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Full text of "Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik XI 1937 Heft 2"

XI. Jahrg. 



1937 



Heft 2 



Zeitschrift für 

psychoanalytische 
Pädagogik 



Steff Bornstein . Mißverständnisse in 

der psychoanalytischen 
Pädagogik 

Dorotßj Burtingßam . Probleme des psycho- 
analytischen Erziehers 

Alice Bdiin f. Die Grundlagen unseres 

Erziehungssystems 

Sophie Morgenstern . Das magische Denken 
tn international beim Kinde 

^^1 PSYCHOÄNALYTIC 

I UNIVERSITY n 

Kfrirntp* 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN *-"^« ,u ' 1 ^' 

Heinrich Meng: Strafen und Erziehen. - S. Nacht: Die soziale 

Anpassung des Kindes. - Sigm. Freud: Psychische Behandlung. 

Tagungsbericht: „Revision der psychoanalytischen Pädagogik". 

Vorlesungen. - Bücher. 



Preis dieses Heftes Mark 2" 



I 



Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik 

Begründet von Heinrich Meng und Ernst Schneider 



Herausgeber: 
August Aichhorn Dr. Paul Federn Anna Freud 

Wien V, Schönbrunnerstraße 110 W 1 e n VI, Köstlergasse 7 W 1 e n IX, Berggarae 1» 

Dr. Heinridi Meng Hans Z u 1 1 i g e r 

Basel, Angenstelnerstraße 16 1 1 1 1 g e n bei Bern 

Schriftleiter: 
Dr. Wilhelm Hoff er, Wien, 1., Dorotheergasse 7 



6 Hefte jährlich M. 10*— 
Einzelheft M. 2'— 

Geschäftliche Zuschriften bitten wir zu richten an 

Internationaler Psychoanalytischer Verlag 

Wien IX, Berggasse 7 



Zahlungen für die „Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik" können — bei fremden 

Währungen zum jeweiligen Bankkurs umgerechnet — geleistet werden durch Postanweisung, 

Bankscheck oder durch Einzahlung auf eines der 

Postscheckkonti des „Internationalen Psychoanalytischen Verlages in Wien": 



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Warszawa 193.30$ 
Riga 36.93 

's Gravenhage 142,248 
Kjöbenhavn 24.932 



Bei Adressenänderungen bitten wir freundlich, auch den bisherigen Wohnort 
bekanntzugeben, denn die Abonnentenkartei wird nach dem Ort und nicht nach dem 

Namen geführt. 



In Vorbereitung befinden sich folgende Sonderhefte: „Die Beziehungen 
der Psychoanalyse zur Psychischen Hygiene"; „Beobachtungen über 

kindliche Eßstörungen". 






ZEITSCHRIFT FÜR PSYCHO- 
ANALYTISCHE PÄDAGOGIK 



XL Jahrg. 1937 Heft 2 



Mißverständnisse in der psychoanalytischen 

Pädagogik 
Von Steff Bornstein-Windholz, Prag 1 ) 

Die psychoanalytisch gebildeten Erzieher verfolgen ein bestimmtes 
Erziehungsziel: sie wollen dem Kind ein optimal gesundes Ich ver- 
mitteln. Ein Ich, das die Forderungen der Triebwünsche, der Außen- 
welt und des Über-Ichs meistern kann, ein Ich, das in Konfliktfällen 
nicht mit Fluchtreaktionen und Ausfallserscheinungen antwortet, 
nicht triebfeindlich und nicht für die Lebensleistung eingeschränkt 
wird. Konkrete Aufgaben, die sieh aus diesem Erziehungsziel er- 
geben, scheinen eindeutig: der Erzieher soll analysiert und gesund 
sein, um zu vermeiden, daß seine eigene Angst vor dem Trieb, der 
Außenwelt, dem Über-Ich dem Kind durch Beispiel und auf dem 
Wege der Identifizierung übermittelt werde. Der Erzieher soll sich 
triebfreundlich zeigen: „Habe ich keine Angst vor deinen Trieb- 
äußerungen, so brauchst du auch keine Angst vor ihnen zu haben". 
Der Erzieher soll die Erziehungsmittel mild gestalten: „Tu' ich dir 
nichts Böses an, so wirst du auch vor der anderen Außenwelt keine 
Angst haben und wirst ein mildes Über-Ich entwickeln". 

Es soll nun im Folgenden auf Grund von Beobachtungen der land- 
läufigen psychoanalytischen Pädagogik aufgezeigt werden, ob sie 
die Ich-Entwicklung des Kindes im Sinne ihres Erziehungsziels beein- 
flußt. 

Wir können folgendes beobachten: wo die analytische Pädagogik 
von pädagogisch begabten Menschen gehandhabt wird, kann sie mit 
ihren Erfolgen ganz zufrieden sein. Pädagogisch begabte Lehrer, 
Kindergärtnerinnen, Erziehungsberater erreichen, nachdem sie analy- 
tisch geschult sind, mehr, als sie vorher erreichten. Aber während 
Musik von Musiklehrern, Mathematik von Mathematiklehrern gelehrt 
wird, wird analytisch-pädagogisch auch von Nicht-Pädagogen erzogen, 

1 ) Eeferat zum Symposion „Revision der psychoanalytischen Pädagogik"; 
siehe dieses Heft, Seite 147. 

Zeitschrift i. psa. Päd., XI/2 1 



82 Steff Bornstein- Windholz 



von Analytikern, von analysierten Eltern, von allen, die als analytisch 
Gebildete mit Kindern in Berührung kommen. Das läßt sich natürlich 
nicht ausschalten. Aber hier, wo Erwachsene, denen das Kind eigent- 
lich fremd ist, , analytische Pädagogik betreiben, sind die typischen 
Fehler zu beobachten, die ich erörtern will. 

Diese typischen Fehler stammen zumeist aus der Angst, die der 
durchschnittliche Erwachsene vor dem Kind hat. Das Kind ist ja 
dem Erwachsenen nicht nur ein interessantes fremdes Wesen, das wie 
ein Haustier Spaß macht, es ist außerdem ein Ruhestörer, es stellt 
Ansprüche und ist überdies geeignet, die Konflikte der eigenen über- 
wundenen Kindheit zu reaktivieren. Erwachsene, die pädagogisch 
begabt sind, ersparen sich mit Hilfe dieser Sublimierung die Angst vor 
dem Kinde. Der analytische Erzieher aber, der nicht auf Grund päda- 
gogischer Begabung und Erfahrung, sondern auf Grund seiner in der 
Analyse erworbenen Erkenntnisse erzieht, erlebt eine Spezialform der 
Angst vor dem Kind: Angst vor der Angst des Kindes, Angst vor der 
Traurigkeit, den Schuldgefühlen, den Konflikten des Kindes. 

Der Wunsch, dem Kinde Angst zu ersparen, verführt den Erwach- 
senen oft, das Phänomen, daß es Angst und Aggressionen im Leben 
gibt, ad usum Delphini zu leugnen. Aus der selbstverständlichen For- 
derung, die Kastrationsangst des Kindes nicht mit Kastrationsdrohun- 
gen zu provozieren, entwickelt sich das Bemühen, dem Kinde alle 
Gelegenheiten zur Angst zu ersparen. 

Ein noch nicht vierjähriger Junge wünscht, mich zu besuchen, um 
mit mir über den Krieg zu sprechen. Die analytisch gebildeten Eltern 
gaben ihm auf seine Fragen ausweichende Antworten. Die Eltern 
debattierten: „Muß der Junge nicht Angst bekommen, wenn er unsere 
Angst fühlt? Wie kann ein Kind mit Tatsachen fertig werden, die 
auch für uns so grauenhaft sind?" Inzwischen spielte der Sohn mit 
seinem Freund Soldaten und sprach viel vom Totschießen. „Ich schieße 
das ganze Land tot, alle Häuser, ich schieße Prag tot, weil es nicht 
schön ist. Da sind so wenig Sandkisten, in Berlin gibt es so viele 
Sandkisten." Während also das Kind für eine Bagatelle, für die Sand- 
kisten, eine Stadt zerstören wollte, wollten die Eltern vor ihm bagatel- 
lisieren, daß Menschen einander im Kampf um Interessen, um Ideen 
umbringen. 

Erwachsene, die so die Angst des Kindes fürchten, haben oft Schwie- 
rigkeiten, die Fragen des Kindes nach dem Tode zu beantworten. 
Aber das Phänomen „Menschen sterben" wird nicht leichter bewältig- 
bar, wenn man es mit umschreibenden Worten verundeutlicht. 

Ich ging mit einer analysierten Mutter und ihrem drei Jahre alten 
Sohn auf der Straße, als wir an einem einbeinigen Bettler vorbei- 






Mißverständnisse in der psychoanalytischen Pädagogik 83 

kamen. Das Kind schaute gebannt hin, fragte „warum sieht der Mann 
so aus?" und drehte sieh um, ihn besser zu sehen. Die Gebärde, mit 
der die Mutter das Kind fortzog, die Unruhe, mit der sie sagte, der 
Mann habe ein krankes Bein, beunruhigten das Kind sichtlich mehr 
als der Anblick des einbeinigen Mannes, der seine Neugier erregt 
hatte. Als ich nun sagte: „Der arme Mann hat bloß ein Bein. Gut, daß 
wir alle beide Beine haben", legte der Bub vertrauensvoll seine Hand 
in meine. Daß eine traurige Unordnung unter den Lebenden herrseht 
wie unter dem Spielzeug, wo auch nicht alles ganz ist, damit kann 
sich ein Dreijähriger besser auseinandersetzen als mit der dunklen 
Angst, die er in der Mutter spürt, die seiner Angst gilt und die sie 
dabei provoziert. 

Alice B ä 1 i n t 2 ) spricht von einem Triebtraining, von einer syste- 
matischen Erziehung des Kindes zum Ertragen von Spannungen, damit 
es den Weg vom Lust- zum Bealitätsprinzip gehen lerne. Man könnte 
ähnlich von einem Angsttraining sprechen. Dieses machen Kinder, 
indem sie leben und Erfahrungen sammeln, spontan durch, aber 
Kindern in analysiertem Milieu wird dieses Training oft zu ersparen 
versucht. Es besteht die Neigung, Kindern Schwierigkeiten aus dem 
Wege zu räumen, Hemmungen, die sie haben, besonders schonend zu 
behandeln. Das Erziehungsziel, Stärkung des Ichs durch Herabsetzung 
der Angsterlebnisse, führt aber auf diesem Wege zum Gegenteil: die 
verwöhnten Kinder zeigen der Realität gegenüber ein besonders 
schwaches Ich. Sie sind ängstlich neuen Situationen gegenüber, oft 
leugnen sie die Angst, wie die Eltern es für sie getan hatten. Eine uns 
häufig begegnende Form solcher Leugnung der Angst ist betonte 
Frechheit. Ein sechsjähriger Sohn analysierter Eltern erklärte von 
Anfang an dem Schullehrer, der sieh wunderte, daß das intelligente 
Kind, die Schulsituation nicht erfassend, immerfort redete: „Ha, Sie 
bilden sich vielleicht ein, ich hab Angst vor Ihnen? Mich dürfen Sie 
nicht schlagen! Meine Eltern sind nämlich gegen das Schlagen von 
Kindern!" Der Wunsch der Eltern, das Kind gegen traumatische 
Schulerlebnisse zu sichern, hat sich dem Kind als eine Angstbereit- 
schaft mitgeteilt, die es mit Schein-Mut zu verdecken suchte. Das 
ungewöhnlich ängstliche Kind exhibierte in der Schule mit Frechheit, 
wurde Vasall aggressivster und stärkster Kinder, bis ihm die Analyse 
Mut zu seiner Angst machte und dann diese langsam herabsetzte. 

Der analytische Pädagoge versucht oft im Zusammenleben mit dem 
Kinde die Haltung des Nicht- Wertenden, gleichmäßig Interessierten 
zu verwenden, die der A nalytiker in einer analytischen Behandlung 

2 ) „Versagen und Gewähren in der Erziehung", Ztschr. f. psa. Päd., Bd. X, 
1936. 



84 



Steff Bornstein-Windholz 



dem Analysanden gegenüber einnimmt. Aber den wenigsten Erwach- 
senen gelingt es, in allen Situationen dem Kinde gegenüber echt wohl- 
wollend zu sein. Kind und Erwachsene haben verschiedene Interessen, 
und auch der analytisch gebildete Erzieher, der die Triebansprüche 
des Kindes respektiert, wünscht, daß das Kind still sei, wenn er 
arbeitet oder schläft. So spielten in der Analyse eines Jungen, dessen 
analysierte Mutter ängstlich darüber wachte, daß das Kind nicht zu 
hart angepackt werde, die Griffe am Handgelenk, mit denen sie das 
Kind packte, um dem Ungehorsamen ihre Wünsche zu erklären, eine 
besondere Rolle. Die Diskrepanz zwischen den guten Worten des 
geduldigen Zuredens und dem harten Handgriff war für das Kind 
beängstigender, als wenn die Mutter gesagt hätte: „Ich bin dir böse". 



Ein Gegenbeispiel für die richtige pädagogische Anwendung einer 
analytischen Theorie soll uns die nicht analysierte und ungebildete 
Frau geben, die bei mir Hausdienste tut. Sie ist sehr liebevoll der 
noch nicht vierjährigen Tochter gegenüber, hat Verständnis für ihre 
kindlichen Wünsche, wenn aber die Kleine sie zu sehr in der Arbeit 
stört und nicht gehorcht, sagt die Mutter im echten Affekt: „Du ärgerst 
mich, ich bin jetzt deine Mutter nicht". Die Kleine beantwortet die 
Kriegserklärung mit trotzigen Worten: „Und du ärgerst mich auch", 
aber nach einer Weile beginnt sie, die vorher an diesem Tage sehr 
unruhig war, in großer Euhe für sich zu spielen. Nach einer Stunde, 
in der Mutter und Tochter sich nicht um einander kümmerten, wendet 
sich die Kleine in Gegenwart der Mutter an mich: „Weil meine Mutter 
mich ärgert, erzähle ich ihr nicht, was ich Schönes gebaut habe. Wenn 
meine Mutter mich nicht ärgerte, würde ich ihr alles z;eigen". Als 
begriffe die Mutter, daß mit dieser Umwandlung vom passiv Erlebten 
zum aktiven Tun die Kleine den Groll bewältigt hatte, versöhnt sie 
sich nun mit ihr: „Wenn du etwas so Schönes gebaut hast, dann kann 
ich mich ja gar nicht mehr über dich ärgern". 

Das Kind hat von der Mutter eine Versagung bekommen: „Ich bin 
jetzt deine Mutter nicht", ist jetzt von der Mutter verlassen und auf 
sein eigenes Ich angewiesen. Dieses Ich, das eben noch an der Schürze 
der Mutter hing, wird stärker, indem es sich selbst die Hilfe geben 
muß, die es von der Mutter nicht bekommen konnte. Die Kleine identi- 
fiziert sich mit der Mutter, ist sich selbst die helfende Mutter und 
schafft nun in ihrer Welt des Spiels wie die Mutter in ihrer Welt der 
Arbeit. Damit bewältigt sie gut ihre Aggressionen gegen die Mutter. 
„Du denkst, ich kann nicht ohne dich sein? Sieh, wie ich dich nicht 
brauche!" Und bewältigt zugleich ihr Liebesbedürfnis nach der Mutter: 



Mißverständnisse in der psychoanalytischen Pädagogik 85 

denn sie weiß, mit dem Erfolg ihrer Identifizierung wird die Mutter 
versöhnt sein. Wenn analytisch gebildete Erzieher solche Versagungen 
zu setzen sich scheuen, so übersehen sie dabei: Ein Liebesobjekt, um 
dessen Liebe man nie werben muß, ist kein genügender Motor für 
Identifizierungen. Während man also als Gewährender die Trieb- 
wünsche ermutigt, unterläßt man es, zugleich das Ich des Kindes zu 
stärken, damit es den Triebwünschen nicht ausweiche. 

In einer Arbeitsgemeinschaft analysierter Kindergärtnerinnen 
wurde die Tatsache besprochen, daß bei der einen Kindergärtnerin 
die Kinder gemeinschaftsfähig waren und sublimierten, zum Beispiel 
viel malten und bauten und kollektiv organisierte Spiele hatten; 
während bei der anderen die Gemeinschaft auseinanderfiel und nur 
einzelne Kinder etwas leisteten. Entscheidend schien uns: Die eine 
Gruppenleiterin, die auf Grund ihrer eigenen Analyse überzeugt war, 
daß alles Gewähren die Triebentwicklung am wenigsten störe, zog 
die Übertragungsgefühle der Kinder auf sich, da sie aber nicht auch 
die geheimen Wünsche der Kinder befriedigen konnte, bekam sie 
neben den positiven auch negative Einstellungen zu spüren. Neid der 
Kinder aufeinander zersprengte die Gemeinschaft. Die andere Grup- 
penleiterin verstand es, Ansprüche zu stellen, Versagungen zu setzen. 
Und da die Kinder wußten, was sie freut und was sie ablehnt, konnten 
sie sich mit ihr identifizieren. 

Die pädagogisch arbeitenden Analytiker kennen aus Beobachtung 
die Tatsache, daß Versagung, Distanzierung einen Motor zur Identifi- 
zierung abgibt und daß das Kind sich dann mit den vom Erzieher ge- 
wünschten Zügen identifiziert, wenn es sich vom Erzieher bejaht 
fühlt, ihm also auch bei einer Versagung nicht allzusehr grollen muß. 
Aber die pädagogisch unerfahrenen unter den analysierten Eltern 
fürchten, in die alte triebunterdrückende Erziehung zu verfallen, wenn 
sie mit dem Kinde kämpfen oder gar dem Kind Liebesverlust bis auf 
weiteres ankündigen. 

Eine sechsjährige Patientin, ein ungewöhnlich verwöhntes Kind, 
will in der zweiten Analysenstunde eine Puppe von mir nach Hause 
mitnehmen. Ich erkläre ihr, wieso ich gerade an dieser Puppe so 
hänge, und daß ich sie deshalb nicht gerne verleihe. Beim Abschied- 
nehmen versucht die Kleine, mir die Puppe mit Gewalt zu entreißen. 
Ich blieb im Kampf die Stärkere. Den Kampf zu gewinnen, war bei 
diesem Kind wichtig, das von einer Mutter erzogen wurde, die im 
Namen der Analyse dem Kinde nichts versagte. Sie war auch empört, 
als sie vom Kind erfuhr, daß ich ihr die Puppe nicht gegönnt hatte. 
So hat sie sich eine Kinderanalytikerin nicht vorgestellt. Ich habe 
dann während der Analyse des Kindes noch häufig die Kolle der ver- 



86 Stefi Bornstein-Windholz 



sagenden Mutter übernehmen müssen, und die Reaktionen des Kindes 
auf diese realen Versagungen führten zu seinen verdrängten Leiden 
wegen der tieferen Versagungen, die das Kind von der Mutter erlitt 
und die die Mutter mit übersteigerten Gewährungen des Alltags zu 
verdecken suchte. Aber hier soll nicht das Unbewußte des Erziehers 
behandelt, sondern das Typische eines solchen Verhaltens als ein 
häufiges Phänomen der mißverstandenen analytischen Pädagogik her- 
vorgehoben werden. 

Wir wissen, daß manifeste Wünsche des Kindes häufig in einer 
symbolischen Darstellung die tieferen unbewußten Wünsche des 
Kindes mitteilen. Wir kennen die tröstende Magie der symbolischen 
Ausdrucksformen. Behandeln wir aber das Trostmittel so, als wäre es 
genau dasselbe wie das eigentlich Gewünschte, so gewöhnen wir das 
Kind, mit Hilfe von Ersatzmitteln Spannungen zu verlieren, erziehen 
damit das Ich zur Trägheit und zur Intoleranz gegenüber höheren 
Spannungen. 

Die kleine Patientin, die meine Puppe nicht bekam, begriff, daß 
es Interessengegensätze zwischen Mutter und Kind gibt. Die Mutter, 
die alle Wünsche so behandelte, als sei alles mit ihrer Hilfe erfüllbar, 
hatte im Kinde die Hoffnung genährt, daß sie ihr eines Tages auch 
ihren Mann, ihren Penis abtreten würde und daß sie ihr das Kind 
abgeben würde, wenn sie noch eines bekäme. Die Auseinandersetzung 
mit diesen tiefen Wünschen wurde dem Kinde erst dann notwendig, 
als man sich mit ihr in einen Kampf wegen ihrer oberflächlichen 
Wünsche des Alltags einließ. Wenn man mit Kindern aus analytischem 
Milieu zu tun hat, gewinnt man häufig den Eindruck, mißverstandene 
Analyse verführe zu der Meinung, daß man den Kindern tiefere 
Konflikte ersparen könne, wenn man ihnen die oberflächlichen aus 
dem Wege räume. 

Besonders hilflos benimmt man sich da, wo man die Analyse miß- 
verständlich anwendet, den Aggressionen der Kinder gegenüber. 

Unser Erziehungsziel: gesundes Ich, also mildes und sicher funk- 
tionierendes Über-Ich, damit keine zu großen Spannungen zwischen 
Ich und Über-Ich entstehen, scheint eine gewisse Milde kindlichen 
Aggressionen gegenüber anzuraten. Wie sieht das in der Praxis aus? 
Der gleiche Junge, der die Stadt Prag wegen mangelnder Sandkisten 
totschießen wollte, geht durch eine Phase, in der er offenbar sich mit 
seinen Kleinheitsgefühlen dadurch restauriert, daß er bei jeder Ge- 
legenheit auf den Vater lustvoll schlägt. Der Vater erwiderte die 
kräftigen Angriffe mit einem kaum angedeuteten spielerischen Gegen- 
sehlag, statt dem Kleinen spielend aber nicht spielerisch die Kraft 
entgegenzusetzen, die der Kraft des Kleinen entsprochen hätte. 



Mißverständnisse in der psychoanalytischen Pädagogik 87 

Mit viereinhalb Jahren, auf der Höhe seines Ödipuskomplexes, 
wurde der Junge sehr aggressiv gegen den Vater, wollte ihm bei 
Tisch alles wegessen und bedrohte ihn einige Male in der Woche mit 
Kastrationsangeboten: „Vati, ich schneide dir den Zipfel ab". Wir 
können uns denken, wie der analytisch gebildete Vater reagierte. Er 
versicherte dem Sohn, daß e r ihm das Glied nicht abschneiden würde. 
Er fragte das Kind: „So bös bist du auf mich?" Oder deutete: „Weil 
du einen so großen haben möchtest wie ich". Eine Deutung, die der Junge 
vergnügt bejahend aufnahm. Aber die Wirkung dieser Maßnahmen, die 
dem Kind Angst als Folge seiner Kastrationswünsche ersparen sollten, 
war: Das Kind übersteigerte sich in seinen aggressiven Phantasien 
und Ansprüchen und hatte zu gleicher Zeit Einschlafschwierigkeiten 
aus Angst vor wilden Tieren im Traume, genau so wie ein Kind, das 
mit Kastrationsdrohungen gefüttert wird. Offenbar kann das Kind 
nicht glauben, daß der Vater so ganz anders fühlt als es selbst, auch 
wenn der Vater sich noch so milde zeigt. Malen wir uns die gleiche 
Situation etwas anders aus. Der mit Kastration bedrohte Vater soll 
sagen: „Wieso? denkst du, ich ließe mir das gefallen? Ich würde dir 
die Hände festhalten. Es geht auch nicht so einfach, Menschen ein 
Stück Fleisch wegzuschneiden. Auch erlaubt das die Polizei nicht, 
daß ein Mensch dem anderen den Körper beschädigt." 

So etwa zu reagieren, heißt die Aggression genau so ernst nehmen, 
wie das Kind sie meint. Die Gegenaggression des Vaters zeigt dem 
Kind, daß der Vater sich auf einen Kampf einstellt. Er ist dabei nicht 
so bedrohlich, daß das Kind nicht wagen dürfte, seine Ödipusgedanken 
weiter zu äußern, sie verdrängen müßte. Aber in der Entgegnung des 
Vaters begegnet dem Kind eine Wirklichkeit, in der ein Angriff eine 
Abwehr findet, eine Welt, in der Menschen über sich ein Gesetz (die 
Polizei) gestellt haben, die Körperbeschädigungen allen, Söhnen und 
Vätern verbietet. 



Wie beurteilen die Kinder selbst die Milde des analytischen Päda- 
gogen? 

Von einem dreijährigen Jungen erzählt die Kinderanalytikerin 
Ada Müller-Braunschweig in ihrer Arbeit „Ein Fall von 
Sehattenangst und Fragezwang": 3 ) Heini denke sich verbotene 
Sachen aus und frage, was die Leute dazu sagen. Antwortet man ihm 
auf die Frage: „Was sagen die Leute, wenn Heini die Milch ausgießt?" 
„Die Leute sagen, das kann mal passieren, das ist nicht so schlimm", 
so ist Heini unbefriedigt. Er will eine genau im Wortlaut festgelegte, 
klar verurteilende Antwort haben. Er will hören: „Die Leute sagen, 

3 ) Ztschr. f. psa. Päd., Bd. IV, 1930. 



88 Steff Bornstein- Windholz 



das s o 1 1 aber Heini nicht tun!" oder „die Leute sagen, das ist aber 
schlimm von Heini!" Wir verstehen, daß Heini mit einer milden 
Abwehr nicht zufrieden ist, wenn wir hören, daß auch er nicht bloß 
ein so mildes Vergehen wie Ausschütten von Milch phantasiert. Er 
will auch wissen: „Was sagen die Leute, wenn Heini alles in der 
Wohnung kaputt macht?, wenn Heini das Haus umwirft?" 

Mit fünfeinhalb Jahren behauptete jener Junge, der ein Jahr zuvor 
seinen Vater mit Kastration bedrohte, er habe drei Paar Eltern, ein 
Paar richtige und zwei Paar Gedankeneltern. Von diesen Gedanken- 
eltern, mit denen er sich vor dem Einschlafen zu unterhalten pflegte, 
~- er war jetzt angstfrei — behauptete er, ein Paar sei mittelschlimm, 
das andere Paar ganz schlimm und ganz streng. Die Gedankeneltern 
schimpfen viel, nehmen dem Kind alles Übel, schicken ihm böse 
Traume, gönnen ihm keine Lust. Die ganz schlimmen tanzen sogar 
froh umher, wenn sie böse sind. 

Als ich danach forschte, warum sich seine Gedanken so unfreund- 
liche Eltern ausgedacht hätten und warum er überhaupt an seinen 
wirklichen Eltern nicht genug hätte, erfahre ich: „Ich brauche die 
schlimmen Gedankeneltern. Die Mama ist manchmal böse, wenn ich 
böse bin, und dann verträgt sie sich wieder mit mir, aber meine 
schlimmen Gedankeneltern sind immer böse und wollen nicht 
gut sein, und sie m ü s s e n auch böse sein und müssen auf mich auf- 
passen, daß ich nichts Böses tue". Aufpassen müssen sie aber, weil er 
solche Wünsche hat: „Ich möchte in die Mama reinkucken, aber ich 
habe Angst, wenn ich in die Mama reinkucke, da hält mich das Kind 
drinnen fest und ich kann nicht heraus". 

Wenn nun der dreijährige Heini Worte verurteilender Leute 
bildet, wenn er ein Haus umwerfen will, wenn der fünfjährige Autor 
der schlimmen Gedankeneltern diese als Aufpasser darüber braucht, 
daß er seinen Vater nicht wieder kastrieren wolle und nicht in das 
Innere seiner Mutter eindringe, wenn diese Kinder solche Eeprä- 
sentanten ihres Über-Ichs trotz der milden Außenwelt bilden, so sind 
das eindrucksvolle Bestätigungen für die Annahme F r eu d s in , Das 
Unbehagen in der Kultur", daß die Strenge des Über-Ichs nicht 'nur 
von der Strenge abhängt, die man von einem äußeren und introjizierten 
Objekt erfahren hat, sondern ebensosehr von den aggressiven An- 
trieben, die gegen das Objekt empfunden werden. 

Sind unsere analytischen Pädagogen darauf ausgegangen, dem 
Kinde zum Schutze seines Ichs, zum Schutze seiner Gesundheit ein 
Über-Ich zu vermitteln, das nicht allzu streng waltet, in nicht zu 
große Spannungen mit dem Ich gerät, so müssen sie also nach zwei 
Fronten arbeiten: sie dürfen nicht zu streng sein und sie müssen 



Mißverständnisse in der psychoanalytischen Pädagogik 89 

Sorge dafür tragen, daß die aggressiven Impulse des Kindes nicht zu 
groß werden. Das erste ist leicht erreichbar. Die analytischen Päda- 
gogen arbeiten ja mit Milde. Das zweite stößt zum Teil, aber nur zum 
Teil, an die Grenzen der Pädagogik. 

Wir glauben, daß viele Kinder infolge früher Versagungen einen 
starken Sadismus ausbilden, wir sprechen von der oralen Wut des 
hungernden Säuglings, und wir wissen, daß hier soziale Umstände, 
Säuglingspflege, Hygiene und oft genug unbeeinflußbare Zufälle eine 
Bolle spielen, daß hier also die Pädagogik wenig zu suchen hat. 
(Anderseits lehrt manchmal die Beobachtung, daß manche Kinder, die 
im Säuglingsalter und in den ersten Jahren viel entbehrten, keine auf- 
fälligen Aggressionen zeigen, sondern im Gegenteil ein Fast-zu-wenig 
an Aggressionen ausgebildet haben, still, unaktiv sind, nachgiebig 
dulden, sanft wie Menschen in der Kekonvaleszenz. Andere Beob- 
achtungen wieder zeigen, daß es Kinder gibt, die recht harmonisch, 
heiter ihre Säuglingszeit verbringen und erst später, zwischen dem 
zweiten und dritten Jahr aggressive Phantasien und Tendenzen 
zeigen.) 

Manchmal kann man erkennen, daß eine besondere Aggressivität 
eine Antwort auf besondere individuelle Enttäuschungen und Konflikte 
darstellt; erst die Erledigung dieser Konflikte kann zum Ausgleich 
führen. Starke und frühzeitige Hemmungen der Analerotik und der 
Aktivitätsstrebungen scheinen oft eine trotzige Aggressivität der 
Drei- bis Vierjährigen hervorzurufen. Dieser Zusammenhang ist der 
analytischen Pädagogik gut vertraut und Schwierigkeiten, die aus 
dieser Quelle stammen, werden von ihr im allgemeinen gut bewältigt. 

Aber manchmal gewinnt man den Eindruck, daß eine zunächst 
normale, den Jahren und der gesunden Triebstärke entsprechende 
Aggressionslust infolge eines ungeschickten Verhaltens der Umge- 
bung übermächtig wird. Das ist die Stelle, an der unsere Kritik der 
analytischen Pädagogik einsetzt. 

