(navigation image)
Home American Libraries | Canadian Libraries | Universal Library | Community Texts | Project Gutenberg | Children's Library | Biodiversity Heritage Library | Additional Collections
Search: Advanced Search
Anonymous User (login or join us)
Upload
See other formats

Full text of "Zentralblatt für Psychoanalyse. Medizinische Monatsschrift für Seelenkunde. II. Jahrgang 1912 Heft 8"

Originalarbeiten. 



i. 
Über ein kompliziertes Zeremoniell neurotischer Frauen. 

Von Dr. Karl Abraham (Berlin). 

Vor mehreren Jahren hat Freud in einem kleinen Aufsatz *) die 
Beziehungen zwischen Zwangsneurose und Religionsübung 
behandelt. Die tägliche Beobachtung lehrt uns, dass sehr viele Neurotiker 
— und nicht nur Zwangsneurotiker — privatim einen Kultus betreiben, 
dessen Formen durchaus an die religiösen Riten und Zeremonien erinnern. 
Ein Teil dieser Gepflogenheiten wiederholt sich im Leben des Neurotikers 
täglich mit der gleichen Regelmässigkeit, mit welcher sich etwa die 
Gebetsübungen einer Religionsgemeinschaft an jedem Morgen und Abend 
unter Einhaltung bestimmter Formen abspielen. 

Obgleich der Spielraum für eine individuelle Gestaltung derartiger 
privater Kulte sehr weit ist, so treffen wir bei Personen, die aus gänzlich 
verschiedenen Kreisen stammen und in ihren Lebensverhältnissen, ihren 
Schicksalen, ihren geistigen Anlagen, ihren Anschauungen bedeutend diffe- 
rieren, dennoch oft übereinstimmende oder doch sehr ähnliche neurotische 
Zeremonien. Das gilt insbesondere für die einfachsten Formen. So ist 
z. B. der Zwang, beim Gehen auf der Strasse die Trottoirplatten in einer 
bestimmten Weise zu betreten, überaus verbreitet; ich gehe auf die Be- 
deutung dieses Zwanges nicht ein, weil von anderer Seite eine Unter- 
suchung darüber geplant ist. Ähnlich häufig ist der Zwang, beim Gehen 
oder beim Treppensteigen die Schritte zu zählen und das Ziel mit einer 
Schrittzahl zu erreichen, die durch zwei teilbar sein muss. Hier handelt 
es sich um eine Massregel der ausgleichenden Gerechtigkeit, um die 
Überkompensierung gewisser unerlaubter Triebregungen, auf die hier jedoch 
ebenfalls nur hingedeutet weiden soll. 

Weit auffälliger ist es, wenn wir bei einer neurotischen Frau ein 
recht kompliziertes Zeremoniell antreffen, und bald danach fast das 
nämliche bei einer zweiten, anders gearteten und sicherlich mit der ersten 
nicht bekannten Patientin wiederfinden. Über ein derartiges, bisher nicht 
beschriebenes Zeremoniell will ich hier berichten, indem ich aus der 
Psychoanalyse des ersten Falles das zum Verständnis Erforderliche mit- 

i) Vgl. .Kleine Schriften zur Neurosenlehre." Bd. n. 

Zeiitrnllilatt fOr Payelioaimlyar. II«. 30 

INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




422 Dr. Karl Abraham, 

teile; des zweiten werde ich nur insoweit Erwähnung tun, als charak- 
teristische Abweichungen vom ersten in Betracht kommen. 

Aus einem bestimmten, später zu erwähnenden Anlass im Verlauf 
der Psychoanalyse machte mir die Patientin, welche wir Frau Z. nennen 
wollen, spontan folgende Mitteilung: Wenn sie abends schlafen gehe, 
so mache sie sich peinlich ordentlich und in einer genau geregelten Weise 
zurecht. Besonders sorge sie für die Korrektheit ihrer Frisur. In das 
gelöste Haar binde sie eine weisse Schleife. Dieser ersten, unvollständigen 
Schilderung ihres Zeremoniells fügte sie als Begründung hinzu: Es könne 
doch sein, dass sie in der Nacht plötzlich stürbe; man solle sie dann nicht 
in einem unordentlichen oder unästhetischen Zustande auffinden. 

In der folgenden Sitzung ergänzte sie die Schilderung wie folgt: 
Die Frisur, welche sie sich abends mache, sei die, welche sie als ganz 
junges Mädchen getragen habe. Nach Überwindung deutlicher Wider- 
stände fuhr sie fort: Wenn sie sich niederlege, sorge sie dafür, dass ihr 
Bett in möglichster Ordnung bleibe. In der Nacht wache sie oftmals auf; 
sie ziehe dann ihr Hemd und die Bettwäsche, die etwa in Unordnung 
geraten seien, zurecht. Sie könne dann wieder einschlafen, erwache aber 
immer nach einiger Zeit von neuem, um die nämliche Korrektur vor- 
zunehmen. Irgend einen Teil dieser Übung zu unterlassen, sei ihr hisher 
nicht möglich gewesen. 

Die Motive dieses sonderbaren Verhaltens liegen zum grössten Teil 
im Unbewussten und lassen sich daher nicht ohne weiteres erraten. 
Zunächst vermögen wir nur einiges aus der symbolischen Ausdrucksweise 
in unsere Sprache zu übersetzen: Frau Z. erwartet in jeder Nacht den 
Tod. Sie versetzt sich dabei in ein sehr jugendliches Alter zurück. Sie 
schmückt ihr Haar mit einer Schleife, deren weisse Farbe zugleich auf 
die bräutliche Unschuld und auf den Tod anspielt. Sie trägt Sorge, dass 
wenn sie gestorben, an ihr und ihrem Lager kein Zeichen der Unordnung 
gefunden werde, an ihrer bräutlichen Ilnberührtheit also kein Zweifel 
entstehen könne. 

Weitere Aufklärung über den Sinn des Zeremoniells empfangen wir 
aus dem Zusammenhang, in welchem die Patientin zum ersten Male 
die geschilderte Gepflogenheit erwähnte. Nachdem sie schon früher über 
eine sehr ausgesprochene Schlangen-Phobie berichtet hatte, teilte sie 
eines Tages einen Traum mit, in welchem sie ein kleines Mädchen mit 
einer Schlange hatte spielen sehen. Aus bestimmten Eigentümlichkeiten 
des Mädchens schloss sie nach dem Erwachen, dass sie selbst das Mäd- 
chen sei. das mit der Schlange spiele. Bald darauf folgte die Angabe, 
sie sei in letzter Zeit fast allnächtlich aus dem Schlaf aufgeschreckt und 
habe dann schreckliche Angst gehabt, dass in ihrem Bett eine dicke 
Schlange sei. Während der anschliessenden Analyse dieser Angst sprach 
sie immer von der „grossen Schlange". 

Die zu dem obigen Traum produzierten Einfälle führten zunächst 
auf den verstorbenen älteren Bruder der Patientin, den sie ausserordent- 
lich geliebt hatte. Sie berichtete, wie sie als Kinder — und zwar nicht 
nur in den frühen Kindheitsjahren — einander täglich nackt gesehen 
hätten, so beim Aus- und Ankleiden und beim Baden; wie sie im gleichen 
Zimmer schliefen und einander oft im Bett besuchten. Weitere Assozia- 
tionen führten auf den späteren Ekel der Patientin vor dem männlichen: 
Körper. 



Ober ein kompliziertes Zeremoniell neurotischer Frauen. 423 

Sie erzählte weiter vom Bruder, wie er phantastisch gewesen sei 
und ganz in seinen Indianergeschichten lebte, wie er sich abends beim 
Schlafengehen auf seinen von ihm selbst verfertigten Schild legte, wie 
er sich den Namen eines bestimmten jungen Indianers beilegte. Hier trat 
eine Sperrung ein: der Name des „letzten Mohikaners" („Unkas") wollte 
ihr nicht einfallen. Diese Erinnerungsstörung konnte nur die Funktion 
haben, ein weiteres Vordringen auf dem eingeschlagenen Wege zu ver- 
hindern. Es war aber in diesem Falle nicht schwer, den assoziativen Zu- 
sammenhang herzustellen, gegen dessen Herstellung der Widerstand ge- 
richtet war. In C o o p e r's Indianergeschichte trägt Unkas' Vater den 
Namen „Chin-gach-gook", zu deutsch: „die grosse Schlange". 

Der Traum, in welchem die Patientin als kleines Mädchen mit einer 
Schlange spielt, setzt der Deutung nun keine Schwierigkeiten mehr ent- 
gegen. Sie spielt mit dem Genitale des Bruders, das noch klein, infantil 
ist. Eine Frage, welche Knaben und Mädchen in gleicher Weise zu inter- 
essieren pflegt, ist diejenige, ob wohl beim erwachsenen Manne (gemeint 
ist zunächst der Vater I) der Penis sehr viel grösser als beim Kinde sei. 
Es besteht die Neigung, sich von seinen Dimensionen eine übertriebene 
Vorstellung zu machen. Auf diese Tendenz hat früher schon S t e k e I 
in seiner Monographie über die nervösen Angstzustände hingewiesen. In 
F r e u d's „Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben" spielt die 
Vorstellung des Kindes von der riesigen Grösse des Penis beim Manne 
eine bedeutende Bolle. 

Die „grosse" oder „dicke" Schlange wird nun — im Gegensatz 
zu dem noch i nfantilen Penis des Bruders — als Penis des erwachsenen 
Mannes verständlich. Hat die Patientin Angst, es sei „die grosse Schlange" 
in ihrem Bett, so erblicken wir darin zunächst die typische Angst neuro- 
tischer Frauen vor dem männlichen Genitale. Die als ständiger Terminus 
wiederkehrende Bezeichnung „die grosse Schlange" aber weist uns mit 
Bestimmtheit auf die Person des Vaters. 

Nach dieser Bichtung hatte die Analyse schon vorher genug Material 
ergeben, das nunmehr noch ergänzt wurde. Die Patientin war seit früher 
Kindheit, besonders aber seit dem zeitigen Tode der Mutter, an den 
Vater innig fixiert. Ihre verdrängten Scxualphantasien hatten ihn zum 
hauptsächlichsten Objekt. In ihren Augen war der Vater der einzige wirk- 
liche Mann. Ein anderer, davon war sie überzeugt, könne ihr niemals 
genügen. Sie hatte sein Verhalten zu anderen Menschen mit grosser Eifer- 
sucht beobachtet. Lebhafte Affekte traten auf, als sie berichtete, wie sie 
nach dem Tode der Mutter kurze Zeit neben dem Vater geschlafen habe, oder 
wie er später gelegentlich durch ihr Schlafzimmer ging. Der Vater starb, 
als sie im Pubertätsalter stand. Ihre Frisur aus dieser Zeit 
ist es, welche sie jeden Abend mit so peinlicher Sorg- 
falt herstellt. Wir verstehen nun ihr Zeremoniell bereits zu einem 
grossen Teil : Sie versetzt sich in eine Zeit zurück, da der Vater noch lebte. 
Er ist es, den sie allnächtlich erwartet. Wenn sie aus dem Schlaf erwacht 
und die „grosse Schlange" in ihrem Bette wähnt, so erlebt sie darin die 
Erfüllung ihres auf den Vater gerichteten Inzestwunsches, die freilich 
nur unter lebhafter Angst vor sich gehen kann. — In anderem Zusammen- 
hang kommt übrigens der verdrängte Wunsch, vom Vater ein Kind zu 
haben, deutlich zutage. 

80* 



424 Dr. Karl Abraham, 

Die Patientin ist tatsächlich verheiratet. Ihr Unbewusstes lehnt 
jedoch die Ehe mit einem anderen Manne als dem Vater ab; alle nur er- 
denklichen Zeichen der Sexualablehnung lassen dies deutlich erkennen. 
Ihre Phantasie entführt sie so weit aus der Wirklichkeit, dass sie sich 
allabendlich als junges Mädchen und als Braut zu schmücken vermag. 
Dem toten Vater, den sie erwartet, liefert sie damit den Deweis ihrer 
Treue; in ihrem Unbewussten hängt sie ihm allein an. 

