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Full text of "Zentralblatt für Psychoanalyse. Medizinische Monatsschrift für Seelenkunde I. Jahrgang 1911 Heft 7/8"

Zentralbiatt 



Tur 



Psychoanalyse. 

Medizinische Monatsschrift für-Seelenkunde- 

Herausgeber: 
Professor Dr, Sigm. Freud. 

Schriftleitung 
Dr. Alfred fldler, Wien — Hr Wilhelm Stekel, Wien, 

Unter Mttujirkung uon : 

Dr, Karf fibrahanij Berlin; Dr. R. Q. flssagioli^ Ploren2; Pr. Ludwig ßinsu/anöer, 
Kreuzlingen; Dr, Poul Bjerre, Stockholm; Dr. fl, ft. Brill, Neu^-Vork; Dr. M. 
EHingon, Berlin; Dr. D- EpstFin> Kiew; Dr. S. Ferenczi, Budapest; Dr. Wax Qrafj 
Wien; Dr. Magnus Hirschfeld, Berlin; Dr. E, Hitschmanni Wien; Dr, E. Jones, 
Toronto; Dr. Otto luliusburger^ Steglitz; Dozent C. Q, Jung, Zürich; Dr, F. S. 
Krauss, Wien; Professor August u, Luzenberger, Neopel; Prof. Qustau Modena, 
/^ncono; Dr* flifons Wäder, Zürich; Dr. Richard Hepalleck, Wien; Dozent H, 
Ossipowj, Moskau; Dr. Oskar Pfister, Zürich; Dr. J^rnes Pufnam, Boston; Otto 
Rank, Wien; Dr. R Reitleri Wien; Dr^ Franz Riklin» Zürich; Dr. ], Sadger^ Wien; 
Dr. L, SetT, München; Dr. ft. Stegmann, Dresden; Dr. M* Wulff, Odessa; Dr. Erich 

wulffen, Dresden- 

I, Jahrgang Heft 7/8. 

Mai -Juni. 



Wiesbaden. 

Verlag' uon ]. F, Bergmann. 



i9ii 



Jährlich erscheinen 12 Hefte im Qesamt-Umfang uon 36 bis 
40 Druckbogen zum ]ahrespreise uon !5 Mark 



Orfgifnal from 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Verlag von J. F. Bergmann in VV'iesbaden. 




Soeben erschien: ^ 

Die Sprache des Traumes. 

£me Darstellimg der Symbolik und Deutnng des Tranmes 
in ihren Beziehnngen zur kranken and gesunden Seele 

für 

Ärzte und Psychologen 

von 

Dr. "Wilhelm Stekel, 
Spezi aiarzt für Psychotherapie und Nervenleideji in Wien. 

Preis M. 12.60, geb. M. 14 . 

„Der bekannte Autor liefert iinf* wieder eine interessante Probe 
seiner rastlosen Forschungsarbeit. Bekanntlich wurde die moderne 
Traumdeutung durch Freud begründet. Man täu.scht sich. aber, wenn 
man glaubt, dass Stekel sklavisch die Bahnen Freuds wandelt. Er 
kommt auf durchwegs eigenem Wege zu so überrasclienden neuen Eesul- 
taten, dass man füglich behaupten kann, das Werk bilde einen Mark- 
stein in der Entwickelung der modernen Seelenforschung. Er begründet 
ein bisher in der Psychologie noch nicht verwertetes Prinzip, die Bipo- 
larität aller Erscheinungen. Er zeigt, da^s alles seelische Geschehen 
zwei Seiten hat; da^s einer Liebe ein Hass, der Grausamkeit da*i Mit- 
leid entspreche und fuhrt an der Hand von 600 Traumanalysen den Be- 
weis, wie die widersprechendsten Seelenströmungen sich beim Menschen 
zu einem scheinbar einheitlichen Gebilde vereinen. Während Freud 
in der übergrossen Sexualität die Quelle aller neurotischen /Symptome 
sucht, führt Stekel die Nemose auf die übergrosse Kriminalität, 
das heiöst auf den Ha^s, der sich entladen wUl, zurück. Er weist an 
den Träumen der Kinder nach, da^ das Kind alle kriminellen Anlagen 
infolge der Vererbung' ausgebildet mitbringe, dass es nach dem biogene- 
tischen Grundgesetz eine niedrige Entwickelungsstufe der Menschheit 
repräsentiere. Der Mensch macht die ganze Entwickelung der Mensch- 
heit durch, und da er sich aus der Verbrechernatur zum Kulturmenschen 
herausgebildet hat, muss das Kind diese verbrecherischen Instinkte- in 
unverhüllter Form aufweisen. Aber noch mehr. Der Neurotiker ist 
nach ihm ein Verbrecher ohne den Mut zum Verbrechen, und Stekel 
führt das auf einen psychischen Infantilismus zurück. Der Neurotiker 
ist ein Kind, reagiert Idndlieh, hat die Triebe der Kindheit noch 
nicht vollständig subUmiert und steht deshalb im Zeichen eines schweren 
inneren Kampfes zwischen Trieb tmd Verdrängung. In jedem Traum 
findet der Autor Todeswünsche, die er mit Hiße eines eigenen Schlüssels 
( Todessymbolik) entziffert. Die Träume sind durchwegs in bezug zur 
Lebens- und Krankengeschichte des Träumers analysiert, so dass das 
Buch auch einen Einblick in die Tiefen des menschlichen Unbewuasten 
und der Struktur der Neurose gestattet.** Wiener allgem. Zeitg. 




Orrgmaffnonn 
ERSITYOF MICHIGAN 



r 



Originalberichte. 



I. 

Karin Michaelis: ,,Das gefährliche Alter^' im Lichte 

der Psychoanalyse. 

Von Dr. med. Tatjana Rosenthal. 

Yorirag, gehalten in der Sitzang der Berliner Pejohoanalytiscben OesellBchaft 

am 5. Januar 1911. 

Das Material, das mir vorlag, Frau Elsies Tagebuch, ist eine 
Selbstanalyse. Ich habe sie verfolgt. Wollte ich aber nach Preud 
vorgehen, so musste ich Frau Elsies Kindheits- und Jugendgeschichte 
kennen lernen. Darüber fand ich in dem Tagebuch zwar wichtige 
Andeutungen, aber nicht geniigend Material. 

Nun wandte ich mich an die anderen Bücher von Karin Michaelis 
und siehe da — da fand sich in verschiedenen Varianten und Ent- 
wickelungsstadien derselbe Typus. Die verschiedenen Frauengestalten 
zeigten überraschende Stereotypien in den wichtigsten psycho- 
logischen Eigenschaften. 

Wir wissen, dass stereotype Züge in den Gestalten des Dichters 
oft darauf zurückzuführen sind, dass gewisse unbewusste Notwendig- 
keiten im seelischen Leben des Künstlers ihn auf diese Züge immer 
zurückzukommen zwingen. 

Die Analyse einer Dichtung ist eng mit der Analyse des Dichters 
verbunden. Man wird aber nicht ohne weiteres vom Schicksal eines 
Helden der Dichtung auf dasjenige des Dichters schliessen: das künst- 
lerische Schaffen kann dem Dichter das Ausleben seiner unbe- 
wussten seelischen Konflikte ersetzen. 

Das künstlerische Schaffen Karin Michaelis ist aber ein einheit- 
liches, und ich fand mich berechtigt, an der Hand der „Ergänzungs- 
anamnese** die individuellen psychologischen Determinanten der Krise 
Frau Elsies zu suchen. 

Die 42 jährige Frau des reichen Fabrikanten Lindtner verlässt 
nach zwanzigjähriger, glücklicher Ehe ihren Mann, nachdem sie sich 
von ihm hat scheiden lassen. „An und für sich liegt kein Grund 
vor, nicht der allergeringste Grund, den man betasten oder befühlen 
könnte.** 

ZantnUbUit fOr PsyehoanalyM F/*. 19 



f^nonl^ Orrginaffnonn 

:3yV_:-UUglt UNIVERSITYOF MICHIGAN 



278 Dr. med. Tatjana Rosenthal, 

„Ich trete aus einer vollkommen harmonischen und glücklichen 
Ehe aus/* schreibt sie an ihre Freundin an dem Tage, wo sie ihre 
Wohnung am alten Markt der Stadt verlässt, um in die einsame weisse 
Villa zu gehen, die auf einer einsamen Insel gelegen ist Sie schildert 
ferner in diesem Brief ihr durchaus glückliches Familienleben und 
weiss ihr Vorhaben nur aus der Laune, allein leben zu wollen, zu 
erklären. Sie muss allein leben: „ganz allein, für mich und mit mir 
selbst." „Nenne es eine absurde Idee, einen unmöglichen Einfall, nenne 
es Hysterie, was es vielleicht auch ist — ich muss fort von den 
Menschen, heraus aus dem G^anzen.** Der Entschluss, in die Einsam- 
keit zu gehen, ist aber nicht übereilt, augenblicklich in ihr entstanden. 
Er ist schon seit einem Jahre in Frau Blsie gereift. So lange hat sie 
gewartet, teils um sich selbst zu prüfen, teils weil sie nicht in die 
Ungewissheit gehen konnte. Während dieses Jahres liess sie sich näm- 
Hch die weisse Villa aufführen. Diesen Auftrag gab sie einem jungen 
Architekten Jörgen Malthe, dem aber der zukünftige Inhaber der Villa 
verheimlicht blieb. In gemeinsamer Arbeit mit Frau Elsie hat er den 
Entwurf geschaffen, im Glauben, er baue sie für eine geschiedene 
Freundin Frau Elsies. Der Abschiedsbrief an Malthe beginnt mit der 
Versicherung: „Wir beide sind ja Freunde,** lässt aber anderes als 
nur Freundschaft auf seiten des Architekten erraten. Im Brief an 
die Freundin sagt Frau Elsie direkt: „Jörgen Malthe, der liebe Mensch^ 
hat mich ja, wie ihr alle zu eurem Ergötzen gesehen habt, mit seiner 
jugendlichen Schwärmerei beehrt.** 

Ich werde auf den Brief Frau Elsies an Malthe noch zurück- 
kommen; jetzt will ich nur bemerken^ dass die ältere Freundin Malthe 
auf den zwischen den beiden bestehenden Altersunterschied aufmerksam 
macht. In wenigen Jahren würde er es nicht verstehen, wie es für 
ihn eine Zeit geben konnte, wo sie ihm „die einzige** war. Es war 
ihr peinlich, ihm die wahre Bestimmung der Villa zu verheimlichen ; 
sie musste aber schweigen, weü sie Verpfüchtungen ihrem Manne gegen- 
über hatte. Sie wünscht, Malthe möge sich jetzt, vielleicht mit der 
Ausnahme eines Lebewohls, schweigend verhalten. „Jetzt schliesse ich 
mich in meiner „weissen Vüla** ein und damit ist meine Geschichte 
aus'* — so endet der Brief. 

Es bleibt noch der Abschiedsbrief an den „lieben guten Freund 
und .ehemaligen Gatten** übrig. Hier wird ein neuer, ebenso vager 
Grund für ihren Entschluss angegeben : „Ich eigne mich offenbar nicht 
dazu, verheiratet zu sein.** Ihrem Manne hat sie nichts vorzuwerfen: 
„Ich wollte wirklich im tiefsten Ernst, dass ich dir etwas vorzuwerfen 
hätte .Aber ich habe dir nichts vorzuwerfen. Nach keiner Richtung 
hin.** Sie gibt nun ihrem Manne allerhand gute Ratschläge, tröstet 
ihn banal, wie die meisten Frauen in solcher Situation: „Du hast 
ja das Geschäft und die Freunde,** und macht ihm Andeutungen, dass 
er noch mit einer anderen glücklich werden könne. „Kein anderer 
Mann hat nur einen Zoll meines Herzens eingenommen** sagt sie zum 
Schluss. Es sei ihr selbst unbegreiflich, weshalb ihre Gefühle starben 
— es ist wahrscheinlich eine Nervenerkrankung, aber leider eine un- 
heilbare. 

Das Folgende sind Tagebuchaufzeichnungen und Briefe während 
eines Jahres in der weissen Villa. Das Jahr vergeht in wechselvollen 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

:3yV_:-UUglt UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Karin Michaelis: «Das gefthrliche Alter' im Liebte der PsychoaDalyse. 279 

Stimmungen ; einsam bleibt Frau Elsie während dieser Zeit Ihre einzige 
Gesellschaft sind das Kammermädchen und die Köchin. Um so mehr 
vermag sie sich auf eine Selbstanalyse zu konzentrieren. Sie wird 
nicht nur mit sich selbst fertig; sie ergründet die allgemeinen Ur- 
sachen ihres Zustandes — das Problem des Klimakteriums — , sie 
analysiert von diesem Standpunkte aus fremde Schicksale. 

Es ist das Tagebuch einer intellektuell hochstehenden Frau, die 
ein feines psychologisches Verständnis hat, deren Bewusstseinsbreite 
das Durchschnittsmass überragt: vieles, was andere Frauen verdrängen 
würden, läuft bei Frau Elsie bewusst ab. Aber es erweist sich, dass 
man trotz solcher Eigenschaften von dem eigenen Unbewussten hinter- 
gangen wird. Nicht bis zur allerletzten Tiefe dringt Frau Elsie vor. 
Kein einziges Mal wird der wahre Wunsch genannt, der sie in die 
weisse Villa trieb. Noch weniger kann Frau Elsie sich der Ursachen 
bewusst werden, die eine bestimmte Einstellung ihrer Affekte für das 
ganze Leben bewirkt haben. 

Von den ersten Zeilen des Buches an ist es klar, dass andere 
Motive als die von Frau Elsie benannten oberflächlichen Gründe sie 
zum Verlassen des Mannes bewogen haben. 

Es ist von vornherein wahrscheinlich, dass Jörgen Malthe hierbei 
eine Rolle spielen dürfte. 

In der Einsamkeit reift nun Frau Elsies Gefühl für Malthe; 
als das Jahr um ist und die Linden duften, ruft sie ihn, der geschwiegen 
hat, in leidenschaftlichen Worten. 

Malthe kommt, geht aber an demselben Tage wieder. Es ist zu 
spät; er liebt sie nicht mehr. 

Der Einsamkeit ist Frau Elsie nun nicht mehr gewachsen. Während 
der ganzen Zeit hat sie eine gewaltige Erotik in sich zu unterdrücken 
gehabt. Malthe ist ihr verloren und sie macht einen verzweifelten An- 
näh€Tungsversuch an ihren ehemaligen Gatten. Aber es hilft ihr nicht, 
dass sie sich zu einem schlau berechneten Briefe voll von Lügen 
und Hinterlist erniedrigt: Lindtner hat sich eben mit einem jungen 
Mädchen vermählt Sie schreibt ihm auf diese Mitteilung hin einen 
vulgär hohnvollen Brief, in dem der ohnmächtige Zorn allzu durch- 
sichtig ist und geht dann mit ihrem Kammermädchen auf eine Welt- 
reise, um ihre Niederlage in der weissen Villa zu vergessen. 

n. 

Die Untersuchung geht am besten von den Beziehungen zu Malthe 
aus. An der Oberfläche gelegen, sind sie Frau Elsies Selbstanalyse 
zugänglich; uns aber eröffnet sich von da aus der Einblick in die 
tieferen Schichten im Seelenleben Frau Elsies. Im Abschiedsbrief sucht 
sie dem Ton der älteren Freundin treu zu bleiben. Es entschlüpfen 
ihr aber kleine Geständnisse, die nicht zu einem rein freundschaft^ 
liehen Verhältnisse passen. Sie erinnert sich der schönen Stunden, 
in denen über alles, am meisten aber gar n i c h t s gesprochen wurde. 
Briefe werden nicht einmal einen Abglanz dieser guten Stunden geben 
können. „Ich glaube, wir waren sehr wenig geis&eich, wenn wir zu- 
sammen waren, und doch langweilten wir uns nie." 

Auch erfahren wir aus diesem Briefe, dass Frau Elsie ihren jungen 
Freund in der letzten Zeit mied. Schon am zweiten Tage der Einsam- 
keit wird eine kleine Erniedrigung an dem Liebesobjekt verübt Malthe's 

19* 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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280 Dr. med. Tatjana Rosenthal, 

einziges Geschenk, die Böcklin'sche „Villa am Meer*', wird der Köchin 
für ihre Kellerstube abgegeben. Offenbar versucht damit Frau Elsie 
sich zu beweisen, wie wenig ihr Malthe bedeutet. Diese Tendenz muss 
wohl einem starken, entgegengesetzten, aber verdrängten Affekt das 
Gleichgewicht halten; denn sie kann nur mit einer brüsken Kraft die 
Oberhand bekommen. Prau Elsie fühlt das Groteske dieses Sieges, sie 
schämt sich ihrer Handlung. 

Sie erhält verschiedene Briefe, erwartet aber nur einen — Malthe s 
Brief. Unbewusst hegt sie wohl ganz andere Hoffnungen, wenn sie 
über das Schweigen ihres jungen Freundes, an dessen Achtung zu 
zweifeln sie keine Gründe hat, grübelnd sagt: „Würdigt er mich 
keiner Antwort?" 

Nun kommt ein schöner und ruhiger Tag. Sie denkt an Malthe 
mit einem Gefühl der Freude, weil sie sound nicht anders 
gehandelt hat. Auf diese Weise erfahren wir von Frau Elsie zum 
ersten Mal, dass ein Zusammenhang zwischen ihrem Entschluss und 
dem Verhältnis zu Malthe besteht. 

Trotz „des Endes" erwartet sie etwas. Denn da steht plötzlich 
im Tagebuch: „Hier sitze ich und warte auf meinen Todfeind. Kommt 
er herangeschlichen oder werde ich die Stärkere sein?" Das passt 
schlecht zur Absicht: „Ich schliesse mich in meine weisse Villa ein 
und damit ist meine Geschichte aus." Malthes Name verschwindet 
jetzt von den Seiten des Tagebuchs. Hingegen beschäftigt sich Frau 
Elsie viel mit Betrachtungen über List und Lüge, Lächeln und Weinen 
— die Waffen des Weibes dem Manne gegenüber. Sie macht Geständ- 
nisse und Enthüllungen über manches, was von Männern schon lange 
erraten und den Frauen vorgehalten wurde. 

Das „zu spät" überwältigt Frau Elsie: „Das Leben ist an mir 
vorübergegangen; meine Hände sind leer, jetzt ist es zu spät. 

Das Glück pochte an meine Tür und ich Törin, ich tausendfältige 
Törin, liess es nicht ein. 

Ich beneide jede Dirne, die mit ihrem Galan ausser Landes laufen 
kann, aber ich bleibe sitzen und warte auf das Alter." 

Ekel erfasst sie über sich selbst, weil sie es nicht lassen kann, 
sich nach der Post zu sehnen, die ihr nichts bringt. „Nichts" sind 
ihr ja alle Briefe ausser dem einen. 

Schliesslich kommt der Brief von Malthe. Sie will ihn nicht 
lesen, verzeichnet aber im Tagebuche, dass der Brief schwer ist 
(dass Malthe also viel geschrieben hat). 

Der Brief löst in ihr einen Gefühlssturm aus, der zu dem Ge- 
ständnis führt: „Mein Gefühl für ihn war und ist heilig." 

Jetzt ertappt sie sich darauf, dass sie sich doch getäuscht hat: 
„Ich habe wieder Komödie mit dem heimlichen Hintergedanken ge- 
spielt, dass das Leben von neuem beginnen würde." 

Den Brief will sie verbrennen, kann es aber nicht über sich 
bringen. 

Sie ist fern davon, sich zu gestehen, dass ihrem Umzug in die 
weisse Villa der unbewusste Wunsch zugrunde lag, mit Malthe ein 
neues Leben zu beginnen. Dass es ihr in Wirklichkeit nicht auf die 
Einsamkeit und auf den Bruch mit Malthe ankam, sondern darauf, 
das Band zwischen ihnen beiden fester zu knüpfen, kommt ihrem 



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Karin Michaelia: .Das gefährliche Alter* im Lichte der Psychoanalyse. 281 

Bewusstsein wenigstens nahe, wenn sie schreibt: „Er und ich gehören 
unser leben lang zusammen, wir tuen es, weil ich klug war. Sieht 
er mich nicht, so wird er mich nie vergessen können.** Der Brief 
quält sie. Jetzt kommt sie zu der Einsicht, dass sie ihn vielleicht 
aus Feigheit nicht erbricht Sie verkehrt ihre Liebe in Hass: sie wäre 
froh, wenn man ihr schreibeu würde, Jörgen Malthe sei von einem 
Automobil überfahren, statt über seine Erfolge zu berichten. 

Malthe schweigt von nun an, wie sie es gewünscht hat: ,,Er 
hat meine Bitte zu schweigen erfüllt. Ausser dem einen Brief nicht 
eine Zeile. Das ist wohl das beste und ich habe es gewollt ,und 
doch . . .** Nun kann sie den Brief verbrennen, er ist ihr jetzt zu 
Nichts geworden und zwar darum, weil ihm nichts folgte. Lesen 
mochte sie diesen Brief nicht, denn sie war ja durch ihren Entschluss 
gebunden und konnte sich nicht lächerlich machen. Durch ihre Pas- 
sivität liess sie aber Malthe's Handeln freien Lauf. Malthe hatte aber 
ihren Beschluss ernstlich aufgefasst und sich ihm gefügt, es war also 
sein Abschiedsbrief. Der kann verbrannt werden — auch liegt 
darin für Frau Elsie der Trost der freiwilligen Entsagung, obwohl 
dem tatsächlich nicht so ist. 

Mehrere Monate sind verflossen. Viele Seiten des Tagesbuches 
sind ausgefüllt mit Allgemeinbetrachtungen über das Klimakterium; 
sie hat das Leben Joannes und ihrer Freundin Lili niedergeschrieben i). 

1) In Jeanne's Lebensbeschreibung^ begegnen wir dem psychologischen Phä- 
nomen der Kryptomnesie. Jnng (Zur Psychologie und Pathologie sogenannter 
okkulter Phänomene. Leipzig 1902) beschreibt die für uns hier lediglich in Betracht 
kommende Entstehungsweis© der Kryptomnesie auf intrapsychischem Wege (ohne 
Vermittelimg der Sinnessphären) folgendermassen : Es taucht im Bewusstsein eines 
Individuums ein Gedächtnisbild auf, das aher nicht primär als solches erkannt 
wird, sondern dem Individiitim als Produkt seiner origmellen Schöpfung erscheint. 
Über die Ursachen dieser Erscheinung sagt Jung: „Die kryptomnestische Vor- 
sfcelltmg ist durch ein Minimum von Assoziationen an den betreffenden Ich-komplex 
eeknüpft**. Jung erklärt femer diese Tatsache durch die UnVerhältnismässigkeit 
des Interesses des Individuums nnd des Objekts. Entweder ist das Objekt an 
sich etwas Geringes, oder das Interesse an dem Objekt ist aus den im Individuum 
liegenden Ursachen gering. „In beiden Fällen entsteht eine höchst labile Ver- 
bindung mit dem Bewusstsein, welche ein rasches Vergessen zur Folge hat Die 
leichte Brücke ist bald zerstört und die erworbene Vorstellung versinkt ins Un- 
bewusste, wo sie dem Bewusstsein nicht mehr zugänglich ist. Tritt sie nun 
wieder auf dem Wege der Kryptomnesie vor das Bewusstsein, so haftet ihr 
entweder der Charakter der Fremdartigkeit oder der oridnellen Schöpfung an, 
weil der Weg, auf dem sie ins Unbewusste eintrat, imaurfindbar geworden ist.'* 

Jung verweist femer auf die Übereinstimmung eines Passus aus „Also 
sprach Zarathustra** mit einer Episode aus Justus Kerner's „Blätter aus 
P r e V o r s t**, die Nietzsche als Kind gelesen hat. Es ist ein kryptomnestischejc 
Vorgang, der diese Übereinstimmung bedingt xmd für charakteristisch hält Jung 
eben das, dass ein ganz unwesentliches Detail mit beinahe wört- 
licher Treue reproduziert wurde, während die Hauptpunkte der Er- 
zählung individuell neugeschaffen wurden (Jung 1. c. 5,_113 — 114). 

In der Lebensbeschreibung J e a n n e s finden sich kryptomnestische An- 
klänge an das „Tagebuch einer Verlorenen*' ' von Margarete Böhme, das 
Karin Michaelis sicher kennt 

Frau Elsie macht eine wegwerfende Bemerkung über die psychologische 
Wahrheit dieser Bücher, unter denen dasjenige von Margarete Böhme das 
berühmteste geworden ist: „In der letzten Zeit ist es Mode gewesen, dass Dirnen 
und Freudenmädchen in Tac>ebuchform oder in Form von Geständnissen ihre 
Erlebnisse ausliefern. Aber ob wohl irgend eine Frau in dieser ganzen Literatur 
einen einzigen intimen Zug, ein einziges schamloses Entschleiern der innersten. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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282 Dr. med. Tatjana Rosenthal» 

Es wird zum Ereignis für Frau Elsie, dass ein Mann — ein Gärtner — 
im Hause erscheint. Er wird für sie zu einer Quelle von Empfindungen 
und beschäftigt sie bis zu Zwangsgedanken. Malthe's Name aber bleibt 
immer unerwähnt. 

Den Anlass zur Aufhebung der Verdrängung gibt eine Mitteilung 
der IVeundin, Malthe sei aus dem Auslande zurückgekehrt. Nun ist 
der negative Affekt der misslingenden Verdrängung da: Frau Elsie 
wird verstimmt. 

Sie versucht jetzt in der Phantasie abzureagieren. Sie bringt 
sich Malthe in der Phantasie nahe: „Wäre er zehn Jahre jünger oder 
ich noch zehn Jahre älter, so hätte ich ihn adoptieren können. Es ist 
schon früher vorgekommen, dass ältere Damen sich auf diese Weise 
Schosshunde ersetzten. Und ich hätte ihm eine Frau ausgesucht ! Hätte 
eine Schar von Schönheiten um mich versanmielt und die allerschönste 
gewählt. Welch' eine Aussicht!" 

Ich werde später darauf zurückkommen, weshalb das Verhältnis 
von Mutter und Sohn, das in dem Empfinden der Frau dem Geliebten 
gegenüber doch nicht selten ist, hier von Frau Elsie nur als Adoption 
gedacht werden kann. Auch die Ironisierung und Schmähung des Ver- 
hältnisses ist wohl nicht Zufall. 

„Ich habe mich nicht lächerlich gemacht und ich will mich 
auch nicht lächerlich machen!" ruft Frau Elsie aus und . . . wenige 
Seiten weiter finden wir den sehnsüchtigen Liebesbrief. 

„Sie sind der einzige Mensch, den ich geliebt habe," beginnt dieser 
Brief an Malthe. Sie gibt eine neue Motivierung ihrer Flucht in die 
Einsamkeit: „Ich floh vor meiner eigenen Liebe, ich floh vor meinem 
Alter." Und nun folgt ihre ganze Lebensgeschichte. Sie sagt, sie habe 
niemals geliebt. Das Geld war ihr Abgott; als 16 jähriges Mädchen 
war sie bereit einen reichen alten Mann zu heiraten, und die Ver- 
lobung wurde nur deshalb gelöst, weil die Heirat dem Bräutigam selbst 
als Verbrechen erschien. Ihren Mann habe sie nur aus Berechnung 
geheiratet. Schon seit 10 Jahren liebe sie Malthe, habe sich aber 
nicht entschliessen können, ihm zu folgen, weil er arm war. Hätte 
er ihr vorgeschlafen, seine Geliebte zu werden, so würde sie nichts 
davon abgehalten haben. Malthe war aber dazu zu redlich. Sie wusste, 
dass, wenn er ihre Gefühle ahnte, er sie zu einem offenen Bruche mit 
dem Manne veranlassen würde — die Angst vor der Armut hinderte 
sie aber daran und sie verbarg ihre Gefühle. Nun hat sie vor 2 Jahren 
ihren ersten Bräutigam beerbt — jetzt würde sie ein neues Leben 

Gefühle gefunden hat, die sonst hinter Tausenden von Schleiern verborgen 
werden? — Ich glaube es nicht, nein.*' 

Wenn nun Karin Michaelis das Leben der verlorenen Jeanne erzählt, 
so schafft sie einen ganz neuen psychologischen Knoten des Dramas, aber auf- 
fallend ist es, dass Jeanne ebenso wie die Tymian im „Tagebuch einer Verlorenen** 
die Tochter eines Apothekers ist, von einem Apothekergehilfen sich 
verführen lässt und ebenso wie die Tymian sich weigert ihn zu heiraten. Auch 
klingt der französische Name Jeanne für eine Dänin befremdend (Frau 
Elsie berichtet ausserdem, dass Jeanne Fransösisch kann), wir müssen 
uns aber erinnern, dass die Tymian eine grosse Ähnlichkeit mit einer Ahnin 
hat, in deren Adern französisches Blut geflossen hat, und auf die sie 
die leichtsinnigen Tropfen ihres Blutes zurückführt. 

Wir finden hier also eine Kryptomnesie mit den von Jung angegebenen 
Eigentümlichkeiten. 



C nnnl^ Orrginaf frcrnn i 

:3y v_:-uijgliw UNIVERSITY OF MICHIGAN \ 



Karin Michaelis: ,|Das gefährliche Alter* im Lichte der Psychoanalyse. 283 

wagen, aber . . . nun muss sie an den Altersunterschied zwischen sich 
und dem Geliebten denken; der macht sie unsicher. „Deshalb fasste 
ich meinen einzigen grossen Entschluss, vor meiner eigenen Liebe 
zu fliehen." Sie findet die sehnsüchtigsten und leidenschaftlichsten 
Worte, um Malthe zu rufen und fühlt sich nach ihrem Liebesbekenntnia 
als Jungfrau, als Braut an der Schwelle des Lebens. 

„Alles was war, ist nicht mehr, ich bin Elisabeth Bu^ge und 
stehe noch auf der Schwelle zu dem grossen schönen Leben." Im 
weissen Kleide erwartet sie den Geliebten in ihrer weissen Villa. 

Wir wissen schon, dass es zu spät für ein neues Leben war, 
dass diese Hoffnungen an der harten Notwendigkeit scheitern mussten. 

Dieser Brief ist für uns besonders wertvoll, denn er gibt uns 
einen tieferen Einblick in Frau Elsies Seelenleben. 

Erstens werden uns die Ursachen der Flucht in die Einsam- 
keit klar. 

Die alternde Frau fühlt sich unsicher in ihrer letzten herbst- 
lichen Schönheit, sie kann der Zukunft nicht trauen, sie muss jeden 
Tag fürchten, der sie dem Welken näher bringt; sie fühlt das Er- 
niedrigende der steten Sorgen um die entfliehenden Eeize. 

Zwar versichert uns Rrau Elsie, sie sei noch so schön wie zuvor, 
aber weiter erzählt sie, wie sie einst im römischen Bade durch den 
Anblick einer Frau verletzt wurde, die ohne Kleider abschreckend 
hässlich erschien. Die Scheu Frau Elsies, unangekleidet von einer 
Frau gesehen zu werden, beruht auf verschiedenen, später zu erwähnen- 
den, verdrängten Gedanken. Hier sei zunächst nur der eine erwähnt: 
„So werde ich selbst auch einmal." 

Aber nicht in der Unsicherheit, der Furcht nicht genug schön 
zu sein, liegt der Hauj)tgrund der ^,Retraite", Dieser Hauptgrund, 
der^ weil am tiefsten verdrängt, der Selbstanalyse entgeht, ist die Hoff- 
nung, Malthe auf diese Weise zu einem entscheidenden Schritte zu, 
bringen. 

Er war zu redlich, um die Frau eines anderen zu berühren. Sie 
wird frei und einsam. Jetzt kann er um sie werben — wenn sein 
Gefühl für sie stark genug ist. ' Wären seine Gefühle stark genug, 
würde ihn dann ihr Hinweis auf den Altersunterschied abstossen oder 
das Verbot, ihr zu schreiben? Müsste nicht ihr Bruch mit dem Manne 
in ihm Vermutungen und Hoffnungen erwecken? 

In seinem Briefe vermutet sie, wenn sie sich dessen auch nicht 
bewusst wird, eine Liebeserklärung. Sie kann ihn aber nicht lesen; 
es wäre zu trivial, wenn die „Betraite** so rasch in eine neue Hoch- 
zeitsreise- umschlagen würde; auch bedarf es der Zeit, damit Elsie 
Lindtner sich zu Elisabeth Bugge läutere. Malthe kommt nicht, er 
schweigt. Frau Elsie schwankt zwischen Hoffnungen und Zweifel, des- 
halb der innere Kampf, bis sie ihren Entschluss, Malthes Brief zu 
verbrennen, ausführt. Dann aber bekommt die Hoffnung wieder die 
Oberhand; das zeigt sich in dem Liebesbrief und in dem, wie sie 
Malthes Kommen auffasst. 

Weshalb aber kommt die Liebe so spät? Warum ist es Frau 
Elsie nicht gelungen, schon früher einem harmonischen Gefühle zu 
leben? 



C^ nonl^ Orrginaf fnorti 

:3yV_:-UUglt UNIVERSITYOF MICHIGAN 



284 Dr. med. Tatjana Rosenthal, 

Sie gesteht in ihrem Liebesbrief einen Geldkomplex. Die 
grosse Achtung vor dem Gfelde, die Neigung zur Geldheirat ist ja 
eine gewöhnliche Erscheinung in den bürgerlichen Kreisen. Oft 
sind die Eltern das aktive Moment beim Entstehen der Geldehe, die 
Tochter macht oft einen inneren Kampf durch, bis sie den Zureden 
der Eltern folgend, auf liebe verzichtet und mit innerem Widerstreben 
in die Geldheirat einwilligt. 

Anders bei Elisabeth Bugge! Das junge Mädchen selbst zeigt 
eine abgöttische Verehrung des Geldes; sie gebraucht alle mögliche 
List, um — aus eigenem Entschluss — die Frau eines alten reichen 
Mannes zu werden. 

Diese Geldabgötterei des 16 jährigen Mädchens übertrifft über- 
raschend das soziale Durchschnittsmass, der Geldkomplex muss hier 
in individuellen Yerhältnissen begründet sein. Es erweist sich auch 
bei der Analyse, dass er im .Vaterkomplex wurzelt: das Geld 
hat im Leben des Vaters eine verhängnisvolle Rolle gespielt. Bei einer 
Kassenrevision zeigte sich, dass er sich strafbar gemacht hatte. Nur aus 
Güte — wie Elsie hinzufügt — indem er einem Freunde ein Darlehen 
gab. Der Vater wurde durch sein Unglück „ein nach aussen und 
innen gebrandmarkter Mann** und lebte nur seiner Schande. Für sie 
aber ist er „die Redlichkeit selbst**. Sie ist unter seinem aus- 
schliesslichen Einfluss gross geworden; ihre Mutter starb 
bei ihrer Geburt. 

Durch Geldmangel wurde der Vater unglücklich. Hätte man Geld^ 
so wäre er glücklich; im Gelde ist also Glück. 

Man wird einwenden, der Mensch sei im Innersten nicht so 
altruistisch, dass allein die Liebe zum Vater ein Mädchen bewegen 
könnte, sich zu verkaufen. Tatsächlich fällt das Interesse der Tochter 
aber mit dem des Vaters zusammen; unbewusst identifiziert sich 
Elsie mit ihrem Vater, 

Der Geldkomplex wurzelt in den frühesten Affekten der Kindheit ; 
er wird souverän. Das 16 jährige Mädchen ist tief unglücklich, als 
der alte Bräutigam, die Folgen einer solchen Ehe voraussehend, die 
Verlobung auflöst Und als 3 Jahre später ein Künstler, den sie zu 
lieben anfängt, und ein reicher Fabrikant gleichzeitig uin sie freien, 
kann sich Elisabeth Bugge nur im Sinne ihres Geldkomplexes ent- 
scheiden. 

Sie heiratet einen Mann, der intellektuell unter ihr steht. Er 
wird „Herr ihrer Sinne**. Er vermag sich aber ihrer geistigen Eigen- 
art, sie sich seinem „grossbürgerlichen** Wesen nicht anzupassen. Als 
sie in den 30 er Jahren wirklich einen Mann liebt, steht der unüber- 
windliche Geldkomplex wieder im Wege. 

Endlich kommt sie zu eigenem Vermögen, aber da ist das Klimak- 
terium schon nahe. Das Gefühl, es könne nun zu spät sein, die Qual 
der Unsicherheit, die Ahnungen vom nahenden Ende des Liebeslebens, 
die fieberhafte Eile, die übrigbleibenden Augenblicke zu erhaschen 
und ein Anstrum der Libido, der bei der intellektuell hochstehenden 
Frau die Kritik zum Schweigen bringt, führen sie zu ihrem „grossen 
Entschluss** oder zu dem „elend auslaufenden Kartenspiel**, wie sie 
es selbst zum Schlüsse nennt. 



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Karin Michaelis: «Das gefährliche Alter* im Lichte der Psychoanalyse. 285 

Dass der Vaterkomplex für Frau Elsies Leben entscheidend wurde, 
beweist uns ihre Jugendgeschichte. Freilich lernen wir sie nicht ge- 
nügend in diesem Buche kennen. Aber die Heldinnen anderer Romane 
von Karin Michaelis tragen gewisse, sich stereotyp wiederholende 
Züge, die uns ein Büd des Mädchens geben, wie Elisabeth Bugge es war. 

Es ist kein Zufall, ^ass Karin Michaelis, die Dichterin der 
weiblichen Erotik, sich nicht nur mit dem Klimakterium, sondern 
noch viel mehr mit dem entgegengesetzten Pol, dem „Frühlings- 
erwachen" beschäftigt Ihre Mädchengestalten wie Tora, Gyda, Annina, 
Andrea (vgl. „Backfische", „Gyda", „Das Schicksal der Ulla Fangel", 
„Das Kind") gewähren uns Einblicke in die Psychologie dieser Periode. 
Ich kann cüese Frage hier aber nur insofern berühren, als sie mit 
dem letzten Werke der Schriftstellerin im Zusammenhang steht. 

Es handelt sich immer um ein ausserordentlich ^ut und viel- 
seitig begabtes Mädchen mit einer reichen Phantasie, die bei Gyda 
ins Pathologische der hysterischen Visionen übergeht. Als schwärme- 
risch, wankelmütig und mutwillig werden sie von der Umgebung 
charakterisiert; sie haben starke Affekte, die sich mit übermässiger 
Stärke äussern. Keiner von ihnen fehlt der hysterische Anhauch, viele 
entsprechen dem Typus der talentvollen Hysterika. 

Für die Beziehung des Kindes zu den Eltern ist besonders die 
Erzählung „Das Bind" interessant Auch hier ein Tagebuch. Andrea, 
die mit 16 Jahren stirbt, schreibt darin als 13 jährige: „Ich kann 
wohl in den Himmel kommen mit Mutter, die ist so fromm und geht 
zur Kirche, aber Vater — das ist doch ganz unmöglich. Was sollte 
der wohl im Himmel? Ich will aber mit Vater! Amen! Vater ist 
wunderschön !" 

Die kleine Andrea liebt auch ihre Mutter, aber die ist nur „die 
gute Gluckhenne" — einen anderen Namen hat das Kind für sie nicht. 

Einmal hört Andrea, wie der Vater auf das eifersüchtige Aus- 
fragen der Mutter ihr hinwirft: „Ich komme natürlich von meiner 
Gfeliebten.** Andrea ist aufs Innerste bewegt. Sie fühlt sich so für 
die Mutter beleidigt, dass sie zu einem Bekannten hingeht und ihn 
bittet, der Mutter den Hof zu machen. So will sie die Mutter rächen 
(unbewusst freilich möchte sie die Mutter, weil sie ihre Rivalin in 
der Liebe zum Vater ist, diesem die Treue brechen lassen). Sie will 
einen Roman „Der Treulose" schreiben. Sie ist verzweifelt, weil der 
Vater die Geliebte vielleicht auch auf die Augen küsst; sie will 
alle Damen beschnüffeln, ob sie etwa den Geruch von des Vaters 
Kleidern an sich haben; sie will die Geliebte des Vaters beschimpfen. 
Kurz, ihre Eifersucht erreicht die höchste Stufe. Als sie sich endlich 
mit dem Vater ausspricht und erfährt, dass seine Äusserung nur ein 
Gerede war, ist sie glückselig und weint vor Freude. Nun legt sie 
ihren Rubinring auf das Kopfkissen des Vaters und zwei rote Nelken 
dazu. Aber in den Ring soll ein Goldschmied einritzen :^,VonDeiner 
Geliebten!** Und das ist sie, Andrea. 

Die Mutter ist „eine richtige Gluck-Gluckhenne** ; sie ist zärt- 
lich zu ihr, erniedrigt sie aber, wie eine Rivalin die andere: „Vater 
ist vornehm und stolz und so etwas, aber Mutter sieht so aus, yie 
die Humpelmalene, wenn sie um alte Kleider bettelt.** 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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^^ Dr. flM. TftlJMHi Biwfthnl, 

KfK^nv; Ä^rt. iJfi'J anhan;'ljch «pricht Alma r. .Selchau^; von ihrem 
VfiU^. >fit ^J^rm Va*^?r ritt Hin in ihrer Kindheit auf seinem Pferde 
zum *'rr<tf'U MhU'. aim. Hie »a^ »^;IVM, dass die Empfindungen beim 
iU:}U'.u ihr rorJ/ildli^rh für ihre erotischen Empfindungen wurden- Sie 
yfrrfirA}Ud (U^^^isfm ihre Mutt/^r, die Schauspielerin. 

Jri and'T^m Kr;:ählun^^en schildert Karin Michaelis die im 
XHUtrUffffwUix f^'^^ründete FejndHr;haft zwischen Mutter und Tochter. 
Mafichmal »tirht die MutU;r früh; bleibt sie aber leben, so verfährt 
Mi« oft hart ^r^ointin^jh ^e^^mtiber der Tochter, Frau Boeggild^) 
^i^'ji^t die mnfU'. (.'IIa unt^^r ihrem strengen Willen; sie jgibt sie einem 
tt)f-^',n Mfinno zur Krau, dem »ie ihre eigene Hand zweimal verweigert 
hat, Kiy^'UHo entnrdieid^rt Anna*; üf>er das Schicksal ihrer Tochter schon 
M ihnT 0*;burt: nie soll ihrem Oheim zur Frau gegeben werden. 
Anna n^dbnt hat dieHen geliebt, hat aber seinen Bruder geheiratet. 
Hio bMhunrJelt die Tocht^jr wie einen Teil ihrer selbst; sie entscheidet 
ü)}i)r il'w Tochter ohne Rücksicht auf deren Individualität. So bringt 
die Mutt^ir die Tochter in» Unglück: Ulla ertränkt sich; Gyda heiratet 
ihr4>n Ohoim, während sie einen anderen Mann liebt. 

Antiiria^) hdint Hich gegen die despotische Mutter auf. Sie hasst 
nie; alle ihre Hympathien nind auf der Seite des Vaters, der die Mutter 
vc.rliiMMen hat 

lUXiy lloHa^; iiut den Soliandflock auszulöschen, dass ihre Mutter 
eine Dirne war. Jeaniie*) wird zur Prostituierten durch die Treu- 
hmigkeit ihrer Mutt<!r. SchlieHHlich treten in dem Buche „Die junge 
Frau Jonna'* Muttcjruiid Tochter als wirkliche Rivalinnen auf — sie 
liehen ojnen und detiHelben Mann. 

l)i<«HPn ztihlr(U(^heti und mannigfachen Äusserungen des Yater- 
komnlr,X(<N KcitMi n()(*li zwei Inzestnhantasien hinzugefügt: Betty Rosa's 
Mtitw^r, (li(* Dirne, klagte iliren Vater dos Inzestes an. Der Pflege- 
viiti^r verfolgt wauell neine Pflegetochter Rachel (in dem gleich- 
namigen Uotnun). 

Dio KrauiMi in Karin Michaelis Werken träumen als Back- 
fim^he von LielHi. gt»liobt sein und heiraten; sie sind voll unbewusster 
Krotik. 

Hill hoiruton jung, meist sexuell unwissend. 

Karin Mieha<^liH schildert gern das infantile Benehmen der 
Krau i!U Hi^ginne der Khe, Im ..Schicksal der Ulla Fänger* wird 
Anuina von ilm^in Manne 8o.\uoll aufgoklürt, indem er ihr das Märchen 
\{)\\ oinom verKaubt»rtv»n Prinzen zu lesen gibt In „Däumelinchen" 
Hind die Ht^ziehungen der Hatten lange Zeit Exhibitionsszenen von 
kiudliohun rharakter» Wenn alwr die Frau für den sexuellen Akt 
\v\( wird, s(^ wird er immer als grosses Geheimnis, als unbeschreib- 
Hohes (Uüok gosehildert Kine Ausnahme bildet Ulla Fangel, die an 
\\\\\'V Klie mit einem lUten Manne zui^runde geht (^s. oben" durch die 
Sohuld der Mutterl 

*^ Knriu MiohjioHs: .JV>r Monoh «oht auf dio \Vioso'\ 

• ^ K %i r I u M I c h A o I i s : ».Oas Sohioksal dor HIä Faiigrl'*. 
«^ K n rn\ Mir h a o I i s : „i'^yda". 

*^ K rt IM n M I h a o I i s: ..Oas Sohioksal dor lila Faiigol". 
»'^^ K A r u\ M i h A o h s : .JVtly Uosa*\ 

♦ ' K Ä i i u M I l\ a o l i * c ».Uas* gofahrliche Allor'\ 



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Karin Michaelis: .Das gefährliche Alter' im Lichte der Psychoanalyse. 287 

Soll eine Übertragung der Libido auf den Mann zustande kommen, 
so ist die Voraussetzung, dass die Frau die infantile Liebe zum Vater 
verdrängt hat. Diese Verdrängung erfolgt in Form der Identifizierung 
mit dem Vater; auf diesem Wege entsteht der Autoerotismus 
(Narzissmus) der Tochter (vgl, Freud: „Eine Kindheitserinnerung des 
Leonardo da Vinci", Wien u. Leipzig 1910, Deuticke). 

Frau Elsie erzählt, dass sie als 16 jähriges Mädchen ganze Nächte 
hindurch am Spiegel sass. Es geschah wohl aus anderen- Ursachen als 
nur zum Einstudieren des Lächelns (wie sie es vermeint}. Noch im 
Klimakterium finden wir autoerotische Züge: verliebt spricht Frau 
Elsio von ihrem Haar, ihren Wimpern, ihren Händen. 

Selbstverliebt erzählen uns die kleinen, zierlichen Frauen in 
Karin Michaelis Bomanen von ihrem reizenden Äusseren und be- 
zaubernden Wesen 1). 

Der Geldkomplex, der auch in der Identifizierung mit dem 
Vater wurzelt, hat beim autoerotischen Mädchen die Wahl des Gatten 
bestimmt. Zwar gesteht uns Karin Michaelis den Geldkomplex 
in der Geschichte dieser jungen Ehen nicht so offen, wie es Frau 
Elsie für die ihre tat Gewöhnlich trifft es sich aber, dass das Mädchen 
in eine höhere soziale Stufe hineinheiratet. So wird die Tochter eines 
kleioen Zollbeamten die Frau eines Marineoffiziers („Däumelinchen*'), 
Anna Böggild heiratet einen von Plessen („Schicksal der Ulla FäJigel"), 
genau wie Elisabeth Bugge, die Tochter eines entehrten Beamten, einen 
reichen Fabrikanten. 

Die weitere Geschichte der Ehe bedeutet eine weitere Loslösung 
der Libido vom Vater. Die Frau kann sich in der Ehe zur Geliebten 
des Mannes entwickeln. Dagegen vermissen wir bei Karin Michaelis 
jede positive Psychologie der Mutterschaft. 

Der Frau Böggild*'), die ihr Mann verlässt, bleiben ihre vier 
Töchter, aber „die Kinder bedeuteten so wenig im Vergleich zur Liebe, 
die sie trotz allem für den Mann empfand^ dass sie sie gern einem 
Moloch hingeworfen hätte, wenn das Opfer ihn hätte zurückführen 
können.** In der Erzählung „Das Kind" lebt die Mutter nur ihrer 
Andrea — aber sie ist eben die „Gluckhenne", die beschränkte, ihrem 
vornehmen Manne gegenüber insuffiziente Frau, die ihn über alles 
liebt, aber die Liebe zu ihm tief verbergen muss. Die Liebe zur 
Tochter muss ihr Ersatz bieten. 

