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Full text of "Zentralblatt für Psychoanalyse. Medizinische Monatsschrift für Seelenkunde. II. Jahrgang 1912 Heft 7"



Originalarbeiten. 



Masken der Homosexualität. 

Von Dr. Wilhelm Stekel (Wien). 

Je tiefer wir in die psychischen Mechanismen der Neurosen und 
Psychosen eindringen, desto bedeutsamer erscheint uns die Wirksamkeit 
homosexueller Triebkräfte. Die Unterschiede zwischen der psychoanalyti- 
schen Erforschung und der gebräuchlichen Anamnese treten nirgend so 
scharf zutage, als bei den Angaben der Ncurotiker über Homosexualität. 
Keine zweite sexuelle Triebkomponente unterliegt in diesem Masse der 
Verdrängung und ist so bewusstseinsfremd geworden. Ich bin mir über 
die Ursachen dieser Erscheinung noch nicht klar. Ich kenne Menschen, 
die sich ein grosses Mass von Perversion freigegeben haben und die 
homosexuelle Komponente trotzdem völlig verdrängt haben. So habe 
ich eine Dame analysiert, die eine ziemlich ereignisreiche Dirnenvergangen- 
heit hinter sich hat. Sie wurde neurotisch, weil sie die Homosexualität 
nicht bewältigen und unterdrücken konnte. Allerdings verstand sie es 
wie alle Ncurotiker, ihre Homosexualität in geschickter Weise zu mas- 
kieren und bewusstseinsfremd zu machen. 

Dem Anfänger wird es daher vom grossen Nutzen sein, wenn er 
alle die Masken kennt, die dazu dienen, die Homosexualität zu verdecken. 
Bekanntlich sind alle neurotischen Symptome Ergebnisse eines Kompro- 
misses und verbergen einerseits gerade so viel, als sie andererseits ent- 
hüllen. Cl»er diese Neigung zu Kompromissen, die der Ausdruck der 
Spaltung der Persönlichkeit ist, wäre eine eigene Untersuchung anzustellen. 
Die widerstrebendsten Triebkräfte werden berücksichtigt und zu einem 
Symptom vereinigt. Diese Neigung zur Kompromissbildung beherrscht das 
Seelenleben des Neurotikers. Sie kommt im Traume ebenso zum Ausdruck, 
wie in der politischen Gesinnung, der Kunstanschauung und den neuroti- 
schen Symptomen. Gelingt es nicht, die widerstrebenden Kräfte zu e i n e r 
Äusserung zii bringen, so stellt sich die bekannte Form der Entschluss- 
losigkeit, des Schwankens und des Zweifels ein. Der Zweifel ist ein miss- 
lungenes Kompromiss. 

Diese oberflächliche Kompromissbildung verrät sich am leichtesten 
in der Homosexualität. Es ist das Bestreben der Neurotiker, möglichst 

Ztntralblatt fUr Paycho»mly«e. II«, 26 

INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




368 Dr. Wilhelm Stekel, 

viel Triebrichtungen auf ein Objekt zu vereinigen. Ihr Ideal wäre ciu 
Wesen, das Mann, Weib und Kind (und vielleicht auch Tier und Engeil) 
zugleich ist. (In Parenthese: Die katholische Kirche ist diesem Fixie- 
rungsbedürfnis der Libido entgegengekommen. Die heilige Familie er- 
möglicht alle Fixierungen der Libido durch Sublimierung, wobei alle 
Komponenten berücksichtigt sind. Es fehlt auch nicht das Lamm Gottes I) 
Wir hören von Neurotikern immer eine Schilderung ihres Ideals, das dieser 
polymorphen Tendenz Rechnung trägt. Die Männer werden für Fraueu 
schwärmen, die einen stark männlichen Einschlag aufweisen : grosse derbe 
Gestalten, flachbusig, mit energischen knochigen Gesichtern, mit kurz- 
geschnittenen Haaren, mit tiefer Stimme, einem Anflug von Bart oder 
Schnurbart. So wird das geheime bisexuelle Ideal (das Weib mit dem 
Penis oder der Mann mit der Vagina!) teilweise erreicht. So werden die 
verdrängten Triebrichtungen zum Teile für die Libido frei gemacht, mit 
der heterosexuellen Komponente vereinigt und in den Dienst der Aggression 
und des Lusterwerbes gestellt. — Wo die Natur diesem Bestreben nicht 
entgegenkommt, da werden äussere Merkmale, das Kleid und der Schmuck, 
zu Hilfe genommen. Das Symbol muss die Realität ersetzen. Männer 
verlieben sich in Damen, wenn sie Hosen tragen (denselben Tendenzen 
dienen Männerhüte, Offiziersjacken, Spazierstöcke usw.). Also in Schau- 
spielerinnen, Fechterinnen, Radfahrerinnen, Bergsteigerinnen, Reiterinnen 
oder in Dirnen, die sie in Unterhosen getroffen haben. Andere verlangen 
von ihren Sexualobjekten, dass sie Männersymbole tragen, um ihre Libido 
aufzustacheln. Oder das Weib gefällt ihnen am besten in Unterhosen oder 
mit einem männlichen Hut, in einer männlichen Rolle, welche der Phan- 
tasie einen Schein von Realität verleiht (Realisierungstendenzen!) 

Bei Frauen tritt die parallele Erscheinung auf. Sie verlieben sich 
in Männer, die bartlos sind, Gynäkomastie, starken Panniculus adiposus, 
ein grosses Becken, grazilen Kehlkopf (weibliche Stimme) aufweisen — 
oder die einen langen Rock oder lange Haare tragen. Ich will hier nur 
einige Beispiele anführen. Der Priester, der Arzt im Arbeitskittel, be- 
sonders Operateure mit aufgestülpten Ärmeln, Damenimitatoren, Männer 
ohne Bart mit weiblicher Stimme, die sich parfümieren und Armbänder 
tragen, Künstler mit langen wallenden Haaren können ausserordentlich 
stark erregend wirken. 

Auch das psychische Wesen kommt in Betracht. Frauen, die rauchen, 
reiten, bergsteigen, sehr agressiv sind, können auf Neuroliker einen grossen 
Eindruck machen. Ebenso Männer mit spezifisch weiblichem Wesen auf 
die Frauen. Viele Neurotiker wollen „genommen" werden. (Lust ohne 
Schuld!) Energische Frauen wirken auf sie faszinierend, ebenso wie der 
ängstliche sensible Mann die Hysterische mächtig anzieht. 

Weniger bekannt sind die anderen Masken der Homosexualität, 
die ich jetzt erwähnen werde. Hinter der Liebe zu alten Frauen (Geronto- 
philie) und der Liebe zu Kindern verbirgt sich häufig eine homosexuelle 
Triebrichtung. Alle Menschen, die von der spezifisch weiblichen oder 
männlichen Linie abrücken, können in diesem Sinne erregend wirken. Das 
Alter verwischt die sekundären Geschlechtsmerkmale. Im Alter wird der 
Mann zum alten Weibe und alte Frauen nehmen exquisit männliche Züge 
(Schnurbärtchen alter Frauen !) und männliche Gewohnheiten an. (So be- 
ginnen alte Sennerinnen zu rauchen usw.) Auch die Kinder wirken noch 
bisexuell. 



Masken der Homesexualitat. 369 

Eine merkwürdige Form, hinter der sich die männliche Homo- 
sexualität verbergen kann, ist die Neigung zu Dirnen. Bei der Dirne wirkt 
die unbewusste Vorstellung (auf die homosexuelle Komponente!), dass 
das Weib vorher von anderen Männern besessen wurde. Dieser Vorgang 
(der ümweg über das fremde Geschlecht!) spielt noch in anderer Hinsicht 
bei der Homosexualität eine grosse Holle. Die Dirne wird gerne in Gesell- 
schaft eines oder mehrerer Männer aufgesucht. Auch die gemeinsame Voll- 
ziehung des Koitus in einem Räume, das Zusehen und Zusehenlassen 
kann neben anderen Wurzeln (Voyeur) dieses Motiv aufweisen. 

Daraus erwächst uns das Verständnis für den „Dritten" oder die 
„Dritte" in der Ehe. Manche Männer dulden die Hausfreunde sehr gerne, 
weil sie sie selbst lieben und an der Vorstellung der Berührung über 
ein gemeinsames Objekt Feuer fangen. Auch die krankhafte Eifersucht 
verrät die starke Homosexualität. Ich kannte eine. Arztensgattin, die 
Qualen ausstand, wenn ihr Mann eine Patientin untersuchte, die ihr gefiel. 
Sie wollte ihm sogar die Praxis bei Frauen verbieten. Sie konnte sich nicht 
denken, dass ein Mann fremden weiblichen Reizen widerstehen könnte. 
Sie lebte in der Phantasie die Untersuchungszenen mit und setzte es 
schliesslich bei ihrem Manne durch, dass sie unbemerkt allen Unter- 
suchungen zusehen konnte; wie sie glaubte, um sich seiner Treue zu 
vergewissern- In Wahrheit aber, um die fremden Frauen bewundern zu 
können und ihren homosexuellen Gelüsten zu fröhnen. 

Ein ziemlich durchsichtiger homosexueller Typus ist der Don Juan. 
Er ist ewig auf der Suche nach einem Ideal, das er nicht finden kann. 
Er sucht eigentlich den Mann und verlässt daher nach kurzer Zeit un- 
befriedigt alle die heissbegehrten Liebesobjekte, die er mit grosser Mühe 
erobert hat. Auch Dirnen und nymphoinanische Frauen sind homosexuell. 
Sie sind niemals befriedigt oder sogar anästhetisch, weil sie eigentlich 

ein Weib suchen. 

Auch in der spezifisch bevorzugten Art des bexualverkehrs setzt 
sich in vielen Fällen die Homosexualität durch. Die Männer wählen die 
untere Position oder betreiben den Koitus a posteriori, oder gar m anum. 
Bei Frauen treten ähnliche Bestrebungen zutage. Sie empfinden nur 
dann Libido, wenn sie oben sind. Manche Perversitäten (Fellatio, Cunm- 
lingus!) verraten ausser dem sexuellen Infantilismus homosexuelle 

^"Gewisse äusserlichc Zeichen verraten die starke homosexuelle Kom- 
ponente oder deren plötzliches Aufflammen. Männer lassen sich plötzlich 
den Bart rasieren oder stutzen. Sie beginnen sich für Sport zu interessieren, 
der Gelegenheit gibt, entkleidete Männer zu sehen. Sie besuchen leiden- 
schaftlich Ringkampfe, Sonnenbäder, Sportplätze, beginnen für Nacktkultur 
zu schwärmen und dergleichen Erscheinungen mehr. Frauen finden eines 
Taees, dass ihnen die langen Haare lästig sind und lassen sich die Haare 
schneiden. Manchmal ohne Wissen des Mannes, der „freudig" überrascht 
werden soll. Sie wechseln die Mode, tragen gerne Jacken und enganliegende 
Röcke, Girardihüte und beginnen sich für Frauenemanzipation zu inter- 
essieren. , 

Auf die Maske des gemeinsamen Sterbens sei nur kurz hingewiesen. 
Die Menschen, die nicht den Mut haben, gemeinsam zu leben, sterben 
gemeinsam. Ein gemeinsamer Selbstmord aus idealen Motiven bei zwei 
Freunden oder Freundinnen geht regelmässig auf Homosexualität zurück. 

26* 



370 Dr. Wilhelm Stekel, 

Ein Leben, das nicht die Erfüllung der adäquaten, von unbewussten 
Trieben hartnäckig verlangten, Befriedigung bringen kann, verliert seinen 
Wert 1). 

Dass Onanisten, die die Onanie nicht aufgeben können, mit den 
autoerotischen Akten auch homosexuelle Regungen befriedigen, ist allen 
Psychoanalytikern bekannt. Das Schuldgefühl stammt zum Teil (aber 
nur zum Teilt) aus dieser Quelle. Je schwerer die Entwöhnung von der 
Onanie vor sich geht, desto stärker scheint der homosexuelle Trieb zu 
sein. Viele dieser Onanisten sind asoziale Menschen und scheuen die 
Gesellschaft. Ich kenne aber einige, die sich ausserordentlich stark als 
„Vereinsmeier" betätigen und in verschiedenen Vereinen Ehrenstellen 
bekleiden. Dass besonders Frauenrechtlerinnen einen stark homosexuellen 
Einschlag zeigen, ist bekannt und wird ja von Witzblättern häufig genug 
in diesem Sinne ausgenützt. Weniger bekannt dürfte sein, dass viele 
schrankenlos dem Autoerotismus und der Tribadie huldigen, wie ich aus 
manchen Beispielen bezeugen könnte. 

Schliesslich wäre noch eine Form der Maskierung zu erwähnen, das 
ist die künstlerische. Dichter, die mit Vorliebe Frauencharaktere zeichnen, 
sind zum Teil homosexuell. Sie leben sich, sie fühlen sich in Frauen ein. 
weil sie selber ein Stück Weib in sich herumtragen. Chamisso konnte so 
wunderbar die „Frauenliebe" schildern, weil er selbst, wie schon sein 
Bild beweist, ein Weib war. Bei Malern kann der umgekehrte Fall ein- 
treten. Sie zeichnen mit Vorliebe männliche Akte oder schaffen lieber 
männliche Statuen. Sie verraten ihre Homosexualität in dem ästhetischen 
Werturteil. Die einen finden, ein Männerkörper sei viel ästhetischer, 
die anderen finden ihn „ekelhaft". In der affektativ gefärbten Ablehnung 
verrät sich die homosexuelle Komponente ebenso, wie in der affektativ 
gefärbten Bevorzugung. 

Die Wahl eines Pseudonyms kann ebenfalls ein charakteristisches 
Symptom sein. Ebenso wie die Transvestiten (Hirschfeld) deutlich 
ihre homosexuellen Züge verraten, sind Männer, die in anonymen Zu- 
schriften oder auf Werken ein weiblich klingendes Pseudonym wählen 
(z. B. La ^yara, Ilona Illonay usw.), deutlich homosexuell. Bei Frauen 
kann allerdings das bekannte Motiv mitspielen, dass sie der Meinung 
sind, man achte ihre Bücher mehr, wenn sie einem männlichen Autor 
zugeschrieben werden. Sie verraten damit jedenfalls den Wunsch, dass 
sie für so viele Leserinnen ein Mann sein wollen. Eine mir bekanntia 
Schriftstellerin, die unter männlichem Pseudonym segelte, machte mir 
als Einwand gegen diese Auffassung den Umstand geltend, sie wäre 
geradezu männersüchtig. Sie sei eine Messaline. Hinter dieser Unersätt- 
lichkeit verbirgt sich, wie ich schon ausgeführt habe, die Homosexualität 
als unbefriedigter Trieb. Sie suchte mit Vorliebe bekannte Frauenhelden, 
typische Don Juane auf. Offenbar spielt auch da die Phantasie an die 
vielen eroberten Frauen die Hauptrolle. Diese Männer tragen den Duft 
zahlreicher Frauen. Sie sollen angeblich Künstler der Liebe sein und 
die Frau erwartet von ihnen besondere Sensationen und vielleicht auch 
Raffinements; aber sie versagen meistens, da sie rasch müde werden 

i) Prenssen sagt: „Wenn einer kein Interesse mehr an Sonne, Mond und 
Sternen bat, dem sagen sie auch nichts mehr; und wenn man nicht mehr am Haus- 
stand arbeitet, verfällt er; das ist mit allem so. Die Gleichgültigkeit macht alles 
tot; die Liebe macht alles lebendig." 



Masken der Homosexualität. 371 

und der unbefriedigte Homosexuelle der unbefriedigten Homosexuellen 
nichts bieten kann. (So entstehen die unglücklichsten Ehen!) Wieder 
fällt der Umstand auf, warum gerade die Homosexualität bei dieser Dame, 
die sich ein grosses Mass von Sexualfreiheit gewährte, Tabu war. Ich 
gestehe, dass ich bisher die Lösung dieses Problems nicht gefunden habe. 
Einen interessanten Beitrag zur Lösung dieser Fragen verdanke ich einem 
Gespräche mit Kollegen Marcinowski, der die Ansicht aussprach, 
die Verlötung der Homosexualität mit dem Vaterkomplex, der entschieden 
religiöse Färbung aufweise, sei die Ursache dieser Ablehnung. So be- 
stechend diese Hypothese erscheint, sie stimmt leider für die Frauen nicht. 
Oder sollten sich auch an die Mutter Hemmungen knüpfen. Warum aber 
dann nicht an den Vater, also an das Heterosexuelle? Warum verbirgt 
sich die Homosexualität in diesen Fällen hinter Ekel, Missfallen, statt 
in Ehrfurcht zu münden? 1 ) 

Ich habe nur einen kleinen Teil der Masken der Homosexualität 
angeben können. Manche sind ja so durchsichtig, dass sie selbst dem An- 
fänger nicht entgehen können. Mail heiratet eine Schwester, weil man in 
den Bruder verliebt ist oder einen Bruder eines homosexuellen Objektes, 
wie ich es in der Krankengeschichte Nr. 93 meiner „Angstzustände" -) an 
einem sehr lehrreichen Falle ausgeführt habe. 

Ebenso kann die Frau eines Freundes uns sehr gefährlich werden, 
und dieser Weg über eine Dritte war schon oft die Ursache fürchterlicher 
Ehedramen. Auch die Übertragung auf die Frau des Arztes kann deutlich 
die homosexuelle Wurzel verraten. 

Zum Schlüsse möchte ich noch die bekannteste Maske der Homo- 
sexualität erwähnen. Es ist dies die psychische Impotenz, die sich be- 
sonders vornehmen Frauen gegenüber äussert. Männer, die bei der Dirne 
potent sind und bei der „Anständigen" versagen, sind Homosexuelle, die 
sich an der Vorstellung, die Dirne sei vor ihnen von einem anderen 
Manne besessen worden, entzünden. Selbstverständlich hat diese relative 
Impotenz noch viele Determinierungen. Die hier erwähnte fehlt niemals. 

Erst das Studium dieser larvierten Formen der Homosexualität 
wird uns die nicht abzuschätzende Bedeutung der Bisexualität für das 
Seelenleben des Kulturmenschen begreiflich machen. 

Auf die bekanntesten Formen der Homosexualität, wie sie sich in 
Phobien und Zwangsvorstellungen äussern, bin ich aus leicht begreiflichen 
Gründen hier nicht eingegangen. Sie sind selbst dem Anfänger keine 
Masken, höchstens den mit den grundlegenden Prinzipien der Psychoanalyse 
nicht Vertrauten. Männer, die Angst leiden, wenn ein anderer Mann 
hinter ihnen geht, die mit einem anderen Mann aus rationalisierenden 
Motiven nicht allein im Zimmer bleiben wollen, die immer Szenen träumen, 
in denen ein anderer Mann einen Revolver oder ein Messer auf sie richtet, 
die die Sensation haben, ein harter Gegenstand, ein Stück zylindrischen 
Stuhles, stecke in ihrem Rektum, verraten ihre verdrängte Homo- 
sexualität, ebenso wie die Paranoiker, die sich von Männern verfolgt 
wähnen. Bei Frauen treten ähnliche Phobien auf. Besonders gerne Angst- 
vorslellungen, die sich auf die Dienstboten richten. Frauen, die immer- 

i) Sollte die teleologische Auffassung, der die Denkschwäche aller Men- 
schen gerne unterliegt, dabei eine Rolle spielen? Hinter der heterosexuellen Liebe 
steht angeblich ein Zweck der Natur: die Fortpflanzung. 

i) Uiban und Schwarzen berg. II. Auflage, 1912. Wien und Berlin. 



372 Dr. Wilhelm Stekel, Masken der Homosexualität. 

während die Dienstboten wechseln, sich bei jeder Gelegenheit über sie 
ärgern, zanken, sich zu tätlichen Berührungen (welche eigentlich Sexual- 
akte ersetzen) hinreissen lassen, sind häufig Homosexuelle. Ebenso kann 
manche Form des Fetischismus die Homosexualität verraten. Eine 
schöne Hand, ein grosser Fuss, gerötete Ohren (lauter Beobachtungen 
aus meiner psychoanalytischen Tätigkeit) kommen aber bei beiden Ge- 
schlechtern vor und dienen bei Männern dazu, den der Frau fehlenden 
Phallus symbolisch zu ersetzen. 

Wir können uns mit Recht darauf gefasst machen, dass die Er- 
forschung der homosexuellen Masken die Psychoanalyse fördern wird. 
Ebenso sicher dürfte der Widerstand weiterer Kreise diesen neuen Erkennt- 
nissen gegenüber ein ungeheuerer sein. Vielleicht stammt ein guter Teil 
aller Widerstände gegen die Psychoanalyse aus diesen Quellen. Was die 
Menschen am wenigsten einsehen wollen, ist ihre aus- 
gesprochen bisexuelle Anlage. 



IL 

Völkerpsychologische Parallelen zu den infantilen 

Sexualtheorien. 

Zugleich ein Beitrag zur Sexualsymbolik 

von Otto Rank (Wien). 

Wie Freud bei der psychoanalytischen Erforschung des Un- 
bewussten und zum Teil auch des Kinderseelenlebens selbst feststellen 
konnte, bilden die meisten Kinder zu einer Zeit, wo ihnen eine verständ- 
nisvolle Kenntnis der Sexual- und Geschlechtsvorgänge der Erwachsenen 
noch abgeht, eine Reihe typisch wiederkehrender „Sexualtheorien" über 
die Entstehung und Herkunft der Kinder sowie über den Unterschied der 
Geschlechter 1 ). Diese Theorien enthalten bei aller anscheinenden Ab- 
surdität doch meist einen irgendwie wahrhaften Kern, der sich, ebenso 
wie die Konstanz dieser Vorstellungen, daraus erklärt, dass das Kind 
der in seinem Triebleben vorherrschenden erogenen Zone, die ja das 
Sexualleben des Erwachsenen noch beeinflusst, die entscheidende Rolle bei 
all diesen Vorgängen zuschreibt. Zur breiten Fundierung dieser Befunde 
ist es uns sehr wertvoll, dass ganz ähnliche „Irrtümer" auch aus der Kind- 
heit der Völker überliefert sind und immer wieder bei den Erwachsenen 
dort zum Vorschein kommen, wo sich die im Unbewussten fortlebende 
primitive Anschauungs- und Arbeitsweise der menschlichen Psyche erhalten 
hat. Ohne dass wir den Gründen und psychologischen Konsequenzen einer 
solchen Parallelisierung von Individual- und Völkerpsychologie hier nach- 
zugehen beabsichtigen, seien im folgenden aus dem in unheimlicher Fülle 
vorhandenen Material einige typische, zum Teil weniger bekannte Beispiele 
aus der Märchen-, Mythen- und Sagenwelt genannt, die uns erst auf Grund 



l) Freud: Über infantile Sexualtheorien. Kleine Sehr, zur Neurosenlehre. 
2. Folge. 1909. 



Völkerpeychologische Parallelen zu den infantilen Sexualtheorien. 373 

<ler psychoanalytischen Forschungen in ihrer vollen Bedeutung verständ- 
lich werden können. 

Am häufigsten von allen infantilen Sexualtheorien findet sich in 
der Volksüberlieferung die von der Befruchtung durch das Essen 
(oder Trinken), welche besonders für das Märchen charakteristisch ist 
und von Riklin 1 ) bereits im Sinne der Freud sehen Verlegung von 
unten nach oben an einigen Beispielen belegt wurde. Ich möchte hier 
■einiges ergänzende Material hinzufügen mit Hinweisen auf die oft durch- 
sichtige sexualsymbolische Bedeutung der wundertätigen Speise. Das von 
Riklin als Befruchtungssymbol erwiesene Verschlucken des schwän- 
gernden Fisches (Penis) findet sich in mehreren slavischen Varianten 
(mitgeteilt in : Litauische Volkslieder und Märchen von L e s k i e n und 
Brugmann, Strassburg 1882, S. 546); das Motiv vom zerstückelten 
Fisch, durch dessen verschiedene Teile zugleich noch Tiere geschwängert 
werden, im Märchen von den zwei Fischersöhnen (ebenda S. 385). 
Svmbolisiert in diesen Überlieferungen der fruchtbare Fisch die be- 
fruchtende Kraft des männlichen Sexualorgans, so tritt für das weibliche 
Sexualorgan der Mund ein, wie nicht nur realerweise bei der Fellatio, 
sondern auch in den unbewussten Phantasien der Neurotiker und den ihnen 
entsprechenden volkskundlichen Überlieferungen, von denen hier zwei 
genannt seien. In einer interessanten Arbeit „Über den Kausalzusammen- 
hang zwischen Geschlechtsverkehr und Empfängnis in Glaube und Brauch 
der Natur- und Kulturvölker" 2 ) hat Reitzenstein ganz im Sinne 
der individual-psychoanalytischen Ergebnisse aus einer Reihe von Über- 
lieferungen den Nachweis erbracht, dass es eine Zeit gab, in der dieser 
Kausalzusammenhang der ganzen Menschheit unbekannt war und dass 
diese Unkenntnis ihren Niederschlag in einer Reihe von Legenden und 
Gebräuchen gefunden hat. Diese Arbeit, der wir manchen Beleg für die 
psychoanalytisch eruierten infantilen Sexualtheorien entnehmen können, 
enthält (S. 658) auch eine Überlieferung, in der das weibliche Genitale 
dem Mund gleichgesetzt wird. „Vicvavasu ist als Genius der Pubertät 
und der unverheirateten Mädchen zugleich Gatte jeder Jungfrau und die 
weiblichen Genitalien werden sein Mund genannt." Dieselbe Gleich- 
setzung findet sich in einem hindostanischen Roman (1870), aus dem 
Bruchstücke in der Zeitschrift: Der Amethyst (vom 8. Juli 1906) ver- 
öffentlicht sind : „Das Haar ihrer heimlichen Reize war samtiger anzurühren 
als Seide aus China, und der offene Liebesmund zwischen ihren 
Schenkeln war süsser als Kandiszucker; die Lippen, die ihn küssten, 
konnten sich nicht von ihm trennen." Wir sehen also, dass die Befruch- 
tung .durch das Essen nicht bloss eine poetische Umschreibung des 
Zeugungsvorganges ist, sondern ein direkter symbolischer Ersatz durch 
Vermittlung der erogenen Mundzone, deren Lustgewinnungsfähigkeit zu 
der ebenfalls typischen Mädchenvorstellung Anlass gibt, dass man durch 
Küssen Kinder bekomme. Wie der Mund das weibliche Genitale und der 
damit in Verbindung gebrachte Fisch das männliche Zeugungsorgan sym- 
bolisiert, so erscheint der in einer grossen Zahl von Überlieferungen 
befruchtend wirkende Apfel, infolge der in ihm enthaltenen Samen- 
körner, als Symbol des Spermas (der Form nach ist er weibliches Symbol; 
Brüste etc.), das übrigens oft genug auch durch eine befruchtende 

i ) Wunscherfüllung und Symbolik im Märchen. Wien und Leipzig. 1908. 
«) Zeitschr. f. Ethnologie. 41. Jahrg. 1909. S. 644—683. 