Bewusst freilich erwartet sie nicht den Vater, sondern den Tod. 
Die Analyse ergibt aber, dass beide Vorstellungen identisch sind. Im 
Phantasielebcn, besonders in den Träumen der Patientin spielen Über- 
fälle und Gewalttaten eine grosse Rolle. Sie stellt sich in diesen Phan- 
tasien masochistisch ein; sie erwartet vom sexuellen Angriff des Mannes 
— des Vaters! — den Tod. Sie erlebt in der Phantasie das Schicksal 
der Asra, „welche sterben, wenn sie lieben". So werden Brauthemd und 
Totenhemd, Brautbett und Totenbett, für die Patientin zu identischen 
Vorstellungen, die in den Gebilden ihrer unbewussten Phantasie einander 
vertreten können. 

Zu bemerken ist, dass an der Bildung des uns beschäftigenden 
Zeremoniells neben den verdrängten Inzestwünschen auch die verdrängende 
Instanz beteiligt ist. Während die Patientin unbewusst beständig den 
sexuellen Angriff erwartet, muss sie immer, wieder Uett und Nacht- 
gewand in Ordnung bringen, damit deutlich zu erkennen sei, dass ihrem 
Tode keine Sexualhandlung voraufgegangen sei. 

Das Symbol der Schlange, das zwar nicht im Zeremoniell selbst, 
wohl aber in dem zugehörigen Vorstellungsmaterial einen so wichtigen 
Platz einnimmt, ist vielfach determiniert. Es ist nicht lediglich symbolischer 
Ersatz des männlichen Genitale. Die Schlange vermag durch ihren giftigen 
Liss zu töten. Das Symbol kann daher gleichzeitig einer Koitus-Phantasie 
und einer Todes-Phantasie Ausdruck verleihen. Zu beachten ist in dieser 
Beziehung auch, dass die Schlange ihr Opfer umschlingt und erdrückt; 
der Tod durch die Schlange ist ein Tod in der Umschlingung! In der 
unbewussten Phantasie liegen ferner die Vorstellungen ..Schlange" und 
„Wurm" nahe beieinander. Der Wurm erscheint ebenfalls als männliches 
Sexualsymbol *) und als Todessymbol. In unserem Falk spielt eine Kind- 
heitserinnerung in diese Angst hinein. Die Patientin hatte als neunjähriges 
Mädchen einmal gemeinsam mit einem Knaben einen Stein auf dem Kirch- 
hof zu bewegen versucht und hatte sich aufs heftigste entsetzt, als sie 
unter dem Stein eine Menge von Würmern erblickte. Der Gedanke an diese 
Szene erregt ihr noch jetzt die höchste Angst. 

Die Angst vor der Schlange hat jedoch noch einen besonders 
wichtigen Grund. Die Schlange ist für sie das den verstorbenen Vater 
vertretende Totem-Tier. Die kindliche Angst vor dem Vater 
ist auf dieses Symbol übertragen. Dabei scheint noch eine bestimmle 
Kindheitserinncrung in Betracht zu kommen. Mit etwa 9 Jahren hatte 
die Patientin einmal grosse Angst vor den Augen ihres Vaters; aus vielen 
Tatsachen der Völkerpsychologie aber wissen wir, dass der Blick der 
Schlange besonders gefürchtet wird. Die Identifizierung von Vater und 
Schlange erfährt dadurch noch eine weitere Überdeterminierung. 



i) Bei Neurotikern pflegt neben der Schlangen- auch eine Wflrmerphobie zu 
bestehen. 






Ober ein kompliziertes Zeremoniell neurotischer Frauen. 425 

Aus den Angaben der zweiten Patientin geht hervor, dass auch sie 
während längerer Jahre allabendlich ein strenges Zeremoniell befolgte. 
:Sie brachte nach dem Entkleiden ihre abgelegten Kleidungsstücke in eine 
penible Ordnung. Sie legte sich in Rückenlage nieder, strich Bett- und 
Leibwäsche in übertrieben sorgsamer Weise zurecht, kreuzte dann die 
Arme über der Brust und zwang sich, möglichst unbeweglich zu liegen, 
damit die Ordnung ihres Lagers nicht gestört wurde. Sie begründete — 
ganz wie die erste Patientin — ihr Tun damit, dass sie in der Nacht 
sterben könne; man solle dann nichts unordentlich oder unästhetisch bei 
ihr finden. Das Kreuzen der Arme habe sie vorgenommen, weil man Toten 
die Arme so zu legen pflege. Auch die Frisur wurde in ganz bestimmter 
Weise hergerichtet. Diese letztere Prozedur begründete die Patientin 
aber ganz bewusst damit, dass sie sich überzeugen wollte, in welcher 
Haartracht sie einem Manne wohl am besten gefallen würde, wenn sie 
sich später verheirate. Diese Erklärung ist befriedigend, insofern als sie 
den erotischen Untergrund des Zeremoniells zugesteht. Sie vorlegt aber 
die erotische Erwartung in eine unbestimmte Zukunft, während die Er- 
wartung des Todes in die allernächsten Stunden verlegt wurde. . Der Ver- 
schiebungsvorgang liegt hier ganz offen zutage. Leider war es nicht mög- 
lich, in diesem Falle eine eingehende Psychoanalyse vorzunehmen. Über 
die Beziehungen des Zeremoniells zum Vaterkomplex vermag ich daher 
nichts Bestimmtes zu sagen; doch scheinen ganz ähnliche Verhältnisse 
wie im ersten Falle vorzuliegen. 

Vermutlich werden sich komplizierte Handlungen von ganz ähn- 
lichem Charakter wie die hier beschriebenen bei Neurotischen öfter finden, 
nachdem einmal die Aufmerksamkeit darauf gelenkt ist. Besonders hege 
ich diese Erwartung in bezug auf diejenigen Personen, welche dem Zwange 
unterliegen, vor dem Schlafengehen ihre Kleidungsstücke in einer ganz 
bestimmten Weise anzuordnen, die nicht überschritten werden darf. 

Der oben analysierten Form des Zeremoniells möchte ich den Namen 
„Todesbraut-Zeremoniell" beilegen. 



IL 

Völkerpsycliologisclie Parallelen zu den infantilen 

Sexualtheorien. 

Von Otto Rank (Wien). 

(Schluss.) 
Eine besondere Bevorzugung geniesst in den infantilen Geburts- 
theorien der Nabel, dessen Bedeutung dem Kinde natürlich lange un- 
bekannt bleibt und den es recht bald mit der ihm ebenfalls unbekannten 
Herkunft der Kinder in Zusammenhang bringt, ohne jedoch etwas von 
dem richtigen Kern dieser Auffassung zu ahnen. Vielmehr glaubt das 
Kind, sobald es weiss, dass die Kleinen von der Mutter zur Welt ge- 
bracht werden, dass dies durch Öffnung des Nabels geschehe. Das Gegen- 
stück dazu, die Befruchtung durch den Nabel, findet man bei den Natur- 
völkern, bei denen nach Reitzenstein das mangelnde Verständnis 



Otto Hank, 



für den Kausalzusammenhang von Geschlechts verkenr und Empfängnis 
zu einer Reihe abenteuerlicher Theorien über die Herkunft der Kinder 
führt, wie sie Freud bei unseren unter dem gleichen Unverständnis 
stehenden Kindern aufzeigen konnte. Zentralasiatische Stämme denken 
sich die Befruchtung des Weibes durch Pflanzengeister (vgl. unsere 
pflanzliche Symbolik der Geschlechtsvorgänge: Samen, Frucht, befruchten 
etc.), die in Gestalt eines Sandkornes durch den Nabel in die Mutter 
eingehen. In dem Gebiete des Arandastammes glaubt man, dass in ge- 
wissen Steinen Kindergeister stecken, die sowohl durch Zauber als 
durch eigene Machtmittel in den Körper des Weibes eingehen, und zwar 
meist durch den Nabel (Reitzenstein S. 648). Den Austritt 
der reifen Frucht durch den Nabel denkt sich das Kind meist so, 
dass sich an dieser Stelle der Leib („Rauch") der Mutter weit öffne oder 
aufgeschnitten werde (sadistische Auffassung), um dem Neugeborenen 
Raum zu schaffen, von dessen Kleinheit sich das Kind selten eine richtige 
Vorstellung macht. Die Wiederherstellung des früheren Zustandes denkt 
sich das Kind fast regelmässig als ein Vernähen dieser grossen Wunde. 
Auch die.se Vorstellung vom Öffnen oder Aufschneiden des Rauches bei 
der Geburt, an welcher das Kind sehr lange und besonders für die Tiere 
oft bis ins erwachsene Leben festhält, findet sich in den Überlieferungen 
des Volkes. Das bekannteste Beispiel ist wohl das Märchen vom „Rot- 
käppchen" (Grimm' sehe Sammlung Nr. 26), das beim Besuche seiner 
Grossmutter von dem im Bett (Schwangerschaft) liegenden Wolf emp- 
fangen wird, der bereits die Alte gefressen hat und nun auch das über 
die Geburtsvorgänge scheinbar noch nicht aufgeklärte Kind verschlingt. 
Da kommt der Jäger vorbei und freut sich des seltenen Fanges. „Nun 
wollte er seine Büchse anlegen, da fiel ihm ein, der Wolf könnte die 
Grossmutter gefressen haben, und sie wäre noch zu retten: schoss nicht, 
sondern nahm eine Schere und fing an, dem schlafenden Wolf den Bauch 
aufzuschneiden. Wie er ein paar Schnitte getan hatte, da sah er das rote 
Käppchen leuchten, und noch ein paar Schnitte, da sprang das Mädchen 
heraus und rief: ,Ach, wie war ich erschrocken, wie war's so dunkel in 
dem Wolf seinem Leib!' Und dann kam die alte Grossmutter auch noch 
lebendig heraus und konnte kaum atmen. Rotkäppchen aber holte 
geschwind grosse Steine, damit füllten sie dem Wolf den Leib, und 
wie er aufwachte, wollte er fortspringen, aber die Steine waren so 
schwer, dass er gleich niedersank und sich tot fiel." Dass hier das böse 
Tier erst später an die Stelle der menschlichen Schwangeren gesetzt ist, 
deutet das Märchen noch naiv in dem Zug an, dass sich der Wolf eben 
an die Stelle der Grossmutter ins Bett legt und sogar noch ihre Kleider 
anzieht, in denen er dann auch der Operation unterworfen wird. Dass 
das Kind für das Tier, das ja oft grössere Junge zur Welt bringt, länger 
an der Aufschneidetheorie festhält, habe ich schon erwähnt. Die ursprüng- 
liche Beziehung auf den Menschen wird noch deutlicher in einem 
allerdings ganz in die Tierwelt herabgesunkenen Märchen, wo aber doch 
die Tiere, wie auch im Rotkäppchen, sprechen, was wieder auf ihre mensch- 
lichen Qualitäten hinweist. Dieses Märchen „Vom Wolf und den 
sieben jungen Geisslein" (Grimm Nr. 5) enthält nämlich noch 
das beim Rotkäppchen ausgefallene Motiv des Zunähcns, welch humane 
Fürsorge natürlich nur bei einem Menschen, um dessen Leben einem zu 
tun ist, einen Sinn hat, nicht aber bei dem bösen Raubtier, das ohnehin 



Vülkerpsychologische Parallelen xu den infantilen Sexualtheorien. 427 

nach Herausgabe der Verschlungenen dem Tode überantwortet werden soll. 
In diesem Märchen warnt die alte Geiss ihre „unerfahrenen" Jungen vor 
dem bösen Wolf, dessen Listen sie aber doch zum Opfer fallen und der 
sie alle verschlingt, bis auf das jüngste, das sich im Uhrkasten 
verborgen hatte und der heimkehrenden Mutter verrät, wo seine Ge- 
schwister geblieben seien. Sie findet den Wolf schlafend unter einem 
Baume. „Sie betrachtete ihn von allen Seiten, und sah, dass in seinem 
angefüllten Bauch sich etwas regte und zappelte. ,Ach Gott', dachte sie, 
.sollten meine armen Kinder, die er zum Abendbrot hinuntergewürgt hat, 
noch am Leben sein?' Da musste das Geisslein nach Hause laufen und 
Schere, Nadel und Zwirn holen. Dann schnitt sie dem Ungetüm den 
Wanst auf, und kaum hatte sie einen Schnitt getan, so streckte schon 
ein Geisslein den Kopf heraus, und als sie weiter schnitt, so sprangen 
nacheinander alle sechse heraus, und waren noch alle am Leben, und 
hatten nicht einmal Schaden gelitten, denn das Ungetüm hatte sie in der 

