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Full text of "Zentralblatt für Psychoanalyse. Medizinische Monatsschrift für Seelenkunde. II. Jahrgang 1912 Heft 3"

entralblatt 

für 



Psychoanalyse. 

Medizinische Monatsschrift für Seelenkunde.' 

Organ der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung. 



Herausgeber: Prof. Dr. Sigm. Freud. 
Schriftleiter: Dr. Wilhelm Stekelj Wien, Qonzagogosse 21. 

Unter Mittüirkung üon: 

Pr. Karl Abraham, Berlin; Dr. R, Q. ftssagioli, Florenz; Dr, Ludwig Binsu/anfler, 
Kreuzlineen; Dr. Poul Bierre, Stockholm; Pr. ft. A. Brill, New-York; Dr. W. 
EititiQon, Berlin; Dr. P. Epstein, Kica»; Dr. S. Ferenczi, Budopest; Dr. Wax Qra!, 
Wien; Dr, Magnus Hirschfeld, Berlin; Dr. E- Hitschmann, W(en; Professor E. Jones, 
Toronto; Dr. Otto luliusburger, Sleolitz; Dozent C. Q. Jung, Zürich; Dr. F. S, 
Krauss, Wien; Professor August g. Luzenberger, Neopel; Prot. Gustau «odena, 
Ancono; Dr. Alfons Mäder, Züridi; Dr. Richard Hepalteck, Wien; Dezent M. 
Ossipou», Moskau; Dr. Oskar Plister, Zürich; Dr. James Putnam, Boston; Otto 
Rank, Wien; Dr. R. Reitler, Wien; Dr Franz Riklin, Zürich; Dr. ]. Sadger, Wien; 
Dr. L. Seif, München; Dr. A. Stegmann, Dresden; Dr. «. Wulff, Odessa; Pr. Erich 

Wultfen, Dresden- 



II. Jahrgang Heft 3. 

Dezember. 



'Wiesbaden. 

Verlag u o n J. F. B e r g m o n n. 



1911. 



40 Jährlich erscheinen 12 Hefte im Qesamt-Umfang uon 36 bis 
Druckbogen zum Jahrespreise uon 18 Mark. 



Origfnalfrom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Verl tT vr>ii J F. R i^ r * m » i ri n n n i U^i p<1 m J - 



Die 



Sprache des Traumes, 



Eine Dari^teliniig 

tier SyinlHiIik und Beulung^ des Tniiuiies in ilneii 

Ke/ieliniio^eii zni kranken und geHniiden SIij 1«^ 

für 

Arzte null PsyciH>Iog*4i 

von 
Dr. Wjlholin Stekel. 

^pci^iäl&rEi für Fsfcliotta^rftpL« niid Non'^nl«iifJt''n in Wit-n. 
I\n^ yk. I2.€fJ, nthmflrn Mk, 14,- 

„AViftin der VolkB(rl»iil>e von alt^rsUer meint, ÜaO Traume k^.U\m Zuküiiltiui*^ büdftiil*iii, 
■ : ' i^rs diircli fliva Wli»iier Profo^inr .S.Fretiil im groUüu Forf- 

I raiiiiiri>rfi.«'huiiv^j *lii(J h\it <i<'i:t^ti»v:irn;f<'s boiloi]t4.m; niimlh-li 
' 1-1 ii.iLiJi.. II. Ti ujj^. iiu uiiii jiit^hü, *liu Lu dMi Tli^Jfiv uiiwt'j'<>s S' ' -' ' - — vjtniir 

fiSnd- Pr* f^iiebol fintttiit ilsilür dto Fornwl : ,4*^1* Tniurii l->t \m\ 

I*iir§ti.'Uiinjreti Im lVt«<n^t43 der Airüktfl»*% XaiiHMitHr-lj ^oh jm^ scmU , . .. ... 1 dav 

Be^^i^genile dei Trauung* wnk'lin wir utis »tcüfsl ü -.tt^liyn wuUtui und Im Hui-h 

lobten itritordrückim ; i- IJ, vtirbTcciit^rlsclin <>dw r- a^h* TwndL*nzou, die nirnkfai 

^uthi'lUi^u« Ali« dkftü Alfft^kLo Ic^ücii ülcli iiu Tritutu bi»zii4iA^«.«n aui»« aber nlelil In Uiirer 
w^ronForm, sondera üyinliüllK^^N ninnM^Tt, h« iIuU sIb nicht l*»!^^*»! prkiiDnt werden. ., * 
. . * . im Traum Ist Jt^der M» ler. l^nd -lil* Weit 

eniehatft, so hat ür dib luriis utiim \\f i, die selii 

\%>rk ijst. ?'^ ' "' 'ir-«ni^|ire vor, Iju-rivtvitti i, t .pursten, racli» 

stirliUt^ts raiiii^'lerU^e Mt^uBcheii und Tii^F«, kü Iml ^der 

I r:Eiiriier ihv ■ -. -.-i'irt i^der nii( iifwii^iit. im (fruniie^lcli silbit su- 

rollien. h^ i' niein i^^auz rlehili?, 211 i umn lür leln« Träume 

I vorantwu? Diene und Jiuitiiru Krki! 1 i(>(I«m donkfliKleit Lcaer 

4ini iiheTmiU^ faülit'hün und losmelndoi] StekelncU^u VV<^!ifk47b aiit, iliuc e[n«n grcißen 
Leä^rkr&U Ti»rill«nt« Oits S40 S^ll«ii gtArk? Biick eutliiilt ßahezu an 600 uittlfELerlu 
Uoliplel«-** Altgeinein^ SpoH-S^eüuns. 

Aeskiüap als Maiiekiru 

Humor^ Satire und Phantasie aus der Praxis, 

Yofi 

tued. Dr. Sereniis^ ' 

Preü Mk. 2.S0, 

„Ei ist eine ganz famöse Sammlung von Geschichten, die ons im vorliegen« 
den Buch i^^eboten wird. Dem Arzt wie dem l^ieii wird sein Spiegelhjid vor- 
gehalten, Beide können und sollen aus den kleinen Bissigk leiten, die die Skizzen 
und üescfaichten enthalten^ lerni^n. Aber auch der Wahrheiten viele sind in ihnen 
eDtbalten. Ausge^eichnel sind die Briefe an ehien jüngeren KdlegetJ^ dann die 
SchildenjDgen: ,3^1 ztt* als Patienten", „Aws dem Tagebuche eines Tuberkel 
bazillus'%,Gebildete Patienten**. Alle die anderen, die an Geist und Witz hinler 
ibnen nicht zurückstehen, aufeuzähkn, würde zu weit führen. Mir hat Serenus 
köstliche Stunden hereilet; möge seine LekLQre %'ieien KoUegen gleiche Freudt» 



Orrgmafff 




Originalarbeiten. 



I. 

Die Handhabung der Traumdeutung in der 
Psychoanalyse, 

Von Sigm. Freud. 

Das Zentral blatt für Psychoanalyse hat sich nicht nur die eine 
Aufgabe gesetzt, über die Fortschritte der Psychoanalyse zu orientieren 
und selbst kleinere Beiträge zur Veröffentlichung zu bringen, sondern 
möchte auch den anderen Aufgaben genügen, das bereits Erkannte in 
klarer Fassung dem Lernenden vorzulegen und dem Anfänger in der 
analytischen Behandlung durch geeignete Anweisungen Aufwand an Zeit 
und Mühe zu ersparen. Es werden darum in dieser Zeitschrift von 
nun an auch Aufsätze didaktischer Natur und technischen Inhalts er- 
scheinen, an denen es nicht wesentlich ist, ob sie auch etwas Neues 
mitteilen. 

Die Frage, die ich heute zu behandeln gedenke, ist nicht die nach 
der Technik der Traumdeutung. Es soll nicht erörtert werden, wie 
man Träume zu deuten und deren Deutung zu verwerten habe, sondern 
nur, welchen Gebrauch man bei der psychoanalytischen Behandlung von 
Kranken von der Kunst der Traumdeutung machen solle. Man kann 
dabei gewiss in verschiedener Weise vorgehen, aber die Antwort auf 
technische Fragen ist in der Psychoanalyse niemals selbstverständlich. 
Wenn es vielleicht mehr als nur einen guten Weg gibt, so gibt es doch 
sehr viele schlechte, und eine Vergleichung verschiedener Techniken 
kann nur aufklärend wirken, auch wenn sie nicht zur Entscheidung für 
eine bestimmte Methode führen sollte. 

Wer von der Traumdeutung her zur analytischen Behandlung 
kommt, der wird sein Interesse für den Inhalt der Träume festhalten 
und darum jeden Traum, den ihm der Kranke erzählt, zur möglichst 
vollständigen Deutung bringen wollen. Er wird aber bald merken können, 
dass er sich nun unter ganz andersartigen Verhältnissen befindet, und 
dass er mit den nächsten Aufgaben der Therapie in Kollision gerät, 
wenn er seinen Vorsatz durchführen will. Erwies sich etwa der erste 
Traum des Patienten als vortrefflich brauchbar für die Anknüpfung der 

Zentnlblaii fär Payehoanalyse. U*. 8 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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110 Sigm. Fread, 

ersten an den Kranken zu richtenden Aufklärungen, so stellen sich alsbald 
Träume ein, die so lang und so dunkel sind, diiss ihre Deutung in der 
begrenzten Arbeitsstunde eines Tages nicht zu Ende gebracht werden 
kann. Setzt der Arzt diese Deutungsarbeit durch die nächsten Tage 
fort, so wird ihm unterdes von neuen Träumen berichtet, die zurück- 
gestellt werden müssen, bis er den ersten Traum für erledigt halten 
kann. Gelegentlich ist die Traumproduktion so reichlich und der Fort- 
schritt des Kranken im Verständnis der Träume dabei so zögernd, dass 
der Analytiker sich der Idee nicht erwehren kann, diese Art der 
Darreichung des Materials sei nur eine Äusserung des Widerstandes, 
welcher sich der Erfahrung bedient, dass die Kur den ihr so gebotenen 
StofiF nicht bewältigen kann, unterdes ist die Kur aber ein ganzes 
Stück hinter der Gegenwart zurückgeblieben und hat den Kontakt mit der 
Aktualität eingebüsst. Einer solchen Technik muss man die Regel ent- 
gegenhalten, dass es für die Behandlung von grösster Bedeutung ist, 
die jeweilige psychische Oberfläche des Kranken zu kennen, darüber 
orientiert zu sein, welche Komplexe und welche Widerstände derzeit 
bei ihm rege gemacht sind, und welche bewusste Reaktion dagegen sein 
Benehmen leiten wird. Dieses therapeutische Ziel darf kaum jemals 
zu gunsten des Interesses an der Traumdeutung hintangesetzt werden. 

Wie soll man es also mit der Traumdeutung in der Analyse halten, 
wenn man jener Regel eingedenk bleiben will? Etwa so: Man begnüge 
sich jedesmal mit dem Ergebnis an Deutung, welches in einer Stunde 
zu gewinnen ist, und halte es nicht für einen Verlust, dass man den 
Inhalt des Traumes nicht vollständig erkannt hat. Am nächsten Ta«je 
setze man die Deutungsarbeit nicht wie selbstverständlich fort, sondern 
erst dann, wenn man merkt, dass inzwischen nichts anderes sich beim 
Kranken in den Vordergrund gedrängt hat. Man mache also von der 
Regel, immer das zu nehmen, was dem Kranken zunächst in den Sinn 
kommt, zu gunsten einer unterbrochenen Traumdeutung keine Ausnahme. 
Haben sich neue Träume eingestellt, ehe man die früheren zu Ende 
gebracht, so wende man sich diesen rezenteren Produktionen zu und 
mache sich aus der Vernachlässigung der älteren keinen Vorwurf. Sind 
die Träume gar zu umfänglich und weitschweifig geworden, so verzichte 
man bei sich von vorneherein auf eine vollständige Lösung. Man hüte sich 
im allgemeinen davor, ein ganz besonderes Interesse für die Deutung der 
Träume an den Tag zu legen oder im Kranken die Meinung zu erwecken, 
dass die Arbeit stille stehen müsse, wenn er keine Träume bringt. Man 
läuft sonst Gefahr, den Widerstand auf die Traumproduktion zu lenken 
und ein Versiegen der Träume hervorzurufen. Der Analysierte muss 
vielmehr zur Überzeugung erzogen werden, dass die Analyse in jedem 
Falle Material zu ihrer Fortsetzung findet, gleichgültig, ob er Träume 
beibringt oder nicht, und in welchem Ausmass man sich mit ihnen be- 
schäftigt. 

Man wird nun fragen: Verzichtet man nicht auf zuviel wertvolles 
Material zur Aufdeckung des Unbewussten, wenn man die Traumdeutung 
nur unter solchen methodischen Einschränkungen ausübt? Darauf ist 
folgendes zu erwidern : Der Verlust ist keineswegs so gross, wie es bei 
geringer Vertiefung in den Sachverhalt erscheinen wird. Man mache 
sich einerseits klar, dass irgend ausführliche Traumproduktionen bei 
schweren Fällen von Neurosen nach allen Voraussetzungen als prinzipiell 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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Die Handhabung der Tranmdeotung in der Psychoanalyse. 111 

nicht vollständig lösbar beurteilt werden müssen. Ein solcher Traum 
baut sich oft über dem gesamten pathogenen Material des Falles auf, 
welches Arzt und Patient noch nicht kennen (sog. Programmträume, 
biographische Träume) ; er ist gelegentlich einer Übersetzung des ganzen 
Inhalts der Neurose in die Traumsprache gleichzustellen. Beim Versuch, 
einen solchen Traum zu deuten, werden alle noch unangetastet vor- 
handenen Widerstände zur Wirkung kommen und der Einsicht bald eine 
Grenze setzen. Die vollständige Deutung eines solchen Traumes fällt 
eben zusammen mit der Ausführung der ganzen Analyse. Hat man ihn zu 
Beginn der Analyse notiert, so kann man ihn etwa am Ende derselben, 
nach vielen Monaten, verstehen. Es ist derselbe Fall wie beim Ver- 
ständnis eines einzelnen Symptoms (des Hauptsymptoms etwa). Die 
ganze Analyse dient der Auf klärung desselben; während der Behandlung 
muss man der Reihe nach bald dies bald jenes Stück der Symptom- 
bedeutung zu erfassen suchen, bis man all diese Stücke zusammensetzen 
kann. Mehr darf man also auch von einem zu Anfang der Analyse 
vorfallenden Traume nicht verlangen; man muss sich zufrieden geben, 
wenn man aus seinem Deu tun gs versuch zunächst eine einzelne pathogene 
Wunschregung errät. 

Man verzichtet also auf nichts Erreichbares, wenn man die Ab- 
sicht einer vollständigen Traumdeutung aufgibt. Man verliert aber auch 
in der Regel nichts, wenn man die Deutung eines älteren Traumes ab- 
bricht, um sich einem rezenteren zuzuwenden. Wir haben aus schönen 
Beispielen voll gedeuteter Träume erfahren, dass mehrere aufeinander- 
folgende Szenen desselben Traumes den nämlichen Inhalt haben können, 
der sich in ihnen etwa mit steigender Deutlichkeit durchsetzt. Wir 
haben ebenso gelernt, dass mehrere in derselben Nacht vorfallende 
Träume nichts anderes zu sein brauchen als Versuche, denselben Inhalt 
in verschiedener Ausdrucksweise darzustellen. Wir können ganz all- 
gemein versichert sein, dass jede Wunschregung, die sich heute einen 
Traum schafiFt, in einem anderen Traume wiederkehren wird, solange sie 
nicht verstanden und der Herrschaft des Unbewussten entzogen ist. So 
wird auch oft der beste Weg, um die Deutung eines Traumes zu ver- 
vollständigen, darin bestehen, dass man ihn verlässt, um sich dem neuen 
Traum zu widmen, der das nämliche Material in vielleicht zugänglicherer 
Form wieder aufnimmt. Ich weiss, dass es nicht nur für den Analysierten, 
sondern auch für den Arzt eine starke Zumutung ist,' die bewussten 
Zielvorstellungen bei der Behandlung aufzugeben und sich ganz einer 
Leitung zu überlassen, die uns doch immer wieder als ,jZufällig^ er- 
scheint. Aber ich kann versichern, es lohnt sich jedesmal, wenn man 
sich entschliesst, seinen eigenen theoretischen Behauptungen Glauben 
zu schenken, und sich dazu überwindet, die Herstellung des Zusammen- 
hanges der Führung des Unbewussten nicht streitig zu machen. 

Ich plaidiere also dafür, dass die Traumdeutung in der analyti- 
schen Behandlung nicht als Kunst um ihrer selbst willen betrieben 
werden soll, sondern dass ihre Handhabung jenen technischen Regeln 
^unterworfen werde, welche die Ausführung der Kur überhaupt beherrschen. 
Natürlich kann man es gelegentlich auch anders machen und seinem 
theoretischen Interesse ein Stück weit nachgeben. Man muss dabei 
aber immer wissen, was man tut. Ein anderer Fall ist noch in Betracht 
zu ziehen, der sich ergeben hat, seitdem wir zu unserem Verständnis 

8* 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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112 Signa. Freud, 

der Traumsymbolik grösseres Zutrauen haben und uns von den Einfallen 
der Patienten unabhängiger wissen. Ein besonders geschickter Traum- 
deuter kann sich etwa in der Lage befinden, dass er jeden Traum des 
Patienten durchschaut, ohne diesen zur mühsamen und zeitraubenden 
Bearbeitung des Traumes anhalten zu müssen. Für einen solchen Analytiker 
entfallen also alle Konflikte zwischen den Anforderungen der Traum- 
deutung und jenen der Therapie. Er wird sich auch versucht fühlen, 
die Traumdeutung jedesmal voll auszunützen und dem Patienten alles 
mitzuteilen, was er aus seinen Träumen erraten hat. Dabei hat er 
aber eine Methodik der Behandlung eingeschlagen, die von der regulären 
nicht unerheblich abweicht, wie ich in anderem Zusammenhange dartun 
werde. Dem Anfänger in der psychoanalytischen Behandlung ist jeden- 
falls zu widerraten, dass er sich diesen aussergewöhnlichen Fall zum 
Vorbild nehme. 

Gegen die allerersten Träume, die ein Patient in der analytischen 
Behandlung mitteilt, so lange er selbst noch nichts von der Technik der 
Traumübersetzung gelernt hat, verhält sich jeder Analytiker wie jener 
von uns angenommene überlegene Traumdeuter. Diese initialen Träume 
sind sozuscigen naiv, sie verraten dem Zuhörer sehr viel, ähnlich wie 
die Träume sogenannt gesunder Menschen. Es entsteht nun die Frage, 
soll der Arzt auch sofort dem Kranken alles übersetzen, was er ^ell)St 
aus dem Traume herausgelesen hat. Diese Frage soll aber hier nicht 
beantwortet werden, denn sie ist oifenbar der umfissenderen Frage 
untergeordnet, in welchen Phasen der Behandlung und in welchem Tempo 
der Kranke in die Kenntnis des ihm seelisch Verhüllten vom Arzte ein- 
ueführt werden soll. Je mehr dann der Patient von der Übung der 
Traumdeutung erlernt hat, desto dunkler werden in der Regel seine 
späteren Träume. Alles erworbene Wissen um den Traum dient auch 
der Traumbildung als Warnung. 

In den ^wissenschaftlichen" Arbeiten über den Traum, die trotz 
der Ablehnung der Traumdeutung durch die Psychoanalyse einen neuen 
Impuls empfangen haben, findet man immer wieder eine recht über- 
flüssige Sorgfalt auf die getreue Erhaltung des Traumtextes verlegt, der 
angeblich vor den Entstellungen und Usuren der nächsten Tagesstunden 
bewahrt werden muss. Auch manche Psychoanalytiker scheinen sich 
ihrer Einsicht in die Bedingungen der Traumbildung nicht konsequent 
genug zu bedienen, wenn sie dem Behandelten den Auftrag geben, jeden 
Traum unmittelbar nach dem Erwachen schriftlich zu fixieren. Diese 
Massregel ist in der Therapie überflüssig; auch bedienen sich die Kranken 
der Vorschrift gerne, um sich im Schlafe zu stören und einen grossen 
Eifer dort anzubringen, wo er nicht von Nutzen sein kann. Hat man 
nämlich auf solche Weise mühselig einen Traumtext gerettet, der sonst 
vom Vergessen verzehrt worden wäre, so kann man sich doch leicht 
überzeugen, dass für den Kranken damit nichts erreicht ist. Zu dem 
Text stellen sich die Einfälle nicht ein, und der Eff'ekt ist der nämliche, 
als ob der Traum nicht erhalten geblieben wäre. Der Arzt hat aller- 
dings in dem einen Falle etwas erfahren, was ihm im anderen entgangen 
wäre. Aber es ist nicht dasselbe, ob der Arzt oder ob der Patient 
etwas weiss; die Bedeutung dieses Unterschiedes für die Technik der 
Psychoanalyse soll ein anderes Mal von uns gewürdigt werden. 



C^ no n 1 ^ * Orrg I n a I f no m 

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Die Handhabung der Traumdeutung in der Psychoanalyse. 113 

Ich will endlich noch einen besonderen Typus von Träumen er- 
wähnen, die ihren Bedingungen nach nur in einer psychoanalytischen 
Kur vorkommen können, und die den Anfänger befremden oder irre- 
führen mögen. Es sind dies die sog. nachhinkenden oder bestätigenden 
Träume, die der Deutung leicht zugänglich sind und als -Übersetzung 
nichts anderes ergeben, als was die Kur in den letzten Tagen aus dem 
Material der Tage«einfälle erschlossen hatte. Es sieht dann so aus, als 
hätte der Patient die Liebenswürdigkeit gehabt, gerade das in Traum- 
form zu bringen, was man ihm unmittelbar vorher ,, suggeriert" hat. 
Der geübtere Analytiker iiat allerdings Sc!iwierijj;keiten, seinem Patienten 
solche Liebenswürdigkeit zuzumuten; er greift solche Träume als er- 
wünschte Bestätigungen auf und konstatiert, dass sie nur unter be- 
stimmten Bedingungen der Beeinflussung durch die Kur beobachtet 
werden. Die weitaus zahlreichsten Träume eilen ja der Kur voran, so 
dass sich aus ihnen nach Abzug von allem bereits Bekannten und Ver- 
ständlichen ein mehr oder minder deutlicher Hinweis auf etwas, was 
bisher verborgen war, ergibt. 



C^ nonl^ Orrgmaf fnom 

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n. 

Eine infantile Sexnaltheorie und ihre Beziehung zur 

Selbstmordsymbolik. 

Von Dr. Rudolf Reitler, Wien. 

Patientin, 42 Jahre alt, ledig, karn wegen folgende^- drei Syinptonie 
in psychoanalytische Behandlung. Erstlich litt sie an neurotischem Harn- 
drang, der ihr den Resuch von Gesellschaften, Theater oder Konzerten, 
die Teilnahme an Landpartien, Eisenl)ahn- oder Wagenfahrten, schliess- 
lich allen und jeden Verkehr zur Qual und am Ende wirklich ganz 
unmöglich machte. 

Das zweite Sym|)tom bestand in exzessiver Zwangsonanie. He- 
merkenswert ist, dass die Patientin hei Ansühung der Masturbation nie- 
mals den Cieschlechtsverkehr oder koitusähnliche Sexualaktc phantasi(»rte. 

Wenn sie das versuchte, blieb sie regelmässig frigid; es fehlte gänz- 
lich der Orgasmus. Um den Reiz der Endlust hervorzurufen, nuisste 
sie sich eine Szene vorstellen, in der ein urinierender Mann die Haupt- 
rolle spielte; und je länger der Mann in ihrer Phantasie urinierte, desto 
intensiver wurde ihr Orgasmus. 

Rei dieser klar bewussten, zensurlosen Harnerotik, die zum Unter- 
schiede von ähnlichen Fällen, absolut keine Spur irgend einer Ver- 
drängungsarbeit airfwies, ist es keineswegs zu verwundern, dass die 
Patientin ebenfalls aus ganz klar bcwusstem Raisonnement auf die hlee 
verfiel, ihren Urindrang mittelst Masturbation zu bekämpfen. 

Wenn sie vor einem abendlichen (iesellschafts- oder Theaterbesuch 
im Laufe des Nachmittages 6 -8 mal onanierte, so war sie dami — wie 
ja selbstverständlich - - zwar vollständig erschöpft, aber von dem Urin- 
drange befreit. 

Das dritte und subjektiv quälendste Symptom war eine jahrelange, 
hartnäckige Schlaflosigkeit, deren i)sychoanalytische Lösung und Heihmg 
den eigentlichen Inhalt dieser vorläufigen Mitteilung bilden soll. 

Patientin schildert die Schlaflosigkeit als eine Folge ihrer Gehörs- 
übercjnpfindlichkeit. Jedes, auch das schwächste Geräusch, sei imstande, 
sie zu wecken und am Wiedereinschlifen zu hindern. 

Infolgedessen musste Patientin gegen den sie störenden Lärm einen 
förmlichen Schutzwall von Vorsichtsmassregeln errichten, der itn Laufe 
der Zeit derart anwuchs, derart bis ins kleinste Detail ausgearbeitet 
wurde, dass ich hier nur das Wichtigste anführen kann. 

Die Wohnung wnirde in eine möglichst deserte, von Wagen fast 
gar nicht befahrene Strasse verlegt. Ausserdem wurde das höchste Stock- 
werk bezogen, damit keine ober dem Schlafzimmer wohnende Mietpartei 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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Eine infantile Sexualtheorie und ihre Beziehung zur Selbstmordsymbolik. 115 

die nächtliche Ruhe stören könne. Zu demselben Zwecke nnissten auch 
die beiden an das Schlafzimmer der Patientin stossenden Wohnräume 
unbewohnt und versperrt bleiben. Alle Türen wurden mit Portieren ge- 
schützt; die Doppolfenster, welche auch währ^Mid des heissesten Sommers 
fest verschlossen blieben, wurden mit Vorhängen, dicken Te|)pichen und 
Decken schalldicht verhängt. Das Feuer im Ofen wurde gelöscht, um 
nicht durch Knistern zu stören, die Uhren in den drei Zinunern zum 
Stillstand gebracht, uiul trotz aller dieser Schulzmassregeln fand es die 
Patientin noch nötig, Antiphone zu gebrauchen, — und als auch diese 
versagten, mit Wachspfropfen die Gehörgänge fest auszustopfen und über- 
dies ein dickes Wolltuch über den Koi)f zu binden. 

Aber all das half nichts. Sie blieb schlaflos. 

Es wurde immer klarer, dass Patientin nicht, wie sie zuerst an- 
geg(»ben hatte, durch tatsächlich vernonunene Geräusche gestört wurde, 
dass sie vielmehr aus Furcht vor (»ventuell erst zu vernehmenden Ge- 
räuschen nicht schlafen konnte. Es war also nicht das G e r ä u s c h 
selbst, sondern die Angst v o r d e m selben das Schlafhindernis. 
Somit lag ein recht primitiver Beobachtungsfehler vor, der bei der äusserst 
intelligenten Patientin um so merkwürdiger war, als sie denselben trotz 
all meiner Aufklärungen durch längere Zeit gar nicht zu begreifen ver- 
mochte. Sie benahm sich diesbezüglich beiiuihe wie eine Schwach- 
sinnige. Es ist klar, dass v'm solches NichtbegreifenwoUen eine Form 
des Widerstandes gegen die Anerkennung eines unlustbetonten Komplexes 
darstellt. 

Die in der Psychoanalyse vorzüglirh informierte^) Patientin wusste 
offenbar, wenn sie nicht das Geräusch, sondern die Angst vor dem- 
sellwMi als das wesentliche Moment zugab, dass der nächste Schritt der 
sein müsse, diese Angst aus einer missglückten Wunschverdrängung ab- 
zuleiten. 

Und dageg(Mi sträubt.e sie sich. Ihr Widerstand bezog sich somit 
nicht auf ihren Deobachtungsfehler, sondern auf die erst in weiterer 
Folge sich ergebende Anerkennung, dass es irgend einmal eine Zeit 
gegeben haben müsse, in der sie nächtliche Geräusche zu höreit ge- 
w^ünscht, dass sie diese Wünsche zu verdrängen gesucht habe, dass diese 
Verdrängungen aber teilweise missglückt seien und nunmehr dieser 
pathogen gewordene Komplex als Angst vor Geräuschen wieder zum 
Vorschein konnne. Schliesslich gab aber die Patientin ihren Widerstand 
auf und es fragte sich nun, welcher Art wohl die Geräusche gewesen 
sein dürften, auf welche Patientin unter Aufopferung ihres Schlafes wunsch- 
voll gelauscht hatte. 

Die Vermutung, das Kind sei einmal durch einen Koitus der Eltern 
aus dem Schlafe geweckt worden und habe die Wiederholung dieses Er- 
lebnisses teils aus Neugier, teils aus eifersüchtiger Verhinderungstendenz 
sehnlichst gewünscht, diese nächstliegende Vermutung wurde von der 
Patientin ganz entschieden abgelehnt, und zwar bei aller Bestimmtheit 

Zuerst hatte Herr Prof. Freud selbst die Behandlung durch einige Monate 
geleitet. Später, nachdem infolge äusserer Umstände eine längere Unterbrechung 
eingetreten war, hatte der Herr Professor die Freundlichkeit, die Fortsetzung der 
Psychotherapie mir anzuvertrauen. Dass also die Patientin schon in denkbar bester 
Weise vorbereitet in meine Behandlung kam, braucht nicht erst hervorgehoben zu 
werden. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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116 Dr. Rudolf Reitler, 

doch in einer so ruhigen, sachlichen Art, so ohne jeden unmotivierten 
Affekt und so ohne jede Heranziehung unlogischer Beweisgründe, dass 
ich bald erkannte, dass diesmal sich(?r kein neurotischer Widerstand 
vorliege, dass vielmehr Patientin wirklich keinen Sexualakt ihrer Eltern, 
so wie ich es angenonunen hatte, belauscht haben konnte. Aber was 
sonst ? 

Diese Frage blieb lange, lange Zeit ungeklärt und fand erst viel 
später von einer anderen Seite her ihre gänzlich unerwartete Lösung. 

Es war gerade das Thema „Selbstmord" Gegenstand unserer Be- 
sprechungen. 

Patientin, die, wie schon erwähnt, eine vorgeschrittci^e Psycho- 
analytikerin war, kannte die innigen Assoziationen zwischen Tod und 
Liebe und sie wusste auch, dass häufig in der Form der Ausführung des 
Selbstmordes eine reiche Sexualsymbolik zu finden sei. 

Sie habe sich - - erzählte sie - - einmal mit der Idee getragen, 
den Armeerevolver ihres Vaters zum Selbstmord zu benützen. Selbst- 
verständlich war ihr die Bedeutung des Revolvers als männliches (Jenital- 
symbol wohl bekannt und sie fügte hinzu, tlass der Selbstmord gcMade 
mit dem Armeerevolver des Vaters nicht nur den Wunsch nach dem 
Liebestod in väterlicher Umarmung bedeute, sondern auch der Tatsache 
Ausdruck gelx^ dass <ier jung(» .Mann, um dessen willen sie in Selbst- 
mordstimmung geraten war, ebenso wie ihr Vater Offizier sei, dass somit 
die Spezialisierung der Todeswaffe als „Armee-Revolver*' den Hinweis 
auf ihren Vater, wie zugleich auf den Geliebten enthalten habe. 

Im übrigen hätte sie die Form des Erschiossens nur kurze Zeit 
phantasiert, dagegen habe sie den intensiven und lanKdauernden Wunscli 
gehabt, sich mittelst Leuchtgas zu töten. 

In ihrem Schlafzimmer befinde sich über dem Wasclitisch eine 
horizontal aus der Wand herausstehendi» kurze (Jasleitungsröbre. Sie 
brauche bloss am Abend iW'u Hahn aufzudreh(Mi, das Gas zisclie hcMaus, 
erfülle den ganzen Raum und am Morgen werde sie tot aufgefunden. 

