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Full text of "Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik IX 1935 Heft 1"

IX. Jahrg. 



Januar — Februar 1935 



Heft 1 




Zeitschrift 
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Preis dieses Heftes Mark 2'- 



Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik 

Begründet von Heinrich Meng und Ernst Schneider 



August Aichhorn 

Wien V, Schönbrunnerstraße 110 



Herausgeber: 
Dr. Paul Federn 

Wien VI, Köstlergasse 7 



Dr. Heinrich Meng Prof. Dr. Ernst Schneider 



Basel, Angenstelnerstraße 16 



Stuttgart N, Relenbergslr. K> 



Anna Freud 

Wien IX, Berggasse 19 

Hans Z u 1 1 i g e r 

1 1 1 I g e n bei Hern 



Schriftleiter: 
Dr. Wilhelm Hoff er, Wien, I., Dorotheergasse 7 



6 Hefte jährlich M. 10*—, schw. Frk. 1250, österr. S 17*— 
Preis des Heftes: M. 2'— (schw. Frk. 2'50, österr. S 3 40) 

Geschäftliche Zuschriften bitten wir zu richten an 

Internationaler Psychoanalytischer Verlag 

Wien I, In der Börse 



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dän. Kr 12- SO 



Bei Adressenänderungen bitten wir, freundlich auch den bis h erigen Wohnort 
bekanntzugeben, denn die Abonnentenkartei wird nach dem Ort und nicht nach dem 

Namen geführt. 



In Vorbereitung befinden sich folgende Sonderhefte: „Lern- und 
Denkstörungen", „Jugendliche Verwahrlosung und Kriminalität", 

„ Puber tätspr oblem e" . 



. 



ZEITSCHRIFT FÜR 

PSYCHOANALYTISCHE 

PÄDAGOGIK 



IX. JAHRGANG 1935 



ZEITSCHRIFT FÜR 

PSYCHOANALYTISCHE 

PÄDAGOGIK 



HERAUSGEBER: 

AUGUST AICHHORN PAUL FEDERN ANNA FREUD 

WIEN WIEN WIEN 

HEINRICH MENG ERNST SCHNEIDER HANS ZULLIGER 

BASEL STTTTC \RT BERN 



SCHRIE TLE IT ER .■ 

WILHELM HOFFER 

WIEN 



IX. JAHRGANG 
1935 



INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG, WIEN I. 









ALLE RECHTE, INSBESONDERE DIE DER ÜBERSETZUNG, 

VORBEHALTEN 







INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



ZEITSCHRIFT FÜR PSYCHO- 
ANALYTISCHE PÄDAGOGIK 



LX. Jahrg. 



Januar— Februar 1935 



Heft 1 



Analyse eines Falles von Pavor nocturnus 

Von Jenny Wälder, Wien 

Im Folgenden soll die Analyse eines Knaben mitgeteilt werden, der 
wegen einer Herzneurose und eines Pavor nocturnus in die Behand- 
lung kam. Die Mitteilung dieser einfachen Kranken- und Behandlungs- 
geschichte eines Kindes erscheint aus folgenden Gründen gerecht- 
fertigt: Diese Analyse kann ein gewisses Licht auf die Bedeutung des 
Pavor nocturnus oder vorsichtiger ausgedrückt einer Form von Pavor 
nocturnus werfen. 1 ) Außerdem zeigt uns die Analyse beim Kinde eine 
ganze Reihe von Mechanismen unmittelbar in ihrem Entstehen, z. B. 
Reaktionsbildung, Projektion, Über-Ich-Bildung, Entscheidung zwi- 
schen sozialer und asozialer Unterbringung von Trieben und manche 
anderen Mechanismen des kindlichen Seelenlebens, während wir in 
Analysen Erwachsener vor die fertigen Resultate dieser Prozesse ge- 
stellt werden und den Vorgang selbst erst deutend erschließen können. 

I. 

Das Kind, über das ich hier berichten möchte, ist zur Zeit der Auf- 
nahme der Behandlung sieben Jahre alt. Es ist ein kleiner, körperlich 
mäßig entwickelter, hübscher Knabe. Sein Gehaben macht zuerst den 
Eindruck scheuer Ängstlichkeit und Schüchternheit, doch zeigt sich 
sehr bald, daß er auch sehr lebhaft, zutraulich und gesprächig sein 
kann. Die Schüchternheit geht nicht tief, sie ist die Oberfläche, hinter 
der die Lebendigkeit eines richtigen Gassenjungen steckt. Seine Intel- 
ligenz ist gut entwickelt, er hat einen regen Mutterwitz; die Schul- 
erfolge (1. Volksschulklasse) sind m ittelmäßig, entsprechend seiner 

*) Einen anderen Inhalt des Pavor nocturnus hat Helene Deutseh in 
ihrer „Psychoanalyse der Neurosen" beschrieben (Wien 1930) ; unter anderen 
psychoanalytischen Arbeiten enthalten die folgenden Hinweise auf das Ver- 
ständnis des Pavor nocturnus: „Die Entstehung des Pavor nocturnus bei einem 
Kinde" von einer Mutter (Ztschr. f. psa. Päd., Jhrg. I, 1927) ; Otto Feni- 
chel: „Hysterien und Zwangsneurosen" (Wien 1931), Seite 48; Melanie 
Klein: „Die Psychoanalyse des Kindes" (Wien 1932). 



Jenny Wälder 



Lernfaulheit. Im proletarischen häuslichen Milieu findet das Kind 
kaum geistige Anregungen. Seine Interessen sind hauptsächlich aufs 
Technische gerichtet, sein Verständnis für diese Dinge ist ein für 
dieses Alter sehr gutes. 

Der Junge kam auf folgendem Wege in psychoanalytische Behand- 
lung: Er klagte seit Wochen über stechende Schmerzen in der Herz- 
gegend, die plötzlich ohne sichtbare äußere Anlässe und unabhängig 
von körperlichen Anstrengungen, wie etwa Laufen, Springen, Stiegen- 
steigen auftraten. Die Mutter suchte mit ihm den Arzt auf, die soma- 
tische Untersuchung blieb negativ; der Arzt schickte das Kind zur 
neuerlichen Untersuchung ins Spital an die interne Abteilung. Die 
somatische Untersuchung verlief auch hier negativ; da aus der 
Anamnese festgestellt wurde, daß der Knabe auch an Pavor nocturnus 
litt, wurde das Herzleiden als nervös bezeichnet und der Knabe zur 
psychotherapeutischen Behandlung an die psychoanalytische Ambu- 
lanz gewiesen. 

Das Symptomenbild des kranken Kindes ist folgendes: Herzbeschwer- 
den, wie oben erwähnt, seit etwa einem Jahr Pavor nocturnus. Über 
das erste Auftreten dieses Symptoms kann die Mutter keine genauen 
Angaben machen. Der Pavor nocturnus tritt zu wiederholten Malen 
in unregelmäßigen Abständen auf. Der einzelne Anfall verläuft — 
nach Angaben der Mutter — in der Weise, daß der Knabe mit einem 
Aufschrei aus dem Schlafe aufspringt oder sich aufsetzt, sodann 
ängstlich weint; von der Umgebung, die ihn zu beruhigen sucht, 
nimmt er anscheinend keine Notiz und reagiert dementsprechend nicht 
auf gütlichen Zuspruch. Die besorgte Mutter macht ihm kalte Um- 
schläge aufs Herz. Nach einer Weile beruhigt er sich und schläft 
wieder ein, ohne während des Anfalles erwacht zu sein, also auch 
ohne Bewußtsein für das Geschehene. Am nächsten Tag ist der ganze 
Anfall amnesiert. In der letzten Zeit wurde auf Anraten eines Arztes 
während des Anfalles auch Baldriantropfen verabfolgt, was jedoch 
ohne Wirkung blieb. 

Nicht minder belastend für die Umgebung, wenn auch weniger lär- 
mend, war die diffuse Ängstlichkeit des Knaben. Er blieb nicht allein 
im Zimmer, er ließ die Mutter nicht ausgehen, lief ihr sogar nach, 
wenn sie ins Klosett gehen wollte, er wollte nicht für einen Moment 
allein bleiben. Dieses Symptom fiel im proletarischen Milieu besonders 
auf und machte sich dort besonders störend bemerkbar. Diese diffuse 
Ängstlichkeit verdichtete sich, seit vor einigen Monaten ein Einbruch 
im Hause versucht worden war, zu einer regelrechten Verbrecher- 
phobie. Von da an versicherte er sich des öfteren, ob keine Ver- 
brecher im Hause seien, und motivierte seine Furcht allein zu bleiben 






Analyse eines Falles von Pavor nocturnue 



oder allein zu schlafen mit der Möglichkeit eines verbrecherischen 
Überfalls. 

Die Mutter führt seine Ängstlichkeit, vor allem seine nächtlichen 
Angstanfälle, auf einen Sturz aus dem Bett in seinem dritten Lebens- 
jahr zurück. In den folgenden Nächten sei der Knabe sehr unruhig 
gewesen; durch das Anschlagen des Kopfes auf den Boden habe er 
sich die Basis für die spätere Erkrankung zugezogen. 

Das soziale Verhalten des Kindes soll im Zusammenhang mit sei- 
nem Milieu besprochen werden. Seine kleine Welt bildet die Familie, 
die Straße, seit einem halben Jahre auch die Schule. Er ist das einzige 
Kind einer Proletarierfamilie. Von einer Schwester, die vor seiner 
Geburt im Alter von fünf Monaten wegen eines angeborenen Herz- 
fehlers gestorben war und von der er vom Hörensagen wußte, wird 
später die Rede sein. Der Vater stand in der Mitte der Dreißigerjahre, 
Hilfsarbeiter, hatte Arbeit, war damals aber nur an vier Tagen der 
Woche beschäftigt. Die materielle Lage ist damit hinreichend gekenn- 
zeichnet. Der Mutter gelang es später, d. h. einige Zeit nach dem Be- 
ginn der Behandlung des Kindes, eine Hausmeisterstelle in einem Vor- 
etadthause zu bekommen und so einen kleinen Zuschuß zu den Ein- 
nahmen des Mannes zu verschaffen. Hie und da bekam sie Heimarbeit. 
Die Ehe der Eltern war nicht gut. Es gab wiederholt Streitigkeiten, 
die sich bei den gegebenen Raumverhältnissen (Zimmer und Küche) 
naturgemäß in Gegenwart des Kindes abspielten. Aggression und 
Rechthaberei bestimmten fortwährend den häuslichen Ton; was immer 
geschehen war, die Schuld hatte immer der andere. Man fand sich nur 
in der Aggression gegen Dritte. Der Vater ist wohl ein aggressiver 
Mensch, doch kann er auch freundliche Züge zeigen. Er gilt als 
„fescher Mann", ist derb, leicht hypomanisch, witzig und temperament- 
voll, er verfügt über einen von Einfällen gespickten Wortschwall, der 
ihn, wie die Frau meint, für den Beruf eines „Praterausrufers" 2 ) ge- 
eignet macht. Er ist sehr fleißig, er scheut keine Arbeit, weder in noch 
außer Haus. Sein Einkommen liefert er zu Hause ab, bloß ein Siemes 
Taschengeld für Wirtshausbesuche behält er für sich. Er hebt die 
Geselligkeit und trinkt gern einige Glas Bier. In Gesellschaft wegen 
seiner witzigen Einfälle beliebt, wird er nicht selten von anderen 
.freigehalten"; man bezahlt die Zeche für ihn, wenn er gerade nicht 
bei Kasse ist. Er verträgt aber den Alkohol nicht allzugut. Nach 
Gasthausbesuchen ist er leicht angeregt und dann kommt es zu Hause 
leicht zu Streitigkeiten. 

Als Vater ist er dem Kind gegenüber lieb und fürsorglich, aber 
ambivalent und inkonsequent in der Erziehung. Er liebt sein einziges 
2 ) Ausrufer in einem Wiener Vergnügungspark. 



8 



Jenny Wälder 



Kind und möchte von ihm wiedergeliebt werden. Sein Bedürfnis nach 
der Liebe des Kindes geht so weit, daß er die Mutter bekämpft, indem 
er erlaubt, was sie gerade verboten hat. Sein Benehmen hat dann zur 
Folge, daß sich der Sohn dem Vater gegenüber fordernd und respekt- 
los benimmt, bo daß die Gefühle des Vaters dann plötzlich von wer- 
bender und verzärtelnder Liebe in Wut und Drohungen umschlagen. 
Überbot er soeben die Mutter durch Nachsicht, kann er plötzlich die 
väterliche Autorität hervorkehren und, ähnlich wie zuvor nach der 
einen Seite mit Nachsicht, nunmehr mit Strafen gegen das Kind vor- 
gehen. Auch sonst ist die „väterliche Erziehung" recht inkonsequent: 
für unbedeutende Vergehen gibt es öfter Prügel, während man ander- 
seits gerade in jenen Augenblicken, in denen Festigkeit vielmehr am 
Platze wäre, recht weich ist. So kommt es zu Versprechungen, die 
nie eingehalten werden und es setzt Drohungen, die nie in die Tat 
umgesetzt werden. Kameradschaftliche Spiele werden zwischen Vater 
und Sohn begonnen und plötzlich findet der Vater seine Würde be- 
einträchtigt, wenn der Junge diese Kameradschaftlichkeit zu wört- 
lich nimmt und sie seiner eigenen Aggressivität entsprechend benützt. 
Was in freundschaftlicher Gleichberechtigung begonnen schien, endet 
mit einer Tracht Prügel für den Jungen. So kommt es, daß der Vater, 
zu jähzornig und intolerant, um dem Kind wirklich ein Kamerad zu 
sein, zu inkonsequent und zu weich, um ihm wirkliche Autorität zu 
sein, ihm im Grunde keines von beiden ist. Das Kind nimmt den Vater 
nicht ganz ernst, fürchtet ihn wohl, mißachtet ihn aber auch ein 
wenig. Anderseits gewinnt der Vater aber auch an Bedeutung da- 
durch, daß er eine Reihe von Eigenschaften hat, die der Junge be- 
wundert. Er imponiert dem Jungen mit seinen technischen Fertig- 
keiten, er weiß ihm viele Dinge zu erklären, die der Junge wissen 
möchte, er ist witzig und imponiert ihm durch sein Kraftmeiertum. 

Die Mutter ist eine sympathische, nette, arbeitsame Person. Auch 
in ihr steckt manche Aggressivität, die in der Regel verhalten ist und 
nur gelegentlich zu heftigem Durchbruch kommt. In den Streitig- 
keiten zu Hause ist sie keineswegs immer nur der duldende Teil. Un- 
"~3rhohlene Aggression kommt öfters in den häuslichen Gesprächen 
15 gen Dritte zum Vorschein. Die Mutter leidet sehr unter den dürf- 
ten Verhältnissen und hat den Ehrgeiz, darüber hinauszukommen, 
: zu werden wie ihre Schwestern, die durch ihre Ehen in das Klein- 
. --irgertum hineingewachsen sind. Sie selbst war Köchin in einem 
bürgerlichen Haus und auch diese persönliche Berührung mit anderen 
Schichten wurde mitbestimmend für ihren Ehrgeiz. Ihre Einstellung 
[aßt sich am einfachsten durch zwei heiße "Wünsche charakterisieren: 
Messingbetten und ein wohlerzogenes Kind. Und dieses Streben nach 



Analyse eines Falles von Pavor nocturnus 



Höherem", weit entfernt, in Erfüllung zu gehen, hat die häusliche 
Situation und insbesondere die Lage des Kindes nur noch mehr er- 
schwert. Wegen der Messingbetten, also des materiellen Wohlstandes, 
gibt es ständig Differenzen mit dem Mann, der nicht genug verdient, 
um die Anschaffungen zu ermöglichen. An das Kind stellt die Mutter 
infolge ihres Ideals vom braven Bürgerkind Ansprüche, die im Gegen- 
satz stehen zu dem, was das Kind im häuslichen Milieu vor sich sieht. 
Beispiel und Ansprüche stehen einander schroff gegenüber. Wir wer- 
den später sehen, wie sich diese Spannung in den Konflikten des 
Kindes widerspiegelt. 

Die Mutter liebt den Jungen über alles, er soll ihr Ersatz bieten 
für all das, was ihr das Leben versagt hat, vor allem für die unbe- 
friedigende Ehe. So ist das Kind ihre ganze Welt. Es wird, so klein 
es ist, zum Vertrauten ihrer täglichen Sorgen und auch ihrer ehe- 
lichen Kümmernisse. Nach ehelichen Konflikten gegen den Mann aut- 
gebracht und ohne Möglichkeit, sich anderswo zu entladen^ sucht sie 
beim Kinde Zuflucht und hetzt es gegen den Vater auf. Der Knabe, 
der die Mutter vergöttert, nimmt offen Stellung gegen den Vater, was 
diesen wieder zur Käserei bringt. In pädagogischer Hinsicht ist die 
Mutter konsequenter als der Vater. Sie ist fester und bleibt bei ihren 
Entscheidungen, die der Vater freilich von sich aus, wie echoa be- 
merkt, gerne umwirft. Alles in allem ist der Bub ihr gegenüber viel 
folgsamer als dem Vater gegenüber. Denn obwoh er den Vater und 
seine Prügel sehr fürchtet, fürchtet er noch mehr als Prügel den 
Liebesentzug der Mutter. 

Soweit der Einfluß der Familie. Aber als proletarisches Kind leb 
er nicht behütet in den vier Wänden seines Heimes sondern verbringt 
besonders in der warmen Jahreszeit den größeren Teil des lages un- 
beaufsichtigt auf der Straße. Die Erfahrungen und Beobachtungen, 
die er hier machen kann, wirken in derselben fichtung wie der Ein- 
fluß des Heimes, nur noch vergröbert, unverhüllter, brutaler Die 
Aggressivität der Gasse in dem Wiener Vorortebezirk, die vielfachen 
Rauf szenen, bei denen er begeisterter Zeuge, manchmal aber auch 
das Opfer war, drängt zur Kultivierung der sadistischen Anlage una 
des analogen heimischen Einflusses. Das Liebesleben der Meinen 
kann er vielfach beobachten; was er in dunklen Hausgängen, m J±oien 
und Treppenhäusern sieht, steigert seine Neugierde Md^fein 
Wissen von den Szenen, die er bei den Eltern wiederholt beobachten 
Tonnte Hier auf der Straße trifft aber auch das Interesse des ge- 
wandten und intelligenten Jungen mit dem praktischen Leben zu- 
Tminen und von hier bezieht er viele Anregungen und Be- 
lehrungen. 



10 



Jenny Wälder 



IL 

Die Eröffnung einer Kinderanalyse unterscheidet sich ganz be- 
merkenswert von der Eröffnung der Erwachsenenanalyse. Die in der 
Sache selbst gelegenen Ursachen für die Unterschiede in der Behand- 
lung sind von AnnaFreud dargestellt, die dadurch gebotene Tech- 
nik von ihr ausgearbeitet worden 3 ). Die ausführlichen theoretischen 
Grundlagen für diese Technik, ihre Abwandlung von Fall zu Fall, 
ihre Indikationen sind bei Anna Freud nachzulesen, für die 
Zwecke der hier beschriebenen Analyse sei nur in wenigen Sätzen das 
Wesentliche hervorgehoben. Das Kind sucht die Analyse nicht aus 
freiem, eigenen Entschluß auf und kann auch keine Vorstellung von 
ihr haben; von Krankheitseinsicht, die beim Erwachsenen der ent- 
scheidende Motor ist, ist beim Kinde im allgemeinen keine Rede; da 
die Realität noch nicht richtig eingeschätzt wird, ist es auch dort, wo 
Kinder unter Störungen subjektiv leiden, nicht zu erwarten, daß sie 
die Ursachen dafür in sich selbst suchen. Schließlich kann sich ein 
Gesundungswille nicht entwickeln, wo weder Krankheitseinsicht vor- 
handen ist, noch ein deutliches Wissen darum, was Gesundheit ist. 
„So fehlt uns in der Situation des Kindes alles, was in der des Er- 
wachsenen unentbehrlich erscheint" — sc. zur Einleitung der Ana- 
lyse — : „die Krankheitseinsicht, der freiwillige Entschluß und der 
Wille zur Heilung." 4 ) 

Hiezu kommen noch zwei Umstände. Der sekundäre Krankheits- 
gewinn, den das neurotische Kind aus seiner Krankheit zieht, ist oft 
größer als der des Erwachsenen. Noch fehlt das Gegengewicht des 
Mißerfolges im realen Leben, der beim Erwachsenen dem sekundären 
Krankheitsgewinn entgegenwirkt. Die Prämien des Verhätschelt- und 
Umsorgtwerdens entsprechen noch voll dem kindlichen Bedürfnis; 
ihnen wirkt kein Ideal, das Selbständigkeit fordert, entgegen. Ein 
zweiter Umstand ergibt sich ferner aus dem Verhältnis des Kindes 
zur Analyse. Das Kind sieht notwendigerweise in jedem Erwachsenen 
die Autoritätsperson, die seine „Schlimmheit", wenn sie sie kennen 
würde, nur unterdrücken und strafen könnte, während doch der Er- 
wachsene — mag auch diese infantile Einstellung in seinem Unbe- 
wußten bestehen — wenigstens bewußt in die Analyse das Wissen 
mitbringt, daß er im Analytiker den Helfer und nicht den Verräter 
und Richter finden wird. Darum hütet auch das Kind viel sorg- 
samer sein Geheimnis. Es dauert oft sehr lange, bis das Kind 
die Furcht verliert, der Analytiker würde seine verborgenen klei- 

3 ) Anna Freud: „Einführung in die Technik der Kinderanalyso", Wien 
1927. 

4 ) Anna F r e u d, A. a. 0., S. 9. 



Analyse eines Falles von Pavor nocturnus 



11 



nen Vergehen bestrafen oder seine schlimmen Gedanken den Eltern 
mitteilen, um seine Bestrafung zu veranlassen. Alle diese Einstel- 
lungen sind uns ja auch aus der Erwachsenenanalyse wohl bekannt, 
aber sie gehören dort mehr oder weniger dem Unbewußten des 
Patienten an, sie erfüllen nur einen Teil seiner Persönlichkeit; 
ihnen wirkt ja die andere, bewußte Einstellung entgegen. Der 
Erwachsene weiß um die Schweigepflicht des Analytikers und das 
ganz bewußte Verschweigen der Patienten gehört meistens nur 
zu den Anfangssünden. Alle diese Umstände sind beim Kinde viel 
bedeutungsvoller. 

Ich war bei Anton aus diesen Gründen auf eine längere Ein- 
leitungsphase — wie sie manchmal in der Kinderanalyse notwendig 
ist — gefaßt, ich glaubte erst allmählich seine Bereitschaft zur Mit- 
arbeit gewinnen zu können. Zu meinem Erstaunen sah ich nach 
wenigen Stunden die analytische Situation einsetzen: wir konnten 
uns gleich mit seinem zentralsten Problem, seiner Stellung zur Mutter 
und zum Vater, beschäftigen. 

Anton wird nur mit der Erklärung zu mir in die Behandlung 
geschickt, die „Frau Doktor" werde mit ihm spielen Wir bauen zu- 
sammen mit den von mir beigestellten Spielsachen und das Kind wird 
sehr bald zutraulich. In der zweiten Stunde gibt es ein Gesprach über 
eine Unart seiner Mitschüler, die in einer unpassenden Form für den 
Ausdruck eines körperlichen Bedürfnisses besteht. Er ist seh: ^ent- 
rüstet, er würde so etwas nur zu Hause sagen, nicht in der Schule. 
Als ich ihm freistelle, in der Behandlungsstunde so zu sprechen, wie 
er es zu Hause gewöhnt ist, wehrt er ab und beteuert energisch^ch 
will ein braver Bub sein. In dieser kleinen Szene verrat er schon 
die Konfliktsituation, in der er sich befindet, sein Streben, brav zu 
sein gegenüber Versuchungen, den Abwehrkampf, m dem er sien be- 
findet. Wir werden durch solche kleine Zeichen daran gemahnt, üau 
die gewährende Geste des Analytikers vom Kinde als Versuchung ge- 
spürt und abgewehrt werden kann. 

Die dritte Stunde bringt schon den Einbruch in seine aktuellsten 
und zugleich tiefsten Konflikte. Die Mutter kommt zu mir und legt 
mir in Anwesenheit des Kindes folgende Angelegenheit vor: Die Eltern 
wünschen schon seit langem, daß das Kind nicht mehr in den Ehe- 
betten zwischen den Eltern, sondern in einem eigenen Bett, wenn- 
gleich freilich im selben Zimmer, schlafen möge. Anton hat bisher 
diesem Wunsch eine hartnäckige Ablehnung entgegengesetzt. Als der 
Junge in die Behandlung kam, haben die Eltern beschlossen, mir die 
Entscheidung darüber zu überlassen, und ich bin nun durch diese 
äußeren Umstände und durch die Notwendigkeit einer Entscheidung 



12 



Jenny Wälder 



in die Möglichkeit versetzt, mit dem Kinde jetzt dieses Thema direkt 
zu besprechen. Da der Junge seine vitalsten Interessen bedroht sieht, 
läßt er sich im Kampfe um dieses sein Privilegium zu Äußerungen 
hinreißen, die er sonst zu Beginn der Behandlung gewiß nicht ge- 
macht hätte. Anfangs versucht er mit solchen Mitteln zu kämpfen, die 
er schon zu Hause erfolgreich benützt hat: Er habe Angst allein zu 
schlafen, es könne ein Verbrecher kommen und ihm etwas antun, und 
er suche bei der Mutter Schutz. Dann wieder beißt es, daß er die Mutter 
beschützen müsse, denn es könne ein Vorbrecher in der Nacht die 
Mutter bedrohen. Auch den Vater wolle er vor den Gefahren be- 
schützen. Wir dürfen vielleicht vermuten, daß das, was er als Grund 
angibt, nicht nur Rationalisierung, sondern in tieferer Schichte wahr 
ist, freilich nicht ganz so, wie er es ausdrückt. Er müsse also in den 
elterlichen Betten bleiben, nur das gewähre die Möglichkeit gegen- 
seitiger Hilfe bei einer Bedrohung durch einen Verbrecher. Ich äußere 
Zweifel an der Realität der Gefahr und halte ihm entgegen, daß ja 
wohl der Vater imstande sein würde, ihn und die Mutter vor dem 
Verbrecher zu schützen. Darauf zieht der Junge unvermittelt gegen 
den Vater los; der Vater sei schlimm, „sekkiere" die Mutter und ihn, 
necke sie besonders im Bett, und das wolle er nicht haben. An diesem 
Punkte endet gerade Antons Stunde und wir verschieben die Bespre- 
chung auf den nächsten Tag. Am Tage darauf, als wir bei der Be- 
sprechung des gleichen Themas sind, bringt der Junge wieder seine 
ersten Argumente vor, also die Angst vor dem Verbrecher, hingegen 
nichts mehr von der Schlimmheit des Vaters gegen die Mutter. Die 
Situation erweckt den Eindruck, als hätte das Kind mittlerweile Angst 
bekommen, ich könnte dem Vater etwas von seinen aggressiven Be- 
merkungen gegen ihn erzählen, und ich erinnerte ihn an das, was ich 
schon gestern von ihm selbst erfahren habe; ich wisse schon, was die 
Kinder im Kopf haben, was sie sich denken, und wisse daher auch, 
warum er mit der Mutter schlafen wolle: „Du willst die Mutter für 
dich haben." Er antwortet mit der größten Naivität: „Ja, sie gehört auch 
mir." — „Nur dir?" frage ich darauf. „Ja, nur mir . . . und dem Vater", 
fügt er nach einer Pause hinzu. Darauf ich: „Du möchtest sie aber 
ganz für dich haben." — „Ja, weil der Vater schlimm ist." Und jetzt 
geht es wieder gegen den Vater los. Der Vater sei streitsüchtig, er 
quäle die Mutter, er gebe keine Ruhe, er kitzle sie im Bett am 
Nacken, das habe er, Anton, nicht gern, das könne er nicht leiden. 
Auch ihn sekkiere der Vater, er schlage ihn und sei schlecht zu ihm. 
Anton ist während der Erzählung ziemlich erhitzt und aufgeregt, man 
merkt ihm die Empörung an. Zur Sache selbst komme ich mit ihm 
überein, daß wir die Angelegenheit noch besprechen werden, daß er 



Analyse eines Falles von Pavor nocturnus 



13 



aber vorderhand dem Wunsch der Eltern entsprechen und allein im 
Bett schlafen solle. Anton ersucht mich, daß er selbst der Mutter von 
diesem Übereinkommen mit mir Mitteilung machen dürfe. Es ist sehr 
charakteristisch, daß er, wie ich von der Mutter erfuhr, diese 
Wiedergabe in ganz entstellter Form vornahm, vor allem keinerlei 
Erwähnung tat von dem in der Stunde Besprochenen und der Mutter 
einfach sagte, ich hätte das als ungesund bezeichnet, wenn ein Kind 
mit Erwachsenen schlafe, und darum werde er jetzt allein schlafen. 
Es ist wohl nicht nötig, hinzuzufügen, daß ich nichts dergleichen ge- 
sagt hatte. Man sieht schon daraus, daß der Junge über zweierlei 
Wissen verfügt: eines für seinen täglichen Gebrauch, für den Ver- 
kehr mit seiner Umgebung, weit von seinen intimen Gefühlen; das 
andere, echte, für sich und zeitweise für mich, wenn er sich verstanden 
fühlt. Bei dieser Gelegenheit möchte ich auch erwähnen, daß er von 
da an auch in Hinkunft, ohne daß ich es von ihm jemals verlangt oder 
auch nur angedeutet hätte, er möge über die Vorgänge in der Stunde 
schweigen, der Mutter auf ihre täglichen Nachforschungen über das, 
was in der Stunde geschehen ist, entweder erdachte Geschichten mit- 
teilt oder die Antwort verweigert. 