Gier ganz hinuntergeschluckt Die Alte aber sagte: .Jetzt geht 

und sucht Wackersteine, damit wollen wir dem gottlosen Tiere den Bauch 
füllen, so lange es noch im Schlafe liegt.' Da schleppten die sieben Geisser- 
chen in aller Eile die Steine herbei und steckten sie ihm in den Bauch, 
so viel sie hineinbringen konnten. Dann nähte ihn die Alte in aller 
Geschwindigkeit wieder zu, dass er nichts merkte und sich nicht ein- 
mal regte." Der nach dieser Operation völlig lebensfähige und gesunde 
Wolf wird dann beim Saufen am Brunnen von den schweren Steinen 
in seinem Bauch in die Tiefe gezogen. — Ganz deutlich spricht endlich 
die ursprüngliche Beziehung auf den Menschen eine Version aus Pommern 
aus (Grimm's Anmerkungen zu Nr. 5), wo das Märchen von einem 
Kinde erzählt wird, „das, als seine Mutter fortgegangen ist, von dem 
Kindergespenst, ähnlich dem Knecht Ruprecht, verschlungen wird. Aber 
die Steine, die er mitverschlingt, machen das Gespenst so schwer, dass 
es zur Erde fällt und das Kind unversehrt wieder herausspnngt". Diese 
Fassung erinnert besonders deutlich an den Mythus von Kronos, der auch 
seine Kinder verschlingt und sie dann mittels eines verschluckten Steines 
wieder von sich geben muss. Ja, von den sieben Geisserchen rettet sich 
das jüngste genau so in einem Versteck wie das jüngste von den Kindern 
des Kronos, Zeus, durch die Mutter geborgen und dem gierigen Ungeheuer 
dafür ein Stein in den Bauch befördert wird. Erinnern wir noch daran, 
dass auch in diesen Überlieferungen im Einklang mit der infantilen Ge- 
burtstheorie die Befruchtung durchs Fressen erfolgt, und dass besonders 
deutlich die Atemlosigkeit der aus dem Bauch gekommenen Grossmutter 
physiologisch getreu die Asphyxie des Neugeborenen schildert. 

Später als die infantilen Geburtstheorien beschäftigt das Kind che 
Frage der Zeugung, die es sich in verschiedener Weise zu erklären sucht. 
Eine dieser frühinfantilen Vorstellungen hat kürzlich Dr. R. Reit :1er 
/dieses Zentralblatt, II. Jahrgang, Heft 3, Dez. 1911) mitgeteilt. Das Kind 
bildete im Alter von 6 oder 7 Jahren auf ein aktuelles Erlebnis hin 
folgende Theorie: „Wenn die Eltern das Geheimnisvolle, das die Kinder 
nicht wissen dürfen, tun, so pressen sie die nackten Popos aneinander und 
blasen sich gegenseitig Luft ein" (1. c. S. 177). Ähnlich lautet oine von 
Freud (1. c. S. 171) mitgeteilte Vorstellung mancher Kinder, der Sinn 
des Heiratens bestehe darin, dass man einander den Popo zeigt (ohne 
sich zu schämen). Allerdings wäre hier der charakteristische Vorgang 



428 Otto Rsnk, 

der Lufteinblasung zu ergänzen, wie ja R e i 1 1 e r treffend bemerkt, es 
sei für das kindliche Denken ganz folgerichtig anzunehmen, „dass, wo 
die Kinder später heraus-, das Befruchtende früher ebenda hineinkommen 
müsste" (1. c. 120). Die gleiche infantile Vorstellung der befruchtenden 
und menschenzeugenden Darmgase findet sich bei den Brahmanas, nach 
deren Glauben die Menschen aus dem dem Hinterteil des Schöpfungsherrn 
Prajapati entfahrenden „unteren Hauche", die Götter aus dem oberen 
Hauch, dem Munde entstehen (Oppert, Die Gottheiten der Indier. 
Zeitschr. f. Ethnologie, 37. Jahrg., 1905, S. 296). Wir finden hier wieder 
den Mund als Zeugungsorgan und den oberen gleich wie den unteren 
Hauch zur Befruchtung befähigt. Das Einhauchen des Lebensodems durch 
den Mund, das an die infantile Kusstheorie der Mädchen erinnert, findet 
sich in zahlreichen Überlieferungen, von denen zunächst auf den Genesis- 
bericht (II, 7 ,,und er blies ihm ein den lebendigen Odem in seine Nase"), 
sowie auf die Prometheusschöpfung hingewiesen sei. So erklärt sich 
auch, „dass in vielen indogermanischen und semitischen Sprachen die 
Seelen immer als Lufthauch gedacht sind, wie dies die Wörter: Pneuma, 
spiritus, anima (von enemos, Wind), nephesch, ruach in ihrer etymo- 
logischen Bedeutung beweisen. Daher herrscht auch der Glaube, dass 
die Seelen beim Tode des Menschen den Körper verlassen, zum Himmel 
aufschweben und als Schäfchen an ihm dahinziehen" (Wünsche, Lebens- 
baum, S. 86 Anm.). Doch wird diese Belebung durch den Hauch in anderen 
Überlieferungen direkt als Schwängerung durch den Wind auf- 
gefasst, die selbst wieder nur eine euphemistische Darstellung der an- 
stössigen infantilen Auffassung zu sein scheint. So wird im finnischen 
Epos Kalewala 1 ) die Jungfrau llmator durch den Wind Mutter. Nach einer 
auf dem indischen Archipel heimischen Sage wird Lumina-ut durch den 
Wind geschwängert und vermählt sich dann mit dem auf dieso 
Weise geborenen Sohn (Bah, Geschlechtsleben, Geburt und Missgeburt, 
in der asiatischen Mythologie. Zeitschr. f. Ethnol. 1906, S. 280). Eine 
entstellte Rationalisierung der gleichen Vorstellung findet sich in der 
Geburtslegende des Zoroaster, dessen Mutter im sechsten Monat ihrer 
Schwangerschaft träumt, die bösen und die guten Geister stritten um den 
Embryo. Ein Ungeheuer riss den zukünftigen Zoroaster aus dem Leib 
der Mutter; ein Lichtgott aber bekämpft das Ungeheuer mit seinem Licht- 
horn, schliesst den Embryo wieder in den Mutterleib ein, bläst Dughda 
an und sie ward schwanger (Brodbeck, Zoroaster, Leipzig 
1893). Über die Vorstellung der Alten, dass die Geier durch den Wind 
befruchtet werden, vgl. man Freud's Studie über Leonardo da Vinci (S. 25) ; 
weitere Hinweise auf dieses Thema bringt R e i 1 1 e r (1. c). 

Neben der eingehenden Beschäftigung mit der Herkunft und der 
Entstehung der Menschen spielt das Problem des Geschlechtsunterschiedes, 
wie Freud (1. c. S. 161 ff.) ausführt, im kindlichen Vorstellungsleben 
zunächst fast gar keine Rolle, wie ja die von den erogenen Zonen aus- 
gehenden infantilen Geburtstheorien durchaus nicht an den weiblichen 
Organismus gebunden erscheinen und also ebensogut der Mann Kinder 
(durch den Darm, den Mund, den Nabel) zur Welt bringen kann. Ja das 
Kind geht, in der Negierung der Geschlechtsunterschiede so weit, dass es 



i) Kalewala, das Nationalepos der Finnen, nach der 2. Auegabe ins Deutsche 
übertragen von Anton Schiefner, Helsingfors 1852. 



Völkerpeychologiecue Parallelen zu den infantilen Sexualtheorien. 429 

allen anderen Kindern und Menschen die gleichen Geschlechtsteile zu- 
schreibt, die es von seinem eigenen Körper kennt (vgl. Freud's Kinder- 
analyse im Jahrb. I) und eine bessere Einsicht zunächst gar nicht akzep- 
tieren kann. So kommt der Knabe dazu, das Mädchen, dessen Geschlechts- 
teile er zu sehen bekommt, mit dem Hinweis darauf zu trösten, dass „es" 
schon noch (wie seines) wachsen werde oder damit zu verspotten, dass 
es ihm abgeschnitten worden sei (Kastration). So kommt er aber 
auch dazu, den Geschlechtsteil des Mädchens mit dem ähnlich aussehenden 
Anus zu vergleichen, was wieder eine Beziehung zu den analen Geburts- 
und Zeugungstheorien bietet. Gelegentlich einer Traumunalyse hei einem 
ö^gjährigen Knaben notiert Frau Dr. Hellmuth (Zentralbl. II. Jahrg. 
H. 3. S. 124) eine derartige Vorstellung des Kindes. Von einem '.1jährigen 
Mädchen „erzählt er Immer wieder, dass er beim Schaukeln ihren ,v or- 
deren Popo* gesehen hätte, der nicht ein solches .Zipferl' habe wil- 
der seine, sondern eine , lange Furche, aus der das Wischi kommt'". Genau 
die gleiche Vorstellung vom ,, vorderen Pouo*" findet sich in einer der 
lustigen (iesrhichten des Ardschi-Bordschi-Chän unter dein Titel: „Die 
verräterische Trompete'" (Jülg, Mongolische Märchen, Innsbruck 
1868). Es wird darin von einem unerfahreren. einfältigon Mann erzählt, 
der mit seinem Weibe ganz zurückgezogen und ausser Kontakt mit der 
Welt lebt. Eines Tages schickt ihn die Krau Reis verkaufen und er rastet, 
unterwegs In der Nähe eines Lagers von Kaufleuten. „Die hatten ihre 
Trompete aus Furcht vor den Räubern über dem Eingang der Felsenhöhle 
niedergelegt. Weil nun der einfältige Mensch, als er seine Mahlzeit ver- 
zehrte, sich gewaltig angegessen hatte, und gegenüber seinem Hintern, der 
einen Wind fahren Hess, gerade die Öffnung der Trompete zu liegen ge- 
kommen war, so gab die Trompete einen mächtigen Schall von sich." 
Die Kaufleute, die das Herannahen der Räuber befürchten, fliehen er- 
schreckt und lassen ihre Waren im Stiche, die der Einfältige seiner Frau 
mit dem Vorgeben nach Hause bringt, er habe sie nach hartem Streit 
durch seine Tapferkeit gewonnen. Die Frau kennt ihn zu gut, um ihm 
dies zu glauben, und beschliesst, ihn auf die Probe zu stellen. Als er 
einst auf die Jagd auszieht, warnt sie ihn vor einem starken und gefähr- 
lichen Helden, den sie ihm genau beschreibt. Er weist jede Furcht mit 
dem Hinweis auf seine tapfere Tat zurück. Sobald er weg ist, legt die 
Frau Ma uns kleide r an. gürtet sich ein Schwert um, besteigt ein 
Ross und eilt ihrem Mann zuvor. Kaum erblickt er sie, so ergreift er, 
indem er in ihr jenen gefürchteten Helden vermutet, die Flucht. „Doch die 
Frau eilte ihm nach, erfasste ihn und, ohne einen Laut von sich zu 
geben, zog sie das Schwert, holte damit aus und jagte ihm einen ge- 
waltigen Schreck ein. Bogen und Pfeile samt dem Ross, von welchem 
er abstieg, überreichte er ihr. Die Frau kam von ihrem Pferde herab- 
gestiegen, setzte sich rittlings auf ihren Mann und begann, indem sie so 
auf ihm sass, ihn wie ein Pferd anzutreiben. „Ach", flehte er wiederholt, 
„töte mich nicht! Bogen und Pfeile samt Ross nimm hin." „Nun denn", 
sprach sie, „so führe deinen Mund mir mitten zwischen die 
Schenkel, dann will ich dich freilassen." „Deinem Worte werde ich 
nachkommen", sagte er, und. nachdem die Frau die Beinkleider auf- 
genommen und die Scham sich hatte küssen lassen, Hess sie 
ihn frei." Sie eilt nach Hause, wo sie ihn ungeduldig erwartet, und wie 
er ohne Pferd und Waffen kommt, um sein Schicksal befragt. „Du musst 



430 O«» R» nk > 

mir ausführlich erzählen, wie ihr beide miteinander gerungen habt." Als 
er sich satt gegessen, sprach er : „Ausgenommen, dass er bartlos ist, 
sieht er deinem Vater gleich." Und als ihm die Frau weiter fragte, fuhr 
er fort: „Dieser Sürja-Bagatur (dies der Name des gefürchteten Helden) 
ist ein Mensch mit zwei Hintern, am übrigen Körper aber sieht 
er einem Weibe ähnlich." Da brach die Frau in Lachen aus. — Bei diesen 
Worten der Erzählung rief der mit Glück und Wohlstand gesegnete Chan 
„So war also das offenbar ein Mensch, der nicht einmal Mann und Weib 
voneinander unterscheiden konnte" J ). 