Frau Elsie spottet über ihre Freundin Lili, die eine fürsorgliche 
„Gluckenmutter** für ihre Töchter ist. Für die Kinder Lili's hat Frau 
Elsie keine anderen Worte als „deine langen Töchter** oder „eine Söhar 
dummer, gleichgültiger Kinder*'. Wenn Lili ins Unglück gerät, glaubt 
Frau Elsie, ihr würde es leicht sein, der Freundin nicht nur den Mann^ 
sondern auch die Schar dummer, gleichgültiger Kinder zu ersetzen. 
Sie äussert geradezu einen Hass gegen Lili's Kinder, weil sie die 

^) Die Frau ist das Zentrum des Romans bei Karin Michaelis. Auch haben 
die meisten Bücher einen Frauennamen zum Titel. Das Interesse der Verfasserin 
ist unverhältnismässig verteilt: die Frauengestalt ist bis auf die feinsten Details 
geschildert, die Persönlichkeit des Mannes gewöhnlich undeutlich, vage. Insofern 
der Mann keine väterlichen Zü^e trägt, ist er nur dazu da, imi die Frau zu 
lieben oder sie zur Liebe zu erziehen. 

2) Karin Michaelis: „Das Schicksal der Ulla Fänger'. 



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288 Dr. med. Tatjana Bosenthal, 

Jugend repräsentieren, von der sie selbst einmal verdrängt werden 
«wird. „Zwischen den Generationen**, meint Frau Elsie, „besteht die- 
selbe P^eindseligkeit wie zwischen den Geschlechtem.** „Könnten Frauen 
sich neue Jugend erkaufen, indem sie das Herzblut ihrer Kinder tränken, 
so würden viele Mordtaten im Geheimen verübt werden.** Für sich 
persönlich dankt Frau Elsie dem Himmel, dass er sie nicht „mit Söhnen 
belastet hat**. 

Ich erinnere an die Phantasie, sie könnte Malthe adoptieren, 
wenn der Unterschied zwischen ihnen beiden noch um 10 Jahre grösser 
wäre. Auch in der Phantasie ist ihr eine echte Mutterschaft eine 
psychologische Unmöglichkeit. Auch höhnt sie selbst über ihre 
Phantasie. 

Gerade das gegenteilige Empfinden treffen wir bei Frauen mit 
starken mütterlichen Gefühlen. Sie vermögen das Muttergefühl ihrer 
Erotik beizumischen. So sagt das Weib in einem der erotischen Ge- 
dichte in Richard DehmeUs „Zwei Menschen** dem Geliebten im 
tiefen Ernst: 

„0 hätte ich dich selbst geboren!** 

Fassen wir die Ergebnisse der Analyse zusammen. Die Andeu- 
tungen Frau Elsies über ihre Kindheit finden ihre Bestätigung in 
Karin Michaelis früheren Romanen. Die übergrosse Liebe zum Vater 
wurde für Frau Elsies Schicksal determinierend. Sie gipfelte bei ihr in 
der Identifizierung mit dem Vater. Auf diesem Wege naJum die verdrängte 
Liebe zum Vater die Formen des Autoerotismus (Narcissmus) und 
Geldkomplexes an. Der Geldkomplex hat die Wahl des Gatten bestimmt. 
In der Ehe vermehrte sich die Fähigkeit, die Libido auf ein anderes 
Individuum zu übertragen. Aber erst die vollständige Erledigung des 
Geldkomplexes machte den unverbrauchten Libido - Anteil frei — 
tragischerweise erst im Klimakterium. 

Der Vaterkomplex jpersistiert noch immer in Form des Hasses 
gegen die Mutter. Die Vorstellung der Mutter bleibt mit verächtlichen 
Eigenschaften ausgestattet. Darum mag Elsie selbst keine „Gluckhenne** 
werden. Sie hasst die Kinder, deren Mutter sie sein könnte. 

Dem Autoerotismus mischen sich in späteren Jahren homosexuelle 
Neigungen bei. Über den inneren Zusammenhang des Autoerotismus 
und der Homosexualität und ihre Psychogenese hat uns Freud ge- 
lehrt. Freud sagt: „Die Liebe zur Mutter kann die weitere bewusste 
Entwickelung nicht durchmachen, sie verfällt der Verdrängung. Der 
Knabe verdrängt die Liebe zur Mutter, indem er sich selbst an deren 
Stelle setzt, sich mit der Mutter identifiziert und seine eigene Person 
zum Vorbild nimmt, in dessen Ähnlichkeit er seine neuen Liebesobjekte 
auswählt. Er ist so homosexuell geworden, eigentlich ist er in den 
Autoerotismus zurückgeglitten i) .....** Wichtig ist auch, was die» 
Psychoanalyse bei Homosexuellen ergibt: „Bei allen unseren homo- 
sexuellen Männern gab es in der ersten, vom Individuum später ver- 
gessenen Kindheit eine sehr intensive erotische Bindung an eine weib- 
liche Person, in der Regel an die Mutter, hervorgerufen oder begünstigt 
durch die Überzärtlichkeit der Mutter selbst, ferner unterstützt durch 
ein Zurücktreten des Vaters im kindlichen Leben 2).** 

^) Freud: „Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci", S. 36. 
2) Freud 1. c. S. 35. 



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Karin Michaelis: «Das gefährliche Alter" im Lichte der Psychoanalyse. 289 

Freud will dieses Beobachtungsresultat nicht als den einzigen 
Modus der psychosexuellen Hemmungsprozesse hinstellen, die die Homo- 
sexualität hervorrufen und bemerkt, dass „auch wir die Mitwirkung 
unbekannter konstitutioneller Faktoren nicht abweisen können, .von 
denen man sonst das Ganze der Homosexualität abzuleiten pflegt i). 

In unserem Falle kommt natürlich in analoger Weise eine Bin- 
dung der Tochter an den Vater in Betracht. Die Geschichte Frau 
Elsies ist eine allmähliche, obwohl nicht definitive Ablösung vom Vater. 
Es ist bei ihr keine Indifferenz für das männliche Geschlecht ent- 
standen. Aber, die sonst unverständKchen, autoerotischen und homo- 
sexuellen Züge, die sich ihrem starken heterosexuellen Empfinden bei- 
mischen, finden ihre Erklärung im Vaterkomplex. Und es ist zu ver- 
folgen, wie der Autoerotismus der jüngeren Jahre sich später in die 
homosexuelle Neigung zu einem jungen Mädchen verwandelt: Joanne 
tritt an die Stelle, die früher Elsies eigenes Bild einnahm. 

Frau Elsie lässt sich von Jeanne stundenlang frisieren; sie be- 
obachtet, wie ihr Haar auf Jeanne erregend wirkt („Ihr Blick wurde 
ganz warm"). Jeanne hat das Geheimnis dieses Haares entdeckt. „Gleich 
am Morgen, wenn Jeanne mein Haar aufsteckt, fängt das kribbelnde 
Wohlbehagen an, das den ganzen Tag hindurch währt." „Jeanne's 
Blick hat etwas Feines und Gleissendes, das mir Gesellschaft leistet — 
wie der geistvollste Charmeur. Für sie schmücke ich mich im Grunde 
auch wohl." Frau Elsie freut sich, dass Jeanne den Gärtner, den 
einzigen Mann im Hause, verabscheut Auch hat ihr Jeanne gestanden, 
sie fühle sich so angezogen von Frau Elsie, dass, wenn sie ein Mann 
wäre, sie sie lieben und ihr alles opfern würde. Und am Schlüsse 
jubelt Frau Elsie förmlich, weil Jeanne mit ihr auf die Weltreise will. 

Der schon früher erwähnte Widerwille, sich einer Frau ent- 
kleidet zu zeigen, wird jetzt aus der Verdrängung der homosexuellen 
Libido erklärlich. 

Frau Elsie ist es unmöglich, in Jeanne's Gegenwart zu baden. 
Sie äussert ferner über sich und ihre Dienerin: „Ich und sie haben 
das gemeinsam, was man sonst nur zwischen Blutsverwandten findet. 
Wir sollten nicht unter einem Dache wohnen." 

Der zweite Satz enthält die homosexuelle Gefahr, aber der erste 
besagt, dass Frau Elsie sich mit Jeanne identifiziert — das bildet 
auch die Brücke vom Autoerotismus der früheren Jahre zur Neigung 
für das gleichgeschlechtliche Objekt ausserhalb des eigenen „Ichs". 
Wir finden auch die Brücke, die diese Identifizierung ermöglicht. 
Jeanne war nämlich eine Prostituierte und Frau Elsie hat sich 
in ihrer Jugend für Geld verkauft* 

Den Prostitutionsphantasien verwandt ist Frau Elsies Idee, das 
Schlafzimmer in der weisen Villa ganz apart einrichten zu lassen — 
mit einem Glasdache, wie ein Atelier. Eia wie unj)raktischer Gedanke 
das war, bemerkt pie schon in der ersten Nacht, als der Regen ihr 
Lager durchnässt. Der Wunsch, unter einer Glasdecke zu schlafen 
(allen sichtbar, allen offen), bedarf keiner weiteren Deutung. Aber 



.'i 



Freud 1. c. S. 37. 

Über ProstitTitionsphantasien vgl. Freud (Traumdeutung, II. Aufl. 1909, 
S. 143) und Abraham (Jahrb. f. Psychopath, u. Psvchoan. Forsch. Bd. II, 
H. 1, S. 17). 



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290 Dr. med. Tatjana Rosenthal, 

wir werden noch auf eine infantile Quelle dieses Wunsches verwiesen. 
Frau Elsie schreibt ihrer Freundin als Motivierung dieses Wunsches: 
„Ich will mit den Sternen in Ermangelung der lieben Männer flirten.** 
In diesem Scherze ist die unbewusste erotische Bedeutung des Wunsches 
enthalten. 

Frau Elsie ist nicht die erste unter Karin Michaelis Frauen, 
die den Wunsch hat, unter dem Sternenhimmel zu schlafen. 

Die schöne, elfenhafte Mama in der Erzählung „Backfische*' lässt 
ihr Bett, sobald ihr Mann verreist ist, in den Turm hinauftragen, 
wo der Sternenhimmel hineinsieht. 

Auch Mädchen haben bei Karin Michaelis oft diesen Wunsch. 
In der Erzählung „Das Kind** finden wir die seltsame Phantasie, die 
Sterne seien die Läuse Gottes. 

Nun ist es eine geläufige Eedensart, die Sterne wären die Augen 
Gottes (Augen sind bei den Frauen Karin Michaelis oft eine 
erogene Zone). Sterne sind also Attribute des himmlischen Vaters, 
der den irdischen in der Nacht, wo der letzte doch nicht bei der 
Tochter weilen darf, ersetzen soll. 

In der Einsamkeit kehrt Frau Elsie, ganz wie die allein bleibende 
Mama in den „Backfischen**, zu ihren ersten erotischen Reminiszenzen 
zurück. 

III. 

Wir wollen nun die spezifischen Faktoren betrachten, welche 
das Klimakterium in das Schicksal Frau Elsies bringen musste. 

Wir analysierten bereits Frau Elsies Verhalten zu ihrem Ge- 
liebten und wiesen auf ihre Unsicherheit, auf das charakteristische 
Motiv der welkenden Schönheit, der Insuffizienz dem Geliebten gegen- 
über hin. 

Sie spricht in ihrem Tagebuch offen von ihrem starken sexuellen 
Verlangen. Die Unruhe des Blutes quält sie: „Mein Körper bedarf 
wohl einer Umarmung . . .** „Ich entbehre Richard** (ihren Mann), 
„nicht den Freund, sondern den Liebhaber.** Sie will durchaus keine 
männliche Bedienung in ihrer Einsamkeit haben; als sie dennoch ge- 
zwungen ist, einen Gärtner zu nehmen, wählt sie absichtlich den häss- 
lichsten. Aber auch seine Anwesenheit macht sie unruhig. Sie kann 
es nicht lassen, nach ihm hinzusehen; sie findet etwas Besonderes 
an ihm: „Nie in meinem Leben habe ich einen Mann so auf seinen 
Beinen gehen sehen.** Sie muss immer an sein Verhältnis zu ihrer 
Köchin denken. Sie wird schlaflos: „Ich kann nicht schlafen, solange 
der Mensch bei ihr ist. Ich muss an Dinge denken, an die ich nicht 
zu denken wünsche.** 

Dass sie sogar den Himmel — halb im Scherz — sexualisiert, 
wurde oben erwähnt i). 

1) Es ist schon in der Tagespresse auf eine Eigentümlichkeit des erotischen 
Empfindens Frau Elsies hingewiesen — die erotische Bedeutung, die der Geruch 
für sie hat: „Mit Männern geht es mir wie mit Blumen. Ich schätze sie na^h 
dem Duft Ich entsinne mich eines kleinen englischen Kellners; wenn der nur 
an meinem Stuhl vorbeiging, war es mir, als seien alle meine Sinne und Poren 
geöffnet. Jedesmal, wenn ich in den Stengel des Stiefmütterchens beisse, habe 
ich ein Wollustgefühl wie damals, als der englische Kellner mich irritierte." 

Die erogene Bedeutung des Geruchs wurde aber von Karin Michaelis 
auch schon in früheren Werken betont. Gyda (im gleichnamigen Roman) fühlt 



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Karin Michaelis: „Dm gef&hrliche Alter' im Lichte der Psychoanalyse. 291 

„Niemand hat bis jetzt jemals laut die Wahrheit ausgesprochen/' 
sagt Frau Elsie, „dass die Fi-au mit jedem Jahre, das vergeht — 
wie wenn der Sommer kommt und die Tage länger werden — mehr 
und mehr Weib wird. Sie erschlafft nicht in dem, was ihr Geschlecht 
betrifft, sie reift bis tief in den Winter hinein" i). 

Das Klimakterium musste für Frau Elsie besonders gefährlich 
werden. Denn die physiologischen erotischen Krisen dieses Alters 
addierten sich bei ihr zu dem durch Erledigung des Geldkoniplexes 
frei gewordenen Liebesbedürfnis. Der Ansturm der Libido wird so 
mächtig, dass er dem seelischen Gleichgewicht gefährlich werden muss. 

Es ist eine längst bekannte Tatsache, dass das Klimakterium den 
Anstoss zur Entstehung von Psyc^hosen und Neurosen gibt. Kräpelin, 
macht dafür in erster Linie die allgemeinen Veränderungen verantwort- 
lich, die das beginnende Greisenalter, die Eückbildungszeit, einleiten. 

An psychologischem Material ist sehr wenig veröffentlicht. 
StekeP) bringt 2 Analysen von Melancholien bei Frauen in den 
40 er Jahren. Sie stimmen untereinander in der Art des psychischen 
Konfliktes überein. 

Beide Frauen haben grosse sexuelle Bedürfnisse (Fall I: 45 J., Fall II: 41 J.), 
werden von ihren Männern nicht befriedigt und bekommen Angstneurosen (Fall II 
hatte ursprünglich noch einen Morbus Basedowii). Die Angstneurosen bessern 
sich auffallend, nachdem die Frauen Verhältnisse mit jungen Männern angeknüpft 
haben. Die erste erkrankt einige Jahre später an schwerer Depression und Angst- 
zuständen, nachdem der Liebhaber sie betrogen und ihren Mann bedeutend ge- 
schäftlich geschädigt hat. (Nach der Aussprache mit dem Arzte trat eine auf- 
fallende Besserung ein.) 

Die andere Frau wird ebenfalls vom Liebhaber betroeen und erkrankt an 
einer Melancholie mit Verarmungswahn. Bei der Analyse stellt sich heraus, dass 
die Patientin in einem komplizierten Konflikte steht. Neben der Trauer um 
den Verlust des Geliebten quälen sie Selbstvorwürfe, weil sie in einer Erbschafts- 
angelegenheit ihre Stieftochter geschädigt hat: sie wollte Geld erlangen in der 
Hoffnung, dann von dem jungen Manne geheiratet zu werden. Die Analyse bringt 
rasche Besserung. Der Geliebte ist aber für sie verloren; so flüchtet sie öich 
später zu ihrer ersten Liebe — zum Vater. Der überwundene Konflikt, der mit 
der Erbschaft zusammenhängt, steht vor ihr von neuem. Sie erliegt ihm und 
begeht Selbstmord. 

Auch die Frauen im klimakterischen Alter, die uns Frau Elsie 
schildert, leiden unter demselben Konflikt. Immer wieder zeigt sich 
der Gegensatz zwischen der gesteigerten Erotik und der verminderten 
Chance in bezug auf Erfolge in der Liebe. So erkranken diese Frauen 
an nervösen Zuständen. 

Agathe Ussing („Das gefährliche Alter*') begeht Selbstmord. Sie 
wollte auf die Wand ihres Hauses die Worte malen, die sie in «einen 
Brief mit „wunderlich unsicheren" Buchstaben schrieb: „Wenn Männer 
ahnten, wie es in uns Frauen aussieht, wenn wir über die 40 er hinaus 
sindj so würden sie uns fliehen wie die Pest oder uns niederschlagen 

sich zu einem Fremden hingezogen, weil er „den sauren Geruch der Erlenblätter'* 
hat Die polyandrisch angelegte Alma v. Selchau („Der xMönch geht auf die 
Wiese**) charakterisiert die verschiedenen Männer, zu denen sie sich während 
ihrer Demi-vierge-Odyssee hingezogen fühlte, nach ihren Gerüchen. Auch die 
kleine Andrea („Das Kind'*) kennt den Geruch der Kleider des Vaters: „Sie duften 
nach welken Rosen**. 

1) Diese Wahrheit wurde schon von Balzac ausgesprochen. 

2) Stekel, W.: „Nervöse Angstzustände und ihre Behandlung". Berlin- 
Wien 1908. S. 251 u. 255. 



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292 Dr. med. Tatjaoa Rosenthal, 

wie die Hunde." Daraufhin wurde sie „eingesperrt", wie uns Frau 
Elsie berichtet. 

Auch Magna Wellmann i) und Lili Kothe ^) werden in die Nerven- 
klinik „gesteckt". Was die moderne Therapie da leistet, schildert Frau 
Elsie nicht ohne Witz. 

Magna Wellmann ist der Typus der Bacchantin im Klimakterium, 
Lili — der Romantikerin; beide werden aber von der Neurose ge- 
fährdet. Magna Wellmann, die verwitwete Professorsfrau, leidet unter 
dem Konflikt ihrer grossen Sinnlichkeit und ihrer Mutterpflichten. Sie 
schreibt an Prau Elsie, das Muttergefühl sei in ihr tierisch stark, 
ihm wolle sie ihre Erotik beugen. Es kann uns nicht wundern, dass 
Frau Elsie mit ihrem Vaterkomplex an die Ursprünglichkeit dieses 
Muttergefühles nicht glaubt. Sie erklärt nur der Frau Wellmann: „Sie 
sind dazu geschaffen, das Leben einer Dirne zu führen." Sie gibt ihr 
Ratschläge, wie man ein Dirnenleben mit dem einer Mutter aus an- 
ständiger Familie kombinieren könne. Ich will hier auf eine ethische 
Wertung dieser Ratschläge nicht eingehen, die eigentlich auf die 
Empfehlung einer männlichen Prostitution hinauslaufen. 

Die vorgeschlagene Kombination ist schlecht durchführbar. Frau 
Wellmann erkrankt, indem sie ihre gewaltige Erotik verdrängt und 
nur den Mutterpflichten lebt. Sie wird geheilt — nun lebt sie nur 
ihrer Sinnlichkeit. Der psychische Konflikt ist jedoch nicht erledigt — 
die Muttergefühle können verdrängt, aber nicht wirklich ausgemerzt 
werden ; ausserdem bleibt für die klimakterische Frau die Gefahr der 
Neurose auch dann bestehen, wenn, wie in den Fällen Stekels die 
Erotik befriedigt wird. Magna Wellmann, obgleich viel weniger dif- 
ferenziert als Frau Elsie, hat doch das Bedürfnis nach einer individuellen 
Liebe, wie Frau Elsie sie bei Malthe suchte. Aber ebensowenig wie 
diese ist sie imstande, sich ein dauerndes Liebesglück zu erringen; 
so vermögen ihr erotische Erlebnisse die Ruhe und Sicherheit doch 
nicht wiederzugeben. 

Lili Rothe, die Romantikerin, hat ihr Leben lang ihre Erotik 
verdrängt. Unter ihrem scheinbar seelischen Gleichgewicht verbarg 
sich eine phantastische Schwärmerei. Sie hat einen tüchtigen Mann, 
der ihr aber zu prosaisch war. Sehr hübsch wird hier von Frau, 
Elsie der Verdrängungsprozess geschildert: „Sie war glücklich, denn 
sie wollte glücklich sein, aber tief in ihr, so tief, dass es vielleicht 
nicht einmal in Form von Träumen an die Oberfläche gelangte, hat 
das gelegen, was schuld am Unglück war." 

Im Klimakterium reicht die Fähigkeit zur Verdrängung nicht 
mehr aus; so kommt es zum Konflikt. Ein äusseres Moment gibt 
den Anlass: Direktor Schlegel, für den Lili neben der Liebe zu ihrem 
Manne geschwärmt hat, erleidet einen Sturz vom Pferde. Lili ist aufs 
Tiefste erschüttert und kann ihre Gefühle nicht unterdrücken. Sie 
will den Kranken pflegen, will bis zu seinem Tode bei ihm bleiben. 
Ihr Mann missversteht sie und beargwöhnt ihr Verhältnis zu Schlegel. 
Der Ausgang ist Lilfs Neurose. 



1) Karin Michaelis: „Das gefährliche Alter". 

2) Karin Michaelis 1. c. 



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Karin Michaelis: «Das gefthrliche Alter' im Lichte der Psychoanalyse. 293 

Die Verdrängung ist häufig der Ausgang des psychischen 
Konfliktes bei Karin Michaelis Frauen. Die kleine Anna aus den 
Mayruper Gefilden i) heiratet den einen von zwei Brüdern; erst 
nach der Heirat versteht sie, dass sie den anderen liebt — sie 
bleibt aber ihrem Manne treu; zum „Abreagieren" dient ihr einzig ein 
Buch, das man nach ihrem Tode findet. Darin steht nur ein Wort 
unzählige Male geschrieben: der Name des Geliebten. Und ebenso 
ergeht es Gyda^), die sich, als Braut ihres Oheims, zu einem anderen 
hingezogen fühlt. Sie löst den Konflikt nicht etwa durch Bruch des 
bestehenden Verhältnisses, sondern durch Verdrängung. Die Frauen 
bei Karin Michaelis sind keine Entgleisten; nicht durch Taten, 
sondern in bewussten oder unbewussten Träumereien erledigen sie ihre 
Konflikte. 

Das Klimakterium steigert den Konflikt in solchem Grade, dass 
die Verdrängung versagt; jetzt bricht die Neurose aus. 

Frau Elsie bleibt die Neurose erspart. Aber wir sehen, dass die 
kluffe BVau ihre Karten doch „elend gespielt" hat, wie sie es selbst 
ausdrückt. Die Leidenschaft steigt so hoch, dass die Kritik darunter 
leidet. Aber für Frau Elsie gibt es doch eine Rettung vor dem Zu- 
sammenbruch: durch das Abreagieren, durch die Selbst- 
analyse in ihrem Tagebuch und durch Sublimierung. Wir sehen, 
wie sie sich viel mit Angelegenheiten anderer beschäftigt. „Man sollte 
glauben,*' sagt sie, „ich wäre im Begriff, mich als Vertreterin der 
Frauensache auszubilden." Das erscheint ihr selbst offenbar als etwas 
Neues, Befremdendes, sie will aber „eine Reihe überkalkter Gräber 
unter dem Titel „Die Frau im gefährlichen Alter" aufdecken." Ihre 
Ratschläge für die R-eunde werden zu förmlichen Predigten, sie geht 
den Weg des Predigers^). Diese Art der Sublimierung ist auch 
die leichtere — sie ermöglicht es, grosse Affektbeträge unterzubringen. 

Nur noch ein paar Worte über die sogenannte „rücksichtslose 
Wahrheit" dieses Buches. Die Lüge ist eine Krankheit aller Frauen 
bei Karin Michaelis. Sie gestehen freilich ihre Lügen, können 
aber doch von ihnen nicht lassen. Meist sind es kleine Lügen, mit 
denen man sich interessant macht, sie haben ihre gemeinsame Wurzel 
in der Gefallsucht. Die Frauen^ wie Karin Michaelis sie ge- 
schildert, schmücken sich mit ihren kleinen Lügen, wie die Anna 
aus den Mayruper Gefilden die Buchstaben in ihren Briefen ziert, 
indem sie winzige Blumen um ihre Schnörkel malt. 

In dem neuesten Buche werden viel grössere und gröbere Lügen 
enthüllt, mit einem gewissen Lustgefühl beichtet sie Frau Elsie. Der 
Brief, in dem sie die Unwahrhaftigkeit ihres ganzen Lebens dem Ge- 
liebten gesteht, zeigt einen masocnistischen Zug. Sie will sich vor 
Malthe erniedrigen. Der Brief dient weiter dem Beweise, dass sie ihren 
Gatten nicht geliebt hat ; Malthe ist somit ihre „erste Liebe" (bezeichnend 
ist es, dass sie in diesem Briefe verschweigt, dass ihr Gatte „Herr 
ihrer Sinne" war, während sie es an anderen Stellen gesteht). 

1) Karin Michaelis: „Gyda". 

2) Karin Michaelis 1. c. 

^) Wird nicht ihre Weltreise zu einer Predigerfahrt? 

ZantralbUtt fflr Ptyoboanalyae P/*. 20 



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294 Dr. med. Talgana RosenthaL 

Ihre Beurteilung der eigenen Vergangenheit ist streng, enthält 
aber einen psychologischen Fehler. Jetzt, wo sie einigermassen zur 
Klarheit gekommen ist, erscheint ihr alles in ihrer Vergangenheit als 
auf bewusster Berechnung beruhend. Sie zieht die unbewusste Beein- 
flussung ihres Pühlens und Wollens durch ihre Komplexe nicht in 
Betracht. Den mehr ausgeglichenen Seelenzustand früherer Jahre ver- 
dankte sie weit weniger der bewussten Lüge als der Verdrängung. 

Psychologisch ist es wohl möglich, dass Ftbm Elsie nach der Nieder- 
lage bei Malthe ihren Mann, nach dem ihre Sinne sich oft sehnten, 
zu sich ruft. Dass sie aber in ihrem Brief an ihn alle die fein er- 
dachten Lügen anbringt, scheint zu ihrem erregten Seelenzustand 
schlecht zu passen. Man muss hier wohl eine Verzerrung der psycho- 
logischen Wahrheit zugunsten einer Tendenz, die die Verfasserin viel- 
leicht unbewusst verfolgte, vermuten ; und zwar um so mehr, als sie die 
Heldin des Buches noch durch eine schmachvolle Niederlage bei ihrem 
Manne straft. Die Verfasserin ergänzt die Strafe dadurch, dass sie es 
Frau Elsie verweigert, würdevoll die zweite Niederlage zu tragen und sie 
durch den Ton des vulgären Hohns ihrem ehemaligen Gatten gegen- 
über noch mehr erniedrigt. Das muss aus einem psychologischen Be- 
dürfnis der Verfasserin entsprungen sein; es klingt beinahe wie ein 
„Memento mori!**, das sie den eigenen überwundenen Komplexen 
zuruft. 

Die erotische Bedeutung der Lügen ist Frau Elsie wohl bekannt 
und in ihren Bekenntnissen scheint das „jetzt lüge ich nicht mehr*' 
jedesmal zu besagen: „Jetzt will ich euch nicht mehr zu gefallen 
suchen.** Es ist ein Niederlegen der Waffen, das sich in dieser 
„klimakterischen Offenheit** äussert. Man hat das Bedürfnis, freiwillig 
zu entsagen, während man doch unter einem Zwange steht. Zugleich 
liegt eine gewisse Genugtuung darin, wenn man sagt: „Ich habe euch 
alle hintergangen I** Jetzt^ da es aus ist, kann man den unerreich- 
baren Gegner wenigstens auf diese Weise schmähen. 

Nicht bewusstes Denken und Handeln haben Frau Elsies Schicksal 
bestimmt, sondern unbewusste Affekteinstellungen, deren Wurzel wir 
in der Elternkonstellation nachweisen konnten. 



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IL 
Der Begriff des Triebes* 

Von Dr. Stefan v. Mäday, Innsbrack 

I. Jede Wissenschaft hält in ihrer Jugendzeit die auffallendsten, an der Ober- 
fläche liegenden Erscheinungen für die einzigen, die es gibt; zeigen sich aber 
im Laufe der Zeit andere, unauffälligere, tiefer liegende Erscheinungen, so be- 
müht sie sich, auch diese von den ersteren abzuleiten. Erst wenn die Forschung 
eine grosse Menge solcher Elementarvorgänge zutage gefördert hat, zeigt sich 
die Mannigfaltigkeit imd Kompliziertheit der oberflächlichen Vorgänge, erst jetzt 
sieht man ein, dass das, was früher als einfach und selbstverständlich galt, 
weit davon entfernt ist, das übrige zu erklären, ja, dass es selbst erst einer 
Analyse und Erklärung durch Einfacheres bedarf. Hat man dies erst erkannt, 
so öffnet sich ein tiefer, geräumiger Schacht, in welchem der tüchtige Forscher; 
durch eifriges Suchen eine ungeahnte Menge von Wurzeln findet, ans denea 
sich alles, was er vorher auf der Oberfläche der Erde sah, ernährt und bildet 
Eine lohnende Arbeit, eine fruchtbare Zeit tut sich der Wissenschaft auf; alte 
Dogmen werden verurteilt und begraben, neue Theorien werden aufgerichtet; alte 
Werte werden um^prägt; auf den Quadern der exakteren Methode wird eine ganz 
neue Wissenschaft aufgebaut. Die Revolution ist vorüber; es beginnt eine neue 
Evolution. 

So wurde die Physiologie durch die Entdeckung der Zelle revolutioniert 
Auch die Psychologie erlebte im 19. Jahrhundert eine Revolution; sie hat sich 
aus dem Gebiete der Philosophie losgerissen tmd ist zu einem jungen Zweige der 
Naturwissenschaften geworden. Leider ist diese Revolution in mehreren Etappen, 
in getrennten Lagern vor sich gegangen: in der zweiten Hälfte des Jahrhnnderta 
ist die Stagnation dieser Wissenschaft so allgemein aufgefallen, dass sich Zoologen 
und Physiologen, ja Botaniker und Physiker berufen glaubten, dies Mauerblümchen 
heimzuführen^). So gibt es jetzt tatsächlich nicht eine Psychologie, sondern 
eine ganze Menge: physiologische Psychologie (== die Reflezpsychologie), logische 
Psychologie (= die Assoziationspsychologie), physikalische Psychologie (:^ die 
Empfindungspsychologie). 

Die Revolution führte also zur Auflösung, und darum wird es noch geraume 
2^it dauern, bis eine einheitliche neue Psychologie sich entwickeln kann. Ich 
brauche gar nicht zu sagen, dass die eben erwähnten Verbindungen verschiedene]} 
Wissenschaften ziemlich unfruchtbar sind. Wo ist also die Psychologie der Zu- 
kunft zu suchen? Welche Entdeckungen sind es, die zu einer grossartigen Ent- 
wickeltmg den Weg weisen? 



1) Vgl. auch Hermann Swoboda, Die Zukunft der Psychologie. Philos. 
WochenBchr. Bd. 7, S. 177—183 und Bd. 8, S. 73—79. 

20* 



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296 Dr. Stefan Midaj, 

Es sind dies der Voluntarismus und das Unbewusste. Die 

primitive Psychologie kannte nur jene Erscheinungen, die uns ohne weiteres be- 

I wusst sind, die also auf der Oberfläche des Seelenlebens liegen. Diese Vor- 

! gänge wurden von alters her in Wollungen, Gefühle und Gedanken geschiedea; 

von diesen drei Gruppen war aber die letzte, die der Gedanken, die auffälligste, 

die bewussteste; darum wurde auch alles Seelische durch Gedanken erklärt. 

Ich motiviere mein Handebi durch Gedanken und Worte; diese treten in 
den Vordergrund meines Bewusstseins ; daher müssen sie auch die bewegenden 
sein. Das ist die intellektualistische Psychologie, die nun von der voluntaristi- 
schen beinahe vollkonmien verdrängt wurde. Der Wille ist es, der primär in 
mir wirkt, das Denken ist ein sekundärer, oberflächlicherer V^organg. 

Damit ist aber die Psychologie nicht weit gekommen. Der Wille ist fast 
ebenso kompliziert, wie das Denken, und viel schwerer zu verstehen. Denn: 
habe ich mich zu einer Handlung entschlossen, weil ich sie für die vernünftigste 
urteilte, so ist damit mein Verhalten viel besser beleuchtet, als wenn ich sage: 
ich hatte den Will^a dazu, der starker war als die anderen Wollungen, und er 
musste schliesslich siegen. 

Die Lückenhaftigkeit solcher Erklärungen zwang bereits mehrere Volun- 
taristen, ein unbewusstes oder unterbewusstes Seelenleben anzunehmen, in welchem 
alles, was an der Oberfläche des Bewusstseins vorgeht, seine lückenlose ursäch- 
liche Begründung erfahren sollte. Einige Jahrzehnte, nachdem seine Existenz ge- 
fordert wurde, ist das Unbewusste auch entdeckt worden, und zwar im >Vege 
der Hypnose^ dann der Neurosenforschung, endlich der Traumforschung und der 
Analyse der Kunst 

Es ist kein Wunder, dass das Prinzip des Unbewussten in wenigen Jahren 
in der Psychologie vollkommen heimisch geworden, denn die Voluntaristen — 
und das sind ja heute die meisten — bedurften in höchstem Masse solch einer 
Stütze und Vertiefung ihrer Psychologie. 

Indem nun statt des Gedankens der Wille, und statt des bewussten Willens 
der unbewusste Wille als das Bewegende im Seelenleben 
erkannt wurde, bot sich die neue Aufgabe dar, die Natur und die Gesetze 
dieses unbewussten Willens zu erforschen. 

Was ist der unbewusste Wille? Er ist Trieb. Der Begriff 
des Triebes ist bereits vorher bekannt gewesen, doch verstand man darunter etwas 
Niedrigeres, Körperliches, vom intelligenten Willen Beherrschbares. Der Unter- 
schied zwischen diesem alten imd dem neuen Triebbegriffe liegt darin, dass 
wir heute alles Treibende zu den Trieben zählen, also auch 
das, was den bewussten Willen dazu treibt, einen niederen Trieb zu unterdrücken. 

II. Das Wesen des Triebes scheint R e i m a r u s zum ersten Male klar be- 
griffen zu haben; er definiert den Trieb als „alles natürliche Bemühen zu ge- 
wissen Handlungen** ^). Dann hat sich Schopenhauer mit den Trieben be- 
schäftigt*). Als eigentlicher Begründer der Trieblehre muss aber der geniale 
Zoologe und Psychologe Georg Heinrich Schneider betrachtet werden ^), 



^) Hermann Samuel Reimarus, Allgemeine Betrachtungen über die 
Triebe der Tiere, hauptsächlich über ihre Kunsttriebe. Hamburg 1760. 

2) Artur Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung. Leipzig 
1819 (F. A. Brockhaus). — Derselbe, Über den Willen in der Natur. Frank- 
furt a. M. 1836 (Siegmund Schmerber). 

') Georg Heinrich Schneider, Der tierische Wille. Leipzig 1880 
(Ambr. Abel). ^ Derselbe, Der menschliche Wille. Berlin 1882 (Ferd. Dünmiler). 



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Der Begriff des Triebes. 297 

während eine Ausgestaltung derselben durch die psychoanalytische Erforschung 
des Unbewussten in den unten angeführten, aus der Freud*schen Schule hervor- 
gegangenen Arbeiten angebahnt wurdet). 

Schneider, dessen iWerke, wenn sie nur gelesen würden, manchen: 
Konflikt zwischen den verschiedenen heutigen psychologischen Schulen aus der 
Welt schaffen würden, hat einen Triebbegriff konstruiert, der geeignet ist, unseren 
Untersuchungen als Grundlage zu dienen: 

„Jedes zum Bewusstsein gelangende Bedürfnis des Körpers ver- 
ursacht unter normalen Verhältnissen in ganz zweckmässiger Weise einen 
bewussten (aber nicht immer zweckbewussten) Trieb zus Befriedigung 
desselben. Der Zweck aller Gefühle ist der, Handlungen zu 
veranlassen, welche zur Arterhaltung führen ; ein Gefühl ohne nachfolgende 
Handlung verfehlt seinen Zweck. Die Handlung erfolgt durch Kontraktion der 
Muskel und muss durch Erregung der motorischen Nerven eingeleitet werden. Das 
Gefühl beruht aber auf Alteration der sensiblen Nerven, nicht der motorischen; 
deshalb kann ein Gefühl eine Handlung nicht direkt hervorrufen. Es muss des- 
halb im Organismus eine Einrichtung getroffen sein, welche auf Grund der Er- 
regung der sensiblen Nerven diejenige der motorischen ermöglicht; erstere muss 
der Reiz der letzteren sein. Diese Einrichtung hat das Nervensystem eines jeden 
normal entwickelten, gesunden Tieres. In den Ganglien wird die Erregung (der 
sensiblen Nervenfasern zum Reiz für die motorischen, wie ja nach dem Gesetze 
der Erhaltung der Kraft jede Wirkung zugleich wieder Ursache zu einer neuen 
Wirkung ist. Diese Reizung des motorischen Nervensystems bleibt 
uns nicht unbewusst, sondern wir fühlen sie als einen Trieb, als 
einen Drang zum Handeln, welches Gefühl offenbar durch eine Rück- 
wirkung des motorischen Nervensystems auf das sensible verursacht wird" 8). 
Jede psychische (d. h. von Empfindungen oder Gefühlen begleitete, also nicht 
rein physiologische) Bewegung „muss deshalb als eine Willensäusserung im weiteren 
Sinne, als eine Triebsäusserung betrachtet werden" 8), 

III. Zwar ist im obigen das Wiesen des Triebes bereits richtig bezeichnet, trotz- 
dem wollen wir eine brauchbare Definierung desselben dadurch vorbereiten, dass 
wir den Begriff des Triebes den Begriffen: Bedürfnis, Gefühl, Empfindung, Reflex, 
Instinkt, Wille — gegenüber deutlich abgrenzen. 

Bedürfnis ist ein Zustand des Körpers, in welchem Zustande das 
physiologische Gleichgewicht igestört ist. 

Bedürfnisse, sowie auch andere Zustände, richtiger: Zustandsveränderungen 
unseres Körpers werden uns durch Gefühle bewusst Gefühl ist also die unmittel- 
bare psychische Wirkung von physiologischen Veränderungen. 

Der Begriff des Bedürfnisses ist aber nicht nur in der Physiologie, sondern 
auch in der Psychologie gebräuchlich; hier bedeutet er einen Zustand, in pem 
das psychische Gleichgewicht gestört ist. Demgemäss muss auch der obige Ge- 



1) Sigmund Freud, Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. Leipzig und 
Wien 1905 (Franz Deuticke). — Alfred Meisl, Analytische Studien über die 
Elemente der psychischen Funktion, I — VIII. Wiener klin. Rundschau 1905 — 1908. 
— Otto Rank, Der Künstler. Wien und Leipzig 1907 (Hugo Keller). — Alfred 
Adler, Studie über Minderwertigkeit von Organen. Berlin und Wien 1907 (Urban 
und Schwarzenberg). — Derselbe, Der Aggressionstrieb im Leben und in der 
Neurose, Fortschritte der Medizin, Jahrg. 26, Nr. 19, S. 577—584 (10. VII. 1908). 

2) Tier. Wille, S. 142. 

3) Tier. Wille, S. 144. 



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298 



Dr. Stefan Miidaj, 



lühlsbegriff erweitert werden: Gefühl ist demnach ein Erkenntnisakt, in welchem 
ims physiologische und psychische Zustandsändeningen zum Bewusstsein konunen. 

In der Abgrenzung von Gefühl und Empfindung will ich mich an P a 1 ä g y i's 
Unterscheidung halten: ,,Durch Gefühle wird uns unmittelbar immer nur unse^ 
eigener Lebensprozess kund, während durch Empfindungen immer nur 
mechanische Vorgänge zur Kenntnis genommen werden können" ^). Mit S c h o p e n - 
hauer*s Worten hiesse dies etwa: das „Selbstbewusstsein" (die Erkenntnis sub- 
jektiver Vorgänge) entsteht durch die Gefühle, während das „Bewusstsein anderer 
Dinge** (die Erkenntnis objektiver Vorgänge) auf Empfindungen beruht. 

Bei der Defiuaition des Reflexes will ich zwischen dem Schneider- 
sehen Reflexbegriff, den ich kurz den „neuen" nennen werde, und dem alten 
Reflexbegriffe unterscheiden, ohne darauf zu achten, dass eben dieser veraltete 
Heflexbegriff heute noch in den Werken vieler Psychologen eine dominierende 
Stellung einnimmt. 

Der neue Reflexbegriff entstand durch Verallgemeinerung aus dem 
alten (physiologischen) Reflexbegriffe (= Reiz -[- Reaktion). „Reflexerscheinungen 
sind nach unserer Auffassung alle Vorgänge in der Natur . . . Jedes Verhält- 
nis einer Wirkung zu einer Ursache ist ein Reflex. In solchen 
. . . kausalen Beziehungen stehen aber alle Erscheinungen, auch die psychischen; 
und wir vermögen nie mehr als diese kausalen Beziehungen zu erkennen. So lange 
wir nun mechanische, chemische, physiologische und psychische Erscheinungs- 
gruppen unterscheiden, so lange wir die Erscheinungen einer dieser Gruppen 
noch nicht vollständig aus denjenigen einer anderen Gruppe ableiten können und 
-ans damit begnügen müssen, nur die Vorgänge innerhalb einer solchen Gruppe 
in Beziehung zu einander zu setzen, so lange müssen wir auch mechanische, 
chemische, physiologische und psychische Reflexe unter- 



Empfindung = 1. F. W. f2.P.Ü. Ph.U 



Erregung sensorischer 
Nerven = PkW.#l 



Druck auf das Nerven- 
ende == M. W. ♦Ph.U. 

Bewegung eines fremden 

Körpers =#M.Ü. 



2. P.W. « Trieb 



.PU. M.U. f Ph. W. = Erregung moto- 
rischer Nerven 



M.W. = Muskelbewegung 



IL = mechanische 
Ph. = physiologische 
P. = psychische 



U. = Ursache 
W. = Wirkung 



1) Melchior Palägyi, Naturphilosophische Vorlesungen über die Grund- 
probleme des Bewusstseins und des Lebens. Charlottenburg 1907 (Otto Günther), 
Seite 09. 



3y Google 



OrfgfrTaffrom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Der Begriff des Triebes. 299 

scheiden ^)/* „Wie man einerseits alle mechanischen und chemischen Vor- 
gänge in einzelne mechanische hezw. chemische Reflexe, und alle physiologischen 
Erscheinungen in einzelne physiologische Reflexe zerlegen kann, so ergibt auch 
die Analyse der psychischen Phänomene, dass dieselben aus einzelnen psychischen 
Reflexvorgängen zusammengesetzt sind. Nicht nur einzelne einfache „unwillkürliche" 
Bewegungen . . ., sondern die kompliziertesten Handlungen des . . . Menschen sind 
nur aus . . . Reflexwirkungen zusammengesetzt*)/* 

Das psychische Urphänomen (der einfachste Bewusstseinsvorgang, 
das einfachste Erlebnis) besteht nach Schneider aus zwei Elementen : Gefühl 
(oder Empfindung) + Trieb. Ich gebe hier sein Schema des psychischen 
Reflexbogens in verbesserter Form wieder (siehe Figur). Der obere Bogen be- 
deutet den psychischen (zentralen) Vorgang, während durch den unteren, punk- 
r. tierten Bogen ein rein physiologischer Reflex (der alte Reflexbegriff) ange- 

F deutet ist 

Demnach enthält »uch das einfachste Erlebnis ein in- 
tellektuelles und ein emotionelles Element; zwar sind wir nicht 
gewohnt, das Gefühl als intellektuell zu betrachten; im Gegenteil: das Gefühl wird 
mit „Emotion*" meistens identifiziert. Doch kann diese Nomenklatur nach unseren 
neueren Einsichten abgeändert werden. Das, was man gemeinhin „Gefühl** nennt, 
1 z. B. der Neid, ist kein elementarer psychischer Faktor, sondern ein Vorgang, der 

I bereits einen Trieb enthält, und die Form eines Reflexbogens hat 

Freilich ist der Ausdruck „intellektueller Vorgang** für das Gefühl nicht 
gerade ein adäquater; doch ist er dies ebensowenig für die Empfindung, auf 
die er allgemein angewandt wird. Denn Empfindungen, wie Gefühle, können 
lustbetont und unlustbetont sein, was kaum als intellektueller Charakter gelten 
kann. Wir sagen also besser: Empfindung und Gefühl sind zentri- 
petale psychische Vorgänge, d. h. solche, durch die Erregungen von 
der Peripherie, von den Organen zum Zentralnervensystem geleitet werden. 

Wird aber gefragt, ob auch die Triebe lust- oder unlustbetont sein können, 
und ob sie vielleicht diesen Charakter von den Empfindungen, von den Grefühlen 
übernehmen ? — so ist diese Frage von Schneider wie folgt beantwortet worden : 
„Jeder unbefriedigte Trieb, sei er durch eine unangenehme oder ange- 
nehme Empfindung hervorgerufen worden, ist ein unangenehmer; während 
jeder zur Befriedigung gelangende, d. h. sich äussernde Tieb angenehm 
erscheint, gleichviel welcher Empfindung er entsprungen ist«)/* Der Ausdruck 
„äussernd** bezeichnet am besten den zentrifugalen Charakter des 
Triebes. 

Nun soll der Trieb vom Instinkte abgegrenzt werden — eine dringend 
notwendige Operation, denn die grosse Mehrzahl der Psychologen versucht es 
gar nicht, diese beiden Begriffe auseinander zu halten. Ich wähle hier von den 
zahlreichen Definitionen des Instinktes nicht die vollständigsten aus, deren Er- 
läuterung uns viel zu weit führen würde, sondern jene, welche die gesuchte 
Grenze am deutlichsten hervortreten lassen. 

R o m a n e s fasst unter den Instinktbegriff gewohnheitsmässige Handlungen, 
die ein Bewusstseinselement enthalten-^). 



1) Menschl. WiUe, S. 30—31. 
«) Menschl. Wille, S. 28. 

3) Menschl. WiUe, S. 193. 

4) George JohnRomanes, Die geistige Entwickelung im Tierreich. 
Leipzig 1885 (Ernst Günther), S. 283. 



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300 Dr. Stefan Mäday, 

Ziegler sagt: ,,In jedem Instinkt ist ein Trieb enthalten und die Fähig- 
keit, eine dem Tieb entsprechende mehr oder weniger komplizierte Handlung 
auszuführen i)." 

Ich würde den Instinkt kurz definieren als die gewohnheitsmässige Art, einen 
Trieb zu befriedigen. Oder noch kürzer: als erbliche Grewohnheit. 

Wie wir sehen, bedeutet „Instinkt" eine vollständige Handlung oder richtiger: 
die ererbte Fähigkeit, eine Handlung auszuführen; eine Handlung umfasst aber 
die ganze rechte Hälfte unseres Reflexbogens (Figur), während der Trieb bloss 
ein Element des Reflexes ausmacht. Die Handlung beginnt mit der Wirksamkeit 
des Triebes, sie hört aber damit nicht auf. Darum sagt Lowes ganz richtig : 
„Der Emährungstrieb, der ein Unbehagen erzeugt und das Tier auf die Suche 
nach Nahrung treibt, kann vom Instinkte, der die passende Nahrung aussucht 
und die unpassende liegen lässt, wohl unterschieden werden«)." 

Der Trieb ist die Ursache, die Kraft, die eine Bewegung über- 
haupt bewirkt, während die Ausführung, die Art der Bewegung durch 
einfachen psychischen Reflex, durch Instinkt, durch den zweckbewnssten 
Willen oder durch Gewohnheit (Automatismus) bestimmt wird. 

Nun kann der Trieb auch dem Willensbegriff gegenüber leicht ab- 
gegrenzt werden. Wir können Schneider vollkommen beistimmen, wenn er 
mit dem S chopenhauer'schen metaphysischen Willensbegriff in der Psycho- 
logie nichts zu tun haben will 3). Trotzdem unterscheidet auch Schneider 
zwei verschiedene Willensbegriffe. 

„Wille im weiteren Sinne" ist der psychische Trieb überhaupt, der psychische 
Bewegungen, d. h. Willensäusserungen, hervorbringt*). Dies wäre also die Ein- 
heit der Triebe, die mit dem Freud'schen Begriffe des „Unbewussten" ziem- 
lich zusammenfällt d). 



1) H. E. Ziegler, Über den Begriff des Instinkts. Verhandlungen der 
Deutschen Zoologischen Gesellschaft, Leipzig 1892, S. 124. 

^) George Henry Lowes, Instinct. Nature Bd. 7, S. 437, London 
(10. IV. 1873). 

8) Menschl. WiUe, S. 109, 284. 

4) Menschl. Wille, S. 286. 

