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Full text of "Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik V 1931 Heft 10"

ZEITSCHRIFT FÜR PSYCHO- 
ANALYTISCHE PÄDAGOGIK 



V. Jahrgang 



Oktober 1931 



Heft 10 



Die Sexualität des Kindes 

und die Neurosen der Erwachsenen 
Von Marie Bonaparte, Paris 1 



Die Verbreitung der Neurosen 

Die Neurose stellt eine weit schwerere Erkrankung dar, als gewöhnlich 
rem breiten Publikum angenommen wird. Ungeachtet dessen, daß sie im 
Charakter und Verhalten der an ihr Erkrankten tiefgehende Schädigungen 
nach sich zieht, war ihre Verbreitung unter den Menschen bis vor kurzem 
der Beobachtung entgangen. In Wahrheit aber handelt es sich bei der 
Neurose nicht um eine seltene Erkrankung, die einige „Narren" befällt 

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„nervös" abtun kann, sondern sie 



die man dann mit Achselzucken als 

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sucht sich ihre Opfer unter uns allen und schädigt sie in wechselndem 
Ausmaß. Man mußte wohl lange und würde zweifelsohne umsonst suchen 
wollte man den Idealtypus an Gesundheit, für den sich so viele Sterbliche 
halten, also einen absolut normalen Menschen, finden. 

Freud hat uns gezeigt, daß die Neurose, was ihre Bedeutung und Ver- 
breitung betrifft, einem Vergleich mit der Tuberkulose standhält. Beide 
und Landplagen, denen alle zivilisierten Menschen von Kindheit an aus- 
gesetzt sind, an denen aber nicht alle zugrunde gehen, ja viele nicht ein- 
mal „praktisch krank sind. Meist heilt das Übel unter Hinterlassung von 
mehr oder weniger bedeutungslosen Narben aus; bei anderen aber kann 
die Erkrankung zu einem chronischen Leiden werden. Wenn die Sterblich- 
keit bei der einen dieser Landplagen auch unvergleichlich geringer ist ah 
bei der anderen, so ist dafür die Zahl der Krankheitsfälle bei der Neuros. 
weit größer. 



L.V A ^ d T ^ ranzösischen Versetzt von Dr. Editha S t e r b a (Wien). _ Französisch 
erschien die Arbert ^ unter dem Titel „De la Prophylaxe infantile des NW.« in der 
„Revue Franchise de Psychanalyse«, Tom. IV, Nr. i. 



Zeitschrift f. psa. Päd., V/io 



369 — 



a£ 










INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIfll 

UNIVERSITY 



DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIB 



Da wir selber sozusagen in einer pathologischen Umgebung im Sinne 
der Neurose leben und selbst mehr oder minder von dem Übel befalle« 
sind, können wir kaum einen rechten Überblick erlangen und nur schwer 
die ganze Tiefe und den ganzen Umfang dieser Erkrankung ermessen. Die 
Grenzen zwischen Neurose und Gesundheit sind fließend, nirgends scharf 
gezogen; wesentliche der Faktoren, die unseren Charakter mit all seinen 
komplizierten Zügen aufbauen, bestimmen in gleicher Weise unsere Neurosen 
und ihre Symptome. Wo dürfte da eine Grenze gezogen werden? Zudem 
haben wir keinen Maßstab, die Anomalien daran zu messen. Nirgends auf 
unserer Erde, weder auf den Inseln Polynesiens noch im Herzen des dunklen 
Afrika, lebt gegenwärtig auch nur ein einziger Mensch, dessen Triebe sich 
so völlig frei entfalten konnten, wie es die Blumen in der Sonne tun. 
Denn der Mensch in seinem ursprünglichen wahren Naturzustand existiert 

nicht mehr. 

Doch ist die vergleichende analytische Untersuchung des Zivümerten 
und Primitiven außerordentlich lehrreich. Freud hat mit seinem Meister- 
werk „Totem und Tabu" den Anfang zu einer solchen Untersuchungsreihe 
gelegt," andere sind ihm auf diesem Wege gefolgt, so in erster Linie Reik 
mit seinen Studien über die Pubertätsriten der Wilden und der Ethnologe 
R 6 h e i m. Aus den Arbeiten dieser Forscher geht hervor, welch tiefgehende 
Analogie zwischen den Menschen aller Rassen und auf allen bekann- 
ten Stufen der Zivilisation besteht. Ebenso wie alle Sterblichen, seien 
sie weißer, schwarzer oder gelber Rasse, die inneren Organe, Leber, 
Herz, Lungen, Gefäße in gleicher Form aufweisen, ebenso hat auch der 
seelische Apparat eine analoge Struktur ungeachtet aller Unterschiede der 
Rasse und der klimatischen Bedingungen. Dieselben Urkomplexe, die glei- 
chen topographischen Verhältnisse der Seele bilden die Grundlage der 
Psychologie eines Hottentotten wie eines Genies etwa vom Range 
Einsteins, wie groß immer die Unterschiede im Überbau sein mögen. 
Unser aller Unbewußtes ist voll von infantilen, primitiven, archaischen 
Zügen- doch klafft ein tiefer Abgrund zwischen den Primitiven und 
uns, wie aus den gewählten Vergleichsobjekten wohl deutlich hervor- 
geht. Man darf diesen Unterschied aber nicht in einer differenten Qualltat 
der verschiedenen Triebreize suchen, also nicht in dem, was das Wesen des 
Verdrängten bildet, sondern vielmehr im verschiedenen Maß des Ausgleichs 
zwischen Verdrängtem und verdrängender Instanz, ganz zu schweigen von 
den Differenzen im intellektuellen Bereich. Der Primitive kennt wohl die 
Tabus, diese ersten Moralvorschriften, die ihm weit strenger als uns den 
Inzest, bestimmte Frauen, den Mord des Häuptlings oder des Totems unter- 
sagen. Aber während seine aggressiven sexuellen Triebe, die wohl starker 
als die unsrigen sind, ein für allemal durch die grausamen Pubertatsriten 
mit all ihren blutigen Verstümmelungshandlungen zurückgedrängt werden, 
sind bei uns die aggressiven und sexuellen Triebe bei jedem einzelnen aut 
unblutige Weise unterdrückt worden, durch ein andauernd geübtes, bar 

— 370 — 



nackiges Verfahren von Kindheit an, durch eine Art von moralischer Kastration 
oder Beschneidung, in der Wirkung nicht minder vollständig und dauer- 
haft. Es sieht jedoch so aus, wie wenn der Mensch die Methoden, die die 
zivilisierte Menschheit anwendet, schwerer ertrüge, obwohl sie scheinbar 
milder sind und seit Jahrhunderten erfolgreich angewendet werden. Es ist 
sicher, daß der Wilde bei Übertretung der Tabuverbote die automatische 
Rache des den Naturkräften innewohnenden Geistes fürchtet, er lebt aber 
im allgemeinen frei und glücklich trotz dieser Angst. Der Zivilisierte da- 
gegen ist moralisch weit mehr aus Respekt vor seinem eigenen Gewissen, 
denn aus äußerer Angst vor dem Gefängnis oder vor dem Galgen. Der 
moderne Freidenker weiß sich sogar davon frei, eine himmlische Bestrafung 
ta fürchten. Aber gerade im Schöße unserer überzivilisierten Gesellschaft 
wütet die Neurose am meisten. Man könnte sagen, daß der Mensch gerade 
den Ersatz der äußeren Gebote — Drohungen des Häuptlings, der Geister 
oder der Götter, der Tabuvorschriften — durch das innere Gebot des 
moralischen Gewissens so schlecht verträgt. Wenn wir uns diese Gebote 
ganz tief introjiziert haben, wenn sie durch die Erziehung infolge einer 
atavistischen Übernähme zu unserem moralischen Gewissen geworden sind, 
statt Drohungen von außen zu bleiben, dann erst scheint ihre tyrannische 
und oft pathogene Macht wirksam zu werden. 



II 

Die infantile Sexualität und ihre Verdrängung 

Wir wollen heute nicht von der Prophylaxe der Psychosen sprechen, die 
wohl von einem organischen, endokrinen, chemischen Vorgang sich ab- 
leiten, der zu tief körperlich veranlagt ist, als daß er durch psychische 
Maßnahmen, seien sie präventiver oder therapeutischer Natur, allein wesent- 
lich beeinflußt werden könnte; ebensowenig wollen wir im allgemeinen von 
der Prophylaxe der jugendlichen Kriminalität handeln, die doch gewisser- 
maßen von der Erziehung direkter abhängig ist. Wir wollen von der 
Prophylaxe der Neurose und höchstens noch von jenem Neurosenanteil 
sprechen, der oft auch beim Kriminellen, Perversen und Irren vorhanden 
ist und dann wohl auch einer therapeutischen oder vorbeugenden Beein- 
flussung sich nicht unzugänglich zeigt. 

* 

Die Neurosen sind, wie Freud lehrt, spezifische Erkrankungen der 
Sexualfunktion; diese erleidet infolge der Lebensbedingungen, unter denen 
der Mensch in unserer Zivilisation heranwächst, schon in der Kindheit 
Schädigungen. 

Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, daß man dem Kind jegliche Sexualität 
abspricht. Man meint, daß der Sexualtrieb erst dann auftrete, wenn die 

— 371 — 



Sexualdrüsen ihren Reifezustand erreichen, und daß vor der Pubertät jede 
Sexualäußerung beim Kind eine zu fürchtende und verwerfliche Anomalie 
darstelle. Das Vorhandensein der infantilen Sexualität ist aber nicht schwer 
feststellbar, es genügt, die so verbreitete infantile Onanie und das eben so 
häufige Interesse des Kindes für die Fragen der Geburt und des Geschlechtes 
der Menschen zu beobachten. Aber es scheint, daß das Vergessen, die reguläre 
Amnesie, die jeder Erwachsene seiner eigenen Kindheit gegenüber aufweist 
die Blindheit für das Verhalten der Nachkommen, also der nächsten Gene- 
ration bedingt. So hat sich der Irrtum, die Illusion von der Unschuld des 
Kindes wie ein Dogma erhalten, an dem zu rütteln lange als Sakrilegium galt. 
Pflegerinnen und Kindermädchen wußten mehr darüber als viele Eltern 
und sogar Ärzte. Es war Freud und der Psychoanalyse vorbehalten, die 
Gesetze zu entdecken, nach denen sich die menschliche Sexualität ent- 
wickelt, und aufzuzeigen, welch mannigfaltige Stufen sie beim Kind durch- 
laufen muß, bis sie zur Sexualität der Erwachsenen aufsteigt. 

Wir wollen mit einer zusammenfassenden Darstellung dieser Entwick- 
lung beginnen und richten uns dabei nach dem Schema, das uns Freud 
in den Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie gegeben hat 1 . Es ist wohl 
überflüssig hier daran zu erinnern, daß diese Gesetze der menschlichen 
Sexualentwicklung von Freud aus sehr umfassenden und tiefschürfenden 
klinischen Beobachtungen abgeleitet wurden, zuerst aus Befunden an er- 
wachsenen Neurotikern, dann aus Beobachtungen an Kindern, welche die 
volle Bestätigung der Befunde an Erwachsenen erbrachten 2 . Alle weiteren 
Beobachtungen durch andere Psychoanalytiker führten zu demselben Er- 
gebnis. 

Das Kind findet gleich nach der Geburt seine Nahrung an der Mutter- 
brust, oft wird freilich diese durch die Brust einer Amme oder durch den 
Gummisauger ersetzt. Aber immer besteht die erste aktive Äußerung darin, 
die Brustwarze zu suchen, daran zu saugen und sich der Lust an der 
warmen Milch, die in seinen kleinen Mund fließt und das Kind ernährt, 
zu erfreuen. Doch bald beginnt das Kind diese beiden Vergnügungen von 
einander zu unterscheiden. Sich ernähren bringt ihm eine Befriedigung, 
Saugen eine andere von anderer Empfindungsart, bereits von erotischer 
Qualität, und deshalb beginnt das Kind nur um der Lust willen an seinem 
Daumen oder an irgend einer anderen Körperstelle zu lutschen. 

Man hat viel gespottet über die orale „Erotik" des Säuglings, die von 
der Psychoanalyse aufgezeigt wurde. Und doch ist ein recht wichtiges 
Überbleibsel davon im Liebesleben der Erwachsenen erhalten geblieben, 
nämlich das Küssen. 

Die Natur hat Sorge dafür getragen, daß die Entwicklung erogener 
Zonen im menschlichen Körper gesichert sei. Diese Zonen bestehen zuerst 

1) Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. Ges. Schriften, Bd. V. 

2) Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben. Ges. Schriften, Bd. VIII. 



- 372 — 



A 



in den wichtigsten Körperöffnungen, mittels deren der Körper mit der 
Außenwelt in Verbindung steht. Im weiteren Verlaufe der ihnen bestimmten 
Entwicklung lehnen sich diese Zonen an andere wichtige Lebensbedürf- 
nisse an. Zuerst ziehen das Nahrungsbedürfnis, später aber auch die 
Exkretionsvorgänge die Erotik an sich. Das Kind gewinnt deutlich Lust am 
Urinieren und Defäzieren; gerade die anale Erotik, die ebenfalls viel ver- 
spottet wurde, ist ein ganzes Kapitel für sich. 

Der Unglaube und die Ironie der Menschen diesen Tatsachen gegenüber 
erscheinen als etwas ganz Natürliches: Denn unsere ganze Kultur erfordert 
eine energische Verdrängung der Analität. Alles, was mit ihr zusammen- 
hängt, scheint dem Kulturmenschen im höchsten Grade ekelhaft. Daher 
muß der Erwachsene, wenn ihm die Psychoanalyse aufdeckt, wie sehr ihn 
seinerzeit das Anale interessierte, sich _ darüber lustig machen, um sich so 
dagegen zu verteidigen. Auf diese Weise kann er nämlich die Illusion 
seiner Überlegenheit in diesen Dingen am besten aufrechterhalten. 

Genau so wie die Periode der Oralerotik in zwei Phasen zerfällt, in die 
des bloßen Saugens und die „kannibalische", in welcher der Säugling, der 
zu zahnen beginnt, ebenso die ernährende Brust zu beißen wie an ihr zu 
saugen versucht, hat auch die Analerotik zwei Phasen aufzuweisen. In der 
ersten Phase schwelgt das Kind ungehindert in seiner Exkretion, in der 
zweiten lernt es unter dem . Einfluß der ersten Moralgebote, der der 
Sphinktermoral (Ferenczi), seine Faeces, auch wenn es unzweckmäßig ist, 
zurückzuhalten, um seinen Erziehern durch Vorenthaltung des ersten 
„Geschenkes" Trotz zu bieten, und verschafft sich dabei auch noch größere 
Lust bei der Entleerung konsistenterer Stuhlmassen. 

Zur Zeit dieser analen Periode wird auch die muskuläre Aktivität des 
Kindes und mit ihr seine Aggression manifest, es entfaltet sich der kind- 
liche Sadismus, dessen Aufdeckung und Würdigung zur richtigen Benen- 
nung dieser Phase als der „anal-sadistischen" führte. 

Wir dürfen uns aber nicht etwa vorstellen, daß die menschliche „Libido", 
deren erste Kundgebungen wir eben geschildert haben, in ihrer primitiven 
Form ausschließlich nur an diese zwei erogenen Zonen der beiden Öffnungen 
des Verdauungstraktes gebunden wäre. Die „Libido", deren Wesen uns un- 
bekannt ist und die wir nur aus ihren Manifestationen kennen, tritt viel 
eher als eine Reizspannung im ganzen Organismus in Erscheinung, so daß 
ihr Gebiet so weit reicht wie unserevletzten Nervenfasern. Sie scheint vom 
ganzen Nervensystem getragen, dessen Urform schon so frühzeitig im 
Embryo in Gestalt des primitiven Nervenrohres vorhanden ist. Die Libido 
versucht von Anbeginn an, sich an Erregungen, „Zärtlichkeiten" zu be- 
friedigen, die mehr oder weniger diffus und mannigfaltig von der Außen- 
welt gefordert werden. Sogar unsere inneren Organe können mit „Libido" 
mehr oder minder besetzt werden, wie es die Konversionssymptome der 
Hysterischen und Hypochonder zeigen. Die „Libido" verläßt und besetzt 
neuerdings jeden Teil unseres Körpers, der in seiner Gänze ihr Reservoir 

— 373 — 



bildet. Man muß sich davor hüten, wie es allgemein geschieht, genital und 
sexuell zu verwechseln. Sexuell ist der bedeutend weitere Begriff, der die ganze 
im Körper verbreitete Sinnlichkeit und ihr Streben nach Befriedigung um- 
faßt. Genital nennen wir den bereits unter dem Primat der Genitalzone zum 
Zwecke der Fortpflanzung zusammengefaßten Trieb, wie wir ihn später 
beim erwachsenen Individuum finden. Das kleine Kind besitzt noch keine 
„Genitalität", aber es ist von Geburt an den verschiedenen sexuellen Trieb- 
reizen unterworfen, die es die prägenitalen Phasen, die orale und anale, 
erleben lassen, wie wir es eben besprochen haben. 

Doch hat auch die Genitalität selbst beim Kind von der Wiege an eine 
Vorstufe, denn es geschieht bereits frühzeitig ein für die Zukunft bedeutungs- 
volles Ereignis. Das Kind entdeckt beim Spielen an seinem eigenen Körper, 
das es in dieser Periode des Autoerotismus regelmäßig übt, oder aber 
bei der Körperpflege, die ihm zuteil werden muß, seine phallische 
Zone, die von allen Zonen von Natur aus die größte Erogenität aufweist, 
und auf die es durch die Funktion des Urinierens schon aufmerksam ge- 
worden ist. Beim kleinen Mädchen ist die Klitoris nicht weit von der 
Harnröhrenöffnung entfernt, so daß das Kind darauf aufmerksam werden 
muß, und da es, wie jedes Lebewesen im Naturzustand, unter der Herr- 
tchaft des Lustprinzips steht, wiederholt es dann diese Berührungen, die 
ihm so großes Vergnügen bereitet haben, und findet seine Lust daran. So 
entsteht die infantile Masturbation. 

Diese erste Masturbation kommt bei jedem Säugling ohne Bücksicht 
auf seinen Kräftezustand vor, mag sie auch das eine Mal früher, das andere 
Mal später auftreten. Sie wird nur vom Erwachsenen nicht immer beob- 
achtet. Man darf sich der Erkenntnis nicht verschließen, daß ebenso wie 
die Spiele der Kjnder eine Vorbereitung für die Tätigkeit der Erwachsenen 
sind, auch die infantile Masturbation ein wichtiges Vorspiel für das Sexual- 
leben des fertigen Menschen darstellt. Es scheint ihre Aufgabe zu sein, die 
endliche Gruppierung der Partialtriebe der „Libido" unter dem Primat der 
Genitalzone vorzubereiten und sie dadurch instand zu setzen, der Fort- 
pflanzung dienstbar zu sein. Die Masturbation des Säuglings bildet den 
ersten Schritt auf diesem Wege. 

Bei dieser Masturbation gibt es wohl noch keinen Orgasmus, der sich 
mit dem eines Erwachsenen oder selbst eines älteren Kindes vergleichen 
ließe. Sie hat wohl auch zweifellos kein Phantasieobjekt, und das Kind 
befindet sich noch in der Phase des Autoerotismus. 

Im allgemeinen verschwindet diese Masturbation nach kurzer Zeit von 
selbst. Aber in den Jahren der Kindheit, gewöhnlich vor Erreichung des 
dritten odeT vierten Lebensjahres, tritt die Masturbation wieder auf., und 
zwar mit erhöhter psychischer und biologischer Bedeutung. 

Diese zweite Periode der infantilen Masturbation ist von größter Wichtig- 
keit für die Charakterbildung des Individuums, aber auch für die eventuelle 
Entstehung der Neurose. Die Art, wie sie auftritt, sich entwickelt und ver- 



374 



sehwindet, bleibt nie ohne Folgen und prägt der Persönlichkeit des Menschen 
unauslöschliche Züge ein. Denn das Kind hat zu dieser Zeit die Phase des 
Autoerotismus, in der seine Sexualität noch objektlos, diffus zerstreut war, 
verlassen und befindet sich auch nicht mehr im Stadium des primären 
Narzißmus, in dem der gesamte eigene Körper das erste Liebesobjekt ist. 

Das Kind kann zu jener zweiten Masturbationsperiode durch eine zen- 
trale Erregung, die von innen und von selbst kommt, angeregt werden, 
oder es wird durch eine Person, durch einen Erwachsenen, öfter noch 
durch ein anderes Kind dazu verführt. Daraufhin entwickelt sich das, was 
Freud treffend als phallische Periode der infantilen Sexualität bezeich- 
net, wobei für diese Phase der erotische Akzent beim kleinen Jungen am 
Penis, beim Mädchen auf der Klitoris ruht, die vom embryologischen 
Standpunkt aus einen Penis im Kleinen darstellt. Die phallische Phase der 
infantilen Sexualität bildet die Vorbereitung für die eigentliche genitale 
Phase, die als Einleitung der Sexualität der Erwachsenen in der Pubertät 
sich konstituieren soll. 