Bevor der Knabe dazu kommt, das weibliche Genitale zu sehen und 
als vorderen oder zweiten Popo zu agnoszieren, schreibt er auch den Mäd- 
chen den ihm von seinem eigenen Körper her bekannten Geschlechts- 
teil zu. In Freud's Kinderanalyse setzt der noch nicht 3jährige Hans 
bei seiner Mutter einen dem scinigen gleichen „Wiwimacher" voraus, 
und die gleiche infantile Vorstellung vom Weib mit dem Penis kehrt 
in den nächtlichen Träumen des Erwachsenen unter dem Verdrängungs- 
abscheu wieder und spiegelt sich in einer Reihe sonderbarer mythischer 
Überlieferungen. Mit besonderer Deutlichkeit erscheint diese Vorstellung 
in der Kosmogonie des Zend-Avesta in die Kindheit der Menschheit verlegt. 
Ich zitiere die Stelle nach Brodbeck (Zoroaster), der sie K 1 e u k e r's 
Übersetzung des Zend-Avesta entnimmt. Im Bun-Dehesch (d. h. dem von 
Urbeginn Geschaffenen), einem Werk, dessen Aufzeichnung wohl aus den» 
14. Jahrhundert n. Chr. stammt, das aber nach übereinstimmender Fest- 
stellung der Forscher auf uralte zoroastrische Quellen zurückgeht (ca. 
1000 v. Chr.) heisst es vom ersten Menschenpaar Meschia (Mann) und 
Meschiane (Weib): „Am Ende von 50 Jahren bekam Meschia zuerst 
Zeugungslust, und darnach Meschiane. Meschia sprach zu Meschiane: ich 
möchte deine Schlange sehen, denn die meinige erhebt 
sich mit Macht. Darnach sagte Meschiane : O Bruder Meschia, ich 
sehe deine grosse Schlange; sie fährt auf, wie einen Leinentuch (das 
frei flattert). Darauf sahen sie sich ; und sie machten es mit Ausschweifung, 
indem jedes bei sich selbst dachte: schon seit 50 Jahren hätte ich das 
tun sollen — wozu ist es nun noch gut? Nach neun Monaten wurden 
ihnen Zwillinge geboren, ein Knäblein und ein Mägdlein. Von diesen ge- 
geliebten Kindern pflegte die Mutter das eine und der Vater das andere." 
Wir finden in diesem stark an die biblische Erzählung anklingenden Be- 
richt ') nicht nur die infantile Vorstellung vom Weib mit dem Penis 
ganz naiv ausgesprochen, sondern auch die verführerische Paradiesschlange 
direkt auf das männliche Genitale reduziert. Erinnern wir uns ferner daran, 
dass der gleiche biblische Bericht auch die Schöpfung des ersten Menschen 
aus Erde, das Einblasen der Luft (Gen. 2, 7) 8 ), die Befruchtung durch 



>) Vgl. die täuschende Ähnlichkeit eines alten franiösischon Fabliaux, auf 
welches Benfey (Pantschatandra I, p. XXV), aufmerksam macht. Es findet sich 
nach Jülg ausführlich bei Barbazan: Fabliaux et contes deB poetes francais de 
XI— XV siöcles. Nouv. ed., augmente et revuo par Meon, 4 Vol. Paris 1808. IV. 
p. 287—295. Man vgl. auch den Aufsatz von F. Lieb recht in Benfeya .Orient 
und Occidenf 1862, I, 116-121, sowie Benfey, 1. c. S. 136—188. 

2) Die spätjüdi8ohe Überlieferung schildert die Paradieaschlange mit lüsseu 
und aufrechtstehend wie ein Rohr (Wünsche: Schöpfung, S. 81), wahrend 
ihr nach dein Sundenfall die Füsse abgeschnitten (Entmannung) werden und sie 
im Staube kriechen muss. 

i) Im ersten Kapitel (27) ist dagegen schon Mann und Weib nach Analogie 



Völkerpsychologische Parallelen zu den infantilen Sexualtlieorien. -131 

den Liebesapfel und endlich die Geburt aus der Seite (Rippe) des Leibes 
enthält, so haben wir in diesen typischen Elementen alles beisammen, 
was wir zur Deutung des Sündenfalles als Refruchtungsmythus 1 ), als 
infantile Zeugungs- und Geburtstheorie, brauchen. Wir werden uns aber 
auch hier nicht mit der blossen Tatsache zufrieden geben dürfen, dass 
das männliche Zeugungsorgan, wie bei Meschia durch die Schlange, die 
Befruchtung, wie so häufig durch das Apfelessen, und die Geburt, wie 
etwa bei Rotkäppchen, durch Öffnen des Leibes (beim Nabel oder der 
Rippe) erfolgt, sondern werden auch hier nach der Tendenz dieser sym- 
bolischen Einkleidung fragen müssen, die sich nicht aus dem infantilen 
Unverständnis oder aus der schamhaften Umschreibung dieser Vorgänge 
allein erklärt, die ja sonst in der Bibel offen genug besprochen werden. 
Zwei Momente weisen uns hier darauf hin, warum dieser Sexualakt als 
anstössig empfunden und darum durch mannigfache Entstellungen sowie 
symbolische Verhüllungen seiner ursprünglichen Bedeutung beraubt wurde. 
Erstens fanden wir die verhüllende Befruchtungssymbolik fast regelmässig 
im Dienste der Inzestphantasie und zweitens zeigen fast alle anderen 
Anthropogonien und Kosmogonien ebenfalls inzestuöse Wurzeln, und zwar 
entsteht zumeist das Götter- und Menschengeschlecht durch einen Inzest 
der Urnnitter mit dem von ihr erzeugten Sohn. Indem ich mir die psycho- 
logische Durchleuchtung dieses weitverzweigten Materials in einem grossen 
Zusammenhang vorbehalte, will ich hier ganz kursorisch einige Über- 
lieferungen /.um Beweis des Gesagten anführen. In dem für die Bibel 
vielfach vorbildlichen babylonischen Schüpfungsmythus entsteht die erste 
Welt, indem sich der Sohn Mummu zwischen seine Eltern drängt 
und mit seiner Mutter Tiamat eine neue Generation, d. h. Weltform, zeugt 2 ). 
Ähnlich erzeugt nach der bekannten griechischen Kosmogonie Gäa (die 
Erde) aus sich selbst, „ohne die freundliche Liebe" (H e s i o d , Theog. v. 132), 
den Uranos (Himmel) und mit diesem ihrem Sohne die Titanen. 
Es folgt auch hier das Eindrängen des Sohnes zwischen das Urelternpaar, 
indem Kronos den Sexualakt seiner Eltern durch die Entmannung 
seines Vaters verhindert, sich aber hier nicht mehr folgerichtig mit seiner 
Mutter verbindet, sondern mit seiner Schwester Bhea begnügt. Die 
Ergänzung dieser infantilen Theorien, in denen überall die Entmannung 
des Vaters oder des Bruders der Abwehr der infantilen Kastrationsangst 
entspricht, haben wir bereits in den Geburtsphantasien (Steine) bei Kronos 
besprochen, der von seinem jüngsten Sohn Zeus nach der orphischen 
Theogonie ebenfalls entmannt worden sein soll, so dass sich dieses später 
nur als Befürchtung erhaltene Schicksal ursprünglich auch in der zweiten 
Generation wiederholt hätte, wie ja auch Zeus seine Schwester 
Hera zur Gattin nimmt (Dublette). Bei den Ägyptern heisst Araon der Ge- 
mahl seiner Mutter Neith, wie auch Osiris als Gemahl und Sohn der Isis er- 
scheint; bei den Indern heisst Püshan sowohl der Liebhaber seiner 
Schwester als auch der Gemahl seiner Mutter, der Dähana, und ebenso 
wird dem Mithra eine Ehebund mit seiner Mutter zugeschrieben. Aber 

der Tiere erschaffen. Es ist ein beschämendes Zeugnis für das menschliche Denken, 
dass es einiger Jahrtausende zur Aufdeckung dieser Widersprüche bedurft hat. 

i) Die Auffassung des Sündenfalls als Befruchtungsmythus ist von wissen- 
schaftlicher Soite längst anerkannt. Zur Sexualsymbolik des Sündenfalls vgl. die 
Ausführungen Riklins (S. 73) und Abrahams (1. c. S. 20). 

2) Winkler: Die babylon. Geisterkultur etc. Leipzig 1907. 






432 Otto Rank, 

nicht nur in der Kosmologie und Mythologie der bedeutendsten Kultur- 
völker, auch in den entsprechenden Überlieferungen der Naturvölker kehrt 
die gleiche Anschauung, insbesondere in der sog. ,, Weltelternmythe", 
wieder, wo sich regelmässig der Sohn zwischen die Eltern drängt und mit 
seiner Mutter das neue Geschlecht erzeugt. Eine Anzahl derartiger Über- 
lieferungen verdanken wir der Forschungsarbeit von F rohen ius, dessen 
Buch: Das Zeitalter des Sonnengottes, die folgenden berichte entnommen 
sind in einer polynesischen Mythe (1. c. S. 335) erfolgt die Trennung 
des Urelternpaares, wie in der griechischen Sage, durch den jüngsten Sohn, 
wenngleich Entmannung und Inzest liier nicht mehr berichtet werden. 
Dagegen ist der Mutterinzest noch voll erhalten in einer Erzählung 
(S. 2GS ff.) aus Joruba (Afrika), wo Sohn und Tochter des Welleltern- 
paares einander heiraten und einen Sohn bekommen, der sich in seine 
Mutter verliebt. ,,Da sie sich weigert, seiner Leidenschaft zu willfahren, 
verfolgt und vergewaltigt er sie. Sie springt gleich darauf wieder auf die 
Küsse und reimt jammernd von dannen. Der Sohn verfolgt sie, um sie zu 
beschwichtigen, und als er sie endlich fast erreicht hat, stürzt sie ritt- 
lings zu Boden, ihr Körper beginnt /.u schwellen, zwei Wasserströme 
quilicn aus ihren Brüsten und der Körper zerberstet. Ihrem zerklüfteten 
Leib entspringen 15 Götter. . . ," Enthält diese Erzählung neben der 
Entstehung der ersten oder neuen Genera lion auch die Geburtsphantask' 
vom Öffnen des Leibes, so weist sie uns damit wieder auf den hiblischen 
Bericht zurück, von dein wir auf Grund aller in dieser Arbeit aufgeführten 
Analogien vermuten müssen, dass seine ganze Symbolik der Inzestver- 
hüllung und Durchsetzung dient. Ist nun in unserer in sehr später Zeit 
und aus verschiedenen einander widersprechenden Bruchstücken zu- 
sammengekleisterten Bibel dieses Motiv gänzlich verloren gegangen oder 
hat es sich, wenn auch in entstellter Form, noch erhallen? Durch einen 
einfachen technischen Kunstgriff, dessen sich die modernen Mythologcn 
unabhängig von der Psychoanalyse zu bedienen gewölmt sind, deren 
psychologische Berechtigung und Fruchtbarkeit aber erst die psycho- 
analytische Traumdeutung erwiesen hat, lässt sich dieser ursprüngliche 
Sinn der Überlieferung und damit die Lösung dieses Vexierbildes, das sich 
die Menschheit selbst aufgegeben hat, wieder herstellen. .Man braucht 
nämlich nur die infantile Geburtstheorie, die sich infolge Vernachlässigung 
des weiblichen Sexualapparates auf beide Geschlechter erstreckt, auf die 
nächst höhere Erkenntnisstufe des kindlichen Wissens zu lieben, die dem 
Weib allein die Fähigkeil zuschreibt, durch Öffnung ihres Leibes 
Kinder in die Welt zu sel/.en. Es stellt sich dann in Umkehrung der 
biblischen Erzählung der naturgetreuere Vorgang her, wonach Adam aus 
dem geöffneten Leib der Eva herauskommt. Dürfen wir dies nach Analogie 
anderer Überlieferungen für das Ursprüngliche nehmen, so ist klar, dass 
Adam dann mit seiner Mutter geschlechtlich verkehrt, und dass die 
Verhüllung dieses anstössigen Inzeste zur Entstellung der Sage und zur 
symbolischen Einkleidung ihres Inhalts Anlass gab. Das Inzestmotiv ist 
ja auch im vorliegenden Text noch angedeutet 1 ), indem ja Eva auch so 

i) In den Überlieferungen anderer Völker im die Vorstellung des ersten 
Menschenpaarea noch deutlicher mit der Inzestphantasic verknüpft. »Nach Msni 
m Fihrist geht Adam aus der Paarung des Aichonton des Satans Sindid mit einem 
Weibe hervor" . . . Durch eine zweite Vereinigung Sindids mit dem Weibe ent- 
steht Chawwa (Eva)* «dem unwissenden, in den Banden der Sinnlichkeit 