374 Otto Rank, 

Flüssigkeit vertreten ist 1 ). Der Apfel, der als Attribut der Liebesgöttin 
Aphrodite galt, spielt als Befruchtungssymbol eine 'bedeutsame Rolle. 
So in einem kyprischen Märchen (Schmidt, Griech. Märchen S. 249), 
wo ein Mädchen vom Genuss eines Apfels schwanger wird, der auf einem 
aus ihres Vaters Grabe sprossenden Baume wächst. — In einem 
bosnischen Märchen (Leskien 543) erhält ein kinderloser Mann von 
einem Pilger einen Apfel mit der Anweisung, die Schale seiner Hündin 
und seiner Stute zu geben, den Apfel mit seiner Frau zu teilen 
(Sündenfall !), die Kerne ausserhalb seines Hauses einzupflanzen. — 
Ahnlich geniesst im italienischen Märchen von Mela und Uuccia (R. 
Kühler, Kl. Sehr. I, 512) eine Königin einen Apfel, dessen Schale 
ihre Kammerfrau isst; mich 9 Monaten bringen beide Knaben zur 
Welt (Mela und Buccia), die in treuester Freundschaft heranwachsen (dem 
ursprünglichen Sinne nach offenbar Zwillinge wie im kleinrussischcn 
Märchen von den beiden Fusslapfen). Das gleiche Schema weist die 
Legende von Vikr am a di ty as Geburt auf; nur erscheint dort an 
Stelle des Apfels die als besonders fruchtbringend verehrte Erde, aus 
der auch sonst Menschen entstehen. (So gilt nach dem Hinweis von R. 
Kühler [Kl. Sehr. II, S. 7J den alten Kirchenlehrern die Erde als 
Mutter Adams [vgl. Gen. III, 19 „von Erde bist du genommen . . ."] 
■und trotzdem so lange als Jungfrau „insofern sie noch nicht von Regen 
befruchtet und von Menschenhand bearbeitet war, teils insofern sie 
noch kein Blut getrunken hatte".) Die königliche Mutter Vikranwidityas 
wird durch eine Handvoll gekochter Erde, die ein Einsiedler ihr "zu 
essen gibt, schwanger, zugleich auch ihre Magd, die den Bodensatz 
isst. Die beiden Kinder wachsen als unzertrennliche Freunde heran (J ülg, 
Mongolische Märchen, Innsbruck 1868, S. 73 u. ff.). — Das Motiv des be- 
fruchtenden Apfelessens findet sich auch in der Völsungasagn, wo die 
lange Zeit kinderlose Frau Rerirs durch den Genuss eines von Odin ge- 
schickten Apfels' schwanger wird. Auch entspringt dem Samen dieses 
wunderbaren Apfels der Baum, in den Odin sein Schwert stüsst und der 
wegen seiner Entstehung „Kinderstamm" genannt wird (vgl. den Stamm 
im Kyprischen Märchen). Schwert und Baumstamm sind typische 
Pcnissymbolc 2 ), und auf Grund dieser Vertretung wird uns das „rasche 

9 So in einem kleinrussischen Miirchen (Leskien, S. 544), wo eine vom 
ielde heimkehrende Magd ihren Durst stillt, indem sie aus zwei (göttlichen) mit 
Wasser gefüllten Fus es puren trinkt und sich sofort schwanger fühlt. Dio zwei 
böhne wachsen mit wunderbarer Schnelligkeit heran. — Ein mexika- 
nischer Befruchtungszauber besteht im Besessen mit Wasser (Reitzenstein 656). 
Wie die Geburt so erfolgt im Märchen oft auch die Wiederbelebung durch ein 
wunderbares .Lebenswasser". Vgl. dazu meine Abhandlung über die Lohengrinsage, 
K Deuticke. 1911. S. 164: auch Abrahams Deutung von der Heiabkunft des 
Göttertrankes (Traum und Mythos, 1909, S. 61 n. ff.) und unsere späteren Aus- 
führungen. 

*) Wie hier erscheint der Baum, der wegen seiner Gestalt als Symbol des 
Phallus verwendet wird, wegen seiner fruchttragenden Eigenschaft nicht, selten im 
weiblichen Sinne gebraucht. — Das Schwert erscheint als Symbol der Befruchtung 
in dem oft vorwerteten Motiv, dass der Mann sein nacktes Schwert zum Zeichen 
der Keuschheit (symbolum castitatis) zwischen eich und das Weib legt, wie Siegfried, 
der seinem Blutsbruder Günther die Brünnhilde freit oder Tristan, der bei der 
Gattin seines Oheims schlafend gefunden wird. In der biblischen Abimelech- 
Sage bekommt die unfruchtbare Sarah noch einen Sohn (Isaak) durch den Er- 
satzmann Abimelecb, den sie vom alten Abraham, der sie für seine Schwester 
ausgibt, niebt mehr erwarten kann. Als Abscbwächung dieses anstössigen Verhält- 



Völkerpsychologische Parallelen zu den infantilen Sexualtheorien. 375 

Wachstum" dieses Baumes, das oft auf den Sohn übertragen ist, 
leicht verständlich. Nach Wünsche (Lebensbaum S. 23, 29) weist 
auch der Lebensbaum im Paradies in manchen Legenden ein so rasches 
Wachstum auf und trägt dann an seiner Spitze ein kleines Kind. So er- 
klärt sich vielleicht die gleiche Befruchtung durch den Mund 
in dem ältesten uns bekannten Märchen, der ägyptischen Erzählung von 
Bitiu und Anepu, dem unzertrennlichen Brüderpaar (vgl. oben die 
Zwillinge). Bitiu, der von der Frau seines Bruders beschuldigt wird, sie 
verführt zu haben, entmannt sich selbst zum Zeichen seiner Unschuld 
und folgt seinem ihm von den Göttern eigens angefertigten Wundermäd- 
chen, als es ihm vom König weggenommen wird, in verschiedenen Ge- 
stalten, die auffälligerweise lauter exquisite Penissymbole darstellen, was 
zu seiner Zeugungsunfähigkeit wohl in scheinbarem Widerspruch steht, aber 
doch nur als die notwendige Kompensation derselben erscheint. Erst ver- 
wandelt er sich in einen A p i s s t i e r und entdeckt sich der Königin, 
die jedoch ihren Gemahl zur Tötung des geheiligten Tieres zu bewegen 
weiss. „Zwei Blutstropfen fallen am Tor des Palastes auf die Erde; 
zwei riesige Sykomoren schiessen in einer Nacht auf. 
Wieder feiert man das Wunder durch ein Fest und wieder offenbart sich 
Bata der Königin; wieder überredet sie den König, die Bäume fällen 
zu lassen (Entmannung). Sie selbst überzeugt sich von der Ausführung 
des Befehls. Da fliegt ihr ein Splitter in den Mund, sie wird 
schwanger und gebiert Bata (ihren früheren Gatten) als ihren Sohn" 1 ). 
Wie hier und im Kyprischen Märchen diese Symbolik ihre Tendenz 
verrät den verbotenen Inzestakt zu mildern oder zu verhüllen, so erfährt 
sie weitere Modifikationen und Entstellungen von diesem anstössigen 
Komplex her in einer Reihe interessanter Überlieferungen, von denen 
hier nur eine noch als Muster genannt sei. Im 29. Kapitel der Genesis 
wird erzählt, wie Jakob durch seinen 14 jährigen Dienst die beiden 
Schwestern LcaundRahelals Weiber gewinnt. Er hatte die jüngere, 
Rahcl lieber wogegen Gott gerade Lea reichlich mit Kindern segnete, 
so dass sie ihm vier Söhne gebar. „Dann hörte sie auf Kinder zu 
gebären" (29, 35), wurde also unfruchtbar wie es ihre Schwester Kahel 
von Anfang an gewesen war. Doch Hess sie der Neid nicht ruhen und 
sie legte ihre Magd Bilha dem Jakob zu, die ihm auch zwei Sohne 
gebiert. Dieser Erfolg lässt nun auch die bereits mit vier Söhnen gc- 

nisses muss e8 aufgefasst werden, wenn dem AWmelech irr «Traum jj° E°6el mit 
entblösstem Schwert erscheint und ihm verbietet, die Sarah zu bei Uhren Aus 
verwandten Überlieferungen bei Naturvölkern hat Re. Senate, n ««Js«'««, 
dass dieses in den angeführten Sagen als symbolum castitatis verwendete benwert 
SS ein Befruchtungs-Holz oder -Stab war, den der Gatte in den ersten drei 
Nächten deren er sich des Beischlafs enthielt, zwischen sich und sein junges Weib 
legte Aus Unkenntnis des Kausalzusammenhanges von Geschlechtsverkehr and 
EmofänEnis liess er in den ersten Nächten dem Gölte gew.ssermassen das jus primae 
SS . tur wunderbaren Befruchtung, nach deren vermeintlichem Eintritt er sich erst 
dem Genuese des Geschlechtsverkehrs hingeben durfte. - Der Ausdruck nacktes* 
oder „entblosstes- Schwert scheint nicht zufällig zu sein, da au ch mmaucen Jegen- 
darischen Darstellungen des Sündenfalls der Baum als „eiitblösstM Wünsche S 29) 
und die Schlange als .nackt* (l c. S. 36) bezeichnet werden - Em Nachklang der 
Schwertsymbolik ist in Gen. III. 24 erbalten, wo der Cherub.m mit „blossem 
Schwert den Baum des Lebens bewacht. x 

l) Nnch Hermann Schneider: „Kultur und Denken der alten Ägypter. 

Leipzig 1907. 






376 Otto Rank, 

segnete, seither aber unfruchtbare Lea nicht ruhen und sie legte ihrer- 
seits ihre Magd Silpa dem Jakob bei, die ihm auch zwei Söhne schenkt. 
Diese Magd erinnert auffällig an die typische Dienerin, die zugleich mit 
der Herrin von der wunderbaren Frucht geniesst und schwanger wird (vgl. 
z. B. die Kammerfrau im italienischen Märchen und in der Geburts-Legende 
von Vikramaditya) J ). Nachdem nun so bei Rahel und Lea die eigene 
Fruchtbarkeit und die der willigen Mägde erschöpft ist, tritt plötzlich ein 
scheinbar harmloses Ereignis ein, welches sonderbarerweise beide Frauen 
wieder fruchtbar macht, sogar die bedauernswerte Rahel, die von Anfang 
an unter ihrer Unfruchtbarkeit litt. Rüben, der älteste Sohn der Lea, 
„ging aus zur Zeit der Weizenernte und fand Dudaim auf dem Felde, 
und brachte sie heim seiner Mutter Lea. Da sprach Rahel zu Lea: Gib 
mir der Dudaim deines Sohnes ein Teil. — Lea antwortete: Hast du 
nicht genug, dass du mir meinen Mann genommen hast und willst auch 
die Dudaim meines Sohnes nehmen ? Rahel sprach : Wohlan, lass ihn diese 
Nacht bei dir schlafen um die Dudaim deines Sohnes. — Da nun Jakob 
des Abends von dem Felde kam, ging ihm Lea hinaus entgegen, und sprach : 
Bei mir sollst du liegen; denn ich habe dich erkauft um die Dudai;m 
meines Sohnes. Und er schlief die Nacht bei ihr. — Und Gott erhörte 
Lea, und sie ward schwanger, und gebar Jakob den fünften Sohn" (Gen. 
XXX, 14—17). Aber nicht nur Lea wird vom Moment des Dudaimstreites 
wieder fruchtbar, sondern auch der seit jeher unfruchtbaren Rahel „ge- 
dachte der Herr und erhörte sie und machte sie fruchtbar. Da ward sie 
schwanger und gebar einen Sohn und sprach: Gott hat meine Schmach 
von mir genommen'" (XXX, 22—23). Diese den befruchtenden Liebesäpfeln 
entsprechenden Dudaim werden hier zwar nicht gegessen und erscheinen 
somit auch nicht mehr als Grund des plötzlichen Kindersegens; (doch 
steht in auffälligem Gegensatz zu ihrer mangelnden späteren Verwertung 
in der Erzählung der Eifer, mit dem sich die neidige Rahel um ihren 
Besitz (ihre „Teilung"! [vgl. die typische Teilung zwischen zwei Frauen, 
meist Herrin und Magd]) bemüht, für den sie sogar eine Liebesnacht mit 
ihrem Manne opfert und damit der gerade um den Kindersegen beneideten 
Nebenbuhlerin den Dienst erweist, der ihr selbst am ehesten zu einem 
Kinde verhelfen könnte. Der Grund dieses heroischen Verzichtes auf 
den befruchtenden Beischlaf des Gatten kann ursprünglich nur der ge- 
wesen sein, dass sie eben die befruchtende Kraft der Dudaim kannte, die 
sie ja direkt mit der ihres Mannes identifiziert („Hast du nicht genug, 
dass du mir meinen Mann genommen hast, und willst auch die Dudaim 
meines Sohnes nehmen?"). Erweist sich somit die wunderbare Frucht- 
barkeit beider Frauen als Folge des geteilten Besitzes (Genusses) der 
geheimnisvollen Dudaim *), so scheint in dieser in anderen Punkten offen- 

i) Das fast überall im Zusammenhang mit der symbolischen Befruchtung auf- 
tretende Motiv der Zwillinge dürfte auch auf die infantile Vorstellung zurück- 
gehen, dass eine Frau nicht zugleich zwei Kinder von einem Manne empfangen 
könne; daher zwei Frauen. Den entsprechenden ungeheuer verbreiteten Volksglauben 
und seine zahlreichen Zeugnisse findet man in meiner Abhandlung über die Loben ■ 
grinsage (Anmerkung Nr. 24, S. 164—172) nach Köhler zusammengestellt. 

*) Die landläufige Übersetzung des Wortes , Dudaim* mit .Veilchen* oder „Stief- 
mütterchen' ist nach übereinstimmender Auffassung der wissenschaftlichen Kommenta- 
toren falsch. Das Wort bezeichnet vielmehr Liebesäpfel und zwar die Atropa Mandra- 
gora oder Mandragora vernalis, eine in Palästina häufige Pflanze, die eine einschläfernde 
Wirkung übt, eine Art Belladonna mit gelblichen, bübs duftenden Äpfeln, die nach 



VMkerpBychologische Parallelen zu den infantilen Sexualtheorien. 377 

herzigeren Sage noch ein Stück weit die Tendenz dieser symbolischen 
Einkleidung verfolgbar. Die Magd, die im Märchen zugleich mit der Herrin 
von der wunderbaren Frucht geniesst und schwanger wird, wird hier ein- 
fach zugleich oder an Stelle der rechtmässigen Gattin vom Herrn ge- 
schwängert, mit welcher Deutung der Vorgang natürlich alles Wunder- 
bare verliert. Dieser weiblichen Ersatzperson für die unfruchtbare Gattin 
scheint nun in anderen Überlieferungen eine männliche Ersatzperson für 
den zeugungsunfähigen Gatten zu entsprechen (vgl. Abimelech), der eben 
an Stelle seines wirkungslosen Samens der Gattin einen befruchtenden 
zuführt 1 ). Deswegen gibt auch regelmässig der Mann seiner Frau den 
Apfel, nicht wie bei dem Sündenfall die Frau dem Manne, und deswegen 
isst offenbar auch er selbst erst davon, wie im bosnischen Märchen, um 
ebenso zeugungskräftig zu werden, wie seine Frau befruchtungsfähig. Es 
ist nun ganz im Sinne der rationalistischen Deutung der anderwärts wunder- 
baren Magdschwangerschaft, die in der Jakobsage einfach durch den 
Geschlechtsverkehr mit dem Herrn erfolgt, wenn auch die Überreichung 
der befruchtenden Dudaim nicht wie im Märchen durch den alten zeugungs- 
unfähigen Gatten geschieht und dessen Zeugungsakt symbolisch vertritt, 
sondern ebenfalls in rationalistischer Absicht von seinem jungen Sohn 
Rüben, um dessen „Dudaim" ja die beiden Frauen streiten. Müssen wir 
hierin den ursprünglichen Sinn der Sage erblicken, so wird sogleich ver- 
ständlich, wieso die eifersüchtige Rahel ihrer ohnehin bevorzugten 
Schwester Lea den alten Jakob so bereitwillig überlassen kann, wenn sie 
sich dafür die „Dudaim" des jungen Rüben erkaufen kann. Da aber 
auch Lea nur infolge des Teilbesitzes dieser „Dudaim" schwanger wird, 
so liegt offenbar ursprünglich hier eine Inzestphantasie des Rüben auf 
seine Mutter Lea zugrunde, die sich durch den Geschlechtsverkehr 
mit ihrem jungen kräftigen Sohn den von ihrem alternden Manne nicht 
mehr zu erhoffenden Kindersegen verschafft, wie ihre gänzlich kinderlose 
Schwester Rahel auf dem gleichen Wege des abgeschwächten Inzests mit 
ihrem Stiefsohn Rüben. Es geschieht dies hier allerdings nicht mehr 
mit der gleichen Skrupellosigkeit, die wir in der von der eigenen Frau 
geforderten Schwängerung der Magd durch den Gatten fanden sondern m 
einer auf dem Wege der Verdrängung hergestellten symbolischen \er- 
hüllung, die nicht nur den eigentlich verbotenen (inzestuösen) bexualakt, 
sondern selbst noch dessen symbolische Einkleidung betroffen hat. Dass 



der Volksmeinung Liebe erwecken und. die Frauen fruchtbar machen. J» ?« Wurwd 
„blickt dieVolkephantasie die Form eines Menschen (Näheres in Gut] he. Biblisdies 
WBrterbucb wo sich auch eine Abbildung der Pflanze findet). Nach W et % stein 
E£* SÄ Pflanze noch heute bei den Arabern: Diener des Mesmaeses. 
8 Deli zsch: Kommentar zum Hohenlied« S. 439 f. - Wenn «**£*£ 
dragoren unter dem Herzen trägt, so wird durch die Zauberkraft derselben jeder 
der sich ihr naht, gezwungen, ihr seine Liebe und Neigung zu schenken ja er 
Sri sogar in Ekstase und leidenschaftliche Verzückung versetzt. S. Ausland 
1857, Nr. 44, 8. 1040 ff. (Wünsche: Die Sagen vom Lebensbaum und Lebens- 
wasser. Leipzig 1905, S. 22.) 

i) Storfer (Die Sonderstellung des Vatermordes, Deuticke 1911) erwähnt 
die Institution des Zeugungshelf ers (altindisch Nyöga) und verweist darauf, 
dass Lykurgos den zeugungsunfähigen Männern gestattete, bei ihren Frauen jüngere 
und kräftigere Ersatzmänner einzuführen. - In den deutschen Bauernweistümern 
■wird dem Manne, .der sinen echten wiwe oder frowebk recht niet gedom kc-nde , 
empfohlen, seine Frau zu einem Verwandten zu führen. (S. 4, Anmerkung 1.) 



Otto Rank, 

wir aber dem Rüben hier keine Inzestphantasie suggeriert oder willkürlich 
untergeschoben haben, beweist seine spätere Tat nach Raheis Tode, wo er 
„hinging und bei Bilha, seines Vaters Kebsweibe, schlief" 
(XXXV, 22). Diese Bilha kennen wir aber bereits aus dem früheren Zu- 
sammenhange als stellvertretende Magd der unfruchtbaren Rahel, die für 
Rüben selbst wieder nur als Stellvertreterin seiner Mutter Lea eintrat, 
der er ursprünglich seine wundertätigen Dudaim allein zugedacht hatte. 
Wie die Kinder in den infantilen Theorien und der volkskundlichen 
Sexualsymbolik durch das Essen empfangen werden, so werden sie auch 
durch den Mund oder, was sich in der kindlichen Vorstellung häufiger 
findet, auf dem Wege eines Exkrementes zur Welt gebracht (vgl. 
Freud's und Jung's Kinderanalysen im Jahrbuch I und II). Das Ge- 
bären durch den Mund findet sich in der ägyptischen Mythologie, wo 
der Gott Re alle Götter des Himmels und der Erde ohne Weib aus sich 
selbst erschafft. Es heisst darüber bei Schneider (1. c. 431): „Wie 
er das anfing, beschäftigte die ägyptischen Gelehrten so sehr, dass nicht 

weniger als drei Antworten auf diese Frage auf uns gekommen sind 

Die zweite Theorie stellt Re ganz als Menschen vor und fragt, wie .un- 
geschlechtliche Zeugung bei einem Menschen möglich sei. Wieder liefert 
die Überzeugung von der Identität des anschaulichen Bildes einer Sache 
mit ihrem Wesen die Möglichkeit einer Antwort. Das Wesen des Zeugens 
ist ganz anschaulich die Einführung eines Phallus in einen Hohlraum, 
das der Geburt die Ausstossung des Kindes aus einem Hohlraum. Re zeugt 
also seine Kinder, indem er den Phallus in die Hohlhand einführt 
[Onanie 1 )], er gebiert sie, indem er sie aus dem Munde 
ausstösst." — 



J ) Beim biblischen Onan (Gen. Kap. 38) scheint es sich gnr nicht um Onanie, 
sondern etwa um Koitus interruptus zu handeln. Onan soll auf Befehl seines Vaters 
Juda das Weib seines verstorbenen Bruders, Thamar, beschlafen (vgl. Bitiu 
und Anepu), um seinem Bruder Nachkommen zu verschaffen (Unfruchtbarkeit, Er- 
satzmann). „Aber da Onan wusste, dass der Same nicht sein eigen sein sollte (die 
Kinder hatten als rechtmässige Nachkommen seines Bruders gegolten), wenn er sich 
zu seines Bruders Weib legte, liess ers auf die Erde fallen, und verderbte es. auf 
dass er seinem Bruder nicht Samen gebe", (38, 9). Thamar wird dann unerkannter- 
weise von ihrem Schwiegervater Juda in Blutschande befruchtet. Dass die 
Durchsetzung dieses Inzests auch hier die Triebkraft für die Sagenbildung abgibt, 
lassen einzelne Hinweise noch erkennen, insbesondere der auffällige Tod der zwei 
böhne Judas, die sich der Thamar nahen, ohne sie zu befruchten: ihr Mann und 
dessen Bruder Onan. Juda verspricht ihr dann seinen drilten Sohn Sela, bis er 
gross geworden ist. „Denn er gedachte: Vielleicht möchte er auch 
sterben, wie seine Brüder." In diesem vom Standpunkt des Vaters gearbeiteten 
Mythos, der in der Beseitigung der unerwünschten jüngeren Konkurrenten an die 
von Jung (Jahrb. I, S. 171 fg.) [aufgeklärte Tobias-Geschichte gemahnt, tritt also 
der Vater als befruchtender Ersatzmann für den zeuuungsunfähigen Sohn (Onan) 
ein, wie in der Ruben-Sage der Sohn für den alten Vater. Der auf die Erde ge- 
fallene Same Onans, der weiter in der Sage keine Rolle mehr spielt, muss ursprüng- 
lich der symbolische Ersatz einer verbotenen Befruchtung (Inzest) gewesen sein, da 
in allen anderen Überlieferungen das auf die Erde getropfte Sperma oder Blut 
(Uranos, Anepu) befruchlend wirkt. So auch in der griechischen Sage von Erich- 
thonios, der entsteht, indem die jungfräuliche Athena sich der Umarmung de3 
brünstigen Hephaistos zu entziehen weiss und den auf ihrem Schenkel vergossenen 
Samen auf die Erde wirft, die den echlangenfüssigen Ericbthonios hervorbringt. 
Doch gilt diese Erzählung allgemein als Abschwächung einer älteren Fassung, der 
der Geschlechtsverkehr der Athena noch nicht anstössig war. — Die Entstehung 
von Lebewesen aus dem auf die Erde verspritzten männlichen Samen werden wir 
in der Agdistis-Mythe wiederfinden. 



Völkerpsychologische Parallelen zu den infantilen Sexualtheorien. 379 

Die gleiche, nur schlecht rationalisierte Vorstellung liegt offenbar dem 
nachweisbar von ägyptischen Überlieferungen becinflussten griechischen 
Mythus von Kronos zugrunde, der die ihm von seiner Schwester Rea 
(vgl. den ägyptischen Re) geborenen Kinder sogleich nach ihrer Geburt 
verschlang, weil er fürchtete, sie würden ihm das gleiche Schicksal der 
Entmannung [vgl. Bitiu x )] bereiten, das er selbst seinem Vater zu- 
gefügt hatte (aus den damals auf die Erde gefallenen Bluts tnopfen 
waren die Erinnyen und Giganten entstanden, wozu man die aus Bitius 
Blutstropfen hervorgewachsenen Sykomoren und die durch den auf die 
Erde gefallenen Samen entstandenen Menschen vergleiche). Nur bei ihrem 
jüngsten Sohne Zeus gelingt es Rea, den blutgierigen Kronos durch einen 
in Windeln gewickelten Stein zu täuschen, den er anstatt des Kindes 
verschluckt. Der herangewachsene Zeus zwingt dann seinen Vater Kronos, 
die verschluckten Kinder von sich zu geben (Geburt durch den 

Mund). — 

Wie hier durch den Mund, so werden die Kinder in anderen Über- 
lieferungen mit noch deutlicherer Anlehnung an die infantilen Theorien 
in Form der Exkremente entleert. So verrichtet in einer von F. Boas 
mitgeteilten Sage der Kwa'-kinth-Indianer ein Mann seine Notdurft und 
verwandelt seine Exkremente in einen jungen Mann 
(Indianische Sagen, S. 158 u. ff). Vermutungsweise und ohne dem Ge- 
danken irgend eine Beweiskraft in diesem Zusammenhange beizumessen, 
möchte ich daran erinnern, dass in der griechischen Flutsage, wie sie 
Ovid in seinen Metamorphosen erzählt, das einzig überlebende Menschen- 
paar, Deukalion und Pyrrha, das Menschengeschlecht auf eine ähnlich 
geheimnisvolle Weise wieder zu erneuern suchen. Da Pyrrha dem Deukalion 
erst später Hellen, den Stammvater der Hellenen, gebiert, so muss sie 
wohl ihre anfängliche Unfruchtbarkeit (!) dazu geführt haben, 
die Göttin Themis um ein aussergewöhnliches Mittel der Menschenschöp- 
fung zu bitten. Es ist gewiss auch kein Zufall, dass Deukalion dabei an 
die Kunst des Prometheus denkt, der aus dem mit Wasser (!) be- 
feuchteten Ton die Menschen nach dem Ebenbilde der Götter schuf, 
ganz wie J c ho vah seinen Adam aus dem Kote 2 ) (vgl. die Erde bei Vikra- 
maditjas Entstehung). Themis erteilt dem Ehepaar das zweideutige Orakel, 
mit umsrhleiertem Haupt die Gebeine ihrer Mutter hinter ihren Rücken 
zu werfen 3 ), was der scharfsinnige Deukalion sofort auf die Mutter 
Erde und ihre Knochen, die Steine, bezieht (vgl. den unverdaulichen Stein 
als Ersatz des Kindes bei Kronos). „So gingen sie denn seitwärts, 
verhüllten ihr Haupt, entgürteten ihre Kleider (!) und warfen, 
wie ihnen befohlen war, die Steine hinter sich. Da ereignete sich ein 



i) Das Märchen von Bitiu und Anup (= Anubis) ist nach Schneiders scharf- 
sinniger Vermutung nur ein Abklatsch des Osirismythus, der all diese Motive bereits 
enthält (Verführung der Frau des Bruders, die Entmannung deswegen etc.) und wie 
es scheint, auch der griechischen Kosmologie als Vorbild gedient hat. 