Da aber die infantile Körperbeschaffenheit einer normalen Sexualbeziehung 
noch nicht fähig ist, bringt die Verführung des Kindes, wenn eine solche vor- 
kommt, trotz der phallischen Vorherrschaft, die das Charakteristikum dieser 
Epoche bilden sollte, die Gefahr einer Fixierung an die eine oder andere 
Perversion mit sich. Beim Kind gibt es weder Scham noch Eitel, es empfängt 
seine Moralbegriffe nur von außen, es ist polymorph -pervers, wie 
Freud es ohne irgendein Werturteil bezeichnet. Die Partialtriebe 
der Libido, die dazu bestimmt sind, sich später in der Pubertät unter 
dem Primat der Genitalzone zu sammeln, können beim Kind noch, 
jeder für sich, als eine selbständige Sexualstrebung sich äußern. So kann 
das Kind, je, nachdem der eine oder andere Partialtrieb von einem äußeren 
Faktor begünstigt wird, zu einem kleinen Exhibitionisten, Voyeur, Sadisten, 
Masochisten werden, letzteres z. B. wenn sein Verführer oder seine Ver- 
führerin großen Gefallen daran findet, es zu schlagen. Es kann dann auch 
späterhin in dieser Perversion verbleiben. Aber meist geht die Entwicklung 
der Sexualität trotz der verschiedenen Arten der Verführung den vorge- 
schriebenen Weg. 

Während die Wahl des ersten Liebesobjekts ohne Rücksicht auf dessen 
Geschlecht erfolgte, wofern nur das Kind bei diesem ersten Objekt Be- 
friedigung seiner ersten Bedürfnisse und Schutz fand, so daß das erste 
Liebesobjekt für Knabe wie für Mädchen immer die Mutter oder die Amme 
war, beginnt bei der Entfaltung der zweiten Periode der infantilen Sexualität 
das Geschlecht des Objektes bei der Liebeswahl eine Rolle zu spielen. 

Wir meinen hier den Ödipuskomplex, den jedes Kind durchzumachen 
bat, und der seinen Höhepunkt ungefähr um das fünfte Lebensjahr erreicht. 
Der Knabe fühlt sich zur Mutter als erstem großen Liebesobjekt hinge- 
zogen, er strebt dabei nicht nur nach zärtlicher Liebe, sondern verlangt auch 
Befriedigung jener sexuellen Strebungen, die den Körper der Mutter zum 



375 — 



Objekt haben: er möchte ihre Geschlechtsteile sehen, sie berühren, sich 
an die Mutter anschmiegen und von ihr sogar den kindlichen Orgasmus 
erleben. Daher wünscht er den Vater, seinen Rivalen bei der Mutter, fort, tot 
was für das Kind mit „weg" identisch ist, obwohl es den Vater dabei gleich- 
zeitig gerne hat. Daraus ergeben sich die ersten großen Gefühlskonflikte 

Aber alle diese Begierden darf das Kind nicht in der Wirklichkeit be- 
friedigen, es darf nur wünschen. Das Kind ist also darauf angewiesen, alle 
seine erotischen Wünsche bei der Mutter, die diese, so sehr sie sie auch 
gegen ihren Willen begünstigt, doch letzten Endes zurückweisen muß 
wenn sie zu eindeutig werden, — in Phantasien zu befriedigen, wobei 
diese Phantasien seine aktive Masturbation begleiten. Darum ist auch diese 
zweite Periode der infantilen Masturbation von solcher Bedeutung; in der 
Onanie dieser Periode gipfelt die ganze Sexualität des kleinen menschlichen 
Wesens, sie umfaßt alle seine Gefühle und Empfindungen. ■ Man hat sehr 
richtig bemerkt, daß die infantile Masturbation der Exekutor der gesamten 
Sexualität des Kindes ist. Daher sind auch unsere Erzieher, deren mehr 
minder bewußte Absicht es ist, Kinder heranzuziehen, die später dem Leben 
und der Gesellschaft angepaßt sind, von einem säkularen Instinkt ge- 
leitet, wenn sie, sobald sie die infantile Masturbation entdecken, mit allen 
Mitteln versuchen, sie völlig zu unterdrücken. Sie treffen damit die gesamte 
Sexualität des Kindes, bringen aber leider oft auch einen großen Teil der 
Sexualität des Erwachsenen für die Zukunft damit zur Verkümmerung. 
Der Inzest muß so in jeder Generation wieder unterdrückt und die Sexualität, 
der wildeste unserer Triebe, neuerlich gezähmt werden. Die Erzieher neh- 
men nun, um dieses Ziel zu erreichen, das ihnen gewiß selbst nicht ganz 
deutlich vor Augen schwebt, zu „rationellen , pseudo-hygienischen Drohun- 
gen ihre Zuflucht, in Ermangelung der alten Drohungen der Religion, die 
die „Unkeuschheit" verfolgt, oder wie Kant 1 sagte, dieses „Laster", das 
schmachvoller als der Selbstmord ist. So wirkte sich zunächst für das Kind 
der Fortschritt der Wissenschaft dahin aus, daß die infantile Onanie weiter- 
hin als das große Laster angesehen wurde, vor dem das normale Kind ver- 
schont bleiben sollte, dem nur das lasterhafte verfallen sei, und das die 
körperliche Entwicklung gefährde; ein onanierendes Kind werde an schlech- 
ter Verdauung leiden, lungenkrank werden, verblöden, sein Gedächtnis, 
Verstand und Vernunft verlieren. So lauteten unter anderem die unheil- 
vollen Drohungen, die der kleine Masturbant noch vor kurzem zu hören 
bekam, wenn man sein Laster . entdeckte. Man nahm auch Zuflucht zu 
körperlichen Züchtigungen, die bisweilen an die mittelalterliche Folter er- 
innern, so, wenn das Kind gezwungen wurde, mit den Händen an die 
Stäbe des Gitterbetts angebunden zu schlafen. 

Heute hat sich die ärztliche Einstellung gegenüber der infantilen Onanie 
bereits bedeutend geändert, und die Ärzte sind es heute, die die Eltern 



aufklären. Die Zahl der unaufgeklärten Beichtväter und Eltern aber ist 
noch immer Legion. 

Die hauptsächlichste Drohung, die man vorbringt, um den Kleinen einzu- 
schüchtern, nimmt auf sein Glied selbst Bezug. „Man wird es dir abschnei- 
den", so lautet diese Drohung, oder die Mutter stellt in unserer Zeit der 
Bazillenfurcht als moderne Abschwächung der Kastration die Gefahr einer In- 
fektion in Aussicht, die die Berührung des Gliedes nach sich ziehen könnte. Sie 
ghubt dabei noch mit besonderem Zartgefühl zu Werke gegangen zu sein. 
Doch selbst durch diese abgeschwächte Kastrationsdrohung wird im Kind 
die große archaische Angst erweckt, die vom fernsten Vorfahren her auf 
uns vererbt ist, Vorfahren, welche vielleicht einmal wirklich die Jungen 
zur Strafe für ihre Inzestversuche kastrierten. Der Urvater der primitiven 
Horde hatte wohl kein Bedenken, seine Söhne, wenn sie seine Weibchen, 
für diese also die Mutter oder Schwester, begehrten, zu entmannen, und 
• die Söhne andererseits, wenn sie dazukamen, zahlten es ihm mit gleicher 
Münze zurück, wie die Sage von Kronos es andeutet. Vor dieser alten 
Strafe, die als Abschreckungsmittel noch heute, wenn auch in abgeschwäch- 
ter Form, als Beschneidung bei vielen primitiven Völkern erhalten ist, und 
die als solche auch noch unter uns zivilisierten Menschen an den Kindern 
jenes auserwählten Volkes vollzogen wird, das Titus über die ganze Erd- 
oberfläche verstreut hat und das so zahlreiche Vorposten für unsere Kultur 
hervorgebracht hat, — vor dieser Strafe, hat auch heute noch jeder kleine 
Junge Angst. 

Das männliche Kind glaubt übrigens anfangs, daß alle menschlichen 
Individuen ein männliches Glied besäßen, also auch seine Mutter ebenso 
wie die anderen Frauen. Erst wenn es z. B. am Körper einer kleinen Schwester 
das Fehlen des Penis wahrnimmt, beginnt es an die Möglichkeit der 
Kastration zu glauben, und auch das erfolgt nicht sofort, denn die Kastration 
erscheint so schrecklich, daß es zuerst sagt oder glaubt, das „Glied" des 
kleinen Mädchens werde noch wachsen. Der Geschlechtsunterschied wird 
erst dann völlig anerkannt, wenn der kleine Junge endlich die Kastration 
der Frau als unabänderliche Tatsache akzeptiert hat, womit er nicht selten 
gleichzeitig eine Verachtung für das ganze weibliche Geschlecht erwirbt. 
Dem kleinen Mädchen war der Unterschied der Geschlechter ebenfalls 
nicht von Anfang an bekannt. Es glaubt, daß alle Menschen so wie es 
selbst gebaut seien. Wenn es dann wahrnimmt, welche körperlichen Vor- 
teile der kleine Junge ihr gegenüber besitzt, bleibt ihr nichts mehr als die 
Hoffnung auf ihr eigenes, kleines phallisches Gebilde: die Klitoris. Sie 
beginnt dann zu hoffen, daß diese wachsen werde. Und wenn das kleine 
Mädchen schließlich anerkennen muß, daß es unabänderlich geschädigt ist, 
entsteht häufig jene so verbreitete vage Melancholie, die man als „Penis- 
trauer" bezeichnen könnte, und die oft für das ganze weitere Leben ein 
unüberwindbares Gefühl der Minderwertigkeit nach sich zieht. An Affekt- 
betonung steht dieses Minderwertigkeitsgefühl in nichts der tiefen Ver- 



377 — 



achtung nach, die der Mann im Unbewußten so häufig der Frau gegen- 
über hat. 

Von da aus faßt auch im Kinderherz der „Penisneid" und „Männlich- 
keitskomplex" Wurzel, der beim kleinen Mädchen und später bei der Frau 
so viele Reaktionen entstehen läßt, die das kompensieren sollen, was ihr 
fehlt, und sie wenigstens in allem übrigen dem Knaben oder Mann gleich- 
werden lassen sollen. Wenn jedoch die weibliche Sexualentwicklung beim 
kleinen Mädchen normal vor sich geht, tritt bald der Kinderwunsch an 
Steile des Penisneides. Die Natur hat es ja so eingerichtet, daß im Körper 
der Frau an Stelle des Penis etwas anderes wachsen wird; das kleine 
Mädchen beginnt also, indem es Puppe spielt, die Mutterschaft sehnsüch- 
tig zu erwarten, je nachdem, in welchem Maße seine Weiblichkeit die 
vorhandene latente „Männlichkeit" überwiegt. 

Immer beendet der von Freud so benannte Kastratipnskomplex 
die zweite Phase der infantilen Masturbation, wenn sie überhaupt ein 
Ende nimmt. Beim kleinen Mädchen vollzieht sich das unter dem Ein- 
fluß verschiedener Drohungen und der Enttäuschung, daß die Klitoris 
so klein bleibt; beim Knaben unter dem Einfluß der Angst, sein Glied zu 
gefährden. 

Wohl den Kindern, die diese Periode durchleben, ohne daß ihre Onanie 
dank der Blindheit und infantilen Amnesie ihrer Eltern oder dank der 
Nachlässigkeit ihrer Pflegepersonen entdeckt wurde! Sie entgehen der direk- 
ten Einschüchterung, werden später weniger ängstlich und weniger neurotisch 
als andere sein. 

Aber selbst diesen Kindern bleibt die Kastrationsdrohung nicht erspart. 
Es scheint im Menschen etwas gelegen zu sein, das bereit ist, auf die 
Kastrationsdrohung, mag sie auch noch so andeutungsweise erfolgt sein, 
anzusprechen, und das Kind bezieht diese Eigentümlichkeit gewiß aus 
seinem Vererbungsmaterial. Daher gibt es bei uns sehr wenig Kinder, für 
die nicht die Onanie den Inbegriff der „Sünde ' und die Tat, von der 
jedes Schuldgefühl sich ableitet, bedeutete. Außerdem sind die Gespenster 
des Ödipuskomplexes an die Onanie geknüpft, und Freud hat sehr rich- 
tig den Ödipuskomplex als die Erbsünde der Menschheit erkannt. Der 
Kampf um die Abgewöhnung der Onanie vollzieht sich andererseits nicht 
bei allen Kindern in derselben Form. Solche, deren Triebimpulse besonders 
intensiv sind, setzen trotz der ärgsten Drohungen der Erzieher die Mastur- 
bation die ganze Kindheit hindurch fort, von der Wiege bis zur Mannbar- 
werdung. Daraus entstehen oft jene triebstarken Charaktere, unbändig, 
trotzig, denen es so schwer fällt, sich an die Forderungen der Gesell- 
schaft anzupassen. 

Für gewöhnlich hört aber ungefähr vom sechsten Lebensjahre an die aktive 
Periode der infantilen Masturbation und Sexualität auf, wie wenn sie von selbst 
verlöschte. Man könnte meinen, daß die sexuelle Entwicklung des Kindes vor- 
gezeichnet ist. wohl durch eine lange atavistische Vergangenheit, und daß 

— 378 — 



die Erzieher sozusagen nur die bereits vorhandene Skizze nachzuzeichnen 
haben. Das Kind tritt nun in die Latenzperiode ein, wie sie von 
uns genannt wird. Seih Interesse an den sexuellen Dingen flaut ab. Alles, 
was mit der Sexualität zusammenhängt und was früher sein heftiges lust- 
betontes Interesse fand, beginnt ihm jetzt zu mißfallen, ja es beginnt sogar 
unter dem Einflüsse dieses Abscheus seine eigene Periode infantiler Sexualität 
zu vergessen. In der Folge wird bald die ganze erste Kindheit, in der ihm 
doch seine geistige Beweglichkeit gestattete, sprechen zu lernen und so 
viele Kenntnisse zu erwerben, von einer Amnesie betroffen werden, die es 
sein Leben lang behalten wird. Übrigens erfährt oft auch die Intelligenz 
des Kindes beim Eintritt in die Latenzperiode dieselbe Unterdrückung wie 
die Sexualität. Das Kind, früher lebhaft und aufgeweckt, wird jetzt schwer- 
fällig, verschlafen und faul. Die Verdrängung war dann zweifellos zu ge- 
waltsam und hat die intellektuellen Fähigkeiten mitgerissen. Doch ist die 
Latenzperiode trotzdem bei den Kulturvölkern jene atavistisch und biologisch 
vorgezeichnete Phase, die von den Erziehern gewissermaßen nur schärfer 
betont wird, in der die Reaktionsbildungen — Ekel, Scham, Mitleid, Ästhetik, 
Moral — aufgerichtet werden. Manchmal zu weitgehend; daraus entsteht 
der Keim der Neurose. Aber diese Reaktionsbildungen selbst sind nötig, 
soll ■ das primitive Kind zum zivilisierten Erwachsenen werden. 

In der Latenzperiode bilden sich auch die „Sublimierungen" der Triebe 
aus. Denn aus unseren verdrängten und zielgehemmten sexuellen Trieben, 
die beim Menschen mächtiger sind- als bei jedem anderen Lebewesen, 
werden unsere besten sozialen und intellektuellen Kräfte. Daher fällt auch 
in die Latenzperiode die erste Schulzeit, in der auch die verschiedenen Be- 
gabungen des Kindes sich zu zeigen beginnen. Zu diesem Zeitpunkt kann 
man bereits die Entstehung der großen Unterschiede in der Fähigkeit zur 
Triebsublimierung bei den einzelnen Individuen wahrnehmen. 

Ebenso wie der Trieb bei den verschiedenen Individuen verschieden 
stark ist und sich dementsprechend^nebr oder weniger hemmen läßt, ebenso 
ist auch die Sublimierungsfähigkeit verschieden groß. Starke Triebe bei einer 
schwachen Sublimierungsfähigkeit machen ein Individuum, wenn die Ver- 
drängung erfolglos bleibt, asozial. Hingegen erzeugen starke Triebe, heftig 
verdrängt, wenn die Sublimierungsfähigkeit schwach ist, später schwere 
Neurosen. Denn die Triebenergien müssen irgendwo untergebracht werden 
und kommen dann in den neurotischen Symptomen zum Ausdruck. 



Wir haben ein intellektuelles Phänomen noch nicht erwähnt, das immer 
mit der Hochblüte der Sexualität beim Kind auftritt, nämlich die infan- 
tile S ex u al f or s ch u n g. 

Die Neugier des Kindes in dieser Hinsicht entsteht ungefähr um das 
dritte Lebensjahr herum. Das kleine Kind fühlt gewaltige Erregungen in 



— 379 



sich, es ist, was man nicht vergessen darf, oft Zeuge der sexuellen Hand- 
lungen der Erwachsenen gewesen, die sich nicht genug vor dem „unschul- 
digen" Kinde hüten; es hat den Geschlechtsunterschied wahrgenommen 
ohne ihn noch zu verstehen und zuzugeben, endlich bringt ihm die 
Geburt eines Bruders oder einer Schwester oft einen wenig erwünschten 
Rivalen in der Liebe der Eltern und stellt es damit vor ein lebenswich- 
tiges Problem, das der Geburt. Das Rätsel, das die Sphinx dem jungen 
Ödipus aufgab, war kein anderes als dieses. 

Das Kind beginnt sich also zu fragen, was dies alles zu bedeuten habe- 
wenn seine Erzieher es in sexueller Hinsicht nicht zu sehr eingeschüchtert 
haben, wird es vielleicht in seinem Wissensdrang einige direkte Fragen 
stellen. Aber sehr oft traut es sich nicht zu fragen, oder es weiß selbst 
nicht, was es bedrückt, und statt die einzige für ihn wichtige Frage zu 
stellen, „verschiebt" es diesen Fragewunsch, wie wir sagen, auf andere 
Gebiete und stellt unzählige Fragen über alle nur erdenklichen Dinge 
wobei diese Fragerei kein Ende nimmt und für die Erwachsenen eine 
Plage werden kann. 

Wenn die Neugier des Kindes dort, worauf sie wirklich gerichtet ist 
befriedigt würde, hörte dieses unaufhörliche Fragen bald auf. Aber die 
Erzieher wissen das nicht und schicken das Kind „spazieren", wenn es 
ihnen zu sehr zusetzt. Die unersättliche Neugier des Kindes aber bleibt 
ungestillt. 

Wenn das Kind eine der brennenden Fragen stellt, die es bedrängen, ist 
die Reaktion der Erzieher darauf oft noch unheilvoller. Der Erwachsene lügt 
das Kind dann an. Die Kinder werden vom Storch gebracht, im Krautkopf 
gefunden, auf dem Markt gekauft, so heißt es je nach den verschiedenen 
Ländern. Das Kind hört meistens die Märchen ohne Widerrede an, glaubt 
aber in seinem Innern nicht wirklich daran. Und sein Vertrauen in die 
Aufrichtigkeit und Wahrheitsliebe der Erwachsenen ist von diesem Tage 
an erschüttert; es wird ihnen nie verzeihen, daß sie es in so wesentlichen 
Dingen betrogen haben. 

Übrigens bildet sich das Kind selbst Theorien über die Sexualvorgänge. 
Wir erfahren solche Theorien entweder aus direkten Aussagen der Kinder 
•oder von Erwachsenen, die sich daran erinnern, sie gehabt zu haben, oder 
aus den Analysen von Neurotikern oder Normalen; in der Analyse können 
nämlich diese von den Erwachsenen vergessenen infantilen Sexualtheorien 
wieder zutage gefördert werden. 

Am verbreitetsten ist wohl jene Theorie, die die Befruchtung und Ge- 
burt auf den Verdauungsakt bezieht. So ißt z. B. die Königin im Märchen 
von einer bestimmten Frucht und setzt dann einige Zeit danach ein Kind 
in die Welt. Das Kind stellt sich dabei vor, daß die Geburt durch den 
After erfolgt. Ein anderes Mal wird wieder der Nabel oder die Brust der 
Mutter als Ort der Kinderherkunft betrachtet. Die kindlichen Sexual- 
theorien können sehr verschieden sein. Die Befruchtung wird oft so vor- 



380 — 



gestellt, daß der Mann die Frau anuriniere oder daß er seinen Urin oder 
seine Exkremente mit den ihren vermenge. Auf jeden Fall fehlt dem Kind 
die Kenntnis der beiden wichtigsten Tatsachen der Fortpflanzung, ohne 
die das quälende Problem nicht gelöst werden kann; es weiß nichts vom 
Vorhandensein von Sperma und Vagina, von den beiden Dingen also, die 
in seiner Sexualorganisation noch keine Rolle spielen. 

