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Full text of "Zentralblatt für Psychoanalyse 1914 Band IV Heft 3/4"

Originalarbeiten. 



Zur Psychologie und Therapie des Fetischismus. 

Von Dr. Wilhelm Stekel, Wien. 

Zu den rätselhaftesten Erscheinungen der Sexualpathologie gehört 

wohl das Phänomen des Fetischismus, von dessen allgemeiner ^eitung 

md Bedeutung wir wohl noch immer keinen rechten Begriff haben. "Wir 

kenn S Vuriationsbedürfnis des Normalmenschen und w.ssen dass er 

tro lern an gewisse Liebesbedingungen gebunden ist Die individuelle 

For d r Uoschlechtsiicbe wird bei jedem Mensche., durch eine Art von 

Fet schimus bestimmt. Jeder einzelne bevorzugt gew lS se E.genschaften 

* U1 ,* , .. Im, _ ;„ cip sind für ihn geradezu die Liebesbedingung. 

t'7 Äta Aug Teint. Geruch, Busen und ander, K„r„er- 

^T ' infimner Fe "sehe' gewesen. Man nennt sie normale Fetische, 
teile sind immer „1 etsene g fa ^ 

Zu patholog.schcn « on sie «st m * obemehmcn . 

fÄ eTSe er th'mü'uem thuh des Leibes begnügt und 
"Ä! £ Weibes dabei ^^«J^SÄÄ 

«."' ' Jff meinef Erfahrungen ist er sogar das Ende emes ,. en 

d'n cmtohmfhen'artner iihort.üssig macht. Meist »£»»•,£*£ 

der Geschlechter eine grosse, ja eine überragende Bolle und wirit m 
I irht auf manche dunkle Erscheinung des bexual ebens -). 
LlCht Binet hat eine Erklärung für den Fetischismus gegeben die »eh 
verlockend scheint und allgemein, so auch von K r af t- Eb bi n g , Mo 

nTtewfire gerechter zu sagen: Ein Abrücken vom anderen Geschlechte^ 

l) Vgl das Kapitel ,Der Kampf der Geschlechter« >n semem ßuehe .Das 
liebe Ich* (Otto Salle, Berlin 1913). 
ZentralbUtt fBr P«jebo»na»yBe. IV V 4 - 



a 



INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



114 Dr. Wilhelm Stekel, 

und Merzbach akzeptiert wurde. Nach diesem verdienstvollen Autor 
beruhe jede sexuelle Perversion auf einem „Accident agissant sur 
un sujet p r ed isp ose". Der erste sexuelle Eindruck wird dauernd 
mit dem ganzen Sexualempfinden verlötet, so dass nur die Erinnerung an 
diesen Eindruck eine Erregung auslösen kann. Ein Knabe sieht den nackten 
Busen seiner Erzieherin und wird dabei zum ersten Male geschlechtlich 
erregt. Er bleibt dann Busenfetischist und ist dann immer auf der 
Suche nach diesem ersten Eindrucke. Es ist das Gesetz von der Wieder- 
kehr des Gleichen, das in der Neurose eine so grosse Rolle spielt. Wir 
sehen aber in diesen Gedanken von Bin et 1 ) eigentlich die Keime zur 
bekannten Theorie von Freud, in der das Trauma, wenn es auf ein dis- 
poniertes Individuum trifft, die Ursache einer Neurose wird. Diese Theorie 
erklärt uns aber nicht alle merkwürdigen Eigenschaften der Fetischisten. 
Auch erklärt sie nicht den Umstand, warum nicht alle Kinder auf solche 
Eindrücke mit der Etablierung eines Fetischismus antworten. 

Ich habe schon betont, dass alle Menschen gewisse fetischistische 
Anlagen zeigen. Diese jedoch spielen lange nicht die Rolle wie beim echten 
Fetischismus, weil sie Wege zum Besitz des Weibes und zur Erzielung 
eines allerotischen Orgasmus sind, während der echte Fetischismus seinen 
T rägervon de mSexualobjektunabhängig macht, ihn immer 
freier und autoerotischer umgestaltet, so dass der Fetischismus eine schein- 
bare Ursache der Impotenz wird. Ich sage scheinbar, weil die Impotenz nur 
einer Angst vor dem Geschlechtsakte entspringt, der als Sünde gewertet 
wird oder einer Angst vor dem geschlechtlichen Partner. So betont Moll, 
dass der Fetischismus zur Impotenz führe und Kraft- Ebing kommt 
der Wahrheit noch näher, wenn er ausführt: „So ist es vielleicht besser, 
(las Kriterium für das Pathologische auf dem Gebiete des Körperteil- 
Fetischismus auf ganz subjektivem psychischem Boden zu suchen. Die 
Konzentration des sexuellen Interesses auf einen bestimmten Körperteil, 
welcher, das ist hier hervorzuheben, nie eine direkte Beziehung 
zum Sexus hat (wie Mammae, äussere Genitalien), führt die Körperteil- 
fetischisten oft dahin, dass sie als eigentliches Ziel ihrer ge- 
schlechtlichen Befriedigung nicht den Koitus betrach- 
ten, sondern irgend eine Manipulation an dem betreffenden, als Fetisch 
wirksamen Körperteil." 

Hier sehen wir schon zwei bedeutsame Symptome des Fetischismus 
hervorgehoben: Es wird ein Fetisch gewählt, der eine nur entfernte Be- 
ziehung zum Sexus hat, manchmal auch gar keine, und es wird dann mit 
Hilfe dieses Fetisch der Koitus umgangen. Damit soll nicht bestritten 
werden, dass es Fetischisten gibt, die den normalen Koitus ausführen. Ich 
kenne auch solche Fälle, wenn sie auch selten sind. Aber in allen diesen 
Füllen wird man die Tendenz konstatieren können, dem Koitus auszuweichen 
und ihn nur gezwungen, als eine soziale Verpflichtung zu absolvieren. 

Trotz zahlreicher Krankengeschichten, die wir über Fetischisten ge- 
lesen haben, kann ich ruhig behaupten, dass wir das Wesen des Fetischismus 
noch nicht kennen. Der Fetischismus ist eine komplizierte Religion, eine 
kunstvolle Konstruktion, die sich ihrer Struktur nach nur mit der Zwangs- 
neurose vergleichen lässt. Ja man kann fast der Wahrheit am nächsten 
kommen, wenn man den Fetischismus als Zwangsneurose auffasst. 



') Bin et: Du Fetiscliisme dans l'.imour. Revue philoaophique. 1887. 



Zur Psychologie and Therapie des Fetischismus. 115 

Es ist jetzt Mode geworden, über die Gefahren und die Nachteile 
der Psychoanalyse loszuziehen. Aber man vergesse nicht, ihr das eine 
zugute zu halten: Sie hat uns Gelegenheit gegeben, uns monatelang, ja jahre- 
lang mit den Kranken und ihrer Neurose zu beschäftigen. Und haben wir 
erst gelernt uns von vorgefassten Meinungen, aphoristischen Problem- 
stellungen und bestimmten Forschungsrichtungen zu befreien, so muss diese 
intensive Beschäftigung mit dem Kranken dem vorurteilslosen Forscher 
Gelegenheit geben, die intimen Details der Krankheit kennen zu lernen, die 
der Kranke in den ersten Stunden und Berichten regelmässig verschweigt. 
Nun hat gerade die Psychoanalyse auf dem Gebiete der Perversionen sehr 
wenig geleistet. Wenn wir von der grundlegenden Freud'schen Arbeit 
Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" absehen, sind einige Forschungen 
auf dem Gebiete der Homosexualität (Sadger) und kleine Beiträge zum 
Fussfetischismus (Abraham) zu verzeichnen, auf die wir noch zurück- 
kommen werden. Das kommt daher, weil Freud die Perversion als etwas 
Fertiges ansieht, das sich nicht weiter zerlegen und analysieren lässt. 
Das Kind ist nach dem oft zitierten Ausspruche dieses Forschers „poly- 
morph-pervers". Sublimiert es diese perversen Triebe, d. h. gelingt es, 
sie in soziale Kräfte umzuwerten, so wird es ein gesunder Mensch; ver- 
drängt es diese Triebe nur, so dass sie im „Unbewussten" ihre Wirksam- 
keit beibehalten und symptombildende Kräfte darstellen, so wird das 
Individuum neurotisch; bleiben aber die perversen Triebe bestehen, so 1S t 
oder bleibt eigentlich der Mensch ein „Perverser". 

Hier eibt es also nichts zu analysieren. „Die Neurose ist das Negativ 
der Perversion", sagt Freud*). Ich habe diesen Satz noch bestritten 
als ich mit Freud im persönlichen Verkehre stand und als sein Schuler 
unter dem mächtigen Einfluss seiner Ideen schaffte. Heute kann ich nur 

längst Gesagtes wiederholend ausführen: D i e Pe rv e r s i o n »lfi«**> 

oft nichts anderes als das uns bekannte Bid der Neurose. 

De Perversion ist in vielen Fällen das Positiv einer Neurose. Dies kann 
tob gerade am Fetischismus und könnte ich auch an der Homosexualität 
erweisen Die Grenze zu ziehen, wie weit das konstitutionelle Entgegen- 
kommen und der psychische überbau an dem ^^StS^SWl 
beteiligt sind, das bin ich heute nicht imstande. Aber ich kann am Feti- 
schl mus de'n geistigen überbau nachweisen während sich die von 
Freudianern in ihrer Verlegenheit immer wieder J^^ThIS 
stitution" als unerforschbarer und hypothetischer Faktor in den Hinter- 

grund stellt. 

Der Fetischismus ist also eine Krankheit und kein 
Fatum. Er ist eine Neurose. Er ist eine Konstruktion der Kranken mit 
einer ganz bestimmten Tendenz. Dies lässt uns auch alle Fälle vom 
sogenannten „normalen Fetischismus" als nicht zum Fetischismus gehörend 
ausscheiden. Wenn jemand für kleine Ohren schwärmt und sich nur 
Damen sucht, die kleine Ohren aufweisen, so ist er noch lange kein 
Fetischist. Er zeigt einfach irgend eine Form der sexuellen Variationen, 
die so unendlich sind, dass ihre Beschreibung unmöglich wäre. Aber seine 
Variation liegt, um einen treffenden Ausdruck, den Blüher in Anlehnung 
an Adler geprägt hat, auf der sexuellen Leitlinie zum Weibe. Der 

i) Freu.l hat diese Anschauungen in den letzten Jahren gemildert und 
kennt jetzt Grenzfölle, Mischungen von Pervereion und Neurose. 

8* 



HQ Dr. Wilhelm Stekel, 

normale Fetischismus ermöglicht dem Träger den Besitz des Weibes und 
steigert sogar die Libido. Diese Fälle haben mit dem Fetischis- 
mus, wie ich ihn beschreiben will, nichts zu tun, ja sie 
stehen zu ihm im Gegensatz und man täte am besten, 
in solchen Fällen gar nicht von Fetischismus, zu 
sprechen. Der echte Fetischist braucht seinen Fetisch, um sich das 
Weib zu ersetzen, der Normale bevorzugt gewisse erogene Zonen, die 
den Besitz des Weibes wertvoller machen. Der Fe tisch ist ent- 
wertet das Weib, der Normale überwertet den Träger 
seiner bevorzugten erogenen Zonen. 

Studieren wir verschiedene Fälle von Fetischismus; die Tendenz, 
vor dem Weibe zu fliehen, wird uns immer wieder aufs deutlichste hervor- 
treten. Da ist der bekannte Fall, den Moll als Rosenfctischismns be- 
schrieben hat. Ein Mann lebt eigentlich in völliger Abstinenz. Er führt 
keinen Koitus mit Frauen aus, ja er behauptet sogar, erhätteeineAnti- 
pathie gegen alle Frauen. Er sieht eines Abends eine Dame, die 
auf ihrem Busen eine schöne Böse trägt und verliebt sich — in die Dame 
oder eigentlich in die Rose. Wohl verlobt er sich heimlich mit der Dame, 
aber sein Verlangen geht nur nach ihren Rosen. Er ruht nicht, bis diese 
Rosen sein Eigentum werden. Dann beriecht er die Rosen und hat die 
höchsten Lustgefühle dabei. Er ruht nicht .eher, bis er eine ganze Samm- 
lung von solchen Rosen zu Hause hat, eine Erscheinung, die wir immer 
wieder finden werden, und die ich als Haremskult der Fetischisten 
bezeichnet habe. Dieser Ilareinskult fehlt in keinem Falle 
vom echten Fetischismus; er ist ein charakteristisches Symptom 
des echten Fetischismus und drückt die symbolische Darstellung eines 
latenten im Kampfe mit der inneren Moral befindlichen Don Juanismus 
aus. Der Fetischist ist ein Don Juan oder hat wenigstens seine heimlichen 
Gelüste wie ein Don Juan. Aber er sammelt statt der Frauen 1 ) seine 
fetischistischen Objekte. 

Jeder Fetischist hat seinen Harem an Sacktüchern, Unterhosen, 
Schuhen, Zöpfen, Photographien, Haaren, Miedern, Strumpfbändern usw. 
Jeder einzelne Fetisch verliert bald seine fetischistische Kraft und der 
Fetischist sucht gierig nach einem anderen Objekte, um das alte nach 
einer Zeit wieder hervorzuziehen, wie es ein Pascha in seinem Harem 
macht. Immer gibt es eine bestimmte Favoritin. 

Nun zurück zu unserem Rosenfetischisten. Heiratet er die Dame, 
in deren Rose er sich so heiss verliebte, dass er sich mit ihr verlobte? 
Keineswegs. Er macht es wie alle Fetischisten. Er zieht sich aus irgend- 
welchen rationalistischen Gründen zurück. Er löst seine Verlobung und 
bleibt nur seinen Rosen treu. Der Fetisch hat seinen Dienst erfüllt. Er hat 
ihn vom Weibe abgehalten und das Weib ersetzt. 

Hinter dieser scheinbaren Perversion steckt eine heimliche Angst. 
Dieser Mensch steht zwischen satanischen und frommen Tendenzen. Er 
ist ein Don Juan ohne den Mut zur Sünde. Das Weib verliert für ihn jeden 



i) Es wird aufgefallen sein, dass ich immer vom männlichen Fetischismus 
spreche. Ich kenne, auch einen Schmuckfetiscliismus einer Frau uml andere Ansätze 
zum weiblichen Fetischismus. Alxr der Fetischismus ist im allgemeinen eine Krank- 
heit der Männer. Für die seltenen Fülle vom weiblichen Fetischismus gelten natür- 
lich die gleichen Gesichtspunkte, wie ich sie hier für den männlichen darstelle. 






Zur Psychologie and Therapie des Fetischismus. 117 

Reiz weil er den Reiz gewaltsam auf ein kleineres Objekt, die Rose, ver- 
schoben hat. Rosen küssen ist doch keine Sünde. Rosen können seine 
Potenz nicht erproben, es kommt bei der Rose nicht zu dem Kampfe der 
Geschlechter, dem der Fetischist vorsichtig ausweicht. 

Das erklärt uns auch eine Form des Fetischismus, der eigentli h in 
meinem Sinne gar kein Fetischismus ist. Es ist dies die Vorliebe für alte, 
kleine verwachsene, hässliche, bucklige, schielende, hinkende, kurz miss- 
gestaltete Frauenzimmer. Der bekannte Fall des Descartes, der nur 
schielende Frauen lieben konnte, gehört hierher. Ich möchte auch hinweisen, 
dass Fälle bekannt sind, dass Menschen Frauen suchten, die eine Krücke 
traeen oder ein Bein amputiert haben. Die meisten dieser Fälle durften 
ausser' der bekannten naheliegenden infantilen Wurzel (Erinnerung an 
ein Sexualobiekt der Jugend !) noch eine andere Motivierung haben. Diesen 
entstellten Frauen gegenüber empfindet man Mitleid. Sie werden nicht 
als vollwertig genommen. Sie sind vom Schicksal gezeichnet und schon ent- 
wertet Der von M e r z b a c h beobachtete Fall, von dem ich spater sprechen 
werde' bestätigt diese Annahme. Das Persönlichkeitsgefühl des Mannes, 
das bei der sexuellen Werbung und Eroberung eine so grosse Rolle spielt, 
kommt diesen Krüppeln gegenüber eher zur Geltung. Solchen halben Frauen 
Gegenüber kann sich der Mann eben als ganzer Mann fühlen. Das erklart 
uns auch die gute Potenz mancher Männer bei Dirnen und ihr YOTS8«6tt 
bei anständigen Frauen. Solche Männer überschätzen das anstandige Weib 
und fühlen sich ihr gegenüber unterlegen, was eine sexuelle Aggression 
in vielen Fällen ausschliesst, weil Potenz und Überlegenheitsgefuhl innig 
zusammenhängen. In solchen Fällen lässt sich der Mann zum entwerteten 
„gezeichneten" Weibe herab, er beglückt, sie mit semer Gunst, wahrend 
er sich sonst beglücken lässt 1 ). 

lUn einzelnen solcher Fälle konnte ich einen sekundären seelischen Mecha- 
nismus konstatieren, den ich das Prinzip der fertigen Sache' nenne nach einem 
bekannten Witze, den ich hier seiner psychologischen Wurzel wegen erzählen muss. 
Ein He Vermittler trägt einem jungen Manne ein r*fcto* jj«*»«» *J ft 
werter hält dem Vermittler als grossen Nachteil der .Partie- entge gen, dass das 
Mädchen s.ch einmal das Bein gebrochen habe und nun hinke .Ach ws -sag 
der Vermittler - stellen Sie sich vor: Sie sind schon verheiratet. Sie , 8 enen m 'J 
ihrer Frau spazieren. Da kommt ein Auto. Ihre Frau wird überfahren. JeU 
müssen sie sofort mit der Rettungsgesellschaft in das Sanatorium fahren es kommt 
iSvSJmm sie verleben so einige Wochen der fürchterhehsten ^ Regung s e 
haben dann die enormen Kosten zu tragen. So aber kommen Sie gl e,ch * u «'"" 
fertigen Sache.« Dies Prinzip der fertigen Sache spielt in einzelnen Fällen vor, 
Pseudo Fetischismus eine grosse Rolle. Vorerst ein anderer b-erher gehörende Hall. 
Ein Mann kommt zu der Frau seines Freundes, die ihn immer kalt B«MSen ** 
und findet sie ganz verprügelt. In diesem Momente erwacht seine ganze Sexualität 
und er stürzt sich förmlich auf sie. Die Frau hat auch ein intensives P^ ürfn £ 
rieh an ihrem Manne zu rächen. Sie empfinden beide eine ungeheuere Libido beim 
Koitus die sich später nie wieder einstellt. Der Freund war ein Sadist, dem seine 
grausamen Instinkte nicht deutlich bewusst werden durften. Hier kam -«IM» ein« 
fertigen Sache". Fetischisten, die amputierte Damen suchen, haben auch das öta« 
Sadismus verdrängt, das eine Zerstückelung der Frau verlangt. Der amputierte 
Arm oder das fehlende Bein ist dann das Stück Realität, an dem die Phantas.e an- 
setzt der Schein eines roten Blutes für die farblosen Schemen. Die Psychologie 
des Mitleids lässt sich von diesem Gesichtspunkte auch neu beleuchten. Sie arbeitet 
auch nach dem Prinzipe »Lust ohne Schuld*. Die grausamen Taten vollbringt ein 
anderer oder da B Schicksal. Wir ziehen unsere Lust daraus in der Form, wie sie 
das ethische Gewissen verlangt Di« Schadenfreude, welche dem Mitleide so häufig 
vorangeht, es heimlich begleitet, ist der bewusste Ausdruck der gleichen Tendenzen. 






118 Dr. Wilhelm Stekel, 

Immer wieder werden wir bei den beschriebenen Fällen von Feti- 
schismus betont finden, dass der davon Befallene eigentlich keusch gelebt 
habe. So sagt Leppmann von seinem Zopffetischisten : „Niemals 
zeigte er eineSpur von Sinnlichkeit. Gespräche über Mädchen, 
beziehungsweise über geschlechtliche Dinge interessierten ihn gar nicht. Er 
trat auf Wunsch eines Freundes in einen Studentenverein ein, der das 
Keuschheitsprinzip zur Bedingung der Mitgliedschaft machte. Er erklärte, 
dass es ihm nicht schwer falle, ein derartiges Versprechen zu geben.** 
Dass es sich aber nur um verdrängte Sexualität gehandelt hat, beweist 
der Umstand, dass er einmal, gegen seine sonstige Gewohnheit berauscht, 
auf die Wirtin zuspringt und sie bei den Haaren zaust. Solche die Hem- 
mungen aufhebenden und den Charakter scheinbar verändernde Wirkungen 
des Alkohols kann man in Sexualibus oft beobachten und solchen Per- 
sonen ist die Abstinenz geradezu notwendig und hütet sie vor Entgleisungen. 
(Der Fall zitiert nach Merzbach: Die krankhaften Erscheinungen des 
Geschlechtsinnes. Alfred Holder, 1909.) 

Dieser Kranke gibt an : „Eine sinnliche Hegung zu Personen anderen. 
Geschlechtes habe er nie empfunden. Es sei ihm das recht klar geworden, 
als in dem Verein Ethos über die Schwierigkeiten gesprochen wurde, ge- 
schlechtlichen Anfechtungen zu widerstehen. Er habe damals aus ehrlicher 
Überzeugung gesagt, für sich könne er garantieren und habe nicht begriffen,' 

dass auf andere die Versuchung so stark einwirken könne." Wir 

merken, dass der Patient schon von Jugend auf dem Weibe ausweicht, 
offenbar weil er es gar nicht auf den Kampf der Geschlechter ankommen 
lassen will. Der Mann fürchtet immer die Überlegenheit des Weibes, wie 
ich es schon bei der I Bevorzugung krüppelhafter Frauen betont habe. 
Ein Patient von Merzbach, der sich nur verwachsene Mädchen als 
Partnerinnen auswählte, sagte, dass es seine Begierde mächtig errege, wenn 
seine Partnerin und er alle möglichen Künste aufwenden müssten, um 
die verwachsene Frau durch Kissen und Decken in die richtige Lage zu 
bringen, wozu noch der Umstand käme, dass sich solchen von der Natur 
vernachlässigten weiblichen Personen „zur G e s c h 1 e c h t s 1 u s t noch 
die Dankbarkeit gesell e". . . . Und offenbar kommt es dem Partner 
nur auf die Dankbarkeit und auf das Gefühl der persönlichen Überlegenheit 
an. Das erklärt uns die schon besprochene Tatsache, dass es eine Menge 
Männer gibt, die bei der Dirne potent sind und der anständigen Frau 
gegenüber auch in der Ehe versagen, entspringt diesem feinen Spiele des 
Ichbewusstseins. Diesen Typus hat Gerhart Hauptmann in seinem 
Drama Griselda als Markgrafen trefflicher gezeichnet. Der Markgraf flieht 
die adeligen Damen und vergewaltigt Kuhmägde, von denen er eine heiratet 1 ). 
Seine einzige Möglichkeit, eine Ehe einzugehen. 

Ich könnte die Flucht vor dem Weibe an vielen Fällen von Fetischis- 
mus nachweisen, die publiziert wurden. Ob es sich um Neigung zu Schuh- 
nägeln, Rosen, Taschentüchern, Korsetts handelt, immer ist die Tendenz 
dieser Menschen ein Abrücken vom Weibe, ein starker Zug zur Ab- 
stinenz im Gegensatz zu ausschweifenden Phantasien. Immer liegen bei 



') Seine Eifersucht entspringt wieder diesem Mangel an Persönlichkeitsgefühl. 
Menschen, die sich überschätzen, sind nie eifersüchtig. Die Eifersucht auf das un- 
geborene Kind ist ein verzerrtes Spiegelbild seiner eigenen Kindergeschichte. Sein 
Vater war ihm Rivale. Soll er sich auch einen Rivalen heranziehen, er, der sich 
so schwach fühlt, Liebe zu halten? 



Zur Psychologie nnd Therapie des Fetischismus. 119 

ihnen Satanismus und Religiosität im Kampfe. Ich will aber jetzt an 
drei von mir beobachteten Fällen weitere Ergänzungen zur Psychologie des 

Fetischismus bringen. •»•..*. r -i a * w 

Herr Beta 1 ) leidet an einem Fussfetischismus sonderbarer Art. Er 
schwärmt nur für Männerfüsse und zwar für rote schmutzige, wo- 
möglich schweissige entzündete Männerfüsse. Abraham 
auf dessen Arbeit ich noch zurückkommen werde, führt bekanntlich den 
Fussfetischismus auf die Unterdrückung der R i e c h 1 u s t des schweissigen 
Fusses zurück und F r e ud legt auf diese Hypothese grossen Wert. Er meint, 
der Mensch habe sich durch die aufrechte Stellung vom Nasentier zum 
Augentier entwickelt und die Funktionen des Geruchsinnes arg vernach- 
lässigt Im Fetischismus breche dieser verdrängte Trieb (Partialverdrän- 
gungl) durch, und alle Fussfetischisten schwärmten eigentlich für den 
Schweissfuss. Diese Neigung der orthodoxen Freudschule, den Fetischismus 
auf verdrängte Triebregungen zurückzuführen, würde ja in diesem Falle, 
wo ein Schweissfuss bevorzugt wird, scheinbar seine Bestätigung finden. 
Wir werden bald sehen, dass viel wichtigere Mechanismen hier hinein- 
spielen Unser Kranker, als ein solcher fühlt er sich und er kam zu mir, 
um von der" Tyrannei des Fetischismus befreit zu werden, hätte ja m See- 
bädern reichliche Gelegenheit, Männerfüsse zu sehen, wenn es sich nur 
um den Fuss handeln würde. Er müsste nur eine Kur in Wönshofen nach 
Kneipp'schen Prinzipien durchmachen und könnte unbemerkt seiner Per- 
version fröhnen 2 ). Aber diese leicht erreichbaren Genüsse reizen ihn 
aar nicht Der Fuss der Reichen lässt ihn kalt. Der Fuss eines Mannes, 
der arbeitet, der womöglich unterdrückt ist, der ein Knecht ist, der sich in 
abhängiger Stellung befindet, der gezwungen wird, barfuss zu gehen, 
dessen Fuss einem grossen Drucke ausgesetzt wird bei dem der Fuss wo- 
möglich gepresst wird, so dass man auf der Haut die Abdrucke des 
des Schuhes sehen kann, der macht auf ihn einen grossen Eindruck. 

Ich mache hier einen Augenblick Halt und verweise auf dieses so 
oft in den Krankengeschichten der Fetischisten vorkommende Moment. 
Was einem Zwange ausgesetzt ist, erhöht den Wert des 
Fetisch Schon dieses Moment enthält eine symbolische Darstellung 
des Fetischismus selbst. Der Fetischismus sitzt seinem Trager wie ein 
enger Schuh an und presst ihn ein. Er hält ihn unter einem starken 
Zwange Hier sehen wir die grosse Ähnlichkeit des Fetischismus mit der 
Zwangsneurose - ja, wie gesagt, für mich ist der Fetischismus nur eine 
besondere Form der Zwangsneurose. Der masochistische Zug des reti- 
schismus als Reaktion auf den nie fehlenden Sadismus zeigt sich immer 
in dieser Form. Beta sucht also seltsame Orte auf, um seinen Fetischismus 
zu befriedigen. Er geht an heissen Tagen zur Donau. Dort liegen die armen 
Arbeiter in Haufen und baden ihre schweissigen roten I'üsse. Dieser An- 
blick erregt ihn dann mächtig. Er eilt nach Hause und onaniert. In 
solchen Fällen ist es immer wichtig zu konstatieren, was sich der ünanist 
i) In meinem Buche: .Die Sprache des Traumes* sind zahlreiche Traume 
des Herrn Beta analysiert und viele enthalten schon die Beziehungen, die ich hier 

onfiierken will. z. B. die Christusneurose. , M . 

aufdecken^.,. ^ ^ ^.^ ^^ &q( tf*g»$*± g£ 

euneen zurück! Der Fussfetischismus ist ungeheuer verbreitet und v.el d «er *ett- 
Sen pngerii gerne nach Wörishofen. Die Exhibitionisten schwärmen für Sonnen- 
Är un<F Nacktkultur, die Masocbisten werden sich gerne allen Abst.nenzbewecungen 
anschliessen und Vegetarianer, KeuschheiUapostel. Antialkohohsten usw. werden. 






120 Dr. Wilhelm Stekel, 

bei dem Akte hinzuphantasiert. Wer glauben würde, dass Herr Beta den 
Fuss dieses Mannes berühren wollte, oder gar einen homosexuellen Akt 
mit ihm ausüben wollte, der würde sich arg täuschen. Herr Beta stellt 
sich vor.ersei derArbeiter mitdemrotengeschwollenen 
schweissigen Fusse. Dadurch erzeugt er sich den 
grössten Orgasmus. 

Dies ist eine Erscheinung, die ebenfalls typisch für den echten 
Fetischisten ist. DerFetischistidentifiziertsichmitseinem 
Sexualobjekte. So wird Beta selbst der Träger des roten Fusses. 

Nun könnten wir nach Traumen aus der Jugend forschen und Beta 
hat uns eine Menge dieser Dinge erzählt, die ich ja an anderer Stelle 
mitgeteilt habe. Er behauptet, er habe gesehen, wie ein Soldat, der 
Geliebte der Köchin, sich die Stiefel in der Küche ausgezogen habe und 
bei dieser Gelegenheit habe ihn der rote Fuss sehr imponiert. Auch erzählt 
er, dass er von dem Soldaten auf dem Fuss geschaukelt wurde und dabei 
hohe Lustempfindungen erlebte. Doch diese Vorfälle erklären uns nicht 
den komplizierten Mechanismus seiner Neurose I — Die Erinnerungen haben 
in diesem Falle etwas Verblasstes und sind alle eigentlich nicht präzis er- 
innert Ja ich halte dafür, dass sie nachträglich hineingezeic.hnet wurden. 
Ich glaube, dass sich die Fetischisten eine Jugend- 
geschichte nachträglich komponieren, und in dieselbe 
alle Erlebnisse eintragen, welche auf der Linie des 
Fetisch liegen. Ihre Erinnerungen sind Trugerinne- 
rungen (Deckerinnerungen, aber nicht im Freud'schen 
Sinne 1 )). 

So werden wir auch bei unserem Fuss fetischisten die Lebensgeschichte 
erwarten, die uns alle Fetischisten und auch alle homosexuellen Männer 
erzählen. Es gab eine Zeit, da sie das ganze Weib und der ganze 
Mann interessierten, besonders aber die Genitalien. Dann aber kam es 
zu kleinen Veränderungen. Erst trat der Frauenfuss in den Vordergrund, 
dann allmählich der Männerfuss und erst im Laufe der Jahre entstand 
das Interesse für den roten geschwollenen Schweissfuss. Der erste Eindruck 
des Soldaten müsste aber die sexuelle Leitlinie gleich in diesem Sinne 
determiniert haben, während wir ersehen, dass er aus der Vorratskammer 
der Erinnerungen hervorgesucht wurde, als die Flucht vor der Sexualität 
und besonders vor dem Weibe (in diesem Falle auch vor dem Manne) 
begonnen hatte. Man bedenke : Wie viele Menschen haben als Kinder solche 
Erlebnisse und wie wenige werden Fetischisten I (Fortsetzung folgt.) 

i) Die Deckerinnerung Freud's verbirgt hinter einer harmlosen Szene einen 
wichtigen Vorgang. Diese Trugerinnerungen machen aus harmlosen Szenen 
wichtige Erlebnisse. Das Archiv der Erinnerung wird durchstöbert und daraus 
werden brauchbare Szenen hervorgeholt und neu bearbeitet. 



II 

Die individualpsychologische Bedeutung der ersten 
Kindheitserinnerungen '). 

Von Dr. Paul Schrecker, Wien. 

Es sind zwei Problemgruppen — eine formal- und eine individual- 
psychologische — , die sich an die ersten Kindheitserinnerungen knüpfen. 
A priori würde man erwarten, dass das Gedächtnis, wenn es die Kon- 
tinuität der Vergangenheit durchlaufen soll, zuerst äusserst verschwommene 
und unsichere Erinnerungen produziert und zu immer deutlicheren und 
klareren fortschreitet. Eine solche Erfahrung würde auch der Theorie des 
psycho-physischen Parallelismus, wie überhaupt jeder Erklärung der Ge- 
dächtniserscheinungen entsprechen, die als Ursache oder Parallel phänomen 
der Erinnerung ein Engramm im nervösen Zentralorgan ansieht. Denn 
es ist klar, dass die älteren Engramme irgendwie schlechter erhalten sein 
müssten als die jüngeren. 

Eine reiche Erfahrung, die von den meisten Autoren bestätigt wird, 
hat uns aber gezeigt, dass diese aprioristische Erwartung durch die Tat- 
sachen widerlegt wird. Zwar trifft es zu, dass aus dem Kindesalter nur 
wenige Erinnerungen produziert werden und besonders jene Ereignisse, 
denen objektive Bedeutung für die kindliche Entwicklung zukommt, ver- 
gessen sind; aber in der grössten Anzahl der Fälle werden ein oder zwei 
Erinnerungen aus der frühesten Kindheit reproduziert und heben sich mit 
einer unvermittelten Klarheit, die überrascht, aus dem sonst vollständigen 
Dunkel jener Zeit. Die Frage ist nun einerseits formalpsychologisch : Wie 
kommt es, dass es so klare neben kaum schattenhaft erhaltenen Erinne- 
rungen gibt und andererseits individualpsychologisch: welche Ereignisse 
sind es, welches ist der Inhalt der Erinnerungen, und wie ist es zu ver- 
stehen, dass gerade sie es sind, die im einzelnen Falle reproduziert 
werden. Wir wollen zuerst die formale Frage erörtern, aber gleich be- 
merken, dass diese Forschungen eine unzweifelhafte und überraschende 
Bestätigung der Theorie des Gedächtnisses geliefert haben, wie ich sie auf 
Grund der Arbeiten Henri Bergson's und A 1 f r e d A d 1 e r's in meinem 
Buch über „Henri Bergson's Philosophie der Persönlich- 
keit" 1 ) entwickelt hatte. 

Eine scheinbare Lösung des Problems wäre eine Tatsache, die Goethe 
so gefasst hat: „Wenn man sich erinnern will, was uns in der frühsten 



r 



i) Referat erstattet dem Internationalen Kongress für medizinische Psycho- 
logie und Psychotherapie am 19. September in Wien. 
t) Reinhardt, München 1912. 



122 Dr. Paul Schrecker, 

Zeit der Jugend begegnet ist, so kommt man oft in den Fall, dasjenige, 
was wir von andern gehört, mit dem zu verwechseln, was wir wirklich 
aus eigner anschauender Erfahrung besitzen." In den Fällen, wo dies 
zutrifft, scheint das formalpsychologische Problem von selbst gelöst. Aber 
es bleibt doch noch fraglich, wie denn diese Verwechslung möglich sei, wieso 
wir glauben, eine „eigne anschauende Erfahrung" zu besitzen und uns 
nur an diese, als Erlebnis, nicht aber ap die Tatsache erinnern, dass das 
betreffende Ereignis uns erzählt wurde. — Das individualpsychologische 
Problem kann aber durch die Erkenntnis, dass es sich im speziellen Fall 
nicht um eine originale Erinnerung, sondern um die Wiedergabe eines ge- 
hörten Berichtes handelt, auch nicht scheinbar als gelöst betrachtet werden. 
Denn es fragt sich dann erstens : warum unter so vielen Berichten gerade die 
wenigen Bestimmten reproduziert werden und zweitens: wieso das Indi- 
viduum dazu komme, diese Berichte in Erinnerungen umzuwandeln. — 

Ein zweiter Lösungsversuch wäre die in vielen Fällen gewiss be- 
rechtigte Ansicht, dass es sich weder um eine originale Erinnerung noch 
um die Umwandlung eines Berichtes, sondern um eine Konstruktion, eine 
Fiktion handle, im erweiterten Sinne von Ernest Renan's Behauptung: 
,,Ce qu'on dit de soi est toujours poesie." Aber so wenig es möglich ist, 
einen Traum zu erfinden, der nicht in bestimmten Beziehungen zur er- 
findenden Person steht, so wenig irgend eine Lüge eine creatio ex nihilo 
ist, so wenig ist auch die Behauptung, eine Kindheitserinnerung sei, weil 
Konstruktion individualpsychologisch unbrauchbar, gerechtfertigt. Im Gegen- 
teil: in jenen Fällen, wo wir eine Konstruktion oder wenigstens eine 
Retouche der Erinnerung nachweisen oder wahrscheinlich machen können, 
ist unsere psychologische Aufgabe erleichtert; denn dadurch, dass das be- 
treffende Individuum jene Konstruktion vornimmt, gibt es zu erkennen, 
dass es dem Inhalt seiner Aussage eine Wichtigkeit für seine Entwicklung 
beilegt und da diese Konstruktion oder Betouche unbewusst geschieht, 
werden wir annehmen dürfen, dass sich in ihrem Besultat die Leitlinie, 
der Lebensplan der betreffenden Persönlichkeit besonders stark ausprägt 
und wir erhalten so das wichtigste Mittel, wenn nicht zur Erkenntnis der 
Kinderpsyche, so doch zum Verständnis der gegenwärtigen Situation dieses 
Individuums. Und der Erkenntnis einer Tendenz, die wir so gewinnen, 
werden wir schon darum besondere Bedeutung beilegen dürfen, weil das 
Individuum dadurch, dass es die Fiktion in seine Kindheit verlegt, seiner 
Überzeugung Ausdruck gibt, dass es sich um eine Tendenz handle, die 
sein Leben beherrscht habe. 

Wir gelangen also zu dem ersten Schluss: Für das Verständnis des 
Individuums — und dieses ist ja das letzte Ziel jeder Individualpsycho- 
logie und die notwendige Voraussetzung jeder pädagogischen und psycho- 
therapeutischen Beeinflussung — ist es prinzipiell ganz gleichgültig, ob 
das, was als früheste Kindheitserinnerung erzählt wird, originale Erinne- 
rung, Wiedergabe gehörter Berichte oder ganz oder teilweise Konstruktion 
ist. In jedem Fall ist es Material zum Verständnis des betreffenden 
Menschen. Wir können aber sofort weitergehen : Nehmen wir an, jemand 
denke darüber nach, welches seine früheste Kindheitserinnerung sei — 
sobald wir auf einer teleologisch-aktual istischen Grundlage stehen, werden 
wir zugeben müssen, dass er sich nur an etwas erinnern kann, was in irgend- 
einer Beziehung zu seiner gegenwartigen Situation steht. Nehmen wir 
weiter an, er finde nichts, er müsse konstruieren, oder er finde nur die 



Die individualpsychologische Bedentung der ersten Kindheitaerinnernngen. 123 

Erinnerung an Berichte, so ist es zweifellos, dass der Inhalt dieser Kon- 
struktion oder dieses Berichtes dieselbe Struktur, dieselbe Tendenz, dieselbe 
Einstellung verraten muss, wie sie einer im gleichen Moment ins Bewusst- 
sein getretenen originalen Kindheitserinnerung innewohnen musste. Es 
ist also nicht nur individualpsychologisch-methodisch, es ist auch sub- 
jektiv gleichgültig, welchem Prozess das erzählte Erlebnis seine Brian» 
rungsqualität verdankt. Denn ob unter der Menge von Erinnerungen an 
Kindheitserlebnissen und Berichten darüber eine Bestimmte ausgewählt 
oder ob eine Bestimmte konstruiert wird, ist gleichgültig, da ja 
in dem einen 'wie in dem anderen Falle ihre teleologische Struktur die gleiche 
sein muss. Wir können eine solche Wiedergabe also immer so betrachten, 
als ob sie eine Fiktion 1 ) wäre, weil uns die psychologische Einsicht 
dadurch erleichtert wird und der Fehler minimal ist. Tatsächlich verläuft 
der Prozess, durch den eine frühe Kindheitserinnerung im Bewusstsein 
fixiert wird, in jenen Fällen, wo sich die Spuren des Werdens aufdecken 
lassen, meistens in folgender Kombination aller drei Entstehungsgründe. 
In dem je nach dem Entwicklungstempo verschiedenen Alter — gewöhnlich 
zwischen dem 10. und 15. Jahre, aber auch früher oder später - wo das 
Kind eine festere Stellung in seiner Welt anstrebt, wo es nicht mehr als 
Kind sondern als Erwachsener betrachtet werden will, legt es sich auch 
Rechenschaft über seine als erledigt betrachtete Vergangenheit ab. (Es 
ist charakteristisch, dass in diesem Aller die Kinder häufig anfangen, Tage- 
bücher zu führen und dadurch verraten, dass sie ihren Erlebnissen so 
Bedeutung beimessen, wie es die Erwachsenen tun.) Dabei werden natur- 
lich jene Kindheitserlebnisse besonders erinnert und betont, in denen 
das Kind eine Stütze und Bestätigung seiner derzeitigen Einstellung zu 
seiner Umgebung erblickt. Diese Erinnerungen werden nun tendenziös 
im angedeuteten Sinne verstärkt und retouchiert, das Kind holt sich die Be- 
stätigung auch aus den Erzählungen seiner Umgebung und fixiert so immer 
schärfer die Erinnerung an ein bestimmtes, bildhaft vergegenwartigt.es 
Erlebnis in der Dichtung und Wahrheit verschmelzen. Diese Erinnerung 
wird nun. wenn nach ersten Eindrücken gefragt wird, immer aus seiner 
Bereitschaft hervorgeholt, auch in Autobiographien erzählt und muss naen 
seiner ganzen Entstehungsgeschichte dem Individualpsychologen ein wert- 
volles Mittel zum Verständnis der Leitlinien der betreffenden Persönlich- 
keit liefern. 

Bevor wir nun an einigen Beispielen den Inhalt dieser Erinnerungen 
untersuchen, wollen wir die merkwürdige Erfahrung erwähnen, dass 
meistens die Ereignisse, die so erinnert werden, bedeutungslos weder 
besonders affektbetont, noch auch äusserlich irgendwie interessant sinn. 
Das muss uns im ersten Augenblick um so mehr wundern, als das iuna 
wirklich relativ häufiger als der Erwachsene Erlebnisse hat, von denen 
wir annehmen würden, dass die Erinnerung an sie unauslöschlich sei. ADer 
von allen diesen Eindrücken, die erfahrungsgemäss das Kind sehr intensiv 
beschäftigen, wie z. B. die erste Eisenbahnfahrt, die erste Theatervorstellung 
usw finden wir keine Spur erhalten und wir 'sind vor die Aufgabe ge- 
stellt, dafür eine Erklärung zu finden. Sie ergibt sich leicht durch eine 
Analogie. Jemand, der zum ersten Male in eine fremde Stadt kommt, 

" l) Als Fiktion hätte sie individualpsychologisch die gleiche Straktnrjf je die 
vonVaihinger („Die Philosophie des Ah» Ob') analysierten methodischen Fiktionen. 



124 Dr. Paul Schrecker, 

erlebt bei jedem Schritt neue Eindrücke, sucht bewusst seinen Weg und 
nimmt alles wahr, was in sein Gesichtsfeld kommt. Ist er aber einmal 
lange in dieser Stadt, so verlieren die Eindrücke ihre Neuheit, er geht 
ohne Überlegung seinen Weg und apperzipiert eigentlich nur das, was eine 
Änderung seines gewohnten Verhallens erfordert. Aus der Wiederholung 
der Eindrücke ist eine bestimmte motorische Bereitschaft geworden und es 
bedarf nur eines geringen Anstosses, um sie zu aktivieren. Jeder gewohnte 
Eindruck bewirkt nur eine motorische Reaktion und nicht eine Erinnerung 
an den ersten Eindruck — aus dem einfachen Grunde, weil eine Erinne- 
rung, wie Bergson 1 ) bewiesen hat, nur dann ins Bewusstsein tritt, wenn 
eine Lücke in der Reihe der automatischen motorischen Reaktionen eintritt. 

Ebenso verhält es sich mit den meisten Kindheitserlebnissen, die 
ihre Affektbetontheit nur ihrer Erstmaligkeit verdanken. Ist an die Stelle 
der Überraschung und jedesmal erforderlichen Initiative und Anpassung 
erst die Gewöhnung und motorische Reaktionsbereitschaft getreten, so 
verliert sich auch die Erinnerung daran. Und weil die meisten Kindheits- 
erlebnisse solche sind, die sich typisch wiederholen, weil die Reaktion 
darauf den grössten Teil unseres Automatismus ausmacht, ist es verständ- 
lich, dass aus der ersten Kindheil überhaupt nur wenige Erinnerungen er- 
halten sind. Diese aber sind 'solche, die sich nicht wiederholen, weil sich 
darin schon eine ganz eigenartige Stellung zur Welt zeigt, der Beginn 
dessen, was als Individualität eine besondere Reaktion erfordert. 

Das Material, an dem wir die ersten Kindheitserinnerungen studierten, 
stammt aus zwei Quellen, aus Autobiographien und aus Berichten uns 
persönlich mit einiger Genauigkeit bekannter Personen. Einige Bemer- 
kungen mögen die Wahl dieser Methode rechtfertigen. Die Autoren, die 
sich mit unserem Problem beschäftigt haben, haben gewöhnlich die Methode 
der mündlichen oder schriftlichen Rundfrage benützt oder wie Dr. Kara- 
mel 2 ) an eine Mehrheit von nicht ausgewählten Personen die Aufforde- 
rung gerichtet, ihre erste Kindheitserinnerung niederzuschreiben. Diese 
Methoden haben den Fehler, dass sie auf individualpsychologische Pro- 
bleme absolut keine Antwort liefern können. Die Resultate, die aus solchen 
Methoden gewonnen werden können, betreffen nur äusserliche Merkmale 
der ersten Erinnerung, ihre Dauer, Klarheit, Gefühlsbetontheit, ihr Alter etc. 
und was ihren Inhalt betrifft, so erfahren wir nur in tabellarischer Über- 
sicht die Ereignisgattungen, die reproduziert werden. Deshalb haben wir 
Quellen gewählt, die das Gemeinsame haben, dass die erste Erinnerung 
nicht isoliert dasteht, dass sie sich vielmehr für uns in das Ganze eines 
Persönlichkeitsbildes fügt, von ihm aus ihren Sinn erhält, und wir glauben 
so mit Hilfe einer dynamisch-teleologischen Methode mehr erreichen zu 
können, als die Experimentalpsychologcn mit ihrer statisch-mechanistischen 
Zerstückelung der Kontinuität. 

Man könnte noch den Autobiographien als psychologischer Quelle 
vorwerfen — und das ist wiederholt geschehen — , dass sie unverlässlich 
seien; für unsere Problemstellung gilt dieser Einwand nicht, da ja selbst 
eine vollständige Konstruktion — um so viel mehr also eine blosse schön- 
färbende Retouche — der Lösung unserer Probleme vollwertiges Material 
liefert. — 

l) Matiere et Memoire. 

h) Ober die erste Einzelerinnerung. Eine experimentelle Untersuchung. I91d. 
Diese Arbeit konnte nur mehr oberflächlich berücksichtigt werden. 



Die individualpsychologische Bedeutung der ersten Kindheitserinnerungen. 125 

Zwei Künstlererinnerungen, die typisch zu nennen sind, werden 
uns eine Grundtendenz der meisten ersten Erinnerungen klar zeigen können. 
Richard Wagner — damals ungefähr 30 Jahre alt — schreibt in seiner 
Autobiographischen Skizze", die von ihm aus Anlass seines ersten Erfolges 
verlangt worden war: „Auch mein Stiefvater starb zeitig - ich war erst 
sieben Jahre. Kurz vor seinem Tode hatte ich: ,Ub' immer Treu und Red- 
lichkeif und den damals ganz neuen ,Jungferakranz" auf dem Klavier 
spielen gelernt. Einen Tag vor seinem Tode musste ich beides im Neben- 
zimmer vorspielen; ich hörte ihn da mit schwacher Stimme zu meiner 
Mutter sagen: , Sollte er vielleicht Talent zur Musik haben?' Am frühen 
Morgen, als er gestorben war, trat die Mutter in die Kinderstube, sagte jedem 
der Kinder etwas und mir sagte sie: ,Aus dir hat er etwas machen wollen'. 
Ich entsinne mich, dass ich mir lange Zeit eingebildet habe, es würde etwas 
aus mir werden." 

Man vergegenwärtige sich die Situation Wagners in jener Zeit: 
Niemand hatte rechtes Vertrauen zu seiner musikalischen Begabung ge- 
habt, er hatte mit Not und Elend gekämpft und dabei wohl oft an sich 
selbst gezweifelt; hatte ihm doch ein Hauslehrer einmal gesagt — und er 
erwähnt diesen Umstand auch — , aus ihm würde nichts werden, weil er 
nicht Klavier spielen könne. Kein Wunder, dass er überall nach Bestäti- 
gungen für seine Mission suchte und dabei auch schon früh jene Situation 
in der Erinnerung fixierte, in der er erhöhtes Selbstgefühl genossen hatte. 
Und er hält diese Erinnerung als Beweis seines Genies allen entgegen, 
die an ihm gezweifelt hatten und beweist sich gelegentlich seines ersten 
Erfolges dass er und der Vater gegen den Hauslehrer Recht behalten hätten. 
Dass Wagner dieser Erinnerung eine gewisse Bedeutung zumass, geht 
schon daraus hervor, dass er ihrer in einem curriculum vitae von bloss 
15 Druckseiten so ausführlich gedenkt. 

Zwei Merkmale dieser Erinnerung wollen wir hervorheben: sie zeigt 
den Autor in einer Situation gehobenen Selbstgefühls und 
er sichert damit seinen Lebens plan. 

Der berühmte Bildhauer Ernst Rietschel schreibt in seinen 
Jugenderinnerungen: „Das erste, was aus der frühesten Kindheit ;im Be- 
wußtsein meiner Erinnerungen geblieben ist, war ein W ohlgef al Jen an 

kleinen Bilderchen und Holzschnitten Ich versuchte selbst auf 

der Schiefertafel zu zeichnen was mich interessierte, so z. &.msnHwn 

dritten Jahre einen Bärenführer mit seinem Bären Weil neioe, 

Mensch und Bär als solche etwas erkennbar sein mochten, wurde icn 
wie ich mich entsinne - von besuchenden Nachbarn, welche sich darüber 
wunderten, sehr gelobt." Dass diese Erinnerung der .vorher zitierten in 
ihren wesentlichen Merkmalen gleicht, ist einleuchtend Wieder das ge- 
hobene Persönlichkeitsgefühl - man beachte, dass der Autor durch den 
Beisatz wie ich mich entsinne" scheinbar überflüssigerweise nochmals 
betont dass er sich an das Lob der Nachbarn erinnere - und wieder die 
Bestärkung des Lebensplanes, so dass dieser wie die Wirkung einer Prä- 
destination erscheint. 

Nach dem eben gezeichneten Typus verläuft auch — mit grösseren 
oder geringeren Abweichungen — eine sehr grosse Anzahl der Erinnerungen, 
die ich zu beobachten Gelegenheit hatte. Ein Beispiel für viele: Ein 
25 jähriger junger Mann erzählt: Es ist mein Geburtstag, ich stehe den Arm 



•]26 Dr. Paul Sobrecker, 

auf einen Tisch gestützt und höre, dass die Türglocke geläutet wird und 
sage: „Jetzt kommen die Gäste". Hier treffen wir die Erwartung dessen, 
was in den beiden schon zitierten Fällen erfüllt war: die Freude darüber, 
dass man gefeiert wird, der Stolz eine Rolle zu spielen. Und in diesem 
Falle drückt sich das sogar in der Attitüde aus, die das Kind in der Er- 
innerung einnimmt; es steht wirklich in der Pose eines Mannes da, dem 
gehuldigt wird. Aus meiner Kenntnis dieses Menschen kann ich bezeugen, 
dass er tatsächlich in den vielen Schwankungen seines Lebens mit allen 
Mitteln, die ihm zur Verfügung standen, versucht hatte, eine Rolle zu 
spielen, die ihm die Bewunderung der Mitmenschen verschafft haben 

würde. 

Weit zahlreicher noch sind aber die Fälle, wo die Erinnerung 
nicht nur den Wunsch nach Bewunderung, sondern geradezu den Wunsch 
nach Herrschaft, nach Macht symbolisiert. Wir müssen es allerdings schon 
als tiefe Einsicht in die treibenden Gewalten der Kindesseele und nicht 
als blossen Bericht einer Erinnerung ansehen, wenn der hl. Augustin 
in seinen „Bekenntnissen" schreibt: „Ich zappelte und schrie und gab durch 
die wenigen Zeichen, die meiner Unbeholfenheit entsprachen, meinen 
Wünschen nur unklaren Ausdruck. Und wurde mein Wille nicht erfüllt, 
weil man mich nicht verstehen konnte, so ward ich erbost auf die Er- 
wachsenen, die mir nicht dienstbar, und auf die Freien, die mir nicht 
untertänig sein wollten. Durch Geschrei suchte ich mich an ihnen zu 
rächen. Dies ist Kinderart." Es ist unschwer, hier im Kinde schon die 
gleiche Einstellung zu sehen, wie später bei dem jungen Mann, der — 
wie er selbst erzählt — aus Ehrgeiz ein Wüstling und aus Freude an der 
Macht ein Dieb wurde. Und der spätere Heilige zeigt — psychologisch ge- 
nommen — nur in äusserster Vergeistigung, in höchster Sublimierung 
die Tendenz, Macht über Seelen zu erhalten — die gleichen Mechanismen, 
wie sie Lomer bei Ignatius von Loyola und F u r t m ü 1 1 e r bei 
Pascal nachgewiesen haben. Allen den bisher zitierten Fällen war ein 
gewisses Streben zum Ansehen, zur Herrschaft, eine heftige Expansions- 
tendenz gemeinsam. Wir konstatierten sie, ohne in der Erinnerung selbst 
ihre Ursache ausgedrückt gefunden zu haben. In anderen Fällen sehen 
wir sie deutlich. Wir wollen wieder ein klares Beispiel für viele bringen: 
In allen Erinnerungen, die FriedrichHebbel über die Situation seiner 
Kindheit berichtet, finden wir ein ganz deutlich ausgesprochenes Gefühl 
der Minderwertigkeit, Hilflosigkeit, des Unterdrücktwerdens etc. ,,Die Zeit" 
— sagt er an einer Stelle x ) — wo ich jedermann für mehr hielt, als mich 
selbst (noch in Hamburg; mit welchen Augen und welchem Respekt be- 
trachtete ich die Gymnasiasten!)." Und an einer anderen Stelle 1 ): „Die 
erste Proletarierempfindung im Kinde: Mad. Schlomer zu mir und meinem 
Bruder, als wir der Gartenecke uns näherten ; „Wollt Ihr fort, sonst lass ich 
Euch mit der Hundspeitsche jagen." Und wir begreifen dieses Minder- 
wertigkeitsgefühl sehr gut, wenn wir aus der autobiographischen Skizze 
„Meine Kindheit" erfahren, dass es oft, wenn Brot und Arbeit mangelten, 
ängstliche Szenen im Hause gab, dass Friedrich Hebbel's Vater äusserst 
streng und fast brutal war, so dass das Kind in dieser engen Umgebung 
immer das Gefühl des Unterdrücktseins haben musste. Seine erste deut- 
liche Erinnerung an ein Ereignis stellt einen Racheakt gegen Vater und 

i) Neue Hebbeldokumente. Heraueg. von Kialik und Lemmermayer. ltflS. 



Die individualpsychologische Bedeutung der ersten Kindheitserinnerungen. 127 

Mutter dar: „Mitunter musste der Vater sich gegen eine Entschädigung im 
Tagelohn selbst die Kost halten. Dann wurde das Mittagessen verschoben 
und zur Abwehr des Hungers um 12 Uhr nur ein einfaches Butterbrot 
genossen An einem solchen Tage buk meine Mutter Pfann- 
kuchen. . .... Wir verzehrten sie mit dem grössten Appetit und ver- 
sprachen, dem Vater am Abend nichts davon zu sagen. Als er kam, waren 

wir bereits zu Bett gebracht und lagen im tiefsten Schlaf Er weckte 

mich auf, liebkoste mich, nahm mich auf den Arm und fragte mich, was 
ich gegessen habe. Pfannkuchen ! erwiderte ich schlaftrunken. Hierauf hielt 

er es der Mutter vor, die nichts zu entgegnen hatte, mir aber einen 

Unheil verkündenden Blick zuwarf Zu anderen Zeiten schärfte 

sie mir wieder die strengste Wahrheitsliebe ein." Dieser letzte Satz zeigt 
uns deutlich die Triebfeder dieser plötzlichen Wahrheitsliebe - vielleicht 
auch die Triebfeder aller Überraschungen, die der Typus „enfant terrible" 
hereitet Das Kind fühlt sich immer von den Erwachsenen unterdrückt; 
dadurch, dass es deren Vorschriften befolgt und zwar dann befolgt, wenn 
es den Erwachsenen arge Verlegenheiten bereiten muss, rächt es sich an 
ihnen durch Gehorsam i). Die gleiche Einstellung der Auflehnung gegen 
die Eltern verrät auch eine kurze Notiz aus H e b b e i's Nachlass. Es heisst 
dort kurz: „Du Leute — Betrüger! (zu meinem Vater)". Und die Kehr- 
seite prägt sich wieder in der Erinnerung an seine Schulze :us, wo ihm 
immer Unrecht geschah. Es ist die gleiche Einstellung, die dem aufmerk- 
samen Leser Hebbel's Tagebücher verraten, der selbstquälerische, 
nörgelnde entwertende Zug seines Charakters, der seine Rechtfertigung in 
den Kindheitserinnerungen sucht, mit denen er sich fortwährend und aus- 
führlich beschäftigt. Das Gefühl : es ist mir Unrecht geschehen, gibt immer 
einen Sporn, um sich zu rächen und um >nntigen Falles am Versagen der per- 
sönlichen Macht jenen die Schuld zuzuschieben, die die Urheber jenes Un- 
rechtes waren. 

Jene Tendenz, den Erwachsenen durch Wahrheitsliebe Verlegenheit 
zu bereiten, durch dieses Mittel sie in Abhängigkeit vom eigenen, sonst 
machtlosen Willen und Gutdünken zu bringen, zeigt sich deutlicher noch in 
einer Kindheitserinnerung von K a r 1 P h i 1 i p M o r i t z , die er in dem auto- 
biographischen Roman „Anton Reiser" erzählt: „Anton wollte ein- 
mal diesen Engländer gegen einen Fremden, der ihn besuchen wollte, ver- 
leugnen und sagen, er sei nicht zu Hause. Man konnte ihn auf keine Weise 
dazu bringen, weil er keine Lüge begehen wollte." Wenn man bedenkt, 
dass ein Engländer damals in einem deutschen Dorf ein ganz fabelhaftes, 
angesehenes Wesen war, wird man verstehen, welche Genugtuung, welches 
Machtgefühl es einem jungen Menschen bereiten musste, einem solchen 
Halbgott gegenüber den Moralischen zu spielen. Und wir erfahren auch die 
Ursache dieser Einstellung. Er sagt von sich selbst, er sei von der Wiege 
an unterdrückt worden, er war organminderwertig infolge eines jahrelangen 
Fussleidens, sein Vater, ein fanatischer Pietist, behandelte ihn vollkommen 
lieblos, er schämte sich unausgesetzt wegen seiner armseligen Kleidung. 
Und dieses permanierende Minderwertigkeitsgefühl erzwang als Kompen- 
sation übertriebene Grössenideen : er wollte Heiliger, Dichter, Schauspieler, 
Pfarrer, Gelehrter werden, lauter Berufe, die ihm Ansehen und Macht ge- 
bracht hätten und diese Situation dauerte bis in ein relativ hohes Alter. 

i) Siehe auch Adler: Trotz und Gehorsam (Monatshefte für Pädagogik, 1910), 



128 Dr. Paul Schrecker, 

In seiner Autobiographie nimmt die Schilderung seines Kindheitselendes 
den grössten Raum ein, die Erinnerung an diese Unterdrückung ist ein 
Mittel im Kamp! um die Macht, denn in ihr findet er — wie Hebbel — 
die Rechtfertigung seines Lebensplanes, einen Ansporn zu weiteren An- 
strengungen und das Mittel, die Schuld an verfehlten Lebensphasen auf 
andere abzuwälzen. 

In so vielen Fällen, die alle anzuführen uns hier die Zeit mangelt, 
finden wir als erste die Erinnerung an ein Unrecht, das dem Kinde ge- 
schehen ist: ein Beweis dafür, wie allgemein verbreitet das Gefühl des 
Unterdrücktwerdens ist, oder abgeschwächt des Gefühl missverstanden zu 
werden. Grill parzer erzählt, dass er eine Peitsche bekam, die schöner 
war als die der anderen Brüder, dass er aber die der Brüder lieber gehabt 
hätte, weil er seine nicht handhaben konnte. Benevenuto Cellini 
berichtet als erste Erinnerung von einer Ohrfeige, die ihm sein Vater, als 
er ihm einen Salamander im Feuer zeigte, gab, damit er sich immer daran 
erinnere — ein Beweis, dass der Vater ein guter Menschenkenner war — etc. 
Ein junges Mädchen, das in oppositioneller Einstellung zu ihrer 
Familie steht und sich besonders von ihren älteren Schwestern missver- 
standen fühlt, berichtet über ihre ersten zwei Erinnerungen, von denen die 
eine wahrscheinlich konstruiert oder nach Erzählungen modifiziert ist: 
„Ich war zweieinhalb bis drei Jahre alt, .meine ältere Schwester führte 
mich, die im Kinderwagen angebunden war, im Garten spazieren. Meine 
Schwester entfernte sich für einige Minuten und der Wagen fiel um." — 
Die zweite: „Ich spielte mit meiner älteren Schwester im Garten, sie ver- 
letzte mich mit einem Spaten. Eigentlich waren aber die Eltern daran 
schuld, weil sie uns unbeaufsichtigt gelassen hatten." Man sieht aus diesen 
Erinnerungen deutlich den Gedanken: Meine Schwestern verletzen mich, 
meine Eltern sind auch daran schuld — das war schon in meiner Kind- 
heit so. 

Pfarrer A. erzählt, dass er bei irgendeiner Gelegenheit mit seinem 
Vater, einem streng Liberalen, in die Kirche ging. Der Anblick des Pfarrers, 
der hoch oben auf der Kanzel über allen Menschen stand, imponierte ihm 
ungeheuer und er fasste den Entschluss, Pfarrer zu werden. Wir sehen in 
diesem Fall, wie das Kind sich ein Leitbild, ein Persönlichkeitsideal der 
Grösse schafft und zwar eines, mit dem es in Gegensatz zu seinem 
Vater tritt. 

Ich könnte die Zahl dieser Beispiele beliebig vermehren — es wäre 
aber eine Wiederholung derselben Konstaücrimgcn. Nur auf eine Frage 
will ich noch zu sprechen kommen — es ist die der sexuellen oder 
erotischen Erinnerungen. Welche Kritiklosigkeit bei Deutungen in dieser 
Richtung herrscht, zeigt eine Arbeit von Dr. II u g- H e 1 lmu t h l ). 

Der Autor behauptet, den Grund für die Erinnerimgslosigkeit der 
ersten Kindheit darin gefunden zu haben, dass die Erinnerungen aus dieser 
Zeit, die erotisch sind, verdrängt seien und zwar unter der Wirkung der 
Zensur der erst später auftauchenden ethischen und ästhetischen Im- 
perative. Das würde doch nur die Abwesenheit erotischer Erinnerungen 
erklären, da ja der Autor sich nicht zu der Behauptung versteigen wird, 
alle Kindheitserlebnisse seien erotischer Natur; aber diese Konsequenz wird 



l) Über erste Kiiidheitserinnerungen. Imago 1913, Nr. 1. 