2) Man vgl. dazu das anzügliche Distichon Herders: .Der Du von Göttern 
stammst, von Gothen oder vom Kote. Goethe, sende sie mir.* 

») Als Gegenstück ist die biblische Sage von Lots Weib zu nennen, die auch 
bei einer Sintflut (Sindbrand) eegeu das ausdrückliche Verbot hinter sich 
blickt und sogleich zur Salzsäule (Stein) erstarrt. Vielleicht durften auch Deukalion 
und Pyrrha ursprünglich dabei nicht hinter sich blicken (Sc hau verbot), wie sie ja 
noch in der vorliegenden Fassung ihr Haupt umschleiern müssen. — Zu beachten 
ist auch hier, dass dann Lots Töchter mit ihrem Vater, als dem einzig übrigge- 
bliebenen Mann, das neue Geschlecht zeugen (Inzest!). 



380 Otto Rank, 

grosses Wunder: das Gestein begann seine Härtigkeit und Spröde abzu- 
legen, wurde geschmeidig, wuchs, gewann eine Gestalt; menschliche Formen 
traten an ihm hervor, doch noch nicht deutlich, sondern rohen Gebilden, 
oder einer in Marmor vom Künstler erst aus dem Groben herausge- 
meisselten Figur ähnlich. Was jedoch an den Steinen Feuchtes oder 
Erdigteä war, das wurde zu Fleisch an dem Körper; das Unbeugsame, Feste 
ward in Knochen verwandelt; das Geäder in den Steinen blieb Geäder. So 
gewannen mit Hilfe der Götter in kurzer Frist die vom Manne geworfenen 
Steine männliche Bildung, die vom Weibe geworfenen weibliche." (Nach 
Gustav Schwab: Die schönsten Sagen des klassischen Altertums, 
23. Aufl., S. 9, der sich ziemlich wortgetreu an den Text hält 1 ).) 

Wie Deukalion Menschen aus Erde bildet und sie durch den Feuer- 
hauch seines Vaters Prometheus beleben lässt, so schreibt die Über- 
lieferung dem Prometheus selbst späterhin die Schöpfung der Pandora 
zu, mit der er dann den Deukalion zeugt. Eine andere Version erzählt, wie 
Hephaistos, der sich künstlich Mädchen bildet (auch Anepu hat ein solches 
Göttermädchen zur Frau), die Pandora aus einem Gemisch von Erde und 
Wasser (nach anderen Tränen; ein anderes Sekret) bildete. Die Verhält- 
nisse komplizieren sich jedoch hier im Sinne der Inzestphantasie, wenn 
man anderwärts wieder erfährt, dass Pyrrha, die Gemahlin des Deukalion, 
auch als Gattin seines Vaters Prometheus gilt (vgl. später die Welteltern- 
mythe). Soviel steht jedoch auch mythologisch fest, dass die Deukalion- 
Sage nur eine jüngere Form der Prometheus-Sage darstellt (Röscher). 
"So wird Pandora, „die griechische Eva" (Röscher) von den Mythologen 
als ursprüngliche Verkörperung der Mutter Erde aufgefasst, ebenso 
wie Pyrrha als „die rote Erde" gilt, die durch die Flut (Deukalion vom 
Stamme adtvio = netzen) befruchtet wird. Ovid spricht (Metam. 1, 81) 
von semina caeli, die noch in der frischen Schöpfungserde enthalten ge- 
wesen sein mochten. „Die Vorstellung, dass die ersten Menschen aus 
Erde, Wasser und Erde, Schlamm, Lehm oder Ton entstanden seien, findet 
sich bekanntlich bei den alten Dichtern und Philosophen vielfach, auch 
ohne Beziehung auf Prometheus ausgesprochen, wie nach Plato (Menex. 
238) die Mutter Erde das erste Weib und das Weib schlechthin ist" 
(Roschers Lex. Prometheus). Die Verbindung dieser Menschenschöp- 
fungen mit der Flutsage (Deukalion schwimmt neun Tage und Nächte 
im Kasten) ist jedoch keine zufällige, da — wie ich anderwärts auszuführen 
gedenke — die Flutsagen eng mit dem Urin zusammenhängen, aus dem 
ja nach infantiler Vorstellung Menschen entstehen können. Denn nicht 
nur aus den analen Exkrementen und der dafür eingesetzten kotigen Erde 
(Lehm) entstehen die Menschen nach den infantilen Anthropogonien 8 ) , 

') Nach Abschluss meiner Arbeit war Dr. Abraham (Berlin) so liebens- 
würdig, mich auf eine mythologische Arbeit aufmerksam zu machen, in der das 
Motiv des Steinweifens als Symbol des Koitierens erwiesen wird, welche Symbolik 
nach der brieflichen Andeutung von Abraham mit der Ejakulation und der von 
mir vermuteten Identifizierung vom Steine = Kot-Samen zusammenhängt. Das „Schlen- 
dern" (Werfen) des Samens auf die Erde fanden wir bereits in der Erichthonios- 
Sage, in der Onan-Geschichte und werden sie im Kybele Mythos wiederfinden, wo 
Zeus' Same auf einen Stein fällt. Die genannte Abhandlung von L. Levy: „Das 
Steinewerfen in Koheleth 3. B , in der Deukalionsage und im Hermeskult" findet sich 
in der Monatsschr. f. d. Wissensch. d. Judentums. 55. Jahrg., 1911, Heft 9/10 (Ver- 
lag Koebner, Breslau). 

i) Auch nach altorientalischer Auffassung (Babylonier, Ägypter) werden die 
Menschen aas Lehm oder Ton gebildet (vgl. Wünsche: Schöpfung und Sündenfall 



Völkerpsychologische Parallelen zu den infantilen Sexaaltheorien. 381 

sondern auch aus dem Urin, der im infantilen Sinne dem Sperma gleich- 
gesetzt wird (Wasser!). So kommt das Kind zu einer Zeugungstheorie, 
die den Geschlechtsakt als ein Urinieren auffasst (Freud: Infantile Sexual- 
theorien S. 171). Einen interessanten Beleg dafür aus der dichterisch 
gestalteten Phantasie des Erwachsenen hat Dr. Sachs aus Grimmeis- 
hausens „Simplicissimus" im Zentralblatt f. Psa. (I, S. 525) mitgeteilt. 
Sie findet ihr Gegenstück in der griechischen Sage von Orion, der nach 
einer von den Mythologen als falsche etymologische Ableitung angesehenen 
Überlieferung aus dem Urin entsteht, den drei Götter auf eine Rindshaut 
abschlagen, um ihrem kinderlosen Bewirter Hyrieus auf seinen Wunsch 
zu einem Sohne zu verhelfen. Mit Rücksicht darauf, dass dieses ovqeiv 
hier ganz im infantilen Sinne als „seinen emittere*' (Röscher: Orion) 
aufgefasst ist, dürfen wir doch dieser Version eine wenn auch nicht mytho- 
logische, so doch psychologische Ursprünglichkeit zusprechen. Gewöhnlich 
erscheint die Sage in der Form, dass die mit dem Samen getränkte Stier- 
haut in die Erde vergraben wird und nach 10 Monaten Urion zur Welt 
kommt, in dessen Namen eben seine Entstehung nachklingen soll. Es er- 
scheint uns auch nicht unwesentlich, dass eine chiische Version den Orion 
als Sohn des Oinopion kennt, der dann dessen Tochter oder Gattin, 
in diesem Falle also seine Mutter geschlechtlich gebraucht 
und dafür von dem erzürnten Vater geblendet wird (vgl. das ähnliche 
Schicksal des Oedipus). Orion hat daher nach der ersterwähnten Version 
gar keine Mutter, resp. die Erde zur Mutter. 

In diesen Zusammenhang scheint auch die weitverbreitete Märchen- 
erzählung zu gehören, nach der meist ein kranker (zeugungsunfähiger?) 
König seine Söhne um das Lebenswasser ausschickt; aber nur dem 
Jüngsten gelingt es, sich in den Besitz desselben zu setzen, während die 
beiden älteren meist in Steine verwandelt werden (Lot). Der jüngere 
besprengt sie mit seinem Lebenswasser (vgl. den mexi- 
kanischen Befruchtungszauber S. 374, Anm. 1), worauf sie wieder Men- 
schen werden, ganz wie in der Deukalion-Sage, aber seine Güte übel 
lohnen. Sie vertauschen das Lebenswasser, das sie selbst dem König 
nach Hause, bringen, und verdächtigen den Jüngsten, er habe seinen 
Vater mit einem Gifttrank töten wollen. Der Jüngst« wird nun auf Befehl 
des Königs getötet, aber die Jungfrau, deren Erlösung er zugleich mit 
Erlangung des Lebenswassers bewirkt hat, belebt ihn mit Hilfe des- 
selben wieder, worauf er sie heiratet, das Reich des Vaters erhält 
und die Brüder straft (vgl. Grimmsche Sammlung Nr. 97 und 60, 
sowie die im III. Band enthaltenen Varianten dazu). Es würde zu weit 
führen, auch hier die Durchsetzung der Inzestphantasie nachzuweisen 
(Heirat, des Weibes, das ihn belebt), doch bleibe nicht unerwähnt, dass 
es Varianten gibt, in denen die Inzest Verhütung angedeutet ist. 
So wenn es in einer Märchengruppe (Wünsche, Lebenswasser S. 91) 
heisst, die Mutter, die sich mit einem Drachen vermählt hatte, schickt 
— indem sie sich krank stellt — ihren Sohn nach dem Wasser des 
Lebens aus, in der Hoffnung, er würde dabei umkommen (vgl. Judas 

des ersten Menschenpaares im jüdischen und moslemischen Sagenkreise mit Rück- 
sicht auf die Überlieferungen in der Keilschrift- Literatur, Leipzig, 1906, S. 75 fg.). 
Nach jüdischer Sage macht Gott den Menschen aus verschiedenfarbigem Staub und 
zwar aus dem schwarzen die Eingeweide (1. c. S. 8, vgl. später die schwarzen 
Koprolithen im Märchen). — Der Entstehung Adams aus der Erde entspricht auch sein 
Name; 'adam = Mensch, eig. Erdmanu aus 'adamuh - Erde (1. c. S. 5. Anmerkg.) 



382 Otto Rank, 

Söhne). Oder wenn eine Prinzessin, die heiraten will, sich auf diese Weis,e 
von ihren lästigen Brüdern zu befreien sucht. Auffällig ist jedoch in 
einigen Varianten, wie z. B. der aus 1001 Nacht (Wünsche S. 95), dass 
diese Steine, die durch Besprengen mit dem Lebenswasser zu Menschen 
werden, schwarz sind, was wie ein Nachklang ihrer koprolithischen 
Bedeutung erscheint. Zu erwähnen ist schliesslich noch, dass der Jüngste, 
der durch das von ihm selbst gefundene Lebenswasser wieder belebt wird, 
in einigen Varianten (wo ihn die Mutter ausschickt) zerstückelt und 
wieder zusammengesetzt wird. Auch dieses im Mythus weit verbreitete 
Motiv der Zerstückelung und Z\isammenfügung (i. e. Belebung) entspricht 
einer infantilen Sexualtheorie, nach der die Kinder ebenfalls stückweise 
gemacht werden 1 ) (vgl. dazu in meiner Arbeit über die Lohengrinsage 
den Hinweis' auf S. 108). 

Nicht nur der Mund und die exkrementellcn Körperöffnungen machen 
ihre erogenen Ansprüche in tierartigen Sexualtheorien geltend, sondern 
auch alle anderen erogenen Zonen und Sekrete 2 ). Hierher gehört die 
Geburt des Dyonysos aus dem Schenkel des Zeus ; die germanische 
Mythologie berichtet von dem zweigeschlechtigen Riesen Ymir, dessen 
F u s s einen Sohn mit dem anderen Fuss erzeugte. Im selben Mythus 
tritt der S c h w e i s s als befruchtendes Nass auf, indem er unter des 
schlafenden Ymir linkem Arm Mann und Weib hervorbringt, ähnlich wie 
bei dem schlafenden Adam das Weib aus seiner Rippe entsteht. Wie hier 

') Diese Zusammensetzung erfolgt häufig auch durch ein Lebenskraut, dessen 
Wirkung der Mensch an einer toten und wiederbelebten Schlange (seltener 
Vogel) kennen lernt (Wünsche: Lebensbaum und Lebenswasser, S. 16 u. ff.). Vgl. 
dazu den ebenfalls zur lebenden Schlange gewordenen Mosesstab, welchen 
Vorgang bereits Abraham (Traum und Mythos, 1909, S. 65) als Symbol der Erek- 
tion auffassen , lehrte. Nach einem anderen Berichte schlägt Moses mit diesem Stabe 
gegen den ausdrücklichen Befehl Gottes in der Wüste Wasser aus einem Felsen, 
was lebhaft an die Steinbesprengung unserer Märchen erinnert. Dieser Mosesstab 
steht nach Wünsche (S. 40) auch in Beziehung zum Lebensbaum des Paradieses. 
Adam erhält den am Vorabend eines Sabbats geschaffenen Stab beim Verlassen des 
Paradieses von Gott und durch Weitervererbung von Geschlecht zu Geschlecht 
kommt er schliesslich auf den ägyptischen Josef und nach dessen Tode im Besitz 
des Pharao, der ihn in seinen Garten pflanzte, wo er blühte, sprosste und Mandeln 
trug. Mit ihm prüfte er jeden, der eine von seinen Töchtern heiraten 
wollte. Nach einem anderen Berichte (Wünsche, S. 107) gelüstete es dem Jethro 
so sehr nach dem Stabe, den er im Garten des Pharoo sah, dass er ihn stahl, in 
seinen Garten pflanzte und nun jeden Freier seiner Töchter prüfte, da der Stab alle, 
die sich ihm nahten, verschlang (vgl. Tobias, der auch alle Freier seiner Töchter 
wegschafft; der Stab symbolisiert hier den väterlichen Phallus). Auch Moses musBte, 
als er um Jethros Tochter Zippora warb, sich der Probe unterziehen, die er bestand, 
indem er den Stab ruhig anfasste, und mit sich nahm. Aus Zorn darüber soll ihn 
Jethro in eine Zisterne geworfen haben. — Vor demselben Pharao, in dessen Garten 
der geheimnisvolle Stab früher sprosste, verwandelt er sich dann auf Befehl des 
Moses in eine Schlange. — Von Interesse ist schliesslich noch in diesem Zusammen- 
hang der Bericht, wie Moses nach Tötung des Ägyptischen Aufsehers nach Äthiopien 
entflieht und dort die verwitwete Gattin des Königs heiratet. Da er sie aber nio- 
mals ehelich berührte, sondern ein Schwert zwischen sich und sie legte, wurde er 
auf ihren Antrieb des Thrones entsetzt (B er gel: Mythologie d. Hebräer). 

a) Vgl. die von Stekel (Die Sprache des Traumes, Wiesbaden 1911) aufge- 
stellte symbolische Gleichung: Sperma — Blut — Urin — Schweiss -Speichel, die wir 
hier bestätigen können. Ähnlich bemerkt Ehren reich (Die allgemeine Mythologie 
und ihre ethnologischen Grundlagen, Leipzig 1900) bezüglich des Regens, dass er 
bei den Naturvölkern oft als Sekret (Harn, Schweiss, Speichel) eines himmlischen 
Wesens gefasst wird und dass die durch ein solches Sekret bewirkte Empfängnis 
meist ein bildlicher Ausdruck der Erdbefruchtung durch Regen sei, 



Vülkorpsychologische Parallelen zu den infantilen Sexualtheorien. 383 

<ler Schweiss, so erscheint andere Male der Speichel befruchtend 
In der iranischen Überlieferung leckt die Urkuh Andhumla den ersten 
Menschen aus dem Stein hervor und eine ähnliche, kaum mehr ur- 
sprüngliche Rolle spielt der verschluckte und wieder herausgegebene 
Speichel in der nordischen Mythologie beim Ursprung der Dichtkunst 
(Grimm: Deutsche Mythol. II, 752). Eine in den infantilen Sexualtheorien 
häufiger hervortretende erogene Zone sind die Brüste, die das Kind 
bereits frühzeitig als Lustquellen kennen gelernt hat und die das Weib 
so auffällig vom Mann unterscheiden. Auch in mythischen Überlieferungen 
spielt der weibliche Busen als Befruchtungsorgan eine Rolle. So ist der 
mexikanische Gottheros Huitzlipochtli von einem Weibe geboren, das 
einem vom Himmel herabfliegenden Federball in ihren Busen aufnahm 
(Waitz, Anthrop. d. Naturvölker, I, 464, Anm.). 

Die gleiche Vorstellung findet sich im griechischen Mythos von 
Agdistis, der ausserdem eine ganze Sammlung von Befruchtungs- 
symbolen enthält, die uns bereits bekannt sind, und dem gleichfalls wieder 
das Inzestmotiv zugrunde liegt. Die Fabel erzählt A r n o b i u s (adversus 
gentes V, 5 sq.). folgendermassen: Auf ödem Felsengebirge war aus einem 
Stein Kybele entstanden, der Zeus vergeblich beizuwohnen suchte. Sein 
Same floss auf den Fels und daraus entstand das Zwitterwesen 
Agdistis, das von den Göttern entmannt wurde. Aus dem Blut e n t - 
spross ein Granatbaum, von dessen Früchten Nana, die Tochter 
des Flussgottes Sangarios, einige in ihren Busen steckte ; sie wurde 
davon schwanger und gebar des Attis, den Sangarios auszusetzen befahl. 
Das Kind wird jedoch gerettet und mit Honig und Bockmilch aufgezogen, 
bis es zu einem schönen Jüngling heranwächst, in den sich seine mütter- 
lichen Vorfahren (Mutter Imagines) Kybele und Agdistis verlieben; die 
eifersüchtige Agdistis versetzt ihn in Wahnsinn, so dass er sich unter 
einer Fichte selbst entmannt. Wie man sieht, stimmt nicht nur 
dieser letzte Zug, sondern auch alle übrigen auffällig mit dem ägyptischen 
Märchen überein. Es sei nur hervorgehoben, dass der Mythus 1 in drei 
Generaüonen (Kybele, Agdistis, Nana) die gleichsinnige Befruchtungs- 
symbolik durchführt, die, wenn man aus dem Ausgang schlössen darf, 
den Inzest mit der eigenen Erzeugerin ermöglichen und verdecken sollte, 
und für dessen ursprüngliche Ausführung die Entmannung die Strafe war. 

(Schluss folgt.) 

III. 

Lekanomantische Versuche. 

Von Herbert Silberer, Wien. 

1. Einleitung. 

Bevor ich daran gehe, die psychanalytischen Ergebnisse einer Serie 
von lekanomantischen Versuchen mitzuteilen, will ich aus dem voran- 
gegangenen einführenden Aufsatz „Mantik und Psychanalyse" 1 ) mit ein 
paar Worten jene Sätze hervorheben, die zum Verständnis des Folgenden 
wichtig sein mögen. Es sei zum ersten daran erinnert, dass die Lekano- 

l) Enthalten im „Zentralblatt für Psychoanalyse*. IL Jahrg. Heft 2. 
ZentrslbMt für Psychoanalyse. II'. 27 



384 Herbert Silberer, 

mantie (aus k&tdvrj, Becken, und fiavteia, Weissagung) jene niantische 
Kunst war, bei welcher man die schauende 1 ) Person in ein von Lichtern 
umgebenes, piit Wasser gefülltes Becken sehen liess. Den Visionen, 
die sich zeigten, sollte nach dein einstmals herrschenden Glauben wahr- 
sagerische Bedeutung zukommen. Wie alle mantischen Künste die rein 
mechanische, rituell festgelegte Verrichtung mit dem Walten ausserhalb 
der menschlichen Voraussicht und Willkür stehender Kräfte, Intuitionen etc. 
in Verbindung zu bringen trachteten, so auch die Lekanomantie. Die 
„bestimmten" Elemente der mantischen Verrichtung sind das, was wir 
am besten die „Versuchsanordnung" nennen. Das „.Unbestimmte" aber 
ist bei der Lekanomantie a ) in der Hereinziehung des Unterbewusstseins 
(oder, wenn man will, des >,Unbewussten") der Versuchsperson gelegen. 
Während indes die alten Lekanomanten damit den Anschluss an weis- 
sagende göttliche Kräfte erlangen zu können vermeinten, begnügen wir 
uns mit der Tatsache, dass wir durch die Auslösung der lekanoskopischen 
Visionen das Unterbewusstsein der Versuchsperson zum Sprechen bringen. 
Wir stellen damit die Lekanomantie oder, richtiger gesagt, die Lekano- 
skopie 8 ), in den Dienst der Psychanalyse. Das Material, welches durch 
die Lekanoskopie zutage gefördert wird, nimmt die Form visueller Hallu- 
zinationen an; diese können jedoch, wie auch meine Versuche zeigten, 
mit auditiven Halluzinationen sich verbinden; die Lekanomantie macht 
also dann eine Anleihe bei der antiken „Gastromantie", die gleichfalls 
bei einem Wasserbecken ausgeübt wurde und die weissagende Person 
Stimmen hören liess. 

Wenn ich mich nun der Mitteilung meiner Versuche zuwende, so 
sehe ich mich in einiger Verlegenheit; fast reut mich mein den Lesern 
gegebenes Versprechen, denn ich finde das Material für einen Gegenstand 
öffentlicher Untersuchung recht unvollständig. Ich schöpfe den Mut zur 
Arbeit aus der Hoffnung, dass man dieselbe nicht als etwas Abge- 
schlossenes, sondern als eine Probe beurteilen wird. 

Das zu den Experimenten dienliche Gefäss war eine etwa spannen- 
breite gläserne Abdampfschale, die peinlich rein gehalten wurde, um 
die schauende Person nicht durch Flecken zu beirren. Die Schale wurde 
auf ein niedriges Tischchen vor die sitzende Person gestellt und zur 
Hälfte mit reinem Wasser gefüllt. Das Tageslicht wurde abgehalten (die 
Versuche fanden ohnehin meist abends statt). Die Anordnung der Gegen- 
stände und der Beleuchtung ist aus der folgenden Figur zu ersehen. 



E* 



D 



1 D RED 



□ 



B C 



Anordnung der Gegenstände. 

i) .Schauen* im Sinn von Hellsehen. Man verwendete meist Kinder betw. 
Personen reinen, ungetrübten Gemüts zum Schauen. 

2) Wie auch bei vielen anderen mantischen Künsten. 

3 ) Denn eigentlich entlehnen wir jener mantischen Kunst bloss ihre Methode 
des Schauens, ohne diesem Schauen eine niantische Bedeutung beizulegen. 



Lekanomautische Versuche. 385 

In diesem Grundriss bedeutet A den Stuhl mit der Versuchsperson, 
welche mit dem Gesicht nach dem niedrigen Tischchen B gerichtet ist, 
worauf die runde mit Wasser gefüllte Schale steht. Der Blick ist dem- 
gemäss gesenkt. C ist ein etwas nöherer Tisch, der drei brennende 
Kerzen (durch Sternchen angedeutet) trägt, welche in dem Vasser des 
Gefässes unbestimmte Reflexe erzeugen. Ein direktes Spiegeln der Flammen 
soll womöglich vermieden werden; nur im ersten meiner Versuche reflek- 
tierte sich eine Flamme (die mittlere) im Wasserspiegel, was auch zu 
einem besonderen Gesichte Anlass gab. Der Beobachter (ich selbst) sass 
in F vor seinem Schreibtische D, auf dem eine Lampe (das Sternchen E) 
gedämpftes Licht gab und die Führung eines Protokolls während der 
Versuche ermöglichte, ohne dass die Versuchsperson dadurch im mindesten 
gestört war. Die Führung des Protokolls während der Experimente 
begann allerdings erst beim vierten Versuch; erst von dann an schilderte 
nämlich die Versuchsperson ihre Gesichte im Augenblick des Schauens. 
Bei Versuch I— III erstattete sie erst nach Beendigung des Experiments 
Bericht über das Gesehene — eine Methode, bei welcher sicher vieles 
verloren geht und die ich deshalb nicht mehr anwandte, sobald die 
Person hinreichend geübt war, um ihre Schilderungen sofort zu liefern. 

Die Versuchsperson war eine junge Dame, Anfang der zwanzig, 
körperlich gesund, mit Bürger-, Handelsschul- und einiger aus eigener 
Initiative erworbener (unsystematischer) literarischer Bildung; mit leb- 
hafter Phantasie begabt, zur Selbstbeobachtung geneigt, nervös in jenem 
häufig vorkommenden Grade, der sich gerade noch in die Gesundheits- 
breite rechnen lässt. Über charakteristische Konflikte, die sie psychisch 
dominierten, wird unten weiüäufiger die Rede sein, da sie im Lauf 
der Versuche von selbst zutage treten. Zum besseren Verständnis seien 
nur folgende wichtigen Punkte der analytischen Darstellung voraus- 
geschickt; ich durchbreche mit dieser Vorbereitung die chronologische 
Folge der analytischen Entwicklung nicht, denn auch mir waren vor 
Abhaltung der lekanoskopischen Versuche diese Umstände aus dem Mund 
der Damo selbst bekannt. 

L ea _ so will ich die Versuchsperson nennen 1 ) — stammt aus 
einer unbemittelten jüdischen Familie in Prag. Von Natur aus zu einer 
gewissen Selbständigkeit geneigt *), empfand sie das Joch einer etwas 
engherzigen elterlichen Zucht um so härter, als man ihr vor allen anderen 
Geschwistern die aufreibendste Arbeit zumutete und sie dabei recht lieb- 
los behandelte. Viele Jahre hindurch verdiente sie z. B den Haupt- 
unterhalt der Familie durch anstrengende Stickarbeiten, die so uber- 
5S7 wurden, dass ihr Augenlicht zu erblassen drohte. Etwas mehr 
aufatmen konnte Lea dann, als sie mit 19 Jahren auf eigenen feMU» 
eine Handelsschule besuchte und sich dort die notigen Fertigkeiten für 
Bureau-Arbeiten erwarb. Durch die Tätigkeit ausser Hause und die Be- 
rührung mit der Welt erlangte sie zwar etwas mehr Freiheit, doch fange 
nicht in dem Grade, dass sie nicht beständig ein drückendes Abhangig- 

i) Die Eigennamen wurden von mir aus Rücksichten der Diskretion durch- 

ge eD *) V Diese "nlage hat selbstverständlich erst durch die Reaktion auf die su 
beschreibenden drückenden Verhältnisse ihre lebhafte Stärke erlangt. 

