenswert gegolten hat, wird jetzt am er- 
träumten Sexualobjekt gesucht, erscheint im sexuellen 
Sinne erstrebenswert. Ein schönes Beispiel bringt Hauptmann 's 
„Emanuel Quint" 1 ), in dem überhaupt ein erfahrener Analytiker viel 
Interessantes finden könnte. Der Held ist als ein fast abstossend hässlicher 
Mann geschildert. Aber über ihn geht das Gerücht, er sei Christus, der 
wieder gekommen ist, um die Mühseligen und Beladenen zu erlösen. Eine 
Reihe von Mädchen wird vorgeführt, deren Erziehung eine vollkommen 
religiös-mystische war, deren Kindheitsideale also religiöser Art sind. Und 
sie alle verlieben sich regelrecht in den hässlichen Menschen, weil er eben 
ihr Ideal tatsächlich zu verkörpern scheint 2 ). Hierher gehört vielleicht 
auch das Mädchen, das sich in den Träger seines Lieblingsnamens ver- 
liebt (siehe oben Beobachtung IV). Übrigens weiss ich nicht, ob es sich hier 
um eine „erste Liebe" handelt; jedenfalls war das Mädchen schon weit 
über die Pubertät hinaus (18 Jahre) und ausserdem lässt ihre ganze Kon- 
stitution erraten, dass bei ihr die Sexualität recht bald wiedererwacht ist. 
Mit Besprechung dieser beiden letzten Fälle (Quint, Beobachtung IV) 
sind wir einen Schritt weitergegangen, als wir wollten, wir sind über die 
Phantasien hinaus ins Reale gegangen. Aber nicht immer gelangen die 
Phantasien zur Ausführung. Die in der Latenzperiode aquirierten Vor- 
stellungen von „gut" und ,, schlecht" sowie die infantile Konstellation 1 
haben nicht immer die Kraft, sich durchzusetzen, d. h. bestimmend auf 
die wirkliche Objektvvahl zu wirken. In vielen Fällen bleibt nur die negative 
Seite der Erfahrungen wirksam, so dass nur das von der tatsächlichen 
Objektwahl ausgeschlossen bleibt, was als „schlecht" erkannt wurde. Oft 
fällt auch diese Beschränkung weg. Alle Zwischenstufen mögen vor- 
kommen. Der junge Mensch, der sich vor der Aufgabe sieht, tatsächlich 
ein Sexualobjekt zu finden, steht also wieder mehr oder minder 3 ) auf 
dem infantilen Standpunkt. Er ist imstande, fast jedes Sexualobjekt zu er- 
greifen, das sich ihm bietet. Besonders bei Mädchen ist es häufig, dass 
sie sich in den ersten besten verlieben, der ihnen von Liebe spricht. Es 

scheinlich unbegründete) Annahme eine Rolle, die Frau werde von ihrem (um 18 
Jahre älteren) Manne vernachlässigt. Die Bedeutung des Mutterkomplexes ist un- 
verkennbar. Wenn wir hier auch keinen Pubeitätsfall vor uns haben, so gehört et 
doch hierher, da es sich um eine .erste Neigung' handelt. 

J) Gerhard Hauptmann, Der Narr in Christo Emamjel Quint. S.Fischer, 
Berlin 1910, Kapitel 14 f. 

2) Vergleiche Pf isters Arbeiten im Zentralblatt für Psychoanalyse, I. Heft 
3/4 und 10/11. 

3) Das .minder* kann allerdings auch Null sein. In diesem Falle kann mau 
aber fast schon von einer neurotischen Einstellung sprechen. 



Die Objektwabl in der Liebe. 601 

ist ja bekannt, wie leicht sich ganz junge Menschen (und auch ältere) 
durch Koketterie einfangen lassen, doch gehören diese Fälle nur zum 
Teil in die besprochene Kategorie. Übrigens dürfte das Verlieben in die 
erste beste, den ersten besten, oft nur scheinbar sein, und die in der Latenz 
periode gewonnenen Vorstellungen sowie die infantile Konstellation dürften 
fast immer in einer untergeordneten Rolle mitspielen; wie gesagt, alle 
Zwischenstufen sind möglich. Am auffälligsten von den erwähnten Mo- 
menten ist wohl die Wirkung der Schönheit und des Berufes, besonders 
des bunten Rockes. Offiziere haben ja bekanntlich bei ganz jungen Mäd- 
chen das leichteste Spiel. 

Ich möchte an dieser Stelle einen neuen Terminus einführen. Als 
agapagenes Element möchte ich jede Eigenschaft bezeichnen, 
die ein Mensch an seinem Sexualobjekt sucht. Wird ein 
agapagenes Element an einer anderen Person gefunden, wird es 
wirksam, so wird es zum agapagenen Moment. Ein agapagenes 
Moment ist also jene Eigen schaff, die ein Mensch an einem 
andern findet und durch die dieser jenem liebenswert 
wird. Selbstverständlich, wie schon aus dem bisherigen hervorgeht, gibt 
es für jede Person spezifische agapagene Elemente. Zwei Gruppen haben 
wir bisher kennen gelernt und wir werden im weiteren Verlaufe nichts 
Wesentliches hinzuzufügen haben. Die beiden Gruppen sind: 

1. Momente der Identifikation mit dem infantilen Sexualobjekt. 

2. Eigenschaften, die allgemein als „gut" akzeptiert wurden. 
Zu diesen spezifischen Elementen kommen, wie wir noch sehen 

werden, noch allgemeine Momente, die wir übrigens zum Teil schon kennen. 

Die Momente der ersten Gruppe werden in fast allen Fällen un- 
bewusst wirken, die der zweiten Gruppe zum Teil bewusst sein. Denn die 
infantile Sexualität ist während der Latenzperiode verdrängt, vergessen 
worden, während die Erfahrungen ganz bewusst gesammelt worden sind 
und zum grössten Teil gar kein Grund vorliegt, sie zu verdrängen. Aller- 
dings bleibt es unbewusst, dass ein Moment agapagen wirkt, d. h. man weiss 
nicht, dass die Eigenschaften, die man gefunden hat, die Liebe zum Teil 
bewirkt haben ; ja der Liebende weiss von vielen Eigenschaften des Sexual- 
objekts, die agapagen gewirkt haben, gar nicht, dass er sie gefunden hat. 

Die erste Liebe geht fast nie ohne schwere Kämpfe zu Ende, die 
natürlich mit Verdrängung enden müssen; d. h. um von einer Liebe wirk- 
lich los zu kommen, muss man vergessen, dass das Sexualobjekt agapagene 
Momente besessen hat. Wie dieser Vorgang eigentlich vor sich geht, ist mir 
selbst nicht recht klar, da ja der grösste und vor allem der wirksamste 
Teil der agapagenen Momente von vornherein unbewusst war. Aber schliess- 
lich steht ja der Vorgang der Aufgabe eines Objektes nur im losen Zu- 
sammenhang mit der Objekt wähl. Übrigens werden wir gleich sehen, 
dass ein einmal gewähltes Objekt nie ganz aufgegeben 
wird. On revient toujours . . . . Jedes phantasierte oder wirk- 
liche Objekt wirkt genau so wie seinerzeit das infantile. 
In jedem neuen Objekt suchen wir die früheren Objekte 
wieder. Dabei, ebenso wie seinerzeit bei der Anlehnung an das infantile 
Objekt, wirken die oberflächlichsten Assoziationen. Denn das Bewusst- 
sein hat ja das frühere Objekt aufgegeben, verdrängt, das Unbewusste hin- 
gegen sucht es wieder und muss, um sein Ziel zu erreichen, das Bewusst- 



002 Ernst Marcus, 

sein überrumpeln, überlisten, muss ihm das gewünschte Objekt aufdrängen, 
ohne dass es merkt, dass das alte Objekt in neuer Form wiedergekehrt ist. 
Das Bewusstsein denkt logisch, dem Unbowussten genügen ganz oberfläch- 
liche Ähnlichkeiten, um eine Identifikation herzustellen. Dieser Vorgang 
ist uns ja von der Symbolik des Traumes, des Witzes sowie der neurotischen 
Symptome her wohl bekannt. Ähnlichkeit des Namens, der Gestalt, des 
Gesichts, ja der Kleidung, ferner der Denkart, des Berufs; Freundschaft, Ver- 
wandtschaft, vieles andere kann der Identifikation dienen. Alles was 
nur irgendwie an eine einmal geliebte Person erinnert, 
kann als ag apagenes Moment wirken. Hierher gehören die Be- 
obachtungen I und II, vielleicht auch III und IV, denn sowohl der „Typus" 
als auch der gewisse Vorname dürften auf ein früheres, wahrscheinlich 
infantiles Moment zurückgehen. Bei Beobachtung IV ist es allerdings ebenso 
leicht möglich, dass der ominöse Name einer Person angehört, die als „gut" 
akzeptiert wurde, vielleicht etwa einer Person eines Romans oder eines 
Dramas oder auch des wirklichen Lebens; das ist übrigens gleichgültig. 

Eine vergangene Liebe kann aber auch im entgegengesetzten Sinne 
wirken, im Sinne einer Trotzeinstellung, es kann Kontrariation eintreten. 
Hat jemand mit einem Sexualobjekt schwere schlechte 
Erfahrungen gemacht, so wird er das Gegenteil suchen. 
Was früher „gut" war, wird „schlecht". Nach einer Frau wird ein ganz 
junges Mädchen gesucht, nach einer Grossen eine Kleine, nach einer Zarten 
eine üppige, nach einer Gescheiten ein Gänschen usf., nach der hetero- 
sexuellen Liebe die homosexuelle. Hier streifen wir allerdings wieder das 
Pathologische. Mutatis mutandis gilt natürlich dasselbe von der Liebe von 
Frauen zu Männern, Die Kontrariation wird sich in erster Linie auf Eigen- 
schaften beziehen, die an dem Objekt, mit dem die schlechte Erfahrung 
gemacht wurde, neu waren. Diejenigen Elemente, die von früheren Ob- 
jekten stammen, mit denen keine schlechten Erfahrungen gemacht wurden, 
die schon bei dem früheren Objekt agapagen gewirkt haben, werden zunächst 
unberührt bleiben und nur in schwereren Fällen der Kontrariation zum 
Opfer fallen. Überdies wird auch in schweren Fällen die Kontrariation 
fast nie ganz vollständig sein, die ursprüngliche Liebescinstellung wird 
hie und da durchbrechen und die Elemente werden in der ursprünglichen 
Form apagen wirken. Wir haben hier wieder die im ganzen Seelenleben 
und speziell im Sexualleben so oft beobachtete Erscheinung der Bipo- 
larität (Stekel). 

Der Kontrariation verwandt dürfte der Vorgang bei einer Reihe von 
Fällen scheinbar ungenügender Objektwahl sein, die folgenden typischen 
Verlauf nehmen. Um einer aufkeimenden, scheinbar aussichtslosen Neigung 
zu entfliehen und sich die daraus zu befürchtenden Kämpfe zu ersparen, 
wird das erste beste sich bietende Objekt gewählt, das etwa durch irgend- 
welche kleine apagene Momente, die sonst unzureichend wären, hiezu ge- 
eignet erscheinen mag (Sicherungstendenzen im Sinne Adle r's). Geht 
dieser Vorgang bewusst vor sich, so entstehen Vernunftheiraten oder Ver- 
hältnisse, die nur zur Betäubung eingegangen werden, bleibt er unbewusst, 
in erster Linie, wenn die ursprüngliche Neigung noch nicht zum Bewusst- 
sein gelangt ist, so entstehen Liebschaften (die natürlich auch zur Ehe führen 
können), die meist von kurzer Dauer sind und unglücklich enden. Natür- 
lich kann es auch vorkommen, dass sich die beiden Teile zueinander finden 
und dass die Sache gut ausgeht. 



Die Objektwahl in der Liebe. 603 

Selbstverständlich kann die Kontrariation auch weiter gehen, als 
hier beschrieben wurde. Eine grosse Enttäuschung auf irgend einem, 
besonders aber auf sexuellem Gebiete kann die ganze Lebensanschauung 
des Betreffenden auf den Kopf stellen. Der Optimist wird Pessimist, was 
gut war wird schlecht, was schlecht war wird gut, es findet derselbe Vor- 
gang statt, den wir schon beim Kind in bezug auf die Autorität kennen 
gelernt haben. Eine entgegengesetzte Änderung der Verhältnisse kann 
dann diesen Vorgang wieder ganz oder teilweise aufheben. Die Bedeutung 
dieses Faktors für die Objektwahl liegt auf der Hand und braucht nicht 
noch einmal auseinandergesetzt zu werden. 

Neben diesen spezifischen Elementen verdient noch ein allgemeines 
Moment besondere Würdigung, das an drei Stellen, wo ihm besondere Be- 
deutung zukommt, bereits besprochen wurde : der Grad der Wahr- 
scheinlichkeit, das sexuale Ziel zu erreichen. Wir haben 
gesehen, dass sowohl das Kind als auch der junge Mensch, der zum ersten 
Male ein reales Objekt sucht, wie endlich der, der einem unerreichbaren 
Objekte entfliehen will, das erste beste Objekt wählt, das sich ihm bietet. 
Aber auch sonst ist dieses Moment wirksam ; vornehmlich junge Menschen 
handeln so, bei denen noch wenig agapagene Elemente entwickelt sind, 
besonders bei starker Libido, ebenso Alte mit starker Libido, die wegen 
ihres Alters wenig gefallen und wenig Auswahl haben, ebenso Hässliche 
und sonst wenig Begehrte, Die Liebe ist dann eine Art Rührung und Dank- 
barkeit dafür, dass man Gefallen findet. Bei blasierten und sehr begehrten 
Menschen und solchen, die sich einbilden, es zu sein, aus Trotzeinstellung 
auch bei wenig Begehrten, kann wieder Kontrariation eintreten: gerade das 
schwer Erreichbare, Unerreichbare wird begehrt. In vielen Fällen wird 
man da übrigens nicht mehr von Liebe sprechen können. 

Ausserdem mag in vielen Fällen noch ein Moment eine gewisse 
Bedeutung haben, nämlich der Zeitpunkt des Zusammentreffens mit dem 
Sexualobjekt; bei starker Libido ist man weniger wählerisch und so ähnlich. 

Wir schreiten zur Zusammenfassung. Wir haben im grossen und 
ganzen folgende Momente als agapagen wirksam erkannt (samt ihren 
Kontrariationen): 

1. Ähnlichkeit mit einem früheren Sexualobjekt. 

2. Eigenschaften, die als ,,gut" akzeptiert wurden 1 )- 

(1. und 2. spezifische Elemente.) 

3. Der Grad der Wahrscheinlichkeit, das Scxualziel zu 
erreichen. 

Ausserdem haben wir gesehen, dass der Zeitpunkt des Zusammen- 
treffens mit dem Sexualobjekt eine Rolle spielt. Diese beiden letzten 
Momente sind nicht mehr spezifisch. 

Jeder Mensch hat ursprünglich die Fähigkeit,' sich 
in jeden beliebigen anderen Menschen verlieben zu 
können. Im Laufe der Zeit nimmt er dann eine Reihe von 
spezifischen agapagenen Elementen (1, 2) in sich auf, 
die er an anderen als agapagene Momente zu finden hofft 
(natürlich unbewusst). Theoretisch besteht noch immer die Möglichkeit, 
jedes beliebige Objekt zu wählen, nur die Wahrscheinlichkeit wechselt 

») Selbstverständlich wurden auch nach dem Ende der Latenzperiode neue Er- 
fahrungen gemacht, neue Vorstellungen als .gut" 1 und »schlecht* abgegeben. 



gQ^ Ernst Marcus, 

von o ( = unendlich klein) bis «*, Die Wahrscheinlichkeit der 
Wahl ist um so grösser, je mehr agapagene Momente das 
betreffende Objekt in sich vereinigt. Die Wirkung der agapa- 
genen Momente ist unbewusst. 

Jeder normale erwachsene Mensch vereinigt natürlich eine grosse 
Zahl sehr verschiedener agapagener Elemente in sich, da er ja viele und 
verschiedenartige Erfahrungen und Erlebnisse hinter sich hat. Ist hin- 
gegen nur ein einziges agapagenes Element oder eine eng umschriebene 
Gruppe von solchen wirksam (hier ist natürlich nur von spezifischen Ele- 
menten die Rede, besonders 2), so kann man von einer neurotischen Ein- 
stellung sprechen. Mithin ist auch jede starke Liebe einer kleinen Neurose 
ähnlich; nur die agapagenen Elemente, die man an dem aktuellen Sexual- 
objekt wieder gefunden hat, die in dem aktuellen Fall als agapagene Momente 
gewirkt haben, sowie diejenigen, die mit ihnen in engster assoziativer Ver- 
bindung stehen, sind wirksam, sowie diejenigen, die in dem aktuellen Fall 
neu hinzugekommen sind und jedesmal verstärkend auf die aktuelle Liebe 
wirken; alle anderen sind für die Dauer der Liebe mehr oder weniger unter- 
drückt. Die Libido, die sich normalerweise auf jedes Objekt richten kann, 
ist auf ein Bestimmtes fixiert, alle anderen Objekte sind ausgeschaltet. 
Somit ein vollkommen abnormaler, der Neurose ähnlicher Zustand. 

Ich will noch einige Analogie zwischen Liebe und Neurose her- 
vorheben. Wir haben gesehen, dass beide Erscheinungen aus dem Un- 
bewussten stammen; beide sind durch das Bestehen eines unbewussten 
Seelenkbens bedingt. Es liegt geradezu die Versuchung nahe, von einer 
„Dispositon zur Liebe" zu sprechen. Sie ist vorhanden, wo ein starkes 
(unbewusstes) Innenleben vorhanden ist. Es gibt Menschen, die sich fast 
nie richtig verlieben, die mit käuflicher Sinnenlust oder Sexualverkehr ohne 
Verliebtheit ihr Leben lang voiiieb nehmen und fast gar kein Verlangen 
nach etwas Höherem haben. Von solchen Menschen ist auch nicht zu 
befürchten, sie könnten neurotisch werden. Wo kein Liebesverlangen ist, 
wo jedes Sexualobjekt promiscue, wahllos, wie es sich eben bietet, akzeptiert 
wird — es wirkt höchstens Schönheit oder Moment 3, beide vollkommen 
bewusst — da ist eben kein Unbewusstes vorhanden, das eine Wahl treffen, 
also auch keine Quelle, aus der Neurose entstehen könnte, da ja die Neurose 
also auch keine Quelle, aus der Neurose entstehen könnte, weil ja die 
Neurose nur aus dem Unbewussten entspringt. 

Ich habe mich in der vorliegenden Abhandlung bemüht, auf dem 
Gebiet des Normalen zu bleiben und das ausgesprochen Neurotische nach 
Tunlichkeit auszuschalten. Vollkommen lässt sich dies natürlich nicht 
durchführen, denn wir haben gesehen, wie fliessend die Übergänge sind. 
AVir waren genötigt, mehrmals Grenzgebiete zu beschreiten und da plötz- 
lich ^abzubrechen. Ist doch der Zustand nach vollzogener Objektwahl fast 
schon so ein Grenzgebiet. In ausgesprochen neurotischen Fällen ergibt 
sich natürlich noch eine Reihe von komplizierteren Vorgängen, die sich 
der Besprechung im Rahmen dieser Arbeit entziehen, ja zu deren Be- 
sprechung ich mich derzeit gar nicht für berufen oder auch nur für be- 
fähigt halte. 

Es erübrigt noch, die oben versprochene Würdigung der Objektwahl 
von biologischer Seite nachzutragen. Schopenhauer's Anschauung, dass sich 
immer je zwei Menschen verlieben, die von Natur aus befähigt sind, zu- 
sammen die möglichst beste Nachkommenschaft zu erzielen, eine An- 
schauung, die sich ja durch Einführung der Selektion als Ursache ihres 



Die Objektwahl in der Liebe. 605 

metaphysischen Charakters entkleiden lässt, hat sich bekanntlich als un- 
richtig herausgestellt. Hingegen liegt eine andere eminente biologische 
Bedeutung der Liebe, speziell der „ersten" Liebe, auf der Hand. Sie 
allein ist imstande, die während der Latenzzeit aufgebauten Sexualhem- 
mungen wie Schani, Ekel, moralische und ästhetische Vorstellungen 1 ) zu 
überwinden und somit das Individuum zu befähigen, seiner biologischen 
Aufgabe, sich fortzupflanzen, gerecht zu werden. Ferner hilft sie durch 
Schaffung neuer agapagener Elemente die Bedeutung des Inzestkomplexes 
in den Hintergrund drängen. Sie hat aber insbesondere beim erwachsenen 
Mann den biologischen Nachteil, die Libido zu fixieren, während sie bei 
mehr extensiver Anwendung mehr Nachkommenschaft erzeugen könnte. 
Insbesondere ist Treue während der Schwangerschaft, rein biologisch be- 
trachtet, schädlich. Biologisch vorteilhafter, ökonomischer wäre die Viel- 
weiberei, wie sie ja bei den Naturvölkern fast durchwegs zu finden ist. 
Die Monogamie und die Liebe, wie sie von unserer heutigen hoch- 
entwickelten Ethik verlangt wird, ist ein Kulturprodukt und als solches 
nicht biologisch zu werten. Und schliesslich ist ja Monogamie, nicht 
formell, sondern tatsächlich auch in der heutigen Kulturwelt nicht 
eben häufig, da ja nur wenige Menschen auf der geforderten ethischen 
Höhe stehen. Wie übrigens jeder Analytiker weiss, sind selbst die Höchst- 
stehenden nie ganz vollkommen treu, wenn man nur ihre unbewussten und 
geheimen Regungen und Wünsche mit in Erwägung zieht. 

Ich gebe mich keiner Täuschung darüber hin, dass diese Arbeit eigent- 
lich nicht viel Neues bringt, sondern grösstenteils bereits Bekanntes zu- 
sammenfasst und systematisch darstellt. Ich weiss auch, dass diese Zu- 
sammenfassung lückenhaft ist und wahrscheinlich auch Irrtümer aufweist. 
Ich hoffe, die Veröffentlichung und Diskussion wird mir die Stellen zeigen, 
wo ich ausfüllend und verbessernd einzugreifen habe. Jedenfalls glaube 
ich, wenigstens etwas Licht auf ein bisher dunkles Gebiet geworfen zu haben. 

>) Frend, 1. c. p. 38. 



ZentralbUtt für Psycho an aly»e. IV"/". 40 



Mitteilungen. 



i. 

