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Full text of "Zentralblatt für Psychoanalyse. Medizinische Monatsschrift für Seelenkunde. I. Jahrgang 1911 Heft 10/11"

Zentralblatt 

für 

Psychoanalyse. 

Medizinische Monatsschrift für Seelenkunde. 

Herausgeber: 
Professor Dr, Sigm.' Freud. 

Schriftleiter; 

Dr. Wilhelm Stekelj 
Wien I. Gonzagagasse 

Unter Mitwirkung uo 

Dr. Karl Abraham! Berlin; Dr. R. G, Assagioli, Ptoren2; Dr. Ludu/ig Binswanger, 
Kreuzungen; Dr. Poul Bjerre, Stockholm; Dr. A. fl. Brill, New-Vork; Dr. M. 
Eltingon, Berlin; Dr. D. Epstein, Kiew; Dr. S. Ferenczö Budapest; Dr. Max Graf, 
Wien; Dr. Magnus Hirschfeld, Berlin; Dr. E. Hitschmann, Wien; Dr. E. Jones, 
Toronto; Dr. Otto Juliusburger, Steglitz; Dozent C, Q. Jung, Zürich; Dr, F. S. 
Krauss, Wien; Professor August u» Luzenberger, Neapel; Prof. Gustau Modena, 
Ancona; Dr. Alfons Mäder, Zürich; Dr. Richard Nepalleck, Wien; Dozent N. 
Ossipou;, Moskau; Dr. Oskar Pfister, Zürich; Dr. James Putnam, Boston; Otto 
Rank, Wien; Dr. R Reitler, Wien; Dr Franz Riklin, Zürich; Dr, h Sadger, Wien; 
Dr. L Seif, München; Dr. A, Slegmann, Dresden; Dr. M. Wulff, Odessa; Dr. Erich 

Wulffen, Dresden. 



I. Jahrgang Heft 10/11. 

August. 






Wiesbaden, 

Verlag uon J. F. Bergmann. 
1911. 



Jährlich erscheinen 12 Hefte im Gesamt-ÜmTang uon 36 bis 
40 Druckbogen zum Jahrespreise uon 15 Mark 



Verlag von J. F. Bergmann in Wiesbaden. 




Soeben erschienen : 

Über den Traum. 

Von 

Prof. Dr. Sign«. Freud in Wien. 

^^— Zweite Auflage. — Preis Mk. 1.60. ■ 

Uie 

Sprache des Traumes. 

Eine Darstellung der Symbolik und Deutung des Tranmes 
in ihren Beziehungen znr kranken und gesunden Seele 

für 

Arzte und Psychologen 



von 



Dr. Wilhelm Stekel, . 

Spezialarzt ftfr Psychotherapie und Nervenleiden in Wien. 

Preis Mk. 12.60, geb. 14.—. 

Über die sexuelle Konstitution 

und andere Sexualprobleme. 

Von Dr. L. Loewenfeld, Nervenarzt in München. 

Mk. 6. — ; gebunden ilffe. 7. — . 



Auszug aus dem Inhaltsverzeichnis 

A. Über die sexuelle Konstitution. y 

Einleitung. 
I. Beginn und Dauer der sexuellen Funktionen. 
IL Die Quellen der sexuellen Erregung. 

III. Die Stärke des Sexualtriebs. 

IV. Die sexuelle Leistungs- und Widerstandsfähigkeit, 
a) beim Manne, b) beim Weibe. 

Y. Spermasekretion uud -exkretion. 

VI. Schlussfolgerungen. Die verschiedenen Sexualkonstitutionen. 
Hygienische Winke. 
ß. Erotik und Sinnlichkeit. 

C. Die Libido als Triebkraft im geistigen Leben. 
Die Sublimienmgsfrage Zusätze. 




Original frarn 
NIVERSITYOF MICHIGAN 



Erklärung. 



Hiermit bringe ich den Lesern dieser Zeitschrift zur Kenntnis, dass 
ich mit dem heutigen Tage aus der Redaktion dieser Zeitschrift ausscheide. 
Der Herausgeber der Zeitschrift, Herr Professor Freud, war der Ansicht, 
dass zwischem ihm und mir derartige wissenschaftliche Gegensätze he- 
stehen, die eine gemeinsame Herausgabe dieser Zeitschrift in seinen Augen 
inopportun erscheinen Hessen. Ich habe mich deshalb entschlossen, frei- 
willig aus der Redaktion der Zeitschrift auszutreten. 

Dr. Alfred Adler. 



Originalberichte. 



Über einige Probleme der Sagendentung. 

Vortrag in Salzburg, 1908. 
Von Dr. F. Riklin, kt. Inspektor für Irrenpflege, Zürich. 

Ludwig Laistner hat in seinem Werke „Das Rätsel der Sphinx; 
Grundzüge einer Mythengeschichte 44 x ) schon vor etwa 20 Jahren an Hand 
eines grossen vergleichenden Sagenmaterials das Prinzip aufgestellt, dass 
die Sagen in ihrem Kern dem Traum entstammen und zwar dem Alp- 
traum (Träume vom Alp, von der Mahre, dem Elb, der Drude, vom 
„Doggeli"). Der Glaube an die Heimsuchung durch elfische Dämonen, 
von welcher die Sagen berichten, sei nur durch die Alptraumerlebnisse 
zu erklären, die mit grosser Lebhaftigkeit auftreten und vom Träumer 
nach dem Erwachen oft nicht korrigiert werden. Das sei das Material, 
das von den Sagen in die epische Wirklichkeit übersetzt werde. 

Der Anschluss der Mythologie an die Naturwissenschaften ergibt 
sich bei Laistner an dem Punkte, wo die mythologische Grunderschei- 
nung, der Alp, gleichsam experimentell durch Hinderung der Atemtätigkeit 
und Sauerstoffzufuhr, hervorgerufen werden kann. Offenbar war es 
Laistner darum zu tun, für die mythologischen Gebilde eine sichere 
biologische Basis zu bauen. 

Heutzutage können wir diese Basis wesentlich festigen. Wir wissen 
seit der Traumdeutung von Freud, dass auch die Reizträume, 
von denen die durch Atmungshindernisse erzeugten nur einen Spezialfall 
bilden, den allgemeinen Gesetzen des Unbewussten, wie sie in der 
„Traumdeutung 44 niedergelegt sind, unterliegen. Der somatische Reiz 
liefert zwar Steinchen zur Traummosaik. Die gleiche Idee kann aber vom 
Künstler in Mosaik oder auf Leinwand in Öl dargestellt werden. Desgleichen 
tut die Psyche im Traum. Mit oder ohne somatische Reizverwertung be- 
arbeitet sie die „Komplexe 44 des Träumers. 

*) Berlin. 1889. Wilhelm Hertz. 
Zentralblatt für Psychoanalyse I M / U . 30 



by Google 



Original from 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



434 Dr. F. Rüdin, 

Die Betonung des Alptraumes durch Laistner ist aber gerecht- 
fertigt. Alpträume sind Angstträume. Angst finden wir im seelischen 
Geschehen ausgelöst an jenen Stellen, wo der erotischen Wunscherfüllung 
ein Hindernis in den Weg gelegt wird. Das Atmungshindernis nun ist ein 
Reiz, der mit dem Angstphänomen vom Somatischen her in engster 
Verbindung steht. Unter dieser Voraussetzung wird mit diesem gegebenen 
Reiz im Psychischen ein Angsttraumthema durchgenommen. Der Stoff 
dazu ist vorhanden. 

Diese Beziehungen Hessen sich ja noch in verschiedenen gleich- 
wertigen Formeln ausdrücken. 

Von der Psychologie des Traumes und des Unbewussten her ist 
es für uns nicht mehr wichtig, ob der angstauslösende Reiz des Atmungs- 
hindernisses bei einem Angsttraum beteiligt ist oder nicht. Die Sexual- 
verdrängung in unserer ganzen psychologischen Entwickelung rechtfertigt 
von selbst das Vorwiegen des Angstcharakters sowohl im Traumleben, 
als in der aus dem Traume, oder allgemeiner aus der Psychologie des Un- 
bewussten heraus geborenen Mythologie. Auf der anderen Seite hat nicht 
alles, was die elbischen Wesen mit uns Menschen anstellen, Angst- 
charakter: sie buhlen auch in wünschenswerter Weise mit uns, kurzum 
sie sind die Personifikation unseres Traumdenkens, unseres unbewussten 
Denkens überhaupt und behandeln das erotische Thema nach der Art 
des Traumes. 

Hat Laistner mit seinem grossen Material die Reduktion der 
Sagen auf die sichere Formel des Alp- resp. Angsttraumes gefunden, 
so soll es uns nicht mehr schwer fallen, die Verbindung mit der allge- 
meinen Traumpsychologie und den Gesetzen des unbewussten Denkens 
herzustellen, welche eine breite Grundlage für die Mythendeutung schaffen 
und jene Sicherheit bieten, welche Laistner in der Verankerung mit 
der experimentellen Toxikologie herstellen wollte. 

In den tieferen Schichten reduziert sich der Traum auf Funktionen 
von Sexualsymbolen; es werden die Beziehungen unserer Komplexe 
zum ursprünglichen Triebleben hergestellt. Wollen wir ein Problem 
in die Traumsprache übersetzen, so müssen wir uns fragen: Durch 
welche Sexualfunktionen oder Sexualsymbole kann dieses Problem, dieses 
Geschehnis in reduziertester «Form dargestellt werden? Eine Aufgabe, 
die beispielsweise in der Symptomatologie der Zwangsneurosen in an- 
schaulicher Form gelöst wird, wo allen Handlungen, allen intellek- 
tuellen Fragen in möglichst abgegrenzter, präziser Form der Beitrag aus 
der ursprünglichen Sexualität zugegeben L wird. 

Zum Verständnis der Sagen brauchen wir diese Erkenntnis. Die 
Analyse der höheren, systematischen Mythologien, des Göttlichen und 
Dämonischen überhaupt, ergibt überall einen Alpkern, der höhere Gott 
hat in letzter Linie elfische Züge (Alp = Elb = Elf usf.), ist ein Traum- 
wesen und personifiziert als solches die (verdrängte) Sexualität, ist durch 
ein Sexualsymbol darstellbar. Die einfachen Volkssagen stehen diesem 
Kern noch näher als die höheren Mythen, welche den Kosmos, die Aussen- 
welt, die Fragen von Leben und Tod in Beziehung zum ursprünglich 
elbischen Wesen bringen. Auch die Beziehung zum Traum, speziell zum 
Angsttraum, ist noch viel enger. 

Das Alpdrücken, die Umarmung durch den Alp, die Mahre, ist 
eine Sexualhandlung. Bei den Sagen von den Buhlgeistern ist das sehr 



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byVrUUglL UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Über einige Probleme der Sagendeutung. 436 

einfach nachzuweisen. In anderen Fällen ist die Umarmung symbolisch 
dargestellt: die Mahre steckt dem Schläfer die rauhe oder behaarte Zunge 
in den Mund; er muss sich ihre Umarmung, ihre Küsse, ihre widerwärtige 
Gesellschaft gefallen lassen. Häufig hat die am Schläfer vollzogene Hand- 
lung perversen, gewöhnlich sadistischen Charakter: er (oder sie) wird 
gezüchtigt, gepeinigt, getötet, sein Blut wird ausgesaugt (Vampyren). Oder 
das Alpwesen ringt mit dem Schläfer, sucht ihn zu überwältigen. 

Die Zeit, in der die elbischen Wesen tätig sind, die ihrer Wirk- 
samkeit angehört, sind Mitternacht und der heisse Mittag: beides Schlaf - 
zeiten. 

In dieser Begrenzung liegt ein Fingerzeig für den Traumursprung 
der Alpsagen. Es liegt in dieser durch allerhand Einzelschilderungen 
präzisierten Wirkungszeiten des Alps die Darstellung der Begriffe „Mittag" 
und „Nacht 41 durch einen konkreten, typischen, mit Zeremonien umgebenen 
Zeitabschnitt, die Stunde von 12—1 Uhr. Die konkrete Angabe von Ort, 
Zeit und Personen, die aus dem Angsttraum eine episch darstellbare 
Wirklichkeit machen, ist ein besonderer Wesenszug der Sagen. Die psycho- 
logische Wichtigkeit und innere Wahrheit des Sagenmotivs wird in der 
Darstellung dadurch ersetzt, dass sie durch solche Präzisierung von Ort 
und Zeit des Geschehnisses als Wirklichkeit hingestellt wird. Es wird 
der Versuch gemacht, die Traumregression in eine wirkliche Handlung 
zu übersetzen, die aber gleichzeitig in die Vergangenheit zurückversetzt 
wird. Es ist dies eine Form der „Rationalisation" (Jones) unbewusster 
Motive. Wir finden Analoga z. B. bei der Zwangsneurose: Je möglicher, 
je realisierbarer ein Zwangsgedanke gemacht wird, um so stärker die 
Phobie und Gegenmassregeln. 

Der in Zwangsbefürchtungen auftretende Wunsch auf den Tod naher 
Angehöriger wird peinigender, wenn z. B. der Zwangsneurotiker gehört 
hat, man könne andere Personen durch Hypnose, durch die Macht der 
Gedanken beeinflussen; der Zwangsimpuls, sich von einer Brücke, einem 
Fenster hinunterzustürzen, wird unerträglicher, wenn die Brücke hoch 
ist, wenn man nicht schwimmen kann, oder wenn man sich im vierten 
Stockwerk befindet statt im ersten usf. 

Die Sagen sind gleichsam die typische, episch gehaltene Form, 
in die sich die sexuellen Angstmotive einer Gegend, eines Volkes ge- 
gossen iiaben, das elbische Wesen jener Gegend die Verkörperung, die Per- 
sonifikation (des Sexualproblems x ). Darum auch die Vielgestaltigkeit dieser 
Dämonen und ihre Verwandlungsfähigkeit: Sie treten auf in 
der Gestalt von Tieren, .die wir als Sexualsymbole kennen, oder als Wesen, 
die halb Tier halb Mensch sind (Schlangenjungfrauen, Sphinx) 2 ), oder als 
Menschen mit irgend einem tierischen Merkmal, namentlich mit einem 
Tier f us s. Im ersten Bild kommt die alte, mythologische Darstellung 
von der Zweiteilung des Menschen, von der Abtrennung der archäischen 
Sexualität als dem Tierischen, zum Ausdruck, im zweiten dasselbe, wobei 
meines Erachtens die durch viele Analysen belegbare Symbolisierung: 
Penis = Symbol für die Sexualität = Glied = Gliedmasse = Fuss (unter 
Verschiebimg) verwertet wird. Darum bekommt dieser Fuss das Merk- 

x ) Nach neueren Untersuchungen J u n ff 's besteht eine Universalität ganz 
bestimmter mythologischer Phantasien, die auch in der Pathologie (z. B. Dementia 
praecox} stets wieder autochton sich bilden können. 

2 ) Urbilder der Verdrängung durch die Kultur. 

80* 



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byVrUUglL UNIVERSITYOF MICHIGAN 



486 Dr. F. Riklin, 

mal des Tierischen. Anderemale wird das Eibische, das verdrängte Sexuelle, 
durch fratzenhafte, übertreibende Veränderung körperlicher Sexualmerk- 
male dargestellt. Ein Merkmal des Eibischen sind in vielen Sagen lange, 
hängende Brüste, die über die Schulter geworfen werden können, sind 
mit Jder die zu Eibinnen verwandelten Frauen junge Hunde säugen müssen. 

Wenn der Alp in typischer Form vorgestellt wird, als männliches 
oder weibliches Wesen, als Schlangenjungfrau, als Sphinx, als Teufel usf., 
so ergibt sich, dass er seine Gestalt wechseln können muss, er muss 
mit der die zu Eibinnen verwandelten Frauen junge Hunde saugen müssen, 
die halb Tier halb Mensch sind (Schlangenjungfrauen, Sphinx), oder als 
Personifikation des Sexualproblems. Darum auch die Vielgestaltigkeit dieser 
gössen haben, das elbische Wesen jener Gegend die Verkörperung, die 
in die sich die sexuellen Angsmotive einer Gegend, eines Volkes ge- 

Die Sagen sind gleichsam die typische, episch gehaltene Form; 
sich verwandeln können. So besucht der Teufel die Mönche in Ge- 
stalt eines verführerischen jungen Weibes; wenn in einer Gegend {die 
Sagengestalt, der sexuelle Dämon, als weiblich dargestellt wird, so sucht 
er z. B. die Frauen heim, indem er die Gestalt eines jungen Mannes «an- 
nimmt usf. Das sind nur zwei Haupttypen der Verwandlungsfähigkeit. Häufig 
erscheint der Alp in Form von Mutter, Vater, Bruder, Schwester; es wird 
im Angstgebilde das Inzestproblem durchgenommen. Noch häufiger ist die 
Verwandlung in Gestalt tierischer und sachlicher Sexualsymbole: wütende 
Pferde, Schlangen, Böcke, Kombinationen zweier tierischer Sexualsymbole: 
Pferdekummet (weibliches Symbol) 1 ), Nagel (= Penis), Haare u. dgl. 
Beziehungen zum nächtlichen Angsttraume im Bette verraten noch die 
Darstellungen, wo sich der Alp (beim Erwachen 1) in ein Kissen iver- 
wandelt oder sich daraufgesetzt hat, oder der im Traume festgehaltene 
Alp sich in ein Strohbündel (des Strohlagers in der primitiven Kultur?) 
verwandelt. 

Das Symbol für das Sexualproblem im allgemeinen ist männlich 
oder Weiblich; im speziellen erhält aber der Dämon durch seine Ver- 
wandlungsfähigkeit Bisexualität (Schlangenjungfrau; vgl. die Para- 
diesschlange, die lals Symbol der Sexualität männlich, als Versucherin Adams 
weiblich ist und oft mit einem Frauenkopf dargestellt wird). 

Die Sagendämonen sind ausser Buhlgeistern auch Krankheits- 
oder Todes dämonen. Die unsichtbare, unfassbare Macht, die Krank- 
heit bringt, wird in den Alpgeistern personifiziert; sie verkörpern die 
Ursache der Krankheit; die Krankmachung wird als buhlerische, sadistische 
oder sonst perverse Handlung des elbischen Wesens dargestellt, welche 
den vom Alp Heimgesuchten schwächt. Die Wirkung der unbekannten 
Mächte wird also wieder in der Ursprache des Unbewussten als Sexual- 
handlung dargestellt. 

Mitbestimmend für diese Darstellung ist wohl die Wiederkehr der 
verstorbenen Angehörigen im Traum, also als elbische Wesen; ferner 
der Glaube an den bösen Blick 2 ). 

Die unbekannten Ursachen für ein Geschehnis werden personifiziert. 
Die Krankheit, der Tod, alles was dem Leben (dessen Symbol ein Sexual- 
symbol ist) feindlich ist, wird einem feindlichen Dämon zugeschrieben. 

1 ) L a i s t n e r nennt diese Objektsymbole der Luren (= Alpgeister) Lurode. 

2 ) Vgl. Freud, Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose. „Jahr- 
buch 44 I. Bd. 



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byVrUUglL UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Über einige Probleme der Sagendeutung. 437 

Ein Beispiel macht uns die Psychologie dieses Glaubens noch ver- 
ständlicher. 

Eine Dame mit Zwangsneurose kann nicht schlafen, wenn ihr Ge- 
sicht gegen die Wand gekehrt ist. Auch bei geschlossenen Augen fürchtet 
sie, schwächliche, kränkliche, alte Leute, die im Nebenzimmer in der 
Richtung ihrer Augen sich befinden, zu beeinflussen, dass sie krank 
werden und sterben. Der Urtypus dieser „alten schwächlichen, kranken 
Leute 4 ist ihr Vater. 

In dieser Phobie lag der Wunsch, der Vater möchte sterben, 
da er das bedeutendste Hindernis war, das ihr den Weg zum Leben, 
zum Mann, zur neuen Liebe versperrte. In der gleichen Phobie, im 
gleichen Symptom lag aber auch der Inzestgedanke, das Symbol für 
die Liebe zum Vater, von dem sie nicht loskam. Die Objekte und Menschen, 
die in der Blickrichtung lagen, wurden mit Sexualphantasien, deren Vor- 
bild eine der Pubertätszeit entnommene Deckphantasie für die Inzest- 
phantasie war, verknüpft. Die Vorstellung von hypnotischer Beeinflussung 
durch den Blick verstärkte die Phobie. 

In den antagonistischen Strömungen zwischen der libidinösen Ab- 
sorption durch den Vater und dem Wunsch, er möchte sterben, damit 
sie frei werde, haben wir ein Vorbild für die krankmachende, tötende 
Wirkung des Buhlgeistes. Der Wunsch, resp. die Phobie der Zwangs- 
neurose „vertritt regressiv Handlungen' 4 , wie Freud sagt. Statt der 
Tat ist in einem ersten Stadium der Regression, der intensive Wunsch 
mit dem Charakter der Umsetzung in die Tat vorhanden, verwandelt in 
die entsprechend intensive Phobie und die Angst, den Vater zu schädigen. 

Der Wunsch, den „Feind 44 zu schädigen, den wir in unserer Psycho- 
logie des Unbewussten reichlich vertreten finden, hat sein Gegenstück 
in der kausalen Projektion, bei der man annahm, der Wunsch eines uns 
feindlich gesinnten Wesens, Mensch, Zauberer oder Dämon, könne uns 
Schaden zufügen. 

Weitere Hilfsvorstellungen sind die Beobachtungen von geistiger Er- 
krankung, Fieberdelirien und ähnliches; diese Beobachtungen mussten ja 
den Zusammenhang zwischen Erkrankung und Buhlgeist (= Inhalt der 
Psychose) nahelegen. 

Die Abwehrmittel gegen die schädlichen Dämonen sind l>ekannt- 
lich wieder Sexualsymbole. Der Tod wird durch die Fruchtbarkeit be- 
zwungen. 

Die Bannung, Besiegung des Alps geschieht in der Weise, dass 
man ihn oder sein Symbol durch das Symbol einer Sexualhandlung fest- 
hält oder tötet. Man nagelt den Strohhalm, das Haar u. dgl. an die Wand, 
am andern Tage hängt dort der tote Alp, oder das elbische Mädchen, 
das einem besucht hat, oder ein feindlicher Nachbar, Nachbarin, die 
einen nachts als Alp gedrückt hatten. 

Die Nagelsymbolik entspricht etwa derjenigen, wo sich das Mäd- 
chen und dessen Vulva trennten (Sexualverdrängung), weil sie nicht mehr 
miteinander leben wollten x ). Das Mädchen ohne Vulva erlebte sofort Miss- 
erfolge und die Vulva wurde sehr verächtlich behandelt Sie beschlossen 
sich wieder zu vereinigen und mussten zusammengenagelt werden. Der 



*) Das Beispiel ist einem der folkloristischen. Werke von Krauss ent- 
nommen; die Stelle ist mir nicht mehr erinnerlich. 



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byVrUUglL UNIVERSITYOF MICHIGAN 



438 Dr. F. Riklin, 

Nagel aber, der sie fest zusammenfügte, war ein Phallus. Ein Mittel zur 
Abwehr des Alps ist ein Messer, das man senkrecht auf der Brust 
(Lokalisation der Angst = des Sexualproblems) aufpflanzt. 

Eine andere Art der Oberwindung ist das Festklemmen des Alps 
in eine Baumspalte oder einen Schraubstock. Das ganze elbische Wesen 
oder dessen Finger bleiben eingeklemmt, und der verstümmelte Alp 
kehrt nicht wieder. Wir dürfen nach den Selbsterklärungen vieler Sagen 
und lan der Hand zahlreicher Analysen diese Mittel als Symbole von 
Sexualakt und Entmannung (Finger als Penissymbol; Penis als 
Symbol des Lebens, der Wirksamkeit) ansprechen. 

Der Riese, dessen Lebensei (Fruchtbarkeits- und Sexualsymbol) ge- 
funden und zerschlagen wird, stirbt; der Alp, der den Finger hat lassen 
müssen, ist unwirksam geworden. 

Die „Rationalisation* 4 , welche das Angsttraummotiv zur epischen Sage 
gestaltet, macht aus dem Mann, der den Finger des Alps in einen Baum 
einklemmt, einen Holzhacker, aus dem, der ihn in den Schraubistock 
klemmt, einen Schmied, aus dem, der den Pferdekummet findet, der sich 
in ein elbisches Mädchen verwandelt, einen Fuhrmann. 

In zahlreichen Sagen werden vom Alp Fragen an den von ihm 
Heimgesuchten gestellt, Examina mit ihm veranstaltet. Das Rätsel der 
Sphinx ist ein Spezialfall dieser Art. Wer das Examen besteht, ist vom 
Alp befreit, wer es nicht löst, wird vom Dämon gefressen, getötet, ver- 
gewaltigt, gequält. Die Form des angstvollen Examens erscheint in zahl- 
reichen Variationen unjd Stilisierungen. Für diese Fragepein besitzen wir 
genügendes Verständnis, wenn wir uns vergegenwärtigen, dass das erste 
grosse Geheimnis, die Urform der späteren grossen intellektuellen Probleme, 
in der Kindheit das Geheimnis der Sexualität ist, die Frage nach der 
Herkunft und dem Ursprung des Menschen, das Problem von Leben und 
Tod 1 ). Zwei Beispiele möchte ich anführen, welche diese Erfahrung 
stützen und bestätigen, dass die späteren intellektuellen Probleme durch 
eine Unterfütterung durch diese erste grosse Frage des Kindes, durch 
das infantile Sexualproblem, getragen werden. 

Bei einem elfjährigen Mädchen wurde die Frage nach der Her- 
kunft der Kinder in der Analyse endgültig gelöst, nachdem in den Sym- 
ptomen fund Träumen beständig dieses Problem erörtert worden war. 
Denn die elterliche Autorität gab eine natürlich lügenhafte Erklärung über 
diese Frage, die den vom Kinde gesammelten Beobachtungen widersprach 
und sie kraft der Autorität niederhielt. Es hiess, die kleinen Kinder werden 
in einer Grube vom Berg drüben geholt; wie konnten sie auch aus dem 
Leibe der Mutter kommen, da sie ja Kleidchen tragen und im Kinderwagen 
liegen. Ein solcher Wagen hätte ja im Leib der Mutter gar nicht Platz. 
Diese Erklärung wurde vom Kinde kraft der Autorität festgehalten Und 
sogar verteidigt, während die eigenen Beobachtungen verdrängt wurden 
und in allerhand Symptomen und Geschehnissen gegen diese Vergewal- 
tigung protestierten. Als nun in der Analyse diese Kenntnisse befreit, das 
Rätsel gelöst, das befreiende „rechte Wort" der Sagen gesprochen war, 
geschah etwas Merkwürdiges: Drei, vier Stunden lang stellte das Kind 

x ) Wir besitzen jetzt darüber zwei klassische Arbeiten in der „Analyse 
des kleinen Hans 41 von Freud und „Über Konflikte der kind- 
lichen Seele" von Jung (Jahrbuch). Vgl. auch" die „Prüfungs träume" in 
Freud 's Traumdeutung, II. Aufl. S. 191/192. 



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byVrUUglL UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Über einige Probleme der Sagendeutung. 439 

Fragen über die Herkunft aller Erzeugnisse, des Brotes, der Blumen, der 
Samen, der Früchte und Gemüse, dann des Holzes, des Geschirrs, der 
Möbel usf. usf. Die Grundfrage hiess immer: „Woher kommt das? 44 und 
„Wie macht man das? 44 „Wie wird es erzeugt, geschaffen? 44 Zuerst 
wurde noch an der ganzen Tierreihe und am ganzen Pflanzenreich durch- 
genommen, dass jedes Wesen vom Samen der Eltern abstammt. Nachdem 
in der Grundfrage, die allen anderen intellektuellen Fragen vorangeht, 
eine Revision die rechte Antwort gefunden hatte, musste eingehend veri- 
fiziert werden, ob man von den Eltern und Lehrern nicht in den anderen 
Fragen schlecht belehrt, .angelogen worden sei; es beruhigte sich all- 
mählich, als es sah, dass die Lüge nur die Hauptsache, nicht aber diese 
andern Fragen betroffen hatte. 

Der Fall belehrt uns wieder, dass die Kinderfragen, der Trieb nach 
Erkenntnis, von der grossen Hauptfrage genährt werden: „Woher stammt 
der Mensch? 44 Die Frage ist im Rätsel der Sphinx stilisiert, und wenn 
wir die Beispiele von Fragepein in der Sage durchgehen, so decken 
sie sich mit unserer Anschauung. 

Wenn in der Sage der vom elbischen Wesen Betroffene erlöst ist, 
wenn er z. B. „des Flachses Qual 44 kennt, d. h. sagen kann, wie man den 
Flachs sät, rauft, bricht, spinnt, webt, bleicht, näht, trägt, flickt, und 
wie ihn endlich der Lumpenmann sammelt und man aus Lumpen Papier 
macht 1 ), so erkennen wir, wie bei unseren Mädchen, dass die Erlösung 
dank der engsten genetischen Beziehungen zwischen diesen Fragen und 
der Hauptfrage nach der Herkunft des Kindes eintritt. 

Die Fragen der sphingischen Wesen, von der die Frage nach des 
Flachses Qual ein Beispiel ist, decken durch Verschiebung und auf Grund 
der Abkunft der intellektuellen Triebe aus der sexuellen Libido, die Frage 
nach der Herkunft des Menschen. Die Examenangst ist somit das Äqui- 
valent der Sexualangst und hat diesen infantilen Ursprung. 

Die Zwangsneurose, bei der Gedanken und Handlungen, namentlich 
jedes intellektuelle Problem einen Zuschuss aus der unsublimierten, ver- 
drängten Sexualität erhält, wodurch jedes Problem und jede Handlung 
gleichsam sexualisiert wird, gibt uns zahlreiche Beispiele für die Zu- 
sammenhänge. 

Das zweite Beispiel, das sich zur Erklärung der Fragepein der Sagen, 
zur Erläuterung des Satzes, dass hinter dem Wissenstrieb und den philo- 
sophischen Fragen eine „Doublure 44 des grossen Sexualproblems der Kind- 
heit steckt, habe ich seither 2 ) kurz erwähnt. 

Der fünfjährige Knabe stellt sich die Frage vom Ende der Welt. 
Die Welt ist bei ihm flach. Zuerst kommt Land, dann am Rande des 
Landes Wasser. Den Abschluss, jdas Ende der Welt, bildet eine hohe, 
undurchsichtige Bretterwand. Was aber ist dann jenseits dieser Wand? 
Wieder Wasser? Wo aber ist dann das Ende? Da befällt ihn grosse 
Angst; er läuft weinend zur Mutter, birgt sich in ihrem Schoss; er sucht 
also die Gemeinschaft mit dem geliebten Wesen, welche die Angst immer 
mildert. Bezeichnenderweise erzählt er ihr aber nichts von dem In- 
halt der intellektualisierten Angstvorstellung; wir verstehen das nur, wenn 
wir wissen, dass sich im Laufe der Erziehung bereits eine Trennung 
zwischen ihm lund den Eltern vollzogen hat. Die Sexualität ist schon unter- 

!) Laistner, S. 8. 

2 ) Jahrbuch, II. Band 1910: „Aus der Analyse einer Zwangsneurose". 



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byVrUUglL UNIVERSITYOF MICHIGAN 



440 Dr F. Riklin. 

drückt, verboten. Wenn das Problem vom Ende der Welt, wie wir an- 
nehmen, vom Problem der Sexualität direkt getragen wird, wofür ja 
die Angst spricht, weil das Ziel nicht erreicht, die Lösung nicht gefunden 
wird, dann kann er instinktiv der Mutter auch das übertragene Problem 
nicht mitteilen, die Gemeinschaft ist unterbrochen. 

Nach Jahr und Tag veranstaltete der junge Mann mit Freunden 
zusammen einen Abend, wo man sich Kindheitserinnerungen erzählte. 
Er wusste noch nichts von Freud. Aber in dieser Zeit tauchte diese 
Kindheitserinnerung mit besonderer Wärme in ihm wieder auf, und gab 
den Impuls zu dieser Veranstaltung. Wir glauben den Grund zu diesem 
starken Wiederaufleben darin durchblicken zu sehen, dass in der Gesell- 
schaft sich eine junge Dame befand, zu der er grosse Zuneigung gefasst 
hatte. Wesentlich war, dass diese kleine Gesellschaft den Rahmen bildete, 
in dem er sie sah und kennen lernte. Ihretwegen mussten also offenbar 
die Kindheitserinnerungen erzählt werden. 

Erst später wurde er auf die Analyse dieser Dinge gestossen. Die 
ängstliche Frage im Problem vom Ende der Welt lautete: „Was ist 
jenseits der Bretterwand?" Woher stammt nun diese Bretterwand? In 
seiner Jugend befand sich die Badeanstalt an einem grossen Teich. An 
einem Ende desselben führte ein kleiner Steg zur Badeanstalt für die 
Mädchen, die ins Wasser eingebaut und durch eine grosse Bretterwand 
abgeschlossen war. Diese Bretterwand im Wasser deckt sich genau mit 
dem Bild der Bretterwand in der Kindheitsphantasie des Knaben. Hinter 
der Frage nach dem Ende der Welt steckt also die Frage: „Was ist 
hinter jener Bretterwand? Und da befindet sich das grosse Unbekannte* 
das man micht wissen darf: Da ist die Sexualität in Form badender Frauen 
und Mädchen. Das darf man nicht sehen. 

Wo die Frage gelöst ist, wo wir mit der Sexualität eins sind, 
wo wir klar hindurchsehen, wo das rechte Wort gefunden, das Ziel er- 
reicht ist, da hört die Angst auf, da ist die Erlösung vom Alp. 

Statt der Erlösung vom Alp durch das rechte Wort, durch 
die Rätsellösung, haben wir in den Schatzsagen eine andere Form 
vor ums. Zum verborgenen Schatz (mit seiner analerotischen Bedeutung) 
gehört irgend ein Alpwesen, gewöhnlich eine Schatzjungfrau mit aller- 
hand sexualsymbolischen Attributen oder entsprechenden Verwandlungs- 
möglichkeiten. Sie kann erlöst werden (d. h. der Inhalt des Sexual- 
problems, der Sexualwunsch erhält seine Befriedigung), wenn die Jung- 
frau von einem unbefleckten Jüngling so und so lange festgehalten wird. 
Dabei verwandelt sie sich aber in alle möglichen Ungetüme, in (denen 
wir die typischen Sexualprobleme erkennen, und der Jüngling hält (es 
gewöhnlich nicht aus, kann sie nicht erlösen, darum der Angstcharakter 
des Gebildes — und geht gewöhnlich zugrunde, erkrankt und stirbt 
Genau wie im Leben, wo der Verzicht auf die Sexualität zum Todes- 
gedanken in all seinen Formen, zum Selbstmord oder zu der gemilderten 
Form der unbewusst beabsichtigten Unfälle oder zur Neurose führt. 

Die Volkssagen stehen in enger Beziehung zum Märchen; in den 
Märchenfiguren entdecken wir fast immer Alpwesen mit ihren Attributen, 
die in der Märchenerzählung neueingekleidet und überarbeitet sind. 

Während in den Sagen der Angstcharakter des Sexualprobletms 
dominiert, ringen sich die Märchen gewöhnlich zur Wunscherfüllung durch. 



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n. 
Vorläufer FreucTscher Gedanken. 

Von Herbert Silberer. 

Der Zürcher Psychopatholog Professor Dr. E. Bleuler hat in 
seiner trefflichen Apologie und Kritik der Freud'schen Psychanalyse x ) 
etwas geltend gemacht, das auf so manche Angriffe, die den Freud- 
schen Lehren Extravaganzen zuschreiben, eine richtige Antwort gibt. Er 
zeigt nämlich, dass Freud Begriffe und Anschauungen verarbeitet hat, 
die schon vorher sich der Achtung und Anerkennung der psychologischen 
Forschung erfreut haben, also schon längst sozusagen ihre Existenz- 
berechtigung erlangt hatten, ehe sie zur Neuschöpfung der Psychanalyse 
als Bausteine aufgegriffen wurden. Ich möchte aus den B 1 e u 1 e r'schen 
Ausführungen folgende Sätze hervorheben: 

„. . . Die Berechtigung zu dieser Ansicht (über den Wert der 
psychischen Tiefenforschung) gibt mir nicht nur die spezielle Erfahrung 
auf diesem Gebiete, sondern auch der Umstand, dass die Freud'schen 
Ideen der bisherigen Psychologie gar nicht so fremd waren, wie es manchem 
scheinen mag, die die Psyche bisher von ganz anderer Seite zu er- 
forschen gesucht hatten. Recht viele der Details waren eben nicht ganz 
unbekannt, nur hatte ihnen niemand die Beachtung gezollt, die sie ver. 
dienen. Das Geniale der Ideen liegt ausser in der Methodik viel weniger 
in der Entdeckung der einzelnen Tatsachen, als in dem Zusammenbange, 
den Freud hineinbrachte, und in der Bedeutung, die er den Erschei- 
nungen zu geben wusste." 

Nicht nur von den Bausteinen selbst, auch von dem Mörtel, der 
sie vereinigt, auch von den Gehäudeplänen, nach denen die heutige Psych- 
analyse mit ihren Theorien der Verdrängung, der Flucht in die Krank- 
heit etc. erbaut worden ist, findet sich so manches Stückchen da Und 
dort verstreut bei älteren Forschern, bei Philosophen, bei Dichtern. Dass 
Werke der Phantasie, dass Dichtungen und Mythen die F r e u d'schen Mecha- 
nismen an sich zeigen, ist nicht überraschend, seitdem wir um ihre 
Verwandtschaft mit den Träumen wissen; dass Mythen und Märchen diese 
Mechanismen selbst als Stoff behandeln und ihn also gewissermassen 
unbewusst erkennen und mitteilen, glaube ich in meiner Abhandlung 



*) E. Bleuler, „Die Psychanalyse Freud's. Verteidigung und kritische 
Bemerkungen." Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische For- 
schungen, Jahrgang 1910, II. Haibband (F. Deuticke, Wien). 



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442 Herbert Silberer, 

„Phantasie und Mythos 44 x ) genugsam erörtert, ja als einen häufigen Fall 
gezeigt zu haben; dass aber die Behandlung dieser erst jetzt, dank der 
modernen Psychanalyse, genauer bekannten psychischen Mechanismen 
von Dichtern und älteren wissenschaftlichen Autoren bewusst behandelt 
wird, ist ein seltenerer Fall, wenn man auch, bei einigem Suchen, auf 
genug der interessanten Beispiele etossen wird. 

Bleuler selbst zitiert zweimal Nietzsche. Dieser bemerke schon 
in „Menschliches, allzu Menschliches 44 , dass das Traumdenken das gleiche 
sei wie das „kausale 44 Denken früherer Zeiten, das uns jetzt zum Teil 
als ein Denken in Symbolen vorkommt 2 ). Über die Verdrängung von Er- 
innerungen erfährt man bei Nietzsche („Jenseits von Gut und Böse 44 , 
IV. 68): „Das habe ich getan, sagt mein Gedächtnis; so kann ich nicht 
getan haben, sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich gibt 
das Gedächtnis nach. 44 

Die Zitate aus Nietzsche werden den Lesern nicht überraschend 
kommen. Dass aber, wie ich gleich zeigen werde, in einem B u 1 w e r 'sehen 
Roman ein ganz erstaunliches Stück Verdrängungstheorie, Flucht in die 
Krankheit usw. nicht nur in der Handlung vorkommt, sondern mit wissen- 
schaftlicher Klarheit ausgesprochen wird, das werden wohl die wenigsten 
Leser erwartet haben. Ich bitte also, die „Seltsame Geschichte 44 
(„A stränge Story 44 ) von Edward Lyttan Bulwer zur Hand zu 
nehmen und dort jene Kapitel nachzulesen, deren für uns wichtigste 
Stellen ich zur grösseren Bequemlichkeit hierhersetze. Zuerst einen im 
53. Kapitel stehenden Passus, der das Phänomen der Verdrängung be- 
schreibt. Von dem deutschen Obersetzer Dr. Carl Kolb wird eben 
dieser Ausdruck („verdrängen 44 ) gebraucht. 

Die Stelle lautet: 



*) Herbert Silberer, „Phantasie und Mythos, vornehmlich vom Ge- 
sichtspunkt der funktionalen Kategorie aus betrachtet.** Jahrbuch für psychoana- 
lytische und psychopathologische Forschungen. 1910, II. (F. Deuticke, Wien.) 

*) Die Erklärung, warum uns dieses ehemalige Denken als ein solches in 
Symbolen vorkommt, ist natürlich bei genug anderen Autoren anzutreffen, die weit 
mehr hierüber sagen als Nietzsche. Mir fällt momentan die hübsche Stelle aus 
Schelling's Dissertation über Genesis III (de prima malorum humanorum 
origine) ein: „Erat igitur illis antiquissimi orbis philosophis eadem, quae nobis, 
ratio ad scrutandas res altiores dux et auspex, cumque ad sensus omnia exigant 
homines antiquissimi, et ipsa eorum lingua et indoles universa ferat poeticam atque 
symbolicam traditionum formam, ptöoi sapientiam suam involverunt, amabilem 
infantiae humanae simplicitatem, conjunctamque cum hac veritatem et insignem 
saepe sublimitatem prae se ferentibus. Quid vero, si hanc philosophandi rationem 
ipsa temporis illius et linguae antiquissimae universa indoles necessario 
tulit ? Quid si necessitate adacti antiquissimi philosophi sententias suas 
fabulis involverunt? Nonne nostrum erit, rei ipsius et imaginum, sub quibus illae 
latet, accuratum facere discrimen ?" Hierzu führt Schelling Heyne an: „Nee 
vero hoc (per fabulas) philosophandi genus recte satis appel- 
latur allegoricum, cum non tarn sententiis involucra quaere- 
rent homines studio aliquo argutiarum, quam quod animi 
sensus quomodo aliter exprimerent, non habeban t." Und wenn 
sich dies auch in erster Linie auf die sprachlichen Schwierigkeiten bezieht, so 
ist doch damit implicite auch die Mangelhaftigkeit der begrifflichen Auffassung 
ausgesagt. Nicht jiur den anderen, auch sich selbst konnten die fabulierendem 
Menschen das, was sie begreifen wollten, nicht anders klar machen als in jenen 
umschreibenden Bildern, die unseren heutigen Traumgestalten so verwandt sind. 
Den Hinweis auf den Traum bringt der Philosoph allerdings nicht. 



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Vorläufer Freud'scher Gedanken. 443 

„Ich wiederhole daher, es ist ein Beispiel von der alles füeder- 
werfenden Tyrannei des Alltaglebens, dass es, wenn immer ein auffallendes 
Ereignis den regelmässigen Lauf seines Denkens und Treibens stört, feich 
beeilt, den Gegenstand, der ihm unbequem geworden ist, 
in seinem Sand zu begraben, und zwar um so schleuniger, je 
unerklärlicher und wunderbarer 1 ) die Erscheinung und je mehr sie ge- 
eignet war, uns zu verschüchtern und in Staunen zu setzen; der Geist 
kann dann nicht schnell genug ein Rätsel beiseite schaffen, das krank- 
machend auf den Verstand einwirken könnte, der es zu lösen ver- 
sucht. Wir gehen mit erneutem Eifer an unsere weltlichen Geschäfte, 
fühlen die Notwendigkeit, uns selbst zu beweisen, dass wir noch nüchterne, 
praktische Menschen sind, und haben keine Lust, uns verderben zu lassen 
für die Welt, die wir kennen, durch ungebetene Besuche und Welten, 
wo jeder Blick, den wir jn^ach ihnen entsenden, sich alsbald in der 
Mitte von Schatten verliert. Und wir wundern uns dann darüber, [wie 
schnell solche Vorfälle, obschon sie nicht wirklich vergessen sind, sondern 
willkürlich wieder hervorgerufen werden können, vielleicht nur allzu leb- 
haft für unser leibliches Wohlbefinden, sozusagen aus den Augen des 
Geistes sich verdrängen lassen, wie man nach wiederhergestellter 
Gesundheit, die Schienen und Krücken, welche uns an ein gebrochenes 
Glied erinnern, in die Rumpelkammer wirft. Es ist ein glücklicher Zug 
in unserer Organisation, und er muss schon allen Ärzten aufgefallen sein, 
dass ein körperlicher Schmerz, der überstanden ist, so bald aus der 
Erinnerung schwindet und der Geist so gar keine Geneigtheit mehr zeigt, 
an denselben zurückzudenken. Kein Mensch, wenn er sich auch nur 
seit einer Stunde von einem tobenden Zahnschmerz oder einer heftigen 
Neuralgie befreit fühlt, setzt sich in seinen Armsessel, um über die durch- 
gemachte Qual Betrachtungen anzustellen. Ebenso verhält sich's mit ge- 
wissen geistigen Bedrängnissen — nicht solchen, welche uns in unseren 
Neigungen treffen, aus Vermögensverlusten hervorgehen oder unsere ganze 
Zukunfl mit dem Gefühl eines unersetzlichen Verlustes überschatten, 
sondern wo eine Not, ein Unglück uns zufällig betroffen hat und eine 
Episode in unserm gewohnten Leben bildet, wo die Sache rein uns selbst 
betrifft und mit einem Gefühl von Scham oder Demütigung 
sich verbindet, wo der Schmerz der Erinnerung unnütz zu sein 
scheint und eine Hingabe an denselben fast wahnsinnig machen könnte. 
Bei derartigen quälenden Rückblicken verweilen wir nicht, wie 
bei dem Tod oder der Untreue geliebter Freunde oder bei der Kette von 
Ereignissen, durch die wir vom Reichtum zur Armut übergingen. Nie- 
mand, der sich z. B. aus einem Schiffbruch rettete, vor dem drohenden 
Sturz in einen Abgrund bewahrt blieb oder dem Rachen eines Tigers 
entrann, verwendet Tage und Nächte darauf, um sich die Schrecken 
der Vergangenheit wieder zu vergegenwärtigen, Schicksale, die er nicht 
wieder befürchtet, sich auszumalen oder, wenn er sich nicht dagegen 
gesichert weiss, sie sich anders zu vergegenwärtigen, denn als eine Er- 
fahrungsschule, die ihm zur Witzigung dienen mag. 44 

Hier wird also neben der Tatsache der Verdrängung auch eine 
subjektive psychologische Begründung sowie eine biologische Bewertung 



1 ) Bezieht sich auf einen im Roman behandelten Fall, der ins Gebiet des 
„Wunderbaren" schlägt 



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444 Herberfc Silberer, 

vorgetragen. In einer Note im 56. Kapitel teilt Bulwer aus Aher- 
crombie („Über die intellektuellen Vermögen' 1 ) die Beobachtung dieses 
Autors mit: „Soweit ich die Sache erforschen konnte, scheint bei solchen 
Fällen Regel zu sein, dass, wenn das Gedächtnis bis zu einem gewissen 
Grad geschwächt ist, der völlige Verlust sich zurückbezieht auf ein Er- 
eignis oder auf eine Periode, durch welche ein besonders tiefer 
Eindruck auf den Geist gemacht wurde. 41 Wir stünden also hier vor 
dem Begriff des psychischen Traumas. Bulwer's dichterische Phantasie 
ahnt aber noch ganz andere Dinge. Sie sagt ihm noch weit mehr über 
die Verdrängung und über das Trauma; sie belehrt ihn über die pathogene 
Wirkung eines Komplexes, über die Wunscherfüllung und sogar über 
die Flucht in die Krankheit. Man lese nur die folgende Par- 
stellung aus dem 71. Kapitel, die der Autor einem Arzt in den JVlund 
legt. Die darin genannte Lilian, eine Figur des Romans, ist infolge eines 
Traumas oder einer Traumenkette in einen Zustand des Wahnsinns ge- 
raten; anfallsweise glaubt sie sich in höheren Regionen zu befinden. 
„Ich erinnere mich aus meiner eigenen Erfahrung eines Falles, 
der in vielen Beziehungen diesem (dem Fall Lilian) ähnlich, in anderen 
aber weniger hoffnungsvoll war. Ein junger Student von sehr schwäch- 
licher Konstitution, aber grosser Energie und glühendem Ehrgeiz, holte 
meinen Rat ein. Er präparierte sich auf die Erwerbung der Doktorwürde 
und achtete nicht auf meine Vorstellungen, als ich ihn bat, seinem 
Geist Ruhe zu können. Meiner Meinung nach konnte es ihm nicht fehlen, 
die Auszeichnung, nach der er trachtete, zu erringen; aber ebenso über- 
zeugt fühlte ich mich auch, dass er einige Monate nachher seinen Er- 
folg mit dem Leben werde zahlen müssen. Beide diese meine Voraus- 
setzungen erwiesen sich als trüglich. Er überarbeitete sich so, dass ihn 
am Tage der Examination in der Aufregung seiner Nerven das Gedächtnis 
im Stiche Hess, und obschon er bestand, blieb er doch weit zurück gegen 
seine Mitbewerber, die er zu überbieten gehofft hatte. Hier wirkte nun 
der aufgereizte Geist auf das in seinen Hoffnungen getäuschte Herz und 
rief eine neue Reihe von Erregungen hervor. Zuerst wurde er von ge- 
spenstischen Illusionen heimgesucht, und dann verfiel er in einen Zu- 
stand, in welchem die äussere Welt ganz verschwunden zu sein schien. 
Er achtete auf nichts, was man ihm sagte, schien das, was man ihm 
vor die Augen hinlegte, nicht zu sehen, und an die Stelle der schlum- 
mernden Empfindungen traten vorgefasste Ideen, die ihm Vergnügen 
machten. Er glaubte, sein Genius sei anerkannt, lebte unter 
den vermeintlichen Schöpfungen desselben und erfreute sich eines ein- 
gebildeten Ruhmes. Dies hielt zwei Jahre an. Während dieser Zeit hatte 
sein schwächlicher Körper an Masse und Kraft zugelegt. Nach Ablauf 
derselben wurde er von einem Fieber befallen, das in drei Tagen ihn 
aufgerieben haben würde, wenn er in der Periode meiner ersten Be- 
suche daran erkrankt wäre- Er überwand dasselbe, und mit der Ge- 
nesung kehrten auch alle die intellektuellen Vermögen zurück, die so 
lange aufgehoben gewesen waren. Als ich ihn vor vielen Jahren zum 
letztenmal sah, befand er sich in vollkommen gutem Wohlsein und das 
Ziel seines jugendlichen Ehrgeizes war erreicht; der Körper hatte den 
Geist unterstützt und er Auszeichnung errungen. Durch was war 
nun wohl dieser kräftige Verstand zeitweilig in einen 
visionärenSchlafversenkt worden? DurcheinenAffekt, 



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Vorläufer Erend'scher Gedanken. 445 

der für den edlen Geist der quälendste ist — die Scham. Was 
hat den schweren Schlag auf Ihre Lilian geführt? Ich kenne die Ge- 
schichte aus Ihrem eigenen Mund; die Scham — die Scham einer so 
ausgezeichnet reinen Natur. Bemerken Sie indes, dass in dem 
Fall des Studenten wie in dem ihrigen die Erschütte- 
rung keine Reihenfolge von schmerzlichen Illusionen 
hervorrief — sie sind im Gegenteil bei beiden in der Regel ange- 
nehm. Im ersteren Falle würde der Körper gelitten haben und der 
Kranke untergegangen sein. Aber wie kann eine schmerzliche Er- 
schütterung angenehme Sinnentäuschungen hervorrufen ? 
Weil sie, gleichviel wie der ursprüngliche Eindruck auf die Nerven sein 
mag, in ihrer Einwirkung auf den Verstand düe früher liebgewonnenen 
Ideen mit einer solchen Lebhaftigkeit hervorruft, dass die Eindrücke der 
wirklichen äusseren Gegenstände nicht aufgefasst werden. Bei den 
Studenten galten diese Ideen dem irdischen Ruhm, bei der Jungfrau be- 
schäftigen sie sich mit tröstenden Engeln und himmlischen Paradiesen. 
Ihr Geist wandelt nicht auf der Erde, sondern ergeht sich, während wir 
sprechen, in höheren Regionen." 