27* 



386 Herbert Silberer, 

keitsverhältnis von zu Hause empfunden hätte. Vor allem fühlte sie 
sich nach wie vor von ihren Leuten nicht im mindesten verstanden. 
Sie machte insofern eine Häutung durch, als sie der Härte durch ver- 
doppelte Liebe zu begegnen suchte; ehemals selbst gleichgültig oder 
verstockt, trachtete sie, so gut zu sein als möglich x ). Dies vermochte indes 
die bestehende Spannung nicht fühlbar zu vermindern, und Lea litt 
auch fernerhin unter derselben. Was die Qual noch verschärfte, war 
die schmerzliche Erkenntnis von der Lügenhaftigkeit der Welt, eine Ent- 
täuschung, die sie leider in ihrem eigenen Milieu schöpfen hatte müssen. 
Es wird den gewiegten Psychanalytiker nicht wundernehmen, wenn 
er hört, dass die erwähnte Erkenntnis durch die Aufdeckung des Storch- 
märchens ihren verhängnisvollen Anfang nahm. 16 Jahre alt, wurde 
Lea bei der Geburt ihrer Schwester Rahel von der Mutter immer noch 
mit der Storchgeschichte abgespeist. Eine Freundin klärte sie so un- 
gefähr über den wahren Sachverhalt auf. Die Entdeckung, dass ihre 
Mutter, von der sie am ehesten Aufrichtigkeit erwarten zu sollen glaubte, 
ihr beständig Unwahrheiten in sexuellen Dingen gesagt hat, brachte in 
Lea eine solche Abscheu vor der Welt hervor, dass Selbstmordgedanken 
die Folge waren. Die Erschütterung wurde nie verwunden; sie trug zu 
einer schmerzlichen Fähigkeit der kritischen Menschenbeobachtung und 
zu bitterer Zuspitzung des unerträglichen Abhängigkeitsgefühles im Eltern- 
hause zu. 

Lea's interessante äussere Erscheinung, in Verbindung mit ihrem 
originellen, temperamentvollen Wesen, verschaffte ihr zahlreiche An- 
beter, und zwar, den Umständen, in denen sie lebte, entsprechend, zu- 
meist solche wohlhabende Personen, die mit ihr ein „Verhältnis" einzu- 
gehen wünschten. Nachdem sie längere Zeit hindurch Anträge aller Art 
ausgeschlagen, fasste sie endlich, gedrängt nicht bloss durch ihr „Tempe- 
rament", sondern insbesondere durch den immer wachsenden Durst nach 
Befreiung von den Missständen zu Hause, sowie durch eine plötzlich 
eingetretene finanzielle Kalamität, welche sofortige Ordnung heischte, den 
Entschluss, sich einem jener Männer, die sich schon längst um ihre 
Gunst bewarben, hinzugeben. Sie teilte dem Betreffenden — Fritz mit 
Namen — ihre Entscheidung mit und trat mit ihm eine Reise in ein 
Nordseebad — sagen wir Ostende — an. Alles das ging sehr rapid. 
Wenige Stunden vor der Ahreise eröffnete sie ihren Eltern ihre fest- 
stehende Absicht und erfuhr dabei eine äusserst deprimierende Ver- 
urteilung (die später wieder revoziert wurde, als die Eltern nachträglich 
einzusehen begannen, dass sie Lea alle Zeit hindurch unrichtig ver- 
standen und behandelt hatten). 

Das Verhältnis mit Fritz brachte eine grausame Enttäuschung. Lea 
hatte sich in dem Menschen gründlich geirrt. Er entpuppte sich zu 
ihrem Abscheu als ein brutaler, ihrer feinfühligen Sinnesart ganz ent- 
gegengesetzter Mensch. Die Liaison fand bald ein Ende. Um sich von 
allen Banden gänzlich frei zu machen und sich endlich schlankweg auf 
die eigene Füsse zu stellen, verlicss Lea im Herbst 1910 Prag und fuhr 
nach Wien. Sic begann da ein neues Leben, indem sie sich mit Feuer- 

') Genau pesHgt, wechselten noch kleinere Perioden dieses Gutseinwollens mit 
solchen der .zynischen* (Leas eigener Ausdruck) Lebensauffassung nb. 



Lekaaomantiscbe Versuche. 387 

eifer auf ein künstlerisches Studium warf. Damit verwirklichte sie einen 
schon längere Zeit gehegten Plan. 

In Wien lernte Lea, nach vorausgegangenen minder einschneidenden 
Episoden, im Dezember 1910 einen Mann namens H a n s kennen, mit 
dem sie bald darauf ein Verhältnis einging. Durch die schlimmen bis- 
herigen Enttäuschungen gewitzigt, hütete sie sich, von diesem neuen 
Freunde zu viel zu erwarten und ihm mit zu viel Liebe zu begegnen. 
Indes fand sie in ihm mehr, als sie dachte, und fasste gegen ihre ur- 
sprüngliche Absicht und unter beständigem Widerstreben eine tiefe Nei- 
gung zu ihm, die sie sich erst spät selbst eingestand. 

Angesichts dieser Darstellungen, in die sich die Schilderungen von 
Selbstmordstimmungen mischten, sah sich der Analytiker von vornherein 
vor fünf deutliche Komplexe in Lea's angegriffener Psyche gestellt. Ich 
nennr- allen voran jene Traumenkette, die sich aus den unleidlichen 
häuslichen Verhältnissen ergibt : den Hauskomplex (nicht zu ver- 
wechseln mit dein engeren Begriff des Elternkomplexes). Zweitens den 
damit in Zusammenhang stehenden Lügenkomplex, der durch die 
Entdeckung der Storchlüge eingeleitet wurde und einen Horror vor der 
Falschheit clor Welt erzeugte. Sodann den teilweise im Lügenkomplex 
wurzelnden T o d e s \v u n s c h ; viertens das auf die psychisch hochwertige 
Enttäuschung mit Flitz bezügliche Erinnerungsmaterial ; endlich den 
von dem ersten und dem vierten Komplex befruchteten. Freiheits- 
komplex, den wir unter anderem in der Form der (gegen Hans ge- 
richteten) Liebeswehr wirken sehen. 

Um bei den lekanoskopischen Experimenten den Einfluss der bunten 
Tagesgeschäftigkeit zu hemmen und eine vom Äusserlichen möglichst 
abgezogene Stimmung hervorzubringen, hielt ich es für vorteilhaft, die 
Versuchsperson unmittelbar vor den Experimenten in einem Buche lesen 
zu lassen, das ungefähr jene vorbereitende Rolle spielen konnte wie 
die Ouvertüre zu einer ernsten Oper. Es waren die Schriften des 
Hermes Trism egistus 1 ), Buch 1—4. Das erste Buch („Pömander") 
beginnt: „Einsmals, da ich die wesentlichen Dinge betrachte, und 
mein Gcrnüth sich erhub, da verschlummerten meine Sinne ganz und gar; 
gleich wie einer, der von Speise überladen, oder von Arbeit müde, 
mit dem Schlafe überfallen worden. — Und es kam mir vor, als ob ich 
jemand sähe, der sehr gross, und von einer unendlichen Länge, nennend 
meinen Namen, und zu mir sprechend: — „Was willst du hören und 
sehen, und was ist, das du in deinem Gemütho gedenkst zu lernen 
und 211 erkennen?"" Die Probe dürfte genügen, um meine Wahl der 
Schrift für den gedachten Zweck begreiflich zu machen. Inwieweit die 
Lektüre den Inhalt der lekanoskopisch geschauten Bilder beeinflusst 
haben mag, wird später angemerkt werden. 

Betreffend die Einteilung der Deutungen der Visionen muss noch 
erwähnt werden, dass die Analysen der Bilder in keinem der Fälle 
gleich zu Endo geführt wurde; vielmehr ergaben sich gerade die wichtigsten 
Einfälle oft erst viel später, sei es direkt, sei es auf dem Umweg durch 
Träume, in denen Motive aus dem Visionenmaterial sich ausspinnen. 



i) Deutsche Ausgabe nach Alethophili Übersetzung, Stuttgart 1855, Verlag 
von J. Scheible. Auf eine textkritisch einwandfreie Übersetzung kam -es natürlich 
durchaus nicht an. 



388 Herbert Silberer, 

Es würde ein grosser Wirrwarr entstehen, wenn ich nun die einzelnen, 
Bruchstücke, in der Reihenfolge, in der sie zutage traten, mitteilte. Im 
Interesse der Verständlichkeit des Ganzen liegt es vielmehr, dass ich 
Sitzung für Sitzung einschliesslich der nachträglich (zum Teil erst nach 
Monaten I) gefundenen Assoziationen und Deutungen durchgehe und auf 
die Zusammenhänge mit den anderen Sitzungen jeweils verweise. Der 
Charakter der fortschreitenden Entwicklung der Analyse wird, wie man 
sehen wird, dabei nicht verwischt. 



2. Die ersten drei Versuche. 

Die ersten drei Versuche waren insofern mangelhaft, als, wie schon 
gesagt, mir Lea ihre Gesichte erst nach Beendigung jedes Experimentes 
mitteilte. 

I. Versuch, 6. Januar 1911, 7 Uhr bis 7 Uhr 20 Min. abends. — 
Lea berichtete folgende Gesichte: 

„Ein schwarzes Huhn auf einer Bronzeschüssel. Es hat ein 
widerwärtiges Gesicht und schaut, als ob es etwas zu sagen hätte. 

Meine Mutter und meine Schwester Eva. 

Eine Hand, die das Licht, welches sich im Wasser spiegelt, 
auslöschen Will, und dann (als dies nicht gelingt) draufzeigt. Ich habe 
die Hand mehrmals gesehen. 

Ein alter Mann, Jude, mit einem Vollbart, angetan mit Kaftan 
und Thalles, wie redend." — 

Die Analyse fördert durch freies Assoziieren die folgenden haupt- 
sächlichsten . Einfälle zutage *). 

Schwarzes Huhn. — Das Kapporeshuhn, das die Juden am 
Jom Kippur zur Entsündigung dreimal um den Kopf schwingen. Für 
Kinder und Mädchen werden weisse, für Männer dunkle Hühner ge- 
nommen. Es fällt Lea auf, dass das Geschaute just ein dunkles Huhn 
war. [Später erkannte ich diesen Umstand als die erste Andeutung 
des in Lea sehr intensiv und seit langem vorhandenen Wunsches, „ein 
Bub zu sein" ; ich werde diesen Komplex, der sich in zahlreichen Träumen 
ausdrückte, fortan den „Mannheitswunsch" nennen. Wir haben 
natürlich hier das vor uns, was der Psychanalytiker Dr. Adler als 
den „männlichen Protest" bezeichnet.] — Der Tod. [Wir werden ihm 
noch oft begegnen.] 

Bronzeschüssel — führt zu religiösen Vorstellungen. — 
Räuchergefäss. — Halbnackte Jüdin, die ein solches trägt. — Starker 
Glaube in den alten Zeiten. — Salome-Darstellungen. 

Salome lässt in Verbindung mit der Schüssel an das daraufliegende 
Haupt Johannis denken. Nun wurde nicht bloss Lea von vielen Seiten 
immer Wieder der Salome verglichen, sondern sie berichtete von ihrem 
Freunde Hans, dass es ihr eine besondere Freude bereite, seinen Kopf 
in ihre Hände zu nehmen .und sich vorzustellen, dies sei das Haupt 
Johannis. Den fingierten Namen „Hans" erfand sie selbst, ohne jedoch 



l) Wo ich Anführungszeichen Betze, zitiere icb Lea9 eigene Worte; das übrige 
ist eine gekürzte Darstellung. Zwischendurch gemachte Glossen, die von mir stammen, 
setze ich in eckige Klammern. In runde Klammern kommen Parenthesen, die aus 
Bemerkungen von Lea hergenommen sind. 



Lekanomantische Versuche. 389 

sich dieses geheimen Zusammenhanges bewusst zu sein, der ihre „zu- 
fällige" Wahl dieses Pseudonyms wahrscheinlich gelenkt hat 1 ). Eine 
kollaterale Beziehung, die gleichfalls bei der Erfindung des Namens „Hans" 
mitgewirkt zu haben scheint, ist darin gegeben, dass ein Lea wohl- 
bekannter Arzt mit dem Vornamen so heisst. Ein Traum, den ich später 
mitteilen werde, zeigt nun nicht allein, dass unser Hans von Lea in 
einer gewissen Beziehung als ein Arzt betrachtet wird, sondern eine 
von diesem Traum ausgehende Assoziation führte sogar direkt auf den 
Arzt namens Hans hin, wodurch eine unzweifelhafte Ideenverbindung 
zwischen den beiden Hansen erwiesen scheint. 

Huhn, widerwärtiges Gesicht. -- „Die Religion, von der 
ich mir immer etwas erwartete, die mir aber durch Zwang (zum Gebet etc.) 
widerwärtig gemacht wurde." Man erklärte Lea den Sinn dessen nicht, 
wozu man sie zu Hause zwang, und sie brachte es nicht über sich, 
unverstandene Formen auszuüben. Als Kind hat sie deshalb oft Schläge 
bekommen. 

Licht auslöschen. — Das Lebenslicht auslöschen. — Viel 
später teilt Lea mit, sie erinnere sich, bei dieser Vision auch das Gefühl 
gehabt zu haben, als wolle die Hand das Licht auslöschen, um das 
lekanomantische Schauen zu verhindern. [Eine ähnliche Erfahrung werden 
wir im IX. Versuch in deutlicherer Ausprägung wiederfindeu. — Es macht 
sich also gleich von vornherein ein Widerstand gegen die Analyse, eine 
Scheu vor dem yvio&i oeavvöv geltend und malt sich im Bilde ab: 
ein wunderschönes Phänomen der funktionalen Kategorie.] 

Draufzeigen. — Erkenntnis. „Ich habe zwar lange nicht ge- 
wusst, was Erkenntnis, ein höheres Leben u. dgl. sei, dachte und handelte 
jedoch anders als die anderen Leute, nach höherer Auffassung. Ich 
habe deshalb viel Prügel bekommen." [Vgl. das widerwärtige Gesicht 
des Huhnes.] 

Der alte Jude machte einen ehrwürdigen Eindruck. — Er schien 
vom Guten 'zu sprechen und Lehren zu geben. — „Die Leute, die zu- 
hörten 2 ), waren unverständige, d. h. nichtverstehenwollende 
Leute." 

In der ersten Sitzung ist, wie ich hervorheben will, zweimal der 
Tod, und dreimal das Motiv des Nichtverstandenwerdens, welches zum 
Hauskomplex gehört, vorgekommen. 

II. Versuch, 19. Januar, 4 Uhr 40 Min. bis 5 Uhr abends. 

„Der Tod (fast beständig sichtbar) als Schnitter, ein starker ge- 
bräunter nackter Mann mit Totenkopf; er mäht; unten sind undeutliche 
Massen menschlicher Leiber. 

Die Mutter, mit aufgestütztem Kopf, lesend. 

Der alte Jude (derselbe wie neulich, aber nacheinander in 
mehreren Aufzügen): zuerst so wie neulich. Einmal erscheint aus dem 
Dunkel eine scharf beleuchtete Hand, die ihn mit einem Schwert fällen 
will; sie verschwindet wieder. Dann ist der Jude in Gestalt eines Helden 
(etwa eines Kriegshelden) zu sehen. Dann sitzend, in Meditation. 



i) Vgl. Freud, .Zur Psychopathologie des Alltagslebens.* Berlin. S. Karger. 
2) Hier erscheint ein Bild einer spateren Sitzung mit verarbeitet; die vorliegen- 
den Assoziationen worden erst nach dieser späteren Sitzung gewonnen. 



390 Heibert Silberer, 

Ein offenes Grab, aufgeworfene Erde; ein Kreuz daneben." — 
Aus der Analyse sind diese Einfälle beachtenswert: 
Undeutliche Massen menschlicher Leiber. — „Das- 
alles 'zusammen ist eine Seele." [Diese wichtige Erkenntnis stammt aus 
einer späten Phase der Analyse. Ebenso die folgende.] 

Hand, die den Juden fällen will. [Vgl. die Hand im 
I. Versuch, die das Licht auslöschen will!] — Die Hand will eigentlich 
nicht ihn, sondern etwas in ihm fällen. 

Fällen. — Ernte, Frucht. [Vgl. Tod als Schnitter.] 
Held. — Der grösste Held in Lea's Augen ist seit ihrer Kindheit 
ein Bursch von 6 Jahren, der ein kleines Mädchen aus der Moldau ge- 
rettet hat. [Das ergibt einen merkwürdigen Kontrast zu einer andern sehr 
lebhaften Kindheitserinnerung: ihr Vater nahm sie oft in die Arme und 
sagte im Scherz, nun werde er sie in die Moldau werfen. Wir werden 
sehen, welche Rolle der Vater des weiteren spielen wird.] 

III. Versuch, 7. Februar, 6 Uhr 15 Min. bis 6 Uhr 25 Min. abends. 

„Eine schwarze Nachteule mit Glutaugen; es ist das 
schwarze Huhn, aber als Eule. Mehrmals gesehen. 

Ein junger Rabbi in langem Gewand, der vor einem Altar 
predigt. Ihm erscheint das schöne Gesicht eines jungen Mädchens, und 
er wehrt ab. Ebenso wehrt er etwas Dunkles, Unsichtbares ab. (Nach- 
träglich fällt mir ein, dass es der alte Jude war, den der junge 
Rabbi abwehrte. Der alte Jude hatte diesmal einen noch längeren weissen 
Bart als neulich. Das lange Gewand des alten Juden wallte hinten, 
wie vom Wind bewegt.) 

Es lichtet und klärt sich, wie wenn Wolken zergingen. Ich 
sehe mich selbst, in einem langen weisswallenden Gewand dahin- 
geworfen und inbrünstig betend." — 

Nachträgliche Mitteilung von Tags darauf: Es wurde auch eine 
graue Schlange mit zwei weissen Köpfen gesehen. 

Die Analyse bringt folgende Einfälle: 

Eule. — Alte, verfallene Ruinen; Märchen, alte Burgen. — Nacht. 

Junger Rabbi. — Derselbe erinnerte Lea an einen verstorbenen 
Bruder, der Rabbi "werden wollte. — Dieser Bruder Josef wies eine 
eigentümliche Ähnlichkeit mit dem verstorbenen Grossvater (väterlicher- 
seits) auf, den Lea zwar nicht gekannt hat, dessen Bild sie aber ver- 
ehrte. 

Das weisse wallende Gewand erinnert Lea an schöne 
Griechinnen und Feste und an Totengewänder. 

Schlange. — Sexualität. — Lea hat die Vorstellung, dass sich 
jede Schlange warm angreife. [Penis-Symbol.] 

Zwei Köpfe der Schlange. — Auch sexuell. — Vielleicht 
mythologisch. [Die doppelköpfigo Schlange scheint die Ambisexualität 
auszudrücken ; der Mannheitswunsch kommt hier wohl wieder zur Geltung ; 
man kann den Schlangenleib mit den zwei Köpfen auch als Penis mit 
den Testikeln ansehen.] 

Dass die Eule, welche eigentlich das schon bekannte Huhn ist, 
auf Dinge aus alter Zeit weist, ist wohl anzumerken. Ein bemerkenswerter 
Zug ist ferner, dass der alte Jude noch älter geworden ist. Vom Gross- 
vater werden wir noch hören.- Der Doppelköpf igkeit der Schlange wird 



Lekanomantische Versuche. 391 

später noch manche Doppelerscheinung mit wachsender Bedeutungs- 
tiefe entsprechen. Die Zusammenstellung von Fest und Tod entspricht 
etwa dem Gedanken: „wie schön wäre es, zu sterben" und drückt den 
Todeswunsch aus. An den Totengewändern nähen (bei den Juden) die 
Angehörigen. Sie sind also die Ursache der wallenden Gewänder: der 
Todeswunsch entspringt dem Haus- und Lügenkomplex. Nicht zu über- 
sehen ist das Motiv des Abwehrens, das uns (in der Rabbiszene) zum 
erstenmal begegnet; es wird in mancherlei Formen wiederkehren. 

Zum erstenmal hat Lea sich selbst gesehen. Bezeichnenderweise 
lichtet es sich vorher, wie wenn Wolken zergehen. Ich erblicke in 
dieser Nuance ein Phänomen der Schwellensymbolik, d. h. jener Sym- 
bolik, die das Übertreten von einem psychischen Zustand in einen 
anderen versinnlicht x ). Es ist sozusagen eine Klärung des Schauens 
notwendig, um, nach Durchdringung einer schleierhafteren Symbolik, in 
den Gesichten sich selbst zu erkennen. Mitgeholfen hat hier vielleicht 
eine Stelle aus Hermes Trismegistus, wo Pömander, das Gemüt, 
aus einer Wolke spricht. 

Bemerkungen zu den vorstehenden drei Versuchen. — Schon 
aus diesen ersten Experimenten ist zu entnehmen, dass die Gesichte, 
wenn sie auch Traumgesichter ähneln mögen, doch einen anderen Cha- 
rakter zeigen. Sie haben untereinander wenig äusseren Zusammenhang; 
sie tauchen als eine Reihe gesonderter Bilder auf, und zwar so, dass in 
den Zwischenpausen, wie Lea angibt, nichts gesehen wird. Sie neigen 
ferner zur Bildung von Typen, die immer wiederkehren, wobei die be- 
treffende Gestalt eine Metamorphose erfahren kann. Dass die Bilder 
durch die affektstarken Komplexe konstelliert sind, ist bereits leicht 
ersichtlich. 

3. Der vierte Versuch und seine Beziehung zu Träumen. — 
Feuersymbolik. — Das „Prohieren." 

IV. Versuch, 25. Februar, abends. Von nun an beschreibt Lea 
die Gesichte während des Versuchs; ich stelle auch ab und zu Fragen, 
die sie beantwortet. Jeder ihrer Bemerkungen ist die Stunde vorangesetzt. 

7 Uhr 50 Min. Beginn des Versuches. 

7 Uhr 54 Min. „Ich sehe eine unsichtbare (sie) Hand, die ein 
Schwert gegen jemand zückt. 

7 Uhr 55 Min. Ich sehe ein nacktes Weib, das schluchzt. 

7 Uhr 56 Min. Ein Prunkgemach, viele Teppiche, worauf ein 
Weib ausgestreckt liegt, wie wenn sie gestorben wäre. — Ein altes- 
Gesicht beugt sich neugierig über sie. 

7 Uhr 58 Min. Ein schwarzer Hahn mit Menschengesicht. 

7 Uhr 59 Min. Der alte Jude in schwarzem Gewand. [Auf Be- 
fragen:] Er fleht jemanden an. [Frage: „Können Sie ihn hören?"] Nein. 
[„Wie sieht der andere aus?"] Ich weiss es nicht. 

8 Uhr 4 Min. Ein kleines Kind am Meeresstrand; jemand 
will sie (ein Mädchen) hineinstossen, mit Gewalt, es (sie!) steht aber 
fest und ruhig. 

i) Über die Schwellensymbolik ist im .Jahrbuch für psychoanalytische und 
payebopathologische Forschungen* 1911, 2. Hälfte eine Abhandlung von mir erschienen. 



392 Herbert Silberer, 

8 Uhr 8 Min. Zwei Hände, wie Feuer, streicheln einander, 
verzehren sich langsam und wachsen immer wieder; sie greifen nach- 
einander. [Auf Befragen:] Es sind schöne Hände wie Gold, wie aus 
Feuer. Sie zeigen mit den Fingern, greifen nacheinander. 

8 Uhr 9 Min. Jetzt ist nur die eine mehr da und greift nach der 
andern, die nicht mehr da ist. 

8 Uhr 10 Min. [Auf Befragen:] Jetzt sehe ich nichts mehr. 

8 Uhr 11 Min. Zwei nackte verkrüppelte Füsse, die 
laufen; den Körper sehe ich nicht." — 

Die Analyse gibt unter anderem zu folgenden Ergänzungen und 
Bemerkungen Anlass. 

Das schluchzende nackte Weib erinnert Lea an sie selbst. 
Auch sie sei so unglücklich, so von allen verlassen gewesen. 

Prunkgemach. — In diesem lag (wie tot = unbeweglich, in 
Träumerei versunken) dasselbe Weib. — In den Backfischjahren stellte 
sich Lea die Liebe immer in Verbindung mit Prunkgemächern vor, in 
denen man märchenhaft Schönes erlebe. [Fasst man die Bilderfolge 
als historische Entwickelung auf, so ergibt sich diese Beziehung: Lea, 
nach den Enttäuschungen von Prag und Ostende — kleines Mädchen, 
das beinahe ins Meer gestossen wird, mit sexuellen Anklängen — 
erlebt jetzt, wie sie glaubt, die richtige Liebe, nämlich mit Hans; was 
Lea's Glück aber beständig trübt, sind die noch sehr lebendigen Erinne- 
rungen und damit verbundene Handlungsimpulse: sie wird in ihren 
wohligen Träumen im Prunkgemach der Liebe durch einen alten Kopf 
mit wirrem Haar 1 ) gestört. Ein schönes funktionales Symbol für ihren 
gegenwärtigen Seelenzustand.] 

Schwarzer Hahn etc. — „Der Hahn hatte ein Kindergesicht, 
das mich an niemand erinnert." — [Viel späterer Einfall:] Kurz nach- 
dem Lea Fritz in Gesellschaft kennen gelernt hatte und noch lange 
nicht daran dachte, einst in nähere Beziehungen zu ihm zu treten, 
machte sie über ihn zu einem 'Dritten, auf die Frage, ob Fritz ihr 
gefalle, eine Bemerkung, welche sich aus dem Tschechischen schwer 
wiedergeben lässt, und eine Beziehung zum Geflügel herstellt. — Fritz 
hatte übrigens beständig ein kindisches Lächeln auf den Lippen. 

Wir erinnern uns, dass das Huhn 2 ) einmal als Eule mit Glutaugen 
aufgetaucht ist. Nachträglich berichtete Lea, dass sie in der IV. Sitzung 
auch eine Lokomotive gesehen habe, entsprechend einem Halbschlaf- 
Traum von tags vorher; die Lokomotive mit ihren feurigen Augen 
(Laternen) habe ausgesehen wie ein Drachen. Die Ähnlichkeit mit der 
glutäugigen Eule ist augenfällig; wir haben also wohl eine neue, durch 
ein vorhergegangenes Traumbild beeinflusste Transformation des schwarzen 
Huhnes vor uns. Das Kindergesicht war ersetzt durch einen Knaben, 
der auf der Lokomotive sass. 

