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Full text of "Zentralblatt für Psychoanalyse. Medizinische Monatsschrift für Seelenkunde. I. Jahrgang 1911 Heft 12"

Zentralblatt 



für 

Psychoanalyse 

Medizinische Monatsschrift für Seelenkunde. 

Herausgeber: 
Professor Dr, Sigm, Freud. 

V , / Schriftleiter; 

Dr. Wilhefm Sfekel/ 

Wien I. QonzQQQgasse 2t. 

Unter Mitwirkung uon: 

Pr. Kart Abraham, Berlin; Dr. R.^, flssagiolf, Florenz; Dr. Ludmio BinsiuanaBr 
Kreuzlmgen; Dr. Poul Bjerre, Stockholm; Dr. fl. fl. ßr I, Nei^i'o " Dr M 
Eitmgo^, Berhn; Dr P. Epsfein, Kieu.; Dr'. S. Fcre.cri, Bud pestTor Wax Graf' 

Toron^„ br ^^H«'!".'"!^^*'"' ^%'}H ^'- ^- "itschmann, Wien Dr. E. Jones 
Toronto; Dr. Otto Julmsbiirger, Steglitz; Dozent C. G. Juno, Zürich- Dr F I 
Krauss, Wien; Professor August u. Luzenberger, Neapel; P?of. Qu stau Mode na 
flncona; Dr. Atfons Mäder, Zürich; Dr. Rfcfiard Hejal eck; Wien DozJntll' 

Ra"rWie?°DrR ^üS'^Z "'*,^*'%^"^'^S.'. ?.'■ ^'"^'^ Putnar^,' Boston! OlVö 
of r ^Jtf k- , ''"n^'k ^'f"' ^' '^'■^"^ •'''*''"' -^"fi'h; Dr. ]. Sadger, Wien- 
Dr. L. Seif. MLmch.n; Dr. fl. Sfegmattn, Dresden; Dr. M. Wulff, Odessa; D?. eS 

Wulff en, Dresden. 



I. Jahrgang Heft 12. 

September. 

Festnummer mit einem Porträt des Herrn Prof. Dr. Sigm. Freud. 

Van Dijck-Druck uon Woriz Frisch in Wien. 



Wiesbaderr. 

Verlag uon J. F. Bergmonn. 



1911. 



üA rr'^*'Lu*^*' erscheinen 12 Hefte im Qesamt-Umfang uon 36 bis 
40 Druckbogen zum Jahrespreise uon 15 Mark 



Origirtaf from 
UNIVERSITVOF MICHIGAN 



Verlag von J, F. Bergmann in Wiesbaden. 
Soeben erschiim: 

SjiezieUe Diagnostik 
uiid Tlierapie 

in kurzer Darstellung mit Berücksichtigung aller 
Zweige der praktischen Medizin. 



Bearbeitet von 

Prof, Dr. J. Ä rne fh -MÜQater i. W,, Dr. H, B eu tte ßmä llcr-Bnd Lieben stein ^ 
Prof. Dr. E. B lach -Frei bürg i B., Prof. Dr. F. From me-Berlm^ Stabsurzt 
Dr. W, G u 1 1 m an n -Mülhelm-Rühr, Obcr&tabsm'st Dr. H, Hüaeukiiopf -Strafli- 
b u rgj Sunitiita ra t Dr. II ä x J o s e p h - B e rl in j Pri m ära ist Dr. H. Kaposi« Bredöu , 
Oberstabsanct Prof- Dr. F, Kayser-Köliij Geh. Senitätsrat Prof. Dr, E* Lesftr- 
Fmakfurt a. M., Prof. Dr. J. Baecke-Frankiurt a. M., Prof. Dr. F. Sclüeck- 
Gutticgfn, Prof. Dr. S. Soh oen bom^Heiilelberg, Dr. Mai Senator 'Berlin, 
Prof, Dr, L. W, Webest -Göttmgftü. 



Horaiiagegobea von 

Stabsarzt Dr. Walter Guttniaun 

in UülheiBi-EtihT. 



Bcis g€b. ML lOM. 




i£Bt 



Original! f rom 

UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Verlag von J. F. Bergmann in Wiesbaden. 



Grenzfragen 

des 

Nerven- und Seelenlebens. 

Im Vereine mit hervorragenden Fachmännern des In- und Auslandes 

herausgegeben von 
Dr« Li. LfOewenfeld in München. 



25. Der EInfluss des Alkohols auf das Nerven- und Seeleoleben. Von Dr. 

E. Hirt in München. M. 1.60 

26. Berufswahl und Nervenleiden. Von Prof. Dr. A. Ho ff mann in Düssel- 
dorf. M. —.«0 

27. Individuelle Geistesartuni: und Oeistesstörung. Von Direktor Dr. 
Th. T i I i n g , St. Petersburg. M. 1.60 

28. Hypnose und Kunst. Von Dr. L. Loewenfeld in MQnchen. M. —.80 

29. Musik und Nerven, I. Naturgeschichte des Tonsinnes. Von Dr. Krnst 
J e n 1 8 c h in Breslau. M. 1. — 

30. Uebunii; und Gedächtnis. Eine physiol. Studie. Von Dr. Semi Meyer 
in Danzig. M. 1.80 

31. Der Fall Otto Weinlnj^er. Eine psychiatrische Studie. Von Dr. Ferd. 
Probst in MQnchen. M. 1. — 

32. Die Frau in der Kulturbewe£unj[ der Gegenwart Von Dr. Gertrud 
Bäumer, Berlin. Mit emem Vorwort von Dr. Loewenfeld. M. 1.30 

38. Psychiatrie und PädagOjrik. Von Dr Georg Wanke in Friedrichroda. 

M. -.80 

34. Trunksucht und Temperenz in den Vereinigten Staaten. Studien und 
Eindrücice von Dr. B. L aquer in Wiesbaden. M. 1.50 

35. (Jeher das Bewusstsein, seine Anomalien und ihre forensische Bedeutung. 
Von Dr. med L. M. Kots eher in Hubertusburg. M. 2.40 

36. Gehirn und Sprache. Von Duzent Dr. Heinr. Sachs in Breslau. 

M. 3.— 

37. Zur vergleichenden Psychologie der verschiedenen Sinnesqualitäten. Von 
Prof. H. Obersteiner in Wien. M. 1.60 

38. Ueber die geistige Arbeitskraft und ihre Hygiene. Von Dr. L. Loewen- 
feld in München. M. 1.40 

39. Die Bedeutung der Suggestion im sozialen Leben. Von Professor Dr. 
W. V. Bechterew in iSt. Petersburg. M. 3.— 

40. Die Temperamente, ihr Wevsen, ihre Bedeutung für das seelische Erleben 
und ihre besonderen Gestaltungen. Von Dr. E. Hirt in München. 

M. 1.80 

41. Nervenleben und Weltanschauung. Ihre Wechselbeziehungen im deutschen 
Leben von heute. Von Dr. Willy Hellpach in Karlsruhe. M. 2. — 

42. Alkohol und Kriminalität in allen ihren Beziehungen. Von Dr. Hugo 
Hoppe in Königuberg. M. 4.— 

43. Die individuelle und die soziale Seite des seelischen Lebens. Von 
Dr. Chr. D. Pflaum in Rom. M. 1.60 

44. Gehirn und Kultur. Von Dr. Georg BuRchan. M. 1.60 

45. Die Persönlichkeit und die Bedingungen ihrer Entwicklung und Gesund- 
heit Von Prof. Dr. W. D. Bechterew in St Petersbur»^. M. 1.— 

46. Rechtsschutz und Verbrecherbehandlung. Aerztlich-naturwissenschnftliche 
Ausblicke auf die zukünftige Krimmalpolitik. Von Dr. Emil Lobedank, 
Stabsarzt in Hann.-Münden. M. 2.40 



Digitized by GOOJ^ 



gfna-f from 
UNIVER^ITVOF MICHIGAN 



Verlag von J. F. Bergmann in Wiesbaden. 



Grenzfragen 

deB 

Nerven- und Seelenlebens. 

Im Vereine mit hervorragenden Fachmännern des In- und Auslandes 

herausgegeben von 
Dr. L. Loeivenfeld in Manchen. 



47. Der Schmerz. Eine Untersuchung der psychologischen und physiologischen 
Bedingungen des Schmerzvorganges. Von Dr. Semi Meyer in Danzig. 

48. Die Eiobiidung als Krankheitsarsache. Von Professor Dr. Dubois in 
Bern. M. 1.- 

49. Liebe and Psychose. Von Dr. Georg Lomer in Nieder-Schönhausen 
b Berlin. M. 1.60 

50. Die abnormen Charal^tere bei Ibsen. Von Prof. Dr. G. Weyeandt 
in Würzburg. M. —.80 

51. Oeisteslcranlcheit and Verbrechen. Von Medizinalrat Dr. H. Krauser, 
Direktor der Kgl. Heilanstalt Winnenthal. M. 1.80 

52. Das Erwachen des Qeschlechtsbewusstseins and seine Anomalien. Von 
Dr. L. M. Kötscher in Hubertusburg. M. 2.— 

53. Gotenbarger System and Alkoholismas. Von Dr. B. La quer in Wies- 
baden. M. 2.40 

54. Der Urm. Eine Kampfschrift gegen die Geräusche unseres Lebens. Von 
Theodor Lessing. M. 2.40 

55. Gmndbegriffe der Ethik. Von Chr. v. Ehrenfels, o. Professor der 
Philosophie an der Universität in Prag. M. —.80 

56. Sexaalethik. Von Chr. v. Ehrenfels, o. Professor der Philosophie an 
der Universität in Prag. M. 2.80 

57. Hofflosexoalitlt and Strafgesetz. Von Dr. L. Loewenfeld in München. 

M. 1.- 

58. Landilafige Irrtfimer in der Beurteilang von Geisteskranken. Von 
Privatduz. Dr. 0. Bumke, Freiburg. M. 2.— 

59. Konrad Ferdinand Meyer. Eine pathographisch-psychol. Studie. Von 
Dr. J. Sadger, Wien. M. 1.40 

60. Gay de Maapassants Krankheit. Von Dr. G. Vorberg, Hannover. M. —.80 

61. Die Emanation der psychophysischen Energie. Von Dr. Na um Kotik 
in Moskau. M 3.20 

62. Das nnterbewasste Ich and sein Verhiltnis za Gesandheit and Erziehnng. 
Von Dr. Louis Waldstein. Autorisierte Lebersetzung von Frau 
Dr. Veraguth. M. 2.— 

63. Die Verstimmnngszastinde. Studie von Professor Dr. A. Pilcz in Wien. 

M. 1.25 

64. lieber psychopathische Persönlichkeiten. Eine paychopathologische Studie. 
Von Dr. Carl Birnbaum in Buch-Beilin. M. 2.50 

65. Dichtung and Nearose. Bausteine zur Psychologie des Eünstlf-rs und 
des Kunstwerkes. Von Dr. Wilhelm Stekel in Wien. M. 2.— 

66. Tolstoi als Charakter. Eine Studie auf Grund seiner Schriften. Von 
Hans Freimark in Heidelberg. M. —.80 

67. Ueber die Dementia praecox. Streifzüge durch Klinik und Psychopatho- 
jie von Priv.-Doz. Dr. E. Stransky in Wien. M. 1.20 



3y Google 



OrfgfrTaffrom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Verlag vod J. F. Bergmann in Wiesbaden. 



Grenzfragen 

des 

Nerven- und Seelenlebens. 

Im Vereine mit hervorragenden Fachmännern des In- und Auslandee 

herausgegeben von 
Dr* Lh LrO&wenfeld in München. 



68. lieber die körperlichen Seglei terec bei nungen psychischer Vorf iore. Von 

Privatdozent i>r. med. Oöwald Bunike, Frei bürg i, ö* Sf, — .6& 

6d. Kant und Swedenborg. Von Lio. Rieh. Ad. HoffmaDD , a, o. Prafeeaor 

an der üniveraität Königsberg. M. —,80 

70. Heinrich von Kleist Eine pathographisehpayt^hologhühe Studie. Ton 
Dr, X Sadger, Nervenarzt in Wien, M, löO 

71. Stadien über die Genealogie und Psychologie 'der Musiker. Von Dr. 
Oawftld Fei&, Arzt in it^runkfurt a, M. M. 2.40 

72. Die jugendlichen Verbrecher im gegenwärtigen und zukünftigen Strnf- 
recht Von Prof. Dr. Ernst Schul Uft in ÖreifawAld, M. 2.— 

73. Cesare Lontbroso als Mensch uud Farscfaer. Von Dr H. Kurella, 
Nervenarzt in Bonn. M* 2.40 

74. AbstineDz oder Massigkeit? Von Dr.Forel, vorm* Professor in Zürich. 

Mk -.65 

75. Berühmte Homosexuelle. Von Dr, Alb. MoU in Berlin. M^ 2.40 

76. Vam deutschen Plutarch. Ein Beitrug zur Entwickelungsjtieschichte dea 
deutücliün Klaösizisrnua. Von Dr. h, Hadöe in Königsberg. M, 2.60 

77. Erblichkeit und Erziehung in ihrer individnelleD Bedeutung. Von Dr. 
Julius ßsyerthal in Worms. M. 2. — 

78. Musik uud Nerven. IL Das musikalische QefuhL Von Dr, Ernsi; 
Jentsch in Breslau. M. 2.80 

79. Die krankhafte Willeusschwlche und ibre Erscheinungsformen. Eine 
psychopathologische Studie von Dr Karl Hirnbaum in Berlia- Buch. M. 2. — 

80. Zur Psychologie und Psj^chopathologie des Dichters. Von Dr. O. Hin- 
richsen. Pnvatdozenl in Üaisel. M. 2.80 

Musik und Nerven. 

Von Dr. Ernst Jeiltseli in Breslau. 

L Nato r^esch ich te de» Tonsinneä, Preia Mk, 1.—, 

U. Das muBikullsehe Ge^jh!. Pr«is Mk. 2.80. 

Der Autor vorliegenden llefteis liat sich die dankbare Aufgabe gestellt, 
die Grundlage des muaikaliacben GenuesieSt den Tansinn und die diesem 
dienenden vvuu derbst ren Einrichtungen des menschlichen Organismus nach dem 
derzeitigen Standpunkte der Wiaäensch^ift in groasen ZQgen zu scbilderi:. Im 
An^chlaaa daran behandelt er den Ton sinn in der Tierwelt und die merk* 
würdige TatäacL^ der Existenz musikaliächer Russen. Die überaus klaren » 
zum Teil duicb Abbildungen erläuterten Ausführungen des A.utora dürften das 
InUreaae aller Musikfreunde beanspruchen. Ein zweite » Ht^ft wird einige 
weitere interessante Kapitel aus dem Gebiet Musik und Nerven bringer. 



Kfl, irblYarvluLHljiit|;ertE U, KtuJt^ A^G. 




Dem III. f*sydioarioiy tischen Kongress 
geiüidrr^ef yon fltri Wietiar Schütern. 



[Festgruss an den dritten psychoanalytischen 
Kongress in Weimar* 

Zum dritten Male versammeln sich die Anhänger der von Freud 
begründeten psychoanalytischen Wissenschaft, um sich von Angesicht 
zu Angesicht zu schauen, Erfahrungen auszutauschen, neue Anregungen 
zu gewinnen und sich in der Überzeugung zu stärken, dass sie sich 
auf dem richtigen Wege befinden. Wir haben alle das Bedürfnis zu 
fühlen, dass wir nicht allein stehen, und dass wir einer grossen Schule 
angehören, deren Jünger über die ganze Erde verbreitet sind. Jeder 
einzelne von uns steht gegen eine Welt von Widersachern, muss sich 
trotz des Hohnes, und Spottes der Gegner behaupten und seiner Über- 
zeugung schwere Opfer ideeller und manchmal auch materieller 
Natur bringen. Wir wissen es, dass unser die Zukunft ist 
Allein der Mensch kann ohne die anerkennende Resonanz der Mitwelt 
nicht schaffen und leben. Er muss seinen Glauben an dem Glauben 
der anderen aufrichten. Dies ist der tiefe Sinn der psychoanalytischen 
Kongresse, die uns eine Herzenssache geworden sind. 

Freilich, wenn wir auf die früheren Jahre zurückblicken, so 
haben wir einen gewaltigen Fortschritt, zu verzeichnen. Wir gehören, 
«iner einzigen grossen Organisation an, welche die vereinzelten, zer- 
splitterten Kräfte gesammelt und zu einer grossen Kraft vereinigt hat. 
Unter der zielbewussten Leitung unseres Präsidenten C. G. Jung 
entsteht Gruppe um Gruppe. Nach Wien und Zürich kamen Berlin, 
München und die beiden amerikanischen Organisationen. Andere 
Oruppen zeigen die ersten Kristallisationspunkte. 

Und wir können es mit Stolz sagen, dass unsere Lehre, die die 
Lehre Freud 's ist, täglich mehr Anhänger wirbt und unaufhaltsam 
fortschreitet. Auch wir können ausrufen: „La veritö est en marchel" 
Nicht nur wenn man die Stimmen der Freunde wägt, nein, wenn man 
sie nur zählt, erweist es sich, dass wir uns schon einer stolzen, arbeits- 
freudigen Gegenwart rühmen können. Aus den fernsten Orten der 
-alten und neuen Welt strömen die Freunde zusammen, die an dem 
stolzen Werke mitarbeiten, das nicht nur bisher als unheilbar betrachtete 
Kranke heilen, bisher als dunkle Rätsel aufgefasste Leiden erklären, 
sondern auch eine neue, gesündere, ehrlichere Auffassung des Lebens 

ZentralblaU Ittr PsyeboaoAlyM I*. 86 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

:3yV_:-UUglt UNIVERSITYOF MICHIGAN 



532 Festgrass an den dritten psychoanalytischen Eongress in Weimar. 

und seiner Äusserungen, eine Befreiung der Menschheit von drückenden 
Vorurteilen anbahnen will. 

Wir fühlen uns an diesen Tagen des Festes als Brüder eines Ordens, 
der von jedem einzelnen Opfer im Dienste der Allgemeinheit fordert. 
Wir kennen uns alle, — denn die Psychoanalytiker sind fleissige 
Arbeiter, von deren rastlosem Streben zahlreiche Werke, die bald nicht 
zu übersehen sein werden (in jedem Sinne des Wortes), Zeugnis ab- 
legen. Wir haben von- und über-einander gelesen und gehört und 
kommen zusammen, um einander auch r e d e n zu hören. Unser Kongress 
richtet sich nicht an die Öffentlichkeit; er ist eine vertrauliche Zu- 
sammenkunft. Wir drücken einander die Hände und sagen zueinander: 
„Habe Dank für alle Anregungen, die Du uns schon gegeben hast und 
die Du uns noch geben wirst!" 

Die Sehriftleitung des Zentralblattes. 



C^ nonl^ Orrgmaf fnom 

:3yV_:-UUglt UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Originalarbeiten* 



Persönliche Erfahrungen mit Frend^s 
psychoanalytischer Methode. 

Tortrag gehalten auf der 86. Jahreaversammlong der „American Neorological 
AflBociation*, 2., 8. und 4. Mai 1910 1) Yon 

James J. Pntnam, M.D. 
Professor der Neorologie an der Harvard Medical Sehool, Boston» Mass. 

Ich hege die Vermutung, dass es in unserer Gesellschaft eine 
Anzahl von Neurologen gibt, deren Stellung zu Preud's Methode 
der Untersuchung und Behandlung einer grossen, wichtigen und ver- 
hältnismässig wenig beachteten Krankheitsgruppe — einer Methode, 
welcher der Name „Psychoanalyse** beigelegt wurde — eine ähnliche 
ist, wie ich sie selbst noch vor ungefäir einem Jahre eingenommen 
habe. Mich hatten lange vorher einzelne seiner Behauptungen abge- 
stossen, und obwohl ich verschiedene seiner Schriften gelesen hatte, 
schenkte ich doch den darin behandelten Problemen nicht die ihnen 
gebührende Aufmerksamkeit, bis, vor wenigen Monaten, im vergangenen 
September Freud und Jung nach Amerika kamen und kurze Vor- 
lesungskurse an der Clark Universität in Worcester hielten. Seither 
habe ich, in mehr oder minder vollständiger, manchmal sogar ziemlich 
unvollkommener Weise, etwa zwanzig Kranke behandelt, die an Angst- 
neurose, Hysterie, Neurasthenie, Phobien und Zwangsimpulsen litten. 
Darunter befand sich auch ein Fall von Impotenz und einer von 
Stottern, welche mich beide ausserordentlich interessierten. 

Diese Gruppe von Fällen scheint mir für den Zweck meiner Mit- 
teilung darum von besonderer Bedeutung, weil ich manche von diesen 
Patienten schon früher behandelt hatte — einige von ihnen, wenn auch 
nicht kontinuierlich, Jahre hinduroh — , wodurch sich mir die beste Ge- 
legenheit bot, die mit der neuen Methode erzielten Resultate mit den 
früher erreichten zu vergleichen. 

Die neuen Ergebnisse erwiesen sich nun in fast jeder Hinsicht 
wesentlich besser als die alten, und eine Vergleichung dessen, was nach 
Beginn dieser Behandlungsmethode erzielt wurde, mit dem, was vorher 

1) Nach dem Originalartikel im .Journal of Nervons and Mental Disease 
(November 1910) ins Dentsche übersetzt von Otto Rank (Wien). 



C^ nrin Lt Orrginaf frcrnn 

:3yv_:-uiJgliw UNIVERSITYOF MICHIGAN 



534 James J. Patnam, 

erreicht worden war, sei es in bezug auf das Detail oder die Voll- 
ständigkeit, Hessen den Unterschied als ungeheuer erkennen. 

Ich überzeugte mich bald, dass meine frühere Kenntnis vom Leben 
vom Charakter, den Fähigkeiten und Leiden meiner Patienten äusserst 
oberflächlich gewesen war. Gfelten doch die Krankheitszustände, die 
hier in Betracht kommen, praktisch als psychiatrische. 

Wenn jedoch irgendwo der psychogene Anteil an den geistigen 
Störungen zu ermitteln ist, so muss er hier aufgesucht und studiert 
werden. Es ist wohl richtig, dass unter dem Einfluss der Rahe und 
der Hebung des körperlichen Allgemeinbefindens, unter günstigeren 
inneren und äusseren Bedingungen, oder solchen Massnahmen wie etwa 
einer entsprechenden Beschäftigung, die neurotischen Symptome zeit- 
weilig zurücktreten können. Gerade in schweren Fällen gibt es oft 
Perioden relativer Erleichterung. Aber diese Besserungen sind einer- 
seits nur von kurzer Dauer und zeigen andererseits gewöhnlich nur, 
dass diese Patienten stets verkümmerte Menschen bleiben, Schmarotzer 
des Lebens, die kaum imstande sind, etwas zur Schaffung realer Werte 
beizutragen, abhängig von künstlichen Lebensbedingungen, die schwer 
zu beschaffen oder ständig aufrecht zu erhalten sind. Zuweilen freilich 
zeigt sich auch ein besserer Erfolg. Der Beginn einer neuen Phase 
des Lebens bei jungen Leuten, die Einwirkung neuer und mächtiger 
Eindrücke, welche verschiedene unentwickelte Neigungen und Inter- 
essen wecken, ein guter Freund, ein tüchtiger und umsichtiger Arzt, 
der Methoden anwendet, in deren Entwickelung seine eigene Individu- 
alität zum Ausdruck kommt (sorgfältige Verfahren der psychologischen 
Analyse und Synthese, hypnoseähnliche Beeinflussungen, Wieder- 
erziehung usw.), mögen in geeigneten Fällen bemerkenswerte Erfolge 
herbeiführen. Die Mitteilungen, die von Männern wie Janet,Prince, 
Sidis berichtet werden, sind Belege für diese Tatsache. Aber eine 
grosse Zahl unglücklicher Personen bleibt unbehandelt oder ungebessert, 
während eine regelrecht durchgeführte Psychoanalyse ihnen in hohem 
Grade auf den Weg wirklicher geistiger Gesundheit verhelfen könnte. 
Und dies aus dem einfachen Grunde, weil diese Krankheitserschei- 
Xiungen auf tiefwurzelnden Beziehungen des Charakters und Tem- 
peraments beruhen, die aufzudecken und aufzuheben diese Methode 
ganz besonders geeignet ist. Jede erfolgreiche Methode muss durch eine 
Art von Nacherziehung wirken, und die Art von Nacherziehung wird 
die beste Aussicht auf einen wirksamen Erfolg verbürgen, welche am 
meisten auf die eigentlichen Ursachen der Krankheit eingeht. Diese 
unbehandelten, ungebesserten, unergründeten Fälle spielen jedoch eine 
geringe Rolle in der Schätzung jener Ärzte, die überzeugt sind, dass 
unsere gegenwärtigen Behandlungsmethoden ausreichend sind. Aber 
der scharfsinnige und erfahrene J a n e t gesteht in den von der Therapie 
und Prognose handelnden Kapiteln seiner Monographie über „Psych- 
asthenie" für jene Fälle eine betrübende Hoffnungslosigkeit, sowie eine 
relative Aussichtslosigkeit der Behandlung ein, die Freud nicht an- 
erkennen würde. Die Arten der Behandlung, welche Jan et empfiehlt, 
sind ja vortrefflich und verständig, aber an vielen Punkten sind deutlich 
die Lücken sichtbar, welche von der Psychoanalyse ausgefüllt werden 
könnten. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

:3yV_:-UUglt UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Persönliche ErfahraDgen mit Freud'e psychoanalytischer Methode. 535 

Es wurde schon angedeutet, dass es zuweilen scheint, als be- 
herrsche ein der Ebbe und Flut ähnliches Ansteigen und Abschwellen: 
die Zustände der Phobien, Zwangsimpulse und ähnlicher Erscheinungen 
bei den Neurotikern, unabhängig von jeder Behandlung, und es wurde 
daraus der Schluss gezogen, dass wir es dabei mit tiefwurzelnden 
degenerativen und hereditären Momenten zu tun haben, denen g^en- 
über keine Behandlung auf die Dauer von Nutzen sein könne ^). 

Damit haben wir aber das eigentliche Problem berührt. Denn 
gerade eines der hoffnungsvollsten Ergebnisse der psychoanalytischen 
Methode ist die Aussicht, dass sie geeignet sei, es mit Krankheits- 
bedingungen aufzunehmen, von denen man bisher glaubte, sie entzögen 
sich jeder günstigen Beeinflussung. Unleugbar kennt auch sie Ein- 
schränkungen ihrer Anwendbarkeit, aber nichtsdestoweniger reicht sie 
tiefer als irgend eine der heute in der Psychiatrie angewandten Me- 
thoden, und ihre Erfolge in einigen wirklich schweren, als degenerativ 
und unheilbar bezeichneten Fällen nötigen uns, unsere Auffassung 
dieser Zustände einer Kevision zu unterziehen. 

Es wird oft behauptet, die Ergebnisse der psychoanalytischen 
Behandlung stünden in keinem Verhältnis zu der darauf verwendeten 
Zeit, und an dieser Behauptung ist sicher soviel richtig, dass die 
Methode in ihrem weitesten Umfang weder in der Spitalspraxis noch 
bei einer grossen Anzahl von Privatpatienten anwendbar ist. Eine 
so umwälzende Wiedererziehung, wie sie hier unternommen wird, 
braucht zweifellos Zeit. Obgleich nun diese Erwägung manchen Arzt 
von einer angemessenen Behandlung seiner psychoneurotischen Pa- 
tienten abschrecken könnte — denn keine andere Behandlung 
erreicht so viel in so kurzer Zeit — , ist der Einwand als 
eine wissenschaftliche Kritik des Wertes der Freud 'sehen Methode 
hinfällig, da vom praktischen Standpunkt der Hinweis darauf genügt, 
dass es glücklicherweise eine Menge von Personen gibt, welche so 
einsichtsvoll sind, dass sie sich durch die Notwendigkeit, die nötige 
Zeit zu opfern, nicht abschrecken lassen. Und es wäre ein grosser 
Verlust sowohl für die Psychologie 2) als auch für die praktische Heil- 
kunde wie für die Erziehung, wenn das nicht der Fall wäre. Niemand 
kann von nun an Studien über den menschlichen Charakter oder über 
Kinderpsychologie unternehmen, ohne beständig auf diese Unter- 
suchungen bezug zu nehmen. Die Männer, welche sie durchgeführt 
haben, sind nicht bloss Psychotherapeuten; sie sind in hohem Grade 
v/issen schaftliche Forscher und verdienen Wohlwollen und Unter- 
stützung als Erforscher der Anatomie und Physiologie des Geistes, 



1) Bei diesem Pnnkte denke ich an einige Bemerkungen, welche einer der 
DiekaesioDsredner, Dr. Barker, im Anechlvsa an meinen yortrajg machte, and ich 
nehme mir die Freiheit, diese wenigen Worte mit dem Hinweis anf ihre Qaelle 
meiner Arbeit binzQzufllgen. 

2) Das Studium der Psychologie ist in weitem Ausmass ein Studium des un- 
bewussten Seelenlebens und es ist keine Aussicht, dieses durch eine wirkliche Be- 
obachtung za erforschen, welche sich mit dem psychoanalytischen Studium des 
Traumes und der verdrängten Vorstellungen messen könnte. Yergl. Freuds: Der 
Witz, Psychopathologie des AlltaRalebena und die einzelnen .Simnften zur ange- 
wandten Seelenkunde*. In der Tat hat die ganze grosse Ton Freuds Unter- 
sachungen ausgehende Literatur ein gutbegrflndetes psychologisches Interesse gefunden. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

:3yV_:-UUglt UNIVERSITYOF MICHIGAN 



536 James J. Potiuun, 

was eine bei weitem wichtigere und nun auch verheissungsvollere Unter- 
suchung geworden ist als diejenige der Anatomie und Physiologie des 
Gehirns, und Äwar darum wichtiger, weil sie die Gesetze des Denk^is 
mit umfasst. Gerade in der Spitalsprazi^ werden die Tatsachen, die 
diese Männer gesammelt, und die Grundsätze, die sie aufgestellt haben, 
ihren höchsten Wert erweisen, und diejenigen, welche jetzt diese Me- 
thode tadeln, werden ihre Ergebnisse benützen, ohne es zu wissen, 
ja benützen sie vielleicht schon jetzt. 

Meine eigene Beobachtung hat mich zur Anerkennung des Wertes 
der Methode geführt, mir aber zugleich Einsicht verschafft in die 
Schwierigkeit, die bestmöglichen Erfolge damit zu erzielen. Nicht nur 
erstreckt sich meine Erfahrung erst über eine kurze Zeit, sondern 
ich war auch nicht imstande, die täglichen Behandlungen über einen 
Zeitraum von drei Monaten oder mehr auszudehnen, wie Freud emp- 
fiehlt. Drei Besuche in der Woche, zuweilen noch weniger, oder täg- 
liche Unterredungen in der Dauer von ungefähr vier Wochen und dann 
seltene Besuche während einer längeren Zeit sind das beste, was ich 
bisher zu erreichen imstande war. Ich kann solche Abweichungen 
von der Eegel jedoch nicht empfehlen und habe deutlich gesehen, dass 
sie meinen eigenen Erfolg abgeschwächt haben. Wir sollten in dieser 
Sache die nämliche Gewissenhaftigkeit beobachten, welche die An- 
hänger von Wassermann in der Auswahl der Blutproben bei 
Syphilis an den Tag legen. Das beste, was sich zugunsten der halben 
Massregeln sagen lässt, ist, dass sie den Erfolg als etwas graduell 
Fortschreitendes erwiesen und dargetan haben, dass auch teilweise Er- 
folge von grossem praktischem Wert sein können. Aber diese teil- 
weisen Erfolge, mit welchen man versucht ist sich zufrieden zu geben, 
stehen selten in befriedigendem Verhältnis zur Dauer der Behandlung. 
Denn von einem gewissen Punkte an schreitet die Besserung, in einigen 
Fällen, bedeutend rascher vor, während in anderen mitunter recht 
bald eine Steigerung erreicht scheint, jenseits deren es schwer ist 
vorwärtszukommen. Ein Grund für diesen Stillstand in der Besserung 
scheint die Tatsache zu sein, dass die geistigen und moralischen Fähig- 
keiten einer gewissen Anzahl dieser Patienten nicht nur gehemmt, 
sondern schon ursprünglich in Kraft und Entwickelung beschränkt 
sind, während andere aussergewöhnliche Intelligenz haben. Ferner 
kommen Temperamentsunterschiede zwischen dem Kranken und dem 
Arzt dazu, ebenso wie Lässigkeit und Mangel an Wissen und Er- 
fahrung bei dem letzteren. Die Aufgabe erfordert eines Mannes beste 
Kräfte. Es ist daher unmöglich, eine endgültige Antwort auf die Frage 
zu geben, wie lange diese Behandlung fortgesetzt werden solle, geradeso 
wie es unmöglich ist zu sagen, wie lange ein Geiger seine Übungen 
unter einem tüchtigen Meister fortsetzen müsste oder wie lange jemand 
versuchen solle, seinen eigenen Charakter kennen zu lernen. Einige 
intelligente Personen gewinnen sehr viel schon in wenigen Unter- 
redungen, bei anderen stellt sich der Nutzen in unbestimmbarer Zeit 
ein; aber in den letzteren Fällen gelangt gewöhnlich der Kranke in 
fast gleicher Weise wie der Arzt zu einem eingehenden Wissen über 
den Gegenstand. Wenn der Arzt damit beginnt, ein Psychologe zu 
sein, so endet oft der Patient damit, einer zu werden. 



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Persönliche Erfahningen mit Frend's psychoanalytischer Methode. 537 

An die Frage nach der Dauer der Behandlung knüpft sich natur- 
gemäss von selbst eine andere, nämlich, wie weit die Analyse mit 
Kücksicht auf einen bestimmten Punkt, beispielsweise in der Traum- 
deutung, getrieben werden soll. Theoretisch besteht natürlich keine 
Grenze für das fortschreitende Übergehen von einem Gedanken zu 
einem anderen längs der Assoziationen. Jeder Gedanke, jede Vorstellung 
hat gewisse Beziehungen, sei es der Ähnlichkeit oder des Kontrastes, 
zu gewissen anderen Vorstellungen. Man mag mit einer Bj^atelle be- 
ginnen und bei der französischen Revolution oder Bukle's Geschichte 
der Zivilisation aufhören, und es bleibt Sache des Urteils zu ent- 
scheiden, wieviel von dem möglichen Material, welches die Assoziationen 
verfügbar gemacht haben, in der Seele des Patienten als Anteil seiner 
latenten Traumgedanken wirksam gewesen ist. In Praxi braucht niemand 
zu fürchten, dass er die Traumanalyse zu weit fortgesetzt habe. Es 
ereignet sich häufig, dass gerade die Assoziationen, welche am weitesten 
hergeholt scheinen, sich von grösstem Nutzen erweisen. Was für die 
durch den Traum geweckten Assoziationen gilt, das gilt in gleicher 
Weise für alle von Worten oder Gedanken ausgehenden. Eine Person 
mit „gesundem Menschenverstand" würde sagen, dass jedes ihrer Worte 
ein bestimmtes Ding und nicht mehr bezeichne. Aber jeder aufmerk- 
same Beobachter wird bereits gewahr, besonders seit J u n g ' s bemerkens- 
werten Untersuchungen, dass viele Worte eine Reichhaltigkeit' der Be- 
deutung haben, was nur durch eine lange Reihe von bedeutenden 
persönlichen Erfahrungen von unserer Seite erworben ist, Erfah- 
rungen, welche unser Gedächtnis einst, bewusst oder unbewusst, auf- 
genommen hat und vielleicht jetzt noch reproduzieren könnte. Ein 
Wort kann imstande sein, den wesentlichen Inhalt einer gewissen 
Lebenszeit wieder herzustellen. Und auch wenn wir von einem Gegen- 
stande sagen, er habe diese oder jene Eigentümlichkeiten, so tun wir 
dies auf Grund der Wirksamkeit einer unendlichen Anzahl von Er- 
innerungen ähnlicher Gegenstände, welche unser Urteil leiten, obgleich 
sie unserem bewussten Denken nicht gegenwärtig sind. Während aber, 
theoretisch gesprochen, alle unseren früheren Erfahrungen in jedem 
Moment mitwirkende Faktoren bei unseren Entschliessungen sind, sind 
die Erfahrungen, nach deren Kenntnis wir zu therapeutischen Zwecken 
hauptsächlich suchen müssen, um eine verhältnismässig geringe Zahl 
von Mittelpunkten gruppiert, mit denen sie wichtige gefühlsbetonte 
Komplexe bilden ; und dies kommt bei jeder analytischen Untersuchung 
zum Vorschein, wenn die inneren Widerstände weggeräumt sind. 

Es lässt sich für gewöhnlich sagen, wann die Gedankengänge 
des Patienten sich in unfruchtbare Bahnen verlieren; aber auffällig 
genug trifft es sich selten, dass sie dies tun, und der Arzt wird sich 
viel eher bei zu wenigem begnügen, als dass er zu viel erreicht hätte. 
Eine grosse Gruppe von Gedanken, Handlungen und Erinnerungen 
mögen einen einzigen gefühlsbetonten Kern zu ihrem Mittelpunkt 
haben oder mögen sich alle auf denselben Charakterzug beziehen, wie 
zum Beispiel die instinktive Tendenz, sich selbst zum Mittelpunkt des 
Interesses und der Teilnahme zu machen. Daher dienen die Einfälle 
der Kranken mehr dazu, sie zur Produktion immer neuer Erläuterungen 
in einer bestimmten Richtung anzuleiten, anstatt sich nach allzu vielen 
Richtungen zu zersplittern. Gewisse Erinnerungsspuren und Komplexe 



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638 James J« PutDaniy 

erweiseu sich bei weitem wichtiger als die übrigen und das gilt be- 
sonders für diejenigen, welche im Erwachsenen die lebendigen Eindrücke 
der ersten und späteren Kindheit bewahren. Preud's Verdienst und 
das seiner Schüler und Anhänger in der Betonung der bedeutsamen 
Nachwirkung dieser Überlebsel ist wahrlich ungeheuer i), und obgleich 
es unter seinen Aufstellungen solche gibt, die, soweit ich gefunden 
habe, schwer nachzuprüfen und durch eine gewisse Gesetzmässigkeit 
zu bestätigen sind, so war ich doch so überrascht von der Treffsicher- 
heit anderer, dass ich die Hoffnung hege, alle nachbestätigen zu können. 

Es ist bekannt, dass das Freud 'sehe Behandlungsverfahren den 
Patienten auf einem Ruhebett oder in halbliegender Stellung verweilen 
lässt, unter der faktischen aber für den Kranken unsichtbaren An- 
wesenheit des Arztes, so dass alles, was er sagt und tut, frei von 
Zwang ist, mehr den Anschein eines Selbstgespräches als einer Unter- 
haltung mit einer anderen Person gewinnt. Statt dessen habe ich es 
den Patienten überlassen, welche Stellung sie einnehmen wollen; oft 
ging ich selbst im Zimmer auf und ab und suchte ihnen Gelegenheit 
zu geben, in die Luft zu reden, wenn sie es wünschten, oder mich mit 
ihnen zu unterhalten, wenn ihnen das lieber war. Ich glaube, man sollte 
in dieser Hinsicht individuelle Freiheiten gestatten, denn es zeigt sich 
bald, dass die besten Erfolge nur durch grosse Gründlichkeit, Ein- 
dringlichkeit und Ausdauer erreicht werden können. 

Die beste Art, um die Erfolge zu zeigen, die ein Psychoanalytiker 
mit nicht mehr Erfahrung und Übung als ich sie besitze, hoffen darf 
erreichen zu können, ist wohl die Skizzierung einiger meiner eigenen 
Erfahrungen. . 

Der erste Fall, über den ich berichten will, betrifft eine gebildete 
und geistig hochstehende Frau im Alter von 41 Jahren, jenes in Neu- 
England so häufigen gewissenhaften und ein wenig neurotischen Typus, 
welche eine angesehene literarische Stellimg in einer Landstadt ein- 
nahm. Sie suchte mich zuerst auf im Januar 1907, also 2^/2 Jahre 
bevor die psychoanalytische Behandlung in ihrer jetzigen Form be- 
gonnen wurde 2), obgleich ich von Anfang an einige ihrer Grundsätze 
ins Auge gefasst hatte. Der Fall war ein solcher von allgemeiner 
Zweifelsucht mit der gewöhnlichen, an den ewigen Juden gemahnenden 
Unfähigkeit, sich bei irgend einem Beweis zu beruhigen. Im Anfang 
berichtete sie zurückhaltend, dass sie nicht imstande sei, sich von der 
Idee — deren Geschichte sie bis zu einem gewissen Grade verfolgen 
konnte — zu befreien, dass die Pflanzen und Bäume ebenso leiden wie 
die Menschen, so dass es ihr Schmerz verursache, diese abzuschneiden 
oder zu pflücken. Später eröffnete sie mir, dass ähnliche Zweifel sich 
auf allß Gewissheiten erstreckten, sogar auf ihre eigene Identität und 
ihren eigenen Namen. Gegenbeweise erwiesen sich, wie gewöhnlich 
in derartigen Fällen, nicht von dauerndem Nutzen ; reichlicher Zuspruch 
und Hinweise, wie sie ihre peinlichen Zweifel beiseite schieben könnte, 
halfen mehr, verschafften ihr aber nur zeitweise Erleichterung. Sie 



1) Vergl. Freuds jüngste Studie über Leonardo da Vinci. 

2) Wenn die Ärzte, welche finden, dass diese Behandlungen sich ins Unend- 
liche ziehen, ihre Protokolle befraffen wollten, so würden sie finden, wie es in diesem 
Falle vor Beginn der psychoanalj^tischen Behandlung war, dass ihre Patienten sie 
Jahre hindurch aufsuchen, gleichgiltig, welche Art von Behandlung sie üben. 



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Peral^nliche Erfahnmgen mit Frend's psychoanalytischer Methode. 538 

verrichtete wohl ihre Arbeit mit Sorgfalt und Interesse, war aber nie- 
mals, auch nicht einen Augenblick, frei von peinlichen Empfindungen 
nervöser Art, einer quälenden Furcht vor Krankheit und zeitweilig 
sogar von Selbstmordideen. 

Ein Jahr zuvor hatte ich eine zielbewusste Erforschung des Falles 
'begonnen, und dies war seither fortgesetzt worden, mit stets zunehmen- 
dem Interesse von beiden Seiten, obgleich es sehr langsam vorwärts 
ging, da ich die Kranke selten öfter als einmal in der Woche sehen 
konnte. Ich muss die ganze interessante Geschichte, wie sie sich schliess- 
lich herausstellte, hier übergehen, die wichtigen Momente, die eben 
jetzt erst zutage kamen, und den Beweis für die allmähliche, aber 
ständige und wie ich glaube dauernde Besserung. Es genügte der Hin- 
weis, dass dieser Fall vollauf die Ansicht bestätigte, dass diese Zwangs- 
vorstellungen, obgleich sie natürlich gewisse vererbte Momente in sich 
schliessen, in Wirklichkeit an einer Unfähigkeit der Patienten liegen, 
zu einem sie selbst befriedigenden Entschluss zu gelangen in b^nig 
auf einzelne moralische Fragen, die die persönliche Selbstachtung be- 
treffen; d. h. an einer Reihe von einzelnen Zweifeln und Besorgnissen, 
die in übertriebener Weise aufgefasst und verstanden werden. Es mag 
in der Tat zutreffen, dass, wenn wir die Macht hätten, die psycho- 
physischen oder auch die physiologischen Reaktionen solcher Patienten ^) 
aufs genaueste zu untersuchen, wir finden würden, dass sie eigentlich 
von ihrer Geburt an etwas mitgebracht haben, was man als eine prä- 
disponierende Anlage bezeichnen könnte, nicht etwa zum „Zweifel" 
als solchem, sondern zu psychopathischen Störungen irgendwelcher Art. 
Diese Wahrscheinlichkeit ergibt sich in diesem Falle daraus, dass die 
Schwester der Patientin wohl nicht an Zweifel, aber an einer Art 
krankhafter Furcht litt. Obgleich die Neigung zum allgemeinen Zweifel, 
nämlich an allem zu zweifeln, möglicherweise als solche existiert und 
dann, wie es vorzukommen pflegt, in der Luft hängen bleibt, so ist 
sie doch, wie sie stets darauf wartet, sich an einzelne oder ein besonderes 
Problem zu heften, wahrscheinlich auch immer zum grössten Teil die 
Folge einzelner unbestimmter Zweifel. 

