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Full text of "Zeitschrift für politische Psychologie und Sexualökonomie I 1934 Heft 2"

BAND: 1 



HEFT: 2 



1934 







ZEITSCHRIFT FÜR 
POLITISCHE PSYCHOLOGIE 
UND SEXUALÖKONOMIE 

HERAUSGEBER: E. PARELL 



An alle Antifaschisten 

Was ist Klassenbewussisein ?- 



Zur Kritik der kommunistischen Politik in Deutschland- 
Ein Widerspruch der Freud'schen Verdrängungslehre 

Der Urgegensatz des vegetativen Lebens 

Der Traum — 



Einwände gegen Massenpsychologie und Sexualpolitik- 
Religion : 



.Unpolitische" Wissenschaft- 
Sex-Pol-Bewegung - 



Marxismus. Ideologie-Psychologle- 
Anfragen 



Okonomle-Massenpsychologie- 

Empfehlenswerte Literatur 

Redaktionelle Bemerkungen 



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90 
107 
115 
125 
142 
14« 
152 
153 
153 
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164 
165 
165 



WALTER KOLBENHOFF 

UNTERMENSCHEN 

ROMAN 

KARTON.IERT: 5.- D. KR. 

Martin Andersen Nexe: 

»Es ist eine starke Stimme — vielleicht die stärkste bis heute — aus der Tiefe, 
wo die Seele kämpft um nicht ganz von den Schlammschichten, die über ihr lagern, 
erdrückt zu werden. In diesem Bach wird entschleiert, warum Deutschland so 
wurde, wie es heute ist; wird die grauenhafte Wahrheit bewiesen, dass die Prole- 
tarier unterlagen wegen ihrer guten Eigenschaften: Gutgläubigkeit und Treue und 
weil sie es vergassen, ihr Herz mit einem schützenden Panzer zu umgeben. Das 
Buch ist kein gewöhnlicher Roman, es hat wenig mit Literatur im allgemeinen 
Sinne zu tun. Es ist ein Schrei. Ein Angstschrei aus der Tiefe um Hilfe, um 
Rettung. Ein Notruf aus einer Welt, in der die Seele versunken ist und das Tier 
obenauf schwimmt. Jeder Arbeiter sollte dieses Buch, das hoffentlich auch bald 
dänisch vorliegt, kennen lernen. Nicht zuletzt mag es dem gemässigten, demo- 
kratifizierten, friedfertig eingestellten Arbeiter einiges zu denken geben. 

In UNTERMENSCHEN bricht die Stimme des deutschen Proletariers so durch, 
dass sie nicht mehr misszuverstehen ist. Sie klingt nicht nur nach Kellerluft und 
blutiger Unterdrückung, nach Hunger und nagendem Ungeziefer. Sie bricht wie 
ein Stoss, ein Blutstoss, aus der Wunde einer erschrockenen Seele. DEUTSCH- 
LAND — DAS DEUTSCHLAND DER UNTERDRÜCKTEN — HAT BEGONNEN 
9LUT ZU WEINEN*. 

„Politiken", Kopenhagen, 26. Marx 1934i 

»Eine gemütliche Lektüre ist das nicht, aber eben so sicher ist das alles wahr- 
heitsgetreu. Doch auch diese Tatsachen sind von einem Prisma gebrochen, das 

Temperament heist Oft lächelt ein grosser Satyriker hinter den Bildern hervor 

und er hat starke Zähne »Untermenschen« könnte von einem unechten Bruder 

Brechts geschrieben sein — oder von seiner linken Hand, die sicher talentvoller 
ist als die meisten rechten Hände. Man versteht die Situation im heutigen 
Deutschland besser, wenn man dieses Buch gelesen hat.« Svend Borberg. 

„Aandehullet", Kopenhagen, Februar 1934t 

» Mit allen Vorzügen and Fehlern ist »UNTERMENSCHEN* ein ganz ein- 
zigartiges menschliches Dokument. Auch das, was der Kritiker sonst mit seinem 
literarischen Schulmeisterfinger aufzeigen würde, bekommt Wert, weil es zur 

Charakteristik eines ausserordentlich lebendigen Wesens beiträgt Das Buch 

endet mit der gleichen Frage, der wir jezt gegenüberstehen: Wie sollen die 

Kleinbürger und grosse Teile des Proletariats von dem Erzeugnis der bürgerlichen 
»Gesellschafts«-Erziehung, dem »Traum«, befreit, wie sollen die Millionen Trieb- 
menschen kulturell unabhängig und damit sozial aktiv gemacht werden?« 

Ebbe Neergaard. 
wStadenterbladet", Kopenhagen, 15. Februar 1934« 

» Das Buch soll nicht nur aus einem »lokalpatriotischen« Grunde empfoh- 

lem werden. Der Mann hat nämlich einiges erlebt — und dadurch wird er selbst 
zum aufklärenden Typus des jetzigen Deutschland. Hunger hinter der Front, 
deutsche Schulerziehung, Bürgerkrieg, Arbeitslosigkeit, Vagabundenleben, berliner 
Armenleben, Nazirevolution — das sind seine Erlebnisse. Und er kann schildern: 
Durch sein Buch versteht man die Zusammenhänge zwischen diesen Dingen. 

es ist die Autorität der Gesellschaft, die Pädagogik, die »Moral«, die den 

Menschen zerschmettert, meint Kolbenhoff. Eines jedenfalls ist er sicher: »Alle 

Lehrer sind Schweine« Doch kann man sich gleichzeitig wärmen an der 

Menschlichkeit dieses Buches Das Buch ist überzeugend, nachdem man sich 

von seinem Erstaunen erholt hat*. R. Hajberg-Pedersen. 

Trobris Verlag. Kopenhagen, Postbox 827. 



ZEITSCHRIFT FÜR 
POLITISCHE PSYCHOLOGIE 
UND SEXUALÖKONOMIE 



An alle Antifaschisten! 



BAND: I 
HEFT: 2 
19 3 4 



Die Sex-Pol fasste nach eingehender Aussprache mit 
ihren aktiven Mitgliedern, die Angehörige verschiedener 
Parteien sowie Parteilose umfassen, folgenden Beschluss: 

Die reaktionäre Willkür und Brutalität wächst von Tag zu Tag 
in allen Ländern die noch bürgerlich-demokratisch regiert werden. 
Das Asylrecht für die Emigration wird fortschreitend eingeengt. Die 
Gewalt der internationalen faschistischen Organisation bemächtigt sich 
der proletarischen Revolutionäre in der Emigration (Auslieferung von 
vier SAP-Funktionären an Deutschland durch die holländische Polizei ; 
Entführung des KP-Mitgliedes Kuhlmann durch Faschisten in Kopen- 
hagen und viele andere Fälle dieser Art). 

Die revolutionären wissenschaftlichen Arbeiter und politischen 
Kämpfer der Sex-Pol richten an die linken Intellektuellen und 
die Arbeiterorganisationen aller nichtfaschistischen Länder den 
dringenden Appell, alles in Menschenkräften mögliche zu veranlassen, 
um der Emigration nicht nur ihr Schicksal zu erleichtern, sondern 
insbesondere auch alles das zu sichern, was man sonst »heilige Güter 
des Menschentums« nennt: Asylrecht, Freiheit der Meinungsäusserung, 
Schutz, des Lebens etc. nicht mit leeren Worten, sondern durch die 
Tat (Bildung bzw. Ausbau antifaschistischer Organisationen). Wer 
heute die proletarische Emigration nur bedauert, kann morgen selbst 
ein noch viel schlimmeres Schicksal erleben. 

Die Sex-Pol ruft im besonderen allen sozialistischen Organisationen 
in Erinnerung, dass sie die Emigranten gerade dann auf Grund ihrer 
Weltanschauung zu schützen haben, wenn Mitglieder einer sozial- 
demokratischen Partei als Minister dieser Länder fungieren. An die 
Regierung der Sowjet-Union, den einzigen proletarischen Staat der 
Welt, richtet sie den Appell — mit Bedauern, dass ein derartiger 
Appell notwendig wurde — die Einreise in die Union allen durch die 
politische Reaktion verfolgten Antifaschisten zu ermöglichen. Sie 
muss den formalen Grund für das Argument der bürgerlichen Staaten 
beseitigen, »die Sowjet-Union Hesse auch nicht jeden Emigranten 
herein«. Heute kann nicht nur Parteizügehörigkeit, auch nicht kri- 

89 



E. Parell 

tikloses Einverständnis mit der Politik der Komintern allein ent- 
scheiden, ob man im gegebenen Falle das Asylrecht gewährt, sondern 
entscheiden muss in erster Linie die Verfolgung durch den Faschismus. 

Die Sex-Pol-Bewegung vertritt auch den Standpunkt, dass jede 
sozialistische oder sich sozialistisch nennende Organisation selbst- 
verständlich auch für jeden in Deutschland verfolgten oder vom Tode 
bedrohten Antifaschisten einzutreten hat, ohne Rücksicht darauf, wie 
er zu der betreffenden Partei oder Organisation steht. Sie verurteilt 
gleicherweise das Verhalten der Komintern-Presse anlässlich der 
Ausweisung Trotzki's aus Frankreich, wie sie es andererseits für 
unbedingt notwendig hält, dass die Organisation der Internationalen 
Kommunisten (Trotzkisten) für die Rettung Thälmanns und seiner 
Mitgefangenen ungeachtet aller schweren Differenzen, einzutreten hat. 

Bei voller Verurteilung eines prinzipienlosen Einheitsstandpunktes, 
bei strengster Vertretung der ideologischen und politischen Klarheit 
und Geschlossenheit einer revolutionären Organisation, ist die Sex- 
Pol der Meinung, dass heute keine der bestehenden Organisationen 
innerhalb der Arbeiterbewegung über hundertprozentige Klarheit in 
der gegenwärtigen politischen Situation verfügt, um sich das Recht 
anzumassen, jeden antifaschistischen Kämpfer mit einer abweichenden 
Meinung nicht nur als Konterrevolutionär zu bezeichnen, sondern 
ihn auch als solchen zu behandeln. 

Die Sex-Pol ist überzeugt, dass es die Stärke und die Kraft der 
Sowjet-Union kleinmütig unterschätzen heisst, wenn gemeint wird, 
Funktionäre der Arbeiterbewegung nichtkommunistischer Organisa- 
tionen könnten ihrer (in dieser oder jener Richtung) abweichenden 
Meinung wegen dem Aufbau des Sozialismus im ersten proletarischen 
Staat »gefährlich« werden. 

In dieser ereignisreichen, über das Schicksal des Sozialismus 
entscheidenden Zeit ist — bei voller Wahrung der eigenen Anschauung: 
über Ziele und Wege des Sozialismus — in erster Linie notwendig 

die unerschütterliche Einheit und gegenseitige Unterstützung aller 
antifaschis tischen Kämpfer ! 

Die Sex-Pol-Leitung. 

Was ist Klassenbewussisein? 

(II Teil) 

Einige konkrete Elemente des Klassenbewusstseins und einige 

Hemmungen beim Massenindividuum 

von E. Parell 

Wir versuchen hier, ohne tiefere theoretische Begründung, Ver- 
haltungsweisen durchschnittlicher Menschen zusammenzustellen, die 
teils spezifisch in der Richtung revolutionären Bewusstseins, teils. 
90 



Was ist Klassenbewusstsein? 

hemmend gegen seine Bildung wirken, was sie zu reaktionären psy- 
chischen Haltungen macht. Es kommen für uns nur solche psychische 
Tatbestände in Betracht, die entweder politisch links oder politisch 
rechts orientieren, nicht aber politisch indifferente, die allen politi- 
schen Richtungen zugutekommen können, wie etwa Redebegabung, 
kritische Fähigkeiten, Naturliebe etc. Die folgenden Beispiele lassen 
sich beliebig vermehren; die hier angeführten wurden von mir mit 
zwei Jugendlichen gemeinsam aufgestellt. 



a. bei Jugendlichen (in der Pubertät und Nachpubertät). 
Seit jeher bemühen sich die diversen politischen Parteien besonders 
um die Jugend, nicht nur weil sie eine Zukunft noch vor sich hat, 
und nicht wie die meisten Erwachsenen — nach einem treffenden 
Ausdruck — »hinter sich«. Sie verdient es daher, vorangestellt zu 
werden. Dass sie die aktivste Altersschichte darstellt, hängt mit ihrer 
Begeisterungsfähigkeit, mit der sexuellen Reifung und der damit 
verbundenen Fähigkeit zu Bekenntnis und Aktion zusammen. Diese 
Eigenschaften sind an sich noch nicht spezifisch links oder rechts noch 
sonstwie gerichtet. Die Kirche z. B. verfügt über mehr Jugendliche 
als die linken Parteien. Doch kann man innerhalb des jugendlichen 
Erlebens unschwer politisch nach links und andere, politisch nach 
rechts drängende Elemente unterscheiden und einander gegenüber- 
stellen. In jedem Jugendlichen wirkt eine Tendenz zur Rebellion 
gegen autoritäre Unterdrückung, im speziellen gegen die Eltern, die 
gewöhnlich Vollzugsorgane der staatlichen Autorität sind. Diese 
Rebellion ist es in erster Reihe, die Jugendliche in politisch linke 
Strömungen zu ziehen pflegt. Sie ist immer verknüpft mit mehr oder 
minder bewusster, mehr oder minder drängender Bedürftigkeit nach 
Realisierung des sexuellen Lebens. Je klarer darin die natürlichen 
heterosexuellen Neigungen zur Entwicklung gelangten, desto leichter 
ist der Jugendliche revolutionären Ideen zugänglich; je mehr in seiner 
Struktur das homosexuelle Bedürfnis wirkt und je verdrängter das 
Bewusstsein der Sexualität im allgemeinen, desto leichter zieht es ihn 
nach rechts. Die sexuelle Hemmung, die Angst vor sexueller Be- 
tätigung und entsprechendes Schuldgefühl sind immer entweder nach 
rechts drängende oder zumindest das revolutionäre Denken hemmende 
Gegebenheiten. Bindung an die Eltern und das Elternhaus ist ein 
schweres, nicht umkehrbares hemmendes Element. Nicht umkehrbar 
wollen wir solche psychische Tatsachen nennen, die nie zu positiven 
Elementen des Klassenbewusstseins werden können, also nie von der 
revolutionären Partei im Interesse der sozialen Revolution ausgenützt 
werden können. Es gibt hier nur die eine Ausnahme, die die Kinder 
bereits revolutionär denkender Eltern betrifft; hier kann die Eltern- 
bindung sich positiv auswirken, pflegt sich aber auch ebensooft im 
Gegenteil als Protest gegen die Eltern in reaktionäre Gesinnung zu 
verwandeln. 

91 




E. Parell 

Es gibt ein Bedürfnis, das wie kein anderes die Jugend bewegt, 
deren Erfülling ihnen das meiste bedeuten würde, das aber trotzdem 
in keiner Jugendproklamation, in keinem Jugendprogramm zu ent- 
decken ist: das Bedürfnis nach einer Wohnung, einem eigenen Raum. 
Es kann mit der Rebellion gegen die Eltern als positives Element des 
Klassenbewusstseins in eine Reihe gestellt werden. Es ist zudem ein 
Bedürfnis, das von der Ordnung die die politische Reaktion will, niemals 
befriedigt werden kann und darf. Ihm steht kein hemmendes Element 
gegenüber, es beherrscht auch das sonst reaktionärste Mädchen. Das 
Bedürfnis nach Leben im Jugendkollektiv ist ein weiteres positives Ele- 
ment; ihm wirkt jedoch gewöhnlich gleichzeitig die familiäre Bindung 
die »Sehnsucht nach dem Elternhaus«, der Heimat, entgegen. Bei gün- 
stiger Einrichtung des Kollektivs kann diese ausgeschaltet werden, 
d. h. dann, wenn das Kollektiv zur Heimat wird. Die Sehnsucht nach 
dem Tanzboden ist bei allen Jugendlichen ausnahmslos mächtig; es 
bildet zum Unterschied von der Elternbindung ein umkehrbares Ele- 
ment, das heisst, unter gewöhnlichen Umständen hemmend, kann es 
den revolutionären Zusammenschluss mächtig fördern, wenn das 
Problem der Beziehung der Politik zum Privatleben in revolutionärer 
Weise gelöst wird; das gelang in Deutschland gelegentlich besonders 
geschickten Jugendgruppenleitern. 

Heute kommen in Deutschland sowohl das Kollektivbedürfnis wie 
das Sehnen nach dem Tanzboden der politischen Reaktion sehr zugute, 
denn es ist bei ihnen organisiert; bei den Christlichen in Form der 
»Kränzchen«, bei den Nazis gewiss in den kollektivistischen Jugend- 
verbänden. 

Im Gegensatze zu den üblichen Auffassungen der bisherigen politi- 
schen Parteien lehrt die Jugendarbeit, dass die Einsicht des durch- 
schnittlichen Jugendlichen in die Klassensituation entweder nur sehr 
oberflächlich und schwankend ist, oder aber, wenn echt, sehr selten 
anzutreffen; entweder bei intellektuell überreifen oder aber solchen 
Jugendlichen, die einem revolutionär gesinnten Elternhause entstam- 
men, in dem sie keine Unterdrückung erfuhren. Die Lehrlingssituation 
bewirkt eher eine indifferente Stumpfheit als revolutionäre Gesinnung. 
Sie könnte nur im Zusammenhange mit anderen, spezifischen Klassen- 
elementen, etwa dem Bedürfnis nach schöner Freizeit positiv werden. 
Auch Hunger ist entgegen den vulgären Anschauungen an sich eher 
ein Element der Verwahrlosung und der Cliquenbildung als des 
Bewusstseins von der Klassenlage. Wir treffen ihn zusammen mit 
anderen Entbehrungen ebensooft oder noch öfter bei der SA-Jugend 
oder bei christlichen. Auch diese Elemente können zu mächtigen 
Kräften im positiven Sinne werden, wenn sie im Zusammenhang mit 
der jugendlichen Sehnsucht nach romantischen Erlebnissen, mit seiner 
sexuellen Bedürftigkeit und seiner Elternbeziehung erfasst werden. 
Man muss klar sehen, dass der Hunger allein für sich, wenn er nicht 
demoralisiert, eher den verschiedenen bürgerlichen Wohltätigkeits- 
92 




Was ist Klassenbewusstsein? 



Organisationen in die Arme treibt. Konkreter Erfahrung nach wirkt 
auf den Jugendlichen der Hunger weit mehr im revolutionierenden 
Sinne etwa in Verbindung mit der Angst vor der Fürsorgeerziehung, 
die er als Klasseninstitution sehr leicht erkennt. 

Die Neigung zu Bindung an Führer und Ideen ist bei Jugendlichen 
in politischer Hinsicht unspezifisch, für jede Richtung brauchbar und 
daher eher ein schädliches Element, wenn die revolutionäre Partei 
sich dessen nicht richtig bemächtigt. 

Sportneigung, Vorliebe für militärisches Auftreten, Uniformen, die 
den Mädels (und umgekehrt) gefallen, für militärische Lieder sind 
unter den heutigen Bedingungen der proletarischen Bewegung meist 
hemmende Elemente, weil die politische Reaktion mehr Möglichkeiten 
der Organisierung dieser Bedürfnisse hat. Der Fussballsport im spe- 
ziellen wirkt direkt entpolitisierend und mithin als Förderung reak- 
tionärer Neigungen. Diese Neigungen sind aber prinzipiell umkehrbar, 
auch von links her auswertbar, wenn man die ökonomistische Ansicht 
von der Allgewalt des Hungers ausgeschaltet hat. 

Dass diese Widersprüche nücht aufgelöst, die revolutionären 
Neigungen nicht entwickelt, die Hemmungen von den revolutionären 
Organisationen nicht beseitigt wurden, dass aber daraus nicht auf 
Fehlen des klassenmässigen Fühlens, sondern nur auf die psycho- 
logischen Mängel der revolutionären Arbeit zu schliessen ist, beweist 
die ungeheure Fluktuation im Mitgliederbestand der revolutionären 
Verbände. Nur eine verschwindende Minderheit hielt durch, und auch 
die nicht länger als einige Jahre. Mir stehen keine Zahlen zur 
Verfügung, die Erfahrung lehrte jedoch, dass Jugendliche, Erwachsene, 
Mähner und Frauen, Menschen jeder Schichte zu Millionen durch die 
revolutionären Organisationen im Verlaufe des letzten Jahrzehnts 
wanderten, ohne an der revolutionären Sache zu haften, sich an sie 
zu binden. Was trieb sie in die revolutionäre Organisation? Keine 
Uniform, kein materieller Vorteil, nur dumpfe sozialistische Ueber- 
zeugung, revolutionäres Fühlen. Warum blieben sie nicht? Weil die 
Organisation es nicht entwickelte. Warum zogen sie weiter in die 
Indifferenz oder zur politischen Reaktion? Weil sie auch gegenteilige, 
bürgerliche Struktur in sich hatten, die nicht zerstört wurde. Warum 
wurde diese nicht zerstört, jenes nicht gefördert, entwickelt? Weil 
man nicht wusste, was zu fördern, was zu zerstören ist. Mit einfacher 
»Disziplin« war dies nicht zu leisten. Mit Musik und Marschieren 
auch nicht, das konnten die anderen noch viel besser. Mit Parolen 
ebensowenig, wenn sie nicht konkretisiert waren, denn das politische 
Geschrei der anderen war besser, kräftiger. Das einzige, was die 
revolutionäre Organisation den Massen konkurrenzlos bieten konnte 
und in Wirklichkeit nicht bot, das einzige, was die zuströmenden 
Massen hätte halten und andere hätte mitheranziehen können, wäre 
die Kenntnis dessen gewesen, was der ungebildete, unterdrückte, nach 
Freiheit und nach autoritärem Schutz gleichzeitig lechzende Kapi- 

93 



E. Parell 

talskuli, ohne es selbst klar zu wissen, wünschte; es in Worte fassen, 
in seiner Sprache für ihn aussprechen, für ihn denken. Doch derartigen 
Aufgaben war eine Organisation, die jede Psychologie als konterrevolu- 
tionär ablehnte, nicht gewachsen. 
Wie sieht das Klassenbewusstsein 

bei den Frauen 

im groben aus? 

Die Formeln »Einreihung in den Produktionsprozess«, »Unab- 
hängigkeit vom Mann«, »Recht auf den eigenen Körper« (und mehr 
geschah nicht als diese Formeln wiederholen) besagten nicht viel. 
Wohl ist der Wunsch nach wirtschaftlicher Selbständigkeit, nach 
Unabhängigkeit vom Mann, nach sexueller Unabhängigkeit vor allem 
der wichtigste Bestandteil des Klassenbewusstseins der Frauen. Aber 
die Angst, durch die sowjetistische Ehegesetzgebung den Mann und 
Ernährer zu verlieren, kein rechtlich gesichertes Sexualobjekt zu 
haben, die Angst vor dem freien Leben überhaupt, die alle Frauen 
beherrscht, ihre starke Bindungsfähigkeit etc. sind zumindest eben- 
so starke negative, hemmende Elemente. Insbesondere die Sorge, dass 
durch die angesagte Kollektiverziehung der Kinder diese »genommen« 
würden, bildete auch bei Kommunistinnen, zwar nicht in der Ver- 
sammlung, wo sie selbst dafür eintraten, dafür umsomehr in häus- 
lichen Konflikten mit dem Mann, in politischen Hemmungen, ganz 
besonders aber bei kleinbürgerlichen Frauen ein mächtiges Hindernis 
der politischen Klarheit. Man musste wissen, dass die Rebellion gegen 
die Ehe als ökonomische Bindung und sexuelle Einschränkung ein 
mächtiges Aktivum der revolutionären Bewegung hätte werden können, 
wenn man diese die Frauen zentral bewegenden Fragen breit, wahr- 
heitsgemäss, sachlich auseinandergesetzt hätte. Statt dessen verwirrten 
die selbst unklaren Propagandisten die Frage, indem sie einerseits 
von der sowjetistischen Ehe sprachen, auf der anderen Seite jedoch 
sich rühmten, dass die Ehen in der SU sich wieder festigten; darauf 
konnten durchschnittlich denkende Frauen nur sagen: »Hier pro- 
pagiert Ihr die Auflösung der Ehe und Familie, dort aber ist die Frau 
weiter vom Mann abhängig,« oder auch umgekehrt: »Ihr wollt uns 
alle den Männern ausliefern.« Derartige Wiedersprüche bedürfen der 
sorgfältigsten wissenschaftlichen Untersuchung durch psychologische 
Fachgruppen und genauester Handhabung durch die politischen 
Organisationen. Es ging ja nicht nur um die durch Betriebsarbeil 
gereiften, mehr eindeutig linksorientierten Industriearbeiterinnen, die 
ebensowenig erfasst waren, sondern um die überwiegende Mehrzahl 
der Hausfrauen, Heimarbeiterinnen, Ladenbesitzerinnen, Kaufhaus- 
angestellten etc. Unserer Erfahrung nach ist etwa die uneheliche 
Geschlechtsbeziehung oder die Neigung dazu ein Element, das gegen 
reaktionäre Einflüsse mächtige Wirkung entfalten kann. Da es aber 

94 



Was ist Klassenbewusstsein? 

immer mit Sehnsucht nach ehelicher Sicherheit gepaart ist, genügt 
die einfache Formel von der Aufhebung des Unterschiedes zwischen 
ehelich und unehelich durch das sowjetistische Gesetz nicht, um das 
erste zu entfalten. Im Betrieb revolutionär, ist manche Frau zu Hause 
reaktionär. In erster Linie sind es moralische und kulturelle Ansichten, 
die den kritischen, auflehnenden wirtschaftlichen und sexuellen In- 
teressen entgegenwirken. — Im Frauenrechtlertum der verschiedenen 
bürgerlichen Organisationen liegen mächtige revolutionäre Impulse, 
zu ökonomischer Selbständigkeit immer bewusst, zu sexueller meist 
unbewusst, jedenfalls zu Veränderung des Bestehenden, zu Neu- 
ordnung vor. Nur der Sozialismus kann diese Fragen praktisch 
beantworten, aber die Sozialisten bemühen sich nicht, die ideologische 
Verworrenheit dieser Frauen zu klären, ihnen klarzumachen, dass sie 
gleichzeitig einander Widersprechendes wollen, dass sie sozialistische 
Ziele ahnen, aber nicht genau formulieren können und deshalb in 
sentimentale oder pankhurstartige Rebellion verfallen. Schon durch 
die Aufrollung all der unzähligen kleinen und kleinsten Fragen des 
persönlichen Lebens in Verbindung mit dem sozialen wäre doch 
zumindest Bewegung in die Sache zu bringen, würden Diskussionen 
entstehen, würde derjenige gewinnen, der etwas zu sagen hat, und 
das wären nur die Sozialisten, wenn sie nicht formelhaften Partei- 
debatten verfallen wären. Der Reaktionär würde glatt versagen, wenn 
er sachlichen Auseinandersetzungen Rede und Antwort stehen müsste. 
Unter den Frauen in Deutschland entwickelte sich Ende 1933 eine 
sehr merkwürdige und lehrreiche Bewegung, an der man praktisch 
Dialektik studieren konnte, besser als aus Büchern. Sie protestieren 
gegen die Bindung an den häuslichen Herd, was ein revolutionäres 
Element ist, wollen aber an dessen Stelle »als deutsche Frauen 
Kämpfer wie Brünhilde« sein, was in dieser Form reaktionär ist. 
Man muss klar erkennen, dass die Mutterideologie, von den Nazis mit 
allen Mitteln gefördert, einen antisexuellen Kern hat, der aufgedeckt 
werden muss : Muttersein steht gegen Geliebtesein. Die Frauen wollen 
beides, finden aber aus dem Gegensatz, zu dem die beiden Dinge 
durch die kapitalistische Moral wurden, nicht heraus, und verleugnen 
sich unter dem Drucke der politischen Reaktion als Sexualwesen. 
Frauenrechtlertum, in seiner heutigen Form reaktionär, gegen uas 
klassenmässige Fühlen gerichtet, ist leicht umkehrbar, weil es. auf 
Veränderung drängt. Auch bei den Frauen muss festgestellt werden, 
dass direkter Hunger und Sorge um die Ernährung der Kinder 
nur verhältnismässig selten revolutionäres Denken vermittelt; weit 
häufiger Angst vor der Politik überhaupt, Bremsung der politischen 
Tätigkeit des Mannes und der Kinder, die die Familie miternähren, 
Stumpfheit oder Prostituierung. Diese Sorgen und Aengste können 
zu wesentlichen Triebkräften des Klassenbewusstseins werden, wenn 
sie in richtigen Zusammenhang mit den anderen Kräften und Gegen- 
kräften gebracht würden. Sehr schwierig z. B. ist die Frage, ob die 

95 






E. Parell 



Neigung zu Schmuck, körperlicher Verschönerung, heute eine schwere 
Hemmung revolutionären Denkens und Fühlens, auf irgendeine Weise 
umkehrbar wäre. Wir glauben nicht, dass es je einer revolutionären 
Organisation gelingen wird, die Einfachheit und Vorliebe für 
Schmucklosigkeit, die bei kommunistischen Frauen vorherrscht, bei 
der Masse der Frauen durchzusetzen. Zwischen der Anerkennung 
bürgerlichen Tands und der Anerkennung einzig asketischer Lebens- 
weise muss der Weg gefunden werden, der sowohl den Erfordernissen 
der Klassenkämpfe wie den natürlichen Schmückungsbedürfnissen 
Rechnung trägt. Unsere Politiker mögen nicht glauben, dass derlei 
Dinge der Erörterung unwürdig sind. Dann würden wir ihnen 
empfehlen, den Mechanismus zu studieren, mittels dessen die politische 
Reaktion die Frauen in ihrem Lager hält. In erster Linie steht fraglos 
für die Frauenbewegung die Frage der Zukunft der Familie und der 
Kinderaufzucht. In den deutschen sexualpolitischen Organisationen 
wirkte die Aufklärung, dass der Sozialismus dem Zusammenleben von 
Mann, Frau und Kindern nur andere Formen gibt, dass vor allem 
die sog. Zerstörung der Familie durch den Bolschewismus die 
Loslösung der sexuellen Interessen von den wirtschaftlichen Ge- 
bundenheiten bedeutet, prompt für die Gewinnung der Frauen. Die 
Entwicklung der Familienideologie heute in Deutschland verdient die 
allergrösste Aufmerksamkeit, z. B. der Widerspruch zwischen Familie 
und S. A. -Dienst der Jugend. Nur aus ihrer genauen Kenntnis 
werden die Mittel der künftigen Frauenpolitik erwachsen. Da die 
Prostitution wegen des sexualmoralischen Druckes im Faschismus 
unweigerlich anwachsen wird, ist die Gewinnung der Prostituierten 
ein Grundbestandteil der proletarischen Politik in so mancher Hinsicht. 
Ob und wie Klassenbewusstsein oder Ansätze dazu in der Be- 
völkerung vorhanden sind und was die revolutionäre Führung zu tun 
hätte, lässt sich an den vielen grossen und kleinen Geschehnissen 
in Deutschland zeigen. Wir erwähnten die »Brünhildenbewegung«, 
in der die Frauen gegen die Rückversetzung an den Herd und die 
eheliche Versklavung unklar rebellieren. Vor kurzem musste Goeb- 
bels zu einer für den Nationalsozialismus äusserst peinlichen Frage 
Stellung nehmen. Nach seiner Machtergreifung hatte die NSDAP die 
Abtreibungs- und Empfängnisverhütungsmittelgesetze beträchtlich ver- 
schärft, die Erziehung der Kinder durchwegs den religiösen neben 
den militärischen Organisationen ausgeliefert, die Familie als die 
Grundlage der Nation und des Staates proklamiert, den Satz geprägt : 
»Eine deutsche Frau raucht nicht,« den Bubikopf bekämpft, die Bor- 
delle wieder eingeführt, die Frauen aus den Betrieben verjagt, dem 
Manne vorsintflutliche Vormachtstellung wieder eingeräumt' und 
vieles andere mehr. Sie hatten also selbst, ganz im Sinne ihrer 
geschichtlichen Funktion, die schärfste Kulturreaktion in Gang 
gesetzt. Es ist nur selbstverständlich, dass viele ihrer Funktionäre 
diese Massnahmen genau so durchführten, wie sie gemeint waren 
96 



Was ist Klassenbewusstsein? 



auf dem ein hübsches Mädchen ein Waschmittelpaket in der Hand 
hält. Ein Nazifunktionär hatte das Plakat verboten, weil es das 
»sittliche Empfinden der Bevölkerung« verletze; solche und ähnliche 
Begebenheiten veranlassten Goebbels gegen die »unbefugten Sitten- 
richter und die verlogenen Keuschheitsapostel« loszuziehen. Er lehnte 
die Sittenriecherei ab, tadelte die Tendenzen, die am liebsten in Stadt 
und Land Keuschheitskommissionen einsetzen würden, die nur zu 
Muckertum, Denunziantentum und Erpressung führten. Die Frauen, 
so führte er aus, fürchteten bereits, allein auszugehen oder im Re- 
staurant zu sitzen, ohne Anstandsdame mit einem jungen Manne 

auszugehen, sich zu putzen etc. Wörtlich: » und wenn sie einmal 

zu Hause im Familien- oder Gesellschaftsleben eine Zigarette rauchen, 
so brauchen sie damit nicht verworfen und ausgestossen zu sein.« 
Der Nationalsozialismus sei keine Pietistenbewegung, man dürfe dem 
Volke die Lebensfreude nicht rauben, man müsse mehr Lebensbe- 

Ijahung und weniger Muckertum, mehr Moral und weniger Moralin 
erzielen. — Wie ist derartiges zu verstehen? Was lehrt diese Rede? 
Erstens, dass die nationalsozialistische Kulturpolitik lebhafte 
Empörung bei den durchschnittlichen Frauen hervorrief, sonst hätte 
Goebbels nicht so gesprochen. 

Zweitens, dass die Empörung gross sein muss, denn sonst hätte 
nicht Goebbels, wie schon einmal Roehm vor ihm, in einem dem 
Nationalsozialismus und seiner Ideologie widersprechenden Sinne 
eingreifen müssen. Die Naziführer sind massenpsychologisch äusserst 
geschickt und verwischen lieber ein Prinzip ihrer Weltanschauung, als 
dass sie die Basis ihrer Macht riskierten. 

Drittens, dass er in Wirklichkeit nichts zu sagen hat, den Wider- 
spruch, in dem sich der Nationalsozialismus mit seiner reaktionären 
Ideologie den revolutionär gesinnten Anhängern gegenüber befindet, 
was man auf allen Gebieten feststellen kann, weder versteht noch 
meistern kann. 

Viertens, dass hier ein Stück sozialistischen Klassenbewusstseins 
in unreiner, dumpfer Form vorliegt, an dem die sozialistische Arbeit 
angreifen könnte, wenn sie das Problem restlos zunächst für sich 
klargemacht hätte: Das massenpsychologische Problem liegt darin, 
dass man dem Nazi-Anhänger unter Nachweis des reaktionären Ergeb- 
nisses seine revolutionäre Gesinnung bestätigen, dem S. P. D.-Mann 
dagegen vor allem seine kleinbürgerliche Hemmung propagandistisch 
aufdecken muss, wie man überhaupt vor allem Widersprüche ins 
grellste Licht stellen muss, statt im S. A.-Mann nur den Reaktionär, 
im S. P. D.-Mann nur den »noch immer nicht erkennenden« Revolu- 
tionär zu sehen. 

Fünftens, dass ein derartiger Eingriff von einem Goebbels dem 
Nationalsozialismus sofort die alten schwankend gewordenen Anhänger 
sichert und neue gewinnt, sowie klare Gegner unsicher macht, wenn 

97 




E. Parell 

nicht die Unlösbarkeit des ganzen Problems im dritten Reich konkret 
aufgezeigt wird. Wo liegt die Unlösbarkeit? 

Die Festigung der Familie und die Bindung der Frauen an den 
Herd erfordert Massnahmen, wie sie der konsequente Nazi ergriff, 
widerspricht aber restlos der eigens zur Milderung der Rebellion 
propagierten Lebensbejahung. Ferner: Das wichtigste Kernstück der 
Naziideologie ist ihre Moral (Ehre, Reinheit etc.). Wäre ein einfach 
überlegender Mann in einer Versammlung aufgestanden und hätte 
gefragt, wodurch sich konkret die Moral vom Moralin unterscheidet, 
jeder Nazifunktionär wäre in tiefste Verlegenheit gekommen. Die 
Frage hätte nur konkret lauten müssen. Einer Frau das Ausgehen 
mit einem jungen Mann verbieten, sei also Moralin, nicht aber Moral, 
die der Nationalsozialismus fordere; das Alleinausgehen sei also 
gestattet. Wie nun, wenn der junge Mann die Frau küsst? Ist das 
Moralin oder noch Moral, oder gar wenn er ein Liebesverhältnis mit 
ihr wünscht? Das gehöre doch zur Lebensfreude, oder nicht? Sollte 
der Nationalsozialist an dieser Stelle noch mehr opfern und sogar die 
freie Liebe zugeben, was wir ihm gewiss zutrauen können, könnte 
weiter gefragt werden, ob denn das der Festigung der Ehe und 
Familie nicht schaden würde, wenn man derartiges offen zuliesse, 
und was denn mit den Kindern geschähe, die daraus hervorgingen; 
wenn unser Nazi auch darauf einginge und erklären würde, Kind sei 
Kind, wenn es nur von Ariern abstammte, dann wäre die weitere 
Frage berechtigt, ob jeder Akt zu einer Schwängerung führen müsse, 
wenn nicht, was man dagegen tun sollte etc. Man wird zugeben, 
dass derartig sich eine lebhafte öffentliche Debatte in völlig unpoliti- 
schen Formen entwickeln könnte, die den Nazis hundert Mal un- 
angenehmer werden könnte, als tausend illegale Flugblätter, aus dem 
einfachen Grunde, weil die Nazis selbst für uns Propaganda machen 
würden, gänzlich unbewusst. Es gibt kein Klassenbewusstsein? Es. 
sitzt in allen Ritzen des Alltagslebens! Es sei unmöglich es zu 
entwickeln, denn man wandere in den Kerker? Greift Fragen auf, die 
jedem Nazi am nächsten auf den Leib rücken, solche, die die Reaktion 
nie beantworten kann, und Ihr braucht über die Frage des Klassen- 
bewusstseins nicht nachzudenken. Rolle der Avantgarde in der 
Illegalität? Hier liegt sie vergraben! In den konkreten Inhalten der 
proletarischen Demokratie, nicht im Wort oder in der Parole von der 
proletarischen Demokratie, unter denen sich von 100 90 nichts 
vorstellen. Man könnte Beispiele aus allen Gebieten zu Tausenden 
sammeln, um zu zeigen, dass es keine einzige Frage gibt, die konkret 
und konsequent gestellt und zu endegedacht von den Nazis beantwortet 
werden könnte, sei es das der Religion, der Gewerkschaft, der 
Beziehung des Unternehmers zur Arbeiterschaft, der Aussichten des 
Mittelstandes usf. Es kommt nur darauf an, dass typische, jeden 
interessierende Fragen zunächst ohne Programm, aus dem lebendigen 
Leben der Menschen in der Reaktion aufgegriffen werden. Die revolu- 

98 



Was ist Klassenbewusstsein? 

tionäre Führung hat derzeit keine wichtigere Aufgabe, als die wehen 
Punkte des Nationalsozialismus aufzuspüren und die Diskussionen in 
den Massen so zu gestalten, dass sie nie abbrechen, sondern nur 
weiterführen, ohne dass Gefährdung wirklich eintritt. Die Revolution 
kann sich nur aus den Widersprüchen des heutigen Lebens entwickeln 
und nicht aus den Debatten über die amerikanisch-japanischen 
Gegensätze oder aus Aufforderungen zu Demonstrationen und Streik, 
die niemand durchführen kann. Auch nicht daraus, dass die Nazi als 
Verbrecher und Sadisten hingestellt werden, sondern nur aus der 
Gegenüberstellung ihres subjektiven Bestrebens und ihrer Unfähigkeit 
die Probleme zu lösen. 