5) Das „Unbewusste" hat — auch in der Freud 'sehen Schule — 
verschiedene Bedeutungen. In dem Sinne, wie ich es oben im Texte gebrauche, 
bedeutet es die treibenden Kräfte des Seelenlebens, die Triebe also, die 
sich zu Zeiten eines unentwickelten oder gestörten Bewusstseinsverlaufes (bei 
Tieren, bei jungen Kindern; im Traume, in der Neurose) viel deutlicher offenbaren 
als im viel komplizierteren, vollkommen bewussten Seelenleben. In einem anderen 
Sinne bezeichnet man mit dem „Unbewussten" den psychischen Inhalt 
jener gestörten Bewusstseinszustände. Dieser Inhalt ist aber kein vom Inhalt des 
Bewusstseins prinzipiell verschiedener, denn es gelangen bewusste Vorstellungen 
ins Unbewusste und können wieder bewusst gemacht werden. Zwischen den 
Trieben und dem Unbewussten besteht ein engeres Verhältnis also nur insofern, 
als die Triebe da leichter nachzuweisen sind. Die Bezeichnung des Triebes als 
„unbewusster Wille" hat daher nur einen historischen und methodischen Wert. 
Die grossen Fragen nach der Natur und der Funktion des unbewussten Seelen- 
lebens aber haben durch F r e u d * s Arbeiten (Die Traumdeutung, Der Witz, Zur 
Psychopathologie des Alltagslebens) zwar eine tiefsinnige biologische Behandlung 
erfahren, stehen aber einer exakten Lösung noch ferne; darum habe ich mich 
bemüht, die Berührimii; dieser Fragen im Texte zu vermeiden. Ich spreche daher 



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Der Begriff dea Triebes. 301 

Als „Willen im engeren Sinne" bezeichnet Schneider „den zweck- 
bewussten oder intellektuellen Trieb dem instinktiven oder sinnlichen gegenüber" i)» 
Etwas deutlicher sagt er an anderer Stelle: „Bei der Wahl der Mittel . . . tritt 
die zweckbewusste Geistestätigkeit in den Vordergrund; die Anregung aber . . • 
ist im unbewussten . . . angeborenen Triebe . . . gegeben 3)." „Der Begriff des 
Willens steht zu dem des Triebes genau in dem Verhältnisse, wie der Begriff des 
Zweckes zu dem der Mittel^).** 

Da Schneider die ohne Zweckbewusstsein vollzogenen Handlungen in- 
stinktive, die mit Zweckbewusstsein vollzogenen aber willkürliche Handlungen 
nennt; da er femer den höchsten Zweck alles Lebens als Arterhaltung oder Glück- 
seligkeit bezeichnet, so ergibt sich daraus, dass „jede Handlung . . . der nicht 
die Vorstellung vom finalen Zweck alles Handelns, sondern nur eine speziellere 
Zweckvorstellung zugrunde liegt, zweckbewusst und instinktiv zugleich ist"*). 

Aber „auch bei den Willensäusserungen im engeren Sinne, d. h. bei den 
Handlungen auf Grund von Zweckvorstellungen, gibt der Willenstrieb nur den 
ersten Anstoss zur Handlung, während der Verlauf der komplizierten Muskel- 
bewegungen dann zweckmässig verfolgt ohne . . . (neuen) Willensimpuls . . . Die 
Art und Weise dieses Verlaufes . . . hat sich nur durch die Übung gebildet" &). 

Demnach gibt es keine reinen Willkürhandlungen, nicht einmal, wenn wir 

— auf S c h n e i d e r*s obige, metaphysisch klingende Zweckbestimmung verzichtend 

— jede Handlung, deren Ausführung von der dauernden Vorstellung eines Zweckes 
begleitet ist, als Willkürhandlung bezeichnen. Dies .festzustellen scheint mir von 
Wichtigkeit, denn diese Tatsache gibt uns erst eine Vorstellung von der mächtigen 
Ausdehnung des Instinktiven, des Unwillkürlichen oder Unterbewussten im mensch- 
lichen Leben. 

IV. Bevor wir nun an die Definienmg des Triebes schneiten würden, wollen wir 
noch dem Mechanismus des Triebes, richtiger : des psychischen Reflexes, 
eine kurze Betrachtung widmen. 

Dass es wirklich eine solche psychische Grunderscheinung gibt, die in ihrem 
Verlaufe dem physiologischen Reflexe = Reiz -\- Reaktion gleicht, ist dadurch 
sichergestellt, dass sie von so vielen namhaften Forschern entdeckt wurde. Zwar 
hat diese Erscheinung von jedem Entdecker einen neuen Namen erhalten, doch 
ist es nicht schwer, ihre Identität aufzudecken. 

Wenn bei Schneider jeder Erkenntnisakt einen Trieb erweckt, wenn 
bei A V e n a r i u s die Vitalreihe der Aufhebung der Vitaldifferenz zustrebt, wenn 
bei Breuer und Freud das psychische Trauma abreagiert werden muss, wenn 
bei S w o b o d a das Erlebnis erledigt werden muss, wenn bei S e m o n das 
Engranmi die Tendenz hat, ekphoriert zu werden, wenn bei L i p p s jeder Gedanke 
ein Element des Strebens enthält, wenn bei L a y jeder Eindruck einen Ausdruck 
hervorruft — so sind dies nur verschiedene Benennungen derselben Grundtatsache. 

Es würde uns viel zu weit führen, wollten wir die verschiedenen Begrün- 
dungen und Erklärungen dieses Phänomens aufzählen und miteinander vergleichen. 
Darum beschränke ich mich darauf, die energetische Hypothese 
S c h n e i d e r*s zu erwähnen. 



nicht vom Bewusstwerden, sondern vom Aktuell werden des Triebes, und ver- 
stehe darunter einen seelischen Zustand, in dem die Wirkung des Triebes nach- 
weisbar ist. 

^) Menschl. Wille, S. 287. 

2) Tier. Wille, S. 7L 

3) Menschl. Wille, S. 305. 
*) Menschl. Wille, S. 115. 
5) Tier. Wille, S. 153. 



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802 Dr. Stefan M4day 

„Die Tendenz des Lebensprozesses ... ist die Anhäufung von Lebenskraft 
und der Verbrauch derselben . . . Diese zwei Seiten der Lebenstätigkeit halten 
sich bei gesunden Individuen immer ungefähr die Wage i)." „Solange eine partielle 
Veränderung wegen der geringen Grösse der Tiere, und weil noch kein Ner>'en- 
system differenziert ist, mit der Veränderung des gesamten Lebensprozesses 
zusammenfällt, ist auch der Trieb ' von der Empfindung noch nicht differenziert, 
und es fragt sich, ob in diesem Falle überhaupt eine Bewusstseinserscheinung 
notwendig ist und entsteht. Allmählich, besonders mit der Differenzierung eines 
Nervensystems gestalten isich aber die Verhältnisse so, dass eine T>artielle Ver- 
änderung des Lebensprozesses vermittels der Empfindung erst eine zentrale Ver- 
änderung des gesamten Lebensprozesses verursacht. Dann ist die entsprechende 
Bewegung nicht unmittelbare Folge der partiellen peripherischen Einwirkung, son- 
dern dieselbe kommt erst dadurch zustande, dass die durch Erhöhung des ge- 
samten Lebensprozesses entstehende überschüssige Kraft vermittelst einer Bewusst- 
seinserscheinung, des Triebes, auf einzelne peripherische Teile zur Bewegung der- 
selben geleitet wird 2)/ „Durch die Empfindung wird stets die allgemeine Kraft- 
anhäufung gesteigert, dadurch wird das Gleichgewicht gestört und der Organismus 
strebt nach Herstellung desselben durch grösseren Kraftverbrauch** 3), „deshalb 
folgt auch in jedem Falle . . . eine Erschöpfung' **). „Das Empfindungs- 
gefühl bewMrkt eine Konzentration von Kräften, deren 
Spannung als Trieb gefühlt wirdö)." 

Das ist zwar nur eine Metapher, doch trägt sie zum Verständnis des Vor- 
gangs einiges bei. Die Annahme, dass jede Empfindung einen Energiezuwachs 
bedeute, entbehrt beim heutigen Stande unseres Wissens noch einer physikalischen 
Beweisführung; sie hat demnach in der Tat nur einen metaphorischen Wert. 
Trotzdem möge man auch die folgenden Aussprüche F 6 r e * s kennen lernen :* 

„Jede Empfindung ist von einer Vermehrung der statischen Energie be- 
gleitet, welche, wie es scheint, das Wesen der Empfindung ausmacht 6).* „Jeder 
peripherische Reiz bewirkt einen Zuwachs an potentieller Energie 7)/ 

V. Nun kann eine Definition des Triebes versucht werden. Zwar 
ist eine vollständige Definierung erst am Schlüsse eines Aufsatzes oder Buches 
zu erwarten, in dem alles, was über den Trieb bekannt ist, zusammenfassend 
dargestellt würde; doch ist es andererseits nützlich, den Begriff, mit dem man 
eben zu arbeiten beginnt, provisorisch festzulegen. Als solche „Arbeitsdefinition*' 
möchte ich auch meine unten folgende Begriffsbestimmung betrachtet wissen. 

Hören wir vor allem die Definitionen Schnei de r's: 

Der Trieb ist das Gefühl von der „Reizung des motorischen Nervensystems** »). 
„Jeder Trieb ... ist ein zum Bewusstsein kommender Drang nach Kraftäusse- 
nmg»).* „Jeder einzelne psychische Trieb ist ein zum Bewusstsein kommender, 
gefühlter Drang nach Ausführung einer bestimmten Handlung, und er ist seiner 
Entstehung nach eine psychische Reaktion, eine psychische Reflexerscheinung i«).* 

1) Menschl. Wille, S. 182. 

2) Menschl. Wille, S. 192. 
») Menschl. Wille, S. 195. 
*) Menschl. Wille, S. 193. 
*) Menschl. Wille, S. 118. 

®) C h. F 6 r 6 , Sensation et mouvement. 2. 6d. Paris 1900 (F6lix Alcan), S. 34. 
') Derselbe, ebenda, S. 53. 
8) Tier. Wille, S. 142. 
») Menschl. Wille, S. 194, 
10) MenschL Wille, S. 116. 



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OrfgfrTaffrom 
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Der Begriff des Triebes. 3(B 

Ausser den obigen ist mir nur noch eine Adler'sche Definition bekannt, 
die sich auf die Funktionen der einzelnen Organe gründet; da wir aber die Diffe- 
renzierung des Triebes nach Organen noch nicht besprochen haben, so würde 
uns diese speziellere Definition noch unverständlich sein; darum will ich sie 
erst später einführen. 

Meine provisorische Definition des Triebes lautet: 

Der Trieb ist eine psychische Elementar funk tion von 
motorischen (emotionellem, dynamischem, zentrifugalem) Charakter; er 
(d. h. sein Aktuellwerden, Funktionieren) ist die Wirkung eines Erkennt- 
nisaktes (wie Gefühl, Empfindung, Vorstellung, Gedanke), mit dem als 
sensorischem (intellektuellem, statischem, zentripetalem) Elemente er zu 
einem Erlebnisse (einem psychischen Reflex) verknüpft ist; der (aus- 
gelöste, aktuell gewordene) Trieb ist seinerseits die Ursache jeder 
Willensbetätigung (psychischen Bewegung, Handlimg). 

Ausser diesem allgemeinen Triebbegriffe unterscheide ich noch zwei spezieile 
Triebbegriffe: den Begriff des Einzeltriebes und den des Grundtriebes. 

Der Begriff des Einzeltriebes entsteht, wenn alle 
Trieberscheinungen eines bestimmten Tieres oder einer Art 
zusammengef asst werden, welche dieselbe Richtung ver- 
folgen (z. B. Begehrtrieb, Abwehrtrieb, Bewegungstrieb, Ruhetrieb) oder auf 
dasselbe Ziel gerichtet sind {z. B. Ernährungstrieb, Schutztrieb, Brut- 
pflegetrieb) oder in demselben Organe lokalisiert sind (z. B. Ge- 
schlechtstrieb, Tasttrieb, Riechtrieb). 

Der Begriff des Grundtriebes entsteht, wenn sämtliche 
Trieberscheinungen (alle Einzeltriebe) eines bestimmten Tieres 
oder einer Art zusammengef ass t und als auf ein einzige^ 
Ziel, die Erhaltung der Gattung, gerichtet, gedacht werden. 



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III. 

Psj choanalyse in einem Falle von Errötungsangst als 
Beitrag zur Psychologie des Schamgefühls. 

Von Prof. A. von Luzenberger, Nervenarzt in Neapel. 

Eine wichtige Errungenschaft der biologischen Methoden über- 
haupt ist das Verständnis, dass zwischen Krankheit und Gesundheit 
kein prinzipieller Unterschied vorhanden sei und dass alle Lebens- 
erscheinungen uns nur augenblickliche Zustände vor Augen legen, 
welche als Kette von Ursachen und Folgen aufgefasst, ein zwar immer 
wechselndes aber stetig einheitliches Ganzes darstellen. In diesem Sinne 
hat uns die Methode der Psychoanalyse, viel besser und viel deutlicher 
als die experimentelle Psychologie, alle verschiedene Etappen unseres 
geistigen Lebens miteinander verknüpft und zugleich gezeigt wie die 
Persönlichkeit einen Reiz zu ihrer Bildung und Stempelung in den 
verschiedenen AflFekten findet, wie aber auch zu starke oder widrige 
AflFekte zerstreute Bewusstseinzentren hervorrufen und somit die Per- 
sönlichkeit zersplittern. Das Postulat der originären Einheitlichkeit 
des Bewusstseins verliert hiemit seinen Halt und für den Psycho- 
therapeuten ist statt dessen die Einheitlichkeit des Charakters Endzweck 
der Behandlung. Die Psychoanalyse hat ihre ersten Waffen im Felde 
des Pathologischen gespitzt, aber, wie oben erwähnt, das Krankhafte 
ist nur eine Über- oder Unterfunktion des Normalen und eine mit 
derselben Methode und mit denselben Regeln ausgeführte Introspektion 
des gesunden Geisteslebens gibt auch vorzügliche und ausgiebige Resultate. 
Einen eleganten Beitrag dazu lieferten einige kleine Publikationen 
unseres Meisters und Führers in der Psychoanalyse, ich meine Sigmund 
Fr eud's, welche unter dem Titel: „Zur Psychopathologie des Alltagslebens*' 
vereinigt sind. Und da er sich selbst und psychisch hochwertige Per- 
sonen die in freundschaftlichem Verkehre mit ihm leben, in diesen 
Schriftchen untersucht und darstellt, so muss eben das Wort „Psycho- 
pathologie'' eine Einschränkung eingehen in dem Sinne, dass er alle 
momentane Schlacken der geistigen Tätigkeit wie das sich Vergreifen, 
das Vergessen oder manchen Aberglauben für pathologisch ansieht, 
was eben wissenchaftlich begründet ist, insofern wir sie als Funktionen 
jenseits und ausserhalb des normalen Geisteslebens betrachten. 

Seit vielen Jahren mich mit der psychoanalytischen Therapie aller 
funktionellen Neurosen befassend, habe ich manches gelernt und über- 
dacht, das mir früher dunkel erschien : und ich finde, dass diese Methode 



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Psychoanalyse in einem Falle von Errötungsangst etc. 305 

einer viel grösseren Verbreitung wert sei, als sie bis jetzt geniesst, 
nicht nur vom Standpunkte einer „katartischen" Behandlung, welche 
nicht immer vollkommen gelingt, da öfters unsere Patienten nicht die 
genügende Ausdauer haben, die ihnen nicht selten peinliche Inquisition 
fortzusetzen und sich mit einer relativen Besserung zufriedenstellend 
desertieren; sondern auch zum Zwecke das Verständnis vieler psychischer 
Leistungen oder Unterlassungen tiefer zu ergründen. Eine solche 
Ergründung bat natürlicherweise nicht allein abstraktes Interesse, sie 
ist die erste Stufe einer wahren Selbsterkenntnis und kann hiemit dazu 
dienen, Charaktereigentümlichkeiten, welche im Kampfe fürs Leben 
hindernd auftreten können, mit systematischer Erziehung in bessere, 
passendere umzuwandeln. Es ist gewissermassen die pädagogische Seite 
des anscheinend normalen in Parallelismus gestellt mit der psycho- 
analytischen Behandlung des kranken Gemütes. 

Die Personen, die wir unserer Untersuchung untersetzen sind 
meistens Kranke: die Analyse geht aber weit über die Grenzen der 
wirklich als krankhaft geklagten Symptome und gibt somit Anlass zu 
psychologischen Studien, welche bei vollkommen gesunden Personen 
sich nicht so leicht herausfinden können, da die Introspektion bei 
letzteren eben wegen ihrer grösseren Gemütsruhe bedeutend inhalts- 
ärmer gelingt. Es sind nämlich gerade die Gemütserregungen, welche 
im Geistesleben Verknüpfungen veranlassen und Zerstreutheiten ver- 
ursachen : es wird deswegen leichter sein, bei einer erregbaren Person 
verdrängte Gedanken aus dem Grabe des ünbewussten hervorzurufen, 
als bei einer gleichgültigen, kalten Natur, da in ersterer die Ver- 
drängung nicht ohne Folgen geschieht und als Merkzeichen derselben 
Angstzustände, innere Unzufriedenheit und ähnliches zurücklässt. 

Die Kranke, welche ich hier betrachten will, kam nicht wegen 
der Errötungsangst in Behandlung. Sie litt an Arthritis (besonders an den 
Knien) und an Schwäche in den Beinen, die ich für hysterisch auffassle. 
Sie wurde in ein Sanatorium aufgenommen und dortselbst begann ich 
mit ihr Psychotherapie zu treiben. 

Die Patientin, die zur Zeit kräftig entwickelt und fast fettleibig 
ist, war in der frühen Jugend sehr schlank und zart gewesen. Jede 
kleine Gelegenheit Hess sie in Ohnmacht fallen, was besonders bei starken 
Geruchswahrnehmungen, auch wenn diese angenehmen Inhaltes waren, 
geschah. Später hatte sie viel an Familienzwistigkeiten zu leiden und 
da traten sowohl „Absences** als auch kataleptische Anfälle auf. Während 
einer Schwangerschaft traten öfter Brechreiz, Schwindel und Ohren- 
sausen auf, welche sich in Krampfanfälle auslösten. Manchmal waren 
diese auch von grellen Lichterscheinungen begleitet. 

Sie war eine Heirat eingegangen nur um die Eltern zufrieden 
zu stellen, und hatte nie Liebe zu ihrem Gatten fassen können, besonders 
weil er höchst eifersüchtig und misstrauisch war. Da bemerkte sie 
zuerst, dass, falls sie von ihm verdächtigt werde, sie plötzlich auch 
ohne Ursache errötete. Nachher, als sie Witwe wurde, schien das 
Erröten weniger häufig aufzutreten, nun aber zur Zeit der Menopause 
(sie ist jetzt 52 Jahre alt) tritt es wieder Unvermutetermassen wieder 
kräftiger auf. 

Ich richtete meine Psychoanalyse zuerst auf die Bewusstseins- 
störungen. Die ersten Tage verliefen resultatlos. Eine günstige Gelegen- 



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306 Prof. A. von Luzenberger, 

heit bot sich mir beim Auftreten eines Ekelgefühls mit Schwindel 
unmittelbar vor dem Essen. Nun analysiere ich bei ihr alle Ursachen 
des Ekels. — Da erzählt sie mir, sie habe besonderen Abscheu vor 
Würmern. Und sofort erzählt sie mir, wie sie mit 4 oder 5 Jahren 
Würmer aus dem After entleert habe und wie sie dabei heftig erschrocken 
sei. Seit der Zeit alles, was krieche, sei für sie ekelhaft, aber unter 
diesen Tieren sei ihr der Erdwurm das abscheulichste. Man bemerke 
die Ähnlichkeit zwischen demAscaris intestinalis und den Lum- 
bricus terrestris! Als sie damals an Helminthosis gelitten hatte, 
hatte sie immer, wenn sie ausging, die Furcht, sie könnte auf der 
Strasse Würmer aus dem After verlieren und würde sich dadurch vor 
den Leuten blamieren. Das sind ja Dinge, die wir in verschlossenen 
Kabine ts ausführen, die man nie im Publikum ausführen darf. Diese 
Ideen sind nicht nur Frucht unserer Erziehung; falls wir ethnologisch 
die ersten Ausdrücke des Schamgefühles beobachten, so finden wir 
(sieheHavelockElli s^), dass dieselben immer eine Äusserung derFurcht, 
Widerwillen zu erregen sind: bei vielen Völkerschaften beziehen sie 
sich auf das Essen, bei allen auf die Ausscheidungswege: der Hang 
zur Beseitung und Vergrabung der eigenen Exkremente finden wir auch 
bei vielen Tieren schon entwickelt. Und bei den Moru-Frauen (nach 
Em in Bey^) ist der Gürtel, der sie vor neugierigen Augen schützen 
soll, nur nach hinten mit einer Blätterschürze versehen und vorne ganz 
frei; und falls sie unbekleidet, das ist ohne diesen Gürtel, getroffen 
werden, so werfen sie sich sofort auf den Rücken nieder, wodurch sie 
ihre Genitalien noch deutlicher zur Schau tragen! Es sind eben nicht 
diese, welche in jenen Frauen die Schamhaftigkeit bedingen. 

Eine Zeitlang beruhigte sich unsere Patientin, als sie aber in 
unerwarteter Weise ihre Regeln bekam, erschratk sie zuerst und es 
trat in ihr wieder das Verlangen auf dass kein Mensch von ihrer Um- 
gebung eine Ahnung darüber erhalte. Auf der Strasse fürchtete sie, 
dass sie hinter sich Blutstropfen hätte fallen lassen können, und sie 
vrandte sich sehr oft um, den Boden in dem Sinne zu betrachten, wobei 
sie, besonders wenn jemand der Vorbeigehenden auf sie achtete, heftig 
errötete. Als Verdrängung diese Gedankens pflegte sie in den Tagen 
der Menstruation alles das auszuführen, was sonst in dem Lande, wo 
sie wohnte als gefährlich und verpönt galt: z, B. das Geniessen von 
Eis oder mancher Gewürze, die sonst üblich sind, aber den men- 
struierenden Mädchen enthalten w^erden. Sie hatte keine Aufklärung 
erhalten was die monatliche Blutung bedeute, sie hatte keine Kenntnisse 
über Sexualverhältnisse, es war einzig und allein die Furcht etwas 
von hinten zu verlieren, mit dem Bestreben, das so weit als möglich 
den anderen verborgen zu halten. 

Nun heiratet sie; sie tut es aus Gehorsam zu den Eltern ohne 
Liebe für den Gatten. Die Liitiation in die sogenannten ehelichen 
Pflichten stört sie nicht im geringsten, sie hat eine Schwangerschaft, 
entbindet in vorzüglicher Weise, widmet sich ganz der Erziehung der 
Tochter. Ihr Gemahl ist aber äusserst eifersüchtig: wie aber in ihm 



1) Dr. Havelock Ellis, Geschlechtstrieb und Schamgefühl (deutsch von 
Kot seh er) Leipzig. Wigand, 1900, 8. 149 n. f. 

2) Zitiert bei Havelock Ellis, S. 58 Fussnote. 



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Psychoanalyse in einem Falle von Errötungsangst etc. 307 

der Gedanke auftritt, sie wolle ihm etwas verborgen halten, und er sie 
darüber zur Rede stellt, da wird sie unruhig und errötet heftig. Die 
Zumutung welche auf ihr tatsächliches Gebahren während ihrer frühesten 
Jugend anspielt, setzt ihr Gefühlsleben in Aufregung und das Erröten 
tritt als Verdrängung auf. Alle anderen Verhältnisse stören sie nicht 
im geringsten. Sie wird Witwe und geht leidlich weiter. Nur die 
Menopause im 52. Lebensjahre, verursacht in ihr Charakterveränderungen. 
Sie findet, dass ihre Tochter, die inzwischen eine nach ihrer Auffassung 
misslungene Heirat eingegangen war, ihr gegenüber nicht zärtlich genug 
sei, ihr Schwiegersohn sei ihr direkt feindlich gesinnt: und unter diesen 
Umständen verlässt sie ihren gewöhnlichen Aufenthalt und kommt nach 
Neapel mit dem Vorwande ihre Rheumatismen zu behandeln, aber mit 
der Absicht nimmermehr zu ihrer Tochter zurückzukommen. Hier 
trotzdem dass sie fast Niemanden bekannt ist, tritt wieder die Errötungs- 
angst auf: welche tatsächlich nach der ausgeführten Psychoanalyse sie 
nicht mehr beängstigt. Inzwischen überzeugt sie sich, dass ihre Gedanken 
über Tochter und Schwiegersohn übertrieben waren, fühlt sich hier zu 
allein und reiset zu der Familie zurück, so dass eine weitere Analyse^ 
die gelegentlich auch die anderen hysterischen Symptome hätte auf- 
klären können, unterblieb. 

Der Fall scheint mir interessant genug: er gehört nicht zu den 
jenigen, in welchen die psychische Störung auf Komplexen (Jung) 
aufgebaut ist und die ausgeführte Psychoanalyse ging lediglich auf die 
Aufklärung des einzelnen Symptomes aus. Was mir aber an dem Falle 
wichtig scheint ist, dass das depressive Moment, welches zur Unruhe und 
Erröten führte, nicht die Kenntnis oder das Gefühl sexueller Verhältnisse 
war, sondern lediglich der Begri^, sie habe etwas der Welt zu verhehlen 
und dieses Etwas war im speziellen Falle dasselbe, welches bei Urvölkern 
die ersten Keime des Schamgefühles darstellen, nämlich die eigenen 
Exkremente. Erst später mischte sich zur originären Ungeniertheit, 
die fast als Schuldbewusstsein aufgefasst wurde, die Furcht als men- 
struierend, d. i. unrein, ertappt zu werden. Nachher kommt die zweite 
Übertragung: was früher ekelhaft, nachher unrein war, wird moralisch 
unrein: es ist der Gedanke ;,der Gemahl könne sie als ehebrecherisch 
verdächtigen", was tatsächlich nicht der Fall war, der sie quält und 
erröten lasst, und sie ärgert sich darüber, weil sie fürchtet, in ihrem 
Erröten könnte fasst ein Zugeständnis des nicht existierenden Ehe- 
bruches enthalten sein. Das klingt wie innerer Widerspruch, benötigte 
somit eine Aufklärung, und wir haben sie darin gefunden, dass das 
eben nur eine Verdrängung eines kindlichen Ekelgefühles sei. 



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IV, 

über einen Fall von akuter antopsychisclier Bewnsst- 
seinsstörnng, ein Beitrag zur Lehre von Kriminalität 

und Psychose. 

Von Dr, Otto Juliusburger, Oberarzt der Anstalt Berolinum, 

Steglitz-Berlin. 

Am 2S. Januar 1910 fand in der Anstalt Berolinum ein 17 Jahre 
alter junger Mann Aufnahme, welcher bis zuml. Juni 1910 in Beobachtung 
blieb. Bei dem Eintritt in die Anstalt erschien der Kranke zeitlich 
und örtlich vollkommen orientiert ; sein Verhalten war ein der Situation 
durchaus entsprechendes. Was die hereditären Verhältnisse anlangt, 
so konnte nur festgesstellt werden, dass unser Kranker der jüngste von 
neun Kindern war; das achte der Geschwister soll seit Jahren schwach- 
sinnig sein. Der Kranke hat nach Angabe seines Vaters infolge 
ungenügender Geldverhältnisse der Eltern die Gemeindeschule besucht 
und dieselbe mit einer Prämie ausgezeichnet verlassen. Patient war 
mit 15 Jahren aus der ersten Klasse abgegangen und seitdem 
andauernd in einem Geschäfte für SeidenstoflFe zur Zufriedenheit seiner 
Lehrherren tätig gewesen. Im Frühjahr 1909 soll Patient öfters Schwindel- 
anfälle gehabt haben; noch früher sei er einmal im Salon der Eltern, 
in den er geschickt wurde, um ein Vase zu holen, bewusstlos auf dem 
Teppich liegend gefunden worden. Die körperliche Untersuchung bei 
dem Patienten ergab keine Besonderheiten, es zeigte sich nur eine 
leichte Steigerung der Kniesehnenreflexe und deutliche Dermographe. 
Am 4. Januar 1910 sei der Kranke entgegen seiner sonstigen Gepflogen- 
heit spät nach Hause gekommen. Nach seiner Angabe war er mit 
einem jungen Mädchen spazieren gegangen, mit dem er seit kurzer 
Zeit eine Beziehung angeknüpft hatte. Die Mutter unseres Kranken 
hatte aber an diesem Tage einen Brief von dem betreffenden Fräulein, 
mit dem der Patient sich ein Eendez-vous gegeben hatte, in dem 
Überzieher ihres Sohnes gefunden. Bei seiner späten Rückkehr in die 
elterliche Wohnung bekam er von seiner Mutter und seinem älteren 
Bruder heftige Vorwürfe zu hören, an die er sich bei meiner Aus- 
sprache mit ihm summarisch erinnerte. Die Zurechtweisung von Seiten 
der Angehörigen war in der Tat sehr heftig, was mir von diesen 
bestätigt wurde. Man gebrauchte dem Patienten gegenüber folgende 
Redewendungen: „So fing es an; der den Diebstahl im Geschäfte 
begangen hat, hp-t wohl auch so angefangen ; so fängt man an ein Dieb 



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über einen Fall von akuter autopsychischer Bewusstseinsstörung. 809 

ZU iverden; nachher wird man schliesslich ein Mörder und kommt 
zuletzt ins Zuchthaus." Das war allerdings ein starker Redeguss, der 
zu später Abendstunde auf das unglückliche Haupt des jungen Mannes 
herniederging. Und was hatte ausser der verspäteten Heimkehr des 
Patienten den Zorn der Angehörigen geweckt? Unser Kranker hatte 
Weihnachten 1909 von seinen Lehrherren ein Geldgeschenk bekommen 
und zwar in der Höhe von 40 Mark; hiervon hatte er 5 Mark für 
sich behalten, um für die Ausgaben mit dem erwähnten Fräulein, dem 
Gegenstande seiner Liebe, etwas Geld in Händen zu haben. Der Mutter 
gegenüber hatte er bestimmt und fest behauptet, dass er nur 35 Mark 
bekommen habe, obwohl die Mutter zu ihm sogleich ihre Bedenken 
äusserte. An jenem Abende nun, an welchem unser Kranker spät nach 
Hause zurückgekehrt war, brachte die Mutter das Weihnachtsgeschenk 
von den angeblichen 35 Mark zur Sprache und sagte ihrem Sohne 
auf den Kopf zu, er habe mehr bekommen und den Rest für sich 
behalten, ohne es zu sagen, — daher der Zornesausbruch der Mutter 
und des Bruders unseres Kranken. Nachdem das häusliche Gewitter 
sich ausgetobt hatte, ging der Patient zu Bett; er meinte mir gegen- 
über, soweit er sich erinnere, habe er in jener Nacht vom 4. zum 
5. Januar nicht richtig fest geschlafen; er habe die Augen geschlossen 
gehabt; an einen Traum, den er etwa in jener Nacht gehabt habe, 
konnte er sich nicht erinnern; er meinte, dass er etwa 1 Uhr nachts 
aufgewacht wäre, da sei ihm der Gedanke gekommen, dass 
er gestohlen habe. Der Gedanke kam und war eben da, 
so äusserte sich der Patient zu mir. Unser Kranker gab mir an, er 
habe sich eingebildet, ganze Stücke von Seidenstoffen genommen und 
für sich an einen Hehler verkauft zu haben, genau so wie es ein Kollege 
von ihm im Geschäfte tatsächlich getan hatte. Der Diebstahl dieses 
Kollegen unseres Patienten soll Ende 1909 entdeckt worden sein. 
Halten wir fest, dass unser Kranker mit dem Gedanken erwacht war, 
er sei an diesem Diebstahl mitbeteiligt. Nach Mitteilung der Angehörigen 
hatten diese am Morgen des 5. Januar nur bemerkt, dass der Patient 
etwas unruhig war und seinen Weggang nach dem Geschäfte verzögerte. 
Als die Mutter ihn zum Aufbruche nach dem Geschäfte mahnte, habe 
er dazu gelacht, sonst aber hatten die Angehörigen nichts an dem 
Patienten bemerkt, was um so glaubhafter erscheint, als sie ihn wohl 
sonst schwerlich hätten weggehen lassen. Der Patient versicherte mir, 
er sei mit der Absicht fortgegangen, in das Geschäft zu gehen, um 
seinen Chefs alles zu sagen, was er getan zu haben glaubte ; erst unter- 
wegs, so meinte er, habe er sich überlegt, er könne von seinem Vergehen 
nicht direkt zu den Chefs sprechen, sondern er wollte lieber schriftlich 
ihnen alles eingestehen; er habe fest daran geglaubt, dass er einen 
Diebstahl begangen habe, er hätte es beschwören können, er habe 
bestimmt geglaubt, von dem anderen Diebe, seinem erwähnten Kollegen, 
Schweigegelder bekommen und ausserdem selbst Waren an den Hehler 
verkauft zu haben. Von seinen Angehörigen habe er nachher erfahren, 
dass er Briefe geschrieben hätte, auf die ich sogleich eingehen will. 
Der Patient selbst erklärte mir, dass er sich erinnere, in einem Kafifee 
in der X-Strasse einige Briefe geschrieben zu haben, von deren Inhalte 
er aber nichts mehr% wisse. Was er darüber angeben könne, habe er 
erst später gehört. Nur davon habe er eine Erinnerung, dass er Briefe 

Zeatralblatt for PBychoanalyM. T/*. 21 



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310 Dr. Otto Juliusburger, 

abgeschickt habe ; in einem Kaffee habe er sie geschrieben, weil er dort 
am bequemsten schreiben konnte; ins Geschäft sei er nicht gegangen, 
weil er mit solcher Selbstbeschuldigung seinen Chefs nicht gegenüber- 
treten wollte. Der Patient glaubte sich zu erinnern, dass er die Briefe 
in der Hauptpost aufgegeben habe und zwar sei er dort etwa 11 Uhr 
vormittags angelangt; von dort sei er nach dem M-Markt gegangen, 
aber nicht durch die K-Strasse, wo das Geschäft sich befindet. Dann 
sei er in verschiedenen Strassen umhergegangen, er könne sich aber 
nicht mehr erinnern, welche Wege er genommen habe; nur das wisse 
er noch, dass er gegen 1 Uhr mittags sich auf dem A-Platze befunden 
habe und zu seiner Schwägerin nach N. gefahren wäre, ohne sich 
erinnern zu können, weshalb er gerade seine Schwägerin aufsuchen 
wollte. Bei seiner Schwägerin habe er zu Mittag gegessen und sei von 
dieser zurückgehalten worden, da inzwischen die Schwägerin von den 
Angehörigen des Patienten telephonisch benachrichtigt worden war. Die 
Angehörigen hatten nämlich im Laufe des Vormittags einen Brief von 
dem Patienten erhalten, auf den ich im folgenden zurückkommen 
werde. Nach dem Empfang dieses Briefes hatten sie sich mit den 
Chefs ihres Sohnes in Verbindung gesetzt, welche ihnen die Versicherung 
gaben, dass der Patient sich nicht das geringste hatte zuschulden 
kommen lassen. Unser Kranker hielt noch bei seiner Schw^ägerin an 
der Idee, einen Diebstahl begangen zu haben, fest. Erst als er gegen 
Abend nach Hause gekommen war und seine Mutter ihm verschiedenes 
vorgehalten hatte, er solle doch die einzelnen Daten aufzählen, wann 
er die Diebereien getan hätte und dergleichen mehr, da habe er das 
nicht gekonnt und sei sich darüber klar geworden, dass er gar nichts 
Unrechtes gemacht habe. Bei seiner Heimkehr von seiner Schwägerin 
aus N. sei es ihm vorgekommen, als habe er die Strasse lange nicht 
gesehen, gleich als käme er von einer längeren Reise zurück. Die Angehörigen 
und die elterliche Wohnung erkannte er ohne weiteres. — Nunmehr will ich 
die interessanten Briefe mitteilen, welche der Patient am Morgen des 
5. Januar geschrieben hatte. Der Brief, welchen unser Kranker an 
seine Chefs geschrieben hatte, lautete folgendermassen : Berlin, 5. Januar 
1910. Firma T. und B. Hoch wohlgeboren, hier. Sehr geehrte Herren. 
Ich bitte Sie vielmals zu entschuldigen, dass ich Sie so hintergangen, 
denn ich war Mitwisser von den Taten des Herrn N. und habe von 
Herrn N. Schweigegelder erhalten. Ausserdem war ich auch bei Herrn 
F. und bei Herrn P. und bei verschiedenen anderen Agenten um Stücke 
auf dieselbe Art und Weise wie Herr N. zu verkaufen. Gleichzeitig 
bitte ich Sie mein Fehlen zu entschuldigen, da ich grosses Zahnreissen 
habe und bitte Sie diese Sache möglichst diskret zu behandeln. Mit 
vorzüglicher Hochachtung — ihr Lehrling X. X. — Der Brief an die 
Angehörigen lautete: Breslau, 5. Januar. Geliebte Eltern und Ge- 
schwister. Hier in Breslau bin ich gesund und munter angelangt. Wie 
werdet ihr erstaunt sein wenn Ihr hört, dass ich mich auf der Geschäfts- 
reise aufhalte. Mittags sagte mir Herr T. — nämlich der Chef des 
Patienten — der liebenswürdige Herr, dass ich nach Breslau schnell- 
stens fahren muss, da Herr T. junior plötzlich krank geworden ist. 
Was mir sehr angenehm war, da ich, wie Ihr ja wisst, mit ganzem 
Herzen Lust als Reisender meiner Firma zu sein batte. Habe bei M. F. 
Breslau für 10000 Mark Seide verkauft und habe noch viele Ordres in 



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über einen Fall von akuter autopsjchischer Bewnsstseinsstörnng. 311 

Aussicht. Vom ersten März werde ich ein Gehalt von 100 Mark 
Fixum und P/o beziehen und für Frankreich und wahrscheinlich Italien 
reisen. Ich will schnellstens schliessen, denn ich bin sehr müde und 

will schlafen gehen. Euer dankbarer Sohn X. Links unten 

in der Ecke des Briefes steht noch : N. B. Hoffentlich habt Ihr das 
kleine Intermezzo vom Dienstag Abend schon vergessen. 

Als ich den Patienten bezüglich seines Briefes an die Eltern 
fragte, meinte er, er habe ihn wohl geschrieben, um zu erklären, 
weshalb er nicht zu Tisch käme. 

Während der hiesigen Beobachtung konnte bei dem sonst stets 
freundlichen und entgegenkommenden Kranken gelegentlich eine mür- 
rische und reizbare Stimmung bemerkt werden, während er gleichzeitig 
über Kopfschmerzen klagte. Als Patient am 21. März 1910 gegen 
Abend vom Billardspielen im Erdgeschoss die Treppe zu seinem Zimmer 
hinaufstieg, überfiel ihn ein Schwindelanfall, wobei er hinfiel, sich aber 
keine Verletzung zuzog. Kurze Zeit hernach machte er noch einen 
verstörten Eindruck, verstand anscheinend an ihn gerichtete Fragen 
nicht gleich, fragte wiederholt und zeigte im linken und rechten Arme 
leichte Zuckungen. Im übrigen aber wurden bei dem Kranken während 
der hiesigen Beobachtung keine psychotischen Symptome beobachtet; 
weder seine Willens- und Gefühlssphäre noch sein Intellekt liessen 
irgend einen Defekt erkennen. Soweit meine Mitteilung über das vor- 
liegende Krankheitsbild. Ich glaube, dass die Bekanntgabe dieses Falles 
schon dadurch gerechtfertigt ist, dass die transitorische Psychose durch 
die Eigenart ihres Inhaltes Interesse erwecken dürfte. Ich meine aber 
auch, dass das nähere Eingehen auf den Fall und der Versuch das 
Wesen der vorliegenden transitorischen Psychose zu erfassen, sich 
verlohnen dürfte, da die Erörterung wichtiger theoretischer Fragen sich 
hieran anschliessen muss. Es kann ja von vornherein keinem Zweifel 
unterliegen, dass sich bei unserem Kranken epileptische Anfälle finden; 
man wird daher bereitwillig geneigt sein, die transitorische Psychose, welche 
hier geschildert wurde, als das Ä quivalen t eines epilepti^shen Anfalles 
aufzufassen und sie mit dem üblicnen Etikett ;, epileptischer Dämuier- 
zustand^ zu versehen. Hier aber muss ich schon Halt machen. Ich 
glaube, dass der Begriff ^Dämmerzustand^ für uns ein recht bequemer, 
umfangreicher Topf ist, worin man allzuviel hineinzustecken gern 
bereit ist, was doch eine Sonderung und Abtrennung voneinander 
beanspruchen kann. Wernickehat in seinem „Grundriss der Psychiatrie" 
bereits darauf hingewiesen, dass man die Diagnose ;, Dämmerzustand" 
genauer und schärfer umgrenzen sollte. Der Name ;,Dämmerzustand", 
so sagt Wernicke, sollte durchaus für diejenigen akuten Psychosen 
vorbehal en werden, welche das Merkmal einer Benommenheit des Sen- 
soriums,t also einer eigentlichen Bewusstseinstrübung merklichen Grades 
an sich tragen. An einer anderen Stelle charakterisiert Wernicke 
das Wesen der ,, Dämmerzustände" durch den besonderen Hinweis 
auf die Benommenheit einerseits und die mehr oder weniger aus- 
geprägte allopsychische Desorientiertheit andererseits. Wir haben in 
unserem Falle der transitorischen Psychose auch nicht den geringsten 
Anhaltspunkt, bei unserem Patienten eine Benommenheit oder eine 
allopsychische Desorientiertheit anzunehmen. Wenn unser Kranker 
angab, bei seiner Heimkehr am 5. Januar von seinem Besuche seiner 

21» 



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312 Dr. Otto Julinsborger, 

Schwägerin in N. sei es ihm vorgekommen, als habe er die Strassen 
lange nicht gesehen, so handelte es sich hierbei sicherlich nicht um 
eine primäre, umfangreiche, allopsychische Desorientiertheit; eine allo- 
psychische Störung des Bewusstseinsinhaltes war gewiss nicht vorbanden, 
sondern die dem Patienten aufgefallene ganz partielle Fremdartigkeit 
im Wahmehmungsakte war wohl die Folge der primären autopsychiscben 
Identifikationsstörung bei unserem Kranken, auf die ich gleich zu 
sprechen komme. Ich glaube aus der Schilderung des vorliegenden 
Falles wird man mit Sicherheit annehmen können, dass das Sensorium 
des Patienten am 5. Januar wohl erhalten war, dagegen hat es sich, 
um mit Wernickezu sprechen, gewissermassen um eine Unterbrechung 
der Kontinuität in dem Bewusstsein des Patienten gehandelt. Bei dem 
Kranken war plötzlich, man könnte sagen apoplektiform, eine Ver- 
änderung seines Bewusstseinsinhaltes im Gebiete seiner Persönlichkeit 
eingetreten. Es stellte sich bei ihm, um die Nomenklatur Wernickes 
anzuwenden, zweifellos eine akute Autopsychose ein, auf autopsychischem 
Gebiete lag der Angelpunkt der vorliegenden transitorischen Psychose. 
Gerade das Studium des über Gebühr erweiterten Begriffes der „Dämmer- 
zustände"' ist geeignet, den hohen Wert der Wernickeschen Nomen- 
klatur darzutun. Mit ihrer Hilfe gelingt es eine möglichst scharfe 
Bestimmung der psychotischen Erscheinungen vorzunehmen. Bevor wir 
aber diesen Gedankenfaden weiter fortspinnen, muss noch mit ein 
paar Worten jener oben erwähnten Briefe gedacht werden, welche der 
Kranke am 5. Januar geschrieben hatte. Der Inhalt derselben soll 
weiter unten Gegenstand der Erörterung werden. Hier will ich 
I besonders hervorheben, dass die Schriftzüge der Briefe und die ganze 
Art des Schreibens merklich verschieden war von der sonstigen schrift- 
lichen Ausdrucksweise des Kranken. Ich glaube, dass es sich hier 
nicht um ein Zufallserzeugnis handelt, denn in zwei ähnlichen Fällen 
von akuter autopsychischer Bewusstseinsstörung war gleichfalls die 
Schrift, wie aus Briefen hervorging, in charakteristischer Weise ver- 
ändert. In den drei von mir beobachteten Fällen hatten die Schrift- 
züge aus der Zeit der akuten Bewusstseinsstörung gewissermassen eine 
auffallende Familienähnlichkeit geoffenbart. Wenn ich den Cliarakter 
der Schrift kurz bezeichnen soll, so möchte ich ihn einen maniakalischen 
nennen; es liegt in der Schrift etwas dahinstürmendes, es prägt sich 
in ihr eine psychomotorische Erregung aus, sie erscheint flüchtig und 
zerfahren, wechselvoll und springend; auch das Satzgefüge erinnert 
stellenweise an einen manischen Zustand. Wernicke hat ausdrücklich 
darauf hingewiesen, dass die vorliegenden Krankheitsbilder eine nicht 
wegzuleugnende Verwandtschaft mit dem Bilde der Manie hätten, in 
welcher aber selbstverständlich eine durchaus verschiedene Krankheit 
zu erblicken wäre. Nun müssen wir aber auf den Inhalt der Briefe 
eingehen und kommen damit zu der Frage, ob die bei dem Kranken 
plötzlich einsetzende Idee, einen Diebstahl begangen zu haben, einer 
weiteren Erklärung hinsichtlich ihres Ursprungs zugänglich ist. Ich 
hatte vorhin die grosse Bedeutung und den grossen Wert der Wer- 
nickeschen Nomenklatur hervorgehoben. So sehr ich auch noch heute 
von der Fruchtbarkeit des genialen Werkes Wernickes überzeugt 
bin, muss ich doch sagen, es bedarf einer Ergänzung. Wernicke ist 
seine einseitige Betonung des Intellektualismus verhängnisvoll geworden . 



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über einen Fall von akuter autopsychischer ßewusstseinsstörung. 313 

In seiner Arbeit über die Klassifikation der Psychosen erklärt er 
geradezu, der Vorteil seines Schemas liege auf der Hand, es könne der 
unklaren Begriffe Gefühl, Verstand, Wille entbehren. Freilich ist es 
nicht zu verkennen, dass W ernicke schon hier den Weg gewiesen 
hat, auf dem weiter gegangen werden muss: ich meine seine Lehre 
von der Bedeutung eines affektvollen Erlebnisses und seiner fortwirkenden 
Erinnerung, wie er sie dargetan hat in bezug auf die Entstehung der 
überwertigen Idee^), der Halluzinationen und Illusionen. In der Tat, 
die Fortentwickelung in der Auffassung und in dem Verständnisse der 
psychischen Störungen muss aus der Darlegung und Betonung der 
grundlegenden Wichtigkeit der menschlichen Wünsche und Triebe 
hervorgehen. Die Kenntnis der Psychologie Arthur Schopenhauers 
und Ludwig Feuerbachs kann hier befruchtend auf unsere Er- 
kenntnisse einwirken. Diese beiden grossen Philosophen haben bereits 
mit aller Entschiedenheit und der für sie so charakteristischen Klar- 
heit die fundamentale Bedeutung des Wünschens in unserem Seelen- 
leben dargetan. Doch will ich an dieser Stelle nicht weiter auf ihre 
Anschauungen und Lehren eingehen, sondern gleich mich zu der 
bemerkenswerten Arbeit Bleulers aus dem Jahre 1906 über die 
„Freudschen Mechanismen in der Symptomatologie der Psychosen*' 
wenden. Bleuler weist darauf hin, dass Freud behauptet, unsere 
Psyche habe die Tendenz, das Weltbild umzuarbeiten, wie es unseren 
Wünschen und Bestrebungen entspricht. Diese Neigung kommt ungehemmt 
zum Vorschein in allen Situationen, wo das durch die äusseren Ver- 
hältnisse gebotene Denken mit seiner logischen Anknüpfung an die 
Wirklichkeit gestört ist. Das ist namentlich der Fall im Traum. 
Unter pathologischen Umständen zeigt sich diese Tendenz in der Sym- 
ptomatologie der Neurosen, wie es Freud nachgewiesen hat. Bleuler 
führt nun des weiteren den Nachweis i n dem oben genannten Aufsatze, 
dass die gleichen Mechanismen auch in der Pathologie der Geistes- 
krankheiten eine grosse Rolle spielen. Bleuler zählt eine grosse 
Kategorie derselben auf und zeigt die symptomwirkende Kraft des 
Wünschens. Mit wenigen Worten gedenkt er in seiner Arbeit auch 
der epileptischen Dämmerzustände, bei denen seiner Meinung nach die 
Gefühlsbetonung Auffassung und Assoziation beeinflusst. Nun stelle ich 
die Frage: lässt sich im Sinne Bleulers unter Zuhilfenahme der 
Freud sehen Mechanismen ein Verständnis für die seelischen Vor- 
gänge bei unserem Kranken gewinnen? Der Patient war in dem Alter, 
wo sich bei ihm lebhaft sexuelle Wünsche regten. Offenbar trieb ihn 
sein sexuelles Drängen an, ein Objekt zu suchen ; er nahm nicht Vorlieb 
mit den gewöhnlichen Strassenmädchen, sondern suchte nach Besserem. 
Da aber zu solchem Vorhaben Geld gehört, so befand er sich in Ver- 
legenheit. Man wird sich erinnern, dass er zu Weihnachten ein kleines 
Delikt beging, indem er seiner Mutter von den vierzig Mark, welche 
er als Weihnachtsgeschenk erhalten hatte, nur 35 Mark abgab, um 
5 Mark für sein Liebesverhältnis zurück zu behalten. Dies kleine 
Vergehen, so unbedeutend es auch erscheinen mag, halte ich aber doch 



J) Man vergleiche Wernickes Grundriss der Psychiatrie, S. 149—150, wo er 
an Freuds Lehre von der Verdrängung dicht herankommt. Siehe ferner Gross, 
Das F r e u dache Ideogenitätsmoment etc. und über psychopathische Minderwertigkeiten. 