Die individualpsychologiiche Bedeutung der ersten Kindheitserinnerungen. 129 

car nicht gezogen, denn der Autor führt sofort eine manifest erotische 
Kindheletfnnerung Ganghof ers an. die dieser also offenbar mch ver- 
S? hl Mit dieser Methode wird man natürlich immer erot.sche 
K ndheiSrinnerungen finden: denn sind sie nicht da, so sind sie eben 
verdrängt und sind sie da, dann werden sie triumphierend als neue Be- 
stätigung der pansexualistischen Weltanschauung vorgeführt. U J*K mt 
ntehtrin zu leugnen, dass es - - wenngleich selten - erot.sche Kindhcits- 
e imerüngen gibt. Wo sie aber vorkommen, sind sie auch nur der Aus- 
druck einer bestimmten Einstellung zur Umwelt. Es ist k ar, dass jemand, 
der seine Minderwerügkeit oder seine Erfolge am sexuellen Massstab zu 
messen gewohnt ist, ebenso sexuell betonte Kindheitserinnerungen haben 
wird wie nach dem, was wir gesehen haben, der Maler einen Maler folg, 
der Musiker einen Musikerfolg reproduziert. Und noch ein anderer Umstand 
träat dazu bei, dass in einzelnen Fällen erotische Erinnerungen erhallen 
bleiben Die allgemeine Unsicherheit der Kinder zeigt sich auch m ihrer Un- 
sicherheit über die Merkmale und das Verhältnis der Geschlechter. Das Kind 
wei«s dass ilnn etwas verheimlicht wird und sucht gierig hinter das 
Geheimnis das ihm die Erwachsenen vorenthalten, zu kommen. Es ist auch 
noch unsicher über seine eigene Geschlechtsrolle; deshalb wu,l jedes 
Eriebnis, das ihm in dieser Beübung Gewißheit bringt, stark wirken und 
da wie \ lfred Adler*) nachgewiesen hat, diese Unsicherheit der Ge- 
scMechtsrolle bei Knaben der Zweifel an der eigenen , Mannhchke. gle.ch- 

Adler ») aufgedeckte Furcht vor dem "««^/"fiSJJlfJKK 
Seit des das Minderwertigkeitsgefühl kompensierenden jW£"»« j&g 
auf. Und auch für diese Einstellung wkä das betreffe njc nen^ nü 
vTduum eine Stütze in Kindheilserlebnissen ^«"jjyg^ 

eine Bohnenstange als Lanze schwingend, mit abgelöster« > Haar heram 
raste Es gefiel mir dies ausserordentlich." Man braucht nur diese «*£"» 
geasste Impression neben Feuerbach's Bilder zu halten, jene Darst Ölungen 
manngleicher dämonischer Weiber - Medeas, Iphigemens Sm s d u 
Ämazonenschlacht - und man wird sofort verstehen, welchen b n n die c 
erste Erinnerung hat. Er selbst sagt in einem Brief an seine Mutter (von 
% November 1855)- Wie kommt es, dass meine Bilder in wahrhait maje 
USSvdiSta Ruhe dastehen, und der, der sie geschaffen ist em 
schwankendes Rohr!" - und diese Tendenz, sich durch künstlerische Foim- 

_ i) Der psychische Hermaphroditismus. Fortschritte der Medizin. 1910. 

•i) a. a. 0. S. 87. , . mMH 

3) Über den nervösen Charakter. 1912. 

9 
Zentralblalt fOr P«yobo*nalf««. I* f- 



130 Dr. P»ul Schrecker, Die individualpsychologische Bedeutung etc. 

gebung von der Angst vor dem Weibe zu erlösen, könnte eine Psychographie 
Feuerbachs in vielen seiner Erlebnisse nachweisen. 

Wir könnten den Kreis dieser Beispiele bedeutend erweitern, in 
keinem Fall aber fanden wir ein erotisches Erlebnis, das sich nicht als 
blosse Ausdrucksform einer durchgreifenden Tendenz erwiesen hätte. 

Wir kommen also zu dem Ergebnis : Was als erste Kindheitserinnerung 
berichtet wird, hat die Funktion, den Lebensplan zu unterstützen, sei es 
direkt, sei es auf Umwegen. In dieser Unterstützung der Persönlichkeits- 
tendenz zeigt sich die Nützlichkeit, die Bergson als Bedingung der Ak- 
tualität, des Bewusstwerdens der Erinnerung nachgewiesen hat Die auf- 
gefundenen Tendenzen aber entsprechen jenen, die Alfred Adler aus- 
nahmslos bei normalen und nervösen Charakteren zeigen konnte. 



HL 

Die Autosuggestion 

in ihren Beziehungen zu den depressiven Psychoneurosen 
(die post-paroxystiscbe Autosuggestion). 

Von Dr. Rene Cornelius, Paris 1 ). 

II 

Die psychotherapeutischen Arheiten der letzten Jahre — besonders 
die von Dubois (Bern) 2 ) und Dejerine 3 ) und die ihrer Schule — 
haben die psychische Behandlung vieler Psychoneurosen zu einer aktuellen 
Frage gemacht. Haben doch diese Arbeiten die direkten Beziehungen 
dieser Leiden mit bestimmten psychologischen Phänomenen, den seelischen 
Störungen (troubles moraux), nachgewiesen. Sie kamen zur Schlussfolge- 
rung dass diese moralischen Störungen: Befürchtungen, hypochondrische 
Krankheitsideen, Autosuggestionen, nicht nur an der Wurzel hysterischer 
und neurasthenischer Erscheinungen zu finden sind (z. B. btorungen der 
Verdauung, allgemeine Schwäche, Kopfschmerzen, Parästhesien, Schlaflosig- 
keit etc.), sondern dass sie das ganze Krankheitsbild der Nervosität be- 
stimmen. Daher könnten sie nur durch eine seelische Behandlung geheilt 
werden und die seelische Behandlung, die sich als die geeignetste erweisen 
sollte sei die rationelle Psvchotherapie von Dubois oder die Überredung 
von Dejerine. Welches ist nun die Aufgabe des Arztes, der sich der 
rationellen Psychotherapie bedienen will, und wie verhält sie sich zur an- 
fachen Suggestion, sei es der Hypnose oder der Wachsuggestion ? Diese 
Aufgabe besteht darin: man wende sich zuerst an den Verstand und dann 
an das Gefühl des Kranken; an den Verstand, um ihm zu beweisen, dass 
er sich falsche Vorstellungen von seiner Krankheit macht, dass er sich 
selbst täuscht und ein irriges Krankheitsbild erzeugt; an sein Gefühl, 
um das Vertrauen zu sich selbst zu heben, um die Hoffnung zu beleben, in- 
dem man ihm vorhält, welches Glück es für ihn und die Seuugen wäre, 
wenn er auf seine falschen Gesichtspunkte verzichten wollte und die krank- 

i) Autorisierte Übersetzung aus dem .Journal de Psychologie" Wlft. 
z) Dubois, Les psychonevroses et leur traitement moral. Fans. 1W4. 
s) Camus et Pagniez Isolement et psychotherapie. Paris, b. Alcan, 1904. 
Dejerine et Gau ekler. Les manifestations fonctionnelles des psychonevroses. 

Paris, 1911. 

9* 



139 Dr. Rene" Cornelius, 

haften Sensationen durch das Bild der Heilung ersetzte. Und somit sollte 
dieser pathogene Charakter die grosse Wirksamkeit beweisen, welche ge- 
wisse Psychotherapeuten dieser moralischen Therapie zuschreiben. 

Seit einiger Zeit sind von verschiedenen Seiten Einwände gegen 
diese Auffassung der Pathogenie und diese Behandlung der Psychoneurosen 
erhoben worden. — . Ich selbst habe diese rationelle Psychotherapie an- 
wenden sehen und dieselbe auch persönlich angewandt, mich aber dann 
doch entscheiden müssen, sie trotz der legitimen Autorität ihrer Meister 
aufzugeben, besonders in der Behandlung der depressiven Psychoneurosen, 
wo ihre Wirksamkeit meiner Ansicht nach vollkommen versagt. Wir müssen 
zugestehen, was ich hier darzutun beabsichtige, dass die psychologischen 
Fassungen ihrer Schöpfer willkürlich und unbestimmt sind und mit ihrer 
intellektuellen Färbung wenig mit den Grundgedanken der modernen Psycho- 
logie ' übereinstimmen. Andererseits haben unsere Studien bewiesen, dass 
der Ursprung der depressiven Psychoneurosen nicht auf seelischem Gebiet 
liegt oder dass sie, wenn dieser Ursprung nachgewiesen werden kann, 
von solchen psychischen Störungen abhängen, die allgemeinen Vernunft- 
gründen nicht zugänglich sind. Wenn sich im Lauf ihrer Entwicklung 
Befürchtungen und Autosuggestionen zeigen, handelt es sich fast immer 
um sekundäre Phänomene ohne kausale Bedeutung. 

II. 
Wie wir schon ausgeführt haben, sind nach Ansicht von Dubois 
die depressiven Psychoneurosen wie auch die Hysterie rein seelischen 
Ursprungs. Die Patienten glauben, dass sie krank sind, haben die fixe 
Idee der Krankheit. Das Seelische ist das primum movens des ganzen 
pathologischen Prozesses. Aber moralisch und psychisch sind wenig präzise 
Benennungen und wenden sich gleicherweise an die Äusserungen der Intelli- 
genz, des Gefühls und des Willens. Der Psychotherapeut, welcher den 
inneren Mechanismus dieser nervösen Störungen erfassen und eine wirk- 
same Psychotherapie gegen sie anwenden wollte, der bedürfte zuerst deut- 
deutlicher und klarer Richtlinien. Findet er die? Es sei uns gestattet, 
daran zu zweifeln, wenn wir ein tieferes Studium den Lehren von Dubois 
widmen, besonders wenn wir versuchen, uns über den Sinn seiner 
Terminologie, mit Berücksichtigung ihres intellektuellen oder affektiven 
Wertes, klar zu werden. Leiden nun diese Kranken an einem abnormalen 
emotionellen Zustand, sie, die sich krank meinen, von fixen Ideen über 
ihre Krankheit beherrscht werden, die z. B. nicht schlafen, weil sie unter 
peinlichen Erinnerungen leiden oder unter der Furcht vor Schlaflosigkeit 
oder unter Sorgen vor der Zukunft? Sind sie ängstlicher als andere? 
Man könnte es zuerst denken ! Aber man sieht bald, „dass der Ursprung 
des Leidens ein psychischer ist und dass es die .Ideation" ist, welche 
die funktionellen Störungen schafft und erhält" (S. 185). — Gewiss, die 
Idee kann wirken, indem sie den Affekt hervorruft, sie kann den Vor- 
stellungsanteil eines mehr oder weniger krankhaften Affektes bilden. Das 
wäre aber eine zu wenig intellektualistische Hypothese, dem Gedanken- 
gange des Autors gewiss nicht entsprechend, da er ja erklärt, dass man 
nicht selten Kranke konstatieren sieht, „dass ein Kopfschmerz unter 
Einfluss einer Aufregung, also durch eine Idee, entstanden ist und dass 
die nervösen Störungen gewöhnlich nicht auf somatischem Wege ent- 
stehen unter dem Einfluss rein physischer Reize wie unbewusste nervöse 



Die Autosuggestion. 133 

Reflexe- (S 117), und „dass wir überall das Wirken psychischer Phänomene 
beobachten Wen. «ass wir überall auf die Idee stossen. welche dxc 
fifcSSSto Störung bald schafft, bald chronisch macht bald fixiert wenn 
sie auch unter dem Einfluss einer gelegentlichen Ursache entstanden ist, 
ss B eines Traumas, einer vorangegangenen somatischen Erkrankung, einer 
Intoxikation " - Wenn wir nicht eine bedauerliche. Verwirrung in den Aus- 
drücken Idee und Affekt zugeben wollen, müssen wir uns vorstellen, dass 
die Idee die Hauptrolle bei den Psychoneurosen spielt, also mit einer 
ebenso beträchtlicher, wie unerklärlichen pathogenen Macht ausgestattet 
ist es sei denn, wir wollten zugeben, sie wirke auf ein bestimmtes geistiges 
Terrain und das würde uns übrigens von der Macht der Idee viel eicht 
eine Vorstellung geben, aber noch immer nicht von der Qualität dieser 
Idee als einer falschen, üubois sieht wohl, dass er mit seiner Idee 
allein nicht imstande ist alles zu erklären und gibt zu, dass die Nervösen 
gewisse geistige Eigentümlichkeiten aufweisen: sie sind suggestibel, 
ermüdbar, empfindlich und im Obermass reizbar 

Ach! er lässt uns nicht um einen Schritt der Lösung des Problems 
näher rücken. Nur scheinbar stossen wir hier auf den Grund der Seele, 
entdecken Störungen des Affektlebens, welche uns von der Macht der Idee 
und ihrer Eigentümlichkeit, falsch zu sein, Rechenschaft geben Der ,n 
Vorurteilen befangene Intellektualist fängt sich in seiner eigenen Schlinge 
und führt Wieder alles auf intellektuelle Störungen, auf Irrtumer zurück 
DH3 vier erwähnten Eigenschaften der Neurotiker reduzieren sich wieder 

auf *«Mj*- " l|MmM zeugt einfach von fehlerhafter Beurteilung : 
einen kritischen Geist haben sei noch das beste Schutzmitte gegen die 
zahlreichen Störungen, welche auf dem Wege falscher Vorstellungen ent- 

StÜüde Sie Ermüdbarkeit sei nur die Überzeugung von j^lM* 

vir in dem Mechanismus der Psychoneurosen ^f^^XwiSÄt 
falscher Ideen, sei es, dass sie aus einer entschuldbaren Unw 1S senhe.t 
stammen, oder als Folge falschen Denkens auftrete n g, ^ diesc 

nubois verrät uns nicht, woher dieses falsche uenxen, u«» 
Warze? al Wuseln kommt: er bekämpft sie durch die ^Überredung .durch 
seine rationellen psychotherapeutischen Unterhaltungen, durch sein j L«eo- 
Predigten", welche nicht nur die Angstzustände, die »Vorurteile die fixen 
Foeen körperlicher, geistiger und moralischer Mmdemertagk«^ 
streuen, sondern auch die Seelenwunde d« "ogwmus heile^ Kr«*Mi 
verständen das sehr leicht und riefen unruhig aus: Aber gerade an dieser 
Schwäche des Denkens leide ich ja in erster Linie! (S. ^^ 
Erfolgen strebende Arzt müsste nur diese Therapie sich zu egeu machen 
und den Zauberslab der Überredung anwenden, er wurde so de ^Kranken 
aU f den rechten Weg helfen", er würde „im Fluge seine Geständnisse 
erhaschen um ihm seine Vorurteile und Irrtümer vor Augen zu fuhren 
(S 283) er wü de schliesslich mit geeigneten Worten „Dyspeptiker dahin 



134 Dr. Rene Cornelius, 

bringen, nicht nur ohne Appetit zu essen, sondern auch ordentlich zu ver- 
dauen. Durch die Ratschlage einer gesunden Philosophie könnte er die 
Schlaflosigkeit, die Verstopfung, die emotive Tachykardie und alle anderen 
Symptome der Nervosität heilen und durch eine noch höhere, besser aus- 
gebildete Psychotherapie müsste er dem Kranken das Vertrauen zu sich 
selbst wiedergeben und sein Persönlichkeitsgefühl (tenue morale vaillante) 
so mächtig erhöhen, dass eine Rezidive ausgeschlossen erscheine" (S. 489). 

Die Auffassung, der De j er ine und seine Schule von dem Mechanis- 
mus der Psychoneurosen, besonders der Neurasthenie, huldigen, unter- 
scheidet sich kaum von den Lehren D u b o i s', obgleich sie die intellek- 
tualistischo Strenge des Berner Gelehrten mildert, wenigstens in bezug 
auf die Therapie. Auch hier dieselbe Bedeutung des Moralischen, dieselbe 
pathogene Rolle der falschen Gedankengänge. Die Patienten halten sich 
für krank, leiden an Autogusstionen, deren Mechanismus sich 
auf folgende Weise erklärt: „Es handelt sich um die Fixation im Geiste 
einer von ihm verarbeiteten Idee, deren Richtigkeit oder Falschheit er nicht 
kontrolliert hat und welche gegen seinen Willen fixiert wurde" (S. 171). Erst 
die vernünftige Darlegung des Arztes vermag den Kranken wieder auf den 
rechten Weg zu bringen und ihn zum Verzicht auf seine vorgefassten 
Ideen zu bewegen. In den psychotherapeutischen Unterhaltungen „wird man 
die pathologischen Erscheinungen bei ihrem Ursprung aufnehmen müssen, 
man wird die wahre Ursache ergründen und die genaue Genese der 
Störungen in ihrem ganzen Ablaufe festlegen müssen. Aus dieser neuen 
Interpretation, die durch Beispiele und Vergleiche wie durch die Autorität 
des Arztes zu unterstützen ist, wird dieser logische Schlüsse über die 
passende Behandlungsweise und auf die Sicherheit der Heilung ziehen" 
(S. 195). Es ist von Wichtigkeit, dass der aufgeklärte Kranke nicht weiter 
eine organische Affektion fürchtet, und er wird wissen müssen, dass die 
ersten krankhaften Manifestationen, die er empfunden hat, nervöser Natur 
waren. Ist er einmal über den Ursprung des Übels sicher aufgeklärt, so wird 
er auf die Idee der Krankheit und auf alle ihn quälenden Autosuggestionen 
verzichten können. Und dieser Ursprung des Leidens, der, wie wir eben 
sagten, durch ein tiefergehendes Verhör leicht ergründet werden kann, 
wird in den meisten Fällen nicht der Idee selbst oder einer gelegent- 
lichen Ursache zuzuschreiben sein, wie dies Dubois annimmt. Als Aus- 
gangspunkt wird vielmehr der Nachklang einer starken Emotion in Betracht 
kommen, wie Schrecken, moralischer Schock, Zorn, tiefer Kummer, Geld- 
verlust, Verlust einer nahestehenden Person usw. Auch wird man sich 
nicht auf die rein raisonierende Psychotherapie beschränken dürfen, wie 
sie von Dubois gefordert wird. Der Arzt muss auch an das Gefühl 
des Individuums appellieren und er muss seine Autorität mit allen in 
Betracht kommenden suggestiven Elementen in weitem Masse zur Aus- 
nützung heranziehen. 

Wir brauchen wohl diese Darlegung der Lehre von Dubois und 
D e j e r i n e nicht weiter fortzusetzen, um klar zu machen, dass sie auf 
eine sowohl vage wie willkürliche Psychologie begründet ist. Die Psycho- 
neurosen, die Neurasthenie und die Hysterie, sollen von irrigen Auffassungen 
des Individuums abhängen, welche Irrtümer so sehr von seinem Geiste 
Besitz ergreifen, dass sie den Mensehen krank machen? Wenn wir aber 
fragen, woher jeder besondere Irrtum stammt, so erfahren wir nichts Näheres 



Die Autosuggestion. 



135 



darüber; ihre allgemeine Ursache sollen andere ("«£«»'•** dl * 
gleichzeitig Dispositionen zum Irrtum, dargestellt durch die vier 
Stigmata, diese prädisponierenden Bedingungen des nervösen Zustandes 
überhaupt sind. Doch wir fragen, wie wird in diesem intellektualistischen 
Svsteme jeder besondere Irrtum determiniert? Geschieht dies auf logischem 
oder deduktivem Wege oder auf welche Weise sonst? Darauf wird uns 
keine Antwort gegeben. Und noch weiter: Wenn wir nach den psycho^ 
logischen Konsequenzen dieser Irrtümer selbst fragen, stossen wir auf 
einen ebenso bedauerlichen Mangel von Daten. Handelt es sich um blosse 
Befürchtungen und fürchtet der Kranke, der zum Beispiel zufällig 
Herzklopfen gehabt hat und sich krank glaubt, die Krankheit des Herzens ? 
Oder geht er einen Schritt weiter und reali s ier t er — durch die Macht 
seiner falschen Idee — wirkliche funktionelle Herzsymptome, d. h. Auto- 
suggestionen? Auch darüber werden wir nicht aufgeklärt, obwohl 
es sich hier um einen absolut grundlegenden Punkt handelt. Die gleiche 
Uneenauigkeit besteht bezüglich des Wesens dieser Stigmata, der mehr 
dauernden Dispositionen des Geistes des nervösen Individuums, die natürlich 
vor der aktuellen psychoneurotischen Krise existieren müssen. Handelt es 
sich um tatsächliche Irrtümer oder um Dispositionen zum Irrtum? Gewiss 
kann die Suggestibilität als eine allgemeine Disposition des Gehirns be- 
trachtet werden Aber die Ermüdbarkeit — die nur eine Idee der Ermüdung 
ist — ein bestimmter auf die Manifestationen unserer Energie beschrankter 
Irrtum, kann nur ein Symptom, die neurasthenische Asthenie, erzeugen. 
Ebenso verhält es sich mit der Sensibilität, mit welchem Ausdruck Dubois 
die Hyperalgesie der Deprimierten bezeichnet (Kopfschmerzen infolge der 
Kaloriferen, die Fanatiker der offenen Fenster); diese Sensibilität wird 
zum Teile mit gewissen isolierten Symptomen verwechse t. Nur die Emo- 
tivität oder „die Unfähigkeit, die Dinge klar zu sehen' , konnte nebst der 
Suggestibilität als eine allgemeine Disposition des Kranken zum Irrtum 

geUen Übrigens verlieren diese Stigmata schliesslich jede Persönlichkeit 
und verschmelzen in ein einziges Gebrechen, das die Basis der ganzen 
Nervosität ist, nämlich in den Irrationalismus. Was sollen wir 
uns aber unter diesem Irrationalismus denken? Eine alles umfassende 
Schwäche des Geistes, die unverträglich ist mit dem, was wir von dem 
intellektuellen und moralischen Werte so vieler Neurasthen.ker wissen? 
Oder ist darunter eine auf die Fragen der Gesundheit bes Rankte Urteils- 
Unfähigkeit zu verstehen? Lauter Rätsel für den Psychotherapeuten, der 
die Pflicht hat, psychologisch zu denken und sich darum über die Berech- 
tigung und die Erfolgsaussichten einer mit grossem Lärm gepredigten 
Methode Rechenschaft ablegen muss! . 

Diese Psychologie ist übrigens vollkommen willkürlich, indem sie 
nur eine Seite der vom Kranken dargestellten seelischen Phänomene in 
Rechnung zieht, nämlich die intellektuelle Seite, und ganz entschieden das 
Wesentliche, nämlich die affektive Seite, vernachlässigt. Sie sucht nicht in 
den Gefühlen, im emotiven Leben, die Quelle der Befürchtungen und 
der Autosuggestionen, der „Irrtümer*' des Kranken, sie sucht sie in einem 
Irrationalismus, von dem man nicht weiss, woher er kommt und den man 
als gegebene Grösse akzeptieren muss. Nach den genannten Autoren hatten 
die Kranken kein Herz, sondern nur einen übrigens nicht sehr soliden 
Kopf der erst dann zu schwanken aufhört, wenn er vom Zauberstab der 



136 Dr. Rene- Cornelius, 

Überredung berührt wirdl Nun sehen wir — und unsere im nächsten Kapitel 
dargelegte Theorie der Autosuggestion bringt hierzu eine Bestätigung — , 
dass der Geisteszustand der deprimierten psychonervösen Individuen voll- 
ständig durch Störungen des affektiven Lebens beherrscht wird, und dass 
die psychischen Symptome (Befürchtungen, Autosuggestionen), die stets 
sekundär sind, nicht durch Ideen erzeugt werden, sondern dass sie von 
mächtigen Einotionsströinungen — nervösen nicht psychischen Ursprunges 
— abhängen und auf verschiedenfältige Störungen des nervösen Dyna- 
mismus hinweisen. 

III. 

Die affektiven Störungen spielen wohl eine bedeutende Rolle in der 
Determination der psychischen Symptomatologie der depressiven Psycho- 
neurosen, eine Symptomatologie, die nur einen Teil des klinischen Bildes 
ausdrückt, das im übrigen aus rein nervösen Anzeichen, der Asthenie, 
Sinnesstörungen usw. gebildet wird; doch haben sie selbst meistens nichts 
Ursprüngliches und hängen direkt von nervösen, toxischen oder auto- 
toxischen, postinfektiösen, sexuellen usw. Störungen ab. Dieses Prinzip 
darf nicht aus dem Auge gelassen werden, obwohl häufig Emotionen von 
verschiedenen Autoren als Ursache neurasthenischer Zustände zitiert 
werden. Diese Autoren, die die Ursache in Kummer und anhaltenden Sorgen 
suchen, sagen nicht, dass, wenn dieser pathogene Einfluss der Emotionen 
in einigen Formen der Neurasthenie tatsächlich ist, er auch vollkommen 
indirekt ist und dass er nur in der Weise wirkt, dass er den nervösen 
Widerstand des Individuums durch Störung der nervösen Vitalität herab- 
setzt. Die Emotion ist also in den nicht mit Hysterie vermischten neurasthe- 
nischen Zustünden sekundär; die Ätiologie dieser Zustände ist somatischer 
Natur und ermöglicht uns eine strenge sowohl auf die Pathogenie, wie 
auf das klinische Bild begründete Klassifikation. Tatsächlich müssen wir 
in vielen Fällen eine sexuelle Ursache suchen; die Kranken leiden an Angst- 
neurose, einer häufig vorkommenden Form, die an sekundären psychi- 
schen Komplikationen, wie Angstzustände und Autosuggestionen so reich 
ist; in anderen aber selteneren Fällen handelt es sich um wirkliche 
Neurasthenie als Syndrom infektiösen, toxischen oder autotoxischen Ur- 
sprunges, wie dies in vielen neueren Arbeiten dargelegt worden ist. Schliess- 
lich sind manche sogenannte Neurastheniker in Wirklichkeit mit einer 
leichten Melancholie ohne ausgesprochenes Delirium behaftet, oder mit 
leichter Hypochondrie, mit Zyklothymie oder Obsessionen mit Depression; 
ihr Geisteszustand, der beharrlicher ist als in der Angstneurose und im 
neurasthcnischen Syndrom, scheint mit der Produktion von Autosuggestionen 
und den verschiedenartigen und zahlreichen Angstzuständen unvereinbar. 

Was die Freud'sche Angstneurose anlangt, so stellt sie, von 
der Reizbarkeit und der ängstlichen Erwartung abgesehen, eine wesentlich 
paroxyslischo Symptomatologie dar. Wir wollen hier nachweisen, dass 
sie auch Manifestationen mehr fortgesetzter Art enthält. In dieser 
ausserordentlich häufigen Form der depressiven Neurose, die fälschlich 
,, Neurasthenie" genannt wird, ist nämlich fast allein die Autosug- 
gestion zu beobachten, dieses von zahlreichen Neurologen so häufig 
angesprochene Phänomen. Die Grundlage der Krankheit hat offenbar keinen 
psychischen Ursprung, das Seelische spielt hier keine ursprüngliche Rolle; 
doch werden wir Gelegenheit haben, wahrzunehmen, dass neben den soma- 



Die Autosuggestion. 137 

tischen Angsterscheinungen und .der ängstlichen Erwartung psychische Er- 
scheinungen reiner Befürchtung auftreten, die sich auf die in Frage 
kommenden Phänomene oder auf die Dinge, die sie eventuell hervorrufen 
könnten, erstrecken, und weiterhin, aber meistens nur im angedeuteten 
Anfangszustande, Autosuggestionen. Diese sekundären psychischen 
Phänomene verwandeln dann die ursprünglich paroxystische Neurose in 
eine fortgesetzte Störung, wobei die interparoxystischen Intervalle durch 
Befürchtungen und Autosuggestionen ausgefüllt werden. 

Der Anfall tritt mijt Plötzlichkeit auf, sehr häufig mit einer brutalen 
Plötzlichkeit ein und hinterlässt eine angstvolle Erinnerung. Alle Dinge, 
die später den Kranken das Geschehene in Erinnerung bringen können, 
werden dann die aus der Erinnerung entsprungenen Befürchtungen noch ver- 
stärken. Der Kranke wird dann so ziemlich immer und überall in Furcht 
vor der Rückkehr der Krisen leben, vor allem aber an den Orten, wo die 
Phänomene eingetreten sind (wenn es sich um Schwindel- oder Ohnmachts- 
anfälle handelt) oder gelegentlich gewisser äusserer Umstände, wie z. B. 
der Mahlzeiten (wenn es sich um gastrische Krisen handelt). 

Wenn, unter komplizierten psychologischen Voraussetzungen, der 
Kranke sich in dem gleichen oder einem ähnliehen Milieu wieder befindet, 
in dem zum ersten Male eine Krise erfolgte, so kann manchmal eine neue 
und stärkere Befürchtung eintreten. Diese Befürchtung löst dann eine 
Autosuggestion aus. Die Angstempfindung, die aus der Erinnerung 
hervorbricht, wenn alles in der Umgebung in intensiver Weise an die erste 
Krise erinnert, veranlasst eine Dissoziation der Persönlichkeit, die stark 
genug ist, um das gefürchtete Phänomen hervorzurufen. Der Kranke hat 
dann den' Gedanken: „die Krise könnte mich von Neuem packen". Er wird 
von einer Angst erfasst, die ausreicht, um die Krise selbst in einem mehr 
oder weniger intensiven Grade hervorzurufen. Diese sekundäre Angst 
bahnt sich nämlich einen Weg auf den Bahnen, die 
dur ch den autonomenAkzident der Angstneurose sc hon 

vorbereitet sind. Doch beobachten wir nicht eine vollständige Dar- 
stellung des Phänomens, das mehr oder weniger im Zustande der 
Andeutung verbleibt. — Bei der psychologischen Prüfung des Kranken 
findet man ausserdem Befürchtungen, die durch die Angstneurose erhöht 
werden und mehr oder weniger stark dem Geiste vorschweben und die 
die autosuggestiven Phänomene deutlich fördern. Wir schlagen zur Be- 
zeichnung dieser Autosuggestionen — der einzigen, die von den depres- 
siven Neurosen abhängen — , wegen ührer Beziehungen mit den Paroxysmal 
der Angstneurose, den Ausdruck pos t pa r ox y sti sc h e Autosug- 
gestionen vor. Typische Fälle werden in den drei folgenden Beobach- 
tungen dargestellt. 

Fall I. — M. E. S., 34 Jahre alt, verheiratet. - Seine Gesundheit ist im 
Grossen und Ganren immer ziemlich befriedigend gewesen, während der Kindheit 
war er leicht erregbar und neigte zum Erröten. Eine bronchial-pulmonäre Infek- 
tion vor 10 Jahren ist die einzige bemerkenswerte pathologische Erscheinung. 
Seit zwei Jahren übt er aus verschiedenen Gründen, hauptsächlich um seiner Frau 
die Beschwerden erneuter Schwangerschaften zu ersparen, den Coitus interruptus 
ans. Er gesteht, dass er die Ejakulation so lange als möglich h.nausschiebt, um 
seine Gefühle seine Frau mitempfinden zu lassen, welche sexuell fast anasthe- 
tiscb ist. Eines Morgens bekommt er plöttlich in der Stadtbahn eiuen Ohn- 



138 I>r. Rene Cornelias, 

machtsanfall mit SpasmiiB im Schlünde und der. bestimmten Vorstellung, dasB seine 
Brust von einer beissen Flüssigkeit angefüllt wäre. Der Kranke steigt in seiner 
Angst auf der nächsten Haltestelle aus und fängt mitten in der Strasse zu Isafen 
an, wodurch die Krise sehr bald aufhört. Zurück bleibt nur ängstliche Erwartung, 
eine sich mehr oder weniger bemerklich machende Neigung zur Beunruhigung , so 
düsteren Ahnungen, ein Mangel an Selbstvertrauen. Einige Wochen später wieder- 
holt sich der Anfall unter fast den gleichen Bedingungen. Die Beunruhigung des 
Kranken nimmt zu und er lasse sich ärztlich beraten. Die Ärzte halten es für «ine 
leichte Herzverfettung, für nervöse Extrasystolen usw. Er muss sich einer tonischen 
Behandlung unterziehen, nach einem strengen Regime leben; ein Aufenthalt auf dem 
Lande wird ihm verordnet. Aber kein Mittel scheint zu helfen und dieselben Sym- 
ptome, nur in anderer Form, zeigen sich von Zeit zu Zeit; statt der Ohnmachts- 
anfälle sind es nun Kopfschmerzen mit Blutandrang nach dem Kopfe. „Es scheint, 
als ob eine Gehirnkongestion bevorstehe." Von da ab erscheinen Symptome, die wir 
als postparoxystische Autosuggestionen werden ansprechen müssen. In der Eisenbahn, 
in der Tramway überfällt den Kranken der schreckliche Gedanke: „Wenn ich jetzt 
einen Anfall bekäme unter allen diesen Menschen!* Einige Augenblicke nachher ist 
der gefürchtete Anfall wirklich da, sei es in der Form einer Brustbeklemmung mit 
der Empfindung, als ob eine heisse Flüssigkeit seine Brust fülle oder noch häufiger 
mit einem Ohnmachtsgefühl. Darauf entschlieast sich der Kranke, mich zu kon- 
sultieren. 

Bei der Untersuchung lassen sich keine organischen Störungen konstatieren. 
Besonders das Herz ist normal, mit Tensionen von 14 und 8 nach dem Pachon- 
schen Oszillometer. Keine Verdauungsstörungen. Die urinäre Semeiologie ist normal. 
Wir halten die Bchon angegebenen Paroxysmen für deutliche Manifestationen 
einer Angstneurose und empfehlen eine bessere sexuelle Hygiene: wenigstens die 
Ejakulation nicht zu verzögern, falls der Coitus interruptus nicht vermieden werdon 
kann. Wir müssen nun noch die postparoxysmalen Autosuggestionen gründlich 
prüfen, um mit Erfolg auf sie einwirken zu können. Der Kranke zählt uns sehr 
genau alle Gelegenheiten auf, bei denen seine Autosuggestionen sich verwirklicht 
haben : Es ist dies stets in einem Eisenbahnabteil oder auf der Plattform der Tram- 
way der Fall, d. h. unter den materiellen Bedingungen, unter denen sich die ersten 
Paroxysmen der Angstneurose gezeigt haben. In der Annahme, dass die materiellen 
Bedingungen nicht nur die quälende Erinnerung allein erwecken, sondern auch das 
Wiederaufleben einer Reihe von ergänzenden Befürchtungen nach sich ziehen, 
schlagen wir dem Kranken vor, uns alle Gedankenassoziationen zu sagen, die ihm 
in Hinblick auf seine Paroxysmen, seine autosuggestiven Symptome — seine Krank- 
heit im allgemeinen — einfallen. Der Kranke erzählt daraufhin, dass er ausser der 
von den Paroxysmen hervorgerufenen quälenden Erinnerung an der Befürchtung litte, 
plötzlich an einem Bluterguss im Gehirn zu sterben, an frühzeitiger Arterienverkal- 
kung zu erkranken. Diese Angst wurde noch verstärkt durch die Lektüre eines medi- 
zinischen Buches über Fettleibigkeit, das ihm zufällig in die Hände fiel und in dem dez 
plötzliche Tod eines jungen, etwas fettleibigen ManneB, eiörtert wird. Er hat die 
merkwürdige Charaktereigenschaft, den Tod in der Öffentlichkeit, umgeben von einer 
Schar von Menschen (Tram, Stadtbahn) ganz besonders zu fürchten. Schliesslich hat 
es ihn kürzlich sehr beeindruckt, als bei einem gemeinschaftlichen Mittagessen einer 
seiner Verwandten plötzlich vom Stuhle fiel, von einem Schlaganfall, der übrigens 
gutartig verlief, getroffen. Diese letzte Tatsache beßchliesst die Erinnerungen des Kranken, 

welche im Zusammenhang mit seinen Paroxysmen stehen. — Es gelingt uub nun, 
den Kranken vollkommen und auf leichte Art zu beruhigen, indem wir ihm den Be- 
weis liefern, dass Beine Befürchtungen unbegründet sind, dass er eine gutartige Er- 



Die Autosuggestion. 199 

krankung hat, nachdem wir jetzt durch die Gedankenassoziationen in den Komplex 
seiner mehr oder weniger bewussten Befürchtungen einen Einblick getan haben. 

Wir haben ihn kürzlich wiedergesehen. Er hat seine Autosuggestionen ganz 
aufgegeben. Sobald der Ausgangspunkt der Autosuggestion, die Furcht vor Wieder- 
holung des seiner Ansicht nach schweren Anfalls — eine Furcht, die, wie wir ge- 
sehen haben, noch durch eine Reihe anderer Beftfc chtungen verstärkt wird — unter- 
drückt wird, fallt auch gleichzeitig die Autosuggestion weg und das Phänomen, so 
ziemlich vielseitig es in seinem Mechanismus auch sein mag, tritt nicht mehr in Er- 
scheinung. Die autonomen Krisen seiner Angstneurose sind auch nicht mehr auf- 
getreten, aber nichts berechtigt uns, an ihre Heilung zu glauben, da der Kranke nicht 
auf die Praktiken des Coitus interruptus verzichten wollte. Da der Mechanismus! 
rein sexuellen Ursprungs ist, können die Angstanfälle nicht wie die postparoxystischen 
Autosuggestionen durch die gleiche analytische Psychotherapie beeinflusst werden. 

Unsere zweite Beobachtung weist grosse Analogien mit der ersten auf. 
Es handelt sich um einen sehr häufig vorkommenden Fall von Angstneurose 
mit gastrischer Lokalisierung, die hier mit Perinealkrämpfen kompliziert ist. 

Fall II. — Frau N. de E., 39 Jahre alt, ohne interessante Antezedentien, erzählt 
uns dass sie seit ihrer Heirat an sehr peinlichen Perinealkrämpfen und an der 
Empfindung leide, in der Vagina eine Entzündung zu haben. Diese Schmerzen 
treten in Anfallsform sehr hftufig auf. Gleichzeitig änderte sich ihr Charakter, sie 
wurde unruhig und ängstlich. Seit einem Jahre sind sehr heftige gastrische Schmerzen 
aufgetreten, infolge deren sie ihre Nahrung allmählich herabsetzt. Die Kranke ver- 
liert zehn Kilo, worauf sie verschiedene Spezialisten konsultiert. Der eine, dem be- 
sonders die Magenerweiterung auffällt, veranlasst sie zum Tragen eines Gürtels. 

In Wirklichkeit handelt es sich um einen typischen Fall von Angstneurose. 
Sie ist an einen Mann verheiratet, den sie nicht liebt, der viel älter ist als sie und 
an Ejaculatio praecox leidet. Der sexuelle Verkehr bereitet ihr nur eine peinliche 
Empfindung ängstlicher Erregung ohne Entspannungsgefühl. Diese abnormen Ver- 
hältnisse riefen bald Perinealstörungen, darauf gastrische Störungen und schliesslich 
den Zustand ängstlicher Erwartung hervor. — Die Kranke wird zur Ruhe verhalten, 
sie wird progressiv Btärker genährt, nachdem sie sich einige Tage lang ziemlich 
heftig gewehrt bat. Allmählich Bieht sie ein, dass die vorsichtige Wiederaufnahme 
der Ernährung ihre Schmerzen nicht erhöht, sondern im gegenteiligen Sinne wirkt. 
Ihre Kräfte und ihr Gewicht werden wieder normal, die gastrische Sensibilität nimmt 
ab, um ganz zu verschwinden. Hier sehen wir keine Spur von Autosuggestion. Die 
Erschütterung des viszeralen Nervensystems infolge der Angstneurose macht den 
Kontakt der Nahrungsmittel schmerzhaft. Es ist begreiflich, dasB die Kranke ihre 
Schmerzen in der Weise zu vermindern suchte, dass sie ihre nächste Ursache, näm- 
lich die Quantität der Nahrungsmittel, herabsetzte. Sie konnte nicht voraussehen, 
dass sie auf diese Art ihr Leiden durch die allgemeine Schwächung und die Her- 
stellung eines echten Hungersyndromes, dessen Schilderung wir M a t h i e u und R o u x ') 
verdanken, verschlimmern musste. Es handelt sich also um schmerzhafte Äusse- 
rungen rein nervösen Ursprunges — AngstneuroBe, kompliziert mit Hungersyndrom — 
wo das Psychische keine direkte Rolle spielt. Anders verhält es sich mit den 
Krämpfen, wo wir den Einfluss der postparoxystischen Autosuggestion konstatieren 
konnten. Tatsächlich klagte die Kranke in der Behandlung, während die gastrischen 
Symptome sich schon wesentlich gebessert hatten, über krampfhafte Schmerzen im 
Perineum bei gleichzeitigem Brennen in der Vagina wie früher, wenn auch der 

') Mathieu et J. Ch. Roux, L'inanition chez les dyspeptiques et les nerveux. 



140 Dr. Rene Cornelius, 

Schmerz weniger intensiv sei. Diese ziemlich unerwartete Krise konnte einen psychi- 
schen autosuggestiven Ursprung haben. Wir wandten dann di© gleiche im Falle I 
benutzte analytische Methode an und zwar mit dem gleichen Erfolge. Die Kranke 
erinnerte aich, dass schon einmal die Schmerzen nach einer spontanen Besserung der 
Gastroneuroae eingetreten waren und dass sie gefürchtet hatte, „dass die Entzündung 
oder die Kongestion Tora Magen in die Vagina hinabgestiegen seien*. Dies war nicht 
ihre einzige Befürchtung. Schon bei ihrem ersten sexuellen Verkehr war Bie leicht 
verletzt worden und als später die perinealen Paroxysmen eintraten, fürchtete sie, 
dass der vaginale Traumatismus daran einen starken Anteil habe und behielt seit- 
her die Angst vor einer vaginalen Affektion. Wie man sieht, hatte also der letzte 
Anfall im Gegensatz zu den vorausgehenden den Charakter einer postparoxyatiachen 
Autosuggestion, und es wurde ein leichter Anfall unter dem Einfluss eines Kom- 
plexes halb bewusster Befürchtungen realisiert. In einem solchen Falle braucht 
man nur den Kranken zu beruhigen, um den Anfall zu heilen. 

Seither geht es der Kranken besser. Die paroxystischen Angsterscheinungen 
sind nicht mehr aufgetreten und ebensowenig die entsprechende Autosuggestion. Ea 
bleibt noch ein Rest von ängstlicher Erwartung, von flottanter Furcht, und die Kranke 
sucht uns von Zeit zu Zeit auf, damit wir die oder jene auf ihre Gesundheit bezüg- 
liche Angst, beruhigen. 

Die folgende Beobachtung ist dein Werke W. Stekel's 1 ) über die 
Angstzustände entnommen. 

Fall III. — Herr E. V. stellt sich mir in meiner Ordination als mit einer chroni- 
schen Blinddarmentzündung behaftet vor; er steht knapp vor einer Operation. Er 
ist zum Skelett abgemagert, leidet die fürchterlichsten Schmerzen, besonders wenn 
er eine grössere Mahlzeit eingenommen hat. Infolgedessen isst er in der letzten 
Zeit so wenig wie möglich. Jedesmal wenn ihn ein Schmerz befällt, denkt er, jetzt 
bin ich an Blinddarmentzündung erkrankt, werde bald operiert werden müssen. Er 
hat nie einen Anfall mit Fieber gehabt! Trotzdem raten ibm die Operateure, sich 
den Wurmfortsatz entfernen zu lassen. F.r hatte aber eine ebensolche Furcht vor 
der Operation wie vor der Krankheit. 

Dieser Kranke, sagt Stekel, bot einen erbärmlichen Anblick. Ich habe 
einen solchen Grad von Abmagerung noch nicht gesehen. Ich glaubte, es handle sich 
um ein Neoplasma oder um eine', Tuberkulose, es war aber, objektiv nichts nach- 
zuweisen. Ich vermutete eine AngBtneurose und erkundigte mich nach seinem Ge- 
schlechtsleben. Er hatte schon drei Jahre ein Verhältnis mit einem Mädchen, das 
er nicht schwängern durfte und mit dem er sich in allerlei, frustranen Erregungen 
vergnügte. Ich gab ibm nun den Rat, dieses Verhältnis gänzlich aufzulösen, reep. 
entweder sie zu heiraten oder mit ihr nicht zusammenzukommen, bis er in der Lage 
sein werde, sie zu heiraten. Mittlerweile möge er mit Schutzmitteln den normalen 
Koitus ausführen. Ausserdem verordnete ich ihm gegen die Schmerzen drei Ess- 
löffel Olivenöl täglich, gegen Obstipation Ölklistier«, und gab ihm die Versicherung, 
er werde jetzt täglich mehr essen können. Die Schmerzen hätten keinerlei Bedeu- 
tung und seien nichts anderes als der Ausdruck seines Hungers und seiner nervösen 
Erregung. Käme es schliesslich unter dem Einflüsse des Essens zur Blindarment- 
zündung, so wäre es beBsor, er mache die Krankheit einmal durch und Hesse sich 
operieren, bevor er in ewiger Angst herumgehe. Dem Patienten leuchtete dies auch 
ein. Er nahm in der ersten Woche bereits um 1 kg und im Laufe von drei Monaten 



') Dr. Wilhelm Stekel, Nervöse Angstzustände und ihre Behandlung, 190S, 
p. 47—48. 



Die Autosuggestion. 141 

um 15 kg zu, worauf er dann ein normales menschenwürdiges Aussehen annahm. 
Er war vorher bei einer Höhe von 175 cm 50 kg schwer gewesen, also ca. 25 kg 
im Untergewicht, die Schmerzen verschwanden vollkommen. Er heiratete bald da- 
nach und fühlt sich seither, es sind schon drei Jahre, vollkommen gesund. Mittler- 
weile hat er weiter zugenommen und ist heute ein starker kräftiger Mann mit einem 
Gewicht von 80 kg. 

Diese Beobachtung zeigt deutlich die gastrointestinale Lokalisierung 
der Angstneurose, das Auftreten des Inanitionssyndromes und ausserdem 
die sekundären Befürchtungen. Der Autor hat diese Befürchtungen wohl 
bemerkt und sagt 1 ): „Zwar müssen wir hinter den sogenannten nervösen 
Krankheiten eine Angstneurose vermuten und nach Angstvorstellungen 
ahnden." Natürlich realisiert die Angst im allgemeinen kein Symptom, 
wenn sie nicht die oben studierten und aufgezählten günstigen Bedingungen 
für die Erzeugung der postparoxystischen Autosuggestion vorfindet. Doch 
kann sie hier, wie im Falle 2, das klinische Bild entstehen lassen, aber 
dies ist indirekt, auf einem Umwege, der Fall, indem die Festsetzung der 
Inanition und die Schwächung der nervösen Zentren ermöglicht wird. 
Diese Umstände sind für neuropathische Störungen des Verdauungsorgans 
charakteristisch. Ist hier eine Autosuggestion vorgelegen? Es ist möglich, 
obwohl nichts darauf hinweist und obwohl es leider schwer festzustellen 
ist, indem die Veranlassung 2 ) zum eventuellen autosuggestiven Symptom, 
nämlich der Akt des Speisens, hier eine rein nervöse Ursache der Schmerzen 
bildet, wobei er diese selbst ohne die Intervention des Seelischen erzeugen 
kann. Erst die genaue Analyse des seelischen Zustandes der Kranken 
könnte uns Aufklärung bringen und zeigen, ob irgend ein plausibles auto- 
suggestives Element an dem klinischen Bilde teilnimmt; wobei, wie in den 
Fällen 1 und 2, die verschiedenen nebenher laufenden Befürchtungen auf- 
gedeckt würden, die die Aktion der zentralen Angst verstärken und die 
Realisation der Autosuggestion ermöglichen. 

Wir sehen also, welche Bedeutung den Angstgedanken und in ge- 
wissem Masse auch den Phänomenen der Autosuggestion im Andeutungs- 
zustande , den postparoxystischen Autosuggestionen , in dem klinischen 
Bilde der meist verbreiteten unter den depressiven Neurosen, nämlich 
der Angstneurose, zukommt. Wir haben auch konstatiert, dass es ein 
affektives und nicht intellektuelles Element ist, nämlich die an 
Phänomene rein somatischer Natur, die Angstakzidente, geknüpfte Furcht, 
welche diese andauernden Angstzustände der Kranken erzeugt, Zustände, 
die wohl ganz berechtigt sind bei jenen, die nicht die wahre Bedeutung 
der sie erschreckenden Symptome begreifen und die durchaus nicht den 
„Irrationalismus" des Geistes beweisen. Schliesslich suchten wir zu be- 
weisen, dass die postparoxystische Autosuggestion, die einzige, die in den 
depressiven, den sogenannten neurasthenischen Zuständen auftritt, stets 
von einer vorausgegangenen Angstneurose abhing und dass sie ein ziem- 
lich kompliziertes psychisches Phänomen darstellte, das zu seiner Reali- 
sierung ausser dem Zustande diffuser Angst und der Angst des Paroxysmus, 
im Augenblicke der Autosuggestion ganz oder zum Teil einen mehr oder 
weniger unterbewussten psychischen Kern erfordert, der aus einer variablen 

i) Stekel, loc. cit. p. 48. 

-') Aufenthalt im Eisenbabnzug, die gastrischen Störungen, in den Fällen 

1 und II. 



142 Dr* R*nö Cornelius, 

Menge von Befürchtungen besteht, die sich mehr oder weniger auf den 
Paroxysmus beziehen und leicht hervorzurufen sind. Es handelt sich 
hier gewissermassen um ein Übergangsstadium zwischen den rein somati- 
schen nervösen Störungen und den rein psychogenetischen oder hysterischen 
Störungen, wo, wie die Arbeiten von Janet, Breuer, Freud und 
seiner Schüler gezeigt haben, ein Mechanismus mit unterbewusstem 
Charakter, der kompliziert und sehr andauernd ist, erkannt werden muss, 
wie auch Störungen der psychischen Entwickelung, die vollständige und 
wirkliche Autosuggestionen herbeiführen, welche Symptome voll und ganz 
realisieren können. 

Es ist also aus diesen Tatsachen leicht zu schliessen, dass die 
Psychotherapie, sei sie rationell oder nicht, vor den Angstzuständen mit 
somatischem Ausgangspunkt versagen muss. Dagegen wird sie manchmal 
die Befürchtungen abschwächen können. Wenn ihr eine analytische Studie 
der unterbewussten Angstgedanken vorausgeht — und nur dann — wird 
sie die postparoxystische Autosuggestion herabsetzen oder heilen können. 

Die eigentliche Neurasthenie. — Diese Form, die { was 
man auch sagen möge, ziemlich selten auftritt, bedeutet ein ganz einfaches 
nervöses Erschöpfungssyndrom. Die neuropsychische Asthenie beherrscht 
die ganze Symptomatologie, die vornehmlich somatischer Natur und bald 
durch Infektionen, bald durch Intoxikationen oder Autointoxikationen oder 
durch viszerale Affektionen determiniert ist, besonders aber durch Affek- 
tionen der Verdauungsorgane und des Nervensystems; bald wird sie auch 
durch Überanstrengung determiniert, durch Traumen und durch Emotionen, 
die übrigens nur in der Weise wirken, dass sie den funktionellen Wert 
des Nervensystems herabsetzen. Alle Anzeichen, auch die psychischen, 
hängen von der Ermüdung ab, und Maurice de Fleury 1 ) sagt sehr 
treffend: „Ein stark angepeitschtes Pferd oder Lasttier lägst sich in ge- 
wisser Beziehung vollkommen mit dem neurasthenischen Menschen ver- 
gleichen und der Forscher, der auf Grund seiner Studien den Vergleich 
wissenschaftlich ausführen könnte, würde daraus gar manche instruktive und 
nützliche Begriffe ziehen." Wir bemerken nichts Primitives in psychischer 
Hinsicht; niemals haben die reinen Vorstellungen eine pathogene Bolle. Aber 
mehr noch : die sekundäre psychische Symptomatologie ist ausserdem ziem- 
lich arm und wird strikte durch die Asthenie [beherrscht. Sie besteht in einer 
Herabsetzung der willkürlichen Aufmerksamkeit, des Erinnerungs- und 
des Einbildungsvermögens, wir konstatieren einen mehr oder weniger stark 
betonten geistigen Torpor, eine Schwächung der äusseren Sensibilität mit 
einer Herabsetzung des Wirklichkeitsgefühles, eine Traurigkeit somatischen 
Ursprunges und Willensschwäche. Nie aber konnten wir Autosuggestionen 
von dem in der Angstneurose beschriebenen Typus konstatieren, und was 
die Angstgedanken anbelangt, die sich durch den ermutigenden Zuspruch 
des Arztes leicht beheben lassen, so besitzen sie nicht jene Intensität 
und Dauer, die wir im Falle jener Neurose beobachtet haben. In allen 
Fällen, wo wir die Autosuggestion feststellen konnten, handelte es sich um 
assozierte hysterische Manifestationen. 

Wir bringen im folgenden ein Beispiel arthritischer Neurasthenie, 
wo man klar das Fehlen jeglicher Autosuggestion konstatieren 

') M. de Fleury, Les grands Symptomen neurasthäniqaes, Paris 
F. AlcBii 1901, p. 3. 



Die Autosuggestion. 143 

kann, die nicht die für ihre Realisierung günstigen psychischen Bedingungen 
vorfinden würde. 

Fall IV. Frau M. E., 32 Jahre alt, die Eltern mit Gicht behaftet. Sie 

selbst ist stark athritisch und leidet .seit Jahren an Schmerzen in den Gelenken, 
die mit Asthmaanfällen oder Ekzemausbrüchen abwechseln. Sie ist ziemlich klein, 
war stets sehr zarter Natur und sehr leicht ermüdbar. Seit zehn Jahren wird 
diese Ermüdbarkeit stark betont und tritt kompliziert mit Kopfschmerzen, mit 
Rachialgie und Traurigkeit auf. Infolge schlechter Beratung durch Ärzte und Be- 
kannte versucht sie acht Jahre lang eine intensive Oberernährung mit Eiern und 
rohem Fleische. Sie benutzt viele tonische Präparate, wie Glyzero-Pkosphate, Phos- 
phate etc. in starker Dosiß. Diese Behandlung hat aber keine Besserung ihres Zu- 
standes zur Folge und die geringste Anstrengung hat eine Erhöhung der Asthenie, 
Traurigkeit und Kopfschmerzen im Gefolge. 

Bei der Untersuchung zeigte sich, dass die wichtigen Organe gesund sind and 
die Harnanalyse weist nichts Abnormes auf. Dagegen ist der arterielle Druck 
sehr gering. Die Haut ist runzelig und trocken. Die Dame friert ausserordentlich 
leicht; sie fühlt sich ganz besonders erschöpft. In psychischer Hinsicht bemerken 
wir eine gewisse Entmutigung, berechtigt durch den Gesundheitszustand, der sich 
trotz aller Kuren nur wenig und nur vorübergehend bessert. Doch ist diese Ent- 
mutigung nicht so betont, als dass die Hoffnung auf eine mögliche Heilung verweisen 
würde. Diese Heilung wird im Gegenteil von der Kranken sehr heftig gewünscht. 
Sie siebt ein, dass ihre Asthenie sie hindert, ihr Leben zu gemessen und allen ihren 
Pflichten nachzukommen und sie leidet darunter sehr. Nur mit grossem Widerstreben 
bleibt sie stundenlang im Bette und sie hat das Gefühl, ein verkümmertes Leben zu 
führen. Sie ist besorgt um ihre Gesundheit, aber sie hat keine ausgesprochenen 
lebhaften Angstgedanken und trotz genauester Untersuchung kann ich nicht die 
geringste Spur eine9 Autosuggestionsprozesses nachweisen. Wir begnügen uns also 
mit einer banalen auf ermutigendem Zuspruch begründeten Psychotherapie, wie sie 
jeder Arzt am Bette jeder Kranken anwendet und setzen die Kranke auf eine Regime 
der Ruhe und des absoluten Vegetarismus ; sie erhält Hydrotherapie in Form schot- 
tischer Duschen und lauer Vollbäder und Schilddrüsen- und Nebennierenpräparate. 

Infolge dieser Behandlung bessert eich ihr Zustand in ganz rapider Weise und 
gegenwärtig ist sie fast ganz geheilt. 

Dieser rein nervöse Ursprung der Symptome macht hier, wie in 
allen ähnlichen Fällen die systematische Psychotherapie ganz überflüssig 
und wir sind vollkommen der Meinung Hartenberg's 1 ), der in einem 
jüngst erschienenen Werke sagt: „Die Psychotherapie darf also nicht als 
die heroische Behandlung der Neurasthenie betrachtet werden. Die Formel : 
für jede psychische Erkrankung gehört eine psychische Behandlung", ist 
•ganz einfach absurd, weil eine psychische Störung der Ausdruck einer 
zugrundeliegenden organischen Störung sein kann, und dies ist bei den 
Neurasthenikern der Fall. Die einzige genaue Formel wäre die folgende: 
„Für jede eingebildete Krankheit gehört eine psychische Behandlung". 
Dagegen passt sie nicht für die Neurastheniker, deren Krankheit nicht 
immaginär ist. Auf der anderen Seite findet sie eine glänzende Bekräfti- 
gung bei den Hysterikern, deren Akzidente in der Einbildung begründet sind 
und durch Suggestion häufig in einer fast wunderbaren Weise geheilt 
werden." 

') Paul Hartenberg, Traitement des neurastheniques, Paris, Alcan 1912 
p. 180—181. 



144 Dr. Ren* Cornelius, 

Phobien und Obsessionen. — Mag man die Gedanken 
Janet's über die Entstehung dieser Störungen und ihrer Beziehungen 
mit der Psychasthenie akzeptieren oder nicht, mag man die Doktrin Freu d's 
anerkennen oder nicht, die eine Tatsache ist sicher, dass sie nicht mit den 
Autosuggestionen zu verwechseln sind und dass sie selbst in den Einzel- 
heiten ihrer klinischen Äusserungen nichts enthalten, was irgendwie auf 
einen autosuggestiven Ursprung hindeuten würde. Die Phobien, diese auf 
ein beliebiges, aber ganz bestimmtes Objekt fixierten Angstzustände, die 
je nach dem Kranken ganz verschieden sein können, einfach darum, weil 
sie Angstzustände sind, können nicht mit autosuggestiven Manifestationen 
verwechselt werden, welche symptomatische Realisierungen sind und 
welche auf dem einzigen Boden zustande kommen, wo diese Realisie- 
rungen möglich sind, nämlich in jenen Teilen unseres Organismus, die 
durch das zerebrale Nervensystem beherrscht werden. Das gleiche Fehlen 
der Autosuggestion ist nicht nur der Genese der Obsessionen, sondern 
auch im Verlaufe ihrer ganzen Entwicklung zu bemerken. Einer» neuen 
Beweis hierfür mag man in der folgenden Beobachtung, die wir ganz kurz 
zusammenfassen, finden. 

Fall V. — Frau de B. ., 53 Jahre alt, leidet seit ihrem 18. Lebensjahr an 
einer Obsession, die sie den ganzen Tag ohne Unterlass quält. Sie die fromme und 
prüde Familien matter, hat Angst, sie könnte mssturbieren und sich nicht zurück- 
halten, die Hand an ihre Genitalien zu legen. Dieser Gedanke verlässt sie nie, 
selbst während der Lektüre und während der anderen zahlreichen Beschäftigungen, 
in denen sie eine Ablenkung für ihr Leiden sucht. Alle Augenblicke nimmt sie Ab- 
wehrmanifestationen vor, wie z. B. Belcreuzigungen ; sie geht nie aus, in der Furcht, 
die Leute auf der Strasse könnten ihre Gedanken, deren sie sich schämt, erraten. 
Seit langen Jahren konsultiert sie unzählige Arzte und berühmte Spezialisten, ohne 
aber eine Erleichterung finden zu können. Sie hat Sanatorien besucht, und in der 
Verzweiflung hat sie sich schliesslich au verschiedene Charlatane gewendet, an 
Hypnotiseure, Magier, Propheten, Derwische usw., die sie übrigens auch vernachlässigt, 
sobald deren erste therapeutische Versuche missglückt sind. Als sie mich konsul- 
tierte, versuchte ich nicht die Anwendung der rationellen Psychotherapie, die natür- 
lich schon kläglich gescheitert war. Ich suchte den psychologischen Mechanismus 
ihrer Obsession zu ergründen, erzielte jedoch kein interessantes Resultat, nur konnte 
ich bei der Kranken das Fehlen jeglicher Autosuggestion wie auch jedes auf ihre 
Gesundheit bezüglichen Angstgedankens konstatieren. t Wie ist die Hartnäckigkeit 
meines Leidens zu erklären, während ich doch vor Gesundheit strotze!" rief sie oft 
aus. Da sie nur an die Wirksamkeit einer rein physischen Behandlung ihres Leidens 
glaubte, lehnte sie meinem Vorschlag einer psychoanalytischen Behandlung ab, die 
übrigens in diesem Falle bei dem Alter der Kranken und bei dem sehr grossen 
psychischem Material, das infolgedessen in Betracht käme, weniger angezeigt erscheint. 

Leichte Melancholie. — In diesem depressiven Zustande, wo 
der moralische Schmerz, die Traurigkeit und das mehr oder weniger aus- 
geprägte Schuldgefühl vorherrschen, ist die Überzeugung von der eigenen 
Ohnmacht nur allzu berechtigt und der genaue Ausdruck der moralischen 
Inhibition 1 ), die an intensive Störungen des zerebralen Dynamismus ge- 
bunden ist. In einem Falle ohne Delirium, den wir studiert haben, konnten 
wir keine Spur einer Autosuggestion klarlegen. 



') G. Dumas, Les etat* intellectuela dans la mdlancolie, Paria, F. Alcan 1895. 



Die Autosuggestion. 145 

Leichte Hypochondrie. — Es ist unrichtig, die Hypo- 
chondrie ausschliesslich als eine Geisteskrankheit und als eine Krankheit, 
die relativ selten auftritt, aufzufassen. Sie erschien uns im Gegenteil als 
eine ziemlich häufig vorkommende Störung, wenn wir unter der Hypo- 
chondrie etwas anderes verstehen, als die delirierenden Störungen ge- 
wisser Geisteskranker. Neben diesen Formen, auf die die Therapie zur- 
zeit keinen Einfluss nehmen kann, gibt es viele als Neurasthenie be- 
zeichnete Fälle, die in Wirklichkeit nur abgeschwächte und relativ milde 
Hypochondrien darstellen, wenn sie rechtzeitig behandelt werden. Wir 
möchten hier mit Slekel 1 '), der diese Dinge in ausgezeichneter Weise 
tlftrgßlegt hat, die drei folgenden Formen unterscheiden: 

1. die nosophobe Form, 

2. die hysterische Form, 

8. die paranoide Form, die ins Bereich der Geistespathologie gehört. 

In der nosophobeu Form empfindet der [tränke abnorme und forl- 
gesetzt dauernde Angst bezüglich seiner Gesundheit, doch werden diese 
Befürchtungen — wenigstens in den reinen Formen - nie durch voraus- 
gegangene l'aroxysmen einer Angstneurose hervorgerufen. Sie werden beim 
geringsten Anlasse wach. Wenn man vor einem solchen Nervösen von 
Irgend einer Krankheit spricht, oder wenn er in einer Zeitung die Schilde- 
rung einer Epidemie, die Reklamenotizen für die Behandlung der GichL 
oder der Syphilis liest, wird er sofort von Angst erfasst und fürchtet, die 
in Frage stehende Krankheit erworben zu haben. Sofort lässt er den Arzt 
kommen, für den diese Art Kranken eine ausgezeichnete Klientel bilden. 
Der Arzt kann sie leicht beruhigen, ein paar vernünftige Argumente und die 
ärztliche Autorität reichen aus. Der Kranke gibt seine Angst auf, mag 
sie noch so heftig gewesen sein, aber nur. um einen Tag später an einer» 
neuen Angst zu leiden. Der Kranke, dessen Fall wir im folgenden bringen, 
ist ein vollständig nosophober Hypochonder. 

Fall VI. — Herr de X., 35 Jahre alt, war stets physisch sehr gesund. Seit 
seiner Kindheit erziehen ibn seine stets unruhigen und nervösen Angehörigen in 
steter Besorgnis um seinen Gesundheitszustand. Seit 12 bis 15 Jahren besonders 
greift er selbst diese Befürchtungen auf. Wenn man in seiner Gegenwart von einer 
Krankheit spricht, fürchtet er, sie erweiben zu können. Er hörte z. B., dass in der 
Nnchbargegend die zerebrospinale Meningitis epidemisch auftrete; sofort glaubt er, 
gleichfalls von der Krankheit erfasst zu sein, in Komplizierung des Schnupfens, 
an dem er gegenwärtig leidet und lässt uns kommen, um ihn zu beruhigen. Auch 
leidet er nach jedem sexuellen Verkehr immer an Blennorrhagie oder Syphilisangst. 

Wie man sieht, beschränkt sich das klinische Bild auf verschiedene Angstge- 
danken, die seine Gesundheit betreffen. Immer wenn wir ihn sehen, vermögen wir 
die momentan vorhandene Angst durch Anwendung einer einfach affirmativen oder 
mehr oder weniger raisonierenden Psychotherapie für den Augenblick zu zerstreuen. 
Doch wir wiederholen, dass die affirmative Psychotherapie in allen Fällen ausreicht, 
während der Kranke die von uns vorgebrachten Argumente nur zerstreut aohört; er 
hat Vertrauen in uns und dieses Vertrauen neutralisiert seine Angst und löst sie 
gewissermassen von dem Objekt, auf das sie sich vorübergehend fixiert hat. Leider 
fixiert sie sich bald von neuern auf ein anderes Objekt und so geht es weiter fort. 



») St ekel loc cit S. 239-249. 

ZmitralüUtt filr Psychoanalyse. IV •/*. 10 



14G Dr. Rene Cornelius, 

Diese Angstzustände — und dies ist ein interessantes Faktum — kompli- 
zieren sich nie mit autosuggestiven Manifestationen. Der sehr intelli- 
gente Kranke präzisiert nach wiederholter und eingehender Befragung seinen Geistes- 
zustand folgendermassen : .Ich fühle niemals", sagte er, .auch nicht in der abge- 
schwächtesten Form die Störungen, die ich fürchte". Offenbar sind die Befürch- 
tungen hier einfacher als in der Angstneurose, sie sind nicht mit halbbewussten 
Angstgedanken kompliziert und es gehen keine Angstparoxysmeu voraus, die die 
Bahnen zur Autosuggestion herstellen könnten. Folglich fehlt diese im Bilde. 