Völkerpsychologiach« Parallelen zu den infantilen Sexualtheorien. 433 

ein direkter Abkömmling des Adam ist, gleichsam sein eigenes Geschöpf, 
wie bei Prometheus, der gleichfalls die von ihm geschaffene Pandora zum 
Weibe hat. Nun lässt sich aber unsere Auffassung vom Sündenfall als 
Mutterinzest noch aus der speziellen Art der verwendeten Symbolik über 
jeden Zweifel sicherstellen. Ist auch die Schlange eines der gebräuch- 
lichsten männlichen Sexualsymbole überhaupt, so erscheint sie doch im 
Mythus mit auffälliger Regelmässigkeit dort, wo es sich um die Darstellung 
eines Inzestverhiiltnisses handelt. So im griechischen Mythos von 
Telephos, der unerkannt seine Mutter Auge heiratet, diese Tatsache 
aber noch unmittelbar vor Vollzug des Inzests entdeckt, da sich plötzlich 
eine von den Göttern geschickte Schlange zwischen ihm und seiner 
Mutter erhebt (vgl. Bundehesch). Hier erweist sich, wie die 
Schlangen-Symbolik im Dienste der ursprünglich durchgeführten, später 
als anstössig empfundenen Inzestverbindung steht. Noch häufiger als 
dem Inzest zwischen Mutter und Sohn dient die Schlangensymbolik dem 
in zahlreichen mythischen Überlieferungen dargestellten Inzest zwischen 
Vater und Tochter, der jedoch nicht so anstössig empfunden wurde. So 
soll nach einer orphischen Überlieferung (R o s c h e r s Lexikon) Zeus 
seiner Tochter Persephoiie in Sc h lange n gestal t beige- 
wohnt haben, indem er sich zu der in einem Wolkenberge verborgenen 
Tochter durchbohrt. Die gleiche Symbolik findet sich in der germanischen 
Mvthologie wieder, wo Odin in Gestalt einer Schlange zu der im Felsen 
eingeschlossenen Gunnlöd dringt und drei Tage und drei Nächte in ihren 
Armen ruht. Der In/.est erscheint hier in einein anderen Zusammenhang, 
wo es von Odin heisst. er habe mit seiner Tochter Jord den Thor gezeugt. 
Dass die gleiche Symbolik auch die neurotischen Phantasien beherrscht, 
zeigt eine gelegentlich von Dr. Adle r erzählte Vorstellung eines schwer 
hvstcrischen Mädchens, die behauptete, zwischen ihr und ihrem Vater 
bestehe eine Verbindung von der Gestalt einer Sehlange (zum Teil auch 
eines Vogels). Die zeichnerische Darstellung dieser Verbindung erwies 
sich als unverkennbare Wiedergabe des männlichen Gliedes. Dürfen wir 
auf Grund dieser Analogien auch in der Verbindung Evas mit der Schlange 
eine Inzestphantasic sehen, so zeigen spätere, abweichende Berichte vom 
Sündenfall, dass die geschlechtliche Verbindung Evas mit der Schlange 
selbst dem Sinn des Mythus nicht ferne lag. Berge ls Mythologie der 
Hebräe/ (Leipzig 1882) entnehme ich. dass der Erzengel Samael, den das 
ungetrübte Glück Adams und Evas mit Neid erfüllte, im Verein mit den 
Urengel n Asa und Asael das Verderben der beiden ersten Menschen be- 
schloss. Auf seine Veranlassung wurde das schöne Weib, Eva genannt, 
durch die glatten verführerischen Worte der damals noch schön gestalteten 
Schlange nicht nur" zum Ungehorsam gegen den ausdrücklichen Befehl 
.Tehovas, sondern zugleich zur natürlichen Umarmung mit 
dem Verführer geleitet. Das haftete gleichsam als tierischer Un- 
rat an allen Nachkommen Adams und wurde erst bei der Gesetzgebung 
am Sinai für immer von den Juden entfernt. Schliesst sich so von allen 
Seiten her die Beweiskette zusammen, dass es sich ursprünglich um 

schmachtendpn Menscbenpaar wird ein Lehrer und Erlöser gesendet. Er verbietet 
Adam vor allem den Umgang mit der sinnlichen Chawwa [seiner Schwester]. Dieser 
jedoch nähert sich ihr Erzeuger Sindid, und sie gebiert ihm den rothaarigen Kain, 
mit dem [ihrem Sohne] sie wieder den lichten Abel und zwei Mädchen . . er- 
zeugt." (Wünsche: Paradies etc. S. 80.) 



434 Otto Rank, 

einen Inzest Adams mit seiner Mutter Eva handelte, aus dem das 
Menschengeschlecht hervorgegangen gedacht wurde, so lässt sich auch 
in dem erzürnten Jehova, der ja den Adam erzeugt hat, unschwer der 
in der Weltelternmythe „geschädigte Dritte" erkennen. Eva ist dann 
so gut sein Weib, wie sie als sein Geschöpf seine Tochter ist, ein Ver- 
hältnis, das wir bereits bei Prometheus und Anepu fanden, die auch 
ihre auf seltsame Weise erzeugten Töchter zur Gattin haben. Das Ver- 
gehen des Adam l ) besteht dann wie in den anderen Weltelternmythen 
darin, dass er sich gegen das Gebot zwischen Jehova und Eva eingedrängt 
und mit seiner Mutter ein neues Geschlecht gezeugt hat -). Diese ursprüng- 
liche Auffassung der Eva als Urmutter (Erde) ; >) ist, allerdings in 
doppeltem Widerspruch zu ihren beiden anderen — einander selbst wider- 
sprechenden -- Entstehungsaiten 4 ) (Gen. I, 27 und II, 22), noch in dem 
uns vorliegenden Texte erhalten, wo es (III, 20) heisst: „Und Adam 
hiess sein Weib Heva, darum, dass sie e i n e M u 1 1 e r i s t a 1 1 e r L c b e n - 
digen". Als Urmutter Erde ist also Eva die Gattin des Himinelsgottes 
Jehova und Adam der revolutionäre Sohn beider, der mit seiner Mutter 
(in Schlangengestalt) verkehrt. Nach dem zweiten damit verbundenen 
Mythus ist Eva als Geschöpf Jehovas seine Tochter (wie beim Menschen- 
schöpfer Prometheus), mit der er auf den» Wege der Schlangensymbolik 
geschlechtlich verkehrt. Aus unseren Analysen sind wir gewöhnt, eine 
derartige Umkehrung, wie wir sie zur Aufklärung der entstellten Über- 
lieferung vorgenommen haben, nicht, vereinzelt vorzufinden und betrachten 
ihre mehrfache Anwendung im selben Zusammenhang als willkommenen 
Beweis, dass wir richtig gearbeitet haben. Nun haben wir längst schon 
gesehen, dass die Überreichung des befruchtenden Apfels durch die Frau 
ebenfalls dieser L'mkehrungstendenz zuzuschreiben ist, da in allen anderen 
Überlieferungen der Mann den Apfel der Frau überreicht. Es offenbart 
sich hier die rationalistische Tendenz eines späteren llcaib.'iters, der die 
Verführung des .Mannes von der Sehlechtigkoil des Weibes herzuleiten 

') Dr. Abraham in Berlin macht mich darauf aufmerksam, dass seiner Auf- 
fassung nach im SUndenfall auch das Verbot, das mütterliche Genitale zu seben, 
überschritten sei. „Der Baum der Erkenntnis wird verboten, der sehend macht. Nach 
dem Genusa des Apfels sieht Adam Evas — lies: der Matter — Scham und wird 
dafür von Gott (Vater) vertrieben." (Nach einer brieflichen Mitteilung.) 

8) Nach einer Uberlieferuni; (Wünsche, S. 53) haben sich Adam und Eva her- 
nach zur Bus« 200 Jahre, gewöhnlich jedoch 130 Jabro, des geschlechtlichen Um- 
gangs enthalten, was auffällig an die im mittelalterliche«! Legenden ähnliche Busse 
für das Inzestvergehen erinnert; so wird z. B. der heilige Gregorius, der unerkannt 
seine Mutter geheiratet hatte, auf 17 Jabro auf einen einsamen Felsen ausgesetzt. 

Ein Rest der ursprünglichen Entmannungsstrafe ist vielleicht im Ausschneiden 
der .Rippe" enthalten, das anderseits zweifellos die infantile Geburtstbeorie dar- 
stellt. (Man vgl. die an das Zunähen im Märchen gemahnende Genesisstelle: „Und 
nahm seiner Hippen eine und schloss die Stätte zu mit Fleisch" II, 21). 
Zur Vereinigung dieser beiden Motive in einem symbolischen Ausdruck bietet die 
Tatsache ein Gegenstück, das3 die Kinder nach Analogie der männlichen Kastrations- 
furcht (abschneiden), bei Mädchen ein .Zunähen" der Genitalien voraussetzen, dem 
ein vorhergegangenes .Aufsebneiden" logisch entsprechen würde. 

3) Vgl. den früheren Hinweis auf die Erde als jungfräuliche Muttor Adams 
Die Identifizierung von Eva und Erdenmutter ist ja schon darin angedeutet, dass 
nach dem SUndenfall beide zugleich in bezug auf ihre Fruchtbarkeit verflucht werden. 

«) Die dreifache widerspruchsvolle Auffassung der Entstehung Evas (1. zu- 
gleich mit Adam von Gott erschaffen 1, 27; — 2. aus Adams Rippe II, 22 — und 
3. als Mutter aller Lebendigen III, 20) liesso sich gut mit den drei zur Herstellung 
unseres Bibeltextes verwendeten Quellen (Elobist, Jahwiat und Priesterkodex) in 
Einklang bringen. 



>. 