Bei der getroffenen Regelung, allein im Bett zu schlafen, ist es 
mm im großen und ganzen geblieben; gelegentlich wurde das neue 
Regime vom Jungen doch wieder durchbrochen. So oft dies geschah, 
wurde es zum erneuten Anlaß, die Dinge mit ihm zu besprechen, wo- 
bei sich immer dieselbe Szene abspielte: zuerst eine ängstliche Scheu, 
den Vater zu beschuldigen, in der deutlichen Furcht, von mir verraten 
zu werden, dann doch der Durchbruch seiner aggressiven Einstellung 
zum Vater. Und je mehr die Behandlung fortschritt, je mehr er sich 
überzeugte, daß er mit Verschwiegenheit rechnen konnte, desto deut- 
licher wurden die Aggressionen. 

So hat uns also ein realer Vorfall und die echte Bedrängnis, in die 
das Kind durch ihn gekommen war, unerwartet früh eine Einbruch- 
steile in die Konflikte des Kindes verschafft. Nach derselben Richtung 
tendieren nun auch die Einsichten in den Fall, die sich aus dem in- 
direkten Weg durch das Spiel, durch freie Phantasien und ungebun- 
dene Unterhaltung boten. 

Unsere gemeinsamen Spiele entstammten, soweit es sich um Phan- 
tasiespiele handelte, der Initiative des Kindes. Die von mir veran- 
laßten Spiele, wie z. B. Kettenflechten, waren so gewählt, daß sie 
ihn nicht so gefangennahmen, daß wir nicht nebenbei ungezwungen 
hätten plaudern können. Es ist nun bezeichnend, daß die von Anton 
gewählten Spiele durchwegs einen solchen Charakter trugen, daß sie 
ihm ermöglichten, seine Aggression zu agieren. So spielte er bald 



14 



Jenny Wälder 



Schaffner auf der Straßenbahn, bald Wachmann und Passanten oder 
Richter und Angeklagte; für sich beanspruchte er die Rollen des 
Schaffners, des Wachmanns, des Richters. Nun war Anton zu Beginn 
der Behandlung in seinem Benehmen ein bescheidenes, sehr freund- 
liches, liebenswürdiges Kind; ganz anders aber in diesen Rollen. Als 
Schaffner verkehrte er mit den Fahrgästen nicht anders als in un- 
wirschem Ton, der bis zur Grobheit ausartete. Als Wachmann war 
er immer brutal, gewalttätig gegen die Leute, die sich etwas hatten 
zuschulden kommen lassen. Er liebte es, zugleich auch die Rolle eines 
exzedierenden Betrunkenen oder eines selbst gegen den Polizisten 
gewalttätigen Renitenten zu spielen, so daß er sich doppelt ausleben 
konnte. Als Richter war er unerbittlich und hatte für die Angeklagten 
die härtesten Strafen. Wie unvermittelt diese beiden Formen des Be- 
nehmens bei ihm nebeneinander standen, will ich an einem Beispiel 
illustrieren. Wir haben z. B. auf seinen Vorschlag einmal Eisenbahn 
gespielt. Er war, wie gewöhnlich, Schaffner, ich Passagier. Im Laufe 
des Gesprächs, das er im rüdesten Tonfall führte, hörte ich von ihm, 
daß im gleichen Zug Kinder zur Erholung nach Holland fahren. Ich 
äußerte freundlich den Wunsch, ein Kind zu sprechen. Er gestattete 
es recht unfreundlich und ging — im Sinne des Spiels — zur Tür hin- 
aus, ein Kind zu holen. Dann öffnete sich die Türe wieder und Anton 
erschien jetzt als das geholte Kind; aber ganz verändert, das 
unfreundliche, verdrossene Gesieht hatte einem strahlenden Kinder- 
gesicht Platz gemacht, er kam heiter und begrüßte mich sehr nett, auf 
meine Fragen antwortete er etwas scheu, zurückhaltend, aber immer 
sehr freundlich, so wie er sich damals mir gegenüber in natürlichen 
Situationen benahm. Der Übergang war so plötzlich und so kraß, 
daß diese Verwandlungsszene sehr eindrucksvoll auf mich wirkte. 
Als das Gespräch mit dem Kinde beendet war, kehrte wieder der brum- 
mende und polternde Schaffner zurück. 

Dieses Benehmen legte schon damals die Vermutung nahe, daß es 
eine Kopie des Benehmens des Vaters sei; als ich den Vater kennen- 
lernte, fand ich diese Vermutung vollkommen bestätigt. Obgleich im 
Verkehr mit mir immer zuvorkommend, bekam er sofort ein verdros- 
senes und hartes, ärgerliches Gesicht, wenn er von beruflichen oder 
häuslichen Angelegenheiten sprach. Es war also klar, daß der Junge 
in diesen Rollen den Vater spielte, und es wundert uns nicht, daß dies 
seine Lieblingsspiele waren. Was ihm die Wirklichkeit damals ver* 
sagte — der Vater zu sein — , suchte er so im Spiel zu erreichen. Wir 
werden noch sehen, daß es später in der Analyse, als die Enthemmung 
Fortschritte machte, nicht mehr des Spieles bedurfte, um diesen 
Wunsch auszuleben. Ein anderes Spiel, das er erfand, wirft noch mehr 



Analyse eines Falles von Pavor nocturnus 



15 



Licht auf seine sadistische Einstellung. Er brachte als Spielzeug eine 
Straßenbahn und seinen Motorradfahrer mit. Er verteilte die Rollen. 
Ich bekam die Straßenbahn, er das Motorrad, und jetzt sollten wir auf 
dem großen Tisch damit herumfahren. Nun verstand er es ausnahms- 
los so einzurichten, daß es mit der Straßenbahn, also eigentlich mit 
mir zu einem Zusammenstoß kam, wobei ausnahmslos die Straßen- 
bahn der leidtragende Teil war. Der Eindruck der Szene läßt .sich in 
der überzeugenden Art, die sie hatte, gar nicht wiedergeben: wie er 
dann nach dem Zusammenstoß voll begeisterten Vergnügens und mit 
dem Triumph der Bemächtigung im Gesicht mit dem Motorradfahrer 
auf der umgeworfenen Straßenbahn herumtrampelte, das war keine 
kalte Aggression mehr, das war die Befriedigung in der gewalttätigen 
Bemächtigung des Objektes, das war erotischer Sadismus. Der unbe- 
wußte Sinn des Spieles wird damit klar, wenn man sich vergegen- 
wärtigt, daß die Straßenbahn mich darstellte. („Sie sind die Elektrische 
und ich bin der Motorradler", leitete er das Spiel ein.) Damit weist das 
Spiel wohl schon mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit auf die Beobach- 
tung des elterlichen Verkehrs, die sadistische Interpretation dieser 
Beobachtung und die phantasierte Rolle auf den Vater hin. 

Für das Verhalten des Analytikers waren hier grundsätzlich zwei 
Wege denkbar: der eine wäre der Versuch einer Deutung des kind- 
lichen Spiels und diese Deutung wäre wahrscheinlich richtig; der 
andere Weg — der von der Wiener Schule der Kinderanalyse ver- 
treten ist — ist die abwartende Haltung des Analytikers; man regi- 
striert das Beobachtete, ohne darauf sofort einzugehen. Dieses unser 
Verhalten hat folgende Gründe: fürs erste erscheint uns das Material 
eine Deutung zwar nahezulegen, die Richtigkeit einer solchen Deu- 
tung aber keinesfalls schon gesichert zu sein; der zweite, wichtigere 
Grund ist aber der, daß die Deutung an dieser Stelle dem Kinde nicht 
lebendig würde und daß damit nicht das Ziel erreicht würde, das wir 
in der Kinderanalyse in gleicher Weise wie in der Erwachsenen- 
analyse verfolgen, die Deutungen dort zu geben, wo das Erleben 
ihnen schon sehr nahegekommen ist und wo wir dem Kinde zeigen 
können, wie und warum es abwehrt — eine Forderung, auf die Anna 
F r e u d in der Arbeit des Seminars für die Technik der Kinderanalyse 
in Wien immer wieder hinweist. In der weiteren Durcharbeitung kön- 
nen dann die unbewußten Reaktionen bewußt erlebt und unter die 
Kontrolle des Bewußtseins gestellt werden. Dementsprechend schlie- 
ßen unsere Deutungen überwiegend an die Mitteilungen des Kindes 
an. Verhalten und Spiel werden als Ergänzung und Bestätigung des 
Materials verwendet und nur soweit gedeutet, als es der jeweilige 
Stand der Analyse erfordert. 



IQ Jenny Wälder 

Ein von Anton erfundenes Spiel heißt: Verbrecher, Wachmann, 
Richter. Er spielt eigentlich alle drei Hauptrollen selber, da er sich 
keine Gelegenheit zu einem aggressiven Benehmen entgehen lassen 
will, obwohl eigentlich das Spiel zu zweit gespielt werden sollte. Ein- 
mal beginnt das Spiel mit der Phantasie eines Verbrechens, und zwar 
mit dem Überfall auf eine schlafende Frau im Schlafcoupe eines Eisen- 
bahnzuges, gewöhnlich aber erst mit dem zweiten Akt: der Verfol- 
gung des Verbrechers durch den Wachmann, wobei er, beide Rollei 
spielend, im Zimmer herumläuft, sich selbst gleichsam jagend; dam 
folgt die Gefangennahme, Vorführung vor den Richter, Beschuldigung 
durch den Wachmann und schließlich schwere Bestrafung durch dei 
Richter. Dieser ein einzigesmal vorkommende Teil des Spieles: „Eii 
Mann überfällt eine schlafende Frau im Schlafwagen", ist, abgesehei 
von dem manifesten Inhalt des Spiels auch darum interessant, weil, 
wie ich später erfuhr, Anton gar nicht wußte, daß es Schlafwagen 
gebe. Wir hatten kurz vorher Speisewagen gespielt und er hatte den 
Schlafwagen selbst eingeführt. 

Aus den regelmäßig wiederkehrenden Bestandteilen des Spieles er- 
kennen wir im übrigen wieder, welche große Rolle bei ihm Ver- 
brecher, Verfolgung, Arretierung und Bestrafung spielen. Seinem 
Sadismus konnte er in allen drei Rollen des Spieles straflos freien 
Lauf lassen. 

In seinen gleichzeitig erzählten Phantasien finden wir eine gänz- 
lich verschiedene, beinahe entgegengesetzte Haltung. Er ist in diesen 
Phantasien weich, zart, passiv, ängstlich, manchmal geradezu trüb- 
sinnig oder wehmütig. Sein ganzes Gehaben ist dabei von dem in den 
Spielen verschieden, seine Stimme ist verändert, leicht zitternd; das 
Formale im Gehaben paßt zu den Inhalten der Phantasien. Ich konnte 
einige solcher Geschichten festhalten, da ich als Spiel einführte, daß 
er Geschichten erzählt und ich die Geschichten aufschreibe. Ein Bei- 
spiel: „Was Rudi geträumt hat: Rudi hat geträumt vom Christkinderl'% 
(singend) „oh, das war schön, da haben wir uns nicht gefurchten, ge- 
furchten. Die schlimmen Kinder fürchten sich. Da wird der Krampu 8 
auf einen Buben schlagen, jö, jö, das ist ein grober Krampus, da furcht 
ich mich, ich weine, Mutter, Mutter, Rudi schreit noch Mutter, Mutter, 
und Mimi schreit auch viermal, oh weh, das Herz tut mir so weh, 
Himmelvater straf mich nicht, ich furcht mich vor dem groben Kram- 
pus. Hinaus! Die Geschichte ist aus." 

Auf den Inhalt dieser Phantasie, die neben den Tagesresten aus der 
Schule (die Geschichte von Rudi und Mimi) schon die Motive des 
bösen Vaters und des Schutzes bei der Mutter erkennen läßt, will ich 
nicht eingehen; dem Kind gegenüber ist jede Deutung unterblieben. 



Analyse eines Falles von Pavor nocturnus 



17 



All diese Phantasien wurden halb singend, wehmütig, beinahe wei- 
nerlich vorgebracht, mit viel „oh weh, ach und och" und ähnlichen 
ängstlichen Interjektionen. 

III. 

So vergingen die ersten Wochen. Durch einen Vorstoß, der etwas 
von Antons Geheimnissen zutage förderte, gelang es, der Analyse 
einen neuen Antrieb zu geben. Ich gehe näher auf den Zweck unserer 
Zusammenkünfte ein, sage ihm, er komme zu mir, um seine Angst 
zu verlieren; um dies zu erreichen, sei es notwendig, daß er mir alles 
erzähle, was er im Kopf habe. Es gebe sicher Sachen, die er noch nicht 
erzählt habe, und ich wisse sehr wohl, daß jedem Kind allerlei im Kopf 
herumgehe, was es Erwachsenen nicht gerne erzähle. Da er sich 
mittlerweile überzeugt hatte, daß er auf meine Verschwiegenheit 
zählen durfte, wagte er sich jetzt langsam und vorsichtig mit kleinen 
Geständnissen heraus, die allerhand verbotene Spiele betrafen. Doch 
war es nicht er, der dies oder jenes getan hatte, sondern ein anderer 
Bub, sein Freund Franzi, der so viel Schlechtes getan habe und tue; 
er selbst stellte sich als unbeteiligten Zuschauer hin, der nur leider 
nicht in der Lage sei, den Freund besser zu erziehen. Er erzählte aber 
die Sachen lachend und vergnügt erregt und gab zu, daß es ihm Spaß 
mache. Franzi war ein verwahrlostes Kind, seine Mutter war gestor- 
ben, sein Vater ein Trinker, ein hemmungsloser brutaler Mensch, der 
Frauen von der Straße in die Wohnung brachte und das Kind Zeuge 
der Liebesszenen sein ließ. (Dies erfuhr ich von Antons Mutter.) 
Dieser Franzi hatte nun nach Antons Angaben eine kleine Bande von 
Buben zusammengestellt, die sich in einer leeren großen Kiste im 
Hof des Hauses mit allerlei erotischen Spielen vergnügten. 

Ganz so direkt ging aber Anton auf die Sache nicht los. Er begann 
sondierend mit viel harmloseren Erzählungen. So erzählte er empört, 
was für ein schlimmer Bub Franzi sei. Er hebe den Frauen auf der 
Straße die Röcke auf. Ich hatte naturgemäß den Eindruck, daß da- 
hinter eigene Vergehen stehen und daß er den Umweg über den an- 
deren Jungen gehe, um meine Reaktion kennenzulernen. Er erwartete 
Entrüstung und war bereit, den vorsichtig ausgestreckten Fühler sofort 
zurückzuziehen und weitere Mitteilungen zu unterlassen. Also ver- 
mied ich jedes Zeichen von Entrüstung oder Verurteilung dessen, was 
er mir erzählte, und zeigte mich interessiert, um ihn zu weiteren Er- 
zählen anzuregen. 

Dieses mein Verhalten hatte aber eine Reaktion zur Folge, die ich 
nicht vorausgesehen hatte. Am nächsten Tag erschien Anton in der 
Stunde in ganz veränderter Haltung. Mit ernster Miene und feier- 
licher Stimme begann er bereits bei der Tür aus einem mitgebrachten 



Zeitschrift f. psa. Päd., IX/1 



ig Jenny Wälder 



Buch vorzulesen. Es war eine Sammlung kleiner moralischer Ge- 
schichten von braven Kindern, die belohnt werden, und von schlimmen, 
die einem bösen Ende entgegengehen. Erst nachdem er aus einer sol- 
chen Geschichte einige Sätze vorgelesen hatte, ging er einige Schritte 
vor bis in die Mitte des Zimmers und setzte ebenso feierlich die Ge- 
schichte fort. Und nachdem er damit fertig war, zeigte er mir mit 
großem Eifer das als Illustration dienende Bild: einen herunterge- 
kommenen Mann, der bettelnd die Hand ausstreckt, und im Hinter- 
grund das grinsende Gesicht des bösen Verführers, der durch Ver- 
lockungen und schlechtes Beispiel ihn vom rechtschaffenen Weg zum 
Diebstahl verleitet und damit letzten Endes ins Unglück gestürzt hatte. 

Es ist wohl klar, was sich abgespielt hat. Ich hatte Antons Mit- 
teilung von schlimmen Buben in unkritischer Haltung entgegenge- 
nommen, um ihm seine Angst vor der Bestrafung oder vor der mora- 
lichen Verurteilung zu nehmen, und hatte jenes Maß von Entla- 
stung provozieren wollen, das zur Fortführung der Geständnisse nötig 
schien. Aber an Stelle dessen trat das Entgegengesetzte auf; die 
Angst, ich könnte ihn bestrafen war allerdings jetzt weggefallen, aber 
eine neue Angst war an ihre Stelle getreten: die Angst, ich könnte 
ihn schlecht machen wollen, ihn verführen. Dieselbe Instanz, die ihn 
in den ersten Behandlungsstunden sagen ließ: „Ich will ein braver Bub 
sein", revoltiert gegen die Gefahr der Triebenthemmung, die er in 
mir momentan spürt. An die Stelle des Widerstandes wegen der 
Furcht vor Bestrafung ist der Widerstand wegen der Furcht vor Ver- 
führung getreten. 

Die Besprechung dieses Widerstandes leite ich mit den Worten ein: 
„Ich weiß, warum du das Buch mitgebracht hast." Darauf unterbricht 
er mich und sagt einfach: „Damit ich nicht weiter erzählen muß." 
Aus der Bemerkung ergibt sich, daß ihm die Situation im wesentlichen 
bewußt ist, und daß er daher für eine Deutung reif ist. Ich erkläre 
ihm also, er habe Angst, daß ich ihn schlecht machen wolle, und be- 
ruhige ihn in Bezug auf diese Befürchtungen. Ich wolle mit ihm über 
die Dinge keineswegs darum sprechen, weil ich ihn auf solche Gedanken 
bringen und schlecht machen wolle, sondern weil ich ihn von solchen 
Gedanken, die er gar nicht haben wolle und die ihn stören, befreien 
solle. Aber zu diesem Zwecke müßten wir sie zuerst besprechen. Ich 
suche ihm also zu zeigen, daß seine Angst vor der Verführung ebenso 
unberechtigt ist, wie seine Angst vor der Bestrafung. Ich möchte aber 
gleich bemerken, daß es mit der einmaligen Aufklärung nicht getan 
war und ich diese noch öfters wiederholen mußte. Es ist eben dem 
Kinde besonders schwer begreiflich zu machen, daß die Analyse weder 
strafen noch verführen will — das sind wahrscheinlich die einzigen 



Analyse eines Falles von Pavor nocturnus 



19 



Verhaltungsweisen der Erwachsenen, die das Kind im Zusammenhang 
mit solchen verbotenen Dingen kennengelernt hat. Vorgreifend möchte 
ich an dieser Stelle erwähnen, daß Anton nahezu gegen das Ende der 
Analyse bei der Besprechung der Onanie sagt : „Sie wollen das her- 
ausbekommen, damit Sie mich bestrafen können." Und auf meine Ver- 
neinung fährt er fort: „Oder wollen Sie am Ende, daß ich das tu?" 
So sieht man, wie lange er braucht, um wirklich zu verstehen, daß die 
Analyse seine Geständnisse haben wolle, weder um ihn zu bestrafen, 
noch um ihn triebhaft zu machen, sondern um ihm zu helfen. 

Nach Auflösung, oder besser Behebung dieses Widerstandes (Angst 
vor der Verführung) wagt er sich mit neuem sexuellen Material her- 
vor. Er erzählt von allerlei Spielen der Kinder auf der Straße, in 
denen die Kinder das bei den Erwachsenen Gesehene — Gelegenheit 
dazu gibt es in seinem Milieu genug — nachmachen, oder er berichtet 
von solchen Spielen, welche der sexuellen Entwicklungsstufe des Kin- 
des in diesem Alter entsprechen. Jedes Kind bringt eine neue Variante 
dazu; das Ergebnis war, daß nahezu das ganze sexuelle Lexikon ge- 
spielt oder angedeutet wurde. Er berichtet, daß in einer großen Kiste, 
die sich in einem Hof befand, dies Spiel von anderen Kindern gespielt 
werde; er war selbstverständlich nach seinen Aussagen daran völlig 
unbeteiligt, es habe ihn auch gar nicht interessiert, rein zufällig habe 
er das alles durch ein Loch in der Kiste beobachtet. Auf die Frage, 
wieso zufällig sein Auge zu dem Loch in der Kiste kam, spielt er sich 
auf den moralisch Entrüsteten hinaus, der diesen Dingen sozusagen im 
Dienste der Sittlichkeit nachspioniert habe, um sie auszurotten, indem 
er sie den Erwachsenen mitteilt. Merkwürdigerweise ist es aber nie 
zu dieser Mitteilung gekommen. Aber etwas anderes fiel mir auf. 
Wenn er beim Erzählen dieser Dinge in Fluß kam und deutliches 
Vergnügen am Erzählen dieser Dinge hatte, so daß er sich nicht mehr 
gut kontrollierte, versprach er sich häufig und sagte „wir" oder 
„ich" und nicht „die anderen Kinder". Manchmal korrigierte er sich 
sofort nachher. Den Sinn seiner Fehlleistungen verstand er nicht, 
er wußte nicht, wieviel er mir damit verriet, und ich hütete mich, ihn 
darüber aufzuklären. 

Besonders Franzi war die Inkarnation aller Schlimmheiten, er hatte 
dieses Spiel inauguriert, was im übrigen auch den Tatsachen ent- 
sprach. Diese reale Basis, daß nämlich der andere Junge der Ver- 
führer war, benützt jetzt Anton, um alles auf ihn abzuwälzen, er bleibt 
unbeteiligt, tritt höchstens als die moralische Instanz auf, die ständig 
ihre Entrüstung und ihr Anderssein betont. Das ist nicht einmal pure 
Heuchelei, denn de facto sind diese ablehnenden Einstellungen bei ihm 
vorhanden und irgendwie ist er auch über all dies entrüstet. 



Dieser wertvolle Umweg über Franzi brachte auch (he erste par- 
tielle Aufklärung über die Bedeutung von Antons Pavor nocturnua. 
Das Kind wäre natürlich in dieser Phase der Analyse noch lange nicht 
so weit gewesen, es mir direkt mitzuteilen, aber dieser Umweg er- 
leichterte ihm die Sache, denn es war ja nicht seine Angelegenheit, die 
er berichtete. Aus diesem Grunde waren die Mitteilungen auch nicht 
voll analytisch verwertbar, sie ermöglichten mir aber weitgehend das 
Verständnis und gaben mir eine Waffe für die Zukunft. Wenngleich 
Anton in Zeiten der Empörung gegen den Vater in der Stunde gegen 
ihn schimpfend loszog, versuchte er, wenn er wieder beruhigt war, 
alle Vorwürfe gegen den Vater zurückzunehmen und seinen Vater 
als den besten darzustellen. Dann ging es aber eben gegen Franzis 
Vater los. Der war ganz anders als der seinige — das war ja auch 
wirklich wahr — der quälte seine Frau und hatte sie umgebracht. 
(Anton hatte von den Nachbarinnen gehört, daß Franzis Mutter aus 
Gram über das Benehmen ihres Mannes gestorben sei.) Er schilderte 
mir in sehr eindrucksvollen Worten und in sehr lebhafter Art, was für 
ein schrecklicher Mensch das sei. Im Laufe der Erzählung steigert er 
sich, es war nicht eine Frau, die der böse Mann zu Tode gequält hatte, 
ein ganzes Regiment von Frauen habe er umgebracht, und auf der 
Höhe der Erregung drängt sich plötzlich aus der Tiefe ein Geständnis; 
er ist voll Empörung, daß Franzi all diesem Treiben ruhig zuge- 
schaut hatte, und versichert, wie anders er sich benommen hättet 
„Wenn ich an seiner Stelle wäre, wenn ich das bei meinem Vater sehen 
tat ich tat mich nicht fürchten, ich möchte aufspringen, auch wenn 
es Nacht ist, und nackt im Hemd auf die Straße laufen und den Wach- 
mann holen. Und dann wird der Vater abgeführt und und ich bleibe 
mit der Mutter allein zu Hause." Während Anton den ersten Teil bis 
zum Holen des Wachmannes mit funkelnden Augen, hochroten Wan- 
gen und starker Erregung in der Stimme geradezu hinausschrie, 
wurde der letzte Satz mit einer ganz veränderten Stimme und Ge- 
sichtsausdruck etwas schleppend und singend gesprochen; es klang 
wie Triumph und Sieg. Er verrät uns hier eine wichtige Komponente 
seines nächtlichen Aufschreckens. Der Knabe sprang ja beim Anfall 
auf um wie er sagte, den Wachmann zu holen, den Wachmann, der, 
wie' wir jetzt verstehen, die Mutter vor den Angriffen des Vaters 
schützen soll. Wir wissen nichts von solchen brutalen Angriffen des 
Vaters auf die Mutter. Wir haben keinen Grund zur Annahme, daß 
die üblichen ehelichen Szenen eine Heftigkeit erreichen, die solche 
Angstzustände bei Anton rechtfertigen würden. Man kann vielleicht 
vermuten, daß es eine Zeit gab, wo der Vater so gewalttätig 
gegen die Mutter vorgegangen war, doch scheint es sich in erster Reih« 



Analyse eines Falles von Pavor nocturnus 



21 



um den sexuellen Angriff des Vaters gegen die Mutter zu handeln, 
den der Knabe sadistisch aufgefaßt hat und den er abwehren will. 
„Sekkieren" bedeutete in seiner Terminologie „sexuell angehen". Das 
ist natürlich nur ein Beitrag zur Erklärung des Symptoms, es 
zeigt den Sinn des nächtlichen Aufspringens als den Wunsch, der 
Mutter beizustehen und den Vater abzuwehren, aber es erklärt noch 
nicht die eigentliche Angst. Doch ist es vielleicht nicht überraschend, 
daß ein Kind mit so starken Aggressionen gegen den mächtigen Vater, 
den es vom Wachmann abführen lassen will, so viel Angst entwickelt. 
Wie war Antons Verhalten in dieser Zeit der Analyse? Das Spiel, 
das in der ersten Zeit den Rahmen für die Behandlung abgab, nahm 
nun immer weniger Raum ein. Im Vordergrund stand nunmehr das 
Erzählen, wenn es auch noch nicht das analytisch vertrauensvolle Mit- 
teilen der intimen Dinge und Gedanken aus seinem Leben war, denn 
er erzählte ja mit dem Vorbehalt, persönlich unbeteiligt erschei- 
nen zu können. Sein Benehmen sowohl in der Analyse wie in der 
Außenwelt hatte sich weitgehend geändert. Er gab es auf, als braves 
Kind zu erscheinen. Es schwand seine Ängstlichkeit, die Aggression 
wagte sich immer mehr hervor. Freilich, soweit diese sich in der Be- 
handlungsstunde äußerte, nahm sie ebenso, wie seine „Geständnisse" 
einen Umweg: über andere Ärzte und über die Analytikerin, von derer 
an mich gewiesen worden war. Die Ärzte sind „Trottel", „teppert" 5 ) 
„sie sitzen auf der Schulbank und lernen gar nichts, später können sie 
dann nichts und können so ein armes Kind nicht heilen". — „Die 
Frau" (die ihn in die Behandlung schickte) „soll sich nicht auf meine 
Gasse trauen, ich werde es ihr schon zeigen, was das heißt, so ein 
Kind in so eine Behandlung zu schicken, wo man nichts als erzählen 
muß"; einmal droht er sogar, sie mit einer Hacke zu erschlagen. Er 
drückt sich sehr respektlos über eine Behandlung aus, in der weder 
ein Untersuchungstisch noch irgendwelche Intsrumente benützt wer- 
den. Allerdings verschwand diese Einstellung völlig, als ich ihn wäh- 
rend seiner Masernerkrankung behandelt hatte. Da ich auf Grund sei- 
ner katarrhalischen Erscheinungen die Mutter aufmerksam machte, 
daß wahrscheinlich ein Ausschlag auftreten werde, galt ich in den 
Augen dieser Familie als besonders tüchtig, da das Masernexanthem 
dann wirklich auftrat. Diese Einschätzung übernahm auch Anton. Doch 
nützte mir diese „Tüchtigkeit" in der Phase seines Widerstandes gar 
nichts. Er sagte mir zwar nicht mehr, daß ich „keine richtige Dokto- 
rin" sei, daß ich ein Kind nicht gesund machen könne, sondern sprach 
mit viel Achtung über meine Kenntnisse über Masern und Hals- 
schmerzen, aber bezweifelte sie sehr auf dem Gebiete der Seelenheil- 

a ) — dumm 



22 



Jenny Wälder 



künde: „Ja, wenn ein Kind Halsweh hat oder Masern, dann verstehen 
Sie was davon, aber was für Gedanken ein Kind im Kopf hat, das 
verstehen Sie nicht." 