Der folgende Fall einer unserer Kranken bezieht sich auf die hyste- 
rische Hypochondrie, die so genannt wird, weil ihre Pathogenie nach 
Professor Freud und seiner Schule an Phänomene der „Verdrängung" ge- 
bunden ist, die durch eine besondere neuropathischo Konstitution begünstigt 
werden; die „Konversion" dieser verdrängten psychischen Kiemente führt 
zur hypochondrischen Angst. 

Fall VII. Fräulein E. E. ist ein Mädchen von 24 Jahren mit Durchschnitts- 
intelligenz. Sie ist ziemlich stark neuropathisch belastet; doch lässt sich die Natur 
der pBychopathischen Störungen ihrer mütterlichen Grosseltern nicht genau feststellen. 
Seit ihrem 14. Lebensjahr klagt sie über eine grosse Ermüdbarkeit, die sie an der 
Ausführung jeder ernsten Anstrengung hindert. Mit 20 Jahren machte sie die Be- 
kanntschaft einer Familie X., deren Mitglieder sehr eitel und mondän sind und die 
rasch auf ihren Geist vollständigen Einfluss gewinnen. Sie beeinträchtigen oder 
zerstören ganz all ihre Anschauungen über die Moral, die Familie, das Leben im 
allgemeinen und entfremden sie allmählich der eigenen Familie. Man nimmt sie 
regelmässig zu Festlichkeiten und Soireen mit, wo, wie sie sagt, ihre Ermüdung 
wesentlich zunimmt. Dann treten in rascher Folge Ereignisse ein, die ihre Sen- 
sibilität offenbar erschüttern. Sie verlobt sich mit dem Sohne der Familie X, 
sieht sich aber dann gezwungen, die Verlobung aufzulösen, worüber sie lebhaften 
Kummer empfindet. Auch ist sie sehr enttäuscht, als sie sieht, dass dieser Bruch 
der Familie X. gar keinen Kummer verursacht. Einige Zeit später, es ist seitdem ein 
Jahr verflossen, beginnt ein legitimer Anfall eines akuten Gelenkrheumatismus. Nach 
einigen Wochen bessert sich dieser sehr heftige Anfall, die Temperatur sinkt und 
die Schwellung verschwindet. Doch will die Kranke nichts von Heilung hören. Sie 
behauptet an Schmerzen zu leiden, die auf keine Weise zu beruhigen sind, auch 
nicht durch sehr starke Dosen von Aspirin oder salizylsaurem Natron, die aber doch 
— das macht sie sich ganz klar — rheumatischer Natur seien. Sie ist sehr beun- 
ruhigt, sie erklärt sich für unheilbar und wird schliesslich von heftigen Krisen er- 
fasst, die ihre Familie bestimmen, sie, mit ihrer formellen Einwilligung, in ein Sana- 
torium zu bringen. 

Auf die Peripetien der rationellen Psychotherapie, die sie unter sachverständigster 
Leitung in diesem Sanatorium durchmacht, wollen wir nicht eingehen. Eine fünf 
Wochen dauernde raisonierende therapeutische Behandlung mit Überernährung, Bett- 
ruhe und Isolierung endete mit einem vollständigen Misserfolg und die Kranke ver- 
liess die Anstalt. 

Als sie uns aufsuchte, dachten wir zunächst an eine postinfektiöse Depression, 
die durch einen schlechten Zustand der Verdauungsorgane aufrecht erhalten wurde, 
insbesondere infolge des häufig an Eiern und Fleisch zu reichen Regimes, wie es 
in den Anstalten, wo die rationelle Psychotherapie angewendet wird, vorkommt 
Auch mussten bei diesem ein wenig obösen und asthenischen Mädchen Unzuläng- 
lichkeiten der inneren Sekretionsdrüsen eine Rolle spielen. Doch die Opotherapie, 



Die Autosuggestion. 147 

die vegetarische Kost, die Hydrotherapie und die etatischen Bäder hatten nur 
«ine unwesentliche Besserung im Gefolge. Stets blieb die ängstliche Überzeugung 
von der Uuheilbarkeit und der unmöglichen Besserung bestehen: sie hatte sich 
stets zu sehr ermüdet, ihre Eltern hätten sie nicht rechtzeitig gepflegt, auch die 
Familie X. habe sie zu starken Ausgaben ihrer moralischen und physischen Kräfte 
benötigt. Nun sei sie verbrancht. Bei genauem Studium des Charakters ihrer 
Schmerzen müssen wir auch deren hypochondrische Natur anerkennen: Sie fühlt 
ein schmerzhaftes Klopfen im ganzen Körper und besonders im Kopfe, die Brust 
wird ihr zu eng und ein voluminöser Körper scheint ihr die Knochen vom Schädel 
zu drängen. 

Angesichts dieser beiden andauernden und alles beherrschenden Symptome — 
Erschöpfungsgedanken und bizarre Schmerzen — schlagen wir eine psychoanalytische 
Kur vor. Doch die Kranke, die durch den Misserfolg der Kur auf Grundlage der 
rationellen Psychotherapie enttäuscht ist, weigert sich eine neue psychische Kur zu 
versuchen. 

Stekel 1 ), glücklicher als wir, konnte in einem analogen Falle 
die Behandlung 'mittels der Freud'schen Psychoanalyse in Anwendung 
bringen und erkennen, dass die Kranken im Gegensatz zu den noso- 
phoben Hypochondern nicht alle pathologischen Zustande, von denen 
sie sprechen hören oder an die sie denken, ohne Unterschied fürchten. 
Die \ngst dieser Kranken bezieht sich nur auf eine bestimmte Krank- 
heit s ie weist den Charakter einer Phobie auf, während sie die da- 
zwischen laufenden organischen Affektionen, die eventuell auftreten mögen, 
mit einer betonten Sorglosigkeit behandeln. Wie bei den an Phobien 
Leidender, würde es sich um bestimmte intime und unbewusste Assozia- 
tionen handeln und man könnte mächtige Verdrängungen wahr- 
nehmen. 

Ein Hypochonder, ein 32 jähriger, blühend aussehender, kräftiger Mann, kon- 
sultiert mich wegen heftiger Kreazschmerzen. Die Schmerzen strahlen in die Beine 
und den Hals aus; er fühlt sich matt, unfähig zu jeder Arbeit. Er müsse einen 
Krebs haben oder rückenmarkleidend sein. Er hatte schon alle möglichen Kuren 
ohne Erfolg versucht. Die objektive Untersuchung ergibt ein vollkommen negatives 
Resultat. 

Ich trachte durch die Psychoanalyse die Wurzeln der Hypochondrie zu er- 
gründen. Erkundige mich erst, wie es mit seiner Sexualität steht. Ganz normal. 
Er habe wohl in der Jugend vorübergehend kurze Zeit onaniert, sonst sei alles in 
Ordnung gewesen. Nur eins hätte er fast vergessen. Er leide an häufigen Pollu- 
tionen, die ihn sehr schwächen. Nach jeder Pollution fühle er sich wie zerschlagen 
und trachte durch viel Essen und Trinken die verlorene Kraft wiederum .einzubringen". 

Häufige Pollutionen sind oft nur ein Zeichen einer sehr regen und unbefrie- 
digten Sexualität. So war es auch in diesem Falle. Patient befriedigte seine Frau 
nicht, er litt an Ejaculatio praecox und führte infolgedessen den Koitus sehr selten 
aus. Er hat die sichere Empfindung, dass der Koitus sein Leben verkürze, dass er 
ihn schwäche und seine Neurasthenie verschlimmere. Ein berühmter Psychiater hatte 
ihm einmal gesagt: Mehr als einmal im Monat (!) dürfen Sie nicht verkehren. Seit 
damalB fürchtet er die Folgen des Koitus. 



1. c. p. 244—245. 

10* 






. 



148 Dl - Ken6 Cornelius, 

Das ist ein wichtiges Moment in der Psychologie des Hypochonders: Die Angst 
vor den schädlichen Kolgen des Koitus (Sexualabneigung). 

Dabei das immerwährende glühende Verlangen nach Eexueller Betätigung, das 
sich in zahllosen Phantasien äussert. Ja, viele hypochondrische Beschwerden sind 
nur somatische Übersetzungen der sexuellen Phantasien. 

Auch unser Hypochonder wird den ganzen Tag von lüsternen Gedauken ver- 
folgt. Er entkleidet jede Dame, der er begegnet und malt sieb die kühnsten eroti- 
schen Situationen aus usw. 

Das habe ich natürlich erst allmählich aus ihm herausgebracht. Und eines 
Tages taucht ihm eine Erinnerung auf, die mir das Entstehen der Kreuzschmerzen 
sehr verständlich machte. Kr war noch ein Volksschiiler, als er seine Tante be- 
suchte. Dort wohnte ein junger Student, der ihn in sein Zimmer führte und mit ihm 
dort allerlei onanistische Manipulationen vornahm. Zum Schlüsse hat der betreffende 
Student mit ihm Päderastie getrieben und eine Immissio penis in nnum ausgeführt. 
Er wehrte sich nicht, da er dabei* ein Lustgefühl empfand. Dieser Vorgang wieder- 
holte sich mehrere Male. Jetzt war die Fixierung dieser hypochondrischen Zone 
klar geworden. Er bat schon in der Jugend au Verstopfung gelitten und .'sitzt immer 
sehr lauge auf dem Abort. Kr hat beim Stuhl immer ein gewisses Lustgefühl. Der 
Anus und die Kieuzgegend sind erogene Zonen. Die Erinnerung an das uuangenehnie 
Erlebnis war verdrängt worden und sass im Unbewussten wie ein Fremdkörper. Das 
Schuldbewusstsein seiner Frau gegenüber, seine verlorene Jugend, seine zwischen 
Sexualdrang und Sexualangst hin und her pendelnde Psyche vereinigten sich, um 
ein typisches Bild eines Hypochonders zu schaffen. 

Gestützt auf die psychoanalytische Prüfung mehrerer Fälle fasst 
Stekel die Charaktere der hysterischen Hypochondrie folgendermasseii 
zusammen : 

1. Die hypochondrische Vorstellung weist die Charaktere einer Ob- 
session auf. Der Hypochonder bekundet Sorglosigkeit gegenüber allen Ge- 
fahren, die seiner Obsession fernliegen. 

2. Dieser Gedanke ersetzt einen verdrängten sexuellen Zwischenfall 
oder eine sexuelle Phantasie. 

3. Die hypochondrische Zone ist stets eine erogene Zone. 

■i. Heim Hypochonder wird die Angst vor dein Tode zur Angst vor dem 
sexuellen Akte. Sein Leben schwankt fortwährend zwischen der Begierde 
und der Furcht vor der Sexualität. 

Mag man nun die von Dr. S t e k e I behauptete Pathogenie, wie wir 
sie hier kurz zusammengefasst haben, anerkennen oder nicht, so bleibt 
doch eine Tatsache bestehen, nämlich dass die sogenannte hysterische 
Hypochondrie einen wohldeterminierten klinischen Typus darstellt, der 
uns sehr häufig in der Praxis begegnet und der der Therapie besondere 
Hindernisse entgegensetzt. Unsere Kranke aus dem Falle 7 wies eine 
Itcitic sehr lebhafter Befürchtungen auf (Furcht vor Ermüdung, vor Er- 
schöpfung und vor Unheilbarkeit). Sie wies auch pseudorheumatische 
Schmerzen auf, die weder durch eine postparoxystische Autosuggestion 
erklärt werden konnten, da die notwendigen Voraussetzungen für dieses 
Phänomen nicht realisiert waren, noch auch durch eine hysterische Auto- 
suggestion, die weit weniger fix ist und der Behandlung leichter zugänglich 
erscheint. Aus all dem mag man wohl deutlich ersehen — und die Tat- 



Die Autosuggestion. 149 

sachen haben es nur zu sehr bewiesen — , ilass eine sogenannte rationelle 
Psychotherapie zu sicherein Misserfolge verurteilt ist; und wen . eine 
Krankheit einen vermutlich psychischen Ursprung hat. bedeute, dies 
nicht dass wir imstande sind, sie mit einigen Argumenten, mit Isolierung 
und einer stark stickstoffhaltigen Ernährung sicher zu heilen. 

Die dritte Form, nämlich die paranoide Hypochondrie, die höchst- 
wahrscheinlich in vielen Fällen nach der zweiten Form eintreten kann, 
ist ein vesanischer Zustand und kann nicht mit den verschiedenen sogen, 
neurasthenischen Zuständen, die wir früher überblickt haben, verwechselt 

Die studierten Typen erschöpfen vielleicht nicht die gesamte Neu- 
rasthenie aber sie stellen sicherlich die häufigsten sowohl isoliert wie kom- 
biniert vorkommenden Varietäten dar. Doch alle diese klinischen Varie- 
täten mögen sie rein oder untereinander kombiniert vorkommen, weisen 
eine 'vornehmlich affektive Semeiologie auf, die sich durch die Häufig- 
keit und die Intensität der Befürchtungen des Kranken bekundet, 
ohne dass wir imstande gewesen wären, ein einziges Mal Irrtumer oder 
Schwächen der Vernunft wahrzunehmen. Die Autosuggestionen fehlten, 
ausser in der Angstneurose, wo wir eine besondere Genese und besondere 
Charaktere darstellten und wo wir sie unter dem Namen der postparoxysti- 
schen Autosuggestionen individualisieren mussten. 

Wir schliessen aus diesen Tatsachen, dass es vor allem Pflicht des 
\rztes ist die Störungen des nervösen Dynamismus und die davon ab- 
häneieen 'affektiven Modifikationen zu korrigieren und nebenbei den 
Neuronalen, wie wir dies bei jedem anderen Kranken tun, zu trösten und 
ru kräftigen wobei wir auch zum analytischen psychotherapeutischen Ver- 
fahren greifen werden im Falle von postparoxystischen Autosuggestionen, 
wo die mehr oder weniger bewussten Angstgedanken des Kranken, die 
von seiner Seite ohne Widerstand leicht hervorzurufen sind, eine pathogenc 
Rolle spielen. 

IV. 
Wir haben die postparoxystischen Phänomene teilweise psychischen 
Ursprungs die wie wir sahen, die Angstneurose komplizierten, als auto- 
suMestive Phänomene bezeichnet. Es erübrigt nun. diese Charakterisierung 
zu rechtfertigen und die Beziehungen dieses Phänomens zu der eigent- 
lichen Suggestion nachzuweisen. Unsere Aufgabe wird erfüllt sein, wenn 
wir imstande sind zu zeigen, dass alle wesentlichen Charakterzüge der 
Hetero<uggestion oder der eigentlichen Suggestion sich in der Autosuggestion 
vorfinden, mit dem Unterschiede, dass die Quelle der Suggestion hier der 

Kranke selbst ist. . 

Zu diesem Zwecke wollen wir kurz einige neuere GcsichtspunKie 
über die Suggestionsfrage erörtern. Bern heim, der so viel zur run- 
dierung der Wissenschaft, die sich auf diesen Zustand bezieht, beigetragen 
hat, leugnet einigermassen die Hypnose und die Suggestion, indem dies 
letztere Wort auf jede Art psychischen Einflusses eines Gehirns auf das 
andere ausgedehnt wird". Doch Gras Set 1 ), dem wir dieses Zitat ent- 
nehmen, sagt, „als Suggestion ist durchaus nicht jede vom Gehirn ange- 

') Grasset, Traite elementaire de Physiopathologie clinique, t III, 1912, p. 90. 



150 Dr. Rene Cornelius. 

nommene Idee anzusprechen, ja in der wirklichen Suggestion wird die 
Idee durchaus nicht vom Individuum akzeptiert, ebensowenig wie sie von 
ihm diskutiert wird; das Individuum erliegt der Idee und das ist eine ganz 
andere Sache". Crocq 1 ') fügt wiederum hinzu: „Die Suggestibilität ist 
nach Bern heim durch die Erhöhung der reflexen ideomotorischen, ideo- 
sensitiven und ideosensoriellen Reizbarkeit zu erklären, die sofort \mab- 
hängig vom Willen die unbewusste Transformation der Idee in Bewegung, 
Empfindung oder Vorstellung infolge der Trägheit der Zentren und der in- 
tellektuellen Kontrolle vornimmt." — Mit einem Worte, es ist klar fest- 
gestellt, dass durch die Suggestion die Realisierung einer Empfindung 
wie einer einfachen oder komplexen Bewegung von dem einen Geiste auf 
einen fremden Geist erzwungen wird. Doch handelt es sich, wie wohl zu 
bemerken ist, um eine Realisierung und nicht um ein blosser Glauben, 
nicht um Vermutungen, die nicht, wie die Suggestion, imstande wären, 
,,die Drüsen, das Herz, die Eingeweide und die Gefässe zu betätigen, ge- 
wisse Ideenkomplexe von anderen ihnen widersprechenden. Komplexen 
zu trennen, die Kritik auszuschliessen und die Sinne so zu beherrschen, 
dass leicht Illusionen, ja selbst positive und negative Halluzinationen er- 
zeugt werden 2 )". Es handelt sich um eine Aktionsweise, die absolut der 
Aktionsweise der Emotionen analog ist, und wir werden so veranlasst an- 
zunehmen, dass, wenn ein fremder Wille im Geiste der suggerierten Person 
derartige Phänomene realisieren kann, er dortselbst entweder dieser Sug- 
gestion günstige Emotionen oder seine mitgeteilten eigenen Emotionen 
vorfindet. Der erste Fall ist der häufigerere und Bleuler 8 ) sagt sehr 
richtig: „Die Suggestion ist ein affektiver Vorgang; die Suggestibilität ist 
eine Teilerscheinung der Affektivität." Die Emotionen können direkt sug- 
geriert werden (Angst der Massen); beim Kind werden die Gefühle der 
Eltern als Gefühle direkt suggeriert. Es besteht eine kongenitale Resonanz 
gegenüber den Gefühlen. Beim Erwachsenen wird die Emotion gleich- 
zeitigt mit dem intellektuellen Motiv, dein intellektuellen Inhalt, mitgeteilt. 
Manchmal bezieht sich die Suggestion auf indifferente Dinge und Hand- 
lungen, und dann wirkt die Emotion nur, indem sie zur Akzeptierung 
der Tatsache der Suggestion im allgemeinen veranlasst. Welches ist diese 
Emotion? Bleuler 4 ) meint hierzu: „Leider haben wir keinen Namen 
dafür, aber es wird niemand bezweifeln, dass dem Sichimponierenlassen, 
dem intellektuellen Gefühle des Dominiertwerdens ein starker Affekt ent- 
spricht, der auf der einen Seite (bei der Mehrzahl der Männer anderen 
Männern gegenüber) kontinuierlich verfolgt werden kann zu dem Affekt, 
welcher die Schrecklähmung bewirkt, andererseits (namentlich bei Frauen 
Männern gegenüber) in den Grenzfällen in eine Art Liebe übergeht, indem 
das Gefühl des Dominiertwerdens eine gewisse Süssigkeit besitzt, die dem 
Manne nicht so leicht verständlich ist." Freud und sein Schüler 
Ferenczy 6 ) nehmen selbst an, dass das Wesen der Hypnose auf eine 
unbewusste libidinöse Fixierung auf die Person des Hypnotiseurs zurück- 
zuführen ist, und dies wird durch die Entdeckung eines unbewussten 
parentalen psychischen Komplexes bei der suggerierten Person bestätigt. 



') Grasset, loc. cit. p. 92. 

2 ) E. Bleuler, Affektivitat^Suggestibilitat, Paranoia, I. Bd., p. 45 u. ff. 

s ) loc. cit. p. 53. 

*) loc. cit. p. 57. _ 

6 ) Introjektion und Übertragung. Jahrbuch, Bd. I, 2. Hälfte 1909. S. 422—457. 



Die Autotuggeation. '51 

Wenn man also beim Erwachsenen nicht leicht begreift, wie ein Affekt 
ohne seinen intellektuellen Inhalt, ohne die damit verbundene Vorstellung 
direkt suggeriert werden kann, muss man doch andererseits zugeben, dass 
das Gelingen einer Suggestion stets innig mit ihrem affektiven Werte ver- 

nUP Von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet, scheinen die postparoxysti- 
schen Autosuggestionen ihren Namen vollständig zu verdienen. Die Quelle 
der Suggestion ist die suggerierte Person selbst. Begünstigt durch be- 
sondere von uns dargelegten Umstände, steigert sich einer semer Angst- 
gedanken und die mächtige Emotion der Furcht wird instand gesetzt die 
gefürchteten Empfindungen und Bewegungen, wenn auch oft nur im Stadium 
der Andeutung, zu realisieren. Hier wie dort ist eine momentane Unter- 
drückung der Kontrolle der Persönlichkeit vorhanden, wir beobachten eine 
Wirkung auf das Herz, die Gefässe, das Nervensystem usw. Doch handelt 
es sich um weniger allgemeine Phänomene als die gewöhnlichen Sug- 
gestionen da sie eine Summe von ganz besonderen Voraussetzungen für 
ihre Herstellung erfordern. Diese charakteristischen Voraussetzungen für 
ihre Herstellung unterscheiden auch die postparoxystischen Autosuggestionen 
der Angstneurose von der hysterischen Autosuggestion, die manchmal die 
klinischen Formen der depressiven Neurosen komplizieren kann, deren 
Studium aber nicht in den Rahmen unserer Arbeit falll ). 

V. 
Wir können unsere Ausführungen in folgender Weise beschliessen : 

1 Die Autosuggestion ist ein Phänomen, das in den depressiven 
Neurosen und den neurasthenischen Zuständen selten auftritt. Abgesehen 
von einigen nicht häufig vorkommenden Fällen assoziierter Hysterie finden 
wir sie nur in der Angstneurose, wo sie den Typus der postparoxystischen 

Autosuggestion annimmt. ... n ... i u » „,„„„ 

2 Die Symptomatologie dieser neurasthenischen Zustande hat einen 
im allgemeinen somatischen und nicht seelischen Ursprung. Die Angst- 
zuständc des Kranken, die sekundäre Manifestationen sind stammen aus 
einer Störung der Affektivität und nicht aus Irrtümern des Verstandes. Sie 
haben einen gewissen berechtigten Charakter. 

3 Diese Umstände erklären die Unwirksamkeit der rationellen Psycho- 
theraoie die ganz willkürlieh vorgehend, auf nicht existierende psycho- 
£££? Phänomene abzielt und ihrer Natur nach unfähig ist, die be- 
stehenden Phänomene zu unterdrücken. 

i) Vgl. die neue Arbeit von Babinaki und D l a g n . a "-p° uve " p t fl ^ 
•Journal de Pavcbologie, 1912. n. 2 p. 97-146 und die letzten Arbeiten von Freud 

und seiner Schule. 






IV. 

Von Janet zur Individualpsychologie. 

Von Robert Freschl, Wien. 

I. 

Janet hat in seinem auf dem internationalen medizinischen 
Kongress zu London gehaltenen, Psycho-Analysis betitelten Vortrag 
zum Schlage gegen die Psychoanalyse und damit gegen Freud 
und seine Schüler ausgeholt und so schwere Vorwürfe gegen die 
Theorie und Methode dieser Schule erhoben, dass alle Eleganz und Höflich- 
keit des Franzosen darüber nicht hinwegzutäuschen vermag. — Wir wollen 
nicht leugnen, dass wir uns in vielen Punkten seines Angriffes gegen 
Freud auf seiner Seite befinden, müssen aber betonen, dass die wissen- 
schaftlichen Motive, aus welchen dies geschieht, meistens andere sind, 
weil sie anderen Einsichten entspringen. 

Janet stellt sich die Aufgabe, die Unterschiode /.wischen Psycho- 
analyse und psychologischer Analyse (steckt dahinter nicht 
schon eine sehr starke Agression ?) aufzuzeigen, indem er diese Unter- 
schiede auf drei Probleme hin prüft, nämlich: Das Problem des 
Traumas in der Neurose, die Rolle des Traumas in der 
Neurose und der sexuelle Charakter des Traumas in der 
Neurose, wobei er hinzufügt, dass dies natürlich nur ein Gesichtspunkt 
in dem ungeheuer ausgedehnten Wissensgebiet sein könne. 

Das traumatische Erlebnis. 

Der Autor gibt eine kurze historische Entwicklung der Psycho- 
analyse, die von Charcot's Arbeiten über traumatische Neurosen ihren 
Ausgangspunkt genommen hat, um zu zeigen, in welcher Weise die Psycho- 
analyse von diesen Forschungen abgewichen ist und sie verändert hat. 
Janet bezieht sich auf sein Buch „L 'au tomatisme psycho- 
1 o g i q u e", zeigt in einem sehr interessanten Falle die Bedeutung des 
Traumas für diese Neurose und kommt zu dem Schlüsse, dass das trauma- 
tische Erlebnis in gewissen Fällen eine wesentliche Rolle spiele, dass es 
im allgemeinen nur eine sehr beschränkte Bedeutung, ja in einer grossen 
Anzahl von Fällen keinerlei Bedeutung habe, und erklärt diesen Umstand 
mit dem Satze, dass eine Neurose mit dem Ensemble ihrer Symptome 
eine sehr komplexe Sache sei, da viele Ursachen sie aufbauen helfen. . . . 



Robert Kreachl, Von Janet zur Tndividualpsycbologie. 153 

Damit das Erlebnis gefährlich, d. h. traumatisch wird, ist es netwendig, 
dass es mit einem ganz besonderen geistigen Zustand zusammentrifft, der 
seine Entwicklung begünstigt. Der Autor hat diesen gefährlichen, prä- 
disponierenden Zustand oder dieses Ensemble von anderen, geistigen Sym- 
ptomen, das sich mit der Erinnerung an ein Ereignis verbinden kann, um es 
traumatisch zu gestalten, oft untersucht, und es durch die Ausdrücke : Ver- 
engung des Bewusstseinfeldes, Schwäche der psycho- 
logischen Synthese, Verminderungder psychologischen 
Spannung, zusammenzufassen gesucht. ... 

Um ein Ereignis zu einem traumatischen Erlebnis werden zu 
lassen, muss es mit einem Zustand geistiger Depression zusammen- 
fallen ' — Janet vergleicht diesen Vorgang mit dem tier Infektion, in der 
auch der allgemeine organische Zustand zur Zeit der Infektion eine Rolle 
spiele und fragt nun: Woher kommt diese psychologische 
Schwäche, diese Depression? Diese Frage beantwortet er, nach- 
dem er darauf hinweist, dass diese Depression zeitlich vom Ereignis un- 
abhängig ist (also vor, nach oder im Augenblicke des Erlebnisses entstehen 
kann), dahin, dass die Ursache dieses Zustande« in der ererbten Kon- 
stitution, im 'Lebenslauf des Individuums, in dessen organischen Krank- 
heiten, in den verschiedenen Intoxikationen, die es erlitt, zu erblicken 
ist meint aber, dass diese Momente auch ohne traumatisches Erlebnis 
eine Neurose stabilisieren können. ... Die fixen Ideen, die in der Neurose 
auftauchen, sind nicht notwendigerweise der Ausdruck eines traumatischen 
Erlebnisses: sie können sich durch einen ganz anderen Mechanismus bilden. 
Diese Ideen können einfach der mehr oder minder verschleierte Ausdruck 
des sentiment d'incompletude sein, welchen das, Subjekt an- 
lässlich seiner Depression empfindet. ... Die Aufdeckung traumatischer 
Erlebnisse ist daher für die Erklärung und Behandlung gewisser Neurosen 
sehr wichtig, und man muss alle Anstrengungen machen sie aufzudecken, 
falls es solche gibt, aber man muss auch alle Anstrengungen machen, sie 
nicht zu entdecken, falls es solche nicht gibt. . . . Dieses war der Stand 
der über diese Frage begonnenen Studien, als Freud und eine grosse An- 
zahl seiner Schüler auf demselben Gebiet erschienen, um es anscheinend zu 
revolutionieren. „Tatsächlich waren ihre Ergebnisse gleich 
den meinen und die Autoren änderten nur einige Namen 
in ihren psychologischen Schilderungen. Sie sagten 
Psychoanalyse, wo ich psychologische Analyse sagte, 
sie nannten das Komplex, was ich psychologisches 
System genannt hatte, sie tauften das, was ich als 
Dissoziation der Ideen oder moralische Desinfektion 
bezeichnet hatte. Katharsis. Die Namen waren ver- 
schieden, aber der geistige Inhalt wurde ohne Ände- 
rung angenommen. ...Noch heute, wenn man die aben- 
teuerlichen Erörterungen beiseite lässt und bloss die 
Veröffentlichungen im Hinblick auf das Trauma prüft, 
findet man noch die analogen Schilderungen, wie ich 
sie früher veröffentlicht hatte." . . . In ähnlicher Weise be- 
spricht Janet auch die Methode und kommt auf die Traumdeutung zu 
sprechen. Hierzu bemerkt er : Schon M a u r y 1861, und vor ihm Charma 
in seinem Buch über den Schlaf, hatten gesagt, dass die Wünsche des 
Menschen sich viel freier im Traum als im Wachzustande offenbaren. 



154 Robert Frosch], 

„Die Seele enthüllt in ihrer tiefen Ruhe und Stille wie auf einem 
klaren Grunde alle ihre wahren Affekte und ihre Lüsternheiten, und wagt 
man es weder zu sagen noch zu tun, was sich während des Schlafes in 
Gedanken darstellt." — Der Traum ist ein Ventil — sagt auch A. Daudet. 
Aber für diese Autoren war das nur ein besonderes Gesetz, auf gewisse 
und nicht auf alle Träume anwendbar und seine Wirkung mit der vieler 
anderer Gesetze verknüpfend. Freud wandelte diese für besondere Fälle 
aufgestellte Hypothese in ein allgemeines Prinzip um. . . . Und 
nun wendet sich J an e t in sehr heftiger Weise gegen die Form der Inter- 
pretation der Träume im allgemeinen und gegen ihre sexu- 
elle Deutung im besonderen und schliesst die Betrachtung über das 
Trauma mit den Worten: „Ich will mich darauf beschränken, die cha- 
rakteristischen Unterschiede der beiden Lehren festzustellen: Sie gehen 
beide von der Betrachtung desselben Problems aus, dem Studium des 
traumatischen Erlebnisses in der Neurose. Die psychologische Ana- 
lyse stellt das Trauma in gewissen nicht erklärten Beobachtungen fest, 
sie lässt dieses als Hypothese gelten, welche sich mit anderen Tatsachen 
verbindet, um in der Bestimmung gewisser Symptome eine Rolle zu 
spielen. Die Psychoanalyse wandelt diese Hypothese in ein all- 
gemeines Prinzip um, setzt dieses Prinzip als gegeben voraus 
und erklärt infolgedessen sehr leicht alle ihre Beobachtungen im Sinne 
dieses zugrundegelegten Prinzips." 

Der pathologische Mechanismus des traumatischen 

Erlebnisses. 

Der Autor geht von Charcot aus, der den Mechanismus der 
Suggestion annahm und geht dann zu dem von ihm gefundenen viel 
einfacheren Mechanismus über, den er als l'automatisme psycho- 
logique bezeichnet. Er sagt: „Die Erinnerung an das Ereignis selbst ist 
durch ein System psychologischer und physiologischer Tatsachen von 
sehr verschiedenen Vorstellungen und Bewegungen bestimmt; dieses 
im Geiste haftende System zögert nicht einzudringen, es vereinigt sich 
auf assoziativem Wege mit einer Menge von ursprünglich fremden Vor- 
stellungen und Bewegungen. . . . Auf diese Art bereichert und inmitten von 
durch die allgemeine Depression geschwächten Gedanken mächtig geworden, 
realisiert es sich automatisch, ohne sich des Mittels der Idee oder 
der Suggestion zu bedienen und bringt Handlungen, Attitüden, Leiden, 
Delirien aller Art hervor. Ich unterscheide primäre und sekundäre Vor- 
stellungen usw. . . . Dann : „In meinen Untersuchungen über die Emotionen 
stütze ich mich besonders auf eine andere Tatsache, die auch eine be- 
deutende Rolle in diesen Erscheinungen spielen muss, auf die Er- 
müdung." Das Individuum, das ein traumatisches Erlebnis gehabt hat, 
bewahrt in der Wirklichkeit die Erinnerung einer schwierigen Situation, 
aus welcher es nicht in Ehren hervorging, in welcher es sich nicht zu 
behaupten verstand. Infolge dieser quälenden Erinnerung befindet es sich 
beständig in der gleichen Situation und es macht unaufhörlich unfrucht- 
bare Anstrengungen, um sich zu behaupten. Es gleicht einem Menschen, 
der fortwährend gegen eine Mauer stösst mit der unsicheren Hoffnung, 
sie zu demolieren. Aus diesem Kampf resultiert eine unaufhörlich 
wachsende Erschöpfung, eine Verminderung der psychischen Spannung, 
und die Wirkungen dieser Depression werden alle Erscheinungen in un- 



Von Janet zor Individualpsychologie. 155 

erreichter Art komplizieren. Die Untersuchungen über den Mechanismus 
des Traumas haben mich ausserdem auf andere Studien, die gleicherweise 
in den Arbeiten der Psychoanalyse eine grosse Wichtigkeit erlangt haben, 
gebracht, und die ich deshalb erwähnen muss. . . . Eine der Schwierig- 
keiten, denen man beim Studium des traumatischen Erlebnisses bei den 
Hysterischen begegnet, ist die, dass das Individuum sich keine Rechenschaft 
über die Wichtigkeit dieses Ereignisses geben kann, dass es dieses selbst 
nicht zu wissen scheint, es scheinbar vollständig vergessen hat. Es handelt 
sich hier aber nicht um ein wirkliches Vergessen, denn wirklich vergessene 
Tendenzen haben aufgehört wirksam zu sein, und hier haben latente Ten- 
denzen eine wirkliche Aktivität, bestimmen die Träume, Delirien, Störungen 
jeder Art. Es handelt sich auch nicht um eine Verstellung des Kranken, 
welchen es Überwindung kostet zu gestehen, dass die Erinnerung ihn quäle, 
und welche er zu verbergen sucht. Hier liegt eine tatsächliche Unfähigkeit 
vor, sich Rechenschaft zu geben von dem, was in ihm vorgeht, und es 
sich selber zu beschreiben. Das ist eine besondere Verände- 
rung des hysterischen Rewusstseins, welche viel mehr 
auf dem persönlichen Bewusstsein des Kranken, als auf 
einer selbständigen Tendenz zu beruhen scheint, und 
das ich im Jahre 1889 unter dem Namen des „subconscience par 
desagregation psychologique" zu beschreiben versucht habe. 
Dieser besondere Charakter gewisser traumatischer Erlebnisse bei den 
Hysterischen scheint Wichtigkeit zu haben, denn die fixen Ideen dieser 
Art stellen sich als die gefährlichsten dar, ja man kann in der Form einer 
Hypothese sagen, dass diese fixen Ideen gefährlich sind, weil sie der 
Persönlichkeit entschwinden, weil sie einer anderen Gruppe von Erschei- 
nungen zugehüren, über welche der bewusste Wille keine Macht hat. Die 
Gewalt solcher Ideen ist durch ihre Isolierung gegeben; sie wachsen, 
nisten sich wie ein Parasit im Geiste ein und können in ihrer Entwicklung 
nicht durch die Anstrengungen des Individuums aufgehalten werden, weil 
sie unbewusst sind. Warum aber nehmen gewisse Tendenzen diesen un- 
bewussten Charakter an? — Es ist leicht nachzuweisen, dass das P ha- 
nomen des Unbewussten nur während der ernstesten Periode 
der Krankheit auftritt, und dass es verschwindet, wenn die Heilung be- 
ginnt Man findet häufig, dass die Kranken während der Heilung spontan 
die Erinnerung an Ereignisse wiederfinden, welche sie vorher nur im 
somnambulen Zustand hatten. Die deprimierende Wirkung der Emotion 
kann auf einer besonderen, im Augenblick eines peinlichen Erlebens wirk- 
samen Tendenz beruhen. Diese erschöpfte Tendenz kann sich nicht ge- 
nügend erheben, um in ihren Realisationen den Charakter höherer psychi- 
scher Erscheinungen anzunehmen, sie kann nicht mehr bewusste Hand- 
lungen hervorbringen. Wir finden hier wieder das Problem der Depression, 
welche, wie wir gesehen haben, von verschiedenen Ursachen abhängig 
sein kann, welche sich mit einem besonderen Erlebnis verknüpfen, mit 
einer Reihe von Störungen verbinden kann, oder von einer Constitution 
fonda mentale abhängt. — „Die unbewusste fixe Idee ist eine besondere 
Form dieser Depression, nach einer besonderen Tendenz lokalisiert. 

Diese Studien, so ganz unvollkommen sie auch 
waren, inspirierten die Arbeiten Freud's über das 
gleiche Problem, das Problem vom Mechanismus des 
Traumas. . . ." 



156 Robert FrMchl, 

Und nun polemisiert der Autor wieder in überaus scharfer Weise 
gegen die Aufstellung der Mechanismen : Konversion, Übertragung 
und Verdrängung. 

So sagt er: „Ich muss gestehen, dass ich von Anbeginn keine grosse 
Sympathie für diese psychologische Theorie der Verdrängung empfand 
und geneigt war, ihr aus mehreren Gründen zu misstrauen. Erstens kannte 
ich damals die psychoanalytische Methode und ihre grenzenlosen Ver- 
allgemeinerungen noch nicht so genau, und war ein wenig überrascht, 
diesen sehr, speziellen Ausdruck auf alle Erscheinungen, welche ich für 
sehr verschieden von einander hatte, angewendet zu sehen. Zweitens liebe 
ich es nicht sehr, pathologische Störungen durch den Willen des Kranken 
zu erklären, und ich hätte Mühe zu verstehen, dass die einfache Willens- 
anstrengung des Kranken diese pathologischen Veränderungen hervorbringen 
könnte. Schliesslich scheint es mir nicht richtig, dass die Verdrängung, 
der Kampf gegen unsere Tendenzen, im allgemeinen die analogen Er- 
scheinungen im Unbewussten der Hysterischen bestimmt. Der Kampf gegen 
unsere Strebungen hindert diese, sich zu äussern, sich zu entwickeln, und 
durch diesen Kampf selbst werden sie nach und nach zurückgedrängt, 
vernichtet. — Wenn ich aus Gründen der Gesundheit der schlechten Ge- 
wohnheit des Rauchens widerstehen will, so beginne ich nicht damit un- 
bewusst oder im somnambulen Zustand zu -rauchen, sondern ich mache 
die Tendenz zu rauchen verschwinden. Das ist alles. Gerade das cha- 
rakterisiert das Unbewussle, dass die Tendenzen sich nicht, verringern oder 
latent bleiben, sondern dass sie sich im Gegenteil weiter entwickeln, sich 
stark realisieren, ohne dass die anderen Tendenzen des Geistes von ihrer 
Realisation erfahren, und ohne dass sie arbeiten können, jene z.u be- 
kämpfen. . . ." 

Janet fasst nun zusammen und sagt: „Während sich die psycho- 
logische Analyse darauf beschränkte, die Tatsache der Sug- 
gestion, des psychologischen Automatismus, des Un- 
bewussten, der Verminderung der psychischen Spannung 
festzustellen, sich bemühte, den Sinn der Worte genau zu erfassen, mög- 
lichst genaue Beobachtungen zu machen, kümmert sich die Psycho- 
analyse nicht um die feineren Unterschiede und betrachtet die Auf- 
stellungen der Übertragung und der Verdrängung ins Unbe- 
w u s s t e als Schlüssel zur ganzen Neurose. — Während die 
psychologische Analyse ihre Hypothese nur dazu verwendet, um 
den beobachteten Symptomen eine Rolle beizumessen, ihnen eine mehr 
oder weniger tiefe Bedeutung in der Krankheit zu geben, ihre so gemachte 
Voraussetzung so weit als möglich durch Beobachtungen stützt, sieht man 
in der Psychoanalyse mit Staunen, Tatsachen als blosse 
Symbole betrachten, welche man nach Willkür verändert, weil man 
vor jedem Studium des Falles überzeugt ist, hinter den Tatsachen eine 
Übertragung und eine Verdrängung zu finden, ohne welche 
die Neurose unmöglich wäre." Und er schliesst diesen Ab- 
schnitt mit den Worten: 

„Man muss zugeben, dass die dürftige Konzeption 
vom Unbewussten, die ich 1886 — 89 schüchtern vorlegte, 
seit dieser Zeit ein glänzendes Schicksal gehabt hat. 
Sie war in meinen Augen nur der Ausdruck gewisser 
psychologischer Beobachtungen, eine Erscheinung, 



Von Jaiiet zur Individualpsychologie. 157 

welche in gewissen Fällen pathologische Störungen 
hervorrief. Das Unhewusste ist in den Studien der 
Spiritisten und Okkultisten eine wunderbare Grund- 
lage der Kenntnisse und Handlungen geworden, die 
über unsere begrenzte Persönlichkeit hinausgehen; 
das Unbewusste ist bei den Psychoanalytikern das all- 
gemeine Prinzip und die aprioristische Erklärung jeder 
Neurose." 

Das traumatische Erlebnis und die Sexualität. 

Nun wendet sich J a n e t den Untersuchungen über die Holle der 
sexuellen Störungen in der Pathogenese der Neurosen zu und gibt 
einleitend eine kleine historische Übersicht der Entwicklung dieser An- 
schauungen, die über Hippokrates, Sony er Villermay (1816) 
zu B r i q u e t und C h a r c o t führen, welche Forscher gegen lächerliche 
Übertreibungen protestierten, aber sehr wohl die wichtige Rolle der 
Sexualität in den nervösen Erkrankungen erkannten. — Man könne 
also nicht behaupten, dass sich die psychologische Analyse 
für diese Erscheinungen nicht interessiert hätte. — 

„Allerdings," fährt Jauet fort, ,,hat die Psychoanalyse in 
diesem Punkte eine ganz und gar originelle Stellung eingenommen. 
Um das gut zu verstehen, darf man nicht vergessen, dass die sexuellen 
Störungen von dieser Schule auf ganz sonderbare Weise verstanden werden. 
Es handelt sich ihr nur um traumatische Erinnerungen, die sich auf 
sexuelle Erlebnisse (Abenteue r) beziehen. Was die Häufigkeit 
solcher Erlebnisse anlangt, so spricht sich die Schule Freud's sehr 

deutlich darüber aus. 

„Statt wie alle vorangehenden Beobachter festzustellen, dass man 
solche" Erinnerungen bei manchen Neurosen findet, behaupten sie, und 
das ist ihre Originalität, dass man solche Erinnerungen bei allen 
Neuropathen ohne Ausnahme findet. Ohne solche durch das Trauma 
veränderte Abenteuer gibt es keine Neurose. . . ." In den folgenden Aus- 
führungen behandelt Jan et in äusserst ironischer und herabsetzender 
Form die Art und Weise, wie diesen Erlebnissen nachgeforscht wird und 
macht sich, manchmal hinter Zitaten anderer Autoren verschanzt, über 
die Deutungen Freud's in einer Art ka r r i kier e n d o r Charla- 
taneric lustig. Dann sagt er: „Über das Problem, welche Rolle diese 
sexuellen Störungen und diese Erlebnisse in der Krankheit spielen, gibt 
die Schule Freud's sehr deutlich ihrer Meinung Ausdruck. Sie be- 
hauptet, dass in allen Neurosen dieses Sexualtrauma nicht etwa eine 
der Ursachen, sondern die wesentlichste, ja die einzige der 
Krankheit sei. Dieses sexuelle Trauma sei die spezifische Ur- 
sache der Neurose, ebenso wie heute die Syphilis als spezifische Ur- 
sache der Tabes und Paralyse betrachtet wird. Die Darstellung 
dieser durch ihre Einfachheit verführenden These wird auf mancherlei Art 
gegeben. Am häufigsten geschieht dies mittels einer Methode, die ich die 
symbolische Konstruktion nennen möchte, in welcher die durch 
die Verdrängung und Übertragung gegebenen Prinzipien verwendet werden." 

Diese Methode kann nur an einigen Beispielen verständlich gezeigt 
werden; und Janet gibt diese, allerdings nicht ohne ironische Unter- 
malung, dann setzt er fort: „In seiner Studie „Zur Ätiologie der 



158 Robert Freschl, 

Hysterie 1896'* hat Freud erklärt, dass seine pathogenetischen 
Entdeckungen für die Neurosenpathologie das sein würden, was 
für die Geographie die Entdeckung der N i 1 q u e 1 1 e n bedeutete, d. h. 
die grösste Entdeckung dieser Wissenschaft im 19. Jahrhundert. Es sei 
gleich bemerkt, dass später (1905) Freud erkannte, dass er sich in einigen 
Punkten getäuscht habe, und dass es für verschiedene Neurosen keine so 
sicher bestimmbare Ätiologie zu geben scheine. (Er scheint die Entdeckung 
der Nilquellen widerrufen zu haben, meint La da me.) Aber am Grund- 
prinzip hält er fest und dieses lautet: Bei einem normalen Ge- 
schlechtsleben sei eine Neurose unmöglich. Diese Be- 
hauptung bildet einen sehr wesentlichen Unterschied zwischen psycho- 
logischer Analyse und Psychoanalyse." — Jan et meint, dass man be- 
haupten könne, dass ebenso wie sexuelle auch andere Emotionen 
in der Ätiologie der Neurosen eine Rolle spielen können. — So z. B. 
zeige Coriat (Boston) den „Ekel", Boris Sidis die „Furcht" 
als Mittelpunkt vieler Fälle der Neurosen. Man kann mit diesen Gedanken 
leicht ein ebensolches System konstruieren, wie dies Freud mit den 
sexuellen Instinkten getan hat. Meiner Ansicht nach spielen im mensch- 
lichen Leben die Tendenzen, die Depression zu fliehen und 
dieAufregung zusuchen, eine bedeutende Rolle. Die Störung diesei 
Tendenzen wird zum Ausgangspunkt einer .grossen Zahl quälender Ideen 
und Impulse. — Nachdem Jan e t wieder in längeren Ausführungen gegen 
die Erfindungen der Psychoanalyse spricht, zitiert er Oppenheim 
(Berlin), welcher die Psychoanalyse eine moderne Folter 
nennt; Janet aber findet den Ausdruck zu stark, da die Autoren, wie er 
hofft, nur ihre eigene Einbildungskraft quälen. Man darf nicht, sagt 
Coriat, die Analyse bis zu einem Punkte treiben, an welchem Logik 
und Vernunft ersetzt werden durch die Einbildungskraft des 
Analysierenden. 

Für uns, sagt Janet, ist diese Methode eine Methode der will- 
kürlichen symbolischen Konstruktion, die zeigt, wie d ie 
Dinge erklärt werden könnten, wenn die sexuelle Ätiologie der 
Neurosen feststünde. 

Nun wendet sich der Vortragende der Untersuchung zu, welche Rolle 
diesen Störungen im Zusammenhang der Krankheit von der Psychoanalyse 
zugewiesen wird. Janet kommt zu dem Schlüsse, dass den sexuellen 
Störungen dieselbe Bedeutung beizulegen sei, wie anderen Sym- 
ptomen; ja dass man bei einer grossen Anzahl von Fällen zeigen kann, 
dass die sexuelle Störung statt die nervöse Krankheit zu 
verursachen, im Gegenteil ihre Folge und ihr Ausdruck 
i s t. Ebenso wie die sexuelle Unzulänglichkeit (Insuffizienz) 
nicht mehr ist als ein spezieller Fall der allgemeinen psychi- 
schen Insuffizienz. So werden die Nervösen immer unfähiger, ein«» 
psychologische Erscheinung zu Ende zu bringen, sie bleiben auf halbem 
Wege in dieser und allen anderen Empfindungen stehen. . . . Man darf 
sich von diesen Kranken nicht täuschen lassen und ihnen wirklich un- 
ersättliche geschlechtliche Bedürfnisse zuschreiben. Diese 
Attitüden hängen im Grunde mit ihrem impulsiven Verlangen zu lieben 
und geliebt zu werden zusammen, welches in Beziehung steht mit ihrem 
Bedürfnis nach Leitung, nach Erregung und mit ihrem Gefühle der 
l!n Vollkommenheit (incompletude), das die Depression begleitet. 



Von Janat zur Individualpsychologie. 159 

Diese Obsessionen der Liebe sind von gleicher Bedeutung wie ihre 
Obsessionen der Macht, der Eifersucht oder ganz einfach der An- 
trieb um Alkohol und Morphium zu nehmen. Man begeht einen 
grossen Fehler, sie als ursprünglich und abgeleitet aus einem älteren 
oder neueren Sexualtrauma anzusehen, während sie nichts anderes sind 
als der Ausdruck der Depression selbst. J a n e t zeigt an einem sehr 
instruktiven Fall, dass die geschlechtliche Abulie (es handelt 
sich um eine 30 jährige an Frigidität leidende Frau) nur ein Ausdruck der 
allgemeinen Abulie sei und berichtet, dass in diesem Falle einige 
hygienische Sorgfalt, moralische Führung (welche die Schwierigkeit der 
Entscheidung verringerte), eine schrittweise Erziehung zur Initiative die 
Heilung herbeigeführt hat. . . . 

Und Jan et schliesst diesen Abschnitt, indem er sagt: „Wir haben 
gesehen, dass dieser Autor (Freud) versucht hat, die Konzeption 
der psychologischen Analyse über das traumatische Er- 
lebnis und das Unbewusste in origineller Weise umzuformen 
und sie ins Grenzenlose zu verallgemeinern. Auf diese Art und Weise 
kommt er beinahe notwendigerweise dazu, Alkovengeheimnisse 
zu enthüllen. 

Die psychologische Analyse hatte in hypothetischer 
Form die bedeutende Rolle der Sexualität in der Neurose festgestellt; die 
Psychoanalyse hat diese Aufstellung in eine Tatsache umge- 
wandelt, um ein Wort Bleuler's und Ladame's zu leihen, in das 
Dogma der Panse xu a 1 i t ä t." 

In seinen Schlussfolgerungen findet Janet, dass die psycho- 
analytische Bewegung viel Ähnlichkeit mit der Epoche der Sug- 
gestions-Epideraie in Frankreich hat. Und ebenso, wie er damals 
gegen diese Art, die Dinge zu verwirren, protestierte, muss er es heute 
tun, wenn man das alte Spiel mit einem Worte beginnt, das sich noch 
weniger hierzu eignet, mit dem Worte „Sexualwunsch". — Nach dieser 
Methode könne er zeigen, dass Tuberkulose und K r e b s die indirekten 
und überraschenden Folgen infantiler Masturbation seien. . . . 
Diese oratorischen Übungen seien aber nicht nur unbedeutend 
und unnütz, sie seien auch sehr gefährlich. Man könne ja ent- 
schuldigen, wenn sie sich auf Worte bezögen, die zu diesem Zwecke ge- 
prägt wurden und ohne vorherige Bedeutung seien, wie dies in der Sprache 
der Metaphysiker geschehe. — Aber das Wort „Suggestion" und das 
Wort „Sexual wünsch" haben in der Sprache ihren ganz bestimmten 
Sinn. Durch dieSublimierung wird die Verwirrung noch grösser. . . . 
Die Psychoanalyse scheint zwei Arten des Verfahrens zu benützen. 

Das eine kann man nicht näher erklären, weil es darin besteht, 
dass man dem Kranken zu einem normalen und regel- 
mässigen Koitus mit einem vollkommenen (ideal) Prä- 
servativ rät 1 ). Das andere Verfahren scheint methodisch geeigneter, 
es besteht, wenn ich mich nicht irre, in der allgemeinen Anwendung eines 
Examens mit dem Kranken, welches ich selbst in meinen ersten 
Studien angeführt habe. Meiner Meinung nach ist dieser Vorgang nur ein 
einfacher Beginn der Behandlung, welcher den Patienten besser zu ver- 



i) Jaoet zitiert nach Lad am e, Nevroses et gexualite, l'Encepbale 1913, p. 71, 



IQQ Robert Freichl, 

stehen und seine moralische Erziehung besser zu leiten gestattet. Man 
muss daran arbeiten, dieses Trauma durch Suggestion und andere 
Mittel zu dissoziieren. Ich sagte, dass das traumatische Erlebnis 
unaufhörlich eine schwierige Situation vor die Augen des Patienten stellt, 
in der er sich nicht behaupten kann. Die Aufgabe des Arztes ist es nun. 
nicht nur aufzudecken, welche Situation es ist, die beständig den Kranken 
aufhält, sondern ihm zu helfen, sich in dieser Situation zu behaupten, 
sie auf irgend eine Art zu bewältigen. — Diese Bewältigung scheint ihm 
der schwierigste Teil der Behandlung zu sein, zu welcher die Erforschung 
des unbewussten Erlebnisses nur die Einleitung ist. 

J a n e t wendet sich gegen die v a g e und m e t a p h o r i s c h e Sprache 
der Psychoanalyse. Nicht nur, dass alles ins Unermessliche ver- 
allgemeinert wird, haben alle Ausdrücke einen halb mystischen, 
oft einen doppelten Sinn und wir wissen nie, wie wir sie interpretieren 
sollen. Er verwahrt sich dagegen, dass metaphysische und philo- 
sophische Erörterungen ans Bett des Kranken, in die Atmo- 
sphäre des Krankenhauses getragen werden, wo sie keinen 
Wert haben. 

So sagt er: „Die Psychoanalyse ist vor allem eine 
Philosophie, vielleicht interessant, wenn sie den 
Philosophen vorgelegt würde. 'Sie nähert sich, wie 
E. Regis und A. Hosnard bemerkten, der Konzeption, 
die Stahl, Heinroth und die deutsche psychologische 
Schule in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts 
den philosophischen Ärzten vorschlugen, die das metaphysische 
Problem der Verrücktheit untersuchten. Unglücklicherweise will 
die Psychoanalyse gleichzeitig eine medizinische Wissenschaft sein 
und erhebt Anspruch diagnostisch und therapeutisch verwend- 
bar zu sein; hier liegt der wahre Grund der Schwierigkeit und der Miss- 
verständnisse, welchen wir bei ihrem Studium begegnet sind. . . ." 

Und Janet'schliesst: „Später wird man die übertriebenen 
Verallgemeinerungen und abenteuerlichen Symboli- 
sierungen, welche heute diese Forschungen zu cha- 
rakterisieren scheinen und sie von anderen wissen- 
schaftlichen Arbeiten unterscheiden, vergessen und 
sich nur an eines erinnern: dass die Psychoanalyse der 
psychologischen Analyse grosse Dienste erwiesen hu t." 

II. 
Was uns an dieser in vielen Punkten ganz ausgezeichneten Arbeit 
Janet's vor allem 'Wunder t, ist der Umstand, dass er, obzwar diese 
Studie einen Angriff auf Freud und seine Schule darstellt, nicht 
einer Richtung in der Psychologie gedenkt, die von Alfred Adler 
unter dem Namen der I n d i v i d u a 1 - und Kompensations Psycho- 
logie vertreten wird. Dies scheint um so erstaunlicher, als die For- 
schungen Alfred Adlers, die sich in manchen Punkten den An- 
schauungen Janets nähern, den ersten in deutscher Sprache mit ent- 
scheidenden Argumenten geführten Angriff gegen Freud und 
seine Schule darstellen. So hat Adler in seinem Buch .,Ü I) c r den 



Von Janet zur Individualpsychologie. 161 

nervösen Charakter" 1 ) unabhängig von Janet und in weitaus 
grösserem und beweisendem Zusammenhang darauf hingewiesen, dass 
sexuelle Anomalien bereits als S y m p t o m e der neurotischen Er- 
krankung anzusehen sind und deshalb die sexuelle Ätiologie der 
Neurosen nicht zu halten sei. Auch das Gefühl der Minderwertig- 
keit, dem Adler allerdings eine ungleich grössere und be- 
stimmendere Bedeutung beilegt, dürfte mit dem sentiment d'in- 
completude verwandt sein. Ja selbst die Idee der Kompensation 
finden wir bei Janet angedeutet (wo er davon spricht, dass die schein- 
bare Unersättlichkeit des Kranken in Beziehung steht mit seinem In- 
suffizienzgefühl). Und doch haben Janet und Adler völlig ver- 
schiedene Perspektiven. Während Adler nach einer Einheits- 
konz eption der Neurose sucht und sie in seiner Kompensations- 
theo rie, in seinem männlichen Protest, in seiner Erkenntnis 
des beim Nervösen tendenziös betonten Apperzeptions- 
schemas mann lieh -weih lieh, oben-unten, gefunden zu haben 
glaubt, sucht Jan et gar nicht nach einer einheitlichen Auffassung, sondern 
begnügt, sich mit der Aufstellung einzelner psychischer Mechanismen. 
Janet erklärt es sogar für irrtümlich, nach einer ätiologischen Einheit 
zu suchen, und bemerkt wiederholt die Verschiedenheit der Ur- 
sachen für verschiedene Erscheinungen in der Neurose. 

Da sind wir allerdings anderer Anschauung. Wir meinen — und 
dafür liefert uns wissenschaftliche Erkenntnis und praktische Erfahrung 
überaus zahlreiche Beweise — , dass es äusserst wertvoll ist, eine auf dem 
Wege der Erfahrung und Intuition (ja selbst in der exaktesten 
Wissenschaft können wir die I n t u i t i o n nicht leugnen) erworbene, brauch- 
bare Arbeitshypothese, eine Schablone, ein Schema ab- 
zuziehen, in welches dann die besonderen Erscheinungen des einzelnen 
Falles, sozusagen die Variablen der Realität, eingetragen werden. 
Wie wichtig aber ist es, die G r u n d f u nktion zu kennen! Denn 
diese nur scheinbar ap r io r i s ti s <■ h e Hypothese, diese zum 
Zwecke der leichteren Orientierung angenommene Schablone, setzt uns in 
den Stand auf ungleich denkökonomischere Weise, geführt durch 
eine leitende Idee, in den Kern der Erscheinungen vorzudringen. Und eben zu 
den vornehmsten Aufgaben wissenschaftlicher Forschung gehört es, diese 
Schablonen, die sich auch als prinzipielle Gesetze geben können, aufzu- 
finden und ihre Anwendbarkeit auf die speziellen Fälle lebendigen Ge- 
schehens zu zeigen. Ja es scheint uns die Entwicklung in der Wissen- 
schaft in dem Umstände gegeben, dass eine Hypothese auf dem Wege des 
Kampfes durch eine andere, brauchbarere ersetzt wird. — So hat Adler 
die Unhaltbarkeit der Freud'schen Hypothese bewiesen. Er hat gezeigt, 
dass die polymorphe und so allmächtig gemach te Libi do, 
die Sonne im System Freu d's, kein Zentrum, sondern eine peri- 
phere Erscheinung ist, er hat dargestellt, wie die „volonte de 
puissance" (welcher Ausdruck nicht, wie Jan et nach Jones zitiert, 
bei Schopenhauer, sondern bei Nietzsche zu finden ist) ihre 
psychologische Begründung in der Erhöhung des Persönlich - 
keitsgefühls, im Streben nach einem Persönlichkeits- 
ideal" hat, und wie dieses überkompensatorisch gesteigerte Verlangen 



i) Über den nervösen Charakter, 1912. J. F. Bergmann, Wiesbaden. 
Zentrmlbl»tt für Psychoanalyse. IV V*. 11 



162 Robert Freachl, 

den Nervösen die seltsamsten Umwege gehen lässt. Mit seinem Wort. 
„Der Neurotiker hat keine Reminiszenzen, sondern er 
macht sie", hat er das Wesen der erinnerten Erlebnisse, also auch der 
traumatischen durchleuchtet und ihre Bedeutung als ein im Dienste einer 
Tendenz stehendes Mittel, also als ein dynamisch verwendetes 
Element, charakterisiert. In seinem schon erwähnten Buche bringt Adler 
eine Fülle zu einer Einheit verbundenen Gegebenheiten und Mechanismen, 
die die Neurose konstituieren. Er zeigt uns gleichsam die ganze ungeheuer 
komplizierte Maschinerie der Psyche, in der alle Schwungräder und Ventile, 
alle Hämmer und Transmissionen, von einer gemeinsamen Kraftquelle ge- 
speist, trotz aller Bewegung, trotz allen Aufwandes von Energien, trotz 
allen Getöses, das die Aufmerksamkeit der engeren und weiteren Umwelt 
erregen soll, im Falle der Neurose nur einen für seine Wirkung in die 
Realität völlig effektlosen Leerlauf erzeugen, weil infolge einer merk- 
würdigen Kompensationsmechanik, eben der neurotischen, 
keinerlei Kraft zur Leistung einer Arbeit frei wird. Wir wissen sehr gut, 
dass diese teleologisch orientierte, vom Gedanken der Zielsetzung be- 
herrschte Theorie J a n e t als seiner Meinung nach viel zu sehr gene- 
ralisierendes und rationalistisches System bekämpfen 
wird, aber wir müssen sie doch als entwicklungsfähigste Hypo- 
these in der Psychologie der Gegenwart ansehen. 

III. 

Nun wollen wir an einem von Jan et gebrachten Falle, mit allen 
Vorbehalten, welche durch das uns zugängliche, für eine psychologische 
Untersuchung äusserst fragmentarische Material gegeben sind, die Unter- 
schiede zwischen psychologischer Analyse und individual- 
psychologischer Betrachtung zeigen, wobei es uns erscheint, dass 
es sich in der psychologischen Analyse um eine rein deskrip- 
tive Arbeit handelt, der leider in unserem Sinne „das geistige 
B a n d" fehlt, während wir bei der individualpsychologischen 
Behandlung sehr gut eine geschlossene Linie psychologischen Erfassens 
andeuten, unter günstigeren Verhältnissen des zur Verfügung stehenden 
Materiales auch nachweisen könnten. 

Janet berichtet: Ein junges Mädchen von 19 Jahren zeigt jeden 
Monat zur Zeit der Menstruation starke konvulsivische Anfälle, verbunden 
mit Delirien, die sich mehrere Tage hinziehen. Die Regel beginnt normal, 
aber einige Stunden nach dem Beginne der Blutung beklagt sich die Kranke 
über grosse Kälte und zeigt einen sehr charakteristischen Schüttelfrost; 
in diesem Augenblick hört die Blutung auf, und die Delirien beginnen. In 
den Intervallen zwischen den Anfällen hat die Pat. Angstanfälle mit 
Halluzinationen, in denen sie vor sich vergossenes Blut sieht, ausserdem 
zeigt sie gewisse ständige Erscheinungen, u. a. eine Anästhesie der 
linken Gesichtshälfte mit einer Amaurosis des linken Auges. 

Als ich die Geschichte des Lebens dieser Kranken und vor allem 
die Erinnerungen, welche sie von verschiedenen Ereignissen ihres Lebens 
bewahrt hatte, mit Sorgfalt studierte, fand ich gewisse merkwürdige Tat- 
sachen. 

Im Alter von 13 Jahren hatte dieses junge Mädchen seine Monats- 
blutungen aufzuhalten versucht, indem es sich in einen Kübel kalten 



Von Janet zur Individnalpsychologie. 163 

Wassers setzte und hatte bei diesem Anlass Schüttelfrost und Delirien 
gehabt; die Blutungen hörten unverzüglich auf und zeigten sich während 
mehrerer Jahre nicht, als sie wiederkamen, hatten sie jene Störungen 
herbeigeführt, die wir feststellen konnten. Später war sie erschrocken, 
als sie eine alte Frau über die Stiege fallen sah, deren Stufen mit ihrem 
Blute übergössen wurden. Ztf einer anderen Zeit, ungefähr im Aller von 
9 Jahren, war sie gezwungen mit einem Kinde zu schlafen, dessen Gesicht, 
vor allem die linke Seite, mit einem Ausschlag bedeckt war, und sie hatte 
während der ganzen Nacht einen grossen Ekel und grosse Angst empfunden. 

Man kann feststellen, dass diese Ereignisse die Stellung (Attitüde) 
der Pat. bestimmt haben, und dass sie genau jenen gleichen, welche wir 
heute in ihren Anfällen wahrnehmen können. Man kann behaupten, dass 
sich die Anfälle nur infolge dieser Ereignisse und der von ihnen zurück- 
behaltenen Erinnerung entwickelt, haben; heute noch kann man die Anfälle 
hervorrufen, indem man die Erinnerung an das korrespondierende Er- 
eignis hervorruft. Wenn man die Erinnerung durch verschiedene Prozesse 
ändert, stellt man das Verschwinden oder die Änderung der Symptome 
fest. Aus diesen Bemerkungen fliesst ziemlieh natürlich die Annahme, 
dass die von diesen Zwischenfällen zurückgebliebene Erinnerung eine ge- 
wisse Rolle in der Determination der hysterischen Symptome dieses 
Mädchens gespielt hat und noch spielt, und dass sie auf die besondere 
Form, in der man diese Symptome wahrnimmt, beeinflussend wirkt. 