Wenn das Kind Zeuge des Sexualakts des Erwachsenen war, faßt es ihn 
neist als gewalttätigen, unerlaubten Angriff von Seiten des Mannes auf;, 
wir nennen dies die sadistische Auffassung des Koitus. Das Kind 
stellt sich meist vor, daß das Glied dabei in den Anus eingeführt wird. 
Wenn solche beobachtete Szenen im Leben des Kindes eine große Rolle 
spielen, sind sie geeignet, eine Fixierung auf der sadistisch-analen Stufe 
zu veranlassen. Die Erwachsenen, irregeleitet durch die Illusion von der 
Unschuld des Kindes, geben sich keine Rechenschaft darüber, wie leiden- 
schaftlich sich das Kind für ein derartiges Schauspiel interessiert, durch 
das sein ganzes keimendes Triebleben einen mächtigen Anstoß erhält. 

Aber mit dem Auftreten der Latenzperiode, also gleichzeitig mit dem Auf- 
hören der zweiten Phase der infantilen Masturbation und zugleich mit dem 
Untergang des Ödipuskomplexes durch den Kastrationskomplex wird auch 
die infantile Sexualforschung aufgegeben. Weil die Erwachsenen geschwiegen 
oder gelogen haben und das Kind das Vorhandensein von Sperma und 
Vagina nicht allein entdecken kann, gibt es die ersten großen Probleme 
auf, die ihm die Natur gestellt hat, ohne daß es sie zu einer befriedigen- 
den Lösung gebracht hätte. Ein Gefühl des Unterlegenseins, der Unfähig- 
keit in intellektueller Hinsicht bleibt davon oft fürs ganze Leben zurück. 
Darum kann wohl über die Art, wie man der infantilen Sexualforschung 
begegnen soll, kein Zweifel bestehen, während man über die Art der Behand- 
lung der aktiven Sexualäußerungen des Kindes, der Masturbation, verschiedener 
Meinung sein und milde Maßnahmen anwenden kann. Die Sexualforschung 
schließt ja die große intellektuelle Aktivität des Kindes in sich; sie ist der 
Prototyp der späteren intellektuellen Fähigkeit des Erwachsenen, und die 
Kulturmenschen sollten niemals' die Intelligenzäußerungen unterdrücken. 
Denn von der Intelligenz werden die Naturkräfte in und außer uns be- 
herrscht, und man sollte daher wissen, daß man nicht früh genug die im 
kleinen Menschenwesen erwachende intellektuelle Kraft wecken kann. Und 
wenn wir unseren Kindern in diesen wichtigen Dingen die Wahrheit nicht 
verhehlen, sobald sie uns darum fragen, wird jener schmerzlichen und 
traurig-einsamen Forschung des Kindes ein Ende gesetzt, durch die so viele 
seiner gegenwärtigen Kräfte sich verbrauchen und so viele seiner zukünf- 
tigen brachgelegt werden. 



381 



M 

Die Sexualität der Erwachsenen und ihre Schädigungen 

Das Herannahen der Pubertät läßt die in der Latenzperiode mehr minder 
schlummernde Sexualität wieder erwachen. Die Sexualforschung lebt wieder 
auf, oft auch wieder die Onanie. Unter dem Einfluß der Reifung der Ge- 
schlechtsdrüsen bereitet sich die endgültige Gestaltung der Sexualität vor, 
wie wir sie am Erwachsenen finden. Nunmehr, in der Pubertät, macht 
sich die infantile Sexualperiode, ihr Verlauf und die Form ihrer Beendigung 
voll geltend. Ebenso wie die Zeichnungen oder Buchstaben, die die Kinder 
dem kleinen Bäumchen einritzen, später vergrößert auf dem inzwischen groß 
gewordenen Baum sich finden, treten jetzt die Eindrücke und Verletzungen 
des kindlichen Lebens verstärkt in Erscheinung. Charakter und Neurose 
der Erwachsenen beziehen von dort her ihre Gestaltung. 

„Wegen der gegensätzlichen Beziehung zwischen Kultur und freier Sexual- 
entwicklung, deren Folgen weit in die Gestaltung unseres Lebens verfolgt 
werden können, ist es auf niedriger Kultur- und Gesellschaftsstufe so wenig, 
auf höherer so sehr fürs spätere Leben bedeutsam, wie das sexuelle Leben 
des Kindes verlaufen ist . 

Denn die Aufgaben der Pubertät, die zerstreuten Partialtriebe unter dem 
Primat der Genitalzone zu vereinigen und ein Liebesobjekt zu wählen, — 
Aufgaben, die an und für sich schwer sind und von der Natur nicht immer 
zur rechten Zeit gelöst werden, — erfahren noch eine beträchtliche Er- 
schwerung durch die zahllosen Irrtümer der ersten Erziehung in unserer 
Zivilisation. 

Zu diesem Zeitpunkt muß jeder Partial trieb der Libido seine autonome 
Existenz aufgeben, jede prägenitale Strebung muß ein höheres Prinzip, 
nämlich die Genitalität anerkennen. Die Partialstrebungen dürfen nur mehr 
im Dienste der Vorlust Verwendung finden: im Anblick, in der zärt- 
lichen Berührung des Objekts, im Kuß; sie müssen die Endlust vor- 
bereiten, die eng mit dem Vollzug des Sexualaktes selbst verknüpft ist, 
also mit der Entladung der Geschlechtsprodukte beim Mann und mit 
der libidinösen Spannung beim Weibe. Die Möglichkeit eines sexuellen 
Orgasmus scheint übrigens viel früher vorhanden zu sein, sie geht in der 
Re^el sogar um vieles der Reife der Geschlechtsdrüsen voraus, so beim 
Manne den ersten Pollutionen. Der Orgasmus äußert sich dann ähnlich 
wie beim Mädchen in der Klitorisperiode der Vorpubertät. In der Pubertät 
nehmen die Sensationen freilich beträchtlich an Intensität zu. 

Schon das phallische Organisationsstadium der Libido in der Kindheit, 
das auch das des Ödipuskomplexes ist, hatte eine, wenn auch unvollständige 
Sammlung der Komponenten der Libido versucht. Im jetzigen Zeitpunkt 
muß diese Unterordnung gelingen, soll es nicht zu einer Anomalie im 



Sexualleben des Erwachsenen kommen: zur Perversion oder Neurose. Und ira 
psychischen Lehen des Jünglings und des reifenden Mädchens findet eine 
ebenso große Umwälzung statt, die sich auf die Qbjektwahl bezieht. Sie ist 
von großer Bedeutung. Wenn auch die Liebesbeziehungen der Kindheit 
zu Eltern, Erziehern, Brüdern oder Schwestern durch die Pubertät wieder 
erweckt werden und in all den für dieses Alter so charakteristischen Phan- 
tasien wieder aufscheinen, so müssen sie doch aufgegeben und auf andere 
Wesen übertragen werden. Die Zärtlichkeit, die der Familie gegenüber 
bestehen bleibt, darf doch die Ablösung der Hauptmasse der Libido von 
den Angehörigen nicht verhindern. Der junge Mann soll ebenso wie das 
junge Mädchen außerhalb der Familie voll und ganz der körperlichen und 
seelischen Liebe fähig sein. Aber wenn unsere Erziehung auch nicht 
auf eine völlige Ausrottung der Sexualität abzielt, so hat sie doch etwas Ähn- 
liches häufig zur Folge und macht mehr als ein junges Wesen unfähig 
zur großen Aufgabe, die ihm die Natur vorzeichnet. 

Gewiß strebt unsere Kultur in ökonomischer Hinsicht danach, die 
Nahrung und andere Güter durch Arbeit und Beschränkung der Verbraucher- 
zahl zu vermehren, uneingedenk dessen, daß ja auch die Arbeiter essen müssen. 
Dieses ökonomische Ideal wird durch die Sexualität auf zweifache Weise 
in Gefahr gebracht: in erster Linie, wenn man die Sexualität unbeschränkt 
ausübte, durch die enorme Vermehrung der menschlichen Basse. Hier aber 
kommt es zu einem Ausgleich; in den kulturell tief er stehen den Ländern, 
in denen die Geburtenzahl hoch ist, durch die erhöhte Säuglingssterblich- 
keit, in den anderen Ländern durch antikonzeptionelle Mittel und durch 
den künstlichen Abortus. Die zweite Gefahr, mit der die Sexualität unser 
soziales Gebäude bedroht, ist eine direkte, denn es sind dieselben Trieb- 
kräfte, die sowohl die Arbeitskraft des Menschen wie seine Sexualität speisen. 
Der Mensch, der von der Sexualität absorbiert wird, hat nicht mehr die- 
selbe Fähigkeit zur Kulturarbeit wie der, der sich ihr weniger hingibt. 
Mgr. Lavigerie war beim Besuche der Schulen Algeriens sehr erstaunt 
über die intellektuelle Frühreife der Eingeborenen, die oft der der Europäer 
überlegen war. Er fragte sich, wie es komme, daß später nicht mehr tüchtige 
Menschen aus diesen Kindern werden. Die Antwort mußte lauten, daß die 
geistige Entwicklung bei den Eingeborenen in der Pubertät stehen bleibt, 
sobald sie ihrer ungezähmten Sexualität sich hingeben, während die jungen 
Europäer unter Hintanhaltung ihrer sexuellen Tätigkeit geistig sich weiter 
entwickeln 1 . 

Die menschliche Kultur ist also auf Kosten der von ihren ursprünglichen 
Zielen abgelenkten Sexual- und Aggressionstriebe entstanden. Wenn die Er- 
zieher beim Kind die sexuellen Äußerungen unterdrücken wie auch die grau- 
samen, erfüllen sie damit nur ihre schicksalhafte Bestimmung. Denn die Libido- 
energien sind es, die, abgelenkt von ihrem reißenden Strombett, die Kanäle zu 

i) Diese Anekdote hat mir Freud mitgeteilt. 

— 383 — 



füllen bestimmt sind, die unsere Kultur bewässern. Die Verdrängung des- 
Ödipuskomplexes hat durch die Schonung der Verwandten vor der Aggression 
und vor den Rivalitätskämpfen der Männer um das Weibchen die Bildung der 
Familie ermöglicht, dieser ersten sozialen Zelle, und hat so die Elternliebe 
entstehen lassen, die bis zum Tode anhält. Der zweizeitige Ansatz in der 
menschlichen Sexualentwicklung, der ein Spezifikum der Menschenart zu 
sein scheint, ist die Voraussetzung für die Aufrichtung dieser Schutzdämme 
Er ist die Grundbedingung für die Kulturentwicklung, aber auch für die 
Neurose, wie wir gleich zeigen werden. 

„Mit Bezug auf diese Entwicklungsgeschichte des Sexualtriebes könnte 
man also drei Kulturstufen unterscheiden: eine erste, auf welcher die Be- 
tätigung des Sexualtriebes auch über die Ziele der Fortpflanzung hinaus 
frei ist; eine zweite, auf welcher alles an den Sexualtrieben unterdrückt 
ist bis auf das, was der Fortpflanzung dient, und eine dritte, auf welcher 
nur die legitime Fortpflanzung als Sexualziel zugelassen wird. Dieser dritten 
Stufe entspricht unsere gegenwärtige kulturelle Sexualmoral 1 ." 

Es hat den Anschein, wie wenn die menschliche Natur sich nur unter 
großen Schwierigkeiten den Forderungen unserer kulturellen Moral beugen 
würde. Die Verdrängung der infantilen Sexualität erzeugt oft beim Er- 
wachsenen eine Perversion oder eine Neurose, und der Aufschub, den die 
Ausübung der Sexualität der Erwachsenen durch die Kultur erfährt, gelingt 
nicht ohne Schaden für die Kultur selbst, die er doch eigentlich fördern sollte. 

Während die Sexualität des Wilden nach Vollzug der grausamen Riten 
der Pubertät die Freiheit des Erwachsenen erhält, kann der Zivilisierte 
seine Sexualität im gleichen Alter nur heimlich ausüben, wenn er über- 
haupt dazu Gelegenheit hat. Die Sexualität des jungen Mädchens ist noch 
weit mehr verdrängt durch die Tatsache der „doppelten Sexualmoral", die 
verschieden ist für beide Geschlechter und die in der patriarchalischen 
Gesellschaft, also auch in unserer, herrscht. 

Es gibt wohl wenige Männer, die sich in vollem Umfang ihrer männ- 
lichen Potenz erfreuen, und das ist vielleicht nicht ganz so schlecht. „Eine 
gewisse Herabsetzung der männlichen Potenz und der mit ihr verknüpften 
brutalen Initiative ist kulturell recht verwertbar. Sie erleichtert dem Kultur- 
menschen die Einhaltung der von ihm geforderten Tugenden der sexuellen 
Mäßigkeit und Verläßlichkeit. Tugend bei voller Potenz wird meist als. 
eine schwierige Aufgabe empfunden 2 ." 

Aber unsere Erzieher gehen in der Unterdrückung und Erdrosselung 
der infantilen Sexualität oft so weit, daß sie sie auch für das Alter des 
Erwachsenen, selbst beim Manne, zur Verkümmerung bringen. 

Wir können hier nicht das klinische Bild der Impotenz aufrollen. Alle 
Ärzte kennen es, mit seinen Folgen, den Depressionen, der Verzweiflung, 

l) „Die kulturelle Sexualmoral und die moderne Nervosität." Ges. Schriften,, 
Bd. V, S. 152. 

a) „Schlußwort der Onaniediskussion." Ges. Schriften, Bd. III, S. 535. 



— 384 



dem Mangel an Lebensmut und Arbeitseifer. Wir brauchen auch nicht 
auf die Details der Potenzstörungen näher einzugehen, auf die Eiaculatio 
praecox, das Unbefriedigtsein im Koitus selbst usw. Wir wollen uns den 
viel größeren Schäden zuwenden, die unsere Kultur der Sexualität der Frau 
zufugt, die dadurch in erster Linie ein Opfer der Neurose wird. 

Die Frau besitzt schon durch ihre Konstitution einen schwächeren Sexual- 
trieb (zumindest soweit er auf die Begattung abzielt). Der Sexualtrieb der 
Frau ist weniger auf geschlechtliche Vereinigung konzentriert als der des 
Mannes, für den diese das einzige Ziel darstellt; denn bei der Frau ist der 
Sexualtrieb sozusagen verdünnt, er verteilt sich auf alle Vorgänge der 
Mutterschaft. 6 6 

Außerdem neigt die Frau einer natürlichen Tendenz ihres Geschlechtes 
zufolge zur Passivität. Sie ist viel bildsamer und läßt sich leichter unter- 
drucken als der Mann, sie „opfert" sich, wobei ihr biologischer Masochismus, 
der von Freud als der weibliche so richtig erkannt wurde, sie reich- 
lich entschädigt . Die Erzieher in unseren Gesellschaftsformen, in denen die 
Frauen jahrhundertelang unterworfen und unterdrückt waren, haben sich 
dxese Eigenschaften der Frauen im äußersten Ausmaße zu nutze gemacht. 

Noch ein änderer Faktor kompliziert die Entwicklung der Sexualität 
bei der Frau. Nicht genug damit, daß der weibliche Trieb, von Kindheit 
an weniger widerstandsfähig, über die Pubertät hinaus im Namen des 
weiblichen Schamgefühls den gewaltsamen Verdrängungen unterworfen ist 
und ihnen oft völlig zum Opfer fällt, so daß die Frau dadurch für lange Zeit 
oft für das ganze Leben zur völligen Frigidität verurteilt ist; selbst bei den 
Frauen, deren Trieb wenigstens dieser extremen Verdrängung entronnenist, zeigt 
sich das Genitalorgan oft wenig geneigt, die ihm zukommende erotische Funk- 
tion des Erwachsenen zu erfüllen. Man gewinnt den Eindruck, daß die Grenzen, 
die die beiden Geschlechter trennen, in der ganzen Natur nirgends ganz scharf 
gezogen sind. Jedes Lebewesen weist männliche und weibliche Elemente au£- 
das Überwiegen der Elemente des einen Geschlechts, nicht das Fehlen 
der Elemente des anderen, bestimmen das Individuum als männlich oder 
weiblich. Es handelt sich hier sicher um einen Rest des Embryonalstadiums 
mit seiner wenig differenzierten Geschlechtsdrüse. Und die Frau kann dieser 
gesetzmäßigen Einwirkung nicht entrinnen, übrigens auch der Mann nicht 
Aber während sich beim Mann ein eindeutig bestimmtes Organ, der Penis' 
entwickelt hat, auf den sich die Libido des Erwachsenen konzentriert, jenes 
Organ also das in der phallischen Phase schon das genitale Primat besaß, 
muß das kleine Mädchen die erogene Zone wechseln, um zur reifen Frau 
| werden. Entsprechend ihrer ursprünglichen Bisexualität besitzt sie ein 
klemes Organ, das dem Penis des Mannes ähnlich ist, die Klitoris, und 
ihr kam in der phallischen Phase das Primat zu. Die Masturbation des 
Meinen Madchens scheint sich ausschließlich an der Klitoris abzuspielen. 

I) „Das ökonomische Problem des Masachismus.« Ges. Schriften. Bd. V. 



Zeitschrift f. psa. Päd., V/io 



— 385 



s 7 



■ 



Erst in der Pubertät soll eine Verdrängungswelle diese ihrem Wesen nach 
männliche Sexualität treffen, und zu derselben Zeit, zu der das Mädchen 
zurückhaltend, kokett und schüchtern wird, soll ihre Vagina, durch die 
zum ersten Male das blutige Sekret der Menses fließt, die dominierende 
erogene Zone werden. Der Klitoris soll nur mehr die Rolle des Kienspans 
zukommen, an dem die vaginale Sexualität sich entflammt. 

Aber bei vielen Frauen vollzieht sich diese letzte Entwicklung nicht. 
Die Klitoris behält ihre ganze erogene Sensibilität, und die erwachsene 
Frau bleibt trotz der Fähigkeit zur sexuellen Erregung und zum Orgasmus 
an der Klitoris beim Koitus frigid. 

Die Frigidität belastet das Schicksal zahlreicher Frauen; sie wird mehr 
oder minder schwer ertragen, mehr oder weniger offen eingestanden. Wovon 
wird sie bedingt? Mehr durch die bisexuelle Konstitution, also eine über- 
steigerte Vorherrschaft der phallischen Zone, oder durch die Erziehung? 
Man sollte meinen, daß die Erziehung durch Einschränkung der Klitoris- 
masturbation beim kleinen Mädchen die Übertragung der Empfindungs- 
fähigkeit auf den Eingang der Vagina fördern sollte. Aber das ist nicht immer 
der Fall. Die infantile Klitorissexualität fixiert sich manchmal, verbunden 
mit all den Phantasien, die sie in der Kindheit begleiten, auf eine solche 
Unterdrückung hin unauflösbar im Unbewußten, wenn auch die Masturbation 
der gewalttätigen Einschränkung unterliegt. Man könnte es als eine Art 
Trotz gegen die allzu brutalen Erzieher auffassen; es hat den Anschein, 
wie wenn sich das kleine Mädchen verzweifelt an dieses kleine lustspen- 
dende Organ klammere, das man ihr „entreißen" wollte, eine Ein- 
stellung des kleinen Mädchens, die von der erwachsenen Frau oft bei- 
behalten wird 1 . 

Bei der Frau kommen also zwei Arten von Frigidität vor, und zwar 
viel häufiger, als es die Männer im allgemeinen wissen, weil sie oft von 
den Frauen darüber belogen werden. Die eine Art ist eine vollständige, 
mehr oder weniger hartnäckige, von mehr hysterischem Typus; die andere 
ist partiell: die Empfindungsfähigkeit an der Klitoris ist unverändert er- 
halten geblieben. Bei letzterem Typus finden wir nicht selten männliche 
Charakterzüge, bisweilen Zwangserscheinungen. Diese Form ist eher als 
eine Perversion denn als eine Neurose anzusprechen; die Abfuhrmöglich- 
keit für die Befriedigung der Libido ist hier nicht gehindert, es liegt nur 
eine Fixierung auf der phallischen Organisationsstufe der Libido vor, und 
die Abfuhrbahnen sind nicht zu denen des normalen Erwachsenen ent- 
wickelt worden. Dieser Befriedigungsmöglichkeit wegen ist diese Form der 
partiellen Frigidität schwerer vom Leben oder durch die Psychotherapie zu 
beeinflussen als die andere, die doch eine vollständige ist. Die ganze 



1) Es wäre interessant zu erfahren, was in den Frauen der afrikanischen Völker, 
denen man tatsächlich in der Pubertät die Klitoris „ausreißt", an libidinösen und 
psychischen Umstellungen vor sich geht. 