IV. 

Das Material floß in der abgelaufenen Phase reichlich, es gestattete 
Einblicke in das Leben des Kindes, in seine sexuellen Wünsche und 
Erlebnisse, aber es kam nur so lange, als ich an seiner Fiktion fest- 
hielt, daß es sich um fremde und nicht seine eigenen Erlebnisse handle. 
Als aber der Zeitpunkt kam, wo es mir wünschenswert schien, der 
analytischen Situation eine Wendung zu geben, stieß ich auf heftig- 
sten Widerstand. Bei Antons Erzählungen geschah es nämlich, daß er 
Spaß daran fand, mit mir über Verbotenes zu sprechen. Früher hatte 
er es abgelehnt zu erzählen und wollte nur spielen. Aber als er dann 
so richtig in Fluß gekommen war, konnte er auf einmal nicht mehr 
rasch genug erzählen und wollte über nichts anderes mehr sprechen 
als über sexuelle Dinge. Irgendwelche Fragen über das Alltagsleben 
lehnte er jetzt ungeduldig ab: „Ja was ist denn mit dem Erzählen? 
Ich komme doch zum Gesundwerden und zum Erzählen, was ist das 
für eine Behandlung, wo man nichts erzählt?" Man sieht, welche Lust 
er am Reden über Sexuelles hat, wenn er das Schuldgefühl durch Ver- 
schiebung auf eine andere Person los wird. Er konnte dieses Ver- 
gnügen ohne Risiko genießen, denn er stand immer außerhalb und war 
unbeteiligter, moralisch entrüsteter Zuschauer. Diese Lustbefriedi- 
gung am Agieren, die für die Analyse ein Hindernis ist, die Tatsache, 
daß das, was Mittel zum Zweck ist, für ihn Selbstzweck wurde, war 
ein Grund, warum ich meine Rolle der harmlos Gläubigen aufgab 
und seine Beteiligung an diesen Spielen in Betracht zog. 

Durch sein häufiges Versprechen „ich" und „wir" stand 3a fest, daß 
ich mit der Annahme über seinen wirklichen Anteil an diesen Spielen 
nicht fehlging. Als er sich einmal in einer etwas orgastisch aufge- 
lösten Stimmung über den Diwan warf und herausfordernd fragte: 
„Also was soll ich Ihnen noch erzählen", in der Hoffnung, ich werde 
ihm Gelegenheit geben, noch weiter in diesem Stoff herumzuwühlen, 
antwortete ich: „Nun, alles, was Ihr gemacht habt." Wenngleich ich 
das Wort „Ihr' nicht betont sagte, sondern es ganz selbstverständlich 
und natürlich hinwarf, sprang er wie elektrisiert auf und rief heraus- 
fordernd: „Was wer gemacht hat?" Ich wieder ruhig: „Nun du und 
die anderen Buben." Darauf kam eine unerwartete Reaktion. Der Bub 
brach in Weinen aus und versuchte mit allen möglichen Beteuerungen 
zu versichern, daß er völlig unschuldig sei. Er versprach, mir alle 
seine Ersparnisse zu bringen, nur solle ich nicht glauben, daß er solche 
Schlechtigkeiten machen könnte. Es war rührend, wie er mir seine 



Analyse eines Falles von Pavor nocturnus 23 



mühsam ersparten wenigen Schillinge, auf die er sehr stolz war, als 
Schweigegeld anbot. Die Situation war klar, er glaubte plötzlich in eine 
Falle hineingeraten zu sein, er meinte, ich hätte bis jetzt die harm- 
lose, freundliche Helferin gespielt, um aus ihm sein Geheimnis heraus- 
zulocken, und würde es jetzt gegen ihn verwenden, es dem Vater sagen, 
der ihn bestrafen und ihn in eine Besserungsanstalt bringen würde 
— bei Kindern, die sich überrumpelt fühlen, eine häufige Befürch- 
tung. So wollte er mich bestechen und zum Schweigen bringen. Ich 
gab ihm eine Deutung seines Benehmens, versuchte ihn zu beruhigen, 
versicherte ihm, daß ich ihm das Vorgefallene nicht übelnähme, auch 
andere Kinder täten dergleichen und erzählten es mir, und ich hätte es 
noch nie den Eltern verraten. Als er sieh nach meiner Deutung und 
meinen beruhigenden Erklärungen sicher fühlte, hörte das Weinen 
und das ängstliche Verhalten auf. An Stelle dessen trat eine sich im- 
mer mehr steigernde Aggression. 

Er beginnt schon die nächste Stunde mit Dingen, von denen er an- 
nimmt, daß sie mir unangenehm sein werden; so mache ich in der 
Stunde, als er mit ausgebreiteten Armen im Kreise herumläuft, die 
Bemerkung, es erzeuge einen unangenehmen Luftzug. Die nächste 
Stunde beginnt er damit, daß er schon von der Tür aus ohne Begrüßung 
— so eilig hatte er es damit — in der gleichen Weise im Zimmer herum- 
zulaufen beginnt und mich dabei herausfordernd anschaut. Ich teile 
ihm eine Deutung seines Verhaltens mit: er wolle mich ärgern, weil 
er auf mich jetzt böse sei. Anton akzeptiert diese Deutung nicht, er 
tue das, weil es ihm Spaß mache, und er kümmere sich nicht darum, 
daß mir dadurch kalt werde. Daraufhin meinte ich, daß ich dieses Be- 
dürfnis verstehe, ihn darin nicht stören wolle, mich aber davor 
schützen müsse. Daher schlage ich vor, daß ich für die Zeit, in der 
er sich auf diese Weise amüsiere, in ein anderes Zimmer gehe. Anton 
bleibt plötzlich ruhig stehen, etwas erstaunt über diese Lösung, und 
verziehtet promt auf dieses Vergnügen. Nun war das eine ganz harm- 
lose Form der tätigen Aggression. Ich mußte energischer werden in 
anderen Situationen, die weniger harmlos aussahen, z. B. als er ein 
Stück Kohle in die Hand nahm, um es mir an den Kopf zu werfen. Ich 
mußte ihm in einer für ihn verständlichen Form den Unterschied zwi- 
schen Agieren und Mitteilen deutlich machen, ihm zeigen, daß das 
erste unzulässig sei, wenn ich meinem Beruf und meiner Aufgabe, ihm 
zu helfen, nachkommen soll. Freilich sind nicht alle Kinder so leicht 
dazu zu bewegen, vom Ausleben der Aggression in Handlungen Ab- 
stand zu nehmen und sich mit der sprachlichen Ausdrucksform zu- 
frieden zu geben. 

In Bälde macht Anton nicht mehr Umschreibungen und Abschwa- 



24 



Jenny Wälder 



chungen: „ich könnte etwas sagen", sondern sagt mir seine Meinung 
direkt ins Gesicht, wie beleidigend sie auch sein mag. „Jüdin, Böhmin, 
Christliche" (im Milieu des Kindes fast synonym gebrauchte Worte mit 
beleidigender Tendenz), ich sei verrückt, ich hätte ein Kadi zuviel im 
Kopfe, ich gehöre auf den Steinhof 8 ), waren schon mildere Bezeich- 
nungen. Alles wurde unter lebhaften Gesten in ungehemmtem Ton 
gesagt. Je gefahrloser dieses sein Verhalten in der Analyse war, je 
gleichmütiger ich mich gegenüber seinen Ausbrüchen verhielt, desto 
mutiger wurde er; von der ursprünglichen Ängstlichkeit fehlte jede 
Spur. 

Was hatte diese starke Aggression ausgelöst? Die überraschende 
Bemerkung „was du und die anderen gemacht haben", die ihm zeigte, 
daß ich um seine Schlimmheiten wußte, wirkte angstauslösend. An der 
Bildung dieser Angst waren mehrere Komponenten beteiligt. In erster 
Reihe fürchtete er sich vor dem Vater, in zweiter erst vor mir und 
vor meiner Meinung. Die Angst vor dem Vater war die weitaus inten- 
sivere, sie wirkte lähmend auf ihn, sie war die Ursache seines ver- 
zweifelten Tränenausbruches und des Bestechungsversuches. Erst als 
er meiner Diskretion sicher war und damit die Angst vor dem Vater 
gemildert war, trat die andere Komponente seiner Angst in den Vor- 
dergrund. 

Auf diese Angst reagierte er mit Angriffen gegen mich: er leug- 
nete heftig seine Beteiligung an diesen Spielen, er schrie, er lasBe sich 
nicht beleidigen, dazu komme er nicht in die Behandlung. Mit seinem 
Schreien wollte er mich einschüchtern, er hatte oft erfahren, wer 
lauter schreie, behalte Recht. Er fürchtete, im Falle eines Geständ- 
nisses von mir irgendwie bestraft zu werden, er benahm sich in seiner 
Wut, als wäre eine ungerechte Bestrafung bereits erfolgt, gegen die 
er nun heftigst protestieren müsse. Es scheint aber, daß der kleine 
Anton mit seinem aggressiven Verhalten noch mehr ausdrücken 
wollte; er demonstrierte, was er von mir erwartete, wenn er zugab, daß 
er wirklich „schlimm" war: ich werde genau so ihn beschimpfen, mit 
ihm schreien, gegen ihn wüten, wie er es mit mir tat. Mit dieser Ver- 
mutung folge ich einem Gedanken AnnaFreuds, den sie im Wiener 
Seminar für Kinderanalyse in einem analogen Fall entwickelt hat. 

Warum bedient sich Anton gerade der Aggression, um seine Angst 
abzuwehren? Es scheint, daß ihm dieser Mechanismus aus seiner Iden- 
tifizierung mit dem Vater besonders leicht zur Verfügung steht. Auch 
der Vater pflegte, wenn er Vorwürfe von seiner Frau erwartete, ihr 
gegenüber aggressiv zu werden. 

Erleichtert wurde ihm sein a ggressives Verhalten durch ein Stück 

6 ) Die Wiener Anstalt für Geisteskranke. 



Analyse eines Falles von Pavor nocturnus 25 

Geringschätzung für mich, das sich seiner Angst vor mir beimengte. 
Ein Erwachsener, der solche Schlimmheiten bei einem Kind nicht be- 
straft, ist gewiß nicht besser als es selbst. Ja, dieser Erwachsene muß 
besonders abgewehrt und abgelehnt werden, denn er erscheint dem 
Kind als böser Verführer. „Sie werden mich einmal noch so schlimm 
machen, daß ich Ihnen Hund sagen werde." Die Analyse verführt also 
in seinen Augen nicht nur dadurch zum Bösen, daß sie von sexuellen 
Dingen zu sprechen gestattet, was für das Kind eine schwächere Form 
des Agierens bedeutet, sondern auch durch die Erlaubnis der freien 
Äußerung der Aggression in Wort und Stimme. 

Eiern kommt, daß Anton das Gefühl hat, es geschehe ihm bitteres 
Unrecht. Nicht, daß er sich der Tatsachen nicht bewußt gewesen wäre, 
etwa seine Anteilnahme an den Spielen vergessen hätte; aber seine 
guten Vorsätze gaben ihm das Gefühl, im Recht zu sein. Seine sexuel- 
len Spiele mit anderen Kindern gehörten der „grauen" Vergangenheit 
an. Gerade jetzt war er voll guter Vorsätze zur Besserung und war 
geneigt, den Erfolg seines guten Willens vorwegzunehmen 7 ). 

Es ist verständlich, daß ein Kind, das noch nicht die analytische 
Situation von der häuslichen so genau differenzieren kann, die glei- 
chen Freiheiten, die es in der Analyse genießt, sich auch zu Hause 
leisten will. Nur trifft es dort nicht denselben Gleichmut und muß 
eine Ablehnung erfahren — es ist leichter seine Aggressionen eine 
Stunde auszuhalten als die übrigen 23 des Tages. Für den günstigen 
Ablauf der Analyse ist es nicht unwichtig, wie sich die Umgebung des 
Kindes in dieser Zwischenzeit, in der die Aggression des Kindes noch 
keine normale Verarbeitung durch die Analyse erfahren konnte, ver- 
hält. Es ist daher notwendig, die Eltern vorzubereiten, das Kind 
werde schlimm werden, das sei ein vorübergehendes, aber notwendiges 
Übel, und es werde wieder brav werden. Man appelliert an ihre Geduld 
dem Kind gegenüber und an ihr Vertrauen zur Analyse — freilich 
bedarf es dazu schon einer gefestigten, vertrauensvollen Beziehung 
der Eltern zum Analytiker. 

Eine weitere Gefahr eines solchen Widerstandes in der Analyse 
liegt in der Möglichkeit der Unterbrechung durch das Kind selbst. Die 

7 ) Wir sehen es oft bei Kindern, die sogenannte „Gewohnheitslügner" sind, 
daß sio besonders verletzt sind, wenn man ihnen mißtraut, da sie gerade ein- 
mal die Wahrheit gesagt haben. Sie sind in solchen Fällen viel tiefer verletz! 
als andere Kinder, die nicht so oft lügen. Es ist, als ob ihr Narzißmus an 
dieser Stelle besonders verwundbar wäre, da sie die Richtigkeit der Beschul- 
digungen in anderen Fällen zugeben müßten; daß sie diesmal die Wahrheil 
sprachen, war eine besondere Leistung, die hoch anerkannt werden sollte. Sie 
werden daraufhin oft aggressiv — es scheint, daß gekränkter, erschütterter 
Narzißmus Aggressionen freimacht. 



25 Jenny Wälder 



Ablehnung der Behandlung und des Analytikers kann so groß sein, 
daß das Kind bei seiner geringen Krankheitseinsicht und der Schwäche 
seines Motivs, sein Symptom zu verlieren, zum Ausspringen aus der 
Analyse neigt, ja häufig wird sogar Gesundheit vorgetäuscht, nur um 
diese unangenehme Behandlung loszuwerden. Auch Anton versuchte 
sich dieses Mittels zu bedienen. Er hatte längere Zeit keine Anfälle 
von Pavor nocturnus, versicherte mir, daß er die Behandlung nicht 
notwendig habe, und bevor er sich solche Beleidigungen gefallen lasse, 
ziehe er es vor, zu Hause zu bleiben. Was mir hier zu Hilfe kam, war 
seine letzten Endes doch positive Einstellung zu mir, die bis zu dieser 
Deutung fast völlig ungetrübt gewesen war, und schließlich ent- 
scheidend der Beschluß der Eltern, er dürfe die Behandlung nicht 
unterbrechen, ehe sie nicht die Sicherheit hätten, daß er gesund sei. 
Seine Angst vor Strafe schwand wohl allmählich; je geringer sie 
wurde, desto mehr trat wiederum die alte gute Beziehung zu mir her- 
vor, aber mit ihr der Wunsch bei mir in günstigem Licht zu erschei- 
nen. Es wuchs also die Angst vor Liebesverlust, die ein ebenso starkes 
Motiv war, nichts zu verraten, wie es die Strafangst gewesen war. 

V. 

So hatte wohl der Widerstand seine Quelle und seine Erscheinungs- 
form geändert — von dieser wird gleich noch die Rede sein — , er war 
aber unverändert stark geblieben. An Stelle des Seh impf ens trat immer 
mehr das liebevolle Poltern. Ursprünglich ein spontaner Ausbruch, ein 
sich entladender Affekt, wurde es allmählich eine Befriedigungsform, 
ein lustvolles Agieren, das aufzugeben Anton keine Veranlassung 
hatte. Es begann ihn sichtlich zu amüsieren, mich teils böse, teils liebe- 
voll zu beschimpfen. Auf meine Frage, woher er dieses Schimpfen 
habe, antwortete er prompt lachend: „Vom Vater." Ich zeigte ihm, daß 
er eigentlich nicht mehr wirklich böse sei, daß er vielmehr das Böse- 
sein spiele, weil es ihm Spaß macht, so zu sein wie der Vater und mit 
mir so herumzukommandieren, wie der Vater mit der Mutter. Nach 
anfänglichem Sträuben mußte Anton zugeben, daß er mit mir Vater- 
Mutter spiele, — er hatte also mir gegenüber eine Rolle eingenommen, 
die er früher bei der Mutter gern gehabt hätte. 

Damit haben wir eine sichtbare Übertragungsorscheinung vor uns, 
welche sich in der nächsten Zeit zu einer richtigen Übertragungs- 
neurose entwickeln wird. Nun aber gehört die Übertragungsneurose 
in der Kinderanalyse zu den seltenen Erscheinungen; die Frage, wann 
sie sich bildet, die Bedingungen, unter denen sie zustande kommt, und 
ihre Behandlung im therapeutischen Prozeß, ob sie erforderlich ist 
oder entbehrt werden kann, das alles ist bekanntlich Gegenstand der 






^ Analyse eines Falles von Pavor noo.turnus 27 

Diskussion innerhalb der Kinderanalyse. Es erseheint daher erlaubt, 
einige Vermutungen über die Bedingungen ihrer Entstehung bei Anton 
auszusprechen. 

„Übertragung" besteht darin, daß der Mensch Bereitschaften in sich 
trägt, die er zu aktualisieren trachtet. Diese Bereitschaften sind das 
rückständige infantile Erleben; er sucht sie in allen Situationen zu 
aktualisieren, die eine wenn auch beiläufige Parallelisierung mit den 
infantilen Situationen zulassen. Daher beruht die Herstellung der 
Übertragung auf zwei Voraussetzungen: erstens darauf, daß solche 
innere Bereitschaften überhaupt vorhanden und nach dem Objekt ihrer 
Wiederbelebung hungrig sind, das heißt also, daß die ursprüngliche 
Situation nicht mehr besteht und daher ein ungesättigtes Bedürfnis 
nach Übertragung überhaupt vorhanden ist; zweitens aber darauf, daß 
die Übertragungssehnsucht geeignete Partner findet. Das ist nun 
keineswegs leicht, denn auch die anderen Menschen haben ihre Über- 
tragungsbedürfnisse und entsprechen daher gewöhnlich nicht den Be- 
dingungen, unter denen die Übertragung zustande kommen kann. Sie 
„agieren zurück", entsprechend ihren eigenen unbewußten Tendenzen, 
und stören damit die Entfaltung der Übertragung beim Partner. Daher 
ist die Bedingung für die ungestörte Entfaltung der Übertragung nur 
dort gegeben, wo es ein Objekt gibt, das sich möglichst farblos verhält 
wie eine weiße Leinwand, auf die alles projiziert werden kann, das in 
keiner Weise agiert und damit die ungestörte Entfaltung der Über- 
tragung zuläßt, wie das in der analytischen Situation bei den Erwach- 
senen der Fall ist. 

Diese zwei Bedingungen der Übertragung — erstens Ubertragungs- 
hunger, da die eigentliche Situation nicht mehr besteht, und zweitens 
das Vorhandensein eines durch seine Passivität der Übertragung 
förderlichen Partners — sind in der Kinderanalyse im allgemeinen 
nicht gegeben. Anna Freud hat in ihrem Buch „Einführung in die 
Technik der Kinderanalyse" beide Punkte ausführlich erörtert. „Das 
Kind ist nicht wie der Erwachsene bereit, eine Neuauflage seiner 
Liebesbeziehungen vorzunehmen, weil — so könnte man sagen — die 
alte Auflage noch nicht vergriffen ist." Das gilt im vollen Umfang 
für Kinder in der ersten Sexualphase, das ist vor der Latenzzeit. 
„Anderseits aber eignet sich der Kinderanalytiker auch wenig zum 
Gegenstand einer gut deutbaren Übertragung. Wir wissen, auf welche 
Weise wir uns in der Erwachsenenanalyse zu diesem Zwecke ver- 
halten. Wir bleiben unpersönlich, schattenhaft . . . Der Kinderanaly- 
tiker aber darf alles andere eher sein als ein Schatten." 8 ) 

Wir können auch dem Kind gegenüber kaum die gleiche reservierte 

8 ) A. a. 0., S. 57. ~ 



28 



Jenny Wäldor 



Haltung einnehmen wie dem Erwachsenen gegenüber, wir sind weni- 
ger passiv. Das Kind arbeitet mit starker Intuition und erfaßt viel 
leichter unser Wesen als der Erwachsene, bei dem diese Intuition im 
Laufe der Jahre zum großen Teil verlorengegangen ist. Das Kind weiß 
zumeist von unserem Leben mehr als der Erwachsene. Fragen des er- 
wachsenen Patienten, die die Person des Analytikers betreffon, kann 
man analysieren, statt sie zu beantworten. Das Kind aber besteht bei 
seinen Fragen meistens auf Antwort, und wenn man auch hier sich 
möglichst so zu benehmen versucht wie beim erwachsenen Patienten, 
kann man doch manchmal nicht umhin, auch manche Fragen aus dem 
Privatleben zu beantworten. Das ist dann, wie aus dem früher Ange- 
führten zu ersehen ist, einer der Gründe, warum sich das Phänomen 
der Übertragung beim Kinde schwerer entwickeln kann. 

Die ersten Objekte haben für das Kind noch vollen Gegen wartswerl, 
es kann das, was es ihnen gegenüber agieren will, noch an ihnen aus- 
leben. Natürlich wiederholt das Kind in der Analyse, was es z. B. der 
Mutter gegenüber produziert, und es kann gelegentlich auch vorkom- 
men, daß die Aktionen bei der Mutter mit der Zeit aufgegeben werden 
und nur in der Analyse fortdauern. Bei größeren Kindern, bei denen 
die erste Beziehung zu den Eltern schon der Vergangenheit angehört, 
sehen wir auch Übertragungserscheinungen in der Analyse deutlicher 
auftreten. Im ganzen ist zu sagen, daß diese beiden Momente — die 
Realität der Kind-Elternbeziehung in der Gegenwart und die relative 
Aktivität des Analytikers — die Übertragung in der Kinderanalyse 
verwischen oder manchmal nur andeutungsweise auftreten lassen. 

Wie war es nun bei Anton? Seine momentane Gefühlskonstellation 
zu Hause war noch volle Gegenwart, als er in die Analyse kam. Er 
liebte die Mutter, sah in seinem Vater einen brutalen Rivalen, auf den 
er maßlos eifersüchtig war, gegen den er gerne gewalttätig vorge- 
gangen wäre, wie er es übrigens durch die Identifizierung mit ihm für 
selbstverständlich gehalten hätte. Er hatte aber aus Angst vor der 
Gegenaggression des Vaters keinen Mut, dieses sein Vorhaben anders 
als in der nächtlichen Phantasie zum Ausdruck zu bringen. Liebe zur 
Mutter, Eifersucht auf den Vater, Haß gegen den Vater waren also - 
sehr skizziert und unvollständig — die dominierenden Gefühle. Die 
volle Gegenwart der Objekte war der Entstehung von Übertragungs- 
erscheinungen nicht günstig. Doch ist auch zu bedenken, daß sich der 
Knabe an der Wende zur Latenzzeit befand: einem Zeitpunkt, in dem 
durch den Niedergang der infantilen Objekte die Voraussetzungen für 
die Übertragung günstiger werden. 

Anders war es aber mit der zweiten Bedingung. Weder Anton 
noch seine Eltern wußten viel von mir, außer etwa, daß ich bei meinen 



Analyse eines Falles von Pavor nocturnus 



29 



Eltern wohnte und sie daraus wohl schlössen, daß ich unverheiratet 
sei. Gerade dieses Wissen hat die Übertragung nicht gestört, sondern 
unterstützt, weil es in die Richtung der eigenen Phantasie ging. Sie 
hatten die Schüchternheit der Armen gegenüber Leuten sogenannter 
höherer sozialer Schichten und stellten keine Fragen. Ich war für sie 
ein Rätsel, eine sie alle interessierende Gestalt, in die sie wahrschein- 
lich allerhand hineinphantasierten— Anton natürlich gemäß den Erfah- 
rungen, die er im Hause und auf der Straße gewonnen hatte. Und so 
kam es, daß ich von allem Anfang an einzelne Äußerungen von ihm 
zu hören bekam, die nicht anders denn als Ubertragungsäußerungen zu 
werten waren; sie wurden immer deutlicher und zahlreicher, wagten 
sich dann im Agieren zu äußern und entwickelten sich schließlich zu 
einer richtigen Übertragungsneurose. Eine wichtige, vielleicht ent- 
scheidende Rolle bei der Entwicklung der Übertragungsneurose fiel 
auch, wie wir bald sehen werden, Antons Vater zu. 

Am Anfang der Behandlung war mir Anton bald mit Freundlichkeit 
begegnet und verriet seine Befriedigung über das Zusammensein mit 
mir. Neben diese persönliche Sympathie waren nun bald Übertragungs- 
erscheinungen getreten. Es gab Phantasien über einen erwachsenen 
Patienten, den er beim Weggehen traf, die Übertragungscharakter 
hatten. Auf diesen „Herrn Patienten" konzentrierte er Eifersucht, 
Aggression, Angst. Er wollte wissen, ob ich diesem Patienten nicht 
mehr Zeit widmete als ihm, ob er auch an Feiertagen komme, und 
dergleichen mehr. Einmal fragte er, was ich wohl mit dem Patienten 
mache: „Sie werden doch nicht mit dem Herrn Patienten spielen?" 
(Seine Behandlung war, wie berichtet, durch Spiele eingeleitet wor- 
den.) Ein anderes Mal: „Wenn der Patient operiert wird, kommt er 
nicht mehr her?" — „Was für eine Operation?" — „Er wird doch 
operiert, die Brust wird ihm aufgeschnitten, so beim Herzen." — 
„Warum glaubst du, daß ich ihn operieren werde?" — „Na ja, Sie 
werden doch nicht mit ihm spielen." Ich suchte dann Näheres über 
seine Phantasien zu erfahren und da erzählte er mir, nach der Ope- 
ration „geht das Wasser, wenn er trinkt, nicht mehr unten heraus, 
nur da heraus" (er zeigte auf die Herzgegend). Wenngleich diese 
Phantasie in ihrem ganzen Inhalt erst später verstanden wurde — 
worauf noch zurückzukommen sein wird — , so war sie doch schon jetzt 
als Übertragungsphantasie klar. Man könnte zwar sagen, die Phan- 
tasie vom Schneiden sei durchaus adäquat, dem Kind sei ja bekannt, 
daß ein Arzt auch operiert; aber das erklärt nicht, warum er unter 
allen medizinischen Behandlungsverfahren, von denen er wußte, wie 
z. B. Pulvergeben, Medizingeben usw., ausschließlich auf diese Mög- 
lichkeit kam. Daß freilich die Phantasie noch mehr enthält, beweist 



30 



Jenny Wälder 



die Fortsetzung, die sich mit dem Herzen beschäftigt, also mit sei- 
nem kranken Organ. 