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314 Dr. Otto Juliusburger, 

nur für eine in das Oberbewusstsein unseres Kranken geworfene Welle 
von einem in seinem Unterbewusstsein lebenden Triebe. Das ist freilich 
eine Hypothese, aber wir werden um so leichter an sie glauben, wenn 
wir uns vorhalten, dass bei unserem Patienten sich epileptische Zufälle 
fanden; es liegt aber nahe, an eine Beziehung zwischen Epilepsie und 
Kriminalität zu denken. Darüber hat sich auch in klarer und über- 
zeugender Weise Erich Wulff en in seinem Werke: „Der Sexual- 
verbrecher*' ausgesprochen. Unser Kranker musste, wie so mancher 
andere junge Mann, seine Triebrichtung und sein ihm vielleicht selbst 
noch unklares, unterbewusstes Wünschen seinen Angehörigen ver- 
heimlichen, und diese Tendenz, etwas verborgen halten zu müssen, wird 
sicherlich die latente kriminelle Kraft in ihm verstärkt haben. Wohl 
mancher junge Mann, hauptsächlich im Alter des sexuellen Drängens 
wird Gefahr laufen, zu entgleisen und der Verführung zu erliegen, die 
sich ihm im Umkreise seiner Betätigung darbietet. Der Verlockungen 
gibt es viele und die Versuchung mag allzuoft an ein Individuum 
herantreten, auf Kosten seiner Arbeitsgeber sich das Leben zu erleichtern 
und zu geniessen. Hier hat der Charakter oft schwere Proben zu 
bestehen und seine Stärke in der Fähigkeit, Wünsche und Triebe zu 
sublimieren oder zu unterdrücken und zu verdrängen, zu erweisen. 
Unser Kranker wusste, dass ein Kollege von ihm Waren aus dem 
Geschäfte unbefugterweise verkauft hatte, um mit dem Erlös sich 
Genüsse zu verschaffen. Ich glaube, es ist keine gewagte Annahme, 
dass auch in dem Unterbewusstsein unseres Kranken sich der Wunsch 
geregt haben mag, jenem Beispiele zu folgen. Man könnte ja schlauer 
zu Werke gehen als der Vorgänger, eine nicht selten mehr oder weniger 
unterbewusste Vorstellung im Seelenleben solcher Individuen. Nun 
kommt der kritische Moment des Zusammenstosses unseres Kranken 
mit seiner Mutter und seinem Bruder, welche ihm die erwähnten Vor- 
würfe machten. Durch das scharfe Vorgehen der Angehörigen wurde 
meiner Annahme zufolge der im Unterbewusstsein unseres Kranken 
schlummernde kriminelle Wunschkomplex getroffen und rege gemacht. 
Nun wird es in seinem Seelenleben zu einem Aufruhr und einem Kampfe 
gekommen sein; die Gefahr konnte nur dadurch wirksam beseitigt 
werden, dass der kriminell gerichtete Komplex auf eine relativ unschäd- 
liche, harmlose Weise eine Erledigung erfuhr. Das Individuum flüchtete 
sich unter einer transitorischen Sprengung der Kontinuität seines Be- 
wusstseinsinhaltes in die Psychose. Das ist kein seltenes Geschehnis. 
Ohne auf dies hochwichtige Thema hier näher einzugehen, will ich kurz 
bemerken, dass der Inzestkomplex, welcher für die Kulturmenschheit 
von höchster krimineller Bedeutung geworden ist, nicht immer im 
Unterbewusstsein verdrängt gehalten wnrd; einerseits kommt er zum 
Durchbruch im kriminellen Akt und andererseits findet er seine Be- 
friedigung, wie Freud mit Recht bereits hervorgehoben hat, häufig 
als symptombildender Kernkomplex von Psychoneurosen. Er erscheint 
aber auch in einer Reihe von Fällen in den nach aussen objektivierten, auf 
die Aussenwelt projizierten, dem eigenen Unbewussten des Individuums 
entsprungenen psychotischen Erzeugnissen. Meiner Meinung nach ist die bei 
unserem Kranken apoplektiform einsetzende kriminelle Idee, einen 
Diebstahl begangen zu haben, allerdings ein Einfall, aber ein Einfall 
aus einem unterbewussten kriminellen Wunschkomplexe und somit 



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über einen Fall von akuter autopsjchischer Bewasstseinsstörung. 315 

unserem Verständnisse zugänglich gemacht, während wir sonst vor 
einer unbegreiflichen Schöpfung aus dem Nichts stehen bleiben müssten. 
Endlich habe ich noch mit wenigen Worten auf den Brief hinzuweisen, 
den unser Kranker während seiner transitorischen Psychose an seine 
Eltern geschrieben hatte und der oben mitgeteilt worden ist. Dieser 
Brief offenbart sich ja ohne weiteres als diktiert von einem Wunsche, 
in der geschäftlichen Stellung eine höhere Stelle zu erreichen und rasch 
zu Gelde zu kommen; ein weiteres Kommentar für diesen Wunschbrief 
ist nicht weiter erforderlich; nur wäre noch möglich, dass in unserem 
Kranken sich ein fernerer Wunsch rege gemacht hätte, der in seinem 
Unterbewusstsein im Anschluss an die eben erwähnte Scheltszene sich 
entwickelt haben dürfte, nämlich der Wunsch, den Eltern und Ge- 
schwistern zu zeigen, dass er doch nicht der schlechte und untaugliche 
Mensch sei, als den man ihn bezeichnet hatte. Auch dieser Wunsch 
kann sehr wohl als unterbewusste Triebfeder zu jenem obigen Briefe 
mitgewirkt haben. Hiermit beschliesse ich die Analyse des auch gewiss 
rein klinisch betrachtet interessanten Falles. Ich glaube die Bedeutung 
des unterbewussten Wunschlebens für die Psychopathologie im vorliegenden 
Falle dargetan und ein lehrreiches Beispiel für die Wichtigkeit derBleul er- 
sehen Auffassung der Freudschen Mechanismen in der Symptomatologie 
der Psychosen gegeben zu haben. Wir werden es uns zur Aufgabe machen 
müssen, bei der Analyse von Psychosen auf das geheime Wunschleben 
und das Wirken der Triebe des Individuums zurückzugreifen, um uns 
so das Fundament für ein Verständnis der Symptomatologie zu schaffen. 
Ich glaube, dass wir dann dahin kommen werden, die Bedeutung und 
die Richtigkeit des Satzes von Erich Wulffen anzuerkennen, nämlich: 
geistige Erkrankung und Verbrechen sind Äquivalente^), denn beide 
entstammen demselben Mutterboden, sie sind geboren aus dem unter- 
bewussten Wunschleben. Die Anerkennung und Betonung dieses endo- 
genen, psychologischen Faktors lässt natürlich in keiner Weise die 
Wichtigkeit der exogenen, aus dem Milieu auf das Individuum wirkenden 
Kräfte übersehen. 



1) Siehe £rich Wulffen: ,Der Sexual Verbrecher*' sowie: .Das Kriminelle 
im deutschen Volksmärchen.^ (Archiv für Eriminalaatbropologie.) 



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Jnlins Piklers ,,dynamische Psychologie" und ihre 
Beziehungen zur Psychoanalyse^). 

Von Gaston Rosenstein, Wien. 

Die Ankündigung einer dynamischen Psychologie muss schon durch ihren 
Namen die Aufmerksamkeit des psychoanalytisch orientierten Lesers in Anspruch 
nehmen, enthält sie doch notwendig die mögliche Verheissung einer Beseitigung 
von Unstimmigkeiten, die gegenwärtig zwischen Schulpsychoiogie und Psycho- 
analyse bestehen. 

Ich glaube tatsächlich, dass P i k 1 e r's Schriften in vielfacher Beziehung 
diesen Forderungen entsprechen und es ist dies um so erfreulicher, als P i k 1 e r , 
der sich die Revision der gegenwärtigen psychologischen Grundanschauungen zur 
Aufgabe gestellt hat, der medizinischen psychoanalytischen Forschung scheinbar 
ganz femesteht. . 

Versuchen wir zunächst in Kürze eine Wiedergabe der wesentlichsten Ge- 
dankengänge in Pikler's psychologischem System. Den Ausgangspunkt bildet 
die ,, Gegensätzlichkeit (ies Erlebens". „Ein psychischer Gegenstand wird nicht 
wahrgenommen, wenn nicht früher ein gegensätzlicher psychischer Gegenstand 
im Wahrnehmungsfelde vorhanden war*).'* 

Dei erste psychische Gegenstand, der aus einem System von gesetzlichea 
Gegenständen zuerst da ist, wird bewusst nicht erlebt, sondern hinterlässt p.ar 
eine unbewusste Tendenz zum Weitererleben des Gegenstandes („Beharren des 
Erlebens")- Ist dann das gegensätzliche Glied objektiv da, so wird sowohl )die 
Tendenz zum Weitererleben des ersten Gegenstandes, als auch im Gegensatze 
dazu die neue Wahrnehmung aktuell; es werden also erst beim objektiven Auf- 
treten des zweiten Gegenstandes eines Systems gegensätzlicher Wahrnehmungen 
beide bewusst Ein Bauer wird sich nur in der Grossstadt dessen gewahr, dass 
die Häuser daheim klein sind; beim erstmaligen Wahrnehmen eines Tones von 
einer bestimmten Höhe, wird der Ton nur im Gegensatze zur Stille wahrgenommen. 



1) Julius Pikler, Beschreibung und Einschränkung. Vierteljahrsschr. 
für wissenschaftl. Philos. 1907. — Das Beharren und die Gegensätzlichkeit des 
Erlebens. Franckh, Stuttgart 1908. — Über Theodor Lipp*s Versuch einer 
Theorie des Willens. Barth, Leipzig 1908. — Zwei Vorträge über dynamische Psycho- 
logie. Barth, Leipzig 1908. — Über die biologische Funktion des Bewusstseins. 
Scientia 1909. N. X. 2, Zanichelli, Bologna. — Die Stelle des Bewusstseins in der 
Natur. Barth, Leipzig 1910. 

<) Julius Pikler, Über die biologische Funktion etc. Seite 1. 



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Jalias Fiklers ,dynamifiche Psychologie '• 317 

über die Höhe des Tones ist schlechthin gar keine Aassage möglich, solange nicht 
ein Ton in anderer Höhe wahrgenommen wird usw. Es werden somit nur jene 
Qualitäten von Wahrnehmungen erlebt, die bisher schon gegensätzlich vor- 
banden waren. 

Der Begriff einer Tendenz zum Weitererleben des Gegenstandes erfordert eine 
weitere Erklärung. Er widerspricht nämlich durchaus den Voraussetzungen der herr- 
sehenden Psychologie, die einfach eine Disposition, dsts Gedächtnis, die Reproduk- 
tionsfähigkeit feststellt. Bei P i k 1 e r hinterlässt notwendig jedes Erlebnis die Ten- 
denz zum Weitererleben, nicht zum abgeschwächten Vorstellen schlecht- 
hin; es hinterlässt eine „Gewissheitsüberzeugung" von dem wirklichen 
Dasein eines Gegenstandes und da diese gehemmt ist, wie wir gleich sehen 
werden, so bleibt nur die Tendenz zum Weitererleben zurück, die erst von 
der Hemmung befreit werden muss, um Erlebnis selbst zu werden. Wir müssen 
also zweierlei unterscheiden, erstens, dass jedes Erleben überhaupt eine Ten- 
denz und nicht bloss ein Abbild zurücklässt und zweitens, dass diese Tendenz 
eben die Tendenz zum Weitererleben, zum vollen Erleben, zum Über- 
zeugtsein ist. 

Dass jede Vorstellimg die Tendenz zum Erlebnis selbst sei, ja das Erlebnis 
enthalte, erscheint im ersten Augenblicke paradox, wird aber doch durch mehr- 
fache Überlegungen annehmbar gemacht. Stellt man sich zum Beispiel eine be- 
kannte Person vor, so muss, sagt Pikler, diese Person selbst dem Vorstellenden 
gegenwärtig sein, nicht aber ein „Abbild" dieser Person. Denn dieses „Abbild", 
als welches die Vorstellung von den Psychologen definiert wird, ist nur ein 
blasses, schwankendes oder (nach Wundt) ein unvollständiges Abbild, und wie 
könnte man, wenn dieses die einzige Hinterlassenschaft wäre, die wirkliche Person 
wiedererkennen, beziehungsweise sie von einer noch so ähnlichen Person unter- 
scheiden? So sagt er^): „Schreibt ein Psychologe den Satz nieder: ,Die Vor* 
Stellung eines Berges ist das blasse, schwankende, unvollkommene Abbild des 
wirklichen Berges*, so bekundet er doch eben mit diesem Satze, dass er eine 
andere Vorstellung vom wirklichen Berge besitzt, als jenes blasse, schwankende, 
unvollkommene Abbild, und dass er den Berg nicht mittels dieses Abbildes, 
sondern mittels jener ersteren Vorstellung denkt." Besonders deutlich treten die 
Verhältnisse bei der sogenannten negativen Wahrnehmung zutage, insbesondere 
dann, wenn ein Erlebnis erwartet wurde und nicht eintritt. Blicken wir zum 
Beispiel auf ein Stäbchen und urteilen „das ist keine Kerze", setzen wir aber 
dabei voraus, dass wir eine Kerze ursprünglich dort zu sehen erwarteten, so fühlt 
man deutlich die Tendenz zur Gegenwahrnehmung. „Wir trauen unseren Augen 
nicht." Die „Vorstellung" der Kerze bedrängt das Bewusstsein und will ihre 
Tendenz zum Erleben realisieren; die Wahrnehmung des Stäbchens muss erst 
diese besiegen, um sich durchzusetzen. Noch deutlicher wird dies, wenn der 
Gegenstand auch gewünscht wird, doch davon später. 

Die Beispiele zeigen, dass jeder neue Gegenstand gegen schon erlebte 
gegensätzliche Gegenstände kämpfen muss, um sich durchzusetzen, dass diese 
somit Widerstand leisten. Dieser Widerstand ist nur die Tendenz zum Weiter- 
erleben des ersten Gegenstandes, gegen die die neuen gegensätzlichen Erlebnisse 
ihrerseits die Tendenz zum gegenwärtigen Erleben durch Wahrnehmung realisieren 
müssen. Da jedes neue bewusste Erleben nur möglich ist im Gegensatze 
zu etwas, so lässt sich der Begriff des bewussten Erlebens gar nicht vollziehen. 



1) Das Beharren usw. S. 22. 



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318 Oaaton BosensteiD, 

ohne die Vorstellung des Kampfes und der Überwindung damit zu verbinden. 
Die Vorstellung wäre Erlebnis selbst, wenn nicht eine Gegenüberzeugung sie 
hemmte. Da wir aber nur in Gegensätzlichem erleben, ist mit jeder Überzeugung 
notwendig die Tendenz zur Gegenüberzeugung verbunden. „Überzeugung und 
Gegenüberzeugung sind einander komplementär hemmend, stets gleichzeitig da^).'' 
Zum Beispiel, die Überzeugung „es ist nicht warm'* hätte keinen Sinn, könnte 
gar nicht erklärt werden, wenn sie nicht eine andere, nämlich die gegenteilige 
Oberzeugung negieren, also hemmen wollte. Diese, nämlich die Überzeugung „es 
ist warm" oder zumindest die Möglichkeitsüberzeugung, würde von selbst auf- 
treten, wenn nicht die gegenwärtige Wahrnehmung siegreich wäre. (Die Auf- 
merksamkeit auf die Frage vorausgesetzt.) Eine Gewissheits Überzeugung aber, 
oder eine bewusste Wahrnehmung ist die gänzliche Besiogung der Tendenz zum 
Gegencrlebnis ; darum ist diese nicht beseitigt, sondern nur paralysiert, 
sie bleibt bestehen. Das physische Analogon ist ein Hebel, wo die Ruhe nicht 
dem Mangel an Kräften, sondern dem Gleichgewichte der Kräfte zuge- 
schrieben werden muss. 

Eine Vorstellung ist also stets eine Erlebnis tendenz, paralysiert durch 
ein Gegenerlebnis; fehlt daher jedes Gegenerlebnis, also schwinden die Wirk- 
lichkeitserlebnisse für unser Bewusstsein, dann entstehen notwendig Halluzina- 
tionen, denn die Erlebnis tendenzen werden frei. (Hypnagogische Bilder, Träume.) 
Darauf kommen wir natürlich zurück; jedenfalls ergibt diese Tatsache, nämlich 
das Dasein, die Möglichkeit der Halluzination, einen guten Beweis für die Pikler- 
schen Schlüsse. 

Das Wiedererkennen endlich ist ein vollkommenes Aufheben der Paraly- 
sierung durch die Erfüllung der objektiven Bedingung, findet aber bewusst erst 
dann statt, wenn der Gegenstand nicht erwartet wurde, wenn er gegensätzlicho 
Erwartungen besiegen muss. Darum fällt uns das Gewohnte, Alltägliche nicht 
auf; bewusst wird nur, was siegreichen Widerstand leistet. 

Jene Tendenzen, von denen oben gesprochen wurde, die erst als Reaktion 
die gegensätzlichen Wahrnehmungen bezw. Überzeugungen hervorrufen und ohne 
welche letztere nicht denkbar wären, sind in der Regel nicht bewusst und werden 
darum auch geleugnet. Auf die Fehlerhaftigkeit derartiger Argumentationen, die 
das Unbewusste übersehen oder negieren, hat P i k 1 e r besonders scharf hin- 
gewiesen. „Jene Auffassung muss endlich ernstlich aufgegeben 
werden, als wäre im psychischen Leben nur das Bewusste 
da und wirksam. Nie wird bei dieser Auffassung die Psychologie eine tief- 
gehende Wissenschaft werden können- Auch die Physik verwirft einen solchen 
rohen Empirismus, indem sie z. B. feststellt, dass auch in einem auf einer 
Unterlage ruhenden oder sich aufwärts bewegenden Körper die Schwerkraft da 
und wirksam ist.. Und nur dadurch befähigt sie uns, Tatsachen aus Elementen 
oder durch Eliminierung von Elementen herzustellen^).** 

Alle Erlebnisse und Erwartungen sind Umwandlungen des unbewussten Er- 
lebnisbestandes ; an diesem spielen sich die Bewusstseinszustände ab. 

Auch das Wünschen, Streben, Wollen zeigt denselben Mechanismus (Gegen- 
sätzlichkeit und Beharren); aber es tritt ein wichtiges psycho-physisches Prinzip 
hinzu. Jeder Wunsch bezieht sich auf die Wirklichkeit und hat die Tendenz, 



1) Zwei Vorträge usw. S. 7. 

2) Zwei Vorträge usw. S. 6. 



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OrfgfrTaffrom 
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Julias Piklers „dynamiBche Psychologie*. 319 

Überzeugungen frei zu machen, Wirklichkeitserlebnisse herbeizuführen. Darüber, 
welche von gegensätzlichen Erlebnissen erstrebt wird, entscheidet der Unter- 
schied ihres Wertes für das Individuum. Damit ist aber noch nichts .über 
ihren Sieg ausgesagt So gelangt man zur nächsten wichtigen Frage, welche 
Umstände den Sieg herbeiführen. 

1. Die äusseren Energien bringen normal stets die äusseren Erleb- 
nisse hervor, indem sie stets gegensätzliche Beharrungstendenzen besiegen. 

2. Das häufigere Erlebnis eines Gegenstandes bewirkt die grössere 
Wahrscheinlichkeit seiner Erwartung im Verhältnisse zur gegensätzlichen Erwartung. 
Gehäuftes Erlebnis zweier Tatsachen miteinander hat zur Folge, 
dass mit der einen Tatsache die ihr assozierte mit einem grösseren Wahr- 
scheinlichkeitsgrade erwartet wird, als die gegensätzliche Verbindung. Also z. B. 
für die Verbindung A — B wird die mögliche Verbindung A nicht B zunächst auch 
erwartet und dann durch das Wirklichkeitserlebnis A — B stets besiegt, bis die 
Häufung dieser Besiegungen durch das konstante Zusammenerleben von A mit B 
die Möglichkeitserwartung der Gewissheit süberzeugung immer mehr nähert. Darauf 
beruht im wesentlichen die Induktion, der Schluss aus der Erfahrung; die ge- 
nauere Darstellung nach P i k I e r würde hier zu weit führen. Die dynamischen 
Vorgänge beim Siege psychischer Tendenzen haben leicht nachweisbare Analogien 

in der Mechanik: „ ähnlich wie in der Mechanik schon ein einziger 

Impuls eine zeitlich unbeschränkte und an Geschwindigkeit nicht nachlassende 
Bewegung schafft Das Induzieren, die Häufung der Instanzen, ist zur Mehrung 
der Wahrscheinlichkeit nur gegenüber den Gegeninstanzen notwendig, wie die 
Häufung der Impulse zur Erhaltung der Bewegung nur den Gegenkräften gegen- 
über notwendig ist^).** 

3. Der grössere Wert, der einer Überzeugung anhaftet, bewirkt die Hand- 
lung. Diese nimmt zweckvolle Veränderungen der Aussenwclt vor und führt 
also auf diesem Wege zum Siege der gehemmten Wunschtendenz, wodurch diese 
ihre Tendenz des Fürwahrhaltens, des unmittelbaren Erlebens erfüllt 

Wertvoller ist, was mit dem grösseren Wohlgefühl verbunden ist Die 
Handlung wird durch den Unterschied des Interesses automatisch bewirkt, 
nur wenn die entgegenwirkenden bisherigen Erlebnisse (Erfahrung) und die äusseren 
Energien stärker sind, bewirkt die im Interesse liegende Kraft ein Streben, das 
also nur dann auftritt, wenn die Handlung nicht möglich ist. „Im Zeitpunkte^ 
wo die Handlung möglich ist, tritt diese ohne vorhergegangenes Wollen urplötz- 
lich ein ^).** 

Zum Verständnisse dieser dynamischen Beziehungen, der Analogien und 
Verschiedenheiten im psychischen Geschehen vergegenwärtige man sich folgendes: 
Ohne Hinzutreten des Interesses entspricht der Hemmung der Tendenz blosses 
Überzeugtsein vom Gegenteile. Erleidet z. B. eine bisher siegreiche objektive 
Wirklichkeitstendenz eine Hemmung, wird also die bisher besiegte Tendenz frei, 
wird eine Gewissheitsüberzeugung enttäuscht, indem ihr Gegenteil erlebt wird, 
so wird die neu aufgezwungene Wahrnehmung oder Überzeugung zur Über- 
raschung. Siehe das vorgenannte Beispiel, wo die Gewissheitserwar- 
t u n g , eine Kerze zu sehen, überwunden werden musste, durch die 
„aufgezwungene** Wahrnehmung des Stäbchens. (Es erfolgt aber kein Streben.) 

1) Zwei Vorträge usw. S. 11. 
*) Das Beharren usw. S. 34. 



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OrfgfrTaffrom 
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820 OaBton Rosenstem, 

Hat aber die neue Oberzeugang auch gleichzeitig einen geringeren Wert, d. h. 
ist sie mit geringerem Wohlgefühl verbunden, dann bewirkt eben dieser Wert* 
unterschied als Kraft ausserdem noch ein Streben nach ihrer Beseitigung, 
nach der Wiederherstellung der früheren, jetzt besiegten Wahrnehmung oder beim 
Fühlen siegreicher äusserer Energien tritt die Handlung „urplötzlich" ohne 
Streben ein. 

Jene im Interesse liegende Kraft kann nun auch im physikalischen Sinne 
des Wortes aufgefasst werden. Denn mit dem Aufhören des Strebens, mit dem 
erhöhten Wohlgefühle, mit dem Eintreten der Befriedigung geht eine grössere 
physische Arbeit parallel. Die Schlaffheit der Muskeln, die Trägheit der Zirkulation, 
die Glanzlosigkeit der Augen usw. machen einer grösseren Beweglichkeit Platz. 
Diese kann nur auf Kosten des Dranges entstanden sein, das Streben bedeutet 
daher physische Kraft. „Die Höhe des Wohljgefühls bedeutet die Grösse des 
Energieumsatzes in gegebener Zeit .... Die Tatsache, dass die wertvollsten; 
körperlichen Handlungen von selbst zustande kommen, dass ein minderwertiger 
Zustand von selbst nicht da sein kann, ist eine physische Tatsache derselben 

Natur und desselben fundamentalen Ranges, wie die Tatsachen , dass 

elastische Körper von selbst ihre Deformation aufheben, dass die Wärme und 
die Elektrizität von Stellen höherer Intensität zu Stellen niedrigerer übergeht^)." 

Das Kräftespiel im psychischen Leben wird dadurch komplizierter, dass 
nicht immer die „überzeugungsbewirkenden Kräfte** „normal** siegen. 

Von hervorragender Bedeutung sind jene „abnormen** Vorkommnisse, wo 
der Wert Überzeugungen oder Wahrnehmungen schafft, also auf ihre Bewirkung 
durch die Handlung verzichtet, bezw. daran gehindert wird und sie direkt 
(psychisch) mit Hinweglassung dieses Umweges zu erzielen sucht Dann ent- 
stehen Illusionen oder Halluzinationen, falsche Überzeugungen, Täuschungen des 
Glaubens usw. (Der Glaube an das ewige Leben, an unsere guten intellektuellen 
und moralischen Eigenschaften, die Subjektivität jeder Ethik; eine Frau findet 
ihre Nebenbuhlerin weniger schlank als sich selbst usw.) Diese Abweichungen 
vom normalen Geschehen finden im allgemeinen bei grossem Wertunterschiede 
und geringer Handlungsfähigkeit, bezw. Handlungsunmöglichkeit statt. In allen 
diesen Fällen ist insoweit das normale j>sycho-physische Gleichgewicht gestört, 
als eben äussere objektive Energien durch innere Wertenergien überwunden werden. 
Der Übergang zur Psychopathologie ist damit gegoben. Hier und in weiteren Gleich- 
gewichtsstörungen des oben beschriebenen dynamischen Verhallens werden wir 
leicht die Brücken zur Psychoanalyse finden können. — 

Ich glaube, die hier in Kürze dargelegten Ideen bedeuten einen psycho- 
logischen Gewinn. Vielleicht zum ersten Male gewinnen wir durch P i k 1 e r einen 
Einblick in den funktionellen Zusammenhang des ganzen psychischen Geschehens 
und so verspricht der weitere Ausbau der Gedanken im Sinne der beschriebenen 
Dynamik im Psychischen noch sehr fruchtbare Ergebnisses). Gewisse Lücken 
in der Theorie müssten noch ausgefüllt werden; der Schlaf erforderte in diesem 
Systeme eine gesonderte psychologische Betrachtung, gleichfalls die Tat- 
sachen der aktiven Aufmerksamkeit, der Spontaneität des Bewusstseins. Vielleicht 
gelingt es P i k 1 e r auch, die Theorie von den Beziehungen des Wohlgefühls 
und des Energieumsatzes, mit Berücksichtigung biologischer Gesichtspunkte und 

1) Über Theodor Lipps usw. S. 36. 

2 ) Auf die Streitfragen zwischen Lipps und P i k 1 e r wird nicht einge- 
gangen Siehe „Über Theodor Lipps usw.** — Es sei nur hier erwähnt, 
dass die L i p p s*sche Psychologie in mancher Hinsicht ähnliche Gedankengänge 
verfolgt, was übrigens Pikler selbst anerkennt. 



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f 



Julias Piklers .dynamische Psyehologie*. 321 

Heranziehung einer Triebiehre zu erweitem. Hierzu würde auch eine energetische 
Erklärung der Angst gehören. 

Erinnern wir uns nun des eingangs aufgestellten Postulates einer dynami- 
schen Psychologie und sehen wir nun nach, inwieweit der Pikler'sche Ge- 
dankengang diesen Forderungen entspricht; inwieweit die dynamischen Prinzipien 
der Psychoanalyse und die nicht dynamisch aufgefassten Beobachtungen der Schul- 
psychologie in seinem System zu einem einheitlichen Ganzen zusammengefasst 
werden können. 

Die Halluzination bereitete der Erklärung immer die grössten Schwierig- 
keiten. Erkläxungsweisen, wie z. B. : „Zentrale Hyperästhesie", die die Wirkung 
hat, „dass reproduktive Empfindungselemente die Stärke äusserer Sinneseindiücke 
erhalten" i), besagen nicht viel. Freu d*s weit tiefgehendere Theorie fand in 
der Halluzination eine primäre W unscherfü llung und sah in dieser einen ..primi- 
tiven Zustand des Seele nappa rates, der bald wegen^Unzwpckmässigkeit verlassen 
w urde ^7 

Pikler geht darin weiter; jedes Erlebnis lässt eben, wie wir vordem 
sahen, eben das Erlebnis selbst zurück, das, wie jedes Erlebnis, nach seiner 
Realisierung tendiert. Hier ist der Ursprung der Halluzination. Vorstellung schlecht- 
hin, die kein Erlebnis ist, gibt es überhaupt nicht. Fehlen aber hemmende äussere 
Energien, so stellt sich die Halluzination von selbst ein, wie im Schlafe *). 
Der Wert aber, also im weitesten Sinne die Bedürfnisbefriedigungstendenz, kann 
unter Umständen auch die äusseren Energien überwinden, also mit den eo ipso 
in den Vorstellungen enthaltenen Halluzinationstendenzen gleichsinnig wirken. Der 
Unterschied zu Freud liegt darin, dass nur in diesen Verschiebungen der 
Komponenten die Ursache der halluzinatorischen Psychose nach Pikler liegen 
würde. Theoretisch ist also eine Halluzination auch ohne eigentliche Wunsch- 
erfüllung möglich. Dass das praktisch nicht der Fall zu sein scheint, beruht 
darauf, dass im Schlafe alle freiw^rdenden Tendenzen einander gegenseitig hemmen 
und die wertvolleren, also die Wunsch tendenzen, siegen*). Die Halluzination 
ist meiner Meinung nach die beste Bekräftigung seiner Lehre: Nicht nur fvird 
die Halluzination durch Pikler am besten erklärt, sondern ihre Existenz und 
Möglichkeit sind unmittelbar beweisend für seine Grundanschauung. — Wenden 
wir uns nun dem Problem des Unbewussten zu, dem zweiten Kernproblem des 
Traumes und dem ersten der Neurosen. In der Schulpsychologie gibt es nur 
„latente Elemente", die „unter Umständen" „durch Reproduktion" „aktuell** 
werden, es gibt eine „Bewusstseinsschwelle", eine „Enge des Bewusstseins". In 
der Psychoanalyse wiederum finden wir verdrängte, bewusstseinsunfähige 
Vorstellungen, ein „aktives" Sträuben von Vorstellungsgruppen gegenein- 
ander, abwehrende Tendenzen, die alle dem Unlustprinzipe folgen i^). 

1) W u n d t , Grundriss der Psychologie. IX. Auflage. S. 331. 

*) Freud, Traumdeutung. 

5) Es sei aber hervorgehoben, dass Lipps* Anschauungen über den Gegen- 
stand in manchen Punkten mit denen des Autors sich decken. 

*) Siehe übrigens die Abhandlung S i 1 b e r e r*s über hypnagogische Bilder 
im „Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen". I. 2. 
Es wäre übrigens zu fragen, ob jene Bilder nicht auch durchwegs Wunsch- 
erfüllungen sind, was ich bejahen möchte. 

ö) Siehe Freud's Traumdeutung, das ganze Kapitel „Psychologie der Traum- 
vorgänge", S. 313 bis Schluss, 2. Auflage, und seine sämtlichen Schriften. 



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322 Gaston Roseneteiiiy 

» 

Diese beiden Ansichten laufen nebeneinander, sie divergieren zwar nicht 
aber sie streben auch nicht einander zu und keineswegs ergänzen sii einander. 
Vervollständigen wir aber P i k 1 e r 's Psychologie nach einer Seite, einer wesent- 
lichen, eben der psychoanalytischen Seite (und wir können dies, ohne ihr im 
geringsten Gewalt anzutun), dann ergibt sich uns ein System von psychischen 
Kräften, das den ganzen psychischen Apparat in seinen Erklärungsbereich ziehen 
kann, das Bewusste und das Unbewusste und dieses sowohl im psychologischen 
als im psychoanalytischen Sinne. Oder in der Sprache F r e u d's : Das Bewusste, 
das Vorbewusste und das Unbewusste. 

Wir sprachen früher vom Werte, dem Interesse, das einzelne Überzeugungen 
aus der Paralysierung befreit Es war vom Wohlgefühl, von der Lust die Rede. 
Die negativen Werte, die Unlustwerte, bedingen nun das Gegenteil. Es werden 
nicht nur jene Handlungen nicht vollzogen, die Unlust zur Folge haben, son- 
dern der Wert, nämlich der negative Wert, verhindert das Bewusstwerden 
einer Vorstellung, d. h. er j) a r a 1 y s i e r t die Erlebnistendenz und gestattet nicht 
ihre Befreiung. Wir brauchen nur jene Gesetze, die P i k 1 e r über die Wirkung 
des Wertes feststellt, nach ihrer entgegengesetzten Seite zu erweitern, und wir 
gelangen von selbst in den Bereich der Psychoanalyse : Ebenso wie der positive 
Wert mitunter gegen äussere und innere Tendenzen siegreich wird, so ver- 
hindert der negative Wert, also das Unlustmoliv, unter Umständen das Wirk- 
samwerden äusserer und innerer Energien. Beispiele für den ersten Fall wären 
die von P i k 1 e r zitierten : Der Glaube an unsere guten intellektuellen und 
moralischen Eigenschaften, eine Frau findet ihre Nebenbuhlerin weniger schlank 
als sich selbst usw. Beispiel für den zweiten Fall: Eine Frau erkennt auf 
der Strasse ihren kurz angetrauten Gatten nicht, weil die Ehe mit ihm ihren 
Strebungen widerspricht ^). 

Eigentlich sind beide Erscheinungen nur zwei Seiten eines und desselben 
Vorganges: Wenn z. B. jemand seine guten intellektuellen Eigenschaften bejaht, 
also an sie glaubt, so negiert er damit schon die gegenteilige Überzeugung. 
Er negiert eine eventuell durch Wahrnehmungen berechtigte Minderwertigkeits- 
überzeugung, d. h. er lässt ihr Freiwerden nicht zu; der Wert der positiven 
rberzeugung überwindet die objektive, entgegengesetzte Überzeugung und hemmt 
eine Kraft, die wüe jede psychische Kraft ein „Fürwahrhalten** tendiert. Und 
in dem anderen Falle negiert die Frau die objektive Überzeugung ihrer Ver- 
ehelichung durch die wertbedingte Überzeugungstendenz: Ich will einen anderen 
Mann. (Oder einen ähnlichen gleichwertigen Wunsch.) 

In allen derartigen abnormen Fällen ist also beides da: Eine Überzeujgung 
wird durch den positiven Wert, entgegen realen Tendenzen, frei, der Wert siegt 
und es entsteht eine Täuschung, gleichzeitig wird die entgegengesetzte 
Überzeugung infolge ihres negativen Wertes paralysiert, wiederum entgegen den- 
selben realen Tendenzen. Infolge der Gegensätzlichkeit im psychischen Leben 
ist das offenbar. Der erste Prozess bringt die Illusion hervor, der zweite idid 
dauernde Paralysierung, und diese ist in unserem System gleichbedeutend mit 
dem Unbewusstwerden ; es ist das geschehen, was Freud Verdrängung nennt. 
In Wirklichkeit sind es aber zwei Erfolge eines und desselben Vorganges. Wie 
aus der Illusion eine Charakterveränderung entsteht, werden wir sofort sehen. 
Diese Vorgänge sind nämlich, das ergibt sich aus ihrer dynamischen Auffassung 
von selbst, kontinuierliche. Nur ist hier theoretisch zweierlei zu unterscheiden, 

> ) In F r e u d * s Psychopathologie des Alltaglebens, Deuticke, 1907. 



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Jalios Piklera .dynamiecbe Psychologie*. 32S 

das Verdrängte ist entweder eine Minderwertigkeitsüberzeugung oder ein Trieb. 
Im ersten Falle hat es bloss negativen Wert, im zweiten Falle hat eine Wert- 
ver Wandlung stattgefunden. Was früher Lust bereitete, ist jetzt Unlust ge- 
worden. Im ersten Falle wird die zu unterdrückende Tendenz nur durch objektive 
Instanzen verstärkt, im zweiten Falle durch das immerfort rege, Befriedigung» 
heischende Triebleben. In jedem Falle ist es mit der einmaligen Verdrängung, 
mit der einmaligen Setzung der gegensätzlichen Überzeugung, der Illusion nicht 
getan, sondern dem steten Bedrängnisse des Bewusstseins auf der einen Seite 
entspricht ein stetes Entgegenwirken des Gegensätzlichen auf der anderen Seite. 
Mit dem steten Zwange zum Handeln nach der gegensätzlichen Richtung wird 
die gegensätzliche Überzeugung herbeizuführen gesucht. So entstehen jene inter- 
essanten Charakterveränderungen im Gefolge dieser Prozesse. Charakterveränderung 
und Verdrängung müssen daher stets parallel gehen. Verdrängt kann stets nur 
durch etwas Gegensätzliches werden. Hier in den P i k 1 e r'schen Prinzipien der 
Gegensätzlichkeit des Erlebens liegt die letzte Erklärung jener für die Psychologie 
von Freud eroberten, so ungemein wichtigen Begriffe der Verdrängung und der 
Reaktionsbildung ^). Diese letzte wird von Freud bloss für die sexuellen Trieb- 
regungen beschrieben. Auf die Minderwertigkeitsgefühle hat zum ersten Male 
Adler hingewiesen 2). Ihre ausführliche Darstellung, sowie die Beschreibung 
der Reaktionsbildungen („männlicher Protest**), siehe bei Adler ^). 

Alle diese Prozesse, wo der Wert Überzeugungen schafft (und wir haben 
gesehen, dass „eine Überzeugung schaffen** und „Verdrängen** des Gegensätz- 
lichen ein und dasselbe ist), gehören nicht zum normalen Seelenleben, darauf 
weist P i k 1 e r ausdrücklich hin und die Feststellung ist für den Zweck unserer 
Vereinheitlichung der Psychologie und Psychoanalyse von grosser Wichtigkeit. 
Nämlich: Das Interesse soll „normal** nur in Hinsicht unserer Handlungen siegen. 
Ist dies wirklich so, arbeitet der psychische Apparat normal, ohne Störung durch 
den Wert, dann ist das Kräftespiel nur ein Hemmen und Freiwerden objektiver 
Erlebnistendenzen. Paralysierung ist ünbewusst werden. Eine paralysierte 
Vorstellung kann im nächsten Augenblicke wieder befreit werden, eine befreite 
Vorstellung, wenn sie keinen Widerstand findet, schwindet aus dem Bewusst- 
scin und das erklärt die Labilität und den steten Wechsel unserer Bewusstseins- 
inhallc. Man muss sich nur klar machen, dass nach P i k l e r nur das bewusst 
wird, was siegreichen Widerstand leistet. Alles andere, sowohl das „Be- 
siegt e**, als auch jene Tendenzen, die keinenWiderstandmehrfinden, 
wie das Gewohnte, Alltägliche, kommen nicht ins Bewusstsein. Diese dyna- 
mische Auffassung tritt an die Stelle der unzutreffenden 
Darstellung der Schulpsychologie, die latente Inhalte 
aktuell werden lässt und sie wieder unter die Schwelle des 
Bewusstseins „versinken** lässt. Mengt sich aber der Wert 
ein, arbeitet der psychische Apparat „abnorma 1**, dann treten 
jene Veränderungen ein, die wir oben beschieben haben* aber 



^) Siehe insbesondere Freud, Drei Abbandlungen zur Sexualtheorie. 
Deuticke. 

-) Adler, Studie über Minderwertigkeit von Organen. Urban und Schwarzen- 
berg, 1907. — Derselbe, Die Disposition zur Neurose. Jahrbuch f. psycho- 
analytische und psychopathologische Forschungen. I. 2. 

3) Adler, Der psychische Hermaphroditismus im Leben und in der Neurose. 
Fortschritte der Medizin. Nr. 16. 1910. 



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324 Gaston Rosenstein, 

die Vorgänge bleiben ihrem Wesen nach die gleichen; wir 
haben auch nur Paralysierung, Widersland und Freiheit von Tendenzen. Die 
verschiedene positive und negative Interesse besetzung hat nur zustande ge- 
bracht, dass aus demUnbewusstsein einer Vorstellung ihreBe- 
wusstunfähigkeit resultiert, dass das vorübergehende Un- 
bewusstsein in den dauernden Zustand übergeht. Die Wert- 
überschätzung gewisser Vorstellungen in Verbindung mit der Unterdrückung anderer 
hat dann die Folge, dass sich bestimmte Einstellungen fixieren. 
(F r e u d * s Fixierung der libido, A d 1 e r ' s „männlicher Protest", 1. c.) Mit 
dieser Ableitung erst ist die eingangs postulierte Beseitigung der Unstimmigkeiten, 
erzielt: Der Gegensatz zwischen nichtdynamischer Psychologie und dynamischer 
Psychoanalyse hört auf. 

Es ist klar, dass der Begriff normal nur als Grenzbegriff verstanden 
werden kann. Die Ursache des Abnormen ist nach Pikler: Der grosse Wert- 
unterschied und die geringe Handlungsfähigkeit. Wir können uns dem anschliessen 
und hinzufügen: Unser Apparat könnte im allgemeinen nur dann normal arbeiten, 
wenn ihm die Möglichkeit zu Gebote stünde, jede Unlust durch eino Handlung 
zu beseitigen. Dies ist natürlich nicht der Fall; erheblich gestört wird das normale 
Gleichgewicht durch die Gegensätzlichkeit unserer Triebe (Ichtriebe und Sexual- 
triebe) *), durch die primitive Arbeitsweise des infantilen Apparates, durch „falsche 
Wertungen'* (soziale und ethische Suggestionen) -). Eine geglückte Verdrängung 
ist die totale Paralysierung ; bei der „missglückten Verdrängung** „entschlüpft 
die Vorstellung der Paralysierung". Diesen Ausdruck P i k l e r's können wir auch 
für die psychoanalytische Auffassung verwenden. Insoweit aber die verdrängten 
Vorstellungen Triebe sind, intendieren sie Handlungen, die ohne die Verdrängung 
eben automatisch zustande gekommen wären; die Gegentondenzen streben nach 
Realisierung von Gegenhandlungen, die den entgegengesetzten Zustand lierbei- 
zuführen beabsichtigen: gelingt ihnen dips nicht, ist die Verdrängung keine voll- 
ständige, war folglich die Reaktionsbildung, die Charakterveränderung keine durch- 
greifende, so ist damit der Grund zu jenen Kompromissbildungen gelegt, die 
dem neurotischen Symptome zugrunde liegen. Wir erinnern uns hi(»r, wie in 
P i k 1 e r*s Dynamik Vorstellung und Handlung untrennbar verknüpft in funk- 
tionellem Zusammenhange stehen ^), 

Eine durchgreifende Werttheorie müsste noch die Lehre ergänzen und wäre 
dazu berufen, wichtige Aufschlüsse in der Neurosenpsychologie zu liefern. Ähn- 
liche Ziele erstrebt übrigens auch Adler mit seinen * infantilen Geschlechtor- 
wertungen *). 

Wie ist nun die Wirkung der psychoanalytischen Behandlung in diesem 
neugewonnenen Zusammenhange zu verstehen? Das Bewusstmachen bedeutet die 

1) Freud, Die psychogenen Sehstörungen in psychoanalytischer Auffassung. 
Ärztl. SUndeszeitung. 1910. Nr. 9. 

^ Siehe Adler, über psychischen Hermaphroditismus usw. 1. c, 

3) Nur nebenbei sei auf folgende Übereinstimmungen hingewiesen: Das vorhin 
beschriebene Zustandsbild der Unbefriedigung, des gehemmten Strebens, Schlaff- 
heit der Muskeln, Trägheit der Zirkulation, Glanzlosigkeit der Augen usw. ist 
auch das Zustandsbild der Neurasthenie. Weiterhin ist die sexuelle Befriedigung 
mit dem grössten Wohlgefühl und dem grössten Energieumsatz verbunden, endlich 
ist der sexuelle Trieb der „triebhafteste**, also am meisten Handlung er- 
heischende. 

^) Siehe Adler, Über psychischen Hermaphroditismus usw. 1. c. 



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Julius Piklers .dynamische Psjchologie*. 325 

Wiederherstellung der Bewusstseinskontlnuität in Hinsicht dieses Elementes oder 
besser dieser Tendenz, es bedeutet ihre Mitbeteili^ung an der dynamischen Wirk- 
samkeit des Denkens, das zwischen Wahrnehmung und Handlung eingeschaltet 
ist und dessen biologische Funktion in der Feststellung richtiger Handlungen 
durch Induktion besteht. Die Einreihung in den ganzen Bewusstseinszusammen- 
hang hat aber auch Umwertung „falscher Wertungen** auf Grund besserer, alle 
Möglichkeiten enthaltender Erfahrung und weiterhin Eliminierung oder Herab- 
setzung von Wertunterschieden zur Folge. 

Wie unvollständig diese Darlegung auch sein mag, so hoffe ich doch ge- 
zeigt zu haben, dass Pikler's dynamische Psychologie wohl geeignet sein kann, 
eine gemeinsame Grundlage normal-psychologischer und psychopathologischer For- 
schungen abzugeben, insbesondere weil sie eine Psychophysik im richtigen 
Sinne des Wortes bedeutet, die den ganzen psychophysischen Organismus vor Augen 
hat und sich nicht auf unfruchtbare, belanglose Messungen von Intervallen und 
Empfindungsquantitäten zurückzieht. 



ZentralbUtt flür Fsjehoanalys«. Vf. 



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Mitteilungen. 



Beitrag znr Psychopathologie des Alltagslebens. 

Von Dr. D. Epstein, Siew-BiiABland. 

I. Ein Beispiel von Vergessen. 

Ich habe sonst ein sehr gutes Gedächtnis für Familiennamen, namentlich 
für die meiner Patienten. Ende Oktober 1910 trat in meine Spitalabteilnng ein 
Pat mit doppelseitiger Spitzentnberkulose ein, für den ich lebhaftes wissenschaft- 
liches Interesse empfand und den ich einer Tuberkulinbehandlung unterwarf. Ich 
nahm persönlich die genaueste Krankengeschichte mit dem Pat. auf, besuchte ihn 
täglich zweimal; trotzdem vergass ich jedesmal seinen Familiennamen, worüber 
die Oberin meiner Abteilung ganz erstaunt war. 

Ich nahm mir vor die Sache psychoanalytisch anzugehen, um mir das Ver- 
gessen in diesem Falle zu erklären. 

Der Pat heisst Ksensenko. Zerlegt man das Wort in zwei Teile, dann 
erhält man K s e n s und e n k o ; e n k o ist die Endigung für kleinrussisohe Familien- 
namen und hat nichts Bemerkenswertes an sich. Das Schwergewicht liegt wohl 
an dem Wort K s e n s. — Das bedeutet im Russischen Jesuitenpater pder 
katholischer Geistlicher, ^lun habe ich eine gewisse Abneigung gegen 
Geistliche überhaupt und Jesuitenpatres im Speziellen. Das Vergessen des Familien- 
namens Ksensenko ist also auf Verdrängung des Wortes Ksons 
zurückzuführen. Nach Klarstellung des Falles durch Psychoanalyse behielt ich 
den Namen im Gedächtnis. 

IL Ein Beispiel von Versprechen. 

Vor ca. zwei Jahren hatte ich einen Assistenten, der nicht nur denselben 
Familiennamen wie ich trägt, sondern auch den Zunahmen des Vaters (ich heisse: 
David Jakowlewitsch, mein Assistent: L6on Jako wie witsch). 
Während ich vom Dienstpersonal eine gewisse Disziplin verlangte und deshalb! 
etwas gefürchtet war, zeichnete sich der oben erwähnte Kollege durch Milde und 
Güte aus, er war deshalb der ausgesprochene Liebling seiner Untergebenen^ 

Nun fiel es mir auf, dass ioh sowohl von der Oberin als auch von den. 
Krankensohwestem mit „L6on Jakowlewitsch** (statt David Jakow- 
lewitscjh) apostrophiert wurde ; nach der Korrektur verfiel die Sprecherin in 
denselben Fejiler. Es war also offenbar das Versprechen durch eine li n - 
bewusste Hegung der Gedanken bedingt : „Wie schön wäre es^ wenn statt des 



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Beitrag zur Psychopathologie des Alltagslebens. 327 

streBgen David Jakowle witsch der gütige L6on Jakowlewitsch bei 
uns wäre." 