Dass auch hier das horizontal absiebende Rohr ein Penissymbol 
darstellt, brauchte ich d<'r Patientin niclit erst zu sagen. Zu meinem 
Erstaunen aber inass sie gerade dieser Symbolik gar keine Bedeutung 
bei und legte vielmehr die Affektbeloimng auf das ausströmende Gas. 
Ich konnte das nicbt sogleich verstehen und fragte sie deshalb um Er- 
klärung. Die beinahe in ärgerlichem Tone gegebene Antwort lautete: 

„Das ist doch selbstverstätullich. Das Tötende ist doch das Gas 
und nicht die Röhre.'' 

Hier haben wir wieder (^ine beinahe schwachsinnig ersclu'imMide 
Antwort, deren Unlogik, wie wir verniuten dürfen, das Zeichen eines 
intensiven, unbewussten Widerstandes darstellt. 

Ich machte die Patientin aufmerksam, dass wenn das Affektbetonte 
innner auch „das Tötende** wäre, im Falle des Erschiessens nicht 
der Revolver, sondern die Kugel den grössten Eindruck machen müsste 
Der Affekt beziehe sich keinesfalls auf das reale Tötungsinstrumenlarium, 
sondern auf die dahinter verborgene Symbolik, und da bedürfe es tat- 
sächlich noch einer Erklärung, warum das eine Mal der Revolver, 
das Penissymbol, das andere Mal das Gas, also gewisser- 
massen das Sperma, mit Affekterregungen betont sei. — — 



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Eine infantile Sexualtheorie und ihre Beziehung zur Selbstmordsyinbolik. 117 

Offenbar war es der Patientin infolge innerer Widerstände bis 
jetzt nicht möglich gewesen, aus eigenem Denken die Identifizierung von 
Gas und Sperma deutlich bewusst sich vorzustellen, denn im selben 
Momente, als ich ihr diese Arbeit abnahm und die doch ganz selbst- 
verständliche Symbolik in klaren Worten aussprach, im selben 
Momente fiel ihr auch sofort ein Erinnerungsbild aus 
früher Jugendzeit ein, das das 1 a n g g (* s u c h t e Rätsel 
ihrer Schlaflosigkeit endlich löste. 

Sie erzählte: „Im Alter von etwa 6 oder 7 Jahren bin ich einmal 
zeitlich morgens aus meinem Hetterl aufgestanden, habe die Türe ins 
Schlafzinuner meiner Eltern leise geöffnet und mich hineingeschlichen. 
Die FJtern schliefen in einem grossen Dop[)elbette. Papa lag auf der 
Seite, den Rücken dem Rettrande zugekehrt. Die Decke hatte sich ver- 
schoben, ebenso das Hemd, und ich sah den nackten, weit heraus- 
gestreckten Po|X). Ich erschrak heftig, ging auf den Zehen eiligst zurück 
und schloss die Türe so leise, dass weder Papa noch Mama erwachten. 
In mein Hett zurückgekehrt, konnte ich nicht mehr einschlafen; der 
grosse, nackte Popo stand immer vor meinen Augen. Es begann sich 
folgende Phautasie in meinem Kopfe festzusetzen: ,,WVnn die Eltern das 
(leheimnisvoUe, das die Kinder nicht wissen dürfen, tun, so j)resseji 
sie die nackten P o p o s a n e i n a n d (? r und blasen sich gegen- 
seitig Luft ein.** 

Mit dem Auftauchen dieser so lange zurückgehaltenen Erinnerung 
war die Schlaflosigkeit und die Angst vor (leräuschen endlich erklärt. 

Die Patientin hatte ganz recht, wenn sie behauptete, niemals einen 
(ieschlechtsakt ihrer Eltern belauscht zu haben, aber meine Vernmtung, 
es müsse doch so etwas vorgefallen sein, erwies sich trotz alledem als 
vollauf gerechtfertigt; denn wenn das Kind auch keinem wirklichen 
Koitus beigewohnt hatte, so hatte es doch jedesmal geglaubt, wenri es 
aus dem Schlafzimmer der filltern das Geräusch entweichender Darmgase 
hörte, jetzt täten die Eltern jenes „(ieheimnis volle, von dem die Kinder 
nichts wissen dürften.** 

Seit dreiundeinhalb JahrzeluUen hatte die Patientin diese sonder- 
bare Theorie über die Sexualbetätigung Erwachsener gänzlich vergessen, 
aber in ihren Selbstmordphantasien kamen diese infantilen Konstruk- 
tionen fortn- und affektdeterminierend wieder zur Verwendung. Das heraus 
zischende Leuchtgas vertrat also als Symbol die Darmwinde, und diese 
wiederum repräsentieren das befruchtende Agens beim Zeugungsakte. 

Und als durch die Analyse der Selbstmordsymbolik der Wider- 
sland gebrochen war, kam nebst der so bedeutsamen Jugenderinnerung 
noch eine Flut von Einfällen zutage», deren Inhalt sich durchwegs auf 
das Thema „(Jas, Wind, Sturm etc. = befruchtende Kraft" bezog. 

Zuerst noch eine Selbstmordphantasie, die sie beinahe ganz ver- 
gessen hatte. 

Sie wollte an einem stürmischen Tag, spät abends in <lie Prater- 
auen gehen, sich Rluse, Leibchen etc. aufknö])fen und den Sturm mit 
aller Wucht ihren Körper umwehen lassen. Sie werde sich verkühlen, 
eine Lungenentzündung bekommen und sterben. 

Dazu kam noch die Angabe, dass ihr der Sturm .,innner ein an- 
genehmes, beinahe sexuelles Lustgefühl** erzeugt habe. 



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118 Dr. Rudolf Reitler, 

Sic wollU» auch nie ,, innig o<ler tief" geliebt werden, ihre Sehn- 
sucht war irrnner „stürmisch*' zu lii'hen und geliebt zu werden. Ihr 
fallen die Hlüten ein, die durch den Sturui entblättert, defloriert, werden. 
(Odoardo Galotti, nachdem <;r seine Tocht<'r erstochen : ,,(iott, was habe 
ich getan!'* Emilia: „Kine J{os<» gebrochen, ehe der Sturm sie ent- 
blättert.") 

Einer |>ersönlichen Mitteilung Professor F r e u d *s verdanke ich die 
Kenntnis eines von ihm selbst beobachteten analogen b'alles infantiler 
Sexualtlu'orie, b<'i welchem cdxMjfalls die» iK'wegte Luft, der Windhauch, 
die Rolle der hdüMispcndcMiden Kraft darstellte. Es ergab sich als (Jrun<l- 
lage Jies(tr Phantiisie die missverständliche Auffassung des Wortes ,,(Ie- 
burtswchcn**. 

Alb die Patientin 10 Jahre alt war, gebar ihre Mutter ein kleines 
Scliwesterchen nnd bei dieser (leb^gtMiheit wurde von den schmerzhaften 
„Wehen'* gesprochen, welche» von der Patientin als ,, wehende Luft, 
Blähungen etc." gedeutet wurden. Eine» (berdetermination ergab ülK^r- 
dies noch die I^ibelstelle: „Und der H(»rr hauchte ihm lelx'nden Odem ein." 

Auch der h(»ilige (Jeist, <lem itn clnistlichen Dogma die liolle des 
Hefruchtenden zugeteilt ist, erscheint diiw Aposteln am Pfingstfeste nicht 
alh^in unter dem uralten Phallussymbol der Flammenzungen, er kündigt 
sich auch unter dem Hilde des Sturmes an: „Da entstand plötzlich vom 
Hinnnel <'in Hrausen, gl<»ich dem eines daherfahren(h*n gewaltigfMi Windes 
und erfüllte das ganze Haus, wo sie sassen." 

Die Auffassung des Windes, des Hauches, als Lebenssytnboi ist 
so alt \vie die» Menschheit. Der Ikjginn des Lebens mit dem ersten Atem- 
zuge des as[)hyktischen NeugeboremMi, der Eintritt des Todes zugleich 
mit dcMU Stillstande der Hes|)iration, das musste auch schon den primi- 
tiven Urmenschen zur Auffassung drängen, dass das Lebendige im 
Menschen der ,,Odem" sei, der ihm von seinem Schöpfer ein- und vom 
SterlM'ndcn wieder ausgehaucht wurde. 

In Prof. Freu d 's j)sychoanalytisc'her Untersuchung einer „Kind- 
heitscrinnerung des Leonardo da Vinci" (Heft Vll der ,, Schriften zur 
angewandten Seelenkunde") wird auf S. 25 mitgeteilt, dass „bei den alten 
Ägyptern der (Jeier als Symbol der Mütterlichkeit galt, weil man glaubte, 
es gäl)e nur weibliche (Jeier und keine männlichen dieser Vogelart. 
Wie sollte nun die Hefruchtung der rjei(n" vor sich gehen, wenn sie alle 
nur Weibchen waren? Darüber gibt eine Stelle des Horapollo guten 
Aufschluss. 

„Zu einer gewissen Zeit halten die Vögel im Fluge inne, öffnen 
ihre Scheide und em[)fangen vom Winde." 

Kollega Otto Rank hatt<' die Freundlichk<»it, mir mitzuteilen, 
dass auch in alten nordischen Sagen die Befruchtung durch den Sturm 
eine Holle spicdt. So finde mau in dem fianis<'hen Epos ,,Kalevala" die 
Angabe, dass die Jungfrau Hmator durch den Wind Mutter geworden sei. 

In der „Zeitschrift für Ethnologie", 37. Jahrg. HWö auf Seite 29Ü 
findet sich o'uw Mitteilung t) p p e r t 's, laut welcher die Hrahmanas 
glauben, dass aus dem dem Hinterleibe des Schr)pfungsherrn Prajapati 
»Mdfahrenden ,,uid(M*en Hauche" dio MiMischeii, die (oUter hingegen aus 
dem .,olKMvn Haucln» dt^s Mundes** entstanden seien; und im 88. Jahrgang 
lüOÜ derselben Zeitschrift ist auf Seite 280 von Dr. med. Hans Bob 



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Eine infantile Soxualtheorie und ihre Beziehung zur Selbstmordsyrnholik. 119 

eine dem indischen Archipel (Singapore) entstammende Sage angeführt, 
nach welcher Luminu-ut durch den Wind geschwängert worden sei. 

Nicht nur in uralten Schöpfungsmythen, auch noch viel später, ja 
selbst in der Kunst der deutschen ilenaissance noch findet der Ke- 
fruchtungsakt eine naiv-symbolisclie Darstellung durch Einhauchen des 
„lebendigen Odems". Über dem Portale der Marienkirche in Würzburg 
ist aus jener Zeit die „Empfängnis Mariae*' in Reliefarbeit dargestellt, und 
zwar in der Form, dass, mit Ausschaltung des „heiligen Geistes", — Gott 
Vater selbst hoch oben im Himmel einen langen Schlauch zwischen den 
Lippen hält, dessen anderes Ende unten auf der Erde in den f^eib der 
knieenden Maria einmündet^). 

So grotesk also auch die von meiner Patientin entwickelte Zeugungs- 
theorie annmten mag, — gar so weit hat sie sich von den Verseuchen 
der Menschheit, die Lebenswerdung zu erklären, denn doch nicht ent- 
fernt i). 

Einige Wochen nach Aufdeckung ihrer infantilen liefruchtungs- 
phantasie teilte mir die Patientin folgenden Traum mit: 

„Sie, Herr Doktor, sind zu mir in mein Zimmer gekonunen und wir 
beide rieben die W^angen fest aneinander. Es waren noch andere, mir 
unbekannte Leute im Zimmer, die aber, — obwohl ich es befürchtete, — 
doch nichts merkten, weil wir das Reiben ganz still machten." 

Eine Deutung dieses Traumes ist beinahe überflüssig. Wenn wir 
statt „Wangen" diis ebenso gebräuchliche Wort ,, Backen" einsetzen, so 
ist damit die von Prof. Freud aufgefundene „Verschiebung von unten 
nach oben und von hinten nach vorne" ganz deutlich geworden und der 
ohnedies kaum verdeckte infantile Wunschgedanke der Träumerin seiner 
letzten Hülle beraubt. Dass die (Jegenwart vieler, unbekannter Leute im 
Traume zur gegensätzlichen Darstellung eines Geheimnisses, — natürlich 
fast immer eines sexuellen, — dient, ist aus den Publikationen Freud 's 
wohl auch schon hinlänglich bekannt. Dass diese vielen Leute trotz 
der Befürchtung der Patientin „nichts merken", ist ein Detail, welches 
ebenfalls schon längst von Prof. Freud als charakteristisch für die 
meisten Exhibitionsträume erkannt und aus infantilen Erinnerungsspuren 
erklärt wurde, in welchen die Erwachsenen einstens ebensowenig wie 
jetzt die „vielen Leute" im Traume von der kindlichen Entblössung irgend 
welche Notiz nahmen. 

Allerdings erklärt die Träumerin dieses Unbeachtetbleiben damit, 
dass wir „das Reiben ganz still machten". Das Wort „still" hat nun 
in diesem Falle eine Doppelbedeutung. 

1) Eine gute Abbildung dieses Reliefs befindet sich in der ,. Renaissance'', dem 
Ergänzungsbande der von Eduard Fuchs herausgegebenen .illustrierten Sitten- 
geschichte'' auf Seite 289. 

^) Man vergleiche dazu die im Jahrbuche für psychoanalytische Forschungen, 
Band III, 1. Hälfte, veröffentlichte Arbeit Jung's üiier , Wandlungen und Symbole 
der Libido*, pag. 166. Dort heisst es : „Die infantile Inzestphantasie einer meiner 
Kranken lautet: Der Vater deckt ihr die Hände aufs Gesicht, und bläst ihr in den 
geöffneten Mund.* 

Nach Abschluss meiner Arbeit erschien im ,. Zentralblatt für Psychoanalyse", 
I. Jahrgang, Heft 12, eine Publikation von Ernest Jones« London, über das Pro- 
blem des , gemeinsamen Sterbens", in welcher der Autor (8, 566) konstatiert, dass 
das Entweichen der Dai-mgase , häufig von den Kindern für den wesentlichen Teil 
des Koitus gehalten wird, der demnach darin bestünde, einen Flatus in die weibliche 
Kloake zu lassen.*" 



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120 Dr. Rudolf Reitler, 

Es vertritt nicht nur den manifesten Sinn: ,,gerlius(lil()s" ; es führt 
hei <l(»r Patientin auf nnterhewussten Asso/iationswegen, die durch hloss? 
Wortähnlichkeit bedingt sind, auch noch zu (i(Mi (ledankenkoinplexen, die 
sich an das „S t i 1 1 e n", Kindersäug<»n knü|)f(»n. Und gerade diese sexuellen 
Phantasien spielten in der neurotisch erkrankten Psyche meiner Patientin 
eine hochhedeutsame Rolle. Die erogetic» Zone der [{rustwarzen war s(Mt 
frühester Jugend überbetont. Als Patientin noch ein kleines Mädchen war, 
legte sie ihre Puppen immer an die Rrust und im Alter von zehn Jahren 
versuchte sie es mit einem lebenden Säugling. Ik'v wollte aber nicht 
saugen, was sie, die eim» lebhafte LustempfiruUmg verspürt.', sehr zornig 
machte. Zur Revanche saugte sie an dem Penis des Kiudes. Als sym- 
bolische Reminiszenz dieses Kriebnisses nuisste sie in spät<'ren Jahren 
in s''hlafloseu Nächten aus dem Rette aufstehen und Milch, Zuckerwasser 
oder dergleichen über der (lasflamme sich wärmen, und wenn sie die 
warme Flüssigkeit (Urin) getrunken hatte, dann empfand sie ein (lefühl 
der Refriedigung, welch(*s ihr das Schlafen wieder erm<)glichte. 

Die Furcht vor nächtlichen (leräuschen war somit, - wie ja zu 
erwarten, - reichlich überdeterminiert. Sie musste nicht nur auf das 
(Jeräuscli des elterlichen Sexualverkehres - nach iluer Meinung auf <lie 
entweichenden Darmgase — ängstlich horchen und deshalb wach bleiben, 
sie wollte auch, dass es absolut ,, still" sei, weil sie damit assoziativ das 
lautähnlichc Wort ,, stillen" und ihm gesamten aktiven und passiven 
Saugkomplex verbimden hatte. 

Ein detailierteres Eingehen in die reichverzweigte und ung(nvöhn- 
lich komplizierte Pathogenese des Falles wünh^ Zweck imd {{ahmen 
dieser vorläufigen Mitteilung überschreiten. Es sollte bloss gezeigt werden, 
wie durch Analyse einer Selbstmordphantasie der Krwacbsenen es mög 
lieh wurde, eine längst vergessene Sexualtheorie aus früher Kinderzeit 
wieder ins (ledächtnis zu rufen, eine Theorie, die, als pathog.Mies Material 
im Unbewussten schUunmernd, auf eines der schwersten Ifauptsymptome 
der Patientin, auf die Schlaflosigkeit, formend und fixiereiul bis zu ihrer 
endgültigen Lösung einwirkte. Dass diese* kindliche Sexnaltheorie sich 
auf die Annlgegend bezog, war nach den Forschungsergebnissen F r e u d 's 
und deren Restätigung durch R leuler. Jung u. a. zu erwarten. Aller- 
dings handelte es sich bei den bisher publizierten Fällen imm::r mn den 
rj e b u r t s V o r g a n g , den di<' Kinder mit der Afteröffnung in Verbindung 
brachten. Meine Patientin hingegen stellte sich auch <1 i e Zeugung 
mittelst des Anus vor, und eigentlich ents|)rach es nur einem ganz 
korrekten (ledankengange, wemi sie annahm, dass, wo <lie Kinder später 
heraus-, das Refruchtende ebenda früher hineinkommen müsstc Und dass 
dieses Refruchtende gerade in der Form des Windes, des uralten Mensch- 
heitssymboles der Zeugungskraft, vorgest(»llt wurde, erhöht nur die Schiu»- 
heit der durchwegs logis<'h(*n Phantasi(^konstruktion des nach Erkenntnis 
ringenden Kindes. 

Und nun sei zum Schlüsse noch der Hericht über das therapeutische 
Resultat gegeben. 

Der Erfolg war bezüglich der Schlaflosigkeit, und zwar schon bei- 
nahe unmittelbar nach Aufdeckung der determinierenden Komplexe ein 
geradezu verblüffend guter und er hat auch bis jetzt — über zehn 
Monate — dauernd angehalten. 



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OrfgfrTaffrom 
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Eine infantile Sexualtheorie und ihre Beziehung zur Selbstmordsymbolik. 121 

Ich glaube also borochtigt zu sein, von einer endgültigen Beseitigung 
dieses Symptomes sprechen zu dürfen. 

Patientin hat alle schalldämpfenden Vorhänge und Decken von den 
Fenstern entfernt, die Türen beider NcIkmiz immer sind geöffnet, in diesiMi 
wird je ein Fensterflügel die ganze Nacht offen gehalten, Antiphone, die 
Wachspropfen, das dicke Kopftuch sind entbehrlich geworden. 

Patientin schläft ohne jeden besonderen Schutz vor Geräuschen 
einen ruhigen, normalen Schlaf, wie sie ihn seit Jahrzehnten nicht 
genossen. 

Auch bezüglich der anderen Krankheitssymptome ist zwar noch 
nicht Heilung, aber doch schon wesentliche Besserung zu verzeichnen. 
Das ist eigentlich ganz selbstverständlich, denn die singulare i^eseitigung 
eines einzigen Symptomes ist ein Ding der Unmr)glichkeit. Ich betone 
dies ausdrücklich «leshalb, w(»il die Mitteilung eines Bruchstückes aus 
einer umfangreichen Analyse, wie ich sie hier zu gelxm versucht habe, 
leicht zu der irrigen Annahme verleiten könnte, es sei möglich, durch 
planvolle Leitung in der Behandlung auf die Beseitigung irgend eines 
Sym|)tomes hinzusteu(Mn. Und tatsächlich verlangen nicht nur <lie Patien- 
ten, sondern oft auch die der Psychoanalyse unkundigen Hausärzte, es 
mTgi» nur das eine, das schwerste Symptom weggenommen (,, ausgeredet" 
oder ,, wegsuggeriert**) werden; alles andere sei dann schon leicht zu 
ertragen. 

Das ist nun allerdings ganz unmöglich; denn das zu beseitigende 
Sympton: ist mit allen andern |)athogenen Komplexen durch so viele 
reichverzweigte Assoziationen verknüpft, dass es keineswegs genügt, die 
dem Symptom speziell zugehörigen Verdrängungsinhalte aufzulösen; es 
müssen ausserdem noch die unzähligen Verbindungsfäden gelockert werden, 
welche von und zu allen übrigen jiathogenen Komplexen führen, denn 
diese Verbindungsfäden sind die Leitbahnen, auf denen affektbetonte Ver- 
drängungsimpulse immer von neuem und von den verschiedensten Seiten 
dem determinierenden Grundkomplexe zugeführt werden. 

Somit ist es ganz undenkbar, ein einzelnes Symptom ohne gleich- 
zeitigi^ Beeinflussung aller anderen zur Lösung zu bringen; und wenn 
ich in dieser meiner Mitteilung die Beziehungen zum gesamten Krank- 
heitsbilde vernachlässigte, so geschah es einfach deshalb, weil ich dann 
nicht nur einen Ausschnitt, sondern die ganze, grosse Krankheitsgeschichte 
mit allen Details hätte bringen müssen. 

Ich darf mich daher mit der Mitteilung begnügen, dass der Harn- 
drang viel seltener als früher, und nur mehr unter ganz bestimmtea 
Verhältnissen eintritt, sowie dass die Masturbation den zwanghaften Cha- 
rakter verloren hat und - statt wie ehedem mehrmals täglich — bloss 
ein- bis zweimal wöchentlich ausgeführt wird. 

Zum Schlüsse s<m Herrn Prof. Freud für die gütige Zuweisung des 
Falles der verbindlichste Dank ausgesprochen. 



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m. 

Analyse eines Traumes eines öVsjährigen Knaben. 

Von Frau Dr. H. Hellmuth, Wien. 

Der 5^/9 jährige Junge schläft seit einer Woche mit seinen beiden 
Tanten in einem Zimmer. Morgens liebt er es, die jüngere Tante durch 
Aufrufen, Plaudern etc. aus dem Schlafe zu wecken (wie er vor 2 Jahren 
begründete: „Sie braucht nicht noch zu schlafen, wenn ich wach bin"); 
seine (irosstante verwehrt ihm die Ruhestörung und der kleine Schelm 
findet einen Ausweg: er schweigt, solange diese im Zimmer ist; sowie 
sie die Türklinke hinter sich geschlossen hat, ruft er leise: „Tante 
Hermin', bist du wach?" redet für sich oder raschelt mit der Wäsche, 
um sofort zu verstummen, wenn die Grosstante eintritt. Am Vorlage 
des Traumes sagt er zur Tante: „Du, wenn ich wieder bei der Mutter 
schlafe, springe ich mitten in der Nacht auf sie, damit sie nicht schlafen 
kann." ,/''^^h'> du bist ein abscheulicher Bub, wenn du die .Mutter, die 
so gut zu dir ist, nicht schlafen lässt." Darauf folgt die nämliche Ent- 
gegnung wie vor 2 Jahren: ,,Sie soll nicht schlafen, wenn ich wach bin." 

Nachts um ^/gS Uhr ruft er ganz leise — wie am Morgen — ,Tante 
Hermin'." Pause. „Tante Hermin', ich fürchte mich so!" Ich setze mich 
auf und frage ihn: „Was hast du denn?" Er: „Ein grosser Bär will mich 
fressen." ich beruhige ihn, dass ihm nichts geschehe, dass er nur ge- 
träumt habe, und wir legen uns beide wieder zur Ruhe. Nach einer 
Viertelstunde leise für sich: ,,Ich habe eine wahnsinnige Angst." Ich 
stehe nochmals auf, gebe ihm ein vom Abend übrig gebliebenes Stück 
Zuckerwerk, er isst es mit den Worten: „Du, das schmeckt mir sehr gut", 
und hält mich dabei fest an der Hand, einen Finger umklammernd. End- 
lich beruhigt er sich und sagt spontan: „Ich werde das Christkinderl 
bitten, dass es mich bewacht." — 

Am Morgen ist sein erstes, den Traum nochmals zu berichten mit 
dem Zusatz : „Es war auch ein grosser Zaun da und oben lauter spitzige 
Pfeile und der Bär hat mich mit den Vordertatzen umar?nen wollen. Und 
am Plafond war in der Mitte ein riesiger schwarzer Fleck, nein, ein 
grosser Patzen." 

V o r b e r i c h t : Tags zuvor war er in der Menagerie in Schön- 
brunn gewesen, wo er die Tiere gefüttert, von denen er alle möglichen 
Phantasien, wie sie — seinem stark ausgeprägten Autoerotismus ge- 
mäss — nur ihn angeschaut, nur von ihm Futter genommen, erzählte; 
zu seinen besonderen Lieblingen zählen die Bären. 

Die Deutung des Traumes wurde wohl nicht von dem Jungen selbst 



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Analyse eines Traumes eines 5 Vi jährigen Knaben. 123 

gogobon, da ich ein allzu dringendes Ausfragen vermied, um dem Träumen 
im Uewusstsein des Kindes keine zu wichtige Bedeutung einzurä.imen, 
sondern ich versuchte auf Grund genauer Keimtnis seiner kleinen Er- 
lebnisse und des Milieu, in dem er aufwächst, sowie seines wiederholten 
längeren Aufenthalts in meinem Hause den wahrscheinlichen tieferen 
Sinn des Traumes aufzuzeigen. 

Traumanalyse: Durch s in Träumen erreicht er zunächst die 
Erlaubnis zu dem Wecken seiner Tante; niemand kann es ihm ver- 
argen, weim er in seiner Angst bei ihr Zuflucht sucht und sich so den 
Vorgenuss des auf seine Mama geplanten nächtlichen Überfalls verschafft. 
Dass er sich gerade die Tante Hermine ausersieht, für die das Weck- 
verlK)t besteht, anstatt seine (IrossUmte, die ihm während eines längeren 
Besuches vor 2 Jahren bei nächtlichen Bedürfnissen behilflich war, führt 
zur Wunscherfüllung „Wenn ich nicht schlafe, braucht sie auch nicht zu 
schlafen," "und er übt seine morgendliche Taktik, da er auch zur Nacht- 
zeit das Anrufen durch eine kleine Pause unterbricht, als l)efürchtc er, 
von der (Irosstante zurecht gewiesen zu werden. 

„Ich fürchte mich so" knüpft an seine (vor 2 Jahren) halb 
im Scherz, halb im Ernst ausgeübten Praktiken, wann er beim Mittag- 
essen allzuviel Unruhe stiftete und plötzlich ,,der Wachmann an die 
Tür klopfte", obwohl er recht gut wusste, dass es jemand von der 
Familie war; er drängte sich an die Mama mit stark affektiertem „Ich 
fürchte Inich, l>eschütz' mich", durch die vorgeschützte Angst sich Zärt- 
lichkeiten erzwingend, die ihm wegen des vorausgegangenen unartigen 
Betragens in diesem Augenblick nicht zuteil geworden w^ären. 

„Ein grosser Bär will mich fressen." Der Junge ist ein 
starker Exhibitionist; b^i seinem Besuche vor 2 Jahren hob er morgens 
die Bettdecke oder stellte sich in seinem Gitterbettchen mit hochgezogenem 
Nachthemdchen auf. Um ihn davon abzulenken, ohne fortwährend Er- 
mahnung lind Strafe anzuw^enden, Hess ich meine Hand über dem Bette 
kreisen und als „Stossvogel" auf den nackten Fuss oder die Hand, sowie 
auf Spielsachen (Tiere, die der Stossvogel raubte) niedersausen, während 
der „Stossvogel" voll Ekel davonflog, wenn er mehr Nacktes sah. Wenn 
damit die Exhibitionslust auch nur auf harmlosere Körperteile verschoben 
wurde, so w^ar damit doch die Aufmerksamkeit des Knaben von den 
Genitalien abgelenkt. Dass er dieses Spiel nicht vergessen hatte, bewies 
seine am ersten Morgen seines diesmaligen Aufenthalts gestellte Frage: 
„Du, Tante Hermin', kommt der Stossvogel auf die N ... . Strasse auch?" 
(Wir hatten nämlich inzwischen die Wohnung gewechselt.) Der Bär, der 
ihn umarmen will, ist in erster Linie seine Mama, auf die er gern zurennt 
und sich von ihren Armen auffangen lässt. (Dieses Spiel geht bis zu 
seinem 10. oder 11. Lebensmonate zurück.) Auch muss sie für ihn Kletter- 
baum sein, an dem er (= der Bär), an ihren Händen sich festhalteud, 
von den Knien bis zur Brusthöhe hinaufsteigt. Endlich führt der g e - 
fürchtete Bär auf eine Episode aus seinem 13. Monate. Nach mehr- 
monatlicher Abwesenheit tritt sein Papa (gross, stattlich, schwarzen Bart) 
unangemeldet ins Zimmer; der Kleine erkennt ihn nicht gleich und 
schreit aus I^ibeskräften, da er ihn mit dem Arzt (ebenfalls schwarzen 
Bart), der ihn geimpft, identifiziert. Da seine Eltern sich in der Folge 
voneinander trennten, hat er vom 4. Lebensjahre an keine Gelegenheit 
mehr, seinen Papa zu sehen; trotzdem bewahrt er ihm, obwohl sich der- 



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124 Frau Dr. H. Hellmnt, 

selbo um sein Söhncheii nicht kümmert, die zärtlichsten Gefühle; es 
dürfte also die Furcht vor dem Bären, der ihn u in a r m e ii 
und fressen (= küssen) will, geradezu der Wunsch sein, 
seinen Vater zu sehen. 

„Es war auch ein grosser Zaun da und oben lauter 
spitzige Pfeile." Als reale Anknüpfung dient das durch nicht 
vollständig schliessende Jalousien eindringende Licht der elektrischen 
Strassenbogenlampen, wodurch an der Zimmerdecke infolge der ab- 
wechselnden Licht- und Schattenstreifen tatsächlich eine zaunartige 
Zeichnung entsteht, die den letzten optischen Tageseindruck des sich 
ca. ^Z^— ^/s Stunde mit offenen Augen in den Schlaf lutschenden Kindes 
bildet. Für den Traum bedeutet der Zaun zunächst das Gitter des 
Hettchens. in dem er bis zur Hälfte des 5. Jahres schlief, durch welches 
er mit seinem Penis exhibitionierte. An seinem Gittc^r bettchen sass aber 
auch allabendlich seine zärtlich geliebte „Mutti"; des Reizes dieser Stunden 
wurde er sich schon mit 3 Jahren voll bewusst, indem er sagte: „Am 
Abend, da werd' ich immer so zärtlich." Im Zusammenhang mit seiner 
Rxhibitionslust im Bette steht seine (revvohnheit, auf Spaziergängen bei 
jedem Zaun unter Anwendung aller erdenklichen, ihm möglichen Kunst- 
stückchen zu urinieren, z. B. an ein bestinnntes Brett oder genau durch 
zwei Latten hindurch in eine Spalte. Das Urinieren auf ein bestimmtes 
Brett führt wieder in sein 1., 2. Lebensjahr zurück, wo er unter spitz- 
bübischem Gelächter Arm oder Hand seiner Pflegerin oder seiner I\Iama 
zur Zielscheibe seiner Verrichtung machte und dies trotz Bestrafung 
immer wieder tat. Das Zielen gegen eine Spalte zwischen zwei I^atten 
dürfte seine eigenen Beine und seinen Penis bedeuten, vielleicht auch 
die Vagina, da er mit 3 Jahren behauptete, ein 9 jähriges Mädchen habe 
sich mit ihm ins Badezimmer eingesperrt und sich dort vor ihm nackt 
ausgezogen: von demselben Kinde erzählt er immer wieder, dass er beim 
Schaukeln ihren „vorderen Popo" gesehen hätte, der nicht ein solches 
„Zipferl** habe wie der seine, sondern eine ,, lange Furche, aus der das 
Wischi kommt." 