Zur Psychologie des Unbewussteii, 

Von Dr. Hinrichscn. 

Ich erhielt kürzlich ein Paket, das ich für die Ansichtssendung einer 
Buchhandlung nahm. Die Mühe des Wiedereinpackens und Zurücksenden 
scheuend, lasse ich solche Sendungen stets uneröffnet und war auch in 
diesem Fall schon dazu entschlossen, besann mich aber wieder und erwog 
längere Zeit, ob ich das Paket öffnen sollte oder nicht. Ich versuchtet 
hineinzusehen, ohne öffnen zu müssen; das ging jedoch nicht. Eine ge- 
wisse Neugierde, den Inhalt zu kennen, war da, und ich dachte daran, es 
könne in dem Paket ein bestimmtes jüngst erschienenes Buch, welches 
mich interessiert, sein. Dies ist aber auch das Einzige, von dem ich 
weiss, dass ich es gedacht habe, und weiter weiss ich nur, dass in mir 
eine Scheu war, das Paket wie gewohnt uneröffnet zurückzusenden. Die 
Aufschrift: „B. Schw. Verlag" hatte ich gelesen, ohne aber in meiner 
Überzeugung, dass es sich, um die Ansichtssendung einer Buchhand- 
lung (die betreffende Baseler Buchhandlung, an die ich gedacht haben 
muss, heisst jedoch ,,Schw. u. W.") handle, erschüttert zu werden. 
Endlich, nach längerem Zögern, öffnete ich und fand als Inhalt zu 
meiner grössten Überraschung Separatabzüge. Diese hatte ich wohl 
erwartet, aber während des Überlogens, ob ich öffnen sollte oder 
nicht, an sie nicht im allergeringsten so, dass es mir zum Bewusstsein 
gekommen wäre, gedacht. Die Überraschung, als die Separatabzüge zum 
\orschein kamen, war für mich eine totale. Jetzt sage ich mir natürlich, 
dass das B. Schw. V e r 1 a g auf dem Umschlag mich gewarnt hat, das Paket 
uneröffnet zurückzusenden, während ich, solange ich in meinem Entschluss 
noch schwankte und auch, als ich öffnete, immer nur an Schw. u. W. 
Buchhandlung als Absender gedacht hatte. Ich hatte aber doch mehr 
gedacht, als ich klar und bestimmt gedacht hatte, hatte daraus, dass dort 
B. Schw. Verlag stand, zwar nicht klar und bestimmt meine Schlüsse ge- 
zogen, immerhin aber doch so weit, dass die ausgesprochene Scheu auf- 
trat, die Sendung uneröffnet zurückgehen zu lassen, was mir natürlich 
nachträglich unangenehm gewesen wäre. Zeigt mein Erlebnis, das sich 
natürlich nicht so eindrucksvoll schildern lässt, wie ich es hatte, auch 
nicht viel, so immerhin doch, wie Wahrnehmungen (hier mein flüchtiges 
Lesen des „B. Schw. Verlag'*) zu Schlüssen verarbeitet werden, ohne dass 
wir es recht wissen, wie manches Wissen bei uns besteht, ohne dass es. 



Dr. Stefan v. Mäday, Mitteilung über das niederdeutsche Volkslied „Burlala". 607 

ein recht gewusstes Wissen ist. Vielleicht auch, wie ganz unbedeutende 
Dinge, wie meine Scheu vor der Mühe, ein paar Bücher wieder einzupacken 
und zurückzusenden (ich ärgere mich immer, wenn ich Buchhändler- 
Ansichtssendungen bekomme, nachdem ich sie mir direkt verbeten habe) 
schon auf affektivem Wege zu einer „Denkhemmung" führen können bzw. 
den Gedankengang so weit nach einer arideren Richtung hin ablenken 
können, dass eine Wahrnehmung wie diejenige der Aufschrift auf dem 
Paket zwar noch gemacht, aber aus der festen Vorannahme heraus, dass 
es sich um eine ungewünschte, sozusagen verhasste Ansichtssendung 
handle, nicht richtig gemacht wird. Hätte es sich nämlich um eine An- 
sichtssendung gehandelt, so hätte sie von Schw. u. W. kommen müssen. 
Das Schw. hatte ich gelesen, aus B. Schw. Verlag aber wurde mir irrtüm- 
lich Schw. u. W. Buchhandlung, und so lange ich noch überlegte, korri- 
gierte ich diesen Irrtum, der sofort alles aufgeklärt hätte, nicht und 
konnte somit durch den Inhalt, wie ich es tatsächlich wurde, vollkommen 
überrascht werden. Wer hier noch tiefer graben will, mag vermuten, dass 
mein „Ansichtssendungen-Komplex'* noch tiefere Gründe habe. Als Ein- 
fall zu der Sache kann ich nur angeben, obwohl mir nichts dafür spricht, 
dass die meisten Menschen wie besonders bei der Druckkorrektur einer 
Arbeit so auch bei etwaigem Lesen der Arbeit nach vollendetem Druck 
deprimiert gestimmt werden, und dass der erste Impuls, das Paket zurück- 
zuschicken, einen Versuch meines „Unbewussten" darstellte, mir diese De- 
pression noch eine Weile zu ersparen, in welchem Falle die Beziehung zu 
etwas Bedeutenderem als dem blossen Ärger über eine ungewünschte An- 
sichtssendung natürlich hergestellt wäre. 



II. 

Mitteilung über das niederdeutsche Volkslied „Burlala" 

(= Peterlein). 

Von Dr. Stefan v. Mäday, Prag. 

Am 21. Oktober 1913 habe ich einem Konzerte des Liedersängers 
Hobert Kothe beigewohnt. Unter den Liedern, deren Text ich mir bereits 
vor dem Konzert durchlas, befand sich das niederdeutsche Volkslied 
„Burlala", dessen hochdeutsche Übersetzung folgendermassen lautet: 

Als Burlala geboren war, 

Da war er noch sehr klein. 

Seine Mutter nahm ihn wohl auf den Arm 

Und legte ihn in die Wiege so warm. 

„Deck mich zu!" sagt er, 

„Deck mich zul" sagt er, 

„Deck mich zu!" sagt Burlala. 

Als Burlala zur Schule musste, 
Da war er noch so dumm, 

40» 



606 Dr. Htefau v. Mäday, 

Er wusste nichts von warum und wie 
Verliess sich ganz auf Hans und Franz. 
„Sag mir ein!" sagt er, usw. 

Als Burlala erwachsen war, 

Ein stattlicher Kerl war er. 

Sein Haar war dicht am Kopf abgeschoren, 

Der Kragen reichte ihm bis über die Ohren. 

„Steht mir gut!" sagt er, usw. 

Als Burlala auf Posten stand 

Wohl mit seinem geladenen Gewehr, 

Da kam ein Kerl aus Frankreich her, 

Der wollte gern wissen, wo Deutschland war — 

„Ich schiess dich tot!" sagt er, usw. 

Als Burlala gestorben war, 

Ganz mäuschenstill er lag. 

Die Eltern standen an seinem Grab 

Und wischten sich die Tränen ab. 

„Weint doch nicht!" sagt er, usw. 

Als Burlala zum Himmel kam, 

Bei Petrus klopfte er an. 

„Ach Petrus, lieber Petrus mein, 

Ich möcht nun gern im Himmel sein. 

Mach mir auf!" sagt er, usw. 

Als Burlala im Himmel war, 
Der Herrgott, sprach zu ihm: 
„Nun, Burlala, wie gefällt es dir 
Hier oben in dem Himmel bei mir?" 
„Ach, es geht!" sagt er, usw. 

Beim Lesen gewann ich den Eindruck, dass dieses Lied ein höchst 
unvollkommenes Kunstwerk sei; ich konnte in den Burlala zugeschriebenen 
Worten und Taten nichts Einheitliches, für eine bestimmte Menschenart 
Charakteristisches entdecken. Der Vortragskünstler indessen belehrte mich 
eines Besseren. 

In den beiden ersten Strophen mimte er ein ängstliches Kind, 
das sich klein macht und die gesamte Umgebung zur Hilfeleistung heran- 
zieht; in der Wiege sagt er: „Deck mich zu! Deck mich zu!" und in der 
Schule: „Sag mir ein! Sag mir ein!" 

In der 3. Strophe begann er sich zu „fühlen", und rief dem Publikum, 
mit naiver Protzigkeit auf seinen grossen Kragen deutend, zu: „Steht 
mir gut! Steht mir gutl" 

In der 4. Strophe droht er dem Feinde mit dem Gewehr: „Ich schiess 
dich tot! Ich schiess dich tot!" Dies sprach jedoch der Künstler nicht mit 
dem Ernste und der Würde eines mutigen Mannes, auch nicht mit der 
Ängstlichkeit eines Feiglings, der sich selbst vor seinem Gewehr fürchtet; 
sondern er vereinigte in seinem Spiel diese beiden Charaktere, so dass 



Mitteilung über (Ias niederdeutsche Volkslied „Burlala". 609 

das Publikum laut auflachen musste. Die Komik lag eben darin, dass es 
Kothe gelang, den Feigling, der den Mutigen spielt, darzustellen. Es ist 
dies nicht etwa Sublimierung, nein, ganz gemeine Verstellung, die aber 
so weit unbewusst bleiben kann, dass das Subjekt seine Feigheit — auch 
sich seihst gegenüber — nicht ohne weiteres zugeben würde. Mit seiner 
etwas gebückten Haltung, den stechenden Augen, den vorgestreckten Lippen, 
den durch den nur wenig geöffneten Mund hastig und schneidend hervor- 
gestossenen Worten: ,.Ich schiess dich tot!", wobei das ,,tot" in höherer 
Tonlage und stark betont herausklang, wusste der Künstler den Schwäch- 
ling, der sich nun dank der Situation — er hat ein Gewehr, sein Gegner 
offenbar keines — überlegen fühlt und der diese Überlegenheit 
sogar in grausamer Weise auszunützen bereit ist, meister- 
haft darzustellen. 

In der 5. Strophe tröstet der tote Burlala seine Eltern. Sie stehen 
an seinem Grabe und weinen; dies ist eine Situation, in der er, der Tote, 
im Mittelpunkt des Interesses und der Verehrung steht. Menschen, denen 
es niemals gegönnt war, soziale Erfolge zu erringen — auch Kinder, die 
sich zu wenig beachtet fühlen — wünschen deshalb manchmal, ihr eigenes 
Leu C h e n h e g ä. n g n i s zu sehen. Die ungewohnte Ehrenbezeugung am 
Grabo bringt Burlala in Verlegenheit, d. h. er fürchtet, durch das Zuviel 
würde der Ernst der Gefühlsäusserung leiden, und alle Beteiligten — sowohl 
die Trauernden als der Betrauertc — würden zum Schluss die a 1 1 z u 1 a n g e 
Trauer für unverdient und übertrieben empfinden und die Leider- 
Stimmung würde in eine Gottseidank-Stimmung übergehen. So spielt ja 
auch die vom Militürbegrübnis zurückkehrende Musikkapelle lustige Märsche, 
um das seelische Gleichgewicht der Soldaten wieder herzustellen. Soll 
eine traurige Stimmung nachwirken, so darf sie nicht durch allzulange- 
Dauer erschöpft werden. Mit diesen Überlegungen will ich dem Dichter 
des Burlala, der selbst ein Bauer gewesen sein dürfte, freilich keine 
psychologischen Spekulationen zugemutet haben; er vermochte sich aber 
jedenfalls als Menschenkenner in den Charakter und die Lage Burlala's 
einzufühlen, als dieser sich tief betrauert sieht und sich ihm der Gedanke 
aufdrängt: „Nun ist's aber genug, bald wird's schon zu viel", und er von 
seiner verklärten Höhe als Toter herablassend seinen Eltern winkt: „Weint 
doch nicht! Weint doch nicht!" 

In der 6. Strophe bettelt er bei Petrus um die Aufnahme in den 
Himmel. In den halb bittend, halb fordernd gesprochenen Worten „Mach 
mir auf! Mach mir auf" taucht das Gefühl der Ohnmacht, das in den 
beiden ersten Strophen ausgedrückt war, wieder auf; anderseits eine gewisse 
Arroganz, die mit der Erfahrung, dass oft dem Frechen früher geöffnet 
wird, als dem Bescheidenen, im Einklang steht. 

In der letzten Strophe endlich sehen wir Burlala am Ziel seiner 
Wünsche. Er ist im Himmel, höher geht's nimmer, und die Sicherheit 
ist eino vollkommene. Der Herrgott fragt ihn, wie es ihm da gefalle, und 
nun erfolgt nicht etwa eine Antwort yoll Dankbarkeit und Ergebung. Nein; 
der Herrgott lässt sich zu ihm herab : das ist eine Gelegenheit, sich sogar 
dem Herrgott gegenüber überlegen zu zeigen. „Ach, es geht! Ach, es geht!" 
sagt er mit einem Bauernstolz, der sich in jeder für ihn günstigen 
Situation zurechtfindet. 

Wir haben somit in Burlala einen Typus kennen gelernt, der eine 
Abart des Adler'schen „nervösen Charakters" darstellt. Die Leitlinie 



610 Dr. Wilhelm Stekel, 

seines Lebens ist: Anderen überlegen zu sein. Solange er — als Kind — 
seine körperliche und geistige Schwäche weder zu kompensieren noch zu 
verdecken vermag, beherrscht er seine Umgebung in der Weise, dass er 
seine Schwächen betont und die anderen in seinen Dienst stellt. Sobald 
er aber etwas geworden ist, sobald er eine Waffe in der Hand oder ein 
imponierendes Kleidungsstück an hat, beginnt er seine Umgebung zu 
knechten. Darin, dass er selbst seinem Herrgott gegenüber zugeknöpft ist, 
zeigt uns der Dichter die U n e r s ä 1 1 1 i c h ke i t des neurotischen Geltungs- 
strebens. 

Noch etwas ist für die Äusserungen Burlala's charakteristisch: die 
Unaufrichtigkeit, die Verstellung. Jeder Satz hat einen — psycho- 
logischen — Doppelsinn; immer ist ein Unterton da, der dem Ton 
widerspricht. So bedeutet z. B. „Weint doch nicht!" nicht etwa den auf- 
richtigen Wunsch, seine Eltern mögen sich überhaupt nicht um ihn grämen, 
sondern es ist eine dankende Bestätigung der seiner Person gezollten' 
Achtung; wie wenn die Frau eines Emporkömmlings den Handkuss einer 
Dienstperson mit den Worten: „Aber lassen sie das! 1 ' abwehrt, die Hand 
jedoch zum Küssen hinhält. Auch das: „Ach, es geht!" der letzten Strophe 
ist unaufrichtig; in Wirklichkeit fühlt er sich ausgezeichnet, doch gibt 
er"s nicht zu, weil er damit die Überlegenheit des Hausherrn eingestehen 
würde. Er benimmt sich wie ein kluger Hotelgast dem Wirt gegenüber, der 
sich nach seinem Befinden in seinem Hause erkundigt. Dieser Unaufrichtig- 
keit entspricht auch die Wiederholung: im Liede wird jeder Satz Burlala's 
dreimal gesungen. Ich denke, dass diese Wiederholung vom Dichter nicht 
bloss aus poetisch- oder musikalisch-technischen Gründen angegeben wurde 
Durch die Wiederholung sucht vielmehr Burlala die innere Unsicherheit 
zu besiegen und die Unwahrheit der Äusserungen vor den anderen zu ver- 
decken. Lügen werden — wie man weiss — oft auffallend laut gesprochen 
oder öfter wiederholt, damit sie endlich sicher geglaubt werden. 



III 

Die verschiedenen Formen des Widerstandes in der 

Psychoanalyse. 

Von Dr. Wilhelm Stekel, Wien 

Die gewöhnlichste Form ist wohl die, dass der Patient später kommt 
und zu allerlei Entschuldigungen greift. Dann versagen ihm die Einfälle, 
er hat schon alles gesagt, er wäre fertig. Doch von diesen Formen will ich 
nicht sprechen. Ich möchte nur in gedrängter Kürze auf einige weniger 
bekannte Formen des Widerstandes hinweisen. Zuerst auf die Menschen, 
die sehr viel reden, bei denen es keine Pause gibt und die sich bemühen, 
mit vielen Worten das Wichtigste zu verschweigen, Ein bekannter Kunst- 
griff der Kranken dieser Art ist es, den Arzt in literarische Gespräche oder 
in theoretische Auseinandersetzungen über die Psychoanalyse zu verwickeln. 
Die verschiedenen Spaltungen der Analyse werden betont, es wird um Aus- 



Die verschiedenen Formen des Widerstandes in der Psychoanalyse. 611 

kunft gefragt, der Kranke will plötzlich wissenschaftliche Beweise über 
Verdrängung etc. 

Eine sehr raffinierte Form des Widerstandes ist die plötzliche Ge- 
nesung. Aus Angst, der Arzt könnte das Innere erkennen, erklären sich 
die Kranken mit grosser Begeisterung als gesund. Sie preisen den Arzt, 
der ein solches Wunder vollbracht, vergessen nie die Erklärung hinzu- 
zufügen, dass sie einen Verwandten hätten, dem sie diese Kur empfehlen 
würden, sie betonen mitunter, dass dieser kommende Patient ein sehr 

reicher Mann wäre und verschwinden mit ihrer Krankheit, die 

nur für einige Tage verschwunden ist. Man sei also sehr vorsichtig gegen 
allzu schnelle Heilungen. Es kommt häufig vor, dass die Kranken sich 
gesund erklären und in Wirklichkeit die alten sind. Sie haben nur das 
Gefühl der Krankheit verloren, aber alle neurotischen Symptome beibehalten. 
Eine sehr raffinierte Form des Widerstandes ist das Erfinden von 
Aktualitäten. Wo solche nicht vorhanden sind, werden sie vom Kranken 
konstruiert. Vielleicht ist die ganze Übertragung auch nur das Bestrehen 
des Kranken, durch Aktualitäten die Analyse aufzuhalten und zu ver- 
hindern. Unerschöpflich jedoch sind manche Kranke im Auffinden von 
wichtigen Ereignissen des Vortrages, die sie erzählen müssen; es wäre 
etwas ganz besonders Bedeutsames. Die Briefe vom Hause, das Benehmen 
der Pensionsflau, ein zu diesem Zwecke in Szene gesetzter Angstanfall, 
akute Erkrankungen werden mit epischer Breite geschildert und die Stunde 
so vergäudet. Schon dass diese Kranken immer etwas später kommen und 
früher weggehen, verrät ihre geheime Tendenz. Sie erklären immer, sie 
hätten so viel zu reden, dass die Zeit nicht ausreichen würde. „So viel 
sei vorgefallen." Dann aber gehen sie früher weg und man merkt, dass 
man ihnen aufgesessen ist. Man hat keine andere Waffe, als die Kranken 
auf die Tendenz aufmerksam zu machen. Den nächsten Tag kommen sie 
und sagen : Sie werden wieder behaupten, dass ich mir Aktualitäten kon- 
struiere, um die Analyse aufzuhalten. Aber urteilen sie selbst usw. . . . 
Eine andere Form des Widerstandes ist die Produktion von ungeheuer 
ständen, sind Geldverlegenheiten infolge von Verschwendung, wobei regel- 
mässig der Versuch gemacht wird, den Arzt anzupumpen, um sich die 
Fiktion einer Behandlung ohne Geld und aus Liebe zu verschaffen, ferner 

Streitigkeiten mit der Familie 

Eine andere Form des Widerstandes ist die Produktion von ungeheuer 
langen Träumen. Schon das Anhören der Träume erfordert eine halbe 
Stunde. Man lasse sich nicht durch die Behauptung irre machen, es wären 
sehr wichtige Träume und man müsse sie analysieren. Ich verzichte in 
solchen Fällen auf die Erzählung der Träume, worüber die Kranken sehr 
böse sind. Aber die Widerstände treten dann offen zutage. 

Dann kommen die wunderbaren Fälle, in denen der Kranke plötzlich 
das Vertrauen verloren hat, weil er von diesem oder jenem Falle gehört, 
habe. Man lasse sich in keine Diskussionen ein und stelle dem Kranken 
sofort frei, die Behandlung abzubrechen. In solchen Fällen wird die Frage: 
Werde ich bestimmt gesund? endlos wiederholt und variiert. 

Kurz diese wenigen Beispiele mögen genügen. Der Analytiker sei 
auf der Hut. Er denke immer, dass die Kranken nur ein Bestreben haben : 
Alles, was wichtig ist, zu verschweigen! 



612 Frieda Mallinckrodt, Zur Psychoanalyse der Lady Macbeth. 

IV. 

Zur Psychoanalyse der Lady Macbeth. 

Von Frieda Mallinckrodt, M.-Gladbach. 