Unsere Patientin hatte eine glückliche Kindheit verlebt, aber 
der Vater starl), als sie noch sehr jung war, so dass das Kind gänzlich 
dem Einfluss der Mutter ausgesetzt blieb; und obgleich das in mancher 
Hinsicht bei der zweckmässigen und verfeinerten Lebensart der Familie 
sehr gut war, spielte doch die Tatsache, dass es so war, sicherlich 
eine bedeutsame Rolle im Krankheitszustand der Patientin. Aus ihrer 
Erinnerung wusste sie nicht nur anzugeben, dass sie phantasiebegabt 
und zu Tagträumen geneigt war, sondern dass sie auch von einem leiden- 
schaftlichen Temperament gewesen sei, welches sie mit Wünschen er- 
füllte, deren Hauptinhalt der Sexualtrieb bildete. Das führte sie zu 
Handlungen imd Gedanken, welche möglicherweise ein Schuldgefühl mit 
sich brachten; dazu kam der Gegensatz, in welchem nach ihrem Be- 
wusstsein ihr vermeintliches Aus-der-Art-schlagen und die Grundsätze 
ihrer Mutter standen, der noch verstärkt wurde dadurch, dass sie fühlte, 
ihre Mutter könne sie nicht verstehen und dass sie weder deren Ver- 
trauen erwerben, noch ihr das ihrige schenken könne. So litt sie 



1) Vergl. Adler: Studie Ober die Minderwertigkeit von Organen. Berlin 1907« 



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540 James J» Patnam, 

also schweigend unter den Vorwürfen und Zweifeln über sexuelle Ver- 

fehen und unbeantwortete Rätsel des Sexuallebens, Rätsel, die zur 
lösung zu schwierig, doch beschämend anerkannt wurden. Noch als 
kleines Kind wurde sie bei der Darstellung einer Art Märchenspieles 
veranlasst, einen kleinen Spielgefährten zum Schein zu heiraten, und 
dies geschah unter gewissen Zeremonien i), die zunächst ohne Be-* 
deutung schienen, die aber mit einem Male ein Gefühl von Schuld 
hervorriefen. Dann kam eine Periode der Masturbation mit sexuellen 
Phantasien, und obgleich dieses wie das andere Erlebnis nach einiger 
Zeit überwunden und bald darauf fast vergessen war, so hatte doch 
beides Folgen für ihr Leben. Später kamen ein paar harmlose Streiche, 
nicht Handlungen, sondern bloss Gedanken, die kein Aussensteheuder 
der Erinnerung wert gehalten hätte, die aber der Kranken, welche 
damals schon erwachsen war, in unerträglichem Widerspruch zu ihrer 
moralischen Erziehung und Lebensweise zu stehen schienen. Derartig 
wirksamer Bedingungen gab es verschiedene. Ein zufällig erblicktes 
Buch, in w^elchem es hiess oder zu heissen schien, dass die Masturbation 
zur Erkrankung führe; das geistige Bild dieser Krankheit wurde ihr 
nahe gebracht durch eine Reihe von Erlebnissen (die Beobachtung 
kranker Personen, die Entdeckung, dass gewisse ihrer Bekannten „irre 
gegangen** und ein trauriges Geschick gehabt hatten), wie sie in jeder- 
manns Erfahrung sich finden und die meisten Menschen zu Kranken 
stempeln würden. Noch eine andere grundlegende Tatsache muss hier 
erwähnt werden. Die gebildete, empfindsame, über jeden Fehler ent- 
rüstete Dame hatte, wie bereits erwähnt und wie sie auch mit Abscheu 
eingestand, eine leidenschaftliche Natur, welche sie beständig, bewusst 
und unbewusst, zu unterdrücken bemüht war. Gewisse persönliche 
Erfahrungen, unbewusste Gefühlsregungen, die sich in gewissen Träumen 
offenbarten, brachten eine Reihe von Gedanken innerhalb dieses gefühls- 
betonten Komplexes zum Vorschein, die sich auf die tierische Zeugung 
bezogen, und eine diesen Gegenstand betreffende Stelle aus dem alten 
Testament erweckte ein neues Schuldgefühl, das sich in unbestimmter 
Weise mit früheren Erinnerungen ähnlicher Art verband; diese Er- 
innerungen wurden wieder erregt anlässlich einer Genitaluntersuchung 
durch einen vertrauenswürdigen Arzt, der ihrer aufgeregten Ein- 
bildungskraft als ein Detektiv erschien. Ich habe hier nur eine kleine 
Auslese der Tatsachen angeführt, die der Kranken nach und nach in 
bewusste Erinnerung kamen, immerhin aber genug, um zu zeigen, dass 
hier eine Verwickelung vorlag, gebildet aus natürlichen, aber irre ge- 
gangenen Regungen, unl>egründeten Selbstvorwürfen, Furcht vor Ent- 
deckung, Furcht vor Krankheit, der versuchten Verw^erfung des Wissens 
und der heiligen Schrift und dem Versuch, die mütterlichen Ideale 
aufzugeben. 

Mitten in diesem Netzwerk zappelte die Patientin, wie eine Fliege 
im Spinngewebe; sie fühlte ihr Leben als einen Widerspruch, ihren 
Geist krank und nicht vertrauenswürdig, also auch unfähig, die Ur- 
sachen ihres Leidens zu erkennen und einzusehen. Was Wunder, dass 
sie sich am Ende zu jeder Vernunftleistung unfähig glaubte. Was 



i) Sie Hessen gemeinsam Harn, wobei sich die Patientin oben auf einem Baume 
befand. 



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PersAnliche Erfahrungen mit Ereud's psychoanalytiBcher Methode. 541 

Wunder, dass sie sich aas ihrer Hilflosigkeit nicht frei machen konnte, 
wenn sie nicht einmal die Tatsachen zu erkennen, geschweige den Sinn 
zu ermitteln vermochte. Was Wunder, dass der frühere Zuspruch und 
die Aufklärungen, die nur so wenig aufdeckten und so viel mehr ver- 
bargen, ihr so wenig nützten. Es wird oft, nicht nur von den Ärzten, 
sondern von den Patienten die Erage aufgeworfen, wozu es gut sein 
soll, die Vergangenheit eines Menschen in dieser Weise aufzurühren? 
Wie kann die blosse bewusste Erkenntnis solcher Erfahrungen ihren 
Einfluss aufheben? Dieser Fall war einer von denen, die mir wesent- 
lich zur Aufklärung dieses Punktes verhalfen. Obgleich ihre Er- 
öffnungen ihr zweifellos peinlich waren, fühlte sie doch, was jeder, 
der ernsthaft mit dieser Methode arbeitet, empfindet, dass es eine grosse 
Erleichterung ist, den eigenen Feind zu kennen ; eine Angstempfindung 
einzutauschen gegen die Kenntnis der ihr zugrunde liegenden Tatsachen 
und gegen Probleme, welche intellektuell erkannt werden können. 

Ich habe anderwärts das Gleichnis von General Braddock's tapferer, 
wohlausgerüsteter und wohlgeschulter Armee gebraucht, die, als sie 
sich in der Wildnis von Virginien abmühte, beschossen wurde von un- 
sichtbaren Feinden, mit denen sie, wenn sie klug genug gewesen wäre, 
sich darauf vorzubereiten, unter gleichen Bedingungen hätte zusammen- 
treffen können. 

Wenn man das Unterdrückte zu enthüllen beginnt und zur Er- 
kenntnis seiner eigenen Schwächen gelangt, so schwindet dieses Gefühl 
allmählich dahin; zunächst angesichts der Entdeckung, dass die persön- 
liche Schwachheit einen wesentlichen Zug in der psychologischen und 
physiologischen Geschichte aller Menschen bildet; dann vor einer 
wachsenden Schätzung des Wissens und einer zunehmenden Scheu, 
Urteile zu fällen oder anzunehmen, Neigungen, an denen der Arzt, 
dessen Erziehung auch in Frage kommt, bald teilzuhaben lernt. Das 
allgemeine Ergebnis in diesem Falle war ein ungeheurer Gewinn an 
Zuversicht und Trost. 

Ich habe noch einige ähnliche Fälle mit den nämlichen falschen 
Urteilswertungen beobachtet, und einer von ihnen verdient deshalb 
Erwähnung, weil bei ihm die Entwickelung der Symptome akut und 
fast zu beobachten war. Die Kranke, die ich bis vor kurzem nie ge- 
sehen hatte, war ein aufgewecktes, intelligentes junges Mädchen, welches 
während ihrer Verlobung mit einem jungen Mann in guter Stellung 
sexuellen Versuchungen ausgesetzt war, nicht der äussersten, aber doch 
solcher Art, dass sie in eine beträchtliche Krankheit verfiel. Zur Zeit, 
als ich sie sah, was unmittelbar nach diesen Ereignissen der Fall war, 
hielt sie all ihr Tun für Unrecht. Sie erkannte und gestand selbst 
die Entstehung dieser Neigung, ihre spezielle Selbstverachtung zu ver- 
allgemeinern und nach einigen weiteren Aufklärungen schien sie auf 
dem besten Wege, ihr verlorenes Gleichgewicht wieder zu erlangen. 
Aber diese richtige Erkenntnis war nicht allzu bald erreicht. 

Der nächste Fall betrifft einen Kranken in den besten Jahren, 
verheiratet und Vater mehrerer Kinder. Er wurde zur Qual für seine 
Familie durch eine Fülle von unvernünftigen Ansprüchen, ein Zustand, 
der schliesslich zu einem völlig krankhaften Impuls führte, einer Art 
von Sadismus, wie sich später zeigte, nicht frei von einer Geneigt- 
heit, Tadel auf sich zu laden, für welche die Bezeichnung Masochismus 



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542 James J. Putnam, 

angemesseu scheint. Dieser Zustand war verbunden mit ausgezeichneter 
Gesundheit und grosser Liebenswürdigkeit auf einer Seite, und der 
Neigung zur Beobachtung gewisser kindischer Zeremonien auf der 
anderen. Ohne ein wenig Nachhilfe von selten teilweise unterrichteter 
Freunde, oder einer Fähigkeit zu erraten, die auf der Kenntnis einer 
Reihe merkwürdiger Befunde Freud 's und seiner Mitarbeiter beruht, 
hätte ich vielleicht den Patienten immerfort behandeln können, ohne 
das Rätsel seines Lebens zu lösen; noch wäre das Geheimnis des Auf- 
tretens eines heftigen manischen Anfalls gelüftet worden, welcher die 
Isolierung des Patienten für einen Zeitraum von mehreren Monaten 
nötig machte. Am Schlüsse wurde alles deutlich und klar. Es war 
ein Fall von infantiler Gefühlsstörung, fortgesetzt ins erwachsene 
Leben, und mit einem deutlich ausgeprägten, aber exzentrisch ent- 
wickelten erotischen Kern. Vom Anfang bis zum Schluss hatte es 
eine Reihe peinlicher Konflikte gegeben mit dem Verlangen, das auf 
(gegenseitige) Masturbation gerichtet war, dann einer Neigung, Kraft 
zu zeigen und sich Strafen aufzuerlegen, alles begleitet und gefolgt 
von Zeiten intensiver Selbstverachtung, Busse und Reue. Die Busse 
trug zu gewissen Zeiten einen religiösen Charakter, zu anderen Zeiten 
trat sie in Form des Händewaschens auf^), und wieder andere Male 
in Geständnissen, oft auch zur Unzeit. Die manische Ergriffenheit 
war, wie ich glaube, ein fortgesetzter hysterischer Anfall oder Traum- 
komplex; denn das Delirium, von dem jede Einzelheit schliesslich er- 
innert wurde, war eine in kleinerem Massstabe produzierte Wieder- 
holung von Träumen und Phantasien, die Dante wohl in reichem Masse 
Anregungen zu seinem Inferno hätten bieten können. Glücklicherweise 
setzte als Erfolg der psychoanalytischen Behandlung eine stete Besse- 
rung ein und es kann eine ausgezeichnete Prognose für die Zukunft 
gestellt werden. 

Blicke ich auf die Behandlung dieses Falles zurück, so kann 
ich auch hier sagen, dass ich in meinen missverständlichen Bemühungen, 
die Gefühle des Patienten zu schonen, häufig versuchte, zu viel zu 
erklären, auf die Gefahr hin, den sicheren Weg zu verfehlen, auf dem 
die Folgen von Gedanken und Handlungen, die Rückkehr zu infantilen 
Zügen, die Bedeutung sexueller Träume, in ihrer vollen Bedeutung 
anerkannt werden müssen auf Grund ihrer stückweisen Ermittlung 
durch den Patienten. Einzelne in dieser Methode geübte Ärzte haben 
bemerkt, dass die Kranken nach der Beendigung einer erfolgreichen 
Behandlung' die Neigung zeigen, sich von ihrem Arzt loszumachen und 
ihre Besserung anderen Momenten zuzuschreiben, und dass sie kein 
Gefühl der Dankbarkeit zu kennen scheinen. Das ist bedauerlich, und 
wie ich glauben möchte für gewöhnlich zu vermeiden; aber insoweit 
es anzeigt, dass der Arzt seine volle Pflicht getan hat, indem er auf 
der Erforschung der Tatsachen bestand, mag es als nützliches An- 
zeichen gelten. 

In beiden oben geschilderten Fällen wurde notgedrungen der Ver- 
such unternommen, Neigungen zu beeinflussen, die von der Kindheit 

1) Der Patient hatte seine Hände als erotische Zeremonie mit Urin beschmntzt 
und das Waschen war, wie gewöhnlich, eine Art instinktiven Eingeständnisses der 
Schuld und ein Versuch der Busse und Gutmachung. 



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Persönliche KrfahraDgen mit Freu'd'e psychoanalytischer Methode. 543 

an bis ins reife Leben wirksam gewesen waren. Der nächste Fall be- 
trifft eine etwas jüngere Person, bei der dementsprechend das Problem 
nicht so schwierig war. 

Diese Kranke ist eine junge Dame von 33 Jahren, welche mich 
im Jahre 1908 zuerst aufsuchte, das war ungefähr zehn Monate ehe 
ich imstande war, eine vollkommene Behandlung nach der psycho- 
analytischen Methode einzuleiten. Sie war von ausgezeichneter körper- 
licher Gesundheit und ihre Symptome bestanden in einer krankhaften 
Schüchternheit, begleitet von einer Neigung zu häufigem Weinen und 
in einer Furcht vor dem Urinlassen, was Besuche in der Fremde 
— insbesondere beim Arzt oder Zahnarzt — oder kurze Reisen zu 
Bahn oder Schiff zu einer Quelle äusserster Pein machte. Einzelne 
Teile ihrer Lebensgeschichte, einschliesslich der Tatsache, dass sie 
kürzlich eine Verlobung geschlossen und wieder gelöst hatte, wurden 
mir zugleich mitgeteilt. Dieses Band des Vertrauens erleichterte die 
Behandlung, und die vor Einleitung der psychoanalytischen Methode 
gegebenen Aufklärungen und Ermutigungen führten zu einer allmäh- 
lichen Besserung, so dass die Kranke fähig wurde, wenn auch nicht 
ohne Schwierigkeit, eine Beschäftigung mit einem kleinen öffentlichen 
Wirkungskreis aufzunehmen und eine längere Reise mit einigen Freun- 
dinnen zu unternehmen. Die spätere Analyse ergab eine ausserordent- 
lich interessante persönliche und Familiengeschichte. Sie war ein Kind 
von leidenschaftlichem Temperament und heftigen Wünschen gewesen 
und war in strenger und unverständlicher Weise von wohlmeinenden, 
aber engherzigen und bigotten Eltern, mit nur wenig gesellschaftlichen 
Vorzügen, aber mancherlei unsinnigen Vorurteilen, aufgezogen worden. 
Die Mutter war eine unlenksame Neurotika, der Vater streng und alt. 
Ihre ganze Kindheit und Jugend war äusserlich gekennzeichnet durch 
Unterdrückungen und Auflehnung dagegen, innerlich durch geistige 
Konflikte ähnlicher Art. Durch all das zog sich ein beständiges Wogen 
von Wünschen und Begehrungen, welche, wenn sie von Anfang an 
zu entsprechender Harmonie geleitet worden wären, die Kranke leicht 
hätten zu einer warmempfindenden und liebevollen, wenn auch leiden- 
schaftlichen Person machen können. Unglücklicherweise fühlte sie 
sich nicht nur unglücklich in ihrer häuslichen Umgebung, sondern 
hatte ähnliches Unglück auch mit ihren Schulkolleginnen gehabt. 
Wenigstens muss erwähnt werden, dass der moralische Ton unter vielen 
von ihnen recht locker war und dass die sexuellen Dinge frei und mit 
widerwärtigen Namen besprochen wurden. Gegenstand dieser Be- 
sprechungen war natürlich das Geheimnis der Ehe und die Geburt der 
Kinder, wobei das Mädchen ein Zerrbild der Roheit von seiten der 
Gatten erhielt und in der Weise aufgeklärt wurde, dass sich die Geburt 
der Kinder mit Hilfe eines „Fleischermessers" vollziehe, mit dem der 
Unterleib geöffnet werde. Die nervöse Störung beim Harnlassen ent- 
sprang offensichtlich unklugen Erzieh ungs Vorschriften der Eltern beim 
Verrichten der natürlichen Bedürfnisse plus einer Mannigfaltigkeit von 
sexuellen Beziehungen. Ihre Neigungen führten sie zu verschiedenen 
kleinen Ausschweifungen, die in ein Gefühl der Erniedrigung und in 
Vorwürfe ausliefen. Man kann sich leicht vorstellen, wie auf diesem 
Boden die Zeichen einer krankhaften Schüchternheit und Selbstbeob- 
achtung emporgewachsen sein mochten und es ist befriedigend, wenn 



C^i^i^ali^ Orrginaf from 

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544 James J. Potnam, 

man festzustellen in der Lage ist, dass die erwähnte Besserung in jeder 
Hinsicht eintrat. Die ausgezeichnete und von J a n e t in so umsichtiger 
Weise gegebene Anleitung zur Wiedererziehung, so gut anwendbar 
sie auch in solchen Fällen ist, wurde aufs kräftigste unterstützt durch 
die vollständige Kenntnis all der Tatsachen, die durch die psycho- 
analytische Methode ermittelt wurden. Das Studium der Träume der 
Patientin erwies sich als unerlässliche Bedingung zur Vertiefung dieses 
Wissens von ihrem unbewussten Seelenleben und den halb einge- 
standenen Wünschen ihres bewussten Lebens. 

Der nächste Fall ist von besonderem Interesse, weil der Patient, 
ein unverheirateter Geschäftsmann mittleren Alters (46) und ausge- 
zeichneter körperlicher Gesundheit, seine peinlichen Symptome (Selbst- 
beachtung, Verlegenheit, Zweifel, das Gefühl der Herabsetzung usw.) 
seit der frühen Kindheit gehabt hatte und weil er lange Zeit hindurch 
in Behandlung anderer Ärzte stand, von denen einer — ein Neurologe 
ersten Ranges — kurze Zeit hindurch versuchte, den Fall zu ergründen 
und ihn mit Hilfe der Hypnose, allerdings erfolglos, zu behandeln. 
Die Prognose schien nicht vielversprechend für die Beseitigung der 
Symptome, so fest schienen sie mit seinem Charakter und Temperament 
verwachsen. Er stand, allerdings nicht ununterbrochen, ungefähr ein 
Jahr in meiner Behandlung, ehe ich die eindringlichere Erforschung 
seines Lebens unternahm, aber ich war nichtsdestoweniger erstaunt 
zu finden, wie viel für ihn und die geheimen Ursachen seiner Krank- 
heit noch zu lernen war. Er war aber zu Anfang so sehr geneigt, 
sich bei jedem Besuch zu wiederholen, was nur den ermüdenden Ein- 
druck hypochondrischer Beschwerden machte, dass ich froh gewesen 
wäre, auch den neuen Versuch aufzugeben und tatsächlich vorhatte, 
das zu tun. Glücklicherweise war er einsichtig genug, die Vorteile der 
beabsichtigten Behandlung anzuerkennen und mich um Fortsetzung der- 
selben zu bitten. Ich erhielt bald eine vertiefte Einsicht in seine Lebens- 
geschichte vom vierten Jahre an, zu welcher Zeit eine heftige (erotische) 
Gefühlsneigung spontan aufgetreten war, auch in seiner Beziehung zu 
den Eltern und Freunden, und ich konnte die Spuren dieser seiner 
Anlage bis in seine geschäftlichen Beziehungen verfolgen. Im Masse, 
als diese Einsicht gewonnen wurde, zeigte sich auch ein Fortschritt 
in seiner Selbstbeherrschung und seinem sonstigen geistigen Gebaren, 
der beständig zunahm. Einer der bemerkenswertesten Züge seiner frühen 
Kinderjahre war, wie auch im zweiten Fall berichtet wurde, ein Zwang 
zu krankhafter Gewissenhaftigkeit und Busse, und gerade zur Zeit, 
als er mannbar wurde, behielt dieser infantile und kindische Zug einen 
komischen aber mächtigen Einfluss über ihn. In dieser Hinsicht hatte 
er, bevor er in meine Behandlung kam i), Fortschritte gemacht, wenigstens 
so weit sie die groben Züge dieser Neigungen betrafen. Aber der end- 
lose Konflikt von Regungen, die selbstquälerische Eigenbeachtung, traten 
in leichterer Form wieder auf. Wie die Sachen jetzt stehen, ist er 
imstande, eine bei weitem vemunftgemässere Stellung sowohl sich als 
der Aussenwelt gegenüber einzunehmen, und er vermag die Einwirkung 
der infantilen Neigungen und Verdrängungen, der elterlichen Strenge 



1) Es ist sicherlich richtig, woraaf Jan et hinweist, dass spontane Besserangen 
manchmal in solchen Fällen auftreten. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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Persönliche Erfahraogen mit Frend's psychoanalytisclier Methode. 545 

und seiner frühen Erziehung, zu erkennen wie auch leichter zu be- 
herrschen, gleichwie man in einem mikroskopischen Ausschnitt vom 
Bau des Gehirns den ganzen Verlauf eines grossen Nervenstranges mit 
einem Male überblickt. 

In einem derartigen Lebensbild scheint das Moment der Zeit auf- 
gehoben, und Kindheit wie Alter erscheinen, als ob sie gegenwärtig 
wären und zu einer wirklichen Form verschmelzen würden. 

Es ist müssig den Einwand zu machen, dass es keinen Wert 
habe, einem an lange dauernden Zuständen leidenden Kranken ge- 
wissenhaft helfen zu wollen, wenn die Hilfe erreicht werden soll durch 
dieses intime Wissen um die Vergangenheit, dieses gewaltsame Zu- 
sammenfassen des Lebens mit einem Griff, dieses Aufwühlen des un- 
bewussten Seelenlebens auf dem Wege der Traumdeutung und auf 
andere Art. Ein solcher Einwand ist das Einbekenntnis der Unwissen- 
heit. Wenn man wählerisch ist, mag man die ganze Sache von vorn- 
herein aufgeben, aber wenn sie einmal unternommen werden soll, kann 
kein Hilfsmittel verschmäht werden, und die Ankunft eines anderen 
Freud mit weiteren neuen Einsichten wird willkommen sein, wenn 
sie erfolgen sollte. 

Der nächste Fall ist von hohem klinischem und wissenschaft- 
lichem, aber nicht minder therapeutischem Interesse. Die Kranke war 
eine Dame im Alter von 35 Jahren und also über die Zeit hinaus, wo 
bemerkenswerte Besserungen noch relativ leicht zu erreichen ^ind. 

Der Fall war eine Hysterie „petit mal", die Anfälle waren jedoch 
so schwer, dass die Diagnose lange zweifelhaft blieb. Eine Reihe von 
ihnen ereignete sich unter meiner Beobachtung, einer unter der meines 
Kollegen Dr. G. A. Waterman, und ich kann also auf das Be- 
stimmteste versichern, dass die Kniereflexe r^elmässig verschwanden 
und von einer bis zu mehreren Minuten verschwunden blieben, dann 
allmählich sich wieder einstellten, und dass die gleiche Beobachtung 
auch in bezug auf die Lichtempfindung der Pupillen gemacht werden 
konnte. Diese Beobachtung stand in gleicher Reihe mit einigen anderen. 

Ich kann hier nicht auf die Einzelheiten der interessanten Lebens- 
geschichte, die sich allmählich ergab, eingehen, noch auf die Besse- 
rungen und entmutigenden Rückfälle. Es genügt der Hinweis, dass 
die Kranke zwei lange Reihen von Gemütserregungen durchgemacht 
hatte, die mehrere Jahre hindurch dauerten, und die beide, auf ver- 
schiedenen Wegen, zu der Vorstellung und dem Zustand von Muskel- 
schwache Veranlassimg gaben, zu einem sich Gehenlassen und dem 
Aufgeben jeder Selbstbeherrschung. Mit anderen Worten, das Bild 
konnte ganz gut als Symbolisierung dieses Geisteszustandes aufgefasst 
werden, und dieser Schluss wurde durch die Analyse ihrer "fiäume 
gestützt. Die einzelnen erregenden Ursachen der Anfälle waren ver- 
schiedene Aufregungen und Traumen, solcher Art, wie sie natürlicher; 
weise ein Nachlassen der Aufmerksamkeit, wenn auch in leichterem 
Grade, hervorrufen jnögen. 

Nach einiger Zeit entdeckte ich, dass ich die Anfälle hervorrufen 
konnte, wenn ich von ihnen sprach und also die Kranke in eine ge- 
wisse Erwartung versetzte. 

Meine Versuche, einen hypnotischen Schlafzustand oder ieinen ent- 
sprechenden hypnoiden Zustand einzuleiten, waren nicht erfolgreich. 



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646 James J. Patoam, 

Das therapeutische Ergebnis war schliesslich, wenn auch keine 
völlige Wiederherstellung, so doch eine merkliche Besserung ihrer 
Symptome, welche zwölf Jahre hindurch für einen sehr intelligenten 
und nützlichen Menschen eine schwere Beeinträchtigung seines Glückes 
und seiner Leistungsfähigkeit gewesen waren. 

Der nächste Fall, von dem ich sprechen möchte, ist von Wichtig- 
keit als der eines ausgeglichenen, intelligenten, im mittleren iLebens- 
alter stehenden Geschäftsmannes, der es niemals im Verlaufe seiner 
fünfjährigen Ehe zu einem befriedigenden Koitus gebracht hatte, was 
ihm schmerzliche Kränkung verursachte. Ich hatte ihn sorgfältig und 
energisch lange Zeit hindurch behandelt mit verschiedenen elektrischen 
Methoden, aufreizenden Perinealduschen in Verbindung mit anderen 
hydrotherapeutischen Massregeln, grossen Dosen Tohambin — lange 
fortgesetzt — , Strychnin und anderen Toxinen und hatte mein Bestes 
getan, ihm durch Ermutigungen und Aufklärungen, unter Zuhilfe- 
nahme hypnotischer Beeinflussung zu helfen, jedoch ohne jeglichen 
Nutzen. 

Im Ärger über diese Erfolglosigkeit willigte der Patient seiner- 
seits ein, eine psychoanalytische Untersuchung einleiten zu lassen, 
und obgleich es nicht möglich war, die tägliche Behandlung durch- 
zusetzen, war doch das Ergebnis eine so bedeutende Besserung, dass 
man wirklich an eine Wiederherstellung denken konnte. Die drei Ein- 
flüsse, welche die Untersuchung als mögliche Ursachen der Impotenz 
ergab, waren: erstens ein Schuldgefühl, betreffend die (halb bewusste 
und vielleicht noch mehr unbewusste) Erinnerung einer bis in die 
späte Jünglingszeit fortgesetzten Masturbationsgewonnheit i) ; ein ziem- 
lich beträchtlicher mütterlicher Einfluss, welcher sich möglicherweise 
mit seinen ehelichen Gefühlen verbunden hatte, trotzdem er ein nach- 

fiebiger Gatte war; und endlich möglicherweise einige ungünstige 
eiten im Wesen seiner Frau, die, obwohl sie seinen Interessen nach- 
gab und die Beseitigung seiner Impotenz aufs sehnlichste wünschte, 
doch bei alledem selbst eine nervös Leidende war und wohl den ab- 
stossenden Einfluss ausgeübt haben mochte, welcher an diesem Zustand 
schuld war. Sei dem nun so oder so, auf jeden Fall stellte sich das 
erfolgreiche Ergebnis allmählich ein und hält noch an. 

Der nächste Fall ist einer von Stottern und betrifft einen 19 jäh- 
rigen jungen Mann, befähigt und von trefflichem Charakter. Die Sprach- 
störung hatte in früher Kindheit begonnen und es waren die ver- 
schiedensten Versuche der gewöhnlichen Art zu ihrer Behebung ge- 
macht worden, einschliesslich einer langen Behandlung in der Schule 
für Stotterer in Detroit. 

Das Ergebnis dieser Massregeln war, dass er imstande war, wohl 
gut zu sprechen, so lange" er sehr langsam und rhythmisch sprach, 
was aber grossenteils nicht möglich war, so dass der rein praktische 
Erfolg nicht gross war. Meine Behandlung bestand zum Teil in Sug- 
gestionen und Übungen, die darauf hinzielten, einige spezielle Schwierig- 
keiten der Aussprache zu mildern (einschliesslich gewisser Übungen, 
die auf die heilige Schrift bedacht nehmen), aber hauptsächlich in dem 



^) Vergl. eine Arbeit von Ferenczi, der dieBelbe Ursache ermitteln konnte. 



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Persönliche Erfabningen mit Freud's psychoanalytiBcher Methode. 547 

Versuch, alle möglichen gegenwärtigen und vergangenen Ursache 
seiner Verlegenheit aufzudecken, in der, wie ich glaube, der eigent- 
liche Ursprung seines Leidens liegt i). 

Das Ergebnis hat meine Erwartungen voll gerechtfertigt und eine 
neuerliche Erkundigung zeigte, dass die Besserung, sowohl in betreff 
des Selbstvertrauens als auch der Aussprache, noch anhält. 

Es kann billigerweise nicht gefordert werden, dass alle anderen 
mit dieser Methode behandelten Patienten einen gleich befriedigenden 
Fortschritt machen. Aber während ich selbst in vielleicht drei Fällen Grund 
gehabt hätte, über den Erfolg deutlich enttäuscht zu sein, habe ich 
kaum einen einzigen Patienten gefunden, der abgeneigt gewesen wäre, 
die Behandlung weiter fortzusetzen 2). 

Ich habe gefunden, dass folgende Zustände der Behandlung am 
meisten widerstreben: 1. die als Neurasthenie zu klassifizierenden, von 
lange dauernder und unfähig machender Art; 2. peinliche Gemüts- 
depressionen und Phobien, die sich auf noch bestehende ursächliche 
Momente bezogen, und 3. Angstneurosen, wo es unmöglich war, die 
Bedingungen des Sexuallebens für die Besserung günstig zu beeinflussen, 
oder wo eine tüchtige Beimischung von Neurasthenie wirksam war. 
Hier sollte das Hilfsmittel der Sublimierung voll ausgenützt werden, 
ein Thema, welches noch weitere Ausarbeitung erfordert. 

In einem zweiten Fall von Stottern hatte der Patient trotz einiger 
Zeichen von Besserung keine Lust, die Untersuchung bis zur nötigen 
Grenze fortzusetzen. 

Ich habe gefunden, dass es von grossem Nutzen ist, eine praktische 
Vertrautheit mit dem eigentlichen Sinn gewisser typischer Symptome, 
typischer Träume und der verwandten Symbolik des Traum- und Wach- 
lebens zu gewinnen. 

Ich könnte fast die Momente aufzeigen, an denen ich zuerst klar 
die Bedeutung der Konversion des Wunsches in Angst verstehen lernte : 
die innige Beziehung von Tod und Schmerz zum Sexualtrieb, die Be- 
deutung der Eltern für die geistige Entwickelung des Kindes, die 
Neigung der Psychoneurotiker, unbewussterweise immer neue Objekte 
ihres Wünschens zu suchen usw. 

Die Fähigkeit, unter den stets erneuerten Formen die Wirksamkeit 
der hier ins Spiel kommenden Eegungen wiederzuerkennen, bietet Aus- 
sicht, die Analyse und die Behandlung zu verkürzen und zu syste- 
matisieren. 

Es ist ein Hauptpunkt der Freud 'sehen Lehre, wie jeder be- 
obachten kann, dass es an den Erlebnissen und Verdrängungen der 
Kinderzeit liegt, wenn Phantasie und Wirklichkeit, ungezügelte Leiden- 
schaftlichkeit und neu erwachende moralische Gefühle eine ungünstige 
Mischung von — gerne beiseite geschobenen und vergessenen — Motiven 
und Regungen ergeben, in denen wir hauptsächlich den Ursprung der 

1) Adler: (Studie Über Minderwertigkeit von Organen, Berlin 1907, und spätere 
Schriften) glaabt, dass sich in solchen FftUen aach ein angeborener Defekt der 
Sprachwerkzenge finde. 

s) Ich möchte hier wiederholen, was ich schon vorhin gesagt habe, dass eine 
Behandlung dieser Art nicht nntemommen werden sollte, wenn sie nicht auch in 
vollständiger Weise durchgeführt werden kann. Wenn diese Regel nidit befolgt 
wird, können die Folgen unheilyoU werden. 

ZMtnlbUtt ftr PsyelMMiialTs«. I«. VI 



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54B James J. Paiiumi. 

psychischen Konflikte sehen, welche die neurotische Erkrankung be- 
dingen. 

Das Gesetz des geringsten Widerstandes zeigt klar, wieso es kommt, 
dass dieses grosse Drama der Kindheit, das eine bedeutende Rolle im 
unbewussten Seelenleben spielt, immer und immer wieder in späteren 
Jahren zui- Wiederholung gelangt, aber dieser Grundsatz muss ergänzt 
werden durch ein gutes Stück Detailkenntnis hinsichtlich der be- 
merkenswerten E^gungen, welche während des Überganges von der 
Säuglings- zur Kinderzeit wirksam sind. Die jüngste Stucüe Freud's 
über die geistige Eigenart des Leonardo da Vinci ^), Dr. Ernest 
Jones' Studie über Hamlet 2) und Jungs Vorlesungen 3) an der 
Clark Universität deuten einige von den hier wirksamen Kräften an. 
Ein Jahr früher hätte ich diese Beobachtungen und Schlüsse als 
phantastisch angesehen. Aber so haben mich meine eigenen Erfahrungen 
zu einem gänzlichen Wechsel meiner Stellungnahme geführt, und ich 
blicke zuversichtlich mehr und immer mehr praktischen Erfolgen in 
Erziehung und Prophylaxe entgegen, die auf Untersuchungen wie 
diesen beruhen. Doch ist das Thema zu umfassend, als dass hier 
darauf eingegangen werden könnte. 

Schliesslich möchte ich noch sagen, dass ich im Verlaufe meiner 
Ausführungen von Freud's Werk und Lehre so gesprochen habe, als 
wäre er ihr einziger Vertreter, doch erkenne ich mit Befriedigung an, 
dass dies nicht der Fall ist Nicht nur ist die Literatur, die in den 
letzten Jahren unter dem Einfluss dieser Untersuchungen entstand, 
bereits sehr umfangreich, sondern es ist auch richtig, dass die ver- 
wandte Literatur der früheren Zeit, sowohl die medizinische als auch 
die laienhafte, in weitem Ausmasse die Grundsätze und Folgerungen 
stützt, die Freud mit bewundernswertem Geschick systematisiert und 
so für den weiteren Fortschritt nutzbar gemacht hat. Ich habe auch 
versäumt, ein Wort der Anerkennung für Jung 's wichtige Beob- 
achtungen in bezug auf die bessere Verwertung des Wort- Assoziations- 
experiments auszusprechen. Ich kann hier keine neuen Beiträge dazu 
bieten, aber so weit meine Erfahrung reicht, vermag ich diese Unter- 
suchungen zu Ijestätigen und anzuerkennen. 

Es sollte bei der Beurteilung der Leistungen dieser wachsenden 
Schule fähiger Männer von jedem Wohlwollenden ein besonderer Mass- 
stab angelegt werden, erstens in betreff der Methode, die sie ausüben, 
und zweitens in betreff der Folgerungen, zu denen sie gelangen. Die 
erstere ist wenigstens von ungeheurem Wert für die Ermittlung einer 
bisher verhüllten Art von Wahrheit. Und bei gewissenhafter Befolgung 
der Methode bedürfen dann auch die Folgerungen keiner speziellen 
Rechtfertigung mehr. 

1) Schriften zar aDsewandten Seelenkunde (VII). 

s) American Journal of Psychoiogy, Janaar 1910. (Dentscli : Das Problem des 
Hamlet und der Ödipuskomplex, Schriften z. augew. Seelenkunde X). 

8) American Journal of Psychoiogy, April 1910. (Deutsch: Über Konflikte der 
kindlichen Seele. Jahrbuch fflr psychoanalyt und psychopatholog. Forschungen, 
Bd. II, 1910). 



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Mitteilungen. 



I. 

Einige Bemerknngeii über den Mntterknltns nnd seine 
Symbolik in der Individnal- nnd Völkerpsychologie. 

Von Dr. Kttrl Abraham (Berlin). 

Aus der Analyse der Träume und Neurosen wissen wir, dass der 
mütterliche Körper häufig durch gewisse, wiederkehrende Symbole 
dargestellt wird. Besonders oft begegnen uns zwei Bilder: entweder ein 
einsames Haus in einem Garten oder Wald, wo man früher einmal 
gelebt zu haben meint, oder ein verborgener Raum mit «engem 
Zugang, in den man sich aus angstvoller Situation flüchten möchte. Ich 
gebe einige Beispiele, verzichte aber der Kürze halber auf eine genaue 
analytische Begründamg meiner Deutimg. Es handelt sich übrigens um 
psychische Phänomene, die jedem Psychoanalytiker geläufig sind. 

1. Fat A. berichtet über eine seit seiner Joaend immer wiederkehrende 
Phantasie von grosser visueller Lebhaftigkeit. Er malt sieb eine vornehme Villa 
aus, die in einem grossen südländischen Park gelegen ist. Er hat dabei das Ge- 
fühl, er müsse als kleiner Knabe an diesem Ort gelebt haben. 

2. Fat. B., der an schweren Angstzuständen leidet, versetzt sich in seinen 
Tagträumereien an einen versteckten Ort. Tief im Walde und unter der Erde liegt 
ein nur ihm bekanntes Gemach. Sein höchster Wunsch wäre, dort einsam seinen 
Fhantasien zu leben. 

3. Fat. C. träumt einmal : Er befindet sich in einer Öden, schauerlichen Gegend 
zwischen Felsen, Auf einmal beginnen Steine auf ihn niederzufallen. Schliesslich 
trifft ihn ein Hagel von Steinen. Während er in furchtbarer Angst schwebt, hat 
er das Gefühl, es sei irgendwo eine Öffnung im Böden; in diese müsse er 
hineinschlüpfen, um gajiz gesichert zu sein. „Dabei habe ich ein wonniges 
Gefühl von etwas Warmem, Mütterlichem." — Fat. wurde als Knabe von dem sehr 
tyrannischen Vater oft und heftig gezüchtigt. (Der Hagel von Steinen, der auf ihijL 
niedergeht.) An diese Szenen knüpfte sich für das Kind die schwerste Angst. 
In seiner Phantasie wird er dieser Angst entrückt, indem er in den Körper der 
Mutter flüchtet. 

In diesen Beispielen handelt es sich um mehr oder weniger leicht 
erkennbare „Mutterleibsphantasien**. Die angeführten Beobachtungen sollen 
jedoch nicht die Kasuistik dieser Phantasien bereichern, sondern nur dem 
Vergleich mit verwandten Phänomenen der Völkerpsychologie dienen. Ich 

37* 



C^ nr^n li^ Orrginaf frcrnn 

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560 Eine hiBtorische Fehlleistang. 

erwähne zunächst in aller Kürze die biblischen Mythen von der (reburt 
und von der Wiedergeburt des Menschengeschlechts. Der erstere Mythus 
enthält den symbolischen Garten Eden, der letztere das Haus (die 
„Arche"). Noah bewohnt dieses während eines Zeitraumes, der genau 
der menschlichen Schwangerschaft entspricht. 

Besonders aber möchte ich in diesem Zusammenhang auf einen wenig 
bekannten religiösen Kultus des mütterlichen Körpers hinweisen. In Russ- 
land existiert eine lokale religiöse Sekte, deren Anhänger J[upoMOJFBH, 
d. h. die Loch.- Anbeter genannt werden. Innerhalb ihrer Wohnung 
bohren sie ein Loch in die Wand, vor dem sie ihren Kultus verrichten. 
Ihre Gebetsformel lautet: ^36a moa, Aupa moa, cnacH MeHji^^ Deutsch: 
„Mein Haus, mein Loch, erlöse mich". Der Rhythmus dieses Gebetes 
geht leider in der Übersetzung verloren. 

Wir finden also in diesem Kultus die gleiche Symbolik wieder, 
die uns in den vorher erwähnten Phantasiegebilden entgegentrat. 



n. 

Eine historische Fehlleistung. 

Mitgeteilt von B. Dattner (Wien). 

Wie eine intensive Wunschtendenz ^uch in Staatengeschicke heim- 
lich imd unbewusst, dennoch aber bestimmend einzugreifen vermag, dass 
eine Fehlleistung, nämlich das Vergessen, in einem so komplizierten und 
sorgfältig arbeitenden Mechanismus, wie es der (Jesetzgebungsapparat ist, 
trotzdem durchschlüpfen konnte, weil der Wunsch zum eigenen Vorteil 
stärker war als der Wille zur Gerechtigkeit, soll durch diese kleine Dar- 
stellung aus dem staatsrechtlichen Verhältnis Österreichs zu Ungarn be- 
wiesen werden. — 

Zum besseren Verständnis muss eine kurze Wiederholung aus der 
Geschichte beider Staaten vorgeschoben werden. Bekanntlich teilte sich 
im Jahre 1867 der Einheitsstaat Österreich-Ungarn in eine engere Realunion 
auf dualistischer Gnmdlage, deren Wesen die möglichst selbständige 
Stellung der verbundenen Staaten ist. Es war nun bei dieser trennenden 
Verbindung nur natürlich, dass die Schulden, die im Interesse des Ge- 
samtstaates kontrahiert worden waren, nunmehr in einem bestimmten 
Verhältnis auf die beiden Staaten übergehen. Dies geschah auch auf 
die Weise, dass sich Ungarn verpflichtete zu der sogenannten „allge- 
meinen konsolidierten** Staatsschuld — („allgemein** zur Bezeichnung des 
gesamtstaatlichen Charakters dieser Schuld — „konsolidiert*, weil 
an Stelle vieler und ungleicher eine einzige Rentenschuld in Staatsschuld- 
verschreibungen, welche mit 5 o/o zu verzinsen waren, gebildet worden 
war) — einen festen Zinsenbeitrag von 58 376 000 Kronen zu leisten. 
Welcher Kapitalsbetrag damit verzinst werden sollte, wurde in diesem 
ersten Vertrage der beiden Staaten nicht festgelegt, sehr zum Nachteil 
der späteren Entwickelung dieser Staatsschuldenfrage. Es sollte also Ungarn 
zu der einheitlichen „allgemeinen** Rentenschuld, die als solche nur zu 
verzinsen, nicht aber abzustatten war, den ein für allemal festgesetzten 



f^nonl^ Orrginaffnom ' 

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Eine historbdie F^hlleistoig. 661 

Zinsenbeitrag von 68376 000 Kronen, Österreich den Rest in die gemein* 
same Kasse einwerfen. Zugleich wurde in beiden Staaten gesetzlich be^ 
stimmt und zwar in Österreich (durch § 6 des Ges. v. 24. Dez. 1867^ 
RGBL Nr. 3 für 1868: 

„Beiden Reichsteilen ist es freigestellt ihren Beitrag zu den Zinsen 
der Staatsschuld durch Amortisation von Schuldverschreibungen oder 
Kapitalrückzahlung in barem zu vermindern. 

Der dem effektiven Zinsengenusse der getilgten Schuld- 
verschreibung entsprechende Betrag wird in diesem Falle von der Leistungs- 
schuldigkeit der tilgenden Finanzverwaltung (also je der österr., resp. 
der ung.) in Abzug gebracht." 

Möglichst gleichlautend versucht der korrespondierende § 6 des 
ungarischen Gesetzes Artikel XV, sanktioniert am 27. Dez. 1867, zu 
formulieren : 

„Sowohl den Ländern der ungarischen Krone als den übrigen 
Ländern seiner Majestät ist es freigestellt ihren Beitrag zu den Zinsen 
der Staatsschuld durch Amortisation von Schuldverschreibungen oder 
Kapitalsrückzahlung in barem zu vermindern. 

Der den Zinsen der getilgten Schuldsumme ent- 
sprechende Betrag wird in diesem Falle von der Leistungsschuldigkeit 
der tilgenden Finanzverwaltung in Abfall gebracht." 

Nachdem die Rentenobligationen mit der verheissenen 5o/oigen Ver- 
zinsung an den Mann gebracht worden waren, verfiel die österreichische 
Regierung wegen der mangelnden finanziellen Bedeckung auf den Ge- 
danken, die 5o/oigen Rentencoupons mit einer 16o/oigen Couponsteuer zu 
belegen. Es geschah dies durch das Gesetz vom 20. Juni 1868 RGBL 
Nr. 66. Diese Herabsetzung des Zinsfusses nennt man Konvertierung. 
Da diese Konvertierung ohne Zustimmung der Gläubiger des Staates nur 
durch dessen souveräne Gewalt durchgeführt wurde, diente sie eigentlich 
nur zur Verhüllung des Staatsbankerottes. — Die Gläubiger erhielten 
von nun ab statt der versprochenen 6o/o nur 4,2o/o (um I60/0 weniger) 
und so blieb es bis zum Jahre 1901. 

Die Finanzlage des Staates hatte sich gebessert, der landesübliche 
Zinsfuss war auf 4o/o gesunken. Die Staatsobligationen aber trugen noch 
immer 4,2 0/0. Die Folge war, dass sie über pari stiegen. Da beschloss 
der geniale von Böhm-Bawerk, der damals an der Spitze des österr. 
Finanzministeriums stand, um die Kassen des Staates zu entlasten, die 
„einheitliche" Rente wiederum zu konvertieren und zwar von 4,2o/o 
auf 40/0. 

Als er mit diesem Plane an die ungarische Regierung herantrat, 
weigerte sich diese eine solche Erniedrigung des Zinsfusses zuzulassen, 
während ihr Zinsenbeitrag von 58 376 000 Kronen unvermindert bleiben 
sollte und beriefen sich auf das Recht, das ihnen ihr § 6 des Gesetzes 
Artikel XV von 1867 einräumte, nämlich ihren Beitrag durch Rückzahlung 
der auf sie entfallenden Quote des Kapitals zu vermindern. 

Nun musste man den im Jahre 1867 unbestimmt gelassenen 
ungarischen Anteil an der einheitlichen Rentenschuld festsetzen, um dessen 
Abstattung zu ermöglichen. Dies konnte nur unter Zuhilfenahme des 
Zinsenbeitrags und des Zinsfusses der Rentenobligationen geschehen. 
Weil nun auf den Schuldverschreibungen 5o/o als Zinsfuss aufgedruckt 



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562 Eine hiatoriache FehlleistaDg. 

war, beanspruchte Ungarn, dass sein Beitrag als 5 o/o des Kapitals an- 
gesehen und demnach die auf Ungarn entfallende Kapitalsquote das 
20 fache seines Zinsenbeitrages betragen solle. Die österreichische Regierung 
konnte sich dagegen auf das oben erwähnte Gesetz vom 20. Juni 1868 
berufen, laut dessen die 6 o/o nie voll gezahlt worden waren und ver- 
langte infolgedessen den zu 4,2 o/o kapitalisierten, also einen bedeutend 
höheren Betrag. Der § 6 des Ges. v. 24. Dezember 1867 bestimmte denn 
auch ausdrücklich, dass bei einer etwaigen Umrechnimg der effektive 
Zinsengenuss massgebend sein sollte. Effektiv waren aber stets nur 4,2o/o, 
dagegen nominell 5o/o. — 

„Sonderbarerweise aber fehlt gerade dieses Wort 
„effektiv" im ungarischen Gesetze Artikel XVi)." 

„Das beruht unzweifelhaft nur auf einer Nachlässigkeit der Redaktion'*, 
fährt Bernatzik fort. Denn in den Protokollen der Ausgleichsdepu- 
tationen der beiden Parlamente vom Jahre 1867 2), ^{q gich mit dieser 
Angelegenheit zu befassen hatten, war stets von effektivem Zinsengenuss 
die Rede und so Vurden dieselben auch angenommen. Die 5o/o, die auf 
den Rentenobligationen versprochen waren, sind nie voll bezahlt worden, 
weil stets die 16o/oige Couponsteuer abgezogen wurde. 