Die spitzigen Pfeile weisen wohl zunächst auf seinen eigenen 
Penis, aber auch auf die Membra mehrerer Knaben, welche, während 
seines 2. Lebensjahres im benachbarten Hause wohnend, wiederholt dabj*i 
betreten wurden, wie sie beim Zaun in dow Nachbarsgarten uriniertiMi; 
daher produziert der Traum nicht einen, sondern „lau ter spitzige Pfeile." 
Vielleicht bedeuten diese aber auch die weiblichen Brüste, resp. die 
Zitzen der Hündinnen, für die er sich gleicherweise interessiert und 
deren Zweck ihm, da er auf dem Lande aufwuchs, frühzeitig erklärt 
wurde; auch weiss er, dass dieselben wachsen, w(»nn ini Bauche der 
Tiere Junge seien; daher die Äusserung zu sein<'r Tantt» U., als er sie 
zufällig einmal im Miederleibchen sieht: ,,l)u, ich glaube bestimmt, du 
wirst bald ein Kind bekommen." 

„Ich habe eine wahnsinnige Angst": Mit diesem scIhmu- 
baren Selbstgespräch (sonst leitet er jede Rede durch eine Aufmerksam- 
keit heischende Anrede ein) zwingt er mich neuerlich, mich mit ihm zu 
befassen. Bei Tag versteht er es, unausgesetzt Mutter oder Tante, am 
liebsten beide, mit sich zu beschäftigen. Interessant ist, wii» er jetzt 
die Liebe von der Mutter auf die Tante H. ausdehnt, während er früher, 
wenn die Mutter kam, von niemandem anderen wissen wollte; dem 



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Analyse eines Traumes eines 5 V> jährigen. 125 

kleinen Tyrannen ist es verhasst, wenn die genannten Personen mit- 
einander plaudern und er, die Hauptperson, vernachlässigt \vird. Bei 
seiner weit über seine Jahre gehenden Intelligenz (mit kaum 3 Jahren 
bringt er selbständig in seiner Rede das Kausalitätsverhältnis zum Aus- 
druck) nimmt es nicht wunder, dass er in der Wendung „wahnsinnige 
Angst" die Redeweise von Mutter und Tante stark imitiert. Sein ers^ 
maligcr Ausspruch „Ich habe in der Nacht immer solche Angst** datiert 
aus dem Vorjahre, als er 2 Monate lang bei einer befreundeten Familie 
weilte, wo er leider im Schlafzimmer der Ehegatten schlief. Obwohl die 
Sitte derselben, nach dem Mittagessen sich auf 2 Stunden zurückzuziehen, 
und das strenge Verbot der Ruhestörung während dieser Siesta an die 
Kinder, sowie spätes Nachhausekommen des Vaters vermuten lassen, dass 
dem kleinen Jungen abends oder morgens keine Gelegenheit zur Be- 
obachtung des Koitus gegeben wurde, so dürfte er doch vielleicht die 
nächtliche Verrichtung von Bedürfnissen, sei es des Herrn oder der 
Frau, belauscht haben, worauf seine wiederholten Erzählungen, wie bei 
S . . . . „mitten in der Nacht im Osten ein Licht aufblitzt, ja ein wirk- 
licher Blitz**, deuten. Das Bett des Herrn stand nahe dem Fenster 
(== Osten, Aufgang der Sonne, was ihm wohl bekannt ist); der Blitz 
= elektrisches Licht, das neben dem Bett des Herrn aufflammt. Da er 
niemals im Schlafzimmer seiner Eltern schlief, fehlen ihm auch aus 
früherer Zeit diesbezügliche Erfahrungen. 

„Der schwarze Fleck mitten am Plafond, nein ein 
grosser Patzen**. Eine ziemlich grosse Ampel wirft tatsächlich in 
dem schwach beleuchteten Zimmer ihren Schatten auf den Plafond. — 
Der Junge war seit seinen ersten Monaten ein „Kotschmierer** und wenn 
ihm auch Strafen die gröbste Betätigung seiner Koprophilie abgewöhnten, 
so blieb ihm doch das lebhafteste Interesse für seine und anderer Defä- 
kation erhalten. Vor wenigen Tagen rannte er wie besessen im Zimmer 
herum, hockte bald da, bald dort nieder und rief: „Tante Hermin*, ich 
setz' mich her und mach' dir einen Patzen,** bis schliesslich sein Ver- 
gnügen in einem Verdruss ein unliebsames Ende fand. Der Traum ge- 
währt ihm Erfüllung seines Wunsches, und zwar oben am Plafond, an 
einem recht exponierten Platze, wo es jeder sieht, der ins Zimmer 
tritt; bei obigem Spiele ersah er sich wiederholt die „Mitte** des Schreib- 
tisches aus; ebenso im Traum. (Mitte des Plafonds, Mitte des Schreib- 
tisches = Muschel mitten im Klosett.) Der schwarze (= dunkle) Fleck 
ist wohl auch sein eigener Nabel, für den er sich, wie für seinen ganzen 
Körper, den er von jeher sehr bewunderte (eine diesbezügliche Szene 
wurde von mir in seinem 15. Monate beobachtet), intensiv interessiert. 
Der offenkundig sichtbare schwarze Fleck ist gewiss auch eine Traum- 
entstellung für heimliche Masturbation, die niemand sehen darf. 

Bei meinen beruhigenden Worten hält er meine Hand, indem er 
einen Finger (i. e. seinen eigenen Penis) fest umklammert. Ich sehe auch 
sonst wiederholt, wie er sich nachts schlafend aufsetzt, und habe die 
Vermutung, dass dies Aufrichten des Oberkörpers ein Symbol des erigierten 
Penis nach nächtlicher, im Schlafe erfolgten Onanie ist, da ich vor 
2 Jahren bemerkte, dass er abends tatsächlich mit stark erigiertem Gliede 
sich im Bettchen aufstellte und erst dann sein Bedürfnis äusserte, 
wobei er mit starrem Blicke (im Halbschlafe) beim Urinieren onanieren 
wollte. 

ZratnübUtt fDr Psyehoaafüys«. II ^ 9 



f^nonl^ Orrginaffnonn 

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126 Frau Dt. H. Hellmuth, 

Bemerkenswert ist, wie bei dem kleinen Jungen, der frei von 
religiöser Beeinflussung erzogen wird — er lernte Worte und Geberden 
des Gebets erst im Vorjahre bei der früher erwähnten Familie S . . . 
kennen, bei deren 5 jährigem Mädchen sich das Beten alier auch nur auf 
einen einzigen frommen Spruch beschränkte — sich die Angst als in- 
fantile Wurzel des Gebets zeigt, da er nach seinem Traum spontan sagt: 
„Ich werde das Christkinderl bitten, dass es mich bewacht.*' Am nächsten 
Tage von mir ülier das Christkind befragt, erklärt er, es sei goldig 
wie die Sonne, klein mit einem langen Kleidchen, keinen Hosen (aus- 
drücklich betont); in der Nacht werfe es seine Strahlen ins Zimmer und 
der Zaun, den er im Traum gesehen, sei eben sein Schatten gewesen. 
Auf dem Weihnachtsbaum, der ihm im Vorjahre geschmückt worden, 
befand sich ein Wachsengel mit blonden Locken, rotem (kurzen) Röckchen 
und einem goldenen Krönchen (Strahlenkranz) im Haar. Auch blieb der 
Junge damals in der Weihnachtszeit täglich bei einer Spielwarenhandlung 
stehen, in welcher sich in der Auslage ein Engelskopf mit der obligaten 
Umrahmung aus Spitzen (gefälteltem durchbrochenen Stoff) befand, was 
allerdings an ein zartes Gitter erinnert. Als Zusatz zur Deutung des 
Zaunes ist noch ein seinem 2. Lebensjahr zugehöriges Erlebnis anzu- 
führen. Die Eltern des Kindes leiteten damals eine Erziehungsanstalt 
auf dem Lande und hatten dasselbe mit einer Bonne in einer dem In- 
stitute unmittelbar benachbarten Villa eingemietet. Nach Schluss des 
vormittägigen Unterrichts kam die Mutter täglich durch das Zauntürchen, 
das die beiden aneinanderstossenden Gärten verband, zu ihrem Liebling, 
der, durch die Spalten des Zaunes lugend, sie stets schon sehnlichst er- 
wartete; wie oft mag ihm die hohe Gestalt der Mutter den Ausblick ver- 
dunkelt haben, ehe er sie erkannte, so dass das Christkind, dessen 
Schatten im Traum sich zu einem Zaune formt, schliesslich auf die 
ersehnte Mutter zurückführt, die ihn ja ebenso vor dem „Wachmann" 
schützen soll, wie jetzt das Christkind den Bären abzuwehren hat. 

Eine weitere Ergänzung zum „Zaun mit den spitzigen 
Pfeile n** ergibt sich noch aus einer kleinen Szene bei einem vor 2 ^lonaten 
gemachten Ausfluge. Der Junge befriedigt seine Bedürfnisse, indem er 
mit deutlich erkennbarer Absichtlichkeit die Exkremente direkt an einen 
Zaun absetzt, sie mit einem Ästchen entfernt, mit Urin abspült (kurz 
den in Freud 's Traumdeutung S. 314, III. Aufl. angeführten Traum 
in die Wirklichkeit übersetzt), und ist weder durch Zureden, noch Zürnen 
zu bewegen, früher abzulassen, ehe nicht die letzten Reste abgespült 
sind. Die Strahlen, die das Christkind ins Zimmer wirft, mögen also 
wohl auch in Beziehung stehen zu seinem eigenen Tun, wie ihm übrigens 
auch die Wendung „die Pferde strahlen" bekannt ist. 

Zusatz zu „grosser Bär": An dem der Traumnacht folgenden 
Morgen betont der kleine Träumer ganz besonders die Grösse des Tieres 
durch die Worte: „Du, Tante Hermin', er war sehr gross, wirklich sehr 
gross; natürlich, denn ich bin auch sehr stark, sonst könnte er mich ja 
nicht besiegen," und so erfüllt der Traum seine Tagphantasie, er sei 
stärker als alle anderen Menschen und stärker auch als die Raubtiere in 
Schönbruim. Seiner Vorliebe für Bären dürfte eine Identifikation seiner 
kleinen Person mit diesen Tieren in sexuellen Dingen zugrunde liegen. 
Mit 2 Jahren war es sein Stolz, seine kleinen Bedürfnisse nicht mehr 
sitzend, sondern, wie er laut verkündete, „stejend" zu verrichten. Als er 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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Analyse eines Traumes eines 57* jährigen Knalen. 127 

mit ca. 31/0 Jahren zum ersten Male Schönbninn besuchte und die Bären 
aufrecht am (litter (= Zaun) oder Baumstamm sich anklammern sah, rief 
er begeistert: „Schau, Mama, die Bären fressen „stejend'V* unbewusst 
den längst nicht mehr gebrauchten Ausdruck anwendend; und als er gar 
bei einem „stejenden" Bären das erigierte Sexualorgan sah, kannte sein 
Entzücken kein Ende und er war kaum zum Fortgehen zu bewegen. 

Fassen wir nochmals die psychischen Hebel ins Auge, die den 
Mechanismus des Traumes spielen lassen, so erscheint neben der Er- 
füllung mancherlei kleiner Wünsche der letzten Tage die heisse ungestillte 
Sehnsucht des Jungen nach seinem grossen, starken Vater, den seine 
Traumphantasie in die Gestalt des Bären wandelt, wohl als Leitmotiv 
seines nächtlichen Erlebens. 

Zur Erkenntnis des Traumes als solchen bei Kindern möchte ich 
noch einige Bemerkungen hinzufügen : Bei der Analyse des Traumes 
meines 5^2 jährigen Neffen fiel mir auf, dass der Junge, obwohl er seit 
ca. 2 Jahren weiss, dass Träume keine wirklichen Begebenheiten sind, 
seinem Traumerlebnis dennoch Realität zuschreibt, da er nachts mit 
der einfachen Mitteilung „Ein grosser Bär will mich fressen" bei mir 
Schutz sucht. Auch meine beruhigenden Worte, dass er nur geträumt 
habe, trugen zur unmittelbaren Erkenntnis der Grundlosigkeit seiner Angst 
wenig bei, was aus seiner Bitte ans Christkind, ihn zu bewachen, hervor- 
geht. Er hält an der Wirklichkeit des Traumes fest, da seine Furcht im 
Grunde doch nur einen Wunsch bedeutet, dessen Erfüllung ihm der 
Traum allein verleihen kann. Am nächsten Morgen, da tausend andere 
kleine Wünsche sich auf die ihn umgebende Sinnenwelt richten, wird 
der Traumwunsch verdrängt und das Kind bezeichnet selbst sein nächt- 
liches Erlebnis als einen Traum. 

Dieses Festhalten der kindlichen Gedanken an der Realität des 
Erlebten, mag es auch aus Tagphantasien (Phantasie über seine eigene 
Stärke) oder aus Träumen stammen, ruft mir den ersten Traum des Jungen 
in Erinnerung: 

Am 12. Dezember 1909 (also mit 31/0 Jahren) fragt er morgens beim 
Aufwachen, mit suchenden Blicken im Zimmer herumgehend, seine Mutter: 
„Wo ist der Christbaum mit dem vielen Backwerk?" und will lange 
nicht daran glauben, dass bloss ein schöner Traum ihm den Weihnachts- 
baum vorgegaukelt. Immer wieder wendet er ein: „Ich habe ihn ja ge- 
sehen, dort in der Ecke ist er gestanden.** Erst nach vielen Erklärungen 
und Gegenargumenten, durch die er die Wunscherfüllung festhalten möchte, 
kommt ihm unter grosser Enttäuschung ein Verständnis für den Traum 
und seine Irrealität. Die Erinnerung an diesen ersten Traum bewahrt er 
bis heute, erzählt ihn oft, jedesmal mit dem Zusatz: „Na, damals war 
ich noch so dumm und glaubte, es sei ein wirklicher Christbaum; es 
war aber nur ein Traum.** — 



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Mitteilungen. 



Ein prophetischer Nummerntraum. 

Von Dr. Wilhelm Stekel (Wien). 

Eine wogen schweren Depressionen in meiner Behandlung stehende 
Dame hatte einmal in der kleinen Lotterie, wie sie in Österreich üblich 
ist, einen Treffer gemacht. Zwei Nummern, die sie geträumt hatte, waren 
„herausgekommen**. Diese Tatsache erzählte sie mir aus Anlass eines 
rezenten Nummerntraumes» den sie in der letzten Nacht geträumt habe. 
Ob sie die Nummern nicht setzen sollte*? Es waren die Zahlen 80, 85 
und 2. Ich überlasse es ihrem freien Willen von den Nummern dos 
Traumes einen praktischen Gebrauch zu machen und verneine die Frage, 
ob ich an prophetische Lotterieträume glaube. Nach einigen Tagen erzählt 
mir die Patientin, dass auch diese Nummern herausgekommen wären, 
d. h. der 80 er und 85 er, statt der Zwei sei der Sechser „gekommen**, 
dieser gehöre aber zu den geträumten Nummern, denn der Herr, der ihr 
die Nummern im Traume gesagt habe, Avohne auf Nummer 6. 

Ich sehe mich genötigt, eine Analyse vorzunehmen. Die Patientin ist 
sehr spärlich mit ihren Einfällen und kann das Wesen der Traumdeutung 
schwer begreifen. Der Traum, der einst zu einem Gewiimst geführt 
hatte, lautete : „Ich hörte eine Stimme: Setze die Nummern 
17, 12 und 5.*' 

Ich bin nicht imstande, einen Einfall hervorzurufen, der diese 
Zahlen erklärt. Sie redet allerlei über Lotto und Bestimmung und be- 
sonders spielen die „Nummern" eine Rolle. Sie bemerkt auch von 
einer Freundin: „Oh, die ist eine feine Nummer! Die wird nicht nervös 
werden." 

Ich lasse mir nun den rezenten Traum erzählen. Er lautet: Herr 
Springer sagte mir: Setzen Sie Nummer 80, 85 u n d 2. 
Sehen Sie, ich bin 80, meine Frau 85 und wm r leben so 
glücklich W'ie die Tauben. 

Die Einfälle erzählen uns, dass der Herr Springer seit einem halben 
Jahre Witwer ist. Ihr Bruder kennt auch einen Baron Springer, der 
beim Rennen eine grosse Rolle spielt. Ihr Bruder hat bei einem Preis- 
springen den ersten Preis gewonnen. Er ist ein famoser Reiter, 
besonders ein ausgezeichneter „Springer". Seine Frau jedoch habe 
ihm das Reiten verboten, weil ein Bekannter vom Pferde gestürzt und 



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OrfgfrTaffrom 
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Ein prophetischer Nammern träum. 129 

gestorben sei. Hier tauchen die ersten Todesgedanken auf, die ja schon 
in dem Herrn Springer, der Witwer ist, angedeutet sind. Es wird im 
Verlaufe der weiteren Assoziationen klar, dass Todeswünsche sich gegen 
die Schwägerin richten, die mit ihr schlecht lebt und ihr den Bruder 
ganz entfremdet hat. Der Uruder und seine Frau leben „wie die Tauben** 
und haben zwei Kinder. 

Zu den Zahlen weiss sie keinen Einfall. Dann frage ich sie, wann 
sie geboren ;ist. Sie erwidert: 1885. Und der Bruder? 1880. 

Jetzt waren die Zahlen determiniert. Es waren die Geburtsjahre 
von ihr und von ihrem Bruder! Die „2** bedeuteten, dass sie wieder mit 
ihrem Bruder leben könnte, wenn die Schwägerin sterben würde. Weitere 
Determinationen muss ich hier aus Gründen der Diskretion übergehen. 

Noch wunderbarer löste sich der ^rste prophetische Traum, zu 
dem sie keinen Einfall bringen konnte. Ich wusste, dass ein traumatisches 
Erlebnis in der Jugend das feine lebensfrohe Mädchen krank gemacht 
hatte. Ich kenne jetzt schon einige Fälle, da ein Trauma nach der 
Pubertät einen bestimmenden Einfluss auf das ganze Leben nahm und 
zum Schicksal der betreffenden Dame wurde. Es sind Ereignisse, wie 
sie ein Mädchen bald erleben kann. Sie werden erst vermöge einer über- 
mcralischen Lebensanschauung zum Trauma, wenn die Lösung nicht 
im Sinne der herrschenden Moral durch eine Ehe zustande kommt. Das 
traumatische Erlebnis dieses Mädchens hatte sich am 12. Mai (12/V) ab- 
gespielt. Daher im ersten Traume die Zahlen 17 (12 -|- 5 = 17), 12 
und 5! 

Der Lottoiraum ist also eine wunderbare Wunscherfüllung. Die 
Zahlen, die ihr Unglück gebracht haben, sollen ihr nun Glück bringen. 
Sie hatte (nach ihrer Ansicht) durch den Vorfall die Ehre verloren. Nun 
soll sie dadurch Geld gewinnen. Bei dem traumatischen Vorfall war es 
zu keiner nennenswerten Intimität gekommen. Sie Hess die , »Nummer** 
nicht zu. Sie holt dies Versäumnis in den Träumen reichlich Ucach. Sie 
hat Nummern im Überfluss ^). Ihre Depression erweist sich, wie in 
allen Fällen, die ich analysiert habe, als Trauer über die eigene Tugend. 
Sie weint, dass sie nicht so leichtsinnig sein kann wie ihre Freundin, 
die allerlei Verhältnisse gehabt u*nd dann sich glänzend verheiratet hat, 
während sie sitzen geblieben ist (Setzen — Sitzen), weil sie sich ein- 
bildet, sie könne nicht mehr rein in die Ehe treten. Der Vorfall vom 
12. Mai beherrscht ihr ganzes Seelenleben. Die Zahl erscheint in ver- 
schiedenen Kombinationen in ihren Träumen und abergläubischen Vor- 
stellungen. Überflüssig zu betonen, dass 7 und 17 für sie Unglücks- 
zahlen bedeuten. So hängt auch in diesem Falle der Aberglauben mit 
einem geheimen Schuldbewnjsstsein zusammen ! 

Die Frage, warum die Nummer doch „herausgekommen** ist (ex- 
hibitionistische Determination!), möchte ich in sehr einfacher Weise er- 
klären. Sie träumt diese Nummern jede Nacht und sieht regelmässig in 
ihrer Gasse vor einer Lottokollektur die Nummern nach, die erschienen 
sind. Einmal im Jahre müssen doch auch die Schicksalszahlen ihres 
Lebens erscheinen, weil ja jede Nummer drankommen muss. Diese seltenen 



1) Auch die ,zwei* hat eine Bedeutung in Kombination mit der Nummer. Die 
Freundin hatte ihr von einem Geliebten|erzählt, der sehr potent war und gebrauchte 
bei dieser Gelegenheit den Ausdruck:]. Es bleibt nie bei einer .... Neulich waren 
es sogar sechs (6!). 



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130 Dr. M. Wulff, 

Bestätigungen prägen sich ihr ein, während sie die anderen als belanglos 
vergessen hat. 

Nun können wir noch ein Wort über die Natur ihres Traums ver- 
lieren. Ein Freund ihres Bruders traf sie allein in der Wohnung. Sie 
küssten sich und er vollzog einen exhibitiouistischen Akt. Er hatte sich 
zu viel „herausgenommen'*. Sie wurde damals durch den Anblick der 
phallischen Realität so erschreckt, dass sie zu schreien anfing und die 
Szene ein Ende hatte. Dieser Herr war ihr halber Verlobter. Die Ehe 
kam nicht zustande, weil sie nicht die Mittel aufbringen konnte, die 
für die Kaution notwendig waren. Sie hat also in jeder Hinsicht allen 
Grund, auf einen Haupttreffer zu hoffen und auf das grosse Los zu 
warten. 

Zum Schlüsse noch ein« Bemerkung: Ich habe die Beobachtung 
gemacht, dass die halben Traumen, bei denen es nach einleitenden 
Agressionen nicht zu einem vollständigen Akt gekommen ist, viel 
pathogener wirken, als die zu Ende geführten. Die erregte Phantasie 
kommt nach diesen Halbtraumen nie mehr zur Ruhe und führt in 
endlosen .Variationen die begonnene Szene zu einem konsequenten Aus- 
gang. Die frustrane Erregung bleibt in Permanenz erklärt und die dartm 
sich schliessenden, nie ausbleibenden Vorwürfe gelten dann noch mehr 
den nachfolgenden Phantasien als der traumatischen Szene. Ein un- 
erfüllter Wunsch gleicht nach dem trefflichen Vergleiche von Freud 
einem Geiste, der so lange herumirrt, bis er erlöst wird. Und Erlösung 
heisst in diesen Fällen die Fortsetzung der Szene ohne moralische 
Hemmungen. 



IL 
Die Lüge in der Psychoanalyse. 

(Zugleich ein Beitrag zur Psychologie der Paranoia.) 

(Von Dr. M. Wulff, Odessa). 

• 
Darf, man demi jeder Mitteilung, jedem „Einfall" des Kranken 

„kritiklos** Glauben schenken, kann denn der Kranke nicht den Arzt mit 
Absicht irreführen, ihm „falsche Einfälle**, „erlogene Erlebnisse" vor- 
täuschen? Mancher Kranke wird es wohl versucht haben, was er aber 
damit erreichen kann, soll das folgende Beispiel zeigen: 

Der Traum eines meiner Patienten lautete: „An meiner Stelle im 
Bureau sind zwei neue Beamte engiigiert worden, und mir hat man 
gesagt, ich sei entlassen." Die Analyse stösst gleich auf Widerstand. 
Zum ersten Satz: „An meiner Stelle im Bureau sind zwei neue Beamte 
engagiert Kvorden'* — will dem Patienten nichts einfallen. Und nun ent- 
wickelt sich der folgende Dialog: 

Ich: „An Ihrer Stelle sind zwei engagiert worden — ist damit 
nicht gemeint, dass Ihre Arbeit im Bureau zwei machen müssten?" 

Patient (zögernd): „Nein .... Ja ... . Ich hab' es mir mal so 
gedacht, dass ich dort für zwei arbeiten muss.*' 

Ich: „Wer sind demi diese zwei?" 

Pat. (Pause) : .... Herr Nathan söhn und Herr Jachi- 
moritsch.** 



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Die Lüge in der Psychoanalyse. 131 

Ich: „Wer sind denn die Herren?'* 

Pat. : „Ich kenne sie nicht ....'* 

Ich: „Sie arbeiten doch wohl mit diesen Herren zusammen im 
Bureau?'* 

Pat.: „Nein .... Herren mit solchen Namen gibt es im Bureau 
nicht. Ich habe diese Namen erlogen, ich habe in Wirklichkeit die Herren 
X. und Y. gemeint." 

Die x\nalyso dieser zwei „erlogenen" Namen deckte nun folgendes 
auf: Zu „Nathansohn** fällt dem Pat. ein Herr Nathansohn ein, der 
öfters ins Bureau kommt wegen seiner geschäftlichen Angelegenheiten. 
„Ich habe den Verdacht," sagt Pat., „dass der Chef mit ihm über mich 
gesprochen hat, dass ich so „anormal" bin für meine Jahre." — Das ist 
ein paranoischer Gedanke und bezieht sich auf die folgende Vorstellung 
des Patienten : Er ist 31 Jahre alt und hat noch keinen Geschlechtsverkehr 
gehabt, weshalb er sich für „anormal" hält und glaubte wegen dieser 
seiner „Abnormität" von allen verhöhnt und verlacht zu werden i). Sein 
Chef hat von dieser ,, Abnormität" sicher keine Ahnung, ebenso wie der 
Herr Nathansohn, der ihn überhaupt gar nicht kennt. Nun die weiteren 
Anfälle des Patienten: „Der Name Nathansohn war mir aber auch früher 
schon bekamit .... Ich glaube, dass er mit meinem Bruder auf der 
Schule zusammen gelernt hat; oder nein sie haben bloss zu- 
sammen irgendwo verkehrt .... Nein .... Nun weiss ich .... vor 
einigen Wochen habe ich mit meinem Bruder einen Maskenball besucht, 
dieser Herr war auch da. Er und mein Bruder haben mit denselben 
Masken gesprochen, getanzt, ihnen den Hof gemacht. Die Damen haben 
meinem Bruder von Herrn Nathansohn und Herrn Nathansohn von meinem 
Bruder erzählt." Der Herr Nathansohn und der Bruder werden also 
identifiziert: sie sind beide agressiv heterosexuell, haben Erfolg bei Frauen, 
Pat. dagegen sehr schüchtern und ängstlich in Damengesellschaft imd 
beneidet den Bruder. Das war schon immer seit Kindheit so. Es tauchen 
Erinnerungen an die „erste Liebe" dos Patienten im Alter von 5 bis 
6 Jahren auf. Sic gehörte einem vierjährigen Nachbarmädchen, das aber 
den um zwei Jahre älteren Bruder vorgezogen hat. Dieses Erlebnis führt 
dann durch Übertragung vom Bruder auf den Vater zur Inzestliebe zur 
Mutter tmd zum „Familienroman". 

Der andere „erlogene" Name ist „Jachimowitsch". „Das bin ich 
ja selbst" — meint Patient: „Ja" — „chimowitsch". „Ja heisst im Russi- 
schen — „ich", „chimowitsch", „imowitsch" — eine Namensuffix. 

Die zweie also, für die er arbeiten musste, sind er selbst und sein 
Bruder. Er glaubte auch für seinen Bruder arbeiten zu müssen während 
dessen Studienzeit. Auch dem Vater musste er damals materiell helfen. 
Er hatte eine schlecht bezahlte Stellung in einem Geschäft bei Leuten 
gehabt, die, wie er glaubte, seinem Bruder, der damals auf der Uni- 
versität studierte, materiell behilflich waren, und deshalb glaubte er die 
Stellung behalten zu müssen, um „für den Bruder durch seine Arbeit 
zu bezahlen". Der Bruder selbst aber hat ihn immer dazu bewogen, 
eine andere Stellung zu suchen. Auch die kleine Summe, die er der 
Mutter für seine Pension bezahlt hat, hielt er für „eine materielle Hilfe** 

1) Pat. hat vor 6 Jahren eine akute halluzinatorische Psychose durchgemacht, 
hatte damals viel Verfolgungsideen und weist auch jetzt einen deutlichen paranoi- 
schen Zug auf. 9 



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132 Dr. M. Wulff. 

für den Vater, die er anstatt seines Bruders geben musste, denn feiner 
Meinung nach war es eben der ältere Bruder und nicht er, der jüngere, 
der dem Vater helfen müsste. Auf diese Weise hat er seinen Bruder zu 
seinem Schuldner gemacht und betrachtet sich als den Beleidigten, das 
Opfer. Die psychologische Motivienmg dieser wahrheitswidrigen, beinahe 
wahnhaften Gedanken ist leicht verständlich. Der Bruder hat bei ihm 
wirklich etwas sehr Teueres weggenommen — seine erste kindliche, einzige, 
langjährige Lielje, das Nachbarmädchen. Es ist bei ihm eine Verschiebung 
der infantilen erotischen Gefühle auf die materiellen Komplexe zustande 
gekommen. Diese Verschiebung habe ich bei den Neurotikern sehr oft 
mehr oder weniger ausgesprochen gefunden: beim Kampfe um das Geld 
spielen sich dieselben Gefühle und Affekte ab w4e in der frühesten Kind- 
heit um das erste Liebesobjekt. 

Der Kranke wird von dem Gedanken geplagt, er könne nicht im 
Bureau mit seiner Arbeit fertig werden, er tauge nichts, kenne und ver- 
stehe nichts, sei geistig wenig entwickelt, werde deswegen von allen 
verhöhnt und verlacht. Von Tag zu Tag erwartet er eine Schmähimg, er 
werde von seiner Stellung im Bureau mit einem Skandal entlassen werden, 
meint, er solle lieber seine Stellung freiwillig aufgeben etc. Flines seiner 
wichtigsten Krankheitsmotive ist der Wunsch, aus dem Bureau entlassen 
zu \verden („xmd mir hat man gesagt, ich sei entlassen" im Traum), von 
seinem Bruder ausgehalten zu sein und auf diese Weise den Bruder 
zu zwingen, „seine Schuld'* zu bezahlen. Dann will er seine Bildung 
auf der Hochschule fortsetzen, um dem Bruder auch in dieser Beziehung 
gleich zu sein. 

Der Fall gestattet zugleich einen Einblick in die Psychologie der 
paranoiden Ideen des Kranken. Der „Nathansohn** wird in ganz para- 
noider Art verdächtigt, Pat. wegen seiner sexuellen Unfähigkeit aus- 
gelacht und beim Chef geschädigt zu haben. Die Analyse entdeckt, dass 
der Nathansohn mit dem eigenen Bruder identifiziert wird. Ähnliche 
paranoide G<3danken und „Beziehungsideen** hat Pat. massenhaft, es sind 
aber nur Männer, die ihn wegen seiner sexuellen Unfähigkeit, seinem 
Zurückbleiben im Lelx^nskampf, Ungeschicklichkeit, seiner Minderwertig- 
keit in jeder Beziehung auslachen, verhöhnen oder in irgeiul einer 
Weise verfolgen oder schädigen wollen. Die Analyse entdeckt 
aber hinter allen Feinden und Vei* folgern des Patienten 
immer den Bruder oder den Vater. ,,Ich habe Angst vor den 
Männern 'und hasse sie,'* sagte Pat., ,,mid mit den Frauen habe ich 
immer 'Mitleid imd beilauere sie, obgleich ich mich vor ihnen sehr 
schäme.** Diese p a s s i v - m a s o c h i s t i s c h e h o m o s <^ x u e 1 1 cj 
Angst Wird vo m B e w u s s t s <m n nach aussen auf den Man n 
projiziert und ajs Verfolgung aufgefasst. Diese Gefühle 
waren beim Patienten seit der frühesten Kindheit sehr stark entwickelt. 
Er War von seiner Mutter sehr verzärtelt, hing an ihr mit einer leiden- 
schaftlichen Liebe, hat bis zum 7.-8. Lebensjahre bei ihr im Bett ge- 
schlafen, litt an Pavor nocturnus bis zum 10. Jahre und zeigte überhauj)t 
das typische Bild einer verankerten Libido. Vor dem Vater hatte er 
immer nur Angst, stand ihm kalt, fremd, feindselig gegenüber. Eine 
seiner frühesten Kindheitserinnerungen ist die folgende: „Ich war damals 
noch ganz klein, vielleicht 5 — 6 Jahre alt. Eines Abends war ich sehr leb- 
haft und unruhig und durch mein lautes Spielen wurde der Vater gestört. 