Mädchen am Meer. — Erinnert an niemand — vielleicht an 
meine kleine Schwester [abermalige Sexualanspielung, in Beziehung zu: 



i) Das Alte entspricht dem Vergangenen ; das wirre Haar den durchgemachten 
Wirren ; das -wirre Haar als solches mag mit dem unten berichteten Haartraum ver- 
glichen werden. 

z) Welches vielleicht kraft der Beziehung zu Fritz diesmal zum Hahn ge- 
worden ist. 



Lekanomantischo Versuche. 393 

hineinstossen, mit Gewalt, es steht etc.], die Rahel. Diese jüngste Schwester 
kehrte dann, mit mehr Deutlichkeit, im Traum der folgenden Nacht wieder. 
[Den umgekehrten Fall von Beeinflussung von Vision und Traum haben 
wir oben gerade kennen gelernt. — Dass das Mädchen am Meer, d. i. 
Lea selbst, fest und ruhig steht, obgleich man sie hineinstossen will, 
hat einen wichtigen Sinn, der in einem vielsagenden Traum wiederkehrt. 
Dieser wird sogleich mitgeteilt werden.] * 

Das Verzehren und Wiederwachsen der Hände. — 
Gedanken, Liebe. — Wer stiehlt, dem verdorrt die Hand. 

Ich schreite zur Mitteilung mehrerer wichtiger Träume aus jener Zeit. 

Traum vom 18./19. Februar 1911. „Ein schrecklicher Traum. — 
Es war wie auf einem See Und es war aber ein Haus darauf, wie (für 
den Sommeraufenthalt (Sommerhaus, Villa). Das Haus hatte eine Veranda. 
Ich wollte hinaustreten. Da kam von einer anderen Seite mein Vater, 
aber jünger und sehr stark; er hat ausgesehen wie er vor 10 — 12 Jahren 
ausgesehen hat. Er hat mich umarmt, ich habe mich an ihn geschmiegt. 
Er hat mich aber leidenschaftlich an sich gedrückt, mit Gewalt. 
Dann legte er sich mir vor die Füsse, legte seinen Kopf in meinen 
Schoss, küsste mich überall; und da hat er mich genommen (Koitus). 
Es war wie eine übermenschliche G e w a 1 1 , ein Ereignis, dem man 
nicht w'iderstehen kann. Sein Gesicht hat geleuchtet, seine Augen 
glänzten überirdisch in hellem Braun. Dann sind viele Leute gekommen, 
ein Durcheinander entstand. Weiter weiss ich nicht. — Es war eigentlich 
doch ein schöner Traum." 

Nachträge hierzu: „Es war eine See, ein Meer, nicht ein See. — 
Ich bin nicht bis auf die Veranda gekommen. — Mein Vater hat mich 
zärtlich umarmt, und ich habe mir gedacht: jetzt erst habe ich meinen 
Vater gefunden 1 Nun küsste er mich aber leidenschaftlich. Ich suchte 
mich loszumachen und sagte: „Bist Du von Sinnen?" Ich setzte mich 
auf eine Art niedere Bank. Als er seinen Kopf in meinen Schoss legte, 
dachte ich einen Moment lang an Hans und sehnte mich nach seinem 
Kopf. [Salomel] Als nun mein Vater mich nahm, da ekelte ich mich. 
Das Ganze berührte mich aber nicht. Ich habe die Ge- 
fühle nicht mitgemacht. Es spielte sich wie in einer 
Entfernung ab. Ich war wie in einem Kreis geschützt." 

Die Analyse fördert folgende für uns wichtige Einfälle und Data 

zutage. . 

See, Villa. — Es ist eine alte Wunschphantasie Lea s, eine 
Villa auf einem in die See ragenden Berge zu bewohnen, ganz zurück- 
gezogen, mit guten Büchern und einem kleinen Freundeskreis. [Iso- 
lierungswunsch.] 

Meer. — Ostende. [Fritz-Komplex.] 

Veranda 1 ). — Als Kind fürchtete sie, dass solche in der Luft 
befindliche Dinger herabstürzen könnten. Angst, Veranden zu betreten. 

Vater. — Als kleines Kind hatte sie den Vater recht gerne. Es 
fällt ihr ein, wie er sie öfters wiegte, und dabei sagte: „jetzt werfe 
ich dich in die Moldau." [Vgl. diese Drohung mit dem Verandamjüv.] 
Späterhin lernte sie den Vater immer kritischer ansehen, ja ihn ver- 

l) Eigentlich ist ein Balkon gemeint. 



394 Herbert Silberer, 

achten, wegen seines jähzornigen, dabei schwächlichen, unbeholfenen, 
unüberlegten, inkonsequenten Wesens. Sie hielt ihm gegenüber ihre 
Meinung auch nicht hinterm Berge. Eine schöne Szene gab es erst 
wieder, als — trotz dem grossen Krach — beim Abschied zur Fahrt 
nach Ostende, der Vater doch einen Moment bewegt war und sie zärtlich 
umarmte. In diesem Augenblick fühlte Lea: „Das ist eben doch mein 
Vater", und verzieh ihm in Gedanken alle die Ungerechtigkeiten, die sie 
von ihm hatte erdulden müssen. Ein ganz gleiches Gefühl wie damals 
hat sich im Traume eingestellt. 

Unberührt von den Gefühlen; Kreis. — [Isolierung.] 
„Ich habe oft die Erfahrung gemacht, dass ich von dem, was an mich 
herankam, unberührt blieb. Ich komme mir dann vor, wie in einem 
Kreis, einem Zauberkreis. Die Dinge können nur bis an den Kreis 
kommen." [Nach einer Pause, spontan:] „Glauben Sie, dass man 
durch lebhaftes Wollen etwas ungeschehen machen 
(d. h. in allen seinen Wirkungen, auch den psychischen, aufheben) kann?" 
[Auf die Frage, was sie z. B. meine.] „Ich denke vor allem an die Ge- 
schichte mit Fritz 1 ). Ich habe mir lange vorgelogen, es wäre keine 
Enttäuschung gewesen. Schliesslich muss ich mir aber doch eingestehen, 
dass es eine war. Ich will jedoch von dem Erlebnis unbe- 
rührt sein. Ich hatte mir von der Liebe etwas Unerhörtes, Neues, 
Bedeutendes ersehnt. Während der Liaison mit Fritz empfand ich alles 
als etwas schon Bekanntes, sah mich also betrogen. Erst bei Hans 
ist mir die Erwartung des Vorgeahnten in Erfüllung gegangen. Ebenso 
wie im Traum der Geschlechtsakt mit dem Vater mich 
bloss äusserlich, nicht innerlich (dem Gefühle nach) be- 
rührte, so ist es auch mit der Fritz- Episode und andren 
Sachen in meinem Leben gewesen." [Dies ist wenigstens der 
Wunsch Lea's. Dass es sich in Wirklichkeit nicht so verhält, sondern 
Lea unter den Spuren der groben Tritte ihre Erlebnisse intensiv leidet, 
zeigen allerlei Symptome und deutet symbolisch jenes unheimliche Ant- 
litz an, welches sich über das im Prunkgemach träumende Weib beugt. 
Auch mehrere Träume jener Zeit sprechen es gar deutlich aus.] 

„Viele Leute mussten mir in Wien nach und nach begegnen ; 
ich war mir, als ich hierher reiste, dessen bewusst, dass entscheidende 
Momente an mich herantreten |würden: ich war gespannt darauf, ob 
ich sie mir nahe kommen lassen und dann hinabsinken 
(hinabstürzende Veranda) würde, oder ob ich dieselbe bleiben 
würde, die ich war." Lea ist dann in einem sehr kritischen 
Moment 2 ) tatsächlich fest geblieben. [Nichthinaustreten auf die Veranda.] 
Ein feineres Eingehen auf die Verästelungen der Traumwurzeln 
lässt in der Figur des Vaters das Symbol der Vergangenheit (d. h. der 
affektiven Erlebnisse) überhaupt erkennen. Dadurch, dass Lea sich durch 



i) Ate Typus der Enttäuschungen, die Lea erlebt, oder der Böcke, die sie 
geschossen hat, fällt ihr die Fritz-Geschichte ein, weil die Erinnerung daran die leb- 
hafteste ist. Später werden wir Anklänge an verschiedene andere Enttäuschungen 
sich einstellen sehen. Momentan aber befinden wir uns in einer Phase, wo die 
Fritz-Affäre und ihr Korrelat, in welchem Lea Trost und Entschädigung sucht, die 
Hans-Geschichte, das Feld der Visionen und Träume beherrschen. 

2) Ein Theaterdirektor hatte ihr nahegelegt, eine Kokotte grossen Stils zu 
werden und ihr die nötige mise-en-sceno dazu in Aussicht gestellt. 



Lekanomantiscbe Versuche. 395 

die Isolierung den quälendsten Einflüssen entzieht, wird der „schreck- 
liche" Traum zu einem „schönen". 

Man kann den Traum auch umgekehrt lesen. „Weil ich nicht mit 
der Menge (Assoziation zur Menschenmenge im Traum) gehe, weil mich 
die Ereignisse nicht berühren, weil mich insbesondere das sexuelle Er- 
leben (Vater = erster Geliebter = Fritz) nicht berührt hat, sondern 
ein bloss äusserlicher Gewaltakt war (vgl. die auf „Gewalt" bezüglichen 
Stellen in den Visionen und im Traum), der mich innerlich (nichts 
anging, bin ich so wie beim Abschied vom Vater (d. h. also vor dem 
Verhältnis mit Fritz);' ich finde den, der sein Haupt in meinen Schoss 
legt (Johannes, Salome; Mutterrolle, auch angedeutet durch den Koitus 
mit dem Vater); eben dieser (Hans) ist aber auch fern von mir, auch 
er kann mir nicht nahe kommen (Liebeswehr; sie fürchtet sich vor 
einer zu festen Verstrickung in Liebesbande); ich trete nicht auf die 
abschüssige Bahn (Veranda), sondern erreiche das Ziel meiner Sehn- 
sucht '), die Selbstzufriedenheit = die Villa über der See." — Die See 
ist natürlich auch das Meer der Leidenschaften und Affekte. Wer sich 
vor den Affekten zu isolieren weiss, der hat eine Villa, die die See 
dominiert; ein Haus, das, wie im Traum, auf der See steht. 

So wie das Haus auf der See ruhig und fest steht, so fest und 
ruhig steht auch das in der Vision geschaute kleine Mädchen am Meeres- 
ufer, obgleich man versucht, sie „mit Gewalt" ins Wasser zu stossen. 
Eine Wunscherfüllung für Lea. 

Die durch den Traum angeregte Frage Lea's, ob nicht ein sehr 
starkes Wollen Geschehenes ungeschehen machen könne, schlägt ein Thema 
an, das wohl schon mit dem Kapporeshulm im I. lekanoskopischcn 
Versuch angedeutet worden ist. Das Kapporeshuhn tilgt nämlich, wie 
der Sündenbock, die Sünden; es macht Geschehenes ungeschehen. Lea 
bezeichnete ihr Prager Leben mit seinen Enttäuschungen mit Vorliebe als 
eine Summe von Irrtümern. Sünde und Verirrung sind nahe verwandt. 
Das Kapporeshuhn macht also wohl die „Irrtümer" in Lea's Leben un- 
geschehen. 

Zwei Tage nach dem bereits erzählten Traum hatte Lea einen 
Traum, der nicht bloss deshalb hier erwähnenswert ist, weil er mit 
dem vorigen verwandt ist, sondern weil seine Analyse uns für das 
Verständnis der in den lekanoskopischen Visionen jetzt beginnenden 
Feuersymbolik vorbereitet, obgleich damit lange nicht alle ihre 
Seiten erschöpft sind. 

Traum vom 21. Februar nachmittag. — „Ich habe mir die Haare 
gebrannt. Das Eisen blieb immer kalt; es wollte nicht warm werden. 
Ich probierte immer an einem Papier. Ich habe es dann doch durch 
die Haare gezogen. Im Spiegel sah ich dann die Haare kurz und auf- 
gerichtet, die Enden aschenartig, wie abgebrannt." 

Die Analyse bringt unter anderem folgende Einfälle. 

Brennen der Haare. — Haare brennen ist etwas Widerliches; 
schon der Geruch ist ekelhaft. — Eine Episode, wobei Lea's Haare 
verbrannten. Sie machte einmal Feuer in der Küche der Grosseltern. 



') Ob das Wortspiel Sehnsucht— Seensucht mehr als ein psychanalytischer 
Kalauer ist, wage ich nicht zu entscheiden. 



396 Herbort Silberer, 

Dabei gerieten ihre Haare in Brand. Sie behielt, obgleich im Nu in 
Flammen gehüllt, vollkommene Ruhe bei und erstickte die Flammen 
kunstgerecht. „Überhaupt pflegt mich die Ruhe in ent- 
scheidenden Momenten nicht zu verlassen. — Ganz die 
gleiche Ruhe und Gleichgültigkeit suchte ich anfäng- 
lich auch Hansgegenüberzu bewahren; dieses Tot-Sei n." 
[Hier tut sich uns eine neue wichtige Erklärung für das Tot-Erscheinen 
des im Prunkgemach liegenden Weibes — IV. Versuch, 7 Uhr f>6 Min. — 
auf. Liebeswehr.] 

„Das Eisen, das kalt bleibt, bin ich, in bezug auf Hans." 
[Bemerkung aus späterer Zeit, ebenso das Folgende:] „Erst nachträglich 
bin ich darauf gekommen, dass ich damals (zur Zeit des Traumes), als 
ich ganz kalt war, in Wahrheit sehr viel gefühlt und unendlich viel 
Gefühl gegeben habe, viel mehr, als ich je mit Bewusstsein hätte geben 
können." 

Probieren am Papier. — „Das erste Mal, als ich mir die 
Haare brannte, versengte ich sie mir. Darum machte ich dann immer 
die Probe am Papier. 

Probieren. [Lachend:] „Das kann man nicht sagen 1 )! — — 
Kleid — Verkehr — Liebe — das ganze Leben ist ein Probieren. [Im 
Traum ist das „Probieren" in Sachen der Liebe behandelt. Von diesem 
Probieren und seinen Misserfolgen kennen wir bisher nur die Fritz- 
Affäre, die beständig an ihrem Gegenspiel, dem Verhältnis mit Hans, 
gemessen wird, bis sich schliesslich das Peinliche der Erinnerung nach 
und nach abschleift und dieses Thema von anderen, weiter zurück- 
liegenden oder auch frisch dazukommenden Konflikten abgelöst wird. 
Ergänzende Data zum „Probieren" in Liebessachen und zu den Ent- 
täuschungen wird man bei der Besprechung des VI. Versuches, gegen 
Ende zu, finden. Vorläufig leben sich die erwähnten aktuellen Themen 
in voller Stärke noch weiter aus.] 

Dann doch durch die Haare gezogen. — „Dann ist es 
doch gelungen, und später habe ich erst gesehen, dass es erst recht 
nicht gelungen ist." Ein Bild des Verhältnisses mit Fritz, wie auch 
anderer Enttäuschungen. — „Bei den Haaren herbeigezogen", immer etwas, 
das nicht gelingt. 

Im Spiegel etc. — aufgerichtet. — „Es war, als hätte 
ich bis zu einem gewissen Moment der Reise nach Ostende meine Augen 
nicht offen gehabt. Als ein scheinbar geringfügiger Umstand mir sie 
öffnete, sah ich plötzlich die erschreckende Wirklichkeit. 

Spiegel. — Jener geringfügige Umstand bestand darin, dass Lea 
im Schlafcoupe das Gesicht Fritzens ohne sein Wissen im Spiegel sah 
und den sich unbemerkt Glaubenden einen hässlichen tierischen Aus- 
druck annehmen sah. — [Der Spiegel zeigt also etwas Widerliches; im 
Traum die verbrannten Haare. Er zeigt auch überhaupt die unangenehme 
Wahrheit; im Traum jene, dass sich die Kalte doch verbrannt hat. 
Das Unbewusste wusste, dass die Kälte gegen Hans nur scheinbar war.] 

Kurz und aufgerichtet. — Kurz ist das Verhältnis mit Fritz 
gewesen. — Aufgerichtet hat sich danach Lea sehr energisch, indem 



l) Natürlich sexuell. 



Lekanoman tische Versuche. 397 

sie sich kurz entschlossen von alledem losmachte und nach Wien reiste, 
um durch eigene Kraft etwas zu werden. 

Abgebrannt. — „Alles hinter mir isi: verbrannt. (In der Be- 
deutung von: „Die Schiffe hinter mir sind v.") Aber nur meinerseits', 
durch meinen Entschluss ; denn ich hätte nach Hause zurückkehren können, 
und sie wären darüber glücklich gewesen," 

Der Traum zeigt, dass man sich verbrennen kann, ohne es zu ver- 
muten. Nicht nur der Traum, auch die lekanoskopische Vision ist in 
dieser Beziehung weiser als das Bewusstsein. In Wirklichkeit erzählte 
Lea, sie habe Hans öfters gesagt, sie werde sich gar nicht« daraus 
machen, wenn er ihr eines Tages zu verstehen gebe, er wolle sie nicht 
mehr sehen. Gleiche Freiheit beanspruche auch sie. Sie wisse heute 
niemals, ob sie morgen nicht mit ihm breche. Mit anderen Worten: 
sie fühlte sich recbt gleichgültig und suchte Hans durch starkes Hervor- 
kehren der launenhaft-schwankenden Seite ihrer Gefühle dementsprechend 
zu behandeln. Der Traum weiss aber, dass das scheinbar kalte Eisen 
brennt, und die Vision der zwei Hände — IV. Versuch 8 Uhr 9 Min. — 
weiss, dass die eine Hand gar sehnsüchtig noch immer nach der andern 
griffe, wann die andre sich zurückgezogen hätte. Es sind ja feurige 
Hände, Hände, die sich in Flammen verzehren, wie die Gedanken und 
die Liebe. 

Für die laufenden Füsse konnte ich keine befriedigende Erklärung 
finden. Vielleicht stehen sie in Beziehung zu den in einem späteren Ver- 
such auftauchenden Füssen. 

Nicht bloss einer kuriosen Korrelation wegen, sondern um noch 
einige zusätzliche Bestimmungen für die Symbolik vom Wirren und Irren 
zu gewinnen, führe ich einen Traum an, der sich am gleichen Nach- 
mittag wie der Haartraum einstellte. 

Traum vom 21. Februar nachmittag. — „Ich bin zu Hans ge- 
kommen. Der Eingang war auf der entgegengesetzten Seite wie in Wirk- 
lichkeit. Man hat mir gesagt, ich solle warten, Hans sei beschäftigt. 
Es war, als wäre er ein Arzt und als wäre ich da in einer Anstalt. 
Leute, Patienten gingen zu Hans hinein und kamen in Bademänteln 
heraus. Hans steckte auch den Kopf heraus und sagte: „da hinein, da 
ist noch eine Kabine frei." Ich schaute, wo denn die Leute hinein- 
gehen, und da stand über der Tür: „Wasserheilanstalt". Da 
war ein lebhaftes Treiben etc. etc." 

Dieser erste Traumteil genügt für unsere Zwecke. Die verschiedenen 
Anspielungen auf erotische Situationen in dem Traum fördern uns wenig. 
Interessanter ist schon der gelungene Gegensatz der zwei aufeinander- 
folgenden Träume, wovon der eine vom kalten Feuer, der andere von 
einer Wasserheilanstalt handelt, wo es natürlich kaltes und warmes 
Wasser gibt. Mag nun einerseits das Wasser als Löschmittel ein Trost 
für den Brand des Vortraumes abgeben, so bringt uns seine reinwaschende, 
noch mehr aber seine heilende Wirkung jener Interpretation näher, die 
in unseren Zusammenhang gehört. 

Die Analyse des Traumes ergab vor allem eben das hierher 
passende Bindeglied: Wasserheilanstalt — Irrenanstalt. Also eine An- 
stalt, wo man von den Verirrungen, Irrtümern geheilt wird. Lea's „Irr- 



398 Herbert Silberer, 

tümer" sind uns ja bekannt. Sie will geheilt werden. Hans ist der Arzt, 
sein Haus die Heilanstalt. Dort •werden die Flammen und der Durst 
gelöscht — das „Brennen" im ersten Traum wird also wieder gut ge- 
macht, wenn auch in anderer Auffassung. 

Der Eingang auf der entgegengesetzten Seite. — 
[Abgesehen von der sexuellen Bedeutung:] „Der Eingang befand sich dort, 
wo in Wirklichkeit das Fenster ist. Ich muss also durch die Luft, das 
heisst aus weiter Ferne (psychologisch) zu Hans gekommen sein." 

Warten müssen. — „Ich warte äusserst ungerne; ich will 
alles sofort haben." [Diese Charaktereigenschaft erklärt viele Leiden, 
denen Lea unterworfen ist. Sie belastet insbesondere den Berufskomplex, 
den wir erst noch kennen lernen werden.] 

Anstalt. — Irrenanstalt, Waschanstalt, Pfandleihanstalt. 

Das dürfte genügen. Alles übrige würde uns zu weit von unsrcr 
eigentlichen Arbeit abführen. 

Zu den feurigen Händen der Vision des IV. lekanoskopischen Ver- 
suchs fallen Lea folgende Verse der „Elektra" (H of m ann s t h a l'sche 
Bearbeitung) ein, in die sie sich stark einlebte. 

Elektra: 

„ — Als ich hasste, 
Da schwieg ich reichlich. Hass ist nichts, er zehrt 
Und zehrt sich selber auf, und Liebe ist 
Noch weniger als Hass, sie greift nach allem 
Und kann nichts fassen, ihre Hände sind 
Wie flammen, die nichts fassen, alles Denken 
Ist nichts und was aus einem Mund hervorkommt, 
Ist ohnmächtige Luft, nur der ist selig, 
Der seine Tat zu tun kommt I etc." 

Die Stelle lässt mehrere Komplexe in Lea's Psyche mittönen. Vom 
Hauskomplex angefangen bis zu dem Berufskomplex (die „Tat"), den wir 
noch näher werden kennen lernen und der sozusagen die Beflügelung des 
Freiheitskomplexes darstellt. 

4. Die Fuchsgeschichte. 

V. Versuch, 28. Februar abends. 
7 Uhr 56 Min. Beginn des Versuches. 

7 Uhr 59 Min. „Ich sehe eine weisse Schlange, die in eine 
schöne Hand endigt, die in ein Gefäss mit Weihwasser taucht. 

8 Uhr 2 Min. Ein weisser Schwan. 

8 Uhr 5 Min. Ein Fuchs, der langsam daherschleicht , ver- 
wandelt sich in einen Hund. Er liegt ruhig da, wie wenn er auf etwas 
lauerte. 

8 Uhr 6 Min. Der schwarze Hahn, ganz zusammengekauert, 

als ob er krank wäre. 

8 Uhr 7 Min. Ein lachendes Kindergesicht auf einer 
Manne r g es t a 1 1. 



LekanomanttBche Versuche. 399 

8 Uhr 8 Min. Der alte Jude in Wind und Sturm, mit einer 
türkischen Kopfbedeckung (Turban). 

8 Uhr 9 Min. Dieselbe schöne Hand wie vorhin, verkrüppelt, 
gross. Die Hand bekommt ein Männergesicht mit hohlen Augen. 
Es hat einen lauernden Ausdruck. 

8 Uhr 11 Min. Das Gesicht verwandelt sich in einen schönen 
Frauenkopf; vor ihr flackert ein L i c h t , welches dasselbe Gesicht 
hat, wie vorhin die Hand. Sie irrt ums Licht, schreckt zurück, lacht. 

8 Uhr 12 Min. Der alte Jude. Er vergeht in Rauch." — 

Aus der Analyse sind vor allem die kurz nach dem Versuch 
erhaltenen Zusätze zu erwähnen. 

Bezüglich des Gefässes von 7 Uhr 59 Min. hat sich Lea, ohne 
recht zu wissen warum, bemüht, etwas anderes darin zu erblicken als 
einen Weihbrunnkessel, doch blieb das Bild immer ein solcher. Anfangs 
war er jedoch undeutlich. 

Der Fuchs von 8 Uhr 5 Min. scheint nach Lea die Falschheit 
zu sein; auch der Hund ist eigentlich der Fuchs. 

Der schwarze Hahn habe so ausgesehen wie etwas, wovor 
man sich fürchten muss. 

Die Hand von 8 Uhr 9 Min. war wie von jemand, der einstmals 
schöne Hände gehabt, ihre schöne Gestalt aber durch viele Arbeit ver- 
dorben hätte. Die Hand vergrösserte sich und wurde zum Gesicht. 

Folgende Einfälle stammen aus späteren Zeiten, welche einer tieferen 
Analyse überhaupt günstiger waren, zum Teil wohl deshalb, weil ge- 
wisse Widerstände erst nach und nach überwunden wurden. 

WeisseSchlange. — Gottheit. Heiliges Tier. [Dass die Schlange 
eine sexuelle Bedeutung hat, wissen wir bereits aus Lea's eigenem Munde. 
Ob die ins Gefäss tauchende Hand mit Masturbation zusammenhängt, 
ist ungewiss, darf aber als mögliche Beziehung gelten.] 

Weihkessel. — Scheinheiligkeit. — Als Kind besuchte Lea öfters 
aus Neugier christliche Kirchen. Um nicht aufzufallen, passte sie sich 
den herrschenden Usanzen an und tauchte beim Ein- und Ausgehen 
die Hand in das Weihwasser. In späterer Zeit dachte sie beim Kirchen- 
besuch: „warum muss ich das tun, wenn es nicht meine Überzeugung 

ist?" und unterliess es. 

Weisser Schwan. — Schwanengesang. — Derlei pflegen meist 
die kleineren, unbedeutenden Dichter zu schreiben. [Gehört wohl zum 
Todes- und zum Berufskomplex. Die Gestalt des Schwans ist wahr- 
scheinlich durch die Schlange induziert worden.] 

Fuchs. — „Schlau. Schlauheit. — Er verwandelt sich, damit 
man nicht merkt, dass er es ist. — Eben wegen dieser Verwandlungen 
beobachte ich gerne den Minenwechsel der Menschen. Trotzdem kann 
man mir immer noch was vormachen, und gerade dann, wann ich 
meine, dass das nicht mehr möglich ist. Dann kommt für mich eine 
schreckliche Enttäuschung." [Lea hat auch in Wien allerlei Enttäuschungen 
erlebt, indem sie sich in verschiedenen Leuten gründlich irrte.] 