Kann ein nicht fachlich geschulter Psycholog eine beredtere Dar- 
stellung des psychologischen und biologischen Charakters der „Flucht 
in die Krankheit" geben? Bulwer hat freilich nicht alles, aber doch 
einige der wichtigsten Bestandteile der Lehre mit der ihm eigenen An- 
schaulichkeit erfasst. Er kleidet die instinktive Erkenntnis in die an- 
schauliche Form der Erzählung — eben wie es die mythenbildenden alten 
Völker mit ihren Erkenntnissen taten: „quod animi sensus quomodo aliter 
exprimerent, non habebant I" 

Bulwer kennt (auf „mythologische 4 * Weise zum mindestens, wie 
gar viele Dichter) auch die symbolische Art, wie sich im Delir die Kom- 
plexe äussern. Gegenstand der Schilderung ist die erwähnte Lilian, die 
einen (erotischen) Komplex verdrängt hat, dessen sie sich schämen Izu 
müssen glaubte und infolge dessen die consummatio matrimonii mit dem 
geliebten Manne, dem sie vermählt worden ist, bis auf weiteres ver- 
eitelt wird. 

„Ich (der Gatte) hörte Lilian seufzen und sah verstohlen zu ihr hin. 
In ihren sanften Augen standen Tränen; ihre Lippe bebte. Dann begann 
sie mit der rechten Hand über die linke, gerade über ihren Trauring, 
hin- und herzufahren — zuerst langsam, dann immer schneller. 

„Er ist nicht da 4 ', sagte sie ungeduldig. „Er ist nicht dal" 

„Was ist nicht da?* 4 fragte Frau Ashleigh (Lilian 's Mutter), sich 
zu ihr niederbeugend. 

Lilian schmiegte den Kopf an gegen den Busen der Mutter und 
antwortete in mattem Tone: 

„Der Flecken. Es hat Jemand gesagt, es sei ein Flecken auf dieser 
Hand. Ich sehe ihn nicht — Sie vielleicht? 44 

„Es ist nie, nie einer dagewesen 44 , nahm ich das Wort. „Die Hand 
ist weiss wie Deine Unschuld oder wie die Lilie, von der Du den Namen 
hast. 14 

„Bstl Du weisst meinen Namen nicht. Ich will ihn Dir zuflüstern — 
leise. Ich heisse Nachtschatten I Weisst Du, wo jetzt die Lilie ist, Bruder? 
Ich will Dir's sagen. Da, in diesem Brief — Du nennst sie Amy 1 ). Sie 

x ) Ein junges Mädchen, von dem ein eben vorgelesener Brief erzählte. 



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446 Herberfc Silberer, 

ist die Lilie — nimm Sie an Deine Brust und verbirg sie. BstI Was 
sind dies für Glocken? Hochzeitglocken 1 Sie darf sie nicht hören; denn 
ein gransamer Wind flüstert der Glocke zu und die Glocken singen es ihm 
nach, immer lauter und lauter, 

,Fleck auf Lilie, 
Schmach auf Lilie, 
Welke Lilie! 1 

Wenn sie hört, was der Wind den Glocken zuflüstert, dann verkriecht 
sie sich in die Dunkelheit und wird auch zum Nachtschatten." 

Das Reiben des vermeintlichen Fleckes an der Hand (sehr schön 
an die Stelle des Traurings lokalisiert) erinnert an den Waschzwang der 
Lady Macbeth (Shakespeare, „Macbeth", V. Akt, 1. Szene): „Wie, 
wollen diese Hände denn nie rein werden? 11 Arzt und Kammerfrau be- 
obachten die Lady: 

Arzt: „Was macht sie nun? Schaut, wie sie sich die Hände 
reibt." 

Kammerfrau: „Das ist ihre gewöhnliche Gebärde, dass sie tut, 
als wüsche sie sich die Hände; ich habe wohl gesehen, dass sie es eine 
Viertelstunde hintereinander tut." 

Der Dichter kann, nebenbei bemerkt, schon aus ästhetischen Gründen 
nur solche Symptome brauchen, die deutbar sind. Eben deswegen können 
Dichter [und Künstler geradezu als Pfadfinder in der Psychanalyse gelten — 
sie sind es sozusagen per accidens. Richard Wagner lässt seinen 
Hans Sachs in den „Meistersingern" mit guter Bedeutung sagen: 

„Grad das ist Dichters Werk, 

Dass er sein Träumen deut' und merk'; 

Glaub' mir, des Menschen wahrster Wahn 

Wird ihm im Traume aufgetan. 

All Dichtkunst und Poeterei 

Ist nichts als Wahrtraumdeuterei." 
Mit Recht hat Dr. Alfred Robitsek 1 ) diese Stelle in Beziehung 
zur Psychanalyse aufgegriffen. 

Zeigt sich der Verfasser der „Seltsamen Geschichte", wie wir oben 
sahen, in die Geheimnisse der subtilsten Seelenmechanismen leingeweiht, 
so wäre es überraschend, wenn er nicht auch die viel leichter zugäng- 
liche Erscheinung der wunscherfüllenden Erinnerungstäuschung im All- 
tagsleben kennte. Im 39. Kapitel heisst es von einer Dame, die von einer 
unangenehmen Sache, die eine ihr sympathische Person betroffen hat, 
eine etwas ungenaue, in tendenziöser Weise korrigierte Darstellung, doch 
offenbar bona fide, gibt: „Frau Poyntz erzählt ihre Geschichte, wie Frauen 
in der Regel tun — sie fallen in Irrtümer, sobald sich's um Rechtsfrageh. 
handelt; und vielleicht ohne es zu wissen, webt die Weltdame die 
Tatsachen ihrer Erzählung so ineinander, dass die persönliche 
Würde ihres Helden, an dem sie ein Interesse genommen 
hat, geschont bleibt." 

Viel Stoff bietet zur psychanalytischen Bearbeitung E. T. A. Hoff- 
m a n n dar. Ich will mich heute um so weniger auf Zergliederungen ein- 

*) Im Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen 
1910, II., gelegentlich einer „Analyse von Egmonts Traum**, die mir ebenso geist- 
reich und anerkennenswert als in manchen Stücken gewagt erscheint. 



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Vorläufer Frend'acher Gedanken. 447 

lassen, als ich vorhabe, es bei anderer Gelegenheit zu tun. Ich will dies- 
mal nur, gemäss den Absichten dieser kleinen Betrachtung, eine Stelle 
erwähnen, in welcher der Autor selbst eine Anschauung ausspricht, die 
den Psychanalytikern vollkommen mundgerecht wäre: 

„ . . . Gewiss ist es, dass, so angeregt 2 ), alle Melodien, die aus dem 
Innern hervorgehen, uns nur der Sängerin zu gehören scheinen, die |den 
ersten Funken in uns warf. Wir hören sie und schreiben es nur auf, was 
sie gesungen. . . . Glücklich ist der Komponist zu preisen, der niemals 
mehr im irdischen Leben die wiederschaut, die mit geheimnisvoller Kraft 
seine innere Musik zu entzünden wusste. Mag der Jüngling sich heftig 
bewegen in Liebesqual und Verzweiflung, wenn die holde Zauberin von 
ihm geschieden, ihre Gestalt wird ein himmelherrlicher Ton und der lebt 
fort in ewiger Jugendfülle und Schönheit, und aus ihm werden Melodien 
geboren, die nur sie und wieder sie sind. Was ist sie denn jiun 
anderes als das höchste Ideal, das aus dem Innern 
heraus sich in der äussern fremden Gestalt spiegelte/ 4 
Die Psychanalytiker werden ihr Verslein darauf schon selbst machen. 

Eine höchst frappante Entwicklung psychanalytisch-therapeutischer 
Grundsätze mit Aufdeckung des pathogenen Komplexes an einem konkreten 
Krankheitsfall habe ich in Justinus Kerners berühmtem Werk „Die 
Seherin von Prevorst" *) gefunden. In dem Kapitel „Heilversuche an 
Andern** wird da die Heilung einer geisteskranken Gräfin von Maldeghem 
durch die somnambule „Seherin 44 geschildert. Es ist weder diesmal die 
Gelegenheit, noch kommt es mir zu, die von Kerner hochgerühmten 
Fähigkeiten der Seherin kritisch zu untersuchen und ihren Wert zu prüfen. 
Ich kann mich der Kritik um so leichter entschlagen, als nicht Frau Hauffe, 
sondern die Gräfin von Maldeghem Gegenstand unseres Augenmerks sein 
wird. Vorausschicken muss ich bloss, dass man (einschliesslich Justinus 
Kern er) der Seherin die Fähigkeit zuschrieb, auf dem Wege der Clair- 
voyance Krankheiten zu diagnostizieren und sie magisch oder sympathe- 
tisch zu heilen, oder doch wenigstens die richtigsten Medikamente wie 
durch Inspiration zu erkennen und anzugeben. Frau Hauffe mochte viel- 
leicht manches instinktiv fühlen, was ihren Nebenmenschen entging. Ich 
darf mich im folgenden kurz fassen, denn man wird näheres über die 
Seherin und im besonderen auch über die Heilung der Gräfin in einer 
Abhandlung über „die Symbolik des Erwachens und die Schwellensymbolik 
überhaupt 44 finden, die im nächsten Band des „Jahrbuchs für psycho- 
analytische und psychopathologische Forschungen* 4 erscheint. 

Man konsultierte die Seherin von Prevorst Ende März 1828 wegen 
der psychotischen Gräfin. Der Graf von Maldeghem, ihr Gatte, begab sich 
am 28. März zu K e r n e r und brachte eine (für den Psychanalytiker leider 
etwas lückenhafte) Krankengeschichte mit, die ein Arzt verfasst hatte. 
Darin stand u. a., dass die Gräfin schon als Kind nervös reizbar war, dass 
sie im sechsten Jahre von sonderbaren Erinnerungsstörungen befallen 
wurde, dass sie an Störungen des Gemüts zu leiden begann und dass der 

*) D. h. von aussen durch ein gefühlsstarkes Erlebnis, das die schlummern- 
den künstlerischen Anlagen weckt, den Funken zur Flamme entfacht. Es ist die 
Rede von einem Musiker, dessen Genius durch ein Jugenderlebnis mit einer 
schönen Sängerin entflammt wurde. Die betreffende Erzählung heisst „Die 
Fermate". 

!) Frau Friederike Hauffe. Sie lebte 1801—1829. 



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448 Herbert Silberer, 

abnorme psychische Zustand zur Zeit als sie in einem Frauenkloster 
erzogen wurde und, wie es scheint, insbesondere in der Pubertätszeit ziem- 
lich ausgeprägt war. „Sie konnte oft zu keiner klaren Überzeugung kommen, 
ob ihr ganzes Sein und Tun Wirklichkeit oder Traum sei. 44 Dieser Zu- 
stand dauerte weiter, als sie mit dem Grafen die eheliche Verbindung 
einging, und äusserte sich subjektiv hauptsächlich in Zweifeln, „ob der 
vor ihr stehende Graf wirklich auch derjenige sei, der ihr zum Gatten an- 
getraut worden 4 *. Diese und andere Zweifel suchte sie aber vor der Aussen- 
welt soviel als möglich zu verbergen, „bis am 31. Oktober 1827, in der 
vierten Woche einer Niederkunft, sie nach einer psychischen Erschütterung 
aufs heftigste in ihr hervorbrachen und sie in ein Traumleben zurücktrat, 
das die Ärzte anfänglich Hirnentzündung und nachher Wahnsinn nannten 41 . 
In diesem „Wahnsinn 44 glaubte sie in unterirdischen Klüften Qualen aller 
Art zu erleiden, zweifelte an der Realität des Gatten und ihrer Kinder, 
die sie ganz kalt Hessen, hörte schimpfende Stimmen, hielt sich für ein 
Scheusal, das alle Leute verspotten, sah viele Menschen ihrer Umgebung 
in Tiere verwandelt (welch' eine Fülle von Märchenmotiven!) und erhoffte 
eine überirdische Erscheinung, die sie aus diesem Elend erretten sollte. 

Die Seherin von Prevorst, die in dem vorliegenden Falle einen 
richtigen „flair 44 bewies, drückte die Sachlage in ihrer symbolischen Art 
aus, indem feie sagte, sie fühle die Gräfin in einem „Traumringe 44 , in einem 
„eingesperrten, fixierten Zustande. Sie muss in diesen Ring weiter hinein 
und muss in ihm ungebunden sein können, oder noch besser heraus, in 
die Aussenwelt. Im ersten Falle wird sie magnetisch und ist dann leichter 
zu heilen, im zweiten Falle wird sie sogleich gesund 44 . 

Nach einer von der Seherin vorgeschlagenen Behandlung, auf die 
ich nicht weiter eingehe und die wohl suggestiv wirkte, geschah etwas 
für die Umgebung ganz Unerwartetes. Graf von Maldeghem, der am 
18. April wieder — diesmal mit der nahezu geheilten Gattin — bei 
Justinus Kerner eintraf, erzählte hierüber : am siebenten Tage der 
Kur habe ihn seine Frau des Abends aus einer Gesellschaft, in der er 
gerade gewesen, berufen, und folgendes eröffnet: 

„Schlag 6 Uhr habe sie auf einmal aufs innigste an jene Frau 
(Häuf fe) denken müssen, und sei von da an nun wie gezwungen, 
dem Grafen zu sagen, was sie eigentlich in diesen Zu- 
stand gebracht, was sie noch keiner Seele gesagt und 
was auch dem Grafen unbekannt war. Von nun an, und nament- 
lich nach dieser Eröffnung an den Grafen, seien die 
vorigen Verirrungen weg gewesen, und die Gräfin wie 
aus einer Traumwelt in die Wirklichkeit versetzt 
worden. Sie habe nun den Grafen und ihre Kinder als die wirklichen er- 
kannt etc. 44 — Als der pathogene Komplex ans Licht der Aussenwelt trat, 
als er gebeichtet war, da hörte er auf, ein Krankheitserreger izu sein! 
Psychanalytische Therapie I 

Das Ausspeien — sit venia verhol — des Komplexes war etwas 
eruptiv vor sich gegangen; der Vorgang ist ein oberflächlicher gewesen. 
Daher blieben noch Reste der Krankheit zurück. Wie die Seherin von 
Prevorst mit ihrem eigentümlichen „flair 44 ganz richtig erkannte, iwar 
jetzt eine Energiekur notwendig, die sie mit der Gräfin in Form Ivon 
Übungen religiösen Charakters vornahm. Das Religiöse war übrigens nicht 
bloss das akzidentelle Gewand der Energiekur, sondern entsprach wohl 



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\ 



Vorläufer Freud'scher Gedanken. 449 

auch ganz gut dem Gemütsleben und den Vorstellungskreisen der, wie 
wir wissen, im Kloster erzogenen Gräfin. Auf eine Frage der Gräfin, wie 
sie denn die beunruhigenden Gedanken vergessen könne, gibt die Seherin 
eine Antwort, die ein Psychanalytiker auch nicht besser geben könnte: 
„Vergessen wirst Du sie nicht, aber bald wirst Du sie mit andern Augen 
ansehen. 4 * 

Zum besseren Verständnis dessen, was hier gemeint ist, und mit 
der „Energiekur 4 ' überhaupt, setze ich die beachtenswerten Worte Dr. C. G. 
Jungs her, mit denen er einen . Bericht über die Behandlung einer 
Zwangsneurose 1 ) abschliesst: „Die Beichte ihrer Gedankensünden 
dürfte Pat. erheblich erleichtert haben. Aber es erscheint unwahrscheinlich, 
dass es das Aussprechen oder „Abreagieren** allein ist, worauf man die 
Heilung zurückführen kann. Ein dauerndes Niederhalten der krankhaften 
Vorstellungen gelingt nur einer starken Energie. Zwangsmenschen sind 
schwach, sie sind unfähig, ihre Vorstellungen im Zaume zu halten. Energie- 
kuren wirken darum bei ihnen am besten. Die beste Energiekur aber 
ist, wenn man die Patienten . . . zwingt, die ihrem Bewusstsein unerträg- 
lichen Vorstellungen hervorzuholen und breitzulegen. Dadurch wird nicht 
nur die Energie auf eine harte Probe gestellt, sondern das Bewusstsein 
wird auch an die Existenz der ehemals verdrängten Vorstellungen ge- 
wöhnt. . . ." Eben diese Gewöhnung suchte Frau Hauffe an ihrer Patientin 
instinktiv auf dem richtigen Wege zu erreichen. Der Parallelismus ist augen- 
fällig. 

Zum Schlüsse möchte ich noch eine Stelle aus Maurice Maeter- 
linck, „Alladine et Palomides" anführen. Im fünften Akt liegen die 
Liebenden, nämlich Palomides und Alladine, schwer krank in zwei ver- 
schiedenen Gemächern und delirieren. Trotz aller Vorsicht, die man an- 
wandte, um es zu verhindern, hören sie gegenseitig ihre Stimmen. Das 
Delirium wird zum Zwiegespräch, ohne seinen für die Umgebung unver- 
ständlichen Charakter zu verlieren. Nur eine Person, Astolaine, ahnt, 
dass im Delir ein Sinn steckt. Ihr geht eine psychanalytische Erkennt- 
nis auf, die sie, wie folgt, ausdrückt: 

Une des Soeursde Palomides. 

Ils dälirent 

Astolaine. 
Non, non; il savent ce qu'ils disent... 
Während also eine der Schwestern meint, dass die Fiebernden faseln, 
erkennt Astolaine, dass in ihren Reden ein guter Sinn steckt. Ein Sinn, 
öen die Liebenden gegenseitig deuten können. 



J ) Dr. C. G. Jung, „Diagnostische Assoziationsstudien.' 4 Leipzig 1906. 
(J. A. Barth.) I. Band, Seite 280 ff. 



ZentralbUtt Ar PiychoAnmlyte. P*/". 81 



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III. 
Das Verlieren als Symptomhandlung. 

Zugleich ein Beitrag zum Verständnis der Beziehungen des Traumlebens zu 

den Fehlleistungen des Alltagslebens. 

Von Otto Rank (Wien). 

In der „Psychopathologie des Alltagslebens" 1 ) hat Freud darauf hinge- 
wiesen, „dass das „Ve r 1 ie reu" der Menschen in ungeahnter Ausdehnung Sympr 
tomhandlung und somit wenigstens einer geheimen Absicht des Verlustträgers 
willkommen ist. Es ist oft niir ein Ausdruck der geringen Schätzung des verlorenen 
Gegenstandes oder einer geheimen Abneigung gegen denselben oder gegen die 
Person, von der er etwa herstammt, oder die Verlustneigung hat sich auf diesea 
Gegenstand durch symbolische Gedanken Verbindung von anderen und bedeutsameren 
Objekten her übertragen. Das Verlieren wertvollerer Dinge dient mannigfachen 
Regungen zum Ausdruck, es soll entweder einen verdrängten Gedanken symbolisch 
darstellen, also eine Mahnung wiederholen, die man gerne überhören möchte, 
oder es soll — und dies vor allem anderen — den dunkeln Schickssalsmächten — 
Opfer bringen, deren Dienst auch unter uns noch nicht erloschen ist." 

Ein solcher Fall, der für das Verlieren eines Gegenstandes die reichliche 
Liste all dieser unbewussten Motivierungen erkennen lässt, erscheint mir seines 
besonders sinn- und aufschlussreichen Gefüges wegen mitteilenswert. 

Ein ziemlich abergläubisches, sonst aber intelligentes und aufgeklärtes junges 
Mädchen erzählt mir das im folgenden nach ihrem eigenen Bericht geschilderte 
„merkwürdige Erlebnis", dessen durchsichtige psychologische Struktur ihr selbst 
nicht entgangen war und dessen psychoanalytische Auflösung sie auf ein paar 
Andeutungen hin leicht zu ergänzen vermochte. Ihre Erzählung lautet: 

„Ich ging Freitag abends mit meinem zu Besuch hier weilenden Bräutigam 
W. spazieren, dem ich natürlich den ganzen Abend zu widmen gedachte. Plötz- 
lich fiel mir ein, ich müsste den Heimweg etwas früher als beabsichtigt war an- 
treten, um noch eine zwar nicht dringende, aber schon tags zuvor vergeblich 
unternommene Besorgung zu machen. W. war zwar gegen diese programm-, 
und wie ich später einsah auch taktwidrige Verkürzung unseres Beisammen- 
seins und suchte mich durch den Hinweis auf die ungünstige Stunde, eine ge- 
eignetere Gelegenheit und die Möglichkeit einer neuerlichen Ergebnislosigkeit von 
meinem Vorhaben abzubringen. Da ich jedoch eigensinnig darauf bestand, wusste 
er seine Opposition in der Form durchzusetzen, dass er beschloss, mich dabei 
nicht zu begleiten, sondern meine Rückkunft in der Nähe meiner Wohnung 
abzuwarten. Nach Erledigung des Ganges glaubte ich auf dem Rückwege zu 
\V. plötzlich etwas fallen zu hören und dachte sofort, ich könnte meine Uhr 
verloren haben, da der Karabiner an meiner Kette seit einiger Zeit schadhaft war. 

i) 3. Aufl., Berlin 1910, S. 111. 



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Das Verlieren als Symptomhandlang. 451 

Ich überzeugte mich also durch einen Griff, dass die Uhr noch vorhanden sei und 
spürte dabei auch die Anhängsel, deren ich eine Anzahl an der Kette befestigt 
trage. Da in dem Moment, als ich den Fall zu hören glaubte, ein junger Mann 
vorbeigegangen war, sagte ich mir, dass wahrscheinlich dieser durch Klappern 
mit den Schlüsseln in der Tasche das Geräusch hervorgerufen haben werde und 
ging meines Weges weiter. Aber schon nach ungefähr 50 Schritten, als ich in die 
Gasse abbiegen sollte, in der mich W. erwartete, gab es mir wieder keine Ruhe; 
ich sollte umkehren und zurückgehen, um an jener Stelle den Boden abzusuchen, 
was ich seltsamerweise vorhin unterlassen hatte. Da ich jedoch eilte, um W. nicht 
zu lange warten zu lassen und ausserdem noch mit einem Paket beschwert war, 
nahm ich mir nicht die Zeit zurückzugehen und zwang mich, meinen Weg fort- 
zusetzen. Obwohl nun nichts vorgefallen war als eine scheinbare Sinnestäuschung 
meinerseits, erzählte ich W. doch sogleich die ganze Begebenheit mit aller Aus- 
führlichkeit und setzte hinzu, dass im Falle ich meine Uhr verloren hätte, er 
daran schuld wäre, weil ich mich seinetwegen so beeilen musste. Dann ging ich 
nach Hause, erzählte auch dort die ganze Geschichte wieder, bekümmerte mich 
aber dann nicht mehr darum. 

In der Nacht hatte ich folgenden 

Traum: 
Ich fuhr auf Besuch zu meinem Bräutigam und wir 
mieteten uns in einem Hotel ein, das auf einem Bauplatz 
stand. Das Hotel selbst wurde eingerissen und der Hotelier 
hatte uns bereitwillig sein eigenes Zimmer zur Verfügung 
gestellt 1 ). Wir gingen aber nicht gleich schlafen, sondern 
machten noch einen kleinen Spaziergang auf diesem Bau- 
platz. Es war Mondschein und ich fand einen neuen Heller; 
dann sah ich noch mehrere Geldstücke, die ich nicht recht 
erkannte (fremdländisches oder altes Geld), auf dem Boden 
liegen 2 ) und machte meinen Bräutigam darauf aufmerksam. 
Er sagte: „Du, hebe das Geld nicht auf, sonst hast du kein 
Glück!" — Ich folgte nicht und hob es auf; dann suchte ich 
noch weiter und finde einen Totenkopf 3 ), eine Krawatten- 
nadel mit einem Pferdekopf (Tierkopf) und wieder ein kleines 
Kreuz mit Totenkopf, Leiterund Hammer*). Ich habedann die 
Sachen angesehen und bin davor zusammengeschauert. Dann 
sah ich noch mehrere wertvolle Gegenstände aus uralten 



!) Dazu der undeutliche Nachtrag: „Es war zwar teuer, aber es 
blieb uns nichts übrig als es doch zu nehmen." 

2 ) Nachtrag : „Es war auf einem Kartoffelfel d." 

3 ) „In der Grösse eines Anhängsels und aus Silber wie die anderen Schmuck- 
gegenstände." 

4 ) Nachtrag : Ausserdem fand ich ein; männliches Skelett 
ohne Gliedmassen, nur denBrustkorb mitdemvoll erhaltenen 
männlichen Kopf, das ganzein der Grösse von ungefähr 10 cm 
und aus demselben Material wie die übrigen Schmuckstücke. 
Ich habe mir gleich bei jedem Funde gedacht, was ich damit 
machen werde. Den Totenkopf dachte ich als Anhängsel zu 
verwenden, die Krawattennadel habe ich gleich probiert 
vorn hineinzustecken, sie war aber zu lang, das Kreuz hielt 
ich für das Modell eines Grabdenkmals und bei dem Skelett 
habe ich eben erst geraten, was ich damit tun soll. 

31* 



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452 Otto Rank, 

Zeiten i) und dachte mir, die rühren gewiss von einem Kriege 
her. Dann gingen wir auf unser Zimmer*). 

In der Frühe beim Erwachen folgte ich einem Bedürfnis, diesen Traum zu 
erzählen, ohne jedoch etwas von seinem Sinn zu ahnen. Zu Mittag .desselben 
Tages, als ich 12 Uhr läuten hörte, entnahm ich meine Uhr ihrem Etui, um sie 
richtigzustellen und aufzuziehen; dann schloss ich sie wieder ein. Es gab imir 
aber keine Ruhe und mahnte mich nachzusehen, ob ich denn auch 'alle Anhängsel 
habe. Ich sehe also nach und bin sehr erstaunt darüber, dass mir drei silberne 
Anhängsel fehlen, und zwar eines aus Mariazeil, ein vierblätteriges Kleeblatt und 
eine Jubiläumskrone; es scheint mir, als hätte ich auch noch ein iviertes ver- 
loren. Jetzt wusste ich erst, was der Traum bedeuten sollte. Ich ärgerte mich 
so sehr, dass mir übel wurde und ich fast geweint hätte; besonders darüber, 
dass ich gestern nicht zurückgegangen war. Ich hatte doch deutlich etwas fallen 
gehört und hätte die Anhängsel finden müssen, wenn ich mich nur gebückt hätte. 
Jetzt, einige Tage nachher, mache ich mir schon nichts mehr aus dem Verlust, 
so wenig, dass ich nicht einmal eine Anzeige erstattet habe, um die Sachen mög- 
licherweise zurückzuerhalten." — 

So weit der Bericht des Mädchens. Auf die Frage, wie sie es meine, dass 
sie nach Entdeckung des Verlustes sogleich den Sinn des Traumes verstanden 
habe, erklärt sie, der Traum habe ihr doch den Verlust, ja zum Teil direkt die 
verlorenen Gegenstände (Anhängsel) angezeigt; die Totenköpfe bedeuten, dass diese 
Dinge für sie unwiederbringlich verloren seien. Sie sieht in diesem „ahnungsvollen 
Traum" eine Bestätigung ihrer abergläubischen Anschauungen. Ich mache sie 
aufmerksam, dass es zur Aufklärung dieser auf den ersten Blick Welleicht frap- 
pierenden Erscheinung keiner Annahme aussermenschlicher oder gar überirdischer 
Mächte bedürfe; ihr „Erlebnis" demonstriere in überzeugender Weise die mit Hilfe 
der psychoanalytischen Untersuchungsmethode aufgedeckte Tatsache, dass es eine 
Region im Seelenleben gäbe, die über ein weit umfangreicheres, zum Teil ganz 
andersartiges Wissen verfüge, als dem bewussten Denken zugänglich sei. Dieses 
„Unbewusste" habe den Verlust sogleich bemerkt, müsse aber zwingende Motive 
gehabt haben, ihn der bewussten Wahrnehmung vorzuenthalten und deren bereits 
geweckten Verdacht zu beschwichtigen. Bei einer solchen psychologischen Auf- 
fassung habe es geradezu den Anschein, als billige das Unbewusste den Verlust 
und sei bemüht, die Bewusstseinsinstanz von jedem Versuch seiner Korrektur ab- 
zuhalten. Dies zeige sich besonders darin, dass die Verlust träge rin, die — wie 
der Traum verrate — doch deutlich die Anhängsel fallen gehört haben müsse, 
zunächst an ihre Uhr denke und sich nur so nebenbei Gewissheit über das Vor- 
handensein der Anhängsel, nicht aber über deren Vollzähligkeit verschaffe; daiss 
sie ferner keinen Blick auf den Boden geworfen habe, wo doch der Gegenstand 
hätte liegen müssen, und dass sie endlich das letzte Bedenken gegen die Annahme 
einer blossen Sinnestäuschung durch die rationale „Ausflucht" 3) zum Schweigen 
gebracht habe, das Geräusch hätte der vorübergehende junge Mann durch das 



») „Auch grosse Eisenstücke sah ich aufgetürmt, lauter 
al t e S achen. 

-) Verschwommener Nachtrag : „Das Stubenmädchen brachte 
Wasser und hat uns durchs Schlüsselloch zugeschaut. Wir 
hatten die Fenster auf die Gasse, auf diesen Bauplatz 
hinaus, gehabt und ich habe mich gefürchtet vor dem Toten- 
kopf und konnte nicht schlafen." 

3) E. Jones: Rationalisation in every-day life. Journal of abnormal psycho- 
logy, August-Septemb. 1908. 



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Das Verlieren als Symptomhandlung, 453 

Geklapper seiner Schlüssel verursacht. An der Ecke dränge sich jedoch wieder 
das Misstrauen gegen diese Auskunft durch und der zaghafte Versuch den Ver- 
lust anzuerkennen, der aber neuerdings durch das Vorschieben rationalistischer 
Momente (Eile, Unbequemlichkeit etc.) vereitelt wurde. Ihrem Bräutigam gegenüber 
und zu Hause benehme sie sich anderseits so, als wisse sie um den Verlust, hätte 
sich jedoch damit bereits abgefunden, ohne ihn allerdings bewussterweise zur 
Kenntnis genommen zu haben. Dieser offenkundige Zwiespalt zwischen der un- 
bewussten Kenntnis, ja Billigung des Verlustes, sowie der bewussten Nichtanerken- 
nung desselben habe sich in den Schlafzustand fortgesetzt, wo den unbewussten* 
Regungen infolge des Nachlasses gewisser psychischer Hemmungen (F r e u d 's 
„Zensur") deutlichere Ausdrucksmittel zu Gebote stehen. Doch habe die unbewusste 
Tendenz noch vermocht, den Bewusstseinsinhalt so weit zu beeinflussen, dass 
nach dem Erwachen das bewusste Denken die Mitteilung des nächtlichen Traum- 
bildes wieder nicht zu verstehen wusste. Als später (zu Mittag) die bewusste 
Wahrnehmung den auf die Dauer nicht zu verbergenden Verlust unvermittelt für 
sich selbst fast entdeckt hätte, da muss das Unbewusste sich cntschliessen, 
sein Besserwissen zu offenbaren in Form einer Mahnung, doch nachzusehen, ob 
auch alle Anhängsel vollzählig seien. Der Umstand, dass der Verlustträgerin mit der 
bewussten Kenntnisnahme des Verlustes auch das Verständnis des Traumes plötz- 
lich einleuchtete, verbürge die Richtigkeit der aufgezeigten Zusammenhänge. Auch 
der übermässige Affekt des Ärgers, welcher der Geringfügigkeit des Verlustes 
durchaus unangemessen erscheine, sowie anderseits die allzu rasche Tröstung 
seien nur bei Berücksichtigung des unbewussten Gegenspiels verständlich. 

Versuchen wir die bildliche Darstellung fallen zu lassen, so ergäbe sich 
folgender psychologische Tatbestand. Der zufällig eingetretene Verlust musste einem 
bereits rege gewesenen unbewussten Motiv willkommen sein, das ihn billigte 
und ihn so einer direkt beabsichtigten Entäusserung gleichstellt; dieselbe ver- 
borgene Regung hindert auch die bewusste Wahrnehmung des Verlustes solange 
als noch die Möglichkeit besteht, ihre Tendenz durch eine bewusste Willens- 
entschliessung (bücken, umkehren, suchen) zu vereiteln; der gleiche geheimte 
Wunsch widerstrebt endlich allen weiteren Versuchen, wieder in den Besitz der 
verlorenen. Gegenstände zu gelangen (Unterlassung der Anzeige). 

Das Mädchen folgt diesen Darlegungen ohne Widerspruch und auch ein 
Bedenken, das sie schliesslich vorbringt, kommt eher der Aufforderung gleich, 
die Analysenarbeit in der eingeschlagenen Richtung fortzusetzen: sie glaubt nämlich 
betonen zu müssen, dass sie sich keines Motives bewusst sei, das sie dazu 
bewogen haben könnte, die Anhängsel — im Sinne dieser psychologischen Auf- 
klärung — wegzuwerfen. An dieser Stelle hätte nun eine regelrechte Psycho- 
analyse einzusetzen, welche die im Unbewussten wirksam gewesenen Billigungs- 
motive des Verlustes zu ermitteln hätte. Diese unter normalen Umständen ziem- 
lich schwierige und heikle Aufgabe erleichtert uns in diesem Falle der in den 
Bericht eingeflochtene Traum, dessen inhaltlicher und zeitlicher Zusammenhang 
mit dem Verlust ja augenfällig ist und der uns in seiner dem Traumleben eigen- 
tumlichen unbewussten Offenheit ein Stück weit Einblick in die so seltsame 
„Symptomhandlung" gestattet. 

Schon die einfache Besprechung des Trauminhaltes unter den vorhin dar- 
gelegten Gesichtspunkten ergab eine Reihe aufschlussreicher Beziehungen. Das 
Mädchen hatte tatsächlich, wie der Beginn des Traumes verrät, kurze Zeit bevor 
sich der Verlust ereignete, ihren in einer Provinzstadt lebenden Bräutigam 
besucht, der ihr bald darauf seinen für die Anhängsel so verhängnisvollen Gegen- 
besuch machte. Sie hatte auch wirklich in seinem damaligen Aufenthaltsort in 



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454 . Otto Rank, 

einem etwas kostspieligen Hotel übernachtet und muss zugeben, dass es sich 
darum gehandelt hatte, ein gemeinsames Zimmer mit ihrem Bräutigam zu be- 
ziehen J ). Ihre zwiespältigen Empfindungen in dieser Frage stellt der unentschiedene 
Ein- und Ausgang des Traumes dar: erst ist überhaupt kein Hotel vorhanden („es 
wurde eingerissen' 4 ), sondern nur die Privatwohnung des Hoteliers (Bräutigams), 
die aber wieder zu teuer ist, die man schliesslich doch nehmen muss, wo man 
jedoch nicht gleich schlafen geht, auch nicht ungestört ist und nicht gut ruht*). 
Gelegentlich dieses Besuches war - sie nun mit einer venetiani sehen Schmuck- 
garnitur beschenkt worden, in der sich auch zwei Stücke befanden, die sogleich 
ihr besonderes Missfallen und eine Abneigung gegen das ganze Geschenk erregt 
hatten: es wären dies eine Brosche und eine Hutnadel, Dinge, die nach der aber* 
gläubischen Meinung des Mädchens geeignet sind, die Freundschaft oder Liebe 
eu „zerstechen". Sie äusserte dieses Bedenken auch ihrem Bräutigam gegenüber 
und ohne sich um die Versicherung seiner Ahnungsiosigkeit und Unschuld in 
diesem Punkte zu kümmern, warf sie ihm unwillig vor, dass er sie in nicht miss- 
zuverstehender Absicht immer mit derartig ominösen Dingen beschenke. So habe 
er ihr bei einer früheren; Gelegenheit schon zwei schwarze Hutnadeln überreicht, 
von denen eine bald darauf gebrochen sei, während sie die zweite am selben 
Tage einbüsste, an welchem sie die Anhängsel verlor; diesen ominösen Freitag 
erklärt sie überhaupt für einen Unglückstag. Am liebsten hätte sie das Ge- 
schenk gleich zurückgewiesen, wenn sie nicht hätte eine direkte Beleidigung ver- 
meiden wollen und wenn es ihr nicht doch als Erinnerung wert gewesen wäre. 
Habe sie sich schon bei Erhalt der schwarzen Nadeln gedacht, sie würde, falls 
sie sie annähme, mit dem Spender böse werden, so habe sie bei Annahme der 
Brosche die Überzeugung gehabt, sie würden für immer auseinandergehen. Und 
der jetzige Verlust des Glücksklees, sowie der frühere eines Glückssternes mahne 
sie daran, dass sie ja überhaupt kein Glück habe. 

"Wir wissen nun bereits, dass sie zur Zeit des Verlustes der Anhängsel die 
vor kurzem erhaltenen unerwünschten Schmuckstücke trug, die sie gerne los- 
geworden wäre, um sich im Sinne ihres Aberglaubens die dauernde Neigung des 
Bräutigams zu sichern. Es stellt sich also der unbewusst gebilligte Verlust zu- 
nächst als eine Art Ersatzopfer für die Annahme des Unglücksgeschenkes 
dar, das sie ja weder direkt zurückweisen noch bewussterweise wegwerfen konnte 
und wollte. Zufällig an der ganzen Begebenheit wäre dann nur die Loslösung der 
Anhängsel von ihrer Befestigung^); alles übrige das Werk unbewusster Absichten, 
welche sich bei dieser Gelegenheit mit allem Raffinement, dessen das Unbewusste 
nur fähig ist, durchzusetzen suchen. 

Ist so die unbewusste Sanktion des Verlustes als Opferhandlung entlarvt, 
so ist doch erst im einzelnen der Nachweis zu führen, dass es sich dabei wirk- 
lich um ein Ersatzopfer für das widerwillig angenommene Geschenk handelt. 
Das Material für diesen Beweis liefert ebenfalls der Traum*). Vor allem indem er, 



!) Es muss schon hier die für das tiefere Verständnis des ganzen Traumes 
bedeutsame Tatsache erwähnt werden, dass das Mädchen zu dieser Zeit eben 
menstruiert hatte. 

2 ) Vgl. Schlussnachtrag 3 S. 452. 

3) wie die im Nachtrag mitgeteilte „empirische** Bestätigung unserer Deutung 
zeigt, ist nicht einmal dies Moment rein zufällig, sondern verdankt seine Ermög- 
lichung den gleichen unbewussten Regungen. 

*) Neben diesem indirekten, auf psychoanalytischem Wege zu erbringenden 
Nachweis stellt das Mädchen in einer anderen dem Verlust vorhergehenden Symptom- 
handlung auch eine direkte Bestätigung zur Verfügung, die nicht nur für ihre 
Opferstimmung an diesem Tage spricht, sondern auch zeigt, dass dieselbe als 



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Das Verlieren als SymptomhandluDg. 456 

anknüpfend an das Tageserlebnis des für das Unbewusste erwiesenen Verlustes 
die Träumerin an den Ort und in die Situation der Beschenkung zurückversetzt« 
Ferner spielt einer von den im Traume gefundenen Gegenständen, nämlich die 
Krawattennadel, allzu deutlich auf die zwei unheilbringenden Schmuckstücke an, 
denen das Opfer galt; sie ist nämlich ein ausgezeichnetes Kompromissgebilde, 
gleichsam ein Zwitter, zwischen einer. Hutnadel und einer Brosche: sie hat die 
Form einer Hutnadel 1 ) en miniature und wird von den Männern, an derselben 
-Stelle getragen, an der die Frauen ihre Brosche zu befestigen pflegen 2 ). Dazu be- 
merkt die Träumerin ausdrücklich, dass dieser Gegenstand tatsächlich eine für 
eine Krawattennadel ungeeignete Grösse hatte; sie habe im Traume versucht, sie 
vorn hineinzustecken, wobei sich die Nadel als zu lang erwies. 

Vermag die Traumdeutung so innerhalb des unbewussten Denkens selbst Be- 
ziehungen aufzudecken, welche den Verlust der Schmuckstücke mit Recht als Ersatz- 
opfer für die Annahme jenes anderen unerwünschten Schmuckes erscheinen lassen, 
so bestätigt sie anderseits unser Postulat von der unbewussten Kenntnis des Ver- 
lustes durch Aufzeigung gewisser Beziehungen der Traumgedanken auf die realen 
Verlustgegenstände. Im Traume findet die Verlustträgerin zuerst einen neuen Heller 
-(Symbol des Glückes), den sie trotz der Warnung ihres Bräutigams aufhebt; ausser- 
dem nimmt sie noch eine grössere Anzahl alter Kupfermünzen an sich. In Wirk- 
lichkeit hatte sich unter den verlorenen Anhängseln eine neue Silberkrone 
befunden, deren Verlust jedoch zur Zeit des Traumes noch nicht bewusst ge- 
worden war. Aus der einen neuen Krone wird im Traume durch Verschiebung 
auf ein Kleines, Geringfügiges, ein neuer Heller und durch umgekehrte Darstellung 
viele alte Kupfermünzen. Die Äquivalenz des realen Geldverlustes mit 
dem entsprechenden Traumfund wird noch durch zwei Angaben $es Mädchens 
gestützt. Im Traume habe sie nur des Geldes wegen weiter gesucht und habe auf 
diese Weise dann auch die Schmuckstücke gefunden. Auch in Wirklichkeit wäre 
ihr an der Krone am meisten gelegen, weil sie ein Geschenk des Bräutigams 
gewesen sei und auch den effektivsten Geldwert hatte. Die Traumgedanken zeigen 
nun deutlich den Wunsch, nur das verlorene Geld aufzuheben, demonstrieren 
aber zugleich, dass dies nicht möglich gewesen wäre, ohne auch die andern An- 
hängsel zu finden. 

Reaktion auf das unheilvolle Geschenk aufzufassen ist. Sie hat, wie schon er- 
wähnt, an dem ominösen Freitag nicht nur die Anhängsel verloren, sondern beim 
Ankleiden vor diesem Ausgang die ebenfalls von ihrem Bräutigam stammende 
schwarze Hutnadel zerbrochen, indem sie dieselbe aus der Hand fallen liess. 
Nun wissen wir aus F r e u d 's Untersuchungen, dass derartige Ungeschicklich- 
keiten fast ausnahmslos Symptomhandlungen sind und geheimen Seelenregungen 
Ausdruck verschaffen. Darauf aufmerksam gemacht, dass diese Symptomhandlung 
sich wie ein erster Versuch der später wiederholten Opferhandlung ausnehme, 
erwidert das Mädchen, dies wäre wohl möglich, um so mehr, als <*s sich hier 
um ein wirkliches Äquivalent des Geschenkes (Hutnadel) handle. Sie habe „die 
neue Hutnadel zuerst hineingesteckt und dabei jedenfalls wieder an das Ganze 
gedacht". Als sie dann die vom früheren Geschenk stammende schwarze Nadel 
zur Hand genommen habe, sei ihr diese entfallen und (der Kopf) „mitten aus- 
einandergegangen* 4 . Sie äusserte dabei: „Die ist auch von inm." — Ich erinnere sie 
daran, dass sie auch von ihrem Verhältnis gefürchtet habe, es werde „auseinander- 
gehen", worauf sie lachend meint, sie habe eben lieber die Nadel als das Ver- 
hältnis auseinandergehen" lassen. 

1 ) Nach einer späteren Angabe hat „auch das Skelett die Form einer Hut- 
nadel: schmal und lang und der Kopf darauf." 

2 ) Diese Vermännlichung des Schmuckes ist für die Träumerin höchst 
charakteristisch und für die weitere Auflösung des Traumes sehr bedeutungsvoll. 
Die gleiche Tendenz zeigt auch die vollständige Analyse eines ihrer früheren 
Träume. „Ein Traum, der sich selbst deutet" (Jahrbuch für psycho- 
analytische und psychopathologische Forschungen, Band II, 2. Hälfte, 1910). 



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456 Otto Rank, 

An dieser Stelle könnte bei manchem Leser ein längst rege gewordener 
Einwand laut werden, dessen Beschwichtigung uns nötigt, mit ein paar Worten 
auf den eigentlichen Sinn des Traumes einzugehen. Es könnte die Verwertbarkeit 
des Traumes für die Aufklärung der Symptomhandlung bestritten werden mit dem 
Hinweis, dass wir einem Missverständnis der Träumerin folgend, welche den 
Traum als Anzeige des Verlustes nahm, es bisher gänzlich vernachlässigten, 
dass es sich im Trauminhalt ausschliesslich um ein Finden und nicht um Verlieren 
handle. Ohne dass ich diesen beschämenden Einspruch einem meiner Leser unter- 
schieben wollte, möchte ich seine Fingierung zu dem nachdrücklichen Hinweis 
benützen, mit welch ausschliessender Sicherheit sich die Freud'sche Formel 
vom Wunscherfüllungs-Charakter aller Träume immer wieder bestätigt. Obwohl dieser 
Traum zunächst nichts anderes beabsichtigt, als der Träumerin den Verlust (und 
wahrscheinlich auch die Reue über ihr Verschulden daran) zu Bewusstsein zu 
bringen, vermag er das doch nicht anders als in der Form der Wunscherfüllung, 
so dass der Verlustträgerin im Traume gewissermassen sogleich Ersatz für den 
geopferten Schmuck geboten wird 1 ). Diese Kompensationstendenz geht so weit, 
dass im Traume genau so viele Schmuckstücke gefunden werden (4 Stück) als in 
Wirklichkeit verloren gingen; und auch hierin erweist sich das Unbewusste besser 
informiert als das Bewusstsein, welches ja noch zweifelt ob tatsächlich — wie 
sich erst später herausstellt — vier Anhängsel verloren gingen. Entlarvt so die 
Traumdeutung die scheinbar freimütige Opferhandlung als schnöde Spekulation auf 
erwünschteren Ersatz, so wissen sich doch neben dieser Wunscherfüllung auch 
negative Momente im Traume durchzusetzen: findet sie doch lauter Dinge, vor 
denen sie schaudert, die ihr unheimlich sind. Wenn nun auch die Auffassung 
der Träumerin, wonach die Totenköpfe den unwiderbringlichen Verlust der Schmuck- 
stücke anzeigen, zweifellos eine der symbolischen Bedeutungen trifft, so wird man 
doch die abergläubischen Anzeichen von den Dingen auf die Personen reduzieren 
und danach eine Fassung der Traumgedanken folgendermassen rekonstruieren 
dürfen: Wenn ich die (verlorenen) Anhängsel aufgehoben (gefunden), also die Opfer- 
handlung unterlassen hätte, so wäre Unglück die Folge gewesen;, unser Verhältnis 
wäre „tot"*). Diesen Konditionalsatz kann der Traum nur in der Form einer 
gegenwärtigen Wunscherfüllung darstellen, in der sich die Gegenströmung nur in 

!) Diese unersättliche Entschädigungstendenz des Unbewussten zeigt be- 
sonders deutlich ein anderer ihrer Träume, in welchem sie „zu Hause an. einem 
Feste als Ehrendame teilnimmt, im Kostüm einer Zigeunerin, mit herabhängenden 
Zöpfen und Münzen darin. Die Leute wollten sie durchaus mit aufgelöstem Haar 
sehen und gaben ihr keine Ruhe, bis sie es nicht tat Sie sollte dann auf brief- 
lichen Befehl eines jungen Mannes nach Hause gehen und stellte sich vor den 
Spiegel, um schnell eine Frisur zu machen. Als sie nach ihren auf einem Tafel- 
tisch liegenden Haarnadeln greifen will, bemerkt sie, dass ihr eine — und 
zwar gerade die schönste — fehlt. Sie sieht aber sogleich viele neue Nadeln 
und Kämme mit Goldverzierung und eingravierten Buchstaben. Da habe sie sich 
aus dem Verlust der Nadel nichts mehr gemacht, da ja reichlicher Ersatz vor- 
handen war." — Die Vorgeschichte dieses Traumes klärt uns darüber auf, dass 
tatsächlich eine ihrer Haarnadeln unbrauchbar geworden war, jedoch ohne dass 
sie noch bewusste Kenntnis davon hatte, dass aber das Unbewusste davon unter- 
richtet, ihr im Traume reichlichen Ersatz und Trost spendet. Auch hier wird der 
wirkliche Schaden erst am Morgen nach dem Traume entdeckt. Die Tendenz, einen 
unangenehmen Verlust so lange als möglich nicht anzuerkennen und seine Pein- 
lichkeit auf dem Wege unbewussten Ersatzes und Trostes zu mildern, ist in beiden 
Fällen unverkennbar. 

«) Das Mädchen gebraucht die Redewendung „tot sein" sehr häufig in diesem 
übertragenen Sinne. Den Gedanken selbst gibt sie zu bewussterweise gehabt zu 
haben; seit dem unheilvollen Geschenk habe sie öfter daran gedacht, dass damit 
ihr Verlöbnis dem Untergange geweiht sei. 