Ich setzte dies meinen Krankenschwestern auseinander und lachend be- 
stätigten sie mir die Richtigkeit meiner Psychoanalyse. 

III. Ein Beispiel von Verlegen. 

Die letzten 3—4 Jahre hatte ich dem eifrigen Studium der Lungentuber- 
kulose gewidmet, ich machte Studienreisen nach der Schweiz, Deutschland und 
Österreich; meine Erfahrungen hatte ich in einer ganzen Reihe von Aufzeich- 
nungen und Arbeiten niedergelegt, die ich in einem bestimmten Fache meines 
Bücherschrankes aufbewahrt hielt. 

Vor kurzem bewarb ich mich um die Direktorenstelle einer Lungenheil* 
Stätte und trotz meiner wissenschaftlichen Qualifikation fiel die Wahl nicht auf 
mich, sondern auf einen älteren Kollegen. Ich fühlte mich zurückgesetzt Tmd 
die Beschäftigung mit der Tuberkulose war mir verleidet. Als aber der gewählte 
Kollege in einer für miqh sehr schmeichelhaften Weise mich zur Mitarbeit lin 
der Lungenheilstätte heranzog, war ich gezwungen meine Aufzeichnungen hervor- 
zuholen. Ich konnte sie trotz eifrigen Suchens nicht finden, und erst der Mit- 
hilfe meines Dieners gelang es, sie zu finden. — Sie lagen unberührt an der ge- 
wohnten Stelle. 

Auch hier entsprang das Verlegen einer unbewussten Regang, 
nämlich dem Wunsche, der Tuberkuloseforschung zu entsagen, nachdem ich mich 
in meinen Hoffnungen so getäuscht hatte. 

IV. Ein Beispiel einer Symptomhandlung. 
Ich trage an einer Heilgehilfinnenschule (Feldscherenschule) über spezielle 
Pathologie und Therapie vor. Während einer Vorlesung tritt die Schülerin B. K. 
in den Hörsaal ein, und statt im Auditorium Platz zu nehmen, setzt sie sich am 
Rande des Katheders zu meinen Füssen nieder. Trotz des Gelächters der Mit- 
schülerinnen und meiner Einladung in einer der Bankreihen Platz zu nehmen, 
blieb sie am Katheder sitzen. Dieser Vorgang wiederholte sich in gleicher Weise 
bei den folgenden Vorlesungen. 

Die exzentrische und neuropathisch veranlagte Person hegte für mich grosse 
Verehrung; das Sitzen am Rande des Katheders war eine Symptomhand- 
lung, die besagen sollte: „ich will za Füssep. des verehrten und gelie)>ten^ 
Lehrers sitzen". 



22* 



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IL 

Ein Fall von Schreibstottern, 

Von Dr. Wilhelm Stekel. 

Ein dreissigjähriger, sehr intelligenter Mann zeigt neben andern Sym- 
ptomen einer Zwangsneurose eine merkwürdige Störung des Schreibens. Er 
bleibt bei einem Worte stecken und fragt sich nun : Wie wird das geschrieben ? 
Er ist immer über die Rechtschreibung im Zweifel. Er schreibt noch immer 
unorthographisch, etwa wie ein besserer Volksschüler. Auch die Form der 
Schrift zeigt den bekannten infantilen Typus mancher Neurotiker. Die Worte 
sind zerrissen, manchmal gibt es einige Buchstaben mehr, so dass man fast 
von einer Paragraphie sprechen könnte. 

Die Analyse ergibt, dass der Kranke schon in den frühesten Schul- 
zeiten die Buchstaben „sexualisiert" hatte. Er hatte gewisse Lieblingsbuch- 
staben, besonders die runden, die ihm den Eindruck eines „Loches" machten. 
Ebenso beschäftigten ihn die verschiedenen Häkchen, die Haar- und Schatten- 
striche mit einer oft wunderlichen Symbolik. Ein ähnlicher psychischer 
Mechanismus spielt auch beim Stottern eine grosse Rolle. Die Stotterer 
haben ebenfalls die Sprache sexualisiert und spielen mit den Buchstaben, 
dem Rasch- und Langsamsprechen, dem Steckenbleiben, dem Nichtkönnen 
usw. verschiedene Szenen mit der unermüdlichen Phantasie der Neurotiker, 
die ihren infantilen Lustquellen durchs ganze Leben nachlaufen. 

In meinem Falle von Schreibstottern machte ich nun den Versuch, 
aus einem beliebigen Schriftstück einige Worte herauszusuchen, die falsch 
geschrieben waren und bei denen der Patient lange gezweifelt hatte, wie er 
sie eigentlich rech t schreiben sollte. 

Eines war uns sehr bald klar: Der Kranke war sich offenbar über 
den rechten Weg im Zweifel. Er hatte auch allen Grund, an seiner 
Rechtlichkeit zu zweifeln. Er stand auch mit seiner religiösen Überzeugung 
zwischen zwei Lagern, einem tiefreligiösen, fast zelotischen Vormund und einer 
freigeistigen sehr gebildeten Mutter. Auch in dieser Hinsicht gab es die 
quälendsten Zweifel und er hatte oft inbrünstig zu Gott gefleht, er möge 
ihm den rechten Weg weisen — und „seine Hand führen'*. Er ist ein 
typischer Fall von Christusneurose. Er ist zugleich Christus und Autichrist, 
Heiliger und Teufel, Paulus und Judas je nach seiner Stimmung und je 
nach dem Stande seiner Identifizierung mit dem Vormund oder der Mutter. 

Das zur Vorgeschichte der Analyse. Der erste Fehler, den ich heraus- 
fand, war „zeichen" statt „zeigen". Er hatte „zei" ganz flott hingeschrieben 
und war dann „stecken" geblieben. Er überleß^te lange, ob es „zeigen'* 



3y Google 



OrfgfrTaffrom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Ein Fall von Scfareibstottern. 329 

oder ,yZeichen" heissen sollte und schrieb dann „zeichen^* hin. Der Satz 
lautete: „Ich hoffe bald zeigen zu können, was ich leisten kann.'^ Ich 
lasse ihm nun seine Einfälle bringen und er erzählt mir: „Das Wort Zeiger 
ist mir unangenehm. Ich denke an den Zeiger in Dante's Hölle, der auf 
,,Ewig** zeigt. Uhren sind mir überhaupt unangenehm. Der Zeiger zeigt 
einem, dass man wieder dem Grabe näher rückt. Auch der Zeigefinger 
ist mir ein peinliches Wort. In der Schule war ich der Schlechteste. Ich 
konnte nie zeigen, was ich gelernt hatte. Ich konnte nie meine Fähig- 
keiten zeigen. Da fällt mir ein Erlebnis ein: Ich hatte als Kind die 
Gewohnheit, mich zu entblössen und alles herzuzeigen. Dafür wurde ich 
oft bestraft. Später wurde ich sehr schamhaft und schämte mich selbst vor 
dem Arzte, etwas zu zeigen.'' 

In dieser Tonart geht es weiter. Es fallen ihm unangenehme Szenen 
ein, in denen er etwas zeigen musste. Plötzlich erinnert er sich an eine 
Gerichtsverhandlung, bei der er als Zeuge einvernommen wurde und so 
befangen war, dass er zu stottern anfing und nichts herausbrachte. Er hatte 
plötzlich den ganzen Vorfall, über den er aussagen woUt-e, vergessen. Beim 
Schwören mussta er den Zeigefinger und Mittelfinger in die Höhe heben. 
Er bekam dabei einen Nervenchock. Denn er war schon viele Jahre ein 
Meineidiger. Er hatte sich geschworen, nicht mehr zu onanieren. Mit tausend 
Eiden hatte er sich vor Gott gebunden und war meineidig geworden. Dann 
schwor er sich in der Schule, er werde 20 Vaterunser vor dem Schlafengehen 
sagen, wenn ihn Gott vor Unheil behüten werde. Er wurde meineidig. 
Denn er schlief schon nach dem dritten Vaterunser ein. Er wurde ungläubig 
und erwartete ein Zeichen von Gott. Es kam nicht. Eine schwere Krank- 
heit fasste er dann als das Zeichen und die Strafe Gottes auf. Alle 
Worte sind ihm Zeichen. Worte, welche die Silbe ei enthalten, bei denen 
bleibt er immer stecken. Zur Silbe „Ei" fällt ihm immer Eichel ein. Er 
kann seine sexuellen Phantasien nicht los werden. Er will immer ein h 
hineinstecken. 

H ist für ihn stets das Haar. Nun kommt er auf eine bedeutsame 
Szene seiner Jugend, bei der das Haar eine grosse Rolle spielt. Er hat 
sich durch das frühe Onanieren ruiniert. Er wird nie zeugen können usw. 
Das ist nur ein kleiner Ausschnitt aus seinen Einfällen, die uns be- 
greiflich machen, weshalb er über die Silbe zei nicht hinauskonnte. 

Ein anderes Beispiel! Er schwankte, ob er das Wort „ziemlich'' mit einem 
oder zwei „m" schreiben sollte, also zimlich oder zimmlich. Die Auflösung 
erbrachte den Nachweis, dass er bei jeder Silbe „zim" sich ein Zimmer und 
Frauenzimmer denken musste, ob er wollte oder nicht. Es handelt sich 
um Zwangsvorgänge. In seiner Gegend heisst „Zimmt machen" Koitieren. 
Wichtiger ist, dass er der Frage ausweichen wollte, ob es sich „ziemt". Das 
war die Qual seiner Jugend. Immer wieder hörte er das schreckliche : „Das 
ziemt sich nicht!", besonders wenn er etwas zeigen wollte. Endlich gehen 
die m auf seinen Geiz. „M" heisst in Deutschland Mark. Er möchte aber 
alle „M" von seinen Geschwistern haben. Er möchte sein Vermögen ver- 
doppeln. (Zwei m.) 

Das dritte Beispiel klingt für einen gebildeten Akademiker sonderbar. 
Er will die Worte Freude und freuen immer mit h schreiben. Also Freuhde 
und freuhen. Wir wissen schon, dass H das Haar bedeutet. Er findet 
ja in jeder (Suppe) Freude ein Haar. Er will durch das h, das er in 
deutscher Schrift ^ schreibt, einigen höchst peinlichen Assoziationen entgehen. 



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330 Dr. Wilhelm Stekel, 

Diese sind : Freudenmädchen, Frau, Fräulein. Das deutsche „h" symbolisiert 
ihm einen phallus. Doch er hat noch eine Menge Einfälle, die alle auf 
Haar gehen, welches Wort er manchmal zwangsmässig aussprechen muss. Sein 
Vormund drohte ihm : „Kein Haar kann von deinem Kopfe fallen, ohne dass 
Gott es will/' Sein Leben hängt an einem Haare. Man solle keinem 
Menschen ein Haar krümmen. Simson hat seine Kraft verloren, da ihm 
Delila sein Haar abschnitt. Er hat eine Glatze und glaubt, diese wäre das 
Zeichen, dass er so viel onaniert habe . . . 

Ich glaube, diese Beispiele genügen. Hinter jedem unrichtig geschrie- 
benen Wort enthüllt sich der ganze Jammer seiner schweren Neurose. Ähn- 
lich geht es ihm mit den Ziffern. Die Zahlen sieht er nur in Symbolen 
und die Summen sind ihm auch Zeichen. Infolgedessen kann er auch mit 
dem Gelde nicht umgehen. 50 Pfennige oder 50 Mark sind ihm ganz gleich- 
wertig. Die Zahl 50 ist die Hauptsache; 

Ich mochte aus diesem Falle keine Verallgemeinerungen ziehen. Nur 
auf eine auffallende Tatsache möchte ich aufmerksam machen. Der Charakter 
der Schrift ändert sich in vielen Fällen nach oder schon während der Psycho- 
analyse in merklicher Weise. Offenbar handelt es sich in vielen Fällen um 
solche Mechanismen beim Schreiben, wie ich sie besonders krass hier ge- 
funden und beschrieben habe. Auch der Schreibkrampf hat Beziehungen zur 
Sexualisierung der Schrift und ist ein psychisches Äquivalent der relativen 
Impotenz. 



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IIL 

Belege zur Rettangsphantasie 

von Otto Bank, Wien. 

In einer kleinen Mitteilung^) hat Freud jüngst einen besonderen 
Typus des männlichen Liebeslebens scharf charakterisiert, der sich in ver- 
schiedener Deutlichkeit bei solchen Personen findet, deren Libido lange Zeit 
hindurch an die Mutter fixiert war und denen es späterhin nicht gelungen 
ist, diesen ursprünglichen Typus ihrer Objektwahl gänzlich aufzugeben. 

Es verrät sich dies im Liebesleben solcher Männer durch folgende 
bald mehr bald minder deutlich und vollzählig ausgeprägte Züge: 

1. entwickeln diese Personen schon in der Pubertät eine auffällige 
Trennung des Sexualobjektes, einerseits in das hohe, reine Weib, das 
sie mit dem Sexualgenuss nicht in Verbindung zu bringen wagen, 
während sie auf der andern Seite nur das gemeine Weib (die Dirne) 
kennen, bei dem sie den Sexualgenuss suchen; 

2. hängen sie ihren Geliebten mit grosser Treue an und kommen schwer 
von ihnen los, zeigen aber daneben eine Neigung, eine grosse Reihe 
von Liebesverhältnissen zu entwickeln; 

3. interessieren sie sich nur für Frauen, die nicht frei sind und in 
irgend einer Form einem anderen angehören und die 

4. einen sexuell schlechten Ruf haben; 

5. haben sie das Bedürfnis, solche Frauen zu ihren Geliebten zu 
machen, um sie zu retten. 

Diese zuletzt genannte Bedingung findet sich als Rettungsphantasie 
in den verschiedensten Einkleidungen und Variationen (Phantasie den Kaiser 
oder eine einflussreiche Persönlichkeit durch Rettung aus einer grossen Ge- 
fahr sich zu verpflichten) in ungeahnter Häufigkeit bei den Menschen, was 
vielleicht darin begründet sein mag, dass sie von den genannten Bedingungen 
am wenigsten Aussicht hat, auch nur in einer annähernd idealen Form 
realisiert zu werden^). 

1 ) Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens. L über einen besonderen Typus 
der Objektwahl beim Manne. (Jahrb. f. psychoanalyt. und psychopatholog. For- 
schungen, IL Band, 1910. S. 389-397). 

^) Dies ist auch der Grund dafür, dass die ideale Ausgestaltung und Durch- 
führung derartiger Rettungspbantasien ein beliebtes Thema in Dichtung und Sage 
ist. So hat eine der grossartigsten Rettungsphantasien Ausdruck gefunden in den 
mannigfachen Variationen der Lohengrinsage, deren Motivgestaltung und Deutung 
ich in einer eigenen Arbeit darlesen werde. — 

Auch die durchgreifende und mächtige Wirkung, welche vom Stoff der B i z e t- 
sehen Oper .Carmen** ausgeht, scheint — neben der masochistisch-sadistischen 



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OrfgfrTaffrom 
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382 Otto Rank, 

Nun berichtet der unter dem Namen Stendhal berühmt gewordene 
Henry Beyle in seinem Tagebuehe *) eine solche Rettungsphantasie aus seinem 
eigenen Leben, die im Zusammenhang mit gewissen anderen Charakteren 
seines Liebeslebens uns durch den Freud sehen Schlüssel verstandlich ge- 
worden ist. Der Dichter war in den ersten Tagen des November 1799, also 
im Alter von 1 6 ^/2 Jahren zum ersten Male aus seinem Geburtsort Grenoble 
nach Paris gekommen und gesteht in seinen Aufzeichnungen: „Meine fixe 
Idee bei der Ankunft in Paris, eine Idee, auf die ich vier- oder fünfmal am 
Tage zurückkam, wenn ich ausging, beim Anbruch der Nacht, in jedem 
Augenblick der Träumerei, war, dass eine hübsche Frau, eine Pariserin, 
in irgendwelche grosse Gefahr geriete und ich sie rettete, wofür ich ihr Ge- 
liebter würde. Ich hatte sie mit soviel Leidenschaft geliebt, dass ich sie 
hätte finden müssen. — Diese nie und niemandem eingestandene Tollheit 
hat vielleicht sechs Jahre angedauert" (S. 89). 

Dass Stendhal, der zeitlebens unverheiratet blieb, eine grosse Reihe von 
schwärmerischen Liebesverhältnissen (Punkt 2) und zwar vornehmlich mit 
verheirateten Frauen (3) angeknüpft hat, ist aus seiner Biographie zu ersehen. 
Dass er aber auch schon frühzeitig jene scharfe Trennung der Liebesobjekte 
im Leben durchführte, beweist nicht nur sein tiefer Abscheu vor den Dirnen 
in jener ersten Pariser Zeit („die Dirnen widerten mich an", S. 95), sondern 
ebensosehr der von ihm selbst bezeugte Umstand, dass er viele Frauen 
leidenschaftlich liebte, ohne sie doch besitzen zu wollen: „In der Tat habe 
ich nur sechs von den Frauen, die ich geliebt habe, besessen" (S. 32); und 
er erklärt sich seine so häufig „unglückliche" Liebe in charakteristischer 
Weise: „Allen diesen und noch mehreren anderen gegenüber bin ich immer 
ein Kind gewesen; daher hatte ich auch so wenig Erfolg" (8. 32). Be- 
zeichnend für dieses Verhalten ist eine andere Stelle, in der auch das Moment 
der sexuellen Anrüchigkeit hervortritt: „Ich verliess nach dreijährigen ver- 
traulichen Beziehungen eine Frau, die ich anbetete, die mich liebte, die sich 
mir nie hingegeben hat .... Sie stand in sehr schlimmem Kufe 
Punkt 4), wenngleich sie nur einen einzigen Liebhaber gehabt hatte" (S. 303). 

Dass die angedeuteten Charaktere in Stendhals Liebesleben tatsächlich 
auf eine frühzeitige und sehr intensive Fixierung seiner Liebesneigung an 
die Mutter zurückgehen, beweist ein interessantes Bekenntnis in seinem Tage- 



Grundstimmung — auf die liier geschilderten Komplexe zurückzugehen. 1. Die patho- 
logische Fixierung des Muttersöbncbens Don Jos^ an die lüderliche und anrüchige 
Zigeunerin, der die Neigung zu der reinen, keuschen, die Mutter vertretenden (sie 
überbringt den Euss der Mutter) Mica3la gegenübersteht; wie überhaupt den Hinter- 
grund der ganzen Handlung die Liebe Jos^s zu seiner Mutter beherrscht, die ihn 
ja schliesslich auch — wenn auch nur für kurze Zeit — von Carmen abzuziehen 
vermag. 2. Jos^s Duelle mit seinen Nebenbuhlern, die er in der Vorlage, Prosper 
Mdrim^es Novelle ^Carmen', wo die Heldin verheiratet ist. beide tötet, während in 
der CXper dieser blutige Ausgang vermieden wird. 8. Die Rettungsphantasie, die in 
mehrracher Ausgestaltung die Handlung durchzieht. Zunächst in ihrer primären 
Bedeutung, die Dirne ihrem verwerflichen Lebenswandel zu entreissen, und ein neues 
Leben mit ihr zu beginnen, eine Phantasie, deren Verwirklichung an dem Wider- 
stand des Mädchens scheitert, die aber schon in Joses Aufopferung für Carmen, die 
er vor dem Gefängnis rettet, in anderer Form Befriedigung gefunden hat. Auch 
rettet Carmen durch ihr Dazwischentreten dem Stierkämpfer Escamillo das Leben, 
und macht ihn damit zu ihrem Geliebten, interesse verdient in diesem Zusammen- 
hange der Bericht von Merim^e in der Rahmenerzählung seiner Novelle, er habe 
dem berüchtigten Banditen Don Jos^ das Leben gerettet, wofür er dann seiner- 
seits von diesem verschont worden sei und seine Lebensgescbichte erfahren habe. 
1) Bekenntnisse eines Egotisten. Jena, 1905. 



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Belege zur Rettungsphantasie. 333 

buch (S. 46), auf das Muthmann gelegentlich hiDgewiesen hat. Stendhal 
berichtet: „Meiue Mutter, Madame Henriette Gagnon, war eine entzückende 
Frau. Ich war in meine Mutter verliebt. Ich setze schleunigst 
hinzu, dass ich sieben Jahre alt war, als ich sie verlor. Als ich sie mit 
sechs Jahren liebte, hatte ich durchaus den nämlichen Charakter wie im 
Jahre 1828 (mit 45 Jahren), als ich Alberthe de Ruprembr6 leidenschaftlich 
liebte. . . . Ich wollte meine Mutter immer küssen und wünschte, dass es 
keine Kleider gäbe. Sie liebte mich leidenschaftlich und schloss mich oft in 
ihre Arme. Ich küsste sie mit soviel Feuer, dass sie gewissermassen ver- 
pflichtet war, davon zu gehen. Ich verabscheute meinen Vater, 
wenn er dazukam und unsere Küsse unterbrach; ich wollte sie ihr immer 
auf die Brust geben. Sie konnte mir die Freimütigkeit, die ich mir ihr gegen- 
über herausnahm, nicht übel nehmen, da sie merkte, dass ich sie liebte. 
Wenn ich sie je wiederfinde, werde ich es ihr wiederholen. . , . Ich war 
so verbrecherisch wie möglich, ich liebte ihre reizenden Liebkosungen. . . . 
Sie starb in der Blüte ihrer Schönheit, ihrer Jugend, so habe ich vor 45 
Jahren das verloren, was ich am meisten auf Erden geliebt habe." 

Die im vorstehenden bereits angedeutete, aus dem zärtlichen Verhältnis 
zur Mutter folgende feindselige Stellung gegen den Vater verschärfte sich im 
Laufe der Jahre immer mehr. Schon vom Tode der Mutter her will sich 
der kleine Henry seiner heftigen Abneigung gegen den Vater entsinnen, 
den er nur mit Widerwillen umarmt habe (S. 51). Später schreibt er: „Nie 
vielleicht hat der Zufall zwei Wesen zusammengebracht, die eine grössere 
Abneigung gegeneinander besassen, als mein Vater und ich^) . . . . Zwei 
Teufel waren gegen meine armselige Kindheit losgelassen: meine Tante 
Seraphie [die Mutterstelle bei ihm vertrat] und mein Vater" (S. 87). 

Dieser kindlich übertriebene Hass gegen den Vater, der sich mit der 
zunehmenden Urteilsfähigkeit des Knaben abschwächt, kann nun, wie Freud 
weiterhin ausführt, gerade um die Zeit der Reife, wo der Jüngling sich 
über die Bedingungen seiner Herkunft klar zu werden beginnt und mit dem 
Gedanken spielt, die Mutter aus der Gewalt des Vaters zu retten (sadistische 
Auffassung des Elternverhältuisses), logisch derart gewendet werden, dass man 
dem Vater gar nichts, auch nicht seine Entstehung verdanken will und dass 
also nach Art eines Revanchegedankens die Phantasie von der Rettung des 
Vaters aus einer grossen Gefahr auftaucht, die gleichsam das feindselige 
Gegenstück zur zärtlichen Rettungsphantasie der Mutter ist: denn sie ver- 
sucht es, dem Vater das Geschenk des Lebens durch ein gleichwertiges 
Gegengeschenk zu vergelten und sich damit jeder weiteren kindlichen Ver- 
pflichtung zu entheben^). Diese den Vater betreffende Rettungsidee kann 



Ich mache anf den fast wörtlich übereinstimmenden, nur in eine poetische 
Situfttion eingekleideten Ausbruch Schillers im T. Aufzug, 2. Szene des „Don 
Carlos" aufmerksam, wo es heisst: 

„Warum von tausend Vätern 
Just eben diesen Vater mir? Und ihm 
Just diesen Sohn von tausend bessern Söhnen? 
Zwei unverträglichere Gegenteile 
Fand die Natur in ihrem Umkreis nicht. 
Wie mochte sie die beiden letzten Enden 
Des menschlichen Geschlechtes — mich uod ihn — 
Durch ein so heilig Band zusammenzwingen?'* 
^) Auch hier ist auf die dramatische Gestaltung dieses Motivs in Schillers 
.Kabale und Liebe** hinzuweisen (11. Akt, 6. Szene): 



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334 Otto Rank, 

sich, genötigt durch die VerhüUutigstendenz der psychischen Zensur und auf 
Grund infantilen Phantasiematerials, das wieder nur für die Herkunft des 
Motives spricht, auch als Phantasie von der Rettung des Kaisers oder irgend 
einer anderen hochstehenden und mächtigen Persönlichkeit darstellen, und ich 
habe in meiner Untersuchung über den „Mythus von der Geburt des Helden" 
(6. Heft der Schriften zur angewandten Seelenkunde, 1909) zeigen können, 
welchen Wandlungen diese Phantasie des kindlichen Verhältnisses zu den 
Eltern unter dem Einfluss verschieden weitgehender Verdrangungsvorgänge 
unterworfen ist. Eine dieser Gestaltungen, die ihr Analogon in dem von 
Freud ebenda beschriebenen „Familienroman der Neurotiker" hat, betrifft die 
Ablehnung der Vaterschaft des leiblichen Erzeugers überhaupt, bei gleichzeitiger 
Einführung eines vornehmeren, meist königlichen Vaters an seiner Stelle. 
Fast regelmässig verbindet sich dieses Motiv mit der Vorstellung der un- 
ehelichen Geburt und der Aussetzung, vor deren traurigen Folgen 
das schon' vor seiner Geburt gehasste und gefürchtete Kind ein menschen- 
freundliches Pflegeeltern paar bewahrt, das den zukünftigen Helden rettet 
und ihn seinem grossen Schicksal aufbewahrt. Indem wir die Beziehungen 
der späteren auf die Eltern bezüglichen Pubertäts-Rettungsphantasien zu 
diesen die eigene Person betreffenden Geburts-Rettungsphantasien hier nur 
streifen, wenden wir uns einer anderen Gestaltung dieser Motivengruppe zu, 
wo hinter dem anscheinend harmlosen, ja aufopfernden Motiv der Rettung 
oder Rächung des Vaters, der ursprünglich feindselige Impuls der Beseitigung 
des Vaters wieder durchbricht^). 

Ich habe nun in der genannten Arbeit diejenigen von diesen Fällen, 
in denen es sich ebenfalls um eine Ersetzung des Vaters durch eine höher- 
stehende und mächtige Persönlichkeit handelt, zum psychologischen 
Verständnis der typischen Anarchistenattentate herange- 
zogen und möchte nun diesen Zusammenhang des Familienromans mit der 
Attentäterrolle •) an einem wenn auch nicht vollentsprechenden, so doch um 

Präsident: Eine lustige Zumutung! Der Vater soll die Hure des Sohnes 

respektieren. 
Ferdinand (indem er den Degen nach dem Präsidenten zückt, den er 
aber schnell wieder sinken lässt): Vater! Sie hatten einmal ein Leben 
an mich zu fordern. Es ist bezahlt. (Den Degen einsteckend). Der 
Schuldbrief der kindlichen Pflicht liegt zerrissen da. — 
Überhaupt spielen die aus dem Inzestkomplex stammenden Rettungsphanta- 
sien in Schillers dramatischem Schaffen eine bedeutende Rolle, die ich in meinem 
in Vorbereitung befindlichen Werke über „D&s Inzestmotiv in Dichtung und 
Sage'' eingehend eröi-tern werde. 

1) Dass diese beiden Motive in demselben Individuum nebeneinander bestehen 
können, ja auseinander hervorgehen, hat ebenfalls ein Dichter mit dem diesen Aus- 
erlesenen eigenen psychologischen Scharfblick erkannt und dramatisch gestaltet. 
Artur Schnitzler lässt den Helden seiner , dramatischen Historie", den jungen 
Medardus, der auf eine Andeutung seiner Mutter hin den Plan gefasst hat, den 
Kaiser Napoleon zu ermorden, dadurch zum Retter des Kaisers 
werden, dass der Jüngling seine Geliebte statt des Kaisers ermordet, weil sie — 
eine zweite Judith — im Begriffe war, den Kaiser aufzusuchen, um ihn zu töten. 

'^) Dass auch für das Volksempfinden dem Königsmord eine solche unbe- 
wusste Identifizierung des Königs mit dem Vater zugrunde liegt, beweist ein sowohl 
in seinen Voraussetzungen wie in seiner Durchsichtigkeit einzig dastehender Fall, 
der kurz nach der Ermordung des Königs von Portugal durch Anarchisten von den 
Zeitungen unter dem Titel: .Der Königsmord als Faschingsulk, ein verhängnisvoller 
Schuss", aus Lissabon vom 10. März 1908 berichtet wurde : ^Im Dörfchen Salsas er- 
eignete sich bei einem Faschingszug ein schwerer Unfall. Mehrere Personen hatten 
sich zu einer Gruppe zusammengetan, um den Lissaboner Königsmord zu veran- 



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Belege zur Rettungephantasie. 335 

80 interessanteren Fall illustrieren. Anlässlich des kürzlich (Ende Oktober 
1910) erfolgten Todes des zu lebenslänglichem Kerker verurteilten Anar- 
chisten Luccheni, der anfangs September 1898 in Genf die Kaiserin von 
Österreich ermordete, publizierten die Tagesblätter die folgenden biographischen 
Details, die einerseits die Eealität des sonst bloss phantasierten Familienromans 
in diesem Falle erweisen, anderseits den Zusammenhang mit paranoischen 
Verfolgungs- und Grössenideen erkennen lassen, auf den ich seinerzeit (1. c.) 
aufmerksam geworden war. Gelegentlich des Attentates hatte Professor 
Forel in der Wochenschrift „Die Zeit" geschrieben: „Luccheni ist 1873 
unehelich geboren und wurde als Findelkind von sein 
Mutter ausgesetzt. Diese war eine von einem halb verrückten Säufer 
verführte Magd, die dann nach Amerika durchbrannte. ... Er wurde dann 
in Italien für acht und später für fünf Franken monatlich verkostgeldet und 
musste natürlich dabei betteln lernen. Dennoch war er intelligent und lern- 
begierig, lernte im Hospiz und in der Schule einiges und war in der Jugend 
fleissig und ziemlich ehrlich, zeigte auch eine gewisse Gutmütigkeit. Beim 
Prinzen Vera wurde er nach dem Militärdienst Diener, da er als Soldat flink, 
intelligent, geschickt und zu allen Körperübungen tüchtig gewesen war. Dort 
blieb er nicht lange, er wurde bald argwöhnisch und stolz, er- 
klärte, nicht zum Dienen geboren zu sein, und ging fort *' 

„Ein weiterer pathologischer Zug ist seine unbegrenzte Eitelkeit; er 
besass einen Ehrgeiz, der an Grössenwahn grenzte. Er wollte 
einen Posten in der italienischen Verwaltung erhalten. Dazu war Militär- 
dienst in Afrika nötig. Nun dient er acht Monate, kommt dann mit guter 
Note zurück und glaubt, mit zwei oder drei Briefen an die Behörde werde 
er eine Anstellung bekommen. Er bleibt jedoch ohne Antwort. Vorher 
war erRoyalist und Freund der Autorität gewesen. Die Wunde, 
die nun seine Eitelkeit und sein Ehrgeiz bekommen, verwandelt ihn aber in 
einen Anarchisten^). . . . Geringe Gelegenheiten genügen dann, um aus 
solchen Menschen Verbrecher, Anarchisten, Mörder und darunter auch speziell 
Königs mörder zu machen." 

Tatsächlich war Luccheni auch in der Absicht nach Genf gekommen, 
den Herzog von Orleans zu ermorden. Da er ihn aber nicht fand und 
gleichzeitig erfuhr, dass die Kaiserin von Österreich nach Genf gekommen 
sei, fasste er sofort den Plan, diese zu ermorden. Dass auch ein solcher plötz- 
licher Wechsel des Opfers motiviert sein niüsse und welche Motive ihm in 
einem besonderen Falle zugrunde liegen können, hat uns der feinsinnige 
Dichter des „jungen Medardus" gezeigt. Im realen Fall haben wir allerdings 
nichts von diesen Motiven erfahren, sind aber darum noch nicht berechtigt, 
an ihrem Vorhandensein zu zweifeln. Zu vermuten wäre vielleicht, nicht so- 
wohl als Motiv wie vielmehr als Vorbedingung dieses Opferwechsels, dass 
der Mangel an väterlicher Autorität, der sich in Lucchenis Kindheit und 

schaulichen. Eine Person, die die Rolle desKönigsmörders Buica gab, 
richtete gegen einen Wagen, in dem sich sein Vater, der die Holle des König 
spielte, befand, einen Revolver, und liess in der Meinung, dass der Revolver 
ungeladen sei, dessen Hahn fallen. Der Vater sank, von einer Kugel getroffen, tot 
zu Boden. Der Sohn musste, da er sich in seiner Verzweiflung zu erdthiessen ver- 
suchte, gebunden werden.* 

1) Damit steht in einem vielleicht nur scheinbaren Widerspruch die eigene 
Angabe Lucchenis, der sich vor dem Untersuchungsrichter brüstete, schon mit 
18 Jahren Anarchist gewesen zu sein. Damals wird er sich wohl zuerst deutlich 
seines traurigen Kindheitsschicksals bewusst geworden sein. 



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336 Otto Rank. 

Jugend fühlbar machte, sowie der Umstand, dass sich seine Mutter nicht um 
ihn bekümmerte und ihn ausgesetzt hatte, die leichte Verschiebbarkeit seines 
Affektes von einem männlichen Repräsentanten der Macht auf einen weib- 
lichen begünstigt haben mag. Dass seine Hassimpulse im Grunde doch 
männlichen Personen galten, zeigt nicht nur die ursprüngliche Intention 
seines Mordplanes, sondern auch die wiederholten Attentate, die er im Ver- 
laufe seiner Haft gegen seine Wächter (die realen Verfolger) unternahm, sowie 
das gegen den obersten Vertreter der Autorität im Gefängnisse, gegen den 
Direktor Perrin im Jahre 1900 verübte Attentat. Von Interesse ist endlich 
noch die Notiz eines Berichterstatters, der in Lucchenis Zelle unter verschie- 
denen Ansichtskarten die Bilder des Kaisers und der Kaiserin von Österreich 
hängen sah, was doch immerhin die Spur eines, wenn auch pathologisch 
verschobenen Anhänglichkeits- und Autoritätsbedürfnisses bei dem elternlosen 
Findelkinde zu verraten scheint. 



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IV. 
Kleine Beiträge aus der psychoanalytischen Praxis. 

Von Dr. M. Wulff, Odessa. 

A. Zur Neurosensymbolik: Kot*6eld. 

Vor kurzem sah ich im Hafen einen betrunkenen Arbeiter auf der 
Strasse liegen; er sammelte und durchwühlte den Strassenkot und schrie: 
^^das ist mein Geld, das ist mein Geld". 

B. Zur Psychologie des pathologischen Rausches. 

Ein Angstneurotiker meiner Behandlung konnte den Alkohol sehr 
schlecht vertragen und einmal, als er in Gesellschaft etwas zuviel ge- 
trunken hatte, geriet er plötzlich, ohne ausreichenden Grund, in Wut 
über seinen Cousin, der zugegen war, nahm ein Messer vom Tisch, lief 
ihm nach und wollte ihn erstechen. Von dem Vorfall behielt er gar 
keine Erinnerung, wusste ihn nur aus den Erzählungen der Anwesenden. 
Das wunderte ihn aber um so mehr, als er diesen Cousin sehr hoch- 
schätzte und gern hatte. Die Analyse klärte die Tat vollkommen auf: 
Mein Pat. hatte damals ein geheimes sexuelles Verhältnis mit der Ge- 
liebten dieses Cousins, der ihm zu jener Zeit gewissermassen den Vater 
vertrat. Seine Doppelrolle dem Cousin gegenüber, die Notwendigkeit ihn 
auf jedem Schritt zu betrügen, waren Pat. peinlich, sein böses Gewissen 
quälte ihn, er fühlte sich schuldig und entehrt, machte sich schwere 
Vorwürfe, konnte aber seiner Leidenschaft zur Frau (mit der Mutter identi- 
fiziert) nicht Herr werden und das Verhältnis brechen. Indem ihm aber 
sein Bewusstsein immer von seiner Schuld dem Cousin (identifiziert mit 
dem Vater) gegenüber predigte, brütete in ihm unbewusst ein brennender 
Hass imd Wut gegen diesen. Der Alkohol hatte die Hemmungen der 
ethischen Zensur des Bewusstseins aufgehoben, und dann brachen plötz- 
lich die unbewussten feindseligen Gefühle durch. 

C. Zur Symbolik der Neurose. 

Einem Patienten, den ich wegen psychischer Impotenz behandle, 
fallen zum Worte „Lampe** folgende Assoziationen ein: „Die Lampe ist 
ein Hodensack, der Glaskolben oben ist ein errigierter Penis .... nein, 
das stimmt nicht, — die Lampe ist ein Hodensack, das Feuer ist ein 
heisser« brennender Penis und der Glaskolben ist die Vagina. Eine Lampe 
anzünden, ist — einen Koitus ausführen.** Die Lampe erinnert dann an 



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338 Dr. M, Wulff, 

die Lampe seiner ältesten Tochter. Pat., ein 47 jähriger, aber jung aas- 
sehender Mann, hat vor 2 Jahren seine Frau verloren, von der er 4 Kinder 
hatte; die älteste Tochter, ein 19 jähriges Mädchen, ist sein Lieblings- 
kind. Vor 4 Monaten hat er, mehr aus wirtschaftlichen Gründen als 
aus Neigung, die Cousine seiner verstorbenen Frau geheiratet und stellte 
sich in der Ehe als impotent heraus. Die Tochter (das Objekt seiner 
unbewussten sexuellen Wünsche) hat zwar äusserlich gegen die zweite 
Verheiratung des Vaters nichts gehabt, im Grunde aber hat sie ihm diese 
sehr übel genommen und forderte als Kompensation vom Vater eine 
besondere Zärtlichkeit und Sorge. So musste er jeden Abend, bevor sie 
zu Bett ging, ihr die Lampe anzünden xmd auf den Nachttisch an ihr 
Bett stellen, während sie sich in seiner Gegenwart auskleidete. Das An- 
zünden der Lampe ist so zu einer Symbolhandlung geworden, zu einem 
symbolischen Koitus; auf diese Weise befriedigten sie symbolisch ihr 
beiderseitiges sexuelles Verlangen. Als er nachher zu seiner Frau ging, 
hatte er „kein Feuer** mehr, er war impotent. 



D. Examenangst bei Frauen. 

Dass Examenangst, Maturaangst bei Männern eine symbolische Angst 
vor dem Koitus, eine Impotenzangst bedeuten kann, ist den Psycho- 
analytikern wohl bekannt. Es ist nun interessant, zu erfahren, dass auch 
bei Frauen die Prüfungsangst dieselbe Bedeutung haben kann. 

Ein junges Mädchen, das bei mir wegen Stottern in Behandlung 
war, brachte mir eines Tages den folgenden Traum: „Ich bin in der 
Klasse und muss die „Prüfungsstunde** geben. Ich stehe da und kanii 
kein einziges Wort aussprechen. Der Lehrer, die Schülerinnen, alle sind 
da. Man sagt mir, ich soll auf meinen Platz zurück. Ich setze mich 
neben den Lehrer. Dann geht Fräulein L. und setzt alles sehr gut aus- 
einander. Der Lehrer war mit ihr sehr zufrieden.** Dazu ist folgendes 
zu erklären: meine Patientin ist in der letzten Klasse eines Mädchen- 
gymnasiums, wo sie ein Lehrerinzeugnis bekommen will. Dazu muss sie 
eine „Prüfungsstunde** vor einer Kommission geben. Vor dieser „Prüfungs- 
stunde** hatte sie grosse Angst. Zum Traum fällt ihr ein: Fräulein L. 
ist eine sehr gute Schülerin, der Lehrer ist zu ihr sehr gut, sie erzählt 
sogar, dass zwischen ihnen ein geheimes Liebesverhältnis existiere, was 
ich aber nicht glaube. . . . Ich kann den Lehrer nicht ausstehen (ebenso 
wie ihren Vater) und hätte nie den Wunsch, mit ihm in ähnlichen Be- 
ziehungen zu stehen wie L.** Sie kann also die Prüfung, die Fräulein L. 
gut bestanden hat, nicht bestehen, — und es muss irgend ein Zusammen- 
hang zwischen der gut bestandenen Prüfung und dem nahen Liebes- 
verhältnis zum Lehrer existieren. Die folgenden Einfälle erklären diesen 
Zusammenhang: die bestandene Prüfung gibt das Recht, ein Lehrerin- 
zeugnis zu bekommen, Kinder zu erziehen und zu unterrichten. Das ist 
ein Mutterrecht. Das will sie aber nicht haben, sie verzichtet auf dieses 
natürliche Recht jeder Frau. „Sie liebe nicht kleine Kinder, sie habe 
bloss Angst und Abscheu vor ihnen, sie wolle keine kleinen Kinder haben,** 
— keine Frau, keine Mutter sein. Jede Äusserung irgend eines sexuellen 
Gefühles weckt bei ihr bloss „Ekel, Empörung und Zorn**, alle Sexualität 
ist „Schmutz und Bestialität**, und auf jede sexuelle Aggression des 



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Kleine Beiträge ans der psychoanalytischen Praxis. 389 

Mannes reagiert sie, wie Adler sagt, mit einem männlichen Pro- 
test. — Sie will vom verhassten Lehrer keine Mutterrechte erhalten. Ihr 
Schweigen („ich will kein einziges Wort aussprechen") ist eine Abweisung, 
ein Trotz, ihre Angst vor der Prüfung im letzten Grunde — eine Angst vor 
„Mutter werden", vor dem Kinderzeugen, Gebären, vor dem Koitus. Und 
so wird das „Sprechen** zum Symbol eines Sexualaktes. 



R Zur Psychologie der „Schwangerschaftsnenrose". 

Es ist wohl verständlich, dass die Schwangerschaft mit ihren er- 
höhten Ansprüchen an die körperlichen und geistigen Kräfte der Frau leicht 
das seelische Gleichgewicht der letzteren stören und zu neurotischen und 
psychotischen Erkrankungen führen kann. Von den seelischen Vorgängen 
und psychologischen Motiven dieser Erkrankungen ist bis jetzt ziemlich 
wenig bekannt. Um so mehr gewinnt der folgende Fall an Interesse. 
Eine junge Frau im 3. bis 4. Schwangerschaftsmonate kommt mit 
Klagen über Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Appetitlosigkeit, Erbrechen, 
tiefe Depression, grosse Angst allein im Zimmer zu bleiben, wenn der 
Mann nicht zu Hause ist, ein dunkles Zimmer zu betreten. Über das Kind, 
das sie trägt, kommen ihr die schrecklichsten Gedanken: es werde eine 
Missgeburt sein, ein Krüppel, es werde „mit roten Flecken zur Welt 
kommen** etc. Auch sie selbst werde bald sterben, habe höchstens noch ein 
Jahr zu leben etc. Nachts plagen sie schwere Angstträume, am Tage Phan- 
tasien. Eine ihrer letzten Phantasien ist die folgende : „Vor drei Tagen lag ich 
im Bett und es kam mir plötzlich so vor, als ob in der Küche jemand 
herumspringe. Gleich male ich mir in der Phantasie ein Bild aus: „ich 
nehme die Lampe, gehe in die Küche, die verstorbene Nachbarin springt 
aus ihrem Zimmer heraus, schlägt mir die Lampe aus der Hand, die 
Lampe fällt zu Boden und es wird dunkel ... in diesem Augenblick 
geht mir das Kind ab . . . ich öffne die Tür und laufe heraus, sie läuft 
mir nach, ich flüchte in einen Laden und bitte den Verkäufer, der dort 
steht: „retten Sie mich**. Er streckte seinen Arm mir entgegen, aber im 
Augenblick sprang die Tote vor und streckte die Arme zwischen uns. . . .** 
Die Frau ist zum vierten Male schwanger. Während der ersten Schwanger- 
schaft fühlte sie sich die ersten sechs Monate vortrefflich; infolge einer 
Erregung bekam sie aber eines Ta^es einen schweren hysterischen Anfall, 
nachdem sie an starken Kopfschmerzen litt und keine Kindsbewegungen 
mehr fühlte. Zwei Wochen später hat sie abortiert. Während der zweiten 
Schwangerschaft fühlte sie sich die ersten vier Monate schlecht, dann 
bis zum 7. Monat gut, aber eines Tages erlebte sie eine heftige 
Gemütserschütterung und nach drei Tagen trat eine Frühgeburt ein; das 
Kind starb nach zwei Tagen. In der dritten Schwangerschaft traten 
Kopfschmerzen und starkes Erbrechen schon im ersten Monat auf, und 
es musste ein künstlicher Abort gemacht werden. 

Dann hat Pat. mir auch ihren letzten Traum mitgeteilt: „Ich habe 
ein grosses, starkes Kind, von 13 Pfund Gewicht geboren; eine halbe 
Stunde nach der Geburt ist dem Kinde schlecht geworden, ich habe es 
genommen und bin zu Dr. X. gelaufen. Der Dr. X. hat das Kind unter- 
sucht, im Nacken oben hat es ein Loch gehabt und das Gehirn trat 
heraus. Beim Doktor war eine Sitzung, Herr A. war auch dort, ich 



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340 Dr. M. Wulff, 

habe gebeten, das Kind zu retten, „Herr Doktor", — sagte ich, — „retten 
Sie das Kind, vor einer halben Stunde habe ich ein gutes, gesundes 
Kind geboren, und nun, schauen Sie, was daraus geworden ist." Dr. X. 
antwortete: „Was machen Sie denn, vor einer halben Stunde haben Sie 
geboren, Sie verbluten, das Zimmer ist schon voll Blut, Sie, „verschmähte** 
Frau, das Kind ist sowieso verloren'*. Er nahm das Kind, legte es auf 
eine platte Schüssel, breitete das Köpfchen mit einer Pinzette aus, zeigte 
das Gehirn und sagte: „Sehen Sie, in einer halben Stunde muss das 
Kind sterben**. 

Zu diesem Traum hat sie die folgenden Einfälle: „Der Mann sagt 
inuner — „ich komme in einer halben Stunde** — und kommt dann in vier 
Stunden, das regt mich immer so auf, weil er immer lügt, auch sein 
Mädchen (die Frau ist die zweite und er hat noch ein Kind von deri 
ersten Ehe) lügt immer und er sagt dazu, „das hat sie von mir geerbt**. 
Ich fürchte mich, dass auch mein Kind so lügen wird, ich werde es 
aber nicht schonen, ich werde es lieber töten, als zu 
einem schlechten, verdorbenen Menschen heranwachsen 
lassen.** 

Die „halbe Stunde** symbolisiert im Traume die Lügenhaftigkeit 
und Verdorbenheit des Mannes, auch seine soziale Un Würdigkeit. Er ge- 
hörte vor Jahren einer radikalen, politischen Partei an, wie auch Pat., und 
das hat sie zusammengeführt. Dann wurde er ein politischer Überläufer 
und stand in guten Beziehungen zu den Behörden. Die radikale Partei 
hat ihn sogar zum Verräter erklärt, die Gesellschaft hat sich von ihm 
abgewendet, und er ist moralisch tief gefallen. Der erste schwere hysterische 
Anfall, der die Unterbrechung der ersten Schwangerschaft zur Folge hatte, 
trat ein, als der Mann der Pat. plötzlich vor einem Gericht seiner früheren 
Gesinnungsgenossen gestellt wurde, die zweite Frühgeburt, als er zum 
politischen Verräter erklärt wurde. 

Dr. X. hat den dritten Abort bei Pat. gemacht, er hat auch ihren 
Mann während seiner Krankheit behandelt, er hat überhaupt der armen 
jungen Frau gegenüber viel Teilnahme und Güte gezeigt. Er hat auch 
den Versuch gemacht, ihren Mann vom moralischen Untergang zu retten 
und den Herrn A. und andere Leute dazu bewogen. Darauf bezieht sich 
die Sitzung im Traum: („Bei Dr. X. war eine Sitzung und Herr A. 
war dort, und ich habe gebeten, das Kind zu retten: „Herr Doktor, retten 
Sie das Kind etc. . . .**). Der Mann wird hier mit dem Kinde identifiziert, 
er muss auch wegen seiner Lügenhaftigkeit und Verdorbenheit zugrunde 
gehen („vor einer halben Stunde habe ich geboren** etc.) wie seine 
Kinder. Die Antwort des Doktors ist sehr charakteristisch: „Sie ver- 
bluten, das Zimmer ist voll Blut (d. h. das Gerichtszimmer, wo die Sitzung 
über ihren Mann und seine Verdorbenheit urteilt). Sie „verschmähte** 
Frau (von der Gesellschaft verschmäht), das Kind ist sowieso verloren**. 
Dr. X. wirft ihr also ihre Anhänglichkeit, Treue zu ihrem Mann vor, 
dass sie seinetwegen eine verschmähte Frau geworden ist und verblutet. 
Ihr Mann ist aber nicht zu retten, das Gerichtszimmer ist voll Blut 
von seinen Taten, er muss sterben. 