Zu dem interessanten Artikel von C o r i a t über Lady Macbeth wäre 
vielleicht noch folgendes zu ergänzen: 

Zunächst drängt sich beim Lesen die Frage auf: Woher die Teilung 
in Tapferkeit beim Wachen und Feigheit, Verzagtheit in den Träumen, 
in denen das Unterbewusstsein, das Verdrängte, sich Geltung verschafft? 
Welches von beiden ist das Primäre? Lady M. ist eine von den Frauen, 
deren Natur ein gross Teil männlicher Elemente enthält, eine Geistes- 
verwandte von Jeanne d'Arc, Florence Nightingale, Katharina II. und 
anderer, deren Namen uns wegen hervorragender Leistungen auf irgend 
einem Gebiet von der Geschichte erhalten wurden. Aber sie hat nicht das 
Glück gehabt, in einer Zeit zu laben und an einem Platze zu stehen, die 
ihr das Ausleben dieser Fähigkeiten ermöglichten, und hat deshalb die 
Wünsche und Hoffnungen, die sie für sich seiher nicht verwirklichen 
konnte, auf ihren Gemahl übertragen, den Tüchtigkeit über alle anderen 
Untertanen des Königs, sogar über diesen sejbst, hinaushebt, den Ehrgeiz 
sein Begehren bis zum Königsthron erheben lässt. Sie versteht diesen kaum 
geborenen Gedanken sofort mit dem, was ihm in ihrer eigenen Natur ver- 
wandt ist, erfasst ihn um so intensiver, als in ihr all die Energie auf- 
gespeichert liegt, die Macbeth selber Gelegenheit hatte, in Taten umzusetzen. 
Sie hält daran fest und ermutigt ihn, wenn er schwankend werden will, 
und hat den Mut selbst zur Sünde, zum Mord, zum niedrigsten Verrat, wenn 
anders ihr Ziel nicht erreicht werden kann. Sie will kein Warten, kein 
Aufschieben, gleich die erste Gelegenheit soll In-nutzt werden. Diese Hast 
ist schon ein Vorbote ihrer Krankheit: doch davon später. Daneben scheint 
Lady M. eine starke feindliche Einstellung gegen ihren Vater gehabt zu 
haben, wie wir sie sonst vielfach sehr ausgeprägt bei Söhnen finden. 
Diesen Hass überträgt sie auf den König, der den Platz einnimmt, den sie 
für sich, d. h. ihren Gemahl, mit dem sie sich identifiziert, beansprucht. 
Und mit diesem Hass Hand in Hand geht eine Abwehr jeder Autorität, ein 
Sichhinwegsetzen über geheiligte Überlieferungen, die ihr die ungeheure 
Tat erleichtern. Nun ist aber Lady M. nicht eine durchaus männliche Natur, 
die durch einen unglücklichen Zufall in das Körpergewand einer Frau 
gekleidet wurde, die weiblichen Elemente in ihr sind ebenso stark. Sie 
hat ihre Kinder sehr geliebt und sich jeder Mühe für sie unterzogen; sie 
ist durchaus weiblich in der Hingabe an ihren Mann und weiblich in der 
Art, wie sie die Folgen ihrer Tat spürt. Ihre Feigheit ist die Vorsicht des 
Weibes, die mehr zu hüten hat als sich Beiher, mag sie nun ein Kind 
haben oder erwarten, oder auch nur die Fähigkeit zur Mutterschaft in sich 
spüren. Sie ist das Minderwertigkeitsgefühl, das gerade in Mädchen mit 
einer Doppelnatur wte die der Lady M. sich früh regt, wenn sie sehen 
müssen, dass man sie überall zurückstellt — und im Mittelalter war 
das noch schlimmer als heute — , dass sie so wenig von dem ausführen 
dürfen, wozu ihr starker — auch wieder männlicher — Bewegungs- und 
Tätigkeitstrieb sie reizt, dass sie niemals die Leistungen hervorbringen, 
die Taten verrichten dürfen, die man in ihrer Umwelt am höchsten wertet. 



Referate und Kritiken. 613 

Olive Schreiner sagt in ihrem Buch „Die Frau und die Arbeit": 
Der Grundunterschied zwischen den Geschlechtern hege in ihrer Stellung 
zum Leben, während der Mann sage: Ich fühle mich heute besonders 
wohl und frisch, ich will hinausgehen und etwas töten, sei der Gedanke 
der Frau : da ist etwas schwach und hilfsbedürftig, da ist Leben, das sieb 
allein nicht entwickeln kann; ich will ihm helfen. Beides finden wir in 
Lady M Nur dass das letzte zurückgedrängt war, wie der ganze weibliche 
Teil ihrer Natur, bis nach vollbrachter Tat. Das männliche Element, 
dem die letzte Möglichkeit des Auslebens mit dem Tode ihrer Kinder auf 
die sie hätte übertragen können, genommen war, hatte sich in seinen Lebens- 
äusserungen in ihr aufgespeichert, wie der Dampf in einer yentillosen 
Maschine Die Andeutung von den ehrgeizigen Plänen ihres Mannes er- 
öffnet einen Weg, auf den sich die aufgespeicherte Energie mit der Gewalt 
einer Naturkraft stürzt, bis sie ihr Ziel erreicht hat - um dann ebenso plötzlich 
umzuschlagen Neben dieser Gewaltsamkeit finden wir einen Mangel an 
vorweg nehmender Phantasie, der ebenfalls Schuld an der tragischen Ent- 
wickelung bei Lady M. trägt. Während ihr Gemahl immer noch zaudert, 
überlegt die Scheusslichkeit seines Vorhabens empfindet und verurteilt 
und damit das, was ihm schaden könnte, überwindet, wird sie sich all dieser 
Dinge gar nicht bewusst; sie bleiben in ihr stecken, wie ein schleichendes 
Gift, das dann später ihre Krankheit verursacht. 

Für die psychotherapeutische Behandlung eines solchen Falles er- 
gäbe sich naturgemäss zunächst die Forderung, die unterbewusst wirkenden 
Strömungen ins Bewusstsein zu heben, dann aber auch, den brachliegenden 
Kräften ein Feld der Tätigkeit zu schaffen, damit nicht wieder gefahrliche 
Energie-Hochspannungen erzeugt werden. Gegebenenfalls muss die Tätig- 
keit zugleich eine Sühne sein. 

Eine verständige Pädagogik aber wird allen Fähigkeiten des Kindes 
zunächst möglichst gleichmässig Spielraum gewähren, und nicht Naturen, 
die aus der Schablone herauszufallen scheinen, gewaltsam in dieselbe 
zurückzudrängen versuchen. Damit sind schon viele wertvolle Kräfte, 
die für die Gesamtheit hätten nutzbar gemacht werden können, zu Schäd- 
lichkeilen für den Träger und seine Umgebung geworden. 

Im übrigen verweise ich zu diesen Gedanken auf die Arbeit von 
S a a 1 e r im April/Mai-Heft des Zentralblattes und auf die Gedanken über 
das Einfühlungsvermögen der Frau in Spielrein's Aufsatz über die 
Schwiegermutter (Imago IIb). 



Referate und Kritiken. 

W. Stekel: Das liebe leb. Grundriss einer neuen Diätetik der Seele. Berlin, 

Seile 1913. 

Das Hebe Ich steht im Mittelpunkt all unseres Fühlens, Denkens und Wollens. 
St führt diesen Beweis, der von den meisten ja als sicher geahnt und empfunden 
wird in äusserst geistreicher Weise durch. Es bringt interessante Ausführungen übei 
das Kind — Enttäuschung-Heranwacbsen-Kinderselbstmorde— , die Liebe, die bis zum 
Haas gehenden Entfremdung ganzer Völker gegen einander, über alle der Verdrängung 



(514 Referate und Kritiken. 

verfallenden Komponentm unseres Ich. In der Liebe und Ehe, dem Kampf der (Je. 
schlechter, in den Lebenszielen, in den grossen Zielen der Kinder, die später so oft 
zur Unzufriedenheit mit dem Berufe fuhrt und später unweigerlich zur Neurose, iu 
allem steckt das liebe Ich. Dann plaudert er weiter über das quälende Schuldbe- 
wusstsein desNeurotikers; er gibt den Erziehern der Jugend den wohl zu beherzigenden 
Rat: Der Jugend das Verzichten zu lehren. Das Nachäffen der Reicheren durch 
die Ärmeien in der Mode, Kunst usw. wird an mehreren Beispielen höchst sinnvoll 
erläutert. Er spricht dann über Angst und Zweifel, die das Charakteristikum 
jedes Neurotikers sind : Ein Mensch, der an sich glaubt, wird niemals dem Zweifel 
verfallen; er erörtert die tiefe Gläubigkeit de3 Neurotikers: Die Wurzeln aller dieser 
Dinge reichen bis weit in die Kindheit zurück. 

Tagträumer gibt es nach Stekel zwei Arten: Solche, die wissen, dass sie Luft- 
schlösser bauen, die sind in der Minderzahl, und solche, die Mehrzahl, welche keine 
Ahnung von ihren Träumen haben, die Trödler. Es sind Leute, welche immer Zeit 
haben, zerstreut sind, immer zu spät kommen. 

Gewisse nervöse Symptome werden überhaupt erst verständlich, wenn sie unter 
dem Gesichtswinkel der Wiedervergeltung betrachtet werden: Die hysterische 
Handlähmung, die nervöse Dame, die immer fastet und nnr Suppe geniesst etc., all 
das repräsentiert das böse Gewissen des Patienten. 

In der Angst vor der Freude, im Umgehen mit Geld kommt das liebe, das 
nackte Ich zum Vorschein. Sehr richtig ist die Bemerkung, die St. über das Ver- 
halten dos Arztes dem Gelde gegenüber sagt: Sie tun immer so, als ob es Ihnen 
vollständig gleichgültig wäre; ferner über den Neid, den Lebenskünstler, den 
Pechvogel mit. seinen tausenderlei Entschuldigungen, alles dies sind Kapitel, die den 
Leser wie gute, alte Bekannte anmuten. 

Der Abschnitt über entartete Kinder gipfelt darin: Quält das Kind nicht mit 
Eurem Ehrgeiz, Euren Plänen! ein Wort, das verdiente, 99% aller heutigeu Eltern 
ins Stammbuch geschrieben zu werden. 

Sehr gut ist auch das, was St. über die psychischen Aufregungen sagt: Auf- 
regungen sind gesund, sie dienen der Gesundheit, was er mit mehreren Beispielen 
sehr hübsch belegt. Wir sehen alles, was wir sehen, nur mit der Brille des Affekts. 

Den Schluss des Essays, anders kann man den geistreichen Aufsatz, dass bei 
jedem Menschen, ob gesund, ob krank, sich alles nur um das .liebe Ich" dreht, nicht 
bezeichnen, bilden Aphorismen unter dem Titel „Rund um die Psychoanalyse." 

Ich bin mir wohl bewusst, dass ich in meiner Besprechung im wesentlichen 
Kapitelüberschriften gegeben habe; aber ich denke, diese Kapitelüberschriften werden 
den Leser zur Lektüre des Buches veranlassen. Neu sind ja die Dingo für jemanden, 
der gewöhnt ist, sich mit den Seelen anderer zu beschäftigen, grossenteils nicht, aber 
jeder wird sein Vergnügen an der glänzenden Sprache des Autors haben. 

Sehr zu begrüssen ist es, wie St. in der Vorrede sagt, dass die Psychoanalyse 
nicht in einem peinlichen Ausfragen nach sexuellen Erlebnissen allein besteht: 
St. unterschätzt die sexuellen Erlebnisse nicht, aber er überschätzt sie auch 
nicht. 

Es ist mit Freude zu begrüssen, dass das einmal von einem Hauptvertreter der 
Psychoanalyse ausgesprochen wird. Dr. Bloch. 

Magnus Horschfeld: Die Homosexualität des Mannes und des WeibeB. 
Berlin. 1914. Luis Marcus. 

Ein grossangelegtss erschöpfendes Werk über die Homosexualität von ihrem 
besten Kenner im Umfange von 67 Druckbogen. Man staunt über den enormen Fleiss 
und die grosse Belesenheit des Autors, der keine Arbeit unerwähnt gelassen hat, die über 



Referate und Kritiken. 

Homosexualität handelt, der auch die schöne Literatur berücksichtigt und der auch 
das erstemal eine zusammenfassende historische Darstellung des Themas gibt. Das 
Buch ist für jeden Sexualforscher unentbehrlich und als Nachschlagewerk durch sein 
gewissenhaft ausgearbeitetes Register doppelt wertvoll. Die Stellung Horschfelds 
zu der Frage der Homosexualität ist ja bekannt. Er kämpft seit vielen Jahren für 
diese armen Unglücklichen und bemüht sich immer wieder nachzuweisen, dass die 
Homosexualität angeboren und nicht erworben ist. Er unterscheidet eine echte und 
eine falsche Homosexualität und begründet seine Diagnosen mit grossem Scharfsinn 
und eminenter Fachkenntnis. Wenn ich trotzdem anderer Ansicht bin, so ändert das 
nichts an dem Wert des Buches. Was wir als Ergänzung des Werkes von Horschfeld 
erwarten, ist eine gründliche psychoanalytische Durchforschung des Themas. Ich 
stehe nach wie vor auf dem Standpunkt in der Homosexualität eine früh erworbene 
Neurose zu erblicken. Der Homosexuelle verdrängt seine Heterosexualität ebenso 
wie der Heterosexuelle seine Homosexualität geopfert hat. Ich werde mich mit 
Horschfeld ausführlich in meinem Werke „Die psychischen Störungen der Sexual- 
funktion" auseinandersetzen. Zweck dieser Zeiieu ist es, alle Kollegen auf das fesselnd 
geschriebene, äusserst lehrreiche Werk aufmerksam zu machen und sie anzuregen, 
sich durch das Studium desselben in die Materie zu vertiefen. St ekel. 

I. Marcinowski: Glossen zur Psychoanalyse. (Zeitschrift für Psychotherapie 
und medizinische Psychologie. VI. Band. 1. Heft 1914.) 

In seiner temperamentvollen und lebendigen Art schildert uns der Autor die 
„Hlusionswelt der Affektübertragungen." Er hat sich aus den Selbsttäuschungen 
denen die Leiter von Sanatorien unterliegen müssen, zur klaren Kenntnis der Dynamik 
und Bedeutung der Übertragung emporgearbeitet. Er betont mit Recht, dass die 
Aufdeckung der Übertragung eine der genialsten Entdeckungen von Freud ist und 
zeigt an zahlreichen Beispielen seiner reichen Erfahrungen, wie sich diese Übertragung 
vollzieht und wie sie gelöst wird. Mit einem überlegenen Humor und grosser Sach- 
kenntnis werden die Illusionen des sich in den Arzt Verliebens geschildert und die 
Leiden dieser Übertragungen vorgeführt. Der Psychoanalytiker muss diese Über- 
tragungen vollkommen beherrschen können, wenn er einen dauernden Erfolg erzielen 
will, das ist die These die Marcinowski in dieser Arbeit beweist. Wir können seine 
Ausführungen allen Analytikern aufs wärmste zur Beherzigung empfehlen. Gefreut 
hatte es mich, wenn ich auch gelernt hätte, warum die Übertragung zustande kommt 
und warum s»e zustande kommen muss, wenn auch der Arzt ein ungenügendes Objekt 
für diese Illusionen darstellt. Ich gestehe, dass wir darüber noch gar nichts wissen. 
Es muss sich um eine allgemein gültige- seelische Kraft handeln, die nicht allein den 
Arzt, sondern auch den Lehrer und Priester mit souveräner Macht ausstattet. Denn 
die stärksten Grade von Übertragung habe ich noch immer bei Kunstachülern beob- 
achtet. Die Überschätzung des Meisters nimmt hier lächerliche Grade an. Es scheint, 
dass der Wille zur Unterwerfung, die wichtigste Tendenz der Liebe, eine der stärksten 
Triebkräfte im Menschen ist. Leider fehlt in der Darstellung von Marcinowski das 
polare Gegenstück: Der Wille zur Macht. Wie der Kranke selbst mit seiner Liebe 
danach strebt, sich den Arzt zu unterwerfen und dienstbar zu machen, das wäre 
einer besonderen Darstellung wert. Vielleicht ist die Übertragung nur der Ausdruck 
des Wunsches, den Meister nicht zu hassen und seine Überlegenheit anzuerkennen. 
Vielleicht ist das Preisgeben des Inneren eine psychische Exhibition, die einer völligen 
Hingabe gleichkommt. Es gibt Frauen, die jeden Widerstand aufgeben, wenn man 
sie nackt sieht. (Maupassant hat in seiner Meisternovelle .Die Dorfmagd" eineu 
Bolcben Fall klassisch geschildert.) Unsere Kranken fühlen sich uns schutzlos preis- 
gegeben, zu schwach, um uns zu hassen und zu beherrschen. Erst die Liebe macht 



610 Referate und Kritiken. 

es ihnen möglich, sich in dieser Entblössung zu zeigen und die EntblöBsung zwingt 
sie, uns zu lieben. Und hinter ihrer Liebe lauert die Erwartung einer Gegenliebe. 
Etwa die Krage: Wird er uns noch lieben, wenn er uns kennt? Wird er uns trotz 
unserer Fehler lieben? Sie hüben bisher geschwiegen, weil sie fürchteten, Achtung 
und Liebe zu verlieren. Nun soll ihnen der Arzt beweisen, dass er sie trotz ihrer 
Geständnisse achtet und liebt. Das fragen öie immer wieder und das wollen sie immer 
wieder sehen. Ihr Persönlichkeitsgefühl sträubt sich dagegen, nur eine Nummer wie 
die vielen anderen zu Bein. Deshalb hören sie die Ausführungen des Arztes Über die 
Übertragung ungläubig an und selbst wenn Bie einschen, sagt ihnen eine innere Stimme: 
Bei dir ist es nicht so. das ist die echte Liebe. 

So kommen alle Heilungen dem Arzte zuliebe zustande» und die Krankheit 
bleibt bestehen, um dem Arzt zu zeigen, dass man unbesiegbar ist und ihm trotzen kann. 
Die Kunst des Analytikers ist es, seinen Nachen durch die starken Strömungen von 
Liebe und Hass dem Ziele zuzuführen und sich von dem Gaukelspiel der Übertragungen 
nicht verwirren zu lassen. Stekel. 

Sauger: Die Psychoanalyse eines Au toero tikers. (Jahrbuch für psycho- 
analytische Forschungen. V. Band. II, Hälfte 1913. Franz Deuticke, Leipzig und 
Wien.) 

Es ist dafür gesorgt, dass una die Lektüre des Jahrbuches nicht zu eintönig 
wird. Sadger füllt seine Seiten mit köstlichen Blüten unfreiwilligen Humors. Blitz- 
artig kommen unerwartete Wendungen und neue Erkenntnisse. Wer hat vor Sadger 
geahnt, duss der Ehrgeiz ein Produkt der Urethra ist? Niemand. Sadger aber ver- 
kündet- „Weitere uretbral-erotische Äusserungen sind die Erektionen, ein sehr leb- 
haftes Interesse für Feuer und Heizaulagen, endlich ein brennender 
Ehrgeiz." Wer wusste bisher, was die Furcht vor Wanzen bedeutet? Niemand. 
Sadger aber fasst sie nicht symbolisch als Angst vor Gewissensbissen, als Angst vor 
Schmutz und Infektion auf, sondern orakelt: „Mit der Hauterotik hängt eine excessive 
Wanzenfurcht unseres Knaben zusammen". „Die Wanzen als Objekt der Hauterotik«, 
das ist wirklich neu und genial. 

Ich habe mich immer gewundert, woher Sadger seine profunden Kenntnisse 
über die Gesasserotik hernimmt. Ich habe doch auch Kranke, wolche offen und frei- 
mütig reden, höre aber sehr selten diese Dinge. Nun lerne ich aus der Arbeit von 
Sadger, dass er seine Kranken durch Suggestivfragen immer wieder in seine Gedanken- 
kreise zwingt. Der Kranke erzählt von seiner Mutter, sie hätte gerne körperliche 
Arbeiten verrichtet, daher stemme wahrscheinlich seine Freude am Sport. Sie hätten 
beide immer lest zugegriffen und es so auch bei der Reinigung getan, die Muttor und 
"Me Grossmutter. 

Sadger fragt sofort: „Also gewissermassen Ihren Hintern gescheuert?" Der 
Vater legt sich zu dem Knaben ins Bett und der Knabe legt sich zurecht und fragt 
den Vater: Ist es gut so? Der abgerichtete Patient deutet das im Jargon von 
Sadger: Liege ich so recht wie die Mutter? Und so wimmelt es von Sadgerismen. 

Die Arbeit ist voller Widersprüche. Seite 487 heiest es: Sein Geschlechts- 
trieb ist im Verhältnis zn dem anderer Leute seines Alters sehr gering trotz ge- 
legentlich stark betriebener Onanie. Dabei onaniert der Patient manchmal sechsmal 
hintereinander und gesteht, dass er permanent sexuelle Gedanken habe. Und das nennt 
Sadger einen geringen Geschlechtstrieb. 

Die ganze Arbeit setzt beim Leser eine fieberhafte Spannung voraus. Sadger 
glaubt offenbar, dass man seine Arbeiten, verschlingt. Es ist immer hoch an der 
Zeit. Es ist hoch an der Zeit, die Familienverhältnisse des Patienten zu beleuchten, 
es ist hoch an der Zeit, den organischen Grundlagen des Sadomaeochismus auf den 



Referate und Kritiken. 617 

Leib zu rücken. Es wäre aber hoch an der Zeit, dass wir mit Bolchen Kranken- 
geschichten, welche die Psychoanalyse diskreditieren, in Ruhe gelassen werden. Ich 
kenne den Kranken und habe ihn nach vierwöchentlicher hochinteressanter Analyse 
freiwillig fortgeschickt, weil ich mich schämte, dass ein Mann, der schon 14 Monate ohne 
Pause analysiert wurde, noch weiter analysiert weiden sollte. Der Kranke wollte 
wiederholt von Sadger fortgehen. Ich halte in solchen Fällen keinen Kranken. 
Sadger aber ruft ihn immer wieder zurück und verspricht ihm die Heilung. So heisst 
es auf Seite 479: „Mehrere Male leistete er sich auch während der Analyse den 
Scherz, mir einen Abschiedsbrief zu schreiben. Er könne aus diesem oder jenem 
wichtigen Grunde die Behandlung nicht fortsetzen. Da er offensichtlich jedesmal nur 
auf meine Aufforderung wartete zurückzukehren, habe ich ihm immer eine 
Brücke gebau t." Man baut einem Kranken, der bei un9 nicht bleiben will, keine 
Brücke! Man analysiert nicht 14 Monate Träume, wenn man von der Traumanalyse 
so wenig versteht! Der Kranke studierte seinen Freund sehr genau und leistet sich 
den Scherz, seinen Arzt zum besten zu halten. Ich besitze dieses köstliche Traum- 
buch mit allen Deutungen Sadgers. Ich begnüge mich, es als meine humoristische 
Privatlektüre zu benutzen. Dabei schafft sich Sadger alle Beweise aus den Träumen. 
Seite 498 heisst ee: .Aus einem gut gedeuteten Traume geht hervor, dass er den 
Koitus der Eltern belauscht und ihn dahin ausgelegt habe, dass der Vnter der Mutter 
Schläge auf das nackte Gesäss gegeben habe." Wie kann ein Traum das beweisen, 
worum der Kranke von dem Arzte wiederholt gefragt wurde? In alle Symptome 
legt Sadger seine Deutungen hinein. Wenn der Kranke einen heftigen Schweiss- 
ausbruch infolge von Angst hat, fragt Sadger (Seile 513) „Sollte das ein Äquivalent 
für eine Ejakulation sein?" Der Kranke weicht diesmal auB und erwidert: „Das 
weiss ich nicht, eine Ejakulation hatte ich ja auch direkt." 

Ich bin aber in der Lage, durch diese Publikation einmal aller Welt zu be- 
weisen, wie die Psychoanalyse ä la Sadger arbeitet, wenn sie die Träume analysiert. 
Die Herren legen ihren eigenen Geist in die Träume hinein, was ja nicht schlecht 
wäre, wenn der Geist etwas Neues zu sagen hätte. 