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Das Verlieren als Symptomhandlung. 457 

einzelnen Details bemerklich macht (Totenköpfe). Der gleiche Misston klingt auch 
im Traumgespräch mit dem Bräutigam an. Sie macht ihn auf den Münzenfund 
aufmerksam und er warnt sie davor, das Geld aufzuheben, da sie sonst Unglück 
haben werde. Also wieder das Polykrates-Motiv : zur Vercöhnung der drohenden 
Schicksalsmächte ein Opfer darzubringen. Die im Traume vorkommende Warnung 
des Bräutigams ist als Ausnahme von einer Traumregel nicht einer realen Rede 
entnommen, sondern entspricht der inneren (unbewussten) Stimme der Träumerin 
selbst, die sie auch in Wirklichkeit davon abgehalten hatte, den verlorenen 
Schmuck aufzuheben. Diese Mahnung führt über eine Wortbrücke zu einem 
weiteren Sinn ; sie warnt nämlich nicht nur davor, die vorlorenen Dinge vom 
Boden aufzuheben, sondern auch vor der anderen Gefahr, den unerwünschten 
Schmuck „aufzuheben" (d. h. aufzubewahren), anstatt ihn zu opfern. Wenn diese 
Stimme im Traume dem Bräutigam in den Mund gelegt ist, so erklärt sich das aus 
einer Rechtfertigungstendenz der Träumerin, die damit wünscht, er hätte diese 
Mahnung entweder vor Anschaffung des Schmuckes an sich selbst oder bei Über- 
reichung des Geschenkes an sie gerichtet, wäre also im Punkte des Aberglaubens 
mit ihr einer Meinung und demnach mit der Opferhandlung einverstanden. Sie hört 
aber im Traume nicht auf seinen Rat, wie sie ihm abands zuvor wirklich nicht 
folgte, als er ihr den Aufschub der Besorgung vorgeschlagen hatte. Wir stossen 
hier auf eine Regung des Trotzes, der schon in einer ihrer früheren Äusserungen 
zutage trat, als sie nämlich dem Bräutigam die Schuld an dem eventuellen Ver- 
lust ihrer Uhr zuschrieb; er habe sie nicht begleitet, deswegen hätte sie sich 
beeilen müssen etc. Auch diese Vorwürfe gegen den Bräutigam, die zeigen, dass 
der Verlust unter anderem als Revanche für seine Ungalanterie gelten sollte, weiss 
der Traum wieder nur in der Form der Wunscherfüllung darzustellen. Im Traume 
macht sie den Abendspaziergang, ebenso wie seinerzeit den wirklichen am Abend 
der Beschenkung, nicht allein, sondern in Begleitung des Bräutigams und findet 
dabei die Münzen und Schmuckstücke. Die zugrunde liegenden Traumgedanken 
wollen besagen, dass der Verlust wahrscheinlich nicht eingetreten, gewiss aber 
sogleich bemerkt und gut gemacht worden wäre, wenn sie nicht auf seine Be- 
gleitung hätte verzichten müssen; er sei also schuld an dem Verlust, was ja 
wirklich, wenn auch in einem anderen Sinne zutraf. Denn hätte er ihr auf. jenem 
früheren Abendspaziergang, als sie ihn besucht hatte, den Schmuck nicht ge- 
schenkt, so hätte sie sich jetzt ersparen können, den andern zu opfern. 

Der Traum, dessen Deutung hier nicht weiter geführt werden soll, lässt 
also eine mehrfache unbewusste Motivierung für die Billigung des Verlustes er- 
kennen und noch vielseitigere und tiefere Begründungen desselben vermuten, die 
sich bei seiner vollständigen Analyse ergäben 1 ). Hier handelt es sich lediglich 

!) Für den Kundigen liegt die tiefere sexualsymbolische Bedeutung der im 
Traumin halt vorkommenden Schmuckstücke auf der Hand. Es sind durchwegs 
Symbole des männlichen Gliedes, die in Abwehr-(Verdrängungs-)form (Abscheu, 
Tod) zur Darstellung gelangen. Die Bezeichnung der Genitalien, insbesondere der 
weiblichen, als Schmuck ist dem Volksmund ganz geläufig. Wenn nicht Anfang 
und Ende des Traumes in eindeutigster Offenheit den sexuellen Sinn der ge- 
heimnis- und schaudervollen Schmuckstücke verrieten, so müsste die auffällige 
Ausdrucksweise bei der Beschreibung dieser Gegenstände auch dem keuschesten 
Psychologen verdächtig vorkommen. Die übermässig lange Krawattennadel, die sie 
vergebens „vorn hineinzustecken" versucht Ferner das seltsame, gerade 10 cm 
lange männliche Skelett mit dem männlichen Kopf, der diesmal nicht verwest und 
tot, sondern frisch und voll erhalten ist. Hat doch der Penis wirklich einen 
Kopf, der bald lebend, bald „tot" ist und dann als „Anhängsel" getragen wird. 
Jeden Zweifel an der Berechtigung dieser Auffassung behebt ein Detail aus einem 
ihrer späteren Träume, wo sie mit zwei jungen Ungarn, die sie entblösst sieht, 



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458 Otto Rank, 

um die Illustrierung des Freud 'sehen, Satzes, dass auch das Verlieren als sinn- 
und bedeutungsvoll anzusehen ist und dazu reichen bereits unsere bisherigen Er- 
gebnisse aus. Zusammenfassend würden wir als die bedeutsamsten Motive dieser 
Symptombehandlung hervorheben: 1. den Trotz gegen den Bräutigam; geweckt 
durch sein unheilvolles Geschenk, das sie in Vorahnung ihrer eigenen Tat als 
Symptomhandlung auffasst, sowie durch seine Ungalanterie. Der Trotz äussert 
sich in einer Bestrafungstendenz zunächst ihm, dann aber auch der eigenen Person 
gegenüber, die sich nicht ganz frei von Schuld weiss (die taktlose Besorgung). 
Er soll sich einerseits über den Verlust ärgern und sich vornehmen, ihr nichts 
mehr (Unheilvolles) zu schenken, anderseits macht sie ihn für den Verlust direkt 
verantwortlich und erleichtert so ihr Schuldbewusstsein. Sich selbst bestraft sie 
durch den Verlust für ihre Unliebens Würdigkeit gegen den Bräutigam, den sie 
allein gelassen hatte, und vielleicht auch für ihren Aberglauben, von dem sie 
sich gerne frei machen möchte. Sie nimmt also 2. Rache an ihm wegen desi 
unerwünschten Geschenkes und der Ungalanterie und bestraft sich selbst wegen 
der Vorwürfe, die. sie dem Bräutigam ungerechtfertigterweise macht, sowie für 
ihre eigenen Fehler. Die bei weitem! bedeutsamste und tiefste Regung aberj die 
auch die Beziehung zur Erotik (Glück und Unglück — in der Liebe) am klarsten 
erkennen lässt, ist 3. die p f e r s t i m m u n g , die scheinbar einem rein aber- 
gläubischen Impuls entspringt. Sie hält das harmlose Geschenk für ein Anzeichen 
des bevorstehenden Bruches und benützt den zufälligen Verlust, um sich durch 
Opferung eines psychologisch gleichwertigen Schmuckes die Gunst des (Liebes-) 
Glückes zu sichern. Wir dürfen jedoch diesen Aberglauben, ohne Rücksicht auf 
seine allgemeine Geltung, nach den Hinweisen Freud's individuell auflösen und 
in ihm nichts anderes sehen, als die Projektion ihres eigenen Zweifels (Wunsches) 
an der Dauerhaftigkeit und Gediegenheit ihres Verlöbnisses. Dieser eigene innere 
Zweifel macht die Zwiespältigkeit und Tendenz der aufgelösten Symptomhandlung 
verständlich, wie er auch das Festhalten des Mädchens am Aberglauben erklärt 
Sie sagt selbst, dass sie vom Aberglauben loskommen möchte, dass sie aber die 
Erfüllung all ihrer Ahnungen und Befürchtungen immer wieder nur darin bestärke x ). 
Man möchte umgekehrt sagen, die Ahnungen und Befürchtungen erfüllten sich ihr 
immer, weil sie abergläubisch ist, d. h. weil sie nichts anderes tut, als ihre eigenen 
Regungen in die Aussenwelt und auf ihre Objekte projizieren, wobei es dann kein 
Wunder ist, wenn ihr dieselben als Tatsachen von aussen her entgegenzutreten 
scheinen. 



in einem Hotel ist, das zugleich als Spital dient „Ich habe das Glied gesehen 
und mich davor geekelt ; es hat so ausgesehen wie ein Skelett, wie verwest, 
war aber rot Wie an einem anatomischen Präparat war an der Oberseite die Haut 
weggeschnitten, so dass man die Knochenringe nach Art der Rippen sah. Erst ist 
der grosse gekommen und dann der kleinere.** Als ich sie auf die 'Identität dieses 
Details mit dem Skelett aus dem Anhangseltraum, der ein halbes Jahr zurücklag, 
aufmerksam machte, meinte sie: „Ja, es hat dieselbe Fasson gehabt wie damals 
das Anhängsel im Traume.** Dass sie dieses längst vergessene symbolische Bild 
neuerlich produziert, hängt mit dem Umstand zusammen, dass dieser zweite 
Traum ebenso wie der frühere im die Zeit der Periode fällt, die sich in ihrem 
Traumleben durch eine Anzahl typischer Elemente verrät. Die Tatsache der Periode 
erklärt nicht nur gewissermassen die ganze Stimmung, welche im Anhängseltraum 
zum Ausdruck kommt, sondern macht auch eine Anzahl von Details in über- 
raschender Weise verständlich, wie z. B. die sonst rätselhafte Herkunft der Funde 
aus einem Krieg; das Mädchen ist nämlich zur Zeit der Menstruation gewohnt, von 
ihrem „Schmuckgegenstand*' zu sagen, er befinde sich im Krieg. 

*) Sie vernachlässigt dabei natürlich, w:e jeder Abergläubische, die weitaus 
grössere Zahl der Fälle, in denen die Ahnungen sich nicht bestätigten. 



r^rtrtrtlr- Original frorn 

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Das Verlieren als Symptomhandlung. 469 

Nachtrag. 
Eine unverhoffte reale Bestätigung fand die Auffassung dieses Verlustes im 
Sinne unserer Aufklärungen ungefähr ein halbes Jahr nach dem Ersatzopfer der 
Anhängsel in dem tatsächlich eingetretenen Verlust eines der ominösen Schmuck* 
stücke, nämlich der Brosche, der unter ganz ähnlichen äusseren Umständen und 
inneren Bedingungen erfolgte wie seinerzeit die Ersatzhandlung. Gelegentlich eines 
neuerlichen Beisammenseins mit ihrem Bräutigam hatte das Mädchen einen nächt- 
lichen Traum, dessen Inhalt leider nur noch andeutungsweise und unvollständig 
zu ermitteln war. Sie fand darin einige (3 bis 4) Paare Ohrgehänge 
mit weissen tropfenförmigen Steinen. Dann sah sie einen 
Herrn mit einer Rrawattennadel und sagte zu ihrem Bräu- 
tigam: Schau, der hat auch eine Mosaikarbeit an seiner 
Nadel. Sie dachte im Traume: Warum finde ich denn lauter 
Ohrgehänge und keinen Ring und wollte die Ohrgehänge 
gegen einen Ring austauschen. Auch diesen Traum erzählte sie so- 
gleich beim Erwachen und fügte spontan hinzu, er erinnere sie in auffälliger 
Weise an jenen früheren Anhängseltraum. Als sie am Morgen nach diesem zweiten 
Traum zur Vollendung ihrer Toilette die Brosche anlegen wollte, merkte sie erst 
deren Verlust, der sowohl zur Zeit als er sich ereignete wie auch am Abend 
beim Entkleiden ihrer bewussten Wahrnehmung vollkommen entgangen war. Aber 
auch in diesem Falle musste das Unbewusste von dem Verlust Kenntnis ge- 
nommen haben, denn es entschädigt die Träumerin, wie in dem früheren Traume, 
durch den Fund erwünschter Schmuckstücke, die auffälligerweise wieder „An- 
hängsel" (Ohrgehänge) sind, ja deren Anzahl sogar der seinerzeitigen Verlust- 
ziffer (3 — 4) vollkommen entspricht. Diese Übereinstimmung in einzelnen Details 
erweitert sich bei näherer Nachforschung zu einer restlosen Parallele beider 
Symptomhandlungen, die uns darüber aufklärt, dass das Mädchen jede sich dar- 
bietende Gelegenheit zu einem Opfer für die Annahme des unheilbringenden 
Schmuckes benützt, bis es ihr schliesslich gelungen ist, diesen selbst loszuwerden. 
Auch für den Verlust der Brosche war, wie im ersten Falle, der äussere Anlass 
ein Besuch beim Bräutigam. Wie es sich damals um die unmittelbare Reaktion 
auf ein unerwünschtes Geschenk von ihm gehandelt hatte, so ging auch diesmal 
der rezente Impuls zur Symptomhandlung wie zum Traume von einem 
beabsichtigten Geschenk des Bräutigams aus, der — angeblich wieder ganz ahnungs- 
los — Tags zuvor geäussert hatte, er habe vor, ihr eine Mosaikbrosche zu 
kaufen (vgl. die Mosaik-Krawattennadel im Traume). Wie früher erscheint also 
auch hier neben dem bereits rege gewesenen Motiv der Opferung neuerlich " das 
Motiv der Rache und Bestrafung zu erwachen. Weil er wieder ' mit der Über- 
reichung einer Brosche „droht", verliert sie zur Warnung dieses längst zur 
Opferung bestimmte, gehasste Schmuckstück; anderseits versichert sie sich durch 
diese Opferhandlung des Anspruchs auf einen erwünschten Ersatz, den sie tat- 
sächlich bereits am folgenden Tage in Form des schon im Traume ersehnten 
Ringes erhält Charakteristisch für die Art des Einflusses unbewusster Regungen 
auf das Alltagshandeln ist die Tatsache, dass das Mädchen, vor die reiche Aus- 
wahl eines Ladens gestellt, sich nicht ohne weiteres für einen Ring entschied, 
dessen Wahl ja vom Unbewussten bereits vorgesehen war, sondern erst nach 
langem Schwanken zwischen den verschiedensten Schmuckstücken, worunter sich 
merkwürdigerweise auch Broschen befanden. In diesem bewussten Paradoxon 
verrät sich eine unbewusste Tendenz nach direktem Ersatz für das Verlorene (die 
Brosche), das sie aber doch lieber, wie der Traum zeigt, gegen einen Ring aus- 



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460 Otto Rank. 

getauscht haben möchte. Nun macht sie ja wirklich diesen Tausch, der ihr 
jedoch nur durch den Verlust der Brosche und den Ersatzkauf des Ringes ermög- 
licht wird. Man versteht diesen Wunsch nach dem Tausch und die darin zum 
Ausdruck gebrachte Sehnsucht nach dem Ring, wenn man sich erinnert, welche 
symbolische Bedeutung die „Sehnsucht nach dem Ring' 4 unserem Sprachgebrauche 
nach hat. Der Traum drückt ihre Enttäuschung darüber aus, dass sie (immer 
nur) lauter Anhängsel (Liebschaften), aber keinen Ring (Ehemann) findet. Die 
Folie zu diesem Bilde liefert der schon aus der Deutung des ersten Traumes 
bekannte sexualsymbolische Sinn des „hängenden Schmuckes" (Anhängsel, Ohr- 
gehänge) und des „hineinzusteckenden Schmuckes" (Krawattennadel, Hutnadel), 
zu dem auch die Tropfenform der Steine eine sinnreiche Beziehung hat 1 ). 

Die für unsere Auffassung entscheidende Analogie zu der ersten Symptom- 
handlung liegt darin, dass das Unbewusste von dem Verluste Kenntnis hatte, 
oder richtiger gesagt, diesen direkt veranlasste. Diese Kenntnis des Unbewussten 
verrät sich auch hier wieder in mehr oder minder deutlichen Mahnungen, die vor 
der Entdeckung des Verlustes rege wurden. Das Mädchen erzählt darüber: „Schon 
beim Anziehen habe ich immer an die Brosche denken müssen, als hätte es 
mir gesagt, ich soll sie suchen. Beim Frisieren ging es mir durch den Kopf: die 
Brosche, wo habe ich nur die Brosche, und gab mir keine Ruhe. Ich habe aber 
noch nicht gewusst, dass sie weg ist; das habe ich erst später, beim Anziehen 
der Krawatte bemerkt" (Krawattennadel). Dass der Verlust aber nicht nur dem 
Unbewussten bekannt, sondern von diesem direkt intendiert worden war, ergibt 
sich aus einem weiteren beiden Symptomhandlungen gemeinsamen Umstand, der 
zeigt, wie die unbewusste Opferstimmung sich auch die scheinbar ganz zufällige 
unerlässliche Vorbedingung zu ihrer Betätigung absichtsvoll zu schaffen weiss. Wie 
nämlich der Verlust der Anhängsel nur durch die Schadhaftigkeit des Karabiners 
ermöglicht worden war, von welcher das Mädchen ja Kenntnis hatte (das Greifen nach 
der Uhr), so war auch die Möglichkeit eines tendenziösen Verlustes der Brosche an 
eine ähnliche Bedingung geknüpft: Auch der Verschluss der Brosche war schon 
die längste Zeit hindurch schadhaft und das Mädchen wusste die nötige Reparatur 
— wie seinerzeit die des Karabiners — immer wieder hinauszuschieben. Kommt 
in dieser Unterlassung einerseits die Tendenz des Unbewussten zum Ausdruck, 
sich die Möglichkeit des Verlustes (Opfers) stets offen zu halten 2 ), so ist damit 
doch zugleich den bewussten Gegentendenzen Gelegenheit zur Geltendmachung 
gegeben; das Mädchen erwähnt auch, sie habe immer auf die (vom Unbewussten 
gefährdete) Brosche achtgegeben und öfter danach gegriffen. Man erkennt aber 
hier, dass es nur einer Verstärkung der unbewussten Tendenzen und eines damit 
verbundenen geringen Nachlasses der bewussten Gegenregungen bedarf, um das 
Schmuckstück der bewussten Achtsamkeit zu entziehen und damit tatsächlich 
dem Verlust preiszugeben. Dieses Gegenspiel der unbewussten Verlustneigung 
und der bewussten Erhaltungstendenz verrät sich endlich auch hier wieder in 
der übertriebenen Reaktion auf den Verlust, angesichts dessen sie sich untröstlich 
gebärdete, und in der allzuraschen und vollkommenen Tröstung darüber, welche 
das abergläubische Mädchen mit der ihr geläufigen — psychologisch völlig zu- 
treffenden — Formel begründet: „Es hat halt so sein sollen, dass ich es verliere." 

x ) Vgl. zu dieser Symbolik Freud's: Bruchstück einer Hysterieanalyse in : 
Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre, 2. Folge, 1909, S. 80 und 81 An- 
merkung. 

2 ) Eine dichterische Verwertung dieses Motivs findet man in Ibsen 's 
Baumeister Solness, der es auch unterlässt, den ihm bekannten Schaden an seinem 
Hause reparieren zu lassen, bis das Gebäude — seinem geheimen Wunsch ge- 
mäss — dieser Nachlässigkeit zum Opfer fällt. 



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IV. 

Anatole France als Analytiker. 

Mitgeteilt von Dr. S. Ferenczi (Budapest). 

Ibsen und Anatole France haben die auch durch die Analyse 
aufgedeckten Grundlagen unseres Seelenlebens auf dem Wege der Ein- 
gebung erfasst. A. France hat seine psychologischen Erkenntnisse den 
Helden seiner Erzählungen in den Mund gelegt. Sie sind in den salbungs- 
vollen, alles wissenden und alles verzeihenden Reden des Abbe Coignard, 
in den tiefsinnigen Gedanken des Monsieur Bergeret und anderwärts in 
seinen Werken zerstreut, und verdienten gesammelt zu werden. 

Nur an einer Stelle nimmt der grosse französische Schriftsteller zu 
den Fragen der Psychiatrie unmittelbar Stellung, in einem Feuilleton, das 
im Jahrgange 1887 der „Temps 44 unter dem Titel: „Les fous dans la 
litterature" erschien und im ersten Band der Sammlung France'scher publi- 
zistischer Arbeiten „La vie litteraire 44 abgedruckt ist. 

Ich gebe hier einige bezeichnende Stellen dieses Aufsatzes wieder 
und glaube, dass es keinem Leser des Zentralblattes schwer fallen wird, 
nach Übersetzung der France'schen Ansichten in die psychoanalytische 
Kunstsprache die grundsätzliche Übereinstimmung seiner und unserer Auf- 
fassung über funktionelle Psychosen festzustellen. 

„Ein Franzose 44 — schreibt A. France — „der nach London reiste, 
besuchte eines Tages den grossen Charles Dickens. Er wurde empfangen 
und entschuldigte sich dafür, dass er es wage, einige Minuten eines so 
kostbaren Daseins in Anspruch zu nehmen. 4 * 

— „Ihr Ruhm, fügte er hinzu, und die allgemeine Zuneigung, 
die Sie erwecken, mag Sie unzähligen solchen Belästigungen aussetzen. 
Ihre Türe ist unausgesetzt belagert. Sie müssen alltäglich Fürsten, Staats- 
männer, Gelehrte, Schriftsteller, Künstler, sogar Narren empfangen. 4 * — 

— „Ja, Narren, Narren, rief Dickens, indem er sich in grosser Er- 
regung, wie sie ihn an seinem Lebensende oft befiel, erhob, Narren I nur 
die machen mir Vergnügen. 44 

— Sprachs, fasste den erstaunten Besucher bei den Schultern und 
schob ihn zur Türe hinaus. 

„Die Narren, die liebte Charles Dickens immer. Mit welch' zarter 
Anmut beschrieb er die Unschuld des guten Mr. Dick. Jedermann kennt 
Mr. Dick, da doch jedermann David Copperfield gelesen hat. Jeder Franzose 
zumindest, da es in England heutzutage Mode ist, den besten englischen 
Erzähler zu vernachlässigen. Ein junger Kunstgelehrter gestand mir un- 
längst, dass „Dombey and San 44 nur in der Übersetzung lesbar sei. Er sagte 



C* f\r\n 1 fc Orjginal frorn 

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462 Dr. S. Ferenczi, 

mir auch, dass Lord Byron ein ziemlich flacher Dichter sei, etwa wie 
unser Ponsard. Ich glaube es nicht. Ich glaube, dass Byron einer der 
grössten Dichter des Jahrhunderts ist, und dass Dickens mehr Gefühl 
besass und erweckte als irgend ein anderer Schriftsteller. Ich glaube, 
dass seine Romane schön sind, wie die Liebe und die Barmherzigkeit, 
die sie einflössen. Ich glaube, dass „David Copperfield 4 ' ein neues Evan- 
gelium ist. Ich glaube endlich, dass Mr. Dick, mit dem allein ich es hier 
zu tun habe, ein wohlberatener Narr ist, da die einzige Art Vernunft, die 
ihm verblieb, die Vernunft des Herzens ist, und diese nie betrügt. 

Was schadet es, dass er Papierdrachen fliegen lässt, die er fruit 
weiss Gott welchen Träumereien über den Tod Karls des Ersten beschrieben 
hat! Er ist wohlwollend, er will niemandem weh tun, und das ist leine 
Weisheit, in der es viele vernünftige Menschen nicht so weit gebracht 
haben wie er. Es ist ein Glück für Mr. Dick, in England geboren zu sein. 
Die persönliche Freiheit ist dort grösser als in Frankreich. Eigenart wird 
dort mit mehr Wohlwollen betrachtet und mehr geachtet als bei (uns. 
Und was ist am Ende der Irrsinn anderes als geistige Eigenart? Ich rede 
vom Irrsinn und nicht von der Demenz. Demenz ist Verlust der intellek- 
tuellen Fähigkeiten, der Irrsinn aber nur eine absonderliche und eigenartige 
Verwendung derselben." 

Diese wunderbar klare Definition France 's übertrifft an Richtigkeit 
so ziemlich alle ähnlichen Versuche der berufsmässigen Psychiater, die 
auch die unzweifelhaft funktionellen, psychogenen Neurosen und Psy- 
chosen anatomisch erklären und womöglich zur Demenz brandmarken 
wollen. 

„In meiner Kindheit — setzt Anatole France fort — kannte ich 
einen Greis, der bei der Nachricht vom Tode seines einzigen, zwanzig 
Jahre alten Sohnes, den eine Lavine des Rigi verschüttet hatte, irrsinnig 
wurde. Seine Narrheit war die, dass er Kleider aus Matratzenleinwand 
trug. Abgesehen davon war er vollkommen vernünftig. Alle Strassen- 
jungen der Umgebung liefen ihm mit Indianergeheul nach. Da sich aber 
in [ihm die Milde eines Kindes mit der Kraft eines Riesen paarte, hielt pr 
sie in respektvoller Entfernung, indem er jihnen genügend Furcht ein- 
jagte, ohne ihnen je wehe zu tun. Er hätte einer guten Polizei als Vor- 
bild dienen können. 

Trat er in ein befreundetes Paus, so war es sein erstes, (diesen 
lächerlich grosskarrierten groben Leinwandkittel abzuwerfen. Er legte ihn 
auf einem Lehnstuhle in der Weise zurecht, dass er möglichst ausschaue, 
als bekleidete er einen menschlichen Körper. Seinen Spazierstock steckte 
er als Rückgrat in den Rock, dann setzte er seinen grossen Filzhut 
auf den kugeligen Knopf seines Stockes und krampte den Hutrand nach 
abwärts, wodurch die Figur ein gar fantastisches Aussehen bekam. Nach- 
dem das getan war, betrachtete er einen Augenblick sein Werk, wie man 
einen alten kranken Freund ansieht und unvermittelt verwandelte er sich 
in den vernünftigsten Menschen der Welt, als wäre es in Wirklichkeit der 
eigene Irrsinn, der im Faschingsaufzug vor ihm schlummerte. 

Wie oft und wie gerne sah und hörte ich ihm zu. Er sprach über 
alle Gegenstände mit viel Einsicht und Scharfsinn. Er war ein Gelehrter, 
voll aller möglichen Kenntnisse über die Welt und die Menschen. Nament- 
lich über Reisen hatte er eine reiche Bibliothek im Kopfe und war un- 



Origir 
^^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Anatol© France als Analytiker. 463 

vergleichlich im Erzählen des Schiffbruchs der Meduse oder gewisser 
Matrosenabenteuer in Ozeanien. 

„Es wäre unverzeihlich von mir, wenn ich zu erwähnen vergässe, 
dass er ein vollendeter Humanist war. Er gab mir ja, rein aus Wohl- 
wollen, mehrere Lektionen in Griechisch und Latein, die meinen Studien 
sehr zugute kamen. Seine Dienstfertigkeit zeigte sich bei jeder Gelegen- 
heit. Ich sah einmal, wie er verwickelte Rechnungen, mit denen ihn ein 
Astronome betraut hatte, unterbrach, um einer alten Dienerin beim Holz- 
spalten behilflich zu sein. Sein Gedächtnis war verlässlich ; er behielt 
die Erinnerungen an alle Ereignisse seines Lebens — ausgenommen (das 
eine, das ihn zerrüttet hatte. Der Tod seines Sohnes schien ihm aus dem 
Gedächtnis ausgelöscht zu sein. Nie hörte man von ihm auch nur ein 
Wort, aus dem man darauf hätte schliessen können, dass er sich an 
irgend etwas von diesem schrecklichen Unglück erinnerte x ). Seine Stim- 
mung war sonst ausgeglichen, fast heiter. Er liebte es, seinem Geiste milde 
lachende, liebliche Bilder vorzuführen. Er suchte die Gesellschaft junger 
Leute und seine Geistesrichtung wurde im Verkehr mit ihnen ausgesprochen 
lebhaft. 

Er drang nicht recht in die Gedankenwelt dieser jungen Leute ein; 
er verfolgte seine eigenen Gedanken mit einer Hartnäckigkeit, die allen 
Versuchen, ihn aus dem Geleise zu bringen, widerstand. 44 

Hätten wir auf Grund dieser Beschreibung France's die Diagnose 
des Falles zu stellen, so müssten wir aus den Stereotypien, aus dem Er- 
haltenbleiben der Intelligenz, aus der Abgeschlossenheit der Aussenwelt 
gegenüber, welche Symptome der Dichter auf ein erlittenes psychisches 
Trauma zurückführt, auf Dementia praecox folgern. Wir finden in diesem 
Erklärungsversuche Anatole France's unsere eigenen Anschauungen wieder. 
Das weitere Schicksal des Kranken erzählt der Dichter in folgendem: 

„Nachdem er sich zwanzig Jahre lang Sommer wie Winter mit 
einem Rock aus Matratzenleinwand hekleidet hatte, erschien er eines 
Tages in einer kleinkarrierten Weste, die gar nicht lächerlich war. Aber 
auch seine Laune war wie sein Anzug, leider aber sehr zu ihrem Nach- 
teil, verändert. Der Arme war traurig, schweigsam und still. Er liess nur 
hie und da einige Worte fallen, die Unruhe und Erschütterung Verrieten. 
An seinem Antlitz, früher so rot, erschienen bläuliche Flecken. Seine 
Lippen wurden schwärzlich und hängend. Er wies jede Nahrung von sich. 
Eines Tages sprach er vom Tode seines Sohnes. Am Morgen des darauf- 
folgenden Tages fand man ihn in seinem Zimmer erhenkt 2 ). 44 

Das Ende des Mannes mit dem Matratzenrock, der aller Wahr- 
scheinlichkeit keine freie Erfindung France's ist, erinnert an Fälle von 
Dementia praecox, in denen es unter dem Einfluss schwerer körperlicher 
Erkrankungen oder auch ohne sichtbaren Grund merkwürdig plötzliche 
Änderungen des Znstandsbildes vor sich gehen. Ich weiss von Dr. R i k 1 i n , 
dass er in der Züricher Irrenanstalt häufig Gelegenheit hatte bei dementen 
Frauen Geburtshelferdienste zu leisten und konstatieren konnte, dass die 
mit dem Gebären einhergehende ^Erschütterung auch die ungebärdigsten 
Patientinnen vorübergehend gefügig, ruhig und intelligent machte. 



*) A. France ahnte also schon in 1887 den Mechanismus der Verdrängung 
und deren Zusammenhang mit zirkumskripten Amnesien. 

2 ) Wir würden sagen: das Auftauchen der bevvussten Erinnerung verwandelte 
die Krankheit in „gemeines Unglück", das der Patient nicht ertragen konnte. 



r^rtrtrtL- Original frorn 

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464 Dr. S. Pereoczi, 

„Ich kann mich — setzt A. France fort — einer ausgesprochenen 
Sympathie für die Irrsinnigen, die anderen wenig zu Leide tun, picht 
erwehren. Anderen gar nicht wehe zu tun, ist niemandem gegeben, Ver- 
nünftigen so wenig wie Irrsinnigen. 

Die Irren verdienen keinen Hass. Sind sie denn nicht unseree- 
gleichen? Wer kann von sich behaupten, dass er in keiner HinsMit 
närrisch ist? 

Ich habe soeben in Littre und de Robin's „Dictionnaire" die 
Begriffsbestimmung des Irrsinns gesucht, aber nicht gefunden. Die dort 
gegebene Erklärung zumindest ist nämlich ganz unsinnig. Ich war darauf 
gefasst; denn der Irrsinn, wenn er durch keine anatomische Veränderung 
gekennzeichnet ist, bleibt undefinierbar. Wir nennen einen Menschen einen 
Narren, wenn er anders denkt als wir. Voilä tout Philosophisch betrachtet, 
sind die Gedanken der Narren ebenso berechtigt wie die unseren. Sie 
stellen sich die Aussenwelt nach den Eindrücken vor, die sie davon emp- 
fangen. Wir, die wir für Vernünftige gelten, tun auch nichts an4ereß. 
Die Welt spiegelt sich in ihnen auf andere Weise als in uns. Wir sagen: 
das Bild, das wir uns davon bilden, sei das richtige und das ihrige sei 
falsch. In Wirklichkeit ist keines der beiden völlig wahr oder völlig 
falsch. Ihr Bild gilt für sie als wahr, wie das unsere für uns." 

Sodann erzählt uns Anatole France eine Fabel vom Streit zwischen 
einem Plan- und einem Konvexspiegel, die beide ausschliesslich das auf 
der eigenen Spiegelfläche erscheinende Bild für richtig erklären und schliesst 
mit der Warnung: 

„Lertien Sie doch meine Herren Spiegel sich nicht gegenseitig Narren 
zu schimpfen, weil sie von den Dingen nicht dasselbe Bild erhalten.*' 

Diese Fabel empfiehlt France den Irrenärzten, „die alle Leute, 
deren Leidenschaften und Gefühle stark von den ihrigen abweichen, 
einsperren lassen. Sie erklären einen verschwenderischen Mann und eine 
verliebte Frau für blödsinnig. Als wäre im Verschwenden und im Ver- 
liebtsein nicht mindestens soviel Sinn als im Geiz und im Eigennutz. 44 

In diesem Satze finden war unsere Ansicht, wonach funktionell 
Geisteskrankheit sich nur quantitativ von der Normalität unterscheidet, 
wieder. 

„Die Irrenärzte — sagt weiters France — sind der Ansicht, dass 
ein Mensch, der hört, wenn die anderen Menschen nicht hören, irrsinnig 
sei. Und doch pflegte Sokrates bei ,seinem Schutzgeiste Rat zu holen 
und hörte Jeanne d'Arc Stimmen. Sind wir denn nicht allesamt Geister- 
seher und Halluzinanten ? Wissen wir denn überhaupt etwas vom Wesen 
der Aussenwelt? Und erfahren wir Zeit unseres Lebens etwas anderes 
als leuchtende oder schallende Schwingungen unserer Empfindungsnerven. 44 

Auf dieses erkenntnistheoretische Gebiet folgen wir Psychoanalytiker 
dem philosophierenden Schriftsteller nicht. Uns gibt die Sammlung und 
Sichtung der Tatsachen der empirischen Psychologie noch für lange Zeit 
genug zu schaffen. 

Wie gut sich France in das Wahnsystem eines Paranoikers einzu- 
fühlen versteht, ersehen wir aus einer anderen Stelle seiner Abhandlung 
über die Narren in der Literatur. Er spricht dort von der bekannten Novelle 
„Le Horla 41 von Guy de Maupassant, „dem Fürsten der Erzähler 44 . In 
dieser Novelle wird einer von einem unsichtbaren Dämon, einem Vampyr 



f^nrmlf> Original frorm 

byVrUUglL UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Anatole France als Analytiker. 465 

gepeinigt, der ihm den Schlaf rauht und die Milch von seinem Nachtkasten 
stiehlt. 

„In der Tat ist nichts schrecklicher — setzt A. France hinzu — als 
sich in den Krallen eines unsichtbaren Feindes zu fühlen. Will ich aber 
ganz ehrlich sein, so muss ich gestehen, dass dieser Irre Maupassant's 
weniger feinfühlig ist, als Verrückte zu sein pflegen. Ich an seiner Stelle 
würde den Vampyr so viel Milch saufen lassen, als ihm beliebt und 
mir sagen: ,Das freut mich! Indem die Bestie diese alkalische Flüssig- 
keit verschlingt, assimiliert sie auch deren für Licht undurchgängige Ele- 
mente und muss so am Ende sichtbar werden. Wenn Sie wollen, be- 
schränke ich mich nicht auf die Milch: ich werde versuchen, den Vampyr 
auch Karmin schlucken zu lassen, um ihn vom Scheitel bis zur Zehe 
rot zu färben. 1 '* 

Allerdings entspricht dieser launige Vorschlag nicht ganz der Tendenz 
der „Horla", in der der so tragisch dahingegangene Dichter nicht die 
Ween eines Paranoikers, sondern nach dem Gutachten seiner Biographen 
die Krankheitszeichen seiner eigenen, mit Angsterscheinungen einsetzenden 
Paralyse beschreiben wollte. 

Ich kann es mir nicht versagen, hier eine weitere Stelle aus den 
Werken Anatole France's wiederzugeben, die als ausgezeichnete psycho- 
analytische Deutung eines vielfach vorkommenden vorübergehenden ab- 
normen psychischen Zustandes gelten kann. In seiner Novelle „Le 
manuscrit d'un m6decin de village 44 , abgedruckt in der Sammlung „Etui 
de Nacre" (Paris, Calm. L6vy Editeurs, p. 161) meditiert ein Landarzt un- 
gemein tiefsinnig und geistvoll über das Thema der Barmherzigkeit. France 
stellt diesen Arzt als einen alten Praktiker dar, der inmitten seines schwer- 
fälligen, hartherzigen Bauernvolkes allmählich auch selbst das Gefühl 
des Mitleids mit den Pflegebefohlenen verlor. Er blieb unverheiratet und 
widmet alles Interesse, (das ihm die Medizin übrig Hess, seiner wunder- 
schönen Weinpflanzung. Eines Morgens wird er, während er sich gerade 
mit seinen geliebten Weinreben beschäftigt, zum kleinen filoi gerufen, 
dem Söhnlein eines benachbarten Landwirts, das ihm durch seine un- 
gewöhnliche Begabung auffiel und dessen geistige Entwickelung er oft 
mit Staunen beobachtet hatte. Er untersucht den kleinen Patienten, stellt 
die Diagnose auf Meningitis, konstatiert aber zu gleicher Zeit eine eigen- 
tümliche psychische Veränderung an sich selbst, die er folgendermassen 
beschreibt und analysiert: 

„Es ging nun in mir etwas ganz ungewöhnliches vor. Obzwar ich 
meine Kaltblütigkeit vollkommen bewahrte, sah ich den Kranken, wie 
durch einen Schleier hindurch und so weit von mir entfernt, dass er mir 
ganz winzig klein erschien. Dieser Störung in der räumlichen Orientierung 
folgte sofort eine ganz analoge in der zeitlichen. Obzwar mein Kranken- 
besuch keine fünf Minuten in Anspruch nahm, kam es mir Vor, als stünde ich 
schon seit langer, seit sehr langer Zeit in jener niedrigen Stube vor dem 
kattunüberzogenen Bette und als vergingen Monate, Jahre, während ich 
regungslos dastand. 

„Ich zwang mich, wie gewöhnlich, diese sonderbaren Eindrücke 
sofort zu analysieren und hatte auch bald heraus, um was es sich handelte. 
Die Sache ist sehr einfach. Ich hatte den kleinen filoi lieb. Ihn so un- 
erwartet schwerkrank daliegen zu sehen: „je n'en revenais pasT Das ist 
der treffende und populäre Ausdruck dafür. — Peinliche Momente er- 

Zentralblatt fflr Psychoanalyse. 1*/". 32 



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466 Dr. 8. Ferencri 

scheinen uns furchtbar lang. Darum machten die fünf oder sechs Minuten 
bei Kloi den Eindruck des Endlosen auf mich. — Was die Vision anbelangt, 
die mir das Kind so weit entfernt zeigte, so kam sie von der Idee, dass 
ich ihn verlieren muss. Diese Idee, die sich in mir ohne meine Zu- 
stimmung gebildet hat, hatte von der ersten Sekunde an den Charakter 
absoluter Sicherheit." 

Auch eine methodische Seelenanalyse hätte für diese Erscheinungen 
nur solche oder ähnliche Erklärungen finden können. A. France scheint 
zu wissen, dass unerklärliche Seelenvorgänge erklärlich werden, wenn 
man durch Nachdenken die bisher unbewussten Motive findet. Auch wir 
würden sagen, dass der Arzt, der sich rühmte, die Barmherzigkeit abgestreift 
zu hüben, beim IJette des kleinen Patienten diese Schwachheit wohl vom 
Uewusstsein verdrängen, es aber nicht verhindern konnte, dass sich diese 
unterdrückten Gefühle zu Störungen des Gesichts- und des Zeitsinnes 
konvertieren 1 ). 

Es wird uns aus diesen Beispielen zweifellos, dass A. France 
ein grosses Stück Analysenarbeit unabhängig von jeder Fachpsychologie 
mit ähnlichen Ergebnissen geleistet hat, wie wir mit den verfeinerten 
Methoden der Freu dachen Psychoanalytik. Wir finden auch bei ihm 
überall die gebührende Würdigung des Unbewussten, des Infantilen und 
Sexuellen wieder, so dass wir ihn für einen der bedeutendsten Vorläufer 
der analytischen Psychologie ansehen müssen. 

Ich fand aber eine Stelle in Anatole France's „Histoire Contem- 
poraine", die uns zeigt, dass dieser liebenswürdige Philosoph nicht nur 
mit dem 'unklaren Mechanismus der Einfühlung arbeitet, sondern dass ihm 
eine vorurteilslose, in keiner Hinsicht beschränkte, wirklich freie Asso- 
ziation zu Gebote steht, und er diese dazu benützt, um die Tiefen des 
eigenen Seelenlebens und dadurch auch die der anderen Menschen zu er- 
gründen. Diese Stelle befindet sich auf S. 223 des „Mannequin d'Osier". 
Der Verfu-sser gibt hier seine Gedanken in den Mund des Professor Bergeret, 
dieses anziehendsten aller Denker, dem keine Lüge, kein Selbstbetrug der 
Menschheit verborgen bleibt, und der dennoch nie zum moralisierenden 
Prediger oder weltschmerzlichen Pessimisten .wird, sondern das Treiben 
der Mitmenschen heiter, barmherzig, wenn auch mit feiner Ironie be- 
urteilt. Monsieur Bergeret findet auf einer Bank unter den Ulmen des 
Mail ein „grafitto", eine jener mit Kreide geschriebenen Mitteilungen, 
in denen die Kinder ihre ersten sexuellen Entdeckungen ausposaunen. 
Bergeret knüpft daran tiefsinnige Betrachtungen über das Mitteilungsbedürf- 
nis der Menschen, das schon Phidias bestimmt hat, den Namen seiner 
Geliebten in die grosse Zehe des olympischen Jupiters einzuritzen. 

„Und doch ~ dachte Bergeret weiter — ist die Verstellung die 
höchste Tugend des wohlerzogenen Menschen, der Eckstein der Gesell- 
schaft. Es ist für uns ebenso unvermeidlich, unsere Gedanken zu verbergen, 
wie Kleider zu tragen. Ein Mensch, der alles sagt was er denkt und wie 
er es denkt, ist in einer Stadt ebenso unmöglich, wie einer, der ganz nackt 
herumgeht. Erzählte ich z. B. bei Paillot 2 \ wo doch das Gespräch ziemlich 
frei ist, die Bilder, die mir in diesem Moment vorschweben, die Ideen, 

^ Die Psychoanalyse würde übrigens diese räumliche und zeitliche Ent- 
fern u n g des Vnlustvolien als Fluchtversuch deuten. 

^ l>er Buchhändler, in dessen Laden sich die Intelligenz der Provinzstadt 
zw versammeln pflegte. 



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Anaiole France als Analytiker. 467 

die mir wie ein Schwärm von besenreitenden Hexen durch den Kopf 
huschen; beschriebe ich, wie ich mir soeben Madame de Gromance 1 ) vor- 
stelle, die unziemlichen Stellungen, in die ich sie bringen, und die un- 
sinniger, seltsamer, chimärischer, fremdartiger, ungeheuerlicher, perverser 
und tausendmal böswilliger und unsittlicher sind als jene berüchtigte 
Figur des jüngsten Gerichtes über dem Nordportal der Kirche St. Exupfcre, 
in der ein phantasiebegabter Maler, der wohl durch das Kellerloch der Hölle 
geguckt hat, die Sünde in Person erblickt und dargestellt hat; zeigte 
ich genau die Merkwürdigkeiten meiner Tagträume: man hielte mich für 
das Opfer einer entsetzlichen Geisteskrankheit. Und doch weiss ich sicher, 
dass ich ein ehrenhafter Mensch ;und von Natur aus zu anständigen 
Gedanken geneigt bin; dass mich Lebenserfahrung und Nachdenken Mass 
halten lehrten; dass ich bescheiden und ganz und gar den ifriedlichen 
Genüssen des Geistes ergeben bin, ein Feind jeder Ausschweifung, dem 
das Laster, wie alles Abnorme verhasst ist.' 4 — 

Es ist tröstlich für uns Anhänger der Psychoanalyse, die bei uns 
selbst wie bei unseren Kranken eine {ähnliche Mischung von >,Tugend" 
und „Perversität" als Bestandteile des Seelenlebens entdecken, Bergeret 
und mit ihm Anatole France zu den Unseren rechnen zu können. Eine 
solche Gemeinschaft entschädigt uns reichlich für die Missachtung jener 
Neurologen und Psychiater, die weder im eigenen Busen, noch in dem 
ihrer Patienten derlei Ungeheuerlichkeiten finden, und geneigt sind, sie 
unserer verderbten Einbildungskraft zuzuschreiben. 

*) Eine sehr schöne und nicht sehr tugendhafte Dame der Gesellschaft. 



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Hysterie nnd Mystik bei Margaret ha Ebner (1291 — 1351). 

Von Dr. Oskar Pfister, Pfarrer in Zürich. 
L Der Lebensgang. 

Ober das Leben der Margaretha Ebner besitzen wir nur streckenweise 
befriedigenden Aufschi uss. Geboren um 1291, ging sie aus einem wahrscheinlich 
in Donauwörth sesshaften Patriziergeschlecht hervor 1 ). Die beiden ersten Jahr- 
zehnte ihrer Entwickelung sind fast ganz in Dunkel gehüllt. In der Auto- 
biographie wird der Zeitraum abgetan mit dem Satze: „Wie ich vor (1311) lebte 
wol zwainczig jar, daz kan ich niht geschriben, wan ich min seibs niht war 
nam 9 wan daz ich wol waisse, daz mich got in siner vätterlichen triwe und 
huot het alle zit" (S. 1.) Dass Margaretha im 20. JaJhr eine innere Mahnung 
von Gott erhielt, sich iu ihrem ganzen Leben nach seinem Willen zu richten, 
deutet auf schwere seelische Konflikte. Am 6. Februar 1312 erkrankte das Mädchen 
an einer Hysterie, die folgendermaßen beschrieben wird: „Des ersten huob 
(erhob) sich wunderlich min siechtag. mit grossem unlidigem wetagen (Schmerz) 
gieng ez mir in daz hertz, daz ich niht wol eben auten mäht haun (atmen konnte), 
daz man mich verre (stark) hört autmen. so gieng cz mir dann in die äugen, 
daz ich niht gesehen mäht alle die wil ez mir da was. so was ez mir dann in 
den henden, daz ich sie niht kund geregen, also gieng ez mir üb?r allen minon 
üb aun allain die gehörd, diu ging mir nie ab. und den wetagen het ich biz 
in daz trit jar, daz ich min selbs ungeweltig was. und wen ez mir in daz haupt 
gieng, so lachet ich oder wainet vier tag oder mehr emselichen." (1 f.) 

Mit diesen Worten beginnt Margaretha ihre Krankheitsgeschichte, die 
in genauestem Rapport den Vorgängen ihrer ekstatischen Frömmigkeit parallel 
läuft. Wir haben es mit einer schweren Krankheitsform zu tun, die ihre qual- 
und lustvollen Stigmata vier Jahrzehnte, wohl bis zuletzt, beibehielt. Bis zum 
Jahre 1348 unterrichtet uns die Patientin ausführlich in ihrer religiösen Haupt- 
schrift, den „Offenbarungen* 4 , die nichts als eine Chronik ihrer primär und sub- 
limiert hysterischen Erscheinungen darstellen. Die leidende Nonne vergönnt uns 
so tiefe Einblicke in ihre innersten religiösen Erlebnisse, dass wir für die ein- 
tönige, sich in stereotypen Wendungen beständig wiederholende Darstellungsweise 
entschädigt werden. Das ewige Einerlei des Klosterlebens, die konsequente Welt- 
flucht, die asketische Ordensregel, der beständige Kontakt mit Genossinnen, die 
gleichfalls in der strengen vita contemplativa Beschwichtigung ihrer Gemütsbedrängnis 
suchten, kurz die ganze ungesunde Leitung ihrer Libido kam der Hysterie zu 

*) Ph. Strauch, Margaretha Ebner und Heinrich von Nördlingen. Freiburg 
und Tübingen 1882 (Seitenzahlen in Klammern zitiert). 



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Hysterie und Mystik bei Margaretha Ebner (1291—1851). 

statten. Der Reichtum des ekstatischen Innenlebens und der nosologischen Phäno- 
mene spiegelt die Ärmlichkeit der Gelegenheiten, den Ansprüchen der natürlichen 
Begierden und Neigungen in der Wirklichkeit zu genügen. Wenn absolute Kon- 
zentration auf die religiöse Andacht und maximale Enthaltung von jeder anderen 
Verrichtung den Massstab für die Bewertung eines Nonnenlebens abgeben, so 
muss Margaretha allerdings einen hohen Rang unter ihresgleichen einnehmen, 
und man versteht, warum die klösterliche Nachwelt ihr so hohe Verehrung 
widmete *). 

Nur wenige Fäden, die unsere Asketin mit der Welt verknüpfen, bejaht 
Margaretha. Ihrer Familie war sie innerlich ganz entfremdet. Durch Krieg 
(1324/25) ins Elternhaus gebannt, mag sie niemandes Rede ertragen, mit Ausnahme 
der Worte ihrer Schwester (S. 4). Im Kloster übertrug sie öfters auf eine Nonne. 
Die herzlichsten Beziehungen unterhielt sie seit 1332 bis zu ihrem Tode mit 
dem vermutlich jüngeren 2 ) Heinrich von Nördlingen (Strauch XXXIII), 
ihrem Beichtvater und Bewunderer. Von ihm wurde sie beständig zum mystischen 
Leben ermahnt Meist von ihr abwesend, sandte er ihr eine Menge von Briefen, 
gelegentlich auch Geschenke. Eine Aderlassbinde begleitet er mit den Worten: 
„Ich send dir auch ain binden, da mit du verbinden solt die audern deins kusches 
blutz luters" (die Adern deines keuschen, lautern Blutes). Er fügt bei „ain kleins 
tocklin (Tüchlein), dar in du enpfahen solt die hitzigen treher (Tränen) deins 
minenden hertzen" (253). Beide Tücher bittet sich Heinrich aus für den 
Fall, dass die Freundin vor ihm stürbe. Margaretha revanchiert sich durch 
Kerzen, Kuchen, Krapfen, eine Tasche u. dergl. Einmal erbittet sich der berühmte 
Kanzelredner von der verehrten Nonne „ain hüblen 44 , eine Chorhaube (222), ein- 
mal sogar einen ihrer Schlafröcke (225) mit der Begründung: „Ich beger von 
berirde (ich begehre, von der Berührung) deines keuschen hailigen rockes ge- 
reinigt werden an leib und an seel 4 * (228). Acht Jahre später bekennt er, dass 
er den Rock noch immer trage (260)1 Auch für Lektüre sorgte er. Seine Über- 
setzung der durch Mechthild von Magdeburg verfassten Schrift bildet 
nur eine seiner literarischen Gaben. Anfangs fühlt er sich mehr als Beichtvater 
und geistlichen Leiter. Bald aber beugt er sich in tiefster Unwürdigkeit vor der 
begnadeten Seherin (Preger II, 280, Strauch LXIX). Sie ist ihm „meins 
hertzen us erweltü freud und meiner sei heiliger trost und alles meins lebens 
sicher Zuflucht 44 (173). Er ist „ir armer unwirdiger friund, ein dein wirmelein, 
ein suntlicher hinwurf aller geschepft" (sündlicher Auswurf aller Geschöpfe, 185). 