Wir sollten kein grosses Gewicht darauf legen, zu beweisen oder 
zuwiderlegen, dass unsere Ansichten 100 % richtig sind oder nicht, 
100 % durchführbar sind oder nicht. Die Richtigkeit muss sich in 
der Praxis beweisen. Wir haben nur das allergrösste Gewicht darauf 
zu legen, zu sehen, was in der Wirklichkeit vor sich geht, was die- 
breiten Schichten interessiert, wo die Widersprüche der Reaktion 
liegen. Eine Theorie kann nicht im Beginne einer Aktion fertig da sein, 
sie kann sich nur im Laufe der Aktion entwickeln und von Fehlern 
reinigen. Das Gesagte gilt auch für die skizzenhafte Zeichnung der 
konkreten Elemente des Klassenbewusstseins und seines Gegenteils 

bei erwachsenen werktätigen Männern. > 

Kollektive Betriebsarbeit ist zweifellos die wichtigste Quelle klassen- 
mässigen Fühlens. Proletariersein und im Betrieb arbeiten heisst 
aber noch nicht klassenbewusst sein, ebensowenig gewerkschaftlich 
organisiert sein, obgleich beides unerlässliche soziale Vorbedingungen 
des Klassenbewusstseins sind. Hier der Beweis: In Deutschland gibt 
es viele früher freigewerkschaftlich Organisierte, die heute ebenso 
mechanisch für die NSBO kassieren, wie sie es seinerzeit für die 
Gewerkschaft taten, mit oder ohne Nachdenken. Wenn das Organi- 
siertsein dem Arbeiter in Fleisch und Blut übergegangen ist wie dem 
deutschen, leidet darunter oft das Bewusstsein von der Art der Or- 
ganisation. Die nationalsozialistische Propaganda für die «Ehre der 
Arbeit«, »die .Gleichheit' von Unternehmer und Arbeiter«, die Einheit 
des Betriebes wie der Nation vermag den durchschnittlichen, besonders 
den von der sozialdemokratischen Theorie des Wirtschaftsfriedens 
überzeugten Arbeiter leicht zu betäuben. Seine seelische Geknicktheit 
ist so gross, dass er sich schon aufgerichtet fühlt, wenn man ihm 
versichert, ein »vollwertiges Mitglied der Nation« zu sein, und be- 
sonders dann, wenn er eine nationale Standesuniform bekommt. Wer 
die materielle Gewalt der Ideologie unterschätzt, wird nichts aus- 
richten. Sie hat sich in unserer Geschichtsperiode stärker erwiesen 
als die Gewalt der materiellen Not; sonst wären nicht Hitler und 
Thyssen sondern der Arbeiter und Bauer an der Macht. Und die 

99 



E. Parell 

Nationalsozialisten wissen ganz genau, um welchen Preis es geht, 
wenn sie den Arbeiter umwerben. Sie wägen ganz genau ab, wieviel 
ideologisches Gift sie der Arbeiterschaft vorerst einspritzen müssen, 
um ein Arbeitsrecht wie das vom Januar 1934 zum Gesetz zu machen. 
Sie sind klug genug zu wissen, dass sie ein derartiges Gesetz nicht 
erlassen dürfen, ohne Selbstmord zu begehen, wenn sie nicht vorher 
eine innige ideologische Bindung des Arbeiters an ihre Weltanschauung 
durchgeführt haben. Monatelang hatte Leu ideologisch vorgearbeitet, 
ehe das Arbeitsgesetz erschien. Starren wir nur gebannt auf die ganze 
Brutalität dieses Gesetzes, das dem Arbeiter das letzte raubt, vergessen 
wir dabei, dass wir es mit anderen Augen ansehen, es anders 
empfinden als der ideologisch praeparierte Arbeiter, so werden wir 
nur unsere, aber nicht seine Gedanken und Widersprüche ausdrücken, 
wenn wir zu ihm reden. Auch unserer Gewerkschaftsarbeit muss 
ideologische Arbeit vorangehen, lange, sorgfältig überlegt, wissend, wo 
der Arbeiter ideologisch verbaut wurde. Der Arbeiter fühlt ja deutlich 
die Aktion, die gegen ihn durchgeführt wurde, ein mächtiges Stück 
seines Klassenbewusstseins, aber er hat auch sofort Gedanken und 
Empfindungen bei der Hand, um sich nicht die ganze Schwere 
seiner Lage zu Bewusstsein zu bringen, die er nicht meistern kann, 
und derart wird er Illusionen zugänglich. Der Kartoffelsack, den 
Hitler schenkte, hatte 99 % ideologischen und 1 % praktischen 
Zweck. Ebenso die Ermässigung der Strassenbahnfahrten etc. Der 
durch Klassenkampf geschulte Arbeiter wird sich nicht häufig 
täuschen lassen, aber viele, sehr viele wurden zermürbt. Nur die 
Minderheit ist geschult, die Mehrheit hat dank der Freigewerkschafts- 
politik nie gestreikt; die »gefährlichen« Arbeiter sind kaum mehr in 
den Betrieben. Der Arbeiter mag also richtig empfinden, was da 
geschieht, er sieht sich jedoch ohne Führung, und muss notgedrungen 
in sich die Hoffnung nähren, dass Hitler es doch gut meine, er tue 
ja doch etwas »auch, für den Arbeiter«. Er nimmt den Bettel an ohne 
Bewusstsein, dass er in Wirklichkeit der Herr der Produktion ist 
und dass man ihm nichts schenken kann. Die Wut darüber, dass der 
Unternehmer das tausendfache seines Einkommens als gleichwertiger 
Volksgenosse aus dem Betrieb erhält, erfüllt nur denjenigen, der nicht 
erdrückt ist von der Anschauung: »Besser ein Kartoffelsack als auf 
dem Pflaster liegen.« Fragen wir, was also konkret die Auswirkung 
des Bettelsackes Kartoffeln auf seine klassenmässige Empörung 
verhindert, so werden wir feststellen können, dass als wichtigstes 
seine familiäre Verantwortlichkeit wirkt. Man kann ihn nie dadurch 
zu klassenmässigem Denken bringen, dass man ihn einfach auffordert 
zu streiken, wie es die ganz Bornierten tun, die nicht wissen, was in 
einem Arbeiter vorgeht, noch dadurch, dass man ihn auffordert, in 
diffamierte, geheime, schwer bedrohte Gewerkschaften einzutreten, 
zu denen er kein Vertrauen hat; man kann zunächst als revolutionärer 
Arbeiter nichts anderes tun, als in der NSBO sein und ihm zeigen, dass 

100 



Was ist Klassenbewusstsein? 

man seine geheimen, unausgesprochenen Schwierigkeiten begreift, also 
etwa, dass er aus Familiensorgen seine Empörung in sich niederhält, 
sie sich selbst auszudenken nicht gestattet. Es gibt typische, Millionen 
Arbeiter in gleicher Weise betreffende kaum bewusste Schwierigkeiten. 
So wie für den durchschnittlichen Jungarbeiter neben dem Lohn die 
Wohnungs- und Mädelfrage wohl die typischste, häufigste Schwierigkeit 
darstellt, so für den erwachsenen Arbeiter seine familiäre Verantwort- 
lichkeit, die wir nicht mit bürgerlicher Familienbindung ohne weiteres 
gleichsetzen dürfen. Wenn man ihm sagt: »streike«, so versteht er 
nicht, was man will, oder er kehrt einfach den Rücken. Wenn man 
ihm aber (hier sehr schematisch, zugeschnitten) klarmachen würde, 
dass er in Unklarheit ist, hin- und herschwankt zwischen einer 
Empörung, die sich nicht hervortraut, teils weil er nicht weiss, ob 
Hitler ein Unternehmerknecht oder ein ehrlicher nationaler Führer 
ist, der alle betreuen will, wie ihn etwa der Kartoffelsack belehrt, 
dass er imponiert ist von den Reden und Festlichkeiten, irgendwo 
doch an den guten Willen glaubt und überdies sich lieber fügt, weil 
er Familienvater ist, und ähnliches mehr, dann hat man ihn ver- 
standen, was er sofort fühlt; dann hat man sich als echter Revolutionär 
erwiesen, denn dann hat man einen Arbeiter gewonnen, wenn auch 
noch nicht sofort für den Streik, aber sicher für später, wenn derartige 
Inseln des massenpsychologischen Verständnisses sich zusammen- 
schliessen, in Ortsgebieten, Städten, Provinzen, wenn das Empfinden 
wie eine Lawine um sich zu greifen beginnt, dass es Leute gibt, die 
genau wissen, was einen erfüllt, empört, zurückhält, vorwärtstreibt 
und bindet gleichzeitig. Derartige illegale Flugblätter müsste man 
nicht erst mühevoll an den Mann bringen, sie würden aus den Händen 
gerissen werden, und die Hersteller würden nicht mit dem Gefühle 
der Aussichtslosigkeit arbeiten, wie sie tun, wenn sie noch und noch 
über Marterungen und Betrügereien berichten, sondern mit: dem 
Empfinden des unmittelbaren Kontaktes mit dem wirklichen indiffe- 
renten Arbeiter, auf den es ja ankommt. Es würde fraglos die 
Illusionspropaganda durch die Wirklichkeit, das politische nutzlose 
Geschrei durch sachliche Bewältigung der Situation ersetzen. 

Kleine Begebenheiten enthüllen oft mehr als grosse Ereignisse. 
Eine derartige unscheinbare Begebenheit soll zeigen, was ich meine, 
wenn ich von klassenmässigem Denken und seiner Hemmung spreche, 
wobei es den Tatsachen entspricht, dass die bürgerliche Sexualideologie 
meist das hemmende Element darstellt. In einem oesterreichischen 
Lokalzug sprechen einige Arbeiter und Bauern über Politik, Persön- 
liches, Frauengeschichten durcheinander. Da meint ein junger Ar- 
beiter, offenbar verheiratet, es sei doch so schlimm mit den Gesetzen. 
Die wären alle für die Reichen gemacht, die Armen hätten nichts davon. 
Ich horchte auf, um zu hören, was dieser klassenbewusste Arbeiter zu 
sagen hätte. Er fuhrt fort: »So ein Gesetz ist zum Beispiel das 
Ehegesetz. Der Mann darf die Frau prügeln, heisst es da. Aber das 

101 



E. Parell 

darf nur der Reiche; wenn ein Armer seine Frau prügelt, wird er 
immer bestraft.« Das mag sachlich stimmen oder nicht. Für das, 
was so ein durchschnittlicher Arbeiter denkt, ist es höchst bezeichnend. 
Er stellt sich als Armer dem Reichen gegenüber und fühlt die Ungleich- 
heit; hierin hat er Ansätze zu klassenmässiger Einstellung; aber er 
würde seine Frau doch so gerne entsprechend den Gesetzesmöglich- 
keiten prügeln; hier fühlt er sich benachteiligt, und zwar klassen- 
mässig. Bürgerliche Sexualmoral steht gegen Klassenbewusstsein in 
ein und demselben Arbeiter. Das sexuelle Besitzrecht, das der Klassen- 
staat dem Manne einräumt, die Gewalt über die Frau und die Kinder, 
gehören zu den schwersten Hemmungen der Entwicklung des Klassen- 
bewusstseins bei allen Familienangehörigen. Sie wirken sich aus, 
indem sie alle Beteiligten zermürben, den Mann an die bürgerliche 
Ordnung binden und die Sowjetordnung geheim oder offen fürchten 
lassen, buchstäblich an der politischen Arbeit behindern etc. Dies 
ist keine ethische, sondern eine politische Frage und kann nur als 
solche behandelt werden, und zwar in der ersten Linie der revolutio- 
nären Propaganda und nicht im Hinterstübchen der Politik wie bisher; 
hier liegt vielleicht das wichtigste, politisch wirksamste Gebiet des 
Privatlebens beim Manne. Es hat die gleiche reaktionäre Bedeutung 
innerhalb des Proletariats wie etwa die Kleinsiedelei und Schrebergär- 
tenbewegung als familienpolitische Aktion des Kleinbürgertums. Als 
negative, hemmende Elemente des Klassenbewusstseins ragen ferner 
hervor die Männerbünde und das Wirtshausleben, beim Kleinbürgertum 
speziell das kleine Besitztum. Die wenigsten kleinen Besitzer waren 
sich im klaren darüber, dass die Revolution das kleine Besitztum 
zunächst nicht antastet. Karrierismus, Identifizierung mit dem Unter- 
nehmen, etwa Stolz auf die Entwicklung eines kapitalistischen 
Betriebs beim Arbeiter, Streben nach kontinuierlicher wirtschaftlicher 
Sicherheit wie im Beamtentum und als künftiger Pensionär wirken 
immer gegen die Entwicklung des Klassenbewusstseins, wenn die 
revolutionäre Partei nicht genauestens über alle diese Fragen positiv 
Auskunft gibt, wenn sie nicht, allen Schichten konkret die Frage 
beantwortet: Was wird aus meinem Häuschen, Schrebergarten, aus 
meinen Wirtshausbesuchen, meinen Kegelklub, meiner Herrschaft 
über Frau und Kinder, aus meiner Pensionsberechtigung, aus dem 
Unternehmen, auf das ich so stolz bin, nach der Revolution? Man 
sieht in dieser konkreten Aufzählung, wie falsch es ist, Rolle und 
Platz etwa der Sexualpolitik im Voraus abgrenzen und bestimmen zu 
wollen. Sie ist weder die alleinige Politik gegen die politische Reaktion, 
wie zu meinen man den Sexualpolitikern unterschiebt, noch eine Frage 
' der Sexualreformbewegung allein, sie ist vielmehr in konkreten Fragen 
des Lebens verteilt, hier als ein Element des Klassenbewusstseins 
wie beim Jugendlichen, dort als Hemmung seiner Entwicklung wie 
bei der verheirateten Frau etc. Sie gehört in die revolutionäre Arbeit 
hinein, unerlässlich, in engster Verbindung mit nichtsexuellen, rein 

102 



Was ist Klassenbewuastsein? 

wirtschaftlichen oder künstlerischen Fragen, und von diesen eben- 
sowenig zu trennen, wie das Leben sie trennt. 

Wie repräsentiesen sich die Elemente des revolutionären Bewusst- 
seins und seine Hemmungen 

beim Kinde? 

Die Kinderbewegung war im revolutionären Lager immer einer der 
schwächsten Punkte. Wir glauben durchaus nicht, wie man uns 
unterschiebt, alles zu wissen und alle Fragen mit einem Male lösen 
zu können. Wir haben nur einige Tatbestände gesehen und aufgedeckt, 
die man weiterentwickeln muss, und wir fordern von den Mitkämpfern 
nuK, dass sie nicht ledern kritisieren und statt von Leninismus zu 
reden ihn korrekt anwenden, indem sie immer »lernen, lernen und 
noch einmal lernen«, alles neu anzuschauen, alles ausnahmslos neu 
begreifen. Ich führte bereits aus, dass die proletarische Kinderpolitik 
-zu trocken, rationalistisch, nicht kindgemäss war, dass sie vor allem, 
abgesehen von sehr vielen einzelnen sehr geschickten Kindergruppen- 
leitern, nicht wusste, wie ein Kind wirklich fühlt und denkt. Wir 
können auch an dieser Stelle nur etwas mehr andeuten, als detailliert 
ausführen und erwarten die sachliche Ueberprüfung durch die be- 
treffenden Stellen. 

Hunger, effektives Unterernährtsein, ist bei Kindern zwar ein 
Erleben, das ihnen unauslöschlich die Kluft zum »reichen Kind« 
einprägt, aber es revolutioniert an sich nicht. Es weckt weit weniger 
Hass gegen den Besitzenden als Neid, Geducktheit und Neigungen, 
zu stehlen, wie etwa in den verwahrlosten Kindercliquen. Wollte man 
die Kinderarbeit auf effektiven Hunger basieren, man hätte eine zu 
schmale Grundlage, denn wir müssen das vielfache der Kinder 
erfassen, die effektiv hungern; überdies ist die Armut nie absolut, 
sondern immer relativ zu dem, der mehr hat. Hier kommt es also 
auf die Handhabung des Neides und der Bescheidenheit an, die sich 
aus ständiger Entbehrung entwickeln und das revolutionäre Fühlen 
hemmen. Die stärksten Antriebsfedern zu revolutionärer Gesinnung 
bei Kindern ist den Beobachtungen nach die Identifizierung mit 
älteren klassenbewussten Geschwistern oder Eltern. Das ist aber 
selten der Fall. Zwar kann ein revolutionäres, gottlos erzogenes Kind 
eine ganze Schule auf den Kopf stellen und aufwühlen, aber es bliebe 
Zufall, wenn es nicht organisiert wäre. Die in Deutschland durch 
Kinder verbreiteten Kinderschriften hatten wenig Effekt, weil sie 
mehr Gewicht auf Einlernung trockener Parolen als auf die Weckung 
<les kindlichen Interesses an realen Fragen und Dingen der prole- 
tarischen Bewegung legten. Ich muss daran festhalten, trotz allerhand 
unbegründeter, auf keinerlei Erfahrung beruhender Einwände von 
Kindergruppenleitern und Reichsleitern von Kinderorganisationen, 
dass die Kinder auf politische Fragen am leichtesten und lebhaftesten 
durch Stellung sexueller Fragen und durch Herstellung einer be- 

10$ 



E. Parell 

stimmten kameradschaftlichen Bindung reagieren. Die Sexualunter- 
drückung des kindlichen Lebens ist für das Kind so unmittelbar 
fühlbar, die Fragen der Klasse seinem Denken jedoch zunächst derart 
schwer fassbar, dass es hier keine Frage der Wahl gibt. Und frühes, 
der Wahrheit entsprechendes sexuelles Wissen bindet nicht nur sehr 
lebhaft an den, der sie vermittelt, zerstört nicht nur jedes sonst 
vorhandene Misstrauen des Kindes gegen den Erwachsenen, sondern 
bedeutet an sich die beste Grundlegung für areligiöses Denken und 
mithin für klassenmässiges Fühlen. Die Schwierigkeit liegt auch 
hier nicht so sehr an den Kindern als an den Erwachsenen, die diese 
Aufgabe durchführen sollen. Von hier aus lassen sich dem Kinde 
leicht Kenntnisse und Gefühlsregungen gegen Kirche und Kapital 
vermitteln, die man sonst nicht oder nur schwer heranbringen kann. 
Um aber diese positive Seite der Aufgabe zu leisten, ist genaue 
Kenntnis der schweren Hemmungen, denen das Kind unterliegt und 
die später zu reaktionären Bindungen werden, unerlässlich. Man tritt 
in eine Bauernstube im Gebirge, die Eltern sind sozialistisch eingestellt, 
aber das Kind hört, wenn es einem Fremden begegnet, immerzu: »Sag' 
schön küss die Hand,« oder: »Na, wie sagt man denn?« und das Kind 
krümmt sich vor Angst in sich zusammen, es wird »brav«. Der 
ideologische Kampf gegen das sogenannte Bravsein gehört zu den 
wichtigsten Aufgaben der proletarischen Front, deren Leistung nur 
sehr erschwert ist durch die bürgerliche Verbildung auch der prole- 
tarischen Erzieher. Die üblichen Erzählungen, Gespenstergeschichten, 
Einschüchterungen ( »ich hol sofort den Polizeimann«) gehören zu 
den mächtigsten reaktionären Hilfsmitteln der politischen Reaktion. 
Jeder proletarische Vater, es gibt nur wenige Ausnahmen, revanchiert 
sich für seinen Kulidienst im Betrieb an seinem Kind zu Hause. Hier 
wenigstens will er Herr sein, befehlen können und einen Gehorchenden 
besitzen. Wenn es nicht der Hund ist, so ist es das Kind. Dass das 
Schlagen der Kinder hierhergehört, ist klar. Es nützt aber nichts, dies 
nur zu wissen und es selbst nicht zu tun; was nottut, ist. die Organisa- 
tion breitester, internationaler Propaganda dagegen; das ist schon im 
Kapitalismus möglich und durchführbar. Jede Mutter, die auf der 
Strasse ihr Kind schlägt, müsste öffentlich zur Rede gestellt werden; 
bei organisierter Durchführung einer solchen Massnahme würde die 
Oeffentlichkeit sehr bald in den Kampf um das Kind als ein Glied 
der Gesellschaft, gegen seine Behandlung als eines Untertans der 
Familie, einbezogen werden. Es gäbe dann solche, die dafür eintreten, 
dass man die Kinder »besitzt« und schlagen darf, ebenso wie andere, 
die dagegen wären; und das wären überwiegend Menschen, die nie 
etwas von Kommunismus gehört haben ; sie wären unmittelbar in den 
Klassenkampf, d. h. einen Teil dayon einbezogen, aktiviert, tausend- 
fach besser, nützlicher, aussichtsvQÜer als durch »Forderungen«, die 
durch die Türritze gesteckt werden und dann ungelesen in den Papier- 
korb wandern. Wir können gewiss nicht alle Details hier erörtern. 

104 






Was ist Klassenbewusstsein? 

und genaue Anweisungen geben. Die Sozialisten der kapitalistischen 
Länder dürfen nicht auf Antweisungen warten; sie müssen aus 
ihrem innersten Gefühl für das, was richtig ist, uns nützt, und gegen 
das, was unrichtig ist, uns schadet, auftreten. Man soll weniger von 
der Notwendigkeit der Initiative der unteren Organisationen sprechen 
und lieber diejenigen Stellen unseres gesellschaftlichen Lebens zeigen, 
an denen sich Initiative entwickeln kann. Dazu bedarf es konse- 
quentester Umstellung unserer gesamten Propagandamethoden vom 
Papierenen zum Lebendigen, von der Angst, Fehler zu machen, die 
zur Stumpfheit führt, zum Mut, auch Fehler zu begehen und dann 
zu korrigieren. Um zum Kind zurückzukehren: Die sexualökonomische 
Forschung weist nach, dass die frühe und strenge Erziehung zur 
Reinlichkeit die allerschwersten charakterlichen Hemmungen der 
Aktivität vermittelt. An der kulturpolitischen Front im Kapitalismus 
arbeiten, Kinderpolitik betreiben, heisst konkret nichts anderes, als 
zum Beispiel die Frage der Schädlichkeit der frühen Reinlichkeits- 
erziehung breit aufrollen, sachlich behandeln. Man kommt dann rascher 
als so manchem lieb sein dürfte, in die Politik, denn der Reaktionär, der 
für die Zucht und Disziplin eintritt, wird als Gegner nicht lange auf 
sich warten lassen. Aber gerade dies wollen wir ja; wir wollen doch 
Diskussionen herbeiführen, an denen die Bevölkerung selbst interes- 
siert Anteil nimmt, weil es um schwierige Alltagsfragen geht. Es wird 
die Aufgabe der sozialistischen Fachanalytiker sein, den Organisa- 
tionen hier behilflich zu sein, die Diskussionen zu leiten etc. 

Ein anderes konkretes Beispiel: Das Verbot der Onanie der Klein- 
kinder und ihre Bedrohung durch Eltern, Lehrer und Pfarrer ist seit 
langem lebhaftes Diskussionsobjekt der Oeffentlichkeit. Die Kom- 
munisten konnten damit nichts anfangen, teils weil sie selbst hierin 
bürgerlich befangen waren, teils weil sie den sog. »Freudismus« 
ablehnen, was es gar nicht ist, denn Freud selbst hat keine Stellung 
zu dieser Frage. Hier aber, gerade hier und nirgends so sehr wie hier 
liegt das Kernproblem der Erziehung zu Gehorsam oder frischer 
Regsamkeit des Kindes. Das sind Klassenfragen, nicht »individuelle« 
Angelegenheiten. Das weiss die Kirche ganz genau, denn sie handhabt 
die sog. verpönten Fragen; für sie ist die Onanie der Kinder Politik! 
Wir glauben ja keinen Augenblick, dass wir diese Frage jetzt lösen 
werden, aber aufrollen können wir sie, Diskussionen entfachen, Be- 
wegung in unsere Arbeit bringen. Wer da sagen sollte, dass man 
nicht gefährliche Dinge berühren dürfe, um nicht abzustossen, dem 
würden wir antworten, er möchte die Sache denjenigen überlassen, 
die die nötige Geschultheit haben, um die Sache zu meistern. Sie 
sollen nur nicht stören und in den Chorus der Kirche einstimmen. 
Niemand besser als diejenigen, die die Konflikte des Kindes kennen, 
vermögen zu beurteilen, wie heikel, erregend, aber auch brennend 
diese Fragen sind. Sie beschäftigen ausnahmlos jede Mutter aller 
Lager und jedes Kind. Das gleiche gilt für alle Fragen der Kinder- 

105 



Politik, die nichts anderes ist und für uns sein kann als praktisch 
angewandte Paedagogik, vorläufig nur in der politischen Diskussion 
und im ideologischen Kampf. Ich betone, dass mir restlos klar ist, 
welche Widerstände die Aufrollung dieser Fragen wecken wird; aber 
ebenso gewiss ist, dass wir damit Kernfragen unseres Seins aufrollen 
und deshalb nicht an politischer Arterienverkalkung eingehen werden. 

Hier wurden nur einige typische Beispiele genannt. Sollte jetzt ein 
»Berufener« entgegnen, dass die Fragen der kindlichen Erziehung, 
noch in der Wissenschaft kontrovers sind, so würden wir antworten ; 
gewiss sind sie kontrovers, aber die Ordnung, die Lösung der Frage 
kann nicht in Gelehrtenstuben, sondern nur im lebendigen Kampfe 
um die Sache erzielt werden. Wir mögen in Details irren: Dass die 
Onaniebekämpfung der Kleinkinder für die Reaktion eine abgemachte 
Sache ist, steht fest. Dass wir die kindliche Sexualität nicht bekämpfen 
dürfen, ebenso. Alles Uebrige wird sich zeigen. 

Ich weiss nicht, ob das folgende Beispiel unmittelbar praktische 
Konsequenzen ergeben kann, dass es aber eindringlich mahnt, auf 
kleines und kleinstes zu achten, das grosse im kleinen aufzusuchen 
und dort zu bewältigen, es zu lernen, typische, allgemeine, von un- 
typischen, individuellen Tatsachen zu unterscheiden, ist gewiss. 
Hitler gewinnt auch die Kinder heute im wesentlichen durch Kriegs- 
spiele und Kriegserzählungen. Es steht also sicher die Aufgabe vor 
uns, zu begreifen, aus welchen Gründen er damit Erfolg hat, was im 
Kinde dabei vorgeht. Es geht nicht um tiefgründige Forschungen 
allein, sondern vor allem auch um Verstehen kindlicher Reaktionen. 
In einem Hofe spielen einige etwa 6 — 10jährige Jungs Soldaten, Krieg 
und ähnliches. Ein Junge rennt mit einem Säbel an der Seite und 
einem Holzgewehr in der Hand herum und schiesst auf seine Kame- 
raden. Ich frage den Jungen, ob er denn seinen Kameraden totmachen 
wolle. Er stockt sofort, sieht mich verblüfft an und fragt: »Tot 
machen?« Ich sage: »Natürlich, wenn Du schiesst, so tötest Du ihn 
doch!« »Ja aber ich will doch gar nicht töten,« ist die Antwort. 
»Warum rennst Du denn mit Gewehr und Säbel herum?« »Der Säbel 
ist so schön und lang,« antwortet er. Ich wollte nicht mehr auf die 
komplizierte Frage des Pazifismus und des Unterschiedes zwischen 
Krieg und Bürgerkrieg eingehen, weiss aber aus anderen Erfahrungen, 
dass die Kinder trotz unbewusster Tötungsabsichten, die Freude am 
Kriegsspiel nicht aus der Tötungslust, sondern aus der motorischen 
Lust am Spiel, aus der Vergrösserung ihres Ichgefühls durch die 
Waffe in der Hand und aus der Rhythmik des Soldatischen beziehen. 
Sollten sich derartige Einsichten nicht für die proletarische Kinder- 
politik nutzbar machen lassen? Sollten das nur Utopien sein? Ich 
weiss es nicht; jedenfalls sind dies die Tatsachen des kindlichen Lebens, 
und wenn wir die Kinder nicht erfassten, so gewiss deshalb, weil wir 
uns nicht die Mühe nahmen, sie in ihrer Mannigfaltigkeit zu sehen 
und davon zu meistern und zu nützen, was nutzbar werden kann. Das. 
106 






Was ist Klassenbewusstsein? 

sind schwere, sehr schwere Fragen, die unmittelbar Antwort heischen. 
Wenn wir sie nicht aufrollen werden, werden wir sie auch nie prak- 
tisch beantworten. 



Arbeiterbewegung 

Zur Kritik der kommunistischen Politik in Deutschland 

(mit besonderer Berücksichtigung der Thesen des 13ten Ekkiplenums) 

Vorbemerkung der Redaktion: Wir veröffentlichen diesen 
Diskussions-Artikel eines jungen Genossen, weil wir jede 
Diskussion fördern wollen, die der Lösung lebenswichtiger 
Fragen der Arbeiterbewegung nützlich sein könnte. Eine 
Stellungnahme zum Inhalt behält sich die Leitung der 
Sex-Pol-Organisation vor. 

I. ZUR METHODE 
a) die Massenpsuchologie und die bisherige marxistische Kritik 

Wir sind mit einer grossen Zahl kritischer Marxisten einig darin, dass die 
KPD und die KI in den letzten Jahren schwere Fehler begangen hat, die die 
Niederlage des deutschen Proletariats mitverschuldet haben. Wir sehen mit ihnen 
diese Fehler gegeben vor allem in der Beurteilung der SPD und des Faschismus, 
in der Einheitsfronttaktik, in der Gewerkschaftspolitik und neuerdings in der 
Anschauung über die Lage in Deutschland. 

Wir werden dabei nicht — wie es bisher meistens geschehen ist — die 
objektiv politische und ökonomische Analyse in den Vordergrund stellen, sondern 
— indem wir diese Analyse natürlich stets berücksichtigen — von der Frage 
ausgehen: Wie waren die Massen beschaffen, die man zum revolutionären Kampf 
gewinnen wollte? Warum konnte man sie durch die Politik, die man tatsächlich 
verfolgte, nicht gewinnen? Dabei werden wir die Erfahrung machen, dass sich 
die politischen Fehler der KPD im wesentlichen zurückführen lassen auf: 
Mechanischen Ökonomismus, d. h. die Auffassung, dass sich die ökonomischen 
Verhältnisse direkt und mechanisch in Ideologie umsetzen. Dieser mechanische 
Ökonomismus verbindet sich aber stets mit einem romantischen Psychologismus, 
d. h. dem auf Selbsttäuschung beruhenden Hineintragen und Hineinsehen der 
Gedanken, Gefühle und Wünsche der Vorhut in die Beurteilung der Massen- 
stimmung. Zwischen diesen beiden Erscheinungen besteht ein ähnlicher Zusam- 
menhang, wie der zwischen Ökonomismus und Terrorismus, den Lenin nach- 
gewiesen hat (wobei er mit Ökonomismus allerdings nicht genau das Gleiche 
bezeichnete, wie wir). Diese doppelte Befangenheit Hess aber die KPD-Führung 
nicht den Widerspruch zwischen bürgerlichen und rebellierenden Elementen im 
Bewusstsein des durchschnittlichen Arbeiters (bzw. Angestellten, Kleinbauern) 
selbst sehen, dessen Erkenntnis — sei diese nun bewusst oder mehr instinktiv — 
Hauptvoraussetzung für ein richtiges politisches Verhalten den Massen gegen- 
über ist. 

Hier werden viele Marxisten bereits einwenden dass die sogenannten »rein 
politischen Fehler« ja doch »in erster Linie« entscheidend waren, während es auf 
die falsche massenpsychologische Beurteilung erst »in zweiter Linie« ankomme. 
Hinter dieser Gegenüberstellung verbirgt sich aber eine gewisse Unklarheit. Was 
heisst denn »rein politisch«? Es könnte heissen, dass man die Fälle von politisch 
falschem Verhalten — etwa die Gründung der RGO oder die vergeblichen Versuche 
der KPD, noch in letzter Stunde Januar — März 1933 eine Einheitsfront zustande 
zu bekommen — historisch genau sammelt und beschreibt. Diese Sammlung und 
Beschreibung ist natürlich ungeheuer wichtig. Sie sagt aber zunächst nichts 
darüber, warum die gleichen Fehler immer wieder gemacht wurden und wie man 
sie in Zukunft verhindert. 

»Rein politische« Kritik nennt sich aber auch die Kritik, die die falsche 

107 




Arbeiterbewegung 

Theorie der Komintern als Grundlage des falschen Verhaltens angreift. Der 
grossartigste Versuch in dieser Richtung ist Trotzkis Zurückführung aller Fehler 
der kommunistischen Politik auf die Bürokratisierung und die Theorie vom So- 
zialismus in einem Lande. Beides war nach seiner Ansicht durch das Scheitern 
der westeuropäischen revolutionären Bewegung in der U. S. S. R. rein ökonomisch 
bedingt, wirkte aber von dort aus durch die Abhängigkeit der kommunistischen 
Parteien von der Komintern organisatorisch und ideologisch auf diese zurück und 
führte nach den Misserfolgen, die dadurch herbeigeführt wurden, zu ihrer immer 
weitergehenden Degeneration. Doch wenn man nun weiter fragt: Warum scheiterte 
die westeuropäische Arbeiterbewegung trotz objektiv günstiger Voraussetzungen 
in den Jahren 1918 — 23 (vor der Bürokratisierung und vor dem theoretischen 
»Sündenfall«) ? Warum Hessen sich die kommunistischen Arbeiter 10 Jahre lang 
einen solchen bürokratischen Apparat gefallen und jagten ihn nicht — von Trotzki 
eines bessern belehrt — zum Teufel? dann kommt man zu der Feststellung, dass 
auch diese »rein politische« Kritik, wenn sie nicht bei vorläufigen Antworten 
stehen bleiben will, wieder bei der Frage nach den Ursachen eines bestimmten 
Massenverhaltens endet. 

Die meisten dieser »rein politischen« Kritiker haben ja selbst tausenmal un- 
bewusst Massenpsychologie getrieben: Nämlich wenn sie nicht vulgärökonomistisch 
dachten d. h. der Meinung waren, dass sich die ökonomischen Verhältnisse unmittel- 
bar und mechanisch in Bewusstsein umsetzen. Wenn sie sich die Frage stellten: Wie 
kommen wir mit unserer politisch-ökonomischen Propaganda an die Massen heran? 
Wie benehmen wir uns richtig in den Gewerkschaften? Wie überwinden wir 
die Inaktivität in den eigenen Reihen? 

Unsere Methode der wissenschaftlichen Massenpsychologie will nichts anderes, 
als der aus der Erfahrung gewonnenen Strategie, Taktik und Propagandistik des 
Klassenkampfs eine — nach einer bestimmten Richtung hin — gründlichere 
Theorie geben, die zu neuer, wirksamerer Praxis hinführen soll. Was die Kritik 
an den Fehlern der KPD betrifft, so stimmen wir in den praktischen Folgerungen, 
wie bereits erwähnt, vielfach mit den bisherigen Kritikern überein, glauben aber 
doch, dabei einiges grundsätzlicher und in neuem Lichte sehen zu können. 

b) Zur massenpsychologischen Struktur der kommunistischen Partei 

So ist es doch z. B. wichtig,.' vor aller neuen Kritik an der KP sich die Frage 
zu stellen: Warum haben die Versuche einer Kritik — sei es von aussen, sei es 
von innen — wenigstens bis zum faschistischen Umsturz, so wenig Erfolg gehabt. 
Warum waren nicht nur Führung und Parteiapparat sondern auch die einfachen 
Mitglieder auch sachlicher Kritik gegenüber meist unzugänglich? 

Die Antwort: Bürokratisierung und Abhängigkeit — auch materieller Natur — 
von der KI erklärt nur für einen kleinen Teil des Apparats das Problem und auch 
dann bleibt noch die Frage, wie auch bei den Mitgliedern dieses verantwortlichen 
und geschulten Funktionärkörpers in gewissen Fällen fast etwas, wie eine Denk- 
hemmung einsetzte; denn die bewusst und aus Opportunismus Unehrlichen waren 
ja doch in der Minderzahl. 

Wenn wir nun durch Aufweis einiger massenpsychologischer Elemente in der 
Struktur der KPD der Lösung der Frage näher zu rücken versuchen, so tun wir 
es in dem vollen Bewusstsein der Mangelhaftigkeit unseres Verfahrens. Unsere 
Erkenntnisse würden erst ihren richtigen Wert gewinnen im Rahmen einer Ge- 
schichte der Arbeiterbewegung nach dem Weltkrieg, die die ganze Verflochtenheit 
des ökonomischen, politischen und psychischen Geschehens wiedergibt Die vor- 
wiegend wirtschaftspolitisch orientierten Leser werden aber hoffentlich hier — 
und nicht nur hier — die Voreiligkeit entschuldigen, mit der wir psychologische 
Erkenntnisse aussprechen, ehe eine ausführliche ökonomische Analyse des gesell- 
schaftlichen Geschehens vorliegt. 

Beginnen wir mit der Untersuchung der Haltung der breiten Mitgliedschaft. 
Hier müssen wir uns klar machen: Auch der klassenbewusste kommunistische 
Arbeiter trug Elemente der bürgerlichen psychischen Struktur in sich — wenn 
auch natürlich in anderer Verteilung als der durchschnittliche SPD-arbeiter oder 
proletarische Nazianhänger. 

Die allgemeine kapitalistische Unterdrückung der Bedürfnisbefriedigung 
erzeugt nicht nur Empörung, sondern auch Angst und Verzweiflung. Durch An- 
schluss an die revolutionäre Partei vermag der Einzelne die Empörung und einen 
Teil der Angst aktiv und sinnvoll zu verarbeiten, die bewusste Gemeinschaft der 

108 



Arbeiterbewegung 



Kämpfenden schafft das Gefühl der Solidarität. Doch das Stück kleinbürgerlicher 
Gehemmtheit, das auch im kommunistischen Arbeiter häufig steckt, bringt es mit 
sich, dass er ein Stück seiner Lebensangst nicht in Aktivität verwandeln kann, 
sondern aus ihr heraus eben in die Rolle eines in der Familie behüteten Kindes 
zurückflieht, wobei nun die Partei die Rolle der schützenden Familie übernimmt. 
So entstand jene dumpfe »Heimatbindung« an die Partei, die grosse politische 
Gefahren in sich barg. Sie lähmte die Aktivität und erzeugte auf proletarischen 
Festen manchmal eben jene berüchtigte spiessbürgerliche Vereinsgemütlichkeit. Sie 
erschwerte den persönlichen Kontakt mit dem Gegner, der ja Voraussetzung für 
seine Gewinnung ist. Sie machte aber endlich besonders ältere Parteimitglieder 
unfähig, Kritik anzuhören, liess diese Kritik vielmehr sogleich als eine Art 
Verrat empfinden: Eine Stimmung, die wieder die von oben kommende Ver- 
wandlung des demokratischen in den bürokratischen Zentralismus begünstigte, die ' 
unter der irreführenden Parole »Bolschewisierung der Partei« durchgeführt wurde. 
Massenpsychologisch war die Parole allerdings nicht ungeschickt: Man tauschte 
gegen das Recht freier Diskussion das erhebende Bewusstsein ein, sich nun der 
»eisernen« bolschewistischen Disziplin zu unterstellen. So kam in's Parteileben 
schliesslich etwas hinein,, für das der Vergleich mit einer kleinbürgerlichen Familie 
hoffentlich nicht zu gewagt ist, wo die Mutter (oder der Vater) despotisch und 
liebevoll zugleich den hilflosen Kindern Schutz gewährt aber dafür strengsten 
Gehorsam fordert. 

Einen etwas andern psychologischen Typ stellte der Funktionär dar. Bei ihm 
war ein Stück neurotischer Lebensangst nicht nur durch Hingabe an die Partei 
als grosse Familie bewältigt. Sondern er entwickelte die psychische Haltung, die 
uns aus der psychoanalytischen Lehre von den Seelenkrankheiten als Zwangs- 
charakter bekannt ist. Psychologisch zeichnen ihn aus : Reizbarkeit, Unentschlossen- 
heit, abstraktes mechanisches Denken, Vorliebe für stets sich wiederholende 
Formeln, Pedanterie, Denkhemmungen. Und hier haben wir die Erklärung dafür, 
dass manchmal hohe Funktionäre für Zusammenhänge blind waren, die der ein- 
fache Prolet längst begriff. Doch die gleichen Eigenschaften waren wiederum eine 
ausgezeichnete Grundlage für die aus objektiven Gründen einsetzende Bürokrati- 
sierung. Sie wurden im Verlauf der Bürokratisierung durch entsprechende Aus- 
wahl förmlich im Funktionärkörper gezüchtet. 

Dass sieh auf diesem Wege kleinbürgerliche und neurotische Strukturen auf 
die Partei und ihr politisches Leben übertrugen, hing nicht zuletzt mit ihrer 
Entwicklung von der Kader- zur Massenpartei zusömmen: So wurde die Partei 
als Avantgarde durch ein Menschenmaterial verwässert, aus dem auch durch 
bessere Bildung und Schulung keine brauchbaren Revolutionäre geworden wären. 
Die kapitalistische Gesellschaft produziert eben im Durchschnitt psychisch nicht 
ganz gesunde Menschen. Der massenpsychologische Sinn der Leninschen Partei- 
theorie ist daher, eine Kaderpartei zu schaffen, die persönlich ausgewählte Leute 
aufnimmt und überdies durch gründliche Schulung und persönliche Erziehung ein 
psychologisches Gegengewicht gegen persönliche Schwächen schafft. 

Heute sind in Deutschland die Kommunisten bei gleichzeitiger Stärkung der 
bewussten Solidarität aus dem Traum jenes »Heimat«-gefühls gründlich auf- 
gerüttelt. Die bürokratisch eingestellten Funktionäre waren der neuen Situation 
auch rein persönlich meist nicht gewachsen und sind durch andere ersetzt. Darum 
bat auch eine wirklich sachliche Kritik und Theorie heute ganz ändere Chancen, 
sich innerhalb der alten Parteikader durchzusetzen, als je zuvor. Die Führung 
der Komintern hingegen hält an der alten »Unerbittlichkeit« fest. 9 Monate nach 
dem Siege des Faschismus in Deutschland trat das Exekutivkomite der kommu- 
nistischen Internationale zu einer Plenarsitzung zusammen: Seine Thesen (Vgl. 
Basler Rundschau 1934 Nr. 1), die durch das Referat Wilhelm Piecks über die 
Lage in Deutschland eine wichtige Ergänzung erfahren, wurde nicht einstimmig 
angenommen. Dies scheint darauf hinzudeuten, dass sich innerhalb des Ekki selbst 
jene Kritik Eingang zu verschaffen beginnt, die seit Jahren von verantwortlichen 
Genossen sowohl ausserhalb als besonders auch innerhalb der KP gegen ihre 
Einsehätzung der politischen Lage und gegen ihre Taktik erhoben wurde. Denn 
Thesen und Referat — für das Pieck im übrigen ja nicht allein verantwortlich 
sein dürfte — zeigen, dass die ausschlaggebende Mehrheit des Ekki — im Gegensatz 
etwa zu vielen in Deutschland kämpfenden Kommunisten — aus den Ereignissen 
nichts gelernt hat, zu einer ernsthaften Selbstkritik noch nicht fähig ist. 