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über die determinierende Kraft des Namens. 133 

Er schrie mich böse an. Ich erschrak, und im Augenblick habe ich 
einen schwarzen Engel an (k»r Tür erl)lickt mit einem grossen Messer in 
der Hand. „Es ist der TodesenKor* ~ ging es n)ir durch den Kopf — 
und zitternd vor Angst und Srhreckcn und sclduchzend fiel ich auf die 
Knie vor den Vater um Verzeihung bittend. Der Vater konnte mich kaum 
beruhigen.*' Diese E])isode erinnert Pat. an die biblische Gescliichte von 
Isaak*s Opferung, die er damals wohl schon kannte. Er identifizierte 
sich mit <lem Isaak, den sein Vater schlachten wollte. Er glaubte auch 
immer, dass er für den älteren Uruder, den Liebling des Vaters, vom 
Vater geopfert sein sollte. Solche ,,l{ationalisienmgsversuche*' seiner 
Angst imd seines Hass<»s gegen den Vater beschäftigten den Patienten 
seit der Kindheit. Die |)ositiv-homosexuc»llen (Jefühle dagegen verfielen 
schon in der frühesten Kindheit ein(»r tiefen Verdrängung. Aber gerade 
die letzten Gefühle haben den h(")chsten sozialen Wert, sie werden durch 
Sublimierung zur Quelle all(»r Menschenliebe, sie geben den positiven 
lm|)uls zur kulturellen Anpassung. Ohne sie wird der Mensch asozial. 
Daher ist l)eim Patienten das starke Alisstrauen, die ewige Verdächtigung 
und ängstliche Erwartung jedem neuen Menschen gegenüber. Die eigene 
Feindseligkeit versucht er durch Projektion auf die Aussenwelt seinem 
Hewusstsein fern zu halten, sie drängt sich aber in der Form des Ver- 
folgungswahnes wieder ins Dewusstsein vor. 

Beim Schreiben dieses Aufsatzes war mir die letzte Arbeit Freud 's 
über Paranoia im III. Jahrbuch für psychoanalytische Forschung noch 
nicht bekannt und ich wusste nicht, dass der psychische Mechanismus 
dieses nicht ganz typischen Falles für die Paranoia überhaupt charak- 
teristisch ist. Um so mehr freut es mieh, durch diese Beobachtung Vieles 
von dem von Freud über die Paranoia (iesagten bestätigen zu köjuien. 



m. 

Über die determinierende Kraft des Namens. 

Von Dr. Karl Abraham (Berlin). 

In seinem Aufsatz „Die Verpflichtung des Namens*' i) hat 
St ekel auf verborgene Beziehungen zwischen Namen und Beruf, sowie 
zwischen Namen und Neurose hingewiesen. Wie der Autor durch eine 
Fülle von Beispielen erweist, wirkt der Name auf seinen Träger in vielen 
Fällen verpflichtend oder er ruft gewisse psychische Reaktionen (Trotz, 
Stolz, Scham) hervor. Die von St ekel angeschnittene Frage verdicMit 
sicherlich Beachtung; ich möchte im Nachstehenden zu ihrer Klärung 
einen Beitrag liefern. 

Aus Erfahrungen l>ei meinen neurotischen Patienten kann ich 
Stekel's Beobachtung bestätigen. Ich erwähne beispielsAveise, dass ich 
bei zwei Zwangsneurotikern eine Übereinstimmung zwischen der Bedeu- 
tung ihres Namens und dem Inhalt ihrer Zwangsideen gefunden habe, 
und dass ich einen Homosexuellen behandelte, dessen Name vollkonuneii 
seinem femininen Wesen entsprach. Ich füge hinzu, dass in einzelnen 
Familien sich ein bestinnnter, im Namen ausgedrückter Charakterzug fort- 

») Zeitschrift für Psychotherapie und rnedizinisclie Psychologie. Bd. III, 
Heft 2. 1911. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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34 Dr. Karl Abraham. 

erbt; so kenne ich eine durch besonderen Stolz ausgezeichnete Familie, 
deren Name ihrem Wesen vollkommen angepasst ist. In derartigen Fällen 
hat wohl ein Vorfahre den Namen wegen einer solchen auffälligen Eigen- 
schaft erhalten oder angenommen. Der Charakterzug würde sich auch 
ohne Mitwirkung drs Namens vererben; der letztere wirkt jedoch insofern 
verpflichtend, als er den Nachkommen den Aidass gibt, ihre Eigentümlich- 
keit besonders zur Schau zu tragen. 

Ein klassisches Heispiel für die Ix'stinunende Wirkung des Namens 
findet sich in (loethe's „Wahlverwandtschaften*' (1. Teil, 2. Kapitel): 

„ Mittler erzählte von seinen heutigen Taten und Vorhaben. 

Dieser seltsame Mann war früherhin (leistlicher gewesen und hatte sich 
bei einer rastlosen Tätigkeit in seinem Amte dadurch ausgezeichn«'t, dass 
er alle Streitigkeiten, sowohl die häuslichen als die nachbarlichen, erst 
der einzelnen Bewohner, sodann ganzrr (lemeinden und mehrerer (iuls- 
besitzer zu stillen und zu schlichten wusst(\ Solange er im Dienste war, 
hatte sich kein Ehepaar scheiden lassen, und die Landeskollegien wurden 
mit keinen Händeln und Prozessen von dorther behelligt. Wie nötig ihm 
die Rechtskunde sei, ward er zeitig gewahr. Er warf sein ganzes Studium 
darauf und fühlte sich bald den geschicktesti'U Advokaten gewachsen. Sein 
Wirkungskreis dehnte sich wunderbar aus, und man war im Begriff, 
ihn nach der Residenz zu ziehen, um das von oben herein zu vollend.^n, 
was er von unten herauf begonnen hatte, als er einen ansehnlichen 
Lotteriegewinnst tat, sich ein massiges (lut kaufle, es verpachtete und 
zum Mittelpunkt seiner Wirksamkeit machte, mit dem festen Vorsatz, 
oder vielmehr nach alter (lewohnheit und Neigung, in keinem Hause zu 
verweilen, wo nichts zu schlichten und nichts zu htdfen wäre. Diejenigen, 
die auf Namensbedeutung(Mi abergläubisch sind, behaupten, der Name 
Mittler habe ihn genötigt, diese s e 1 1 s a m s t e aller Be- 
stimmungen zu ergreifen/* 

Eine sicherlich häufige Erscheinung ist es, dass ein Knabe, der 
den gleichen Vornamen trägt wie ein berühmt(*r Mann, diesem nacheifert 
oder ihm sonstwie ein besonderes Interesse entgegenbringt. Der Vorname 
Alexander wird beispielsweise seinem Träger Anlass bieten, sich speziell 
für Alexander den Grossen zu interessieren resj). sich in seiner Phantasie 
mit diesem zu identifizieren. Bemerkenswert ist das Beispiel desHistorikei*s 
Ottokar Lorenz, der eine Geschichte des Königs Ottokar von Böhmen 
verfasste. , | %^ % 

Auch darin kann ich St ekel beipflichten, dass sich in der Liebes- 
wahl oft ein determinierender Einfluss des Namens kundgibt; doch muss 
ich e.s mir vei*sagen, die mir bekannten Beispiele hier mitzuteilen. 

Von Interesse ist auch der Hinweis auf die Gewohnheit mancher 
Menschen, ihren Namen in s[)ielerischer Weise umzugestalten. Stekel 
erwähnt hier Stendhal. Die deutsche Literatur weist einen besonders 
merkwürdigen Fall dieser Art auf: Johann Fischart, der mit seinem 
Namen die seltsamsten Verwandlungen vornahm und ihn zur Herstellung 
wunderlicher assoziativer Beziehungen benutzte. 

Einen Einwand hätte ich nur gegen den von Stekel gewählten 
Terminus zu erheben; die Bezeichnung „Verpflichtung des Namens** er- 
scheint mir nicht genügend klar und auch formell nicht einwandsfrei. 
Ich möchte diejenige empfehlen, welche ich in der 1 berschrift dieser 
Mitteilung gebraucht habe. 



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OrfgfrTaffrom 
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Ein klares Beispiel sekuadärer Bearbeitung. IST) 

IV. 
Ein klares Beispiel sekundärer Bearbeitung. 

Von Prof. Ernest Jones, überdetzt von J. Th. v. K. 

Eine 25 Jahre alte Patientin erzählte mir in den ersten Stadien der 
Behandlung einen Traum, den sie mit 9 Jahren gehabt hatte. In diesem 
sah sie. wie ihr Vater einem Hunde die Kehle durchschnitt und das 
Tier aufhängte, wie er dies mit Schweinen zu tun pflegte. Das Blut 
war ötatt rot weiss, ein UmsUmd, welcher der Träumerin besonders ent- 
setzlich ßchien. 

Der Traum stellte natürlich die Phanüisievorstellung eines sadisti- 
schen Angriffes von seit(»n des Vaters dar und ich brauche die Einzel- 
heiten 4lcr Analyse» .nicht zu erzählen. Als ich jedoch herauszufinden 
trachtete, warum sie sich gerade mit einem Hund identifizi(»rt hatR», kam 
ich auf unüberwindliche Schwierigkeiten. Sie sagte, der Hund des Traumes 
sei ein männlicher Jiund, Jack genannt, gewesen, den sie Ix^sessen hatliMi, 
als sie ein junges Mädchen war. Ich verfolgte die Analyse nicht woit-zr, 
da die Ik^handlung erst begann, sondern nahm neues Material auf. 

Etwa zwei Monate später erklärte mir die Patientin, dass sie seit 
einiger Zeit die Absicht gehabt hätte, mir ein (ieständnis zu machen. 
Als ich sie um den Hund bcfrug, hatte ein ihr unbekannter Einfluss be- 
wirkt, dass sie ;nich belog. Sie erinnerte sich genau, sowohl vorher als 
auch während der Erzählung, dass das Tier im Traume eine Hündin 
gewesen sei, die Flora gerufen wurde, doch hätte ein unbestimmtes 
Etwas, sie dazu getrieben, dies während der Darstelhmg zu verändern. 
Es stellte sich dann heraus, dass Flora auch der Name war, den die 
Familie einem Dienstmädchen gegeben hatte, da deren eigentlicher Name 
mit dem der Patientin übereinstinnnte. 

Zur Zeit als diese Bedaktion des Traumes vorgenonunen wurde, 
hatte die Patientin keine Kenntnis von dem verborgenen Inhalte. Ihr 
^nterbewusstsein jedoch hatte IG Jahre später, als sie um den Traum 
befragt wurde, einen schwachen Punkt in der sichtbaren Oberschichte 
erkannt und hatte rasch eine bewnisste Entstellung verursacht, deren 
Urund die Patientin nicht anzugeben vermochte. Es ist wahrscheinlich, 
dass manche ,, zwecklose*' Lügen ähnlicher Natur sind, wie Riklin 
dies in Heft 5/6 des Z.B. schön illustriert hat (S. 193). 



Vom Philosophen Philipp Mainländer. 

Von Dr. Otto Juliusburger (Steglitz). 

Im Oktoberheft der Süddeutschen Monatshefte lenkt in dankens- 
werter Weisen Walter B a u s c h e n b e r g e r erneut das Interesse auf 
den Philosophen Philipp i\I a i n 1 ä n d e r , welcher als Philipp B a t z 
am 5. X. 1841 zu üffenbach a. M. g(»boren wurde und am 31. März 187G, 
nachdem er den ersten Band seines Lebenswerkes ,,Die Philosophie der 
Erlösung" in Händen hatte, freiwillig seinem Leben ein Ende machte. 
Die von B a u s c h e n b e r g e r mitgeteilten Aufzeichnungen und Briefe 



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136 Dr. Otto Juliusburger. 

des Philosophon werfen ein höchst bedeutsames Licht auf sein Ver- 
hältnis zu deiner Schwester Minna, welche ihm b(*sonders nahe stand, 
bis es zur Abkehr kam. Vor Jahren hatte bereits S o m m e r 1 a d in der 
Zeitschrift für Philosophii» und philosophische Kritik wichtige Mitttniungen 
aus dem Leben Philipp Main länders gemacht, aus denen die für 
das Leben und Schaf e i Main länders hervorragende und bestimmend'' 
Bedeutung der Mutter des Philosopher) klar zutage» tritt. Da find:H sich in 
den Aufzeichnungen Mainl ander 's folgende wichtige Stelle: „(Übt es 
Unterschiede im jtlefühl der Liebe, im Enthusiasnuis des Herzens? Clanz 
bestimmt nicht, l'nterschiede gibt es nur in d(»n Motiven. Auf alle 
Motive, welche grosse» Liebe erzeugen, antwortet das Herz immer mit 
dem gleichen Erguss und nur vom Stande der Motive aus kann man 
von Kindesliebe, (ieschlechtsliebe, Elternliehc, Vaterlandsliebe, christlicher 
Liebe sprechen. Und so weiss ich, dviss alles, wiis ich dem weiblichcMi 
(teschlecht gegenüber empfunden habe, seinen Untergang und seine ver- 
klärte Auferstehung im <iefühle fand, das mich mit meiner Mutter ver- 
einigte. Die Erinnerung an sie ist meine Ehe, eine unaufir)sliche Ehe. 
Sie war meine Mutter, mein Weib, mein Kind in d(*r idealsten Bedeutung 
der Worte, und ob ich auch von aussen betrachtet als ein ( insamer 
Junggeselle erscheinen mag, so habe ich doch Weib und Kind, und welch 
ein Weib, welch ein Kind!" 

Wichtig für «Jas Leben und Schaffen M a i n 1 ä n d e r 's ist in diesem 
Zusammenhange auch folgendes (leschehnis. Am 26. IX. 1H74 ging Main- 
1 an der an das (Irab Keiner Mutter. Hier brach er von einem Haume 
einen Zweig lab und gelobte, die Hand auf den Hügel legend: Virginität 
bis zum Tode. Nach MainländcM* tritt die Menschheit durch den 
idealen Staat des tSozialisnms mit Hilfe der Virginität in das Nichtsein. 
Ich gedenke, die Bedeutung der Psychose.xualität M a i n 1 ä n d e r 's für 
sein Lebenswerk „Die Philosophie der Erlösung" zum (iegenstand einer 
eingehenderen Erörterung zu machen. Inunerhin schien mir die Mit- 
teilung der obigen Stelle schon jetzt wichtig genug zu sein. Noch auf 
einen wichtigen Vorgang im Leben M a i n 1 ä n d e r 's will ich kurz hin- 
weisen. Im Frühjahr 1874 gab er seine Berufstätigk<'it auf und beschloss, 
Soldat zu werdi n. Wie R a u s c h e n b e r g e r bemerkt, betrachtete M a i n - 
1 an der die Erfüllung der Militärpflicht als eine Pflicht gegen den Süiat. 
Wir werden aber einem anderen Motive wohl eine stärkere Kraft zu- 
schreiben müssen, wenn wir folgende Aufzeichnung M a Inländer \s 
uns vergegenwärtigen. M a i n 1 ä n d e r schreibt : „Ich habe ein ausser- 
ordentliches Verlangen, einmal unbedingt einem anderen in allem unter- 
worfen zu sein, die niedrigste Arbeit tun, blind gehorchen zu müssen. — 
Dieser Wunsch ist in meinem Leben immer wieder aufgetaucht imd ich 
bin doch im Grunde genommen das freiheilsbedürftigste Wesen. Ich 
glaube, dass damals (Mainländer wollte schon einmal im 14. Lebens- 
jahr Soldat Werden) das Verlangen mit dem erwachenden (ieschlechts- 
triebe in Verbindung stand, ob ich mir gleich keine Rechenschaft von 
diesem Zusannnenhange geben kann. Die Freude des Knaben am (ilanze 
der Uniform war so wenig das Motiv meines Wunsches als die Vorstellung 
von der Aufgabe eines Heeres in Friedens- und Kriegszeiten." 



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Das psychosezTielle Element in der Familie. 137 



yi. 

Das psychosexuelle Element in der Familie. 

Von Dr. A. Maeder (Zürich). 
Der Standpunkt des französischen Akademikers E. Faguet. 

Die Auffassung der Psychoanalytiker über die Bedeutung des Psycho- 
sexuellen in der Familie wird von den zahlreichen Cregnem der neuen 
Schule mit Entrüstung zurückgewiesen. Es wird unsere Leser gewiss 
sehr interessieren, folgende Zeilen aus dem kleinen Buch des berühmten 
Schriftstellers E. Faguet (le prince de la critique en France) „Do la 
Familie" zu lesen: 

Yerteilung der Einflttsse der Eltern in der Familie. 

„Es kommt ein Alter in dem Leben der Kinder, in dem eine Trennung 
auf natürliche Weise entsteht und entstehen muss; der Sohn gehört 
künftighin viel mehr dem Vater, die Tochter der Mutter. Das kommt bei 
der Tochter mit 13, bei dem Sohn mit 15 Jahren. Diese Verteilung 
würde schmerzlich sein, wenn sie nicht allmählich stattfinden würde. 
Sie geschieht nicht schmerzlos, sie muss aber geschehen. Der erste 
Grund ist, dass der Vater von diesem Moment seine Tochter in nichts 
mehr zu belehren hat, noch die Mutter ihren Sohn. Der folgende ist, dass 
die Gefühle des Vaters für die Tochter, der Mutter für den Sohn nicht 
genau den Gefühlen entsprechen, welche ein Erzieher oder eine Er- 
zieherin nötig hat. Betrachten sie es gut: der Vater liebt seinen Sohn, 
er ist in seine Tochter verliebt, die Mutter liebt ihre Tochter; sie 
ist in ihren Sohn verliebt. Ich möchte sagen, dass der Vater eine 
zärtliche Bewunderung für seine Tochter empfindet, die Mutter ein Ge- 
fühl ängstlicher Bew^underung für ihren Sohn. Die Mutter findet ihren 
Sohn immer schön, gross, intelligent, geistreich; sie befürchtet und wünscht 
zu gleicher Zeit, dass alle Frauen in ihn verliebt seien; und wenn dies 
keine Liebe ist, so ist es ein Gefühl, das damit sehr verwandt ist. Der Vater 
findet seine Tochter immer hübsch und einige leichte Fehler, Koketterie, 
Putzsucht, etwas Träumerei oder „Gaminerien" (Schelmereien) bei ihr 
missfallen ihm nicht. Der Schrecken der Schwiegermütter für die 
Schwiegertöchter, einiges Vorurteil der Schwiegerväter für die Schwieger- 
söhne kommen bestimmt daher. In der Zeit, wo der mütterliche Einfluss 
für den jungen Mann sehr gut wäre, wo der Einfluss des Vaters dem 
jungen Mädchen sehr nützlich wäre, ist die erzieherische Rolle des Vaters 
auf die Tochter, der Mutter auf den Sohn beinahe unmöglich geworden. 
Das ist die Zeit, da Zwieträchten wegen der Kinder zwischen Vater und 
Mutter ausbrechen: „Du verzeihst alles deinem Sohn und du verbirgst 
mir seine Streiche, ja, du begünstigst sie!" — „Du verzeihst alles deiner 
Tochter, und die Fehler, welche ich an ihr bekämpfe, werden von dir 
gepflegt. Es fehlt nicht viel, dass du sie dafür lobst. Sie ist darauf 
eingebildet und möchte sich nicht ändern.** 

Der Vater müsste auf die Mutter in bezug auf die Erziehung des 
Sohnes einwirken, resp. die Mutter auf den Vater in bezug auf die Tochter. 
Die Mutter muss sich vom Vater in der weiteren Erziehung des Sohnes 



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138 Referate und Kritiken. 

helfen lassen ; der Vater sollte in der Mutter eine Stütze für die Erziehung 
der Tochter finden 

Diese relative Unfähigkeit der Mutter, ihren gross gewordenen Sohn 
zu führen, des Vaters, seine Tochter zu erziehen, macht das Unglück 
der Witwer und Witwen. Der Witwer mit einer jungen Tochter hat oft 
ein emanzipiertes und frivoles junges Mädchen, die Witwe mit grossem 
Sohn hat oft einen Sohn, dessen Führung sie zur Verzweiflung bringt. 
Der Vater ist ein wenig blind, die Mutter kann sich nicht verhindern, 
die Augen zu schlit^ssen. Manchmal ist das Unglück ein Lehrer! Man hat 
Väter gesehen, welche, nachdem die Mutter ihrer Kinder gestorben war, 
Mütter wurden und Sohne und Töchter gleich gut erzogen; Mütter, welche 
nach Verlust des Vaters ihrer Kinder männliche Eigenschaften erwarben 
und selbst ihre Söhne gut erzogen. Es kommt aber selten vor. Der 
Witwer mit junger Tochter, die Witwe mit grossem Sohn sind in einer 
der schwersten Lagen, die es gibt ....** 

Die Ausführungen des berühmten Moralisten und Menschenkenners 
über das Thema der psychosexuellen Bindungen zwischen Eltern und 
Kindern lassen nichts zu wünschen übrig. Die einfache, „unverdorbene*' 
Deobachtung liefert dieselben Rt^sultate wie die verpönte psychoanalytische 
Erforschung. 



Referate und Kritiken. 



Dr. N. Vaschide, Directeur adj. du laboratoire de Psycho- 
logie pathologique ä l'ecole des hautes etudes: Le 
sommeil et les reves. Paris, Ernest Flammarion ed. Bibliotheque 
de Philosophie scientifique. 1911. 

In dem vorliegenden Buch fasst der Autor eine Reihe von Auf- 
sätzen über den Schlaf und Traum zusammen, die er seit dem 
Jahre 1898 in verschiedenen Fachzeitschriften veröffentlicht hatte. Die 
Arbeit V a s c h i d e 's gliedert sich in drei Teile, deren erster den Schlaf 
behandelt (er bespricht eingangs die zirkulatorische, neurodynamische, 
biochemische, toxische und biologische Theorie und geht dann zu der 
Psychophysiologie des Schlafes über, um mit einem Kapitel über die 
Rolle der Aufmerksamkeit im Schlaf das l. Buch zu beendigen), der zweite 
Teil beschränkt sich darauf, nach Erwähnung der verschiedenen experi- 
mentellen Methoden, die bei der Traumforschung angewendet werden, 
ein Referat der Traumtheorien Maury's, des Marquis d'Hervey de 
Saint-Denis, Freud 's und M o u r 1 y V o 1 d 's zu geben, das IIL Buch 
endlich hat die Beziehungen zwischen Gedächtnis und Traum zum Inhalt, 
ferner die persönliche Methode und persönlichen Untersuchungen des 
Autors. 

Was einem auf diesen 300 Seiten geboten wird, ist instruktiv wegen 
der geschickten Zusammenstellung und sachlichen Kritik der referierten 
Hypothesen, bedeutet aber nicht allzuviel in bezug auf das positive Er- 
gebnis. Es ist nachgerade zum Charakteristikum der meisten experi- 



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Referate und Kritiken. 139 

mentellen Forschungen (von denen Vaschido selbst gelegentlich sagt: 
„Quc l'experimentateur ne neglige janiais de surprendre les experiences, 
les resultats sont plus interess<ints que lorsqu'on les provoque") geworden, 
dass die Resultate in einem — man möchte sagen — komischen Miss- 
verhältnis zu der aufgewendeten Mühe und Zeit stehen. 

Dass man beispielsweise, falls man sich fest vornimmt, zu einer 
bestimmten Stunde zu erwachen, in der Mehrzahl der Fälle vor der 
Zeit wach wird, ferner: dass ein solcher Schlaf gegenüber dem normalen 
unruhiger und von einer Akzeleration des Herzschlages begleitet ist, scheint 
wahrlich kein auffallendes Ergebnis langwieriger Beobachtungen zu sein. 
Auch die Tatsache, dass der Schlaf während des Tages weniger tief ist 
und seine Träume logischer sind, hat nichts sehr Erstaunliches an sich. 
Pbrigens gelangt Vaschide zu der ziemlich gefestigten Behauptung, 
dass eine enge Beziehung zwischen der Struktur der Träume und der 
Tiefenqualität des Schlafes besteht. Diese Ansicht wäre mit einer in der 
„Traumdeutung'* erwähnten Beobachtung Pilcz' (die von Freud ab- 
gelehnt wird) zusammenzubiingen. Durchaus dankenswert ist die ausführ- 
liche Besprechung, die im II. Buch den Arbeiten des oft zitierten, seltener 
geh'senen Traumküristleis Maury über hypnagogische Halluzinationen 
und mit ihnen in intimsten Konnex gebrachte Träume gewidmet ist. Eine 
Fülle feinsinniger Bemerkungen dieses Autors werden uns hier mitgeteilt, 
darunter auch die, dass die Geruchshalluzinationen vor allem bei Per- 
sonen vorkommen, die sich in den Anfangsstadien einer Psychose befinden. 
(Ref. möchte bei dieser Gelegenheit auf ein ähnliches Apergu bei Freud 
aufmerksam machen, der uns in den „Bemerkungen zu einem Fall von 
Zwangsneurose'* sagt, dass der Geruchsinn des Neurotikers übermässig 
entwickelt ist.) 

Bei dem folgenden Autor, dem Marquis d*Hervey de Saint- 
Denis, findet sich im Gegensatze zu Maury, der in dem Traum nur 
ein Produkt des „automatisme psychologique*' (Baillarger) erblicken 
will, die allerhöchste Wertschätzung des Traums als eines Reweises der 
auch im Schlafe nicht ruhenden psychischen Tätigkeit. Abgesehen von 
seiner sonderbaren Methode der willkürlichen Traumerzeugung, die seinem 
Werke den Titel gegeben hat und von der nicht viel zu halten ist, teilt 
er viele, wirklich scharfsinnige Beobachtungen mit, deren Wert bloss 
durch die sicherlich vorhandene Autosuggestion beeinträchtigt wird; er 
vertritt die den Psychoanalytikern geläufige Ansicht, dass auch die 
bizarrsten Träume eine logische Erklärung zulassen, falls man sie zu 
analysieren versteht, ferner die Meinung, dass es keinen Schlaf ohne 
Träume gibt, und ist geneigt zu glauben, dass man speziell die Neigungen 
der Frauen besser durch ihre Träume kennen lernt als durch ihre Art, 
im Wachzustande zu handeln. 

Vaschide schliesst die eingehende Berichterstattung über H e r v e y 
de Saint-Denis' Werk : Les reves et le moyen de les diriger, mit den 
Worten: „La Psychotherapie sera la premiöre ä tirer le plus grand profit 
de ces analyses et de ces conclusions aussi imperieuses que logiques et 
scientifiquement conduites.'* 

Diesen Satz hätte Ref. lieber an einer anderen Stelle des Buches 
gelesen, nämlich dort, wo sich der Autor mit der Traumdeutung F r e u d *s 
befasst. Von ihm sagt Vaschide: „Les travaux de Freud sur le reve 



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140 Referate und Kritikea. 

reprösentent, avec ceux de Maury , rensemble le plus complet et le mieux 
systematisc sur la psychologie du reve. Du livrc classique et trop peu 
connu en France du delicat psychologue Viennois, nous ne i>ouvons donner 
une analyse suivie; nous nous expose^iol^s k des redites et nous chargerions 
inutilernent le texte du present travail . . .'* 

Folgt nun eine leicht verständliche und freilich mit völliger Ausser- 
achtlassung des sexuellen Faktors sich auf die Anführung einiger Haupt- 
züge beschränkende Wiedergabe der Freud 'sehen Gedanken, die in der 
Übersetzung nicht innuer den richtigen Ausdruck findet und etwas ober- 
flächlich wirkt. Zur Unterstüt/,ung der Freud 'sehen Theorie wird ein 
Traum des Philosophen E r n e s t Renan aus dem Jahre 1860 lieran- 
gezogen, dessen von V a s c h i d e unternonmiene Deutung wohl durchaus 
nicht in die Tiefe dringt. Nachdem der Autor den Wert der Freud 'sehen 
Wunschformel für die Analyse der Träume bereitwilligst zugestanden hat, 
kommt er am Ende dennoch wieder niit dem für die halben Anhänger 
Freud 's typischen Einwand, dass die Behauptung, jeder Traum sei die 
verkleidete Erfüllung eines verdrängten Wunsches, zu kategorisch sei, 
sie sei nur bisweilen wahr. Von einem Gegenbeweise ist aber auch hier 
keine Spur vorhanden. Ein eigenes Kapitel ist dann den Untersuchungen 
des norwegischen Psychologen Mourly Vold zugedacht, die durch ihr 
Thema, die Halluzinationen, die Mourly Vold experimentell zu er- 
zeugen unternimmt, eine Fortsetzung der Arbeiten Maury 's darstellen. 
Die wichtigsten Ergebnisse, zu denen er gelangt, sind beiläufig folgende: 
1. In den halluzinatorischen Zuständen existiert eine Äquivalenz der ver- 
schiedenen Sinnesgebiete. Mit anderen Worten: Die Gesichtshalluzinationen 
der Träume und des Wachzustandes können die Resultante ganz anders- 
artiger sensorieller Erregungen sein, speziell auf der Grundlage von kutan- 
motorischen Zuständen entstehen. Diese Zustände spielen nach Mourly 
Vold eine beträchtliche Rolle bei der Erzeugung der erwähnten Hallu- 
zinationen. 2. Die Gesichtshalluzinationen sind nicht nur das Resultat 
kutanmotorischer Erregungen und der Erinnerungen an erlebte Ereignisse, 
sondern sie beanspruchen auch die Mitwirkung des Sehapparates, der 
Retina und der Augenmuskeln. Der Prozess im Sehapparat ist von sekun- 
därer Bedeutung. 3. Es herrscht ein offenbarer intimer Zusammenhang 
zwischen den Gesichtshalluzinationen des Traumes und Wachzustandes 
und den Gesichts- und andersartigen Halluzinationen der psychopathischen 
Störungen. 

Für den Psychoanalytiker von Interesse ist die auch von Mourly 
Vold konstatierte Tatsache, dass in den Halluzinationen und Träumen 
häufig Bilder aus der Kindheit auftauchen, desgleichen die folgende Be- 
obachtung, die in Gänze anzuführen Ref. gestattet sei. Es gibt Hallu- 
zinationen, in denen man Objekte in passiver Bewegung erblickt. Unter 
diesen Bewegungen, als deren Ursache der norwegische Psychologe einen 
allgemeinen Erregungszustand, ohne Beschränkung auf das motorische 
System, annimmt, sind am interessantesten die Erscheinungen von schweljen- 
den, in der Luft hängenden Wesen. Die persönlichen Untersuchungen 
Mourly V o 1 d 's schreiben den Grund einer (leichteren) sexuellen Er- 
regung zu (vergl. den psychoanalytisch interpretierten Flugtraum). Als 
unmittelbare Konsequenz dieses Zustandes ergibt sich eine eigentümliche 
Muskelempfindung, Empfindung von Kraft und Stolz, man sieht sich 
selber oder auch andere Personen, Tiere oder Gegenstände in der Luft 



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Referate und Kritiken. 141 

planen. Solche Träume finden sich vornehmlich bei jmigen Menschen im 
Zeitalter der Pubertät und bei Rekonvaleszenten, Mourly Vold ist 
auch geneigt zu glauben, dass die Zauberer und Hexen nicht nur. 
hysterische Personen, sondern auch sehr sexuelle Naturen waren, woraus 
sich die Erklärung dieser Flugvisionen ableiten Hesse. Hierher gehören 
ebenfalls die Gesichte der Heiligen im Zustand der Ekstase sowie die 
Phänomene des Spiritismus. 

Den letzten Teil des Werkes Vaschide's bilden Erörterungen der 
Ansichten verschiedener Autoren (Hervey de Saint Denis, Maury, 
Simon, Tissie, Le Lorrain, Egger, Pi6ron, Goblot, 
Tann er y, Du gas, Heaunis, Rousseau, Duprat) über das 
Gedächtnis für Träume, über die Erinnerung an Träume im Traum (vgl. 
die Diskussion zwischen Egger und Tannery), über die Hypermnesie 
und Paramnesie des Traumes, über die Geschwindigkeit der Gedanken 
im Traum (V a s c h i d e bestreitet die Richtigkeit der Annahme einer 
ausserordentlichen Schnelligkeit), über den Einfluss der Träume auf da3 
wache Leben, über das mangelnde Unterscheidungs vermögen zwischen 
Schlaf und Wachen, über die Notwendigkeit der Einschaltung eines 
Zwischenzustandes zwischen Schlaf und Wachsein (Goblot) usw. 