Dieser Bericht Janets gibt uns keine Auflösung der Symptome, 
denn wir können diesen einfach beschreibend aufgestellten Zu- 
sammenhang zwischen Erlebnis und Symptom nicht als irgendwie die 
psychologische Dynamik des Falles aufhellend anerkennen. 

Unsere Problemstellung ist eine prinzipiell andere und da wir 
teleologisch orientiert sind, lautet unsere Frage: Warum und 
wozu hat diese 19jährige Hysterika als 13jähriges 
Mädchen gegen ihre Menstruation gekämpft? Die Antwort 
auf Grund der Adl ersehen Theorie ist diese: Aus dem Gefühle ihrer 
Minderwertigkeit als Weib (das möglicherweise in einer Genitalhypoplasie 
seinen organischen Ausdruck hatte) hat dieses neurotische Mädchen seine 
Regel zu unterdrücken gesucht und dieserart gegen ihre Rolle als Frau 
protestiert (Adler's „männlicher Protest"). Dieser Vorgang ist nichts 
anderes, als der durch eine Handlung ausgedrückte, dem Mädchen natür- 
lich nicht bewusste Satz: Ich will '«in Mann sein! Wir sehen 
aber, dass alle Erlebnisse in der gleichen tendenziösen Art verwendet 
werden. Die Patientin tut einfach gar nichts anderes, als dass sie ihrer 
Leitlinie, ihrem fiktiv gesetzten Lebensplan: „Ich handle so, als 
ob ich ein .Mann sein wollte" folgt. So zieht sie aus allen Er- 
lebnissen jene Elemente, die ihr zum Arrangement ihrer Neurose 
geeignet erscheinen, sie wählt und gruppiert tendenziös. Die Erinne- 
rung an den Fall der alten Frau drückt die gleiche Tendenz aus, wie ihr 
Versuch, die Menstruation zu hemmen. Die Anästhesie stellt einerseits den 
immer wirkenden Protest gegen den Zwang dar und heisst nichts anderes, 
,als Ekel und Furcht erregen wollen", ist also, wie Adler 
dies genannt hat, eine Avance nach rückwärts. 

Vielleicht ist es nicht unwichtig darauf hinzuweisen, dass bei diesem 
Mädchen, solange die Menstruation ausbleibt, das heisst, solange sie sich 

II* 



j04 Robert Freschl, Von Janet zur Individualpsychologie. 

nach dieser Richtung hin als männlich empfinden kann, keinerlei 
Symptome auftreten und erst bei Wiederbeginn der Monatsblutungen ver- 
bunden mit diesen erscheinen. Leider ist uns der Fall zu wenig genau 
bekannt als dass wir beurteilen könnten, in welchem Masse die Anfälle 
anderen Tendenzen, wie : In-den-üienst-stellen der Umgebung, Beweis für 
das Nicht-allein-sein-können usw. zweckmässig entsprechen. Wichtig er- 
scheint uns vor allem das in diesem Falle ganz deutlich sichtbare 
neurotisch visierte Apperzeptionsschema: männlich — weib- 
lich, Sieg — Niederlage, Macht — Ohnmacht. 

Wir konnten uns im Hinblick auf verschiedene Umstände nur in 
allgemeinen Betrachtungen bewegen und sehen in dieser Arbeit nicht 
mehr, als einen beiläufigen Versuch, Herrn Dr. Pierre Janet, dessen 
hervorragende Verdienste auf psychologischem Gebiete wir vollauf an- 
erkennen, auf die Bestrebungen und Forschungsergebnisse der indivi- 
dualpsychologischen Schule aufmerksam zu machen. 



Mitteilungen. 



i. 
Der psychoanalytische Ahasver. 

Von Dr. Wilhelm Stekel, Wien. 

Ich möchte an dieser Stelle auf eine sehr interessante Erscheinung 
aufmerksam machen, die mir in der Praxis der Psychoanalyse in letzter 
Zeit wiederholt aufgefallen ist: Es ist der „psychoanalytische 
Ahasver". So nenne ich den Patienten, der zu uns kommt, nachdem er 
bei einem oder bei mehreren anderen Kollegen in Behandlung stand, 
welche Behandlung — und das ist ja selbstverständlich — bei ihm ohne 
Erfolg gewesen ist. Er kommt gewöhnlich sehr begeistert mit einem 
grossen Vojrrat von Komplimenten und guten Vorurteilen. Er hätte alle 
unsere Schriften gelesen und gefunden, wir wären der Einzige, der eine 
vernünftige Methode gebrauche; oder er habe gleich zu uns kommen wollen, 
aber Freud oder X. oder Y. hätten ihm geraten, zu einem anderen zu gehen ; 
er wisse es ganz bestimmt, ich wäre der Einzige, der ihn heilen könne. 
Ich sei seine letzte Hoffnung. Wenn er jetzt zu keinem Resultate komme, 
so wisse er, dass er unheilbar sei und man ihn überhaupt nicht mehr 
retten könne. Dann bleibe ihm nur der Selbstmord als ultima ratio. Er 
kommt meistens von anderen Kapazitäten. Er war bei Freud, Jung, 
Adler und wolle jetzt einmal noch Stekel probieren, oder umgekehrt, 
damit er sich sagen könne, dass. er alles versucht habe. Denn er habe 
den sicheren Glauben an die Psychoanalyse. Wenn ihm zu helfen wäre, 
so könne dies nur durch die Psychoanalyse geschehen, welche die genialste 
Methode wäre, welche unsere Zeit erfunden hätten. F r e u d sei ein grosses 
Genie; aber er, der Kranke, sei halt ein Pechvogel. Ihn habe das Genie 
oder seine Methode nicht heilen können. Im Vertrauen gesagt, er habe 
eigentlich nie an alle diese Symbolismen geglaubt. Es müsse noch etwas 
anderes geben, als das, was man bis jetzt gefunden habe. Bei seiner 

Analyse sei eigentlich nichts herausgekommen. Gar nichts Er habe 

schliesslich gar keine Einfälle gehabt und die Behandlung wäre eine Qual 
gewesen. Persönlich schätze er Dr. X. sehr. Er sei ein reizender Mensch 
und von einer bestrickenden Liebenswürdigkeit. Aber er wäre doch inacht- 



J 



IQß Dr. Wilhelm Stekel, 

los gegen seine Neurose. Dr. Y. wäre ein Ekel. Er habe gar nicht gewusst, 
dass er ein Jude sei. Er habe ja nichts gegen die Juden, aber das ganze 
Wesen des Mannes sei jüdisch. Dr. Y. wäre ein Hohlkopf. Ich möge diese 
Aufrichtigkeit entschuldigen. Er habe ihn eigentlich ganz verpatzt und 
nun ganz den Kopf verdreht. 

Behandelt man aber einen solchen Patienten, so bricht oft der ganze 
Hass gegen den alten Arzt durch. Er hätte sich lächerlich benommen. 
Während der Stunde geraucht und die Zeitung gelesen, am Telephon Privat- 
gespräche geführt. Er verstehe eigentlich wenig von der Medizin. Er 
habe fortwährend mit ihm streiten müssen. Jetzt sei das etwas ganz 
anderes. Jetzt wisse er erst, was eine Behandlung sei usw. . . . 

Man lasse sich von diesen Patienten nicht täuschen. Ihnen han- 
delt es sich nur darum, über den Arzt zu triumphieren 
und sich und dem Arzte ihre Unheilbarkeit noch einmal 
zu demonstrieren. Nur wenn man diesen psychischen Mechanismus 
durchschaut hat, kann man einen Erfolg erzielen. Gewisse Kranke, von 
denen man annehmen kann, dass sie wirklich gut behandelt wurden, darf 
man gar nicht annehmen. Nun ist aber bei der heutigen Zersplitterung 
der psychoanalytischen Bewegung fast jeder Analytiker im Besitze einer 
alleinseligmachenden Methode. Der geheime Grössenwahn des Normal- 
menschen zeigt sich beim Psychoanalytiker in einer erschreckenden Rein- 
kultur. Der Arzt, der so angesprochen wird, möchte dann über seinen 
Kollegen triumphieren und auch dem Kranken beweisen, dass er ein ganz 
anderer Kerl ist. ... Er wird ihn schon gesund machen. Ich habe einen 
ähnlicher. Berufsneid und eine ähnliche Berufseitelkeit nur unter Sängern 

gefunden 

Andererseits ist es manchmal schwer, so einen Kranken abzuweisen. 
Es lässt sich ja nicht leugnen, dass Psychoanalyse heutzutage ein Deck- 
mantel für den grössten Unsinn und Unfug sein kann. Da kommt ein 
Patient, dessen Arzt eine Analyse in Gegenwart seiner Frau durchmachte, 
welche gewissenhafter Weise die Reizworte und Reaktionsworte, die Zeiten 
usw. notierte; dann ein anderer, der durch viele Wochen mit der voll- 
kommen unbrauchbaren Assoziationsmethode ohne Dritten geplagt wurde; 
ein dritter, der durch Monate durch die ganze Hölle der modernen Ex- 
kretions- und Analerotik geführt wurde, während sein Aktualkonflikt über- 
sehen wurde; ein vierter, bei dem die Analyse mit einer Prostatamassage 
(incredibele dictu!) kombiniert wurde; ein fünfter, der jedesmal in hyp- 
notischen Halbschlaf versetzt und dem dann suggeriert wurde, er müsse 

Einfälle bringen Und das alles heisst Psychoanalyse! Man möchte 

manchmal einen anderen Namen für die herrliche Wissenschaft finden, 
welche durch die jüngsten Lächerlichkeiten so schwer kompromittiert wurde. 
Es bleibt in einem solchen Falle nichts anderes übrig, als den 
Patienten zu behandeln und ihn zu überzeugen, dass er nicht gesund 
werden will und besonders jene Methoden vorzieht, welche ihm gestatten, 
seine Neurose zu behalten. Wie man nämlich bei diesen Wandervögeln 
auf wichtige Zusammenhänge kommt, welche die geheime Konstruktion 
der Neurose erschüttern, werden sie unruhig, beginnen den alten Arzt 
über den grünen Klee zu loben und sprechen von Zeitmangel, von den 
grossen materiellen Opfern. Es sei schade, es werde ebensowenig nützen, 
wie in den früheren Fällen. Man müss sich auf den härtesten Kampf ge- 
fasst machen und sich den Grundsatz vor Augen halten: Der Angriff ist 



Der psychoanalytisch« Ahasver. 167 

die beste Parade. Man sagt ihnen alle diese Komplikationen vorher und 
beraubt sie so dieser Waffen gegen den Arzt. Man verspreche ihnen 
keine Heilung. Man lobe, wenn man ängstlich ist, den Konkurrenten ! 
Denn man kann sicher sein, dass Ahasver wieder „zur Konkui enz" geht 
und alles haarklein erzählt. Man lasse sich am besten gar nicht ein, wenn 
man nicht die Überzeugung hat, dass man etwas leisten könne. (Leider 

hat man diese Überzeugung immer! ) 

Man beschränke den Kampf immer wieder darauf, dem Kranken 
seinen inneren Widerstand gegen die Heilung klar zu machen. Man glaube 
diesen erfahrenen Meisterdieben, welche sich und den Arzt um die schönsten 
Erfolge bestehlen, kein Wort von der Übertragung und dem männlichen 
Proteste usw. Man lasse sich nicht von dem angelernten Wissen täuschen. 
Diese Kranken haben auch die Gewohnheit, das Thema während der Stunde 
sehr geschickt auf allgemeine Fragen zu bringen. Besonders die .analytisch 
behandelten Ärzte. Plötzlich muss man sie über die Gefahren der Analyse 
belehren, sie fürchten, sie könnten wirklich pervers werden, oder gar 
ein Verbrechen begehen, sie könnten sich von der Frau scheiden lassen, 
wenn die Ehe an ihrer Neurose schuld sei. Sie wollen einen grossen Vor- 
trag über die Verdrängung hören. Und besonders ihre Träume I Die sind 
voller Fallen und Tücken, voller Verspottungen des Arztes und seiner 

Methode ! 

Noch böser ist es, wenn diese rachsüchtigen Neurotiker zu einem 
Feinde der Psychoanalyse gehen. Dem tischen sie dann wahre Schauder- 
geschichten auf und lassen sich gerne von ihm heilen, wenn sie ihren 
Ärzten einen rechten Schabernack spielen wollen. Der einzige Schutz 
ist es, ihnen alle diese Möglichkeiten vorauszusagen. Dann kommen sie 
in Versuchung, den Analytiker Lügen zu strafen und ihm zu Trotz bei ihm 
und durch ihn gesund zu werden 



II. 

Die Psychologie der Lüge. 

Von Giuseppe Fanciulli. 

Im Aprilheft der „Psiche" widmet Giuseppe Fanciulli dem 
Phänomen der Lüge eine interessante Studie. Mit Recht, denn dieses 
Phänomen, das ins moralische, soziale, persönliche, wie ins religiöse und 
konventionelle Leben eingreift, hat eine weite und zugleich tiefe Be- 
deutung. Der Autor meint, dass die Universalität dieses Phänomens schon 
darauf hinweist, es handle sich nicht um eine blosse Annahme des 
normalen Gedankens, der gewissermassen der objektiven Wahrheit ent- 
spricht, sondern um eine zweite Gedankenform, die neben der ersteren 
a latere besteht. Die Gesetze der psychologischen Wahrheit fallen tat- 
sächlich nicht mit denen der objektiven Wahrheit zusammen. Wenn ein 
äusseres Datum zu einem Faktum des Bewusstseins wird, so begibt es sich in 
der oder die Herrschaft der Gesetze, die dieses Bewusstsein regeln. Es 
findet eine Deformation im Sinne einer Anpassung an die bereits bestehenden 



168 Giuseppe Fanciulli, 

psychischen Gewohnheiten statt, damit das allgemeine Gleichgewicht des 
Bewusstseins nicht geändert werde; eher ändert man dieses isolierte 
Faktum. Es handelt sich also um den Einfluss der psychologischen Ge- 
setze auf die der objektiven Wahrheit. Wenn man diese Anforderungen, 
der Psyche näher definieren will, so erkennt man, dass sie der Ausdruck 
von Begierden, Tendenzen, der Ausdruck sämtlicher dynamischer Elemente 
sind, das heisst, /dass sie an der tiefsten Basis der Psyche zu liegen 
scheinen, Elemente, die gleichzeitig die lebende Kraft, aber auch die 
Gefahr von Störungen für den theoretischen Gedanken darstellen. 

Alle diese uribewussten Modifikationen der objektiven Wahrheit sind 
nicht als Lügen anzusprechen, sondern sie gehören dem normalen Funktio- 
nieren des Gedankens an. Doch zieht die Lüge ihren Ursprung aus der 
Möglichkeit dieser Deformationen, oder besser gesagt aus deren Aner- 
kennungv. Will man sich auf das prähistorische Gebiet der Psyche wagen, 
so könnte man annehmen, dass in den weiter zurückgehenden Zeiten die 
Deformationen der objektiven Wahrheit durchgreifendere gewesen seien. 
Sowohl wegen der grösseren Vorherrschaft der strebenden Elemente über 
die theoretischen, wie auch wegen der geringeren Vervollkommnung der 
Ausdrucks- und Mitteilungsmittel. Doch die Lüge lernte der Mensch erst im 
Augenblicke erkennen, als er erkannte, dass er auch die Wahrheit sagen könne. 
Man kann also zwei verschiedenere Stellungnahmen des Individuums gegen- 
über dem objektiven Datum annehmen, die eine, die den grösstmöglichen 
Respekt für diese impliziert, und die andere, die sich auf Modifikationen 
einlässt. Die Lüge entstand mit der bewussten Absicht, eine objektive, 
anderen mitzuteilende Grösse zu modifizieren. Man kann rücksichtlich 
der Anforderungen des psychischen Gleichgewichtes die uninteressierten 
unterscheiden, welche dem Bedürfnis entsprechen, die Wirklichkeit ästheti- 
schen, logischen usw. Kriterien anzupassen — und Lügen, welche durch 
Leidenschaften und Impulse inspiriert werden, das heisst also, welche den 
verschiedensten utilitarischen Tendenzen entspringen können. Der Lügner 
der ersten Gruppe besitzt eine Gewandtheit darin, die von der Erfahrung 
gelieferten Daten auf Grund gewisser ideeller Kriterien zu vervollständigen, 
zu bereichern und zu vergrössern. Die Lügen dieser Art sind gewöhnlich 
„unschuldig", d. h. sie schaden niemandem. Ein häufig vorkommender 
Typus dieser Art ist der Optimist. Ein degenerierter Typus dieser Art 
ist der des Aufschneiders, der den Wunsch nach Bewunderung impliziert. 
Man muss sagen, dass fast alle moralischen und sozialen Gesetze pri- 
mordialen Tendenzen und Instinkten widersprechen; um diese zu be- 
friedigen und gleichzeitig nicht der Sanktionierung des Gesetzes entgegen 
zu handeln, erfindet das Individuum eine verbale Zustimmung zum Gesetze 
selbst und ändert, die Tatsachen so, dass sie erscheinen, als hätten sie sich 
gemäss den Forderungen des Gesetzes entwickelt. Man lügt also immer, 
um psychischen Anforderungen Genüge zu leisten, die mehr oder weniger 
von denen des genauen Bewusstseins und des genau richtigen Gewissens 
entfernt sind. 

Um den Mechanismus der Lüge zu studieren, geht der Autor von 
der von Duprat vorgeschlagenen Klassifikation in positive und in negative 
Suggestionen ein. Duprat Hess sich in seinen Konklusionen durch ge- 
wisse physiologische Ähnlichkeiten leiten. Aber er selbst erkannte den 
springenden Punkt des studierten Prozesses, als er schrieb: .,Der Lügner 
muss sich zurückhalten, seinen Gedanken offen auszudrücken. Er ist 



Die Psychologie der Lüge. 169 

nicht einfach ein immaginativer Mensch, sondern er konzipiert gleichzeitig 
das, was er ausdrücken sollte und das, was er tatsächlich in anderer Weise 
zum Ausdruck bringt." Tatsächlich besteht die Lüge nicht so sehr im 
Erfinden, wie darin, dass mit dem scheinbar gleichen Glauben auf doppelte 
Weise gedacht wird, so dass im selben Bewusstsein zu gleicher Zeit das 
Wahre und das Falsche zugegeben wird. Die Grundlage der Lüge ist 
also eine Bezeichnung zwischen zwei Stellungnahmen des Bewusstseins und 
nicht zwischen zwei Elementen des inimaginativen Prozesses. Davon muss 
das Studium des Mechanismus der Lüge ausgehen. Die Phantasietätigkeit, 
die zur Lüge aufgewendet wird, ist ganz anders als jene, die in der 
ästhetischen Schöpfung, im Spiel und im Traum entfaltet wird. Man wird 
wohl sagen, dass in jenem Falle das Individuum das erfindet, das Bewusst- 
sein eines nicht wahren Gedankens hat. Dies trifft 'nicht zu. „Nicht wahr" 
wird der Phantasiegedanke im allgemeinen bloss von der dritten Person 
genannt, oder vom Subjekt selbst, wenn es den Standpunkt des Dritten 
einnimmt. Aber während der Gedanke gedacht wird, sind die Prädikate 
wahr und nicht wahr nicht mit dem Urteil verknüpft, vielmehr wird die 
Tätigkeit der ästhetischen Schöpfung durch das Auftreten eines solchen 
Urteils gestört. In der Phantasietätigkeit der Lüge besteht die erste Lüge 
in dieser Tätigkeit unabhängig vom objektiven Inhalt. Denn diese Tätig- 
keit besteht in einem Gedanken, dem ein konstitutives Element, die wirk- 
liche Anerkennung des Subjektes fehlt. Die Lüge ist also vor allem die 
mehr oder weniger gut ausgeführte Imitation eines legitim konstituierten 
Gedankens und darf als solche mit keiner anderen immaginativen Form 
verwirklicht werden. Der Autor wird zu einem interessanten Problem 
geführt. Der Gedanke, der die Lüge konstituiert, besteht aus einer Reihe 
von Urteilen. Ein Urteil erfordert notwendig Behauptung oder Verneinung, 
also im Grunde eine Überzeugung. Ist es möglich, dass die konstitutiven 
Urteile der Lüge aller Überzeugung bar sind? Gewiss nicht. Die Finalität 
der Lüge macht begreiflich, wie deren Phantasietätigkeit in ihrem Wesen 
verschieden ist von jener, die für andere Zwecke aufgewendet wird. Der 
Lügner sucht nicht ein Schönheitsprodukt, sondern bloss einen Aspekt der 
Wahrscheinlichkeit zu erreichen. Die Bilder und ihre Synthesen spielen 
hier eine Nebenrolle; die Hauptanstrengung gilt der klugen Verknüpfung 
der logischen Beziehungen. Der Autor kommt zum Schlüsse, dass die 
Lüge eine Phantasietätigkeit sui generis darstellt. Der Autor studiert die 
Koexistenz der Lüge und des wahren Gedankens, auf die sich ja zum Bei- 
spiel die Bemühungen des Untersuchungsrichters zwecks Zerstörung des 
Lügengebäudes stützen. Während des Verhörs kommt er der lügnerischen 
Phantasie des Angeklagten entgegen und ermutigt sie. Dann, wenn er 
sein Vertrauen gewonnen hat, wirft er plötzlich eine Frage auf, die dem 
Bewusstsein der Wahrheit entsprechen muss. Dadurch wird das liewusst- 
sein dieser bisher zurückgedrängten Wahrheit erregt, der Angeschuldigte 
glaubt, Irrtümer begangen zu haben, er hält seine weitere Verteidigung für 
überflüssig und legt ein Geständnis ab. 

Diese allgemeine Frage von der Verdoppelung der Ideenbildung wird 
schliesslich aufgeworfen. In anderen Fällen führt der bilaterale psychische 
Prozess — mit dieser Phrase, die glücklich gewählt ist, greift der Autor 
ins Wesen der Lüge ein — zu einer wirklichen Verdoppelung der Persön- 
lichkeit — so im Traume, im Spiel, in der ästhetischen Schöpfung und 
besonders in der szenischen Fiktion des Schauspielers. Die beiden geistigen 



170 Giuaeppe Fanciulli, Die Psychologie der Lüge. 

Reihen, aus denen die Lüge gesteht, trachten sich jedoch gegenseitig aus- 
zuschalten und sie stehen immer in Kontraststellung. Es erscheint daher 
die Anwesenheit des reichen emotilen Inhaltes gerechtfertigt, die Duprat 
veranlasst hatte, den psychischen Prozess der Lüge als eine Emotion zu 
betrachten. Neben den emotiven und instinktiven Grössen, die jede immagi- 
native Tätigkeit enthält, treten natürlich auch jene auf, die jede Ver- 
doppelung der Persönlichkeit freimacht. Und da diese Verdoppelung einen 
Kontrast enthält, müssen viele emotive Umstände auftreten. Hier hat der 
Autor eigentlich das Wesen der Lüge berührt, die nach den Forschungen 
der Neurosenlehre Wünsche des Unbewussten verrät. 



m. 

Diverse Mitteilungen. 

Von weiland stud. med. Ernst Marcus 1 ). 

Zwei Fälle von Versprechen. 

1. Eine Dame ärgert sich über sich selbst und sagt zu mir: ,Oft ist man 
wirklich sehr dumm, Albert." Sie wollte sagen „albern', aber die unbewusste Eitel- 
keit mischt sich drein und macht „ albert" draus, das an „halbert" (wienerisch statt 
.halb") anklingt, also eine Abschwächung des für sie wenig schmeichelhaften Ana- 
spruches. (Möglicherweise auch eine Erinnerung an einen Herrn Namens Albert.) 

2. Eine andere Dame sieht in einer Auslage Trikot- Badeanzüge für Damen. 
Sie sagt: .Ich finde solche Schwimmanzüge unästhetisch." — Der Gedanke an das 
anstössige Wort „ unanständig' macht aus »unästhetisch" , das eigentlich nicht am 
Platze ist, „unästhetisch". 

Ein Fall von Verschreiben. 

Ich schreibe in der Anatomievorlesung in mein Kollegienheft „Cbialsma" statt 
„Chiasma". — Deutung: Ich hatte eben über einen Kollegon, der sich unnötigerweise 
vor mich gestellt und mir die Aussicht verstellt hatte, gedacht: „Das ist ein Laus- 
bub". Die Lautfolge L-s mit dem darauffolgenden Labiallaut aus „Lausbub" hatte 
sich in „Chiasma* eingedrängt und „Chialsma" draus gemacht. 

Ein Fall von Namenverges9en. 

Während einer Nachtfahrt von Berlin nach Wien im Mai 1911 wache ich 
während des Aufenthalts io einer Station auf. Ich suche mich an den Namen einer 
Station zu erinnern, in der ich auf der Hinfahrt aufgewacht bin. Nach einiger Zeit 
fällt mir Rumburg ein; ich suche aber weiter nach einem anderen Ort, in dessen 
Name ein „i* vorkommen soll. Endlich komme ich auf den richtigen Namen : 
Nimburg. 

Zur Deutung des Namensvergessens assoziiere ich wie folgt: „Gott Nimm" 
Bielohlawek, die Wahl im Parkviertel, die kommenden Reichsratswahlen überhaupt. 



') Ans dem Nachlasse des so tragisch ums Leben gekommenen hoffnungsvollen 
Mitarbeiters des Zentralblattes. — Sie zeigen seine ersten Kenntnisse in der Psycho- 
analyse. 



atud. med. Ernst Marcus, Diverse Mitteilungen. 171 

Da weiss ich auch schon die Lösung. Ich hatte mir vorgenommen, im Falle ich bei 
einer gewissen Dame kein Gehör finden sollte, mich an der Wahlagitation intensiv 
zu beteiligen, um meine Zeit und meine Gedanken auszufüllen. Unter anderem hatte 
ich speziell das Parkviertel vorgesehen. Der erwähnte Fall erschien nun eingetreten. 
Die Vorstellung der Wahlen, speziell im Parkviertel, erschien daher unverträglich. — 
Als zweite unverträgliche Vorstellung war der Schmutz der Politik wirksam. 

Ein Fall von Einwirkung des latenten Trauminhaltes auf bewusste Gedanken. 
Ich bilde mir plötzlich ein, einer Bekannten nicht zum Geburtstag gratuliert 
zu haben und hole dies nach. Es stellt eich heraus, dasa ich doch rechtzeitig gratu- 
liert habe. Ich konnte feststellen, dass ich in der Nacht, bevor mir raeiDe angeb- 
liche Unterlassung einfiel, einen Traum hatte, in dessen latentem Inhalte ganz neben- 
sächlich auch jene Dame vorkam. Die vollständige Deutung des Traumes gelang 
erst, nachdem ich meinen Irrtum in bezug auf das Gratulieren erkannt hatte. 

Zur Zahlensymbolik. 

Verwandt mit dem scheinbar unmotiviertem Einfallen von Zahlen in Träumen 
oder im Wachleben ist wohl der Fall, dass einem ein Datum scheinbar unbegründet 
und in unsinnigem Zusammenhang einfällt. In folgendem, an mir selbst beobachteten 
Beispiel war die Deutung überraachend einfach. 

Ich ging im Mai 1911 an einem Hause vorbei, in das ich für den nächsten 
Winter eine Balleinladung erwartete, die mir wichtig schien. Ich sagte mir die Ant- 
wort vor: .Ernst Marcus dankt besteDB für die äusserst liebenswürdige Einladung 
und wird ihr mit grossem Vergnügen Folge leisten, Wien, 20. August." Da fiel mir 
auf, dass man bei solchen Karten kein Datum zu schreiben pflegt. „A was, ich 
muss es nicht immer so machen wie die anderen." Dann erst fiel mir auf, dass der 
20. August als Datum ja ganz unsinnig war. Durch Assoziationen kam ich zu keiner 
Erklärung dieser Fehlleistung. Ich dachte also nach, was ich am letzten 20. August 
erlebt hatte und kam darauf, dass ich möglicherweise gerade an diesem Tage mit 
einem 30 tägigen Kasernenarrest bestraft worden war, der mir sehr unangenehm war. 
Unmittelbar vorher hatte ich an diesen Arrest gedacht und mich darüber geärgert. 
Ich konnte nicht bestimmt konstatieren, ob das Datum richtig war, erst als ich zu 
Hause nachsah, erkannte ich, dass ich mich nicht geirrt hatte. Mein Unbewusstes 
hatte also das Datum in Erinnerung behalten. 

Zweckmässige Handlangen des Unbewassten. 

1. Ich habe in Berlin ein Buch gekauft, das ich in Wien jemandem mitbringen 
will. Wie ich eine Widmung hineinschreiben will, fällt mir ein, ich könnte gezwungen 
sein, das Buch zu verzollen, da der Zollbeamte die Widmung und das Datum lesen 
könnte. Ich schreibe aber die Widmung doch. Nachher bemerkte ich, dass ich das 
Datum falsch, statt 25. Mai, 25. April geschrieben habe. Das Unbewusste hatte es 
so eingerichtet, dass ich keine Grenzschwierigkeiten zu befürchten hatte. 

2. Während meines Aufenthaltes in Berlin arbeitete ich viel in der Universi- 
tätsbibliothek. Dabei glaubte ich fortwährend zu bemerken, dass mich ein jeder 
fixiere und fixierte heftig zurück. Im allgemeinen bin ich kein Raufbold. Lösung: 
Ich wollte damals gern länger in Berlin bleiben, während ich aus bedeutenden 
Gründen nach Wien hätte zurückkehren sollen. Eine Kontrahage hätte mich ge- 
zwungen, wenigstens noch ein bisschen in Berlin zu bleiben. 

3. Ich sitze mit meinem Freunde bei Tisch, noch zwei andere sind anwesend. 
Es liegt eine Verstimmung zwischen uns, an der ich schuld bin. Wegen der An- 



172 atud. med. Ernst Marcus, Diverse Mitteilungen. 

Wesenheit der anderen können wir uns nicht aussprechen , nur ein Händedruck war 
möglich. Ich will mir Brot abschneiden und frage meinen Freund: „ Willst Du auch?" 
,Ja." Während ich ihm abschneide, denke ich, jetzt sollte er dann für mich abschneiden, 
das würde die Versöhnung symbolisieren. Wie ich dann für mich abschneiden will, 
schneide ich mich tief in den Finger und ohne an meinen früheren Bedanken zu 
denken, sage ich: , Jetzt musst Du mir abschneiden", was er auch tat. Mein Unbe- 
wusstes hatte dem Wunsch nach symbolischer Versöhnung zur Wirklichkeit geholfen. 

Eine Symptomhandlang. 

Ich ärgere mich sehr über jemanden und obwohl ich weiss, dass er unschuldig 
ist, sage ich halblaut vor mich hin: „Ich will ihn schlagen.* Gleichzeitig fällt mir 
der Spazierstock aus der Hand. 



Referate und Kritiken. 

Ludwig Frank: Affektstörungen. Studi.en über ihre Ätiologie und 
Therapie. Monographien aus dem Gesamtgebiete der Neurologie und Psychiatrie. 
Julius Springer. Berlin. 1913. 

Vorbedingung für jede Neurose ist nach Frank eine entsprechende Disposition. 
An Psychoneurosen erkranken feinfühlige, sittlich hochstehende, künstlerisch begabte 
Menschen, die in hohem Masse aufopferungsfähig und sehr gewissenhaft sind. Wie 
sie sich in ihrer ganzen psychischen Reaktionsweise ähnlich wie die Künstler vom 
Durchschnittsmenschen unterscheiden, so ganz besonders durch ihr Affektleben. „Die 
Eindrücke, die sie von der Aussenwelt empfangen, verursachen tiefere Bahnungen. 
Der durch sie ausgelöste Affekt ist intensiver und birgt häufig die Gefahr in sich 
zu stark zu werden. Diese Eindrücke werden für die Entstehung der späteren 
Neurose von ausschlaggebender Bedeutung" (S. 3). Beim Erleben affektbetonter 
Szenen tritt häufig ein so starker Affekt auf, dass ein hypnoider Zustand entsteht; 
d. h. das Bewusstsein wird so eingeengt, dass es von dem betreffenden Ereignis aus- 
gefüllt wird. Dieses gewinnt dadurch die Tendenz unterbewusst zu weiden. Tritt 
später eine assoziative Anregung der Erinnerung auf, so erfolgt meist eine Zurück- 
s tauung des Affektes; tritt er doch in das Bewusstsein über, so wird er verdrängt. 
Die Affekte neigen dazu sich zu akkumulieren. Eine Verstärkung erfahren sie 
ferner durch die Konversion bzw. die Neubesetzung. Ebenso wie mit den 
Neurosen verhält es sich mit den sexuellen Perversionen. „Bei der Entstehung 
dieser Abnormitäten handelt es sich — selbstverständlich abgesehen von angeborenen 
Zuständen — genau so um die Übertragung — i. e. die assoziative Verknüpfung des 
sexuellen Affekts mit einer Vorstellung, einem Gegenstand, einer Person oder Teilen 
von Personen, mit Tieren oder Teilen derselben etc , wie es sich bei der Entstehung 
z. B. von Angstneurosen und Zwangsvorstellungen mit der Übertragung der Angst 
verhält. Auch hier muss die Fähigkeit zu einer tiefen Bahnung vorhanden sein, 
ebenso die Tendenz der unterbewusst gewordenen gefühlsbetonten Vorstellungen sich 
wieder bewusst zu machen, so dass immer wieder ein ähnlicher Vorgang wie der bei 
der ersten Bahnung assoziativ mit dem gleichen Affekt erlebt wird. Die erstmalige 
Auslösung des Sexualaffekts hinterlässt bei solchen abnorm veranlagten Individuen 
eine stark nachhaltige Spur" (S. 9). 



Referate und Kritiken. 173 

Die Behandlung — i. e. das Abreagieren des eingeklemmten Affekts — erfolgt 
in der Hypnose. Ein oberflächlicher Schlaf ist am geeignetsten. Tiefere Grade der 
Hypnose Bind gänzlich ungeeignet. In manchen Fällen gentigt eine Aussprache im 
Wachzustand. Als ungeeignet für die Behandlm-;, bezeichnet der Verf. Kranke, die 
das 40. Lebensjahr überschritten haben, besonders noch, wenn das Leiden seit vielen 
Jahren manifest ist; ausserdem Fälle, bei denen die Komplexvorstellungen derartige 
sind, dass z. B. die Angst auch auf durch Heilung eintretende Momente übertragen 
wird. Der Kranke, müsste dann, um gesund zu werden, etwas tun, wovor er Angst 
hat. „Die Flucht in die Krankheit ist in diesen Fällen eine komplette." (Der Verf. 
denkt hierbei wahrscheinlich an die Fälle, in denen Heilung unmöglich ist, weil die 
Quelle der pathologischen Affekte nicht zum Versiegen gebracht werden kann, über- 
sieht aber, dass diese Tatsache aus inneren, in der Konstitution des Individuums be- 
gründeten Ursachen resultiert.) 

Die Dauer der Sitzung beträgt in der Regel eine Stunde. Nach mehrmaligem 
Abreagieren starker Affekte kann man sie auf 2 — 3 Stunden ausdehnen. Dies soll 
oft nötig sein, wenn eine ganze Determinantengruppe sich im Andrängen befindet. 
Man muss dann diese zu Ende abreagieren lassen. In solchen Zeiten gebt es den 
Patienten schlechter, die Krnnkheitssymptome sind gesteigert, öfters müssen sich 
die Kranken einige Tage erholen, bevor man die Behandlung fortsetzen kann. Ge- 
lingt die Hypnose, so treten unter Hellwerden des Gesichtsfelds die Affekte, und 
meist nach einiger Zeit die .Szenen" auf. Der Patient muss das Wiedererlebte genaa 
erzählen. Szenen, die nicht durchgesprochen worden sind, kehren immer wieder; sie 
sind dann nicht abreagiert. Wenn sich weder Szenen noch Vorstellungen einstellen 
wollen, ruft Frank den Patienten nach dem Vorgehen von Breuer und Freud 
Stichworte zu. Mitunter bedient er sich auch anderer Hilfsmittel, z. B. eines Drucks 
gegen die Herzgegend zwecks Auslösung von Angst, Berührung von Schmerzpunkten, 
Wiederherstellung von äusseren Verhältnissen, wie sie bei dem traumatischen Er- 
lebnis vorhanden waren u. dgl. mehr. 

Man sieht, die Anschauungen und Methoden Franks sind im wesentlichen 
die von Breuer und Freud aus dem Jahre 1895. Dem beschäftigten Praktiker sei 
es nicht möglich, meint er, dem Tempo der Entwicklung Freuds und seiner jetzigen 
„Ordeusschule* zu folgen. (Dieser Ausdruck, der gerade beute sicherlich nicht mehr 
angebracht ist, hat mich etwas überrascht, noch dazu, da er von Leuten entlehnt ist, 
die infolge ihres mangelnden Verständnisses für psychoanalytische Dinge jedenfalls 
mehr Berechtigung haben ihn anzuwenden als der PsychoKathartiker Frank.) In 
der Tat beschäftigt sich der Verf. mit der neueren psychoanalytischen Literatur gar 
nicht; ausser Breuer und Freud wird kaum ein Autor der p.-a. Literatur erwähnt. 
Es geschieht das allerdings weniger infolge einer ünterschätzung ihrer Ergebnisse, 
als aus dem Bedürfnis heraus ein Buch aus der Praxis und für die Praxis zuschreiben; 
es soll weniger der wissenschaftlichen Forschung dienen, als der Förderung der 
Therapie. Und da die Therapie des Verf. hilft, nach seiner Überzeugung immer hilft, 
solange es sich nicht um für die Behandlung ungeeignete Fälle im oben geschilderten 
Sinne handelt, so können alle neueren Forschungen für seine Zwecke nur von unter- 
geordneter Bedeutung sein. 

Wie steht es aber mit den Heilerfolgen? Wer das Frank'sche Werk auf- 
merksam liest, wird schnell die hervorragende psycho-therapeutische Begabung des 
Verf. bemerken. Das Buch vermittelt nicht nur die Kenntnis des kathartischen Ver- 
fahrens, sondern enthält auch psycho-therapeutische Winke von grösster Bedeutung, 
auf die ich an dieser Stelle nicht näher eingehen kann. Auf jeder Seite fühlt man 
dass hier ein Mann spricht, der kraft seiner Persönlichkeit und Begabung zur Be- 
handlung seelischer Leiden berufen ist. Bei dieser Sachlage kann man sich des Ein- 






174 Referate und Kritiken. 

drucks nicht erwehren, dass vieles, was dem kathartischen Heilverfahren in die 
Schuhe geschoben wird, ureigenstes Verdienst der persönlichen Einwirkung des Verf. 
ist. Man darf ja auch nicht vergessen, dass Psychoneuroson geheilt wurden lange 
bevor es eine Psychoanalyse gab. ja lange bevor überhaupt eine Kenntnis der Psycho- 
neurosen existierte. Dazu kommt, dass bei einer beträchtlichen Anzahl von den 56 
veröffentlichten Fällen denn doch die Gewissheit, dass eine Dauerheilung erzielt 
wurde, keine allzu grosse ist. Bei einigen ist der Suggestionserfolg offenkundig, bei 
anderen muss man eine Spontanheilung annehmen, bei wieder anderen hat man den 
Eindruck, als ob überhaupt keine Heilung, sondern nur eine entsprechende Versiche- 
rung des Kranken vorliegt 1 ). Solche Versicherungen sind doch mit etwas mehr 
Skepsis entgegenzunehmen, als es von Seiten des Verf. geschieht. Nun kann 
ich aber auch meine Bedenken gegen den Heilwert seiner Methode nicht ver- 
schweigen. Bei einer Anzahl von Fällen drängt sich dem in der Psycho- Analyse be- 
wanderten Leser der Eindruck auf, dass weit mehr dahinter steckt als der Verf. 
aus dem Fall herausholt, dass das kathartische Verfahren, wie er es ausübt, mit 
Tiefenpsychologie mitunter nicht allzu viel zu tun hat. Häufig vermisst man den 
psychologischen Zusammenhang der Erscheinungen, der allerdings unter gänzlichem 
Verzicht auf Deutungsverfahren und Kombinationen auch nur selten zu eruieren ist. 
Dazu kommt, dass vielfach in der Hypnose ein so enormes Material produziert wird, 
dass man sich unmöglich dazu verstehen kann, all dem einen determinierenden Ein- 
fluss auf die Gestaltung der Neurose zuzuerkennen. Diese einfache Tatsache genügt, 
um die Anschauung des Verf., dass in der HypnoBe nur verdrängtes, patbogenes 
Material zutage gefördert wird, ad absurdum zu führen. Zu einer solchen Auf- 
fassung konnte er ja auch nur gelangen, wenn er sich das Unbewusste als ein Kon- 
glomerat von verdrängten Komplexen vorstellte, eine Anschauung, die sich ja schon 
längst als gänzlich unhaltbar herausgestellt hat. Frank scheint auch der Ansicht 
zu sein, dass bei Gesunden eich in der Hypnose überhaupt keine „Szenen" einstellen 
können, dass ihr Auftreten also ein Beweis für das Bestehen psychoneurotischer 
Störungen ist. Er schliesst das vor allem darauB, dass bei seinen Patienten, wenn 
sie alle pathogenen Affekte abreagiert hatten, das Gesichtsfeld dauernd hell blieb. 
Vielleicht ist die Ursache für diese Erscheinung aber im wesentlichen darin zu suchen, 
dass seine Kranken nur unter Leitung einer ganz bestimmten vom Verf. suggerierten 
Zielvor6tellung ihr Gedächtnis durchforschten; man darf ja nicht vergessen, dass der 
hypnotische Schlaf in der Regel ein oberflächlicher war. Die Beantwortung der 
Frage, ob auch bei Gesunden in der Hypnose affektbetonte Erlebnisse in Form von 
Szenen auftreten, wird schon deshalb Schwierigkeiten machen, weil der Begriff der 
Gesundheit ja gar nicht zu fixieren ist. Aber gerade dieser Umstand spricht dafür, 
dass ein Unterschied zwischen Gesunden und Kranken auch mit Bezug auf die vor- 
liegende Frage nicht existiert, nicht existieren kann, weil jeder Mensch seine Kom- 
plexe hat, die nicht notwendigerweise auf dem Wege der Verdrängung ins Unbe- 
wusste gelangt zu sein brauchen, sondern auch auf normale Weise unbewusst bzw. 
nnterbewusst geworden sein und durch Anwendung der hypnotischen Hypermnesie 
(vgl. Loewenfeld: Bewusstsein und psychisches Geschehen) bewusst gemacht 
werden können. Ob dies in Form von Szenen oder in anderer Weise geschieht, 
kann kaum eine entscheidende Rolle spielen. Freilich, mit dem Wegfall dieses Unter- 
schieds zwischen Gesunden und Kranken fällt auch das Kriterium für die pathogene 

') Anm. In einigen Fällen habe ich nachweisen können, dasa schwerere Er- 
scheinungen, die der Verf. mit dem Abreagieren der Affekte in Verbindung brachte, 
die Fliess'sche Periodizität der 28 und 23 Tage erkennen Hessen, also aus inneren 
Ursachen resultieren. 



Referate und Kritiken. 175 

Eigenschaft des ekphorierten Materials und damit auch recht viel von der gesamten 
kathartischen Methode. 

Es ist im Referat nicht möglich auf die vielen interessanten Einzelheiten ein- 
zugehen, an denen das Werk des Verf. reich ist. Vieles ist darin, was unterstrichen 
werden müsste, vieles, was zum Widerspruch herausfordert. Ich kann nicht uner- 
wähnt lassen, dass die Anwendung der Lehre auf die sexuellen Perversienen zu ein- 
seitig ist. So einfach liegen die Dinge denn doch nicht. Es wäre auch recht traurig 
um unsere sexuelle Gesundheit bestellt, wenn akzidentelle Erlebnisse in der Kind- 
heit so furchtbare Wirkungen auf die Gestaltung der Sexualität ausüben würden. 
Die Komplexwirkung, der sieb, wie der Verf. etwas spöttisch bemerkt, ein grosser 
Teil der Psycho-Analytiker nicht entziehen kann, ist auch sein Verhängnis. Der 
mächtige Komplex im wissenschafilicben Denken Frank's böigst: Überschätzung des 
Akzidentellen. Das Erleiden sexueller Traumen in der Kindheit wurde schon vor 
Jahren von Abraham als eine Form der infantilen Sexualbetätigung angesprochen, 
und mit Recht. Bei der Annahme einer Babnung, ebenso wie bei der einer Fixie- 
rung des Sexualtriebs durch sexuelle Traumen, handelt es sich, wie auch ich schon 
früher betont habe, zweifellos um eine Verwechslung von Ursache und Wirkung. 
In der Tat ist es dem Verf. nicht gelungen die zwei mitgeteilten Fälle von soge- 
nannter erworbener Homosexunlität zur Heilung zu bringen. Bei seinen sonstigen 
vorzüglichen Heilerfolgen muss das doch stutzig machen. Im Fall 56 bricht der 
Patient nach fünfmonatiger Behandlung die Kur ab mit der Begründung, er verspüre 
deutlich, wie seine homosexuelle Neigung abnehme. Er sei aber im Kampfe mit 
sich und könne sich nicht entschliessen etwas, was er für schön, angenehm und 
rein halte, für etwas aufzugeben, was er für weniger rein halte. Wenn der Patient 
bezüglich des Schwindens seiner homosexuellen Triebrichtung die Wahrheit gesagt 
hat, so ist diese Tatsache m. E. nur so zu erklären, dass er im Begriffe stand, sio zu 
verdrängen. In diesem Falle liefe die Behandlung also auf die Züchtung einer Neu- 
rose hinaas. Das kommt davon, wenn man biologischen Ursachen nicht genügend 
Rechnung trägt. Die Homosexualität ist kein krankhafter Zustand, sondern eine 
natürliche Varietät. An dieser Anschauung muss man so lange festhalten, wie eine 
einwandfreie Heilung nicht nachgewiesen ist. 

Zum Schluss möchte ich noch einmal betonen, dass das Werk Frank's trotz 
aller Irrtümer ein ausgezeichnetes Bach ist, aus dem der Praktiker viel lernen kann. 
Besonders dankenswert ist es, dass Frank in nicht misszuverstehender Weise gegen 
die .heutige amtende Generation" zu Felde zieht, »der es vorbehalten ist, der Wissen- 
schaft den offiziellen Stempel aufzudrücken, und die es noch gar nicht als einen 
Mangel in ihrer Aasbildung empfindet, dass ihr selbst jedes tiefere psychologische 
Verständnis völlig abgeht." Es genügt in der Tat nicht seine Patienten in ein Sana- 
torium zu schicken, Mastkuren mit ihnen zu machen, ihnen Bäder, Arsen, Eisen zu 
verordnen, sie zu elektrisieren, massieren und sie zur Abwechslung zu einem Frauen- 
oder Magenarzt zu schicken, bei dem sie nichts verloren haben, wenigstens solange 
nicht, wie diese Spezialisten die Grundlage der Unterleibs- und Magenbeschwerden 
der Patientinnen verkennen. (Ich berufe mich dabei auf den Gynäkologen Prof. 
Mathes in Graz.) Es ist mir ebenso unbegreiflich geblieben wie dem Verf. der 
„Affektstöruugen", wie es möglich ist, dass Neurologen, die aus den inneren Kliniken 
hervorgegangen sind, sich ohne jegliche psychologische and mit meist recht geringer 
psychiatrischer Vorbildung für kompetent halten können psychon eurotische Störungen 
zu behandeln. Die Fortschritte in der Psychologie werden hier hoffentlich bald 
Wandel schaffen. Dr. Bruno Saaler. 



yfö Referate und Kritiken. 

W. ltten: Beiträge zur Psychologie der Dementia praecox. Jahrbuch 
für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen. V. Bd. 1. Hälfte 1913. 
Leipzig und Wien. Franz Deuticke. 

Zwei analysierte Fälle von Schizophrenie, die leider, wie alle derartigen Ar- 
beiten, ein eigentliches Referat nicht möglich machen. Die freigebige und voll- 
ständige Produktion, die der erste Fall aufwies, erlaubt es dem Autor interessanter- 
weise, das Material fast ohne Zwiscbenerkliiruugen im Wortlaut des Patienten 
wiederzugeben, während der zweite Fall viel komplizierter ist. Viele Erscheinungen, 
besonders des zweiten Falles, zeugen von der Richtigkeit der Jung'schen Anschau- 
ungen über die regressive Wiederbelebung archaischer Denksysteme. Bei beiden 
Patienten fällt dem Muttei komplex die Hauptrolle zu. In dem eisten Falle trat 
einige Wochen nach der Analyse weitgehende Besserung ein, doch spricht sich der 
Autor über den Zusammenhang der Besserung mit der Analyse nicht aus. Die 
Analysen sind sehr vorsichtig dargelegt. Der Autor vermeidet auch die Klippe, 
irgendeinem einzelnen Faktor 'eine psychologisch ätiologische Wichtigkeit beizu- 
messen. Es zeigt sich immer klarer, dass die psychologische Basis der Schizophrenie 
eine sehr breite ist, und dass einzelne hervorstechende Faktoren, wie z. B. das oft 
vorhandene starke Hervortreten der homosexuellen Komponente, sich zum ganzen Bilde 
höchstens so verhalten, wie ein einzelnes Symptom sich zu einer Diathese verhält. 

Dr. Korse h ach. 



Jones: Einige Fälle von Zwangsneurose. (Jahrbuch. 5. Band.) 

Der fleissige Autor bietet uns drei sehr genaue Analysen von Zwangsneurosen, 
wie wir sie in dieser Genauigkeit — den bekannten Fall von Freud ausgenommen — 
kaum besitzen. Alle drei Fälle sind sehr interessant und in jeder Hinsicht be- 
merkenswert. Jones arbeitet nur mit Freud'schen Mechanismen, aber er weiss 
sie mit einem solchen Scharfsinn zu gebrauchen, dass er zu den weitgehendsten 
Schlüssen kommt. Er sagt selbst: „Die oben besprochenen Analysen stimmen in 
allen Einzelheiten mit den Resultaten überein, mit denen uns Freud in seinen 
scharfsinnigen Studien bekannt gemacht hat, welche die Natur und den Ursprung 
der zwangsneurotischen Symptome und die psychologischen Mechanismen, die ihre 
Entstehung charakterisieren und sie von ähnlichen Krankheiten, besonders der Hysterie 
unterscheiden, aufgedeckt haben. In einigen Fällen bot sich uns Gelegenheit, die 
aus einem gegebenen Konflikt resultierende Obsession mit der Art der Symptome, 
die wahrscheinlich bei einer Hysterie unter denselben Umständen entstanden wären, 
zu vergleichen. Dies noch weiter zu kommentieren, würde nur Freuds 
Worte wiederholen heissen, und ich beguüge mich daher mit einigen mehr 
allgemeinen Bemerkungen, die sich mir während der Analyse aufdrängten. In der 
Zwangsneurose scheinen die Hauptkomplexe, die sich um den Kern des Inzestes 
gruppieren, die des Schautriebes, Sadismus, der Homosexualität und des Analerotis- 
mus zu sein; diese vier traten in allen von mir untersuchten Fällen am stärksten 
hervor. In einigen Fällen dominierte der Hass das Krankheitsbild nicht in dem 
Masse, wie bei Freud' s klassischem Fall. In bezug auf diesen Punkt sagte mir 
Freud einst, dass man zwei Typen der Zwangsneurose unterscheiden könne, einen, 
in welchem das sadistische Element, einen anderen, in welchem die Schaulust (ein- 
schliesslich Wissensdrang usw.) stärker hervortritt." Dazu möchte ich bemerken, 
dass in allen Fällen von Zwangsneurose, die ich zu analysieren Gelegenheit hatte 

un d es waren deren nicht wenige — die Neurose die Reaktion auf eine überstarke 

Kriminalität war. Bei den Männern zeigte sich deutlich der Typus, den ich als 
Christuaneurose beschrieben habe. Wer sich von seinen bösen Instinkten erlösen 



Referate und Kritiken. 177 

will , der kompensiert seine sadistischen Phantasien in eioo grandiose philantropi- 
sche Idee und versucht die "Welt zu erlösen. Der grenzenlose Ehrgeiz dieser Neuro- 
tiker kommt als Glaube an die „ grosse historische" Mission zum Ausdruck. In den 
Fällen von Jones ist dieser Mechanismus ziemlich durchsichtig. Fall II. hat sogar 
ein deutliches Gefühl, dass in seinem Penis Christus lebe. (Das Bild des Hängenden!) 
Jones widmet diesem Christuskomplex eine ausführliche Besprechung. .. . Dagegen 
scheint mir Jones zu leichtgläubig in bezug auf die sexuelle Geschichte seines 
Kranken zusein. So erzahlt J on es: „Der Patient hatte mit allen seinen Schwestern, 
mit den Frauen seines Bruders und zweier Onkel, mit seiner Grossmutter (!), ver- 
schiedenen Dienstboten und vielen anderen Frauen, meist Prostituierten, sexuelle 
Beziehungen (meist Koitus) gehabt. Diese Erfahrungen reichen in den Fällen, wo es 
sich um Fremde handelt, bis zum fünften Lebensjahr, bei seiner eigenen Familie 
noch weiter zurück." Wie hat Jones die Überzeugung genommen, dass er den 
Sexualphantasien des Patienten nicht aufgesessen ist? Ich analysierte einen ähn- 
lichen Fall, in dem zahllose Traumen zum Voi schein kamen, die aber später einer 
kritischen Prüfung nicht standhielten. Im Fall III. acheint mir der einfache Mecha- 
nismus nicht erkannt worden zu sein. Ein Neurotiker hat die Obsession, die Leiche 
seiner Tochter sei aus dem Grabe gestohlen worden. Mir macht es ganz den Ein- 
druck als ob der Kranke seine Frau hatte vergiften wollen und das nachträgliche 
Ausgraben und die Autopsie gefürchtet habe, eine Behauptung, die ich an dem Mate- 
rial fast erweisen könnte. Überhaupt empfehle ich Jones das kriminelle Moment 
bei der Zwangsneurose sorgfältiger zu berücksichtigen und weniger die Analkomplexe 
und besonders den Flatuskomplex, seinen besonderen infantilen Favoriten, zu pflegen. 
Ich kann ihm verraten, dass ich Fälle von Zwangsneurose geheilt habe, ohno auf 
die Infantilismen einzugehen. Ich suchte den aktuellen psychischen Konflikt, machte 
ihn dem Kranken klar, rückte ihn sozusagen in den Brennpunkt des Bewusstseins . . 
und versuchte die Tendenz der Neurose aufzuweisen. Und es gelang eine Besserung 
oder Heilung ohne Aufdeckung der bekannten Mechanismen, die Jones mit so viel 
Fleiss und Scharfsinn herausgefunden hat. Eines will ich gern zugestehen : Für diese 
Leiden gibt es nur einen Weg, die Psychotherapie. Ob die Analyse der einzige Weg 
ist? Ich möchte es bezweifeln, denn ich kenne auch einige spärliche Fälle, in denen 
die Überredung und Erziehung gute Erfolge aufzuweisen hatte. Die Therapie und 
ihr Erfolg sind kein Piüfstein für eine Methode. Schon die Aussprache allein kann 
einem Neurotiker helfen. St ekel. 

Dr. Oskar Pfister: Kryptographie, Kryptolalie und unbewusstes 
Vexierbild beim Normalen. Jahrbuch für psychoanalytische und psycho- 
pathologische Forschungen. V. Jahrgang 1. Hälfte 1913. Leipzig und Wien. 
Franz Deuticke. 

Der Autor ist von seinen bekannten Untersuchungen über die religiöse Glosso- 
lalie und über die automatische Kryptographie ausgegangen, in denen er gezeigt 
hatte wie die verdrängten Wünsche sich iu sinnlosen automatischen Reden und 
Scliriftzeichen Bahn brechen. Er untersucht nun auch willkürlich hergestellte analoge 
Gebilde, sinnlose Lautverbindungen und sinnlose Schriftzeichen und Figuren auf ihre 
Analysierbarkeit hin, in ähnlicher Weise wie Freud Zahlen- und Namen einfalle be- 
handeln lehrte. Die Explorationsmethode ist geoau die gleiche, wie wir sie gegen- 
über den neurotischen Erscheinungen und dem Traum anwenden. Der Autor bringt 
eine Reihe von instruktiven Beispielen bei und zeigt damit, dass unter Umständen 

„namentlich hei Personen, deren nichtssagende oder vei schwömmen« Träume der 

Deutung besonderen Widerstand in den Weg legen" — , die Ergründung solcher 
Zeutralblatt für Psychoanalyse. IV V*. ' 12 



178 Referate und Kritiken 

Krypterga, wie Pf ist er sie nennt, „eine sehr schätzbare Bereicherung des psycho- 
analytischen Instrumentariums darstellt.* Jedes Kryptergon geht auf einen uner- 
ledigten seelischen Komplex zurück. Jedes Stück des Kryptergons ist mehrfach 
determiniert, das Ganze bildet eine gut organisierte, einheitliche Komplexmani- 
festation. Kontrollversuche, die der Autor ausführte, indem er die automatischen 
Zungenreden einer Ekstatikerin analysierte, als ob sie sein eigenes Produkt wären, 
gaben, wie zu erwarten war, zum mindesten nur sehr dürftige Resultate, während 
eine gute wirkliche Analyse das Krypergon „als ein Kunstwerk von bewunderungs- 
würdiger Schönheit herausstellt". Auch absichtlich ausgeführte sinnlose Melodien, 
Gesten. Pantomimen etc. Hessen sich so analysieren, doch geht der Autor darauf 
nicht naher ein infolge der geringen praktischen Brauchbarkeit derartiger Mechanismen. 
„Auch in die vollendete künstlerische Produktion weiss das Unbewusste seine 
Manifestationen hineinzugeheimnissen." Das weist P fister in überzeugender Weise 
nach in dem Bilde der „Heiligen Anna selbdritt" von Lionardo, das schon aus der 
Kreud'schen Arbeit näher bekannt ist. P fister findet als „unbewusstes Vexier- 
bild* in dem Gemälde das Bildnis des Geiers, des Muttersymbols aus der .Jugend- 
erinnerung*. Die Konturen des blauen Tuches, das teilweise bei der Hüfte des 
vorderen Weibes sichtbar wird und sich gegen Schoss und rechtes Knie erstreckt, 
teilweise über den linken Arm herunterfällt, ergeben tatsächlich das vollkommen 
charakteristische Bild eines Geiers. Der Vogel zeigt zwei Schwänze, einen wirklichen 
und einen phalliscben, wie auch tatsachlich der Geier in der ägyptischen Mythologie 
dargestellt wird. Der phallische Schwanz führt in deutlicher Weise, übereinstimmend 
mit der Jugenderinnerung Lionardos, zum Munde des Kindes. Im Gegensatz zu 
Freud möchte Pfister die vordere Frau als die Mutter, nicht als die Stiefmutter 
Lionardos ansehen. 

Es sei Ref. gestattet, anschliessend ein in gewissem Sinne analoges Exempel 
anzuführen: ein Vexierbild im Traum. Eine Patientin, eine ausgesprochene 
Kombination von Hysterie und manisch-depreBsivem Irresein, träumt: „Es wurde mir 
ein Gemälde gezeigt, das eine wunderschöne Landschaft darstellte. Ich fuhr mit der 
Hand den Umrissen der Zeichnung nach, da bemerkte ich erst, dass die Landschaft 
ein Vexierbild war. Die Umrisse der Bäume stellten das Gesicht meines lieben 
Bruders dar." Dr. Rorschach. 



Sadger: Über den sado-masochistischen Komplex. Jahrbuch. V. Band. 

Heureka! Eine grosse Wahrheit ist gefunden worden und alle Ochsen sollen 
zittern, da den Göttern wieder eine Hekatombe geweiht wird, wie nach der Ent- 
deckung des pythagoräischen Lehrsatzes. Sadger hat das grosse sadistische Rätsel 
gelöst: Er sagt wörtlich: „Da hätten wir die Lösung eines grossen 
sadistischen Rätsels: man tut dem Partner im Liebesleben nicht darum weh, 
um ihn zu quälen, sondern weil man vom eigenen Schmerz Lust empfindet, die man 
dem anderen auch schaffen möchte. Ja, der vorausgegangene Schmerz wird dann zu 
einer ganz besonderen Würze der folgenden Lust, die er nach dem Gegensatzprinzip 
noch erheblich steigert, sowie auf einem anderen Felde die Schweizer Essschokoladen 
nicht einfach süss sind, sondern einen Beigeschmack von Bitterkeit haben." Zu 
dieser fundamentalen geistreich gefassten Wahrheit, die uns erklärt, dass ein Sadist 
seinem geschlechtlichen Partner den Bauch aufschlitzt, weil er sich auch gerne ein 
kleines Harakiri machen möchte, kommt eine zweite: „So drängt sich mir allmählich 
die Überzeugung auf, dass die sadistisch-masochistischen Phänomene auf eine kon- 
stitutionell erhöhte Haut- — Schleimhaut — und Muskelerotik zurückgehen.* Alle 
Erstlingsdramen unserer grossen Dichter wimmeln von Mord und Todschlag. Die 



Referate und Kritiken. 179 

Ursache kannte man vor Sa dg er nicht. Er hat auch dieses Rätsel gelöst, wie er 
überhaupt mit seiner dreifachen Hauterotik den Stein der Weisen gefunden hat. 
„Nun führte ich an anderer Stelle schon aus, wie die Genialität der Mannes- 
jahre daher rühre, dass eine Zeitlang die rein genitale neben der 
infantilen Haut — Schleimhaut — und Muskelerotik bestehe. Diese 
letztere Gruppe gibt nun das treibende Moment für den in den Erst- 
lingen so stark hervortretenden Sadismus der Dichter, der sich in 
den folgenden Dramen meist von selber verliert." Schliesslich kommt der 
kühne Forscher auf sein Lieblingsthema „das Steckbett". Seine Analysen hatten 
ihm bewiesen (was kann man nicht durch .seine Analysen* beweisen?), „dass die 
Phänomene der l'erversion ein Vorbild in den Erfahrungen des Steckbettes haben . . .* 
In dieser anregenden Weise geht es weiter, wobei pikante Krankengeschichten in 
appetitlicher Form serviert, den Brei mundgerecht machen sollen. Es ist eine ebenso 
feine wie boshafte Rache, die Jung an der Wiener Schule nimmt, dass er Sadger 
als einzigen Vertreter der „bahnbrechenden Wiener Schule" im Jahrbuch paradieren 

läast Es gehurt dies in das Kapitel der „unbewussten Bosheiten". 

Stekel. 

Johann Stärcke: NeueTraumexperimente im Zusammenhan gmit älteren 
und neueren Traumtheorien. Jahrbuch für psychoanalytische Forschungen. 
V. Band 1. Hälfte. Franz Deuticke. Leipzig und Wien. 1913. 

Jede neue Traumarbeit ist mit Freuden zu begrüssen. Man kann nur sehn- 
lichst wünschen, dass recht viel Psychologen sich mit dem Phänomene des Traumes 
beschäftigen und die Arbeiten von Freud, Stekel und anderen nachprüfen. 
Stftrcke zeigt eine grosse Belesenheit. Er ist auf die Vorgänger Freud's zurück 
gegangen und legt grossen Wert auf die verschiedenen Traumexperimente, wie sie 
besondeis Mourly Vold in grossem Stile angestellt hat. Leider sind die letzten 
Arbeiten von Silberer und Schrötter in diesem Essay nicht benützt worden. 
Hätte Stärcke auch meine letzten Traumarbeiten, wie ich sie im dritten Jahrgange 
des Zentral blattes publiziert habe und mein Buch „Die Traume der Dichter" genau 
gelesen, er wäre etwas gerechter in der Beurteilung meiner Traumforschungen ge- 
wesen. Er wirft mir alle meine symbolischen Jugendsünden vor und verlangt von 
mir Beweise, so z. B. für die selbstverständliche, allgemein anerkannte Symbolik 
von rechts und links. „Kür links und rechts in seinen Träumen mochte er in ein- 
zelnen Fällen die nüchterne Hypothese aufstellen, dass es die Seite ist, nach welcher 

der Träumer sich bewegen muss, um das Bett zu verlassen." Jetzt bitte 

ich Herrn Kollegen Stärcke um den Beweis für diese kühne Behauptung. Ich habe 
den Beweis aus Traum an alysen erbracht, die immer in Verbindung mit Krankenge- 
schichten standen. Ich kenne alle diese Traumexperimente, die für mich als Traum- 
quelle, als materialbildende Kraft in Betracht kommen. Ist aber damit das Wesen 
des Traumes erklärt? Stärcke zeigt einen grossen inneren Widerstand gegen ein- 
zelne Deutungen, das zeigt schon sein Ekel bei der Lektüre meines Buches. Der wirk- 
liche vorurteilslose Forscher zeigt keinen Ekel, auch wenn er die Chemie der Fäkalien 
untersucht. Was würde Stärcke erst hei der Lektüre der Anthropophyteia sagen? 
Ich gehöre nach Stärcke zu den Riesen, die wechselweise Furcht, Bewunderung und 
Abscheu wecken. . . . Ich danke für die Bewunderung und bitte mehr affektlose 
nüchterne Beurteilung und gewissenhaftes Nachprüfen. Herr Stärcke möchte mir 
nachweisen, dass meine Symbolik falsch ist. Das geht nur an Hand von Traum- 
analysen and nicht anders. Im übrigen möchte ich ihn ersuchen, meine jüngsten 
Bemühungen, die Traumdeutung aus dem sexuellen Fahrwasser zu ziehen, gerechter 
zu würdigen. ... Stekel. 