Es ist noch hinzuzufügen, dass der Mann klein, hässlich und etwas 
buckelig ist und die Frau auch sexuell nicht befriedigt, sie dazu noch mit 
seiner Eifersucht quält und überhaupt schlecht behandelt. Sie hasst ihn 



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Kleine Beitrftge ans der psychoanalytischen Praxis 341 

unbewusst, wünscht seinen Tod und will durchaus nicht, wenn auch 
unbewusst, von ihm Kinder haben. Ihre Befürchtungen und ihre Angst 
sind also bloss verkleidete Wünsche, vor denen sie sich in die Krankheit 
flüchtet, und schon dreimal haben die Krankheitssymptome zur Unter- 
brechung der Schwangerschaft geführt, d. h. zur Erfüllung dieser un- 
bewussten Wünsche. 

Ich habe bloss zwei psychoanalytische Sitzungen gehabt, die aber 
zur Aufdeckung des Geschilderten führten. Eine Erkrankung des Mannes 
hat der Psychoanalyse ein vorzeitiges Ende gemacht. Aber einige Zeit 
später hörten die Symptome, die Angst, das Erbrechen etc. auf und 
die Schwangerschaft verläuft einstweilen ohne Störungen weiter. 



Zentraiblatt fOr Psychoanalyse. PA 



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V. 

Missgltiekte Gratalation. 

Linz, 5. I. 1911. 
Liebe Frieda I 
Zu Deiner Verlobung beglückwünsche ich Dich auch im Namen des 
L Adolf auf's herzlichste und wünsche Dir eine schöne und unangenehme 
Brautzeit. 

Herzlichst grüsst Dich, Deinen 1. Bräutigam, Marta und Grete 

Deine treue Cousine 
Irma. 

Ich glaube, den Schreibfehler „unangenehme Brautzeit** viel- 
leicht aus nachstehenden Tatsachen erklären zu können. 

Die Absenderin der Karte ist 4 Monate verheiratet und sehr glück- 
lich. Ihre Brautzeit aber mochte sie als sehr unangenehm empfunden haben, 
da ihr Bräutigam an einem anderen Orte lebte und sie nur selten zu- 
sammenkommen konnten. 

Ich glaube nun, dass sie während des Schreibens der Karte — 
der Gedanke an die Brautzeit ihrer Cousine löste in ihr Erinnerung 
an ihre eigene Brautzeit aus — gedacht hat, „meine Brautzeit war un- 
angenehm, hoffentlich wird deine nicht so unangenehm etc.** 

Meine erste Vermutung, sie könnte ihr innerlich eine unangenehme 
Brautzeit wünschen, kann ich nicht weiter aufrecht erhalten. Denn: 
• 1. Kennen sich die Cousinen fast nicht, sind ausser Verkehr. 

2. Absenderin selbst ist glücklich verheiratet (4 .Mon.). 

3. Der Bräutigam ist ihr unbekannt (Eifersucht, Missgunst ausge- 
schlossen). E. Pulay. 



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Referate und Kritiken. 



Bernard Hart. The Psychology of Freud and bis school. (Journal 
of Mental Mind, July 1910. 

Verfasser, Dozent der Psychiatrie in London, hat den Inhalt dieses Auf- 
satzes vor der ^«British Psychological Society" in Oxford vorgetragen. Er 
bringt darin eine konzise, klare Darstellung der Freud'schen Lehre. Be- 
sonders hervorzuheben ist, dass Bernard Hart verstanden hat, sich an 
seine Zuhörer in richtig psychologischer Weise anzupassen; er hat die Qua- 
lität der Zuhörer als Vertreter der normalen Psychologie und er hat auch 
die englische Empfindlichkeit in Sachen der Geschlechter berücksichtigt^). 

Verfasser behandelt in sehr objektiver Weise das Unbewusste, die 
Komplexlehre mit dem Assoziaiionsexperiment, die Verdrängung, den Traum 
und die Dementia praecox. Seine Auseinandersetzungen mit den Anhängern 
und Gegnern Freud's verdienen besonders hervorgehoben zu werden: Das 
Unbewusste Freud's hat einen begrifflichen (konzeptual) Charakter, während 
le subconscient von Jan et einen mehr „perzeptualen" Charakter hat [Ref. 
macht die Leser auf den Vortrag Janet^s am letzten internationalen 
Kongress in Genf aufmerksam]. Viele haben Freud falsch verstanden, 
daraus die grosse Menge von Sinnwidrigkeiten, welche unter der Verkleidung 
der Kritik stecken. Die Gegner Freud 's verlangen quasi Demonstrationen 
der Komplexen und des Unbewussten; es ist so unsinnig wie wenn man 
von einem Mendelianer die Demonstration der Dominanten, von einem Phy- 
siker diejenige des Äthers verlangen wollte. Nur die Anwendung der 
Methode kann die Richtigkeit der Arbeitshypothesen beweisen. Ein anderer 
Fehler der Kritik der neuen Lehre ist die für einen wissenschaftlich Ge- 
bildeten erstaunliche Behauptung, die Lehre sei ethisch angreifbar; es sei 
infolgedessen besser, dass sie unrichtig sei. 

Auf der anderen Seite zeigen viele Anhänger der psychoanalytischen 
Schule eine unkritische Begeisterung, eine Neigung, welche die Gefahr einer 
sektenähnlichen Bildung enthält. 

Verf. fasst in prägnanten Worten die Verdienste, welche er Freud 
(und seiner Schule) zuschreibt: eine weitgehende Forderung des Gedanken 
des psychischen Determinismus und des individual- psychologischen Stande 
punktes; der Kachweis der starken Beeinflussung der bewussten Tätigkeit 
durch das unbewusste; der erste erfolgreiche Versuch eine „conceptual 



Kef.: Die Art und Weise, wie Verf. sich ausdrückt, und sich wählerisch 
zeigt, ist musterhaft und könnte vielen von uns ein Beispiel sein. 

23* 



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344 Referate und Kritiken. 

Psychology** zu schaffen, — ein Ereignis in der Geschichte der Wissenschaft; 
— der gründliche Nachweis der längst vermuteten Entwickelung des 
Pathologischen aus dem Normalen, und die Bedeutung der Konflikte im 
normalen und pathologischen Seelenleben. 

Interessant ist die Stellungnahme des Verf. zur Frage der Sexualität. 
Der Hauptwert der Freud'schen Anschanungen liegt nicht da, wo die 
meisten Gegner es gesucht und bekämpft haben; in ihrem Eifer haben sie 
die oben erwähnten Punkte vergessen. Bernard Hart nimmt an, dass 
die Sexualität eine Hauptrolle in der Psychopathologie spielt; „es muss so 
sein*'; er kann aber Freud nicht in allen seinen, zum Teil kühnen Aus- 
führungen folgen. Alles verdient aber parteilos geprüft zu werden. [Ref. 
Man vergleiche den Standpunkt Claparfede's im 1, Heft des „Zentralblattes", 
Binet's in verschiedenen Jahrgängen der „Ann6e psychologique".] Ber- 
nard Hart findet, dass die kühnen Verallgemeinerungen häufig auf ein 
zu kleines Material zu beruhen scheinen, so dass sie nicht immer überzeugen. 
Die Freud'sche Lehre bedarf einer kühlen, parteilosen Prüfung. 

P. S. Verf. schlägt vor, den Ausdruck „Wunsch** durch den mehr 
biologischen „conative trend** — ungefähr unser Wort „Tendenz** — zu ersetzen. 

A. Mae der. 

E* Jones. Psycho-Analytic Notes on a case of Hypo mania. 
(American Journal of Insanity, Vol. LXVI.) 

Verf. gibt zuerst einen Auszug aus der nach klinischen Prinzipien 
geführten Krankengeschichte uud stellt nach Diskussion die Diagnose: 
manisch-depressives Irresein. Darüber lässt sich streiten, was in dem Fall 
eine gewisse Bedeutung hat, da es der erste Fall einer analysierten Manie 
wäre. [Ref. Der Fall von O. Gross gilt für alle als eine Dementia praecox.] 

Der Kranke bietet ein Wahngebilde, das einen klaren paranoiden Typus 
hat, und scheint einen echten physikalischen Verfolgungswahn durchgemacht 
zu haben (wurde elektrisiert, mit Gasen und Gerüchen belästigt, innerlich 
beobachtet, etc). Der gemütliche Rapport zur Aussenwelt war kein typischer 
schizophrener. [Ref. Allerdings wird der Autismus durch die manische Ver- 
stimmung häufig verdeckt.] Keine katatonischen Zeichen. Gehobene Stim- 
mung, Ideenflucht. Ref. stellt mit grosser Wahrscheinlichkeit die Diagnose 
Dementia praecox; nämlich die Prüfung der Ideenflucht ergibt ein 
eigenartiges Resultat: die verschiedenen ausgeführten Beispiele (S. 206,211), 
zeigen ein eigentümliches Haften an der AusgangsvorsteUung, welche selbst 
immer komplexbedingt ist, z. B. : I have n't a Single cent; no one has 
sent me anything, oh here is that scent (Ref. scent wird ausgesprochen 
wie sent; scent= Geruch gehört zu den Halluzinationen der Patientin), oder: 
fond of lies, not fond of the kind of lies I've been accusated of. There 
are different kinds of lies, lie up, lie down (letzteres gehört zum in dem 
Fall fundamentalen Sexualkomplex). Es sind Perseverationen und Klang- 
assaziationen mit klarem Hervortreten der Komplexreaktionen ; es handelt sich 
nicht um eine typische Ideenflucht, wie Verf. annimmt, sondern um eine 
gewöhnliche Komplexreaktion, wie sie bei allen möglichen Zuständen, auch 
bei Dementia praecox vorkommen. — Das übrige Krankheitsbild spricht 
ganz und gar für eine Schizophrenie. 

Nichtsdestoweniger bleiben die Ausführungen des Verf. sehr interessant. 
Die Mitteilung zeigt den Zusammenhang zwischen den aktualen psychotischen 
Erscheinungen und dem Individuum und seinem Milieu, die Entstehung der 



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Referate und Kritiken. 345 

Wahnideen und Halluzinationen aus der Lage und aus dem Wesen der 
Kranken. „Die klinische Beobachtung gibt uns ein Bild der Krankheit 
von aussen gesehen, dann hat die psychoanalytische Methode einzusetzen, 
welche uns in den Stand setzt, in die Psyche des Patienten einzudringen 
und über die pathogenen Mechanismen Einsicht zu gewinnen.'' — Interessant 
ist die Analyse des Symboles der „heiligen Kommunion" und des 
„rechten Weges", die unmöglich in wenigen Worten ohne Verstümmelung 
wiedergegeben werden kann. Leichter ist die Darstellung des folgenden Bei- 
spieles: Der Mann der Patientin brachte ihr bei einem Besuch in der Anstalt 
ihre eigene Uhr, die sie zu Hause vergessen hatte. „Liebste, sie gehört 
Dir." Patientin war auf der Stelle überzeugt, seine Worte seien doppel- 
sinnig und heissen: „Er gebe ihr ihre sexuelle Freiheit wieder; sie könne 
über sich selbst verfügen". — (Der Arzt:) Wie kommen Sie darauf? — 
Die Uhr sei einfach ein Bild ihrer Genitalien. — (Warum?) — Sie 
enthält ein Werk, das seine regelmässige Periode habe; sie habe einen 
Schlüssel mit dem sie aufgezogen werde. Patientin wünschte schon lange 
von ihrem nicht geliebten Manne getrennt zu werden. 

Ref. Das Symbol der Uhr und des Schlüssels, besonders das erste, 
wird sehr häufig bei der Dementia praecox angetroffen. Wenn die Analyse 
sehr häufig unmöglich ist, kann man doch sagen, dass ein ähnlicher assozia- 
tiver Zusammenhang nicht selten gefunden wird ; das gleiche gilt für die Rolle 
der Uhr im Sprachgebrauch vieler Volksschichten. — Die Kranke gehört 
zu den zahlreichen Schizophrenen, denen die Symbolik zu einem Teil bewusst 
ist. (Ob die Kritik in dem Fall die Suggestion durch den Arzt auch heran- 
ziehen wird?) A. Mae der. 



E. Jones« The Psycho-Analytic Method of Treatment. (Journal 
of Nervous and Mental Disease 1910.) 

Diese Arbeit wurde vor amerikanischen Psychiatern vorgetragen. Sie 
stellt ein lichtvolles Exposß der psychoanalytischen Methode dar. Verf. 
beginnt mit der Schilderung der psychischen Konflikte, setzt die Rolle der 
Verdrängung und Zensur auseinander; zuletzt bespricht er die Komplexlehre 
und die Bedeutung des Wunsches im Triebleben. Zu lesen ist die Dar- 
stellung der Technik selbst, welche vortrefflich gelungen ist und praktische 
Anweisungen gibt (so gut es möglich ist). Man hört so häufig Ärzte klagen, 
sie möchten Analysen machen, wissen aber nicht wie anfangen (Ref.). Jones 
gibt von dem schrittweise sich abspielenden Prozedere eine gute Idee. Er 
empfiehlt die Verwendung des Jung'schen Assoziationsexperimentes, um 
Anhaltspunkte für weitere Forschungen zu erhalten, wenn man auf einen 
toten Punkt angelangt ist. 

Bei der Indikationsstellung vermisst Ref. die Ausschliessung der mo- 
ralisch Defekten, welche Freud immer sehr betont. An dieser Stelle wäre 
es vielleicht auch angebracht gewesen, von der Stellungnahme des Patienten 
zu der vom Arzt vorgeschlagenen Lösung des Konfliktes zu sprechen, ein 
Punkt, in dem die moralischen Eigenschaften des Patienten sehr in 
Frage kommen. 

Sehr glücklich ist die Darstellungsweise Jones', welche reich an 
pädagogisch gut gewählten Beispielen und bildlichen Vergleichen aus dem 
ganzen Gebiete der Medizin ist. Die Arbeit kann für Anfänger sehr 
empfohlen werden. A. Maeder. 



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346 Referate und Kritiken. 

E. Jones. The Mental Characteristics of Chronic Epilepsj. 
(Read before the National Association for the Study of Epilepsy, Baltimore 1910). 
Verf. macht auf die Bedeutung der psychologischen Beobachtungen in 
der Epilepsie aufmerksam, welche zu lange Zeit zu Gunsten der Beobachtung der 
mehr auffallenden Anfälle vernachlässigt wurde. Es folgt eine prägnante Schilde- 
rung des epileptischen Charakters. Über das Gedächtnis drückt er 
49ich folgendermassen aus: 1. Der Defekt ist viel grösser, wie der allgemeine 
psychische Rückgang es vermuten lässt, 2. es kommt zu einer konzentrischen 
Einengung, 3. fast keine, oder gar keine Tendenz die Lücken des Gedächt- 
nisses mit Konfabulation zu füllen, [Ref. kann in diesem Punkte dem 
Verf. nicht beistimmen, die Konfabulation ist bei Chronischdementen ein 
sehr häufiges Vorkommnis. Ref., der allerdings darüber keine genaueren 
Beobachtungen angestellt hat, hat den Eindruck bekommen, dass eine gewisse 
Fixierung des Konfabulierten häufig stattfindet], die Amnesie kann in 
Hypnose gehoben werden (Riklin). Verf. gibt dann eine Zusammenfassung 
der Assoziationsversuche Jung 's über einen Epileptikertypus. Die 2. Hälfte 
der Mitteilung ist eine Besprechung der Arbeit Mae der 's über die 
Sexualität der Epileptiker. Verf. nimmt die in der Schilderung des Charakters 
(im 1. Teil) hervorgehobenen Züge und erklärt sie vom Standpunkt der 
Freud'schen Lehre. Die meisten Züge lassen sich zwangslos auf besondere 
Libidoverhältnisse zurückführen. — Von psychoanalytischen Forschungen 
ist das tiefere Verständnis für die psychische Seite der Epilepsie zu erwarten. 

A. Maeder. 



Kostyleff. La crise de la psychologie exp6rimentale. Alcan« 
Paris 1910, Bibl. de philosophie contemp. 

Verf. schildert die Krisis der experimentellen Psychologie. „Viel 
Arbeit, Scharfsinn, Geduld werden für wenige Resultate verwendet." Die 
experimentelle Psychologie ist auf einen ganz sterilen Pfad gekommen. 
Als Beispiel führt er die bekannten Untersuchungen von G. E. Müller über 
das Gedächtnis an; nach 20000 einzelnen Experimenten und 8 Jahren 
Arbeit lassen sich sehr magere Resultate in zwei Sätzen zusammenfassen. 
Kostyleff schildert dann die Forschungen B i n e t's (Etüde ex- 
pßrimentale sur l'intelligence, 1903) welche viel versprachen und leider zu 
früh aufgegeben wurden. Binet liess frei assozieren und war auf die Fest- 
stellung von zwei Typen gekommen, le type „objeciif" et le type „imaginatif"; 
letzterer wies ca. 60^0 unbewusster Ideen Verknüpfungen auf. Binet nahm an, 
dass der erste Typus mehr zur „externospection", der letzte mehr zur 
„introspection^^ neige. [Ref. Es wäre interessant zu untersuchen, ob es 
wirklich zwei solche Typen gibt; jeder Analytiker kennt diese beiden Reaktions- 
weisen. Man kann sich aber fragen, ob der „objektive** Typus nicht eine 
Form der Abwehr gegen das Eindringen ins Unbewusste darstellt] Kap. IV 
enthält eine Darstellung des Ausfragexperimentes der Würzburger Schule 
mit einer Warnung gegen die in der Schule ausgesprochenen metaphysischen 
Richtung. Verf. beschreibt den Mechanismus der „Einstellung^* (ohne die 
diesbezügliche Arbeit von Bleuler zu berücksichtigen), übersetzt den 
Begriff ins Französische mit „montage*'; Ref. hält „attitude" für mehr geeignet 
und klarer ohne Definition. Kostyleff kennt überhaupt die Arbeiten 
der Freud'schen Schule nicht. Kap. V enthält gute Bemerkungen über 
statische und dynamische Begriffe in der Psychologie. 



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Referate und Kritiken. 347 

Nach kurzer Darstellung der Untersuchungen von Paulon und 
Bechterew (die russischen Forscher wollen nur „objektive Psychologie" 
treiben) macht Kos tylef f eine Reihe von Vorschlägen, welche eine Reform der 
jetzigen verfehlten Experimentalpsychologie verwirklichen soll. Wir können 
unmöglich darauf eingehen. — Der kritische Teil des Buches verdient in 
den Kreisen der offiziellen Psychologie berücksichtigt zu werden. 

A. Maeder. 



P. Dubois. Conception p sychologique de l'origine des Psycho- 
path ies. (Arch. de Psychologie, Sept. 1910, Tome X.) 

Verf. hat diesen Aufsatz vor den schweizerischen Neurologen vorgetragen. 
Er bezeichnet mitPsychopathien alle psychischen Störungen überhaupt. DiePsycho- 
asthenie ist für ihn nicht das von Jan et umschriebene Krankheitsbild, er nimmt 
den Ausdruck wörtlich (wie Psychopathie) „eine Schwäche der Psyche". Es 
ist schwer den Wert solcher Änderungen einzusehen, wir müssen auch in 
der Chemie z. B. Oxygen sagen, trotzdem das Wort nicht mehr unserem 
Begriffe des Elementes entspricht. Den grössten Teil der Mitteilung nimmt 
die historische Einleitung ein; Dubois begrüsst in Heinroth seinen direkten 
Vorgänger. Für die moderne Physico-diaetotherapie hat er glückliche Worte, 
z. B.: r61ctricit6, cette servante ä tout faire, etc. Seine Anschauungen über 
die Psychogenese der Psychopathien sind bekannt; er bleibt konsequent in 
seiner Auffassung des Psychischen, (was man nicht von allen modernen 
Psychotherapeuten behaupten könnte), zeigt aber nur Verständnis für seine 
eigene Richtung. Von der Psychoanalyse sagt er, ohne es zu begründen: 
Ich kann der Psychoanalyse keinen therapeutischen Wert zuerkennen, auch 
nicht, wenn sie auf das Trauma kommt. [Verf. scheint die Arbeiten Freu d's 
nach 1895, Datum der Publikation der Studien über Hysterie nicht zu 
kennen]. Er begrüsst aber die Forschungen der Analytiker über die Psycho- 
genese der schweren Geistesstörungen, wofür der wissenschaftliche Grund 
nicht einzusehen ist, denn Dubois sagte im Anfang seines Vortrages: es 
existieren nur graduelle Unterschiede zwischen den Neurosen und den Psy- 
chosen. Warum: deux poids et deux mesures? A. Maeder. 

F. Ruch, Mßlancolie et Psychotherapie. (Arch. de Psych. Nr, 37, 
Tome X Gen^ ve.) 

Ein diagnostisch nicht einwandsfreier Fall von Melancholie, der 
zweimal vom Verf. nach der Persuasionsmethode scheinbar mit Erfolg 
behandelt wurde. Aus einer solchen Krankengeschichte ist zu ersehen, wie 
wenig die angewandte Methode über die Entstehung der Krankheit selbst dem 
behandelnden Arzt zu lehren vermag. Der Therapeut kann nur mit sehr 
unbestimmten Ratschlägen trösten. Erst nach einer analytischen Kenntnis ist 
es möglich, eine wirklich rationelle moralische Orthopädie einzuleiten. Verf. 
ist übrigens sehr vorsichtig in der Beurteilung des therapeutischen Wertes 
der Psychotherapie in der Melancholie, und sagt, dass wahrscheinlich eine 
Beschleunigung der Genesung durch eine solche Kur zu erzielen ist. Ref. 
konnte auch in einem Fall den Eindruck gewinnen, dass, nachdem die 
Depression ihren höchsten Punkt erreicht hatte, eine kurze Psychoanalyse sehr 
günstig und beschleunigend gewirkt hatte. A. Maeder. 



3y Google 



OrfgfrTaffrom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



348 Referate und Kritiken. 

Wilhelm Ostwald, Grosse Männer. 3. und 4. Aufl. Akademische 
Verlagsgosellschaft, Leipzig, 1910. XII, 424 Seiten. 

Ostwald's „Grosse Männer'S 1909 zuerst erschienen, sind, wie der 
buchhändlerische Erfolg zeigt, rasch ein populäres Buch geworden. Das 
Interesse, das die Persönlichkeit des Verfassers erweckt, die klare und 
fesselnde Art seiner Darstellung, die Stärke seines Temperaments, das niemand 
kalt lässt, sondern zu lebhafter Zustimmung oder zu lebhaftem Widerspruch 
herausfordert, die Mannigfaltigkeit der in dem Werke berührten Fragen — 
das alles erklärt zunächst die Breite seiner Wirkung. Wir glauben, dass 
diese auch eine tiefe und dauernde sein wird. Denn nicht darin, dass er 
eindrucksvolle und oft ergreifende Lebensbilder bedeutender Menschen zeichnet, 
noch darin, dass er über Fragen der Erziehung und der Organisation des wissen- 
schaftlichen Betriebs Bedeutsames zu sagen hat, ruht die eigentliche Bedeutung 
dieses Buches. Dass sie die Psychologie des Forschers in den 
Zentralpunkt ihrer Betrachtung stellten und für die Behandlung dieses ver- 
nachlässigten Problems zumindest gute Wege bahnten, darin liegt das Neue 
und Originelle dieser Untersuchungen. Den Psychoanalytiker insbesondere 
wird nicht nur der Gegenstand an sich interessieren, sondern vor allem auch der 
Umstand, dass sich in der Methode, die Ostwald sich schafft, unwillkür- 
lich einige Analogien zur Yerfahrungsweise des psychoanalytischen Forschers 
aufdrängen. 

Schon die Tatsache allein, dass er die Psychologie des Forschers 
untersucht und nicht die Psychologie des Forschen s, ist in diesem Sinne 
wichtig. Es ist ja der folgenschwerste Fehler unserer offiziellen Psychologie, 
der ihr den Weg gerade zu den tiefsten Problemen versperrt, dass sie die 
psychische Erscheinung immer aus ihrem Zusammenhang mit der Gesamt- 
persönlichkeit herausreisst Ostwald wurde durch seinen psychologischen 
Instinkt vor dieser Sackgasse bewahrt; es wird uns jetzt aber nicht wundem, 
von ihm zu hören, dass er in den Werken der modernen Psychologie Hilfe 
für seine Bemühungen zwar gesucht, aber nicht gefunden habe. Sein 
Grundgedanke bringt ihn mit innerer Logik zu folgendem Verfahren. Er 
geht von psychologisch möglichst eindringenden Biographien aus, um dann 
durch Vergleichung und Zusammenfassung zum Typischen und Gesetzmässigen 
zu gelangen. Hierin sehe ich eine weitere Berührung mit der Forschungs- 
weise der Psychonalyse, für die gleichfalls die konsequente Verwertung der 
psychologischen Lebensbeschreibung (unter diesen Begriff fällt ja auch die 
psychoanalytisch erhellte Krankengeschichte) eines der wichtigsten metho- 
dischen Werkzeuge ist Leider sieht sich Ostwald von den Biographen 
ebenso im Stich gelassen wie von den Psychologen. Er tadelt» dass die 
meisten Biographien in erster Linie sachlich und höchstens in zweiter Linie 
psychologisch orientiert und überdies durch ihren fast immer apologeti- 
schen Charakter an der Erfassung der vollen Wahrheit gehindert seien. 
Jeder Psychoanalytiker hat denselben Mangel wiederholt empfunden und die 
Schaffung einer wissenschaftlichen Biographik steht als eine der wichtigsten 
Aufgaben der nächsten Zukunft vor uns. Es ist sehr zu bedauern, dass 
Ostwald so ganz auf sich selbst angewiesen und nur auf die Psychologie 
des gesunden Menschenverstandes gestützt an seine grosse Aufgabe heran- 
treten musste. Der Ertrag seiner Untersuchungen niusste dadurch notge- 
drungen beeinträchtigt werden. Um so mehr lassen die Resultate, zu denen 
er unter so ungünstigen Verbedingungen gelangt, erhoffen, dass, wenn einst 
ein Gelehrter, ausgestattet mit ähnlich umfassender Sach- und Personen- 



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Referate und Kritiken. 349 

kenntnis auf einem grossen wissenschaftlichen Gebiet und dazu noch versehen 
mit dem Rüstzeug der Psychoanalyse, Ostwal d's Untersuchungen wieder 
aufnehmen sollte, eine Fülle wertvoller Einsichten und Erkenntnisse seiner 
harren müssen. 

Aus dem über Ostwald's Methode Gesagten ergibt sich schon die 
Einteilung des Werkes. Er gibt zuerst (2. bis 7. Vorlesung) die Lebens- 
beschreibung von sechs genialen Naturforschern (Humphry Davy, Julius 
Robert Mayer, Michael Faraday, Justus Liebig, Charles 
Gerhardt, Hermann Helmholtz). Jeder Biographie folgt eine kurze 
Zusammenfassung, in der Ostwald das für ihn Wichtige heraushebt und 
so den zweiten, allgemeinen Teil des Werkes vorbereitet. Hier hat die 
Darstellungskunst Ostwald's eine schwere Aufgabe mit Glück bewältigt. 
Galt es doch, auf gedrängtem Raum nicht nur das äussere und innere 
Leben seiner Helden zu schildern, sondern auch die Art der wissenschaftlichen 
Probleme, die sie beschäftigten, wenigstens in den Grundzügen zu charak- 
terisieren. Dieses Material wird übrigens im allgemeinen Teil dann noch 
durch viele einzelnen Züge bereichert, dieOstwald aus seiner umfassenden 
Kenntnis der Gelehrtengeschichte beibringt. 

In den sechs Vorlesungen des zweiten Teils (Allgemeine Orientierung. 
Die Jugend. Das grosse Werk. Klassiker und Romantiker. Hernach. 
Schluss), behandelt er eine Fülle von Problemen. Die Abhängigkeit des 
Forschers von biologischen, nationalen und sozialen Bedingungen, die Wirk- 
samkeit von Vererbung und Erziehung w^erden untersucht, die bestehenden 
Organisationen des wissenschaftlichen Betriebs einer scharfen Kritik unter- 
zogen. Den Höhepunkt des Werkes aber bildet zweifellos die Prägung zweier 
Typen wissenschaftlicher Begabung, welche Os t waTd einander als Klassiker und 
Romantiker gegenüberstellt Den grundlegenden Unterschied sieht er in der 
grossen Reaktionsgeschwindigkeit dieser und der verhältnismässig geringen 
jener. Natürlich seien unzählig viele Mittelfälle denkbar und vorhanden. 
Aber gerade die bedeutendsten Geister zeigten eine scharfe Ausprägung nach 
einer der beiden Richtungen. Der Romantiker zeige besondere Frühreife, 
rasches Erfassen der Probleme und rasches Weitereilen, grosse Lehrbegabung 
und überhaupt die Fähigkeit, durch seine Persönlichkeit zu wirken, dagegen 
eine gewisse Sorglosigkeit gegenüber den Produkten seiner schriftstellerischen 
Tätigkeit. Beim Klassiker sehe man langsames Ausreifen der Ideen, er 
könne sich nichtgenugtun in immer wiederholter Durcharbeitung ihrer Darstellung 
und eben, weil er nur völlig Abgerundetes geben wolle, werde ihm die 
Lehrverpflichtung oft zu einer Qual. Den oberflächlichen Beobachter ent- 
täusche er oft bei persönlicher Berührung, weil er nur schwer aus sich 
heraus gehe. Auf die alte Lehre von den vier Temperamenten bezogen, 
sei der Klassiker phlegmatisch-melancholisch, der Romantiker sanguinisch- 
cholerisch. 

Das grosse Verdienst, das in der Aufstellung dieser Typen liegt, 
Avird in nichts geschmälert, wenn wir feststellen, dass für ihre psychologische 
Analyse noch sehr viel zu tun übrig bleibt. Es scheint uns, als habe 
sich Ostwald die völlige psychologische Durchdringung dadurch selbst 
erschwert, dass er allzurasch den Anschluss an die Psychophysik suchte. 
Denn dass der Unterschied der Reaktionsgeschwindigkeiten allein die Ver- 
schiedenheit von Klassikern und Romantikern nicht erklären kann, geht 
schon daraus hervor, dass Romantiker und Klassiker scharf ausgeprägte 
Gegensatztypen sind, während der Unterschied der Reaktionsgeschwindigkeit 



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350 Referate und Kritiken. 

bloss ein relativer ist; gering ist sie ja beim Klassiker nur im Verhältnis 
zum Bomantiker, nicht aber etwa im Verhältnis zum Imbezillen. Gerade 
auf Grund des von Ostwald gelieferten Materials scheint mir der unter- 
schied darin zu liegen, in welcher Weise dem Forscher die Wissenschaft 
zum Willensobjekt geworden ist Dem Romantiker bleiben Beziehung und 
Wirkung auf Menschen immer das Wichtigste und so ist ihm die 
Wissenschaft im Tiefsten eigentlich ein Durchgangspunkt. Das zeigt sich 
am deutlichsten bei Davy, hinter dessen ganzer wissenschaftlicher Tätigkeit 
ein glühender persönlicher Ehrgeiz steht, der aber von seiner wissenschaft- 
lichen Tätigkeit durchaus nicht absorbiert wird. Wie er zu seinem Nach- 
weis der elementaren Natur des Jod durch den Wunsch angespornt wird, 
den Pariser Gelehrten recht deutlich, wenn auch wenig taktvoll seine Über- 
legenheit zu beweisen, so strebt er sein ganzes Leben lang nach gesellschaft- 
lichen Erfolgen und die Erlangung der Bitterwürde veranlasst ihn zu einer 
Änderung seiner ganzen Lebensweise, und auch bei Lieb ig zeigt sich, 
wenn auch auf andere Art, so doch deutlich, das Streben, durch die Wissen- 
schaft zu wirken: zuerst unmittelbar auf die Schar seiner Schüler, dann 
mittelbar durch seine Schriften auf das Heer der Praktiker. Wie er zuerst 
den chemischen Unterricht revolutioniert, will er dann die Landwirtschaft 
revolutionieren. Beim Klassiker dagegen konzentriert sich alles auf die 
Wissenschaft, sie kann selbst Beziehungen zu Personen gewissermassen auf- 
saugen (wir werden unten an Bobert Mayer ein Beispiel davon sehen), 
kurz bei ihnen ist. Freudisch gesprochen, die Verschiebung der Libido vom 
Persönlichen auf das Sachliche vollständig und endgültig. Die psychoanalytische 
Erforschung der Bedingungen dieser verschiedenartigen Affekteinstellung 
ist die eigentliche Aufgabe, welche die Typen des Klassikers und des 
Bomantikers dem Psychologen stellen. 

Auch an mehreren anderen Punkten scheint es uns, als ob dem Psycho- 
logen, der eben erst seine Fragen stellen wollte, durch eine vorzeitige physio- 
logische Antwort das Wort abgeschnitten würde. So ist für die neurotischen 
Erkrankungen, denen fast alle von Ostwald geschilderten Gelehrten unter- 
liegen, die Überanstrengung infolge intensiver wissenschaftlicher Arbeit eine 
Ätiologie, die von der modernen Neurosenlehre keineswegs als ausreichend 
oder auch nur das Hauptsachlichste treffend anerkannt werden wird. Und 
wenn wir sehen, dass viele Forscher bei zunehmendem Alter auf ein neues 
Arbeitsgebiet drangen, ja für ihr früheres oft von einer heftigen und plötz- 
lichen Abneigung erfüllt sind, so dürfte eine sorgfältige Beobachtung der 
psychischen Begleitumstände in jedem einzelnen Fall uns jedenfalls weiter 
führen als Ostwalds Hypothese, es handle sich um eine vorzeitige 
Abnutzung gewisser Gehirnpartieen. 

O s t w a 1 d sagt selbst, dass die Gruppierung in Klassiker und Boman- 
tiker nicht der einzige Gesichtspunkt sei, unter dem man das Problem 
betrachten könne. Da ist es nun äusserst interessant, Alfred Adlers 
Theorie von der Bolle, die das Gefühl der Minderwertigkeit und die dadurch 
ausgelösten Kompensationsstrebungen in der psychischen Entwicklung spielen, 
an das von Ostwald vorgelegte Material heranzubringen. Nach Adler 
zeigt dieses erhöhte, in einer Organminderwertigkeit wurzelnde Minderwertigkeits- 
gefühl einerseits allgemein charakterologische Wirkungen: ee entwickeln sich 
nämlich im dialektischen Gegensatz hierzu heftige Grössenideen, brennender 
Ehrgeiz oder, falls die Aggression des Knaben auf starken Widerstand stösst. 
Trotz. Andererseits werde durch die Minderwertigkeit des Organs diese 



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Referate und Kritiken. 351 

Bewegung ganz oder teilweise in bestimmte Bahnen gelenkt und so könne 
es dahin kommen, dass das minderwertige Organ infolge psychischer Mehr- 
leistung schliesslich ganz oder in einer speziellen Beziehung in einer Weise 
funktioniere, die den normalen Durchschnitt weit übertreffe. (Über- 
kompensation.) Diese psychischen Spannungs Verhältnisse führten also unter 
günstigen Bedingungen zu ausserordentlichen geistigen Leistungen, unter 
ungünstigen zur Neurose oder auch zum Selbstmord. So erklären sich auch 
die Beziehungen zwischen Genialität und Neurose, von denen wir oben 
gesprochen haben, ebenso auch die zwischen Genialität und Selbstmord, 
wofür wir ebenfalls bei Ostwald Beispiele finden. (Ludwig Boltzmann, 
Paul Drude.) Es ist in hohem Grade lehrreich, dass wir bei Ostwald, 
also an einem sicherlich unvoreingenommen zusammengestellten Material, in 
jeder einzelnen Biographie plausible, zum Teil geradezu schlagende Bestä- 
tigungen von Adlers Lehre finden. 

So erfahren wir von Humphrey Davy, dass er in seiner Jugend 
an einem Zungenfehler und grosser körperlicher Unbeholfenheit litt. Beides 
muss ihm Kummer gemacht haben, denn er macht Sprechübungen und tritt 
in ein Freiwilligenkorps ein, um exerzieren zu lernen. Sehen wir hier die 
Grundlagen seines bereits erwähnten intensiven Ehrgeizes, so ist auch die 
Richtung für seine Betätigung dadurch gegeben. Er, der es trotz aller 
Anstrengungen nicht dazu bringen konnte, ein Gewehr richtig zu schultern, 
wird einer der Meister des chemischen Experiments. Der in der Jugend 
durch seinen Sprachfehler gesellschaftlich Unbeholfene ersehnt und erreicht 
gesellschaftliche Erfolge und macht sich einen Namen als wissenschaftlicher 
Kedner. (Den Zusammenhang zwischen dem Kampf gegen seinen Sprach- 
fehler und einer gewissen Affektiertheit seines Vortrags hebt Ostwald 
selbst hervor.) 

Michael Farad ay leidet seit seiner Jugend unter einem sehr 
mangelhaften Gedächtnis. Man sollte nun glauben, dass eine so auffallende 
Schwäche einem armen Buchbinderlehrling auch die letzte Möglichkeit wissen- 
schaftlicher Karriere raube. Statt dessen sehen wir gerade hier das Agens, 
das seine wissenschaftliche Begabung vorwärts und aufwärts treibt Sein schlechtes 
Gredächtnis veranlasst ihn zur Anlage von Tagebüchern und Exzerptenheften 
und macht so aus einem Dilettanten einen zielbewussten Autodidakten. Auch 
äusserlich bahnt ihm die dabei erworbene Fähigkeit präziser Wiedergabe 
eines Gedankengangs den Weg zu Davy und damit zur wissenschaftlichen 
Laufbahn, Und schon Ostwald selbst deutet darauf hin, dass sowohl 
Farad ay's grosser Ordnungssinn als auch seine ganz eigenartige und gerade 
durch ihre Eigenart wertvolle Forschungs- imd Darstellungsweise die Funk- 
tion haben, ihm das Gedächtnis entbehrlich zu machen also gewissermassen 
nach aussen projizierte Kompensationsveranstaltungen. 

Wenn wir von Hermann Helmholtz erfahren, dass er als Kind 
ausserordentlich schwächlich und kränklich war und dann aus seinem eigenen 
Munde hören, den Knaben habe zur Physik besonders der Gedanke hin- 
gezogen, „dass die Kenntnis der Gesetze der Naturvorgänge auch der 
Zauberschlüssel sei, der seinem Inhaber Macht über die Natur in die Hände 
gebe", so gewinnt auch dieser Zug, unter Adler's Gesichtspunkten betrachtet, 
seine besondere Bedeutung. 

In etwas anderer Gestalt finden wir dieselbe psychische Dynamik wie 
in den früheren Fällen auch bei Charles Gerhardt wirksam: er lebte 
in ernstem Konflikt mit seinem Vater und so mussten in ihm die Grössenideen 



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352 Referate und Kritiken. 

eine bestimmte Fixierung erfahren : es galt fär ihn vor allem, seinem Vater 
seine Unabhängigkeit und Überlegenheit zu zeigen. Von hier aus fällt ein 
merkwürdiges Licht auf seine Lebensgeschichte. Er hat sich zeitlebens vor- 
wiegend der systematischen Chemie gewidmet Hier ruht seine eigent- 
liche Bedeutung, hier aber auch die Ursache seines geringen äussern Erfolgs. 
Lieb ig hat ihn wiederholt eindringlich ermahnt, wenigstens fürs erste durch 
experimentelle Leistungen sich den Weg zu bahnen, — trotz der überzeu- 
gendsten Gründe vergeblich. Bedenken wir nun, dass Gerhardt nach 
dem Willen seines Vaters zu praktischen Zwecken hätte Chemie studieren 
sollen, um eine Bleiweissfabrik zu leiten, und dass der Vater über die 
wissenschaftlichen Aspirationen seines Sohnes aufs höchste erzürnt war, so 
erkennen wir einen eigentümlichen Zusammenhang: indem er innerhalb der 
wissenschaftlichen Chemie sich gerade dem theoretischen Gebiet widmet, 
entfernt er sich am meisten vom Vater. 

Vor einem besonders fesselnden Problem steht die psychologische 
Erklärung bei Julius Robert Mayer. Hier handelt es sich um den 
einzigartigen Fall, dass ein Forscher nicht niu einer einzigen genialen Idee 
sein ganzes wissenschaftliches Leben gewidmet hat, sondern dass diese Idee 
gewissermassen zusammenhanglos in ihm aufgestiegen ist, ihn sozusagen 
unvorbereitet überfallen hat. Mayer war ja ursprünglich gar nicht wissen- 
schaftlicher Forscher, sondern praktischer Arzt und erst hinterdrein, nachdem 
er sein Gesetz von der Erhaltung der Energie schon konzipiert hatte, hat er 
eingehendere mathematische und physikalische Studien gemacht, um die Dar- 
stellung desselben wissenschaftlich fundieren zu können. 

Dieser Mann hat bei allen, die ihm nahestanden, in der Schule, im 
Elternhaus, bei seiner Frau, bei der Familie seiner Frau, bei seinen Heil- 
bronner Mitbürgern für herzlich unbegabt und unfähig gegolten. Jeder 
nimmt sich heraus, ihn zu bevormunden und er lässt es ohne Widerstand 
geschehen. Ostwald stellt dieses passive Verhalten einfach fest; wir aber 
glauben nicht fehlzugehen, wenn wir es als Ausdruck einer dauernden Trotz- 
einstellung gegen die Umgebung auffassen. Es macht ihm eine gewisse 
Freude, bei seiner Umgebung ein solches Bild hervorzurufen und dabei in 
dem, was ihm wichtig ist, unbeirrt seinen Weg weiterzugehen. Diesem Trotz 
hat er übrigens einmal einen geradezu klassischen Ausdruck gegeben. Nach 
einem zwangsweisen, äusserst demütigenden Aufenthalt in der Irrenanstalt 
trat in seiner wissenschaftlichen Produktion eine zehnjährige Pause ein, die 
er einmal damit begründete, man habe ihn ja für einen toten Mann erklärt 
und daher verhalte er sich demgemäss. 

Hat man sich diesen Charakter Mayer's klargemacht, so gewinnt 
eine Jugenderinnerung, die er erzählt, erhöhte Bedeutung. Er habe sich 
einmal beim Spielen mit kleinen Wassermühlen mit dem Gedanken eines 
Perpetuum mobile beschäftigt, sei aber von seinem Vater und dessen Freunden 
von der Unausführbarkeit dieser Idee überzeugt worden. Wir sehen keinen 
Grund dafür, mit Ostwald hier eine Erinnerungstäuschung anzunehmen, 
um so mehr, als Mayer selbst die eigentliche Bedeutung dieser Erzählung 
offenbar gar nicht verstanden hat. Denn dieses Rätsel löst sich erst, wenn 
man beachtet, dass sich in den ersten Darstellungen, die er gibt, die Sache 
darauf zuspitzt, dass ein Perpetuum mobile zwar auf der Erde nicht möglich 
ist, wohl aber im Weltraum. Nicht das also ist das Entscheidende, dass es 
kein Perpetuum mobile gibt, wie ihn schon sein Vater gelehrt hat, sondern 
er zeigt ihm gerade: es gibt doch ein Perpetuum mobile. Jetzt verstehen 



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Referate und Kritiken. 353 

wir also, warum sich Mayer an der Idee von der Erhaltung der Energie 
gleichsam festsaugt: weil sie für ihn der Ausdruck des Si^es über 
seinen Vater wird. Dass ihm die Besiegung des Vaters durch ein 
Gedankengebaude genügt, ist für den Klassiker Mayer charakteristisch. 
Habe ich es notwendig, mich gegen das platte Missverstandnis zu 
verwahren, ich meinte durch die vorstehenden Andeutungen die genialen 
Leistungen jener Männner erklärt zu haben? Ich habe weder gewagt, an 
die glücklichen Naturbedingungen heranzutreten, die das Genie mit auf die 
Welt bringt, noch in das Heiligtum der ungeheueren intellektuellen Arbeit 
einzudringen, die es zu leisten hat, aber gewisse Agentien, die jene in 
Bewegung setzen und unter Umständen diese in eine gewisse Richtung weisen, 
hoffe ich allerdings aufgezeigt zu haben. Dr. Carl Furtmüller 

Dr. R« Assag^oli (Florenz), Transformation et Sublimation 
des energies sexuelles (Rapport pr6sent6 au ler Congres italien 
pour la question sexuelle. Florence, 12 — 14 Novembre 1910). 

L'A. constate d'abord le conflit existant entre Texcös des 6nergics 
sexuelles et les obstacles de toute sorte qui en empöchent la normale 
manifestation. II ne croit pas qu*on puisse trouver une Solution g6n6rale 
satisfaisante de ce contraste, source intarissable de douleur et de trag6die; 
mais 11 donne toutefois une grande importance ä la Sublimation de )a 
sexualit^, comme aide pr6cieux pour att6nuer ce contraste. II insiste 
sur les etroits rapports qui oxistent entre la vie psychique et la vie 
sexuelle et leur mutuello influenco, qui rend possible la Sublimation. 
Suivent des citations de E. Carpenter, de Schopenhauer et de 
Freud, dans lesquelles ces ecrivains confirment, de diff6rents points de 
vue, Texistence et Timportance de la Sublimation. 

L'A. admet que nos connaissances de la Sublimation sont encore 
trfes imparfaites et montrex la n6cessit6 d'aborder rösolument Tetude du 
subconscient, ä laquelle doivent encourager les importants r6sultats dejä 
obtenus par T^cole psychoanalytique. 

Sans vouloir entrer dans une analyse precise de la Sublimation 
TA. met en garde contre le danger dexag^rer, en croyant expliquer 
toutes les facultes psychiques les plus 61ev6es comme 6tant le produit 
des plus 61enientaires. 

Apr&s ces observations TA. aborde le probl&me pratique de la 
Sublimation et il laisse de cöte celle qui se produit pendant les eures 
psychoanalytiques, en se bornant ä parier de l'auto-sublimation. 

Une condition pr6alable indispensable pour qu*elle se produise, c*est 
Tabandon de la conception traditionelle qui consid^re la sexualit^ comme 
quelque chose de bestial et de honteux et par laquelle on aboutit 
ä la „repression**. 

L'A. se plaint ironiquement que la Sublimation echappe ä un cjntröle 
scientifiquo rigoureux, car eile ne se prete pas ä dtre enregistr^ sur 
un cylindre tournant ou ä construire des „graphiques**. 

Pour faire un essai de Sublimation il faut, dans une pöriode 
d'excitation sexuelle intensifier brusquement le plus possible les activites 
(surtout 6motionnelles et spirituelles), ou, encore mieux, changer tout 
ä coup d'occupations et de milieu et s'engager compl^temont dans une 
nouvelle oeuvre creatrice. La cr^ation, surtout artistique, k cause 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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354 Keferaie und Kritiken. 

de Heus encore assez obscurs mais qai semblent tr^s profonds, se 
prgterait d'une mani^re speciale k la Sublimation de la sexualitö. Un 
merveilleux exemple de cette esp&ce de Sublimation est le Tristan 
et Isolde, dans lequel Wagner, comme il est d^monträ par plosieurs 
passages de sa correspondance et de son Journal, a vers6 lout le feu 
de sa passion inassouvie pour Mathilde Wesendonk. 

L'A. conclut en faisant appel ä une severe 6tude de ce qui sc 
passe dans les profondeurs de l*äme, sans quoi les hommes modernes, 
absorb^s et 6tourdis par le tumulte de la vie ext6rieure, deviennent trop 
ais^ment des esclaves inconscients de leurs instincts. 

Äutoreferat. 

Wilhelm Weygandt, Abnorme Charaktere in der dramati- 
schen Literatur, Shakespeare — Goethe — Ibsen — Gerhart Haupt- 
mann, Hamburg und Leipzig, Leopold Voss 1910. 

Immer wieder reizt es die Psychiater, die wechselnden Erkenntnisse 
und noch mehr die wechselnde Nomenklatur ihrer Disziplin an Dichtern 
und Dichtwerken zu erproben. Nachdem ein Mann von der Denkkraft 
eines Mo e b i u s bahnbrechend gewesen, schiessen alljährlich Pathographien 
ins Kraut und psychiatrische Studien über dichterische Krankheitsbilder, 
von denen Weygandt an einer Stelle ganz richtig bemerkt: „Meines 
Erachtens spielt bei den Einwänden der Irrenärzte gegen die Krankheits- 
schilderungen des Dichters auch ein Stück Standeshochmut und Geheimnis- 
krämerei mit, die den Versuch eines Laien, sich über Psychosen zu 
äussern, ablehnen möchten." 