Der Kranke teilt mehrere Träume mit. Er erzählt von einem Traume, in dem 
ihn ein schwarzer Pudel lockte, der sich in einen Menschen im schwarzen Mancbester- 
anzug verwandelte. Der Traum ist leicht zu deuten. Wir kennen den schwarzen Pudel 
schon aus dem Faust als ein Symbol des Bösen, der Sünde. Der Kranke wird von 
der Sünde gelockt und verwandelt die Sünde in seinen Fetischismus, der seine ge- 
heime Religion ist. (Er ist Manchesterhosenfetischiat.) Man vergleiche übrigens die 
Analyse Sadgers mit der meinen, die ich in meiner Arbeit über Fetischismus publi- 
ziert habe. Es ist sehr lehrreich Doch zurück zur Traumanalyse. Was sagt 

Sadger dem Träumer? 

„Vielleicht wollten Sie der Mutter UDter die Röcke kriechen und sie am Gesas* 

betasten." ? 

Der Kranke: „Es wäre auch möglich, dass meine Mutter tatsächlich * 

usw. .. . 

Ich habe in meiner Analyse dieses Falle nachgewiesen, wie sich hinter dem 
Fetischismus die Religion und Askese versteckt. Der Kranke sagt es dem Arzte 
wiederholt: „Ich bin gar nicht der, für den ihr mich nach der minderwertigen Ge- 
wandung haltet." (Er ist ja Christus!) „Manchmal neige ich zur Askese und deren 
Verherrlichung. Die wahre Glückseligkeit liegt in der höchsten Bedürfnislosigkeit." 
Endlich sagt der Kranke doch die tiefste Wahrheit: „So ein Fetisch ist eigentlich 
nichts als eine bis in die letzte Konsequenz getriebene Symbolisierung, wo das Sym- 
bol tatsächlich an die Stelle der Wirklichkeit tritt." Der Kranke hat sich in 

seine Krankeit hineingezwungen. Es macht ihm die höchste Lust, sich zu beherrschen. 



018 Referate und Kritiken. 

Jede Neurose ist der nach innen gekehrte Wille zur Macht. In der Zwangsneurose, 
und der Fetischismus ist ja die reinste Form der Zwangsneurose, kommt dieser Selbst- 
beherrschungstrieb in seinen extremsten Formen zur Beobachtung. Ich empfehle noch- 
mals die Lektüre meiner Arbeit nach der Lektüre des Aufsatzes von Sadger. Einen 
tieferen Blick in die Mühlen der Psychoanalyse kann man selten erhalten... . Sadger 
erklärt seinen Misserfolg mit dem Narcisismus des Krankon. Hätte er das zu Beginn 
gewusst, dass der NarcsiBismus therapeutisch die Grenze der Analyse bedeute, er 
hätte die Kur nicht begonnen oder bald abgebrochen. Aber lieber Kollege Sadger! 
Alle Neurotiker sind Narzisisten und erst recht die Fetischisten. Die Pervereion 
war nicht unheilbar, weil sie mit dem Narcisismus verknüpft war, sondern weil der 
Arzt das Wesen der Krankheit nicht erkannt hatte. Ich will nicht leugnen, dass 
die in Gesäss, Muskel, Schleimhaut uud Urethra wühlende Forschungsarbeit man- 
ches brauchbare Detail zutage fördert. Es muss auch in der Wissenschaft einen Künstler 
und einen Mistbauer geben. Nicht jeder kann ein Freud sein, der diese Dinge 
mit einem Strahl der neuen Erkenntnis vergoldet. . Aber von dem geheimen Me- 
chanismus der Neurose hat Sadger keine Ahnung. Der Fetischismus ist eine kom- 
plizierte Aufgabe, ein Vezierschloss, das man mit den Schlüsseln, welche Sadger zur 
Verfügung hat, nicht aufsperren kann. 

Wir würden es aber für vorteilhafter halten, wenn derartige Krankengeschichten 
in der Lade des Autors bleiben würden. Sie nützon uns Analytikern gar nichts, 
bringen uns nicht eine neue Erkenntnis and kiinnen immensen Schaden stiften. Sie 
könnten die irrige Ansicht verbreiten helfen, dass jede Analyse eine Sadgerische 
Analyse ist. Dagegen möchte ich an dieser Stelle öffentlich protestieren, ehe ich 
meine referierende Tätigkeit aufgebe. Meine Leser finden aber in der Traumarbeit 
dieses Heftes noch einen Traum analysiert, der der Arbeit von Sadger entnommen 
ist. Vielleicht werde ich in dem zweiten Bande meines Buches „Die Sprache des 
Traumes", den ich unbedingt einmal schreiben muss, einige Kapitel der ver- 
gleichenden Traumforschung widmen. 

Und nun nehme ich Abschied von der Gesässerotik für lange lange Zeiten 

Sadger soll von mir nicht mehr belästigt werden. Stekel. 

Marcinowski : Die Heilung eines schweren Falles von Asthma durch 
Psychoanalyse. (Ibidem.) 

Es wird an einem akut entstandenen Falle von Asthma die Wirksamkeit der 
Psychoanalyse bewiesen. Es handelt sich eigentlich um ein passageres Symptom, 
das während der Psychoanalyse aufgetreten ist. Eine Dame erkrankt an schwerem 
Asthma aus Sehnsucht, die Analyse fortzusetzen. Dieser Fall wäre an und für sich 
nicht beweisend. Es wäre viel lohnender, einen Fall von chronischem, lange dauerndem 
schwerem Asthma zu publizieren. Ich habe ja schon vor einigen Jahren auf die 
Psychogenese des Asthmas hingewiesen und meine Ausführungen werden durch die 
schöne Arbeit von Marcinowski, die sich durch Offenheit und Geschmack auszeichnet, 
bestätigt. Die chronischen Fälle von Asthma sind viel komplizierter und setzen der 
Heilung grossen Widerstand entgegen. Besonders wenn man Bie von der Familie 
trennen will, werden die Asthmatiker wild und verlassen den Arzt nnter irgend einem 
Vorwande. Und doch: Es gibt keinen anderen Weg als den der rationellen Psycho- 
therapie, als eine psychoanalytische Kür, welche auf die psychopttdagogischen Auf- 
gaben nicht vergisat. Stekel. 

Heinrich Kahane : Grundzüge der Psychologie für Mediziner. Wiesbaden 
1914. J. F. Bergmann. 

Eine Kenntnis der gesamten Psychologie ist für jeden Arzt heute unentbehrlich. 
Wir stehen im Zeitalter der Psychologie. Die Auffassung der Neurosen uud ihre 



Referate und Kritiken. 619 

Therapie ist eine psychologische. Das Buch von Kahane will dem Arzte und Stu- 
dierenden ein Föhrer in diese schwierige Wissenschaft sein. Konstatieren wir gleich, 
dass dieses grossangelegte Werk diesen Zweck nicht erfüllt. Kahane vermeidet dies- 
mal alle Angriffe auf andere Schulen und macht nur für seine Anschauungen Propa- 
ganda. Wir brauchen aber einen Führer, der alle disparaten Forschungen prüft, 
sichtet, schildert und das Beste bietet. Das ist hier nicht der Fall. Von den grossen 
Fortschritten, die wir Freud und allen seinen ehemaligen und jetzigen Schülern ver- 
danken, findet sich in dem Buche kein Wort. Auch wäre ein solches Werk an Hand 
von praktischen Beispielen zu schreiben, sonst wirkt die Lektüre ermüdend und er- 
füllt nicht ihren Zweck. Dr. W. B. 

A. M. Brill: Piblokto oder Hysterie unter Pearys Eskimos. (The Journ. 
of Ny. and Ment. Disease. August 1193.) 

In Admiral PearyB Buch interessierte mich besonders eine Beschreibung eines 
eigentümlichen Nervenleidens, welches man unter den Eskimos an der Westküste 
Grönlands findet — von Cap York bis Etah — welches Bie Piblokto nennen und 
welches er eine Form der Hysterie nennt. Peary hat Piblekto nie bei einem Kind 
gesehen, aber bei einigen Erwachsenen jeden, oder jeden zweiten Tag einen Anfall. 
An einem Tag konstatierte er fünf Fälle. Die direkte Ursache dieses Leidens — sagt 

Peary sei schwer zu bestimmen; hie und da (ich zitiere seine Worte) scheint es 

die Folge eines Grübelns über abwesende oder verstorbene Verwandte oder eine Furcht 
vor der Zukunft zu sein." 

Den Anfall schildert er mit folgenden Worten: „Die Patientin, meist sind es» 
Frauen, fängt an zu schreien und die Kleider vom Körper zu reissen. Kommt der 
Anfall auf dem Schiff, so wird sie schreiend und gestikulierend auf dem Deck auf 
und ab laufen, in der Regel nackt, wenn auch der Thermometer 40" Kälte zeigt. 
Wird der Anfall schlimmer, springt die Patientin manchmal über das Geländer aufs 
Eis und läuft eine halbe Meile. Der Anfall dauert wenige Minuten, eine Stunde 
oder länger und einige Kranke werden so wild, dass sie auf dem Eise nackt herum- 
laufen würden, bis sie erfrieren, wenn man sie nicht mit Gewalt zurückbringen 

würde. 

Ist der Anfall im Hause, beobachtet man den Kranken wenig, solange er 
kein Messer findet, oder versucht, andere zu verletzen. Der Anfall endet mit heftigem 
Weinen; wenn der Patient ruhig wird, sind die Augen blutunterlaufen (bloodshob), 
der Puls hoch und der ganze Körper zittert noch etwa eine Stunde lang." 

Nun macht Brill sehr interessante Bemerkungen über das Verhältnis der Kon- 
versioushysterie zur Angsthysterie. Er sagt: 

.Nach meinen Beobachtungen konnte ich keine Konversionshysterie unter den 
Eskimos finden. Die Frage mag nahe liegen, warum man nicht auch bei den an 
Piblokto Leidenden Symptome von Konversion findet. Um diese Frage zu beantworten, 
müssen wir nns das Gesetz und den Mechanismus der Konversion vergegenwärtigen. 
Meine Erfahrung mit solchen Hysterischen hat mich gelehrt, dass ich in allen Fällen 
von dauernder Konversion (bei Astasia, Abasis, Paralyse, Aphonias etc.) mit Leuten 
tu tun hatte mit sehr komplizierter psychischer Organisation, die meist lange litten, 
•he die Konversion zum Durchbruch kam. Sozusagen alle diese Leute gehörten zu 
den Patienten, die stille leiden, ohne sich jemandem mitzuteilen. Ich entsinne mich 
auch sehr vieler Patienten, die gesprächige Menschen waren ; deren Anfälle zeigten 
sich in Lachen, Weinen und Schreien. Diese hatten keine so komplizierte geistige 
Veranlagung wie die vorher genannten Patienten. Es ist ferner bezeichnend, dass 
man Konversionshysterie selten bei Kindern findet. Alle Fälle von Hysterie, die ich 
bei Kindern gesehen habe, gehörten zur Angsthysterie. Wenn wir uns in den tieferen. 



620 K,eferate und Kritiken. 

Mechanismus der Konversion einarbeiten, erfahren wir, dass dss Symptom, wie beim 
Traum, ein versteckter Ausdruck eines verdrängten Wunsches ist. Wer die Trauin- 
aoalyse kennt, weiss, daes die Träume Erwachsener versteckt symbolische Wünsche 
zeigen, die Träume der Kinder hingegen ganz klar sind. Kinder haben es noch nicht 
gelernt, zu unterdrücken oder zu verdrängen; sie wünscheu irgend etwas, ohne zu 
wissen, dass es unerreichbar ist und weinen, wenn eich der Wunsch nicht erfüllt. 
Mit anderen Worten, die Träume, wie auch die hysterischen Ausbrüche unter Kindern 
und Erwachsenen geringeren Bildungsgrades sind nicht so kompliziert und versteckt, 
wie die intelligenter reifer Menschen. Es gibt keine bestimmte Abgrenzung zwischen 
bewusst und unbewusst und die psychische Unrcharbeitung und folgende Reaktion 
Bind ganz oberflächlich. Sie können sieb in Weinkrämpfen, Schreikrämpfen, Lach- 
krämpfen zeigen oder in anderen einfachen Kundgebungen. Peary 6agt: „Eskimos 
sind Kinder in ihrem Schmerz und in ihrer Freude." Ihre Reaktion bei unerfüllbaren 
Wünschen ist anch kindlich. Statt eines komplizierten hysterischen Anfalles oder 
eines chronischen hysterischen Symptoms, wie Lähmung oder Aphonia, folgt hier 
der Ausfall der Kränkung und äussert sich in dem einfachsten Gofühlsausbruch. Es 
gibt kaum etwas Kindischeres, als einen Hund oder Vogel nachzuahmen, oder singend 
oder weinend in die Berge fortzulaufen." 

„Und trotzdem, ist wirklich ein so grosser Unterschied zwischen dem hysterischen 
Mechanismus, wie er sich bei Piblokto beweiht und der grossen Hysterie oder anderer 
moderner hysterischer Kundgebungen? Wir können ohne Zögern antworten, dass 
der Unterschied mehr anscheinend als wirklich ist. Das tiefer Bestimmende ist bei 
beiden das Gleiche. Wir dürfen sagen, dass die moderne Dame und die Eskimo- 
frau im Grunde die gleichen sind." 

Ich kann nach meinen Erfahrungen diese sehr verlockenden Deduktionen nicht 
unterstützen. Die Grenzen sind nicht so scharfe zwischen Angst und Konversions- 
hysterie, wie die Freudschule annimmt. Beides sind Ausdruckformen einer und der- 
selben Kraft und kommen auch in einem Individuum vereint vor. Auch habe ich 
ausgesprochene Konversionshysterie bei Kindern gesehen, Lähmungen, Aphonien, 
Mutismus. Ich habe nur den Eindruck, dass die Konversionshysterie jetzt viel seltener 
geworden ist, ebenso die grosse Hysterie mit dem klassischen hysterischen Anfall. 
Der Zeitgeist scheint die Angsthystorie zu bevorzugen. Das Piblokto müaste einer 
genauen seelischen Analyse an einem Kranken unterzogen werden, um die Motive 
kennen zu lernen, die hinter den Anfällen stecken. Sicher mehr als eine unbefriedigte 
Libido! Vielmehr scheint es sich um ein Besessensein zu handeln, in dem wie bei 
dem Amok der Malayen Kriminalität und Religion eine ebenso grosse Rolle spielen 
wie die Sexualität. Stekel. 

Leo Erichsen: An der Grenze des Übersinnlichen. Unser Seelenleben. 
Hypnose. Suggestion. Telepathie. Der persönliche Einfluss. Ein 
neuer Weg zum Erfolg. 15.— 20. Tausend. Strassburg in E. Verlag von 
Josef Singer. 

Wie schon der Titel erkennen lässt, spekuliert auch diese Schrift, wie so viele 
Bücher, mit denen der Büchermarkt seit Jahren überschwemmt wird, auf die Sen- 
sationslast des Publikums. Und wer wollte sich denn heute nicht über .Unser 
Seelenleben", die „Hypnose" oder die noch ganz rätselvolle „Telepathie" unterrichten? 
Wer aber gar wäre nicht gewillt sich um 2 Mk. ein Rezept anzuschaffen, das seinen 
.persönlichen Einfluss" vielleicht ins Fabelhafte zu steigern in Aussicht stellt?!.... 
Für den Psychologen ist das Büchlein ohne alle Bedeutung — ee ist auch scheinbar 
nicht für ihn bestimmt — und dem Laien kann es keine Dienste leisten; ja, es ist 
ganz geeignet, ihn nur zu verwirren und irrezuführen. So ist es direkt falsch, wenn 



Varia. 

der Verfasser z. B p. 36 schreibt: „Der Abbe faria, dessen Reisen weit nach Indien 
führten, hatte dort die Hypnotisiermetboden der Fakire kennen gelernt und brachte 
diese Metkode gegen Ende des 18. Jahrhunderts nach Europa, wo sie namentlich in 
Frankreich grosBe Verbreitung fand. Um dieselbe Zeit entdeckte der Deutsche Mesmer 
den sogenannten tierischen Magnetismus. . ." (Es muss allerdings gesagt werden, 
dass diese Ansicht in weiteren Kreisen verbreitet ist und so kann es uns nicht wundern, 
dass der durchaus unselbständige E. diese Ansicht kritiklos weitergibt.) Die Sache 
verhält sich vielmehr so: Jose Custodio de Faria (geb. 1756 in Goa) schiffte sieb, 
kaum 15 jahrig. mit seinem Vater nach Lissabon ein und kam 1788 nach Paris. 
Hier erst wurde er mit dem 1784 von dem Marquis de Puys6pur entdeckten 
Somnambulismus bekannt. Er bekennt auch in der an diesen Marquis de P. gerichteten 
Widmung seines Buches, De la cause du sommeil lucide (Paris 1819): „ . . . je re- 
connais dans vos sagte avis et dans vos bienveiüantes Instructions le germe de mes 
tneditalion." Damit ist erwiesen, dass F., als er mit 15 Jahren Indien für immer 
verlassen, keine Ahnung von der (1843 von Braid) mit dem Namen Hypnotismus be- 
legten Erscheinungen hatte. Mit Recht sagt denn auch Farias Biograph. Dr. D. G. 
Dalpado: „...Aber die Annahme, dass er (Faria) auch den Spiritis- 
mus und Fakirismus studiert hat, ist absurd." — Franz Mesmer hin- 
gegen hatte schon 1766 seine .Entdeckung" des .animalischen Magnetismus*' be- 
kannt gemacht. 

Was nun „des Buches zweiten und wichtigsten Teil" betrifft, so sollen zur 
Charakteristik nur zwei Stellen daraus angeführt werden. E. ruft seinen Lesern zu: 
.Sehen Sie in jedem anderen Menschen Ihren Gegner... Hören Sie 
meinen letzten Rat: Stellen Sie die Telepathie in Ihre Dienste!" Es 
ist glücklicherweise nicht so einfach den telepathischen Rapport mit irgend einer Person 
bewusst herzustellen (wie E. den Leser glauben machen möchte), so dass eventuelle 
Versuche zur Bofolgung dieses Rates nur höchst selten eine bedeutende direkte Ge- 
fahr nach Bich ziehen können, am ehesten noch für den, der solche Versuche unter- 
nimmt. Wilh. Wrchovszky. 



Varia. 

Alexander von Humboldt an Henriette Herz. 

Berlin, den 4. April 1796. 

.Wenn alle Traume so süss als mein gestriger wären, so möchte ich mein 
ganzos Leben in einen Traum umschaffen. Noch nie ketteten sieb meine Ideen auf 
eine so wahre und doch sonderbare, auf eine so sonderbare und doch so angenehme, 
auf eine so angenehme und doch so lehrreiche Art aneinander; noch nie. Doch w.- 
zu diese Einleitung. Wer wird jetzt wohl noch ein Buch mit einer Vorrede schreibe 
oder wenn der Verfasser unmodisch genug ist, es zu tun, wer wird beim Lesen c 
Vorrede nicht Überschlagen? Hören Sie gleich den Traum und urteilen Sie selb: 
meine Freundin. 