Die positiven Resultate, die Vaschide auf Grund eigener experi- 
menteller Studien zum Schlüsse vorbringt, sind nicht sonderlich be- 
merkenswert. Die von ihm kritisierten Arbeiten über den Traum begehen 
nach seiner Meinung den groben Fehler, den Traum als in sich ge- 
schlossenes und isoliertes Phänomen zu betrachten. Man hat in den 
letzten Jahren höchstens die physiologischen und psychologischen Vor- 
bedingungen des Schlafes geprüft. Es genügt indes nicht, einen Traum 
zu prüfen oder zu notieren, das Wesentliche an dem Problem ist gerade 
seine Stellung. Und um zu wissen, ob und in welchem Ausraasse man 
sich der Träume erinnert, muss man das folgende Grundproblem präzi- 
sieren oder wenigstens erhellen: ob es einen traumlosen Schlaf gibt, 
in welchem Momente wir träumen, auf welche Weise wir träumen, und 
ebenso das andere Problem lösen, das auch zur Psychologie des Wach- 
zustandes gehört: nämlich den Mechanismus des Gedächtnisses erklären. 
Anstatt sich damit zu befassen, haben sich die Autoren begnügt, den 
Inhalt der Träume zu interpretieren. Das ist die übliche Methode. 

Vaschide will eine kurze Periode der Amnesie (mit einer 
Schwankungsbreite von ^/^q ^^^' ^^^ 2 oder 3 Minuten, die von indi- 
viduellen Faktoren und der Tiefe des Schlafes abhängig ist) unmittelbar 
nach dem Erwachen konstatiert haben und hebt des weiteren die be- 
sondere Weise der Traumassoziation und eine Art emotiver Affinität 
hervor, die zwischen dem Sinn des Traumes und den wenigen im Ge- 
dächtnis aufbewahrten Zügen desselben bestehen soll. Die Erinnerung 
an einen Traum im Traum anlangend, meint der Verfasser, es handle sich 
hier bloss um eine Autosuggestion. Ferner hält Vaschide dafür, dass 
unser G^nst stets durch die Erinnerung an die Halbträume, die unvoll- 
ständigen Träume des Erwachens und ausserordentlich selten durch die 
Träume des Schlafes beeinflusst sei. Diese trügen hingegen mächtig zur 
unbewussten Ausarbeitung iunserer Emotivität, unserer psychischen Quali- 
täten bei. Man könnte das Studium dieser Träume mit dem allgemeinen 
Studium des Unbewussten in enge Beziehung bringen. 

ZentTAlblatt fOr PtychoADalyse. II*. 10 



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OrfgfrTaffrom 
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142 Referate und Kritiken. 

Der Hauptcharakter jedes Traumes — im weitesten Sinne des 
Wortes — ist nach Vaschide die spezifisch intensive Gefühlshetonung, 
die auch oft eine dem Wachzustande ganz fremde Qualität der Geistig- 
keit (?) annehmen kann. 

Dies wird an Traumbeispielen (die» nebenbei bemerkt, durch das 
ganze Werk reich verstreut sind) erläutert (Ref.: Es handelt sich nach 
diesen offenbar um zärtliche Gefühle erotischen Ursprungs). Bei Be- 
trachtung dieser Träume i) gelangt Vaschide nun zu dem Schlüsse, 
dass die Emotion des Traumes unabhängig von seinem halluzinatorischen 
Substrat ist. Die Emotion ist nicht bedingt durch ungewöhnliche, bloss 
dem Traum eigene Visionen; sie beruht vollständig auf dem besonderen 
Gesichtswinkel, unter dem uns im Traum das Ganze unserer gewohnten 
geistigen Bilder erscheint. Das Element der Abstraktion (= Verdichtung?) 
aber bildet die zweite Hauptqualitiit jedes Traumbildes. 

Die Schlusssätze des Buches, unklar wirkend, münden in Meta- 
physik aus und wären vielleicht besser ungeschrieben geblieben. 

An der olx^n besprochenen Arbeit sowie einer anderen Publikation 
jüngstens Datums ülx^r den Traum, der „Welt der Träume" von Have- 
lock Ellis, ist der würdige und korrekte Ton mit Anerkennung her- 
vorzuheben, in dem Freud 's Forschungen besprochen werden. FrMlich 
handelt es sich hier um französische und englische Psychologen. Beide 
Werke haben den von ihnen wohl nicht beabsichtigten Erfolg, einen - 
die monumentale „Traumdeutung" Freud 's in noch höherem Grade 
schätzen zu lehren. Dr. Alfred F r h r. v. W i n t e r s t e i n. 

L, Loewenfeld, „über die Sexualität im Kindesalter." 
Sexual-Problemc, Juli- und August-Heft 1911. 

Obwohl Loewenfeld von Freud 's 3 Abhandlungen zur Sexual- 
theorie ausgeht, erhebt er doch eine Reihe von Einwendungen gegen diese. 
Das Ludein z. B. könne gelegentlich eine sexuelle Miterregung herbeiführen, 
müsse es aber nicht, die Säuglingsonanie bilde durchaus kein regelmässiges, 
ja nicht einmal ein häufiges Vorkommnis („es bleibt mir völlig unerklär- 
lich, wie Freud zu der erwähnten Anschauung kam", L.)^), auch die 
Häufigkeit einer Wiederkehr der Säuglingsonanie und des Auftretens pol- 
lutionsartiger Vorgänge in späteren Kinderjahren widerspreche seinen Er- 
fahrungen. Der Entblössimgs- und Schautrieb finde sich nur bei einem 
Teil der Kinder und müsse nicht in der Art wie der Exhibitionisnms 
gedeutet werden. Die Annahme liege näher, dass das Vergnügen des Kindes 
bei der Entblössung lediglich auf der Befreiung von der von ihm lästig 
empfundenen Umhüllung beruhe, der Schautrieb andererseits lasse sich 
ungezwungen als eine Teilerscheinung der kindlichen Wissbegierde oder 
Neugierde deuten, die sich auf alles erstrecke, wa.s seinen Blicken und 
Händen unzugänglich sei. Dass die Grausamkeit frühzeitig mit der 
Sexualität in Verbindung trete, sei auch nicht zutreffend, vielmehr ]>eruhe 
die kindliche Grausamkeit zumeist auf Unverstand und Mangel an Kenntnis, 



1) In dem Bericht einer Frau lesen wir da folgenden Satz: „Les rftves me 
donnent ce que je dösire avoir dans la vie räelle, ce que je n'ai pas et ce que je sens.* 

'^) Hier liegt ein arges Missverständnis vor. Freud meint keineswegs, dass 
jeder Säugling aktiv masturbiere, wohl aber bei der notwendigen Reinigung ad 

fenitalia et nates dort passiv masturbiert werde, auch bei der grössten Vorsicht der 
flegerin. 



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Referate und Kritiken« 143 

dass die zugefügten Unbilden Schmerzen verursachen. Nach seinen Er- 
fahrungen könne sich die erogene Eigenschaft der Afterzone auch erst im 
schulpflichtigen Alter kundgeben, nicht schon in der zartesten Kindheit, 
und müsse auch nicht die von Freud angegebenen Folgen liaben. Die 
von mir (dem Referenten) aufgestellte Behauptung, die Analerotik sei 
unter allen Sexualbetätigungen des Kindes die verbreitetste, vermöge er 
nicht zuzugel^n, vielmehr sei sie wenigstens bei unserer Bevölkerung ein 
seltenes Vorkommnis. Dass alle intensiven Affekte auf das sexuelle Ge- 
biet übergreifen, möchte er auch nicht ohne weiteres vertreten etc. etc. 
Loewenfeld war unter den ersten, die um die Mitto der neunziger 
Jahre gegen Freud publizierten, hat sich aber dann als loyaler Gegner 
durch Argumente und eigene Nachprüfung überzeugen lassen. Nun nimmt 
er neuerdings an vielem, wohl kaum mehr Zweifelhaftem Anstoss. Bei 
der Ehrlichkeit, die ihn auszeichnet, ist billig zu erwarten, dass er mit 
gesteigerter psychoanalytischer Erfahrung auch das als richtig anerkennen 
wird, was er heute noch bestreiten zu müssen glaubt. S a d g e r. 

P. Näcke, Ober tardive Homosexualität. Sexual-Probleme, 
VII. Jahrgang, 9. Heft. September 1911. 

„Wir verstehen unter tardiver Homosexualität — führt der 
Autor aus — das erst in den späteren Jahren auftretende 
oder erst dann klarer werdende homosexuelle Fühlen 
und Handeln, nach einer Periode reiner Heterosexuali- 
tät oder einer Bisexualität mit Vorwiegen der hetero- 
sexuellen Komponente. Damit sind alle homosexuellen 
Handlungen bei heterosexuellem Sexualgefühl im spä- 
teren Alter eo ipso ausgeschlossen, also vor allem die sog. 
Wüstlingshomosexualität oder die Fälle, wo gleichgeschlechtliche Hand- 
lungen faute de mieux geschehen, Fälle, die man fälschlicherweise als 
solche „erworbener Homosexualität'* bezeichnet, während sie nur der 
Pseudohomosexualität angehören.** 

Diese „tardive Homosexualität'* ist nach Näcke sehr selten und 
gehört zur Bisexualität; die meisten der spät auftretenden Fälle sind 
pseudohomosexuelle. Die Homosexualität sei angeboren und könne nicht 
durch Verführung, Onanie, WHlstlingsleben entstehen. Das beste Erken- 
nungszeichen echter Homosexualität sei das Traumleben. Auch die 
Freud 'sehe Psychoanalyse könne keine sicheren Anhaltspunkte ergeben. 

Demgegenüber wäre zu bemerken, dass die sogenannte tardive Form 
der Homosexualität gar nicht so selten ist. Es handelt sich in dem von 
Näcke publizierten Fall um einen Bisexuellen, der durch die Ent- 
täuschungen des Lebens zu den infantilen Triebregungen zurückgekehrt 
ist (Regression Freud 's). Der tardive Homosexuelle w^ar eben immer 
ein Homosexueller oder besser ausgedrückt ein Bisexueller, denn es gibt 
überhaupt keinen Monosoxualisnms, wie uns unsere Homosexuellen in 
der Psychoanalyse belehrt haben. Schon einige Mal hat Näcke die Frage 
aufgeworfen, ob wir Analytiker überhaupt echte Homosexualität gesehen 
haben und kennen. ,,lch möchte wissen, wie viel echte Homosexuelle 
Stekel, Sadger, Freud et tutti quanti gesehen haben I'* Ich möchte 
Näcke diesbezüglich beruhigen. Wir sehen alle viele Homosexuelle und 
ich habe deren in Massen gesehen. Mehr als mir manchmal lieb war. Aber 
es kommt nicht darauf an. Non multa sed multuml Ich empfehle Näcke 

10* 



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144 Referate and Kritiken. 

die Lektüre von F r e u d 's Arbeit „Psychoanalytische Bemerkungen über 
einen autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia" im Jahrbuch 
für Psychoanalyse (III. Bd. 1. Hälfte). Daraus möge er ersehen, dass 
wir uns mehr mit der Homosexualität beschäftigen als man es bisher 
getan hat. 

Die „tardive Form der Homosexualität** erinnert mich an den ,,Anü- 
fetischismus** von Hirsch fe Id. Hirschfeld beschreibt als Anti- 
fetischisten Neurotiker, deren Libido sich in Ekel verwandelt hat. Eine 
alltägliche Erscheinung. Seine Fälle sind alle Fetischisten, die es versucht 
haben, mit dem Fetischismus durch Verdrängung fertig zu werden. Ein 
missglücktcr Versuch ! Nur so ist der Fall zu erklären, den Hirschfeld 
beschreibt: Eine Dame, die einen masslosen Ekel vor Kellnern im 
schwarzen Frack aufweist — (man höre und staune!) — , heiratet schliess- 
lich so einen Kellner. Da war die Libido stärker als die Schutzwälle von 
Scham, Ekel und Abscheu. Auch die tardive Form zeigt uns Menschen, 
denen es eine Zeitlang gelungen ist, die homosexuelle Komponente zurück- 
zudrängen *und mit der heterosexuellen zu arbeiten. Was ist denn dies 
für eine besondere Erscheinung, dass sie einen eigenen Namen verdiente ? I 
Wahrlich wir sind an Namen reich genug gesegnet in Medizinibus! Mit 
solchen Spielarten der Homosexualität könnten wir „tutti quanti** dem 
Herrn Kollegen oft genug aufwarten, wenn es uns darum zu tun wäre. Wir 
interessieren uns für die Kräfte, die hinter den Kulissen des Bewusst- 
seins tätig sind. Unsere Traumanalysen begnügen sich nicht mit einer 
Oberfläche, die so trügerisch ist, weil sie grundlose Tiefen enthält. Ein 
manifest homosexueller Traum kann auch eine andere Bedeutung haben, 
die erst die Psychoanalyse erkennen lässt. 

Zu begrüssen ist der Umstand, dass N ä c k e mit Eifer und Über- 
zeugung dafür eintritt, dass die Homosexualität mit Entartung nichts zu 
tun hat. Dieser Standpunkt stimmt uns versöhnlich und lässt uns hoffen, 
dass die verdienstvollen sexual-wissenschaftlichen Forschungen des g<»- 
schätzten Autors nicht allein die Oberfläche der Probleme betreffen werden. 

Stekel. 

George Stein, Grundschema der Geisteskrankheiten. Zu- 
sammengestellt nach den Vorträgen des K. K. Hofrates Prof. Dr. J. 
Wagner von Jauregg (Wien und Leipzig, Verlag von Josef 
Sdfär, 1911). 

Das ausserordentlich praktisch und übersichtlich angelegte Schema 
umfasst: 1. Die akuten funktionellen Störungen, 2. chronische funktionelle 
Störungen. 3. Alkohol-Psychosen, 4. Verblödungsprozesse, 5. Geistes- 
störung bei organischen Erkrankungen des Gehirns, 6. Schilddrüsen- 
prozesse, epileptischer Irrsinn, hysterischer Irrsinn und Entwickelungs- 
defekt. Das sehr brauchbare Büchlein ist zur raschen Orientierung jedem 
Praktiker auf das Wärmste zu empfehlen. Stekel. 

Dr. R. Pettow, über eine besondere Form sexueller Ano- 
malie. (Eine Selbststudie über die Retour ä I'enfance.) Zeitschr. f. 
die gesamte Neurologie und Psychologie. 1911. IV. Bd. 5. Heft. 

Eine sehr interessante Krankengeschichte eines Neurotikers, der 
typische Züge von psychischem Infantilismus zeigt. Das Leiden ist eine 
Art von Kleiderfetisohismus. Beim Aalegen voii KxLabenanzügen empfindet 



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Referate und Kritiken. 145 

er dio stärkste Libido und es kommt zu spontanen Ejakulationen. Der 
moderne Sportanzug scheint seinem Ideale am meisten entgegenzukommen. 
Ober einen ähnlichen Fall wird aus dcMii (lerichtssaal berichtet. Der Auf- 
satz ist ein Bekemitnis des Kranken und enthält noch sehr viel inter- 
essante Gesichtspunkte. Stekel. 

Desider Anzlänyi, Die Bibel des XX. Jahrhunderts. Neue 
biologische (Jrundeinheit. Endgültiges Gesetz der Evolution, Kreis- 
liniensystem. Lösung sämtlicher Geschlechtsprobleme des Menschen. 
Pierson. 1911. 

Der V^erfasser verkündet im ersten Teil des Buches ein neues 
„endgültiges" Gesetz der Evolution und erblickt im Halbkreis, zusammen- 
gesetzt aus einem auf- und einem absteigenden Aste, die Uichtungs- 
einheit aller Entwickelungen. Meine bald auftauchende Empfindung, dass 
dieser Theorie ein unterbewusster Sexualkomplex zugrunde liege, ver- 
dichtete sich zur (Überzeugung, als ich neben ähnlichen folgenden 
Satz fand : * 

„Die idealste Schönheit zeigt uns der Schöpfer an der Frauenbrust.** 

Im nachfolgenden einige Gedanken aus dem biologischen Teile des 
Buches : 

Sperma und Eisubstanz entwickeln sich im Samen gemeinsam, be- 
halten aber den Charakter ihres Wesens immerfort bei.*' 

„Sperma und Eistoff wechseln in der Zellbildung in 28 tägigen 
Perioden miteinander ab. Der Ausgangspunkt für beide Geschlechter ist 
der mütterliche Körperteil. 

In der rechten Körj)erhälfte des Weibes lebt die Spezies des mütter- 
lichen Zweiges, in dem rechtsseitigen Eierstock das Geschlecht der Mutter 
(weibliche Eier) etc.*' 

(Die F 1 ie s s 'sehen Forschungsergebnisse bleiben tuierwähnt — sollte 
sie der Verfasser wirklich nicht kennen?) 

„Die Apoplexie ist keine Krankheit, sondern ein infolge des be- 
deutenden Altersunterschiedes des väterlichen und mütterlichen Familien- 
stammes eintretender einseitiger Tod.*' 

Diese Ideen weiter entwickelnd kommt der Verfasser zu dem 
Schlüsse, dass das Geschlecht, sowie auch normale und konträre Sexual- 
empfindung vorausbestimmt sei. „In den ungeradzahligen (Mond) Monaten 
(von der Geburt zu rechnen) reifen die weiblichen, in den geradzahligen 
die männlichen Eier. Heterosexuelle entstehen durch die Befruchtung 
mit gleichgeschlechtlichem, Homosexuelle durch die Befruchtung mit un- 
f leichgeschlechtlichem Sperma.** 

Die stellenweise frappierende Intuition des Buches wird leider durch 
kein Material gestützt. Behauptungen, wie jene, das Geschlecht in 381 
Fällen ausnahmslos richtig vorausgesagt zu haben, genügen nicht. Auch 
leidet das Buch sehr unter Überschwang und Systemlosigkeit. Der Ver- 
fasser mache sein angeblich reiches Material in einwandfreier Form zu- 
gänglich. Kalmar. 

Dr. Voss, Tuberkulose und Nervensvstem. Med. Klinik. 1911. 
Nr. 24. 

„Zu wenig beachtet wurden bis vor kurzem psychische Eigentüm- 
lichkeiten, deren genauere Kenntnis wir vor allem Köhler, Jessen 



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140 Referate und Kritiken. 

und Liebe verdanken. Köhler Avies auf die Störung des „psycho- 
physischen Gleichgewichts** der Tuherkulösen hin, die sich namentlich in 
einer auffälligen Labilität der Stimmung äussert. Diizu gesellt sich ein 
mitunter in abstossender Weise hervortretender Egoismus, eine Neigung 
zum Querulieren, die es mit der Wahrheit nichts weniger als genau 
nimmt. Nach Liebe sind allen Anstaltsärzten diese unangenehmen Eigen- 
heiten der Tuberkulösen sattsam bekannt. Psychologisch leicht erklär- 
lich ist das im Verkehr mit den Hausgenossen, vor allem dem Ehegatten, 
nicht selten hervortretende Misstrauen, das zu heftigen Affektausbrüchen 
sich steigern, ja zu Gewalttätigkeiten führen kann. An dieser Stelle nuichte 
ich kurz die Frage der Zurechnungsfähigkeit der Phthisiker 
streifen, die namentlich von italienischen Autoren einer lx»sonderen Be- 
achtung gewürdigt w^orden ist. So tritt Mircoli wMrm für die ver- 
minderte Zurechnungsfähigkeit des Tuberkulösen ein. Nach F i s h b e r g 
sind namentlich solche Phthisiker in krimineller Hinsicht bedrohlich, die, 
an der Genesung verzweifelnd, rücksichtslos ihren Affekten, ihrem Miss- 
trauen, Neid und Ärger den gesunden Nebenmenschen gegenüber freien 
Lauf lassen. Für die forensische Beurteilung wird also der Grad der 
Erkrankung, die dadurch l^edingte, mehr oder minder starke „toxämische** 
Schädigung des Gehirns, ausschlaggebend sein. Eine typische tuberkulöse 
Psychose gibt es nach imseren heutigen Anschauungen nicht, wohl aber 
können die oben geschilderten Charakterveränderungen sich zu einem 
paranoiden Bilde mit mehr oder weniger depressiver Färbung gestalten, 
das von der, wohl toxisch l>edingten, zunehmenden Demenz in seiner 
Entstehung sicher gefördert wird. Ausserdem werden in schweren, sehr 
fortgeschrittenen Fällen mitunter akute maniakalische Erregungszuslände 
beobachtet, die wohl als Erschöpfungspsychosen, Inanitionsdelirien oder 
ähnliche Bilder zu deuten sind. ÜIrm* die Berechtigung der Annahme einer 
abnorm gesteigerten sexuellen Erregbarkeit der Tuberkulösen sind die 
Meinungen geteilt.*' 

Der Autor bespricht dann die zauberhafte Wirkung mancher „spezifi- 
schen*' Heilmittel, die er auf Rechniuig der hochgradigen Suggestil3ilität 
des Tuberkulösen stellt. Auch der Umstand, dass scheinbare Neuralgien 
psychischen Ursprungs durch okulte Karies der Knochen hervorgerufen 
wird, findet eine ausführliche, durch interessante Krankengeschichten 
illustrierte Darstellung. Die abnorme Reaktion der Körpertemperatur des 
Tuberkulösen erklärt Voss neben den geistigen Einflüssen durch ge- 
steigerte Irritabilität des Wärmezentrums. Von Wichtigkeit scheinen mir 
aber die nachstehenden Bemerkungen zu sein, weil sie sich teilweise mit 
unseren Anschauungen über die Disposition decken: 

„Mir scheint allerdings die Annahme nicht von der Hmid zu weisen, 
dass der Defekt des Erzeugers sich in verschiedenartigster Schädigung 
des Nachkommen wirksam erweisen kann. So erklärt es sich, dass wir 
in gewissen Familien Tuberkulose und Nervenkrankheit, in anderen da- 
gegen Geisteskrankheit und Diahetes alternieren sehen. Ein weiterer Be- 
w^eis für die Richtigkeit obiger Annahme scheint mir in der Beobachtimg 
zu liegen, dass wir bei belasteten Individuen nicht selten der Kombi- 
nation verschiedener, vorzugsweise erblicher Krankheiten begegnen. So 
findet sich die Vergesellschaftung der Hysterie mit der Tulx»rkulose in 
zahlreichen Fällen, w^odurch mitunter erhebliche diagnostische Schwierig- 
keiten entstehen können. Ich erinnere nur an die Hämoptoe der Hysteri- 



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Referate und Kritiken. 147 

sehen und an die Aphonie dieser Kranken, Zustände, die um so mehr 
voneinander unterschieden werden müssen, als je nach ihrer Genese 
eine grundverschiedene Therapie Platz zu greifen hat Auf eine auf- 
fällige Beobachtung von Claude und Schöffer möchte ich nur kurz 
hinweisen, da mir die Möglichkeit einer Nachprüfung fehlt: Epileptiker 
sollen gegen Tuberkulose besonders resistent sein/* 

Leider ist in dem lesenswerten Aufsatze die psychische Komponente 
der tuberkulösen Psyche nicht erklärt. Mit der Toxinw^rkung allein kann 
man die bekannte, übrigens oft fehlende Euphorie der Phthisiker nicht 
erklären. Offenbar spielt noch der unbew^sste und bewusste Gedanke 
eine Rolle: „Lebe noch, so lang du zu leben hast. Du wirst ohnehin nicht 
lange mehr leben.*' Der „Phthisicus salax** und die sonderbaren Erleb- 
nisse, die man von tuberkulösen Mädchen hört, sprechen für die Wichtig- 
keit dieser Auffassung, die von Schnitzler in seiner Novelle „Sterben** 
in feiner Weise verwertet wurde. St ekel. 

Prof. Leviii L. Schücking, „Das Byron-Geheimnis." (Nord 
und Süd. September 1911.) 

Im wesentlichen ein genaues Referat des als Manuskript gedruckten 
Buches von Grafen Lovelac^e ,, Astarte**. Lovelace, ein Enkel Byrons, be- 
weist an Hand von Dokumenten aus dem Familienarchiv, dass Lord 
Byron mit seiner Halbschwester Auguste vor seiner Ehe und vielleicht 
nach seiner Ehe im Inzest gelebt hat. Ausserdem eine Widerlegung aller 
Schriften, die den grossen englischen Dichter rehabilitieren wollten. 
Freunde Byrons mögen die Arbeit im Originale nachlesen. 

StekeL 

Wilhelm Stekel, Berufswahl und Kriminalität. (Archiv für 
Kriminalanthropologie und Kriminalistik. Bd. 4L) 

Stekel schneidet ein interessantes Thema an und berichtet aus 
seinen psychoanalytischen Erfahrungen über die wichtigsten unbewussten 
Determinierungen der Berufswahl. Freud hat bekanntlich für die Bildung 
des endgültigen Charakters aus den konstitutiven Trieben eine Formel 
angegeben : „Die bleibenden Charakterzüge sind entweder unveränderte 
Fortsetzungen der ,ursprünglichen Triebe, Sublimierungen derselben oder 
Reaktionsbildungen gegen dieselben.** Eine ähnliche Formel lässt sich 
für die Berufswahl entwickeln, und Stekel bringt interessante Beispiele: 
Schuster, die Fussfetischisten; Friseure, die Haarfetischisten w^aren und 
sind; Chirurgen, die ihren Sadismus sublimiert haben; Philanthropen 
aus derselben Wurzel; Söhne, die sich in der Berufswahl mit ihrem 
Vater identifizierten oder der Tendenz folgten, einem entgegengesetzten 
Fach anzugehören; Detektive und Richter, die im Kampf gegen oder 
aus Angst vor gewalttätigen Trieben ihre „gerechten** Berufe gewählt 
hatten. Stekel weist ausführlich auf die schon im Kinde erscheinenden, 
gewjiUtätigen Impulse hin, die sich im Neurotiker, namentlich beim Zwangs- 
neurotiker und beim Pseudoepileptiker, als bekämpft oder verdrängt auf- 
zeigen lassen. Eine genaue Begriffsabgrenzung von „Sadismus** und 
„kriminellen Trieben** lässt sich natürlich nicht durchführen. Die Psyche 
jedes Menschen macht ontogenetisch die Entwickelung der Menschheit 
nach, das Kind entspricht ge^visse^massen dem Urmenschen oder dem 



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148 Referate und Kritiken. 

Wilden und wird unter mehr o<ler weniger gelingende Verdrängung zum 
erwachsenen Kulturmenschen. Der Verbrecher und der Neurotiker sind 
Zwischenstufen. ' Dr. K. Hitschmann. 

R. Schmölder, Die Prostituierten und das Stra frech t. 

Der Verfasser zeichnet in wenigen und klaren l.inien den (lang 
der Entwicklung, den die Frage der strafrechtlichen Behandlung der 
Prostitution genommen hat. Wir sehen, wie aus den humanc^n und ver- 
nünftigen Bestimmungen (les alten Rom unter dem Einfluss des im 
Zeichen der Sexualverdrängung stehenden kimonischen Rechtes sich all- 
mählich unser heutiger sinnloser Zustand entwickelt hat. Neben der im 
Anhang abgedruckten „Frauenhausordnung*' der Stadt Nördlingen vom 
Jahre 1472 stehen unsere Einrichtungen als das eigentliche Mittelalter. 
Die Einschränkung der persönlichen Freiheit, die Begünstigung von Aus- 
nutzung und Erpressung jeder Art, Mädchenhandel und Bordellsklaverei 
und als Krönung des Ganzen die schrankenlose Ausbreitung der Ge- 
schlechtskrankheiten, das sind die Nachteile, die unsere Zeit bereitwillig 
in den Kauf nimmt, wemi ihr dafür die Aufrichtigkeit den Tatsachen des 
Sexuallebens gegenüber erspart bleibt. 

Zu Anhang II: „Die Strafbestinunungen der anderen deutschen 
Staaten'*, wäre zu IxMnerken, dass der dort wiedergegeb<Mie § 509 des 
österreichischen Strafgesetzes durch den § 5 des (Jesetzes vom 24. Mai 
1885 (sogenanntes Vagabundengesetz) überholt ist. Dieser Paragraph ist 
zum grösseren Teile ganz im Sinne der Abänderungsvoi-schläge des Ver- 
fassers textiert. Da die Zustände in Österreich aber keineswegs bess(T 
sind als im Deutschen Reiche, muss wohl gefolgert werden, dass auch 
diese Vorschläge, so billigensw^ert sie an und für sich sind, keine fühl- 
bare Abhilfe schaffen können. So werden z. B. sowohl nach Schmölder's 
Entwurf, wie nach dem Punkt 4 der zitierten (iesetzesstelle Prostituiert!/ 
straffällig, wenn sie durch ihr Gewerbe öffentliches Ärgernis erreßen. 
Da die Prostitution so gut wie jeder andere Handel nicht ganz ohne 
Reklame getrieben werden kami und die Meinungen darüber, was ärgemis- 
erregend sei, bekanntlich weit auseinander gehen, so wird damit die 
Prostituierte wiederum rechtlos gemacht und der Willkür jedes Wach- 
mannes oder „V^ertrauten*' ausgeliefert. 

Das Übel ^itzt eben viel zu tief, als dass durch Beseitigung des 
gröbsten Widersimies aus den strafgesetzlichen Bestimmungen daran ge- 
bessert werden köimte. Dazu wäre eine vollständige Umwäfzung not- 
wendig und zu dieser wiederum der allgemeine Kntschhiss, in Sexual- 
angelegenheiten w^eniger zu heucheln. Diesen Kntschhiss herlxMzii führen, 
gehört zu den Hauptaufgaben der Psyclio-Analyse. 

Dr. Hanns Sachs. 

Edwin Bormanu, Die acht Hans e u n d a n d e r e X a in e n s - 
scherze im „Götz von B e r I i c h i n g e n**. Ein huniorisüsch- 
literarischer Essav über scheinbar^' Nebensachen. ^lünchener allgemeine 
Zeitung, 1911, Nr. 21. 

Der Verfasser zeigt, dass nach Durchsicht der 3 verschiedenen 
Ausgaben des „Götz von Berlichingen" sich darin eine Häufung zweier 
Namen ergibt: es erscheinen nämlich achtmal der Name Hans und 14 mal 



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Referate und Kritiken, 149 

der Name Wolf bezw. der Vergleicli mit einem Wolfe. Der Autor erklärt 
dies damit, dass Goethe, der d<is Drama zuerst anonym herausgegeben 
hat, dadurch „seinem Geisteskinde ein oder mehrere Erkennungszeichen 
mitgeben wollte.** Demi Hans und Wolf waren die häufig g(d)rauchten 
Abkürzungen seiner beiden Vornamen Johann Wolfgang. Der Verfasser 
bemüht sich, eine Anzahl anderer Wortspiele im Drama zu erklären; unter 
anderem findet er, dass die (Jattin des (WHz nach Goethes eigener Mutter, 
Elisabeth, benannt wurde. - Dieser Versuch einer Deutung von Namen 
und Namensschorzen kann auf |>sychoanalytischcm Gebiete einer kleinen 
Arbeit Dr. Stekcl's^) geg(»nüb(»rgestellt werden, in welcher dieser auf 
Beziehungen von Namen, ('harakter \md Neurose hinweist. 

G a s t o n R o s e n s t e i n. 

Dr. med. S. Meyer-Danzig, „r räume**. |,,Die rmschau", lu^rausgeg. 
von Prof. Dr. J. H. Bechhold, Frankfurt a. M., 1911, Nr. 14.] 
Der Verfasser dekretiert: ,,Der Traum . . . verbindet nur Dinge, die 
keinen inneren Zusannnenhang haben. Es gibt d(»swegen keinen in sich 
abgeschlossenen Traum, den man zu deuten unternehmen könnte, sondern 
es gibt nur ein Träumen, ein durch kein Gesetz g(»regeltes Auseinander- 
reihen von Situationen, die durch die nebensächlichsten Merkmale mit- 
einander in Heziehung kommen. Ein Giimdmotiv können wir aus diesen 
unabsehbaren Beihen nicht herausdeuten.** Folglich, meint der Verfasser, 
müsse man die Freud 'sehe Traumdeutung verwerfen. Da es der Autor 
nicht der Mühe wert findet, auf die Argumente und die Beispiele der 
„Traumdeutung** einzugeht^i, sondern einfach die alte Auffassung des 
Traumes mit <'inigen wenigen, die F r e u d 'sehe Theorie gar nicht be- 
rührenden Ergänzungen unterschreil)t, liegt meiner Meiiumg nach ein 
Anlass zu einer Polemik gar nicht vor. Im übrigen beruft sich der 
Verfasser auf das „allgemeine Urteil**. Gas ton Bosenstein. 