12* 



jQO Referat© und Kritiken. 

Bleuler: Der Sexual widerstand. Jahrbuch. V. Band. 

In der Debatte über „Onanie", die ja soit geraumer Zeit der Öffentlichkeit 
vorliegt, sprach ich auch über das Phänomen des Sexual Widerstandes und sagte: 
„Alles, was wir leicht spielend erreichet! können, ist uns keine Lust mehr. Wir alle 
suchen den ewigen Kampf. Wir sind eigentlich alle Kämpfernaturen, denen der 
Kampf ein Bedürfnis ist. Da uns unsere Kultur nicht Gelegenheit zum Kampfe nach 
aussen gibt, so wendet sich der Kampf nach innen. Wir schaffen uns künstliche 
Widerstände, um sie überwinden zu können und so die Bedeutung des Sieges zu ver- 
grössern. Dadurch, dass die Onanie verboten ist, erhält sie die stärkste Lusthetonung. 
So wird das Schuldbewusstsein bei der Onanie zum stimulierenden Kaktor." Bleuler 
macht nun einen, wie er glaubt wäre es der erste, Versuch zur Erklärung des 
Sexualwiderstandes. Er betont ebenfalls die Bedeutung der Hemmung als Steigerung 
des Reizes und verweist, ähnlich wie ich, auf die Bedeutung bipolarer Tendenzen im 
Seelenleben. Er betont besonders die Verbindung von Tod und Sexnalität, die Be- 
deutung der Inzestschranke und die wichtige Kruge der Schuldfaktoren bei der Onanie. 
Er behauptet treffend: Der Schluss liegt nahe, „dass die Übertragung des negativen 
Affektes von der Onanie auf die Sexualbetätigung überhaupt , die ganz sicher statt- 
haben müsstc, das Wesentliche an der allgemeinen Sexualhemmung sein werde«. 
Doch ea gibt noch wichtige andere Momente zu berücksichtigen, wenn man das 
Phänomen des Sexual Widerstandes psychologisch und soziologisch betrachten wollte. 
Warum verpönt unsere Zeit die homosexuellen Kräfte und gibt sie dem Untergang 
preis? Wahrlich diese Frage würde eine eigene ausgedehnte Untersuchung erfordern 
und wir müssen Bleuler dankbar sein, dass er diese wichtigen Themen angeregt 
und deren Lösung in so geistreicher and treffender Weise angebahnt hat. Der kurze 
Aufsatz, der sonderbarerweise am Schlüsse des Heftes steht, ist der lesenswerteste 
des ganzen Bandes. otekel. 

Jones: Der Gottmensch-Komplox. (Int. Zeit. f. ärzt. Psychoanalyse. Heft IV. 
1913.) 

Ich habe als erster auf die wichtige Bedeutung der Identifizierung des Neuro- 
tikers mit Gott hingewiesen und den Typus der Christusneurose eingehend beschrieben. 
In meinem Buche „Die Sprache des Traumes" finden sich einige Träume, welche 
diesen Gottmenschkomplex verraten. Adler hat dann als geheimes Ziel der Neuro- 
tiker die Gottähnlichkeit beschrieben und begründet. Jetzt beschäftigt sich auch 
Jones mit dieser Erscheinung und beschreibt den Typus des Gottmenschen: 

„Es ist also der betreffende Typus gekennzeichnet durch den Wunsch nach 
Absonderung, Unzugänglichkeit und Geheimnistuerei, oft auch durch Bescheidenheit 
und Selbstverkleinerung. Sie sind am glücklichsten in ihrem eigenen Heim, in Ab- 
geschlossenheit und Verborgenheit und lieben es, sich in eine gewisse Distanz zurück- 
zuziehen. Sie umgeben sich und ihre Ansichten mit einem geheimnisvollen Schleier, 
üben nur einen indirekten Einfluss auf äussere Angelegenheiten und sind überhaupt 
asozial. Sie zeigen grosses Interesse für Psychologie, besonders für die sog. objek- 
tiven Methoden, die elektrisch sind und von der Notwendigkeit der Intuition suspen- 
dieren. Phantasien von Macht sind häufig, besonders die Vorstellung vom Besitz 
eines grossen Reichtums. Sie halten sich selbst für allwissend und sind geneigt, 
jede neue Erkenntnis zu verwerfen. Das Verhalten zur Zeit und zur Voraussetzung 
des Wetters, besonders der Gewitter, ist in hohem Grade charakteristisch. Sprache 
und Religion interessieren sie lebhaft und sie haben eine ambivalente Einstellung 
gegenüber Ratschlag und Urteil (z. B. Strafe). Ständig vorhandene aber weniger 
charakteristische Eigenschaften sind das Streben geschätzt zu werden, der Wunsch 



Referate und Kritiken. i81 

den Schwachen zu helfen, der Glaube an ihre eigene Unsterblichkeit, die Vorliebe 
für schöpferische Pläne, z. B. für soziale Reformen und vor allem ein ausgeprägter 
Kastrationskomplex." , 

Diese Sch.lderung ist entschieden sehr einseitig und sche.nt nur einen sehr 
seltenen Typus zu charakterisieren. Einzelne der hier angedeuteten Züge tmden sich 

bei jedem Neuroüker. 

Entschieden müssen wir aber Jones recht geben, wenn er in dieser Arbeit 
die erzieherische Aufgabe des Psychotherapeuten betoDt: 

Deshalb ist es wiederum eine so ungeheuer wichtige Aufgabe in der Psycho- 
therapie, Weltanscbauungsfragen als Heilfaktoren hineinzubeziehen. Ein Neuroüker, 
der abergläubig bleibt, ist nicht geheilt. Moral ist Furcht vor rächenden Dämonen, 
ist nicht dasselbe, was freie Sittlichkeit ausmacht. Die Kranken müssen einsehen 
lernen dass nur eine vermeintliche Schuld sie in den Schutzbau der Neurose hinein- 
trieb dass Sünde etwas anderes ist, als was ihr schlechtes Gewissen, in Aberglauben 
befangen, ihnen einredete. Wir kommen nicht darum herum, die Spannung zwischen 
unnatürlicher Sitte und wahrer Sittlichkeit muss klar ausgedrückt und gelöst werden. 
Sonst heilt keine Psychoneurose aus, denn alle sind in letzter Linie abergläubische 

Schuldneurosen. " 

Ich habe in letzter Zeit immer wieder betont: Der Arzt muss der Erzieher 
seiner Kranken werden. Die Analyse allein macht noch keinen Erfolg. 

Stekel. 

Trigant Burrow: Die psychische Analyse der sog. Neurasthenie und 
verwandter Zustände. (Ibidem.) 

Der Autor propagiert eine gründlichere psychologische Analyse der Neurasthenie 
oder eigentlich jener Neurose, die man fälschlich Neurasthenie nennt. Ich plädiere 
schon seit Jahren dafür und kenne längst keine Neurasthenie mehr. Es gibt keine 
Aktualneurose im Sinne Freud's.. Wer sich die Mühe nimmt, einen Fall von sog. 
Neurasthenie zu analysieren , wird immer wieder auf psychogene Wurzeln kommen, 
und das Dogma von den sexuellen Schädlichkeiten der Onanie fällt in sich zu- 

Stekel. 
sammen. 

Jones: Hass und Analerotik in der Zwangsneurose. (Int. Zeit. f. ärzt. 
Psychoanalyse. Heft 5. 1913.) 

Alle Zwangsneurotiker sind stark kriminell veranlagte Menschen mit einem 
ausserordentlich starken Triebleben. Ihr grenzenloser Ehrgeiz führt sie bald dahin, 
alle sie überragenden Objekte der Umgebung zu hassen, wenn sie sich ihren Trieben 
in den Weg stellen oder ihren Neid und die Missguost allzusehr herausfordern. 
Jones betont die eine Wurzel des Hasses: „Wir hassen niemals eine Person, die 
nicht in irgendeiner Weise, oft ganz unauffällig, stärker ist als wir oder uns doch 
i„ einer Hinsicht in der Macht hat. -" Nun führt der Autor auch sehr treffend 
au8 wie nicht erfüllte Liebesansprüche sich als Hass äussern können. Dagegen 
w6r e aber nichts einzuwenden. Im Gegenteil, hier wäre weiter anzusetzen und zu 
zeigen wie der nach Unabhängigkeit lechzende Zwangsneurotiker immer w.eder mit 
der Aussenwelt zusammenstösst , wie er sich bezwingen mues, um nicht zum Ver- 
brecher zu werden und wie die Zwangsneurose die Karikatur der Emehung und jedes 

Zwanges wird Der Autor geht aber auf sein Lieblingsthema, die Analerotik, 

zurück und versucht, im konsequenten Aushau der Freud' sehen Lehren allen Zwang 
auf die Analerotik zurückzuführen. Die Situation, in der das Kind den ersteD wirk- 
lichen Widerstand in der Welt finde, sei bei der Stuhlfunktion. (?) Die Erziehung 



182 Referate und Kritiken. 

der Sphinkter wäre der erste Zwang mit seinen bösen Folgen. Die Einmengung der 
Mutter in die Analerotik des Kindes werde die wichtigste Quelle für den Haas. „Es 
kann nicht anders erwartet werden, als dasa ein Mensch, dessen Liebe zur Mutter 
von Anfang an mit Hass wechselte, diese Abwechslung auch für die späteren Liebes- 
objekte beibehält. Eine solche Überlegung erklärt vielleicht auch, warum die 
Zwangsneurose bei Männern häufiger auftritt als bei Frauen." — Das ist nach meinen 
Erfahrungen gar nicht richtig. Auch Frauen erkranken häufig an Zwangsneurosen, 
nach meiner Statistik ebenso häufig, vielleicht etwas häufiger als Männer, die unter 
gleichen Bedingungen eher Fetischisten werden. Doch nun kommt Jones zu den 
kühnsten Schlüssen und beweist uns, dass der klarste Kopf verloren ist, wenn er 
sich in eine Sackgasse verrennt. »Ich möchte das neurotische Gefühl des 
Zwanges der übermächtigen Gewalt zuschreiben, mit welcher ein 
analerotisches Begehren auftritt.* Jeder Neurotiker zeigt den Glauben an 
die Allmacht seiner Gedanken, besonders aber der Zwangsneurotiker. Jones argu- 
mentiert nun: ,Nun habe ich darauf hingewiesen, dass die Vorstellungen von Ge- 
danken und Sprache im Unbewussten mit der des Flatus assoziiert sind, die sie im 
Bewusstsein oft als Symbol vertreten, und ich bin geneigt anzunehmen, dass 
die Entstehung des Glaubens des einzelnen an die Allmacht seiner 
Gedanken dadurch bedeutend beeinflusst wird." Nach Ferenczi habe 
das Kind eine Periode der .Allmacht mit Hilfe magischer Gebärden". Es verwendet 
Signale. Unter diesen Signalen spielt nun nach Jones der Flatus die Hauptrolle. 
„Er ist für das Kind das Hauptmittel zur Behauptung des Aber- 
glaubens. Diese Überlegung wirft Licht auf die obenerwähnte Ver- 
bindung zwischen diesem Glauben und der Analerotik bei Zwangs- 
neurosen.* Schliesslich spricht Jones den Gedanken aus, „dass der Akt des 
Flatuslassens für die Entwicklung der Sprache, beim Individuum sowohl, als auch 
bei der Art von Bedeutung ist". 

Es ist traurig, zu sehen, wie sich die grosse psychologische Arbeit Frends's 
immer mehr ins Physiologische und Organische verliert. Alle Neurotiker zeigen 
Analerotik und die Zwangsneurotiker mit ihrem stärkeren Triebleben noch aus- 
geprägter. — Aber was hat das für das Zustandekommen der Zwangssymptome zu 
bedeuten?! Ich könnte an einer Reihe von Zwangsneurosen nachweisen, wie der 
früh aufgenommene Kampf zwischen Trieb und Hemmung das Kind zur Bildung dieser 
Symptome geführt hat, und eines meiner nächsten Werke wird ja dieser Aufgabe ge- 
widmet sein. Aber „die Sprache des Flatus* wird in diesen Analysen nicht zu 
finden sein. Solche Hypothesen tragen nicht dazu bei, die Bedeutung der Psycho- 
analyse ins rechte Licht zu stellen und für sie Anhänger zu werben. Und Jones 
wäre die geistige Potenz, die, ins richtige Fahrwasser gebracht, uns sehr viel Neues 
zu schaffen und zu bringen hätte. St ekel. 

Dr. Beaurain: Über das Symbol und die psychischen Bedingungen für 
sein Entstehen beim Kinde.. (Ibidem.) 

Der Autor kommt zur Bestätigung der Ansichten Silberers, welche die Be- 
dingung für die Symbolbildung in einer apperzeptiven Insuffienz erblickt. Er ver- 
spricht eine weitere Arbeit über die planmässige Bestimmung der Symbole nach 
ihrem Alter. 

Ferenczi: Zur Ontogenese der Symbole. (Ibidem.) 
Der Autor erhebt gegen diese Hypothese den Einwand, dass nach ihr auch 
Giflichnisse, Allegorien, Metaphern, Anspielungen, Parabeln, Embleme als Produkte 



Referat« und Kritiken. 183 

unscharfer Distinktion aufgefasst werden können- Ein Symbol im psychoanalytischem 
Sinne zeige im Bewusstaein eine logisch unerklärliche Affektbesetzung als Folge un- 
bewnsster Identifizierung mit einem anderen Dinge, dem jener AffektUberschuss an- 
gehört. Nicht alle Gleichnisse seien Symbole. Es gehöre zum Symbol die Erschei- 
nung der Verdrängung, und der Ersatz des Peinlichen durch das minder Peinliche. 

Jekels: Einige Bemerkungen zur Trieblehre. (Ibidem.) 
Das letzte Heft dieser Zeitschrift ist offenbar der Analerotik gewidmet. Der 
Autor verweist darauf, dass der aktive oder passive Charakter der Triebe von der 
jemaligen Form des als erogene Zone fungierenden Organes abhängt. 
Die Aktivität des einen stamme von der schwellenden vorspringenden Form des 
Phallus, der eindringen wolle. Darauf habe ja Federn seine von Jekels akzep- 
tierte Hypothese der Entstehung des Sadismus aufgebaut. (Dass diese Hypothese den 
ebenwo häufigen Sadismus der Frau übersieht, sei hier nur in Parantbese hervor- 
gehoben.) Der Homosexuelle fühle sich nun immer als ein Rezeptaculum. Es gäbe 
daher nur eine passive Homosexualität, die aktive sei nur ein Schein und ein Spiel, 
di» Hauptsache bei beiden Formen sei der Drang nach analerotischer 
Befriedigung. Jeder genaue Kenner der Homosexualität wird über diese Hypo- 
these lächeln müssen. Die Analerotik spielt bei den Homosexuellen keine grössere 
Rolle als bei den anderen Neurotikern und alle die feinen Zwischenspiele zwischen 
Mann und Weib, die bei der Entstehung der Homosexualität eine so grosse Rolle 
spielen, und deren geschlossene Darstellung noch aussteht, kommen bei Jekels 
nicht in Betracht. Die Form der erogenen Zone, die Höhlen form des Anus ist 
die Hauptsache. Doch lassen wir den Autor seine Ansichten mit seinen Worten vor- 
tragen: „Beim Liebesakt übernimmt der Homosexuelle beide Rollen, er ist sowohl 
Subjekt als Objekt: infolge der Identifizierung mit der Mutter; gleichzeitig sieht er 
in seinem Liebesobjekt seine eigene in die Kindheit rückversetzte Person." Bisher 
können wir Jekels folgen und ihn auch bestätigen. Aber nun kommt der Sturz 
ins Bodenlose der Analerotik: „Und der Zweck dieses Arrangements? In Ansehung 
der Situation wohl kaum etwas anderes, als, um durch die in der Rolle der 
Mutter bewirkte Analreizung des Objekts — die jedoch infolge den Iden- 
tifizierung zu seiner eigenen geworden ist — sich dieselbe Lust zu verschaffen, 
die ihm in der Kindheit zuteil wurde, als die Mutter seine Anale rotik 
befriedigte/ Dass es Homosexuelle gibt, bei denen der Anus gar keine Rolle 
spielt, dass die Mehrzahl der Homosexuellen keine anale Befriedigung kennen, diese 
Tatsache kann Jekels mit seiner kühnen Hypothese nicht aus der Welt schaffen. 
Er gibt der homosexuellen Libido die Möglichkeit der Hemmungen. Modifikationen 
und Einschränkungen und verteidigt mit dem Löwenmute der Mutter, die ihr neu- 
geborenes Kind schützen will, die Bedeutung der Form der erogenen Zone. Sa 
wird die Psychoanalyse mit der Zeit die Brücke linden, welche sie zur Organo- 
therapie führen wird. St ekel. 

Dr. Viktor Tansk: Zur Psychologie der Kindersexualität. (Ibidem.) 

Hier analysiert ein Analytiker die Träume eines ihm nahestehenden Kindes 
mit grosser Ausdauer. Der Knabe ist analytisch so weit geschult, dass er seine 
Einfälle unbeeinflusst vorbringt. Der erBte dieser Träume ist ein Prüfungstraum. 
Der Knabe soll die Aufnahmsprüfung ins Gymnasium machen und sieht auf einem 
weissen Steokscbild mit roten Buchstaben die Aufschrift .Kategorie'. Zu Kate- 
gorie kommt als erster Einfall: «Unter den Annoncen steht in der Zeitung: Weib- 
liche Kategorie, offene Stellen." Der geübte Traumdeuter wird Bofort den sexuellen 



134 Referate und Kritiken. 

Doppelsinn des Wortes „offene Stellen* erkennen (der Autor ist nicht darauf 
gekommen) und den erotischen Sinn dieses Traumes erkennen, wenn er meiner Aus- 
führungen über den Prüfungstraum gedenkt. Er kaun sogar über diese Determination 
leicht hinweg, da andere viel bedeutsamere eine Lösung verlangen. Tausk erschöpft 
aber das Thema der offenen Stelle bis zur Grenze der Möglichkeit. Das Resultat 
ist sehr mager. Dagegen entgeht dem Autor die wichtige religiöse Bedeutung dieses 
Prüfungstraumes; ebenso der grenzenlose Ehrgeiz dieses Jungen, der in der ersten 
Bank sitzt und die schliessliche Verurteilung der sexuellen Vorgänge wie sie die 
.Männer" machen als Schweinerei. (Klosett). Alle latenten Spannungsdifferenzen 
zwischen Vater und Sohn kommen in diesem Traum zur Geltung. Der Sohn sieht 
mehrere Männer vor einem Kanalgitter bei hellichtem Tage urinieren und sagt zu 
seinem Dienstmädchen: „Da schau, die genieren sich nicht." Es ist dies 
offenbar eine scharfe Kritik der psychoanalytischen Methode, die ein Vater mit 
einem Kinde vollzieht und über welcher der Geist Sadgers schwebt. . . . 

Der Autor aber besteigt das hohe Ross der Psychophilosophie und orakelt uns 
folgendem Zusammenhang vor: 

„Die hier vorgelegten Traumanalysen geben uns Einblick in das Sexualleben 
der Knaben in der Latenrperiode. Wir finden den Schautrieb und den korrelativen 
Exhibitionismus in Tätigkeit, und wir stellen die Tatsache fest, dass in diesen 
Träumen schon eindeutig ausgesprochene Objektwahl zu ihrer Entwicklung auch auf 
der Bahn der Exkretionslibido fortschreitet. Auch diese prinzipielle autoerotische 
Libido wird in den Übertragungsprozess hineingearbeitet, und es scheint, dass dies 
durch zwei Bedingungen möglich wird. Die eine Bedingung liegt offenbar in der 
Grösse des Anteils, mit dem die Libido an spezifische Organe geknüpft ist (durch 
welche Organe sie zugleich als eine spezifische Organlibido qualifiziert wird). Es 
könnte sein, dass nicht alle Libido, die beim Exkretionsgeschäft mobilisiert wird, 
spezifisch von den Exkretionsorganen geliefert ist, und dass ein Teil dieser Libido 
undifferenziert, von einem Organ auf das andere verschiebbar und demgemäss auch 
auf ein fremdes Objekt übertragbar ist, sobald und sofern dieser verschiebbare Libido- 
anteil eine erogene Zone besetzt, die biologischerweise zu einer anderen als der auto- 
erotischen Objektwahl bestimmt ist." 

„Ist diese Bedingung gegeben, dann wird die Übertragbarkeit der Exkretionslibido 
durch ein iweites Moment, das im Mittel der Objektwahl gelegen ist, endgültig möglich 
gemacht, indem das Auge (oder ein anderes) wesentlich auf die Beherrschung der Aussen- 
welt gerichtetes Organ, in den Dienst der Exkretionslibido (bzw. ihres verschiebbaren An- 
teils) gestellt wird, so dass der sexuelle Schautrieb, indem er sich am Exkretionsge- 
schäft anderer Personen betätigt, auf der Bahn der Exkretionslibido zur Objektwahl 
beiträgt." 

„Die Stellung dieses Problems zu dem des Narzissmus, d. h. dem Problem der 
Übertragung der Libidokatexochen, soll an anderer Stelle erörtert werden. Es sei hier 
nur noch bemerkt, dass die Projektion der Exkretionslibido zugleich der Weg ihrer Ver- 
drängung ist, indem der autoerotische Lustbezug dadurch wertlos (oder wenigstens 
ersetzlich) wird, dass die asoziale Exkretionslust dem Subjekt auf dem Umweg des 
sozialen Schantriebes in einer Form wieder zufällt, die sich als gleichwertig mit allen 
anderen Arten von erotischer Wertschätzung nichtautoerotischer Objekte erweist." 
Das gymnastische Spiel mit den verschiedenen Libidobesetzungen wirkt schon 
erheiternd. Schade um die Zeit und Kraftverschwendung! Was soll man zu der 
neuen Erungenschaft der „Exkretionserotik* sagen! Das ganze Heft dieser Zeitschrift 
steht im Zeichen der Analerotik. Es ist geradezu ein Tempel der Analerotik, in dem 
Tausk, dem Verkünder der Exkretionserotik, ein besonderer Altar gebührt. . . . 

Stekel. 



Referate und Kritiken. 185 

Dr. Willibald Kammel: Über die erste Einzelerinnerung. Eine experimen- 
telle Untersuchung. (Leipzig, Verlag von Quelle & Meyer, 1913, 65 S.) 

Der Autor hat die 344 Schüler der Währinger Oberrealschule im Durchschnitts- 
alter von 15 Jahren ihre erste Erinnerung niederschreiben lassei. und die Erinne- 
rungen dann nach Inhalt, Alter, graduellen und qualitativen Unterschieden geordnet. 
Er knüpft daran keine tiefergehende Untersuchung, sondern beschränkt sich aus- 
schliesslich auf formale Momente. Wir erfahren aus der Arbeit nicht viel Neues, 
das Interessante verschwindet in Tabellen, die Probleme, die die ersten Kindheits- 
erinnerungen betreffen, bleiben ungelöst. Mit Ausnahme der in der ,Imago' er- 
schienenen Arbeit von Hug-Hellmuth, gegen die eich Kammel in einer Anmer- 
kung wendet, ist die psychoanalytische und individualpsychologische Kinderforschung 
Freuds, Adlers und ihrer Schüler unberücksichtigt geblieben. Zum intuitiven 
Verständnis der Kinderseele trägt die Arbeit wenig bei; das kann man auch von 
einer experimentellen Untersuchung nicht erwarten. Dr. Paul Schrecker. 

Emil Lucka: Die drei Stufen der Erotik. (Verlag Schuster & Loeffler, Berlin, 

1^13.) , . , 

Die Methode, die dieses Buch leitet, ist nicht die psychoanalytische und ein 

Grundgedanke steht im Gegensatz zu den Lehren der Psychoanalytiker und zur all- 
gemeinen Überzeugung. Ich glaube nämlich und ich suche es aus historischen Daten 
und psychologischen Erfahrungen zu beweisen, daas das Liebesleben des Menschen 
nicht nur eine Wurzel hat, nämlich die Sexualität sondern zwei, die Sexualität und die 
seelische Liebe, die ich als etwas durchaus und prinzipiell vom Geschlechtstrieb Verschie- 
denes und ihm sogar Entgegengesetztes auffasse. Ich bin mir klar, dass diese These nicht 
anerkannt wird, und habe, um sie unantastbar zu machen, eine sehr grosse Menge von 
Beweisen herbeigeschafft. Kulturhistorische Verwirklichung hat die rein seelische 
Liebe vor allem im Mittelalter gefunden (aber auch noch Goethe und Beethoven ge- 
hören zu ihren entschiedenen Repräsentanten), sie ist in der Anbetung der Frau, in 
der Madonnenliebe vollendet worden. Ich führe aus, dass nicht die von der Kirche 
gebotene Marienverehrung dagewesen ist, sondern dass die vergötthchende seelische 
Frauenliebe die eigentliche Gestalt der Madonna geschaffen und zur hebenden An- 
betung aufgestellt hat. Diese rein seelische Liebe tritt als zweite Wurzel der Erotik 
im Zeitalter des Troubadours und der Kreuzzüge auf und bestimmt bald das ganze 
Liebesleben; bis dahin hat nur die erste, die physiologische Wurzel bestanden, die 
das Altertum und das frühe Mittelalter beherrscht und natürlich neben der seelischen 
Liebe weiter besteht und auch zu bestehen niemals aufhören kann, aber in der ethi- 
schen und psychologischen Wertung, sowohl im Bewusstsein des einzelnen, als auch 
im allKemeinen Kulturbewusstsein, eine veränderte, geringere Stellung einnimmt Erst 
die neue Zeit (etwa von Rousseau angefangen) fühlt das Bedürfnis, die beiden 
Wurzeln der Erotik zu einem Höheren, zu der einheitlichen persönlichen Liebe zu 
vereinigen. Diese Synthese kann bis heute nicht als vollendet angesehen werden 
aber alle erotischen Tendenzen der Gegenwart gehen darauf aus, Geschichtlichkeit 
und anbetende Liebe als gesonderte Faktoren zu überwinden und etwas Höheres her- 
zustellen: die Liebe, die keinen Unterschied mehr zwischen Leib und Seele kennt. 
So betrachte ich das Liebesleben der Menschen nicht als die allmähliche Differenzie- 
rung und Sublimiening des physiologischen Triebes, sondern als echtes geschieht- 
liches Werden, dessen Stufen sich finden und festlegen lassen. 

Wenn die menschliche Erotik aus zwei einander fremden Elementen besteht, 
eo leuchtet ohne weiteres ein, dass die Vereinigung dieser beiden Elemente nicht 
immer ohne Kampf vor sich geht, dass sie oft genug gar nicht gelingen wird. Und 
aus der nicht gelungenen Vereinigung, aus dem Widerstreit zwischen Geschlechts- 



186 Referate und Kritiken. 

trieb und Liebe ergeben sich die Grundformen der P ervers ionen, die ich glaube, 
zum erstenmal als etwas Notwendiges erkannt und in ihren seelischen Wurzeln ver- 
standen zu haben. (Wobei ich aber als Nichtpsychiater nur das Seelische behandle 
und auf die extremen pathologischen Äusserungsformen, die ja nach einem Worte 
Ribots nur stärkste Reliefierungen des Normalen sind, nicht eingehe, wenn ich 
auch den Anspruch erhebe, sie mit gedeutet zu haben ) — Zum Schluss versuche ich 
zu zeigen, wie das erotische Leben des Einzelnen mit der kulturhistorischen Ent- 
wicklung der (europäischen) Menschheit zusammenhangt und notwendig verknüpft ist. 

Emil Lucka, Wien. 

Karl Philipp Moritz: Anton Reiser. Ein autobiographischer Roman. 
Herausgegeben von Heinrich Schnabel. (München 1912. Martin Mörikes Verlag.) 

Aus dieser Selbstbiographie, die Goethe nnd Hebbel sehr hoch einschätzten, 
können wir Psychotherapeuten mehr lernen, als aus mancher gelehrten Kranken- 
geschichte. Ich halte diesen Roman für eines der besten Bücher, die mir unter- 
gekommen sind. Wertvolle Beiträge zur Psychologie des Minderwertigkeitsgefühles 
und seiner Entstehung sind besonders hervorzuheben. Und wie fein schildert Moritz 
die Entstehung des infantilen Trotzes: „Ihr unaufhörliches Verbieten von Kleinig- 
keiten und beständig Schelten und Strafen zu unrechter Zeit verleidete ihm alle 
edleren Empfindungen. Sein Gefühl für Beifall und Lob ward dadurch so sehr unter- 
drückt, dass er zuletzt beinahe seiner Natur zuwider, eine Alt Verglingen darin fand, 
sich mit, schmutzigen Gassenbuben abzugeben und mit ihnen gemeinsame Sache zu 
machen, bloss weil er verzweifelte, sich je die Liebe und Achtung wieder zu er- 
werben, die er durch seine Mutter verloren hatte, welche immer auch vor fremden 
Leuten von seiner schlechten Aufführung sprach , wodurch dieselbe denn wirklich 
anfing schlecht zu werden und sich zu verschlimmern schien." Auch der Psycho- 
therapeut sollte diese feinen Trotzreaktionen kennen und versuchen, durch Lob die 
Leistungen zu steigern und den so gefährlichen Trotzreaktionen auszuweichen. Doch 
dies kleine Beispiel ist nur willkürlich herausgegriffen. Man muss das Buch mit 
Aufmerksamkeit lesen und man wird unzähliche Anregungen ähnlicher Art finden. 
Übrigens möchte ich bei dieser Gelegenheit die ganze Sammlung „Erlebnis und 
Bekenntnis", deren dritter Band der Reiser ist, der Aufmerksamkeit unseres 
Leserkreises empfehlen. Es handelt sich um Selbstbiographien, also um kostbares 
Material. Hier finden sich neben Goethes „Dichtung und Wahrheit", Platters Lebens- 
beschreibungen, der köstliche Magister Laukhard, Rousseaus's berühmte Bekenntnisse, 
Benvenuto Cellini's Memoiren in mustergiltiger Ausstattung und sorgfältiger Redak- 
tion. Mit Recht sagen die Herausgeber: „In den Bekenntnissen der glühendsten 
Seelen, in den Selbstschilderungen der umfassendsten und schärfsten Geister, wie in 
den bescheidenen Erinnerungen der einfachsten Menschen mögen wir als in wahrhaftigen 
Bildern uns selber spiegeln. Hier, aus den ungefälschten Dokumenten vergangener 
Menschhhit mögen wir die lebendigste Belehrung, die tiefste Einsicht, die buntesten 
Bilder uns holen. Hier sind unerschöpfliche Schätze, nie veraltend und immer neu 
sich verschenkend. Wer über sich selbst schrieb, hat, ohne dass er es wollte, mit 
seinem Herzblat geschrieben.* Dr. W. B. 

Priv.-Doz. Dr. Otto Him-ichsen: Über das Abreagieren beim Normalen 
und bei den Hysterischen. Zeitschr. f. Neur. u. Psych. XVI, 1/2. 

A. spricht dem Freud'schen Begriff des „Abreagierens" im grossen ganzen 
jede psychische Realität ab. Wenn er auch nur einen „isolierten psychischen Mechanis- 
mus* des Abreagieren» leugnet und dasselbe einlach als „ein Überwinden- Wollen 



Referate und Kritiken. 185 

oder Nicht überwinden- wollen" verstanden haben möchte, geht er damit eben so weit 
über die Freud 'sehe Auffassung (Auflösung eines durch die Zensur eingeklemmten 
Affektes) hinaus, dass man es nur als eine Höflichkeitsformel ansehen kann, wenn 
er einleitend sagt, „dass dem Freud 'sehen Begriff des seelischen Abreagierens an 
sich ein tatsächlicher seelischer Vorgang entspricht." Es gehe nicht an, die gehemmten 
Tendenzen für wichtiger zu halten 3ls die hemmenden, was die Tiefenpsychologie 
prinzipiell betreffe. Wir fügen noch hinzu: den Erlebnissen der Hysterischen diesselbe 
Bedeutung beizulegen, wie es die Affektivität des Patienten zu fordern scheint, 
lässt denselben Verfälschungsprozess mitmachen, den Adler als das typisch Patho- 
gene hervorhebt. Dass der Kranke beim Auspacken seiner Erinnerungen ebenso- 
wenig seine aggressive Linie (vor allem gegen den Arzt) verlassen kann, als er sie 
beim einzelnen Erlebnis verlftsst, ist der Grund, weshalb unmöglich in einem ein- 
fachen Reproduzieren von Erlebnissen eine therapeutisch« Wirkung liegen kann. 
(Es wäre gut, von diesem Standpunkt aus einmal die Krankengeschichte der berühmten 
Doiä zu überprüfen, die Anlass zu so vielen Schlussfolgerungen gegeben hat. Wir 
halten vorläufig folgende zwei Punkte einander gegenüber: Patientin gab damals das 
Symptom der Lähmung, nachdem sie das entsprechende Erlebnis in der Hypnose 
reproduziert hatte, auf, — verlangte aber nachher den regelmässigen, pünktlichen 
Besuch des Arztes, weil sie sich sonst krank fühlte. Sollte nicht das Aufgeben des 
Symptoms gleichbedeutend gewesen sein mit einem Kunstgriff, der die Unterjochung 
des Arztes erleichterte ? Nun begann, — nach dieser captatio benevolentiae, — der 
wirkliche Kampf auf einer breiteren Basis, und wie der ausgefallen sein mag, darüber 

Bchweigt die Historie.) 

Es ist richtig, wenn Hinrichsen die Bedeutung. des Überlegens betont, als 
Beweis, dnss sehr verschiedene Regungen mit gleicher Kraft psychisch wirksam sein 
können, nur können wir den Vorgang nicht als so primär und einfach auffassen, 
wie ans seinen Ausführungen hervorgeht. Denn Bchon der Moment des „Überlegene" 
st ein Zeichen für eine schon bestehende Attitüde der Vorbereitung und Sicherung, 
aus welcher auf jeden Fall überlegt wird und Motive arrangiert werden, falls keine 
da sind; die Art und Weise der Vorbereitung gibt der aggressiven Linie ihre besondere 
Kurve, die bei demselben Individuum immer dieselbe ist, und das Schwanken im Ent- 
schlüsse heisst: aus dem Konflikt der weiblichen (schwachen) nnd männlichen (herrsch- 
süchtigen) Regungen jenen Standpunkt erringen, der einem die grössten Vorteile in 
Übereinstimmung mit dem individuellen Persönlichkeitsideal sichert. Im extremsten 
Fall ist Überlegen = Nicht-handeln-wollen, wie die Zweifler beweisen, welche 
ihre vielfachen Hemmungen nur aufstellen, um dem aktiven Eingreifen auszuweichen, 
weil sie nur dadurch ihre Position halten zu können glauben. In dem Sinne stimmen 
wir mit dem A. überein, wenn er es als die Eigenart des Dichters betrachtet, dass 
er das Erlebte konstant intellektuell verarbeiten kann. Dichten = Fiktionen der 
Aggression aufstellen und in einer Art durchführen, die einem das Handeln erspart. 

Was Nietzsches Gleichnis anbelangt: das Gedächtnis sagt: das hast du 
getan, der Stolz: das hast du nicht getan, und das Gedächtnis gibt nach, - können 
wir nicht eine Analogie zum Vorgang der Verdrängung darin erblicken. Wir glauben 
wohl, dass das Individuum eine besondere Fähigkeit besitzt, es erniedrigende Tat- 
sachen im Augenblick scheinbar zu übersehen, — was ihre Nachwirkung, und zwar 
ihre bewusste Nachwirkung betrifft, nehmen wir an, dass eine solche Mahnung des 
Stolzes nur dazu dienen kann, das betreffende Faktum im Gedächtnis stärker zu 
fixieren, damit es als Memento in künftigen Situationen dienen kann. Die Ernied- 
rigungen werden nur nicht geäussert, aber sie bestehen stärker fort, als die Momente 
der Überlegenheit. Das Individuum glaubt mehr an jene und verwendet diese 

wenn es ihm nicht anders möglich ist, seino aktuelle Überlegenheit fest 



nur, 



];-.,•; Referate und Kritiken. 

zuhalten, als durch den Hinweis auf errungene Ziele. Das Arrangement des Un- 
bewussten erstreckt sich auf jenen Teil der Zielsetzung, der mit den zu deren Durch- 
führung gewählten Mitteln kontrastiert (Oberwindung eines Menschen ist oft nur 
möglich unter dem Arrangement der Liebe, — ein Kunstgriff, welcher die Cachierung 
des Endziels unbedingt erfordert, wenn er durchgeführt werden soll; das Hervor- 
kehren des ethischen Prinzips bei starken Aggressionen, — bei Goethe im 
Schuldgefühl gegenüber Friederike Brion, ein fortwährendes Metnento mit der 
Grundmoral: überwinde!). 

Wir hielten diese Gedankengänge für notwendig, um die Ausführungen des A. 
nach einigen Seiten bin zuergäuzen, während wir sonst mit seinen Schlussfolgerungen 
übereinstimmen. „Es gibt keinen in einem bestimmten Augenblick erst einsetzenden, 
aus dem Zusammenhange des ganzen Erlebens heraushebbaren Abreagieruogsvorgang, 
sondern, wo ein Abreagieren nicht zustande kommt, kommt es deshalb nicht zustande, 
weil das Individuum nicht von einer bestimmten Festsetzung loskommt;" d. h. nur 
jene Erinnerungen werden affektiv geladen, denen eine Bedeutung als Memento zu- 
kommt, so dass sich der mystische und wunderwirkende Vorgang des Abreagierens 
auf ein Nichtf ixie ren von Erlebnissen (als ohne warnenden Wert) reduziert. Mit 
dieser Einsicht müsste man zugleich den Rat für alle diejenigen, die Doppeldeutigkeiten 
ans weichen wollen, verbinden, dieses schöne Wort, sei es auch mit Bedauern, f ür immer 
aufzugeben; vor allem, wenn man einmal nachprüfen wollte, wieviel Unfug mit 
der darin vorgespiegelten Objektivität, etwa wie die einer physiologischen Kurve, 
bei den Schülern Freud's getrieben wurde. Den Prozess der Sicherung hin- 
gegen möchten wir nicht auf ein Ablehnen von unangenehmen Erlebnissen einschränken, 
sondern auf alle jene psychische Akte ausdehnen, welche dem Individuum das Be- 
treten eines, mit Gefahren für seinPeraönlichkeitsidoal verbundenen Weges erschweren. 
Das Endergebnis seiner Untersuchung fasst Hinrichsen dahin zusammen, „aus 
der Affektbereitschaft entstehe der Augenblicksaffekt", und die Affektbereit- 
schaft sei nur aus der einheitlichen Zielsetzung des Individnums verständlich, was 
am besten seine Übereinstimmung mit A d 1 er a Auffassung beweist, obwohl er (warum?) 
diesen Autor zu nennen vermeidet. Kaus. 

Heinrich K ahmte : ÜberAngstzustände. (Wiener klin. Wochenschr. Nr. 13, 1913.) 

„Als Angst wird ein Affekt bezeichnet, als dessen Kern die unmittelbare 
Wahrnehmung einer sehr bedrohlichen Lage des „Ich" sich darstellt." 

„Nun zeigt aber die aufmerksame Beobachtung und Analyse in einer grossen 
Menge von Krankheitsfällen, dass primäre Angstaffekte die buntesten nnd merk- 
würdigsten psychischen und somatischen Erscheinungen zeitigen können, was zur 
Annahme einer speziellen, in Angstzuständen wurzelnden Psychoneurose führen muss, 
zu deren Benennung ich gleich das Wort „Phobo thy mie" vorschlagen möchte, 
da die Bezeichnung „Neurose" in neuerer Zeit gar zu vieldeutig geworden ist." 

„Als Phobothymie sei demnach eine Seelenverfassung gekennzeichnet, die 
besonders stark zu Angstaffekten neigt, ja solche ohne wahrnehmbare objektive 
Veranlassung produziert, sie auffällig mit Ausdrucksreaktionen betont, aber auch in 
oft schwer verständlicher Weise die buntesten somatischen Symptome zeitigt." 

Als einziges Heilmittel wird die Psychotherapie nach Dubois empfohlen. 

„Es kann nur eine Art rationeller Psychotherapie geben, nämlich jene, 
welche die ganze Psyche an ihrem innersten ethischen und intellektuellen Kern er- 
fasst und ihre Wertsysteme zu korrigieren sucht.* 

„Frei von jedem mystischen Zauber, im vollsten Lichte der Vernunft, unter 
jeder möglichen Kontrolle festwurzelnder sittlicher Anschauungen — so und nicht 
anders darf psychische Therapie betrieben werden." 



Referate und Kritiken. 189 

„So und nicht anders können die gequälten, verdüsterten Nem-otiker dauernd 
angezogen und wahrhaft durchwärmt und erleuchtet werden, und diese Art der psy- 
chischen Therapie ist nicht nur die segensreichste und praktisch lohnendste ärzt- 
lich e Tätigkeit, sondern überhaupt eine der beglückendsteu Formen menschlicher 
Wirksamkeit von heute ganz unabsehbarer Bedeutung für die Wohlfahrt der Indi- 
viduen und der Gesellschaft." 

Soweit die Ausführungen des Autors. Bemerkenswert ist die Kühnheit", mit 
der er das Thema behandelt, ohne einen der Autoren zu nennen, denen er die Kennt- 
nisse der Angstsymptome verdankt. Freud, Stekel. Adler scheinen nur zu 
den Autoren zu gehören, die nach den Autors Worten „jetzt in Miaskredit und ver- 
diente Vergessenheit zu versinken beginnen*. Stekel. 

Herbert Silberer: Zur Frage der Spermatozoenträume. Jahrbuch für 
psychoanalytische und psychopathologische Forschungen, IV. Band, 2. Hälfte. 

Der Autor bietet hier eine Fortsetzung und Ausgestaltung seines im ersten 
Halbjahr vorangegangenen Artikels: „Spermatozoenträume*, über den bereits referiert 
wurde Die Theorie der Spermatozoenphantasie wird schärfer entwickelt und es 
kommen mehrere lehrreiche Beispiele hinzu. Autoreferat. 

Herbert Silberer: Eine prinzipielle Anregung. Jahrbuch für psychoana- 
lytische Forschungen, IV. Band, 2. Hälfte. 

Diese Anregung ist an alle jene Psychanalytiker gerichtet, die die Psych- 
analyse ausserhalb ihrer ursprünglichen Domäne (Traum- und Neurosenpsychologie) 
anwenden, also etwa auf Gebieten wie Mythologie, Metaphysik, Ethik, Ästhetik etc. 
Verfasser bedauert es, dass die Vertreter der betreffenden Wissenschaften nicht selbst 
die Paychanalyse verwerten, und ermahnt die Psychanalytiker, die sich auf die ver- 
schiedenen Gebiete wagen, zu umso grösserer Gründlichkeit, um möglichst Unantast- 
bares zu schaffen. Obgleich die Anregung ganz allgemein gelten will, weist der 
Verfasser doch auf drei Gegenstände im besonderen hin, weil sie ihm vor allen 
eine heikle Behandlung zu erfordern scheinen: 

Der eine Gegenstand ist die Deutung der Märchen und Mythen. Die richtige 
Abgrenzung der Rolle der Psychanalyse wäre hier besonders wünschenswert. Die 
Synthese der psycbanalylischen Deutung mit den anderen Deutungen, wie der 
astralen, der historisch politischen, der ethisch-religiösen usw., harrt ihres Schöpfers. 
Dem Psychanalytiker kommt bei einer synthetischen Tätigkeit dieser Art das Prinzip 
der mehrfachen Determination zugute. Ich gebe aber gern zu, dass die Aufgabe 
eine fast übermenschliche Arbeit erfordert. 

Der zweite Gegenstand ist die Anwendung der Psychanalyse in ästhetischen 
Fragen" Hier muss so streng wie möglich der Schein vermieden werden, als sähe 
die Psychanalyse die Grundprobleme des künstlerischen Schaffens und des ästhetischen 
Wohlgefallens als gelöst, oder auch nur als durch die derzeitigen M.ttel der Psych- 
analyse lösbar an. 

,Der dritte Gegenstand ist die gefährliche Verlockung, Metaphysik durch eine 
Metapsycbologie ersetzen zu wollen. Bestrebungen dieser Art haben zwar noch 
keine festen Formen angenommen; sie scheinen mir indes zu bestehen, und ich 
möchte deshalb davor warnen. Sie gehen von einem überaus geistvollen, in seinem 
Zusammenhang sehr treffenden Ausspruch Freud's aus. In der „Psychopathologie 
des Alltagslebens* heisst es nämlich: .... Ich glaube in der Tat, dass ein grosses 
Stück der mythologischen Weltauffassung, die weit bis in die modernsten Religionen 
hineinreicht, nichts anderes ist, als in die Aussenwelt projizierte Psychologie. Die 
dunkle Erkenntnis (sozusagen : endopsychische Wahrnehmung) psychischer Faktoren 



190 Referate und Kritiken. 

und Verhältnisse des Unbewussten spiegelt sich — es ist schwer, es anders zu sagen, die 
Analogie mit der Paranoia muss hier zu Hilfe genommen werden — in der Konstruktion 
einer übersinnlichen Realität, welche von der Wissenschaft in Psychologie des Unbe- 
wussten zurückverwandelt werden soll. Man könnte sich getrauen, die Mythen vom 
Paradies und Sündenfall, von Gott, vom Guten und Bösen, von der Unsterblichkeit 
u. dgl. in solcher Weise aufzulösen, die Metaphysik in Metapsychologie umzusetzen." 
In diesem psychologischen Zusammenhang ist die Bemerkung Freud 's, wie 
gesagt, vollkommen treffend; aber es mag für so manchen minder kritischen Autor 
die Verlockung zu falscher Verallgemeinerung darin liegen. Autoreferat. 

Herbert Silberer: Zur Symbolbildung. Jahrbuch für psychoanalytische und 
pathologische Forschungen, IV. Band, 2. Hälfte. 

Diese Abhandlung ist eines der wichtigsten Glieder einer Serie von Arbeiten 
des Autors über die Symbolbildung auf den verschiedensten Gebieten menschlicher 
Phanta8ietätigkeit. Sie betrifft den Traum. 

Zunächst ist des Verfassers Meinung über das Symbol als solches und sein 
Zustandekommen zu betrachten. Er fasst den Symbolbegriff sehr weit, ja theoretisch 
vielleicht weiter, als streng zulässig. 

Jedes Symbol ist insofern Symbol, als es sich auf einen Gegenstand bezieht, 
den es vertritt. Kin Symbol entsteht, wenn ein positiver Faktor (Idee, Ge- 
danke, Komplex) zum Bewusstsein emporsteigen will, dabei aber gehemmt wird 
durch einen negativen Faktor: die apperzeptive Insuffizienz. Diese Insuf- 
fizienz kann ihrerseits entweder intellektuell oder affektiv bedingt sein; d.h. 
sie kann erstens in der mangelhaften Entwicklung (das Kind, individuell und 
völkerpsychologisch), oder in einer vorübergehenden Schwächung (Schlaf usw.) der 
apperzeptiven Fähigkeit durch allgemeine Herabsetzung der Denkonergie verursacht 
werden, und sie kann zweitens durch ein Kingreifen von Affekten entstehen, 
welche entweder durch einen Lust- und Unlustmochatiismus das Vordringen der Idee 
erschweren, oder aber die Aufmerksamkeitsfunktion eines Teiles ihrer Energie be- 
rauben, indem sie sie für die autonomen Komplexe in Anspruch nehmen. 

Wenn affektive Elemente das Vordringen der Idee stören, leisten sie übrigens 
nicht nur negative, sondern auch zumeist positive Arbeit, indem sie, als Konkurrenz- 
Unternehmungen neben der Hauptidee, sich selbst ins Bewusstsein durchsetzen wollen, 
also gleichfalls als „positive Faktoren" auftreten und selber zu einer Symbolbildung 
drängen. Das Resultat dieses konkurrierenden Drängens mehrerer „positiver Fak- 
toren" ist entweder ein Konglomerat von Symbolen, oder ein Symbol von gemischter 
Beschaffenheit, das die einzelnen Gegenstände, auf die es sich bezieht, in schiefer, 
entstellender Art vertritt. 

Man kann so zwei Typen von Symbolen unterscheiden, je nach der Reinheit, 
mit der sie ihren Gegenstand zur Darstellung bringen. 

Man kann die Symbolik auch nach der Natur des „positiven Faktors" (also des 
zur Darstellung gelangenden latenten Gehaltes oder (iegenstandes) in die von des Autors 
früheren Schriften her schon bekannten drei Kategorien einteilen: die materiale, die 
funktionale und die somatische. Gegenstand der Symbolik können nämlich sein: 

I. Gedankeninhalte, Vorstell ungsinhalte, kurz: das Inhaltliche oder Gegen- 
ständliche des Denkens und Vorstellens. Die Materie des Denkens — sie sei nun 
hewusst oder unbewusst. 

II. Der Zustand, die Tätigkeit, die Struktur der Psyche; die Art und Weise, 
wie sie funktioniert und sich befindet. Die Funktionsweise der Psyche — Bei 
sie nun hewusst oder unbewusst. 

III. Somatische Vorgänge (Leibreiz). 



. 






Referate und Kritiken. 191 

Die Scheidung namentlich der ersten beiden Kategorien erweist sich nun als 
überaus fruchtbar. Da fast die ganze bisherige psychanalytiscbe Traumliteratur der 
Behandlung der raaterialeu Kategorie gewidmet war, und die somatische für das 
tiefere psychologische Eingehen nur sekundäres Interesse bietet, hat sich der Autor 
bemüht, namentlich die funktionale Symbolik ins rechte Licht zu rücken. Er hat 
seine Beispielsammlung auch demgemäss eingerichtet. Statt aller weiteren Be- 
sprechung aei nun dasjenige Beispiel hergesetzt, das der Autor für eiues der lehr- 
reichsten hält. Es ist die Nummer 9 der Sammlung. 

Bruchstück aus einem Traum von P a u 1 i n e. — „Ich bin spazieren gegangen ; 
es war wie im Herbst: verwelktes Gras und Laub, braun, eine rechte Herbststimm ung, 
und gegen Abend. Ich komme zu einem Friedhof und gehe hinein. Ich denke mir: 
mein Gott, jetzt bin ich da ganz allein abends auf dem Friedhof. Es befällt mich 
ein beklemmendes Gefühl. Ich fürchte mich dann gar nicht [späterer Zusatz: „ich 
bekomme eine Art verzweifelten Mutes, indem ich mir denke: das macht nichts, 
ich setze mich über alles weg uud bringe Verderben. Diesen Mut fühle 
ich öfter in verzweifelten Situationen."], bekomme auf einmal Flügel, weide ganz 
schwarz und fliege über alle die Gräber. Und wohin ich geflogen bin, habe ich 
den Tod gebracht. Ich habe mir gedacht: wen sollst du zuerst — '), wo sollst du 
zuerst hinfliegen? Woran ich gar nicht denke: nach 0. bin ich geflogen, um dort 
zuerst den Tod hinzubringen. — Jetzt weiss ich nicht; ich bin nicht hingekommen; 
ich war plötzlich irgendwo in einem kleinen Haus, und dort habe ich sollen in ein 
oberes Zimmer gehen. Da war keine Stiege, da war eine Leiter. Über die Leiter 
bin ich hinaufgegangen. Statt einer Tür war nur ein kleines kreisrundes Loch, und 
da konnte ich nicht durch, und die Emma-) war schon in dem Zimmer drin und 
sagt „komm nur, ich bin auch ganz aut durchgekommen", uud ich habe probiert, es 
ist absolut nicht gegangen. Dann habe ich mich auf einen Vorsprung gestellt und 
habe mit der Leiter, wie mit einem Stemmeisen, ein Brett (aus der seinsolleudeu Tür) 
herausgestemmt. So bin ich hineingekommen. Die Leiter habe ich mitgenommen; 
niemand konnte dann mehr hinein, es war keine Leiter und nichts. In dem Zimmer 
waren nur Gartenbänke, sonst keine Einrichtung; Bänke mit weichen gebogenen Lehnen, 
gut zum Anlehnen. Ich habe mich in eine gesetzt und mich so gut, so angenehm 
und wohl gefühlt, wie wenn man recht lang sitzen bleiben will. Emma sagt: ,Sei 
nicht so faul und komme spazieren.' Ich bin ungern gegangen, so ungern. . ." 

Deutung. — Die Herbststimmung und das abendliche Alleinsein sind Ge- 
danken über Paulinens Lebensschicksale. Sie denkt an die entschwindende Jugend, 
an den herannahenden Lebensabend, den sie erwarten muss, ohne einen Lebensgefährten 
gefunden zu haben ■>). Sie steht auf dem Friedhofe ihrer Hoffnungen, und Bangen 
befällt sie. Da regt sich die lebensmutige Tendenz in ihr; sie rafft sich auf und 
sucht die trüben Gedanken abzuschütteln. Also ein Sichhinwegsetzen üher etwas. 
Diese Regung kleidet sich wie in anderen Träumen, so auch diesmal in das Bild des 
Fliegens — funktionale Symbolik —, nur dass infolge gewisser materialer Sym- 
bolbeziehungen besondere Ausschmückungen hinzukommen: Pauline wird ein 
schwarzer Todesengel, was ihr, wie sie nachträglich bemerkt, im Traume besonders 

auffällt. 

Die Stockung in der Traumdeutung enthüllt die Bedeutung des Todbringers, 
indem sie sie verhüllen will. Pauline weicht dem Gedanken aus, dass sie jemanden 



') Die Stockung ist interessant. 

*) Eine ältere Freundin Paulines, mit der sie oft beisammen ist, besonders 
auf Ausflügen, wo Emma oft die vorausgehende ist. 

3 ) Man vergleiche dazu auch die Phrase „sitzen bleiben" am Ende des mit- 
geteilten Traumstückes. Auch Emma ist eine, die sitzen geblieben ist. 



192 Referate und Kritiken. 

töten wolle. Denn der angefangene Satz soll doch vollständig gewiss lauten : Wen 
sollst du zuerst töten?" Dem weicht sie durch die Wendung aus; „Wo sollst du 
zuerst hinfliegen?" (Es ist sehr möglich, dass auch die ungrammatikalische 
Trennung des „wohin" im Dienste der tunlichst verdeckenden Angleichung der neuen 
Wendung an den eigentlich richtigen Satz entstanden ist. Ich hemerke noch, dass 
der Traum mündlich mitgeteilt und die Erzählung von mir nachstenograpniert ▼»«»«•) 
Nicht nur die Traumerzählung, sondern auch der Traum selbst ist jetzt wo ihm der 
Mordgedanke so deutlich entfahren ist, auf Verhüllungen bedacht, Er lässt die 
Träumerin nach 0. fliegen, wo eine, Paalinen sehr unsympathische, jetzt aber m 
ihren Angelegenheiten gar keine Rolle spielende, alte Dame wohnt. Em Mordgedanke 
gegen diese Dame hätte keine aktuelle Berechtigung. Sie ist natürlich ein Ersatz 
für jemand anderen. Die Entwicklung der Traumbandlung würde nun fordern, daas 
Pauline jemanden töte. Diese Vorstellung ist unzulässig ; es stellt sich heraus, 
dass der Ersatz der wirklich gemeinten Person durch die Dame in 0. ein unzulängliches 
Auskunftsmittel war; es bleibt nichts übrig, als die Mordgedauken, die jetzt offen- 
kundig zu werden drohen, gänzlich zu verlassen uud sich gleichsam in eine andere 
psychische Region zu begehen, um sich vor ihnen zu retten. Dieses wird funktional- 
symbolisch durch einen Szenenwechsel, eine Veränderung des Schauplatzes i) bewirkt, 
wobei das Sichrettenwollen noch besonders durch das mühselige Verkriechen in das 
entlegene Zimmerchen geschildert wird, wohin der Zugang niemand anderem verstattet 
wird : die Mordvorstellungen müssen jetzt draussen bleiben, und Paulinen ist wohl. 
Pauline befindet sich auf den Bänken so wohl, wie einstmals auf der Mutter 
Schoss*). oder vielleicht gar drin, in der Mutter Schoss, «-o Pauline freilich von 
quälenden Gedanken ebenso verschont war, wie von unerquicklichen Erlebnissen. 
Der kundige Analytiker wird ja den Aufstieg durch die enge Öffnung in das Zimmer- 
chen längst ala Geburts- und Mutterleibsphantasie erkannt haben. Diese dient hier 
dem Wunsche, von allem so unberührt zu sein, wie im Mutterleibe. Die Mutter- 
leibsphantasie ist die retrograde Fassung der Todespuantasie. Und hier im beson- 
deren ist sie der erweiterte funktionale Ausdruck des Sichbergons vor den Mord- 
gedanken. Bevor die Leiter eingezogen ist (was den quälenden Vorstellungen den 
Eintritt wehrt), sind diese Gedanken immer noch in Kraft; man beachte nur, dass 
Pauline die Leiter wie ein Mordinstrument handhabt. Pauline hat, wie sie nachträg- 
lich angibt, in diesem Augenblicke der Traumhandlung einen Zorn auf die schon im 
Zimmer befindliche Emma. Die Analyse ergibt eine Perspektive in die Kindheit und 
setzt für Emma: Paulinens jüngere Schwester Regine. Pauline hat diese Schwester 
als Kind beneidet, weil sie ihr einen Teil der elterlichen Liebe nahm. Sie beklagte 
sich bei verschiedenen Leuten, namentlich auch in 0., dass jetzt auch eine böse 
Regine da sei, die auf der Muttor Schoss sitze. Ist nun Reg.ne beim natürlichen 
Verlauf der Dinge später aus dem Mutterschoss gekommen, so muss sie (oder die 
stellvertretende Emma) beider retrograden Phantasie zuerst wieder hinein und 
dann kommt Pauline nach. Natürlich hätte Fauline als Kind ihre Rivalin am liebsten 
beseitigt gesehen; dieser Todeswunsch (im Traume durch den Zorn auf Emma ver- 
treten) bildet sozusagen das emotionelle Bindeglied (Asaoziationsband) zwischen den 
beiden Teilen oder Schauplätzen des Traumes. Dieser Todeswunsch (auf die 
Schwester) ist der ungefährlichste, entfernteste; und auch er verstummt, sobald die 
Geburten rückgängig gemacht sind. Die bösen Gedanken sind nun vertrieben, Pauli ne 
ruht sich auf den weichen Gartenbanken (des Mutterschosses = matenales Symbol; 

') Kann als ein Beispiel von Schwellensymbolik aufgefasst werden. 
*) Der Schoss der Mutter kommt in einem andern Stück der Analyse vor, es 
wird unten erwähnt. 



Referate und Kritiken. 193 

des Vergessens = funktionales Symbol) ans. die sie so „ungern" (im Traume wird 

das betont) verlasse. 

Wer ist es aber, dem Pauline im Unterbewusstsein den Tod wünscht? Über 
wessen Gräber setzt sie fliegend hinweg? Wer hat aktuellen Anspruch auf Mord- 
bedanken? Wir werden es erraten, wenn wir erfahren, dass der von Patiline geliebte 
Richard verheiratet ist und Kinder bat. Auf die Frau Richards zielen die unbe- 
wussten Mordgedanken in erster Linie; auf die Kinder in zweiter Linie, denn sie 
sind der Grund, warum sich Richard nicht entschliessen konnte, sich von seiner 
Krau scheiden zu lassen. Der eben genannten Hindernisse und der daraus niessenden 
moralischen Bedenken wegen brach Pauline ihren Umgiing mit Richard ab; zur Zeit 
des Traumes glaubte sie — und nun kommen wir zu einem Hauptschlüssel der funk- 
tionalen Symbolik dieses Traumes — Richard und alles, was sich auf ihn bezieht, 
bereits vergessen zu haben. Sie ist in Beziehung zu einem andern getieten, den 
sie schätzenswert und liebenswert findet, und bei dem jene Bedenklichkeiten nicht zu- 
ti't-ffeu. Aber vor einigen Tagen, als sie von ferne Richard erblickte, wurde sie selt- 
sam aufgeregt: es wunderte sie, dass das Andenken in ihr noch so lebendig sei. 
Also die Toten kommen wieder. Hier haben wir die aktuelle Basis des Traumes. 
Der Friedhof bedeutet nicht bloss, wie ich eingangs sagte, begrabene Hoffnungen, 
sondern auch die begrabenen Erinnerungen (allerdings auch Hoffnungen) au Richard, 
die sie geisterhaft umwittern, und über die sie dann fliegend hinwegsetzt. 

A utoreferat. 



Jahresversammlung des „Internationalen Vereins für 

medizinische Psychologie und Psychotherapie" 

in Wien am 19. und 20. September 1913. 

Die Sitzungen wurden im Hörsaal der psychiatrischen und Nervenklinik von 
Hofrat Prof. Dr. J. v. Wagner- Jauregg abgehalten. 

I. Sitzung 19. September 1913, Vormittag. 
Hr. 13 leuler- Zürich begrüsst die Anwesenden und schliefst aus der Gegen- 
wart der zahlreichen Gäste, dass das Interesse für die Sache, die der Verein ver- 
tritt, gross ist und ständig wächst. Die Köcher, um deren Propagierung und Ver- 
breitung er sich bemüht, sind bisher im akademischen Unterricht vollständig ver- 
nachlässigt, sowohl zum Schaden der Psychiatrie, als zum Schaden der anderen 
medizinischen Fächer. In diesen Versammlungen des Vereins sollen alle Richtungen 
zu Worte kommen, ein Piinzip, das der Verein immer festgehalten bat, dessen 
weitere Geltung schon darum erforderlich ist, weil heute auf dem Gebiete der medi- 
zinischen Psychologie sichtlich Widersprüche vorliegen. Es ist auf dem ganzen 
Arbeitsgebiet viel Neues zu tun, es gilt objektiv und unparteiisch zu sein, schon 
darum, um jeder Verknftcherung vorzubeugen, die mit abaolut-r Notwendigkeit dann 
eintritt, wenn man eine einzige Theorie von vornherein als richtig anerkennt, inner- 
halb dieser bleibt und alle anderen Meinungen ausschliesst. 

Als Vorsitzender des Vereins dankt Bleuler den Kollegen in Wien, die sich 
am das Zustandekommen des Kongresses bemüht haben, den HHr. Prof. Kahnann, 
Prof v. Wagner, der dem Verein den Höisaal seiner Klinik zur Verfügung ge- 
stellt hat, Prof. Obersteiner als Präsidenten des Wiener Vereins für Psychiatric 
und Neurologie. Der Vorsitzende bedauert, dass die HHr. Prof. Bern heim und 
Zer.tralblatt für Faychoannlyae. IV 1 / 4 13 



1<)4 Kongressberichte. 

Prof. Forel nicht anwesend sein können, and teilt mit, dass Dr. Bonjour seine 
Abwesenheit entschuldigt hat, wodurch der von Bonjour angekündigte Vortrag 
entfällt. 

Bleuler- Zürich hält den Eröffnungsvortrag: 
Die Notwendigkeit eines medizinisch-psychologischen Unterrichts. 