Wenn die Aggressionen des Kindes auf eine Außenwelt stoßen, die 
verzeiht, irgendwie „versteht" und vor lauter Verstehenmüssen alles 
natürliche Benehmen verloren hat, lernt das Kind nicht, seine Aggres- 
sionen dem Widerstand anzupassen. Es hat dann auch keinen Motor, 
sie in der Außenwelt zu verwenden, die ganz gut Aggressionslust 
verwerten kann, z. B. für einen Kampf mit wirklichen Gegnern oder 
mit einer schwer bewältigbaren Materie. Anderseits wirkt die Er- 
fahrung, daß die Erzieher nie selbst aggressiv werden, im Sinne von 
Aggressionsverboten. Das Kind fühlt, daß etwas an seinen Agres- 
sionen verurteilenswert ist, wenn die bewunderten Erwachsenen nie 
aggressiv werden. Es ahnt auch, daß sie aggressiv werden müßten, 



gO Steff Bornstein-Windholz 



wenn man in ihre sexuelle Eigentumssphäre eingriffe. Da die Abfuhr 
nach außen auf diese Weise schuldbeladen wird, versucht das Kind, 
seine Agressionsquantitäten intrapsyehisch zu bewältigen. Es wendet 
die Aggressionen nach innen. 

Seine aggressiven Kräfte, die die analytische Umgebung nicht auf- 
fangen kann, bringt dann das Kind in seinem Über-Ich unter. Sein 
Über-Ich wird nicht weniger streng werden als das Über-Ich der 
allzu streng behandelten Kinder. 

Der von den schlimmen Gedankeneltern bewachte Junge erklärte: 
„Wenn mein Sohn zu mir so reden wird, wie ich früher zum Vater 
geredet habe, dann werde ich ihm eine tüchtige Ohrfeige geben". 

Lassen wir uns nicht mit diesem Zitat ein Zurück zur Ohrfeigen- 
pädagogik anempfehlen. Das Zitat soll nur zeigen, wie das mit miß- 
verstandener analytischer Pädagogik erzogene Kind offenbar eine 
äußere Aggressionsabwehr der realen Eltern dem strengen inneren 
Gericht seiner Gedankeneltern vorzieht. 



Probleme des psychoanalytischen Erziehers 
Von Dorothy Burlingham, Wien - New York J ) 

In den letzten Jahren hat sieh die Anzahl der von uns sogenannten 
„psychoanalytischen Pädagogen" ständig vergrößert. Alle diese Päd- 
agogen haben ihre eigene Analyse durchgemacht; sie sind durch 
theoretische Kurse in die psychoanalytische Theorie eingeführt 
worden; und sie haben an Arbeitsgemeinschaften teilgenommen, wo sie 
schwierige Fälle aus ihren Kindergruppen berichten und gemeinsam 
mit einem Analytiker versuchen konnten, die Grundprinzipien der 
Analyse auf ihre praktische Arbeit anzuwenden. Die Pädagogen 
arbeiten auf solche Weise an der allmählichen Bildung und Ausge- 
staltung einer psychoanalytischen Pädagogik. 

Schon heute ist die Vertrautheit dieser Pädagogen mit den Kindern 
ihrer Gruppen eine ganz andere als noch vor einigen Jahren. Sie 
haben es gelernt, die verschiedenen Reaktionen der Kinder aufmerk- 
sam zu beobachten, und verstehen es in vielen Fällen, Ursache und 
Wirkung im Verhalten des Kindes richtig miteinander zu verbinden. 
Es ist nur natürlich, daß der Weg zum Erwerb dieses neuen Ver- 
ständnisses, zur geduldigen Beobachtung, zur Sammlung von Daten 
und Tatsachen über das einzelne Kind und zur korrekten Verarbeitung 
des Gesehenen für die Pädagogen kein leichter gewesen ist. Wer mit 
psychoanalytischen Pädagogen gearbeitet hat, weiß, daß jeder ein- 
zelne von ihnen seine eigenen Umwege und Irrwege gegangen ist, 
bestimmte Arbeitsmethoden aufgegriffen, ausprobiert und unter Um- 
ständen enttäuscht wieder fallen gelassen hat, bis er sich schließlich 
der neuen Art seiner Arbeit endgültig anpassen konnte. Alle diese 
Erzieher sind von der Richtigkeit der analytischen Lehren überzeugt; 
sie haben außerdem Gelegenheit, die Tatsachen der analytischen 
Kinderpsychologie in ihrer eigenen Arbeit durch eigene Beobachtun- 
gen immer wieder zu verifizieren. Das bewahrt aber den einzelnen 
noch nicht davor, seine subjektiven Neigungen und Interessen in seine 
objektive Arbeit hineinzutragen, etwa den eigenen analytischen Er- 
fahrungen nach die einen Dinge beim Kind schärfer zu sehen als die 
anderen, bestimmte Beobachtungsrichtungen und Arbeitsmethoden zu 
vernachlässigen und andere auszubilden, die seiner eigenen Persön- 
lichkeit oder Begabung besonders gut gelegen sind. Die Verarbeitung 
der analytischen Lehren bei diesen Erziehern ist eine so verschiedene, 

1 ) Diskussionsbeitrag zum Symposion „Revision der psychoanalytischen 
Pädagogik"; siehe dieses Heft, Seite 147. 



L 



92 Dorothy Burlingham 



daß der Versuch verlockend scheint, sie je nach ihren Methoden der 
Anwendung der Psychoanalyse auf die Erziehungsarbeit in ver- 
schiedene Gruppen einzuteilen. 

Es gibt z. B. einen Typus von Pädagogen, die durch das Zusammen- 
treffen mit der Psychoanalyse vor allem erschreckt sind. Die Erziehung 
des Kindes erscheint ihnen durch das neu Gelernte als ein fast unlös- 
bares Problem. Sie erkennen plötzlich die Tragweite der Einschrän- 
kungen, die sie dem Kind auferlegen sollen, und die Schwere der 
inneren Konflikte, die sie im Kind dadurch erzeugen. Sie fühlen sich 
nicht fähig, sich aktiv in diese Prozesse einzumischen, und wissen erst 
einmal nicht, wie sie sich mit der ihnen auferlegten Verantwortung 
auseinandersetzen sollen. Schließlich ziehen sie sich von dem schwie- 
rigsten Teil der Aufgabe zurück. Sie vermeiden es, schärfer auf die 
innerpsychischen Konflikte des Kindes zu achten, da sie ja doch nicht 
verstehen, dem Kind bei ihrer Erledigung zu Hilfe zu kommen. Statt 
dessen beschränken sie sich lieber darauf, dem Kind das Leben in der 
Schul- oder Kindergartengemeinschaft so angenehm wie möglich zu 
gestalten; das heißt, sie verringern ihre Anforderungen an das Kind, 
um nicht auch noch von ihrer Seite aus zur Verstärkung der Konflikte 
beizutragen. 

Ein anderer Typus von Pädagogen findet einen andern Ausweg 
aus der gleichen Situation. Diese Erzieher scheuen sich gar nicht, die 
Schwierigkeiten der ihnen anvertrauten Kinder besonders scharf zu 
sehen. Sie glauben aber an die Deutung als an das Allheilmittel für 
Schwierigkeiten. Sie meinen, wenn es ihnen gelungen ist, das Problem 
eines bestimmten Kindes zu erfassen und das Erratene dem Kind mit- 
zuteilen, so müßte Konflikt oder Schwierigkeit damit auch schon 
beseitigt sein. Diese Erzieher haben einen besonders guten Blick für 
das Unbewußte des Kindes, sie können Symbolhandlungen schnell und 
richtig übersetzen und das in Kinderzeichnungen dargestellte unbe- 
wußte Material erfassen. Aber sie deuten dem Kind sofort das auf 
diese Art richtig gewonnene Material und vergessen dabei an alle 
Folgen, die solche Deutungen nach sich ziehen müssen. Sie sind also 
überrascht, wenn das Kind auf Grund der Deutung eine stürmische 
Übertragungsbeziehung zu ihnen ausbildet, wenn es die in der Schule 
erhaltene Deutung zu Hause in provokatorischer Weise verwendet, 
und sie sind vor allem enttäuscht, daß das Kind ohne fortgesetzte und 
zielbewußte Arbeit an seinen Widerständen mit der unvermittelt 
gegebenen Deutung weiter nichts anzufangen weiß. Das heißt natür- 
lich nicht, daß der Pädagoge nicht auch deuten muß. 

Eine andere Gruppe von Pädagogen wieder begnügt sich durchaus 
nicht mit diesen plötzlichen und mehr zufälligen Einblicken in das 



Probleme des psychoanalytischen Erziehers 



93 



Unbewußte des Kindes. Ihr Ehrgeiz ist es, das Kind wirklich und 
nach allen Richtungen hin zu verstehen, die Beobachtung seiner be- 
wußten und unbewußten Reaktionen im Schulleben durch das Studium 
seines Verhaltens im Elternhause zu ergänzen. Sie brauchen also die 
Kenntnis seines häuslichen Milieus, seiner Eltern, seiner ganzen Vor- 
geschichte zur Ergänzung ihres Bildes. Für die Erzieher dieser Art 
rücken die Personen der Eltern in den Vordergrund des Interesses. 
Sie sind scharfsinnig im Aufspüren der geheimen Wechselbeziehungen 
zwischen Mutter und Kind und sehen einen Teil ihrer Aufgabe darin, 
der Mutter ein besseres Verständnis für ihr Kind aufzuzwingen. Sie 
gehen auf diesem Weg sogar noch weiter. Sie erkennen ganz richtig, 
daß ein Großteil der Schwierigkeiten des Kindes auf die Erziehungs- 
einflüsse der Mutter zurückgeht oder sogar auf die unbewußten Kon- 
flikte der Mutter, die ihr Verhältnis zu dem Kind beherrschen. Um 
dem Kind bessere Lebensbedingungen zu verschaffen, vertiefen sie 
sich vor allem in diese Hintergründe seiner Entwicklungsschwierig- 
keiten, die wirklich nur im Leben der Mutter zu finden sind. Das Be- 
mühen, die Mutter in Analyse zu schicken, ist der konsequente letzte 
Schritt auf diesem Wege. Aber gewöhnlich hat der Pädagoge nicht 
viel Erfolg mit seinen auf die Mutter gerichteten Bemühungen. Was 
er gesehen hat, ist richtig. Das hindert nicht, daß zwischen Erzieher 
und Mutter außerordentlich schwierige Beziehungen entstehen, zu 
deren Lösung oder Ausnützung wieder mehr Einsicht oder mehr 
Autorität gehören würde, als der Pädagoge sie seiner Stellung nach 
besitzt. 

Wir sehen aus diesen drei Beispielen von Typen analytischer 
Pädagogen, daß die Einführung in die psychoanalytischen Erkennt- 
nisse die Arbeitsmöglichkeiten für den Erzieher zwar außerordentlich 
bereichert hat, daß sie es ihm aber gleichzeitig schwer genug macht, 
in diesem so stark erweiterten Arbeitsgebiet immer noch die richtige 
Orientierung zu finden. Die Schwierigkeiten aus der persönlichen 
Interessenrichtung einerseits, die Gefahren des Hantierens mit unbe- 
wußtem Material anderseits dürfen von dem analytischen Berater des 
so ausgebildeten Pädagogen nie aus den Augen gelassen werden. 

Das Zusammentreffen mit den analytischen Kenntnissen bringt aber 
dem Pädagogen nicht nur neue Schwierigkeiten in der Handhabung 
seiner persönlichen Arbeit. Neben diesen neuen persönlichen Frage- 
stellungen gibt es auch tatsächlich neue sachliche Probleme der Schul- 
und Kindergartengruppe, mit denen der Lehrer und Erzieher sich 
auseinanderzusetzen hat. 

Die Lehrerin einer Volksschul- oder Kindergartenklasse muß vor 
ihrer analytischen Ausbildung vor allem zwei Arbeitsziele ständig 



g^ Dorothy Burlinghara 



im Auge behalten. Sie muß einerseits didaktisch ein bestimmtes gege- 
benes Klassenziel erreichen und anderseits die Kinder ihrer Gruppe 
zu einem bestimmten vom sozialen Milieu gegebenen Niveau des Be- 
nehmens erziehen. Nach ihrer analytischen Ausbildung stellt sich ihr 
die Aufgabe, das individuelle Kind und seine Probleme zu verstehen, 
als mindestens gleichwertig neben die beiden anderen. Nun gibt es 
Fälle, wo die verschiedenen Aufgaben sich gegenseitig unterstutzen. 
Die Lehrerin versteht zum Beispiel die Hemmung eines Kindes so zu 
beseitigen, daß es danach das vorher unerreichbare Lernziel der 
Klasse erreichen kann. Außerdem wird für die Lehrerin jedes einzelne 
Kind, gleichgiltig ob es normal oder abnorm ist, ob es eine spezielle 
psychische Hilfeleistung von ihr verlangt oder nicht, zu einer Fund- 
grube für psychologisches Material, das wieder ihr Gesamtinteresse 
an der Arbeit mit der Klasse steigert. Anderseits aber entstehen auch 
Konflikte zwischen den einzelnen Aufgaben. Wie EdithBuxbaum 
und Hans Zulliger in ihren Arbeiten über die Anwendung der 
psychoanalytischen Pädagogik auf die Gruppenerziehung gezeigt 
haben, ist die Bildung der Kindergruppe als solche nicht nur ein 
Vorteil für die Erziehung des Individuums; die Ansprüche, die die 
Erziehung des individuellen Kindes an den Lehrer stellt, treten oft 
in direkten Gegensatz zu den Erfordernissen der Gruppenerziehung. 
Der Lehrer muß sich in dem Konflikt zwischen dem Bedürfnis des 
Einzelnen und dem Bedürfnis der Kindergruppe das eine Mal für die 
eine, das andere Mal für die andere Seite seiner Aufgabe entscheiden. 
Anderseits bedeutet die Existenz der Kindergruppe für den Pädagogen 
aber doch wieder eine ungeheure Erleichterung seiner Erzieherauf- 
gabe. Er braucht als Idealvorbild für die verschiedenen Entwick- 
lungen einen bestimmten Standard, auf den er hinarbeiten kann und 
dieser Standard oder dieses Niveau wird durch den Begriff einer 
normalen aktiven Kindergemeinschaft repräsentiert. Das Idealbild 
einer solchen Gemeinschaft gilt dann nicht nur als Ziel für die Klasse 
als Ganzes, sondern wird gleichzeitig auch zur Richtschnur für die 
Arbeit mit den einzelnen Individuen. Die Arbeit des Pädagogen mit 
den einzelnen Kindern seiner Gruppe wird nur unter dieser Bedingung 
fruchtbar sein: wenn das einzelne Kind seine Schwierigkeiten und 
Schwächen verstanden und sie mit analytischer Hilfe überwunden hat, 
findet es in der Gruppe die Möglichkeit, sich mit anderen zu messen 
und zu vergleichen: die Gruppe repräsentiert für es die Gemeinschaft, 
der es angehören soll, und führt ihm gleichzeitig die Ziele, mit denen 
es sich identifizieren soll, in lebendiger Form vor Augen. 

Die neuen Probleme des Pädagogen sind aber mit dem einen eben 
geschilderten noch lange nicht zu Ende. Es ergibt sieh in den uns 



Problem e des psychoanalytischen Erziehers 95 

nahestehenden Schulen mit analytisch-pädagogischer Einstellung ein 
wichtiger Unterschied zwischen den Bedürfnissen der Kinder einer- 
seits, die aus analytischem häuslichem Milieu kommen, und den Bedürf- 
nissen jener Kinder anderseits, deren Eltern die Analyse und ihre 
Anwendung auf das Verständnis des Kindes noch völlig unbekannt ist. 
Die Kinder beiderlei Art haben ganz verschiedene Vorgeschichten, 
kommen aus ganz verschiedener pädagogischer Atmosphäre und ver- 
langen infolgedessen, wenn man ihren wirklichen Bedürfnissen gerecht 
werden will, auch nach völlig anderer erzieherischer Behandlung. 
Die Schilderungen der pädagogischen Arbeit, die ich im Vor- 
stehenden versucht habe, haben sich vor allem auf das Kind aus 
analysefremder Umgebung bezogen. Das Verständnis der kindlichen 
Person, ihrer inneren Eeaktionen und Konflikte sollen in diesen 
Fällen vor allem dazu dienen, manche Folgen zu strenger früher Er- 
ziehung wieder rückgängig zu machen, die Ängste zu erleichtern, die 
durch übermäßige Triebeinschränkungen zustande gekommen sind, 
und dadurch eine bessere, konfliktlosere Anpassung an die Forderun- 
gen der Umwelt zu ermöglichen. Gleichzeitig sollen die Eltern dazu 
geführt werden, etwas von den Problemen und Verhaltensweisen des 
Kindes zu verstehen und ihre Erziehungsmaßnahmen so abzuändern, 
daß in der Zusammenarbeit mit der Schule bessere Entwicklungs- 
möglichkeiten für das Kind gesichert werden. 

Bei den Kindern aus sogenanntem analytischem Milieu ist aber alles 
das bereits vorhanden, was wir im andern Fall mühsam erzeugen 
müssen. Die aus den verschiedenen Komplexen stammenden Reak- 
tionen des Kindes sind nicht nur den Eltern bekannt, auch das Kind 
ist durch zahlreiche Deutungsversuehe häufig über sie orientiert. 
Überstrenge Verbote und traumatisch wirkende Einschränkungen 
sind dem Kind so weit als möglich erspart worden; das Kind hat 
gelernt, Zutrauen zu den Erwachsenen zu haben, und weiß seine 
Ängste und Phantasien in Worte zu fassen, da es ja gewöhnt ist, Ver- 
ständnis für sie zu finden. Die unvermeidlichen Schwierigkeiten jeder 
individuellen Entwicklung sind von den Eltern bei ihrem Auftreten 
mit Teilnahme und Hilfsbereitschaft miterlebt worden. Solche Eltern 
sind sich natürlich auch weitgehend klar über die Wirkung ihrer 
eigenen Persönlichkeiten auf das Kind und haben alle Mühe aufge- 
wendet, um ihre eigenen Affekte zu beherrschen und dadurch dem 
Kind zusätzliche Konflikte zu ersparen. Ein solches Kind erwartet, 
wenn es zur Schule oder in den Kindergarten kommt, natürlich das- 
selbe verständnisvolle Entgegenkommen, das es im Elternhaus kennen 
gelernt hat. Die Eltern ihrerseits hoffen, daß ihre Erziehungsmethode 
das Kind für ein erstes Zusammentreffen mit der äußeren Eealität 



ng Dorothy Burlingham 



gut vorbereitet hat. Es ist nur natürlich, daß sie eine Schule suchen, 
die nicht gerade überstrenge, grausame Kealf orderungen an die Kinder 
stellt. Sie suchen für ihr Kind die günstigsten Bedingungen, hoffen, 
daß der analysierte Lehrer befähigt ist, ihr Kind wirklich zu ver- 
stehen, und sind gerne bereit, ihm alles aus der Vorgeschichte mitzu- 
teilen, was für ein solches Verständnis notwendig erscheint. Aber die 
analysierten Lehrer, die den Kindern der früher geschilderten Art 
schon ganz geschickt zu begegnen wissen, stehen diesen analytisch 
Erzogenen ziemlich ratlos gegenüber. Sie wissen, daß das Kind in 
die Gemeinschaft geschickt wird, um einmal mit einer Außenwelt 
außerhalb des Elternhauses in Kontakt zu kommen. Das Kind braucht 
also offenbar die Ansprüche und Anforderungen, die eine solche reale 
Gemeinschaft an den Einzelnen stellt. Der Lehrer weiß, daß es in 
diesem Fall nicht viel Sinn haben kann, ein ohnedies schon erfülltes 
Bedürfnis noch einmal zu erfüllen; das Kind braucht keine Deutungen 
von unverstandenen Aktionen und keinen neuen Vertrauten für seine 
Geheimnisse; es soll in der Schule vor allem Anregung zu neuen 
Leistungen finden. Aber gerade diese Kinder sind infolge der verständ- 
nisvollen Erziehung, die sie gehabt haben, besonders überempfindlich, 
sie sind nicht leicht geneigt, sich Einschränkungen zu fügen, vertragen 
besonders wenig Kritik oder Zurückweisung und erleben rücksichts- 
loses Benehmen und lieblose Abweisung durch Gleichaltrige oft als 
schwere Kränkungen. Sie müssen also einen besonders weiten und 
schwierigen Weg zurücklegen, wenn sie sich den gewöhnlichen An- 
forderungen der Schule fügen und gute Leistungen zustande bringen 
wollen. Die Aufgabe des Lehrers ist diesen Kindern gegenüber wirk- 
lich wieder eine spezielle. Was sie bei der ihnen bisher gewährten 
Schonung an Widerstandskraft nicht erworben haben, muß mit Hilfe 
des Lehrers innerhalb der Gemeinschaft nachgeholt werden. Hier ent- 
steht also neben den Zielsetzungen der Schule für Arbeit und Be- 
nehmen noch das neue Ziel der allmählichen Gewöhnung an die 
Forderungen einer äußeren Wirklichkeit, die nicht mehr auf die 
speziellen Bedürfnisse des Individuums abgestimmt ist. 

Die Aufgaben des analytischen Pädagogen sind aber auch mit der 
Einstellung auf die Bedürfnisse der Gruppe und die andersartigen 
Bedürfnisse der verschiedenen Individuen nach der bisherigen Auf- 
zählung noch immer nicht zu Ende. Es gibt in jeder solchen Gemein- 
schaft Kinder, mit deren Schwierigkeiten der Pädagoge auch bei 
bestem Willen nicht mehr fertig werden kann. Die Störung dieser 
Kinder geht eben über das Maß der gewöhnlichen Entwicklungs- 
schwierigkeiten hinaus; es handelt sich um die Neurosen der Kinder- 
zeit, denen nur mehr eine therapeutische Kinderanalyse Heilung 



- 



Probleme des psychoanalytischen Erziehers 97 



bringen kann. Aber der Pädagoge hätte Unrecht, sich von diesen 
Kindern zurückzuziehen, mit der Begründung, daß solche Hilfe- 
leistung schon weit außerhalb seiner Kompetenz liege. Gerade bei 
ihnen wird die analytische oder nichtanalytische Einstellung des 
Lehrers oft entscheidend für ihr ganzes späteres Lebensschicksal. Es 
ist in diesem Falle die Aufgabe des Pädagogen, sich vorsichtig 
mit den Eltern in Verbindung zu setzen, zu erfahren, inwieweit die 
Eltern sich des Krankhaften im Benehmen des Kindes bewußt sind, 
ihnen, wo es notwendig ist, die Abnormität des Kindes im Vergleich 
mit anderen, normalen Kindern schonend, aber doch unerbittlich vor 
Augen zu führen, ihnen zu zeigen, daß alles, was häusliche oder 
Schulhilfe dabei leisten kann, immer nur Stückwerk ist, und sie so 
allmählich auf die Notwendigkeit der therapeutischen Beeinflußung 
des Kindes hinzuführen. Aber diese Arbeit mit den Eltern ist immer 
erst die eine Seite seiner Aufgabe. Auch das Kind muß seine Symptome 
und Störungen als solche erkennen lernen und soll gleichzeitig er- 
fahren, daß es Hilfe in solchen scheinbar ausweglosen Situationen 
gibt. Das Verständnis, das es hier zum erstenmal kennen lernt, soll 
es gleichzeitig auf das Verständnis vorbereiten, das der Kinderanaly- 
tiker für seine neurotischen Konflikte bereit hat. Es ist durchaus 
möglich, das Kind auf diese Art auf seine Analyse vorzubereiten, 
eine Krankheitseinsicht und damit auch schon einen Heilungswillen 
in ihm zu wecken, die beide für die Durchführung einer Analyse so 
außerordentlich nötig sind. 

Wir wissen als Kinderanalytiker, daß die Herstellung dieser beiden 
psychischen Einstellungen zur Krankheit und zur Analyse als Ein- 
leitungsperiode innerhalb der Kinderanalyse oft Wochen und Monate 
in Anspruch nimmt. Die gleiche Arbeit könnte viel vorteilhafter schon 
außerhalb der Analyse erfolgen. Auf diese Weise müßte allerdings der 
analytische Pädagoge als letzte und extremste Erziehungsaufgabe 
auch noch die Aufgabe der Erziehung zur Kinderanalyse mit in seinen 
Pflichtenkreis übernehmen. 



Zeitschrift f. psa. Päd., XI/2 



Die Grundlagen unseres Erziehungssystems 

Von Alice Bai int, Budapest 1 ) 

Wir alle kennen die Bedeutung der langen menschlichen Kindheit, 
die wir als die biologische Grundlage des Ödipuskomplexes und der 
Über-Ich-Entwieklung betrachten. Heute möchte ich über jene sekun- 
däre Verlängerung der Kindheit sprechen, die für unsere Kultur be- 
zeichnend ist. Ich meine darunter die Verlängerung der Vorbereitungs- 
zeit, die zur Erlangung gesellschaftlicher Reife notwendig ist. Ohne 
Zweifel besteht ein inniger Zusammenbang zwischen der verlängerten 
Kindheit und der Rolle, die die Arbeit als ein lebenslänglicher syste- 
matischer Kraftaufwand in unserer Lebensführung erhalten hat. In 
einem Vortrag über Versagen und Gewähren 2 ) habe ich bereits darauf 
hingewiesen, daß die Lebensweise des Kulturmenschen ein in frühe- 
ster Kindheit einsetzendes systematisches Training zur Ertragung 
von Spannungssteigerungen erfordert. Diese systematische Erziehung, 
die bereits mit der Einhaltung geregelter Stillzeiten einsetzt, kann 
auch als eine ununterbrochene Reihe kleiner, die Ablösung von der 
Mutter fördernder Traumen aufgefaßt werden, denen das Kmd von 
Anfang an mit einer weitgehenden Regelmäßigkeit ausgesetzt wird. 
Das pädagogische Problem ergibt sich aus dem Gegensatz zwischen 
diesen die Ablösung von der Mutter bezweckenden Erziehungsmaß- 
nahmen in der frühen Kindheit, und der moralischen Verpönung der 
Abwendung von den Eltern in der bedeutend verlängerten Abhängig- 
keitsperiode des größeren und erwachsenen Kindes. Was also in der 
frühkindlichen Erziehung angestrebt wird, wird in der späteren Kind- 
heit sozusagen wieder rückgängig gemacht. 

Ein Vergleich mit primitiven Verhältnissen wird die Bedeutung 
des erwähnten Umstandes besser hervortreten lassen. (Ich möchte aber 
vorher bemerken, daß ich hierbei unter „primitiven Verhältnissen" 
einen recht summarischen, besser gesagt, schematischen Begriff ver- 
stehe, also etwas, was bei einer Mehrzahl von primitiven Völkern so 
ist, bei manchen aber auch anders sein kann.) 

Nach einer verhältnismäßig langen Säuglingszeit, in der das Kind 
förmlich mit der Mutter verwachsen ist, wird der Knabe um das 
siebente Lebensjahr herum oder in der Pubertät, unter mehr oder 

!) Diskussionsbeitrag zum Symposion „Revision der psychoanalytischen 
Pädagogik"; siehe dieses Heft, Seite 147. 

2 ) Ztschr. f. psa. Päd., Bd. X, 1936, Heft 2. 



Die Grundlagen u nseres Erziehungssystems 99 

woniger feierlichen Formalitäten yon der Mutter losgerissen. Eine 
der Hauptaufgaben, die diese Gesellschaften dem heranwachsenden 
Kinde gegenüber erfüllen, ist also, in den Prozeß seiner Ablösung von 
der Mutter — ob auf zartere oder grausamere Weise — aber jedenfalls 
fördernd einzugreifen. Von einem gewissen Zeitpunkt an darf und 
soll es die Mutter nicht mehr liebhaben. 

Bei uns hingegen wird nach einer verhältnismäßig kurzen und 
durch Erziehung geregelten Säuglingszeit die moralische Forderung 
der Liebe zur Mutter weit über die Pubertät, streng genommen für 
Lebenszeit erhoben. Ein Hauptproblem der erwachsenen Gesellschaft 
dem pubertierenden Kinde gegenüber ist, seine Liebe und Anhäng- 
lichkeit auch in dieser Sturm- und Drangperiode zu erhalten, damit 
seine Erziehbarkeit keinen Schaden leide. Für den Primitiven ist 
die Pubertät ein höchst wichtiges Ereignis, an dem die ganze Gesell- 
schaft beteiligt ist und das eine gänzliche Neuorientierung seiner 
Interessen und Bindungen zur Folge hat. Dem Kulturmenschen be- 
deutet die Pubertät etwas, was nur verstohlen bemerkt, der erzie- 
henden Gesellschaft meist als höchst unliebsame Störung erscheint, 
etwas, dem kein Platz im offiziellen Lebensprogramm zuerkannt wird. 
Während die primitive Pubertät sich in und an der Außenwelt abspielt, 
ist die Pubertät des Kulturmenschen eine eminent innere Angelegen- 
heit. Alle aus der ersten Kindheit stammenden Bindungen bleiben 
auch weiterhin bestehen, die ganze Loslösungsarbeit muß das Kind für 
sich allein und unter dem Druck des Schuldgefühls leisten. 

Überall wo eine moralische Verurteilung das Verhalten der Men- 
schen regelt, wissen wir, daß es sich um eine Überkompensierung 
handelt. Beiläufig um das dritte bis vierte Lebensjahr hört die erste, 
triebhafte Bindung zwischen Mutter und Kind auf. Im Kinde rühren 
sieh nach dem Untergang des Ödipuskomplexes fortstrebende Ten- 
denzen. Dieses Verhalten habe ich einmal „seelische Auswanderung" 
genannt. Hermann sieht darin den Ausdruck eines besonderen dem 
Anklammerungstrieb entgegengesetzten Triebes. Gleichzeitig möchte 
sich auch die „parentale Erotik" (F e r e n c z i) der Mutter dem näch- 
sten kleinen Kind zuwenden. Durch die Überkompensierung der 
beiderseitigen Ablösungstendenzen wird die gegenseitige Bindung von 
Mutter und Kind sekundär ins Unbestimmte verlängert und das 
Ergebnis ist eine fast unauflösbare Ambivalenz. 

Das Kind der Primitiven hat nur mit den aus dem Ödipuskomplex 
stammenden Schuldgefühlen zu kämpfen; unsere Kinder drückt außer- 
dem die Schuld in der späteren Kindheit, entgegen aller Sitte und 
Brauch die Mutter verlassen zu wollen. 



2» 



Iqq Alice Bälint 



Zusammenfassend kann die Doppeltgerichtetheit unseres Systems 
folgendermaßen dargestellt werden: 

1. in der frühkindlichen Phase werden sowohl die Äußerungen der 
triebhaften Mütterlichkeit wie die des Anklammerungstriebes gehemmt; 

2. in der späteren Kindheit hingegen folgt die Hemmung der beider- 
seitigen Ablösungstendenzen. Dazu gehört auch die Lahmlegung der 
sich in der Pubertät meldenden, zur Erwachsenheit drängenden trieb- 
haften Energien. 

Zwei in die Augen springende psychologische Eigenheiten unserer 
Kultur scheinen mir Folgen dieser Tatbestände zu sein. Die eine 
ist allgemein erkannt, die andere mehr der psychoanalytischen For- 
schung zugänglich. Das sind: 

1. die Bedeutung, die die Individualität für unsere Kultur 
erlangt hat, 

2. die erhöhte Angst vor Liebesverlust, in der — 
wie mir scheint — die ursprüngliche Kastrationsangst fast untergeht. 
Nicht die Stärke des Vaters, sondern die Abwendung der Mutter wird 
zutiefst befürchtet. Hierin sehe ich die Erklärung für die relative 
Impotenz, die nach Freuds Meinung unsere Kultur charakterisiert. 
Der Vater ist besiegbar, doch die Mutter bleibt immer unerreichbar. 