Dass unsere Träume sich nach den, leider! noch so wenig entdeckten Rege . 
unserer Ideenassoziation richten, darüber sind wir einig. Ich erzähle Ihnen daht ..- 
was meinem Traume vorherging. Ich las in einem alten griechischen Weltweisei 
— erschrecken Sie nicht über meine Gelehrsamkeit, es war diesmal eine französische 
Übersetzung — ich las also die Worte des Alcibiades: .Verstand und Tugend sind 
in einem Manne verehrungs-, in einem Weibe anbetungswürdig' 1 . Ich machte mein 
•Buch zu, dachte, so gut ich konnte, darüber nach — und meine äusseren Sinne fingen 
Zentralblatt für P»johoanalyse. 1V"/». 41 



622 Varia - 

allmählich an sich zu verschliessen. Da stand auf einmal ein ehrwürdiger Greis 
neben mir, der im jugendlichen Alter an Bildung dem schönen Sohne des Klinias 
nicht unähnlich gewesen sein könnte. Er drückte mir freundlich die Hand und sagte: 
Folge mir, Jüngling, ich will Dir Menschen zeigen. Ich folgte dem Greise und er 
führte mich in eine prächtige Stadt mitten unter das Getümmel von Leuten, die alle 
grosse Mäntel trugen und das Gesicht verhüllten, so dass man kein Geschlecht von 
dem anderen unterscheiden konnte. Als wir über eine Brücke gingen, sah ich zur 
Rechten ein Heer purpurner Mäntel und Köpfe, welche mit Kronen geschmückt waren. 
Einige sangen Lieder in fremden Zungen, andere machten Epigramme auf die Tugend 
ihrer Mitmenschen etc. Hüte dich vor ihnen, sagte mein Führer, denn es sind 
Königinnen. Kaum erblickte mich eine, so rief sie zu mir: Ah, Mr. de... Aber es 
blieb bei dem bedeutenden von, mein Führer riss mich hinweg und versetzte mich 
auf einmal in einen angenehmen Spaziergang. Hier sah ich drei Wesen, welche, so 
wenig ich sie kannte, ein sonderbares, sehnsuchtsvolles Gefühl in mir veranlassten. 
Der Greis befahl mir, mich ihnen zu nähern, und versprach auf einer nahen Rasen- 
bank auf meine Rückkunft zu warten. Unsichtbar schlich ich mich hinter der rätsel- 
haften Dreiheit her. Alles, was ich hörte, war so verständig, so männlich schön, 
dass ich zu glauben anfing, es wären drei edle Jünglinge, welche die Weisheit ihres 
Lehrers wiederholten. Man beschloss endlich auf die Arbeit des Tages eine kleine 
Ergötzlichkeit folgen zu lassen. Jedes der Drei schlug eine eigene Art davon vor, 
jedes nahm völlig den Vorschlag der anderen an. Man sprach schon von der Aus- 
führung, und noch hatte man sich nicht entschlossen. Denn jede der guten Seelen 
wollte, was die andere wollte. Ein Zufall entschied, man sah Pomeranzen, man 
wollte Pomeranzen kaufen Schon war alles gelagert, schon fing man an, Zubereitungen 
zu machen, und — was glauben Sie, meine Freundin? — zwei Mäntel erhoben sich 
wieder, lachten über den Vorschlag der anderen und alle eilten unverrichteter Sache 
davon. Da lachte ich über mich selbst und über meinen vorigen Irrtum. Ich merkte 
wohl, dass ich in Gesellschaft von Damen war, und die drei verständigen Damen 
wurden mir jetzt zehnfach interessanter als ea mir vorher die drei verständigen 
Jünglinge waren. Ich nahm sie näher in Augenschein und fand, dass die mittlere 
gross und majestätisch schön wie Minerva war. Sie hatte einen weissen Mantel 
über die Schulter geschlagen und ihr Kopfzeug war, wie soll ich ihn würdiger loben, 
als hätle ihn die Natur mit eigenor Hand geordnet. Zur Rechten hatte sie die Dame, 
welche das Pomeranzenprojekt zuerst vereitelt hatte, in einem lieblichen, veilchen- 
blauen Mantel. Die Dame ging mit geneigtem Haupte und war schwarz gekleidet. 
Ich wagte es, ein Stückchen ihres Kleides umzuschlagen, und da fand ich, dass die 
innere Seite rosenfarbig war. Eine schöne Seele in einer etwas finsteren Hülle dachte 
ich. Wohl ihr, dass sie wie manche andere ihres Geschlechtes den Mantel nicht um- 
gekehrt und die innere Seite nicht zur äusseren macht. Ich folgte noch immer diesen 
liebenswürdigen Geschöpfen, ich hörte aufmerksam auf ihre Gespräche. Da zog wieder 
ein Purpurmantel mit einem Diademe vorüber. Aber in der Gesellschaft solcher Frauen 
hielt ich mich auch ohne meinen Führer stark genug, dem Diademe nicht zu folgen. 
Einige Schritte vor uns lag ein unglückliches Mädchen am Wege, welches Räuber 
gemiashandelt hatten. Sie war halb nackt und mit Wunden bedeckt. Der Purpur- 
mantel nahet sich ihr, stösst ein Paar italienische Seufzer o cielo, misera fanciulla 
aus und wirft dem Mädchen aus Mitleid ein Paar unnütze Goldstücke in den Schoss. 
Indes nahen sich meine drei Mäntel. Der weisse seufzt, der veilchenblaue lacht, 
und der schwarze Bieht bekümmert in sich hinein. Sonderbare Ausdrücke des Schreckens, 
dachte ich bei mir selbst. Die drei Damen warfen plötzlich ihre Mäntel ab und jede 
streitet um den Vorzug, dem Mädchen den ihrigen zu geben. Es war mir, als sähe 
ich drei Tugenden in der Seele eines grossen Mannes streiten. Die grösste unter 



Varia. 

den Damen Biegte, sie stand nun enthüllt vor mir, ich wollte sie anschauen, aber eine 
unsichtbare Macht entzog mir den Anblick und ich sass auf einmal neben meinem 
alten Führer anf der Rasenbank. „Ich habe Menschen gefunden* 1 , rief ich in dem Taumel 
des Entzückens. .Dank, tausendfacher Dank sei Dir, ehrwürdiger Greis", und hier 
folgte die Erzählung alles dessen, was ich gesehen. Dann schwiegen wir beide, mein 
Führer sah mich traurig an und sagte: Auch ich war einst ihr Vertrauter, aber ein 
widriges Schicksal trennte mich von ihnen. Willst Du die Frau von Angesicht kennen, 
die ihren Mantel dabin gab, so betrachte dies Bild. Die Natur wollte einen Mann 
schaffen, aber sie vergriff sich im Tone und schuf ein Weib. Ich betrachtete das 
Bild und erkannte wen? nein, das erfahren Sie nicht meine Beste. Ich blickte wieder 
auf und siehe. Der ehrwürdige Greis war in einen schönen Jüngling verwandelt. 
Eine Orikel schwebte über seinem Haupte, ich wollte ihn umarmen — aber das 
Traumgesicht verschwand. Alexander. 

Berlin, im Mai 1796. 
Wer nicht mit uns denkt, empfindet und spricht, wird schwer diesen rätsel- 
haften Traum erraten. Aber für den war er auch nicht geschrieben. Wie ich Ihnen 
und den Ihrigen vorlas, steht er hier. Ich habe kein Wort verändert. Es ist eine 
unreife Frucht, deren Sinn vielleicht nicht ganz . . Heben Sie dieses Blatt auf, so 
kann es uns nach einer langen Reihe von Jahren vielleicht einmal wieder einen 
lustigen Augenblick verschaffen. Den Schlüssel verliere ich nicht, der ist an einem 
Orte, aus dem man leider auch das nicht verliert, was man los sein will." H. P. 

Ein völkerpsychologischer männlicher Protest. 

„Der Staat ist ein grosser Mensch,' 1 sagt derTaoist. Die völkerpsychologischen 
Parallelen zur Individualpsychologie sind besonders lehrreich, weil die Völkerpsycho 
logie leichter zu untersuchen und das Material für alle zugänglich ist. 

Folgende hübsche Illustration des männlichen Protestes ist zu finden im Pro- 
gramm einer neuen Halbmonatsschrift: , Der Turmhahn", unter der Redaktion von 
Herrn Karl Hans Strobl (Verlag von L. Staackmann, Leipzig) im Heft von 1. Januar 
1914, S. 1—8. 

Man muss vielleicht Österreicher sein und vielleicht sogar irgendwo von der 
Sprachgrenze herkommen, wo die neue Völkerwanderung brandet, um die 
überwältigende Grösse Deutschlands wie ein neues Weltgefühl zu erleben. Das 
macht den Anfang. 

Der sozialpsychologische Begriff des Grenzbewusstseins ist auch in der 
Individualpsychologie von methodologischem Wert. 

Die Redaktion schildert dann den deutschen Ordnungssinn, wie sie einerseits 
entartet in die Albernheiten des Polizeistaates, aber anderseits das deutsche Volk in 
Stand setzt, seine Riesehmassen selbst zu beherrschen. 

„ Immer wieder aber muss man sagen, mit diesen Eigenschaften haben wir es 
zu etwas" gebracht. Die Südländer sind vor lauter Temperament über schöne Redens- 
arten und Messerstechereien nicht hinausgekommen, und Italien verdankt seine er- 
freuliche Wiedergeburt auch nicht der Camorra Neapels, sondern dem deutschen 
Blut in Oberitalien. Wir aber dürfen mit ziemlicher Zuversicht in die Arena treten. 
Und die Arena des deutschen Geistes ist die Welt. . . .* 

Nur sollten wir uns noch unbefangener und selbstverständlicher zu allen unseren 
Eigenschaften bekennen. Wer zweifelnd an eine Aufgabe gebt, hat sich selbst zum 
Gegner. Wer an sich glaubt, verhundertfacht seine Kraft. 

Er schildert dann, wie durch die Entwickelung der wirtschaftlichen Verhältnisse 
im 16. Jahrhundert die deutsche Nation, Bei eB nur als .ein Begriff in wenigen hellen 

41* 



624 



Varia. 



Köpfen*, erwachte, bis der grosse Krieg alles zerschlug. Die deutsche Kultur wurde 

ein Scherbenhaufen. 

Aber aus diesen kleinlichen und armseligen Verhaltnissen wuchs der deutsche 
GeiBtin die Welt. Die Gelehrtenstuben Deutschlands io diesem achtzehuten Jahrhundert 
dampften vor Fleiss und Begeisterung für grosse Gedanken. Das politisch und wirt- 
schaftlich gedemütigte Deutschland wurde die Heimat der Idee, diese Nation ohne 
Nationalstolz war die Trägerin des Wunsches einer Verbrüderung aller Völker (p. 4). 

Aber das gebrochene Selbstgefühl der Nation war noch immer nicht 
erstanden. 

Nach dem Siege von 1866 und 1870 aber begann ein stetiger Anstieg des Volks- 
wohlstandes, von welchem die Redaktion sehnsüchtig die .Wiederbelebung der nationalen 
Empfindung* erwartet. Man sebe nur auf England, dessen letzte Jahrhunderte arm 
an begeisternden äusseren Vorgängen, aber reich an wirtschaftlichen Erfolgen sind, 
und man vergleiche damit das ständige Anschwellen des britischen Stolze b. 

Darin vor allem hätton wir England nachzuahmen, (p. 5.) 

Nachdem er im deutschen Geist die Ambivalenz der „AusIandBsklaven* und 
der „Schneidigen* erkannt hat, weist er den Weg zwischen diesen Polen. 

Ohne die Nachbarn umbringen zu wollen, verlangen wir unseren Platz an der 
Sonne, als die tüchtige, grosse Nation, die wir uns nennen dürfen, (p. 8.) 

Also der kollektivpsychische Mut zu sich selbst. 

Wir ertappen hier die metapsychologische Goburt der Kollektivpsyche 
als Folge der, Verlegung auf ein Grosse s*. A. J. Resink. 

Die Träume der Kinder. 

In den Süddeutschen Monatsheften teilt Carl Spitteler seine frühesten Er- 
lebnisse mit, von den wir die Abschnitte über „Die Träume des Kindes" hier publizieren: 

„Im Anfang ist der Schlaf, lehrt tausendjährige Beobachtung. Im Anfang war 
der Traum, ergänzt meine Erinnerung. Und kein Traum war jemals der erste, selbst 
der älteste besann sich auf einen Vorgänger. 

Ich spreche, wohlverstanden, vom Traum im Schlafe, von der nämlichen Er- 
scheinung, die auch dem Erwachsenen geschieht: Stilles Erwachen der scheuen Seele, 
wenn die Aufpasser: der Geist, der Wille, die Sinne ermüdet ruhen, spielerische, 
launenhafte Verarbeitung der Themen, die das Auge bei Tage aus der Wirklichkeit 
geschöpft hatte, freies Erschaffen und Erdichten von leuchtenden Bildern und Ge- 
mälden, unbefugtes Auftauchen unterdrückter Sehnsuchtswunsche unter falschem 
Antlitz und Namen. 

Der letztere, der verräterische Sehnsüchte- "nd Wehmutstraum, ist Monopol 
des Erwachsenen. Die thematische Verarbeitung „,agegen und das Dichten versteht 
der Traum des Kindes besser. Tausend kleine Dinge und Vorkommnisse des wachen 
Lebens, die den abgestumpften Erwachsenen gänzlich kalt lassen, die er nicht einmal 
mehr sieht und, wenn er sie sieht, nicht bemerkt, rühren dem Kinde, weil es noch 
frisch fühlt und weil ihm die Erdendinge neu sind, bis in die Seele und erzeugen 
Traumspiegelungen im Schlafe. Ich kann aus meiner Erfahrung berichten, dasB mir 
ein Eisengitter um ein Haus, ein flüchtiger Blick in ein KellergeBchoss in der darauf- 
folgenden Nacht ernste, tiefsinnige Träume verursachten, dass auf grössere Neuig- 
keiten, zum Beispiel auf den erstmaligen Anblick strömenden Wassers, ein wahrer 
Traumsturm folgte. Und wie golden schon die Landsehaftsbilder in den Träumen 
des Erwachstnen leuchten mögen, die Landschaften, die der Traum des Kindes malt, 
sind noch viel seliger und süsser. Die Träume meiner zwei ersten Lebensjahre sind 
meine schönste Bildersammlung und mein liebstes Poeaiebuch. Niemand wird mir 



Varia. 625 

zumuten, dass ich sie erzähle; denn Träume lassen sich ja überhaupt nicht erzählen; 
ßie zerrinnen, wenn der nüchterne Verstand sie mit Worten anfasst. 

Von den Sehnsuchtaträumen kennt das Kind wenigstens den Liebestraum, 
jenen Traum, der über eine herzinnige Gegend den Seelenodem eines geliebten 
Menschen wie einen Schmelz hinbaucht, während vielleicht die Gestalt des Geliebten 
in dem Gemälde gar nicht sichtbar wird. So erging es mir als Kind mit meiner 
Ürossmutter. Welche Mäichenlandschafien immer der Traum mir vorzaubern mochte, 
unfehlbar schwebte der Geist meines Grossmütterchens darüber. 

Die Traumwelt ist ein Reich für sich, mit besonderer Landeshoheit und eigenem 
Verkehrswesen. Drahtlose Phantasie entführt auf geheimen Wegen den Träumenden 
blitzschnell an die entlegensten Stellen, zum Beispiel in die früheste Kindheit zurück 
und lässt ihn dort wieder genau so schauen und fühlen, wie er einst geschaut und 
gefühlt hatte. Wenn ich aber im Traum die nämlichen Gefühle und Gesichte er- 
lebe, ob ich zweijährig, oder zwanzigjährig oder secbzigjährig bin, wenn ich darauf 
beim Erwachen es als eine Überraschung empfinde, dass ich das eine Mal mich als 
gesund, ein anderes Mal als leidend verspüre, heute vor der Welt einen Buben 
vorstelle, den man massregelt, morgen einen bärtigen Mann, vor dem man den Hut 
zieht, so gelingt es mir nicht, nichts dabei zu denken. Folgendes muss ich denken: 
Inwendig im Menschen gibt es etwas, nenne man es Seele oder Ich oder wie man 
will, meinetwegen X, das von den Wandlungen des Leibes unabhängig ist, das sich 
nüht um den Zustand des Gehirns und um die Fassungskraft des Geistes kümmert, 
das nicht wächst und sich entwickolt, weil es von Anbeginn fertig da war, etwas, 
das schon im Säugling wohnt und sich zeitlebens gleich bleibt. Sogar sprechen kann 
das X. Es spricht, wenn ich seinen fremdländischen Dialekt recht verstehe: „Wir 
kommen von weitein her.* &te e " 

Mitteilung aus Madäch's „Tragödie des Menschen". 

Ein grosser Teil der von Vaihinger beschriebenen .Fiktionen« dient dazu, 
Herrschaften aufzurichten und zu erhalten. Am deutlichsten ist dies wohl beim 
Rechte der Fall. In der Diskussion des Vereins für Individualpsychologie am 
5. Juni 1913 (Österr. Ärzteztg., Jg. 10, H. 15, S. 268) wies Alfred Adler auf eine 
Art Fiktion hin, die im Weissagen, im Aberglauben und in der Zwangsneurose vor- 
kommt und demselben Zwecke dient: „Durch die Aufstellung eines Junktims nach 
dem Schema: Wenn das und das geschieht, so wird ein Unglück - ein Gluck — 
eintreten, werde aus einem' N ichts etwas Grosses gemacht, um daraus 
eine Herrschaft abzuleiten." Denselben Gedanken finde ich in Eraerich 
v. Madäch's „Tragödie des Menschen" (ReclamsUniversalbibl. Nr. 2389-90, S. 123) 
ausgesprochen, wo er sich wohl hauptsächlich auf Theologie und Ethik bezieht: 

„Die Philosophie 

Iat nur all' dessen Poesie, wovon 

Wir keinen richtigen Begriff noch haben. 

Und unter andern hohen Wissenschaften 

Ist diese wohl die unschuldigste noch. 

Weil sie in ihrer Welt voll Hirngespinsten 

Ganz still sich mit sich selber unterhält. 

Nun hat sie aber andere Geschwister, 

Die in den Sand mit wicht'ger Miene schreiben, 

Hier einen Strich als Wirbelschlund bezeichnen, 

Dort einen Kreis als Heiligtum. Schon reizt dich's 

Hell aufzulachen, doch bald wirst du inne, 



626 Lesefrüchte. 

Welch' schrecklich ernster Streich das Ganze ist. 
Denn während mit gepresater Brust und zitternd 
Den Staubfiguren alles sorglich ausweicht, 
Sind hie uud du Fussangeln aufgestellt, 
Die den Verwegnen, der sie überschreitet, 
AuFs Blut verletzen. Solcher Unsinn, siehst du, 
Steht immer uns im Wege, jede Macht, 
So sie einmal besteht, als Gegenstand 
Der Pietät scheinheilig stets beschirmend." 

In einer anderen Übereetzung (HendePs Bibl. Nr. 541—2, S. 90) lauten die 
drei letzten Zeilen wie folgt: 

„So hemmt ein blöder Wahnsinn iinsre Wege 

Als heil'ge Ehrfurcht, Pietät verkleidet, 

Und schützt, erhält die schon geschaffne Macht." 

Dr. Stefan v. Maday (Prag). 

Die „himmlische Mnsik". 

Die „himmlische Musik* ist bekanntlich ein Phänomen, das unter den ver- 
schiedensten Umständen auftritt: bei Regression der Psyche, am Sterbelager, in 
schweren psychischen Krisen, in der religiösen Extase (Fra Angelico, Odillon, Redon) 
in der künstlerischen Inspiration usw. Tschuang-tse beschreibt einen Fall von 
„himmlischer Musik" folgender Art im Beginne des Buches Tsi-Wu Lum (Ann. Mus 
Guimet XX. 227). 

Tse-tscbi von Nan-Kuo sass gestützt anf einem kleinen Ti,ch und sann, die 
Augen gen Himmel gerichtet. Yen-Tscheng-tse-yu nähert sich ihm und fragt ihn, 
was er denn tue, ob er in der Ferne schweife und Körper und Seele vertrocknen 
lasse. Ist er wirklich in diesem Zustand? Dann wird erzählt: 

„Du hast recht, antwortete Tsetschi; denn heute habe ich mich verloren, ich 
habe mich selbst vergessen und beerdigt. Verstehst du mich? Vielleicht weisst du 
nicht, was die Musik der Erde und die des Himmels ist. Darauf erklärt er ihm, 
dass die Musik der Erde entstehe, wenn der Wind in den Löchern and Höhlen bläst. 
Was aber die himmlische Musik anlange, so ist sie das Werk der Leiden- 
schaften und der Gefühle, die im Herzen toben. Die es Tag und Nacht 
schütteln, deren Ursache wir aber nicht zu ergründen vermögen. Sie sind nicht ohne 
midi und ich bin nicht ohne sie. Sie müssen ein schaffendes Prinzip haben , einen 
stabilen Herrn (Jung's Ich-Komplex?), aber man kann ihre Form nicht sehen." 

Die himmlische Musik bietet der theosophischen Geheimlehre Gelegenheit zu 
tiefgründigen naturphilosophischen Gedanken (die Vach-Lehre der Indier z. B.) wie sie 
auch in der praktischen Magie, z. B. in der Mantsam-Kunst und in der kaballistischen 
Batt-Kol, eine Art auditive Autopsie ') eine Rolle spielt. Auch das ästhetische Problem 
der Musik und des Musikers hat den Okultismus der himmlischen Musik zum Hinter- 
ß rund - Resink. 



Lesefrüchte. 

Boccacio, der bekanntlich sehr scharf beobachtete, enthält mehrere Beispiele, 
die sowohl für die Traumdeutung (Entstehung der Träume, Wunscherfüllung) sowie 

') Sil her er 's „autosymbolische Halluzinationen" sind wohl nichts anderes als 
die alte Autopsie (vergl. K. H. G. de Yong, das antike Mysterienwesen, 89, 96 usw.). 



Lesefrüchte. 627 

für die im WachlebeD gebrauchte Symbolisieruug ziemlich interessant erscheinen. 
Besonders charakteristisch dürfte das letzte Beispiel (Wunscherfüllung) sein 1 ). 

Die sechste Novelle des vierten Tages, betitelt „Die zwei Träume" enthalt 
folgende Träume : (ich zitiere in Übersetzung). 

„Die junge Dame träumte eines Tages, 8ms sie mit ihrem lieben Gabriel im 
Garten sei, dass sie ihn in ihren Armeu halte; dass sie aus dem Körper ihres Ge- 
liebten in dieser Lage etwas schwarzes und schreckliches heraustreten sah, dessen 
Form sie nicht genau bestimmen konnte; dass dieses „ich-weiss-nicht-was" Gabiiel 
ergriffen hatte, und trotz ihres Widerstandes ihn aus ihren Armen gerissen hatte 
und dass hierauf diese Art Gespenst verschwunden sei, nachdem es sich eine Zeit- 
lang auf der Erde gewälzt hatte." Der Schmerz, den ihr dieser wirklich entsetzliche 
Traum verursachte, Hess sie jäh erwachen. Sie hatte alle Mühe, sich von ihrem 
Schrecken zu erholen. Obwohl sie den Gebrauch ihrer Sinne wieder erlangt hatte 
und sehr froh war, zu sehen, dass es nur ein Traum war, war sie doch unaufhörlich 

beunruhigt durch die Furcht, dass dieser Traum sich verwirkliche ». . 

Später erzählt sie den Traum ihrem Geliebten, und . . . der junge Mann lachte 

viel über ihre Einfalt, bemerkte zu ihr, dass die Traume nichts bedeuten und dass 
sie meistens keine andere Ursache haben, als dass man zu viel gegessen habe, oder 
zu wenig. „Wenn man dev Träumen glauben sollte, so muss ich gestehen, dass 
auch ich einen in der letzten Nacht hatte, der mich verhindert hatte, herzukommen. 
Ich habe geträumt, dass ich, als ich in einem schönen und weitgedebnten Walde 
jagte, eine ungemein weisse und hübsche Hirschkuh traf, die in überaus kurzer 
Zeit mir so zutraulich wurde, dass sie mir überallhin folgte. Geschmeichelt durch 
diese Zuneigung, habe ich das hübsche Tierchen sehr liebkost. Ich habe es so lieb- 
gewonnen, dass ich, aus Furcht es zu verlieren, ein goldenes Halsband um seinen 
Hals legte, von dem eine Kette herabhing, aus dem gleichen Metall, die ich in 
der Hand hielt. Nachdem ich eine Zeitlang gegangen bin, lasse ich mich nieder, 
um mich auszuruhen und lege den Kopf der Hirschkuh auf meine Knie. Diese schien 
mir auch ermüdet. Plötzlich zeigt sich meinen Augen eine schwarze, verhungerte 
und fürchterlich aussehende Löwin. Dieses schreckliche Tier wirft sich sogleich auf 
mich und zerreisst mir die linke Seite, wie wenn es mir das Herz herausreissen 
wollte, ohne dass ich die geringste Bewegung mache, um ihm Widerstand zu leisten. 
Die Heftigkeit des Schmerzes, den ich zu empfinden glaubte, hatte mich erweckt, 
und meine erste Bewegung war die, meine Hand an die linke Seite zu führen, und 
als ich sie ohne Verletzung fand, konnte ich mich nicht enthalten, einen Augenblick 
später zu lachen. Dieser Traum", setzte er fort, .bedeutet absolut nichts. Ich habe 
hundertmal gleiche gehabt und noch schrecklichere, ohne dass mir je etwas böses 
zugestossen wäre. Also, liebe Freundin, lache über Deinen so wie ich über den 
meinen. . . .'■ 

Einige Augenblicke später stirbt der Geliebte plötzlich, sie wird vor den Pode- 
stat unter dem Verdachte geführt, ihn getötet zu haben. Sie erzählt ihm alles, was 
sich zugetragen hatte, ihre Liebesstunde und das schreckliche Ende. 