Völkerpsychologische Parallelen zu den infantilen Sexualtbeorien. 435 

bemüht ist, ganz wie im griechischen Prometheus-Mythus auch ein später 
Weiberfeind die Erschaffung der Pandora als Bestrafung der Menschen 
hinzustellen suchte. Den Hinweis auf eine dritte Umkehrung im Sünden- 
fall-Bericht, die zu unserer Auffassung von einem Nachklang der Welt- 
elternmythc und des Vater-Tochter-Inzests ausgezeichnet stimmen würde, 
verdanke ich der Liebenswürdigkeit des Herrn Dr. Ferenczi in Buda- 
pest, der mich auf eine Merkwürdigkeit in dem an den Sündenfall an- 
klingenden Hesperiden-Mythiis aufmerksam macht, dessen Bericht ich der 
Arbeit von Wünsche (Lebensbaum S. 9) entnehme: „Nach den mytho- 
logischen Vorstellungen der Griechen ist der Apfelbaum als Lebensbaum 
zu betrachten, der im Garten der Hesperiden im äussersten Westen wuchs. 
Bei der Vermählung des Zeus mit der Hera brachten alle Götter dem 
Brautpaare ihre Geschenke dar. Gäa, die Erde, liess einen Baum mit 
goldenen Äpfeln aus ihrem Schoss sprossen und übertrug seine Be- 
wachung den Hesperiden, den Töchtern der Hespers, Gemahlin des Atlas. 
Da ihr Schutz sich aber unzureichend erwies, indem sie selbst den 
Früchten des Baumes fle issig zusprachen, setzte Gäa den 
hundertköpfigen, nie schlafenden Drachen Ladnn, den Sohn des 
Typhon und der Echidna, als Hüter ein. Durch seine Entsetzen erregende 
Gestalt sowie durch sein furchtbares Gebrüll verscheuchte dieser alle, 
die sich dem Baume nahen wollten. - ' — Als Herakles vom Könige 
Eurystheus den Auftrag erhielt, aus dem Garten der Hesperiden für ihn drei 
Äpfel zu holen, wandte er sich an Atlas, den V a t e r der Hesperiden, mit 
der Bitte, ihm die Äpfel zu verschaffen. Nach einer anderen Überlieferung 
holte Herakles die Äpfel selbst, wobei er den Drachen erschlug. Da die 
Äpfel aber zur Lebensbedingung der Götter gehörten und es ohne sie um 
ihre E o i t e x i s t e n z g e s c h e h u u gewesen w iire, so überbrachte 
sie Herakles der Pallas Athene, die sie wieder in den Garten zurücktrug." 
„Wie Di od 01 berichtet, befreite Herakles die Hesperiden aus den Bänden 
des Busiris, der sie geraubt hatte, für welche Tat sie ihm freiwillig die 
Äpfel ihres Vaters überliesseii. Antike Mild werke zeigen den Apfelbaum mit 
dem Drachen im Hesperidengarten in den verschiedensten Beziehungen 
zu Herakles. Eine der merkwürdigsten Darstellungen ist ein Vasenbild 
in Neapels antiken Bildwerken, das Gerhard und Panofka S. 353 
beschreiben. Der Baum ist von einer Schlange umwunden, die von 
einer H e s p e r i d e aus einer Schale getränkt wird, eine 
andere llesperide pflückt einen Apfel, eine dritte will einen pflücken. 
Herakles hat bereits einen in der Hand. Zwei andere Figuren stellen Pan 
als Windgott und Hermes als S e e 1 e n f ü h r e r (Psychopompos) vor. 
Eerenczi bemerkt dazu, dass hier im Gegensatz zum biblischen Bericht 
die Schlange als Hüter der Frucht (eine Holle, die nach dem biblischen 
Sündenfall der Cherubim mit dem blossen Schwert inne hat) und nicht 
als Spender derselben auftritt und bringt dies mit ihrer väterlichen Be- 
deutung, die wir bereits angeführt haben, in Zusammenhang, indem er 
mein», der Vater verbiet«; den Genuss dieser Frucht. Die gleiche Vor- 
stellung von dem seine Töchter mit der Eifersucht eines Gatten hütenden 
Vater linden wir in einer Reihe anderer Überlieferungen, wie beispielsweise 
in der Jethrosage, wo alle Freier der Tochter auf eine verderbliche Probe 
gestellt werden (der Schlangenstab), ferner in der Tobiaslegende, sowie in 
abschwächender Modifikation in der Thamar-Gesehichte, wo der Vater 
den Tod seiner Söhne erhofft, um seine Schwiegertochter besitzen zu 



436 Otto Rank, 

können. Die Deutung des Genesis-Berichtes auch in diesem Sinne fügt sich 
vollkommen unserer Auffassung von der Weltelternmythe an und ist 
neben der bereits erwiesenen verführerischen Bedeutung der Schlange 
im Inzest von Mutter und Sohn ein Ausdruck der dieser Verbindung ent- 
gegenstehenden des (Himmel-) Vaters mit der Mutter Erde (und Tochter), 
die ja nur ein Symbol der menschlichen Erdenmutter darstellt. 

Dass diese symbolisch eingekleideten Sexualtheorien von der 
Zeugung, Befruchtung und Geburt 1 ) mit ihrer Annahme eines notwendiger- 
weise zum Inzest führenden ersten Menschenpaares (Weltcltern) regelmässig 
eine Hechtfertigung der kindlichen Inzestphantasie darstellen, wird uns 
nicht wundern, wenn wir wissen, dass dem Kinde diese Problome eben 
an den Eltern zuerst aufgehen, und dass es nicht so sehr bemüht ist, sie 
theoretisch zu lösen, als vielmehr auf dem Wege der eigenen Lust- 
gewinnung wirklich kennen zu lernen. Wenn ihm aber infolge der kul- 
turellen Hemmung dieser Tendenzen ihre Lösung nur in Form so wunder- 
licher und uns lächerlich erscheinenden ,, Theorien" gelingt, so wird uns 
bei all unserem Besserwissen doch die Einsicht vor jeder Überhebung 
schützen, dass uns die gleichen Probleme der Menschwerdung als bio- 
logische Fragen noch immer beschäftigen und wir nicht wissen, ob nicht 
unsere wissenschaftlichen Lösungen späteren Jahrtausenden ebenso unzu- 
länglich erscheinen werden, wie dem Erwachsenen heute seine, infantilen 
Sexualtheorien. 



Nachträge (nach Schluss der Korrektur). 

Beispiele wunderbarer Befruchtung finden sich noch bei 
Frobenius- (Zeitalter des Sonnengottes): durch l'rin (I, 252), durch 
Samenschlucken (254), durch Wind (8. 25). — Ferner bei Ehren reich 
(Allg. Mythol. S. 237): wunderbare Befruchtung durch Kssen, Berühren, 
Hauch. — Das Ausschlüpfen durch den Anus bei Frobenius (S. 90) 
und durch den Mund (S. 9ü und 98). Weiteres völkerpsychologisches 
Material findet sich in zwei Werken, die mir leider nicht zugänglich waren: 
Edwin Sidney Hartland: Primitive Paternity. The myth of super- 
natuial hiith in relation to the history of the family. 2 vols. London 1909 
und P. Saintyves: Les vierges mores et les naissances miraculcuses. 
Essai de mythoiogie compaiee. Paris 1908. -- Die gleichen Vorstellungen 
kehren in den Phantasien Epileptischer und Dementia praecox-Kranker 
wieder; vgl. Maeder (Jahrb. f. Psa. I, 145 f.). Spiel rein (Jahrb. 
III, 335 f.). Jung (Jahrb. III. 165 1 ; 211 Mithras Felsengcburt). — Eine 



i) Es kann hier nur angedeutet weiden, dass diese Vorstellungen von der 
Entstehung der Menschen in der Viilkcrphantasie innig mit dem vergehen des 
Menschen verknüpft sind. So ist beispielsweise der Baum dos Lebens zugleich der 
des Todes, mit dem F,ebenswasHer erscheint das Todeswasser eng verbunden, der 
belehende Hauch führt zur Vorstellung der zum Himmel entschwebenden Lebens- 
seele, die befruchtenden Äpfel erscheinen in der nordischen Mythologie als totbringend 
(Todesapfel des Hei, Wünsche, Lebensbaum, Anmerkg. 3). wie ja das Apfelessen 
noch im .Schneewittchen" totbringend ist. Als interessante Analogie zu dieser 
völkerpsyebologischen Verknüpfung sei darauf hingewiesen, dass das Kind, wenn 
ihm die Sexualprobleme in ihrer reellen Bedeutung vorzeitig nahetreten, darauf nicht 
selten mit Angst reagiert, die sich oft in die AngBt vor dem Tode, dem Vergehen, 
kleidet. 



ä. 



Völkerpsychologische Parallelen zu den infantilen Sexualtheorien. 437 

ganz an das „Rotkäppchen" anklingende Geburtstheo ric eines 
Kindes hat. M. Wulff (dieses Zentralblatt II, S. 13) mitgeteilt. 

Die Teilung des Apfels zwischen Braut und Bräutigam hat sich 
als Befruchlungssymbol in einem slavischen Hochzeitsbrauch erhalten. 

Dass die Erzeugung des Menschen aus Staub (Erde. Stein) ursprüng- 
lich eine solche aus Kot war, legt auch ein Hinweis Wincklers (Die 
babylon. Kultur, S. 48; Krit. Sehr. II, 31; HI, 3) nahe, der das „Staub- 
essen" der Paradieses-Schlange als Verfeinerung für den Ausdruck „Kot- 
essen' erklärt. 

Zur Schlange: Das im Bundehesch-Texte zur Bezeichnung des Geni- 
tales gehrauchte Wort kereiui oder kraem wird von Anquotil mit 
serpent übersetzt. Am nächsten anklingend ist nach Windischmann 
(Zoroastrische Studien) das Sskr. krmi Wurm. „Das Veibum drpsit, 
welches Anquetil zu der, wie es scheint irrigen Bedeutung: comme 
un drapeau Veranlassung gab, ist vielmehr mit dem Sskr. drapsa tropfend 
zusammenzuhalten; oder sollte es zu drfsiden in der Bedeutung , zittern ' 
gehören" (I. c). - - Auch in der mexikanischen Mythologie heisst das 
erste Weib „die Frau mit der Schlange" oder die Frau von unserem 
Fleisch, und hat Zwillingssöhne; die Abbildung stellt sie dar mit der 
Schlange redend, während die Zwillingssöhne im Streit erscheinen (Jere- 
mias: Das alte Test, im Lichte des alten Orients, 2. Aufl., S. 213). — 
Nach Schultz (Zeitschr. f. Rel. Psych. Bd. 5, 1911, H. 3) „wusste 
man auch (in gnostiseher Lehre) zwischen der Jungfrau Eva und der Jung- 
frau Maria Beziehungen herzustellen. Die eine macht die Sünde gut, 
welche die andere begangen hat und beider Gebärmutter sind von der 
Schlange befruchtet, aber die der Eva vou der bösen, die der Maria von 

der guten Schlange Ein besonders merkwürdiger Zug ist es 

endlich, dass Simon Magus nicht die Gebärmutter, sondern den Mund 
als das eigentliche /Gefilde der Entstehung ' bezeichnete. Die Zunge wurde 
wiederholt als Gegenstück zum Phallus aufgefasst." 

Der Drache Ladon, der die Äpfel der Hesperiden bewacht, zeigt 
direkt sexuelle Bedeutung in einer von Jeremias (1. c. S. 600, An- 
nierk. 2) mitgeteilten Parallele zur Jonasmythe, wo der Drache Ladon den 
dem Osiris abgeschnittenen Phallus verschlungen hat und ihn nach drei 
Monaten wieder ausspeil, worauf das neue Leben entsteht. Im ägyptischen 
Mythus wird das dem Osiris abgeschnittene Glied durch ein hölzernes 
vom Stamm der Sykomoren ersetzt (Creuzer: Symbolik. S. 22), 
und in dem nachgebildeten Märchen von Anepu wachsen statt des ab- 
geschnittenen Phallus in einer Nacht zwei riesige Sykomoren auf. — 
Endlich hat das Ausreissen der Rippe Adams schon Ed. Stucken (Beitr. 
•/.. Orient. Mythol. 1904) als Entmannung durch Jahwe aufgefasst (S. 472), 
indem er hinzusetzt: Aus Adams Rippe entsteht das erste Weib, wie 
aus dem abgeschnittenen Phallus des üranos die Aphrodite (S. 224). — 
Wie typisch die Schlangensymbolik speziell in der Inzestphantasie zwischen 
Vater und Tochter ist. beweist wieder die vorstehende Arbeit von 
Abraham. 



Zeutr»lbl»tt für Psyehoanulys«. II», 31 



438 Herbert Silberer, 



III. 



Lekanomantische Versuche. 