- 386 — 



Schwierigkeit der Behandlung einer Perversion im Vergleich mit der der 
Behandlung einer Neurose stellt sich dabei den therapeutischen Bemühun- 
gen entgegen. 

Man sagt, daß die psychische Impotenz des Mannes und auch die zwei 
Formen der Frigidität der Frau bei den Wilden seltener vorkommen. Es 
ist natürlich viel leichter, nachprüfbare Bestätigungen dieser Behauptung 
für den Mann als für die Frau zu erhalten. Aber wenn sich diese Be- 
hauptungen eines Tages in allgemeiner Giltigkeit bewahrheiteten, müßte 
die Kultur mit ihrer Verdrängung der infantilen Sexualität, die sie mit 
sich bringt, wirklich an erster Stelle für die Ätiologie aller dieser großen 
Störungen des Sexualtriebes verantwortlich gemacht werden. 

* 

Die heterosexuelle Impotenz des Mannes ist aber oft sowie die Frigidi- 
tät der Frau dem Mann gegenüber durch ein anderes Moment mitbedingt, 
nämlich durch die manifeste oder latente Homosexualität. 

Man kann die Homosexualität kaum als eine Perversion betrachten, 
weil sie in hohem Maße einer eigenen Organisation der Sexualität ent- 
spricht und zumindest im Unbewußten aller Individuen stark vorhanden 
ist, wie es ja bei der bisexuellen Anlage zu erwarten war. 

Ihr Ursprung ist beim Mann psychologisch eng verknüpft mit der Un- 
fähigkeit, die infantile Vorstellung vom Penis der Frau aufzugeben; diese 
zwingt den erwachsenen Mann, nur solche Wesen als Liebesobjekt zu er- 
wählen, die einen Penis besitzen. Auch eine infantile Fixierung an die 
Mutter versperrt der späteren Liebeswahl den Weg zu jeder anderen Frau. 
Übrigens ist die Verehrung vieler Homosexueller für ihre Mutter bekannt. 

Bei der homosexuellen Frau scheint- dieselbe Unmöglichkeit zu bestehen, 
auf den weiblichen Penis bei sich selbst oder beim Liebesobjekt zu ver- 
zichten. So identifiziert sich die Homosexuelle bald mit ihrem Vater, bald , 
mit der phallischen Mutter, bald mit dem Kind, das sie einem von den 
beiden war. Auf jeden Fall ist das Verweilen bei der homosexuellen Objekt- 
wahl ein Anzeichen des infantilen Narzißmus; der Homosexuelle will das 
eigene Geschlecht im Liebesobjekt wiederfinden. 

Aber unsere moderne Kultur ist für die Genese der Homosexualität 
nicht anzuklagen, sie ist nicht schuld daran. Man weiß, daß in der Antike 
die Homosexualität, richtiger die Bisexualität nicht nur sehr verbreitet war, 
sondern sogar in Ehren stand. 

Bei uns wird die Homosexualität von der sozialen Umwelt wenig ge- 
fördert, und daher mag es kommen, daß ihr Auftreten uns pathologischer 
vorkommt und es wohl auch ist, als das früher der Fall war. 

Jedenfalls müssen als die großen Sexualkrankheiten der modernen Mensch- 
heit weit mehr die Impotenz und Frigidität mit allen damit verknüpften 
Neurosen als die Homosexualität gelten. 



— 387 — 



27* 



Was geschieht nun mit der unterdrückten Libido beim Kulturmenschen 
Das Problem der Libido ist nicht nur ein dynamisches und qualitatives, 
sondern auch ein quantitatives und ökonomisches. Die Libido erscheint 
in all ihren Äußerungen als „Energie", „Kraft", von einer bestimmten 
Größe, die nicht aus der Welt geschafft werden kann, sondern, wenn ihre 
direkte Abfuhr nicht möglich ist, anderswo Verwendung finden muß. 

Obwohl die Erzieher so unwissend sind in Bezug auf das, was sie so- 
zusagen im Auftrag des Schicksals ausführen, könnte man paradoxerweise 
fast sagen, sie wüßten das, wenn sie so sehr bestrebt sind, beim Kultur- 
kind alle Äußerungen der infantilen Sexualität zu unterdrücken. Denn 
diese anderswo angewandten, von uns als sublimiert bezeichneten Energien 
der Sexualtriebe verstärken die von Geburt an vor gezeichnete Gehirntätig- 
keit die sich schon in der relativen Größe des menschlichen Gehirns kund- 
gibt. Aber dem Menschen ist es nicht wie den Ameisen und anderen 
Hautflüglern gegeben, seine geschlechtliche Potenz völlig in Arbeitskraft um- 
zuwandeln. Seine biologische Organisation läßt dies nicht zu. Er ist nicht 
in der Lage, der unermeßlichen Fruchtbarkeit einer Bienenkönigin, einer 
einzelnen Termite oder Ameise die Funktion der Rassenfortpflanzung zu 
übertragen, während die Verkümmerung der Sexualorgane der Arbeiterinnen 
andererseits es zuläßt, daß diese ausschließlich der Arbeit sich widmen. 
Beim Menschengeschlecht, bei dem die Frau nur eine beschränkte Anzahl 
von Kindern gebären kann, muß die Fortpflanzung notwendiger Weise dem 
ganzen weiblichen Geschlecht übertragen werden. Und alle Männchen, 
nicht nur der eine Gatte der Bienenkönigin, Ameise oder Termite, müssen 
gleichmäßig dazu beitragen. 

Daher ist eine völlige Unterdrückung der Sexualität zugunsten der Subli- 
mierung und der Arbeit beim menschlichen Individuum unmöglich. Die 
Menschen müssen also die Ansprüche ihres Triebes mit denen ihres Ge- 
hirns, ihrer Kultur, ihrer Arbeit in Einklang bringen. 

Die Aufgabe ist nicht leicht, und keiner Kultur ist es geglückt, sie voll- 
ständig zu lösen. Zu wenig Verdrängung schadet der Kultur, zu viel Ver- 
drängung erreicht ihr Ziel ebenfalls nicht und schädigt indirekt die Kultur 
in gleichem Maße. Denn die libidinösen Kräfte, die man sich immer als 
quantitative Größen vorstellen muß, strömen nach rückwärts, wenn ihnen 
der normale Weg der Genitalität verlegt ist, und wenn die Sublimierungs- 
möglichkeiten geringe sind — sie sind ja nicht dieselben bei allen Indi- 
viduen. Die Triebenergien besetzen zum Teil wieder jene prägenitalen 
Positionen der infantilen Sexualität, die wir oben beschrieben haben. 

Daraus können sich die verschiedensten „Perversionen" entwickeln, in 
denen sich die Sexualität in infantiler Weise im Zusammenhang mit dem 
einen oder anderen Partialtrieb der Libido befriedigt. Meist aber entstehen 
unter dem Druck unserer Moralgesetze, der sehr mächtig ist, daraus die 
Neurosen, die nach Freud das Negativ der Perversionen darstellen. 

Der Neurotiker, dieser hypermoralische Mensch, beherbergt in seinem 

- 388 — 



: 



Bewußten oder Unbewußten alle möglichen Phantasien perverser Art. Doch 
statt sie zu „agieren", d.h. in die Tat umzusetzen wie der Perverse, verdrängt 
er sie. Aber die Triebenergie ist eine nie versiegende Quelle, und ihr 
Drängen ist ein dauerndes. Daher muß ein ebenso konstanter Gegendruck 
von Seiten der verdrängenden Moralinstanz erfolgen. Und die Kräfte des 
Neurotikers verbrauchen sich im Inneren, in einem erfolglosen Konflikt, 
statt im Dienste der Kultur Verwendung zu finden, für die ja die Ver- 
drängungen eigentlich erfolgt sind. 

Der Neurotiker hat aber nicht nur gegen die prägenitalen Triebe anzu- 
kämpfen, diese wurden nur in erster Linie erwähnt. Er muß ja auch gegen 
die ganze Macht seiner sozusagen unverwendeten Genitalität ankämpfen. 

Die Schranken, die der Kranke gegen den anstürmenden Trieb errichtet, 
können verschiedene sein. Die Abwehr kann in hysterischer oder phobischer 
Form erfolgen, welche Formen eine Flucht vor den Triebgefahren darstellen. 
So wird z. B. ein hysterisches junges Mädchen, das von sexuellen Versuchun- 
gen verfolgt wird, eine Lähmung im Arm bekommen, der den ersehnten 
Mann hätte umfangen sollen. Eine Frau, die zuhause unglücklich ist, wird sich 
vor den Versuchungen der Straße und der Außenwelt durch eine Platzangst 
schützen. Ein Zwangskranker wird durch ein kompliziertes Zwangszeremoniell 
den Versuchungen der Onanie widerstehen, z. B. durch ein zwangsmäßiges 
Waschen der Hände. Aber alle diese neurotischen Mechanismen sind dabei 
doppelt determiniert; einerseits sind sie ein Schutz gegen'den Triebanspruch, 
andererseits aber bringen sie denselben doch gleichzeitig zum Ausdruck. Die 
Stellung des gelähmten Armes der Hysterischen wird z. B. die einer .um- 
armenden Gebärde sein; der Zwangskranke wird unbewußt durch unab- 
lässiges Reiben der Hände die Onanie symbolisch wiedergeben. So konnte 
Freud mit Recht sagen, daß die Symptome der Neurotiker genau betrachtet 
deren Sexualfunktion darstellen. Denn diese ist bei ihnen nur zum Schein 
unterdrückt. Die ökonomischen Gesetze, die die Libido regieren, lassen es 
nicht zu, daß diese spurlos verschwinde. Wer starke Triebe und ein schlecht 
verdrängtes Triebleben hat, kann häufig nicht genügend sublimieren und wird 
neurotisch, denn das Maß der Verdrängung, das die Gesellschaft vom Indi- 
viduum fordert, übersteigt oft sowohl in Bezug auf die sexuellen wie auf die 
Aggressionstriebe seine Kräfte. 

Allerdings besitzt die moderne Gesellschaft in puncto sexualibus eine 
offizielle und eine geheime Moral. Aber ein Schuldgefühl bleibt an alles, was 
mit der Sexualität zusammenhängt, gelötet, wohl infolge der atavistischen 
Verdrängungsneigung der Rasse und der individuellen, infantilen Verdrängung. 

Wir müssen hier der Selbstbestrafungsmechanismen gedenken, des mora- 
lischen Masochismus, den Freud 1 von den zwei anderen Arten des Masochis- 
mus, dem femininen und dem rein erotischen, geschieden hat. 

1) Das ökonomische Problem des Masochismus. Ges. Schriften, Bd. V; ferner 
Alexander, Reik; Hesnard etLaforgue auf der V. Tagung der französ. 
Psychoanalytiker. 1950. 



389 — 



Das kleine Kind hat sich im Verlaufe der Erziehung die Gebote und 
Verbote der Erzieher einverleibt. Gustave L e B o n hat sehr richtig bemerkt 
daß die Erziehung die Kunst sei, das Bewußte ins Unbewußte gleiten zu 
lassen. Ins Unbewußte gleiten aber gleichzeitig Gebote und Verbote des 
Erziehers und in weiterer Folge die Erzieher selbst. So entsteht die Moral- 
instanz, die wir das Über-Ich des Individuums nennen und die die innere 
Gewissensstimme darstellt, auf die der Mensch, wenn die Stimme seiner 
Erzieher längst verstummt, sein Leben lang hören muß. 

Das Über-Ich ist aber nicht bei allen Menschen gleich, es ist bald 
mehr, bald weniger hart und streng, wenn es auch immer entsprechend 
seiner Herkunft vom allmächtigen Erzieher dem Ich gegenüber eine Über- 
legenheit, eine beherrschende Stellung bewahrt. Der „kategorische Imperativ" 
der Moral entspricht dieser Stellung. Während das Über-Ich aber beim 
Normalen mit dem Ich verhältnismäßig zusammenfällt, ist das Über-Ich 
des Neurotikers immer im Kriegszustand mit dem Ich und feiert ihm 
gegenüber sadistische Orgien, an denen sich anderseits das Ich in masochi- 
stischer Lust beteiligt. Dieses Phänomen ist besonders auffällig bei der 
Zwangsneurose, bei der der moralische Sadomasochismus ausgiebig zur 
Befriedigung kommt. 

Freud hat in seinem letzten Buch „Das Unbehagen in der Kultur" 1 
gezeigt, daß die modernen Menschen vielleicht noch mehr unter der Unter- 
drückung ihrer Aggressionstriebe als unter der ihrer Sexualtriebe leiden. 
Der ursprüngliche Aggressionstrieb des Menschen ist auch der Motor für 
die Entstehung der Moral. Unter dem Druck der Erzieher lernt das Kind 
diesen Trieb eindämmen. Aber da die Triebe nicht zum Verschwinden 
zu bringen sind, wendet das Kind die eigene Aggression gegen sich selbst, 
woraus dann die Strenge des Über-Ichs und des moralischen Gewissens 
sich herleitet. Die Erzieher sind übrigens auch nicht frei von einem 
gewissen Sadismus gegenüber dem Kind, selbst dann, wenn es die liebenden 
Eltern sind. Denn solch sadistische Triebbefriedigung läuft in jeder Be- 
ziehung eines Starken zu einem Schwachen mit. Auch dieser von der Außen- 
welt kommende Sadismus wird mit den Verboten der Eltern introjiziert 
und im Über-Ich einverleibt, das auf diese Weise seine Strenge aus zwei 
Quellen bezieht: die eine stammt vom Individuum selbst, die andere von 
außen. 

Der erste Anteil läßt sich nicht abschwächen, wohl aber der zweite. 
In letzter Zeit werden die Schäden einer irregeführten Erziehung, die in 
Liebesmangel und übermäßiger Strenge bestehen, erkannt. Die Zeit, in 
der z. B.Dickens sich verpflichtet fühlte, in seinen Bomanen gegen die 
unerhörte Brutalität der englischen Schule sich aufzulehnen, liegt glück- 
licherweise weit zurück. 

Aber wie immer gerät man in der Erziehung aus der Scylla in die 

1) „Das Unbehagen in der Kultur", 1930. 

- 390 — 



1 




Charybdis. Schwäche und Nachgiebigkeit der Erzieher können auch dazu 
führen, wie Aichhorn es in seinem schönen Buch über „Verwahrloste 
Jugend" zeigt 1 , daß das Kind seine Aggressionen, die in ihrem Ausmaß nicht 
zu vermindern sind, gänzlich gegen sich selbst kehrt, wenn es keine Ge- 
legenheit findet, sie als Vergeltung nach außen zu richten, woraus wieder 
ein überstrenges Über-Ich entstehen muß, das einen Quälgeist für das ganze 
spätere Leben abgibt. 

Abgesehen von der Schädigung durch den direkten Sadismus der Erzieher 
wirkt oft genug die Unterdrückung der infantilen Sexualität, die zum 
„Wohl" des Kindes in der Stille fast in jeder Familie vor sich geht, 
schädlich. Dazu kommt noch die ebenso zum „Wohl" des Kindes vor- 
genommene frühe Drosselung der Intelligenz des Kindes durch die Eltern 
und Erzieher, die ihm die Kenntnis seines eigenen Organismus und seiner 
Triebe vorenthalten, nach der es vor allem dürstet. 



Man wird uns entgegenhalten, daß die Welt doch weitergehe und die 
gegenwärtige Erziehungsform doch genügend hochstehende und aufgeklärte 
Menschen hervorbringe und so die Erziehung durch diese rechtfertige. Ge- 
wiß, es gibt starke Menschen, die sie eben ohne wesentlichen Schaden er- 
tragen haben. In jeder Schlacht gibt es Überlebende, aber das Schlachtfeld 
unserer Kultur ist reichlich genug mit Verwundeten übersät; das muß 
uns nachdenklich stimmen. Wieviel Kräfte für den Kulturaufbau gestellt 
werden könnten, wenn ein Weniges der nicht zu rechtfertigenden Verdrän- 
gung fortfiele und mehr Aufrichtigkeit herrschte, können wir heute noch 
nicht ermessen. 

IV 

/ — * 

Einige Vorschläge zu einer Reform der Erziehung 

Wenn nach der Darstellung des großen Übels, an dem die Menschen 
unserer Zeit leiden, die Frage auftaucht, was man tun solle, diesem Übel 
abzuhelfen, so werden wir auf diese Frage keine eindeutige Antwort geben 
können. 

Von vielen wurde schon bemerkt, daß die moderne Welt an einem 
großen Übel krankt. Daß diese Krankheit „nervöser" Natur ist und großen- 
teils durch die „Sexualnot" hervorgerufen wird, entgeht auch oberfläch- 
lichen Beobachtern nicht. Es werden verschiedenartige Methoden zur Ab- 
stellung des Übels in Vorschlag gebracht; dabei ist es von Interesse fest- 
zustellen, daß diese Mittel sich auf drei Gruppen aufteilen lassen, von 



i) August Aichhorn, Verwahrloste Jugend, Wien, 1925, 2. Aufl. 1951. 

— 391 — 



1 



denen eine dem entspricht, was wir bei der Einzelbehandlung der Nervösen 
als einfache unterdrückende und suggestive Psychotherapie kennen ; die zweite 
Gruppe stellt ein Kompromiß dar zwischen der alten Art von Psycho- 
therapie und den Errungenschaften der Psychoanalyse, die dritte endlich ist 
die Psychoanalyse in ihrer reinen Form. 

Wie Freud so richtig in einem Vergleich sagt, besteht derselbe Unter- 
schied zwischen der landläufigen Psychotherapie und der Psychoanalyse 
wie zwischen den beiden im folgenden geschilderten Methoden zur Be- 
hebung eines Wasserrohrbruches, wenn das Rohr unter dem Straßenpflaster 
gelegen ist. Der gewöhnliche Psychotherapeut gleicht dabei demjenigen, 
der auf dem Pflaster an der Stelle, an der das Wasser hervorbricht, Material 
anhäuft, um mit mehr oder weniger Erfolg das Ausströmen des Wassers 
zu verhindern. Der Psychoanalytiker ähnelt hingegen dem Arbeiter, der 
Pflastersteine und Erde bis zur Bruchstelle des unterirdischen Rohres auf- 
gräbt, das Rohr dann dichtet und wieder eindeckt. Die Psychoanalyse ist 
eine kausale Therapie, und auch ihre Reformvorschläge zur Erziehung im 
Sinne einer Neurosen-Prophylaxe wollen die Ursachen der späteren Er- 
krankungen beheben. 

Aber die Vertreter der alten Ordnung können sich nicht zu ihr be- 
kennen. Sie fürchten den revolutionären Geist" dieser Methode und rufen 
gegen sie eine ungeheure Verschwörung aller konservativen Elemente herauf, 
die Angst haben vor dem Aufreißen der Pflastersteine in der Straße der 
Tradition. Dieser Einstellung entspricht ihre Psychotherapie, die das Ver- 
drängen als Heilmittel anwendet. 

Wir werden uns also nicht wundern, wenn Papst Pius XI. in seiner 
Enzyklika „Rappresentanti in terra" vom 51. Dezember 1929 über „die 
christliche Erziehung der Jugend" die sexuelle Erziehung brandmarkt, 
ohne sich dabei direkt auf die Analyse zu beziehen, wobei aus der Enzyklika 
auch nicht hervorgeht, ob ihm die Analyse bekannt ist oder nicht: 

In höchstem Grade gefährlich ist fernerhin jene naturalistische Richtung, die in 
unseren Tagen in das Gebiet der Erziehung eindringt in einer Frage so zarter Natur, 
wie es die Sittenreinheit ist. Sehr verbreitet ist der Irrtum derer, die in gefährlichem 
Unterfangen und mit häßlichen Ausdrücken einer sogenannten sexuellen Erziehung 
das Wort reden, indem sie fälschlich meinen, sie könnten die jungen Leute gegen 
die Gefahren der Sinnlichkeit durch rein natürliche Mittel schützen, durch eine ge- 
fährliche und verfrühte sexuelle Aufklärung für alle ohne Unterschied und sogar in 
der Öffentlichkeit, und, was noch schlimmer ist, indem sie dieselben zeitweilig den 
Gelegenheiten aussetzen, um durch Gewöhnung, wie sie sagen, den Geist gegen die 
Gefahren abzuhärten. 

Sie täuschen sich schwer, da sie die angeborene Schwäche der menschlichen Natur 
und das Gesetz nicht anerkennen wollen, von dem der Apostel sagt, daß es dem 
Gesetze des Geistes widerstreite, und da sie die Erfahrungstatsachen verkennen, die 
beweisen, daß gerade bei den Jugendlichen die Verfehlungen gegen die Sittenreinheit 

— 392 — 






nicht so sehr Folge von Nichtwissen als vielmehr von Willensschwäche sind, wenn 
der junge Mensch den Gelegenheiten ausgesetzt und von den Gnadenmitteln nicht 
gestützt wird. 