„Man konnte also unmöglich annehmen, dass der Kapitalzahlung 
nach § 6 des tmgarischen Gesetzes Artikel XV ein anderer als der effektive 
Zinsfuss zugrunde gelegt werde. So betrachtete denn die österr. Regierung 
die Summe, die Ungarn seiner ^it bezahlen sollte und die sie daher 
jetzt wegen des Widerstandes der imgarischen Regierung unkonvertiert 
lassen musste, den sogenannten ungarischen Block, nicht zu 5, sondern 
zu 4,2o/o kapitalisiert und dies ergibt die Summe von rund 1400 Millionen 
Kronen, welche 1903 nach Durchführung der Konversion unkonvertiert 
blieben und bis zum heutigen Ta^ mit 4,2 o/o weiter verzinst werden 
müssen. Denn der Stand der Kurse hat seither eine Fortsetzung der 
Konversion unmöglich gemacht. 

Betrachtet man dem ungar. Standpunkt gemäss den ungar. Beitrag, 
nämlich die jährlichen 58 376 000 Kronen als 5o/o, so würde dies im 
Schuldkapital Ungarns von nur 1176 Millionen Kronen ergeben. Die 0,8o/o 
Differenz in der österr.-ungar. Auffassung ergibt ein Kapital von rund 
227 Millionen Kronen, um welche die Ungarn die österr. Regierung durch 
das einzige, bei der Redaktion des Gesetzes unabsichtlich vergessene Wort 
„effektiv" verkürzt hätte. 

Erst anlässlich des letzten Ausgleiches im Jahre 1907 ist der Streit 
endgültig geschlichtet worden. Nach 40 Jahren erst haben die Ungarn 
angesichts des Vorteiles, den eine mögliche Konversion auch ihnen bietet, 
den ursprünglichen Standpunkt aufgegeben, indem sie sich verpflichteten, 
falls Österreich den ungar. Block konvertieren wird, seinen kapitalisierten 
Beitrag von da an in spätestens 22 Jahren zu bezahlen. Sie haben 
daher im Jahre 1907 auf das Recht, Österreich an der Konversion des 
restlichen Blocks von 1400 Millionen Kronen zu hindern, verzichtet, wo- 
für ihnen Österreich konzedierte, die Kapitalisierung statt zu 4,2o/o zu 



^) Prof. Dr. E. Bernatzik: Die österr. Verfassungsgesetze. II. Aufl. Wien. 
Manz 1911. 

2) Abgedruckt in dem Werk: Die neue Gesetzgebung Österreichs. Wien, 
Manz 1868. 



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Eine payehoanalytiache Organisation snir Verhütung von Selbstmorden. 653 

4,3250/0 durchzuführen, falls die Ablösung in 10 Jahren nach der künftigen 
Konversion des ungar. Blocks seitens Österreich erfolgen würde. 

Geschieht es spater, so sinkt der Prozentsatz dann bis zu 4,2o/o, 
die Ablösungssumme aber steigt bis zu 1389 Millionen Kronen, so dass 
Österreich bestenfalls 11 Millionen, schlimmstenfalls aber 52 Millionen 
Kronen für das eine Wörtchen „effektiv" zu bezahlen hat. 

So zeigt sich der überraschende Erfolg der unterbewussten Strömung 
der ungarischen Gesetzesredaktoren, Österreich möglichst wenig Vorteile 
zuzugestehen, gleichzeitig sehen wir eines der seltensten Beispiele dafür, 
dass nicht nur Neurotiker ihren Fehlleistungen unterliegen, sondern sogar 
«o unpersönliche Organisationsformen, wie es Staaten zweifellos, selbst 
trotz ihrer Repräsentanten, sind. 



nL 

Eine psychoanalytische Organisation znr Yerhütong 

von Selbstmorden. 

Von Dr. L. Drosnes (Odessa). 

Die Frage nach den allgemeinen Ursachen des Selbstmordes soll 
hier nicht theoretisch erörtert werden i). Ich will dieses ausserordentlich 
wichtige Thema aus der psychischen Sozialhygiene vielmehr von einem 
Standpunkte betrachten, von dem die Erwägung eines planvollen Kampfes 
gegen dieses Übel der menschlichen Gesellschaft zur Aufstellung einer 
praktisch lösbaren Aufgabe führen könnte. 

In allen Fällen, in denen uns die Einsicht in die Beweggründe 
eines versuchten oder ausgeführten Selbstmordes nicht versagt ist, finden 
wir, dass der Lebensüberdruss mit einem seelischen Konflikt gepaart 
erscheint, der mit den sozialen oder ökonomischen Verhältnissen (ies 
Selbstmörders in keinem oder nur in einem losen Zusammenhang steht. 
Bei der therapeutischen Behandlung der Psychoneurosen kommt der 
aufmerksame Arzt bald zur Würdigung und Anerkennung einer Art psychi- 
schen Geschehens, die sich unabhängig vom Bewusstsein des Kranken 
durchsetzt und die im Leben des kranken und des gesunden Menschen 
zu wesentlicher Wirksamkeit gelangt. Die Ereignisse in dieser unbewussten 
Schichte des Seelenlebens erscheinen wie aus einer fremden Seelenwelt, 
in der die Gesetze der bewussten Vernunft keine Geltung haben. Hier 
herrschen lediglich Gefühle und Emotionen, denen der Mensch den Zu- 
tritt zum Bewusstsein verwehrt, ohne ihnen jedoch die potentielle Energie 
der Wirksamkeit nehmen zu können. Das ist die Sphäre des Unbe- 
wussten in der menschlichen Psyche. Das Unbewusste ist das Reservoir 
für alle peinlichen, unangenehmen, verbotenen Regungen der Seele und 
I es hat die Aufgabe, derartige Regungen gar nicht zum Bewusstsein kommen 

i zu lassen und Regungen von gleicher Art in sich aufzunehmen, die 

I schon einmal im Bewusstsein waren, wegen ihres störenden Verhaltens 

I jedoch aus dem Bewusstsein verdrängt werden mussten. Jeder Mensch 

^) Vide Broschüre der Ps,A. V. 



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OrfgfrTaffrom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



654 Euie ptyckMUialjtiMh» OigAUsatioB war VfltktfcoBg tob 

wehrt sich gegen da« Bewusstwerden solcher uaangenehmer Vorstellangen 
und Affekte und jeder Mensch verdrängt so geartetes psychisches Material 
ins Unbewusste. Zuweilen aber werden die dort gebundenen Energien 
durch eine besondere Fügung der Verhaltnisse aktiviert und dann können 
sie das bewusste Leben in empfindlicher Weise stören, indem sie Fehl- 
handlungen, seelische Konflikte und in ungünstigen Fällen echte seelische 
Erkrankungen, Psychoneurosen, verursachen. 

Es zeigt sich, dass der Mensch, der von einer solchen Störung 
betroffen wird, in den meisten Fällen den aus dem Unbewussten an- 
stürmenden seelischen Mächten hilflos preisgegeben ist. Er ist weder 
in der Lage, die Art der Störung noch ihre Herkunft zu erkennen. 

So kann es geschehen, dass ein Neurotiker sich mit Selbstanklagen 
peinigt, weil er seine Geliebte nicht mehr liebe. Aber schon nach kurzer 
Arbeit gelingt es dem kundigen Arzt festzustellen, dass der peinigende 
Selbstvorwurf des Kranken unbegründet ist und dass der Kranke durchaus 
nicht daran leidet, dass seine Liebe zu der geliebten Person nachgelassen 
habe, sondern vielmehr daran, dass er fürchtet, selbst nicht mehr so 
geliebt zu werden wie es sein Wunsch ist. Und während der Kranke 
— oft in scharfsinniger und einleuchtender Weise — für die Berechtigung 
seiner Selbstanklage argumentiert, arbeitet er nur daran, den wahren 
Grund seines Leidens vom Bewusstsein fern zu halten. Die Erkenntnis, 
dass er von der geliebten Person nicht mehr genügend geschätzt wird, 
ist ihm so unerträglich, dass er sie nicht zum Bewusstsein kommen 
lässt und es vorzieht, sich mit grundlosen Selbstvorwürfen zu quälen. 

Die Überzahl der Lebensüberdrüssigen erliegt jedoch nach meiner 
Meinung einer Krankheit, deren Mechanismus von einer anderen, ganz 
entgegengesetzten Art ist. Diese Unglücklichen klagen über Lieblosigkeit 
der Umgebung, während in Wirklichkeit in ihnen selbst der Quell der 
Liebe zu den Menschen und zum Leben versiegt ist. W^ollte man einem 
solchen verzweifelten Menschen den Willen tun und für ihn Liebe bei 
seinen Nächsten suchen, man stünde nicht nur vor einer unerfüllbaren, 
sondern vor allem vor einer falschen Aufgabe. Wer es jemals vermocht 
hat, einen Lebensmüden dem Selbstmord zu entreissen, der »veiss, dass 
er durchaus keinen gerettet hat, der an der Lieblosigkeit der anderen, 
an nicht erwiderter Liebe zugrunde gehen wollte, sondern vielmehr einen, 
der nichts auf der Welt liebte als nur sich selbst und der im Gefühl 
seiner leeren, inhaltslosen Beziehungen zu den Menschen und Dingen, 
zugleich die Leere seiner eigenen Seele spüren musste. Für solch einen 
Menschen hat das Leben keinen Sinn und er muss schliesslich den Mut 
verlieren, ein sinnloses Leben weiter zu führen. 

Mit dieser Einsicht in den Mechanismus des Lebensüberdrusses ist 
es leicht zu verstehen, warum der Selbstmordkandidat vor allem um 
Liebe wirbt und über die Lieblosigkeit der anderen klagt. Der gleiche 
Egoismus, der seine Liebe an seine eigene Person bindet und ihn hindert, 
sich an andere Menschen hinzugeben, verwehrt ihm natürlicherweise auch 
die Einsicht in den wahren Grund seines Leidens. Es hiesse sich selbst 
aus der ethischen Gemeinschaft der Menschen ausschliessen, wollte man 
sich eine so masslose Selbstsucht eingestehen, die imstande ist, alle 
Menschen, nur die eigene Person ausgenommen, aus dem Wirkungsbereich 
der Liebe auszusperren. Der Lebensüberdrüssige handelt also folgerichtig 



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Eine psyehoanalytiache Organitation mr Yerhfliiiiig von Selbstmorden. 56& 

nach seiner falschen Erkenntnis, wenn er bei anderen Liebe sucht Aber 
der Erkenntnisfehler macht sein Bestreben illusorisch, fiei den Gesunden 
und Ausgeglichenen findet er kein Verständnis, bei den Unglücklichen 
und Zerrütteten keine Hilfe. Die einen wie die anderen haben genug mit 
sich selbst zu schaffen und. beiden ist die Einsicht in das wahre lieiden 
des Unglücklichen, der sie um Hilfe anruft, verschlossen. 

Es ist offenbar, dass hier nur ein Mensch helfen kann, dem das 
Wesen des unbewussten Seelenlebens bekannt ist. Hier ist die Aufgabe 
für den Psychoanalytiker gestellt, dessen Beruf es eben ist, die unbe- 
wussten Motive der seelischen Erkrankungen aufzudecken, dem Kranken 
selbst die Unrichtigkeit seiner Vorstellungen und die falsche Bindung 
seiner Affekte zu zeigen und ihn zu bewegen, die unbewussten Irrtümer 
aufzugeben und sein Leben der Realität anzupassen. Und wenn der 
Kranke von seinem Irrtum gelassen hat, dann kann er die Liebe lernen^ 
Beziehungen zu den Menschen anknüpfen, einen Platz im Leben finden, 
an dem seine seelischen Kräfte zur Wirksamkeit ausserhalb der Grenzen 
seiner eigenen Person gelangen können. Ich bestehe darauf, dass es in 
einer mächtigen Überzahl aller Fälle möglich ist, auf diesem Wege und 
mit der dazu geeigneten, von Freud geschaffenen psychoanalytischea 
Methode, dem Selbstmord vorzubeugen. 

Nur ein Arzt, dem diese Methode geläufig ist, hat das Mittel zur 
Bekämpfung des Lebensüberdrusses. Ich kann durch persönliche Erfah- 
rungen aus der psychoanalytischen Therapie der Psychoneurosen mitteilen^ 
dass jeder Neurotiker in dieser oder jener Form sich mit Selbstmord- 
gedanken trägt und dass es nicht schwierig ist, bei einiger Obung in der 
Methode, die Selbstmordtendenzen zu beseitigen. In jedem Fall zeigt es 
sich, dass die krankmachenden seelischen Faktoren die gleichen sind, die 
auch die Flucht aus dem Leben bewirken und dass sie immer unbewusst 
sind. In jedem Fall sind es seelische Konflikte, die darum nicht aus- 
getragen werden, weil sie zum Teil oder ganz der bewussten Erkenntnis 
entzogen bleiben und die sogleich zum Ausgleich streben, wenn ihr 
unbewusster Anteil aufgedeckt und mit voller Kraft zur Entscheidung ge- 
zwungen wird. 

Ich sprach hier von extremen Fällen, von Fällen, in denen die 
Selbstmordabsicht bereits an eine ausgesprochene seelische Erkrankung 
gebunden ist. Aber nicht jeder unbewusste seelische Konflikt, der zum 
Lebensüberdruss, zur Abwendung von den menschlichen Angelegenheiten 
führt, muss auch eine klinisch gewertete Krankheit erzeugen. In solchen 
Fällen sehen wir, dass scheinbar gesunde Menschen Hand an sich legen. 
Die Grenze zwischen Gesundheit und Krankheit ist hier jedoch nicht 
festzustellen. Um so sicherer aber ist die Einsicht, dass in jedem Fall 
von Selbstmord der gleiche Mechanismus wirkt und mit der gleichen 
Methode zu bekämpfen ist. Und hier drängt sich die Erkenntnis auf, 
dass die Selbstmordabsicht die letzte formulierte Absicht der zerrütteten 
Psyche ist, dass vor diesem letzten Mittel der Unglückliche nach anderen 
Mitteln gesucht hat, um sich zu befreien, und dass auch alle seine früheren 
Befreiungsversuche nur dem gleichen Zweck gedient haben: die unbe- 
wussten Feinde, die in seiner Seele wirkten, ins Licht des Bewusstseins 
zu bringen. Man muss also nicht erst auf den Todesruf warten, um 
zu Hilfe zu eilen. Jeglicher Konflikt der menschlichen Seele, der dem 



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556 Eine psychoanalytische Organisation zor Yerhütang von Selbstmorden. 

Aiisgleich widerstrebt, stammt aus dem Unbewussten und ist dem An- 
griff der psychoanalytischen Methode zugänglich. Diese Erwägungen ver- 
anlassen mich zu einem Vorschlag an die menschliche Gesellschaft: 

Es soll eine Institution ins Leben gerufen werden, deren Wirt 
samkeit in der Behandlung seelischer Konflikte bestehen soU^). Ich 
denke mir eine Art Ambulatorium, in dem psychoanalytisch geschulte 
Personen allen Bedürftigen, die sich' in seelischen Nöten keinen Rat 
wissen, bei der Aufdeckung und Lösung der inneren Konflikte mit Auf- 
klärungen und Ratschlägen behilflich wären. Es soll den Desorientierten 
der Weg gezeigt werden, der zu den Menschen führt. Die Unglücklichen 
sollen angeleitet werden, einen Platz im Leben zu finden, den sie be- 
herrschen können, sie sollen verlorene und verschüttete Beziehungen zum 
Leben wieder aktivieren, neue Hoffnung und neue Ziele bekommen. Das 
Gefühl der Veralssenheit wird beseitigt, indem man dem Lebensüber- 
drüssigen zeigt, dass nicht die Menschen ihn, sondern dass er die Menschen 
verlassen hat, der Lebensmut wird angefacht, wenn der Lebensflüchtling 
statt eines ungreifbaren, imverständlichen Feindes einen sichtbaren, wohl 
aibzuschätzenden Gegner im Felde findet. Das ist die Art dem Selbst- 
mord vorzubeugen. 

Aber auch in weniger extremen Fällen soll diese neue Institution 
ihre Wirksamkeit entfalten. Sie soll auch allen unentschlossenen, ^- 
unruhigten Menschen beistehen, wenn sie, aus einem für sie selbst un- 
lösbaren Konflikt, eine entscheidende Tat nicht auszuführen, eine wichtige 
Situation nicht zu beherrschen vermögen. 

Die praktische Ausführung dieses kleinen Projektes kann nicht schwer 
fallen, da hierzu keine besonderen Mittel erforderlich sind. Es ist nur 
die Initiative oder Unterstützimg einer, zur Sorge für das Volkswohl 
berufenen Behörde zu erlangen. 

Die öffentliche Meinimg ist nicht zu fürchten. Der Übelstand be- 
steht und er lässt ^ich durch Stillschweigen nicht beseitigen. Auch die 
Berufung auf die unabänderlichen sozialen Verhältnisse darf keine Geltung 
haben. Solche Verhältnisse bestehen überall, im Westen Europas nicht 
in geringerem Masse als bei uns, und es geht nicht an, durch diese 
Beziehungen Trägheit und Untätigkeit im Kampf ums Dasein zu ent- 
schuldigen. Wir sind eben auf die Selbsthilfe angewiesen und wir haben 
nun einen Weg und feine Methode gefunden, tim denen, die sich im 
Leben verirrt haben, mit Nutzen und Erfolg beizustehen. Wir iwoUein 
also diesen Weg einschlagen und diese Methode gebrauchen. 



1) Eine ähnliche Idee verfolgt das „Selbstmordbureau" der Heilsarmee in 
London, jedoch ohne Anwendung der psychoanalytischen Methode. (Anmerkung 
des Übersetzers.) 



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BeisuDg der analen erogenen Zone als auslösende Ursache der Paranoia. 657 

IV, 

Eeiznng der analen erogenen Zone als auslösende 
Ursache der Paranoia. 

(Beitrag zum Thema: Homosexualität und Paranoia.) 
Von Dr. 8. Ferenczi (Budapest). 

Die Analyse der Schreber'schen Selbstbiographie i) und die 
Untersuchung paranoischer Patienten 2) stellte die entscheidende Rolle der 
meist mit Hilfe der Projektion abgewehrten Homosexualität in der Patho- 
genese dieser Psychose fest. Seitdem hatte ich eine Reihe von Paranoischen 
zu beobachten Gelegenheit und bei allen ohne Ausnahme musste ich 
die Krankheitssymptome als Folgeerscheinungen der zerstörten sozialen 
Sublimierung der Homosexualität deuten. Sie waren alle als Individuen 
anzusehen, deren Entwickelung vom Autoerotismus zur Objektliebe «ine 
Störung erlitt, und die dann infolge infantiler ,,narzisstischer'* Fixierung 
und späterer akzidenteller Ursachen auf die homosexuelle Stufe zurück- 
fielen, sich aber dieser mit ihrem Bewusstsein unverträglich gewordenen 
Perversion erwehren mussten. 

Eine dieser Beobachtungen will ich hier nachholen. 

Ein etwa 45 Jahre alter, immer nüchtern gewesener, schwäbischer 
Bauer 3) wird mir als Verfolgungswahnsinniger vorgestellt. Er leide — 
so erzählt mir seine Frau — an der fixen Idee, dass jeder Mann, der sich 
ihm nähert, sein Feind sei, ihn vergiften "möchte, mit den Fingern auf 
ihn zeige, ihn hänseln wolle. Wenn der Hahn im Hof kräht, wenn 
ein Fremder auf der Strasse an ihm vorbeigeht, so geschehe das immer 
deinetwegen. 

Ich frage den Patienten, ,wie er sich mit seiner Frau verträgt — 
(ich wusste, dass Eifersuchtswahnideen nicht nur bei der Alkoholparanoia 
vorkommen). Er wie die Frau antworten einstimmig, dass diesbezüglich 
alles in Ordnung sei; sie hätten sich gern, hätten mehrere Kinder; aller- 
dings enthalte sich Patient, aeitdem er krank ist, vom Geschlechts- 
verkehr, aber das sei nur, weil er „andere Sorgen** habe. 

Ich frage weiter, ob er sich für die Gemeindeangelegenheiten inter- 
essiere und wenn ja: ob sich darin seit seiner Krankheit nichts geändert 
hätte. (Ich weiss nämlich aus Erfahrung, dass die später paranoisch 
werdenden, gleichwie die wirklich homosexuellen, ein ungewöhnlich hohes 
Mass sozialen Interesses aufbringen und betätigen, dieses aber beim Aus- 
bruch der Paranoia ganz oder teilweise verlieren.) Die Frau antwortet 
mit einem lebhaft wiederholten „Ja**. Ihr Mann sei „Geschworner** ge- 
wesen, als solcher immer sehr eifrig, seit seiner Krankheit künunere 
er sich um die Gemeinde gar nicht. 



1) Freud, Psychoanalytische Bemerkimgen über einen autobiographisch 
beschriebenen Fall von Paranoia. 

*) Ferenczi, Die Rolle der Homosexualität in der Pathogenese der 
Paranoia. (Beide im Jahrbuch f. Psychoanalyse, III. Bd.) 

^) In der Nähe von Budapest gibt es eine kleine Anzahl von Dörfern mit 
deutscher Bevölkerung. Diese ungarländischen Deutschen werden gemeinhin 
„Schwaben** genannt 



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558 ReizoDg der analen erogenen Zone als aaslöaende Ursache der Paranoia* 

Nun begann der Patient, der bis jetzt alles ruhig angehört und 
auch selbst bestätigt hatte, unruhig zu werden und sagte, — darüber 
befragt — nach längerem Drängen, dass ich offenbar von seiner Frau 
geheime Winke bekam, denn er könne sich nicht vorstellen, dass ich 
sonst alles so zutreffend hätte erraten können. 

Ich setze den Verhör zunächst unter vier Augen fort, worauf mir 
der Patient nachträglich zugibt, dass ich auch bezüglich der Eifersucht 
recht gehabt hätte; er wollte es nur in Anwesenheit der Frau nicht 
sagen. Tatsächlich verdächtige er seine Frau insgeheim mit allen Manns- 
personen, die im Hause verkehren. (Ich deutete mir die Eifersucht, unter 
Berücksichtigung der seit Monaten beobachteten Abstinenz, die zur Ver- 
liebtheit nicht recht passt, als Projektion des eigenen Gefallens am männ- 
lichen Geschlecht.) 

Ich frage nun, wann und unter welchen Umständen diese Ver- 
änderung in ihm und in seiner Umgebung entstand, worauf mir der 
Patient folgende zusammenhängende Erzählung gibt: Er sei vor einigen 
Monaten wegen einer Mastdarmfistel zweimal nacheinander operiert 
worden. Die zweite Operation habe der Arzt schlecht gemacht. Nach 
dieser Operation hätte er längere Zeit ein „Rumoren in der Brust" ver- 
spürt und bekam täglich mehrere Anfälle von „Todesangst". Er hatte 
dabei das Gefühl, „als ob die Fistel plötzlich in den Magen 
hinaufstiege und er daran sterben müsste". Von dieser 
Angst sei er jetzt geheilt, und jetzt wollen ihn die Leute für verrückt 
erklären. 

Die Frau und ein als Begleiter mitgekommener Bekannte bestätigten 
die Aussagen des Patienten und stellten insbesondere fest, dass die 
Wahnideen tatsächlich erst nach dem Aufhören der 
von der Operation ausgelösten Parästhesien und Angst- 
zustände eingesetzt hätten. Nachträglich hätte er auch den Ope- 
rateur beschuldigt, die Operation mit Absicht schlecht ausgeführt zn haben. 

Nach allem, was mir über den Zusammenhang der Paranoia und 
der Homosexualität bekannt war, musste ich hier annehmen, dass die 
Darmerkrankung und die infolge deren notwendig gewordenen Älani- 
pulationen von Männern (Ärzten) am Mastdarm, bislang latent gewesene 
oder sublimierte homosexuelle Neigungen des Patienten durch Wieder- 
belebung kindlicher Erinnerungen entfacht haben konnten. Bei der sym- 
bolischen Bedeutsamkeit des gezückten Messers schien mir insbesondere 
die — ohne Narkose ausgeführte — zweite Operation, bei der das 
schneidende Instrument tief in den Mastdarm eingeführt wurde, geeignet, 
die infantile Verstellung des coitus a tergo regressiv zu beleben. 

Ich machte nicht viele Umstände, sondern fragte den Patienten 
direkt, ob er nicht als Kind mit anderen Buben unerlaubte Dinge ge- 
macht hätte. Die Frage überraschte ihn augenscheinlich, und er liess 
eine Weile auf die Antwort warten. Dann sagte er aber — ziemlich 
verschämt — dass er allerdings als 5 — 6 jähriger mit einem Altersgenossen, 
der jetzt einer seiner grössten Feinde sei, ein eigentüm- 
liches Spiel zu treiben pflegte. Jener forderte ihn auf, sie möchten mit- 
einander „Hahn und Henne" spielen. Er ging darauf ein und spielte 
dabei stets die passive Rolle, er war die „Henne". Der andere aber 
führte entweder den erigierten Penis oder den Finger in seinen Mast- 



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Beiznng der analen erogMien Zone al» aoalOeende üraaohe der Paranoia. 550 

darm ein; manchmal steckte er ihm Kirschen durch den Anus, und holte 
sie mit dem Finger wieder heraus. Dieses Spiel hätten sie bis zu ihrem 
10. — 11. Jahre fortgesetzt. Seitdem er aber weiss, dass solche Dinge 
gottlos imd ekelhaft sind, tue er es nie dergleichen, es sei ihm sogar diese 
Geschichte seitdem nie eingefallen. Er versicherte mir wiederholt, dass 
er jetzt dieses schändliche Tun verachte. 

Diese Erinnerung beweist nun, dass unser Patient tatsächlich {un- 
gewöhnlich lange und intensiv bei der homosexuellen Objektwahl ver- 
weilte, diese aber dann energisch verdrängt, zum Teile wohl sublimiert 
hatte. Die brutalen Eingriffe ^n seiner erogenen Analzone waren dann 
sehr wohl geeignet, den im unbewussten fortlebenden Wunsch nach Wieder- 
holung der infantil-homosexuellen Spielerei zu erwecken. Was aber damals 
kindische Belustigung war — die Sexualität — , wuchs inzwischen zum 
impetuosen und gefährlichen Triebe eines erwachsenen, kräftigen Menschen 
heran. Kein Wunder, wenn sich der Patient gegen die abnorme (perverse) 
Verwendung solcher Libidomengen zur Wehre setzte und sie zunächst 
pi Parästhesien und Angst zu konvertieren, dann als W a h n - 
gebilde aus dem Ich in die Aussen weit zu projizieren suchte. Den 
Parästhesien, die dem Ausbruche des Verfolgungswahnes vorausgingen 
(„Aufsteigen der Mastdarmfistel in den Magen**), entsprach wohl dieselbe 
unbcwusste, passiv-päderastische Phantasie, die auch den Wahnvorstel- 
lungen zugrunde liegt. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass dieses Stadium 
den Versuch einer paraphrenischen ^) Erledigung der Homosexualität, d. h. 
die totale Abwendung vom Manne und die Rückkehr zum analen Auto- 
erotismus bedeutete und dass erst mit der „Wiederkehr des Verdrängten**, 
d. h. mit der Wiederbesetzung der lange Zeit hindurch sublimiert ge- 
liebten, dann ganz abgelehnten männlichen Objekte, der Verfolgungswahn 
ausbrach. Der „krähende Hahn im Hofe**, dem der Patient in seinen 
Wahnideen einen besonderen Platz einräumte, ist wohl derselbe „grösste 
Feind**, den gegenüber er als Kind die Henne spielte. 

Meine Vermutung aber, dass die Vergiftungsangst, wie in 
so vielen anderen Fällen, auch hier den Wunsfeh nach Geschwängert- 
werden symbolisiert, konnte ich, da ich mit dem Patienten nur ein einziges 
Mal sprach, durch keine Beweise erhärten. 

Über die Aussichten der Heilung des Patienten musste ich mich 
sehr skeptisch äussern, liess aber die Möglichkeit offen, dass, wenn die 
Mastdarmfiätel ganz verheilt und so das „körperliche Entgegenkommen** 
nachlässt, die Wahnvorstellungen teilweise oder ganz aufhören können 
und der Patient seine Sublimierungsfähigkeit (Fähigkeit zur vergeistigten 
Homosexualität: Freundschaft, Gemeinsinn) wiedergewinnen kann. 



^) Paraphrenie ist der von Freud vorgeschlagene und ob seiner Un- 
präjudizieriichkeit empfehlenswerte Ausdruck an Stelle der „Dementia praecox''. 
Übrigens ist die Pathologie der paraphrenischen Psychose noch nicht so weit 
geklärt, dass man (z. B. in diesem Falle) die sensiblen Reizerscheinungen und die 
Angst nicht auch als hysterische Konversionsversuche deuten könnte. 



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560 Beitrag zar Gknesift der TodesahiinugeB. 

V. 

Beitrag zur Genesis der Todesahnnngeii. 

Von Hugo Heller (Wien). 

Die schönen Ausführungen Abraham*s über Fälle von unbe- 
wusstem Selbstmord, in seinem psychoanalytischen Versuche über 
Segantini, haben erst vor wenigen Monaten eine merkwürdige Bestätigung 
gefunden, durch die seltsamen „Zufälle**, denen in diesem Winter der be- 
kannte ungarische Dichter M o 1 n a r unterlag. Es ist vielleicht erinnerlich,i 
dass Molnar ^,zufällig** zweimal in K. zu grosse Dosen Veronal nahm» 
und beide Male nur mit Mühe vom Tode gerettet werden konnte. Das 
zweite Mal kam Molnar in ein Budapester Sanatorium; in der Rekon- 
valeszenz machte er vom Sanatorium aus eine Spazierfahrt im Automobil; 
das er selbst lenkte, und dieses Automobil stiess mit einem Einspänner 
zusammen, so dass Molnar sich wiederum „zufällig** in Todesgefahr 
brachte. 

Liegt in solchen Fällen handgreiflich klar zutage, wie das im Un- 
bewussten verankerte Wollen sich durchsetzt, und wie geringfügig ihm 
gegenüber die Kraft der bewussten Motivierung ist, so werden dennoch 
manche geneigt sein, es ials Übertreibung zu bezeichnen, wenn Abraham 
unter anderem ausführt, dass auch der Fall Segantini's, der schein- 
bar einer organischen, tückischen Krankheit erlag, in einem weiteren 
Sinne diesen „unbewussten Selbstmorden** zuzuzählen ist, und dass — 
mit Abraham 's Worten — die dunklen Mächte des Unbewussten bei 
Segantini der Krankheit zu Hilfe kamen, das Zerstörungswerk der 
Krankheit erleichterten und so selbst den Tod herbeiriefen. 

Der Gedankengang Abraham*s ist keineswegs mystisch. Es liegt 
durchaus im Bereich der Denkmöglichkeit und geht ohne Widerspruch 
in eine ganz nüchterne, sozusagen physikalische Auffassung des Lebens- 
prozesses ein, wenn wir annehmen, dass dieser Wille zum Tode im 
Unbewussten bewirkt, dass das bewusste Handeln seinen Zwecken 
dienstbar wird. Natürlich wird die bewusste Motivierung dieses zum 
Tode führenden Handelns, analog dem Mechanismus der Traumentstellung, 
geändert sein: sie kann scheinbar entgegengesetzte Ziele verfolgen, als 
die, denen sie tatsächlich zustrebt. 

Dies vorausgeschickt lässt sich für die nicht so seltenen Fälle 
eingetroffener Todesahnungen eine nicht unwahrscheinliche Er- 
klärung finden: sie sind offenbar nichts anderes, als die Art, wie sich 
das Unbewusste im Bewusstsein manifest macht. Was im Unbewussten 
heisst, „ich ,w i 1 1* sterben**, wird im Bewussten als die Ahnung „ich 
jwerde* sterben**, reflektiert. Einen ßolchen Fall habe ich selbst erlebt. 
Eine hochgebildete, intelligente Frau, eine Künstlerin, war zum dritten 
Male gravid. Die beiden ersten Graviditäten hatte sie trotz mannigfacher 
Beschwerden mit heiterer Ruhe ertragen. Diesmal aber, obwohl organische 
Beschwerden ausblieben, äusserte sie gleich in den ersten Wochen Todes- 
ahnungen — zunächst halb scherzhaft, aber mit einem ernsten, bedrückten 
Unterton, der sich immer mehr verstärkte. Die Frau hatte in ihrer Kunst 
mannigfache Zurücksetzungen erfahren, die sie — unberechtigt — als 



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Beiträge zur Sextutlsymbolik des Traomea. 561 

verdiente empfand und die ihr oft die Äusserung auf die Lippe drängten; 
„sie könne nichts, sie wolle nie mehr malen**. Geschäftliche Sorgen 
des Mannes, eines zu pessimistischen Übertreibungen geneigten Neur- 
asthenikers, Hessen sie auch für die wirtschaftliche Zukunft der Familie 
fürchten. Im siebenten Monate der Gravidität wurde eine Nephritis manifest, 
die zu einer Totgeburt führte, und an die unmittelbar eine schleichende 
Pleuritis sich anschloss, der die Frau nach sechsmonatlichem Siech- 
tum erlag. 



VI. 

Beiträge znr Sexnalsymbolik des Tranmes. 

Von Dr. Eduard Hitsohmann (Wien). 

Da die Sexualsymbolik zu den fundamentalen, aber auch schwer 
verständlichen Ausdrucksmitteln des imbewussten Denkens gehört und ihre 
eingehende Kenntnis sich als ein immer unentbehrlicheres Instrument 
der psychoanalytischen Technik erweist, scheint es geboten, aus dem 
von den Neurotikern produzierten Material einige als singulare, zwingender 
imponierende Beispiele herauszugreifen. Dem Analytiker wird die Sym- 
bolik schon durch ihre Häufung und Typik selbstverständlich (z. B. 
Schlange, Vogel, Baumstamm; Ofen, Schrank, Büchse etc.), wogegen der 
eben Eindringende oder noch Gegnerische durch Einzelfälle von besonderer 
Beweiskraft dem Thema am leichtesten nahegebracht wird. 

Die Symbole gehören dem allgemeinen Unbewussten des Volkes an; 
das Einzelindividuum trifft daraus seine Auswahl, welche durch seine 
psycliische Konstellation, vor allem seine persönlichen erotischen Er- 
lebnisse bedingt ist. Die dem Patienten entweder vor vornherein oder 
erst nach längerer Analyse bewussten Erlebnisse, andererseits die Eigen- 
art seiner Vita sexualis geben dem Symbol speziellere und so plausible! 
Kennzeichen, dass der Zusammenhang auch dem minder Geübten Bich 
aufdrängt. Wenn etwa ein Penissymbol sowohl die charakteristische Form,- 
wie die Erektionsfähigkeit (Mechanik .des in die Höhe Gehens, grösser 
und kleiner werden), eventuell auch die Sekretentleerung oder einen 
schützenden gummiartigen Überzug darzustellen vermag, so wird natür- 
lich ein so reich ausgestattetes Symbol viel Überzeugendes an sich haben. 
Unter den später anzuführenden Beispielen findet sich ein Handschuh^ 
der die Fähigkeit zu „fliegen*' zeigt, also ein anscheinend so sinnloses, 
Attribut, dass das "Bild nur einem ganz singulären persönlichen Erlebnis 
seine Herkunft verdanken kann. Daher sind solche Traumsymbole einer- 
seits besonders dienlich zum Wiedererwecken verdrängter Sexualerleb- 
nisse, andererseits geben die bereits bekannten speziellen Sexualtraumata 
oder Sexualfunktionen des Träumenden zwingende Anhaltspunkte für die 
Deutung gerade jener symbolischen Elemente, die sich gerade durch den 
Mangel hinzutretender Einfälle verraten. 

Den im folgenden wiedergegebenen Träumen, die das Ausgeführte 
bestätigten sollen, sind, aus der Analyse die entsprechenden Erlebnisse 
oder die Eigenart des Sexuallebens beleuchtenden Umstände kurz angefügt. 



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£62 BeitrSg» zar SezaElsymbolik des Traumes. 

Die Wiedergabe der vollständigen Traumdeutungen musste selbstverständ- 
lich hier unterbleiben. 

L Traum einer 32jährigen, an Zwangsneurose leidenden 

Patientin. 

„Ich stand mit einem Herrn auf dem Korridor. Drei mittlere 
Finger eines lichten Handschuhs, die eine Sprungfeder 
enthielten,: wodurch sie von selbst auf- und nieder- 
klappen konnten, sprangen jemand ins Gesicht (wem zuerst, 
weiss ich nicht). Der Herr sagte : „Geben Sie acht, sie wieder wegzubringen, 
wenn sie in Ihr Gesicht springen : denn wenn sie haften, bleibt 
die Krankheit haften." Die Finger sprangen mir öfters ins Gesicht 
und ich bemühe mich, sie wegzutun. Dann sahen wir zum Fenster hinunter, 
unten stand ein Mädchen. Der Herr, dem die 3 Finger ins Gesicht ge- 
sprungen waren, warf sie auf das Mädchen. Ich war beruhigt. Sie sprangen 
mir aber wieder ins Gesicht. Dann warf ich sie durchs Fenster, sie 
zerflogen wie eine Zigarette. Ich trat nun in ein Zimmer, wo Mama, 
ein Cousin und noch Leute waren. Ich erzählte es und fragte, ob die 
Krankheit an mir hafte. Man antwortete mir zweifelnd.** Ich erwachte 
mit Furcht. — 

Die Krankheit der Patientin wurde manifest, als sie ihrem Bürochef 
zum Opfer fiel, der sie mit der Hand sexuell erregte und masturbierte, 
ähnlich wie es in der Kindheit ein Knabe mit ihr getrieben hatte. 

Die Dreizahl, der Handschuh-Überzug, die Sprungfeder-Mechanik, 
das Fliegen (Springen), das mit Krankheit Ansteckende (was auch be- 
deuten kann: Schwängernde) weisen auf die Penis-Symbolik hin. „Wäre 
es der Penis gewesen!**, dieser Wunsch scheint mitzuspielen. 

II. Traum eines 22jährigen Zwangsneurotikers. 

„Ich beuge mich in einer Wohnung über die Fensterbrüstung und 
bröckle den Mörtel von der Mauer. Dann Öffne ich den Hahn 
einer Wasserleitung (ohne Muschel), die sich unter der Fenster- 
brüstung befindet und lasse das Wasser aussen am Hause zur 
untern Wohnung hinabrinnen. Ich bin dann unten in der 
Wohnung und habe eine Auseinandersetzung mit den Leuten wegen des 
Vorfalls. Viele Frauen und Männer sind da, selbe unterhalten sich in 
Gruppen miteinander. Eine Dame hebt eine Gerte oder dgl., um einen 
Hund zu hauen.** 

Der Patient, der auch zur Zeit der Behandlung von der Masturbation 
nicht lassen kann, erinnert sich, „seinerzeit als Kind, so bei einem Fenster 
stehend, auf die Onanie gekommen zu sein**. Die den Hund prügelnde 
Dame entspricht einer masochistischen .Masturbationsphantasie. Patient 
pisste auch als Knabe gern vom Balkon hinunter, war Enuretiker und 
hat vor ca. i/g Jahre anlässlich eines Pollutionstraumes wieder Harn 
ins Bett gelassen. 

III. Traum eines 37 jährigen psychisch Impotenten. 

„Es war so, als wenn ich bei Ihrer Ordinationsstunde gewesen 
sei und ging nach Hause und nahm meinen Weg über die ICämthner- 
strasse. Auf einmal sahen alle Leute gegen Himmel, ich auch. Da kam 
ein ungeheurer balkenförmiger Luftballon von grüner Farbe 



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Das Problem des »Gemeinsamen Sterbens*. 663 

in Sicht, der vom Sturme stark hin- und hergeschleudert wurde. Auf 
einmal fiel er mit furchtbarem Getöse mitten am Naschmarkt nieder 
land fing zu brennen an,*' Ich erwachte aufger^t und angstroll. — 

Die Symbolik des stürzenden Ballons für das ante portas zusammen- 
fallende erigierte Glied findet sich bei an Impotentia coeundi (Ejaculatio 
praecox) Leidenden öfter. 

IV. Traum eines 35jährigen in dreijähriger Ehe psychisch 

Impotenten. 

„Wir waren in Gesellschaft, da wurde das Kind der Schwägerin 
hereingebracht und zwar von einer Amme, die es auf dem Arm 
trug. Die Amme war aber ein Mann, hatte einen schwarzen Kaiserbart 
und eine Pfeife im Munde. Ich verbot ihm das Rauchen; 
dann war ein Streit im Kreis der Damen." 

Patient hatte aus seinem 6. Lebensjahr berichtet, dass seih Haus- 
lehrer ihn, wienn er in der Lehrstunde zu urinieren verlangte, auf den, 
Arm nahm und sich von ihm in os urinieren Hess, wovor Patient grossen 
Abscheu hatte; aus Schuldgefühl verriet er jedoch nichts. 



vn. 

Das Problem des ^^Gemeinsamen Sterbens^S namentlich 
mit Bezug auf den Selbstmord Heinrich von Kleist^s. 

Von Emest Jones (London). 

In einer kürzlich erschienenen interessanten Monographie hat 
Sadger bei der Besprechimg des Selbstmordes Heinrich v. Kleis t's 
unsere Aufmerksamkeit auf mehrere wichtige Gedankengänge gelenkt, die 
die psychologische Motivierung des „gemeinsamen Sterbens" betreffen. Da 
man in einem Fachjournal die Analyse freier und deshalb weiter fort- 
setzen kann als in einer auch für Laien bestimmten Schrift, will ich 
hier einige Bemerkungen zu zwei hierher gehörigen Themen, die Sadger 
— wie ich glaube, absichtlich — nicht berührt hat, ausführen. 

Über die psychosexuelle Bedeutung des Todes im allgemeinen kann 
ich hinweggehen. Freud, Stekel u. a. haben die masochistischen 
Phantasien, mit welchen die Todesidee verknüpft wird, vollkommen be- 
schrieben, und auch in Sadger's Monographie wird sie klar dargelegt. 
Die gewöhnliche Todesvorstellung in der Mythologie und im Folklore, 
als die eines Geistes, der einen gewaltsam anfällt und fortnimmt, hat 
den gleichen Inhalt. 

Die Frage, was das „gemeinsame** Sterben bedeutet, ist jedenfalls 
komplizierter, da das Begehren danach mehrfach determiniert ist. Als 
oberflächlichstes Motiv tritt einem der Glaube an ein Jenseits entgegen, 
an einen Ort, wo alle, hienieden enttäuschten Hoffnungen in Erfüllung 
gehen sollen. Wir haben hier eine Ersatzbildung zu dem gleichen Zwecke, 
dem auch eine Neurose oder Psychose dient. Den Theologen ist es wohl- 
bekannt, dass die tröstende Kraft dieses Glaubens um so grösser wird, 

^) J. Sadger, Heinrich von Kleist Eine pathographlsch-psycho- 
logische Studie. Bergmann, Wiesbaden 1910. 

ZentralbUtt flkr PijehouiAlyse. l». 88 



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664 BftB Problem des ^CremeiiiBameii Sterbens** 

je mehr Enttäuschung und Kummer das Leben bringt. Das gleiche gilt 
von dem Verlangen, gemeinsam mit seiner Geliebten zu sterben, wofür 
auch die äusseren mitwirkenden Umstände, welche Kleist in den Tod 
zu treiben schienen, ein gutes Beispiel geben. Aber jedenfalls handelte 
es sich in diesem Falle, wie Sadger klar beweist, um etwas anderes. 
Es drängte ihn ein eigenartiger, unwiderstehlicher innerer Zwang zu der 
Tat, der nicht in den äusseren Umständen eine adäquate Erklärung findet. 
Vermutlich wird die Mehrzahl der Psychoanalytiker Sadger recht geben, 
wenn er schliesst, das „gemeinsam sterben wollen heisst soviel als (ur- 
sprünglich natürlich mit der Mutter) gemeinsam schlafen und verkehren 
wollen" 1), und dass „das von Kleist so sehr ersehnte Grab dann einfach 
gleichbedeutend mit dem Bett der Mutter wäre" ^). — K 1 e i s t's eigene Worte 
weisen darauf verständlich hin, wenn er schreibt: „Ich kann Dir nicht 
leugnen,. dass mir ihr Grab lieber ist als die Betten aller Kaiserinnen (I) 
der Welt 3)." 

Tiefer liegen die Motive, welche den Gegenstand mit der Nekrophilie 
verbinden. Zunächst sei die sadistische Triebrichtung hervorgehoben, 
welche durch die Vorstellung einer Verbindung mit einer Toten geweckt 
werden kann, teils infolge ihrer widerstaudlosen Hilflosigkeit, teils des- 
wegen, weil eine Tote durch keinen Liebesexzess ermüdet werden kann, 
geduldig ausharrt ohne Ende und für ewig ergeben bleibt. Diesen Ge- 
danken von der Unermüdbarkeit, resp. Unersättlichkeit der Toten lässt 
Heine (in seiner Widmung zu „Der Doktor Faust") die wiedergekehrte 
Helena mit folgenden Versen ausdrücken: 

Du hast mich beschworen aus dem Grab 
Durch deinen Zauberwillen, 
Belebtest mich mit Wollustglut — 
Jetzt kannst du die Glut nicht stillen. 

Press deinen Mund an meinen Mund, 
Der Menschen Odem ist göttlich! 
Ich trinke deine Seele aus. 
Die Toten sind unersättlich. 

Nach meiner psychoanalytischen Erfahrung an Neurotikern treten 
nekrophile Tendenzen regelmässig in Verbindung mit koprophilen und 
Geburts-Phantasien auf; die Beziehung zwischen diesen beiden Phantasien 
wurde von Freud^) klargestellt und dann von vielen anderen bestätigt. 
Einerseits ist der Kot etwas Totes, das früher dem Leben angehört hat 
und jetzt zu Staub wird, wovon leicht eine Assoziation zur Vorstellung 
der Leiche ausgeht, andererseits ist der Kot nach einer häufigen kind- 
lichen Sexualtheorie das Material, aus dem die Kinder entstehen, da er 
auch als Dünger allgemein als fruchterzeugendes Prinzip wirkt. So mag 
die Liebe zu oder der Abscheu vor einer Leiche eine Rückkehr zu einem 
kindlichen Interesse und zur kindlichen Freude an den Exkrementen ent- 
halten. Das erklärt auch, weshalb uns im Folklore, in der Literatur, 



1) Op. cit, S. 60, 61. 