Über Margaretha's letzte Jahre sind wir nicht genau aufgeklärt Ihr 
Klosterleben und ihre Beziehungen zu Heinrich blieben unverändert. Wir 
haben auch keinerlei Anlass zur Vermutung, dass in ihren Gesundheitsverhältnissen 
eine Änderung eintrat Der 20. Juni 1351 war ihr Todestag (Strauch LIX). 

*) Vergl. C. Zittard's Ordenschronik (Dillingen 1596), Sebastian 
Schlettstetter, Das wunderbarliche Leben, vnd Unerhöhrte Wunderwerkh 
der Seeligen, Gottgeweichten Jungfraw Marg. von Maria Medingen. Schwäbisch 
Gmünd 1662. Eustachius Eysenhuet, Kurtzer Begriff Dess Wunderlichen 
Lebens / Heroischen Tugenden / himmlischer Gnaden / vnd Einflüsse / auch vil- 
werthen Todts der Seeligen Jungfrauen Margaiethae Ebnerin. Augsburg 1688. Peter 
L e c h n e r , Das mystische Leben der heiligen Margareth von Cortona (Anhang). 
Regensburg 1862. Diese Schriften zitiert Strauch XIII f. Ferner: W. Preger, 
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter, Bd. II, 277—288. 

>) W. Preger, II, 279. 



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470 Dr. Oskar Pfister, 

II* Krankheit and Frömmigkeit. 

Leider gestatten die vorhandenen Dokumente keinen Einblick in den genauen 
Verlauf der Krankheit unserer mystischen Nonne. Von 1311 bis 1326 war sie halb 
gelähmt; die letzten 13 Jahre dieses Zeitraumes sehen wir sie mehr als die 
Hälfte der Zeit ans Bett gefesselt (3). Aber auch fortan fand sie sich sehr 
häufig an freier Bewegung verhindert. Immer wieder erzählt sie, wie sie umher- 
getragen und gepflegt werden musste, wie man auf ihr Ende wartete und wie sie 
selbst ihr letztes Stündlein gekommen glaubte. Regelmässig aber nimmt die 
Astasie-Abasie im Anschluss an religiöse Gnadenerlebnisse ein Ende, wobei 
wir jedoch selten hören, wie lange die Besserung anhielt. Mitunter geht auch 
die religiöse Verzückung der Lähmung voraus, z. B. am 6. Januar 1336: „An dem 
obrosten (Epiphanien) tag do kam mir under minen paternoster ain grossiu gnad 
in der gegenwertigkait gotes, daz ich min selbes ungewaltik was, und daz man 
mich us dem cor tragen muos, und leten mich in die stuben. Da lag ich den 
tag mit grosser gnade*' (41). 

Die motorische Störung findet sich öfters in Verbindung mit 
Schmerz. Einmal leidet Margaretha an so heftigem Kopf- und Zahn- 
weh, dass sie sechs Wochen lang das Haupt nicht zu neigen vermag und täglich 
lieber gestorben wäre (16). Bei den konvulsivischen Rufen, von denen später 
zu handeln sein wird, stellt sich oft eine „wunderlichiu haiseriu 44 (Heiserkeit) 
ein, während welcher sie die heftigsten von allen Leiden erduldet (122). 

Von den übrigen Schmerzen sind hervorzuheben diejenigen im Herzen, 
ausgebrochen beim Lesen der Leidensgeschichte Jesu (46). Beim „marterlichen 
anblik" des Gekreuzigten empfand sie „ains innern smerzen in minan henden, as 
si mir erdent (ausgedehnt) werent und zerzerret und durchbrochen wem, imd want 
(wähnte), daz si mir imer mer unnütze werent 44 (132 f.). Gleichzeitig hat sie die 
Empfindung, ihr Haupt wäre durchstochen und durchbrochen (133). Sie zitterte 
vor Pein derart, dass sie von den Schwestern kaum gehalten werden konnte, und 
fühlte das nämliche „smerzliche brechen 4 ' in allen Gliedern, besonders in beiden 
Seiten und im Rücken, sowie in Armen und Beinen. Dabei empfand sie Todes- 
nöte (133). 

Ihre Sensibilität verbietet einmal, sie an Haupt, Händen und Füssen 
zu berühren (59). 

Krämpfe traten auf im Herzen. Drei Frauen halten sie fest, eine davon 
unter dem Herzen von vorn, eine andere an der entsprechenden Stelle am Rücken. 
Beide Pflegerinnen drücken mit aller Kraft gegeneinander und behaupten, dass 
sich unter ihren Händen etwas lebendiges umwende (120). 

Beim Empfang des Abendmahles ist ihr eines Tages der Mund kontra- 
hiert, bis sie die Tröstung ihres Freundes empfangen hat (60). 

Zu den Bewegungen unter dem Herzen stimmt die hysterische Gra- 
vidität. Von den heftigen inneren Stössen, während welcher drei Genossinnen 
sie halten müssen, wird die Nonne, wie sie angibt „grösselich geswollen und 
sunderlich für mich (für mein Empfinden), als ain frawe diu groz mit ainem 
kinde gaut 44 (geht) (120). Die Geschwulst zeigt sich auch unter dem Antlitz und 
in den Händen. Ein andermal werden an ihren geschwollenen Händen sogar „tot- 
mal 44 (Totenmale) sichtbar (73). 

Wie sie eines Tages vom Minnewerk Jesu spricht, fährt ihr ein Licht- 
schein in die Augen und Glieder. „Daz machet mich denn as krank, daz ich 
kum den auten (Atem) mäht gewinnen 41 (47). 

Nach Ostern treten während 1 — 3 Tagen gewöhnlich Frost und Hitze 
auf, dazu „fröde und genade 44 (138). 



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Hysterie und Mystik bei Margaretha Ebner (1291—1851). 471 

Wenn sie beim Leiden des Herrn schwören hörte, fuhr es ihr ins Herz 
wie ein Geschoss. öfters erlebte (54) sie dabei „B 1 u t b r e c h e n" und glaubte 
zu sterben. 

In dieser Aufzählung dürften wir die wichtigsten Konversionsstigmata ge- 
nannt haben. Weit stärker noch treten die seelischen Merkmale der Hysterie 
hervor, vor allem die Zwangserscheinungen. 

Ich erwähne zuerst die bedeutsamste und hartnäckigste von allen, den 
Zwang, zu schweigen. Ursprünglich beobachtete Margaretha aus asketi- 
schen Motiven Schweigen, und zwar regelmässig von Donnerstag nachts „biz an den 
suntag", sowie von der Adventzeit bis Ostern (19, vielleicht auch 40). Später 
(1341) schreibt sie, das Schweigen komme über sie, und zwar von Woche zu 
Woche steigend (58), während gleichzeitig auch die Enthaltung von Speise Zwangs- 
charakter annahm. Den Beginn der Sprachstörung schildert die Kranke: „Wenn 
diu swige (das Schweigen) an mir an fahet, so kumpt siu etwenn mit ainer fröde 
und nimet mit wainen an end. etwenn kump siu mit trurikeit .und nimet mit 
fröden ain ende, mir ist auch diu wile nit lank, wan etwenn han ich süezze 
genade mit der gegenwertiket gotes, etwenn han ich nit trostes und wird etwenn 
inwendiklichen beschlossen und gefangen as uswendiklichen" (59). 

In der Fastenzeit des Jahres 1344 wurde sie an einem sonst ohne diese 
Gebundenheit verlaufenden Sonntag vom Schweigezwang befallen, um monate- 
lang stärker oder schwächer gefesselt zu werden, besonders jeden Freitag und 
Samstag (70 ff.). Dabei empfand sie grosse innere Süssigkeit. (Ähnlich S. 128.) 

Von Unlust begleitet war jedoch das „gebundene Schweigen'* im darauf- 
folgenden Jahre (91). Nur zum Beten empfing sie Kraft. In der Osterwoche 1345 
begann „diu gewohnlich swige*' schon am Mittwoch (96), was sich in den nächsten 
Wochen von der Vesperzeit bis zur Prime (6 Uhr morgens) wiederholte. Als die 
Nonne gegen ihre Gewohnheit das Abendmahl Samstags statt Sonntags empfing, 
überfiel sie das Schweigen auch am letzteren Tage (113). Oberhaupt blieb sie 
an den Tagen, da sie das Sakrament geniessen wollte, von der nach Mittag 
anhebenden und bis zum nächsten Sonnenaufgang währenden (138) „swige" ver- 
schont (138, 142). 

Das Gegenstück zur sprachlichen Hemmung bildet der Zwang, laute 
Rufe auszustossen oder den Namen Jesu häufig auszu- 
sprechen. Besonders wenn jene beendigt sind, stellt sich die Nötigung ein, 
den gestauten Affekten diesen Ausweg zu gewähren. Oft handelt es sich einfach 
um Schreie, die sich im Anschluss an die Betrachtung der Leiden Jesu einstellen 
und stundenlang anhalten, so dass die Umstehenden das Ende der Kranken genaht 
glauben (94). Margaretha schildert ihren Zustand einmal mit folgenden Worten : 
„Do was ich in min stuben gangen und het die metin (Mette) an gefangen, do 
komen die luten rüeffe und werten die lange (dauerten lange), und die rüef 
mit luter stime ,owe* und ,owje* die sint as groz, daz mtam si über al in dem 
closter und uf dem hof hörn mag, und möht sunst in aigener craft as (also) 
lut nit gescrien, ob man mich halt (gleich) töten weit, und die komen mir biz 
naht zc siben malen" (S. 119 f.) ... . „und der rüef werdent etwenn uf hundert, 
etwenn uf xl und c (hundertvierzig), etwenn uf cl, etwenn uf ccl oder ein wenig 
mer" (120, ähnlich 126). Darauf kommt der Leidenden eine lange Rede „mit ainem 
so gar süezzen lust in dem süezzen namen Jhesus Cristus, daz ich denne nit 
enphinde, ob ich wetagen ie gewan, und wirde aller miner lider (Glieder) gewaltig 
und siez uf ungehebt von mir selber und mag denne creftiklichen und mit grosser 
fröde gereden wort und stimme" (120 f.). Diese Rede absr wird ihr eingegeben 
und endigt damit, dass der Sprechenden Augen und Mund wie zuvor geschlossen 



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472 Dr. Oskar Pfeter, 

sind (121). Auch sonst etwa folgen häufig (127) automatische Reden auf die 
Schreie (121 f.). Tritt „Heiserkeit" hinzu, so dass die Rufe ausbleiben müssen» 
so wird die Qual schlimmer als alle anderen Leiden, und aller Trost ist dahin 
(122). Mitunter stellt sich auch in dem Augenblick, da die Rufe hervorbrechen, 
wollen, ein stellvertretender süsser Geschmack ein (122). Bleibt nach den Rufen 
die Rede aus, so sind die Leiden erst recht gross (124). Immer wieder lässt die 
Nonne durchblicken, dass das Phänomen mit der Betrachtung der passio Christi 
zusammenhänge (124, 130), über welche sie „den allersüezzesten lust und da 
mit den grösten smerzen und daz gröst lait" fühlt (126), und zwar überwiegt 
zuletzt das wonnesame Gnadengefühl (126, 154). Besonders hervorzuheben ist, 
dass oft der Name Jesu unzählige Male „mit süezzem herzenslust" ausgerufen 
wird (109 u. ö\). 

Die übrigen positiven und negativen Zwangsimpulse, z. B. die Nötigung, 
zu lachen (65), spielen keine erhebliche Rolle. Dass die Nonne vor Lachen 
das Chor verlassen muss, deutet den Zusammenhang dieser Erscheinung mit der 
Frömmigkeit an. 

Von auffallenden Erscheinungen des Gefühlslebens begegnete uns be- 
reits der konstante Wechsel von Unlust und Lust, welch letztere ihren erotischen 
Charakter schon in der ständigen Bezeichnung „Süezze 4 * verrät Nach qualvollem 
Schreien und Blutverlust liegt sie von der Welt abgekehrt drei oder mehr Tage 
fröhlich und in süsser Gnade auf ihrem Lager (54 f.). Ähnliche Euphorie bei 
äusserlich erbarmungswürdigem Zustand kommt bei ihr oft vor. Von der Um- 
gebung bemitleidet, schwelgt sie innerlich in den höchsten religiösen Wonnen. 
Letzteres ist besonders der Fall, wenn sie den süssen Jesusnamen ausspricht 
„Ich enphinde gar wol in der warnet", bekennt sie, „daz der süezze nam Jhesus 
Cristus ein sunder stat in minem herzen hat, die er im selber in mir von sinen 
genaden machet, do er sich so barmherziklichen in daz innerst mins 
herzen ze i i i i malen drucket, und swen ich mich uf die selben stat 
lege oder mit der haut an rüere oder etwaz dar uf lege oder druk, so 
enphinde ich ainer so gar süezzen genade, diu mir in elliu miniu lider gat, und wirt 
mir as stark in dem herzen, daz ich den auten (Atem) kum gewinnen mag, und 
ain süezzer smak gaut (Geschmack geht) mir innan uf durch die kelen in den 
munt" (128). Ein anderes Mal, da sie ein Lied auf Jesus anstimmen will, sieht 
sie ein Licht, „und daz drank ine mit umessiger suzzeket und gösse sich in 
elliu miniu lider, daz ich mich lang nie geregen mag" (85). 

Unter den Unlustgefühlen ragt hervor die im Chor nach der Messe (34) häufig 
auftretende Angst, die sich besonders vor Visionen kräftig einstellt (25), doch 
während der Angst fühlt sie sich von einer unmässigen Gnade umgeben (27). 

Der masochistische Unterton dieser Gemütsleiden kommt oft zum Aus- 
druck, z. B. eines Tages, da sie nach mehrtägiger Traurigkeit und „jemerclichen 
we M viel Freude und grosse Lust verspürt, „daz ich eilend solt sin durch 
got" (12). 

In einer Reihe weiterer Anomalien finden wir die intellektuellen 
Funktionen alteriert. Halluzinatorische Empfindungen erfuhr 
die Nonne sehr oft Mehrfach sieht sie ein Licht, und zwar „ain gesihtikliches 
licht", im Augenblick, da sie Jesus nicht anzureden vermag (85, 43), oder ihr 
Herz ist mit Licht durchgossen (12), das durch alle Glieder strömt (47). Von den 
etwas komplizierteren Visionen ist später die Rede. 

Häufig traten bei Margaretha Geschmacksautomatismen auf. 
Während des Betens empfindet sie einen süssen Geschmack (43) im Munde (128), 
besonders wenn sie den Namen Jesu Christi „mit ainer minnender craft" in sich 



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Hysterie und Mystik bei Margaretha Ebner (1291—1851). 473 

trägt (140). Die Hostie wird auf ihrer Zunge zum süssesten aller Dinge (61), sie 
spürt den ganzen Tag Gottes Blut und Fleisch in sich (89). Alles süsse meidet 
sie der himmlischen Süssigkeit zuliebe (80). Dafür schmeckt ihr das Wasser 
so süss, dass sie sich wundert, weil nicht alle Menschen ausschliesslich 
Wasser trinken (136). Im Sommer des Jahres 1347 bleibt sie einmal von Mitt- 
woch bis Sonntag, obwohl sie unter Frost und Hitze leidet und heftig transpiriert, 
ohne einen Tropfen Trankes. Dabei ist ihr beständig, als hätte sie Zucker im 
Munde (138). 

Während schwerer Krankheit will man ihr Fleisch zu essen geben, allein 
in ihrem Munde nimmt es einen ekelhaften Geschmack an, als wäre es unge- 
sotten (47). Von 1334 an hat sie nie mehr Begierde nach Speis8 (24), dreissig 
Jahre enthält sie sich des Weines, des Fisches und des Fleisches (79). Während, 
des Schweigens ist sie so sehr rarit ihren inneren Anliegen beschäftigt, dass sie 
keinerlei Speise zu sich nehmen kann (66). 

Geruchsautomati&men kamen bei Margaretha selten vor. Wie sie eines 
Tages ins Chor der Kirche eintritt, findet sie es mit einem süssen Geruch (smak) 
angefüllt, und der Jesusname wird ihr ins Herz gedrückt (129). 

Nicht ganz vereinzelt erlebt die hysterische Nonne Halluzinationen 
des Tastsinnes. Als sie sich nach einem Kuss und einer Umarmung 
Gottes (= Jesu) gesehnt hatte, ging ihr Wunsch in Erfüllung: Gott greift ihr 
des Nachts kräftig ans (vielleicht = ins) Herz, so dass sie es wachend und 
schlafend lange empfindet (22). Mag es sich hier um einen lebhaften Traum 
handeln, so ist diese Auslegung in anderen Fällen unmöglich (27, 129). Im Schlaf 
vom Jesuskind aufgeweckt und ins Chor gerufen, drückt sie das kindliche Bild 
an ihre blosse Brust und empfindet nun ein menschliches Berühren seines Mundes, 
worüber sie vor Schrecken starr wird (89). In der Nacht fühlt sie sich einst vom 
Christkind umfangen und geküsst, wobei sie Begierde nach seiner Beschneidung 
verspürt (91). 

Mitunter verliert sie alles Gemeingefühl und jegliche Innervationen, so dass 
sie ihren Leib nicht mfehr empfindet und sich emporgetragen fühlt 
(24, 26). Es braucht wohl kaum gesagt zu werden, dass auch diese Erlebnisse 
mit religiöser Exaltation zusammenfielen. 

Einen breiten Raum in den „Offenbarungen" der ekstatischen Nonne nehmen 
die Träume, Eingebungen und Visionen ein. Ich gebe zunächst einige 
Träume summarisch wieder. Fast stets handelt es sich um ein Schauen des Heilandes. 
Doch zeigt der Nonne einmal ihre tote Schwester im Traume den Himmel offeb 
und einen für sie bestimmten leerein Stuhl (14). Ein andermal berichten ihr die 
Engel fälschlich, dass ihr Freund Heinrich von Nördlingen in ihrer 
Mitte weile (45), was aber den Glauben an die Realität der Traumoffenbarungen 
nicht im geringsten stört. Gleichfalls im Traum sieht Margaretha sich mit 
Jesu Wunden geziert (50). Ein andermal erblickt sie den „allerlautersten, klarsten 
Leib" eines Mannes nackt vor sich liegend. „Nu enphieng ich die aller grösten 
genade und süesseket von dem übe, wan er was so gar durchglestig, und da 
wart mir geben, daz wir den lip allen sölten essen, daz was mir ain grosser* 
dinge, daz man den lip tailen und esson solt." Einen Augenblick später merkte 
die Nonne, dass der zarte Leichnam des Herrn ihr erschienen sei. Sie stand 
damals vor dem Empfang des Sakramentes (50). Ein Traum lässt sie, um ein 
zweites Beispiel zu geben, schauen, wie ihr der verstorbene Bruder in einem 
weissen Tuch einen Leichnam bringt, den sie als den Crucifixus erkennt (110). 
Einmal sieht sie das Jesuskind in der Wiege spielen. Es verlangt, von dsr Nonne 



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474 Dr. Oskar Pfister, 

zu sich genommen zu werden, und lässt ihr nicht Ruhe, bis *sie es küsste, 
worauf sie selbst umhalst und geküsst wird (91). 

Bezeichnend ist folgendes Erlebnis : Margaretha besass ein Kreuz, das 
sie oft aus aller Kraft an ihr Herz drückte, wobei sie vor Süssigkeit zu sterben 
glaubte (20). Dazu trug sie, wo sie ging, auf dem Busen ein offenes Büchlein 
mit dem Bild des Gekreuzigten. Letzteres legte sie vor dem Einschlafen unter 
ihr Antlitz, während das Kreuz von der Kehle bis zum Herz sie berührte. Dazu 
stahl (I) sie, so oft es ihr möglich war, im Chor ein grosses Kreuz, das sie sich 
aufs Herz legte. „Und da lag ich denn gedruket uf biz. daz ich enschlief in 
grozzer gnad" (21). Einst hatte sie Lust, ein noch grösseres im Chor hängendes 
Kreuz wie die drei anderen an ihr Herz zu drücken, doch hing es ihr zu hoch. 
Da sah sie sich im Schlaf vor dem Bild stehen, der Heiland stieg hernieder 
und liess sie sein offenes Herz küssen und sein Blut trinken, wobei sie kräftige 
Süssigkeit empfing (21). 

An der Grenze der Halluzination steht die Eingebung. Margaretha 
erfährt sie in späteren Jahren häufig. Eines Tages hört sie die Stimme ihres 
Herrn zu ihr sagen: „Säugest du mich nicht, so werde ich mich dir entziehen, 
wenn du mich am allerliebsten hast" (87). Gehorsam legt sie ein Kinderbild Jesu 
an ihr blosses Herz, wobei sie grosse Lust empfindet. 

Mit dem Jesuskind führt sie lange Zwiegespräche. Sie erfährt von ihm, 
dass Maria ihr Kind mit grosser Freude und ohne Beschwerde im Leibe trug 
(99), auch ohne Schmerzen gebar (100). Neugierig fragt die Nonne ihr Kind 
Jesus, ob es wahr sei, dass Joseph seinen Erstgeborenen in seine Hosen wickelte, 
was ihr bejaht wird. Schon wieder gelüstet es die Asketin, über die Beschneidung 
näheres zu erfahren. Auch diesem Wunsch wird willfahrt; die Nonne bekommt 
zu hören, dass das Kind grosse Schmerzen erlitt und viel Blut vergoss (100). 
Das Interview beschäftigt sich mit weiteren subtilen Stoffen, z. B. der Frage, 
ob Maria alle ihre Begierde mit Küssen und anderer Wollust an ihrem heiligen 
Kind stillte, worauf der süsse Jesus antwortet: „Siu hat alle zit in irre liebe 
grossen schreken und forht von der grossen craft, der si uz mir enphant und 
in mir bekant (inne ward)" (101). Der lange Dialog gibt weiterhin Auskunft auf 
Margarethas seltsame Frage, ob Maria Magdalena und St. Petrus der Jung- 
frauen Lohn erhielten, was das Kind bejaht (104). Andere Fragen und Antworten 
wecken wenig Interesse. 

Die übrigen Träume, denen Margaretha eine nicht geringere Bedeutung 
beilegt als den Visionen, übergehe ich. Die eigentlichen Gesichte bleiben einfach. 
Einmal wird sie während ihrer Andachtsübung von Angst erfasst und sieht hinter 
sich. „Do sach ich ains in wissem ge wände, do was ich fro. dar nach wolt 
ich sin aber (abermals) war genommen haun. do was ez hin, und onphieng ich 
do die grösten fräud, daz mir do ze der zit alliu vorht engieng" (25). Ein andermal 
sah sie drei Lichter, die „sinwel (rund) as ain schibe vor minen äugen" waren (42). 

Als letzte psychische Anomalie nenne ich die Amnesien. Am Ostertag 
des Jahres 1343 will die Nonne ihr Paternoster sprechen, ein selbstverfasstes, 
sehr langes Gebet (abgedruckt 161—166). „Do ich wolt an fahen, do het ich si 
(die Worte) all verlorn und kund ain wort nit.** Erst nach der Kommunion kann 
sie wieder beten, ausgenommen ihr Paternoster. Hierüber ist sie so betrübt, dass 
sie den Tod vorgezogen hätte, denn sie weiss nicht, wie sie jetzt Tag und Nacht 
die Zeit vertreiben soll. Dafür spricht sie hundert andere Paternoster. Erst nach 
einer Woche wird der Beterin ihr Paternoster wiedergegeben, allein noch 5 — 6 
Wochen nur „as tunkel und als frömde" (68—69). 



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Hysterie und Mystik bei Margaretha Ebner (1291—1351). 475 

Bevor wir auf die Analyse eintreten, müssen wir noch in Kürze die 
religiösen und ethischen Vorgänge schildern, so weit sie nicht bereits zur Sprache 
kamen. 

Die Frömmigkeit erscheint bei Margaretha durchwegs als erotische 
Beziehung auf Jesus, und zwar einerseits als konjugale, andererseits als 
mütterliche Minne. 

Jesus ist der Gemahl ihrer Seele, ihr zartes Lieb (48) oder „herzecliches 
liep" (51). Im Traum spricht er zu ihr: „Ich bin ain gemahel diner seel" (113). 
Während einer „süezzen swige" wird ihr von Gott, der beständig mit Jesus identisch 
und in Gestalt Jesu gedacht wird, mit „crefüger genade" eingegeben: „du bist 
der warhait ain begrifferin, mines götlichen lustes (Gelüstes) ain versuecherin 
und miner minne ain minnerin. ich bin ain gemahel diner sei, daz ist mir ain 
lust ze miner ere. ich han ain minekiichen werck in dir, daz ist mir ain süesses 
spil. des zwinget mich din minne, daz ich mich lauz (lasse) finden, daz ez der 
sei as genuoch ist, daz es der lip nit liden wil. din süezzer lust mich findet, 
din inderiu begirde mich zwinget, din brinnendiu minn mich bindet . . ., 
din ungestüemiu lieb mich bewart, ich will dich frölich enphahen und min- 
neklich umvahen in daz ainige aine, daz ich bin. da wil ich dir geben den 
minnen k u s , der diner sei ist ain lust, ain süesses inners berüeren, ein 
minnekliches zuofüegon" (69 f.). 

Die liebes tmnkene, zur Zeit der zuletzt erwähnten „Offenbarung" 53 jährige 
Jungfrau trug somit recht sinnliche Begierden nach ihrem himmlischen Gatten. 
„Elliu (alle) min begirde ze leben und ze sterben ist niena anderswa (sonst 
nirgends)" (75). In dieser Minne erfährt sie am Herzen die „aller süssosten stösse" 
und die „aller süesseste berüerde" (Berührung), ja „von siner ungestüemen minne 
meht sich min hercze zerspalten und von siner süezzen genade min hertze 
zerfliezzen" (75). Wir erwähnten bereits folgende Züge: Margaretha fühlt 
einmal schlafend und empfindet es wachend nach, wie Gott ihr an (in?) das Herz 
greift (22). Wenn sich der süsse Name Jesu ihr zu 40 malen ins Herz drückt, 
so kann sie nachher nicht einmal dte Hand aufs Herz legen, ohne in allen 
Gliedern süsse Gnade zu fühlen, während sie kaum mehr den Atem findet und 
ihr ein süsser Geschmack durch die Kehle in den Mund geht (128). Die Gewissens- 
bedenken gegen die einer irdischen Liebesraserei doch gar zu ähnliche religiöse 
Erotik beschwichtigt Jesus selbst, indem er seiner Geliebten zuruft: „Ich bin 
nit ain beraubter der sinne, ich bin ain derliuhter (Durch- 
leuchter) der sinne" (76) — ein Wort von klassischer Schönheit und Wahr- 
heit, wenn wir es auf den historischen Jesus beziehen. 

Wie so oft bei derartigen Liebesverhältnissen, wendet sich auch Marga- 
rethas Interesse überbetont einzelnen Teilen des Leibes Jesu zu. Sobald ßie 
liest, dass Johannes auf dem süssen Herzen seines Meisters lag, so berührt sie 
eine süsse Gnade, und sie kann nicht mehr reden; kommt sie gar (bei ihrer 
Lektüre) zu der „manunge", dass er trank und sog aus den süssen Brüsten Jesu, 
so sitzt sie eine Weile wortlos da und stürbe am liebsten vor Minnelust (74, 
ähnlich 33). Während der Fastenzeit des Jahres 1336 brennt sie vor Begierde, 
„daz ich mich denne saigen und trufoen und küssen solt in din fünf minnezaichen 
mins anigen liebes Jhesu Cristi" (42). Die Benennung „Minnezeichen" deutet in 
diesem Zusammenhange den sexuellen Charakter des Verlangens nach den Wunden 
an. Mit St. Thomas möchte sie in das offene verwundete Herz Jesu greifen und 
daraus trinken (33). Von dem leidenschaftlichen Verlangen, den Gekreuzigten in 
mehrfachem Format, wo möglich aber recht gross, auf ihr blosses Herz zu legen 
oder sich an ihn zu pressen, war schon die Rede. Wir finden diese Begierde» 



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476 Dr. Oskcr Pfister, 

nach dem (unbekleideten) Leib des Herrn bei vielen von Brunst verzehrten Nennen, 
z. B. bei Katharina Emmerich. Auch am Crucifixus scheint das Küssen 
des offenen Herzens und das Bluttrinken die stärkste Wollust zu gewähren, 
wenigstens vergönnt Jesus der träumenden Nonne diese Gnade (21). 

Ein Surrogat für den leibhaften Jesus bildet sein Name, der im Munde, 
wie wir wissen, eine so intensive Süssigkeitsempfindung hervorruft (107, 109, 140). 

Freilich muss alle religiöse Minnelust, die sich bis zur Ekstase erhebt, mit 
schweren Leiden erkauft werden. Heftige Leiden verursacht unserer Kranken der 
Anblick eines Kruzifixes, besonders eines ihr fremden (47 f.). Sie bekommt der- 
artigen -Schmerz in ihr Herz, dass sh den ganzen Tag nichts tun und „enbizzen" 
(gemessen) kann. Tags darauf schwelgt sie wieder in erotischen Wonnen, gewinnt 
aber dann einen solchen „minnenden Jammer** nach dem Bilde, dass sie sich darein 
drücken uni alle ihre Begierde stillen sollte, wofür sie ihr L?b2n lassen wollte 
(48). Denselben heftigen Schmerz fühlt sie in ihrem Herzen schon beim Lesen 
der Passionsgeschichte. 

Zum Lohn für ihro süssen Leiden und ihre Konzentration wird ihr von 
Gott = Jesus die Versicherung gegeben, dass sie „irae der liebsten menschen 
ainez wer, daz er uf ertrich hat** (93), ja noch mehr! Jesus verkündet ihr: „ge- 
lust dich min, so gelust mich din'* (112), ebenso: „frawe dich, daz dir din herre 
und din got dincr sei as nah ist, wem (denn) du bist min getnahel, so bin ich* 
din lieb, du bist min fröde, so bin ich din fröd. du bist min lust, so bin ich din 
lust. din wonung ist in mir, so ist min wonung in dir. lid (leide) mich durch mine 
minne, ich wil dir Ionen mit mir selber und wil alle din begirde mit mir erfüllen, 
und wil dir geben daz aug nie gesach, ore nie gehört und in menschlich berze 
nie kom und wil dir min hailig gotheit gebsn ze aira ewigen nlezzen** (149 f.). 

Solchen Liebeserfahrungen steht eine dann und wann auftauchende Angst 
gegenüber. Die Asketin, die sich doch die strengsten Entsagungen auferlegt, fürchtet 
sich nämlich lange Zeit beständig, sie lebe nicht der Gnade Gottes und rechten 
Minne (45). 

Der Kultus, besonders Gebet und Abendmahl, lohnte mit dem Maximum 
frommer Ergötzung. Zumal im Sakrament fühlt sie „grosse süezzeket und 
wunderbar smecke'* (Geschmack). Die verzückte Nonne bezeugt: „mir ist din 
blosse warhet, in der er uns geben hat sin hailigez bluot und flesch, as enphinden- 
lichen und gegenwertklichen gewesen, as ob ich ez liplich sehe und esse und 
trunke** (105). 

Die Todessehnsucht, die Margaretha mit den meisten Mystikern teilt 
(106), hängt mit dem Wunsch nach desto innigerem Zusammenleben mit dem 
himmlischen Geliebten zusammen. 

In Kürze sei noch das intime Verhältnis der nach Jesus begierigen Kranken 
zum Jesuskind erwähnt Offenbar behandelt sie das letztere als ihr eigenes 
Kind. In ihrer hysterischen Schwangerschaft ruft sie unzählige Male den Jesus- 
namen aus. Sie bettet „ihr Kind** — v so nennt sie den kleinen Jesus häufig 
(100, 108, 145, 148 u. ö.), wird von ihm aus dem Schlaf geweckt (91), säugt 
es usf. Von ihren langen Gesprächen mit dem Kinde war bereits die Rede. Auf- 
fallen muss, wieviel sie sich mit der Beschneidung Jesu abgibt Nach ihr, „siner 
aller süezzesten besnidunge" hat sie „grossen lust** (87\ um daraus „sin aller 
creftigostes minnenwallendez hailiges bluot 4 * zu gemessen, um welches sie in 
ihrer Begierde gern ihr Leben geben möchte (881 Wie sie, vom Kind aufgeweckt, 
umhalst und geküsst wird, hat sie abermals Begierde nach der Beschneidung (91), 
die sie sich, wie schon bemerkt, detailliert beschreiben lässt (100 f.). 



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Hysterie und Mystik bei Margaretha Ebner (1291—1351). 477 

Endlich muss noch mit einigen Worten des sittlichen Verhaltens 
unserer Nonne gedacht werden. Margaretha trieb es in der Selbstpeinigung 
bei weitem nicht so toll, wie eine Menge anderer frommer Frauen ihrer Zeit 
Sie enthielt sich wenigstens der aktiven Selbstquälerei. Dafür ging sie in der 
passiven Tortur bis an die Grenze des Möglichen. Um der Welt abzusterben, 
beschränkt sie sich im Gebrauch der Lebensgüter auf ein Minimum. Ihre Lebens- 
führung charakterisiert folgende Schilderung: „Sunderlichen han ich lust und 
begirde dar in, daz ich durch mins liebes willen (zu) Jhesus jCfristus gelauzzenl 
(gelassen) han allez, daz da von der weit lust komen mag. ich bin gewesen wol 
XXX jar, daz ich nit wins getrunken han und auch in kain bat jBett) nie komen 
bin und wasser noch laug (Seife) an minen lip noch an min haup (Gesicht!) nie 
komen ist in den selben XXX jaren. und hat daz mir as wfcl gezomien (geziemt) 
mit der helf gocz, daz ich kein gebresten nie gewan. ich han auch gelaun fisch 
und fleisch*' (79). Wie man ihr bei schwerer Krankheit edn Kissen unterlegte, 
protestierte in ihr der Herr: „Soli ein Gemahl Jesu Christi also auf Federn liegjen? 
Und ob sie auch stürbe, soll sie nicht auf Federn gefunden werden 1" Hierauf 
gelobt die Nonne, den Fehler nicht mehr zuzulassen, ausser auf Gebot der Vor- 
gesetzten (80). 

Ihr altruistisches Verhalten lässt wie das so vieler religiöser Schwärmer 
in hohem Masse zu wünschen übrig. Die Ankündigung, dass ihr Bruder sie be- 
suchen werde, verursacht ihr grosses Leid, weil sie vor göttlicher Lust nichts 
anderes achten mag (23). Sie hat wohl den Wunsch, Leidenden zu Hilfe eu 
kommen; „aber daz ich ez in der warhet volbraht hab, des waiz ich leider nit, 
daz waiz diu barmherzeket gotz wol" (144 f.). Geradezu abstossend wirkt fol- 
gender Bericht: Eine Frau stahl zwei Hostien, um sie den Juden zu verkaufen 
oder zu verpfänden, wurde jedoch bald entdeckt „Und do si verurtailet wlart zem 
tode, do snaide man ain kint vor (fort) von ir, daz wart getaufet, und verbrant 
si do. 41 Margaretha ist über die Verunehrung Gottes tief betrübt, mag es aber 
nicht leiden, wenn jemand mit der Hingerichteten Mitleid hat Sie bemüht sich' 
auch, jeden bei Gott fürbittenden Gedanken zu unterdrücken (117)1 Zu dieser 
fanatischen Geistesverfassung stimmt nur zu gut, dass der betenden Nonne von 
Gott eingegeben wird, die Juden seien an der sich 1348 gewaltig ausbreitenden 
Pest schuld, wenn auch Gott diese Strafe über die sündhafte Christenheit ver* 
hängt habe (158). 

Für die Mitwelt zeigt Margaretha im ganzen wenig Interesse. Nur 
Ludwig von Bayerns Schicksal beschäftigt sie stark. Auch von ein paar 
Genossinnen ist mit spärlichen Worten die Rede 1 ). Doch absorbiert die Frömmig- 
keit ihr Geistesleben derart, dass profane Anliegen nur in schattenhaften Konturen 
an der Peripherie ihres Gesichtsfeldes auftauchen. 

III. Analytische Glossen über den Zusammenhang der hysterischen und 

religiösen Erscheinungen. 

Die vorhandenen Bekenntnisse reichen zu einer befriedigenden indirekten 
Analyse leider bei weitem nicht aus. Insbesondere vermissen wir die Kenntnis 
der infantilen Sexualphantasien, konstanten Verdrängungen und akuten Traumata. 
Trotzdem lassen sich die Zusammenhänge zwischen Hysterie und Frömmigkeit 
grösstenteils überzeugend darstellen, und wenigstens einige allgemeine Rück- 
schlüsse auf die pathogenen Einflüsse gewinnen. 



*) Einige andere Interessen stellt Strauch (S. XXXVII f.) zusammen. 



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478 Dr. Oskar Pfister, 

Dass die hysterischen und religiösen Eigentümlichkeiten Margaretbas 
aufs engste miteinander verflochten sind, konnte der Leser auf Schritt und Tritt 
beobachten. Die Natur dieser Verquickung wollen wir etwas aufhellen, indem 
wir die geschauten Bilder nochmals rasch an uns vorüberziehen lassen. Hierbei 
achten wir, da die Frömmigkeit der Nonne in offenbar höchst peripher inner- 
vierter Erotik aufgeht, ganz besonders auf die Stellung, welche das hysterische 
Symptom in ihrem sublimierten Liebesleben, ihrer Jesulatrie, einnimmt. 

Die „Ungewalt" über den Leib setzt ein mit dem Gnadengefühi 
der Gegenwart Gottes. Betrachten wir mit Freud den hysterischen Anfall als einen 
sexuellen Akt — und gerade unsere Analy sandin liefert treffliche Belege zu 
dieser These — so hört die Abasie-Astasie der verzückten Beterin auf, unerklär- 
lich zu sein. In liegender Haltung kann sich die mystisch Verzückte leichter 
ihrem religiösen Orgasmus überlassen. Diese Auffassung wird durch andere Sym- 
ptome bestätigt, beansprucht aber nur Wahrscheinlichkeitscharakter. 

Die Schmerzen in Haupt und Zähnen lassen sich mit desto 
grösserem Recht zu Jesus in Beziehung setzen, als die Nonne angibt, dass sie sich 
während ihres sechswöchentlichen Leidens, in welchem sie das Haupt nicht neigen 
kann, zu ihrem Herrn Jhesus Cristus in die stuben setzt, „da er des ersten 
inne gevangen gefriert ward'* (17). Die Kranke identifiziert sich offenbar mit 
Jesus, der nach Markus 15, 16—19, Matthäus 26, 67, Lukas 22, 63—64 und 
Johannes 18, 22 mit der Dornenkrone und Schlägen ins Gesicht misshandelt wird. 
Die während der Passionszeit vorherrschende Unfähigkeit, das Haupt zu neigen, 
geht darauf, dass der Gemarterte erst nach dem Leiden, das die christliche Kirche 
in jenen Wochen miterlebt, nach heftigen Qualen sein Haupt neigen und ver- 
scheiden durfte (Joh. 19, 30). 

Die „wunderliche Heiserkeit 4 * erklärt unsere Hysterika sehr wohl 
zu verstehen, allein sie mag nicht reden von der Kraft, Gnade, grossen Minne 
und übersüssen Lust, die ihr Herr „besessen, gebunden, gefangen und in 6icb 
gezogen hat"; der Mund, sagt sie, möchte in der Wahrheit, die Jesus Christus 
ist, davon nicht reden, es öffne ihn denn derjenige, der des Zacharia Mund er- 
schloss (vergl. Luk. 1). Anschaulich vergleicht Margaretha ihre während der 
Aphasie zunehmende Qual dem Feuer, das in einem Hause ungestümer brenne, 
bis das Dach durchbrochen sei, oder dem gärenden Most, der erst bei geöffnetem 
Spunten sich beruhige (122). Weshalb ihr die Hemmung auferlegt wird, gibt sie 
glücklicherweise selbst an, ohne es zu wissen. Sie zitiert nämlich ganz unver- 
mittelt den Ausruf des Gekreuzigten: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen** 
und den 4. Vers des messianisch verstandenen 69. Psalmes: „Ich bin müde 
vom Rufen, heiser in der Kehle" (Laboravi clamans, rauce facte). Dazu fügt 
sie die Worte: „Experientiam herum in Cristo pro modulo suo experta est sicut 
aliquis hominum nunc viventium et tunc petivit gemens et flens hec verba ex pro- 
funda humilitate scribi." Sie selbst ist die, welche Jesu Leiden an sich erfuhr, 
der sentimentale Heinrich von Nördlingen der, welcher seufzend und 
weinend um die Aufzeichnung dieser Erlebnisse bat. Endlich erwähne ich noch 
folgende wahrscheinliche Determinante : Mechthild von Magdeburg schrieb 
in ihrem „fliessenden Licht der Gottheit": „0 weh, mein Vielliebes, ich bin 
heiser in der Kehle meiner Jungfrauschaft, aber der Zucker deiner süssen Milde 
hat meine Kehle zu tönen gebracht" (Ekstatische Konfessionen, ges. von Martin 
Buber, Jena 1909, S. 76). Jenes Buch sandte Heinrich von Nördlingen 
1345 an Margaretha (246) ; die Heiserkeit brach 1347 aus (122), so dass ein 
Zusammenhang möglich ist 



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Hysterie und Mystik bei Margaretha Ebner (1291—1351). 479 

Die Schmerzen im Herzen, ausgebrochen bei der Lektüre der Passions- 
geschichte und beim Gesang des Hymnus „Vexilla regis" vertreten offenbar die 
Stiche, die nach Margarethas Vorstellung (oder jenem Hymnus ?) Jesus ins 
Herz drangen. Übrigens bilden jene Erscheinungen einen Ersatz für das Lesen 
und Singen. 

Der Schmerz in den Händen, der eine Empfindung hervorrief, als 
wären sie erdehnt und verzerrret und durchbrochen worden, geht natürlich auf 
die ans Kreuz genagelten Hände Jesu. Bei einem von mir analysierten Ekstatiker 
wurde die eine Hand wirklich zu einer Art (Dornen) Krone, die andere zu einem 
Kreuze kontrahiert 

Das „durchstochene und durchbrochene Haupt'* repräsentiert 
das von der Dornenkrone und Hieben gefolterte Haupt Jesu. Eine Hysterika, die 
meino Seelsorge aufsuchte, litt plötzlich unter heftigen Stichen, die kranzförmig 
ihren Kopf heimsuchten. Bei der Analyse fand sich, dass das Mädchen ca. 9 Jahre 
früher von der Schilderung des Dorngekrönten so sehr erschüttert wurde, dass 
es sich selbst aus Dornen einen Kranz flocht und aufs Haupt setzte. Zur Zeit 
der hysterischen Erneuerung jener Stiche litt sie unter unverdienten Nachstellungen 
und tröstete sich durch die Identifikation mit dem dorngekrönten Heiland. 

Das unter Todesqual gefühlte Brechen in allen Gliedern druckt, 
wie schon sein Auftreten am Karfreitag und die laute Klage um Jesus an- 
deuten, Jesu Todespein aus. Das Brechen des Brotes im Abendmahl als Symbol 
des Sterbens Jesu mag die Empfindung mitbestimmt haben. 

Die Intoleranz gegen Berührung von Haupt, Händen und Füssen 
verrät eine Identifikation mit dem Auferstandenen, der sein „Noli me tangere" 
der Maria Magdalena zuruft 

Ähnlich dürfte die Empfindung des Schwebens eine Gleichsetzung mit 
dem Jesus der Himmelfahrt verraten, wobei der bekannte typische Traum, in dem 
der Schläfer sich schweben fühlt, die sexuelle Unterströmung in Margaretha's 
Seele interpretiert 

Während die aufgedeckten Identifikationen, wie später ausgeführt werden 
soll, die Liebesgemeinschaft mit dem himmlischen Gemahl symbolisieren, gehen 
die Szenen, in welchen die 56 jährige Nonne die Rolle einer Gebärenden 
spielt, auf die Sehnsucht nach Mutterschaft zurück. So verstehen wir 
die Krämpfe im Herzen, den Auftritt, in welchem die assistierenden Gehilfinnen 
unter dem Herzen der konvulsivisch sich windenden, schreienden Margaretha 
etwas Lebendiges sich bewegen spüren, die Stösse ins Herz, das Anschwellen 
des Leibes, das die Kranke selbst mit dem gravider Frauen vergleicht 

Die Kontraktur der Kiefer entspricht einem Konflikt zwischen dem 
himmlischen Gemahl und dem irdischen Freunde. Sie tritt in dem Augenblick ein, 
da der Freund unserer Nonne das Abendmahl geben will. Weil die Leidende es 
nicht entgegennehmen kann, empfängt sie mit grosser Freude tröstliche Worte von 
Gottes Güte und der Messe (60), worauf das Leiden schwindet Die fromme 
Asketin musste sich jedenfalls erst vergewissern lassen, dass ihre Minne zu 
Jesus durch die Annahme der Speise von seiten des Freundes keine Störung 
erleide. 

Die Totenmale an den Händen treten ein, nachdem ihr Freund ab- 
reiste und Jesus, der „aller clügest binder M , sie derart band. Die Nonne scheint 
sich damit selbst zu strafen, weil sie einen Teil ihrer libido auf Heinrieb 
abgeleitet hatte. 



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480 Dr. Oskar Pfirier, 

Frostund Hitze, die nach Ostern gewöhnlich 1—3 Tage vorherrschen, 
schildern wohl den im Tod erkalteten Leib Jesu und seine antagonistische, dem 
Osterfest entsprechende Folgeerscheinung. 

Das Hervorbrechen des Blutes ist zu undeutlich geschildert, als 
dass es sicher zu erklären /wäre. Möglicherweise dramatisiert es eine Geburts- 
phantasie. 

Der Schweigezwang begegnet uns bei den Mystikern häufig. Seine 
Motivierung dürfte in dem nämlichen Beweggrund liegen, der die Nonne auch am 
Sehen verhinderte. Das Wort „Mystik 44 (von pfoiv, die Augen, schliessen) deutet 
ihn an, und Tersteegen prägt ihm die klassische Formel in seinem Gebet: 

„Komm, nimm ein 

Mein Herz allein, 

Dass ich allem mich verschliesse 

Und nur dich geniesse." 

Dass das Schweigen mit der religiösen Erotik zusammenhängt, beweist nicht 
nur das in ihm vorherrschende süsse Gefühl, sondern auch die Zeit, in der das 
Symptom auftritt. Es stellt sich ein, sobald die Nonne vom Liebeswerk des Herrn 
reden will (72, 117). Freitag und Samstag, ferner der Beginn in der Vesperstunde 
und das Aufhören in der Morgenfrühe erinnern an Jesu Todesschweigen (Jesus 
starb zur Vesperzeit und auferstand nach den Evangelien bei Tagesanbruch). 
Wamm das halbtägige Schweigen 4 1 / 3 Monate lang von Mittwoch bis Sonntag 
anhält, ist aus Margaretha's knapper Angabe nicht ersichtlich. An Kommu- 
nionstagen bleibt die Gottesgemahlin verschont, weil sie an ihnen die konjugale 
Gemeinschaft durch das Essen des geliebten Leibes pflegt. Wenn nicht alle, 
so sind doch wenigstens einige der bedeutsamsten Merkmale des Schweigezwanges 
zu ergründen. 

Die Obsession, Rufe ausstossen zu müssen, hat uns die Leidende 
bereits interpretiert, als sie an Jesu Todesschrei erinnerte. Der Jesusname be- 
reitet so hohe Süssigkteit, weil er Jesus selbst, also auch seinen Leib, die 
Hostie, vertritt. 

Der Lachzwang wird ohne Andeutung der äusseren und inneren Um- 
stände beschrieben. Der Analytiker weiss daher mit ihm nicht viel anzufangen. 
Dass in oder sogleich nach dem Lachen ein bevorstehendes Leiden sich ankündigt, 
muss unsere Aufmerksamkeit erregen. 

Der Widerstand gegen das Essen beginnt erst, wenn die Speisen die Kehle 
passierten und auf die Höhe des Herzens gelangt sind, wo die Kranke göttliche 
Süssigkeit empfindet (135). Die Erscheinung kommt somit ähnlich zustande, wie die 
Ablehnung süsser Speisen, die der himmlischen Wonne des Jesusnamens Kon- 
kurrenz machen könnten. 

Niemand wird nach dem Gesagten bezweifeln können, dass die S ü e z z e 
der religiösen Ekstase bei Margaretha wie bei Mechthild in dem vorhin 
angeführten Ausspruch ganz einfach die Geschlechtslust darstellt, angelötet an die 
Vorstellung der unio mystica mit dem himmlischen Gatten. Die Angst ent- 
spricht der unbefriedigten libido, die weder im Taumel der sublimierten Liebes- 
betätigung, noch im masochistischen Genuss der Psychoneurose einen vollwertigen 
Ersatz für die geopferten normalen Primärfunktionen findet. 

Die übrigen Erscheinungen sind leicht zu deuten. Der süsseGeschmack, 
den der Jesusnamje und die Hostie hervorzaubern, hat seine Wurzel in der 



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Hysterie und Mystik bei Margaretha Ebner (1291—1351). 481 

infantilen Zeugungstheorije, welche die Befruchtung auf ein Essen zurückführt, 
sowie in der Verlegung von unten nach obon, wie Freud den bekannten Vor- 
gang nennt. 