Falls auf diesem heiklen Gebiete unter Berücksichtigung aller Umstände eine 
individuelle Belehrung bei passender Gelegenheit von Seiten derer, denen Gott mit 
der Erziehungsaufgabe auch die Standesgnade verliehen hat, sich als nötig erweisen 
sollte, dann ist mit aller jener Vorsicht zu Werke zu gehen, die der traditionellen 
christlichen Erziehung bekannt und von dem erwähnten Antoniano hinlänglich ge- 
zeichnet ist, wo er sagt: 

„Derart groß ist unsere Armseligkeit und der Hang zur Sünde, daß wir oft gerade 
von den Dingen, die Heilmittel gegen die Sünde sein sollten, Gelegenheit und An- 
reiz zur Sünde nehmen. Deswegen ist es höchst wichtig, daß ein guter Vater, wenn 
er mit seinem Sohn über eine so verfängliche Sache spricht, wohl acht zu geben hat, 
daß er nicht auf Einzelheiten eingehe, und auf die verschiedenen Weisen, in denen 
diese höllische Schlange einen so großen Teil der Menschheit vergiftet, damit er 
nicht, anstatt das Feuer zu löschen, dasselbe in dem einfältigen und zarten Herzen 
des Kindes entzünde. Ganz allgemein kann man sagen: solange noch das 
Kindesalter and au er t», wird es genügen, die Heilmittel anzuwenden, welche 
die Doppelwirkuug haben, der Tugend der Keuschheit den Weg zu bereiten und 
dem Laster die Tore zu verschließen." 

Es ist wohl verständlich, daß „der fromme und gelehrte Kardinal Silvio 
Antoniano, selbst der Schüler des bewunderungswürdigen heiligen Erziehers 
Philipp Neri, sowie Lehrer und Sekretär für die lateinischen Schreiben des 
heiligen Karl Borromäus", der jede sexuelle Unterweisung der Kinder völlig 
verurteilt, wie auch der Papst Pius XL, der sich dessen Ansichten fast 
vier Jahrhunderte später zu eigen macht, in ihren Ausführungen nichts 
anderes als den moralischen Standpunkt vor Augen haben. Die physische 
und psychische Gesundheit in unserem Sinne kann für die beiden gar 
nicht wünschenswert sein; sie zu verlangen, ist für sie bereits Ausfluß 
eines allzu „naturalistischen" Standpunkts. Ja, viel mehr noch, sie bezeich- 
nen als Gesundheit nur die moralisch e^ Gesundheit im Zustand 
der Gnade. Es wäre also sehr schwierig, mit ihnen überhaupt eine Basis 
für eine Diskussion zu finden. 

Aber nach dem Papst soll Dr. Lang, Erzbischof von Canterbury und 
Primas von England zitiert werden, denn seine Ausführungen bieten ein 
gutes Beispiel für die zweite Gruppe von Psychotherapien, nämlich für 
diejenigen, die von der Analyse bereits durchsetzt sind. 

Es ist wohl kein Zufall, daß Dr. Lang seine Stimme gerade in England 
erhob, unter dem Volk, das sich mit Recht rühmt, „den Tatsachen ins 
Auge zu sehen", und -das es in den letzten Jahren verstanden hat, vom 
alten „cant", der es zu ersticken drohte, zur größten Aufrichtigkeit vor- 
zuschreiten. In den angelsächsischen Ländern hat aus diesem Grunde die 
Psychoanalyse wohl auch viel mehr „in der Luft gelegen", als in den 
romanischen Ländern. 



1) Die Sperrung ist von mir. 

- 393 



In einem Vortrag, der eine Antwort auf die päpstliche Enzyklika dar- 
stellt, äußert sich der Primas von England am 4. Dezember 1930 im 
Mansion House zu London 1 wie folgt : 

„Ich beobachte, wie weitgehend das Schweigen über das Thema der Sexualität 
der offenen und freien Diskussion gewichen ist. Es gibt heutzutage kein Thema, das 
wie das der Sexualität geeignet wäre, in allen Klassen der Gemeinschaft dauernd 
diskutiert zu werden. Ich sehe darin einen großen Portschritt. Früher einmal ver- 
drängte das Verschweigen eines der natürlichen und notwendigen Interessen — be- 
sonders der Jugend — und dies wurde in bestimmten Fällen, weil die Sexualität ganz 
unterdrückt war und keinen natürlichen und spontanen Ausdruck finden konnte, zum 
Zwang, oder aber das Sexuelle wurde in einer zynischen, verächtlichen und ungesunden 
Art besprochen. 

Heute erkennt man, daß diese Frage eine der großen fundamentalen Fragen des 
Menschengeschlechtes und der Gesellschaft ist, und daß alle Christen und besonnenen 
Bürger eigentlich bereit sein müßten, sich an der Diskussion dieser großen Probleme 
zu beteiligen . . . Ich würde mich lieber dem Wagnis einer freien Diskussion als der 
größeren Gefahr aussetzen, die aus dem gemeinsamen absichtlichen Schweigen über 
dieses Thema entsteht . . . 

... Es gibt heutzutage niemand mehr unter uns, der die Grundlagen eines mora- 
lischen oder eines religiösen Lebens auf dem ,Du darfst nicht' aufbauen wollte . . 
Wir wollen den Sexualinstinkt, der ein Erbteil der Menschheit ist, vom Eindruck, 
er könne nur von Weisungen und Verhaltungsmaßregeln negativer Art umgeben sein, 
befreien und ihm seinen Platz im großen Werk der Schöpfung zuweisen, an dem 
jeder gesunde junge Mann und jedes gesunde junge Mädchen teilhaben." 

Der Primas von England bezieht sich in seinem Vortrag in erster Linie 
auf die sexuelle Erziehung der Adoleszenten : aber ein Abgrund trennt 
seine Anschauung von der des Papstes. Daß er freilich ganz mit der Ana- 
lyse übereinstimmt, wird man wohl nicht von ihm verlangen können. 

Welche Heilmittel hat nun die Psychoanalyse gegen das Übel der mo- 
dernen Menschheit vorzuschlagen? Eine Tatsache wird vor allzuviel Opti- 
mismus bewahren: die Kinder der Psychoanalytiker selbst sind oft — nicht 
immer — schlecht genug erzogen. Da ihre Eltern vor den Gefahren der 
Verdrängung gewarnt sind, deren Schädigungen sie täglich im Berufe fest- 
stellen, scheuen sie davor zurück, überhaupt einzugreifen,, zu „erziehen", 
und lassen das Kind oft sich zu frei in den Tag hinein entwickeln. Ich 
erinnere mich da an den halb ernsten, halb scherzhaften Ausspruch Freuds 
über die Erziehung: „Wie immer man es macht, macht man es schlecht". 
Man unterdrückt immer entweder zu wenig oder zu viel. 

Denn die Psychoanalyse macht die Erziehung, die eine andere Art von 
Beeinflussung bleibt, nicht überflüssig. Sie behauptet ja auch nicht, daß 
die menschlichen Triebe im Urzustand ohne Unterdrückung verbleiben 
könnten. Nur der Grad und die Mittel der Unterdrückung stehen in Frage. 

In erster Linie lehrt die Psychoanalyse z. B. nicht, daß man den Trieb 
der Aggression, der Grausamkeit, des Sadismus der freien Entfaltung über- 

1) Nach „Daily Mail", 5. April 1930. 

- 394 - 







lasse. Nun ist es aber gerade die Unterdrückung dieser Triebe — wie 
Freud im „Unbehagen in der Kultur" zeigt — die an unserem modernen 
Unbehagen schuld ist, und zwar dadurch, daß sie sich bisweilen bei der 
Aufrichtung der Moral im Individuum zu streng gegen das Individuum 
selbst wenden. Aber in sublimierter Form erzeugen gerade die Aggressions- 
triebe einen großen Teil des Interesses an der Erforschung des Weltalls, 
an der Wissenschaft. Es ist vielleicht kein Zufall, wenn das 19. Jahr- 
hundert, das große Jahrhundert der Wissenschaft — mit Ausnahme der 
Kriege gerade das war, in dem die Sitten sich am meisten gemildert 
haben, speziell die Tortur abgeschafft wurde. Das Laboratorium und di& 
Vivisektion, über die man so viel Böses sagte, ohne ihre tiefere Bedeu- 
tung zu erkennen, sind wahrscheinlich ein direkter Erbe der Folterkammer 
und werden von denselben Trieben in sublimierter Form gehalten. 

Daher dürfen die Erzieher weder den natürlichen Sadismus des Kindes 
begünstigen noch auch ihren eigenen dem Kind gegenüber ausleben, denn 
das hieße das Kind durch spätere Identifizierungen indirekt sadistisch machen. 
Oft erwachen im liebenden Elternherzen, besonders im Vater, die alten 
Aggressionstriebe des Starken gegenüber dem Schwachen, die meist mit 
der Sorge um das „Wohl" des Kindes rationalisiert werden. Sie spielen 
übrigens in jeder „Erziehung" mit, angefangen von der des Vaters bei den- 
primitiven und den blutigen Riten der Pubertät bis zu der unserer Familien- 
kreise und unserer Erziehungsinstitute. Das Kind ist unruhig, lästig, hin- 
derlich, man will vor ihm Ruhe haben und fährt es mehr oder weniger 
heftig an; oder es läßt sich vielleicht etwas Ernstlicheres zuschulden kommen, 
vielleicht um sich die Aufmerksamkeit und die Züchtigung von Seiten der 
Eltern zuzuziehen. Es ist bereits von anderer Seite gesagt worden, — und 
wir können es nur wiederholen, — daß man jede Art körperlicher Züch- 
tigung für jedes Alter vermeiden muß, weil sie imstande ist, in extremen 
Fällen sogar eine erotische Fixierung auf der Stufe des Masochismus nach 
sich zu ziehen. Jean Jacques Rousseau ist ein klassisches Beispiel dafür. 
Man darf auch nicht bei der allerersten Erziehung des Kindes zur Rein- 
lichkeit brutal sein, ebenso wenig wie beim Entwöhnen. 

Bisweilen aber muß man strafen, will man erziehen. Es entstehen 
sonst, wenn jegliche Unterdrückung fehlt, Gefahren aus zu großer Nach- 
sicht. Das Kind muß lernen, sich etwas zu versagen, soll es sich dem 
Leben anpassen. Das Kind wird sonst verwöhnt, oder aber es wendet 
den Sadismus, den es an die Objekte nicht anbringen kann, gegen es selbst 
und entwickelt als Reaktion auf seine zu nachgiebigen Erzieher eine Über- 
moral, von der es in der Folge durch sein ganzes Leben tyrannisiert 
wird. Wenn sich die Notwendigkeit einer Strafe ergibt, ist es das Beste,, 
an die fast immer wirksame Angst vor dem vorübergehenden Liebesentzug 
von selten der Erzieher zu appellieren. Dieser Liebesentzug ist keineswegs 
eine sanfte und leichte Strafe, denn das Kind, vom Erwachsenen sowohl 
hinsichtlich der Befriedigung seiner Lebensbedürfnisse wie in Bezug auf 



1 



- 395 



den Schutz vor den drohenden Gefahren der Außenwelt vollkommen ab 
hängig, fühlt sozusagen phylogenetisch, auch wenn die Eltern ihm nichts 
Böses geschehen lassen, welcher Gefahr es durch den Liebesentzug der 
Eltern oder Erzieher ausgesetzt wäre. Und es hört mit Recht nicht ohne 
zu zittern die Geschichte vom kleinen Däumling, den die Holzfäller mit 
seinen Brüdern allein im Wald zurückgelassen haben, oder das Märchen 
von Hansel und Gretel. Es bedarf keines allzugroßen Liebesentzuges, 
damit das Kind darauf reagiert; das Signal der drohenden Gefahr genügt. 
Ebenso kann auch das Signal der Rettung und Sicherheit, der wieder- 
geschenkten Liebe, der Liebesprämie, das Kind zu großen Triebverzichten 
veranlassen, wenn diese aus erzieherischen Gründen nötig sind. Der kluge 
und psychologisch eingestellte Erzieher, noch viel mehr natürlich der analytisch 
gebildete, wird diese Zeichengebung in vorsichtiger Weise handhaben 1 . 



; 



Bei einer Gelegenheit darf der Sadismus der Erzieher auf keinen Fall 
betätigt werden: bei der Unterdrückung der infantilen Onanie, die 
immer noch durch Angst und Einschüchterung in der zweiten Periode der 
infantilen Masturbation dem Kind gegenüber erfolgt. Die Frage der infan- 
tilen Onanie ist wohl das Hauptproblem der infantilen Neurosenprophylaxe, 
weil es sich in ihr um die eigentliche Geschlechtstätigkeit des Kindes han- 
delt. Sie vollständig in brutaler Form gerade in der Zeit der Hochblüte 
ersticken, heißt oft die zukünftige Sexualität der Erwachsenen dauernd ver- 
nichten. Zumindest aber wird sie durch solche Unterdrückung fast immer 
schwer geschädigt. 

Wenn sogar liebevolle Eltern mit solcher Strenge und auch oft mit 
Grausamkeit gegen die Äußerungen der infantilen Sexualität ihres Kindes 
wüten, so tun sie dies zweifelsohne, weil man die Sexualität in ihrer 
eigenen Erziehung völlig unterdrückt hat. Auf Grund einer Art „Projektion" 
stellen sie das bei ihren Kindern ab, was bei ihnen selbst von ihren eige- 
nen Erziehern abgestellt wurde. Sie haben sich beim Heranwachsen mit 
ihren Erziehern identifiziert und mißbrauchen jetzt deren Macht wie hohe 
Beamte, die, aus der Schicht der Revolutionäre zur Macht gekommen, die 
ärgsten Reaktionäre und die grausamsten Tyrannen werden. 

Aufgeklärt durch die Entdeckungen der Psychoanalyse, sollten die Er- 
wachsenen aufhören, sich das Monopol der Sexualität anzumaßen. Auch 
das Kind hat eine ihm entsprechende Sexualität und somit ein Recht 
auf Befriedigungen. Die Sexualität gehört zum Naturgeschehen und ist 
keineswegs ein selten vorkommendes Laster. Will man in einem Wesen 
einen Teil seiner natürlichen Äußerungen unterdrücken, so bereitet man 



sozusagen den Boden für die spätere Rache, die die Natur für diese Unter- 
drückung nehmen wird. 

Die Sexualität des Kindes würde auch innerhalb gewisser Grenzen, die 
wir jetzt anzugeben versuchen wollen, der Gesellschaft durchaus nicht 
schaden. Vor allem dürfte man die Onanie des kleinen Kindes nicht als 
die Sünde an sich hinstellen, das Kind soll sich ihrer nicht schämen müssen; 
es sollte bei Gelegenheit, im richtigen Zeitpunkt, offen mit der Mutter oder 
mit seiner Erzieherperson darüber sprechen können. Wir wissen, wie sehr 
das Schamgefühl unserer Leser rebellieren wird, wenn wir dies vorschlagen. 
Aber dieses ist das erste Heilmittel. Das Kind würde dabei von der Mutter 
oder der aufgeklärten Pflegerin 1 , die man erst heranbilden müßte, lernen, 
daß es sich da um eine Funktion seines Organismus handelt, die man 
wie andere Körperfunktionen nicht überall und zu jeder Zeit ausführen 
darf, die aber ein natürliches Geschehen ist und bei allen Kindern gleicher- 
maßen vorhanden. Dem Kind würde das gräßliche Empfinden, ein einzig 
dastehendes Ungeheuer an Perversität zu sein, wie es wohl jeder kleine 
Masturbant von sich glaubt, auf diese Weise erspart bleiben. Es wüßte 
dann, daß an ihm nur ein großes Naturgeschehen sich vollzieht. Und nichts 
ist befreiender in seiner einfachen Wahrheit als dieses Wissen. Man mag 
uns vielleicht entgegenhalten, daß die Sexualität, wenn ihr Geheimnis so 
früh enthüllt wird, für immer ihren Zauber verlieren muß; wir aber 
glauben in erster Linie an den Vorzug der Aufrichtigkeit. 

Man dar» gewiß beim Kind eine übermäßige Onanie nicht fördern, 
aber das Kind neigt eher dannlazu, schrankenlos zu masturbieren, wenn 
man ihm die Sexualität verbietet, trotzdem es dann dabei Schuldgefühl 
hat. Man kennt ja den Reiz der verbotenen Frucht. Vielleicht sind gewisse 
hartnäckige Formen der Onanie, die bis zur Erwachsenheit festgehalten 
werden und eventuell sogar die einzige richtige Ausdrucksform der Sexualität 
der Erwachsenen und die sexuelle Verbindung mit dem Objekt unmöglich 
machen, ein Ausdruck des Trotzes, den besonders eigensinnige Masturbanten 
dem Verbot der Erzieher entgegensetzen ; obwohl gewisse infantile Fixierun- 
gen im Unbewußten auch dazu beitragen können. 

Aber auf jeden Fall bleibt die Behandlung der infantilen Onanie das 
schwierigste Problem der Erziehung. Es kann auch niemand im vorhinein 
sagen, wie sich eine Generation von Kulturmenschen entwickeln würde, 
die von Kindheit an durch das Verbot der Onanie, also durch frühzeitige 

i) Eine Kinderpflegerinnenschule wie Norland oder Princess Christian College 
in England, wo so viele Frauen aus gutem Hause die Erziehung der Kinder in den 
ersten Jahren lernen, würde sehr viel gewinnen, wenn sie auf psychoanalytischer 
Basis geführt würde. Aber wie Dr. Jones, der Präsident der British Psychoanalytical 
Society, bemerkt, würden so ausgebildete Pflegerinnen bei der gegenwärtigen Ein- 
stellung der Gesellschaft vielleicht schwerer eine Anstellung finden als andere. — 
In den Gemeindekindergärten in Wien gibt es viele Kindergärtnerinnen, die psycho- 
analytische Kurse besucht haben, ebenso in der Montessorischule in "Wien. 

— 397 — 




Unterdrückung der Sexualität, nicht mehr belastet wäre. Der Versuch ist 
auf jeden Fall der Mühe wert, denn das gegenwärtige Übel ist, mit dem 
Bewußtsein davon, unerträglich drückend geworden. 

Wie soll man sich also der Onanie des Kindes gegenüber verhalten? 1 
Man darf weder verbieten noch aufmuntern und muß in erster Linie 
beobachten. Die Onanie des Kindes, im weitesten Sinn des Wortes ge- 
nommen, durchläuft alle Stadien seiner Libidoentwicklung. Der Säugling 
lutscht an seinem Daumen, das Kleinkind freut sich an seinen Exkretionen 
und an den Sensationen, die ihm seine Genitalzone in steigender Intensität 
bei der Onanie im engeren Sinne beistellt. All das ist normal und soll 
geduldet werden. Nur eine besondere Fixierung an ein Stadium, an eine 
Befriedigungsart oder eine exzessive Onanie muß die Aufmerksamkeit der 
aufgeklärten Erzieher auf sich ziehen. Aber man wird die Sexualität 
des Kindes nicht durch Verbote und Drohungen in „Ordnung" bringen. 
Sondern man muß der Anomalie an die Wurzel gehen und zu diesem 
Zweck die einzige kausale Therapie heranziehen, die wir haben, nämlich 
eine Kinderanalyse. In leichten Fällen aber wird eine von der Analyse beein- 
flußte Psychotherapie genügen. Auf jeden Fall aber muß eine Erzieherpersön- 
lichkeit, die mit der Psychoanalyse gründlich vertraut ist, das Kind in die Hand 
bekommen. Denn der Verlauf der zweiten Periode der infantilen Masturbation, 
die für das ganze weitere Leben solche Bedeutung hat, wird durch die 
psychischen Vorgänge beim Kind, durch die unbewußten und vorbewuß- 
ten Phantasien bestimmt, die zum Teil seine Masturbation verursachen, 
zum Teil sie begleiten, nicht aber durch die gewöhnlichen lokalen Er- 
regungen, etwa durch die unter der Vorhaut sich ansammelnden Sekret- 
absonderungen und ähnliche Reize. 