2) Op. cit, S. 56—58. 

3) Op. dt, S. 60. 

*) Freud, Zweite Sammlung, S. 168, 



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OrfgfrTaffrom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Das Problem des yGemeinsamen Sterben*. 565 

Mythologie und im Volksglauben^) die beiden Motive: 1. eine tote Mutter 
gebiert ein Kind, und 2. ein lebendes Weib wird vom toten Gatten 
geschwängert (Kot als sexuelles Material), so überaus häufig begegnen. 
Interessante Andeutungen von beiden finden sich in Kle ist's Novelle 
„Marquise von 0". Dieselbe Verbindung von koprophilen und von Ge- 
burtsphantasien erklärt wahrscheinlich auch den ungewöhnlichen Vor- 
schlag, den er seiner Braut Wilhelmine von Zenge gemacht hat, dass sie; 
zusammen Alles im Stich Hessen und als Bauern lebten. Da sie sich 
weigerte, diese „Liebesbedingung** zu erfüllen, löste er bekanntlich in 
herzloser Art die Verlobung. S a d g e r zitiert folgende Stelle : „Unter 
den persischen Magiern gab es ein religiöses Gesetz: ein Mensch könne 
nichts der Gottheit Wohlgefälligeres tun als dieses, ein Feld zu be- 
bauen, einen Baum zu pflanzen und ein Kind zu zeugen 2). 
Das nenne ich Weisheit und keine Wahrheit hat noch so tief in meine 
Seele gegriffen aJs diese. Das soll ich tun, das weiss ich bestixnmt. 
Ach, Wilhelminc, welch unsägliches Glück mag in dem Bewusstsein liegen, 
seine Bestimmung ganz nach dem Willen der Natur zu erfüllen." — 
Ich stimme ganz mit S a d g e r darin überein, dass das „eine versteckt^ 
sexuelle Bedeutung** habe 3). Ich habe weiter beobachtet, obgleich ich 
es nicht als allgemeine Regel hinstellen kann, dass Patienten, die diesen 
Komplex haben, ein wundervoll zärtliches Benehmen gegen ihr Liebes- 
objekt zeigen, genau wie eine liebevolle Mutter für ihr Kind; das trat 
auch sehr deutlich in dem letzten Auflodern von K 1 e i s t's „dithyrambi- 
scher Verzücktheit** Henrietten gegenüber zutage mit einem „an Irrsinn 
grenzenden Austausch von Kosenamen**^). 

Sadger bespricht ferner die „Reise**-Bedeutung des „gemeinsamen 
Sterbens'*. Die Beziehung zwischen Tod und Reise ist uralt; man denke 
an die griechischen und deutschen Mythen von den Zügen toter Seelen> 
an Hamlet's „unentdecktes Land, von dessen Grenze kein Wanderer wieder- 
kehrt*'. Durch Freud's bekannte Mitteilung, dass die Kinder sich unter 
dem Sterben w^esentlich ein „Fortgehen**, ein Abreisen, Fortsein vorstellen, 
erscheint die Ideenverbindung uns als eine natürliche und feste. Bei 
Kleist stimmt damit seine merkwürdige Reisewut überein, die seinen 
Freunden so ziellos und unerklärlich schien. Zwei Motive für diesen 
Zusammenhang sind recht oberflächlicher Natur. Vor allem stellt sich 
das Sterben als eine Entdeckungsreise dar, als das Erreichen eines Landes, 
in welchem verborgene Dinge erkannt werden sollen; da ist die Ver- 
wandtschaft mit der sexuellen Neugier des Kindes offenkundig. Sadger 
führt auch aus ^), wie leidenschaftlich K 1 e i s t*s Wxmsch nach abso- 
luter sicherer Wahrheit war imd zitiert seinen Ausspruch: 
„Bildung schien mir das einzige Ziel, das des Bestrebens, Wahrheit 
der einzige Reichtum, der des Besitzes würdig ist** Als er Kant*s un- 
erbittliche Kritik der Vorstellung vom Absoluten und vom Jenseits studierte. 



1) Zahlreiche Belege dazu bei Hanusch, Zeitschr. f. deutsche Mytho- 
logie, Jahrgang IV. S. 200; Hock, Die Vampyrsagen und ihre Verwertung in der 
deutschen Literatur. 1900. S, 24, 37, 43; Horst, Zauberbibliothek. 1821. Erster 
Teil, S. 277; Kraus s, Slavische Volksforschungen, 1908. S. 130; Sepp, Okzident 
und Orient. 1903. S. 268 u. a. m. 

^) Von mir zu dieser Beweisführung hervorgehoben. 

^) Op. cit, S. 59. 

*) Op. cit., S. 62. 

38* 



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£66 Das Problem des tOemeinsameii Sterbens*. 

war er aufs schwerste erschüttert. Er schreibt: „Und dennoch war der 
einzige Gedanke, der meine Seele in diesem äussersten Tumulte mit 
glühender Angst (bearbeitete, immer nur dieser: dein einziges, dein 
höchstes Ziel ist gesimken." In diesem Zusammenhang sei an das 
Zitat Furtmüller 's aus den Briefen M u 1 1 a t u 1 i's erinnert, in welchem 
sich der iZusammenhang zwischen den Suchen nach Wahrheit und ge- 
schlechtlicher Neugier unverkennbar verrät^). In zweiter Linie kommt 
das gemeinsame Reisen in Betracht, und es ist für Kleist bezeichnend, 
dass von ihm regelmässig solche Reisen geplant und unternommen wurden. 
Sadger führt dieses Verlangen in plausibler Art auf den infantilen 
Wunsch zurück, den Vater zu betrügen und die Mutter nach einem ent- 
fernten Orte zu entführen, wo er nicht mehr die gegenseitigen Zärtlich- 
Jceiten stören könnte; deshalb kann gemeinsames Sterben die Flucht mit 
der Mutter bedeuten und so unbewusste Wünsthe erfüllen 2). 

Die Reiselust ist eines der vielen Begehren, das sich in Fliege- 
träumen 3) ausdrücken kann, und ich möchte in dieser Beziehung Mehreres 
bemerken. Freud verfolgt die letzte Wurzel dieser Träume zurück bis 
zu dem lustvollen Hetzen der Kindheit*) und hat an anderer Stelle 
mit "besonderem Nachdruck den Zusammenhang zwischen körperlicher Be- 
wegung im allgemeinen und sexueller Erregung hervorgehoben 0). In 
mehreren Analysen fand ich mit diesen Motiven verschiedene analerotische 
Motive verknüpft, welche daher ihren Beitrag zu den späteren Wünschen 
. liefern könnten. Die blosse Tatsache, dass der gewöhnliche englisch''^ 
Ausdruck für Defäkation „movement", und für Fäzes „motion" (Stuhl- 
gang) lautet, deutet auf eine tiefere Assoziation zwischen zwei Gegen- 
ständen, die auf den ersten Blick keinerlei Beziehung zueinander ver- 
raten. Ich brauche hier nicht auf die Verschiedenen Stützen dieser As- 
soziation einzugehen und will nur bemerken, dass der Akt der Defäkation, 
wenn er spezifisch lustbetont ist, die Bedeutung eines sexuellen „projecting*' 
(Werfen, Schleudern, Schiessen) analog der Ejakulation des Samens und 
der Entleerung des Urins annehmen kann. Das Schleudern (projecting) 
eines sexuellen Stoffes auf eine Entfernung ist oft die Wurzel von 
Phantasien, die die zauberhafte Fähigkeit zu rapider Überwindung von 
Distanzen beinhalten. Ferner habe ich viel Material, sowohl aus Psycho- 
analysen als aus dem Folklore gesammelt, dessen detaillierte Mitteilung 
an anderer Stelle ich beabsichtige, das darauf hinweist, dass 1. diese 
Beobachtung eines Zusammenhanges zwischen ,,sexual projection** und 
Bewegung im allgemeinen speziell mit dem Vorgang des Flatuslassen 6) 
^u tun hat, mit Rücksicht auf deren Fähigkeit, in die Ferne zu dringen, 
\md 2. dass dieses häufig von den Kindern für den wesentlichen Teil 
des Koitus gehalten wird, der demnach darin bestünde, einen Flatus 



1) Furtmüller, Nuda veritas. Zentralbl. f. Psychoanalyse. Heft ö/6. 
S. 273. 

2) Sadger, Op. cit. S. 60. 

3) Es ist vielleicht bedeutungsvoll, dass die Frau, mit welcher Kleist die 
-Reise ohne Wiederkehr unternahm, den Namen „Vogel** führte. 

*) Freud, Traumdeutung. 2. Aufl. S. 195. 

ö) Freud, Drei Abhandlungen. 2. Aufl. S. 53, 54. 

•) Es ist vielleicht auch nicht bloss ein Zufall, dass die gewöhnliche Be- 
zeichnung für Flatus (deutsch „Farz", englisch „fart'*) eigentümlich dem Worte 
„Fahrt" ähnelt. 



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Ein Beitrag sur Eenotius des Zahlentraames. 667* 

in die weibliche Kloake zu lassen. Diese Phantasie scheint durch ihre 
Assoziation mit Bewegung, also mit Flug durch ein gasförmiges Medium, 
durch die Luft, besonders geeignet in Verbindung mit den anderen früher 
erwähnten koprophilen, sadistischen und inzestuösen Wünschen, die Liebes- 
bedingung für das „gemeinsame Sterben** zu bilden, und ich wollte an- 
regen, weitere Fälle von diesem Gesichtspunkte aus zu untersuchen. 



VIIL 

Ein Beitrag znr Kenntnis des Zahlentranmes. 

Von C. G. Jung (Zürich). 

Die Zahlensymbolik, welche die phantasievolle Philosophie früherer 
Jahrhunderte stark beschäftigte, hat durch die analytische Forschung von 
Freud und seiner Schule wieder neues Interesse gewonnen. Doch nun- 
mehr sind es nicht mehr bewusste Ergrübelungen zahlensymbolischer 
Zusammenhänge, sondern die unbewussten Wurzeln der Zahlensymbolik, 
die wir im Material der Zahlenträume aufdecken. Prinzipielle Neuigkeiten 
auf diesem Gebiete sind seit den Darlegungen von Freud, Adler 
und S t e k e 1 zunächst wohl kaum beizubringen. Man muss sich daher 
begnügen, die Erfahrung durch parallellaufende Kasuistik zu erweitern. 
Es ist mir gelungen einige derartige Fälle in meiner Praxis zu be- 
obachten, deren Mitteilung von allgemeinerem Interesse sein dürfte. 
Die ersten drei Beispiele stammen von einem verheirateten Herrn in 
mittlerem Alter, dessen Aktualkonflikt eine aussereheliche erotische Be- 
ziehung ist Das Traumstück, dem ich die symbolische Zahl entnehme, 
dem Schaffner sein Generalabonnement vor. Der 
Schaffner beanstandet die hohe Nummer des Abonne- 
mentes. Sie lautet 2477. 

Die Analyse des Traumes bringt ein etwas unfeines und der gene- 
rösen Natur des Träumers fremdes Nachrechnen der Kosten des Ver- 
hältnisses heraus, was das Unbewusste als Widerstand gegen das 
VerMltnis benützt. Die zunächstliegende Deutung wäre also die, das» 
diese Zahl eine finanzielle Bedeutung und Herkunft hätte. Ein unge- 
fährer Überschlag der bisherigen Kosten des Verhältnisses führt zu einer 
Zahl, die sich tatsächlich 2477 Fr. annähert; eine sorgfältigere Berech- 
nung ergibt aber 2387 Fr., eine Zahl, die man nur arbiträr auf 2477 
übersetzen könnte. Ich überliess nun die Zahl den freien Einfällen des 
Patienten: es fällt ihm auf, dass im Traume die Zahl sich getrennt liest, 
nämlich 24 — 77. Vielleicht ist es eine Telephonnummer. Diese Ver- 
mutung erweist sich als unrichtig. Darauf folgt der Einfall, es sei eine 
Summe von irgendwelchen Zahlen. Hier schliesst sich eine Erinnerung 
an, dass Patient mir früher einmal ei'zäiilte, dass er den 100. GeburtsH 
tag seiner Mutter und seiner selbst gefeiert hat, nämlich als seine Mutter 
65 und er 35 Jahre alt war. (Sie haben den Geburtstag am gleichen Tag.) 
Auf diesem Wege kommt Patient zu folgender Einfallsreihe: 



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BBS Ein Beitnig xor Eenninia das Zahkntnniiiies. 

Er ist geboren am 26.11. 

Sein Verhältnis „ 28. Vm. 

Seine Frau „ 1. III. 

Seine Mutter (sein Vater ist längst gestorben) 26. IL 

Seine 2 Kinder ,, 29. IV, 

und „ 13. Vn, 
Patient ist geboren „ IL 76. 

Sein Verhältnis „ Vm. 85. 

Er ist jetzt 36 Jahre alt, sein Verhältnis 25. Schreibt man diese 
Einfallsreihe mit gewöhnlichen Zahlen, so ergibt sich folgende Rechnung: 

28. VIIL = 288 

26. n. = 262 

1. ni.= 13 

etc. 262 

294 

137 

885 

275 

25 

J6^ 

Die Summe 2477 
Aus dieser Reihe, in der seine sämtlichen Familienglieder einge- 
schlossen sind, ergibt sich die Zahl 2477. Dieser Aufbau führt in eine 
tiefere Bedeutungsschicht des Traumes: Fat. ist enorm an seine Familie 
gebunden, andererseits sehr verliebt in sein Verhältnis, was ihm schwere 
Konflikte verursacht. Die Details im Aussehen des Schaffners (die ich 
hier der Kürze halber auslasse), führen auf den Analytiker, von |dem 
Pat. mit Recht eine scharfe Kontrolle und Beanstandung seiner Abhängig- 
keit und Gebundenheit fürchtet und wünscht. 

Der bald darauffolgende Traum lautet (wiederum stark gekürzt): 
Der Analytiker inquiriert den Pat. darüber, was er 
eigentlich bei seinem Verhältnis tue? Worauf Pat. ent- 
gegnet, er spiele dort, und zwar immer auf eine sehr 
hohe Nummer, nämlich auf 152. Der Analytiker bemerkt 
dazu: Pat. werde ja elend betrogen. 

Die Analyse ergibt wiederum eine verdrängte Tendenz, den Kosten 
des Verhältnisses nachzurechnen. Der monatlich ausgelegte Betrag nähert 
sich nämlich 152 Fr. an, er beläuft sich auf 148 — 158 Fr. Die Bemerkung, 
er werde ja betrogen, spielt auf den Ausgangspunkt der Schwierigkeiten 
des Pat. mit seinem Verhältnis an: sie behauptet, er habe sie defloriert, 
er dagegen ist fest überzeugt, dass sie schon defloriert war, und dass 
sie sich von einem andern habe deflorieren lassen zu einer Zeit, wo er 
sich um sie bewarb, imd sie ihm ihre ganze Gunst noch versagte. Der 
Ausdruck „Nummer" führt auf den Einfall: Handschuhnummer, Kaliber- 
nummer. Von da aus erfolgt ein nächster Schritt auf die Tatsache, dass 
er beim ersten Koitus eine beachtenswerte Weite des Introitus konsta- 
tierte anstatt der erwarteten Resistenz des Hymens. Dies ist ihm das 
Beweissstück für den Betrug. Das Unbewusste benutzte diese Angelegen- 
heit natürlich als wirksamstes Widerstandsmittel gegen das Verhältnis. 
Gegen weitere Analyse erwies sich 152 zunächst als refraktär. Die 



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Eia* Beitrag zdr Eenntois des Zaii)eiijtraiün«8«~ 669 

;,Nummer" erregte jedoch bei späterer Gelegenheit den eigentlich nahe- 
liegenden Einfall |,,Hausnummer". Von da aus ergab sich' folgende Ein- 
fallsreihe: Die Dame wohnte zuerst, als Pat. sie kennen lernte, X-Strasse 
Nr. 17, später Y-Strasse Nr. 129, dann Z-Strasse Nr. 48. 

Hier dachte Pat, dass er 152 offenbar schon weit überschritten 
habe, denn die Addition ergab ihm 194. Da fiel ihm ein, dass die 
Dame von Z-Strasse Nr. 48 auf seine. Veranlassung aus gewissen Gründen 
weggezogen war, es mus9te also lauten 194 — 48 = 146. Jetzt wohnt sie 
A-Strasse Nr. 6, also 146 + 6=162. 

Im späteren Verlauf der Analyse kam folgender Traum: Pat. träumt, 
er erhalte vom Analytiker eine Rechnung, worin dieser 
ihm für verspätete Zahlung für den Zeitraum vom 3. bis 
29. (Sept.) auf einen Betrag von 316 Fr. 1 Fr. Zins be- 
rechnet. 

Mit diesem Vorwurf der Kleinlichkeit und Habgier gegen den Ana- 
lytiker verdeckt Pat. wie die Analyse ergab, einen starken tmbewussten 
Neid. Es ist Verschiedenes im Leben des Analytikers, was den Neid 
des Pat. erregen kann. In letzter Zeit hat ihm besonders eine Tatsache 
einen gewissen Eindruck gemacht. Sein Arzt hat einen Familienzuwachs 
erfahren. Die gestörte Beziehung des Pat. zu seiner Frau erlaubt leider 
in seiner Familie diese Hoffnung nicht. Es ist daher Grund zu Neid und 
mannigfachen Vergleichungen gegeben. 

Die Analyse von 315 geht wie früher von einer Trennung in 
3 — 1 — 6 aus. Zu 3 fällt ihm ein, dass sein Arzt 3 Kinder hatte, 
jüngst ist 1 dazugekommen. Er selber hätte 5 Kinder, wenn alle am 
Leben wären, so aber hat er 3 — 1 = 2 lebendige, denn 3 waren zwar 
ausgetragene Kinder, aber tot geboren. Mit diesen Einfällen ist die Zahlen- 
symbolik des Traumes aber noch lange nicht erschöpft. Pat. bemerkt, 
dass der Zeitraum vom 3. — 29. (Sept.) 26 Tage umfasse. Sein nächster 
Gedanke ist, diese und die übrigen Zahlen des Traumes zu summieren, 
nämlich 

26 
315 

1 

342 

An 342 vollzieht er dieselbe Operation wie an 315, nämlich die 
Zerlegung in 3 — 4 — 2. 

Wenn es vorhin lautete, dass sein Arzt 3 Kinder hatte, noch 1 be- 
kam und Pat. 6 hätte, so lautet es jetzt: der Arzt hatte 3 Kinder und. 
jetzt 4, Pat. hat nur 2. Er J>emerkt hierzu, diese zweite Zahl klinge 
wie eine Richtigstellung gegenüber der Wunscherfüllung. 

Pat. der ohne meine Hilfe für sich allein diese Aufklärung heraus- 
gefunden hatte, erklärte sich damit befriedigt. Sein Arzt war es aller- 
dings noch nicht, denn ihm schienen mit den obigen Enthüllungen 
noch nicht die reichen Determinationsmöglichkeiten unbewusster Gebüde 
erschöpft zu sein. Pat. hatte nämlich im Material zur Zahl 6 sorgfältig 
angemerkt, dass von den 3 tot geborenen Kindern 1 im 9. Monat und 
2 im 7. Monat geboren sind. Ebenso hob er hervor, dass seine Frau 
auch 2 Frühgeburten hatte, die eine in der 5. Woche, die andere in der 



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570 Ba BeUng cur Kmntiüft d«8 ZaUentnumiM. 

7. Summieren wir diese Zahlen, so erhalten wir die Determination der 
Zahl 26, nämlich: 

Kind von 7 Monaten 

M » 7 » 

•1 ° 1» 



>f 



23 
2 Frühgeburten (5+7 Wochen) 3 



26 

Es erscheint, als ob 26 durch die Zahl der verlorenen 
Schwangerschaftszeiten determiniert wäre. Im Traum l)edeutet 
diese Zeit (26 Tage) eine Verspätung, für die dem Pat. 1 Fr. Zins 
berechnet wird. Durch die verlorenen Schwangerschaften hat er tatsäch- 
lich eine Verspätung erlitten, denn sein Arzt ist in der Zeit, in der 
Pat. ihn kennt, um 1 Kind vorausgekommen. 1 Fr. dürfte 1 Kind heissen. 
Wir sehen oben die Tendenz des Pat., alle seine Kinder, auch die toten 
zusammenzuzählen, um den Rivalen zu tibertreffen. Der Gedanke, dass 
sein Arzt ihn mit 1 Kind überholt hat, könnte leicht noch tiefer auf die 
Determination von 1 einwirken. Wir wollen daher der oben erwähnten 
Tendenz des Pat. noch etwas nachgehen und sein Zahlenspiel fortsetzen 
dadurch, dass wir zur Zahl 26 die beiden gelungenen Schwangerschaften 
noch daznzählen: 

26 + 18 = 44. 

Befolgen wir auch noch die Tendenz der Zerlegung in Einzelzahlen, 
so ergibt sich 2 + 6 und 4 + 4, zwei Zahlengruppen, die nur das ge- 
meinsam haben, dass sie, für sich addiert, beide 8 ergeben. Diese Zahlen 
sind, wie wir bemerken müssen, ganz aus Schwangerschaftsmonaten, die 
von Seiten des Pat. kommen, zusammengesetzt. Vergleichen wir damit 
diejenigen Zahlengruppen, welche die Angaben über die Zeugungsleistung 
dos Arztes enthalten, nämlich 315 und 342, so ist zu bemerken, dass 
ihre Ähnlichkeit darin besteht, dass ihre Quersummen 9 ergeben. 9 — 8=1. 
Es scheint, als ob auch hier der Gedanke des Differierens um 1 durch- 
geführt wäre. Wie Pat. oben bemerkte, schien ihm 315 wunscherfüllend, 
342 dagegen richtigstellend zu sein. Eine spielende Phantasie entdeckt 
folgende Differenz zwischen den beiden Zahlen: 

3X1X6 = 16 3X4X2 = 24 24 — 16=9 

Auch hier stossen wir wieder auf die bedeutsame Zahl 9, die sich dieser 
Schwangorschafts- und Geburtenrechnung sehr wohl eingefügt. 

Die Grenzen, wo das rein Spielerische anfängt, sind schwer zu 
ziehen — notwendigerweise, denn das unbewusste Produkt ist Schöpfung 
spielender Phantasie, jener psychischen Instanz, aus der auch das Spiel 
entsteht. Es widerstrebt dem exakten Geiste dieser nach allen Seiten 
ins Haltlose sich verlierenden Spielerei nachzuhängen. Aber man ver- 
gesse nie, dass es noch nicht lange her ist, dass der menschliche Geist 
jahrtausendelang sich eben an diesem Spiel ergötzt hat, und dass es 
daher kein Wunder wäre, wenn jene historischer Vergangenheit ange- 
hörigen Tendenzen im Traume sich wiederum Gehör erzwingen. Wie 
die oben 'berichtete Tatsache der Feier des 100. Geburtstages zeigt, ver- 
fügt der Träumer auch im Wachen über ähnliche zahlenspielerische Ten- 
denzen. Ihr Vorhandensein beim Träumer steht daher ausser Zweifel. 
Für die einzelnen Wege unbewusster Determination fehlen in jedem Falle 



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Ein Beitrag zar EenntniB des Zahleniraumes, 571 

exakte Beweise, nur die Gesamtheit der Erfahrung ver- 
mag die Sicherheit der einzelnen Entdeckung zu stütze n» 
Man ist bei der Forschung im Gebiete freischaffender Phantasie fast wie 
nirgends sonst auf breite Empirie angewiesen, die zu einem hohen Mass 
an Bescheidenheit hinsichtlich der Sicherheit der einzelnen Schlüsse auf- 
fordert, keineswegs aber dazu nötigt, Geschehenes und Erlebtes zu ver- 
schweigen aus Besorgnis, den Fluch der Unwissenschaftlichkeit auf sich 
zu laden. Man hat die Superstitionsphobie des modernen Geistes keines- 
wegs mitzumachen; sie gehört auch zu den Mitteln, die Geheimnisse des 
Unbewussten zu verschleiern. 

Es ist von besonderem Interesse zu sehen, wie sich die Probleme 
des Patienten im Unbewussten seiner Frau spiegeln. Seine Frau hatte 
folgenden Traum: Sie träumte, und dies ist der ganze Traum: „Lucas 137". 
Die Analyse der Zahl ergibt folgendes: Zu 1 fällt der Träumerin ein: 
Der Arzt hat 1 Kind bekommen. 3 hatte er. Sie hätte, wenn alle Kinder 
am Leben wären, 7, nun hat sie bloss 3 — 1 = 2. Sie wünscht aber 
1 -j"3-f-7 = 11, d. h. 11 sind Zwillinge, dann hätte sie die Kinderzahl 
des Arztes eingeholt. Ihre Mutter hatte einmal Zwillinge. Die 
Hoffnung von ihrem Mann ein Kind zu bekommen, ist sehr prekär, was 
den Gedanken an eine zweite Heirat dem Unbewussten schon längst 
nahegelegt hat. In ihren Phantasien kam sie darauf, dass sie mit 44 Jahren 
„fertig**, d. h. im Klimakterimn sei. Sie ist jetzt 33 Jahre alt, also in 
11 Jahren ist das 44. Jahr erreicht. ^Letzteres ist darum bedeutsiam, 
da ihr Vater mit 44 Jahren gestorben ist. Ihre Phantasie vom 44. Jahr 
enthält den Gedanken vom Tode des Vaters. Die Hervorhebung des Vater- 
todes entspricht der verdrängten Phantasie vom Tode des Mannes, welcher 
als Hindernis 'zu beseitigen wäre. An dieser Stelle tritt nun konflikt- 
lösend da> Material zu „Lucas 137** ein. Die Träumerin ist nun, was 
ausdrücklich zu bemerken ist, keineswegs bibelkundig, sie hat sogar seit 
undenklichen Zeiten die Bibel nicht mehr gelesen, denn sie ist keineswegs 
religiös. Auf Einfälle hier zu rekurrieren, war daher ganz aussichtslos. 
Die Bibelunkenntnis der Träumerin ist sogar so gross, dass sie nicht 
einmal wusste, dass die Zitation „Lucas 137** sich nur auf das Evangelium 
St. Lucae beziehen kann. Als sie das neue Testament aufschlug, geriet 
sie auf die Apostelgeschichte St. Lucae. Da nun das I. Kapitel 
nur 26 Verse hat und nicht 37, so nahm sie den 7. Vers; dort heisst es: 
„Es gebührt euch nicht zu wissen Zeit oder Stunde, 
welche der Vater seiner Macht vorbehalten hat.** 

Gehen wir nun aber zu Lucas I, 37, so finden wir dort die 
Verkündigung Maria e. 

(Vers 35: Der heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft 
des Höchsten wird dich überschatten; darum auch das Heilige, das von 
dir geboren wird, wird Gottes Sohn genannt werden. 

36. Und siehe Elisabeth, deine Gefreundte, ist auch schwanger mit 
einem Sohn in ihrem Alter, imd gehet jetzt im sechsten Mond, die im 
Geschrei ist, dass sie unfruchtbar sei. 

37. Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich.) 

Die konsequente Fortsetzung der Analyse von „Lucas 137** erfordert 
auch das Nachschlagen von Lucas XIII, 7. Dort heisst es: Vers 6: 
Es hatte Einer einen Feigenbaum, der war gepflanzt in seinem Wein- 



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572 ISin Beitrag stir Eewtnis des Z|thleiitrai|meB. 

berge; und kam und suchte Frudht darauf und fand sie nicht. 7. Da 
sprach er zum Weingärtner : Siehe« ich bin nun 3 Jahre lang alle Jahre 
kommen, und habe Frucht gesucht auf diesem Feigenbaum, und finde 
sie nicht; haue ihn ab; was hindert er das Land? 

Der Feigenbaum, der seit Alters das Symbol des männlichen Geni- 
tales liefert, soll seiner Unfruchtbarkeit wegen abgehauen werden. 
Dieser Passus trifft nun vorzüglich zusammen mit zahlreichen sadistischen 
Phantasien der Träumerin, die sich mit dem Abschneiden oder Abbeissen 
des Penis beschäftigen. Die Beziehung auf 'das unfruchtbare Ghed des 
Mannes leuchtet ein. Es ist begreiflich, dass die Träumerin ihre Libido 
vom Manne izurückzieht, denn er ist ihr gegenüber impotent, ebenso 
ist es begreiflich, dass sie eine Regression auf den Vater macht („ ... die 
der Vater seiner Macht vorbehalten hat**) und sich mit ihrer Mutter, 
die Zwillinge hatte, identifiziert i). Durch dieses Vorrücken der Träumerin 
im Altersrang gerät ihr Mann ihr gegenüber in die Sohnes- oder Knaben- 
rolle, denn für dieses Alter ist die Impotenz charakteristisch. Auch ist 
der Wunsch, den Mann zu beseitigen, leicht verständlich und überdies 
durch die frühere Psychoanalyse der Patientin reichlich belegt. Es ist 
daher nur mehr eine Bestätigung des bisher Gesagten, wenn wir in 
der Verfolgung der Materialien zu „Lucas 137** bei Lucas VII in Vers 12 ff. 
folgendes finden: 12. „Als er aber nahe an das Stadttor kam, siehe^ 
da trug man einen Toten heraus, der ein einziger Sohn war seiner 
Mutter, und sie war eine Witwe .... 

13. Und da sie der Herr sah, jammerte ihn derselbigen, und sprach 
zu ihr: weine nicht! 

14. Und er trat hinzu, und rührte den Sarg an; und die Träger 
stunden. Und er sprach: Jüngling, ich sage dir, stehe auf!** 

Die Anspielung auf die Totenerweckung gewinnt unter der ganzen 
psychologischen Situation der Träumerin einen schönen Sinn als Heilung 
der Impotenz des Mannes. Damit wäre das ganze Problem erledigt. Ich 
brauche auf die zahlreichen Wunscherfüllungen, die in diesem Material 
enthalten sind, nicht expressis verbis hinzuweisen; sie ergeben sich dem 
Leser von selbst. 

Die bedeutsame Kombination des Symboles „Lucas 137** dürfte in 
Ansehung der Tatsache, dass die Träumerin gänzlich bibelunkundig ist, 
wohl nur als K r y p t o m n e s i e aufgefasst werden. Auf die beträcht- 
lichen Effekte dieses Phänomens haben Flournoy^) und ich ^) schon 
früher aufmerksam gemacht. Soweit es überhaupt menschliche Sicher- 
heiten gibt, dürften in diesem Fall betrügerische Manipulationen nicht 
in Betracht kommen. Der der Psychoanalyse Kundige wird letztere Ver- 
dachtsmöglichkeit auch schon allein durch die ganze Anlage des Materiales 
auszuschliessen wissen. 

Ich bin mir bewusst, dass diese Beobachtungen in einem Meer von 
Unsicherheiten schwimmen; ich glaube aber, dass es unrichtig wäre, die 
Beobachtungen zu verschweigen, denn es können Glücklichere nach uns 
kommen, welche sie in feste Richtungslinien zu bringen wissen, was 
uns bei unserer derzeitigen mangelhaften Erkenntnis unmöglich ist. 

^) Der Mano laboriert in der Hauptsache an einem beträchtlichen Mutterkomplex« 
') Flournoy, Des Indes h la Flankte Mars. Idem: Nouvelles obseryations 
Bur un cas de somnambulieme. Arch. de Psycho). Tome I. 

^) Ju n g , Zur Psychologie und Pathologie sog. okkulter Phänomene. Leipzig 1902. 



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über zwei Fraaestypen. 573 

IX, 

Über zwei Frauentypen. 

Von Dr. A. Maeder (Zürich). 

Es gibt in der Literatur zwei bekannte Frauentypen, welche man 
gerne einander gegenüberstellt : „der Kitzler- (Clitoris)typus und 
der Gebärmuttertypus. Es sind wohl zwei extreme Typen, 
zwischen denen eine Anzahl von Zwischenstufen vorhanden sind. Eine 
Durchsicht meines psychoanalytischen Materials hat mich zu einer Be- 
stätigung dieser Typen geführt, über welche ich kurz einiges berichten 
möchte. 

A. Der Gebärmuttertypus. Es handelt sich um eine Frau 
für welche der Gedanke der Mutterschaft, des Kindes sozusagen 
das Zentrum des geistigen und gemütlichen Lebens darstellt. Dieses 
Interesse tritt schon in den allerersten Lebensjahren auf. Mit drei, vier 
Jahren spielt das kleine Mädchen schon sehr eifrig mit den Puppen, 
womöglich schon mit dem jüngsten Schwesterchen, sie will es beschirmen 
und pflegen, in ihren Ärmchen tragen wie eine Mutter. (Eine Patientin 
z. B. drückte mit Begeisterung das wonnige Gefühl aus, welches sie 
mit drei Jahren empfand, wenn sie die Kleine in ihren Armen trug uiid 
sie trösten und beruhigen konnte; es sei der Anfang ihrer Kinderliebe 
gewesen.) Mit gleichaltrigen Kindern spielt sie immer die Fürsorgende, 
wie die Henne für ihre Küchlein. Sie möchte immer kleine (Jeschwister 
haben, wenn ihr Wunsch nicht in Erfüllung geht, hofft sie immer, die 
Eltern werden ein fremdes Kind adoptieren. Sie sitzt bei der verheirateten 
Schwester oder bei Verwandten, um sich mit den Kleinen zu beschäftigen. 
Auf der Strasse dreht sie sich bei jedem Kind, das ihr begegnet, um, 
grüsst es, spricht mit ihm, fühlt teich wie gleichaltrig zu jedem Kind. 
Gewöhnlich verliebt sie sich nicht leicht, ist nicht leidenschaftlich; sie 
heiratet nicht aus Liebe, sondern hauptsächlich um Kinder zu bekommen. 
Sehr charakteristisch ist folgender Herzensschrei einer solchen Dame: 
„Herr Gott, wenn man doch Kinder bekommen könnte ohne Mann." Ihr 
Äusseres verrät schon mehr die Mutter, wie die Gattin. Sie hat ge- 
wöhnlich nichts äusserlich Brillantes, nichts Pikantes und Provokantes; 
sie lockt nicht die Bewunderer an, bie treibt nicht den Flirt als Sport 
oder Beruf. In der Ehe ^st sie wenig sinnlich, fühlt sich am wohlsten 
während der Gravidität, auf die sie sehr stolz ist; erleidet den Koitus 
als notwendiges Übel. Ihr Kind wird mit grosser Liebe und Hingebung, 
mit Aufopferung jedes eigenen Interesses gepflegt. Das Stillen ist einer 
solchen Mutter eine Wonne. Bei ihrem Kind sieht die Mutter wie ver- 
wandelt aus. Die Augen glänzen, sind freudig erregt, der Gesichtsausdruck 
wird ungewohnt lebendig. Ein glänzendes Beispiel dieser Art liefern uns 
unter anderen die Madonnen von Murillo. Eine solche Frau weiss sich 
mit ihrem Kind zu unterhalten, wie, ja noch besser als mit Erwachsenen. 

Die Frau dieses Typus heiratet nicht selten spät, sie betätigt sich 
gerne im sozialen Gebiete, z. B. in der Kinderfürsorge, Krippen, Dispen- 
saires, La goutte de lait, ein ausgezeichnetes Feld zur Entfaltung der 
Muttergefühle. — In ihrem Heime ist sie häufig eine tüchtige Hausfrau, 



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574 Üb«r zwei Frauentypen« 

welcho die Vergnügungen nicht sucht, pie fühlt sich am glücklichsten 
im ruhigen Kreise der Familie. 

In allen meinen Fällen von Gebärmuttertypus war ein starker 
Mutterkomplex vorhanden ; die Mutter der Betreffenden war die ein- 
flussreiche dominierende Persönlichkeit der beiden Eltern gewesen; 
sie war das Ideal des Mädchens lange gewesen, welches allmählich eine 
Mutteridentifikation erstrebte. Diese Einstellung zur Mutter wurde 
mit der Zeit fixiert, der Muttertypus ist realisiert. 

B. Der Kitzler- oder Clitoristypus könnte man auch den 
sinnlichen Typus der Frau nennen. Hier ist das Zentrum des psychischen 
Lebens die sexuelle Lust. Die Mutterschaft wird als eine Last, das Kind 
als ein gleichgültiges oder unangenehmes „Nebenprodukt" der Liebe 
betrachtet. Die Frau dieses Typus war in den Kinderjahren gewöhnlich 
sehr geweckt, hat sich mit den Geschwistern viel herumgebalgt, am 
liebsten mit den Buben gespielt. Sehr häufig begegnet man einer starken 
infantilen Masturbation (Clitorisreizung); nicht selten Exhibition, bei welcher 
das Mädchen die aktive Rolle spielte. Die Mädchenerziehung wird subjektiv 
lästig, hemmend empfunden; dieser Backfisch möchte am liebsten ein 
Knabe sein, träumt später noch sehr viel davon. In diesen Traum- 
phantasien führt sie männliche Rollen, ganz speziell in den sexuellen l 

Sport (Reiten, Jagd . . .) treibt sie mit grossem Eifer. Gewöhnlich 
lassen sich folgende Charakterzüge mehr oder weniger klar nach- 
weisen : Leidenschaftlich, sehr leicht heftig bis zum Zornanfall, 
aggressiv und unternehmungslustig, gewöhnlich sehr ehr- 
geizig; sie will überall die erste sein, ihre Stellung behaupten, eine 
führende Rolle spielen ; sie entwickelt eine enorme Eifersucht auf 
jede weibliche Machtperson ihrer Umgebung. Diese Frau sucht gerne 
die Liebe eines verheirateten oder sonst gebundenen Mannes; sie ist 
das treibende Element in dem bekannten Dreieck. In der Ehe führt sie 
gewöhnlich das Kommando. 

Dieser Frauentypus ist in der Ehe sehr sinnlich und bedürftig. 
Die Sexualbetätigung ist ihr von kapitaler Bedeutung, im Gegensatz zum 
Muttertypus, wo der Koitus das notwendige Übel ist und das Kind die 
Quelle der Lust. Diese Art Frauen bemühen sich jung und schön ^u 
bleiben, machen viel Toilette, sind häufig brillant, in der Gesellschaft 
beliebt. Ihre Mimik wie ihre Toilettensucht verraten sie gewöhnlich. Von 
Ihnen pflegen die anderen Frauen zu sagen: „sie seien verwandelt, wenn 
ein Herr in die Gesellschaft kommt**. 

Bei diesem zweiten Typus besteht regelmässig ein Vaterkomplex. 
Der Vater war die dominierende Persönlichkeit ; die Vaterübertragung 
führte seitens des Mädchens zu einer Vateridentifikation. Eine 
Anzahl von vorwiegend männlichen psychischen Eigenschaften bilden sich 
beim Clitoristypus aus. Als wesentlicher Punkt ist diese Neigung zur 
Dissoziation der Sexuallust von der Zeugung zu betrachten, ein typischer 
Zug der Psychologie des männlichen Geschlechtes. 

Ein Patient von mir hat in einem Traume die obigen Frauentypen 
in geistreicher Weise symbolisch dargestellt. Er träimite er hätte einem 
Reitpferd das Geschirr eines Zugpferdes aufgesetzt, was der Kutscher 
tadelte. Der betreffende junge Mann war in ein ebenso hübsches und 
sinnliches wie leichtes Mädchen verliebt und im Begriffe sich mit ihr 



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' Eine kleine Mitteilang. 575 

zu verloben. Seine Eltern opponierten; bei mir hatte er auch kein Ent- 
gegenkommen gefunden. Er verglich in seinen Einfällen das Reiten und 
Wagenfahren mit der angenehmen freien Liebe und der bindenden 
Eho etc. Aus dem Reitpferd darf man kein Zugpferd machen. Ein solches 
Weib eignet sich als Ehefrau nicht. Der Patient sah es bald ein ^ind 
verzichtete auf seinen Plan. 

Die zwei geschilderten Typen stellen extreme Formen dar, welche 
meiner Erfahrung nach selten rein vorkommen. Die meisten Frauen ge- 
hören wahrscheinlich einem Mischtypus an. Eine Entwickelung der reinen 
Form setzt eine sehr ungleiche Verteilung der Einflüsse des Vaters 
und der Mutter voraus; vielleicht kommt noch ein Here<iitätsfaktor hinzu. 
Die Identifikation der Tochter mit .dem Vater z. R. könnte möglicher- 
weise erleichtert sein durch eine homologe hereditäre Veranlagung der 
Tochter. — Zusammenfassend können wir sagen, dass die psychoanalytische 
Detrachtungsweise die Aufstellung der beiden Frauentypen bestätigt und 
uns einen Einblick in die .Genese derselben gibt. Die Ausdrücke G e - 
bärmutter- und Clitoristypus zeigen sich als vorzüglich ge- 
wählte, sie entsprechen im Anatomischen den psychologischen Terminis 
Vater- und Mutterkomplex ganz und gar. 



X. 

Eine kleine Mitteilung* 

Von Dr. Marcinoir ski (Sielbeck). 

Heute früh erlebte ich halb zwischen Traum und Wachen eine 
sehr hübsche Wortverdichtung. Im Ablauf einer Fülle von kaum er- 
innerbaren Traum-Bruchstücken stutzte ich gewissermassen über ein Wort, 
das ich halb wie geschrieben, halb wie gedruckt vor mir sehe. Es lautet: 
^erzefllisch" und gehört zu einem Satz, der ausserhalb jedes Zu- 
sammenhanges völlig isoliert in mein bewusstes Erinnern hinüberglitt; 
er lautete: „Das wirkt erzefilisch auf die Geschlechtsempfindung". Ich 
wusste sofort, dass es eigentlich „erzieherisch" heissen solle, schwankte 
auch einige Male hin und her, ob es nicht richtiger „erzifilisch" hiesse. 
Dabei fiel mir das Wort „Syphilis" ein, und ich zerbrach mir, noch im 
Halbschlaf zu analysieren beginnend, den Kopf, wie das wohl in meinen 
Traum hineinkäme, da ich weder persönlich noch von Berufs wegen 
irgendwelche Berührungspunkte mit dieser Krankheit habe. Dann fiel mir 
ein „erzehlerisch", das e erklärend, und zu gleicher Zeit erklärend, dass 
ich gestern Abend von unserer „Erzieherin" veranlasst wurde über das 
Problem der Prostitution zu sprechen, und ich hatte ihr dabei tatsächlich, 
um „erzieherisch" auf ihr nicht ganz normal entwickeltes Empfindungs- 
leben einzuwirken, das Buch von Hesse: „Über die Prostitution" gegeben, 
nachdem ich ihr hiancherlei über das Problem „erzählt" hatte. Und 
nun wurde mir aUf einmal klar, dass das Wort „Syphilis" nicht im 
wörtlichen Sinn zu nehmen sei, sondern für Gift stand, in Beziehung 
natürlich zum Geschlechtsleben. Der Satz lautet also in der Übersetzung 
ganz logisch : „Durch meine Erzählung habe ich auf meine E r - 
zieherin erzieherisch auf deren Empfindungsleben einwirken 
wollen, aber habe die Befürchtung, dass es zu gleicher Zeit ver- 
giftend wirken könne." Erzefilisch = erzäh—) (erzieh—) 
(erzifilischl 



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576 Zam ^»naohtrftgliehen Oehonam". 

XI. 

Znm .^nachträglichen Gehorsames 

Von Otto Baak (Wien). 
L 

Die Brüder Grimm berichten in ihren „Deutschen Sagen" (Berlin 
1816. Bd. I. S. 310) unter dem Titel: „Zum Stehen verwünscht" 
folgende merkwürdige Begebenheit: 

„Im Jahre Christi 1645 begab sichs zu Freiberg in Meissen, dass 
Lorenz Richter, ein Weber seines Handwerks, in der Wein-Gasse wohnend^ 
seinem Sohn, einem Knaben von 14 Jahren, befahl, etwas eilend zu 
thun; der aber verweilte sich, blieb in der Stube stehen und ging nicht 
bald dem Worte nach. Deswegen der Vater entrüstet wurde und im 
Zorn ihm fluchte: „ei stehe, dass du nimmermehr könnst fortgehen I" 
Auf diese Verwünschung blieb der Knabe alsbald stehen, konnte von der 
Stelle nicht kommen und stand so fort drei ganzer Jahre an dem Ort, 
also dass er tiefe Gruben in die Dielen eindrückte, und ward ihm ein 
Pult untergesetzt, darauf er mit Haupt und Armen sich lehnen und ruhen 
konnte. Weil aber die Stelle, wo er stand^ nicht weit von der Stuben- 
thüre und auch na^e am Ofen war, und deshalb den Leuten, welche 
hineinkamen, sehr hinderlich, so haben die Geistlichen der Stadt auf 
vorhergehendes fleissiges Grebät ihn von selbem Ort erhoben und gegen- 
über in den andern Winkel glücklich und ohne Schaden, wiewohl mit 
grosser Mühe, fortgebracht. Denn wenn man ihn sonst forttragen wollen, 
ist er alsbald mit unsäglichen Schmerzen befallen und wie ganz rasend 
worden. An diesem Ort, nachdem er niedergesetzt worden, ist er ferner 
bis ins vierte Jahr gestanden und hat die Dielen noch tiefer durchgetreten. 
Man hatte nachgehends einen Umhang um ihn geschlagen, damit ihn 
die aus- und eingehenden nicht also sehen konnten, welches auf sein 
Bitten geschehen, weil er gern allein gewesen ist und vor steter Traurig- 
keit nicht viel geredet. Endlich hat der gütige Gott die Strafe in etwas 
gemildert, so dass er das letzte halbe Jahr sitzen und sich in das Bett, 
das neben ihn gestellt worden, hat niederlegen können. Fragte ihn jemand, 
was er macte, 00 gab er gemeiniglich zur Antwort, er leide Gottes 
Züchtigung wegen seiner Sünden, setze alles in dessen Willen und halte 
sich an das Verdienst seines Herrn Jesu Christi, worauf er hoffe selig 
zu werden. Er hat sonst gar elend ausgesehen, war blass und bleich 
von Angesicht, am Leibe gar schmächtig und abgezehrt, im Essen und 
Trinken massig, also dass es zur Speise oft Nöthigens bedurfte. Nach 
Ausgang des siebten Jahrs ist er dieses seines betrübten Zustands den 
elften September 1552 gnädig entbunden worden, indem er eines ver- 
nünftigen und natürlichen Todes in wahrer Bekenntnis und Glauben an 
Jesum Christum selig entschlafen. Die Fussstapfen sieht man auf heutigen 
Tag in obgedachter Gasse und Haus (dessen jetziger Zeit Severin Tränkner 
Besitzer ist), in der oberen ßtube, da sich diese Geschichte begeben, 
die erste bei dem Ofen, die andere in der Kammer nächst dabei, weil 
nachgehender Zeit die Stuben unterschieden worden." 