Schwarzer Hahn. — „Ein Mensch, der einmal sehr stolz war 
und der jetzt klein geworden ist und das auch nicht verbirgt." [Auf 
meine Frage, auf wen dies zutreffe:] „Auf meinen Vater." [Ich: „Wenn 
der Hahn in so naher Beziehung zu Ihrem Vater steht, wie würde sich 
das vorher, z. B. im IV. Versuch, an ihm gesehene Kindergesicht er- 

Zentralblatt für I'aychoanalyno. 11'. 28 



Herbert Silberer, 

klären?"] „Das Kindergesicht ist die Seele, die im Kindheitszustand, 
geblieben ist. Mein Vater ist wahrhaftig so geartet; er ist wie ein 
Träumer oder wie ein Kind und zu realen Unternehmungen gänzlich 
ungeschickt. Darum schlug ihm auch alles fehl und ist nie etwas aus 
ihm geworden." 

Lachendes Kindergesicht auf einer Männergestalt. 
— Es ist dasselbe Motiv. Ausserdem stimmt es, wie schon gelegentlich 
des IV. Versuches bemerkt wurde, mit Fritz überein. [Wir haben also 
eine Mischperson vor uns. Überhaupt scheinen die Visionen stark mit 
Verdichtungen vieler. Elemente zu einer Gestalt zu arbeiten.] 

Der alte Jude in Wind und Sturm, mit türkischer 
Kopfbedeckung. — „Märchengestalt Hassan, dem der Wind den 
Turban, worin sein ganzes Geld sich befindet, davonträgt, und der schliess- 
lich das Verlorne auf komische Weise zurückbekommt. — Mein Vater 
war einmal in Konstantinopel." [Er hat übrigens den bosnischen Krieg 
mitgemacht und Turbane mitgebracht. Wir haben hier die erste An- 
spielung auf die später erst sich akzentuierende Identität des alten Juden 
mit dem Vater vor uns. Zwar wird sich diese Identität als eine sozusagen 
transitorische erweisen, wie denn überhaupt eine Bedeutungsverschiebung 
der vorkommenden Figuren längs einer Entwickelungslinie der psychi- 
schen Klärung zu obwalten scheint; doch geht die momentane Entwicke- 
lung auf eine entschiedene Herausarbeitung der Person des Vaters zu. 
Wir werden auf einem kleinen Umweg zu ihm gelangen. — Zum vorliegen- 
den Bilde ist noch zu bemerken, dass der Vater Lea's just so ein 
Träumer oder Märchenmensch ist, dem der Sturm das Geld davonträgt. 
Er ist zu Geschäften untauglich, ist kindlich unbeholfen.] 

Dieselbe schöne Hand etc. (siehe 8 Uhr 9 Min.) bekommt 
ein Männergesicht etc. lauernd. — Das ist die Fortsetzung der 
Fuchsgeschichte. [Vgl. das Lauernde.] 

Verwandlung in einen Fraüenkopf; vor ihr flackert 
ein Licht, welches dasselbe Gesicht hat wie vorhin 
die Hand. Sie irrt ums Licht, erschrickt, lacht. — Lea 
erblickt hierin eine weitere Fortsetzung der Fuchsgeschichte und sieht 
sich nun selbst hereingezogen. Die Gestalt (der Frauenkopf, Lea selbst) 
tritt sozusagen aus sich heraus (das Licht) und sieht in dem flackernden 
Licht sich selbst. Sie erschrickt vor ihren Irrtümern. .[Den Ausdruck 
„Irrtümer" kennen wir bereits; es sind die Irrwege ihres bisherigen 
Lebens.] Und sie wird sich vielleicht einst ganz umwandeln. Lea betont 
in ihren Ausführungen auffallend stark, dass „die Schlauheit — den 
Menschen, dem Leben und sich selbst gegenüber — eine allgemeine 
Eigenschaft auch der besten Menschen ist und sein muss." [Allemal, 
wenn eine solche Rechtfertigung mehr als nötig unterstrichen wird, ist 
sie als eine Selbstanklage verdächtig. In der Tat mag es sein, dass in 
der Fuchs- und Verwandlungsgeschichte Lea ihre eigene Wandelbarkeit 
bespiegelt — eine Seite ihres Wesens, unter der sie entschieden zu 
leiden hat. Diese Wandelbarkeit verbindet sich, nebenbei bemerkt, manch- 
mal in peinlicher Weise imit der ebenfalls schon — gelegentlich des 
Anstaltstraums — erwähnten Ungeduld.] 

Die Verwandlungsszene und besonders das Heraustreten des Lichtes 
stellt eine Reihe schöner Symbole der funktionalen Kategorie vor, in- 
dem sie die Struktur oder die Vorgänge in der eigenen Psyche bildlich 



Lekanomantieche Versuche. 401 

darstellen Das erwähnte Heraustreten ist ein funktionales Bild für das 
lekanoskopische Schauen selber. Ein Teil der Psyche nimmt Gestalt 
arl _ jenes Irrlicht — und wird vom kritischen Teil der Psyche mit 
Staunen betrachtet: das Erschrecken des Frauenkopfes vor dem Licht. 

Die Bedeutung der Fuchsgeschichte, welche schon durch die „Schein- 
heiligkeit" der Vision von 7 Uhr 59 Min. eingeleitet wird, ist nun freilich 
nicht erschöpft. Hier ist die Analyse, wie leider an so vielen Stellen, 
mangelhaft Gewiss ist die Fuchssymbolik mit der sie fortsetzenden 
Katzensymbolik wesensverwandt. Sie mag mit dem Lügenkomplex zu- 
sammenhängen, der zu einer Selbstkritik Lea's umschlägt. 

Der alte Jude vergeht in Rauch. — „Das ist der Moment, 
wo man die Macht über mich verloren hat und ich von zu Hause weg- 
gegangen bin" [Dass der alte Jude in Rauch vergeht, hat ferner eine 
Bedeutung, deren Mitteilung ich, um den Gang der Entwicklung nicht 
zu stören auf später verschieben muss. — Eine funktionale Bedeutung 
kommt dem Vergehen in Rauch vielleicht als Schwellensymbol für den 
Schluss des Versuches zu; die Gesichte lösen sich in Dunst auf, wenn 
der Schauende wieder ins reale Leben herübertritt. — Der alte Jude, 
der in Rauch vergeht, ist mit dem zusammengekauerten, kranken schwarzen 
Hahn zu vergleichen.] 

Zu der Hand, die missgestaltet ist von der Arbeit, wäre noch 
nachzutragen, dass die Hände Lea's, obwohl sie viel anstrengende häus- 
liche Arbeit ohne Schonung verrichtet haben, keine merklichen ausser- 
lichen Spuren davongetragen haben; indes haben sich vom vielen Sticken 
krampfartige Schmerzen eingestellt, die auch jetzt manchmal auftreten — 
Lea machte des öfteren die Bemerkung, dass Hände ausserordentlich 
viel Ausdruck haben können (Verwandlung der Hand in ein Gesicht). 
Ihre Hände sind manchmal eben wegen ihrer Ausdrucksfähigkeit be- 
wundert worden. (Fortsetzung folgt.) 






28* 









■ 



Mitteilungen. 



Die Magd als Symbol der Mutter. 

Von J. Harnik, Budapest. 

Im folgenden möchte ich auf ein Traumsymbol aufmerksam machen, 
das ich verhältnismässig häufig gefunden habe und das wahrscheinlich 
eine allgemeine Gültigkeit besitzt. Ich meine das häufige Vorkommen 
einer Magd in Träumen von Männern, von dem ich feststellen 
konnte, dass es meistens ein Produkt einer einfachen Verschiebung ist: 
Magd im Traum als Symbol für die Mutter 1 ). Als überzeugendes Beispiel 
soll hier folgender Fall berichtet werden. 

Ein „neurasthenischer" Kollege, der sich eben mit der Psychoanalyse 
zu beschäftigen beginnt, erzählt mir, er habe einige Male darüber nach- 
gedacht, ob es auch bei ihm Erinnerungen gebe, die auf gegen seine 
Mutter gerichtete sexuelle Wunschregungen hindeuten. So fiel ihm einmal 
plötzlich die Erinnerung an einen kurzen, aber sehr lebhaften Pollutions- 
traum ein, den er als heranwachsender Jüngling geträumt und seitdem 
gänzlich vergessen hat: 

„Ich bin im Geschäft meines Vaters und übe hinter 
der Kasse mit einer Magd*, deren Gesicht verschleiert 
oder verschwommen ist, den Koitus aus." 

Seine erste Assoziation brachte schon die Deutung des Traumes. Sie 
war nämlich die Erinnerung, dass hinter dieser Kasse seine Mutter fcu 
sitzen pflegte und das Geld entgegennahm, während der Vater und die 
Gehilfen die Kunden bedienten. Das Dienstmädchen im Traume war also 
die Mutter, wozu sehr gut das verschleierte, verschwommene, unbekannte 
Gesicht passt, das .bekanntlich immer das Zeichen einer energischen 
Zensurarbeit ist 2 ). 



>) Damit soll natürlich nicht geleugnet werden, dasri in speziellen Fällen eine 
andere Erklärung möglich sein kann. 

i ) Eine andere Assoziation des Träumers brachte gleichsam die etymologische 
Bestätigung dieser symbolischen" Auffassung. Zum ungarischen Worte „cseläd" 
(Magd) assoziierte er nämlich das ihm im Laute und Ursprung verwandte Wort: 
„csaläd", das auf deutsch Familie bedeutet Mägde waren früher gleichsam als 
Mitglieder der Familie betrachtet; auch sagt der ungarische Bauer von seinen Kin- 
dern noch heute: „cseledeim" (meine Mägde). Somit können Dienstmädchen gelegent- 
lich auch als Symbole der Schwestern auftreten. 



J. Harnik, Die Magd als Symbol der Mutter. 403 

In den meisten anderen Fällen kamen aber nur spärliche Einfälle, 
welche auf die hier stattgefundene Verschiebung hinwiesen, oder sie blieben 
überhaupt aus. So musste ich mich zur „symbolischen" Auflösung des 
Traumes bequemen. Ich konnte diese Erklärung um so eher abgeben, wie 
sie jm Einklang mit anderweitigen Beobachtern blieb. 

Dieselbe Symbolik spielt aber interessanterweise auch bei der 
sexuellen Objektwahl der Neurotiker — und wahrscheinlich auch der 
Gesunden — eine Rolle. So berichtet der erwähnte Kollege von sich selbst, 
dass er als Jüngling von Prostituierten nie angezogen wurde, vielmehr 
spürte er einen starken Ekel gegen sie und übte den Beischlaf ausschliess- 
lich mit Mägden des Hauses aus. Er selbst wunderte sich öfters (sehr 
über seine „alberne" Geschmacksrichtung; waren doch die Dienstmädchen 
meistens keineswegs appetitlicher als die hübschen und reinlich gekleideten 
Prostituierten. So ging es bis zu seinem 19. Lebensjahre, als er — nach 
einigen „psychosexuellen Traumen" mit den eigenen Schwestern — auch 
bei Mägden völlig versagte. 

Ein anderer junger Mann, ein Homosexueller, mit dem ich mich 
ungefähr l 1 /« Monate psychoanalytisch beschäftigen konnte, erzählte mir, 
dass er nie gegen Frauen eine sexuelle Regung spürte und hatte überhaupt 
nur zweimal in seinem Leben eine „reflexartige" Erektion in Gegenwart 
von Frauen gehabt. Das erstemal war es beim Anblick einer kräftig ge- 
bauten schönen Magd, das anderemal — als er mit seiner Schwester tanzte. 
Mehrere Koitusversuche mit Prostituierten waren ergebnislos. Die kurz- 
zeitig abgebrochene Analyse verliess er damals ohne jedwede Überzeugung. 
Seitdem ist ein Jahr vergangen, in welcher Zeit er über meine Auf- 
klärungen nachgedacht hatte und zu der Überzeugung gelangte, dass viele 
seiner Kindheitserinnerungen meine Behauptungen insbesondere in bezug 
seines Mutterkomplexes vielfach bestätigen. Ich kann es nicht entscheiden, 
ob dies eine solche Wirkung haben konnte oder nicht, doch Tatsache jist 
es, dass er nun schon einige Male den Beischlaf ausgeübt hat — allerdings 
vorläufig nur mit Dienstmädchen. 



II. 

Ein Beispiel von inisslungener Sublimiernng und ein 
Fall von Namenvergessen. 

Von H. Rorschach, Münsterlingen. 

Ein 20 jähriger Mann, der wegen unsittlicher Handlungen, begangen 
an 10— 14 jährigen Mädchen (Betastung und Koitusversuch), psychiatrisch 
begutachtet werden musste, wurde von mir analysiert. Schon in den ersten 
Träumen, deren er sehr viele produzierte, trat eine starke unbewusste 
Libidoeinstellung gegenüber der einen (jüngsten) Schwester des Patienten 
zutage. Da ich aber damals noch an der grossen Verbreitung der Inzest- 
komplexe zweifelte und allem aus dem Wege gehen wollte, was wie 
Suggestion aussehen konnte, stand ich sehr lange an, dem Patienten meine 
Deutung vorzulegen. Dieses Zögern hatte zur Folge, dass sich der Komplex 
schliesslich sozusagen von selber, gewaltsam, ins Oberbewusstsein herauf- 
drängte. Den Moment, in dem dies geschah, möchte ich hier schildern. 



401 H. Rorschach, 

Verschiedene Male war in früheren Träumen ein Berg vorgekommen} 
der oben „schrecklich zerklüftet" war und dessen zwei Gipfel für den 
Träumer stets unerreichbar blieben. Manche dieser Tcaumszenen waren 
sehr durchsichtig. So hatte er einmal am Abhang dieses Berges die be- 
treffende Schwester, die Marie heisst, zu retten vor einem Überfall. 
Ein andermal hörte er an demselben Abhang einen Töchterchor ein Lied 
singen, das in extenso folgendermassen lautet: 

In der Heimat ist es schön, 
Auf der Berge lichten Höhn, 
Auf den schroffen Felsenpfaden, 
Auf der Fluren grünen Saaten, 
Wo die Herden weidend gehn. 

In der Heimat ist es schön, 
Wo die Lüfte sanfter wehn, 
Wo des Baches Silberquelle 
Murmelnd eilt von Stell zu Stelle, 
Wo der Eltern Häuser stehn. 

In der Heimat ist es schön, 

Wo ich sie zuerst gesehn, 

Wo mein Herz sie hat gefunden, 

Ewig sich mit ihr verbunden, 

Dort werd ich sie wieder sehn. 

Abgesehen von der gewöhnlichen Bedeutung des Bergsymbols drückt 
die Unbesteigbarkeit und Schroffheit des „Traumbergs" des Patienten auch 
die Verbotenheit des Inzestes ' aus. 

Als ich -trotz allem noch zögerte, dem Patienten eine Lösung vor- 
zulegen, stellte sich folgender Traum ein: „Persönliche Lieder, der 
Schrecken der Musikschüler", sagte jemand. Ich bekam ein grosses Buch 
in die Hand, überall seltsame Bilder, beinahe glich es einem Modejoumal, 
Ich suchte die Lieder. Da in einer Ecke rechts unten war eine Figur, die 
so punktiert war, 

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l 



1 v \ 



aber, wenn ich nicht irre, menschliche Form hatte. Das konnte ich allein 
verstehen, das war ja der Ausdruck, den ich meinem individuellen Musik- 
empfinden geben konnte. Ich hätte das phantastische Lied gleich auf 
dem Klavier spielen können." 

Beim mündlichen Erzählen ergänzte Pat. : „In dem Buche waren 
viele Damen, wie in den Modejournalen, die ich als Knabe oft bei meinen 
Schwestern gesehen hatte; ich blätterte vorwärts, dann wieder zurück 
und stiess auf die Figur, von der ich nicht weiss, ob sie mehr einem 
Berg oder mehr einem Menschen ähnlich sah, ich wusste aber 
sogleich, dass diese Figur das persönliche, mir. allein zukommende, indi- 
viduelle Lied sei." 

Von dieser Figur ausgehend, produzierte der Patient in freiem Asso- 
ziieren folgende Reihe von Einfällen: M, eine Meute Hunde, die 
einen Hasen jagt — Mausi, sei süss (ein Walzer, der ihn an 
die Schwester erinnert) — Euryanthe von Weber — M — Marren 
(Dialektausdruck für die essbare Kastanie) — Marren ganz heiss — 



Ein Beispiel von miaslungener SublimieruDg und ein Fall von Namenvergessen. 405 

Marie. — Der Expl. kam während dieser Assoziationenreihe in einen 
Zustand ängstlich-gespannter Erwartung, der bei den beiden letzten Asso- 
ziationen den Höhepunkt erreichte. 

Besonders zweierlei ist an dieser Reihe von Einfällen bemerkens- 
wert. Einmal ist das Verhältnis der letzten zwei Assoziationen zu einander 
interessant. Aus der Analyse ergab sich, dass die Assoziation Marie 
mit der vorhergehenden „Marren ganz heiss" in vielfacher Verknüpfung 
steht, und zwar sind die Verknüpfungen sehr verschiedener Art: 1. Die 
Alliteration Marren — Marie. 2. Die geschlitzte Kastanie als Sexual- 
symbol. 3. Kastanie = Südfrucht. Da schliessen sich die verschiedensten 
Assoziationen mit sexueller Symbolik an: Italien, Süden, Feige etc. stehen 
in den Analyse-Assoziationen immer in Verbindung mit Leidenschaft. 
Ausserdem fällt dem Expl. eine Kindheitserinnerung ein aus der Zeit, wo 
er, ca. 6— 7 jährig, mit der Schwester das Schlafzimmer teilte: Er pflegte 
damals in den Feuchtigkeitsflecken der Zimmerdecke allerlei Figuren zu 
sehen; besonders war ein Fleck da, der ihn immer an ein nacktes Weib 
erinnerte, er hatte die ungefähre Form des Langensees, weshalb ihn auch 
später das Kartenbild des Lago maggiore immer an ein nacktes Weib erinnerte. 
4. Ganz heiss" = Hitze in der bekannten Bedeutung. 5. Schliesslich: 
Der Ausdruck „Ganz heiss" ist bekannt aus einem Kinderspiel, in dem 
ein Spieler .die Aufgabe hat, einen versteckten Gegenstand zu suchen, wobei 
ihm von den anderen durch die Zurufe „kalt, lau, heiss" etc. angedeutet 
wird, ob er am falschen Orte suche oder sich dem Gegenstande nähere. 
Der Ausdruck „ganz heiss" bedeutet also: „es muss im nächsten Augen- 
blick zum Vorschein kommen" und ist mit dem Affekt der höchstgespannten 
Erwartung verknüpft, den auch der Expl. in dem Momente der betr. 
Assoziation empfand. Das Gefühl, der Preisgabe des Geheimnisses jetzt 
nicht mehr entrinnen zu können, war wohl sicher auch von Einfluss auf 
die Bildung der Assoziation: „Meute Hunde, die einen Hasen verfolgen". 
Schon in einer früheren Sitzung, als sich auch der Schwesterkomplex durch- 
ringen wollte, war dem Expl. das an Martin Luther gerichtete Wort 
aufgefallen: „Mönchlein, Mönchlein, du tust einen schweren Gang". 

Dass verschiedene Träume das gleiche Thema behandeln, wobei 
ein Traum den anderen verdeutlichen, sogar deuten kann, ist schon mehr- 
fach gezeigt worden. In meinem Fall ist die Verdeutlichung des einen 
Traumes durch einen anderen auffallend. Hier weist die Berg- oder 
Menschenfigur" auf die Bedeutung des Berges der früheren Traume; d. h. 
es wird ein Symbol produziert, das der Analyse wesentlich weniger 
Schwierigkeit entgegensetzt, als frühere. Der Komplex drängt sich förmlich 
durch In diesem Falle mag besonders dadurch, dass ich dem Analysanden 
die Lösung auch nach Überwindung der grössten Widerstände noch nicht 
vorlegte, diese fast spontane Ausstossung des Komplexes bedingt worden 
sein Das freie Assoziieren führte auf sehr kurzem Wege zu der End- 
assoziation „Marie" und zwar über den Einfall „Marren ganz heiss", 
der infolge der vielfachen und vielartigen Verknüpfung mit „Marie" diese 
letztere Assoziation so sicher zur Folge haben musste, wie der Leitton 
im Liede zum Schlüsston hindrängt. — Dass die Deutung nun feststehe, 
ergab sich daraus, dass dem Expl. nach dem Vorlegen der Lösung nun 
sogleich eine Anzahl von Kindheitserinnerungen einfielen, die über die 
sexuellen Wünsche gegenüber der Schwester keinen Zweifel mehr übrig 
Hessen. 



406 H. Rorachach, Ein Beispiel von misslungener Sublimierung etc. 

Es findet sich in der genannten AssoziationsreiHe ferner ein inter- 
essanter Fall von Vergessen. Der anscheinend unvermittelte Sprung 
zu „Euryanthe von Weber" musste auffallen, und der Patient wusste 
ihn nicht zu erklären. Nach dem Vornamen des Komponisten befragt, 
konnte er sich — trotzdem er sich sehr viel mit Musik beschäftigt hatte — 
desselben nicht entsinnen; erst am Ende der Sitzung erinnerte er sich, 
sehr erstaunt über sein Vergessen, dass der Name Karl Maria laute. 
Also wenige Momente bevor die Reihe der Einfälle in den kritischen 
Namen Marie auslief, trat ein Vergessen desselben Namens auf. Dass 
der Sprung zu „Euryanthe von Weber" durch den Vornamen des Kom- 
ponisten bedingt wurde, ist wohl klar, der Name selbst aber bleibt ver- 
gessen — eine mittelbare Assoziation mit vergessenem Mittelglied. 
Ebenso ist der Grund des Vergessens leicht erkennbar: es stellt den 
letzten schwachen Widerstand gegen die Analyse dar, ein letztes Aus- 
weichenwollen vor dem Namen Marie, auf den die Assoziationen hin- 
zielen. 

Bemerkenswert ist auch, dass diese Assoziation der Musik ent- 
lehnt wird; auch das ist wohlbedingt. Patient war ein „leidenschaftlicher" 
Musiker. Die Musik diente ihm in hohem Grade als Sublimierungsmittel 
gegen die Sexualität. Doch tat sie diese Aufgabe zu jener Zeit nur noch 
mangelhaft: an allen Ecken blickte durch die Decke, welche die subli- 
mierende Musik über die verdrängte Sexualität breiten sollte, diese letztere 
selber hervor. So ergaben sich zahlreiche Beispiele jenes Mechanismus, 
den Freud in der Gradiva-Abhandlung erwähnte : „durch den das Ver- 
drängte bei seiner Wiederkehr aus dem Verdrängenden selbst heraustritt." 
So finden sich in den Träumen viele musikalische Begriffe in der Be- 
deutung sexueller Symbole: Flöte spielen, Geige spielen, einen Chor 
dirigieren, singen, ein Musikstück mit vielen Sechzehntel- und Zweiund- 
dreissigstelsnoten, die der Expl. selber als Symbol für die masturbatorischen 
Bewegungen deutete usw. In hypnagogen Zuständen sah er sich mit 
seinem eigenen Penis einen Chor dirigieren, auf seinem eigenen Penis 
Flöte spielen (Sadgers sekundärer Autoerotismus). Auch im Wachen 
tat die Sublimierung ihren Dienst nicht ganz: so erinnerte ihn die Ab- 
bildung der menschlichen Stimmritze immer mit unangenehm zwangsr 
artiger Regelmässigkeit an das weibliche Genitale. 

So hatte sich die Sublimierung immer mehr als insuffizient erwiesen. 
Immer mehr war das Verdrängte wiedergekehrt und durch das Verdrängende 
selbst herausgetreten. Man kann ein derartiges Verhalten der Sublimierung 
gut mit dem Zustand der Kompensation und mit den Störungen der letzteren 
bei Herzfehlern vergleichen. 

Auch in dem beschriebenen Traum sind diese Mechanismen deut- 
lich: Die Schwester, bei der der verdrängte Libido verankert ist, erscheint 
darin als „persönliches Lied", das dem „individuellen Musikempfinden" 
des Träumers angepasst ist, und auch in dem genannten Falle von Ver- 
gessen wird als letzter, mehr verratender als verbergender Widerstand 
ein Musikstück assoziiert. 

Zum Schluss will ich bemerken, dass dem Exploranden infolge 
unseres Gutachtens, in dem wir, die durch die Psychoanalyse gewonnenen 
Resultate benutzend, ihn als Neurotiker mit vorwiegend infantiler Sexualität 
behandelten, eine beträchtliche Strafmilderung zuerkannt wurde. 



Referate und Kritikern 407 



Reierate und Kritiken. 



Ernest Jones, M.D., M.R.C.P., The relationship between 
dreams and psychoneurotic Symptoms. Aus „American 
Journal of Insanity". Vol. LXVIII. Nr. 1. July 1911. 

Der Verfasser stellt den Traum und das psychoneurotische Symptom 
in Parallele und weist mit sorgfältiger und nach jeder Hinsicht vortrefflich 
fundierter Begründung die gemeinsamen Charaktere der beiden nach, 
ohne die Verschiedenheiten aus dem Auge zu lassen. Einige sehr ge- 
lungene Traumdeutungen ergänzen als konkrete Beispiele die Beweis- 
führung. Dr. Hanns Sachs. 

Ernest Jones, M.D., M.R.C.P., Reflections on Some Criti- 
cisms o,f the Psycho-analytic Met h od of Treatment. 
Aus „American Journal of the Medical Sciences". July 1911. 

Der Verfasser lässt alle die gewohnten, immer und überall wieder- 
kehrenden Einwendungen gegen die Psychoanalyse als Neurosen-Therapie 
Revue passieren und widerlegt sie der Reihe nach; bei denjenigen, welche 
die lange Dauer, die Unsicherheit und angebliche Gefährlichkeit der psycho- 
analytischen Technik bemängeln, weist er auf zahlreiche Heilungsmethoden 
für organische Erkrankungen, wie Tuberkulose etc. hin, die mit denselben 
Nachteilen behaftet sind und doch allgemein und mit Recht als grosser 
Erfolg der modernen Medizin gelten. Jene Kritiker, die die Psychoanalyse 
als willkürlich und unbeweisbar verwerfen, ohne sich der Mühe einer 
Überprüfung am Materiale zu unterziehen, befinden sich allerdings in 
einer unangreifbaren Position. Jones wählt den einzig richtigen Weg 
zur Auseinandersetzung mit ihnen, indem er ihre Unsachlichkeit aus dem 
Widerstände ihrer durch die Psychoanalyse unsanft berührten Komplexe 

prlclärt 

Schliesslich erörtert der Verf. eingehend die Wichtigkeit der Sexualität 
für die Ätiologie der Psycho-Neurosen und die daraus folgende Verpflich- 
tung des Psvchotherapeuten, zu diesem Thema ohne Scheu und Befangen- 
heit Stellung zu nehmen. Dr. Hanns Sachs. 

Dr. Wilhelm Specht (Privatdozent), Zeitschrift für Patho- 
psychologie. Leipzig, Verlag von W. Engelmann. 