Man soll natürlich vermeiden, den erogenen Zonen des Kindes zu viel 
Erregung zuzuführen. Man soll ihm kein Schaukelpferd geben, es nicht 
auf dem Schenkel des Erwachsenen reiten lassen, es nicht Huckepack 
tragen, nicht schaukeln und nicht in die Luft werfen. Umsomehr muß 
jede Art von äußerer prägenitaler „Verführung" vermieden werden, so die 
„anale Verführung" beim Kleinkind. Man sollte also nie Klystiere oder 
Zäpfchen verabreichen, sondern Abführmittel; es wäre besser, die rektale 
Fiebermessung zu vermeiden oder sie sehr einzuschränken, denn für das 
Kind kommen alle diese Praktiken einer Vergewaltigung gleich, an der es 
Lust findet. Ebenso muß man darauf achten, die eigentliche Verführung 
vom Kind fernzuhalten ; selbstverständlich müssen alle uns in dieser Richtung 
unzuverlässigen Erwachsenen vom Kind entfernt werden, und man muß 
trachten, die so häufige Verführung durch Kinder, ohne sie ängstlich zu 
machen, tunlichst zu verhindern. Dadurch vermeidet man die Fixierungen, 
die in der Kindheit allzuleicht erfolgen, wenn die Geschlechtsbetätigung 

1) Die folgenden Ratschläge verdanke ich der Anregung Anna Freuds, deren 
große Kompetenz in Erziehungsfragen und in Fragen der Kinderanalyse wohl keiner 
besonderen Erwähnung bedarf. 

- 398 — 



: 



zu intensiv an einem gegebenen Objekt ihre Befriedigung findet; diese 
Fixierung hemmt später oft die Entwicklung zur genitalen Stufe des Er- 
wachsenen. 

Man kann dies dadurch erreichen, daß man das Kind mit Spielen und 
Tätigkeiten beschäftigt, die seinem Alter entsprechen, und so auch die 
Sublimierung fördert, zu der es ohnehin durch sein menschliches Gehirn 
und die atavistisch vorbereiteten Fähigkeiten zur Zivilisation hinstrebt. Es 
sei hier auf die wertvollen Beobachtungen von Vera Schmidt 1 am 
Kinderheim-Laboratorium des Psychoanalytischen Institutes in Moskau ver- 
wiesen, wo die Kinder wegen ihrer natürlichen Onanie gar nicht geängstigt 
wurden. Dort bemühte man sich, einerseits die psychischen Ursachen der 
infantilen Depressionen aufzudecken, die bei manchen Kindern zur „Trost- 
onanie" führen, wenn diese an Zärtlichkeitsmangel litten; hatte man die 
Ursache gefunden und behoben, dann hörte die Onanie von selbst auf. 
Andererseits blieb die physiologische Onanie gestattet; da die Kinder aber 
reichlich mit verschiedenen Spielen und Arbeiten beschäftigt wurden, wurde 
die Onanie niemals exzessiv. Und so lernte auch das Kind nicht lügen, 
denn das Verbergen der Onanie, wenn man sie trotz des Verbotes heimlich 
weitertreibt, ist die erste Quelle des Lügens. Denn das Kind ist oft nicht 
imstande, trotz aller Drohungen vor Ablauf der vorgeschriebenen Zeit seine 
Onanie aufzugeben. 

Übrigens scheint der von der Natur vorgeschriebene Zeitpunkt der Be- 
endigung der Onanie sich trotz relativer Freiheit während der infantilen 
Entwicklung geltend zu machen. Einige Kinder mußten das vorzeitig 
geschlossene Kinderheim in Moskau verlassen und sollen nach ihrer 
Heimkehr, wie die Eltern Vera Schmidt sagten, mit 5 oder 6 Jahren von 
selbst die Onanie aufgegeben haben, also beim Eintreten in die* Latenz- 
periode. Dies bedürfte jedoch noch der Nachprüfung, da diese Behauptung 
nicht aus der Beobachtung der Kinder, sondern von den Aussagen der 
Eltern stammt. 

Leider wurde dieses Experiment zu früh unterbrochen, da die Sowjets 
der Analyse nicht sehr freundlich gesinnt sind ; sie fürchten wohl instinktiv, 
diese könnte ihr scharfes Messer auch an ihre marxistischen Theorien an- 
legen. Genau so wie die Kirche das Messer der Psychoanalyse fürchtet und 
fürchten muß, wenn dieses an die Glaubenssätze herangebracht wird. 

Aber man kann voraussehen, daß Kinder, die ohne jede sexuelle Einschüch- 
terung aufgewachsen sind, viel angstfreier werden als andere, die man in 
dieser Bichtung eingeschränkt hat. Wie immer man über die Angst, diese 
Quelle jeder Neurose denken mag, mag sie sich zur Libido verhalten, „wie 
der Essig zum Wein 2 ", oder mag sie das Signal der Flucht des Ichs vor 



1) Vera Schmidt, Onanie bei kleinen Kindern, Zeitschrift für psa. Pädagogik, 
II. Jg., S. 155. 

2) Freud, Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. Ges. Schriften, Bd. V, S. 100. 

— 399 — 



1 



verschiedenen Gefahren sein, wie Freud seitdem meint , oder beides, 
zugleich, sicher ist, daß sie mit der Verdrängung der ersten Sexualbetätigung 
aufs engste zusammenhängt. Denn regelmäßig, wenn die infantile Mastur- 
bation verschwindet, zeigen sich beim Kind die ersten Symptome der Angst 
und Neurose. Wenn man der infantilen Sexualität einen normaleren Ver- 
lauf gestattete, würde man sicher damit eine wichtige Quelle von Angst 
und Neurose zum Schwinden bringen. Allerdings wäre es ein illusorisches 
Unternehmen, jede Neurose beim Kulturmenschen verhindern zu wollen; aber 
man kann wenigstens versuchen, die Häufigkeit und Intensität der Neurose 
zu mindern. 



Es gibt noch eine andere Gefahr entgegengesetzter Art, die die Mütter 
vermeiden sollen. Nicht nur zu viel unterdrücken, zu viel strafen ist 
gefahrvoll, sondern auch das Zu-viel-lieben und Zu-zärtlich-sein. 

Bei der Körperpflege helfen die Mütter notwendigerweise dem Kind bei- 
der Entdeckung der erogenen Zonen, auch wenn sie es vermeiden, sich, 
mit der Genitalzone zu viel zu beschäftigen. Dies läßt sich nicht umgehen; 
bei den Völkern und sozialen Schichten, bei denen eine solche Reinlich- 
keit nicht herrscht, schafft die Ansammlung von Sekret und Schmutz die- 
gleiche Erregung wie anderswo die Reinigung durch die Mutter, als ob 
die Natur dafür gesorgt hätte, daß eine Entdeckung der erogenen Zone 
nicht ausbleibe. 

Die Mutter aber soll nicht allzulange bei den verschiedenen Verrich- 
tungen der Körperpflege verweilen. Sie soll auch nicht aus überströmender 
Zärtlichkeit zu intensiv und zu oft ihr Kind liebkosen, und es aus diesem 
Grund auch nicht zum Einlullen zu sich ins Bett nehmen. Man nennt 
dies mit Recht „verderben". Denn die Mutter gibt dabei ohne zu wissen, 
was sie tut — sie wäre über eine solche Deutung empört — der er- 
wachenden Erotik ihres Kindes Nahrung und entfaltet sie möglicherweise 
zu früh, so wie die Blüten im März, auf die schon der Aprilfrost 
lauert. Wenn ein Kind zu früh eine erotische Befriedigung kennen gelernt 
hat, wird es von der unheilvollen Unterdrückung umso schwerer betroffen 
und kann im Unbewußten an diesem verlorenen Glück hängen bleiben, 
so daß ihm als Erwachsenem jeder Liebesgenuß unbefriedigend erscheint. 

Einer anderen Gefahr ist das Kind durch die sexuelle Beziehung der 
Erwachsenen untereinander ausgesetzt. Das Kind ist oft Zeuge der Sexual- 
handlungen der Erwachsenen, weil die Erwachsenen es fälschlich für „un- 
schuldig" halten und für unfähig, sie zu beobachten. Doch besitzen wir in 
tausenden von Analysen den oft durch Zeugenaussage gesicherten Beweis 
dafür, daß das Kind schon im zartesten Alter — mit ein oder eineinhalb- 
Jahren imstande ist, Eindrücke von sexuellen Vorgängen mit Auge oder 

1) Hemmung, Symptom und Angst. 1925. Ges. Schriften, Bd. XI. 

— 400 — 



Ohr aufzunehmen. Es gibt wohl ein besonderer und schon vorbereiteter 
Trieb ihm diese Aufnahmsfähigkeit. Später, in den folgenden Jahren, werden 
diese Eindrücke dann in ihm verarbeitet, aber ihre Aufnahme erfolgte schon 
in so früher Zeit. 

Bei den Primitiven sind diese Koitusbeobachtungen der Kinder an Er- 
wachsenen die Regel. Sie richten aber dort keinen Schaden an, da der zu 
früh entfachte Sexualtrieb der Kinder nicht bald darauf eine scharfe Unter- 
drückung erfährt. Auch für Kinder in sozialen Schichten, in denen die 
Promiskuität herrscht, ist der Verkehr der Erwachsenen ein häufiger An- 
blick für die Kinder; dort ergeben sich daraus schon mehr Schwierig- 
keiten. Aber in den höheren sozialen Schichten, in denen auf die freie 
Möglichkeit zu solcher Beobachtung bald eine strenge Unterdrückung erfolgt, 
ist das Kind oft nicht imstande, des Konfliktes Herr zu werden, der in 
ihm zwischen Verbot des Erziehers und Heftigkeit des Triebreizes ent- 
brennt und der durch die verschiedenen Arten der „Verführung", die wir 
aufgezählt haben, entfacht wird. Noch dazu sind an dieser Verführung 
die späteren Unterdrücker oft selbst aktiv beteiligt gewesen. 

Wir wollen nur noch ein Wort zur Sexualbetätigung des Kindes sagen, 
das sich auf das unerschöpfliche Thema der infantilen Onanie bezieht. 

Was die phallische Onanie der Knaben und Mädchen in der zweiten 
Phase der infantilen Sexualität zwischen drei und fünf oder sechs Jahren 
anlangt, so ist es ohne besondere Folgen, wenn diese beim Knaben bis in 
die Latenzperiode fortgesetzt wird und eventuell sogar in die Pubertäts- 
onanie direkt übergeht, oder wenn sie krisenartig in der Latenzperiode 
auftritt, was sehr häufig vorkommt. Denn die spätere Sexualität des Mannes 
ist in ihrem körperlichen Mechanismus dieser Onanie nicht unähnlich. Beim 
Mädchen ist dies aber nicht so. Wenn die phallische, d. h. die Klitoris- 
onanie des kleinen Mädchens noch in der Latenzperiode fortgesetzt wird oder 
während derselben krisenhaft auftritt, kann sie für die Entwicklung der 
künftigen Weiblichkeit oft schädliche Folgen nach sich ziehen. Denn sie 
hat die Tendenz, die spätere Sexualität der Frau an die Klitoris zu 
fixieren und die Erwachsene zu einer jener Frigiden mit Unempfindlich- 
keit der Scheide zu machen, die dem zweiten von uns beschriebenen Typus 
von Frigidität angehört. 

Wie weit nun werden diese Fixierungen und diese Wiederkehr der 
Klitorismasturbation in der Latenzperiode gerade durch Trotz gegen Erzieher 
und Erzieherinnen bedingt, die die Masturbation frühzeitig unterdrücken 
wollten? Und inwieweit ist die Wiederkehr der Klitorismasturbation in der 
Latenzperiode Ursache oder Folge einer besonderen Veranlagung der erogenen 
Zonen? Kommt es manchmal beim kleinen Mädchen zur spontanen Onanie 
am Vorhof oder in der Scheide, was sicher für bestimmte Kinder eine Prä- 
disposition dieser erogenen Zonen voraussetzen würde? So viele Fragen 
tauchen da auf und harren bis zum heutigen Tage auf eine eindeutige 
Beantwortung. 

Zeitschrift f. psa. Päd., V/10 401 28 



Es ist wohl zu überlegen, ob die Chinesen in der sexuellen Erziehung 
der Frau, die bei uns wie jede sexuelle Erziehung vernachlässigt wird 
nicht vernünftiger sind als wir. Bei uns muß ja alles, was zur Sexualität 
gehört, aus der Strenge unserer Moralbegriffe heraus unterdrückt 
werden. Man sagt, daß die chinesische Mutter 1 bei der "Körperpflege des 
kleinen Mädchens in der Wiege nicht wie bei uns sich damit begnügt, 
die äußeren Genitalien zu reinigen, wodurch die Zone der Klitoris gereizt 
wird, sondern daß sie regelmäßig auch das Innere der Vagina reinigt. 
Aus diesem Grund soll das Jungfernhäutchen in gewissen Gegenden Chinas 
ganz unbekannt sein, sogar bei den Ärzten. Es wäre interessant, diese An- 
gaben nachzuprüfen und zu untersuchen, ob die Frigidität infolge von 
Fixierung an die Klitoris bei uns häufiger ist als in China. 



Man mag sogar unter Psychoanalytikern über das Ausmaß an Freiheit, 
das man der aktiven infantilen Sexualbetätigung gewähren soll, ver- 
schiedener Meinung sein; aber über das Verhalten gegenüber der infan- 
tilen Sexualforschung kann es unter Psychoanalytikern nur eine 
Meinung geben. 

Das Kind ist ja dazu bestimmt, heranzuwachsen und seine Triebe der 
Herrschaft des Ichs unterzuordnen. Und es gibt keine gefestigtere Herr- 
schaft als die, die aus der Kenntnis dieser Triebe entsteht. Man kann, 
wie Freud über die Analyse neurotischer Symptome sagt, niemand in absentia 
oder in effigie erschlagen. Sicher ist, daß das Ich den Trieben gegenüber 
im Beginne noch schwach ist; man soll aber alles tun, es in seinem 
Wachstum entsprechend zu stärken, und zwar gerade mit Hilfe der hellen 
Sonne des Wissens. 

Es ist dabei aber überflüssig, der Neugier des Kindes zuvorkommen 
zu wollen. Denn das Kind, dem man zu früh, also bevor es noch danach 
begierig ist, den wahren Sachverhalt der Geburt und der Geschlechter auf- 
deckt, verarbeitet diese Kenntnisse nicht. Mag man ihm auch genau die 
Vereinigung der Geschlechter erklärt haben, es hält doch weiter an seinen 
infantilen Sexualtheorien, die es mehr befriedigen, fest, etwa an der oralen 
Befruchtung oder an der analen Geburt. Aber sobald die Neugier erwacht, 
muß man sie ohne zögernde Befürchtung und ohne Umschweife in ent- 
sprechendem Ausmaß befriedigen. Das Kind hat ein Recht zu wissen, 
woher es kommt, was es beunruhigt und was es später erwartet. Es muß 
zur Realität erzogen werden, da das Leben und die Gesellschaft verlangen, 
daß sich das Kind ihr anpasse. Alles, was das Kind täuschen könnte, ist 
zu verwerfen. Wenn die „Erziehung zur Realität" von gewissen frühzeiti- 
gen Versagungen nicht zu trennen ist, so muß sie doch wenigstens die 
Kenntnis des eigenen Trieblebens bringen. 

1) Plo ss-Bartels, Das Weib. I. Bd. S. 575. 

— 402 — 



Man darf sich in der sexuellen Erziehung und Erklärung, auf die 
das Kind ein Anrecht hat, wie Ferenczi richtig gezeigt hat 1 , nicht 
darauf beschränken, dem Kind die Naturgesetze kalt und abstrakt vor- 
zulegen und es etwa mit Vergleichen mit den Vorgängen bei den Blu- 
men abzuspeisen, wie viele Erzieher es tun, damit sie der Schwierigkeit 
entgehen, über die Erotik direkt sprechen zu müssen. Wenn dem Kind 
auch in Anbetracht der Unentwickeltheit seiner Organe die Befruchtungs- 
fähigkeit versagt ist, vermag es doch das Erotische daran zu begreifen, ja 
dieses drängt sich ihm sogar gewaltsam auf. Wenn auch das Alter, in dem 
das Kind die Fähigkeit zum Orgasmus, zur eigentlichen Endlust erreicht, bei 
verschiedenen Individuen wechselt, so ist ihm doch von der Wiege an die 
Vorlust bekannt. Es kann also das Kind nicht befriedigen, wenn man sich 
mit ihm über Pollen und Stempel der Blumen sogar in Analogie zur Ver- 
einigung von Spermatozoen und Eizelle unterhält. Es fühlt, daß man ihm 
das Wichtigste, die Lust, die mit dem Zeugungsakte verbunden ist, ver- 
heimlicht, daß es neuerlich beschwindelt wird und daß sich die Erwach- 
senen große heimliche Freuden vorbehalten, über die sie zu ihm nicht 
sprechen. Das muß das Vertrauen des Kindes zu den Erwachsenen für 
immer erschüttern, auch wenn ihm die Fabel vom Kinderkauf, von den 
Krautköpfen und vom Storch erspart wird. Diö offene Aussprache mit dem 
Kind über die infantile Onanie würde darunter leiden, selbst wenn solche 
Erzieher sie überhaupt vornehmen wollten. Warum verbergen sie mir das, 
würde das Kind denken, wenn es sich um sie selbst handelt, während ich 
darüber reden soll, wenn es um mich geht? 

Man kann dem Kind sagen, daß die schrankenlose Ausübung dieser 
wichtigen Funktionen einem späteren Zeitpunkt vorbehalten ist, bis seine 
Organe gereift sind, wie es ja der Wirklichkeit entspricht, und daß es 
sich bis dahin gedulden muß und sich nicht vergeblich im Wunsch ver- 
zehren soll, sich wie der Erwachsene zu betätigen, wie dies ja meist in 
der Hochblüte des Ödipuskomplexes der Fall ist. Man muß das Kind er- 
muntern, den, den es liebt und der es versteht, alles zu fragen, was es 
in dieser Hinsicht quält und worüber man ihm in der „guten" Erziehung 
den Mund verschließt, wenn es das Thema nur streift, so daß es ganz 
allein damit fertig werden muß. 

Wie Freud im „Unbehagen in der Kultur" schreibt, begehen die Er- 
zieher zwei Hauptfehler: sie bereiten das Kind nicht auf die Rolle vor, 
die die Sexualität in seinem Leben spielen wird, und sie lassen es darüber 
im Unklaren, wie heftig die Aggressionstriebe noch in der Gesellschaft 
wirksam sind. Das Schweigen über diese zwei Tatsachen hindert das Kind 
dann doppelt im Lebenskampf. 

Es ist in erster Linie Aufgabe der aufgeklärten Eltern, den Kindern 

1) F e r e n c z i , Die Anpassung der Familie an das Kind. Ztschr. f. psa. Pädagogik, 
«■ Jg., S. 246. 

-403- 






diese Erläuterungen, nach denen sie so begierig sind, zu geben. Der Stand- 
punkt, daß man der Schule die sexuelle Erziehung überlassen soll, ist 
ganz unhaltbar; ihn vertritt nur die Unzulänglichkeit und Feigheit vieler 
Eltern. Aber die Schule muß die Tat der Aufklärung auf jeden Fall 
fortführen und darf nicht mehr über all das, was zu diesen wichtigen 
Fragen gehört, einen Schleier breiten. Besonders der Unterricht in der 
Naturgeschichte, Ethnographie, Geschichte muß unter neuen Gesichts- 
punkten, die der Realität entsprechen, erteilt werden. Es sind schon einige 
Versuche in diesem Sinne gemacht worden, so die Waiden School i n 
Amerika und mit festeren Grundlinien eine vor kurzem unter dem Vor- 
sitz Anna Freuds in Wien begründete Privatschule. 

Unsere Auseinandersetzungen waren bis jetzt hauptsächlich psycho- 
physiologischer Natur. Wir haben ein rein psychisches Problem noch zu 
behandeln, nämlich das der Identifizierung des Kindes mit seinen 
Erziehern, bevor wir uns der Frage der Sublimierung zuwenden, das 
heißt der Fähigkeit, seine sexuellen Triebe auf Gebiete höherer, kultureller 
Leistungen hinzulenken und dadurch von der Neurose abzuwenden. 

Man weiß, daß die Umgebung des Kindes schon in den ersten Lebens- 
jahren von größter Bedeutung für das spätere Leben ist. Ein Kind von 
Gewohnheitsdieben, für die das Stehlen ein Ideal darstellt, wird leicht 
durch Identifizierung mit Eltern und weiterer Umgebung ein kriminelles 
ÜberTch erwerben, das jedoch in sozialer Hinsicht völlig der Gesellschaft, 
in der das Kind heranwächst, angepaßt ist. Bei der Neurose, die uns hier 
interessiert, geht Ähnliches vor. Die Neurose der Eltern wirkt sich bei 
den Kindern nicht nur durch die Vererbung aus, sondern auch durch die 
direkte Einwirkung der Eltern auf das Kind. Darum ist jede Neurose, 
jeder Charakterfehler der Eltern eine Gefahr für das Kind und sollte psycho- 
analytisch behandelt werden. Es wäre dies ein wichtiges Erfordernis 
für die Kindheitsprophylaxe der Neurosen, bleibt aber noch ein sehr 
fernes Ideal. 