Im Ekel vor Fleisch beobachten wir eine uns häufig begegnende un- 
zweckmässige Wirkung der Sexualverdrängung. Einer meiner Analysanden, der an 
psychischer Impotenz litt, wurde jedesmal von Unwohlsein befallen, wenn er an 
einem Fleischerladen vorüberging. Ein anderer wurde gleichfalls Vegetarier, nach- 
dem ihm die Cberwindung der Masturbation geglückt war. Später mied er in 
Übereinstimmung mit dem alten Testament wenigstens noch das Schweinefleisch. 
Das uralte Gebot dürfte mit der menschenähnlichen Farbe des Schweines zusammen- 
hängen, wie das Verbot, Hasen zu gemessen (3. Mos. 11, 6), möglicherweise auf 
die Fruchtbarkeit dieses Tieres zurückgeht. Das katholische Verbot des Fleisch- 
genusses an gewissen Tagen ist nur im Zusammenhang mit der katholischen 
Beurteilung der Sexualität und des Zölibates zu verstehen. Die katholische Kirche 
gestattet auch an Fasttagen den Genuss von Fischen, wiewohl auch diese Fleisch 
besitzen und sexualsymbolische Bedeutung beanspruchen, weil sie kalten Blutes 
sind 1 ), somit sexuelle Indifferenz dem Esser symbolisieren. Überdies enthält ihr 
griechischer Name Hx&vg), Fisch) die Initialen des Erlösers ('Itjao&g Xqkuös GtoB 
Yld$ JScdtJjq), weicher den idealen Ersatz für periphere Sexualfunktionen bildet 
Ekel oder Intoleranz gegen Fleisch bei Toleranz gegen Fisch findet man auch 
gelegentlich bei Frauen, denen der Sexualverkehr mit ihrem Gatten widersteht 

Die Halluzinationen des Tastsinnes stellen in infantiler Weise 
den Wunsch nach Umarmungen und Küssen seitens Jesu dar. Margaretha's 
Gefühl, der Heiland greife ihr an die Brust, erlebte auch der bekannte Führer der 
sogenannten Pfingstgemeinde, der Zungenredner B a r r a 1 1. 

Die Träume vom leeren Stuhl im Himmel, vom durchsichtigen nackten 
Jesus, der gegessen werden soll, vom kleinen Quälgeist Jesu geben zu keinen 
weiteren Bemerkungen Anlass, denn ihr Sinn ist für jedermann klar. Die Episode 
von Margaretha's Schwärmerei für die verschiedenen Kruzifixe, die sie im 
Bette auf und unter sich haben muss, gipfelt im Trinken des Blutes aus der 
Seite Jesu, jener sadistischen Betätigung, deren Vorstufen wir bei den primitiven 
Völkern, deren wildeste und widerlichste Ausbildung wir wohl beim Grafen 
Ludwig von Zinzendorf antreffen. Ein meiner Seelsorge unterstellter 
Hysteriker, der mit seiner Pflegerin, einer Nonne, ein schwärmerisches, wenn auch 
platonisches Liebesverhältnis angeknüpft hatte, Hess einige Tropfen ihres und 
seines Blutes in ein Glas Wasser fallen und trank es mit ihr gemeinsam aus. Auch) 
in diesem Falle findet eine Verlegung von unten nach oben statt. 

Die Eingebungen enthüllen nur wenige neue Wünsche. Die Nonne 
schwelgt als Mutter des göttlichen Kindes. In dem Interesse für schmerzlose 
Schwangerschaft und Geburt, in ihrem Entsetzen über den Aufenthalt des Kindes 
in Josephs Hosen, in der öfters und höchst ungeniert geäusserten Neugierde nach 
Aufschluss über die Beschneidung, in der Frage nach Marias Wollust beim Stillen 
des Kindes verrät die Nonne, dass in ihr dia Fortpflanzungstriebe sich in un- 
geschwächter Kraft erhalten haben, so dass die alternde Nonne dieselbe Not aus- 
stehen muss, den die neuere Belletristik in ihrer Unkenntnis des wahren Sach- 
verhaltes als Jungweibernot hinstellt. 



*) Aus ähnlichem Grunde dürfen auch Biber und Fischottern, die doch 
warmes Fleisch tragen, gegessen werden. Die kath. Kirche perhorresziert üicht die 
Sexualorgane an sich, sondern die Geschlechtslust. 

Zentralblatt für Psyeboanalyae. l 10 /". 83 



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482 Dr. Oskar Pfister, 

Die Visionen liefern gleichfalls keinen neuen Aufschlags. Die weisse 
Gestalt ist offenbar die verstorbene, innig geliebte Schwester, die ihr kurz zuvor 
auch im Traum erschienen war. In den drei Lichtern mögen entoptische Phäno- 
mene das Material zur erotischen Phantasie abgegeben haben. 

Die Amnesie bezüglich ihres selbstverfassten Paternosters ist aus den 
vorhandenen Materialien nicht zu erklären. Das Gebet (161 ff.) drückt die Be- 
gierden der Nonne adäquat aus. Es empfiehlt die Seele der Beterin dem Herrn 
in seiner höchsten Minne, bittet um „ain sicher verainung in daz indrest guot 
daz du got selber bist 44 , um sichtbare und unsichtbare Gegenwart Gottes und* 
süsse Berührung, damit alle Lust nur im heiligen Leiden Jesu und Sakrament 
liege, um Absterben von allem natürlichen Leben, um den Höhepunkt der reinen, 
Vereinigung von Gott und der Seele, um die süsse Lust, mit der lebenden Speise 
des heiligen Leichnams gesättigt zu werden usw. Der Umstand, dass die Amnesie 
an Ostern beginnt, am Auffahrtstag gemildert und an Pfingsten beim Singen des 
Liedes „Veni creator" aufgehoben wurde, legt die Vermutung nahe, dass Marga- 
retha mit dem Auferstandenen, der aller Fleischlichkeit entkleidet ist, und 
dessen Aufenthalt man nicht kennt, nichts anzufangen wusste, doch ist damit 
das Symptom noch lange nicht genügend erklärt. Die nähere Kenntnis der Ge- 
mütslage unserer Nonne würde jedenfalls den Schleier mühelos von dem Ge- 
heimnis hinwegheben. 

Die Frömmigkeit Margaretha's spiegelt die primäre Erotik mit 
vielen Einzelheiten, ohne sich doch bis zu den letzten Konsequenzen offen hervor- 
zuwagen. Dass aber ihre libido sich mit platonischen Beziehungen zu Jesus 
keineswegs begnügt, verrät nicht nur das Interesse der Nonne an der Beschneidung 
Jesu, sondern auch die schwüle Beschreibung der ungestümen, dio. süssesten 
erotischen Gefühle weckenden Minne des himmlischen Herzallerliebsten. Die Sinn- 
lichkeit gibt auch die 53jährige Jungfrau keineswegs preis; nur projiziert sie 
dieselbe auf den himmlischen Gatten. Es müssen schwere Verdrängungen vor- 
gefallen sein, bis eine so stürmische Leidenschaftlichkeit auf irdische Erotik 
Verzicht leistete. 

Was Freud bei vielen hysterischen Symptomen antraf, nämlich dass sie 
einerseits eine männliche, andererseits eine weibliche unterbewusste sexuelle Phan- 
tasie ausdrücken x ), gilt auch von Margaretha's Frömmigkeit. Meistens ist 
ihr Jesus der Ehemann., Der Orgasmus infolge der Phantasie, sie sauge an den 
süssen Brüsten Jesu, trägt jedoch homosexuellen Charakter. Analog Zinzen- 
d o r f , der Jesus zu seinem Ehemann erklärt, dann aber die Seitenwunde Jesu 
mit krasser Anschaulichkeit zur Vagina umwandelt 2 ), verleiht die Nonne ihrem 
himmlischen Gemahl weibliche Merkmale. Auch die Freude am Bluttrinken aus 
Jesu Seite teilt die mystisch-enthusiastische Katholikin mit dem Pietisten 3 ), ebenso 
den Wechsel von Grössen- und Kleinheitsgefühl in der religiösen Sclbsteinschätzung, 
die Verzückung im Genuss des substantiell empfundenen Leibes Jesu beim Abend- 
mahl, die Todessehnsucht, das Interesse für das membrum Jesu usf. 

Was das sittliche Verhalten anbetrifft, so gebührt Zinzendorf 
entschieden der Vortritt vor der Nonne. In der Askese, der Abschliessung von 

1 ) Freud, Hysterische Phantasie und ihre Beziehung zur Bisexualität. 

Zeitschr. f. Sexualwiss. 1908. S. 32. — Sammlung kl. Sehr. z. Neurosenlehre, 

2. Folge. 144. 

L *) Meine Schrift: Die Frömmigkeit des Grafen L. v. Zinzendorf. 57 — 66. 

3) Ebenda, 54—56. 



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Hysterie und Mystik bei Margaretha Ebner (1291—1351). 483 

seiner Familie und anderen Menschen, in der Grausamkeit gegenüber Unfrommen 
geht der Graf lange nicht so weit, wie Margaretha; dafür weist er andere 
Charaktermängel auf. Jedenfalls verrät auch unsere Analysandin, dass und warum 
die konsequente Mystik vom sittlichen Standpunkt aus entschieden zu verwerfen ist 

Aus allem ergibt sich, dass die religiöse Erotik einfach die sinnlichen 
Begierden austoben lässt. Wie in der Hunnenschlacht die Getöteten als Geister 
der Luft weiterkämpfen, so die sexuellen Triebe der Margaretha Ebner, 
Ludwig von Zinzendorfs und zahlloser anderer Mystiker. An die Stelle 
einer Transformation der libido in ethisch produktive, soziale und kulturelle 
Leistungen ist eine blosse E 1 e v a t i o n getreten, für welche der Ehrenname einer 
Sublimierung viel zu gut ist. Dass hingegen die wirklich evangelische Moral, indem 
sie nach Anweisung Jesu jene für jede wahre Moral notwendige Trans* 
formation der Triebe in höhere, ethisch wertvolle Lebens- 
betätigung voraussetzt und mit der Elevation verbindet, 
wirkliche Sublimierung fordert, kann nicht stark genug betont werden. 

Ganz flüchtig sei noch die Bedeutung Heinrich von N ö r d 1 i n g e n*s 
für Margaretha angedeutet Anfangs sträubt sich die Nonne gegen die Ober- 
tragung auf ihren Beichtvater 1 ). Da sich dieser jedoch gänzlich als Werkzeug 
Jesu ausweist, kommt ihm die Liebe Margarctha's zu ihrem Herrn zugute. 
Wie sie nach dem Freunde begehrt, antwortet ihr die Treue Gottes: „Er ist 
daz lieht, uz dem ich liuht" (143). Er erteilt der bewunderten Freundin so oft 
ah möglich das Abendmahl (11 mal in 12 Tagen [139, LIV]). Nachdem er ver- 
reist ist, nehmen die Bande des Herrn (60) oder der Jammer nach depm Sakrament 
(142) stark zu, denn die dem Beichtiger ; • hene libido strömt auf Christus 
zurück. Wenn sie den Freund im Trau.u nach dem Himmel versetzt (45), so 
steht dies in Zusammenhang mit dem Verlangen, dass sie wie St Franziskus die 
Wundmale Jesu trage, d. h. bald sterben und wie der Ordensstifter stigmatisiert 
aufgefunden werde, indes die Seele den Freund im Jenseits besitze. 

Über die Stellung zur Familie müssen wir uns bei den spärlichen 
Nachrichten besonders vorsichtig äussern. Dass Margaretha sich bei ihrem 
vorübergehenden Aufenthalt im Elternhause gegen alle, mit Ausnahme einer 
Schwester, schroff abschliesst, deutet auf einen Vater- und Mutterkomplex, ohne 
welchen ich bisher überhaupt noch keinen Klosterinsassen gefunden habe. Wahr- 
scheinlich schuf sich die Nonne mehrere Vatersurrogate. Ein solches könnte 
Ludwig von Bayern, der Landesvater, repräsentieren. Auch der Bischof 
scheint ein Vertreter des Vaters zu sein, wenigstens beugt sich Margaretha 
in auffallender Devotion vor ihm. Als man trotz bischöflichen Verbotes eine 
weltliche Frau in der Klosterkirche begrub, nannte sie es einen Frevel und konnte 
in jenem Räume weder beten noch kommunizieren, bis ein Vorgesetzter es ihr 
direkt befahl, wodurch sie sich innerlich befreit fühlte (153). 

Es ist uns vergönnt gewesen, von den neurotischen Symptomen religiöser 
und hysterischer Art auf die nächsten unter der Bewusstseinsschwelle liegenden 
Ursachen zurückzugreifen. Dabei ergab sich, dass die hysterische Krankheits- 
äusserung auf einem religiösen Erlebnis oder, dieselbe Funktion psychologisch be- 
trachtet, auf einer affektbetonten religiösen Phantasie beruht. Bei der Analyse 
lebender Menschen, oder, wo die biographischen Quellen reichlicher fliessen, ge- 
lingt es nun, diejenigen Komplexe in ihrer Entstehung nachzuweisen, welche 



- 1 ) AusdrücJdich 16, indirekt s. o. S. 327. 

88* 



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484 Dr. Oskar Pfister, 

zum frommen Erlebnis führten. Wir gelangen dabei zu Stauungen des natür- 
lichen Trieblebens, zu Triebverdrängungen, ohne welche nicht einmal ein höherer 
Altruismus, geschweige denn Kunst, Philosophie, Religion, ins Leben treten könnten. 
Da uns Marg are tha's Jugend und natürliche Triebkonstellation entzogen ist, 
können wir diesen Nachweis, der uns bei Zinzendorf überzeugend glückt, 
nicht liefern. 

Dafür ist es der Mühe wert, sein Augenmerk auf einige wichtige Züge 
in der Krankheits- und Frömmigkeitsgeschichte unserer Nonne zu werfen. 

In hohem Masse bemerkenswert scheint mir die Polarisation der 
antagonistischen Triebe und Triebfunktionen Mar gare tha's. 
Schon die sadistische und masochistische Komponente klaffen weit 
auseinander, wobei die letztere weitaus vorherrscht. Was wir bei so vielen 
Hysterikern wahrnehmen, dass ihrem Mitleid erregenden, qualvollen Zustand in 
der Tiefe des Bewusstseins, oft gänzlich unbemerkt, ein erheblicher Lustbesitz ent- 
entspricht, zeigt uns die Nonne mit einer Deutlichkeit, die ihre Krankheit zum 
Schulfall erhebt Unzählige Male beschreibt sie ihr entsetzliches Leiden, um 
dann die unmässige Süezze ihres innersten Erlebens zu besingen, di? jene Tortur 
begleitete oder ihr auf dem Fuss folgte. Nach „jemerclichem we" fühlt sie sich 
von Licht und Gnade durchgossen und hat grosse Lust, dass sie durch Gott 
elend sein sollte (12). „Min gröster lust ist mir in den creftigen banden, daz mich 
dar inn nieman hat gefangen denn min her und min got Jhesus Gristus" (59). 
Von da aus verstehen wir ihren Wunsch, noch kränker zu sein (4). 

Am sadistischen Gegenpol begegnet uns die Begierde, in Jesu Seite zu greifen 
und in ihr zu wühlen, dazu die Grausamkeit ihres altruistischen Verhaltens. 

Auffallender noch ist der beständige Wechsel zwischen Elend und Süssig-/.;. 
keit, Schweige- und Redezwang, Weinen und Lachen, Glaubensleere und Plerp- ^ ^ 
phorie. Es ist, als würde die eine Betätigung an ihrem normalen Verlauf ge- \ ^ ^^ ^\ 
hindert, um sodann mit abnormer Heftigkeit hervorzubrechen und das Versäumte \ 
einzuholen. Durch diese Polarisation ist auch eine maximale Differenzierung der 
zugehörigen Gefühle ermöglicht und damit eine maximale Gefühlsintensität. Auf 
dem so erzielten Lustgewinn beruht denn auch jene Polarisation der Trieb- 
vorgänge. Viele Hysteriker opfern ganz offenkundig ihre sämtlichen Lebensinteressen 
mit Einschluss der höchsten ethischen Betätigungen dem aus ihrer involutio 
libidinis hervorgehenden Lustgewinn, der die Innenseite ihres nach aussen hin 
so schmerzlichen Kranktieitssymptomes bildete. Von hier aus ist der Egoismus 
nicht nur «in häufiges Symptom, sondern vielmehr eine Ursache und ein Boll- 
werk der Hysterie. 

Margaretha ahnt denn auch etwas von diesem Sachverhalt. Sie weiss 
sich wochenlang schwer krank infolge ihrer Begierde nach dem Herrn (51). Ihre 
Gebundenheit bringt sie nicht selten mit ihrer Minne zu Jesus in kausale Be- 
ziehung, wie schon Mechthild von Magdeburg, die einmal sehr fein sagt: 
„Frowe Minne, ir hant mir benommen mine kintheit, gut friunde und magen, die 
weltl Frowe minne, ir hant mich also sere betwungen, das min lichnam ist komen 
in sunderlich krankheit" (Das fliessende Licht der Gottheit, herausg. v. Gall 
Morel, Regensburg 1869, S. 4). 

Eine uns manchmal bei unserer Analysandin begegnende Ursache der 
Herübernahme fremder Leiden durch ihre Nacherzeugung am eigenen 
Leib oder Geist finden wir bei unserer Nonne ausgeprägt: Es ist die Sym- 
pathie. Margaretha sehnt sich nach völliger Liebesvereinigung mit dem 



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Hysterie und Mystik bei Margaretha Ebner (1291—1851). 485 

herzlieben himmlischen Gemahl. Der Drang nach Liebesgemeinschaft bringt in 
ihr die intensivste Einfühlung zustande. Die Gemeinsamkeit des Leidens sym- 
bolisiert so das versagte erotische Einssein. 

Erwähnenswert ist bei Margaretha, wie bei Zinzendorf und un- 
zähligen anderen, die ihre gestaute Libido ohne Transformation in Religion über- 
leiteten, dass die polymorphen Sexualkomponenten in wilder Anarchie hervor- 
brechen. So weiss sich die misshandelte Natur ingrimmig zu rächen. 

Die marter- und lustvolle, ethisch so minderwertige Frömmigkeitsgeschichte 
der an missglückter Sexualverdrängung dahinsiechenden Nonne bestätigt wie die 
ihrer zahllosen Leidensgefährtinnen die scharfsinnige Maxime La Rochefou- 
cauld's: „Les violences qu'on so fait pour s*emp§cher d'aimer sont souvent 
plus cruelles quo les rigueurs de ce qu'on aime" (Maximes 391). 



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VI. 
Eduard Mörike. 

Von Hugo Friedman^ Wien — Frankfurt a. M. 

Obwohl im allgemeinen kein Zweifel darüber bestehen kann, dass Dichter 
und die ihnen zunächst stehenden Geister in Tiefen des Seelenlebens hinab- 
zuleuchten vermögen, welchen jene Elementarsystematik, die gemeiniglich als Psycho- 
logie in wissenschaftlicher Behandlung gilt, gar nicht nahe zu treten wagt, so 
erscheint doch auf dem intrikaten Gebiet, welches Freud erschlossen hat, dem 
Gebiet der Verdrängung und der infantilen Sexualität, der Vorsprung dichterischer 
Anschauung nicht gerade gross; zumal wenn man die Unendlichkeit der Ge- 
staltungen, darin diese Kräfte sich alltäglich betätigen, in Rechnung zieht. Es 
ist offenbar, dass auch bei den Denkern, welchen die Gabe des innern Schauens 
verliehen ist, an diesem Punkt entstellende Prozesse nur zu oft wirksam bleiben 
und durch parallel laufende künstlerische Motivierungen verdeckt werden. Um so 
bedeutungsvoller sind uns alle Äusserungen, welche dennoch, direkt oder indirekt, 
von dem unbefangenen Erschauen dieses Zusammenhangs zu berichten wissen. 
Vornehmlich aber muss es von Wert sein, wenn uns solches Material von einem 
Mörike geboten wird, der durchaus ein beschaulicher Poet und sicher ein mehr 
empfindender als reflektierender Kopf gewesen ist, in dem man kaum einen 
Sensitiven im modernen Sinn vermutet, ja der sogar nach dem Zeugnis seiner 
Zeitgenossen nicht einmal Menschenkenner im extensiven Sinn des Worts ge- 
wesen sein soll. Noch weiter steigert sich seine Bedeutung für uns dadurch, dass 
wir bei ihm nicht nur im Text verstreute Einzelbeobachtungen finden, sondern 
mehrfach geradezu den Keimfleck der Dichtungen für unseren Anschauungskreis 
in Anspruch nehmen können. 

Ich zitiere zunächst einige kleinere Stellen. 

Agnes, die Braut des Maler Nolten, erleidet durch Suggestion eine Zer- 
setzung ihres Liebesempfinden. Der Wahn schädigt ihre Gesundheit und entfremdet 
sie ihrer nächsten Umgebung. Schliesslich entlockt ihr ein Arzt das Bekenntnis 
des Zusammenhangs. „Hierbei musste es für den aufmerksamen 
Beobachter solcher abnormer Zustände von dem grössten 
Interesse sein, zu bemerken, dass schon die Aussprache des 
Geheimnisses an sich entscheidend für die Heilung wa r." 

In Lucie Gelmerot.h begegnet der Erzähler einer Jugendgespielin und 
erinnert sich eines Vorfalls aus ihrer Kindheit, da man sie eines Diebstahls ver- 
dächtigt hatte. „Ich war von dem Vorfall höchst sonderbar ergriffen. Ich vermied 
meine Freundin und begrüsste sie kaum, als sie in diesen Tagen wie gewöhnlich 
zu meiner Schwester kam. Merkwürdig, obwohl in Hinsicht auf das 



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Eduard Mörike. 487 

undurchdringliche Gewebe verkehrter Leidenschaften und 
feiner Sinnlichkeit, wie sie bereits im Kinderherzen wirkt, 
zu meiner Beschämung, merkwürdig ist mir noch heute der reizende Widerstreit, 
welchen der' Anblick der schönen Sünderin in meinem Innern rege machte. Denn 
wennichmichauchvorihrscheuteundnichtmitihrzureden, 
viel weniger sie zu berühren wagte, so war ich gleichwohl 
mehr als jemals von ihr angezogen. Sie war mir durch den 
neuen unheimlichen Charakterzug interessant geworden, 
und wenn ich sie von der Seite verstohlen ansah, so kam 
sie mir unglaublich schön und zauberhaft vor/ 4 

Der erste Teil zeigt wieder die verblüffende Beobachtungsgabe M ö r i k e 's , 
für die sich noch eine ganze Anzahl weiterer Belege beibringen Hessen. Der 
Schluss der vorstehenden Sätze deutet gleichfalls ein ganz tief wurzelndes, ab*r 
noch wenig geklärtes erotisches Problem an. 

Daneben ist für uns noch der Stoff der Novelle selbst von Interesse. Das 
Mädchen liegt, als der Erzähler ihr wieder begegnet, auf Selbstanklage im Ge- 
fängnis und ist anscheinend dem Tode verfallen. Er gewinnt sie seelisch und 
rechtlich dem Leben zurück und für sich als Frau. 

In dieselbe Richtung, aber weit charakteristischer, weist das Motiv des 
„S c h a t z". Der Erzähler begegnet einem Mädchen, das ihm, der bisher der 
„kalte Michel" geheissen, beim ersten Anblick das Herz schneller schlagen macht. 
Ein wundersames Sprüchlein hatte ihm „Erste Liebe, letzte Liebe" geweissagt 
und er hatte sich daran gewöhnt, dies auf eine längst zerronnene innige Rinder- 
freundschaft zu beziehen. Es war nicht daran zu denken, dass diese je wieder 
erstünde, weil jene Freundin noch als Kind gestorben war. Plötzlich kommt ihm 
der Gedanke, das gegenwärtige Mädchen wäre doch das nämliche, an deren Toten- 
bett er damals gestanden hätte. Einige romantische Zwischenglieder, die sein 
Gedächtnis aufbewahrt hat (Scheintot, fremde Interessen), bilden die Brücke zu 
einer Erklärung der Realität und die verloren geglaubte Jugendgeliebte, die seiner 
stets in Treuen gewartet hatte, wird seine Gattin. 

Wir finden hier typische Knabenphantasien gestaltet: Erringung eines ge- 
liebten Mädchens unter Hindernissen; der Held befreit die Hilfsbedürftige und 
legitimiert dadurch die Besitzergreifung. Der stoffliche Aufbau, darin diese Form 
gewinnt, ist von primitiver Einfalt, die fast an das Volksmärchen erinnert 

Mörike besitzt überhaupt die Gabe so volkstümliche Stoffe zu finden, dass 
man mitunter verleitet wird, Entlehnungen zu vermuten, wo solche durchaus 
nicht vorliegen. Dieselbe Novelle enthält z. B. auch die Geschichte der Frau 
Irmel, einer spukenden Ahnfrau. 

Einem edlen, liebenden Ritter vermählt, bekam die junge Frau gleich nach 
der Geburt ihres Söhnlein leine böse Marotte. Sie wurde schandbar habgierig, 
lieh ihren eigenen Leuten im Geheimen auf Zins und drückte die Schuldner. Als 
ihr Gatte davon erfuhr, erliess er den Bauern die ganze Summe. Von dieser 
Stunde an war ihm alle Liebe seiner Frau verloren. Sie tat ihm Hässliches an, 
was sie irgend konnte, und misshandelte das Kind, weil es dem Vater ähnlich 
sah. — Wir begegnen hier der bekannten Verknüpfung zwischen Geld und Erotik 
in sinnfältigster Form. Die rein literarische Betrachtung findet in dem Motiv die 
zwingende Rätselhaftigkeit der mythischen Stoffe, die jeder anderweitigen rationalen 
Deutung Widerstand geleistet hat. 

Das Hauptmotiv des Maler Nolten stellt aber die Bedeutung aller 
andern in den Schatten. Ein umfangreicher Roman erzählt die Schicksale eines 
Künstlers, dessen LeJ>en trotz glücklicher Anlagen, glänzender Erfolge und inniger 



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488 Hugo Friedmann, 

Frauenliebe von einer bösen Gewalt zerstört wird. Sie verkörpert sich in der 
Gestalt einer vagabundierenden, geistesgestörten Zigeunerin, die dem Helden zum 
ersten Male in seinem 15. Lebensjahr begegnet, im Hintergrund seiner Erlebnisse 
öfters wieder auftaucht und das Verhältnis zu seiner Braut durch die früher er- 
wähnte Suggestion stört. Durch andere Einflüsse werden die beiden wieder zu- 
sammengeführt, Zufälligkeiten und die Nachwirkung jener Epoche trüben die Lage 
von neuem; da erscheint die Zigeunerin wieder, macht alte Ansprüche auf Nolten 
geltend und treibt Agnes in Wahnsinn l ) und Tod. Der Roman weist durchaus eine 
doppelte Linienführung auf, eine psychologische und eine parallel laufende fata- 
listisch-romantische. Es ist wichtig, dass M ö r i k e die Freunde, welche hieran 
aus künstlerischen Gründen Anstand nahmen, stets auf die Gestalt der Zigeunerin 
hinwies, in welcher Wurzel und Einheit des Stoffes enthalten sei. 

Von der ersten Begegnung zwischen dem Knaben und Elisabeth erfahren 
wir das Folgende. Nolten stösst bei einem Streifzug über Land unvermutet auf 
die Fremde und fällt, kaum dass sie ihm das Gesicht zuwendet, in Ohnmacht. Sie 
befragt ihn später, wie ihm dabei zumute gewesen wäre und er berichtet: „Mir 
war als wenn ich jählings wie in einen Abgrund in mich selbst versänke, als 
schwindelte ich von Tiefe zu Tiefe, durch alle Nächte hindurch, wo ich Euch 
vordem sah in Träumen hundertfältig. Es trug mich im Wirbel 
hinunter durch alle Zeiträume meines Lebens. Ich sah mich 
als Knaben und sah mich als Kind neben Eurer Gestalt, ja, 
denn ich kam bis an die Dunkelheit, wo meine Wiege stand 
und Eure Hand den Schleier hielt, der mich bedeckte. Nicht 
schlafend war ich und nicht wachend, ich wusste aber, dass Ihr um mich wäret 
und dass es Euer Atem sei, der in mich überging/* In der ersten, heute fast 
unzugänglich gewordenen Fassung des Romans lautet der Schluss: „Da verging 
mir das Bewusstsein. Ich habe vielleicht lange geschlafen. Aber wie sich meine 
Augen aufhoben von selbst, schaute ich in die Euren als in einen tiefen Brunnen, 
darin das Rätsel meines Lebens lag." 

In klassischer Deutlichkeit lässt diese Darstellung die spontane Wieder- 
erweckung ursprünglichster Kindheitseindrücke, eingeleitet mit dem typischen: „Mir 
war, als wenn . . ," erkennen. An dieser Auffassung dürfen wir auch festhalten, 
obschon der Dichter, der ja nicht bewusste Psychologie zu treiben unternahm, 
das Erlebnis in eine Vorgeschichte einflicht, die mit seinen möglichen Wurzeln 
nur unvollkommen harmoniert. Das Mädchen ist Noltens leibliche Kousine, doch 
war er weder ihr noch ihrer früh verstorbenen Mutter je zuvor begegnet. Nur ein 
Bild, die Mutter in der Blüte ihrer Schönheit darstellend, hatte er in einem ent- 
legenen Winkel des Dachbodens entdeckt. Damit würde sich natürlich nie erklären, 
wieso ihn die Erinnerung bis an seine Wiege zurückführt; ja, es müsste gerade 
die Bedeutung des Bildes, das den Knaben so ungewöhnlich beschäftigt, wieder 
durch frühere Kindheitseindrücke auch seelisch (statt bloss fatalistisch) motiviert 
sein. Wenn M ö r i k e hier Elemente von heterogener Bedeutung übereinander- 
schiebt, so ist darin ohne Zweifel die Wirkung einer zutiefst in seiner Persönlich- 
keit wurzelnden Hemmung zu sehen, die wir allerdings leider nicht sicher angeben 
können. Klar dagegen ist die künstlerische Motivierung der Produktion, die wir 
auch nicht übersehen dürfen; einmal, weil sich darin wenigstens Ansätze einer 

*) Der Vorstellungsgehalt ihres Wahns ist die Identifikation ihrer eigenen 
Person mit den beiden anderen Frauen, die in Noltens Leben eine Rolle gespielt 
haben und die Verschmelzung der Handlungen des Malers mit denen seines Freundes, 
welcher zum Zweck der Vermittlung eine Zeitlang unter Noltens Namen mit ihr 
in zärtlichem Briefwechsel gestanden hatte. 



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Eduard Mörike. 489 

tieferen Psychologie des Typus „Künstler 4 * andeuten; dann aber weil wir uns an 
dem Beispiel so recht vergegenwärtigen können, um wieviel das Kunstwerk auch 
für die nachfolgende Analyse noch immer mehr ist als ein blosses psychologisches 
Rechenexempel. Hätte Mörike nämlich noch diesen Schritt weiter vordringen 
können und die doppelte Linienführung des Romans auch psychologisch bis zur 
letzten Konsequenz durchgehalten, so hätte sich ein grosszügig naturwissenschaft- 
licher Roman ergeben müssen. Es konnte dazu nicht kommen, weil für seine Zeit 
das künstlerische Problem unlösbar bleiben musste, das darin liegt: diesen Roman 
s o zu schaffen, dass er nicht naturwissenschaftliche Atomisierung, sondern G e - 
s t a 1 1 u n g auf dem grandiosen Hintergrund eines Weltganzen, einer formenden 
Weltanschauung ist. Zur Veranschaulichung verweisen wir auf Ibsens Gespenster 
als eine der wenigen Lösungen dieser Aufgabe, welche wir vielleicht überhaupt 
erst besitzen. Für Mörike musste — auch abgesehen von persönlichen Hem- 
mungen — das Bild von der Bodenkammer die Nabelschnur bleiben, durch die 
sein Stoff mit einer fatalistischen Allmacht verknüpft blieb. 

Bedeutsam — zumal mit Rücksicht auf die grosse Unzulänglichkeit des bio- 
graphischen Materials — erscheint ein Unterschied zwischen den beiden Fassungen. 
In der ersten beginnt der Knabe von selbst über die in ihm ausgelösten Empfin- 
dungen zu sprechen und gerät in Verwunderung, dass Elisabeth daran nicht 
unmittelbar teilgenommen hat, dass sie sich den Zusammenhang erst erzählen 
lassen muss. Und er ist auch derjenige, welcher ein Treuebündnis fordert, der 
das Mädchen zum Besuch in seinem väterlichen Haus drängt, kurz, ihr geradezu 
das Recht zu ihrer späteren gefährlichen Anhänglichkeit verleiht. In der zweiten 
Bearbeitung, die Mörike Jahrzehnte später besorgte, drängt eine fixe Idee 
des Mädchens auf einen tiefen Zusammenhang ihrer beiden Naturen, sie ergreift 
fürs erste mit elementarer Gewalt von der Seele des Knaben Besitz und bleibt 
dauernd durch eine Vorstellung an ihn gebunden, zu deren Entstehung er kaum 
beigetragen hat. 

Das Vorbild der Elisabeth war ein schönes, offensichtlich schwer neuro- 
pathisches Mädchen, an welches Mörike längere Zeit durch eine tiefe Leiden- 
schaft gefesselt wurde, bis er sich nach bittern Enttäuschungen unter schweren 
innern Kämpfen von ihr löste. Aus diesem Erlebnis wurde der Maler Nolten, 
das einzige umfangreiche Werk überhaupt, das Mörike in seinem langen Leben 
geschrieben hat — und wohl auch sein Hauptwerk schlechthin — geboren. Es 
scheint nun, als ob das Wesen unseres Motivs eine besondere Projektion des Erleb- 
nisses in äussere Gestalt wäre. Jene Frau, die i h n so stark ergriff, vor deren Bild 
er sich nicht befreien konnte, wurde in der Dichtung wunschhaft symbolisch zu einem 
Wesen, das — der äusseren Realität durchaus entgegen — sich als Person 
unlösbar an den Mann heftete. Es ist eine einfache Umwertung des doppel- 
deutigen : „Diese Frau gibt ihn nicht mehr frei 41 *). In der ersten Fassung bleibt 
noch ein Teil der aktuellen Formen des Erlebten, dabei der Dichter — wann 
auch nicht in materieller Weise — die Rolle de3 fordernden Männchens gespielt 
hatte, mit eingeschmolzen. Die Umarbeitung aus der Distanz der späteren Jahre 
verleiht dagegen dem Phantasiemotiv reinere Gestaltung. Dafür haben sich die 
Bedürfnisse des männlichen Wesens zu künstlerischer Gestaltung sublimiert — 

x ) Nebenbei: Wir haben hier wohl überhaupt eine3 der Fundamentalgesetze 
am Zipfel, welche die künstlerische wie die gemeine Phantasiebildungen beherrschen ; 
dass nämlich ein Gegebenes, nicht zu Verdrängendes durch Vertretungen und Ver- 
schiebungen, in der literarischen Sprache S ym b o 1 e genannt, suweit umgeformt 
wird, bis es dem Ichgefühl besser entgegenkommt. Damit ist dann der Druck von 
der Seele genommen, sie hat sich freigeschrieben. 



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490 Hugo Friedmaiin, 

Belege, überhaupt gute Unterlagen in der ganzen Frage, sind leider nicht zu 
finden. Die Familienverhältnisse weisen sogar naheliegende Vermutungen durch- 
aus ab. 

Gesichert ist jedenfalls — und das haben auch die Literaten in psycho- 
logischer wie in künstlerischer Hinsicht stets betont — dass in dieser Szene 
und der Gestalt der Elisabeth das Zentrum des ganzen Werkes und der Kern 
der Produktion gelegen sei. Trotzdem riskieren wir, unsere spezielle Deutung 
als lächerliches Missverständnis abgelehnt zu sehen. Denn der Historiker wird 
uns sofort belehren wollen, dass Szene und Gestalt nicht andern Wesens 
seien als hundert andere, welche dem Geschmack des romantischen Zeitgeistes 
entsprungen sind und seine Vorliebe für wunderbares Zusammentreffen, märchen- 
artigen Fatalismus und rätselhafte geistige Kräfte ausdrücken. Unter diesen zahl- 
losen Experimenten einer bekanntlich allzu selbstherrlich gewordenen Phantasie 
mag sich schliesslich leicht einiges finden, das im Sinne irgend einer Theorie als 
Beleg gedeutet werden kann, sobald man es aus dem historischen Zusammen- 
hange löst. 

Um diesem Einwand, der mutatis mutandis der Auswertung psychologischer 
Erkenntnisse an hundert Stellen entgegengehalten werden kann und der deshalb 
typische Bedeutung hat, mit etwas kritischem Rüstzeug zu begegnen, müssen 
wir weiter ausholen und einmal den Versuch wagen, in jene seelischen Kräfte 
Einblick zu gewinnen, welche die romantische Psyche bestimmt haben. Da aber 
vorläufig kaum erst einige Hauptlinien einer allgemeinen Psychologie der künst- 
lerischen Produktion festgelegt sind, entbehrt dieses Unternehmen leider eines 
Rückhalts dort, wo er am dringendsten erwünscht wäre. Wir müssen uns deshalb 
begnügen, die dürftigsten Umrisse zu bestimmen und obendrein eine im Verhältnis 
zu unserem eigentlichen Thema recht weitläufige Behandlung in den Kauf nehmen. 
Der Nebengewinn, welcher sich daraus ergibt, dass wir gleichzeitig für jenes 
allgemeinere Werk einen kleinen Beitrag liefern, kann dafür der Abschweifung als 
solchen zugute gehalten werden. 

Primär dient die Dichtung wie jede Phantasie der Wunsch erfüll ung schlecht- 
hin. Wir sehen es deutlich an Mythen und Märchen, die Freud als Säkular- 
t r ä u m e der jungen Menschheit bezeichnet hat, wir erkennen es ohne Schwierig- 
keit in all den breiten literarischen Wassersuppen besserer oder minderer Sorte, 
welche den Hauptbestand unserer Leihbibliotheken bilden, nicht zuletzt auch in 
den Backfisch- und Kolportageromanen. Vom Individualistischen zum Historischen 
übergehend dürfen wir deshalb auch unter angemessener Berücksichtigung der 
Vorgeschichte die Bedürfnisse einer Epoche aus ihren charakteristischen Pro- 
duktionen, das herrschende Verhältnis zwischen Mensch und Weltzustand 
aus dem Typus der quantitativ führenden Autoren beurteilen. 

Die romantische Psyche stand nun unter folgenden Bedingungen. Das 
18. Jahrhundert hatte zunächst nach der einen Seite die anarchischen Verhältnisse 
«iner vorhergehenden Zeit durch einen Geist der straffsten Logik und Ordnung 
überwunden und in einem grossartigen Aufschwung die Anschauungskreise der 
Aufklärung und des Rationalismus durchgesetzt. Die Einseitigkeit dieser Schule 
jnusste alsbald die Gemüter mit neuen Plagen drücken. Ja, sie entsprach über- 
haupt nur einem Teil der zeitbestimmenden Kräfte, die auf Befreiung von den 
Hemmungen des Mittelalters gerichtet waren. Deshalb kam Rousseau mit dem 
Schrei nach der Natur, die Stürmer und Dränger mit Empfindung und Leiden- 
schaft. Da diese zweite Strömung, halb Zwillingsbruder und halb Feind der 
ersten, für sich allein so unvollkommen wie diese war, war sie vorläufig auch 
.zu schwach, die Vorherrschaft der schneller zur Entwickelung gelangten Aufklärung 



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Eduard Mörike. 491 

zu brechen. So standen lange Zeit zwei divergierende Strömungen durchaus un- 
vermittelt nebeneinander. Von den grandiosen Lösungen, die in Weimar geschaffen 
wurden, blieb die Masse ziemlich unberührt. Zum Teil gewiss weil unter den 
grossen Umwälzungen der Zeitgeschichte die Träger neu aufkeimender, suchender, 
unreifer Verhältnisse sich nicht in der monumentalen Zeitlosigkeit der Klassiker 
gespiegelt erkennen konnten. Vor allem aber — und davon gibt die Massen- 
produktion der Epoche beredtes Zeugnis — weil die kleineren Geister den Kon- 
flikt der beiden Weltanschauungen zunächst ganz anders erlebten, so dass ihre 
Bedürfnisse gar nicht die Richtung auf harmonischen Ausgleich nehmen konnten. 
Andernfalls wäre es unverständlich, wieso die Romantiker ungeachtet ihrer Goethe- 
verehrung eine Entwickelung von so gänzlich wesensverschiedenem Gehalt ein- 
geschlagen haben. 

Aus zwei Wurzeln stammen die Bedürfnisse eines Zeitalters, aus der Ge- 
wöhnung und aus der Entstehung. Die erstere drängte damals nach Sentimentalität 
und spiessbürgerlicher Aufklärungsmoral und fand in I f f 1 a n d und K o t z e b u e 
ihre erfolgreichsten Vertreter. Diese Strömung befand sich bereits in ihrer ab- 
steigenden Periode und ist in unserem Zusammenhang nur von mittelbarem Interesse. 
Der Mangel aber liess die neue Richtung entstehen. Ein Teil ihrer Vertreter, 
die wenigen echten Dichter der Schule (Brentano, Eichendorf f), hoben 
die letzten Schätze der mittelalterlichen und volkstümlichen Phantasiewelt, welche 
die Epoche umgaben und noch nicht ausgeschöpft waren. Die Mehrzahl aber, gerade 
die Geister, welche für die zeitliche Erscheinungsform „Romantik" als typisch 
angesehen werden, schufen eine neue Literatur, deren auffallendste Elemente 
sind: das zum Selbstwert erhobene Wünschen, Zügellosigkeit der Phantasie, Katho- 
lizismus und Mystik, Märchen und Wunder, Wunder um jeden Preis und ohne 
Ende, auch losgelöst von den Urtiefen, daran sie in der Volksdichtung geknüpft 
sind, weil man diese, gar nicht brauchte und vielfach auch nicht verstand. 

Hier wird nun das Phänomen für den Psychoanalytiker interessant. Denn 
das Wunderbare spielt in den Wunschphantasien aller Menschen eine besondere 
Rolle. Es ist das nächstliegende Mittel zur Befreiung von dem lästigen Realitäts- 
prinzip. Was aber die Frühromantiker charakterisiert, ist nicht nur das masslose 
Überwuchern dieses Behelfs, sondern vor allem seine Stellung als Selbstzweck 
im Gegensatz zur normalen Verwertung für die Erhöhung des Ichs. Man wird 
das wohl so auffassen dürfen, dass ihr Streben in extremer Weise auf den infantilen 
Typus als solchen gerichtet war; sie unternahmen es geradezu, die Erlebnis- 
formen des Kindes zu rekonstruieren. Den Beschränkungen des Realitätsbewusst- 
seins so oft als möglich ein Schnippchen zu schlagen war ihnen Lust an sich 
und herrschendes Bedürfnis. 

Es gibt nun einen Typus, den man gern den geborenen Romantiker 
nennt, obwohl er sich zu allen Zeiten findet Er entsteht vielleicht durch eine Ver- 
einigung von primärer Wirklichkeitsflucht mit einem sanguinischen Temperament von 
spezifischer Reizbarkeit und ist charakterisiert durch die abnorm entwickelte 
Fähigkeit, in der Wunschphantasie so grosse Energiemengen zu entladen, dass 
für die eigentliche äussere Aktivität nur geringe Impulse übrig bleiben. Sicher 
hat dieser Typus in jener Epoche eine Rolle gespielt und viele der führenden 
Geister beigestellt. Eine Massenerscheinung wie die romantische Bewegung am 
Anfang des 19. Jahrhunderts kann aber nie durch solche innerindividuelle Sonder- 
bedingungen gebildet werden, sondern muss Reaktion des normalen Typus auf 
abnormale Bedingungen sein. 

Deshalb sind die romantischen Stoff kreise als grossartige Massenwunsch- 
erfüllung anzusehen, als Befriedigung der Bedürfnisse, welche unter der Herr- 



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492 Hugo Friedmann, 

schaft des lendenlahm gewordenen Rationalismus erwuchsen. Die Generation, 
welcher die Aufklärung mit der Muttermilch eingetrichtert, welche durch die 
Art, wie ihre Umgebung die Welt betrachtet und gestaltet wissen wollte, an der 
organischen Entfaltung ihrer Phantasie behindert worden war, musste schliess- 
lich aus tiefstem Bedürfnis nach dem Zauberland der hemmungsfreien infantilen 
Wunschbefriedigung zurückstreben. 

Darin kam nun erst die jüngere Linie der Emanzipationsbestrebungen, welche 
im 18. Jahrhundert eingesetzt hatten, zur vollen Entfaltung, ihre triebhaften 
Wünsche zur Erfüllung. Und um so ausgiebiger wurde später von diesen Mitteln 
Gebrauch gemacht, als sie einem aligemeinen Hang entgegen kamen, die Phantasie 
in den Dienst der Bequemlichkeit zu stellen und dadurch die gänzlich ungeklärten 
Aufgaben einer gärenden neuen Welt zu verdecken. 

Restlos konnte natürlich auch diese Richtung die Persönlichkeit nicht er- 
füllen, vor allem schon deshalb, weil mit all ihren Künsten der Rationalismus 
weder überwunden noch assimiliert war und daher immer wieder seinen Tribut 
forderte. Daraus ergab sich auch die bekannte Technik der Romantiker. Erst 
schwelgten sie eine Weile in phantastischer Wunscherfüllung, dann fürchteten sie 
die Züchtigung durch den eigenen kritischen Verstand und zerstörten entweder 
die Illusion ihrer Gebilde gänzlich, damit gerade die Linien der eigenen Geistes- 
kultur unter neuem Lustnebengewinn wiederholend; — oder sie führten eine 
Reihe von Argumenten ein, welche eine geschlossene realistische Deutung des 
wunderbaren Stoffes zuliessen. Autor und Publikum setzten sich dabei mit mass- 
loser Unehrlichkeit und Bequemlichkeit über die Entscheidung hinweg, welche 
Auffassung im letzten Sinne Glauben verdiene. Die gleiche Unbestimmtheit der 
Verteilung zwischen vernunftgemässen und gefühlsmässigem Denken bildet auch 
die psychische Anziehungskraft der Mystik für die romantischen Geister. 

Diesem doppelten Bedürfnis kam ein neuer Stoffkreis entgegen. Man war 
ohnehin genötigt, nach weiterem Material zu greifen, weil die Reizkraft des alten 
Zauberrüstzeug durch den reichlichen Gebrauch schwinden musste. Deshalb begann 
man die Rätsel der menschlichen Seele zu verwerten. Hier ergaben sich neue 
Wunder die schwere Menge und war es möglich, allen Spuk als wissenschaftlich 
festgestellte, nur noch wenig aufgeklärte Naturerscheinung auch den Forderungen 
des modernen Verstandes anzupassen. So begann die Herrschaft der literarischen 
Dämmerzustände, des Somnambulismus, des Wahnsinns und der für alle ver- 
wickelten Situationen so bequemen Nervenfieber. Aber unter all den barocken 
Erfindungen dieses Geistes deuten nur wenige vereinzelte auf tiefere Beziehungen; 
im allgemeinen bleibt alles Stoff und Schema, einzig dem Wunderbedürfnis als 
solchem dienend. 

Von fast allen diesen Elementen begegnen wir zweifelsohne bei M ö r i k e 
einer reichhaltigen Musterkarte wieder. Im Nolten die geistesgestörte Zigeunerin, 
die rätselhaften Zufälle des Knaben, gleich wieder rationalistisch weggedeutet 
durch das Bild in der Bodenkammer, ferner Ahnungen, Nervenüeber, Wahnsinn. 
Im Schatz das wunderbare Wiederfinden einer verstorben Geglaubten, das oben- 
drein von allerhand wohlwollenden Geistern und Zauberspuk dirigiert und schliess- 
lich mit allen Mitteln der Technik wieder vernunftgerecht aufgeklärt wird. In anderen 
Stücken das wunderbare Hutzelbrod, die gesegneten Schuhe u. a. m. Ebenso ent- 
spricht es völlig der romantischen Technik, wenn die rationalistische und die über* 
sinnliche Deutung von Nolten's Tod absichtlich ohne Entscheidung ineinander ver- 
flochten werden. Gleichfalls von den Romantikern übernommen ist ein Stil, der 
im Verhältnis zu streng künstlerischen Formen als eine weitgehende Bequemlich- 



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Eduard Mörike. 493 

keit bezeichnet werden rnuss, der „den Helden den widersprechendsten Gefühlen" 
und „die Entscheidung dem Leser überlässt". 

Und doch ist es eine andere Welt, der Mörike angehört. Etwas von 
der Art des geborenen, zeitlosen Romantikers hatte er wohl an sich. War ihm 
doch selbst der Tätigkeitskreis einer kleinen Landpfarre eine unerträgliche Last. 
Sein eigentliches Verhältnis zur Romantik bestimmt sich aber in anderer Weis?. 
In den Tagen seiner Jugend war die eigentliche Herrschaft der Aufklärung be- 
reits zurückgeschlagen und die Romantik behauptete das Feld. Auch war er 
schon als Kind ein unerschöpflicher Märchen erfinder und dafür von dem Audi- 
torium seiner Gespielen geschätzt und gefördert. Deshalb war es sicher nicht 
die Not des Gefühlslebens, die ihn zum Romantiker stempelte. Seine Art zu 
erleben war die eines sinnigen, innigen, gottbegnadeten Menschen schlechthin 
und deshalb nur in zweiter Linie von zeitlichen Bedingungen abhängig. Anderer- 
seits aber war die typische Romantik noch immer eine grosse geistige Macht, 
wenn sie auch auf der absteigenden Linie ihrer Entwickelung angelangt war, dort wo 
sie nun ihrerseits nicht mehr aus der triebkräftigen Entbehrung, sondern aus der 
Gewöhnung ihre Stärke zog. Diesem Gewohnheitsei nfluss konnte sich Mörike 
nicht entziehen, er behielt das Kleid, darin er aufgewachsen war, zeitlebens 
angetan. Aber der Gehalt seiner Persönlichkeit und seine poetische Kraft drängte 
notwendigerweise dort, wo ihm die ursprüngliche Bedeutung der Formen bereits 
ferne stand, dazu das Gefäss mit neuem Gehalt zu erfüllen, tiefere, allgemein 
menschliche, minder zeitlich bedingte Beziehungen drein zu legen. Und während 
so — um noch einmal den Gegensatz zu präzisieren — die Romantiker im Wunder- 
baren die Formen des infantilen Erlebens als Wunschbefriedigung suchten, 
musste Mörike die Wundererlebnisse und Bedürfnisse selbst 
aus neuen Tiefen erwachsen lassen. 

Damit scheint der literarhistorische Einwand ob ausschliesslicher Deter- 
minierung der für uns bedeutsamen Motive durch den Zeitgeschmack erledigt. 
Wir dürfen ihm mit Sicherheit entgegenhalten, dass es sich hierbei nur um ein? 
Entlehnung von Form, Technik und Ausdrucksmitteln handelt, die bei Mörike 
notwendigerweise einen neuen Sinn bekommen, weil sie aus anderen Wurzeln 
genährt werden. 



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Mitteilungen. 



i. 

Zur Psychologie des Exhibitionismus. 

Von Dr. Wilhelm Stekel. 