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Zum „nachtrftglichen Gehorsam". 577 

Mag nun dieser historisch glaubhaft geschilderte Fall einer hysterir 
sehen Lähmung eine blosse Erfindung wundersüchtiger Zeiten sein oder 
mag er sich faktisch zugetragen haben und vielleicht nur in moralislch- 
tendenziöser Weise ausgeschmückt worden sein, psychologisch bleibt er 
in jedem Falle gleich wahrhaftig, aber auch gleich rätselhaft und uner- 
klärlich, sowohl als individuelles psychoneurotisches Symptom wie als 
universelle Schöpfung des gesunden Volksgeistes. Die psychoanalytische 
Forschung hat jedoch im psychischen Mechanismus der Neurose einen 
Vorgang aufzeigen können, dessen Wirkungen dem in der G r i ra m'schen 
Erzählung geschilderten Symptom völlig gleichen. Freud hat diese Er* 
scheinung als „nachträglichen Gehorsam" bezeichnet und versteht darunter 
nachträgliche Wirkungen von Geboten und Drohungen in der Kindheit, 
die sich erst viel später, oft nach jähre- oder dezennienlangen Intervallen 
in der Determinierung der späteren Krankheitssymptome äussern ^). 

Spielt nun auch in unserer mit dramatischer Eindringlichkeit wieder- 
gegebenen Krankengeschichte dieser Intervall keine Rolle und ist die Er- 
scheinung also eher als „übertriebener" (neurotischer) Gehorsam 
zu bezeichnen, so weist sie doch mit erstaunlicher Übereinstimmung 
dieselbe Genese und die gleichen psychischen Mechanismen auf, wie sie 
sich aus der psychoanalytischen Erforschung derartiger Fälle ergeben 
haben. So ist es vor allem charakteristisch und ganz im Sinne der 
Freu duschen Auffassung, dass es sich um ein Verbot des Vaters 
handelt, dessen überwiegende Bedeutung für die Entwickelung und Ge- 
staltung einer späteren Neurose sich immer unzweifelhafter erweist 2). 
Der mahnende, gebietende oder verbietende Elternteil taucht im Bild der 
Neurose unter den verschiedensten Formen immer wieder auf. So berichtet 
F e r e n c z i 3) einen Fall von nachträglichem Gehorsam bei einem 
26 jährigen Schneiderlein, das äusserst suggestibel war und Anästhesien, 
Lähmungen usw. ganz nach dem Willen des Arztes bekam. Er war jahre- 
lang somnambul, stand bei Nacht auf, setzte sich zur Nähmaschine und 
arbeitete an einem halluzinierten Stoffe bis man ihn weckte*^). „Auch 
seine jetzigen Anfälle beginnen mit Beschäftigungsdrang. Er glaubt eine 
innere Stimme zu vernehmen: „Steh aufl**, dann setzt er sich auf, zieht 
das Nachthemd aus, macht Nähbewegungen, die in generalisierte Krämpfe 
ausarten . . . Mit dem Rufe „steh auf* hat ihn seinerzeit sein Vater 
allmorgentlich geweckt, und der Arme scheint noch immer Befehle aus- 
zuführen, die er als Kind vom Vater lund als Lehrling vom Chef er- 
halten hat." Solch mächtige psychische Nachwirkungen lassen sich jedoch' 
nicht als einfache Folge akzidenteller Gebot- oder Verbottraumen ver- 
stehen, sondern erscheinen nur plausibel auf dem Boden der psycho- 
sexuellen Familienkonstellation, in der Freud den „Kernkomplex der 
Neurosen"^) erblickt. Unter dieser psychoanalytisch gerechtfertigten Vor- 



1) Vgl. Jahrbuch f. psychoanalytische und psychopathologische Forschungen. 
Bd. I. 1909. S. 23. 

2) Siehe Jung, Die Bedeutung des Vaters für das Schicksal des einzelnen. 
Ebenda. 

3) „Introjektion. und Übertragung.** Ebenda, S. 447. 

*) Ähnliche Wahrnehmungen in phantastischer Einkleidung scheint das be- 
kannte Märchen von den Wichte!- oder Heinzelmännchen (Grimm, Nr. 39) wieder- 
zugeben, die als hilfreiche Geister nächtlicherweile die Arbeit vollenden. 

*) Vergl. Jahrb. I. S. 394. Anmerkung. 



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OrfgfrTaffrom 
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578 Zorn »»nibchträglicheii Gehoisam". 

aussetzung der oppositionellen Einstellung des Sohnes gegen den Vater 
erklärt sich auch der psychische Mechanismus dieses neurotischen Sym- 
ptoms, das man mit Rücksicht auf den Anfall, den jeder Versuch einer 
Fortbewegung auslöst, vielleicht eher als Phobie zu bezeichnen hätte. 
Man versteht so die Zögerung des gegen die väterliche Autorität protestieren- 
den Knaben in der Ausführung des Befehls, versteht aber auch den 
scheinbar unberechtigten Zornesausbruch des längst unwillig gewesenen 
Vaters 1) und versteht endlich den psychologischen Mechanismus der 
neurotischen Reaktion des Jungen, die mehrfachen Regungen zum Aus- 
druck dient. Das Auffälligste daran ist wohl die paradoxe Gegenüber- 
stellung des übertriebenen Gehorsams beim zweiten Gebot (dem Fluch), 
den wir zunächst als Reaktion auf den unterlassenen Gehorsam dem 
eigentlichen Befehl gegenüber aufzufassen geneigt sein werden. Von dieser 
Seite erscheint das Symptom wirklich als Ausdruck der Reue wegen des 
Ungehorsams gegen den Vater, den nun der übertriebene Gehorsam wett- 
machen soll. Im eigentlichen Sinne ist jedoch das Symptom als ein 
Ausdruck des Trotzes gegen den Vater zu verstehen; denn seine Über- 
kompensation wird dem Wunsche des Vaters ebensowenig gerecht wie 
die ursprüngliche Weigerung. Indem der Sohn den Akt des Ge- 
horchens — ohne Rücksicht auf den Inhalt des Befohlenen — von 
der geforderten Funktion auf die hemmende verschiebt, weiss er seinen 
Trotz gegen den Vater in doppelter Weise zum Ausdruck zu bringen, 
zuerst indem er ihm einfach den Gehorsam verweigert und dieses trotzige 
Verhalten im Symptom gleichsam nachträglich mit seiner Bewegungs- 
unfähigkeit motiviert, und dann in einer gleichsam höhnischen Form, 
indem er dem Vater sozusagen demonstriert, w^ie unheilvoll es für ihn 
wird, wenn er seinen Befehlen pünktlich nachkommt 2). Endlich steckt 
noch in dem Symptom, wie in jeder neurotischen Produktion, eine inten- 
sive Selbstbestrafungstendenz, die den eigentlichen Hebel des ganzen hysteri- 
schen Mechanismus darstellt; denn ohne dieselbe bliebe es bei der trotzigen 
Auflehnung gegen den Vater, deren Affektbesetzung sich nicht gegen die 
eigene Person zurückwenden und dort das Leiden hervorrufen könnte, 
das der gläubige Junge fast im Sinne unserer Auffassung als „Züchtigung 
Gottes seiner Sünden w^egen** ansieht. 

IL 

Eine etwas kompliziertere und minder durchsichtige Verwertung hat 
das Motiv des nachträglichen (übertriebenen) Gehorsams in einer der 
Sagen gefunden, die sich an die Entstehung des Männeken — Pis in Brüssel 
geheftet haben. Die von Wolf (Niederl. Sagen Nr. 375) mitgeteilte Sage 
berichtet: Als Brüssel noch ein Dorf war — vor tausend und noch mehr 
Jahren — wohnte dort ein Edelherr, der sehr glücklich war; sein einziger 
Klummer w^ar, dass er kein Kind hatte. Auf Fürbitte eines frommen 
Bischofs genass seine Frau endlich eines Söhnleins und der Vater trug 



1) Ähnlich verwünscht im Grimm sehen Märchen von den sieben Raben 
(Nr. 25) der unwillige Vater seine sieben Söhne, „dass sie alle zu Raben würden" 
und der Fluch erfüllt sich auf der Stelle. 

^) In ähnlicher Weise stiftet auch Till Eulenspiegel, indem er die Befehle 
ellzu wörtlich befolgt, nichts als Unheil. Was bei ihm Schelmerei ist und in 
anderen Märchen vom Dummling in aller Naivetät gut gemeint ist, das wird in der 
Neurose zum trotzigen Ernst. 



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Zorn „nachtrftglicheii Oehonam". 579 

das Kind zur heiligen Jungfrau Gudula^ um es von ihr taufen zu lassen. 
Dabei wurde er aber von Liebe zu ihr entzündet und wollte sie, als seine 
Anträge abgewiesen wurden, mit Gewalt nehmen. Sie flüchtete und lehnte 
sich endlich gegen eine Säule, die sich in der äussersten Not auf ihr 
Gebet öffnete und sie aufnahm, während der verfolgende Edelmann vor 
dem Wunder erschreckt innehielt. Die Heilige rief ihm noch aus der 
Säule heraus zu, diese Sünde werde sich an seinem Kinde rächen. 

Das Kind wurde älter und älter, aber nicht grösser und mit sieben 
Jahren war es noch keine zwei Fuss lang, mit 15 Jahren mass es eben 
drei Fuss. — Auch war es ein schlimmer und böser Junge. Einst stellte 
er sich Vor die Türe einer Klause imd pisste dieselbe von oben bis 
unten nass. Noch hatte er den schlimmen Streich nicht ganz geendet, 
als die Zelle sich öffnete, der Klausner den Kopf herausstreckte und 
ruhig sprach : Piss nur Freundchen, piss nur; sollst noch 
lange hier pissen, und als er das gesagt hatte, machte er die 
Türe wieder zu. Der Knabe aber blieb unbeweglich stehen und pisste 
fort Tag und Nacht. 

Als der Junge nicht heimkommt, sucht ihn der besorgte Vater 
lange Zeit überall und findet ihn endlich in der geschilderten Situation: 
„wie versteinert und wie er ihn auch rütteln und schütteln mochte, 
imd mit wie heissen Tränen er ihn auch benetzte, der Kleine blieb 
starr." Zu gleicher Zeit kam der Eremit, den der verzweifelte Vater 
bat, sein armes Kind doch zu erlösen. Doch der Klausner entgegnet ihm: 
„Kann dir nicht helfen; hat's an Sancta Gudula verdient. Dein Söhnlein 
pisst imd wird pissen ewiglich; will dir jedoch einen guten Rat geben; 
bau ihm ein Häuschen, darin er vor Sturm und Wetter gesichert ist 
und ergib dich in Gottes Willen." Das tat der Vater und baute sich 
selbst ein Haus gegenüber, damit er sein Kind immer sehen könne. Der 
Knabe aber pisst noch heute fort und steht an der Ecke der Ofenstrassc 
in Brüssel, wo jedermann es schauen kann. 

Die Ähnlichkeit des hier verwerteten Motivs vom übertriebenen 
(neurotischen) Gehorsam mit dem psychischen Mechanismus, der den 
Knaben in der sicherlich selbständigen Grimmischen Sage stehen zu 
bleiben zwingt, ist so auffällig, dass eine ausführliche Parallelisierung 
überflüssig fecheint. Dagegen gestattet die Natur des Stoffes hier, zu 
einem tieferen Verständnis der Sagenbildung und der daran beteiligten 
psychischen Triebkräfte zu gelangen, wenn wir unsere Kenntnis der 
symbolischen Ausdrucksweise des Unbewussten zu Hilfe nehmen. Stellen 
wir uns den im Anfang der Sage berichteten Verführungsversuch rein 
menschlich und alles wundersamen Schmuckes entkleidet vor, so besagt 
er, daso dem sexuell erregten Edelmann durch das plötzliche Ver- 
schwinden der Heiligen jede Möglichkeit der normalen Befriedigung seiner 
Geschlechtslust versagt ist imd er mit erigiertem Gliede die Ejakulation 
zurückzuhalten, gezwungen ist. Wissen wir ferner aus unseren Traum- 
analysen, dass „der Kleine'* (Sohn) überaus häufig als Symbol des männ- 
lichen Gliedes verwendet wird (St ekel) und erinnern wir uns an den 
Wortlaut der Sage, der bei dem Befreiungsversuch des Vaters besagt: 
„der Kleine blieb starr", so wird es nahegelegt, die unbewegliche Starr- 
heit des Kleinen als symbolischen Ausdruck der Erektion beim Vater 
aufzufassen, die ja durch keine Ejakulation aufgehoben wurde. Es war« 

ZeotralbUU fftr Psyohoanalys«. I". 89 



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580 Eritisehe Bemerkungen zu Dr. Adler's Lehre Yom »»männlichen Protest". 

dann der Fluch, der den Kleinen trifft, als Talion für die frevelhafte 
Geschlechtslust aufzufassen und das kontinuierliche Pissen lässt sich dann 
leicht als Kompensationsersatz der unterbliebenen Ejakulation verstehen, 
wenn man weiss, wie typisch die Stellvertretung von Miktion und Ejaku- 
lation im kindlichen Sexualleben und im unbewussten (neurotischen) 
Denken ist. Zur Penisbedeutung des „Kleinen** stimmt auffällig gut die 
Bemerkung, dass er zwar älter, aber nicht grösser wurde und die Tat- 
, Sache, dass als seine ausschliessliche Funktion das Pissen hingestellt 
ist. In dieser tieferen (unbewussten) Schichte der Sagenbedeutung er- 
scheint also die Erfüllung des Fluches, der auch hier eigentlich vom 
Vater dem Sohne auferlegt wird, nicht so sehr als übertriebener Gehor- 
sam wie als Talion für einen lunerlaubten Sexualwunsch. 

* 

Bei dieser Gelegenheit sei noch kurz eine andere, für den Psycho- 
analytiker ebenfalls interessante Version von der Entstehung des Männeken — 
Piss mitgeteilt (Wolf Nr. 378). Die Stadt Brüssel war im 13. Jahr- 
hundert einmal hart belagert und die Feinde hatten an einer Ecke Feuer 
an die Stadt gelegt, damit sie dieselbe ganz verbrannten. Die Lunte 
sah aber ein kleiner Junge, und der machte sich ein Spässchen daraus, 
darauf zu pissen und dieselbe also auszulöschen. Als das bekannt wurde, 
liess die Stadt zum Denkmal an diese Rettung die Statue des kleinen 
Mannchens errichten, welche heute noch pisst. 

Neben dem Zusammenhang von Zündeln und Pissen, den der Psycho- 
analytiker häufig genug zu berücksichtigen hat, scheint sich in dieser 
Version der Sage — worauf Herr Professor Freud mich gütigst auf- 
merksam machte — ein Stück ihrer wirklichen Entstehungsgeschichte 
zu spiegeln, da alle derartigen obszönen Darstellungen schon im Alter- 
tum apotropeische Bedeutung hatten und also die Statue des Männeken — 
Piss sehr wohl als Abwehr-Talisman gegen die Möglichkeit verheerender 
Feuersbrünste gelten konnte. 



XII. 

Kritische Bemerkungen zu Dr. Adler's Lehre vom 
,,männlichen Protest^^ 

Von Dr. Rudolf Reitler (Wien). 

Die neuartige Lehre A d 1 e r's vom „männlichen Protest" als dem 
dynamischen Prinzipe der Neurosenbildung setzt dem Verständnisse des- 
halb so grosse Schwierigkeiten entgegen, weil die Freu d*sche Psycho- 
analytik den verdrängten Triebregungen das Hauptaugenmerk zuwendet, 
während Adler nicht das Verdrängte — nach seiner Anschauung die 
„Weiblichkeit" — , sondern das Verdrängende — den „männlichen Protest" 
— in den Vordergrund des Interesses schieben will. 

In rein formeller Hinsicht besteht also der Unterschied zwischen 
Adler's Lehre und der der Freudschule bloss in einem gänzlich über- 
flüssigen Wechsel der sprachlichen Ausdrucksweise. Adler hätte ja 
ebensogut sagen können, die Entstehung der Neurose sei durch eine miss- 



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Kritische BemerlniDgen zu- Br. Adler*8 Lehre yom „mfinnlidieii Pk'otest''« 681 

glückte Verdrängung der Weiblichkeit bedingt; dann hätte ein jeder Psycho- 
analytiker seine These zwar nicht gebilligt, aber doch sofort verstanden. 
Dadurch aber, dass Adler den Beobachtungsstandpunkt auf die ent- 
gegengesetzte Seite verlegte, war das Verständnis dessen, was Adler 
eigentlich meinte, ganz unnötig erschwert. 

Dieses Abweichen Adler's vom gewohnten Standpunkte musste 
nun auch eine neue Ausdrucksform zur Folge haben, die aber, wie 
gezeigt werden wird, keineswegs irgend einen Neugewinn bedeutet. Denn 
ob man nim vom Verdrängenden oder Verdrängten ausgeht, bleibt sich 
eigentlich recht gleichgültig. Aber durch diesen Wechsel des Beobach- 
tungsstandpunktes war ies Adler möglich, den sprachlichen Ausdruck 
„Verdrängung" fast ganz zu vermeiden und dadurch wurde der Anschein 
eines neuentdeckten psychischen Mechanismus hervorgerufen, — und dies 
ohne jede Berechtigung. Ist denn „die Abkehr von den weiblichen und 
die Verstärkung der männlichen Linien** etwas anderes als eine gegen 
die Weiblichkeit gerichtete „Verdrängung**? Wozu also mit fast geflissent- 
licher Ängstlichkeit einem Worte aus dem Wege gehen, das sich in der 
Sprache der Psychoanalyse schon eingebürgert hat, um eben dasselbe 
mittelst neuartig anmutender Umschreibungen auszudrücken, was- als „Ver- 
drängung** allen längst bekannt und geläufig geworden ist? 

Selbstverständlich ist dieses Abweichen von der Freud'schen Ter- 
minologie an und für sich ganz belanglos; aber da uns gerade die Psycho- 
analyse gelehrt hat, dass es nichts „Belangloses** auf psychischem Ge- 
biete gibt, so werden wir auch dieses scheinbar bedeutungslose Abweichen 
von der altgewohnten Ausdrucksform als eine symptomatische Handlung 
auffassen und ihr wahrscheinlich dieselbe Bedeutung beimessen dürfen, 
wie etwo. dem Aufziehen der Signalflagge: „Klar zum Gefechte f** 

Wer in so nebensächlichen Dingen, wie es der sprachliche Aus- 
druck ist, ohne jede inhaltliche Begründung rein formale Abweichungen 
durchführt, der signalisiert damit, dass seine Publikationen nicht nur 
Neues, sondern auch Gegensätzliches enthalten werden. Nur aus einer 
— wahrscheinlich nicht klar bewussten — Stimmung, prinzipiell gegen- 
sätzlich Neues schaffen zu wollen, nur aus einer oppositionellen Komplex- 
überwältigung, ist es zu erklären, dass Adler selbst in einem so irrele- 
vanten Detail wie es die Terminologie ist, das Althergebrachte ablehnt, 
um ohne sachliche Nötigung neue Formen dafür einzusetzen. 

Tatsächlich bieten die Lehren Adler's, abgesehen von der eben 
besprochenen formalen Seite, auch im wesentlichen Inhalte nicht nur 
Neues, sondern auch unseren bisherigen Anschauungen diametral Ent- 
gegengesetztes. 

Die Forschungen Freud's ergaben, und hunderte von Psychoana- 
lysen bestätigten es, dass es die aus dem infantifen Sexualleben stammen- 
den Triebregungen sind, welche vom kulturellen Ichbewusstsein abge- 
wehrt und verdrängt werden müssen. Der Erfolg dieses Kampfes ent- 
scheidet über Gesundheit oder psychische Erkrankung. 

Bei Adler reduzieren sich all diese komplizierten Konfliktmög- 
lichkeiten einfach auf den Kampf der Geschlechtscharaktere in einem 
und demselben Individuum: hie minderwertiges Weib, hie überwertiger 
Mann. Hat nun Adler wirklich den Beweis für seine Behauptung 
erbracht? 

39» 



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582 ^ÜBcbe Bemerknogen zu Dr. Adler'a Lehre vom ,»mAimUchen Protest". 

Zweifellos bestechen die Publikationen Adler's durch den — man 
könnte beinahe sagen — sittlichen Ernst der gründlichen Bearbeitung 
des Materiales, einer Bearbeitung, die, bis ins minutiöseste Detail aus- 
geführt, durch die Plastik der Darstellung fast künstlerische Werte 
erhält. 

Und trotzdem darf bei all dem Gedankenreichtume A d 1 e r's nicht 
übersehen werden, dass diese „Gründlichkeit* ' eigentlich denn doch diesen 
Namen gar nicht verdient; denn sie breitet sich, ohne in die Tiefe zu 
dringen, bloss flächenhaft aus. Und zudem liegt diese Ebene, in der 
Adler allerdings alle charakterologischen Entwickelungsmöglichkeiten bis 
in ihre feinsten Ausläufer verfolgt, derart nahe der Oberfläche, dass man 
die Forschungsergebnisse Adler's überhaupt wohl schwerlich der Psycho- 
analyse des Unbewussten wird zurechnen können. 

Das, was Adler bietet, ist eine vorzügliche, für viele Fälle zu- 
treffende Schilderung neurotischer Charakterentwickelungen, deren Existenz 
wohl keinem Psychologen bisher unbekannt war, deren zusammenfassende 
Darstellung aber ein bleibendes Verdienst Adler*s bildet. 

Ein ^schwerer Irrtum wäre es allerdings, wenn man mit Adler 
das aus der angeborenen Organinsuffizienz entspringende Minderwertig- 
keitsgefühl mit darauffolgendem „männlichen Protest** als das wesentlichste 
dynamische Moment der Neurosenbildung betrachten würde. In welcher 
Form immer der „männliche Protest** sich äussern mag, als neurotische 
Oberempfindlichkeit, als krankhafter Ehrgeiz oder — in Form einer Siche- 
rungstendenz i — als übertriebener Mangel an Selbstvertrauen, immer ge- 
lingt es der Psychoanalyse noch tiefere, dem Ichbewusstsein entzogene 
Schichten aufzudecken, die alle schliesslich zu Triebregungen führen, die 
dem infantilen Sexualleben entstammen und deren kulturelle Verdrängung 
dem Menschen missglückt ist. Das Minderwertigkeitsgefühl und dessen 
Gegenpart, der „männliche Protest**, beide sind ein charakterologisches 
Produkt der psychischen Erkrankung, nicht aber deren Ursache. Sie 
können es schon aus dem unwiderlegbaren Grunde nicht sein, weil es 
sonst auch lursachlose Neurosen geben müsste, denn bei einer recht 
beträchtlichen Anzahl von Neurotikern ist der „männliche Protest** ein- 
fach gar nicht zu finden. Und das kann nicht auf einem Beobachtungs- 
fehler beruhen. 

Der „männliche Protest** hat ja gar keine Ursache sich irgendwie 
schamhaft zu verstecken; er ist seiner Natur nach eine psychische Kraft, 
welche die Minderwertigkeit unterdrücken und die Vervollkommnung an- 
streben soll, er ist demnach im höchsten Grade bewusstseinsfähig und 
überall, "wo er das Charakterbild beherrscht, liegt er dementsprechend 
ganz "offen zutage. Es ist also ganz unmöglich ihn zu übersehen. Be- 
sonders häufig sind es weibliche Patienten, welche schon in der ersten 
Sitzung dem Psychoanalytiker den „männlichen Protost'* förmlich auf dem 
Präsentierteller entgegenbringen. 

Im nachfolgenden teile ich in komprimierter Darstellung die Kranken- 
geschichte einer 28 jährigen Patientin mit, die nach einer mysteriösen 
Erkrankung vor 8 Jahren (es wurde Meningitis, dann Typhus diagnostiziert) 
bei intaktem Intellekte, ihr Gedächtnis für alle rezenten Erlebnisse in 
derartigem Umfange verloren hatte, dass sie z. B. unmittelbar nach Ver- 
lassen des Theaters sowohl den Titel, wie auch den ganzen Inhalt des 



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KriUache Bemerkiingen zu Dr. Adler's Lehre vom „männlichen Protest'^ 58$ 

Stückes vergessen hatte. Sie wusste am Nachmittag nichts mehr von den 
Vorgängen des Vormittags. Wenn sie für die nächsten Stunden ein Pro- 
gramm entwarf, schrieb sie es als Nachhilfe für ihr mangelndes jGe- 
dächtms in ein Notizbuch, dann aber vergass sie, dass sie sich etwas 
notiert hatte imd versäumte natürlich das Vorgenommene auszuführen. 
Am meisten schmerzte es sie, dass sie infolge ihres Gedächtnisschwundes 
nicht weiterstudieren konnte. Sie wollte seit jeher „ein Bub sein", sie 
wollte* „Prüfungen ablegen" und „ein Ziel erreichen". Durch den Ge- 
däcbtnisdefekt wurden alle Hoffnungen zerstört. 

Da die Amnesie hauptsächlich nur die letzten 8 Jahre betraf, ge- 
lang es — zwar mit Oberwindung beträchtlicher Schwierigkeiten — aber 
denn doch in relativ kurzer Zeit, einen Einblick in den Zusammenhang 
des tiefer liegenden Mechanismus ihrer Neurose zu gewinnen. 

Patientin hat weder als Kind je mit Knaben gespielt, obwohl Ge- 
legenheit vorhanden war, noch hat sie später als erwachsenes Mädchen 
irgend ein Interesse für das männliche Geschlecht gezeigt. Alle Bewerber 
um ihre Hand wies sie ab. Ihre Liebe galt ausschliesslich dem Vater, 
den sie nach ihren eigenen Worten schon als Kind „vergötterte". In 
der Zeit der Entwickelungsjahre flaute die übergrosse Liebe — im Be- 
wusstsein wenigstens — etwas ab. 

Es ist wohl nicht schwer zu erraten, dass das ursprüngliche „Ziel", 
das die Patientin erreichen wollte, die Realisierung des Kinderwunsches 
war, beim Vater die Stelle der Mutter einzunehmen, sie wollte die Sexual- 
„Prüfung" als echtes Weib ablegen, und erst als sich die Inzestschranke 
entgegenstellte, verzichtete sie ganz auf ihr Weibtum und wollte nun- 
mehr als Mann „Prüfungen ablegen" und „ein Ziel erreichen". Tat- 
sächlich hat sie äusserst fleissig studiert und als ihre Studien aus äusseren 
Gründen abgeschlossen werden mussten, trat sie bei ihrem Vater ins 
Kontor ein und leistete dort »alle, auch die verantwortlichsten Büro- 
Arbeiten. 

Diese Zeit, während der sie sich für den geliebten Mann betätigen 
durfte, war die „glücklichste ihres Lebens". Auch der Vater war sehr 
^frieden. Nicht so die (neurotische) Mama. Diese reklamierte die nun- 
mehr 20 jährige Tochter für die häuslichen Arbeiten. Das Mädchen pro- 
testierte energisch, aber der willensschwache Mann gab dem Drängen 
seiner Frau nach und in diesem Momente erfolgte der psychische Zu- 
sammenbruch. Es kam zu der Eingangs erwähnten mysteriösen Erkrankung 
des Zentralnervensystems mit darauffolgendem Gedächtnisschwund, der 
jede Leistung, auch die einfachste Betätigung im Hauswesen unmöglich 
machte. Sie salzte die Suppe 4 — 5 mal, weil sie jedesmal vergessen hatte, 
dass sie es schon getan; kurz sie erwies sich als total unbrauchbar. 

Das Motiv der Erkrankung ist ziemlich klar. 

Wenn sie nicht beim und für den geliebten Vater arbeiten durfte, 
dann wollte sie überhaupt nichts leisten, am allerwenigsten für die 
Mutter. 

Selbstverständlich war dies nicht das einzige Motiv der Flucht in 
die Krankheit; es spielten auch Trotz und Rachegefühle eine entscheidende 
Rolle, die sich auch gegen den Vater richteten, weil er der Frau gegen- 
über zu nachgiebig gewesen war usw. 



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OrfgfrTaffrom 
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£84 Kritische Bemerkimgen zu Dr. Adler's Lehre rom ,,maniiUchen Protest''. 

Trotz aller Unvollständigkeit der Darstellung ist jedenfalls der 
Entwickelungsgang der Neurose wenigstens in den gröbsten Zügen ziem- 
lich , deutlich geworden. 

Und nun wenden wir einmal die Adler*sche Betrachtungsweise 
auf diesen exquisiten Fall von .^männlichen Protest" an. 

Da müssten wir als treibende Kraft das Streben des Mädchens 
annehmen, durch „Anwendung von weiblichen Mitteln" — nämlich der 
Gedächtnisschwäche — über die Mutter „zu triumphieren", d. h. ein 
„Mann" zu sein. 

Vorausgesetzt, dass siegreiche Überlegenheit immer nur als ein 
Attribut des Mannes, nie des Weibes gedacht werden kann, würden die 
Adler'schen Anschauungen bis zu diesem Punkte sich dem vorliegen- 
den Krankheitsbilde ganz gut anpassen lassen. 

Aber die Gedächtnisschwäche ist nur das vorläufige Endglied einer 
langen Entwickelungskette, deren Anfänge bis in die früheste Kindheit 
zurückreichen, bis in jene Zeit, da sie den Vater, wie sie sich ausdrückte, 
„vergötterte", da sie mit Buben nicht spielen mochte, weil sie „selber 
ein Bub" sein, „Prüfungen ablegen" und ein „Ziel erreichen" wollte. 

Wenn wir nun an dieser Urbeginnperiode der neurotischen Ent- 
wickelung die Gedankengänge A d 1 e r's auf ihre Richtigkeit prüfen wollen, 
dann allerdings versagt ihre Anpassungsfähigkeit zur Gänze. Denn das 
kleine Mädchen gebraucht — um mit Adler zu sprechen — , dadurch, 
dass es sich als Bub geriert, ein „männliches Mittel", während sein ge- 
heimster Wunsch doch ein echt „weibliches Ziel" zum Inhalt hat, näm- 
lich beim Vater die Stelle der Mutter einzunehmen. Und diese, im Sinne 
Adler's, doch einzig mögliche Deutung widerspricht auf's entschiedenste 
dem Postulate, dass „immer nur männliche Ziele" angestrebt werden, 
wenn auch mitunter durch Zuhilfenahme „weiblicher Mittel". 

Oder sollte am Ende das Mädchen, wenn es mit dem Vater ver- 
heiratet sein will, etwa gar mit diesem Wunsche ein „männliches Ziel" 
erreichen wollen? 

So ausgedrückt klingt das zwar sehr grotesk, aber es wäre immer- 
hin möglich, dass, wenn lauch nicht Adler selbst, so doch vielleicht 
einer seiner Anhänger (und die Anhänger gehen zumeist viel weiter als 
der Lehrer) die Anschauung vertreten wollte, dass ein Weib, wenn es 
gegen irgendwelche Widerstände, den Koitus sich errungen hat, auf dem 
Gebiete ihres 3€xuallebens zwar ein weibliches, in charakterologischer 
Hinsicht aber ein männliches Ziel erreicht hat, insoferne es nämlich 
über die Widerstände „triumphiert" einen „Sieg errungen", sich somit 
als „Mann" bewiesen hat. 

Einen derartigen Versuch, den „männlichen Protest" unter jeder 
Bedingung retten äu wollen, müsste man denn doch als ein ganz un- 
statthaftes Spielen mit Worten aufs schärfste soirückweisen. 

In letzter Konsequenz würden die Lehren Adler*s zu folgender 
Betrachtungsweise des Geschlechtsaktes zweier Neurotiker führen müssen: 
Das Weib liegt allerdings körperlich „unten", aber in ihrer Phantasie 
ist sie „Siegerin", also „oben", d. h. ein „Mann", Ihr Partner hingegen 
hat es leichter. Er liegt ohnedies schon „oben" und braucht sich seine 
männliche Siegerstellung nicht erst zu phantasieren. Beiden aber scheint 



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Kritische Bemerknngdii ca Dr. Adler'a Lehre vom „männlichen Protest''. 585 

es nach Adler nicht so sehr um den Geschlechtsakt als solchen 'zu 
tun zu sein, als vielmehr um die Befriedigung des Wunsches „von der 
weiblichen Linie abzurücken**, den ^,männlichen Protest*' durchzusetzen 
und „oben** zu sein, das Weib allerdings nur in der Phantasie, der Mann 
aber auch körperlich. 

Ein derartig gewaltsames Zurücksetzen des stärksten Triebes, den 
wir besitzen, des Sexualtriebes, zugunsten einer charakterologischen Kon- 
struktion, erscheint ja beinahe ßo, als sollte der Sexualakt selbst ent- 
sexualisiert werden, oder als bedürfte er zumindesten neben der Libido 
noch einer dem Ichtriebe entstammenden Kraft. 

Diesen oder wenigstens einen ähnlichen Eindruck gewinnt man beim 
Studium der Adler'schen Arbeit „die psychische Behandlung der Trige- 
minusneuralgie** im Heft 1/2 des Zentralblattes für Psychoanalyse. 

In dem von Adler beschriebenen Falle handelt es sich um einen 
Patienten, der als Knabe öfters an Zahnschmerzen gelitten und deshalb 
von der Mutter in ihr Schlafzimmer genommen wurde. Der Junge über- 
trieb nun die Schmerzen, ßpäter simulierte er sie und schliesslich er- 
folgte die neurotische Fixierung ^als Symptom. 

Adler erklärt nun die {Dynamik dieses psychischen Geschehens 
VLsiXnit, dass der kleine Junge sich des Schmerzes, also eines i»,weib- 
liehen Mittels** bedient habe, ujn zur Mutter ins Schlafzimmer zu ge- 
langen und damit seinem ^,männlichen Protest** Geltung zu verschaffen. 

Es müsste, wenn diese Anschauung zu Recht bestehen soll, der 
Beweis erbracht werden: erstens, dass die ganz gewöhnliche männliche 
Libido des Jungen nicht genügt, um den Wunsch, bei der Mutter zu 
liegen, ausreichend zu erklären, und zweitens, dass diese Nachhilfe, die 
die Libido benötigt, durch den „männlichen Protest'* geleistet wird, der 
zur Voraussetzung hat, dass sich der Junge als „Weib** fühlt. 

Und Igerade hier liegt jneines Erachtens der prinzipielle Haupt- 
irrtum in den Gedankengängen Adler's. Das Kind ist nach Adler 
über seine zukünftige Geschlechtsrolle im unklaren; es weiss nicht, pb 
es »ein „Mandl** oder ßin ^,Weibr* ist, respektive werden wird. Seine 
Organminderwertigkeiten verstärken das Gefühl der Hilflosigkeit und 
Schwäche, ein Gefühl, das jedes Kind schon an und für sich gegenüber 
der überlegenen Kraft der flrwachsenen empfindet. Und nun, so be- 
hauptet Adler, identifiziert das Jünd das „Minderwertige**, „Schwache" 
mit dem „Weibe** tmd 3trebt demgemäss danach ein „Mann" zu sein. 
Und diese Behauptung auf der das ganze Gebäude des „männlichen 
Protestes** ruht, ist sicher grundfalsch. Dem hilflosen Kinde erscheint 
nicht nur der Mann, sondern auch das erwachsene Weib als das 
gigantische, riesenhaft Starke. 

In den Sagen von den Zwergen imd Riesen spiegelt sich die zu 
einer Menschheitsphantasie verallgemeinerte individuelle Reminiszenz 
wieder, deren Inhalt das ungleiche Kräfteverhältnis darstellt, das zwischen 
den Kindern und den Erwachsenen besteht. Und so wie es in den Sagen, 
aller Völker nicht nur Riesen, sondern auch Riesinnen gibt, so repräsen- 
tiert auch für das Kind der erwachsene Mensch* — gleichgültig 
ob Mann, ob Weib — auf jeden Fall den Inbegriff aller nur denk- 
baren Kraft und Stärke. Dass es auch unter den Erwachsenen Kräfte- 
differenzen gibt, dass das Weib dem „schwächeren Geschlechte** ange- 



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686 Die Stiege, Leiter als sezaellea Symbol in der Antike. 

hört, davon hat das Kind ja gar keine Ahnung, und wenn ps auch, wie 
Adler betont, über sejne eigene Geschlechtsangehörigkeit im Zweifel 
sein mag, eines weiss es doch sicher: dass es ein „Kind**, und — pB 
männlich oder weiblich — jedenfalls hilflos schwach ist im Vergleiche 
zu den erwachsenen „Riesen** jind „Riesinnen**. 

Das Gefühl der minderwertigen Schwäche drückt sich demnach dem 
Kinde sicherlich nicht — .wie Adler meint — unter dem Bilde /der 
„Weiblichkeit**, sondern (einfach unter dem der „Kindlichkeit** aus, und 
tatsächlich fühlen ,Tmd benehmen sich die erwachsenen Neurotiker (von 
* den Invertierten (abgesehen) keineswegs „weiblich**, sondern „infantil**. 
In ihrem Sexualleben sind sie auf der Entwickelungsstufe der Präpuber- 
tätszeit stecken geblieben. Sie begnügen sich mit den Vorakten des Ge- 
schlechtsverkehres Init Benützung ihrer infantilen erogenen Zonen, so 
wie sie les eben als Kinder taten. 

Und da die Sexualbetätigung während dieser Periode der Unreife 
bei beiden Geschlechtern noch vielfach Gemeinsames aufweist, so kann 
bei oberflächlicher Betrachtung allerdings leicht der Irrtum platzgreifen, 
als ob <s sich um „weibliche Minderwertigkeiten** handelte, während 
es in Wirklichkeit geschlechtlich indifferenzierte, infantile Regungen 
des Sexualtriebes sind, gegen welche die Neurotiker ihre seelischen Kämpfe 
zu führen haben. 

Ich schliesse meine kritischen Bemerkungen, deren Resultate kurz 
zusammengefasst zu der Erkenntnis führen, dass der „männliche Protest** 
eine sekundäre Bildung, ein Krankheitssymptom darstellt, keineswegs aber 
als das wichtigste dynamische Moment oder gar als das „Kernproblem** 
der Neurose aufgefasst werden darf, dass ferner die Zurücksetzung der 
im tmbewussten wirkenden sexuellen Triebkräfte zugunsten charaktero- 
logischer Ichkomplexe durch die Ergebnisse der Psychoanalyse durchaus 
nicht begründet erscheint, imd dass schliesslich die ganze Lehre vom 
„männlichen Proteste** auf der denn doch nur fiktiven Voraussetzung 
beruht, dass Kinder, die über ihr eigenes Geschlecht noch im unklaren 
sind, trotz ihrer Jugend es schon wissen sollen, dass es bei den er- 
wachsenen Menschen ein sogenanntes „schwächeres Geschlecht'* gibt, 
während tatsächlich nicht nur der Mann, sondern auch das erwachsene 
Weib der kindlichen Psyche immer als Repräsentant überlegener Stärke 
imponieren muss. 



xm. 
Die Stiege, Leiter als sexnelles Symbol in der Antike. 

Von Dr. Alfred Robitsek (Wien). 

Man weiss aus F r e u d 's Forschungen (siehe Zentralblatt I, S. 2 f . ; 
Traumdeutung III. Aufl. S. 2151), dass die Stiege, Leiter im Traume 
als Koitussymbol aufzufassen sind; der Rhythmus des Koitus werde durch 
das Stiegensteigen dargestellt. Während aber die meisten Traumsymbole 
in ähnlicher Bedeutung auch in anderen Phantasieprodukten nachzuweisen 
sind, eine Erscheinung, welche die Sicherheit der Deutung sehr erhöht, 
wurde dieses Symbol bisher nur in den Träumen gefunden. Die folgen- 



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BexiehnDgeB von Traum nnd Witz. 587 

den Angaben zeigen nun, dass es — wie viele andere Tranmsymbole — 
im antiken Kult gebraucht wurde. — In seinem Werk „Der böse Blick 
«nd Verwandtes** ^) beschreibt Seligmann ein algierisches Amulett, das 
unter anderen Zeichen eine Leiter zeigt und fährt dann fort: „In dieser 
Figurengruppe interessiert uns besonders die Leiter, deren amulettartige 
Bedeutung hiernach arabischen Ursprungs zu sein scheint. Nach 0. Jahn 
(Archäologische Beiträge, Berlin 1897, S. 94 f.) dagegen ist sie ein 
Symbol der Aphrodite und als solches geeignet, den bösen Blick 
abzuwehren. M i 1 1 i n g e n (Annal. deir inst. arch. Vol. XV. 1843, 86 tav. E.) 
erklärte sie sogar für die Kteis, worunter man ein Webegerät und die 
weibliche Scham verstand, welche als ein Symbol der Mysterien erwähnt 
wird. Die Leiter findet sich häufig auf lukanischen und apulischen Vasen 
bei Liebes- und Begräbnisszenen in den Händen von Frauen und Jüng- 
lingen. In der Hand einer f rau, die auf einem Schweine sitzt, haben 
wir sie auch schon kennen gelernt. — — Schliesslich wollen wir noch 
erwähnen, dass die Leiter auch unter anderen Amulettfiguren in der sog. 
im Jahre 1696 bei Rom gefundenen Pennaechischen Cista vorkommt. 
Von dem Gedanken ausgehend, dass die Leiter als Symbol der Aphrodite, 
analog dem Zeigen der Vulva eine Verhöhnung und aus diesem Grunde 
ein Abwehrmittel gegen den bösen Blick vorstellen soll, erinnert der Autor 
(Usener, Italienische Mythen. Im Rhein. Museum f. Philologie. Neue 
Folge. XXX. Frankfurt 1875. S. 193) dabei an den Gebrauch der römischen 
Strassenjugend, zur Zeit der Mitfasten Treppchen oder kleine Leitern aus 
Papier zurecht zu schneiden und sie den Vorübergehenden an den Rücken' 
zu heften. 



XIV, 

Beziehnngen von Tranm nnd Witz. 

Von Gaston Rosenstein (Wien). 

Ein bekannter Beamter erzählt mir eines Tages, er habe geträumt, 
der Hofrat X. sei gestorben. Ich wusste, dass für ihn zwei Hofräte, seine 
Vorgesetzten, Bedeutung hatten, ein gutmütiger, sehr harmloser Hofrat X. 
und ein Hofrat Y., sein eigentlicher Vorgesetzter, über den er sich häufig 
zu beklagen pflegte. Ich frage ihn, da ich einen Todes wünsch ver- 
mute, woran der Hofrat X. (also der Gutmütige) im Traum gesliorben 
sei. Er antwortet: „Der Schlag hat ihn getroffen**. Nun war die sehr 
einfache Deutung ohne weiteres gegeben. Er hatte, um dem Traum eine 
unschuldige Fassung zu geben, eben den anderen Hofrat, gegen den er 
sicher keine Rachegedanken hatte, sterben lassen. Ich sage ihm daher: 
„Sie haben hier wohl eine kleine Verschiebung vorgenommen. Sie meinen 
eben einen anderen Hofrat.** Darauf folgt weder Bestätigung noch Ab- 
lehnung, sondern langanhaltendes Lachen, hernach die anerkennende Be- 
merkung .... ich hätte einen glänzenden Witz gemacht. In den folgen- 
den Tagen erzählte er allen Bekannten von meinem famosen Witz. 

Der Mann hat von den psychoanalytischen Traum- und Witztheorien 
zuverlässig gar keine Kenntnis. 

^) Berlin, Hermann Barsdorf. 1910. S. 295 t 



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588 Ein Fall intenaiver Trauneiitstellang. 

XV. 
Ein Fall intensiver Tranmentstellnng. 

Von Dr. Hanns Sachs (Wien). 

Der Grad der Traumentsteilung variiert meist nach Massgabe der 
Intensität, mit welcher die im Tranminhalte vertretenen Phantasien und 
Gedanken vom bewnssten Seelenleben abgelehnt werden. Dort, wo auf 
die Zensur nicht sehr viel Rücksicht genommen werden muss, weil nur 
verhältnismässig harmlose Wünsche nach Befriedigung verlangen, wird 
die Auflösung von dem geübten Psychoanalytiker leicht gefunden werden 
imd auch der Neuling wird keine Mühe haben, die Deutung als fein- 
leuchtend zu akzeptieren. In solchen Fällen handelt es sich etwa um 
die Darstellung einer Redewendung, deren Doppelsinn in die Augen springt, 
oder um eine Wortbildung, deren Bestandteile sich leicht voneinander lösen. 

Anders liegen die Dinge dort, wo sehr peinliche Gedankenzüge \md 
intensiv verdrängtes infantiles Material im Traum dargestellt werden sollen. 
Hier greift die Traumentstellung höchst energisch ein, die Redression 
begegnet grossen Schwierigkeiten und ruft bei dem Unkundigen leicht den 
Eindruck der Willkürlichkeit oder eines schlechten Witzes hervor. Trotz- 
dem sind es gerade jene Deutungen, die das wertvollste und belang- 
reichste Material zutage fördern; ein Fund dieser Art weist der Analyse 
oft genug neue Wege zum Verständnis des Traumes. 

In einem Traume, dessen Deutung mir nahezu vollständig schien, 
leistete nur das Wort „Kalkutta** hartnäckigen Widerstand. Die As- 
soziationsreihe führte stets zu dem Worte „Klio**, mit dem ich nichts 
weiter anzufangen wusste. In der Verlegenheit, in der ich mich befand, 
verfiel ich auf einen, wie mir schien willkürlichen und wenig ver- 
sprechenden Ausweg. An Klio war mir aufgefallen, dass die Buch- 
staben K und L darin in der entgegengesetzten Reihenfolge auftreten 
wie ^n :„Kalkutta**. Ohne eine Ahnung zu haben, dass daraus etwas 
Brauchbares entstehen könnte, nahm ich dieselbe Umstellung bei „Kalkutta** 
Tor und schrieb das Wort „Kaklutta** hin. 

Kaum war ich damit fertig, als mir bereits eine Reihe von Ein- 
fällen ins Bewusstsein trat, die die scheinbar sinnlose Neubildung er- 
läuterten. 

Ich teilte zuerst ab: Ka-Klut-ta, d. h. Ka (Keine) Glut da. 
Ein höchst peinlicher G^dankenzug, die Furcht vor dem Erlöschen des 
schöpferischen Feuers im geistigen und körperlichen Sinne war damit 
berührt. 