Neben diesem allgemeinen Interesse an dem Schicksal dieses er- 
wachsenen Patienten zeigte er unverhohlen Aggression gegen ihn. Er 
sprach spöttisch von ihm, machte Witze über ihn, drohte mit geballten 
Fäusten, der Patient könne, wenn er ihm, Anton, unter die Hände 
komme, so manches von ihm erwarten. Diese seine aggressive Ein- 
stellung war auch wahrscheinlich die Ursache eines merkwürdigen 
Benehmens, als er einmal für einige Minuten allein im Zimmer blieb: 
nach meiner Rückkehr traf ich ihn dann mit allen Anzeichen großer 
Angst an, verweint und unruhig; er empfing mich mit Vorwürfen 
und antwortete, obwohl er wußte, daß sich zurzeit niemand im Warte- 
zimmer aufhielt, auf die Frage, was er befüchtet habe, der Patient 
hätte hineinkommen und ihn etwas antun können. Die Angst vor 
der Aggression des Patienten, die selbstverständlich keine reale Ur- 
sache hatte, kann keine andere Grundlage haben als eine Erwartung, 
die durch seine eigene Aggression dem Patienten gegenüber ausge- 
löst war: der gleiche Mechanismus wie bei der Angst vor dem Vater. 
Wahrscheinlich hatte er sich während meiner kurzen Abwesenheit 
mit dem Gedanken beschäftigt, wo und bei wem ich mich aufhielt. Hier 
wird also sein Konflikt schon auf das Verhältnis zu mir und zu den in 
Verbindung mit mir stehenden Personen übertragen. 9 ) Aber das trat 
vorderhand nur sehr sporadisch auf. 

Mit der „Vertiefung" unserer Beziehungen wurde Antons Liebe 
immer deutlicher, ihre Äußerungen waren aber sehr charakteristisch. 
SeineLiebe war versteckt, womöglich hinter einer Aggression; er wollte 
mir kleine Gefälligkeiten erweisen, suchte sie aber durch Brummen und 
Schimpfen zu verschleiern. So macht er sich einmal um die Ordnung 
im Zimmer zu schaffen, richtete Decke und Kopfpolster auf dem 
Diwan zurecht, sein Betätigungsfeld war aber gering, es war nicht 
viel da zum „Ordnungmachen". Er verstand es daher, selbst etwas 
Unordnung zu machen, um dann wieder alles in Ordnung zu bringen. 
Dabei polterteer unermüdlich und leistete sich einmal den Ausspruch: 
„Ja, bei Ihnen müssen halt die Patienten sogar gründlich machen." 

Aber nicht nur in dieser versteckten Form äußerte sich die Über- 
tragung, auch die offene Aggression, die zuerst echt und später sozu- 
sagen zum Vergnügen von ihm in der Behandlung so lange agiert 
wurde, war nur Ausdruck der Übertragung. Er spielte auf diese Weise 
Vater und Mutter mit mir, er brachte Streit und Zank in die Stunde, 

9 ) In dieser Phantasie Antons teilt der erwachsene Patient einmal das 
Schicksal des Knaben (Operation, Herzkrankheit), einmal steht er für den 
Vater (Eifersucht; Wut des Kleinen). 



Analyse eines Falles von Pavor nocturnus 31 

so wie der Vater in schlechter Laune und etwas angeheitert Zank und 
Hader nach Hause brachte. Anton war über meine Haltung dabei un- 
zufrieden, denn ich sollte, um die Situation getreu der häuslichen 
nachzubilden, schimpfen und nicht ruhig dabei bleiben. Und so manche 
Extravaganz, die er sich dabei geleistet hatte, war wohl auf den 
Wunsch zurückzuführen, mich zu provozieren, mich auch zum Schimp- 
fen zu bringen und so wirklich mit mir „Vater und Mutter" zu spielen. 
Nun trat ein Ereignis ein, auf das zuvor schon mehrfach angespielt 
wurde: der Vater, der bis nun der Rivale bei der Mutter war, spielte 
durch sein ungeschicktes Benehmen auch in unsere Behandlung hinein. 
Das ergab zuerst Verwirrung und Widerstand, erwies sich aber später 
doch als ergiebig für die Analyse. Das Verhalten des Vaters in der 
ganzen Angelegenheit war wohl das auslösende Moment, doch brachte 
Anton die Bereitschaft zur Übertragungsneurose mit. Er erklärte kurz 
vorher, als er hörte, daß der Vater einen neuen Rock bekommen solle, 
der Vater dürfe in diesem Rock nicht zu mir gehen. Seinerzeit habe er 
einen neuen Anzug bekommen, damals habe er der Mutter so sehr darin 
gefallen, daß sie ihn geheiratet hätte. AVenn ich nun den Vater im 
neuen Rock erblicken würde, könnte auch ich mich in ihn verlieben. 
Nun hat der Vater durch sein Verhalten die Vorgänge früher ausge- 
löst — aber sie wären, wie mir scheint, spätestens mit seinem Erschei- 
nen im neuen Rock aufgetreten. Der Vater holte Anton zeitweise von 
der Stunde ab, kam auch manchmal zu mir und ich sprach dann mit ihm 
über den Jungen, wobei ich versuchte, seine Haltung dem Knaben gegen- 
über zu beeinflussen. Dabei mußte ich sehr vorsichtig zu Werke gehen, 
den Vater sehr entgegenkommend behandeln, und erwarb mir so 
auch seine Sympathien. In der letzten Stunde vor Weihnachten übergab 
ich dem Vater ein kleines Geschenk für den Buben und bat ihn, es als 
Überraschung unter den Weihnachtsbaum zu legen, es also unauf- 
fällig mitzunehmen. Der Vater hängte die flache Schachtel an den 
Westenknopf unter seinen Mantel, fand das gemeinsame Geheimnis, 
das wir hatten, und die ganze Situation sehr lustig und kicherte ver- 
stohlen. Beide verließen die Wohnung und ich erfuhr erst nach Weih- 
nachten, welche Tragödien sich inzwischen abgespielt hatten. 

In der ersten Stunde nach Weihnachten kam der Bub merkwür- 
dig verändert zu mir, überreichte mir einiges vom Weihnachtsbaum 
als nachträgliches Weihnachtsgeschenk. Er schaute sehr ernst aus, 
setzte sich feierlich auf den Diwan und fragte mich, ob ich ihm sagen 
könne, warum der Vater so gekichert habe, als er mich verließ. Im 
allgemeinen beantwortete ich seine Fragen mit Gegenfragen, um zu 
erfahren, was dahinterstecke. Ich versuchte es auch diesmal so zu 
machen, aber Anton blieb diesmal fest, ich müsse zuerst antworten. 



32 Jenny Wälder 



Auch mein Versuch, ihm ein Abkommen vorzuschlagen, er möge mir 
zuerst sagen, was er sich vorgestellt habe, dann wolle ich ihm den 
wahren Sachverhalt erzählen, stieß auf Ablehnung. Er blieb ernst und 
fest dabei, ich müsse zuerst antworten. Ich wußte nicht, was in ihm 
vorgehe, merkte, es müsse diesmal etwas Besonderes sein, wollte ihn 
nicht reizen und erzählte ihm den Vorgang mit dem Weihnachtsge- 
schenk. Dann bat ich um Aufklärung. Der Bub sagte zuerst etwas 
zögernd, aber dann immer heftiger und schließlich in höchster Er- 
regung, er habe geglaubt, daß der Vater mich geküßt habe; das habe 
ihn so aufgeregt. Wie kam er auf die Idee? Ich erfuhr nun folgendes: 
der Vater habe so merkwürdig gekichert, das habe in ihm gleich den 
Verdacht wachgerufen, daß „zwischen uns was war". Das entspricht 
durchaus den Erfahrungen, die er zu Hause, auf der Straße, in den 
dunklen Haustoren gemacht hatte. Und da hatte er den Vater gereizt 
gefragt, warum er denn lache, ob er was mit der Doktorin habe? Dem 
Vater scheint diese Phantasie nicht mißfallen zu haben und er ant- 
wortete geheimnisvoll: ja, er habe mit der Doktorin ein Geheimnis. 
Das Kind wurde erst recht unruhig auf diese Bemerkung und fragte, 
ob er mich denn geküßt hätte. Der Vater lächelte dazu geheimnisvoll 
und verneinte es nicht. Das Kind geriet in Wut, begann in der Straßen- 
bahn zu heulen und wurde allen Beruhigungen des Vaters unzugänglich- 
Zu Hause kam die Fortsetzung dieser Szene. Um ihn zu beruhigen, 
zeigte man ihm das Geschenk, erzählte den genauen Sachverhalt, aber 
jetzt glaubte er es nicht mehr und trieb es immer ärger. Die Mutter 
bekam Angst, ich würde beleidigt sein, wenn er mir das erzähle, und 
versuchte, die ganze Sache zu applanieren und ihn zu beruhigen. Aber 
der Vater sorgte dafür, daß im Buben heftigste Zweifel blieben, indem 
er des öfteren in der Weihnachtsunterbrechung Bemerkungen über 
mich machte, die die aufgestachelte Phantasie des Knaben reizten. So 
sagte der Vater z. B., er fühle sich nicht wohl, habe Magenbeschwer- 
den, ich arbeite auch als praktische Ärztin im Spital, er werde auch 
zu mir in die Behandlung gehen und ähnliches mehr. Und je mehr 
der Bub dadurch gereizt war, umso minutiöser und lauter arbeitete die 
Phantasie des Vaters, wenn er ausmalte, wie schön das sein werde, 
wenn auch er jeden Tag zu mir gehe. So half der Vater mit, die 
Übertragungssituation in der Analyse völlig herzustellen. Der Vater 
wurde Rivale bei mir, während ich doch „ihm gehöre" und nicht dem 
Vater, der sich jetzt hineindränge. (Eine ähnliche Situation hat es 
zu Anfang der Analyse gegeben, als Anton behauptet hatte, die Mutter 
gehöre eigentlich ihm, sein Bett müßte zwischen den elterlichen Betten 
stehen, um den Vater von der Mutter abzuhalten und seine eigenen 
Eigentumsrechte zu dokumentieren.) 






Analyse eines Falles von Pavor nocturnus 



33 



Anton erklärte mir, er werde nicht dulden, daß sein Vater mich 
wieder besuchte. Er wollte mich durch den Ausspruch: „Ich verbiete es!" 
vom Vater trennen und demonstrierte durch das Verbot sein Ver- 
fügungsrecht über mich. Bei der Intensität seiner Erregung schien es 
angezeigt, ihm fürs erste nachzugeben und ihn zu beruhigen; ich er- 
klärte ihm, ich legte keinen Wert darauf, daß der Vater ihn abhole; 
ich sei einverstanden, daß es in Hinkunft ausschließlich die Mutter tue. 

Anton hatte mir erzählt, was er befürchtet hatte, ich hatte es auf- 
geklärt; wir haben darüber gesprochen, wie er zu dieser Auffassung 
gekommen war; man könnte nun erwarten, daß die Sache damit so 
ziemlich erledigt gewesen sei. Weit entfernt: seine Gemütsverfassung 
dauerte unverändert an. 

Die nächste Stunde zeigte, daß er die Aufklärung gleichsam nicht 
zur Kenntnis genommen hatte; er überschüttete mich mit Drohungen 
und Vorwürfen. Wie es sich später zeigte, war das eine Wiederholung 
der Jahre zurückliegenden Situation, da die Mutler polizeiliche Hilfe 
gegen die Untreue des Vaters angesprochen hatte und der Knabe, die 
Partei der Mutter ergreifend, gegen den Vater wegen seines Verhal- 
tens losgezogen war. 

Anton hat also noch keine Einsicht dafür, daß es sich um eine Phan- 
tasie handelt. Er beginnt den Vater zu kritisieren, der, obwohl ver- 
heiratet, dergleichen tue, steigert sich immer mehr in die Erregung 
hinein, beschimpft den Vater und droht mit dem Wachmann. Es sei 
nicht das erstemal, daß der Vater so etwas mache; er habe schon einmal 
ein „Fräulein" gehabt und sei damals sehr „grauslig" zu der Mutter 
und zu ihm gewesen, so daß die Mutter ihn auf den Arm nahm, auf die 
Wachstube ging und sich über den Vater beschwerte. Die Situation konnte 
erst später mit ihm näher besprochen werden, als sich der Affekt etwas 
gelegt hatte. Ich erfuhr auf diese Weise, daß der Vater vor einigen 
Jahren eine außereheliche Beziehung hatte, daß es zu Hause große 
Szenen gab, die einmal zu einer argen Prügelei ausarteten: der Vater 
warf die Mutter zu Boden und mißhandelte sie. Der Knabe, der damals 
im dritten Lebensjahr war, weinte jämmerlich, wollte der Mutter zu 
Hilfe eilen und fiel dabei aus dem Bett. Jetzt erst verstand ich, warum 
die Mutter seine Angstzustände auf den damaligen Sturz aus dem Bett 
zurückführte, — sie hatte wohl Recht damit, wenngleich nicht so, wie 
sie es meinte. 

Anton wütete nun gegen den Vater, phantasierte von einem Gang auf 
die Wachstube, Gesprächen mit dem Richter und der schließlichen 
strengen Bestrafung des Vaters — das seinerzeitige Erlebnis hatte mit 
der Versöhnung der Eltern geendet. Hier setzte also die Phantasie 
des Jungen korrigierend ein; der Vater wurde in sadistischer Weise 



Zeitschrift f. p.=n. Piiil.. IX/t 



r 



34 



Jenny Wälder 



bestraft. Seine ganze Wut, sein ganzes Rachebedürfnis für all die Un- 
bill wird jetzt ausgelebt. Er übersteigert sich immer mehr, zuerst 
sollten es zehn Jahre Gefängnis sein, aber sie wuchsen allmählich auf 
hundert Jahre, bei trockenem Brot, ohne Wasser, stehend, ohne Liege- 
und Sitzgelegenheit. Solange möchte wohl Anton mit der Mutter allein 
leben, ungestört vom Vater — könnte man hier ergänzend hinzufügen, 
wenn man die frühere Phantasie anschließen darf, was er an Stelle 
Franzis gegen solch einen Vater unternehmen würde. Angesichts all 
dieser Drohungen, die auch Töten, Erschießen und ähnliches umfaßten, 
überrascht es nicht, wenn Anton zeitweise in seine Drohungen Be- 
merkungen einfügte wie: „Wenn der Vater mich auch erschießt oder 
mich aus dem Fenster wirft, mir macht das nichts, aber er muß be- 
straft werden." Er zeigt dabei die Angst, die bei dieser Aggression 
selbstverständlich ist: will ich dem Vater Böses, so kann er mir etwas 
antun, er ist ja der Stärkere. Auch der Inhalt der Angst glich dem, 
was er dem Vater gern angetan hätte. Und schließlich ist es auffallend, 
daß er hinzufügt: „Das macht mir nichts", während ihn früher seine 
Angstvorstellung bis in den Traum verfolgt hatte. Während dieser 
ganzen Zeit war Anton auch anfallsfrei, seine Aggression fand einen 
direkten Weg, sie mußte nicht erst auf die traumhafte Verarbeitung 
warten. 

Antons Agieren beschränkte sich aber nicht nur auf die analytische 
Stunde. Auch zu Hause sprach er mit großer Erregung darüber. Mei- 
ner Intervention gelang es, daß der Vater sich zurückhaltender be- 
nahm; die Mutter versuchte, den Knaben von der TTnstichhältigkeit 
seiner jetzigen Verdächtigungen zu überzeugen. Das Erlebnis des 
Kindes hatte nicht nur zur Folge, daß sich der Junge an die ver- 
flossenen ähnlichen Zeiten erinnerte; auch für die Mutter wurde diese 
Zeit wiederbelebt. Sie erzählte mir damals zum erstenmal von 
den kritischen Vorgängen und gab mir so manches Material an die 
Hand, das für die spätere Deutung wertvoll wurde. Was die Mutter 
über die wüste Szene von damals erzählte, deren Zeuge der Junge ge- 
wesen war, machte nicht nur seine Aggression gegen den Vater, son- 
dern auch die Angst vor ihm verständlicher. 

Am meisten war die Umgebung Antons beeindruckt von der erwach- 
senen Form seiner Eifersucht. Die Mutter erinnerte sich der Eifer- 
suchtsszenen, die Anton ihr schon vor Jahren im Gasthaus machte, 
wenn sie ein Bekannter dann und wann zum Tanz einlud. Der Knabe 
gebärdete sich dabei so wild, daß die Familie unter allgemeinem Ge- 
lächter das Lokal zu verlassen genötigt war. Schließlich hatte die 
Mutter darum ganz auf die Gasthausbesuche verzichtet. Antons Eifer- 
sucht hatte der Mutter diese Beschränkung auferlegt, sie hatte sie an] 



Analyse eines Falles von Pavor nocturnus 



35 



sich genommen; es ist also nicht verwunderlich, daß Anton so apodik- 
tisch von mir forderte, der Vater dürfe nicht mehr zu mir kommen. 
Auch bei den Gasthauserlebnissen hatte er sich völlig im Rechte ge- 
glaubt: die Mutter habe sich nicht von fremden Männer berühren zu 
lassen und mit ihnen zu lachen. 

Die Erinnerungen der Mutter machten es mir leicht, die Frau mit 
einigen fundamentalen Einsichten über das Seelenleben des Kindes 
vertraut zu machen; es war für sie nicht Theorie, sie hatte es am 
eigenen Leibe zu spüren bekommen, auch war sie durch ständige Be- 
sprechungen diesen Erkenntnissen nicht mehr so unzugänglich, wie 
man es sonst häufig bei den Eltern findet. Diese Zeit war auch die 
wichtigste in meiner Beziehung zur Mutter, sie kam durch die Er- 
zählungen von all ihrer Misere in eine sehr anhängliche Einstellung 
zu mir und wurde sehr zugänglich für Beeinflussung ihres pädagogi- 
schen Verhaltens zu dem Kinde. 

Bei Besprechung der Eifersucht des Knaben wurde die Krankenge- 
schichte durch ein wichtiges Stück ergänzt. Die Mutter erinnerte sich, 
daß der Knabe am Anfang der Krankheit Anfälle von ganz anderem 
Typus hatte, bei denen er etwas „vorspielte". Diese „Szenen" hatten 
folgenden Verlauf: Der Bub setzt sich aus dem Schlaf auf und beginnt 
in einer Art somnabulen Zustande zu singen; es waren damals zwei 
Lieder, die er sowohl im Wachen wie im Schlafen mit Vorliebe sang: 
„Ich hab mein Herz in Heidelberg verloren" und „Du, nur Du, nur Du 
allein" (zwei bekannte Liebeslieder). Dann kamen unter Lachen 
tschechische Worte, die man zu Hause nicht verstand; nun vex-änderte 
sich seine Stimmungslage, seine Heiterkeit schlug in eine weinerliche 
Stimmung um, er rief wiederholt: „Mutterl, mein armes Mutterl", 
stellte sich manchmal auf, beugte sich nach vorne und stieß einen 
kräftigen Flatus aus, oft unter lautem Auflachen. Die Szene endete 
immer mit Angstäußerungen, mit Weinen, ängstlichem Schreien, Hilfe- 
rufen, manchmal mit Beten. 

Einiges von diesem somnambulieähnlichen Zustand können wir schon 
hier verstehen (einiges kann erst später erklärt werden, so das tsche- 
chische Sprechen und der laute Flatus) : Wir wissen, es ist eine Liebes- 
erklärung an die Mutter, an sie sind die beiden Liebeslieder gerichtet. 
Wir verstehen auch, daß das Mitleid, der Schmerz über das Leiden der 
Mutter („mein armes Mutterl") den Mißhandlungen der Mutter durch den 
Vater gilt und daß die Angst zum Schluß die Angst vor dem Vater ist. 
Wir werden später versuchen, auf Grund der umfassenderen Kenntnis 
des Materials eine vollständigere Übersetzung dieser Darstellung sei- 
ner Zustände zu geben. 

Die frühere Eifersucht des Knaben der Mutter gegenüber spielte 



36 Jenny Wälder 



sich also in getreuer Kopie in der Analyse ab. Das Agieren ging rixin 
allmählich in Phantasieren über. Als nach geraumer Zeit die Affekte 
verraucht waren, sah Anton allmählich ein, daß es leere Befürchtungen 
waren, er erfaßte die Irrealität seiner Gedanken, aber das änderte tlie 
Richtung seiner Phantasie nicht. Er sprach nicht mehr davon, daß der 
Vater mit mir „etwas angefangen" hatte, und seine Aufregung war 
auch nicht mehr so echt. Er phantasierte, daß ein fremder Mann mir 
auf der Straße nachgehe und — ■ entsprechend seinen Beobachtungen 
in seinem Milieu — mir den Hof mache, und Anton, der ja inzwischen 
Wachmann geworden war, folge uns beiden nach, um mich vor dem 
Mann zu schützen, falls er mich küssen wolle. Wenn es soweit war, 
packte ihn Wachmann Anton am „Krawattel" und führte ihn auf die 
Wachstube, wo er bestraft werden sollte. Also wieder die gleichen 
Elemente, wie früher: der Mann, der sich der geliebten Frau nähert, 
der dann von ihm auf die Wachstube gebracht und der Bestrafung zu- 
geführt wird. 

Diese Phantasien wurden von Anton täglich neu ausgeschmückt, 
bekamen immer wieder neue Varianten und entwickelten sich zu einem 
Roman. Es wird nicht nur die Hilfe der Polizei in Anspruch genom- 
men, sondern die Tätigkeit der Sicherheitsorgane wird durch seine 
Kampfbereitschaft ergänzt. Der gemeine Verbrecher, der mich küssen 
wollte, ist nach verbüßter Strafe noch nicht abgeschreckt und beginnt 
sein verderbliches Tun von neuem. Nur kommt jetzt Anton an die 
Reihe, er bringt ihn nicht mehr auf die Wachstube, sondern will ihn 
selbst bestrafen. Er kämpft mit ihm einen Heldenkampf, der natürlich 
von Anton ganz plastisch unter Gefahr der Demolierung der Woh- 
nung dargestellt wird. Er endet, wie nicht anders zu erwarten, mit 
Antons Sieg: der Gegner fällt tot zu Boden. 

Anton gibt jetzt also seinen Gefühlen mir gegenüber auf eine 
andere Weise Ausdruck als früher. Es ist nicht mehr die versteckte 
Form der Liebeserklärungen hinter liebevollen Dienstleistungen, die 
durch Poltern und Schimpfen noch undeutlicher gemacht und ent- 
wertet werden sollten. Jetzt tritt er frei in den Kampf mit den Geg- 
nern, um mich zu gewinnen und zu schützen. Er geht aber in seinen 
Männlichkeitsäußerungen noch weiter. Eines Tages sagte er mir, daß 
er mich liebe und daß sein Vater etwas sehr komisches gesagt habe. 
Auf mein Befragen, was denn der Vater gesagt habe, antwortet er 
sehr verschämt: er (Anton) solle mich heiraten. Ich gehe selbstver- 
ständlich ernst auf dieses Thema ein: „Was meinst du dazu, Anton?" 
Statt jeder Antwort kommt eine vielsagende Bewegung mit den Fin- 
gern, die Geldzählen bedeuten soll, dabei ein resigniertes Gesicht. 
Er will sagen: ich habe ja kein Geld; Sie werden doch so einen armen 






Analyse eines Falles von Pavor nocturnus 



37 



Teufel wie mich nicht heiraten wollen. Wir sprechen dann darüber, 
daß Geld nicht die Hauptsache und in Liebesdingen keineswegs von 
entscheidender Bedeutung sei. Ein ordentlicher Charakter und ein 
Beruf seien für die Ehe wichtiger als Geld. Von Gegenliebe haben 
wir nicht gesprochen, denn Anton scheint sie als selbstverständlich 
angenommen zu haben, da er nur die finanzielle Frage als Hindernis 
darstellte. Anton fügt nun seinen bisherigen Berufsplänen einen neuen 
zu: er wird Spitalsdiener werden oder, noch besser, Krankenwärter — 
da hat er auch einen weißen Mantel wie die Ärzte. (Er hat mich 
manchmal im Spital besucht.) Auf diese Weise könnten sich unsere 
Berufe gleichsam ergänzen; zeitweilig wollte er Arzt werden und im 
Zimmer neben dem meinen ordinieren, aber da hatte er Bedenken: Arzt 
werden heißt sehr viel lernen und das war nicht Antons liebste Be- 
schäftigung. 

Welche Wünsche er mir gegenüber hatte und daß das Heiraten 
von ihm nicht nur als Zusammenleben verstanden wurde, verrieten 
seine Phantasien und sein Verhalten, wenngleich er hier noch ziem- 
lich zurückhaltend war. So phantasierte er an einem Wintertag, als m 
den Straßen Glatteis war, ich stände sehr unbeholfen am Glatteis, 
schaute sehr komisch aus, müsse mir vom Wachmann helfen lassen, 
doch vergebens, ich stürzte, die Röcke flögen in die Höhe: alles wei- 
tere wird durch ein vielsagendes Kichern ersetzt. Diese Phantasie 
beschäftigt ihn mehrere Tage und fördert zutage, daß er immer sehr 
böse ist, wenn die Mutter ihn aus dem Zimmer gehen heißt, weil sie 
sich waschen will. Er sieht nicht ein, warum sie solche Geheimnisse 
macht Neben der Schaulust zeigte er exhibitionistische Strebungen 
die offenbar Verführungsversuche sind. Er geht aufs Klosett und 
kommt mit offener Hose zurück. Ich dachte im Moment nicht daran, 
daß es Absicht sein könnte, - obwohl es schon damals höchstwahr- 
scheinlich war, - und machte ihn auf den Toilcttefehler aufmerksam, 
selbstverständlich in einer Art, wie wenn es sich um jeden anderen 
Knopf handeln würde. Anton lachte befriedigt, wohl weil ich es be- 
merkt hatte, und wiederholt am nächsten Tag das Gleiche Nun aber 
übersehe ich es geflissentlich und komme so seinem Wunsch nach Be- 
friedigung seines Exhibitionismus nicht mehr nach. Er wiederholt es 
nun in den nächsten Tagen immer wieder, geht während der Stunde 
aufs Klosett und kommt mit offener Hose zurück. Als das alles nichts 
nützt legt er sich auffallend vor mir auf den Fußboden, macht alle 
Anstrengungen, daß ich den Toilettefehler bemerke, und setzt sich 
schließlich mit gespreizten Beinen knapp vor mir nieder. Als ich aber 
weiter an meiner Handarbeit stricke, (wie ich es häufig in der Stunde 
tat,) ohne darauf zu reagieren, riß ihm schließlich die Geduld und er 






38 Jenny Wälder 



sagte: „Warum schauen Sie mich denn so an, was ist denn los? Habo 
ich am Ende das Hosentürl offen?" und schaute dabei zwischen seine 
Beine. Ich konnte jetzt deuten, es sei sein Wunsch, daß ich hinschauen 
und sein Glied sehen solle, auf das er so stolz ist. x\nton war über 
meine Reaktion auf seine Verführungsversuche sehr enttäuscht und 
gab weitere Versuche auf. 

Nun einige Worte zu der Deutungsarbeit während der Übertra- 
gungsneurose. Anfangs stand ich vor der Tatsache, daß er die Szene 
mit dem Vater als eine durchaus reale empfand, und ich habo mit mei- 
nen Deutungen, daß es sich eigentlich um die Mutter handle und seine 
Aufregung von dorther stamme, gar nichts ausgerichtet. Seine Er- 
lebnisse spielten sich an mir ab, seine Affekte waren zu sehr ent- 
flammt, seine eigene Vernunft konnte mir hier nicht durch die Über- 
legung zu Hilfe kommen, daß es recht unwahrscheinlich sei, ich sollte 
gerade seinen Vater als Liebesobjekt gewählt haben. Ich mußte di e 
Angelegenheit zunächst als eine durchaus reale behandeln, bediente 
mich dabei der Hilfe der Mutter und bat den Vater, eine Zeitlang nicht 
zu mir zu kommen und die Eifersucht des Kindes nicht mehr durch 
allerhand Bemerkungen zu reizen. So gelang es mir zuerst, Anton zu 
überzeugen, daß seine Eifersucht unbegründet war; dann konnte ich 
ihm unter Zuhilfenahme des Materials, das er im Affekt teils agierte 
teils erinnerte, zeigen, daß er das alles schon bei der Mutter gemacht 
und sich darum alles so ausgemalt habe. Anton stellte mir ent- 
gegen, es sei wohl richtig, daß er einmal die Mutter so geliebt habe 
und so auf sie „geeifert" habe, jetzt aber liebe er mich, jetzt sei er 
auf mich eifersüchtig; warum ich aber auf die Erlebnisse mit seiner 
Mutter zu sprechen käme? Er höre das nicht gerne! Ich mußte ihm 
die Notwendigkeit dieser Besprechungen zeigen, ihm erklären, daß 
die Gefühle für mich eines Tages aufhören würden und er wieder zur 
Mutter zurückkehren werde, daß die Eifersucht auf die Mutler mit 
seiner Krankheit zusammenhänge. Wenn er das jetzt nicht bespreche 
so könne die Angst wiederkehren. Obwohl sich Anton dann trotzdein 
bei den Deutungen immer sträubte und in seiner aggressiven Art 
darauf reagiert© — ich solle ihn doch damit in Ruhe lassen — , obwohl 
er meinen Verstand bezweifelte und mich gelegentlich wieder nach dci n 
Steinhof schickte, haben seine späteren Reaktionen doch bewiesen 
daß er die Deutungen verstanden und verarbeitet hatte. 