Die Zeitschrift, deren Heft I des ersten Bandes im August 1911 er- 
schienen ist, stellt es sich zur Aufgabe, „die Pathologie des Seelenlebens 
für die psychologische Erkenntnis nutzbar zu machen". Diese Forschungs- 
methode setzt naturgemäss eine sorgfältige Deskription und Analyse 
der pathologischen Phänomene selbst voraus, und — so führt der Heraus- 
geber in dem ersten einleitenden Kapitel des weiteren aus — 
„da ein wirkliches Verständnis der psychischen Krankheiten und ebenso 
die Psychotherapie nur möglich ist durch Einsicht in den psychischen 
Mechanismus der Störungen, also fundiert sein muss auf einer Patho- 
psychologie, so muss die Zeitschrift mit ihren Bestrebungen ^beiden dienen 
— den Psychologen und den Pathologen, den Psychiatern". 



Referate und Kritiken. 

Der Verfasser tritt nun, und zwar mit anerkennenswert scharfer Selbst- 
kritik, den Beweis an, dass die Erforschung sowohl des normalen Seelen- 
lebens, wie auch der gestörten Psyche durch die pathopsychologische 
Methode eine viel bessere und intensivere Förderung erhoffen lässt, als 
dies auf den 'bisher beschrittenen Wegen möglich war, und er stellt speziell 
auf dem Gebiete der Psychiatrie die Forderung auf, dass fortan die ge- 
samten Geistesstörungen in zwei Gruppen eingeteilt werden müssen, in 
Hirnkrankheiten, die psychisch nicht beeinflussbar sind, und in seelische 
Störungen, „bei denen nach psychischen Ursachen geforscht und auf einer 
solchen Erkenntnis von Ursachen die Therapie aufgebaut werden muss". 

Diese Anschauungen sind richtig, aber nicht gerade allzu neu. Schon 
seit vielen, vielen Jahren bilden sie das Fundament der Freu d'schen 
Forschungen und der psychoanalytischen Therapie. Der mit der Materie 
vertraute Leser erwartet daher mit Recht, dass endlich auch der Name 
des unentwegtesten Verfechters der Lehre von der psychogenen Natur der 
Psychoneurosen genannt werde, und wirklich wird Freud — allerdings 
nur im allerletzten Absätze — ganz kurz erwähnt und zwar wie folgt: 

„Nur. ein einziger derartiger Versuch (nämlich nach den letzten 
psychischen Ursachen zu forschen) ist in der neueren Psychiatrie gemacht 
worden — in der Schule Freud's. Das ist gewiss ein Fortschritt. Aber 
Freud wird vorgeworfen, dass die Sätze, in denen er seiner Lehre Ge- 
stalt gegeben hat, im Widerspruche s'.^hen zu den sicheren Erfahrungen 
klinischer Psychiatrie. Und sicher ist, dass er die psychologischen Grund- 
begriffe, die er verwendet, eigenmächtig konstruiert hat, ohne Fühlung 
mit der Psychologie." 

Was bleibt da noch übrig, das der Psychotherapie Freud's als 
ein, wenn auch nur bescheidenes Verdienst angerechnet werden dürfte? 
Offenbar nur. die Methode der Psychoanalyse, der „Versuch" nach den 
letzten psychischen Ursachen der seelischen Erkrankungen zu forschen. 
Alles andere hat Freud gänzlich verfehlt, denn nach S p e c h t's Be- 
hauptung steht er „im Widerspruche zu den sicheren Erfahrungen klini- 
scher Psychiatrie" und auch mit der Psychologie hat er durch „eigen- 
mächtige" Konstruktionen die Fühlung verloren. 

Eine Polemik gegen diese Sätze ist vorderhand nicht möglich, denn 
es liegt hier bloss ein Urteil ohne Begründung vor. Vielleicht ist Dr. K. 
M i 1 1 e n z w e i g die Aufgabe zugefallen in seinem „Versuch zu einer Dar- 
stellung und Kritik der Freu d'schen Neurosenlehre" für die Behauptung 
Dr. S p e c h t's den Beweis zu erbringen. Da aber von dieser Arbeit, die 
sehr interessant zu werden verspricht, bis jetzt nur die einleitende, 
historische Darstellung publiziert ist, müssen erst die Fortsetzungen, welche 
die eigentliche Kritik der Freud'schen Lehren enthalten sollen, abge- 
wartet werden, um vom Standpunkte des Psychoanalytikers dazu Stellung 
zu nehmen. 

Übrigens kann auch schon jetzt gegenüber den Behauptungen 
S p e c h t 's , die Lehre F r e u d 's versündige sich sowohl gegen die Psych- 
iatric als auch gegen die Psychologie, ein Gegenargument vorweg ins 
Treffen geführt werden, welches der höchsten Beachtung wert erscheint. 
Es ist das nämlich die Tatsache, dass Freud und seine Schule auf eine 
schon ganz stattliche Anzahl von Heilungen schwer psychoneurotisch 
Erkrankter hinweisen können. Diese unleugbare Tatsache kann denn doch 
mit dem absprechenden Urteile Dr. Specht's schwer vereinbart \verd?n. 



Referate und Kritiken. 409 

Entweder sind die Versündigungen der Psychoanalyse an der Psychiatrie 
und Psychologie am Ende gar nicht so arg, oder wenn das doch der Fall 
sein sollte, dann kann die Schuld nur an den unwissenschaftlichen 
Patienten liegen, die in ihrem laienhaften Eigensinn gesund wurden, obwohl 
sie mittelst einer Psychotherapie behandelt wurden, die nicht allein „im 
Widerspruche steht zu den sicheren Erfahrungen klinischer Psychiatrie", 
die überdies noch „psychologische Grundbegriffe eigenmächtig konstruiert, 
ohne Fühlung mit der Psychologie". 

Und diese psychische Misshandlung sollten die Patienten sich nicht 
nur haben gefallen lassen, sondern dabei sogar noch gesund worden sein? 

Dr. Rudolf Reitler, Wien. 

Dr. Hugo Münsterberg, Psychologie und Pathologie. 

Während Dr. Specht in dem vorhergehenden Artikel die Berech- 
tigung der pathopsychologischen Methode in ihrer Anwendung auf die 
Erforschung des gesunden und erkrankten Seelenlebens zu erweisen sucht, 
bestrebt sich Dr. Münsterberg in seiner Arbeit über „Psychologie 
und Pathologie" die Wechselbeziehungen zwischen den zunächst getrennten 
Wissensgebieten klar zu legen und betont, es sei charakteristisch, „dass 
in der TDiskussion der Probleme die zwei Ausdrücke Psychopathologie 
und Pathopsychologie fortwährend durcheinandergemischt werden und im 
wesentlichen so aufgefasst werden, als bedeuteten sie das gleiche und 
als sei es nur Liebhaberei einzelner Autoren, das eine oder das andere 
Wort zu bevorzugen. Nur hier und da spricht sich ein instinktives Gefühl 
dafür aus, dass Pathopsychologie doch offenbar ein Teil der Psychologie, 
Psychopathologie dagegen ein Teil der Pathologie sei". 

Der Verfasser geht nunmehr auf die Problemstellung im einzelnen 
über, sucht die Grenzen der wissenschaftlichen „Hauptgebiete" und der 
zwischen ihnen liegenden „Zwischenwissenschaften", sowie deren 
Leistungs- und Anwendungsfähigkeit so präzis als möglich zu fassen und 
bietet eine derartige Fülle gedankenreichen Materials, dass es aussichtslos 
erscheint, im eng bemessenen Rahmen eines Referates der Arbeit 
Münsterbergs gerecht zu werden. Wenn auch nicht alle Thesen des 
Autors widerspruchslos akzeptiert werden dürfen, kann das Studium der 
Orieinalarbeit nur aufs wärmste empfohlen werden. 

Dr. Rudolf Reitler, Wien. 

Arnold Pick, Zur Lehre von den Störungen des Realitäts- 
urteiles bezüglich der Aussenwelt; zugleich ein Bei- 
trag zur Lehre vom S elbs tbe wuss ts ei n. (Zeitschr. f. Patho- 
psychologie. I. Bd. 1. Heft.) 

Mitteilung einer sehr interessanten Beobachtung, in welcher das 
Auftreten von Erinnerungsbildern mit dem Charakter halluzinatorischer 
Lebhaftigkeit zum Zweifel an der Wirklichkeit führte, ohne psychoana- 
lytische Aufklärung. S t e k c 1. 

Dr. Alfred Meisl, „Zur Pathogenese der Magendarm- 
neurosen". (Wiener klin. Rundschau, 1911, Nr. 22-24.) 

Ausgehend von den Entdeckungen der P a w 1 o w'schen Schule über 
den Einfluss des jeweiligen psychischen Zustandes auf die sekretorische 



410 Referate and Kritiken, 

und motorische Funktion der Verdauungsorgane untersucht M e i s 1 die, 
Ätiologie und Pathogenese der Magendarmneurosen. Er kommt hierbei 
zu dem Schlüsse, dass diese Neurosen in ihrer überwiegenden Mehrzahl 
sekundärer Natur sind, und zwar entweder somatogen, d. i. reflek- 
torisch hervorgerufen durch pathologische Änderungen der verschiedensten 
Organe des Abdomens, vom Magen angefangen bis zum Urogenital trakte, 
oder psychogen, bedingt durch akute oder chronische Alterationen 
der Psyche, die entweder ausschliesslich erotischen Ursprung oder zu- 
mindest eine erogene Komponente haben. Der Autor hofft, dass sich 
auch für den ätiologisch noch dunklen Rest von Magendarmneurosen bei 
weiterer Beobachtung dieselbe Pathogenese ergeben werde, so dass der 
Terminus „primäre Magen- oder Darmneurose" entfallen dürfte. Bei beiden 
Gruppen bezeichnet er die Magenfasern des sympathischen Nervensystems 
als den zentrifugalen Schenkel des Reflexbogens, und es käme nur auf 
individuelle Momente, wie vererbte oder erworbene Disposition, vorher- 
gegangene Erkrankungen etc. („somatisches Entgegenkommen", Freud) 
an, ob auf den somatischen oder psychogenen Reiz ein Tic convulsif, 
douloureux oder secretoire im Gebiete des Magendarmtraktes ausge- 
löst wird. 

Als Beispiele der ersten Gruppe bespricht er ausführlicher den 
Vomitus gravidarum und den Vomitus matutinus der Kinder. Die psycho- 
genen Magendarmneurosen werden durch zwei Krankengeschichten illu- 
striert, von denen die eine einen Fall von knallartigem Aufstossen, die 
andere einen solchen von „peristaltischer Unruhe des Darmes" betrifft, 
deren Pathogenese durch Psychoanalyse aufgedeckt wurde. 

Karl Hochsinger, Fazialisphänomen und jugendliche 
Neuropathie. (Wiener klin. Wochenschr. 1911. Nr. 43.) 

Es ist auch für den Psychoanalytiker von grosser Bedeutung, die 
Stigmata organischer Natur bei jugendlicher Neuropathie zu kennen. 
Hochsinger hat darüber eingehende Untersuchungen veranstaltet, aller- 
dings nur in bezug auf das Verhalten der Reflexe. Die Steigerung der 
Patellarreflexe hat nach Hochsinger keine pathognostische Bedeutung. 
Die Patellarreflexe sind bei allen Kindern sehr lebhaft. Dagegen kommt 
er bezüglich des Fazialisphänomens zu den Schlüssen: 

1. Das isolierte Fazialisphänomen bei älteren Kindern und Jugend- 
lichen hat unter allen Umständen eine pathologische Bedeutung; 2. es 
ist das sinnfällige Symptom einer angeborenen neuropathischen Kon- 
stitution, welche sich bei den Eltern, insbesondere den Müttern durch 
das sehr häufig vorhandene gleiche Phänomen in Verbindung mit funk- 
tionellen Neurosen zu erkennen gibt; 3. das isolierte Fazialisphänomen 
ist ein Hauptattribut der psychischen Übererregbarkeit und Nervosität 
der Jugendepoche und haftet fester beim weiblichen als beim männlichen 
Geschlechte; 4. jugendliche Nervosität und infantile Übererregbarkeit, bzw. 
Spasmophilie der Säuglinge, gehören genetisch zusammen und' beruhen 
in letzter Linie auf hereditärer neuropathischer Veranlagung. 

Stekel. 

Dr. Oscar Aronsohn, Das Problem im Baumeister Solness 
(Baumeister Solness — Hilde Wangel), Carl Marhold 1911. 






Referate and Kritiken. 411 

Aronsohn ist ein Arzt, dem vor anderen Psychiatern, die litera- 
rische Probleme behandeln, der Vorzug eignet, dass er mit den zu be- 
sprechenden Kunstwerken sich genau und äusserst eingehend befasst, nur 
leider oft so sehr, dass er zuviel in dieselben hineinliest. Er steuert knit 
Vorliebe zu den Worten des Dichters noch aus Eigenem kleine Zutaten bei, 
so dass schliesslich etwas ganz anderes entsteht, als der Dichter meinte. 
Ein Beispiel für viele: Solness' Bewusstsein, meint unser Autor, sei 
durch die Erfahrung, dass jedem seiner Wünsche früher oder später die 
Erfüllung folgt, ganz ausserordentlich gesteigert worden. Soweit ist das 
Urteil ganz zutreffend und aus dem Drama selbst zu belegen. Jetzt aber 
kommt eine Reihe von Sätzen, deren jeder eine kleine Unrichtigkeit ent- 
hält. „Er fühlte sich nicht nur als auserwählter, gottbegnadeter Mensch, 
sondern gottähnlich. Gott hatte sich freiwillig eines Teiles seiner Macht 
entäussert und ihm übertragen, stand also in Solness Augen nicht mehr 
über, sondern neben ihm und war für ihn nicht mehr der lebende Allvater 
im Himmel, sondern nur durch eine gleichberechtigte, feindliche Macht, 
deren Willen sich zu entziehen, er nach Lage der Dinge nicht nur sofort 
entschlossen war, sondern sich auch hinreichend stark fühlte." Aus 
solchen und ähnlichen Zusätzen kommt Aronsohn dann endlich zu 
dem Schlüsse, dass „bei Hilde Wangel die Hauptmerkmale .der sadistischen 
Naturen unzweifelhaft vorhanden sind", während der Baumeister „vom 
Standpunkt der Wissenschaft an echten Wahnvorstellungen leidet". Die 
Trolle in seinem Innern „entsprechen ganz dem Dämonen- oder Teufels- 
glauben, wie wir ihn sehr häufig bei Geisteskranken finden". „Vom Stand- 
punkt der Wissenschaft aus muss gesagt werden, dass Solness zur Zeit 
des Dramas unzweifelhaft geisteskrank ist, dass er an einem chronischen 
religiösen Grössen- und Verfolgungswahn leidet und dass seine Geistes- 
krankheit ganz dem Bilde der Paranoia religiosa Simplex chronica ent- 
spricht." „Es muss unter allen Umständen als feststehend betrachtet 
werden, dass der Dichter mit Absicht und Überlegung, vom Standpunkt 
der Wissenschaft aus betrachtet, Baumeister Solness als krank erscheinen 
liess, und es kann nur die eine Frage zur Erörterung stehen, warum er 
es tat." Und nachdem er dieser Frage an der Hand der Tragödie nach- 
gegangen, kommt er zum Schlüsse: „Die Handlung des Dramas straft 
also die Wissenschaft Lügen, und es war der Kampf gegen den von aller 
Welt gut geheissenen, wissenschaftlichen Standpunkt in bezug auf Solness' 
Geisteszustand, der den Dichter gelockt und gereizt hat, Solness' Charakter 
zur dramatischen Anschauung zu bringen. Ob die Wissenschaft recht hat, 
Solness für geisteskrank zu halten, oder Solness, wenn er ein Auserwählter. 
Auserkorener Gottes zu sein glaubt — das sind die Fragen, die durch das 
Drama aufgeworfen werden, das ist das psychologische Problem, um das 
es sich einzig und allein im Baumeister Solness handelt." 

Man sieht, wohin sich Aronsohn verrennt. In Wahrheit hat 
Solness mit dem Kampf gegen die Wissenschaft gar nichts zu tun. Hilde 
Wangel besitzt von Sadismus nicht mehr, als ihrer Pubertät normal ent- 
spricht, und der Baumeister selber ist kein Paranoiker, sondern schlimm- 
stenfalls ein Psychoneurotiker. Es ist ja die typische „neurotische Wäh- 
rung", dass er an die Allmacht seiner Gedanken glaubt. Mit solchen ge- 
schraubten und ganz unhaltbaren Deutungsversuchen, wie sie Aron- 
sohn unternommen hat. diskreditiert man die Psychiatrie und stösst das 
geniessende Publikum zurück. J. S a d g e r. 



412 Referate und Kritiken. 

Dott. R. Assagioli, Trasformazione e sublim azione delle 
energiesessuali. In der „Rivista di psicologia applicata"; heraus- 
gegeben von G. C. Ferrari. VII. Jahrgang, Nr. 3. - Bologna, Stabili- 
mento poligrafico Emiliano. 

Der Autor bespricht die Modalitäten und Möglichkeiten der Subli- 
mierung sexueller Kräfte und zitiert verschiedene Autoren, insbesondere 
Freud. Nicht die theoretische Erklärung der Sublimierung ist dem 
Autor in dem vorliegenden Aufsatze das wichtigste, sondern vornehmlich 
die Feststellung praktischer Möglichkeiten zur bewussten 
Verwertung sexueller Triebkräfte. Sein Vorschlag geht dahin, in Zeiten 
stärkerer sexueller Erregtheit die Intensität unserer geistigen und gemüt- 
lichen Funktionen zu steigern. Die Wirkungen werden in einer Herab- 
setzung der Sexualerregung und einer Erhöhung unserer sonstigen Fähig- 
keiten bestehen, die uns ein „höheres geistiges Leben" ermöglichen. — 
Wird aber die Sexualerregung übermächtig, dann möge man die gewohnte 
Tätigkeit, womöglich auch die gewohnte Umgebung verlassen, um in 
einer einzigen, neuen Tätigkeit aufzugehen. Das künstlerische 
Schaffen eignet sich hierzu am allerbesten. 

Die Durchführung dieser Vorschläge scheint mir nur unter ganz 
besonderen Bedingungen möglich, die zu erörtern hier zu weit führen 
würde. Aber auch, was ihren Wert anbelangt, sind die Vorschläge 
nicht unbedenklich. Zwar verlangt der Verfasser vor der gewollten 
Transformation der Sexualerregung deren bewusstes und objektives Er- 
fassen (sozusagen konfliktlos), aber diese Vorbedingung wird wohl in 
praxi kaum zu erreichen sein. Vielmehr würden der Sexualverdrän- 
gung nur neue Wege gebahnt werden. Es kann übrigens der Verzicht 
auf grössere sexuelle Befriedigung zugunsten eines „höheren geistigen 
Lebens" und einer „inneren Sammlung" nicht unbedingt als ein erstrebens- 
wertes Ziel angesehen werden. Eine wichtigere soziale Aufgabe wird wohl 
die Beseitigung der realen und moralischen Widerstände sein, die die 
Sexualbefriedigung in der sozialen Gemeinschaft für beide Geschlechter 
hemmen, bzw. sie zu einer für das Individuum gefährlichen Angelegen- 
heit machen. 

Den Kulturfortschritt wollen wir aber lieber auf Rechnung der 
durch die Entwicklung des Menschen ohnehin zum Untergange bestimmten 
perversen Triebregungen setzen, wobei die weitere wichtige Frage, ob 
„Kultur" lediglich aus Verwandlung sexueller Triebe resultiert, noch ganz 
unbeantwortet bleibt. 'Gaston Rosenstein. 

Tim. Segaloff, „Die biologische Bedeutung der Ekstase." 
In der „Zeitschrift für Psychotherapie und medizinische Psychologie"; 
herausgegeben von Dr. Albert Moll. III. Bd., 5. Heft. Stuttgart, 
Verlag von Ferdinand Enke. 

Der Aufsatz stellt eine Reihe eigener Anschauungen des Autors 
und Zitate verschiedener Autoren über gewisse physische und psychische 
Erscheinungen der Ekstase nebeneinander und ergänzt sie durch eigene 
Gedanken über deren biologische Bedeutung. 

„Im Charakter und im Denken der ekstatischen Sektierer wird sich 
wahrscheinlich viel Kindliches und Kindisches finden lassen." 



i 



Referate and Kritiken. 413 

„Die Religiosität der Kinder erhält leicht den Charakter einer Leiden- 
schaft, eines Delirs, was uns die Überzeugung nahelegt, dass zum Ver- 
ständnis der ekstatischen Sektierer in ihrem Seelenleben vielmehr Elemente 
des Infantilismus, primitive Züge der Kinderpsyche, als Erscheinungen 
der Seelenstörung zu suchen sind." (Zu diesen an sich vorzüglichen Be- 
merkungen ist nur hinzuzufügen, dass eben das Zurückbleiben auf kind- 
licher Stufe bzw. die Regression zum Infantilismus die Seelenstörung 
ausmacht.) 

Der Verfasser illustriert des weiteren den Zusammenhang der 
religiösen Verzückung mit sexueller Aufregung und dem „Drange zum 
Schmerz". Folgende Äusserungen und Beobachtungen russischer Sektierer 
(zitiert vom Autor aus Konowaloff, „Die religiöse Ekstase im russi- 
schen, mystischen Sektierertum") sind für die Bestätigung des Zusammen- 
hanges äusserst wertvoll : 

„Als ich aus menschlicher Schwäche im Fleische gesündigt, ging 
mir mein wunderbarer, wonniger Zustand verloren." 

„Sechs Jahre sündigte ich nicht mit meiner Frau und wurde mir 
solch eine Freude 'zuteil, dass in Smir, sowie ich den Gesang der ,Lieder* 
oder der .Schrift' hörte, mein Herz und meine Adernisich freuten; dann 
ist uns ein Kind geboren und ich verlor meine ,Freude'".. 

Diesen deskriptiven Bemerkungen lässt der Autor eine zum Teik 
sehr gelungene biologische Erklärung der Ekstase folgen, die aber merk- 
würdigerweise bloss die sonstigen Formen der Ekstase betrifft (z. B. die 
psychischen Erscheinungen bei einer Kavallerieattacke), während er bei 
der Erklärung der religiösen Formen, von welchen er gerade ausgegangen 
war, vollkommen versagt. 

Die psychologische, bzw. biologische Genese der Ektase stellt sich 
nach der Annahme des Verfassers kurz folgendermassen : 

Die affektive Färbung eines angestrebten Zieles verdrängt alles 
Nebensächliche aus dem Felde des Bewusstseins und paralysiert die 
Hemmungszentren; eben durch diese Einengung des Bewusstseins, durch 
den Wegfall der Hemmungen und durch die Konzentrierung der ganzen 
psychischen Tätigkeit auf einen einzigen Punkt charakterisiert sich der 
ekstatische Zustand. Nun fallen durch die Einengung des Bewusstseins 
zuerst die obersten Schichten weg, „die Ergebnisse der persönlichen 
Selbsterziehung, dann die Traditionen der Familie, endlich die kulturellen 
Erwerbungen der letzten Jahrhunderte, der Mensch steigt in die Tiefe 
des tierischen Empfindens und Handelns hinab. Je enger und ärmer das 
Seelenleben, je intensiver ein einziges Element in der Psyche vor- 
herrscht — je kahler und beraubter die Menschenseele, desto schärfer 
und eher werden in ihr die Elemente des vorgeschichtlichen, präkulturellen, 
tierartigen Lebens zum Vorschein kommen." 

Das Hauptprinzip des animalen Lebens ist der Selbsterhaltungstrieb. 
Die wichtigsten, diesem Prinzipe dienenden affektiven Reaktionen sind 
Zorn und Angst; beide Affekte haben tiefe Wurzeln in der ganzen Tier- 
reihe, zu der wir gehören (Havelock E 1 1 i s). Überall wo Menschen 
oder Tiere auf aussergewöhnliche Hindernisse stossen, ist die Fähigkeit 
der exaltiercnden Hingabe, das Verlorengehen des Bewussten und be- 
wusstloscs Vorwärtsdrängen unerlässlich. — Die körperlichen Affekt- 
äusserung bilden ein primitives Verständigungsmittel und spielen ?.. B. 
in der Panik durch ihre ansteckende Wirkung eine wichtige Rolle. 



414 Referate and Kritiken. 

Je ärmer die Psyche des Menschen an den Ergebnissen der bewussten 
Kulturtätigkeit der letzten Jahrtausende ist, desto rascher und leichter 
gelingt die Bewusstseinseinengung. Je beschränkter dio Weltanschauung 
eines Menschen sich gestaltet, desto grösserer Aktivität ist er fähig. 
(Der vielseitige, mit vielen Problemen beschäftigte Leonardo da Vinci 
war der Ekstase nicht fähig!) — 

Es ist schade, dass der Autor diese treffenden Gedankengänge (die 
sich sowohl mit den Ergebnissen hypnotischer Experimente als auch mit 
jenen psychoanalytischer Untersuchungen teilweise decken) nicht auf die 
religiöse Ekstase anwendet. Das Versagen an dieser Stelle war eigent- 
lich nach dem Satze — das Hauptprinzip des animalen Lebens sei der 
Selbsterhaltungstrieb — zu prognostizieren. Hätte er z w e i Hauptprinzipien 
angenommen, so wäre er in weiterer Verfolgung seiner Ideen wohl un- 
dingt auf die Kreuzung des Sexualtriebes mit dem Ichtriebe gekommen, 
da ja das sexuelle Moment bei der religiösen Ekstase schon in der Be- 
schreibung des Zustandes zur Genüge deutlich hervortritt. Der Autor 
begnügt sich aber mit ganz vagen Hinweisen: „Eine Gesellschaft, die 
ihren Gott verloren, steht an der Schwelle des Unterganges." „Der moderne 
Mensch lechzt nach festem Glauben, das unmittelbare, naive Erleben der 
religiösen Wirklichkeit hat ihn verlassen in diesen kritischen Mo- 
menten seiner höchsten Not greift der Mensch nach seiner alten, mäch- 
tigsten Waffe sucht dort einem Gotte sich zu nähern, eine über- 
logische Wahrheit zu erfassen." 

Warum gerade der Homo sapiens diese merkwürdige Erscheinung 
zeitigt, hätte in einer biologischen Arbeit immerhin erörtert werden 
müssen. Aber dem Autor ist es offenbar entgangen, dass er von der 
biologischen Bedeutung der Ekstase eigentlich zu ihrer metaphysischen 
übergegangen ist. Gaston Rosenstein. 



Varia. 

In „Nord und Süd" (Oktober 1911) findet eich ein Gedicht von Ludwig 
Fu lda, das uns beachtenswert erscheint. 

Seelenkunde. 
Die Seele, wenn wir sie genau betrachten, 
Besteht aus einer grossen Zahl von Schachten. 

Der erste, noch vom Sonnenlicht getroffen, 
Steht jedem, der vorüberschreitet, offen. 