Während die erhöhte Angst vor Liebesverlust eine krankhafte Er- 
scheinung ist, scheint die größere Bedeutung der Individualität ein 
Ausweg aus den Schwierigkeiten zu sein, den die verlängerte Abhän- 
gigkeit mit sich bringt. Als ob es ein Schutz vor der Angst vor Liebes- 
verlust wäre, wenn wir uns selbst als einmalige Wesen, Individua- 
litäten fühlen können, also nicht fürchten müssen, daß das eine Kind 
ohneweiters die Stelle des anderen bei der Mutter einnehmen kann. 
Jeder Erzieher kennt die Erscheinung, daß Kinder aus Angst, sie 
könnten übersehen werden, allerhand Eigenheiten entwickeln. Mit der 
Anerkennung seiner Einmaligkeit können wir das Kind beruhigen und 
es von der Nötigung befreien, sich krampfhaft bemerkbar zu machen. 
Im allgemeinen können wir sagen, daß um das dritte bis vierte 
Lebensjahr herum, also in der Zeit, da die beiderseitigen Ablösungs- 
tendenzen von Mutter und Kind am Werke sind, die Mutter dem Kinde 
die Anerkennung seiner Individualität sozusagen als Abschieds- 
geschenkbeimVerlassendernoehunindividuellen 

Kleinkind periode überreichen sollte. Die Stärkung der Indi- 
vidualität ist nicht nur Beruhigungsmittel, sondern auch Kompen- 
sierung der weit hinausgeschobenen Erwachsen- 
heit. Sie ist der Ersatz für die fehlende Unabhängigkeit und die 
Anerkennung der Tatsache, daß in der verlängerten Kindheit die 



Die Grundlagen uns eres Erziehungssystems J01 

Interessen von Mutter und Kind weit auseinandergehen, möglicher- 
weise einander diametral entgegengesetzt sein können. Andererseits 
birgt diese Einstellung zur Individualität des Kindes auch eine Kom- 
pensation für die Mutter. Das Kind lernt mit der Zeit auch die Mutter 
als individuelles Wesen erkennen, es wird ihm so möglich, auch ihr 
gegenüber die erste, primitive, egoistische Liebesform aufzugeben, 
d. h. ihr Interesse wahrzunehmen. Auf diese Weise erhalten Mutter 
und Kind etwas von dem zurück, was die systematische Erziehung 
ihnen an triebhaftem Glück genommen hat. 

Zum Schluß noch einige Worte über das Verhältnis von Erziehung 
und Kultur. Die Untersuchung verschiedener Völker zeigt, daß es 
kaum eine Erziehungsmethode geben kann, die nicht möglich wäre. 
Von der denkbar größten Freiheit bis zur grausamsten Tyrannei ist 
alles schon dagewesen und von Kindern ertragen worden. Die e i n- 
zelnenKulturensindes, diekein beliebige sErzie- 
hungssystem vertragen. Es gibt eben keine absolute Päd- 
agogik, keine absolute seelische Hygiene. Veränderungen in der Kultur 
müssen durch entsprechende Erziehungsmaßnahmen unterbaut werden, 
sollen sie dauerhaft sein. Daraus folgt, daß umgekehrt Reformen der 
Erziehung zwangsläufig eine Veränderung der Kultur herbeiführen, 
auchwenndasnichtihrbewußtesZielist. Denn jede 
Verbesserung führt an das Ganze der gegebenen Situation. Die Päd- 
agogik ist daher die revolutionärste aller Wissenschaften. Vielleicht 
sind sogar die unscheinbaren „Verbesserungen" in den Erziehungs- 
methoden die Urheber der kulturellen Evolution, denn jedes System 
hat seine Fehler und drängt nach Veränderung. 3 ) 

3 ) Gäbe es ein vollkommenes Erziehungssystem (innerhalb einer beliebigen 
Kultur), eine vollkommene „Konditionierung" des Menschen (um mit 
A. Huxley [Brave New World] zu reden) für ein bestimmtes Milieu, so 
mußte die Welt stille stehn, wie sie es ja auch jahrhundertelang in China 
oder Indien getan hat, obwohl es den Kulis und Parias nicht besser ging 
als anderen Unterdrückten der Erde. 



Das magische Denken beim Kinde 

Von Sophie Morgenstern, Paris 1 ) 

Man fragt sich oft, welche Sprache man sprechen müßte, um vom 
Kinde verstanden zu werden, und wie man es anstellen müßte, um das 
Kind, seine Fragen, seine Antworten, sein Benehmen zu verstehen. 

Diese Frage ist durchaus berechtigt, vor allem in Hinblick auf den 
Verlust der Erinnerung an die vier ersten Lebensjahre, von dem so 
oft in der Psychoanalyse gesprochen wird. 

Denken und Benehmen des Kindes wurden von P i a g e t mit dem 
des Geisteskranken verglichen, des Irren, der sich in sein „Elfenbein- 
türmchen" zurückzieht und manchmal eine Sprache spricht, deren 
Schlüssel nur nach langem Studium des Kranken gewonnen werden 
kann. Denn obwohl das Kind beim Sprechen mit anderen sehr lebhafte 
Gefühle zeigt, spricht es doch, auch wenn es ein Erlebnis mitteilen 
Will, vor allem mit sich selbst und merkt oft gar nicht, daß es von 
seiner Umgebung schlecht oder gar nicht verstanden wurde. 

Aber diese Sprache und diese Haltung des Kindes, die scheinbar 
autistisch (nur von den Gefühlen dirigiert) sind, können aus der 
Anschauung, in der es seine Umgebung erfaßt, hergeleitet werden. 

Dem Kind scheinen die Erwachsenen ebenso wie die Gegenstände, 
die diese gebrauchen, von ungeheurer Größe. 

Wenn das Kind mit seinen Eltern oder anderen Erwachsenen seiner 
Umgebung sprechen oder ihr Gesicht beobachten will, muß es den 
Kopf heben; selbst gegenüber den Geschwistern muß es die Maße 
„kleiner" und „größer" benützen und sich demgemäß verhalten. 

Die Gebrauchsgegenstände der Erwachsenen haben für das Kind 
riesige Ausmaße 2 ); es ist bis zu einem gewissen Alter nicht fähig, sie 
überhaupt oder doch richtig zu .benutzen, trotz großer Bemühungen 
darum. Man muß nur seine ernste Miene beachten, wenn es Vater oder 
Mutter in ihren Arbeiten zu helfen sucht, dann spürt man die Mühe, 
die es sich bei solchen Tätigkeiten gibt. Bei diesen alltäglichen An- 
strengungen erwirbt das Kind seine sonderbaren Begriffe von den 
Menschenwesen und den Dingen; da erscheinen ihm seine Eltern als 
große Zauberer, die mühelos Riesendinge bewe gen können. 

1 ) Aus der „Revue Francaise de Psychanalyse", Band VII, Nr. 1, Jahr- 
gang 1934; dieses Heft enthält siehen Beiträge unter dem Titel „La Pensee 
Magique" von Marie Bonaparte, R. Laforgue, J. Leuha, H. Codet, Adrien Borel, 
S. Nacht und Sophie Morgenstern. 

2 ) Anm. d. Schriftltg.: Vergleiche hiezu auch: Alfred Meyers 
Arbeit „Das Kleinkind und seine Umwelt", Ztschr. f. psa. Päd., Bd. X, 1936. 



Das magische Denken beim Kinde ]03 

Sobald wir das Benehmen des Kindes, sein Denken, vor allem aber 
sein Phantasieleben verstehen, begreifen wir auch das Interesse des 
Kindes für die Märchenwelt und die Rolle, die Märchen in seiner Ent- 
wicklung manchmal für das ganze Leben spielen. 

Lewis C a r o 1 1 hat in ihrem Buch „Alice im Wunderland" die 
Gefühls- und Vorstellungswelt des Kindes gezeichnet. Die Frage des 
„kleiner" und „größer" findet da sehr lebensvolle symbolische Ge- 
staltungen. 

In anderer Weise hat S w i f t in „Gullivers Reisen nach Lilliput" 
ausgezeichnet den Eindruck der Größenverschiedenheit zwischen den 
Kindern und dem Vater wiedergegeben. 

Das Kind fühlt sich gedemütigt, wenn es sich klein fühlen muß, 
ebenso wenn es um sich herum Gespräche hört und Dinge sieht, deren 
Sinn für es oft genau so unverständlich ist wie für uns eine Unter- 
haltung in einer uns unbekannten Sprache; denn dieselben Worte 
können für das Kind einen ganz anderen Sinn haben als für die 
Erwachsenen. 

Einer meiner Kranken, der der kleinste unter mehreren Brüdern 
war, erzählte mir, daß er unter dem Größenunterschied sehr litt. So- 
bald er es konnte, band er seine Füße für die Nacht an das Fußende 
seines Bettes und legte seinen Kopf in ein Tuch, das er am Kopfende 
befestigt hatte. Er hat in der Hoffnung, so größer zu werden, jahre- 
lang in dieser Marterlage geschlafen. 

Ein intelligentes achtjähriges Mädchen las mit großem Interesse 
zur Zeit, als in ihrem Vaterland eine revolutionäre Bewegung be- 
gonnen hatte, ein Buch über Höflichkeit (politesse) und gute Manie- 
ren; sie hoffte, daß ihr diese Lektüre eine Erklärung der Dinge geben 
würde, die um sie her geschahen. Sie interessierte sich sogar für die 
Vorschriften zum Essen eines weichen Eies, denn sie glaubte, daß die 
Angaben des Buches einen geheimen Sinn, den der verbotenen revolu- 
tionären Ideen, verbargen und daß sie am Ende den Schlüssel zu 
dieser magischen Sprache finden würde. 

Sie verwechselte Höflichkeit (politesse) mit Politik; an dem Tag, 
an dem sie ihren Irrtum erkannte, schleuderte sie ärgerlich das Buch 
fort und beschimpfte es als widerlich und idiotisch. 

Das Kind wird für uns noch schwieriger zu verstehen, wenn es 
von einem Wunsch ganz beherrscht ist und uns seinen Gedanken 
durch Worte zu erklären sucht, die für uns einen bestimmten Sinn 
haben, aber dem Kind infolge der hohen Gefühlsbesetzung etwas 
anderes bedeuten. 

Das folgende Beispiel soll dies zeigen. 



104 Sophie Morgenstern 



Ein sechsjähriger Junge beschuldigt seine Mutter, im vergangenen 
Jahr in einem Geschäft für ihn ein Matrosenkostüm bestellt und be- 
angabt zu haben, sie habe es aber nicht abgeholt. Die Mutter ist über 
diese unrichtige Anschuldigung durch das Kind, die es oft in Anwesen- 
heit anderer Personen wiederholt, tief bestürzt. Sie erinnert sieh, daß 
sie vor einem Jahr ein einziges Mal in einem von ihrem Haus sehr 
entfernt gelegenen Geschäft gewesen ist und dort Socken für die 
Kinder eingekauft hat; von einem Matrosenanzug für den Jungen war 
gar nicht die Rede. 

Der Junge erzählte mir im Laufe einer Unterredung, daß er sich 
einen Matrosenanzug glühend wünsche und daß er in jenem Geschäft 
einen, wie er ihn brauche, gesehen habe. Er war überzeugt, daß das 
Geld, das die Mutter dem Kaufmann gegeben hatte, Angabe für seinen 
Anzug gewesen war, und als die Mutter ihm vor kurzem einen Samt- 
anzug, den er nun trug, gekauft hatte, meinte er, sie habe den anderen 
vergessen. Die Mutter bestätigte mir, daß es in diesem Geschäft fertige 
Matrosenanzüge gab. Der Wunsch, einen Matrosenanzug zu besitzen, 
war für diesen Jungen so stark, daß er den Glauben hatte, die Mutter 
müsse nur nochmals in das Geschäft gehen, um den Anzug abzuholen; 
das für die Socken gezahlte Geld hatte sich in seiner Einbildung in 
eine Angabe für den Anzug verwandelt. Er glaubte, daß er mit einem 
Matrosenanzug ein wichtigeres Wesen würde. 

Der Vater dieses Jungen hatte seine Mutter um einer andern Frau 
willen verlassen. Nun wollte der Junge zu Hause die führende und 
gewalttätige Rolle des Familienhauptes spielen und fühlte sich durch 
einen Anzug, den er als zu unansehnlich einschätzte, erniedrigt. 

Der nun folgende Fall zeigt uns noch deutlicher das magische 
Denken beim Kinde. 

Eine Mutter kommt wegen ihres vierjährigen Töchterchens zu mir, 
um Rat zu holen; die Kleine stellt sich vor, daß alles wirklich ist, was 
sie sich wünscht, und benimmt sich dementsprechend. 

Sie erzählt ihrer Mutter von Spielzeug, das sie gerne haben möchte, 
und behauptet gleichzeitig, es zu haben; sie ruft die Mutter, um ihr 
dieses Spielzeug zu zeigen, und macht Bewegungen, als ob sie tat- 
sächlich Dinge vor sich hätte, sie spielt Spiele mit den eingebildeten 
Spielsachen. Die Kleine benimmt sich, als wäre für sie ein Märchen 
Wirklichkeit geworden. Sie spielt ein Phantasiespiel, nimmt es aber 
wichtiger als andere Kinder unter ähnlichen Umständen. 

Das Spiel ist ja auch dort, wo das Kind geeignete Spielsachen be- 
sitzt, ein Werk seiner Phantasie, aber bei diesem Kind hat es fast 
halluzinatorischen Charakter. 



Das magische Denken beim Kinde jqö 



Solche Kinder haben ihr Benehmen auf den Glauben an die Allmacht 
der Gedanken gegründet. Die tatsächliche Abwesenheit der gewünsch- 
ten Dinge, die Unmöglichkeit, sie zu berühren, sind kein Hindernis 
an ihr Sein zu glauben, und das Kind glaubt, ebenso wie manche 
Kranke, daß kein materieller Beweis erforderlich ist, um ihm das 
Dasein der Wesen und Gegenstände seiner Phantasien zu bestätigen. 
Nur die Allmacht der Gedanken erlaubt ihm, eine Welt zu schaffen 
in der seine Träume und Wünsche Wirklichkeit werden. 

Die große Freistätte des magischen Denkens beim Kinde ist das 
Spiel, das ihm erlaubt, alle seine Wünsche befriedigt zu sehen, seinen 
Trieben freien Lauf zu lassen. 

Nur wo das Kind sein Spiel und selbst die Spielsachen frei schafft 
zeigt es volle Befriedigung. Das ausgeklügeltste fertige Spielzeug 
erfreut nur ein paar Tage lang, dann bleibt es unbenutzt, denn es 
hindert das Kind, aus seiner Phantasie zu schöpfen und die Rolle 
des großen Zauberers zu spielen, der den Gegenständen Leben ein- 
haucht, sie Prüfungen unterzieht, sie zu dem macht, was sie in jedem 
Augenblick sein müssen, wie sein Gefühl es verlangt. 

Deshalb spielt das Kind gern „Familie", „Schule", und je nach 
dem Vorherrschen der sadistischen oder masochistischen Komponente 
wählt es im Spiel die Rolle des Vaters, der Mutter, des Kindes, des 
Dieners, des Professors oder des Schülers. 

Das Kind kann sich sogar dadurch von seinen Familienkonflikten 
befreien oder sie nur im Spiel allein darstellen. 

Das folgende scheint mir ein sehr schlagendes Beispiel für den 
symbolischen und magischen Sinn des Spieles: 

Ein sechsjähriger Junge, der mit zwei Jahren außer Haus gegeben 
wurde, um seine Brüder vor seinen schlechten Gewohnheiten zu 
schützen, erdachte sich ein eigenartiges Spiel mit einer Familie von 
Porzellanhasen. Der kleinste der Hasen begrub die Hasenmutter mit 
großem Pomp und ließ sie nach einigen Minuten wieder auferstehen. 
Das Kind wiederholte dieses Spiel unermüdlich, so oft es die Hasen- 
familie in Reichweite hatte. 

In diesem Spiel stellte das Kind seinen Familienkonflikt und seine 
Gefühlsambivalenz gegenüber der Mutter dar. Es wollte die eigene 
Mutter im Begräbnis der Hasenmutter strafen, aber es verlieh dem 
Hasenjungen die magische Kraft, die Mutter wiederzuerwecken. 

Dieses Spiel mit seinem so deutlich magischen Charakter erinnert 
uns an den doppelten Sinn des Opfers der Primitiven. Hubert und 
M a u ß schreiben in ihrem „Versuch über das Wesen und die Funktion 
des Opfers", daß „das Opfer zwei so verschiedenen Zwecken dienen 



106 



Sophie Morgenstern 



kann wie der Erreichung des Standes der Heiligkeit und der Tilgung 
des Standes der Sünde". Um sich zu erklären, wie ein Gott getötet 
werden konnte, hat man ihn sich unter der Gestalt eines Dämons vor- 
gestellt. Der Dämon wird getötet und aus ihm geht der Gott hervor. 
Aus der schlechten Hülle löst sich der bisher gebundene treffliche 
Kern. 

Wenn wir das Benehmen des ganz kleinen Kindes beobachten, das 
sich angeschlagen oder gebrannt hat, merken wir, daß es die Gegen- 
stände, die seinen blauen Fleck oder seine Brandwunde verursacht 
haben, wie Lebewesen behandelt. Es versucht, sie zu bestrafen, oder 
meidet sie später wie einen Feind. Das Kind belebt die Dinge, schreibt 
ihnen gute und schlechte Absichten zu, wie der Primitive, der die 
Natur mit Geistern bevölkert, um Regen, Gewitter und viele andere 
Erscheinungen zu erklären. 



Magisches Denken findet sich in jedem Land, bei jedem Volk, in der 
Neurose, im kindlichen Denken und im Traum. Je mehr man primi- 
tives Geistesleben, die Eigenarten des Neurotikers, des Kindes und die 
Träume untersucht, desto auffallender werden die Gemeinsamkeit 
zwischen dem Denken des Primitiven, des Neurotikers und des Kindes 
— all dies Denken ist bestimmt durch das Vorwalten der Gefühls- 
elemente, die dem Denken seinen magischen Sinn geben; und all dies 
Denken hat mit der Sprache des Traumes die innigste Verwandtschaft. 

Die beschränkten Möglichkeiten, seine Wünsche zu verwirklichen, 
die Maßlosigkeit seiner Einbildungskraft, die nie mit dem wirkliehen 
Leben gleichen Schritt hält, treiben das Kind dazu, in einer magischen 
Welt Ziele zu suchen, deren Verwirklichung ihm sofortige und voll- 
kommene Befriedigung bietet. Ohne Störung vermag das Kind diese 
magische Welt neben dem wirklichen Leben zu schaffen. 

Andre Maurois beschreibt in „Meipe" sehr sinnreich die Ver- 
doppelung eines kleinen Mädchens. Die kleine Franzi erfindet ein 
magisches Mittel gegen die ärgerlichen Kritteleien ihrer Umgebung, 
indem sie sich in das Me'ipe-Feenland versetzt, wo alles ihren Wün- 
schen und ihrem Willen entspricht. 

Die Welt der Erwachsenen stellt für das Kind etwas Geheimnisvoll- 
Magisches dar, in das es eindringen, dessen es sich um jeden Preis 
bemächtigen möchte. 

Der folgende Fall zeigt, wie sehr das Kind durch das Leben, der 
Eltern beeindruckt werden kann, — der Eltern, die die großen Zau- 
berer sind, die Regen und Schönwetter machen können, die lange 



Gespräche über Gegenstände führen, die das Kind nicht versteht, und 
die diese Gespräche in der Nacht führen, wenn das Kind schläft. 

Ein zehnjähriger Knabe von sehr herrischem, unfolgsamem Wesen, der 
an nächtlichen Ängsten litt, schlief nicht vor Mitternacht ein, um nicht 
em Wort der elterlichen Gespräche zu überhören. Dieses Kind wollte 
unbedingt die Berufstätigkeit seines Vaters nachahmen, der in verschie- 
denen Handelshäusern als Vertreter beschäftigt war. Es verschaffte sich 
genau die gleichen Notizbücher, wie sie sein Vater verwendete, und ver- 
zeichnete darin die Namen seiner phantasierten Kunden. Oft beschäftigte 
es sieh bis Mitternacht mit seinen Kundenlisten und Rechnungen So 
schuf es sich einen ganzen Roman um seine Geschäfte: es führte ein 
Geschäftsbuch, in das es phantastische Ziffern einschrieb. In seiner 
Vorstellung besaß der Junge ein Schloß mit zweihundert Zimmern 
und fünfzig Dienern. Er veranstaltete prunkvolle Empfänge, er lud 
seine Kunden zu sich ein, beherbergte sie in seinem Schloß, stellte 
jedem eine Kammerzofe zur Verfügung usw. Er verzeichnete in 
seinem Rechenbuch die Ausgaben für diese Feste, die zehntausend 
Franken für Wein und tausende Franken für Geflügel und Obst 
betrugen, usw. Die Geschenke, die er verteilte, waren entsprechend: er 
verzeichnete Pelzmäntel und Ringe für seine Frau und seine Mutter 
um Hunderttausende von Franken, Stiftungen für Spitäler und Arme 
in den gleichen Ausmaßen. 

So gestaltete dieser Junge für sich einen Traum zu seiner Wirk- 
lichkeit, in dem er selbst der große Zauberer war, der eine unendlich 
reichere und abwechslungsvollere Welt erstehen ließ, als die seiner 
Eltern war, die in recht bescheidenen Verhältnissen lebten. 

Seine magischen Veranstaltungen verschafften ihm sehr große 
Befriedigung, denn er machte mehr Geschäfte, hatte mehr Kunden als 
sein Vater; er hatte auch bessere Kunden als dieser und wußte sie sich 
durch seine Märchenfeste fest zu verbinden; seiner Frau und seiner 
Mutter machte er fürstliche Geschenke. 

Der Junge schätzte seine seltsamen Rechenhefte so hoch ein, daß er 
tief gekränkt war, als die Mutter sie zu meiner Sprechstunde brachte, 
i^r vertraute sie mir dann für einige Zeit aus besonderer Freund- 
schaft an. 

Diese Art magischer Ideen entspricht teilweise den Erlebens- 
weisen des „delire lucide", aber auch den Riten der Naehahmungsmagie 
der Primitiven, die durch künstliche Mittel ein gewünschtes wirkliches 
Ereignis nachmachen und es so herbeizuführen hoffen, etwa im Regen- 
zauber. 






108 



Sophie Morgenstern 



Die phantastischen Umsatzziffern, die unglaublichen Ausmaße der 
Feste und Geschenke sind Ausdruck des kindlichen Denkens, das sich 
einerseits in den Schöpfungen seiner Phantasie auf die Märchen stützt, 
anderseits aber gerade durch die Maßlosigkeit charakterisiert ist, denn 
das Kind kennt noch nicht die richtigen Maße der Dinge, noch nicht 
die wahren Bedeutungen der Ziffern; sein Wertmaßstab hängt vom 
Verhältnis seiner Körpergröße zu der seiner Eltern und anderer Er- 
wachsener ab. Aber selbst innerhalb dieses Maßstabes entscheidet 
seine Gefühlsbeziehung zu den Erwachsenen und den Dingen über die 
Größe und über den Wert, den sie für das Kind haben. 

Das magische Denken beim Kinde findet nicht immer einen so deut- 
lichen Ausdruck wie in den bisherigen Beispielen. Es gibt noch einen 
zweiten Weg, einen Umweg, über den sich dieses Denken beim Kinde 
zeigen kann. 

Der magische Sinn bestimmter Gesten ist verborgen; man kommt 
durch die Kenntnis ihrer Symbolik und ihrer bestimmenden Ursachen 
zu ihrem Verständnis. 

Wir kennen alle die destruktiven Tendenzen der Kinder, die selbst 
gegen geliebte Personen ihrer Umgebung gerichtet sein können, 
manchmal aber nur auf Gegenstände zielen, die bestimmten Personen 
oder dem Kind selbst gehören. Solche Zerstörungsabsichten scheinen 
manchmal unverständlich, als kämen sie aus einem besonderen Instinkt. 
Ihre Gründe werden uns nur einsichtig, wenn wir das Gefühlsleben 
des Kindes verstehen lernen und uns mit der Tatsache der Verschie- 
bung der affektiven Reaktionen vertraut machen. Das Kind sucht oft 
durch eine aggressive Handlung an einer Person Rache zu nehmen, 
der es irgend etwas, meist ganz unbewußt, vorzuwerfen hat. 

Die folgenden Beispiele scheinen mir für durch das magische 
Denken veränderten Ausdruck aggressiver Tendenzen lehrreich. 

Ein zwölfjähriger Junge brachte seine Eltern durch seine maßlosen 
Wutanfälle zur Verzweiflung, in solchen Anfällen warf er Gegen- 
stände zum Fenster hinaus, zerschnitt er seine eigenen Kleider und 
drohte mit Selbstmord. 

Im Verlauf der analytischen Behandlung erzählte der Junge, daß 
er nur Dinge, die seiner Schwester gehörten, zum Fenster hinauswarf. 
Während sie die zusammengesuchten Sachen wieder herauftrug, warf 
er andere wieder durch das Fenster hinaus. Er konnte keinen ver- 
ständlichen Grund für dieses Benehmen, das er als unbedeutende 
Neckerei ansah, angeben. Ich meine, mit folgender Deutung dieses 
Verhaltens das Richtige zu treffen: Der Junge zeigte bis zum Alter 
von sechs Jahren ein freundliches und sehr zärtliches Wesen, bis zur 



Zeit der Geburt seiner kleinen Schwester. Die schwere Charakterver- 
änderung hatte sich aber erst in den zwei letzten Jahren gezeigt Zu 
diesem Zeitpunkt hatte der Junge erfahren, daß er einen anderen 
Namen trug als seine Schwester; er entstammte der vorehelichen Ver- 
bindung seiner Eltern, während die Schwester nach der Heirat zur 
Welt gekommen war; der Vater weigerte sich, den Sohn vor dem 
Gesetz anzuerkennen, obwohl der Junge ihn „Vater" nannte und kein 
Zweifel darüber möglich war, daß der Mann, den er so nannte, sein 
wirklicher Vater war. Die feindseligen Gefühle gegen Vater und 
Schwester, die immer mächtiger wurden, hinderten ihn aber nicht, die 
beiden auch zu lieben. Diese Gefühlsambivalenz, das heißt das gleich- 
zeitige Vorhandensein entgegengesetzter Gefühle, erlaubte ihm nicht, 
seine Feindseligkeit gegen die Wesen, denen sie galt, offen zu zeigen! 
So führte er symbolische Handlungen aus, ganz entsprechend den 
magischen Handlungen der Primitiven, die das, was sie dem Feind 
selbst antun möchten, an seinen Nägeln oder Haaren oder an einem 
Zipfel seiner Kleidung ausführen. Sie glauben, daß das Übel, das sie 
diesen Dingen zufügen, auf ihre Feinde übergreifen wird. 

Seine kleine Schwester, die für ihn der lebende Vorwurf seiner 
unehelichen Geburt war, im Vergleich mit ihm ein bevorzugtes Wesen, 
konnte er nicht zerstören; so zerstörte er ihre Spielsachen. Statt das 
Schwesterchen zum Fenster hinauszuwerfen, warf er ihr gehörige 
Gegenstände durchs Fenster. 

^ Seine anderen destruktiven Handlungen hatten denselben magischen 
Sinn: durch das Zerschneiden seines besten Anzuges und durch den 
Versuch, sich selbst aus dem Fenster zu stürzen, wollte er in symbo- 
lischer Weise seinen Vater treffen. Sein Selbstmord sollte den Sohn 
in Stellvertretung des Vaters töten; das Zerstören der Kleidung, die 
ihm der Vater gekauft hatte, bedeutete symbolisch die gleiche Tat. 
Das Verhalten dieses Jungen erinnert an die Erscheinungen der nach- 
ahmenden Magie bei den Primitiven. 

Das folgende Beispiel gibt uns noch einige neue Einzelheiten über 
das magische Denken beim Kinde. 

Es handelt sich um einen neuneinhalbjährigen Jungen, der intellek- 
tuell ein wenig zurückgeblieben ist. Dieses Kind war von seinem 
zweiten Lebensmonat an bis zum neunten Jahr außer Haus aufge- 
wachsen; dann wurde er von seinem Vater und dessen Freundin in 
ihren Haushalt aufgenommen. Das Kind hatte eine dunkle Erinnerung 
an seine Mutter, bei der es mit drei Jahren einige Monate verbracht 
hatte. Es kannte seinen Vater und seine Stiefmutter nur von einem 
kurzen Aufenthalt mit ihnen in einem Hotelzimmer. 



HO Sophie Morgenstern 



Die Rückkehr in ein Familienleben, das durchaus sauber, geordnet 
und sympathisch war, erzeugte bei diesem Jungen unverständliche 
Reaktionen. Er wurde brutal, feindselig, zerstörungswütig und zeigte 
die gleichen Verhaltungsweisen wie der vorhin besprochene Junge, Er 
warf Tischzeug, Serviettentäschchen, die seine Stiefmutter verfertigt 
hatte, zum Fenster hinaus, er zerschnitt Vorhänge, eigene Kleider, 
stach sich in die Arme, zerkratzte sich mit einer Gabel das Gesicht. 

Der Junge war der Ansicht, daß seine Stiefmutter besser zu ihm 
war, als es seine eigene Mutter je gewesen war; trotzdem konnte er ihr 
nicht verzeihen, seiner Mutter den Platz weggenommen zu haben. 

Er erklärte mir, er könne sieh nicht an den Gedanken gewöhnen, 
daß er seine Mutter nimmer wiedersehen werde. Alle Annehmlich- 
keiten des Lebens, die er bisher nicht gekannt hatte, erschienen ihm 
fremd, feindlich. Er konnte seinem Vater und seiner Stiefmutter nicht 
verzeihen, daß sie mit einem seiner Brüder und dem Sohn der Stief- 
mutter in dieser ihm so groß erscheinenden Wohnung gelebt hatten, 
während er bei geistlichen Schwestern im Internat hatte sein müssen. 

Durch die Zerstörung der der Stiefmutter gehörenden Dinge drückte 
er seinen unbewußten Wunseh aus, sie selbst zu zerstören und an ihre 
Stelle seine eigene Mutter kommen zu lassen. Er zerschnitt seine Klei- 
dung an Stelle eines Angriffes gegen den Vater. Nach einem mehr- 
monatigen Aufenthalt auf der Klinik, wo er analysiert wurde, wollte 
der Junge öfters zu seinem Vater zurück, aber unter der Bedingung, 
daß Vater und Stiefmutter die Wohnung wechseln und sich wo anders 
niederlassen; die Gegend, in der sie wohnten, empfand er als fremdes 
Land, wie einen Ort, an dem böse Geister herrschen; er sprach von 
der Furcht, die ihm der Keller des Hauses, der Hof und die ganze Um- 
gebung einflößten. Wenn er von diesem Haus sprach, wurde er un- 
ruhig und ängstlich. 