Von meinem Verhalten seinen Liebeswerbungen gegenüber ist schon 
die Rede gewesen. Vor allem nahm ich ihn ernst und bat auch di« 
Mutter, ihn bei solchen Anlässen daheim nicht zu verspotten. Andef, 
seits war er in seinen Liehesüußerungen nie so stürmisch und ung e _ 
hemmt wie seinerzeit bei den Aggressionen, so dnB ich in dieser Hh x , 



Analyse eines Falles von Pavor nocturnus 39 

picht nie vor schwierige technische Probleme gestellt wurde. In dem 
speziellen Fall, als er -während der Stunde zu exhibieren versuchte, 
hat die Deutung seines Verhallens sein Agieren unterbrochen. 10 ) 

Die Übertragungsneurose brachte ursprünglich viel Material an die 
Oberfläche; allmählich ging auch sie in spielerisches Agieren über 
und brachte nichts Neues mehr. Von der Deutung der Übertragungs- 
neurose aus suchte ich wieder den Anschluß an das erste Material der 
Analyse, das durch das Auftreten der Übertragungsneurose unter- 
brochen worden war. Aber Anton war dafür nicht zu haben; ein neues 
Hindernis kam dazu. Er sagte, wenn er mir das alles erzähle, dann 
würden wir mit der Behandlung bald fertig sein; er möchte aber noch 
sehr lange zu mir kommen. 

Die Analyse entwickelte sich so in der Richtung eines richtigen 
fjbertragungs Widerstandes; damit entstanden neue technische Schwie- 
ngkeiten. Ich versuchte, seinem Wunsche nach möglichst langer Aus- 
dehnung der Behandlung mit dem Hinweis zu begegnen, daß ich ihn 
auf keinen Fall allzulange behandeln dürfe, denn auch andere Kinder 
warteten auf die Behandlung, und stellte ihm in Aussicht, daß er mich 
auch nach dem Abschluß der Analyse besuchen könne. Aber das schien 
ihm eine zu geringe Kompensation für die Möglichkeit, mich täglich 
zu besuchen. Ich meinte, wir würden uns nach der Behandlung noch 
viel besser unterhalten können. Als Anton einmal sehr vom Auto- 
fahren schwärmte, bemerkte ich, wir könnten ja einmal zusammen im 
Auto fahren; während der Analyse gehe das allerdings nicht, denn 
behandelt werden und gleichzeitig sich vergnügen passe schwer zu- 
sammen. Anton war über den Vorschlag beglückt und erzählte daheim 
strahlend, wir würden zusammen in den Prater fahren. Doch hatte 
dieses Versprechen nicht den Erfolg, die Analyse zu beschleunigen, 
vielmehr wurde dadurch seine Liebe zu mir nur verstärkt und damit 
der Wunsch, das tägliche Zusammentreffen möglichst lange fortzu- 
setzen. 

VI. 

Während ich mich noch vergeblich bemühte, den Übertragungs- 
widerstand — d. h. den Wunsch, von mir geliebt zu werden, nichts er- 
zählen zu müssen, was ihn seiner Meinung nach in meinen Augen her- 
absetzen könnte, und dauernd in der Analyse zu bleiben — aufzulösen 
und ich schon fürchtete, die Analyse könnte an dieser Stelle versanden, 
trat eine neue Form des Widerstandes auf, so daß die analytische 
Situation komplizierter und weniger verständlich wurde. Anton zeigte 
eine weinerliche Aggression, er benahm sich wie jemand, der sich in 

10 ) Es ist nicht immer so leicht, das Agieren durch eine einmalige Deutung 
zum Stillstand zu bringen. 



40 



Jenny Wälder 



einer Verteidigungsposition befindet und sich gegen ungerechte Vor- 
würfe zu wehren hat — eine Haltung, die in einer früheren analyti- 
schen Phase auf sein schlechtes Gewissen hingewiesen hatte, deren 
Ursachen mir aber diesmal unbekannt waren. Es lag nun nahe zu ver- 
muten, daß etwas außerhalb der Analyse vor sich gehe, was in den 
Stunden von ihm nicht mitgeteilt wurde, das möglicherweise mit Vor- 
fällen in seiner augenblicklichen Lebenssituation in Zusammenhang 
stand. Wir denken ja meistens bei plötzlichen Veränderungen im Be- 
nehmen, die wir nicht aus der Entwicklung der analytischen Situation 
ableiten können, an Ereignisse im realen Leben des Patienten. 

Nun waren tatsächlich zwei Änderungen in seinem Leben einge- 
treten. Anton, dem man vor Beginn der Analyse nach dem Bekannt- 
werden seiner sexuellen Spiele mit Franzi verboten hatte, mit anderen 
Kindern auf der Straße zu spielen, durfte nun wieder auf die Straße. 
Die Eltern waren in eine neue Wohnung übersiedelt, der Knabe hatte 
keine Freunde, fühlte sich außerordentlich vereinsamt, und da die 
Mutter fand, daß diese Bedingungen für den Knaben sehr ungünstig 
seien, wurde ihm mit dem Einsetzen der warmen Jahreszeit das Spielen 
auf der Straße mit anderen Kindern wieder gestattet. 

Die zweite Änderung in seinem Leben kam daher, daß eine erwach- 
sene Kusine vom Lande zu Besuch kam, die mehrere Wochen bei 
Antons Eltern wohnen sollte. Da es im elterlichen Haushalt nur drei 
Betten gab, für die Eltern und für Anton, war er genötigt, wie er mir 
erzählte, mit der Kusine zu schlafen. 

Ich versuchte, über die Spiele auf der Straße und über das Zusam- 
menleben mit der Kusine mehr zu erfahren, da sich möglicherweise 
von dorther die Veränderungen in seinem Wesen erklären ließen. Doch 
waren die Auskünfte, die ich von Anton bekam, nicht sehr aufschluß- 
reich. Auf der Straße, erzählte Anton, spiele er mit den Buben Krieg, 
er betrachte die Automobile, er interessiere sich für alle Vorgänge! 
Auf die neue Schlafeinteilung kam ich des öfteren zu sprechen, doch 
auch hier nur mit dem Erfolg, daß er mir, je nach seiner momentanen 
Laune, entweder eine abwehrende Antwort gab — wenn mir das 
Zusammenschlafen mit der Kusine nicht passe, so solle ich ihm eben 
ein Bett kaufen — oder aber mir mit Liebe und Hoffnung in der 
Stimme den Vorschlag machte, bei mir zu schlafen, wenn ich nicht 
wünschte, daß er das Bett mit der Kusine teile. 

Ich versuchte, von der Mutter irgendwelche Anhaltspunkte zu be- 
kommen. Aber auch die Mutter wußte nichts zu berichten. Sie finde an 
ihm nichts Auffallendes, der Besuch der Kusine sei ihr lästig, sie 
wünsche, der alte Zustand könnte wieder hergestellt werden. Doch 
war sie im allgemeinen wortkarg und man konnte den Eindruck ge- 



Analyse eines Falles von Pavor nocturnus 41 

winnen, daß sie teils durch eigene Sorgen, teils durch das normale Ver- 
halten des Knaben zu Hause an der Analyse allmählich desinteres- 
siert werde. 

Nun kam es aber zu einer häuslichen Szene, die unseren Eindrücken 
von der Mutter widersprach. Mutter und Sohn kamen ganz aufgelöst 
in die Stunde und der Knabe beklagte sich, daß die Mutter gegen ihn 
in einer Weise grob war, wie er es von ihr noch nicht erlebt hatte. Die 
Mutter wieder berichtete, sie habe eine solche Wut auf den Jungen 
gehabt, daß sie ihre Beherrschung völlig verloren habe. Der Anlaß 
schien ziemlich harmlos zu sein. Es war eine der vielen kleinen Plän- 
keleien zwischen Anton und der Kusine, diese hatte eine etwas „leichte 
Hand" und versetzte dem Jungen einen leichten Schlag. Daraufhin 
griff der Junge wuterfüllt nach der Peitsche und versetzte der Kusine 
in einem Zornanfall einen mächtigen Hieb gegen das Bein. Die Mut- 
ter, die sich dem Buben gegenüber ansonsten nie so hatte gehen lassen 
wie der Vater, verlor nun fast die Besinnung, stürzte sich mit beiden 
Fäusten auf ihn und schlug ihn in einer Art, wie man es von ihr nie 
erwartet hätte. Sie hätte den Sohn damals umbringen können — waren 
ihre eigenen Worte. 

Dieser Auftritt war ziemlich bedenklich. Woher diese Spannung 
zwischen dem Buben und der Kusine, woher diese Gereiztheit der 
Mutter, daß sie sich zu einer für sie so ungewöhnlichen Handlung hin- 
reißen ließ? Die Besprechung mit der Mutter ergab diesmal ein an- 
deres Bild als bei der letzten Unterredung. Der Bub sei in der letzten 
Zeit besonders schlimm, aber er verbiete der Mutter, mir irgendetwas 
darüber zu berichten, weine und schreie zu Hause so lange, bis sie ihm 
verspreche, mir von seiner Aufführung nichts zu erzählen — daher 
auch ihr wortkarger, irreführender Bericht von unlängst. 

Die Mitteilungen der Mutter und die letzte Szene zu Hause haben 
den Verdacht erhärtet, daß der Knabe etwas für ihn Wichtiges sorg- 
fältig vor der Analyse verheimlichen wolle. Doch war momentan kein 
Weg sichtbar, zu diesem verheimlichten Material zu gelangen. Es 
direkt vom Patienten zu erfahren, wie in der Analyse Erwachsener 
wäre sehr erwünscht, ist aber beim Kind nur schwer und selten er- 
reichbar. Wir streben danach, dem Kinde verständlich zu machen, wie 
wichtig seine Aufrichtigkeit und die Vollkommenheit seiner Ausfüh- 
rungen für die Behandlung ist. Wir geben uns Mühe, dem Kinde zu 
beweisen, daß es Vertrauen haben kann, daß es durch die Preisgabe 
noch so großer „Schlimmheiten" gar nichts in der Behandlung zu be- 
fürchten hat, aber selten ist ein Kind dafür zu gewinnen. Je schlech- 
tere Erfahrungen es mit den Erwachsenen gemacht hat, je größer 
seine Angst vor den Folgen dieser Mitteilungen in seiner Umgebung 



42 Jenny Wühler 



ist, umso weniger wird es die Dinge verraten, von denen es annimmt, 
daß sie ihm schaden könnten. Besonders schwierig ist es bei manchen 
Kindern, wenn in ihr Leben etwas getreten ist, was ihnen Lust be- 
reitet, was aber verboten erscheint, daher also auch vor der Analyse 
verheimlicht werden soll; denn es gilt ja, sich im Genuß nicht stören 
zu lassen. Erst wenn das Vergnügen schon vorbei ist oder wenn das 
Schuldgefühl schon zu groß ist, kommen die Kinder mit dem Geständ- 
nis. Das ist etwas leichter bei Kindern, die gegen den schlimmen An- 
teil in sich kämpfen, sodaß sie bewußt die Hilfe des Analytikers in An- 
spruch nehmen. (Natürlich müssen sie das Gefühl haben, daß man 
bereit ist, ihrem „besseren" Ich zu helfen, ohne es für das schlechtere 
zur Verantwortung zu ziehen, ihnen etwa Vorwürfe zu machen.) Dies 
dürfte bei zwangsneurotischen Kindern der Fall sein, die sich selbst 
in ein braves und schlimmes Kind spalten und sich nach dem Mecha- 
nismus der Isolierung bitter über das schlimme Kind in ihnen be- 
klagen und bereit sind, seine Missetaten mitzuteilen, weil man eben 
brav ist und das „Böse" gerne loswerden möchte. Bei Kindern von» 
hysterischen Typus besteht eine solche Strenge des Über-Ichs und eine 
solche Spaltung nicht. Man möchte ein braves Kind sein, aber wenn das 
Schlimmsein Lustbefriedigung bringt, ist man zu Kompromissen leicht 
bereit. Diese Kinder empfinden auch ihre Schlimmheit nicht so ich- 
fremd, daß sie diese Trennung in braves und schlimmes Kind durch- 
führen würden. Als ich den Versuch machte, Anton die Situation des Go 
ständnisses durch eine solche Zweiteilung zu erleichtern, fand ich nur 
spöttische Ablehnung. Dabei verstand er sehr wohl, was ich meinte; 
denn als er einmal zum Schein darauf einging, dns Zimmer verließ, 
um als ein braver Anton zu kommen und sich über den schlimmen zu 
beklagen, versprach er sich und sagte: „Hier ist Frau Anton" und 
verriet so seine Angstvorstollung, es würde ihn die Strafe der Kastra- 
tion erwarten, man würde ihn zur Frau machen, wenn er mir die 
Schlimmheiten des Anton mitgeteilt hätte. Diese Angst ist es in erster 
Reihe, die das freie Entgegenbringen auch des bewußten Materials 
verhindert; manchmal gelingt es erst nach ihrer Besprechung, das 
Kind zur größeren Offenheit zu bewegen. 

Man bekommt also vom Kind im allgemeinen weniger direkte Mit- 
teilungen und ist mehr auf gewisse Anzeichen, Fehlleistungen, Sym- 
ptome, kleine Mitteilungen seitens des Kindes oder seiner Umgebung 
angewiesen, die dann eine Spur aufweisen, deren Verfolgung schließ- 
lich zum verheimlichten Material führt. 

Antons Benehmen während der Stunde zeigte eine steigende Ableh- 
nung der Analyse. Er drohte, mich zu verlassen, wenn ich etwas sagte, 
was ihm nicht gefiel. Anfangs sah ich darin eine Obertragungserschei- 



Analyse eines Falles von Pavor nocturnus 



43 



nung, da er auch der Mutter drohte, davonzulaufen, wenn sie ihn 
tadelte. Er benehme sich mir gegenüber wie bei der Mutter, in beiden 
Fällen sei sein Benehmen das Ergebnis seiner Identifizierung mit dem 
Vater, der seiner Frau auch mit ähnlichen Drohungen kam, wenn sie 
ihn nicht „in Ruhe lassen" werde. Ich teilte ihm damals diese Deutung 
— selbstverständlich kindgemäß — mit; er nahm sie wie gewöhnlich 
mit Aggression auf und setzte seine Drohungen fort. Es war aber 
schon damals mehr als nur Übertragung, es war der Wunsch, aus der 
Analyse, die ihm unangenehm wurde, zu entfliehen. In der positiven 
Übertragung hatte das Weggehen — er hatte auch damals manchmal 
damit gedroht — bedeutet: wenn du mir nicht zu Willen bist, so werde 
ich dich verlassen und zu einer andern Frau, der Mutler, gehen, ähn- 
lich wie der Vater von der Mutter weg zu einer andern Frau gegangen 
war. Hingegen bedeutete die Drohung mit dem Verlassen der Analyse 
jetzt eine Flucht aus Angst. War sie früher ein Mittel seines Werbens, 
ein Erpressungsversuch aus Liebe, so war sie jetzt ein Versuch, sich 
Unannehmlichkeiten zu entziehen. 

Er beteuerte auch sehr oft, daß er nichts zu erzählen wisse, daß 
ich zu viel frage und er nichts darauf antworten könne. Nun war diese 
Klage durchaus unberechtigt, denn ich fragte nicht mehr als früher. 
Seine Behauptung wird erst verständlich, wenn man annimmt, daß er 
einerseits Angst vor meinen Fragen hatte, denn er wußte allerhand, 
was er mir nicht erzählte, und daß anderseits der Wunsch bestand, ich 
möchte doch fragen und alles erfahren, damit er seine Angst und sein 
schlechtes Gewissen loswerden könnte. 

Als in meinem Zimmer eine Schreibmaschine auftauchte und Anton 
wie alle Kinder das größte Interesse für sie zeigte, forderte ich ihn 
auf, mir Geschichten zu diktieren, in der Hoffnung, einiges über seine 
jetzigen Phantasien zu erfahren. Anton erklärte sich bereit, wenn auch 
etwas zögernd, sogar die Beobachtungen in der Kiste weiter zu be- 
richten. Auch diese Bereitschaft, wichtiges Material preiszugeben, war 
in dieser analytischen Situation eigentlich eine Widerstandsäußerung: 
Er tat es, weil er noch Wichtigeres verstecken wollte. 

Aber auch dieser Weg brachte mich nicht der Frage näher, was 
eigentlich im Kinde vorgehe. Zwar führte Anton seine früheren Mit- 
teilungen über die sexuellen Spiele der anderen Kinder weiter aus; die 
Aufmerksamkeit, die er beim Diktat dem Mechanismus der Schreib- 
maschine entgegenbrachte, hatte zur Folge, daß er diese Aufmerksam- 
keit der Zensur entzog und daher manchmal mehr erzählte, als ihm 
lieb war. Wenn er zuviel Details erzählt hatte, erschrak er dann plötz- 
lich und meinte, er müsse mehr achtgeben, denn sonst sage er etwas 
und schon stehe es auf dem Papier. Ich versuchte, ihn zu überzeugen, 






44 Jenny Wälder 



daß es für ihn ungefährlich sei, mir die Sache, auch ohne aufzupassen, 
zu erzählen; er könne ja das Geschriebene nehmen und zerreißen. 
Auch beim Diktieren sagte er oft „wir" in allen Abwandlungen. Ich 
machte ihn nicht mehr darauf aufmerksam. Aber schließlich wieder- 
holten sich die Dinge immer wieder und wir konnten von hier aus 
nicht weiter kommen. Anton war ja schon längst ganz anderswo, ver- 
strickt in neue Erlebnisse und Phantasien. 

Der Knabe wurde zu Hause und in der Analyse immer schwieriger. 
Er zeigte deutlich Pückfallserscheinungen, neue Konflikte mit dem 
Vater, die sich teils in offenen Szenen, teils in seiner wieder wachsen- 
den Angst vor den Verbrechern äußerten. Von hier aus war ein neuer 
Antrieb zur Analyse zu erwarten. Tatsächlich trat nach einer langen 
anfallsfreien Periode bald wieder ein neuerlicher Anfall auf, der auf 
die Eltern und den Jungen einen großen Eindruck machte und so die 
Analyse wieder ankurbelte. Jeder von den Beteiligten reagierte darauf 
in seiner Art. Anton erklärte am Tag nach dem Anfall weinend, man 
dürfe mir nichts davon erzählen, denn ich würde ihn mit Fragen 
quälen und er könne sich doch an nichts erinnern. Nun wußte ich ja 
daß er am nächsten Tag eine Amnesie für den Anfall selbst hatte — ^ 
darüber wäre also nicht viel von ihm zu erfahren gewesen. Was er 
aber gefürchtet hatte, war die Frage, was er für den Grund des 
Wiederauftretens der Anfälle halte. Denn er wußte ganz genau, womit 
sie in Zusammenhang standen, wenn er auch diesen Zusammenhang 
nicht direkt verstand; und davon sollte ich nichts erfahren. 

Die Mutter bekam ein schlechtes Gewissen wegen ihres Anteiles an 
der Verschlimmerung, der Vater wieder reagierte auf seine Art, indem 
er erklärte, er werde ihn jetzt selbst „heilen". Wenn der Anfall wieder- 
komme, werde er ihm „eine Tracht Prügel versetzen und Schluß". Das 
Kind hatte im Anfall geweint und geschrien. Als sich der Vater dem 
Bett näherte, nahm das angstvolle Schreien zu, das Kind verlangte 
nach der Mutter und forderte, der Vater möge fortgehen. So verstand 
der Vater die dahinter steckende Aggression und hatte nun seinerseits 
wieder mit verstärkter Aggression geantwortet. Aber gerade diese 
Aggression des Vaters brachte mir Anton näher, weil er bei mir 
Schutz vor dem Vater suchte. 

Die Stunde begann also damit, daß die Mutter verlegen mitteilte, 
Anton habe wieder einen Anfall in der Nacht gehabt; er habe auf einen 
Winkel im Zimmer gewiesen, sich so benommen, wie wenn er dort 
jemanden wahrgenommen hätte und deutlich Angst gezeigt. Als ich 
mit Anton allein im Zimmer blieb und mit ihm über das Vorgefallene 
sprechen wollte, brach er in Tränen aus: er wisse gar nichts, ich möge 



Analyse eines Falles von Pavor nocturnus 



45 



ihn in Kühe lassen, sonst gehe er fort. Auf meine Vorstellung, daß 
wir ja deshalb zusammenkommen, um darüber zu sprechen, verließ 
er das Zimmer und ging zur Mutter ins Wartezimmer. Ich bat nun die 
Mutter zu mir, ließ ihn die ganze Stunde im Wartezimmer allein und 
versuchte von der Mutter zu erfahren, was vorging. 

Die Frau war sichtlich betreten bei ihren Aussagen; sie führte den 
letzten Angstanfall des Jungen auf ein Vorkommnis am Abend vor dem 
Schlafengehen zurück. Der Junge hatte nämlich einen Lampenschirm 
zerbrochen und große Angst gehabt, der Vater könnte ihn dafür be- 
strafen. Sie gab aber zu, daß das noch kein genügender Grund für 
einen Anfall von Pavor nocturnus sei. Nun gestand sie unter großen 
Schuldgefühlen, daß sie in der letzten Zeit mir gegenüber nicht ganz 
aufrichtig gewesen sei. Es hatte mit der Ankunft der Kusine begon- 
nen. Der Junge wollte mit dem Mädchen absolut nicht das Bett teilen, 
eine freie Schlafstelle gab es jedoch in der Wohnung nicht — so zog 
er es vor, bei der Mutter zu schlafen. Da die Kusine zu dieser Zeit 
krank war, brachte er die Mutter so weit, daß sie nicht nur einwilligte, 
ihn in ihr Bett zu nehmen, sondern auch zustimmte, das Ganze vor mir 
zu verheimlichen. Die Mutter, die ein schlechtes Gewissen hatte, daß 
sie ihn zu sich ins Bett nahm, fand den Ausweg, es mir nicht zu sagen, 
eigentlich als den einfachsten, was übrigens ein Licht auf die Verläß- 
lichkeit der Eltern in der Kinderanalyse wirft, auch wenn sie den 
Analytiker in seiner Arbeit noch so unterstützen. 

Diese kleine Mitteilung machte nun manche Vorkommnisse der 
letzten Zeit verständlich. Anton war durch das gemeinsame Schlafen 
mit der Mutter scheinbar in besondere Erregung versetzt. Wenn diese 
Situation ihm auch aus vielen Gründen sehr angenehm war, etwas in 
ihm war doch mit dem Zustand unzufrieden, wehrte ihn ab und gab 
der Kusine als der Ursache an dem ganzen Übel die Schuld. Daher 
seine Reizbarkeit gegen das junge Mädchen, die schließlich zum Aus- 
bruch kam, als er mit der Peitsche gegen sie ausholte. Man versteht, 
warum auch die Mutter plötzlich eine solche Aggression gegen den 
Jungen entwickelte. Sie sah den Zusammenhang zwischen dem ge- 
meinsamen Schlafen und seinem Schlimmwerden und erklärte ihn 
auf ihre Weise damit, daß dies den Knaben verwöhne und schlimm 
mache. Wenn der Zusammenhang auch nicht so einfach war, so hatte 
sie doch Ursache und Folge erkannt. Aber einmal in dieses Komplott 
hineingezogen und mitschuldig geworden, hatte sie auch weiterhin 
geschwiegen. Durch das schlechte Gewissen mir gegenüber war aber 
ihr Ärger über den Knaben nur gewachsen; die Spannung steigerte 
sieh und mußte einmal so unerträglich werden, daß es zu einer Ent- 
ladung auch ihrerseits kam; daher die unbeherrschte Wildheit, mit der 






46 Jenny Wöldor 



sie auf den Knaben losschlug und der bei dieser Mutter recht auffal- 
lende Ausspruch: „Ich hätte den Jungen umbringen können." 

Da sie sich die ganze Zeit -nicht an mich um Hilfe wenden konnte, 
hatte sie auch, wie ich aus ihrem Bericht entnahm, versucht, den Kna- 
ben mit ihren Mitteln, mit Drohungen und Einschüchterungen zu be- 
handeln. Dazu kam, daß die arme Frau, durch äußere Umstände be- 
einflußt, diesmal durch das Verhalten des Kindes besonders beun- 
ruhigt war. 

Um diese Zeit wurde in Wien ein Prozeß gegen einen jugendlichen 
Elternmörder (Artmann) durchgeführt. Die Zeitungen verbreiteten 
sieh über die schlechte Erziehung, über die Verwöhnung der Kinder 
und ihre bösen Folgen. So sah die Mutter plötzlich in ihrem kleinen 
Jungen den künftigen großen Verbrecher. Sie wurde nun besonders 
hart gegen ihn und machte ihn darauf aufmerksam, sie werde seine 
Aufführung nicht länger dulden, sonst könnte auch er noch Vater und 
Mutter umbringen wie jener jugendliche Verbrecher. Mit der einen 
dieser Befürchtungen, der des Vatermordes, traf sie aber gerade die 
seinigen und verstärkte seine Angst vor solchen Wünschen. Denn die 
mütterlichen Warnungen besagten: wenn man „als Kleiner" solche 
Wünsche hat, führt man sie „als Großer" aus. 

Es kam also von allen Seiten eine Verschärfung der Situation. Das 
Zusammenschlafen mit der Mutter lenkte wieder seine Wünsche auf 
sie und machte es ihm neuerlich schwer, von ihr als Liebesobjekt los- 
zukommen; es steigerte seine Eifersucht auf den Vater und die Ag- 
gression gegen ihn. Das Verhalten des Vaters wieder machte es ihm 
nicht leichter, diese Aggression einzudämmen. Als letzte Verschär- 
fung kam der Artmann- Prozeß hinzu, der ihm demonstrieren sollte, 
was aus schlimmen Kindern wird. 

Und doch ist noch immer nicht befriedigend geklärt, warum sich 
Anton der Analyse entziehen wollte. Gewiß wollte er mir einerseits 
seine geheimen Wünsche verbergen aus Angst, meine Liebe zu ver- 
lieren; er faßte es nicht, daß man manches mißbilligen könne, ohne 
darum einem Kind die Neigung zu entziehen. Aber anderseits brauchte 
er mich mehr als zuvor, denn in dieser Situation wurde ich in gewis- 
sem Sinne seine letzte Zuversicht: als ihn z. B. die Mutter einmal ab- 
kanzelte und meinte, sie werde jetzt mit Strenge zu verhindern ver- 
suchen, daß ein zweiter Artmann aus ihm werde, brach er in Tränen 
aus und sagte, er werde von ihr weglaufen, zu mir gehen und bei mir 
bleiben. Diese Lücke im Verständnis konnte erst viel später ausge- 
füllt werden. 