Die Identifizierungen der Kinder mit den Erziehern sind sicher eben- 
soviel wert wie die Erzieher selber. Das ist aber nicht immer so. Es wechselt 
das Ausmaß der Identifizierung und es gibt Gegenidentifizierungen, 
die der Haßkomponente der ambivalenten Gefühle entspringen. Außerdem 
besteht die Gefahr der allzustarken Identifizierung mit dem gegengeschlecht- 
lichen Elternteil, durch die die Weiblichkeit beim Knaben und die Männ- 
lichkeit beim Mädchen allzu stark gefördert wird. 

Es soll hier nur darauf hingewiesen werden, wie vorteilhaft es für 
ein Kind in Anbetracht des späteren Zusammenlebens in der Gesellschaft 
ist, möglichst frühzeitig schon Brüder und Schwestern zu bekommen und die 
natürliche Eifersucht ihnen gegenüber durch Liebe ausreichend zu kom- 
pensieren. Die Liebe zu einer Schwester oder zu einem Bruder in der 

— 404 — 



Kindheit wird, wenn nicht irgend ein Vorfall oder eine frühzeitige ero- 
tische Bindung eine Fixierung nach sich zieht, später durch frühzeitige 
Lösung eines Teils des Libido von den Eltern die Liebesobjektfindung für 
den jungen Mann oder das junge Mädchen sehr begünstigen. — Man 
könnte ein ganzes Buch über die Identifizierungen des Kindes wie 
über den Wiederholungszwang schreiben, der alle Erlebnisse des 
Kindes für den Erwachsenen so bedeutsam macht. Aber wir wollen jetzt 
einiges über die Wege der Sublimierung beim Kind sagen. 

Die menschliche „L i b i d o", die sich nicht ganz einfach spurlos „unter- 
drücken" läßt, kennt drei große Verwendungsmöglichkeiten: direkte Abfuhr 
in der Triebbefriedigung, indirekte in den verschiedenen Sublimierungen 
and, wenn diese Wege der Abfuhr nicht genügen, Verarbeitung in Neurose. 
Darum besteht auch die Wirkung der gelungenen Sublimierung darin, 
daß sie der Neurosenbildung Energien entzieht. Man handelt daher im Sinne 
der Neurosenprophylaxe, wenn man beim Kind so bald als möglich die 
ihm entsprechenden Sublimierungen fördert. 

Als erstes finden wir beim Kind die Sublimierung der primitiven sexu- 
ellen Strebung dem ersten Liebesobjekt gegenüber zur Zärtlichkeit. 
Die sinnlichen Befriedigungen, nach denen das Kind auf Grund des Ödipus- 
komplexes strebt, sind ihm verboten und werden es auf Grund der In- 
zestschranke immer bleiben. Diese Strebungen müssen in kindliche Zärt- 
lichkeiten verwandelt werden. Wenn die Eltern liebevoll und verständig 
sind, geht dies tatsächlich vor sich. Wenn aber die Eltern lieblos sind 
und dem Kind nicht genug Wärme entgegenbringen, was sogar von 
sehen der Mutter geschehen kann, wenn ihr das Kind aus irgend einem* 
Grunde unwillkommen war, wenn also das Kind nicht der Liebe teil- 
haftig wird, die es ersehnt und die ihm zusteht, wenn das unbefangene 
Anbot seiner kindlichen Liebe grob zurückgewiesen wird, dann kann die 
Sublimierung der sinnlichen zur zärtlichen Liebe nicht richtig vor sich 
gehen. Später äußert sich dies im typischen Verhalten des sich jedem 
neuen Liebesobjekt „An-den-Hals-Werfens", um das von ihm zu fordern, 
was einem als Kind versagt blieb. Die Folgen des Liebesmangels in der 
Kindheit sind, wie man sich denken kann, besonders verhängnisvoll für das 
Mädchen. Man kann aber offenbar die Eltern nicht zwingen, ihre 
Kinder zu lieben, um diese Gefahr zu vermeiden. Liebe läßt sich nicht 
befehlen. Solche Eltern sollten dafür sorgen, daß andere Personen zu ihren 
Kindern Zutritt bekommen, die diesen die fehlende Liebe der Eltern ersetzen 
können. 

Im weiteren gibt es noch die eigentliche Sublimierung der Triebe zu 
sozialen Tätigkeiten, zum Handwerk, zur Wissenschaft und zur Kunst. 
Je früher der Erzieher erkennt, wohin die Sublimierung der Triebe jedes 
einzelnen Kindes strebt, umso besser wird es ihm gelingen, die Energien 
einer eventuellen Neurose zu entziehen. 

Wie vielen Kindern wird es aber vergönnt sein, beim Heranwachsen 

- 405 — 






ihre Fähigkeiten wirklich auszubilden? Der junge Proletarier wird s 
Brot verdienen müssen, dem jungen Bürgerlichen schreiben die Vorurteile 
des Vaters eine bestimmte Richtung vor, das Mädchen muß sich der Haus- 
wirtschaft widmen. Vielleicht wird deshalb die Arbeit so wenig geliebt 
weil man zu ihr gezwungen wird, wo doch gerade die frei gewählte Arbeit die 
beste Befriedigung eines sublimierten Triebes brächte. 

Das Ideal wäre, wenn man jedem möglichst frühzeitig die Entfaltung 
seiner Fähigkeiten in Kunst, Wissenschaft oder Handwerk ermöglichen 
könnte. Aber die ökonomische Struktur der Gesellschaft steht dem zu oft 
entgegen. Es gibt außerdem vielleicht viele Sterbliche, denen nur ein 
geringes Ausmaß an Sublimierungsfähigkeit zur Verfügung steht. Genaueres 
darüber auszusagen, ist bei dem jetzigen Stand der Erziehung nicht möglich. 

Man muß auf jeden Fall vom Standpunkt der Prophylaxe der Neurose 
darauf sehen, daß jede unterdrückte Triebkomponente so bald und so gut 
wie möglich zu einer dem Kind entsprechenden Sublimierung gelangt. 
Als solche kommt die möglichst frei gewählte Arbeit in Frage ebenso wie 
das Spiel, das auf kommende Tätigkeiten vorbereitet. Auch die sportliche 
Betätigung wäre hier zu erwähnen, die in unserer Zeit ja so verbreitet 
ist und bei der so viele aggressive Komponenten der Libido in sozialer 
Form und nach außen gewendet ihre Abfuhr finden. 



Es gibt noch eine letzte Form der „Erziehung zur Realität", die wir am 
Schluß unserer Arbeit erwähnen müssen. Freud hat ihr vor kurzem ein 
ganzes Buch gewidmet 1 . Es handelt sich hier um ein für uns alle brennendes 
Problem gerade in unserer Kulturepoche, die eine des Überganges ist und 
dabei eine Spaltung in zwei Lagef zur Folge gehabt hat. Es ist dies die 
Erziehung ohne Religion. 

Die menschliche Moral hat drei große Stadien durchlaufen. Im ersten 
wurde der Vater der Urhorde von den verschworenen Söhnen der Weibchen 
wegen, die der Vater allein besaß, ermordet, er stand im Totemtier wieder 
auf und gab der Horde die ersten Moralgesetze: das Verbot der Wieder- 
holung des Vatermordes am Totemtier, am „Vorfahren" des Stammes, und 
die Unterdrückung des Inzests, dem zuliebe der Mord begangen worden 
war, mit Hilfe der Vorschriften der Exogamie, die den Söhnen die Frauen 
ihres Clans überhaupt verbieten 2 . Die Moral kam damals in den Tabu- 
vorschriften zum Ausdruck, die den ersten, magischen und primitiven, 
kategorischen Imperativ darstellen. 

Aber infolge der Wiederkehr des Verdrängten im Verdrängenden tauchte 
der Vater, der hinter dem Totemtier steckte, allmählich wieder auf. In 

1) Die Zukunft einer Illusion. 1927, Ges. Schriften, Bd. XI. 

2) Freud, Totem und Tabu. 1912, Ges. Schriften, Bd. X. 

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die Unendlichkeit projiziert, wurde er am Himmel zu den großen und 
furchtbaren Göttern des Polytheismus, noch deutlicher zum Gotte des 
Monotheismus, Zeus, Baal oder Jahwe, die dem Menschen das Moral- 
gesetz unter Donnergrollen verkünden. Dieses Stadium, das im Zeichen 
des großen Vatergottes steht, ist das zweite, das religiöse Stadium der 
Menschheit. 

Doch begann die Menschheit schon vor ungefähr zwei Jahrhunderten 
ins dritte Stadium, das der Wissenschaft, aufzusteigen. Der Mensch hat auf 
der ersten, der totemistischen oder animistischen Stufe es sich nicht nehmen 
lassen, trotz der auf ihm lastenden Tabus mittels der Magie auf Grund der All- 
macht des Gedankens das Weltall zu beeinflussen, es regnen lassen zu 
wollen oder die Sterne zum Stillstand zu bringen. Auch auf der zweiten 
Stufe konnte er sich nicht entschließen, auf seine Macht zu verzichten, und 
vermeinte daher, Gott durch Opfer und Bitten umstimmen zu können. 
Aber das Zeitalter der Wissenschaft hat den Menschen gezeigt, daß Gott 
zur Erklärung des Weltalls nicht notwendig ist, da die Tatsache der Gesetz- 
mäßigkeit über immer weitere Gebiete der Natur sich ausbreitet. Als Napoleon 
Laplace fragte, warum Gott in der „Mecanique Celeste" nicht erwähnt sei, 
antwortete dieser, daß er in seinem Buche diese Hypothese nicht nötig ge- 
habt habe, was mit anderen Worten heißt, daß die Wissenschaft den 
Menschen gelehrt habe, man brauche diese" Hypothese zur Erfassung des 
Universums nicht. 

Als der Mensch nun ganz allein und hilflos im Weltall dastand, emp- 
fand er zum erstenmal sein ganzes Elend. Nachdem das Elternpaar, Gott 
und die Vorsehung, aus dem Himmel verschwunden sind, ist der Mensch 
zur Waise geworden und kann nur mehr auf sich selbst bauen. Darum 
haben auch so viele Menschen den Schritt von der religiösen zur wissen- 
schaftlichen Stufe noch nicht gewagt, obwohl mit der Beherrschung der 
Erde auf dieser Stufe dem Menschen die Macht gegeben worden ist und 
diesmal nicht als magische, sondern als wirkliche Macht. 






Nach welchen Grundsätzen sollen wir also unsere Kinder erziehen, um 
sie dem Leben in unserer Welt am besten anzupassen? Wie möglichst 
neurosefrei? 

Freud legt in der „Zukunft einer Illusion" dar, daß die Religion einer 
kollektiven Zwangsneurose der Menschheit vergleichbar ist, von der aller- 
dings die Menschheit sich zu erholen beginnt. Er hat die nahe Verwandt- 
schaft zwischen Neurose und Religion schon in einer kleinen Arbeit 
„Zwangshandlungen und Religionsübungen" früher einmal aufgezeigt. Viele 
Von uns werden sich auch noch an ihre Zwangsskrupel bei der weit zurück- 
liegenden ersten heiligen Kommunion erinnern, etwa wenn sie vergessen 
hatten, eine läßliche Sünde zu beichten. Die Religion fördert das zwangs- 

— 407 — 



mäßige Denken und ist bestrebt, die intellektuelle Freiheit zu ersticken 
Man muß glauben und gehorchen, ohne zu verstehen. 

Natürlich kann man in unserer westlichen Kultur, in der die „Freiheit" 

herrscht, zumindest die der Eltern, — die Kinder sind nirgends „frei" 

gläubige Eltern nicht zwingen, vor ihren Kindern Gott nicht zu erwähnen. 
Man kann bei der gegenwärtigen Struktur der Gesellschaft z. B. nicht viel 
weiter gehen als in Frankreich, wo die Laienschule existiert. Bei uns kann 
man ein so radikales Experiment wie das der „Schule ohne Gott" Rußlands 
dessen Resultate erst abzuwarten sind, nur als Zuschauer von der Ferne 
beobachten. 

Aber den Eltern, die die Stufe der Wissenschaft erreicht haben, ist ihre 
Aufgabe klar vorgezeichnet. Sie müssen trachten, ihren Kindern, soweit es 
möglich ist, die Konflikte, die ihnen aus der Verschiedenheit des Denkens 
auf den beiden Stufen erstehen können, zu ersparen. Sie begehen einen 
schweren Fehler, wenn sie dem Kinde z. B. der Konvention und dem Ge- 
brauche der Umgebung gemäß die erste Kommunion erteilen oder es den 
Religionsunterricht besuchen lassen. Denn all dieses ist für das Kind nicht 
wie für den Erwachsenen eine bloße Formalität. Alles was an Religiösem 
phylogenetisch noch in ihm schlummert, wird bei dieser Gelegenheit wieder 
aufflammen, und es hat dann einen Konflikt mehr zu lösen, nämlich den, 
der zwischen der alten in ihm erwachenden Religiosität und deren Ver- 
neinung durch seine Eltern und seine eigene Vernunft entsteht. 

Es ist die Pficht freidenkender Eltern, ihren Kindern so viel als möglich 
von diesen Konflikten zu ersparen. Sie* werden es auch vermeiden müssen, 
bei den Kindern Pflegerinnen zu halten, die die Kinder eventuell heimlich 
zum beten bringen. Es bleiben immer noch genug Gelegenheiten, bei denen 
das Kind von Gott, seiner Güte und Strenge reden hört und dann fragt, 
wer das denn sei. Darum konnte Freud 1927 in der „Zukunft einer 
Illusion schreiben, daß der Versuch einer wirklich freisinnigen Erziehung 
noch nicht gemacht worden sei. Auch den Sowjets wird es vielleich trotz 
der Gewaltmaßnahmen nicht gelingen. Diese Erziehung wird nicht von 
einer sozialen oder politischen Revolution, sondern von einer Entwicklung 
der Geister eingeführt werden; vielleicht kommt die freie Erziehung, die 
die Kinder in gewissen freidenkenden Familien Frankreichs oder Amerikas, 
obwohl dort der Puritanismus regierte und noch nicht ganz erledigt ist, 
diesem Ideal am nächsten. 

Wir wollen das ungeheure Kulturwerk der Religionen gewiß nicht leugnen, 
aber ebensowenig die kulturelle Leistung der ersten totemistischen Gesell- 
schaft, auf deren Stufe doch niemand zurückkehren möchte. Was zu einer 
Zeitepoche Notwendigkeit war, ist für eine nächste archaisch und ein 
Hindernis für die Entwicklung der Menschheit. Und wenn wir auch noch 
auf der religiösen Stufe der Menschheit stehen, dürfen wir uns doch nicht 
über ihren bereits archaischen Charakter hinwegtäuschen. 



408 



Der Grund, warum die freidenkende Erziehung einer religiösen über- 
legen ist, liegt in ihrer größeren Realitätsanpassung. Es kann doch nicht 
das Ziel der Erziehung sein, der menschlichen Intelligenz, nachdem man 
sie verkrüppelt hat, Krücken zu geben, um ihr das Gehen zu ermöglichen. 
Die „Tröstungen" der Religion gleichen oft solchen Krücken, und auch das 
Beispiel Pascals, der ihrer benötigte, spricht nicht gegen diese ihre Eigenschaft. 

Denn der Glaube, so wie einstmals die Magie, bleibt doch unter der 
Herrschaft des Lustprinzips trotz der grausamen Versagungen, die oft von 
seiner Moral ausgehen. Alle Opfer, die sich der Gläubige auferlegt, sollen 
hundertfach durch die ewige Seligkeit belohnt werden. 

Das wissenschaftliche Zeitalter verspricht gewiß den Menschen nicht so 
viel, und man muß stärker, männlicher, erwachsener sein, will man sich ihm 

»anpassen. Aber es ist die wissenschaftliche Einstellung, die sich am meisten 
der Anpassung an die Realität annähert, auf die hin ja die Entwicklung 
der Menschheit sich richtet. Dieses wissenschaftliche Zeitalter ist es ganz 
besonders, das die himmlische Moral hinfällig gemacht hat, indem es zeigte, 
daß diese nur aus den gemeinsamen Lebensnöten entstanden ist. 

Auf diese Weise wird auf dieser Stufe die Entwicklung der Moral, vor 
allem die sexuelle, was selbstverständlich ist^ von den vielen archaischen 
Zügen, die die menschliche Entwicklung hemmen, befreit werden. Die 
vernünftige Sexualerziehung des Kindes wird der wichtigste Schritt auf 
diesem Wege sein. Ist es doch bemerkenswert, wie sehr gerade die christ- 
liche Moral die Unterdrückung der Sexualität fordert. In der antiken Kul- 
tur, die ja auch ein hohes Niveau aufwies, und in welcher die Religiosität 
sozusagen diffuser war, war die Sexualität der Epheben und wohl auch der 
Kinder viel ungehemmter. 

Weil aber das Kind dazu bestimmt ist, im Laufe der Kinder jähre die 
ganze Entwicklung der Menschheit zu wiederholen, wird es auch unaus- 
bleiblich, meist wohl in der Latenzperiode, die religiöse Stufe durchlaufen 
müssen. Ohne sie mit Gewalt zu bekämpfen, werden Eltern und Erzieher 
das religiöse Stadium nicht noch durch ihre autoritäre Zustimmung stärken 
und dadurch die Gefahr heraufbeschwören, daß das Kind für sein ganzes 
künftiges Leben auf dieser Stufe verbleibe. Es wäre am besten, sich in 
diesem Fall der Religion gegenüber so wie den Märchen gegenüber zu 
verhalten, in denen Tiere sprechen und Wölfe und Menschenfresser die 
Kinder verschlingen. 

Das Kind will Märchen hören, und seine Phantasie hat ein Recht darauf. 
Wir wollen ja das Kind nicht der Märchen berauben, auch nicht der 
grausamen, schrecklichen — sind das nicht alle? — , wir glauben sogar, 
daß diese Berichte, deren Unwirklichkeit dem Kind bekannt ist, die Wirkung 
einer „Katharsis" haben; ebenso wie die Erwachsenen in Dramen, schreck- 
lichen Geschichten, Romanen und Tragödien ihre Affekte „abreagieren" 
und dadurch einen Teil der seelischen Spannung verlieren, kann das Kind, 

— 409 - 



das der Erzählung vom Rotkäppchen und vom Däumling lauscht, durch 
Mitfühlen seine Grausamkeit abreagieren, was für seine psychische Ent- 
spannung günstig ist. Wir können natürlich moderne englische oder 
amerikanische Märchenbücher nur empfehlen, in denen Tiere eine so große 
Rolle spielen 1 . Es besteht auch kein Grund dafür, den Märchen des Folklore 
in denen Totemismus und Animismus unserer Vorfahren weiterlebt, aus- 
zuweichen, denn wenn das Kind bei dem einen oder anderen Angst be- 
kommt, schadet dies nicht, ja es kann sogar einen Vorteil haben. Man 
kann ja, wie Freud betreffs der Symptome seiner Patienten sagte, einen 
Räuber, der sich versteckt, nicht erwischen, und wenn z. B. der Wolf, der 
das Rotkäppchen fressen will, eine Phobie auslöst, so beweist das nur, daß 
die Vorbedingungen zur Phobie im Kinde schon vorhanden waren, und 
daß es nur dieser Auslösung bedurfte, die Phobie in Erscheinung treten 
zu lassen. Man muß dann mit Hilfe einer Psychoanalyse dem Ursprung 
der Phobie nachgehen und sie so beheben. 

Aber kehren wir zur Religion zurück. Der Unterschied zwischen den 
Märchen und der Heiligen Schrift besteht darin, daß erstere nur als Fiktion 
vorgebracht werden, letztere aber Wahrheit,, und zwar höchste Wahrheit 
zu sein beansprucht. Man muß ans Paradies, an den Turmbau von Babel, 
an die Sintflut glauben, und sogar das Opfer Abrahams bewundern. Es 
wäre übrigens schwer, wollte man die Heilige Schrift als ein gewöhnliches 
Märchen hinstellen; es gibt zu viele Menschen, die daran glauben und 
die dem Kind eines schönen Tages sagen könnten, das alles sei Wahrheit. 
Besser also den Augenblick hinausschieben, in dem es diese Geschichten er- 
fahren soll, zu denen unser modernes Empfinden ohnedies noch immer 
zu viel Beziehungen hat. 

Man sollte die Heilige Schrift in den höheren Schulklassen einfach als 
Kapitel der vergleichenden Religionsgeschichte der Menschen lehren. 