Wir werden uns im Folgende bei unserer Kritik weitgehend auf Thesen und 

109 






Arbeiterbewegung 

Referat beziehen, die ja die neueste grundsätzliche Äusserung zu unseren Pro- 
blemen darstellen. 

II. HAUPTPUNKTE DER KRITIK 
IN MASSENPSYCHOLOGISCHER BELEUCHTUNG 
a) S.P.D. und Faschismus 
Hierzu schreibt das Ekkiplenum: 

»Bei dem allgemeinen Kurs aller bürgerlichen Parteien, darunter auch der 
Sozialdemokratie, auf die Faschisierung der Diktatur der Bourgeoisie, ruft die 
Verwirklichung dieses Kurses unvermeidlich Meinungsverschiedenheiten unter 
ihnen über die Formen und Methoden der Faschisierung hervor. Einzelne bürger- 
liche Gruppen, wie auch die Sozialfaschisten, die in der Praxis vor keinem Akt 
der Polizeigewalt gegen das Proletariat zurückschrecken, treten für die Beibe- 
haltung der parlamentarischen Formen bei Durchführung der Faschisierung der 
bürgerlichen Dikatur ein. Die Faschisten bestehen aber auf der völligen oder 
teilweisen Abschaffung dieser alten, erschütterten Formen der bürgerlichen Demo- 
kratie, auf der Durchführung der Faschisierung durch Aufrichtung der offenen 
faschistischn Diktatur und durch Anwendung sowohl der Polizeigewalttätigkeiten 

als auch des Terrors der faschistischen Banden Die Sozialdemokrotie spielt 

auch weiter die Rolle der sozialen Hauptstütze der Bourgeoisie, auch in den 
Ländern der offenen faschistischen Diktatur (gesperrt v. Ref.), indem sie gegen 
die revolutionäre Einheit des Proletariats wie auch gegen die Sowjetunion kämpft 
und der Bourgeoisie durch die Spaltung der Arbeiterklasse das Bestehen des Kapi- 
talismus verlängern hilft.« (Abschnitt I, 2 u. 3.) 

Die Möglichkeit, den offenen Faschismus abzuwenden, hängt von den Kräften 
des kämpfenden Proletariats ab, »die am meisten durch den zersetzenden Einfluss 
der Sozialdemokratie gelähmt werden.« (I, 1.) 

Hier tritt uns die alte, völlig aussichtslose Perspektive entgegen , dass »der 
Verrat der Sozialdemokratie« die Hauptschuld an der Niederlage des deutschen 
Proletariats trüge. Und wozu hatten wir in Deutschland 14 Jahre lang eine 
kommunistische Partei? Wo wir doch seit 1919 — ja eigentlich schon seit Lenins 
Analyse des Reformismus — wissen, dass die sozialdemokratischen Führer nicht 
anders können, als das Proletariat stets von neuem irre zu führen. 

Vergessen scheint Marx, der gezeigt hat, dass die Ideologie der herrschenden 
Klasse zur herrschenden Ideologie der Gesellschaft wird; der gezeigt hat, wie sehr 
es dadurch auch dem Proletariat erschwert wird, durch den Lohn- und Geldschein 
hindurch die Tatsache der Ausbeutung wahrzunehmen, durch den Taumel der 
Prosperität hindurch (»wenn es dem Unternehmer besser geht, geht es auch mir 
besser«) die Nähe der Krise, deren Last im wesentlichen auf seinen Schultern 
abgeladen wird. 

Vergessen scheint Lenin, der gezeigt hat, wie das kleinbürgerlich-reformistische 
Denken bei einer bestimmten Schicht durch ihre ökonomische Begünstigung im 
Imperialismus verbreitet und verankert wird. 

Doch wir können Lenins Gedanken weiterführend sagen: Die Begünstigung 
während der Prosperität schuf nicht nur eine senkrechte Trennungslinie zwischen 
einer Arbeiteraristokratie und einem klassenbewussten Teil der Arbeiterschaft, 
Sie schuf zugleich in noch viel höherem Masse — wenn wir so sagen dürfen — 
eine wagerechte Trennungslinie in der psychischen Struktur des durchschnitt- 
lichen einzelnen Arbeiters selbst. Dieser konnte die reformistische Ideologie 
(von der Prosperität durch hohe Löhne und der Freude am Besitz recht vieler 
Volks- und Gewerkschaftshäuser bis zum Sozialismus durch Kommunalisierung) 
um so leichter in sich aufnehmen, als er durch das Eindringen der kleinbürger- 
lichen Moral- und Sexualauffassung in die Arbeiterfamilie selbst in seiner frühen 
Kindheit darauf vorbereitet worden war. Die dabei erworbene psychische Struktur: 
krampfhaftes Besitzinteresse, das, wie die Sexualökonomie zeigt, eine besondere 
Raktion auf Sexualhemmungen darstellt und die Furcht vor der väterlichen Autorität 
(als Grundlage der Führerbindung) trat zwar in Widerspruch zu der revolutionären 
Ideologie, die beim erwachsenen Arbeiter als Reaktion auf seine Stellung im Pro- 
duktionsprozess entstand. 

Aber diese tiefe psychische Verankerung der bürgerlichen Ideologie bewirkte 
dass der Reformismus 1) weit über die Arbeiteraristokratie im engeren Sinne 
hinaus eine Massenbasis fand und 2) dass die politische Stärke der S. P. D. 

110 



Arbeiterbewegung 

auch in der Krise so schwer zu erschüttern war, und den reformistischen Arbeiter 
dann gegen sein Interesse handeln liess. Dabei zeigten sich allerdings die Führer 
mit der bürgerlichen Ideologie und darüber hinaus mit den herrschenden Schichten 
der bürgerlichen Demokratie natürlich bedeutend stärker verwachsen als ihre 
Anhänger. 

Diese bürgerliche Demokratie — deren soziale Hauptstütze objektiv tatsäch- 
lich die S. P. D. darstellte — kann man aber nicht mit dem Faschismus einfach 
gleichsetzen. In der Gleichung bürgerliche Demokratie — Faschismus zeigt sich 
deutlich jener mechanische Ökonomismus, der aus der grundsätzlichen Gleichheit 
der Wirtschaftsordnungen in beiden Systemen auch ihre politische Gleichheit 
herleitet. In Wirklichkeit unterscheidet sich das faschistische Herrschaftssystem 
von der bürgerliehen Demokratie sowohl dadurch, dass es ökonomisch einer neuen 
Stufe der kapitalistischen Verfallsperiode entspricht, ferner seinem ganzen Staats- 
apparat nach (keine freien, legalen Arbeiterorganisationen) und endlich durch 
seine »soziale Hauptstütze«; diese besteht nicht mehr in der durch Zerschlagung 
ihrer demokratischen Illusionen immer mehr geschwächten Sozialdemokratie, 
sondern ruht auf der in den faschistischen Organisationen umgeformten, gegen die 
Grossbourgeoisie gerichteten Massenrebellion pauperisierter Kleinbürger und ideo- 
logisch kleinbürgerlich gebliebener oder wieder verkleinbürgerlichter Proletarier. 

Um so entschiedener ist darum die Sozialfaschismustheorie abzulehnen. Auch 
die S. P. D. stützte sich nicht nur auf die kleinbürgerliche, sondern auch auf die 
antikapitalistische Gesinnung ihrer Anhänger. Dasselbe tut zwar die faschistische 
Partei (dies ist vielleicht das einzig Richtige, was den Sozialfaschismustheoretikern 
bei der Formulierung ihrer unglückseligen Parole vorschwebte). Sie vermag aber 
durch Appell an die in ihren Anhängern viel stärker ausgebildete Autoritätsbe- 
reitschaft und Bindung an die Nation (Familie) die Rebellion voll in Staats- 
bejahung zu verwandeln-vor allem solange es sich nicht um den gegenwärtigen 
Staat handelte, sondern um das dritte Reich der Zukunft. Besonders schön lässt 
sich diese Unwandlung an der Bezeichnung zeigen, die der Nationalsozialismus 
mit besonderer Vorliebe für die Weimarer Republik brauchte: »Das System«. 
Dieses Schlagwort ist natürlich aus dem »kapitalistischen Wirtschaftssystem« 
des Marxismus entstanden und ohne diese Vorgeschichte auch reichlich sinnlos und 
unverständlich. So aber appellierte es an die von der revolutionär-marxistischen 
Propaganda vorbearbeiteten Hirne, rief die gleichen rebellischen Gefühle wach, 
betrog aber die Menschen, die ihm folgten um das Entscheidende: Die klare, 
wirtschaftliche Bestimmung des Begriffs. 

Die SPD hingegen konnte aus der Not des Widerspruchs zwischen klein- 
bürgerlicher und proletarischer Struktur ihrer Anhänger keine politische Tugend 
machen. Sie war mit ihrer Staatsbejahung historisch an diesen Staat — die 
Weimarer Republik — gebunden, blieb in der Folge auf eine immer schwächlichere 
Koalitions- und Tolerierungspolitik angewiesen, für die ihr die Bourgeoisie aller- 
dings einen wichtigen Preis zugestand: Das legale Bestehen der politischen und 
wirtschaftlichen Arbeiterorganisationen.' 

b) Einheitsfronttaktik 
Hat man sich nun die eben entwickelte durchschnittliche psychische Struktur 
des SPD-arbeiters klar gemacht; weiss man, das er meistens subjektiv überzeugter 
Sozialist ist, den Sozialismus will-selbst wenn seine Partei, an deren Führung 
und Organisation er anderseits psychisch gebunden ist, durch ihr Verhalten den 
Faschismus objektiv vorbereiten und herbeiführen hilft: Wird man dann solche 
Arbeiter in einer Versammlung mit »ihr Sozialfaschisten« anreden? Gewiss nicht. 
Und das haben auch die Kommunisten nicht mehr getan, seit die Theorie von 
den kleinen Zörgiebels von der Partei selbst verurteilt wurde. Aber es ist kein 
grosser Unterschied, ob man den sozialdemokratischen Arbeitern diese Bezeichnung 
direkt an den Kopf wirft, oder ob man in Presse, Brochüren und Versammlungen 
tausend Mal von »der Sozialdemokratie« als »Partei des Sozialfaschismus« spricht 
und schreibt. (Vgl. die zit. Stelle des Ekkipl.) Die Wirkung bleibt dieselbe. Die 
Erklärung, die dann etwa in Diskussionen angefügt wird: »Wir meinen ja nicht 
die Arbeiter sondern die Führer« bleibt wirkungslos. Denn der SPD-arbeiter ist ja 
mit seiner Organisation und seiner Führung identifiziert und die Sozialfascismus- 
parole hat ihn ohnedies gegen ihre Verkünder so aufgebracht, dass er dem »wir 
meinen ja nicht« überhaupt kein Gehör mehr schenkt. Darüber, dass auch rein 
objektiv die Sozialfaschismustheorie zweifelhaft ist, siehe oben. 

111 



Arbeiterbewegung 

Was vom »Sozialfaschismus« gesagt wurde, gilt auch von den stereotypen 
Beschimpfungen der sozialdemokratischen Führer. Statt dieser falschen Methoden 
würde es gelten, den sozialdemokratischen Arbeitern immer wieder kamerad- 
schaftlich und sachlich ihre eigene widerspruchsvolle Haltung bewusst zu machen 
und so die Ablösung von den Führern vorzubereiten. 

Die Schwächen der Agitation — nicht nur bei den Sozialdemokraten — erkennt 
das Ekkiplenum sehr richtig, wenn es (Abschn. III, D) schreibt, es sei nötig, 
»den Inhalt und die Sprache der Agitation auf die breitesten Schichten der Werk- 
tätigen umzustellen«. Nur wird dies leider mit einer falschen massenpsychologi- 
schen Einschätzung, mit »Sozialfaschismus« und »Führerentlarvung« nicht mög- 
lich sein. Wie oft ist nicht schon in Parteibeschlüssen gesagt worden: »Wir 
müssen uns auf die Massen umstellen.« Hier erzeugt ein ungelöstes Problem einen 
blossen Imperativ, der zur coueistisehen Beschwichtigung wird. 

Wenn man die oben besprochene starke Bindung an die Organisation richtig 
begreift, so wird es auch völlig sinnlös, die Einheitsfront in mechanischer Weise 
»von unten« verwirklichen zu wollen, indem man sozusagen über die Organisation 
hinweg den Sprung zum »einfachen Arbeiter« machen will. Das Ekkiplenum 
schreibt (III, C) : 

»Gegen die Sozialdemokratie, für die Einheitsfront von unten. — Im Kampfe 
gegen die Sozialdemokratie müssen die Kommunisten den Arbeitern die ganze 
historische Unvermeidlichkeit des jüngsten Bankrotts der Sozialdemokratie und 
der zweiten Internationale aufzeigen; unter sorgfältiger Aufdeckung und Zer- 
schlagung aller heuchlerischen und verräterischen Sophismen der Sozialdemokratie 
vor den Massen müssen die Kommunisten die sozialdemokratischen Arbeiter für- 
den aktiv revolutionären Kampf unter der Führung der kommunistischen Partei 

gewinnen 

Das XIII. Ekkiplenum fordert alle Sektionen der kommunistischen Inter- 
nationale auf, mit aller Beharrlichkeit entgegen und trotz der verräterischen 
Führer der Sozialdemokratie für die Verwirklichung der Einhejtskampffront mit 
den sozialdemokratischen Arbeitern zu kämpfen.« 

Diese abstrakte Gegenüberstellung von. sozialdemokratischen Arbeitern und 
sozialdemokratischer Führung werden wir durch eine kombinierte Taktik »von 
unten und von oben« ersetzen. »Von oben« heisst aber nicht nur »mit den höch- 
sten Spitzen« (und dazu noch nach Art der Geheimdiplomatie, wie es in der Tat 
geschehen ist) sondern: Verhandlung mit organisatorischen Einheiten jeder Grösse 
(Bezirke, Abteilungen, Betriebsgruppen). Dazu kommt die Taktik »von innen«: 
Illegale Fraktionsarbeit innerhalb der Sozialdemokratie selbst, die nicht bei 
lächerlichen Übertrittstheatern enden darf, wie sie in Deutschland so oft auf- 
geführt wurden. Wir können hier nicht für alle Situationen Rezepte geben. 
Besser als alle Rezepte ist massenpsychologische Klarheit, die in der konkreten 
Situation die Politik zweckentsprechend finden lässt. 

Um nur ein Beispiel für richtiges Verhalten zu geben: Im Jänner 1933 gingen 
die Führer der Wilmersdorfer Kampf Staffel zusammen mit ein paar Reichs- 
bannerleuten zum Führer des Reichsbanners und schlugen ihm im Beisein seiner 
Leute vor, konkrete Abmachungen über die Einheitsfront zu treffen: »Wir fragen 
gar nicht erst oben an, ob es denen Recht ist, und erwarten von Dir das Gleiche.« 
Durch diese kameradschaftliche Haltung gelang es, Abmachungen zu treffen. 
10 — 12/1. 1933, verteilten beide Organisationen ein Flugblatt, das zur »Einheits- 
front gegen den Faschismus — ohne Diskussion« aufforderte. Die obern Leitungen 
wussten gar nichts davon. — Eine aktionsfähige, ihrer selbst sichere kommunisti- 
sche Partei hätte solche Aktionen natürlich nicht gedrosselt, sondern im Gegenteil 
dazu ermutigt und angeregt, statt sie häufig aus Angst vor dem eigenen Oppor- 
tunismus zu hindern. 

Die Einheitsfront gegen den Faschismus wird aber auch dadurch erschwert, 
dass man die ersten Schritte zur Eeseitigung der bürgerlichen Demokratie bereits 
als Faschismus bezeichnet (Vgl. die zitierte Stelle). Kein sozialdemokratischer 
Arbeiter wird begreifen, warum man gegen die eigentlichen Faschisten besonders 
kämpfen soll, wenn das, was man verteidigt — nämlich zunächst doch die bürger- 
liche Demokratie — eigentlich genau das Gleiche ist, wenn zwischen »Sozial- 
faschismus«, »Brüningfaschismus«, »Hitlerfaschismus« prinzipiell kein Unter- 
schied besteht. So wurde der »rote Volksentscheid« gegen den »Severingsfaschis- 
mus« eine der Ursachen dafür, dass die sozialdemokratischen Arbeiter am 20ten 
Juli nicht begriffen, warum nur die Kommunisten bereit waren, diesen »Severing- 

112 



Arbeiterbewegung 

faschismus« gegen den »Papenfaschismus« zu schützen und ihre Generalstreik- 
parole nicht ernst nahmen. 

In ähnlicher Weise hatte auch das ZK der PK Österreichs schon 1928 an- 
lässlich eines Heimwehraufmarsches in Stockerau bei Wien verkündet, die da- 
malige Regierung Schober sei der Beginn der faschistischen Diktatur; sie rief dann 
6 Wochen lang täglich zum Generalstreik gegen sie auf. Durch diese klägliche 
Taktik brachte sich die KP um jeden Einfluss bei den spätem Auseinander- 
setzungen. Das Richtige wäre gewesen, zu erkennen, dass Schober nur den Anfang 
einer langen Entwicklung bedeute und dass man das Vertrauen der sozialdemo- 
kratischen Arbeiter nur allmählich gewinnen könne durch richtige Voraussage 
des jeweils nächsten Schritts dieser Entwicklung. . 

c) Gewerkschaftspolitik. 

Wenden wir uns nuji der Gewerkschaftstaktik zu. Auch hier wurde das nicht 
berücksichtigt, was den sozialdemokratischen Arbeiter — trotz Kritik an der 
Kapitulation in jedem neuen Lohnkampf während der Zeit der Krise — ursprüng- 
lich in die Gewerkschaften getrieben hatte und was ihn auch später darin festhielt. 
Während der Zeit der Prosperität gewährten die reformistischen Gewerkschaften 
ihren Mitgliedern ohne Zweifel den im Rahmen des kapitalistischen Systems 
möglichen Schutz ihrer ökonomischen Interessen. Sie hatten — im Gegensatz zu 
den kommunistischen Organisationen — erfahrene Funktionäre, die in den Fragen 
des Arbeitsrechts und der Sozialversicherung Beseheid wussten. Sie gaben 
Hoffnung auf Unterstützungen aus den Gewerkschaftskassen, ja sogar auf bezahlte 
Anstellungen in ihrem eigenen oder einem ihnen nahestehenden Apparat (Kranken- 
kassen, kommunaler Beamtenapparat etc.). All das erzeugte bei den Mitgliedern 
ein Gefühl familiären Geborgenseins in jener Organisation, die dazu noch so viele 
schöne Häuser besass, die — wohlgemerkt — einem selbst gehörten, in denen man 
billig essen und schlafen konnte und, besonders in kleineren Städten, überhaupt 
»zuhause« war. Wiederum also liegt eine Übertragung der kleinbürgerlichen 
Familienbindung auf die Organisation vor. Und eben diese unbewussten Ge- 
fühlsbeziehungen irrationaler Natur erschwerten es den Arbeitern ungeheuer, die 
von den Gewerkschaften in der Zeit der Prosperität und auch noch später ge- 
weckten Illusionen (»Wirtschaftsdemokratie«) während der Krisenzeit als solche 
zu erkennen und die entsprechenden Konsequenzen daraus zu ziehen. 

Diesen Gewerkschaften gegenüber war die Taktik der KPD nun wiederum 
romantisch-psychologistisch und mechanisch-ökonomistisch zugleich. Bei der 
Arbeit innerhalb der Gewerkschäften und Betriebe wurde oft nicht bemerkt, 
dass nur eine kommunistische Minderheit zu radikalen Lohnforderungen und 
Streiks bereit war. Diese Minderheit projizierte ihre Stimmung einfach in die 
übrige Belegschaft hinein. Statt ihr Vertrauen im Kampf um im Rahmen des 
Kapitalismus erfüllbare Forderungen zu gewinnen, um sie später in den Kampf 
zu führen für Forderungen, die das kapitalistische Wirtschaftssystem sprengen 
müssen; statt durch Bildung von geschulten Kadern während der Zeit der 
Prosperität diesen Kampf auch organisatorisch zu unterbauen, statt dies vor- 
zubereiten und durchzuführen, verscherzten sich die Kommunisten oft durch 
voreilige und ungenügend vorbereitete Streikaktionen ohne Rückhalt bei der Be- 
legschaft, durch unfruchtbare Opposition etc. das Vertrauen, provozierten ihren 
Ausschluss. 

Zugleich aber rief die KPD zur Bildung roter Verbände auf. Sie ging von der 
Auffassung aus: Die Gewerkschaften sind ökonomisch Stützen des Kapitals, sie 
verraten die Arbeiterschaft. — Diese objektiv richtige Einschätzung verwandelt 
sich aber sogleich in einen massenpsychologisch verhängnisvollen Ökonomismus, 
wenn man daraus die politische Parole herleitet: Heraus aus den Gewerkschaften, 
hinein in die roten Verbände. Denn solche Politik meint wiederum, dass sich die 
ökonomischen Verhältnisse, direkt und mechanisch ins Bewustsein umsetzen. 

Ist aber diese prinzipielle Ablehnung der reformistischen Gewerkschaften ein- 
mal in die Köpfe der kommunistischen Arbeiter eingehämmert — zusammen mit 
der übrigen ökonomistischen Theorie — dann hat man gut reden von der »op- 
portunistischen, kapitulantenhaften Geringschätzung der Gewerkschaftarbeit und 
besonders der Arbeit in den reformistischen Gewerkschaften sowie in den faschisti- 
schen und christlichen Gewerkschaften und Massenverfränden«. (Ekkiplenum III, D.) 

Man wird ihr nur »ein Ende setzen« können, wenn man konkret und wirklich- 

113 



Arbeiterbewegung 

Sri 3 " 1 ZU denk£n hegi " nt UDd dle bi3her ^machten Fehler einsieht und ana- 
III. ZUR LAGE IN DEUTSCHLAND 
a) der »revolutionäre Aufschwung« 

Pate M bei a dlr Ch Th P ^ 0n0miSmUS W? romantischer Psychologismus stehen auch 
late bei der Theorie vom revolutionären Aufschwung (vgl. besonders Piecl« 
Referat), der heute in Deutschland angeblich nicht nur »begonnen? hat ' sondern 
bereits »in vollem Gang« ist. Schon vor Hitlers Machtergreifung hat die offizielle 
kommunistische Theorie aus der Verschärfung der Krise mechanisch eine >> Links! 
entwicklung« hergeleitet und vorbeigesehn an der (von Reich, »MassenpsycholÖgfe« 
1. Kap. so genannten) Schere: Krisenverschärfung bewirkte politische Rechts 
entwicklung der Ideologie breiter Massenschichten, obwohl die ökonomische Tel 
elendung eigentlich Linksentwicklung erwarten Hess. Zwar ist 2™ »Rechts« 
entwicklung der Ideologie in Deutschland heute nicht mehr möglich Das Weiler" 
bestehen der Krise erzeugt bereits Unzufriedenheit, spontane Kritik D ese~ 
LA 'ÄS' eiDfa ft C \- R-olutionierung/DeL genaue Beobachtung 
zeigt üass beim Einzelnen oft die verstärkte Kritik zunächst durch verstärkte 
Angstentwicklung daran gehindert wird, sich in Aktion umzusetzen VErStarkte 

Aber gerade die Einsicht in diesen Sachverhalt wird durch den romantischen 

y oder°2 mU - Verb ! Ut ' DaS i 1 " 881 iD dieSem Fal1 ' dass die revolutionär^ Führung 

— oder diejenigen, die sich dafür halten - ihren eigenen Kampfwillen bzw den 

der revolutionären Kader in Deutschland in die Massenstimmunghi^eSrojirieren" 

Diese Identifikation - von Miles treffend »subjektiver Idealismus« genannt - 

st naturlich eine Utopie: Weil die kommunistischen Kader we "rarbfuen weil 

ihre Arbeit an manchen Stellen tatsächlich einen Aufschwung genommen hat rst 

n s p rech a en ge ClÄ ™ «"T /- oluti °-ren Aufschwung schlechthTn 
zu sprechen. Im Hochgefühl einer solchen falschen Identifikation konnte der 
Leiter einer Emigrantenstelle, der einen Genossen wegen »Abweichungen« 

D:ut C schl S ands?: gen: ^"^ ^^ MUDd SPricht die geSamte aÄZ 
b) Widersprüche im Faschismus 
Besonders wichtige Aufgaben hat aber die Massenpsychologie bei der Erfassung 
wTlhZ'p" t W ' ders r üche inn -«alb des Faschismus Selbst Das Referat vor" 
HandelTstSk ^LT^V^f^' Lohnstati ^> ArbeitslosigkeitsstatisUk 
bestehn der Krise ' Massnahmen; all dies erweist das Fort- 

Standnnnk? Untersucht n i cht ~ ™d dies ist ihm schon vom rein ökonomischen 
Standpunkt aus vorzuwerfen — die daneben bestehenden Tendenzen zur Stabil? 
Schulden V ^ Chistis ^ n Wirtschaft (z. B. Zahlungsaufschub Tür ausländ^ e 
de^W^n";rMt) aUe F n r ta [ kUn ^ dUr . Ch ,7lf Zicht auf Inflationspläne, relativer Erfolg 
inn«*«if H S" l untersa ^ t nlcht die weiterbestehenden politischen Gegensätze 
nZl des Faschismus selbst: Finanzkapital (Hitler-Göbbels-Schmidt) gegen 
Industrie- + Agrarkapital (Göring). Endlich aber untersucht es nichT gründlich 
die für den revolutionären Politiker entscheidende Frage: Wie erleben X ansehen 

seinen Statistiken im mechanischen Ökonomismus stecken. 

a u-i\-7° T l a "! diese Frage ist ^sonders entscheidend für die revolutionäre 
Arbeit bei den Indifferenten, bei den Frauen, bei der Jugend rev °'"t'°nare 

Mit der Arbeit bei diesen ist das Ekkiplenum nicht recht zufrieden »Di,. 
Massenarbeit unter den Frauen« ist »zu verstärken«, »die AbgLchlossenheit des 
Jugendverbandes zu überwinden« (III, D). Aber wie? Hier besteh Irr l 
dass der siebente Weltkongress feststellen wird, die Beschlüsse de XIII Ekki' 
penums seien nicht genügend durchgeführt worden. Denn das Referat WlÄ 
Piecks bringt in dieser Hinsicht überhaupt nichts neierat Wilhelm 

die Se m s"telle n n ab Wi ange t u S ^V™ wirts <* a ™<*en Berichte immer wieder 
aie l rage stellen: Wie verhalten sich zu diesen Tatsachen — abeesehn von den 

JuTend d, ar ^,7 d / £ re ! orraistisch - Arbeiter, die Kleinbürger! IL Frauen dTe 
Jugend, de Studenten, die Intellektuellen etc.? Wo bleibt für Pieck etwa rf! 

s A chen yS F r e aue e „ Telbsf gefen ^rT^' ^ «° ***** AKSuSSiS ! 
(™i A- t.^ „, gßn lhre De S ra dierung zu Zucht- und Arbeitssklavinnen 
Wort «h f ^ u H T der Zeitschrift »Die deutsche Kämpferin«: T? Wo bleTb ein 
Wort über den Kirchenkonflikt? Die seinerzeit in der Rundschau veröffentUchte 

114 



Ein Widerspruch der Freud'schen Verdrängungslehre 

Bemerkung darüber gipfelt in der ganz dilettantischen Parole: »Unterstützung des 
Kampfs der niedern Geistlichkeit gegen die hohe«; aber eine Kirche ist keine 
Gewerkschaft. Wo bleibt ein Aufweis des Widerspruchs zwischen der national- 
sozialistischen Verherrlichung der Familie und ihrer Zerstörung durch Dienst in 
SA und Hitlerjugend. Wo bleibt eine exakte Beurteilung jener Stimmen innerhalb 
des Nationalsozialismus, die auch heute noch sich mit dem rein kapitalistischen 
Kurs der Regierung nicht zufrieden geben und deren Stimme immer auf neuen 
Wegen in die Öffentlichkeit dringt (z. B. anlässlich gewisser Sehachtreden)? 

Wir werden all dies bei anderer Gelegenheit ausführlicher analysieren. Es 
scheint uns nur, dass Pieck und das Ekkiplenum ganz übersehen, wie sehr in 
einem Zustand der Illegalität, wo jedes offene Wort gefährlich ist, die Bedeutung 
des kleinen Alltagslebens für den politischen Kampf zunimmt. Es scheint uns 
aber, dass die in Deutschland selbst kämpfenden Kommunisten die Dinge wesent- 
lich richtiger sehen. 

So erklärte eine Genossin in Deutschland auf die Frage, was sie vom revolu- 
tionären Aufschwung hielte, diese — zum ersten Mal in der Ekkiresolution vom 
April 1933 vertretene — Theorie sei doch von der Partei im Juni 1933 zurückgezogen 
worden. Da wir Ähnliches auch von andern Genossen erfuhren, scheint es, dass 
tatsächlich viele untere und mittlere Einheiten diese falsche Theorie selbständig 
»liquidiert« haben. 

So müssen wir uns davor hüten, die Bedeutung auch eines so »repräsenta- 
tiven« Dokuments, wie die Thesen des XIII. Ekkiplenums für den Kampf in 
Deutschland zu überschätzen. 

Wolfgang Teschitz. 



Ein Widerspruch 
der Freud'schen Verdrängungslehre 

von Wilhelm Reich 

Anmerkung 

Die »Zeitschrift für politische Psychologie und Sexual- 
ökonomie« druckte im ersten Heft einen Artikel des Vorstands- 
mitglieds der deutschen psychoanalytischen Zweigvereinigung 
Dr. Carl Müller, Braunschweig, ab, in dem die Gleichschaltung 
der psychoanalytischen Theorie der Neurosen mit der Hitler- 
schen Weltanschauung vollzogen wurde. Die Verbrennung der 
Bücher Freuds im »dritten Reich« hatte dem genannten Vor- 
standsmitglied die Unvereinbarkeit von Psychoanalyse und 
Faschismus offenbar nicht klar genug demonstriert. 

Der folgende Artikel wurde im Jahre 1932 abgefasst. Er 
sah, das bestätigt sich jetzt auf unmisverständliche Art, die 
Entwicklung voraus; er versucht nachzuweisen, weshalb die 
Psychoanalyse von der politischen Reaktion verfolgt wird, wo 
sich der bürgerliche Psychoanalytiker mit sich selbst im Wider- 
spruch befindet, wenn er Psychoanalyse betreibt. Er findet 
diesen Widerspruch schon in den Freudschen Formulierungen 
über Kultur und Triebverzicht. Die Lösung des Widerspruchs, 
die eine sexualökonomische ist, fordert entweder die Preisgabe 
der psychoanalytischen Erkenntnisse oder die der bürgerlischen 
Weltanschauung. 



a. Sexualverdrängung und Triebverzicht 
Eine ernsthafte Diskussion der soziologischen Konsequenzen der 
Psychoanalyse erfordert zunächst Klarheit darüber, ob die sogenannte 
psychoanalytische Soziologie und Weltanschauung, wie sie sich in den 

115 



Wilhelm Reich 

Spätschriften Freuds uns darbietet und in Schriften mancher ge- 
wesener und noch anerkannter Schüler zu grotesken Ergebnissen 
verdichtete, wie etwa bei Roheim, Pfister, Müller-Braunschweig, 
Kolnai, Laforgue und anderen, eine geradlinige, folgerichtige Konse- 
quenz der analytischen Psychologie sind, oder ob nicht diese Soziologie 
und Weltanschauung gerade durch einen Bruch mit den analytischen 
Prinzipien der Klinik, durch eine misverständliche oder unvollständige 
Auffassung klinischer Tatbestände zustande kam. Liesse sich ein 
solcher Sprung oder Bruch in der klinischen Theorie selbst nach- 
weisen, könnte man ferner die Beziehung zeigen, die zwischen der 
abweichenden klinischen Auffassung und der soziologischen Grund- 
anschauung besteht, so hätte man die wichtigste Fehlerquelle der 
analytischen Soziologie gefunden. (Eine andere Fehlerquelle besteht 
in der Gleichsetzung von Individuum und Gesellschaft.). 

Freud vertrat von jeher den kulturphilosophischen Standpunkt, 
dass die Kultur ihr Entstehen der Triebunterdrüukung bzw. dem 
Triebverzicht verdanke, was er .vor kurzem neuerdings am Problem 
der Erfindung des Feuers, darzulegen versuchte. Der Grundgedanke 
ist der, dass die kulturellen Leistungen Erfolge sublimierter Sexual- 
energie sein, woraus sich ergibt, dass" die Sexualunterdrückung bezw. 
Verdrängung ein unerlässlicher Faktor jeder Kulturbildung sei. Es 
liess sich nun bereits historisch nachweisen, dass diese Auffassung 
nicht stimmt, denn es gibt hohe Kulturen ohne Sexualunterdrückung 
mit völlig freiem Geschlechtsleben. 1 ) 

Richtig ist an dieser Theorie nur, dass die Sexualunterdrückung 
die massenpsychologische Grundlage einer bestimmten, nämlich der 
patriarchalischen Kultur in allen ihren Formen bildet, nicht aber die 
Grundlage der Kultur und ihrer Bildung überhaupt. Wie kam aber 
Freud zu dieser Auffassung? Gewiss nicht aus bewussten politischen 
und weltanschaulichen Gründen, im Gegenteil: Früharbeiten von der 
Art des Artikels über die »kulturelle Sexualmoral« weisen gerade in 
die Richtung einer sexualrevolutionären Kulturkritik. Diesen Weg 
hat Freud nie mehr weiterverfolgt, im Gegenteil, er sträubte sich gegen 
derartige Versuche und bezeichnete sie einmal mündlich als nicht 
»auf der mittleren Linie der Psychoanalyse« liegend. Gerade meine 
sexualpolitisch-kulturkritischen Versuche gaben Anlass zu den ersten 
Meinungsverschiedenheiten von Gewicht. 

Freud fand bei der Analyse der psychischen Mechanismen und 
Inhalte des unbewussten Seelenlebens das sogenannte System Ubw. 
(Unbewusstes) erfüllt von asozialen und antisozialen Triebregungen. 
Diese Entdeckung kann jeder bestätigen, der sich der entsprechenden 
analytischen Methode bedient. Phantasien, den Vater zu morden und 
die Mutter an seiner statt zu besitzen, stehen bei jedem Manne zentral. 
Grausame Impulse finden sich gehemmt durch mehr oder minder 

!) Vgl. Reich: Der Einbruch der Sexualmoral (Verlas f- Sex-pol 19*i2) 

116 



r 



Ein Widerspruch der Freud'schen Verdrängungslehre 

bewusstes Schuldgefühl überall vor. Bei der Mehrzahl der Frauen 
ergeben sich heftige Absichten, Männer zu kastrieren und sich das 
Glied selbst anzueignen oder in irgendeiner Form, etwa durch 
Schlucken, einzuverleiben. Die Hemmung dieser Impulse schafft nicht 
nur soziale Anpassung, sondern auch eine Reihe von seelischen 
Störungen, wenn die Absichten unbewusst festgehalten werden (z. B. 
hysterisches Erbrechen, das unsere Chirurgen durch Magenopera- 
tionen zu beseitigen versuchen). Grausame Phantasien beim Manne, 
das Weib beim Akt zu verletzen, zu durchbohren, zu erstechen 
schaffen verschiedene Arten der Impotenz, wenn sie durch Angst und 
Schuldgefühl gebremst sind, und begründen die Handlung des Lust- 
mordes, wenn der Bremsmechanismus gestört ist. Unbewusste Ab- 
sichten, eigenen oder fremden Kot zu essen, erfüllen das Unbewusste 
einer grossen Zahl von Menschen unserer Kulturkreise, wie die Ana- 
lyse ergibt, unabhängig von der Klassenzugehörigkeit. Die Entdeckung 
der Psychoanalyse, dass die Ueberzärtlichkeit einer Mutter zu ihrem 
Kinde oder einer Frau zu ihrem Gatten in direktem Verhältnis zur 
Stärke der unbewussten Mordphantasien steht, war für die ideologi- 
schen Vertreter der »heiligen Mutterliebe« und der »ehelichen Gemein- 
schaft« ganz und gar nicht erfreulich. Wir könnten in der Aufzählung 
beliebig fortfahren, brechen aber lieber ab, um zum Thema zurück- 
zukehren. Diese Inhalte des Unbewussten bezw. seiner verdrängten 
Anteile erwiesen sich vorwiegend als Reste kindlicher Einstellungen 
zur nächsten Umgebung, zu Eltern, Geschwistern etc. Das Kind hatte 
diese Impulse zu überwinden, um existenz- und kulturfähig zu werden. 
Die meisten Menschen bezahlen aber diese Ueberwindung schon in 
frühem Alter mit einer mehr oder minder schweren Neurose, das 
heisst mit einer bedenklichen Beeinträchtigung ihrer Arbeitsfähigkeit 
und sexuellen Potenz. 

Die Feststellung der asozialen Natur des Unbewussten trifft zu, 
ebenso die der Notwendigkeit des Triebverzichts zum Zwecke der 
Anpassung an das gesellschaftliche Sein. Es ergeben sich aber weiter 
zwei einander widersprechende Tatbestände: Einerseits muss das 
Kind seine Triebe verdrängen, um kulturfähig zu werden; andererseits 
tauscht es meist für die Triebbefriedigung eine Neurose ein, die seine 
Kulturfähigkeit wieder schädigt, seine Anpassung früher oder später 
völlig unmöglich und es selbst wieder asozial macht. Um das Indi- 
viduum wieder seinen Seinsbedingungen anzupassen, muss man seine 
Verdrängungen beheben, die Triebe freimachen; das ist die Voraus- 
setzung der Gesundung, noch nicht die Heilung selbst, wie die ersten 
therapeutischen Formulierungen Freuds besagten. Was aber sollte an 
die Stelle der Triebverdrängung treten? Unmöglich gerade die Triebe, 
die aus der Verdrängung befreit wurden, denn dies bedeutete ja 
wieder Existenzunfähigkeit. 

117 



Wilhelm Reich 

An verschiedenen Stellen der analytischen Literatur finden wir die 
Feststellung (die notabene bereits weltanschauliche Praxis ist), dass 
auf kernen Fall die Aufdeckung und Befreiung des Unbewussten, also 
die Bejahung seiner Existenz auch eine Bejahung der entsprechenden 
Tat bedeute. Hier stellt der Analytiker für das Leben ebenso wie für 
die Situation in der analytischen Kur den Grundsatz auf: »Sie dürfen 
und sollen sagen was Sie wollen; das bedeutet aber nicht, dass Sie 
auch tun können, was Sie wollen.« Doch stand, und steht noch heute 
die Frage, was mit den verdrängten und nunmehr befreiten Trieben 
geschehen solle, immer in ihrer grossen Tragweite vor dem verant- 
worthchen Analytiker. Die nächste Auskunft hiess: Sublimieren und 
Verurteilen. Da sich aber die wenigsten Patienten als in dem Masse 
sublimierungsfähig erweisen, wie ,die Heilung es erfordern würde 
kommt wieder die Forderung nach Triebverzicht mit Hilfe der Ver- 
urteilung zu ihrem Recht. Es heisst nun, an die Stelle der Verdrängung 
müsse die Verurteilung treten. Zur Rechtfertigung dieser Forderung 
wird herangezogen, dass die Triebe, die seinerzeit in der Kindheit 
einem schwachen, unentwickelten Ich gegenüberstanden, das nur 
verdrangen konnte, jetzt auf ein erwachsenes, starkes Ich stossen das 
sich ihrer durch Verurteilung erwehren könne. Diese therapeutische 
Formel widerspricht zwar in der Hauptsache der klinischen Erfahrung 
aber sie war seit langem und ist heute die führende Formulierung .' 
Dieser Gesichtspunkt beherrscht auch die analytische Paedagogik 
Anna Freud vertritt ihn zum Beispiel in der Frage, was das Kind mit 
den verdrängten Regungen, die befreit wurden, anfangen könne. 
Neben die Sublimierung tritt die Verurteilung, also, wenn man so 
sagen darf, »freiwilliger Trieb verzieht« an die Stelle der Verdrängung 
Da nach dieser Auffassung das Individuum durch Triebverzicht 
statt durch Verdrängung kulturfähig und damit auch Kulturträger 
wird, folgt unter Berücksichtigung der anderen Grundauffassung 
dass die Gesellschaft sich wie das Individuum verhalte und analysiert 
werden könne, dass die gesellschaftliche Kultur den Triebverzicht zur 
Voraussetzung habe und sich darauf aufbaue. 