In der nächsten Stunde ging ich wieder auf seine Anfälle ein. Anton 
widerstrebte wieder, wagte aber nicht mehr, das Zimmer zu verlassen, 



Analyse eines Falles von Pavor nocturmis 



47 



weil er aus der letzten Erfahrung wußte, daß er die Zeit allein ver- 
bringen muß, während ich mit der Mutter spreche. So erzählte er 
mir, er habe mit dem Vater vom Haifisch gesprochen und habe Angst 
gehabt, daß dieser ihn fressen könne. Ich meinte, daß seine Angst wohl 
weniger dem Haifisch als dem Vater gelte; er gibt es mit Widerstreben 
zu. Da meine ich, ich habe gehört, daß er sich in der letzten Zeit so 
yiel mit dem Arlraann-Prozeß beschäftige, und das werde mit der 
großen Angst im Zusammenhang stehen. Er solle mir darüber seine 
Gedanken mitteilen, da könnten wir die Angst verstehen und ihm 
helfen, sie zu verlieren. Anton protestiert heftigst, daß er mit Artmann 
etwas zu tun haben könnte. Er versucht durch verschiedene Ablen- 
kungsmanöver, mich von dieser Idee abzubringen, und zeigt großen 
Widerwillen, überhaupt darüber zu sprechen. Aber schließlich erklärt 
er sich bereit, mir in die Schreibmaschine zu diktieren. Die Geschichte, 
die icb hier in der Originalfassung wiedergebe, wurde in drei Stunden 
diktiert. Es trug sich so zu, daß ich erst eine Einleitungszeit brauchte, 
bis er wieder geneigt war, weiter zu diktieren, und dann verließ er das 
Thema, um es erst wieder am nächsten Tag aufzunehmen. Es muß noch 
erwähnt werden, daß die Familie gespannt das Erscheinen des Morgen- 
blattes erwartet hatte, daß es dann Streit gegeben hatte, weil jeder das 
Blatt zuerst in die Hand bekommen wollte, und daß sich Anton selbst- 
verständlich in erster Reihe für die zahlreichen Bilder interessiert 

hatte.") 

Die Artmann-Geschichte: „Ich habe gedacht von dem Artmann, 
daß Artmann die Mutter umgebracht hatte. Ich aber stand morgen 
in der Früh auf und schau mir das Bild an von dem Artmann und 
ich sage darauf, daß er die Mutter umgebracht hat. Und ich aber 
träumt mir wieder auf die Nacht, daß der Artmann die Mutter um- 
gebracht hat, weil ich das Bild angeschaut hab', und ist mir das 
wieder durch den Kopf gegangen." (Wie schaut denn das Bild 
ans?) .,Das Bild hat ausgeschaut: Der Herr und die Frau und 
zwei Wachmänner und der Bursch. Der Herr und die Frau waren 
umgebracht. Die Polizei nahm ihn gleich mit und zarren ihn 
gleich zur Polizei. Er hat Strafe bekommen bis sieben und zehn 
Jahre; wenn er sich gut aufführt, kriegt er sieben, und wenn er 
eich schlecht aufführt, kriegt er zehn Jahre. Und er hat sich brav 
aufgeführt und er hat sich gebessert. Er hat sieben Jahre be- 
kommen." 
In der Geschichte fällt auf, daß er vo m Umbringen der Mutter, nicht 

u ) Die mangelhafte Satzbildung ist durch das Diktieren entstanden. Da ich 
wesentlich langsamer schreibe, als er diktiert hatte, verlor er den Faden, wie- 
derholte die Satz©, Hauptwörter und Zeitwörter stimmton nicht mehr. 



48 Jenny Wälder 



aber des Vaters spricht; nur auf meine Frage, wie das Bild aussehe, 
berichtet er wahrheitstreu, spricht aber vom „Herrn", nicht vom 
Vater. Er vermied es, über das zu sprechen, was ihn am meisten trifft, 
was seine eigenen Phantasien und Wünsche berührt. Auch ist die 
Identifizierung mit dem Verbrecher noch sehr stark, er hat Mitleid 
mit ihm, er läßt ihn brav sein, damit er die geringere vStrafe erhält. 
(Dieses Urteil von sieben oder zehn Jahren, je nach der Aufführung, 
entspricht den Tatsachen.) 

I. Fortsetzung der Artmann-Geschichte: „Und er hat sich aber 
nicht gebessert. Er war nur so ein bißchen brav und er hat ge- 
glaubt, daß er herauskommt, aber er ist nicht herausgekommen 
und hat zehn Jahre Strafe bekommen. Zehn Jahre sind eine 
schwere Strafe, sieben Jahre sind leichte Strafe. Ich wollte kein 
Dieb werden und wollte lieber Fiaker oder Chauffeur werden." 
Die Geschichte am nächsten Tag zeigt also eine wesentlich ge- 
änderte Einstellung. Anton versucht sich vom Mörder zu distanzieren. 
Die Strenge des Über-Ichs nimmt zu, was sich auch in der Strenge 
dem Delinquenten gegenüber äußert: Artmann hat sich nicht gebessert, 
er kriegt die schwere Strafe. Noch ist aber Verständnis für den Mör- 
der vorhanden, noch sagt er in bedauerndem Ton, zehn Jahre seien 
eine schwere Strafe. Und schließlich kommt auch die Erklärung für 
dieses Verhalten: es ist die Strafangst, die das Über-Ich zu stärken 
versucht, die den Wunsch in ihm unterstützt, ein anständiger Mensch 
zu sein. Diese Distanzierung von dem Verbrecher brachte es mit sich, 
daß er viel freier wurde. Er kommt in die Stunde in strahlender Laune 
und bringt mir die Zeichnung eines Automobils, die er angefertigt hat 
(„Ich möchte lieber Chauffeur werden und nicht ein Dieb"). Sein Ge- 
wissen scheint wesentlich entlastet zu sein. Er weiß auch plötzlich, 
wie es zu diesem Anfall gekommen ist, er hat darüber „nachstudiert". 
Vor dem Schlafengehen hat ihn so eine merkwürdige Lust gepackt, 
mit dem Vater darüber zu sprechen, wie das sei, wenn ein Vcrbrechei- 
einbricht, ob er sofort „den Herrn" erschießt. Der Vater erklärte ihm, 
daß der Verbrecher nur mit dem Schießen drohe, ohne es zu tun, er raffe 
schnell die Beute zusammen usw. In der Nacht darauf kam der Anfall. 
Ich möchte nun weiter erfahren, woher das gesteigerte Interesse für 
diese Fragen in der letzten Zeit stamme. Das weiß er nicht. Er habe 
plötzlich unbedingt darüber sprechen müssen, wahrscheinlich um 
später, wenn er selbst ein Herr wird, zu wissen, wie er sich zu ver- 
halten habe, wenn ein Verbrecher kommt. 

II. Fortsetzung der Artmann-Geschichte: „Warum hat der Art- 
raann die Mutter umgebracht und den Vater ermordet hat. Ein so 
ein Selbstmord habe ich noch nicht gesehen; und ich aber habe 



Analyse eines Falles von Pavor n octurnus 



49 



mir gedacht, daß der Artmann so ein schlimmer Mann ist und hat 
die Mutter und den Vater ermordet. Und ich aber habe nur ge- 
dacht, daß der Artmann so ein Reißteufel ist; wenn ich der Bicn- 
ter gewesen wäre, so hätte ich ihm hundert Jahre Strafe gegeben 
Weil ich das nicht einsehe; und ich aber, ich war sehr böse au 
ihn, weil er die Mutter umgebracht hat. Und ich aber habe nicht 
gedacht, daß der Artmann so ein schlimmer Mann war. Und icb 
aber war bös, weil er nicht so gefolgt hatte den Eltern infolge- 
dessen und er war so ein schlimmer Mann, daß er nicht den Ellei n 
gefolgt hat. Und aber weil ein so ein böser Mann war so bin ich 
mit ihm harb (= herb, böse). Weil er als K^«-*^ 
und die Eltern ihm nachgegeben ha ben. *°^***™* « » 
ein schlimmer Mann geworden und hat **J^™J*™^« 1 
die Mutter als Kleiner ihm nachgegeben, wai er so ■chhnun 

der Strenge des Über-Ichs, der A < ™ sl » » d Eu Daher auch 

**-^»il--n«^*S£?KflÄ ich das nich, ein- 
die Redewendungen w, e -"»'"'f^rtra^ch entstammen. Jetzt erst 
sehe", die gar nicht seinen. & P ^ehra ^ ^ 

kann der Vatermord wieder "****J^ nichts mehr zu tnn hat, 
Marder, es ist ein ganz £■**;*£*. anderen Menschen, viel 
den er unbedingt verdammt, viel menr a ge wesen wäre, 

mehr als der "^^Ä^S^St lodert Jahre, 

hatte ich ihn. hunert Jahre Strafe ^ gegeben ^ ^ 

wie seinerzeit dem Vateij. *« „„Mimmheit in der Kindheit und der 
Eltern, daß das die Folge «»er SAhm mhe IU in .^^ daß 

Nachgiebigkeit der Eltern sei & s ^ Identifizic .,,ng mit den. 
das Über-Ich schon so gesttdrt „ j daß ^ fjnden 

Verbrecher wirklieb endgult.g a »'» e ^ ich war s0 bSs au f ihn, 

sie ja auch in dem A™^=^de7be^toendervreiBe kein Wort 
weilerdieMutterumgebach hat de nlcht mehr diese 

von. Vater enthält. Sp-tob.« -*^ es ^^ prf 

Strenge, die nur die H.chtuug zeig t >" den Verbrecher 

diesem Wege muß er ™*f^ g erfdteten Wünsche zum Schwei- 

entwickeln, um seine ejgeM» *«» ^ deren Drttngün 

gen zu bringen. Nur eine große »££»£ welche Angst e e 8 ich J 

retten und damit vor der Angst WW» SchHmm- 

dabei handelt, verrät er »»^J^^fSlU Anton: 

heit des Artmann in der Kindheit ausge chaut habe antw 



Zeitschrift f. psa. Piid., IX/1 



50 Jenny Wälder 



schoneinbup" (ich bin schon ein Bub). Auch sein Ausspruch vorn 
Selbstmord — statt Mord — zeigt, wie nahe Verbrechen und Strafe 
nebeneinander liegen. 

Jetzt war es an der Zeit, auf die letzte Bemerkung („weil ich kein 
Bub bin") einzugehen, denn es war nicht anzunehmen, daß ihm der 
Mechanismus, mit Hilfe der Strafangst endgültig solcher Wünsche 
ledig zu werden, gelingen werde. Es war viel wahrscheinlicher, daß 
dadurch seine Angst stärker würde, ohne daß das Ich mit dieser Hilf© 
ein wirklich starkes Über-Ich aufrichten könnte. 

Mit der Besprechung dieser Angst in den nächsten Stunden, änderte 
sich auch seine Einstellung zur Analyse. Er begann da mit Geständ- 
nissen, wenn auch sehr vorsichtig und nicht ohne Hinterhalt. Es schien 
so, wie wenn die Besprechung seine Kastrationsangst gemildert hätte 
und erst dadurch die Fähigkeit entstanden wäre, sich mir mehr anzu- 
vertrauen und mehr preiszugeben. Wenn es so ist, ergibt sich die 
Frage, ob es technisch nicht vorteilhafter gewesen wäre, dieses Thema 
schon früher auch aktiv in die Analyse zu bringen, um die Kastra- 
tionsangst zu vermindern. Es scheint aber, daß dies kaum gelungen 
wäre. Es wäre wohl bei manchen Fehlleistungen, die seine Kastra- 
tionsangst verrieten, die Gelegenheit zum Eingriff gewesen, so etwa 
damals, als er statt „braver Anton" „Frau Anton" sagte. Er hatte 
durch diese Fehlleistung verraten, was er sich unter Umwandlung des 
schlimmen in das brave Kind vorstellt: man schneidet dem schlimmen 
Kind das Organ ab, mit dem es sündigt, und dann kann es brav sein 
Er hatte auch sofort dazu gesagt: „Das Herz tut mir weh." Mein vor- 
sichtig tastender Versuch, auf diese Fehlleistung einzugehen, erfuhr 
aber eine Abfuhr. Anton wollte diese heikle Sache gar nicht berühren 
Es ist nicht ausgeschlossen, daß mit entsprechender Konsequenz schon 
damals einiges zu erfahren gewesen wäre, aber vielleicht hätte man 
da das 1 roblem noch nicht so eindeutig fassen können wie später. 

vir. 

Doch kehren wir zum weiteren Verlauf der Analyse zurück. Von 
dem merkwürdigen Satz: „Das weiß ich nicht, weil ich kein Bub bin" 
ausgehend, sprachen wir nun über den Unterschied zwischen Bub und 
Mädel. Zuerst sagte Anton das Übliche, das fast alle Kinder zuerst 
sagen: der Unterschied bestehe in der Kleidung. Auf meine weiter© 
Frage, ob es genügen würde, die Kleidung zu vertauschen, um aus 
einem Buben ein Mädel und aus einem Mädel einen Buben zu machen, 
geht er sofort auf den Geschlechtsunterschied ein. Es erweist sich, daß 
Anton in der ominösen Kiste das weibliche Genitale mit größter Ge- 
nauigkeit inspiziert hat und seinen Bau kennt. Auf meine Frage, wo; 




Analyse eines Falles von Pavor nocturnus 



51 



her das komme, daß ein Mädchen unten anders aussehe als ein Bub, 
antwortet er durchaus richtig, daß das Mädchen so auf die Welt 
komme, daß sich hier nichts mehr ändern könne, daß das Genitale 
immer so bleiben müsse: „Es wächst nichts mehr dazu. Und wie ist 
es beim Buben? „Das ist was anderes, aus einem Buben kann ein 
Mädel gemacht werden. Das kann natürlich nicht der Vater machen, 
auch nicht der Doktor, auch nicht der Wachmann, aber ein Verbrecher, 

der kann das machen." 

Diese Antwort ist ganz eindeutig, und erklärt nicht nur seine Angst 
vor den Verbrechern, sondern auch die Entwicklung dieser Angs . 
Dieses „natürlich kann es nicht der Vater usw.' ist ^[^^ 
geworden und vielleicht ist es noch gar nicht so f^*^*+ 
L war es der Vater, der aus einem ^^^SSS. 
dann kam der MtoJ* tchifeidef und schließlich die strafende 
schreckliche Instrumente hat, <*»?" seine Kritikfähigkeit schon 
Obrigkeit, der Wachmann »^£™?£ noch der Arztf noch der 
so entwickelt, daß er weiß, weder der Vater, nocn 
Wachmann dürfen solche Verletzungen ^^VeZteF^el 
mit dem Verbrecher? Der »»^^ J^ iT 2^1 "S.l^'S^^^™- 
gibt es keine Schranken, vo. dem gJ« Dlaciert Sie beginnt mit 

und so wird die ^^SSSSÄttlta Ver- 
der Angst vor dem \ ate und d uch lauf t d ^ 

schiebungsobjekte. Dabei handelt es sicn letzten 
den Vater, wenn auch in verwandelter Gestalt. Anspruch 

Die Besprechung dieses ~ na m£n .J* *£*««■* 

Wir nntersnchten die WgSSfw« Ato Anton die reale Unwahr- 
brecher auf ihren Eeali.atsgehal t h n. AU An ^ 

Peinlichkeit eins* ^^^^ÄÄbnngestandnte. 

Erfolg der Besprechungen ™ aü m ^ ^ 

Auch dieses erfolgt in der iur Anton yp anJ _ 

vor der Strafe ist dabei immer so stark, daß e eich voi 
wortung drücken will. So nebenbei er.aht et daß ,o «^ 

macht habe, aber als e™»*^ 1 ^ ^4 während dieser 

weit der Kopf ^^ffiÄL an* Boden, immer noch 
Demonstration wandelt die nana iim Kinder können 

kleiner will er zu jener Zeit f^ ~ **££ *£ Sünden, die 



4* 



52 Jenny Wälder 



A 



bei den Eindruck, daß er besonders schwere Kastralionsdrohungen er- 
lebt haben mußte. 

Ich habe mich in dieser Frage an den Vater gewendet; er ver- 
hielt sich zunächst ablehnend. 

Auf meine vorsichtige Andeutung — ich wußte, daß man den 
Vater in diesen Dingen nur mit äußerster Vorsicht angehen konnte 
— , ob man nicht auf den Buben sehr böse gewesen sei, wenn 
er „unten gespielt hatte", antwortete der Vater mit heftiger Ent- 
rüstung: so etwas habe sein Sohn überhaupt nie getan. Es fiele ihm 
gar nicht ein, etwas zu verbieten, weil dazu gar kein Anlaß vorhan- 
den sei. Ich lasse daher das Thema für den Moment fallen und beginne 
mit dem Vater, wie sehr oft, ein Gespräch über seine persönlichen An- 
gelegenheiten, über seine Parteisaehen und schließlich über Schule 
und Erziehungsfragen — er war Mitglied des Elternrates in der Schule 
— und endlich machte ich anerkennend die Bemerkung, daß es ein 
Vergnügen sei, mit einem Vater eines Patientes zu tun zu haben, der 
so viel Verständnis für Erziehungsprobleme habe, daß viel Arbeit 
erspart werden könnte, wenn die Eltern immer Verständnis und Mit- 
hilfe entgegenbringen würden. Diese primitiven Mittel, die bei einem 
anderen Menschen vielleicht überhaupt nicht anwendbar gewesen 
wären, schlugen hier ein. Der Mann bekam plötzlich Gewissensbisse 
ob des unverdienten Lobes und sagte gleichsam beiläufig: „Ja, 
was ich sagen möchte, ich habe mich halt erinnert, daß der Franzi 
, solche' Sachen gemacht hat. Da ist es möglieh, daß ich halt mit Franzi 
geschimpft habe und daß es Anton gehört hat." Er unterbrach sich und 
plötzlich mit einem Ausbruch: „Lieber sage ich gleich die ganze 
Wahrheil. Anton hat sehr viel unten gespielt, ich habe am Anfang 
sehr viel Geduld mit ihm gehabt, ich habe ihn gewarnt, ich habe ihn 
ermahnt, ich habe ihm gesagt, daß es gefährlich ist, daß es krank 
macht, aber das hat alles nicht genützt. Ich habe mir nicht anders 
helfen können und mußte ihm sagen, daß ich ihm seinen Dreckschleu- 
derer" (eine vulgäre Bezeichnung für den Penis) „abschneiden werde." 
Wir erkennen hier den gleichen Mechanismus, der uns am Beginn 
der Behandlung bei Anton begegnet ist. Am Anfang entrüstet, leugnete 
er jede Mitbeteiligung an diesen sexuellen Spielen, dann, nachdem ich 
sein Vertrauen gewonnen hatte, allerdings mit anderen Mitteln als beim 
Vater, kamen Mitteilungen auf dem Umweg über den anderen Jungen 
und schließlieh im späteren Stadium der Analyse explosionsartig das 
Geständnis, daß und in welchem Ausmaße auch er daran beteiligt war. 
Man kann aus der Darstellung des Vaters entnehmen, wie der Knabe 
durch seine Onanie zu leiden hatte. Da er sie trotz der Strenge des 
Vaters nicht aufgeben konnte, müssen wir annehmen, daß auch der 



Analyse om^JM^^Ii^^^^ 1 



53 



u „„. Her Vater behauptet, in der letzten 
Trieb stark und gebieten«* war. De. \ ater f ^^ 

Zeit nichts derartiges bei dem Kna en emerk u ^^ 

«pitter höre, daß der Junge e,»e Ausw S * hatl „ onanier t. 

rangen, der des Triebes und der des \ aters ge t Qna 

im Geheimen weiter, aber mit «•»***'" d ™ * ° r » bel Entdeckung 
„ie, da ihm der Vater - neben der «— ^ ™ e ,„ batte . 
droht - auch schwere Krankhun tu Aussmh g ^ ^ ^ 

Es war also wichtig, von Anton «^> J'^ hatte , mSgUol!s , un- 
fahren, um das, was der Vater lue, , angenc ■■ ^ ^ ^ jn den 
schädlich zu machen. Aber Anton ««*« „Ration gestanden hätte. 
Gliedern, als daß er wirklich offen ■•«££; ^ kleine3 Kind und 
Er blieb vorderhand dabei, daß ei nas ^ feonnte jhn ]loch so 

auch da nur ein einziges Mal *«'"»«' Kinder dasselbe taten, ihm 
sehr damit beruhigen, daß »«*«"£ ^fürchten und ich könne ihn 
noch so versiehern, er habe ^™.™ T „„ ihm wisse, -es dauerte 
„lebt gesund machen, wenn. chcW» standigle . Wie es dazu 

„och lange, bis er seine Mitte. 1« "^n ^ all6 and eren 

kam, sei hier näher geseh.lde.t, 
Gründen von Interesse ist. d Behandlung: wenn er alles 

Ich zeige ihm einmal d.e \ o. teüe üe ^^ er e e ,i 

sage, könne ich ihn von **J«5* B daß e r weder Wachmann, noch 
schönen Beruf ergreifen: er wisse ^ sei . Anl0 „ erwidert in 

Chauffenr werden könne so angee,.,«,, ^ ag „d 

besonderer Aggression, » ol " h ,f ch haU e es gar nicht ■«rTJ» 
bedroht mich. Darauf sage ich mm, >c d erst emal, daß ich 

e tu , Pülcher" (- ■«*) «g* £ " W S nachdenklich, setzt sieh 

diesen starken Ausdruck £"£££.«. *— 'TÄ "ab 
auf den Boden, was er norm seh halbtoten Mo»olog *. 

beginnt zu meditieren. Dann hal ' e ,j werd en, da kann ich Wach 

Wenn ich alles erzähle, dakamv ich ges '" rmann . Wenn ich 

Cn werden oder Autochan.feur ode. ^ ein y b 

S alles erzähle, da kann nichts aus mi einen Revol 

SS» Mit Aufleuchten ^r Augen: Da hab ^ ^ „ 

t? Nach einer Weile w*-««^«,, „ich,., nicht einmal d.e 
gern, nicht die Mutter, f***i?% ic h lieber alles sagen. ** 
Wettitant" (die Tante *«££££,* mit dem Vogel gesp.elt . 
plötzlichem Entschluß: „Ich habe zu9 tandegekommene 

Natürlich ist das mit so «he.« ^»^ Wil . lern en aber ans 
Geständnis noch lange n.cht d.e volle Wa Sachverha lt: man 
diesem kleinen Monolog einen ^» Weise befriedigen. Wel- 

kann so manche Triebregung tu meh, fach ^^ ^ der Um . 
eben Weg man dazu wählt, hangt u. a. >on 



54 Jenny Wälder 



weit ab. Anton möchte einen Revolver haben, ein großer, starker Mann 
sein, der nicht fürchten muß, daß ihm etwas geschehe. Das kann man 
erreichen, wenn man Wachmann, Soldat oder wenn man Verbrecher 
wird. Wachmann, Soldat zu werden, ist ein Ziel, das Opfer fordert 
(brav sein, lernen, gesund werden, also jetzt: erzählen). Der Weg hin- 
gegen zum Verbrecher, der auch einen Revolver hat, ist leicht und 
voller Lustbefriedigimg — man kann schlimm sein, sich alles nehmen 
was man will — aber man läuft Gefahr, die Liebe der Menschen zu' 
verlieren. Und diese Liebe ist es letzten Endes, die das Kind dazu be- 
wegt, auf so viele leicht zu erreichende Lustbefriedigungen zu ver- 
ziehten, die Mühe der Erziehung auf sich zu nehmen und die oft 
schweren Forderungen der Umgebung zu akzeptieren. Ein Sachver- 
halt, der uns aus der Pädagogik bekannt ist, wurde hier vom Kind in 
einer eindrucksvollen Weise mitgeteilt. 

ä^tit^T l T S ° in die PhaSe der direkten Mitteilungen ein, 
das heißt m jene Zeit, in der das Kind seine Geständnisse bringt und 
all das erzah t, was es bisher verschwiegen hatte. Wohl hatte es auch 
bisher Mitteilungen des Kindes gegeben, aber sie geschahen in der 
£egel auf dem Umwege über ein anderes Kind. Es ist nun in der 
Kinderana lyse sehr häufig, daß die Analyse gewöhnlich sehr bald 
ihren Abschluß findet, wenn man einmal so weit ist, direkte Mitteilun- 
fZn t? ?* V( f emZeIt Und gelegentlich, sondern kontinuierlich zu 
erhalten. Dies ist nun ein bemerkenswerter Unterschied zur Erwach- 
senenanalyse Während in der Analyse der Erwachsenen in der Regel 
nach verhältnismäßiger kurzer Zeit der Patient annähernd freimütig 
seine verborgenen Wünsche und Erlebnisse berichtet und die Analyse 

ihrem Ah JhVr n !. IiCh * ^ ^^ iSt die K ^eranalyse schon 
^!>hf w v *f?l Wma man die Ph ^e der direkten Geständnisse 
erreicht hat. Vielleicht ist das, wie schon erwähnt, darin begründet! 
daß für das Kind die Ängste, die es zur Zurückhaltung seines Ma- 
terials bewegen, noch vollen Realitätswert haben und daher im Grunde 
genommen die Angst schon überwunden, die Arbeit der Analyse schon 
zum großen Teil geleistet sein muß, ehe man zu direkten Mitteilungen 
kommt. Wir können sie nicht missen, denn sie bestätigen uns das bis- 
her aus Andeutungen, Fehlleistungen, Träumen gewonnene, bringen 
uns wertvolle Ergänzungen und machen unser bisheriges fragmenta- 
risches Wissen erst vollständig. Vor allem aber haben sie den techni- 
schen Wert, daß sie uns ermöglichen, die bisher vereinzelt verstreu- 
ten Deutungen wirksam unterzubringen. Wir können auf größeres 
Verständnis des Kindes rechnen, wenn die Deutungen in einer solchen 
1 hase des Durcharbeitens an Hand seiner Erlebnisse gegeben werden 
Damit soll natürlich nicht gesagt sein, daß alle Kinderanalvsen nach 



Analyse eines Falles von Pavor nocturnus 55 



diesem Schema verlaufen; vielleicht werden wir einmal angeben kön- 
nen, bei welchem Typus die Analyse einen solchen Verlauf nimmt 
Während dieser letzten Phase der reichlich sti «mendeii ■ direkte* 

Stimme: »Dann heiraten Sie mich als Kiemen antW ortete 

wüßte, daß ^^^»^ erlaubten, der Geist- 
ihm, er wisse doch, daß die besetze 

,iche werde uns auch ■££*£*£■„ sich schwer gegen sie an- 
Gesetze sind etwas Abstraktes *f für di6 Versagung zu 

kämpfen. Leichler ist es, f h *™ X" tasien beschäftigen sich also 
rächen. Die nächsten Ob-MV"» g »^ Vchfülm.ng der Tran- 
kt dem widerspenstigen Pr.este, d« ^^ ^ Es Bpielen ^ 

ungszeremonien mit Gewalt gez » Groto5 kfilmen, die Anton 

^^ A ?ÄTÄSUi «nd Kämpfen, bis 
gelegentlich gesehen ha e m it ' i 

sich schließlich der Ge.stl.che ubel ™f « * » ,, Nacb vie len Kämp- 

Ein Stück dieser Phantasie se, «» e „ p riester m ttber- 

fen, in denen es einmal Anton gelungen m *» ^ ejner 

wältigen, der ihm immer ■«*•£"£*£ ^die Hacke. Inder ersten 
Bank, auf der eine Hacke lieg Anto« erg ^ bekommt er 

Fassung dieser ^«XSÄ^ - h <* en « nd 1&ßt "» °t 
Schuldgefühle, e.ne solche Sunde began ^^ uffl h 

schichte anders ausgehen: De. Pnester er» ße 

zn wehren, und läßt sie so nngluek ich i f ata jW a «^ ^ 

Anton war Wj^J™*^ Le ids geschah als bloß der Ver- 
obwohl seinen Gegnei n ™ei ™ei£ Gegen emei , 

lust einer Zehe, ^ « »^ ?££ dessen Stellung zu Gott viel 
Priester vorzugehen schien ihm g Phantasie korn- 

gefährlicher und so kam es, daß £ *£ absc hwächte, die nicht 

gierte und die Absicht zu einer ™J™"^ die Verantwortung 
fr, sondern der Priester ^jKÄ^Ä erkennen: Die 
ab, aber nur scheinbar, wie wir aus fol »^ ae Y anscheinend 

Mutter erzählte mir, daß Anton nm .*mm Z«t ein ^ 

^r wT KÄÄ SeMaf ängstlich: „Da sitzt der 



56 Jenny Wälder 



Vogel, da sitzt er." Auf die Frage der Mutler: „Wo", antwortete er: 
„Auf der großen Zehe." Wir verstehen, daß die offene Aggression 
gegen die Vaterimago, gegen die geheiligte Person des Priesters, 
keinesfalls so konfliktlos vor sich ging. Es heißt natürlich noch im- 
mer: willst du es dem Vater abschneiden, wird er es dir tun. Seine 
große Zehe — der Sitz des Vogels — ist gefährdet. Doch erkennt man 
den Fortschritt, der inzwischen vor sich gegangen war; es ist nur ein 
ängstlicher Traum, kein Anfall. 