Dieses Benehmen des Kindes seheint durch magisches Denken ge- 
leitet zu sein. Seine Gewalttaten waren Ersatzhandlungen für die 
Zerstörung der Stiefmutter und des Vaters gewesen, um an ihre Stelle 
die wirkliche Mutter zurückführen zu können. 

Aber nicht nur die Personen und Gegenstände, die sich in der Woh- 
nung befinden, möchte das Kind zerstören, sondern die Wohnung selbst 
und das ganze Stadtviertel sollen vernichtet werden. 

Solange es sich darum handelt, die Wesen, gegen die sich der Haß 
richtet, durch Gegenstände, die diesen Wesen gehören, zu ersetzen, 
sind die Handlungen des Kindes von der Art der nachahmenden oder 
homöopathischen Magie. Doch wenn das Kind das Haus, das ganze 
Stadtviertel, das jene Menschen bewohnen, als unreines Ding emp- 






findet, vor dem es eine unverständliche Furcht spürt, so handelt es 
sich um Auswirkungen der sympathetischen Magie. 

Diese ist der klassische Ausdruck der Allmacht der Gedanken — 
die Möglichkeit, schlechte und gute Kräfte auf ein entferntes Wesen 
überzuleiten, ebenso auf Gegenstände der Umgebung. 

Die Zauberer der primitiven Völker leiten durch ihre Berührung 
eine magische Kraft auf die Dinge über, die sie benützen, und diese 
Dinge haben nun wieder ihrerseits eine magische Wirkung auf die 
Mensehen, die sie berühren. 

* 

Wenn das Kind Erscheinungen begegnet, die es sich mit den ihm 
zur Verfügung stehenden Mitteln nicht erklären kann, befriedigt das 
magische Denken vollauf seine Neugierde und hilft ihm, sich eine 
eigene Welt zu schaffen, in der es sich den Erwachsenen überlegen 
glauben kann. 

Alles auf die Frage der Herkunft der Kinder, auf den Unterschied 
der Geschlechter Bezügliche zieht die Neugierde und Aufmerksamkeit 
des Kindes an und wird zum Gegenstand sehr eifriger Forschung Die 
Beziehung zwischen dieser Neugierde und dem Ausdruck, den sie in 
Wirklichkeit findet, ist oft recht schwer aufzufinden und es bedarf 
dann einer nicht geringen Arbeit, um alle fehlenden Kettenglieder 
aufzufinden und den Sinn der kindlichen Äußerung einleuchtend zu 
machen. 

In diesem Sinne scheinen mir die folgenden Beispiele interessant: 
Ein zehnjähriger Junge, der nach der Geburt eines Brüderchens 
eine Charakterveränderung mit Zwängen und Ängsten zeigte, begann 
zn diesem Lebensabschnitt, sich in krankhafter Weise für Erfindungen 
zu interessieren. Seine ganze Zeit verbrachte er damit, Elektromotoren 
zu zeichnen, in der Absicht, Luftautobusse zu erfinden. Er hatte die 
Idee, eine Luftautobusgesellschaft mit regelmäßigem Fahrplan in ganz 
Frankreich zu organisieren, die mit der Zeit alle andern Verkehrs- 
mittel des Landes ersetzen sollte. Die Zeichnungen der Motoren, der 
Fahrzeuge, der Fahrlinien waren für ihn heilige Dinge, die er' nur 
Personen, denen er ganz vertraute, zu zeigen bereit war. 

Diese Erfindung hatte für ihn einen hohen Gefühlswert, er umgab 
sie mit dem feierlichsten Geheimnis und schrieb ihr eine magische 
Bedeutung zu; denn das Wesentliche für ihn war der Sieg über den 
Staat, die Verschwörung gegen eine ihm so überlegene Macht. Er 
sprach von der Erfindung nur ganz leise, er umgab sie mit tiefem 
Geheimnis und wollte seine ganze Zukunft auf den Erfolg seiner 
Erfindung aufbauen. Dieses große Geheimnis, diese krankhafte Ge- 



112 Sophie Morgenstern 



schäftigkeit war nichts anderes als der entstellte Ausdruck seiner auf 
die Geburt des Brüderchens gerichteten Neugierde. 

Durch seine magische Tätigkeit drückte er aus, daß er ebenso 
fähig -war zu zeugen wie sein Vater und sogar einen Gegenstand von 
außerordentlichem Wert zu zeugen, der über alles, was sein Vater 
bisher gemacht hatte, den Sieg davontragen würde. Der Staat, gegen 
den sich seine ganze Tätigkeit richtete, war nur ein Vatersymbol, 
denn der Vater war Eisenbahnangestellter. 

Ein anderer, dreizehnjähriger Junge mit sehr schweren Persön- 
lichkeitsstörungen und sehr ausgeprägten sexuellen Konflikten blieb 
stundenlang im Klosett und spielte dort mit seinem Kot. Es war ein 
ganz eigenartiges Spiel: er verfertigte aus seinem Kot kleine Männ- 
chen und hielt sich für den Erzeuger von Hunderten von Kindern. 
Dieses symbolische Tun erklärt sich selbst, aber am sonderbarsten 
daran war die Art, in der er von dem Geschehen sprach. Er glaubte 
sich während des Spieles auf dem Gipfel des Glückes, denn er hatte 
das Gefühl, Kinder zu zeugen, eine geheimnisvolle Handlung zu er- 
füllen, die schon seit langem Gegenstand seiner tiefsten Sehnsucht 
war. 

In den Träumen von Erwachsenen und Kindern finden wir den 
gleichen Gegenstand in den bizarrsten Symbolen dargestellt, die uns 
seinen magischen Charakter zeigen. 

Ich meine, daß der folgende Traum eines meiner erwachsenen 
Patienten sehr deutlich eine kindliche Theorie über diesen Gegenstand 
darstellt. 

Der Patient träumte, vor ihm stünde ein als Orientale angezogener 
Zauberer, der auf seinem Kopf einen großen Turm trug. Der Zauberei 
brachte aus dem Turm Hampelmänner hervor und verwandelte sie 
durch die Berührung mit einem Zauberstab in lebende Wesen. 

Dieser Zauberer brauchte keine Frau, um Kinder hervorzubringen: 
er ließ sie aus seinem Kopfe entspringen und gab ihnen durch die ein- 
fache Berührung mit einem Zauberstab das Leben. Die Symbolik des 
Zauberstabes als Vertreter des männlichen Gliedes ist sehr durch- 
sichtig. Die Meinung, daß jedes der Eltern für sich fähig ist, ein leben- 
des Wesen hervorzubringen, gehört zu den kindlichen Theorien über 
die Herkunft des Kindes. 

Das Wichtigste in diesem Traum ist das magische Element. Der 
Mann, der die Kinder zeugt, ist ein Zauberer, er ist nach Märchenart 
gekleidet, der Turm auf seinem Kopf macht aus ihm ein doppel- 
geschlechtliches Wesen; er besitzt den Turm (Symbol des weiblichen 
Geschlechtes), in dem die leblosen Hampelmänner sind, und den 



Das magische Denken beim Kinde ] j 3 



Zauberstab — das männliche Kennzeichen — um die Hampelmänner zu 
beleben. Der große Zauberer ist also eine Verschmelzung von Vater 
und Mutter, der zwei Wesen, die für unseren Patienten wie für jeden 
Menschen einst magische Gewalt besaßen. 

Die Frage, die das Denken des Kindes beschäftigt, ist: wie ge- 
schieht das Wunder des Menschwerdens, welche magische Rolle 
spielen dabei der Turm und der Zauberstab? 

Ich möchte noch die zwei folgenden Träume zitieren, die bei zwei 
Jungen die Beschäftigung mit derselben Frage anzeigen. 

Ein zwölfjähriger Junge erzählt mir einen Alptraum, den er 
zwischen sechs und acht Jahren gehabt hat. Er sah sich in diesem 
Traum in einem horizontal liegenden Zylinder, der sich sehr schnell 
drehte. Brennende Kerzen waren im Innern des Zylinders. Der Zylin- 
der wurde gegen den Hintergrund zu immer schmäler, das Kind blieb 
in der Mitte des Zylinders, voll Angst vor der rasend schnellen 
Bewegung. 

Der Traum ist der Ausdruck eines Versuches, die Frage nach dem 
Geschlechtsverkehr und der Herkunft der Kinder durch magische 
Bilder zu lösen. Die Angst, die das Kind während dieses Traumes 
empfand, gehört zur Kastrationsangst und Geburtsphantasie. Man 
könnte sagen, daß der kleiner werdende und sich schnell drehende 
Zylinder ein sehr lebendiges Bild des Vorganges beim Geschlechts- 
verkehr und des Geburtsvorganges gibt. 

In dem folgenden Traum eines anderen Jungen ist dasselbe Pro- 
blem deutlicher dargestellt. 

Ein dreizehnjähriger Junge hatte durch mehrere Jähre hindurch 
einen Angsttraum, der mit kleinen Veränderungen sehr oft wiederkam. 

Er sah sich in einem dieser Alpträume in einem großen Zimmer 
mit einem kleinen Ausgang. Dieses Zimmer wurde immer kleiner. Er 
versuchte hinauszukommen, aber sobald er sich dem Ausgang näherte, 
wurde er von zwei Holzstücken gehalten, die zueinander strebten. 

Im gleichen Traum befand er sich plötzlich auf einem ehernen 
Blatt, das ein Mann in zwei Teile schnitt, und versuchte gleichzeitig 
selbst, ihn entzwei zu schneiden. 

Das Zimmer wurde enger, man verfolgte ihn bis zum Ausgang. 
Gleichzeitig kam ein Gegenstand, der immer größer wurde, auf ihn 
zu. Es war wie eine Kugel, die größer wurde, sich auf seinen Körper 
legte, ihn zerdrückte. „Es war wie eine Metallkugel, die man durch 
Hitze ausgedehnt und durch einen Ring durchgetrieben hatte", sagte 
der Junge. 

Zeitschrift f. psa. Päd., XI/2 3 



HUI H 



114 Sophie Morgenstern 



Dieser Traum erinnert uns an den vorhergehenden, aber seine 
Einzelheiten bieten uns die Deutung. Selbst wenn der Junge uns nicht 
die Deutung gegeben hätte, es handle sieh um die Geburt des Kindes 
und seine Entstehung, würde uns der Traum es verraten. 

Dieser Traum enthält viele phantastische, den Märchen entlehnte 
Elemente: der Träumer befindet sich auf einem ehernen Blatt, das 
entzwei geschnitten wird, er befindet sich zwischen zwei Holzstücken, 
die zueinander streben; ständig geschehen geheimnisvolle, unverständ- 
liche, magische Dinge. Aber dieser Traum, der sich durch Jahre hin- 
durch Angst erregend wiederholte, drückt auch des Träumers ständige 
Beschäftigung mit der Frage des Geschlechtsverkehres und der Her- 
kunft der Kinder aus. Der Junge hatte Zwänge und Ängste auf der 
Grundlage der Ödipusphantasien und des Kastrationskomplexes. Er 
schrieb dem männlichen Glied magische Kraft zu, er betrachtete es als 
Symbol einer besonderen Mächtigkeit. 

Der Polizeimann ist seiner Meinung nach deswegen ein so großer 
Herr, weil er zwei Stäbe hat, sein Glied und den Stock in der Hand. 
Auch das Pfeifehen bedeutete nach seiner Meinung dasselbe und war 
wegen dieser Symbolik so begehrt. 

Dieses Beispiel scheint mir zu bestätigen, was ich in meiner Arbeit 
über „Psychoanalyse und Erziehung" 3 ) über den magischen Wert und 
den symbolischen Sinn der von Kindern gestohlenen oder mit gestohle- 
nem Geld gekauften Dinge zu zeigen versucht habe. 

Wir sehen aus den bisher gegebenen Beispielen, daß das Kind magi- 
schem Denken ebenso nahe steht wie der Primitive. Die Menschen 
haben Kräfte, die nicht ihrer gesellschaftlichen oder familiären Lage 
allein entspringen, sondern aus dem Gefühlswert, den das Kind ihrer 
männlichen Kraft zuschreibt. Die Gegenstände haben eine Bedeutung, 
die weder von ihrer Größe noch von ihrem Stoff abhängt, sondern von 
der Ähnlichkeit, die sie mit einem besonders geschätzten Organ haben. 

Das Kind hat ambivalente Gefühle für diese Mensehen und Gegen- 
stände: es liebt sie und fürchtet sie gleichzeitig. 

Der folgende Traum eines sechzehnjährigen Jungen drückt noch 
deutlicher diese Ambivalenz aus und zeigt auch den magischen Wert, 
der dem Glied zugemessen wird. 

Der Junge sah im Traum den Krug vom Waschtisch des Vaters mit 
abgeschnittenen männlichen Gliedern gefüllt, die sich in Schlangen 
verwandelten. Die Schlangen vermehrten sich immer mehr und er- 
füllten das ganze Ankleidezimmer. 



3 ) L'Evolution psychiatrique, tome III, fasc. II, 1933. 



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Das magische Denken beim Kinde 115 



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Der Traum zeigt uns, welch gefährliche Kraft und magische Gewalt 
das Geschlechtsglied des Vaters dem Patienten zu haben schien 

Auch durch seine Bildersprache ist dieser Traum bemerkenswert 
Die Sehlange als Symbol des männlichen Gliedes findet sich ebenso 
beim Neurotilcer wie beim Kind und beim Primitiven 

Bei den Primitiven ist die Sehlange ■ Gegenstand 'der Furcht und 
der Verehrung; wegen ihrer magischen Kraft wird die Schlange sogar 
zur Tempelhüterin. 

An die Rolle, die die Sehlange in den Halluzinationen und Phobien 
der Hysteriker spielt, zu erinnern ist überflüssig. Der magische 
Charakter und symbolische Sinn einer solchen Phobie enthüllt sicff 
durch die Auskünfte, die die Kinder darüber geben 

Ein sehr intelligentes elfjähriges Mädchen fürchtete sieh vor dem 
Niedersetzen auf Bänke und meinte, daß Jungen, die vor ihr dort 
gesessen wären, Schlangen zurückgelassen hätten. Sie selbst fand 
diesen Gedanken unsinnig, fügte aber doch hinzu: „Schlangen sind 
ekelhafte, schlimme Tiere, die weh tun, sie haben nicht einmal Ohren 
aber eine vier Meter lange Zunge, die sich aufstellt und sticht." 

* 

Die angeführten Beispiele haben uns gezeigt, wie das Kind das 
magische Denken auf das Problem der Herkunft der Kinder und auf 
die Einsehätzung der männlichen Geschlechtsorgane anwendet 

Ein anderes das Kind bedrängendes Problem ist das des Todes Bis 
zum Alter von fünf bis sechs Jahren sind Tod und Abreise für das 
Kind identische Erscheinungen. Die Abreise eines Menschen aus seiner 
Umgebung, besonders wenn es ein geliebter Mensch ist, ist für das 
Kmd ein großes Drama. Das plötzliche Verschwinden eines geliebten 
Wesens ist für es eine unverständliche, magische Erscheinung. Wahr- 
scheinlich kommt es deswegen so oft zu Tränen- und Zornausbrüchen, 
wenn es Vater oder Mutter weggehen sieht. 

Das erste Erfassen des Todes kann beim Kind sehr heftige Gefühls- 
ausbrüche hervorrufen. Ein vierjähriges Mädchen weinte vierund- 
zwanzig Stunden lang, als es erfuhr, daß alle Lebewesen sterben 
müssen. Die Mutter konnte sie nicht anders als durch das feierliche 
Versprechen trösten, daß sie, das Töchterchen, niemals sterben würde. 
Dieses selbe Mädchen hatte mit fünfzehn Jahren einen hysterischen 
ttusten der sehr lange andauerte und außergewöhnlich heftig war 

Die Analyse des Falles zeigte, daß es sieh um Selbstbestrafung für 
unbewußte Todeswünsche gegen die Mutter, die Schwester und die 
Bruder handle. Sie sah sich in der Phantasie von der Tuberkulose 
Befallen und als Sterbende in einem Sanatorium. Die Selbstbestrafung, 



116 Sophie Morgenstern 



die sie sich auferlegte, zeigt uns ihren Glauben an die Wirksamkeit 
des magischen Denkens. 

In zwei anderen Fällen hatten wir Gelegenheit, recht schwere 
Reaktionen auf den Tod eines Großvaters zu beobachten. 

Ein zehnjähriger Junge stürzte einen Monat nach dem Tod seines 
Großvaters, an den er sehr gebunden gewesen war, und verletzte sich 
ein wenig an der Hand. Die Eltern führten das Kind zu einem Arzt 
und ließen eine Antitetanus-Injektion machen. Nach dieser Injektion 
zeigte das Kind recht unklare motorische und intellektuelle Störungen. 
Sichere Bewegungen auszuführen, seine Gedanken in Worten auszu- 
drücken, fiel ihm schwer, das Lesen ging fast nur mehr silbenweise 
vor sich, das Einmaleins und die Rechtschreibung hatte er verlernt. 
Es ergab sich der Verdacht einer organischen Nervenkrankheit. 

Da Dr. H e u y e r kein neurologisches Anzeichen fand, stellte er 
die Diagnose auf seelische Störungen und vertraute mir das Kind zur 
Behandlung an. 

Als das Kind dazukam, mir die Vorgeschichte seiner Schwierig- 
keiten zu erzählen, erfuhr ich, daß es durch den Besuch beim Arzt 
sehr eingeschüchtert worden war. Der Kasten, aus dem der Arzt die 
Spritze für die Antitetanus-Injektion gezogen hatte, enthielt Opera- 
tionsmesser und andere chirurgische Instrumente. Das Kind hatte 
große Angst. Alles um diesen Arzt erschien ihm geheimnisvoll, alles 
erinnerte ihn an den Tod des Großvaters; es war sicher, daß es an dem 
Einstich würde sterben müssen. Es meinte sogar, gehört zu haben, wie 
der Arzt es den Eltern sagte. 

Wir versuchten, die Angst des Kindes zu beruhigen, wir ermutigten 
es, mit unserer Hilfe nochmals das Lesen und Schreiben zu beginnen. 
Der Junge schrieb den von uns diktierten Satz: „J'ai faim" (ich habe 
Hunger) in folgender Schreibung: „Gex fin". Er konnte aber eine 
genaue Erklärung des Wortes „gex" — Vogel — geben, das man aller- 
dings in Wirklichkeit anders schreibt, ebenso des Wortes „fin" (Ende), 
aber er hatte doch auch den genauen Sinn der diktierten Worte erfaßt. 

Dergleichen erinnert an die magischen und Geheimschriften, bei 
denen nur die Kenntnis des Schlüssels uns den verborgenen Sinn er- 
schließt. 

Das Kind fand infolge der von uns gegebenen Deutungen bald 
wieder in seinen normalen Zustand zurück. Als Ursache seiner 
Störungen haben sich etwa folgende psychologische Motive ergeben: 
Der Tod des Großvaters hatte im Kind den Gedanken erweckt, es 
könnte seine Eltern verlieren. Diese Gedanken belebten seinen Ödipus- 
komplex. Da es an die Allmacht der Gedanken glaubte, fürchtete es, 



der Vater könnte verschwinden, wie der Großvater verschwunden 
war, und das durch solche magische Gedanken erregte Schuldgefühl 
löste beim Jungen heftige Selbstbestrafungstendenzen aus Die Opera- 
tionsmesser des Arztes, der ihm die Antitetanus-Injektion machte er- 
weckten seine Kastrationsfurcht. 

Ein anderer, dreizehnjähriger Junge antwortete auf den plötzlichen 
Tod seines Großvaters mit Nahrungsverweigerung. Er nahm nur mehr 
Tee und Orangen zu sich. Wenn er einmal doch eine regelmäßige Mahl- 
zeit aß, gebrauchte er gleich darauf ein Abführmittel. Er wurde 
schließlich unmäßig mager und bekam das Aussehen eines Leichnams 
Dieses Kind, das zum erstenmal in seinem Leben unmittelbar den Tod 
eines geliebten Wesens empfand, wurde durch die Möglichkeit des 
plötzlichen Verschwindens tief erschüttert. 

Der Junge, der an seine Mutter sehr gebunden ist und die Auto- 
rität des Vaters scheut, hatte Angst vor der magischen Gewalt seines 
Gedankens, mittels dessen er wahrscheinlich schon oft seinen Vater 
wegschaffen hatte wollen. Die so heftige Schuldgefühlsreaktion zeigt 
uns, daß sein Todeswunsch gegen den Vater auch sehr heftig gewesen 



war 



Diese Falle weisen uns darauf hin, welche mächtigen Selbstbestra- 
fungsaußerungen der Tod eines nahestehenden Menschen hervorrufen 
kann. Wenn wir in den tieferen Sinn dieser Reaktion eindringen die 
ein Sühneopfer für den magischen Gedanken vom Tode zu sein scheint 
das dem Vater dargebracht wird, stoßen wir auf eine Analogie mit 
den Sühneriten des Primitiven. 

Beim ersten Knaben haben der Sturz und die Injektion eine Kette 
magischer Gedanken hervorgerufen: er müsse sterben, um seine 
Sünden zu büßen, d. h. für seinen Inzestwunsch der Mutter, für seinen 
Todeswunsch dem Vater gegenüber und für seine Masturbation. Da die 
Sühne ausblieb, bestrafte er sich selbst, indem er seine geistigen und 
motorischen Fähigkeiten verminderte. 
Dieser Vorgang gehört zum Gebiet der nachahmenden Magie. 
Der zweite Junge bediente sich eines magischen Tabus bei dem 
Verbot, zu essen, das er sich auferlegt hatte, obwohl er oft gern von 
den gebotenen Speisen genommen hätte. Die Nahrung war für ihn 
gleichzeitig eine heilige Sache geworden, die zu berühren er nicht 
das Recht in sich fühlte, und eine unreine Sache, die ihm schaden 
konnte. Deshalb gestattete er sich nur, gerade ein zum Leben notwen- 
diges Mindestmaß zu sich zu nehmen, und trachtete, sobald er eine 
regelmäßige Mahlzeit oder auch nur irgend eine feste Nahrung zu sich 
genommen hatte, sie wieder von sich zu geben. 



Wir haben zu zeigen versucht, daß das magische Denken beim 
Kinde alle Lebensprobleme umfaßt, aber vor allem das Problem der 
Entstehung und des Vergehens des Menschenwesens. 

Diese Probleme, die so rätselhaft und unfaßbar sind, waren immer 
der Hauptgegenstand des menschliehen Grübelns. 

Die Nachbarschaft von Liebe und Haß, die Ambivalenz des Gefühls 
bringt Unruhe in die Menschenseele, die in der Angst ihren höchsten 
Ausdruck findet. Der Kampf gegen diese Angst ist das lebendigste und 
dringendste Problem für den Menschen und im Kampf gegen diese 
Angst finden der Primitive, der Neurotiker und das Kind keine andere 
Waffe und keinen anderen Schutz als das magische Denken. 

Die Psychoanalyse, die uns den Schlüssel zum Verständnis des ver- 
borgenen Sinnes der Symbole gegeben hat, hat uns ermöglicht, die ent- 
stellten und veränderten Äußerungen des Totem und Tabu zu er- 
kennen. 

Die Spiele, die Träume und das oft so bizarre kindliche Benehmen 
sind das Reich des magischen Denkens, das dem Kind gestattet, in das 
Geheimnis des Erwachsenenlebens einzudringen und seine Wünsche 
zu verwirklichen. 



M 



»MIM""""""!! UlIIllIJIIllHIIIIIIlHlfllflfJMINtllltltliriMIIIItlltllllllllllllllUlltllfllJIIIIIllJINIIHUIllfllfllilHllJllfllJiririlfllfllltllllllllMJlljtlllllllUMfll 

B E R I C HTE 



Strafen und Erziehen: Forderung und Ratschlag 

Von Heinrich Meng, Basel 

Soeben erschien in 2. erweiterter Auflage Dr. Heinrich Mengs 
Buch „Strafen und Erziehen«, dessen „Nachwort« wir hier mit 
Genehmigung des Verlages Hans Huber, Bern, zum Abdruck bringen. 
Im Forwort zur zweiten Auflage schreibt der Verfasser zu diesem 
„Forderung und Ratschlag« überschriebenen XI. Kapitel folgende 
erläuternde Bemerkungen: „Der Autor wollte keine Ratschläge geben, 
sondern berechtigte Forderungen erheben und damit die Leser anregen, 
selbst praktische Folgerungen zu ziehen. Das ,Nachwort' enthält nun 
m kurzer Zusammenfassung einige der wichtigsten Gesichtspunkte und 
Vorschläge zum Erziehungsgebrauch. Ihm liegen zum Teil Gedanken 
zugrunde, welche der Autor in seinem vom Zürcher Schulamt ver- 
anstalteten Vortrag ßtrafen und Erziehen', auch in seinem Referat 
,Zwang und Strafe als Problem der seelischen Hygiene' vor dem 
,111. Europäischen Kongreß für Geistige Hygiene' näher ausführte. 
Die psychische Hygiene', der dieses Buch gewidmet ist, gewinnt 
immer mehr an Bedeutung. So hat die Universität Basel im Frühjahr 
1937 ein Lektorat für diese Disziplin errichtet, auch in anderen 
Universitäten werden Vorlesungen durchgeführt oder sind geplant. 
Unsere Hoffnung als Lehrer der Psychohygiene ist, daß die Ver- 
breitung der wissenschaftlich begründeten und praktisch erprobten 
Erkenntnisse über seelischen Gesundheitsschutz der Gesundung des 
einzelnen und der Massen dienen und die Vorurteile wirksam be- 
kämpfen möge, die in Aberglauben, mangelndem Wissen und schlechter 
Gewohnheit verwurzelt sind. Im Mittelpunkt der Psychischen Hygiene 
scheint uns das Problem der Vorbeugung der Neurose und der 
Massenpsychose zu stehen, als Frage menschlicher Lebensmöglichkeit 
überhaupt.« 

Noch gibt es Viele, für die Erziehen und Strafen ein und dasselbe 
bedeuten. Wir erkennen nicht jene Strafeingriffe als Erziehungshilfe an, die 
aus Ärger, eigentlich aus Rache oder nervöser Überreiztheit vorgenommen 
werden. Der Erzieher übt sie oft unter Aufgabe der Selbstbeherrschung aus 
und macht damit das Kind zum Gegenstand seiner launischen Gewalt. Immer- 
hin wirken auch diese Affektausbrüche als Erziehungsfaktor nach, das Kind 
bekommt so seine „Menschenkenntnis" und „Menschenfurcht". Ebenso wie 
wir vom Chirurgen fordern, daß er gut ausgebildet und zielsicher seine 
operativen Eingriffe durchführe, verlangen wir vom Erzieher ein gründ- 
liches Wissen vom Kind und von sich selbst, Reife und Selbsterzogenheit. 
Sein Gewissen soll ihn danach trachten lassen, das Gelernte durch eigene 
Erfahrung zu ergänzen, unter Verwendung der Ergebnisse fortschreitender 
Wissenschaft. 



Jedes Kind bringt durch seine urmenschliche Erbmasse Bereitschaften 
mit, die es befähigen, auf den erzieherischen Eingriff bejahend anzu- 
sprechen. Es ist in den ersten Jahren vorwiegend Triebwesen, sehr wenig 
Verstandeswesen. Seine Abhängigkeit verstärkt sein Bedürfnis nach Leitung 
und Führung. Nur allmählich entwickelt sich das Denken, es hilft dem Kind, 
seine Leidenschaften und triebhaften Strebungen der Kultur verfügbar zu 
machen. Diese Tatsache macht begreiflich, warum bei kleinen Kindern die 
Erziehung durch das begründete Wort stark zurücktritt gegenüber der Erzie- 
hung durch Verhalten — wie Rhythmus, Ton der Stimme, Affektäußerung, 
Gleichmaß des Vorbildes — und Beispiel im Einzelnen. Die Psychologie der 
letzten Jahrzehnte brachte viele Beweise dafür, daß das Kind aus der Um- 
welt weit mehr aufnimmt und verarbeitet, als es unmittelbar äußert. Die 
Seele des Kindes ist also nicht so sehr plastisch und elastisch, als vielmehr 
empfindlich, vergleichbar der photographischen Platte, die erst gelegentlich 
und bei einer ganz bestimmten späteren Behandlung verrät, welche Ein- 
drücke aufgenommen wurden. Der Charakter eines Menschen ist ja nur teil- 
weise angeboren, vorwiegend wird er an Beispiel und Umwelt in früher 
Kindheit erworben. Jedermann versucht als Erwachsener aktiv so zu handeln, 
wie es ihm als Kind beim Erleben von Handlungen passiv eingeprägt wurde. 
Es ist keineswegs richtig, anzunehmen, daß das streng behandelte Kind durch 
die Strenge ein folgsamer und braver Mensch würde, der Milderbehandelte 
durch die Milde verweichlichen müsse. Unnachgiebige Härte und Strenge 
erzeugen ebenso wie rückgratlose Milde und Nachsicht sehr oft trotzige 
Charaktere. Vor allem steht fest, daß mit Konsequenz verbundene gleich- 
mäßige Milde eher starke Charaktere entwickeln läßt, während grausame 
Härte die Willenskraft und noch mehr die Fähigkeit zu überlegtem, konse- 
quentem Handeln zerstört. Das Beispiel, das uns Mereschkowsky in 
seinem Buch „Peter der Große und Alexei" gibt, ist hierfür sehr bezeichnend. 
Der Dichter schildert, wie der grausam tyrannische Vater seinen, ihm willen- 
los ergebenen Sohn, der durch Liebe und Haß krankhaft an ihn gebunden 
ist, zugrunde richtet. Die Pädagogik des Vaters gipfelt in dem — historisch 
belegten — Satz „Gib dem Sohne in der Jugend keine Macht; brich ihm 
die Rippen, so lange er wächst; wenn du ihn mit dem Stocke schlägst, wird 
er nicht sterben, sondern nur kräftiger werden." Das Schicksal des Zare- 
witsch lehrt uns das Gegenteil. 

Ein Kind, das oft körperlich gestraft wurde, neigt dazu, als Erwachsener 
Analoges anderen anzutun, ferner wird es in vieler Hinsicht Hemmungen 
behalten, schon deshalb, weil es während seiner Entwicklung durch die oft 
erlebte Körperstrafe an ungemein starke Reize und Motive für sein Han- 
deln und Unterlassen gewöhnt wurde. Es wird daher schwer aus eigenem 
Antrieb handeln können. Die körperliche Reizung bestimmter Körperteile 
durch Schlagen zeitigt oft eine überstürzte, krankhafte Triebhaftigkeit, die 
dabei nicht selten auf frühere Stufen regrediert. Nichts aber erschwert die 
Erziehung so sehr, als vorschnelle Steigerung der Sexualität. So wirken vor 
allem Körperstrafen, zu welchen willensschwache Eltern in Ungeduld 
greifen, weil sie sich nicht anders zu helfen wissen. 