Auch noch zum tieferen Bereich des zweiten, 
Kann fremder Blick mit leichter Mühe gleiten. 

Doch schon der dritte liegt in grauem Dammern, 
Und wer hinab will, muss den Weg sich hammern. 

Vom vierten an dringt in die dunkle Dichte, 
Nur Freundschaft noch mit ihrem Grubenlichte. 

Und wo sie glaubt, nach jahrelangem Graben, 
Bis auf den letzten Grund geforscht zu haben, 



Varia. 415 

Da türmt sichs noch bergab zu neuen Schlünden, 
Die nur der Liebe Senkblei kanu ergründen. 
Auch dieses, durch geheime Widerstände 
Zuletzt behindert, reicht nicht bis ans Ende. 
Der tiefste Schacht bleibt uns allein zu eigen, 
Wenngleich wir nie zu ihm hinnntereteigen, 
Uns keinen Pfad in seine Nähe bahnen, 
Vielleicht zeitlebens nicht einmal ihn ahnen. 

Dr. Emil Simonson (Berlin). 

Alexander und Diogenes von Leo Schestow ')■ 

„Geh" mir aus der Sonne!» sagte Diogenes zu Alexander von Mazedonien. Der 
grosse "cynilcer wollte stolz sein. Vielleicht hat er dem Kaiser gesagt: Und wenn 
ich auch nicht Diogenes wftre, möchte ich dennoch nicht Alexander sein. Davon 

schweigt die Legende. 

Aber von jeher strebten die grossen Philosophen danach, das Recht zu haben, so 
zu grossen Kaisern sprechen zu dürfen. Und in diesem Sinne ist es auch ein grosser 
Irrtum, von der Entwicklung der philosophischen Ideen zu reden, von der Geschichte 
der Philosophie als einem Prozess. 2000 Jahre nach Diogenes ist der Streit der 
Philosophie mit Alexander noch nicht zu Ende. Wahrscheinlich wftre auch Spinoza 
allen Mächtigen der Welt mit den Worten des Diogenes entgegengetreten. Und 
überhaupt würde sich wohl kaum ein Philosoph finden, der, wenn auch gar kein 
Recht, nicht doch wenigstens den Wunsch hätte, so zum Kaiser zu reden. 

Andrerseits - so reden ist schliesslich nicht schwer, wer aber weiss, ob nicht 
auf dem Grunde seiner Seele der hässlicbe Cyniker den, der in jugendlicher Schön- 
heit strahlend vor ihm atand, beneidete. Lassen wir es für einen Augenblick zu, 
dass Diogenes neidisch zu Alexander aufsah. Diese Möglichkeit ist ja nicht von 
vornherein abzuweisen. Unzweifelhaft aber ist, dass kein Zwang dieser Welt Die- 
genes bewogen haben würde, seinen Neid einzugestehen. Auch unter den qualvollsten 
Foltern würde Diogenes fortfahren zu behaupten, dass er n.cht Alexander sein 
möchte. Und Diogenes musste sein Geheimnis mit ins Grab nehmen Sehr wahr- 
scheinlich ist, dass auch sein Widersacher Alexander ein ähnliches Geheimnis 
gehabt hat. Auch er mag viel Wichtiges und Wissenswertes mit hinübergenommen 
haben, uns nur das zurücklassend, was für alle fassbar ist und was die H.stor.ker, 
diese leideten Notare der Zeit, auf die Blätter ihrer Chroniken verzeichnen können. 

Alexander war also vielleicht ein lebendiger Vorwurf dem Diogenes, Diogenes 
dem Alexander: sie beneideten einander. Aber beide wussten - man gab ihnen 
dal immer recht -. dass sie durch allzugrosse Offenheit der Mission schaden 
würden, welche die Geschichte ihnen auferlegt hat. Wie hätte auch ein an sich 
selbst zweifelnder, den Diogenes beneidender Alexander den, l lutarch als Modell 
dienen und als Muster eines Helden im Gedächtnis der Geschlechter weiterleben 
können! Und gar Diogenes! Keine Sekunde durfte dieser schwanken. 

Die ganze Geschichte der Menschheit, unser ganzes Leben ist voll von mas- 
kierten Alexandern und Diogenessen. Alle haben sie eine Mission und um ihre 
Sache zu retten, müssen sie vieles, oft ihr Wichtigstes, verbergen. Der Künstler 
muss inspiriert sein, der Philosoph und Schriftsteller allwissend, der Feldherr uner- 
schütterlich und furchtlos. Legende und Mythos erfüllen unsere Alltagsatmoaphäre. 
Wie in einem Reich der Gespenster leben wir und fürchten nichts so sehr, als dass 
irgend etwas die feierliche Harmonie dieser verzauberten Kreise stören könnte. 

" i) Leo Schestow Werke VI. S. 23 ff. 

ZOTitralbUtt für PiyclioajialyM II 1 . 






416 Varia. 

Und doch, und doch . . ., wie unerträglich wird für manche schliesslich dieser 
tausendjährige Schlaf! Das Bedürfnis aufzuwachen, sich auszusprechen, das tiefst 
Verborgene laut beim Namen zu nennen, wächst sichtlich. Man möchte endlich 
einmal den wirklichen Alexander sehen und den lebendigen Diogenes. Aber die 
Konventionen haben ihre alten, durch Jahrhunderte geheiligten Hechte. Die tapfer- 
sten Menschen, die gefährlichsten Revolutionäre des Gedankens haben doch noch 
nie ganz offen, nachdrücklich und konsequent gegen die Sitte vorzugehen gewagt, 
und langten im besten Fall beim Kompromiss an. Wie in der Kunst, so ist aller 
Symbolismus ein Kompromiss zwischen Wahrheit und Sitte. Daher ist auch alles 
Entziffernwollen von Symbolen so machtlos. Symbol bleibt Symbol: schon ist 
manchen etwas von seinem Sinne aufgegangen, aber noch können nicht zwei sich 
otfen darüber verständigen.* (Übersetzt aus dem Russischen.) 

Dr. M. Eitingoo. 

Krieinhilds Traum. Schon lango wunderten sich die Germanisten über den 
Bruch im Charakter der Krieinhilde im „Niebelungenlied". Im ersten Teil erscheint 
sie als holdes, sanftes Mädchen, im zweiten wächst sie zu der dämonischen, grau- 
samen und rachsüchtigen Gestalt empor, die man mit Medea vergleichen könnte. 
Vielleicht ist die psychoanalytische Betrachtungsweise hier geeignet, Widersprüche 
für den oberflächlichen Blick zu klären. 

Im Anfange des Gedichtes wird von der Bchönen Jungfrau ein Traum berichtet: 
»wie sie zuge einen valken, starc, scnon und wilde, 
den ihr zwen' aren erkrummen, daz sie daz muoste sehen: 
ir enkunde in diire werlde leider nimmer gesuehen." 
Zwei Geier zerfleischen nlso den Falken, den sio aufgezogen hat. Sie sagt 
den Traum ihrer Mutter Ute, die ihn folgendermassen deutet: 
„der valke, den du züchest, das ist ein edel man, 
in welle got behüeten, du muost in sciere vloren han." 
Natürlich ist das ein prophetischer Traum: Siegfried wird von Hagen und 
Günther ermordet. 

Es ist immerhin interessant, der Psychogenese des Bildes nachzugehen. Der 
Vogel als Penissymbol wird hier von der kundigen Ute bestätigt. Es steht also im 
Mittelpunkt ein Mann. Wie erklärt lieh nun die grausame Szene? Kriomhild 
wächst vollständig abgeschlossen auf; es wird später berichtet, dass sie Siegfried 
als den ersten Mann gegrüast habe. Es ist wahrscheinlich, dass sich in der reifen 
Jungfrau die Libido regt und verdrängt wird. Sie wird (wie es ja jetzt nocli vor- 
kommt) hinter der Abneigung gegen männlichen Verkehr verborgen. Der unge- 
stillte Trieb schlägt in sadistische Tendenzen um. Die stärkste Bestätigung für 
diese Vermutung bietet die Antwort, die Kriemhilde der traumdeutenden Mutter gibt: 

»Was saget ihr mir von manne, vil liebin muoter min? 

ane recken minne so wil ich immer sin, 

sus scoene ich wil beliben unz an miuen tot 

daz ich von mannes minne sol gewinnen nimmer not.* 
Wir sehen die Sexualablehnung, die sich in Furcht kleidet, von einem Manne 
irgendwelchen Schaden zu erleiden. 

Jetzt erklärt sich auch der Traum: das Zerfleischen des Vogels zeigt sadi- 
stische Tendenzen und ist zugleich der Wunsch nach der höchsten Lust. Der Angst- 
affekt ist aus dem Bewusstsein, das die verbotenen Wünsche kontrolliert, leicht zu 
verstehen. 

Nach Siegfrieds Tode folgt wieder eine lange Zeit der Abstinenz, in der sich 
wieder sadistische Tendenzen aufspeichern. Diesmal haben sie auch ein Objekt: 



Varia. 417 

Hagen und Günther. Genährt werden diese Triebe noch durch die Erinnerung ihres 
Glückes mit Siegfried. Lange entzieht sie sich allen Werbungen. Endlich -willigt 
sie in die Heirat mit Etzel ein. In ihm findet sie aber durchaus nicht ihr sexuelles 
Komplement. Der Abstand von Siegfried ist zu gross. Wtihrend sie bei ihm liegt, 
berichtet das Nibelungenlied, ersinnt sie dUstere Rachepläne. Sie zieht also immer 
Vergleiche ihres jetzigen Gatten mit ihrem früheren. Oft wird im Epos betont, dass 
Etzel Heide, sie aber Christin ist — dadurch also kann kein reines Glück entstehen. 
Und am Schlüsse bricht die angeborene und durch ungenügende Sexualbefriedigung 
verstärkte sadistische Komponente sich elementar Bahn. 

Wieder hat sich die Traumforschung als die via regia zur Aufhellung des 
psychischen Erlebens erwiesen. Dr. Theodor Reik (Wien). 

Gelungene Auslegung eines Traumes. Aus dem Briefe einer analysierten 
Patientin: .Ein mir bisher völlig fremdes Mädchen, mit dorn ich damals zum zweiten 
Male gesprochen habe, erzählte jüngst einen Traum und fragte mich, ob ich nicht 
weiss, was er bedeuten könne. Sie träumte, dass ihre Mutter sie stark 
ausschalt um etwas, worauf sie sich nicht erinnert. Sie erzürnte 
sich nahm eine grosse Schere und schnitt die eigene Brustwarze 
ab; dann zeigte sie sie jubelnd ihrer Mutter. — Ich sagte ihr verwundert, 
dass ich ihr meine Deutung unter vier Augen sagen werde. Als die Gelegenheit 
kam, sagte ich ihr zaudernd, ihr Traum könne vielleicht bedeuten, dass sie kein 
Kind haben will und durum ihre Brustwarze abschneidet. Dann zeigt sie sie jubelnd, 
als ob sie sagen würde: .Umsonst würde ich ein Kind bekommen, ich könnte es 
nicht stillen." Worauf sie erblich, und meine Hände ergreifend, sagte: „Um Gottes 
Willen, Sie haben es bemerkt?!" —.Was denn?' fragte ich verwundert. Nun gestand 
sie mir ein, dnss sie wirklich in anderen Umständen sei und darum sich sehr vor 
der Mutter fürchte/ J. Härnik. 

Zur Psychologie des Künstlers. Goethe in den Wahlverwandt- 
schaften: .Man weicht der Welt nicht sicherer aus als durch die Kunst, und man 
verknüpft sich nicht sicherer mit ihr als durch die Kunst." Man erinnere sich der 
Freud 'sehen Auffassung über das Verhältnis des Künstlers zur Realität, die er 
jüngst im „Jahrbuch' formuliert hat. („Über die zwei Prinzipien des psychischen 
Geschehens.' Jahrbuch III. 1. S. 6.) J - Härnik. 

Bei C. F. Meyer findet sich folgende für den Psychoanalytiker interessante 

Stelle : 

, Still", sagt der Göttliche, „lass unentweiht, 
Judas! Wer liebt, verschwendet allezeit." 

(Gedichte, p. 150.) A - Vl W " 

Zum Thema Aussprache. „Was immer Sie getan, was immer Sie erlitten, 
ausgesprochen hätte es keine Schrecken mehr. Nur das Geheimnis ist der 
Abgrund, über der kein Ruf hinüberdringt, wäre er schmal wie eines Fingers Breite. 
Jedes wahre Wort schlägt eine Brücke zwischen Menschen, die sich einmal ver- 
standen haben — jedes wahre, und wäre es schwer von den Verbrechen, die die 
Menschen für die furchtbarsten halten : Untreue, Buhlerei und Mord." 

(A. Schnitzler: Der Ruf des Lebens, p. 51.) A. v. W. 

Ein Witz als Bestätigung der analen Sexualtheorie. Dr. Reit ler hat 
im Dezemberheft des „Zentralblattes* auf eine infantile Sexaaltheorie hingewiesen. 

29* 



418 Varia. 

welche hauptsächlich darin besteht, dass Kinder manchmal den Koitus mit dem Aus- 
tausch der Darmgase der Eltern in Zusammenhang bringen. Diese Hypothese wurde 
durch die Erfahrung vieler Psychoanalytiker bestätigt. 

Die folgende witzige Definition der Ehe, welche Maupassant gegeben hat, 
hat sicherlich diese wichtige infantile Wurzel: ,Le mariage est un changoment des 
mauvaises humeurs pendant le jour et des mauvaises odeurs pendant la nuit.* 

Dr. Theodor Reik. 

Ein katatonisches Periodikum. In Barcelona erscheint eine neue, 
wissenschaftliche Revue, die den Titel „Archivs de l'Inatitut de Ciences" 
führt. Die sehr vornehm gehaltene, wunderbar ausgestattete Zeitschrift bringt in 
ihrem ersten Bande eine deutsche Arbeit von HansDriesch „Die Rationalisierung 
des Kausalbegriffes als Abwehr dogmatischer Naturtheorien." Ferner Arbeiten in 
k ata Ionischem Idiome von Ramon Turro, G. Peano, E. Teno das, Eugeni 
d'Ors. Die reichhaltige Zeitschriftenschau enthält eine sehr schmeichelhafte Wür- 
digung des ersten Jahrgangs des „Zeu tralblattes für Psychoanalyse" und 
betont die Bedeutung der Freud 'sehen Lehren für das moderne Geistesleben. 

Die Uhr als Genitalsymbol. 

Die Beiträge zur Uhrensymbolik in Heft 5 dieses Blattes werden ergänzt durch 
eine Keimzote, deren Text ich dem interessanten Werke von St oll: Das Geschlechts- 
leben in der Völkerpsychologie (Leipzig 1908, S. 775 entnehme: 

„Einst reist ich als Uhrmaclior von Hause zu Haus — Und putzte den Mädchen 
die Uhren fein aus; — Und steht eine Uhr auch tausend Wochen lang: — Und ich 
bring' sie in Tick-Tack und ich bring' sie in Gang. — Einst kam ein blutjunges 
Mädchen des Weges daher, — Die meinte, ihr Ührchen, das ginge gar nicht mehr. — 
Da setzt' ich meine Feder in ihres Gehiius': — Und auf einmal macht's Tick-Tack 
und die Uhr war im Gang. — Drauf ging ich im Klostor von Zelle zu Zell' — 
Und holt jede Nonne nicht ihr Ührchen mir schnell, — So schreit die Äbtissin: macht 
nicht so lang, — Denn man hört nichts als Tick-Tack im Klostergang. — Da meint 
sogar eine, ihre Uhr sei verrost', — Und ich soll sie ausputzen und wenn's noch so 
viel kost', — Doch als ich mein Feilen und Rasseln anfang': — Und da macht's 
halt gleich Tick-Tack und die Uhr war im Gang. — Zuletzt kam die Jungfer Köchin 
mit ihrer Schwarzwälder Uhr, — Und sagte, sie soll schlagen von zehn bis zwölf Uhr; — 
Da setzt ich mein Perpendikel mit zwei G' wichtste inen an: — Und auf 
einmal macht's Tick-Tack und die Uhr war im Gang." — (Rank). 

Die Uhr als Symbol des Lebens. 

Im Anschluss an die Ausführungen von Stekel über das obige Thema ') wäre 
vielleicht der folgende Fall von Interesse. 

Symbolhandlung mit der Uht : Herr K. hat folgende Gewohnheit: wenn 
er sich über eine Zahl orientieren will (Betrag einer Rechnung» 
Zimmertemperatur etc.), pflegt er seine Uhr zu ziehen und sie einige 
Augenblicke anzustarren, bevor er des Zwecklosen seine r Handlung 
gewahr wird. 

Der Beweis dafür, dass die Uhr hier wirklich als Lebenssymbol aufzufassen 
ist, dass also eine starke Besetzung des Todeskoinplexes die Veranlassung der 
Symbolhandlung bildet, wurde durch einen Traum des Herrn K. erbracht. 

Nach Streichung der für unseren Zweck belanglosen Details lautet dieser 
Traum: „Ich soupiere in einem eleganten Restaurant und werde be- 

i) Diese Zeitschrift 11, pp. 



Varia. 419 

dient von einem älteren Kellner mit graumeliertem Haar. Dann 
will ich nach Hause gehen und wende mich an den Kellner um die 
Zeche zu ordnen. Ich frage ihn aber nicht etwa: „Was habe ich zu 
bezahlen?*, sondern: »Wie spät ist es?' Er missversteht m ich aber 
und antwortet unpassend. Ich wiederhole meine Frage lauter, er 
gibt mir wieder eine unpassende Antwort. Dies ärgBrt mich, und 
ich versetze ihm einen Schlag ins Gesicht. Jetzt sagt er endlich: 
„Es ist jetzt um die zehnte Stunde.* Ich sehe selbst nach der Uhr 
und stelle fest, dass es 9Uhr 20 Min. ist. — Von der folgenden Szene 
weiss ich nur noch, dass sie in einer Art Bureau stattfand, in 
welchem der Kellner am Schreibtisch sass. Anwesend waren Polizei- 
beamte. Ich habe den Eindruck, dass von der Polizei ein Protokoll 
über die tätliche Beleidigung des Kellners aufgenommen wurde. 

Wir haben hier eine weitgehende Analogie mit der Symbolhandlung, auch hier 
fragt Herr K. nach der Zeit, wo wir der Situation gemäss eine ganz andere Frage 
erwartet hätten. Die Analyse ergab nun, dass der Kellner mit dem graumelierten 
Haar, schwarzen Anzug und weisser Serviette der Tod ist 1 ). Diesem Gläubiger 
gegenüber haben allerdings die beiden Fragen: „Wieviel bin ich schuldig?* und 
„Wieviel von meiner Zeit ist abgelaufen?" denselben Sinn. Die Antwort ist denn 
auch 9 Uhr 20 Min.: der Träumer steht im 29. Lebensjahr. Die letzte Szeno 
reproduziert im Wesentlichen die Szene der Protokollaufnahme nach dem plötzlichen 
Tode der Mütter des Herrn K., welcher durch Herzschlag erfolgt ist. (Vgl. den 
Schlag ins Gesicht im Traume). — Infolge seiner Neurose war K. eine Zeitlang un- 
fähig, seinem Beruf nachzukommen, und litt schwer unter dem Bowusstsein, seine Ziit 
nicht richtig verwenden zu können. Im Traume fürchtet er, der Tod könnte ihn 
ebenso plötzlich abberufen wie seine Mutter. Zugleich lnssen sich in seinen Träumen 
Todeswünsche gegenüber einer Person seiner Umgebung nachweisen, so dass die letzte 
Szene auch im Dienste einer Wunscberfüllung steht. Die Triebkraft für die ein- 
gangs beschriebene Symbolhandlung dürfte wohl aus diesen beiden Quellen stammen. 

Dr. P. Epstein (Berlin). 

Literatur. 

Dr. Heinrich Kürber: Neues von Träumen. (Salon-Feuilleton. 13. II. 1912) 
— Dr. Magnus Hirschfeld: Kastratenstudien. Untersuchungen über den sexuellen 
Chemismus. (Sexualprobleme. Äbruar 1912). -- Dr. P. Häberlin: Sexualgespen- 
ster. (Ibidem.) — Grete Meisel-Hess: Sozialbiologische Fragen. (Ibidem.) — 
.Teno Kollarits: „Charakter und Nervosität". Vorlesungen über Wesen des Cha- 
rakters und der Nervosität und über die Verhütung der Nervosität. (Julius Springer. 
Berlin 1912.) — Adolf Läpp: Die philosophischen Probleme der Sprache. (März. 
10. Februar 1912). — Herald Hüpfding: Der menschliche Gedanke, seine Formen 
und seine Aufgaben. (Leipzig. 0. R. Reisland.) — A. Ledere: La rae taute 
hysterique. Journ. de psychologie norm, et pathol. Novemb./Decemb. 1911.) — 
Harald Fröderström : Freud'B psykoanalys. Li tteratur öfversikt. Allm. 
Svenska Läkartidn. 1910. s. 901—914. — H. Campbell (London): Das krank- 
hafte Erröten. Practitioner. Bd. 87. H. 4. — Dr. Hans Haenel: Trauma- 
tische Hysterie. Fortschritte der Medizin. 30. Jahrgang. Nr. 3. — Brill: 
Psychological Mechauisms of Paranoia. (New-York. Medical Journal. 
15. Decembre 1911.) — Brill: Freud's Theory of Compulsion Neurosis. 
(American Medicine. — Decembre 1911.) — Dr. F. M. Horand: Geschlechtstrieb und 

«) Vgl. Stekel: „Die Sprache des Traumes", Kap. XXXIII, (Todessymbolik). 






420 Literatur. 

Fortpflanzung. (Verlag Dr. Ferd. Müntner, HalJe a. S.) (B.) — F. M. Horand: 
Strobart, Stadthauptmann von Halle. (Verlag F. Müntner, Halle a. S.) — Dr. Leo- 
pold Arzt: „Zur Kenntnis de9 fraglichen Geschlechtes*. (Homines neutrius genesia.) 
Wiener klin. Wochenschr. 8. IL 1912. Nr. 6. — Dr. Johann Stärke (Amsterdam): 
De psychologie van het onbewuste. Ken nieuwo wetenschap. (Die 
Psychologie des Unbewussten. Eine neue Wissenschaft.) Feuilleton ans ,De Tele- 
graaf". 11. Jauuar 1912. — Stekel : Die Psychoanalyse. (Frankfurter Nach- 
richten. 9. II. 1912.) — Ludwig Fulda: Die Psychoanalyse. Eine Erwiderung 
auf den vorhergehenden Artikel. (Frankfurter Nachrichten. 13. II 1912.) — Stekel: 
Über den Neid. (Neues Wien. Tagbl. 30. I. 1912.) — H. Vogt: Die Psycho- 
analyse. (EnzyklopadiEche Juhrbücher. 9. Jahrg. Ergänzungsband zu Eulenburgs 
Realenzyklopädie der gesamten Heilkunde. 1912.) — Rollleder: Die Masturbation. 
Berlin. H. Kornfeld. 1912. — v. E. Rittershaus: Die .Spuren interessebe- 
tonter Erlebnisse* und die „Komploxf orscliung". (Zeitschrift für die 
gesamte Neurologie und Psychiatrie. VIII. Bd. 3. H.) - J. S. van Teslaar: Recent 
Literatur« of Psychoanalysis in „The American Journal of Psycho- 
loga.* Vol. XXIII. No. 1. — Otto Rank und Dr. Hanns Sachs: Entwicklung 
und Ansprüche der Psychoanalyse. (Imago. 1. Heft) — Prof. S. Freud: 
Über einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und 
der Neurotiker. 1. Inzestscheu. (Ibidem.) — Pfarrer Dr. O. Pftster: An- 
wendungen der Psychoanalyse in der Pädagogik und Soelsorgo. 
(Ibidem.) — Dr. Eduard Hitschmann: Zum' Werden des Romandichters. 
(Ibidem.) — Dr. Alfred Robitsek: Symbolisches Denken in der chemi- 
schen Forschung. (Ibidem.) — Otto Rank: Der Sinn der Gri seldafabel. 
(Ibidem.) — Otto Rank: Übersicht der bisherigen Leistungen der auf 
die Geisteswissenschaften angewandten Psychoanalyse. (Ibidem.) — 
Taylor: l Pos8ibilities of n Modifiod Psychoanalysis. (The Journ. of 
Abnorm. Psych." Febr.-März 1912.) — Oberndorf: „A Case of Hallucinosis Induced 
by Repression." (Ibidem.) — Dr. Ph. Stein: »Die psychologische Behand- 
lung der Trinker. (Journ. f. Psych, u. Neur. Bd. 19. H. 1. 1912.) — Theodor 
Lipps : Psychologische Untersuchungen. (Zur Psychologie und Philosophie. — Worte 

— Das „Cogito ergo sum.* — Gefühlsqualitäten. (Leipzig. Wilhelm Engelmann 
1912.) — Magnus Hirschfeld: Der gegenwärtige Stand der Sexualwissenschaft 
(Wissenschaftliche Rundschau. Heft 9. 1911/12.) — Guido Villa: Süll* osservazione 
interiore. (Psiche. Nr. 1. 1912.) — Francesco de Sarlo: L'opera di Alfred Binet. 
(Ibidem.) — Antonio Renda: Gli errori della paicologia. (Ibidem.) — Gerardus 
Heymans: L'era futura della psicologia. (Ibidem.) — Gabriele Reuter: Das Pro- 
blem der Ehe. (Berlin. C. A. Schwetscke & Sohn. 1912.) — Gutzmann: Sprach- 
heilkunde. (H. Kornfeld. Berlin. 1912.) — Pcritz : Die Nervenkrankheiten des 
Kindes. (Ibidem.) — Saenger: Über die psychische Komponente unter den Asthma- 
ursachen. (Berl. klin. Wochenschr. 19. II. 1912.) — Juliusburger: Psychiatrische 
Tagesfragen. (Allg. Zeitschr. f. Psych. 69. Bd. 1. Heft.) — Toulouse et Mignard: 
L'Autoconduction (observations). (Revue de Psych, et de Psych, exper. 1912. Nr. 1.) 

— Dr. .Max Lüwy (Marienbad): Über eine Unruheerscheinung: Die Halluzination 
des Anrufes mit dem eigenen Namen (ohne und mit Beobachtnngswahn). Jahrb. 
f. Psych, u. Neur. XXXIII. Bd. 1. H. 1912.) — C. G. Jung: Neue Bahnen der 
Psychologie. (Zürich. Rascher et Comp.). 

Aus der ungarischen Literatur: 
Von Dr. S. Ferenczi (Budapest) sind kürzlich erschienen: Der zweite Band 
seiner psychoanalytischen Aufsätze unter dem Titel: „Lelki Problemäk* und die 
ungarische Übersetzung der Freud' sehen Vorlesungen in Amerika „Pszicho- 
analizi s". 



V.