Die zweite Lesart war: Ka-Klutta oder Ca-g(l)utta. Ich hatte in 
jenen Tagen an einem Katarrh gelitten und hie und da Schleimtropfen 
ausgeworfen. Im Bewussten suchte ich die Sache leicht zu nehmen, im 
Unbewussten aber waren wohl starke Befürchtungen wachgerufen worden, 
die hier durch die Darstellung des Satzes aus dem lateinischen Übungs- 
buche: Cavat gutta lapidem vorsichtigen Ausdruck fanden. Ob nicht 
•die Schleimtropfen eine Caverne in der Lunge bedeuten können? 
Das 1 in „glutta** ist nicht bloss als der antizipierte und eingeschobene 
Anfangsbuchstabe von lapidem-Lunge zu erklären. Ich war während der 



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OrfgfrTaffrom 
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BeürSge tvac Sezaidfonchnng. 589 

Analyse selbst noch im Zweifel, ob der lateinische Ausdruck gutta oder 
glutta laute. Erst das Lexikon belehrte mich, dass ich eine Verdichtung 
von gutta Tropfen und gluten Leim (vergleiche: Schleimtropfen) vorge- 
nommen hatte. 

Nun meldete sich gleich die dritte Deutung: „Kak-lu-ta**; das 
ist die leicht erkennbare, nur wenig verdichtete Wiedergabe jener Aus- 
drücke, mit denen das Kind seine körperlichen Bedürfnisse, resp. deren 
vorzeitig erfolgte Befriedigimg anmeldete: „Kaka da! Lulu dal'* 

Damit ^st die Deutung bis zum eigentlichen Grund des Traumes 
hinabgestiegen; von hier aus ergibt sich dann ein ganz neues Verständnis 
auch der scheinbar schon hinreichend gedeuteten Teile. 



XVL 

Beiträge zur Sexaalfrage. 

Von Dr. J. Sadger (Wien). 

L Zur Genealogie der Liebe. 

Ein 28 jähr. Mann, den ich wegen schwerer Angsthysterie in psycho- 
analytische Behandlung bekam, gab mir spontan eine Reihe von Auf- 
klärungen, die so allgefmein interessant sind, dass ich sie hier nach 
meinem Stenogramm genau wiedergebe: „Bei der letztgeliebten Frau, an 
der ich am heissesten hing, hatte ich folgende Phantasie. Erst zog ich 
sie ein bisschen aus — ich hatte das Bedürfnis sie auszuziehen — 
dann trug ich sie ins Bett hinein — ich hatte ein unwiderstehliches Ver- 
langen sie dort hinzutragen und zurechtzubetten. Ich habe nicht so sehr 
das rein Psychische des Aktes betont, sondern ich weiss, dass ich in der 
Phantasie vor ihrem Bette niederkniete, wie sie so lag, und sie zog 
mich dann in Dankbarkeit und heisser Verehrung zu sich empor. — 
Sehen Sie einmal von den wirklich handelnden Personen ab und sagen 
Sie mir: wer benimmt sich so, wie Sie mit ddeser Frau? — Pa^tient 
(eifrig): Die Mutter mit ihrem Kinde. Ich erinnere mich auch, meine 
Geliebte sehr gern mit dem Worte ,Kind' bezeichnet zu haben. Das 
tat ich immer bei idealer Liebe. Das Wörtchen ,Kind* ist mir der 
Inbegriff ausgesprochener Liebe geblieben. Richtig geliebt habe ich nur 
jenes letzte Weib, während ich alle anderen Male mich nicht so be- 
tätigen konnte, wie ich wollte. — Zur richtigen Liebe gehört, dass Sie 
sich so benehmen wie seinerzeit die Mutter Ihnen gegenüber. Sie müssen 
die Mutter spielen und die Geliebte behandeln können, wie Sie selber 
als Kind von der Mutter behandelt wurden. — Ja, ja, Sie haben ganz 
recht. Andererseits aber spielte die Geliebte, ohne es zu wissen, auch 
wieder die Mutter. Wenn ich jene besuchte, kam sie mir immer mit 
ausgebreiteten Armen entgegen. Von Muttern aber weiss ich, wenn meine 
jüngeren Geschwister ihre ersten Gehversuche machten, öffnete sie ihre 
Arme weit, um sie dei^estalt zu sich zu locken. Ich vermute mit 
Grund, sie wird es bei mir auch nicht anders gemacht haben. — Die 
Geliebte erfüllte also Ihre spezifische Liebesbedingung, welche sie wieder 
vermutlich von der eigenen Mutter gelernt hatte/* 



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590 Beiträge zur Sexüalforachung. 

Der vorgenannte Patient erwies auch sonst eine nur äusserst müh- 
sam zu trennende Verlötung an seine Mutter, bei der er alle Zeit seines 
Lebens die Rolle des Vaters zu spielen wünschte. Aus diesem unsterb- 
lichen Komplex heraus entwickelte er eine sehr merkwürdige 

II. Infantile Theorie über die Einführung in das sexuelle 

Leben. 

„Mit 8, 10, 12 Jahren hatte ich die Phantasie — das weiss ich 
ganz bestimmt — , dass 'die Mutter mich am eigenen Leibe in die Sexualität 
einführen werde. Aus manchen Bemerkungen von ihr habe ich zu er- 
schliessen geglaubt, sie mache mir Andeutungen, ich solle verstehen, 
dass ich mich an sie heranmachen müsse. Zwischen 11 und 13 Jahren 
schlief ich im Sommer in einem Kammerl, das nicht heizbar war. Da 
wir nun räiunlich sehr beschränkt waren, musste ich im Winter im 
Zimmer der Eltern schlafen, was mir äusserst unangenehm war, weil 
ich dachte, ich müsste Zeuge ihres Beischlafes sein. Die Aufforderung 
der Mutter legte ich mir dahin zurecht, sie zwinge mich deshalb bei 
ihnen zu schlafen, damit ich das Sexuelle lerne." — Dann aus späteren 
Analysentagen: „Der Vater ging immer zeitlich zu Bett, da er wegen 
seines Berufes um Mitternacht aufstehen musste, und rief mich da öfters, 
der ich im Nebenzimmer schlief. Ich glaubte dann immer: ,Heute kommt 
das, heute wird er mir etwas erklären*. Dies Gefühl hatte ich jedesmal. 
Nachdem wir uns den ganzen Tag nicht gesehen hatten, fragte er mich 
allerlei aus. Manchmal rief er mich auch, wenn ich schon im Bette 
lag, worauf ich mich zu ihm oder ins Btett der Mutter legte, Wenn sie 
nicht da war. Das weckte immer ein unangenehmes Grefühl oder viel- 
mehr Angst in mir. Vom 11. Jahre ab schlief ich mit Unterbrechungen 
etwa 2 Jahre im Zimmer der Eltern. Da beneidete ich immer [meine 
anderen ,Brüder, die draussen schlafen durften, und legte mir das so 
zurecht, ich müsse bei den Eltern schlafen, um schon etwas zu profitieren, 
weil ich als Ältester eingeweiht werden müsste. Dann stellte ich mir 
auch vor, dass ich wegen der Wajil des geistlichen Berufes der Ein- 
führung in die Sexualität entgehen werde. Wenn Vater mich fragte, 
was ich werden wollte, so fühlte ich immer den geheimen Zusatz: ,Sonst 
müssten wir dich aufklären!* Nun ist die Frage: wie habe ich !mir 
die Einführung vorgestellt? Ich glaube so — ganz dunkel — , dass der 
Vater mich auf die Mutter legt, mir die immissio membri ia vaginaftn 
zeigt und vielleicht noch die Bewegungen, die dazu gehören, um die 
Reibimg hervorzubringen. Dann hatte ich dife Idee, die Eltern müssten 
mich einführen, durch göttliche Macht gezwungen, weil ihnen sonst etwas 
drohte, vielleicht der Tod, und jedenfalls stellte ich mir einen gewissen 
Termin vor, bis zu einer gewissen Zeit müsse es geschehen, ich glaube 
bis zum 14. Jahre, da man aus der Schule kommt. Auch dachte ich, 
die Eltern schieben es scheinbar hinaus, solange es geht. Daher meine 
grosse Angst, älter zu werden, die Angst vor dem 14. Jahre, das mir*, 
entscheidend schien. Später, als das mit 14 Jahren nicht eintrat, dachte 



1) Patient, der seine Kindheit auf dem Lande verlebte, hatte da öfters Ge- 
legenheit, den, Stier die Kuh besteigen zu sehen, auch zu beobachten, wie Knechte 
dem Stier, wenn die Immissio nicht gelang, behilflich waren. Ausserdem belauschte 
er als Kind auch einmal direkt den Koitus der Eltern, die ihn eingeschlafen wähnten. 



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Einige Bemerkangeii zur Bettnngsphantasie. 591 

ich, vielleicht deshalb nicht, weil ich noch weiter in die Schule gehe. 
Die anderen, die austreten, müssen es erfahren. Manchmal freilich kamen 
mir Bedenken: die anderen Buben müssen ja auch eingeführt werden, 
warum erzählt mir keiner etwas (davon? Ja, sagte ich mir dann ials 
Gegenargument, das dürfen sie wahrscheinlich bei schwerer göttlicher 
Strafe nicht tun. Denn das war mir bewusst, dass diese Sexualität 
etwas ganz Besonderes ist, wo jedenfalls Gott ein bedeutendes Wort 
mitzusprechen hat.** Endlich noch aus einer späteren Stunde: „Als ich 
das Wort Onanie zum ersten Male hörte, sah ich die Bedeutung im 
Fremdwörterbuch nach, das ich von der Mutter bekommen hatte. Im 
selben Buche fand ich noch feinige andere sexuelle Worte erklärt. Daran 
schloss sich der Gedanke, ob mir die Mutter dieses Buch nicht deshalb 
gegeben habe, um mich aufzuklären, mir diese Sachen gewissermassen 
vertraut zu machen. Die nämliche Absicht schob ich ihr später bei 
einigen anderen Handlungen unter. Die ursprüngliche Idee, die Mutter 
wird mich „einführen**, habe ich in das weniger Grobe umgeändert, sie 
wird mich aufklären.** 



xvn. 

Einige Bemerkungen znr Rettangsphantasie und die 
Analyse eines Rettnngstranmes. 

Von Dr. Wilhelm Stekel (Wien). 

Freud hat in seiner kleinen, aber inhaltsreichen Arbeit „Beiträge 
zur Psychologie des Liebeslebens** (Jahrbuch II. Bd. S. 390) einige Auf- 
klärungen der typischen Rettungsphantasie gegeben. Jedes Kind spielt 
mit der Phantasie, seine Eltern zu „retten**. „Den Vater retten** heisst 
eine alte Schuld, die Schenkung des Lebens, quitt zu machen. „Die 
Mutter retten** hat aber ^ne andere Bedeutung, die aus den folgendeqi 
Worten Freud's ersichtlich ist: „Insbesondere in der Zusammensetzung 
mit dem Wasser lassen sich diese verschiedenen Phantasien des Rettens 
in Träxmfien und Phantasien deutlich erkennen. Wenn ein Mann eine 
Frau aus dem Wasser rettet, so heisst das: er macht sie zur Mutter, 
was nach den vorstehenden Erörterungen gleichsinnig ist dem Inhalte: 
er macht sie zu seiner Mutter. Wenn eine Frau einen anderen (ein Kind) 
aus dem Wasser reiJtet, so bekennt sie sich damit, wie die Königstochter 
in der Mosessage als seine Mutter, die ihn geboren hat.** 

Diese Bedeutung des Rettungstraumes konnte ich in alle meine 
Analysen bestätigen. Aber die wunderbare Verdichtungsarbeit des Traumes 
macht es verständlich, dass sich das Symbol des Rettens in mehrfacher 
Determination durchsetzt. Auch bei dem Rettungssymbol erweist sich 
die „Bipolari tat** dadurch, dass neben der Bedeutung des Leben- 
schenkens auch die des Lebenraubens in Betracht zu ziehen ist. Mit 
anderen Worten: Einen retten, heisst auch einen töten. 

Wir möchten diese Behauptung nicht aufstellen, ohne sie zu be- 
weisen und beginnen daher mit der Analyse eines typischen Rettungs- 
traumes. 



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Einige Bemerkangen zur Kettangsphantasie. 

Der Träumer ist ein '27 jähriger Student, der an einer schweren 
Zwangsneurose leidet. Im Vordergrunde des Krankheitsbildes steht eine 
schwere, sein ganzes Denken und Handeln beherrschende Syphilophobie. 
Der Traum lautet also: 

Auf einem See sehe ich einen Nachen, drinnen 
Max, meine Schwester Anna wnd Otto. Ich nähere mich 
dem Ufer. Blitzesschnell rudern sie dem Ufer zu und 
lassen mich hineinsteigen. Ich fürchte, dass der Nachen 
untergeht. Wie ich in den Nachen einsteige, fällt meine 
Schwester ins Wasser hinein. Ich bin auch tief im 
Wasser und bemühe mich, 3ie zu retten. Die Hände em- 
porgestreckt halte ich sie und warte, dass die am Ufer 
eine Rettungsaktion unternehmen. Wie mir diese Ret- 
tungsaktion zu lange ausbleibt, werde ich von Angst 
erfasst, meine Schwester könnte inzwischen ertrinken. 
Ich bringe sie ans ,Ufer, Die anderen sind irgend wohin 
gegangen, um die Rettung zu beschleunigen. Ich bin 
allein mit meiner Schwester. Ich habe Angst, ob sie 
noch lebt. Vom Nebenzimmer kommt jemand herein. 
Stillschweigend gebe ich ihm zu verstehen, dass meine 
Schwester schläft. Ich habe sie auf ein Bett nieder- 
gelegt. Sie J)ewegt sich noch etwas, aber ihre Augen 
hat sie geschlossen. Diese sind voll Eiter. 

Anna ist die Schwester des Träumers, den wir mit X. bezeichnen 
wollen. X. hat mir gerade in den letzten Wochen der Analyse dea 
ganzen typischen Schwesterkomplex abreagiert. Er lebt mit seinem 
Schwager in Feindschaft, obwohl dazu gar kein Anlass zu finden war 
und er diesen Hass trotz heissen Bemühens nicht rationalisieren, konnte. 
Max ist sein Vetter, der von der Schwester in auffallender Weise bevor- 
zugt wird. X. ist auf seinen Vetter eifersüchtig und war immer sein Rivale. 
Sie studierten gemeinsam und waren Freunde, die sich so hassten, dass 
Max einmal im Fieber ausrief: „Ein Messer her! Ich will X. töten I*' 
Auch Otto ist ein Zielpunkt seiner Eifersucht. Otto ist ein berühmter 
Schauspieler, bei dem Anna einmal längere Zeit Unterricht nahm, als 
sie zur Bühne gehen wollte. Otto gilt als ein gefährlicher Don Juan, der 
grosses Glück bei Frauen hat. Dazu kommt, dass Anna mit Ihrem Manne 
schlecht lebt und wiederholt von Scheidung und Fortgehen die Rede 
war. X. hat noch andere Gründe genug, seine Eifersucht auf Max und 
Otto zu konzentrieren. 

Der Anfang des Traumes zeigt uns die gefährliche Situation seiner 
Schwester. Sie ist mit Max und Otto |in einem Nachen. Er muss jdie 
Schwester retten, ehe es zu spät ist. Der weitere Verlauf der Traum- 
analyse rechtfertigt die von Freud gefundene Auflösung der Rettungs- 
träume: Er möchte seine Schwester zur Mutter machen. Allein plötzlich 
biegen die Einfälle des Träumers in eine andere Gasse. Ihm fällt eine 
Szene aus „Richard dem Dritten** ein. Zu Ciaren ce kommen die von 
Richard gedungenen Mörder. Er beruft sich zu seinem Schutz auf seinen 
Bruder Richard, der versprochen habe, ihn zu „retten**. „Er weinte um 
mein Unglück, schloss in die Arme mich und schwur mit Schluchzen, 
mir eifrig meine Freiheit auszuwirken.** Darauf erwidert der Mörder: 



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Einige Bemerkungen zur Rettangsphantasie. 

,yDas tut er ja, da aus der £rde Knechtschaft er zu des 
Himmels Freuden Euch erlöst." 

Auch in diesem Traume bedeutet die Rettung das Ermorden. Die 
Schwester soll vor der Schmach der Buhlerei durch den Tod gerettet 
werden. Dabei kommen seine mächtigen nekrophilen Instinkte zum Durch- 
bruch. Er zeigt jene fürchterlichen nekrophilen Phantasien der Zwangs- 
neurotiker, die von Leichenschändung und Leichenverstümmelung erfüllt 
sind. Solche nekrophile Regungen sind gar nicht so selten, als a priori 
glauben sollte. Hier bekommt das Wasser die Bedeutung von Blut. 

Es handelt sich um ein Blutbad I 

„Vom Nebenzimmer kommt jemand herein.** Es ist 
der Tod. Die Schwester soll in den ewigen Schlaf versinken. Die Stelle 
„Die Augen sind voll Eiter** ist der Ausdruck einer Schutzvorstellung, die 
ihn vor dem Inzest schützen, seine Unschuld „sichern** soll. Die Schwester 
ist von Max, der von einem Luetiker stammt oder von Otto (der sicher 
eine Lues hat) infiziert worden. Das Auge stellt eine Verlegung von yntea 
nach oben dar und steht für die Scheide. 

Es ist, als ob der Traum ihn warnen wollte, ein nekrophiles Ver- 
brechen zu begehen, da er sich sonst noch infizieren könnte. Er fürchtet 
ja im Leben immer eine Blutvergiftung durch Leichengift, welche Phobie 
mit der Syphiliphobie abwechselt. — 

Wir sehen also, dass in diesem Traume, die Rettungsphantasie nach 
dem Gesetze der Bipolarität auf dem Wege des Gegensatzes, als Mord- 
Phantasie verwendet wird. Er hat Angst, die Schwester könnte inzwischen; 
ertrinken, d. h. sie könnte moralisch untergehen. Er will sie dadurch retten, 
dass er sie tötet. Dieses Motiv ist in Sage und Dichtung so oft behandelt 
worden (Lukrezia, Emilia Galotti u. a.), dass es offenbar auch zu den 
typischen Motiven gehört. Dabei kommt die alte Hassregung zur Geltung. 
Die Schwester ist die Erstgeborene und war immer der Gegenstand seines 
masslosen Neides. Er darf sie in diesem Traume aus Liebe, aus höheren 
ethischen Motiven, ja aus Pflichtgefühl töten. Er kann höchste Lust 
bei geringster Schuld gewinnen. 

Einer eigenen Untersuchung wert wäre es, nachzuweisen, dass alle 
nekrophilen Regimgen auf die Kombination von Hass und Mordgedanken 
mit kompensatorischen Liebesregungen zurückgehen. In diesem Falle ver- 
hielt es sich so. Ein anderes Motiv füt die Nekrophilie bildet, {wie ich 
in meiner Sprache des Traumes ausgeführt habe, die W^ehrlosigkeit und 
Verschwiegenheit der Toten. Man beachte die merkwürdige Stilisierung 
des Traumes: „Ich habe Angst, ob sie noch lebt.** Die be- 
kannte Angst vor Gespenstern und Revenants geht auf die bekannten 
Zweifel zurück: „Wenn die Toten doch reden und sich rächen könnten 1** 

Die Syphilisangst dieses Neurotikers zeigt jene Wurzel, die ich 
in. allen diesen Fällen nachweisen konnte : Die Inzestphantasie, das Un- 
reine seiner sexuell-kriminellen Phantasien wurde durch die „Syphilis** 
vertreten. Die Syphilis ist ein Symbol des Unreinen und 
Gemeinen. 



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591 Ein kleiner Beitrag zur „Psychopathologie des Alltagslebens''. 

xvm. 
Ein kleiner Beitrag zur ^.Psychopathologie des 

Alltagslebens^^ 

Von Richard Wagner (Wien). 

Beim Durchlesen eines alten Kollegienheftes fand ich, dass mir 
in der Geschwindigkeit des Mitschreibens ein kleiner Lapsus unterlaufen 
war. Statt „Epithel" hatte ich nämlich „Edithel** geschrieben. Mit Be- 
tonung der ersten Silbe gibt das das Deminutivum eines Mädchennamens. 
Die retrospektive Analyse ist einfach genug. Zur Zeit des Verschreibens 
war die Bekanntschaft zwischen mir und der Trägerin dieses Namens 
nur eine ganz oberflächliche und erst viel später wurde daraus ein intimer 
Verkehr. Das Verschreiben ist also ein hübscher Beweis für den Durch- 
bruch der unbewussten Neigung zu einer Zeit, wo ich selbst eigentlich 
davon noch keine Ahnimg hatte, und die gewählte Form des Deminutivums 
charakterisiert gleichzeitig die begleitenden Gefühle. 



Referate und Kritiken. 



Oppenheim^ über Dauerschwindel (Vertigo permanens). Neu- 
rolog. Centralbl. 1911. Nr. 6. S. 290. 

Es hat den Anschein, als ob die Existenz von F r e u d 's „Angst- 
neurose' * mit der Zeit auch von den konventionellen Autoritäten anerkannt 
werden sollte, allerdings auf einem merkwürdigen Umweg der Neubenennung. 
Es ist jetzt eine Form der Angstneurose nach der anderen unabhängig ( ?) 
entdeckt und beschrieben Worden. Zuerst hat Herz die kardialen Sym- 
ptome entdeckt (s. dieses Zentralbl. S. 110), dann Mendel (s. dieses 
Zentralbl. S. 111) speziell die Symptome im männlichen Klimakterium, 
ebenso C h u r c h und de F 1 e u r y , und jetzt kommt Oppenheim mit 
seiner Entdeckung der Schwindelerscheinungen. Die von ihm gegebene 
Beschreibung braucht hier nicht wiederholt zu werden, da das Bild jedem 
vertraut ist, der Freud 's vor sechzehn Jahren veröffentlichte Arbeit 
gelesen hat. Oppenheim geht ungeniert so weit, zu behaupten, dass 
er bei sorgsamer Durchsuchung der Literatur das Krankheitsbild nirgends 
erwähnt gefunden hat. 

Da aber einige Erscheinungsformen der Angstneurose noch nicht 
neu — entdeckt worden sind, so sei den angehenden Neu — entdeckern der 
Rat gegeben, sich damit zu beeilen, denn diese Methode der Bestätigung 
F r e u d *s scheint jetzt in Schwung zu kommen. Ernest Jones. 

G. Greve, Sobre Psicologia y Psicoterapia de ciertos 
Estados angustiosos. (Vortrag vor der neurologischen Sektion 
des internationalen amerikan. Kongresses für Medizin und Hygiene in 
Buenos Aires, Mai 1910.) 

Der Autor, der diesem Kongress als Delegierter der Regierung von 

Chile beiwohnte, hat in besonders lichtvoller und von Missverständ- 



3y Google 



OrfgfrTaffrom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Beferate nnd ErUaken. 69S 

nissen freier Weise den wesentlichen Inhalt der Verdrängungslehre und 
die ätiologische Bedeutung des sexuellen Moments für die Neurosen dar- 
gelegt. In würdevoller Bescheidenheit hält er mit einem endgültigen Urteil 
über die ganze Lehre zurück; seine Erfahrungen, meint er, gestatten 
ihm nicht mehr zu sagen, da er die Analyse in der Regel nicht über 
die Pubertätsanlässe der Erkrankung hinaus betrieben habe (y aun cuando 
nos mostramos reservados para emitir una opiniön propia, se nos ha 
de perdonar, ya que nuestra exp^riencia personal no alcanza ä abaxcar 
toda la latitud de sus doctrinas). 

Doch lassen zahlreiche Äusserungen keinen Zweifel daran bestehen, 
welcher Oberzeugung er zuneigt. Die Existenz der infantilen Sexualität 
scheint ihm durch die vorliegenden Untersuchungen mit Sicherheit er- 
wiesen (demostrada hasta la evidencia); er und andere (todos nosotros) 
hätten Gelegenheit gehabt, sie an neurotischen Kindern zu l>eobachten, 
bei denen sie mit gewissen Zügen von Obermass auftritt. Auch die An- 
wendung einer unvollständigen analytischen Behandlung reiche in einer 
grossen Zahl von Fällen hin, um eine lerhebliche Besserung des psychi- 
schen Allgemeinzustandes zu erzielen, so dass die Kranken ihre Leistungs- 
fähigkeit wiedergewinnen, selbst wenn die Symptome noch in geringer 
Intensität fortbestehen sollten. ( . . . para traer una notable mejoria del 
estado general psiquico del paciente, aun cuando puedan seguir persistiendo 
sintomas que, por su poca aoentuacion, no aparenten enfermedad y no 
lo inutilizen para la sociedad.) (Ref. möchte ganz besonders hervorheben, 
welch' gutes Verständnis der neurotischen Erkrankungen sich darin ver- 
rät, den Heilerfolg nicht in der Beseitigung einzelner Symptome, sondern 
in der Herstellung der Leistungsfähigkeit fürs Leben zu suchen.) Die 
Zwangsneurose preist der Autor als ganz besonders zugänglich für die 
analytische Therapie; es sei ihm einmal gelungen, in zwei vertrauten 
Besprechungen, die zusammen noch keine Stunde ausfüllten, Zwangs- 
ideen zu beseitigen, die jeder anderen Behandlung hartnäckig widerstanden 
hatten. Der Autor fordert seine Kollegen auf, den in Rede stehenden; 
Lehren ihre vollste Aufmerksamkeit zu schenken; dieselben seien auf 
clie sorgfältigste Untersuchung gegründet, Tuid sie würden sehr vieles 
aus ihnen entnehmen, was sie zum grossen Nutzen ihrer Kranken ver- 
wenden könnten. (Pero insisto ante vosotros, que de un atento estudio 
de las teorlas de F., teorfas basadas en la mäs escrupulosa y pacientei 
observaciön de hechos clinicos que se pueda exigir, podreis cosechar 
mucho, muchisimo que puede favorecer k vuestros enfermos.) 

Wir danken dem (wahrscheinlich deutschen) Kollegen im fernen 
Chile für die unparteiische Würdigung der Psychoanalyse und die un- 
erwartete Bestätigung ihrer Heilwirkung in fremden Landen. Freud. 

Harald Fröderström, Die Psychoanalyse Freud's (Freud's 
psykoanalys). — AUmänna svenxka läkartidningen. 1910. Nr. 46. 

Arbeiten von Freud, Breuer, Abraham, Jung, Sadger, 
Bleuler, Jones werden zitiert und ebenso viele Äusserungen von 
den ärgsten Feinden der Psychoaualyse. Das alles beweist, dass der Verf. 
die Literatur allseitig studiert hat und er versucht eine so neutrale: 
Stellung wie es überhaupt einem Anstaltsarzt möglich ist einzunehmen. 

Zentralblatt fBr Ps^ohoiaalyM. F*. 40 



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696 Seferrta wd Kriiikeii. 

,,Sicher ist, dass Freud und seine Schüler schon weit äber's Ziel ge- 
schossen haben. — Aber beinahe ebenso sicher werden ra ehrerei 
von den Auffassungen von Breuer-Freud, nachdem sie von dem 
schlimmsten Unkraut gereinigt worden sind, sich in merkbarer Weise 
in der synthetischen Neurosenlehre geltend machen, für welche die Zeit 
nioch nicht reif ist." Leider ist sowohl die Zustimmung als das Ab- 
lehnen auf der Oberfläche geblieben. Der Verf. ist nicht tiefer ins Wesen 
der Psychoanalyse eingednmgen. Dieses kommt z. B. an den Tag, wenn 
er glaubt, dass der Ödipuskomplex ein Name „der tragischen Erinne- 
rungen von der Kindheit** ist. Ohne das richtige Verständnis für diesen Kern 
der Psychologie Freud's scheint man mir keine Richtschnur für die 
Beurteilung zu haben. Bjerre. 

Hans Larsson, Die Grenze zwischen Sensation und Emo- 
tion. (Gränsen mellon sensotion erle emotion.) Lund 1911. 

Der Verf. ist ein stiller, vornehmer Mensch und ein sehr feiner Denker. 
Obwohl er Professor der theoretischen Philosophie ist, hat er sich besonders 
praktischen Fragen zugewendet. Von seinen früheren Arbeiten betiteln 
sich die wichtigsten: „Intuition**, „Logik der Poesie**. Hier untersucht 
er mit grosser Schärfe die Grenze zwischen Empfindung und Gefühl in 
ähnlicher Weise wie z. B. Bleuler es in seiner Arbeit „Affektivität, 
Suggestibilität, Paranoia** getan hat, und in diesem empirischen Teile 
kommt er zu ähnlichem Resultate wie dieser. Er zielt aber weiter 
und sucht eine Antwort auf die Fragen: Wo ist das Gefühl zu suchen? — 
Was ist ein Gefühl? Er schaltet zuerst die Auffassungen aus, welche das 
Gefühl mit den Kognitionsakten, die dem Gefühl vorangehen, verwechselt 
haben. Dann wendet er sich besonders scharf gegen Lange und James, 
welche das Gefühl in den Folgeerscheinungen des Gefühls, den „Nax:;h- 
kognitionen**, gesucht und es mit diesen identifiziert haben. Die logische 
Folge wird aber, dass das Gefühl überhaupt nicht empirisch wahrgenommen 
werden kann. Das Gefühl ist dadurch in dieselbe Lage gekommen, wohin 
Kant das Ich der Apperzeption und Fichte den Willen führte: — wir 
müssen seine Existenz annehmen, obwohl wir ihn nicht wahrnehmen, 
können. Denn wir können \ms das Bewusstsein ohne Gefühl nicht denken. 
Wenn man abstraktionsweise versucht eine Vorstellung vom Gefühl zu 
befreien, findet man, dass die Vorstellung ihre Intensität verliert, und 
wemi eine vollständige Abstraktion gelänge, würde die Vorstellung auf- 
hören zu existieren. — Es scheint mir, dass diese Auseinandersetzung 
auch für die medizinische Psychologie von Interesse sein kann, da die 
Frage von der Bedeutung des Gefühlslebens bei der Bildung krankhafter 
Vorstellungen so oft diskutiert wirid. Bjerre., 

Havelock Ellis, „Die Welt der Träume**. Deutsche Originalaus- 
gabe, besorgt von Dr. Hans Kurella. Würzburg 1911. Curt Kabitzsch 
(A. Stuber 's Verlag). Preis 4 Mk. 

Die neueste Arbeit des verdienten englischen Psychologen Have- 
lock Ellis befasst sich mit dem Traum. Man nimmt das Buch in der 
Erwartung zur Hand, beachtenswerte Mitteilungen und Lehren darin zu 
finden. In der Tat weiss der Autor sein Thema mit bewährter Uoutin^ 



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Befente und Kritiken. 567 

und Vielseitigkeit zu behandeln, ja er überrascht manchmal durch hOchat 
geistreiche Perspektiven (Völkerpsychologie etc.). Grundsätzlich Originelles 
bietet er freilich wenig. Er versteht es, die schon vorhandenen Erkennt- 
nisse sowie auch die Theorien sehr hübsch zu verbinden und über das 
ganze Gebiet einen zusammenhängenden Überblick zu verschaffen. Des- 
halb eignet sich sein Buch wie wenige andere Werke zur Einführung 
in das Gebiet dier Traumforschung. Es ist nämlich zu gleicher Zeit 
reichhaltig, farblos und einigermassen skeptisch, so dass der Leser viele 
Meinungen kennen lernt, ohne zu dieser oder jener vorzugsweise hin- 
g€ führt zu werden. Kann also einerseits das Buch dem gebildeten Publikum 
weitester Kreise vortreffliche Dienste leisten, so darf anderseits nicht 
verhehlt werden, dass der Fachmann daraus soviel wie gar nichts Neues 
wird lernen IdSnnen. Ja er wird das Buch vielleicht sogar als einen; 
kleineu Rückschritt empfinden. Der gewissenhafte Havelock Ellis 
hat natürlich Freud und die Psychanalyse nicht übersehen. Er räumt 
den Entdeckungen des Wiener Psychopathologen, wie billig, einen be- 
trächtlichen Raum in seinem Werke ein; leider hat er aber aus diesen; 
Entdeckungen nicht ein Zehntel so viel Nutzen gezogen, als er aus ihnen 
hätte ziehen können. Immerhin ist Havelock Ellis seinen Grund- 
tendenzen nach von der Freud*schen Schule nicht gerade weit ent- 
fernt. Seine übergrosse Bedächtigkeit scheint ihm jedoch hinderlich zu 
sein. Seine Ausführungen bleiben infolgedessen stark am Handgreiflichen' 
hängen und entfernen sich nur selten vom Deskriptiven. Das Bild wird 
dadurch allerdings etwas verschoben, und das tiefere Verständnis der 
Traumphänomene nicht immer gefördert. So wurde z. B. die Grenze 
zwischen latentem und manifestem Trauminhalt nicht scharf genug ge- 
zogen. Viele Beobachtungen sind allerdings wieder vorzüglich und mit 
guten Beispielen belegt. 

Havelock Ellis würdigt insbesondere die elementaren Erschei- 
nungen der Apperzeptionsstörung, Dissoziation, Objektivation, Symboli- 
sierung, Abspaltung, Dramatisierung, Übertreibung in gebührendem Masse. 
Er kennt die traumbildende Kraft des Wimsches, der er andere Faktoren 
(Furcht) an die Seite stellt. Er erklärt ganz fein, dass es „präsentative** 
(unmittelbar aus Sinnesreizen entspringende) Träume nicht gibt. „Der 
Sonnenstrahl, der auf den Träumenden fällt, das vor dem Schlafengehen, 
gegessene imverdauliche Nachtmahl — diese Umstände können seinen 
Traum ebensowenig erklären, wie der Klingelzug des Briefträgers den 
Inhalt der Briefe, die er bringt, erklärt." 

Havelock Ellis lässt sich auch durch die Absurditäten des 
Traumes nicht beirren: „Wir verlassen im Traume nicht unseren Weg, 
um Absurditäten zu erfinden, wir nehmen die Daten auf, die sich unaj 
(natürlich umgeformt) bieten und behandeln sie so rationell, wie es die 
uns gerade zu Gebote stehenden intellektuellen Werkzeuge gestatten." 
All die vielen Klippen, auf die der unvorsichtige Traumdeuter geraten, 
kann, vermeidet Havelock Ellis mit trefflichem Spürsinn. Leider 
scheint er sich in dieser negativen Arbeit erschöpft zu haben; zu einer 
grösseren positiven Konstruktion kommt es nicht, obgleich die (Jerüste 
sozusagen schon dastehen. Freude gewährt aber unstreitig die aufrichtige, 
kerngesunde Art des Autors. Dr. Kurella hat eine sorgfältige Über- 
setzung und einige instruktive Anmerkungen geliefert. 

Herbert Silberer. 
40^ 



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SaS Beferate und Kritiken. 

A. Forel, Der Hypnotismus oder die Suggestion und die 
Psychotherapie. 6. umgearbeitete Auflage F. E n k e. Stuttgart 
1911. 

Das Buch ForeTs über den Hypnotismus ist so rühmlich bekannt^ 
dass die Empfehlung der neuen Auflage (schon die sechste) nicht nötig 
ist. Für Psychoanalytiker ist das VII. der Psychoanalyse gewidmete 
Kapitel von besonderem Interesse. Es ist gewiss ein grosses Verdienst 
des über 60 jährigen unermüdlichen Forschers, sich mit dem Wesen des 
jüngsten Zweiges der modernen Neurologie zu befassen. Dies spricht für 
eine bedeutende Regsamkeit und Plastizität, um die grosse Neurologen 
und Psychiater ihn beneiden können. Forel bespricht eingehend die 
Breuer-Freud 'sehe Hysterielehre, an die er die Namen von B e z - 
zola und Frank angliedert. Letzterer liefert als eigenen Beitrag zum 
Kapitel — nebst Kasuistik — eine Schilderung seiner Technik, die im 
wesentlichen der ursprünglichen kathartischen Methode entspricht. Dem 
weiteren Ausbau der Methode zu der modernen Psychoanalyse vermag 
Forel nicht zu folgen. Die Begriffe der Sexualkonstitution, der Sym- 
bolik, des Freud*schen Unbewussten sind vom Verfasser nicht aufge- 
nonmaen worden. Die Besprechung derselben — hauptsächlich an der 
Hand des kleinen Kompendiums Hitschmann*s — erfolgt mit Affekt, 
ohne genügend sachlich zu bleiben, wie z. B. aus solcher „Boutade" 
hervorgeht: „man könnte mit ebenso gutem Rechte das Sexualgefühl 
aus dem Nahrungstrieb ableiten.** Wenn Verf. die „Sublimierung** ver- 
standen hätte, könnte er nicht echreiben: „Selbst die Sympathie oder 
das Mitgefühl, obwohl phylogenetisch hauptsächlich aus dem Sexualgefühl 
entstanden, ist aktuell durchaus nicht mehr ohne weiteres sexuell.** Die 
louormale infantile Sexualität, welche jetzt eine Beobachtungstatsache ge- 
worden ist, verneint er, indem er das Dogma der Funktionslosigkeit 
der Hirnrinde des Säuglings aufstellt. Als weiterer Beleg wird der Fall 
eines Kryptorchen angeführt, welche „sexuell blind war'*. Forel hat 
schon verschiedentlich vor schweizerischen Psychiatern und Neurologen 
den Standpunkt verteidigt, dass die sexuelle Anästhesie eine totale und 
absolute ist. Dies liegt sehr Wahrscheinlich darin, dass seine Unter- 
suchungen nicht mit der erforderlichen Ausdauer und Gründlichkeit ge- 
macht worden sind. Die beigelegten kasuistischen Mitteilungen können 
diesen Eindruck nur bestätigen. In der psychoanalytischen Literatur ist 
Ref. kein Fall von untersuchter angeborener Kryptorchie bekannt; das 
Urteil über diese Frage bleibt noch offen. Es ist bloss schwer sich vor- 
zustellen, dass das „Psychosexuelle** beim Kryptorchen gänzlich wegfällt. 
Ein biologisch so eminent wichtiger Trieb wie der Sexualtrieb kann wohl 
kaum bis zum Keim durch die Hypogenesis der Sexualdrüsen erstickt 
sein. Die Beobachtung des Falles ForeTs liegt 34 Jahre zurück. Die 
grössere Erfahrung des Verfassers würde ihm bei einer jetzigen Unter- 
suchung sehr behilflich sein. 

Forel beansprucht die Priorität in der Analyse und Deutung der 
Kunstsprache der Paranoiden, er habe in den 70 er Jahren auf die Sprach- 
elipsen aufmerksam gemacht. Gewiss; er vergisst aber, dass er damals 
für solche Fälle von Sprachverwirrtheit den technischen Ausdruck „Wort- 
salat** geprägt hat, welcher jedenfalls eine bedeutende Einschränkung 
seiner Einsicht in diesen Mechanismus liefert. 



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ReferaU und Kritiken. 660 

Forel macht sich ^iner kleinen Ungenauigkeit schuldig, wenn ler 
Seite 203 behauptet, dass Jung und Ref. die gleiche Kranke unter- 
sucht haben, welche er damals in B. beobachtet hatte. Jung allein 
hat sie untersucht und seine Resultate in seiner „Psychologie der Dementia 
praecox** niedergelegt. Die Untersuchungen des Ref. beziehen sich auf 
andere Fälle der gleichen Anstalt. 

Der Ton der Bemerkungen ForeTs ist manchmal unangenehm 
persönlich, was bei seinem lebhaften Temperament schwer vermeidlich 
ist. Er beklagt sich sehr, dass Freud „seine Vorgänger, und diejenigen, 
die nicht mit ihm einig gehen**, mit Stillschweigen ignoriert. Das Kapitel 
über die Psychoanalyse schliesst er folgendermassen : „Ich will mir nicht 
anmassen, mit der obigen Skizze über eine Frage aburteilen zu wollen, 
die ich viel zu wenig selbst nachprüfen konnte, und die ich noch als' 

völlig unreif betrachtet Die Aufgabe der Nachprüfung wird sein, 

Gerechtigkeit zu üben und eine grosse wissenschaftliche Objektivität zu 
bewahren. Beides ist in diesem Gebiete nicht leicht. Wir schliessen 
somit dies Kapitel, indem wir vor allem Breuer, dann aber auch 
Freud, für ihre befruchtenden Ideen Dank sagen. Dieser Dank er- 
streckt sich jedoch nicht auf die gewagten Hypothesen und Dogmen der 
Freud'schen Schule. A. Mae der. 

Dott. Ry, Confessori laici (Corriere della Sera, 22. maggio 1911). 

Verf. behandelt in diesem Feuilleton der ersten Zeitung Italiensi 
die Psychotherapie, und in besonders unkorrektem Tone die Psychoanalyse. 
Die Wahl des Titels „Die profanen Beichtväter** ist schon tendenziös. 
Drei Hauptgefahren der Psychotherapie werden besprochen: 1. der Ver- 
lust der Initiative und Spontaneität beim Kranken, unter dem Einfluss 
der fremden Persönlichkeit des Arztes; 2. die Gefahr für den Kranken 
in die Hände eines skrupellosen Arztes zu geraten, der seine Überlegen- 
heit ausnützt; 3. die Gefahr, das labile Gleichgewicht des Kranken durch 
eine zu gründliche Untersuchung zu stören und fremde Gedanken und 
Gefühle dem Patienten einzuverleiben. Allerdings macht Verf. für 
Charcot, Dubois, Oppenheim Ausnahmen; die gefährlichen unter; 
den Psychotherapeuten sind diejenigen, welche „einen übertriebenen Fleiss 
in ihren Untersuchungen zeigen**; im besonderen Masse zeichnen sich 
darin die Anhänger der Psychoanalyse aus. Verf. gibt eine sehr kurze 
Darstellung der Breuer -Freu duschen Theorie, worauf sich seine Kennt- 
nisse über das Gebiet beschränken. Bei der (Jelegenheit erfahren wir, 
dass die Methode der Psychoanalyse eine Reihe von Schemata und Frage- 
bogen darstellt, welche nach den Umständen, dem Greschlecht, der Er- 
ziehung, den Antezedenzien des Kranken verwendet werden, „ein echtes 
Handbuch der profanen Beichte**. (Ref. Daraus sieht man die „ernste** 
Literaturkenntnis des Verfassers.) Verf. belehrt Freud, dass die An- 
zahl der hysterischen Störimgen im Anschluss an eine (Jemütserschütte- 
rung viel grösser ist, als er sich vorstellt; dafür ist der Zusammenhang 
zwischen den „Affektursachen** und der sexuellen Sphäre viel geringer, 
wie von Freud angenommen wird. „Die Psychoanalyse ist eine unnötig 
in die Tiefe grabende Methode, ^welche fürchterlich undelikat ist.** Die 
Patienten sollen sich instinktiv gegen eine derartige Untersuchung sträuben. 
Andere verfallen in eine intensive Suggestion und phantasieren alle denk- 



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600 Referate and Eritikeii. 

baren Traumata aus ihrer Kindheit. >,Der komplizierte Apparat" der 
Methode ^^fibt eine gewisse Faszination'^ auf den Kranken aus, ^.welche 
»ein Vertrauen in die mysteriöse Kraft der Kur steigert, während der 
begeisterte Schrei ,,Eureka" den des Analytikers in einem bestimmten 
Momente ausstösst, die traumaturgische Wirkung erklärt . . . etc. Eine 
solche Methode ist sehr weit entfernt, einen wissenschaftlichen Wert und 
eine praktische Bedeutung zu haben, welche die Nachteile der geradezu 
abstossenden Indiskretion ausgleichen könnten." 

Verf. nimmt es mit der Wissenschaftlichkeit nicht sehr genau, sonst 
würde er sich bemühen ein „korrekteres" Referat über das Thema zu 
liefern. Er beschimpft in seinem Aufsatz seine eigenen Phantasien (der 
Fragebogen 1 1) über die Psychoanalyse, nicht aber die Sache selbst 

A. Maeder. 

Dr. Eduard Hitschmann^ Freud's Neurosenlehre. Nach ihrem 
gegenwärtigen Stande zusammenfassend dargestellt. Leipzig und Wien, 
Franz Deutike 1911. 

Es war eine unaufschiebbare, aber auch sehr schwierige Aufgabe, 
die Ergebnisse der Psychoanalytik, die bereits eine kleine Bibliothek füllen, 
zusammenfassend darzustellen. Die Schwierigkeit erwuchs eben aus der 
Fülle und Mannigfaltigkeit des Materials, dessen kurzgefasste Darstellung 
nebst voller Beherrschung der theoretischen und praktischen Psychoanalyse 
eine besondere Fähigkeit zum Ordnen und Sichten, zum Hervorheben des 
Wesentlichen und Vernachlässigen des Nebensächlichen, erforderte. Anderer- 
seits musste der Autor 'des ersten Lehrbuches der Psychoanalyse der 
Versuchung widerstehen, diese noch in voller Entwickelung befindliche 
Wissenschaft durch allzufrühe Generalisierung und Systemisierung in das 
Prokrustesbett einer einheitlichen Theorie zwängen zu wollen. 

Hitschmann weiss aber nur zu gut, dass „eine schon zu Beginn 
lückenlose und abgerundete Theorie nur Produkt der Spekulation sein 
könnte", er will gar nicht mehr, als „eine vorläufige Zusammenfassung 
Äu versuchen, gleichsam einen Durchschnitt durch die Knotenpunkte der 
neuen Lehren anzulegen" und begnügt sich, rein referierend zu sein. 

In der „Einleitung" setzt sich der Autor, nachdem er Zweck und 
Art seiner Darstellung motivierte, mit jenen Gregnern auseinander, die 
die Freud'schen Lehren a limine abweisen möchten und wirft ein grelles 
Licht auf die uneingestandenen Motive dieser Ablehnung. 

Im ersten Kapitel (Allgemeine Neurosenlehre) wird auf die Punkte 
kurz hingewiesen, wo die Freud'schen Lehren an schon vor ihm ge- 
leistete wissenschaftliche Forschungen anknüpfen (Charcot, Janet, 
Breuer), dann aber bricht der Autor energisch mit der hergebrachten 
Noso- mid Terminologie der Neurosen, und bringt die klare Begriffs- 
bestimmung der Aktual- und Psychoneurosen, hebt bereits hier die zentrale 
Stellung der sexuellen Ätiologie in der Pathogenese der funktionellen 
Nervenkrankheiten hervor und klärt die Begriffe des psychischen Traujna*s 
der Sexual-Konstitution und deren Beziehung zueinander. 