Aus Vereinen und Versammhingen. 



Neiiiiialthusianisnius, Mutterschutz und Sexual reforui. 

Von Gretc Meisl — Hess*.) 

In zwei aufeinander folgenden Tagungen wurden in der letzten September woche 
dieses Jahres in Dresden im Rahmen der Hygiene- Ausstellung zwei Kongresse ab- 
gehalten, die sich von Fachkongressen aller Art scharf abheben. Sowohl auf dem 
, Vierten internationalen Kongress für Neumalthusianismus' als auf 

1) Dr. Wilhelm Stekel: ,Die Verpflichtung des Namens". Zeitschrift für 
Psychotherapie und medizinische Psychologie, herausgegeben von Dr. Albert Moll, 
Verlag von Ferdinand Enke, Stuttgart, 1911. 

') Die gesehätzte Verfasserin des rühmlichst bekannten Buches „Die sexu- 
elle Krise* (Verlag Eugen Diederichs— Jena) und des soeben erschienenen psycho- 
logischen Romanes «Die Intellektuellen" (Österheld & Comp. — Berlin) war so 
freundlich, die Berichterstattung über zwei Kongresse zu übernehmen, auf dem auch 
für den Psychoanalytiker wichtige Thema eingehend besprochen wurden. 

Der Schriftleiter. 



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150 Aus Vereinen und Versammlungen. 

dem „Ersten internationalen Kongress für Mutterschutz und Sexual- 
reform* handelte es sich um die wesentlichsten Fragen der Gesellschaftsgestaltung. 
Nicht ein Zweig des komplizierten Riesen apparates, Gesellschaft genannt, stand zur 
Diskussion, sondern der Träger aller Kultur, der Mensch selbst, seine Quantität und 
Qualität, seine Ausbreitungsmöglichkeit und die Bedingungen seines Entstehens 
bildeten den Mittelpunkt der Debatten. Und vielleicht gerade, weil das Problem 
das diffizilste, ja, wenn man will, das „heikelste' unserer Kultur ist, an das sich 
die Öffentlichkeit aus begreiflichen Gründen noch nicht recht herantraut, wurden 
diese beiden Kongresse von ihr mit einer gewissen Scheu möglichst in den Hinter- 
grund gestellt, während, wie wir sehen, alle möglichen Fachkongresse, von dem der 
Bierbrauer angefangen bis zu dem der Nägelputzpoliermittelerzeuger, (wenn es einen 
solchen Stand gäbe) vor breiterem Forum und in fetteren Lettern diskutiert werden. 
Für die nicht allzu grosse, aber immerhin international vertretene Schar derer, 
die über diese wesentlichrten Gt^sellschaftsprobleme resolut zu denken gewohnt sind, 
brachten aber diese beiden Tagungen eine Festigung ihrer sozialen Weltanschauung. 
Denn die Lücken, die sich in dem System einer einheitlichen, in ihren Teilen logisch 
aufeinander wirkenden Stellung zum sozialen Ganzen ergeben, können nur dadurch 
ausgefüllt werden, dass scheinbare Widersprüche sich lösen und das dort, wo man 
sich bisher vor Konflikten sah, neue Synthesen sich ergeben. 

Die beiden Kongresse sind insofern scharf auseinander zu halten als ihre 
Hauptrepräsentanten nur in geringer Zahl auf beiden Lagern zu finden waren. Viele 
der Neumalthusianer stehen den Bestrebungen des Mutterschutzes und der Sexual- 
reform fern und umgekehrt. Aber eine ansehnliche Zahl nimmt zu beiden Phänomen 
Stellung. Die Kongresse waren nicht populär im weitesten Sinne, nur eine ge- 
schulte Menge konnte auch den öffentlichen Versammlungen (die bis p.ufs letzte 
Plätzchen besucht waren) folgen, während in den geschlossenen Tagungen die Wissen- 
den wieder nur für die Wissenden sprachen, für ein gut informiertes Auditorium ; 
und nirgends wurde diese hochgespannte Linie untorschritien. Der Neumalthusianis- 
mus fusst, wie bekannt, auf der M alt hus' sehen Bevölkerungslehre, wonach die 
Erde die unbegrenzte Vermehrung der Menschen nicht ertragen könne; ihre orga- 
nischen Produkte, die zum Leben und zur Verarbeitung unentbehrlich seien, müssten 
eines Tages, wenn sie weiter schrankenlos ausgebeutet würden, versagen. Daher 
empfahl Malthus Einschränkung der Zeugung zum Wohle für Alle. Der Unter- 
schied zwischen ihm und seiner neueren Schule besteht darin, das Malthus die 
Beschränkung der Zeugung nur durch einen Verzicht auf den Geschlechtsverkehr 
erringen zu können glaubte, während die Neumalthusianer von der Kultur auch in- 
sofern profitieren, dass sie sich auf den Standpunkt stellen, die Zeugung könne sehr 
wohl beschränkt werden, ohne auf die nun einmal unabweislichen Bedürfnisse des 
Geschlechtes verzichten zu müssen, also die Präventivmethode in den Mittelpunkt 
ihres Systemes stellen. Mit Grübeleien über Künstlichkeit im Gegensatz zur Natür- 
lichkeit kommt man m der Tat um dieses Problem nicht herum, und schliesslich 
ist des Menschen Kultur ja nichts anderes als eine Emanation seiner Natur; ist 
doch auch der Ameisenhaufen, so künstlich er hergestellt sein mag, ein aus natür- 
lichen Impulsen entspringendes Produkt, ganz ebenso wie die Honigwaben der Bienen. 
So sind auch jene Erleichterungen resp. Komplikationen, die der Mensch, um sich zu 
behaupten, sich nach und nach erschaffen hat, im weitesten Sinne natürlich, da sie 
sowohl von seinen Impulsen als von seiner durchaus auf den gegebenen Lebens- 
kampf berechneten Intelligenz diktiert werden. Auf die schweren Schäden der er- 
zwungenen Askese im vollreifem Alter wies der Arzt Dr. Ny ström aus Stockholm 
in seinem Referat über Geschlechtshygiene und Präventivmittel eingehend hin. Er 
betonte die Notwendigkeit des Geschlechtsverkehrs für den normalen, gesunden, 



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Aus Vereinen und Versammlungen. 151 

erwachsenen Menschen, auch wenn die Absicht der Zeugung nicht damit verknüpft 
sein könne oder dürfe. Wenn der Mensch nicht ein normales ihm entsprechendes 
Geschlechtsleben führe , so leide jene Ethik Schiffbruch und der ganze seelische 
Komplex wird desorganisiert. Gewisse puritanische Vorschläge charakterisierte Dr. 
Njström als zumeist heuchlerisch und unwahr. Er empfahl statt des geffthrlichen 
und demoralisierenden Verkehrs mit der Prostitution das auf freier Neigung be- 
ruhende Verhältnis. Er hob den Unterschied zwischen dem durchaus natürlichen 
und dem künstlich aufgereizten Geschlechtstrieb hervor. So sehr der letztere zu 
bekämpfen sei, so sehr stehe dem normalen Geschlechtstrieb das Hecht auf Be- 
tätigung zu und es müsse gesorgt werden, dass er in möglichst hygienischer Weise 
und ohne die Opferung von Existenzen vor sich gehen könne. Wo es sich um die 
frühen Jünglingsjahre handelt, dürfe man den Verzicht auf Geschlechtsgenuss fordern, 
nicht aber unbegrenzt bis ins reife Alter hinein. Zuweit getrieben führt die Askese 
dahin, dass der Mensch alle Arbeits- und Lebenslust und seine Gesundheit verliert. 
Er streifte die lange Reihe von Krankheiten, besonders neurotischer Natur, die aus 
dem erzwungenen Zölibat geschlechtsreifer Menschen stammen. Die einzige Lösung 
aus diesen Konflikten sieht Nyström in der Verbreitung der Kenntnis und der 
Zugänglichkeit der Präventivmittel, deren Gebrauch für ein verbündetes Paar solange 
nötig sei als eine gemeinsame Heimgründung und Aufzucht von Kindern aus- 
geschlossen ist. 

Dr. med. Roh le der aus Leipzig sprach dann über Neumalthusianismus und 
Ärzte. Er charakterisierte die neuen Gesetzesparagraphen, die in Deutschland den 
Vertrieb und die Empfehlung von Präventivmitteln strafrechtlich verfolgen, als eine 
schwere Gefahr für die Volksgesundheit, die in ihren Folgen geradezu grauenhaft 
sein müsse. Er erörterte sodann die Fälle, in denen sich der Arzt über das 
Gesetz erheben müsse, um durch Verhütung der Fortpflanzung schwerkranker 
Individuen namenlosem Elend vorzubeugen und gab eine lange Reihe von Beispielen 
solchen Elendes aus seiner Praxis. Über Rassenhygiene sprach Dr. J. Rutgers 
aus dem Haag, welcher mit dem Ehepaar Drysdale zusammen als Führer der 
neumalthusianistischen Bewegung gilt. Dr. Rutgers besprach die Ansichten der 
.Gesellschaft für Rassenbygiene", die den Nenmalthusianismus gern als , blutlosen 
Selbstmord'' der Nationen darzustellen lieben. Er trat dieser Auffassung mit wuch- 
tigen Argumenten entgegen. Wenn auch das Publikum die Schutzmassregeln gegen 
unerwünschte Fruchtbarkeit kennt, so werden sich doch immer junge, gesunde, lebens- 
tüchtige und liebende Eltern Kinder wünschen, während die schwächlichen und 
egoistischen sie ablehnen werden. So wird durch individuelle Entscheidung die 
Eugenik automatisch gefördert. Wie hoch gesteigert Luxus, so wirke auch die 
grosse Armut degenerierend. Statt grausamer Ausmerzung durch Hunger, Elend, 
Seuchen und Krankheiten aller Art sei die Auslese durch beschränkte Fortpflanzung 
vorzuziehen. Die bewusste Auslese sei auch im Sinne Darwins. Zwei Gegner, Prof. 
August Forel und Dr. Schallmeyer, München, hatten schriftliche kurze Refe- 
rate gesandt, die verlesen und diskutiert wurden. Forel sprach als Eugeniker und 
verlangte zahlreiche Vermehrung, da selbst bei 4 Kindern kaum 2 durchschnittlich 
am Leben bleiben, um die Zahl der Eltern zu ersetzen. Darauf wies Dr. Drys- 
dale nach, dass bei sozialen Zuständen, in welchen von vier Kindern kaum zwei 
am Leben bleiben, von Eugenik kaum die Rede sein könne. Die ersten prak- 
tischen Eugeniker seien die Neumalthusianer, bei denen der Wert der Qualität 
der Kinder, den der Quantität überwiege. Immer wieder Kinder in die Welt 'zu 
setzen, um damit die Friedhöfe zu füllen, sei eine Vergeudung von Volks- und 
Mutterkraft. Wenig Kinder, aber unter Verhältnissen, die ihnen das Leben tunlichst 
garantieren, das sei wahre Eugenik. 



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152 Aus Vereinen und Versammlungen. 

Auf dem KoDgress hatten wir Gelegenheit, die Neumalthusianer strengster 
Observanz, die richtigen Orthodoxen, die in keiner Bewegung fehlen, neben solchen 
kennen zu lernen, denen bei allem Eifer für die ihnen notwendig erscheinende Sache 
doch nicht die Einsichten fehlen, die zu gewissen Verklausulierungen fQhren, die 
mit anderen ebenso drängenden Erscheinungen des sozialen Lebens rechnen. Als 
Führer der radikalen Seite können das englische Ehepaar Drysdale und der 
schwedische Professor Wicksell gelten. Sie fordern nicht nur die fakultative 
Sterilität (ein treffender Ausdruck, der auf dem Kongress gebraucht wurde), 
sondern die absolute Verminderung der Geburtenziffer aller Staaten. Professor Wick- 
sell führte aus, dass es so klar sei wie nur irgend ein Satz des Euklid, dass jeder 
auch der kleinste dauernde Geburtenüberschuss von der Erde nicht ertragen werden 
könne. In der Tat hat dieser wuchtige Satz sehr viel für sich. Denn wenn wir 
auch gar nicht wissen, wie weit die Schätze der Erde noch brach liegen und durch 
eine kosmopolitische Kultur nach und n»ch zum Verbrauch herani^ezogen werden 
'cönnen, so ist es doch eine unumstössliche Tatsache, dass die Oberfläche der Erde 
begrenzt ist, und dass wir diese Grenzen sogar kennen. Also auch der kleinste 
Geburtenüberschuss, wenn er bis in alle Ewigkeit &ich fortsetzt, muss schliesslich 
zu einer Übervölkerung führen. Irgendwo muss es daher eine Grenze geben, wo 
alle Nationen schliesslich stoppen müssen, wollen sie nicht die Erde mit künstlichen 
Brücken überwölben, auf denen die Menschen abgeladen werden. Der Einwand, dass 
die Sterblichkeit das Ihre tue, hat natürlich keine Berechtigung, wenn man nicht 
von der Gebuitenrate, sondern eben von dem Überschuss der Geburten spricht, 
hIso vou dem Plus, um das sich die Bevölkerung mehrt. So hat z. B. Deutschland 
trotz der sinkenden Geburten rate einen in den letzten Jahrzehnten immer steigen- 
den Geburtenüberschuss, weil mit der Geburtenrate auch die Sterblichkeitsrate 
sinkt. Arithmetisch gesprochen, hat Prof. Wicksell unzweifelhaft Recht, sein 
Ausspruch ist nicht zu widerlegen. Es fragt sich nur, ob wir auf jenem Punkt des 
allgemeinen Stoppensollens schon angelangt sind, oder ob uns nicht Jahrhunderte 
noch von ihm trennen. Die grösste Bewegung, die sich dem Neumalthusianismus 
entgegenstellt, ist natürlich der Nationalismus resp. das durchaus berechtigte Ex- 
pansionsgefühl hochstehender Rassen. Darauf hat der Neumalthusianismus die Ant- 
wort> dass seine Bewegung selbstverständlich eine missionarische und kosmopolitische 
sei; ferner dass sein Wahlspruch: ,Die Qualität ist mehr wert als die Quantität" 
nur die Wahrheit bestätige, dass gerade jene Völker, welche sich in der Quantität 
beschränken, durch die verbesseiie Qualität die Sieghaften sein dürften, sowohl im 
kulturellen Wettbewerb als auch im Falle eines Krieges. Trotz seiner 500 Millionen- 
Bevölkerung hat China vor europäischen Kriegsschiffen gewaltigen Respekt und in 
Indien halten 70000 Engländer Millionen der Eingeborenen im Zaum. Tatsächlich 
ist die überreichliche Vermehrung meist nur auf Kosten der Gesamtheit zu erkaufen. 
Es entstehen schwächliche, widerstandsunfähige Exemplare, wenn auf ihre Ernährung 
und Aufzucht nicht die nötige Sorgfalt verwendet werden kann. Mit grosser Be- 
weiskraft wirkten die Tabellen von Drysdale, auf denen die Geburten- und Todos- 
raten verschiedener Staaten in roter und schwarzer Farbe verzeichnet waren. Es 
ergab sich aus dieser wissenschaftlichen Arbeit, dass mit der sinkenden Geburten- 
rate auch die Sterblichkeitsrate sinkt und umgekehrt auch wieder steigt. Wo immer 
man eine rote Zacke in die Höhe steigen sah, schnellte auch die schwarze in 
überraschender Regelmässigkeit ihr nach. Nun mag man über die Frage, ob noch 
mehr oder weniger Menschen da sein sollen, denken, wie man will, eines steht doch 
wohl für alle fest: Geburten, die die Sterblichkeit wieder ausjätet, haben keinen 
Wert und bedeuten eine schwere Vergeudung von Familienkräften, von Mutter- 
schmerzen und national -ökonomischen Werten. Nicht zu folgen vermögen wir 



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Aus Vereinen und Versammlungen. 153 

aber den Neumalthusianern, sofern sie nicht mit einer auch unter den günstigsten 
Verhältnissen wirkenden Sterblichkeit rechnen und die Zahl der Kinder eines Paares 
in allen Fällen etwa auf zwei beschränken wollen. Denn auch bei zwei Kindern^ 
die in der vollen Kraft der Eltern und unter guten Verhältnissen gezeugt werden, 
kann der Tod seine Ausjäte halten, und dann bleibt, gar leicht, nichts von nichts 
übrig. Zwei Kinder, die leben, ersetzen überdies nur das vorhandene Elternpaar 
und bedeuten keine Vermehrung, die ja auch der Neumalthusianismus nicht wünscht. 
Die Mehrzahl der Neuinalthusianer stand aber durchaus nicht auf diesem orthodoxen 
Standpunkt, sondern trat nur für fakultative Sterilität ein, d. h. empfahl die Kinder- 
beschränkung dort, wo die Familie durch weitere Vermehrung in sicheres Elend 
gestossen wird, und wo durch neue Geburten nicht der Menschenüberschuss sich 
hebt, sondern nur die Friedhöfe eich füllen. Gesunde und in aufsteigender Erwerbs- 
linie sich befindende Eltern dürften aber unbeschadet auch mehrere Kinder zeugen. 
Vor allem aber müsste Gelegenheit geboteu sein, überdurchschnittlichen Personen 
die Fortpflanzung ausgibig zu ermöglichen; hier berührte das Thema jenes der 
Sezuaireform. Im Zusammenhang mit der Mutterschutzidee wiesen auch Dr. 
Helene Stöcker und die Verfasserin dieser Zeilen darauf hin, dass, wenn Kinder- 
zunahme gewünscht würde, die Regierungen vor allem die Mutterschaft gesunder 
Frauen begünstigen müssten. Es gibt Millionen Frauen, die nichts heisser wünschen, 
als ein Kind und denen es durch die Schwierigkeit der Ehe dennoch verwehrt ist. 
Die einzige Möglichkeit, die Gefahren des Neumalthusianismus, die nicht zu über- 
sehen sind, erfolgreich zu paralysieren, liegen m. E. darin, dass man der frei- 
willigen Einschränkung der Geburten, die wohl kaum zu bekämpfen sein dürfte, 
die freiwillige Fruchtbarkeit gesunder lebenstauglicher Elemente als Palliativ 
entgegensetzt. Und hier beginnt ein neues Lied resp. ein neuer Kongress, der dem 
neumal thusianischen auf dem Fnsse folgt. 

„Mutterschutz und Sexualreform* sind zwei Forderungen, die eng miteinander 
verknüpft sind, ja die sich eine aus der anderen ergeben. Es liegt in der Natur 
der Sache, dass die erstgenannte heute schon viele Freunde und Förderer hat, 
während die zweite noch um Ansehen kämpft. Der Mutter helfen, der Schwangeren 
und der schon Entbundenen, das Kind in Obhut nehmen, das leuchtet heute als 
Kulturforderung durchwegs ein. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass diese Stellung- 
nahme zumindest der unehelichen Mutter und ihrem Kinde gegenüber durchaus nicht 
immer so war und im Gesetz der meisten Staaten heute noch nicht existiert. Die 
Bestrebungen des Mutterschutzes tragen heute noch nahezu rein charitativen Cha- 
rakter, während sie gesetzlich obligatorisch sein müssten. Viel grössere Fortschritte 
hat «dank* der enormen Säuglingssterblichkeit der Schutz des Kindes gemacht 
Hier sahen sich die Regierungen an ihrem eigenston Interesse geschädigt und man 
setzte darum mit weitgreifenden Massnahmen zum Schutze des Säuglings ein. Auch 
dass der beste Säuglingsschutz Mutterschutz heisst, ist eine Idee, die sich immer 
mehr Bahn bricht. Die internationalen Aussprachen über dieses Thema brachten 
hochinteressantes Material über den Stand der Dinge bei den verschiedenen Nationen. 
Dass Mutterschutz aber ohne Sexualreform immer nur eine halbe Sache bleiben 
kann, leuchtet heute erst wenigen unerschrockenen Kämpfern ein. Hier brachte der 
Kongress reiches Material. 

Reichstagsabgeordneter Dr. Eduard David hielt ein sehr bemerkenswertes 
Referat über die vermeintlichen Gegensätze von Mutterschutz und Rassenhygiene. 
Er führte aus, dass der „Schutz der Schwachen' innerhalb der Kulturwelt durchaus 
nicht, wie von einzelnen Rassenhygienikern behauptet wird, im Widerspruch zu den 
Auslesetendenzen der Gattung stehe; denn der Begriff der wirtschaftlich Schwachen 
deckt sich nicht mit dem der organisch Schwachen. In der Matter schützt die Ge- 



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154 Aus Vereinen und Versammlungen. 

Seilschaft ihr eigenes Fortleben. Auf der Mutter ruht die Zukunft jedes Volkes — 
und nicht auf dem Wasser. Er nannte den Betlehemitischen Kindermord ein Einder- 
spiel gegenüber der Hinopferung von jährlich Tausenden von Kindern durch Not 
und mangelnde Fürsorge für Mutter und Kind. Die soziale Fürsorge als rassen- 
hygienisch schädlich darzustellen, bedeute eine oberflächliche ßegriffsverwirrung. 
Wenn im Kampf ums Dasein lediglich mit organischen Waffen gekämpft würde, 
so könnte man besondere Schutzmassregeln ableliuen; heute aber treten gewisse 
Schichten durch ihre AubrUstung mit ökonomischen Besitzwerten von vornherein 
besonders gewappnet auf den Kampfplatz. Und der organisch Minderwertige, in 
goldener Rüstung, ist der Sieghafte über den organisch Starken, der nackt ist. Der 
heutige ökonomische Zustand schafl't aber Bedingungen zur Organzerstörung ur- 
sprünglich organisch Starker. Er erzeugt organisch Minderwertige. Millionen 
Kinder werden schon im Mutterleib organisch verwüstet. Man hat eine Schonzeit 
für die Jagdtiere, warum nicht auch für das menschliche Weib. Frankreich gibt 
der Frau schon drei Monaten vor der Geburt Schonung und Pflege, aber jeder der- 
artige Versuch scheitert in Deutschland. Mutter- und Kinderschutz sind als rassen- 
hygienische Prophylaxis zu betrachten. Der zweite Tag brachte eine deutlich be- 
merkbare Steigerung des Interesses. Über Sexualwissenschaft als Grundlage der 
Sexualreform sprach Dr. Magnus Hirschfeld (Berlin). Wie bei allen anderen 
sozialen und biologischen Problemen, so müsse auch für das Sexualproblem die 
wissenschaftliche Forschung massgebend werden. Noch fehle es an einer vergleichen- 
den Tatsachenforschung im grossen Stil. Der Redner erörterte sodann die ganze 
Skala der Reize und der Wirkungen, aus denen sich das menschliche Geschlechts- 
leben zusammensetzt, auf wissenschaftlicher Basis, zum Teil an der Hand von Ta- 
bellen. Er führte u. a. aus: wie jede Anziehung in der Natur, beruht auch die der 
Liebe auf Gesetzen. Im gewöhnlichen Sprachgebrauch bezeichnen wir die Personen, 
deren Erscheinung uns anzieht, uns „fesselt" als Objekt der Liebe. In Wirklichkeit 
ist aber der Liebende als der betroffene Teil das Objekt der Liebe; er erscheint 
uns zunächst als Subjekt, weil der aufgenommene Eindruck sogleich bestrebt ist, 
sich in lebendige Kraft umzusetzen. Indem auf solche Weise lustbetont empfundene 
Reize, die zu inneren Spannungen führen, zu motorischen Lösungen drängen, 
verrät sich uns die Liebe als ein Reflexniechanismus , dem regulierend gewisse 
Hemmungsmechanismen gegenüberstehen. Diese haben in der Grosshirnrinde ihren 
Sitz, und sind teils instinktiver Natur, teils durch Vorstellungen gegebene, die auf 
den verschiedensten Gebieten liegen (Furcht vor Ansteckung, vor Befruchtung usw.). 
Praktisch besonders bedeutsam sind die sozialen Hemmungen, welche von der 
Jeweiligen Moral* einer Zeit und eines Landes abhängig sind. Der Begriff der 
Sittlichkeit ist heute mehr ein Gegenstand der Geographie, als der 
Biologie. Aber nur auf Grund wissenschaftlicher Ergebnisse dürften Sittlichkeits- 
forderungen aufgestellt werden. 

Hierauf gelangte die Verfasserin dieser Zeilen über das Thema „Ehe und Sexual- 
reform" zu Wort. Ich stellte in meinem Referat die Institution der Ehe in den Mittelpunkt 
der Kritik und analysierte zuerst die Momente, die die Ehe vor allen anderen Verbindungen 
auszeichnen. Ich mussto und durfte wohl dabei zum Teil auf die in meinem Buch .Die 
sexuelle Krise* i ) entwickelten Definitionen und Analysen zurückgreifen, zum Teil konnte 
ich aber auch wesentliche Erweiterungen der Untersuchung, wie ich sie im zweiten 
Buch der .sexuellen Krise", das in Vorbereitung ist, zu geben haben werde, bieten. 

In dem Moment der offiziell erklärten gemeinsamen Repräsentation eines 
sexuell und sozial verbündeten Paares sehe ich das eigentliche eheliche Prinzip, 



I) 5. Auflage. Verlag Eugen Dietrichsi Jena. 



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Aus Vereinen und Versammlungen. 155 

welches ich für einen hohen Eulturfaktor halte. Es folgte eine Analyse der Ge- 
fahren der Liebesgemeinschaft als Experiment, also der .freien Liebe ^ Neben dem 
sozialen Moment sehe ich als zweiten Kolossalp feiler der Ehe das Suggestions- 
moment, das Gefühl der Verbundenheit, das die Ehe zumeist in sehr zuverlässiger 
Form veimittelt und welches ich für schlechterdings unersetzlich halte. Diese beiden 
Momente bilden die vornehmsten Werte der Ehe, darum soll und wird sie immer 
das Streben der Menschen bleiben. 

Diese Gebundenheit darf aber nicht erpresst werden durch alle möglichen Kon- 
junkturen, die mit dem Wesen der Sache nichts zu schaffen haben und jene Menschen, 
die diesen Glückszustand dauernder und freiwilliger sexual-sozialer Dauergemein- 
schaft nicht erreichen, dürfen deswegen ihres Geschlechtslebens nicht beraubt werden. 
Ich erlaubte mir das Motto aus der „sexuellen Krise'' heranzuziehen: „Feste und 
dauernde Monogamie ist ein ausgezeichneter Zustand, weil er die Energien des 
Menschen für andere ausserhalb der Erotik liegende hohe Aufgaben schont. Aber 
als erste Karte ist die richtige Monogamie wohl nicht im Lebensspiel za ziehen.' 
Das Recht auf eine durch die Verhältnisse eventuell sich ergebende Aufeinanderfolge 
jeweilig monogamer Beziehungen muss auch ausserhalb der Ehe gesellschaftlich 
anerkannt werden. Die schlimmste Folge der herrschenden Moral, welche heute das 
freie Verhältnis brandmarkt, ist die Nötigung zur Hintertreibung der natürlichen 
Fruchtbarkeit, wodurch die echte Auslese durchkreuzt wird, während die ver- 
fälschte Auslese flott ihr Spiel treiben kann. Dadurch wird die Entwicklungsmög- 
lichkeit der Art (Gattung, Rasse) zu immer höheren Exemplaren durchkreuzt. Nicht 
gegen die Ehe als Institution wird also gekämpft, sondern nur dafür, dass einer 
unerwünschten Ehe ein erv^ünschtea freies Verhältnis, auch wenn es die Ehe nicht 
bietet, vorgezogen werden könne und dürfe, ohne Gefahren für die Beteiligten. Ich 
führte aus, dass man die Ehe sogar erfinden müsste, wenn sie nicht bestünde und 
dass nur der terroristische Absolutismus, mit dem sie das ganze Geschlechts- 
leben unter ihr Schema zu bringen sich anmasst, zur Reform der sexuellen Ethik 
drängt. So gut es die knappe Zeit gestattete, schilderte ich die Verheerungen, die 
die erzwungene Askese besonders auf die Frau ausübt, und die unheilvolle Kontra- 
selektion, die sich gerade dadurch ausbreitet, dass die reife Jugend von der Fort- 
pflanzung vielfach abgeschnitten ist, und der Mann erst zur Fortpflanzung gelangt, 
wenn er den Höhepunkt biologischer Reife und Kraft überschritten hat. Ich hob 
die Forschungen über die psychopathischen Folgen des unfreiwilligen Zölibats, wie 
sie besonders von Professor Freud klargelegt wurden, hervor und sprach über die 
Leiden, die aus der durch die Verhältnisse oft gröblichst mit Füssen getretenen 
Sehnsucht nach M utterschaf t resultieren. Ich forderte gesellschaftliche Mass- 
nahmen, die den Eltern die Kinder aufziehen helfen. Die Mittel dazu sollten durch 
Steuern, die in späteren Jahren, z. Z. der vollen Erwerbsfähigkeit geleistet würden, 
hereingebracht werden. Keinesfalls dürften die beiden Momente der späten 
Zeugung und der späten vollen Erwerbsfähigkeit zusammenfallen, wie dies heute 
der Fall ist, wenn wirklich von der Erzeugung eines immer höher qualifizierten 
Nachwuchses die Rede sein soll. Das hiesse, die Ehe und die Fortpflanzung wirk- 
samer begünstigen als wenn man die Schutzmittel verbietet. Ich versuchte dann 
verschiedene Reformvorschläge, die der herrschenden sexuellen Not gegenüber ent- 
standen sind, zu charakterisieren und musste den Vorschlag des englischen Schrift- 
stellers Me red ith auf „Probeehe " als besonders flach bezeichnen, weil er das wert- 
vollste Moment der Ehe, das Gefühl der dauernden Verbundenheit, ausschliesst. 
Die Reformvorschläge, die zur Lösung des sexuellen Problems gemacht wurden, 
teile ich in solche, die mit dem Prinzip der Monogamie brechen und jene, welche 
es bei aller Freiheit der Beziehungen erhalten zn sehen wünschen. Nur dieses 



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150 AuB Vereinen und Versammlungen. 

letztere Prinzip, welches die jeweilige Monogamie (denn selbstverständlich mass mit 
einer eventl. sich ergebenden Sukzession geschlechtlicher Verhftltoisse gerechnet 
werden) zum mindesten als das anzustrebende, wenn auch nicht immer erreichte 
Ideal erhalten sehen will, kann ich anerkennen, alles andere würde nur weitere 
Leiden und unendliche Konflikte schaffen. (Eingehend kann ich mich über die Ge- 
staltung einer kommenden anderen Sexualordnung, wie sie sich aus den vorhandenen 
Ansätzen schon deutlich ergibt, erst in meinem zweiten Buch zur .sexuellen 
Krise' äussern.) Das Wort „Ideal** in bezug auf die Monogamie ist aber hier nicht 
in jenem schwülstigen Sinne gemeint, mit dem es von Reformethikem breit und 
flach getreten wird. Ich gebrauche das Wort h er in rein phylosophischem Sinne, 
im Sinne der platonischen Eidea, welche ziel weisend über unserem oftmals anarchi- 
schem und gestaltlosem Treiben wirkt. In diesem Sinne kam die reine „Idee* der 
Liebe und des ehelichen Bündnisses nicht anders gedacht werden als monogam. 
Selbstverständlich muss damit gerechnet werden, dass das Ideal nicht erreicht wird, 
aber dann kann auch von der Befriedigung tiefsten Sehnens keine Rede sein. Aller- 
dings ist mir Monogamie, wie schon erwähnt, durchaus nicht identisch mit der 
lebenslänglichen Dauer einer Beziehung, so sehr sie auch zu wünschen ist, und so 
sehr ich auch überzeugt bin, dass sie, bei voller Freiwilligkeit, die höchste Glücks- 
form darstellt. Trotzdem ich in meinem Buch nirgends gegen die Monogamie Front 
gemacht habe, wie zahlreiche andere Reformer, mit denen ich mich im zweiten Buch 
befassen werde, wurde mir diese angebliche Stellungnahme dennoch fälschlich unter- 
schoben, was ich nur damit erklären kann, dass das überreiche Material, das sich 
der Analyse aufdrängte und meine Methode, das „Ding* von allen Seiten pro und 
kontra anzusehen, gewisse Rezensenten verwirrte. Allerdings entrüsteten sich 
auch manche über die von mir verlangte Anerkennung der Sukzession monogamer 
Verhältnisse. Wenn man aber das Problem voraussetzungslos, moralinfrei und den 
wahren Bedürfnissen der menschlichen Natur und Kultur entsprechend anschaut, 
so ergibt sich die Notwendigkeit dieser Sukzession bis zur Erreichung einer gewissen 
Reife überall dort, wo nicht besondere Glückszufälle vorliegen. Darum muss auch 
ihre gesellschaftliche Anerkennung gefordert werden; denn nur unter dem Mantel 
der Heuchelei können alle die widerlichen Erscheinungen unserer heutigen Sexual- 
moral sich ausbreiten. Auch die Bekämpfung der doppelten Moral, die wir fordern 
müssen, wird gewöhnlich falsch verstanden. Es handelt sich weder darum, dass 
das Weib die Freiheiten der Ausschweifungen begehrt, noch dass der Mann in Askese 
leben soll bis zur Ehe, sondern die simple Wahrheit liegt wieder einmal in der 
Mitte. Weder Askese noch Däbauche ist anzustreben; aber die Möglichkeit eroti- 
schen Erlebens muss sowohl für den Mann wie für die Frau gelten. Mit den Forde- 
rungen nach Freiheit gehen Hand in Hand solche der Beschränkung, der strengsten 
Selbstzucht, im Hinblick auf das Wohl und Wehe der Nachkommenschaft. 