In der naiven Medizin spielt die Psychologie eine wichtige Rolle ; psychische 
Einhiisse in der Ätiologie der Symptome und Symptomgruppen werden als Selbst- 
verständlichkeiten angenommen. Der Medizinmann der „Wilden* und der Pfuscher 
in der modernen Grossstadt sind in diesem Punkte vollständig einig, im Gegensatz 
zur Schulmedizin, die nur chemische, physikalische und infektiöse Prozesse keimt. 
Die Möglichkeit, Mikroben und Gifte zu demonstrieren, ihre Wirkungen experimentell 
zu studieren und zu analysieren, hat einerseits zu ungerechter Überschätzung dieser 
Seite der Medizin geführt, andererseits die psychologische Auffassung in Misskredit 
gebracht. Psychologische Auffassungen von Symptomen sind schwer zu beweisen; 
eine der hesten Methoden, wenn nicht die einzige, ist der Nachweis des Erfolges 
der psychischen Behandlung. Die moderne .Medizin trachtet die Intuition auszu- 
schlieasen, und die Denkweise des Arztes von heute geht in ganz anderer Richtung. 
Die enormen Fortschritte in der Technik der Krankenuntersuchung und -behandlung 
haben das instinktive Verständnis der Erkrankungen geschädigt; der Vergleich mit 
dem Seefahrer liegt nahe, der im Besitz von Komnass und Karte ausgezeichnet 
fährt, ohne diese Hilfsmittel aber sich nicht zu orientieren vermag; ebenso kann 
die Medizin im Geltungsbereiche ihrer physikalischen, chemischen und bakterio- 
logischen Methoden Grosses leisten, aber eben nur in diesem. Gewiss ist heute die 
bakteriologische Typhusdiagnose sehr gut ausgebildet; aber die Typhus- 
diagnose war auch vor Beginn der bakteriologischen Ära sehr gut möglich. Die 
unbewußte psychische Funktion ist ein Nebenprodukt des Umganges mit den Neben- 
menschen, von welchem man im alltäglichen Leben instruktiv Gebrauch macht, aber 
die „Wissenschaft" kann Instinkte nicht brauchen, sie verlangt „objektive" Methoden, 
sie will auch in der Psychiatrie nichts von psychischen Wirkungen wissen und 
nicht die psychischen Ursachen geistiger Störungen zugeben, während es klar i8t, 
dass psychische Wirkungen eine latente Psychose manifest machen können. Die 
Medizin ist ein Torso, wenn die Seele konsequent nicht beachtet wird. Die Medizin 
hat den Instinkt durch nichts ersetzt, sie hat im Gegenteil sogar eine Psych o- 
phobie geschaffen, die zu schweren Schädigungen führen kann. Bei einer erwerbenden 
Frau, boi der ein Tortikollis (freilich nervöser Natur) bestand, wurde ein Gypsver- 
band angelegt; die Pat. hätte ihre Stelle verloren, wenn Vortr. nicht den fixierenden 
Verband hätte entfernen lassen, als die psychische Natur des Leidens erkannt war. 
Ähnlich erfuhr er von einem Falle, in dem ein Gymnasiast Rückenschmerzen (ner 
vöaer Natur) hatte. In beiden Fällen hatte ein Chirurg Wirbelkaries diagnostiziert, 
ebenso wie in einem anderen Falle, in dem ein hypochondrischer Melancholiker über 
Knieschmerzen klagte, die Operation erwogen wurde. Die psychischen Mechanismen, 
die die Entstehung von lähmender Krankheitsfurcht bedingen, sind leicht zu er- 
kennen, wenn man sie einmal durchschaut hat. Viele Ärzte beobachten auch den 
Einfluss ihrer Worte zu wenig. Eine besondere Wichtigkeit hat nach der Erfahrung 
des Vortragenden die Diagnose „Optikusatrophie" ; er kennt einen Fall, in dem diese 
(von einem Ophthalmologen gestellte) Diagnose sich als falsch erwies. Von der 
Verzweiflung des Kranken kann man sich nicht leicht eine Vorstellung machen. 
In einem anderen Falle trat eine so weitgehende Besserung ein, dass der Kranke 
leichte Arbeit ausführen konnte; der Fall war als aussichtslos bezeichnet worden. 
Em Schizophrener, in dessen Vorstellungen eine Geburtsphantasie eine grosse Rolle 



Kongressberichte. 195 

spielte, klagte über Schmerzen in der Oberbauchgegend, die als Verlegung nach 
oben zu deuten waren. Der Chirurg fand einen Schatten in der Gallenblasengegend 
und achlug die Operation vor, während an der rein psychischen Genese der Schmerzen 
nicht zu zweifeln war. Der wirkliche Fehler lag in diesen Fallen nicht an den 
Ärzten, sondern an ihren Lehrern. Ein besonderes Kapitel bildet das Elend der 
Neurosen, in denen der Wille zur Krankheit oft ein treibendes Motiv ist. 

Es ist gewiss sehr vorteilhaft für den Kranken, wenn man seine Konstitution 
durch Diätetik und andere Heilmethoden zu kräftigen vermag; die tatsächliche 
Wirkung aller dieser Prozeduren besteht darin, dass sie dem Arzte Gelegenheit zu 
psychischer Behandlung geben, sei es durch Psychoanalyse, sei es durch Suggestion. 
Die Hauptsache ist es, dem Patienten eine Lebensmöglichkeit geben, eine mögliche 
Lebensaufgabe schaffen. In dieser Hinsicht sieht man, dass Laien oft sich Er- 
krankten gegenüber viel zweckmassiger verhalten als Ärzte. Es hat gar keinen 
Sinn, einen Patienten, mit dem man keinen Rapport hat, eine Mastkur machen zu 
lassen. Ein Erfolg wird nur durch psychische Behandlung erzielt. Viele latent 
Schizophrene klagen über Verdauungsstörungen, die sich durch Psychoanalyse als 
Geburtsphuntasien erkennen lassen. Besonders wichtig ist die Berücksichtigung der 
Familie, die oft z. B. durch melancholische Kranke fürchterlich gequält werden; die 
Umgebung des Kranken wirkt aber oft genug auch, erzeugt oder vorstärkt Krank- 
heitserscheinungen, so dass man in beiden Fällen am besten tut, den Kranken ans 
der Familie zu entfernen. Wichtig ist auch die Prophylaxe geistiger Störung«» 
durch richtige Erziehung und Berufswahl. In diesen Dingen haben die Kurpfuscher 
manche Vorteile errungen, indem sie auf die Bedürfnisse der Seele eingehen, was 
z. B. Pfarrern ganz besonders gut möglich ist. Es hat gar keinen Sinn, bei solchen 
Übergriffen zum Kadi zu laufen, man kann nur dadurch Erfolge erzielen, dass man 
mehr und Besseres bietet als die Konkurrenz; nur die medizinische Psychologie 
kann da ein Gegengewicht bieten; die Psychologie, die von philosophischen Studien 
ausgeht, ist für die Medizin unbrauchbar; auch die „physiologische Psychologie' ist 
für die Khnik wertlos. So müssen denn für sie eigene Lehrstühle geschaffen 
werden; denn der Studierende kann sich nicht von selbst ohne Anleitung jene Kennt- 
nisse über den Zusammenhang von Seele und Körper verschaffen, die er für das 
Verständnis psycho pathologischer Phänomene braucht; medizinische Psychologie muss 
als eigenes Lehrfach behandelt werden. 

Die Richtung ist gegeben; Anlage und Gelegenheit für die Entwicklung der 
Neurosen. Untersuchungen, unter welchen Umständen sich psychische Phänomene 
bei Erkrankungen des Nervensystems, sowie bei andereu Erkrankungen entwickeln, 
sind Tbemen der medizinischen Psychologie. Dazu mus- sie darstellen, inwieweit 
und in welcher Weise Ursachen von Krankheitserscheinungen psychisch bedingt 
sind. Sie tnusa zunächst auf die Affekte eingehen (denn die Rulle der Affektivität 
in der Psychopathologie ist von grösst-r Wichtigkeit) und zwar vor allem auf die 
negativen. Unter dies-n sind als pathogenetisch zunächst wieder die ambivalenten 
zu nennen. Wichtiges Beobachtungsmale! ial gi-.t die Erforschung der Mimik; Vor- 
tragender verweist kurz auf die von Veraguth hervorgehobene Bedeutung der 
Falten im oberen Augenlid. In zweiter Linie erst kommt der medizinischen Psycho- 
logie die Betrachtung der intellektuellen Sphäre zu, die den Boden liefert, auf dem 
die Affekte sich abspielen, Sie wird auch die körperlichen Ursachen der seelischen 
Störungen nicht vernachlässigen dürfen, muss z. B. Magenerkrankungen als Ursache 
von Störungen des Humors, Tuberkulose als Ursache einer sachlich nicht begründeten 
Euphorie berücksichtigen. Sie muss die Wichtigkeit psychischer Effekte für die 
Diagnostik erkennen, sie muss zeigen, dass Magenstörungen nur Symptome psychi- 
scher Prozesse sein können, sie muss aber auch lehren, dass Onanie nur auf dem 

13* 



196 Kongressberichte. 

Umweg über die Psyche schadet, dass die Psyche ein ausgezeichnetes Reagens für 
Hormone ist, ebenso wie für Nervensifte, besonders für Narkotika, und für andere 
Pharmaka, z. B. Darmmittel. Aufgabe der medizinischen Psychologie ist es weiter, 
dein Arzte, der natürlich nicht über alle Methoden der Behandlung verfügen kann, 
Hinweise dafür zugeben, welchem Spezialisten er den Fall zuweisen soll, ob dem Ana- 
lytiker, dem rlydrotherapeuten, dem Persuaseur etc. etc. AVeiterbin hat sie die 
Ursachen der Krankheiten darzustellen, sie darf sich nicht mit der „ Überanstrengung* 
begnügen, sie muss auf die Disposition und die anderen Faktoren hinweisen, sie 
muss die Wirkung des Milieus untersuchen, sie muss psychische Hygiene treiben. 
Viele unglückliche» Ehen lassen sich dadurch besser und erträglicher machen, wenn 
die Arzte erkennen, dnss bei so vielen Frauen nicht Bosheit oder Unverstand, son- 
dern Krankheit (vor allem kommt hier die Schizophrenie in Betracht) vorliegt. 
Aufgabe der medizinischen Psychologie ist es, Überlegung an Stelle des Instinktes 
zu setzen. 

Besondere Wichtigkeit kommt der Erziehung zu, so werden abnorme Kitern 
durch ihr Beispiel schädigen. Auch die Pädagogen werden sich mit mediziniseber 
Psychologie beschäftigen müssen; denn ohne naturwissenschaftliche Beobachtung 
auf diesem Gebiete kann man nicht vorwärtskommen, Es soll nach Möglichkeit 
verhindert werden, dass geniale Menschen in der Schule unerkannt bleiben. Es 
muss den Pädagogen die Wichtigkeit des Gemütslebens klar gemacht werden, die 
Fragen der sexuellen Aufklärung und sexuellen Moral müssen studiert werden, 
grösseres Verständnis für die forensische Psychiatrie muss erzielt werden. Auch 
die psychologische Bedeutung der Genussmittel muss bearbeitet worden. Die psychi- 
schen Zusammenhänge im sozialen Leben, in Dichtung und Literatur, in Geschichte 
und Religion müssen dargelegt werden. Der Arzt darf dem psychologischen Stoff, 
den ihm die Literatur bietet, nicht fremd gegenüber stehen, jedenfalls darf es nicht 
weniger orientiert sein, als andere. Die einseitige Bildung und Denkweise muss durch 
psychologische Ausbildung ergänzt werden, so dass psychische Zusammenhänge 
ebenso bekannt und vertraut sein werden, wie die chemischen und physikalischen. 
Nur allgemeine psychologische Schulung kann das leisten, nur auf dieser Basis ist 
ein Fortschritt möglich. Den Anfang dazu muss ein systematischer Unterricht iu 
der medizinischen Psychologie bilden. 

Diskussion: Hr. Moll (Berlin) warnt vor einer Überschätzung des Unter- 
richts in der medizinischen Psychologin und weist auf die Schwierigkeit der Durch- 
führung desselben hin. Vorlesungen werden nicht viel Anklang linden. Am Kranken- 
bett kann das, was Bleuler gefordert hat, zum grossen Teil nicht gelehrt werden. 
Und das, was um Krankenbett gelehrt werden kann, müsste bald auf einer internen 
Station, z. B. wegen Optikusatrophie, bald auf einer chirurgischen Station etc. 
unterrichtet werden; das setze ein so kollegiales Verhältnis voraus, wie es auf dem 
Kontinent nirgends existiere, soviel er wisse. Im wesentlichen werden es doch 
Psychiater sein, die diese Dinge lehren. Er wolle die Wichtigkeit des theoretischen 
Kollegs nicht in Abrede stellen, bemerke aber, dass Takt und Menschenkenntnis 
nicht gelehrt werden können, die Erfolge der Kurpfuscher seien gewiss nicht durch 
die medizinische Psychologie bedingt. Die Psychotherapie könne ja bei Neurosen 
grossen Nutzen haben, aber oft sei auch eine somatische Behandlung nötig. Die 
Bedeutung des affektiven Moments gebe er gern zu, aber gerade darum seien An- 
gehörige oft gar nicht beeinflussbar, ebenso wie Liebende immer den Heiratskonsens 
wollen. Was die praktische Seite der Schaffung von Kollegien für medizinische 
Psychologie betreffe, so glaube er, dass sich die Regierungen nicht leicht dazu ent- 
schliessen werden. 



Kongressberichte. '"' 

Hr Ranschburg (Budapest) schliesst sich dem Vorschlag Bleuler's an, 
fordert aber, dass auch normale Psychologie unterrichtet weide. Sio muss im 
Unterricht vorausgeben, denn sonst kann es dazu kommen, dass ein StudenL etwas 
von Gefühls-, von Willenstörungen hört, ohne etwas von den normalpsychobgiscuen 
Eigenschaften dieser Psycbismen zu wissen. 

Hr. v. Hattingberg (München) bebt gegenüber Moll hervor, dass der Unter- 
richt in der medizinischen Psychologie die W.rkung habe, eine andere Einstellung 
des Arztes zu bewirken. Wovon man nichts wisse, daran denke man nicht. 

Hr Winkler (Wien) schliesst sich der Forderung Bleuler's an und teilt 
mit dass seit dem Sommer 1913 an der philosophischen Fakultät in Wien ein 
psychologisches Institut bestehe, das sich sowohl mit Geschichte der Psychologie, 
als auch mit experimenteller Psyd™ 1 "^ beschäftige. Für Pädagogen sei das 
Studium der Psychologie obligat, sie müssten darüber Prüfung machen; nach der 
Meinung des Redners könnte leicht eine entsprechende Vorschrift für Med.ziner 
zustande kommen analog der auf das Studium der Physik und Chemie bezüglichen 

Vorschrift. . 

Hr Feri (Wien) bedauert, Hr. Bleuler widersprechen zu müssen, kann 
aber nicht finden, dass die Medizin als solche durch die Al.lrennunjj der verschiedenen 
Spezialläc.ber viel gewonnen habe. Es sei wohl zu einer früher vielleicht für un- 
möglich gehaltenen Verfeinerung der Untersuchung und Behandlung gekommen, 
aber davon hätten nur einzelne Organe etwas, nicht aber der kranke Mensch. Die 
medizinische Psychologie, die zu den verschiedensten Fächern, der internen Medizin, 
der Neurologie "etc, Beziehungen aufweise, habe - davon wisse man .u W.en 
speziell "enug - keine so bedeutenden Erfolge auf diagnostischem und therapeuti- 
schen Gebiete aufzuweisen, dass man sich so leicht hin en.schliessen könne, einen 
besonderen Lehrer für dieses Fach in Vorschlag zu bringen, dabei wären aber ... 
Wien führende Persönlichkeiten auf diesem Gebiet tätig. 

Hr Lüwy (München) betrachtet den Vorschlag Bleulers vom Standpunkt 
der Hochschulpädagogik. Nur ein obligates Kolleg könnte nützen, denn ein ottbt 
obligates über medizinische Psychologie würden nur die Wenigsten hören . «• müsste 
darum auch ein Examensfach sein. Aber es würde auch das noch nicht genügen, 
denn ein theoretisch gelerntes, nicht praktisch geübtes Fach würde rasch weder 
vergessen Ein anderer Weg könnte darin besteben, die I'rofessorenkollegien zu 
2üEll wie letzterer aber geschehen sollte, wäre ihm selbst unklar. Er hielte 
den ganzen Vorschlag für utopistisch. 

Hr Kafka (München) schliesst sich den Bemerkungen Ranschburg s an 
und erklärt, es sei notwendig, einmal gerade heraus zu sagen, dass die von , ph. , o- 
söphischer Seite vorgetragenen Lehren z. B. die Lipp'sche Einfühlung für d.. 
praktische Psychologie ganz wertlos seien. „ 01 . h „hH 

P Hr Bleuler hat sich die Schwierigkeiten der ganzen Frage nicht veihehlt. 

aber durch Nachgeben werde es per analogiam nicht besser. Wollte man Moll 
folgen, so würden die Kinder nicht deutsch lernen, weil sie nicht auch griechisch 
lernen. Man müsse gegen alle in Betracht kommenden Staaten einen konzentri- 
schen Angriff unternehmen, vielleicht würde dann etwas erreicht werden. 

Hr.Ranschburg (Budapest): Psychologische Methoden zur Erforschung 
des Verlaufes der nervösen Erregung unter normalen und pathologischen 

Bedingungen. 
Die Wirkungen der Reize auf das zentrale Nervensystem lassen sich nach 
Semon zweckmässig einteilen in: 1. synchrone Erregungen die mit dem Reize 
gleichzeitig oder nahezu gleichzeitig auftreten und abklingen, und denen bei zentralen 



198 KongresBberichte. 

Erregungen die Empfindung (bzw. Wahrnehmung) entspricht; 2. in on graphische Reiz- 
wirkungen, d. h. Nachwirkungen des Reizes, denen physiologisch eine erhöhte Arbeits- 
fähigkeit, psychologisch die Übung, die Fähigkeit zum Wiedererkennen, zur Wieder- 
erneuerung durch Ekphorie, d, h. die Funktionen des Gedächtnisses, der Reproduktion 
entsprechen. Zwischen die synchrone Phase und die eigentliche eilgraphische Phase 
schiebt sich die sogenannte akolute Phase ein, d. h. psychologisch ist mit dem Er- 
löschen des Reizes fast gleichzeitig auch das Erlebnis, die Empfindung erloschen, 
physiologisch ist aber die Reizwelle noch nicht abgeklungen, sondern bedarf hierzu 
einer Zeit, die — wie dies z. B. aus den Nachbildern erweisbar ist — sich auf Se- 
kunden erstreckt. 

Der Verlauf all dieser Phasen der Erregung ist nun mittels der uns zur Ver- 
fügung stehenden psychologischen Methoden am lebenden Menschen, sowohl uuter 
normalen, als unter pathologischen Bedingungen der Forschung in hervorragendem 
Mas-se zugänglich. Dabei kommen zwei prinzipiell verschiedene Methoden in Betracht, 
die der Reaktionszeitmessungen und die der Reihenerlernung. Erstere zunächst von 
Wundt, Buccola, Kraepelin etc. angewendet, dient der Untersuchung der Er- 
regungsleitung und bestimmt im allgemeinen die Dauer der Assoziations- bzw. Ro- 
produktionszeiten (W und , Kraepelin, Ziehe d, Sommer, Aschaifenburg etc.), 
im speziellen erforscht den Erregungsablauf unter der Wirkung von Affektenflössen 
(■'ung, Bleuler's Schule, Moravcsik etc.). Letztere, vou Ebbinghaus ange- 
bahnt, erweist sich als geeignet zur Feststellung en graphischer Reizwirkung und hat 
bei progressiver Paralyse, seniler Demenz, Eorsakof fachen Psychose interessante 
Resultate ergeben. Vortragender hat mit dieser Methode, die, wenn auch nicht so deutliche 
Resultate gibt, wie die Prüfung von Pupillen- und Sehnenrettexen, doch objektive 
Ergebnisse liefeit, bei Paralytikern gearbeitet und zwar nach der Methode der organi- 
schen Wortpaare, Zwei VYoitp, die miteinander assoziativ zusammenhängen, wurden 
einem Paralytiker zur Reproduktion aufgegeben, und zwar wnrdo der Versuch so 
lange wiederholt, bis das Kesultat der Reproduktion dem eines Normalen gleich war. 
Wurde dieser Versuch nach 3 Wochen wiedeiholt, so zeigte sich, dass nnch 2 bis 3- 
maliger Wiederholung der Versuch positiv auffiel, während beim ersten Versuch 
9 Wiederholungen nötig gewesen waren, um eine Reproduktion zu erzielen; dabei 
konnte sich Fat. absolut nicht an die vorausgegangene Prüfung erinnern. Es muaste 
also etwas zuiückgeblieben sein, es war also möglich, die engrapliische Disposition 
zu messen. Bei Korsakof f'sclier Psychose haben Ürodtnann und Gregor mit 
dieser Methode gearbeitet und gefunden, dass nach ä Sekunden 43%, nach 3' 3,4% 
reproduziert wurden. Es ergab sich also ein steiler Abfall der Retention bei An- 
wendung dieser Methoden. Die gesamten auf diese Weise gewonnenen Erfahrungen 
ergeben, dass sich der zeitliche Ablauf ekplioiischer Prozesse mit der Erkrankung 
und innerhalb dieser mit den einzelnen Stadion der Erkrankung ändert. Es ist 
möglich, mit dieser Methodik doit noch Merkfähigkeit nachzuweisen, wo alle anderen 
Methoden versagen, Wie wichtig die Ergehnisse dieser Art der Funktionsprüfung 
für die Prognose sind, i»t von vornherein klar, und ebenso evident sind ihre Vorzüge 
im Vergleich zu den anderen Untersuchungsmethoden. Es ergab sich z. B. als all- 
gemeines Resultat, dass um 50 Jahre herum bei Gesunden die Leistungsfähigkeit zu 
sinken beginnt. Vortragender demoi striert Kurven, die die Ergebnisse seiner mit dieser 
Methodik durchgeführten Untersuchungen au den Schülern der Elementarschulen in 
Budapest zeigen. Zeigt man bei dieser Alt von Reihenerlernung dem Untersuchten 
das erste Glied eines Paares, imd ist die Aufgabe gestellt, das zweite zu reproduzieren, 
so findet man schon unter normalen Personen sehr grosse Unterschiede; als einer 
der Faktoren, die mitbestimmend wirken, ist moralische Minderwertigkeit anzuführen. 
Eine neue Methode, die Vortragender allmählich im Laufe von 13 Jahren ausgearbeitet 



Kongressberichte. 199 

hat, beschäftigt sich mit der Tätigkeit der wahrnehmenden und auffassenden Zentren. 
Die Auffassung von Sinneseindiücken ist kein momentaner, sondern ein wellen- 
förmiger Prozess, indem der Heiz nicht sofort verschwindet, sondern noch eine Zeit- 
lang nachwirkt. Die Methode besteht darin, dass in einem durch einen kleinen 
Sektor eines Kreises (z. B. '/« der Peripherie) bestimmten Gesichtsfeld Buchstaben, 
Ziffern. Farbenscheibchen etc. erscheinen, die V» Sekunde bis 3 Sekunden exponiert 
bleiben, je nach dem Willen des Untersuchers. Vortragender hat auf Kreisscheiben von 
Papier, die hinter, bzw. unter einer undurchsichtigen, in einem Sektor ausgeschnittenen 
Scheibe rotieren, in einigen aufeinanderfolgenden Sektoren Burhstaben etc. drucken 
lassen, einige Sektoren freigelassen (zur Erholuni: während des Versuches). Vor- 
tragender demonstriert nun mittelst dieses Apparates mit Hilfe von Buchstaben unier 
anderem die Tatsache, dass in der Reihe nrsr die beiden r verschmelzen, so dass 
die Folge nrs oder nsr gelegen wird; ähnliches wird auch an Keinen von Farben- 
scheibchen gezeigt. Es zeigt sich hierbei Hemmung und Verdrängung durch Ver- 
schmelzung gleichait.iger Eindrücke, während verschiedenartige Eindrücke vonein- 
ander nicht beeinflusst werden. Die Dauer der homogenen Hemmung ist zahlen- 
mässhj genau bestimmbar und zweifellos durch den Zustand des Zentralnervensystems 
bedingt; es ist also mit dieser Methode möglich, Aufschluss über den Funktions- 
zi. stand' der Aufnahme- und Auffassungs/.entren zu gewinnen, und darum ergibt sich 
die Forderung, mit dieser tachistoskopische n Prüfung zunächst normale Menschen 
zu untersuchen. Selbstverständlich wurden vor der Prüfung Relraktionsanomalien 
korrigiert und nur Personen mit normaler (eventuell erst durch Korrektur normaler) 

Sehschärfn verwendet. 

Diskussion: Hr. Pötzl (Wien) verweist auf den hohen Wert, den Unter 
Buchungen von Kranken mit partiellen Seelenstörungen (Alexio, Agraphie etc.) haben, 
um über gewisse psychologische Fragen klar orientiert zu sein. Er hat in einem 
Falle von reiner Wortblindheit beobachtet, dass ein Kranker wohl einzelne Buch- 
staben lesen konnte, aber unfähig war, sie zu einem Worte zusammenzufassen. Ähnlich 
war es bei ihm mit der Farbenwahrnehmung. Nun ist bei Normalen bei einer zu 
kurzen Expobition die Entstehung einer Wahl nehmung auch unmöglich, bei diesem 
Kranken war sie es auch bei einer beliebig lang dauernden Exposition. Die Obduktion 
ergab in diesem Falle eine Zerstörung im Gebiet der linken Sehsphäre und der dazu- 
gehörigen Balkenstrahlung. Es zeigt sich also, dass die Störung einer einfachen 
Wahrnehmung kein so einfacher Prozess ist. sondern sich aus einer Gruppe von 
Elementen aufbaut. Ähnliche Befunde erhebt man bei der Untersuchung von Kranken 
mit sensorischer Aphasie, die sich zurückbildet, indem häutiges und lautes Sprechen 
das Zustandekommen des Verständnisses zunächst eher erschwert, später aber fördert. 
Die Resultate stimmen mit den von Ransc hburg mitgeteilten vollkommen übere.n. 

Hr. Feri (Wien) fragt, ob Ransc hburg auch Farbenblinde untersucht habe. 

Hr. Ranschburg bemerkt zu den Ausführungen von Pötzl, dass fliessende 
Übergänge vom Normalen zum Pathologischen führen. Die Demonstrationsmethode 
sei neu, das Phänomen alt. Die von der Affektpsychologie gegebenen Erklärungen 
für die Hemmung und Förderung homologer und heterologer Reihen sind unrichtig, 
speziell die für die Psychopathologie des Alltagslebens (Verlesen etc .), da, wie aus 
seinein Experiment deutlich hervorgehe, durchaus keine negativen Affekte mitspielen. 
Von derselben Art. wie das Pötzl eben auseinandergesetzt habe, sei die Dysarthrie 
und die Dysgraphie des Paralytikers. In der jüngsten Zeit sei eine Arbeit von 
St oll aus dem Institut Marbe's erschienen, die in der homogenen Hemmung die 
Ursache der Dysgraphie erblickt. Falsche Leistungen des Denkens und der ver 
Drittelnden Gefühle, und die Abweichungen in pathologischen Fällen stehen mit 
diesem Gesetz der homogenen Hemmung in nahem, wenn nicht ursächlichem Zu- 
sammenhang. 



200 Kongressberichte. 

Diskussion über das Thema: Verdrängung und Konveraion, eingeleitet durch 
folgendes Referat von Hr. Frank (Zürich). 

Schon wiederholt machten sich im Verein für medizinische Psychologie und 
Psychotherapie Bestrebungen geltend, die psychologische Terminologie zu klären. 
Wenn es bisher nur bei der Anregung verblieben ist, so dürfte die Ursache lediglich 
in der Schwierigkeit der Aufgabe gelegen sein. — Da sich BD der Terminologie, wie 
sie bis heule geworden ist, nichts mehr ändern lassen wird, so dürfte es aber an- 
gezeigt sein, bei neuen Begriffen, die noch in einem Werdeprozess stehen, klärend 
oder eventuell richtunggebend einzugreifen. Von diesem Gesichtspunkte ausgehend, 
hielten wir es als im Interesse der Entwicklung unseres Spezialgebietes gelegen, 
wenn wir unsere diesjährige Tagung zu einer allgemeinen AuBspiache, besonders über 
zwei Begriffe, benützen wollten, die gerade gegenwärtig in unserer Literatur eine 
wesentliche Holle spielen : 

Die Verdrängung und Konversion. 

Diese Begriffe wurden zuerst von Breuer und Frend gebraucht und fest- 
gelegt. Für einen Teil der Forscher sind diese Begriffe völlig feststehende geworden 
und bezeichnen für sie ganz bestimmte Vorgänge bei gewissou Affekten, während 
sie andere allgemeiner gebrauchen und teilweise auch anders auffassen, während 
wiederum ein Teil vou Beobachtern sie so weit gelten lassen, dass sie annehmen, 
dass wohl etwas darin sei, dass man mit solchen Begriffen wohl operieren könne, 
aber das Wie und das Was ist ihnen nicht ganz kla"r, während wieder andere den be- 
quemsten, für alle Forschungen aber sterilsten Weg der direkten Ablehnung gehen und 
mit all diesen Begriffen nichts zu tun haben wollen, weil sie Vorgänge bezeichnen, 
die wir nicht kontrollieren können. Da wii uns auf unserem Forschungsgebiet zu 
fördern suchen und uns allen einschlägigen Beobachtungen zur Verfügung stehen, 
wollen wir durch einen Gedankenaustausch auf Grund unserer Erfahrungen zu einer 
Klarheit über diese Vorgänge zu gelangen suchen. 

Ursprünglich wurde der Begriff von Breuer und Freud in dem Sinne ge- 
braucht, dass es sich um ein Ausschallen peinlicher Vorstellungen aus dem Bewusst- 
sein mittelst aktiven Willens handle. Durch den Willen sollte eine besonders pein- 
lich affektbetonte Vorstellung aus dem Bevvusstsein ins Unbewus^te gedrängt werden 
können. Durch die weitere Entwicklung der Freud'schon Lehre kam es dazu, dass 
sich schliesslich der Begriff der Verdrängung lediglich mit der Verdrängung sexuell 
betonter Vorstellungen deckte. Die so verdrängten Affekte, nahm man an, können 
unterbewusst aufge-peichert und dann zur Neubesetzung früher erlebter körperlicher, 
krankhafter Zustände benützt werden. Diese Neubesetzung wurde mit dem Ausdruck 
der Konversion ins Körperliche bezeichnet. Es erhebt sich die Frage, ob der Begriff 
der Konversion lediglich zu gebrauchen sei, wenn es sich um die Umwandlung eines 
bestimmten Affekte* — des Sexualaffektes — in bestimmte körperliche Symptome 
handelt. Wenn wir uns auf diesem (Gebiete Klarheit zu verschaffen suchen wollen, so 
müssen wir nacli meinem Krachten auch andere hierzu gehörige Erscheinungen des Affekt- 
lebens in Betracht ziehen. So wollen wir auch im Folgenden nicht von einem Affekt im 
speziellen, sondern von den Affekten im allgemeinen sprechen. Nun erhebt sich gleich 
von Anfang an, wenn wir von Affekten im allgemeinen sprechen, die Schwierigkeit, 
zu sagen, was wir unter Affekt überhaupt verstehen, und welche psychischen Vor- 
gänge wir noch oder nicht mehr zu den Affekten rechnen sollen. Es ist unmöglich, 
hier auf die Ansichten und Theorien der zahlreichen Autoren einzugehen; wir würden 
nicht fertig werden, wollten wir jedem Autor gegenüber Stellung nehmen, für 
unseren Zweck mag es genügen, wenn wir aus rein praktischen Gründen sagen: 
Affekte sind psychische Vorgänge, bei denen uns Gefühle bewusst werden. Damit 



Kongressberiehte. 201 

ist zwar wenig gesagt, aber doch soviel, dass wir uns gegenseitig verstehen können. 
So kann kein Zweifel darüber bestehen, dass hierzu z. B. Freude, Sorge, Kummer. 
Zürn, Libido, Eifersucht, auch das Müdigkeitsgefühl gehören. Nun aber können wir 
beim Studium der Verdrängung beobachten, wie auch andere psychische Vorgänge, 
so der Wille, die Aufmerksamkeit, affektverdrängend wirken können. Bleuler 
rechnet diese psychischen Vorgänge mit zu dem von ihm aufgestellten allgemeinen 
Begriff der Affektivität. Diese Auffassung kann man teilen, wonn man sich dann 
eben unter Affektivität nicht mehr die Affekte als solche vorstellt, sondern ihr auch 
diese Funktionen zuordnet. Das mag auch deshalb berechtigt sein, weil wir beim 
Wollen, ebenso wie beim Wehten und Anspannen unserer Aufmerksamkeit schliesslich 
doch auch ein gewisses, diese Vorgänge begleitendes Gefühl wahrnehmen. Und 
gerade die Wechselwirkung dieser beiden Funktionen mit den eigentlichen Affekten 
gibt einige Berechtigung zu solcher Auffassung. Es ist aber ausserordentlich schwierig 
Definitionen und Begriffe aufzustellen, die unserem Sprachgebrauch nicht entsprechen, 
und wir können in unserer gesamten Literatur die Beobachtung machen, dass sich 
Terminologien nicht einbürgerten, wenn sie sich dem Sprachgebrauch nicht gefügt 
haben. Es kann nicht unsere Aufgabe sein, heute durch einen Beschluss hierin 
Klarheit zu verschaffen. Aber wer sicli mit diesen psychologischen Fragen eingehend 
beschäftigt hat, wird die Tatsache zugeben müssen, dass durch das Aufeinanderwirken 
eines, «las liewusstsein erfüllenden Affektes und eines bewusl werden wollenden zweiten 
Affektes in unserer Psyche Vorgänge Platz greifen, die entweder dazu führen, dass 
der zuerst bewusst gewesene Affekt durch den zweiten aus dem Bewusstsein ver- 
drängt wird, oder der zuerst bewusst gewesene Affekt war von solcher Intensität 
dass der zweile, aus dem Unbewussten hervordiängende Affekt sich nicht bewusst 
machen kann. Solche Wechselspiele zwischen zwei Affekten sind wir in der Luge, 
nicht selten au uns seihst zu beobachten, aber auch während der Analyse bei unseren 
Patienten, besonders bei der Analyse im Halbschlaf. Bei dieser sehen wir, wie bei 
der Katharsis erst wieder ein Affekt zum Abreagioren gebracht worden sein rnuss, 
bevor der andere sich bewusst machen kann. Am allerhäufigsten haben wir Gelegen- 
heit, solche Beobachtungen hei dem Zusammenwirken der Libido mit anderen Affekten, 
vor allem der Angst, des Ärgers, der Wut und der Eilersucht zu machen. Bei weitem 
am häufigsten kommt das Wechselspiel zwischen Angst und Libido vor; dann auch 
das Aufemanderwirken dos Willens und der Aufmerksamkeit auf die Libido. Es 
dürfte überflüssig sein, Ihnen, die Sie alle Gelegenheit haben, diesbezügliche Be- 
obachtungen zu machen, hierfür Beispiele anzuführen. Es könnten dies ja leider 
niemals objektive Nachweise, sondern auch immer wieder nur Schilderungen von 
solchen Vorgängen sein. Bevor wir uns nun auf die Beantwortung der Frage ein- 
lassen wollen, was aus diesen Verdrängten Affekten wird, wollen wir uns noch klar 
darüber weiden, ob es überhaupt möglich ist, dass ein bewusst gewordener Affekt 
durch seine Intensität einen zweiten Affekt verhindern kann, sich bewusst, zu machen. 
Auch diese Frage drängt «ich uns, wenn auch bei andoren Affektstörungen, am 
allermeisten beim Studium sexueller Anomalien auf. In einer grossen Zahl von 
Fällen können wir uns die zutage tretenden Erscheinungen nur durch die Annahme 
erklären, dass ein zweiter sich bewusst machen wollendei Affekt ohne Wirkung bleibt. 
Ich denke hierbei an die häufig vorkommenden Fälle, wo wegen der das Bewusstsein 
erfüllenden Angst Libido sich nicht bewusst machen kann, wo aber dann der über- 
wiegende Teil der Erscheinungen sich nur aus unterbewusst akkumulierter, aus der 
Libido stammenden Erregung erklären Iässt. So können wir eine Reihe von psycho- 
neurotischen Zustanden, von den einfachsten Angstzuständen bis zu den komplizier- 
testen Zwangsneurosen, nur dann verstehen — und ihre Heilung bringt uns den 
Schlüssel zum Verständnis — wenn wir annehmen, dass die in vielen Fällen niemals 



202 Kongressberichte. 

bewusst gewordene Libido akkumuliert wurde und die treibende Kraft für die patho- 
logischen Erscheinungen gebildet hat. So wie es uns gelungen ist, die Hemmungen 
des freien Ablaufes der Libido zu beseitigen, und die zu Angst konvertierte Libido 
zum Abreagieren zu bringen, fallen sämtliche krankhuften Erscheinungen dahin. 
Da9 sind ganz alltäglicho Fälle, die wir zu beobachten und zu behandeln Gelegenheit 
haben. 

Wir sind so an die Frage herangetreten, was aus den, entweder aus dem 
Bewusstsein verdängten oder überhaupt nicht zu Hewusstsein gekommenen Erregungen 
geworden ist. Wir können deren Existenz selbstverständlich objektiv nicht nach- 
weisen, so wenig wie wir durch den Augenschein die in einer elektrischen Akku- 
mulatorenbatterie aufgespeicherte elektrische Batterie beobachten können. Es kann 
sich deshalb für uns die Frage nur so gestalten, ob wir über genügende Beobachtungen 
verfügen, die uns berechtigen, eine Hypothese der Akkumulierung der Affekte an- 
zunehmen. Meine, sich über eine Reihe von Jahren erstreckenden Beobachtungen 
sprechen unbedingt dafür. Ich könnte mir eine ganze Reihe von täglichen Beobach- 
tungen nicht erklären, wenn ich nicht, zu einer solchen Hypothese greifen würde. 
Aber wir dürfen uns durchaus nicht voistellen, dass die einzige Quelle für die Akku- 
mulierung der Sexualaffekt sei. Es können darüber gar keine Zweifel bestehen, dass 
er die Hauptquelle liefert, das ist biologisch auch leicht begreiflich. Aber bei einer 
nicht geringen Anzahl von Fällen, besonders von Angioneurosen, können wir mit 
Sicherheit die sexuelle Ätiologie aufschließen, und doch lindet eine Akkumulierung 
statt. Hier sind es hauptsächlich die Fälle, bei denen eine Verdrängung durch den 
aktiven Willen stattfindet. So bei den zahlreichen Angstzuständen, wo der Patient, 
der vom Arzt für willenlos gehallen wird. Jahre und Jahrzehnte hindurch die in ihm 
aufsteigende Angst durch den Willen niederringt, d. h. verdangt. Meine Beobach- 
tungen sprechen unzweifelhaft dafür, dass durch diese Vorgänge allein schon eine 
Akkumulierung stattfindet. Aber es ist dies nicht nur bei der Angst, sondern auch 
bei anderen Affekten, wie Wut, Ärger, Eifersucht, innere Unruhe, Müdigkeit, Ver- 
legenheit wie Befangenheit der Fall. Häufig, ja in den meisten Fällen beobachten 
wir in dem nämlichen Krankheitszustand das Zusammenwirken mehrerer Affekte. 
Diese Akkumulierung zeigt sich uns besonders bei der Katharsis im Halbscblafzustand. 
Wir sehen, wie beim Beginne einer Behandlung die Affekte übermächtig stark zum 
Abreagieren kommen, wie sie nach und nach abnehmen. Und dann wieder können 
wir beobachten, wie es zu eigenartigen Affektverschiebungen kommt: Die Patienten 
durchleben zuweilen Szenen wieder und sind dabei erstaunt, dass die GemQts- 
erregungen unvergleichlich stärker beim Wiederduichleben waren, als beim Erst- 
erleben. Solche Vorgänge können wir uns nicht erklären, wenn wir annehmen 
würden, dass jedes Erlebnis mit dem zugehörigen Affekt als ein unveränderliches 
Engramm in unserem Gehirn aufbewahrt würde. Wer eine, noch besser aber eine 
Reihe von Analysen im Halbschlafzustand durchgeführt hat, wird sich klar darüber, 
dass unsere affektbetonten Erlebnisse in uns so aufbewahrt werden, dass sie, sowohl 
inhaltlich, wie bezüglich ihrer Affektbetonung, gegenseitig in Verbindung stehen. 
Nur so können wir auch ihr Bewussiwerden durch die assoziative Anregung, die 
mittels jeder der beiden Komponenten geschehen kann, verstehen. Andererseits 
können wir beobachten, wie bisweilen die Affekte von im Unterbowusstsen auf- 
bewahrten früheren Erlebnissen stärker, als beim primären Erlebnis waren. Diese 
Verstärkung muss aus irgend einer anderen Quelle stammen. Am häufigsten be- 
obachten wir dies eben, wie schon erwähnt, durch die Verdrängung und Aufspeicherung 
besonders der von der Libido stammenden Erregungen. Wenn Freud früher nur 
von einer Konversion ina Körperliche sprach, und damit das Hervorrufen, das Er- 
wecken lediglich körperlicher Symptome verstand, so dürften weitere Beobachtungen 



Kongressbericbte. 203 

dazu führen, diesen Begriff anders zu fassen. Wir kommen dazu, anzunehmen, dasa 
jeder Affekt aus nichts anderem, als aus Erregungen besteht, aus Dynamismen, die 
bald den einen, bald den anderen Affekt hervorrufen und verstärken können. Wenn 
wir uns doch vorstellen müssen, wie gerade körperliche Symptome rein psychisch 
bedingt sein und lediglich dadurch wieder hervorgerufen werden können, dass die 
entsprechend lokalisierenden Engramme wieder angeregt werden, so fällt es uns 
nicht schwer, diese Vorgänge zu verallgemeinern und so zu einer einfachen Erklärung 
einer Reihe von Symptomen zu kommen. 

Einige Beispiele mögen dazu dienen, mich Ihnen verständlicher zu machen. 
So können wir bei Patienten, die uns die Symptome eines neurasthenischen Zustandes 
bieten, auffallend starke Madigkeitsgefühle konstatieren. Nicht selten finden wir im 
Zusammenhang mit diesen Müdigkeitsgelühlon auch Angs-tzustände und deren Be- 
gleiterscheinungen. Aber die Müdigkeitsgefühle stehen so im Vordergrund, dass wil- 
den Symptomen nach eher von einer Müdigkeitsneurose, alB von einer Angstneurose 
sprechen können. Wir können aber beobachten, wie in solchen Fällen die Müdig- 
keitsgefühle stärker sind, wenn die Angstgefühle geringere sind, dass aber die Müdig- 
keitsgefühle verschwunden zu sein scheinen, wenn durch irgend welche Erlebnisse 
assoziativ stärkere Angstparoxysmen ausgelöst worden, oder die Müdigkeitsgelühle 
und das mangelharte oder gar unmögliche Abreagieren von Libido siohen in Wechsel- 
beziehungen. Ja, wenn wir Gelegenheit haben, solche Zustände quasi in ihrer Ent- 
stehung zn beobachten, so können wir direkt eine Steigerung der Müdigkeitsgefühle 
mit der Verdrängung der Libido beobachten. Geradezu experimentell gestalten sich 
die diesbezüglichen Beobachtungen bei den Eifersuchtsneurosen. Das gleiche gilt 
von Argerneurosen in Verbindung mit Angstzuständen oder in Verbindung mit ver- 
drängter Libido. Ein ganz besonderes Gebiet für solche Beobachtungen finden wiv 
bei den Neurosen, die mit Schmerzein pfi„dungen einhergehen. Hier können wir 
sehen, ja wiederum experimentell beobachten, wie ein direktes Vikariieren der ein- 
zelnen Affekte Platz greifen kann, so das* der eine für den anderen auftreten oder 
direkt durch das Erregen der einen Affektart der schon bewusst gewordene ausser- 
ordentlich gesteigert werden kann. 

Sind wir uns über diese Vorgänge klnr geworden, so werden w.r uns im 
weiteren über andere Begriffe, denen ich heute nicht nähertreten möchte, verstän- 
digen können- Es ist dies der Betriff von Freud: die Neubesetzung m.t Anekr, 
ferner die Zurückstauung, die Übertragung, die Detorminierung. die Verankerung der 
Gefühle, die Gefühlsmversion usw. Für heute schlage ich Ihnen vor, diskutieren 
wir nur über die Begriffe der Verdrängung und Konversion. Wir dürlten schon 
Gefahr laufen, auch bei dieser Diskussion nicht zu Ende zu kommen. 

Hr. Bleuler (Zürich) schlägt vor, zur leichteren Durchführung der Diskussion 
das Thema in eine Anzahl von Teilfragen zu zerlegen und zunächst die Frage zu 
besprechen: Wird verdrängt? 

Hr v. Hattingbcrg (München) führt aus, dass die Verdrängung bei der 
Hysterie keine Rolle sp.ele; bei dieser Krankheit handle es sich, wenn man den Aus- 
druck Vogt' s gebrauchen will, um eine Dysamnesie, die Kranken können nicht ver- 
gessen Nach einem von Freud selbst angewendeten Ausdruck leiden sie an Remi- 
niszenzen. Man könne die Tatsche der Verdrängung nicht gut leugnen, aber sie 
würde dann unmöglich das pathogene Moment sein. 

Hr. Winkler (Wien) bezeichnet sich als Vertreter der von Prof. St öhr (Wien) 
repräsentierten, bzw. begründeten Schule und ist nicht in der Lage, einzelne Punkte, 
wie Hr. Bleuler vorgeschlagen hat, zu besprechen, sondern will das ganze Thema 
diskutieren. Er spricht sich gegen die Ansicht aus, dass Affekte durch Affekte be- 
kämpft werden, und bezeichnet die Kumulierung von Affekten als unmöglich, da die 



i 



204 Kongressberichte. 

Affekte keine Stoffe seien. Auch die Lehre von der Vielheit der Affekte könne er 
nicht gelten lassen, sondern in Übereinstimmung mit Prof. Stöhr vertrete er die 
Anschauung, dass die mit den verschiedensten Namen (Freude, Kummer, Zorn, 
Ar$:er etc.) bezeichneten Affektzustände nichts anderes seien, als verschiedene Zu- 
stünde dos Affektes, der sich in verschiedenster Art und Weise entlade. Um 
eine seiner Vorstellung ahnliche Anschauung zu zitieren, erinnere er an Goethe' s 
Farbenlehre, die auch nur ein Licht kenne, das aber viele Farben habe. Je nachdem 
die Reizleitung zu den Blutgefässen, bzw. den vasomotorischen Zentren und Buhnen 
erfolge, oder zu den Muskeln oder zu den Drüsen, werde der Affekt in verschie- 
dener Weise bcwusst, so mache z. B. eine Erhöhung des Blutdruckes in den Hirn- 
gefässeii Unlustempfindungen. Das Wesentliche liege also darin, in welche ent- 
ladende Bahn der Affekt eingeleitet werde. Die Tätigkeit der Verdrängungsmecha- 
nismen bestehe nun d;irin, dass eine oder die andere ladende Bahn unwegsam wird. 
Nach Freud' s Anschauung seien die Vorstellungen gewissermasseu auf einer Insel 
isoliert, auf die man nur mittelst Zugbrücken gelangen könne, von denen bald die 
eine, bald andere herabgelassen oder aufgezogen sei. Unlustbetontes werde nicht 
reproduziert, weil seine Beladungsbereitschaft zu gering sei, da ein entgegen- 
stehender Widerstand vorliege. Die Unlust bedinge die Kntladungsunfähigkeit ; nur 
durch die Entladung sei eine Entlastung möglich. Ungüustige Verhältnisse in bezug 
auf die Bahnen, durch welche die Entladung erfolgt, Führen zu einer Verstärkung 
der Erinnerungswiikung, ohne dass Entladung erfolgt; ebenso wie etwa bei der 
Seelenblindheit wohl Ladung, aber keine Entladung der optischen Zentren stattfinde, 
so sei es auch hei der Verdrängung. Die Kalladang des Affektes zentrifugal 
von dem (jehirn au die Sinnesperipherie, mache Schmerzen. Die hysterische Läh- 
mung, die durch Unlust bedingte Hommung seien Phänomene zentraler Natur. Die 
charakteristische, hysterische Anomalie sei dip Willensunfähigkeit. 

Hr. Bleuler (Zürich) bittet, nicht Auffassungen und Theorien vorzubringen, 
sondern Tatsächliches. 

Hr. St ekel (Wien) meint, gerade die Ausführungen Winkler's bewiesen, wie 
notwendig die Errichtung von Lehrkanzeln für medizinische Psychologie wäre, wie 
sie Bleuler vorgeschlagen habe. Zwischen der offiziellen experimentellen Schul- 
psycholugie und der praktischen Psychologie, wie sie die tägliche Beobachtung der 
Kranken ergebe, Hesse sich keine Brücke schlagen. Es seien zwei verschiedene 
Welten. Jeder gut beobachtete praktische Fall werfe jedoch die ganze ausgeklügelte 
Theorie über den Haufen. Kr habe in den letzten Jahren seine Anschauungen über 
das Unbewusste und die Vei drängung bedeutend geändert. Wir wären mit Freud 
gewöhnt gewesen, anzunehmen, dass unlustbetonte Vorstellungen ins Unbewusste 
verdrängt werden können und dann die Quelle neurotischer Beschwerden werden. 
Die unbewusste Vorstellung bedeutet also nach Freud, dass dem Kranken die Mög- 
lichkeit benommen sei, sich diese Vorstellung nach Belieben bewusst zu machen. 
Dies möchte er bestreiten. Er führt nun zwei Fälle aus seiner Erfahrung an. Ein 
Student klagt über Schlaflosigkeit, sehr leichte Ermüdbarkeit, Unfähigkeit zu lernen 
und vollkommenes Verschwinden des Sexualtriebes. Wahrend er vorher in regel- 
mässigen Zwischenräumen kohabitieren musste, verschwand dieses Bedürfnis in den 
letzten Monaten vollkommen. Stekel vermutete nun, dass der Student, sein Be- 
gehren auf ein bestimmtes Objekt fixiert habe, also verliebt sei. Der Kranke leugnet 
jede präsente Liebe, gibt aber zu, verliebt gewesen zu sein. 

Es handelte sich um ein armes Mädchen. Sein Vater habe ihm die Aussichts- 
losigkeit dieser Verbindung vor Augen gestellt. Er war ein sehr armer Student und 
sehnte sich nach Wohlleben und Reichtum. Seine Geldgier siegte über seine Liebe 
und er sagte sich: Du darfst dieses Mädchen nicht lieben! Und von diesem 



Kongregsberichte "(*> 

Tage an war die Liebe vollkommen geschwunden. Aber nur scheinbar. Denn er 
verlor jede Libido für andere Frauen, weil er die eine um so heisöer begehrte. Er 
gab dann zu, dass er sich in Pollutionsträumen mit der verlorenen Braut sehr intensiv 
beschäftigte. Was war hier vor sich gegangen? War diese Liehe unbewusst? Un- 
bewusst im Sinne einer Verdrängung? Nein! Der Kranke wollte seine Liebe 
nicht sehen. Es handelt sich also um ein Nichtsehenwollen. Aber diese Liebe 
war ihm nicht unbewusst, sie war sozusagen ncbenbewusst. Der zweite Fall betrifft 
einen 40jährigen Mann, der plötzlich impotent wurde. Die Auffassung der Ärzte 
war eine beginnende Arteriosklerose. Nach einem Jahre, in dem er vollkommen im- 
potent war, verliebte er sich in eine Dame, bei der er sofort heftige Erektionen hatte. 
Es kam ihm znm Bewusstsein, dass er diese Dame schon seit einem Jahre liebte, 
ohne es zu wissen, also unbewusst. Bei eindringlichem Befragen gibt er aber zu, et 
hätte gleich beim ersten Zusammentreffen mit der Dame gedacht: In diese könntest 
Du dich sofort verlieben. Und nach einer Woche sei ihm der Gedanke durch den 
Kopf geschossen: Um Gottes Willen, Du wirst, dich doch nicht in diese Frau ver- 
lieben! Das darf nicht sein. . 

Wir sehen in beiden Fällen mächtige ethische Imperative, welche die deutliche 
Erkenntnis der Vorstellung der Liebe verhindern. In beiden Fällen besteht aber 
eine unklare Erkenntnis dieser Vorstellung, welche aber durch Gegenvorstellungen 
überdeckt wird. Diesen Vorgang könne man Verdrängung nennen, er sei ein Willeus- 
nkt, der Ausgang eines Kampfes zwischen Trieb und Hemmung. 

Hr. Schrecker (Wien) bemerkt, dass die Sclmlpsycbologien der verschiedenen 
Richtungeu erst untereinander sich verständigen müßten. Gegen das Heferat von 
Frank müsse er entschieden Stellung nehmen, die Psychologie unterscheide scharf 
zwischen Affekt und Gefühl, sie vermenge beide Arten psychischer Zustände durch- 
aus nicht. Er lehne aber auch Freud' s Anschauungen ab, weil diese keine Er- 
klärungen geben; was Wink ler vorgebracht habe, sei Physiologie und nicht 
Psychologie. 

Hr. v. Hattingberg (München) wendet sich gegen die Affekttheoiie der Ver- 
drängung. Er halte die Affekte für Triebe, Frank für Energie, die bei der Ver- 
drängung gespeichert würden. Nun hätlen viele Neurotiker ganz freie Zeiten, während 
welcher die gespeicherte Energie nicht wirken sollte; das leuchte ihm nicht ein. 
Nach der Entlastung im Halbschlaf müsse mit dem Patienten gesprochen werden, 
und die Szenen müssten ausführlich durchgenommen werden. Mit der Affekttheorie 
stimme es auch nicht zusammen, dass Neurotiker Angst vor einem Erlebnis haben. 
Bei der Verdrängung würden nur Affektäusscrungen unterdrückt, die Affekte selbst 
würden durch Einfühlung von den Aussenstebenden bemerkt. Man könne die Dys- 
lexie und die zugehörigen Erscheinungen der Psychopathologie des Alltags wohl 
nach Freud erkliiren, aber auch nach der Auffassung von Ran seh bürg. 

Hr. Feri (Wien) bemerkt, dass die verschiedenen Diskussionsredner unter 
Verdrängung offenbar nicht dasselbe verstehen, und ersucht Hrn. Stekel um eine 

Definition. 

Hr. Klages (München) bedauert, dass die Diskussion abgeirrt sei. Es handle 
sich um psychische Phänomene, mit denen die ätiologisch denkende Medizin nicht viel 
anfangen könne. Dem Mediziner sei der psychische Tntbestand unbekannt. Es seien 
zunächst die Fragen zu beantworten: Ist Verdrängung etwas Nichtgedachtes oder 
Nichtgewusstes? Wodurch unterscheidet sich Verdrängen von Unterdrücken und 
Beherrschen? 

Hr. v. Hattingberg (München) meint, nach einer Definition zu suchen, sei 
nicht die dringendste medizinische Aufgabe 



206 Kongressberichte. 

Hr. Feri (Wien) erklärt, sich auch mit einer nicht streng schulmässig abge- 
fasston Inhaltsangabe zu begnügen. 

Hr. Barany (Wien) meint, aus den vorgebrachten Äusserungen schliessen zu 
sollen, dass bei der Verdrängung eine Affektentwicklung unterdrückt wird, dass ein 
Affekt, der schon da war in seiner Entwickelung gehemmt wird. Die Introspektion 
sei für diese Verhältnisse von grösster Bedeutung. 

Hr. Stekel (Wien) erklärt, er wisse wohl genau, was er unter Verdrängung 
verstehe, könne aber keine scharfe Definition geben. Er gebe gerne zu, dass das 
Problem der Verdrängung eehr wichtig sei und der Klärung bedürfe. 

Hr. Pappen heim (Wien) weist auf den Unterschied von Verdrängen wollen 
und Beherrschen hin. 

Hr. Wink ler (Wien) unterscheidet einen ersten und einen zweiten Teil der 
Verdrängung. Das Verdrängen geschehe absichtlich, das Verdrängte sei nicht im 
Haupt-, sondern im Nebenbewusstsein (Stöhr). 

Hr. Stekel (Wien) bemerkt, man müsse Hr. Klag es sehr dankbar sein, 
dass er durch seine präzise Fragestellung eine Definition ermöglicht hat. Er fragte: 
Ist die Verdrängung etwas Nichtgedarhtes oder etwas Nichtgewusstes? Darauf 
müsse Redner antworten: Nach meiner Erfahrung nur etwas Nichtgedachtes. Redner 
möchte also die Definition vorschlagen: Unter Verdrängung verstehen wir 
jenes psychische Phänomen, dass wir aus Motiven der Unlust eine 
bestimmte Vorstellung nicht denken wollen. 

Ganz anders stehe die Frage der Konversion. Nach Freud sei sie eine Folge 
der fehlerhaften Libidobesetzung. Die Libido werde auf das Körperliche abgelenkt. 
Dieser Anschauung könne er sich nicht anschliessen. Auch die Konversion sei ein 
rein psychischer Vorgang. Eine Dame soll zu einem Rendezvous gehen, um das sie 
ein Verehrer bittet. Sie soll einen Offizier in seiner Wohnung besuchen. Sie er- 
krankte in der Nacht vor dem kritischen Tage an einer Lähmung beider unterer 
Extremitäten. Die Vorstellung: „Ich darf nicht gehen!" hatie sich in eine andere: 
„Ich kann nicht gehen!" verwandelt. Die Lähmung ist der Ausdruck dieses inneren 
Imperatives und hat mit einer Verschiebung der Libido nichts zu tun. Ein anderes 
Beispiel: Ein Mann will seinen Vorgesetzten mit einem Dolche erstechen. Er er- 
krankt an einer Lähmung des rechten Armes. Auch hier das Unüberwindliche: „Ich 
kann es nicht tun", das durch die hysterische Lähmung den Erkrankten vor dem 
Verbrechen schützt. 

Hr. Bleul er (Zürich) gibt den Unterschied von Beherrschung und Verdrängung 
zu; wo das Verdi ängte existiere, sei eine Frage für sich. 

Es sieht weiter die Frage zur Diakussion: Aus welcher psychischen 
Sphäre wird verdrängt? 

Hr. v Hattingberg (München) führt aus, die Frage sei. ob Gedachtes oder 
Nichtgewusstes verdrängt werde. An der Verdrängung hat das ganze Ich teilge- 
nommen, das lässt sich mit Sicherheit definitiv entscheiden. Die Verdrängungs- 
wii kung tritt dann ein, wenn das Verdrängte nie bewusst worden ist. Mit der Ver- 
drängung hänge auch das Nichtbemerken eines somatischen Entgegenkommens in 
sexuellen Dingen zusammen. 

Hr. Tauszk (Wien) bemerkt, dass Freud doch schon die zur Diskussion 
gestellte Frage längst beantwortet hätte. Das Verdrängte sei nicht bewusst pathogen, 
es sei zum Teil auch nie bewusst gewesen. Verdrängtsein bedeute ein Verhältnis 
zum Bewutstsein, Unbewusstseiu sei eine Qualität. 

Hr. Feri (Wien) fragt, wodurch dies-e Qualität definiert sei. 

Hr. Tauszk (Wien) antwortet: „Eben durch das Nichtbewusstsein." 



Kongresabericbte. '207 

Hr. Löwy (Wien) wendet sich gegen das von Freud in der letzten Auflage 
seines Buches .Traumdeutung" gezeichnete, einem elektrischen Element nicht un- 
ähnliche Schema und führt buh, dass keine Lokalisation der psychischen Vorgänge 

möglich sei. 

Hr. Federn (Wien) verwahrt sich dagegen, uass Freud dies beabsichtigt 
habe, es handle sieb nur um eine die Darlegung erleichternde Darstellung. 

Die Diskussion über die Frage, durch welche psychische Vorgänge verdrängt 
würde, wird verschoben. 

II. Sitzung. 19. September 1913 Nachmittag. 

Hr. G. Kafka. München, Über das Verhältnis der Tierpsychologie 
zur Physiologie und Biologie. 

Psychologie ist ihrer allgemeinsten und eben darum natürlich ziemlich tauto- 
logischen Definition nach die Analyse der psychischen Erscheinungen. Kann es nun 
in diesem Sinn überhaupt eine Tierpsychologie geben? 

Dass den Tieren psychische Fähigkeiten zukommen, war die längste Zeit 
hindurch und ist auch heute noch dem naiven Beobachter nicht zweifelhaft. Die 
Erklärung der tierischen Handlungen ist eben ursprünglich nicht weniger antbropo- 
morphistisch, als die der übrigen Naturphänomene, d. h. die Handlung erscheint 
ohne weiteres „verständlich", sobald es gelingt, sie nuf eine bewusste ZwecktUtig- 
keit des handelnden Wesens zurückzuführen. Diese dem menschlichen Erklärungs- 
trieb immanente anthropomorphistische Tendenz kommt in den Anfängen einer jeden 
Wissenschaft zum Ausdruck. Kein Wunder also, dass die Deutung der tierischen 
Lebensvorgange die längste Zeit hindurch ebenfalls von anthropomorphistisehen Vor- 
stellungen beherrscht war. So tadelt bereits The oph rast, dass die Alten gewisse 
tierische Reaktionen, die doch einen rein reflektorischen oder .instinktiven" Cha 
rakter trügen, als zweckbewusste Handlungen zu erklären versuchten. .Missgunst" 
sollte z. B. den Igel veranlassen, bei der Gefangennahme seinen Urin zu entleeren 
und damit seine Haut zu verätzen, .Missgunst" den Luchs, seinen Urin zu verscharren 
(wie man ähnliches oft bei Hunden beobachten kann), — Missgunst deshalb, 
weil Igelhaut und Luchsurin wichtige sympathetische Mittel darstellen, deren 
Heilkraft die Tiere den Menschen vorenthalten wollen. So albern diese anthro- 
pomorphistisehen Erklärungen klingen mögen, so muss man doch fragen, ob 
die Hypothese eines sonst verdienten modernen Naturforschers (Romanos) einen 
höheren Erklärungswert besitzt, dass nämlich viele Insekten bei Nacht zwar gegen 
eine künstliche Lichtquelle, nicht aber gegen den Mond fliegen, weil ihnen der Mond 
bekannt* sei, die Lichter dageiren ihre .Neugierde* reizen. 

Solche Anthropomorphisnien dürfen natürlich nicht gegen die Berechtigung 
einer wissenschaftlichen Tierpsychologie übeihaupt ausgespielt werden. Ks ist als 
Reaktion gegen derartige Hypothesen hegreiflich, wenn die Naturwissenschaft die 
Annahme einer .Tierseele" nur mehr als Vorurteil vergangener Zeiten gelten lHSsen 
will, das namentlich durch die Zuiückfühiung scheinbar komplizierter psychischer 
Akte auf Verknüpfungen von Reflexen oder sogar von einfachen physikochemischen 
Prozessen endgültig widerlegt sei. Von diesem Standpunkt aus gilt als Gegenstand 
der wissenschaftlichen Forschung überall nur der Mechanismus und der Chemismus, 
höchstens vielleicht noch die teleologische Bedingtheit der Reaktionen, mit denen 
der Organismus auf die Reize der Umwelt antwortet; BewusstseinsvorgHnge aber 
sind der Beobachtung nicht zugänglich und daher prinzipiell von der Untersuchung 
auszuschliessen. Man sollte das nicht für möglich halten, da schon Forel erklärt 
hat, dass der Streit über die Berechtigung der Tierpsychologie keinen Sinn habe, 



»Qg Kougressberichte. 

und da die üblen Folgen dieser „Psychologie« hinsichtlich der Verwirrung der 
Problemstellung und der Abschneidung von Wissensgebieten manifest sind. Diese 
ablehnende Stellung ist ein Verdrängungsvorgang und ist auf subjektive kindliche 
Motive znrückfiihrbar. 

Nun entbehrt die Erbitterung, mit der die Vertreter der „exakten" Wissen- 
schaften die Tierpsychologie bekämpfen, und die Geringschätzung, mit der sie sich 
über jede ^anthropomorphisrische" Deutung der Tatsachen hinwegsetzen, gowiss 
nicht aller Berechtigung. Der Naturforscher - wieweit auch der Psychologe als 
„Naturforscher" gelten darf, bleibe dabei vorlaufig ganz ausser Betracht — muss 
jede „Erklärung" objektiver Vorgänge durch Wahrnehmungen, Stimmungen, Gefühle 
oder gar durch logische Denkakte der Organismen, als durchaus unzulänglich ab- 
weisen. Sein Ziel kann es nur sein, die tierischen Reaktionen in kontinuierliche 
Reihen räumlicher Naturereignisse aufzulösen, die im kompliziertesten Kall von 
Sinnesorganen ihren Ausgang nehmen, sich durch das Zentralorgan fortpflanzen und 
schliesslich in einer Erregung des motorischen oder sekretorischen Apparates ihr 
Ende finden. 