* 



Strafen und Erziehen: Forderung und Ratschlag 



121 



Sehr vieles, das in der Frühkindheit geschieht, bleibt aber nicht im 
Bewußtsem und in der Erinnerung. Viele Eegungen, die ein Erwachsener 
als Nachwirkung aus der Frühkindheit hat, erscheinen nach ihrer bewußten 
Motivierung selbstverständlich und natürlich, sind aber an ihrer Starre als 
neurotisch zu erkennen. Die Erfahrung lehrt, daß sie leider allzu oft durch 
Einsicht und Belehrung allein nicht geändert werden, solche Persönlich- 
keiten bedürfen einer gründlichen seelischen Behandlung und Nacherziehung. 
S a 1 z m a n n spricht in seinem „Ameisenbüchlein" davon, daß der Erzieher 
bei allen Fehlern und Untugenden seiner Zöglinge zunächst den Grund in 
sich selbst suchen müsse, nicht, daß er immer der Alleinschuldige sei, son- 
dern weil er bei scharfer Selbstkritik recht oft entdecke, wie viele Fehler 
er unbeabsichtigt dem Kinde beigebracht hat. 

Aus pädagogischen Gründen darf nur gestraft werden, wenn man weiß, 
was in dem Kind vorgegangen ist, vorgeht und vorgehen wird, das straffällig 
erscheint. Jedes Kind macht unter den erzieherischen Forderungen vorerst 
Unruhezustände durch. Erst allmählich bildet sich ein sicher arbeitendes 
Gewissen, das von innen vorschreibt, was es tun darf und was es nicht tun 
darf. Als Ausdruck dieser Unruhe, namentlich bei überzärtlich und überstreng 
erzogenen Heranwachsenden ergeben sich viele sogenannte Unarten. Insbe- 
sondere ist das in der sogenannten Trotzphase, die normalerweise zwischen 
das 3. und 5. Lebensjahr fällt, typisch. In dieser Periode gerät jedes Kind 
zwischen den Forderungen der Umwelt und den Strebungen seines sich auf- 
bauenden eigenwilligen Ichs oft in starre Unbeweglichkeit. Es erscheint 
straffällig, ohne daß es in dem Sinn verantwortlich ist, wie der Erzieher es 
ihm vorwirft. Zu dieser Unruhe des Kindes sollte nie eine „nervöse" Unruhe 
des Erziehers dazu kommen. In dieser Zeit hilft überhaupt keine Strafe und 
doch wird das Strafen der Kinder gerade dann zur Gewohnheit, wenn es 
nichts hilft. Das Strafen soll stets eine Maßnahme sein, die außergewöhnlich 
ist, sonst bewirkt es das Gegenteil dessen, was eine Erziehung erstrebt. 
Sie soll nicht nur dem Augenblick, sondern dem Leben dienen, den Heran- 
wachsenden fähig zu machen zur Anpassung, zum Widerstand, zur Arbeit, 
Leistung und zur Liebe, so daß er seiner späteren Lebensaufgabe gewach- 
sen ist. 

Besonders die Körperstrafe verführt leicht dazu, die Sofortwirkung, die 
oft auffällig ist und auf die viele Erzieher so stolz sind, höher zu stellen, 
als die Fernwirkung für das spätere Erwachsensein. Über diese Fernwirkung 
machen sich nicht wenige Erzieher unrichtige Gedanken. Wir haben das Für 
und Wider der Körperstrafe an anderer Stelle besprochen, betonen aber 
nochmals, daß viele Beweise dafür vorliegen: eine Kindererziehung ohne 
Körperstrafe ist möglich und dringend wünschenswert. Es liegt wohl auch 
etwas an unserer Zeit, daß man nicht selten die normalen Erwachsenen 
vorwiegend nach ihrem äußern Gehaben einschätzt. Würde man viele von 
ihnen nicht nur in Bezug auf Energie und Erfolge, sondern auch auf die 
feineren Qualitäten der Persönlichkeit, auf das eigentliche Menschliche, z. B. 
Frohsinn, Freiheit im Denken, Weite des Gesichts- und Urteilfeldes, Fried- 
fertigkeit und Versöhnlichkeit, Humor und Verantwortlichkeit untersuchen, 



1 



so würde man die üblen Folgen bestimmter falscher Erziehungseingriffe in 
der Frühkindheit, auch der Körperstrafe, besser und eindrücklicher kennen 
lernen. Sie ist ein Gewaltmittel, sie verführt den Strafenden und Bestraften 
dazu, Macht und Gewalt höher zu stellen als Gerechtigkeit, begründete 
Autorität und soziale Hilfe. Das muß immer wieder betont werden: Wer sich 
erst durch Strafen Autorität verschaffen will, erreicht eigentlich das Gegen- 
teil. Strafen kommt erst dann als Erziehungsmittel in Frage, wenn bereits 
eine tragfähige Autorität besteht. Die Erfahrung lehrt: Gehorsam aus Selbst- 
lenkung und Freiheit baut sich nicht auf Dressurmethoden auf, Dressur 
schafft Gehorsam aus Furcht und Unfreiheit. Das von Natur so leicht zwie- 
spältig werdende Kind zum einheitlichen Wesen zu erziehen, erfordert Er- 
zieher, die einheitlich und nicht widersprechend ihre Erziehungsmittel 
anwenden. Man darf nicht vergessen, in wie großer Zahl die Erwachsenen nur 
äußerlich den Lebenskampf schlecht und recht bestanden haben. In inneren 
Kämpfen mußten sie sich aber aufreiben, weil sie von der Kindheit her ge- 
spalten und dadurch in ihrer Liebesfähigkeit gestört wurden. 

Auch für die Schule gilt unsere Forderung. Der Lehrer wird seine Auto- 
rität möglichst ohne Strafen aufbauen und erhalten, sie nur in dem Maß durch 
Strafen sichern, als die Strafe im Schüler eine Resonanz zur Selbständigkeit 
hervorruft. Wenn hingegen oft und strenge gestraft wird, ohne daß die 
Einzelnen und die Klasse den Sinn des Strafens verstehen, so ändert sich zum 
Schutz vor der Gewalt des Stärkeren das Antlitz des Schülers in der Klasse, 
eine Maske verdeckt das kindliche Gesicht. Hierdurch entstehen Menschen von 
ewigem Erziehungsbedürfnis, die für ihr ganzes Leben nicht aus der Schule 
austreten. Wir wollen aber Menschen, die in der Schule herangereift sind 
und sich als Erwachsene weiterentwickeln können. 

Was soll also geschehen, wenn ein Kind straffällig wird oder so wirkt, 
ja selbst auf die Strafe wartet und ein Strafeingriff berechtigt erscheint? 
Es gibt keine Regeln, die man den Erziehern als eine Art Rezeptkunde oder 
als Kinder-Strafgesetz in die Hand geben könnte, geordnet nach den einzelnen 
Unarten und Vergehen, z. B. für Lügen, Stehlen, Frechsein und dergl. In 
jedem Fall wären andere Maßnahmen anzuraten, und zwar immer jene, die 
dem Fehlgang, den die Erziehung bereits genommen hat, ein Ende setzen. 
Das gilt auch im allgemeinen, besonders aber bei jedem Kind, das in immer 
verstärktem Maße straffällig wird. Hier liegen gewiß Erziehungsfehler 
früheren oder neueren Datums vor, ohne deren Kenntnis und Beseitigung 
das Strafen zwecklos ist. 

Hierzu sei folgendes zur Erwägung gesagt: 

1. Man muß für sich selbst den Tatbestand der Unart klargestellt haben und 
die Motive des Kindes zu verstehen suchen. In unsicheren Fällen darf eine 
öffentliche Untersuchung vorangehen, vor allem dann, wenn daraus keine 
schwere Beschämung für den zu Strafenden entsteht und ein besseres 
Verstehen sich für alle ergibt. 

2. Ist die Unart schon oft wiederholt, so sind die Bedingungen für die 
Wiederholungen zu finden, ist sie ganz neuartig, so ist die Ursache der 
neuen Reaktion festzustellen. 



- 



Strafen und Erziehen: Forderung und Eatschlag 



123 



3. Man soll nachforschen, gegen wen sich die Unart richtete und was das 
Kind veranlaßt, gegen einen bestimmten Menschen schlimm oder unartig 
zu sein, während es bei anderen das Gegenteil ist 

4. Das Kind soll selbst zu seiner Tat Stellung nehmen und sieh überlegen, 
ob es diese Unart bejaht oder verneint. 

5. Gelingt es, das Kind zu veranlassen, seine Unart einzusehen, so sollen 
auch andere Schuldige, z. B. Erwachsene, die ein schlechtes Beispiel gaben, 
zu dieser Einsieht bereit sein. 

Die Strafe ist daher eine Teilmaßnahme, welche Einsicht, Selbsterkenntnis 
und bessere Beherrschbarkeit herbeizuführen hat. Der Strafeingriff soll daher 
auch als gegen das Motiv und gegen die auslösenden Bedingungen wirksam 
erkannt werden. Das Strafen soll nicht zum einfachen Diktat der Großen 
gegen die Kleinen werden. 

Auch die Verwendung von andern als körperliehen Strafen setzt ein Ver- 
ständnis der menschlichen Natur voraus. Als Strafen kommen Liebesentzug 
Schweigegebot, vorübergehende Isolierung, Fernhalten von Freuden und 
Vergnügen in Betracht, als Belohnung Begünstigungen, Freiheiten und Lob 
Liebesentzug als Strafe kann unter Umständen ebenso schwer und eingreifend 
wirken, wie schmerzhafte Körperstrafen. Schlechte Methoden sind das Nicht- 
ernstnehmen des Kindes, sein Verächtlichmachen, überhaupt alle jene geisti- 
gen Eingriffe, die seine Ehre wirklich oder in seiner Phantasie allzusehr 
treffen. 

Gewiß, jede Strafe muß das Ehr- und Schamgefühl des Bestraften wecken 
aber diese Beschämung sollte möglichst nur vor dem Erzieher und dem eigenen 
Selbst erfolgen und, wenn vermeidbar, nicht vor der Öffentlichkeit. Man muß 
sich auch davor hüten, das Strafen zur Sensation oder zum wichtigsten Teil 
des gemeinsamen Lebens werden zu lassen. So ist z. B. das Einnehmen der 
Mahlzeiten nicht der geeignete Ort, durch Strafen zu erziehen. 

Als Abschluß für Strafmaßnahmen hat auf jede Strafe ein volles Verzeihen 
der Untat vom Erzieher zur rechten Zeit zu erfolgen. Selbstverständlich ist 
die Form des Gnadenaktes falsch. In manchen Fällen ist das Verzeihen wirk- 
samer als die Strafe. Das Kind soll das sichere Gefühl bekommen, daß es 
Möglichkeiten zur wirklichen Sühne und Entlastung gibt. 

Die Frage, ob Zwingen und Strafen für die seelische Entwicklung des 
Kmdes nützlich oder schädlich sei, kann also nicht allgemein beantwortet 
werden, denn der Standpunkt der Beurteiler ist zu verschieden. Ist beispiels- 
weise der freie, reife, bescheidene und selbstbewußte Mensch als Erziehungs- 
ziel angenommen und anerkannt, so werden viele, z. B. alle demütigenden 
Strafen, von vornherein schädlich erscheinen. Sie machen ja das oberste Ziel 
unerreichbar, obgleich manchen näherliegenden Zwecken, wie z. B. dem der 
Einordnung beim Unterricht und dem Schutz vor Selbstbeschädigung, gedient 
sein mag. Ist hingegen das Erziehungsideal der „stete verläßliche Untertan" 
oder der „brave Bürger", so fallen diese Bedenken weg. Auch dann wird die 
Gefahr, Verhaltensweisen, wie Trotz und Gekränktheit — und wäre es auch 
nur als schlummernde Keime — hervorzurufen, manche Strafe als bedenklich 
aufgeben lassen. Die Keime können sich zur Bebellion und zur sozialen Ver- 



124 S. Nacht 



drossenheit entfalten. Jede Art von Eingriff hat positive und negative Folgen. 
Es überwiegen mehr die einen gegenüber den andern, je nachdem, wer den 
Eingriff setzt und in welcher Phase der Entwicklung und des Lebens er 
abläuft, auch was bereits zuvor mit den Menschen geschehen ist. Vor allem 
sehen wir die negativen Wirkungen von Zwingen und Strafen darin, daß das 
Kind in seinem Reifeprozeß aufgehalten oder zurückgeworfen wird oder Teile 
der Persönlichkeit aus dem geruhsamen Wachsen in eine überstürzte Ent- 
wicklung hineingerissen werden. Die Spätwirkungen falscher, gewaltsamer 
Erziehungseingriffe sind oft so mächtig, daß sich das Kind entweder zum 
Tyrannen oder zum Leidensfanatiker, sehr oft beides in einer Person vereint, 
entwickelt. Die Vorgänge und Zusammenhänge, durch die sich das Kind mit 
seinen Erziehern identifiziert und auf sie reagiert, sind vorwiegend unbe- 
wußt, deshalb ist ihre nachträgliche, rein erzieherische Beeinflussung 
schwierig. 

Es liegt im Wesen der Erziehungsstrafe, daß sie sich selbst überflüssig 
machen soll. Durch eine geordnete Früherziehung wird die Straffälligkeit 
herabgesetzt, dabei erwirbt das Kind in der Verbundenheit mit Macht und 
Liebe der Erwachsenen schon früh die Fähigkeit der Selbstbeherrschung. 
Das Kind, das in einer gesunden sozialen Ordnung bei einem selbsterzogenen 
Elternpaar aufwächst, gibt wenig Anlaß zu Strafen, vor allem, wenn es schon 
früh seine Kräfte in Spiel und Leistung üben kann. Der Erwachsene muß 
seinen Erziehungswillen an der Eigenart des Kindes formen und umformen. 
Das Kind wird ihm auf diesem Weg als Bundesgenosse mithelfen und von 
sich aus sein Unrechttun vermindern auf jenes Minimum, das eben Schicksal 
des Menschwerdens und Menschseins ist. 



Herr Dr. S. Nacht, Chef du Laboratoire de Psychotherapie et 
Psychanalyse ä la Faculte de Medecine de Paris, veröffentlichte im 
Verlag Felix Alcan, Paris, ein Buch „Psychanalyse des Psychonevroses 
et des Troubles de la Sexualite" ; mit Genehmigung des Verlages 
bringen wir das 7. Kapitel „Uadaption sociale de Venfant du point 
de vue psychanalytique" zum Abdruck. 

Die soziale Anpassung des Kindes vom 
Standpunkt der Psychoanalyse 

Von S. Nacht, Paris 

„Aber in dieser Zeit meiner Kindheit konnte ich 
nichts als Milch saugen, mit Freude genießen, 
was meine Sinne erfaßten, und weinen, wenn 
ich Schmerz empfand. 11 

Bekenntnisse des Heiligen Augustinus. 

Die Beziehungen zwischen der Neurose und der Anpassung des Kindes sind 
im Licht der psychoanalytischen Erkenntnisse so eng, daß diese zwei Probleme 
fast zusammenfließen. Dies erklärt, wieso unsere Kenntnis der Seele des 
Kindes seit den psychoanalytischen Entdeckungen so bereichert wurde. Allge- 




Die sozial© Anpassung d. Kindes v. Standpunkt d. Psychoanalyse 125 

mein bekannt ist ja, daß Freud bei der Analyse neurotischer Erwachsener 
die kindliche Sexualität entdeckte. 

Wenn diese Entdeckung ihm auch viele Angriffe eingetragen hat, so 
bleibt sie dennoch der Angelpunkt für das Verständnis der Neurosen und bis 
zu einem gewissen Grad auch der Psychosen. Man konnte demnach viel 
Neues über die Kindheit erfahren, wenn man bloß die Erwachsenen analy- 
sierte. Man weiß, wie sehr sich bei einer psychoanalytischen Behandlung das 
Interesse des Arztes auf das Unbewußte des Kranken richtet. Wie weit nun 
deckt sich unser Unbewußtes, als Ganzes gesehen, mit der Kindheit, deren 
Spuren wir alle in der Tiefe unserer Seele bewahren? Und was ist, genau 
genommen, der neurotisch Kranke, wenn man sein Gesamtverhalten betrachtet, 
anderes als ein Mensch, dem die Anpassung mißglückt ist? 

Man sieht, wie verwandt die beiden Erscheinungen sind, und man versteht 
ohne Mühe, daß sie gemeinsame Grundlagen haben. Anders gesagt, der Er- 
wachsene, dessen mißglückte Anpassung sich in seine Neurose umgesetzt hat, 
tut nichts anderes als eine in der Kindheit geschaffene Situation verlängern. 
Da es ihm in der Kindheit nicht gelungen ist, sich anzupassen, bleibt er als 
Erwachsener unangepaßt. Dabei wiederholt er übrigens nur dieselbe Situation 
und stößt sich an denselben Schwierigkeiten. Man weiß, daß die unbewußte 
Wiederholung affektiver Situationen die Regel ist. So wiederholen wir unser 
Leben lang, vielleicht auf verschiedenen Ebenen, Situationen und affektive 
Reaktionen unserer Kindheit. 

Nur wenige Menschen ahnen etwas von der Bedeutung der allerersten 
Lebensjahre. Und dennoch ist das Leben aller Wesen von dieser Periode 
nachdrücklich mitbeeinflußt, die so kurz und doch erfüllt von ganz beson- 
deren Schwierigkeiten ist. 

Vergessen wir nicht, daß das kleine Kind in wenigen Jahren, mit rasender 
Beschleunigung, zahlreiche Stadien der sozialen Entwicklung der Menschheit 
durchläuft. Es muß das primitive Wesen, das nichts als den Trieb kennt, durch 
das soziale Wesen, den Barbaren durch den Zivilisierten ersetzen — das 
heißt, es muß sich anpassen. Diese Anpassungsarbeit, dieser Kampf, diese 
Entwicklung sind für das Kind von einer einzigen Aufgabe beherrscht: ver- 
zichten! Um sich zum sozialen Menschen zu entwickeln, muß das Kind in 
jedem Augenblick darauf verzichten, diesen oder jenen Triebanspruch zu 
befriedigen, der es mit der Umwelt in Konflikt bringen würde. Dies entspricht, 
von der Nähe besehen, ganz der Geschichte der Zivilisation; alle Zivilisations- 
fortschritte konnten nur um den Preis von Triebverzichten erzielt werden. 
Diesen Opfern hat man immer nur schwer zugestimmt — und dies erklärt es 
vielleicht, daß man solche Mühe hat, gewisse brennende Probleme der Gegen- 
wart zu lösen . . . 

IAber kehren wir zum Kind zurück. Diese Verzichtleistung, die, wie gesagt, 
unserer Meinung nach die Frage der Anpassung beherrscht, ist für das Kind 
sehr hart. Vom Augenblick seines Eintrittes ins Leben, vom ersten Kontakt 
mit der Wirklichkeit an leidet das Kind. Man sollte diese ungemein eindrucks- 
volle Tatsache nicht unbeachtet lassen: Mit seinen ersten Atemzügen, mit 
seinen ersten Lebenszeichen beginnt das Neugeborene zu leiden. Der Beweis 



126 S. Nacht 



ist, daß es weint und schreit. So tritt es ine Leben! Und wir wissen, wie lange 
wir warten müssen, um sein erstes Lächeln zu erhaschen! 

Diese Tatsache ist bezeichnend: Vom Eintritt ins Leben an, welcher 
unmittelbar die erste Anpassung an ein neues Milieu verlangt, schreit das 
Kind, demnach leidet es. 

So bleibt es während der ganzen ersten Jahre, wo es lernen muß, seine 
Triebe zu modifizieren, um sich den Existenzbedingungen, die sein Milieu 
schafft, anzupassen. Aber woher stammen diese Anpassungsschwierigkeiten? 

Sie kommen von der ständigen Anstrengung des Verzichtens, der Ersetzung 
dessen, was Freud das Lustprinzip nennt, durch das Realitätsprinzip. 

Das Kind, am Anfang des Lebens noch ein primitiv-organisiertes Wesen, 
gehorcht nur dem Lustprinzip, d. h. es verfolgt nur die unmittelbare und 
direkte Befriedigung seiner Triebbedürfnisse. Aber schnell entsteht vor ihm 
das Realitätsprinzip mit seinen Anforderungen, die ihm Aufschub der momen- 
tanen Lust, auch manchen Verzicht auf Lust und Ertragen von Unlust auf- 
erlegen. 

Dieser Kampf zwischen dem Lustprinzip und dem Realitätsprinzip be- 
herrscht die Aufgabe der Anpassung vollständig. 

Das Kind ist dem ununterbrochen ausgeliefert und vom Ausgang dieses 
Kampfes hängt seine psychische Zukunft ab. In derselben Weise, in der es 
diesen Konflikt — Verzicht auf Wunschbefriedigung und Akzeptierung der 
Realität durch Anpassung — löst, wird es zur äußeren Realität seelisch 
Stellung nehmen. Diese frühen Verhaltensweisen und die Reaktionen, die sie 
umfassen, sind von großer Wichtigkeit, denn sie werden den Menschen, der 
sie sich zu eigen macht, für immer stempeln. 

Jener Kampf zwischen den zwei Prinzipien endet im übrigen niemals: 
unser Leben lang stehen wir in ihm, aber er ist kürzer und weniger merklich, 
da wir seelisch reifer sind, d. h., daß unser Ich gefestigter, stärker und stabiler 
wurde. Hieraus ergibt sich, daß beim Kind der Kampf viel schwieriger ist, 
denn es ist jünger, näher dem elementaren Zustand — ganz Trieb — und am 
Beginn des Lebens besitzt es noch nicht die Stütze, die ihm später die psychi- 
sche Instanz, die man mit dem Namen „Ich" bezeichnet, geben wird. 

Das Ich, das im eigentlichsten Sinn als Regulator der Triebregungen 
fungiert, ist noch nicht ausgebildet. Es entsteht im übrigen erst mit der 
Differenzierung zwischen dem Lustprinzip und dem Realitätsprinzip. 

Einmal gebildet, beginnt das Ich alle Verbote, die von außen kommen, dem 
Lustprinzip gegenüberzustellen. Und es entwickelt sich später, gegen das 
fünfte Lebensjahr, eine neue — unbewußte — psychische Instanz: das Über- 
ich; dieses ist dann das beste psychische Agens, um die Triebregungen und 
ihre Ansprüche zu beherrschen. 

Wir werden auf das Über-Ich noch zurückkommen müssen, begnügen wir 
uns für den Moment damit, daran zu erinnern, daß das Über-Ich, entstanden 
durch die Introjektion der von den Eltern ausstrahlenden Forderungen und 
Verbote, die psychische Instanz ist, die par excellence dazu berufen ist, die 
Triebfunktionen zu regeln. So erscheint die Psyche dann für die Anpassung 



Die soziale Anpassung d. Kindes v. Standpunkt d. Psychoanalyse 127 

unter den von der äußeren Realität auferlegten Bedingungen besser aus- 
gerüstet. 

Aber bevor es so weit kommt, hat das Kind noch Proben zu bestehen. 
Versuchen wir, ihm bei einigen, die zugleich Etappen seiner Entwicklung sind, 
zu folgen. Nehmen wir uns wieder die Frühzeit vor, wo wir das Kind noch 
ganz nahe der Primitivität finden und wo es noch nicht die höheren psychi- 
schen Funktionen, sondern nur Triebbedürfnisse besitzt. 

Nach den verschiedenen Schwierigkeiten der ersten Lebenstage erfährt das 
Kind einige Monate wirklichen Glücks. Wenn es in seiner Wiege gehegt, 
gepflegt, gehätschelt, von seiner Mutter genährt und geliebt wird, keinen 
Unannehmlichkeiten ausgesetzt ist, seine Bedürfnisse verrichtet, wann es will, 
erlebt es eine glückliche Zeit; das ist wirklich das Paradies der Kindheit! 
Aber nichts dauert ewig . . . 

In einiger Zeit erfährt das Kind die ersten Einschränkungen seines Trieb- 
lebens; wenn sie gut ertragen werden, werden sie zu natürlichen Mark- 
steinen seiner Entwicklung; aber unter ungünstigen Bedingungen können sie 
außerordentlich nachhaltige Wirkungen erzeugen, die Quelle von Anpassungs- 
schwierigkeiten, also Quelle der Neurose werden. Diese ersten Proben sind: 
die Entwöhnung und die Reinlichkeitserziehung. 

Betrachten wir zuerst das Problem der Reinlichkeitserziehung. 
Eine der ersten Erziehungsforderungen, die man an das Kind stellt — 
und also der erste Zwang, der ihm von außen auferlegt wird — ist der Zwang, 
zu fixierten Zeitpunkten und unter bestimmten Bedingungen zu urinieren 
und zu defäzieren. Das alles ändert in hohem Grad die bisherige Lebensein- 
teilung der ersten Monate des Kindes, in denen es ihm freigestellt war, seine 
Bedürfnisse zu verrichten, wann und wie es sich ergab. 

Hier müssen wir eine kurze Abschweifung auf das Gebiet der kindlichen 
Sexualität unternehmen. 

Wir wissen, daß das Kind schon in den ersten Lebensjahren eine Energie 
besitzt, die über seinen ganzen Organismus verbreitet ist und die man Libido 
nennt. Diese über den ganzen Körper verbreitete psychische Energie setzt sich 
aber vorwiegend an gewissen Zonen fest, und erst später, in der Pubertät, 
lokalisiert sie sich speziell auf die Geschlechtsorgane (genitale Zone) und 
führt so schließlich zur typisch sexuellen Reife der Erwachsenen. 

Aber am Anfang ist die libidinöse Besetzung diffus über den ganzen 
Organismus ausgebreitet. Das ist die autoerotische Phase, während der das 
Kind Lust und erotische Befriedigung von seinem ganzen Körper beziehen 
kann. Diese Erogenität ist also noch nicht so differenziert wie zu der Zeit, 
wo die Sexualität den Erwachsenen-Charakter angenommen hat, aber sie 
äußert sich schon bei gewissen Organen stärker, vor allem bei den Ver- 
dauungsorganen, und unter diesen speziell bei Mund und After. Diese Oral- 
und Analerotik nimmt dann in ihrer ursprünglich sehr mächtigen Intensität 
in dem Maße ab als das Kind wächst, um schließlich beim normalen Indivi- 
duum in der Pubertät den genitalen Ansprüchen den bevorzugten Platz zu 
überlassen; beim Kleinkind ist sie sehr intensiv. 



Die Ausstoßung der Exkremente und ihr Durchgang durch die Schleim- 
haut des Afters ist also beim Kind eine Lustquelle. Anfangs kann es diese 
Lust erzeugen, wie es will und wann es will. Aber wie wir gesehen haben, 
legt man ihm von einem bestimmten Augenblick an alle möglichen Regeln 
auf, die dann der Befriedigung entgegenwirken können. Und schließlich tritt 
die Moral auf, die diese Lust vollkommen zu verbieten versucht! 

Hier tritt also am deutlichsten ein Konflikt, ein Gegensatz zwischen dem 
Lustprinzip und dem Eealitätsprinzip auf. Das Kind muß auf eine Befriedi- 
gung verzichten, ohne daß es versteht, warum, nur um zu gehorchen, um sich 
einem höheren, von außen kommenden Anspruch zu unterwerfen. Es wird 
gezwungen, sich anzupassen, 

Wer bei den Analysen von Erwachsenen wiederfinden konnte, was diese 
Einschränkung in der Kindheit bedeutet hatte, kennt die schweren Konse- 
quenzen, die sie nach sich gezogen hat. Aber jene, welche mit den Vor- 
gängen im kindlichen Triebleben nicht so vertraut sind, könnten sich daran 
stoßen oder sich zumindest darüber wundern, daß die analen Funktionen für 
die Entwicklung so viel Bedeutung haben sollten. 

Selbst wenn das Kind garnicht die Disposition hätte, von sich aus seinen 
exkretorischen Funktionen so viel Interesse zuzuwenden — was nicht der 
Fall ist — würde seine Umgebung es dazu zwingen. Denn die Umgebung legt 
ja den größten Wert darauf, daß diese Funktion sich regelmäßig vollzieht, 
sie bestraft oder lobt das Kind, je nachdem, ob es in dieser Hinsicht den For- 
derungen nachkommt oder nicht; so wird dies nächst der geregelten Nahrungs- 
aufnahme das wichtigste Ereignis des Tages. Bedenken wir ferner die beson- 
dere Lust, die das Kind — da ja der After in dieser Periode erogen ist — aus 
jener Funktion schöpft, dann werden wir die Wichtigkeit, die man ihr ein- 
räumen muß, hesser verstehen. Es handelt sich hier nicht darum, alle denk- 
baren Rückwirkungen zu zeigen, denen das Kind in diesem Stadium seiner 
Entwicklung begegnet. Begnügen wir uns damit, zu unterstreichen, daß der 
erste, oder doch der ausschlaggebende Konflikt zwischen den Triebtendenzen 
und den äußeren Anforderungen an diese vielbesprochene Reinlichkeitserzie- 
hung geknüpft ist. Sehr früh und eindringlich verlangt und fordert man vom 
Kind, daß es auf eine Lust, eine Triebbefriedigung verzichte, um sieh einer 
äußeren Ordnung zu fügen, um sich der Realität anzupassen. 

Zum ersten Mal muß also das Lustprinzip dem Realitätsprinzip weichen. 

Hier ist das Kind gezwungen, nicht das zu tun, was ihm leicht fällt und 
angenehm ist, sondern das, was man von ihm verlangt oder ihm befiehlt — 
zum ersten Mal muß es sich beugen, sich der Realität anpassen. 

Die Erfahrung zeigt uns täglich — durch die Analyse der Erwachsenen — , 
daß die künftigen Möglichkeiten der Anpassung zum großen Teil von der 
Art und Weise abhängen, wie diese erste Probe bestanden wurde. Denn durch 
die Forderung lernt das Kind zum ersten Mal Genauigkeit, Regelmäßigkeit 
und Gehorsam. 

Die zweite Probe, die das Kind über sich ergehen lassen muß, ist die Ent- 
wöhnung. 



Die soziale Anpassung d. Kindes v. Standpunkt d. Psychoanalyse 129 

Wir fassen hier nicht nur die materielle Entwöhnung - die Entwöhnung 
von der Mutterbrust - ins Auge, sondern jene Gesamtheit von Veränderungen, 
die bei diesem Anlaß die Mutter vom Kind entfernen. Übrigens ist schon die 
eigenthche Entwöhnung eine recht starke Belastung. Die Ungeschicklichkeit 
und selbst Brutalität, mit der sie manchmal durchgeführt wird, können sie 
für das Kind zu einer wahren Katastrophe machen. 

Wir hatten kürzlich das Vergnügen, von Madame Colette in der 
plastischen Art, die man an ihr kennt, ihr eigenes Entwöhnungstrauma 
erzahlt zu bekommen (nebenbei bemerkt, handelt es sich bei ihr um ein 
irauma, das in der Erinnerung bewußt geblieben ist). Colette erzählt, 
daß eines Tages - sie muß damals 18 Monate alt gewesen sein, versichert 
aber eine genaue Erinnerung an die Einrichtung der Wohnung, besonders der 
Küche, wo das Drama sich abspielen sollte, bewahrt zu haben - daß eines 
Tages also die Amme ihr Mieder öffnete, um ihr wie gewöhnlich die Brust 
zu bieten. Sie stürzte sich mit Freude und voll Vertrauen ihr entgegen - 
aber oh Schreck! Statt die Wärme der Brust und die süße Milch zu finden 
schmeckte sie etwas ganz Abscheuliches: es war Senf! „Und," sagt Colette 
„mcM die Erinnerung an den schlechten Geschmack ist mir als peinlich 
zurückgeblieben, sondern die an das laute und boshafte Lachen der dicken 
Amme über meine Enttäuschung! Dieses Lachen ist es, was ich nicht ver- 
gessen kann. Sooft ich eine Enttäuschung erlebe, höre ich dieses Lachen!" 
Es ist nicht so sehr die materielle Tatsache - was liegt an einer mate- 
riellen Beschränkung solcher Art! - als die unbestimmt-affektive Atmo- 
sphäre, die das Kind am stärksten beeinflußt. Ich habe das Gefühl, daß diese 
Feststellung sehr wichtig ist; die Erzieher sollten niemals das eine ver- 
gessen: nicht nur was man dem Kind entzieht oder zugesteht, ist wichtig 
sondern die Art, wie man es tut! 