„Nachdem der Beamte sie über verschiedene Dinge befragt hatte, Hess er den 
Toten durch Ärzte untersuchen, um zu sehen, ob er nicht vergiftet, oder auf andere 
Weise getötet worden sei. Alle versicherten, dass dies nicht der Fall sei, sondern 
dass er von einem Geschwür erstickt worden sei, das er nahe dem Herzen hatte . / 

Es ist vielleicht bemerkenswert, wie genau die Szene des zweiten TraumeB 
(Hirschkuh) den dem Tode unmittelbar vorangehenden Ereignissen entspricht. 

') Contes de Boccace, TraduitB par A. Sabatier de Castros. Garnier Freres 
Paris. 



628 Lesefrüchte. 

Die vierte Novelle des fünften Tages führt den Titel „Die Nachtigall". 

Ein junges Mädchen täuscht, am leichter ein nächtliches Rendez-vous mit dem 
Geliebten arrangieren zu können, vor, dass es in ihrem Zimmer zu heiss sei, und 
dass sie ihr Bett in einer auf den Garten gehenden Galerie haben wolle, wo es 
kühler sei und sie des Morgens die Nachtigall singen hören könnte. Sie setzt ihren 
Wunsch durch und der Geliebte, Richard, kommt in der Nacht zu ihr. Die Schöne 
die natürlich nicht schlief, empfing ihn mit grösster Freude. Sie verbrachten die Nacht 
höchst angenehm und liessen die Nachtigall mehrmals singen; aber nicht so oft, ab 
sie es beide gewünscht hatten. Dieser Vogel liess, um Atem zu schöpfen, Pausen 
zwischen seinem Gesang eintreten, und dieser wurde dadurch nur um so angenehmer, 
jedesmal, wenn er wiederbegann. In einer dieser Pausen, die nicht sehr lang waren 
wurden unsere Liebenden, sei es von der Hitze, sei es von Müdigkeit übermannt 
und schliefen gegen Tagesanbruch ein. Sie lagen ganz nackt auf ihrem Bett und 
die Schöne umarmte ihren Liebhaber mit ihrem rechten Arme und hielt mit der 

Linken die Nachtigall, die sie hatte singen lassen Der Vater sagt zu sich: 

.Ich muss doch sehen, wie die Nachtigall Katharina einschlummern liess." 

** «W» ert sich auf Zehenspitzen dem Bett, aus Furcht sie zu erwecken und 
öffnet ganz leise die Vorhänge und sieht Richard und seine Tochter in der besagten 
Stellung Er sagt kein Wort und geht seine Frau suchen. „Erhebet Euch sofort, 
schaut Eure Tochter an; ihr wisst, was für Lust sie nach der Nachtigall hatte; sie 
hat heute Nacht so gut aufgepasst, dass sie sie gefangen hat. Kommt schaun, wie 

8,6 S ?a v l ält -" Madam ° J»«q««»ine .... sieht, wie ihre Tochter 

wirklich die Nachtigall hält, welche sie so sehr singen zu hören wünschte 

... ut D i e 8i€bente Erzfihl «"g des neunten Tages führt den Titel „Der verwirk 
liebte träum." 

Sie handelt von einem Manne, der ein unausstehliches Weib hat. Als er ein- 
mal mit ihr in einem Landhause ist. „träumt ihm eines nachts, dass er Margarethe 
in einem dem Schlosse nahegelegenen Walde spazieren gehen sehe und dass, nach- 

ZJVT\ ™ f "^ ****** war < ein -ge^urer Wo.f sich auf sie 
stürze, sie bei der Kehle packe, sie wegtrage, obwohl sie aus Leibeskräften um Hilfe 

tZ\lf; m "I ft W ° lf eDd ' ich lieS8 " habe " ihr daB *■"»• ÖesieW und die 
ihr iinen T PT fi" **** ^ d ° nn " ine "** ^^hen und teilt 
ührtTu sein * TL Abe I aD9ta,t dUCCh diG ZRden Sor « en ■«■ Mannes ge- 
Dulstv K W ° v u 816 k °P f3chüttelnd: » W ei- böses will, träumt böses. 

in de nem HerT n V^ 1 *«* für -««-Schicksal zu interessieren, aber ich lese 
wa 8Dumir "/ J) «»" *'»«»• sind nichts als der Ausdruck dessen, 

Gsnuatsn« L W i u" *"' fl ^ Werde 8cbon da8 meine dazu tun - «■" D" «<*« 
Uenugtuung weder heute noch jemals haben wirst." 

Kerettef "blÜr-f h \" J ^ tÄn,ent " h dM Gehö ' Z ' Wird VOm Wolf überfallen, zwar 
gerettet, bleibt aber ihr Lebtag entstellt. 

™h,J? e H B ° Ur , d V lle r (Brant6me) in seinem „Leben der galanten Damen"») gibt 
mehrere Beispiele für Versprechen, Symbolik, Empfängnistheorien etc. Ich erwähne 

die folgenden: 

P- * Er 8 P richt »B einer Dame, die ihrem Liebhaber Gold und Geschmeide, 
kostbare Steine und Geld opferte. Er setzt fort: ,.Car 1. bourse estant si souveni 
revis.tee ne peut demeurer toujours en son enfleure, ni en son estre, comme la 
bourse de devant, qui est toujours en son mesme estat, et preste ä y pescher qui 
veut, sans y trouvar ä dire les prisonniers qui y sont entr<ia et sortis. 

') Vies des Dames Galantes par le Seigneur de Brantöme. Paria, Garnier 
freres. 



Le8efriichte. 029 

p. 67. „Certainement il est bien raison, que puisque 1'homine donne du sien 
dans la bourae du devant de la feuirae, quo la femme de inesme donne du sien 
aussi dans celle de l'homme niais il faut en cela peser tout; car, tout ainai que l'homme 
ne peut tant jetter et donner du sien dans la bourse de la femme comme eile voudrait, 
ii faut aussi que l'homme soit si discret de ne tirer de la bourse de la femme tant 
comme il voudroit, et faut que la loy en soit egale et mesnrtSe en cela." 

p. 149. „Sy ay-je cogneu une tres-belle et honneste dame de par le monde, 
qui deviaant avec un honneste gentilhomme de la Com- des affaires de la guerre 
durant les civiles, eile lui dit: „J'ay ouy dire que le Roy a fait rompre tous les 

c de ce pays — lä." Elle voulait dire les ponts. Pensez que venantde 

coucher avec son raary, ou songeant ä son amant eile avait encore ce 
nom frais en la bouche: et le gentilhomme s'en eschauffa en amours d'eÜB pour ce mot." 

p. 201. .Semblable en cela aux juments qui sont sur les confins de l'Anda- 
lousie, lesquelles devenant si chaudes, et ne trouvant leurs estallons pour se faire 
saillir, se mettent lenr nature contre le vent qui regne en ce temps-lä, qui leur donne 
dedans, et par ce moyen paosent leura ardeurs et s'emplissent de la soit: d'oii viennt 
ces chevaux si vistes que nous voyons venir decä, comme retenans la vitesse naturelle 

da vent leur pcre." 

p. 290. „Cette belle princes9e ne se peut rendre encor, tant eile est belle: 
et est bien aiati ä juger que ce beau visage couvre et cache d'autres grandes beautez 
et parties en eile que nous ne voyons point ; tout ainsi qu'ä voir le beau et süperbe 
front d'un beau bästiment, il est h juger qu'au dedan9 il y a belles cbambres, anti- 
chambres, garde-robbes, beaux recoins et cnbinets." Liegt hier nicht eine Verwandt- 
schaft vor mit der deutschen Gleichung „Zimmer = Frauenzimmer" und mit dem 
bekannten Beispiel des Vergleiches des Körpers mit einem Hause? 

Das Üdipus-Motiv findet sich im Leben einer der geistvollsten Frauen des 
17. Jahrhunderts wieder: Bei Ninon de Lenclos 1 ). 

„M. de Gersay, eiuer ihrer zahlreichen Liebhaber, hatte einen Sohn von ihr. 
(Ich zitiere jetzt in Übersetzung): „M. de Gersay hatte diesen Sohn unter dem Namen 
eines „Chevalier de Villiers" erziehen lassen. Obgleich er nicht wollte, dass er seine 
Mutter kennen lernte und von ihr auch das Zugeständnis empfangen hatte, dass sie 
ihm ihr Geheimnis nicht enthüllen würde, so liess er ihn doch später in ihre Ge- 
sellschaft kommen, damit er dort, wie ao viele andere junge Leute sich jenen Schliff 
aneigne, den damals nur die Unterhaltung und der Geist Ninona geben konnten. 
Der Chevalier de Villiers fühlte all dies mit einer wunderbaren Lebhaftigkeit. Von der 
Dankbarkeit, die er Mlle. de Lenclos zu schulden glaubte, gingen seine Gefühle 
bald in andere Bahnen, Gefühle, zu denen er sich beglückwünschte, aber die zu ent- 
hüllen er nicht wagte. Er liebte lange und mit jener zarten Aufmerksamkeit, die 
ein junger Liebhaber für alle Vorzüge der geliebten Person hat. Jeder Augen- 
blick bot ihm neue Gründe, noch mehr zu lieben und seine Mutter selbst half ihm 
dabei. Die Verschwiegenheit, zu der sie sich verpflichtet hatte, konnte sie nicht 
hindern, ihm manchmal eine unfreiwillige Vorliebe zu zeigen," .... „hundert Mal 
wusste er nicht, was er von einigen Blicken halten sollte, in denen sich die Zärt- 
lichkeit spiegelte. Konnte der Chevalier ihre besondere Art erraten? Er war jung, 
lebhaft, verliebt; er täuschte sich und die Seufzer, die er vor ihr nicht verheimlichen 
konnte, waren die erste und unschuldige Sprache der fürchterlichsten Leidenschaft. 

Ninon, bestürzt über diese Liebe, welche ihr Sohn täglich mit weniger Sorg- 
falt verbarg, versuchte gegen ihn alle Mittel: Strenge und seibat Abwesenheit; es 



') Lettres de Ninon de Lencloa precödöes de M&noires sur sa vie par A. Biet. 
Nom. Edit. Garnier Freies, Paris, p. 72 u. ff. 



03Q Lesefrüchte. 

war unnütz So ungestüm der Chevalier war, er wusste eich zu beherrschen, 

um nicht einer Gunst unwürdig zu erscheinen, die er endlich nach Tränen und Schwüren 
erhalten hatte, Schwüre, nicht zu lieben, die seine heftige Liebe beseelte und dik- 
tiert*. Ninon ward dadurch getäuscht: Es ist leicht, das zu sein, in allem was diese 
sonderbare Leidenschaft tun lässt, die nach Gefallen alle Äusserlichkeiten, alle MaBken 
annimmt, deren sie bedarf." 

Der Chevalier verliebt sich immer mehr in Ninon, die ihn schliesslich auf ihr 
Alter aufmerksam macht: „Erbebt eure Augen, zu dieser Uhr, Verrückter, es sind mehr 
als 65 Jahre verflossen, seit ich das Licht der Welt erblickte. Geziemt es mir, eine 
Leidenschaft wie die Liebe noch anzuhören '? Kann man in meinem Alter noch liehen 
und soll man noch geliebt werden? — " Die Rede Ninons blieb, wie nicht anders zu 
erwarten, fruchtlos, der Chevalier wird immer drängender, sie hat noch eine weitere 
Unterredung mit ihm, in der sie ihm noch entschiedener jede Hoffnung nimmt. 
Schliesslich denkt sie, dass ihr nur der eine Ausweg übrig bleibt, dem Chevalier 
ein offenes Geständnis zu machen und sie erhalt hierzu die Zustimmung von M. de 
Gersay. Sie gibt ihm ein llendez-vous, der Chevalier glaubt, es handlo sich uro eines 
der Liebe. 

Aber was für eine Niedergeschlagenheit, welche Traurigkeit gewahrt er in 
ihren Augen! Er wirft sich ihr zu Füssen, ergreift ihre Hand und badet sie in seinen 
Tränen. „Unglücklicher* — ruft Ninon, Indem sie in seine Arme sinkt, — „es gibt 
doch Schicksale ausserhalb des liereiches menschlicher Vorsicht. Was habe ich nicht 
versucht, um Euren erregten Sinnen die Hube wiederzugeben? Was für ein Geheimnis 
zwingt Ihr mich, Euch zu offen baren'?' — „Ach, Sie wollen mich noch immer täuschen, 
unterbrach er, ich sehe in Ihren Augen noch nicht die Liebe, die ich zu erwarten 
wagte? An dieser dunklen Sprache erkenne ich Ihre Ungerechtigkeit; Sie glauben 
noch immer, mich heilen zu können: Täuschen Sie sich nicht länger, der grausame 
Triumph, den sie suchen, liegt ausserhalb des Bereiches Ihrer ganzen Kraft, ausser- 
halb jeder Kunst, ausserhalb der Vernunft seihat." Gleichzeitig scheint er nur seinen 
Rausch hören zu wollen, und als er die äusseiate Kühnheit sich gestatten will, ruft 
Ninon: .Haltet ein, diese schreckliche Liebe geht nicht über die heiligsten Pflichten; 
haltet ein, Ungeheuer, und zittert vor Schrecken; kann die Liebe an Orten wohnen, 
die Ihr mit Grauen erfüllt? Wiast Ihr, wer ich hin, und wer Ihr seid? Diese Ge- 
liebte, die Ihr verfolgt . . ." P Nim", sagte der Chevalier, — „diese Geliebte?* . . . „Ist 
Ihre Muttei", antwortet Ninon. „Ihr verdankt mir das Leben, mein Sohn seufzt zu 
meinen Füssen, spricht mir von Liebe" 

Der Chevalier ist durch dieses Geständnis ganz vernichtet. „Bioich, zitternd, 
bewegungslos, vermag er kaum ein-, zweimal das süsse Wort , Mutter* auszusprechen. 
Er ist für sich selbst ein Grauen, er fühlt nicht die Sprache der Natur, er brennt 
noch im verbrecherischesten Feuer; aber unter der Kälte, die ihn gepackt hat, ver- 
birgt er die Bewegungen, die sein Herz erschüttern. Er wirft seinen Blick noch auf 
seine Mutter, erschlägt ihn zur Erde nieder, seufzt, erhebt sich, reisst sich vuii ihrer 
Brust, und flieht überstürzt. Eiu Garten bietet sich soinem verirrten Blicko: und in 
dem Dickicht des ersten GebüscheB, das sich ihm bietet, ergreift er seinen Degen, 
betrachtet ihn ohne zu schaudern und fällt, indem er sich in ihn stürzt, in dem Blute, das 
seine Wunde verspritzt. 

Was für ein furchtbares Schauspiel für Ninon, dio, als sie ihrem Sohn ziemlich 
dicht folgte, ihn in den Schatten eines fürchterlichen Todes gehüllt sah. Das grau- 
same Schicksal wollte ihrem Unglück noch das Fürchterliche hinzufügen, dass sie 
ihn sterben sehen musste. Seine beinahe erloschenen Augen kehrten sich gegen sie 
nnd in diesem Augenblicke noch sah sie darin Liebe. Der sterbende Chevalier schien 
noch zu ihr sprechen zu wollen, und die Anstrengungen, die er machte, um einige 



Lesefrüchte. 631 

Worte, vielleicht verbrecherische Worte auszusprechen, beschleunigten seinen letzten 
Atemzug." 

A. Bret fügt dann noch bei: Le Sage, in seinem Roman, Gil Blas (ITI. Teil) 
(soll genauer heissen: 8. Buch) hat diese fürchterliche Katastrophe unter den er- 
fundenen Namen der alten Inisilla de Cantarilla, und des jungen Don Valerio de Luna, 
erzählt. Der Verfasser hielt es nicht für richtig, fügt er bei, den Ton des Scherzes 
nachzuahmen, in dem Le Sage diese traurige Geschichte schliesst: Don Valerio, sagt 
er, bestraft sich wie ein anderer Ödipu3, mit diesem Unterschiede jedoch, dass der 
Thebaner sich blendete, aus Reue, das Verbrechen begangen zu haben, während im 
Gegenteil der Knstillaner sich durchbohrte, aus Schmers, es nicht begehen zu können. 
(Ich werde noch bei Erwähnung der Schriften Le Sage's darauf zurückkommen; 
mir scheint tatsächlich ein charakteristischer Unterschied gegenüber der Üdipus- 
Erz&blung zu liegen, bei sonst vielen einander entsprechenden Umständen.) 

Corneille, der unter anderm auch eine ziemlich wenig gekannte Tragödie 
„ödipe" schrieb, hat in zweien seiner Stücke, „Horaca" und „Polyeucte" Träume 
angewandt, und äussert sich selbst über die Rolle, die er den Träumen auf der Bübne 
geben will, in dem „Examen d' Horace" folgendermassen l ) (ich zitiere in Über- 
setzung): 

„Das Orakel, das zu Beginn des ersten Aktes erwähnt ist, findet seine Lösung 
im Endo des iünften. Es erscheint anfangs klar und führt die Einbildungskraft zu 
siner gegenteiligen Deutung. Ich habe auf unserem Theater Orakel solcher Art lieber als 
Jie gänzlich dunklen, weil die Enthüllung ihrer wirklichen Bedeutung um so über- 
raschender und schöner ist. Ich habe Orakel noch in „Andromaque" und „Ödipe" ver- 
wendet. Ich sage nicht dasselbe von den Träumen, die noch eine grosse Zierde in der 
Protasis bilden können, vorausgesetzt, dass man sich ihrer nicht zu oft bediene. Ich 
möchte, dass sie den Uedauken des wirklichen Endes des Stückes enthalten, aber in 
einiger Dunkelheit, die ein volles Verständnis zunächst nicht erlaubt. So habe ich mich 
ihrer zweimal bedient, hier und in , Polyeucte", aber glänzender und künstlicher in 
dem zweiten Werke, wo er alle Einzelheiten des Ereignisses zeigt, als in diesem, 
wo er nur eine gänzlich ungefüge Andeutung dessen enthält, was zu Ende des 
Stückos eintreffen muss." 

Die erwähnten Träume selbst, und die Schilderung des Eindruckes, den sie 
auf verschiedene Personen machen, sind nicht ganz uninteressant, obwohl es sich 
hier nicht um die Widergabe wirklich erlebter Träume, sondern um im Interesse des 
Stückes willkürlich konstruierter handelt, wie es vielleicht ähnlich im Nibelungenlied 
der Traum Kriemhilds ist oder andere, in der Literatur bekannte „prophetische 
Träume." 

Traum aus „Horace*. Acte I. Scene II*). 
Camille: „La nuit a dissipe des erreurs si charmantes; 

Mille songes affreux, mille images sanglantes. 

Ou plütost mille amas de carnage et d'horreur 

M'ont arrache" ma joye et rendu ma terreur. 

J'ay veu du sang, des morts, et n'ay rien veu de suite, 

Un spectre en paroissant prenoit soudain la fuite: 

11s s'effacoient Tun l'autre, et, chaque illussion 

Redoubloit mon effroy par sa confusion. 
Julie: C'est en contraire sens qu'un songe a'interprete. 

') Thäatre de P. Corneille, Paris. Librairie des Bibliophiles, E. .Flammarion 
successeur. p. 80. 

2 ) L. c. Bd. II. p. 10/11. 



032 Leaefrücbte. 

Camille: Je le doy croire ainsi, quisque je le souhaite, 

Mais je nie trouve enfin, malgre" tous mes souhaits, 
Au jour d'une bataille et non-pas d'une paix.* 

.Polyeucte*, Acte I. Scene 1. ') enthält: 

Nearqiie: Quoy! vous voub arre"tez aux songes d'uue femme! 
De si foibles sujeta troublent cette grande ame! 
Et ce coeur tunt de foia dana la guerre öprouve 
s'alarme d'un peril qu'une femme a resve - ! 
Polyeucte: Je scay ce qu'est un songe, et le pea de croyance 
Qu'un homme doit donncr ii son extravagance, 
Q i: i d'un amas confus des vapeurs de la nuit 
Forme de vaina objets que le röveil detruit. 

und in der 3. Szene desselben Aktes: 

Stratonice: ,...11 est Armenien, et vous dtes Romaine, 

Et voub pouvez scavoir que nos deux nations 

N'ont pns sur ce sujet mesines imprcssions. 

Un songe en nostre esprit passe pour ridicule, 

11 ne nous laisse espoir, ny crainte, ny scrupnle; 

Mais il passe dans Raine avec authorite" 

Pour fidelle miroir de la fatalite. 
Pauline: Quelque peu de credit que cbez vous il obtienne, 

Je croy que ta frayeur ögaleroit la mienne 

Si de telles horreurs t'avoient frape l'esprit, 

Si je t'en avois fais seulement le recit. 
Stratonice: A raconter ses maux souvent on les soulage." 

Pauline: (gesteht ihrer Vertrauten ihre frühere, ernste Liebe zu Severe ein, nach 

dessen vermeintlichem Tode sie Polyeucte heiratete ) 

Je Tay veu cette nuit, ce malheureux Severe, 

La vengeance ä la main, l'oeil ardenl de coltire. 

II n'etoit point couvert de ces tristes lambeaux 

Qu'une ombre desolee empörte des tornbeaux; 

II n'etoit point perce de ces coups pleins de gloire 

Qui, retranchant sa vie, asseurent sa memoire; 

11 sembloit triomphant, et tel que sur son char, 

Victotieux, dans Korne entre nostre Cesar. 

Apres un peu d'effroy que m'a dorm« sa veue': 

„Porte ii qui tu voudras la favour qui m'est due, 

Ingrate, m'a-t-il dit, et, ce jour expire, 

Pleure ä loisir l'epoux que tu m'as prefere." 

A ces mots j'ay fremy, mon ame s'est troublöe; 

En suite, des chretiens une impie assemblee, 

Pour avancer reffet de ce discours fatal, 

A jette Polyeucte aux pieds de son rival. 

Soudain ä son secours, j'ay reclame" mon pere. 

Helas: c'est de tont point ce qui me desesptfre, 

J'ay veu mon pere mesme, un poignard ä la main, 

Entrer, le bras leve, pour luv peruer le sein. 