Diu verbreiterte aller Komponenten des Geschlechtstriebes, die wir 
Perversitäten nennen, ist sicherlich der Exhibitionismus. Man kann ruhig 
behaupten, dass alle Menschen exhibitionistische Züge verraten, wenn 
man die durch die Verdrängung entstandene Umwertung in Scham, Scheu 
und Verhüllung auch in Rechnung stellt. Der Trieb zur Entblössung 
ist angeboren und nruss durch Erziehung unterdrückt werden. Er ist 
eines der ersten Opfer, das die Einfügung in die Kultur fordert. Deshalb 
entspricht der Exhibitionismus immer einem stark ausgeprägten „psy- 
chischen Infantilismus' 4 und gerade jener Typus, den ich in meinem Buche 
„Die Sprache des Traumes" („Ammenträume" XXIV. Kapitel) als ,,ewigen 
Säugling" bezeichnet habe, zeigt diese Exhibition in besonders klarer 
und verräterischer Weise. Diese Kranken benützen ihre Hilflosigkeit, um 
sich von der Warteperson, die meistens die Mutter, eine Schwester oder 
Tante ist, allerlei Dienste leisten zu lassen, bei denen sie sich entblössen 
können. Der Kranke wird ja zum Kinde, was ja durch die Tatsache an- 
erkannt wird, dass die Krankenpflegerinnen, die sehr bezeichnend 
„Schwestern 44 heissen, ohne Rücksicht auf die Geschlechtlichkeit ihre 
Dienste der Barmherzigkeit verrichten. 

Eine andere Wurzel des Exhibitionismus scheint mir jedoch noch 
wichtiger zu sein. Um es rund heraus zu sagen : Der Exhibitionist 
glaubt an die Unwiderstehlichkeit und Zaubergewalt 
seiner körperlichen Reize. Damit verrät sich der Exhibitionis- 
mus als eine bestimmte Form des Narzissismus. Er ist der Durchbruch 
der starken Eigenliebe und eine Projektion der subjektiven Werturteile auf 
die Umgebung. Diese Überschätzung der eigenen Reize dürfte eine all- 
gemein gültige seelische Erscheinung sein und bezieht sich entweder auf 
den ganzen Organismus oder nur auf einzelne Teile, was möglicherweise 
eine wichtige Wurzel des Fetischismus darstellt und einer eingehenden 
Untersuchung würdig wäre. Diese Überschätzung wird nach der Korrektur 
des eigenen Urteils durch die Umgebung und durch den Vergleich mit 
anderen (Erfahrung) entweder auf das richtige Mass zurückgeführt oder 
durch Überkompensation nach unten in das Gefühl der eigenen Minder. 



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Zur Psychologie des Exhibitionismus. 495 

Wertigkeit und Schwäche verwandelt. So bestätigt auch diese Erscheinung 
die Bipolarität aller psychischen Phänomene. Diese Exhibitionisten pflegen 
sich dann um eines gewissen Körperteiles zu schämen. Sie glauben, sie 
hätten hässliche Ohren, eine zu lange Nase, einen hässlichen Teint; sie 
könnten keinermann je gefallen. Sie können es nicht begreifen, dass sie 
einen Menschen für sich eingenommen oder gar in sich verliebt gemacht 
haben. Dabei verrät sich der alte Glaube an die Unwiderstehlichkeit der 
eigenen Reize in kleinen Zügen (Bipolarität!). Der Glaube war nicht mehr 
imstande, die ganze Physis zu verteidigen und besetzte eine winzige 
Position, die leichter zu verteidigen war. Für diese Partialüberschätzung 
herrscht dann gewöhnlich affektative Verblendung. Das sind Jie häss- 
lichen Mädchen, die das reichste Haar, den schönsten Fuss oder die schönste 
Hand haben. Ich kenne einen solchen Fall, wo die Überschätzung idie 
Stimme betraf und die Betreffende daran glaubte, dem Klange ihrer Stimme 
könne kein Mann widerstehen. 

Diese Oberschätzung des eigenen Körpers erklärt uns die verschie- 
denen Liebeszauber und Beschwörungen, bei denen der handelnde Teil 
sich nackt zeigen muss. Dass dieser geheime Glaube an die Unwidersteh- 
lichkeit der einzelnen Reize tief im Volksbewusstsein schlummert, beweist 
die Sage von Phryne, die sich ihren Richtern in blendender Nacktheit 
zeigte, und beweisen Vorkommnisse des täglichen Lebens, von denen ich 
ein sehr schönes Beispiel hier mitteilen will. Es handelt sich um eine 
Zeitungsnachricht, die mir zufällig in die Hände kam. Wahrlich, man 
sollte für uns Psychoanalytiker eine Zeitung aller Zeitungen schreiben. 
Wir würden für unsere Behauptungen und Erfahrungen ein ungeheuer 
grosses und überzeugendes Material zusammen bringen. Die betreffende 
Notiz ist eine Zuschrift an die Frankfurter Zeitung und lautet: 

„Eva vor Gericht. Aus Venedig wird der „Frankfurter Zeitung" folgende 
ungewöhnliche Szene geschildert: Vor einem hiesigen Gerichtshof musste eine 
Frau aus dem Volke als Zeugin verhört werden. Sie erschien in der üblichen 
venezianischen Tracht. Plötzlich, gerade nach der Eidesleistung, warf sie mit be- 
wunderungswürdiger Schnelligkeit alle Kleider weg, stand splitternackt vor 
Gericht und drehte sich im Kreise herum, indem sie ausrief: „Schaut, meine 
Herren, wie schön ich bin!" Die gestrengen Richter, der Staatsanwalt, die Rechts- 
anwälte, das Publikum, kurz, alles kam ausser Rand und Band. Dem Vorsitzenden 
fiel der Zwicker auf den Tisch, er starrte eine Weile auf die leider einer Grazie 
sehr unähnliche Weibsperson, die das kritische Alter längst hinter sich hatte, und 
befahl dann nach einigen Minuten Überlegung dem Gerichtsdiener mit barschem 
Tone: „Herr Gerichtsoffizial, bedecket die Frau mit der Toga!" . . . Die 
grösste Überraschung kam aber erst nachher: Anstatt sofort die Frau einer ärzt- 
lichen Untersuchung zu überweisen, deren sie doch offenbar dringend bedurfte, 
beschloss der Gerichtshof nach rascher Verhandlung, diese die Würde der Justiz 
so wenig achtende Person zu sechs Monaten Gefängnis zu verurteilen !" 

So der Bericht der Zeitung. Wie stark muss der Glaube an die 
Zaubergewalt ihrer Erscheinung bei dieser Frau gewesen sein und wie 
schlechte Psychologen waren diese Richter! Kann bei dieser armen Frau 
nicht auch die Phantasie eine Rolle gespielt haben, sie stünde vor dem 
jüngsten Gericht? Und muss der Umstand, dass Engel und Teufel eben- 
falls nackt sind, nicht auch einen kleinen psychischen Betrag zur mächtigen 
Triebkraft der Entblössung beitragen ? *). 



*) Es erscheint mir wahrscheinlich, dass diese Zurückführung der Ex- 
hibition auf unbewusste narzisstische Motive, wie sie Dr. S t e k e 1 in diesem 
Aufsatze vorschlägt, auch zur Erklärung der apotropaeischen Rolle der Entblössung 
im Leben der antiken Völker verwendet werden kann. Der Herausgeber. 



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496 Ernst Jones, 



II. 



Ein Beispiel von literarischer Verwertung des 

Versprechens. 

Von Ernest Jones, übersetzt von J. Th. v. Kaiman 

Otto Rank macht in einem unlängst publiziertem Aufsatz 1 ) auf 
ein schönes Beispiel aufmerksam, in .welchem Shakespeare eine seiner 
Gestalten, die Portia, ein „Versprechen 41 begehen lässt, durch welches ihre 
geheimen Gedanken -einem aufmerksamen Hörer offenbar werden. Ich 
habe die Absicht, ein ähnliches Beispiel aus „The Egoist", dem Meister- 
werke des grössten englischen Romanschriftstellers, George Meredith, zu 
erzählen. Die Handlung des Romans ist kurz folgende: Sir Willoughby 
Patterne, ein von seinem Kreise sehr bewunderter Aristokrat, verlobt sich 
mit einer Miss Constantia Durham. Sie entdeckt in ihm einen intensiven 
Egoismus, den er jedoch vor der Welt geschickt verbirgt, und geht, um 
der Heirat zu entrinnen, mit einem Kapitän namens Oxford durch. Einige 
Jahre später verlobt er sich mit einer Miss Clara Middleton. Der grösste 
Teil des Buches ist nun mit der ausführlichen Beschreibung des Kon- 
fliktes erfüllt, der in Clara Middletons Seele entsteht, als sie in ihrem Ver- 
lobten denselben hervorstechenden Charakterzug entdeckt. Äussere Um- 
stände und ihr Ehrbegriff fesseln sie an ihr gegebenes Wort, während ihr 
Bräutigam ihr immer verächtlicher erscheint. Teilweise macht sie Vernon 
Whitford, dessen Vetter und Sekretär (den sie zuletzt auch heiratet) zum 
Vertrauten. Er jedoch hält sich aus Loyalität Patterne gegenüber und 
aus anderen Motiven zurück. 

In einem Monolog über ihren Kummer spricht Clara folgendermassen : 
„Wenn doch ein edler Mann mich sehen könnte wie ich bin und es nicht 
zu gering erachtete mir zu helfen! Oh! befreit zu werden aus diesem 
Kerker von Dornen und Gestrüpp. Ich kann mir allein meinen Weg 
nicht bahnen. Ich bin ein Feigling. Ein Fingerzeig 2 ) — ich glaube 
er würde mich verändern. Zu einem Kameraden könnt ich fliehn, blutig 
zerrissen und umbraust von Verachtung und Geschrei. . . . Constantia 
begegnete einem Soldaten. Vielleicht betete sie und ihr Gebet ward er- 
hört Sie tat nicht recht. Aber, oh, wie lieb ich sie darum. Sein Name 
war Harry Oxford. . . . Sie schwankte nicht, sie riss die Ketten, sie 
ging offen zu dem andern über. Tapferes Mädchen, wie denkst du über 
mich? Ich aber habe keinen Harry Whitford, ich bin allein." — — 

Die plötzliche Erkenntnis, dass sie einen andern Namen für Oxford 
gebraucht habe, traf sie wie ein Faustschlag und übergoss sie mit flam- 
mender Röte. 

Die Tatsache, dass die Namen beider Männer mit „ford" endigen, 
erleichtert das Verwechseln der beiden offensichtlich und würde von vielen 



i) Zentralblatt für Psychoanalyse. Heft 3. S. 109. 

2 ) Anmerkung des Übersetzers: Ich wollte ursprünglich das Original „beck*>niw» 
of a finger' 4 mit „leiser Wink 14 übersetzen, bis mir klar wurde, dass ich durch 
Unterschlagung des Wortes „Finger* 4 den Satz einer psychologischen Feinheit 
beraube. 



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Ein Beispiel von literarischer Verwertung des Versprechens. 49? 

als ein hinreichender Grund dafür angesehen werden. Der wahre tiefer- 
liegende Grund jedoch ist von dem Dichter klar ausgeführt. 

An einer anderen Stelle kommt dasselbe Versprechen wieder vor. 
Es folgt ihm jene spontane Unschlüssigkeit und jener plötzliche Wechsel 
des Themas, mit denen uns die Psychoanalyse und speziell Jung's Werk 
über die Assoziationen vertraut machen; und die nur eintreten, wenn ein 
halbbewusster Komplex berührt wird. Patterne sagt in patronisierendem 
Ton von Whitford: „Falscher Alarm! Der gute alte Vernon ist gar nicht 
imstande etwas Ungewöhnliches zu tun. 41 Clara antwortet: „Wenn aber 
nur Oxford — Whitford ... da — Ihre Schwäne kommen gerade den See 
durchsegelnd ; wie schön sie aussehen, wenn sie indigniert sind *) ! Was 
ich Sie eben fragen wollte, Männer, die Zeugen einer offensichtlichen Be- 
wunderung für jemand anderen sind, werden wohl natürlicherweise ent- 
mutigt?'* Sir Willoughby traf eine plötliche Erleuchtung, er richtete sich 
steif auf.*' 

Noch an einer anderen Stelle verrät Clara durch ein anderes Ver- 
sprechen ihren geheimen Wunsch nach einer innigeren Verbindung mit 
Vernon Whitford. Zu einem Burschen sprechend sagt sie: „Sage abends 
dem Mr. Vernon — sage abends dem Mr. Whitford .... etc.* 4 

Diese und manche andere Beispiele illustrieren die Tatsache, dass 
wir, um wahre Psychologie vor Freud zu finden, nicht bei den akademi- 
schen Grössen suchen müssen, sondern in den Werken grosser Künstler, 
den meisterlichen Kennern des menschlichen Herzens. 



III. 

Ein Fall von Namenvergessen. 

Ein mir näher befreundeter Patient erzählte mir jüngst, er habe 
unlängst eine bekannte junge Dame im Strassenbahnwagen getroffen und 
lange Zeit mit ihr gesprochen, ohne sich, so sehr er sein Gedächtnis |an- 
strengte, ihres Familiennamens entsinnen zu können, trotzdem ihm der- 
selbe sonst sehr geläufig gewesen sei. Ihm seien nur die Namen „Stuart" 
und „Swertka'* eingefallen, die er jedoch selbst sofort als irrtümlich 
abweisen musste. Nach etwa halbstündiger, in angeregtem Gespräch ver- 
brachter Fahrt stieg das Fräulein an einer Umsteigstelle aus. Da fiel 
ihm sofort der Name ein: Kailina. 

Ich fragte ihn, was ihm bei dem Namen Stuart einfalle. Natür- 
lich Maria Stuart, ferner eine Burgtheatervorstellung dieses Dramas, ant- 
wortete er, in welcher die Damen Bleibtreu und Kaliina die Hauptrollen der 
Maria Stuart und der Königin Elisabeth geben. Es sei aber merkwürdig, 
dass ihm nicht Maria Stuart, sondern bloss Stuart eingefallen sei. Das 
Fräulein hiess auch gar nicht Maria. Auf meine Frage, ob er nicht pine 
Marie kenne, gab er zur Antwort, dass ihm viele dieses Namens bekannt 
seien, der in Wien sehr verbreitet ist, eine Marie aber habe in seinem 
Leben eine grosse Rolle gespielt, und er habe keinen Grund, mir, seinem 
Arzte und Freunde, etwas davon zu verheimlichen, um so weniger, da ich 

*) Die Art des Themawechsels selbst verrät hier wunderbar die Natur des 
tieferliegenden Affektes, nämlich der Indignation über Patternes Geringschätzung 
W h i t f o r d s ; genau so wie dies eine durch ein Vermittlungsglied ausgelöste 
Assoziation tut. 

Zentralblatt für Psychoanalyse. !«•/». 34 



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UNIVERSITYOF MICHIGAN 



498 Ein Fall von Namenvergessen. 

ja das meiste davon bereits wüsste. Vor etwa vier Jahren lernte er eine 
junge Dame kennen, die ihm als Witwe, Frau Marie N. (der Name der- 
selben ist für die Aufklärung dieses Falles irrelevant) vorgestellt wurde. 
Sie fanden rasch Gefallen aneinander und bald waren ihre Beziehungen 
die denkbar innigsten. Das Verhältnis dauerte zwei Jahre, Unter sicht- 
barer Billigung ihrer Eltern, in deren Hause er sie fast täglich besuchte. 
In der letzten Zeit wurden beide kühler, auch gab es zeitweise kleine 
Szenen, welche ihm die geringe Intelligenz seiner Freundin vor Augen 
führten. Er beschloss deshalb, einen Bruch herbeizuführen. Eines Abends 
fand er sie zur gewohnten Stunde nicht zu Hause. Zu seinem grenzen- 
losen Erstaunen erfuhr er von ihrer Mutter, die Marie sei gar jiicht 
Witwe, sondern von ihrem Manne geschieden. Da das Verhältnis keine 
Aussicht habe, mit einer Heirat zu schliessen, — sie war katholisch — , 
habe sie sich entschlossen, dem Drängen ihres Mannes nachzugeben und 
zu ihm zurückzukehren. Er verliess daraufhin das Haus für immer. Die- 
Trennung war schneller und leichter erfolgt, als er gehofft und — ge- 
wünscht hatte. 

Unlängst erst, nach einigen Jahren, habe er von ihr wieder gehört. 
Einer ihrer Brüder, den er getroffen, erzählte ihm, sie habe es nur wenige 
Wochen bei ihrem Manne, den; Lumpen und Säufer, ausgehalten. Jetzt 
lebe sie im Auslande, sei evangelisch geworden und neuerdings und zwar 
sehr glücklich verheiratet. 

Auf diesbezügliche Fragen gab er an, er habe diese Nachrichten 
mit gemischten Gefühlen aufgenommen und hätte wahrscheinlich die alten 
Beziehungen wieder aufgenommen, wenn seine Freundin zu ihm hätte 
zurückkehren wollen. 

Er hatte also den geheimen Wunsch, dass sie ihm treu ^bleiben 
möge. Nun wunderte es mich nicht mehr, dass ihm unlängst (Stuart 
eingefallen war an Stelle von Kailina. In dem Theaterzettel der Burg- 
theatervorstellung jener Tage hatte es zweifellos gelautet: 

Maria Stuart Frau Bleibtreu 

Elisabeth Frau Kaliina 1 ). 

Er hatte den Wunsch: „Maria, bleib treu! 44 aus Eigenliebe und 
Stolz unterdrückt. Da der Name Kaliina mit dem Namen Bleibtreu assoziativ 
verbunden war, blieb er ebenfalls im Unterbewusstsein zurück, während 
die reproduktive Anstrengung den unbetonten Namen Stuart ins Bewusst- 
sein hob. Übrigens schob sich bald die erste Silbe des vergessenen 
Namens ins Bewusstsein, wie der erinnerte Silbenkomplex Svvertka be- 
weist. 

Durch weitere Fragen erfuhr ich, dass ein Violinvirtuose, Mitglied 
des Rosequartetts 2 ), so heisse, den er aber nicht näher kenne. Doch seien 
die Brüder der Frau Marie auch Musiker und ihr Name klinge ganz 
ähnlich wie Ros6. Dann fiel ihm noch zum Schlüsse ein : An der Strassen- 
kreuzung, an welcher Fräulein K. ausstieg, steht das Eckhaus, in welchem 
die Familie seiner Freundin wohnte. Dort habe er zwei Jahre lang fast 
jeden Abend zugebracht. 

Der Anblick des Hauses wird wohl seinen geheimen Wunsch lebendig 
gemacht und ins Bewusstsein gezogen haben, und hiermit war die Hem- 
mung für die Reproduktion des Namens K. beseitigt. 

Dr. Alfred M e i s 1. 

1 ) „B 1 e i b t r e u und K a 1 1 i n a sind die Namen zweier Tragödinnen des 
Wiener Burgtheaters. 44 Der Schriftleiter. 

2 ) „Ist wieder ein Irrtum. Swertka ist wie Ros6 Konzertmeister der Wiener 
Hofoper." Der Schriftleiter. 



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Zur Rettangssymbolik. — Die Psychoanalyse in der modernen Literatur. 499 

IV. 

Zur Rettnngssymbolik. 

Ich möchte hier in Ergänzung der Beispiele, die Otto Rank im 
Heft 7 dieser Zeitschrift zur Rettungssymbolik angeführt hat, einen sehr 
hübschen und klaren Traum aus einem wenig bekannten Jugendwerke 
G. Flaubert's mitteilen. 

Nachdem der Held der Erzählung schon einen Traum berichtet 
hat, fährt er fort: „Ein andersmal — es war in einem grünen, blumen- 
durchwirkten Feld, einen Fluss entlang — war ich mit meiner Mutter, 
die nahe beim Ufer ging; sie fiel. Ich sah das Wasser schäumen, die 
Kreise sich vergrössern und plötzlich verschwinden. Das Wasser nahm 
wieder seinen Lauf und hernach hörte ich nichts mehr als das Geräusch 
des Wassers, das zwischen den Binsen dahinfloss und das Schilf bog. 
Plötzlich rief mich meine Mutter: „Zu Hilfe ... zu Hilfe! mein armes 
Kind, komm mir zu Hilfe! 41 Ich beugte. mich, platt auf dem Bauche 
liegend, über das Gestrüpp um zu sehen; ich sah nichts, die Schreie aber 
dauerten fort. Eine unsichtbare Macht hielt mich auf der Erde fest und 
ich hörte die Schreie „Ich ertrinke! Ich ertrinke I Zu Hilfe!" 

Das Wasser floss, floss klar dahin, und diese Stimme, welche ich 
aus der Tiefe des Flusses vernahm, stürzte mich in Verzweiflung und 
Schmerz." ' 

Ich bemerke p.ur noch, dass die Erzählung (M6moires fl'un fou. 
Oeuvres de jeunesse. Tome I, pag. 494 — 95) stark autobiographischen 
Gehalt hat. Für Flaubert's Liebesleben treffen alle jene charakteristischen 
Züge zu, die Freud für einen Typus der Objektwahl geschildert hat. (Jahr- 
buch f. psychoanal. Forschungen. Bd. II.) Ich werde dies, wie ich hoffe, 
innerhalb einer grösseren Arbeit über den Dichter beweisen können. 

Theodor Reik. 



Die Psychoanalyse in der modernen Literatur. 

I. Heinrich Mann: Die Unschuldige. 

Das Lesen dieser Novelle zeigt uns, dass der Verfasser nicht bloss ein 
genauer Analytiker der femininen wie maskulinen Psyche ist, sondern dass auch 
die Novelle ihre Entstehung einer psychoanalytischen Studie verdankt. 

„Die Unschuldige bringt in der feinsten künstlerischen Form die Tatsache, 
dass eine Evakuierung der Psyche für den modernen Menschen bedingungslose» 
Notwendigkeit ist. 

„Die Unschuldige" bringt in der feinsten künstlerischen Form die Tatsache, 
an demselben angeklagt, Ihre Unschuld beteuert sie stets. Ihr Advokat, den sie 
bereits vor der Tat über alles liebt, erwirkt durch seine Verteidigung ihren Frei- 
spruch. Unmittelbar darnach fällt ihre Hochzeit mit dem Advokaten. Wir finden 
sie am Hochzeitsabende mit ihrer Amme im Boudoir, in Erwartung ihres Advokaten, 
Retters und Gatten. Dem Gespräche mit der Alten entnehmen wir, dass auf ihr 
ein schwerer psychischer Druck lastet. Von diesem will sie sich befreien. Sie 

34* 



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500 Die Psychoanalyse in moderner Literatur. 

ringt darnach, die Last abzuwerfen. Der Untergebenen gegenüber weiss sie sich 
noch so weit zu beherrschen, dass sie das Bedürfnis, ihre Seele zu entlasten, in 
Frageform kleidet. Sie fragt die Alte über ihren jetzigen Mann aus, ob sie wirk- 
lich meine, dass er von ihrer Unschuld überzeugt sei usw. Es gelingt ihr nicht, 
der Alten gegenüber ihr Inneres zu, entkleiden. Der Verfasser zeigt uns deutlich 
die Tatsache, dass man nicht jedermann seinen Seelenzustand beichten kann. 
Dazu bedarf es eines Menschen, dem wir volles Vertrauen schenken können und 
der uns mindestens sympathisch sein muss. Bei einer Frau muss er noch mehr 
als solches sein. Das Eruieren der Psyche, das Beichten und Bekennen ist ein 
Entkleidungsakt. Beim Bekennen von Fehlern und Verbrechen, die niemand ahnt 
oder kennt, bewegen die Frau ähnliche Gefühle wie bei der physischen Ent- 
kleidung, Coram publico tut dies eine Frau, besonders wenn es sich um Auf- 
deckung von Defekten handelt, ungern. Eine Komponente ist hiebei das jeder 
Frau innewohnende Schamgefühl. Bei dieser kommt noch das oben erwähnte Moment, 
dass sie ein Verbrechen zu bekennen hätte — einen psychischen Defekt öffentlich 
an den Pranger stellen und zugeben soll. Die Natur des Weibes und ihre an- 
geborene Eitelkeit verlangt das Verbergen und Beschönigen körperlicher Gebrechen. 
Bei psychischen finden wir Analoges. Dieser Charaktereigenschaft des Weibes 
entspringt wiederum mehr als beim Manne das Bedürfnis, ihre Psyche zu eva- 
kuieren. Die weibliche Schwatzhaftigkeit hat vielfach darin auch ihre Ursache. 

Parallel zu dem, nicht überwindbaren Schamgefühl, ihre Blossen öffent- 
lich zu zeigen, läuft das, dem echten Weibe angeborene Bedürfnis, sich vor 
ihrem Geliebten psychisch wie physisch vollständig zu entkleiden. Jede Frau 
entkleidet sich im Boudoir vor ihrem Geliebten lieber als öffentlich. Das Be- 
kennen in foro vermochte sie aus instinktiven Gründen nicht, es widerstrebte ihrer 
Natur als Weib; dagegen ist es für sie eine Naturnotwendigkeit, sich ihrem Ge- 
liebten rückhaltlos anzuvertrauen. 

Hiezu kommt noch der auf ihrer Seele schwer lastende Druck, das nicht 
mehr zurückzudrängende Verlangen, die Last des Geheimnisses abzuwerfen. Charak- 
teristisch und sehr fein ist hier die Unlogik gegeben, die im ganzen Geständnisse 
liegt und die eigentümliche Auffassung der männlichen Psyche durch das Weib. 
Ein logisches Wesen musste sich doch sagen: Der Mann, der mir durch seine 
Verteidigung den Freispruch erwirkt hat, tat dies mit dem Vollbewusstsein meiner 
absoluten Unschuld. Diese Tat entspringt der männlichen Freude an grossmütigen 
Handlungen. Jedem Mann schmeichelt das Bewusstsein, eine grossmütige Tat 
vollbracht zu haben. Er liebt mich um so mehr, je mehr er in. mir die Unschuldige, 
die Verfolgte und Angeklagte sieht. Bekenne ich meine Schuld, so vernichte ich 
vollständig den Glauben an mich. Ausserdem zeige ich mich hässlich — es wäre 
dasselbe, wie wenn ich durch meine körperliche Entkleidung einen körperlichen 
Defekt aufdecken würde. 

Man kann den Seelen Vorgang, der sich in diesen Momenten in der Un- 
schuldigen abspielt, nur dadurch erklären, dass wir einerseits annehmen, dass 
der Druck, ein Geständnis von sich zu geben, so überwältigend auf ihr lastet, 
dass sie selbst die feminine Eitelkeit überwindet, andererseits so positiv von der 
leidenschaftlichen Liebe des Mannes überzeugt ist, gewissermassen demselben 
dieselben leidenschaftlichen Gefühle, die des schwersten Verbrechens ohne Rück- 
sicht auf seine Intelligenz und Rechtsbewusstsein fähig sind, zumutet. Sie glaubt, 
der Mann müsse dieselbe Liebe haben, wie sie als Frau sie besitzt. Ja, sie geht 
noch weiter. Sie sagt sich, der Mann muss mich nach dem Geständnis noch mehr 
lieben, denn durch die Beichte beweise ich ihm, zu welchen Taten meine Liebe 
fähig ist. 



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Die Psychoanalyse in der modernen Literatur. 501 

Trotzdem dies die geistigen Motive ihres Bekenntnisses sind, ist sie sich 
ihrer Sache doch nicht so ganz sicher und beschönigt unmittelbar nach dem Ge- 
ständnis ihre Tat. Sie entschuldigt und erklärt sie durch das „Nichtverstanden- 
werden" von seiten ihres ersten Mannes. 

Die Psychoanalyse des jetzigen Mannes ist verhältnismässig einfacher. Ich 
möchte mich dahin aussprechen, dass er als Mann nach dem Bekenntnis ungefähr 
in dieselbe Stimmung verfiel, die Lionardo da Vinci hatte, als ihm die franzSsische 
Soldateska sein Meisterwerk, die Reiterstatue Lodovico Maros in Mailand (1499) 
zerstörte. Er hat noch jx)tenzierter, schwerer zu leiden, da der Aufbau seines 
Werkes durch ein von ihm geliebtes Wesen vernichtet wird. Das erklärt uns 
sein Sträuben gegen das Hören des Bekenntnisses. 

Fassen wir die Gefühle kurz zusammen, so ergibt die Analyse folgende 
Momente : 

Das Bekenntnis vernichtet seine ganze, jahrelange Arbeit und hat sie wertlos 
gemacht. Dadurch, dass es ihm von seiner Geliebten in dieser Form ins Gesicht 
geschleudert wird, verletzt sie sein Rechtsgefühl und stellt ihn gleichsam als Mit- 
wisser des Verbrechens und als Menschen mit zwei Gesichten hin. 

Durch das Bekenntnis ist er nicht bloss als Jurist vernichtet, sondern wird 
es auch als Mensch. Statt eine Unschuldige zu lieben, gab er seine Liebe einer 
raffinierten Verbrecherin. 

Sie muss ihm das werden, was sie eben nicht werden wollte — sein Ge- 
schlechtstier. Sie sinkt auf die Stufe der Kokkote. Bei der fragt man nicht nach 
ihrem Vorleben, wem sie sich früher hingab, wie sie sich von ihm befreite. Manchem 
mag sie durch eine Vergangenheit noch begehrenswerter erscheinen als Geschlechts- 
tier, als Weib — nicht aber als Frau. 

Sie zeigt sich dem Manne endlich als Wesen, das aus Leidenschaft imstande 
ist, sämtliche Schranken menschlicher Gesetze zu übertreten. Sie tritt ferner 
mit einem gewissen Zynismus die Sache breit und verhöhnt ihn. 

Diese Umstände müssen auf ihn abstossend wirken und zum Gefühle der 
vollständigen Vernichtung als Mensch und Jurist wird noch das des Grauens kommen. 
Muss er sich doch sagen: Was hindert diese Frau, an mir desgleichen zu tun. 

Dr. Christian v. Härtungen. 



Aus Gnstav Flauberts Werken. 

Von Theodor Reik. 

Während einer grösseren Arbeit über F 1 a u b e r t wurde ich durch eine 
solche Fülle psychologisch tiefer Bemerkungen dieses Dichters überrascht, dass 
ich es mir nicht versagen kann, einige hier mitzuteilen: 

1. Zur infantilen Sexualität: In dem kleinen Roman „Novembre" 
(Oeuvres de jeunjesse, Bd. II, S. 217) erzählt ein Mädchen aus ihrer Kindheit: 
„Wenn ein Mann mit mir sprach, prüfte ich sein Auge und den Blick, der davon 
ausging .... Durch seine Kleider hindurch bemühte ich mich, das Geheimnis 
seines Geschlechtes wahrzunehmen und ich befragte darüber meine jungen 
Freundinnen; ich erspähte die Küsse meines Vaters und meiner Mutter und in der 
Nacht horchte ich auf die Geräusche ihres Ehebettes." 

Der Held der Erzählung (hinter dem F 1 a u b e r t selbst steht) erzählt Ähn- 
liches von sich: „Gewisse Worte verwirrten mich; namentlich: Frau, Geliebte; 
ich suchte ihre Erklärung zuerst in den Büchern, in den Stahlstichen, in den 



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502 Aas Gustav Flaubert« Werken. 

Gemälden, von denen ich am liebsten die Gewänder abgerissen hätte, um etwas 
zu entdecken. Der Tag endlich, an dem ich alles erriet, setzte mich durch den 
Genuss in Betäubung wie eine letzte Harmonie; aber bald wurde ich ruhig und 
lebte fortan mit Freude, ich fühlte ein stolzes Gefühl, indem ich mir sasjte, dass 
ich ein Mann Irin, ein Wesen, befähigt, eines Tages eine Frau für sich zu haben. 
Das Wort des Lebens war mir bekannt; das bedeutete fast schon darin einzutreten 
und etwas davon zu gemessen. Meine Sehnsucht ging nicht weiter und ich blieb 
zufrieden damit zu wissen, was ich wusste." 

2. ZurTraumdeutung. In, der Salammbo steigt der afrikanische Söldner- 
führer Matho die Treppe zu der heimlich Geliebten empor. „Der Himmel über 
seinem Haupte war mit feuriger Röte bedeckt, das Meer umgrenzte auf allen Seiten 
den Horizont; mit jedem Schritte schien sich der Raum um ihn her mehr und 
mehr ins Unendliche zu dehnen und er stieg weiter und weiter mit einer wunder- 
baren Leichtigkeit, mit der man im Traume zu fliegen wähnt." Über die Art der 
Wünsche, welche Matho im Aufstieg begleiten, kann kein Zweifel bestehen. Mit 
intuitiver Kraft hat der Dichter hier die Bedeutung des Flugtraumes und ihre Ver- 
bindung mit dem Treppensteigen erkannt. 

3. Zum Mechanismus des V ergessen s. Der Dichter schreibt an 
seine Geliebte: „Die ersten Eindrücke verlöschen nicht, du weisst es. Wir tragen 
in uns unsere Vergangenheit; während unseres Lebens fühlen wir noch unsere 
Amme. Wenn ich mich analysiere, finde ich in mir noch frisch und mit allen 
seinen Einwirkungen (es ist wahr: verändert durch die Kombination des Zusammen- 
treffens) den Platz des Vaters Langlois, jenen des Vaters Mignots, jenen des Don 
Quichotte und meiner Kinderträume im Garten beim amphitheatralischen Fenster. 4 

Correspondance. II. Seite 6. 4. Novembre 1850. 
„Und vergisst man übrigens etwas? Geht irgend etwas vorüber, was es 
auch sei? Selbst die leichtesten Naturen wären, wenn sie einen Moment nachdenken 
könnten, erstaunt, wieviel sie aus ihrer Vergangenheit bewahrt haben; es gibt 
überall unterirdische Konstruktionen; es ist nur eine Frage der Oberfläche und 
der Tiefe. Sondiere und du wirst finden. Weshalb hat man diese Manie, seine 
Vergangenheit zu leugnen, zu bespeien, an gestern zu denken und stets zu 
wollen, dass die neue Religion die alten auslösche?** (Juli 1850.) 

4. Zum Thema: Mythos und Sexualität: „Salammbo hatte keine 
Kenntnis von den unzüchtigen Götterbildern, denn da jede Gottheit sich unter 
verschiedenen Formen offenbart, so drücken widersprechende Kulte oft ganz das- 
selbe Prinzip aus. 

5. Zu den Tagträumen. „ . . . auch im Leben des gewöhnlichsten 
Menschen kommen, solange er jung ist, Tage oder wenigstens Stunden vor, in 
denen er sich immenser Leidenschaften und hoher Unternehmungen fähig glaubte; 
der mittelmässigste Wüstling hat von Sultaninnen geträumt und in jedem Notar 
finden sich Rudimente oder wenigstens die Trümmer eines Poeten vor. 4 * 

Madame Bovary. 

6. Zum männlichen Protest: „Den Priester der Tanit zwingt alles, 
was er an irdischen Dingen sieht, zu der Erkenntnis, dass das vernichtende männ- 
liche Prinzip das höhere sei; er beschuldigte die Rabbit insgeheim des Unglückes 
seines Lebens. Hatte nicht damals der Oberpriester ihn nur ihretwegen beim 
Klang der Zymbel und neben einer Schale heissen Wassers seiner künftigen 
Mannheit beraubt? Und melancholisch folgte sein Blick den Männern, die sich 
mit den Priesterinnen der Götter im Schatten des Terebinthengehölzes verloren.'* 

Salammbo. 



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Aus Gustav Flauberts Werken. 503 

7. Zur Psychologie der Pubertät: Ein Buch von. Balzac, „Louis 
Lambert* 4 , macht auf F 1 a u b e r t den tiefsten Eindruck. Er findet fast wörtlich 
seine Gespräche mit Kameraden, findet seine Gedanken, seine Krisen. „ . . . schliess- 
lich will sich der Held in einer Art mystischen Wahnsinns kastrieren. Ich habe 
mitten in meinen Pariser Wirren mit neunzehn Jahren das gleiche Verlangen ge- 
spürt. (Ich werde dir in der Rue Vivieume einen Laden zeigen, vor dem ich eines 
Abends mit unabweislicher Intensität von diesem Gedanken erfasst stehen ge- 
blieben bin.) Damals, als ich zwei ganze Jahre verlebt habe, ohne eine Frau zu 
sehen. Letztes Jahr, als ich von dem Gedanken sprach, in ein Kloster zu gehen, 
da war es die alte Hefe, die in mir wieder aufstieg. Es kommt ein Moment, wo 
man das Bedürfnis hat, sich Leiden anzutun, sein Fleisch zu hassen, ihm Kot 
ins Gesicht zu werfen, so scheusslich erscheint es einem; ohne die Liebe zur 
Form wäre ich vielleicht ein grosser Mystiker geworden, nimm meine Nervenfälle 
hinzu, die nichts sind als unfreiwillige schiefe Ebenen von Ideen und Bildern, 
das psychische Element springt dann über mich hinaus und die Bewusstheit 
schwindet mit dem Gefühl des Lebens." Correspondance, juillet 1852. 

8. Kunst und Liebesleben: „. . . . beachte, je mehr du in dir das 
Gefühlselement gebrochen hast, um so mehr ist der Intellekt gewachsen; je 
weniger Raum die Leidenschaft in deinem Leben eingenommen hat, um so mehr 
hat sich die Kunst entwickelt. Gorr. II. S. 396. 

„Ich habe einen Haufen ähnlicher kleiner Gelüste, aber man muss sich aller 
Dinge berauben, wenn man etwas machen will. Ah! was für Laster würde ich 
haben, wenn ich nicht schriebe!' 4 Corr. III. 322. 

Über einen Freund von Luise Colet schreibt der Dichter: 

„Diese beiden Jahre, die er im vollständigen Aufgehen in einer glücklichen 
Liebe verbracht hat, scheinen mir mittelmässig. Die Magen, die ihre Sättigung 
im menschlichen Ragout finden, sind nicht weit. Wenn es noch der Gram wäre; 
gut. Aber die Freude? nein, nein! Es ist lange, zwei Jahre ohne das Bedürfnis 
zu verbringen, dass man da heraustritt, ohne einen Satz zu drechseln, ohne sich 
zur Muse zu wenden. Womit denn seine Stunden ausfüllen, wenn die Lippen 
müssig sind. Mit Lieben? Solcher Rausch übersteigt mein Verständnis und ich 
sehe da eine Fähigkeit zum Glück und zur Trägheit, etwas Befriedigtes, das mich 
abstösst. Ah! Dichter, ihr tröstet euch in der Literatur, die keuschen Schwestern 
kommen nach Madame und euer Lyrismus ist nur eine Aufwärmung abgelenkter 
Liebe 

Der wahre Dichter ist für mich der Priester. Sobald er die Soutane anzieht, 
muss er die Familie verlassen. Um die Feder mit starker Hand zu halten, muss 
man es wie die Amazonen machen, die sich eine Seite des Herzens ganz aus- 
brennen." Correspondance II, S. 227. 



Referate und Kritiken. 



Dr. H. Bertschinger, Heilungsvorgänge bei Schizophrenen. 
Allgem. Zeitschr. für Psychiatrie. 68. Bd. 2. Heft. 

Man kann den Ausbruch der Krankheit bezeichnen als Ein- 
bruch des Unterbewusstseins ins Oberbewusstsein. Es sind zum Teil 
allen Menschen gemeinsame, im Unterbevvusstsein stets bereit liegende 



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504 Referate und Kritiken. 

Triebe, Wünsche, Anschauungen, die, beim Gesunden durch die bewusste 
geistige Tätigkeit im Unterbewusstsein zurückgehalten, bei geistiger Er- 
krankung ins Oberbewusstsein einbrechen. Denselben Vorgang finden wir 
im Traume, bei Erschöpfung, bei Bewusstseinsleere durch Mangel an Be- 
schäftigung in Einzelhaft und bei exzessiver Verdrängung. Hier handelt 
es sich überall um ein „Nachlassen des Druckes des Oberbewusstseins 44 . 

Die krankhaften Äusserungen erscheinen, falls sie einer 
Analyse zugänglich sind, als genügend motivierte Reaktionen auf traum- 
haft symbolisierte, häufig aber ohne die geringsten Symbole sich dar- 
stellende Wunscherfüllungen, die für den Kranken plötzlich einen ebenso 
realen Charakter annehmen wie die objektive Aussenwelt. Die manifesten 
Krankheitserscheinungen sind nichts anderes als die Reaktion der Kranken 
auf die neue Situation. Je nach dem plötzlichen oder allmählichen Ein- 
tritt derselben, je nach Lebensalter oder psychischer Konstitution ist die 
Reaktion aber sehr verschieden. 

Tritt Heilung ein, so wird das ins Oberbewusstsein eingebrochene 
Stück Unterbewusstsein durch bewusste Durcharbeitung oder Korrektur 
unschädlich, durch Umsymbolisierung mit der realen Wirklichkeit verein- 
bar gemacht oder dadurch wieder verdrängt, dass das ganze Bewusstsein 
wieder von stärkeren realen Erlebnissen und Interessen erfüllt wird. Selten 
zu guten Resultaten führt schliesslich derjenige Heilungsmodus, der (als 
„Umgehung des Komplexes 44 bezeichnet werden kann. 

1. Korrektur der Wahnidee. In den angeführten Fällen 
handelt es sich stets um gebildete, zum Teil hochintelligente Patienten 
mit paranoidem Symptomenkomplex, die bei Ausbruch der Krankheit nicht 
über 30 Jahre aJt waren. In zwei Fällen schloss die Besserung fund. 
Heilung an psychologische Erklärungsversuche an, nach Aufdeckung 
schwerer verhältnismässig junger Komplexe. Hier war wohl die Heilung 
aus unbekannten Gründen schon vorbereitet. (Es unterliegt keinem Zweifel,, 
dass in solchen Fällen durch die psychologische Analyse die Heilung 
beschleunigt werden kann. Ref.) 

2. Umsymbolisierung. Besserung und Heilung erfolgen durch 
allmähliche Veränderung der Wahngcbilde, und zwar finden wir 

a) Umdeutung der realen Aussenwelt im Sinne der- Wunscherfüllung; 
Fälle, wo die Übertragung auf den Arzt stattfindet, wo das Anstaltsmilieu 
einem positiven Komplex entgegenkommt. R i k 1 i n 's Versetzungsbesse- 
rungen. 

b) Umsymbolisierung der Wahnidee im Sinne der realen Aussen- 
welt. Es wird z. B. der unterbewusste Wunsch, dessen direkte im Wahn- 
gebäude enthaltene Erfüllung ein soziales Leben des Kranken verunmög- 
licht, durch ein harmloses Symbol als erfüllt dargestellt. • Man findet hier 
die gleichen Symbole wie im Traum. Es werden vier sehr instruktive,, 
im Original nachzulesende Fälle leicht imbeziller oder beschränkter weib- 
licher Kranker mitgeteilt. Zur Umsymbolisierung gehören auch die mehr 
oder weniger gelungenen Konvertierungsversuche in körperliche Symptome. 
Hie und da wird den Kranken durch unscheinbare Änderungen der Wahn- 
ideen ein korrektes Benehmen ermöglicht. 

3. Umgehung des Komplexes. Hier handelt es sich meist 
um vorübergehende katatonische Dämmerzustände, in denen das Wunsch- 
erfüllungswahnsystem zu einem gewissen Abschluss kommt. Hernach 
können die Kranken sozusagen wieder anfangen, in der Wirklichkeit zu 



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Referate und Kritiken. 505 

leben. Die Zeit der Erkrankung wird nachträglich ausgeschaltet, die 
Patienten fühlen sich wieder zurückversetzt in die Zeit vor der Krank- 
heit (Beispiele). Vorbedingung für gute Heilungsresultate auf diesem Wege 
ist, dass ein verhältnismässig spät auftretender psychischer Konflikt 
ätiologisch alle anderen Krankheitsursachen überwiegt, dass die Krank- 
heit erst bei normalerweise abgeschlossener psychischer Entwicklung aus- 
bricht, und dass während der Zeit, die bei der Heilung ausgeschaltet 
werden muss, keine schwerwiegenden Veränderungen in der Umgebung 
der Kranken vorgefallen sind. Oft ist aber der Gegensatz zwischen dem 
wiederaufgenommenen früheren Bewusstseinsinhalt und der gegenwärtigen 
Wirklichkeit allzu gross, namentlich bei irüh einsetzenden Psychosen, 
nach denen die Kranken sich in die vorpubische oder Kinderzeit versetzen 
müssen. Infolge des Kontrastes ihres kindisch-läppischen Benehmens mit 
ihrem wahren Alter erscheinen die Patienten dauernd krank. Aus diesem 
Grunde ist wohl das Erkrankungsalter ein um so jüngeres, je hebephrener 
die Endzustandsbilder sind, und ein um so späteres, je mehr sich der End- 
zustand der Paranoia mit erhaltener Arbeitsfähigkeit und geordnetem Be- 
nehmen nähert, was durch statistische Untersuchungen des Verfassers 
nachgewiesen ist. 

4. Hie und da werden die Kranken im Anschluss an einem durch 
ein reales Ereignis hervorgerufenen starken Affekt wie aus einem tiefen 
Schlaf erweckt und bleiben gesund. — 

In weiser Beschränkung erklärt Verfasser zum Schlüsse, darüber 
sagten ihm seine Beobachtungen nichts, warum seine Fälle heilten, worin 
die Krankheit letzten Grundes beruht, und welches die eigentlichen Heilungs- 
vorgänge sind. 



Ich habe die Arbeit Bertschinger's in einem so ausführlichen 
(zum grossen Teil wörtlichen) Auszug wiedergegeben, da sie zeigt, jwie 
viel uns auf dem Gebiete der Schizophrenie psychologisch zu beobachten 
und zu verstehen übrig bleibt. Wenn auch theoretisch auf lange bekannten 
Anschauungen Freud's beruhend, bringt die Arbeit doch eine Anzahl 
trefflich beobachteter, von feinem psychologischen Verständnis zeugender 
Einzeldarstellungen, die unter zum Teil neue und fruchtbare Gesichts- 
punkte eingeordnet werden. Wer nicht warten will, bis und ob einmal 
eine anatomische oder chemische Grundlage für die Schizophrenie gefunden 
werden wird, wer sich nicht durch solche Erwartungen den Blick für die 
psychologisch erfassbaren und deutbaren Erscheinungen dieser Krankheit 
trüben lässt, dem wird die Arbeit Bertschinger's eine Menge An- 
regungen und einen Ansporn zu weiteren Beobachtungen bieten. — 

Zur Sache selbst ist zu sagen, dass mit den vom Verf. aufgestellten 
Kategorien die Heilungsvorgänge bei der Schizophrenie aber keineswegs 
erschöpft sind. Auf einen weiteren Modus habe ich schon anlässlich 
des Vortrages dieser Arbeit auf der 42. Versammlung des Vereins Schweiz. 
Irrenärzte hingewiesen. Es' handelt sich ,um einen nicht häufigen, be- 
sonders bei intelligenten Kranken zu beobachtenden Modus, der psycho- 
logisch wohl der interessanteste ist. Ich meine denjenigen „Heilungsvor- 
gang 41 , bei welchem der „akute Schub" ungefähr das darstellt und erreicht, 
was wir bei Neurotischen im Verlaufe der Psychoanalyse erleben und 
erreichen. Ein solcher Schub (meist ein akuter Verwirrtheitszustand) er- 



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506 Referate und Kritiken. 

scheint dann als nichts anderes denn eine unfreiwillige, ohne fremdes 
Dazutun erfolgte Psychoanalyse. Die Erregung der Kranken entspricht 
den bei der Analyse beobachteten Reaktionserscheinungen auf das Be- 
wusstwerden unbewusster Triebe und Wünsche. Aber statt dass sich 
diese wie in der Analyse in Träumen, Symptomhandlungen, körperlichen 
Symptomen etc. zunächst geltend machen, werden sie hier unmittelbar 
erlebt und zum Teil befriedigt. Besonders deutlich ist dies bei unter- 
drückter homosexueller Komponente des Sexualtriebes, wo dann in der 
Psychose bei früher scheinbar rein heterosexuell veranlagten Naturen die 
homosexuelle Komponente in Reden und Handlungen deutlich zutage tritt. 
Ich will hier nur denjenigen Fall erwähnen, wo es wirklich zur Heilung 
kommt, d. h. wo der in der Psychose durchgebrochene Trieb b e w u s s t 
erfasst und vom Bewusstsein dauernd anerkannt wird. 
Die Kranken finden sich mit der neuen Erkenntnis ab, lernen den so 
lange verdrängten Trieb als Teil ihrer Persönlichkeit anerkennen, so schwer 
es ihnen mitunter wird. In solchen Fällen hat die akute Psychose nicht einen 
Rückgang der Persönlichkeit zur Folge, sondern bedeutet, wie die Analyse, 
ein Wachstum der Persönlichkeit. Erst in solchen Fällen sind wir be- 
rechtigt, von einer wirklichen Heilung der Psychose zu sprechen. 

Binswanger (Kreuzungen). 

Dr. L. Klages, Die Probleme der Graphologie. — Entwurf 
einer Psychodiagnostik. Leipzig, A. B. Barth, 1910. 