Ich werde später soviel gegen diesen Autor sagen müssen, dass 
ich mit Vergnügen einen Satz voranstelle, in dem ich ihm vollkommen 
beipflichten kann. Er schlägt nämlich vor, statt „Pathographien** lieber 
„Psychographien** zu geben, „also eine Seelenanalyse und eine Schilde- 
rung vom Standpunkt des praktischen Psychologen**. Nur muss ich nach 
meiner Erfahrung widersprechen, wenn er als solchen gerade „den 
Psychiater bezeichnet, der sein Fach richtig und umfassend betreibt, nicht 
etwa nur als Behüter der schwer angegriffenen, anstaltsbedürftigen Irr- 
sinnigen, sondern als Kenner aller von dem Durchschnitt und der Norm 
abweichenden Eigentümlichkeiten des menschlichen Seelenlebens**. Denn 
als solcher ist der moderne Psychiater mindestens der herrschenden 
Schule kaum zu bezeichnen. Man braucht nur zu lesen, dass Weygandt 
selber bei den verschiedensten Dichtern von Shakespeare bis Ibsen tadelnd 
herausstreicht, dass sie „zuviel Sinn im Wahnsinn wittern**^ zuviel ver- 
steckte Bedeutung in die Äusserungen des Irrsinns einmischen. ^,Der 
Geisteskranke weist ja keine normale psychologische Motivierung auf**, 
mieint er bei Besprechung von Goethes Orost und noch schärfer ein 
andermal, dass „bei Irrsinnsfällen überhaupt von einer psychologischen 
Motivierung nicht mehr die Rede sein könne**. So wird geschrieben, 
vier Jahre, nachdem ein Jung für die verbreitetste aller Psychosen, die 
Doraentia praecox, Sinn und Verstand und Wunscherfüllung in den Sym- 
ptomen dargetan hat, nachdem es höchst wahrscheinlich geworden, dass 
einfach bei jeder Geisteskrankheit versteckte Zusammenhänge bestehen, 
die wir nur nicht begreifen. Es ist auch höchst zweifelhaft geworden, 
was noch immer vom Katheder mit allergrösster Emphase betont wird. 



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Referate und Kritiken. 855 

dass allein entscheidend für die Geisteskrankheit die konstitutionelle An- 
lage sei, verbunden mit irgendwelchen Stoffwechselstörungen. Der erste 
Punkt wird wohl eine conditio sine qua non vorstellen, erklärt aber keines- 
wegs den Ausbruch wie die Art der Psychose und leistet gar nichts zu 
deren Verständnis. Je tiefer wir in die Psychologie der Greisteskrankheiten 
eindringen, desto mehr ergibt sich, dass, was das Volk und vor allem 
die Dichter seit Jahrhunderten vortrugen, dass Gemütsaffekte nämlich 
und psychische Erschütterungen Wahnsinn hervorzurufen vermögen, zu- 
treffend sei, wenn auch nur auf dem Boden einer besonderen Anlage. 
Fühlt sich doch einer der hellsten unter den Irrenärzten, C. G. Jung, 
zum Bekenntnis gedrängt: „Wir Psychiater konnten bisher ein Lächeln 
nicht unterdrücken, wenn wir lesen, wie ein Dichter sich bemüht, eine 
Psychose zu schildern. Allgemein werden solche Versuche als höchst 
untauglich angesehen, denn der Dichter lege in seiner Auffassung der 
Psychose psychologische Verknüpfungen hinein, die dem klinischen Krank- 
heitsbild gänzlich abgehen. Wenn der Dichter nicht geradezu darauf aus- 
geht, aus einem psychiatrischen Lehrbuch einen Fall zu kopieren, so 
weiss es der Dichter meistens besser als der Psychiater." 

Wenn die Irrenärzte zu Dichterwerken Stellung nehmen, ist ihr 
um und Auf eine Diagnose. Obendrein in den seltensten Fällen eine 
ganz präzise, sondern meist nur die etwas hochmütige Bemerkung, soweit 
bei den Phantasien des Poeten überhaupt von einem klinischen Krank- 
heitsbild zu reden sei, so sähen sie dieser oder jener Psychose noch am 
ehesten ähnlich. Nun gibt es bekanntlich just in der Lehre von den 
Geisteskrankheiten nichts Überflüssigeres als die Diagnose. Besteht doch 
der Fortschritt der Psychiatrie im wesentlichen darin, dass man längst- 
bekannte Krankheitsbilder in Stücke reisst und diese Stücke neu gruppiert, 
oder dass man die alten und schlechten Bezeichnungen durch neue und 
ebenso unpassende ersetzt. Sollen aber die Beiträge der Psychiater zu 
Dichterwerken irgend einen Nutzen für die Allgemeinheit schaffen, dann 
müssen sie ein neues Verständnis eröffnen, nicht eine neue Dia- 
gnose , die im nächsten Jahrzehnt schon nicht mehr wahr ist. Die 
Diagnose ist nichts, das Verständnis allesi 

Wie kläglich aber ist, was man von zünftigen Psychiatern da hörtf 
So hat z. B. Oswald Alving's Schlusswort „Mutter, gib mir die 
Sonne I" ein Ausleger neuerdings dahin erläutert, dass hier ein Fall von 
paralytischer Paraphasie vorliege, indem Oswald habe sagen wollen: 
„Gib mir das Morphin I" aber durch den Eindruck der aufgehenden Sonne 
zum Falschsprechen verleitet worden sei. Und was hat man nicht alles 
über Hamlet gefabelt! „Der Dänenprinz**, führt Weygandt aus, „galt 
bald als Genie, bald als Feigling, bald als kerngesund, nur durch die 
Umstände erschüttert, bald als auffallendes Temperament, cholerisch, 
phlesmatisch, melancholisch, als Idealist, als Pessimist, als passive Natur; 
bei anderen Erklärern war er ein wirklich Geisteskranker, der an Paranoia, 
an Melancholie, an Wahnsinn leiden sollte, dann wieder ein nervöser 
Mensch, ein Neurastheniker, ein Desequilibrierter. Bald hiess es: er ist 
gesund und stellt sich wahnsinnig; dann wieder: alles jgeht normal zu, 
auch von Simulation ist keine Rede; schliesslich auch: er ist wahnsinnig 
und will, dass man seinen Wahnsinn für Verstellung ansehe.** Was aber 
bringt Weygandt selber zum Verständnis vor ? Hamlet ist „ein modemer 
Nervenmensch, ein Des6quilibre oder konstitutioneller Neurastheniker. . . . 



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S66 Referate und KritikeiL 

Er ist abnorm veranlagt, aber nicht geisteskrank, sondern vielmehr ein 
pathologischer Charakter, ein nervöses Temperament; es fehlt ihm das 
seelische Gleichgewicht." Und mit dieser Fülle nichtssagender Worte, 
die nur immer wieder eine Diagnose umschreiben, soll das Wesen Hamlets, 
sein scheinbar so unbegreifliches Tun erschöpfend erklärt sein? Und 
was nützt es, wenn Weygandt ein andermal erklärt: „Lady Macbeth 
ist ein hysterischer Charakter", was obendrein äusserst anfechtbar ist? 
Ist damit das Geringste geleistet, um ihr Handeln verständlicher, ihr 
Nachtwandeln am Schlüsse durchsichtig zu machen? Selbst da, wo der 
Dichter ganz richtige psychologische Aufklärung gibt, die allerdings der 
unter den Ärzten grassierenden Prüderie widerspricht, sucht Weygandt 
schönfärberisch abzudunkeln, weil ihm das Verständnis hierfür ganz ab- 
geht. So meint er z. B.: wir dürfen die lasziven Lieder, die Ophelia 
im Wahnsinn singt, keineswegs als Beweis dafür nehmen, dass „ihr Ver- 
hältnis zu Hamlet unrein gewesen. Das erleben wir Ärzte an unseren 
Geisteskranken geradezu alltäglich, dass die Krankheit auch unschulds- 
vollen, hochgebildeten und gesitteten Mädchen die unschicklichsten Dinge 
in den Mund legt." Es ist sehr traurig und zu dem Standeshochmut 
schlecht passend, dass Seelenärzte die stets zugrunde liegenden Sexual- 
Phantasien nicht merken wollen, welche schon die Hysterie ganz deutlich 
verrät, noch mehr natürlich die ausgebrochene Psychose, von welcher 
ein Heinrich v. Kleist schon sagte : „Der Wahnsinn ist der Dietrich 
aller Herzen". Wenn Weygandt mehr von den psychoanalytischen 
Forschungen wüsste, würde ihn vielleicht „die plötzliche Genesung Orests 
alsbald nach dem Hinzutreten von Schwester und Freund" nicht gar so 
verwunderlich, „ohne einen mystischen Zug nicht erklärlich" dünken. 
Schliesslich sollte ein Seelenarzt von Inzestphantasien und homosexueller 
Neigung doch schon etwas gehört haben. 

Es ist höchst ergötzlich, wie in der Brust solcher Irrenärzte der 
anerzogene Respekt vor dem Genie mit dem Lehrbuch-Wissen in Streit 
gerät. Dem Dichter zu folgen, sorgfältig nachzuprüfen, ob vielleicht unsere 
grössten Seelenkenner nicht doch Recht haben, verbietet die Unbekannt- 
schaft mit dem Psychosexuellen, das die herrschende Psychiatrie durch- 
zieht. Den Respekt hinwieder vor den grossen Dichtern werden sie seit 
der Schulbank nicht los. Die Diagonale dieses Kräfteparallelogramms 
ist dann ein köstliches Kompromiss. Man tadelt im allgemeinen und von 
Berufswegen, weil des Dichters Psychosen so gar nicht zum Lehrbuch 
stimmen wollen, schlägt aber dafür einen wahren Purzelbaum des Ent- 
zückens, wenn eine belanglose Einzelheit tatsächlich zutrifft. Dass dann 
die schlicht geniessenden Laien von solcher Psychiatrie nichts wissen 
wollen und lieber dem allwissenden Dichter folgen, dessen Menschen- 
kenntnis sie unerschütterlich trauen aus unbewusster Zustimmung heraus, 
ist durchaus begreiflich und eigentlich ein Glück. Wollen die Irrenärzte 
befruchtend wirken, so dürfen sie ihr Ziel nicht einzig und allein darin 
erblicken, Diagnosen zu stellen und die Abweichungen vom Lehrbuch genau 
zu verzeichnen -- ein ebenso überflüssiges wie verkehrtes Beginnen — 
sondern müssen durch Aufzeigen von Zwischengliedern und Analogien ein 
wirkliches Verständnis zu fördern trachten. 

Das Buch von Weygandt ist in der psychiatrischen Literatur 
nicht das allerschlimmste. Wird es doch mindestens in Einzelheiten den 



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Referate und Kritiken. 357 

Dichtern gerecht. Von einem tiefgehenderen psychischen Verständnis ist 
es aber freilich meilenweit entfernt. J. Sa dg er. 

B, Fraenkel) Des jungen Goethe schwere Krankheit Tuberkulose, keine 
Syphilis. Sonderabzug aus Zeitschr. f. Tuberkulose, Bd. XV, Heft 4, 
Leipzig 1910, J. A. Barth. 

Wilh. Alex. Freund hat auf Grund recht dürftiger Indizien 
die Hypothese entwickelt, Goethe sei Syphilitiker gewesen, was sonder- 
barerweise der Literarhistoriker Erich Schmidt bereitwilligst weiter- 
gab. Nachdem schon M o e b i u s die Haltlosigkeit jener Behauptung dar- 
getan, geschieht dies in dem Vorliegenden Aufsatz nochmals in überzeugender 
und trotz aller literarischen Bescheidenheit des Autors überzeugender 
Weise. Hoffentlich wird uns in Zukunft erspart bleiben, solche kuriose 
Hypothesen auf Grund zweier oder dreier recht deutbarer Worte und 
einer missverstandenen Briefstelle vorgesetzt zu erhalten. 

J. Sa dg er. 

Dr. Wilhelm Leonhardt, Liebe und Erotik in den Ur- 
anfängen der deutschen Dichtkunst. Dresden, Rudolf Krauts 
1910, 183 S., gr. 80, Preis 5 Mk. 

Dies ungemein gefällig ausgestattete Buch muss man als eine sehr 
willkommene Erscheinung begrüssen, denn es bringt sowohl für den Psycho- 
analytiker als auch für den Ethnologen als Sexualforscher mit allen 
Mitteln der philologischen Kritik ausgehobenes Material aus entlegenen 
Schriftwerken, vor deren Lektüre wir eine Scheu hegen, schon wegen 
ihrer nur für den Germanisten leicht verständlichen altertümlichen Sprache. 
Hier liegen uns jedoch alle Stellen in unserer Schriftsprache vor. Es 
ist ein Fortschritt, dass sich ein Germanist auf das Studium von «Er- 
scheinungen verlegen mag, denen die offizielle Germanistik bisher mit 
Angstgefühlen und Ekel aus dem Weg ging. Die Germanistik erwuchs 
aus der Schule, so da die Jugend erziehen und auf die frommen Pfade 
der Tugend, Keuschheit und Sittlichkeit hingeleiten soll. Sie hat sich 
immer auch mit der heilijgen Theologie sehr freundlich vertragen. Wie 
die klebt auch sie am gedruckten Wort und ist voll unbegrenzter Ehr- 
furcht für das Manuskript mit krausen Schriftzeichen und für das sogenannte 
Altertum, während sie für die Tatsachen des kräftig fortbestehenden Volk- 
und Völkerlebens recht selten ein wirkliches Verständnis bekundet. Sie 
machte sich damit vom Zufall abhängig, ob sich irgendwo ein noch 
nicht gedrucktes oder besprochenes Manuskript vorfindet oder nicht 

Darin, dass Dr. Leonhardt als geschulter Germanist an das 
Thema herantrat, beruht einerseits sein Vorteil, andererseits sein Nach- 
teil, der jedoch nicht so sehr auf seine Rechnung, als auf die der 
Methode der Germanistik zu setzen ist. 

Nach der Auffassung Dr. L e o n h a r d t*s beginnen die Uranfänge 
der deutschen Dichtkunst mit den ersten zufälligen Niederschriften. Das 
ist die Schulmeinung, gegen deren Berechtigung er mittelbar selber an- 
zukämpfen bemüssigt ist. Wir können richtiger sagen, von der Dicht- 
kunst der Deutschen aus den Zeiten, wo man von den Römern die 
Schrift übernahm, seien uns recht spärliche Oberreste erhalten geblieben. 

Zentralblatt für Psyehoanalyse. l'A 24 



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358 Referate und Kritiken. 

Als Folklorist füge ich hinzu, dass dies in erster Reihe die Philologen 
zu beklagen haben, nicht jedoch so wir Volksforscher und Psychoana- 
lytiker, denn, wie es alsbald der IV. Band der Beiwerke zum Studium 
der Anthropophyteia mit einer erdrückenden Fülle von Erhebungen aus 
dem deutschen Sprachgebiete klärlich dartun wird, bewahrt die Folklore 
bis auf die Gegenwart hinein noch immer getreu alle die Uranfange 
der deutschen Dichtkunst auf. Dem Wesen und Inhalt nach ist nichts 
von Belang verloren gegangen und konnte auch gar nicht in Verlust 
geraten. 

In den alten Handschriften steht alles mögliche durcheinander, 
Volksdichtung und Kunstdichtung. Der Germanist hält der Sprache wegen 
alles hübsch fein zusammen, während der Folklorist gleich bei der Volks- 
dichtung, die von selbst durch Glauben, Sitte, Brauch und Recht bedingte 
Dichtung von der minder für ein Volk bezeichnenden Wanderdichtung 
trennt. Frühzeitig bemühte sich der römisch-deutsche Klerus um die 
Unterdrückung aller derbsinnlichen Volksdichtung, belegte sie mit Acht 
und Aberacht, um dafür eine noch schlüpfrigere und aufregendere geist- 
liche Dichtung einzuführen. Das setzt Dr. Leonhardt fein anschau- 
lich auseinander, doch fehlt er sehr mit der Anwendung der Worte Porno- 
graphie und Perversitäten. Zu seiner Entlastung muss ich betonen, dass 
ihm zur Zeit der Abfassung seiner Erläuterungen die Anthropophyteia 
sowie die Werke Freud's und dessen Schüler noch unbekannt waren. 
Ihn überraschte es noch, dass man bereits in den frühen Jahrhunderten 
auf derlei, sowie auch auf skatologische Erscheinungen häufig genug s'tösst, 
während gerade dies das selbstverständliche, weil der menschenticrischen 
Natur gemässe ist. Ein wirklicher Unterschied zwischen Volks- und Kunst- 
dichtungen besteht gar nicht. Er ist nur äusserlicher Art, indem sich 
die Kunstdichtung gewöhnlich, nicht jedoch immer mit ihrer gewählten 
Form, ihrem Schliff und ihrer reicheren Stoffwahl von der Kunst des 
minder gebildeten Volkes abhebt. Der Volksdichter versifiziert mit Vor- 
liebe seine Erlebnisse und die seiner Umgebung. Er ist für uns als 
Zeuge wertvoll, weil er mittelbar unter der Kontrolle seiner Zuhörer 
singt, die sich nicht leicht etwas aufbinden lassen, indes der Kunst- 
dichter gern nach fremdartigen Vorwürfen greift und seiner Fantasie die 
Zügel schiessen lässt, um die Aufmerksamkeit auf seine Person zu lenken 
und den Leser zu fesseln. Der Volksdichter identifiziert sich zumeist mit 
den Gefühlen und Empfindungen seiner Gestalten, er spricht sozusagen aus 
sich und ihnen heraus, der Kunstdichter steht dagegen gleichwie der Sagen- 
und Märchenerzähler über seinem Stoffe. Darum ist der Rückschluss vom 
ethischen Inhalt eines literarischen Werkes auf die Ethik des Verfassers 
nicht so ohne weiteres berechtigt. Man darf im Falle der Dichtungen 
z. B. der Nonne Roswitha nur mit Recht die Frage dahin fassen, ob 
und wieweit die Dramatikerin ein wirkliches Wissen von den erotischen 
Erscheinungen aus eigener Kenntnis besessen und was sie als Lesefrüchte 
ihrem Publikum auftischte. Da ist doch nur allein die Erfahrung des 
Psychoanalytikers massgebend. Die Nonne dramatisierte z. B. einen Fall von 
Nekrophilie, der da vielleicht der Volkssage angehörte. Sie hob ihn in 
eine höhere Sphäre mit lateinisch benamsten Personen empor. Gewiss 
war sie überzeugt, mit der lebhaften Wiedergabe der Geschichte, in der 
auf eine greuliche Schuld eine noch schauerlichere Strafe folgt, seelisch 
läuternd, reinigend und erhebend einzuwirken. Nicht anders verhält es 



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Referate and Kritiken. 369 

sich mit den von Dr. Leonhardt besprochenen, bei so vielen geist- 
lichen Schriftstellern beliebten Schilderungen entsetzlicher Folterqualen. 
Ich sehe nicht ein, warum man die wohl frommen und ehrwürdigen 
Herren samt und sonders Sadisten heissen sollte. Einer fing einmal mit 
der Ausmalung der Tortur an und machte damit Schule. Die Nachahmer 
seiner Richtung suchten ihn zu übertrumpfen, um noch beliebter zu werden 
als er. Das war offenbar lediglich eine literarische Richtung, die von der 
geistigen Sterilität der Autoren zeugt, keinesw^egs jedoch etwas für die 
seelische Verfassung des deutschen Volkes beweist. 

Die wenigen volkstümlichen Geschichten aus dem 11. und 12. Jahr- 
hundert, die da Dr. Leonhardt aufgespürt hat, sind auch noch heutigen- 
tags im Schwang, wenn auch nicht noch im deutschen Volke nachweislich, 
sondern bei Polen und Südslaven in recht altertümlichen Fassungen, worauf 
Dr. Leonhardt auch selber zu seiner Überraschung nachträglich bei der 
Lektüre der Anthropophyteia kam. Dass die slavischen Varianten den ver- 
schollenen, kaum einigen wenigen Grermanisten bekannten altdeutschen 
Schriftdenkmälern entstammten, ist so gut wie ausgeschlossen. Gerade 
diese wenigen Sonderbeispiele, auf die ich bei einer anderen Gelegenheit 
zurückzugreifen gedenke, tun klar dar, dass die ältesten Aufzeichnungen 
nicht immer auch die älteste Gestalt einer Überlieferung wiedergeben, 
sondern dass sich letztere gerade die Jahrhunderte hindurch wie unauslösch- ' 
lieh fest und treu im Volksgedächtnis behaupten kann. Sie beweisen ferner, 
dass bereits vor 12 und 15 Jahrhunderten zumindest durch ganz Europa 
trotz literarischer Unbildung und aller Verkehrsschwierigkeiten zwischen 
den verschiedensprachigen Völkern ein reger Geschichten- und Lieder-, 
oder wenn man geschwollen reden will, ein lebhafter Gedankenaustausch 
stattfand. Davon ausgehend versuchte der norwegische Folklorist E Ileus 
Sophus Bugge in seinen Studien über die Entstehung der nordischen 
Götter- und Heldensage (deutsch von Brenner, München 1881) als 
erster mit Erfolg einen Ansturm gegen die von Jakob Grimm auf 
Grund der Edda mit unsäglichem Gelehrtenfleiss ausgeheckte germanische 
Mythologie. Überliest und überdenkt man reiflich die von Dr. Leon- 
hardt zusammengestellten alten Zeugnisse von der Erotik der Deutschen, 
so gewinnt man die Erkenntnis, dass diese Alten von der germanischen 
Mythologie nicht viel mehr verstanden oder gewusst haben können als 
unsere Waldviertler Bauern in Röhrenbach und Fuglau bei Hom in 
N.-Österreich, und man jpflichtet B u g g e s Abweisung der spätgriechischen 
und spätrömischen Fabeleien in nordischer Umdichtung vollkommen bei. 
Der grimmige Ernst eines Jakob Grimm und der noch grimmigere des 
philologischen Bärenhäuters Müllenhoff^ der über Bugge wie über 
einen Heiligtumsschänder hergefallen war, verkannte gänzlich die Art der 
Leistung des Eddadichters, der ein Hauptspassvogel und Satiriker war. 
Er knetete die Olympier zu wildgemuten Teutonen um und dichtete ihnen 
zum Jux urnische Liebbetätigungen an! Ausser der alten Sprache ist dies 
das hervorragendste älteste Gut eines nordischen Umdichters, der auf 
die Lachlust seiner Zuhörer oder Leser baute. 

Auf alle die vielen Einzelheiten der Dr. Leonhar dl'schen un- 
gemein fleissigen Arbeit einzugehen, hiesse, ein grosses Buch schreiben. 
Ich wollte hier darauf unsere Freunde bloss aufmerksam machen, um 
es ihnen zum Studium angelegentlich zu empfehlen. 

Wien. Friedrich S. Kransi. 

24* 



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360 Referate und Kritiken. 

On the Nightmare, ßy Ernest Jones. Americ. Journ. of Insanity. 
Vol. LXVII, Nr. 3, Januar 1910. 

Gegenstand dieser Abhandlung ist der Alpdruck. Jones beginnt 
mit einer Schilderung der Symptome dieses Übels, wobei er Autoren, 
die selbst daran litten, ausführlich zu Worte kommen lässt. Angst, Atem- 
not und Gefühl des Gelähmtseins findet er in der einschlägigen Literatur 
immer wieder als Hauptcharaktere des Alpdrucks genannt, dessen Zu- 
standekommen die Forscher in der ältesten wie in der neuesten Zeit 
auf physiologischer Grundlage zu erklären versuchen. Die älteste und 
noch populärste ärztliche Hypothese, die auf Galen zurückreicht, erblickt 
die Ursache des Alpdrucks in Magenstörungen, die entweder mechanisch 
(Druck auf das Zwerchfell) oder auf dem Wege der Reizung des Nerven- 
systems durch unverdaute Nahrung die quälenden Erscheinungen hervor- 
rufen sollten. Andere wieder halten Zirkulationsstörungen infolge ge- 
zwungener Körperhaltung oder bei Herzkrankheiten für den wesentlichen 
Faktor, während eine dritte Gruppe Störungen der Respiration verant- 
wortlich macht, so z. B. B i n z , der eine Kohlensäure-Intoxikation des 
Gehirns annimmt. Im Nervensystem sucht nur ein einziger unter den 
modernen Autoren (R o u s s e t) den Ort der primären Störung ; aber auch 
seine Hypothese liegt auf physiologischem Gebiete, denn er meint, eine 
aktive Kongestion des Gehirns, hervorgerufen durch Erregungen am Vor- 
abend, sei das Wesentliche. Kritische Beobachtungen haben Jones ge- 
lehrt, dass die als ätiologisch wirksam angeschuldigten JVIomente oft genug 
vorhanden sind ohne Alpdruck zu erzeugen, und dass sie anderseits 
bei Alpdruck häufig fehlen. Deshalb scheint ihm die Annahme einer 
Prädisposition unabweisbar und deren Definierung der Kernpunkt des 
Problems. Um aber diese Prädisposition zu fassen, geht Jones vom 
Phänomen der Angst aus, die er als hervorstechendstes Symptom des 
Anfalls betrachtet. Hier nun stellt er sich auf den Boden der Fr« ud'schen 
Theorie, betont die engen Beziehungen der Angst zu verdrängter Sexualität 
und weist auf den Angsttraum hin, der zum Erwachen führt, wenn der 
Konflikt zwischen Wunsch und V'erdrängung zu gross, um durch ein 
Kompromiss geschlichtet zu werden. Auch dem Alpdruck liegt nach Jones 
ein Seelenkonflikt zugrunde, in dessen Mittelpunkt sich ein verdrängter 
sexueller Wunsch befindet, und zur Begründung dieser Hauptthese der 
Abhandlung beruft sich der Verfasser auf die Ergebnisse seiner psycho- 
analytischen Untersuchungen. Ein Körnchen Wahrheit übrigens findet er 
auch in den älteren Theorien: somatische Einflüsse können gelegentlich 
mitwirken, aber höchstens als auslösende Momente, wo bereits jene psycho- 
logischen Vorbedingungen vorhanden sind, und ihre Wirksamkeit besteht 
eben darin, dass sie die körperlichen Reizquellen speisen, aus denen sich 
der sexuelle Wunsch erhebt. Nur in diesem Sinne komme z. B. die 
Rückenlage als auslösender Faktor in Betracht, wie ja bekanntlich auch 
erotische Träume durch Rückenlage begünstigt werden, und ebenso ver- 
halte es sich mit den diätetischen Einflüssen und allen übrigen s Dmatischen 
Momenten» die von den Autoren angeführt worden. Ferner verweist Jones 
auf den deutlich voluptuösen Charakter des Angstgefühls in vielen Fällen 
von Alpdruck, erwähnt, dass schon vor mehr als 60 Jahren der evident 
erotische Charakter mancher Alpdruckträume von Macario geschildert 
worden sei und bezieht sich auf L ö w e n f e 1 d und J a n e t , die das 
Auftreten von Pollutionen bei Angstattacken zum ersten Male beschrieben 



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Referate und Kritiken. 861 

haben. Auch die Tatsache^ dass unter den Männern am häufigsten Matrosen 
an Alpdruck leiden^ steht nach Jones* Auffassung in Einklang mit der 
sexuellen Theorie; der Alpdruck soll nämlich in jenen Zeiten, da die 
Seereisen länger dauerten als heutzutage, zur See häufiger gewesen sein 
als zu Lande, was für die ätiologische Bedeutung langdauernder Abstinenz 
sprechen würde. So wird denn der Alpdruck von Jones als Symptom 
der Angstneurose betrachtet, das jedoch nur selten isoliert, sondern meist 
in Begleitung anderer Symptome auftritt und überdies mit Hysterie kom- 
biniert sein kann. Häufig sei sein Vorkommen bei Psychosen, besonders 
beim manisch-depressiven Irresein und bei Dementia praecox, zumal im 
Frühstadium. Auf Grund seiner persönlichen Erfahrungen bestätigt Jones 
die Angabe von Waller und Macnish, dass der Alpdruck bei ledigen 
Frauen häufiger sei als bei verheirateten; ob bei Männern häufiger als 
bei Frauen, wagt er nicht zu entscheiden, schliesst sich jedoch den ge- 
nannten Autoren insofern an, als er die Anfälle beim männlichen Ge- 
schlechtc für heftiger und erschöpfender hält, und er ist geneigt, diesen 
Sachverhalt so zu erklären, dass die Verdrängung der weiblichen (maso- 
chistischen) Komponente mehr als die der männlichen die Entstehung 
der Anfälle begünstige. Brecher. 

Freud's Theory of Drearos. By Ernest Jones. Review of Neuro- 
logy and Psychiatry. März 1910. 

In diesem Vortrag, der im Dezember 1909 vor der „Amer. Psychol. 
Assoc." gehalten wurde, will Jones jenen Psychologen, die Freud's 
Traumtheorie noch nicht nachgeprüft haben, in knappester Darstellung 
ihren Inhalt zur Kenntnis bringen. Indem er die prinzipielle Verschieden- 
heit zwischen Traumarbeit und wachem Denken, das Traummaterial, die 
Traumquellen, das Verhältnis der somatischen Reize zum Traum ab- 
handelt und den Traum als Wunscherfüllung erörtert, führt er seine Hörer 
in die Grundlehren der Freud'schen Traumdeutung ein. Anschliessend 
an die Erwähnung des Kinder traumes als einfacher Wunscherfüllung ver- 
teidigt er die Theorie gegen den Vorwurf, dass diese Auffassung in will- 
kürlicher Weise auf die Träume der Erwachsenen übertragen worden sei. 
Denn in Wirklichkeit sei Freud nicht vom Kindertraume, sondern von 
der Analyse der Psychoneurosen zur Traumanalyse gekommen. Jones 
streift die Beziehungen zwischen Traum und Neurose und schliesst mit 
dem Hinweis auf den hohen Wert der Traumdeutung für die Erforschung 
des Unbewussten. In ausführlicherer Form ist der Vortrag im „Amer. 
Journ. of Psychology", April 1910, erschienen. Brecher. 

A modern Goneeption of the Psycho-Neuroses. By Ernest Jones. 
London. Interstate Medical Journal, Vol. XVII, Nr. 8. 

Dieser Vortrag, den Jones im Juni 1910 vor der „Kanad. Medic. 
Assoc.** in Toronto gehalten hat, um die durch Freud begründete moderne 
Auffassung der Neurosen zu skizzieren, bespricht zunächst den Wandel 
der ätiologischen Anschauungen, der sich in den letzten 15 Jahren auf 
dem Gebiete der Neurosenlehre vollzogen hat. An die Stelle der älteren 
Erklärungen trete die Lehre von der spezifischen Ätiologie der Neurosen, 
wonach bei normalem Sexualleben eine neurotische Erkrankung nicht 
möglich ist. Und ganz ähnlich wie seinerzeit die Lues als spezifische 



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dß2 Referate und Kritiken. 

Ursache der Paralyse gerade von Autoritäten der medizinischen Wissen- 
schaft negiert wurde, so erhebe sich heute der Widerstand gegen die 
Annahme der sexuellen Ätiologie der Neurosen. Nach Darstellung der 
neuen Einteilung in Aktualneurosen und Psychoneurosen erörtert Jones 
die Angstneurose und deren Therapie sowie ihr Verhältnis zur Neurasthenie. 
Kaum in lo/o der heute noch als „Neurasthenie** zusammengefassten Fälle 
würde sich bei exakter Analyse die Diagnose Neurasthenie berechtigt 
erweisen. — Auf die Psychoneurosen übergehend würdigt der Autor die 
Bedeutung der Kenntnis unbewusster Seelenvorgänge auch für das Ver- 
ständnis der normalen Psyche. In der Theorie der Psychoneurosen sei 
an Stelle der „Bewusstseinsspaltung** der „seelische Konflikt** getreten, 
aus dem das Symptom als Kompromiss zwischen (sexuellem) Wunsch 
und Verdrängung hervorgeht. Aus jüngeren und älteren Quellen fliessen 
die Symptome, aber das Wesentlichste sind die ältesten Quellen. Nun 
weist Jones auf die Bedeutung des frühkindlichen Sexuallebens hin, 
dessen reichen Inhalt und dessen grundlegende Wichtigkeit Freud ge- 
zeigt habe, und betont den Wert der neuen Erkenntnisse für die Prophy- 
laxe der Psychoneurosen, als deren Typen er die Konversionshysterie, 
die Angsthysterie und die Zwangsneurose nennt. Den Schluss des Artikels 
bildet eine Aufzählung der in englischer Sprache bisher erschienenen 
Schriften aus dem Gebiete der Freu d'schen Lehren. Brecher. 

Die Störung^en des Selbstbewusstseins. Von Doz. Dr. K.Oesterreich. 
(Die Umschau, 10. Dezember 1910.) 

Als der eigentliche Kern des Selbstbewusstseins wird das Lebens- 
gefühl hingestellt. — Neben den normalen Veränderungen des Selbst- 
bewusstseins werden besonders die pathologischen eingehender beschrieben. 
1. Das Phänomen der Depersonalisation, das ein Kranker 
folgendermassen beschreibt: „Während ich bisher nur an nervösen Angst- 
zuständen zu leiden hatte, begann ich nunmehr mir innerlich mehr und 
mehr fremd zu werden. Ich hatte nicht mehr das Gefühl der Identität 
mit mir selbst. Mein Gesicht im Spiegel kam mir fremd vor, der Ton 
meiner Stimme schien mir ein anderer geworden zu sein. . . . Meine 
Gemüts- und Willensgefühle wurden schwächer und schwächer und hörten 
schliesslich ganz auf. Keine Vorstellung, auch nicht die der mir liebsten 
Personen, vermochte irgend ein Gefühl in mir zu wecken. Beim Handeln 
hatte ich nicht das Gefühl des W^ollens. Dieser Zustand wurde noch 
traumhafter, da allmählich fast alle Gedanken aufhörten, wenigstens zeit- 
weise. Alles Selbstbewusstsein hört auf. Das Bewusstsein, die Einsicht 
in meinem Zustand dagegen, blieb völlig bestehen.** Dieser Zustand wird 
als „Hemmung des gesamten Gefühlslebens** erklärt, was aber nichts 
als eine Umschreibung der Beschreibung des Pat. ist. Dagegen scheint 
sich eine Erklärung dieses Phänomens von psychoanalytischen Gesichts- 
punkten aus zu bieten, wie sie etwa Dr. S t e k e 1 in seinem Referat der 
dieses Zentralblattes, S. 62 f.) angedeutet hat^). 

2. Die sukzessiven Veränderungen des Selbstbewusstseins. 
Hier werden die berühmten Fälle periodischen, mehr oder minder weit- 

1) Vergl. auch den Roman von Hagh Conway: Called back (Tauchnitz 
Edition; deutsche Übersetzung in Bekiams Universal - Bibliothek Nr. 3236/37: 
Erinnern, wie das stofflich verwandte Schauspiel Georg Hirschfelds: Das 
zweite Leben. (Anmerkung des Referenten.) 



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Referate und Kritiken. 363 

gebenden Gedächtnisverlustes genannt, die in dem Schauspiel Lindaus 
„Der Andere" auch dichterische Verwertung gefunden haben*). 

Diese bisher als Dödoublement de personnalit6 bezeichneten Fälle 
bedeuten aber im Prinzip keineswegs auch eine Veränderung des Selbst- 
bewusstseins. Eine solche liegt erst vor, wenn das Individuum sich 
innerlich verändert vorkommt, was vor allem bei den religiösen 
Bekehrungsprozessen und in gewissen somnambulen Zuständen eintritt 
(die „Inkarnationen" der Spiritisten). 

3. Die Spaltung des Selbstbewusstseins, wobei es sich manch- 
mal um ein sogenanntes Zwangsdenken handelt. Noch peinlicher ist die 
Form der seelischen Spaltung, wo es sich um das Nebeneinander zweier 
verschiedener Gefühlserlebnisse handelt, die nicht miteinander zu einem 
höheren Dritten verschmelzen, so dass sich das Individuum innerlich 
wie geteilt vorkommt. Verbinden sich mit dieser Spaltung des Gemüts- 
lebens noch Zwangshandlungen, so entstehen jene Zustände von „Be- 
sessenheit", die in früheren Jahrhunderten so häufig gewesen sind und 
in denen sich neben der normalen Persönlichkeit noch eine ganze Zwangs- 
persönlichkeit im Bewusstsein entwickelt, die im Kranken zu seinem Ent- 
setzen ihr Wesen treibt. Es ist ihm, als wenn noch eine andere Seele 
in seine eigene eingedrungen sei, als wenn er aus zwei Personen bestände. 

Auch zum tieferen Verständnis dieser Phänomene hätte der Ver- 
fasser aus den Ergebnissen der Psychoanalyse reichlichen Nutzen ziehen 
können, insbesondere aus F r e u d*s Bemerkungen zu einem Fall von 
Zwangsneurose (Jahrbuch f. psychoanalyt. u. psychopatholog. Forschungen, 
Bd. I, 1909). Es ist sehr zu bedauern, dass auch das gleichzeitig er- 
scheinende grössere Werk des Verfassers: „Die Phänomenologie des Ich 
in ihren Grundproblemen" (Verlag J. A. Barth, Leipzig), wie fast alle 
philosophischen Behandlungen der Seelenlehre, der Psychologie des Un- 
bewussten nicht in dem angedeuteten Sinne Rechnung tragen und also 
bei aller Reichhaltigkeit doch an der Oberfläche bleiben muss. In wie 
überraschender Weise die Berücksichtigung der unbewussten Seelenvorgänge 
manch rätselhaftes Problem des Seelenlebens erhellt, zeigt unter anderem 
das mit den genannten Zuständen verwandte Phänomen des „Dfejä vue", 
das Freud in seiner „Psychopathologie des Alltagslebens" (2. Aufl. 
S. 121 ff.) aufgeklärt hat. ' Rank. 

A. A. Brill, Ph. B., M. D. (New York), Dreams and their Relation 
to the Neurosis (New York Medical Journal, 23. April 1910). 
(Nach einem in der „New York Neurological Society", 4. Januar 1910 
gehaltenen Vortrag.) 

Der Unzulänglichkeit der antiken Traumauffassung sowie der modernen 
Traumtheorien wird die erfolgreiche Lösung des uralten Traumproblems 
durch Freud gegenübergestellt. Es werden die Bedingungen der Traum- 
bildung (die Verdrängung und die Zensur) sowie deren Mechanismen 
(die Traumarbeit) dargelegt und danach drei Gruppen von Träumen unter- 
schieden: 1. solche, welche einen unverdrängten Wunsch offen als er- 
füllt darstellen (Bequemlichkeits- und Kinderträume); 2. solche, welche 

1) St ekel hat dieses «GefQhl des Fremden im Leben und im Traume* seither 
in einem Kapitel seines Buches: „Die Sprache des Traumes* (Wiesbaden 1911) aus- 
fflhrlich behandelt 



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S64 Referate und Kritiken. 

die Erfüllung eines verdrängten Wunsches in einer ganz verhüllten Form 
darstellen und 3. solche, welche die Erfüllung eines verdrängten Wunsches 
in einer unzureichenden oder nur teilweisen Verhüllung darstellen (meist 
Angstträume). Insbesondere wird an der Hand eines kurz wiedergegebenen 
Falles die Beziehung des Traumlebens zur Neurose eingehend erläutert 
und darauf hingewiesen, dass eigentlich keine Psychoanalyse ohne Traum- 
deutung möglich ist. Nicht nur ermöglicht oft erst eine Traumanalyse 
die Auflösung der im Unbewussten verankerten Symptome, sondern der 
Traum erweist sich auch als unschätzbares Hilfsmittel zur Diagnose und 
Behandlung psychoneurotischer Störungen. Denn die Symptome sind ebenso 
\ne der Traum symbolische Erfüllungen unbewusster (verdrängter) Wünsche. 

Rank. 

Die russische psychoanalytische Literatur bis zum Jahre 1911. 

In Russland hat die Psychoanalyse bis jetzt noch keine grosse 
Verbreitung gefunden. Die russische Medizin bleibt noch immer ganz im 
Banne des Materialismus, und wenn auch von vielen Neurologen und 
Psychiatern die Erfolge der Hypnose und Suggestion anerkannt werden, 
so haben doch diese therapeutischen Heilmittel keinen Einfluss auf die 
herrschenden theoretischen Ansichten vom Wesen der neurotischen Stö- 
rungen, und die rein anatomisch-physiologischen Lehren behalten un- 
erschüttert ihre Herrschaft auf dem Gebiete der Neurosenforschung. Die 
Ideo- oder Psychogenität der neurotischen Symptome ist eine von dem 
Gros der Ärzteschaft noch wenig anerkannte und in therapeutischer Hin- 
sicht wenig berücksichtigte Wahrheit. 

Eine geringe Änderung der Situation haben die letzten 4 — 3 Jahre 
doch mit sich gebracht. Leise Regungen aus dem Auslande machten 
sich bemerkbar, die von einer psychischen Beeinflussung der Neurotiker 
als einer selbständigen, zielbewussten Therapie sprachen. Unter ihrem 
Einfluss hat eine kleine Zahl Moskauer Ärzte im Jahre 1909 eine Zeit- 
schrift „Psycho therapia** gegründet, die allen Richtungen und Strebungen 
auf dem' Gebiet der psychischen Seelenbehandlungen ihre Türe weit öffnet. 
Die der Psychoanalyse gewidmeten Arbeiten nehmen auf den Seiten dieser 
Zeitschrift quantitativ wie inhaltlich den ersten Platz ein. Andere Spezial- 
Schriften haben schon seit 1908 einige Arbeiten über Psychoanalyse ge- 
bracht. Darunter sind viele Referate und Berichte über die ausländische 
psychoanalytische Literatur und einige eigene Beobachtungen und selb- 
ständige Analysen. 

Von den Referaten sind in erster Linie die Arbeiten s s i p o w's 
(in Moskau) zu nennen. Ossipow hat sich in dieser Beziehung ein 
grosses Verdienst erworben und durch seine ausführlichen und mit wohl- 
wollender Objektivität und Verständnis verfassten Berichte und Mitteilungen 
viel zur Verbreitung der Lehren Freud*s und der Zürichschen Schule 
beigetragen. Im Jahre 1908 hat er in dem Kor sako waschen Journal 
(Heft 6) eine grosse Arbeit veröffentlicht: „Die Psychologie der Komplexe 
und der Assoziationsexperimente nach den Arbeiten der Zürichschen 
Klinik*'. In demselben Kor sako w'schen Journal (Heft 1 — 2) ein zweiter 
Bericht von Ossipow: „Die letzten Arbeiten der Freud'schen Schule**. 
In der „Psychotherapia** 1910 (Heft 1 und 3) eine Arbeit von Ossipow 
,^Ober Psychoanalyse** und im Hefte 4 — 5 „Noch ein Mal über Psycho- 



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Referate und Kritiken. 365 

analyse**. Ossipow hat im ganzen über sämtliche Arbeiten Freud's 
mehr oder weniger ausführlich referiert. 

Nach Ossipow ist Wirubow (Moskau) zu nennen, der im April- 
heft 1909 der „Sowremenaja Psychiatria" ein Referat über „Die psycho- 
logischen Grundsätze der Freud'schen Theorie von der Entstehung (der 
Neurosen** veröffentlichte. Im Aprilheft 1909 (Nr. 7) der Odessaer „Thera- 
peutischen Hundschau** habe ich einen Bericht über „Die psychoanalytisrhe 
Behandlungsmethode (Freud's Theorien)** veröffentlicht. Von Dr. Hei- 
manowitsch (Charkow) ist im Jahre 1910 eine Arbeit „Über die psycho- 
analytische Methode der Neurosenbehandlung nach Freud** im „Char- 
kower medizinischen Journal** erschienen. Kleinere Berichte sind noch 
von N. Stogowa im Februarheft 1909 der „Sowremenaja Psychiatria** 
über Freud's „Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre 1893 bis 
1906**, im Aprilheft 1908 derselben Zeitschrift ein Bericht über „Die 
Traumdeutung** Freud's von Dr. Feldsmann erschienen. Ganz kurze 
Berichte über W. StekeTs „Was am Grund der Seele ruht . . ." und 
„Zwangszustände, ihre psychische Wurzeln und ihre Heilung**, und über 
L. Frank's „Die Psychoanalyse** hat Ossipow im Hefte 4 — 5 der 
„Psychotherapia** gegeben. Ein kurzer Bericht über StekeTs Buch „Die 
nervösen Angstzustände etc.** war in der „Therapeutischen Rundschau** 
1908 von M. Schapiro. 

Die originelle russische psychoanalytische Literatur hat im allge- 
meinen das Stadium der ersten Anfänge und Versuche noch nicht über- 
schritten. Die erste Publikation selbständiger Psychoanalysen gehört dem 
Odessaer Militärarzt Dr. Pewnitzky. Am 13. März 1908 hat er in 
Petersburg einen Vortrag über „Zwangszustände, nach der psychoanalyti- 
schen Breuer-Freud'schen Methode behandelt** gehalten (Obosrenie 
Psychiatrie 1909. IV.), in dem er eine Reihe eigener psychoanalytisch 
behandelter Fälle schildert. Das sind, wie erselbst sagt, „kleine Psycho- 
analysen**, in denen er „das psychische Substrat'* der Symptome fest- 
zustellen, zu erklären, und durch seinen persönlichen Einfluss und seine 
Überredungskunst zu widerlegen oder zu zerstören versucht. Der erste Fall 
betrifft einen Geistlichen, der über ein Gefühl des Brennens im Bauch 
und um den Nabel herum klaigte, das „so heftig sei, dass es seine 
ginze Aufmerksamkeit in Anspruch nehme: Sein Kopf stecke direkt im 
Bauch**. Ausserdem klagte er noch über einen quälenden, beängstigenden 
Gedanken, er könne den Gottesdienstnicht zu Ende führen, 
besonders an Festtagen. Die Analyse ergab folgendes: Pat. hat 
in der Kindheit viel von seinem Vater (Potator), dann Onkel und Er- 
zieher gelitten und eine ganze Reihe schwerer psychischer und sexueller 
Traumen erlebt. Nach der Beendigung seines Studiums im theologischen 
Seminar musste er, um Priester zu werden, heiraten. Bis dahin hat er 
keinen sexuellen Verkehr gehabt und hatte Angst, seine Ehepflichten nicht 
erfüllen zu können. 3 Tage vor seiner Hochzeit hat er aus Angst und 
Erregung nichts essen können. Beim ersten Koitusversuch in der Hoch- 
zeitsnacht Ejaculatio ante Portam, und im selben Augenblick plötzlich 
starke Schmerzen im Bauch und Stuhldrang. Gleich täuscht er der Frau 
eine plötzliche Erkrankung vor, um der peinlichen Situation zu entgehen. 
Am nächsten Tag geht er zum Arzt, der ihm den Koitus ganz verbietet 
und so vergehen viele Monate in der Ehe, ohne jeglichen Koitusversuch, 
wie er sagt, aus Angst den Koitus nicht zu Ende bringen 



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966 Referate und Kritiken. 

zu können. Diese Angst vor seinem ehelichen Dienst j^der im gewissen 
Sinne auch ein Gottesdienst war, weil er aus religiösen Rücksichten 
heiraten musste) hat er auf den Gottesdienst übertragen. Auch in den 
anderen publizierten fünf Fällen hat Pewnitzky durch Aufdeckung 
der infantilen traumatischen Erlebnisse und entsprechende psychische Be- 
handlung durch Hypnose oder Überredung gute therapeutische Erfolge 
erzielt. 

Im Heft 1 1910 der „Sowremenaja Psychiatria" ist eine zweite 
Arbeit von Pewnitzky erschienen, ein Vortrag, gehalten in der „Pariser 
Gesellschaft für Hypnologie und Psychologie am 18. Januar 1910", be- 
titelt „Manifeste Phobien, Symbole geheimer Befürchtungen des Kranken**. 
Sich auf die Arbeiten Freud*s, B leuler's, Ju ng*s, StekeTs u. a. 
stützend, meint Pewnitzky, dass hinter den sinnlosen manifesten Er- 
scheinungen der Neurose, der Phobien, Angstzustände etc. immer ein 
gut begründetes psychisches Substrat von Erinnerungen an Erlebnissen 
und Träumen steckt, die die Symptome oft mehrfach determinieren und 
durch die Psychoanalyse aufgedeckt werden können. Als Beispiele bringt 
er zwei Fälle. Eine 39 jährige Witwe kommt mit der Klage, sie habe 
seit zwei Monaten keine Ruhe, keinen Schlaf, sei missgestimmt und vom 
Gedanken gepeinigt, es werde ihr ein Unglück passieren. Die Analyse 
ergab, dass Pat. vor zwei Monaten von ihrem Geliebten verlassen wurde^ 
weil sie ihn mit den Vorwürfen peinigte, er sei impotent. In Wirklichkeit 
aber traf die Schuld sie selbst, denn sie konnte nur durch Masturbation 
sexuell befriedigt werden und nie beim Koitus. Aus den Büchern hat 
sie aber erfahren, dass man durch Selbstbefriedigung die Gesundheit 
schädigen kann. Deshalb hat sie auch das Verhältnis mit dem jungen 
Mann angefangen, um sich vor der Onanie zu schützen. Nach dem Bruch 
des Verhältnisses war sie wieder auf die Onanie angewiesen, und ihre 
Angst vor dem Unglück war also die Angst vor der Onanie. Der zweite 
Fall betrifft einen jungen Mann von 24 Jahren, der an periodischer Ver- 
stimmung litt. Die Ärzte haben eine Zyklothymie diagnostiziert, die 
Analyse hat aber aufgedeckt, dass Pat.^ im Alter von 7 — 8 Jahren von 
seiner betrunkenen Grossmutter ins Bett genommen und zum Koitus 
verführt wurde. Die unangenehme Erinnerung hat er nachher verdrängt; 
aber jedesmal, als er nachher zu einem Mädchen eine Neigung bekam 
und von Liebesglück träumte, tauchten die peinlichen Erinnerunjgen wieder 
auf, und er fühlte sich verdorben, beschmutzt, der reinen Liebe un- 
würdig und war vom Gedanken gequält, er könnte nur eine Dirne hei- 
raten, die ebenso unglücklich sei wie er. 