In Frida Stt^euhoff lernten wir die uns schon vorher durch ihre Schriften 
vertraute radikale Vertreterin sexualreformatorischer Ideen in Schweden kennen. 
Diese Frau, eine hohe schlanke Blondine, die in einer ideal glücklichen Ehe lebt 
und schon erwachsene Kinder hat, hat die Würde, die Güte und das schlichte, leuch- 
tende Wesen, mit dem man sich etwa eine nordische Königin vorstellt. Und dann 
kommt sie aufs Podium und mit dem Harfenklang ihrer Stimme, die einen rechten 
Gegensatz bildet zu allem Suffragettengepolter, verfleht sie die letzten, die schärfsten, 
die äussersten Forderungen unseres Reformkampfes! Sie geht noch weiter als ich, 
— sie verwirft die Ehe en bloc. Sie verlangt die volle Freiheit der Beziehungen 
und führt aus, dass durch das Vorhandensein der Ehe das Kind riskiere — unehe- 
lich geboren zu werden. In der gesetzlichen Familie sieht sie das wesentlichste 
Kampfmittel für die ungerechte soziale Machtverteilung. — Ich glaube, dasa das 



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Aus Vereinen und Versammlungen. 157 

Band der Ehe von selbst immer lockerer werden wird, je mehr anderei-seits hei 
freien Bündnissen die Usancen notarieller Kontrakte ühlich werden. Ich sehe aber 
besonders in dem erwähnten Suggestionsmoment der Ehe einen so hohen Wertfaktor, 
dass ich ihn heute noch nicht missen möchte. Ich halte darum auch die von der 
von mir sehr geschätzten Frau St^enhoff geführte Propoganda für aussichtslos 
und den Zeitverhältnissen gegenüber unproportioniert. Dass das freie Verhältnis 
neben der Ehe Achtung erlange, dass Mutter und Kind auf alle Fälle geschützt 
seien und dass jede gesunde Fruchtbarkeit von der Gesellschaft mit Freuden begrüsst 
werde, ebenso wie jede Vermehrung minderwertiger Erbwerte verhindert werden 
muss, — das scheint mir das Erstrebenswerte, und ich sehe keinen Grund, der 
unter diesen Voraussetzungen dagegen sprechen sollte, dass die Ehe neben anderen 
Formen des sexuellen Lebens erhalten bleibt. Einen wahrhaft herzerfreuenden An- 
blick bot auch der greise Dr. Rutgers (Haag). Dieser alte Mann mit dem feurig 
begeisterten, durchstrahlten Gesicht gehörte beiden Kongressen an und beteiligte 
sich aufs aktivste an den Debatten auf der linksten radikalsten Seite in enger Ver- 
bindung mit unserem Reformkampf. Wenn junge Menschen, wie wir, an der Zukunft 
bauen helfen, um sie für die, die nach ihnen kommen, besser zu gestalten, wenn sie 
auf diesem Wege auch dort nicht stocken, wo es gilt, das gefährliche Werk der 
Niederlegung alter Barrikaden zu vollbringen, so braucht es, um sie zu solchem 
Kampfe zu befähigen , nur eines grossen Masses durchlebter Leiden und einiger 
Fähigkeit, die sich daraus ergebenden Schlüsse zu ziehen. Wenn aber das hohe 
Alter in dieser Weise mit der reifen Jugend geht, dann handelt es sich um mehr: 
nur genialische Instinkte können dies Wunder vollbringen. Die alte Hedwig 
Do hm in Deutschland, Popper-Lynkeus in Österreich und jener herrliche alte 

Rutgers aus dem Haag sind solche Phänomene Am letzten Abend sprach 

in öffentlicher Versammlung, die die grosse Kongresshalle bis aufs letzte Plätzchen 
füllte, Dr. Iwan Bloch über die sexuelle Frage im Altertum und ihre Bedeutung 
für die Gegenwart. Er wies darauf hin, dass die herrschende sexuelle Moral ein 
Produkt des griechischen Altertums ist, welches einen typischen Sklavenstaat auf 
der einen und ein absolutes Patriarchat auf der anderen Seite hatte, und welches 
sich im wesentlichen auf die Missachtung der Frau, Missachtung der individuellen 
Liebe und Missachtung der Arbeit stützte, daher sei diese Moral für uns unbrauchbar. 
Hierauf sprach Dr. Helene Stöcker (Berlin) und wies auf den Zusammenhang der 
modernen sexuellen Reformbewegung mit den grossen Revolutionen, die die Moral 
durch die Romantiker, durch Kant, Fichte und Nietzsche erfahren habe, hin. 
Anstelle von Geheimrat Professor Dr. Eulenburg, der durch einen Todesfall in 
der Familie am Erscheinen verhindert war, hielt Dr. med. Julian Marcuse (Parten- 
kirchen) das Schlussreferat. Er schilderte die Notwendigkeit einer strengen Askese 
für die Jugend bis zum Alter der Pubertät. (Mir scheint diese Grenze zu niedrig 
gegriffen; die Askese dürfte auch noch für die ersten Jünglingsjahre, nach der 
Pubertät zu empfehlen sein.) Habe man es aber mit geschlechtsvoUreifen Menschen 
zu tun, so sei die Frage eine ganz andere, und es müssten Reformen geschaffen 
werden, die nicht Millionen Menschen zu gefährlichem Verzicht verurteilen. 

Damit schloss unter grossem Beifall der bedeutsame Kongress. Am nächsten 
Vormittag wurde eine , Internationale Vereinigung für Mutterschutz 
und Sexualreform* konstituiert, der die sämtlichen anwesenden Ausländer 
beitraten. Nicht nur eine Schar konsequent Denkender und mutig Kämpfendert 
sondern eine Reihe der edelsten menschlichen Persönlichkeiten haben diese beiden 
Kongresse vor unsere Augen geführt und uns darum auf lange hinaus Lebenskraft 
und Lebensfreude vermittelt. 

Zentralblatt für Psychoanalyse. II •. 11 



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OrfgfrTaffrom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



158 Varia. 



Varia. 



,,6ross ist die Diana der Epheser^^ Die alte Griechenstadt Ephesos in Klein- 
asien, um deren Ruinen sich gerade die österreichische archäologische Forschung 
verdient gemacht hat, war im Altertum vor allem berühmt durch ihren grossartigen, 
der Artemis (Diana) geweihten Tempel. Ionische Emigranten bemächtigten sich 
vielleicht im 8. Jahrhundert der Järgst von asiatischen Yölkerstammen bewohnten 
Stadt, fanden in ihr den Kult einer alten mütterlichen Gottheit vor, die möglicher- 
weise den Namen Oupis trug, und identifizierten diese mit ihrer heimatlichen Gott- 
heit Artemis. Nach dem Zeugnis der Ausgrabungen erhoben sich im Laufe der 
Jahrhunderte mehrere Tempelbauten auf derselben Stätte zu Ehren der Gottheit. 
Es war der vierte dieser Tempel, der im Jahre 356 in der Nacht, in welcher Alex- 
ander der Grosse geboren wurde, durch einen von dem wahnwitzigen Herostratos 
angestifteten Brand zugrunde ging. Er wurde herrlicher denn je wieder aufgebaut. 
Mit ihrem Getriebe von Priestern, Magiern, Wallfahrern, ihren Kaufläden, in denen 
Amulette, Andenken, Weihgeschenke feilgeboten wurden, konnte sich die Handels- 
grossatadt Ephesos einem modernen Lourdes vergleichen. 

Um das Jahr 54 unserer Zeitrechnung kam der Apostel Paulus zu mehr- 
jährigem Aufenthalt nach Ephesos. Er predigte, tat Wunder und gewann einen 
grossen Anhang im Volke. Von den Juden verfolgt und verklagt, trennte er sich 
ihnen ab und gründete eine unabhängige Christengemeinde. Unter der Ausbreitung 
seiner Lehre begann das Gewerbe der Goldschmiede zu leiden, die für die Gläubigen 
und Pilger aus aller Welt die Andenken an den Gnadenort, die kleinen Nachbil- 
dungen der Artemis und ihres Tempels fabriziert hatten i). Paulus war viel zu 
sehr starrer Jude, um die alte Gottheit unter anderem Namen neben seinem Gott 
fortbestehen zu lassen, sie umzutaufen, wie die jonischen Eroberer mit der Göttin 
Oupis verfahren hatten. Da musste es den frommen Handwerkern und Künstlern 
der Stadt um ihre Göttin wie um ihren Erwerb bange werden. Sie empörten sich 
und strömten unter dem unaufhörlich wiederholten Ruf „Gross ist die Diana der 
Epheser" durch die Hauptstrasse Arkadiane zum Theater, wo ihr Führer Deme- 
trios eine Brandrede gegen die Juden und gegen Paulus hielt. Mit Mühe gelang 
es der Behörde den Aufruhr durch die Versicherung zu dämpfen, dass die Majestät 
der grossen Göttin unantastbar und über jeden Angriff erhaben sei'-). 

Die von Paulus gegründete Kirche von Ephesos blieb ihm nicht lange treu. 
Sie geriet unter den Einfluss eines Mannes Johannes, dessen Persönlichkeit der 
Kritik schwere Aufgaben gestellt hat. Er war vielleicht der Verfasser der Apoka- 
lypse, die von Invektiven gegen den Apostel Paulus strotzt. Die Tradition liess ihn 
mit dem Apostel Johannes zusammenfallen, dem das vierte Evangelium zugeschrieben 
wird. Nach diesem Evangelium hatte Jesus am Kreuze seinem Lieblingsschüler auf 
Maria deutend zugerufen: Siehe, das ist deine Mutter, und von diesem Augenblicke 
an nahm Johannes die Maria zu sich. Wenn also Johannes nach Ephesos gegangen 
war, so war auch Maria mit ihm dahin gekommen. In Ephesos erhob sich also neben 
der Kirche des Apostels die erste, schon im vierten Jahrhundert bezeugte, Basilika 
zu Ehren der neuen mütterlichen Gottheit der Christen. Die Stadt hatte ihre grosse 
Göttin wieder, es hatte sich ausser dem Namen wenig verändert; auch die Gold- 
schmiede fanden wieder Arbeit, Abbilder des Tempels und der Gottheit für die 
neuen Pilger zu schaffen; nur die Leistung der Artemis, die sich in ihrem Attribut 

1) Siehe auch Goethes Gedicht, Bd. 2 der Sophien-Ausgabe, S. 195. 
^) Apostelgeschichte, Kap. XIX. 



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Varia, 159 

KovQ6iQO(pos ausdrückte, überging auf einen heiligen Artemidoros, welcher sich der 
Frauen in Kindesnöten annimmt. 

Dann kam die Eroberung der Stadt durch den Islam und endlich ihr Untergang 
und ihre Verödung durch die Verdandung ihres Flusses. Aber die grosse Göttin von 
Epbesos hatte ihren Anspi-uch noch immer nicht aufgegeben. Noch in unseren Tagen 
erschien sie als heilige Jungfrau einem frommen deutschen Mädchen, Katharina 
Emmerich in Dülmen, beschrieb ihr ihre Reise nach Epbesos, die Einrichtung 
des Hauses, das sie dort bewohnte und in dem sie starb, die Form ihres Bettes usw. 
Und Haus und Bett haben sich wirklich gefunden, sowie sie die Jungfrau beschrieben 
hatte, und sind wiederum das Ziel von Pilgerfahrten der Gläubigen. 

(Nach F. Sartiaux, Villes mortes d'Asie mineure, Paris 1911.) 

Freud. 

Eine Tranniaiialyse bei Ovid, 

Von Dr. Karl Abraham (Berlin). 

Im dritten Buch der «Amores" des Ovid findet sich als fünfte Elegie die aus- 
führliche Schilderung eines Traumes. Das Gedicht lautet in der nahezu wortgetreuen 
und sehr gelungeneu Übersetzung von Dr Alexander Bergi) wie folgt: 

, Nacht war's, und es verschloss mir der Schlaf die ermüdeten Augen; 

Höre das Traumgesicht, das mich in Schrecken gesetzt. 
Reich an Eichen erhob ein Hain sich an sonnigem Hügel, 

Und in der Zweige Laub bargen der Vögel sich viel. 
Einen grünenden Platz enthielten rasige Matten, 

Feucht von den Tropfen des sanft rauschenden Wassers gesprengt. 
Unter der Bäume Laub entzog ich selbst mich der Hitze; 

Aber der Bäume Laub wehrte der Hitze doch nicht. 
Da stand, blendend weiss, mir eine Kuh vor den Augen, 

Kräuter suchend mit buntfarbigen Blumen gemischt; 
Blendender war sie als Schnee, wann eben frisch er gefallen» 

Welchen zu Wasser noch nicht hatte geschmolzen die Zeit; 
Blendender war sie, als Milch, die weiss von noch rauchendem Schaum ist 

Und die das Mutterschaf, eben gemolken, verlässt. 
Deren Begleiter war ein Stier, ihr glücklicher Gatte, 

Und mit der Gattin vereint drückt' er das saftige Gras. 
Während er daliegt trag und wiederkäute die Kräuter 

Und ihn zum zweiten Mal speist die gespeisete Kost, 
Schien*s, dass bewältigt vom Schlaf sein hörnertragendes Haupt er 

Hin auf die Erde, dass sie*s stUtzete, habe gestreckt. 
Hierher kam, aus der Luft auf leichten Schwingen sich senkend, 

Eine Krähe und Hess schwatzend sich nieder im Gras. 
Und dreimal grub frech in die Brust der schneeigen Kuh sie 

Ihren Schnabel, und weiss war von den Haaren der Mund. 
Jene verliess den Ort und den Stier nach längerem Zaudern, 

Doch auf der Brust der Kuh ward nun ein schwärzlicher Fleck. 
Und als Stiere sie sah, in der Ferne Kräuter sich pflückend, — 

Fern von ihr pflückten sich Stiere das üppige Kraut — 
Stürzte sie sich dorthin, sich mit jener Herde zu mischen, 

Und besuchte die Trift, reicher mit Halmen geschmückt. 



1) Berlin, Langenscheidt'sche Verlagsbnchhandlung. 2. Auflage. 



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160 Varia. 

Sage mir nun, der du die Traumgesichte der Nacht deut'st, 

Was, steckt Wahres darin, dieses Gesicht mir besagt!'' 
So ich. Und es erhob der Träume Deuter sich also, 

Während in seinem Geist jegliches Wort er erwog: 
.Jene Hitze, die du durch das Laubdach wolltest vermeiden, 

Und die du Übel vermiedst, war in der Liebe bei dir; 
Deine Geliebte, die Kuh und die Farbe die der Geliebten; 

Du der Mann und ein Stier als der Genosse der £uh. 
Dass ihr die Krähe die Brust mit spitzem Schnabel durchbohrte. 

Sagt, der Gebieterin Herz regte die Kupplerin auf. 
Dass von dem Stiere die Kuh nach langem Zaudern sich trennte, 

Heisst, in dem ledigen Bett wirst du verlassen dich sehn. 
Vom an der Brust der Fleck, der bläulich schwarze, bedeutet, 

Dass ihr der Buhlerei Makel beilecket die Brust/ 
Also der Deuter; mir wich das Blut ans dem eisigen Antlitz, 

Und von finsterer Nacht wurden die Augen bedeckt. 
Die in dem Gedicht gegebene Deutung des Traumes ist — im Sinne unserer 
wissenschaftlichen Traumanalyse — unvollständig. Besonders wird die Tendenz des 
Traumes (Wunscherfüllung) nicht ersichtlich. An dem symbolischen Gehalt der 
ersten sechs Verse (Hügel, Hain, Vögel, Wasser) geht der Traumdeuter achtlos 
vorüber. Im übrigen aber erkennt er den Sinn der Symbole so vollkommen, dass 
sich eine frappante Übereinstimmung mit unseren heutigen Auffassungen ergibt. 



Ein Fall „lenkbarer Tränme^^ Zu den interessanten Mitteilungen Ferenczi 
über .lenkbare Träume** bin ich in der Lage, ein Beispiel mitzuteilen: £in Mädchen 
von 17./18. Jahren hat Träume peinlichen Inhalts, die öfters wiederkehren. Will sie 
nun von einer Person oder Sache nicht träumen, so nimmt sie sich dies vor, und 
zwar unter der folgenden stereotypen Vorstellung : „Ich glaube mich in einem leeren 
kahlen Zimmer zu befinden, dessen einzige Tür sich direkt auf einen tiefen Abgrund 
öffnet, in dem ein Fluss fliesst. Die Tür, die man nach ihnen öffnet, steht offen 
und ich lasse im Türrahmen eins nach dem anderen die Gegenstände, Tiere und 
Menschen erscheinen, von denen ich nicht träumen will. Und vor jedem schliesse 
ich kräftig die Türe, indem ich zu mir sage das Wort: Hinunter! Dabei habe ich 
die Empfindung, als stiesse ich alles in den Fluss hinunter. Nachdem ich das einige 
Male wiederholt habe, steigt ein Nebel vom Fiuss auf, meine Gedanken verwirren sich 
und ich schlafe ein ohne zu träumen." Bei der ersten mündlichen Darstellung dieses 
Vorgangs, die sie mir gab, hatte das Zimmer ein Fenster, durch das die Gegen- 
stände wiederkehrten, um noch einmal hinabgestossen zu werden. 

Von Dr. Stekel wurde ich darauf aufmerksam gemacht, dass das Mädchen 
durch diesen Vorgang nichts gewinnt, da es die Konflikte, denen es entgehen will 
vor dem Einschlafen erledigt. Ernst Marcus. 



Zum Thema „Traiimdeutang''. Aus Byron 's „Don Juan". Don Juan, als 
Frau verkleidet, muss im Frauengemache das Lager der Dudu teilen, die, wie alle 
anderen, von dem wirklichen Geschlechte Don Juans nichts weiss. 

Sechster Gesang. 
LXX. 
Da hörte man Dudu ganz plötzlich schreien. 



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Varia, 161 

LXXV. 
Und endlich sagte sie: «Von Schlaf umfangen 

Hab' ihr geträumt, in einem dunkeln Hain 
Zu wandeln, jenem gleich, darin ergangen 

Sich Dante in dem Alter, da noch rein 
Die Welt und ohne Grund der Mädchen Bangen, 

Der JUngling möge zu zudringlich sein; 
Und voll von prächtigen Bäumen sei der Wald 
Gewesen und von Früchten mannigfalt. 

LXXVI. 

Wo in der Mitt' ein goldner Apfel nickte — 

Ein wunderbarer Apfel — doch er hing 
Zu hoch und fern, und mit Verlangen blickte 

Sie auf zu ihm, und dann zu werfen fing 
Sie an mit Steinen und was sonst — doch glückte 

Kein Wurf, weil jeder weit daneben ging; 
Fest hing er an dem Zweige und sie sah 
In ärgerlicher Höh* ihn baumeln da. 

LXXVIL 
Doch plötzlich, als sie beinah aufgegeben 

Die Hoffnung, fiel er ihr von selbst zu Füssen; 
Sie sprang sogleich herzu, ihn aufzuheben 

Und unverweilt zu beissen in den süssen; 
Doch als ihr junger Mund geöffnet eben 

Sich schon und sie beinah hinein gebissen, 
Flog ein Bien' heraus — und diese stach 
In's Herz ihr — also ward sie schreiend wach.* 
Mit Angst sie und Verwirrung dies gestand — 

Die Folgen solcher Träume, wirr und wild. 
Absonderlich, wenn niemand gleich zur Hand, 

Zu deuten uns ihr eitles Truggebild. 

Gaston Rosenstein. 



„Ich fiircht' nit Gespenster." 

Für die auf unbewusste narzisstische Motive zurückzuführende Entblössung 
mit apotropäischer Tendenz findet sich folgender hübscher Beleg bei Gottfried Keller: 
Ich furcht' nit Gespenster Es hasst meiner Schönheit 

Keine Hexen und Feen, Unschuldige Zier; 

Und lieb's, in ihre tiefen Wenn ich spät noch vorbeigeh', 

Glühaugen zu sehn. So zankt es mit mir. 

Am Wald in dem grünen Jüngst, als ich im Mondschein 

Unheimlichen See, Am Waldwasser stand, 

Da wohnet ein Nachtweib, | Fuhr sie auf ohne Schleier, 

Das ist weiss wie der Schnee. Ohne alles Gewand. 

1) Yergl. Stekel: „Zur Psychulogie des Exhibitionismus.*^ (Zentralblatt für 
Psychoanalyse. I. Band, Heft 10/11.) 



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1G2 Varia. 

Es schwammen ihre Glieder Aber ich hab' entblösset 

Id der taghellen Nacht; Meine lebendige Brast; 

Der Himmel war trunken Da hat sie mit Schande 

Von der höllischen Pracht. Versinken gemusst! A. v. W. 

Prof. Dr. E. Meumann in Leipzig schreibt im «Pädagogischen Jahresbericht 
1910" (Leipzig, Brandstetter, 1911), S. 134 f.: 

,Die Freud 'sehe Methode gewann 1910 bedeutend an Boden, sie hat aber 
auch sehr entschiedene Gegner. Sie muss besonders deshalb erwähnt werden, weil 
sie immer mehr auf die Pädagogik angewandt wird. Zum Teil hat Freud selbst, 
besonders aber sein Anhänger , der scharfsinnige und besonnene Pfarrer Dr. 0. 
Pf ister in Zürich gezeigt, dass krankhafte Seelenzustände und moralische Schwäche 
bei Schulkindern mit solchen aus dem Bewusstsein verdrängten sittlichen Ver- 
fehlungen zusammenhängen. In einigen Fällen, in denen es Pf ist er gelang, mora- 
lisch ganz hcmntergekommene Schüler zur Aussprache über das den ganzen Prozess 
einleitende Delikt zu bringen, gelang die sittliche Rettung des Individuums. Da die 
Methode vielleicht noch einmul grosse praktische Bedeutung erlangen wird, möge 
auf einiges aus ihrer neuesten Literatur hingewiesen werden. Freud selbst hat 
begonnen, (zusammen mit Bleuler und Jung) ein Jahrbuch für psychoanalytische 
und psychopathologische Forschungen herauszugeben. Im ersten Bande gibt Freud 
sogleich eine Probe der Anwendung seiner Methode auf die Pädagogik; in dem 
Artikel , Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben" wird die Heilung eines so 
jugendlichen Individuums von Angstzuständen behandelt. Von Pfisters Schriften 
sei erwähnt: «Psychoanalytische Seelsorge und experimentelle Moral pädagogik** 
(Protest. Monatshefte 1909); die Abhandlung gibt hervorragende Beispiele von 
Freud 's Methode. Zu beachten ist, dass allerdings die Psychoanalyse in erster 
Linie ein praktisches Verfahren sein will und Heilmethode ist; sie hat aber 
gleichzeitig den Charakter einer wissenschaftlichen Methode zur Zergliederung krank- 
hafter Seelenzustände." 

(Im Folgenden kommen auch einige Bedenken gegen die Traumpsychologie 
zur Sprache.) 

Dr. S. Lindner, Kinderarzt in Budapest, verschied im 72. Lebensjahre. Er 
gehörte zu jenen wenigen, auf die sich Freud bei der Begründung seiner Sexual- 
theorie als Vorläufer beziehen konnte. Seine wichtigste Arbeit war die «Über 
Ludein oder Wonnesaugen", die er im Archiv für Kinderheilkunde (1879) ver- 
öffentlichte ; in dieser mit vielen guten Illustrationen erläuterten Arbeit teilte der 
Verfasser seine Beobachtungen über die verschiedenen Arten des Ludeins bei ganz 
jungen und bei heranwachsenden Kindern mit; er betonte ausdrücklich den erotischen 
Charakter dieser „üblen Gewohnheit" und erkannte deren allmählichen Übergang in 
die Kinder-Masturbation. — Natürlich wollte ihm diese Dinge kein Mensch glauben; 
man hielt ihn, da er seine These eifrig gegen die Spötter verteidigte, für einen 
Sonderling. — Ref. war es noch vergönnt, den von der ärztlichen Tätigkeit schon 
zurückgetretenen alten Herrn auf die siegreiche Auferstehung seiner Lehre in Freud 's 
Schriften aufmerksam zu machen. Dr. Ferenczi, Budapest. 



Zur Richtigstellung^! Die Mitteilung III in Heft I dieses Jahrganges 
„Zwei interessante Fälle von Verspreche ir' ist von Dr. A. A. Brili 
(New- York) und nicht von Prof. Ernest Jones. 



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Literatur. 1G3 



Literatur. 

(Abkürzungen: R? ~ Referat gesucht; 6 = das Buch ist bei der Redaktion ein- 
gelaufen.) 

Hakoävic: ^Das nervöse oder geisteskranke Kind in der Schule/ (Med. Blätter. 

1911. Nr. 19.) 
Raecke: ^Über den kindlichen Schwachsinn, seine Symptomalogie^ Diagnose und 

Therapie. (Deutsche med. Wochenschr. 1911. Nr. 41.) 
Bartels: ,,Über neuere Ergebnisse der anthropologischen Forschung. (Ibidem.) (R?) 
Revösz: Rassenpsychiatrische Erfahrungen. (Archiv fUr Schiff- und Tropenhygiene. 

V. Beiheft. 1911.) 
Hughes, C. H.: „Salome the necrophile.*" (The Alienist and Neurologist. 1911. 

XXXIII.) (R?) 
Dupres et Devaux: La melancholie du peintre Hugo van der Goes. (Nouvelle 

Sonographie de la Salpöti^re. 1910. 23. Heft.) 
Benni: Zur Methodik der Psychoanalyse. (Revue f. Psych., Neurolog. u. 

exper. Psychol. (Russ.) — 1911. Heft 16.) (R?) 
Prof. Dr. Anton Heveroch: Ein Beitrag zur psycholog. Analyse der 

Halluzinationen, Wahnideen und Obsessionen. (Zeitschr. f. die ges. 

Neur. u. Psych. 1911. VII. Bd. 2. H.) (R?) 
Bernstein: Über psychologische Zustände bei Degenerationen. (Ibidem.) 
Liebermann von Sonnenberg: „Zwei Fälle von Besudelung.* (Ibidem.) 
E. Kleemann: (Anstaltsgeistlicher in Leipzig. «Die Zeit.*^) (Ibidem.) 
Näcke: «Päderastie aus sakralen Gründen.'' (Ibidem.) 
— «Ein echter Fall von Hämaphroditismus." (Ibidem.) 
Dr. Alfred Gottschalk et A. Marie: «La maladie e la niort du roi 

Luis II. de Baviere. (Archiv, de Neurolog. Oktobre 1911.) (R?) 
Claparede: Interpretation Psychol ogique de THypnose. (Joum. für 

Psych, und Neurologie. 1911. Bd. 18. 4. Ergänzungsheft.) (R?) 
L. Scholz: «Anormale Kinder." (Berlin. 1911. S. Karger.) 
Th. Ziehen: «Die Erkennung der psychopathischen Konstitutionen (krankhaften 

seelischen Veranlagungen) und die öffentliche Fürsorge für psychopathisch ver- 
anlagte Kinder. (Berlin. 1911. S. Karger.) 
M. D. Eder: A case of Obsession and hysteria treated by the Freud 

Psycho-Analytic Method. (J^eing a paper read in the section ofneurology 

at the annual meeting of the British Medical Association. Birmingham. Juli. 

1911. British Medical Journal. Sept. 30. 1911.) (R?) 
Dr. phil. Else Voigtländer: Über die Bedeutung Freuds für die Psy- 
chologie. Münchener philosophische Abhandlungen, Theodor Lipps zu 

seinem sechzigsten Geburtstag gewidmet von früheren Schülern. Leipzig. 1911. 

(R?) 
Maeder: Dubois-Freud: Über die Definition der Hysterie. (Korr.-Blatt 

für Schweizer Ärzte. 1911. Nr. 26) 
Prof. Julius Donath: Psychotherapeuthische Richtungen. (Med. Klinik 

1911 Nr. 43.) 
' E. Doernberger: Jugendwandern. (Otto Gmelin, München. 1911.) (R?) 
Otto Dornblüth: Die Psychoneurosen. (Leipzig. 1911. Veith & Co.) 
Gutzmann: Die dysarthrischen Sprachstörungen. (Wien u. Leipzig. A. Holder. 1911. 
Ossipoff: .Die Psychotherapie in den literarischen Werken L. N. 

Tolstois. (Psychotherapia. Nr. 1. 1911. Russisch.) (R?) 



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164 Literatur. 

Pewnizki: Einige Fälle von Psychoanalyse. (Ibidem. Nr. 2.) (R?) 
Kannabich: Psychotherapie leichter Fälle von periodischer Depres- 
sion. (Ibidem. Nr. 3.) (R?) 
S. A. Ssuchanoff: Zyklothymie. (Ibidem. Nr. 4—5.) (R?) 

Wyruboff: Zur Psychoanalyse des Hasses. (Ibidem.) (R?) 
Jakoweuko: Eine psychische Epidemie auf religiösem Boden. (Ssowremennaja 
Psichiatrija. 1911. März— April.) (R?) 

Hamburger: Über den vasoneurotischen Symptomenkomplex bei Kindern. (Mtlnch. 
med. Wochenschr. 1911. Nr. 42.) 

Gerhard Hahn: Das Geschlechtsleben des Menschen. (Leipzig. J. A. Barth. 1911. 
123 8. 3.— Mk.) 

M. Cohn: Kinderprügel und Masochismus. (Zeitschrift für Kinderforschung. 1911. 
XVI. Jahrg. Heft 6.) 

Klepper (Giessen): Die Unterscheidung von epileptischen und katatonischen Zu- 
ständen, speziell aus den Assoziationen. (Klinik f. psych, und nerv. Krankheit. 
Bd. VL H. 1. 1911.) (R?) 

Dromard: Le delire d'interpretation. (Journ. de Psych, nerv, de Path. Bd. Vlll. 
S. 289. 1911.) 

Eulenburg: Selbstmorde von Kindern und Jugendlichen. (Enzyk. Handbuch des 
Kinderschutzes. II. Bd. 1911.) 

Max Rhode: Assoziationsvorgänge bei Defektpsychosen. (Monat, für Psych, u. 
Neun 1911. XXX. H. 4.) 

Bernstein: De la Neurasthenie grippale. (Revue de mädecine. Septemb. 1911.) 

Jean Lupine: Hysterie. Insufficience renale. Retention chlorurie. (Ibidam.) 

Dr. Georg Dobrick: Die Not der Psychiatrie. (Lissa i. P. Oskar Eulitz. 1911.) 