La, ma douleur trop forte a brouillö ces iinages, 

Le sang de Polyeucte a satisfäit leurs rages; 

') L. c. Bd. II. p. 163 ff. 



Lesefrüchte. 633 

Je ne scay ny comment ny quand ils l'ont tue, 
Mais je scay qu'ä sa rnort tous out contribue, 
Voilä quel est mon songe. — * 

Stratonice tröstet dann Pauline. Die Handlung des Stückes gibt dann natürlich 
eine — bis auf Einzelheiten — genaue Erfüllung des Traumes Paulinens. 

Racine bringt in „Athalie" ') ebenfalls einen Kunsttraum, der in dem Stücke 
eine bedeutende Rolle spielt. Trotzdem dieser Traum, wie die vorerwähnten Corneilles 
künstlich erfunden ist, gibt er doch in manchen Zügen das Bild eines .erlebten" 
Traumes wieder und zeigt insbesondere an einigen Stellen die Auffassang, die zur 
Zeit des Dichters über Wesen, Entstehung und Bedeutung der Träume herrschten. 

Der Traum mit den dazu gehörigen Gesprächen füllt beinahe die ganze 5. Szene 
dos II. Aktes. Aus ihr stammen die nachfolgenden Stellen: 

.Math an: Grande reine, est-ce icy vostre place? 

Quel trouble vous agite, et quel effroy vous glace? 
Parmy vos ennemis que venez-vous chereber? 
De ce temple profane osez-vous approcher? 
Avez-vous d^pouille cette haine si vive? .... 



Alhal 



ie: 



Je jouissois en paix du fruit de ma sagesse. 

Mais un trouble importun vient, depuis quelques jour.i, 

De me prosperitez interrompre le cours. 

Un songe (me devroisje inquieter d'un songe?) 

Entretient dans mon coeur un chargin qui le ronge. 

Je l'evite par tout, par tont il me poursuit. 

C'estoit pendant l'horreur d'une profonde nuit. 

Ma mere Jezabel devant muy s'est montree, 

Comme au jour de sa mort pompeuseinent paree. 

Ses inalheuis n'avoieut point abbatu sa n'erte. 

Mdrao eile avoit encor cet öclat emprunte 

Dont eile eut soin de peindre et d'orner Bon visage, 

Pour reparer des ans l'irreparable outrage. 

„Tremble, m'a-telle dit, fille digne de moy. 

Le cruel Dieu des Juifs remporte aussi sur toy. 

Je te plains de tomber dans ses mains redoutables, 

Ma fille." En achevnnt ces mots öpouvantables, 

Son ombre vers mon lit a paru se baisser. 

Et moy, je luy tendois les mains pour l'embrasser, 

Mais jo n'ay plus trouve qu'un horrible melange 

D'o8 et de chair meurlris, et trainez dans Ja fange, 

Des lambeaux pleins de sang et de membres affreux. 

Que des chiens devorans se disputoient entr'eux. 

Dans ce desordre ä mes yeux se presente 

Un jeune enfant couvert d'une robbe eclatante, 

Tels qu'on voit des Hebreux les prestres revetus. 

Sa veue a ramme - mes esprits abattus. 

Mais, lors que, revenant de mon trouble funeste, 

J'admirois sa douceur, son air noble et modeste, 



') Thöatre de Jean Racine, Librairie des Bibliophiles, E. Flammarion successeur, 
Paris p. 168 ff. 



634 Lesefrüchte. 

J'ay senti tout ä coup un homicide acier 

Que le traistre en mon sein a plonge tout entier. 

De tant d'objets divers le bizarre assemblage 

Peut-estre du bazaid vous paroist un ouvrage. 

Moy-mesme quelque temps, honteuse de ma peur, 

Je Tay pris pour reffet d'une sombre vapeur. 

Mais de ce Souvenir mon ame possedäe 

A deux fois en dormant reveü la mesme ide'e. 

Deux fois nies tristes yeux se sont veü retracer 

Ce mesme enfant toQjours tout prest ä me percer. 

Lasse enfin des horreurs dont j'6tois poursuivie, 

J'allois prier Baal de veiller sur ma vie, 

Et chercher du repos au pie" de ses autels. 

Que ne peut la frayeur sur l'esprit des mortols! 

Dans le temple des Juifs un instinct m'a poussee, 

Et d'appaiser leur Dieu j'ay conceü la pensöe. 

J'ay cru que des presens calmeroient son courroux; 

Que ce Dieu, quel qu'il soit, en deviendroit plus doux. 

Pontife de Baal, excusez ma foibiesse. 

J'entre, Le peuple fuit. Le sacrifice cesse. 

Le grand prestre vers moy e'avance ävec fureur. 

Pendant qu'il me parloit, Ö surprise! 6 terreur! 

J'ay veü ce mesme enfant, dont je suis menacöe, 

Tel qu'nn songe effrayant l'a peint ä ma pensee. 

Je Tay vefi, son mesme air, son mesme habit de lin, 

Sa dömarche, ses yeux, et tuus ses traits enfin. 

C'est luy mesme. II marchoit ä coste du grand prestre. 

Mais bien-tost ä ma veue" on l'a fait diaparaistre. 

Voila quel trouble icy m'oblige ä m'arrester, 

Et sur quoy j'ay voulu tous deux vous consulter. 

Que presage, Mathan, ce prodige incroyable ? 

Mathan: Ce songe et ce rapport, tout me semble effroyable. 



Abner: De quel crime un enfant peut-il estre capable? 

Mathan: Le Ciel noas le fait voir un poignard ä la mnin. 
Le Ciel est juste et sage, et ne fait rien en vain. 
Que cuerehez-vous de plus? 

Abner: Mais, sur la foy d'un songe, 

Dans le sang d'un enfant voulez-vous qu'on se plonge? 



Quel est donc ce grand sujet de crainte? 

Un songe, nn foible enfant, que vostre oeil prev<nu 

Peut-estre sans raison croit avoir reconnu. 

Athalie: Je le veux croire, Abner; je puis m'estre trompöe. 
Peut-estre nn songe vain m'a trop preoccupäe. 
He-bien, il faut revoir cet enfant de plus prea ; 
II en faut ä loisir examiner les traits. 



LesefrQchte. 635 

Den Traum ab Wunscherfüllung zeigt das von La Fontaine geschriebene 
Leben Äsops, das die Vorrede zu seinen Werken bildet. Die betreffende Stelle lautet: 
(Äsop hat sich gegenüber einigen Wanderern sehr gastfrei gezeigt. Äsop ist 
stumm.) „Die guten Leute erhoben die Hände zum Himmel und baten Juppiter d.ese 
barmherzige Handlung nicht ohne Belohnung zu lassen. Kaum hatte Äsop sie ver- 
lassen, als Hitze und Müdigkeit ihn zwangen, einzuschlafen. Während seines Schlafes 
bildete er sich ein, dass die Glücksgöttin vor ihm aufrecht stände und ihm die 
Zunge löste und durch dieses Mittel selbst ihm jene Kunst schenkte, deren Urheber 
er ist. Erfreut von diesem Abenteuer, wacht er jählings auf -und findet natürlich, 
dass sein Traum in Erfüllung gegangen ist, und er sprechen kann. 

Dass Vergessen determiniert ist, zeigt die „Joconde« betitelte Erzählung in 
Versen La Fontaines. 

Sie enthält folgende Stelle: 

Le gentil homme part, et va querir Joconde: 

C'est le nom que ce frere avoit. 

A la campngne il vivoit, 

Loin du commerce et du monde: 

Marid depuis peu; content, je n'en syais rien. 

Sa femine avoit de la jeunesse, 

De la beaute. de la delicatesse; 

11 ne tenoit qu'a luy qu'il ne s'en trouvast bien. 
Sein Bruder überredet ihn schliesslich, seine Frau und deren Land zu verlassen 
und m.t ihm an d.n Hof des Königs zu ziehen. Seine Frau nimmt wort- und tränen- 
reichen Abschied von ihm und schliesslich 

L'accable de baisers, et pour comble luy donne 

Un brasselet de facon fort mignonne, 

En luy disant: „Ne le pers pas, 

Et qu'il soit toüjours ä ton bra», 

Pour te ressouvenir de mon amour extreme: 

11 est de mes clieveux, je l'ay tissu moy-meme; 

Et voila de plus mon portrait 

Que j'attacbe ä ce brasselet." 

Jocundo partit donc; roais ayant oublie 

Le brasselet et la peinture 

Par je ne scuy quelle avanture 

Le matin mesme il a'en souvient 

Au grand galop sur ses pas revient, 

Ne scachant quelle excuse il feroit ä sa femme. 
Er ertappt seine Frau in flagranti mit einem Kammerdiener. Vielleicht ist 
auch die Art des Geschenkes, und der Umstand, in welcher Gesinnung seine F«U 
es ihm schenkt, sowie seine eigene geringe Neigung für seine Frau zu erwähnen. 

Auch in Moli eres Lustspielen •) finden sich einige Stellen, die für psycho- 
analytische Theorien von Interesse sein mögen, und das ist nicht zu verwundern, 
denn Melier« verstand es, wie kein zweiter, die kleinsten Charakter/.üge, die geringsten 
Einzelheiten zu beobachten. Einige dieser Stellen sind für die Auffassung, die seine 
Zeit von der Bedeutung der Träume hatte, charakteristisch. 

*) Thöatre complet de J.-B. Poquelin de Moliere, publiö par D. Jouaust 
Librairie des Bibliophiles. E. Flammarion, successeur, Paris. 



636 Lesefrüchte. 

Aus seinem ersten in authentischer Form auf uns gekommenen Werke 
„L'Estourdy* (L'Etourdi) ') zitiere ich: 

Akt I. Szene 5. 

Anselra: 

Lea debtes au'jourd'huy, quelque soin qu'on employe 

Sont comme les enfans que l'on concoit en joye, 

Et dont avecque peine on fait l'accouchement: 

L'argent dans une bource entre agreablement; 

Mais le terme venu que nous devons le rendre, 

C'est lois que les douleurs commencent ä nous prendre. 

Bast! 

Und der Fall eines Versprechens, wo der intrigante Mascarille Anaelme, einen 
alten Geizhals von einem jungen Mädchen unterhalt, auf das dieser sein Auge ge- 
worfen hat; 
Mascarille: ,Si bien donc qu'elle est sötte de vous, 

Ne vous regarde plus 

Anselme: Quoy? 
Mascarille: Que comme espoux. 

Et vous veut 

Anselme: Et me veut? 

Mascarille: Et vous veut, quoy qu'il tienne, 
Prendre la bource. 

Anselme: La ... ? 
Mascarille: La bouche avec la sienne. 

Anselme: Ah! je t'entcnds u 

Im „Depit amoureux" "J findet sich, Akt V. Szene 6 folgende Einschätzung 
der Träume: 

Mascarille: „Les disgraces souvent sont du Ciel revolees: 
J'ay songe cette nuit de perles defilees 
Et d'oeufs cassez: Monsieur, un tel songe m'abbat. 
Valere: Chien de poltron!* 

Und ebenso in dem Stücke: „Le Mariage force" 3 ) Szene 3, wo dem alten 
Sganarelle, der ein junges, kokettes Mädchen heiraten will, gewisse Bedenken auf- 
steigen. Er äussert sich: 

II m'est venu, depuis un moment, de petits scrupules sur le manage. 
Avant que de basser plus avant, je voudroia bien agiter k fond cette 
matiere et que l'on m'expliquast un songe que j'ay fait cette nuit, et 
qui vient tout ä l'heure de me revenir dans l'esprit. Vous scavez que 
les songes sont comme des miroirs oii l'on docouvre quelque-fois tout 
ce qui nous doit arriver. II me sembloit que j'estoiä dans un vaisseau, 

sur une mer bien agitee et que 

(jeronimo: Seigneur Sganarelle, j'ay maintenant quelque petite affaire qui m'em- 
pesche de vous ouyr. Je n'entens rien du tout aux songes; et, quant 
au raisonnement du mariage .... 

') Bd. I, p. 16 und 78. 
'-) 1. c. Bd. I. p. 206. 
:, j ]. c. Bd. III. p. 58. 



Lesefrüchte. 637 

Schliesslich noch die nachstehende Stelle aus dem „Bourgeois Gentil- 
homme"), Akt III. Szene 9. 

Cleonte: Je fais voir pour une personne toute l'ardeur et toute la tendresse qu'on 
peut imaginer; je n'aime rien au monde qu'elle, et je n'ay qu'elle dans 
l'esprit; eile fait tous mes soins, tous mesdesirs, toute majoye. 
je ne parle que d'elle, je ne pense qu'ä eile, je ne fais des 
songes que d'elle, je ne respire que par eile, mon coeur vit tout 
en eile: et voila de tant d'amitie la digne recompenae ! . . . 

In LeSages .Historie deGil Blas de Santilalane" findet man ausser der vor- 
erwähnten OdipuB-Erzählung noch ein Beispiel für die Determinierung des Vorsprechens 
Es steht in Buch I, Kap. 15 2 ). 

Der Held unterhandelt mit einem Trödler betreffs des Kaufes einer Edelmanns- 
Kleidung. 

Er (der Trödler) begrüsste mich ausserordentlich höflich und sagte mir: „Herr 
Kavalier, wie seid Ihr doch glücklich, dass Eure Leute sich an mich und nicht an 
einen anderen gewendet haben. Ich will hier durchaus nicht meine Kollegen ver- 
schreien; wolle Gott verhüten, dass ich ihrem Kufe den mindesten Schaden zufüge! 
Aber unter uns, es gibt nicht einen einzigen, der ein Gewissen hat; sie sind alle 
ärger als die Juden. Ich bin der einzige Trödler, der Moral besitzt. Ich begnüge 
mich mit einem vernünftigen' Nutzen; ich bin zufrieden, wenn ich am Sou eine Lire 
verdiene, ich will sagen an der Lire einen Sou. Dem Himmel sei Dank, ich übe 
mein Gewerbe anständig aus." — Natürlich verdient der einzelne moralische Trödler, 
am Kreuzer einen Gulden und nicht am Gulden einen Kreuzer. 

Bernardin d e Saint-Pierre 's Paul und Virginie 3 ), das im ganzen 
die Geschichte einer Kinderliebe darstellt und einst ein sehr beliebtes Werk war, 
— jetzt ist es wegen seiner Süsslichkeit weniger gelesen — enthält passim 
manche Stelle, die ein gewisses Interesse in psychologischer Hinsicht zu haben 
scheint. (B. de Saint-Pierre war der Schüler Rousseaus und bemühte sich, in seinem 
Leben die Lehrsätze des Meisters anzuwenden, vergl. darüber die „Studie über das 
Entstehen von Paul und Virginie" von S. Cambray *.) Ausserdem enthält es eine 
Stelle, die deutlich zeigt, an welchen Mängeln sehr oft die von den Dichtern erdachten 
Kunstträume leiden. Sie lautet 6 ): 

Sie sagte mir: „Oh mein lieber Nachbar! Mir schien es, dass ich diese 
Nacht Virginie, weiss gekleidet in der Mitte entzückender Haine und Gärten sah; sie 
sprach zu mir: „Ich geniesse ein Glück, würdig des Neides." Hierauf hat sie sich 
Paul mit lachendem Antlitz genähert und hat ihn mit sich emporgezogen. Da ich 
mich bemühte, meinen Sohn zurückzuhalten, habe ich gefühlt, wie ich selbst die 
Erde verliess und dass ich ihm mit einem unaussprechlichem Vergnügen folgte. 
Dann wollte ich meiner Freundin Lebwohl sagen, aber alsogleich sah ich sie, die uns 
mit Marie und Domingo folgte. Aber was ich noch sonderbarer finde, ist, dass Mme. 
de la Tour heute Nacht einen Traum mit denselben Begleitumständen hatte." 

Ich erwiderte ihr: „Meine Freundin, ich glaube, dass nichts in der Welt ohne 
Gottes Willen geschieht. Die Träume zeigen manchmal die Wahrheit an," 

».) 1. c. Bd. VII. p. 68. 
2 ) Ed. Garnier, freies, Paris, p. 54. 

s ) Ed. Librairie des Bibliophiles. E. Flamraarion succ, Paris. 
*) Vorrede dieser Ausgabe. 
6 ) 1. c. p. 185 u. ff. 
ZentralbUtt für Psychoanalyse. IV U / U . 42 






638 



Lesefrüchte. 



Mme. de la Tour erzählte mir einen ganz ähnlichen Traum, den sie in der- 
selben N«cht gehabt hatte. Ich hatte niemals an diesen zwei Damen einen Hang 
zum Aberglauben bemerkt; ich war deshalb von der Übereinstimmung ihrer Träume 
betroffen, und zweifelte in mir nicht, dass er sich erfüllen würde. Diese Meinung, 
dass die Wahrheit sich manchmal uns während des Schlafes enthüllt, ist bei allen 
Völkern der Erde verbreitet. Die grösslen Männer des Altertums haben daran ge- 
glaubt, unter anderen Alexander, Cäsar, die Scipionen, die beiden Cato und Brutus, 
die keineswegs schwache Geister waren. Das alte und das neue Testament liefern 
uns eine Menge Beispiele von Träumen, die sich erfüllt haben. Ich selbst brauche 
mich nur auf meine eigene Erfahrung zu berufen, und ich habe gesehen, das3 die 
Träume Ankündigungen sind, die uns irgend eine Intelligenz, die sich für uns inter- 
essiert, gibt. Dinge, welche das Licht der menschlichen Vernunft übertreffen, mit 
Vernunftschlüssen bekämpfen oder verteidigen zu wollen, das ist ganz unmöglich. 
Jedoch, wenn die Vernunft des Menschen nur ein Abbild Gottes ist, und nachdem 
der Mensch ja die Macht hat. seine Absichten durch geheime und verborgene 
Mittel bis ans Ende der Welt gelangen zu lassen, warum soll die Intelligenz, die 
das Weltall regiert, nicht ähnliche Mittel zum gleichen Zwecke anwenden? Ein 
Freund tröstet seinen Freund durch einen Brief, der eine Menge von Königreichen 
durchfliegt, in der Mitte des Hasses der Nationen weiterschreitet und die Freude 
und die Hoffnung einem einzigen Menschen zu bringen kommt ; warum soll der 
höchste Schützer der Unschuld nicht auf irgend einem geheimen Wege einer tugend- 
haften Seele zu Hilfe kommen können, die ihr Vertrauen einzig in ihn setzt? Hat 
er es nötig, irgend ein äusseres Mittel zu verwenden, um seinen Willen zu vollbringen, 
er, der in allen seinen Werken unaufhörlich durch innerliche Arbeit handelt? 

Warum also an den Träumen zweifeln? Das Leben, erfüllt mit so vielen 
flüchtigen und eitlen Plänen, ist es etwas anderes als ein Traum? 

Wie dem auch sei, der meiner Freundinnen erfüllte sich bald 

Diese Theorie Uher das Wesen der Träume, im Zusammenhang mit den ge- 
schilderten, bedarf wohl keines Kommentars. 

Die Werke Rousseau's (Emile, La Nouvelle Heliose, Les Röveries d'un 
promeneur solitaire, und vor allem die „Confessions") enthalten reiches Material für 
den Psychologen. Es findet sich aber mehr im Gehalte der ganzon Schrift, als an 
besonders charakteristischen Stellen, und ist, meines Wissens, in der Literatur schon 
oft angegeben worden. 

Sein grosser Gegner Voltaire, der die Klarheit, auch in den Schilderungen 
sexueller Szenen über alles stellt — man lese dieserhalb „Candide", „L'Ingenu* oder 
zahlreiche Stellen der „Pucelle" und namentlich deren Schlussszene — bringt unter 
anderem auch in der „Pucelle" eine Symbolik, die auf die .Verlegung" von unten 
nach oben hinweist. 

Der 12. Gesang 1 ) enthält die Stelle, wo Chandos die bewusstlose Jungfrau 
von Orleans vergewaltigen will: 

„Elle est ä moi, la Pncelle de France! 

S'ecria-til: contentons ma vengeance. 

J'ai gräce au ciel, doublement merite 

De mettre ä bas 8 ) cette fiere beaute*. 

Que saint Denis me regarde et m'excuse; 

Mars et l'amour sont mes droits et j'en use. 

*) La Pucelle d'Orlöans. En dix-huit Chants Geneve 1772. p. 159. 
*) mettre ä bas hat einen gewissen Doppelsinn. 



Lesefrüchte. 63D 

Puis se tournant devers son öcuyer: 
„Je vois, dit-il, quelle est bors d'elle meme; 
J'ai ces deox bras pour combattre et tuer: 
Pour la guerir, je prendrais le troisieme." . . . 
Später wird dann noch „ce saint pucelage" als 
„des Troyens le grand Palladium, 
le bouclier sacre de Latiam", 
bezeichnet, ebenso als „le gage de la victoire* und „oriflarome*. 

Eine überaus deutliche Stelle, die beweist, dass Diderot recht gut die im 
Verborgenen des Menschen schlummernden Gedanken erfasst hatte, ist die folgende, 
seinem „Le Neveu de Rameau" ') entnommene. Es handelt sich darum, was ein 
kleiner Wilder täte, wenn er sich selbst überlassen wäre: 

Er- . und ich bin sicher, wenn ich den kleinen Wilden kommen hesse, 
ohne ihm' von' irgend etwas zu sagen, so würde er reich gekleidet sein wollen, aus-, 
gezeichnet genährt, geschätzt von den Männern und geliebt von den Frauen sein 
und um sich alles Glück des Lebens versammeln wollen. 

Ich: Wenn der kleine Wilde sich selbst überlassen wäre, wenn 
er alle seine Dum mheit behalten würde und zudem biseben Vernun ft 
der Kinder in der Wiege die Heftigkeit der Leidenschaften des 
Mannes von dreissig Jahren gesellen würde, so würde er seinem 
Vater den Hals umdrehen und mit seiner Mutter schlafen. 

Balzac's „Contea Drolatiqnes* 5 ) enthalten in der Erzählung „Les Bons 
proupos" folgende "stelle'), die eines Kommentars wohl nicht bedarf: 

In einem Kloster unterhalten sich junge Schwestern . . . „Puis souvent di- 
soyent: Si un gendarme tomboyt icy par ung temps de pluye, oü donc le boute- 

rions-nous? 

— Chez la sceur Ovide. sa cellule est la plus grant; il pourroyt y entrer 

avecques son penache. 

— Qu'est-ce ä dire? s'escria la sceur Ovide; hob cellules sont-elles pas toutes 

pareilles? 

Sur ce, mes filies de rire comme des figures meures. . . . 