Die ganze Konstruktion erscheint einwandfrei, erfreut sich der 
Zustimmung der überwiegenden Mehrzahl nicht nur der Analytiker 
sondern auch der Vertreter des abstrakten Kulturbegriffes überhaupt' 
d. h. der massgebenden bürgerlichen Welt. Denn durch die beschriebene 
Ersetzung der Verdrängung durch Triebverzicht und Verurteilung 
erscheint ein drohendes Gespenst gebannt, das schwere Unruhe schuf 
als Freud mit seinen ersten Entdeckungen kam, die unzweideutig 
feststellten, dass die Sexualverdrängung nicht nur krank, sondern 
auch arbeits- und kulturunfähig mache. Die ganze Welt tobte wegen 
des drohenden Unterganges der Sittlichkeit und Ethik, warf Freud 
vor, dass er, ob er wolle oder nicht, das »Sichausleben« predige die 
Kultur bedrohe und so fort. Der Freudache angebliche Antimoralismus 
war eine der stärksten Waffen seiner früheren Gegner. Das Gespenst 
118 






Ein Widerspruch der Freud'schen Verdrängungslehre 

"wich eist wieder, als die Theorie der Verurteilung aufgestellt wurde; 
die ursprünglichen Beteuerungen Freuds, dass er »die Kultur« bejahe, 
dass seine Entdeckungen sie nicht gefährdeten etc., hatten wenig 
Eindruck gemacht. Das bewies die unsrottbare Rede vom Freudschen 
»Pansexualismus«. Die Feindschaft wich nun einer teilweisen Akzep- 
tierung; denn wenn nur die Triebe nicht ausgelebt wurden, war es 
vom »Kulturstandpunkt« gleichgültig, ob der Mechanismus des Trieb- 
verzicht oder der der Verdrängung den Cerberus spielte, der die 
Schatten der Unterwelt nicht an die Oberfläche liess. Man konnte 
überdies sogar einen Fortschritt buchen, nämlich den von der un- 
bewussten Verdrängung des Bösen zum freiwilligen Verzicht auf die 
Triebbefriedigung. Da die wahre Ethik jeder Gestalt nicht darin 
besteht, dass man asexuell ist, sondern gerade den sexuellen Ver- 
suchungen widersteht, konnte man sich nach allen Seiten hin einigen 
und die verpönte Psychoanalyse war selbst kulturfähig geworden — 
leider durch »Triebverzicht«, d. h. durch Verzicht auf ihre Trieblehre. 
Ich bedaure, die Illusion sämtlicher Beteiligter zerstören zu müssen : 
In der ganzen Rechnung findet sich nämlich ein klar nachweisbarer 
Fehler, der sie als falsch erweist. Nicht etwa in dem Sinne, dass die 
Feststellungen der Psychoanalyse, auf denen sich die genannten 
Schlüsse aufbauen, falsch wären; im Gegenteil, sie treffen in vollem 
Masse zu; sie sind nur teils unvollständig, teils sind die For- 
mulierungen abstrakt und verhüllen dadurch die wahren Konse- 
quenzen. 

b. Triebbefriedigung und Triebverzicht 

Diejenigen deutschen Psychoanalytiker, die, sei es aus eigener 
Bürgerlichkeit, sei es unter dem schweren Druck der politischen 
Verhältnisse in Deutschland, die Gleichschaltung der Psychoanalyse 
durchzuführen versuchen (vgl. den in der 1. Nummer dieser Zeit- 
schrift abgedruckten Artikel von Müller-Braunschweig) holen zur 
Rechtfertigung ihres unwissenschaftlichen Verhaltens gerade solche 
Zitate aus den Freudschen Schriften hervor, in denen sie eine Be- 
gründung ihrer Gleichschaltungsbestrebungen vor Hitler zu erblicken 
glauben. Bei Freud finden sich in der Tat Formulierungen, die den 
psychoanalytischen klinischen Entdeckungen ihre kulturrevolutionäre 
Rasanz undWirkung nehmen, die den ganzen Widerspruch zwischen 
dem Naturforscher und dem bürgerlichen Kulturphilosophen in Freud 
zum Ausdruck bringen. Eine derartige Stelle lautet: 

»Ein böses und nur durch Unkenntnis gerechtfertigtes Misver- 
ständnis ist es, wenn man meint, die Psychoanalyse erwarte die 
Heilung neurotischer Beschwerden vom »freien Ausleben« der Sexu- 
alität. Das Bewusstmachen der verdrängten Sexualgelüste in der 
Analyse ermöglicht vielmehr eine Beherrschung derselben, die durch 
die vorgängige Verdrängung nicht zu erreichen war. Man kann mit 
mehr Recht sagen, dass die Analyse den Neurotiker von den Fesseln 
seiner Sexualität befreit.« {Freud, Bd. XI, S. 201 f.) 

119 



Wilhelm Reich 

Wenn die 17jährige Tochter eines nationalsozialistischen Würden- 
trägers an einer Hysterie, sagen wir an hysterischen Anfällen wegen 
verdrängter Koituswünsche erkrankt, wird zunächst in der psycho- 
analytischen Behandlung der Koituswunsch als inzestuös erkannt und 
als solcher verurteilt werden. Was geschieht aber mit dem sexuellen 
Bedürfnis? Nach der obigen Formulierung wird das Mädchen von den 
Fesseln ihrer Sexualität »befreit«. Klinisch sieht die Sache aber so 
aus: Wenn das Mädchen sich mit Hilfe der Analyse von ihrem Vater 
löst, so befreit sie sich blos von den Fesseln ihres Inzestwunsches, 
nicht aber von ihrer Sexualität überhaupt. Die Freudsche For- 
mulierung vernachlässigt diesen zentralen Tatbestand; man darf 
sagen, dass sich der wissenschaftliche Streit um die Rolle der Geni- 
talität gerade an dieser Stelle der klinischen Fragestellung entfachte 
und das Kernelement der Differenzen zwischen der korrekten psycho- 
analytischen (gleich sexualökonomischen) und der angepassten psy- 
choanalytischen These bildet. Die Freudsche Formulierung postuliert, 
dass das Mädchen auf jedes Sexualleben verzichtet. In dieser Form 
ist die Psychoanalyse auch für den Nazi-Würdenträger akzeptabel und 
für Müller-Braunschweig ein Instrument zur »Heranzüchtung des 
heldischen Menschen«. Diese Form hat aber nichts mit der Psycho- 
analyse zu tun, deren Schriften Hitler verbrennen Hess. Diese Psy- 
choanalyse, die keine Rücksichten auf bürgerliche Vorurteile nimmt, 
stellt eindeutig fest, dass das Mädchen nur gesunden kann, wenn sie 
die genitalen Wünsche vom Vater auf einen Freund überträgt und 
bei ihm zur Befriedigung bringt. Gerade dies widerspricht aber der 
gesamten Naziideologie und rollt die Frage der gesellschaftlichen 
Sexualordnung unerbittlich auf. Denn um den Forderungen der 
Sexualökonomie zu genügen, muss das Mädchen nicht nur ihre genitale 
Sexualität frei haben; sie braucht auch eine Wohnung, Empfängnis- 
verhütungsmittel, einen potenten, liebesfähigen, eben nicht national- 
sozialistisch, d. h. sexualablehnend strukturierten Freund, verständnis- 
volle Eltern und eine sexualbejahende gesellschaftliche Atmosphäre; 
dies umso mehr, je weniger geldliche Mittel ihr zur Verfügung stehen! 
die gesellschaftlichen Schranken des jugendlichen Geschlechtslebens 
zu durchbrechen. 

Die Frage der Ablösung des Mechanismus der Sexualverdrängung 
durch den des Trieb Verzichts oder der Verurteilung bei der analyti- 
schen Arbeit wäre einfach zu lösen, und zwar im Sinne der Freudschen 
Formulierungen, wenn nicht die Verurteilung von Triebbedürfnissen 
und der Triebverzicht selbst an die Oekonomie des Trieblebens ge- 
bunden wäre. Der psychische Apparat kann Triebverzicht nur unter 
ganz bestimmten sexualökonomischen Bedingungen leisten. Ebenso 
ist die Triebsublimierung an bestimmte Voraussetzungen geknüpft. 
Die psychoanalytische Klinik lehrt, dass der Verzicht auf eine 
pathogene oder asoziale Triebregung nur dann auf die Dauer möglich 
ist, wenn der sexuelle Haushalt geregelt ist, das heisst wenn keine 
120 




Ein Widerspruch der Freud'schen Verdrängungslehre 






sexuellen Stauungen vorhanden sind, die der zu verurteilenden Regung 
ihre Kraft verleihen. Die Regelung des psychoenergetischen Haushalts 
erfordert jedoch die Möglichkeit zu der jedem Alter entsprechenden 
sexuellen Befriedigung. Das bedeutet, dass man auf kindliche und 
pathogene Ansprüche im erwachsenen Alter etwa nur verzichten kann, 
wenn man den Weg zur normalen genitalen Befriedigung frei hat und 
diese Befriedigung auch erfährt. Da die perversen und neurotischen 
Befriedigungen, vor denen man das gesellschaftliche Leben zu schützen 
hat, selbst Ersatzbefriedigungen des genitalen Geschlechtslebens sind 
und nur unter der Bedingung ihrer Störung oder Behinderung sich 
heranbilden, ergibt sich, dass wir nicht allgemein, unkonkret von 
Triebbefriedigung und von Triebverzicht sprechen können, sondern 
konkret fragen müssen, welche Triebbefriedigung und welcher Trieb- 
verzicht. Die Psychoanalyse kann praktisch nur einen Verzicht auf 
die dem jeweiligen Entwicklungsstadium und Alter nicht enspre- 
chenden Bedürfnisbefriedigungen erzielen, wenn sie nichts anderes 
tut, als Verdrängungen beheben, und nicht etwa Moral predigt. Sie 
wird also etwa ein Mädchen in der sexuellen Reife, das neurotische 
Symptome aus ihrer infantilen Bindung an ihren Vater produziert, 
zur Verurteilung ihrer kindlichen Inzestansprüche schon allein da- 
durch bringen, dass sie sie ihr bewusst macht. Das bedeutet aber noch 
nicht Erledigung dieser Wünsche, denn die ständigen sexuellen Reize 
drängen weiter nach Abfuhr. Zum Verzicht auf sexuelle Befriedigung 
mit Gleichaltrigen wird man sie nur mehr mit moralischen Argu- 
menten bringen können, nicht ohne dabei aufs gröbste gegen die 
psychoanalytischen Prinzipien und gegen die Heilungsabsicht zu 
Verstössen. Sie kann aber die Fixierung an den Vater nur unter der 
Bedingung lösen, dass ihre Libido ein anderes, entsprechenderes 
Objekt findet und auch reale Befriedigung erfährt. Geschieht dies 
nicht, so löst sieh entweder die infantile Fixierung nicht oder sie 
regrediert zu anderen infantilen Triebzielen, und das Problem bleibt 
weiter bestehen. Das gleiche gilt für jeden Fall neurotischer Er- 
krankung. Die in der Ehe unbefriedigte Frau reaktiviert unbewusst 
kindliche Sexualansprüche, die sie nur aufgeben kann, wenn ihre 
Libido anderweitig entweder ausserhalb der Ehe oder in einer neuen 
Verbindung Befriedigung findet. So wie die Verurteilung der kind- 
lichen Triebimpulse selbst eine Voraussetzung der neuen Unter- 
bringung der Sexualität ist, so sind diese neue Unterbringung und die 
effektive Befriedigung selbst unerlässliche Voraussetzungen der 
endgültigen Ablösung vom krankhaften Streben. Einen Lustmörder 
wird man erst dann von seinen Sexualzielen lösen, wenn man ihm 
den biologisch normalen Weg des Geschlechtslebens öffnet. Die Frage 
ist also nicht die Alternative: Triebverzicht oder Triebausleben, 
sondern: wo Triebverzicht und wo Triebbefriedigung. 

Wenn man abstrakt von der Höllennatur des verdrängten Un- 
bewussten spricht, so verschleiert man dadurch die entscheidendsten 

121 






Wilhelm Reich 

Tatbestände nicht nur für die Neurosentherapie und -prophylaxe,. 
sondern auch für die gesamte Paedagogik. Freud entdeckte, dass der 
Inhalt des Unbewussten bei den Neurotikern, und das ist in unseren 
Kulturkreisen die überwiegende Mehrzahl der Menschen, im wesent- 
lichen aus infantilen, grausamen, asozialen Impulsen besteht. Das ist 
richtig. Dabei kam nur der weitere Tatbestand zu kurz, dass sich 
im Unbewussten auch Ansprüche finden, die durchwegs in der 
Linie natürlicher biologischer Anforderungen liegen, wie etwa das 
Geschlechtsbedürfnis des puberilen oder des unglücklich ehelich 
gebundenen Menschen. Die spätere Intensität der asozialen und 
infantilen Antriebe selbst leitet sich historisch sowohl wie ökonomisch 
aus der Nichtbefriedigung dieser natürlichen Ansprüche ab, indem die 
unbefriedigte Libido teils primitiv infantile Regungen masslos ver- 
stärkt, teils völlig neue, meist antisoziale Bedürfnisse schafft, wie 
etwa das Bedürfnis der Exhibition bezw. den Lustmordimpuls. Die 
Ethnologie belehrt uns darüber, dass solche Impulse in primitiven 
Gesellschaften bis zu einem bestimmten Punkte der wirtschaftlichen 
Entwicklung fehlen und erst mit der gesellschaftlichen Unterdrückung 
des normalen Liebeslebens als deren Ersatz auftreten. 

Diese erst durch die gesellschaftliche Entwicklung der Geschlechts- 
formen erzeugten Regungen, die unbewusst werden mussten, weil die 
Gesellschaft ihre Befriedigung — mit Recht — untersagt, werden in 
der Psychoanalyse durchwegs als biologische Tatbestände aufgefasst. 
Diese Anschauung ist von der anderen von Hirschfeld vertretenen 
nicht weit entfernt, dass der Exhibitionismus auf speziellen exhibi- 
tionistischen Hormonen beruhe. Dieser einfache mechanistische Bio- 
logismus lässt sich so schwer entlarven, weil er in unserer heutigen 
Gesellschaft eine bestimmte Funktion erfüllt, nämlich die Frage- 
stellung vom gesellschaftlichen ins biologische und damit ins praktisch 
unzugängliche zu verschieben. Es gibt also eine Soziologie des Un- 
bewussten und der asozialen Sexualität, das heisst eine gesellschaft- 
liche Geschichte der unbewussten Regungen, sowohl was die Qualität 
als auch was die Quantität der verdrängten Regungen anlangt. Nicht 
nur die Verdrängung selbst ist eine gesellschaftliche Erscheinung, 
sondern auch das, was die Verdrängung schafft. Die Erforschung der 
Entstehung der Partialtriebe wird sich an ethnologischen Tatsachen 
orientieren müssen, etwa der Art, dass bei gewissen mutterrechtlichen 
Stämmen von einer analen Phase der Libidoentwicklung, die sich bei 
uns normalerweise zwischen die orale und genitale Phase einschiebt, 
wenig zu sehen ist, weil die Kinder bis zum dritten oder vierten 
Lebensjahre gesäugt werden, dann aber unmittelbar ihre genitalen 
Spiele aktivieren. 

Der psychoanalytische Begriff der asozialen Triebregungen ist 
derzeit absolut und führt deshalb zu Folgerungen, die mit den Tat- 
sachen in Konflikt geraten. Fasst man sie relativ, so ergeben sich 
grundsätzlich andere Konsequenzen für die Auffassung nicht nur der 
122 



Ein Widerspruch der Freud'schen Verdrängungslehre 

analytischen Therapie sondern in besonders entscheidender Weise 
für die Soziologie und sexuelle Oekonomie. Die anale Betätigung 
eines Kindes im ersten oder zweiten Lebensjahr hat mit »sozial« oder 
»asozial« überhaupt nichts zu tun. Vom abstrakten Standpunkt der 
asozialen Natur der analen Regungen des Kindes ergibt sich die gern 
geübte Regel, das Kind womöglich schon im sechsten Lebensmonat 
» kulturfähig« zu machen, was später das gerade Gegenteil, schwere 
Hemmungen der analen Sublimierungen und analneurotische Störun- 
gen zur Folge hat. Die mechanistische Auffassung des absoluten 
Gegensatzes von Sexualbefriedigung und Kultur bedingt auch bei 
analytischen Eltern Massnahmen gegen die kindliche Onanie, zu- 
mindest »milde Ablenkungen«. An keiner Stelle der Schriften von 
Anna Freud ist, wenn ich nicht irre, ausgesprochen, was sie privat 
als Konsequenz der Psychoanalyse zugibt, dass die kindliche Onanie 
als physiologische Entwicklung anzusehen und daher nicht ein- 
zuschränken ist. Von der Anschauung ausgehend, dass kulturwidrig 
ist, was unbewusst, verdrängt ist, muss man die genitalen Ansprüche 
eines puberilen Menschen unter den Druck der Verurteilung bringen, 
was gewöhnlich mit der wohlwollenden Bemerkung geschieht, das 
Realitätsprinzip fordere Aufschub von Triebbefriedigungen. Dass 
dieses Realitätsprinzip selbst relativ ist, dass es heute den Interessen 
von Kirche und Kapital dient und von ihnen bestimmt ist, wird als 
Politik, die nichts mit der Wissenschaft zu tun habe, von der Diskus- 
sion ausgeschlossen. Dass dieses Ausschliessen selbst Politik ist, wird 
nicht wahrgenommen. Am bedenklichsten ist, dass solche Stellung- 
nahmen die analytische Forschung aufs schwerste gefährdet haben, 
indem sie nicht nur die Aufdeckung bestimmter Tatbestände ver- 
hinderten, sondern auch gesicherte Ergebnisse in ihrer praktischen 
Anwendung durch Verbindung mit bürgerlichen Kulturbegriffen 
lähmten, zum Teil sogar verfälschten. Da die psychoanalytische 
Forschung unausgesetzt sowohl mit den Einwirkungen der Gesell- 
schaft auf das Individuum wie mit Urteilen, über gesund und krank, 
sozial und asozial operiert, dabei aber sich des revolutionären Cha- 
rakters ihrer Methode und ihrer Ergebnisse nicht bewusst ist, bewegt 
sie sich in einem tragischen Zirkel zwischen der Feststellung der 
Kulturwidrigkeit der Sexualverdrängung einerseits und ihrer Kultur- 
notwendigkeit andererseits. 

Fassen wir die von der analytischen Forschung übersehenen Tat- 
bestände, die ihrer Kulturauffassung widersprechen, zusammen: 

Das Unbewusste ist in qualitativer und quantitativer Hinsicht 
selbst kulturbedingt; 

die Verurteilung infantiler und asozialer Triebansprüche setzt 
die Befriedigung der jeweils physiologisch normalen und notwen- 
digen sexuellen Bedürfnisse voraus; 

die Sublimierung als wesentlichste kulturelle Leistung des psy- 
chischen Apparats erfordert Wegfall jeglicher Sexualverdrängung 

12 J 



Wilhelm Reich 

und steht im erwachsenen Alter nur in Gegensatz zur Befriedigung 
der praegenitalen, nicht aber zu der der genitalen Ansprüche; 

die genitale Befriedigung als der sexualökonomisch entscheidende 
Faktor in der Neurosenverhütung und Herstellung der sozialen 
Leistungsfähigkeit widerspricht in jedem Punkte den heutigen 
Gesetzen des Staates und jeder patriarchalischen Religion; 

die Aufhebung der Sexualverdrängung, die von der Psychoana- 
lyse als Therapie sowohl wie auch als Wissenschaft soziologisch 
eingeleitet wurde, steht in schärfstem Widerspruch zu denjenigen 
Kulturelementen, die sich gerade auf dieser Verdrängung auf- 
bauen; demzufolge ist die Psychoanalyse kulturwidrig im bürger- 
lichen Sinne, aber kulturbegründend im kommunistischen Sinne, 
denn ihre objektive Funktion ist identisch mit den — auch den 
Bolschewisten unbekannten — Tendenzen des Bolschewismus auf 
dem Gebiete der Sexualität. 

Sofern die Psychoanalyse ihre bürgerliche Kulturbejahung auf- 
rechterhält, geschieht dies auf Kosten der eigentlichen Resultate ihrer 
Forschung, weil sie den Widerspruch zwischen der bürgerlichen Kul- 
turauffassung der analytischen Forscher und der gegen die bürger- 
liche Kultur gerichteten wissenschaftlichen Ergebnisse zu Gunsten der 
bürgerlichen Weltanschauung zu lösen versucht. Wo sie nicht die 
Konsequenzen ihrer Forschungsergebnisse zu ziehen wagt, schützt 
sie den angeblichen unpolitischen Charakter der Wissenschaft vor, 
während jeder Schritt der analytischen Theorie und Praxis politische 
Tatbestände behandelt. 

Wer die kirchlichen, faschistischen und anderen reaktionären 
Ideologien auf ihren unbewussten psychischen Gehalt prüft, findet, 
dass sie im wesentlichen Abwehrbildungen darstellen, entstanden aus 
der Angst vor dem urtbewussten Inferno, das jeder Mensch in sich 
trägt. Daraus liesse sich eine Rechtfertigung der asketischen Moral 
und des gegen das »Teuflische« gesetzten Gottesbegriffs nur dann 
ableiten, wenn die antisozialen unbewussten Triebregungen biologisch, 
absolut gegeben wären, dann hätte die politische Reaktion recht, dann 
wäre aber auch jeder Versuch einer Beseitigung des sexuellen Elends 
sinnlos. Die bürgerliche Welt würde sich dann mit Recht darauf 
berufen, dass die Zersetzung des »Höheren«, »Göttlichen«, »Mo- 
ralischen« im Menschen das Chaos in seinem sozialen und sittlichen 
Verhalten herbeiführen würde. Unter »Kulturbolschewismus« ist 
unbewusst gerade dies gemeint. Die kommunistische Bewegung kennt 
ausser ihrem sexualpolitischen Flügel diesen Zusammenhang nicht und 
befindet sich sogar sehr oft in einer Front mit der politischen Reak- 
tion, wenn es auf die Frage der Grundlagen der sexuellen Oekonomie 
ankommt. Sie wendet sich gegen das sexualökonomische. Gesetz 
allerdings aus anderen Gründen als die politische Reaktion: Sie kennt 
dieses Gesetz und seine historischen Abwandlungen nicht. Sie glaubt 
ebenfalls an die biologische und absolute Natur der bösen sexuellen 
124 



Ein Widerspruch der Freud'schen Verdrängungslehre 

Triebe und mithin auch an die Notwendigkeit der moralischen 
Bremsung und Regulierung. Sie sieht ebensowenig wie ihre Gegner 
den Tatbestand, dass die moralische Regulierung des Trieblebens 
gerade das schafft, was sie bändigen zu können vorgibt: das asoziale 
Triebleben. 

Die Sexualökonomie lehrt aber, dass das unbewusste Triebleben 
des heutigen Menschen, soweit es in der Tat asozial ist und nicht 
blos als solches von Moralisten beurteilt wird, ein Produkt der mo- 
ralischen Regulierung ist und nur mit ihr fortfallen kann. Nur sie 
kann den Widerspruch zwischen Kultur und Natur aufheben, indem 
sie mit der Triebunterdrückung auch den perversen und asozialen 
Trieb beseitigt. 



Abhandlungen zur personellen Sexualökonomie 

Der Urgegensatz des vegetativen Lebens 
von Wilhelm Reich 
I. Ausgang und Grundanschauung 
Als die Störungen der Genitalfunktion an Bedeutung für das Ver- 
ständnis der Ökonomie der seelischen Erkrankungen ständig ge- 
wannen, war ich von der Ahnung der Konsequenzen, die die Erfassung 
der Funktion des Orgasmus für verschiedene Gebiete haben würde, 
weit entfernt. Nachdem eindeutig feststand, dass die Genitalstörung 
nicht etwa nur als Symptom der Neurose neben vielen anderen an- 
zusehen ist, das beliebig vorhanden sein oder auch fehlen kann, 
sondern für die Bildung der Neurose überhaupt unerlässlich und ihr 
wesentlichstes Kennzeichen ist, blieb im Rahmen der klinischen 
Neurosenforschung die weitere detaillierte Verfolgung der Beziehungen 
der seelischen Zerrüttung zu den Störungen der naturgesetzlichen 
Sexualabläufe die Hauptaufgabe. Die auf die Veröffentlichung des 
Buches »Die Funktion des Orgasmus« (1927, Internationaler Psycho- 
analytischer Verlag) folgenden Jahre waren den charakterlichen Pro- 
blemen gewidmet (vergl. »Charakteranalyse«, Kopenhagen, Verlag für 
Sexualpolitik). Der psychische Apparat, im besonderen das Ich jedes 
Individuums, hat mit der gestauten Sexualerregung in bestimmter 
Weise fertig zu werden, sodass die Art der Erledigung ungelöster 
sexueller Erregungen die Kernfrage der Charakterbildung darstellt. 
Die weitere klinische Durchforschung der sexualökonomischen Ver- 
hältnisse seelisch Kranker zwang jedoch, zum Ausgangspunkt der 
gesamten Fragestellung zurückzukehren, die alten Aufstellungen zu 
revidieren, um noch einmal, diesmal besser gerüstet, zum drängenden 
Problem der Angst zu gelangen. Hatte die Revision der Orgasmustheorie 1 ) 

i) Vgl. meinen Aufsatz »Der Orgasmus als elektrophysiologische Entladung«. 
(Diese Zeitschrift, Heft 1, 1934). 

125 



Wilhelm Reich 

gezeigt, dass sie nach wie vor die konsequente Fortführung der ur- 
sprünglichen Freudschen Libidotheorie bildete, die in keinem Wider- 
spruch zur psychoanalytischen Neurosenlehre stand, so führte im 
Gegensatz dazu die Verknüpfung der Probleme der Angst mit denen 
der Sexualfunktion zu einer Auffassung der Triebapparatur, die mit 
der psychoanalytischen Lehre von Eros und Todestrieb nicht nur nicht 
zu vereinen war, sondern ihr vielmehr strikt widersprach, da sie, ihre 
Richtigkeit vorausgesetzt, die Voraussetzungen jener Lehre aufhob. 

Sexualerregung und Angst sind meiner Anschauung zufolge als 
entgegengesetzte Funktionen der lebendigen Substanz im allgemeinen 
wie des seelischen Apparats im besonderen aufzufassen, und zwar als 
ein Urgegensatz, aus dem sich erst sekundär die anderen bekannten 
Widersprüche der Triebapparatur ableiten. Sie setzt jede ursprüng- 
liche motorische Regung, die der Berührung mit der Aussenwelt oder 
der Annäherung an bestimmte Objekte der Aussenwelt dient, mit dem 
gleich, was in der Psychoanalyse »libidinöse Regung« genannt wird; 
sie teilt nicht nur den Zweifel an der Berechtigung nicht, der Sexual- 
energie (Libido) den von Freud gegebenen breiten Inhalt zu geben, 
sondern sie sieht in ihr auf Grund der vorliegenden Tatsachen die 
Lebensenergie schlechthin, ohne jedoch dabei etwa dem Jungschen 
verwaschenen seelischen Monismus zu verfallen. Sie sieht aber den 
Gegenspieler der Sexualenergie nicht wie Freud im hypothetischen 
Todestrieb, sondern in der Angst als primärer, psychologisch nicht 
weiter ableitbarer Tendenz des Lebendigen ; sie steht also, wie sich 
noch zeigen wird, auf dem Standpunkt eines dialektischen Dualismus 
der lebenden Substanz im allgemeinen, der seelischen Apparatur im 
besonderen. 

Fassen wir die weiteren Ergebnisse der vorliegenden Abhandlung 
zusammen, so ergibt sich neben dem dialektischen Umbau der Trieb- 
lehre noch die Anschauung einer Identität der sog. »funktionellen« 
und der sog. »somatischen« Prozesse; sie tritt derart in Gegensatz 
zu den alten drei Grundanschauungen über die Beziehungen von 
Seelischem und Körperlichem, die wie folgt zu formulieren sind: 
1. Der Geist bezw. die Seele baut sich den Körper, sie ist ewig, 
absolut, das »primäre« (metaphysischer Idealismus) ; 2. der Geist 
(die Seele) ist eine Sekretion des Gehirns (mechanischer vulgärer 
Materialismus) : 3. seelische und körpertische Erscheinungen bilden 
zwei unabhängige Kausalreihen, die mit einander in »Wechsel- 
beziehung« stehen (psychophysischer Parallelismus). Die Dynamik 
der sogenannten seelischen und körperlichen Erscheinungen wollen 
wir als funktionelle psycho physische Identität zusammenfassen, um 
damit auszudrücken, dass es uns sinnlos erscheint, ebensowohl von 
zwei getrennten, autonomen, eigengesetzlichen Prozessen zu sprechen, 
wie auch von einer einseitigen Abhängigkeit des einen vom anderen. 
Wir werden vielmehr zu beweisen versuchen, dass die uns erschliess- 
baren körperlichen und seelischen Grundfunktionen in den das Leben 

126 




Der Urgegemsatz des vegetativen Lebens 

darstellenden Elementen vollkommen identisch sind, und dass sie 
unter bestimmten Bedingungen und Voraussetzungen einander als 
gegensätzlich wirkende Funktionen gegenübertreten, somit zu einer 
funktionellen antagonistischen Zweiheit werden können. 

Man wird mit Recht fragen, welchen Dienst eine neue Spekulation 
über die Leibseelebeziehung der Naturerkenntnis leisten sollte, es gäbe 
derartiger Versuche genug. Ich würde mich dieser Anschauung sofort 
anschliessen und hätte einen bloss spekulativen Versuch nicht unter- 
nommen. Im Verlaufe der Untersuchungen über die Grundfunktionen 
der Sexualität zeigte es sich jedoch immer wieder, dass die Unklarheit 
über die Beziehung der seelischen zur körperlichen Funktion der 
Geschlechtlichkeit zu typischen Fehlauffassungen führt, auch in der 
Psychoanalyse, die bisher den vollkommensten Einblick in das sexuelle 
Geschehen vermittelte; einige grundlegende klinische Beobachtungen 
ermöglichten jedoch darüber hinaus, wie sich im folgenden zeigen wird, 
ein Verständnis des psychophysischen Grenzgebietes anzubahnen. 

Es ist nicht überflüssig, einige Worte über die Methode zu verlieren, 
mittels derer wir uns an das heikelste aller Gebiete, das psycho- 
physische Grenzgebiet, heranwagen. Wir gehen aus von der Struktur 
der Person, wie sie uns die psychoanalytische Forschung erschloss. Sie 
scheint der psychoanalytischen Theorie darstellbar durch drei mit- 
einander verbundene, auf- und gegeneinander wirkende, teilweise sogar 
auseinander hervorgehende psychische Instanzen: das Es, das Ich und 
das Ueber-Ich 1 ). Stellt das Ueberich einen Vertreter der äusseren 
gesellschaftlichen Realität innerhalb der Person, sozusagen die Re- 
präsentanz der jeweiligen Gesellschaftsordnung dar, so das Es die 
Summe aller biologisch gegebenen Bedürfnisse, die, wie wir uns aus- 
zudrücken pflegen, »in somatischen Prozessen wurzeln«. Der biolo- 
gische und der soziale Teil der Person stehen in Konflikt miteinander, 
was Ausmass und Breite der Bedürfnisbefriedigung und -versagung 
anlangt; der Urkonflikt, dem das Individuum objektiv unterworfen ist, 
ist der zwischen Bedürfnis und Aussenwelt. In diesem Konflikt bilden 
sich nach den klinischen Erfahrungen der Psychoanalyse die seeli- 
schen Instanzen erst heraus. Das ursprünglich undifferenzierte Es 
»sondert einen Teil von sich ab«, das Ich, welches zunächst die 
Wahrnehmungsfunktion übernimmt und die Impulse des Es in geord- 
nete, koordinierte Tätigkeit überführt. Insofern es diesen Funktionen 
dient, steht es völlig auf der Seite des Es; es ist ein »Lustich«, das- 
infolge der auf es einströmenden Reize die Person aus dem Chaos 
der Wahrnehmungen, der inneren sowohl wie der äusseren, herauslöst, 
und auf Grund von Lust und Unlust, die es erfährt, sich gegen die 
Umwelt abgrenzt. Alles, was lustvoll ist, gehört dem erweiterten 
Lustich an, alles, was unlustvoll empfunden wird, wird der Aussenwelt 
zugerechnet. Die besonders in der Psychose scharf hervortretenden 



i) S. Freud; »Das Ich und das Es«. (Intern. Psychoanalyt. Verl., Wien.) 

127 




Wilhelm Reich 

Phänomene der Introjektion und der Projektion, des Einverleiben» 
und des aus dem Ich Hinausversetzens, lassen sich auf diese Phase 
der Differenzierung von Ich und Aussenwelt zurückführen, vornehm- 
lich auf die Saugeperiode, in der nach unzweideutigen klinischen 
Befunden, die mütterliche Brust dem Lustich einverleibt ist; ihr 
endgültiger Entzug jedoch zieht wahrscheinlich zum ersten Male 
Strebungen nach lustvollen Dingen der Aussenwelt (Objektlibido) aus 
dem »nazistischen Beservoir« der seelischen Interessen nach sich 1 ). 
Später muss das Ich zwischen den drängenden Bedürfnissen des Es 
und den Einschränkungen der Welt vermitteln, auch den Verboten 
Bechnung tragen; dadurch tritt es, das bisher nur ein Teil des Es 
war, in Gegensatz zu ihm als Verfechter der Aussenweltsinteressen; 
zunächst allerdings geschieht dies ebenfalls im Interesse des Ichs, 
das sich erhalten will. Es geraten also schon sehr früh zwei ursprüng- 
lich der gleichen Quelle entstammende Begungen in Gegensatz zu 
einander: Die Liebe zum Selbst, die Angst vor »Strafe«, schränkt die 
Befriedigung von anderen Bedürfnissen des Es ein. Zunächst geschieht 
dies aus Angst vor Strafe, Untergang, Liebesverlust oder ähnlichem. 
Später werden die verbietenden Personen der Aussenwelt bezw. 
einzelne ihrer Eigenschaften ins Ich übernommen, »introjiziert« und 
das Ich hemmt nunmehr seine Bedürfnisse aus einer »inneren Moral«. 
Was früher Angst war oder als solche empfunden wurde, wird jetzt 
zum inneren Gewissen, dass mit der ganzen Macht der Angstregung 
ausgestattet ist. Von nun an bleibt das Ich der Vermittler zwischen 
biologischem Anspruch und sozialer Anforderung in der Person. 

Nach dieser hier knapp wiedergegebenen Strukturanschauung lassen 
sich leicht einige wissenschaftliche Forschungsgebiete der Sexual- 
ökonomie abgrenzen. Die Erforschung der Beziehungen der einzelnen 
psychischen Instanzen zu einander ist die eigentliche Domäne der 
klinischen Psychoanalyse. Verfolgt man die Fragen, die sich aus dem 
Ueberich ergeben, nach ihrer gesellschaftlichen Herkunft, so gelangt 
man in die Soziologie als der Lehre von den Gesetzen, die das gesell- 
schaftliche Sein regieren. Verfolgt man dagegen das Ich und besonders 
das Es in ihren Funktionen in die Tiefe zu den Triebquellen, so 
gelangt man zu physiologischen und biologischen Fragen; hier ver- 
wischen sich die psychologischen Abgrenzungen, hier begegnet man 
immer deutlicher und unausweichlicher Erscheinungen, die zwar in 
der Psychologie eine zentrale Bolle spielen und sogar ihren natur- 
wissenschaftlichen Kern bilden, sich aber letzten Endes hier nicht 
fassen lassen, wie etwa die Quantität der Erregungen, deren Wechsel- 
spiel die Grundfrage der seelischen Dynamik ist, oder das Problem 
der Affekte, die sich an die Vorstellungen und Wahrnehmungen heften, 
das Umschlagen von Sexualaffekt in Angst oder Hass etc. Es leuchtet 
ein,, dass die Erfassung des psychophysischen Grenzgebietes von der 

i) Vgl. Reich: »Der triebhafte Charakter«. (Psychoanalytischer Verlag, 1925.) 

128 



Der Urgegensatz des vegetativen Lebens 

Natur der Triebe und Affekte selbst ausgehen muss. Während die 
Biologie und Physiologie sozusagen von der Basis der Person aus zu 
den komplizierteren, »höheren« psychischen Funktionen vorzudringen 
versucht, gelangt die Psychoanalyse umgekehrt von den komplizierten 
seelischen Phänomenen durch Reduktion auf einfachste Gesetze zu ihren 
Quellen, den Trieben; die Sexualökonomie setzt das Studium dieser 
selbst ins Gebiet der Physiologie fort, da sie als Wissenschaft von den 
Gesetzen der Sexualität nicht an den Grenzen des psychischen Be- 
reiches stehen bleiben kann, wie die Psychoanalyse es als Methode 
tun muss. Es erscheint klar, dass sich physiologische und psycho- 
logische Forschung auf bestimmten Problemgebieten treffen müssen, 
wenn sie richtig vorgehen. Dieses Gebiet ist das vegetative Nerven- 
system mit seinen Beziehungen einerseits zu den biologischen Grund- 
funktionen, andererseits zu den psychischen Mechanismen. 

Es wird notwendig, noch einige Worte über die Methode zu sagen, 
mit der die Sexualökonomie sich das Recht beimisst, von der Psycho- 
logie der Sexualität her in das physiologische Gebiet einzudringen. 
Soweit von psychoanalytischer Seite derartige Versuche unternommen 
wurden, wie von Ferenczi, F. Deutsch, Groddeck u. a., leiden ihre 
Ergebnisse, daran, dass die psychoanalytische Methode der Deutung 
von Sinn und Zusammenhang auf physiologisches Gebiet übertragen 
wurde. So versuchte man im Geschlechtsakt einen »psychischen Sinn« 
zu finden, d. h. ihn analog zu psychischen Phänomenen als Ausdruck 
von etwas drittem zu begreifen. Es sollte etwa eine Mutterleibsregres- 
sion sein (Ferenczi, Groddeck). Ich versuchte schon vor mehreren 
Jahren zu zeigen, dass physiologische Grundfunktionen nicht psycho- 
logisch gedeutet werden können. Nur die Störungen solcher Funk- 
tionen können psychogen sein. 

Es gibt jedoch einen anderen Weg, vom Psychischen her in die 
Physiologie einzudringen, als den, Gesetzmässigkeiten, die nur im 
Psychischen Geltung haben, ins Physiologische zu tragen. Die dia- 
lektische Betrachtung lehrt uns, dass der psychische Apparat aus dem 
bio-physiologischen herauswächst und aus diesem Grunde zweierlei 
Gesetzmässigkeiten aufweisen muss: erstens solche, die er mit seinem 
Mutterboden, dem Bio-physiologischen gemeinsam haben muss, etwa 
das Gesetz der Spannung und Entspannung, der Reizbewältigung etc.; 
zweitens solche, die ihn vom Physiologischen unterscheiden, nur ihm 
eignen, ihn im Gegensatz zum körperlichen kennzeichnen und seine 
Eigenschaft bedingen, dem Physiologischen als Gegensatz entgegenzu- 
treten; hierher gehören etwa die Verdrängung von Triebregungen, die 
Introjektion, Projektion, Identifizierung etc. Unterscheidet man nicht 
klar in diesem Sinne von psycho-physischer Identität und Gegensätz- 
lichkeit, wendet man die gefundenen Gesetze der zweiten Art auf das 
Physiologische an, dann gelangt man notwendigerweise zu falschen 
psychologistischen Ergebnissen, wie etwa Groddeck. Da der psychische 
Apparat aber auch ein Teil des bio-physischen Apparats ist, müssen 

129 



Wilhelm Reich 

bestimmte Gesetzmässigkeiten, die man in ihm findet, die gleichen sein, 
die den bio-physischen Apparat regieren. Das gilt besonders für das 
Gesetz der Spannung und Entspannung. Nur mit Hilfe der gemein- 
samen Gesetzmässigkeiten, die man zumächst im psychischen Bereiche 
fand, kann man korrekterweise auch in physiologische Problemgebiete 
vordringen. 

Die folgenden Untersuchungen mögen zeigen, wieweit dies von 
Nutzen ist. 



II. Sexualerregung und Angstaffekt 
1. Die Problematik der Angst 
Im Jahre 1895 fiel Freud auf, dass nervöse Herzkranke und an 
akuten Angstzuständen Leidende gleichzeitig typische Störungen ihres 
geschlechtlichen Lebens aufweisen; »freiflottierende Angst« war bei 
sexueller Erregung, der keine Befriedigung folgte, und bei unter- 
brochenem Geschlechtsverkehr besonders häufig festzustellen. Daraus 
schloss Freud folgerichtig, dass die Sexualerregung, der der Zugang 
zur Motilität und zum Bewusstwerden versperrt ist, sich in Angst- 
erregung umsetzen muss, da sie ja an ihrer Stelle auftritt und mit 
der Behebung der sexuellen Störung beseitigt zu werden pflegt. Auf 
Grund dieser Funde unterschied er die »Angstneurose« von der 
»Angsthysterie«, bei der die Angst nicht mehr »frei« flottiert, sondern 
bereits an bestimmte Vorstellungen gebunden ist. In diesem Falle, so 
lautet die Annahme, wird die aus der gestauten Sexualerregung stam- 
mende Angst symptomatisch (in einem Zwangssymptom etwa) »ge- 
bunden«. Analysieren wir ein Zwangssymptom, zersetzen wir es durch 
Aufdeckung seines latenten psychischen Gehaltes oder verhindern wir 
seine Betätigung (z. B. durch Hemmung eines Ordnungszeremoniells), 
so entsteht an Stelle des Symptoms Angst, was als Beweis für die 
Bindung von sonst freier Angst im Symptom betrachtet wird. 

Die ursprüngliche Auffassung, dass Sexualerregung unter der 
Bedingung ihrer motorischen Hemmung in Angst umzuschlagen pflegt, 
wurde später von Freud als wenig bedeutungsvoll hingestellt und die 
Angst wesentlich als ein »Signal« des Ichs bei Drohung einer Gefahr 
begriffen. Es blieb trotzdem die Frage, wie das Ich »ein Signal geben 
kann«, und es scheint gar nicht so unwichtig zu erfahren, welcher 
Erregung es sich dabei bedient. 1 ) 

Versuchen wir zunächst, eine Orientierung auf dem komplizierten 
Gebiete der psychischen Angst zu gewinnen. 

Grundlegend sind vor allem die von der Psychoanalyse erarbeiteten 
Beobachtungen und Auffassungen. 