Friedmann: Ober die Eifersucht. (J. F. Bergmann, Wiesbaden. 1911.) 

Dr. Max Herz: , Vortragszyklus über Herzkrankheiten.* VI. Phreno- 
cardie. (Wien. med. Wochenschr. 1911. Nr. 43.) 

Dr. Ernst Jentsch: ,Über die Agilität.** (Psychiatr.-Neurol. Wochenschr. 1911. 
Nr. 30.) (R?) 

H. Dexler und A. Fröschel: , Beiträge zur Psychologie der Tiere." (Prag. med. 
Wochenschr. 1911. Nr. 42.) 

Knot: „Music as a Therapeutic Agent. (New- York med. Journal. Oktob. 1911.) 

Rosenthal: „Über die sexuelle Belehrung der Abiturienten. (Zeitschr. zur Be- 
kämpfung der Geschlechtskrankheiten. 1911. Nr. 8.) 

Siebert: Die Eltern und die sexuelle Aufklärung. (Ibidem.) 

Rupp recht, Jugend-Staatsanwalt in München: ,Der jugendliche Sexual Verbrecher." 
(Friedr. Blätter für gerichtliche Mediz. 1911. 4.) (R?) 

Lina Lombroso-Ferrero: , Weshalb mein Vater Gelehrter wurde? (Monatsschr. 
für Kriminalpsych. 1911. H. 6—7.) 

Morselli: ^Die philosophischen Grundlagen der Lehre Lombrosos. (Ibidem.) 

Rudolf Fleischmann: ^Beiträge zur Lehre der konträren Sexual- 
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Schelling: ,Der Selbstmord." (Fried. Blätter f. gericht Med. 1911. H. 3.) (R?) 

Dautheville: Le ,,Cafard" ou Psychose des pays Mauds. (Arch. d'Anthrop. cri- 
minelle. Tome XXVL Nr. 205. 1911.) 

Frank Lydston: Malingering Among Criminals. (Jour. of Crimin. Law. and 
Criminology. 

Rehmke: ,Die Willensfreiheit.* (Quelle & Meyer Leipzig. 1911.) 

F. Kraus: ,Die Abhängigkeitsbeziehungen zwischen Seele und Körper. (Deutsche 
Revue. Okt. 1911.) 



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Literatur. 165 

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klin. Wochenschr. 1911. Nr. 43.) 

Dr. med. et phil. Diepgen, Paul, Privatdozent für Geschichte der Medizin an der 
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Berlin. 1911.) 

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Habana. April 1911. Habana.) 

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Prof. Ernst E. Mornoseik: «Diagnostische Assoziationsuntersuchungen. (AUg. 
Zeitschr. für Psychiatrie. Bd. 68. H. 5. 1911.) 

Juliusburger: „Die Homosexualität im Vorentwurf zu einem deut- 
schen Strafgesetzbuch." (Ibidem.) 

Wolffensberger: «Hysterischer Affekttraumzustand.* (Milit. geneesk. Tijdschr. 
1911. Nr. 15.) (R?) 

Taubi: «Ein Fall von Psychoanalyse bei einem erwachsenen Stot- 
terer." (Med.pädag. Monatsschr. f. d. gesamt. Sprachheilkunde. 1911. H. 21.) 
(R?) 

Raymond Fontaine: «Kann man bei Beethoven von Irrsinn reden?* 
(Allg. Wiener med. Zeitschr. 1911. Nr. 44.) 

Li ep mann: «Über Wernickes Einfluss auf die klinische Psychiatrie," (Berlin, 
S. Karger. 1911.) 

Paul Rauschburg: Das kranke Gedächtnis. (Leipzig. J. A. Barth. 1911.) 

Steyerthal: «Hysterie und kein Ende.* Offener Brief an Herrn Staats- 
anwalt Wulffen. (Halle a. S., Carl Marhold. 1911.) 

Eduard Stierlin, Assistent an der chirurg. Klinik in Basel: «Nervöse und psy- 
chische Störungen nach Katastrophen. (Deutsch, med. Wochenschr. 1911. Nr. 44,) 

Dejerine et Gauckler: «Les manitestations fonctionelles des psychonevroses.* 
(Paris. 1911. Masson.) 

Zingerle: «Die psychiatrischen Aufgaben des praktischen Arztes.* Jena, Fischer. 
1911. 

Rubbrecht: L'origine du type familial de la Maison de Habsbourg, (Brüssel, Li- 
brairie nationale d'art et d'histoire, von Oest et Comp.) 

Chojecki: Contribution ä T^tude de la suggestibilit^. (Archives de Psychol. 1911. 
Heft 11.) 

Steiner: Über die Beziehungen der Epilepsie zur Linkshändigkeit (Monatschr. f. 
Psych, u. Neur. 1911. (3. Heft 30.) 

Delmas: «Un cas de nymphomanie grave chez une fillette de dix ans. (L' Encö- 
phale 1911. Heft 6). 

Kiernau: Ascetism as an autoerotism. (The Alienist and Neuroligist. 1911. 
H. 32.) 

Boldt: Schwere hysterische Lähmungen eine Züchtigungsfolge? (Sachverst. Ztg. 
1911. Heft 17). 

Stransky: Unilaterales Gedankenecho. Ein Beitrag zur Lehre von den Halluzina- 
tionen. (Neurolog. Zentrbl. 1911. Nr. 21.) 

Marguli es: Hystero-Epilepsie. (Sommers Klin. f. psych, u. nerv. Krankh. VI. H. 2). 

Bernheim: «Les Psy chonä vroses*. (L*Encepale. 1911. Nr. 7). 

— ^Dehnition et valeur th(^Tapeutique de Thypnotisme. (Revue de Psych. 1911. Nr. 10.) 

Flourney: Esprits et mediums. (Kändy et Fischbacher, Genöve. 1911.) 



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:3yV_:-UUglt UNIVERSITYOF MICHIGAN 



166 Literatur. 

Menzerath: I/ötude experimentale de rassociation des id^es dans 
les raaladies meutales. (Rapport du VI Congr^s beige de Neurologie et 
de Psych. Journal de Neurologie. 1911. Nr. 19-21.) (R ?) 

M. Isserlin: Bewegungen und Fortschritte der Psych otherapie. (Er- 
gebnisse der Neurologie und Psychiatrie. Jena. G. Fischer. 1911. I. Band. 1. u. 
2. Heft.) (R ?) 

Wilhelm Sternberg: , Das Appetitproblem in der Physiologie und in der Psycho- 
logie. (Zeitschrift für Psychologie. 1911. Band 59.) 

De über: Über bevorzugte Assoziationen. ^Ibidem.) 

Huber: Assoziations versuche an Soldaten (Ibidem.) 

S e 1 z : Willensakt und Temperament (Ibidem.) 

Max Leyy-Suhl: Studien über die experimentelle Beeinflussung des Vorstellungsver- 
laufes (Ibidem). 

Kampmann: , Warum werden so viele Nervöse nicht wirklich geheilt? 1911. 
Oranienburg. Oraniaverlag. 

— Zwangsvorstellungen und ihre Heilung durch Erkenntnistheorie. (Ib dem!) 
Eollwits: Charakter und Nervosität. (Berlin, J. Springer. 1912.) 

Margis: E. T. Hoffmann. Eine psychographische Individualanalyse. (Beiheft der 
Zeitschrift f. angewandte Psychologie und psychologische Sammelforschung. 
Herausg. v. William Stern u. Otto Lippmann d. A. Barth. 1911.) (R ?) 

Oswald Külpe: Psychologie und Medizin. (Zeitschrift für Pathopsychologie. Band I. 
Heft 2. 1911.) 

Wilhelm Specht: Der pathopsychologische Gehalt von Österreichs : Phänomeno- 
logie des Ich in ihren Grundproblemeo. (Ibidem.) 

Max Scheler: Spezielle Selbsttäuschungen. (Ibidem.j 

Kuno Mittenzwey: Versuch einer Darstellung und Kritik der Freudschen Neu- 
rosenlehre. (Fortsetzung.) (Ibidem.) 

Meyer: Homosexualität und Strafrecht. (H. Gross. Archiv. Band 44. 3. u. 4. Heft. 
1911.) 

Assagioli R.: II subcosciente. (Firenze, Bibl. filosofica.) 

— Sublimazione delle energie sessuali (Riv. di. Ps.) 

Claparöde: Kinderpychologie. Übers, v. HofFmann. J. A. Barth, Leipzig 1911. 

Japanische Literatur. 
Suzo Tsubouchi: „über den haibbe wussten Traum.* Tokio linruigaka 

Zasshi. (Zeitschr. für anthropolog. Forschung. 1911. Nr. 32) (R?) 
Juji vo Motora: .Psychologischer Grund der Charakterbildu ng. Eyoiku 

Sakujutau-Kai. (Pädag.-wissensch. Rundschau. 1911. Nr. 818.) (R?) 
Heisaburo Takashima: «Über die Entwicklung des moralischen Bewusstseins 

des Kindes. lido Kenkyu (Kinderforschung). Bd. 12. Nr. 6. (R?) 
Tomi Tanimoto: .Über die Kleptomanie der Kinder.' Kyoiku Sakujutsu-Kai. 

Bd. 16. Nr. 4. 
Teikichi Ichikawa: .Der Traum als Beobachtungsmaterial krank- 
hafter geistiger Zustände. Chiugwai Iji. Shimpo. (In- und ausländische 

mediz. Nachrichten. Nr. 672.) (R?) 
Inokichi Kubo: .Über die Psy chotherjapie bei hysterischer Aphonie. 

Fukuokalkwadaigaku Zasshi. (Zeitschr. der med. Fak. Fakuoka. Bd. 2. Nr. 6.) (R?) 
Masatake Morita: .Über die Psychotherapie." Igeku chiuwo Zasshi* 

(Zentralbl. f. d. gesamt. Mediz. Bd. 5. Nr. 10.) (R?) 



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Verlag von J. F. Bergmann in Wiesbaden. 



Soeben erschien: 

Die kKnische Untersuchung 
Nervenkranker^ 

Ein Leitfaden 

der 
allgemeinen und der topischen und eine synoptische Zusammen- 
stellung der speziellen Diagnostik der Nervenkrankheiten für 
Studierende und praktische Ärzte 
nach Vorlesungen 

von 

Dr. Otto Veraguth, 

Nervenarzt, Privutdozent der Neurologie an der Universität ZQriclu 
Mit 102 teils farbigen Textabbildungen und 44 Schematen und Tabellen. 

Preis gebd. Mk. 10.65. 

Aus dem Vorwort. 

Zweck dieses Buches ist: Einführung in die theoretisch 
immer interessanter und praktisch immer wichtiger werdende 
Nervenheilkunde. 

Eine solche Bestimmung verlangte Ausführlichkeit in der 
Behandlung der Untersuchungstechnik mit möglichst jeweiligem 
Hinweis auf die physiologische, anatomische und physiopathologische 
Begründung der optimalen Untersuchungsbedingungen und eine 
Darstellung der Lehren der topischen Diagnostik nach Gesichts- 
punkten, die vom Schema weg zum selbständigen Erfassen weisen. 

Von besonderem Wert für die Praxis wird auch der 
IIL Teil des Werkes sein, der eine, die rasche und sichere 
Diagnose sehr fördernde synoptische Zusammenstellung der 
speziellen Diagnostik der Nervenkrankheiten darbietet und alle 
wesentlichen Punkte mit einem Blick überschauen lässt. 

Aus dem Bestreben, dem frisch an das Gebiet Herantretenden 
möglichst umfassende, aber in sich geschlossene Vorstellungsbilder 
zu bieten, sind etwelche Eigentümlichkeiten des Buches entstanden: 
Einfügung von bisher in Neurologiebüchern noch nicht behandelten 
Themen und von neuen Darstellungen altbekannter Tatsachen. . . . 

. . . Dem Charakter eines Einführungsbuches zuliebe sind 
viele anatomische Bilder, auch über die peripheren Nerven, bei- 
gegeben worden. . . . 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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Verlag von J. F. Bergmann in Wiesbaden. 
Soeben erschien: 

über den Traum. 

Von 

Prof. Dr. Sigm. Freud in Wien. 

— — Zweite Auflage. — Preis Mk. 1.60. — 



Wer des Verf.'s Schrift „Die Traumdeutung" noch nicht kennt, fQr den bildet der vor- 
legende, in zweiter Auflage erscheinende Aufsatz eine kurze und äusserst klare EinfQhmng 
in die Freadsche Traumtheorie. Freilich konnte der Autor hier vieles nur andeuten, was fBr 
den Interessenten ebenso wie fOr die Hypothese von Wichtigkeit ist, aber auch in dieser 
kurzen Form, als Einführung in die F/sche Traumdeutung ist der Aufsatz für den in diese 
Denkrichtung noch nicht Eingeweihten vollkommen verständlich und instruktiv. Ernstem 
Nachdenken war die Psychologie des Traumes stets von grösster Bedeutung, und wenn auch 
die hier gegebene Erklärung hypothetisch und an ihrem ontscheidenden l'unkte etwas grob 
und willkürlich erscheint, so ist sie doch ein ernster wissenschaftlicher Versuch auf bisher 
fast gänzlich unfruchtbarem Boden and enthält vielleicht den Ansatz zu wichtigen Erkennt- 
nissen nicht bloss auf dem Gebiete des Traumes, sondern auch der Psychologie and Psycho- 
pathologie Oberhaupt. Btrliner Klmitche Woehtntchrift. 



Erblichkeit und Erziehung 

in ihrer individuellen Bedeutung. 

Von 

Dr. Julius Bayerthal in Worms. 

Mk. 2.—. 



Der Verfasser ist ei i warmherziger Mensch und guter Tatbachen-Beobachter; dasGlflck» 
in seiner Vaterstadt eine Generation in ihren Entwicklungsstufen als Menschen beobachtet 
zu haben, hat er mit viel Verständnis ausgenQtzt. Dem Grundgedanken der Schrift, dass trotz 
erblichen Bedingtseins die Erziehung quantitativ verändern, wenn auch nicht qualitativ nen- 
schaffen oder zerstören kann, wird man gerne beitreten. Jedenfalls ist Verfasser als Schal- 
arzt ausgezeichnet an seinem Platze. litHUtck- AnihropologUcht Btvue. 

Vom deutschen Plutarch^ 

Ein Beitrag zur Entwickelungsgeschiehte 
des deutschen Klassizismus. 

Von Dr. L. Sadee in Königsberg. 
Mk. 2.60. 



Unter dem Titel „Vom deutschen Plutareh'* hat Dr. L. Sadee im Verlag J. F. Bergmann 
Wiesbaden) eine sehr fleissige und interessante Studie zur Entwickelungsgeschiehte Schillers 
veröffentlicht. In eins der grossen kfinstlerischen Schatzhäuser des Dichters wird hier mit 
kundiger Hand hineingeleuchtet. Das Bfiehlein ist allen zu empfehlen, die sich über Schillers 
bedeutsamen, nie zur Ausführung gekommenen Plan, die Porträts deutscher Helden in einem 
Werke zu vereinen, eine greifbare Vorstellung bilden wollen. ßerlintr Tagbtatt, 



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Verlag von J. F. Bergmann in Wiesbaden. 



Soeben erschien: 

Über die 



Psychologie der Eifersucht. 



Von 
Dr. M. Priedmann, 

Nervenarzt in Mannheim. 

Preis Mk, 8.—. 



Dichtung und Neurose. Bausteine zur Psychologie des EOnsUers 
und des Kunstwerkes. Von Dr. W. Stekcl in Wien. Mk. 2, — . 



Über die Icörperlichen Begleiterscheinungen psychischer 

Vorgänge, von Prlvatdozent Dr. Oswald Bumke in Freiburg. 

Mk. 0,65. 
«• 
Über die Dementia praecox. von Pnvatdozent Dr. E. Stransky in 

Wien. Mk. 1,20. 

Der Lärm. Eine Kampfschrift gegen die Geräusche unseres Lebens. Von 
Dr. Theodor Lessing, Mk. 2,40. 



Die VerStimmUngSZUStände. Studie von Prof. Dr. A. nUt m Wien 

Mk. 1,25. 

Die l(ranl(hafte Willensschwäche und ihre Erscheinungs- 

TOrmen. Eine psychopathologische Studie von Dr. Karl Birnbaum in 
Berlin-Buch. Mk. 2,—. 



Zur Psychologie und Psychopathologie des Dichters, von 

Dr. 0. Hinrichsen^ Privatdozent in Basel. Mk. 2,80. 



Gehirn und Sprache. von Dozent Dr. H, Sachs in Breslau. 

Mk. 3,—. 



Studien zur Psychologie des Pessimismus, von Dr. A.KowaUwsH 

in Königsberg. Mk. 2,80. 



Das unterbewusste Ich und sein Verhältnis zu Gesundheit 

und Erziehung. Von Dr. Louü WaldsUin, Autorisierte Übersetzung 
von Frau Dr. Veraguth, Mk. 2, — . 



Die jugendlichen Verbrecher im 'gegenwärtigen und zu- 
künftigen Strafrecht. von Prof. Dr. Ernst Schdtzc in Greifs- 
wald, Mk. 2,—. 



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Verlag von J. F. Bergmann in Wiesbaden. 



Somnambulismus und 
Spiritismus. 

Von Hofrat Dr. Leopold Loewenfeld in München. 
Zweite yermehrte Auflage. — Preis: Mk. 2.—. 

AIr eine sehr erfreuliche Tatsache begrüsst Referent die Neuauflage der Tortreffliehen 
Schrift« weil in unserer für mystische Ersclieinungen leicht empfängliehen Zeitepoche nur die 
Verbreitung gründlicher Belehrung, wie sie in der Loew en fei d sehen Arbeit mit seltener 
Klarheit geboten wird, geeignet ist. die phantastischen Auswüchse spiritistischer Wunder- 
gläubiger zu bekämpfen. Wenn zu diesem wünschenswerten Erfolge auch die Ärzte beitragen 
sollen, so kann Referent nur weitgehende Verbreitung der Schrift in ^rztekreisen wünschen, 
denn leider sind die Begriffe , .Somnambulismus" und „Spiritismus" auch in diesen Kreisen 
recht wenig bekannt. . . . Wenn früher für unmöglich gehaltene Dinge als wahr sich heraus- 
stellen, so werden wir nicht abergläubische Auffassungen aus längst vergangenen Zeiten zur 
Erklärung heranziehen, sondern temüht sein, den Schleier des Mystisf^hen von diesen Tat- 
sachen zu entfernen. In welcher Weise das geschehen muss und geschehen kann, entwickelt 
Verfasser fiberzeugend, und bleibt nur zu wünschen, dass eine so kritische Sachdarstellung 
weito Verbreitung findet. Jitrlintr KUnüehe Wochensehrtft. 



Die Emanation 

der psychophysischen Energie. 

Eine experimentelle Untersuchung 

über die unmittelbare Gedankenübertragung im Zusammenhang mit 
der Frage über die Radioaktivität des Gehirns. 
Von Dr. Naum Kolik in Moskau. 
Mk. 3.20. 

Inhalt: Vorwort. I. Einleitung; II. Historisches zur Frage der Gedanken- 
übertragung ; IIL Eigene Versuche ; Übertragung akustischer Vorstellungen ; 

IV. Über das Doppel-Bewusstsein ; automatisches Schreiben und Mediumismus; 

V. Weitere eigene Versuche: Übertragung optischer Vorstellungen und von 
Gemütsbewegungen: VI. Das Hellsehen und die Fixierung der Gedanken 
auf dem Papier; VII. Die Hypothese der psychischen Strahlungen und eigene 
Versuche; VUI. Die psychophysische Energie: Gehimstrahlen und psycho^ 
physische Emanation ; Schlussbetrachtung. 

Der Fall Otto Weininger. 

Eine psychiatrische Studie 

von Dr. Ferdinand Probst an München. 
Preis Mk. 1.—. 

Keine literarische Erscheinung der neuesten Zeit hat wohl so viel Auf- 
sehen erregt und so widersprechende Beurteilungen gefunden, als die Schrift 
„GeschlechtundCharakte r*S deren jugendlicher Verfasser Otto Weininger 
in Beethovens Sterbehaus in Wien seinem Leben durch einen Revolverschuss 
ein Ziel setzte. In der vorliegenden Abhandlung wird der Geisteszustand des 
unglücklichen jungen Gelehrten auf Grund noch nicht veröffentlichten bio- 
graphischen Materials und seiner Werke einer eingehenden psychiatrischen 
Untersuchung unterzogen. Es gelang dem Autor hierdurch in überzeugender 
Weise darzutun, dass es sich in den Schriften Weiningers nicht um Offen- 
barungen eines gesunden philosophischen Genies, sondern lediglich um die 
Erzeugnisse eines Geisteskranken handelt, die zum Teil allerdings den Stempel 
aüssergewöhnlicher Begabung an sich tragen. 



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Verlag von J. F. Bergmann in Wiesbaden. 



Soeben erschien: 



Spezielle Diagnostik 
und Therapie 

in kurzer Darstellung mit Berücksichtigung aller 
Zweige der praktischen Medizin. 



Bearbeitet von 

Prof. Dr. J. A r D e t h -Münster i. W., Dr. H. Beu tte nmüller-Bad Liebenstein, 
Prof. Dr. E. ß 1 o c h -Freiburg i. B., Prof. Dr. F. Fromme-Berlin, Stabsarct 
Dr. W. Qnttmann-Mülheim-Ruhry Oberstabsarzt Dr. H. Hase nknopf-Strasa- 
bargy Sanitätsrat Dr. Max Joseph -Berlin, Primärarzt Dr. H, Kaposi .Breslau, 
Oberstabsarzt Prof. Dr. F. Kayser-Köln, Geh. Sanitätsrat Prof. Dr. E. Leser- 
Frankfort a. M., Prof. Dr. J. Raecke Frankfurt a. M., Prof. Dr. F. Sohieok, 
Göttingen, Prof. Dr. S. Seh oen bor n -Heidelberg, Dr. Max Senator -Berlin» 
Prof. Dr. L. W. Web er -Göttingen. 



Herausgegeben von 

Stabsarzt Dr. Walter Guttmann 

in MQlbeim-Rnhr. 



Pieis geb. Mk. 10,65. 



Das vorliegende Buch ermöglicht auf allen Gebieten der praktischen 
Medizin eine schnelle Orientierung über diagnostische und therapeutische Fragen 
und ersetzt so die, einzelne Zweige der Medizin behandelnden Kompendien. Die 
grosse Ausdehnung des behandelten Stoffes machte prägnante Kürze in der Dar- 
stellung erforderlich. Dieses Postulat ist von den Autoren und dem Herausgeber 
in durchaus befriedigender Weise erfüllt worden. Dem Praktiker ist die An- 
schaffung des Buches sehr zu empfehlen. Er wird besonders ans den thera- 
peutischen Massnahmen wertvolle Angaben für seine Tätigkeit finden, da nur 
solche Heilverfahren erwähnt sind, die auf Grund eigener Erfahrungen der Ver- 
fasser empfehlenswert erscheiiieu. Im Rezeptanhang sind bewährte Rezepte, 
nach ihren Wirkungen geordnet, zusammengestellt, die bei verschiedenen Krank- 
heiten zur Anwendung kommen. 



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Verlag von J. F. Bergmann in Wiesbaden. 



Über die Dummheit. 

Eine Umschau 
im Gebiete menschlicher Unzulänglichkeit. 

Von 

Hofrat Dr. Leopold Loewenfeld, 

Spezialarzt fOr Nervenkrankheiten in MQnchen. 

Preis kartoniert Mk. 5.—. 

.... Für die Erziehung, die Schule und den Unterricht finden wir 
reiche Anregung in dem Kapitel, das die Dummheit und die Lebensalter be- 
handelt. Es erörtert die Kriterien der kindlichen üummheit und geht dann zur 
Dummheit der reiferen Jugend über, wobei die ungenügende AusbiUking der 
hemmenden seeHschen Kräfte als Grundquelle aller Jugendtorheiten bezeichnet 
und der Einfluss des Alkohols und des erotischen Elements auf die Entwicklung 
zur Dummheit behandelt wird Monatsschrift für höhere Schulen. 

Der Einfluss der Dummheit auf die gesamte Kulturentwicklung ist noch 
längst nicht hinreichend untersucht .... 

Wenn uns Dummköpfe oft genug durch treffende Bemerkungen über- 
raschen und sich mit der Energie der Beschränkung und Beschränktheit als 
erfolgreicher erweisen als die oft weit begabteren Vielseitigkeits-Naturen, so gibt 
es andererseits auch eine ausgesprochene „Dummheit der Intelligenten** 

.... Soziologisch angesehen ist die Dummheit der Intelligenten wohl in 
der immer stärkeren Vergesellschaftung der Menschen und in der gesteigerten 
Inanspruchnahme ihrer Geisteskräfte für den blossen Erwerb oder für die 

Höchstleistung in ihrem Berufsgebiete begründet 

Allgemeine Zeitung, München, 

Ein Buch über die Dummheit — ein recht kluges und amüsantes Buch 
über die Dummheit, das sei gleich vorausgeschickt — von einem Gelehrten ge- 
schrieben, der sich bereits einen berühmten Namen auf dem sogenannten 
Grenzgebiete zwischen geistiger Norm und geistiger Abnormität gemacht hat. . . 
.... Wie dem aber auch immer sei» die Lektüre des neuesten Werkes des 
Münchener Nervenpathologen bildet eine ungemein anziehende, fesselnde, an- 
regende Lektüre. Neues Wiener Journal. 

.... Mit Recht macht der Verfasser darauf aufmerksam, wie vorsichtig 
man in der Qualifizierung der Leistungen einzelner oder _der Massen sein muss, 
da es hier viel aul die persönliche Anschauung und Oberzeugung des Beur- 
teilers ankommt. Hier bringt L. eine Anzahl seiner trefflichen Beispiele aus 
allen Ständen und Berufen, von Stadt und Land. Im ganzen ein äusserst 
interessantes und empfehlenswertes Werk. Bayer, ArzlL Korre»pondenzblatt. 

Das Werk darf einen Platz unter den beachtenswertesten literarischen 
Erscheinungen der Neuzeit beanspruchen. Mancher Le.ser mag fragen, was 
sich über ein so bekanntes Thema noch Neues und Interessantes sagen lässt. 
Es zeigt sich jedoch hier, wie so oft, dass das scheinbar Allen so wohl vertraute 
Gebiet noch weite Strecken umschliesst, über die noch recht wenig bekannt 
ist und fachgemässe Aufklärung jedem Gebildeten erwünscht sein muss. Der 
Verfasser hat denn auch unsere Kenntnisse der Dummheit in vielen Beziehungen 
erweitert und überdies ihre Bedeutung für die verschiedensten Gebiete mensch- 
licher Tätigkeit m fesselnder Weise dargetan. Wicsh, Generalanzeiger. 

Es war eine glückliche Idee, einmal das Gebiet der menschlichen Dumm- 
heit zu erforschen. Denn es unterliegt keinem Zweifel, dass eine solche Unter- 
suchung wertvolle Beiträge zur Kenntnis des Menschengeschlechtes zutage 
lordern muss. Allerdings ist schon in alter und neuer Zeit in Scherz und Ernst 
manches über die Dummheit geschrieben worden, aber das vorliegende Werk 
enthält die erste eingehende und selbständige Bearbeitung dieses Gegenstandes, 

Essener Volkszeitung, 



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UNIVERSITY OF MICHIGAN 




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3 9015 07027 2369 



Verlag von J. F, ßergni •■ ^' t^ ii» WitKLi^TMJi 



Über den Selbstmoi^d 

iDsbesoDciere deu 



Beiträge von; 

Dr. AlfiedÄdlerp Prof S, Freud, Dr, J- K. Fried juDg, Dn Karl Moli tor 
Br E. K eitler, Dr, J. Sadger, Dr. W. Stekel, Unna multoram. ' 

Diskussionen des Wiener psychoanalytischen Vereins. 

Herausg'egeben von der VereinsleituBg* 
L Heft. — FrcLi Mk, I,M. 

Sadismus und Masochismus 

von Dr. A. Euknbur^t 

(Seil. Med.-Eatj FrotQS&OF in Berliit» 

Zweite zum Teil umgearbfiUte Auf1aiJi^ 
Preii ÄUu 2.80. 

Ober psychopathisehe Persönlichkeiten. ^'""Z f ^"^u ' 

^ ^ i pathologische 

Studie. Vuii Dr. Cttfl Birnbaum in Ruclt Bediii. Mk. 2*50. 

Der Fall Otto Weining-er. ,^'"!. Pf*^'fi.'^%®-'"'!i!- ^°" 

2 Dr. Ferdinand Probst i» Munciien, 

ärlk. 1.—. 



Berühmte Homosexuelle. ^■"" ^"■' ^"**'* "*" '", "7'!"- 

Mk. 2.4U. 

Das Erwachen des Geschlechtsbewusstseins 
und seine Anomalien, vo.. ur. t. m. Köucher .u Haber- 

^— tusLui(r. Mk. 3. — . 

Homosexualität und Strafgesetz, ^''" ^°^"^ °'- ^ 



cliea. 



Loeireofeld in Müii- 
Mk. 1.—. 



Ober die sog-en. Moral insanity. ^°" ,'*'.^"f'?*\ "'• 

Mk. IM. 

Sexualethik ^^^ ^^^ ^' Eiireulelü, o, rrürti:iöüf Uer Fhilo^ophie an 
— *^ — — - Z (1er Uüiveriitat in Pnig. ML. 2*80. 



lERSITYOF MICHIGAN 



Inlialts-Verzeichuis des III, Heftes. 



3«li« 



I. Die Handhabung 
Sigm. Freud 



dier Traumdentiing in der Piychoanalyse. Von 



loy 



IL Eine infantile Sexualtheorie und ihre Beziehung zur Selbstmord Sym- 



bolik. Von Dr. Rndolf Reitler . U4 



111. Analyse eines Traiimps eines 
H, HeUniiith 



^}\s;üu Knaben, Von Fra« Dr. 



122 



Hltteilnugen : 

L Ein prophetischer Nummern träum. Von Dr* WÜh* Stekel . . * 128 

IL Die Lüge in der Psychoaaalys^e. Von Dr. M. Wulff , , , . , 130 

IlL Über dl© detenminierentle Kraft des Nftmena. Von Dr. K. Abraham 1^3 
IV, Ein klares Beispiel sekundärer Bearbeitung. Von Prof. Ernest 

Jones ......... 135 

V* Vom PhiloBopben Pliiltpp Mainländor. Von Dr. Otto Juli Uiäburger 155 

VI. Das psychoBexuelle Element in i5fi F:ir!ul]ö Von Dr. A. Mjiedf^i l^l 

Referate and Kritiken: 

Dr. N, Vaschide: Ditecteur adj. du laboratoire de psychologie pathologi- 

que ä l'iScole des hautes etodes: Le Bommeil et les r^ves . . IBS 

L. Loewenfeld: „Über die Sexualität im Eindesalter" * . . 42 

P. Nttcke: Über tardive Homoaexualitäfc , 145 

öeorge Stein: Grundschema der Geisteakrankheitea ... . 144 

Dr. R. Petfiüw: Über eine besondere Form sexueller AnoinaHi^ 144 

Dftflider Aazlänyi: Die Bibel des XX, Jahrhunderte . . . 45 

Dr. Voss: Tuberkulose und Nt*rven9yBtem * . , . . il5 

Prof. Levin L. SchiickiDg: „üaa Byron-Geheimnis* 147 
Wilhelm Htekcl: Berufswahl und Krimmalilät ... .147 

K. Schul öl der: Die Protistuterten und das Strafrecht , . 148 
Edwin Bormann: Die acht Hanse und andere Namenaschprze im ,'jfotz 

von BfvrÜchiogen" ............. 148 

Dr. med. S. Meyer Dan zig: .Träume 149 

Aas Vereinen und Versammlungen. 

Neumalthusranis^mus. Mutterpcliutz und SexualreForm. 
Hess , - . 



Von if rete M ßi se 1- 



Varia, , . 
Literatur 



149 
158 
163 



Urucfc ütir ILOmgl. LniveriiiwiLaaracÄe'röi n* niurii ü. u., ^iruizuurg. 



OOJ^IC 



UNIVERSITV OFMICH