Darf sich also die Physiologie niemals psychologischer Erklärung bedienen, 
so bleibt doch noch immer die Frage offen, ob die rein physiologische Analyse der 
tierischen Lebenstätigkeiten eine erschöpfende sein kann. So zeigt, die unmittelbare 
Erfahrung wenigstens in dem einen ball der Selbstbeobachtung, dai-s in diesem 
Sinn auch die Trennung der Psychologie von der. Physiologie eine künstliche ist, 
dass sich die Lebenstätigkeiten wenigstens eines Organismus nicht in dem reflek- 
torischen Funktionieren seiner Muskeln und Drüsen erschöpfen, dass vielmehr seiue 
Handlungen, wenn sie auch vom physiologischen Standpunkt aus nichts anderes, als 
eine Reihe von Muskelkontiaktionen darstellen, dennoch zum Teil aus Wahr- 
nehmungen oder Stimmungen „hervorgehen", von Gefühlen „bereuet" sind und von 
Zweckvorstellungen „beherrscht" werden. Dass zwischen diesen psychologischen 
und jenen physiologischen Phänomenen der Reizaufnahme, Reizleitung und Reiz- 
übertragung kein Kausalzusammenhang derselben Art wie zwischen physischen Ob- 
jekten bestehen könne, sei schon deshalb klar, weil sich in die Reihe der physio- 
logischen Phänomene nicht plötzlich psychische Zwischenglieder einschieben lassen, 
weil, grob gesprochen, das Messer des Gehirnanatomen niemals Empfindungen oder 
Gefühle anschneiden kann. Wie immer aber das Verhältnis zwischen beiden Er- 
scheinungsreihen zu denken ist, soviel steht fest, dass die psychischen Phänomene, 
die jeder in seiner eigenen Erfahrung Vorfindet, in funktioneller Abhängigkeit von 
den physiologischen Prozessen stehen, die er zum Teil an seinem eigenen Körper 
beobachten, zum andern Teil aus Beobachtungen an fremden Körpern erschliessen 
kann. Gegen die Übertragung solcher Beobachtungen von den fremden auf den 
eigenen Körper darf gerade vom naturwissenschaftlichen Standpunkt kein Einwand 
erhoben werden; nur der Solipsismus lehnt diese Übertragung ab, übrigens logisch 
vollkommen konsequent. 

Damit ist aber bereits das Prinzip der „objektiven" Naturwissenschaft durch- 
brochen, nur Tatsachen anzuerkennen, die der unmittelbaren Beobachtung unter- 
liegen, denn die psychischen Inhalte der Mitmenschen sind der direkten Beobachtung 
nicht weniger entzogen, als etwa die der Protozoen. Will man also die Tierpsycho- 
logie mit der Behauptung abtun, dass über die psychischen Fähigkeiten der Tiere 
keine Erfahrung möglich sei (v. Uexkuell), so muas man konsequenterweise auch 
die ganze menschliche Psychologie, desgleichen einen grossen Teil der Sinnes- und 
Gehirn physiologie als nicht empiiis-h verwerfen. Daran ändert die Tatsache nichts, 
dass, wie schon Descartes hervorhebt, unter den Menschen eine sprachliche Ver- 
ständigung über ihre Erlebnisse bis zu einem gewissen Grade möglich ist, denn die 



Kongressberichte. 209 

Verständigung kaDti sich, worauf es hier Allein ankommt, niemals auf den unmittel- 
bar gegebenen Inhalt, z. B. die Wahrnehmung der grünen Farbe, beziehen. Wenn 
also jedermann bei seinen Mitmenschen aus der Analogie der physiologischen Pro- 
zesse im weitesten Sinn, also auch der mimischen, deiktischen und phonetischen 
Ausdrucksbewegungen, auf die Analogie der psychischen Phänomene schliesst, so 
liegt für ihn nicht der geringste Anlass vor, die Gültigkeit dieses Schlusses, zu- 
nächst wenigstens für die höheren Tiere, aus dem Grunde zu leugnen, weil eine 
.Verständigung" mit ihnen nicht möglich sei, d. h. also, weil er gewisse Ausdrucks- 
bewegungen nicht als solche zu deuten veimag, obwohl ihre Analogie mit mensch- 
lichen Reaktionen in die Augen springt. 

Wie voreilig derartige allgemeine Behauptungen sein können, lässt sich am 
besten an einem konkreten Beispiel erläutern. Nuel, der den extremsten anti- 
psychologischen Standpunkt vertritt, erklärt sich bereit, einem Affen Bewusstsein 
zuzuerkennen, den man dazu dressiert habe, die Ho lmgren'sche Farbenunter- 
scheidungsprobe zu vollziehen. Es dauerte aber nicht lange, bis H achet-Souplet 
und andere einen objektiven Beweis für das Farbennntorscheidungsvermögen höherer 
Tiere erbrachten, der sich nur darin von dem H olmgren'schen Experiment unter- 
scheidet, dass die Reaktion nicht in dem Heraussuchen einer bestimmten Farbe unter 
verschiedenen gleichzeitig dargebotenen bestand, sondern dass die Tiere daran ge- 
wöhnt worden waren, das Vorzeigen einer bestimmten Farbe mit einer bestimmten 
Reaktion zu beantworten, und nunmehr durch die eindeutige Verknüpfung 
der Reaktion mit der „Normalfarbe" erkennen Hessen, da9s sie imstande waren, 
die viel schwierigere Unterscheidung sukzessive dargebotener Farben mit 
ausserordentlicher Genauigkeit zu vollziehen. Dieser Diessurerfolg bildet natürlich 
nur ein argumentum ad hominem, denn das Zustandekommen einer derartigen Asso- 
ziation beweist an sich ebensowenig das Vorhandensein psychischer Prozesse, wie 
sich das Fehlen eines , Versländigungsmitteh" über die tierischen Bewusstseinsvor- 
gänge als Gegenbeweis verwerten Hesse. 

Hat aber der unvoreingenommene Beobachter keinen Grund, an den psychischen 
Fäbigkeitan der höheren Tiere mehr als an denen seiner Mitmenschen zu zweifeln, 
und zwar zunächst wenigstens so weit, «ls ihnen ein somatisches Substrat zogrunde 
liegt, das dem Denkorgan des Menschen analog erscheint, so muss er tich auch 
die Frage vorlegen, wie weit die Verwertung anatomischer Analogien gehen darf. 
So hat Fee Im er daraufhingewiesen, wie verfehlt es wäre, die anatomische Ähnlich- 
keit mit dem Menschen zum entscheidenden Kriterium für die psychischen Fähig- 
keiten der Tiere zu machen, indem er darauf hinwies, dass Regenwürmer sich trotz 
des Mangels an Beinen bewegen, obwohl der Mensch und die höheren Tiere sich nur 
durch Beine fortbewegen können. Selbst dort, wo sich anatomische und physiologische 
Analogien nicht mehr entdecken lassen, bestehen doch noch immer biologische 
Analogien, indem sich die ganze Mannigfaltigkeit des Verhaltens aller tierischer 
Organismen unter drei Hauptkategorien subsumieren lässt, nämlich einerseits die 
Akte der Selb3terhaltung, die eine negative Reaktion gegen schädliche und eine 
positive Reaktion gegen nützliche Einwirkungen (so besonders das Aufsuchen der 
Nahrung) bedingen, andererseits die zur Erhaltung der Gattung notwendigen Akte 
der Fortpflanzung. Und da gerade diese Reaktionen in der menschlichen Psyche 
die stärkste Resonanz finden, sprechen die objektiv-biologischen auch für subjektiv- 
psychologische Aanalogien. Es erwächst so die Aufgabe, ein objektives Kriterium 
für das Auftreten des Bewusstseins bei einer bestimmten Tierspezies ausfindig zu 
machen. Auf alle Versuche, die zu diesem Zwecke unternommen worden sind, soll 
hier nicht eingegangen werden. Nur soviel sei bemerkt, dass sie schon deshalb 
aussichtslos erscheinen, weil sie eben, wie bereits öfters eingewendet wurde, nach 
Zeotr»lblatt fllr Psychoanalyse. IV,»,«. 14 



210 Kongressberichte. 

einem objektiven Kriterium für eingeslandenermassen durchaus subjektive Phänomene 
suchen, und dass ferner der Gedanke einer plötzlichen Entstehung des Bewusstseins 
an einem bestimmten Punkt der Tierreihe gerade zu dem evolutionistischen Grund- 
zug der modernen Biologie im schroilsten Gegensatz steht. Die wichtigsten von 
diesen Uewusstseinskriterier. seien jedoch im folgenden besonders hervorgehoben, 
weil sie vielleicht am deutlichsten die Verwirrung der Begriffe anzeigen, zu der 
ein mi6sverständliches Stieben nach absoluter .Objektivität" führen kann. 

So haben Loeb und Bot he, trotz geringer Differenzen in der Hauptsache 
übereinstimmend, als Kriterium des Bewusstseins die assoziative Gedacht nistätigkeit 
aufgestellt. Der psychologische Irrtum, der dieser Anschauung zugrunde liegt, darf 
den beiden Physiologen nicht allzu schwer angerechnet werden. So viel ist natürlich 
lichtig, dass die Kontinuität des Bewusstseins und damit der Besitz eines über den 
jeweiligen momentanen Eindruck hinausi eichenden Gesamtbewusstseinsinhaltes von 
der Ausbildung des Gedächtnisses abhängt. Man muss aber bedenken, dass dem 
Gedächtnis die Eindrücke, die es zur Einheit eines umfassenden Gesamtbewusstseins- 
inhalts veiknüpft, erst duich das Bewusstsein geliefeit werden müssen. Obgleich 
dnher ein Bewusstsein, das nur den jeweils auftauchenden Eindruck zu perzipieren, 
ihn jedoch nicht festzuhalten und mit den früheren Eindrücken zu verbinden imstande 
wäre, für das Individuum keinen praktischen Wert besässe, so dürfen doch gerade 
solche „Bewusstseinsdiil'erontiale* als Vorstufen der höheren Bewus6tseinsformen, 
diese höheren Bewiisstseinsfoimen »her nicht als Typus des Bewusstseins überhaupt 
betrachtet werden. 

Kiinn sich somit der Psychologe der Anschauung nicht anschliessen, dass 
Bewusstsein überall nur dort anzuerkennen sei, wo assoziative Gedächtnistätigkeit 
vorliege, so wird umgekehrt dir Physiologe die Behauptung Driesch'a über die 
Wirksamkeit eines ausserphysiologischen Faktors, eben des „Psychoids", nicht an- 
erkennen. 

Der Physiologe kann als .objektiver Beobachter* den physiologischen Zusammen- 
hang zwischen der Reizpeizeptiou und der Erregung des motorischen oder sekre- 
torischen Apparates niemals durch Einschaltung psychischer Zwischenglieder erklären. 
Wenn er diiher auch vorläufig nur in den seltensten Fällen eine Reaktion in ihre 
physiologischen Komponenten aufzulösen vermag, so muss ihm doch eine solche 
Analyse aller tieiisi.ben Handlungen als das einzige Ziel seiner Wissenschaft erscheinen 
und er muss eben als Naturforscher die Forderung stellen, dass sich die materiellen 
Vorgänge der Muskel- und Drllsentätigkeit. in denen letzten Endes alle Reaktionen 
bestehen, durch eine lückenlose Reihe materieller Vorgänge mit dem mateiiellen 
Prozess der Reizperzeption verbinden lassen. Auch der Chemiker kann oft nicht 
alle Glieder komplizierter Reaktionen •/. B. der Katalyse angeben, ohne dass er die 
Aufgaben feiner Wissenschaft anders zu definieren sich veranlasst sieht. Aber auch 
die vorsichtige Fordet ung, man solle wenigstens so lange von psychologischen Er- 
klärungen absehen, als eine rein physiologische Erklärung nicht prinzipiell ausge- 
schlossen sei, bleibt sowohl für den Physiologen als auch für den Psychologen un- 
erfüllbar. Für den Physiologen deshalb, weil er überall auf eine objektive Erklärung 
der objektiven Vorgänge dringen und sie sogar dort als ideales Ziel postulieren muss, 
wo er sie gegenwärtig noch nicht zu geben imstande ist, für den Psychologen aber 
deshalb, weil er durch seine eigene unmittelbare Erfahrung darüber belehrt wird, 
dass die Möglichkeit einer physiologischen Erklärung psychophysischer Prozesse 
keineswegs deren psychologische Interpretation ausschliesst. 

Die Untersuchung der physischen, psychischen und der psychophysischen Kausal- 
zusammenhänge stellt drei vollkommen getrennte Aufgaben dar, deren jede nur unter 
peinlichster Wahrung ihres Geltungsbereiches befriedigend gelöst werden kann. 



Kongressberiehte. 211 

Gerade dann aber, wenn der Psychologe die Forderung einer materialistischen 
Erklärung aller materiellen Vorgänge rückhaltslos anerkennt, sehliesst der Umstand, 
das« es bereits gelungen ist, gewisse Reaktionen auf physikochemische Prozesse 
zurückzuführen, für ihn nicht die geritigste Nötigung ein, seinerseits nun die Annahme 
psychischer Korrelate zu diesen Prozessen aufzugeben. Denn gerade dann mnss 
auch die physiologische Komponente der psychophysischen Prozesse an seinem eigenen 
Körper einer materialistischen Erklärung zugänglich sein, ohne dass dadurch die 
Tatsächlichkeit der in seiner unmittelbaren Erfahrung gegebenen psychischen Kom- 
ponenten beeinträchtigt werden könnte. 

So wenig also die gelungene Zurückführung gewisser tierischer Reaktionen, 
etwa einiger echter Tropismen, auf physikalisch-chemische Prozesse das Vorhanden- 
sein psychischer Begleiterscheinungen ausschliesst, so wenig zwingt die vorläufige 
Unmöglichkeit einer solchen Zurückführung zur Annahme psychoider oder psychischer 

Zwischenglieder. 

Nun könnte man noch einwenden, dass man zwar die Annahme eines Bewusst- 
seins der höheren Tiere auf die weitgehende Analogie zu stützen vermöge, die der 
anatomische Bau und die physiologische Funktion ihres Nervensystems mit dem des 
Menschen zeige, dass aber diese Analogie um so mehr abnehme, je tiefer man in 
der Tierreihe hinabsteige, und dass damit das Vorhandensein psychischer Phänomene 
immer unwahrscheinlicher werde. 

Aus der Verschiedenheit der Organisation folgt aber höchstens, dass auch die 
psychischen Korrelate der auf verschiedener anatomischer Basis ablaufenden physio- 
logischen Vorgänge erhebliche Verschiedenheiten aufweisen mögen. 

Dass über die Qualität dieser psychischen Korrelate keine Erfahrung möglich 
ist, kann nach dem Früheren keinen ernsthaften Einwand begründen. Genug, dass 
auch die objektive Analyse der tierischen Reaktionen eine Ableitung der komplizierten 
Kombinationen aus einfacheren Mechanismen gestattet, deren Kontinuität an keiner 
Stelle der Tierreihe eine Unterbrechung erleidet. Die Tierpsychologie darf daher die 
Frage vernachlässigen, wieweit die qualitative Ähnlichkeit zwischen diesen Korrelaten 
und den menschlichen Bewusstseinsinhalten im einzelnen Falle reicht, sie hat die 
Aufgabe, die komplexen psychischen Erscheinungen analytisch in ihre elementaren 
Komponenten zu zerlegen und genetisch bis zu ihren einfachsten Erscheinungsformen 

zurückzuverfolgen. 

Sie befindet sich dabei insofern nicht einmal in einer ungünstigen Lage, als 
jeder Zweifel au ihrer Berechtigung verstummen sollte, wenn überhaupt die Berech- 
tigung des Prinzips zugestanden wird, auf die psychophysische Natur bestimmter 
Reaktionen aus ihrer Analogie mit menschlichen Handlungen zu schliessen, die nach 
der Aussage der unmittelbaren Erfahrung von Bewusstsein begleitet sind. Tatsäch- 
lich ei kennt jedermann die Gültigkeit dieses Prinzips an. wenn er seinen Mitmenschen 
Bewusstsein zuschreibt. Wer also die Anwendbarkeit dieses Prinzips auf die Tier- 
welt leugnen wollte, müsste seinerseits imstande sein, zum Beweis seiner Behauptung 
objektive Kriterien dafür zu erbringen, dass im gegebenen Fall kein Bewusstsein 
vorhanden sei, was unmöglich ist. Die Tierpsychologie hat sich daher im Grund 
inre Existenzberechtigung nicht erst zu erkämpfen, sie kann sich vielmehr in der 
Defensive halten und sich damit begnügen, die Mängel der »objektiven* Kriterien 
aufzudecken, mit denen ihre Unzulässigkeit bewiesen werden soll. 

Aber gerade der Umstand, dass die Anerkennung der Tierpsychologie bei dem 
Mangel objektiver Bewusstseinskriterien die Anerkennung psychischer Fähigkeiten 
bereits bei den niederen Tieren nach sich zieht, wird bei vielen ein instinktives Miss- 
traoen wecken, da die Anschauung, besonders in naturwissenschaftlichen Kreisen, 
ziemlich allgemein verbreitet ist. mit der Anerkennung psychischer Phänomene Bei 

14* 



212 Kongressbericbte. 

— wenigstens in den Köpfen der Psychologen — die Anerkennung einer metaphysi- 
schen .Seelensubstanz" untrennbar verbunden, und so worden sich viele lieber zu 
der Inkonsequenz entscliliessen, das gleiche Prinzip, nach dem sie die Handlungen 
ihrer Mitmenschen beurteilen, in seiner Anwendung auf die tierischen Reaktionen 
für ungültig zu erklären, um nur jede .Metaphysik* zu vermeiden und allen .spiele- 
rischen* und darch die Erfahrung nicht zu bestätigenden Analogien aus dem Wege 
zu geben. 

Diese Zurückhaltung wird um so gerechtfertigter erscheinen, als die Tier- 
psychologie selbst zugehen muss, dass die psychischen Komponenten psychophysiacher 
Prozesse von jedermann eben nur in einem einzigen Falle der Beobachtung unter- 
zogen werden können, nämlich bei Selbstbeobachtung, dass dagegen zur empirischen 
Beantwortung der Frage jede Handhabe fehlt, ob auch bei anderen Organismen die 
gleiche funktionelle Abhängigkeit zwischen physischen und psychischen Prozessen 
besteht. Und da die empirischen Daten, die jeder Tierpsychologie zum Fundament 
dienen müssen, gleichzeitig den Gegenstand der Physiologie oder Biologie bilden, 
diese empirischen Wissenschaften aber ihre Aufgabe darauf besohl Anken, die materi- 
ellen Lebensorscheinungen auf materielle Grundlagen zurückzuführen, sind ihre Ver- 
treter nur allzu geneigt, der Tierpsychologie jede selbständige Existenzberechtigung 
abzusprechen und sie als ein müssiges Spiel anzusehen, das die objektiven Ergebnisse 
der exakten Wissenschaft nicht nur nicht bereichern, sondern kein anderes Ergebnis 
haben kann, als die objektiven Resultate mühsamer, empirischer Forschung durch 
apriorische Postulate und phantastische Konstruktionen zu verwirren. 

Eine unbefangene Prüfung der Grundlagen und der möglichen Ziele einer 
wissenschaftlichen Tierpsychologie gelangt jedoch zu einem wesentlich anderen Er- 
gebnis. Denn der Charakter der Wissenschaftlichkeit lässt sich der Tierpsychologie 
nicht deshalb schlechterdings absprechen, weil ihre Ergebnisse eine Bestätigung durch 
die unmittelbare Beobachtung nicht zugänglich sind und daher stets einer gewissen 
Unsicherheit unterliegen. Obgleich nämlich diese Unmöglichkeit vom erkenntnis- 
theoietischen Standpunkt anders zu bewerten ist, so besteht doch praktisch die 
gleiche Unmöglichkeit, etwa die Hypothesen über das Innere der Erde, die Rückseite 
des Mondes usw. einer Kontrolle durch die Erfahrung zu unterwerfen. Aus dieser 
Unsicherheit jedoch erwächst der Tierpsychologie nur die Verpflichtung, sich streng 
an die Ergebnisse der objektiven Forschung als ihre einzige Grundlage zu halten, 
ohne sich dazu verleiten zu lassen, psychologische Interpretationen als kausale Er- 
klärungen der physischen Phänomene auszugeben. 

Gerade deshalb aber -lässt die Gemeinsamkeit des empirischen Materials, das 
Tierpsychologie und vergleichende Physiologie bearbeiten, weder die eine noch die 
andere Wissenschaft entbehrlich erscheinen. Denn die Tatsachen gestatten eine 
subjektive ebensogut wie eine objektive Interpretation, und die eine lässt sich nicht 
durch die andere ersetzen, noch können beide Wissenschaften bei genauer Abgrenzung 
ihrer Arbeitsgebiete jemals miteinander in Kompetenzstreitigkeiten geraten. 

Die prinzipielle Ablehnung aller Tierpsychologie fuhrt zu einer durchaus ein- 
seitigen Auffassung der tierischen Lebenserscheinungen. Denn selbst wenn das 
ideale Ziel der .objektiven" Wissenschaft erreicht wäre, alle diese Erscheinungen 
auf physiologische Vorgänge zurückzuführen und aus physikalisch-chemischen Ur- 
sachen, vielleicht unter Mitwirkung objektiver teleologischer Faktoren abzuleiten, so 
wäre damit die Frage nach der phylogenetischen Entstehung und Entwicklung des 
Bewusstseins noch nicht gelöst, während doch nur die blindeste Voreingenommenheit 
bestreiten könnte, dass hier Probleme von fundamentaler Bedeutung vorliegen. 

Aber jene Ablehnung schliesst zugleich eine bewusste und willkürliche Inkonse- 
quenz ein, indem sie das Analogieschlussprinzip ohne zureichende objektive Gründe 



KoDgressberichte, '-'•' 

auf di« Interpretation der menschlichen Handlungen beschränkt. Wer dagegen diese 
Inkonsequenz und jenen prinzipiellen Verzicht auf jede genetische Psychologie für 
bedenklicher hält, als die relative Unsicherheit, die allen Hypothesen über fremdes 
Bewuastseinsleben anhaftet, wird in den Schlüssen, die das objektive Vorhallt., der 
Tiere auf ihre subjektiven Zustande zu ziehen gestattet, das Material zum A'.fbau 
einer durchaus selbständigen und für das allseitige Verständnis der Uebenserschei- 
nungen unentbehrlichen Wissenschaft finden, die eich mit der Völkerpsychologie in 
die AufgnLe teilt, die Entstehung und Entwicklung des Bewnsatseins zu erforschen. 
Die Entscheidung zwischen beiden Alternativen wird also letzten Endes von 
der subjektiven Veranlagung des einzelnen abhängen; mit. anderen Worten; der 
Punkt, an dem das Wissensstreben eines jeden zur Kühe kommt, wird eben auch 
auf diesem Gebiete dadurch bestimmt werden, .was fUv ein Mensch er ist". 

Hr. Pötzl (Wien) verweist auf die grosse Wichtigkeit, die die Beobachtung 
der zirkumskripten Seelenstörungen bat. Die Seelentätigkeit stellt sich vielfach als 
Integrationsprozess dar, speziell die Sprache; bei Beseitigung der Sprachstörungen 
durch Übung (nach Gutzmann's oder Fröscheis' Methode) wird «integriert. 
Wichtig wären aucli für die Tierpsychologie Dressurstudien z. B. an Hunden, wie sie 
in dem über länder'schen Dressurbuch dargelegt sind. Die Hirnpathologie und die 
Beobachtung an Tieren gibt identische Resultate. 

Hr. Adler (Wien): Kinderpsyclu.logie und Neurosenforschung 1 ). 
Gemeinsam ist dem Kind und dem Nervösen das Moment der grösseren Un- 
selbständigkeit, aus welchem Grunde sie in grösserem Umfange auf die Dienst- 
leistungen anderer angewiesen sind; Kinder nehmen die Familie in Anspruch, 
Nervöse ihre Familie, ihren Arzt und ihre weitere Umgebung. In der Neurose 
werden die Personen der Umgebung zu grösseren Aufgaben herangezogen und vor 
verstärkte Forderungen gestellt. In der Individualität eines Menschen sieht man 
seine Vergangenheit, seine Gegenwart und sein Ziel, in seinem Modus vivendi er- 
kennen wir einen Zwang zur Zielsetzung. Charakter, Wille und Symptome sind 
nur Teilerscheinungen eines unun (erbrochenen Anreizes zur Zielstrebigkeit, der die 
verschiedensleu Mittel benützt, auch die scheinbar widerspruchvollsten, um nur dem 
gesetzten Ziel näher zu kommen. Neigung des Patienten zum Arzt, Einschränkung 
auf das Haus, Heraustreten aus dem Hause, wenn es dem Patienten dienlich er- 
scheint, alles das ist nur Mittel zum Zweck. Von den Neurotikern gilt der Satz: 
Wenn zwei nicht dasselbe wollen, so ist es doch dasselbe. Alles planvoll Individuelle 
ist Vorbereitung zur Erscheinung, oder ist Ziel und steht hinter der Erscheinung. 
Die ganze Summe der zur Neurose gehörigen Phänomene ist direkt dazu vorbereitet, 
damit nur der vom Patienten gewollte Ausgang garantiert werde. Das Verhältnis 
von Bewusstem und Unbewusstem ist nur ein Mittel im Dienste der Gesamtpersön- 
lichkeit. Die konstitutionellen Faktoren und das Milieu sind die gegebenen Elemente 
durch welche die Zielsetzung und die Lebenslinie des einzelnen bedingt ist. Ziele 
und Charaktereigenschaften passen zum Ziele, und alle seelischen Phänomene können 
nur als Teilerscheinunaen eines Lebensplanes verstanden und erfasst werden. Die 
Tatsachen des Kinderlebens sind als vorbereitende Bewegungen im Hinblick auf ein 
Ziel anzusehen. Das Ziel wird von nervös disponierten Kindern bald durch Trotz, 
bald durch Unterwürfigkeit angestrebt; zur Herrschaft, zur Beachtung zu kommen, 
Interesse für sich zu gewinnen, ist der Endzweck. Rivalität gegen den jüngeren 
Bruder, Trotz, Indolenz, alles muss diesem Ziel dienen. Enuresis nocturna und 
Nahrungsverweigerung werden dazu herangezogen. Zwangsneurose, Fetischismus sind 
~*j Zu den Vorträgen von Adler, Häberlm, Hattingberg. Schrecker war die 
.Deutsche Gesellschaft für Kinderheilkunde" geladen. 



214 Kongressberichte. 

auf dieser Basis entstanden, i. B. kann die Furcht, der Frau nicht gewachsen zu sein, 
zu systematischen Versuchen führen, die Frau vor sich zu entwerten- Auch die 
Liebenswürdigkeit wird ebenso wie das Stottern im Sinne der Zielsetzung heran- 
gezogen. Ein Neurotiker will immer, Fühlen und Denken durchdringen einander 
beim Neurotiker immer und, wie sich aus dem beim Kind begründeten Gefühl der 
Minderwertigkeit Knmpensationsbestrebungen entwickeln, die darauf abzielen, dem 
Kinde Geltung zu verschnffen, ebenso arrangiert sich der Neurotiker Bein Lebens- 
system unter Zuhilfenahme seiner Erfahrungen, die er dann tendenziös verwertet; 
niemand erleidet seine Erfahrungen tendenzlos. Jede Deutung muss in das Phä- 
nomen hineingetragen werden, sie liegt vor oder hinter dein Phänomen; es gewinnt 
erst Interesse, wenn eiue Leitlinie darin zu sehen ist. Die wichtigsten Leit- 
linien sind : 

Realtätigkeit. 

a) Ausbildung von Fähigkeiten, um zur Überlegenheit zu gelangen. 

b) Sich messen mit seiner Umgebung, 

c) Erkenntnisse sammeln, 

d) Empfinden eines feindseligen Charakters der Welt, 

e) Verwendung von Liebe und Gehorsam, Hass und Trotz. 

Imagination. 

f) Ausbildung des Als Ob (Phantasie, symbolische Erfolge), 

g) Verwendung der Schwäche, 

h) Hinausschieben von Entscheidungen, — Deckung. 

Als unbedingte Voraussetzung dieser Richtungslinien findet man einzig ein 
hoch angesetztes Ziel, das im Unbewußten bleiben muss, um wirksam zu 
sein. Dieses Ziel ist je. nach Konstitution und Erfahrung mannigfach konkret ein- 
gekleidet und kann in dieser Form, regelmässig in der Psychose bewusst werden. 

Exempli causa entwickelt Vortragender die Analyse der Abwehrhaltung einer 
Patientin, die immer die Untreue des Gatten befürchtete. Sie hatte ein sexuelles 
Attentat als Kind erlitten und war zu dem Grundsätze gelangt, ich (ein Mädchen) 
darf nie allein sein. Diese Ansicht ist richtig, und nicht die Breuor-Freud'sche 
Auffassung, dass die Patienten an Reminiszenzen leiden; auch der Ausdruck Stim- 
mungslage sagt zu wenig. Die ersten Kindheitserinnerungen der Patientin sind 
Rivalitätsregungen gegen die von der Mutter bevorzugte ältere Schwester, während 
der Vater (ohne sexuelle Komponente) immer zu ihr hielt. Pat. litt später an anfalls- 
weise auftretenden Kopfschmerzen zur Zeit der Menses, halluzinierte zu dieser Zeit, 
von der Mutter an den Haaren gerissen zu werden, und lief einmal in einem Wut- 
anfall weg, um im Fluss zu baden. Ähnliche Anfälle hatte sie von zwei Brüdern 
gesehen. Die Patientin empörte sich also gegen ihre weibliche Natur, und ihre 
Überlegung war etwa folgende: Die Brüder revoltieren und sind die Herren, meine 
Schwester geniesst die Gunst der Mutter, nur Tod oder Krankheit kann mir aus 
meiner Erniedrigung helfen, das Alleinsein hört dann auf. Es ist gar nicht nötig, 
dass solche Raisonnements bewusst werden; im Gegenteil, das Bewusstwerden würde 
den Erfolg in Frage stellen. Der ganze Lebensplan ruht auf der Minderwertigkeit 
der Frau, die darum nicht allein gelassen werden darf. Aus diesem Porträt ergeben 
sich wertvolle Eigenschaften. Sie bekommt Angst, wenn sie allein im Wagen sitzt, 
sie verliert die Angst, wenn sie vorne im Wagen sitzt. Sie wurde bei jeder Biegung 
des Weges ängstlich, ebenso bei scbnellem Fahren. Wenn sie bei diesen Gelegen- 
heiten in die Zügel griff, wurde sie nicht ängstlich. Sie ergriff die Zügel nicht, um 
die Pferde zurückzuhalten, weil sie sich zu schwach dazu fühlte, sondern um sich 
über den Mann zu erheben. Dieser aus der Kindheit stammende Lebensplan ver- 



Kongressberichte. 215 

anlasste die Patientin, allen zu tun, um von unten nach oben zu kommen, und be- 
stimmt ihre Aggressionsstellung gegenüber ihrer Umgebung, zwischen der und ihr 
erhöhte Spannung besteht. Wer sich schwach fühlt, wird zum Kunstmi >ol der 
Neurose greifen, und deren Mittel stammen aus dem individuellen Leben, vot allem 
hus der Kinderzeit; darum zeigt sich die Lebenslinie in der Neurose so deutlich; 
darum ist man berechtigt, nicht das einzelne Phänomen als solches gelten zu lassen, 
sondern immer nur in dem Verhältnis zur Lebenslinie anzusehen, in dem ein Punkt 
zur Linie steht. Das Leben ist ein Kampf, jede Niederlage, jede Furcht vor der 
Niederlage wird von dein Neurotiker stärker als von dem Gesunden empfunden. 
Der Widerwille gegen Zwang ist bei ihm stärker als bei Gesunden und veranlasst 
ihn, den Bolipsistischen Standpunkt einzunehmen. Aus seiner Einstellung gehen 
auch Zauberglaube, Perversionen in sexueller Hinsicht hervor, durchwegs auf der 
Basis erschwerter Entwickelung. Der Gegensatz Macht — Machtlosigkeit tritt in 
dem Schema Mann - Weib auf, und die sexuellen Anomalien dienen der Tendenz, 
seine Überlegenheit über das weibliche Element zu demonstrieren. Sicherheits- 
koel'fizienten sollen den Weg in die Höhe ermöglichen. Um dH8 Interesse wachzu- 
rufen, wird der Krankheitsbeweis als Legitimation benutzt, werden Nichtigkeiten 
überschätzt; Fanatismus des Schwachen kann jede gegnerischo Position abschwächen. 
Darum wird das Denken zum Grübeln, der Ruheverlust zur Müdigkeit am Tage, 
es kommt zur Dysfunktion durch Aufmerksamkeit, in vielen Fällen speziell zur 
Herabsetzung der Liebesfähigkeit. 

Hr. Häberlin (Basel): Psychoanalyse und Erziehung. 

(Da Hr. Häberlin nicht anwesend ist, wurde der Vortrag von Herrn Frank 

verlesen.) 

Wenn man von Psychoanalyse spricht, dann nimmt man sie im Sinne ihreR 
Begründers Freud und läset «lies beiseite, was andere daraus gemacht haben oder 
zu machen versuchen. Die Frage ist, was Psychoanalyse in diesem Sinne mit Er- 
ziehung zu tun habe. Aus lier Antwort wird für den Kenner der psychoanalytischen 
Ergebnisse klar werden, wie diese sich zur Erziehung verhalten. 

Man mu88 wohl, um die Bedeutung der Psychoanalyse ganz zu erschöpfen 
dreierlei in ihr unterscheiden. Sie ist zunächst eine Methode psychologischer 
Forschung, deren Ziel psychologische Erkenntnis, ohne Beschränkung auf Neurosen 
und ohne Rücksicht auf Therapie ist Die Eigentümlichkeiten dieser Methode sind 
kurz folgende. Sie geht vor allem darauf aus, psychische Fakta, die aus bewussten 
Zusammenhängen heraus nicht zu begreifen sind, aus unbewussten Wurzeln zu ver- 
stehen, wobei dem infantilen Erleben als dem wichtigsten Nährboden des Unbewussten 
eine sehr grosse Rolle zugewiesen wird. Dem Unbewussten selber sucht sie nahe- 
zukommen durch Beachtung symptomatischer Äusserungen und Handlungen, durch 
Aufhellung dunklerer Bewusstseinsgebiete, nnter besonderer Berücksichtigung der 
Fingerzeige, welche in den Träumen gesehen werden, und durch ähnliche Mittel. 
Als eine Art heuristischen Prinzips dient die psychoanalytischen Erfahrungen ent- 
stammende Überzeugung, dass der Sexualität (in einem besonders weitgefassten 
Sinn) eine erstaunliche Wichtigkeit zukomme. Die Aufdeckung des Unbewussten 
geht vor sich durch Überwindung des .Widerstandes", das ist derjenigen psychischen 
Potenz, welche nach psychoanalytischer Anschauung die »Verdrängung* unbequemer 
psychischer Tatsachen ins Unbowusste bewirkt bat und sie noch im Unbewussten 
zurückhält. — Dies „Unbewusste" wird in seiner Eigenart nicht weiter definiert; 
es ist einfach der Ausdruck dafür, dass psychisch wirksame Agenzien da seien, von 
deren Existenz und Wirksamkeit das Individuum nichts oder nichts Deutliches wisse 
oder wissen wolle. 



216 Kongressberichte. 

Psychoanalyse bedeutet aber beute allgemein nicht nur eine besondere psycho- 
logische Forschungsmethode, sondern auch eine Summe oder einen zusammen- 
hangenden Komplex psychologischer Erkenntnisse, Ansichten, Theorien, Voraus- 
setzungen, welche teils dem psycboanalj'tischen Verfahren zugrunde liegen, teils 
ihren Ursprung aus diesem Verfahren herleiten. Die einzige zugestandene Voraus- 
setzung ist die, dass es eine psychische Kausalität gebe, dass man also die Be- 
dingungen für psychische Tatsachen so lange als möglich auf psychischem Ge- 
biete zu suchen habe. Seien sie nicht im bewussten Psychischen zu finden, so 
könne noch das Unbewußte befragt werden, im Gegensatz zu anderen Richtungen, 
welche rasch bereit sind, die Quellen des manifest Psychischen im Gebiet des Ana- 
tomischen und Physiologischen zu suchen. Im übrigen ist dieser Gegensatz nicht 
absolut, denn ober die letzten Ursprünge des Psychischen schweigt bis jetzt die 
Psychoanalyse, ja sie scheint sogar- in Übereinstimmung mit dem Gegner zuletzt 
doch an physiologische Hintergründe für die elementaren psychischen Fakta zd 
denkun. Der ganze Unterschied bestände dann darin, dass die Psychoanalyse nicht 
so rasch die rein psychische Kausalität zugunsten der psychophysischen und 
physischen aufgibt oder aufgeben zu müssen glaubt. Denn auch die Gegner nehmen 
ja psychische Kausalität wohl bis zu einer gewissen Grenze an. — Die Wichtigkeit 
unbewusster Tendenzen und Erinnerungen, die Schätzung des Infantilen, die Traum- 
theorie, die Verdrängung und den Widerstand, die Rolle der Sexualität etc. be- 
zeichnet der Umkreis der Anschauungen, welche man mitversteht, wenn mau von 
Psychoanalyse spricht. 

Psychoanalyse bedeutet oder umfasst aber drittens noch etwas anderes, näm- 
lich ein bestimmtes therapeutisches Verfahren, das freilich in praxi mit der 
Forschungsmethode Hand in Hand geht Die Tbeiapie sucht das Unbewusste nicht 
aus reinem Forschungsinteresse auf, sondern — eben als therapeutische Methode — 
auch vor allem deswegen, weil dem Un bewussten eine zentrale Bedeutung für die 
Entstehung und den Inhalt der Neurosen zugeschrieben wird. Für besonders wichtig 
wird derjenige Teil des unbewussten Materials gehalten, der seinen Ausschluss aus 
dem Kewusstsein einem Akt der Verdrängung verdankt Die Therapie geht vor 
allem darauf aus, die Verdrängungen aufzuheben und das verdrängte Material be- 
wnsstseinsmüglich zu machen, weil es als Bewusstes weniger gefährlich ist denn 
als Unbewusstes, weil bewussten Tatsachen gegenüber eine nicht pathogene Ver- 
arbeitung, Paralysierung, Überwindung oder Beherrschung — wenn solche über- 
haupt nötig erscheinen — eher möglich ist. als gegenüber einem Feinde, den man 
nicht kennt. 

Was hat nun Psychoanalyse nach diesen drei Seiten mit Erziehung zu 
tun? — Man wird vor allem zn unterscheiden haben zwischen dem Ziel und der 
Methode der Erziehung. Beides Dinge, die man nicht verwechseln darf. Das Er- 
ziehungsziel ist immer ein Ideal, welches sein Dasein und seine bestimmende Kraft 
bewueaten oder unbewussten Wertschätzungen unmittelbarer Art verdankt. Die 
Methode dagegen ist der Inbegriff des Weges, welcher zur Realisierung des Ideals 
eingeschlagen wird. Die Methode umfasst den Gang und die Mittel der Erziehung, 
die gauz zielmilssig orientierte Technik. Diese ist indessen angewiesen auf die 
Möglichkeiten, welche die Erfahrung, das Material, die individuellen Verhältnisse 
ihr geben. So ist die Methode aller Erziehung immer von zwei Seiten bestimmt, 
vom Ideal (Ziel) und von den ompirischen Umständen, welche die Mittel und Hinder- 
nisse, die Wege und Umwoge darbieten und nötig machen, 

Dass Psychoanalyse mit irgend einem Erziebungs-Ziel als solchem nichts zu 
schaffen hat, ist ohne weiteres klar, wenigstens sofern sie eine bestimmte Art 
psychologischer Forschung und sofern sie einen Komplex psychologischer * nschau- 



Kongressberichte. 217 

ungen bedeutet. Letzte Ziele, Ideale, beruhen stets auf unmittelbaren Höchst- 
wertungen ; sie drücken ein Seinsollen aus, das zwar noch nicht ist. ja missachtet 
und nmgangen werden kann, da« aber gilt, weil es eben sein soll. Und zwar soll 
es realisiert werden nicht aus irgend einem Grunde, d. h. um irgend eines andern 
Gutes willen; denn sonst wäre es kein letztes Ziel, kein Ideal, sondern diese Rolle 
übernähme jenes andere Gut und so weiter, bis einmal ein höchstes, inappellables 
und nicht mehr zu begründendes käme, das seinen Wert und seine Gültigkeit rein 
in sich selber hat. das eben unmittelbares Ideal ist. Dies wäre denn das 
wahre Ziel. — Wenn es sich so verhalt, so können letzte Ziele der Erziehung (wie 
überhaupt des Handelns) niemals durch irgend welche empirische Erfahrung 
gewonnen oder beseitigt oder durch andere ersetzt werden, auch nicht durch wissen- 
schaftliche Erfahrung. Wissenschaft hat keine Kompetenz in Ansehung der 
obersten Wertschätzungen. So verhält es sich mit ästhetischen, mit ethischen, mit 
pädagogischen Normen und Idealen. Sie lassen sich weder begründen, noch irgend- 
wie aus der Empirie ableiten. Es handelt sich bei allen pädngosischen Zielen zu- 
letzt um den Gegensatz von Gut und Böse, Hecht und Unrecht, Schön und Hftsslich. 
Alle derartigen Entscheidungen oder Stellungnahmen können aber niemals erkenntnis- 
mässig gewonnen oder alteriert weiden. Darum vermag psjclioanaly tische Forschung 
oder Eikenntnis so wenig wie irgend eine andere, Erziehungsziele zu weisen oder 
bestehende umzustürzen. — Wenn trotzdem von psychoanalytischer Seite gelegent- 
lich Ansprüche dieser Art erhüben weiden oder wenn verbucht wird, ethische oder 
pädagogische Höchstnormen psychoanalytisch zu .erklären", so beruhen Alle diese 
Bestrebunaen auf bekannten erkenntnistheoretischen Irrtümern, die zuletzt auf Selbst- 
täuschungen über die Natur der „Wertui teile" und des Normativen hinauslaufen. 

Anders verhält sich die Psychoanalyse zu möglichen Methoden der Er- 
ziehung. Denn bei jeder Erziehungsmethode handelt es sich nicht mehr um absolute 
Höchstwertungen, sondern um Wege zu ihrer Realisierung. 

Ein wichtigstes Hilfsmittel jeder Erziehung ist selbstverständlich die individual- 
psychologische Erforschung des Zöglings. Insofern darum Psychoanalyse eine neue 
Art psychologischer Forschung überhaupt ist — gleichgültig vorerst, ob man sie als 
ergiebige Methode gelten lasse oder nicht — erhebt sie den Anspruch, auch der 
pädagogischen Psychologie und damit eben der erzieherischen Methode Dienste zu 
leisten. Um so eher, als gerade das infantile Individuum besonders in der Richtung 
ihres Interesses liegt. Zwar sind die individualpsychologischen Einsichten, die man 
durch sie zu gewinnen vermag, wohl nicht durchwegs so unerhört neu oder gehen 
nicht so weit über das sonst Erreichbare hinaus, wie manche Enthusiasten glauben. 
Speziell unter Pädagogen, zünftigen wie ui.zünftigen, wird viel Psychoanalytisches 
eher als Bestätigung, denn als Neuenldeckung aufgefasst. Indessen ist sie mehr. 
Sie gewährt entschieden Einblicke in individuelle Konstitutionen und Reaktions- 
weisen, die eine Bereicherung bedeuten. 

Diese Stellungnahme bedeutet aber noch nicht eine unbedingte Empfehlung 
dieser Forschungamethode an die Adresse der Pädasoaen. Es ist zuvor die Frage 
zu entscheiden, ob die psychoanalytische Erforschung des Zöglings im ganzen 
der Erziehung zu empfehlen sei oder nicht,. — immer vorausgesetzt, dass es sich 
um eine an und für sich erspriessliche Forschungarichtung handle. Denn es könnte 
ja sein, dass die Psychoanalyse dem Zögling mehr schadet, als der eventuelle Kr- 
kenntnisgewinn, seiner Erziehung zu nützen, imstande wäre. Die Entscheidung 
darüber ist durchaus nicht leicht. Die Erfahrung des Vortragenden lässt ihn meinen, 
dass das für die PsychoanHlyse günstigste Alter erst mit 17 oder 18 Jahren beginnt. 
Da aber mit 17 oder 18 Jahren die Erziehung im engeren Sinn sich bereits ihrem 
Absohlnss nähert, ja in der Regel schon abgeschlossen ist, so kommt wesentlich nur 



218 KongresBberichte. 

das für die Psychoanalyse ungünstigere Alter bis zum Ausgang der Pubertätszeit 
in Betracht. Und da halte ich denn allerdings dafür, dass eine eigentliche psycho- 
analytische Durchforschung so janger Leute ihre Bedenken hat und tatsächlich mehr 
schaden als nützen kann. Es kommt eben auf zweierlei dabei an: auf die Natur 
des Zöglings und auf die Art des Vorgehens, die wieder mit der Art des Psycho- 
analytikers zusammenhängt. 

Es liegt im Wesen der Erziehung, dass alles, was man mit dem Zögling vor- 
nimmt, sieb den letzten Zielen der Erziehung unterzuordnen oder mit ihnen zu 
harmoniereo hat; so selbstverständlich auch die individual - psychologische Durch- 
forschung und die Art ihrer Durchführung. Damit hängt die methodische Maxime 
zusammen, das Herum arbeiten und Herumforschen am Zögling auf das Notwendige 
zu beschränken; alles, was darüber geht, ist vom Übel. Nun steht allerdings von 
vornherein nicht fest, wieviel in jedem Falle notwendig ist. Indessen besitzt jeder 
einigermassen taugliche Erzieher ein sicheres Kriterium dafür in der Art und Weise, 
wie der Zögling auf seioe erzieherischen Massnahmen reagiert, ob „normal* oder 
„gehemmt". Wenn eine soüst erprobte Erzieh ungs weise nicht verfängt, ohne dass 
plausible Gründe dafür zu entdecken sind, so heisst das nichts anderes: als dass 
eben unbekannte Hemmungen vorliegen. 

Nur in solchen Fällen ist weitere Erforschung des Zöglings geboten. Führen 
dann die gewohnten Wege der Bewusstseinspsychologie nicht zum Ziel, so maas 
eben das Unbewusste ausgeforscht werden, und hier bietet sich dann ein psycho- 
analytisches Vorgehen von selber an. Fälle dieser Alt Bind durchaus nicht selten. 
Sie umfassen nicht nur ausgesprochen „kranke* Naturen. Auch bei „gesunden" 
Kindern finden sich hitufig Episoden oder Züge, denen ohne Erforschung der unbe- 
wussten Motive kaum beizukommen ist (scheinbar unmotivieitps Lügen, Ängstlich- 
keit, Zerstreutheit etc. otc). Hier hat eine richtig geübte Psychoanalyse ganz 
sicher eine dankbare und verdienstvolle Aufgabe, nicht nur eine solche, die „allen 
Regeln der Kunst entspricht*, sondern eben eine pädagogisch richtige. Denn 
auch in der Durchführung, nicht nur mit Bezng auf die Indikation, hat sich jode 
Forschung ins Ganze der Erziehung einzufügen, Die Fiage, wann diu Psychoanalyse 
pädagogisch richtig durchgeführt ist, ist natürlich so im allgemeinen schwer bestimmt 
zu beantworten, da so Vieles im einzelnen Fall der pädagogischen und psychologischen 
Begabung des Erziehers überlassen bleiben muss. Doch sind einige Hinweise immer- 
hin möglich. Vor allein ist auch in der Durchführung Beschränkung auf das Not- 
wendigste unbedingt zu empfehlen. Das überflüssige Herumsuchen in der Psyche 
des Zöglings ist nicht scharf genug zu tadeln. Das „Unbewusste* id. h. das Nicht- 
Bewusstsein gewisser Dinge) hat für das jugendliche Alter ganz gewiss seine positive 
Bedeutung, aber man sollte überhaupt das Unbewusste unbewusst sein lassen, so- 
lange damit keine Störungen und Hemmungen verbunden sind. — Dass ferner eine 
derartige Erforschung Jugendlicher ganz besonderer Vorsicht und besonderen, sozu- 
sagen potenzierten Taktes bedarf, ist selbstverständlich. Je zarter und je plastischer 
noch das Material ist, desto schwerer ist die Verantwortlichkeit des Bildners, und 
desto eher kann sieb sein Zufassen mit unfeinen Händen rächeu. Eine taktlose und 
pädagogisch rücksichtslose Psychoanalyse bedeutet ohne Zweifel eine Schädigung 
des Zöglings, die durch den Erfolg der Forschung kaum aufgewogen werden kann. 
Die Psychoanalyse gleicht überhaupt einem schürfen, zweischneidigen Messer. Sie 
vermag, wenn sie unrichtig geführt wird, Traumata zu schaffen. Deshalb fallt 
natürlich nicht ein Vorwurf auf sie als solche, sondern eben nur auf den Psycho- 
analytiker, der zu wenig Pädagoge ist. Eine rechte Psychoanalyse im Verband des 
pädagogischen Vorgehens setzt mehr voraus, als nur gewöhnliches psychoanalytisches 
Wissen und Können. Sie setzt vor allem ethische Sicherheit und Reife voraus. 



Kongressberichte. 219 

Sie setzt aber auch voraus, dass die untersuchende und ergehende Persönlichkeit, 
über jeder einzelnen Methode steht und sieb niemals sklavisch an ein bestimmtes 
Vorgehen binde. Auch die Untersuchungsmethode ist modifikationsffth.g, und es ist 
Sache des Erziehers, sie gerade so zu handhaben, wie es dem Falle angemessen ,st, 
auch wenn dann eine erhebliche Modifikation oder eine Kombination mit anderen 
Methoden herauskommt. Denn Ober der .Reinheit" der Methode steht das Ziel der 
Erziehung, und nie darf ein Hilfsmittel beherrschend, nie dm Forschung (im Rahmen 
der Erziehung) Selbstzweck werden. 

Es ergibt sich aus dem Angeführten von selber, was die beiden anderen Seiten 
der Psychoanulyse mit Erziehung zu tun haben. Wenn auch manches an den bisher 
propagierten Resultaten unrichtig, anderes noch nicht endgültig und scharf genug 
erfasst und vor allem nicht wissenschaftlich einwandfrei verarbeitet sein mag, bo 
wäre es ein Unrecht, deshalb alle psychoanalytischen Anschauungen abzulehnen. 
Es bleibt nach Meinung des Vortragenden noch genug an gesicherten und frucht- 
baren Einsichten übrig (ob sie absolut oder relativ neu seien, ist eine Frage für sich). 
Es wird notwendig sein zu prüfen und kritisch das Richtige von den Zutaten, Ein- 
seitigke.ten etc. zu sondern, dann aber das Bleibende für die allgemeine Theorie 
der Erziehung vor allem auch prophylaktisch fruchtbar zu machen. Dass dabei 
Vorsicht und eher Zurückhaltung, als blinde Neuerungswut geboten ist, wie stets 
bei pädagogischer Verwertung neuer Anschauungen, ist selbstverständlich. 

Was kann die Psychoanalyse als Therapie für das Vorgehen des Erziehers 
bedeuten *> Diese Therapie ist mit der Forschung eng verbunden, fällt aber nicht 
mit ihr zusammen. Tatsache ist vor allem, dass in sehr vielen Fällen die Heilung, 
also das Ziel der Therapie, durch blosse Bewusstmachung durchaus nicht erreicht 
wird sondern dass noch ein zweite, hinzutreten muss. von dessen G.l.n^n oder 
Nichtgelingen erst der Erfolg der ganzen Therapie abhängig |* D.es zweite ist 
aber nichts anderes als ein Stück Erziehung. Denn ist das Verdrängte w.eder 
der bewussten Silentfttixk.it zugeführt, so kann der psy-hisrhe Konflik unter der 
Leitung des Arztes eineu besseren Ausgang finden, als ihn die Verdrängung bot 
E. gibt nach Freud mehrere solcher zweckmässiger Erledigungen. Entweder wird 
die Persönlichkeit des Kranken überzeugt, dass sie den pathognen Wunsch mit 
Unrecht abgewiesen hat, und veranlasst, ihn ganz oder teilweise zu akzeptieren, 
oder dieser Wunsch wird selbst auf ein höheres und darum einwandfreies Z.el ge- 
richtet (Sublür.i.runrJ, oder man eikennt seine Verwerfung als zu Recht besk-hend 
an ersitz aber den automat.schen und darum unzureichenden Mechanismus der 
Verdrängung durch eine Verurteilung mit Hilfe der höchsten geistigen L°.stu„gen 
des Menschen; man erreicht seine bewusste Beherrschung D.es alles geht über die 
blosse Frforschung oder Aufdeckung hinaus: es sind dies pädagogische Mass- 
r K eln d.h. es ist Erziehung durch den Arzt, die in günstigen Fällen durch Selbst- 
erzmhung (manchmal ganz plötzlicher und spontaner Art) ersetzt werden kann, was 
natürlich an ihrem pädagogischen Charakter nichts ändert. Wff0nfiP 

So besteht also die psychoanalytische Therapie aus Aufdeckung verborgener 
psychischer Zusammenhänge Erforschung) und Erziehung. Diese Erz.ehung ist aber 
„och besonders charakterisiert durch ihr Ziel. Dies Ziel ist nie ein anderes a die 
Lchische „Gesundheit- des Analysierten. Der Patient mag ein Charakterlun p 
!*? sozial bedenkliches Individuum, ein Don Juan, ein Philister oder ein nob er 
Clmrakter werden, wenn er nur gesund wird. Der Gesnndbe.t wird zuletzt alles 
andere unterstellt und eventuell geopfert. - 

Man ersieht daraus, dass die Psychoanalyse selber ohne Erziehung nicht aus^ 
kommt ja ihrerseits ein Stück Erziehung bedeutet. Dann aber, dass diese Art de 
Sehung niemals Erziehung überhaupt ersetzen kann, sofern Erziehung andere 



«öO Kongreasberichte. 

höhere Ziele al B die blosse Gesundheit besitzt. Andererseits freilich wird jede über- 
haupt diskutable Erziebungaweise die psychische Gesundheit in ihr Ziel einschlössen 
oder doch zugeben, dass sie Bedingung zur Realisation ihres Zieles ist. Also kann 
die psychoanalytische Therapie, wo sie nötig ist, eine willkommene Hilfe des er- 
zieherischen Vorgehens seiu. Immer natürlich vorausgesetzt, dass sie in ihrem 
forschenden wie in ihrem erziehenden Teile nicht nebon dem therapeutischen Erfolg 
pädagogischen Schaden stifte. Zugunsten ihrer erzieherischen Bedeutung darf noch 
hervorgehoben werden, dass in nicht wenigen Fällen die psychoanalytische Therapie 
Erziehungshemmungen zu entfernen vermag, die vorher allen möglichen pädsgogischen 
Maßregeln irotzten, oder jedenfalls ohne sie viel schwerer zu heben gewesen wären. 
Und dann ist eine richtig und mit ethischem Ernste durchgeführte Psychoanalyso 
auch seiher ein Stück Erziehung von mehr als therapeutischem Wert, ein Stück 
Erziehung zur Ehrlichkeit gegen sich selber und zur Mannhaftigkeit, um von anderen 
möglichen „Nebenerfolgen" zu schweigen. Davor muss gewarnt weiden, die Psycho- 
analyse zum Expo.imentierfeld Halbgebildeter oder Sensal ionahungriger zu machen! 
Möchte überhaupt niemals ans einer ernsten, in mehr als einer Beziehung „gefähr- 
lichen" Sache eine blosse Mode gemacht werden! 

Hr. v. Hattingberg (München): Zur Psychologie des kindlichen Eigen- 
sinns. 

Vortragender will die Methodologie nicht besprechen und steht auch nicht 
dogmatisch auf dem Boden einer bestimmten Theorie. Der Eigensinn bedeutet zu- 
nächst, rein sprachlich genommen, einen eigenen Sinn, der anders ist als der der 
anderen, der anderes will, der anders handelt. Das Wort Eigensinn hat aber sekundär 
seine Bedeutung wesentlich geändert und bezeichnet ein typisches Verhalten, dessen 
Kern der Wille ist. Erfolge zu erringen. Man spricht von Eigensinn, wenn jemand, 
obwohl unvorbereitet und sich untrainiert wissend, eine schwierige Bergtour unter- 
nimmt, wenn ein Knabe einen Obstdiebstahl versucht, obwohl ihm von seinen Kame- 
raden die Gefahr des Erwischtwerdens, der Strafe durch den Gartenbesitzer, die 
Gefahr des Kletterns deutlich vorgehalten werden. Er lässt sich durch die Erwä- 
gungen des Kameraden nicht von seinem Vorhaben abbringen und merkt schon 
während des Kletterns, dass er seine Kräfte überschätzt hat, dass der Gartenbesitzer 
kommt etc., lässt sich aber nicht aufhalten und steigt weiter; sein einziges Motiv 
ist sein Ehrgeiz, sein Wunsch zu imponieren. Es tauchen Gegenmotive von einer 
Stärke auf, die ihn zurückgehalten hätten, wenn er sie gekannt hätte. Seine Energie 
stammt aus seinem Entschluss, seine ganze Person ist an der Realisierung des Vor- 
habens beteiligt, die Bewunderung seiner Kameraden zu gewinnen, der Apfel ist ihm 
ganz gleichgültig geworden. Mit dem „ich will« tritt die Änderung der Person in 
Tätigkeit. Erst durch den Entschluss wird die Kraft mobil, die den Zwang ausübt, 
an seinem Willen festzuhalten. Bei Willensmenschen kommt ein derartiger Mecha- 
nismus in Frage, besonders bei solchen, die schwere Defekte zu überwinden haben. 
Mit Eigensinn wird an dem einmal Gewollten festgehalten, weil eine Änderung des 
Entschlusses vielleicht die Achtung der Umgebung beeinträchtigen könnte und damit 
auch die Selbstschätzung. Letztere Eigenschaft, die Abhängigkeit von dem Urteil 
der anderen teilt der Eigensinnige mit dem Ehrgeizigen, doch kommen Ehrgeiz und 
Eigensinn nicht oft beisammen vor, beim Ehrgeizigen handelt es sich um das Aner- 
kennungsbedürfnis, beim Eigensinnigen um einen Defekt des Auffassungsvermögens, 
um einen Anpassungsfehler. Das ganze Ich wird eingesetzt, weil er vor Gefahr be- 
wahrt weiden soll. Mit zunehmendem Anpassungsvermögen verliert sich der Eigen- 
sin. Der Ehrgeizige passt sich dem Wunsch des Zuschauers an. Der Ursprung des 
Eigensinns ist in einer primären Minderwertigkeit bei neurotischen Kindern zu suchen. 



Kongressberichte. 221 

Der Ehrgeiz und der Eigensinn zeigen 8ich, wenn das ganze Ich an einem Ziel inter-, 
essiert ist. Dies ist im wesentlichen für den aktiven Eigensinn (= Starrsinn) charak- 
teristisch; in der Abhängigkeit vom Zuschauer ist ein reaktives Moment gegeben. 
Reaktiv nennt Vortragender jenen Eigensinn, wo kein eigener Sinn tätig ist, 
sondern nur die Orientierung gegen den Willen des anderen, gegen das Soll, aber 
nicht gegen den Inhalt des Sollens. Dieser reaktive Eigensinn äussert sich bei 
Kindern in der Verweigerung der Flasche, im .Wegbieiben*, in Wutkrämpfen. Daraus 
entwickelt sieb eine trotzige Aggressionseinstellung gegen die Massnahmen der Um- 
gebung. Dabei zeigen sich individuelle Verschiedenheiten. Zum Zorn disponierte 
Kinder neigen zum Eigensinn, der bald ubiquitär ist, bald sich elektiv auf die Er- 
zieher erstreckt. Daneben kann die Aggression auch durch b'reude an der Macht, 
durch Willen zur Macht bedingt sein. Dem überlegenen Erzieher gegenüber 
verschwindet der Eigensinn, der eine Erweiterung der Ichgrenzen anstrebt. Auch 
gegen die bei eigensinnigen Menschen grosse Suggestibilität kann eine Einstellung 
vorliegen, ebenso gegen die Angst, sich nicht durchsetzen zu hönnen, gegen die Un- 
einheitlichkeit des Trieblebens. Auch die Furcht für die Selbständigkeit kann zum 
Eigensinn ohne Rücksicht auf die momentane Situation führen. Er kann elektiv 
sein, wenn besonders eine Beeinflussung gefürchtet wird. Auch Liebestendenzen, der 
Wunsch, dass man sich mit dem Kinde beschäftige, kann die Ursache des Eigensinns 
sein. In einem Fall, der in extenso publiziert werden soll, konnte das Kind fran- 
zösische Worte nicht aussprechen, es sagte im Alter von2'/x Jahren: „Ich will nicht 
wollen." Mit 3 Jahren zeigle es grosse Vorliebe für exkrementeile Vorgänge. Seinen 
Bruder Heinrich nannte es Helu, entstanden aus He und Lu; ersterea stammt au3 
dem Namen, letzteres aus der kindlichen Bezeichnung für Urinieren. Es nannte den 
Bruder so: »weil ich ihn lieb habe". Es scbSmte sich leicht vor Freunden und war 
leicht verletzlich, hatte Angst bei Harn- oder Stuhlentleerung, zugleich aber Erek- 
tionen. Letztere waren auch bei Harndrang vorhanden, wurden auch künstlich er- 
zeugt. Alle Worte bekamen eine U- Endung, die anf das Wort Lulu, der kindlichen 
BezeichnnDg für Urinieren, zurückzuführen ist und sich auf den Harn oder den Penis 
bezieht, Suggestion ist nur bei einigen Punkten zwingend auszuachliessen. Das 
Verständnis des Falles ist nur durch Einfühlung möglich. Der Erfolg der Analyse 
war Verschwinden der abnormen Entleerung, Verschwinden des Eigensinns. Es ist 
daran zu erinnern, dass Freud Ordentlichkeit, Sparsamkeit und Eigensinn auf Anal- 
erotik zurückführt. Vortragender schliesst sich dem nicht au, weil der genetische 
Zusammenhang nicht nachgewiesen ist, ebensowenig der Urethralerotik Sudger' 8. 
Die Analyse von enuretischen Kindern ergab, dHSS der Reiz zum Harnlassen und 
Defäzieren Erektionen hervorruft, und dass auch beide Funktionen als direkte Reize 
wirken. Die allgemeine Steigerung der Erregbarkeit des Nervensystems in diesen 
Fällen ist durch das Facialiephänomen erwiesen. Somatische Erscheinungen führen 
zu Lustempfindungen, die sexuelle Erregung wird aber, durch den Anastaffekt aus- 
gelöst, und so entsteht bei den nervösen Kindern der Affekt der Angstlust, in dem 
ein angenehmes und unangenehmes Gefühl zugleich vorhanden Bind. So hat Vor- 
tragender zweimal Pollutionen bei Schularbeiten beobachtet. Vielleicht, wird die 
Angstlust durch Widerstreben gesucht, indem die Strafe Lust erzeugt, aber auch 
Angst. Die Angstlust steht also in Beziehung zum Masochisnius. Wird die Angst- 
lust nicht aufgegeben, so entwickelt sich der passive Eigensinn, dem jede Ab- 
Schliessungsreaktion fehlt, der auch oft mit dem reaktiven Eigensinn kombiniert ist: 
Defäkationsanomnlien finden sich dabei häufig. Die Angstlust steht auch in Be- 
ziehung zur Freude an gefährlichem Sport und Hasardspielen. Der Eigensinn hört 
im späteren Leben auf, die Angstlust wird ersetzt. Die Annahme Adler's von der 
Wichtigkeit, der dem Zweifel an der Geschlechtsrolle, der Lust an dem Kleinsein etc. 



Kongresaberichte. 

zukommt, teilt Vortragender nicht. Diese Typen können alle bei verschiedenen 
Charakteren zukommen. Der eigensinnige Charakter ist nur nach dynamischen 
Prinzipien aufzufassen. 

Hr. Scb recker (Wien): Über erste Kindheitserinnerungen (erscheint 
in extenso in dieser Zeitschrift). 

Diskussion zu den Vorträgen des Hr. Adler, v. Hattingberg, Schreck er. 

Hr. v. Hattingberg (München) bemerkt, dass die Ausführungen Adler's 
zum Teil passen mögen, ihre Erklärungen seien aber rein intellektuell; er könne 
nicht zugeben, dass die beobachteten Erscheinungen bloss einen Punkt in der Lebens- 
linie vorstellen und nur pro-, beziehungsweise retrospektive Bedeutung hätten. 
Er finde die Denkweise A d Je r's nicht exakt und warne davor, Verschiedenes in 
den Lebensplan hineinzulegen. Er fragt, ob nach Adle r's Ansicht Tieren ein 
„Lebenaplan" zukomme, und warnt vor der Exklusivität der Lehre Ad ler 's. 

Hr. Bleuler (Zürich) erhebt Einspruch gegen die Verwertung des Insuffizienz- 
gefühles und meint, dass auch, andere Motive beim Kind vorbanden sind, die durchaus 
nicht unbewusst bleiben müssen, und warnt vor jeder Übertreibung. 

Hr. Neuer (Wim) bemerkt, die Äusserung v.Hal t in gberg's, dnss Adler's 
Auffassung eine rein intellektualistische sei, hätte er nicht hinreichend gestutzt. 
Was das Verhältnis von Phänomen und Lebenslinie betreffe, so sei zu konstatieren, 
dass Phänomenologie mit Naturwissenschaft nicht identisch sei. 