Von Herbert Silberer (Wien). 

(Fortsetzung.) 

5. Der Grossvater. — Katzensymbolik. — Berg- und Feuer- 
symbolik. — Das Komplott. 

VI. Versuch, 4. März abends. 

10 Uhr 14 Min. Beginn des Versuches. 

10 Uhr 17 Min. „Eine schwarze Katze mit Glutaugen 
schleicht daher, wird breiter (nach Katzenart) und wird dann wieder, 
wie sie war. 

10 Uhr 20 Min. Eine weisse Hand, ringsum lauschende 
Menschengesichter. Die Hand bewegt sich und zeigt auf etwas. Das ist 
eine weisse Taube, die auf die Hand geflogen ist. 

10 Uhr 21 Min. [Auf Befragen:] Es ist nichts mehr da. 

10 Uhr 23 Min. Eine Männerbüste; ich erkenne nicht, wer 
es ist. 

10 Uhr 24 Min. Zwei zarte Füsse sehe ich, die einander 
suchen und nicht erreichen können. Sie sind wie aus Flammen. 
Es ist wie wn Fuss eines Berges, wo ein Feuer brennt. 

10 Uhr 27 Min. Ein schwarzer Kopf mit Flammen ringsum, 
wie weim er geköpft wäre. Schwarz das Gesicht, auch die Haare schwarz; 
der Bart ist wie aus Flammen omd ebenso der Mund. Ein Korb 
kommt heran. . Er schiebt sich unter den Kopf und verschlingt diesen. 

10 Uhr 29 Min. Der alte Jude; er sitzt an einem Tisch und 
isst aus einem Teller mit einer Gabel eine Fleischspeise. 

10 Uhr 30 Min. Er ist verschwunden. 

10 Uhr 32 Min. Der alte Jude kommt in Gestalt eines ...*), 
begrüsst ehrerbietig eine junge Frau und einen jungen Mann, 
die sich umarmt halten und dann in Kinder verwandeln. — Jetzt 
sind die zwei Kinder allein. Sie beratschlagen etwas geheim wie Ein- 
brecher; sie flüstern miteinander. Eins erklärt dem andern etwas sehr 
eifrig. Sie bekommen Affenköpfe. 

10 Uhr 34 Min. Der alte Jude, allein. Er ist sehr alt und ver- 
kümmert. Jetzt weint er. [Auf meine Aufforderung, ihn zu fragen, 
warum er weine, erfolgt zuerst keine Antwort. Ich frage um 10 Uhr 35 Min. : 
„Ist er noch hier?"] Ja. Er liest jetzt einen Br ief. [Betrachten Sie 
den Brief!"] Es ist eine traurige Nachricht. [„Können Sic den Brief 
sehen? Können Sie ihn lesen?"] Es ist eine fremde, alte Schrift. [„Eine 
deutliche Schrift?"] Ja, aber ich kann sie nicht lesen. [10 Uhr 37 Min. 
„Versuchen Sie, das erste Wort zu lesen!"] 

10 Uhr 39 Min. Er wendet sich zu mir und zeigt mir seine Augen, 
wie wenn er sagen wollte, dass er seine Augen schon ausgeweint hat. 
und mich fragen, ob er mir nicht leid tut. Es kommen zwei Engel 
und entführen ihn." — 

i) Wurde von mir nicht verstanden und konnte nachträglich nicht mehr er 
mittelt werden. 



Lekanomantische Versuche. 439 

Aus der Analyse ist folgendes anzuführen. 

Katze. — „Ich habe vielleicht einmal einen Menschen — — 
meine Grossmutter (väterlicherseits) mit einer solchen Katze verglichen. 
Sie war so heimtückisch wie eine Katze. Duckte und schmiegte sich 
und wurde breit vor Liebenswürdigkeit etc., nach Katzenart." (Diese 
Grossmutter ist vor ca. drei Jahren gestorben.) 

„Die Hand habe ich schon lange gesehen, bevor ich es sagte; 
ich wusste zuerst nicht, ob es eine Hand oder ein Gesicht sei. Die 
Hand sah dann aus, wie mit einem Stulphandschuh bekleidet. Die 
lauschenden Gesichter waren strahlende Bubengesichter. Ich glaube die 
Hand war die vermummte Hand des alten Juden, und die Kinder mögen 
seine Kinder gewesen sein, von denen ich zwei dann in der andern 
Form sah. Den Lauschenden scheint etwas erklärt worden zu sein. — 
vielleicht Religion oder Gerechtigkeit 1 ), und eben das kam dann in 
Gestalt einer Taube." In diesem Augenblicke fällt Lea ein Traum 
ein, den sie mir erzählen wollte. Er gehört also offenbar infolge einer 
Assoziation hierher. 

Traum ca. vom 2. März. — „Ein mysteriöser, verschwommener 
Traum, der mich sehr bedrückte. — Als ich mich zu Hans begeben 
wollte, war es heller Tag, in seiner Gasse aber war es Nacht. Die 
Häuser waren in verdächtige Spelunken verwandelt. Nur das Haus, wo 
er wohnt, war so wie es in Wirklichkeit ist, mit dem gewöhnlichen 
Aufgang. Nun kamen viele Leute auf mich zu, Gauner und Dirnen. 
Sie packten mich, stiessen mich nach rechts und links und lachten dazu. 
Ich wollte schnell zu Hans; es musste schon spät sein. Ich laufe um so 
schneller, um zu Hans und aus dem Bereich dieser Leute zu kommen. 
Diese liefen mir nach und warfen mich auf die Stiege (eines unrichtigen 
Haustores; das richtige war noch nicht erreicht). Ich war verzweifelt, 
habe geweint; es tat mir nichts weh, aber mir ekelte, denn es waren 
grausliche Leute. Ich lief dann zu Hansens Haustor und läutete an; 
ich hatte gerade poch soviel Kraft, und dann fiel ich in eine Ohnmacht. 
Trotz dieser Ohnmacht fühlte ich, wie die Leute rings um mich lachen 
und spotten." 

Eine eigentliche Analyse dieses Traumes würde zu weit führen. 
Ich begnüge mich mit der Hervorhebung jener Beziehung, vermöge der 
er hierher gehört. Zunächst vergleiche man den Traum mit jenem Ge- 
sicht des IV. lekanoskopischen Versuchs, wo ein nacktes Weib ^ (Lea 
selbst) „von allen verlassen" und unglücklich „schluchzt"; im Traum 
ist sie auch gleichsam nackt, nämlich den zynischen Blicken, Spöttereien 
und Angriffen der Horde preisgegeben, von aller Hilfe verlassen, auf 
sich allein angewiesen und weint. In dem IV. Versuch liegt dann das 
Weib „wie tot" im Prunkgemach (der Liebe); hier liegt Lea ohnmächtig 
vor Hansens Tor. Der Eintritt durch dieses Tor verheisst gleichsam 
die Rettung der Verlassenen in eine bessere Welt; deshalb mag auch 
Hansen's Haus sein natürliches Aussehen behalten haben, während die 
anderen Häuser finstere Spelunken sind; und eben deshalb mag auch 
die Taube, ein Symbol von Frieden, Rettung 2 ) und froher Botschaft 
die Vermittlung unseres Gedankenzusammenhangs abgeben, um so mehr 



i) Vgl. den ersten Versuch, Bemerkungen zum alten Juden. 
2) Man denke an Noah's Taube. 



31* 



440 Herbert Silberer, 

als Loa berichtet, sie habe mit Hans des öfteren Gespräche über solche 
Dinge geführt, wie sie die Taube auf der geschauten Hand („Religion 
oder Gerechtigkeit") ausdrücken soll. Die Auffassung von Hansens Haus 
als Rettung vor der Garstigkeit des äussern Lebens hat indes ihre 
Kehrseite, die in den Gesichtskreis der Liebeswehr und des Berufs- 
komplexe-; führt, über welchen Konflikt ich jetzt einige Worte sagen 
muss. Als Loa, dem durch die schmerzlichsten Erfahrungen geweckten 
entscheidenden Impuls des Freiheitskomplexes folgend, Prag verliess. 
aktivierte sie einen in ihr schon längere Zeit bestehenden und durch 
schmeichelhafte Urteile genährten Lieblingswunsch, nämlich: eine grosse, 
von aller Welt bewunderte Künstlerin zu werden. Dieser Wunsch wurde 
in den Dienst des Freiheitskomplexes gestellt; die Erfüllung des einen 
sollte auch die Zwecke des anderen verwirklichen. In diesem Wunsch 
hegt nicht sowohl das Streben mich einer vollkommenen Beherrschung 
und Ausübung einer Kunst als einer dem feinsinnigen Wesen Lea's 
wohl anstehenden Beschäftigung, sondern namentlich die Begierde nach 
einer dominierenden Machtstellung unter den Menschen. Lea lässt sich 
licht ungern in Phantasien ein, worin sie der Mittelpunkt der Bewunde- 
rung und daher auch die Trägerin einer bedeutenden Macht ist, einer 
Macht, die ihre ganze Launenhaftigkeit (die Wandolbarkeit von der oben 
in der Fuchsgeschichtc die Rede war) sich ausleben lassen und all ihr 
Verlangen nach schöner, prächtiger Umgebung (vgl. das ..Prunkgemach!") 
befriedigen würde. Das Verlangen nach den Schönheiten und Feinheiten 
des Lebens war schon früh in Lea wach. Zu Hause sagte die Mutter 
Otters, Lea hätte lieber eine Prinzessin werden sollen. Indes, Lea tat 
nichtsdestoweniger pünktlich m Hause ihre Pflicht und erduldete ebenso 
ausser Hause, allerlei Demütigungen. Ks war freilich ein Lehen, das 
ihre gegenteiligen Komplexe mit tiefem Hass erfüllen musste. (Vgl. 
Elektra: ,,. . . Als ich hasste, da schwieg ich reichlich.") Je mehr 
vorher die Geduld angespannt gewesen, desto heftiger kam später, als 
Lea auf eignen Füssen stand und ihre kritischen Anschauungen sich 
auf sie selbst beziehen mussten, die Ungeduld zum Vorschein. Es ent- 
stand in Wien erst in voller Stärke das, was wir den Berufskomplex 
nennen: die ungeduldige, zweifelnde Sorge darüber, ob sie die ersehnte 
Position, die sie zur Selbständigkeil und Macht führen soll, auch wirk- 
lich erringen wird? Ob sie die Kraft, ob sie die Fähigkeiten hat, wirk- 
lich jene grosse Künstlerin zu werden, von deren Ruhm sie geträumt? 
Geschürt wurden die Zweifel dieses Komplexes durch verschiedene 
Stimmen, die ihr von ihrer Laufbahn abredeten und die ihr sogar die 
notwendigen Fähigkeiten absprachen. 