Dr. K 1 a g e s gibt uns in den Problemen der Graphologie ein tiefes, 
in langen Jahren gereiftes Buch, welches hoffentlich bald von einem 
Lehrbuch gefolgt wird. Das Werk ist schwer zu lesen. Ref. hält es für 
unmöglich, als Nichtfachmann ein Urteil über das Buch zu fällen, es kann 
sich hier nur um Eindrücke handeln. Sehr angenehm berührt das psycho- 
logische Verständnis des Verfassers, die dynamisch psychologische Frage- 
stellung. K 1 a g e s ist durchweg originell, er holt das Gute wo er es findet, 
ohne Vorurteile, ohne Dogmatismus. Interessant für Psychoanalytiker ist 
z. B. der Passus: „Man könnte das Wörtlichnehmen der Namen eine 
Methode nennen, sicher ist es ein Kunstgriff, richtiger ein Prinzip; wert- 
voll für die Psychologie und der Physiognomik ganz unentbehrlich." Wie 
viele Symptome, wie viele Träume können wir ohne dies „Wörtlichnehmen 4 ' 
nicht verstehen? Klages fasst das Problem der Graphologie von hohem, 
er erstrebt die „Fundamentierung der Wissenschaft vom 
Ausdruck, als dessen zurzeit für die Forschung freilich wichtigste Zone 
wir die Tätigkeit des Schreibens erachten. 41 Eine genaue Inhaltsangabe 
ist nicht möglich; wir begnügen uns mit wenigen Andeutungen. Nach 
einer kurzen historischen Einleitung eröffnet er den Abschnitt über die 
Willkür inderHandschrift mit der Besprechung des Schwankungs- 
spielraumes und der Analyse der inneren Widersprüche in der Handschrift 
{die unbewussten und willkürlichen Tendenzen), welche zur Frage der 
Verstellung und Schriftexpertisen führt. Die Konflikte zwischen diesen ein- 
zelnen Tendenzen werden durch die hübschen Experimentaluntersuchungen 
des Psychiaters Meyer illustriert, welcher das Gesetz der periodischen 
Aufmerksamkeitsschwankungen aufgestellt hat. (Nachlassen der Aufmerk- 
samkeit am Ende der einzelnen Wörter, der Zeilen und Seiten, bei den 
Minuskeln, bei den Haarstrichen, spez. bei den oberen Hälften der Lang- 
buchstaben. . . .) Klages nimmt eine persönliche Ausdrucks- 



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Referate und Kritiken. 507 

schwelle an (der Punkt des eben beginnenden Äusserungsdranges), 
unterscheidet die Kraft des Antriebes von derjenigen des Äusserungs- 
dranges. „Eine bestehende Inkongruenz kann verschiedene Ausdrucks- 
fähigkeitsstörungen zur Folge haben.' 4 Folgender Passus ist eine Schilde- 
rung der Introversion : Da jedes Hemmungsgefühl den Abfluss der seelischen 
Vorgänge aufhält, so steigert das Ausdrucksvermögen den Hang nach Selbst- 
beachtung; der im Entladen seiner Impulse Gelähmte stösst sich beständig 
gleichsam am eigenen Ich und wird von den Gegenständen seiner Interesse 
weg und in sich selbst zurückgeworfen. — Eine besondere Heftigkeit 
des Äusserungsdranges mit Ausdrucksunvermögen verknüpft, stellt eine 
besondere Spielart der Ausdrucksstörung dar, welche im extremen Falle zur 
hysterischen Reaktion führt (sec. Klages). „Aus dem Bestreben 
etwas nicht merken zu lassen, verfallen wir durchweg einer Übertreibung 
des Gegenteiles. Statt auf das Erlebnis, geht das Interesse des Geistes 
immer mehr auf dessen Erscheinungsform — die Larve ist hier souverän 
geworden. 4 ' Verf. weiss nicht, was das Übermass an Ausdrucksbewegungen 
der Hysterischen bedeutet, er bleibt hier an der Oberfläche; von einer 
Flucht vor inneren Konflikten weiss er nichts, er versteht die Sprache 
der Kranken nicht. Einiges zeigt Intuitionen, wie folgender Passus z. B.: 
„Anderthalb Jahrtausende hindurch hat das Christentum konsequent ein 
System von Ausdruckshindernissen aufgeführt und dadurch zunächst aller- 
dings die Instinkte verinnerlicht .und sie vorübergehend bereichert, um 
die dem Naturwesen fremde Gefühlsdimension der Leidenschaftlichkeit, 
im weiteren Verlaufe aber fraglos .abgeschwächt und mit ihrer Würde 
und Notwendigkeit auch die seelische Zartheit und Tiefe verwischt, die 
den Expressionen des Naturmenschen so viel Glanz und unbewusste Hoh- 
heit gibt. Dächten wir uns den Prozess der Verchristlichung folgerichtig 
fortgeführt, so wäre das Ende ein völliges Erlöschen des Gefühles 
im bisherigen Sinne, eine ausdrucks- und physionomielos gewordene Mensch- 
lichkeit und schliesslich der Untergang dessen, was man bis jetzt Kultur 
genannt hat. 44 Im allgemeinen ist der Ton des Kapitels über den hysteri- 
schen Charakter zu sehr subjektiv gehalten, unruhig geschrieben, der 
Stil ist besonders umständlich und verschroben; dies gilt besonders auch 
für die Bemerkungen Klages über den Semitismus, diese ai fektvollen 
„Tiraden 44 gehören nicht in ein solches Buch. Der Abschnitt über die 
graphischen Bilder der Hysterie ist für den Nichtfachmann schwer zu ver- 
stehen, vielleicht würde eine genaue Kenntnis der Resultate der Psycho- 
analyse dem Autor behilflich sein, ihm klarere allgemeine Gesichtspunkte 
liefern. Die akademische Psychiatrie, welche Klages konsultiert hat, 
wird von ihm folgendermassen abgeschätzt: „Die Psychiatrie von heute hat 

allerdings den psychologischen Anschluss noch nicht gewonnen , 

sie hat sich im grossen und ganzen noch nicht zu dem Schritte entschlossen, 
mit dem allein sie den Rang strenger Wissenschaftlichkeit beanspruchen 
dürfte: die krankhaften Zustände von innen heraus, das will sagen nach 
Analogie des gesunden Erlebens zu deuten. Eben damit nämlich begänne 
erst das Verstehen derselben. 44 — Klarer und richtiger kann man sich 
nicht ausdrücken, allerdings fehlt dem Verf. die Kenntnis der psycho- 
analytischen Schule. 

Daa Werk Klages ist gross angelegt, sehr anregend, wenn auch 
unvollständig, so lange ein Lehrbuch aus seiner Feder fehlt. Die Zeit 
der Deutekunst nach einzelnen Zeichen „au petit bonheur" ist vorbei. 



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508 Referate und Kritiken. 

Es wird nötig, als Gebildeter und als Psycholog sich mit den Fragen der 
Graphologie zu befassen. Die Psychoanalytiker wären besonders gut im- 
stande, die Resultate der Handschriftendeutungskunde mit den Resultaten 
ihrer Analysen zu prüfen. Dr. A. Mae der. 

E* Jones, (Toronto), Some Instances of the Infi ue nee of 
Dreams on Waking Life. (The Journal of Abnormal Psychology. 
Vol. VI. Nr. 1.) 

Verf. bespricht an der Hand von drei Beispielen den Zusammen- 
hang zwischen den Träumen und einzelnen Erscheinungen des Wachlebens 
(z. B. Stimmungen); die Träume sind nicht die Ursache dieser Phänomen, 
wie häufig behauptet, sondern selbst schon Produkte einer vorher schon 
bestehenden psychischen Tätigkeit. A. Maeder. 

M. A. van Gennep, Dessins d'enfant et dessin prßhistorique. 
(Arch. d. Psychol. Tome X. Livr. 40, Geneve.) 

Der Aufsatz enthält Beobachtungen bei einem einzigen Kind. Wert- 
voll darin ist die Feststellung, dass das Kind die alphabetischen Zeichen 
und die geometrischen Verzierungen mit viel grösserer Mühe nachzeichnete 
wie Gegenstände z. B. Darin steckt ein Wink für die Pädagogik. Dies 
stimmt übrigens mit den Beobachtungen über die primitive Kunst überein, 
nach welchen der Realismus die ältere Form der Kunst ist. Das Stylisierte 
folgt erst später nach. A. Maeder. 

Traite international de Psychologie pathologique, herausgegeben von 
Dr. A. Marie) Alcan Editeur, Paris 1910. Tom. 1. Psychopatho- 
logie ge"ne>ale. 

Dies gross angelegte Handbuch der Psychopathologie wird heraus- 
gegeben vom Pariser Psychiater A. Marie (Villejuif) [Ref. Nicht zu 
verwechseln mit P. Marie, der Aphasieforscher], mit Hilfe eines inter- 
nationalen Stabes von bekannten Fachleuten (Bechterew, Clouston, 
Grasset, Lugaro, Magnan, Pilcz, Raymond, Ziehen). Der 
erste Band enthält die allgemeine Psychopathologie. Die Redaktion ver- 
steht darunter allerdings etwas anderes als das, was wir gewöhnlich 
mit dem Ausdruck verknüpfen. Die ersten 700 Seiten des ersten Bandes 
behandeln allerlei Fragen der allgemeinen und speziellen Pathologie und 
pathologischen Anatomie der Geisteskrankheiten. Der Leitgedanke wird 
von A. Marie in der Vorrede folgendermassen ausgedrückt: „Die Funk- 
tionen des Gehirns sind (nur dann zu verstehen, wenn man dieselben Sn 
der Synergie mit den Funktionen aller anderen Organe studiert.' 1 Eine 
Inhaltsangabe wird am besten die Leser über diesen Standpunkt aufklären: 

I. Beziehungen zwischen der Psychiatrie und Neurologie (Grasset), 

II. Geschichte und Kritik der Psychiatrie (Del Greco), III. Versuch einer 
psychiatrischen Anthropologie (A. Mari e), IV. Elektrodiagnostik und Radio- 
diagnostik (Mall y), V. Morphologie der Sulci und Gyri bei Geisteskranken 
(M i n g a z z i n i), VI. Chemie der Gehirnsubstanz (A. Mari e), VII. Physio- 
pathologische Untersuchung der Funktionen (A. M a r i e et D i d e), VIII. All- 
gemeine pathologische Anatomie der Geisteskrankheiten (Klippel, Lu- 
garo, Marinesco, Dide, Medea, L. Lavastine), IX. Psychische 
Entwickelung des Menschen in der Pubertät (Marro), X. Untersuchungs- 



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Referate und Kritiken. 509 

9 

methoden: Klinik (Clous ton), objektive Psychologie (Bechterew), 
medizinische Pädagogik (Ferrari), gerichtliche Medizin (C a r r a r a). 

Aus diesem heterogenen Stoff wollen wir nur hervorheben, was für 
unseren speziellen Leserkreis von Interesse sein kann. Die Abhandlung 
über psych. Anthropologie bietet eine gute Übersicht (unter Ausschluss des 
Kriminellenmaterials) der körperlichen Anomalien bei Geisteskranken; be 
sonders interessant sind die Abschnitte über Nanismus, Infantilismus 
Juvenilismus und Gigantismus. Die Abbildungen sind zum Teil ungenügend 
Sehr eingehend — man kann wohl sagen zu eingehend, sind im Ab 
schnitt VII die Resultate der pathologischen Anatomie und Physiologie 
z. B. ausführliche Tabellen über die physikalische und chemische Zu 
sammensetzung des Blutes bei den verschiedenen Krankheitsbildern. Der 
Aufsatz Lugaro's zeichnet sich durch die elegante klare Darstellung, den 
eklektischen Geist, die grosszügige Auffassung, die Literaturkenntnisse aus. 
Verf. tritt für Flechsig ein (anstatt die myelogenetische Methode nach 
den Erfahrungen Vogt's und Brodmann's zu verwerfen, will er in 
der Inkongruenz der Resultate der beiden Arbeitsmethoden den Ausgangs- 
punkt neuer Probleme sehen), er vertritt die Neuronenlehre (gegen Bethe), 
bespricht das Lawinengesetz von RamonyCayal und die umfangreichen 
neuen Arbeiten über die Neuroglia und ihre Funktion. — Sehr interessant 
ist die Arbeit Marinesco's über die Architektonik und feine Struktur 
der Nervenzellen und mit guten Abbildungen versehen. 

Das Psychische ist in dem ersten Band zu kurz gekommen; Marro 
widmet 190 Seiten der psychischen Entwickelung der Pubertät; er ist 
wenig originell, wenig systematisch, wenig interessant. — Grosser Raum 
wird z. B. der historischen Entwickelung der masturbatorischen Psychose 
gewidmet; von Freud weiss Verf. noch nichts. — Clouston schreibt 
mit Wärme und Überzeugung, begnügt sich mit praktischen Winken. Er 
hat wenig System. Eigenartig wirkt die Aufstellung des Typus eines ner- 
vösen Temperaments, welcher die Mehrzahl der Psychosen liefern feoll; 
er beschreibt ihn wie folgt: „Der Mensch dieses Temperaments ist klein, 
wohl gebaut, s^in Teint ist dunkel, die Haut zart; die Züge sind fein, der 
Kopf klein, die Augen lebhaft, glänzend, beweglich, das Gesicht mager 
und schmal etc.' 4 — Clouston konstatiert, dass in den Kreisen, wo 
die grösste Verdrängung herrscht (Quakers), der Prozentsatz der Psychosen 
besonders hoch ist. Wenige Psychiater des Kontinents werden darin den 
Standpunkt Cloustons teilen können, dass man dem Patienten bei 
der Untersuchung die Versicherung geben soll, „sie seien körperlich 
wie geistig gesund* 4 . „Wenn das Vertrauen des Kranken gewonnen 
worden ist, kann man ihm seine Illusionen nehmen 44 (sie. Ref.). In be- 
sonderen Fällen wird in der Edinburger Klinik Alkohol verabreicht. — 
Bechterew schildert die „objektiv-psychologische 44 Untersuchung der 
Geisteskranken. Voraussetzung der Methode ist die Behauptung des Verf., 
dass der subjektive Zustand der Kranken grundsätzlich verschieden ist 
von dem der Normalen: „gar keine Analogie könnte aufgestellt werden 44 . 
Der Untersucher umgibt sich mit den kompliziertesten Apparaten |des 
Laboratoriums; es wird mit Hipp'schen Chromoskopen, Kinematographen 
und Phonographen etc. gearbeitet. Diese „genauen 44 Methoden sind jeden- 
falls bei einem ganz kleinen Prozentsatz der Anstaltskranken zu gebrauchen. 
Es ist nochnicht ersichtlich, was es für einen Fortschritt ist, von feinem 
„tonus neuropsychique 44 statt „6tat d'äme 44 von „reviviscence d'impression 44 



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510 Referate und Kritiken. 

statt „rememorisation" etc. zu sprechen. Ferrari ist kein Psychiater 
des Katheders; er hat unmittelbaren Kontakt mit seinen Patienten; sein 
Aufsatz ist sehr reich an feinen Beobachtungen über die „Zurück- 
gebliebenen" und enthält das Schema der systematischen Untersuchungen, 
wie sie im „Institut medico-pGdagogique" von Bertaglia geführt werden. 
Diese oberflächliche Revue des ersten dicken Bandes konnte kaum 
auf die guten wie die schwachen Seiten des neuen Handbuches aufmerksam 
machen. A. Mae der. 

J. Harnik, Zur Psychologie des Propagandisten. In der Zeit- 
schrift „Jung Ungarn 1 *. Verlag: Bruno Cassierer. 

Nach einem kurzen Oberblick über das Freud'sche Verfahren führt 
Harnik den Ferenc zi'schen Gedanken der Introjektion weiter aus und 
beleuchtet damit den Spezialfall „der Propagandist 41 . Er charakterisiert ihn 
als einen Menschen, der seine Sexualität auf die Menschheit übertragend, 
sie im Kampfe um deren «Wohlfahrt ausleben kann. Bei dem Kampfer 
für Mutterschutz, gegen Prostitution und ähnlichem mag man damit aus- 
kommen. Beim Volksführer, Propheten (Christusneurose) dürfte wohl die 
Überkompensation verbrecherischer Instinkte (Stekel) die grössere Rolle 
spielen. Die Frage, ob ein Mensch ein neurotischer Propagandist oder ein 
propagandistisches Genie sei, scheint mir überflüssig. Als auslösende Kraft 
lässt sich wohl hinter jeder genialen Schöpfung eine unbefriedigte Libido 
nachweisen. In diesem Sinne scheint mir auch die Einführung des .Be- 
griffes der Introjektion — Übertragung frei flottierender Erregung auf 
Dinge der Aussen weit, im Gegensatz zu Freud's Projektion — Bekleidung 
von Dingen der Aussenwelt mit unlusterregenden Komplexen, nicht un- 
bedingt notwendig. 

Einen geistreichen Gedanken spricht der Verfasser aus, indem er 
das Verkommen der Kinder von „Grossen* ' nicht auf Degeneration zurück- 
führt, sondern in ihnen Qpfor fo « * unüberwindlichen Vaterkomplexe s ver- 
mutet. Eine Untersuchung über die natürlichen Kinder von Genies, bei 
denen die Möglichkeit dieses Konfliktes wegfällt, könnte wohl am besten 
Licht in die Degenerationsfrage bringen. J. T h. v. Kalmar. 

Le Mali-mali. Psychose Mimique des lies Philippines. Note prelimi- 
naire par. W. E. Musgrave et A. S. Sison. The Philippine JournaL 
of Science. Manille 1910. Referat de Revue neurologique. 1911 No. 6. 
Das merkwürdige Leiden Mali-mali besteht in einer Echolalie und 
Echokinesie. Die daran erkrankten Personen sprechen alle Worte nach,, 
(fiesie hören, und ahmen alle Bewegungen nach, die sie sehen. Das Leiden 
kommt nur bei den armen Philippinen vor, während die Reichen massen- 
haft an Tic's erkranken. Mali-mali beginnt schön in früher Jugend (und 
scheint sich durch „psychische Infektion 1 * zu verbreiten. 

Will man die Erscheinungen jdes Mali-mali hervorrufen, so genügt 
es, die Aufmerksamkeit des Kranken durch einen Ausruf, durch eine 
prononcierte Geste zu erregen. Von diesem Momente an ist der Kranke 
dem Willen des Experimentators unterworfen. Er wiederholt seine Worte, 
kopiert mit unermüdlicher Geduld seine Gesten, bis ihm der Kopierte ein 
Halt befiehlt. Während dieser Zeit hat der Kranke den Ausdruck eine» 
Hypnotisierten. Die Mali-malikranken gehören sich nicht mehr und haben 
alle charakteristischen Zeichen der Willensschwäche (Aboulie). Die Autoren 



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Referate und Kritiken. 511 

fassen das Leiden als eine Form der Degeneration auf. Wir dürfen in 
dieser Krankheit eine spezielle Form des „psychischen Infentilismus 44 auf- 
fassen, die in einer Wollust des Gehorchens ihre Lustprämie herausschlägt. 
Bei Kindern sind ähnliche Erscheinungen der EcholaJie sehr häufig zu 
beobachten. Dr. W. St. 

Stigter, Ober rationelle Psychotherapie. Nederlandsch Tyd- 
schrift voor Geneeskunde. 1910. 2. Heft. Nr. 2. 

In diesem Aufsatz bespricht Stigter kurz und sachlich die Psycho- 
analyse, ihre Entstehung und Entwickelung und ihre Handhabung. Den 
Wert der Freud'schen Arbeit beurteilt er sehr günstig, wie z. B. aus den 
folgenden Zitaten hervorgeht: „Derjenige, welcher in den letzten Jahren 
die Psychotherapie in eine gewisse Richtung mit unvergleichbarer Be- 
gabung und Enthusiasmus befördert hat, ist Sigmund Freud, der 
viel geschmähte und viel gepriesene. Ich zögere nicht, ,die Arbeit des 
Mannes in psychologischer Hinsicht aussergewöhnlich zu nennen/' Und 
weiter : „Der psychologische Gewinn durch Freud's Untersuchungen ist 
meines Erachtens bedeutungsvoll und in dieser Hinsicht wird seine Arbeit 
immer bleibenden Wert behalten, wie diejenige von Charcot, L i 6 - 
bault, Bernheim und J a n e t. Die Psychoanalyse als Behandlungs- 
methode scheint ihm von geringem Nutzen. Die Art, in der Freud seine 
Analyse führt, wird als umständlich und nicht rationell geschildert, weil 
sie den Arzt zuviel von seinem Patienten abhängig macht. Auch der Ver- 
zicht auf die Hypnose wird von Stigter als nachteilig empfunden. 

van Ophuysen. 

Stigter, „Zentralblatt für Psychoanalyse 44 . Heft 1/2. Ibid. 1. Hälfte. 
Nr. 17. 

Stigter macht der Schriftleitung den Vorwurf, dass sie ihr in 
der Vorrede gegebenes Versprechen, didaktische Ziele zu verfolgen, nicht 
hält. Es werden neue technische Momente besprochen, welche ohne weitere 

Kenntnis gewiss nicht zu verstehen sind Geht es in der Zeitschrift 

ebensowenig didaktisch weiter, wie es in diesem Heft der Fall ist, dann 
wird man, um sich über die Psychoanalyse Freud's zu orientieren, doch 
die grösseren Werke Freud's in die Hand nehmen müssen, was Stigter 
einem jeden Kollegen, der sich für seine Nervenkranken interessiert, emp- 
fiehlt. Verfasser beweist, dass er den Freud'schen Begriff der Sexualität 
nicht recht verstanden hat, wenn er zwischen den „Freud'schen Unter- 
suchungen als Beiträge zur Kenntnis unserer Seele und zur Therapie der 
seelischen Krankheiten 44 (für welche er Freud die Anerkennung wünscht, 
welche er so sehr verdient) und „desselben sexuelle Theorie der Psycho- 
neurosen 44 unterscheidet. Anlässlich der Gegenübertragung schreibt der 
Verf. : „Als ob das etwas Neues wäre. Als ob man sich nicht schon seit 
Jahrhunderten die Weisheit erobert hätte, dass nur ein freigemachter oder 
freigewordener Geist befreien kann, soweit und insofern er selbst geistige 
Freiheit errungen hat 44 , eine Bemerkung, welche zum Freud'schen Begriff 
der Gegenübortragung nicht passt. van Ophuysen. 

Alfred de Musset, Liebesbriefe an Aimee d'Alton. Heraus- 
gegeben von Leon Seche, übersetzt von Auguste Förster. 



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512 Referate und Kritiken. 

Die erst kürzlich zur Veröffentlichung gelangten 79 Briefe Mussets 
an Aimee d'Alton können wohl kaum auf einen anderen als literar- 
historischen Wert Anspruch nehmen. Nur einmal (im IL Brief) erhebt 
sich der Inhalt über das in solchen Briefen stets gesagte, auch wenn sie 
gerade nicht von berühmten Dichtern geschrieben wären. Es ist dies die 
Stelle, wo diese resignierte lund doch im Grunde oberflächlich genuss 
freudige Dichternatur das Hinaustreten seiner von kindlichem Idealismus 
erfüllten Träumerseele in die rauhe Wirklichkeit schildert. 

Trotzdem wollen wir der übersichtlichen Zusammenstellung des 
Materials und der gut gelungenen Obersetzung unsern Beifall nicht (ver- 
sagen, der übrigens noch mehr einer den Briefen angeschlossenen, trefflich 
übersetzten Erzählung Mussets „Der Sohn des Tizian 44 gebührt, in der 
der Dichter wunderbar die seelischen Hemmungen schildert, die einem 
jungen Künstler nur ein einziges aber hervorragendes Bild vollenden 
lassen. Diese Erzählung, schon ihrem Inhalte nach eine direkte Frucht 
der Beziehungen Mussets zu Aimee, lehrt wieder, um wie viel wertvoller 
für die psychologische Beurteilung des Dichters auch das kleinste seiner 
Werke im Vergleich zu manchen brieflichen oder biographischen Ex- 
pektorationen ist. A. B. 

Eduard Kalke und Friedrich S. Krauss, „Um holder Frauen 
Gunst! 44 Ein Künstlerroman aus dem Rinascimento. 

Vorliegende Arbeit dürfte schwer als ein Roman im gebräuchlichen 
Sinne des Wortes bezeichnet werden. Sie ist vielmehr eine sehr gediegene 
Schilderung jener einzig dastehenden und kaum wiederkehrenden Zeit des 
italienischen Rinascimento, in der die bildende Kunst nicht nur in der 
anderen Kultur, sondern auch in den subtilsten seelischen Regungen der 
damaligen Menschheit dominierte. Diesen Einfluss haben die Verfasser 
an dem Beispiel eines ganz den Typus seinerzeit bildenden Künstlers 
gezeigt, bei dem jede seelische und namentlich erotische Regung sofort 
unter dem Drucke jener äusseren Gewalt umgewertet wird. Gerade diese 
Figur des jungen Ludovico, der von jeder beginnenden Liebe sofort durch 
den sich leidenschaftlich regenden Ehrgeiz zu seinem Ideal hin weggerissen 
wird, das tief im Infantilen iseine Wurzel hat, Jässt das grosse psychologisiche 
Verständnis der Autoren durchblicken. Neben dieser Hauptfigur wird auch 
die ganze damalige Zeit nicht etwa durch trockene Beschreibung, sondern 
einen äusserst glücklich gewählten, bewusst einfachen, etwas archaistischen 
Stil geschildert. Gerade diese Verbindung von tiefem Verstehen des Seelen- 
lebens und der frischen Schilderung des Milieus erheben dieses Werk 
weit über das Niveau vieler ähnlicher Werke. A. B. 

Anton Nyström, „SexuallebenundGesundhei t 44 . Verlag Oester- 
held & Co. Berlin W. 15. 1911. 

Der bekannte Verfasser des tapferen Buches „Christentum und 
freies Denken 44 bringt uns in seinem neuen Werke die Resultate einer 
42 jährigen Beobachtung als Praktiker an 16 000 Kranken. Nach einer sehr 
interessanten historischen Einleitung bespricht er eingehend die unnatür- 
liche Auffassung des Geschlechtslebens durch den Asketismus und die 
Sündenlehre des Christentums, das sogar den Geschlechtsakt in der Ehe 
zur sündigen Lust herabgesetzt habe. Er widerlegt in eingehender Und 
überzeugender Weise die Ansichten älterer Ärzte über die Unschädlichkeit 



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Referate und Kritiken. 513 

der sexuellen Enthaltsamkeit und geisselt auch in wirkungsvoller Satire 
die modernen Enthaltsamkeitsfanatiker Eulenburg, Neuburger, 
I. Meyer usw. An einer langen Reihe von Krankengeschichten zeigt er 
die verschiedenen Formen der Enthaltsamkeitskrankheiten, wobei er aller- 
dings einen auffallenden Mangel der Kenntnis der Forschungen Freud's 
und seiner Schule an den Tag' legt. Es ist immerhin erfreulich, dass er 
auch ohne Kenntnis der klinischen Zeichen der Angstneurose und Angst- 
hysterie zur Erkenntnis gekommen ist, dass sich zahlreiche nervöse Leiden 
durch regelmässigen Geschlechtsverkehr heilen lassen. Besser kennt er 
schon die Werke der Forscher, die sich mit dem Schaden der Abstinenz 
befassen und zitiert die Aussprüche von Porosz, Freud, Witteis, 
Kromayer, Stekel und Rohleder über die Schäden der sexuellen 
Abstinenz. Schliesslich wird von einer neuen Ethik des Sexuallebens das 
Wort gepredigt. Das Recht auf Liebe wird in sehr schöner, menschen- 
freundlicher Weise proklamiert und einem modernen Epikuräismus das 

Wort geredet im Sinne einer verfeinerten Lebenskunst, welche die 

Freude in den Mittelpunkt der Weltanschauung stellt. 

In einem Punkte muss ich jedoch Ny ström scharf entgegen- 
treten. Er ist der Arzt, welcher das heute populäre Wort von den 
„Onanie-Advokaten 44 geprägt hat und verabsäumt nicht, eine Reihe 
von Krankengeschichten anzuführen, die den Schaden der Onanie illu- 
strieren sollen. Aber wie sehen die Krankengeschichten aus? Zitieren wir 
hier die Beobachtung Nr. 11: 

„Impotenz. Leutnant, 32 Jahre alt; onanierte vom 13. — 31. Lebens- 
jahre, die letzten Jahre selten* meistens mit Intervallen von 5 — 6 Monaten. 
Pollutionen stellten sich 1 — 2 mal monatlich ein. Versuchte vom 18. bis 
29. Lebensjahre im ganzen zehnmal den Beischlaf, aber es blieb beim 
Versuch, da die Erektion zu schwach war oder vollständig ausblieb und 
Patient dabei auch kein Wollustgefühl hatte. 44 — 

In der Zeit der Psychoanalyse machen solche Fragmente einer 
Krankengeschichte einen sehr geringen Eindruck. Worin sieht Ny ström 
den Beweis, dass die Onanie die Ursache der Impotenz ist? Weil der 
Leutnant onaniert hat ? Kann es nicht gerade umgekehrt sein ? Der Leutnant 
onanierte, weil ihm der normale Weg zum Weibe verschlossen war. Die 
Herren Onanie-Staatsanwälte verwechseln eben Ursache und Wir- 
kung. Für eine grosse Reihe von Menschen ist die Onanie die einzig mög- 
liche, d. h. sozial mögliche Form der Lustgewinnung, weil sie gar nicht 
nach dem Weibe verlangen. Sie sind unbewusste oder bewusste Homo- 
sexuelle, Perverse usw. Die Onanie, die mit unbewussten Phantasien 
verbunden ist, gestattet ihnen eine teilweise Befriedigung ihrer Begierden. 
Dass Inzestphantasien die meisten Onanieakte begleiten, ist eine Erfahrung, 
die der Psychoanalytiker immer wieder machen kann. Die Herren sprechen 
immer von einem Schaden der Onanie. Warum übersehen sie den enormen 
Nutzen für viele Unglückliche, denen sonst jeder Libidoerwerb immög- 
lich wäre? Wie viele erkranken erst, nachdem sie die Onanie aufgegeben 
haben, nachdem sie vor den bösen Folgen gewarnt wurden I Und hatten 
viele Jahre vorher ohne jeden Schaden für die Gesundheit onaniert! 

Nein, so einfach liegen die Verhältnisse nicht! Wenn irgend eine 
Frage der Erledigung durch die Analyse harrt, so ist es die Frage des 
Nutzens und Schadens der Onanie. Die Menschheit könnte von 

Zentralblatt für Psyehoanalys«. PV 1 . 35 



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A 



514 Referate und Kritiken. 

einem Schuldgefühl befreit werden, das sie niederdrückt und das diejenigen 
nicht bemerken wollen und können, die vom Leben nur die Oberfläche 
kennen. S t e k e 1. 

Ernest Jones (Toronto) : Simulated Foolishness in Hysteria. 
(Vortrag, gehalten vor der „Detroit Society of Neurology and Psychiatry" 
3. Februar 1910.) American Journal of Insanity, October 1910. 

Nach einer klaren Auseinandersetzung mit dem Begriff der „Simu- 
lation' 4 und einer an Beispielen erläuterten Definition derselben weist der 
Verfasser auf die auch in der Literatur durchgedrungene Anschauung 
hin, dass direkt beabsichtigte Simulation bei völlig Gesunden zu den 
grössten Seltenheiten gehöre und dass eine überzeugende Vortäuschung 
gewisser Krankheitssymptome in der Regel einen pathologischen Gemüts- 
oder Geisteszustand voraussetze. Es wird dann aufmerksam gemacht, wie 
die Freud'sche Hysterielehre bei oberflächlicher Auffassung zur An- 
nahme verleiten könne, dass die Hysteriker sich ihre für ihr praktisches 
Verhalten so bedeutungsvollen Symptome absichtlich schüfen, wenn man 
die wesentliche Tatsache des Unbewussten nicht gebührend würdige. 

Es wird nun die Krankengeschichte eines fünfzehnjährigen Knaben 
erzählt, der auf Grund eines unbedeutenden Traumas (Schlag auf den 
Kopf), welches die schweren psychischen Folgen keineswegs rechtfertigte, 
in den folgenden zwei Monaten an Anfällen litt, die regelmässig alle zehn 
Tage wiederkehrten. In diesen benahm er sich in ausserordentlich törichter 
und kindischer Weise, etwa nach Art eines vierjährigen Buben. Unter 
anderem pflegte er seine Geschwister bald zu quälen, bald in stürmischer 
Weise zu liebkosen, zeigte eine kindische, gänzlich unbegründete Furcht 
vor dem Vater und verlangte von der Mutter, dass sie ihn wie ein Baby 
aufs Klosett begleiten und waschen sollte. Da er sowohl zu Hause als beim 
Arzte jede Antwort verweigerte oder in kindischer Weise auf Fragen 
reagierte, gestaltete sich die Psychoanalyse sehr schwierig. Doch liess sich 
mit Leichtigkeit nachweisen, dass der Junge, welcher zunächst jede Kennt- 
nis des Sexuellen bestritt, sich über alle Vorgänge des ehelichen Lebens 
wohl informiert zeigte und selbst reichlich Sexualerfahrung hatte. Er 
wiederholte den bei Kindern nicht seltenen .Mechanismus des Dumra- 
stellens, der bezweckt, die Erwachsenen über das Verständnis des Kindes 
zu täuschen und sich so zum Zeugen der elterlichen Intimitäten oder der 
Konversation zu machen. Das unbewusste Motiv seines kindischen Be- 
nehmens war die Hoffnung auf Wiedererlangung früherer mütterlicher 
Zärtlichkeiten, die seinerzeit in dem vier- oder fünfjährigen Knaben die 
ersten sexuellen Erregungen wachgerufen hatten. Rank. 

Erich Wulf f en, Shakespeares grosse Verbrecher. Richard III., 
Macbeth, Othello. Verlag von Dr. P. Langenscheidt, Berlin-Lichterfelde 
1911. 

Freud hat in die lange Zeit zur Ruhe gekommene Geisteswissen- 
schaft frisches Leben und kraftvolle Bewegung gebracht. Er hat uns die 
Augen geöffnet für die Vorgänge in unserem Seelenleben, an denen wir 
bisher achtlos vorübergegangen waren. Freud's Auffassung führt von 
der oberflächlichen Betrachtung der seelischen Geschehnisse hinab in 
ihre Tiefe und lehrt uns, dort die wahren und eigentlichen Triebkräfte 



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Referate und Kritiken. 515 

unseres Seelenlebens erfassen. Es wird das unvergängliche Verdienst 
Freud 's bleiben, unsere Aufmerksamkeit auf die grundlegende Bedeutung 
der Sexualität in des Begriffes weitestem Umfange für unser Geistesleben 
erkannt und bewertet zu haben. Die Psychologie ist vor neue Aufgaben, 
neue Fragestellungen, neue Arbeitsgebiete gestellt, und schon jetzt kann 
man sagen, dass Freud und seine Schüler höchst Bedeutendes hierin 
geleistet haben. Die Psychiatrie verdankt Freud frische lebenskräftige 
Impulse; den Weg Freud's haben hervorragende Psychiater bereits be- 
treten, so Bleuler und Jung in der Schweiz. Die Traumforschung ist 
in ganz neue Bahnen von Freud geleitet worden, und wie der wahre 
Genius nach vielen Seiten befruchtend wirkt, verdanken Freud die Päda- 
gogik, die Religions-Psychologie, die Erkenntnis des Wesens vom Mythus 
und Märchen neue Einblicke und weite Fernblicke. So kann es auch 
nicht wundernehmen, dass die Kriminalpsychologie von dem veränderten 
Standpunkte aus eine neue, nicht laut genug zu begrüssende Bereicherung 
und Vertiefung erfahren hat. Da ist es Dr. Erich Wulffen, Staats- 
anwalt zu Dresden, welcher durch die Forschungen Fread's angeregt 
in die alten herrschenden Anschauungen eine gewaltige Bresche gelegt 
hat. Sein grosses Werk „Der Sexualverbrecher 44 , welches 1910 im Ver- 
lage von Dr. Langenscheidt in Lichterfelde erschienen ist, bringt uns zu 
einer völlig neuen Anschauung des Verbrechers, welche nicht nur geeignet 
ist, in theoretischer Hinsicht bahnbrechend zu wirken, sondern auch die 
Kraft in sich trägt, die überlieferten Begriffe von Strafe und Vergeltung 
bis auf den letzten Rest zu zerstören; aber aus den Trümmern erblüht ein 
neues Leben, verheissungsvoll für die Unglücklichen, am Leben zer- 
brochenen und gescheiterten Naturen, nutzbringend und fruchtreich für 
die gefährdete Gesellschaft, für die auch in kriminalistischer Hinsicht das 
Wort gilt: Vorbeugen ist besser denn Heilen. Die neue Art, psychologische 
Probleme zu erfassen und zur Lösung zu bringen, hat Wulffen bereits 
auch auf einem anderen Gebiete mit glücklichem Erfolge angewendet. Im 
Langenscheidt'schen Verlage hat er uns ein anregendes Buch zum Ver- 
ständnis der Gerhart Hauptmann'schen Gestalten gegeben. Das Studium 
dieses Buches ist unerlässlich für ein tieferes Eindringen in die Arbeits- 
stätte Hauptmanns. Auch über den kriminalpsychologischen Schatz im 
deutschen Märchen liegt von Wulffen eine wertvolle Studie vor. Nun 
ist er daran gegangen, uns das Verständnis von Shakespeares grossen Ver- 
brechern: Richard HL, Macbeth und Othello zu erschliessen. Wulffen 
geht auch in seinem neuesten Werke iVn Anschlüsse an Freud davon aus, 
dass die sexuellen Energien im Menschen es sind, welche sein inneres 
Leben bauen; ihre für die Fortpflanzung unbrauchbare, gleichwohl immer 
vorhandene Energie wird von der sexuellen Verwendung abgeleitet und 
anderen Zwecken «zugeführt. Beim Genius wird seine übermässige Sexualität 
in intellektuelle und ethische, künstlerische, wissenschaftliche, heroische 
Arbeit umgewandelt. Die abnorme Sexualität des Entarteten wird 
auch verwandelt, aber in unmoralische und unsoziale Arbeit, in Un- 
sittlichkeit und Verbrechen. Auch das böse Prinzip, wie es der Dichter 
verkündet, hat in der Weltgeschichte schöpferische Kraft. Wulffen's 
Werk bringt eine wahre Fülle tiefer psychologischer Erkenntnisse; mit 
scharfem Blicke erschliesst er uns zum ersten Male das innerste Trieb- 
werk dieser grossen und wohl einzig in der Literatur vorhandenen Schöp- 
fungen Shakespeares. 

85* 



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516 Referate und Kritiken, 

Nur weil man bislang die Bedeutung der Sexualität so gänzlich 
verkannt hat, konnte unser Verständnis für Richard III. so mangelhaft 
bleiben. Auch auf Macbeth fällt nun ein ganz neues Licht. Meiner Meinung 
nach ist Wulffen der Nachweis für die epileptische Veranlagung und 
die dadurch herbeigeführte Charakterbeeinflussung Macbeths völlig ge- 
lungen. Vorzüglich hat es Wulffen verstanden, uns den seelischen 
Mechanismus der Lady Macbeth zu enthüllen. Hier geht er in vorbildlicher 
Weise auf die noch zu wenig gewürdigte Theorie der Bisexualität 
zurück, wonach jedes einzelne Wesen in sich die Möglichkeit einschliesst, 
die Erregungszustände des anderen Geschlechts zu besitzen und zu ent- 
wickeln. Die gewaltigen Grundkräfte des Sadismus und Masochismus in 
ihren mannigfaltigen Variationen und reichen Verzweigungen verfolgt 
Wulffen in den seelischen Untergründen der Shakespeare'schen Ge- 
stalten. Jago erscheint uns mit einem Male wie aufgeschlossen. Die Er- 
kenntnis des Masochismus der Desdemona gibt Wulffen die Kraft zu 
einer plastischen Schilderung ihres Charakters. Eine schöne Leistung 
Wulffen's ist auch seine Erklärung der Wesenheit Othellos; hier erfasst 
er mit glücklicher Hand das Rasseproblem mit seiner erotischen und 
sexuellen Färbung. Auch die eigenartige Triebrichtung des Fetischismus 
zeigt uns Wulffen als bedeutsam für das Verständnis des Seelenlebens 
der Shakespeare'schen Gestalten. — 

Ich muss mich mit diesen Andeutungen begnügen; ich wollte nur 
eine Anregung geben, das Werk Wulffen's zu studieren. Ich glaube, wer 
auch nur die ersten Seiten gelesen hat, wird sich so gepackt fühlen, dass 
er mit steigender Anteilnahme weiter und weiter lesen wird. Wulffen 
benutzte auch zu seinem Werke die Sonette Shakespear e's. Meiner 
Meinung nach ist es ihm gelungen, in dem Schöpfer der Dichtungen selbst 
die viel verschlungenen Teiltriebe der Sexualität darzulegen. Hier scheint 
mir ein neuer Weg gegeben worden zu sein, die umstrittene Frage nach 
der Persönlichkeit des Dichters zu lösen; mir ist es wenigstens durch 
Wulffens sexual-psychologische Analyse von Sonetten Shakespeares klar 
geworden, dass an dem historischen Shakespeare nicht zu zweifeln ist. 

Zum Schluss möchte ich noch hervorheben, dass auch das neueste 
Buch Wulffen's in einer markanten, leicht dahinfliessenden und schönen 
Sprache geschrieben ist. Schauspieler und Regisseur empfangen einige 
wichtige Winke, von denen man nur wünschen kann, dass sie befolgt 
werden. Und die Gelehrten yom F # ach? Mögen sie ruhig negieren und 
nörgeln, die beati possidentes von heute werden die Enthronten von morgen 
sein, denn magna vis veritatis et praevalebit. 

Dr. Otto Juliusburger. 

Erich .Wulff en, Gerhart Hauptmanns Dramen. (Kriminal- 
psychologische Studien. Zweite Auflage. Berlin-Lichterfelde. Dr. P. 
Langenscheidt.) 

Vom Erstlingswerke Hauptmannes „Vor Sonnenaufgang 44 bis zur ver- 
sunkenen Glocke unterzieht Wulffen die Dramen des modernen Dichters 
einer eingehenden Analyse vom kriminalpsychologischen Standpunkte 
aus. Das Kriminelle ist besonders eingehend und, wie vorauszusetzen ist, 
mit grosser Sachkenntnis behandelt. Auch versucht Wulffen, überall 
dem sexuellen Problem gerecht zu werden. Allerdings bleibt er uns in dieser 



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Referate und Kritiken. 517 

Arbeit noch sehr vieles in dieser Hinsicht schuldig. Es sind Arbeiten eines 
Psychologen, der seinen Krafft-Ebing genau kennt und von Freud 
Einiges gehört hat. Das ist allerdings schon ziemlich viel und mehr als 
wir bisher gewohnt waren, da das Sexuelle noch ein „Noli me tangere" 
war. Wir vermissen jedoch in diesen Ausführungen, die mir das Produkt 
eines Kompromisses aus alten und neuen Standpunkten scheinen, viele 
wichtige Beziehungen, die Freud und seine Schule aufgedeckt haben. 

Stekel. 

Prof. August Forel, Abstinenz oder Massigkeit? Verlag von 
J. F. Bergmann, Wiesbaden 1910.) 

Eine 21 Seiten starke Broschüre, die im wesentlichen wieder eine 
Streitschrift gegen den Alkohol darstellt und einiges Material mitbringt, 
zum Teil Statistik, zum Teil aus Versuchen Gewonnenes. 

Nirgends Vertiefung, überall Oberfläche, die wir uns ja gerne ge- 
fallen Hessen; es scheint uns aber, als ob auch diese Oberfläche im starken 
Affekte, den der böse Feind Alkohol beim Verfasser hervorruft, bisweilen 
verzerrt gesehen würde. 

Mancher Laie wird gute Winke und Verhaltungsmassregeln finden, 
nach denen sich zu richten keineswegs von Schaden ist; höhere Ansprüche 
dürfen wohl nicht gestellt werden. Dr. Radeck. 

Di\ Albert Moll, Berühmte Homosexuelle. (Grenzfragen des 
Nerven- und Seelenlebens. Nr. LXXV. J. F. Bergmann, Wiesbaden 
1910.) 

Der Autor hat sich der Mühe unterzogen, die homosexuellen Züge 
im Leben grosser Männer und Frauen, soweit sie uns aus Oberlieferungen 
bekannt sind, zusammenzustellen. Er hat es auch zustande gebracht, der 
Aufgabe innerhalb der Grenzen, die er sich gesteckt hatte, gerecht zu 
werden; es war ihm keineswegs um eine psychologische Erklärung der 
Homosexualität zu tun, er wollte nur Tatsachen bringen, soweit sie bekannt 
sind. Das grosse Material, {das übersichtlich und sorgfältig zusammen- 
gestellt ist, sowie die vorzügliche Sachkenntnis der Materie, die sich in der 
überlegenen Durchführung des Themas zeigt, machen die Schrift äusserst 
lesenswert. 

Der Verfasser hält daran fest, dass der homosexuelle Trieb selbst 
dort, wo er deutlich vorhanden ist, nicht zum Sexualakt führen muss, dass 
man aber berechtigt sei, leidenschaftliche Freundschaften, wie sie im 
reifen Lebensalter ganz unverdächtiger Männer vorkamen, doch als homo- 
sexuelle Züge zu bezeichnen. Er äussert sich auch über die häufige homo- 
sexuelle Phase im Pubertätsalter; will jedoch Männer mit solchem Ent- 
wickelungsgange, wofern sich diese Neigungen später verloren haben, nicht 
den Homosexuellen zuzählen. 

Wir haben alle Ursache, dem Verfasser in diesem Punkte, soweit 
es sich um praktische Abgrenzimg handelt, recht zu geben. Freilich 
müssen wir annehmen, dass die homosexuellen Neigungen auch in diesen 
Fällen nicht tatsächlich verschwunden, sondern der Umwandlung und 
Sublimierung zugeführt worden sind. Dr. Radeck. 



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518 Aus Vereinen und Versammlungen. 

Aus Vereinen und Versammlungen. 

Sitzungsberichte der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung. 

27. Sitzung, am 19. April 1911: Richard Wagner, Versuch 
einer Deutung von Stucken's „Lanva 1". Einleitend bemüht sich 
der Vortragende, die Anwendungsmöglichkeit der Psychoanalyse und ihre Grenzen 
bei der Deutung von Kunstwerken festzustellen. S t u c k e n 's Lanval er- 
weist sich als ein günstiges Studienobjekt, da ihm die alte Lanvalsage zugrunde 
liegt, auf deren Deutung zunächst eingegangen wird. Die Sage ist nur ein Beispiel 
für einen ganzen Sagentypus, in dem es sich stets um die heimliche Verbindung 
eines Ritters mit einem feenhaften Wesen handelt, das von ihm für das Glück der 
Liebe strengstes Geheimnis verlangt und zu jeder Zeit und an jedem Ort, wo immer 
der Ritter will, erscheint. Überall aber wird der Ritter entweder durch Schmähungen 
oder durch übertriebene Verherrlichung anderer Frauen gereizt, das Geheimnis 
zu verraten und aufgefordert, die Geliebte bis zu einem bestimmten Termin zur 
Stelle zu bringen. Als die Fee dann nach kürzerem oder längerem Zögern erscheint, 
folgt ihr der Ritter nach der alten Insel der Seligen. Am heitersten und ein- 
fachsten spielt sich diese Handlung im Lai des Lanval von der Marie de France 
ab. Die Sage zeigt den Ödipuskomplex sehr deutlich auf. Dass die Königin Lanval 
ihre Liebe gesteht, ist nur die Verdrängung des bekannten infantilen Wunsches, 
ihre Anschuldigung und Verleumdung beim König die Objektivierung seiner ge- 
heimen Befürchtung, der Vater könnte etwas bemerken. Bemerkenswert ist die 
kritiklose Selbstverständlichkeit, mit der die Königin in all diesen Sagen als die 
Schönste zu gelten hat, neben der eine andere Frau überhaupt nicht in Betracht 
kommen darf. Der König ist in der Sage der ursprüngliche, strenge, rachsüchtige 
Vater, die Reaktionsbildung auf die geheimen, incestuösen Phantasien des Sohnes. — 
Einen zweiten Hauptkomplex sieht Ref. im Masturbationsprozess. Alle diese Fabel- 
wesen der Sage (Elfen, Feen, Zwerge, Riesen, böse und gute Geister) sind unter 
einen gemeinsamen Hut zu bringen und gehören in den intimsten Zusammen- 
hang mit der Sexualsphäre, Im Lanval handelt es sich um das Erscheinen eines guten 
Geistes ganz nach Wunsch des Helden (vgl. auch „Aladin und die Wunderlampe", 
wo Aladin die Lampe reibt, wenn er will, dass der Geist erscheine, was einen 
deutlichen Hinweis auf die Masturbation enthält). Auch die ganze Geheimnistuerei 
mit seiner geheimen Liebschaft gehört in diesen Zusammenhang. Nach dem Gesetz 
von der Überdetermination ist die Masturbation nicht die einzige, sondern sozu- 
sagen nur die engere Deutung für die geheime Beschäftigung mit der Fee; sie be- 
deutet auch überhaupt die Abkehr von der alten Incestliebe zur Mutter. Der 
Schluss der Sage lässt zwei Möglichkeiten, Leben und Tod, offen, — d. h. normale 
Objektliebe und Lösung von der Mutter oder Zugrundegehen an der Fixation an die 
Mutter. 

Stucken 's Drama ist nicht mehr so deutlich und einheitlich und der 
Ödipuskomplex der Sage verundeutlicht. Der Königin ist sozusagen die Mutterrolle 
entzogen, das feenhafte Fabelwesen ins Eibische übersetzt und die Figur der 
Lionors, sowie die Verheiratungspression gänzlich neu eingeführt. Die incestuöse 
Wunschphantasie nach der Mutter bleibt also verdrängt, eine Art Verdrängungs- 
fortschritt im Sinne F r e u d 's. Lionors ist eine Art Kompromissbildung aus 
Mutter und Schwester. In der Verheiratungspression und in Lanvals Unvermögen, 
den königlichen Wünschen nachzukommen, sowie in dem langen Spiel des letzten 



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Aus Vereinen und Versammlungen. 519 

Akts, wo ihm Lionors heimlich und in aller Eile und Hast doch endlich angetraut 
wird, liegen für den Psychoanalytiker die Hauptangelpunkte des Dramas. 
Stucken 's Lanval ist die * dichterische Fassung der allgemein menschlichen 
Tragödie des psychisch-impotenten Schuldneurasthenikers, der an seiner eigenen 
Potenz zweifelt und an seinem hartnäckigen Festhalten am Autoerotismus zugrunde 
geht. Lanvals Gegenspieler ist Agravain, die Darstellung des Potenten, des Männ- 
lichen, des Mannes mit den grossen moralischen Schranken und dem Überehrgefühl, 
der Lanval wegen seiner Impotenz verachtet und seine Schwester eifersüchtig 
vor Lanval hütet (Motiv der feindlichen Brüder; Kampf um die Schwester; vgl. 
S c h i 1 1 e r 's Braut von Messina). Überall sieht man bei Stucken Verdrängung 
und Zensur direkt am Werk, alles Incestuöse und Anstössige ist wohl cachiert 
und verschleiert. Dargestellt wird Lanval eigentlich durch sein Gegenteil, nämlich 
als der grosse Frauenerobearer ; allein Masturbation und ausschweifende, jederzeit 
disponible Libido schliessen sich nicht aus, gehören vielmehr eng zusammen; 
andererseits lassen sich wiederum für Lanvals Darstellung des impotenten Mastur- 
ban ten zahlreiche Belegstellen aus dem Drama beibringen (vgl. bes. die Beschreibung 
durch Agravain, I. Akt, 1. Szene). Die übrigen Personen des Dramas passen sich 
durchwegs in den obigen Zusammenhang ein, besonders das vampyrische Wesen 
Fingulas. Der Bischof Baldewin bedeutet wohl nichts anderes als eine Abspaltung 
vom Vaterkomplex und zwar stellt er jenen Vater dar, gegen den sich die intel- 
lektuelle Kritik des Sohnes wendet und über den sich der Sohn lustig macht. 
König Artus ist bei Stücken! der gütige, alles begreifende und verzeihende 
Vater. Das Drama schliesst im Gegensatz zur Sage mit Lanvals Tötung, ist also 
einseitiger als diese, wie überhaupt das ganze Stück nicht befriedigt. 