Hr. Furtmüller (Wien) führt aus, der von v. Hattingberg vorgebrachte 
Einwand des rein intellektuellen Charakters der Ausführungen von Adler sei wohl 
begründet, doch sei dieser Kind.uck Mobs durch die Form bedingt, in der Adler 
seine Gedanken vorgebracht habe. Der Grundcbarakter des Adler'schen Systems 
sei ein rein voluntaristischer, wie aus der hohen Bewertung der Zielstrebigkeit 
hervorgehe. Das Wort Lebensplan sei nur ein Ausdruck für die Gesamtheit der 
St.ebungen, auch wenn ihnen kein Gedanke zugrunde liege, sei nur eine Formel. 
Auf Exaktheit verzichte er, für die individualpsychologische Forschung wäre es 
nachteilig, wenn sie in eine Scheinexaktheit verfiele. Es wäre für sie ebenso ver- 
hängnisvoll, wie dieser Fehler für die Freud 'sehen Schriften verhängnisvoll wurde. 
Gerade das Tendieren auf ein Ziel ist ein Zeichen für Exaktheit. Für die Tier- 
psychologie sei die Auffassung Adler's von grosser Wichtigkeit. Der Widerstand, 
den die Adler'sche Theoiie finde, sei durch die prinzipielle Unmöglichkeit, Unge- 
wohntes in sieh nachzuschaffen, bedingt. 

Hr. v. Hattingberg (München) wendet sich gegen die Ausschliesslichkeit 
des Adler 'sehen Systems, das auch nicht den Stein der Weisen gefunden hätte. 

Hr. Frank (Zürich) gibt zu, dass wohl für einen Teil der Fälle die Adler- 
sehe Auffassung richtig ist; das berechtige aber nicht zur Exklusivität. 

Hr. Presch ls (Wien) vertritt die Anschauung, dass in der Psychologie 
nur eine einzige Theorie, wie sie die Adler'sche sei, die eine einheitliche Kon- 
zepiion für diebes ganze Wissensgebiet vorstelle. Freilich bleibe ein Rest für immer 
unerklärt. 

Er srbätze an dem System Adler's die Einheitlichkeit und Durchführung des 
teleologischen Gedankens. 

Hr. Feri (Wien) bemerkt, dass in der exaktesten Wissenschaft, in der theo- 
retischen Astronomie, das Auskommen mit dem einzigen Priuzip der Newton- 
sehen Gravitationslehre nicht möglich sei, und glaubt, dass sich ein solches Prinzip 
in der viel komplexeren Psychologie nicht werde durchführen lassen. Die Be- 
merkung, dass das von dem Vorredner von vornherein ein Rest der Probleme als 
unlösbar bezeichnet wurde, sei charakteristisch. Nach dem Ignoramus komme das 



KongresBberichte. 223 

Ignorabimus, und welche politische Partei an dem Ignorabimus interessiert aei, sei. 
wohlbekannt. Redner fragt Hr. Schreck er, was er unter Intuition verstehe. 

Hr. Schrecker (Wien) antwortet, dass Intuition daa Erfassen der Seele 
ohne Tätigkeit dos Verstandes sei. 

FJr. v. Hattingberg (München) ist der Anschauung, dass das Hereinziehen 
von politischen und Weltanschauungsf ragen gar nicht notwendig und auch nicht 

förderlich sei. 

Hr. Feri (Wien) führt aus, dass sich aus der Geschichte der Wissenschaft 
beweisen lasse, dass die als funtamental bezeichneten Prinzipien quasi in der Luft 
liegen, besonders leicht sei das hinsichtlich des Gravitationsprinzips und der Trans- 
mutationslehre der Organismen zu zeigen. So erscheine denD ihm auch der Freudis- 
mas als eine Manifestation desselhen Prinzips, das mache, dasa in der französischen 
Literatur auf den Veristen Zola der Mystiker Maeterlinck folge, in der deutschen 
Literatur auf die Weber von Hauptmann die Werke von Johannes Schlaf 
und Paul Scheerbart, in der Zoologie nuf die V ogt-Haeckel'sche Richtung 
der Vitaliamus von Schneider, Wolff und Diiesch. Er verweise darauf, dass 
gerade die Bekämpfung Her Teleologie einen der wichtigsten Programmpunkte der 
Vogt-Haeckel'scben Richtung war, und dass gerade diiB Betonender Teleologie 
für die hier betretene Richtung charakteristisch sei. Er sei nicht geneigt, es einem 
Zufall zuzuschreiben, dass das Emporkommen mächtiger politischer reaktionärer 
Parteien und der Psychoanalyse in eine und dieselhe Zeit falle und wegen des Vor- 
wiegens teleologischer Momente halte er die ganze Psychoanalyse für ein grosses 

Unglück. 

Hr. Ranschberg (Budapest) spricht sich gegen die Exklusivität der Adler- 

schen Lehre aus. 

He. Adler (Wien) erklärt, das8 das von ihm aufgestellte Schema keine 
ausschliessliche Geltung beanspruche. Das, was erlernbar sei, wollte er behandeln, 
im übrigen handle es sich beim Erfassen des Lebensplans eines Individuums um 
eine künstlerische Anschauung. Ihm handle es sich um die Erkenntnis des Ge- 
meinsamen in verschiedenen Phänomenen; Zweifel lasse er sich für später. Der 
hohe Wert einer nicht mystischen Teleologie sei für ihn nicht weiter fraglich. Er 
glaube wohl, dass auch bei einem Tier ein Lebensplun bestehen könne, hauptsächlich 
wegen der Zielsicherheit der Tiere. Er verweise auf die enge Zusammengehörigkeit 
z. B. der Katzenpfote und ihier Funktion, sowie überhaupt der Fi.rm des Organa 
und seiner Verrichtung. Gegenüber Bleuler bemerke er, dass nur das bewusst 
werde, was daa Individuum zur Realisierung seines Lebensplans brauche. Lebens- 
plan und Zielstrebigkeit seien identisch. 

Hr. Wexberg (Wien) bemerkt, dass die intuitive Psychologie zu Resultaten 
führe, die eine Aufklärung von Fragen bringe, die die Physiologie schon deshalb, 
weil ea eine intuitive Physiologie nicht gebe, unmöglich löaen könne. Die Luat 
bei der Exkietion unterstreiche diese » priori unbetonten Vorgänge und durch Ver- 
drängung entstehe die Angstlust; die Exkretion sei ein Vorgang, dessen Empfindung 
aexualähnlichen Charakter habe. Die Beziehung zwischen Angstlust und Maso- 
chismus sei belanglos. In erster Linie komme für den Masochiamus das Minder- 
wertigkeitsgefühl in Betracht. 

Hr. Strasse r (Zürich) weist auf d?n analerotiachen Ursprung von Trotz- 
handlungen hin, sowie auf den analerotischen Ursprung von Zwangsgedanken 

beim Beten. 

Hr. v Hattin gberg (München) weist zur Entstehung der Beziehung zwischen 
Angstlust durch Erregung sexualfthnlicher Empfindungen und Exkrvti'insvorgängen 
auf die Nähe der diesbezüglichen Zentren im untersten Rückenmarksabschnitt hin. 
Die Zusammengehörigkeit sei nicht rein psychisch begründet. 



224 Kongressberichte. 

III. Sitzung 20. September 1913 vormittag. 

Fortsetzung der Diskussion über das Thema: Verdrängung und Konversion, 
besonders über die Fragen: Was ist die Wirkung der Verdrängung, was ist unter 
Widerstand gegen das Wiederbewusstwerden zu verstehen, was i6t Wirkung der 
patbogenen Verd.ängnng? 

Hr. Bleuler (Zürich) führt aus, dass man die Wirkung der patbogenen Ver- 
drängung aus' ihren Wirkungen ersehen könne und zwar, wenn Symptome zum Vor- 
schein kommen, welche Symptome sich zeigen. Neurosen zeigen oft anfallsweises 
Auftreten, Tics etc, Die Verdrängung wird pathogen, wenn es sich um abnorme 
Personen handelt, z. B.bei latenter Schizophrenie. Nicht durch Mechanismen wird 
sie pathogen, sondern auf Grund von Disposition. 

Hr. v. Hattingberg (München) bemerkt, dass sich der Widerstand darin 
zeige, dass sich der Patient gegen die Analyse wehre, so z. B. überträgt der Patient 
seinen Vaterkomplex auf den Analysator. Dr-r Widerstand stellt sich ein, wenn dem 
Patienten nichts einfällt. Die unvollkommene Verdrängung ist pathogen, ebenso 
wirken aber auch total vergessene Szenen aus der Kindheit, indem sie die Haupt- 
wirkung von Sexualwünschen z. B. verstärkt. Auch die Annahme ist begründet, 
dass unvollkommen verdrängle Wünsche pathogen sind, so findet sie eich bei 
homosexuellen Ehemännern, die an Bildern Befriedigung finden. 

Hr. Stekel (Wien) findet, dass die Diskussion sehr unerquicklich ist. Die 
Frage des Widerstandes ist kompliziert; im wesentlichen handelt es sich um ein 
Ringen von Arzt und Patienten um die Herrschaft. Schon in den ersten Träumen 
der Analyse zeigt sich der Widerstand, dessen einfache Tendenz dahin geht, die Krank- 
heit zu behaupten. Der Neurotiker zieht sich in seine Krankheil wie in ein Schnecken- 
gehäuse zurück. Es wäre empfehlenswert, von der Diskussion der Wider.- tändsfrage 
abzusehen. 

Hr. Bleuler (Zürich) möchte die Diskussinn nicht abgebrochen sehen. Es 
wäre nach allem, was in der Diskussion gesagt wurde, die Verdrängung ein Produkt 
des Krankheitswillens. Es könne dies aber nicht die einzige Möglichkeit sein, z. B. 
bei einem Widerspruch gegen das ethische Gefühl komme das in Betracht. Er habe 
diesbezüglich eine eigene Meinung. Ebenso wie Affekte einander unterdrücken 
können, könnte dies bei Ideen stattfinden. Ambivalente Ideen würden verdrängt, 
sie könnten nicht aufkommen. Später würden auch die zugehörigen Affekte 
verdrängt. 

Hr. v. Hattingberg (München) bemerkt nachträglich noch, dass auch voll- 
kommen Bewnsstes pathogen wirken könne, so habe in einem von ihm beobachteten 
Fall von Hysterie die Patientin einen Koitus mit dem Bruder vollzogen, war sich 
aber jederzeit dieser Tatsache vollkommen bowusst. Es wurden ihr auch ihre 
alten sexuellen Wünsche gegen den Bruder zum Bewusstsein gebracht. Die Er- 
krankung bestand trotz des klaren Bewusstseins aller dieser Ereieni.-se foit. 

Hr. Stekel (Wien) bemerkt, dass bei Hysterie ein Trauma den Wunsch 
nach einer Wiederholung erweckt und die Patienten diesen Wunsch abwehren wollen. 
Bei diesem Falle sei das besonders deutlich. 

Hr. v. Hattingberg (München) erwidert, dass seiner Patientin alles bewusst 
war. Er sehe eine Analogie dieses Zustandes mit der posthypnotischen Suggestion 
darin, dass sich die Patienten nicht wehren können. 

Hr. Tauszk (Wien) führt aus, dass die in der pothypnotischen Suggestion 
ausgeführten Handlungen hinterher rationalisiert werden. Das in einem hypnoiden 
Zustand Erlebte ist mit dem Kontinuum-Ich assoziiert und beherrscht durch 
Assoziationen alles. Er verweise darauf, dass, wie S e ra o n gezeigt hat, alles 



t 



Kongressberichte. 225 

regiatiert werde, und so hänge auch das im Hypnoid Erlebte mit den gleichzeitigen 
Affekten zusammen. 

Hr. Feri (Wien) bemerkt, dass er den Eindruck habe, dass die Konflikte 
Hysterischer mit dem Kampf zwischen Determinismus und Indeterminismus weit- 
gehende Ähnlichkeit haben. 

Hr. Moll (Berlin) konstatiert, dass die posthypnotische Saggestion voll- 
kommen bewusst sein kann. 

Hr. Winkler (Wien) demonstriert die Handschrift eineB Mannes, dem 
hypnotisch die Verwendung deB Buchstabens R verboten wurde. Es sei deutlich, 
dass er den Buchstaben nicht schreiben wolle. 

Hr. St ekel (Wien) bemerkt, dass in einem der von ihm gestern erwähnten 
Fälle fortwährend das Bewu3stsein und das Tagträumen wechselte. E9 war sozusagen 
das geistige Gesichtsfeld nicht konzentriert, wie ea de norma ist; es bestand ein 
fortwährender Wechsel im Fokus des Bewusatseins. Die Erziehung des Kranken 
verfolgt das Ziel, ihn zu offe nem und klarem Denken zu bringen und den traumartigen 
Zuständen ein Ende zu machen. 

Hr. Frank (Zürich) bemerkt, die ganze Debatte und die Ausführungen 
Winkler'a zeigen, wie notwendig ein Unterricht in medizinischer Psychologie sei. 
Aufgabe der Diskussion sei ea, Klarheit zu schaffen, z. B. über den Begriff des 
Widerstandes; dazu trage es aber nicht bei, wenn Widerstand gegen den Arzt und 
gegen das Wiederbewusstwerden zusammengeworfen werden. Das Unbewusstsein 
habe eine Art eigenen Bewusstseins, es beabsichtige krank zu sein; das sei nichts 
Neues. Es sei aber in den diesbezüglichen Publikationen grosse Vorsicht geboten, 
weil das Publikum wegen des Sexuellen sich sehr für diese Dinge interessiere. Für 
das Verständnis der Erkrankung sei das einzelne halluzinatorische Erlebnis wertlos, 
so lange nicht das Ganze vom Patienten gebracht werde, wie Redner Hr. v. Hatting- 
berg gegenüber bemerke. Ein Erlebnis muss gründlich durchgesprochen werden, 
wenn es abreagiert werden soll, es muss mit dem früher Erlebten verbunden sein. 
Die Analyse im Halbschlaf, wie Redner sie übe, zeige, dass es eine Akkumulation 
der Affekte eben gebe, auch wenn es die Exploranden nicht zugeben wollen. 

Hr. Schreck er (Wien) erklärt die von den Psychologen gegebene Affekt- 
definition für unbrauchbar. Deren ganzes Verhalten erinnere ihn an die Art, wie 
die Schildbürger das Sonnenlicht fangen wollten. 

Hr. Stekel (Wien) will jetzt nur von der Sexualverdrängung sprechen, ob- 
wohl es auch Verdrängung nicht sexueller Affekte gebe, so z. B. einen sich akku- 
mulierenden Wertaffekt, der bei der Analyse so stark werden kann, dass man dem 
Patienten etwas zum Zerstören geben muss. Dass es nur Vorstellungen mit Affekten 
gebe, sei richtig, wenn man die Affekte und die Affektivität Bleuler' s identifiziere, 
unter dieser Voraussetzung müsse man vom Zurückhalten des Affektes sprechen. 
Beim Widerstreit von Affekten gehe der schwächere nicht etwa verloren, sondern 
er werde verschoben, was nur dadurch möglich sei, dass es eine Akkumulation gebe. 
Die Affekte seien mit dem Erlebnis und mit der blossen Vorstellung nicht gleich 

fest verbunden. 

Hr. Klages (München) führt aus, dass verdrängt und unbewusst, unterdrückt 
und beherrscht nicht identisch seien. Nur etwas Bewusstes könne verdrängt werden. 
Ein Erlebnis allein wirke erfahrungsgemäss nicht pathogen. Die von Hr. v. Hatting 
berg mitgeteilten Einzelheiten zeigen nur, dass es keine Ruhe gibt, solange nicht 
das ünbewusste ausgeräumt ist. Im ünbewussten wirken stark affektbesetzte 
Determinanten. Ein starkes Erlebnis wird im Tagtraum oder im Traum ekphoriert, 
wie die Analyse im Halbschlaf zeige. In jedem Moment dieses Zu6tandes würden 
zahllose Determinanten ketten angeregt, besonders bei Künstlern. Hinsichtlich der 
Zentr«ll>latt für Psychoanalyse 1V*/*- »* 



22U Kongressbericbte. 

Suggestion sei er der Anschauung, dass die posthypnotische Suggestion bewusst 
oder nicht bewusst sein könne, die Autosuggestion nur unbewusst. 

Hr. Stekel (Wien): Zur Psychologie des Fetischismus 1 ). 

Hr. Frank (Zürich) hat mehrere Fälle analysiert und wurde auf Grand seiner 
Erfahrung einem Fetischisten nie die Ehe empfehlen. Die vou Hr. Stekel mit- 
geteilten Fälle sind nicht rein, sondern mit Neurose kombiniert , der zweite mit 
Dementia praecox. Ein einziges Erlebnis wirke nie pathogen, es bilde nur den 
Kern für spätere Determinanten. Die Fetischisten aind alle Neurotiker oder Angst- 
neurotiker. Der Überbau des Religiösen gehört nicht zum Fetischismus. Oft sind 
Fetischisten bisexuell, doch können normale, homosexuelle und fetischistische Phasen 
einander ablösen. Die Deutung des Fetischismus als Christusneurose sei sehr gewagt. 

Hr. Moll (Berlin) findet, dass Bich österreichische und deutsche Fetischisten 
offenbar sehr unterscheiden. Ein wichtiger ätiologischer Faktor sei auch in der 
Phantasie gegeben, und darum verbiete er den Patienten ihre diesbezüglichen Phan- 
tasien. Die normale Befriedigung sei zu erstreben, eventuell durch Bilder. Die von 
Stekel mitgeteilten Fälle flohen das Weib, seine eigenen nicht. Eine angeborene 
Störung sei der Fetischismus gewiss nicht. Fetischisten seien polygam, aber auch 
Normale seien dies oft genug. Viele gäbe es, die sich in das Sexualgebiet hinein- 
fühlen, so z. B. Mädchen, die Männerkleider tragen, wollen es ihren Freunden 
gleichtun. Hinsichtlich der Ebefrage schliesse er sich Frank an. Jedenfalls sei 
eine vorhergegangene Aufklärung der Frau nötig. Von Christusneurose hübe er bei 
seinen Patienten nichts finden können, speziell nicht bei fetischistischen Frauen. 

Hr. Wink ler (Wien) bemerkt, einen polygamen Musiker zu kennen, der 
wegen seines eigentümlichen Fetischismus als „Federmann" in Wien bekannt sei. 
Von Christusneurose sei an ihm nichts zu merken. 

Hr. Stekel: Schlusswort zur Diskussion über den Fetischismus: 

Mit Frank werde er mich wohl kaum je verständigen können. Er spreche 
noch die Sprache der ersten Publikation von Breuer-Freud. Die weiteren Fort- 
schritte der Psychoanalyse berücksichtige er eben gar nicht. Seine Heilungen seien 
kein Beweis für die Richtigkeit seiner Methode. Es heile nicht die Methode, sondern 
der Arzt, und bei Neurosen hatten die seltsamsten Prozeduren die wunderbarsten 
Heilerfolge. 

Er wundere sich nicht, dass seine Ausführungen so wenig Verständnis ge- 
funden hätten. Seine Forschungen seien eben den anderen weit voraus. Er müsse 
sich aber gegen Moll, der ihm den Vorwurf der Leichtfertigkeit mache, strenge ver- 
wahren. Wenn er einem Fetischisten zur Ehe rate, so sei er des Erfolges schon 
sicher. Er gehe aber so vor, dass er sich die Auserwählte kommen lasse — im 
Einverständnisse mit dem Kranken — und ihr von der Abnormität des Bewerbers 
Mitteilung mache. Sie habe dann die freie Wahl. In einigen B'ällen habe er wirklich 
überraschende Resultate, allerdings nach der Behandlung gesehen. Begreiflich sei es 
bei dem komplizierten Baue dieser Neurosen, dass man mit der Hypnose keinen 
Erfolg erzielen könne. Die Hypnose heile nur ein Symptom, nie die Neurose als 
solche. Er hoffe aber, dass seine Anregungen auf fruchtbaren Boden fallen, und die 
weiteren Forschungen seine Funde bestätigen werden. 

Hr. Frank (Zürich): Über den Schlaf und Schlafstörungen. 

Vortragender will über die Vorgänge bei Schlafstörungen sprechen, die bei 
Neurosen, speziell Psychoneurosen vorkommen. Bei diesen stellen sich oft Unrube- 
und Angstgefühle ein, wenn Patient nur an den Schlaf denkt, und jede Störung der 



i) Erscheint in extenßo in dieser Zeitschrift. 



. 



Kongres«bericbte. 227 

dem Schlaf vorausgehenden, gewohnheitsmäßig erfolgenden Handlungen stört die 
Schlafsuggestion. Auch der Erwartungsaffekt kann die Schlafsuggestion stören. 
Diese Tatsache findet sich auch bei Normalen, bei Zwangsneurotikern und anderen 
Neurotikern kann es zu heftigen Affektausbrüchen kommen, wenn gewisse Hand- 
lungen nicht vollzogen werden können. Diese Angst- und Befürchtungsgefühle be- 
ziehen sich oft auf Träume oder das Wiedererwachen. Im Einschlafen können sich 
Affektwirkungen aus dem Unbewuasten hervordrängen, die Aufmerksamkeit erregen 
und so das Einschlafen hindern. Besonders die Sexualverdrängnng ist als Ursache 
plötzlich auftauchender, als Schlafstörung wirkender Affekte anzusehen; aber auch 
die Ermüdung und Überanstrengung kann zu solchen Störungen durch Auftauchen 
affektbetonter Vorstellungen führen. Nenrotiker liegen oft stundenlang in ober- 
flächlichem Schlafe, in dem sich angst- und unlustbetonte Vorstellungen aus den 
verschiedensten Lebensperioden jagen. Das Traumleben dieser Patienten ist zu leb- 
haft, der Schlaf darum nicht erquickend, sie sind am Morgen müde. Im Traum 
spielen Affektwirkungen aus der Jugend eine besonders auffallende Rolle. Die Ana- 
lyse im Halbschlaf zeigt auch die ausschlaggebende Wichtigkeit der Gefühlsbetonung. 
Es zeigt sich aber auch die durch die Spannung des verdrängten Affektes bedingte 
Schlafstörung auf bestimmte Zeiten, d. h. bestimmte Schlaftiefe eingestellt, zu welchen 
Stunden immer die gleichen Traume sich einstellen. Dahin gehört der Pavor noc- 
turna. Das Zusammenschrecken im Halbschlaf ist durch angstbetonte Szenen be- 
dingt, nach deren Abreagieren das Zusammenschrecken bzw. der Pavor nocturnus 
aufhört. Es zeigt sich dabei immer, dass eine Anzahl von Ereignissen nötig ist, 
um diese Phänomene entstehen zu lassen. Die bei Neurasthenikern typische Müdig- 
keit nach dem Erwachen ist Folge einer intensiven Traumtätigkeit, wie sie sich auch 
bei depressiven Zuständen, besonders bei manisch-depressivem Irresein findet. Ver- 
stimmungen, selbst mit Selbstmordtrieb können dabei zustande kommen. Diese Stim- 
mungen können im Wachzustand wieder verschwinden oder auch assoziativ durch 
harmlose Erlebnisse ausglöst werden. Das Erwachen aus dem Schlaf ist durch die Reize 
unserer Sinne bedingt, die die oberbewusste Aufmerksamkeit wieder zu erregen ver- 
mag. Der Schlaf ist das Zurücktreten der Aufmerksamkeit und der Zustand der 
Affektiuhe. Ein zu weit gehendes Ermüdungsgefühl kann auch zur Schlafstörung 
führt*. Das Einschlafen verhält sich zum Schlaf, wie die Dämmerung zur Nacht. 

Hr. Winkler (Wien) weist auf den Zusammenhang von Blutdmckabfall und 
Einschlafen. Blutdrucksteigerung und Aufwachen hin, sowie auf den Zusammenhang 
von Affekten und Blutdrucksteigerung. Ermüdung führe je nach ihrer Stärke zur 
Blutdrucksteieerung oder Blutdrucksenkung. Der Neurastheniker könne aus anderen 
Gründen nicht einschlafen wie der Psych oneurotiker. Oft genug kamen somatische 
Ursachen in Betracht, z. B. das Ermüdungsgefühl. Auch könne er nicht zugeben, 
dass alle Menschen träumen, er habe in den letzten Jahren gewiss nicht geträumt. 
Hr. Frank (Zürich) erwidert, dass man ebensogut wie die Blutdruckver- 
änderungen auch die Temperaturschwankungen als Ursachen des Schlafes bezeichnen 
könne. Zur Traumbeobachtung müsse man geschult sein, sonst könne man nichts 
davon beobachten. Redner erklärt sich ausseiende, mit Sicherheit Psychoneurosen 
und Neurasthenie zu trennen. 

Hr. L. Klages (München) : Zur Theorie und Symptomatologie des Willens. 

Vortragender will eine prinzipielle Frage besprechen, die ihn sehr interessiere, 
da er sich schon seit langem mit dem Charakter problem und dem Ausdruck des Charakters 
B B. in der Schrift beschäftige. Das Ich ist der Ausgangspunkt der inneren oder 
äusseren Bewegungen. Alle Theorien, die sich mit diesem Thema befassen, weisen 
eine Lücke auf, indem sie nur eine Seite dieses Bestandes würdigten. Bei der all- 

15* 



228 Kongressberichle. 

gemein verbreiteten, mit anatomisch-physiologischer Denkweise durchsetzten An- 
schauung ist das Willenserlebnis eine blosse Begleiterscheinung. Fasst man den 
Willen als bewegende Kraft auf, so kann man ihn mit allen treibenden Kräften 
identifizieren, wie das Wundt und Schopenhauer gemacht haben. Der WillenB- 
affekt schliesst dann mit einer pantomimischen Bewegung ab. Eine zweite Auffassung 
des Selbsterlebnisses ist dadurch ermöglicht, wenn das ich als unbewegt betrachtet 
wird. Die Selbstbesinnung bestätigt diese Auffassung, indem sie ergibt, dass der 
Wille unbewegt ist. Die Sprache zunächst bezeichnet den Willen als hart, unbeug- 
sam, eisern etc., lauter Ausdrücke, die mit Bewegung nichts zu tun haben. Auch die 
naive Volksauffassung bestätigt diese Ansicht, indem sie Gefühls- und Willens- 
menschen als Gegensätze aufstellt, von Gemüts-, nicht aber von Willensbewegungen 
spricht. Dem Willen kommt eine dirigierende Funktion zu; ebenso wie das Un- 
bewusste die Gedanken dirigiert, ohne selbst mit dem Denken identisch zu sein, 
ebenso veranlasst der Wille Bewegungen, ohne selbst Bewegung zu sein. Es ist 
hier daran zu erinnern, dass die alten Philosophen im Willen den Welturgruud 
sahen, indem sie einen Teil ihres Innern nach aussen projizierten. In diesem Sinne 
spricht Aristoteles von dem rqüiov mivovv &xivrjiov. Die Bewegung ist Über- 
tragung, der Zweck ist ruhend. Ein allgemeines Erfahrungsgesetz sagt uns, dass 
der Willensakt weiterhin auf reflektorische Bewegungen hemmend wirkt (z. B. das 
Niesen), aber auch nicht reflektorische können durch den Willensakt erheblich ge- 
stört werden, so z. B. erklärt sich die Verlegenheit, die junge Leute in Gesellschaft 
befällt, wo sie sich lebhaft und amüsiert geben wollen. Aus allen diesen Einzel- 
heiten folgt dir Schluss: der Wille ist nicht das Massgebende bei der Willkürbe- 
wegung, sondern er stört, auf den Ablauf der Bewegung gerichtet, die Bewegung 
selbst. Das Wort Willenskraft, das den Willen als Bewegungsursache aufzulassen 
scheint, widerlegt diese Autfassung nicht; Bewegnngsursachen sind die Triebe, die 
im Innern wirkend, zwar des Objekt wechseln, aber auf eine bestimmte Kategorie 
eingestellt sind. Das Ziel ist im Trieb selbst enthalten, und nur deshalb kann es 
sich erfüllen. Das Wollen kann sich auf dasselbe Objekt erstrecken, kann immer 
das gleiche Ziel haben, der Wille ist frei von Trieben, er ist vom Trieb qualitativ 
verschieden. Er kann, soweit die Denkbarkeit reicht, jedes Ziel verfolgen, die Triebe 
sind a priori gerichtet. Was nun die Meinung betrifft, dass der Wille sich aus dem 
Bewusstsein entwickelt, sei an die Unterscheidung erinnert, die sich in der Philo- 
sophie der Griechen findet, an die Verschiedenheit von voiig na&^iinös und voSg 
Jioirjitiiög, von denen erstem' den Trieben, letzterer dem Willen entspricht. Pathische 
Menschen sind sensibel, sie produzieren fortwährend Gefühle, für sie ist Raum, Licht, 
Dunkelheit, Kälte, Wärme nicht immer dasselbe; die Differenz ist im Gefühl gelegen. 
Der Unterschied von Trieb und Willen ist durch den geistigen Akt gegeben, der die 
(Qualitäten abspaltet und dadurch das Wollen von der Qualität des Zieles unabhängig 
macht. Beim Übergang vom Trieb zum Wollen bleibt nur das Moment der Energie 
übrig, der Drang, Hindernisse zu überwinden. Aus den Trieben sind Interessen ge- 
worden. Der Wille ist einer bewegenden Kraft ähnlich, aber er ist keine, ebenso 
wie das Apperzipieren eines Objektes vom Empfinden verschieden ist. Damit ein 
Gegenstand werde, muss ein instantaner Akt stattfinden. Subjekt und Welt der 
Objekte werden so getrennt. Derselbe geistige Akt des Erfassens der Wirklichkeit 
trennt die Triebsphäre und die Willenssphäre. In der Welt des Erfassens gibt es 
Ziele, nicht eine Aufnahme von Bildern. Derselbe geistige Akt schafft die spezifische 
Funktion dieses Zustandes, das Urteilsvermögen. Das Wollen ist auf Gegenstände 
gerichtet, ist kein fluktuierender Prozess, sondern nuf begreifliche Punkte eingestellt. 
Das Wollen ist gradlinig. Auch unsere Wissenschaft ist auf das Wollen begründet, 
das einen Abstraktionsprozess vorstellt und auf die gesetzmässige Welt sich bezieht. 



k. 



Kongressberichte. 229 

Aus dieser Eigenschaft begreift man das Wollen als Regulator der unwillkürlichen 
Bewegungen, man begreift auch die Zusammengehörigkeit von Willen und Ordnung 
in charakterologiacher Hinsicht. In letzerer Hinsicht ist von Wichtigkeit die Ab- 
spaltbarkeit der Triebe, die sonst ein Zweckstieben unmöglich machen würden. Das 
Triebleben verläuft rhythmisch, das Willensleben regelmässig; der Rhythmus ist die 
Wiederkehr von etwas Ähnlichem, doch muss die Eurhythmie unterbrochen sein, 
weil sonst der Parademarsch in seiner absoluten Eegelmäasigkeit ein Ideal vorstellte, 
was gewiss niemand behaupten wird. Weiterbin ist das Hervortretende des Moto- 
rischen von Wichtigkeit im Gegensatz zum Sensorischen, weil nur so das System 
realisiert werden kann. Schliesslich musa eine Monarchie der Interessen vorhanden 
sein, weil sonst das Bestehen von mehreren Interessen eine Willensentscheidung un- 
möglich macht. Willensfähigkeit und Willensstärke darf man nicht verwechseln. 
Unsere Zeit hat nur den Willen, auch der Neurotiker hat ihn, aber es fehlt ihm an 
Willensstärke. Vortragender bat an den Scbreibbewegungen, einer besonderen Art 
von Ausdrucksbewegungen, die Willenstypen studiert. Die wichtigsten Ergebnisse 
dieser Studien sind, daBS pathische Menschen rhythmisch, Willensmenschen regel- 
mässig schreiben, dass Grösse der einzelnen Züge, ihre Geradlinigkeit von Bedeutung 
sind. Vortragender wird an Hand von Lichtbildern die genannten Phänomene demon- 
strieren, sowie die charakteristischen Züge in der Schrift bei leichtem, bei schwerem 
Wollen, bei vollem und leerem Wollen (welch letzteres bei Hysterie und Eigensinn 
besonders vorkommt), bei geistigem (theoretischem, künstlerischem) und stofflichem 
(praktischem) Wollen. 

IV. Sitzung. 

Hr. Klag es (München): Demonstration von Lichtbildern. 

Hr. Winkler (Wien): Über Mitempfindungen. 

Mit Beziehung auf Untersuchungen, die Bleuler vor ca. 30 Jahren veröffentlicht 
hat, berichtet Vortragender über eine „sensorielle* Theorie der Mitempfindungen, 
z, B. der Audition coloröe, die im wesentlichen besagt, dass die Mitempfiudungen 
dadurch tntstehen, dass von dem z. B. durch Irradiation erregten Sinneszentrum der 
Hirnrinde ein Reiz retrograd zu dem Sinnesorgau verlaufe, dort einen Reiz setze, 
der dann als Photisma empfunden würde. Die Retina empfange nicht nur Licht- 
reize, .sondern auch Bewegungsreize, ebenso die anderen Sinnesorgane. Blutdruck- 
steigerung bewirke immer eine Unlustempfimlung. 

Hr. Fe ri (Wien) bemerkt, dass Blutdrucksenkung, sowie Temperatursbfall von 
den sedativ wirkenden Nerviuis erzeugt würde, ebenso wie Erregung und Temperatur- 
und Blutdrucksteigernng von anderen autagonistiscb wirkenden Präparaten. Es wäre 
viel passender, zu sagen, dass die znm Schlaf führenden Veränderungen auch zu Blut- 
druck- und Temperatursenkungen führen, als die Blutdruckveränderungen als Ursache 
des Schlafes zu proklamieren. Auch den Zusammenhang von Blutdrucksteigerung 
und Unlustgefühlen bestreite er, denn nicht bei allen Menschen sei geistige Tätigkeit, 
die immer mit Blutdruck Steigerung ein hergehe, mit Unlustgefühlen verbunden. Er 
frage noch, was Vortragender unter Bewegungsreizen der Retina verstanden habe. 

Hr. Niessl v. Mayendorf (Leipzig) glaubt, dass die Mitempfindungen durch 
Überspringen des Reizes in den subkortikalen Zentren zustande kommen. Das Mit- 
wirken des Kortex sei dabei nicht unbedingt erforderlich. 

Hr. Feri (Wien) kann nicht glauben, dass die zum Teil höchst komplizierten 
Musikphantome in subkorlikalen Zentren entstehen können, und verweist darauf, 
dass Winkler's Theorie eine weder experimentell, noch klinisch gestützte Voraus- 
setzung enthalte, nämlich die Fähigkeit der doppelsinnigen Erregungsleitung zen- 
traler Fasern. 



230 Kongressberichte. 

Hr. Nieasl v. Mayendorf (Leipzig) erwidert, seine Auffassang sei durch 
einen eigenen Fall und durch Mitteilungen von Henschen gestützt. 

Hr. Winkler (Wien) antwortet, dass Uewegungsreize der Retina eben Be- 
wegungen der Zellen der Retina wären. 

Fr. Eppelbaum (Zürich): Über das Assoziationsexperiment mit be- 
sonderer Berücksichtigung der Alkoholiker. 

Vortragende macht den Versuch, die Erfolge der Züricher Schule mit dem 
Assoziationsexperiment in Hinsicht auf die Psychologie der Persönlichkeit zu dis- 
kutieren, und zeigt, dass das Assoziationsexperiment für die gesamte Psyche mit 
ihrer kontinuierlichen Aktivität nichts anderes als eine Einübung (das Mechanische), 
eine Art mechanische Einfügung in den Gesamtbau einer Persönlichkeit ist. 

Bei Idioten, Imbezillen und Epileptikern besteht eine abnorme Oberflächlichkeit 
der Assoziationen, die im wesentlichen auf eine Verdeutlichung des Reizwortes 
hinausläuft. Vortragende schien den Kranken ein Lehrer zu sein. Der Epileptiker 
ist weiter differenziert als der Idiot. Sein Persönlichkeitaideal ist auch der Lehrer, 
zur Sicherung seines Ideals geht er kompliziertere Wege. Die Dementia praecox 
hat Bruchstücke von Ideen und Begriffen neben den eingeübten und eingelernten. 
Die Persönlichkeit, die Lebensleitlinie macht die Komplexe klar. Der Schizophrene 
entweicht der Realität und behauptet starr sein Endziel. Die Komplexreaktionen 
sind Kunstgriffe, die von dem Lebensplan verlangt werden und eine Erhöhung des 
Persönlichkeitsgefühls bezwecken. Den Kranken bleibe nichts übrig, als Stücke des 
Lebenszieles auf Reizworte hin zu verraten. Bei Alkoholikern finden sich flache 
Assoziationen vom Wiederholungstypus, die zum Teil während des Experimentes 
entstehen, ebenso entstandene Wortzusammensetzungen, Definitionen, Fragen als 
Reaktionen im Assoziationsexperiment. Bestimmend ist oft für die Assoziations- 
weise der Wunsch, in die Freiheit zu gelangen. Die Komplexe (Brandstiftung etc.) 
wirken, entgegen den Erwartungen, die man an die Arbeiten der Züricher Schule 
anknüpfen könnte, nicht. In seinen Assoziationen ist der Alkoholiker dem Gesunden 
ähnlich. In der Kindheit erweist sich, der Alkoholiker reizbar, jähzornig, doch ist 
ihm sein Affekt nur Mittel zum Zweck, sowie dem nervösen Charakter. Neid, Bos- 
heit, Egoismus, Aggressivität auf der einen, Güte und Gehorsam auf der anderen 
Seite stehen im Dienste seiner Zwecke, des Willens zur Macht. Der Alkohol be- 
deutet nur eine Beseitigung der Hemmungen, die ihm entgegenstehen, trotz der 
Wirklichkeit gegenüber; im Rauach wird der Willen zur Macht frei. Der Alkohol 
steht im Dienst einer Fiktion und eihöht das Persönlichkeitsgefühl, das unter dem 
Gefühl einer konstitutionellen Minderwertigkeit leidet, eine Auffassung, die Adler 
zuerst vorgetragen habe und die sich auch durch die Versuche der Vortragenden als 
richtig erwiesen habe. 

Hr. v. Hattingberg (München) fragt, ob sich Adler mit diesen Ausfüh- 
rungen identifiziere. 

Hr. Adler (Wien) antwortet, dass er auf dem Gebiet der Assoziationslehre 
nicht gearbeitet habe, aber die Ausführungen der Vortragenden für plausibel halte. 

Hr. v. Hattingberg (München) teilt spöttisch mit. wenn das so sei, werde 
sich hoffentlich niemand daran stossen, dass er in der nächsten Versammlung des 
Vereins einen Vortrag halte über die Lebenslinie des Paralytikers und über die 
progressive Paralyse als Kunstgriff zu deren Verwirklichung. 

Hr. Adler (Wien) bemerkt, dieser Scherz zeige deutlich, wie wenig Hr. v. ■ 
Hattingberg das Wesentliche erfasst hätte. 

Hr. Feri fragt, ob Vortragender auch typische Alkoholpaychosen untersucht 
hätte. 

Fr. Eppelbaum verneint. 



Kongressberichte. 231 

Hl. Strasser (Zürich): Nervöser Charakter, Disposition zur Trunksucht 
und Erziehung. 

"Was bis jetzt gegen den Alkoholismus getan wurde — und die grossen Erfolge 
dieser Bewegung dürften wohl nicht in Frage kommen — ging wohl darum nie: t 
völlig auf den Grund, weil es auf der einseitigen Anschauung fusste, dass die 
Trunksucht als ein in sich abgeschlossenes Krankheitsbild zu betrachten sei. Dabei 
übersah man, dass die Trunksucht ein Symptomenbild ist, welches von der konti- 
nuierlichen Basis menschlichen Seelenlebens aus zu konstruieren ist und, weil es 
auf solcher Basis ruht, muss es seine Vergangenheit und seine Zukunft, seine 
intuitive Aktivität haben. Schon diese Erwägung dürfte dazu führen, dass 
die Behandlung jugendlicher Alkoholiker in die Hände des Pädagogen gelegt werden 
sollte. Aus welchen Kindern später Alkoholiker werden, kann nun freilich nicht 
ohne weiteres im voraus bestimmbar sein. Aber die Krankengeschichten der 
späteren Trinker zeigen uns, dass ihre Charakterzüge im Alter Verstärkungen der- 
jenigen vor dem Alkoholmissbranch, und als solche die nämlichen sind, wie die 
eines neurotisch veranlagten, ja eines eigentlichen gesunden Kindes. Es zeigt sich 
auch bei ihnen das auf organischer Minderwertigkeit beruhende Insuffizienzgefühl. 
So litt ein hünenhaft gebauter Mann an einer Magendarmminderwertigkeit, kam sich 
selbst unmännlich vor und wollte sich durch Trinken beweisen, dass er ein rechter 
Mann sei. Er provozierte in der Trunkenheit einen Mann, innsste dann revozieren, 
betrank sich wieder zur Hebung seiner Stimmung und verfiel dann in Selbstmord- 
gedanken, die seine Niederlage bemänteln sollten, im ganzen ist also die Tendenz 
ersichtlich, daB Persönlichkeitsgefühl durch Beseitigung des Minderwertigkeitsgefühls 
zu erhöhen. Der Kampf darf nicht gegen den Alkoholismus gerichtet sein, sondern 
gegen die Grundlage, die neurotische Disposition. Die Entfernung des Vaters ist 
nicht alles. Der zum Alkoholismus Disponierte hat die Neigung, dieselben Kunst- 
griffe zu verwenden, wie der Neurotiker, beziehungsweise das neurotische Kind. 
Der Erzieher muss das Kind intuitiv erfassen, da die Suggestion und die Analyse, 
die einzigen noch möglichen Methoden nicht anwendbar sind, die Suggestion deshalb, 
weil sie eine gewichtige Persönlichkeit erfordert, während bei der Erziehung der 
Erzieher hinter seine Absicht zurücktreten soll, die Analyse deshalb, weil sie nicht 
alle Zusammenhänge aufdeckt, ein Ding immer durch das erklärt, was es nicht ist. 
Beide Verfahren wollen das kontinuierlich bewegte Seelenleben in Unbewegtes 
überführen, um dann wieder den umgekehrten Weg zu gehen. Die Intuition ver- 
meidet aber, dem Kinde die Weltanschauung des Erziehers aufzudrängen, die Intellektuelle 
Einfühlung ist der einzig gangbare Weg. 

Dieser Gedanke ist sowohl die Grundlage der Bergson'schen Philosophie, 
wie, unabhängig von ihr, auf therapeutischem Gebiete, die Leitlinie der Charakter- 
lehre, der individualpsychologischen Forschung Alfred Adler's. Kann erst der 
Pädagoge diesen Weg betreten und wird er sich in die Lebensziele des Kindea 
hineinfühlen, vermag erst einmal der Erzieher so zu handeln, als ob er die betreffende 
kindliche Konstitution selbst in sich trüge, und seine Aufgabe darin zu erkennen, 
nicht den Mitmenschen, sondern den Menschen erziehen zu wollen, dann gelingt es 
ihm, durch seine Mitarbeit die Umgestaltung des kindlichen Lebensplanes zu fördern, 
and einem zur Trunksucht disponierten Kinde also die Möglichkeit zu nehmen, den 
Alkohol ebenso, wie die anderen Ansdrucksformen der Neurose in der Zukunft als 
KuustgrhT zu verwenden. 

Fr. Stricker (Wien) weist auf die Gefährlichkeit der Intuition hin. 

Hr. Löwy (München) gibt den Wert der Intuition zu, warnt aber vor der 
Einführung dieser Methode in die Lösung eines eminent sozialen Problems. 



232 Kongressbenchte. 

Hr. Frank (Zürich) stellt fest, dasa sich die Ausführungen von Hr. Strasser 
nur auf bestimmte Typen von Alkoholikern bezogen haben. 

Hr. v. Hattingberg (München) bemerkt, dass der Vortrag Strasser's be- 
weise, wie sehr er vorhin recht gehabt hätte, auch die Paralysis progressiva als 
Kunstgriff zu bezeichnen. 

Hr. Schrecker (Wien) bemerkt, Intuition und Intuition sei nicht dasselbe. 
Der hohe Wert der Intuition stehe fest. 

Fr. Stricker (Wien) bemerkt, dass ihre Bedenken nicht widerlegt sind. 

Hr. Strasse r bezeichnet die Intuition als künstlerische Tätigkeit. 

Hr. Niessl v. Mayendorf (Leipzig): Das Wesen der Geisteskrankheit. 

Die Erkenntnis vom Wesen einer Erkrankung bringt die Erklärung ihrer Er- 
scheinungen, für welche die gewebliche Veränderung des erkrankten Organes die 
Veränderung ihrer Leistung verständlich macht. Die psychopathischen Phänomene 
bedürfen, um als solche richtig gewertet zu werden, der psychologischen Analj'se, 
deren Ergebnis in seiner Beziehung zum Gehirnorgan nur als die Lücke eines 
Mechanismus verstanden werden kann. 

Melancholische und maniakalische Zustandsbüder bereiten dem nach ihrer 
Genese Forschenden sowohl ihrer psychologischen Wurzel nach, als pathologische 
Übertreibungen der Gefühlshöhe und Gefühlsdauer, als ihrer physischen Grundlage 
nach, als abnorme Oxydationsphasen der Hirnrinde — seien dieselben durch abnormen 
Stoffwechsel umsatz primär, seien sie durch abnorme Beschaffenheit und Funktionen 
der Vasomotoren sekundär bedingt — keine Schwierigkeiten. 

Anders bei den sog. Erkrankungen des Verstandes, bei jener Paralogik, welche 
in Wahnbildung und Sinnestäuschung bestimmte Gedankengänge uns unverständ- 
lich werden lässt. Hier will man Lücken im Vorstellungsablauf, im Evkrnnkeu des 
Vorstellens suchen und vergisst, dass die Aneinanderreihung zielstrebender Vor- 
stellungen, ebenso wie das Erwachen derselben und ihr Inhalt von Gefühlen ab- 
hängig ist. Die mangelhafte Korrektur ist, wie dies vom Vortr. in einem Vortrag auf 
der Jahresversammlung des Deutschen Vereins für Psychiatrie 1911 gezeigt wurde, 
auf eine abnorme Gefühlsbetonung der die Korrektur herbeiführenden Gedankengänge 
zurückzuführen, denn die Wahl des einzig Richtigen, d. h. die Bestimmung ihres 
Inhalts hängt ausschliesslich von dem Eintreffen des normalen Gefühls ab. Die 
körperliche Erscheinung des totgeglaubten Freundes üborzeugt den von der Wahn- 
idee seines Todes Befangenen deshalb nicht, weil sie für ihn nicht mit jenem Gefühl 
der frohen Beruhigung verbunden ist, als für den, welcher hei gesundem Geistesleben 
6emen Tod nur befürchtet. Jede Sinnestäuschung eines Geisteskranken schliesst 
eine Wahnbildung in sich. Nicht nur der Inhalt einer Sinnestäuschung wird von 
dem beherrschenden Gefühl diktiert, nicht nur die Unmöglichkeit ihres Bestehens 
innerhalb des logisch geordneten Weltbildes wird nicht erkannt, auch der Unterschied 
zwischen endogen aufgetauchtem und exogen erzeugtem Wahrnehmungsbild ver- 
schwindet. Der Gehirn mechanismus, welcher die veränderte Gefühlsbetonung in 
einer Veränderung der Stoffwecbselvorgänge, respektive der Oxydationsphasen jener 
Hemisphärenteile aufklärt, die keine Projektionsflächen der Sinnesorgane sind, 
erklärt auch das Sinnenfälligwerden der gedanklichen Reproduktionen bei Geistes- 
kranken, indem das Verhältnis der Oxydationsphasen zu denjenigen der kortikalen 
Projektionsflächen zu denjenigen der stummen Rindengebiete in dem Zustand der 
Geisteskrankheit sich bo verändern kann, dass es im Akte der Erinnerung dem- 
jenigen im Akte der Wahrnehmung des Geistesgesunden gleicht und so zu der 
Täuschung Anlass gibt. 

Demenz ist keine Armut an Vorstellungen, sondern ein Zustand der Unfähig- 
keit, die Vorstellungen zu erwecken und zweckentsprechend zu ordnen. Der Nach- 



Kongressberichte. 233 

weis des Bestandes der scheinbar verschwundenen Vorstellungen gelingt dann, wenn 
sie ohne Ziel für das Individuum hervorgerufen werden. 

Alle Geisteskrankheiten sind Erkrankungen der Gefühle, deren 
Substrat in den Oxydationsphasen der Rinde des Grosshirns gesucht werden muss. 

Hr. Schmidt (Wien): Schillers Frauengestalten. 

Vortr. zeigt die Leitlinien der wichtigsten Frauengestalten in Schillers Dramen 
und demonstriert an ihnen die richtunggebenden Endzwecke (meist Willen zur Macht, 
männlicher Protest gegen die weibliche Funktion). Adler's teleologische Erklärung 
der Neurosen löst die scheinbaren Widersprüche auf und macht die sonderbaren 
Expansionen der einzelnen Frauen als Kompensationen ibres ursprünglichen Minder- 
wertigkeitsgefühls verständlich. Dr. K. F. (Wien). 



Varia. 

Zar Kinderpsychologie. 

Gretel unterhält sieb mit ihrer Grossmutter über das Alter verschiedener Leute. 
„Wie alt ist Papa?" — „50 Jahre!" — „und Mama?" — „39 Jahre?" — „Und du 
Grossmama? - ' — „Ich bin 71 Jahre alt!" — „Ach so alt! Dann ist es aber höchste 
Zeit, dass du bald stirbst!" 

Traudi sieht wie eine Mutter ihr Kind nährt. „Nicht wahr, Mama, ich habe 
so an dir getrunken, als du noch eine Kuh warst?* 

Ilse fragt ihre Mama: , Warum hast da denn eigentlich zwei solche Trink- 
felsen, da das Brüderchen doch immer nur aus einem trinkt?" 

Otto hat seinen Vater verloren. Liesel geht voll inniger Teilnahme zu ihm 
und sagt ihm die tröstlichen Worte: „Weine nicht, Otto, deine Mutter nimmt bald 
einen anderen Mann." 

Die Lehrerin ermahnt die Kinder, die filteren Leute und die Respektspersonen 
nicht in den April zu schicken. Da tritt ein kleines Mädchen hervor und fragt: 
„Ob denn der Papa die Mama in den April schicken dürfe? „Jawohl, das darf er!" 
Ja, aber darf denn auch der Papa zur Mama sagen: »Weisst du, wir haben diese 
Nacht ein Kind gekriegt?" 

Fritz wird von seinen Eltern zur Wohltätigkeit angehalten. Bei Katastrophen, 
Überschwemmungen u. dgl., muss er immer aus seiner Sparbüchse ein Scherflein 
beitragen. Einst wollte ihm eine zu Besuch anwesende Tante drei Mark für seine 
Spardose schenken mit den Worten: „Du sparst ja so fleissig?" Fritz lehnte dankend 
das Geschenk ab. „Ach Tante das hat gar keinen Zweck! Hat man etwas gespart, 
dann kommt doch gleich wieder ein Erdbeben oder eine Überschwemmung." 

Die Schulkinder sollen gegensätzliche Adjektive nennen, z. B. klein und gross, 
dick und dünn, lang und breit. „Nun" fragt der Lehrer, „wer weiss den Gegensatz 
von „frei"?" Klein Lieschen steht schüchtern auf: „Besetzt, Herr Lehrer." 

Auf dem Schwarzwald, in der Gegend von B. tragen die Buben eine Tracht 
mit roten Westen. Kasper hat seine erste rote Weste geschenkt bekommen, als 
bald darauf seine Grossrautter starb. Der Vater erklärt, mit der roten Weste könne 
Kasper nicht zur Leiche. Ach meint KaBper, „wenn ich die rote Weste nicht an- 
ziehen kann, hernach hab ich an der ganzen Leich kei Freud mehr.*' 

Dr. W. B. 



234 Varia. 

In welcher Richtung die denkenden Pferde noch geprüft werden müssen. 

Von vornherein will ich feststellen, dass ich die Arbeit von Ostens und 
Krall s, wie auch die der Frau Dr. Mökel, der ersten, denen es gelungen ist, 
Tieren zielbewussten Unterricht zu erteilen, für sehr wichtig halte. Zumal Krall 
•hat in dieser Hinsicht sehr Verdienstliches geleistet, weil er jene grosse Energie ge- 
zeigt hat, welche dazu erforderlich ist, eine schon verurteilte Sache wieder aufzunehmen 
und zuletzt in dem Kampf mit der in solchen Fällen immer konservativen Wissen- 
schaft den Sieg davonzutragen. 

Die Möglichkeit, den erfassenden Verstand durch Unterricht auch bei Tieren 
zu entwickeln, kann nun nicht mehr geleugnet werden, und Biologie, Psychologie und 
Philosophie weiden forthin auf diese Möglichkeit Rücksicht nehmen müssen. 

Wissenschaftliches Interesse Äussert sich in Kritik, und je mehr eine behaup- 
tete Entdeckung der landläufigen Anschauung zuwiderläuft, um so mehr wird sich 
die Kritik bemühen müssen, in der Wahrnehmung oder in der Beweisführung Fehler 
aufzudecken. Wenn man in irgend einer Arbeit schwache Punkte vermutet, so ist 
das Anstellen einer neuen, eigenen Untersuchung geboten. Ratschläge für den ersten 
Untersucher sind fast immer erfolglos, weil dieser sich seiner eigenen, mit Mühe er- 
worbenen Ansicht immer mehr anpasst und nach deren Veröffentlichung der Kritik 
gewöhnlich unzugänglich geworden ist. 

Bei der Frage von den „denkenden Tieren" ist aber dieser Übelstand, dass 
nicht jedermann die Gelegenheit hat, mit neuem Material eine eigene Untersuchung; 
anzustellen. Mir wenigstens fehlt diese Gelegenheit; weil ich aber meine kritische 
Bemerkung nicht für unbedeutend halte, finde ich mich veranlasst, sie bekannt zu 
machen. 

Ebenso wie Krall, habe ich selber aus den Antworten, welche seine Pferde 
mir gaben, den Schluss gezogen, welchen man zieht, wenn man Menschen und nicht 
andersartige Wesen vor sich hat. Jetzt aber, nachdem ich durch eine Erfahrung 
mit einem abgerichteten Pferde und dessen geschickten Dresseur in empfindlicher 
Weise daran gemahnt worden bin, in der Zukunft mit meinen Schlussfolgerungen 
vorsichtiger zu sein, ist mir ein Bedenken gekommen. 

In der amerikanischen Zeitschrift „Metropolitan" vom Mai 1913 las ich einen 
Artikel von dem bekannten Psychologen Hugo Münsterberg, der einen Fall von 
Gedankenlesen bei einem zehnjährigen Mädchen ans anständiger Zimmermeisters- 
familie untersucht hat. Das Kind, Beulah Miller, buchstabiert die Wörter vor, 
an welche seine Mutter bzw. Schwester denkt. Obwohl er dem Fall während drei 
Wochen nachging, gelang es ihm nicht, zu erforschen, welcher Art die Zeichen seien, 
welche die Mutter bzw. Schwester dem Kinde unbewusst gaben. Denn , dass die- 
selben Zeichen geben, davon ist Münsterberg fest überzeugt, zumal aus diesem 
Grunde: weil das Gedankenlesen misslingt, wenn Mutter und Schwester beide das 
Zimmer verlassen, wie auch, wenn man dem Kinde die Augen verbindet. Schliess- 
lich sagt er, dass es freilich auch gar nicht darauf ankommt, ob man herausfinde, 
welcher Art jene unbewusst gegebenen Zeichen sind oder nicht, und beruft sich auf 
die für einen gewöhnlichen Menschen unmerkbaren Zeichen, welche Pfungst im 
Falle des klugen Hans als Ursache von dessen Leistungen hat feststellen können. 

Der Artikel beweist, dass Münsterberg nicht an das Bestehen eines uns 
noch unbekannten Sinnesorgans glaubt, welches das Gedankenlesen ermöglichen 
würde ; dennoch aber ist es ihm nicht gelungen, in diesem Falle, wo er ganz frei in 
seinen Untersuchungen war, das Gedankenlesen aus der Tätigkeit der uns bekannten 
Sinnesorgane zu erklären. 

Mein Bedenken nun ist folgendes: Steht es wohl fest, dass die unterrichteten 
Tiere ihre Antworten — oder wenigstens die Antworten, welche uns am meisten in 



Varia. 235 

Erstaunen setzen — völlig durch eigenes Nachdenken konzipieren? Wäre es auch 
möglich, dass sie in der Weise der Beulah Miller Gedanken lesen? Es ist be- 
wiesen, dass Kral 1*0 Pferde unabhängig von bewuBst oder unbewusst gegebenen 
Zeichen antworten, dass sie also von der Hilfe einer uns bekannten Art Wahr- 
nehmungen der Sinnesorgane unabhängig sind, aber — besitzen sie vielleicht ein 
Uttfli noch unbekanntes Sinnesorgan, das ihnen zu der einem oder mehreren Anwesen- 
den bekannten Antwort verhelfen kann? Besitzen sie vielleicht das hypothetische 
telepathische Sinnesorgan? 

Aux grands mauz les grands remedes! Eine Menge Naturwissenschaftler, 
die zugleich Pferdekenner sind — wie z. B. von Büttel-Reepen — widersetzen 
sich der Idee, dass Pi'eide mit geradezu menschlicher Intelligenz begabt wären, wäh- 
rend letzteres doch ein Faktum sein müsste, wenn spontane Äusserungen, wie die 
des Pferdes Zarif: ,ig wil aug zn üb uhn fedr" und dergleichen mehr, wirklich als 
solche aufgefasst werden müssen. 

von Buttel-Reepen spricht abfällig über das urteil des de Vesme, der 
diese Fähigkeiten der Pferde gleichbedeutend mit Leistungen des Unterbewusstseins 
bei Medien im Trance -Zustand" nennt. Nach meinem Dafürbalten geht es nicht 
mehr die Berichte über telepathische Erscheinungen bei solchen Medien zu dem Ge- 
biet der Mystik zu rechnen, wie von Buttel-Reepen tut. Man erwäge wohl, 
dass viele jüngere und auch einige ältere namhafte Psychologen die Möglichkeit an- 
erkennen, dass telepathische Inspiration als Tätigkeit eines noch hypothetischen 
Sinnesorgans wirklich besteht. 

Und dass diese Tätigkeit nur bei einzelnen Menschen und dann nur unter be- 
stimmten Bedingungen zum Vorschein kommt, beweist noch gar nicht, dass andere 
Wesen, z. B. Pferde, Hunde, Ameisen und Bienen, nicht viel grösseren Gebrauch 
von jenem hypothetischen Sinnesorgan machen sollten. Es wäre doch möglich, dass 
dieses Organ bei uns Menschen nur deshalb rudimentär wäre, weil wir dasselbe ver- 
möge der Ausbildung unserer menschlichen Sprache entbehren können. 

von Buttel-Reepen zieht in seiner Abhandlung (Fischer, Jena 1913) nur 
dasjenige in Betracht, von dem er selber in Elberfeld Augenzeuge gewesen ist. Aber 
jene Pferde haben viel Stärkeres geleistet, und neulich ist eine Mitteilung von Kraemer 
erschienen, worin er erzählt, dass er mit Ziegler und P. Sarasin dabei gewesen 
ist, dass der Hund der Frau Dr. Mökel sich äusserte: „arm mr dir dod* (arme 
Meertiere tot) — der Hund sollte sich nämlich daran erinnert haben, dass Sarasin 
bei einem vorigen Besuch über den Massenmord von Meertieren gesprochen hatte. 
Ich kann es mir denken, dass diese Äusserung wirklich aus dem Nachdenken 
des Hundes hervorgekommen ist; ich kann mir aber auch denken, dass der Hund, 
als er aufgefordert wurde, selbst einen Satz zu bilden, aus einer in seine Psyche 
ankommenden Emanation der bewussten oder unterbewussten Gedanken der Frau 
Dr. Mökel oder des Sarasin seine Antwort geschöpft hat, ohne selbst viel da- 
von zu begreifen, wie einige Gedankenleser und Medien unter den Menschen solches 
in noch völlig unerklärlicher Weise auch können. Das so oft, u. a. auch von mir, 
konstatierte sofortige richtige Antworten Muhamed's auf sehr schwierige rech- 
nerische Aufgaben, lässt eigentlich gar keine andere Erklärung zu. 

Meine Schlussfolgerung ist alBO diese: es müssen an die unterrichteten Tiere 
solche Fragen gestellt werden, dass die Antworten darauf in niemandes Bewnsstsein 
oder Unterbewusstsein anwesend sind, was möglich ist, wenn man die Fragen in 
unberechenbarer Weise durch eine Maschine stellen lässt. Erst auf diese Weise 
kann telepathische Inspiration mit Bestimmtheit ausgeschlossen werden, so dass man 
dann wissen kann, inwiefern die unterrichteten Tiere wirklich begreifen. 

Dr. R A. ReddingiuB. 



236 Varia. 

Das Schaffen im Traume. 

Einem Briefe des Professors W. Philippi entnehme ich folgende inter- 
essante Stelle: 

„Der vor mehreren Jahren verstorbene ostfriesische Heimatsdichter Hermann 
A liniers, in Nordwestdeutschland und auch wohl anderswo unter dem Namen „Marschen- 
dichter" bekannt und beliebt, erzählte mehrfach, dass er in früheren Jahren die Ge- 
wohnheit gehabt hätte, anf seinen Nachttisch Bleistift und Papier zu legen, für den 
Fall, dass ihm Abends etwas einfallen sollte, dass er gern gleich zu Papier bringen 
möchte. Er wäre in einer Nacht aufgewacht und hätte zwei Verse im Kopfe gehabt, 
die er schnell aufgeschrieben hätte. Darauf wäre er wieder eingeschlafen. Am 
anderen Morgen hätte er, gespannt, was für ein Unsinn ihm nachts eingefallen wäre, 
gleich nach dem Papier gegriffen und zu seiner Überraschung dort zwei sehr stimmungs- 
volle Verse gefunden. Es ist eines seiner bekanntesten Gedichte geworden: „Ich ruhe 
still im hohen grünen GraB und sende lange meinen Blick nach oben, von Grillen 
rings umschwärmt ohn' Dnterlass . . . usw.* Später ist dies Gedicht von Brahma 
komponiert worden." Stekel. 

Beiträge zur infantilen Kriminalität. 

In Rherahausen bei Regensburg spielte sich folgender Vorfall ab: Ein sieben- 
jähriger Knabe soll in einem Anfalle von Geistesstörung ein zweieinbalbjährigee 
Mädchen auf folgende Weise getötet haben. Er schlug sie mit einem Stück Holz 
zu Eide und vollendete sein grausames Werk mit einer Hacke. Den entsetzten 
Nachbarn, die ihn bei der Leiche fanden, erzählte er lachend alle Details des 
Vorfalles. Dr. W. B. 

Ein prophetischer Tranm. 

In einer Monographie über den bekannten Alchimisten Nicolas Flamel be- 
schreibt Albert Voisson einen Traum, der angeblich Flamel zum Studium der 
Alchimie inspiriert hat. 

Es erschien ihm ein von leuchtendem Schein umgebener Engel, der ein Manu- 
skript in der Hand hielt, auf dessen Deckel fremdartige Schriftzüge geschrieben waren. 

.Flamel", sagte er, „schau dies Buch genau an, Du verstehst nichts davon, 
weder Du noch viele andere, aber eines Tages wirst Du das sehen, was noch keiner 
vor Dir gesehen hat." Flamel streckte die Hände nach ihm aus und der Engel 
verschwand. 

Flamel dachte nicht mehr an die Vision, die ihn so beeinfluset hatte, als er 
eines Tages im Jahre 1357 von einem Unbekannten, der Geld brauchte, ein altes, 
mit seltsamen Ziffern verziertes Manuskript kaufte, für das er zwei Florins bezahlte. 
„Derjenige, der das Buch verkaufte, wusste nicht welchen Wert es hatte, ebensowenig 
wie ich, der es kaufte. Ich glaube, dass es von armen Juden gestohlen war oder 
versteckt an der ehemaligen Stelle ihrer Behausung gefunden worden ist." (Zitiert 
aus dem „Liore des figures hierogliphiques".) Nachdem er das Buch genau betrachtet 
hatte, erkannte er es als das wieder, welches er in seiner Vision gesehen hatte. 

Dr. A. S. Resink. 

Zeitschrift für Psychoanalyse. 

Die Amerikaner sind auch in der Psychoanalyse im ersten Treffen. Die 
bekannten Neurologen William A. White nnd Smith Ely Jeliffe geben eine 
neue Zeitschrift heraus, die sich „The Psy choanaly tic Review' (A Journal 
devoted to the Understanding of human Conduct) benennt. Wir wünschen dem 
neuen Bruderorgan einen stattlichen Leserkreis.