Im Kapitel über Aktualneurosen ist das wenige, was fwir 
über die Neurasthenie wissen, gewissenhaft gesammelt, dann die Klinik 
und Therapie der Angstneurose, sowie die Freud'sche Erklärung beider 
Formen der Aktualneurosen ausführlich mitgeteilt. 



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Referate «nd Eritikeiu 601 

Ein besonderer Abschnitt wird dem Triebleben, besonders dem 
Sexualtrieb gewidmet. Hier wird der Inhalt der Freud'schen Ab- 
handlungen über die normale und pathologische Entwickelung der .Ge- 
schlechtlichkeit wiedergegeben und die Bedeutung der infantilen Äusse- 
rungen und Theorien der Sexualität für die späteren Neurosen beleuchtet. 

Das Kapitel über „das Unbewusste** beschäftigt sich mit den 
wichtigsten Manifestationen der tieferen Schichten des Seelenlebens und 
präzisiert genau die psychoanalytische Auffassung des Psychischen, im 
Gegensat;^ zur philosophischen Dogmatik. Hier werden auch die Begriffe 
„Verdrängung", „Widerstand** behandelt. 

Die folgenden drei Abschnitte vertiefen sich in die spezielleren 
Probleme des Traumes der Hysterie und der Zwangsneurose 
und es ist als besonders Verdienstvoll hervorzuheben, dass dem Autor 
gelungen ist, über die reichhaltige Literatur dieser Fragen eine Über- 
sicht zu bieten, aus der trotz der notgedrungenen Kürze der Darstellung 
nichts Wesentliches fehlt. 

Besonderen Dank werden die Leser dem Autor für den Abschnitt 
über die psychoanalytische Technik zollen. Hitschmann ist eben 
der erste, der dieses schwierige und noch bei weitem nicht ganz i>e- 
arbeitete Gebiet auf Grund noch nicht veröffentlichter Mitteilungen Freu d*s 
zusammenhängend darstellt und die falschen, oft ganz unsinnigen An- 
schauungen, die über die Methodik der Psychoanalyse im ärztlichen Laien- 
publikum herrschen, korrigiert. Doch auch dem ausübenden Psycho* 
analytiker bringt dieses Kapitel manchen praktisch verwertbaren Wink. 

Sehr interessant sind die letzten zwei Abschnitte des ,Hitsch- 
mann'schen Buches, worin der Autor die Prophylaxe der Neurosen eine 
von psychoanalytischen Gesichtspunkten geleitete Kindererziehung skizziert. 
Schliesslich werden die durch die analytischen Erfahrungen eröffneten 
Aussichten zur Schaffung einer von einheitlichen Prinzipien geleiteten 
normalen, pathologischen und angewandten Psychologie erörtert. 

Diesen ungemein reichen Inhalt verstand der Autor mit der ihm 
eigenen Klarheit zu einem lehrreichen und anziehenden Ganzen zu formen, 
so dass sein Werk wirklich alles leistet, was wir von ihm erwarteten: 
es bietet dem Anfänger Aufklärung über den gegenwärtigen Stand dieses 
noch neuen Wissenszweiges, für den praktischen Analytiker aber ist es 
ein brauchbares, ja unentbehrliches Nachschlagebuch. 

Dr. S. Ferenczi (Budapest). 

Dr. Krone, Die Bedeutung der Psychotherapie in der 
balneologischen Praxis mit besonderer Berücksichti- 
gung der psychopathisch-anämischen Zustände in der 
Pubertät. Medizinische Klinik, 1911, Nr. 24. 

„Haben wir die Diagnose „Neurose** gestellt — sagt Dr. Krone — , 
so entsteht für uns die .wteitere Aufgabe der Psychoanalyse. Ich ver- 
stehe unter Psychoanalyse nicht das, was Freud darunter versteht, 
der die seelische Entwickelung einseitig in sexueller Hinsicht verfolgt. 
Ich halte vielmehr — in Einklang mit der auf der letzen Sitzung des 
Vereins deutscher Nervenärzte zutage getretenen Ansicht — es vielfach 
vom psychotherapeutischen Standpunkte für inopportun, in das Sexual- 
leben der Kranken einzudringen, in ihrer Scham empfindliche Patienten 



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602 Referate und EritikeiL 

psychisch zu verwunden und eventuell die Phantasie zu beflecken. Und 
ich stehe vollständig auf Oppenheim*s Seite, wenn er unter Bezug 
auf die Freud'sche Analyse sagt: ^,Die Art, wie hier dem Kranken 
Geständnisse abgepresst werden, erinnert durchaus an die alte Folter- 
methode, nur dass aa Stelle des körperlichen Schmerzes die geistige 
Vergewaltigung getreten ist." Ich möchte vielmehr eine Psychoanalyse 
geübt wissen, die in dem Versuch gipfelt, die Entwickelung des Menschen 
zur geistigen Persönlichkeit nach allen Richtungen hin zu verstehen und 
die einzelnen Bewusstseinskoeffizienten in ihrer exogenen und endogenen 
Bedingtheit zu erkennen durch die Erlebnisse und die bei der a priori 
seelisch vorhandenen Anlage mögliche Verarbeitung der Erlebnisse. In 
der Art dieser seelischen Entwickelung liegen oft Momente — aber nicht 
nur auf sexuellem Gtebiete — , die für die Entstehung von Krankheits- 
zuständen und speziellen Krankheitssymptomen verantwortlich zu machen 
sind." 

Dagegen habe D u b o i s eine Methode gelehrt, die man die psychische 
Orthopädie bezeichnen könne. Nun werden einige Krankengeschichten 
vorgeführt und dann schliesst der Aufsatz mit den denkwürdigen Worten: 

„Die in Disharmonie und Angst lebenden, innerlich unfreien psycho- 
pathischen Kinder aber müssen wir zu einer inneren Freiheit und Harmonie 
durch psychische Beeinflussung zu bringen suchen. 

Wenn wir dann Hand in Hand mit der Psychotherapie die uns 
in unseren Solbädern gegebenen natürlichen Heilfaktoren wirken lassen, 
dann werden wir einen dankenswerten Erfolg erzielen." 

Und das grosse Werk ist vollendet! Die Brücke von den Sol- 
bädern in Soden a. Werra zur Psychotherapie ist geschlagen I — — — 

Stekel. 

Maurice Ducostö, Erections comme äquivalent öpilepti- 
que. (Revue de Psychiatrie 1911. Nr. 5.) 

In einem Falle von heftiger Zwangsonanie wird konstatiert, dass 
die Erektionen jeden Abend in der Bettwärme auftreten. Leveux Be- 
obachtung ergibt nächtliche epileptische Anfälle. Der Autor spricht die 
Erektionen als epileptisches Äquivalent an. Spontane, plötzliche, hart- 
näckige, mehrere Jahre sich wiederholende Erektionen können unter dem 
Einfluss der Epilepsie entstehen und sogar das einzige (!) Symptom 
dieser Neurose sein. Stekel. 

NAcke, Homosexualität und Psychose. (Allg. Zeitschrift f. 
Psych. 1911. 68. Bd. UI. Heft.) 

1. Die Homosexuellen neigen zu Psychosen kaum mehr als die 
Heterosexuellen. 2. Die homosexuellen Handlungen in Irrenanstalten sind 
fast ausnahmslos pseudohomosexuelle. (Pseudohomosexuelle sind Menschen, 
die homosexuelle Handlungen bei heterosexuellen Empfindungen ausführen.) 

Stekel. 

Ferd. Winkler, Über den Pruritus cutaneus universalis. 

In „Monatshefte für praktische Dermatologie*', 52. Band 1911, Verlag 

von Leopold Voss, Hamburg und Leipzig. 

„Die Geschichte der Dermatologie lehrt, dass schon im Altertum 
denkende und beobachtende Ärzte den Unterschied zwischen juckenden 



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Referate and Kritiken. 

Hautkrankheiten mit deutlichen Hautveränderungen und juckenden Haut- 
krankheiten ohne sichthare Erkrankungen kannten." Der Verfasser gibt 
einen kurzen Überblick über die Auffassung des Hautjuckens in alter 
und neuer Zeit und zitiert eine Reihe von Stellen aus der medizinischen 
Literatur, insbesondere bei Hebra und Kaposi. Gestützt auf die Beschrei- 
bungen hervorragender Kliniker und auf Grund eigener Beobachtungen 
fordert der Autor die deutsche Abgrenzung einer besonderen Gruppe von 
Fällen, die sich von anderen, auf toxischen Prozessen beruhenden Formen 
wesentlich unterscheiden, alle Charakteristika eines neurotischen Sym- 
ptomen-Komplexes besitzen und einen innigen Zusammenhang mit ge- 
wissen psychischen Zuständen aufweisen. Unter anderem wird auch 
Ne isser zitiert: „Wie sehr der psychische Zustand bei allen diesen 
Juckzuständen mitspielt, geht einerseits daraus hervor, dass geistige Ab- 
lenkung .... sehr häufig den Patienten die Juckempfindung ganz ver- 
gessen lässt, dass aber andererseits neurotisch schon Belastete oder durch 
psychische Eindrücke Erkrankte durch den Glauben eine Jucken erzeugende 
Affektion akquiriert zu haben, nun auch wirklich in intensiver Weise 
von Jucken geplagt werden." — Der Pruritus cutaneus hat nach dem 
Autor, abgesehen von den rein autotoxischen Prozessen, eine feste Be- 
ziehung zu gewissen Vorgängen im Zentralnervensystem. Ausserdem hebt 
der Verfasser die von Jaquet bemerkte Tatsache hervor, dass beim 
Kratzen die Pupillen sich erweitern und somit das Kratzen im Juckanfall 
einen ausgesprochen wollüstigen Charakter hat. Besonders wird die Tat- 
sache hervorgehoben, dass die Pupillenerweiterung bei dem gewöhnlichen 
Kratzen (z. B. bei Ekzemen) nicht auftritt. — Pruritus und Sexualempfindung 
stehen in irgend einem Zusammenhange, alle Prädilektionsstellen des 
partiellen Juckens sind erogene Zonen nach Freud. „Das Beschränkt- 
sein des lokalisierten Pruritus auf jene Zonen, die gemeinhin im frühen 
Kindesalter zu autoerotischer Befriedigung verwendet werden und das 
Auftreten von W^oUustempfindungen im Juckanfalle sind zweifellos Sym- 
ptomenkomplexe die zueinander gehören." „Der Pruritus cutaneus ist 
weder ein toxisches noch ein nervöses, sondern ein psychogenes Leiden." 
Man muss den Pruritiker durch die Freud'sche Psychoanalyse be- 
handeln. In einer späteren Arbeit will der Autor die Art der Behand- 
lung auf Grund von Krankheitsberichten genauer auseinandersetzen. 

Man kann der hier in Aussicht gestellten Arbeit ein um so grösseres 
Interesse entgegenbringen, als sie vermutlich die erste psychoanalytische 
Untersuchung auf diesem Gebiete sein wird und somit vielleicht neue 
Aufklärungen zu erwarten sind. X. Y. Z. 

Dr. H. Zbinden (Privatdozent an der Universität Genf), Briefe an 
einen jungen Mann. Eine Wegleitung für junge Leute in der 
kritischen Periode ihrer Entwickelung. Autorisierte Obersetzung aus 
dem Französischen von Prof. Friedrich Maibach, Zürich. Verlag: 
Art. Institut Orell Füssli. 

In dreissig Briefen, die an die junge, zu Männern heranwachsende 
Generation gerichtet sind, behandelt Zbinden, ein seit Erscheinen des 
Buches verstorbener schweizerischer Gelehrter, Probleme, die für jene 
nach seiner Meinung von Wichtigkeit sind: die Illusionen der Jugend, 
den Idealismus, den Kampf ums Dasein, die Liebe, das Geschlechtsleben, 
die Ehe, die religiösen Ideen, den Moralischen Determinismus und den 



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604 fiefeimte und Kritiken. 

Zweck des Lebens, gibt das Mittel an, in den schwierigen Augenblicken 
seine moralische Kraft zu behalten, und verspricht endlich die Zukunft 
denjenigen, die vernünftig reagieren und sich neu erziehen können. 

Ein überzeugter Idealist hat dieses Büchlein geschrieben, dessen 
Kampf gegen den Idealismus der Jugend nicht recht glaubhaft erscheint 
und der von einer Menschheitsreligion träumt, die eine Verbindung des 
C o m t e'schen Altruismus mit christlichen Ideen der Vergebung und Wohl- 
tätigkeit darstellen möchte. Die edelste Gesinnung, der menschenfreund- 
lichste Ernst spricht aus jeder Zeile, aber neben manchem hübsch ge- 
prägten Wort findet sich doch auch Einiges, was bloss als Phrase wirkt, 
und ein kaum wägbarer Überschuss an Sentimentalität. Der Verfasser 
will nicht die Wissenschaft an die Stelle der Religion setzen, nein, 
die Wissenschaft soll ihrer älteren Schwester, der Religion, zu Hilfe 
kommen, sie muss an deren Entwickelung mitarbeiten. Das beste Mittel, 
um die religiöse Frage zu lösen, ist nach seiner Ansicht der moralische 
Determinismus, d. h. denken, handeln, fühlen, urteilen, in einem Wort leben, 
indem man die Umstände der Vererbung und des Milieus berücksichtigt. 
Dies bedeutet keinen Fatalismus, im Gegenteil, die Kenntnis des Deter- 
minismus befreit zum Teil den Menschen von dem Einfluss der Um* 
stände und erlaubt ihm, sich einigermassen frei im Labyrinth des Lebens 
zu bewegen, denn unser Geschick hängt überwiegend von der Erziehung 
unserer Denkungsweise zur Vernunft ab. 

Die gleiche Überschätzimg der vernünftigen Einsicht zeigt sich auch 
bei des Verfassers Betrachtungen über die Liebe, das Geschlechtsleben 
und die Ehe. Was Z b i n d e n nun vorbringt, hat man aus rechtschaffenem 
Munde oft und oft gehört; hier ist nichts, was den Psychoanalfytiker 
interessieren könnte. Dagegen kann dem Autor voll und ganz beige- 
pflichtet werden in dem, was er über die sogenannte glücklichste Zeit 
des Lebens, die Jugend, sagt und über die deterministische, „dem Hirn- 
gespinnst des freien Willens" abholde Moral, die das Übel an seiner 
Quelle bekämpft und, um es zu vernichten, seine Ursache mittelst ge- 
wissenhafter Seelenanalyse in den Umständen sucht, die die angeborene 
und erworbene Denkungsart der Individuen gebildet haben, anstatt sich 
damit zu begnügen, die Folgen des Übels zu bekämpfen. 

Wenn Z b i n d e n auf dem Gebiete der Liebe „jeden unzüchtigen 
Gedanken und jeden wollüstigen Sinn" verjagen will, wenn er Anweisungen 
gibt, wie man sich bei keimender Verliebtheit der Vernunft bedienen soll, 
um jene zu unterdrücken, falls sie sich als unzweckmässig herausstellen 
sollte; wie man dabei die Graphologie, der der Verfasser — wenigstens in 
ihrer jetzigen Gestalt — entschieden zu grosse Bedeutung beilegt, als 
Bestätigung der Charakterprüfung zu Hilfe nehmen soll, so streift dieser 
Rigorismus, diese Verkennung der Rolle der Vernunft freilich hart an 
das Komische und beeinträchtigt den sonst wohltuenden Eindruck des 
Büchleins, das ein Mann von Herz geschrieben hat, dem wir jedoch aller- 
dings wie allen derartigen Schriften keine grosse praktische Wirksamkeit 
werden zuschreiben dürfen. 

Von der Übertragung ins Deutsche lässt sich nur das Allerbeste 
sagen: nämlich dass sie sich wie ein Original liest. 

Dr. A. Frh. v. Winter stein. 



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Aus Vereinen und Versammlangen. 606 

Aus Yereinen und Versammlungen. 



Verhandlungen der Internationalen Gesellschaft für medi- 
zinische Psychologie nnd Psychotherapie 

am 7. nnd 8. Angast 1910 in Brflssel. 

Freud ist Problem geworden. Wie sich die Arbeit des einzelnen mit ihm 
auseinandersetzen muss und an ihm nicht mehr vorbeigehen kann, so ist es auch 
ganz natürlich, dass die medizinischen Kongresse sich in steigendem Masse der 
Auseinandersetzung über die von Freud aufgeworfenen Fragestellungen und 
Forschungsergebnisse zuwenden. 

So beschäftigten sich in Brüssel über ein Viertel der Vorträge mit psycho- 
{analytischen Themen, die bei den Kongressteilnehmem auf ebenso lebhaftes Inter- 
esse wie erbitterte Gegnerschaft stiessen. Dies kann um so weniger wundernehmen, 
als die Probleme der Psychanalyse für den ihnen Femstehenden sehr vieles 
Ungewohnte enthalten und im allgemeinen noch viel zu wenig bekannt sind, als 
sie unerbittlich an persönlichen, gesellschaftlichen, ethischen etc. Vorurteilen rütteln 
und nicht nur gegen die mannigfaltigen heiss verfochtenen Schulmeinungen Ver- 
stössen, sondern auch nicht wenig gegen die empfindlichen Gefühle derer, die die- 
selben Gebiete auch, aber schmerzlicherw«ise mit geringerem Erfolge bearbeitet 
haben. Wie kann man denn auch mit der psychanalytischen Methode zu anderen 
Ergebnissen kommen als mit den anderen früheren Methoden? Also müssen diese 
Ergebnisse falsch sein oder die Methode. So argumentieren ungefähr die Gegner. 
Das wesentliche Kennzeichen der Gegner F r e u d ' s ist, dass sie von seinen Arbeiten 
nur wenig kennen und sich nicht der nicht zu unterschätzenden Mühe untierzogen 
haben, seine Methode und ihre Resultate an eigener Arbeit nachzuprüfen, also von 
ganz anderen Betrachtungsweisen her verneinen, was sie dort aufgestellt finden. Die 
persönlichen Widerstände werden in ein intellektuelles Gewand gesteckt, die an 
dem emotionellen Aplomb, mit dem sie auftreten, die persönliche Unterströmung 
verraten, der sie letzten Grundes entstammen. 

Als ersten psycbanalytischen Vortrag brachte M. Ch. de Montet-Vevey 
ein grosses Diskussionsreferat: Probl^mes th^oriques et pratiques 
de la psychanalyse, das sich die doppelte Aufgabe stellte, einmal an der 
Terminologie Freud 's, dann aber insbesondere an dem Begriffe der Verdrängung, 
an der Deutung und der Sexualätiologie der Psychoneurosen eingehende Kritik 
zu üben. 

Die terminologischen Vorschläge gipfeln in der Übersetzung der Begriffe 
F r e u d ' s in die der Assoziationspsychoiogie, z. B. Komplexbildung in patho- 
logischem Sinne = fehlerhafte Assoziation; Konflikt im ethischen Sinne = Spezial- 
fall der Affektivität, der sich im wesentlichen als assoziativer Widerstand entpuppt 
Die Annahme einer Verdrängung ist überflüssig, zimial sie auf etwas Aktives, 
einen Willens Vorgang anspielt; er setzt dafür die Modifikation: Abdrängung 
von der normalen Assoziationsgruppe, indem er der abgedrängten 
Gefühlsbetonung die Wirkung zuschreibt, unmittelbar zur Komplexbildung zu führen, 
nicht weil sie sich sexualiter assoziiert, sondern überhaupt in einer vom Erlebnis 
abweichenden Richtung; denn es ist ihm ein konventioneller Zufall, dass die Natur 
der Entstehung von Konflikten in sexueller oder moralischer Form augenfälliger ist 
als die Entstehung von Konflikten durch nicht ethisch gehemmte Dispositionen. 
Das Bewusstsein von Arzt und Patient sind in der überwi^enden Mehrzahl der 



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606 Aus Vereinen und Versammlungen. 

Fälle ethisch eingestellt, kein Wunder also, dass der Sexualkonflikt der häufigste 
ist. Es ist Freud zu danken, dass er diesen Gesichtspunkt systematisch venti- 
lierte und entdeckte, was der Sexualtrieb in pathogener Richtung leisten kann. Es 
ist aber ein enormer Irrtum, wenn demzufolge die gesamte Evolution Sexualität 
wird, diese also für das gesamte Erleben der zentrale Attraktionspunkt sein soll» 
so dass immer nur ein pathogener Sexualkomplex aus dieser gefühlsweise wirkenden 
Verschiebung resultieren soll. Vielmehr ist dem von S e m o n gefassten Begriff 
der gefühlsw^ eisen Irradiation wissenschaftlich der Vorzug zu geben, 
weil sie wenigstens offen lässt, dass die Gefühlsirradiation auch in anderer 
Richtung als in der Richtung der Sexualdisposition assoziativ assimiliert werden 
kann. Die phylogenetische Auffassung F r e u d *s führt ganz arbiträre Werte ein, 
indem sie den Sexualtrieb prävalieren lässt, so dass sie nur als ein Konditionalismus 
anzusehen ist, dessen Bedeutung lediglich in den sozialen Lebensverhältnissen 
des Individuums liegt. In seiner Beobachtungsweise antizipiert Freud das 
Prinzip, dass der Sexualtrieb prävaliert, und wo er dies nicht findet, liefert ihm 
das Material keine Beobachtungen. 

Die Deutung ist zu verwerfen, nicht nur, weil für sie gar keine Normen 
aufzustellen sind, sondern auch weil sie auf der für unsere Begriffe falschen 
sexuellen Auffassung der Verdrängung beruht. 

Die Therapie soll in der möglichst ausgiebigen Identifikation von bisher 
unter beiinissten Erlebnissen bestehen und in ihrer fortschreitenden Assimiliation. 
Es soll mit anderen Worten ein Annäherungswert an das strukturell mögliche 
Optimum von Assoziabilität erreicht werden. Voraussetzung für das Gelingen der 
Analyse ist, dass die möglichst grosse Assoziationsfähigkeit des Arztes eine mög- 
lichst gründliche Identifikation mit dem Patienten erlaubt 

Die Vogt 'sehe Methode der direkten Exploration, die nach Löwenfeld, 
Franck u. a. für die Praxis zu nutzenden hypennnes tischen Leistungen in der 
Hypnose, die Bilderanalyse B e z z o 1 a 's und die verschiedenen Modifikationen 
des freien Assoziierens können wertvolle Dienste leisten. 

Gegenüber dem Berichte de Montet's stellte sich Ref. in seinem Vor- 
trage : Über den Wert und die Bedeutung der psychanalyti- 
schen Methode für die Diagnose und Therapie der Neurosen 
entschieden auf den Standpunkt der Freud 'sehen Anschauungen. Nach einem 
kurzen zusammenfassenden Referate über die Freud 'sehe Lehre von der Struktur 
imd Ätiologie der Psychoneurosen, aufgezeigt an den Beispielskizzen eines hysteri- 
schen Kopfschmerzes, einer Insektenphobie und einer Zwangsneurose, sowie nach 
einer kurzen Darlegung der psychanalytischen Technik, deren Hauptprobleme,Wider- 
stand und Übertragung, besonders hervorgehoben werden, wird das Wesen der 
Psychanalyse und ihrer therapeutischen Wirkungsweise dargetan und der Haupt- 
einwand der Gegner gegen die Freud 'sehe Lehre von der Sexual ätiologie zurück- 
geführt teils auf die mangelhafte Kenntnis und Teclmik der Gegner, teils auf ihre 
eigenen Sexualwiderstände, die die Selbstanalyse zur Grundvoraussetzung für jede 
tiefer eindringende psychanalytische Arbeit machen. F r e u d 's Gesamtbedeutung 
findet Ref. nicht nur darin, dass er lichtvolle kausale Zusammenhänge aufdeckte, wo 
vorher ein chaotisches Dunkel herrschte, den Sinn und die Gesetzmässigkeit nach- 
wies bei Erscheinungen wie den psychoneurotischen, die bisher nur durch Regel-, 
Mass- und Sinnlosigkeit imponiert hatten, der der Psychologie und Psychopathologie 
und Pädagogik Neuland erschloss mit einer reichen Fülle von Fragestellungen 
und Arbeitsmöglichkeiten, sondern auch in der Tiefe und Nachhaltigkeit der thera- 
peutischen Erfolge, besonders bei den schweren Fällen von Hysterie, Zwangs- 
neurosen und Phobien, die den Kranken ihre Selbstführung geben. 



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Aus Vereinen and Versammloogen. 607 

Die Diskussion über beide Vortrage, die sehr lebhaft, stellenweise sehr affekt- 
reich geführt wurde, ist in mehr als einer Beziehung lehrreich. Abgesehen von 
den eingangs erwähnten persönlichen und intellektuellen Widerständen, die sich 
besonders gegen die Freud 'sehe Terminologie, die Begriffe der Verdrängung 
und des Widerstandes richteten, war es vor allem das böse Karnickel der Sexualität, 
gegen das sich, wie augenscheinlich in allen derartigen Diskussionen, die heftigsten 
Ausfälle ergingen. V o g t z. B. fand das sexuelle verursachende Moment trotz einer 
bis in die jüngste Kindheit ausgedehnten Analyse in einem Falle von Spinnweben- 
furcht nicht. Schlussfolgerung : also existiert es nicht. F o r e 1 unterscheidet zwischen 
sexuellen und unsexuellen Karessen. Menzerath hat seit vier Jahren seine 
sämtlichen Lapsus, mehrere Tausend, aufgezeichnet mit genauer Selbstbeobachtung 
und er bestreitet durchaus, dass es sich hier um sexuelle Dinge handelt, und 
macht sich anheischig, Freud 's Beispiele in der Psychopathologie des Alltags- 
lebens sämtlich einfach und besser zu erklären ohne jedes sexuelle Moment. Vogt 
wendet sich gegen Ref., dass einem Manne, der, wie er, seit seinem 16. Jahre seine 
Träume und seit 1894, also beinahe so lange wie Freud und länger als irgend 
ein Freudianer, die zur Diskussion stehenden Fragen an seinen Kranken 
studiert, das Recht abgesprochen wird, über diese Fragen mitzusprechen (wer hat 
das getan? Ref.). 

Jones wendet gegen Vogt ein, dass es verschiedene psychogenetische 
Forschungsmethoden gäbe. Eine sei die Gesamtheit der Freud 'sehen Methoden, 
eine andere die Vogt 'sehe usw. Das Wort Psychoanalyse sei nur auf die Ge- 
samtheit der Freud 'sehen Methoden anzuwenden. Worauf Vogt erwidert, er 
werde seine auf Selbstanalyse des Kranken beruhende Methode fortan als Kausal- 
analyse der kausalkonstruierenden Psychoanalyse der Freudianer gegenüberstellen. 
Wären die vom methodologischen Standpunkt aus ganz ungleichartigen Methoden 
der Freudianer ein geschlossenes Ganzes (Ref. hatte behauptet, die p. a. Methode 
sei ein zusammengehöriges geschlossenes Ganzes, aus dem man nicht beliebige 
Teile herausreissen kann, ohne das Ganze wesentlich zu ändern, während es jedem 
freistehe, dieses Ganze anzunehmen oder zu verwerfen), so wäre es noch schlechter 
mit den Freud 'sehen Lehren bestellt als er behaupte. Es hätten sich Freudianer 
Kausalkonstruktionen geleistet, welche man einfach als kompletten Unsinn be- 
zeichnen müsste. Dagegen hob Ref. hervor: dass einzelne Schüler Freud 's 
in ihrer Polemik über die Schnur hauen, mag zugegeben werden, kann aber nicht 
Freud zugerechnet werden. Man vergesse übrigens nicht, welch massloses und 
häufig unsachliches Urteil aus dem Lager der Gegner kommt. Das lässt vieles 
verstehen imd verzeihen, wer aber die Schriften Freud 's unbefangen durchgeht, 
muss die erfreulich sich abhebende, massvolle und sachliche Art anerkennen, mit 
der dieser heftigst befehdete Forscher seine Lehren vorträgt und seine Gegner 
behandelt. Dasselbe gilt für Jung und viele ihrer Mitarbeiter. 

Forel wirft dem Ref. vor, die Versammlung „sur le terrain de la po6sie 
et de la th6ologie" zu führen. (Tönt dahinter nicht fast so etwas wie das Wort 
Sekte, das den Psychanalytikem so oft entgegengeschleudert wird? Nun ja, Forel 
hat, so scheint es mir, damit nicht so ganz Unrecht. Wir Psychanalytiker sind 
vielleicht so eine Art Sekte; die Psychanalyse hat ja, sozusagen, einen gewissen 
esoterischen Kern, die Libidolehre, sie hat eine eigene Terminologie und beschäftigt 
sich mit dem Dichter im Menschen, mit dem Träumer, sie produziert Kranken- 
geschichten in einer im allgemeinen bisher ungewohnten gefälligen und inter- 
essanten, fast poetischen Art der Darstellung und alle ihre Anhänger zeigen eine 
freudige und begeisterte Hingebung an die Beschäftigung mit ihren Kranken und 
wissenschaftlichen Problemen. Ref.) 



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606 Aus Vereinen und Versammlungen. 

Einen interessanten Vortrag hielt E. Jones-Toronto über Thera- 
peutic effect of Suggestion. Analog der Arbeit Ferenczi*s über 
Introjektion und Obertragung legt Jones den Hauptanteil des Heilerfolges durch 
Suggestion und Hypnose nicht so sehr in den Arzt als in den Kranken. Aufgebaut 
auf der Obertragung verdrängter infantiler Liebesbeziehungen zu den Eltern, be- 
sonders dem Vater, auf die Person des Arztes einerseits, andererseits auf der 
Tendenz des Kranken, seine freien reizhungrigen Affekte zu verdünnen, dadurch, 
dass er sich seine Umgebung einverleibt und durch die Beziehung auf diese sein 
Ich erweitert (introjiziert), wird der Rapport zwischen Arzt und Krankem zu einer 
unbewussten Identifikation beider in der Psyche des Kranken auf dem Boden 
der femininen Kompcmente des Sexualtriebes und gleichbedeutend mit dem Ge- 
horsam und der Gelehrigkeit des Kindes gegen die Eltern. Während die Wirkungs- 
weise der Suggestion psychologisch nur darin besteht, an die Stelle der die 
verdrängten sexuellen Affekte ersetzenden neurotischen Symptome nur ein anderes 
Symptom zu setzen, nämlich die abnorme psychosexuelle Abhängigkeit von dem 
„sympathischen" Arzte, und der Heilerfolg nur aufrecht erhalten werden kann 
durch die Fortsetzung der Übertragung auf den Arzt und das andauernde Interesse 
des Arztes für den Kranken, führt die Psychanalyse diese Übertragung auf ihre 
ursprüngliche imbewusste inzestuöse Quelle zurück und macht die hier gebundenen 
Triebkräfte frei für nicht sexuelle kulturelle Ersatzziele. In der Diskussion be- 
tonte Vogt, ebenso gute Heilerfolge zu haben wie die Hüerren Psychanalytiker^ 
und zwar fast immer ohne eingehende kausale Analyse, und bestritt nicht nui; 
den direkten grossen therapeutischen Erfolg der Psychanalyse, sondern meinte 
es auch entschieden zurückweisen zu müssen, dass die Psychanalytiker, die in 
Fällen geschadet haben, wo andere psychotherapeutische Methoden mit Nutzen 
angewendet wurden, ihre Heilerfolge ^o herausstreichen und vor allem zwei Irr- 
tümer begehen, nämlich die pathogene Bedeutung des Verdrängungsmomentes zu 
überschätzen und die imheilbare konstitutionelle Degeneration za unterschätzen. 

Von den anderen Vorträgen sei nur kurz hingewiesen auf das Janet'sche 
Diskussionsreferat über die Probleme der Suggestion und 
auf den B e r n h e i m 'sehen Vortrag über die klinische Differential- 
diagnose der Neurasthenie und der Psychoneurosen, in deren 
Diskussion Ref. den p. ai. Standpunkt vertrat, schliesslich auf den Vortrag von 
Ernst Trömmer-Hamburg über Vorgänge beim Einschlafen (hyp- 
nagoge Phänomene), der ein grosses interessantes Material in rein deskriptiver 
Weise bearbeitete und alles, was er in der Analyse der hypnagogen Phänomene, 
Visionen, Träume, Wortkontaminationen nicht auf rezente Eindrücke zurückführen 
konnte, als sinnlos abtat. Kraepelin wurde erwähnt, von Freud, gegen 
dessen Traumbuch F o r e 1 energisch protestierte, und S i 1 b e r e r war mit keinem 
Worte die Rede. Jones erzählte einige Beispiele von Kontaminationen im Traum, 
Ref. empfahl das Material des Vortrags einer p. a. Bearbeitung zu unterziehen, 
der allein sich die dahinter steckenden Gesetzmässigkeiten und sinnvollen Zu- 
sammenhänge erschliessen könnten; aber Trömmer „lehnt ja auf Grund aller 
seiner Erfahrungen die spezifisch Freud 'sehen Ideen ab**. 

Was ist nun das Ergebnis des Kongresses für die P. A. ? Zunächst scheinbar 
nicht mehr und nicht weniger als dass die Gegner dagegen, die Anhänger dafür 
sind. Man machte Widerstände, offener oder versteckter, persönlich oder in 
intellektuelle Einwände eingewickelt. Im ganzen ungefähr dieselben wie man 
sie allenthalben und immer wieder hören kann. Die Situation war manchmal 
komisch und nicht immer sehr erfreulich für die angegriffenen Anhänger. Ganz 
so wie bei der Analyse der Psychoaeurotiker auch, und nicht anders schliesslich 



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Aus Veremen und Versammlungen. 009 

als man es bei der Selbstanalyse ebenfalls gefunden hatte. Bei der Diskussion 
kam unter solchen Umständen nichts heraus als die Entbindung zahlreicher, bis- 
weilen etwas gewalttätiger Affekte, und konnte nichts anderes herauskommen^ 
wie aus naheliegenden Gründen alle gleichen Gelegenheiten lehren. 

Dies war die äussere Physiognomie des Kongresses. Ganz anders saji es 
im Hintergrunde, ich möchte fast sagen, auf dem Nebenkongresse aus, bei den 
privaten Zusammenkünften. Hier zu zweien oder mehreren beherrschte das grösste 
bdteresso für die P. A. das Feld, Erfahrungen und Anregungen wurden ausgetauscht^ 
eine ruhige sachliche gegenseitige Verständigung hatte sich angebahnt. Und hier 
liegt wohl der Weg jeder Verständigung. 

Man machte natürlich auch Widerstände; aber das war augenscheinlich, die 
Sache hatte doch eingeschlagen, liess den einzelnen und sein Interesse nicht 
mehr los, ganz wie in der Einzelanalyse auch. Unbelehrbare natürlich ausgeschlossen. 

Einige Worte noch zur Kritik der Vorträge : de Montet's Vorschläge zur 
Terminologie halte ich für überflüssig, zum mindesten für verfrüht, seine Haltung 
für unentschieden, seine Kritik der Libidolehre, wohl eine der wertvollsten Er- 
rungenschaften der Freud 'sehen Forschung, und die darauf aufbauende Kritik 
und Ablehnung des Verdrängungsbegriffes und der Deutung für das Resultat unge> 
nügender Erfahrung. Zur Kritik meines eigenen Vortrages aber muss ich sagen, 
dass auf so engen; Raum und so birze Zeit zusammengedrängte Referate der 
ganzen Freud 'sehen Lehre Gefahr laufen, dem Uneingeweihten schwer ver- 
ständlich zu sein und daher ihren Zweck verfehlen, der durch ausführliche 
kasuistische Mitteilungen oder Behandlung von Einzelproblemen wohl besser er- 
reicht wird. 

Und schliesslich werden es überhaupt nicht Kongresse sein, — und dies 
trifft gemäss der Natur des Gegenstandes hier noch mehr zu wie auf anderen 
wissenschaftlichen Gebieten — die die Sache der P. A. fördern; sondern nur di^ 
hingebungsvolle persönliche Einzelarbeit und die Selbstanalyse können zur Über- 
zeugung führen und die persönliche Verständigung unter vier Augen, wo eine solche 
möglich ist. Dr. Leonhard Seif. 



Psychoanalytische Yereini^ng Zürich. 

Sitzung vom 9. Juni 1911. 

Dr. Riklin: Ober die Realisationstendenz. 

Unter Realisationstendenz versteht der Vortragende das, manchmal als. 
aktiv imponierende, Bestreben von Komplexen, Phantasien usw. an irgend einer 
Stelle Koniakt mit der Wirklichkeit zu gewinnen. Nachdem er seine Auffassung 
durch Beispiele näher beleuchtet hat, grenzt er den Begriff Realisationstendenz, 
von denen der Wunscherfüllung und der Rationalisation (Jones) ab. Es werden 
dann die hauptsächlichsten Formen der Realisation besprochen, worunter die 
Identifizierung mit Personen oder anderen Wesen, die Darstellung des Komplexes 
durch etwas Konkretes (z. B. Statue), die Kuppelung des Komplexinhaltes an eine 
indifferente Handlung (Verschiebung, Symbolisierung) besonders hervortreten. 

Sitzungen vom 23. Juni, 7. und 21. Juli 1911. 

Dr. Uten: Bruchstücke aus der Analyse von drei Fällen 
von Dementia praecox. 

Vortragender kommt nach Anführung und Besprechung einiger Analysen 
Schizophrener zum Resultat, dass in allen besprochenen Fällen die Krankheits- 
äusserungen im Wesentlichen durch einen herrschenden Komplex determiniert sind» 



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610 Aus Vereinen und Versammlungen« 

Dieser Komplex, welcher sowohl die klinischen Symptome als auch die analytischen 
Produktionen beherrscht, ist der (meist heterosexuelle) Elteminzestkomplex. Für 
die frühe Anlage zur Fixierung des Inzestkomplexes spricht das eigentümliche, 
schon etwas introvertierte Verhalten Frühdementer in ihrer Kindheit. Diese Fixie- 
rung^ welche als Entwickelungshemmung aufgefasst werden muss, führt zu einer 
Regression in jene Vorstufen der menschlichen Kulturentwickelung, wo der Inzest 
als entwickelungshemmendes Prinzip noch nicht überwunden war. Diese Vorstufen 
werden von den Kranken merkwürdig oft wieder durchlebt in den uralt anmutenden 
symbolischen Produktionen, welche übrigens bei vielen Kranken eine bemerkens- 
werte Übereinstimmung zeigen. (Autoreferat). 

Dr. Nelken: Die Geschichte eines Inzestes. 

Vortragender bringt eine ausführliche, psychoanalytische Krankengeschichte 
eines Schizophrenen, dessen Wahnbildungen überwiegend Inzestphantajsi^i sind, vor. 
Der Fall ist nicht ohne Interesse in Bezug auf die reichen Phantasien, welche viel 
Material zu den mythologischen Analogien, zum ambivalenten Denken und zur 
psychoanalytischen Betrachtung verschiedener klinischen (paranoiden und kata- 
tonischen) Stadien der Dementia praecox darbieten. (Autoreferat) 

van Ophuijsen. 



Varia. 

Ein offener Brief. 

Dear Sir, 

Herr Dr. M a e d e r , in a review of an analysis I published of a 
case of hypomania (see Zentralbl. S. 344), points out that the case 
was really one of Schizophrenia. With this criticism I quite agree, 
especially on going again lover my notes of this case. Bnt with this 
reservation, that it 'was la case of Schizophrenia only in the Bleuler- 
Jung sense, not in the Kraepelinian. Bleuler and Jung have not followed 
Kraepelin*s latter tendencies to ^strict the dementia praecox group in 
favour of the manic-depressive ; I think it probable, and Dr. Jung has 
expressed to me a similar opinion, that Kraepelin would have made 
the diagnosis of manic-depressive insanity with my patient. I might 
say that the patient has remained well ever since the analysis (over 
two years). The interesting question however is, how many other cases 
labelled chronic mania, or hypomania, show the action of comptexes 
similar to those present in dementia praecox. I must say that I have 
found evidences of such complexes in all the cases of the kind I have 
examined (to be sure, not a large numbor). On the other ihand, Brill 
has pointed out (Zentralbl. S. 158) that many cases labelled melancholia, 
of which he relates an interesting example, are really cases of Angst- 
hysterio. Psycho-analytic investigation would therefore seem to to restrict 
to a considerable extent the number of cases of "causeless" affective 
psychoses (manic-depressive insanity), and the question arises whether 
there actually are any such cases that show no psychogenic mechanism. 
1 believe that further experiences in this direction would prove of great 
interest, and w*ould suggest that other observers communicate theirs. 

Yours sincerely 

Ernest Jones. 



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Varia. 6U 

Aus Simplizissimus vom 12. Juni 1911: 
Lebensregel. 

Durch des Lebens Lügenbuntheit 
und durch Krankheit und Gemeinheit 
gehn die Wege zur Gesundheit, 
zur Erkenntnis und zur Reinheit. 
Mehr wie Gottes Wolkenschleppe 
werden immer die nur schauen, 
die zu ihm sich eine Treppe 
aus erschlagnen Teufeln bauen. 

Georg Busse-Palma. 

Von MOrike stammt folgendes reizende Gedicht, das er 
„Erstes Liebeslied eines Mädchens** benennt und das voll 
Symbolik ist: 

Was im Netze? Schau einmall 

Aber ich bin bange; 

Greif ich einen süssen Aal? 

Greif ich eine Schlange? 

Lieb* ist blinde 
Fischerin ; 
Sagt dem Kinde, 
Wo greif fs hin? 

Schon schnellt mir's in Händen 1 
Ach Jammer 1 o LustI 
Mit Schmiegen und Wenden 
Mir schlüpft's an die Brust. 

Es beisst sich, o Wunder! 
Mir keck durch die Haut, 
Schiesst s' Herze hinunter! 
Ob Liebe, mir graut! 

Was ttm, was beginnen? 
Das schaurige Ding, 
Es schnalzet da drinnen. 
Es legt sich im Ring. 

Gift muss ich haben! 
Hier schleicht es herum, 
Tut wonniglich graben 
Und bringt mich noch um! 

Hitschmann. 

Beiträge sur UniversalsymboHk. 
1. 

Zur kosmischen Symbolik und zur Symbolik von „rechts 

und links". 

In den Kunstausdrücken der alten Magier und Astrologen finden wir die- 
selben Symbolismen wieder, die wir durch die Deutung von Träumen und durch 
die vergleichend-psychoanaly tische Prüfung von Mythen kennen lernten. Folgenden 
Satz entnehme ich aus einem Referat über R o 1 1 e t 's Buch : „M^decins astrologues" 
(„La Revue des Id6es", März, 1911): 

„Chiaque plannte, chaque signe a son sexe, ses propri^t^s, sa couleur, ses 
m6taux, commande certaines parties du corps, etc. Ainsi la lune est femelle^), 

^) Alle Hervorhebungen stammen von mir. 
Zentnlblatt für PsyehoftiialyM. i^. 41 



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612 Yaria. 

eile est humide, puisqu'elle agit sur la fraicheur des nuits, les mar^es, l e s m e n - 
strues, eile est blanche et froide; Targent loi est attribu6; elie commande le 
cöt6 gauche, le sens du goüt, Testomac, le venire, l'ut6rus, etc.'* 

IL 
Kosmische Symbolik im Volksglauben und Alierglauben. 

In einer fleissigen Arbeitt von van der Voo über die Lehre von der 
Seelen Wanderung') finden sich folgende Ausführungen: 

,,.... (L'influence de la lune embrasse les hommes tout oomme les 
plantes et les animaux. L'influence se fait sentir tout sp^cialement sur la vie 
feminine, sur la conoeption, la grossesse et la parturition, plus encore sur la 
menstruation . . . . A Morlaix, en Bretagne, on raconte que les femmes peuvent 
devenir enceintes en s'exposant au clair de lune. En Nouvelle-Guin^, on explique 
que la menstruation provient des rapports sexuels de la lune aves les femmes et 

les filles pendant ieur sommeil Les Tsiganes tiennent que la fertility 

des femmes dopend de la croissance et du d^croit de la lune. Les Hindous pren- 
nent un ,^bain de lune" pour s*appropier la puissance 6rotique de cotbe aphro- 
disiaque souveraine. Ce demier rite a pass6 dans la magie. En Silösie on adresso 

des priores ä la lune pour obtenir Tamour 4'une p^rsonne quelconque 

A la nouvelle lune, une jeune fiUe hongroise fait un gät^eau avec du miel et du 
lait vol6s, m61ang6s d*un peu des ses menstrues. Elle fera son possible pour 
faire manger de ce gäteau au jeune homme de son choix . . . ." etc. etc. 
(p. 244—245). 

IIL 
Regen und Wasser als Symbol des Sperma 

Weitere interessante Daten aus dem zitierten Artikel über die Seelcn- 
wanderung : 

„On attribue k l'eau ime' puissance fertilisatrice : Nombre de rites attestent 
cette croyanoe, qu*on d6oouvre aussi dans les r^cits de vierges, devenues enceintes 
par le pouvoir de Teau, ainsi que dans les oonceptions mythiques sur l'origine 
des enfants'). 

Ces rites se rapportent k la noce ou bien ils ont pour mission de gu6rir 
la st^rilite. Dans Finde antique, la mari6e prenait un bain^ A Rome on Taspergeait 
d*eau. Des coutumes analogues existent encore en Sardaigne, en Albanie, en 
Serbie, en Gröce, en Petite-Russie et en France. Dans Tlnde, on croyait qu*uno 
femme meme störile pouvait devenir mere, si on Taspergiiait d'eau au bord du 
fleuve. A Guemsey et en Irland, les jeunies filles se rendent k la sourco pour 
demander un man 

Plusieurs legendes parlent de femmes devenues m^res par la vertu de l'oau; 
Montezuma fut consid6r6 comme le fils d*une vierge ferti- 
lis6e par la pluie " (p. 248—249). 

IV. 

Die Schlange als Symbol des männlichen Gliedes; Identi- 
fizierung des Menschen und seines Phallus. 
„Chez les Grecs et les Romains, les morts subsistaient oomme serpents. A 
Rome les serpents rampaient en libert^ dans les maisons, meme dans les chambres 

*;VanderVoo: „L'origine de la croyaace k la mötempsyoose. " La Revue 
des Id6es, Avril, 1911. Ebenda genaue Literaturangaben. 

*) Die zuletzt angedeuteten Vorstcllimgen gehören offenbar nicht eng zum 
Thema, denn Wasser bedeutet in dem „Mythus von der Geburt des Helden** nach 
R a n k * s Analysen Fruchtwasser. 