' 



Wir wissen, daß auch eine ganz freidenkerische Erziehung, allein nicht 
imstande wäre, ein Kind vor der Neurose zu bewahren, also vor dem Durch- 
laufen dieser Entwicklungsstufe, die noch fataler ist als die der Religion, 
die keinem Kulturkind erspart bleiben kann. Ein Beispiel, das mir Anna 
Freud berichtete, mag dies am besten illustrieren: ein Kind aus einer sehr 
frommen Familie wurde sehr religiös erzogen; vor der Onanie geschreckt, 
sagte es, wenn es masturbiert hatte, voller Angst: „Der liebe Gott hat mich 
durchs Fenster gesehen." Nach der Geburt dieses Kindes verloren die beiden 
Eltern den Glauben und erzogen das zweite Kind freisinnig. Und der zweite 
ihrer Sprößlinge sagte, wenn er onaniert hatte, voller Angst; „Die Sonne 
hat mich durchs Fenster gesehen." 

1) Zum Beispiel die entzückende Geschichtenfolge „Old Mother West Wind", 
ron Thornton W. Btrgess, und die Meisterwerke der Märchen von Kipling. 

— 410 — 



Dies bestätigt wieder, daß" die verdrängende Instanz die Moralinstanz 
an und für sich ist, und daß Gott, die Sonne, der Wolf oder der Gendarm 
als Vatersymbole für den Trieb, sobald er eine Einschränkung erfuhr, unter- 
einander ohneweiters vertauschbar sind. Und immer sind Väter und Erzieher 
Urheber der Moral, der Angst und der Neurose. Darum ist wohl auch 
ein Pfarrer Pfister, der Analytiker ist, — abgesehen von gewissen 
Kompromissen, zu denen ihn die Religion zwingt, — ein besserer Erzieher 
als ein Erzieher, der Freidenker ist, aber gleichzeitig das Sexuelle weit- 
gehend verdrängt. 

Wenn man die Moral vom Gottesbegriff reinigt, so hat das von diesem 
Gesichtspunkt aus nur den Vorteil, daß man sie von ihrer religiösen Starr- 
heit befreit und den Weg für die fortschreitende Anpassung der Moral an 
die reale Entwicklung frei macht. 



Unterdessen fordert die Erziehung durch .wenig aufgeklärte Eltern und 
Erzieher ihre Opfer, und die Welt ist voll von den Gebresten, die sie auf dem 
Gewissen hat, mag ihnen ihr Gebrechen nun bekannt sein oder auch nicht. 
Darum ist Freud auch der Ansicht, daß im gegenwärtigen Zustand der 
Kultur, die dem Menschen von 'Kindheit an so viel schmerzliche Ver- 
sagungen und pathogene Verdrängungen auferlegt, die Kinderanalyse für 
mindestens zwei Drittel der Kinder kein Luxus, sondern eine Notwendig- 
keit wäre. Der geeignetste Zeitpunkt dafür wäre der Beginn der Latenz- 
periode, also das fünfte oder sechste Jahr, der Zeitpunkt der ersten Ver- 
drängungen. Zur Durchführung dieser Analysen müßten Tausende von 
Analytikern, vor allem Frauen herangebildet werden; diese Tatsache zeigt 
wieder, daß die Frage der Ausbildung zur Analyse über die der medizini- 
schen Ausbildung hinausgeht. 

Es wird immer mehr Aufgabe der kommenden Generationen sein, den 
„Beichtvater", den „Seelenhirten" des Erwachsenen oder des Kindes durch den 
wissenschaftlich geschulten und aufgeklärten Pädagogen, d. h. durch den 
Psychoanalytiker, zu ersetzen. 

Es bleiben dann noch die eigentlichen Erzieher und die Eltern, von 
deren Anpassung an die physiologische und psychologische Realität die 
Erziehung, also das Schicksal der Kinder in erster Linie abhängt. Eine 
Moral, in der überflüssige und archaische Reste, besonders in sexueller 
Hinsicht, fallen gelassen wurden, eine Moral, die auf Grund der Erkenntnis 
einerseits den ununterdrückbaren Triebansprüchen, andererseits den sozialen 
Forderungen Rechnung trägt, sollte Gemeingut aller Erzieher werden. Eine 
solche Moral zu erlangen, gibt es nichts Besseres als die eigene Analyse, 
die die eigene Wertung der Triebe und der sozialen Forderungen einer 
gerechten Überprüfung unterzieht. Unter dem Einfluß solcher aufgeklärter 
autoritärer Persönlichkeiten könnten die Kinder freier heranwachsen. 

Ebenso wie es Zweck und Resultat jeder Psychoanalyse ist, die Ver- 

— 411 — 



drängung durch die Verurteilung zu ersetzen, hätte eine unter denselben 
Gesichtspunkten unternommene Reform von Moral und Erziehung ein 
gleiches Ziel und Ergebnis. 

Was hier vorgeschlagen wurde, ist nichts anderes, als was in jeder 
Analyse im Individuum sich vollzieht, eine tiefe und wohltätige Verän- 
derung im Über-Ich oder im moralischen Kollektivgewissen der Menschheit. 
Es wird gewiß lange dauern, bis man das erreicht, wenn man es über- 
haupt erreichen kann, und wir stehen erst in der Morgendämmerung einer 
solchen neuen Zeit. 



: 



IIUIIIIIIIIIIUIIIIIIIM^ 



INHALT 

Seite 

I) Die Verbreitung der Neurosen . 569 

II) Die infantile Sexualität und ihre Verdrängung 571 

III) Die Sexualität der Erwachsenen und ihre Schädigungen 382 

IV) Einige Vorschläge zu einer Reform der Erziehung 591 



Eigentum«, Verleger und Herausgeber für Österreich: Adolf Josef Storfer, Wien, I., Börsegasse 11 

(„Verlag der Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik"). 

Verantwortlicher Redakteur: Adolf Josef Storfer, Wien, I., Börsegasse ll. 

Druck von Emil M. Engel, Druckerei und Verlagsanstalt, Wien, I., In der Börse. 



fi 



Im „Internationalen Psychoanalytischen Verlag" in Wien 
erschien von 

Marie Bonaparte 



| Über die Symbolik der Kopftrophäen | 

Ü T S 

g Zra Ganzleinen Mark 3.30 B 

& „Der Deutsche Jäger": In der Studie der Prinzessin Marie von Griechenland =fj 

=j (veröffentlicht unter dem Mädchennamen der Verfasserin) wird das Problem, warum das §§ 

= Geweih das Attribut des betrogenen Ehemannes ist, mit Mitteln der modernen §f 

= Tiefenpsychologie gelöst. Im Kapitel „Magische Hörner" werden Hörner als Amulette E 

S gegen den bösen Blick behandelt. Das Kapitel „Jagdtrophäen" geht vom könig- = 

jg liehen Weidwerk, der Parforcejagd aus, deutet die Herkunft aus dem kollektiven S 

= Menschenopfer und stellt ihr die individuelle Hirschjagd, das Pirschen gegenüber. = 

= — 

| Der Fall Lefebvre | 

= — 

§ Psychoanalyse einer Mörderin {§ 

l| In Ganzleinen Mark 3. 80 Ü 

M ,,V o s s i s c h e Zeitung": Marie Bonaparte, die Prinzessin von Griechenland, hat g 

p den Fall Lefebvre in einm schmalen Band dargestellt, in welchem sie das Verhalten M 

= der sittsamen Spießbiirgerin, die bekanntlich seinerzeit eines Tages ohne jegliche Präli- = 

j=j minarien ihre Schwiegertochter auf einem Ausflug in Gegenwart ihres Sohnes erschoß, s 

I motivisch wenigstens soweit aufgeklärt, als es das spärliche Material zuläßt. Es ist wohl jj§ 

B so ziemlich das erstemal, daß ein Kriminalfall eine systematische analytische Dar- 53 

== Stellung erfährt. §| 

Aus der Analyse einer mutterlosen Tochter 

1 Geheftet Mark j. — 1 

£ ,,D eutsebe medizinische Woehensehrif t": Selbstdarstellung der Pari- || 

m aer Paychoanalytikerin im Sinne der Lebensbeeinflussung durch Identifizierung mit der ~ 

§= verstorbenen Mutter (Ödipuskomplex) und eine kurze kasuistische Mitteilung über eine H 

== kleptomane Anwandlung. |§ 



'II 



iie JLuKuntt emer 



usion 



In Ganzleinen M. S'ÖO 



Die religiösen Ideen — führt der Schöpfer der 
Psychoanalyse aus — sind sämtlich Illusionen, 
niemand darf gezwungen werden, an sie zu glau- 
ben. Einige von ihnen stehen so sehr im Wider- 
spruch zu allem, was wir mühselig über die Reali- 
tät der Welt erfahren haben, daß man sie den 
Wahnideen vergleichen kann. In den Jahrtausen- 
den, durch die die Religion die menschliche Gesell- 
schaft beherrscht hat, ist es ihr nicht gelungen, die 
Mehrzahl der Menschen glücklich zu machen; viel- 
mehr empfindet eine erschreckend große Anzahl 
der Menschen die Gesellschaftsordnung als ein 
Joch, das man abschütteln muß. Unsittlichkeit 
hat zu allen Zeiten an der Religion keine mindere 
Stütze gefunden als die Sittlichkeit . . . Wenn man 
den betrübenden Kontrast zwischen der strahlen- 
den Intelligenz eines gesunden Kindes und der 
Denkschwäche des durchschnittlichen Erwachsenen 
ins Auge faßt, kann man ermessen, welch großen 
Anteil an der intellektuellen Verkümmerung neben 
der sexuellen Denkhemmung und der Verzögerung 
der sexuellen Entwicklung besonders auch die 
religiöse Erziehung hat . . . Freuds Ausführungen 
gipfeln in der Forderung: „Erziehung zur 
R e a 1 i t ä t!" Was soll dem Menschen die Vorspie- 
gelung eines Großgrundbesitzes auf dem Mond, von 
dessen Ertrag doch noch nie jemand etwas gesehen 
hat? Als ehrlicher Kleinbauer wird der Mensch auf 
dieser Erde seine Scholle zu bearbeiten wissen, so 
daß sie ihn nährt. Eine Menschheit, die auf Illu- 
sionen verzichtet, wird wahrscheinlich erreichen 
können, daß ihre Einrichtungen keinen mehr er- 
drücken. Die Stimme des Intellekts ist leise, 
aber sie ruht nicht, ehe sie sich Gehör geschafft 
hat; dies ist einer der wenigen Punkte, in denen 
man für die Zukunft der Menschheit optimistisch 
sein darf . . . Auf die Dauer kann der Vernunft und 
der Erfahrung nichts widerstehen und der Wider- 
spruch der Religion gegen beide ist allzu greifbar. 
Auch die geläuterten religiösen Ideen können sich 
diesem Schicksal nicht entziehen, solange sie noch 
etwas vom Trostgehalt der Religion retten wollen. 
Es wäre eine Illusion zu glauben, daß wir 
anderswoher bekommen könnten, was die Wis- 
senschaft uns nicht geben kann. 



„Es ist hochinteressant zu verfolgen, wie Fr 
auch im Alter noch ejn Geistesriese unter 
deutschen Gelehrten, von Schrift zu Schrift kls 
erbarmungsloser, wenn man will, radikaler in 
Aufdeckung der Schäden und Fehlkonstruktic 
unserer Gesellschaft wird. Freud selbst und 
meisten seiner Schüler sind keine politischen 1/ 
sehen; der Wiener Meister kommt zu einer Ki 
unserer Welt ausschließlich von der psycho! 
sehen Seite her. Da aber dies? Kritik erbarmui 
los objektiv, unbeeinflußt von persönlichen c 
klassenmäßigen Wünschen und Vorurteilen 
müssen sich ihre Ergebnisse schließlich treffen 
dem, was eine marxistische Analyse der mem 
liehen ,Ideologien' auch ergeben würde." („L 
ziger Volkszeitung") 

„Es scheint gewiß, daß ein nicht genau zu 
stimmender Teil der Menschheit nichts and 
anstrebt als Lust und darauf beruhen die diagne 
sehen Erfolge des Panschweinismu s." („S 
deutsche Monatshefte") 

„Freud spricht zu dem heute so überaus gro 
Haufen von Neurotikerh und Entfesselten, die ' 
ihm wie von einem wissenschaftlichen Tetzel ei: 
Generalablaß für alle ihre auch ihnen selbst 
erträglichen Ekelhaftigkeiten und Laster und 
gnädiges Admittatur für ihre libidinösen Sä 
gungsbedürfnisse erwarten. Nur für diese So 
kann er ein Abgott und der Vertreter hoch 
Wissenschaftlichkeit sein. Wir hielten es für « 
Pflicht, unser Volk und unsere deutsche Jugi 
vor dieser Sumpfwissenschaft eindringlich zu w 
nen und da dies geschehen, ist der Wiener ,< 
lehrte' für uns abgetan." („Freie Welt") 

„Freud unter den Propheten . . . Die Platt! 
ist nicht zu übertreffen." („Theolog. Literat 
Zeitung") 

„Es wäre allzu bequem und verhängnisvi 
wenn die christliche Apologetik glaubte, soll 
scharfsinnigen Darlegungen als .Teufelswerk' i 
tun zu können und zu dürfen." („Lit. Jahresh 
d. Dürerbundes") 



llllHIBiilllliliilllllllilllllll 



S/GM. FREUD 



as unibe. 



m eer niuimwir 



B I 



/n Ganzleinen A4. 5' 



||g!l111IIIIII!ll!llIIIlil!II 



Nun ergänzt ein neues Werk Freuds in will- 
aounenster Weise sein philosophisches Weltbild, 
wmals die Weite und Spannkraft 
,|eses strengen und unbeugsamen 
• e istes erweisend, ein Werk, durchaus 
^oduktiv, eigenartig und wie jedes seiner früheren 
', e |jement zur Diskussion anreizend. Fragen in die 
feit werfen, also in sokratischer Methode Pro- 
.| e me zu erlichten, war von je Freuds besondere 
Jonst und Leidenschaft: auch an dieser neuen und' 
^erwarteten wird sich die allgemeine Aufmerk- 
jmkeit unbedingt erregen müssen . . . Hier ist dal 
aychologische Lot tief hinabgelassen in den 
iborund eines zeitgenössisch wichtigen Problems, 
jnes unlösbaren, gewiß, aber welche Probleme darf 
jm wirklich Probleme nennen, die glatt lösbare 
gd; hier handelt es sich nicht um optimistische 
jdsr pessimistische Ausdeutung, die Zeiten sind 
rorbei, wo eine Akademie die billige Preisfrage 
«Ute, ob der Fortschritt den Menschen besser 
ache oder nicht, und Jean Jacques Rousseau 
kch sein glattes Nein die Begeisterung der Welt 
urang. Gerade die harte, sachliche, von 
itiner Gläubigkeit und Tendenz 
rerzuckcrte Art, wie Freud seine Thesen 
jillt, geben jedem, der sie ernstlich mitdenken 
tili, etwas von seiner hohen Strenge und Ent- 
dlossenheit. Oberreich an Anregungen, gedrängt 
roll mit Denkstoff, merkwürdig in vielen Einzel- 
siten, erweist abermals dieses Werk, einen wie 
Mten und weiträumigen Denker wir gleichzeitig 
lit dem genialen Forscher in Sigmund Freud zu 
wundern haben, und wie sehr diejenigen ihrer 
«Iber spotten, die seine Leistung als Psychologe 
seh immer auf das einspurige Sexualgeleise ab- 
clieben wollen, indes seine Wirkung ständig ihre 
Hinzen erweitert und auf allen Gebieten geistiger 
?.'oduktivität schöpferisch anregend zutage tritt." 
Stefan Zweig im „Berliner Tageblatt" 

»Den Lämmern Gottes und den Ehrenbürgern 
« sozial unendlich raffiniert eingerichteten Exi- 
ftnzhölle, setzt heute der Psychoanalytiker 
^mund Freud auseinander, warum sie in unserer 
ultur nichts als unglücklich sein dürfen." 
«x Hodidorf in der Berliner „Nationahätung" 






„Ein begnadeter Schriftsteller, mit allen Gaben 
sprachlicher Meisterschaft und einer überzeugenden 
Logik. Immer folgt man seinen Gedankengängen 
mit größter Anspannung und ist bis zur letzten 
Seite gepackt von der Souveränität dieses Den- 
jens, dieser Persönlichkeit." 

Rudolf Kayser in der „Neuen Rundschau" 

„Sigmund Freud, der zu Österreichs Ruhm im 
Ausland mehr beigetragen hat, als alle unsere 
Schlachten und Heldentaten, hat uns im achten 
Jahrzehnt seines Lebens ein Buch der Altersweis- 
heit geschenkt, das keiner, der seiner ganz inne 
wird, ohne Schwermut und Dankbarkeit lesen 
ivird." 

Max Ermers im Wiener „Tag„ 

„Von Freuds neuester Schrift gilt das Wort: So 
viele Sätze, so viele Irrtümer oder doch wenig- 
stens Unrichtigkeiten, Schiefheiten, unbe- 
wiesene und unbeweisbare Behauptungen, falsche 
und gewaltsame Deutungen, willkürliche 
Annahmen . . . Hätte man bisher noch keine klare 
Einsicht in das Problematische dieser neuesten 
Wissenschaft' gehabt, die vorliegende jüngste 
Publikation Freuds müßte auch dem Blindesten die 
A.ugen öffnen . . . Wozu all dieser Aufwand von 
Beredsamkeit . . . Manche Behauptungen klingen 
geradezu romanhaft, muten wie tolle 
Phantasien eines Irrsinnigen an, ja 
fordern zu schallender Heiterkeit 
heraus . . . Was gegen das Gebot der christlichen 
Nächstenliebe eingewendet wird, erhebt sich nicht 
über das Niveau frivoler Witze. Die Befol- 
gung der hohen ethischen Forderungen bedeutet 
eine Schädigung der Kulturabsichten. Die Krone 
Polens aber gebührt dem, der aus Freuds ebenso 
abenteuerlichen und bizarren, wie 
verworrenen und widerspruchsvol- 
len Ausführungen über die Entstehung des Ge- 
wissens klug zu werden vermag." 

Prof. Dr. Johann Triebl in der Wiener „Reidispost" 

„Immer mehr enthüllt sich Freud als der große 
Kritiker unserer Kultur." 

A. Winterstein in der „Neuen Freien Presse, 



Urteile über die „Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik" 



Der Vorteil der „Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik" ist es, 
bei strengster Wissenschaftlichkeit amüsant und kurzweilig zu sein. 

Monistische Monatshefte 

Man übertreibt kaum, wenn man sie die beste pädagogische Zeitschrift 
nennt, die es gegenwärtig überhaupt gibt. Sie wird von Analytikern und 
Nichtanalytikern geschrieben; der Stil ist keineswegs so fachwissenschaft- 
lich und schwer, daß die Aufsätze nur mit spezieller Vorbildung lesbar 
wären; im Gegenteil sind fast alle Aufsätze allgemeinverständlich. 

Leipziger Volkszeitung 

Wer einmal ein Heft dieser Zeitschrift gelesen hat, wartet mit Span- 
nung auf die nächste Nummer. Denn sie bringt ihm soviel Neues in 
offener Sprache, über das man früher zu schreiben sich nicht getraute, 
daß ihr möglichst weite Verbreitung zu wünschen ist. Unsere Schul- 
pflegen sollten die Zeitschrift auf irgend eine Weise ihren Mitgliedern 
zugänglich machen. Winterthurer Arbeiterzeitung 

Diese Zeitschrift hält die glückliche Mitte zwischen wissenschaftlicher 
Einstellung und Allgemeinverständlichkeit, gepaart mit einem guten lite- 
rarischen und stilistischen Niveau. 

Deutsche Zeitschrift für Homöopathie 

Unsere Arbeit in der Schule erhält von der Psychoanalyse wertvolle 
Anregungen und Aufschlüsse. Es gibt kein Ausweichen mehr, wir müssen 
auch diesen Zwejg der Seelenkunde kennen lernen. Ein zuverlässiger 
Führer ist die genannte Zeitschrift. Pfälzische Lehrerzeitung 

Aufsatz für Aufsatz der Zeitschrift bringt Beispiele Menschenleids und 
seines Urgrundes, oft so packend und überzeugend, daß man wünschte, 
es gäbe Tausende von Pädagogen, die in dieser Methode zu Hause wären, 
Hunderttausende von Eltern, die ihre Forderungen für eine richtige Er- 
ziehung verstünden. Darum ist gerade diese Zeitschrift berufen, Fackel 
zu sein. Sie ist sich dessen bewußt und schreibt deshalb in einer Sprache, 
die auch Nichtgelehrten verständlich ist. Möge sie viel gelesen werden 
und unendliche Früchte tragen. Volksblatt, Halle 

Man könnte sich denken, daß Behörden und Pädagogenkreise hier die 
Gefahr einer psychoanalytischen Verseuchung unseres Schulwesens fürch- 
ten und aus berechtigten sachlichen wie persönlichen Gründen nunmehr 
gegen den Versuch vorgehen. Zeitschrift für pädagogische Psychologie