Folgende Stelle des gleichen Buches zeigt, dass Balzac der Gedanke der 
Sublimation durchaus nicht fremd war: Däsespenmce d'amour*). Nach einer langen 
Schilderung der Gedanken und Gesinnung eines jungen Mannes, der glaubt, keine 
Liebe linden zu können, fährt der Autor folgendermassen fort: „Puys luy parloy 
ä l'attendrir, puis, en grant perprinse, la serroyt ä l'estouffer, la v.oloyt ung petit 
maulgre son respect, et mordoyt tout en son lict, de raige, quevant ceste dame ab- 
aente, plein de couraige ä luy seul, et quinauld lendemain alors qu .1 en pa-soyt une. 
Neantmoins, tout flambant de ses amours phantasques, il tapoyt derech.ef sur ses 
fisures marmorines et engravoyt de iolis testins ä faire venir l'eaue en la boucne de 
ses beaulx fruicts d'amour, sans compter les aultres choses qu'il boraboyt, amenu.zoyt, 
caressoyt de son ciseau, purifioyt de sa lime et contoumoyt ä fa.re comprendre 
l'usage parfaict de ces chouses ä un coequobin et le decoequebmer dans le jonr . ... 

Der gleiche Gedanke findet sich in der Geschichte eines Goldschm.eds im 
Kleichen Bande (Perseverance d'amour 5 )) vor: . . . „Si le bon orphebvre avovt en 

') Artheme Fayard & Cie., Paris, p. 80. 
2 ) Paris, Garnier Freres. 
») 1. c. p. 248. 
*) I.e. p. 416. 
a )l.c. p.486 



Ü40 Lesefrüchte. 

luy-mesrae de ces phantasques dezirs qui, de cy, de lä, tenaillent ung paouvre homme 
seu], quand le diable faict mine de l'emporter sur ung sign« de croix, le Tourangeau 
rebattoyt son metail, attiioyt les esperits seditieux k sa cervelle en se bendaut a 
faire des delicatessee delicicieuses, mif;nonnes engraveures, figuriiies d'or, belies 
formes d'argent avecques lesquelles il rafresclii9soyt ]a choleie de sa Venus." . . . 
Weiter findet sich in derselben Erzählung das Beispiel eines Tagtraumes 1 ) 
und nochmals die Sublimation. 

. . . „Aussi Bouvent, en escoutant les gentils proupos des femmes qui vou- 
loyent l'embuizer et le mignottoyent pour en obtenir quelque doulceur, bot) Tou- 
rangeau s'en retournoyt-il par les rues, resveur comme ung poete, plus desespör© 
que ung coucou saus nid, et se disoyt en luy-niesme : le debvroys me munir d'une 
femme. Elle balyeroyt le logiz, me tiendroyt les plats cbaulds, ployeroyt les toiles, 
me racousteroyt, chanteroyt ioyeulsement dedan6 la maison, me tourmenteroyt pour 
me faire faire tout k son goust leans, me diroyt comme elles disent toutes a leurs 
marys, quand elles veulent ung ioyuu : „He bien, mon mignon, vois doncques cecy, 
n'estpas gentil?" Et ung chascun, do par le quartier, songeroyt k ma femme et 
penseroyt de moy: „Voilä ung homme heureux." Puis se marioyt, faisoyt nopces, 
dodinoyt mademoiselle l'orphebvre, la vestoyt superbement, luy donnoyt une 
chaisne d'or, l'aymoyt de la teste aux pieds, luy quittoyt le parfaict gouvernement 
du mesnaige, sauf lespargne, la mettoyt en sa chambre d'en hault, bien verröe, nattöe, 
tendue de tapisseries, avecques ung bahut mirificque, dedans ung lict oultre large, k 
columnes torses, k rideaulx de cental cytrin; luy acbeptoyt force beaulx mirouöres, 
et avoyt tousiours ung dixain d'enfants d'elle et de luy quand il arrivoyt k son logiz. 
Ains U, femme et enfans s'evaporoy en t en mar tel aiges; il trans- 
figuroytscs imaginations me lan cboli e uses en dessins phantasques, 
fassonoyt ses pensiers d'amour en ioyaulx drolaticques qui plai- 
soyent moult ä ses achepteurs, lesqnels ignoroyent combien il y 
avoyt de femmes et d'enfants perdus dans lespieces d'or phebvrerie 
du bonhonime, qui, tant plus avoyt de talent en son art; tant plus 
se d esbisf foy t ..." 

Schliesslich noch ein Beispiel von Versprechen desselben Autors, im gleichen 
Buche (Sur le Moyne Amador 4 ): 

„ . . . Mercy Dieu ! ie vous quitte de vous et de vos phantaisies, pour ce que 
ie me retireray en ung moustier de religieux 

Elle cuydoyt dire de religieuses, mag ce moyue vengeur luy avoyt perverty 
la ,ftn S ue -" W. Mautner (Paris). 

Mitteilung. 

In ihrer Sitzung vom 10. Juli hat die Zürcher Ortsgruppe mit 15 gegen 1 Stimme 
beschlossen, aus der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung auszutreten auf 
Grund folgender Erwägung: 

In der im Jahrbuch der Psychoanalyse veröffentlichten Kundgebung Freuds 
„Zur (Jeschichte der psychoanalytischen Bewegung" ist die Psychoanalyse auf die 
Autorität der Lehre eines Einzelnen in unmissverständlicher Weise festgelegt worden. 
Die Zürcher Ortsgruppe hält diesen Standpunkt für unvereinbar mit den Prinzipien 
der freien Forschung. 

Gleichzeitig hat die Ortsgruppe Zürich beschlossen, einen unabhängigen Verein 
zu weiterer Arbeitsgemeinschaft zu organisieren. 

') 1. c. p. 440. 

=) 1. c. p. 481. 



Inhaltsverzeichnis und Autorenregister. 



(Abkürzungen : = Originalia ; M = Mitteilungen ; R= Referate u. Kritiken; V = Varia ; 

Sp = Sprechsaal.) 

Adler, Dr. Alfred und Dr. Karl Furtmttller: Heilen und Bilden . (R) 485 

Alexander: Alexander von Humboldt an Henriette Her« ..... (V) 621 

Arnes, Tbadeus Hoyt: Blindneas as a Wisch . : (R) 307 

Appelt, Alfred: Extrakt aus einem Vortrag über „Der nervöse Faktor 

in der Gesundheit der Frau" (V) 510 

Asnaourow, Felix: Sadismus u. Masochismus in Kultur u. Erziehung (R) 99 
AsBatiani, M. M.: Der psychische Mechanismus der Symptome in 

einem Fall von hysterischer Psychose (R) 93 

Der Begriff der „bedingten Reflexe* in seiner Anwendung 

auf die Symptome der Psychoneurosen (R) 94 

de Beaurain: Über das Symbol und die psychischen Bedingungen für 

sein Entstehen beim Kinde (R) 182 

Becker, Oberarzt Dr. Wem. H. : Die sozialärztlichen Aufgaben in der 

Irrenlherapie (R) 410 

Bergmann, Dr. W. : Selbstbefreiung aus nervösem Leiden (R) 487 

Birstein, Dr. J.: Eine kritische Bemerkung ........ (M) 77 

Mitteilungen aus der K inderpsy cbologie . . . (M) 81 

Ein Traum W. M. Garschins (R) 94 

Individualpsychologische Darstellung eines nervösen 

Symptoms (0) 864 

W. M. Garschin's Traum. Eine nenropsychologische 

Studie zur Frage des Selbstmordes (0) 432 

Bjeloborodow, L. J.: Psychoanalyse eines Falles von Hysterie. . . (R) 93 

Bleuler: Der Sexualwiderstand (jj) ™° 

Bloch, E.: Über Intelligenzprüfungen . . . . (H) HTO 

Blüher, Hans: Studien über den perversen Charakter (mit be- 

sonderer Berücksichtigung der Inversion) ... (0) 10 
Bossi : Meine Ansichten über die reflektorischen Pychopathien und 

die Notwe idigkeit der Verbesserung des Irrenwesens (R) 509 

Brill: The Unconsius Factors in the Neurosis (R) 806 

The Conception of Homosexuality ( R ) 806 

Brill, A. M.: Piblokto oder Hysterie unter Peary 's Eskimos . . . . (R) 619 

Burchard, Dr. ErnBt: Zur Psychologie der Selbstbezichtigung . . . (R) 410 
Burrow, Trigant: Die psychische Analyse der sog. Neurasthenie und 

verwandter Zustände ( R) 181 

Charakter und Neurose (R) 488 

v Buttel-Reppen, Prof. Dr. H.: Meine Erfahrungen mit .denkenden' 

Pferden (ß) 808 



IV Inhaltsverzeichnis und Autorenregister 

B. W. Dr.: Frank Wedekind über sexuelle Aufklarung (V) 111 

Die Eifersucht der Mutter auf die Tochter (V) m 

Zur Kinderpsychologie (V) 233 

beitrage zur infantilen Kriminalität (V) 236 

Zur Psychologie der Schreibfehler (V) 316 

Die Bedeutung der siebenjährigen Periode für das Ver- 

brecberproblem (V) 320 

Die Verpflichtung des Namens (V) 322 

Clericus, Dr. J.: Ein Fall von Gedankenübertragung im Traum ... (V) 106 

Mc Comb, Rev. Samuel D. D.: „The New Interpretation of Dreams" (R) 97 

Coriat, Isidor, H. : Die Psychoanalyse der Lady Macbeth .... (0) 384 

Cornelius, Dr. Renö: Die Autosuggestion (0) 131 

Cresta, Max: Ein Beitrag zur Kritik der physiologischen Theorie 

der normalen und pathologischen Wahrnehmung (0) 443 

Dana, Ch. L.: Die Zukunft der Neurologie /r, 405 

Dide, M.: Die Stellung des leidenschaftlichen Idealisten 

in der Pathologie qjj 472 

Dunlap, Knight Prof.: The pragmatic advantage of Freud'analysis (R) 491 

Emerson: The Case of Miss / (i ) 30 g 

Erichsen, Leo: An derGronze des Übersinnlichen. Unser Seelenleben. 
Hypnose. Suggestion. Telepathie. Der persönliche 

Einfluss. Ein neuer Weg zum Erfolg (R) 620 

Evers, Hans Heinz: Die Besessenen (R) 308 

Fanciulli, Giuseppe: Die Psychologie der Lüge . . . . . . (M) 167 

Ferenczi: Zur Ontogenese der Symbole . (R) 182 

Fi nck, Dr. Ludwig: Zur Psychologie der Narkose (V) 413 

Heury: Epilepsie emotionelle (R) 301 

Frank, Ludwig: Affektstörungen. Studien über ihre Ätiologie u. Therapie (R) 172 
Frei mark, Hans: Das erotische Moment in den unbewusstcn Ta- 

'entäusseningen der sogenannten Medien ... (O) 535 

Jrescl.l. Robert: Von Janet zur Individualpsychologie .... (0) 152 
* r e u d , S 1 g m. : Über einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden 

und der Neurotiker (Rj 293 

Das Motiv der Kastchenwahl (R) 295 

Die Dispositionen zur Zwangsneurose (R) 296 

. Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre . . . . (R) 300 
FtMifc, Dr. H. W.: The Freudian Conception of tbe Psychoneuroses . . (R) 408 
b u r t m ü 1 1 e r , Dr. C a r 1 : Schnitzler's Tragikomödie „Das weite Land" (O) 28 
*., K. Dr. : Jahresversammlung des „Internationalen Vereins für medi- 
zinische Psychologie und Psychotherapie 193 

Gerhardt: Die Schule der Altersdorfer Anstalten (R) 303 

Golouschew, S. S-: Zur Kasuistik der Psychoanalyse . . . (M) 478 

Gross, Dr. Otto: Über Desti-uktionssymbolik (O) 525 

Haas. Willi: Über Echtheit und ünechtheit von Gefühlen (V) 417 

Habermann, Dr. A. B.: The Psychoanalytic Delusion (R) 410 

Hamburger, Franz Prof.: Über psychische Behandluog im Kindesalter (R) 507 
Hegst-, Alfred: Zur chinesischen, deutschen, amerikanischen Krimina- 
listik. Der Kampf gegen Minderwertigkeit und Ver- 
brechen (R) 410 

Hinrichsen, Priv.-Doz. Dr. Otto: Über das Abreagieren beim Normalen 

und bei den Hysterischen (R) 186 

Zur Psychologie des Unbewussten (M) 606 









Inhaltsverzeichnis und Autorenregister V 

Hirschfeld-Magnus: Die Homosexualität des Mannes u. des Weibes (R) 614 

Hirt, Dr. Walter: Das Leben der anorganischen Welt (R) 499 

HorBt-Witt: Arthur Symon's Buch „The Symbolist movement in 

literature" (V) 512 

Itten, W.: Beiträge zur Psychologie der Dementia praecox. . . . (R) 176 

.Fekels: Einige Bemerkungen zur Trieblehre (R) 183 

Jeliffe, Smith Ely: The Technique of Psychoanalysis (R) 308 

Jenichen, Richard: Über den Alptraum in der sächsischen 

Sagenwelt (M) 481 

Jentsch, Dr. Ernst: Das Pathologische bei Otto Ludwig (R) 84 

Jones: Einige Fälle von Zwangsneurose (R) 176 

Der Gottmensch-Komplex (R) 180 

Hass und Analerotik in der Zwangsneurose (R) 181 

Jung, CG.: Versuch einer Darstellung der psychoanalytischen Theorie (R) 86 

Kahane, Heinrich: Über Angstzustande (R) 188 

Grundzüge der Psychologie für Mediziner (R) 618 

Über psychische Depressionen (R) 406 

Kammol, Dr. Willibald: Über die erste Einzelerinnerung (R) 185 

Kannabich, J.: Die Hystero-Cyklothymio und ihre Kombinationen . . (R) 93 

Kaplan, Loo: Über wiederkehrende Traumsymbole . . . . (M) 284 

Aus der kindlichen Seele (V) 412 

Kaipas, Morris J.: Contribution to the Psythology of the so-called 

Dipsomania (R) gg 

Die Prinzipien der Freud'schen Psychologie iE] 91 

Kassowitz, Prof. Dr.. Max: Unbewusste Seelentätigkeit (R) 95 

Kirchhoff, Prof. Dr. Th.: Geschichte der Psychiatrie von A. Gross, 

Allgemeine Therapie der Psychosen (R) 92 

Koehler, Dr. Egon: Dementia praecox oder reaktive Depression ? 

Psycho-analytischc Studie (0) 347 

Laubi, Dr. Otto: Über den Wert der Psychoanalyse für Ätiologie 
und Therapie des Stottems und verwandter 

Sprachstörungen (0) 41 

Lese fruchte 515, 626 

Lcvy, Dr. Paul-Einile: Die Rolle der Psychotherapie in der Be- 
handlung der Ischias (0) 1 

Lichnitzky, W.N.: Die Grundlagen der gegenwärtigen rationalistischen * 

Psychotherapie (R) 93 

Loewenfeld, L. : Bewusstsein und psychisches Geschehen (R) 291 

Loquens: Selbstbeobachtungen eines Stotterers (V) 414 

Lucka, Emil: Die drei Stufen der Erotik (R) 185 

K., L. : Traumdeuterei, Astronomie und Astrologie in China . (V) 103 

v. Maday, Dr. Stefan: Psychologie der Berufswahl (R) 304 

Mitteilung über das niederdeutsche Volkslied 

„Burlala" (M) 607 

Mitteilung aus Madach's „Tragödie des Menschen" . . . (V) 625 

de Maday -Hentzelt, Mar the: Reflexions sur L'Amour maternel . . (R) 95 

Ma'llin c lirodt, Friedr.: Zur Psychoanalyse der Lady Macbeth (M) 612 

Maloney, William J. M. A.: Furcht und Atoxie (R) 405 

Marcinowski, L. : Glossen zur Psychoanalyse (R) 614 

Die Heilung eines schweren Falles von Asthma durch 

Psychoanalyse (R) 618 

Marcus, Dr. Ernst: Zum ..Lust- und Realitfttaprinzip" (V) 110 



VI Inhaltsverzeichnis und Autoren register 

Marcus, Dr. Ernst: Diverse Mitteilungen (M) 170 

Die Objektwahl in der Liebe (0) 594 

Mayer, Willy: Zur Phänomenologie abnormer Glücksgefühle . . . . (R) 493 

Meyer, E. : Epileptoide Zustände bei Alkoholintoxikationen (R) 506 

Moritz, Karl Philipp: Anton Reiser: Ein autobiographischer Roman. (R) 186 
Murtrie, C. Douglas, C. : Grundzüge der Homosexualität und sexuelle 

Inversion in das Weibliche (R) 91 

Nieder mann, Julius: Der Dichter als Analytiker (V) 102 

Der „männliche Protest" im Lichte von Kinder- 

analysen (0) 270 

Oberndorf, C. P. Dr.: The Scope and Technique of Psychoanalysis . (R) 409 
Orten au, Dr.: Sieben Fälle von psychischer Erkrankung nach gynäko- 
logischer Behandlung geheilt (R) 508 

Ossipow, N. E.: Gedanken und Bedenken über einen Fall von dogenera- 

tiver Psychopathie (R) 92 

Die , Memoiren eines Wahnsinnigen", ein unvollendetes 

Werk L. N. Tolstois (R) 95 

Page, J.: Ein Wahrtraum (V) 413 

Peretti: Gynäkologie und Psychiatrie (R) 508 

Peters, W. Privatdozent: Die Beziehungen der Psychologie zur Modizin 

und die Vorbildung der Mediziner (R) 498 

Petersen, Margarete: Ein telepathischer'Traum (M) 84 

Pfister, Dr. Oskar: Kryptographie, Krytolalie u. unbewu9stes Vexier- 
bild beim Normalen (R) 177 

Die psychoanalytische Methode (R) 500 

Prince, Morton: Die Psychopathologie eines Falles von Phobie . . . (K) 298 

P., H.: Die Kastrationsdrohung und ihr Gegenstück (V) 411 

Napoleon als — Psychoanalytiker (V) 411 

P., M.: Ein Traum von Goethe_ (V) 512 

Rank, Otto und Sachs, Hanns: Die Bedeutung der Psychoanalyso 

für die Geisteswissenschaften (R) 401 

Reddingius, R. A. Dr.: In welcher Richtung die denkenden Pferde 

noch geprüft werden müssen (V) 234 

Nachtrag zu diesem Aufsatze (V) 323 

Resink, A.: Die Philantrophie als sexual-nenrotiaches Ritual .... (V) 412 

Ein instruktiver auto-experimenteller Traum (V) 513 

Geistiges und psychisches Hellsehen (Vi 514 

Ein völkorpsychologischer männlicher Protest .... (V) 623 

Ein prophetischer Traum (V) 236 

Die „Philosopie" der Verdrängung und der Aufhebung 

der Verdrängung (V) 415 

Die himmlische Musik (V) 626 

Rorschach, Dr. Hermann: Analyse einer skizophrenen Zeichnung (O) 53 

Rosen sie i n . Dr. Gaston: Bleulers „Autistiachee Denken". . (M) 70 
Saaler, Dr. Bruno: Die Fliess'sche Periodizität sichre nnd ihre 

Bedeutung für die Sexualbiologie (O) 827 

Sa dg er: Über den sado-masochistischen Komplex (R) 178 

Die Psychoanalyse eines Autoerotikers (R) 616 

Schmid, Alexander: Hermann Bangs „Hoffnungslose Geschlechter". 

Eine Studie znm Problem der Decadence ... (O) 451 

Schleich, Prof. Dr. Karl Ludwig: Aphorismen über das Kind . . . (V) 821 

Schneider, N. N.: Psychotherapeutische Beobachtungen (R) 98 



r 



Inhaltsverzeichnis und Autorenregister VII 

Schnorr, Hans: Beiträge zur infantilen Sexualität (V) 101 

Schrecker, Dr. Paul: Die individualpsychologische Bedeutung der 

ersten Kindheitserinnernngen (0) 1-1 

Schroedev, Th.: Die gekreuzigte Heilige von Wildisbuch . . . . (0) 464 

Schulze, Hedwig: Analyse eines Erlebnisses [2 2 

Die Macht erster Kindheitserinnerungen (V) 509 

Silberer, Herbert: Zur Frage der Spermatozoenträume (R) 189 

Eine piinzipielle Anregung (R) 18. 

Zur Symbolbildung Si S 

Sopp, Dr. J.: Suggestion und Hypnose (R) 

Stärcke, Johann: Neue Traumexperimente im Zusammenhang mit 

älteren und neueren Traumtheorien .....•• (R) 178 

Stekel, Dr. Wilhelm: Erotische Reizungen als Heilmittel . (M) 59 

Eine Aufgabe für Traumdeuter in 

Kinderbriefe £5 KI 

Zur Psychologie und Therapie des Fetischismus . (0) 113 

Der psychoanalytische Ahasvev (M) 165 

Das Schaffen im Traume (V) 236 

Zur Psychologie und Therapie des Fetischismus . (0) 237 

Individuelle Traumsymbole (M) 289 

Das nervöse Herz (R) 304 

Ein Traumbild des lienvenuto Celtini (V) 322 

Zur Psychologie des Referates (V) 323 

Die Traume der Dichter, eine vergleichende Untersuchung 
der unbewussten Triebkräfte bei Dichtern, Neurotikern 

und Verbrechern (R) 402 

Die Verpflichtung des Namens (V) 419 

Fortschritte der Traumdeutung (0) 550 

Dio verschiedenen Formen des Widerstandes 

in der Psychoanalyse (M) 610 

Das liebe leb (R) 613 

Die Träume der Kinder (V) 624 

Stier, Ewald: Wandertrieb und pathologisches Fortlaufen bei Kindern (R) 85 

Storfer A. Z.: Mariaa jungfräuliche Mutterschaft (R) 496 

Tannenbaum, Dr. S. A.: Über eine, durch Psychoanalyse gc- 

heilten Fall von Dyspareunie » «Z 

Tausk, Dr. Viktor: Zur Psychologie der Kindersexualität (R) j^ 

Ten ebris, V\: Aus der Kinderstube J j gg 

Vogt, H.: .Psychotherapie" ' ' '■ ' ' r Q9 

Wagner v. Jauregg, Prof. Dr. J.: Myxödem und Kretinismus . . R »8 

Wyrubow f N.A.: Über die Cyklofchymie und ihre Kombinationen . . R *» 

Über tyklothymie und ihre Kombinationen . . • (") «"