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Varia. 61» 

k oouch^r. Pline rapporte que les serpents ^taient si nombreux qu*ils aoraient 
chassö les habitants de la ville, si ies iocendiea n'avaient pas d6cim6s parfois les 
Premiers. On croyait que Tarne du maitre de la maisoa habitait 
an serpent et sous cette forme visitait sa femme. On retrouve 
cette derni^re oonviction chez les Nandis d'Afrique, qoi hient les serpents, 
mais dpargnent celui qui s'est cach6 dans le lit d'nne femmo. 
Ce serpent-lä est habit6 pax im anc^tre: on lui sonhaite la bienvenue, on lui otfrc 
du lait. De la visite de ce serpent on espöre des snites sous la 
forme d'nne naissance*' (p. 257). J. HÄrnik. 

Eine interessante Stelle ans Edward Garpenter. ,,Wir dürfen vielleicht 
sagen, dass im Menschen eine Art Umwandlung der Essenzen des Lebens l>e- 
ständig vor sich geht und allezeit vor sich gehen kann. Wollust und Liebe — 
die Aphrodite Pandemos und die Aphrodite Urania — können in geheimnis- 
voller Weise ineinander übergehen und füreinander eintreten. Vielleicht sind die 
körperlichen Liebesinstinkte xmd das ätherische menschliche Sehnen nach dem 
Einswerden der Persönlichkeiten im tiefsten und wesentlichsten Eins und nur ver- 
schiedene Offenbarungsformen des gleichen kosmischen Vorgangs. Wie dem auch 
sein mag, es ist jedenfalls ziemlich klar, Hlass irgend eine tiefe Verwandtschaft 
zwischen beiden besteht. Die tägliche Erfahrung zeigt uns, dass die schrankenlose 
Befriedigung rein physischer Begierden den Menschen gleichsam bis zur seelischen 
Dürre erschöpft und ihn seiner höheren Liebeskräfte beraubt; während auf der 
anderen Seite, wenn die physische Befriedigung versagt bleibt, der Körper von 
den Wogen der Erregung überwältigt wird — manchmal in einem gesundheits- 
schSdlichen und gefährlichen Grade. Und doch mag diese in Aufregungen beruhende 
Liebe, gerade weil ihre Äusserung gehemmt oder beschränkt wird, sich zu Zeiten 
in das alles durchdringende Fluidum der geistigen Liebe verwandeln. 

Mark Aurel zitiert einen Ausspruch des H e r a k 1 i t , nach welchem es 
der Tod der Erde sei, Wasser zu werden (die Umwandlung des Festen ins Flüssige) 
und der Tod des Wassers die Verwandlung in Luft (Verdampfung), der Tod der 
Luft aber die Verwandlung in Feuer (Verbrennung). So gibt es im menschlichen 
Körper sinnliche Elemente, Gefühlselemente und geistige und noch andere Elemente, 
von denen man sa^en mag, dass ihr Tod auf dem einen Felde nichts anderes 
als ihre Umwandlung und sodann ihre Wiedergeburt in anderen Regionen bedeute. 

Es ist leicht zu erkennen, dass ich keineswegs die Ansicht vertrete, dass 
die niedrigeren, d. h. die mehr physischen Äusserungen der Liebe etwa ertötet 
werden sollen, um die Entstehung ihrer geistigen und dauernderen Erscheinungs- 
formen zu erzwingen. Die Natur, die langsame und allmähliche Entwicklungen 
liebt, duldet so gewaltige Methoden nicht; ich will nur andeuten, dass wir 
Gründe haben, an die Umwandlungsfähigkeit der verschiedenen Formen der Leiden- 
schaft zu glauben, dass wir Gründe haben, anzunehmen, dass die Aufopferung 
einer niedrigeren Phase des Gefühls manchmal die einzige Bedingung ist, unter 
der eine höhere und dauerndere Phasie erreicht werden kann, und dass darum 
die Zurückhaltung — die zu Zeiten absolut notwendig ist — ihre Vergeltungen 
und Entschädigungen mit sich bringt 

Jeder, der einmal erkannt hat, wie herrlich die Liebe in ihrem Wesen ist, 
und wie unzerstörbar sie ist, der wird kaum irgend etwas, das zu ihr jführt^ 
ein Opfer nennen; und der ist in der Tat ein Moister des Lebens, der die gröberen 
Begierden seines Leibes hinnimmt und, ohne sie abzuweisen oder zu verdammen, 
sie mit vollem Bewusstsein in die seltensten und duftendsten Blüten menschlicher 
Gefühle umzuwandeln weiss. 

4V 



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6U Varia. 

(Love's Coming of age, London^ Swan Sonnenschein, V. ed. 1906. p. 6 — 8. — 
Obersetznng von Dr. Karl Federn: Wenn die Menschen reif zur Liebe werden. 
12. Aufl. Berlin. Hermann Seemann Nachf. S. 48 — 51.) Assagioli 

Darwin Aber das Vergessen. In der Autobiographie Darwins findet 
sich folgende Stelle, welche seioe wissenschaftliche Ehrlichkeit und seinen psycho- 
logischen Scharfsinn überzeugend wiederspiegelt: 

„I had, during many years, followed a golden rule, namely, that whenever 
a published fact, a new Observation or thought came across me, which was 
opposed to my general results, to make a memorandum of it without fail and at 
once; for I had found by experience that such facts and thought|3 were far more 
apt to escape from the memory than favourable ones.'* Ernst Jones. 

«^Vielo Jahre hindxuxh befolgte ich eine goldene Regel. Fand ich nämlich 
eine veröffentlichte Tatsache, eine neue Beobachtung oder einen Gedanken, welcher 
einem meiner allgemeinen Ergebnisse widersprach, so notierte ich denselben sofort 
möglichst wortgetreu. Denn die Erfahrung hatte mich gelehrt, dass solche Tatsachen 
und Erfahrungen dem Gedächtnisse leichter entschwinden als die uns genehmen." 

(Obersetzung der Redaktion.) 

Beobachtiingen aus der Kinderstube. Die meisten Geschichten, die wir 
von den Kindern hören, verschweigen die kriminellen Gedanken, an denen die 
Kinder ja überreich sind. Wir müssen jetzt die Kinder besser beobachten und 
auf ihre Aussprüche besser achten. Ich erfahre von einer Dame folgende Be- 
obachtung: 

„Ich war als Sommergast bei einem Bauern, der zwei Kinder hatte, ein 
achtjähriges Mädchen und einen dreijährigen Jungen. Eines Tages Tnussten die 
Eltern in die Stadt fahren und ich blieb mit beiden Kindern allein zurück. Das 
Mädchen bekam die Weisung, den wilden Knaben zu beaufsichtigen. Der Jimge 
war ungehorsam und wollte seiner Schwester nicht folgen. Er lief dicht an einen 
mit zwei Pferden bespannten Wagen heran. Ich erwischte nun den Jungen und 
gab ihm ein paar sanfte Streiche auf sein Gesäss. Der Kleime verhielt sich dabei 
ganz ruhig und sprach auch tagsüber kein Wort darüber. Als die Mutter am Abend 
(die Szene spielte sich am Vormittag ab) nach Hause kam, sprang der Knabe auf 
ihren Schoss und sagte mit vor Zorn bebender Stimme: „Mutter, wenn ich 
nur die grosse Gartenschere vom Vater gehabt hätte, dann 
hätteichihrenKopfabgeschnitten (dabei zeigte er auf mich I). Denn 
sie hat mich geschlagen!" Stekel. 



Auf mehrere Anfragen hin bemerken wir, dass der auf S. öl2 besprochene 
Roman „Um holder Frauen Gunst" von K ulke und Krauss im Ethmologischen 
Verlag in Leipzig erschienen ist. Preis 4 Mk. 



Dr. lieonid Drosnes hat sich in Petersburg: (Ja mskaja 2) als Spe- 
zialarzt für Psychoanalyse etabliert. 



Der III. Band (I.Hälfte) des Jahrbucheis für psychoanalytische Forschungen 
ist erschienen. Wir werden auf den reichen Inhalt noch ausführlich zurückkommen. 



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Inhaltsverzeichnis und Autorenregister. 



(Abkürzungen: 0=- Originalia; M = Mitteilungen ; R = Referate und Kritiken ; Vb = 

Vereinsberichte; Va = Varia) 

Abraham: Über hysterische Traumzustände (Fl) 119 

^ Einige Bemerkungen über den Mutterkultus 

und seine Symbolik in der Individual- und 

Völkerpsychologie (M) 549 

Adler: Die psychische Behandlung der Trigeminusneu- 

ralgie (0) 10 

fiin erlogener Traum (M) 103 

, Über männliche Einstellung bei weiblichen 

Neurotikern (M) 174 

, Trotz und Gehorsam (R) 181 

, Beitrag zur Lehre yom Widerstand (0) 214 

Syphilidophobie (0) 400 

Aigremont: Rechts und links (R) 67 

Anastay: L*origine biologique de l'bypnose (R) 255 

Assagioli: Transformation et Sublimation des önergies sexuelles . (K) 353 

Baudelaire: Ober Inzestliebe (R) 72 

, Inzestkomplex (Va) 275 

Bertschinger: Heilungsvorgänge bei Schizophrenen (H) 503 

Bethe: Die dorische Knabenliebe (R) 47 

B ins wanger: Über Neuro psychosen (R) 249 

Bleuler: Freud 'sehe Theorien in der IV. Jahresversammlung 

der Gesellschaft deutscher Nervenärzte (Vb) 424 

Brill: Ein Fall periodischer Depression psychogenen Ur- 
sprungs (O) 158 

, Dreams and their relation to the Neurosis (R) 363 

Busch: Ein Selbstbekenntnis (Va) 523 

Busse-Palma: Lebensregel (Va) 611 

Caspenter: Aus «Wenn die Menschen reif zur Liebe werden* . . (Va) 613 

Clapar^de: Die Psychoanalyse (R) 50 

y Remarques sur le contorle etc (R) 117 

, L'unification et la fixation de la terminologie psycho- 

logiqae (R) 254 

Gramer: Zur Symptomatologie der Angst (R) 120 

Dattner: Eine historische Fehlleistung (M) 550 

Diskussionen des Wiener psychoanalytischen Vereins (R) 259 

Donath: Lethargische Zustände (R) 75 

Drosnös: Eine psychoanalytische Organisation zur 

Verhtt tu ngvon Selbstmorden (M) 553 



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816 lohaltsverzeichnis und Autorenregister. 

Dubois: Conception p^ychologique de Torigine des Psychopathies (R) 347 

Ducostö: Erections comme dquivalent <5pilepti'que (R) 602 

Eibenschütz: Ein Fall von Verlesen im Betrieb der philo- 
logischen Wissenschaft (M) 242 

Kllia: Symbolismus in Träumen (R) 418 

Epstein: Beitrag zur Psychopathologie des Alltags- 
lebens (M) 326 

, Zur Differentialdiagnose organischer und 

psychogener Erkrankung; zugleich ein 

Beitrag zurSymbolik von liechts und Links (M) 411 

Erb: Zur Phrenokardie von Herz (R) 110 

Farkas: Hydro- und Psychotherapie (R) 77 

Ferenczi: Manischdepressives Inescin (R) 74 

, Ejaculatio praecox (R) 75 

„ Psych oneurosen (R) 76 

, Über obszöne Worte (0) 390 

s Anatole France als Analytiker (0) 461 

, Die psychologische Analyse der Träume (R) 247 

„ Reizung der analen Zone alsürsache derPa- 

ranoia (M) 557 

Ferrari: Rivista di psicologia (R) 123 

Forel: Abstinenz oder Massigkeit (R) 517 

, Der Hypnotismns und die Suggestion (R) 596 

Fraenkel: Des jungen Goethe schwere Krankhf'it Tuberkulose, 

keine Syphilis (R) 357 

Freud: Die zukUnftijz:cn Chancen der psychoanalytischen 

Therapie (0) 1 

^ Beispiele des Verrats pathogener Phanta- 
sien bei Neurotikern (M) 43 

, Typisches Beispiel eines vorkappten ödi- 

pustraumes (M) 44 

, Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci . . (R) 54 

p Über wilde Psychoanalyse (0) 91 

, Nachträge zur Tranmdeatung (0) 187 

« Ein Beitrag zum Vergessen von Eigennamen (M) 407 

Friedmann: Bewusstsein und bewusstseinsverwandte Erscheinunsren (R) 256 

, Eduard Mörike ^ . (0) 486 

Frud erström: Die Psychoanalyse Freud's (R) 595 

(lennep: Dessins d'enfant et df'ssin praehistoriquo (R) 508 

Goethe: über Traumleben (Va) 273 

Graf: Richard Wagner im fliegenden Hollfinder (R) 252 

Greve: Sobre Psicologia y Psiroterapia (R) 594 

Grillparzer: Tagebucbstelle (R) 66 

Grimmeishausen: Infantile Sexualtheorien . (Va) 524 

Guttceit: Abstinenz (R) 68 

Härnik: Beiträge zur Universalsymbolik (Va) 611 

, Zur Psychologie des Propagandisten ...... (R) 510 

Hart: The Psychology of Freud and bis school ..... (R) 343 

Härtungen V.: DiePsychoanalyse in der modernen Literatur (M) 499 

Hauptmann: Aus «Emanuel Quint" (Va) 431 

Havelock Ein s: „Die Welt der Trä'imc* (R) 596 

Hebbel: Tagebuclistellen (Va) 272 

Heer: Zitat aufi »Joggeli" .... (Va) 528 

Heller: Kinderforschung (R) 121 

, Psychopathische Mittelschüler (R) 250 

Heller, Hugo: Zur Genesis der Todesahnungen (M) 569 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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Iphaltsverzeichnis und Autorenregister. 617 

Hellpach: Die Psychoanalyse (R) 246 

, Das Pathologische in der modernen Kunst (R) 420 

Hessen: Die Prostitution in Deutschland (R) 115 

, Nervenschwäche (R) 246 

%* Hinter Schloss und Riegel (R) 112 

Hirschfeld: Die Transvestiten (R) 96 

Hitzschmann: Ein Fall von Symholik für Ungläubige . . . (M) 235 

, Beiträge zur Sexualsymbolik des Traumes . (M) 561 

, Freud's Neurosenlehre (R) 600 

Hochsinger: Über Emährongsnenrosen (R) 183 

Helles: Psychische Kompensation (R) 77 

Hol lös und Eisenstein: Tuberkulose and Menstruation (R) 74 

Inselt: Sexuelle Neurasthenie (R) 74 

Jan et: Le Subconscions (R) 181 

Jekels: Aus der Sitzung der neurologisch-psychiatrischen Sek- 
tion der Warschauer Gesellschaft der Ärzte . . . (Vb) 428 

Jendrässik: Über Neurasthenie (R) 114 

, Physio- und Psych oneurosen (R) 182 

Jones: Beitrag zur Symbolik im Alltag (M) 96 

„ Unbewusste Wahl wissenschaftlicher Unter- 
suchungen (M) 166 

, Psycho-Analytic Notes on a case of Hypomania . . . (R) 344 

The Psycho-Analytic Method of Treatment (R) 345 

^ The Mental Characteristics of Chronic Epilepsy . . . (R) 346 

On the Nightmare (R) 360 

Freud's Theory of dreams (R) 861 

, A modern conception of the Psycho-Neuroaes .... (R) 361 

, Le cote affectö par Th^mipl^gie hysterique (R) 422 

^ Die Pathologie der Dyschirie (R) 422 

^ Das Problem des Hamlet und der Ödipus-Eomplex . . (R) 423 
^ Ein Beispiel von literarischer Verwertung 

des Versprechens (M) 496 

, Some Instances of the Inflnence of Dreams on Waking 

Life (R) 508 

, Simulated Foolishness in Hysteria (R) 514 

„ Das Problem des «Gemeinsamen Sterbens'*, 

namentlich mit Bezug auf den Selbstmord 

Heinrich von Eleist's (M) 563 

Ein offener Brief (Vb) 610 

Juliusburger: Weiteres von Schopenhauer (M) 173 

, Über einen Fall von akater aatopsychischer Be- 

wasstseinsstömn^, ein Beitrag zur Lehre von 

Kriminalität nnd Psychose (0) 308 

Jung: Ein Beitrag zur Psychologie des Gerüchtes . . (0) 81 

Ober Konflikte der kindlichen Seele (R) 122 

„ Ein Beitrag zur Kenntnis des Zahlentraumes (M) 567 

Katzaroff: Qu*est*ce que les enfants dessinent (R) 52 

Kemmer: Grundschäden des Gymnasiums und Vorschläge zu ihrer 

Heilung (R) 259 

Klages: Die Probleme der Graphologie (R) 506 

Körb er: Psychologie nnd Sexualität (R) 245 

Kostyleff: La crise de la psychologie exp^rimentale (R) 346 

Krone: Die Bedeutung der Psychotherapie in der balneologischen 
Praxis mit besonderer Berücksichtigung der psycho- 
pathisch-anämischen Zustände m der Pubertät . . . (R) 601 

Kulke und Krauss: Um holder Frauen Gunst (R) 512 

La Bruyiöre: Ein Zitat (Va) 134 

Langermann: Der Erziehungsstaat (R) 258 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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618 Inhaltsverzeichnis und Autorenregister. 

Lenau: Die Asketen (Va) 272 

Larsson: Die Grenze zwischen Sensation und Emotion . . . . (R) 596 
Leonhardt: Liebe und Erotik in den Uranfftngen der deutschen 

Dichtkunst (R) 357 

Löwenfeld: Traumartige Zustände (R) 61 

Duzenberger: L*igiene dell* animo (R) 255 

, Psychoanalyse in einem Falle von Errötnngsan^st 

als Beitrag zur Psychologie des Schamgefühls (0) 304 

Maday: Der Begriff des Triebes (0) 295 

Maeder: Französische Gesichtspunkte in der Hysterielehre . . (R) 415 

„ La langue d*un ali^nö (R) 50 

„ Zur Entstehung der Symbolik im Tranm, in der 

Dementia praecox etc (0) 383 

^ .Über zwei Frauentypen" (M) 573 

Mann: Die Buddenbrooks (Va) 134 

Marie: Trait^ international de Psychologie pathologique • . . (R) 508 

Marcinowski: Eine kleine Mitteilung (M) 575 

Meisl: Ein Fall von Namen vergessen (M) 497 

Mendel: Die Wechseljahre des Mannes (R) 111 

Meunieur et Masseion: Les r^ves (R) 117 

Mollison: Rechts und links in der Primatenreihe (R) 421 

Möricke: Selbstgeständnis (Va) 138 

, Erstes Liebeslied eines jungen Mttdchens (Va) 611 

Moll: Berühmte Homosexuelle . (R) 517 

Musgrave et Sison: Le Mali-Miali, Psychose mimique (R) 510 

Müsset: Liebesbriefe an Aimöe d'Alton (R) 511 

Nadastiny: Untermenschen oder Narren (R) 113 

Näcke: Die moderne Übertreibung der Sexualitilt (R) 247 

, Homosexualität und Psychose (R) G02 

Nepalleck: Analyse einer scheinbar sinnlosen infantilen Ob- 
session (0) 155 

Net er: Das einzige Kind und seine Erziehung (R) 257 

, Der Selbstmord im jugendlichen Alter (R) 259 

Neutra: Briefe an nervöse Frauen (R) 49 

Nietzsche: Zitate (Va) 79 

. Zitate (Va) 134 

Zitate (Va) 430 

Ny ström: Sexualleben und Gesundheit (R) 512 

Österreich: Die Störungen des Selbstbewusstseins (R) 362 

Oker-Blom: Anleitung zur sexuellen Aufklärung und Erziehung . (R) 249 

Oppenheim: Nervenkrankheiten und Lektüre (R) 251 

, über Dauerschwindel (R) 594 

Ostwald: Grosse Männer (R) 348 

Pachantoni: Traum und Wahnideen (R) 113 

Pelmann: Psychische Grenzzustände (R) 78 

Pfister: Zur Psychologie des hysterischen Madonnenkultns (0) 70 
„ Hysterie und Mystik bei Margaretha Ebner (1291 

bis 1351) . / (0) 468 

P 1 ö n i e s : Über die ursächlichen Beziehungen der Magenkrankheiten (R) 178 

PoUak: The Hygiene of the Soul (R) 61 

Prince: The Subconscious (R) 182 

Putnam: Über Ätiologie und Behandlung von Psychonen- 

rosen (0) 137 

„ Persönliche Erfahrungen mit Freud's psycho-ana- 

litischer Methode (0) 533 



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Inhaltsverzeichnis nnd Autoreniegister. 619 

Rank: Ein Beispiel von poetischer Verw ertung des 

Versprechens (M) 109 

^ Beispiel eines verkappten Ödipustraumes . (M) 167 

. Belege zur Rettungsphantasie (M) 331 

, Zum Thema der Zahnreizträume ...... (M) 409 

, Sitzungsberichte der Wiener Psychoanalytischen Ver- 
einigung (Vb) 427 

. , Das Verlieren als Symptomhandlang (0) 450 

„ Zum nachträglichen Gehorsam (M) b'^ß 

Rauh: Das Wesen des menschlichen Verstandes und Bewusst- 

seins (R) 264 

Reik: Zur Rettungssymbolik (M) 499 

„ Aus Gustav Flauberts Werken (M) 501 

R eitler: Kritische Bemerkungen zu Dr. Adlers Lehre 

vom , männlichen Protest** (M) 580 

Riklin: Eine Lüge (0) 193 

, Über einige Probleme der Sagendentung .... (0) 433 
Robitsek: Die Stiege, Leiter als sexu elles Symbol in 

der Antike (M) 586 

Rosenstein: Julius Piklers ,,dynamische Psychologie'* und ihre 

Beziehungen zur Psychoanalyse (0) 316 

, Beziehungen von Traum und Witz (M) 587 

Rosenthal: Karin 3Iichaelis : „Das gefährliche Alter* im Lichte 

der Psychoanalyse (0) 277 

Rüssegger: Über die Mutterliebe (Va) 524 

Royer-Dupouy: Charles Baudelaire (R) 53 

Ruch: Mälancolie et Psychothörapie (R) 347 

Ry: Confessori laici (R) 597 

Sachs: Über Wort-N eub ildungen (M) 237 

, Zur Darstellungs-Technik des Traumes . . (M) 413 
j, Ein Fall intensiver Traumentstellung . . . (M) 588 
Sadger: Zum Verständnis der Hypnose und des hy- 
sterisch enDelirs (M) 98 

„ Ein Fall von Perversion (R) 116 

, Ist das Asthma eine Sexualneurose (0) 200 

, Beiträge zur Sexu aJfrage (M) 589 

Salgo: Zwangsvorstellungen (R) 74 

Schopenhauer: Über den Wahnsinn (R) 69 

Zitat (Va) 524 

Schubert: Gegensinn der ürworte (R) 63 

Schuster: Drei Vorträge (R) 122 

Seher: Die Seele des Gesunden und Kranken (R) 114 

Seif: Verhandlungen der Internationalen Gesellschaft für medi- 
zinische Psychologie und Psychotherapie in Brüssel (Vb) 605 
Seil heim: Einiges tiber die Verwertung von Psychologie in der 

Frauenheilkunde ^ (R) 243 

Silberer: Vorläufer Freud'scher Gedanken (0) 441 

S k 1 i a r : Über die obsedierende Vorstellung und die Versuchsangst (R) 421 
Stegmann: Ergebnisse der psychischen Behandlung einiger 

Fälle von Asthma (0) 377 

Stein: Tatbestandsdiagnostische Versuche bei Unters uchungs- 

gefangenen (R) 183 

Stekel: Der Neurotiker als Schauspieler (M) 38 

, Ein Beispiel von Versprechen (M) 40 

„ Zur Differentialdiagnose organischer und 

psychogener Erkrankungen (M) 45 

^ Zur Symbolik der Mutterleibsphantasie . . (M) 102 

, Warum sie den eigenen Namen hassen . . . (M) 109 



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620 InhaltsyerzeicbDia und Autoreuregister. 

Stekel: Ein durchsichtiges Beispiel v on Verlegen (M) 109 

^ Auszüge aus der älteren Literatur .... (M) 171 

^ Die psychische Behandlung der Epilepsie . . . (0) 220 

, Eine infantile Sezualtheorie (M) 236 

Beobachtungen aus der Kinderstube .... (M) 236 

, Ein Fall von Schreibstottern (M) 328 

^ Eine merkwürdige Symptombandlung. . . . (M) 414 

^ Zur Psychologie des Exhibitionismus . . . (M) 494 

Einige Bemerkungen zur Rettungsphan tasio (M) 591 

, Beobachtungen aus der Einderstube (Va) 614 

St igt er: Über rationelle Psychotherapie (R) 511 

, , Zentralblatt für Psychoanalyse" (R) 511 

Strohmayer: Psychopathologie des Eindesalters (R) 59 

, Psychoneurotische Symptome (R) 72 

Swoboda: Otto Weiniugers Tod (R) 265 

Unger: Homme naif (Va) 522 

Varendonck: Les id^als d*enfants (R) 51 

Vogt: Die Epilepsie im Kindesalter (R) 58 

Wagner: Ein kleiner Beitrag zur Psychopathologie 

des Alltagslebens (M) 594 

Weininger: Ober die letzten Dinge (Va) 134 

Weygandt: Abnorme Charaktere in der dramatischen Literatur . . (R) 354 

Winkler: Über den Pruritus cutaneus universalis (R) 603 

Witt: Ein Beitrag zum Thema , Sexuelle Eindrücke 

beim Kinde- (M) 164 

Wulff: Kleine Beiträge aus der psychoanalytischen 

Praxis (M) 337 

, Die russische psychoanalytische Literatur bis zum 

Jahre 1911 (R) 364 

Wulffen: Der Sexualverbrecher (R) 118 

, Das Kriminelle im deutschen Volksmärchen . . . . (R) 264 

, Shakespeares grosse Verbrecher (R) 514 

, Cj erhart Hauptmannes Dramen (R) 516 

Zbinden: Briefe an einen jungen Mann (R) 603 

Graphologische Diagnose (R) 75 



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Verlag von J. F. Bergmann in Wiesbaden. 

Berühmte Homosexuelle. 

Von Dr. med. Albert Moll in Berlin. 
Mk. 2.40. 

Inhalt: I. Festetellang der Homosexualität — IL Berühmte homosexuelle 
Mänoer. — III. Berühmte homosexuelle Frauen. — IV. Fälle von zweifelhaftem 
Geschlecht. — Schluss. 

Über das Pathologisehe bei Nietzsche. 

Ton Dr. P. J. MSbiiis in Leipzig. 
Preis M. 2.80. 

I. Der ursprüngliche Nietzsche: 1. Die Abstammung. 2. Die Persönlichkeit. 
II. Die Krankheit: 1. Die Migräne. 2. Die Entwicklung der progressiven 

Analyse. 
Schlussbemerkungen. 



Die Emanation 

der 

psychophysischen Energie. 

Eine experimentelle Untersuchung 

über 

die unmittelbare Gedankenübertragung im Zusammenhang 

mit der Frage über die Radioaktivität des Gehirns. 

Von Dr. Natim Kotik in Moskau. 

3f. 3,20. 

Der Fall Otto Weininger. 

Eine psychiatrische Studie 

von Dr. Ferdinand Probst in München. 

Preis Mk. 1.—. 

Keine literarische Erscheinung der neuesten Zeit hat wohl so viel Auf- 
sehen erregt und so wldersprecheude Beurteilungen gefunden, als die Schrift 
,,Geschlecht und Charakter'S deren jugendlicher Verfasser Otto Weininger 
m Beethovens Sterbehaus in Wien seinem Leben durch einen Revolverschnss 
em Ziel setzte. In der vorliegenden Abhandlung wird der Geisteszustand des 
unglücklichen jungen Gelehrten auf Grund noch nicht veröffentlichten bio- 
graphischen Materials und seiner Werke einer eingehenden psychiatrischen 
Untersuchung unterzogen. Es gelang dem Autor hierdurch in ühei-zeugender 
Weise darzutun, dass es sich in den Schriften Weiningers nicht um Offen- 
barungen eines gesunden philosophischen Genies, sondern lediglich um die 
Erzeugnisse eines Geisteskranken handelt, die zum Teil allerdings den Stempel 
ausserge wohnlicher Begabung an sich tragen. 



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Neuester Verlag von J. F. Bergmann in Wiesbaden. 

Das Erwachen des Geschlechtsbewusstseins 
und seine Anomalien- 

Eine psychologisch-psychiatrische Studie 

von Dr. med. L. M. Kötscher in Hubertusburg. 
Mk. 2.-. 

Einer Erhöhung des allgemeinen Verhältnisses einer der kritischsten Zeiten 
in dem Leben des Individuums soll die vorliegende Schrift dienen. Während 
man früher nur in Dichtung und Kunst das Liebesproblem behandelte, hat die 
Not der Zeit sowohl, wie auch eine neue Werte schaffende naturwissenschaftliche 
Denkrichtung gewagt, auch das sexuelle Problem unter die Lupe der Forschung 
au nehmen. Hier ist es für die vorurteilslose Naturwissenschaft die allerhöchste 
Zeit, die Führung zu übernehmen, kann sie die sehende Führerin sein durch das 
Tor der Erkenntnis in das Land der Gesundheit und der möglichsten Zufrieden- 
heit. Wer offene Augen hat für die Schäden auf sexuellem Gebiete, wer sieht, 
wie die Jugend, Knaben und Mädchen, von tausenderlei Gefahren umlauert ist, 
wie die Psychopathien unter ihr sich vermehren, wie das jugendliche Verbrecher- 
tum auch bezüglich der Leidenschafts verbrechen, der Verbrechen aus ungestilltem 
Geschleohtshunger wächst, der wird das Aktuelle der Köt sc her sehen Schrift 
ermessen, die mit psychologischer und psychiatrischer Fachkenntnis in die feineren 
reelischen Regungen der jugendlichen erwachenden Seele hineinleuchtet, welche 
zum ersten Male von der gewaltigen Regung der Liebe, diesem überwältigenden 
Naturtriehe, dem wir allein die Erhaltung der Art verdanken, ergriffen wird. 

Liebe und Psychose. 

Von Dr. Georg Lomer, 

11. Arzt an der ÜeilaDstalt Nordend in Nieder-Scbönhausen bei BerJin. 
Mk. 1.60, 

Unter den naturwissenschaftlichen Hetrachtungen der Liebe dürfte diese 
besondere Beachtung verdienen, da in derselben die Beziehungen der Liebe 
zu Geistesstörungen in sehr interessanter Weise dargelegt werden. Der Autor 
schildert die Entwicklung der Liebe in allen ihren Phasen und zeigt, dass dies 
seelischen Veränderungen eine gewisse Verwandtschaft mit der als Paranoia 
(Verrücktheit) bezeichneten geistigen Störung aufweisen, so dass man von einer 
physiologischen Paranoia sprechen könnte. Er betont jedoch zugleich, dass die 
Liebe andererseits in sozialer Beziehung etwas durchaus Zweckdienliches und 
Physiologisches darstellt. Anschliessend bespricht der Autor in knapper Weise 
die abnormen Richtungen des Liebestriebes und die pathologische Steigerung 
normaler Liebessymptome. 



über das 

Eheliche Glück. 

Erfahrungen, Reflexionen nnd Ratschläge eines Arztes. 

Von 
Dn L. Loewenfeld, 

SpeziaUrzt für Nervenkrankheiten in MQnchen. 

Zweite Auflage . — Biegsam gebunden. 
Preis gebunden Mk. 5. — . 



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Verlag von J. F. Bergmann in Wiesbaden. 
Die 

psychisclienZwangserscheinungen. 

Auf klinischer Grundlage dargestellt 

von 

Dr. L. Loewenfeld in München. 

Preis 3Ik. 13.60. 



Auszug aus dem Inhaltsverzeichnis: 

1. Kapitel. Geschichtliches. 

2. Kapitel. Definition der Zwangserscheinungen. 

3. Kapitel. Einteilung der Zwangserscheinungen. 

4. Kapitel. Zwangserscheinungen der intellektuellen Sphäre. 

A. SelbstfiDdige ZwangsvorstelluDgeo. 

B. Associative Zwangstendenzen (Zwangssnchten). 

C. Mechanismus der Zwangsvorstellungen. 

I. Zwangsut Sachen der Zwangsvorstellungen von kon- 
stantem Inhalte. 
IL Die Zwangsursachen der associativen Zwangstendenzen. 
— Die Theorien Freuds, Friedmanns und J anets. 

ö. Kapitel. Zwangserscheinungen der emotionellen Sphäre. 

6. Kapitel. Zwangserscheinungen der motorischen Sphäre. 

A. Zwangsbewegungen und Zwangshandlungen. 

B. Zwangsbemmungen. 

7. Kapitel. Anfälle von Zwangserscheinungen. 

8. Kapitel. Ätiologie. 

9. Kapitel. Nosologie. 

10. Kapitel. Verlauf der Prognose. 

1 1 . Kapitel. Die forensoBeurteilung derZwangsvorstellungen (Impulse). 

12. Kapitel. Prophylaxe und Therapie. 



l(jl>er den Sell>®tmordL 

insbesondere den 

® cliiiler-® el l>stmoi?cI • 

Dr. Alfred Adler, Prof. S. Freud, Dr. J. K. Friedjung, Dr. Karl Molitor, 
Dr. R. Reitler, Dr. J. Sadger, Dr. W. Stekel, ünus multorium. 

Diskussionen des Wiener psychoanalytischen Vereins. 

Herausg'egeben von der Vereinsleitung*. 
I. Heft. - Preis Mk. 1.35. 



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Verlag von J. F. Bergmann in Wiesbaden. 



Psyehe und Leben. 

Von 

Dr. W. V. Bechterew, 

ProfMsor in St. Petonbiirg. 

^Bs Zweite yermelirte Anflag^e. =:^ 

Mk. 5,60. 



Anszug ans dem Inhaltsverzeichnis: 

I. Das Wesen der Seelentätigkeit Im Lichte philosophischer Be- 
trachtung. 
II. Die gegenwärtigen Beziehungen x wischen Psychischem und Phy- 
sischem und der psycho-physisehe Parallelismus. 

III. Der physikalische Energetismus und der Begriff der psychischen 
Energie* 

IV. Psyche und Materalismus. 
V. Die Bolle der Energie in den psychischen Erscheinungen. 

VI. Das Oesets der Energieerhaltung in Anwendung auf das Psy- 
chische. 
VII. Die psychischen Funktionen der Protisten. 
VIII. Bewegungswahl in der Tierwelt auf Grund früherer Erfahrung 
als psychisches Kennielchen. 
IX. Reiibarkeit und zweckmässige motorische Reaktion Im Pflanzen- 
reiche. 
X. Unterschiede zwischen lebenden Organismen und anorganischen 
Körpern. 
XI. Die LebensYorgänge yom Standpunkte der Mechanisten. 
XII. Die Unhaltbarkeit der herrschenden Auffassungen des Lebens. 

XIII. Das Biomolekül als Grundlage der lebenden Substanz. 

XIV. Stoffwechsel und Reizbarkeit ab Grundeigenschaften der leben- 
den Substanz. 

XV. Die Beziehungen zwischen Psyche und Leben. 
XVI. Eyolution und Zuchtwahl. 

XVII. Die Bedeutung des aktiven Verhaltens der Organismen zum 
MlUeu. 
XVIII. Die Frage der Vererbung erworbener Eigenschaften. 
XIX. Die Bedeutung der elektrischen Energie In der Natur und Im 

Organismus. 
XX. Das Wesen des Nervenstromes. 

XXI. Die elektrischen Erscheinungen in den Nervenzentren und Nerven. 
XXII. Das Verhalten der elektrischen Erscheinungen und des sogen. 
Aktionsstromes zu dem tätigen Nerven. 

XXIII. Die elektrischen Erscheinungen am Zentralnervensystem. | 

XXIV. Die physikalischen Grundlagen der nervösen Leitung. 
XXV. Die chemischen Grundlagen der Zellerregung. 

XXVI. Die Theorie der Nervenentladungen. , 

XXVII. Die Quellen der Reserveenergie der Nervenzentren. 
XXVIII. Psyche und Leben als Äusserungen der ' Reserveenergie des 
Organismus. 
X^IX. Reizbarkeit und Amöboismus der Nervenzelle. 
XXX. Die Bedeutung der Impulse für den Stoffwechsel und die Er- 
nährung der Nervenzelle. 
XXXI. Allgemeine Übersicht und Schluss. 



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1 



Neuester Verlag von J. F. Bergmann in Wiesbaden. 

Die Wahrheit über die Irrenanstalten. 

Der breitesten Öffentlichkeit gewidmet 
von Dr. Geor^ Lohmer, 

Oberarzt der Grossh. S&chs. Laocles-Irrenanstalt zu Blankenhain i. ThHr. 

Mk. 1.-. 

Geisteskrankheit und Verbrechen. 

Von Medizinalrat Dr. Kreflser. 
Mk. 1.80. 

Geisteskrankheit und Verbrechen werden hier in ihren wechsel- 
seitigen Beziehungen erörtert, indem der Verfasser ausgeht von seicen eigenen 
Erfahrungen bei der gerichts&rstlichen Anstaltsbeobachtung von Untersuchungs- 
gefangenen auf xweifelhafte Geisteszustände. Die ganze Darstellung ist berechnet 
auf ein gebildetes Laienpublikum^ dem gewiss ein solcher Einblick in die wich- 
tigsten Fragen der gerichtlichen Psychopathologie willkommen sein dürfte. Zeigt 
sich doch ein nnyerkennbarer innerer Zusammenhang zwischen einzelneu Krank- 
heitsformen und bestimmten Rechtswidrigkeiten. Versucht hierfür die vorliegende 
Schrift die wichtigsten Gesichtspunkte zu erschliessen , so hatte sie besondere 
Aufmerksamkeit den weniger offenkundigen und den schwerer verständlichen 
Formen von krankhaften Störungen der Geistestfttigkeit zu widmen. 

Sadismus und Masochismus 

von Dr. A. Euleoburf , 

Geh. Hed.-Kat, Professor in Berlin. 

Preis Mk. 2.-. 



Nervenleben und Weltanschauung. 

Ihre Wechselbeziehungen im deutschen Leben von heute. 

Von Dn Willy Hellpach. 
Preis Mk. 2.—. 

Gerichtliche Geburtshilfe. 

Von 
Professor Dr. M. Stumpf in München. 

Mit 35 Abbildungen im Text. — Mk, 12. — . 
(Sonderabdrock aus v. Winckels Handbuch der Geburtshilfe.) 



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Verlag von J. F. Bergmann in Wiesbaden. 

Über die geniale Geistestätigkeit 

mit besonderer Berücksichtigang 

' des Genies für bildende Knnst. 

Von Dr. L. Loewenfeld io München. 
P^eis M. 2.80. 



Sinnesgenüsse und Kunstgenuss. 

Beiträge zu einer sensnalistischen Knnstlehre. 
Von Carl Laofe, 

weiL ProfBBSor in Kopenhagen, 

herausgegeben von Dr. Haos Korclla. 

PreU M. 2,—. Gebunden M. 2,70. 



über die geistige Arbeitskraft und ihre Hygiene. 

Von Dr. L, Loewenfeld in München. 
PieU M. IAO. 

Das Bnch ist für gebildete Leser geschrieben. Es behandelt in ein- 
gehender Weise das Thema in zwei Haoptkapiteln, von denen djis erste der 
Lehre von der geistigen Arbeitskraft überhaupt gewidmet ist, wobei besonders 
die Ursachen der physiologischen and pathologischen Schwankungen ausführ- 
lich besprochen werden. Der zweite Teil ist der Hygiene der geistigen Arbeits- 
kraft gewidmet. Diese Lektüre möchten wir vor allfm auch den Lehrern 
unserer Schulen empfehlen, sie werden dem Buche manche Anregung, viel 
Belehrung entnehmen kOnnen. Es sei auch darauf hingewiesen, dass es sich 
keineswegs um eine rein medizinisch-hygienische Schrift handelt, sondern es 
kommt ihr in grösserem Masse volkswirtschaftliche Bedeutung zu. 

Aargaxier TcLgeblatt. 



Der Hypnotismus. 

Handbnch der Lehre von der Hypnose und der Suggestion 

mit besonderer Berücksichtigung ihrer Bedeutung für 

Medizin nnd Rechtspflege. 

Von Dr. L. Loewenfeld, 

Spezialarzt für Nervonkrankheiton in Mfinehen. 
Preis M. 8.80, Gebunden M, WAO. 






f^nonl^ Orrginaffnonn 

:3y V_:-UUglt UNIVERSITY OF MICHIGAN } 



UNIVERSITY OF M'CHJQAN 




3 9015 07027 261 g 



Verlag von J. F* Berjgmatin m 



Soaben eracliietieii: 



Über den Traum, 

Von 

Prot. JJr. Öigai, Freufl in Wien, 
^^^ Zweite Auflage. -^ Preis Mk, 1.00. f 



Die 



Sprache des Traumes. 



Eine Darstellaog der Symbolik Hiid Deutiiug des Traumes 
in ihreu BezieliniigeD zur kranken nnd gesiiEden Seele 

für 

■■ » 

Arzte imd Psychologen 



Dr, Wilhelm Stekel, 

Sp«3ti&lftrxt flr PBjcbotharApie und HerrüDLeiden in Wien. 

Preis Mk, 12,60, geK 14,—, 



Über die sexuelle Konstitution 

und andere Sexnalprobieme, 

Voo Dr* L* Loewenfeld, Nervenarzt in München. 



Auszug aus dem Inhal tsverzeichniE 

A. Über die sexaelle Eoiistittitian, 

Eitileittißg, 
I. Begino und Dauer der Bßsuelka FimktioDen. 
II. Bio Quellen der sexuellen Erregung, 
IIL Die Stäike dsa Sexualtriebs. 
IV, Die eexnelle Leistunga- und WideratandefäbigVeit. 

&) beim Maßne^ b) beim Weibe, 
V- Speriiiasekretioii und -exkretion. 

VI. Scblussfolgerungen. Die verschiedeBen SexualkonstitnlJQneB. 
Bygieöischo Winke. 

B. Krotit und S!iif^ii-T.^..Mt. 

C. Die Lihidi* alti ft im g:eistigen Leban. 

Die Subljmit. -..x^......t;e. Zusätze, 




Inhalts-Verzeiclniis des ^IF, Heftes, 



i?efltgmsa an den dritten p sycb o an alj tischen Kongresy in Weimar , . 531 

4>rjgnialarbeiteii : 

L Persönliche ErfabruDgea mit Kreud's paychaaBalytischer Methode, 
Vüü James J. Pütuani . . . 533 

Mitteilungen: 

I. Eitiige B^merkuDgeu über dvn Mutterkohus und s^ioe I^yinbolik in 

der IjKJividoal- und Vülkcrpsychologie. Von Dr. Karl Abraham 549 
Li. Eine historiacbe V n^. Von ß. Dattntfr . . , , . 550 

in. Kine psycboancil) ji : janisation zur Verbütiing von Selbatmorden! 

Von Dr. L. Droäiies . . . . . . . . ^ . . . , . ^ 553 

IV, Eeizung der flnaleti mogemn Zone ak auslösenile Ursache der Fara^ 

uoia- Von Dr. S. Kerenczi ^* ^ 557 

V, Beitrag zur (ienesia der TodesabnuBgen. Von Hugo He Her '. ' 560 
VI. Beiträge zur Sexualsymbolik des Traumes. Von Dr. ßd uard Hitach- 
oiann , . . , tf-i 

VII. Das Problem des „Gf meinsruiien Sierbens*, namentlich mit Bezug auf 

den Selbstmord Heinrich von KltMSt's. Von 0r. Em est Jones. . 563 

VIR. Kin Beitrag zur Keüntnie dea Znhlentraüme?. Von Dr. G, Gr. Jung 567 

IX. über zw^i FniTieiitypetK Von Dr. A, .Mae der . . 573 

X. Eine kleine Milteilung, Von Dr. Marci Dowski . '175 

XI. Zum ,nficbtiägijdieü Gehor8am^ Von Otto Rank 57s 

Xll, iuitiscbe Bemerkungen zu Dr. Adler'« Lehre vom -mÄnnÜchen Pro- 

tefet-. Von Dr. Eüdolf Röitler ............. 58Q 

XIIL Die Stiege, Leiler als scxuelleg Symbol in der Antike, Von Dr, Al- 
fred Hob itsek . , . . . : r^j. 

XIV. Bt?ziehiTagen von Trüuin und Witz. VonGastoii Ro'&e'ns'tein 
virr S^"^ ^^-^ iniensiver Tj au meof Stellung. Von Dr. Hanna Sacba . 
XVI. Beiträge zur Sexualfra^e. Vou Dr. J. Sadger , 539 

XVII. Einige Bemerkungen zur Rettungj-phautasiie und die Analyse eines 
KettuM^htraumes. Von Dr. Wi Ihe Im Stekel . , . . . , . 591 

XVIII. Kin kleifier Beitrag zur ,Psvrlii>D.ilhr.Iui.ne J^?i AlTrn-vslnfu-.rv^-'/ VoJ 
Hiebard Wagm -9^ 

Referate und Kiifitteii: 

Oppenhejiii, Über Dauerachwindel , . , 594 

li^*^^f T ^'* ^^^^® Psicologia y Psiroterapia de ciertos Eiitados angustiosos 594 

lltjrald Fröderatrt^m, Die Psychoanalyse Freud's . . . .«>' 
Haü8 Laras on, Die Grenze zwischen Sensation und Emotioi 

Havelock Ellis, , Die Welt der TiÄym©*^ . . / , .. , 

A. Forel, Der Hypnoäismus oder die Suggestion und die Psychotherapie 5yy 

Dott, Ry, Confes^aori bici ....,.,., 51*9 

Dr. Eduard Hitschmann, FreuJ'a Keurt-^ienlehrG , 600 

Dr. Krone» Die Bedeutung der Paychotherapie in der balneologisrhen 
Praxis mit besonderer iSeriicfcsmhtigung der psycbopathisch-anämischen 

Zii^stiinde in der Pubertät gOl 

Maurice Dricoste, Krectiona comme äquivalent öpileptique . , . . +.02 

Näcke, Honiosexaiilttät und P^^ychose . fj02 

Ford. W in kl er, Eher dtn Pruritus cutautus universaliR . t>03 

Dr. H. Zhinden, Briefe an eintu juno* n Mnnn . . , \u>.i 

Ans Vereinen und Versaninilaiigen. 

Seif, Verhandlungen der InternatiouaieD Üesellschaft für medizinische 

Psychologie und Psychotherapie ...... f^05 

Ophayaen, Psychoanalytische Vereinigung Zürich . 09 

Varia Iq 

Tnhaltsverzeichnia und Au-.uiL-jiregii^ier yter Dana a 15 



Druck dvr KönlgL UoJversititadrtickerai H- Störfea A,ö.. WDraburg 



Orfginali ffom 
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