Wenn man von einer realen äusseren Gefahr bedroht wird, etwa 



x ) » die Frage, aus welchem Stoff die Angst gemacht wird, hat an Interesse 

verloren.« (Freud: »Neue Folge der Vorlesungen«, S. 118.) 

130 



Der Urgegensatz des vegetativen Lebens 

einen Verkehrsmittelzusammenstoss erlebt oder von einem Hund an- 
gefallen wird, erfährt man einen Angstzustand; das gleiche ist der 
Fall, wenn gewisse Kranke, die Angsthysteriker und die Phobiker, 
unter dem Zwange einer Phantasievorstellung leiden, etwa der Art, 
dass einer geliebten Person ein Unheil widerfahren könnte, wofür es 
in der Wirklichkeit keine Begründung gibt. Die erste, real begründete 
Angst nennen wir Realangst, die zweite, irrationale, neurotische Angst. 
Die analytische Durchforschung der letzten ergibt, dass sie die Reak- 
tion des Ichs auf einen unbewusst wahrgenommenen, drängenden und 
gleichzeitig verpönten Triebanspruch ist (z. B. wenn eine Mutter 
Mordimpulse gegen ihr geliebtes Kind verspürt). Wir sprechen daher 
von Triebgefahr, meinen, dass auch im Falle der inneren Gefahr eine 
Realität, nämlich die eines als Gefahr empfundenen Triebes vorliegt, 
dessen sich das Ich erwehrt. Der Unterschied zwischen der Realangst 
und der neurotischen Angst ist also, dass dort die Gefahr in der 
Aussenwelt, hier aber innerhalb der eigenen Person liegt; das gemein- 
same an beiden Arten von Angst ist, dass sie beide realen Gefahren 
entsprechen, denn auch die Erfüllung des verpönten Triebanspruchs 
würde eine Gefährdung in irgend einer Form herbeiführen und somit 
die Unversehrtheit des Ichs bedrohen. Auch die neurotische Angst ist 
also letzten Endes eine reale Angst. 

Es gibt aber auch Kranke, die sogenannten Aktualneurotiker, für 
die ich den Ausdruck Stauungsneurotiker vorziehe, die an Angstzu- 
ständen leiden und dabei die Angst an keinerlei Vorstellung, weder 
eine bewusste noch eine unbewusste, binden. Die Aktual- oder 
Stauungsangst ist reiner Ausdruck einer unerledigten Bedürfnis- 
spannung, die sich unter der Bedingung in Angst umsetzt, dass die 
innere Wahrnehmung des Bedürfnisses oder dessen motorische 
Entladung nicht zugelassen sind. Der Wegfall einer realen Gefahr 
ergibt also den Unterschied der Stauungsangst gegenüber der neu- 
rotischen Angst; sie haben jedoch gemeinsam, dass in beiden Fällen 
eine Bedürfnisspannung vorliegt. Wir könnten auch sagen, die 
Stauungsangst sei inhaltslos, die neurotische Angst sei bereits an 
bestimmte Vorstellungen geknüpft. 

Eine weitere Schwierigkeit des Angstproblems besteht darin, dass 
wir das eine Mal Angst als Folge einer Triebhemmung auftreten sehen 
(Staüungsangst), das andere Mal aber als eigentliche Ursache einer 
Triebhemmung. So ist zum Beispiel die Angst des kleinen Jungen, 
sein Glied zu verlieren, die Ursache für die Verdrängung des Antriebs 
zur Onanie. Andererseits sehen wir aber, dass der Junge Angst 
entwickelt, nachdem er die Onanie unterdrückt hat, und etwa eine 
Dunkelheitsphobie entwickelt. Wie kann die Angst als Ursache und 
die Angst als Folge der Triebverdrängung auf einen Nenner gebracht 
werden? Freud kehrte in »Hemmung, Symptom und Angst« (1926) 
seine ursprüngliche Auffassung, die Angst sei Folge der Trieb- 
hemmung, in die andere um, sie sei die eigentliche Ursache der 

131 



Wilhelm Reich 

Triebhemmung. 1 ) Wir meinen dagegen, dass es sich hier nicht um 
ein Entweder-Oder, sondern um einen Vorgang handelt, der beides 
gleichzeitig vereinigt. Um dies zu begreifen, müssen wir uns nur von 
einer terminologischen Ungenauigkeit befreien, der wir erliegen, wenn 
wir in verschiedenen Fällen von »Angst« sprechen. Die Angst, die 
der Knabe vor dem Onanieren hat, weil er glaubt, seinem Glied könnte 
dabei etwas böses geschehen, ist nicht dasselbe wie der Angstaffekt, 
den er entwickelt, nachdem er die Triebregung unterdrückt hat. Die 
erste kann sehr wohl eine blosse Furcht oder nur eine Erwartung 
einer Gefahr sein, zu deren Vermeidung er seinen Trieb unterdrückt. 
Wir werden sagen, dass im ersten Falle der Affekt der Angst nicht 
voll, sondern nur ansatzweise zur Entfaltung kommt, im zweiten 
dagegen sich voll Geltung verschafft; dort liegt der Akzent auf der 
Erwartungs furcht, hier auf dem Angstaffekt. Die Erwartungsfurcht, 
die die Triebverdrängung einleitet, kann nur dann zum Angstaffekt 
werden, wenn bereits eine Bedürfnisspannung (d. h. Sexualstauung) 
vorliegt. Das gilt für jede Art auch realer Angst. 

Wir sehen etwa bei Homosexuellen eine »Kastrationsangst«, die sie 
verhindert, zum Weibe zu gehen; aber diese Angst wird zum affektiven 
Erleben erst dann, wenn sie schon längere Zeit hindurch abstinent 
lebten. Umgekehrt verlieren etwa Erythrophoben die Angstzustände, 
sobald sie sich die Onanie voll gestatten, lange bevor die Furcht, am 
Genitale beschädigt zu sein, erledigt wurde. 

Die neurotische Angst entsteht somit durch Summierung einer 
gegenständlichen Erwartungsangst und eines gestauten libidinösen 
Bedürfnisses. So wie die Abwehr einer inneren Triebregung die 
Stauung und somit den Angstaffekt bedingt, so verursacht umgekehrt 
das Erlebnis der Angst die Fixierung der Trieb Verdrängung. 2 ) 

Wie verhält sich nun die Realangst zur Stauungsangst? Ist es 
möglich, diese in Ihrer Entstehung so sehr verschiedenen Zustände 
aus einem zu begreifen? Freud verneint diese Möglichkeit und trennt 
neuerdings die Stauungsangst von den anderen Formen ab. 3 ) In einer 
realen akuten Gefahrensituation reagiert man mit Angst; die Repro- 
duktion der Situation in der Phantasie vermag im Verhältnis zur 
Lebhaftigkeit der Vorstellung der einmal erlebten Gefahrsituation 
auch den Angstaffekt mitzuentwickeln. Was ist daran aktuell? Nur 
mehr der Affekt. Die Person verhält sich in derJebhaften Erinnerung 
an eine reale Gefahr so, als ob diese wieder real wäre. Dieser Affekt 
muss einer bestimmten körperlichen Innervation entsprechen, die 



1) »Nicht die Verdrängung schafft die Angst, sondern die Angst ist früher da, 
die Angst macht die Verdrängung,« (Freud, 1. c. S. 119.) 

2) Vergl. hierzu meine detaillierten Ausführungen in »Die Funktion des Or- 
gasmus«, 1927. 

3) »Die Angst als Signal des Ichs mag (auch) für die Angstenwicklung bei - 
Angstneurose durch somatische Schädigung gelten. Dass es die Libido selbst 
ist, die dabei in Angst verwandelt wird, werden wir nicht mehr behaupten.« 
(Freud, 1. c. S. 130.) 

132 



Der Urgegensatz des vegetativen Lebens 

schon beim realen Erleben zustande kam. Die Aktualangst entspricht 
einer bestimmten körperlichen Innervation. Gibt es hier Gemeinsam- 
keiten, oder liegt ein prinzipieller Unterschied vor? Der wichtigste 
Unterschied ist zunächst der, dass im Falle der Stauungsangst ein 
von innen nach aussen drängender Impuls oder Triebanspruch zur 
Motilität nicht zugelassen wird. Um ein Gleichnis zu gebrauchen: 
es ist als ob ein komprimiertes Gas unter Druck gehalten würde und 
nun einen Gegendruck ausübte, den wir mit der Stauung gleichsetzen 
dürfen. Im Falle der Realangst aber, am klarsten beim Schreck, 
entsteht ein plötzlicher Rückzug aller Resetzungen ins Innere, der 
Endeffekt jedoch ist derselbe: eine innere Stauung an Energie. Es 
ist, um beim Gleichnis zu bleiben, als ob ein Gas sich zunächst in 
unkomprimiertem Zustande befände und eine äussere Kraft es dann 
plötzlich komprimieren würde. In beiden Fällen entstünde am Ende 
der gleiche erhöhte Gasdruck, nur liegt als Ursache das eine Mal eine 
Verhinderung der Ausbreitung, das andere Mal eine Kompression vor. 
Realangst und Stauungsangst lassen sich also ebenfalls auf einen 
gemeinsamen Nenner zurückführen: auf gestaute Erregung. Realangst 
vergeht normalerweise, fixiert sich nicht. Sie kann aber auch als 
neurotische Angst bestehen bleiben. Dies geschieht dann, wenn eine 
real erlebte Gefahr und die im Gefolge auftretende Erregungsstauung 
von einer bereits vorhandenen Redürfnisstauung aufgefangen wird. 
Dieser Fall liegt am deutlichsten ausgesprägt bei der traumatischen 
Neurose vor.. 

Wenn wir in der Erregungsstauung den gemeinsamen Nenner jeder 
Art affektiven Angsterlebens (Schreck, Realangst, neurotische Angst, 
Aktualangst) gefunden haben, so bleiben noch viele Fragen zu lösen. 
Wie verhält sich die Redürfniserregung der neurotischen Angst zur 
Erregung der Realangst, und wie beide zur Erregung der reinen 
Stauungsangst? Schon die einfache Überlegung weist uns den Weg 
in das psychophysische Grenzgebiet; die Erregungsstauung ist ein 
physiologisches Problem, das wir von zwei Seiten her fassen können: 
von ihren innerpsyehischen und von ihren objektiven, somatischen 
Äusserungen her. 



2. Sexualität und Angst als gegensätzliche Erregungen des 
vegetativen Systems 
In weiterer Verfolgung der Angstäusserungen konnte ich — zufolge 
konsequentester Handhabung der Widerstandsanalyse bei seelisch 
Kranken — in den analytischen Sitzungen unmittelbar den Wechsel 
von genitaler und cardialer Erregung, von Sexualempfindung am 
Genitale und ängstlicher Empfindung in der Herzgegend beobachten. 1 ) 



i) Viele Analytiker behaupten, meine Erfahrung nicht bestätigen zu können, 
dass jede korrekte analytische Behandlung am Ende eine Stauungsneurose 
erzielt; an dieser Tatsache ist aber nicht zu rütteln. Ich konnte viele Jahre 
diesen Einspruch nicht begreifen, bis schliesslich klär wurde, dass es an tech- 

133 



IT 



Wilhelm Reich 

Solange sich die Kranken das Bewusstwerden einer sinnlichen 
Liebesregung nicht gestatten, leiden sie unter Angst, die körperlich 
in der Herz- und Zwerchfellgegend lokalisiert empfunden wird. 
Lassen sie dagegen das Bewusstsein ihres sexuellen Erregungszu- 
standes zu, so verschwindet die ängstliche Beklemmung und die 
Genitalorgane geraten in lebhaften Turgor. (Erektion, Feuchtwerden 
der weiblichen Geschlechtsorgane etc.). Im Angstzustand treten des 
weiteren körperliche Symptome auf, die denen bei sexueller Erregung 
gerade entgegengesetzt sind. Im ersten Falle Kältezittern (infolge 
Kontraktur der Hautgefässe, auch kalte »Schauer«), Blasswerden, 
Stuhl- und Harndrang, Schweissausbrüche, Beschleunigung der Herz- 
tätigkeit mit gelegentlichem Aussetzen der Systolie, Trockenheit im 
Mund; bei Männern Schrumpfen des Penis, bei Frauen völlige 
Trockenheit der Geschlechtsorgane (Empfindungen wie bei Vaginis- 
mus) ; im sexuellen Erregungszustand dagegen Hitzeempfindungen 
(bei Frauen besonders an Genitale, Hals und Nacken), Turgor und 
lebhafte Sekretion an den Genitalorganen, Herz ruhig oder in diastoli- 
scher Erregung (»Weite des Herzens«); in der Herz- und Zwerchfell- 
gegend treten Empfindungen auf, die, denen im Angstzustand verwandt, 
sich von ihnen jedoch auch deutlich unterscheiden; die Patienten 
sprechen von »Enge« oder »Beklemmung« im Falle der Angst, von 
»Weite« im Falle der Lustempfindung. Derartige Wortprägungen 
gewinnen für uns oft grosse Bedeutung, denn sie geben, wie sich im 
Verlaufe des weiteren ergeben wird, unmittelbar einen inneren Zustand 
wieder. 

Die Gegensätzlichkeit von ängstlicher und sexueller Erregung lässt 
sich leicht auch an vielen anderen Zuständen zeigen. So wie die 
Genitalien in der Angst (infolge Anämie) »schrumpfen«, so weiten, 
strecken, füllen sie sich im Zustand der sexuellen Erregung. Das gilt 
auch für die Genitaldrüsen. Blässe der Haut, im besonderen im 
Schreckzustand, steht heller Röte im sexuellen Erregungszustand 
gegenüber. Beim Schrecken empfinden wir besonders deutlich die 
plötzliche energetische Entleerung der Peripherie, in erster Reihe der 




nischen Unterschieden liegt, ob die Stauungsangst in der Analyse zustande- 
kommt oder nicht. Da die wesentlichsten Affektbeträge in den charakterlichen 
Reaktionen gebunden sind, bekommt man die Energien nicht in den un- 
gebundenen Zustand, wenn die Charakteranalyse unvollständig bleibt. Ein 
Anhänger meiner charakteranalytischen Technik verglich sie mit der Atom- 
zertrümmerung; in der Tat bekommen wir die Affekte nur dann in zu- 
reichendem Masse, wenn wir den Charakter analytisch zersetzen. Aus den 
Unterschieden de? Technik mussten sich im Laufe der Jahre beträchtliche 
Differenzen in den theoretischen Anschauungen ergeben, aus dem einfachen 
Grunde, weil die Reaktionen der Kranken andere hier und dort waren. Aus 
diesem Grunde fand meine Aufstellung des Urgegensatzes von Sexualität und 
Angst, der Reduktion sämtlicher sekundärer Antriebe auf Angst und der 
Stauungsangst auf freie genitale Strömung nicht das gebührende Verständnis; 
aus dem gleichen Grunde werden auch die Ausführungen dieser Schrift kaum 
bestätigt werden können, wenn man sich nicht der charakteranalytischen. 
Technik bedienen wird. 



134 



Der Urgegensatz des vegetativen Lebens 



Extremitätenmuskulatür unmittelbar in Form des Gefühls »gelähmt 
zu sein«; erfolgt in einer Schrecksituation dennoch eine reflektorische 
Abwehrhandlung, so folgt der Schrecken »hinterdrein«, das heisst das 
Empfinden der Lähmung der Motorik folgt der Aktion nach; oder der 
Herzschlag setzt nach einmaliger starker Systolie für Sekunden aus. 

Die Erregung läuft somit in beiden entgegengesetzten Fällen am 
vegetativen Nervenapparat ab, doch dominiert im Falle der sexuellen 
Erregung die vagische, im Falle der ängstlichen Erregung die sym- 
pathische Reaktion. Schon hier ist zu vermerken, dass Vagus und 
Sympa'thicus als System eine Einheit bilden, die zueinander gleich- 
zeitig in eine gegensätzliche Innervationsbeziehung treten. So wie 
sie unter bestimmten Bedingungen gleichzeitig als nervöse Einheit in 
Funktion sind, wie etwa beim Schreck neben der sympathischen 
peripheren Gefässkontraktur plötzlicher diarrhoischer Kot- und 
Harnverlust auftreten kann, hemmen sie andererseits einander, indem 
zum Beispiel bei Ausschaltung der sympathischen Fasern des Bauch- 
ganglion Blutungen der Darmschleimhaut auftreten. Wir wissen auch, 
dass die ängstliche und die sexuelle Erwartungsempfindung bei gleich- 
zeitiger Gegensätzlichkeit einander verwandt sind, und dass in beiden 
Fällen in der Herz- und Zwerchfellgegend, dem Sitz des ganglion 
coeliacum, qualitativ ähnliche Sensationen auftreten. Diese Sensa- 
tionen müssen eine sehr enge Beziehung zur Aura der Epileptiker 
haben; bei genauer Exploration von Epileptikern lässt sich feststellen, 
dass die aureatische Sensation vor dem Anfall den Charakter der 
Angstlust, manchmal mehr den reiner Angst, manchmal mehr den 
reiner Lust und in diesem letzten Falle in der Nähe der Genitalien 
verspürt wird. 

Die beschriebenen Tatsachen berechtigen uns, die Freudsche An- 
nahme, dass libidinöse Erregungen bei Behinderung ihres motorischen 
Ablaufes in Angst »umschlagen« können, dahin abzuändern, dass es 
sich um eine verschiedenartige Innervation und Erregung am vege- 
tativen System selbst handeln muss; dass in dem einen Falle, wo näm- 
lich die Peripherie im sensiblen Teile erregt ist, die Sexualempfindung, 
wo dagegen das Zentrum, Herz- und Zwerchfellgegend erregt sind, die 
Angstempfindung entsteht. Derart bildete sich für die sexualökonomi- 
sche Auffassung des Affekts zum ersten Male die Vorstellung einer 
funktionellen Gegensätzlichkeit von Körperzentrum und Körperperi- 
pherie heraus, die grundlegende Bedeutung gewinnt. 

Unsere Anschauung, dass Lust (Sexualerregung) und Angst zwei 
Phänomene entgegengesetzter Art am gleichen nervösen Apparat, 
nämlich am vegetativen sind, knüpft an die in der Angstphysiologie 
bekannte an, dass Angst und vegetative Erregung in funktioneller 
Beziehung zu einander stehen. Sie führt nur noch den neuen Tat- 
bestand ein, dass erstens das vegetative System auch nach der sexu- 
ellen Funktion hin (als Gegensatz der Angstfunktion) eine Beziehung: 
hat, und dass es sich hierbei um entgegengesetzte Innervation des 

135 



Wilhelm Reich 

vegetativen Apparates handelt. Wir wollen nun daran gehen, auf 
Grund der vorliegenden Beobachtungen und Tatsachen den Nachweis 
zu führen, dass das System: Sexualität- Vegetativ-Angst, funktionell 
identisch ist mit dem Flüssigkeitsystem (Blut- + Gewebsflüssigkeit) 
des Organismus. 

3. Das Misch' sehe Cholin-Experiment 

Das physiologische Problem der Angst ist von verschiedenen Seiten 
angegriffen worden; die Beziehungen zum Kohlesäurehaushalt bei 
Atemnot, die Angstanfälle der Angina pectoris, die Beklemmungen des 
Asthma bronchiale und ähnliche Erkrankungen wiesen konstant in die 
Bichtung einer unmittelbaren physiologischen Bepräsentanz des 
Angstaffekts. Hatte die Durchforschung der Funktion des Orgasmus 
das Angstproblem bis an die Grenze des physiologischen Bereiches 
vom komplizierten psychischen Angstphänomen her verfolgt, so 
musste man von der Physiologie den Best der Lösung, das Zusammen- 
treffen im Tunnelbau von zwei Seiten erwarten. Doch dieser Zusam- 
menschluss erfolgte nicht, teils weil die Nerven-Physiologie im me- 
chanischen Nerven-Muskel-Experiment eingefangen war, das keine 
theoretische Übersicht gestattet, teils weil die einzige Pforte, durch 
die man das Problem erschliessen konnte, nämlich der Zusammenhang 
der Angst mit der Sexualität, in der Physiologie verpönt und obendrein 
durch traditionelle, längst als unrichtig erwiesene Anschauungen der 
Sexualität verbaut wurde. Umso bedeutsamer war es, dass zwei ana- 
lytisch geschulte Nervenärzte, Dr. Walter und Käthe Misch, sich mit 
pharmakologischen Experimenten, und zwar ausgehend vom Problem 
der Angstneurose, an die Physiologie der Angst heranwagten. 

Sie verbanden geschickt das therapeutische Interesse mit dem 
theoretischen. Sie vermerken in ihrem Bericht »Die vegetative Genese 
der neurotischen Angst und ihre medikamentöse Beseitigung« (Der 
Nervenarzt, 5. Jhg. 1932, H. 8), dass Oppenheim und Hoche in ihren 
grossen Kongressberichten 1910 auf die Machtlosigkeit aller thera- 
peutischen Versuche, die pharmakologischer und hydrotherapeutischer 
Art sind, hingewiesen hatten. Sie gingen in ihren Versuchen vom 
reinen Syndrom der Angstneurose aus (periphere Vasokonstriktion, 
Tachykardie, arterielle Hypotonie, Mydriasis, Versiegen der Speichel- 
sekretion, kalte Schweissausbrüche, Erschlaffung der Muskulatur mit 
Tremor, Diarrhoen), Symptomen, die auf eine hochgradige Erregung 
des vegetativen Systems mit überwiegender Beaktion des Sympathicus 
hinweisen. Die Annahme lag nahe, dass ein Pharmakon das Angst- 
syndrom beseitigen müsse, das die peripheren Gefässe erweitert, das 
Herz verlangsamt, den Blutdruck senkt, die Speichelsekretion fördert, 
die quergestreifte Muskulatur tonisiert; wir dürfen vorwegnehmend 
hinzufügen, ein Präparat also, dass im wesentlichen vagische Wirkung 
hat. Als ein derartiges Präparat, dass nach den Worten der genannten 
Autoren »auf das somatische Angstsyndrom passt wie der Schlüssel 

136 






Der Urgegensatz des vegetativen Lebens 

ins Schloss«, erweist sich die Gruppe der Cholinpräparate ; diese können 
»nicht nur das somatische Angstsyndrom, sondern auch das psychische 
Erlebnis der Angst schlagartig beseitigen«. Sie gaben den Patienten 
0,1 Acetylcholin intramuskulär und stellten dabei fest, dass innerhalb 
weniger Minuten eine reichliche Durchblutung der Haut, ein Zurück- 
gehen der Tachykardie fast bis zur Norm und ein Verschwinden der 
subjektiven körperlichen Symptome eintraten; gleichzeitig verschwand 
der sonst durch nichts zu beeinflussende Angstzustand vollkommen 
und machte völligem Wohlbefinden Platz. Bei peroraler Verabfolgung 
von Cholinpräparaten (Pacyl 4 — 6 Tabletten, Hypotan 3 Tabl. täglich) 
stellten sich schwere Angstzustände nicht wieder ein. 

Es zeigte sich des weiteren, dass der Cholineffekt umso grösser ist,, 
je elementarer der Angsteffekt auftritt und je weniger die Angst' 
psychisch verankert ist (bei Zwangsneurosen z. B. war nicht viel 
auszurichten). Sie führen ihn im wesentlichen auf die dem Sympa- 
thicus entgegengeseizte Wirkung des Colins zurück. Wir stellen nach 
Misch die beiden Syndrome tabellarisch einander gegenüber: 



Hautgefässe 

Herzreaktion 

Blutdruck 

Pupille 

Speichelsekretion 

Muskulatur 



Angstsyndrom 

kontrahiert 

beschleunigt 

erhöht 

erweitert 

vermindert 

atonisch 



Cholinwirkung 

erweitert 

verlangsamt 

gesenkt 

verengt 

vermehrt 

tonisiert 



Ich ziehe es vor, im Gegensatz zu den Autoren dieses schönem 
Experiments, mehr Gewicht auf die theoretische als auf die praktisch- 
therapeutische Bedeutung zu legen, da mir die Frage nach der Pro- 
phylaxe der Angstentstehung wichtiger scheint als die nach ihrer 
Therapie, wenn ich letzte auch keineswegs gering einschätze; aber die 
umfassendere Frage der Neurosenprophylaxe, die im wesentlichen 
Angstprophylaxe ist, erfordert zunächst volle theoretische Auswertung 
dieses Experiments. Es bestätigt so sehr Annahmen, zu denen ich 
von der psychoanalytischen Therapie der Neurosen her gelangte, dass 
nämlich das Problem des sog. »somatischen Kerns der Neurose« ein 
pathologischer Erregungszustand des vegetativen Systems ist, dass mil- 
der weitere Ausbau dieser Anschauung der Mühe wert scheint. 

4. Die beiden Urformen psychischer Tendenzen: 
»Zur Welt« — »Weg von der Welt« 
Verfolgen wir nunmehr den Gegensatz von Sexualerregung und 
Angst von der Beobachtung seiner psychischen Komplikationen her; 
suchen wir seine Aeusserungen in »höheren« psychischen Funktionen 
auf, so stossen wir zunächst auf eine Fülle scheinbar nicht zugehöriger 
Mechanismen und Funktionen; erst deren genetisch-theoretische 

137 



Wilhelm Reich 

Ordnung zeigt uns, dass sich die Annahme eines Urgegensatzes des 
vegetativen Lebens als unumgänglich erweist, wenn man die höheren 
psychischen Gegensätzlichkeiten begreifen will. Die Psychoanalyse 
unterscheidet eine Reihe von psychischen Gegensatzpaaren an 
Strebungen, zunächst den von Person und Aussenwelt; das der eigenen 
Person zugewandte libidinöse Interesse nennt sie narzistische Libido, 
das der Aussenwelt zugewendete Objeküibido; letzte Iässt sie aus 
dem »nazistischen Reservoir« an libidinöser Energie hervorgehen und 
vergleicht die Besetzung von Opjekten und Gegenständen der Aussen- 
welt mit Interesse dem Ausstrecken der Pseudopodien beim Einzeller, 
die wieder eingezogen werden können; dieses »Einziehen der Libido«, 
den Abzug des Interesses, fasst man als Rückkehr zum »narzistischen 
Zustand« auf, wie etwa beim Einschlafen, doch kann das Interesse 
jederzeit wieder aus dem Ich heraus Objekten zugewendet werden 
(z.. B. Erwachen, Sich- Verlieben etc.). Objektinteresse kann also 
wieder zu narzistischem Interesse werden, wie es aus narzistischem 
hervorgeht. Der Gegensatz von Person und Aussenwelt repräsentiert 
sich somit als ein Gegensatz der narzistischen Libido und der Objekt- 
libido. So wie beide eine Einheit darstellen, können sie auch in Wider- 
spruch zu einander geraten, was eintritt, wenn die Befriedigung eines 
auf ein Objekt gerichteten Interesses mit dem narzistischen Selbst- 
erhaltungsinteresse in Konflikt gerät. Die inzestuöse Liebe des kleinen 
Jungen zur Mutter gerät regelmässig in Konflikt mit seinem narzisti- 
schen Interesse an seinem Ich, im speziellen seinem Genitalorgan: 
Triebverzicht und Verdrängung eines Objektimpulses gehen also regel- 
mässig von narzistischen Interessen aus und bedingen zunächst eine 
Rückziehung des Objektinteresses. 

Verfolgen wir einen anderen Gegensatz, den von aggressiven 
Impulsen und Angst vor Vollzug der Aggression, so wären wir von 
vornherein geneigt, diese Angst aus dem gebremsten Aggressions- 
impuls allein hervorgehen zu sehen, denn jeder gebremste Aggres- 
sionsimpuls ergibt Angst. Die Frage ist nur, ob die Aggression eine 
ursprüngliche Regung ist, wie die neuere analytische Triebtheorie 
meint, oder eine sekundäre Bildung, wie wir annehmen zu müssen 
glauben. Die Psychoanalyse der Ambivalenz lehrt uns, dass die 
Aggression eine Reaktion auf Versagung libidinöser Befriedigung ist. 
Die Aggression hat mit der libidinösen gemeinsam, dass sie ebenfalls 
eine Strebung zur Welt oder zu Objekten der Welt ist, sie unter- 
scheidet sich von ihr nur durch das Ziel: Die libidinöse Regung will 
Lust erzielen, die aggressive Regung will eine Unlustquelle in der 
Aussenwelt beseitigen, entweder indem das Objekt der Unlust ver- 
nichtet oder einverleibt wird. Libido und Aggression haben also die 
gleiche Richtung: auf die Welt zu, bilden aber in den Zielen einen 
entscheidenden Gegensatz; liebt und hasst man gleichzeitig dasselbe 
Objekt, so pflegt die Liebesregung den Vollzug der Hassregung zu 
bremsen und diese selbst in Schuldgefühl als Kompromiss zwischen 

138 



Der Urgegensatz des vegetativen Lebens 

Liebe und Hass dem gleichen Objekt gegenüber zu verwandeln. 
Dagegen kann versagte Liebe in Hass umschlagen oder vorhandenen 
Hass mächtig steigern. Aus der Vermischung von Sexualität und 
Destruktion entsteht der Sadismus. Wir finden wohl den treffendsten 
Ausdruck für diese Phänomene, wenn wir sagen: Kann die Person 
nicht in Liebe zur Welt, so versucht sie zu zerstören; anders aus- 
gedrückt, die Person ersetzt die nichterzielte Liebesbefriedigung durch 
eine aggressive Handlung. Der gemeinsame Gegensatz zu beiden 
Objektstrebungen ist die Angst, die ich im wesentlichen als ein 
Zeichen der Flucht vor der Welt ins eigene Ich zu begreifen versuche. 
Wir merken, dass wir dasselbe meinen, wenn wir von nazistischer 
Regression sprechen, also von Rückzug der Interessen in das eigene 
Ich. Diese kann bedingt sein durch eine äussere Behinderung einer 
Triebbefriedigung oder eine innere Hemmung, sich der Aussenwelt 
anzunähern. In beiden Fällen pflegt zumindest ansatzweise Angst zu 
entstehen. Der Richtung »Hin zur Welt« (libidinös oder aggressiv) 
steht somit grundsätzlich die Richtung »Weg von der Welt« entgegen. 
Diese letzte ist auf primitivster biologischer Stufe gegeben in einem 
Sich-in-sich-selbst- Verkriechen; auf höherer biologischer Stufe geht 
diese Reaktion nie verloren, sie wird nur ergänzt durch eine zweite, 
muskuläre, die lokale Entfernug von der Unlustquelle. In weiterer 
Entwicklung der Aussenweltsbewältigung treten auf die aggressive 
Beseitigung der Unlust- oder Gefahrenquelle (Destruktion) und 
schliesslich die intellektuelle Voraussicht und Bewältiguung äusserer 
Schwierigkeiten. 

Aus diesen funktionellen Beziehungen lässt sich schliessen, dass 
die destruktive Aggression, die im gesellschaftlichen wie im individu- 
ellen Sein eine so überragende Rolle spielt, eine phylogenetisch und 
auch ontogenetisch jüngere Funktion darstellt als die beiden Ur- 
strebungen Sexualität und Angst. Es wird sich zeigen, dass diese 
geringe Differenz zur Anschauung von Freud, die Libido und Aggres- 
sion als Antriebe gleicher biologischer Tiefe zu begreifen versucht, 
sehr weitgehende klinisch-theoretische und auch soziologische Diffe- 
renzen zur Folge hat. Die Sexualökonomie leugnet also den ursprüng- 
lichen Charakter der destruktiven Antriebe und lässt sie vielmehr 
aus den Funktionen der Libidoversagung einerseits, der Angstver- 
meidung andererseits phylogenetisch hervorgehen. Dass die Muskula- 
tur, der Apparat der Destruktion, aus dem Mesoderm, also einer 
sekundären embryonalen Anlage hervorgeht, die Apparate der Sexual- 
und Angstfunktion dagegen schon im Einzeller gegeben sind, mag 
diese Auffassung entwicklungsgeschichtlich stützen. 

Es wird einmal von grosser Bedeutung für die Erkenntnis der 
psychischen Apparatur werden, dass die Hemmung eines aggressiven 
Impulses ebenso Angst ergibt wie die eines libidinösen, dass aber 
Angst vermieden wird, wenn die Aggression nicht blos gebremst, 
sondern gegen das eigene Ich gewendet also zur selbstzerstörenden 

139 



Wilhelm Reich 

Tendenz wurde. Ich versuchte an anderer Stelle ausführlich zu be- 
gründen, weshalb ich die Annahme eines primären Selbstvernichtungs- 
triebes ablehnen muss und alle hierher gehörigen Erscheinungen 
anders auffasse. Jedenfalls steht die Angstentwicklung in umge- 
kehrtem Verhältnis zu den masochistischen, selbstzerstörenden 
Neigungen, was die Annahme mancher Analytiker widerlegt, das die 
Angst der Ausdruck innerer Wahrnehmung von selbsterstörenden 
Tendenzen sei. Dies gilt unter der Voraussetzung, dass wir blos 
gehemmte Aggression von gegen die eigene Person gewendeter Aggres- 
sion unterscheiden. 

Stellen wir unsere genetische Auffassung der Triebgegensatzpaare 
zusammen: 

Genetisch-dialektische Triebgegensätzlichkeit 
Aussenwelt Ich 

Objektlibido narzistische Libido 

Objektbesetzung Angst 

lib. Objektbesetzung Aggression (bei Mischung Ergebnis: Sadismus) 

Aggression Angst 

Aggression Selbstvernichtung durch Rückwendung (Masochismus) - 

Trieb Moral 

Entwicklungsstufen der Angstreaktion 

Narzistische Regression (in sich selbst verkriechen; protozoale Reaktion). 
Flucht (lokale Entfernung vom Objekt; metazoale Reaktion). 
Destruktion (Vernichtung der Gefahrenquelle; metazoale Reaktion).* 
Civilatorische Bewältigung des Seins (intellektuelle Voraussicht; menschlich- 
gesellschaftliche Reaktion). 

Objektrelation Narzistische Relationen 

(»Zur Welt«) (»Weg von der Welt«) 

Objektliebe (libidinöse) Angst 

Hass-Objekteinverleibung (aggressive) Angst 

Objektdestruktion Schuldgefühl oder Selbstdestruktion 

Bewältigung von Aufgaben schizophrene Autistik 
( Arbeitsleistung) 

Soweit die psychologischen Annahmen, die sich aus der Reduktion 
der komplizierten Erscheinungen auf einfache ergeben. Sie treffen 
sich mit unserer Auffassung der Angstneurose in dem einen Punkte 
der Gegensätzlichkeit von Sexualerregung und Angst. Weder Hass 
(Destruktion oder Aggression) noch Selbstvernichtungsantriebe, weder 
muskuläre Flucht noch intellektuelle Bewältigung von Gefahren finden 
wir in der reinen Angstneurose. Sie scheint uns daher besonders 
geeignet, das psychophysische Grenzproblem zu präsentieren. 

Die psychoanalytische Trieblehre erfasste die Triebgegensätzlich- 
keit, unterscheidet sich aber von der dialektischen durch den Mangel 
einer genetischen Ableitung dieser Gegensätzlichkeit und durch die 
Annahme eines absoluten Trieb-Urdualismus (Eros — Todestrieb) ; 
sie leistete ihr bestes, als sie versuchte, das Organische triebdynamisch 
zu begreifen, aber sie musste in der Metaphysik des Todestriebes 

140 



Der Urgegensatz des vegetativen Lebens 



landen, weil sie das Anorganische nur beseelte, ohne die Beseelung 
selbst zunächst aus dem Anorganischen abzuleiten; und sie verlor 
die Chance, aus der metaphysischen Sackgasse hinauszugelangen, 
als ihre Vertreter die Versuche einer dialektisch-materialistischen 
Lösung der Frage als einen gegen ihren Wesenskern gerichteten 
feindseligen Akt betrachteten. Sie waren damit in den Dienst ihres 
religiös-gesellschaftlichen Milieus getreten und hatten dabei ihre 
wissenschaftliche Zukunft geopfert. 

5. Tendenz zur Kugelform 

Es lässt sich, um nunmehr von einer anderen Seite her das Problem 
zu beleuchten, leicht nachweisen, das sämtliche Lebewesen die Ten- 
denz zeigen, im Zustand der Flucht vor der Welt, also bei nazistischer 
Regression, körperlich die Kugelform anzunehmen oder, bei voll aus- 
gebildetem Stützapparat, auf sie hin zu tendieren. Wir werden uns 
mit einigen typischen Beispielen begnügen. 

Berührt man mit einem Grashalm die Fühler einer Schnecke, so 
zieht sie zunächst die Fühler ein und verharrt auch sonst unbeweg- 
lich. Nach einer Pause streckt sie die Fühler langsam wieder vor. 
Bei neuerlicher Berührung zieht sie sie rascher zurück als früher und 
beginnt auch den Körper ins Gehäuse zurückzuziehen. 

In der Ruhe und bei einfacher Bewegung ist der Regenwurm 
langgestrecht, »gelöst«. Berührt man ihn etwa am vorderen Ende, so 
zieht er die betreffende Partie ein; das Stück wird kürzer und dicker, 
oder er rollt sich zusammen. Wo die Fähigkeit, sich in sich zu ver- 
kriechen, verlorenging, sehen wir an dessen Stelle, statt des Uebergangs 
von der Längs- in die Kugelform, Einrollung des Körpers, das heisst 
eine sozusagen illusorische Kugelform. So beim Igel, der bedroht 
wird. Dabei werden die Extremitäten an den Körper gezogen, der 
Rücken gerundet, der Kopf nähert sich den Beinen. Man denkt an 



BHBHHpWPHÄM^öST tue sicner Keine »Angsistenung«, sonqerST 
Anpassung an kleinsten Raum darstellt. 

Beim Einzeller beobachtet man dieses Zurückziehen am allerbesten. 
Die Pseudopodien, die vorher der Zelle ein vielgestaltiges Aussehen 
gaben, verschwinden, Unebenheiten der Oberfläche gleichen sich aus, 
die, Zelle nimmt immer mehr die Form einer Kugel an. Ebenso 
herrscht vor der Teilung und nach der Kopulation die Kugelform vor. 

Das »Zusammenfahren« im Schreckzustand bei den vielzelligen 
Lebewesen ist zweifellos eine Erscheinung prinzipiell der gleichen Art. 
Das ist keineswegs »final« auszulegen, als ob dem eine Ueberlegung 
zugrundeläge, dass eine verkleinerte Oberfläche weniger Angriffs- 
fläche biete. Diese oberflächlich rationalistische Deutung des Vor- 
ganges bringt uns nur der Theologie näher, führt aber sonst keinen 
Schritt weiter. Wir können diese Erscheinung anders erklären. 

Fühlt sich eine Katze bedroht, so ist die erste Regung eine 
Krümmung des Rückens, das heisst der Wirbelsäule. Die Kontraktur 

141 



Der Traum 

der Haarwurzelmuskeln gehört ebenfalls hieher; sie erscheint als 
»Sträuben der Haare«. 

Die Kugelform, sei es in Form des Einziehens vorstehender Organ- 
teile (Pseudopodium, Fühler bei Schnecke etc.), sei es in Form von 
Krümmung der Wirbelsäule und Anziehen des Kopfes und der 
Extremitäten, erscheint somit als das Ziel der Tendenz »aus der Welt«. 
Im Gegensatze dazu ist das Strecken des Leibes, das Vorstrecken oder 
Ausbreiten der Extremitäten und des Kopfes, kurz das »Ausbreiten 
vom Körperzentrum weg« das Ergebnis der Funktion »hin zur Welt«. 
Wir werden später in der Verschmelzung zweier Organismen die 
konsequente Fortsetzung dieser Funktion wiedererkennen. 

Doch zunächst müssen wir uns einigen Tatsachen zuwenden, die 
uns die beschriebenen Funktionen in der vegetativen Urform enthüllen. 



Der Traum 

Otto hält in der missglückten Mexicobar folgende Rede: 

»Den Menschen halten zwei Dinge am Leben: Der Traum oder 
die Idee. Den Traum hat jeder, aber er hat bei jedem eine andere 
Form. Die Idee haben die wenigsten und nur, weil sie ihr verfallen 
sind, leben sie. Der Traum der kleinen Mädchen ist ein Graf in einem 
blauen Auto. Der Traum des modernen Sklaven ist ein Häuschen 
mit einem kleinen Garten davor. Der Traum des Krüppels ist Liebe, 
der Traum der Dummen ist der Himmel. Niemals bekommen sie 
den Grafen, das Häuschen, die Liebe oder den Himmel. Sie wissen 
es selbst, aber trotzdem lassen sie nicht ab vom Traum. Was ist so 
süss, als sich von ihm hypnotisieren lassen? 

Man hat die Menschen in ihrer Kindheit so zerschlagen, dass sie 
träumen müssen. Glaubt es mir, Brüder, wäre ihre Seele nicht 
zertrümmert, sie würden nicht träumen. Aber sie sind krank, tod- 
krank, zerschmettert. Wie ein wahnsinniger Stier hat man die 
trunkenen Knospen ihrer erwachenden zarten Regungen niederge- 
trampelt, zerstört, verstümmelt. So verstümmelt, dass ihnen der 
Angstschweiss auf die Stirne tritt, wenn sie an die zarten, unendlich 
süssen Regungen denken und zum Pfaffen laufen, um sich dafür be- 
strafen zu lassen. 

Alle Menschen träumen. 

Millionen Schwache organisieren ihren Traum, ihren kleinen ego- 
istischen armseligen Traum und umschreiben ihn mit grossen Worten. 
Zehntausende sterben für ihn und sie sind zu allen Zeiten glücklick 
gewesen. Sie sagen, sie sterben für die Freiheit. Aber es gibt keine 
Freiheit. Sie sterben für den Traum. Von hunderten unter ihnen 
aber stirbt einer für die Idee. Für die Mathematik der Idee. 