So muß man auch beim Entwöhnungstrauma vor allem die affektive Ent- 
wöhnung im Auge behalten. Dem Kind, dem die Mutterbrust entzogen wird 
wird auch die ganze Atmosphäre der Wärme, der wachsamen Aufmerksamkeit 
der Liebe entzogen; die Atmosphäre jener Mutterliebe, die das Kind zum 
Leben braucht wie die junge Pflanze das Sonnenlicht zum Wachsen. Denn 
vom Tag an an dem es aufhört, Säugling zu sein, ist es nicht mehr Gegen- 
stand jener Aufmerksamkeit und ständigen Sorge, mit der es vorher umgeben 
war. ° 

Gewiß man beschäftigt sich noch mit ihm, man liebt es nicht minder - 
aber das Kind spürt es nicht mehr wie früher. Überdies muß es oft in der- 
selben Periode gewahren, daß ein anderes Kind, ein Bruder oder eine 
Schwester nun jene Aufmerksamkeit genießt, von der es gedacht hat, daß 
sie nur ihm zukomme. Daher der Eindruck, daß man es vernachlässigt, daß 
man es um etwas bringt; vielleicht ist das die erste Liebesenttäuschung, die 
das Kind überwinden muß. Je heftiger diese Enttäuschung ist und je fester 
die Erinnerung daran sich einwurzelt, desto heftiger werden die anderen 
affektiven Enttäuschungen sein, denen es begegnen wird, denn die erste, 
grundlegende Enttäuschung kann durch alle späteren durchschimmern. Aber 
diese Enttäuschung, deren Wichtigkeit einem sehr alten Schriftsteller - dem 

Zeitschrift i. psa. Päd., XI/2 



130 s - Nacht 



heiligen Augustinus — nicht entgangen ist, kann auch die Liebesfähigkeit 
beeinflussen. Das Ersticken dieser Fähigkeit durch eine erste Enttäuschung 
kann das Individuum an sich selber ketten und es in einer Art fixieren, die 
man das narzißtische Stadium der Libido nennt. 

Man errät, welches Hindernis eine affektive Struktur vom narzißtischen 
Typ für die Anpassung bilden kann; hier genügt der Mensch sich selbst und 
tendiert dazu, die Realität zu negieren, wo sie ihm unbequem werden könnte. 

Laforgue, Codet und P i c h o n führen einige typische Charakter- 
vorzüge der Menschen auf die Schwierigkeiten der Entwöhnung zurück. Sie 
vertreten die Anschauung, daß ein gutes affektives Gleichgewicht von dem 
richtigen Verhältnis der kaptativen Fähigkeiten (Bedürfnis, zu nehmen und 
zu halten) und der oblativen Fähigkeiten (Hingabe) abhänge. 

Wir können uns nun einem späteren Abschnitt der kindlichen Entwicklung 
zuwenden, in dem das Kind eine entwickeltere Stufe seiner Libido erreicht — 
die genitale Stufe. Es sieht sich nun Schwierigkeiten ausgesetzt, die dem 
Familienleben entspringen. 

Die Familie ist im kleinen ein Bild der Gesellschaft. Es versteht sich von 
selbst, daß die Haltung, die das Kind gegenüber gewissen Schwierigkeiten 
und Verpflichtungen in der Familie einnimmt, auch der Erwachsene repro- 
duzieren wird. Die Schwierigkeiten, die das Kind in der Familie antrifft, 
rühren hauptsächlich von den Eltern her. Sie konkretisieren sich um das, was 
man den Ödipuskomplex nennt. Der Ödipuskomplex steht im Vordergrund des 
affektiven Lebens des Kindes im 4.-5. Lebensjahr, dort setzt er es gewaltigen 
Aufgaben aus. Die Art, wie es dem Kind gelingt, sie zu bewältigen, bestimmt 
zum Teil seine künftige Haltung in Bezug auf sein eigenes und das andere 
Geschlecht. Betrachten wir die Situation, in der sich der kleine Junge gegen- 
über seinem Vater befindet. 

Man weiß, welches Bedürfnis er empfindet, seinen Vater zu bewundern 
und zu lieben. Der Vater erscheint als der Starke, Mächtige, der alles lenkt, 
von dem alles im Hause abhängt, der für alles sorgt und auf dem alles beruht. 

Aber es kommt ein Zeitpunkt, in dem dieses natürliche Bedürfnis der 
Liebe und Bewunderung gestört und beeinträchtigt wird. Das ist der Moment, 
wo der Junge wahrnimmt, daß sein Vater zwischen seiner Mutter und ihm 
ein Hindernis, mehr noch, ein Rivale, ein Konkurrent ist. Ein umso mehr 
beachtlicher und störender Konkurrent, als er mit allem ausgestattet ist, was 
die Bewunderung und den Neid des Kindes erweckt und was zudem das 
Kind selbst nicht besitzt. Der Vater versperrt also den Weg zur Mutter. 

Gewiß braucht das Kind in diesem Alter die Mutter weniger als in den 
allerersten Jahren, aber es braucht sie doch noch. Andererseits wird die 
Situation dadurch erschwert und bekommt dadurch ihre besondere Tragweite, 
daß sich der Mutter die ersten sexuellen Regungen, die ersten Liebeswünsche 
des Kindes zugewendet haben. 

Man versteht die Situation des Kindes, das sieh vor einem Vater sieht, den 
es liebt und bewundert, für den es aber ein Feind geworden ist. Die Aggres- 
sivität, der Haß, der Wunsch, ihn auszuschalten, ihn zu beseitigen, um seinen 
Platz bei der Mutter einzunehmen, wird umso schwerer ertragen, als dieses 



Die soziale Anpassung d. Kindes v. Standpunkt d. Psych oanalyse 131 

Gefühl mit dem der Liebe, der Bewunderung und der Unterwerfung unver- 
einbar ist. Merken wir uns, diese so ambivalenten Gefühle sind nicht 
nur normal und natürlich, sie sind geradezu für die psychosexuelle Entwick- 
lung des Kindes notwendig. Es muß seinen Vater lieben und bewundern um 
selbst die Eigenschaften auszubilden, die es an ihm bemerkt; aber es ist für 
das Kind auch notwendig, daß es von Auflehnung (Aggressivität) gegen ihn 
erfüllt wird, denn nur so entsteht jene gewisse Kampflust, die gleichermaßen 
für seine künftige Männlichkeit unentbehrlich ist. 

Alles hängt von einem gewissen Gleichgewicht zwischen diesen gegen- 
sätzlichen Kräften ab; und davon, wie das Kind damit fertig wird, wie es 
sie untereinander wieder versöhnt und den Konflikt löst. Zuviel Aggres- 
sivität kann sich - als Schuldbewußtsein - gegen das Kind selbst zurück- 
wenden. Zu starke Unterwerfung infolge einer zu großen Stauung der 
Aggressivität kann das Kind zu einem zu passiven Verhalten bestimmen, 
das wiederum mit normaler Männlichkeit nicht vereinbar ist. Häufiger als 
diese ist jene Lösung des männlichen Ödipuskomplexes, bei der der Knabe 
der die Aggressivität gegen den Vater nicht zu ertragen wagt oder zu er- 
tragen nicht imstande ist, sich mit der Mutter identifiziert; auf diese Art 
entrinnt er der Furcht vor dem Vater und besitzt in gewissem Sinn die 
Mutter. Aber da er sich mit ihr identifiziert, wird er gezwungenermaßen eine 
Haltung der Passivität einnehmen, die bei ihm, wenn nicht eine manifeste so 
doch eine latente Homosexualität hervorrufen kann. Er wird später als Mann 
wahrscheinlich durch feminine Züge und Neigungen auffallen und durch sie 
sehr gestört sein. 

Wie aber kann nun der Junge unversehrt aus diesem Konflikt hervor- 
gehen? Anders gesagt, wie kann er die Tendenzen, die aus ihm ein männ- 
liches Wesen machen sollen, bewahren - und sie dabei doch beherrschen? 
Normalerweise findet die Psyche eine Lösung dieses Konfliktes auf folgende 
Art: Das Kind fügt sich den Verboten und Beschränkungen, die vom Vater 
kommen, ermäßigt seine eigenen Triebwünsche durch Verdrängung soweit 
daß es sich mit dem Vater identifizieren kann. Damit bahnt sich die Bildung 
einer neuen psychischen Instanz, die man das Uber-Ich nennt, an. 

Das Über-Ich, das in gewissem Sinn der Erbe aller äußeren Gebote und 
Verbote geworden ist, nimmt seinerseits den Charakter eines Sittenrichters 
an Infolgedessen kommen die Anlässe zu den Verdrängungen nicht mehr von 
außen, sondern von innen, und werden daher eher hingenommen. So hat sich 
das Kind seinen eigenen Richter geschaffen, es unterwirft sich der Realität, 
aberkennt sie als stärker — paßt sich an. 

7 j D i i .! Ser Pr0zeß ist normalerweise durch einen Vorgang allgemeinerer 
Identifizierung mit den Eltern erleichtert. Die Rolle der Identifizierung ist 
für die Zukunft des Kindes sehr wichtig, denn manchmal bedingt sie allein ein 
gutes seelisches Gleichgewicht und damit die Möglichkeiten der Anpassung 
Durch die Identifizierung mit dem Vater akzeptiert der Junge vollständig 
und affektiv sein Bild als das Ideal der Männlichkeit, d. h. er stimmt zu sich 
nach seinem Bilde zu formen, er erlaubt sich selbst, Initiative, Mut und Kraft 
zu entwickeln, ohne Furcht, schlecht zu handeln. Das bedeutet auch, daß er 



L 



später fähig sein wird, so zu handeln wie sein Vater, selbst ein Mann zu sein 
wie sein Vater, und das, ohne sich Vorwürfe zu machen, ohne Schuldgefühl. 

Ein glückliche Lösung dieses Konflikts mit dem Vater erleichtert später 
die sozialen Beziehungen enorm. Denn das Kind, das diesen Kampf mit dem 
Vater erfolgreich durchgeführt hat, entwickelt in sich nicht nur die aktiven 
Eigenschaften der Männlichkeit, sondern auch die passiven Eigenschaften, 
die für einen guten Kontakt mit der Wirklichkeit, also für eine gute An- 
passung, ebenso sehr nötig sind. Ein normal gelöster Konflikt mit dem Vater 
erlaubt eine normale freiwillige Unterwerfung unter die Autorität. 

Aber diese Unterwerfung ist nicht mehr unvereinbar mit der Männlichkeit 
— wie sie es wäre, wenn ein starker Druck sie erzeugt hätte. Nein, sie wird 
als notwendig für die Männlichkeit selbst hingenommen, und insofern ist sie 
normal. Die männliche Persönlichkeit ist imstande, ihren Kräften — in ihren 
Schranken — freien Lauf zu lassen. Die starke — ihrer selbst sichere — 
Persönlichkeit unterwirft sich einer größeren Kraft, ohne zu leiden, ohne 
also als Reaktion revoltieren zu müssen. Der Gendarm, der Staat, die Autorität 
im allgemeinen sind für unser Unbewußtes Substitute der Vaterimago. Hier- 
aus ist es leicht verständlich, daß sie bei uns dieselben Reaktionen auslösen 
wie die väterliche Autorität. Unsere Haltung gegenüber der Autorität wird 
notwendigerweise durch die Spuren des Vaterkomplexes beeinflußt sein. 

Kommen wir jetzt auf die Frage des Über-Ichs zurück. 

Es ist eine Banalität, daß die Erzieher bei ihren Bemühungen ständig an 
die moralischen Gefühle der Kinder appellieren, wenn solche existieren, und 
im anderen Fall sie hervorzurufen und zu entwickeln trachten. Nun haben 
wir gerade gesehen, daß das Kind, das seine Ödipussituation überwindet, sich 
um eine neue psychische Instanz bereichert, ein Über-Ich entwickelt, das 
eigentlich den elementaren Kern seiner moralischen Persönlichkeit darstellt. 
Das Über-Ich gestattet oder verbietet die eine oder die andere unbewußte 
Triebregung. Das Über-Ich regelt die immer so schwierigen Beziehungen 
zwischen dem Ich, der bewußten Schicht der Psyche (das die Verbindung 
zur äußeren Realität unterhält) und dem Es, dem Unbewußten. 

Es ist von großer Wichtigkeit, daß das Über-Ich sich nicht nach dem Bilde 
zu strenger Eltern oder Erzieher formt — denn da kann es ein wahrer Henker 
für das Ich werden — noch auch nach dem Muster zu großer Nachsicht, denn 
da hätte das Ich keine Widerstandskraft gegen die unbewußten Regungen. 
Die alten Erziehungskonzeptionen stützten sich zu sehr auf Druckmittel. Muß 
man nun nichts unterdrücken und alles erlauben? Daran ist nicht zu denken. 

Wir denken, daß im Lichte dessen, was wir über die Bildung und die 
Rolle des Über-Ichs wissen, Anstrengungen notwendig erscheinen, das Kind 
dahin zu bringen, daß es die Forderungen der Realität annimmt, daß es von 
sich aus auf gewisse Triebbefriedigungen verziehtet — und das dank der 
affektiven Übertragung der Gefühle auf die Erzieher. 

Die beste Art, einem Kind eine gute Anpassung zu sichern, wäre, dies 
durch die Liebe zu erzielen, die es für die Menschen, die es umgeben, emp- 
findet oder empfinden sollte; die beste Strafe wäre dann die des Liebes- 
entzuges. 



Psydiisdie Behandlung (Seelenbehandlung) 
Von Sigm. Freud, Wien 

Aus dem im Jahre i 9 o; erschienenen Sammelwerk „Die Gesund- 
heit ihre Erhaltung, ihre Störungen, ihre Wiederherstellung«, heraus- 
gegeben von Prof. Dr. R. Äoßmann in Berlin und Priv. Doz. Dr 

n I?J*t mm ' bri " gm Wir mÜ Erlaub ™ *es Verlags Union 
Deutsche Verlagsgesellschaft, Stuttgart, folgenden Benrag von Prof. 
*reud; er ist in den bisher erschienenen 12 Bänden der „Go 
sammelten Schriften« noch nicht aufgenommen. 

Sel7tllt h ^ 8T '7t iS t 8 W ° rt Und l9Utet in deUtscher Versetzung 
Man könnt« ) Behandlung heißt demnach S e e 1 e n b e h an d lu n g 

ktn k ha?t en E l"*' "f darUDter VerStanden ™ d: Behandlung der 
tZäZsWoliTT 8 ?- *? ^ eelenlebens - Di es ist aber nicht die Beden- 
Svlw ^^ Behandlung will vielmehr besagen: Behand- 
- Sil Mi tel welcT' ^.Tr 8 ~ SeeliSCher ° der ^rperlicher Störungen 
«chen «1 ZUnaChSt UDd Unmittel bar auf das Seelische des mL 

wJSÄ'SJS 't 1St V °, r all6m daS W ° rt ' UDd Worte ^ •»* das 
wesentliche Handwerkszeug der Seelenbehandlung. Der Laie wird es wohl 

ltre1u r nS4 nd f, d 1 krankhafte StÖrUng6n ^a Lr;; u d de" 

öeeie durch bloße Worte des Arztes beseitigt werden sollen. Er wird meinen 
mau mute Arn zu, an Zauberei zu glauben. Er hat damit nicht s unr ch"' 

E I" ; ab U e n r S rweS iChen ^ ^ ^^^ ^^ alS ^^blaßter Za^e ! 
stLIlh notwendl e «ein, einen weiteren Umweg einzuschlagen, um ver- 

stand hch zu machen, wie die Wissenschaft es anstellt, dem Worte wenig 
stens einen Teil seiner früheren Zauberkraft wiederzugeben g 

Auch die wissenschaftlich geschulten Ärzte haben den Wert der Seelen 
behandlung erst in neuerer Zeit schätzen gelernt. Dies erklär 1h YeicS 
dertXh'e f 11 ^.^sgang der Medizin im letzten S„£JSÖ 
denkt. Nach einer ziemlich unfruchtbaren Zeit der Abhängigkeit von d P r 
sogenannten Naturphilosophie hat die Medizin unter dem ^glüSfehen ifS 
der Naturwissenschaften die größten Fortschritte als Wissenschaft w e als 

heite S S ( e drz;i^ AUfbaU ?? ^^ ™ «^-hSSÄTÄ 
tionen\ S t ^gründet, die einzelnen Lebensverrichtungen (Funk- 

grei aren Verätf ?""?'* ^^ ^^ die *- ™* 

greiibaren Veränderungen der Körperteile, welche Folgen der verschiedenen 
Krank hel sindi unterschiedenj anderseitg « zZZnf^Z 

raten hTt tlT "• ^T^ Krankheitsvorgänge noch an Lebenden vS 
«n mit Hilfe de. TT * ÄW f "" belebtM1 K -nkheitserreger entdeckt 

Pil « neugewonnenen Einsichten die Gefahren schwerer operativer 

Eingriffe ganz außerordentlich herabgesetzt. Alle diese Fortschritte und Ent 
d ckung en betrafen das Leibliche des Menschen, und so kam es "folge efner 
mcht richtigen, aber leicht begreiflichen Urteilsrichtung dazu, daß die i ZI 



134 Sigm. Freud 



ihr Interesse auf das Körperliche einschränkten und die Beschäftigung mit 
dem Seelischen den von ihnen mißachteten Philosophen gerne überließen. 

Zwar hatte die moderne Medizin genug Anlaß, den unleugbar vorhandenen 
Zusammenhang zwischen Körperlichem und Seelischem zu studieren, aber 
dann versäumte sie niemals, das Seelische als bestimmt durch das Körper- 
liche und abhängig von diesem darzustellen. So wurde hervorgehoben, daß 
die geistigen Leistungen an das Vorhandensein eines normal entwickelten 
und hinreichend ernährten Gehirns gebunden sind und bei jeder Erkrankung 
dieses Organs in Störungen verfallen; daß die Einführung von Giftstoffen in 
den Kreislauf gewisse Zustände von Geisteskrankheit zu erzeugen gestattet, 
oder im Kleinen, daß die Träume des Schlafenden je nach den Reizen ver- 
ändert werden, welche man zum Zwecke des Versuches auf ihn einwirken 
läßt. 

Das Verhältnis zwischen Leiblichem und Seelischem (beim Tier wie 
beim Menschen) ist eines der Wechselwirkung, aber die andere Seite dieses 
Verhältnisses, die Wirkung des Seelischen auf den Körper, fand in früheren 
Zeiten wenig Gnade vor den Augen der Ärzte. Sie schienen es zu scheuen, 
dem Seelenleben eine gewisse Selbständigkeit einzuräumen, als ob sie damit 
den Boden der Wissenschaftlichkeit verlassen würden. 

Diese einseitige Richtung der Medizin auf das Körperliche hat in den 
letzten anderthalb Jahrzehnten allmählich eine Änderung erfahren, welche 
unmittelbar von der ärztlichen Tätigkeit ausgegangen ist. Es gibt nämlich 
eine große Anzahl von leichter und schwerer Kranken, welche durch ihre 
Störungen und Klagen große Anforderungen an die Kunst der Ärzte stellen, 
bei denen aber sichtbare und greifbare Zeichen des Krankheitsprozesses weder 
im Leben noch nach dem Tode aufzufinden sind, trotz aller Fortschritte in 
den Untersuchungsmethoden der wissenschaftlichen Medizin. Eine Gruppe 
dieser Kranken wird durch die Reichhaltigkeit und Vielgestaltigkeit des 
Krankheitsbildes auffällig; sie können nicht geistig arbeiten infolge von 
Kopfschmerz oder von Versagen der Aufmerksamkeit, ihre Augen schmerzen 
beim Lesen, ihre Beine ermüden beim Gehen, sind dumpf schmerzhaft oder 
eingeschlafen, ihre Verdauung ist gestört durch peinliche Empfindungen, 
Aufstoßen oder Magenkrämpfe, der Stuhlgang erfolgt nicht ohne Nachhilfe, 
der Schlaf ist aufgehoben usw. Sie können alle diese Leiden gleichzeitig haben 
oder nacheinander oder nur eine Auswahl derselben; es ist offenbar in allen 
Fällen dieselbe Krankheit. Dabei sind die Zeichen der Krankheit oftmals 
veränderlicher Art, sie lösen einander ab und ersetzen einander; derselbe 
Kranke, der bisher leistungsunfähig war wegen Kopfschmerzen, aber eine 
ziemlich gute Verdauung hatte, kann am nächsten Tag sich eines freien 
Kopfes erfreuen, aber von da an die meisten Speisen schlecht vertragen. 
Auch verlassen ihn seine Leiden plötzlich bei einer eingreifenden Veränderung 
seiner Lebensverhältnisse; auf einer Reise kann er sich ganz wohl fühlen 
und die verschiedenartigste Kost ohne Schaden genießen, nach Hause zurück- 
gekehrt muß er sich vielleicht wieder auf Sauermilch einschränken. Bei 
einigen dieser Kranken kann die Störung — ein Schmerz oder eine lähmungs- 
artige Schwäche — sogar plötzlich die Körperseite wechseln, von rechts auf 



Psychische Behandlung (Seelenbehandlung) 135 



das entsprechende Körpergebiet links überspringen. Bei allen aber kann 
man die Beobachtung machen, daß die Leidenszeichen sehr deutlich unter dem 
Einfluß von Aufregungen, Gemütsbewegungen, Sorgen usw. stehen, sowie 
daß sie verschwinden, der vollen Gesundheit Platz machen können ohne 
selbst nach langem Bestand Spuren zu hinterlassen. 

Die ärztliche Forschung hat endlich ergeben, daß' solche Personen nicht 
als Magenkranke oder Augenkranke u. dgl. zu betrachten und zu behandeln 
Bind, sondern daß es sich bei ihnen um ein Leiden des gesamten Nerven- 
systems handeln muß. Die Untersuchung des Gehirnes und der Nerven solcher 
Kranker hat aber bisher keine greifbare Veränderung auffinden lassen, und 
manche Züge des Krankheitsbildes verbieten sogar die Erwartung, daß man 
solche Veränderungen, wie sie imstande wären, die Krankheit zu erklären 
ernst mit feineren Untersuchungsmitteln werde nachweisen können Man 
hat diese Zustände Nervosität (Neurasthenie, Hysterie) genannt und bezeichnet 
sie als bloß „funktionelle" Leiden des Nervensystems. (Vgl. Bd. II, X. Ab- 
schnitt, 4. Kapitel. 1 ) Übrigens ist auch bei vielen beständigeren nervösen 
Leiden und bei solchen, die nur seelische Krankheitszeichen ergeben (soge- 
nannte Zwangsideen, Wahnideen, Verrücktheit), die eingehende Untersuchung 
des Gehirns (nach dem Tode des Kranken) ergebnislos geblieben 

Es trat die Aufgabe an die Ärzte heran, die Natur und Herkunft der 
Krankheitsäußerungen bei diesen Nervösen oder Neurotikern zu untersuchen 
Dabei wurde dann die Entdeckung gemacht, daß wenigstens bei einem Teil 
dieser Kranken die Zeichen des Leidens von nichts anderem herrühren als 
von einem veränderten Einfluß ihres Seelenlebens auf 
ihren K r p e r, daß also die nächste Ursache der Störung im Seelischen 
zu suchen ist. Welches die entfernteren Ursachen jener Störung sind, von der 
das Seelische betroffen wurde, das nun seinerseits auf das Körperliche störend 
einwirkt, das ist eine andere Frage und kann hier füglich außer Betracht 
gelassen werden. Aber die ärztliche Wissenschaft hatte hier die Anknüpfung 
gefunden, um der bisher vernachläßigten Seite in der Wechselbeziehung 
zwischen Leib und Seele ihre Aufmerksamkeit im vollen Maße zuzuwenden 
Erst wenn man das Krankhafte studiert, lernt man das Normale verstehen 
Über den Einfluß des Seelischen auf den Körper war vieles immer bekannt 
gewesen, was erst jetzt in die richtige Beleuchtung rückte. Das alltäglichste, 
regelmäßig und bei jedermann zu beobachtende Beispiel von seelischer Ein- 
wirkung auf den Körper bietet der sogenannte „AusdruckderGemüts- 
bewegunge n". Fast alle seelischen Zustände eines Menschen äußern sieh 
m den Spannungen und Erschlaffungen seiner Gesichtsmuskeln, in der Ein- 
stellung seiner Augen, der Blutfüllung seiner Haut, der Inanspruchnahme 
seines Stimmapparates und in den Haltungen seiner Glieder, vor allem der 
Hände. Diese begleitenden körperlichen Veränderungen bringen dem Be- 
treffenden meist keinen Nutzen, sie sind im Gegenteil oft seinen Absichten im 
Wege, wenn er seine Seelenvorgänge vor Anderen verheimlichen will, aber 
sie dienen den Anderen als verläßliche Zeiche n, aus denen man auf die 

») Anm. d. Red.: Hier wird auf den 2. Band des Gesamtwerks „Die Gesund- 
heit verwiesen. 



136 Sigm. Freud 



seelischen Vorgänge schließen kann, und denen man mehr vertraut als den 
etwa gleichzeitigen absichtlichen Äußerungen in Worten. Kann man einen 
Menschen während gewisser seelischer Tätigkeiten einer genaueren Unter- 
suchung unterziehen, so findet man weitere körperliche Folgen derselben in 
den Veränderungen seiner Herztätigkeit, in dem Wechsel der Blutverteilung 
in seinem Körper u. dgl. 

Bei gewissen Seelenzuständen, die man „Affekt e" heißt, ist die Mit- 
beteiligung des Körpers so augenfällig und so großartig, daß manche Seelen- 
forscher sogar gemeint haben, das Wesen der Affekte bestehe nur in diesen 
ihren körperlichen Äußerungen. Es ist allgemein bekannt, welch außerordent- 
liche Veränderungen im Gesichtsausdruck, im Blutumlauf, in den Absonde- 
rungen, in den Erregungszuständen der willkürlichen Muskeln, unter dem 
Einfluß z. B. der Furcht, des Zornes, des Seelenschmerzes, des geschlecht- 
lichen Entzückens zustande kommen. Minder bekannt, aber vollkommen sicher- 
gestellt sind andere körperliche Wirkungen der Affekte, die nicht mehr zum 
Ausdruck derselben gehören. Anhaltende Affektzustände von peinlicher oder, 
wie man sagt, „depressiver" Natur wie Kummer, Sorge und Trauer, setzen die 
Ernährung des Körpers im ganzen herab, verursachen, daß die Haare bleichen, 
das Fett schwindet und die Wandungen der Blutgefäße krankhaft verändert 
werden. Umgekehrt sieht man unter dem Einfluß freudiger Erregungen, des 
„Glückes", den ganzen Körper aufblühen und die Person manche Kennzeichen 
der Jugend wiedergewinnen. Die großen Affekte haben offenbar viel mit der 
Widerstandsfähigkeit gegen Erkrankung an Ansteckungen zu tun; es ist ein 
gutes Beispiel davon, wenn ärztliche Beobachter angeben, daß die Geneigtheit 
zu den Lagererkrankungen und zur Kuhr (Dysenterie) bei den Angehörigen 
einer geschlagenen Armee sehr viel bedeutender ist als unter den Siegern. 
Die Affekte, und zwar fast ausschließlich die depressiven, werden aber auch 
häufig genug selbst zu Krankheitsursachen sowohl für Krankheiten des 
Nervensystems mit anatomisch nachweisbaren Veränderungen als auch für 
Krankheiten anderer Organe, wobei man anzunehmen hat, daß die betreffende 
Person eine bis dahin unwirksame Eignung zu dieser Krankheit schon vorher 
besessen hat. 

Bereits ausgebildete Krankheitszustände können durch stürmische Affekte 
sehr erheblich beeinflußt werden, meistens im Sinne einer Verschlechterung, 
aber es fehlt auch nicht an Beispielen dafür, daß ein großer Schreck, ein 
plötzlicher Kummer durch eine eigentümliche Umstimmung des Organismus 
einen gut begründeten Krankheitszustand heilsam beeinflußt oder selbst auf- 
gehoben hat. Daß endlich die Dauer des Lebens durch depressive Affekte 
erheblich abgekürzt werden kann, sowie daß ein heftiger Schreck, eine 
brennende „Kränkung" oder Beschämung dem Leben ein plötzliches 
Ende setzen kann, unterliegt keinem Zweifel; merkwürdigerweise wird 
letztere Wirkung auch mitunter als Folge einer unerwarteten großen Freude 
beobachtet. 

Die Affekte im engeren Sinne sind durch eine ganz besondere Beziehung 
zu den körperlichen Vorgängen ausgezeichnet, aber streng genommen sind" 
alle Seelenzustände, auch diejenigen, welche wir als „Denkvorgänge" zu be- 



Psychische Behandlung (Seelenbehandlung) 137 



trachten gewohnt sind, in gewissem Maße „affektiv", und kein einziger 
Ton ihnen entbehrt der körperlichen Äußerungen und der Fähigkeit, körper- 
hohe Vorgänge zu verändern. Selbst beim ruhigen Denken in „Vorstellungen" 
werden dem Inhalt dl eser Vorstellungen entsprechend beständig Erregungen 
zu den glatten und gestreiften Muskeln abgeleitet, welche durch geeignete 
Verstärkung deutlich gemacht werden können und die Erklärung für manche 
auffällige, 3a vermeintlich „übernatürliche" Erscheinungen geben. So z B 

D nwmL S r\ M "°f B T nte " Ged ^k^er raten" durch die kleinen,' 
unwmkurhchen Muskelbewegungen, die das „Medium" ausführt, wenn man 
nut ihm Versuche anstellt, etwa sich von ihm leiten läßt, um einen versteckten 
Gegenstand aufzufinden. Die ganze Erscheinung verdient eher den Namen 
eines uedankenverratens. 