Nachdem Anton einmal mit Geständnissen begonnen hatte, kamen 
wir relativ rasch vorwärts. Im Zusammenhang damit wurde seine 
Kastrationsangst weiter besprochen und er bekam die beruhigende 
Erklärung, daß auch andere kleine Buben dergleichen tun, daß sie 
sich das abgewöhnen, wenn sie größer werden, aber keinesfalls irgend- 
wie an ihrer Gesundheit Schaden erleiden. Auch die Eltern wurden in 
diesem Sinne instruiert und ersucht, Kastrationsdrohungen oder jede 
Bemerkung, die vom Kind so verstanden werden könnte, zu vermeiden. 
Um diese Zeit kam ein Traum, der zeigte, daß Anton seine aggres- 
siven Wünsche gegen den Vater nicht mehr in Form von Anfällen 
verarbeitet. Nach einem Besuch des Vaters bei mir hatte er den Mut, 
einen aktiven Kastrationstraum gegen den Vater zu träumen, ohne 
dabei mit Angst und Schreien zu reagieren. (Die wenigen Träume 
stammen fast durchwegs aus der Endzeit der Analyse; früher waren 
sie zu Anfällen verarbeitet worden. Was er in dem ersten Jahr der 
Analyse als „Träume" berichtet hatte, waren gewöhnlich Phantasien 
gewesen.) Den Traum erzählte er mir lachend: „Der Vater ist von 
Ihnen gekommen und hat einen langen Bleislift gebracht. Ich habe eine 
Hacke genommen und, habe ihm den Bleistift abgehackt, so daß ?iur 
ein kleines Wutzel geblieben ist, dann habe ich einen Leim genom- 
men und habe ein Stück dazu angepickt." Den Traum hatte er 
spontan auch ohne Deutung ausgezeichnet verstanden und sich dar- 
über sehr amüsiert. Er war zwar noch immer, wie der Traum zeigt, 
auf den Vater eifersüchtig, er wollte nicht, daß der Vater mich be- 
suche, und bestrafte ihn dafür. Doch war der Traum angstfrei. 

Nun noch einiges über das in dieser Zeit reichlich fließende Ma- 
terial Seine Erzählungen gruppieren sich um drei Themen: die 
Masturbation, die sexuellen Spiele mit anderen Kindern und seine Be- 
obachtungen im elterlichen Schlafzimmer. 

Anton erzählte mir, daß ihm wohl die Drohungen des Vaters einen 
großen Eindruck gemacht hatten, daß er es aber nicht zuwege brachte, 
sich die Masturbation abzugewöhnen. Da er vor allem die väterliche 
Strafe gefürchtet hatte, wählte er den Ausweg, es geheim zu tun. 
Meine Vermutung über sein Schlafzeremoniell, er suche die Hand der 




Analys e eines Falles von Pavor noctutnus §7 

Mutter, die er ver dem Einschlafen »»J-J-**- £&j£ 
Schatz ver der Onanieversuchung, erw.ee s.ch ^«~*£ *££ 
onanierte unter der Decke und verlangte d.e Hand de. Mutter, wen 

er genug davon hatte. Kategorie von Mitteilungen, den 

Dies führt nun zu der ande.er, f atego1 nie wirklich etwas 

Beobachtungen in den Ehebetten ^nton behauptet, n.e ^ 

gesehen zu haben. Dazu war «J* *^* s 1Ul , die Vorgänge; es 
und seine Erfah. -ungcr '**«*» Bolchen Mome nten um jeden Preis 
war für ihn sehr quälend. &£•"« „ auf und aah er die 

bemüht, die Szenen zu *^£*£ „ CTtw eder zu weinen und ver- 
Mutter im Bett des Vater* so began ^^ ^ er ^ 
langte, die Mutter mochte «*» .™ dort nichts „ suchen ... (A11 
bieterisch: „Geh weg vom Vater, au ^ a]s0 y01 . dem Ein . 
dies wurde von der Mutter best« f J ^ ah eg in ^ 
schlafen die Hand der Mutter in ^de sein UrnzuhaltMl! wollte 
Hoffnung, die Mutter auf «*"/*"? erst ihr6 Hand befreien, und er 
sie doch zum Vater gehen mußte sie ^ ^ ^ vcrhi])denl . Jetzt 
würde dann aufwachen und ",«*"•• , der Analyse gemacht 
wiederholte er die Angaben, d.e^ er «™ Vater ins Bett gehe, 
hatte: es störe ihn nicht nur da». l£ Mut ter, »um ^ ^ ^ 
es störe ihn jede Liebkosung ££*X*m k« zle oder "-S™^ 56 

wenn der Vater die Mut t*-*^£S£, das nicht so unerträg- 
ihr gegenüber handgre^Uch werde ^u^ on 

lieh für ihn sei w.e d.e elterliche , *uu ^ Erlebn , sse „ 

Die Besprechung dieser D.nge^ führte wm ^ ^ jn del . 

in der ominösen Kiste. Aber diesmal ber.eW ^ ^ AnfMg 

Kiste nicht nur ein passiver *-W»£g£ * r sei 6 in sehr aktives 

darzustellen versucht hatte^ I« » *gg i' eh gewesen, als er einmal 
Mitglied desKistenklubs »d seh ,mgu U^c g ^ ^ ^ 

S T/war' — V v- ££i-i bestraft worden, denn der 
5ST-JL daß Franzi der ^rf« - war. ge 

übrigens fand auch -»^ÄÄ seinerzeit davon 
bliebene Phantasie .hre AufWa>»»8_ Jahre alt se ieu: zehn, 

phantasiert, er habe viele *g*S£*Z<l aufmerksam gemacht 
zwanzig, dreißig Kinder. Als ich in aUenJalls Vierlinge geben 

hatte, daß es wohl Zwillinge und Dr. Hing«, ■ Kinder , hat te er 

könne, aber doch wohl nicht BO vM* »TJ", * rIuhr ic h nun, daß 
doch lachend auf seiner Phantasie beharrt JeW. ^ die 

es ein Spiel in der Kiste «f^^fÄ noch ein Kind, das 
Kinder hatten dabei gesagt: „Jetzt maene 



zehnte, elfte Kind usw." 



58 Jenny Wälder 



Die Besprechung eines in diese Zeil fallenden Traumes förderte 
nun zutage, daß Anton neuerlich, seit ihm wieder gestattet war, sich 
auf der Straße herumzutreiben, einen Partner für sexuelle Spiele ge- 
funden hatte. Das bestätigte nun den Verdacht, der mich damals ver- 
anlaßt hatte, mich für sein Treiben auf der Straße zu interessieren; 
doch Anton war damals noch nicht so weit gewesen, mir die Wahrheit, 
zu sagen, und hatte nur die harmlosen Spiele aufgezählt. Durch diese 
Mitteilung wird auch die Lücke ausgefüllt, die seinerzeit für das volle 
Verständnis der Widerstandssituation geblieben war. 

Der Traum lautete: „Ich bin mit dem Karli Schlitten gefahren. Es 
waren zwei Kunde vor den Schlitten eingespannt, ich habe eine Peitsche in 
der Hand und einen Strich und habe die Schnur an den Bauch von den 
Hunden gebunden ivie beim Pferd der Gürtel und ich habe mit da- PeitscJie 
die Hunde geschlagen. Da war ein steiler Berg, es ist immer steiler gegangen, 
derweil sind wir gestürzt, der andere war tot und ich verletzt." 

Karli war ein Spielgenosse auf der Straße, mit dem er „Pferderl" 
gespielt hatte. Da der Traum deutlich auf sexuelle Vorgänge an- 
spielte, fragte ich näheres über seinen Umgang mit Karli und erfuhr 
daß Karli auch sein Partner für sexuelle Spiele war. Karli war nun 
vor kurzem auf der Straße ausgeglitten, hatte den Arm gebrochen und 
ist ins Spital gebracht worden. Anton war der Meinung, der gebro- 
chene Arm sei die Strafe für die Sünde gewesen und er, Anton sei 
dadurch gewarnt. Ich unternahm nun den Versuch, ihm in einer für 
ihn verständlichen Form den Mechanismus der Selbstbestrafung zu er- 
klaren, die Funktion des Über-Ichs, des schlechten Gewissens. Karli 
habe wohl ein schlechtes Gewissen und Strafbedürfnis gehabt und sei 
wahrscheinlich deshalb ausgeglitten. Anton verstand mich ausgezeich- 
net. Er antwortete: „Wenn ich sehr viel Angst habe, weil ich etwas 
angestellt habe, dann zittert die Hand und dann lasse ich das Glas 
fallen und dann glaube ich, das ist die Strafe." (Wir dürfen wohl' an 
Stelle von „Glas" „Lampenschirm" setzen, den er am Abend vor dem 
letzten Anfall zerbrochen hatte, um die Bestrafung durch den Vater 
zu provozieren.) Es scheint mir, daß diese Besprechung von entschei- 
dender Bedeutung für den therapeutischen Erfolg war. 

Als es gelungen war, Anton zum Verlassen des Schlafzimmers zu be- 
wegen, schien die Analyse sich ihrem Ende zu nähern. Anton hatte noch 
versucht, einen gewissen Gewinn daraus zu ziehen, und versprochen 
einzuwilligen, wenn ich ihm ein Schaukelpferd kaufte, das ihm beim 
Alleinschlafen in der Küche Gesellschaft leisten solle. Ich hatte ihm 
erklärt, daß wir davon nicht sehr viel hätten, denn wir wüßten nicht, 
ob er das mache, weil er schon gesund sei, oder weil er das Pferd 
haben wolle, versprach ihm aber, nach Beendigung der Analyse ein 



Analyse eines Falles von Pavor nocturnus 



59 



Schaukelpferd zu kaufen. Sein Antrag bewies schon ein Stuck Ge- 
sundheit, denn ein Jahr früher, hätten ihn auch zehn Schaukelpferde 
nicht bewegen können in der Küche allein zu schlafen. Die in Bezug 
auf die psychoanalytische Behandlungsmethode keineswegs skeptische 
Mutter hat immer wieder betont, daß sie sich nicht vorstellen könne 
die Analyse könnte das bei Anton erreichen; sie könne ihm vielleicht 
seine Angst, seine Anfälle wegnehmen, aber nie den freiwi hgen ^er- 
zieht auf das elterliche Schlafzimmer erzielen. (Vielleicht sprachen 
geheime Wünsche aus ihrer Skepsis.) 

IX. 

Der Exodus aus dem Schlafzimmer «5""""£^*Ä Z 

einziges Mal berichtet die Mutter, der Junge « i«b ^imroM« ge 

.esen, habe über Angst geklagt und M~£*^™ S 

abwesenden Vaters legen zu dürfen. Der Vater m Bespre chung 

„er Heimkehr in Antons Bett ***^*™^2^S tri 

dieses angeblichen Angstanfalles gestaltete «eng 

her bei ähnlichen Anlässen; wahren e bei den r c g 

heftig ablehnte, mit mir darüber zu J-J^jJJ^, zwisc hen 

freimütig den wahren Sachverhalt. Abends hatte e 

den Eltern l^^£« Ä -leben Ausgang 
gann zu weinen. Der Junge ju angeheitert 

so ein Vorfall zu haben pflegte der Vater KOffi* früher 

nach Hause, die Mutter macht ihm vol e rG ^^aie Aiokoholisie- 
unterbrochene Streit nimmt J-^J^^ ganz folg. 
rung des Vater stürmischer ^s vorher, ira n 

richtig, er verhindere ^^**S Bett komme 
jetzt Angst vorspiele, auf ^™*intoMiem Am nächsten Tag 
,md den Vater zwinge, in der Küche ££*2ftatt erledigt. Wenn- 
sei der Vater nüchtern und ruhig, *J »«£ ™ ££S neurotisch 
gleich BeinVorhabead^a^ ''^-^ÄÄ verheiratet, 
schien, sagte ich ihm doch, die Mutter sei Er 

nicht mit ihm und ^V^^^g^^ er sich auch 
müsse eben warten, bis er groU sein wer , ihm 

eine Frau nehmen und mit dieser schlafen können, m hen 

dann gar nicht gefallen wenn ; sich se m ^« M „ auf 

würde. Anton wird nachdenklich, setzt sich wiett > S 
den Boden und spricht leise vor ^^^Z drittens bin 
der Mutter verheiratet, zweitens bmjcb «*£« ^* {üllf tens 
ich nicht der Anschaffer, viertens bin ich nicht der »err, 
brauche ich nicht mit der Mutter schlafen, sechstel« habe ich meine 
Sachen? siebentens brauche ich nicht so dumm zu sein." In di«er Medi- 



60 Jenny Wälder 



tation wiederholte er kurz, was zu seiner Neurose geführt hatte und 
fügte den Verzicht an. Obwohl es mir gelungen war, seine Worte mit- 
zuschreiben, ohne daß es Anton bemerkt hätte, sagte ich zu dem Kna- 
ben: „Da hast du etwas sehr gescheites gesagt, diktiere es mir und ich 
schreibe es auf, denn manchmal bist du nicht so gescheit. Ich will es dir 
dann vorlesen." Daraufhin diktiert er folgendes: „Erstens bin ich nicht 
der Anschaffer, zweitens bin ich nicht der Herr, drittens bin ich nicht 
der Oberdirektor, viertens brauche ich nicht dumm zu sein, fünftens 
soll ich nicht blöd sein, sechstens soll ich gescheit sein." 

Zwischen der ersten und zweiten Fassung lag schon die Verdrän- 
gung oder zumindest ihr Versuch; was er ausgelassen hatte, ist die 
Korrektur seiner Wünsche, die zur Neurose geführt hatten: der Ver- 
zicht auf die Rolle des Vaters, auf die Heirat mit der Mutter, auf das 
Schlafen bei ihr und der kompensatorische Trost, er habe ja „seine 
Sachen", d. h. seine eigenen Lustquellen, die Onanie. Diesen Verdrän- 
gungsmechanismus, den man hier geradezu in statu nascendi beoba- 
achten konnte, empfand ich aber nicht mehr als pathogen, vielmehr 
hatte ich den Eindruck, daß mit dem großartigen Verzicht — ich bin 
nicht mit der Mutter verheiratet, ich bin nicht der Vater, ich brauche 
nicht mit ihr zu schlafen — und mit dem Trost — ich habe ja meine 
Sachen — ein Stück Gesundung vor sich gehe. 

Es wurde nun reichlicher gedeutet. Ich konnte auf die Schwere der 
Situation, in der er sich vor der Analyse befand, hinweisen: Von der 
einen Seite die Verführung durch Franzi, die in ihm sinnliche 
Wunsche mobilisiert hatte, die Steigerung durch die Beobachtungen 
im elterlichen Schlafzimmer - beiles ist geeignet, ein Kind anzu- 
spornen, selbst etwas Ähnliches mit der Mutter zu versuchen - von 
der anderen Seite sein sehnlicher Wunsch, ein braves Kind zu sein- 
ferner seine große Liebe zur Mutter, die Angst um ihr Wohl das 
durch den Vater bedroht war. Hier war es auch an der Zeit ihm zu 
sagen, daß seine Angst um die Mutter durch seine sinnlichen Wünsche 
gesteigert war; dazu kam die sadistische Interpretation des Koitus 
genährt durch die auf einem früheren Erlebnis fußende Idee der Vater 
vergreife sich an der Mutter in einer für ihr Leben gefährlichen 
Weise, genau wie vor vielen Jahren, als der Knabe gesehen hatte, wie 
die beiden sich im Kampfe auf der Erde herumwälzten und der Vater 
die Mutter schlug und an den Haaren zerrte. Dies alles habe in ihm 
Wünsche ausgelöst, den Vater wegzuhaben, einsperren zu lassen „für 
hundert Jahre", also für ewig, oder ihn gleich umzubringen; und da 
er wisse, er könne gegen den Vater nicht wirklich auftreten, ohne 
Gefahr zu laufen, von ihm schwer bestraft zu werden, und er ferner 
auch befürchtete, der Vater werde ihm weg«n seiner Wünsche nach 



Analyse eines Falles von Pavor noeturnus 61 

der Mutter das Glied abschneiden, stellten sich solche Angstanfälle 
bei ihm ein. 

Anton hatte das Wesen der Analyse nach so langer Zeit — er war 
schon etwa anderthalb Jahre in Behandlung — erfaßt. Anfangs waren 
ihm meine Deutungen unheimlich, er führte mein Wissen auf über- 
natürliche Kräfte zurück, er glaubte, ich hätte ein Telephon, mit dem 
ich in die Ferne sehen könne. Besonders beeindruckt hatte ihn, als ich 
ihn einmal — es war in der Zeit vor den Geständnissen — fragte, 
was für tschechische Worte Franzi in der Kiste gesprochen habe (ich 
wußte von der Mutter, daß er im Anfall einzelne tschechische Worte 
sprach, die der Familie unverständlich blieben, da sie nicht tschechisch 
verstand). Im ersten Moment sah mich Anton entsetzt an, aber gemäß 
seiner sonstigen Art war er sofort wieder gefaßt und sagte voller Em- 
pörung: „Aber Franzi spricht ja gar nicht tschechisch." Und als er 
meinen Zweifel wahrnahm, rief er im Tone der gekränkten Unschuld: 
„Wenn Sie mir nicht glauben, dann hole ich die Mutter" (er berief 
sich bei allen seinen Behauptungen auf die Mutter, ganz gleichgültig, 
ob sie etwas darüber wissen konnte oder nicht). Er führte die Mutter 
tatsächlich ins Zimmer und fragte sie vor mir etwas bange: „Gelt, 
Mutter, der Franzi versteht nicht tschechisch?" Die Mutter bestätigte 
seine Worte und verließ das Zimmer. Nach einer Weile erscheint sie 
wieder, entschuldigt sich, sie verstehe nicht, wie ihr so etwas pas- 
sieren konnte, der Junge habe sie mit dieser plötzlichen Frage über- 
fallen, so daß sie im Augenblick ganz vergessen hatte, daß Franzis 
Vater' ja ein Tscheche sei und daß im Hause dort ausschließlich tsche- 
chisch gesprochen werde. Anton fühlte sich überführt, war aber nicht 
ein bißchen kleinlaut, bekam vielmehr einen Wutanfall, wieso ich eine 
solche Sache wissen könnte. Ich sei ja keine Zauberin, ich könne doch 
nicht mit meinem Telephon hören, was in der Kiste gesprochen wurde. 
Schließlich wiederholte er doch lachend die Worte, Zoten in tschechi- 
scher Sprache. Ich ging auf seinen Vorwurf, eine Zauberin zu sein, 
nicht ein, sondern erklärte, wie ich es erraten hatte. Diese Erklärung 
und die Erfahrungen, die er in der Analyse gemacht hatte, brachten 
ihm ein tieferes Verständnis für die Analyse. Er kam z. B. darauf, 
daß er mir immer dann Dinge, die er gerne verbergen möchte, verrate, 
wenn er sich ereifere, wenn er ein „unvorsichtiges Wort" sage, das 
mir dann „im Kopf herumgeht". 

Die offene Preisgabe des Materials erwies sich zum Schluß doch 
zum Teil als Widerstand. Es geschah nicht nur, um die Analyse bald 
gesund zu verlassen, sondern um ihr zu entschlüpfen und mir eine 
neue aktuelle Sünde zu verheimlichen. Nun aber sagte Anton doch ein 
„unvorsichtiges Wort", aus dem ich entnahm, daß neuerlich wieder 



62 Jenny Wälder 



eine Kiste am Hofe aufgetaucht sei und Anton nicht der Versuchung 
widerstehen konnte, die alten Erlebnisse jetzt mit andern Kindern und 
diesmal mit ihm als Verführer zu wiederholen. Diese Aufdeckung 
führte diesmal mehr zu einer erzieherischen Auflösung; im Einver- 
ständnis mit Anton baten wir die Mutter, ihn in einer Tagesheimstätte 
unterzubringen, damit er sich nicht den ganzen Tag auf der Straße 
herumtummeln und unbeaufsichtigt den verschiedenen Versuchungen 
erliegen müsse. Man hat ihm geholfen, ein „braver" Junge zu wer- 
den, wie er sich das am Anfang der Behandlung gewünscht hatte. 

X. 

Die letzten Wochen der Analyse waren eher pädagogischer Natur 
Anton hatte jetzt Anspruch auf Hilfe in dieser Richtung. Vor der 
analytischen Lösung seiner Konflikte haben wir ständig auf die Be- 
wuß machung hingearbeitet. Jetzt kam der Moment, wo man den Ein- 
druck bekommen konnte, der Junge gehe seiner psychischen Gesun- 
dung entgegen, man müsse ihm nur helfen, nicht durch neue Ver- 
suchungssituationen wieder in die alten Tendenzen und Betätigungen 
hineinzugeraten. Sein Ich war noch nicht, stark genug, um in der For- 
derung: „Du sollst, nicht und du darfst nicht" wirklich standzuhalten 
wenn die Verlockung zu groß war. Ohne neuerliche Reize war die 
Aussicht einer wirklichen Verwerfung — statt mißlungener Verdrän- 
gung — größer. 

Wir beschäftigten uns nicht mehr mit all den Dingen, an die er 
lieber nicht mehr denken mochte. („Wenn ich auf der Mariahilfer- 
straße gehe, möchte ich alle die schönen Sachen sehen und nicht immer 
an solche Schweinereien denken.") Wir besprachen sein Verhalten 
gegen andere Buben, das aggressiv war, sein Verhalten im Hort, in 
welchem er die Nachmittage verbrachte, und bekamen bald den Ein- 
druck, daß Anton seinen Weg im Leben auch ohne Analyse gehen 
könne. 

Zu den pädagogischen Maßnahmen gehörte auch eine, die von den 
Eltern vorzunehmen war. Anna Freud hat darauf hingewiesen, 
daß Kastrationsdrohungen mit voller Wirksamkeit nur von dem auf- 
gehoben werden können, der sie gesetzt hatte. Es waren daher meine 
Bemühungen dahin gerichtet, den Vater dazu zu bewegen, die frühe- 
ren schweren Drohungen zurückzuziehen. Es war eine schwere Auf- 
gabe und ich mußte mich mit einem Teilerfolg begnügen; der Vater 
war zu gehemmt, um freimütig mit dem Kind über diesen Punkt zu 
sprechen. Die Lösung war die, daß die Mutter eines Tages, als die 
Familie versammelt war, wie von ungefähr von manchem Neuen 
sprach, das auch die Erwachsenen noch dazu lernen könnten. So habe 



Aualyse eines Falles von Pavor nocturnus 63 



sie von Kindheit her noch geglaubt, daß es für Kinder gesundheits- 
schädlich sei, das Glied zu berühren; nun aber habe sie erfahren, daß 
kleine Kinder es allgemein täten, daß es für ihre Gesundheit unschäd- 
lich sei und sie es sich später allmählich von selbst abgewöhnten, wenn 
sie größer werden. Der Vater saß dabei, brummte vor sich hin: „Ja, 
ja so ist's." Wenn auch der Vater nicht ausdrücklich eine Erlaubnis 
aussprach, wirkte doch schon die Tatsache, daß er die Mutter anhörte, 
ohne ihr zu widersprechen und ohne Zeter und Mordio zu schreien, 
wie er es früher sicher getan hätte, für den Jungen wie ein Widerruf 
der seinerzeitigen Drohungen. 

In der Offenheit, mit der die Mutter das Thema behandelte, lag es 
daß das Kind sich nach Abschluß der Behandlung, als ich ihm nicht 
mehr zur Verfügung stand, in solchen heiklen Fragen an die Mut er 
wendete; nach einigen Monaten teilte er ihr mit - wie mir die Mutter 
gelegentlich berichtete - er glaube, er sei schon groß, er müsse nicht 
mehr mit dem Vogel spielen. 

S t r u k t u r d e s F a 1 1 e s. 

Damit ist der Bericht über den Verlauf der Analyse selbst abge- 
schlossen und es ist nun möglich, den Sinn der **^ **£*£* 
nes Pavor nocturnus und seines Herzleidens zu verstehen. Ich mochte 
dabei vo ausschicken, daß es selbstverständlich nicht gemeint eem 
kann daß mit der Untersuchung dieses Falles die Struktur und die 
Melanismen von Pavor nocturnus überhaupt aufgeklart waren. Es 
Sein Fall von Pavor nocturnus, der analytisch aufgelost ; werden 
konn te und es kann natürlich nicht entschieden werden ob der Sinn 
de°s n^htlichen Aufschreckens, den man in diesem ^H ^en konnte 
für jeden Pavor nocturnus Gültigkeit hat oder nur für eine bestimmte 
Gruppe von Fällen. , 

Die Bedeutung des Pavor nocturnus bei Anton ist nunmehr durch- 
sichtig. Der Junge schreckt in der Nacht auf, also zu einer Zeit, m 
der wie er weiß, der Vater die Mutter zu sich ins Bett nimmt. Das Er- 
lebnis mit drei Jahren - die nächtliche Prügelszene zwischen den 
Eltern bei der er selbst zu Fall kam - gab seiner Koitus-Auffassung 
^sadistische Färbung, die durch die abwehrende Haltung der _ Mie- 
ter gegen den Sexualverkehr nur noch unterstützt wurde Er st in 
L positiven ödipuseinstellung, will die Mutter für sich .haben und 
schreckt darum auf mit dem aggressiven Impuls gegen den \ «*-»*« 
Unfall nimmt nun folgenden Verlauf: Anton beginnt mit einer Liebes- 
erklärung der Mutter gegenüber (Liebeslieder), er geht aber weiter 
wünscht mit ihr das gleiche zu machen, was die Kinder in der Kiste 
getan haben (tschechische obszöne Worte); die Vorstellung, daß das 



64 Jenny Wälder 



nicht er, sondern der Vater mit der Mutter tue und daß es etwas Ge- 
fährliches sei (weinerliche Ausrufe: „Mein armes Mutterl"), ergeben 
den Impuls, den Vater durch den Wachmann abholen zu lassen (Auf- 
springen; die Deutung dieses Details ergibt sich aus der früher er- 
wähnten Erklärung, was er täte, wenn er an der Stelle Franzis wäre), 
ihn umzubringen (der laute Flatus, der bei den Kinderspielen Schießen 
bedeutete); darauf folgt dann große Angst vor dem Vater. So ist also 
das Aufschrecken zuerst der Versuch, das elterliche Beisammensein 
zu verhindern, die Mutter vor dem Vater zu warnen, sie vor den An- 
griffen des Vaters zu schützen und den Vater zu beseitigen (durch den 
Wachmann oder den Verbrecher) und dann mit der Mutter allein zu 
sein. Und all das ist schon überdeckt von der Angst vor dem Vater 
(Verbrecher, Krampus), der über ihn kommen und ihn bestrafen, d. h. 
kastrieren wird, und ist zugleich ein Fluchtversuch aus der gefähr- 
lichen Situation. 

Angst wegen der Aggressivität gegen den Vater, die im Ödipus- 
komplex wurzelt, — das wäre die einfachste Formel. 

Mit dem Symptom der Herzneurose verhielt es sich so: Anton hatte 
während seiner sexuellen Spiele vor Erregung Herzklopfen. Als die 
Kinder einmal daran waren, ertappt zu werden, erschraken sie heftigst 
und bekamen wieder Herzklopfen. Anton bemerkte bei dieser Gelegen- 
heit bei einem Spielgenossen, der sehr mager war und nur mit einem 
dünnen Ruderleibchen bekleidet war, das Pochen in der Herzgegend. 
Der Ausspruch des Vaters: „Solche Spiele machen krank" erzeugte 
die Idee, daß das Herzklopfen nicht der Ausdruck von Erregung, sei 
es sinnlicher, sei es ängstlicher, sondern die Folge einer Schädigung 
durch sexuelle Spiele sei. Diese Beobachtung bei einem Spielkamera- 
den erklärt auch den Ausspruch, den Anton am Anfang der Analyse 
machte: er wisse, daß er herzkrank sei, denn er habe in seinen Magen 
hineingeschaut; Herzgegend - Mageugegend, wie er ja überhaupt 
diese bei Kindern alltäglichen anatomischen Ungenauigkeiten auch 
bei einer andern Gelegenheit demonstrierte, z. B. durch den Gedanken, 
ich wurde einen erwachsenen Patienten am Herzen operieren und dann 
gehe die Flüssigkeit statt unten beim Magen heraus. Es soll wieder 
richtig heißen: die Operation am Herzen bewirkt ein Loch in der 
Magengegend, die eingenommene Flüssigkeit muß herausfließen. Ein 
weiterer Anteil ist, daß die Mutter über (nervöse) Herzbeschwerden 
Klagte, ferner, daß lange vor Antons Geburt ein Mädchen auf die Welt 
gekommen war, das kurz nachher zufolge eines angeborenen Herz- 
fehlers gestorben war, wovon er erzählen gehört hatte. 