142 



Der Traum 

Die Welt verändert sich nicht, weil die Menschen gut oder schlecht 
sind, weil sie brüderlich und gemeinschaftlich leben wollen — das 
sind Phrasen für noch begeisterungsfähige Pubertäter. Das Natur- 
gesetz verlangt es, dass sie sich organisieren, wollen sie nicht unter- 
gehen. Und hiervon kann man nicht träumen oder glauben. Das ist 
ein logisches Gesetz, wie, dass zwei mal zwei vier ist. Wer von euch 

bezweifelt das Gewitter? Oder den Frühling? Und « 

Otto spricht sehr leise. 

» eine Revolution ist das gleiche. 

Der Traum wird organisiert und wird eine Macht. Der Traum, 
der jetzt den schlichten Titel »Brot und Freiheit« führt. Ich sage 
euch, Brüder, die Menschen begeistern sich dermassen über diese 
beiden Begriffe, dass ihnen die Tränen in den Augen stehen, wenn 
sie der Redner von der Tribüne aus in den Saal brüllt. Aber wenn 
sie wieder zuhause sind, treten ihnen die gleichen Tränen in die 
Augen, wenn sie eine Schramme in ihrem von Wachsblumen und 
Nippes flankierten Talmi-Prunkspiegel sehen, der sie vor den Nach- 
harn und Verwandten als wohlhabende Leute repräsentieren soll. Sie 
kleben mit Haut und Haaren am Alten und träumen nur vom Neuen, 
weil sie glauben, dass sie in ihm eine bessere Auflage erleben. Es ist 
aber schwerer, die Ideologie von der Richtigkeit des Traumes zu 
zertrümmern, als sie von der Notwendigkeit der Veränderung der öko- 
nomischen Basis zu überzeugen.« 
Und Otto wird wieder leiser: 

»Das Volk geht zu Hitler, weil er ihm das Versprechen der Ab- 
schaffung des Kapitalismus und eine Gewähr für das Bestehenbleiben 
des Traumes zugleich gibt.« 

»Und Russland — 1917 ?« frage ich leise, fiebernd vor 

Spannung. 

»Russland « Er macht eine grosse Pause. 

Wir drei sitzen ganz allein in der Ecke, genau unter einer Streitaxt 
und einigen Speeren der Irokesen. An der Türe stehen ein paar 
Schofföre herum. Musik schnarrt aus dem Lautsprecher. Die Hälfte 
der Mädchen scheint eingeschlafen zu sein. 

»In Russland hat der Teil des Volkes die Revolution entschieden, 
der nicht lesen und schreiben konnte und der nie einen Prunkspiegel 
besass. Vielleicht klingt es lächerlich, so etwas zu sagen, diese beiden 
Tatsachen bestehen jedenfalls. Die Klassengegensätze waren so scharf, 
dass das Proletariat auch ideologisch Proletariat blieb. Die Voraus- 
setzungen für den Faschismus fehlten. Das Elend hatte die tiefste 
Tiefe erreicht. Die herrschende Klasse fiel von selbst in sich zu- 
sammen. Und das Entscheidende dabei : Ihre Ideologie hatte keine 
Stützpunkte im Volke.« 
»Und in Deutschland?« 

» hat die Ideologie der Bourgeoisie die Massen erfasst und 

zwar so elementar, mit so ungeheurem Schwung, dass sie alles andere 

143 



Der Traum 

niederriss. Der Traum war stärker als die Logik. Mit wahnsinniger 
Gier beginnt sich das Volk auf ihn zu stürzen. Alles ist wieder da, 
was längst tot schien. Systematisch wird wieder begonnen, den Men- 
schen zu erschlagen, um seinen Traum zu züchten, um ihn erschauern 
zu lassen vor Angst, wenn er den Menschen wieder in sich fühlt. Das 
ist das Wesen des Faschismus. Seine Hauptstütze ist die Angst, das 
Schuldbewusstsein und die daran angeknüpfte bedingungslose Unter- 
werfung.« 

»Das ist alles Unsinn,« sagt der Häuptling. »Ich habe keine Angst, 
kein Schuldbewusstsein, ich unterwerfe mich niemanden und bin doch 
kein Revolutionär. Mich interessiert nichts. Hitler, Stalin, der Papst 
— was gehen sie mich an? Was gehe ich sie an?« 

Otto lächelt. 

»Ich bin auch kein Revolutionär. Du hast Recht, wir brauchen uns 
nicht für sie zu interessieren. Wir dürfen nur eines nicht vergessen: 
sie interessieren sich für uns. Jeder interessiert sich für uns. Wir 
leben doch auf dieser Erde, mitten unter ihnen. Niemals können wir 
ihnen ganz entgehen.« 

»Otto,« frage ich, »wo liegt eigentlich der Sinn unseres Lebens? 
Was hält uns auf dieser Erde? Wir gehören zu niemanden. Uns ist 
egal, wie die Menschen leben. Wir sagen, sie sind Idioten, sie sollen 
verrecken, wenn sie Lust dazu haben. Aber was ist mit uns? Du bist 
glücklich, du bist ein Philosoph. Aber was ist mit mir? Du Häuptling 
stehst da, lässt das Leben an dir vorüberrauschen und spuckst drauf. 
Aber was ist mit mir?« 

Otto antwortet: »Wie kannst du nach einem Sinn des Lebens 
fragen, wenn es gar keinen gibt?« 

Der Häuptling antwortet: »Scheisse mit Senf.« 

»Nein,« sage ich, »ihr sollt mir antworten! Die Menschen haben 
den Traum oder die Idee. Wir haben nichts. Kann man leben, ohne 
eines dieser Dinge zu besitzen?« 

Der Häuptling antwortet: »Du siehst doch, wir leben,« 

»Aber wie? Seid ihr glücklich? Ich verkomme. Ich gehe zugrunde. 
Ich muss etwas haben.« 

»Armer kleiner Junge,« sagt Otto grinsend. Und der Häuptling 
bemerkt unendlich gleichgültig: »Schaff dir doch etwas an, mein 
Sohn. Du kannst dir etwas aussuchen, es gibt tausenderlei ver- 
schiedene Macharten.« 

»Ja,« Otto lächelt spöttisch, »schaff dir eine Idee an und werde 
Kommunist oder etwas anderes. Ich rate dir aber, den Traum vor- 
zuziehen. Er ist müheloser anzuschaffen und macht mehr Vergnügen. 
Das beste ist, du last dich kastrieren und trittst in die Heilsarmee ein.« 

Sie sind auch nicht glücklich, denke ich. 

»Hör zu,« sagt Otto. »Die Menschen wollen betrogen sein. Es 
ergibt sich daraus die Frage: Willst du, wenn du das erkannt hast, 
der Betrogene oder der Betrüger sein? Nur wenn du ein Idiot bist, 

144 



Der Traum 

wählst du das erste. Im anderen Falle machst du den Betrüger. Ich 
werde dir was sagen: Wenn mein Phlegma und meine Philosophie 
von der Beschaulichkeit des Daseins mich nicht so in der Gewalt 
hätten, würde ich Traumhändler, oder besser gesagt, national- 
sozialistischer Politiker werden. Die Herren Göring und Goebbels sind 
erste Kapazitäten dieser uralten Branche und sie haben, vom rein 
fachlichen Standpunkte aus, meine vollste Bewunderung. Aber ihr . 
Beruf hat den Nachteil, dass er mit zuviel Arbeit verbunden ist. So 
bleibe ich Betrüger im Kleinen.« 

»Es ist grauenhaft, was du sagst. Denk mal an das Jahr 1920. 
Die Faschisten haben damals deinen Vater ermordet und sechzehn 
andere dazu in unserem Stadtteil. Otto was hast du gesagt ?« 

»Neunzehnhundertzwanzig und Neunzehnhundertdreiunddreissig. .« 
Otto sagt es sehr ernst. »Was liegt in diesen dreizehn Jahren? Weisst 
du, wieviel Schmerz und Qual sie enthalten? In diesen Jahren hat 
sich Deutschland verändert. In diesen Jahren sind auch mein Traum 
und meine Ideologie verloren gegangen.« 

Der Häuptling grüsst einen Mann an der Bar, geht zu ihm. Sie 
unterhalten sich leise. 

Ich rücke dicht an Otto heran. Ich nehme seinen Arm. Ich blicke 
ihn flehend an. »Was soll ich tun? Ich gehe kaput! Ich halte es 
nicht mehr aus! Wie kann ich ebenso werden wie du? Hilf mir doch, 
Otto! Ich ertrage dieses wahnsinnige Leben nicht mehr! Ich gehe 
zugrunde ! « 

Und Otto flüstert: »Ich verstehe dich vollkommen, mein Junge. 
Niemand von uns ist glücklich. Es ist schwer, unendlich schwer, 
dieses Leben zu ertragen.« 

Aber er gibt keine Antwort. 

Nein, er hat keine Antwort gegeben. 

Und plötzlich weiss ich: Er hat keine Antwort. 

Die Philosophie ist Lüge. Das Glück ist Lüge. Die Beschaulichkeit 
ist Lüge. Er geht ebenso wie ich zugrunde. Er verfault, verkommt, 
versinkt ebenso. Er will, wie ich, allein sein in dem Chaos der ver- 
bissen kämpfenden Menschen. Aber sie lassen uns nicht aus ihren 
Beihen. Sie zwingen uns, unter ihnen zu bleiben. Und sie stehen 
da in zwei riesigen unversöhnlichen Fronten. Wo aber bleiben wir? 
auf welcher Seite? 

Auf keiner, sagt der Häuptling. 

Über ihnen, sagt Otto. 

Nein, nein ! Wir stehen zwischen den beiden Mauern und bekommen 
keine Luft! Wir müssen zermalmt werden, wenn wir uns nicht auf 
die eine eine oder andere Seite retten 

(Aus dem Roman „Untermenschen" 
von Walter Kolbenhoff.) 

145 



E. Parell 



Einwände gegen Massenpsychologie 
und Sexualpolitik 



von E. Parell 
Zweiter Teil 



ir.ir, 1 ' M™ e r Vi""-?* der Tr Sexual ökonomie sei im wesentlichen richtig, aber es gäbe 
keine Möglichkeit der Umsetzung in die Praxis 

Wenn es in der Wirklichkeit keine Möglichkeit gibt, eine Theorie in Praxis um- 
zusetzen, dann muss die Theorie falsch sein. Die Theorie geht, wenn sie wiAdfch 
ernstzunehmen ist, aus Notwendigkeiten der menschlichen Praxis hervor! X aus 
die TheoH 7 w- , Wirklichkeit > die eine Veränderung heischen und derart auch 
die Theorie der Widerspruche schufen. Das genügt aber noch nicht. Die Theorie 
auön S1C ft W di n nU ^.r h dl ! Me c nschen verwirklichen. Dazu gehört eine Organi- 
ZrU^lT Durchfuhrung der Sexualökonomie als einem Stück Wirklichkeits- 

w„l h v f me sexaal P° liti ^he Organisation. Wie soll sie beschaffen sein, 

welche Voraussetzungen gehören dazu, was ist ihr Ziel? Solche Fragen müssen 
ge e nannt werdTn "'"' ^^ "" "^ Notwendi g'-iten und Möglichkeiten 

Zunächst drängt die Frage nach Antwort, in welcher Form die Organisierung 
des sexualpolitischen Kampfes auf Grund der Sexualökonomie vor sich gehen 

des K irt V Un % S u me . iD ! n ' da " Sich Um einen wichtigen Frontabschnitt 
des Klassenkampfes überhaupt handelt, dass die neue revolutionäre Partei des 
TnWW E ^xualpohtik in ihr Programm, in ihre Agitation und Propaganda 

«mJ ? x "l , U ^ WUrde " GeWisS ' >>an sich<< > sollte sie das - I^ sie aber dazu 

fähig, konkret sind die derzeit vorhandenen revolutionären politischen Organisa- 
tor f lß f- 16S , du ^ zuführen ? Nein, sie sind es nicht. Die bürokratisierte 
dr tte Internationale lehnte die Sexualpolitik von vornherein ab. Sie damit zu 
betrauen, hiesse die Sache diskreditieren, denn sie würde eine lebendige Be- 
wältigung der sich ergebenden theoretischen und praktischen Aufgaben nicht zulassen 
wurde, wie es in Deutschland zwei Jahre hindurch der Fall war, die ökonomischen 
Parolen und Losungen mechanisch auf das sexualökonomische Gebiet übertragen 
und dadurch die Kraft, die in der Sache steckt und entwickelt werden muss, 
ersticken Ihre Stellung zu den bisherigen Versuchen, in ihrem Rahmen die 
bexualpolitik einzuordnen, warnte vor weiteren. Man kann sie nur mit der 
Ideologie der revolutionären Sexualpolitik durchdringen, aber man kann ihr die 
Verantwortung dafür nicht übertragen. Wie steht es mit den anderen revolutio- 
nären Organisationen, der SAP und den internationalen Kommunisten (Trotzkisten) ? 
Die Leitungen stehen hier der Sache verständnisvoller gegenüber, aber es ist 
keine Rede davon, dass sie als Organisation die Sexualpolitik durchführen könnten. 
Dazu fehlt es an fachlicher Geschultheit der Funktionäre, die Diskussion über 
die Einordnung der Psychologie und Sexualwissenschaft in die marxistische Be- 
wegung ist erst vor wenigen Jahren in Gang gebracht worden und noch lange 
nicht zu einem brauchbaren Ergebnis gekommen. Die revolutionären politischen 
Organisationen können also die Organisierung der Sexualpolitik nicht durchführen 
vielleicht noch nicht durchführen. 

Es bleibt nun die Möglichkeit einer Organisation, wie die Freidenker sie 
schufen, also einer Massenorganisation, die sich einer politischen Partei einordnet. 
Diese Form der Organisation wurde in Deutschland in Gestalt des »Verbandes für 
proletarische Sexualreform« versucht, der als überparteiliche »Einheitsorganisa- 
tion« der KPD unterstand und Zehntausende Mitglieder in kurzer Zeit zählte. Nach 
einem ersten Aufschwung ging er ebenso unter wie die Freidenkerbewegung. Der 
tmmdtenler war, dass man die Prinzipien der streng zentralisierten Partei auf 
die Massenorganisation übertrug, die eigentlich die Aufgabe hatte, wirklich Un- 
politische und Angehörige anderer Organisationen zusammenzufassen. Da sich diese 
Massenorganisation in Abhängigkeit von der Ideologie der Partei befand, einer 
Ideologie, die wir scharf kritisieren, konnte die Sexualpolitik ihre Kraft nur im 
Beginne beweisen. Das widerspricht nicht der Möglichkeit, eine internationale 
Massenorganisation aufzubauen, die mit den revolutionären Parteiorganisationen 
zusammenarbeitet, sie unterstützt und deren Hilfe geniesst, aber sie muss, solange 
die Stellung der Wirtschaftspolitiker zur Sexualpolitik u. Massenpsychologie bleibt 

146 



Einwände gegen Massenpsychologie und Sexualpolitik 

wie sie ist, eine selbständige Organisation sein, unabhängig in der Festlegung ihres 
Programms, in der Abfassung ihrer Beschlüsse, in ihrer Massenwerbung und 
-gewinnung, in ihrer Beziehung zu den bürgerlichen Organisationen. Ihr Ziel 
bleibt unveränderlich die Beseitigung des Privateigentums an Produktionsmitteln, 
die Herrschaft der Werktätigen über die früheren Kapitalbesitzer, also die revo- 
lutionäre Demokratie. Sie kann selbst, für sich allein die soziale Umwälzung 
nicht leisten, weil ihr Gebiet zwar wirtschaftliche Voraussetzungen hat, die die 
Bevolution bringen muss, aber sie ist keine wirtschaftspolitische, sondern eine 
Än/iurpolitische Organisation. Sie kann nur in Anlehnung an eine revolutionäre 
wirtschaftspolitische Organisation, die sie unterstützt und von der sie unter- 
stützt wird ihre revolutionäre Aufgabe durchführen. Dies die nächstliegende 
Möglichkeit. 

Man wird fragen, was geschehen soll, wenn die revolutionären Organisationen 
wirkliche Zusammenarbeit und Unterstützung, wie die alten bisher, versagein 
sollten, oder gar, wenn es gar nicht so bald zur Bildung einer schlagkräftigen 
neuen revolutionären Partei kommen, wenn die Zersplitterung gleichbleiben oder 
weitergehen sollte. Was dann, wenn wir auf Grund unseres sexualpolitischen 
Programms wirklich eine Massenorganisation aufgebaut haben? Sollen wir dann 
warten, bis die Diskussionen über die »proletarische Einheitsfront« zuende sind? 
Eine Bewegung kann doch nur siegen oder versiegen ! Man könnte darauf antworten, 
<lass wir erst unsere Organisation aufbauen und dann weitersehen sollen. Schon 
im Kampfe um den Aufbau der Sexpol-Organisation werden sich die weiteren 
Möglichkeiten selbst enthüllen. Ich möchte trotzdem eine weitere Möglichkeit 
nicht ausschliessen, die uns zur Pflicht gemacht wäre, wenn wir uns rascher und 
besser organisieren sollten als die politische Organisation. Diese Möglichkeit 
besteht darin, dass wir als Sexpol-Organisation unser Programm um die wirt- 
schaftliehen Fragen erweitern, sozusagen das wirtschaftspolitische Programm der 
Revolution übernehmen, dessen Durchführung ja die erste Voraussetzung der 
Erfüllung unseres eigenen Programms ist, dass wir uns also notgedrungen zur 
wirtschaftspolitischen und sexualpolitischen Partei zugleich entwickeln. Wir 
wollen diese Möglichkeit im Auge behalten, aber vorläufig uns auf unsere Sex-Pol- 
Aufgaben beschränken. 

Eine weitere Frage ist die, ob wir uns sofort organisieren und als gebildete 
Organisation zur Massenbewegung werden sollen, oder aber ob wir mit der straffen 
Organisierung noch warten. Wir ziehen es zunächst vor, unsere Anschauungen 
und Absichten vorerst in alle bestehenden proletarischen und bürgerlichen Or- 
ganisationen eindringen zu lassen, unsere Literatur zu verbreiten, die Verlage und 
•die Schulung von Führern der Bewegung gründlich vorzubereiten. Der Augenblick 
der organisatorischen Zusammenfassung wird sich dann von selbst ergeben, wenn 
wir beweglich genug sein werden, ihn zu erfassen. Dadurch entgehen wir sowohl 
•der sektiererischen Absperrung als auch der Hemmung durch die zu durchdringenden 
Organisationen. In Wirklichkeit besteht ja die Sex-Pol-Organisation bereits in 
Anfängen. Wir haben zwei Verlage, die international bekannt sind, wir schulen 
Funktionäre und Leiter der Bewegung, wir sind bereits in allen Organisationen als 
Bewegung bekannt. 

Niemand kann uns als unorganisierter Arbeitsgruppe verbieten, ein Programm 
auszuarbeiten, eine erste internationale Tagung abzuhalten, eine periodische theo- 
retische Zeitschrift und vielleicht sogar in Bälde eine Wochenzeitung heraus- 
zubringen. Derart wird sich organisch die Organisation entwickeln, auch wenn 
wir noch keine Aufnahme- und Rausschmisstatuten haben. Im Gegenteil, der 
Zusammenhang der Mitarbeiter ist vorläufig auf persönlicher und sachlicher 
Bindung aufgebaut; das genügt für den Anfang. Wir müssen nur noch rascher 
mit der Herstellung von Verbindungen in allen kapitalistischen Ländern vorgehen, 
vor allem unsere Grundanschauungen allgemein bekannt machen. 

2. Die Stellung der Sexualpolitik zur Frage der straff organisierten Führung 
der revolutionären Bewegung sei unklar, wir huldigten einer »unorganisierten 
Massenpropaganda«. Die sexualpolitische Bewegung hätte sich der revolutionären 
Partei diszipliniert unterzuordnen, als einer Spezialistenorganisation käme ihr 
jedoch, meinen einige, eine »gewisse Selbständigkeit« zu. 

Diese sehr ernstzunehmende Kritik wirft eine Fülle von Fragen auf, die zum 
Teil schon bei Punkt 1 behandelt sind. Prinzipiell ist dazu zu sagen: Unsere 
Bewegung ist aus parteilicher Arbeit, also völliger parteilicher Bindung hervor- 
gegegangen. Die Erfahrung lehrte, wie schon gesagt, dass unsere Versuche wegen 

147 



E. Parell 

der parteilichen Bindung scheiterten ; das lag nicht an der parteilichen Bindung 
an sich, sondern an der Unorientiertheit der Wirtschaftspolitiker auf unserem; 
Gebiet. Wir wären die ersten, die eine parteimässige sexualpolitische Arbeit be- 
grüssen würden, wären alle Voraussetzungen vorhanden, dass nicht jeder sexual- 
politisch ungeschulte Parteifunktionär seine Privatmeinungen über das Geschlechts- 
leben oder gar veraltete, falsche Anschauungen »von oben« her uns vordiktieren: 
wollte. Man darf keinen Augenblick vergessen, dass es sich um ein völlig neues 
Anwendungsgebiet marxistischer Politik handelt. Wer die Sexualökonomie nicht 
nur aus einer Schrift kennt, weiss, dass wir bestimmte Anschauungen über Grund- 
lagen, Wesen und Ziele der Sexualrevolution haben, die sich von denen der offizi- 
ellen Organisationen aller Schattierungen, der offiziellen Sexualreformbewegung 
und der sowjetistischen Sexualideologie grundsätzlich unterscheiden; diese An- 
schauungen brechen auf Grund jahrelanger rein wissenschaftlicher Forschungen 
mit den Prinzipien der moralischen Begulierungsversuche des gesellschaftlichen 
Lebens der Menschen und stellen jeder Art moralischer Regulierung das sexual- 
ökonomische Prinzip gegenüber. Die grundsätzliche Aufgabe besteht dem- 
zufolge darin, die Menschen derart umzustrukturieren, dass sie, wenn sie einmal 
die wirtschaftlichen Voraussetzungen dazu geschaffen haben, sich ihr Leben nicht 
mehr autoritär oder moralisch gelenkt, sondern von selbst, auf Grund veränderter 
Strukturen ordnen. Dadurch löst sich nebenbei eine Grundfrage des Anarchismus, 
den wir verneinen. Wir anerkennen die soziale Revolution im Sinne von Marx 
und Lenin als die erste und wichtigste Voraussetzung dieses eigentlichen Zieles 
der Revolution, das heisst der revolutionären Umgestaltung der Menschen und 
ihrer Kultur. Die Sowjetunion hat gelehrt, dass die Unkenntnis dieser ent- 
scheidenden Fragen (neben denen der reinen Wirtschaftspolitik) in eine Sackgasse 
oder zurück zu früheren Formen des menschlichen Lebens führt. Angestrengteste 
Versuche, eine Diskussion mit S. U.-Funktionären herbeizuführen, scheiterten 
immer wieder am — Nichtantworten. Als langjährige Mitkämpfer an der revolutio- 
nären Front haben wir gelernt, uns diszipliniert einzuordnen, wo wir glauben, 
dass in der Richtung der revolutionären Tendenzen der . Gesellschaft gearbeitet 
wird; uns aber auch zu wehren, wenn Unerfahrenheit, Bürokratie oder einfach 
Unkenntnis dieses Ziel behindern. Wir sind bereit, mit jedem darüber zu disku- 
tieren, jedem unsere Anschauungen auseinanderzusetzen, auch uns hier und dort 
korrigieren und belehren zu lassen; aber solange wir mit den Grundsätzen unserer 
Ueberzeugung nicht durchgedrungen sind, wo wir es für richtig halten, ordnen 
wir uns keiner Instanz mehr ein. Nur unserem nunmehr sieben Jahre lang 
dauernden, hartnäckigen Kampf haben wir es zu verdanken, dass wir jetzt gehört 
werden, dass man uns nicht mehr als »idealistische Freudisten« abtut, dass wir 
in allen Lagern und Ländern von Monat zu Monat an ideologischem Einfluss. 
gewinnen. Das wird uns nicht blind gegen die Grenzen unserer Möglichkeiten und 
Aufgaben machen, gewiss auch nicht aufgeblasen und eitel. Aber wir wollen auch 
nicht einen Schritt zurückweichen und dürfen den Grund hierfür nicht verhehlen. 
Wir glauben ernsthaft, zum ersten Male den subjektiven Faktor materiell zu 
fassen und ihn formen zu können, wir betonen, zum ersten Male. Und was das 
für die Revolution und die Kulturbildung nachher bedeutet, wissen nicht nur wir 
selbst, sondern das beginnen auch schon breiteste Kreise zu ahnen. Wir glauben 
keineswegs aus dem Nichts eine entscheidende Angelegenheit hergezaubert zu 
haben. Wer die Sexualökonomie und ihre Entwicklung in den zehn Jahren seit 
ihrer Geburt kennt, weiss, wie sie sich unter schwierigsten theoretischen Kämpfen 
und unter dauernder praktischer Kontrolle durch ärztliche Klinik und Massen- 
arbeit, aus dem Studium und praktischen Erproben des Marxismus und der 
Psychoanalyse zu der einigermassen geformten Anschauung der Sexualökonomie 
von, heute durchgerungen hat. Man soll also endlich aufhören, Marx oder Freud 
gegen uns zu verteidigen und immer wieder nachzuweisen, was alles beide schon 
an sexualökonomischen Prozessen gekannt haben. Wir werden bald überzeugen, 
dass wir besser als die Verteidiger wissen, an welchen Stellen Marx unsere revolu- 
tionäre und wissenschaftliche Position geahnt hat, und wo Freud unsere Richtung 
anbahnte, aber auch wo er sie verliess. Es wirkt einigermassen absurd, dass 
die »ganz orthodoxen« uns immer Metaphysik vorwerfen, wenn wir ihnen in 
Errinnerung riefen, dass Marx von der »ersten Teilung der Arbeit im Ge- 
schlechtsakt« sprach; eine tief gedachte, erstaunliche, fast prophetische Einsicht, 
mit der man aber theoretisch und praktisch erst etwas anfangen konnte, als man 
der Geschichte der Sexualverdrängen nachzugehen begann und 1 entdeckte, dass. 

148 



r 



Einwände gegen Massenpsychologie und Sexualpolitik 

tatsächlich zunächst nur ökonomische Interessen einer Schichte der Urgesellschaft 
die Sexualunterdrückung schufen, und dass erst diese die Ehe und die Klassen- 
teilung herbeiführte. Gerade uns fiel doch zuerst der tiefe sexualideologische 
Gehalt des Marxismus auf, wenn wir Engels lasen. Man vergleiche damit die 
heutige asketische Richtung in der Sowjetunion. 

Wir können hier nicht alles auf einmal behandeln, schon deshalb nicht, weil 
wir das meiste an theoretischer Klärung trotz bereits reichlich geleisteter Arbeit 
erst noch zu leisten haben. Wir wehren uns nur dagegen, dass mit alten, zu nichts 
führenden Methoden behauptet wird, erstens dass man schon alles gewusst habe, 
zweitens dass das meiste falsch sei und drittens, dass ohnehin schon alles bei 
Marx, Engels oder Freud stehe. So einfach sind die Dinge nicht. Wir arbeiten 
als wissenschaftliche Spezialisten weiter an unserem Problem; insofern fordern 
wir volle Unabhängigkeit unserer Arbeit. Wir sind aber nicht bürgerliche Spe- 
zialisten, die akademische Forschung leisten, das heisst Forschung »an sich«, 
sondern wir sind gleichzeitig Kämpfer für die Sache der Revolution. Wir be- 
arbeiten daher in erster Linie Fragen, die unmittelbare Beziehung zur Frage der 
Kulturrevolution haben. Wir lehnen aber auch den Standpunkt des wissenschaft- 
lichen Liberalismus ab, der sich soweit erniedrigt, ruhig Anschauungen, die nach- 
weislich falsch sind und daher reaktionär, neben seinen eigenen, richtigen zu 
dulden. Was richtig und was falsch ist, ist nicht nur eine Frage der Methode der 
Forschung und der Erkenntnis, sondern vor allem eine Frage auch der praktischen 
Rewahrheitung und des Zusammenhanges mit der reaktionären und der revolutio- 
nären Richtung im gesellschaftlichen Leben. Dass wir nicht im Denken erstarren, 
ist dadurch garantiert, dass wir keinen Schritt in unserer wissenschaftlichen 
Arbeit ohne engste Verbindung mit den kämpfenden oder nichtkämpfenden Volks- 
massen machen können, und dass wir sicher sind, falsch zu gehen, wenn wir uns 
auf blosse Beobachtung beschränken und nicht aktive Kämpfer sind. 

Aus all dem muss schon klar werden, dass wir nicht etwa einer unorgani- 
sierten Massenpropaganda huldigen, sondern aus der Sexualökonomie organisierte 
Sexualpolitik machen wollen. Dazu gehört die Masse ebenso wi.e die organisierte 
geschulte Führung, zunächst sexualpolitische Führung. Und wir haben dazu auch 
bereits mehr getan, als man glaubt. Doch wir stehen vor einer grossen Schwierig- 
keit hierbei, deren Lösung uns noch nicht klar ist. Die kommunistische Wirtschafts- 
revolution interessiert zunächst nur den schon klassenbewussten Industriearbeiter 
und die proletarischen Arbeitslosen (diese Einschränkung gilt nur subjektiv, nicht 
objektiv) ; daraus leiten viele Kommunisten die falsche Anschauung ab, dass sich 
•die revolutionäre Propaganda zunächst nur an das Proletariat zu wenden habe; 
daraus wieder geht der Fehler hervor, dass man in Paris das Proletariat gegen 
das infolge der Korruptions-Skandale rebellisch gewordene Kleinbürgertum aufrief, 
statt das Proletariat zum Vertreter der gerechten Empörung der revoltierenden 
Mittelschichten zu machen und derart sie der politischen Reaktion zu entreissen 
und die Einheit auch zwischen Proletariat und Kleinbürgertum herzustellen. Hier 
liegt also klar eine Wurzel der Einseitigkeit der Wirtschaftspolitiker. Unsere 
Anschauungen gingen aber nicht nur aus der proletarischen Weltanschauung 
hervor, sie haben den Vorzug, auch das Kleinbürgertum, das von Enteignung der 
Produktion zunächst nichts wissen will, weil es sie nicht begreift, mächtig zu 
erregen, und zwar positiv: Die revolutionäre Sexualpolitik klingt von vorneherein 
nicht nur im Proletariat, sondern auch im Kleinbürgertum und vielfach sogar 
in extrem reaktionären und grossbourgeoiseri Kreisen an. Hier liegt eine Gefahr, 
nämlich die, daraus eine verwaschene Ideologie »Volk als ganzes« zu konstruieren. 
Wir können ihr entgehen, wenn wir klär sehen, dass nur die Enteignung der 
privaten Produktionsmitteln die Voraussetzung unseres Programms ist. Aber da 
unser Aktionsradius zunächst ein viel weiterer ist als der der revolutionären 
Wirtschaftspolitik, da wir den unpolitischen, kleinbürgerlischen Menschen rascher 
und leichter erfassen können als die revolutionäre Wirtschaftspartei, können wir 
uns nicht parteilich binden und unterordnen, solange die revolutionäre Wirt- 
schaftspartei diese grössere Reichweite der Sexualpolitik nicht sieht und den 
Gesamtzielen der Revolution nutzbar macht. 

3. Wir könnten doch nicht mehr tun, als das Kleinbürgerliche im revolutio- 
nären Sinne auflockern. 

Das ist kein Einwand, als welcher er gedacht ist, sondern eine richtige Fest- 
stellung, zu der wir uns bekennen. Wir haben auch nie anderes behauptet. Wenn 
beute bereits einige untere kommunistische Organisationen so weit gehen, nur 

149 



E. Parell 

mehr Sexualpolitik betreiben zu wollen, dann fühlen sie wohl ihre drängende Kraft- 
mit der revolutionären Sexualpolitik allein kann man nicht die soziale Revolution 
durchfuhren, denn dazu gehören in erster Linie die Betriebe, die vor allem an 
wirtschaftspolitische Fragen gebunden sind. Wir müssen uns vor »Ueberspitzungen« 
nuten und wir überlassen die Warnung davor ganz und gar nicht unseren »wohl- 
gesinnten« wirtschaftspolitischen Gegnern. Wir können in der Tat nichts anderes 
tun, als die Kleinbürgerlichkeit im Kleinbürger und im verkleinbürgerlichten Ar- 
beiter auflockern, ihn gegen Einflüsse des Nationalsozialismus immunisieren 
die Jugend vor allem der breitesten und verschiedensten Schichten erobern aber 
das ist auch schon sehr, sehr viel, wenn es uns tatsächlich gelingt. Und wir warten 
nur auf die Herstellung der revolutionären Partei, die fähig ist, sich auf allen 
Gebieten auszukennen und alle Lebensgebiete zu beherrschen, um ihr die breiten 
Massen zuzuführen, nicht damit sie uns dann ausschaltet, wie kommunistische 
Fuhrer es sich schon in Deutschland geleistet haben, sondern um dann gemeinsam 
die Macht zu erobern und am Sozialismus zu bauen. Nur ein Umstand könnte 
uns als Fuhrer der sexualpolitischen Bewegung ausschalten: wenn sich eine andere 
£orschergruppe fände, die die sexualsoziologischen Fragen besser erarbeitet sie 
besser in Praxis umsetzt als wir; unsere Aufgabe wäre dann, uns in die bessere 
Arbeit -einzufügen. 

Wir werden also Einwände der Art, dass wir den Vorrang der Wirtschafts- 
politik nur abstrakt anerkennen, dass wir die Massenpropaganda überwerten und 
die Rolle der Partei unterschätzen, nicht mehr diskutieren, weil wir glauben sie 
hier eindeutig beantwortet zu haben. Wir wollen doch von der Diskussion ' zur 
Arbeit einzufügen. 

über die Beziehung von Klassengegensatz und Sexualunterdrückung 

Der Uebersetzer des Buches von Wilhelm Reich, »Geschlechtsreife, Enthaltsam- 
keit, Ehemoral« (»La Crise Sexuelle«, Paris 1934) stellt den Freudomarxismus 
dem Marxismus gegenüber und meint, die speziell psychoanalytische Denkweise 
andere die marxistische Fragestellung ab. »Bei ihm (Reich) ist die sexuelle Krise 
nicht in erster Linie das Resultat des Widerspruchs zwischen der Moral und den 
kapitalistischen Verhältnissen in ihrem Niedergang einerseits und den neuen sozialen 
Beziehungen, der neuen proletarischen Moral andererseits, sondern sie ist das 
Resultat des Widerspruches zwischen den natürlichen, ewigen sexuellen Be- 
durfnissen und der kapitalistischen Gesellschaftsordnung.« 

Derartige Einwände sind immer lehrreich und produktiv. Ihre Ueberlegung 
fuhrt regelmassig zu einer Präzision und Erweiterung der ursprünglichen For- 
mulierung. 

Der Kritiker stellt hier den Klassengegensatz dem Gegensatz von Bedürfnis 
und Gesellschaft gegenüber. Dennoch sind diese beiden Gegensätze aus einem 
zu erklaren und dürfen nicht einander nur gegenübergestellt werden. Es ist 
richtig, dass, objektiv klassenmässig gesehen, die sexuelle Krise ein Ausdruck des 
Widerspruchs zwischen kapitalistischem Niedergang und proletarischem Aufstieg 
ist. Es ist aber gleichzeitig richtig, dass sie ein Ausdruck des Widerspruchs von 
Sexualbedurfms und kapitalistischer Gesellschaft ist. Wie lässt sich das vereinen' 
Sehr einfach; dass der Kritiker nicht selbst die Lösung fand, ist daraus zu erklären 
dass die strenge Unterscheidung der subjektiven von der objektiven Seite des' 
gesellschaftlichen Geschehens ungewohnt, obgleich selbstverständlich ist: Objektiv 
ist die sexuelle Krise eine Erscheinung des Klassengegensatzes; aber wie stellt 
sich dieser Gegensatz subjektiv dar? Was heisst das: neue proletarische Moral? 
Die kapitalistische Klassenmoral tritt gegen die Sexualität auf, schafft also erst 
den Widerspruch und die Not; die proletarische Bewegung hebt diesen Wider- 
spruch auf, indem sie zunächst für die sexuelle Bedürfnisbefriedigung ideologisch 
eintritt, sie dann auch gesetzgeberisch und durch Neuordnung des sexuellen Lebens 
beseitigt. Es fallen also Kapitalismus und gesellschaftliche Sexualunterdrückung 
einerseits, proletarische »Moral« und sexuelle Bedürfnisbefriedigung andererseits 
zusammen. Wenn wir von »neuer proletarischer Moral« sprechen, sagen wir gar- 
nichts; ihren konkreten Gehalt erhält diese neue Moral erst durch den Inhalt der 
geordneten Bedürfnisbefriedigung, und dies nicht nur auf dem Gebiete der Sexuali- 
tät. Erkennt die proletarische Ideologie nicht, dass dies — unter anderem — ihr 
konkreter Gehalt ist, dann spricht sie zwar von neuer Moral, bleibt aber in 
Wirklichkeit in alten Tatsachen stecken. Dieser Widerspruch lässt sich in der 

150 



Einwände gegen Massenpsychologie und Sexualpolitik 

Ideologie und Wirklichkeit der Sowjetunion klar nachweisen. Die neue Moral ist 
eben, die moralische Regulierung überflüssig zu machen und die Selbstregulierung 
des gesellschaftlichen Lebens herzustellen. Beim Stehlen bezw. bei der Moral gegen 
den Diebstahl ist das eindeutig sichtbar und auch in die Praxis umgesetzt: Wer 
nicht hungert, hat kein Bedürfnis zu stehlen und braucht daher auch keine Moral, 
die ihn daran verhindert. Das gleiche Grundgesetz gilt in der Sexualität: Wer 
befriedigt lebt, vergewaltigt nicht und braucht auch keine Moral dagegen. Wir 
nennen die Sexualmoral des Sozialismus die »sexualökonomische Regulierung« 
des Geschlechtslebens, die an die Stelle der normativen Regulierung tritt. (Vgl. 
den historischen Beweis in Reich: »Der Einbruch der Sexualmoral«, Verl. f. Sex- 
Pol. 1932.) Der Kommunismus versuchte bisher, infolge Unklarheit über die 
Gesetze der Sexualität, die Form der bürgerlichen Moral beizubehalten und die 
Inhalte zu änderndes entsteht in der S.U. etwa also eine »neue Moral«, die die 
alte ablöst. Dies ist faktisch unrichtig. Sowie der Staat nicht etwa nur seine 
Form verändert (die Durchgangsphase der notwendigen Diktatur des Proletariats 
ausgenommen), sondern völlig »abstirbt« (Lenin), so verändert sich die Moral 
nicht etwa nur, sondern auch sie stirbt ab. 

Ein zweiter Irrtum des Kritikers besteht darin, zu glauben, dass wir eine 
absolute Sexualität annehmen, die in Konflikt mit der kapitalistischen Gesellschaft 
gerät. Es ist ein Grundfehler der offiziellen, bürgerlichen Psychoanalyse, die 
Triebe als absolute biologische Gegebenheit aufzufassen; doch das liegt nicht am 
Wesen der Psychoanalyse, die spezifisch dialektisch ist, sondern am mechanisti- 
schen Denken der Analytiker, das auf der anderen Seite, wie immer, durch meta- 
physische Thesen ergänzt wird. Auch die Triebe entstehen, verändern sich und 
vergehen. Die Zeiträume aber, in denen sich die biologischen Veränderungen 
abspielen, sind derart gross, diejenigen der gesellschaftlichen Prozesse dagegen 
derart klein relativ zu den biologischen, dass uns diese als absolute Gegebenheiten 
imponieren, jene dagegen als fliessend, relativ. Für die Untersuchung konkreter, 
zeitlich engbeschränkter Prozesse der Gesellschaft genügt die Feststellung des 
Konfliktes zwischen einem gegebenen, biologischen Trieb, etwa und der Art, wie 
die gesellschaftliche Ordnung ihn erfasst und handhabt. Für biologische Gesetze 
des sexuellen Geschehens mit ihren säkularen Zeitläufen genügt dies keineswegs; 
hier muss die Relativität, Veränderlichkeit der Triebanlage klar herausgearbeitet 
werden. Wenn wir etwa den Lebensprozess der Individuen als die erste Voraus- 
setzung jedes gesellschaftlichen Geschehens auffassen müssen, so genügt an- 
zunehmen, dass das Leben mit seinen Bedürfnissen vorhanden ist. Aber dieses 
Leben ist selbst nicht absolut, es entsteht und vergeht schon in Form des Genera- 
tionswechsels, ist gleichzeitig unverändert erhalten in Form der Geschlechtszellen, 
die von Generation zu Generation fortleben. Das Leben als Ganzes ist — sofern 
kosmische Zeiträume berücksichtigt werden — etwas, das aus Anorganischem 
entstanden ist und einmal, wenn die Lehre von der Veränderlichkeit des Laufs der 
Gestirne stimmt, als Ganzes untergehen, das heisst in Anorganisches sich wieder 
rückverwandeln wird — eine notwendige Annahme des dialektischen Denkens. 
Vielleicht ist kein anderer Gesichtspunkt trefflicher geeignet, die volle Erkenntnis 
zu vermitteln, wie verschwindend klein und unbedeutend die Illusionen der 
Menschen über ihre »geistige«, »tranzendentale« Aufgabe sind, wie überragend 
dagegen der Zusammenhang ihres vegetativen Lebens mit dem der Natur überhaupt 
ist. Das könnte derart ausgelegt werden, dass die Klassenkämpfe ebenfalls nichtig 
erscheinen gegenüber den kosmischen Prozessen, von denen Mensch und Gesell- 
schaft nur einen kleinen Ausschnitt bilden; wie lächerlich ist es — könnte einer 
sagen — dass Menschen einander abschlachten, um die Arbeitslosigkeit zu beseitigen 
oder Hitler zur Macht zu tragen und dann nationalistische Weihprozessionen zu 
veranstalten, wo doch im Weltall die Sterne kreisen und man daher besser täte, 
sich nur dem Naturgenuss zu widmen. Eine derartige Auslegung wäre falsch, denn 
gerade der naturwissenschaftliche Standpunkt spricht gegen die Reaktion und für 
die Weltanschauung des Sozialismus; die erste versucht, den unendlichen Kosmos 
und ihn widerspiegelndes Naturgefühl der Menschen in den Rahmen der unendlich 
kleinen Idee der sexuellen Askese und Aufopferung für vaterländische Zwecke zu 
pressen, was ihr nie gelingen kann; der Sozialismus dagegen versucht — als 
Weltanschauung — das unendlich kleine individuelle und gesellschaftliche Leben 
in den gewaltigen Rahmen des allgemeinen Naturgeschehens einzuordnen, den 
Widerspruch aufzuheben, den eine »Fehlentwicklung« der Natur — 6000 Jahre 
Ausbeutung, Religion und Sexualunterdrückung — in der Gesellschaft verursacht 

151 



Religion 

hat, auch wenn sie »notwendig« war; kurz, sie nimmt für die Sexualität und gegen 
die widernatürliche Sexualethik, für internationale Planwirtschaft und gegen Aus- 
beutung und nationale Grenzen Stellung. 