«***£ T° r f -fr f S ^ ill6nS UDd d6r Auf ™rksamkeit sind gleichfalls im- 
KraiL ! 6 ! t -^ ^^ ** ZU beeMlu ^n Und bei körperlichen 

Krankheiten als Forderer oder als Hemmungen eine große Rolle zu spielen. 
Ein großer enghcher Arzt hat von sich berichtet, daß es ihm gelingt, an jeder 
Korperstelle, auf die er seine Aufmerksamkeit lenken will, mannigfache 
Empfindungen und Schmerzen hervorzurufen, und die Mehrzahl der Menschen 
scheint sich ähnlich wie er zu verhalten. Bei der Beurteilung von Schmerzen 
die man sonst zu den körperlichen Erscheinungen rechnet, ist überhaupt deren 
überaus deuhche Abhängigkeit von seelischen Bedingungen in Betracht zu 
zieheu. Die Laien, welche solche seelische Einflüsse gerne unter dem Namen 
der „Einbildung zusammenfassen, pflegen vor Schmerzen infolge von Ein- 
bildung im Gegensatz zu den durch Verletzung, Krankheit oder Entzündung 
verursachten wenig Respekt zu haben. Aber das ist ein offenbares unrecht 
mag die Ursache von Schmerzen welche immer sein, auch die Einbildung, die 
Sehmerzen selbst sind darum nicht weniger wirklich und nicht weniger heftig 
Wie Schmerzen durch Zuwendung der Aufmerksamkeit erzeugt oder ge- 
steigert werden so schwinden sie auch bei Ablenkung der Aufmerksamkeit. 
Bei jedem Kmd kann man diese Erfahrung zur Beschwichtigung verwerten- 
der erwachsene Krieger verspürt den Schmerz der Verletzung nicht im fieber- 
haften Eifer des Kampfes; der Märtyrer wird sehr wahrscheinlich in der 
tberhitzung seines religiösen Gefühls, in der Hinwendung all seiner Ge- 
danken auf den ihm winkenden himmlischen Lohn vollkommen unempfindlich 
gegen den Schmerz seiner Qualen. Der Einfluß des Willens auf Krankheits- 
vorgange des Körpers ist weniger leicht durch Beispiele zu belegen, es ist 
aber sehr wohl möglich, daß der Vorsatz, gesund zu werden, oder der Wille 
zu sterben, selbst für den Ausgang schwerer und zweifelhafter Erkrankung^ 
lalle nicht ohne Bedeutung ist. 

Den größten Anspruch an unser Interesse hat der seeliche Zustand der 
Erwartung, mittels dessen eine Reihe der wirksamsten seelischen Kräfte 
für Erkrankung und Genesung von körperlichen Leiden rege gemacht werden 
können Die ä n gs 1 1 i c h e Erwartung ist gewiß nichts Gleichgültiges für 
den Erfolg; es wäre wichtig, mit Sicherheit zu wissen, ob sie so viel für das 
Krankwerden leistet, als man ihr zutraut, ob es z. B. auf Wahrheit beruht, 
daß während der Herrschaft einer Epidemie diejenigen am ehesten gefährdet 



138 Sigm. Freud 



sind, die zu erkranken fürchten. Der gegenteilige Zustand, die hoffnungsvolle 
und gläubige Erwartung ist eine wirkende Kraft, mit der wir streng 
genommen bei allen unseren Behandlungs- und Heilungsversuchen zu rechnen 
haben. Wir könnten uns sonst die Eigentümlichkeiten der Wirkungen, die wir 
an den Medikamenten und Heileingriffen beobachten, nicht erklären. Am greif- 
barsten wird aber der Einfluß der gläubigen Erwartung bei den 
sogenannten Wunderheilungen, die sich noch heute unter unseren Augen 
ohne Mitwirkung ärztlicher Kunst vollziehen. Die richtigen Wunderheilungen 
erfolgen bei Gläubigen unter dem Einfluß von Veranstaltungen, welche ge- 
eignet sind, die religiösen Gefühle zu steigern, also an Orten, wo ein 
wundertätiges Gnadenbild verehrt wird, wo eine heilige oder göttliche Person 
sich den Menschenkindern gezeigt und ihnen Linderung als Entgelt für 
Anbetung versprochen hat, oder wo die Reliquien eines Heiligen als Schatz 
aufbewahrt werden. Es scheint dem religiösen Glauben allein nicht leicht zu 
werden, auf dem Wege der Erwartung die Krankheit zu verdrängen, denn 
bei den Wunderheilungen sind meist noch andere Veranstaltungen mit im 
Spiele. Die Zeiten, zu denen man die göttliche Gnade sucht, müssen durch 
besondere Beziehungen ausgezeichnet sein; körperliche Mühsal, die sieh der 
Kranke auferlegt, die Beschwerden und Opfer der Pilgerfahrt müssen ihn für 
diese Gnade besonders würdigen. 

Es wäre bequem, aber sehr unrichtig, wenn man diesen Wunderheilungen 
einfach den Glauben verweigern und die Berichte über sie durch Zusammen- 
treffen von frommem Betrug und ungenauer Beobachtung aufklären wollte. 
So oft dieser Erklärungsversuch auch recht haben mag, er hat doch nicht die 
Kraft, die Tatsache der Wunderheilungen überhaupt wegzuräumen. Diese 
kommen wirklich vor, haben sich zu allen Zeiten ereignet und betreffen nicht 
nur Leiden seelischer Herkunft, die also ihre Gründe in der „Einbildung" 
haben, auf welche gerade die Umstände der Wallfahrt besonders wirken 
können, sondern auch „organisch" begründete Krankheitszustände, die vorher 
allen ärztlichen Bemühungen widerstanden hatten. 

Doch liegt keine Nötigung vor, zur Erklärung der Wunderheilungen andere 
als seelische Mächte heranzuziehen. Wirkungen, die für unsere Erkenntnis 
als unbegreiflich gelten könnten, kommen auch unter solchen Bedingungen 
nicht zum Vorschein. Es geht alles natürlich zu; ja die Macht der religiösen 
Gläubigkeit erfährt hier eine Verstärkung durch mehrere echt menschliche 
Triebkräfte. Der fromme Glaube des einzelnen wird durch die Begeisterung 
der Menschenmenge gesteigert, in deren Mitte er sich dem heiligen Ort zu 
nähern pflegt. Durch solche Massenwirkung können alle seelischen Regungen 
des einzelnen Menschen ins Maßlose gehoben werden. Wo ein einzelner die 
Heilung am Gnadenorte sucht, da ist es der Ruf, das Ansehen des Ortes, 
welche den Einfluß der Menschenmenge ersetzt, da kommt also doch wieder 
nur die Macht der Menge zur Wirkung. Dieser Einfluß macht sich auch noch 
auf anderem Wege geltend. Da es bekannt ist, daß die göttliche Gnade sich 
stets nur einigen wenigen unter den vielen um sie Werbenden zuwendet, 
möchte jeder unter diesen Ausgezeichneten und Ausgewählten sein; der in 
jedem einzelnen schlummernde Ehrgeiz kommt der frommen Gläubigkeit zu 



Psychische Behandlung (Seelenbehandlung) j 39 



Hilfe. Wo so viel starke Kräfte zusammenwirken, dürfen wir uns nicht 
wundern, wenn gelegentlich das Ziel wirklich erreicht wird. 

Auch die religiös Ungläubigen brauchen auf Wunderheilungen nicht zu 
verzichten. Das Ansehen und die Massenwirkung ersetzen ihnen vollauf den 
religiösen Glauben. Es gibt jederzeit Modekuren und Modeärzte, die besonders 
die vornehme Gesellschaft beherrschen, in welcher das Bestreben, es einander 
zuvorzutun und es den Vornehmsten gleichzutun, die mächtigsten seelischen 
Triebkräfte darstellen. Solche Modekuren entfalten Heilwirkungen, die nicht 
in ihrem Machtbereich gelegen sind, und die nämlichen Mittel leisten in der 
Hand des Modearztes, der etwa als der Helfer einer hervorragenden Persön- 
lichkeit bekannt geworden ist, weit mehr, als sie anderen Ärzten leisten 
können. So gibt es menschliche Wundertäter ebenso wie göttliche; nur nützen 
sich diese von der Gunst der Mode und der Nachahmung zu Ansehen erhobenen 
Menschen rasch ab, wie es der Natur der für sie wirkenden Mächte entspricht. 
Die begreifliche Unzufriedenheit mit der oft unzulänglichen Hilfe der 
ärztlichen Kunst, vielleicht auch die innere Auflehnung gegen den Zwang 
des wissenschaftlichen Denkens, welcher dem Menschen die Unerbittlichkeit 
der Natur widerspiegelt, haben zu allen Zeiten und in unseren Tagen von 
neuem eine merkwürdige Bedingung für die Heilkraft von Personen und 
Mitteln geschaffen. Die gläubige Erwartung will sich nur herstellen, wenn 
der Helfer kein Arzt ist und sich rühmen kann, von der wissenschaftlichen 
Begründung der Heilkunst nichts zu verstehen, wenn das Mittel nicht durch 
genaue Prüfung erprobt, sondern etwa durch eine volkstümliche Vorliebe 
empfohlen ist. Daher die Überfülle von Naturheilkünsten und Naturheil- 
künstlern, die auch jetzt wieder den Ärzten die Ausübung ihres Berufes 
streitig machen, und von denen wir wenigstens mit einiger Sicherheit aus- 
sagen können, daß sie den Heilung Suchenden weit öfter schaden als nützen. 
Piaben wir hier Grund, auf die gläubige Erwartung der Kranken zu schelten, 
so dürfen wir doch nicht so undankbar sein, zu vergessen, daß die nämliche 
Macht unausgesetzt auch unsere eigenen ärztlichen Bemühungen unterstützt. 
Die Wirkung wahrscheinlich eines jeden Mittels, das der Arzt verordnet, 
eines jeden Eingriffes, den er vornimmt, setzt sich aus zwei Anteilen zusam- 
men. Den einen, der bald größer, bald kleiner, niemals ganz zu vernach- 
lässigen ist, stellt das seelische Verhalten des Kranken bei. Die gläubige 
Erwartung, mit welcher er dem unmittelbaren Einfluß der ärztlichen Maßregel 
entgegenkommt, hängt einerseits von der Größe seines eigenen Strebens 
nach Genesung ab, anderseits von seinem Zutrauen, daß er die richtigen 
Schritte dazu getan, also von seiner Achtung vor der ärztlichen Kunst über- 
haupt, ferner von der Macht, die er der Person seines Arztes zugesteht, und 
selbst von der rein menschlichen Zuneigung, welche der Arzt in ihm erweckt 
hat. Es gibt Ärzte, denen die Fähigkeit, das Zutrauen der Kranken zu ge- 
winnen, in höherem Grade eignet als anderen; der Kranke verspürt die 
Erleichterung dann oft bereits, wenn er den Arzt in sein Zimmer kommen 
sieht. 

Die Ärzte haben von jeher, in alten Zeiten noch viel ausgiebiger als heute, 
Seelenbehandlung ausgeübt. Wenn wir unter Seelenbehandlung verstehen die 



140 



Sigm. Freud 



Bemühung, beim Kranken die der Heilung günstigsten seelischen Zustände 
und Bedingungen hervorzurufen, so ist diese Art ärztlicher Behandlung die ge- 
schichtlich älteste. Den alten Völkern stand kaum etwas anderes als psychische 
Behandlung zu Gebote; sie versäumten auch nie, die Wirkung von Heil- 
tränken und Heilmaßnahmen durch eindringliche Seelenbehandlung zu unter- 
stützen. Die bekannten Anwendungen von Zauberformeln, die Reinigungs- 
bäder, die Hervorlockung von Orakelträumen durch den Schlaf im Tempel- 
raum u. a. können nur auf seelischem Wege heilend gewirkt haben. Die 
Persönlichkeit des Arztes selbst schuf sich ein Ansehen, das sieh direkt von 
der göttlichen Macht ableitete, da die Heilkunst in ihren Anfängen in den 
Händen der Priester war. So war die Person des Arztes damals wie heute 
einer der Hauptumstände zur Erzielung des für die Heilung günstigen Seelen- 
zustandes beim Kranken. 

Wir beginnen nun auch den „Zauber" des Wortes zu verstehen. Worte 
sind ja die wichtigsten Vermittler für den Einfluß, den ein Mensch auf den 
anderen ausüben will; Worte sind gute Mittel, um seelische Veränderungen 
bei dem hervorzurufen, an den sie gerichtet werden, und darum klingt es 
nicht länger rätselhaft, wenn behauptet wird, daß der Zauber des Wortes 
Krankheitserscheinungen beseitigen kann, zumal solche, die selbst in seeli- 
schen Zuständen begründet sind. 

Allen seelischen Einflüssen, welche sieh als wirksam zur Beseitigung von 
Krankheiten erwiesen haben, haftet etwas Unberechenbares an. Affekte, Zu- 
wendung des Willens, Ablenkung der Aufmerksamkeit, gläubige Erwartung, 
alle diese Mächte, welche gelegentlich die Erkrankung aufheben, versäumen 
in anderen Fällen, dies zu leisten, ohne daß man die Natur der Krankheit 
für den verschiedenen Erfolg verantwortlich machen könnte. Es ist offenbar 
die Selbstherrlichkeit der seelisch so verschiedenen Persönlichkeiten, welche 
der Regelmäßigkeit des Heilerfolges im Wege steht. Seitdem nun die Ärzte 
die Bedeutung des seelischen Zustandes für die Heilung klar erkannt haben, 
ist ihnen der Versuch nahe gelegt, es nicht mehr dem Kranken zu überlassen, 
welcher Betrag von seelischem Entgegenkommen sich in ihm herstellen mag, 
sondern den günstigen Seelenzustand zielbewußt mit geeigneten Mitteln zu 
erzwingen. Mit dieser Bemühung nimmt die moderne Seelenbehandlung 
ihren Anfang. 

Es ergeben sich so eine ganze Anzahl von Behandlungsweisen, einzelne 
von ihnen selbstverständlich, andere erst nach verwickelten Voraussetzungen 
dem Verständnis zugänglich. Selbstverständlich ist es etwa, daß der Arzt, der 
heute nicht mehr als Priester oder als Besitzer geheimer Wissenschaft Be- 
wunderung einflößen kann, seine Persönlichkeit so hält, daß er das Zutrauen 
und ein Stück der Neigung seines Kranken erwerben kann. Es dient dann 
einer zweckmäßigen Verteilung, wenn ihm solcher Erfolg nur bei einer 
beschränkten Anzahl von Kranken gelingt, während andere durch ihren 
Bildungsgrad und ihre Zuneigung zu anderen ärztlichen Personen hingezogen 
werden. Mit der Aufhebung der freien Ärztewahl aber wird 
eine wichtige Bedingung für die seelische Beeinflus- 
sung der Kranken vernichtet. 



Psychische Behandlung (Seelenbehandlung) j 41 



Eine ganze Reihe sehr wirksamer seelischer Mittel muß sich der Arzt 
entgehen lassen. Er hat entweder nicht die Macht oder er darf sich das Recht 
nicht anmaßen, sie anzuwenden. Dies gilt vor allem für die Hervorrufung 
starker Affekte also für die wichtigsten Mittel, mit denen das Seelische aufs 
Körperliche wirkt. Das Schicksal heilt Krankheiten oft durch große freudige 
Erregungen durch Befriedigung von Bedürfnissen, Erfüllung von Wünschen- 
damit kann der Arzt, der außerhalb seiner Kunst oft selbst ein Ohnmächtiger 
ist, nicht wetteifern. Furcht und Schrecken zu Heilzwecken zu erzeugen 
wird etwa eher in seiner Macht stehen, aber er wird sich außer bei Kindern 
sehr bedenken müssen, zu solchen zweischneidigen Maßregeln zu greifen 
Anderseits schließen sich alle Beziehungen zum Kranken, die mit zärtlichen 
Gefühlen verknüpft sind, für den Arzt wegen der Lebensbedeutung dieser 
beelenlagen aus. Und somit erschiene seine Machtfülle zur seelischen Ver- 
an ™S seiner Krank6n von vornherein so sehr eingeschränkt, daß die ab- 
sichtlich betriebene Seelenbehandlung keinen Vorteil gegen die frühere Art 
verspräche. 

Der Arzt kann etwa Willenstätigkeit und Aufmerksamkeit des Kranken zu 
lenken versuchen und hat bei verschiedenen Krankheitszuständen guten Anlaß 
dazu. Wenn er den, der sieh gelähmt glaubt, beharrlich dazu nötigt, die Be- 
wegungen auszuführen, die der Kranke angeblich nicht kann, oder bei dem 
Ängstlichen, der wegen einer sicherlich nicht vorhandenen Krankheit unter- 
sucht zu werden verlangt, die Untersuchung verweigert, wird er die richtige 
Behandlung eingeschlagen haben; aber diese vereinzelten Gelegenheiten geben 
kaum ein Recht, die Seelenbehandlung als ein besonderes Heilverfahren aufzu- 
stellen. Dagegen hat sich dem Arzt auf einem eigentümlichen und nicht vor- 
herzusehenden Wege die Möglichkeit geboten, einen tiefen, wenn auch vor- 
übergehenden Einfluß auf das Seelenleben seiner Kranken zu nehmen und 
diesen zu Heilzwecken auszunützen. 

Es ist seit langer Zeit bekannt gewesen, aber erst in den letzten Jahr- 
zehnten über jede Anzweiflung erhoben worden, daß es möglich ist, Menschen 
durch gewisse sanfte Einwirkungen in einen ganz eigentümlichen seelischen 
Zustand zu versetzen, der mit dem Schlaf viel Ähnlichkeit hat und darum als 
Hypnose bezeichnet wird. Die Verfahren zur Herbeiführung der Hypnose 
haben auf den ersten Blick nicht viel untereinander gemein. Man kann hypno- 
tisieren, mdem man einen glänzenden Gegenstand durch einige Minuten unver- 
wandt ms Auge fassen läßt, oder indem man eine Taschenuhr durch dieselbe 
Zeit an das Ohr der Versuchsperson hält, oder dadurch, daß man wiederholt 
über Gesicht und Glieder derselben mit seinen eigenen, flach gehaltenen 
Händen aus geringer Entfernung streicht. Man kann aber dasselbe erreichen 
wenn man der Person, die man hypnotisieren will, das Eintreten des hypno- 
tischen Zustandes und seiner Besonderheiten mit ruhiger Sicherheit ankündigt, 
ihr die Hypnose also „einredet". Man kann auch beide Verfahren miteinander 
verbinden. Man läßt etwa die Person Platz nehmen, hält ihr einen Finger 
vor die Augen, trägt ihr auf, denselben starr anzusehen, und sagt ihr dann- 
Sie fühlen sich müde. Ihre Augen fallen schon zu, Sie können sie nicht offen 
halten. Ihre Glieder sind schwer, Sie können sich nicht mehr rühren Sie 



142 Sigm. Freud 

schlafen ein usw. Man merkt doch, daß diesen Verfahren allen eine Fesselung 
der Aufmerksamkeit gemeinsam ist; bei den erstangeführten handelt es sich um 
Ermüdung der Aufmerksamkeit durch schwache und gleichmäßige Sinnes- 
reize Wie es zugeht, daß das bloße Einreden genau den nämlichen Zustand 
hervorruft wie die anderen Verfahren, das ist noch nicht befriedigend aufge- 
klärt Geübte Hypnotiseure geben an, daß man auf solche Weise bei etwa 
80 Prozent der Versuchspersonen eine deutliche hypnotische Veränderung 
erzielt. Man hat aber keine Anzeichen, aus denen man im vorhinein erraten 
könnte welche Personen hypnotisierbar sind und welche nicht. Ein Krank- 
heitszustand gehört keineswegs zu den Bedingungen der Hypnose, normale 
Menschen sollen sich besonders leicht hypnotisieren lassen, und von den 
Nervösen ist ein Teil sehr schwer hypnotisierbar, während Geisteskranke 
ganz und gar widerspenstig sind. Der hypnotische Zustand hat sehr ver- 
schiedene Abstufungen; in seinem leichtesten Grade verspürt der Hypno- 
tisierte nur etwas wie eine geringe Betäubung, der höchste und durch besondere 
Merkwürdigkeiten ausgezeichnete Grad wird Somnambulismus genannt 
wegen seiner Ähnlichkeit mit dem als natürliche Erscheinung beobachteten 
Schlafwandeln Die Hypnose ist aber keineswegs ein Schlaf wie unser 
nächtliches Schlafen oder wie der künstliche durch Schlafmittel erzeugte. 
Es treten Veränderungen in ihr auf, und es zeigen sich seelische Leistungen 
bei ihr erhalten, die dem normalen Schlafe fehlen. 

Manche Erscheinungen der Hypnose, z. B. die Veränderungen der Muskel- 
tätigkeit haben nur wissenschaftliches Interesse. Das bedeutsamste aber und 
das für uns wichtigste Zeichen der Hypnose liegt in dem Benehmen des 
Hypnotisierten gegen seinen Hypnotiseur. Während der Hypnotisierte^ sich 
ge-en die Außenwelt sonst verhält wie ein Schlafender, also sich mit all 
seinen Sinnen von ihr abgewendet hat, ist er w a c h für die Person, die ihn 
in Hypnose versetzt hat, hört und sieht nur diese, versteht sie und gibt ihr 
Antwort. Diese Erscheinung, die man den Rapport in der Hypnose heißt, 
findet ein Gegenstück in der Art, wie manche Menschen, z. B. die Mutter, 
die ihr Kind nährt, schlafen. Sie ist so auffällig, daß sie uns das Verständnis 
des Verhältnisses zwischen Hypnotisiertem und Hypnotiseur vermitteln sollte. 
Daß sich die Welt des Hypnotisierten sozusagen auf den Hypnotiseur ein- 
schränkt, ist aber nicht das einzige. Es kommt dazu, daß der erstere voll- 
kommen gefügig gegen den letzteren wird, g eh o r s am und S^ ubl & 
und zwar bei tiefer Hypnose in fast schrankenloser Weise. Und m 
der Ausführung dieses Gehorsams und dieser Gläubigkeit zeigt es 
sich nun als Charakter des hypnotischen Zustandes, daß der Einfluß des 
Seelenlebens auf das Körperliche beim Hypnotisierten außerordentlich erhöht 
ist Wenn der Hypnotiseur sagt: Sie können Ihren Arm nicht bewegen, so 
fällt der Arm wie unbeweglich herab; der Hypnotisierte strengt offenbar alle 
seine Kraft an und kann ihn nicht bewegen. Wenn der Hypnotiseur sagt: 
Ihr Arm bewegt sich von selbst, Sie können ihn nicht aufhalten, so bewegt 
sich dieser Arm, und man sieht den Hypnotisierten vergebliche Anstrengungen 
machen, ihn ruhig zu stellen. Die Vorstellung, die der Hypnotiseur dem 
Hypnotisierten durch das Wort gegeben hat, hat genau jenes seelisch-korper- 



- 



Psychische Behandlung (Seelenbehandlung) 



143 



liehe Verhalten bei ihm hervorgerufen, das ihrem Inhalt entspricht. Darin 
us e e ZI M tTT/ anderSeitS abGr SteigerUn S ^s körperlichen Ei" 

ZU h r, 7x° rt 1St hler WirMich Wieder zum Zauber worden. 
<J Ki dem Gebiete der Sinneswahrnehmungen. Der Hypnotiseur 

iVlfT T SChIange> Si6 rieCh6n eine Rose ' Sie hören die schönste 
Mu Slk und der Hypnotisierte sieht, riecht, hört, wie die ihm eingegebene 

öS Wahf e b V ° n ihm VerlanSt W ° her Welß man ' daß der HypnotlTerte 
e .^ nehm 7f " 7 irklich hat? Man könnte meinen, er stelle sich nur 
so an aber es ist doch kern Grund, daran zu zweifeln, denn er benimmt sich 
ganz so als ob er sie wirklich hätte, äußert alle dazu gehörigen Affekte 
kann auch unter Umständen nach der Hypnose von seinen eingebildeten Wahr 

SÄT Erleb t Sen beriChteD - MM merkt da ™' daß er g e S eherund 

gehört hat, wie wir im Traum sehen und hören, d. h. er hat h a 1 1 u z i n i e r t 

Er ist offenbar so sehr gläubig gegen den Hypnotiseur, daß er üb e r ze u g t 

kLtt ,fn^ ge ^ SSe ZU Seh6n 8eiD ' WeDn der Hypno«8eur sie ihm an- 
kündigt und diese Überzeugung wirkt so stark auf das Körperliche, daß er 
d,e Schlange wirklich sieht, wie es übrigens gelegentlich auch bei nicht 
hypnotisierten Personen geschehen kann. 

, P Z eh n hei b r erk !: eiDe S ° lche Gläubi S ke it, wie sie der Hypnotisierte für 
seinen Hypnotiseur bereit hat, findet sich außer der Hypnose im wirklichen 

derart ,7 K !," d 6 g6gen di& geliebten Eltern, und eine 
de artige Ems eilung des eigenen Seelenlebens auf das einer anderen Person 
m t ahnheher Unterwerfung hat ein einziges, aber dann vollwertiges Gegen- 
stuck in manchen Liebesverhältnissen mit voller Hingebung. Das 
Zusammentreffen von Alleinschätzung und gläubigem Gehorsam gehörf über- 
haupt zur Kennzeichnung des Liebens. 

Über den hypnotischen Zustand ist noch einiges zu berichten. Die Rede 
tmf T !T «' W6lChe di6 beschrieben en zauberhaften Wirkungen äußert, 
heißt man d.e Suggestion, und man hat sich gewöhnt, diesen Namen auch 
dort anzuwenden wo zunächst bloß die Absicht vorliegt, eine ähnliche Wir- 

ande g r en r s7 P 7 U r;-T; Wie , BeW6gUng UM Em P find ™g, gehorchen auch alle 
anderen Seelentatigkeiten des Hypnotisierten dieser Suggestion während er 

GeholTr * ?**" ZU Unternehmen P^gt. Man kann den hypnotischen 

Gehorsam für eine Reihe von höchst merkwürdigen Versuchen ausnützen, die 

2U-TT Vu SeellSChe Getri6be g6Statten Und dem Zuschauer eine 

unvertilgbare Überzeugung von der nicht geahnten Macht des Seelischen über 

t\ 1Z > S f Gn - Wi6 maD deD HyP^^ierten nötigen kann zu sehen, 
was nicht da ist, so kann man ihm auch verbieten, etwas, was da ist und sich 
seinen Sinnen autdrängen will, z. B. eine bestimmte Person, zu sehen (die 
sogenannte negative Halluzination), und diese Person findet es dann un- 
möglich sich dem Hypnotisierten durch irgend welche Reizungen bemerklich 
zu machen; sie wird von ihm „wie Luft" behandelt. Man kann dem Hypno- 
tisierten die Suggestion erteilen, eine gewisse Handlung erst eine bestimmte 
Zeit nach dem Aufwachen aus der Hypnose auszuführen (die posthypnotische 
Suggestion) und der Hypnotisierte hält die Zeit ein und führt mitten in 
seinem wachen Zustand die suggerierte Handlung aus, ohne einen Grund für 



144 Sigm. Freud 



sie angeben zu können. Fragt man ihn dann, warum er dies jetzt getan hat, 
so beruft er sich entweder auf einen dunklen Drang, dem er nicht widerstehen 
konnte, oder er erfindet einen halbwegs einleuchtenden Vorwand, während er 
den wahren Grund, die ihm erteilte Suggestion, nicht erinnert. 

Das Erwachen aus der Hypnose erfolgt mühelos durch das Machtwort des 
Hypnotiseurs: Wachen Sie auf. Bei den tiefsten Hypnosen fehlt dann die 
Erinnerung für alles, was während der Hypnose unter dem Einfluß des Hypno- 
tiseurs erlebt wurde. Dieses Stück Seelenleben bleibt gleichsam abgesondert 
von dem sonstigen. Andere Hypnotisierte haben eine traumhafte Erinnerung, 
und noch andere erinnern sich zwar an alles, berichten aber, daß sie unter 
einem seelischen Zwang gestanden hatten, gegen den es keinen Widerstand 
gab. 

Der wissenschaftliche Gewinn, den die Bekanntschaft mit den hypno- 
tischen Tatsachen Ärzten und Seelenforschern gebracht hat, kann nicht leicht 
überschätzt werden. Um nun aber die praktische Bedeutung der neuen Er- 
kenntnisse zu würdigen, wolle man an Stelle des Hypnotiseurs den Arzt, an 
Stelle des Hypnotisierten den Kranken setzen. Scheint da die Hypnose nicht 
berufen, alle Bedürfnisse des Arztes, insoferne er als „Seelenarzt" gegen den 
Kranken auftreten will, zu befriedigen? Die Hypnose schenkt dem Arzt eine 
Autorität, wie sie wahrscheinlich niemals ein Priester oder Wundermann 
besessen hat, indem sie alles seelische Interesse des Hypnotisierten auf die 
Person des Arztes vereinigt; sie schafft die Eigenmächtigkeit des Seelen- 
lebens beim Kranken ab, in der wir das launenhafte Hemmnis für die Äuße- 
rung seelischer Einflüsse auf den Körper erkannt haben; sie stellt an und für 
sich eine Steigerung der Seelenherrschaft über das Körperliche her, die sonst 
nur unter den stärksten Affekteinwirkungen beobachtet wird, und durch die 
Möglichkeit, das in der Hypnose dem Kranken Eingegebene erst nachher im 
Normalzustand zum Vorschein kommen zu lassen (posthypnotische Sugge- 
stion), gibt sie dem Arzt die Mittel in die Hand, seine große Macht während 
der Hypnose zur Veränderung des Kranken im wachen Zustande zu ver- 
wenden. So ergäbe sich ein einfaches Muster für die Art der Heilung durch 
Seelenbehandlung. Der Arzt versetzt den Kranken in den Zustand der 
Hypnose, erteilt ihm die nach den jeweiligen Umständen abgeänderte Sug- 
gestion, daß er nicht krank ist, daß er nach dem Erwachen von seinen 
Leidenszeichen nichts verspüren wird, weckt ihn dann auf und darf sich der 
Erwartung hingeben, daß die Suggestion ihre Schuldigkeit gegen die Krank- 
heit getan hat. Dieses Verfahren wäre etwa, wenn eine einzige Anwendung 
nicht genug genützt hat, die nötige Ansahl von Malen zu wiederholen. 

Ein einziges Bedenken könnte Arzt und Patienten von der Anwendung 
selbst eines so vielversprechenden Heilverfahrens abhalten. Wenn sich nämlich 
ergeben sollte, daß die Versetzung in Hypnose ihren Nutzen durch einen 
Schaden auf anderer Seite wett macht, z B. eine dauernde Störung oder 
Schwächung im ^Seelenleben des Hypnotisierten hinterläßt. Die bisher gemach- 
ten Erfahrungen reichen nun bereits aus, um dieses Bedenken zu beseitigen; 
einzeln© Hypnotisierungen sind völlig harmlos, selbst häufig wiederholte 
Hypnosen im ganzen unschädlich. Nur eines ist hervorzuheben: wo die Ver- 



r 



Psychische Behandlung (Seelenbehandlung) 



145 






SSh e ir„ e e oft üernde Anwendu ^ der Hypnose notwendig mac hen, da 
stellt sich eine Gewohnung an die Hypnose und eine Abhängigkeit vom hvono 
tuenden Arzt he, die nicht in der Absicht des hÄ^Ä 

Die hypnotische Behandlung bedeutet nun wirklich eine große Erweiterung 
kann Ted 7 ^^^ "* -mit einen Fortschritt der Heitan ZI 
einem 3 k r d iifrr ""? ** «*"■ "^ "" ™ rtrauen, wenn sie v" 
soZ skh der V vertrau -^ürdigen Arzte ausgeübt wird. Aber man 
sollte sich der Hypnose m anderer Weise bedienen, als es heute zumeist 

SS:: umit "str^ man zu dieser **•>****»« e rst ; e r:; 

anderen Mittel im Stiche gelassen haben, der Leidende bereits verzagt und 
unmutig geworden ist. Dann verläßt man seinen Arzt, der nicht hypnoüsieren 
kann oder es nicht ausübt, und wendet sich an einen fremden Arzt der meS 

t n enhl S f rft re d Übt K UDd r h * T ^ kaDn alS gotisieren. Beiaes islunv ! 
teilhaft für den Kranken. Der Hausarzt sollte selbst mit der hypnotischen 

Ja Tund°tT raUt TT UDd di6Se V0D ADfang M ™ den ' ™ e TäZ 

, 8 7 d ,f Person dafur g eei gDet hält. Die Hypnose sollte dort wo sie 

überhaupt brauchbar ist, gleichwertig neben den anderen Heilverfahren Tteh n 

nicht eine letzte Zuflucht oder gar einen Abfall von der Wissenschaft! chkeit 

Ihf nur Tfan "^ ^T^ *" ^ ^ hypnotische Heilverfahren 
nicht nur bei allen nervösen Zuständen und den durch „Einbildung" ent 

standenen Störungen, sowie zur Entwöhnung von krankhaften Gewohnheiten 
(Trunksucht Morphinsucht, geschlechtliche Verirrungen), sondern auch be" 
l Z ? rg r, kra " kheiteD ' Selbst entzündlichen, wo man die Aussicht hat be 
fortbestand des Grundleidens die den Kranken zunächst belästigenden Zeichen 
desselben wie die Schmerzen, Bewegungshemmung u. dgl. zu beseitigen Die 
Auswahl der Fälle für die Verwendung des hypnotiLen Verfahren stdu ^h 
wegs von der Entscheidung des Arztes abhängig. 