Dazu kommt die Gleichsetzung Herz = Genitale. Die Schwester mit 
dem angeborenen Herzfehler ist ja gleichzeitig ein Wesen mit einem 




Analyse eines Falles von Pavor nocturnus 65 






angeborenen Genitalfehler (Antons Wissen: die Mädchen haben es an- 
geboren so, man kann aas ihnen keinen Buben machen, aber aus Buben 
Mädchen). Dazu gehört auch die Idee, daß der Penis auJJer Funktion 
trete, wenn der Patient von mir am Herzen operiert werde (das Was- 
ser kommt nicht mehr unten heraus, nur beim Herzen). Auch das an- 
gebliche Herzleiden der Mutter war für ihn eine Bestätigung mehr, 
daß Frauen diesen Defekt haben. 

Es ist auffällig, daß keinerlei Andeutung eines verkehrten Ödipus- 
komplexes zu finden war. Keine Spur einer Phantasie, der Vater solle 
mit ihm das Gleiche tun wie mit der Mutter, obwohl der Junge die 
analen homosexuellen Spiele kennengelernt hat. Das ist vielleicht der 
Umstand, der mit seiner ganzen kleinen, aktiv sadistischen Person 
und mit seiner durchaus hysterischen und nicht etwa zwangsneuro- 
tischen Veranlagung zusammenhängt. Im Rahmen der hysterischen 
Mechanismen ist alles geblieben, auch in der Rückwendung gegen sich 
selbst beim Herzleiden produziert er hysterische Hypochondrien und 
keineswegs zwangsneurotische Bildungen. 

Wir stehen nun vor der Frage: Besteht die Kinderanalyse aus einer 
Summe von Geständnissen und aus Deutungen auf Grund dieser ^ Ge- 
ständnisse? Ist es in der Kinderanalyse also so, daß man ™*~*£ 
^ U ßte Material entdecken muß, daß man einen langen Weg gehen 
muß, aber das Ziel erreicht hat, wenn man den Weg einma — 
-elegt hat? Man brauchte nur die Mißverständnisse, die m dem Kinde 
foben z B. in unserem Falle die übertriebene Angst vor dem Vater 
als dem Kastrator zu beseitigen, den alten Konflikt doch entere- 
chende erzieherische Maßnahmen abzuschwächen, miAmm Mtt^#e 
Heilung schon erreicht. Dann könnte man sich am Ende die ganze 
langandauernde Analyse ersparen, wenn man gleich ^ medias ™ 
eingeht, das Kind über die Kastrationsangst richtig aufklart und aie 
Kind-Eltern-Beziehung entsprechend regelt? Beides, scheint mir, ist 
beim neurotischen Kind zu verneinen; es wäre weder für die Auf- 
klärung noch für die Normalisierung der Beziehung reif. 

Dazu kommt, daß es auch keineswegs richtig ist, daß bei Kindern 
ausschließlich bewußtes Material neurosebildend sei — wie man etwa 
auf Grund des Berichteten vermuten möchte. Fürs erste wäre BD» 
suchen : wie weit ist da s „b ewußte" Material wirklich „bewußt ? ) 
""») Vgl. dazu Freud: „Aus der Geschichte einer infantlk^Neurose'-, 
Ges Sehr. Bd. VIII, S. 549: „Wir haben es in der Psychologie des Ei- 
wachsenen glücklich dahin gebracht, die seelischen Vorgänge in bewußte und 
unbewußte zu scheiden und beide in klaren Worten zu beschreiben. Beim 
Kinde läßt diese Unterscheidung uns beinahe im Stiche. Man ist oft in Ver- 
legenheit, anzugeben, was man als bewußt und was man als unbewußt be- 
zeichnen möchte. Vorgänge, die die herrschenden geworden sind und die nach 

Zeitschrift f. psa. Päd., IX/1 5 



66 



Jenny Wälder 



Als ich Anton einmal ermunterte, mir doch die Dinge, die ihm im Kopf 
Herumgehen, zu erzählen, damit ich ihm helfen, ihn männlich furchtlos 
machen könne, und meine Worte auf ihn sichtlich Eindruck gemacht 
hatten, versprach er, es später einmal zu tun. Warum nicht jetzt? 
„Weil ich es jetzt nicht weiß", war die Antwort. Auf mein Erstaunen 
gab er die eindeutige Aufklärung: „Ich habe es in meinem Kopf aber 
ich weiß es nicht." Er wollte mir damit sagen: Ich habe das alles in 
nur, ich kann, wenn ich dazu aufgelegt wäre, wenn ich nicht so viel 
bcheu und Angst davor hätte, es jederzeit wieder lebendig machen 
aber da ich nicht gerne daran denke, habe ich es momentan nicht parat 
in mir. Das gilt für seine sexuellen Spiele, für seine Eifersucht auf 
den Vater, seine Ablehnung des elterlichen Verkehrs, seine Angst vor 
den Brutalitäten des Vaters der Mutter gegenüber und für seine Ka- 
strationsangst, die vom Vater auf andere Instanzen verschoben wurde 
Wenn es noch einige Jahre gedauert hätte, hätte er all das bei konse- 
quentem Nicht-daran-denken wahrscheinlich tatsächlich verdrängt Das 
war aber zum Zeitpunkt der Analyse noch nicht wirklich der Fall. 

Die Frage ist aber, ob ihn diese beinahe „bewußten" Gedanken 
Ängste, Wünsche neurotisch gemacht haben. Man möchte vorsichtig 
antworten: sie haben seinen Charakter beeinflußt, sie haben seine 
aktive männliche Konstitution weitgehend beeinflussen können, ihm 
ängstliche Züge gegeben, aber sie waren nicht der alleinige Träger 
Herz^uroTe " 8 Symptome « d " h " des **** nocturnus und der 

™»T, Wif hEb f , V °V hm gehÖrt ' WaS er gemacht hatt *. ^n er auf- 

KoTtus i:; tf e ?" b6im VatGr g6Wußt oder die ■**■ «** 
Koitus ertappt hatte: er begann, nach der Mutter zu weinen, oder rief 

böse: „Daher komm zu mir, da gehörst du hin!" Nichts von einem 

theatralischen Auftreten mit Bewußtseinsstörungen wie beim Pavor 

nocturnus, nic hts von seiner Herzneurose sehen wir dabei. 

ihrem späteren Verhalten den bewußten gleichgestellt werden müssen sind 
heim Kinde dennoch nicht bewußt gewesen. Man kann leicht verstehen 
warum; das Bewußte hat heim Kinde noch nicht alle seine Charaktere gewon- 
nen, es ist noch in der Entwicklung begriffen und besitzt nicht recht die 
Fähigkeit, sieh in Sprachvorstellungen umzusetzen. Die Verwechslung deren 
wir uns sonst regelmäßig schuldig machen, zwischen dem Phänomen als 
Wahrnehmung im Bewußtsein aufzutreten, und der Zugehörigkeit zu einem 
angenommenen psychischen System, das wir irgendwie konventionell benen- 
nen sollten, das wir aber gleichfalls Bewußtsein (System Bw) heißen, diese 
\ erwechslung ist harmlos bei der psychologischen Beschreibung des Erwach- 
senen, aber irreführend für die des kleinen Kindes. Auch die Einführung des 
.Vorbewußten' nützt hier nicht viel, denn das Vorbewußte des Kindes braucht 
sich mit dem des Erwachsenen ebensowenig zu decken. Man begnügt sich also 
damit, die Dunkelheit klar erkannt zu haben." 









Analyse eines Falles von Pavor nocturnus 67 

Zu deren Bildung waren doch richtige Verdrängungen notwendig: 
so waren der Streit zwischen Vater und Mutter in seinem dritten Lebens- 
jahr, bei dem er selbst zu Fall gekommen und sich verletzt hatte, wie 
die darauffolgende Szene auf der Wachstube verdrängt. Wir haben 
gehört, daß er diese Szenen in der Zeit seiner Übertragungsneurose 
agiert und erinnert hatte, — es muß freilich offen bleiben, ob er alles 
erst in der Analyse erinnerte oder ob er sie wenigstens zum Teil aus 
den Erzählungen der Mutter kannte. Die zweite Verdrängung betraf 
den grobsinnlichen Charakter seiner Wünsche nach der Mutter. Was 
Anton vom ersten Monat der Analyse an eindeutig gezeigt hatte, war: 
Die Mutter gehört ausschließlich mir, ich teile ihren Besitz sehr un- 
gern mit dem Vater, ich mag seine Zärtlichkeiten ihr gegenüber nicht, 
ich will mit meinen Zärtlichkeiten für sie ihren Besitz ergreifen. Aber 
es waren ihm keinerlei grobsinnliche Wünsche nach der Mutter be- 
wußt. Aus mancherlei Andeutungen des Kindes und der Mutter ist zu 
entnehmen, daß zur Zeit der Spiele in der Kiste und vor allem in der 
ersten Zeit nach dem Verbot mit anderen Kindern zu spielen, also 
jn der Zeit seiner Libidostauung und seines Hungers nach den ge- 
wohnten Spielen die Wünsche noch bewußt waren, mit der Mutter zu 
machen, was er mit den Kindern gemacht hatte. Sie verfielen aber 
bald der Verdrängung, da es wohl das Verbotenste und das Sündhaf- 
teste von allem war. 

Die Vorstellung, der Vater brutalisiere die Mutter im Koitus, ja, 
er töte sie, — die furchtbare Szene zwischen Vater und Mutter vor 
Jahren, die Geschichte von Franzis Vater, der seine Frau, ja viele, 
viele Frauen, alle, die er in nächtlicher Stunde nach Hause bringt, 
umbringt, — steigerten die Aggression gegen den Vater zu heftigen 
Beseitigungswünschen. Das genauo Wissen, daß er im Kampfe der 
Unterlegene wäre, die Kastrationsdrohungen des Vaters und die 
Liebe, die er auf seine Art auch zum Vater empfand, bewirkten eine 
Hemmung der Aggression, und an ihre Stelle trat die Angst vor der 
eigenen Aggression und die Angst vor dem Vater. 

Kehren wir zum großen Anfall zurück; die Liebe zur Mutter, die 
Aggression gegen den Vater, die Kastrationsangst waren „bewußt", 
unbewußt hingegen die sinnlichen Wünsche zur Mutter und die große 
Szene der Vergangenheit, welche die sadistische Interpretation des 
Koitus genährt und die Aggression und die Angst mächtig gesteigert 

hatte. 

Ähnlich verhielt es sich mit dem Symptom der Herzneurose; die 
bewußten Anteile betrafen die sexuelle Erregung beim Spielen, die 
Beobachtung des pochenden Herzens eines Spielkameraden und alles, 
was sich daran anschloß. Unbewußt hingegen war die Gleichsetzung 

5» 



68 Jenny Wälder 



Jon Herz und Genitale, der angeborene Herzfehler der Schwester und 
das angebliche Herzleiden der Mutter als Folge des Genitaldefekts 
Eist diese unbewußte Gleichsetzung von Herz und Genitale machte es 

vi n g \\ G *?****«»** zu entwickeln, die Kastrationsangst 
vom Glied auf das Herz zu verschieben. 

Selbstverständlich wurden seine Mißverständnisse zerstreut- er 

Zw n ft ufgeklärt ' daß bei Erregungen jeglicher Art, 'also 
auch sexueller, Herzklopfen auftrete und daß es kein Zeichen eines 
tteizleidens sei. Es wurde ihm natürlich die Verbindung Herz = Ge- 
nitale gezeigt und darauf hingewiesen, daß es bei seiner Schwester 
ein zufalliges Zusammentreffen gewesen war, aus dem er falsche 
Schlüsse gezogen hatte, und daß es auch anatomisch keine Verbindung 
tischen Herz und Genitale gebe. Natürlich kamen diese Deutungen 
nicht geschlossen, sondern in einer Form, die für das Kind verständ- 
verlarten^ SP ° radiSCh ZU Zeit P unk ten, die eine solche Aufklärung 

Wenngleich also das vor der Analyse bewußt unterdrückte Material 
mit den Mißverständnissen, die das Halbwissen beim Kinde erzeugt 
hatte, an der Neurose mitbildend war, so war es wahrscheinlich doch 
der unbewußte Anteil, der den Kern der Symptome bildete. 

Noch etwas anderes mag an der Struktur dieses Falles beachtet 

Jen s^nTIwa " ^ "? ******* g^nüb J SeS^^ 
gen sind zwar m seinem Symptom nicht zeitlich scharf voneinander 

s g teh r e e nd \ 2" ~ ^^ ** d-Bfl14 als -beneiZder be- 
stehend und auseinander hervorgehend bemerkbar. Es fehlt also 
eigentlich eine wirkliche Kompromißbildung in diesem Konflikte wir 
haben noch den Konflikt selbst, Trieb und Angst unmittelbar neben- 
einander. Eine solche Kompromißbildung, wie wir sie in den Neurosen 
von Erwachsenen kennen, hat ja auch schon einen gewissen, wenn 
auch neurotischen Gleichgewichtszustand erreicht, sie stellt immer 
eine, wenn auch neurotisch verfehlte Konfliktlösung dar, während 
wir hier bei diesem Kinde den noch relativ unverarbeiteten schweren 
ursprünglichen Konflikt sehen können. Die weitere Verarbeitung 
hatte ja auch die ökonomische Leistung vollbringen müssen, die Angst 
zu binden oder zumindest zu beschränken. Von einer solchen Leistung 
ist hier noch keine Rede. Man kann also vielleicht sagen, daß in die- 




Analyse eines Falles von Pavor nocturnus 69 

sem Symptom die Angst unmittelbar als Ergebnis des triebhaften Im- 
pulses vor uns steht und noch nicht eine Verarbeitung in eine Kom- 
promißbildung erfahren hat, in welcher Trieb und Abwehr gleicher- 
weise befriedigt werden und die zugleich die Angst hätte irgendwie 
binden können, wie wir das in der Regel finden. Vielleicht liegt darin 
ein Hinweis, warum der Pavor nocturnus nur bei Kindern auftritt: 
offenbar deshalb, weil nur bei dieser geringen Entwicklungsstufe des 
Ichs, auf der die gegensätzlichen Regungen noch unmittelbar neben- 
einander stehen, wie wir das bei Anton sehen konnten, ein Symptom 
möglich ist, bei dem noch keine eigentliche Kompromißbildungsarbeit 
md Angstbindungsarbeit geleistet ist. Man darf vielleicht vermuten, 
daß im weiteren Verlauf der Ich-Entwicklung auch eine weitere Ver- 
arbeitung dieses Konfliktes stattfindet, indem der Pavor nocturnus 
durch ein anderes Symptom oder durch fortschreitende Verdrängung 
oder in irgend einer anderen Weise abgelöst wird. Wir haben auch 
bei Anton in seiner Verbrecher-Phobie, in der die Angst vor dem Vater 
auf den Verbrecher verschoben wurde, und in seinem Herzleiden bzw. 
«einer hysterischen Hypochondrie einen Anhaltspunkt dafür, wohin 
leine weitere Symptombildung hätte gehen können. Hier hegt schon 
eine wirkliche Kompromißbildung vor: die libidinöse Komponente ist 
im Herzklopfen und in der Erregung, die Triebabwehr in der Ver- 
Lhiebung vom Genitale zum Herzen zu suchen. Die Aggression er- 
scheint gegen die eigene Person gewendet und tritt als Schmerz und 

T^eiden auf. . „ 

Damit scheint es, daß die Kinderanalyse, die uns ja ganz allgemein 
die psychischen Prozesse in statu naacendi zeigt, uns vielleicht auch 
den Prozeß der Entwicklung der Neurosenbildung direkt beobachten 

läßt. 

Katamnese. 

Nach Abschluß der Analyse im März 1930 hatte ich Gelegenheit, 
den Knaben in Abständen von mehreren Monaten wiederzusehen; im 
November 1934, sonach vier Jahre und acht Monate nach Beendigung 
der Analyse, wurde eine genaue Katamnese aufgenommen. Inder 
Zwischenzeit hatte sich die materielle Lage der Familie außerordent- 
lich verschlechtert; der Vater hatte seinen Arbeitsplatz bald verloren, 
war arbeitslos geworden und ist es bis zum heutigen Tage geblieben; 
auch die Frau hat ihre Hausmeisterstelle in einem Proletanerhause 
nicht behalten. Um die körperliche Gesundheit des Knaben war es 
nicht immer gut bestellt; im Jahre 1931 traten Erscheinungen eines 
tuberkulösen Prozesses auf, der Knabe kam für mehrere Monate in 
eine Lungenheilstätte und steht seither in der Lungenfürsorge. Er wird 
jedes Jahr für ein bis zwei Monate aufs Land geschickt. Im Jahre 



70 



Jenny Wälder 



üngü™ fl Bed S ,1,ek ' 0mi6 ^-«n werden. Trotz all dieser 
CA SÄ."f "" ? nabe ™° h ™ h «-»««• Sueben, 
verschieden Er Xl,, Tl er - aU ' getreten ' die Angs * war dauernd 

ben. Als er bei Auf nah™ 7a T * beherzten, männlichen Ena- 

P.on,en belag't S£X£fiSZT**Z ,r \ heien Sym - 
Beleidignng betrachtete und si h ers, £&£J ?" UtUng . beina »e als 
mal Angst gehabt zu haben. Die Ange^egenheH t"T "T"*' ein ' 
bar und nicht recht zu ihm gehörend SCh,<m ' hm sonde '- 















IIIHIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIM 

BERICHTE 



Hüll 



Bücher 

Hil De man: Hct Kind en de Adolescent in de Psychoanalyse. Met een 
;J ileiding door Dr. J. II. van der II o o p. 1934. Antwerpen. 

Dieses Buch bietet eine sehr lesenswerte, populäre Darstellung der psycho- 
Bialy tischen Kindheit* und Pubertätspsychologie, insoweit sie nach der Meinung 
des Autors für den Erzieher von Bedeutung ist. Die Arbeit wird in der Haupt- 
ache auf die Erkenntnis der Freudsehen Psychoanalyse aufgebaut, es wird 
aber auch Adlersche, Jungsclie und Stekelsohe Literatur herangezogen. 
Die allgemeinverständliche Schilderung der Entwicklung des Kleinkindes, des 
Kindes in der Latenzzeit und des Pubertätsalters wird dadurch bedeutend unter- 
tiitzt daß der Autor direkte Beobachtungen mitteilt und auch durch den 
Hinweis auf die belletristische Literatur die seelischen Vorgänge veranschau- 
cht Der Analytiker kann sich im großen und im ganzen mit dieser Darstel- 
len" einverstanden erklären, nur an einigen, zum Teil nebensächlichen Punkten 
raren kritische Bemerkungen anzusetzen. So erscheint die Darstellung der 
unterschiedlichen Auffassungen von Anna Freud und Melanie Klein be- 
l ü Uch der Kinderanalyse unzutreffend und mißverständlich (S. 17). Der 
Autor stellt sich auch in Gegensatz zur Freud sehen Theorie, wenn er an- 
immt daß das Kind im Mutterleib bereits ein „Bewußtsein" besitzt und die 
Geburt als eine bewußte Angstsituation erlebt, die „Todesangst" sei (S. 54). 
Tsjach Freud entsteht doch das Bewußtsein erst bei der Differenzierung der 
Persönlichkeit in ein Ich und ein Es, als eine Reaktion auf die Wahrnehmungen 
der Außenwelt (System W-Bw). Die erste Angst wird bei einer Trennung 
-om Objekt erlebt, kann also erst entstehen, nachdem eine wirkliche Objekt- 
besetzung vorgenommen worden war; das ist im Intrauter inieben nicht der 
Fall. Gewiß bewirkt die Geburt eine Störung im Triebhaushalt und die dabei 
auftretenden Erscheinungen werden im späteren Angstanfall reproduziert. 

Einige nebensächliche Bemerkungen, wie ■/.. B. die, daß die Frauen im 
allgemeinen größere Fähigkeit zum Sublimieren besitzen als Männer, oder 
ilaß die mutuello Masturbation in der Pubertät häufiger von Mädchen betrieben 
werde als von Knaben, kann die analytische Erfahrung nicht bestätigen. 

Den Schilderungen der Entwicklung bis zur Pubertät werden drei Kapitel 
angeschlossen, die das Leben der Erwachsenen, die Neurose und das Erziehen 
behandeln. Die Psychologie muß sich hier gegen eine Auffassung wehren, 
die der Autor im folgenden Satz zusammenfaßt (S. 98) : „Die Psychologie wird 
jetzt immer eng mit der Pädagogik verbunden, die erstere wird durch die 
letztere ins Leben gerufen und ihre Existenz dadurch gerechtfertigt." Die 
Psychologie ist eine Wissenschaft an und für sich und bedarf somit keiner 
Rechtfertigung. 

Das Kapitel „Erziehen" will nur Bausteine zu den vielen bestehenden Er- 
ziehungsproblemen bringen. Der Autor stellt sich auf den Standpunkt: Die 
Triebe des Kindes müssen von den Erziehern geführt, erzogen werden und 



72 Bücher 



entwickelt dann einige moralische und ethische Gesichtspunkte, die der Er- 
zieher zu berücksichtigen habe, so z. B. wie man die Aggressionen des Kinde? 
in die richtigen, d. h. der Geraeinschaft nützliche Bahnen zu leiten habe und 
wie man sich sexuellen Bedürfnissen des Zöglings gegenüber verhalten solle. 
Unter diesen Ratschlägen wird vieles sein, was der analytisch orientierte 
Pädagoge bejahen wird, vielleicht manches, was er ablehnen oder mit Skepsis 
betrachten muß. Vor allem das Problem der Masturbation ist es, welches nach 
den neuesten Forschungen den Erzieher vor große, schwer lösbaro Aufgaben 
stellt. Der Analytiker weiß es, daß die Onanie die für das Kindesalter adäquate 
Abfuhrmöglichkeit sexueller Bedürfnisse ist und kann sich nicht auf den 
Standpunkt stellen, daß das Kind unter allen Umständon von dieser auto- 
erotischen Gewohnheit befreit wird, wie es der Autor meint. Ein noch so 
mildes und freundlich gegebenes Onanieverbot kann unter Umständen zu 
schwerer seelischer Schädigung führen; allgemeine Richtlinien scheint man 
auf diesem Gebiet vorläufig nicht geben zu können. Der analytisch orientierte 
Pädagoge wird dem Autor vollkommen beipflichten, wenn er meint, der Er- 
zieher solle alle Fragen des Kindes offen und wahrheitsgetreu beantworten, 
auch die, welche sich auf die Sexualität beziehen; nur wird er auch dio Fra- 
gen, welche sich auf die Entstehung des Kindes im Mutterleib beziehen, mit 
derselben vom Autor geforderten Offenheit behandeln. Das Kind will eben alles 
wissen, und das Ausweichen oder Verhüllen von Seiten des Erwachsenen, sei 
es auch nur in einem Punkt, kann das oftmals schwer errungene Vertrauen 
des Kindes wieder vernichten. Alles in allem ein sehr lesenswertes Buch, das 
den Erzieher in Holland viel Wisseswertes lehren und ihm manche fruchtbare 
Anregung für seine Arbeit bringen wird. Joanne Lampl-de G r o o t. 



Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik, 1\. Jahrgang, Heft I 

INHALT: 

Jenny Wfl I <1 o r: Analyse eines Falles von Pavor noeturnus 5 



BERICHT (BÜCHER) 
H i I Dem a n: Hi>t Kind en de Adolescent in de Psychoanalyse (.leanne Laiupl-de Groot) 



. 71 



ZUR FREUNDLICHEN BEACHTUNG! 

Aus preßgosetdichen Gründen erscheint die Zeitschrift ab Januar 1935 in sechs Heften von gleichem 

Umfang Wie die bisherigen Doppelbette, 



Soeben erschien: 

F. LOWTZRY 

SÖREN KIERKEGAARD 

DAS SUBJEKTIVE ERLEBNIS UND DIE 

RELIGIÖSE OFFENBARUNG — EINE 

PSYCHOANALYTISCHE STUDIE EINER 

FAST- SELB STA NA LYSE 

Geheftet RM 6.J0 

Nach dem Erscheinen von „Entweder — Oder" schreibt Kierkegaard in seinem 
Tagebuch : ..Wenn jemand den eigentlichen Beweggrund der Abfassung 
zu wissen bekäme! Herrgott, ein so großes Werk muß docli wohl, denkt man, 
auch einen sehr tiefen Grund haben! Und doch betrifft es durchaus mein 
privatesLeben. Und die A b s i c h t, ja wenn man die zu wissen bekäme, 
so würde man mich für ganz und gar verrückt erklären." 
Dieser „tiefe Grund" für seine Werke, der sein „privates Leben" betrifft, 
erschließt sich hier der analytischen Untersuchung und erweist sich als eine 
tiefe, aus der Kindheit stammende Gefühlsbindung, die sich in seinem Leben 
und Schaffen in unerschöpflichen Variationen auswirkt. 

Inhalt 

I. Furcht und Zittern. II. Die Wiederholung. III. Psychoana- 
lytischer Teil. l. Die Wiederholung. 2. Die Erinnerung. 5. Das 
göttliche und das dämonische Paradox. 4. Die unendliche „miß- 
glückte" Bewegung der Resignation. 5. Die Schwermut (Depression) 
und ihr Ursprung. 6. „Credo quia absurdum". 7. Das Paradox des 
Glaubens und seine Genesis. 8. Die dichterische Produktivität. 



INTERNATIONALER 
PSYCHOANALYTISCHER VERLAG IN WIEN 



j 



Herausgegeben von Paul Federn, Wien, und Heinrich Meng, Basel 

PREIS 

broschiert M. 2.85 
gebunden M. 3.85 

RENE ALLENDY 

WILLE ODER BESTIMMUNG 

Aus dem Inhalt: 

Geschick, Vorbestimmung, Charakter und Temperament, 
Prophezeiungen und Vorzeichen, Kosmos und .Mensch. 

ANNA FREUD 

EINFÜHRUNG IN DIE PSYCHOANALYSE 

FÜR PÄDAGOGEN 

Aus dem Inhalt: 

Das Vergessen von Kindheitserlebnissen, Triebleben, 
Vorpubertät und Heilung, Psychoanalyse und Pädagogik. 

ISTVÄN HOLLÖS 

HINTER DER GELBEN MAUER 

VON DER BEFREIUNG DES IRREN 
Aus dem Inhalt: 

Gespensterspuk, Leben und Tod, Städte, Mütter, Be- 
freiung der Gesunden, das Urtier in uns — unsere Not 
und Notwendigkeit. 

PAUL PASCHEN 

DIE BEFREIUNG DER MENSCHLICHEN 

STIMME 

Aus dem Inhalt: 

Kultur, Zivilisation und innere Sicherheit. Die Wieder- 
herstellung der Sprechstimme. Das Stottern. Hypnose 
und Psychoanalyse. 

FRITZ WITTELS 

DIE BEFREIUNG DES KINDES 

4. Auflage Aus dem Inhalt: 

Schuld und Strafe. — Ein Stück Rousseau. Kinderschule 
und Lebensweg. Waisen- und Stiefkinder. Geschiedene 
Eltern. Die alte und die neue Schule. 

FRITZ WITTELS 

DIE WELT OHNE ZUCHTHAUS 

Aus dem Inhalt: 

Rache und Richter. Der Verbrecher aus Schuldgefühl. 
Der politische Verbrecher. Tagträume. Blut Verbrecher. 
Hochstapler. 



VERLAG HANS HUBER IN BERN 



Eigentümer, Herausgeber und Verleger: Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Gesellschaft m.b.H., Wien I. Börse 

gasse u. — Verantwortlicher Redakteur: Dr. Wilhelm Hoffer, Wien I, Dorothecrg. 7. Druck von Emil M. Engel. 

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IX. Jahrg. 



Januar — Februar 1935 



Heft 1 



Zeitschrift für 

psydioanalytische 

Pädagogik 



Jenny Wälder 

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