In der nationalsozialistischen Ideologie steckt ein rationaler Kern, der der 
reaktionären Bewegung ihren grossen Schwung verleiht und sich in der Phrase 
der »Verbundenheit von Blut und Boden« ausdrückt; in der nationalsozialistischen 
Praxis dagegen wird alles gerade an denjenigen gesellschaftlichen Kräften fest- 
gehalten, was dem sozialistischen Grundzug der proletarischen Bewegung - — Ver- 
bundenheit von Gesellschaft, Natur und Technik — widerspricht: an der Klassen- 
teilung, die sich durch keine Illusion von der Einheit des Volkes, an dem Privat- 
eigentum an Produktionsmitteln, das sich durch keine »Gemeinschaftsidee« aus 
der Welt schaffen lässt. Der Nationalsozialismus drückt in seiner Ideologie 
mystisch aus, was der sozialistischen Revolutionsbewegung als rationaler Kern, 
Klassenlosigkeit und naturnahes Leben, innewohnt; diese, die sich ihres ideologi- 
schen Gehalts noch nicht voll bewusst wurde, hat dagegen alle Klarheit über die 
wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Voraussetzungen der Verwirklichung ihrer 
rationalen Weltanschauung. 

Wir sehen, wohin die Diskussion eines Einwands führen kann. So speziell 
das Problem der Beziehung von Sexualbedürfnis und Klasse ist, so allgemein 
sind die Konsequenzen seiner theoretischen und praktischen Lösung. 



Religion 

Theologie — spottet ihrer selbst und weiss nicht wie 

Äusserungen, wie die folgende stehen in der Antike nicht vereinzelt da (vgl. 
Piaton Staat, Aristophanes Ekklesiazusen). Erinnerungen an das mutterrechtliche 
Zeitalter, das ja noch gar nicht so lange verflossen war, mögen in ihnen mit- 
geschwungen haben. Doch derartige Kritiken an der Eigentums- und Sexual- 
ordnung mussten Utopien bleiben, da die antike Produktionsweise die Heraus- 
bildung eines Proletariats als seiner geschichtlichen Rolle bewusster Klasse nicht 
gestattete. 

Epiphanes, der Sohn des Häretikers Karpokrates, so berichtet der Kirchenvater 
Clemens Alexandrinus (Stromateis Buch 3, cap. 2, verfasst etwa 190 n. Chr.) 
schreibt in seinem Buch »Über die Gerechtigkeit«: 

»Die Gerechtigkeit Gottes ist eine Art Gemeinschaft mit Gleichberechtigung. 
Denn gleichmässig und nach allen Seiten hin ausgespannt umfasst der Himmel 
im Kreise die Erde, gleichmässig zeigt die Nacht die Gestirne. Und die Sonne, 

die den Tag bewirkt und das Licht zeugt, sehen alle gemeinsam, da Gott 

darin nicht Reich und Arm, Volk und Fürsten, . Unbesonnene und Besonnene, 
Frauen und Männer, Freie und Sklaven unterschieden hat 

Die Gesetze der Menschen aber konnten die Unwissenheit nicht bändigen und 
lehrten Unrecht tun. Die Beschränkung durch die Gesetze zerschnitt und zernagte 
die Gemeinschaft. Das »Mein« und das »Dein« ist durch das Gesetz hereinge- 
kommen, da die Menschen nicht mehr zu gemeinsamen Genuss von Erde und von 
Besitz Gebrauch machen konnten und auch nicht mehr von der Ehe. 

Denn gemeinsam für alle hat Gott die Weingärten gemacht, die keinen 
■Sperling und keinen Dieb abweisen. Doch der Rechtsbruch an der Gemeinschaft 
schuf den Dieb an Vieh und Früchten 

Die aber so gezeugt sind, verleugnen die Gemeinschaft, der sie ihre 

Geburt verdanken und sagen: Wer eine Frau genommen hat, soll sie besitzen-wo 
doch alle an ihr teilnehmen könnten, wie bei den übrigen Lebewesen 

Daher: Wie lächerlich ist das Wort des Gesetzgebers von: »Du sollst nicht 
begehren« angefangen bis zu dem noch lächerlicheren »alles was Deinem Nächsten 
gehört«. Denn derselbe, der die Begierde als etwas Angeborenes gab, befiehlt nun, 
dass wir uns ihrer entledigen sollen, wo er sie doch keinem Tiere wegnimmt. 
Doch dies »Deines Nächsten Weib« zwingt die Gemeinschaft in die Vereinzelung 
und ist darum noch lächerlicher.« 

Unser Kirchenvater ist natürlich auf's tiefste empört über die Ketzerei, mit 
der hier die theologische Betrachtung durch ihre eigenen Widersprüche ad 

152 



„Unpolitische" Wissenschaft . . . Sex-Pol-Bewegung 

absurdum geführt wird. Auch ist er sogleich mit einem Bericht über den wahllosen 
Geschlechtsverkehr bei der Hand, der die Gelage der Karpokratianer angeblich 
abschliesse. Also: Wer die herrschende Sexualordnung angreift, der predigt und 
praktiziert »das sexuelle Chaos«: Im zweiten Jahrhundert'genau wie im zwanzigsten.- 
Wahr wird es wahrscheinlich damals so wenig gewesen sein wie heute. 

Karl Muster 



„Unpolitische" Wissenschaft 



„S" Typus und ,,J'' Typus 

Rassenfrage vor der deutschen Wissenschaft 

Berlin. (Tschechoslowakisches Pressbureau.) In Tübingen fand der Kongress 
deutscher Psychologen statt. Der Marburger Psychologe Jaensch führte aus, dass 
man in Europa zwei Grundtypen des Menschen feststellen könne, von denen der 
eine, der sogenannte »S«-Typus, das Element der sozialen Zersetzung ist, der 
zweite, der sogenannte »J«-Typus, das Streben nach Gemeinschaftlichkeit an den 
Tag legt. Im Geist der deutschen Rassentheorien kam Jaensch zu dem Schluss, 
dass der »S«-Typus, dessen Repräsentanten die Rassenmischlinge sind, die zur 
Tuberkulose und Geistesgestörtheit -neigen (dementia praecox), in Frankreich 
vorherrscht, während der »J«-Typus, dessen Repräsentanten sich durch Anhäng- 
lichkeit an Mutter Erde und verwandtes Blut, Verständnis für die Ideale und die 
moralischen Werte auszeichnen, in Deutschland überwiegt. Der Giessener Psycho- 
loge Pfahler verfocht die Ansicht, dass die Wertung der Rassen nach dem höheren 
und niedrigeren Massstab einseitig ist. 

Aehnlich äusserte sich der Reichsführer der Aerzteschaft, Dr. Wagner, auf 
dem Kongress der thüringischen Aerzte: »Wir lassen die Frage offen, ob wir 
rassisch wertvoller sind, als die Gäste unseres Volkes, « 

(»Präger Tagblatt«.) 



Sex-Pol-Bewegung 

Ein Pornografie-Prozess in Schweden 

Am 5. März 1934 wurde vor dem Stockholmer Geschworenengericht ein- 
Prozess geführt. Angeklagt war der verantwortliche Redakteur der Zeitschrift für 
sexuelle Aufklärung. Der Staatsanwalt behauptete, dass zwei Abhandlungen der 
Zeitschrift pornografisch seien, und zwar: eine Abhandlung über Homosexualität 
und eine ändere über die Technik des Geschlechtsverkehrs. Die Geschworenen 
sprachen den Anklagten frei. 

Der Prozess zeigt aber, dass die Staatsanwaltschaft sich die grösste Mühe 
gemacht hat, die Ausbreitung sexueller Aufklärung mittels einer Pornografie- 
Anklage zu verhindern. Es gibt in Schweden ein »Präventiv-Gesetz«, nach dem 
die Zeitschrift für sexuelle Aufklärung, die viele Artikel über Präventivmittel 
veröffentlicht hat, sehr leicht hätte angeklagt werden können. Die Staatsanwalt- 
schaft drückt sich offenbar davor, dieses sehr unpopuläre Gesetz anzuwenden 
und hat statt dessen versucht, der Zeitschrift die Bezeichnung: Pornografie an- 
zukleben in der Hoffnung, die Zeitschrift so in den Augen der Bevölkerung miss- 
liebig und verdächtig zu machen. 

Wir müssen damit rechnen, dass zukünftig überall ähnliche Prozesse 
eingeleitet werden. Die Machthaber der bürgerlichen Gesellschaft müssen in der 
sich immer weiter verbreitenden sexuellen Aufklärung eine grosse Gefahr erblicken.. 
In den demokratischen Ländern wird man vorläufig die Pornografie- und Blas- 

153 



Sex-Pol-Bewegung 

femie-Bestimmungen, Abstreibungsparagrafen und andere gesetzliche Mittel be- 
nutzen. Wenn das nicht mehr geniigen sollte, wird man bestimmt auch in den 
»demokratischen« Ländern direkte Machtmittel gegen die Sexualaufklärung an- 
wenden, wie man es schon in den faschistischen Ländern, Italien, Deutschland. 
Oestereich usw. getan hat. 

Der schwedische Pornografie-Prozess kann so als ein Schulbeispiel betrachtet 
werden, das sich bestimmt bald in vielen anderen Ländern wiederholen wird. 
Ausserdem sind während der Verhandlungen sehr viele interessante Äusserungen 
gefallen. 

Als erste Motiverung einer Anklage gegen die Zeitschrift wird ausgeführt, 
dass im Laufe der letzten Zeit viele Drucksachen für eine Nacktkulturbewegung 
verbreitet worden sind und dass daraufhin viele Klagen kamen, hauptsächlich 
von Vätern und Müttern. Man sieht hier gleich die Tendenz, die Familie gegen die 
Triebe der Jugend zu schützen. 

Über die fotografischen Aufnahmen des nackten Frauenkörpers wird gesagt: 
»freilich kann die Frau leichter als der Mann, ohne das Anständigkeitsgefühl 
zu beleidigen, nackt dargestallt werden. Aber bei einer fotografischen Aufnahme 
der Frau kann man sehr leicht auf eine gegen das Sittlichkeitsgefühl verstossende 
Weise die Genitalien der Frau hervorheben.« 

Also: Fotografische Darstellung der unverhüllten Wirklichkeit ist Porno- 
grafie und soll bestraft werden. 

Auch das Nationalgefühl wird mobilisiert: 

»Die fotografischen Reproduktionen sind hauptsächlich von Deutschland 
eingeführt worden. Nachdem das neue Regime in Deutschland alles tut, um solche 
Drucksachen auszurotten, haben die Hersteller des Bildermaterials in Schweden 
einen guten Markt gefunden.« 

Wie schade, dass Schweden noch keine Hitlers und Görings hat, die im 
Handumdrehen solche sittlichkeitstörenden Bilder unterdrücken könnten! Nach 
dieser Einleitung kommt die Anklage gegen die Zeitschrift: 

»Es handelt sich hier um einen besonders ekelerregenden Missbrauch des 

leider allzuoft missbrauchten Namens der sexuellen Aufklärung Dass die 

Zeitschrift ein blühendes Geschäft ist, steht ausser Frage Für Reklame 

wird übrigens gut gesorgt in Form von Laufzetteln in schreienden Farben, die 
auf die Reklametafeln der Verkäufer geklebt werden.« Man muss sich fragen: 
Haben denn nicht alle Zeitungen solche Laufzettel, ohne dass man daran denkt, 
dies als ein Verbrechen anzusehen? Weiter: »In jeder Nummer der Zeitschrift 
findet man mindestens einen Artikel, der nicht anders bezeichnet werden kann 
als von überwiegender oder ausschliesslich pornografischer Natur. Welche andere 
Bezeichnung verdient wohl der Artikel : Die Homosexualität mit seiner eingehenden 
Beschreibung der verschiedenen Methoden, mit denen Homosexuelle Befriedigung 
ihres Triebes finden?« 

»Oder der Artikel: Die Technik des Geschlechtsverkehrs, der in seiner rea- 
listischen Nacktheit so ekelerregend ist, dass man in einem offiziellen Schreiben 
sich schämen muss, auch nur die Untertitel anzugeben Das freie Ge- 
schlechtsleben wird verherrlicht, während die bürgerliche Sexualmoral verhöhnt 
wird, und man gibt der Überzeugung Ausdruck, dass die proletarische Revolution 
einmal die kleinbürgerliche Auffassung der Ehe beseitigen wird.« 

Sehr richtig! — Aber was hat dies mit Pornograf ie zu tun? Im folgenden 
Satz wird es vollkommen deutlich gesagt, welchen Zweck die Aktion gegen die 
Zeitschrift hat: 

»Aber als Mitarbeiter hat die Zeitschrift auch einen deutschen Kommunisten- 
professor.« 

Kann es deutlicher gesagt werden: Die Pornografie-Anklage wird nur als 
Vorwand benutzt, um gefährliche politische Anschauungen zu unterdrücken. 

Der »Kommunistenprofessor« soll Wilhelm Reich sein. Dass Reich zufällig 
nicht Professor ist, das ist natürlich völlig nebensächlich, und zeigt nur, dass 
die Staatsanwaltschaft sich gar nicht dafür interessiert, ob ihre Behauptungen 
stimmen oder nicht — man will nur Eindruck machen! Das Wort: »Kommu- 
nistenprofessor« scheint geeignet zu sein, einem guten Kleinbürger gleichzeitig 
Schreck und Neid einzujagen. Die Hauptsache ist: »Wilhelm Reichs Anschauungen 
sind gfährlich für die kapitalistische' Gesellschaftsordnung. 

Und jede sexuelle Aufklärung, die dazu geeignet ist, die Massen von ihren 
Sexualhemmungen ein wenig zu befreien sind gefährlich — und strafbar 

154 



Sex-Pol-Bewegung 

Das schwedische Nationalgefühl soll auch geweckt werden: »Ausländischer 
Dreck also, der über unser Land ausgeschüttet und von unserer Jugend ver- 
schlungen wird.« 

Dass die Zeitschrift billig und für jederman zugänglich ist, wird als be- 
sonders gefährlich hervorgehoben. Es ist eine bekannte Tatsache, dass grosse 
und teuere Bücher nie als Pornografie angeklagt werden. Hier wird dies direkt 
von Polizeibeamten ausgesprochen: 

»Fast jeder kann das Geld für eine Nummer der genannten Zeitschrift auf- 
bringen, selbst ein Schulknabe mit seinem knappen Wochengeld.« 

In der Anklageschrift des öffentlichen Anklägers heisst es: 

»Würde ein Artikel, wie der von der Technik des Geschlechtsverkehrs in einer 
wissenschaftlichen Zeitschrift erscheinen, hätten die Behörden sicherlich nicht 
eingreifen müssen. Das ist ja auch nicht geschehen gegen van de Veldes »Die 
vollkommene Ehe«. Die genannte Arbeit wird nur durch die Buchhandlungen 
verbreitet und hat einen Preis, der die Garantie gewährt, dass sie unter der 
Jugend nicht sehr verbreitet wird. Solche Garantien sind nicht vorhanden bei 
der Zeitschrift für sexuelle Aufklärung — ja diese Zeitschrift ist durch die Form 
ihrer Verbreitung und Abfassung der Plakate dazu prädestiniert, eben an die 
Jugend heranzukommen.für deren Auffassung der sexuellen Fragen eine Darstellung 
dieser Art offensichtlich schädlich ist.« 

Nicht nur die Artikel, die schon veröffentlich worden sind, sondern noch 
mehr die zukünftigen Aufsätze, die der Polizeibeamte Zetterquist deutlich 
voraussehen kann, sind gefährlich und strafbar! Hören wir: 

»Die grösste Gefahr bei dieser Form der Aufklärung besteht doch darin, 
dass der Verlag nach und nach sich dazu zwingen lassen muss, das Gebiet seiner 
Wirksamkeit zu erweitern, bis es auch solche Themen umfasst, die sehr wenig 
mit sachlicher Aufklärung zu schaffen haben, aber destomehr mit Sensations- 
macherei und ungesunder Erregung der schlechtesten Instinkte der Menschen.« 

Der Polizeibeamte will sich doch dagegen verwahren, als reaktionär auf- 
gefasst zu werden: 

»Ich möchte betonen, dass es sich hier nicht darum handelt, einer reaktionären 
Anschauung Ausdruck zu geben, dass etwa eine sachliche Aufklärung über die 
Vorbeugung der Folgen des Geschlechtsverkehrs unzulässig oder strafbar sein 
sollte. Man braucht auch nicht die Propaganda für die Straffreiheit der homo- 
sexuellen Handlungen, die sich nicht gegen Kinder und Jugendliche richten, 
abzulehnen. Man muss aber verlangen, dass eine solche Aufklärung in einer 
Weise gegeben wird, dass niemand anders Anstoss daran nehmen kann, und dass 
der aufwachsenden Jugend kein Schaden angetan wird.« 

»Eine Literatur von diesem Schlag verhilft nur dazu, die moralischen 

Vorstellungen zu verwirren und aufzulösen und ausserdem das sittliche Wider- 
standsvermögen der jungen Menschen zu schwächen.« 

Nicht nur Polizeibeamte und Staatsanwälte urteilen auf diese Weise. In den 
bürgerlichen Zeitungen sind ähnliche Anschauungen zu Wort gekommen, zum 
Beispiel in Aftonbladet vom 7/12. 1933: 

» der mit unverschämter Reklame aufgemachte Artikel über die Technik 

des homosexuellen Geschlechtsverkehrs, dessen einzige Wirkung mit den dort 
gegebenen Anweisungen eine Aufforderung zur widernatürlichen Unzucht sein 
kann.« 

Aftonbladet hat hier die zwei Artikel, den einen über Homosexualität und 
den anderen über die Technik des Geschlechtsverkehrs in eine »höhere Einheit« 
zusammen fallen lassen um auf diese Weise bei ihren Lesern einen noch stärkeren 
Eindruck über die Gefährlichkeit der »pornografischen« Zeitschrift für sexuelle 
Aufklärung zu erwecken. 

Der angeklagte Redakteur wurde von den Geschworenen freigesprochen. Das 
war für die schwedischen Behörden bestimmt eine grosse Enttäuschung und sie 
müssen in Zukunft dafür sorgen — so wie man es in Dänemark schon verstanden 
hat , dass Sachen der Pornografie nicht von Geschworenen sondern von Berufs- 
richtern beurteilt werden. 

Anklagen und Verurteilungen wegen Pornografie oder Unzucht haben nur den 
Zweck, die Ausbreitung sexueller Aufklärung zu verhindern. Dieser Zweck 
kann kaum unverhüllter zum Ausdruck kommen, als es in diesem Prozess ge- 
schehen ist. 

Die Frage ist nun, weshalb die Behörden der bürgerlichen Gesellschaft sich 

155 



Sex-Pol-Bewegung 

so viel Mühe geben, um die Verbreitung der sexuellen Aufklärung zu verhindern. 
Die Antwort kann nur die eine sein: 

Die Ausbreitung sexueller Aufklärung, die auf wissenschaftlicher und nicht 
auf moralisch-christlicher Grundlage fusst, ist für die heutige Gesellschaftsordnung 
wirklich gefährlich ! 

Die Sexualunterdrückung ist eine notwendige Bedingung für die Erhaltung der 
bürgerlichen Gesellschaftsordnung. Nur sexualunterdrüekte Menschen sind im 
Stande, die immer wachsende Ausbeutung und Beraubung aller Freiheiten geduldig 
zu ertragen. 

Die sexuelle Aufklärung an sich kann gewiss nicht die allgemeine Sexual- 
unterdrückung beheben. Höchstens kann eine Verallgemeinerung der sexuellen 
Aufklärung die Sexualnot der Massen ein wenig mildern, die Angst vor un- 
erwünschten Schwangerschaften etwas vermindern und so das Geschlechtsleben 
der ausgebeuteten Massen etwas freier gestalten. So lange aber die Sexualunter- 
drückung der Kinder mittels der Erziehung in Familie und Schule unverändert 
bleibt, werden die Menschen nicht fähig werden, ein glückliches, freies und ge- 
sundes Geschlechtsleben zu führen. 

Die sexuelle Aufklärung kann dazu beitragen, die Sexualnot der Massen 
bewusst zu machen. Das Bewusstmachen der Sexualnot ist die erste Vorbedingung 
für eine Rebellion der Massen gegen die Mächte, welche die Sexualunterdrükung 
aufrechterhalten. In erster Linie ist also die Kirche, die nur mit Hilfe der Sexual- 
unterdrückung überhaupt bestehen kann, aber unmittelbar auch der kapitalistische 
Staat daran interessiert, die Sexualaufklärung zu unterdrücken. 

Die Behörden der bürgerlichen Gesellschaft und die Vollstrecker des bürger- 
lichen Rechtsapparats hegen eine mehr oder weniger unklare und unbewusste 
Angst vor jeder sexuellen Aufklärung. Sie sind selbst sexualunterdrückte und 
sexualgehemmte Menschen, bei denen die sexualverneinende Moral innerlich fest 
verankert ist. Sie empfinden selbst persönlich die Gefahr der gestauten Sexual- 
triebe und sind immer bereit, gegen den Geschlechtstrieb in sich selbst und in 
ihren Mitmenschen zu kämpfen. 

Je zugespitzter der Klassenkampf wird, je näher die revolutionäre Welle des 
Weltproletariats rückt, je brutaler die Unterdrückung jeder revolutionären Regung 
in den Massen sich gestaltet, um so gefährlicher für die heutigen Machthaber 
muss das durch die Sexualaufkläfung wachsende Bewusstwerden der Sexualnot 
werden. 

Die Massnahmen gegen die sexuelle Aufklärung müssen deshalb notwendiger- 
weise immer schärfer werden ! 

Sehr interessant ist auch ein Vergleich zwischen der Beurteilung der schwedi- 
schen Polizeibehörden und der Meinung der norwegischen bürgerlichen Nordischen 
medizinischen Zeitschrift Nr. 10, 1933. 

Diese Zeitschrift bringt eine sehr günstige Rezension der norwegischen Zeit- 
schrift für sexuelle Aufklärung und schreibt zuletzt: 

»Die Redaktion verhüllt nicht ihre kommunistisch-marxistische Grundein- 
stellung. Ihre Beurteilung der gesellschaftlichen Entwicklung und der Sexualkrise, 
ihrer Ursachen und der Mittel dagegen ist von diesem Standpunkt aus bestimmt 
Das wird in der Zeitschrift kräftig betont — nach der Meinung des Referenten 
unnötig kräftig — immer wieder betont als ein prasterea censeo. 

Über den ökonomischen Materialismus kann jeder denken was er will. Die 
meisten Menschen werden — insofern sie nicht direkt an der Aufrechterhaltung 
der Unwissenheit interessiert sind — einer reinlichen und sachlichen Sexual- 
aufklärung gegenüber wohlwollend eingestellt sein. Es wäre Schade, wenn viele 
sich dadurch abstossen Hessen, dass die sexuelle Aufklärung zu sehr mit einseitigen 
politischen Tendenzen gemischt worden ist.« 

Der wohlwollende norwegische Referent weiss nicht — und welcher unpoliti- 
sche Wissenschaftler oder Sexualreformer kann das wissen — dass jeder, der 
unpolitisch bleiben will, ohne oder gegen den eigenen Willen vor den vollen Konse- 
quenzen einer wissenschaftlichen Sexualaufklärung zurückschrecken muss und so 
letzten Endes ein Gegner der revolutionären Sexualaufklärung werden muss. 

Jeder, der die heutige Gesellschaftsordnung aufrechterhalten will, wird — 
ohne es zu wollen — »direkt an der Aufrechterhaltung der Unwissenheit 
interessiert« sein. 

/. H. Leunbach. 

156 



Sex-Pol-Bewegung 

Zusammenkunft skandinavischer Psychoanalytiker in Oslo 

Die norwegische psychoanalytische Gruppe hatte eine Zusammenkunft skan- 
dinavischer Analytiker angeregt. Am 3. und 4. April d. J. kamen in Oslo zu einer 
zweitägigen Tagung schwedische, norwegische und dänische Analytiker und Kan- 
didaten zusammen. 

Die Tagung wurde eröffnet mit einer Ansprache des Vorsitzenden der nor- 
wegischen Gruppe, Prof. Schjelderup. Er weis din auf die Gefährdung der ana- 
lytischen Forschung durch die politische Reaktion, die sich in Europa immer 
mehr ausbreitet. Durch die politischen Verhältnisse sind einige Analytiker 
gezwungen worden, ihre Tätigkeit nach andern Ländern zu verlegen. Die Zu- 
sammenkunft soll Gelegenheit geben zur persönlichen Fühlungnahme der skan- 
dinavischen Analytiker aber auch zur Besinnung auf die ernsten und brennenden 
Probleme der analytischen Forschung. 

Der erste Referent war Otto Fenichel (Oslo), der über die gegenwärtigen 
Richtungen in der Psychoanalyse sprach. Fenichel gab eine sehr ausführliche 
Übersicht über die wichtigsten Richtungen und Strömungen innerhalb der gegen- 
wärtigen psychoanalytischen Forschung. Aus seiner Darstellung gewann man den 
Eindruck, dass in der Psychoanalyse heute über gründlegende Fragen von den 
einzelnen Forschern und Gruppen abweichende Meinungen vertreten werden. Die 
Divergenzen betreffen nicht nur Detailfragen, sondern gerade in den ent- 
scheidenden, zentralen Positionen ist man nicht einig. In der Diskussion ver- 
suchte Reich, die Gründe aufzuzeigen, die zu dieser Uneinigkeit innerhalb der 
Psychoanalyse geführt haben. Alle Forscher, so führte er aus, die der Freudschen 
Psychoanalyse abtrünnig geworden sind, sind vor einem bestimmten Punkt zu- 
rückgeschreckt, nämlich vor der richtigen Auffassung und Einschätzung der geni- 
talen Sexualität. Auch heute sind die Differenzen innerhalb der Psychoanalyse 
am ehesten aus der Stellungnahme zu den Fragen der Libidoökonomie zu ver- 
stehen. Neurosen sind Folgeerscheinungen der gestörten Sexualität. Neurosen 
heilen heisst die Fähigkeit zum gesunden, befriedigenden Sexualleben zu schaffen, 
oder mit andern Worten, die genitale orgastische Potenz herstellen. Aber diese 
Erkenntnis führt mitten hinein in die gesellschaftlichen Probleme. Zum Schluss 
deutete Reich auch an, dass nach seiner Meinung die sozialen Konsequenzen es 
sind, die die Psychoanalytiker — vielleicht unbewusst — daran hindern, die richtigen 
Ansätze zu der Lösung des Neurosenproblems fortzuführen, und sie statt dessen 
veranlassen, in mehr oder weniger falsche unklare Annahmen zu flüchten. 

Das zweite Referat hielt W. Reich. Er behandelte die Probleme der analyti- 
schen Therapie. In der Psychoanalyse ist der Zusammenhang zwischen Theorie 
und Technik doppelseitig. Falsche Technik kann die wirkliche Dynamik der 
Neurose nicht aufdecken und muss deshalb zu unrichtigen theoretischen An- 
nahmen führen. Andererseits bedingt falsche Theorie technische Fehler. Reich 
zeigte, dass die Strafbedürfnistheorie nicht zuletzt deshalb eine so grosse Rolle 
in der analytischen Literatur der letzten Jahre gespielt hat, weil infolge tech- 
nischer Fehler in den Analysen Reaktionen auftraten, die als Strafbedürfnis 
imponieren mussten. Im Laufe einer Analyse kommt es regelmässig dazu, dass 
der Analysand auf den Analytiker die gleichen Gefühle — wie man in der Psycho- 
analyse zu sagen pflegt — überträgt, die auch in allen seinen wichtigen menschli- 
chen Beziehungen vorherrschen. Selbstverständlich kann es sich dabei nicht nur um 
freundliche, liebevolle Regungen handeln; der Analytiker erscheint auch als Feind, 
Störenfried, den man hasst. Die Gründe, warum diese Übertragung in der Analyse 
auftreten muss, können wir hier nicht ausführen. Aber auch ohne analytische 
Überlegungen leuchtet es gleich ein, dass, wenn man von einem Menschen Hilfe 
erwartet, ihm vertraut, für ihn eine starke Zuneigung empfindet, ihn aber gleich- 
zeitig hasst; ferner leuchtet ein, dass eine solche widerspruchsvolle Einstellung zu 
einem Konflikt führen muss. Dieser Konflikt kann sich so äussern, dass der Ana- 
lysand von dem Analytiker wegen seiner bösen Absichten, die er nicht versteht, be- 
straft werden will. Der technische Fehler, der zur Überschätzung des Strafbedürf- 
nisses bei den Neurosen geführt hat, besteht darin, dass die unbewussten aggressiven 
Regungen des Analysanden nicht konsequent genug herausgeholt wurden und diese 
nicht aufgedeckten unbewussten aggressiven Tendenzen erwecken das Strafbedürfnis; 
Auch eines der zentralen Probleme der ganzen Neurosenpsychologie, nämlich das 
Problem der Angst, wird nach Reichs Meinung in der neueren analytischen Theorie 
nicht richtig gesehn. Auch dafür scheint, wie Reich in seinem Referat zeigen 

157 



Sex-Pol-Bewegung 

konnte, eine fehlerhafte Technik mitverantwortlich zu sein. Nach der ursprüng- 
lichen Theorie Freuds ist neurotische Angst letzten Endes immer Ausdruck von 
gestauter, also durch nicht adäquate Befriedigung erledigter sexueller Erregung. 
Freud hat diese Annahme durch neue, komplizierte Überlegungen teilweise ergänzt, 
z. T. aber auch verlassen. Nun konnte aber Reich zeigen, dass jede kunstgerecht 
durchgeführte Analyse einen neuen Beweis für die Richtigkeit der ursprünglichen 
Freudschen Annahme liefert. Gegen Ende einer Analyse treten nämlich regelmässig 
auch bei Menschen, die bewusst Angst erlebt haben, Angstzustande auf u. zw. 
in der charakteristischen Weise der nervösen Angst, nämlich Angstzustände, die 
sich ohne realen Grund einstellen, mit starker Unruhe, Herzklopfen, Beklem- 
mungsgefühlen einhergehen. Das Bezeichnende und theoretisch Wichtige ist aber 
dabei, dass solche Angstzustände immer dann auftreten, wenn bei dem Analysanden 
jene frühkindlichen genitalen Wünsche und Impulse sich melden — jetzt gegen 
die Person des Analytikers gerichtet — die einst in der Kindheit den Eltern 
galten. Was ist also geschehn? Zunächst ist es der Analyse gelungen, die Libido 
aus der Verdrängung zu befreien und aus den prägenitalen Fixierungen zu lösen. 
Nun strömt die sexuelle Energie wieder zum genitalen System; aber zunächst zu 
den wahrend der Kindheit vorgeformten Phantasien und zu den ersten Objekten 
jener Leidenschaften. Diese neuerwachte Sexualität stösst aber auf die alten 
Ängste, auf die damals realen, jetzt nur inneren Gefahren. Deshalb werden in 
der Analyse bei dem Vorstoss der genitalen sexuellen Regungen auch die kind- 
lichen Ängste wieder belebt. Oder anders gesagt, die Analyse wiederholt das gleiche 
Geschehn, das in der Kindheit die Grundlagen zu der spätem Neurose gelegt hat: 
sexuelle Erregung wurde unterdrückt und die gestaute Sexualität schlägt in Angst 
um. Die Analyse hat also die Beweiskraft eines Experimentes. Es gelingt ihr 
ein Geschehen, das theoretisch erschlossen werden konnte, künstlich hervorzurufen! 
Aber, meinte Reich, dieser experimentelle Beweis kann nur durch richtig geführte 
Analysen erbracht werden. Die Aufgabe einer richtig geführten Analyse ist nach 
Reich die konsequente Herauskristallisierung der Libido aus ihren Verdrängungen 
und pragenitalen Fixierungsstellen. Alle die Regeln und Gesichtspunkte, die zu 
berücksichtigen sind, damit diese wichtigste Aufgabe der analytischen Therapie 
erfüllt werden kann, konnte Reich in seinem Referat selbstverständlich nicht 
aufzeigen. Er hat aber gezeigt, dass eine richtige analytische Technik nur möglich 
ist durch kombinierte Anwendung jener drei Aspekte, aus denen die Psychoanalyse 
die Gesetze der seelischen Prozesse zu erfassen sucht: d. i. die Topik, Dynamik 
und Ökonomik des psychischen Geschehens. Das klingt dunkel, meint aber etwas 
Einfaches. Eine Analyse die nur deutet, also die unbewussten Inhalte, die der 
Analytiker aus den Träumen, Assoziationen, Fehlhandlungen der Patienten heraus- 
lesen kann, dem Analysanden mitteilt, berücksichtigt nur die topischen Momente. 
Sie geht nämlich von der Annahme aus, dass es nur darauf ankommt, an welcher 
Stelle der seelischen Systeme ein Vorgang abläuft und glaubt, die Aufgabe der 
Analyse ist schon erfüllt, wenn Unbewusstes in Bewusstes übersetzt wird. Der 
Dynamiker weiss schon, dass diese Übersetzungsarbeit nichts nützt, wenn die 
unerdruckten Affekte nicht in der Analyse wiederbelebt werden. Er spürt schon 
ein Kraftespiel, ein Gegeneinander von tobenden Leidenschaften, er ahnt hinter 
der Erstarrung eines affektlahmen Zwangsneurotikers die stürmischen Aggres- 
sionen. Aber auch er berücksichtigt nicht das ökonomische Moment, das verlangt 
dass der Analytiker genau weiss, an welcher Stelle in der konkreten analytischen 
Situation das Schwergewicht liegt, was er aus dem Material, das der Analysand 
ihm bietet, berücksichtigen, angreifen soll, was er zunächst zurückstellen muss 
Die Ausführungen der beiden Referenten Fenichel und Reich sind mit Auf- 
merksamkeit angehört worden und erweckten fühlbar einen starken Eindruck 
Nach beiden Referaten entspann sich eine angeregte Diskussion. Es soll erwähnt 
werden, dass m der Diskussion ein neuer, bei psychoanalytischen Zusammen- 
künften völlig ungewohnter Ton den Zuhörer aufhorchen Hess. Man sprach über 
die Probleme der Neurosen nicht so, als wären Neurotiker Menschen, die in einer 
sonst harmonischen Welt mit den merkwürdigsten Gedanken und Impulsen herum- 
gingen. Sondern man redete von der Sexualnot der Massen, von den gesellschaft- 
lichen Schwierigkeiten, die heute ein gesundes Sexualleben erschweren, man erwog 
die Losungsmöglichkeiten durch eine sozialistische, Ordnung der Gesellschaft 
Mit einem Wort, man fühlte, dass auch der Psychoanalytiker auf seinem engen 
Gebiet die Stösse zu spüren bekommt, die von mächtigen gesellschaftlichen 
Strömungen ausgehen. u g 

158 



Marxismus — Ideologie — Psychologie 



Anfragen 



Marxismus — Ideologie — Psychologie 

»Der Mensch selbst ist die Basis seiner materiellen Produktion wie jeder 
andern, die er verrichtet. Alle Umstände also, die den Menschen affizieren, das 
Subjekt der Produktion, modifizieren mehr oder weniger alle seine Funktionen und 
Tätigkeiten, also auch seine Funktionen und Tätigkeiten als Schöpfer des materi- 
ellen Reichtums, der Waren. In dieser Hinsicht kann in der Tat nachgewiesen 
werden, dass alle menschlichen Verhältnisse und Funktionen, wie und wann sie 
sich immer darstellen, die materielle Produktion beeinflussen und mehr oder 
minder bestimmend auf sie einwirken « 

Marx, »Theorien über den Mehrwert«. Bd. 1, Seite 388 f. Berlin 1905. 

»Hätte Sankt Sancho (gemeint ist Max Stirner) die verschiedenen wirklichen 
(von Marx — Engels gesperrt) Revolutionen und revolutionären Versuche durch- 
gegangen, so hätte er vielleicht in ihnen selbst diejenigen Formen gefunden, die 
er bei der Erzeugung seiner ideologischen »Empörung« dunkel ahnte; z. B. bei 
den Korsikanern, Irländern, russischen Leibeigenen, und überhaupt bei unzivili- 
sierten Völkern. Hätte er sich ferner um die wirklichen, bei jeder Revolution 
»bestehenden« Individuen und ihre Verhältnisse gekümmert, statt sich mit dem 
reinen Ich und »dem Bestehenden«, d. i. der Substanz, zu begnügen (eine Phrase, 
zu deren Sturz keine Revolution, sondern nur ein fahrender Ritter wie Sankt 
Bruno nötig ist), so wäre er vielleicht zu der Einsicht gekommen, dass jede 
Revolution und ihre Resultate durch diese Verhältnisse, durch die Bedürfnisse 
bedingt war, und dass »die politische oder soziale Tat« keineswegs zu »der ego- 
istischen Tat« im Gegensatz stand.« 

Marx— Engels, »Deutsche Ideologie«. Wien — Berlin 1932. Seite 356/7. 

»Die Individuen sind immer und unter allen Umständen von sich ausgegangen«, 
aber da sie nicht einzig in dem Sinne waren, dass sie keine Beziehung zu einander 
nötig gehabt hätten, da ihre Bedürfnisse, also ihre Natur, und die Weise sie zu 
befriedigen, sie auf einander bezog, (Geschlechtsverhältnisse, Austausch, Teilung 
der Arbeit), so mussten sie in Verhältnisse treten. Da sie ferner nicht als reine 
Ichs, sondern als Individuen auf einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer Pro- 
duktivkräfte und Bedürfnisse in Verkehr traten, in einen Verkehr, der seinerseits 
wieder die Produktion und die Bedürfnisse bestimmte, so war es eben das per- 
sönliche, individuelle Verhalten der Individuen, ihr Verhalten als Individuen zu 
einander, das die bestehenden Verhältnisse schuf und täglich neu schafft. Sie 
traten als das miteinander in Verkehr, was sie waren, sie gingen »von sich aus« 
wie sie waren, gleichgültig welche »Lebensanschauung« sie hatten. Diese »Lebens- 
anschauung«, selbst die windschiefe der Philosophen, konnte natürlich immer nur 
durch ihr wirkliches Leben bestimmt sein.« 

(a. a. O. Seite 416.) 



Anfragen 



Anfrage aus Luxemburg 

i. 



Man lebt hier ziemlich abgeschlossen, und ist man deshalb für jede 

Diskussion, die einen vorvärts bringt, dankbar. Heute bitte ich Euch als erstes, 
mir Eure Stellung zur Judenfrage klarzulegen, denn ich befinde mich immerhin 
hier, um mich für Palästina umzuschichten. Ihr könnt Euch vorstellen, dass ich 
deshalb ein gewisses Interesse habe, diese Fragen marxistisch zu klären. 

Nun etwas von der Arbeitsgemeinschaft über die Massenpsychologie, die ich 
hier leite. Bisher waren drei Abende, an denen jedesmal ca. 40 Menschen teil- 
nahmen. Die Arbeitsgemeinschaft findet jede Woche einmal statt und soll einige 
Monate dauern. Die ersten drei Abende wurde sehr stark diskutiert und mir 
kam es darauf an, erst einmal das Problem der Schere vollkommen zu klären. 
Dabei haben sich jetzt zwei gegnerische Standpunkte entwickelt: 

159 



Anfragen 

Erstens eine Kritik von »Links« : Reichs Anschauung ist opportunistisch. 

Zweitens eine Kritik von »Rechts« : Reich beweist, dass der Maxismus versagt 
hat, denn was er schreibt, ist schon garnicht mehr marxistisch. 

Ich möchte aber noch nicht viel darüber schreiben, weil ich erst den Fortgang 
der Diskussion abwarten will. Aber eins möchte ich noch aus der Diskussion 
herausgreifen: die Erwerbslosenfrage. 