Diese Deutung des Stückes ist sicher nicht erschöpfend, sondern sie ist 
bloss ein Versuch, ein Herausgreifen einer aus zahlreichen Deutungsmöglichkeiten 
mit der Absicht, das Stück nur auf einen besonders in die Augen springenden* 
Hauptkomplex zu beschränken und zu reduzieren und gerade an der Überarbeitung 
der alten Sage durch den modernen Dichter zu zeigen, wie dieser Hauptkompleoc 
von ihm gehandhabt wurde. (Autoreferat) 

28. Sitzung, am 26. April 1911. 

Diskussion überdas Buch vonW. Stekel: Die Sprache des 
Traumes. (Wiesbaden 1911.) 

29. Sitzung, am 3. Mai 1911. 

Dr. J. Sadger: Über Haut-, Schleimhaut- und Muskel- 
Erotik. 

Von den erogenen Zonen Freud's unterzieht der Vortragende zwei einer 
besonderen Besprechung: die Haut mit ihrer Differenzierung in Schleimhaut und 
Sinnesorgane und die Muskulatur. Haut-, Schleimhaut- und Muskel-Erotik kommen 
gewöhnlich zusammen vor, doch gibt es auch Fälle reiner Hauterotik, bei denen 
allerdings mitunter auch die Exhibitionslust stark mitspielt. Eine typische Äusserung 
der Hautsexualität ist das Kitzelgefühl, das sich in eminenter Weise bei Menschen 
findet, die noch keinen regelmässigen Sexualverkehr haben. Auch verschiedene 
Dermatosen (Pruritus, manche Formen von Urtikaria und Ekzem) haben nahe 
Beziehungen zur Hauterotik. Eine Neurose der letzteren ist die Akroparästhesia 
Friedrich Schultze. — Haut-, Schleimhaut- und Muskel-Erotik erklären zum Teil 
auch die Stigmen der Hysterie und traumatischen Neurose (Rückkehr zur infantilen 
Hauterotik). Es werden dann einige für die Erotik der Sinnesorgane charakte- 
ristische Erscheinungen beschrieben (Nasenbohren, nervöse Seh- und Hörstörungen) 



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520 Aus Vereinen und Versammlungen, 

und schliesslich die Erscheinungen der Muskel-Erotik (Strampeln, Springen, Raufen 
der Buben; Bedürfnis nach Küssen, Tanzen, Umarmungen etc. bei Mädchen). Als 
eine Neurose der Muskelerotik wird der Tic aufgefasst 

Die Bedeutung der Haut, Schleimhaut- und Muskel-Erotik für den Kultur- 
fortschritt wird geltend gemacht und auf ihre Beziehung zum rapiden Anwachsen 
der Sportbewegung in unserem Jahrhundert hingewiesen. Diese extragenitale Erotik 
wird dadurch wertvoll, dass sie die gefahrlose Aufspeicherung einer enormen 
Menge von Sexualität gestattet, zugleich aber in ganz ausserordentlichem Masse 
sublimierbar ist. 

30. Sitzung, am 10. Mai 1911. 

Dr. Viktor Tausk: Ein Beitrag zur Psychologie des Maso- 
chismus. 

In den seit dem 6. Lebensjahre bestehenden masochistischen Phantasien 
des auch leicht zwangsneurotischen Patienten spielt die Mutter eine tragende Rolle, 
mit der Patient bis zu seinem 9. Lebensjahr in inniger Liebe lebte, die sich aber 
von da an feindselig gegen das Kind einstellte, das auf diese Weise enttäuscht» 
sich nach einem schweren Konflikt von der Mutter abwendet, die er heute direkt 
hasst. Es hat aber nicht diese eigentümliche Einstellung der Mutter zum Maso- 
chismus geführt, der ja schon zur Zeit der liebevollen Behandlung der Mutter 
bestand. 

Zum Verständnis der masochistischen Lustempfindung gelangt man beim 
Patienten auf zweierlei Weise: 1. beisst er sich nach Wutanfällen selbst, eine 
Form des Abreagierens abnormer sadistischer Anwandlungen, die möglicherweise 
vorzutäuschen vermag, dass der Schmerz selbst es ist, der wohltut; 2. vom 
Komplex der Analerotik aus, die beim Patienten ganz besonders betont und durch 
Reizungen aller Art gesteigert erscheint. Patient vermag nur passiv, von der 
Afterzone aus, sexuelle Lust zu gemessen und da ihm die päderasüsche Be~ 
friedigungsmöglichkeit unbewusst bleibt, so muss er sich vermittels der Kastrations- 
phantasie zum Weibe machen. Die Kastrationsphantasie ist aber ausserdem eine 
vom Vater ausgehende Strafe für die auf die Mutter gerichteten aggressiven 
Wünsche. 

31. Sitzung, am 17. Mai 1911. 

Referate und kleinere kasuistische, sowie sonstige Mit- 
teilungen, 

1. Dr. Sachs: Beiträge zu S t e k e 1 'sehen Symbolen. 

2. Dr. Graf: Eine kleine aktuelle Mitteilung. 

3. Dr. Tausk: Eine funktionale Fehlleistung; 

Analyse eines Worttraumes; 
Eine interessante Determinierung. 

4. Dr. Hitschmann: Goethe über Kleist; 

Belege aus der Literatur; 

Beispiel einer beweiskräftigen Symbolik. 

5. Prof. Freud: Traumdarstellungen im Witzblatt. 

6. Hugo Heller: Ein Beitrag zum Inzestthema. 

7. 0. Rank: Buchreferat; 

Zur Sagendeutung; 
Aus Schopenhauer. 



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Aus Vereinen und Versammlungen. 521 

32. Sitzung, am 24. Mai 1911: 
Referate und kleinere kasuistische, sowie sonstige Mit- 
teilungen, II. 

8. Dr. J. Sadger: 1. Zur Frage der Fugue. 

2. Zur Erklärung des Exhibitionismus. 

9. Dr. Furt mül ler: Über eine psychoanalytisch interessante Erkrankung 

eines Schulmädchens. 

10. Frau Dr. Hilferding: Über eine Stelle aus Werner Sombart's: 

Die Juden. 

11. Heller: Ober Todesahnungen. 

12. Prof. Freud: Zum Kastrationskomplex. 

33. Sitzung, am 31. Mai 1911. 
Referate und kleinere kasuistische, sowie sonstige Mit- 
teilungen, III. 

13. Richard Wagner: Zum Ödipuskomplex (Aus Hauptmann^ Grie- 

chischem Frühling). 

14. Dr. R. R eitler: Ein Beitrag zur Sammelforschung über Sexual Symbolik. 

15. Dr. Oppenheim: Zur Sexualsymbolik. 

16. Dr. W. St ekel: 1. Graphologisches; 

2. Über den sogen. „Antifetischismus" (Hirschfeld). 

3. Zur Traumsymbolik. 

17. Dr. V. Tausk: Mitteilung eines Traumes. 

18. Dr. Karl Furtmüller: Referat über Bor mann, Die Namen in 

Goethes Götz 

19. Prof. Freud: Zur Traumsymbolik. 

20. Prof. Freud: Aufklärung einer Traumhandlung. 

Mit Ende Mai wurden die Sitzungen der Wiener Psychoanalytischen Ver- 
einigung für die Dauer der Sommerferien unterbrochen, um im Spätherbst wieder 
aufgenommen zu werden. 

Am 21. und 22. September findet in Weimar der III. Privatkongress der 
Psychoanalytiker statt, über dessen Verlauf seinerzeit ein ausführlicher Bericht 
an dieser Stelle erfolgen wird. (Rank.) 



Aus ungarischen Vereinen. 

i. 

Aus der Sitzung der Königl. Gesellschaft der Ärzte in Budapest. 

In der Sitzung vom 27. Mai hielt Frl. Dr. D6say-R6v6sz einen Vortrag 
über Assoziations-Studien an Geisteskranken. Sie liess — auf 
Vorschlag des Prof. Moravcsik — die Psychotiker nicht nur auf Worte, sondern 
auch auf ganze Sätze reagieren und erhielt sehr charakteristisch gestimmte Ant- 
worten je nach der euphorischen, deprimierten oder affektlosen Stimmung des 
Patienten, Auf die Analyse des Inhalts der Antworten wurde nicht eingegangen. 

Hofrat Prof. Moravcsik berichtete über seine Erfahrungen über das 
psychogalvanischen Phänomen. Die mit viel Scharfsinn durch- 
geführten Experimente bestätigten die von Veraguth mitgeteilten grundlegenden 
Tatsachen. Neu und interessant sind Moravcsik's psychogalvanische Versuche 
an Hypnotisierten. Er wies nach, dass bei suggerierter sensorischer oder 



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522 Aus Vereinen und Versammlungen. 

sensibler Anästhesie die sonst bei Reizeinwirkungen auftretende Stromschwankung 
fast ganz ausbleibt, bei suggerierter Hyperästhesie die Schwankung ungeheuer 
stark ausfällt. 

Ref. vermisste in beiden Vorträgen den Hinweis auf die Bestätigungen, 
die die Psychoanalytik sowohl seitens der J u n g - R i k 1 in'schen Asso- 
ziaüonsversuche als auch der psychogalvanischen Untersuchungen J u n g 's und 
Binswanger's erfahren hat. Es ist ja möglich, dass die galvanischen Unter- 
suchungen einen Stein fürs Gebäude einer zukünftigen physikalischen Psychologie 
bedeuten; sicherlich aber liegt die viel aktuellere Bedeutung sowohl dieser als 
auch der Assoziationsoxpejimenie daxin, dass sie die Psychoanalytik auch jenen 
Exakten zugänglich machen, die auf messbare und graphisch darstellbare, objektive 
Beweise nicht verzichten können. Die Vortragenden Hessen aber diese Gelegen- 
heit zum Verstehen und Verständlichmachen der Psychoanalyse unbenutzt. 

Ferenczi. 

IL 
Sitzung des Budapester Ärzteverein» vom 22. Mai 1911. 

Dr. J. D 6 c s i hielt einen Vortrag über das Programm der Psycho- 
therapie, in dem er zur Schlussfolgerung gelangte, dass die Psychoanalytik und 
die darauf gegründete Erziehung als die einzig rationellen Mittel der Bekämpfung 
und Verhütung der Psychoneurosen sind. Immerhin befürwortete Vortragender 
auch suggestive Massnahmen. Der Vortrag wurde beifällig aufgenommen. 

Ref. betonte in der Diskussion die Notwendigkeit, die Suggestion in jeder 
Form aus der Psychotherapie auszuschalten. Er wies auf den verdummenden 
Einfluss der heutigen Erziehung auf die Kinder hin und forderte, dass man endlich 
statt des Alters die Jugendkraft hochzuschätzen beginne. Die Alten seien als 
mässigende, hemmende Faktoren von unleugbarem Wert. Sie dürften aber diese 
ihre Fähigkeit nicht missbrauchen. Ferenczi. 



Varia. 

„Die unverstandene Frau". — Wie oft kommen Frauen zu uns mit der 
Klage, ihr Mann verstehe sie nicht. Andere jammern, ihr Mann hätte keine 
„Seele* 4 . Es interessiert unsere Leser gewiss, das Bekenntnis einer Dichterin 
über diesen Punkt zu hören. In den Gedichten der Frau Maria Unger findet 
sich eines, das mit „homme naif*' überschrieben ist: 

„Deine Briefe kamen leicht und leer, 

und ich suchte traurig, tränenschwer, 

überall, du Mann, nach deiner Seele. 

Zitternd lauschte, wenn du sprachst, mein Ohr: 

Quillt sie nirgends aus der Tiefe vor? 

Sag', o Mann! Wo birgst du deine Seele? 

Nicht erspähte ich den tiefen Klang, 

niemals traf mein Ohr im Überschwang 

jäh ein Wort der scheuen Mannesseele. 

Aber als ich deinem Wunsch erlag, 

kam das Glück am allerersten Tag. 

Törin! Ahnst du jauchzend nun die Seele? 

Marmormuskeln ! Königlicher Schein ! 

Herrlich strömt mir die Erkenntnis ein: 

Deine stolze Kraft ist deine Seele. 44 

Dr. W. St. 



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Varia. 523 

Ein Selbstbekenntnis Wilhelm Busch's. Jeder psychoanalytisch denkende 
Kenner der unvergleichlichen Schöpfungen des grossen Humoristen wird sich 
darüber klar sein, dass seine mit Feder und Stift zum Ausdruck gebrachten Phan- 
tasien ihre nie versagende und so intensiv gefühlsbetonte Wirkung, deren sie 
sich besonders bei der Jugend ganz allgemein erfreuen, nicht zum wenigsten 
der besonders dem Kindesalter eigenen Grausamkeitssucht und Lust an 
Martereien (Sadismus) verdanken, die sich unter dem Deckmantel loser, bübischer 
Streiche in den beliebtesten Werken von Busch in mehr oder minder vordring- 
licher Weise Befriedigung zu verschaffen weiss. Dass sich der feine Menschen- 
beobachter sowohl über den angedeuteten Zusammenhang als auch über diese 
vielleicht bedeutsamste Wurzel seines künstlerischen Produzierens in seinem eigenen 
Triebleben wenigstens zum Teil klar war, mag folgende Brief stelle zeigen *) : 

„Die Voraussetzung: ,der unverdorbene Mensch hat von Natur bei allen 
Leiden seiner Mitgeschöpfe ein unangenehmes Gefühl 4 — ist falsch, weil einseitig. 
Das Leiden, die Marter hat vielmehr etwas schauderhaft 
Anziehendes, es bewirkt Grauen und Ergötzen zugleich. — 
Haben Sie jemals den Ausdruck von Kindern bemerkt, wenn sie dem Schiachton 
eines Schweines zusehen? — Nein? — Nun, so rufen Sie sich das Medusen- 
haupt vor die Seele. Tod, Grausamkeit, Wollust — hier sind sie bei- 
sammen. — Muss ich Ihnen sagen, nach dem, wjas ich so oft gesagt, wie das 
kommt ? — Der gute und der böse Dämon empfangen uns bei der Geburt, 
um uns zu begleiten. Der böse Dämon ist meist der stärkere und g e • 
sündere; er ist der heftige Lebensdrang. Der gute Dämon aber winkt zurück, 
und gute Kinder sterben früh; ihnen sind die Engelsflügel nicht abgeschnitten. — 
Kurzum, der natürliche, unverdorbene Mensch, also besonders das Kind, 
muss überwiegend böse sein, sonst ist seines Bleibens nicht 
in dieser Welt. — Und die Jagdlust ? — Die Jagdlust ist ein Stück Lebens- 
lust. Sie ist eine Übung der Daseinsbedingungen: List, Scharfblick, Kraft, Ge- 
wandtheit, verbunden mit dem Reize der Grausamkeit. Sie ist 
folglich natürlich, folglich bös. — Und die Strafe bleibt nicht aus. — 
Jeder Jäger wird mal ein Hase, früher oder später, denn die Ewigkeit ist lang. — 
Was mich betrifft, so werd* ich jedenfalls, nachdem ich ein- oder zwei- oder 
drei oder hundertmal gestorben, ein Spatz. Mein Weibchen wird ein Nest zu- 
sammenzotteln unter dem Dach; es wird Eier legen; und wenn dann die wackel- 
köpfigen Jungen ausgekrochen, so kommt ein flachs haariger Bub daher, holt eine 
lange Stange, spaltet sie an der Spitze und heraus mit dem Nest! — De wird 
der alte Spatz ein schönes Geschrei erheben! 41 

Zu erwähnen wäre schliesslich, dass auch die Spezialisierung seiner genialen 
zeichnerischen und malerischen Anlagen auf das Gebiet der Karrikatur der ge- 
schilderten literarischen Spezialisierung gleichzusetzen ist und ebenso wie diese 
ihren Ursprung in den grausamen, hämischen und neidischen Regungen hat, die 
an allen Menschen und weiterhin auch an den Dingen mit besonderer Vorliebe 
die schwachen und angreifbaren Seiten mit unverkennbarer Spottsucht hervor- 
zukehren lieben. — Das ganze Thema wäre einer eingehenden monographischen 
Bearbeitung wert. Rank. 



*) Wilhelm Busch an Maria Anderson. Siebzig Briefe. Rostock 
1909, Volckmann Nachf. — Charakteristisch für die aufgezeigte Triebrichtung ist 
Busch's Umwertung der biblischen Unterwürfigkeits- und Demutsempfehlung: 
„Es bleibt dabei: so dich jemand auf den linken Backen schlägt, so reisse ihm 
das rechte Auge aus und wirf es von dir.* 4 



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524 Varia. 

Rosegger Aber die Mutterliebe. Peter Rosegger schreibt in „Heim- 
gärtners Tagebuch'*: „In unserer Zeit wird viel über Sexualität geschrieben — 
weit mehr als nötig ist. So las ich vor kurzem das Buch eines ,Mediziners und 
Psychologen', der partout die freie Liebe einführen will und die Schamhaftig- 
keit für einen anerzogenen Unsinn erklärt Er meint, man schäme sich bisher aus 
Vorurteil, dass die Sache so hässlich sei; er ahnt nicht, dass der Instinkt des 
Kulturmenschen sie doch deshalb keusch verhüllt, weil sie so heilig ist. Derselbe 
Verfasser wiederholt auch sehr bestimmt die Meinung, dass zwischen Mann 
und Frau absolut keine Freundschaft bestehen könne, ohne dass der 
sexuelle Grund mitspiele. Und das ist einmal nicht wahr. Der Autor ist ein 
Gelehrter, ich bin ein unwissender Laie, aber das sage ich ihm ins Gesicht, 
dass es nicht wahr ist, wenn er behauptet, es könne zwischen Personen beiderlei 
Geschlechtes keine Freundschaft sein, ohne dass das Geschlechtliche mitspielt. 
Es gibt freilich genug Freundschaften, wo es mitspielt, bewusst oder unbewusst. 
Ich gebe sogar zu, dass in der Liebe zwischen Mutter und 
Sohn ein bischen was Sexuelles liegt — unbewusst natür- 
lich. Liebt doch eine Mutter ihren Sohn ganz anders, als 
ihre Tochter. Aber dass zwischen Mann und Frau echte Freundschaft, Kamerad- 
schaft vorkommen kann, wie zwischen Männern und andererseits zwischen Frauen, 
das zeigt das Leben überall, man braucht bloss die Augen aufzumachen. Ich 
habe mein Lebtag manche Frauenbekanntschaft gehabt, die wir Freundschaft 
nannten, doch aber unter Umständen vielleicht gern etwas anderes gewesen wäre. 
Aber ich habe in meinem langen Leben noch w<ßit mehr uneigennützige und 
dauernde Freundschaft mit Frauen gehabt und habe deren noch, wo es mir auch 
nicht im Traume einfällt, die Freundin zum Weibe besitzen zu wollen. Die Wertung 
des Weibes als blosses Liebesobjekt für den Mann ist eine Nichtanerkennung 
seines Menschentums. Denn was Mensch ist, das hat gegenseitig auch andere 
Interessen als die sexuellen. Die Liebe zur Frau Charitas ein bischen mehr 
betätigen, und die Liebe zur Dame Venus wird anspruchsloser werden." 

Rank. 

Aus Schopenhauer. 

„An den Tagen und Stunden, wo der Trieb zur Wollust am stärksten ist, 
nicht ein mattes Sehnen, das aus Leerheit und Dumpfheit des Bewusstseins ent- 
springt, sondern eine brennende Gier, eine heftige Brunst: gerade dann sind auch 
die höchsten Kräfte des Geistes, ja das beste Bewusstsein zur grössten Tätigkeit 
bereit, obzwar in dem Augenblicke, wo das Bewusstsein sich der Begierde hin- 
gegeben hat, latent: aber es bedarf nur einer gewaltigen Anstrengung zur Um- 
kehrung der Richtung, und statt jener quälenden, bedürftigen, verzweifelnden Be- 
gierde (dem Reich der Nacht) füllt die Tätigkeit der höchsten Geisteskräfte das 
Bewusstsein (das Reich des Lichtes)." 

Dr. R. G. Assagioli (Florenz). 

Infantile Sexualtheorien Freud's bei Grimmeishausen. 

Es ist nicht das erste Mal, dass der Psychologe am Ende seines Weges den 
Dichter antrifft, der scheinbar ohne Anstrengung und wie im Fluge zu demselben 
Ziele gelangt ist, das der Forscher auf dem mühevollen Dornenpfade wissenschaft- 
licher Untersuchungen ersteigen musste. Ein solches Zusammentreffen darf wohl 
als Bürgschaft dafür angesehen werden, dass man sich vom rechten Wege nicht 
entfernt hat: allerdings enthebt es nicht der Pflicht zur vorsichtigen Prüfung, 
besonders dann nicht, wenn beide, Forscher und Poet, Kindier desselben Zeitalters, 
Angehörige derselben Geistesrichtung sind, wo sich dann leicht der Einwand 



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Varia. 525 

erheben kann, dass in der Identität der Resultate nur die Gleichheit der Voraus- 
setzungen und Denkvorgänge zum Ausdruck komme. Dieser Einwand darf aber 
wohl abgelehnt werden, wo das gänzlich Verschiedene, durch Zeit und Gesinnung 
durchaus Getrennte sich in seinen Ergebnissen deckt 

Den Autoren der „Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre' 1 und 
„Der abenteuerliche Simplicissimus" wird man wohl wenig Gemeinsames zu- 
trauen. Trotzdem lässt sich kaum eine getreuere Wiedergabe zweier von Professor 
Freud geschilderter infantiler Sexualtheorien (Zweite Folge, Seite 159 u. folg.) 
denken, als die sich in dem Romane findet, den der Amtmann von Renchen, Hans 
Jakob Christoffel von Grimmeishausen um das Jahr 1668 verfasst hat. 

Der Held des Buches, Simplicius Simplicissimus, ist in der Waldeinsamkeit 
von einem frommen Einsiedler erzogen worden. Bei seinem Eintritt in die Welt 
besitzt er also, obwohl schon ein grosser Junge, noch die ganze Naivität eines 
kleinen Kindes. Wie er zum ersten Male tanzen sieht, erschrickt er über den 
Lärm so, dass er in einen Gänsestall flüchtet. Dort bleibt er nicht lange allein, 
da ein Liebespaar, ohne ihn zu bemerken, dort gleichfalls eine Zufluchtstätte 
sucht. Simplicius wird zum ersten Male Zeuge des Sexualverkehres. Die typische 
Auffassung einer solchen Szene durch die Kinder, die sie belauscht haben, gibt 
Freud mit folgenden Worten wieder: „Welches Stück desselben (sc. des Sexual- 
verkehres) dann immer in ihre Beobachtung fällt, ob die gegenseitige Lage der 
beiden Personen, oder die Geräusche oder gewisse Nebenumstände, sie gelangen 
in allen Fällen zur nämlichen, wir können sagen, sadistischen Auffassung des 
Koitus, sehen in ihm etwas, was der stärkere Teil dem schwächeren mit Gewalt 
antut, und vergleichen ihn, zumal die Knaben, mit einer Rauferei . . ." Ganz im 
gleichen Sinne schildert Simplicius seine Erlebnisse (IL Buch, 1. Kapitel, S. 93 
des Hallenser Neudruckes nach der Ausgabe von 1669). „Hierauff hörete ich 
küssen und vermerckte seltzame Posturen, ich wüste aber nicht was es war 
oder bedeuten sollte, schwieg dero wegen noch fürters so still als eine Mauß. 
Wie sich aber auch sonst ein possirlich Geräusch erhub und der Gänsstall, so 
nur von Bretern unter die Stege getäfelt war, zu .krachen anfing, zumalen das 
Weibsbild sich anstellete, als ob ihr gar weh bey der Sache geschehe, da gedachte 
ich, das seynd zwey von denen wütenden Leuten, die den Boden helffen eintreten 
und sich jetzt hierher begeben haben, da gleicher weis zu hausen und Dich 
ums Leben zu bringen." 

Aber noch eine zweite der von Freud aufgezeigten, kindlichen Sexual- 
theorien kommt in dem Buche zu Ehren. „Nur dass das Kind sich vom Ver- 
heiratetsein Lustbefriedigung verspricht und ein Hinwegsetzen über die Scham 
vermutet, scheint allen diesen Beantwortungen gemeinsam. Die Auffassung, die 
ich am häufigsten gefunden habe, lautet, „dass man voreinander xiriniert' 1 sagt 
Freud. Und Simplicissimus, später über die von ihm belauschte Szene befragt, 
schildert sie folgendermassen: „Ich antwortete, mich deuchte, er wolle im Stall 
sein Wasser abgeschlagen haben. Mein Herr fragte: „Was that aber die Jungfer 
dabey, schämte sie sich nicht?" „Ja wol, mein Herr," sagte ich, „sie hub den 
Rock auf und wollte darzu (mein hochgeehrter, Zucht-, Ehr- und Tugendliebender 
Leser verzeihe meiner unhöflichen Feder, dass sie alles so grob schreibet, als 
ich's damals vorbrachte) scheissen" (S. 99 a. a. 0.). 

Dr. Hanns Sachs. 

Zum Hamletproblem: Die folgende Stelle eines Dichters, dessen Werke 
eine reiche Fundgrube für die psychoanalytische Forschung abgeben, mögen als 
Dokument dienen für die grosse Betontheit und Wertigkeit des genannten Problems, 



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526 Varia. 

sowie für seine Zentralstellung im Seelenleben eines Künstlers vom Range Ger- 
hard Hauptmann, 's. Auf Seite 208 seines „Griechischen Frühling s" 
heisst es: „Seltsam wie das bange Gefühl, was der nahende Abend einflösst mit 
dem kleinen Kreis sonderbar banger Phantasiegestalten in Einstimmung ist, die 
für mich, seitdem ich ein bewussteres Leben führe, mit dem Namen Korinth ver- 
bunden sind. Schon vor etwa achtundzwanzig Jahren, während einer kurzen 
akademischen Studienzeit, drängten sich mir die rätselhaften Gestalten des Periander, 
seiner Gattin Melissa und des Lykophron, seines Sohnes, auf. Ich darf wohl 
sagen, dass die Tragödie dieser drei Menschen in ihrer unsäglich bittersüssen 
Schwermut all die Jahre meine Seele beschäftigt hat. 

Briander! Melissa I Lykophron! 

Briander auf dem Burgfelsen hausend, Tyrann von Korinth, allmählich ähn- 
lich wie Saul, ähnlich wie der spartanische König Pausanias, in einen finsteren 
Wahnsinn versinkend. Leidend an jenem unausbleiblichen Schicksal grosser 
Herrschernaturen, die nach erreichtem Ziel von jenen Dämonen verfolgt werden, 
die ihnen dahin lockend voranschritten. Er hatte die Einwohnerschaft Korinth s 
von den furchtbaren Felsen herunter terrorisiert und dezimiert Er hatte Lyside, 
die Tochter des Tyrannen Prokies, geheiratet, der zu Epidaurus sass. Die Gattin, 
zärtlich von ihm Melissa genannt, ward später von ihm aus unbekannten Gründen 
heimlich ermordet: zum wenigsten wurde ihr Tod Periandern zur Last gelegt. 
Prokies, Lysidens Vater, Hess eines Tages vor den beiden inzwischen heran- 
gewachsenen Enkeln, Kypselos und Lykophron, den Söhnen Melissen's und 
Periander's, Worte fallen, die besonders dem Lykophron eine Ahnung von dem 
Verbrechen des Vaters aufgehen Hessen, und diese Ahnung bewirkte nach und 
nach zwischen Sohn und Vater den tiefsten Zerfall. 

Der grosse Britte hat die Tragödie eines Sohnes geschrieben, dessen Mutter 
am Morde ihres Gatten, seines Vaters, beteiligt war. Er hat die psychologischen 
Möglichkeiten, die in dem Vorwurf liegen, nicht bis zu jeder Tiefe erschöpft. 
Wie denn ein solcher Gegenstand seinem Wesen nach überhaupt unerschöpflich 
ist, derart zwar, dass er sich selber in immer neuen Formjen, aus immer neuen 
Tiefen manifestieren kann. Vielleicht ist das Problem Periander- Lykophron noch 
rätselvoller und furchtbarer, als es das Rätsel Hamlet's und seiner Mutter ist. 
Dabei hat dieser göttliche Jüngling Lykophron mit dem Dänenprinzen Ähnlichkeit . . . 
man könnte ihn als den korinthischen, ja den griechischen Hamlet bezeichnen. 

Gleichwohl war in seiner Natur ein Zug von finsterer Entschlossenheit 

Während Periander in der wesentlichen Vereinsamung der Herrschbegier — 
denn der Herrschende will allein herrschen und wenn er auch andere Herrscher 
dulden muss, so erreicht er doch die Trennung von allen, das Alleinsein, immer 
gewiss. Er gräbt sich meistens jeden gemütischen Zufluss der Seele ab, wodurch 
sie denn, wie ein Baum bei Dürre, qualvoll langsam zugrunde geht. 

Also während Periander, sagte ich, vereinsamt, als Herrscher von Korinth, 
in seinem Palast auf dem öden Burgfelsen, mit den Dämonen und mit dem Schatten 
Melissen's rang, hatte sich Lykophron nicht nur von ihm abgekehrt, sondern von 
Grund aus alles und jedes, ausser das Leben 1 was er ihm zu verdanken hatte, 
— alles und jedes, was ihm durch Geburt an Glanz und Prunk mit dem Vater 
gemeinsam war, dermassen gründlich von sich getan, dass er, obdachlos und 
verwahrlost, in den Hallen und Gassen des reichen Korinth umherlungernd, von 
irgend einem andern Bettler nicht mehr zu unterscheiden war. 

Hier noch wurde er aber von dem allmächtigen Vater mit rücksichtsloser 
Strenge verfolgt, dann wieder mit leidenschaftlicher Vaterliebe; doch weder Härte 



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Varia. 527 

noch Zärtlichkeit vermochten den qualvollen Trotz der vergifteten Liebe abzu- 
schwächen. 

Die Tat des Periander wurde mit dem Schicksale dieses Lykophron zum 
Doppelmord: zum Morde der Gattin und des Sohnes. Und hierin liegt die Eigenart 
der Tragik, die in der Brust Periander's wütete, dajss er einen geliebten und be- 
wunderten Sohn, das köstlichste Gut seines späteren Lebens, plötzlich und un- 
erwartet durch den Fluch seiner hässlichen Tat vernichtet fand. Damit war ihm 
vielleicht der einzige Zustrom seines Gemütes abgeschnitten und das Herz des 
alternden Mannes ward von dem Grauen der grossen Leere, der grossen Öde 
umschränkt. 

Ich bin überzeugt, dass tiefe Zwiste unter nahen Verwandten unter die 
grauenvollsten Phänomene der menschlichen Psyche zu rechnen sind. In solchen 
Kämpfen kann es geschehen, dass glühende Zuneigung und glühender Hass parallel 
laufen — dass Liebe und Hass in jedem der Kämpfenden gleichzeitig und von 
gleicher Stärke sind: das bedingt die ausgesuchten Qualen und die Endlosigkeit 
solcher Gegensätze. Liebe verewigt sie, Hass allein würde sie schnell zum Aus- 
trag bringen. Was könnte im übrigen furchtbarer sein, als es die Fremdheit derer, 
die sich kennen, ist? 

Periander sendete Boten an das Totenorakel am Acher on, um irgend eine 
Frage, die ihn quälte, durch den Schatten Melissen 's beantwortet zu sehen. Melissa 
dagegen beklagte sich, statt Antwort zu geben und erklärte, sie friere, denn man 
habe bei der Bestattung ihre Kleider nicht mitverbrannt. 

Als die Boten heimkehrten, hierher nach Korinth, konnte Periander nicht 
daran zweifeln, dass wirklich der Schatten Melissen's zu ihnen geredet hatte, 
denn sie brachten in rätselhaften Worten die Andeutung eines Geheimnisses, 
dessen einziger Hüter Periander zu sein glaubte. 

Durch dieses Geheimnis wurde ein* perverses Verbrechen des Gatten ver- 
deckt, der seine Gattin nicht allein getötet, sondern noch im Leichnam missbraucht 
hatte: eine finstere Tat, die das schreckliche Wesen des Tyrannen gleichsam mit 
einem höllischen Strahl der Liebe verklärt. 

Er Hess nun in einem Anfall schwerer Gewissensangst die Weiber Korinths 
wie zum Fest in den Tempel der Hera berufen. Dort rissen seine Landsknechte 
ihnen gewaltsam Zierat und Festkleider ab und diese wurden zu Ehren Melissen's, 
und um ihren Schatten zu versöhnen, in später Totenfeier verbrannt. 

Periander, Melissa, Lykophron. Es hat immer wieder, während beinahe 
dreier Jahrzehnte, Tage gegeben, wo ich diase Namen lebendig in mir, ja oft auf 
der Zunge trug. Sie waren es auch, die, Sehnsucht erweckend, vor mir her- 
schwebten, als ich das erste Mal den Anker gehoben hatte, um hierher zu ziehen. 
Auch während der kleinen Schiffsreise jüngst durch den Golf von Korinth hat 
mein Mund zuweilen diese drei Namen lautlos geformt, nicht minder oft auf der 
Fahrt nach Akrokorinth. Und hier, im fröstelnden Schauder heftiger Windstösse, 
auf dem gespenstischen Gipfel des Burgfelsens, habe ich im kraftlosen Licht einer 
bleichen Sonne, die unterging, die fröstelnden Schatten Periander's, Melissen's und 
Lykophron's dicht um mich gespürt." Richard Wagner. 

Aus „Werner Sombart, Die Judenund das Wirtschaftsiebe n." 

„Das Phänomen, vor dem wir stehen, ist dieses: Ein seinem Blute nach 

über das normale Mass zur Geschlechtlichkeit veranlagtes Volk — eine projectissima 

ad libidinem genus nennt es Tacitus — wird durch die Satzungen seiner Religion 

zu starker Beschränkung des Geschlechtstriebes gezwungen. — — — — — 



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528 Varia. 

Dass aus dieser eigentümlichen, Lage sich für die Energieökonomie des jüdischen 
Mannes ganz bestimmte Konsequenzen ergeben mussten, sieht auch der Laie ohne 
weiteres ein (und sollte von dem medizinischen Fachmanne durch genauere Unter- 
suchungen wissenschaftlich festgestellt werden). Die Konsequenz, meine ich: dass 
starke Energien durch die Einschränkung des Geschlechtsverkehrs gebunden wurden, 
die sich nun in anderer Richtung — und diese Richtung war, angesichts der uns 
bekannten Lage der Juden während der ganzen christlichen Zeitrechnung, die der 
wirtschaftlichen Betätigungen — bewähren konnten. Aber man wird noch einen 
Schritt weiter gehen, und nicht nur ganz allgemein einen Zusammenhang zwischen 
Beschränkung des Geschlechtstriebes und wirtschaftlicher Energie, sondern noch 
einen besonderen Zusammenhang herzustellen versuchen müssen zwischen jener 
partiellen Sexualaskese und dem Erwerbstriebe. Hierfür fehlen uns einstweilen 
noch die notwendigen wissenschaftlichen Unterlagen. Der einzige Forscher, soviel 
ich sehe, der dieses — für alle moderne Soziologie grundlegende — Problem be- 
rührt hat, ist der Wiener Psychiater Freud. In seiner Lehre von der „Ver- 
drängung der Triebe** ist gelegentlich die Abdrängung des Geschlechtstriebes in 
der Richtung des Gelderwerbstriebes wenigstens als möglich angedeutet. Hier 
sollten die fachwissenschaftlichen Untersuchungen einsetzen. Denn mit den laien- 
haften Feststellungen, die wir ja freilich täglich machen können: dass feigneurales 
Wesen sich gern in einer Vereinigung von Liebesverschwendung und Geldverschwen- 
dung darstellt, während Knickerigkeit, Geiz, Habsucht, hohe Geldbewertung über- 
haupt Hand in Hand gehen mit einem verkümmerten oder doch kümmerlichen 
Geschlechtsleben — mit solchen Beobachtungen im Alltagsleben dürfen wir uns 
nicht vermessen, dieses tiefeingreifende Problem zu lösen. Immerhin kann mir 
das Recht nicht abgesprochen werden, dieses Argument — wenn auch einstweilen 
nur in Form der Hypothese — in die Kette meiner Beweisführung einzufügen; 
d. h. also die Behauptung aufzustellen;, dass ein guter Teil der spezifisch kapi- 
talistischen Befähigung des Judenvolkes auf die partielle Sexualaskese zurück- 
zuführen ist, zu der die jüdischen Männer von ihren Religionslehrern gezwungen 
wurden. 4 * Mitgeteilt von Dr. H i l f e r d i n g. 

Brain (Part. C. XXXI. Vol. XXXIII. 1911), das englische Journal für 
Neurologie, bringt drei grosse Arbeiten; über Hystierie. Die erste von J. A. Or- 
merod „Two Theories of Hysteria** akzeptiert die Lehre Janet's von der 
Id6e fixe und der Einschränkung des geistigen Gesichtskreises, lehnt aber die 
Verallgemeinerung der Freud-Breuer 'sehen Hysterielehre ab. „Wenn schon 
der Meister dieser Methode Täuschungen, unterliegt, um wie viel häufiger muss 
das bei den Schülern vorkommen. S. A. K. Wilson erläutert „Some Modern 
French Conceptions of Hysteria" (Babinski-Janet-Clapar&de, Ray- 
mond und S o 1 1 i e r). Zum Schluss ein ausgezeichneter Artikel von B e r n a r d 
Hart „Freud's Conceptions of Hysteria" mit einem vollständigen Index der 
gesamten Freud- Literatur (281 Nummern !). H a r t 's Artikel ist instruktiver 
Natur und fordert zur Nachprüfung der Freud 'sehen Mechanismen auf. 

Dr. W. St 



In der autobiographischen Erzählung „Joggeli" des schweizerischen Dichters 
J. C. Heer finde ich nachfolgende Stellen, die die Erfahrungen unserer Analyse 
bestätigen. 

1. „Von Anfang an war er wegen ihrer sonnigen, braunen Augen in seine 
junge Mutter verliebt. 41 (S. 9.) 



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Varia. 529 

2. „Beim Bilde seines Vaters verwirrten sich seine Gedanken. Er sah einen 
grossgewachsenen Mann mit bärtigem Gesicht und strengen Zügen, einer grossen, 
freien Stirn unter struppigem, kurzem Haar, mit milden, blauen, leuchtenden 
Augen unter buschigen Brauen. Er wusste aber nicht recht, ob es der 
Vater sei oder der liebe Gott" (S. 19.) 

3. Der Dienst der Schrifts teilerei ist hart und keiner weiss, wie lange ihn 
sein Talent trägt. Selbst im Erfolge liegt Gefahr. Und durch sein gesteigertes 
Phantasieleben bleibt der Dichter stets eine etwas schwankende Gestalt, die das 
Schicksal härter als andere anzugreifen liebt. Drum soll nur Schriftsteller werden, 
wer es aus innerster Not werden muss, wer für seine Kunst hungern und zugrunde 
gehen kann. Wohl hat die Schriftstellerei hohe, herrliche Stunden wie kaum ein 
anderer Beruf. In der stillen Arbeit wird sich der Erzähler manchmal selbst zum 
Geständnis. In der ödesten Wildnis, die nur je eines Menschen Fuss betreten hat, 
ahnt er darstellenswerte Geschicke, in seiner Klause schwebt ein Reigen geister- 
hafter Gestalten und bitten und betteln: „Gib uns Blut, Leben und — Seele I* 
Woher die strömende Kraft, die drängende Fülle der Bilder? Er fühlt sich unter 
ihnen mächtig wie der Zauberer Faust und überglänzt von der Schöpfergewalt 
dessen, der Himmel und Erde erschaffen hat. Wenn aber endlich sein vollendetes 
Buch daliegt, so spricht der Schriftsteller nicht: ,Siehe, es ist alles gut! 4 Denn 
die Schriftstellerei ist keine Mathematik, Wollen und Können gehen nicht ohne 
Rest ineinander auf und wegen dieses quälenden Restes, den niemand tiefer als 
der Schriftsteller selber empfindet, behält vor seinem inneren Auge nur das 
Werdende und die heilige Hoffnung auf Besseres Recht. So hat er leicht be- 
scheiden bleiben und den Spruch Salomo's beherzigen: ,Es ist alles eitel I 4 So- 
lange wir aber nicht so weise wie der grosse Lebenskenner der Psalmen sind, 
schätzen wir die Güter der Welt nach den Schmerzen, mit denen wir sie errungen 
haben. 44 S. 326—328.) Sadger. 

Das „Blatt der Hausfrau" veröffentlicht ein Preisausschreiben „Kinder- 
mund 44 . Wir entnehmen den Aussprüchen der Kinder die beiden folgenden: 

— „Einmal fragte mich der kleine Friedl : „Mama, wohin wird denn 
der Papa gehen, wenn ich einmal gross bin? 44 Auf meine Präge, 
was er damit meine, sagte er: „Ja, zwei Herren bei einer Frau können 
ja nicht s ein! 44 — 

— Man darf nicht zur Tante gehen, Tante hat einen verdorbenen Magen ; den 
nächsten Tag ist ein Baby da. Nach Wochen hat die sechsjährige Edith einen 
verdorbenen Magen, wie der Arzt konstatiert. Edith : „Na, warten wir nur 
bis morgen, vielleicht bekomme ich auch bloss ein kleine^ 
Kind! 44 — 

Depression und Geschlechtstrieb. Ein Patient schreibt mir: „Ich beob- 
achtete an mir, dass wenn ich in einem Stadium tiefer seelischer Depression 
lebe, die vitalen Bedürfnisse sich ungemein steigern. In solchen Momenten neige 
ich zur Fressucht, unbewusst um dem Dasein andere Freuden abzunötigen. 
Die Sexualität steigert sich kolossal. Auf ähnlichen Gründen scheint die grosse 
Kinderzahl in armen Familien zu beruhen. 

Später finde ich in L e n a u 's Faust folgende Stelle (S. 239) : Mephistopheles 
spricht : 

„Am Menschen ist's ein mir beliebter Zug, 

dass, wenn's Geschick ihm eine Wunde schlug, 

wenn ein Verdruss die Seele ihm erweicht, 

der Sinnenreiz viel freier ihn beschleicht, 

als wären alsdann seiner Sinne Wächter, 



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530 Varia. 

die doch am Ende nur gedungne Fechter — 
vom Schmerz berauscht, verschlafen an der Pforte.' 1 
Was hier Lenan ausspricht, das hat Goethe nicht gesagt, aber 
im Drama durchgeführt. Dies ist die psychologische Ursache der Wandlang Faust's. 44 

Stekel. 

Die „Traumdeutung" von Freud (Verlag: Franz Deuticke, Wien und Leipzig, 
1911) ist in dritter vermehrter Auflage erschienen. In der Vorrede betont der 
Verfasser, dass er es versucht hat, der Entwicklung der Traumdeutung nach der 
symbolischen Richtung gerecht zu werden. „Ich getraue mich vor herzusagen, 44 
— führt der Autor aus — „nach welchen anderen Richtungen spätere Auflagen 
der Traumdeutung — falls sich ein Bedürfnis nach solchen ergeben würde — von 
der vorliegenden abweichen werden. Dieselben müssten einerseits einen engeren 
Anschluss an den reichen Stoff der Dichtung, des Mythus, des Sprachgebrauches 
und des Folklore suchen, anderseits die Beziehungen des Traumes zur Neurose 
und zur Geistesstörung noch eingehender, als es hier möglich war, behandeln.*' 

Die Zeitschrift für Straf rech tswissensehaft (XXXI. Heft 7) bringt folgende 
Ausführungen, die keines Kommentars bedürfen: 

„Über Freud's Anschauungen unterrichtet am kürzesten eine kleine Schrift: 
Über Psychoanalyse (Leipzig u. Wien 1910, Deuticke). Sie ist die Wieder- 
gabe von fünf Vorlesungen, die Freud 1909 in Amerika gehalten hat. Sie sind 
weniger geistvoll, als manche andere Arbeiten des zweifellos in seiner Art originellen 
Verfassers, ja, sie stellen sich, wohl absichtlich, auf ein recht niedriges Niveau 
des Lesers ein, aber gerade deshalb zeigen sie den Inhalt der Freud 'sehen Lehre 
recht einfach und klar. Wenn Freud sich und die Bedeutung seiner Lehre stark 
überschätzt und die Psychiater, von denen er vieles, zum Teil sogar die elemen- 
tarsten Kennbiisse noch abzusehen hat, mit scharfen Worten als unfähig hinstellt, 
so muss man ihm zugute halten, dass blinde Begeisterung seiner 
Anhänger ihn verwöhnt hat; wird doch die psychologische Analyse der 
Symptome, die eigentlich nur an der Oberfläche des gebrauchten und gehörten 
Wortes kleben bleibt, geradezu als „Tiefenpsychologie" bezeichnet. Das Aufsehen, 
das Freud's Lehre gemacht hat, verpflichtet wohl auch den Krirainalpsychologen, 
nicht achtlos an ihr vorüberzugehen, zumal sich bereits Geistliche und Erzieher 
psychoanalytisch betätigen. Es ist wohl für den Nichtpsychiater schwer, sich 
selbst ein Urteil zu verschaffen, wenngleich wohl der erste Eindruck auf jeden 
Unbefangenen wejiig geeignet ist, Freud's seltsamen Wortdeuteleien und Ver- 
wertungen Freunde zu erwerben. Ich will damit niemanden abschrecken, dass 
•ich erkläre, ich halte die ganze Lehre von Anfang bis zu 
Ende für falsch; aber wenigstens das eine möchte ich warnend hinzufügen, 
wer sich ernsthaft mit Freud und seiner Schule befassen will, der mag es tun, 
aber er mag sich gleichzeitig hüten, das Erlernte gleich als praktisch verwertbar 
anzusehen, wie es leider vielfach geschieht" 

Wir ersuchen alle unsere Leser und ständigen Mitarbeiter, uns Separata 
aller ihrer Arbeiten ohne spezielle Aufforderung einzusenden. Autoreferate 
sind uns immer willkommen, da sie dem Zwecke des Zentralblattes, rasch und 
objektiv über alle Neuerscheinungen zu berichten, besonders entsprechen. 



Alle Manuskripte und Rezensionsexemplare sind direkt an den Schriftleiter 
Dr. Wilhelm Stekel (Wiens I. Gonzagagasse 21 — im Sommer Ischl, Kaltenbach- 
strasse 26) zu senden. 



f^nj^nfi. Original frorn 

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Neuester Verlag von J. F. Bergmann in Wiesbaden. 

Die Wahrheit über die Irrenanstalten. 

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Geisteskrankheit und Verbrechen werden hier in ihren wechsel- 
seitigen Beziehungen erörtert, indem der Verfasser ausgeht von seinen eigenen 
Erfahrungen bei der gerichtsärztliohen Anstaltsbeobachtung von Untersuchungs- 
gefangenen auf zweifelhafte Geisteszustände. Die ganze Darstellung ist berechnet 
auf ein gebildetes Laienpublikum, dem gewiss ein solcher Einblick in die wich- 
tigsten Fragen der gerichtlichen Psychopathologie willkommen sein dürfte. Zeigt 
sich doch ein unverkennbarer innerer Zusammenhang zwischen einzelnen Krank- 
heitsformen und bestimmten Rechtswidrigkeiten. Versucht hierfür die vorliegende 
Schrift die wichtigsten Gesichtspunkte zu ersch Hessen , so hatte sie besondere 
Aufmerksamkeit den weniger offenkundigen und den schwerer verständlichen 
Formen von krankhaften Störungen der Geistestütigkeit zu widmen. 



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Das Bach ist für gebildete Leser geschrieben. Es behandelt in ein* 
sehender Weise das Thema in zwei Hauptkapiteln, von denen das erste der 
Lehre von der geistigen Arbeitskraft überhaupt gewidmet ist, wobei besonders 
die Ursachen der physiologischen und pathologischen Schwankungen ausführ- 
lich besprochen werden. Der zweite Teil ist der Hygiene der geistigen Arbeits- 
kraft gewidmet. Diese Lektüre möchten wir vor allem auch den Lehrern 
unserer Schulen empfehlen, sie werden dem Buche manche Anregung, viel 
Belehrung entnehmen können. Es sei auch darauf hingewiesen, dass es sich 
keineswegs um eine rein medizinisch-hygienische Schrift handelt, sondern es 
kommt ihr in grösserem Masse volkswirtschaftliche Bedeutung zu. 

Aargauer Tageblatt. 
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Die in der ersten Auflage von einander räumlicb getrennte Darstellung 
der medikamentösen und diätetischen Therapie der Magendarmkrankheiten, 
die bei der sonst aasgezeichneten Durchführung der Lektüre und die Qrien- 
ierung für den Praktiker sehr erschwerte, ist jetzt durchgreifend geändert 
und in ein Lehrbuch umgewandelt worden, welches die für eine kausale The- 
rapie unerlässlichen Abschnitte über Ätiologie, Patologie, Symptomatologie 
und Diagnose der modernen Forschung entsprechend eingehend behandelt. 
Trotzdem liegt der Schwerpunkt und Wert des Buches unzweifelhaft in dem 
therapeutischen Teil» in dem logischen Heilplan, den der Autor nieht nur auf 
klinische Empirie, sondern auch auf experimentell-biologische Basis aufbaut. 
Die grosse praktische Erfahrung, die aus dem Buche spricht, und die zahl, 
reichen eigenen Arbeiten des Autors auf dem Gebiete der Verdauungskrank- 
heiten werden dem neuen Buche jenen Erfolg sichern, den es durch seine 
inneren Vorzüge verdient. Prager med. Wochenschrift. 



Grundriss der Stoffwechselkrankheiten und Konstitutions- 

ähOITI&lien unter besonderer Berücksichtigung ihrer physikalisch-diäte- 

— tischen Behandlung. Von Dr. Arnold Wilke, dirig.Arzt 

Königstein im Taunus, Mk. 6. — , geb. Mk. 7. — . 



Lehrbuch der Lungentuberkulose, 



Von Prof. Dr. Alfred Möller, 
Berlin, Spezialarat für Lungen 
kranke, vormaliger dirig. Arzt der Lungenheilanstalten in Görbersdorf und 
in Beizig. M. 7. — , geb. Mk. 8.—. 



Der Umschwung in der Syphilisbehandlung ira er8teD Jahrzelmt 

. des XX. Jahrhunderts 




und die jetzige Lage, 
gestellt von Prof. Dr, 



Zur raschen Orieutierung für den Praktiker dar- 
Touton und Dr. Fendt in Wiesbaden. Mk. 2. — 




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