Dr. Wirubow in Moskau hat zwei Originalarbeiten veröffent- 
licht : „Die psychoanalytische Methode F r e u d*s und ihre therapeutische 
Bedeutung*' im Ko rs ako waschen Journal, Heft 1 — 2, 1909. Der erste 
Fall betrifft eine schwere Zwangsneurose (Waschzwang, Berührungs- und 
Beschmutzungsfurcht). Die Krankheit entwickelte sich seit mehreren Jahren 
allmählich, nachdem Pat. kurz nach der Hochzeit von ihrem Mann (der 
bedeutend älter war als Pat.) von seinem Sexualleben vor der Ehe 
hörte. Der Eindruck war erschütternd, ein Gefühl von Beschmutzung 
beherrschte seitdem die Pat. und verbreitete sich allmählich auf alles, 
was die entfernteste Beziehung zu ihrem eigenen Eheleben oder zu den 
vom Gatten erzählten Erlebnissen hatte. Pat. wusch sich mehrfach am 
Tag, wechselte ebensooft ihre Wäsche und Kleider, konnte nicht im Bett 



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Referate und Kritiken. 367 

ausgekleidet schiafeüj konnte nicht an Häusern und Strassen vorbeigehen, 
die in der Erzählung erwähnt wurden etc., die Zwangsfurcht verbreitete sich 
allmählich über ihr ganzes Leben und machte es zu einer unerträglichen 
Qual. Durch die Analyse ist eine fast vollkommene Heilung erreicht worden, 
die durch keine andere Behandlungsmethode — und Pat. hat alle ver- 
sucht — erzielt werden konnte. Im zweiten Fall schildert Wirubow 
eine akute Psychose, die von ihm nach ihrem Abklingen genau unter- 
sucht wurde. Die Aufdeckung der pathogenen Komplexe hat eine voll- 
kommene Erklärung der Symptome ergeben, und die eingehende Aus- 
sprache mit dem Arzt trug viel zur vollen Beruhigung des Pat. bei. Im 
dritten Falle eines jungen Mädchens, einer Lehrerin, die an langjährigen 
hartnäckigen, jeder Therapie trotzenden, nervösen Darmstörungen, Kopf- 
schmerzen, Herzklopfen, Schwäche, Depressionen etc. litt, führte die Ana- 
lyse zur vollkommenen Genesung. Wirubow bringt einen sehr inter- 
essanten Brief von der Pat., in dem sie nach Beendung der Kur ihren 
Zustand vor und nach der Psychoanalyse schildert und meint, sie sei 
nach der Behandlung wie neugeboren. Auch im vierten Falle eines Schul- 
mädchens von 16 Jahren, das morgens beim Aufstehen Anfälle von Ängst- 
lichkeit, Herzklopfen, Erregungen etc. bekam, hat die Analyse vollkommene 
Heilung zur Folge. Im allgemeinen hat Wirubow an seinem Material 
eine Bestätigung der Freud*schen Ansichten über die Rolle der Psycho- 
sexualität, des infantilen sexuellen Traumas und des psychischen Kon- 
fliktes in der Ätiologie der Psychoneurosen gefunden. 

„Zur Frage der Genese und Behandlung der Angstneurose mit einer 
kombinierten hypnoanalytischen Methode** ist die zweite Arbeit Wiru- 
bow*s. Er schildert das Krankheitsbild der Angstneurose in ihren mannig- 
faltigen Erscheinungen und Symptomen, wobei er die Phobien, wie 
Agoraphobie, „Lokomotionsphobien", „Gewitterphobie** auch zu den Sym- 
ptomen der Angstneurose zählt. „Die Grundursache der Angstneurose", 
meint Wirubow, „liegt in einer sexuellen Erregung, die keine natür- 
liche und volle Befriedigung fand**. Er bringt dann kurz sechs Fälle 
eigener Beobachtung. „Viele Fälle kommen im Schlaf zum Ausbruch, 
und dann kann man wohl von Pavor nocturnus der Erwachsenen sprechen. 
Ich glaube aber, dass man die nächtlichen Angstanfälle von ähnlichen, 
aber nicht identischen Anfällen nächtlicher Angst, verbunden mit pein- 
lichen Erlebnissen im Nachttraum, unterscheiden sollte. Die letzten An- 
fälle beanspruchen einen selbständigen Platz und können dem Pavor 
nocturnus der Kinder gleichgestellt werden. Doch scheint der Pavor 
nocturnus der Kinder nicht immer desselben Ursprungs zu sein.** Die Ent- 
stehung und Entwickelung jedes einzelnen Symptoms führt Wirubow 
auf ein sexuelles Erlebnis zurück, und alle Symptome sind eigentlich 
nichts anderes als Erscheinung der Libido, die keine normale adäquate 
Entspannung erfuhr, was man durch Analyse nachweisen kann. Dann 
scheint nach Wirubow ein Unterschied im Krankheitsbild der Angst- 
neurose bei Männern und Frauen zu sein: bei Männern steht „der phobische 
Komplex*' im Vordergrund, bei Frauen ist sehr oft eine übertriebene 
Eifersucht zu beobachten. Eine vollkommene Heilung w^ird erreicht, wenn 
man nach Aufklärung der Symptome dem Kranken eine motivierte hyp- 
notische Suggestion gibt. 

Dr. Ossipow in Moskau hat auch eine kleine Arbeit „Ober Angst- 
neurose** veröffentlicht. Nach Schilderung des Krankheitsbildes der Angst- 



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368 Referate und Kritiken. 

neurose, wie es Freud beschrieben hat, bringt er einen eigenen Fall. 
Es handelt sich um einen Kranken, der an starken Angstanfällen mit Dispnoe, 
120 Puls, profusen Schweiss bei jeder „Erwartung" oder Erregung litt, 
der Angst hatte, das Zimmer zu verlassen, in den Garten spazieren zu 
gehen (Agoraphobie), allein ohne Arzt zu bleiben (Monophobie) etc. Aus 
der Vorgeschichte ist zu ersehen, dass die ersten krankhaften Erschei- 
nungen noch vor vielen Jahren während der Verlobung zum Vorschein 
kamen, und dass Pat. nachher eine ganze Reihe schwerer Traumen er- 
lebte, bis die schweren Anfälle zum Ausbruch kamen. s s i p o w hält 
den Fall für eine Angstneurose und kommt deshalb in Widerspruch mit 
dem von ihm früher geschilderten Freud'schen Krankheitsbild. Er ist 
geneigt, ein wichtiges ätiologisches Moment in dem Umstand zu erblicken, 
dass Pat., in seiner übrigens glücklichen Ehe, den Koitus niir einmal 
wöchentlich auszuführen jflegte und während der Schwangerschaft der 
Frau in Enthaltsamkeit lebte, was s s i p o w , wie mir scheint mit Un- 
recht, ein unbefriedigtes Sexualleben nennt. Er meint aber, man reiche 
mit dieser Ätiologie nicht aus in diesem Fall, und sucht sie in den er- 
lebten psychischen Traumen und anderen ätiologischen Momenten, wie 
Autointoxikation, Ernährungsstörungen, Disposition, Übermüdung usw. Auch 
in therapeutischer Hinsicht reiche man, wie Ossipow sagt, bei der 
Angstneurose bloss mit der Beseitigung der sexuellen Schädlichkeiten nicht 
aus, man müsse die Kranken psychisch behandeln. Er zieht daraus den 
Schluss, dass das von Freud geschilderte Bild der Angstneurose un- 
vollständig sei. Ich glaube aber, die Schuld liegt nicht an Freud's 
Auffassung der Angstneurose, sondern an Ossipow's Diagnose, denn 
es ist kaum zu bezw^eifeln, dass es sich in diesem Falle nicht um einje 
Angstneurose, sondern um eine ziemlich schwere Angsthysterie, die ätio- 
logisch und klinisch von der Angstneurose streng unterschieden und 
psychoanalytisch behandelt werden muss. 

F. Berg erzählt im Januarheft 1909 der „Sowremenaja Psychiatria" 
seine Eindrücke aus der Züricher Klinik. Er schildert die psychoanalytische 
Behandlungsmethode, wie sie an der Klinik geübt wird, bewundert die 
erzielten therapeutischen Erfolge und gibt seiner gewonnenen Überzeugung 
Ausdruck, dass die Psychoanalyse ein mächtiges therapeutisches Mittel 
im Kampfe mit den Neurosen und Psychosen schon jetzt geworden ist 
und in Zukunft noch zu weiteren und grösseren therapeutischen Er- 
folgen führen wird. 

M. A s s a t i a r i hat in der „Psychotherapia" 4 — 5, 1910 eine „Psycho- 
analyse eines Falles von hysterischer Psychose" veröffentlicht. Von allen 
existierenden Theorien über Hysterie ist seiner Meinung nach nur die 
Freu d'sche imstande, alle pathologischen Erscheinungen und Symptome 
der Krankheit zu erklären. Das beweist er durch die Psychoanalyse seines 
schweren und komplizierten Falles, mit Dämmerzuständen, Tobsucht, 
tonisch-klonischen Anfällen, Depression, Halluzinationen, Schmerzen etc., 
die, trotzdem sie nicht ganz zu Ende gebracht worden war, doch eine fast 
vollständige Herstellung der Pat. zur Folge hatte. Nur in zwei Punkten 
glaubt A s s a t i a r i die Angaben F r e u d's nicht bestätigt gefunden zu 
haben: er hat während der Behandlung die Erscheinung der Übertragung 
nicht beobachtet, und 2. er hat in den Symptomen die Äusserung der 
infantilen Sexualität, die polymorphe Inversion nicht gefunden. Die beiden 
Einwände sind, wie aus der Schilderung des Falles zu ersehen ist, 
nicht ganz stichhaltig, denn 1. hat Assatiari wiederholt während der 



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Referate und Kritiken. 869 

Analyse die Hypnose angewendet, 2. hat die Kranke ihre Einfälle meistens 
nicht dem Arzt persönlich mitgeteilt, sondern teilweise in einem Tage- 
buch geschrieben, teilweise ihren Verwandten erzählt und Assatiari 
hat sie von ihnen erfahren imd nachher mit der Kranken besprochen. 
Auf jene Personen war auch die Übertragung gerichtet. Die infantile 
Sexualität kam — wie aus der Publikation zu ersehen ist — vollständig 
in der inzestuösen Liebe zum Vater, der Homosexualität, sadistisch- 
masochistischen Regungen, Schau- und Zeigelust etc. zum Ausdruck, be- 
sonders aber im Inhalt der Halluzinationen. 

Assatiari hat noch einen Vortrag über „Den heutigen Zustand 
der Theorie und Praxis der Psychoanalyse nach den Anschauungen 
Jungks auf der ärztlichen Konferenz der psychiatrischen Klinik in 
Moskau im September 1909 (Psychotherapia 3, 1910) gehalten, auf Grund 
einer persönlichen Unterhaltung mit Jung. Die psychische Gesundheit 
— heisst es in diesem Vortrag — ist ein Zustand des vollkommenen 
seelischen Gleichgewichts des Individuums, was von seinem Anpassungs- 
vermögen an die äusseren Lebensbedingungen abhängig ist. Das voll- 
kommenste Anpassungsvermögen besitzt das kleine Kind, weil es mit 
dem äusseren Leben nicht persönlich in Berührung kommt, sondern durch 
Vermittelung seiner Mutter, „die es umfasst, wie eine Hand eine Faust 
umschlingen kann; nach dieser Hand (Mutter) ist das Kind formiert, 
ihr ist es völlig angepasst." Sind nun die Eltern psychisch gesund, so 
bildet sich die seelische Tätigkeit, die Psyche ihrer Kinder, so aus, dass 
sie sich nachher als Erwachsene den Lebensbedingungen anpassen können; 
sind aber die Eltern selbst psychisch anormal, so übergeben sie ihr 
defektes Anpassungsvermögen auch ihren Kindern, die in den Cbergangs- 
jahren, wo sie selbst mit dem Leben in Berührung kommen, der Neurose 
verfallen. Das ist die Neurose der noch inaktiven Sexualität. 

Die Neurose der aktiven Sexualität entwickelt sich bei Individuen, 
deren Libido verankert ist, an den ersten infantilen Objekten, den Eltern 
und Erziehern haften bleibt und bei der individuellen Objektwahl nicht 
ganz realisiert und übertragen werden kann. Das Individuum verliert 
dann sein seelisches Gleichgewicht und reagiert auf jeden Reiz nicht 
mit den adäquaten, sondern mit allen seinen Komplexen. Die Therapie 
bestrebt dann die Befreiung und Organisation der infantil verankerten 
Libido. Dieses geschieht durch die Übertragung. Die Psychoanalyse er- 
möglicht diese Übertragung durch Beseitigung der Widerstände, der Kranke 
passt sich zuerst dem Arzt und durch ihn den äusseren Lebensbedingungen 
an, er gewinnt das seelische Gleichgewicht und wird gesund. 

Als ausgesprochener Gegner der Psychoanalyse ist bis jetzt in der 
russischen Literatur nur der obengenannte Dr. F e 1 d s m a n n in Moskau 
in seiner Arbeit „Zur Frage der Psychoanalyse und Psychotherapie" in 
„Sowremenaja Psychiatria** 1909, V, VI und VII, aufgetreten. Die Lehren 
Freud*s gibt er unvollständig, unklar aus den verschiedenen Epochen 
ihrer Entwickelung durcheinander, und teilweise auch ganz falsch wieder. 
So behauptet er z. B. : „Auf Grund 13 ( ! ? ) Psychoanalysen Hysterischer 
hat Freud scheinbar schon für möglich gefunden, eine bestimmte Position 
in bezug auf sexuelle Traumen als der spezifischen Ursache der Hysterie und 
der Neurose einzunehmen." Oder: „Übrigens für Freud kann jede An- 
strengung oder Affekt zur Quelle sexueller Erregung werden. Einer geistigen 
Übermüdung folgt also eine sexuelle Übermüdung** (?!). Oder dann: 



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370 Referate und Kritiken. 

„Freud hat, wie es aus seinen Worten zu ersehen ist, in 2 Fällen 
die Gelegenheit gehabt^ zu erfahren^ dass bei Mädchen die sexuelle Er- 
regung zuerst von der Klitoris ausgeht und nicht von der Vagina. Daraus 
die Vermutung, dass das Sexualgefühl bei Mädchen einen männlichen 
Charakter hat (II??). Diese Stellen sind aber nicht die einzigen, es 
sind deren mehrere da in der Feldsmann'schen Arbeit. ,jAlle diese 
Hypothesen Freud's — meint er weiter — stellen grundsätzlich nichts 
Neues vor; das sind kühne und unserer Meinung nach etwas riskierte 
Verallgemeinerungen der in der medizinischen wie in der allgemeinen 
Literatur schon längst geäusserten Anschauungen/' Leider hat aber 
Dr. Feldsraann es unterlassen, diese Urquellen genau anzugeben. Dem 
theoretischen Teil folgen drei eigene „Psychoanalysen". Der erste Fall 
betrifft ein Mädchen von 11 Jahren, das Felds mann am 6., 8. und 
9. August gesehen hatte. Beim Versuch, eine Anamnese (mit geschbssenen 
Augen) aufzunehmen, verfiel die Pat. von selbst in den katalejptischea 
Schlaf. „Am nächsten Tag haben wir schon die Kranke, wie gewöhnlich, 
hypnotisiert und in der Hypnose über ihre Erlebnisse während der früheren 
Anfälle ausgefragt. . . .** Zum Schluss „haben wir der Kranken die Sug- 
gestion eingegeben, dass die Anfälle nie mehr wiederkehren werden**. 
Die Pat. blieb dann anfallfrei. Im zweiten Fall handelte es sich um eine 
Kranke, bei der die Differentialdiagnose zwischen Hysterie und Epilepsie 
nicht mit Sicherheit gestellt werden konnte, Feldsmann scheint aber 
mehr zur Annahme einer Epilepsie zu neigen. „Wir haben" — schildert 
er sein analytisches Verfahren — „mit Assoziationen angefangen. Die 
ersten 50 Assoziationen kommen unserer Meinung nach nicht in Be- 
tracht ( ! ). Die Kranke war zerstreut. Nach jedem 3. bis 4. Wort wurde 
sie wie abwesend, erstarrt (absence?), und es kam keine Reaktion auf 
das Reizwort. . . . Nachdem wir die Assoziationen dechiffriert hatten, 
bekamen wir nichts Neues, und wir gingen dann zur Psychoanalyse im hyp- 
notischen Zustande über." Feldsmann gab dann die Analyse auf, weil 
die Anfälle häufiger aufzutreten anfingen, wie er meint, infolge der Psycho- 
analyse. Im dritten Falle, eines jungen Mannes, w^ie es scheint, eines 
Hysterikers, gab es im ganzen sechs Sitzungen. „Nach sechs Sitzungen 
haben wir die Psychoanalyse aufgegeben und wiederum aus Mangel 
an M u t." „Wir nehmen" — sagt Feldsmann weiter — „von der 
Veröffentlichung einer ganzen Reihe von Beobachtungen Abstand, in denen 
wir die Psychoanalyse aufgaben, weil wir sie für schädlich hielten. Das 
waren 1. Fälle von Psychoneurosen, wo von Anfang an eine zu grosse 
Leichtigkeit in der Aufdeckung der intimen sexuellen Seiten ihres Lebens 
zu beobachten war, die uns zur Annahme eines Exhibitionismus gezwungen 
hat ( ! ) ; 2. Fälle, in denen bei uns der Verdacht der Unaufrichtigkeit 
und Unwahrhaf tigkeit der Pat. auftrat ( I ) ; 3. Fälle, wo bei uns der 
Verdacht einer Psychose, besonders von depressivem Charakter bestand. Auf 
Grund dieser seiner psychoanalytischen Erfahrungen kommt Feldsmann 
zum Schluss: die Psychoanalyse sei schädlich und überflüssig. „Bei der 
Analyse steht in erster Reihe die Suggestion, das zweite Element ist eine 
Reeducation nach D u b o i s. Dasselbe, aber ohne jeden Schaden für den 
Pat., kann man mit Hilfe der „rationellen Psychotherapie" nach Dubois 
und der reinen Hypnose ohne „psychoanalytischer Beimischung** (?) er- 
reichen. Darauf ist nur Eines zu erwidern: solche ,^psychoanalytische Bei- 
mischungen", wie Dr. Feldsmann sie, nach seinen Schilderungen, übt. 



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Aus Vereinen und Versammlungen. 371 

können vielleicht wirklich auf die Kranke schädlich wirkenj wer aber 
auch die geringste Ahnung von der Psychoanalyse hat und Freud's 
Lehren kennt, wird keinen Augenblick zweifeln, dass das Feldsman n'sche 
Verfahren mit der Freud'schen Psychoanalyse gar nichts zu tun hat. 
Wenn man aber „keinen Mut hat", eine Sache gründlich nach Be- 
herrschung der dazu gehörigen Technik zu prüfen, so sollte man doch 
wenigstens ebensowenig Mut haben, sich über diese Sache öffentlich zu 
äussern, besonders vor einem Publikum, das selbst der Sache fern steht 
und kein eigenes Urteil haben kann. 

M. Wulff. 



Aus Vereinen und Versammlungen. 

Wiener psychoanalytische Vereinigung. 

17. Sitzung, am 1. Februar 1911: 

Dr. Alfred Adler: Der männliche Protest, seine Rolle 
und Bedeutung in der Neurose. 

Von einer kritischen Betrachtimg des Begriffes der Verdrängung ausgehend 
schildert der Vortragende die Einfügung des neurotisch disponierten Kindes in die 
Kultur, die von intensiver Trotzeinstellung begleitet sei und macht für diese 
Einstellung, diese Lust am Verkehrten, Verbotenen, in Verbindung mit einer 
Gier nach Geltung, zwei Durchgangspunkte der psychischen Entwicklung ver- 
antwortlich: 1. Das Aufkeimen eines Minderheitsgefühls im Zusammenhang mit 
einer Minderwertigkeit gewisser Organe, und 2. deutliche Hinweise auf eine ehe- 
malige Befürchtung vor einer weiblichen Rolle. An Hand eines Falles wird darauf 
hingewiesen, dass der Pat. seine Libido arrangierte, um sich vor ihr fortwährend 
zu sichern, dass er seine Phantasien als Schreckbilder für sich aufrichtete und 
dass schliesslich der Ödipuskomplex als Teilerscheinung des männlichen Protestes 
zu verstehen sei, als der reduzierte Ausdruck seiner Geltungs- und Herrschsucht, 
die sich frühzeitig schon auf Vater und Mutter erstreckten. 

18. Sitzung, am 8. Februar 1911: 

Diskussion über A d 1 e r 's Vortrag (17. Sitzung). 

19. Sitzung, am 15. Februar 1911: 

Dr. Hans Sachs: Über die Anwendbarkeit der Psycho- 
analyse auf Werke der Dichtkunst. 

Nachdem der Vortragende die Einwendungen zu widerlegen versucht hat, 
die sich gegen die Anwendung der Psychoanalyse auf Werke der Dichtkunst er- 
heben können, gibt er eine kurze Analyse von Heines Loreley und erörtert dann 
im einzelnen die Beziehungen des Tagtraums zur Dichtung, um schliesslich' die 
Wirkung des Kunstwerks mit der unbewussten Wirkung bei der Suggestion (Hypnose, 
Ferenczi) in Parallele zu stellen. 

20. Sitzung, am 22. Februar 1911: 

Fortsetzung der Diskussion über A d 1 e r 's Vortrag (vom 1. Februar). 

Rank. 



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372 Aus Vereinen und Versammlungen. 

Ans ungarischen Vereinen. 

In der Sitzung des „Biidapester Ärzte-Vereins" vom 12. Febr. 
d. J. hielt S. Ferenczi einen Vortrag über Psychoanalyse und 
Suggestion, in dem er die technischen und psychologischen Unterschiede 
der beiden Methoden besprach. (Der Vortrag wird im Zentralblatt erscheinen.) An 
der darauffolgenden ,,Diskussion'* beteiligten sich: ein Hydrotherapeut und ein 
Dermatologe. Ersterer brachte den bekannten metaphysischen Einwand gegen die 
Analyse („nur das Bewusste ist psychisch") und behauptete (in voller Un- 
kenntnis des Sublimierungsbegriffs), dass Freud die bösen Instinkte auf die 
Gesellschaft loslassen will. Letzterer sprach vom gefährlichen Gift, das in der 
sexuellen Aufklärung der Kinder stecken soll und drohte, einstweilen nur scherz- 
haft, mit dem Staatsanwalt. Das eigentliche Thema des Vortrages wurde von 
keinem der beiden Kritiker berührt. 

(Solche und ähnliche Diskussionen nach analytischen Vorträgen scheinen 
typisch zu sein. Immerhin soll man sich vom heftigen Widerstand, den man 
80 erweckt, nicht entmutigen lassen. Die nachträgliche Wirkung der Vorträge ist 
unverkennbar. Auf das heftige „N e i n" folgt recht bald von allen Seiten ein — wenn 
auch anfänglich schüchternes und verklausuliertes „Ja".) 



Im „Galilei"- Verein hielt Prof. J. Donath einen Vortrag über moderne 
Strömungen in der Psychotherapie, in dem er zunächst über die 
physiologischen Begleiterscheinungen psychischer Phänomene, sodann über Hypnose, 
Suggestion, die Psychoanalyse und die D u b o i s *sche Methode sprach. Obzwar 
der Vortragende erklärte, die Unterschiede der in der Psychotherapie herrschenden 
Auffassungen objektiv darstellten zu wollen, konnte er es nicht imterlassen, recht 
aggressiv gegen die „Schäden der Analyse*', die „Einseitigkeit der sexuellem 
Ätiologie" etc. auszufallen, um dann die Vorzüge d.er D u b o i s 'sehen „rationalen 
Psychotherapie" um so liebevoller hervorzuheben. S. Ferenczi replizierte 
auf diese — übrigens ganz allgemein gehaltenen — Einwendungen gegen die 
Analyse und wies auf die Sinnlosigkeit der D u b o i s 'sehen Moralpredigten hin, 
die den Namen „rationelle Psychotherapie" sicherlich nicht verdienen. 



In der darauffolgenden Sitzung des Galilei -Vereins sprach Ferenczi 
über Psychoanalyse. 



In der Ung. Philosophischen Gesellschaft hielt Dozent 
Dr. Ranschburg einen Vortrag über die Pathologie des Gedächt- 
nisses. Der Vortrag soll eine Kritik des „Alltagslebens" enthalten haben. 

Dr. S. Ferenczi (Budapest). 

Ans der neuroL-psychiatr. Sektion der könig^l. Gesellschaft der Ärzte in 

Budapest % 

In der Sitzung vom 30. Januar 1911 hielt Dozent Dr. Paul Ransch- 
burg einen Vortrag über die Hemmung homogener Reize als ein 

1) Im Referate wird nur das psychoanalytisch Interessierende mitgeteilt. 



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Ans Verein^i und Versamminngen. 373 

psy chopliy sisches Grundgesetz. Im Laufe jahrelang fortgesetzter Ver- 
sucne über die Grenzen der Apperzeptions- und Merkfähigkeit, die er an Geistes- 
kranken und Gesunden ausführte, machte der Vortragende die Beobachtung, dass 
gewisse optische Reize, richtiger: gewisse Reihen von Reizen im allgemeinen 
besser, andere schlechter perzipiert und behalten werden. Bei der Vergleichung 
dieser Reize fand er, dass simultane oder sukzessive Reizreihen, deren Glieder 
verschieden sind (nach dem Typus: abcde), gut aufgefasst und gemerkt werden; 
wo aber einzelne Glieder mehrfach vorkommen (z. B. abcce), besonders wenn 
die Reizdauer kurz war oder die Reizgliederreihe lang, d. h. wenn erhöhte 
Anforderung^! an das Aufmerken gestellt werden, so entstehen ganz typische 
Fehler und Täuschungen. Bei Reizeinwirkungen mit sehr rascher Sukzession wird 
z. B. die Reihe abcce entweder als a b c e oder als abcde aufgefasst und 
reproduziert, d. h. ein Glied der Reihe fällt scheinbar ganz aus oder wird assoziativ 
durch ein fremdes ersetzt. Auch Reihen wie a b c b e (in denen also die ,^homogenen*' 
Glieder weiter auseinanderliegenl, werden unter den oben erwähnten Bedingungen 
falsch reproduziert und betrifft die Reproduktionsstörung stets die „homogenen** 
Elemente, während die „heterogenen" gut gemerkt werden. — 

Der Vortragende berichtet weiters über analoge Versuche mit ähnlichen 
Ergebnissen bei (simultan und sukzessiv einwirkenden) akustischen, taktilen und 
Geruchs-Reizen und findet überall, wie bei den optischen Versuchen, die Hem- 
mungswirkung homogener Reize. Er wiederholte dann die Versuche mit sinn- 
vollen Worten (gehörten imd geschriebenen), sowie mit Bilderserien und war 
imstande, die zu erwartenden Fehlreproduktionen im voraus zu berechnen. Hieran 
knüpft er die Behauptung, dass durch seine Versuche, die in gleicher Weise auch 
für die Fehlerinnerungen und das Vergessen von Worten Geltung hätten, die Un- 
haltbarkeit der Freud 'sehen Lehre vom Vergessen erwiesen sei. Er sei imstande, 
alle Beispiele, die Freud sehr umständlich und kompliziert auf unbewusste 
Unlustmotive zurückführt, „ohne dafür die geringsten Beweise geliefert, ja: ohne 
den Zeitpunkt, in dem die Fehlhandlung erfolgte, jedesmal notiert zu hal>en"« 
mit Hilfe des Gesetzes der gegenseitigen Henmiung homogener Reize auf das 
prompteste zu erklären. Schliesslich weist der Vortragende auf physikalische 
und physiologische Vorgänge hin, die gleicherweise als Hemmungswirkungen: 
homogener Reize aufzufassen sind und erklärt, in diesem Gesetze die Grundregel 
für die Enge oder Weite des Bewusstseins, für den Abstraktionsvorgang (Begriffe- 
bildung) und viele andere psychische Vorgänge gefunden zu haben. 

In der dem Vortrage folgenden Diskussion ergreift F e r e n c :: i das 
Wort Er zollt zunächst uneingeschränktes Lob dem unermüdlichen Fleisse 
Ranschburg's, der fast zehn Jahre lang arbeiten und viele kompli- 
zierte Apparate erfinden musste, bis er die Resultate, die er in seinem Vortrage 
mitteilt, erhalten konnte. Allerdings wundert sich Ferenczi darüber, dass der 
experimentelle Beweis einer so allgemeingültigen und allbekannten Tatsache, dass 
man nämlich Ähnliches schwerer unterscheiden, daher bei gleicher Exposition 
schlechter perzipieren und merken kann als Verschiedenes, so lange auf sich 
hat warten lassen. Der Vortragende habe kein neues „Gesetz", sondern nur den 
Nachweis gebracht, dass das Merken und Unterscheiden homologer Reize auch „im 
Kleinen" (d. h. unter den Bedingungen des Experiments) schlechter geht als das von 
heterologen Reizeinwirkungen. Allerdings habe Ranschburg diesen Nachweis 
hoch gespannt. Ranschburg habe ein Stück der Technik des Vergessens 
und der Aufmerksamkeitsstörungen instrumentell registriert und glaubt das Rätsel 
des Vergessens überhaupt gelöst zu haben. Er vergisst, dass er nicht das 
Recht hat, von psychophysisehen Vorgängen zu sprechen, wo doch seine Vcr- 
ZentnlbUit Ar Paychomftlyte. T/". 25 



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374 Aus Vereinen und VersammlungeiL 

suche rein psychologische seien. Von rein psychologischer Seite ist aber 
das von Ranschburg gefundene „Gesetz" schon einmal gefunden worden, und 
zwar gerade von Freud, der in einer Fussnote der letzten Ausgabe des „Alltags- 
lebens" das Vergessen von indifferenten Eindrücken auf einen Verdichtungs- 
pro zess zurückführt, der doch nichts anderes ist als die ehrlich psychologische 
Bezeichnung desselben Vorganges, den Ranschburg's physiologisierende Ter- 
minologie als „gegenseitige Hemmung homogener Reize** benennt. Freud begnügt 
sich aber mit der Feststellung dieser Technik nicht, sondern sucht und findet 
Motive und Tendenzen, die sich dieser Verdichtungsmöglichkeit bedienen. 
Die indifferenten Eindrücke — führt er dort aus — fallen gewissen misslungenen 
Verdrängungstendenzen, gleichsam als Kanonenfutter, zum Opfer. F e r e n c z i gibt 
weiter der Vermutung Ausdruck, dass — wo nicht stärkere Unlustmotive ver^ 
drängend wirken, also bei indifferenten Eindrucken — das Lustprinzip in der 
Spartendenz (ähnlich wie im Witz und im Traum) sich manifestiert, der 
Tendenz nämlich, an intellektueller Arbeitsleistung soviel als möglich zu er- 
sparen. Dies könnte an der Verdichtungstendenz und an den dadurch be- 
wirkten Entstellungen der Eindrücke mitbeteiligt sein. Es sei also zumindest 
unvorsichtig von Ranschburg, wenn er in der „homologen Reizhemmung'* 
die alleinige Ursache des Vergessens und der Fehlerinnerung sucht. Freud war 
in der Formulierung seiner These viel weniger präjudizierend und Hess — 
nebst der Verdrängung — die Möglichkeit anderer Entstellungsmechanismen offen. 
Ranschburg sollte seine — an sich gewiss wertvollen — Untersuchungen 
ergänzen, indem er seine Aufmerksamkeit auch auf das Vergessen nichtindifferenter 
Eindrücke ausdehnt Nur das Zusammenwirken der sog. „experimentalpsycho- 
logischen** mit anderen psychologischen Richtungen, so auch mit der Psycho- 
analyse, könne die Wissenschaft fördern. — 

Es sprachen weiters zum Thema Dozent Dr. P ä n d y von psychiatrischem, 
Anstaltsdirektor Dr. Epstein von psychologischem Standpunkte, ohne auf diese 
Streitfrage einzugehen. 

Ranschburg versicherte in seiner Erwiderung, er habe zahlreiche Ver- 
suche an sich und an Anderen angestellt, konnte aber keinen einzigen 
Fall von Namenvergessen mit dem Freu d'schen Mechanismus, wohl aber alle 
mit Hilfe der homologen Reizhemmung erklären. 

(Referent war nioht mehr in der Lage, auf diese Replik zu reagieren. Er 
hätte dieses „argumentum ad hominem** mit der Versicherung beantwortet, dass 
zahlreiche hochachtbare Männer der Wissenschaft die Feststellungen F r e u d 's 
bestätigen konnten, so dass es, den guten Willen vorausgesetzt, nur an einer 
ungleichen oder ungleich vollkommenen Technik der Analyse liegen kann, wenn 
die Resultate derart divergieren Ranschburg versprach sich einmal in der 
Diskussion; er redete den Referenten als „Kollegen Freud** (statt Ferenczi) 
an. Darauf aufmerksam gemacht, erklärte er, dass auch hier die homologe 
Reizhemmung von den identischen Anfangsbuchstaben „F** ausgegangen sei. 
Der Ref. dagegen ist überzeugt, dass bei dieser ihn ehrenden Verwechslung die 
Gleichheit der Buchstaben nur den Weg, die Brücke, den äusseren An- 
las s , gewisse halb oder gar nicht bewusste Tendenzen aber die Triebkraft zur 
Verschiebung geliefert haben. Übrigens ist Ref. überzeugt, Ranschburg auch 
durch diese Einwendungen nicht bekehrt haben zu können. In der Psychoanalyse 
gibt es, wie es scheint, kein Überzeugen, die Überzeugungen muss sich hier 
jeder selber holen.) 

Dr. S. Ferenczi (Budapest). 



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Aus Vereinen und Versammlungen. 376 

Ans der ,,Gesellschaft der gchwedisehen Ärzte^^ 

Dr. Ponl Bjerre, Spezialarzt für Psychotherapie in Stockhokn, Die psychoana- 
lytische Methode» 
Vortrag in der Svenska lAkaresäUakapet (G-eseDschaft der schwedischen Arzte) 

am 17. Jäoner 1911. 

Die medizinische Psychologie befindet sich gegenwärtige dank der von Prof. 
Freud in Wien ausgehenden Bewegung, in einer Entwickelungsperiode, die an 
Bedeutung alle früheren Epochen übertrifft Die Untersuchungen^ welche vom 
berühmten Falle Breuer's ausgingen und 1893 veröffentlicht wurden, brachten 
die Lehre von der Verdrängung und die Therapie des Abreagierens. Im Bestreben, 
die verdrängten Komplexe aus dem Unbewussten herauszugraben, entwickelte sich 
die psychoanalytische Methode. — Beschreibung derselben und der Traumdeutung. — 
Als die wichtigsten wissenschaftlichen Eroberungen dieser Methode wurden die 
Komplexlehre, die Lehre vom infantilen Trauma und die Sexuallehre hervor- 
gehoben. Beim ersten Punkt wurden die Untersuchungen von Jung erwähnt; 
der zweite Punkt wurde durch ein Beispiel erlHutert. Die Sexualentwickelung 
wurde genau beschrieben von der primären inzcstösen Sehnsucht zur Mutter 
bis zum Auffinden des heterosexuellen Objektes und die Hand in Hand mit 
diesen Verwandlungen eintretende Verdrängung, Übertragung und Sublimierung. — 
Für das Entstehen der Neurosen haben die Entwickelungshemmungen und die 
misslungenen Verdrängungen die grösste Bedeutung. Die Ausbildung dieser Sexual- 
lehre nebst neueren Entdeckungen haben einen neuen Ausblick auf die Therapie 
mit sich gebracht. Statt des Abreagierens ist jetzt die Übertragung als der 
wichtigste Hebel der Heilung in den Vordergrund getreten. Hier stösst die Psycho- 
analyse mit der Suggestionslehre zusammen. Die Suggestion wird von Freud 
und seinen Schülern ais ein Überfcragungsprozess aufgefasst. Der Arzt soll näm- 
lich die suggestive Macht über den Patienten nur dadurch bekommen, dass dieser 
ihn unbewusst mit irgend jemand identifiziert, der in der Wirklichkeit die Holle 
der höchsten Autorität gespielt hat, gewöhnlich mit dem Vater. Gegen diese 
Auffassung wurde eine Einwendung gemacht. Es könnte hierin eine Tendenz 
stecken, zur Suggeslionslehre zurückzufallen, anstatt die Konsequenzen der Ver- 
drängungslehre weiter gerade herauszuarbeiten. Die Heilung bei der Psychoanalyse 
geschieht durch die Lösung gebundener Kräfte und die Projektion dieser Kräfte 
nach aussen, entweder gerade als solcher oder nach sublimierender Umwandlung. 
Die Therapie muss oft die Sublimierung als letztes Ziel erstreben, und hier 
fliesst die Behandlung mit den höchsten Prinzipien der kulturellen Erziehung und 
der psychischen Hygiene zusanmien. 

Niemand, der die Entwicklung der Psychologie kennt, kann die unerhörte 
Bedeutung F r e u d *s verleugnen. In dem grossen Streit, der gegenwärtig um 
sein Werk vor sich geht, gilt es hauptsächlich, wieweit man ihm folgt. Auch 
seine ärgsten Gegner ziehen oft Nutzen aus seinen Forschungen, vielleicht ohne 
es selbst zu merken. An einzelnen Punkten können ohne Zweifel Einwendungen 
gemacht werden, welche auch innerhalb der Schule zum Ausdruck kommen. 
Abgesehen von diesen möchte man vielleicht bei Freud eine durchgehende 
Einseitigkeit aufspüren können. Er hat die unermessliche Bedeutung der unbe- 
wussten Determinierung der Neurosen klar gemacht. Seine Aufmerksamkeit ist 
aber so vollständig von dieser neuen Welt gefesselt worden, dass er nicht 
immer genug mit den bewussten Kräften rechnet. Wenn Freud bei der Traom- 
forschung die latenten Traumgedanken gefunden hat, gilt das ganze weitere Studium 
nur diesen. Der manifeste Traum wird als nicht mehr zu behandelndes Material 

2b* 



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376 Varia. 

weggelassen. Hier lässt dieses sich wohl tun, weil der manifeste Traum ein an: 
sich gleichgültiges Produkt der Psyche ist In gewisser Hinsicht macht Freud 
aber bisweilen etwas Ähnliches mit dem manifesten Inhalt des realen Lebens. 
Dieses Verhältnis wird z. B. ersichtlich, wenn er zur Suggestionserklärung haupt- I 

sächlich die unbewusste Wirkung durch Übergreifen auf den Vaterkomplex heran- 
zieht Hier dürfte man aber auch mit wichtigen bewussten Faktoren rechnen. ! 
müssen. Der Arzt bekommt oft seine suggestive Macht dadurch, dass er besser 
als andere die schweren Lebensprobleme, welche zur Krankheit ^führt haben^ 
dem Pat auseinandersetzen kann ; — m. a. W. ganz einfach dadurch, dass er 
ihn dank seiner Kenntnisse besonders gut versteht Im Verständnis liegt inmier 
grosse Macht. — 

In der Diskussion äusserten sich nur zwei Assistenzärzte an der Irren« 
anstalt Konradsberg, Dr. Fröderström und Dr. Wigart Sie brachten keine 
andere Einwendimgen als die von psychiatrischer Seite üblichen. Sie hoben hervor, 
dass die missiungenen Behandlungen durch das Aufwühlen der sexuellen Vor- 
stellungen oft Verschlimmenmgen mit sich bringen, und dass die Stellung der 
Irrenärzte, welche dann die Pat zur Pflege bekommen, dadurch schwerer wird. 
Sie glaubten, dass der Streit gegen die Psychoanalyse nicht so sehr von den 
inneren Widerständen als von diesen äusseren Verhältnissen herrührte. Dr. W. 
richtete sich besonders gegen das Forschen in den analerotischen Irrgängen. 

Alle Einwendungen wurden beantwortet. (Autoref.) 



Varia. 

Im Verlage H. Altenberg, Lemberg, ist nun auch eine polnische Übersetzung 
der „Fünf Vorlesungen über Psychoanalyse'*, die Prof. Freud aus 
Anlass des 25 jährigen Bestehens der Cläre University in Worcester Mass gehalten 
hat, in ausgezeichneter Anpassung an das Original erschienen. Der Übersetzer, 
Dr. L. J e k e 1 s , ist insbesondere der schwierigen Aufgabe, für die spezielle 
Terminologie der Psychoanalyse ausdrucksvolle Bezeichnungen der fremden Sprache 
heranzuziehen, in besonders glücklicher Weise gerecht geworden. 

Dattner. 



Schriftleitung: 



Dr. med. Alfred Adler, 
Wien L, Dominikaner bastei 10. 



Dr. Wilhelm Stekel, 
Wien L, Gonzagagasse 21. 



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Verlag von J. F. Bergmaun iu Wiesbaden, 



Soeben eritbien 

Über die sexuelle Konstitiitioii 

imd andere Sexiialprobleine. 

Vou Or. L. L*ieweiifeld, Nervenarzt in Müncheti. 

J//.. ^V— ; ^ehantien ML 7.—, 

Aufzug aua dem Inhaltsverzeichnis : 
A, Vher die ^^exuelle Koiistitiitioii. 



I Dauer der be^iiellen FaEküonen. 
der sexut?lleii Erregung. 



1. Bei 
IL Dh 

IlL Die c...iik<i des Sexualtriebs. 
IV. Die sexuelli? Lektungs- and Wideratandsfätiigkeit,, 
i\\ beim ManiiL*, b) b^im Weibe. 
V. Spenna^ekretioD und -öxkretiou, 

VI, SchlussfoJgertingen. Die Tersclin.ut!nuii oL'ÄLKi^Kuii-^iuuuoiiyo. 
Hjg roaischö Winke, 
fl. Krtitik iiiiil SinitlEc^bkeit. 

(\ IHe LiIjIiIü iils Triebkraft im gGiniig^n Leben. 
Die Öublimiemngöfrage. Zusätze. 

Diö vor lieg ende Schrift umfas&t 3 Afahatidlü ngöu, die 
z[u den bedeutendsten literarischen Erschoiiiuiige ii der 
ue'uerön S>xualliteratiir gewählt w^erden uiüasen. 

Ein treffilehes Werk, dessen aktueller Inhalt in reizvoller Weise belehrt, 
iiHrogt tirid untorlifilt. Für seinen wiasenschaftlichen Gehalt hixvgt der Narat* 
des bekannten Nervenarztes. Er erweitert die Freudscha Definition d^ä im 
Titel genannten Begriffs gana^wesentlich durch eingehende Würdigung de& 
liegiuTjs und der Dauer der se^^uellen Funktionen, der faomatisehpti. übenilselieii, 
ülfiiktoiischeo und psych itichen) Quellen der eesueüen Erregung, der Slkjke 
des Geschlechtstriebes, der sexuellen Leisttmgfi- und Wideralandsfähigkeit 
(bei beiden Geschlechtern) eowie dyt Spermn^ekretion und -exkrotiou. In den 
SchlLisäfolgerungen werden verscliiedbiie Sexualkoiiefeitutlouen aulkestellt und 
beherEigen&werte h^^gieniache Winke gegeben. Auf Schritt und Tritt begegnei 
uns der erfahrene Spezialist, der eine seltene Fülle von Literatur kritisch ver- 
arbeitet und mit der Einstreuung eigener Beobachtungen nicht kargt Weiter 
wild in zwei heson deren Abschnitten die Erotik und Sinnlichkeit sovvie die 
Libido als Triebkraft im geistigen Leben behaudelt, wobei die Sublimierungs- 
froge eine eigene Erörterung tindt^t. Auf den konkreten Inhalt könuen wir 
uicbt uüher eingeben. Nicht alle Deutungen werden Zustimmung finden. Be- 
langvoll iät die aus der eigenen Erfahrung gezogene Folgerung, daas die 
Masturbation in raiiDdeeteos Ib^fu die Haupturaache der Impotenz bildet, und 
die Üherzeuguiig,, daaa unter den acbildigenden Momenten die Abstinenz uur 
eine recht untergeordnete Relle .spielt. Welch Gegensatz zu sonst und jetzt 
geilusaerten AnachauungeB anderer Autoren! Den'Einßuss der SexualitM und 
damit auch der Liebe auf das künstlerische Schaffen hat man nach Loewen- 
feidä Meinung äberiichätzL Deutsche med. Wocheosehrift* 



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Inhalts^- Vrrzeieliiiis dps YIL niul VFIL Heften, 

Originalarbeiten: 

t ir * ^*^* 

1. Kann Michaelis: ,Dhö gefäliilicbe Alter* im ,.,._^ . u.h,.h« 

)oi, - Tatjana Rosenthal .... " '' 077 

i. n.^i HS Triebes. VDn Dr. Stefan V. Mäda. ' " ' m 

^ ;' "A einem f>He vdh Errotungsiin^st als Beiirae zur 

IV J i r'u ^'^^^«^^i-^^f^J^'s. Ton Prof. A, v. Luzenberger. . 301 

Ju'nt^]''''" ' '^'''' ^ ' ^^''^ i^--u^.^. Von Dr. Otto 

V. JuJI.. 1, ^ufituiBche F^ohg^, ....B^khmgen\m ^^^ 

Fsjclioanalyöe. Von Gastan aosenstei n ....... 31 ß 

Mitteilungen: 

TT t iLa^,^i>-,!Hn^. Vüurr. U. Epstein 

- ' ; l>r, Wilhelm Stekel . ' . . . 

IV Li^ o^ -^ ■— K j-..= ij.,ir,tr. w-ji Otto Rank . , . ' ti 

^leiije Beiträge mn der psychoanalytischen Praxis. Von M Wti'lff 'is? 

ß* ^ut r ' de8 pathol' Kftu&che. 

^ ^1" ■ .= . Jer Neurose 
qst bot Frauen 
1/ tv ^^ ^ ^,v -,i^.4ogie der ScbwaniivisiüaiEbn. tiio- 
V. MjBsglflckte GratülÄtion . . T '^] 

Referate und Kj-itik*! 

Hart, Till '^ ^ j ^^^^ |^;^ schooK . . 

^*^Ilf^V. ^" ** ^"^^ö of Hypomfima 

^' II t^^*"J^',^-'^»''^^'vnr .M^^itjüd Ol Treatment 

-; Ihe MeJTtal Chnrncterisrias of Chronic F^W^hr- 

Kostyleff, La cHse de Ja ' 

Uuhoia, Conception y^^ych ionathi' 

Ruch, MekacoÜG et P^ychüthtiapi 

Ost Wald, Grosse Mäuner . . 

Asaagjoli, Transformation et sahliiJScLÜwij 

Weygaudt, Abnornie Charaktere in der lii. 

Iraenkel. Des jungen Goethe schwere Kiüiiklieit Tuberkulose, keine ' ' 

Leonh n r d t Liebe und Erotik in den Uranfängen der deütschefl'Dichtkp t 
Jones, un the -Ni^litinare . , . . . 

— Freud's Thfiory uf Dteams ..]['.[' .1 

— A modera Conception of the F^v<hf>-N(^tiros«(»s i-t 
Uat erreich. Die Störi ^ 

Brf n, Breams and th^ 

Wulff, Die ru^siftcbe i\sycLüimal>iisühtj Literatur hlri stuni Jftlire lytl . Ji64 
Aus Vereinen nnd Yersammltin^en. 

Sitzungsberichte der Wiener Psychoanalytischen Vereiniffoßi; . :,; i 

Aus unganschen Vereinen ..,.,..,..,. "ig^ics ...... o . 1 

Aus d^r ,nenrüIogischt?n-psvchiatkacben S^ihViiZ-l^'r Ir.A.oi ^'ieJell'achaft " 
der Arzte in Budapest , . . o^r, 

Ana der ,(ie?!eHschnft der ^ohv. . Iltdi^n Ärzfr ' ' ' ' ?,Lt 

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