Man ist der Meinung, dass in dem Abschnitt über die ideologische und öko- 
nomische Struktur der Gesellschaft die Erwerbslosenfrage in keiner Weise an- 
gerührt wird. Vielleicht kann sich R. über diese Dinge äussern. 

Interessant ist vielleicht noch, dass die »Linken« in der Diskussion soweit 
gekommen sind, dass sie davon sprachen, dass der Faschismus ein Stück Weg 
zum Sozialismus sei, dass der Faschismus deshalb gesiegt habe, weil die objektive 
Situation noch nicht reif zur Revolution sei. Vielleicht kann R. die Frage klären: 
War im Januar 33 eine objektiv revolutionäre Situation, war der Reifegrad der 
Krise für eine Revolution gross genug? Im Buch ist das nicht klar genug bewiesen. 

Antwort: Zunächst prinzipiell. Man muss lernen, Kritik von »Kritik« zu 
unterscheiden. Es genügt nicht, eine gegnerische Meinung damit zu begründen, 
dass man Schlagworte wie »opportunistisch« oder »R. beweist das Versagen des 
Marxismus« einfach hinsetzt. Wir müssen denken und unsere Behauptungen be- 
weisen lernen. Das heisst, der »Gegner« muss zeigen, worin konkret R. oppor- 
tunistisch ist und worin konkret R. beweist, dass der Marxismus versagt hat, wo 
er doch im Gegenteil gleich im Anfang davon ausgeht, dass der Marxismus voll 
im Rechte ist und nur der Vu/gä'riüarxismris versagt hat. Man soll nie um der 
blossen Kritik willen kritisieren, sondern vor jeder Kritik sich erst in die Ge- 
dankengänge des anderen hineinleben. 

Zur Vernachlässigung der Erwerbslosenfrage: Die Erwerbslosigkeit ist zahlen- 
mässig angeführt (S. 21), gehört aber als Spezialfrage in den Gesamtrahmen der 
Frage, warum trotz des Hungers die Revolution ausbleibt. Das Buch behandelt 
eine Frage, die bisher völlig übersehen wurde, und konzentriert sich daher nicht 
auf Fragen, die sonst überall behandelt werden. Sie ist deshalb nicht ver- 
nachlässigt. 

Die Anschauung, dass der Faschismus ein Stück Weg zum Sozialismus sei, 
ist weder »links« noch »rechts«, sondern einfach eine bequeme Ausrede und 
falsch, weil fatalistisch, fast gottergeben. Wenn man behauptet, dass der Faschis- 
mus objektiv ein Zeichen dafür sei, dass das Kapital zuml äussersten Mittel 
seiner Rettung greift (was richtig ist), so bedeutet das gleichzeitig, dass die 
objektiven Voraussetzungen der sozialen Revolution eingetreten sind; noch anders: 
der Faschismus ist, diesmal von seiner Massenbasis gesehen, ein Zeichen dafür, 
dass der verelendete Mittelstand zu einer Aenderung seiner Lage, zur Veränderung 
der gesellschaftlichen Ordnung drängt. Zählt man zur »objektiven Situation« nur 
die wirtschaftliche Situation und die politische Zerrüttung des Systems der bürger- 
lichen Demokratie, dann waren in Deutschland die objektiven Voraussetzungen 
zur sozialen Revolution 1931 bereits voll gegeben. Zählt man aber zu den ob- 
jektiven Voraussetzungen auch noch das Vorhandensein einer politisch klaren, 
gut geschulten, entschlossenen, einheitlichen revolutionären Partei, also den 
»subjektiven Faktor«, der die Einheit des Proletariats und sein Bündnis mit allen 
werktätigen Schichten zustandebrachte, dann fehlte in den objektiven Voraus- 
setzungen ein wichtiges, ein unerlässliches Stück. Nur dieses Fehlen war die 
Ursache für das Abschwenken der Massen zu Hitler, und bildet das Problem der 
Schere zwischen Basis (links) und Ideologie (rechts). Fragt man weiter nach der 
Ursache, weshalb die geschlossene revolutionäre Partei fehlte oder ihre Aufgabe 
nicht erfüllen konnte, dann muss man alle ihre grossen und kleinen Fehler auf 
den gemeinsamen Nenner, das Niehterfassen des subjektiven, psychologischen 
Moments der Geschichte zurückführen. Alles andere, wie zum Beispiel, die Sozial- 
demokratie allein verantwortlich machen ist Ausrede, Angst vor der eigenen Ver- 
antwortung. R. bezweifelt nicht, dass der Reifegrad der Krise für die soziale 
Revolution gross genug war. Dass im Buch nicht alles so ausführlich behandelt 
ist, wie es verdient hätte, ist klar. Dann wäre es aber ein dicker, unlesbarer 
Wälzer geworden. Das Buch zeigt nur die grossen Umrisse einer neuen Frage- 
stellung, die man den alten anfügen muss, wenn man den subjektiven Faktor der 
Geschichte meistern will. Jeder Revolutionär muss sich darin üben, angeschnittene, 
nur halb beantwortete Fragen weiterzuführen, selbständig zu denken. 

160 



Anfragen 

II. 

Anfrage über das Wesen des Hasses gegen die Juden: 

Ueber die Judenfrage wissen wir nicht allzuviel, nur das ist sicher, dass sie 
ein Teil der allgemeinen sozialen Frage ist und nur mit ihr gelöst werden kann, 
wie das in Sowjetrussland geschah. Lest das Buch von Otto Heller über die 
Jugendfrage, aber auch die Naziliteratur, um den faschistischen Standpunkt zu durch- 
schauen. Die Juden sind als Nation ebenso in Klassen gespalten wie alle anderen 
Nationen. Die deutsche Judenfrage dient den Nazis im wesentlichen nur als 
Ablenkung von der Klassenkampffrage. Es nützt aber nicht viel, wenn man nur 
dies behauptet. Begreiflich wird die für die Nazis günstige Reaktion der Massen 
darauf erst dann, wenn man folgendes weis: Der »Jude« bedeutet für das un- 
bewusste Gefühlsleben zunächst »Kapitalist« oder »Wucherer«; daher ist Judenhass 
zu einem Teile antikapitalistischer Hass. Dann bedeutet aber in der gleichen 
Gefühlsphäre »jüdisch« (übrigens ebenso wie für den deutschen auch »französisch« 
oder für den Amerikaner »schwarz«) »geil«, »sexuell sinnlich«, »schmutzig«; dieser 
Teil des gefühlsmässigen Antisemitismus entstammt der Sexualangst. Der Jude 
gilt dem Antisemiten überdies als ein unheimlicher Mensch, weil im Unbewussten 
»Jude« mit »beschnitten« und »beschneiden« verknüpft ist. Daher die Ritualmord- 
phantasien der Antisemiten. Lest Streichers Blatt »Der Stürmer«; dort findet Ihr 
die Beweise für diese Auffassung. Der Jude ist der »Schächtjude«, der die Arier 
schlachtet. Wie sich diese Einsichten in antifaschistische Praxis umsetzen lassen, 
ist noch nicht klar. Sicher ist, dass die propagandistische Klärung der wirtschaft- 
lichen Klassenfrage und der Bedeutung der Sexualangst sowie der Notwendigkeit 
eines befriedigenden Geschlechtslebens auch die Propaganda gegen den barbarischen 
Antisemitismus in sich schliesst. Dass ist lange nicht alles, was zur Frage zu- 
sagen wäre. Wir wissen aber noch nicht mehr darüber. 

Anfrage aus Zürich 

Sie äussern Ihre Verwunderung darüber, dass wir streng klinisch-wissen- 
schaftliche, nicht allgemein verständliche Abhandlungen nicht in den Fachzeit- 
schriften veröffentlichen. Dafür gibt es mehrere Gründe, darunter folgende: 

1. Die Fachzeitschriften lehnen, Abhandlungen ab, in denen die dialektisch- 
materialistische Methode klar hervortritt. Die marxistischen Analytiker z. B. 
können keine einigermassen korrekte Abhandlung mehr unterbringen. 

2. Dieser Nachteil hat auch seinen Vorteil: die Leser werden allmählich 
daran gewöhnt werden, wissenschaftliche und politische Fragen nebeneinander 
oder aus einander hervorgehend aufzunehmen. 

3. In Wirklichkeit führt eine konsequente Linie etwa von der Elektrophysio- 
logie des Orgasmus bis zu sexualpolitischen Demonstrationen Jugendlicher, ja, 
bis zum Oranienburger Konzentrationslager. 

Wir hoffen, im Laufe der Zeit die Zusammenhänge zwischen klinischer wis- 
senschaftlicher Arbeit und aktuellstem politischem Geschehen noch deutlicher 
zutage treten zu lassen. 

Anfrage aus Paris 

Die »Sexuelle Freiheit« der Hitlerjugend 

»Neulich sprach ich eine siebzehnjährige höhere Schülerin aus Berlin, die 
hier die Ferien verbracht hat. Sie besucht eine Wilmersdorfer Schule und erzählte 
mir so nebenbei einiges, was für Dich sehr interessant sein dürfte. 

Die Jungen und Mädchen der Hi-Jugend und des Bundes deutscher Mädel haben 
eine ungeahnte Freiheit in Schule und Elternhaus, die sich natürlich auch in 
geschlechtlicher Betätigung und Freundschaften auswirkt. 

Früher hätte es ein Mädel ihrer Klasse und Schule nie gewagt, sich vor der 
Schule von einem Freund abholen zu lassen. Heute stehen die Jungens (Hi-Jungens 
meistens) in Scharen vor der Schule und alle empfinden es als selbstverständlich. 
Der B. d. M. wird nur »Bubi drück mich« -genannt. Die Dahlemer Gruppe des 
B. d. M. musste aufgelöst werden, weil 6 Mädels (unter 18 Jahren) schwanger 
wurden. . 

Es ist doch sehr interessant, wie der Versuch, die Jugend zu organisieren 
dazu führt, dass die Fesseln des Elternhauses gelockert werden, denn diese 

161 



Anfragen 

Beispiele sind gewiss symptomatisch, was ich inzwischen bestätigt bekommen 
habe.« 

Antwort: Es ist nicht richtig, dass die Jungens und Mädels eine »ungeahnte 
Freiheit« haben. Wer solches behauptet, sieht die wahren Verhältnisse Er 
fordernisse und Widersprüche nicht. Auch früher haben sich die Mädels vor der 
Schule von den Jungs abholen lassen, wenn auch vielleicht nicht gerade an dieser 
Schule. Nur im Lichte der Spiessermoral erscheint Schwangerwerden und »Sich- 
abholenlassen« als Zeichen einer »sexuellen Freiheit« der Jugend. Die Freiheiten 
die sich die Dahlemer Jugend jetzt erringt, waren in Neukölln längst selbst- 
verständliche Dinge. Es geht aber um das Ganze: Man muss zunächst den riesigen 
Widerspruch sehen, in dem die Hitlerjugend steckt: einerseits strengste autoritäre 
militärische Erziehung und Trennung der Geschlechter, andererseits durch die 
Kollektivierung des Jugendlebens Zerreissung der familiären Bindungen, Er- 
schütterung der familiären Moral bei gleichzeitiger strengster faschistischer 
Familienideologie. Die deutschen Revolutionäre müssen die Entwicklung der- 
artiger Widersprüche genauestens verfolgen und sie den Betroffenen klarmachen. 
In diesem Falle ist die Lösung der Jugend von den Elternhäusern zu bejahen 
jedoch der Widerspruch dieser Loslösung zu der officiellen Führer- und Familien- 
ideologie klarstens herauszuarbeiten. Es muss auch klar werden, dass die Jugend 
die aus den Fesseln des Elternhauses in die Freiheit und Selbstbestimmung strebt 
was wir bejahen und erfüllen wollen, in Wirklichkeit in ein anderes autoritäres 
Verhältnis, nämlich in das des Arbeitsdienstlagers oder des faschistischen Ver- 
bandes gerät, wo sie wieder Maul halten muss. Die Widersprüche enthüllen sich 
am deutlichsten gerade auf sexuellem Gebiet. Das »freiere Benehmen« entspricht 
den vorwärtsdrängenden Tendenzen in der Hitlerjugend, soweit sie — wenn auch 
dumpf, subjektiv — revolutionär ist; niemals aber würde eine wirklich revolutio- 
näre Gesellschaftsführung einen Mädelbund auflösen, weil einige Mädels schwanger 
wurden; das bedeutet ja, was der Berichterstatter naiverweise nicht sieht, dass 
das beschriebene Verhalten der Jugend der Führung der NSDAP gar nicht an- 
genehm ist und ihr gegen den Strich geht. Es widerspricht ihrer gesamten Moral- 
auffassung. Wir müssen diesen Hitlerjungs und -mädels, ihr Recht auf volle 
Selbstbestimmung und auf gesellschaftliche Sorge für ihre Bedürfnisse, in erster 
Linie auch für die sexuellen, völlig klarmachen. Wenn man in dem heute Ge- 
gebenen bereits die sexuelle Freiheit sieht, dann übersieht man zweierlei: Erstens, 
dass schon dieses wenige genügt, den moralischen Staatsapparat einschreiten zu 
lassen, zweitens, dass dies die ersten Ansätze sind, und von Freiheit nicht ge- 
sprochen werden kann: 

Solange die gesamte Staats- und Gesellschaftsauffassung dagegen ist. 
Solange die Jungs und Mädels keine Wohnungen haben, wenn sie ungestört 
sein wollen, keine Empfängnisverhütungmittel, um Schwangerschaften zu ver- 
meiden, kein Wissen um die Notwendigkeiten und Schwierigkeiten des Geschlechts 
lebens überhaupt. 

Solange sie derart erzogen werden, dass sie in schwere Konflikte kommen, 
sobald sie überhaupt geschlechtlich zu leben anfangen. 

Solange sie für die Interessen einiger weniger Kapitalbesitzer militärisch 
gedrillt werden, und nicht für die Verteidigung der eigenen Interessen militärisch 
geschult werden. 

Solange Jungs und Mädels in den Verbänden getrennt leben. 
Solange sie nicht gemeinsam mit den Lehrern bestimmen können, wie ihre 
Schulung, ihre Vorbereitung für die Aufgaben des gesellschaftlichen Lebens be- 
schaffen sein soll. 

Solange sie die Zahlen über die Geburts- und Sterbetage der preussischen 
Konige und nicht die Geschichte der ärmsten und letzten Jungs und Mädels aus 
den Vororten Berlins, Hamburgs, Jüterborgs, des letzten Bauerndorfs studieren 
und bewältigen lernen. 

Das Ideal der Jugend kann nicht sein, einem Führer kritiklos zu dienen und 
für als »Vaterlandsinteressen« ausgegebene Kapitalisteninteressen zu sterben, 
sondern einzig, ihr eigenes Leben zu begreifen und es ihrem eigenen Willen gemäss 
zu gestalten. Die Jugend kann nur sich selbst verantwortlich sein. Dann und nur 
dann wird die Kluft zwischen der Gesellschaft und ihrer Jugend verschwinden. 
Hat die Jugend einmal die Kluft begriffen, die sie heute von der Gesellschaft 
trennt, dann erkennt sie sich gleichzeitig als unterdrückt und wird für die 
soziale Revolution reif. Hat sie die Kluft praktisch aufgehoben, die gesellschaft- 

162 



Anfragen 

liehe Ordnung ihren Bedürfnissen entsprechend gestaltet, ihrem Freiheitsdrang 
real, konkret, auch objektiv freie Bahn geschaffen, dann würde sie zum Voll- 
strecker der sozialen Revolution. 

Wir können der Jugend aller Länder und Erdteile die Notwendigkeit der 
sozialen Revolution nicht theoretisch beweisen, sondern sie nur aus den Nöten 
und Widersprüchen der Jugend entwickeln. Im Zentrum dieser - Nöte und Wider- 
sprüche steht die riesenhafte Frage des Geschlechtslebens der Jugend. 

„Was hat die Elektrophysiologie des Orgasmus mit der Politik 

zu tun?" 

Diese und änliche Fragen werden von Kommunisten ebenso wie von Bürger- 
lichen in mehr oder minder höhnischer Form oft gestelt. Man fürchtet eine 
Herabzerrung der »hohen Politik« in die peinlichen Gebiete des sexuellen Lebens. 
Trotzdem oder gerade deshalb verraten derartige Fragen die völlige Ahnungslosig- 
keit der Fragesteller über primitivste Zusammenhänge. Wir wollen sie daher hier 
kurz zusammenstellen. 

Die rein klinisch-medizinische Orgasmuslehre stellt bestimmte natürliche Ge- 
setze im Ablauf der sexuellen Erregung und Befriedigung fest, wie etwa die 
Bedingungen der vollkommenen sexuellen Entspannung und ihre Störungen. Wäre 
sie bürgerliche Forschungsrichtung, sie begnügte sich mit den akademischen Fest- 
stellungen, die in wissenschaftlichen Zeitschriften vergraben keinerlei gesellschaft- 
liche Bedeutung bekämen. Der bürgerliche Wissenschaftler würde auch kaum 
versuchen, nach den Ursachen der beschriebenen Störungen zu forschen, oder er 
würde sie im Biologischen, in einer mystischen Anlage suchen. Die dialektisch- 
materialistische Forschung geht anders vor. Zunächst überwindet sie die Scheu 
vor den »unanständigen« Fragen und bemüht sich, den Orgasmus als eine ele- 
mentare Erscheinung aller Lebewesen wirklich zu begreifen. Sie findet, dass die 
weitaus überwiegende Mehrzahl der Menschen, die ja auch Lebewesen sind und 
nicht nur Vaterlandsverteidiger, im besondern die Mehrzahl der Frauen unfähig 
ist, diese grundsätzliche Naturfunktion zu erfüllen; sie stellt fest, dass diese 
Unfähigkeit die Grundlage nicht nur der meisten seelischen Erkrankungen in 
sexualökonomischer Hinsicht ist, sondern dass der Mangel einer natürlichen 
Regelung des sexuellen Haushalts auch im Bereiche der körperlichen Gesundheit 
sich schädlich auswirkt und zwar massenmässig; sie sieht auch Zusammenhänge 
zwischen der menschliehen Grausamkeit und den aufgestauten, weil nicht be- 
friedigten sexuellen Energien. Sie braucht dann nur noch nach zwei Richtungen 
hin weiterzuforschen, um ins Politische zu gelangen. Zunächst liegt die Frage 
nahe, welche psychischen und sozialen Voraussetzungen erforderlich sind, um 
die orgastische Funktion zu erfüllen. Die Wirklichkeit zeigt, dass die aller- 
wenigsten Menschen innerlich dazu fähig sind, weil sie von Kindheit an Angst 
vor der Sexualität eingeflösst bekamen. Das führt zu einer Kritik der gesamten 
Sexualerziehung. Darüber hinaus erfordert ein sexuell befriedigendes, wie wir 
sagen sexualökonomisches Leben, bestimmte äussere Bedingungen; so etwa die 
Möglichkeit, beim Geschlechtsgenuss allein und ungestört zu sein; dadurch rollt 
sich die Frage der Wohnkultur der Massen auf. Ferner ist notwendig, dass der 
Geschlechtsgenuss unabhängig wird von der Fortpflanzung; das führt zur Kritik 
und zum Kampf gegen die Gesetze, die die Empfängnisverhütung mit Strafe 
bedrohen oder gänzlich unmöglich machen. Die Verbindung von wirtschaftlichen 
und sexuellen Interessen zerstört von vornherein oder auf die Dauer die Be- 
friedigungsfähigkeit und -möglichkeit; das führt zur Kritik der bürgerlichen 
Eheinstitution. Ein enthaltsames Leben in den Blütejahren der Sexualität, etwa 
zwischen dem durchschnittlich 15. und 25. Lebensjahr schädigt die sexuelle und 
soziale Leistungsfähigkeit für später; die gesamte bürgerliche Welt fordert aber 
strenge Askese der Jugend. .' 

Fügt man all dem noch die Frage an, welches Interesse die gegenwärtige 
Gesellschaft hat, das Geschlechtsleben zu unterdrücken, dann steht man mitten 
in den Problemen der revolutionären Sexualpolitik. Denn dann folgt die weitere, 
zunächst nur volkshygienische Frage, welche Einrichtungen notwendig sind, um 
ein gesundes Geschlechtsleben der breiten Masse zu sichern, und wie man dazu 
gelangen kann. Es ist kein Zufall, dass die Funktion des Orgasmus von der so 
fortgeschrittenen Wissenschaft fast völlig übersehen wurde. Es genügt nicht 
Kurven zu zeichnen und wohlgemeinte Ratschläge zu geben, wie van de Velde 

163 



Ökonomie — Massenpsychologie 

den absurdesten Ratschlägen und Ansichten greifen muss. Die revo utionärP 

Die natürlichen Vorgänge restlos und kompromislos aufzudecken. 

tionenlu st e encn ge ^ ^^^ dCT Verhinde ™S lebenswichtiger Funk- 

Sich an die Masse zu wenden und nicht an die schmale reiche Oberschichte 
oder die wissenschaftliche Welt allein UDer&cnicnte 

BehinderfnT 6 ^ N ° tWendigkeiten deS Ltbens darzulegen und die Gründe ihrer 

»wi«Inih Z f t r U >, erzi !, hen ' CÜe Menfie an sexueller Schundliteratur und falschen 
»wissenschaftlichen« Erzeugnissen von den richtigen zu unterscheiden. 

Inte^Ä Sd ÄÄS? * '" ""^ """ ™ * "^ 

die SclaTfuT^Tn *?■ ?. ln ^ cht ^« eines gesunden Geschlechtslebens zunächst 
die Schaffung der sozialistischen Planwirtschaft zur Voraussetzung hat was die 
Kapitalisten mcht zulassen werden, wenn man ihnen nicht die materielle und 
ideologische Gewalt über die Masse nimmt. materielle und 

Von den elektrophysiologischen Problemen der sexuellen Spannung und Ent 
toSSä£!S " gCrade Lh,ie ^ Frage d6r reV ° 1Uti ° nL " ÄÄ 



Ökonomie - Massenpsychologie 

Japans grosse Handelsotfensive 

in WH^l™^' dess 5\ letztes B "<* »Gefährliche Gedanken über den Orient« 

CurreTHistorV n ^rf^ 81 ^ U Schreibt im Maiheft der Zeitschrift 
ünX, ™* n y entscheidende Frage für Japan besteht darin, wie man die 

ungeheuren Reserven von Arbeit ausnutzen und wie man die Produkte dieser 
zu bezahlen" fetzen soll um mit dieser Ausfuhr die notwendigen Import! 

zu bezahlen Japanische Industriearbeiter sind gewillt, schwerer und für 

weniger Lohn zu arbeiten als jene andrer Länder, und das ist Japans einziger 
Aktivposten im Aussenhandel.« Japans Schleuderexport hat, mit andern Worten 
tiefe soziale und wirtschaftliche Wurzeln. Japan ist auch heute noch trotz" 
uZ T l° rtSChrii i e der , Indus t" a ^™g ^ der Nachkriegszeit, en Bauern- 
land; allerdings ein Bauerland mit einem äusserst wirksamen Industriapparat 

Der japanische Industriarbeiter ist noch ein halber Bauer. Die japanische 
l «t H T ^ heUte den Exporteuren der ganzen Welt Sorgen schafft, wird 
in der Hauptsache von hunderttausenden Bauernmädchen bedient; sie kehren 
durchschnittlich nach vier Jahren aufs Land zurück. Etwa ein Viertel auch der 
Trf F C t eD H, eg f^« aHer gr r Sen Betriebe geht a »J^rlich wieder ins Heimat- 
fls f ü r den Frhn w aU£rnP p r0leten JSt d6r F abriklohn etwas wesentlich andres 
hir ^ t „ t Erbpr °l etarlei ' Europas und Amerikas. Der Lohndruck, vom Dorf 
her, gesteigert durch die Agrarkrise, wird unwiderstehlich, die Entwertung des 

reissr,ll S o ln 7 mT™ We * T "2* ™ 31 Um daS Zweieinhalbfache gefallen - 
I SS ,Lw- l° t llbarrleren nied <-''" Schleuderexport im Riesenmassstab überflutet 
die Weltmarkte,« (»Europäische Hefte« 6/1934.) 

für ^n^r^-i 51 lehrreich ' volkswirtschaftlich interessant, seine Kenntnis ist 
finnf TJ!ua P , B l von S rosster Bedeutung. In den Zeitungen und Zeitschriften 
finden sich derartige Berichte zu lausenden und hunderttausenden 

Wie erleben aber hunderttausende japanischer Bauernmädchen den Prozess, 

164 



Empfehlenswerte Literatur — Eingeg. Schriften — Red. Bemerkungen 

den dieser Bericht wiedergibt? Man zähle die Berichte über die verschiedenen 
technischen Revolutionen, Fünfjahcespläne, Handelsoffensiven, NIRA-Rückschläge, 
Handelsabkommen, Verträge, Erfindungen, Neuerungen in den Zeitungen der Welt 
nur eines Tages ! Man zähle gleichzeitig die Berichte über das wirkliche Leben der 
Millionen, die technische Revolutionen effektuieren, die Handelsagkommen Wirk- 
lichkeit werden lassen, die Verträge brav durchführen, NIRA und Fünfjahresplan 
nicht begreifen — und man wird einsehen, was die Sex-Pol unter Ökonomismus 
versteht. Man wird gleichzeitig die Mentalität begreifen, aus der heraus der Sex-Pol 
»Überschätzung der sexuellen Frage« vorgeworfen und ihre bescheidene Frage: 
»Was geht in den Massen vor« mit dem klugen Vorwurf beantwortet wird: 
»Ja, aber wo bleiben bei Euch die »ökonomischen« Faktoren? Erst kommt die 
Wirtschaft!« 

Man versuche gleichzeitig, in den Zeitungen, Journalen, Büchern, Magazinen, 
Kinos, Theatern, auf den Rummelplätzen, in den Kirchen etc. herauszufinden, wem 
die ideologische Macht überlassen wird. 

Die soziale Revolution wird ausbleiben, wenn nicht zu jedem wirtschaftlichen 
und politischen Artikel ein genauer Bericht darüber verfasst werden wird, wie die 
breite Masse die wirtschaftlichen und politischen Debatten und »Abkommen« erlebt. 



Empfehlenswerte Literatur 

Engels, Friedrich: Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft. 
Lenin : Staat und Revolution. 

— Der »Radikalismus« die Kinderkrankheit des Kommunismus. 
Bauer, Eugen: Oesterreich — eine Lehre für alle. 
Bruun, Laurids: Van Zantens glückliche Zeit. 
Trauen: Die weisse Rose. 
London, Jack: Die eiserne Ferse. 
Ehrenbürg, llja: Bürgerkrieg in Oesterreich. 
Vogt, Johan: Technische Revolution (Norwegisch). 



Eingegangene Schriften 



Böök-Lund, Frederik: Hitlers Deutschland von aussen, (München, Verlag D. W. 

Callwey.) 
Frei, Lothar: Deutschland wohin? (Zürich, Europa-Verlag.) 
— Das Braunbuch, Hakenkreuz gegen Oesterreich. (Wien, Verlag der oester- 

reichischen Staatsdruckerei.) 
Kührenberg, Joachim v.: 14 Jahre 14 Köpfe. (Berlin, Universitas.) 
•Gardiner, Brodersen, Wuser: Nationalsozialismus vom Ausland gesehen. (Berlin, 

Verlag Die Runde.) 



Redaktionelle Bemerkungen 

Berichtigung 

In der ersten Nummer der Z. f. p. P. u. S. veröffentlichten wir auf Seite 63 f. 
«ine Kritik der »Massenpsychologie des Faschismus«. Von einigen Mitgliedern 
■der Internationalen Kommunisten Deutschlands (Trotzkisten) wurde vermutet, 
dass die wortgetreue Veröffentlichung beabsichtigte, den Verfasser der Kritik zu 

165 



Redaktionelle Bemerkungen 

diffamieren. Die Redaktion erklärt ausdrücklich, dass diese Vermutung nicht 
den Tatsachen entspricht. Ferner stellen wir fest, dass verschiedene Fehler 
orthographischer und grammatikalischer Natur gewöhnliche Setzfehler sind. 

Ist die Zeitschrift zu theoretisch? 

Von inigen Lesern wurden wir darauf aufmerksom gemacht, dass die Zeit- 
schrift zu stark theorethisch und zu wenig aktuell sei. Hierauf antworten wir, 
dass es sich gerade um eine theoretische Zeitschrift handelt. Doch geben wir 
zu, dass aus äusseren Gründen die erste Nummer dieses theoretische Gepräge zu 
stark betont hat. Der Meinungstausch zwischen Leser und Redaktion, auf den 
wir grössten Wert legen, wird die Gefahr der »Uebertheoretisierung« beseitigen. 

Berichte dringend erwünscht 

Wir benötigen dringend Berichte über politische, wirtschaftliche und sexual- 
politische Vorgänge. Es kommt nicht darauf an, zusammenfassende Werturteile 
zu liefern. Im Gegenteil. Erwünscht sind uns Tatsachenschilderungen aus 
Betrieben, Familienleben, Jugendorg. etc.; Berichte über Gespräche auf dem 
Markt, bei Zusammenkünften verschiedenster Art und dergl. Aus Berichten 
solcher Art kann man mehr lernen, als aus der stilistisch einwandfreiesten 
Nachricht »über die Stimmung der Arbeiterschaft im Betrieb XYZ«. Höchst 
erwünscht sind auch Zeitungsausschnitte mit Angabe von Titel der Zeitung und 
Erscheinungstag. 

Kritik erbeten 

Zum Ausbau der Zeitschrift benötigen wir kritische Aeusserungen darüber, 
welche Aufsätze schwerverständlich waren bzw. welche Stellen. 

Anleitung für Arbeiterkorrespondenten 

Wir- sind uns klar über die Schwierigkeiten, mit denen unsere Arbeiter- 
korrespondenten zu kämpfen haben. Die Abgehetztheit zwischen Berufs- und 
politischer Arbeit lässt einen nur schwer dazu kommen, sich einmal hinzusetzen 
und einen zusammenhängenden Bericht abzufassen. Dazu kommt die Angst, sich 
durch Absendung eines solchen Berichts zu gefährden. Diese Angst ist in Wirk- 
lichkeit unbegründet: Denn wen könnte es schon gefährden, einen Bericht in 
ein Kuvert ohne Absender zu stecken und in irgend einen — nicht den nächsten 
— Briefkasten zu werfen? Aber hier zeigt sich die Einschüchterung durch den 
Terror, die viele Genossen veranlasst, uns diesen Einwand zu machen. 

Doch manche Genossen mag auch folgende Erwägung abhalten: Ich bin 
politisch nicht geschult genug, um einen »guten« Bericht zu geben. Ich habe 
zu wenig Übersicht, um ein richtiges und objektives Bild der Lage zu geben. 
Ich habe überhaupt nicht die Fähigkeit, für eine Zeitung zu schreiben u. s. w. 

Diesen Genossen möchten wir klar machen: Wir verlangen gar keine 
Berichte über komplizierte wirtschaftliche Zusammenhänge, keine objektiven 
Übersichten, die viel Kenntnisse und Arbeit verlangen. Wir wollen keine jour- 
nalistisch grossartigen Artikel sondern wir wollen nur Beobachtungen, die jeder 
im tächlichen Leben und Kampf machen kann. Dabei interessieren uns — wir 
sind Massenpsychologen — vor allem die Menschen. Uns interessiert also z. B.: 
Was reden die Frauen, wenn sie auf dem Markt einkaufen, worüber schimpfen 
sie im Augenblick am meisten: Über die Margarinepreise oder die täglichen 
Sammlungen der SA? Aber auch: Welche Massnahmen des Hitlerregimes werden 
gelobt, womit schaffen sich die Nazis Sympathien bei den breiten Massen (z. B. 
Winterhilfe, Weihnachtszulage) ? 

Was sind die typischen Argumente der sozialdemokratischen Arbeiter, der 
unpolitischen Arbeiter, der verschiedenen Arten von Kleinbürger, der Bauern 
gegen die Kommunisten? Was hält z. B. die Sozialdemokraten hauptsächlich ab, 
sich anzuschliessen? 

Wie denken die verschiedenen Menschentypen über die Gefahr eines kom- 
menden Krieges? Wer ist innerlich bereit, einen solchen Krieg mitzumachen — 

166 



r 



Anleitung für Arbeiterkorrespondenten 

und wer ist entschieden dagegen? Und wie werden die verschiedenen Stand- 
punkte begründet? 

Wie spiegelt sich die Aussenpolitik der Sowjetunion (Litwinowrede in Genf) 
in der Stimmung der Massen? Wer interessiert sich überhaupt für solche Fragen? 

Und wie verteidigen die heute noch überzeugten Nazis die offensichtlichen 
Misserfolge ihrer Regierung? 

Gebt uns Berichte von Gesprächen, Diskussionen, Beobachtungen ! Doch hier 
werden manche fragen: Wozu das Ganze? Was ich beobachtet und erlebt habe 
ist doch gar nicht typisch. Ich möchte nicht, dass jemand den Schluss daraus 
zieht: So ist es überall. — Diesen Genossen antworten wir: Erst wenn wir 
zahlreiche Berichte gesammelt haben, werden wir uns ein Bild davon machen 
können, was typisch und was nicht typisch ist. Aber erst dann werden wir 
etwas besser verstehn, was tatsächlich in dqn Massen vorgeht. 

Die meisten Berichte aus dem täglichen Leben und aus der politischen 
Kleinarbeit, die in die proletarischen Presse kommen, sind allzu optimistisch. 
Man hat das Gefühl: Die SA ist in voller Zersetzung, die Betriebe in Aufruhr, 
die Sozialdemokraten alle Kommunisten. Doch wir wissen, dass dies in Wirk- 
lichkeit nicht wahr ist, dass noch unendlich viel Arbeit geleistet werden muss, 
ehe es so weit ist, dass man unserer Arbeit nicht nützt sondern schadet, wenn 
man nicht rücksichtslos ausspricht, was ist: dabei natürlich immer die Wider- 
sprüche des faschistischen Systems herausstellt. 

Haben sich unsere Theoretiker jemals die Frage gestellt : Wie denken die 
Massen, die nicht auf unserer Seite sind, wirklich. Was sind die typischen 
Argumente gegen uns? Wir müssen sie systematisch sammeln, unsere eigene 
Politik und Propaganda daraufhin genau überprüfen und unsern Genossen dann 
eine klare Darstellung und die schlagendsten Argumente in die Hand geben. 

Wir zweifeln nicht, dass auch ohne Unterstützung durch Organisation und 
Presse viele Genossen instinktiv gute politische Psychologen sind. 

Aber wir sind die ersten, die die Fragen der politischen Psychologie 
entschieden stellen, die bereits bestimmte Methoden ausgearbeitet haben und die 
durch Verarbeitung der Arbeiterkorrespondenzen den proletarischen Kämpfern 
wertvolle Hilfsmittel in die Hand geben wollen. 

Kein Genosse soll deshalb glauben, dass seine Arbeit, wenn er uns einen 
Bericht schreibt, vergebens sei. Wir werden uns ausserdem bemühen, jedem 
unserer Berichterstatter das Heft der Zeitschrift, in dem sein Bericht verarbeitet 
ist, kostenlos zugehn zu lassen. Er wird dann selbst sehen können, wie wertvoll 
selbst die kleinste Beobachtung in einem bestimmten Zusommenhang werden kann- 

Du sendest Deinen Bericht an: 

Verlag für Sexualpolitik, Kopenhagen, Postbox 827. 



167 



Ende Juli erscheint: 



E. Parell: 

Was ist Klassen bewussfsein? 



Umfang ca. 60 Seiten 



Preis ca. 1.30 dän. Kronen 



Der erste Teil dieser Brochüre ist im 
1. Heft der Z. f. p. P. u. S. erschienen, 
der zweite Teil in verliegende Num- 
mer. Teil drei und vier werden im 3. 
bzw. 4. Hefte abgedruckt werden. 



Im August erscheint: 

Wilhelm Reich: 

Der Einbruch der Sexualmoral 

Zur Geschichte der Sexualökonomie 
Zweite Auflage 

Preis ca. 6. — dänische Kronen 



Verlag für SexUalpolHik Kopenhagen -Prag -Zürich 
Kopenhagen: Postbox 827 Postgirokonto 30302 



168 



Korrektur 

S. 38, Z. 18 v. o., lies: 

Der dialektische Materialist untersucht die Grundlage des Wider- 
spruchs zwischen „Wert" und biologischem Anspruch, indem er 
zunächst mit der Voraussetzung der Metaphysikers bricht, dass 
die Wertwelt wissenschaftlicher Untersuchung unzugänglich sei. 



JDr uck fehler her ichiigung 



Seite 150, Zeile 24 v. o. 

statt: »einzufügen«, lies »kommen«. 

Seite 157, Kolumnenüberschrift 

statt »Sex-Pol-Bewegung«, lies »Psycho- 
analytische Bewegung«. 

Seite 157, Zeile 4 v. u. 

statt: »erwecken das«, lies »erzeugen ein«. 

Seite 158, Kolumnenüberschrift 

statt: »Sex-Pol-Bewegung«, lies »Psycho- 
analytische Bewegung«. 

Seite 158, Zeile 8 v. o. 

statt: »bewusst Angst«, lies »bewusst nie 
Angst«. 

Seite 158, Zeile 29/30 v. o. 

statt: »Verdrängungen und prägenitalen 
Fixierungsstellen«, lies »Verdrängungen, 
prägenitalen Fixierungsstellen und charak- 
terlichen Panzerungen«. 

Seite 158, Zeile 25 v. u. 

statt: »die topischen Momente«, lies »das 
topische Moment«. 



I 



EUROPÄISCHE 
HEFTE 

WOCHENSCHRIFT FÜR POLITIK, KULTUR, WIRTSCHAFT 
GELEITET VON WILLI SCHLAMM 



Die »Europäischen Hefte« stellen sich eine 
doppelte Aufgabe: Unter Mitarbeit der 
führenden Linkspublizisten aller Länder die 
wesentlichen Erscheinungen der internatio- 
nalen Politik, Kultur und Wirtschaft tat- 
sachengemäss und frei von Dogmen dar- 
zustellen; sie wollen zweitens frei von allen 
Parteien, am Versuch des ideologischen und 
politischen Aufbaus einer neuen europäischen 
Linken arbeiten. 



Preis der Einzelnummer: 3.— KC, 2.50 fr. Frcs., 50 Rappen. 
Vierteljahrsabonnement: / 13 Hefte /: 35.— KC, 28— fr. Frcs, 

5.50 schw. Frcs- 



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EUROPÄISCHE HEFTE 

PRAG U VODICKOVA 24 



Wilhelm Reich: Massenpsychologie des Faschismus. 

(Zweite Auflage.) 

brosch Dan. Kr. 8.— 

geb Dan. Kr. 9.— 

„Politiken*«, Kopenhagen, 15. Harz 1934 1 

»Das Buch Massenpsychologie des Faschismus von Wilhelm Reich ist von so 
grandlegender Bedeutung, dass ich nicht versuchen will, seiDen Inhalt hier wieder- 
zugeben oder es in einigen wenigen Sätzen zu kritisieren. Ich will hier nur auf 
seine Existenz aufmerksam machen und es lieh allen denen zur Lektüre 

empfehlen, die sich mit der wichtigen Frag. igen: Wie kann es angestellt 

werden, andere Länder vor der nationalsozialistischen Ansteckung zu bewahren?* 

Georg Gretor. 

Wilhelm Reich: Der Einbruch der Sexualmoral. 

brosch Dan. Kr. 6.35 

geb Dan. Kr. 8.20 

„Zeitschrift für Sozialforschung" i 

»Reich ist einer der wenigen Autoren, die bei der Anwendung der Psychoana- 
lyse auf gesellschaftliche Probleme keine Umbiegun^ ialistische 
vornehmen und damit mehrere Schritte zurück hiu sition von 
Freud tun, sondern die im Gegenteil, auf den Ergi : eudschen Per- 
sonalpsychologie und der Marxschen Soziologie aufbauei n und frucht- 
baren Ergebnissen für Soziologie und Psychologie komm 

Wilhelm Reicht Charakteranalyse Technik und Grundlagen. 

broach Dan.: ■ U.25 

geb Dan. K 12.80 

Aus dem Vorwort« 

»Ich muss bitten, auch jetzt weder Vollkommenheit in der Darstellung der 
aufgeworfenen Probleme noch Vollständigkeit ihrer 'Lö'ung zu erwarten. Wir sind 
auch heute wie vor neun Jahren von einer umfassenden, systematischen psycho- 
analytischen Charakterologie noch weit entfernt. Ich glaube nur, mit dieser Schrift 
die Entfernung um ein erhebliches Stück zu verringern.« 

Wilhelm Reich: Der sexuelle Kampf der Jugend. 

brosch Dan. Kr. 2.45 

geb. Dan. Kr. 4.25 

Neue Lehrerzeitung i 

» Reich (gibt) eine gründliche Analyse der sozialen Wurzeln der Sexualnot 

und zeigt, dass die sexuelle Befreiung nur von einer Änderung des wirtscha liehen 
und politischen Fundaments der Gesellschaft erwartet werden kann. Die Spr che 
des Buches ist volkstümlich, sodass es besonders der proletarischen Jugend 
die es geschrieben ist, als Wegweiser dienen wird. Wir empfehlen es aber darüber 
hinaus allen Lehrern und Erziehern, die eine Einführung in die sexuelle Frage 
von marxistischen Standpunkt aus wünschen.« 



Verleger: Verlag für Sexualpolitik Kopenhagen, Postbox 827 
Verantwortl. f. d. Redaktion i Dr. phil. Martin Ellehauge, Kopenhagen 
Gedruckt bei Universal Trykkerlet - Kopenhagen - Rlgensgade 21.