Hilfsmittel ifH ^ ** f'S** ^^^ ™ zerstre ™n, als wäre mit dem 
fnXZLL y T 8 \ m ^ ArZt ein6 Z6it be ^ Uemef Wundertäterei 
Snet sind . 7* mMmigfache Umständ « * Betracht zu ziehen, die 

LXsetzen 777 7^7** ™ *" h ^ notieche Heilverfahren erheblich 
herabzusetzen und die beim Kranken etwa rege gewordenen Hoffnungen auf 
ihr berechtigtes Maß zurückzuführen. Vor allem stellt sich die eine Grund 
Voraussetzung als unhaltbar heraus, daß es gelungen wäre, durch e Hypnose 

Ze^TL: StÖ r de / iM ° h ^eit in ihrem -li'schen Verden ^ 
benehmen. Sie bewahren dieselbe und beweisen sie bereits in ihrer Stellung- 

etta"^! 6 t TT' t ™ *""*»««■ W ^ »ben gesagt wurde, daß 
;* P ;° Zent t de f Menschen Vpnotisierbar sind, so ist diese große Zahl 
nur dadurch zustande gekommen, daß man alle Fälle, die irgend eine Spur 
von Beeinflussung zeigen, zu den positiven Fällen gerechnet hat. Wirklich 
tiefe Hypnosen mit vollkommener Gefügigkeit, wie man sie bei der Beschrei- 
bung zum Muster wählt, sind eigentlich selten, jedenfalls nicht so häufig, wie 
es im Interesse der Heilung erwünscht wäre. Man kann den Eindruck dieser 
latsache wieder abschwächen, indem man hervorhebt, daß die Tiefe der 
Hypnose und die Gefügigkeit gegen die Suggestionen nicht gleichen Schritt 

Zeitschrift f. psa. Päd., XI/2 



146 Sigm. Freud 



miteinander halten, so daß man oft bei leichter hypnotischer Betäubung doch 
gute Wirkung der Suggestion beobachten kann. Aber auch, wenn man die 
hypnotische Gefügigkeit als das Wesentlichere des Zustandes selbständig 
nimmt, muß man zugestehen, daß die einzelnen Menschen ihre Eigenart darin 
zeigen, daß sie sich nur bis zu einem bestimmten Grad von Gefügigkeit 
beeinflussen lassen, bei dem sie dann haltmachen. Die einzelnen Personen 
zeigen also sehr verschiedene Grade von Brauchbarkeit für das hypnotische 
Heilverfahren. Gelänge es, Mittel aufzufinden, durch welche man alle diese 
besonderen Stufen des hypnotischen Zustandes bis zur vollkommenen Hypnose 
steigern könnte, so wäre die Eigenart der Kranken wieder aufgehoben, das 
Ideal der Seelenbehandlung verwirklicht. Aber dieser Fortschritt ist bisher 
nicht geglückt; es hängt noch immer weit mehr vom Kranken als vom Arzt 
ab, welcher Grad von Gefügigkeit sich der Suggestion zur Verfügung stellen 
wird, d. h. es liegt wiederum im Belieben des Kranken. 

Noch bedeutsamer ist ein anderer Gesichtspunkt. Wenn man die höchst 
merkwürdigen Erfolge der Suggestion im hypnotischen Zustand schildert, 
vergißt man gerne daran, daß es sich hierbei wie bei allen seelischen Wir- 
kungen auch um Größen- oder Stärkenverhältnisse handelt. Wenn man einen 
gesunden Menschen in tiefe Hypnose versetzt hat und ihm nun aufträgt, in 
eine Kartoffel zu beißen, die man ihm als Birne vorstellt, oder ihm einredet, 
er sehe einen Bekannten, den er grüßen müsse, so wird man leicht volle 
Gefügigkeit sehen, weil kein ernster Grund beim Hypnotisierten vorhanden 
ist, welcher sich gegen die Suggestion sträuben könnte. Aber schon bei 
anderen Aufträgen, wenn man z. B. von einem sonst schamhaften Mädchen 
verlangt, sich zu entblößen, oder von einem ehrlichen Mann, sich einen wert- 
vollen Gegenstand durch Diebstahl anzueignen, kann man einen Widerstand 
bei dem Hypnotisierten bemerken, der selbst soweit gehen kann, daß er der 
Suggestion den Gehorsam verweigert. Man lernt daraus, daß in der besten 
Hypnose die Suggestion nicht eine unbegrenzte Macht ausübt, sondern nur 
eine Macht von bestimmter Stärke. Kleine Opfer bringt der Hypnotisierte, 
mit großen hält er, ganz wie im Wachen, zurück. Hat man es nun mit einem 
Kranken, zu tun, und drängt ihn durch die Suggestion zum Verzicht auf die 
Krankheit, so merkt man, daß dies für ihn ein großes und nicht ein kleines 
Opfer bedeutet. Die Macht der Suggestion mißt sich zwar auch dann mit der 
Kraft, welche die Krankheitserscheinungen geschaffen hat und sie festhält, 
aber die Erfahrung zeigt, dafS letztere von einer ganz anderen Größenordnung 
ist als der hypnotische Einfluß. Derselbe Kranke, der sich in jede — nicht 
gerade anstößige — Traumlage, die man ihm eingibt, voll gefügig hineinfindet, 
kann vollkommen widerspenstig gegen die Suggestion bleiben, welche ihm 
etwa seine eingebildete Lähmung abspricht. Dazu kommt noch in der Praxis, 
daß gerade nervöse Kranke meist schlecht hypnotisierbar sind, so daß nicht 
der volle hypnotische Einfluß, sondern nur ein Bruchteil desselben den Kampf 
gegen die starken Kräfte aufzunehmen hat, mit denen die Krankheit im 
Seelenleben verankert ist. 

Der Suggestion ist also nicht von vornherein der Sieg über die Krankheit 
sicher, wenn einmal die Hypnose und selbst eine tiefe Hypnose gelungen ist. 



Eevision der psychoanalytischen Pädagogik 547 



Es bedarf dann noch immer eines Kampfes, und der Ausgang ist sehr häufig 
ungewiß. Gegen ernstliche Störungen seelischer Herkunft richtet man daher 
mit einmaliger Hypnose nichts aus. Mit der Wiederholung der Hypnose fällt 
aber der Eindruck des Wunders, auf das sich der Kranke vielleicht gefaßt 
gemacht hat. Man kann es dann erzielen, daß bei wiederholten Hypnosen die 
anfanglich mangelnde Beeinflussung der Krankheit immer deutlicher wird 
bis sich ein befriedigender Erfolg herstellt. Aber eine solche hypnotische' 
Behandlung kann ebenso mühselig und zeitraubend verlaufen wie nur irgend 
eine andere. 

Eine andere Art, wie sich die relative Schwäche der Suggestion im Ver- 
gleich mit dem zu bekämpfenden Leiden verrät, ist die, daß die Suggestion 
zwar die Aufhebung der Krankheitserscheinungen zustande bringt, aber nur 
für kurze Zeit. Nach Ablauf dieser Zeit sind die Leidenszeichen wieder da und 
müssen durch neuerliche Hypnose mit Suggestion wieder vertrieben werden. 
Wiederholt sich dieser Ablauf oft genug, so erschöpft er gewöhnlich die 
Geduld des Kranken wie die des Arztes und hat das Aufgeben der hypnoti- 
schen Behandlung zur Folge. Auch sind dies die Fälle, in denen sich bei dem 
Kranken die Abhängigkeit vom Arzt und eine Art Sucht nach der Hypnose 
herzustellen pflegen. 

Es ist gut wenn der Kranke diese Mängel der hypnotischen Heilmethode 
und die Möglichkeiten der Enttäuschung bei ihrer Anwendung kennt Die 
Heilkraft der hypnotischen Suggestion ist ja etwas Tatsächliches, sie bedarf 
der übertreibenden Anpreisung nicht. Anderseits ist es leicht verständlich 
wenn die Arzte, denen die hypnotische Seelenbehandlung soviel mehr ver- 
sprochen hatte, als sie halten konnte, nicht müde werden, nach anderen Ver- 
fahren zu suchen, welche eine eingreifendere oder minder unberechenbare 
Einwirkung auf die Seele des Kranken ermöglichen. Man darf sich der 
sicheren Erwartung hingeben, daß die zielbewußte moderne Seelenbehandlung 
welche ja eine ganz junge Wiederbelebung alter Heilmethoden darstellt den 
Ärzten noch weit kräftigere Waffen zum Kampfe gegen die Krankheit in die 
Hände geben wird. Eine tiefere Einsicht in die Vorgänge des Seelenlebens 
deren erste Anfänge gerade auf den hypnotischen Erfahrungen ruhen, wird 
Mittel und Wege dazu weisen. 

„Revision der Psydioanalytisdien Pädagogik" 

(Bericht über die II. Vierländertagung, Budapest, 15. bis 17. Mai 1937) 

Die Wiener Psychoanalytische Vereinigung, die Magyarorszagi Pszicho- 
anahtikai Egyesület, die Societä Psieoanalitica Italiana und die Psycho- 
analytickä skupina v Ö. S. E. veranstalteten zu Pfingsten 1937 (15.— 17 Mai) 
ihre II. Vierländertagung in Budapest; zu ihr fanden sich außer den Mit- 
gliedern der veranstaltenden Gesellschaften zahlreich solche aus den anderen 
Ländergruppen der I. P. V. ein. In drei „Symposien" wurden wichtige 
Fragen der psychoanalytischen Theorie und Praxis diskutiert (I. Symposion: 
„Die Formen der Abwehr und der Ich-Eeaktionen in der Analyse"; III. Sym- 
posion: „Frühe Entwieklungsstadien des Ichs. Primäre Objektliebe"); in einer 



148 Revision der psychoanalytischen Pädagogik 

organisatorischen Sitzung wurde eine Spezialfrage des Unterrichts in der 
Analyse behandelt. Der offizielle Bericht über die Tagung wird demnächst in 
der Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse veröffentlicht werden. 

Für die psychoanalytische Pädagogik ist diese Tagung besonders bedeu- 
tungsvoll, weil hier zum erstenmal ein Thema (für das II. Symposion) gewählt 
worden war, das direkt Fragen der psychoanalytischen Pädagogik zum 
Inhalt hat. 

Anna Freud (Wien) und Steff Bornstein-Windholz (Praha) 
hatten Referate zum Thema „Revision der psychoanalytischen Pädagogik'" 
übernommen, Dorothy Burlingham (Wien) und Alice B ä 1 i n t (Buda- 
pest) Diskussionsbemerkungen angemeldet; außerdem sprachen in der Dis- 
kussion: Anny Angel (Wien), Otto Fenichel (Praha), Werner Kern- 
per (Berlin). Den Referaten und angemeldeten Diskussionsbemerkungen 
lagen folgende „Leitsätze" zugrunde: 

Anna Freud (Wien) : 

I. Teil: Historiseher Überblick über die allmähliche Entwicklung der 
psychoanalytischen Pädagogik. Die psychoanalytische Pädagogik als ständiges 
Nebenprodukt der analytischen Theorie. Ableitung vieler Widersprüche und 
Unstimmigkeiten innerhalb der analytischen Pädagogik aus dieser Art der 
allmählichen Entstehung. Eine Reihe von Beispielen für solche Ansatzpunkte. 

II. Teil: Auseinandersetzung eines Einzelbeispiels. Die Onanieerziehung 
des Kindes mit allen aus der analytischen Erkenntnis abgeleiteten Frage- 
stellungen. 

III. Teil (eventuell) : Einzelbeispiele über Möglichkeiten der analytischen 
Pädagogik. Nachdem die analytische Erkenntnis dazu verholfen hat, das 
augenblickliche Hauptproblem des Kindes zu erkennen und den Wert der 
Bewältigungsversuche zu beurteilen, die es ohne Hilfe selbständig versucht 
hat, könnte der analytische Erzieher planmäßig und überlegt versuchen, es 
auf bessere Bewältigungen überzuführen. Beispiele besonders aus den Ge- 
bieten des Penisneides beim Mädchen, der femininen Einstellung bei den 
Knaben. (Wurde in erweiterter Fassung auch im Lehrgang für Pädagogen 
in Wien vorgetragen.) 

Steff B o r n s t e i n (Praha) : 

Die Ich-Entwicklung des Kindes bei mißverstandener analytischer Päd- 
agogik: die Mißverständnisse beruhen auf der Angst vor der Angst des 
Kindes, auf der Tendenz, dem Kinde Verzichte und Gewissenkonflikte zu 
ersparen. (Erschien in diesem Heft). 

Dorothy Burlingham (Wien) : 

Die verschiedenen Typen analytischer Pädagogen mit ihren verschiedenen 
Arbeitsweisen. Die Gefahr der Uberbetonung und Überwertung irgend eines 
analytischen Prinzips unter Vernachlässigung aller anderen; Beispiele für die 
Wirkung solchen Verhaltens auf das Kind. 



Vorlesungen in Basel J49 



Der analytische Pädagoge im Konflikt zwischen den Ansprüchen des 
Einzelindividuums und den Bedürfnissen der Kindergruppe. 

Unterschiede zwischen den Bedürfnissen der Kinder aus analytischem und 
aus analysefremdem Milieu. 

Die Notwendigkeit für den analytischen Pädagogen, seinen Wirkungskreis 
nicht zu überschreiten; wo das analytische Verständnis sich in direkte 
Deutungen umsetzen soll und wo nicht; Festsetzung der Grenzen zwischen 
der analytischen Pädagogik und der Kinderanalyse. (Erschien in diesem Heft.) 

Alice B a 1 i n t (Budapest) : 

Die zwei Hauptpfeiler eines Jeden Erziehungssystems: 

1. die naturgetreue, triebhafte Aufeinanderbezogenheit von Mutter und 
Kind, 

2. die soziale (ökonomische) Notwendigkeit. 

Der erste ist konstant, der zweite in höchstem Grade variabel. 
Unsere Kultur ist in erster Reihe durch die Verlängerung der kindlichen 
Abhängigkeitsperiode charakterisiert. 
Die wichtigsten Folgen derselben sind: 

a) Der größere Aufwand an Liebe, der notwendig wird, um das Kind zu 
einem Kulturmensehen zu erziehen. Dieser Liebesaufwand übersteigt die 
Kapazität der ursprünglichen Mutter-Kind-Beziehung und führt zu Überkom- 
pensierungen, wie z. B. der moralischen Verpönung der beiderseitigen natür- 
lichen Ablösungstendenzen. 

b) Die Ausschaltung der Geschlechtsreife als Motor des Erwachsenwerdens. 
Unser Erziehungssystem kennt keine einzige Maßnahme, die sich offiziell auf 
die Geschlechtsreife beziehen würde (wie die Pubertätsriten der Primitiven). 
Was an Abkömmlingen solcher Gebräuche noch besteht, wird in seiner Be- 
deutung eher noch abgeschwächt. 

Die par excellence kulturellen Erziehungsschwierigkeiten werden an Hand 
einer grobschematischen Gegenüberstellung der primitiven und der heutigen 
kulturellen Erziehung dargestellt. 

Es wäre gut, etwas mehr darüber zu wissen, ob die relative Stärke der 
Mutterbindung bei Völkern, bei denen die primitive Mütterlichkeit weniger 
gehemmt wird, größer oder kleiner ist als bei uns. Nach meinem Gedanken- 
gang müßte Letzteres der Fall sein, doch reicht das diesbezügliche Material 
bei weitem nicht aus, um hierüber etwas zu entscheiden. (Erschien in diesem 
Heft.) 

Vorlesungen in Basel 

Dr. Heinrich Meng wird im Wintersemester 1937/38 folgende Vorlesungen 
abhalten: 1. „Neurosen- und Kriminalitätsprophylaxe" für Hörer der medizi- 
nischen Fakultät, 2. „Psychische Hygiene (Erziehung, Arbeit, Beruf, Ehe)" 
für Hörer aller Fakultäten, 3. „Wege und Methoden seelischer Beeinflussung" 
in der Volkshochschule, 4. „Gehirn und Seele" im Institut für neuzeitliche 
Erziehung. 



1 50 Bücher 



Bücher 

Brimswik, Egon : Experimentelle Psychologie in Demonstrationen, 

Wien, Verlag von Julius Springer, 1935. 

Das Buch ist für Lehrer der experimentellen Psychologie geschrieben, 
kann aber auch andern Lesern einen ersten Überblick über den gegenwärtigen 
Stand dieses Wissenszweiges geben. Die Darstellung geht in der Begel von 
der Versuchsanordnung zur theoretischen Diskussion der Versuchsergebnisse 
vor. Genau wie in älteren Zeiten der Psychologie wird vorwiegend Sinnes- 
psychologisches, am ausführlichsten Optisches geboten; in zweiter Linie 
stehen Gedächtnis und Assoziation. Gegenüber den einstigen Darstellungen, 
die eine einheitliche Gesetzmäßigkeit herauszuarbeiten suchten, hebt aber die 
heutige experimentelle Psychologie die persönlichen Unterschiede hervor, 
die bis in die einfachen Wahrnehmungsakte hinabreichen. Auf die Exposition 
eines roten Quadrates erfolgt z. B. nicht immer ein formgleiches „negatives" 
Nachbild _(grün)> sondern manche Versuchspersonen sehen ein „positives" 
Nachbild, manchen verändert sich die Gestalt des Quadrates in verschiedene 
abweichende Formen. 

Die theoretische Verarbeitung dieser und vieler anderer Erscheinungen 
geht im wesentlichen darauf aus, zwei entgegengesetzte Typen zu unter- 
scheiden. Den „ganzheitlich" apperzipierenden Typ und den „isolierenden". 
Der erste nimmt aus der Gesamtmenge seiner Erfahrungen, aus seiner Affekt- 
lage, aus seinen ästhetischen Empfindungen usw. Anteile in den Wahrneh- 
mungsvorgang hinein, und gibt ihm so ein persönlichkeitsverbundenes, 
variables Wesen. Der andere Typus (der in unserem Beispiel unveränderlich 
das grüne quadratische Nachbild sieht) ist eng an den Reiz im Sinnesapparat 
gebunden, seine subjektiven Wahrnehmungskorrekturen sind geringer als 
beim ersten Typus; sie gehen, soweit sie überhaupt vorgenommen werden, 
nicht nach der materialen, sondern nach der formalen, geometrisch präzisie- 
renden Richtung. (Eine nachlässig gezeichnete Hand wird von diesem zweiten 
Typus etwa als Fünfzack aufgefaßt.) 

Ein anderer Unterschied: Der „isolierende" Typus kann im allgemeinen 
verschiedenen Aufgaben gleichzeitig entsprechen, er ist „spaltungsfähiger", 
während der „ganzheitliche" Typus leichtere Umstellbarkeit von einer zur 
anderen Aufgabe zeigt. 

Der „isolierende" Typus wird für identisch mit dem Kretsehmer- 
sohen „Schizothymen" und dem „Desintegrierten" von J a e n s c h erklärt, der 
„ganzheitliche" mit ihren Gegenpolen, dem „Zyklothymen", bzw. dem „Inte- 
grierten". Mit der Zuordnung auch der scheinbar persönlichkeitsfernen Vor- 
gänge zu den Typen, die durch biologisch wichtige Faktoren bezeichnet sind, 
gewinnt die experimentelle Psychologie sehr an Reiz. 

Das Buch Brunswiks ist unpolemisch, in theoretischer Hinsicht den An- 
sprüchen der Seminare für Anfänger angepaßt. Es bringt zuverlässige Infor- 
mation und viel Anregung. Gute Abbildungen helfen beim Lesen des Textes. 

B. P. 



Wichtig für das in diesem Heft behandelte Thema 

„Revision der psychoanalytischen Pädagogik" 



ANNA FREUD 

Das Ich 

und 

die Abwehrmechanismen 

208 Seiten / Broschiert RM 4-50 / In Leinen RM 6 — 

I N HALT 

A. THEORIE DER ABWEHRMECHANISMEN 
I. Das Ich als Stätte der Beobachtung 

II. Die Verwertung der analytischen Technik zum Stu- 
dium der psychischen Instanzen 

III. Die Abwehrtätigkeit des Ichs als Objekt der Analyse 

IV. Die Abwehrmechanismen 

V. Orientierung der Abwehrvorgänge nach Angst u. Gefahr 

B. BEISPIELE FÜR DIE VERMEIDUNG VON 
REALUNLUST UND REALGEFAHR 
(VORSTUFEN DER ABWEHR) 

VI. Die Verleugnung in der Phantasie 
VII. Die Verleugnung in Wort und Handlung 
VIII. Die Ich-Einschränkung 

C. ZWEI REISPIELE FÜR ABWEHRTYPEN 

IX. Die Identifizierung mit dem Angreifer 
X. Eine Form von Altruismus 

D. ABWEHR AUS ANGST VOR DER TRIEBSTÄRKE 

(DARGESTELLT AM BEISPIEL DER PUBERTÄT) 
XI. Ich und Es in der Pubertät 
XII. Triebangst in der Pubertät 

Schlußbemerkung 




SIQM. FREUD 

KLEINE SCHRIFTEN ZUR 

SEXUALTHEORIE 

UND ZUR 

TRAUMLEHRE 

381 Seiten / Kleinoktavausgabe / In Leinen RM 9.— 

INHALT 

Zur sexuellen Aufklärung der Kinder 

Die kulturelle Sexualmoral und die moderne Nervosität 

Über infantile Sexualtheorien 

Charakter und Analerotik 

Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens 
I. Über einen besonderen Typus der Objektwahl beim Manne 
II. Über die allgemeinste Erniedrigung des Liebeslebens 

III. Das Tabu der Virginität 

Über Triebumsetzungen, insbesondere der Analerotik 

„Ein Kind wird geschlagen" 

Über die Psychogenese eines Falles von weiblicher Homo- 
sexualität 

Die infantile Genitalorganisation 

Das ökonomische Problem des Masochisinus 

Einige psychische Folgen des anatomischen Geschlechtsunter- 
schiedes 

Fetischismus 

Zur Onanie-Diskussion 

Vorwort zu „Die psychischen Störungen der männlichen 
Potenz" von Dr. Maxim. Steiner 

Brief an Dr. Friedrich S. Krauss über die Anthropophyteia 

Geleitwort zu „Der Unrat in Sitte, Brauch, Glaube und Ge- 
wohnheitsrecht der Völker" von J. G. Bourke 

Über den Traum 

Märchenstoffe in Träumen 

Ein Traum als Beweismittel 

Traum und Telepathie 

Bemerkungen zur Theorie und Praxis der Traumdeutung 

Die sittliche Verantwortung für den Inhalt der Träume 

Die Grenzen der Deutbarkeit 



INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 

WIEN, IX, BERGGASSE 7 



Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik, XI. Jahrgang, Heft 2 

INHALT: 

Stoff B o r n s t e i n-W i n d h o 1 z: Mißverständnisse in der psychoanalytischen Pädagogik 81 

Dorothy Burlingham: Probleme des psychoanalytischen Erziehers 91 

Alice Bälint: Die Grundlagen unseres Erziehungssystems 98 

Sophie Morgenstern: Das magische Denken beim Kinde 102 

BEEICHTE: 

Heinrich Meng: Strafen und Erziehen: Forderung und Ratschlag 119 

S. Nacht: Die soziale Anpassung des Kindes vom Standpunkt der Psychoanalyse 124 

Sigm. Freud: Psychische Behandlung (Seelenbehandlung) 133 

Tagungsbericht „Revision der psychoanalytischen Pädagogik" 147 

Vorlesungen in Basel 149 

BÜCHER: 
Brunswik E.: Experimentelle Psychologie in Demonstrationen (B. P.) 150 



In Lieferungen erscheint das 



HANDWÖRTERBUCH 



DER 



PSYCHOANALYSE 



VON 

DR. RICHARD STERBA 



Gesamtumfang etwa 400 Seiten 



Preis pro Lieferung ö. S. J'jO 



Das Werk, dem ein faksimilierter Geleitbrief Prof. Sigm. Freuds voran- 
gestellt ist, erscheint in etwa 12 Teillieferungen in Lexikonformat von je 
52 Seiten. Ausführliche Prospekte auf Wunsch kostenfrei durch den Verlag. 



INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 
IN WIEN, IX., BLRGGASSE 7 









BÜCHER DES WERDENDEN 




Herausgegeben von Paul Federn, Wien, und Heinrich Meng, Basel 






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Soeben erschienen in 2. erweiterter Auflage 






STRAFEN UND ERZSEHEN 






von 






Dr. med. Heinrich Meng 






Die Presse urteilt: 






Ein außerordentlich gehaltvolles und anregendes Buch, dem 






recht weite Verbreitung zu wünschen ist. 






„Eltern-Zeitschrift, Zürich". 






Eine Darstellung der Strafe in der Erziehung vom psycho- 






analytischen Gesichtspunkt aus, eine klare Arbeit in allgemein- 






verständlicher Sprache... „Zeitschrift für Kinderforschung". 






Den Forschungen des Verfassers durch sein Buch zu folgen, 






ist für jedermann lehrreich. Mit wachsender Spannung liest 






sich Kapitel um Kapitel . . . „Der Bund, Bern". 






Wer Meng aus seinen Basler Vorlesungen kennt, für den 






bedarf das vorliegende reichhaltige und tibersichtliche Buch 






keiner besonderen Empfehlung mehr. „Basier Nachrichten". 






Das Buch des Lektors für Psychohygiene an der Basler Uni- 






versität, erscheint soeben in zweiter Auflage, erweitert durch 






ein Kapitel, „Forderung und Ratschlag" . . . Heinrich Meng 


\ 




sieht diesen philosophischen Hintergrund der Frage nach Sinn 






und Maß der Strafe überhaupt sehr klar . . . Der Verfasser 






bietet eine durch Klarheit der Darstellung und reife Abgcwo- 


i 




genheit des Urteils ausgezeichnete Übersicht der Geschichte 






und Psychologie des Strafens überhaupt und der erzieherischen 
Strafe insbesondere. „National-Zcitung. Basel". 

Für die Eltern, Lehrer, Führer, scheinen mir seine Darlegungen 
über Erziehen und Strafen, Autorität und Verantwortung be- 
sonders wichtig zu sein. Das Buch beruht auf jahrelangen, 
eingehenden Beobachtungen und zeugt von ebenso liebevoller 






wie scharfsinniger Vertiefung in den Stoff. 






„Die Umschau, Frankfurt". 






215 Seiten — Ganzleinen Fr. 6'— oder R M 3-60 






VERLAG HANS HUBER IN BERN 




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s 


igentumer, Herausgeber und Verleger: Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Gesellschaft m.b.H., Wien IX, Berg- 
asse 7 . _ Verantwortlicher Redakteur: Dr. Wilhelm Hoffer, Wien I. Dorotheerg. 7 . Druck von Emil M. Engel, 
Druckerei und Verlagsanstalt. Wien I, In der Böise. 
Printed in Austria 




Herausgegeben von Paul Federn, Wien, und Heinrich Meng, Basel 



BAND IX 

Soeben erschienen in 2. erweiterter Auflage 

STRAFEN UND ERZIEHEN 

von 
Dr. med. Heinrich Meng 

Die Presse urteilt: 

Ein außerordentlich gehaltvolles und anregendes Buch, dem 
recht weite Verbreitung zu wünschen ist. 

„Eltern-Zeitschrift, Zürich". 

Eine Darstellung der Strafe in der Erziehung vom psycho- 
analytischen Gesichtspunkt aus, eine klare Arbeit in allgemein- 
verständlicher Sprache... „Zeitschrift für Kinderforschung". 

Den Forschungen des Verfassers durch sein Buch zu folgen, 
ist für jedermann lehrreich. Mit wachsender Spannung liest 
sich Kapitel um Kapitel . . . „Der Bund, Bern". 

Wer Meng aus seinen Basler Vorlesungen kennt, für den 
bedarf das vorliegende reichhaltige und. übersichtliche Buch 
keiner besonderen Empfehlung mehr. „Basler Nachrichten". 

Das Buch des Lektors für Psychohygiene an der Basler Uni- 
versität, erscheint soeben in zweiter Auflage, erweitert durch 
ein Kapitel, „Forderung und Ratschlag" . . . Heinrich Meng 
sieht diesen philosophischen Hintergrund der Frage nach Sinn 
und Maß der Strafe überhaupt sehr klar . . . Der Verfasser 
bietet eine durch Klarheit der Darstellung und reife Abgewo- 
genheit des Urteils ausgezeichnete Übersicht der Geschichte 
und Psychologie des Straf ens überhaupt und der erzieherischen 
Strafe insbesonders. „National-Zeitung, Basel". 

Für die Eltern, Lehrer, Führer, scheinen mir seine Darlegungen 
über Erziehen und Strafen. Autorität und Verantwortung be- 
sonders wichtig zu sein. Das Buch beruht auf jahrelangen, 
eingehenden Beobachtungen und zeugt von ebenso liebevoller 
wie scharfsinniger Vertiefung in den Stoff. 

„Die Umschau, Frankfurt". 



215 Seiten 



Ganzleinen Fr. 6 - 



oder RM 360 



VERLAG HANS HUBER IN BERN 



nigentumer nerausgeoer und Verleger: Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Gesellschaft m.b.H., Wien IX, Berg- 
gasse 7. - Verantwortlicher Redakteur: Dr. Wilhelm Hoffer, Wien I, Dorotheerg. 7. Druck von Emil M. Engel 
Druckerei und Verlaasanstalt. Wien I, In der Börse. 



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XI. Jahrg. 



1937 



Heft 2 



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der psycho analytischen 
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analytischen Erziehers 

Alice Bälint. Die Grundlagen unseres 

Erziehungssystems 

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beim Kinde 

Berichte: 

Heinrich Meng: Strafen und Erziehen. - S. Nadit: Die soziale 

Anpassung des Kindes. - Sigm. Freud: Psychische Behandlung. 

Tagungsberidit: „Revision der psychoanalytischen Pädagogik". 

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