Hat, wie wir seheil, der eine Ausläufer des Freiheitskomplexes 
zur Bildung eines „Berufskomplexes" geführt, so musste dieser Freiheits- 
komplex bei der wachsenden Annäherung Lea's an Hans um so mehr 
den Charakter einer Liebeswehr annehmen, als auch der Berufskomplex 
von der beginnenden Unfreiheit Lea's affiziert wurde. Allerlei Umstände, 
die man unter dem Ausdruck. „Bande der Liebe" zusammenfassen kann, 
begannen die ursprünglich schrankenlose Freiheit in engere Grenzen zu 
setzen. Der uns vorliegende Traum handelt nun eben von diesem Thema. 
Draussen heller Tag. in Hansen's Gasse dunkle Nacht. Das heisst: 
Draussen die goldnc Freiheit, hier die Nacht des Gefängnisses. Spelunken, 
verdächtiges Gesindel. Das heisst: „wohin bin ich geraten, ich, die 



v 



Lekanomantische Versuche. 441 

ich mich schon in einer glänzenden Machtstellung wähnte!" Sie wird 
verspottet. Das heisst: Lea verspottet sich seihst ihrer Schwachheit wegen, 
ilie ausgezogen ist, die Welt zu erobern und sich nun gefangen gibt. 
Sie ist ohnmächtig: ohnmächtig zu vollbringen, was sie sich vorgenommen 
hatte. Der Trost ist aber bei der Hand ; Hansen's Haus ist keine Spelunke ; 
es sticht von diesen vorteilhaft ab: das Asyl, wohin sie flüchtet, ist 
kein schlechtes; sie darf sich dort (bei Hans) geborgen fühlen. Noch 
eins deutet der Traum an; Lea äusserte nämlich, dass die selbstkritischen 
Gedanken sie dann quälten, wenn sie sich selbst überlassen sei oder 
einen jener skeptischen Menschen höre, die ihr von ihrer Karriere ab- 
reden; diese quälenden Gedanken wichen einer angenehmen Ruhe, wenn 
sie in Hansen's Gesellschaft sei. (Vgl. die Taube, Friedenssymbol.) 
Dort fühlt sie sich auch sicher vor der Möglichkeit, eine Kokotte zu 
werden. Die offenbar in irgend einer psychischen Region Lca's vor- 
handenen Triebe dazu (sie liegen vielleicht in dem „Wandelbaren" oder 
in dem Trieb zum abenteuerlustigen „Probieren") kommen im Traum 
zur Geltung; Lea gerät ja da unter die Dirnen. Diese Abenteuerlust 
in Lea verspottet die verliebte Zahmheit in Lea; das ist oine neue 
Determination für das Verspotten Lca's durch die Dirnen im Traum. 
Die Vorstellung, eine grosse Kokotte zu werden, tauchte in I,ca öfters 
auf, namentlich in der ersten Zeit ihres Aufenthalts in Wien 1 ). Das 
Leben der grossen Kokotte kann zu einer ähnlichen Machtstellung führen 
wie der Künstlerberuf. (Freiheits- und Berufskomplex.) 

Der Berufskomplex hatte schon früher einige Träume hervorgebracht, 
von denen der nachstehende uns auch wegen eines besonderen darin 
vorkommenden Elementes interessieren kann. 

Traum vom 13./14. Februar 2 ): „Ich stehe vom Bett auf, schaue 
mich (wie jeden Morgen) in den Spiegel und sehe die Augen verschwollen; 
dann sehe ich, dass mir beide Augen ausrinnen. (Wässeriges Blut rann 
über mein Gesicht herab.) Ich beobachtete das, ohne darüber erschrocken 
zu sein. (Die Augen waren zum Schluss gänzlich ausgeronnen, so dass 
nur die leeren Höhlen blieben.)" 

Die Analyse dieses Traumes ergab, dass derselbe eine Wunsch- 
erfüllung bedeute im Sinne von: „Ich bin eine grosse Schauspielerin." 
Es musste schon auffallen, dass das grauenhafte Erlebnis von keinem 
entsprechenden unangenehmen Affekt begleitet war; das Augenausrinnca 
war offenbar gar nicht so schlimm, lind in der Tat. gerade dieses 
schreckliche Begebnis bringt die Wunscherfüllung. Wenige T-ige vorher 
hat Lea im Burgtheater die Medelsky gesehen. Sie hatte in gewissen 
Momenten die Empfindung, als habe die Medelsky leere Augenhöhlen. 
Der Traum ist also nichts anderes, als eine Angleichung an diese 
grosse Künstlerin : „Ich bin wie die Medelsky = eine berühmte Schau- 
spielerin." 

Und nun erinnern wir uns eines lekanomantisehcn Gesichtes vom 
28. Februar (ca. 14 Tage nach obigem Traum), wo gleichfalls hohle 
Augen vorkamen. Es handelt sich um jenes Männerantlitz, das aus 
der Hand entstand und sich dann von dem Frauenkopf als ein flackern- 



i) Vgl. die betreffende Anmerkung zur Analyse des Seetraums (IV. lekano- 
skopiacher Versuch). 

2 ) Das Eingeklammerte sind Zugaben, die auf näheres Befragen gemacht wurden. 






Herbert Silberer, 

des Licht abspaltete. Die Möglichkeit, dass das Traumgesicht hier mit- 
bestimmend gewirkt hat, ist nicht abzuleugnen. Der abgespaltene Teil 
ist, nach der Umwandlung des Irrlichtes, männlich; und er ist es, der 
die hohlen Augen aufweist. Die angestrebte künstlerische Vollendung 
ist also nur durch das männliche, das resolute Element in Lea zu er- 
warten, jenes Element, das insofern auch als das „Wandelbare" (oder 
„abenteuerlustige") angesehen werden kann, als es das sprunghafte, kurz 
angebundene, radikale Änderungen brutal herbeiführende! Element ist. 
übrigens mag man in der ganzen Fuchsgeschichbe mit ihren Verwand- 
lungskünsten auch einen Anklang an die Schauspielkunst erblicken, ohne 
indes diese etwas vage Beziehung als erwiesen annehmen zu dürfen. 

Doch nun zurück zur Analyse unseres VI. iekanoskopischen Ver- 
suchs! Es sind Zunächst noch solche Ergänzungen und Assoziationen 
mitzuteilen, die gleich nach dem Versuch gewonnen wurden. 

Die 'Männerbüste war weiss und sah frisch modelliert aus. 

Füsse, Berg etc. — „Ich sah einen schwarzen Berg l ) ; eigent- 
lich war es ein Hügel, er kam mir aber wie ein Berg vor. Bei den 
Füssen des Berges rechts und links wuchsen Füsse heraus und wollten, 
indem sie hinaufkletterten, sich finden. Die Füsse waren wie aus Flammen. 
Oben auf dem Berg war's wie eine grosse offene Wunde, in der ein 
Feuer brannte. — Lava." [Seinen ersten Ursprung mag das Bild der 
Füsse aus der gebräuchlichen Bezeichnung „Fuss des Berges" genommen 
haben, indem, wie es einem Träumenden leicht passiert, der metaphorische 
Ausdruck greifbare Gestalt gewann. Einmal vorhanden, konnten die Füsse 
zu einer schönen Symbolik verwendet werden. Dass nicht e i n Fuss. 
sondern zwei Füsse entstellen, kann dem Überwiegen des anschau- 
lichen über das sprachliche Moment oder auch schon dem Bedürfnis 
der Symbolik, zugeschrieben werden. Die „zarten" Küsse aus Flammen, 
die einander suchen, entsprechen natürlich den ebensolchen Händen des 
IV. Versuchs 8 Uhr 8 Min.; die Gleichheit der Bedeutung (Liebessymbol) 
wird später noch klarer zutage treten, wann wir die späteren Assoziationen 
hierzu betrachten werden. 

Der Kopf von 10 Uhr 27 Min. war ohne Augen. [Von leeren 
Augenhöhlen haben wir schon oben gehört.] — Der Korb kam langsam 
daher. Man sah nun eine Zeitlang den Kopf über dem Korb, bis der 
Korb den Kopf langsam in sich zog. 

Die zwei Kinder, die geheim miteinander flüstern. 
— Eins erklärte dem andern etwas, das es nicht versieben wollte. — 
Es müssen Männer gewesen sein. [Letzlere Bemerkung hat ganz den 
Charakter einer rationalisierenden sekundären Bearbeitung, die von der 
wahren Bedeutung mehr ab- als zu ihr hinführt.] 

Die Schrift des Briefes von 10 Uhr 35 Min. — „Es War 
die Schrift meiner verstorbenen Grossmutter (väterlicherseits). Es ist 
eine merkwürdige Schrift, die deutlich ist und die man dabei kaum 
lesen kann." 

Der alte Jude. — „Ich glaube, der alte Mann ist mein Gross- 
vater (väterlicherseits), der mit meiner Grossmutter nicht zusammen 
gelebt hat. Doch ich weiss es nicht bestimmt." 



i) Ob der Name Schwarzenberg (Schwarzenbergplatz , - Palais etc., wo Lea 
oft vorbeikam) konstituierend gewirkt hat, ist ungewiss. 



Lekanomantische Versuche. 443 

Die nun aufgetauchte Beziehung zu den Grosseltern ist ausser- 
ordentlich wichtig. 

Den Grossvater — ich folge einer Darstellung Lea's — kennt 
Lea, wie schon erwähnt, nur von einem Bilde, das in der elterlichen 
Wohnung hing. Es stellte einen schönen, freundlichen, weissbärtigen 
Greis dar, zu dem Lea mit Verehrung aufzublicken pflegte. Er hatte 
(so wie wir's auch von Lea's Vater wissen) eine mehr schwärmerische 
als praktische Natur und konnte es nie zu etwas bringen. Anders war 
die Grossmutter; das war eine resolute Frau. [Man beachte diesen polaren 
Gegensatz.] Ein Zusammenwirtschaften mit ihm war auf die Dauer nicht 
möglich. [Man merke sich die Beziehung zum Hauskomplex Lea's an.] 
Von ihrem Manne getrennt, schuf sich die Grossmutter noch verhältnis- 
mässig spät eine selbständige Existenz. [Parallele zum Freiheits- und Be- 
rufskomplex Lea's.] Sie wurde Lehrerin und dann Inhaberin eines vor- 
nehmen Kinderinstituts in einer grossen deutsch-böhmischen Stadt. Sie 
war eine körperlich wie geistig bemerkenswerte Frau. Sie hatte eine 
Tochter, die Lea hiess (also eine Tante unserer Lea) und von so ausser- 
ordentlicher Schönheit war, dass alle Welt sie nur „die schöne Lea" 
nannte. Nach dieser „schönen Lea", von der in der ganzen Familie 
mit einer Art Schwärmerei gesprochen wurde, bekam unsere Lea ihren 
Namen. Die „schöne Lea" erhielt eine überaus sorgfältige Erziehung 
und wurde zur "Lehrerin ausgebildet. Als sie eben ihre letzten Examina 
mit Erfolg absolviert hatte, starb sie mit 16 Jahren an Lungenschwind- 
sucht. „Man hat sie falsch behandel t", — so berichtet Lea 
darüber — „sonst wäre sie vielleicht noch zu retten gewesen". [Auch 
unsere Lea hat man „falsch behandelt", wenn auch in einem 
andern Sinn; hätte man das nicht getan, so wäre auch so manches 
anders geworden. Die Parallele Lea— Lea ist von Belang.] Man stellte 
unserer Leu ihre Tante (die sie übrigens nie gesehen hat) als ein 
Muster hin. Lea aber dachte sich wieder die freiere und sorgfältige 
Erziehung, die man der schönen Lea angedeihen Hess, als ein Muster. 
Um diese fürsorgliche Pflege beneidete sie die schöne Lea. Als 15- bis 
16 jähriges Mädchen sagte unsere Lea zu Hause öfters: „Wenn man 
mich nach ihr genannt hat, warum bin ich nicht geworden 1 ) wie sie?" 
Vorwurf gegen Vorwurf. Lea empfand etwa dieses: „Ihr meint, ich 
hätte so werden sollen, wie die schöne Lea; ich wäre recht gerne so 
geworden, aber warum habt ihr mir nicht jene Sorgfalt, jene Liebe 
angedeihen lassen, wie sie zu solch einer Entwicklung nötig war?" 
So weit Lea's Darstellung ihres Verhältnisses zur „schönen Lea". 

Man sieht aus alledem, dass sich Lea (abgesehen von der Parallele 
mit der Grossmutter selbst, die übrigens auch in der Verwandtschaft 
der Katzensymbolik und der Fuchsgeschichte steckt) an die Stelle der 
schönen Lea zu denken geneigt ist.- Dann ist aber der Grossvater 
ihr Vater. Wie bedeutungsvoll und richtig dieser Schluss ist, wird 
sich später zeigen. 

Es folgen nun Assoziationen zum VI. Versuch, die aus späterer 
Zeit stammen. 



>) Bezieht sich sowohl auf die Schönheit deß Körpers als auf diejenige des 
■Geistes. Ich hebe zum Zwecke der Parallelle das zweite Moment herau3. 



444 Herbert Silberer, 

Katze. — Falschheit. — Man erschrickt, wenn man in einem 
Raum zuerst nur. ein unbestimmtes „Miau, miau" hört und dann plötz- 
lich vor sich die grünlich leuchtenden Augen auftauchen sieht. — Lea 
hat die Katzen nicht gerne. 

Schwarze Katze. Von einer schwarzen Katze gilt das von 

den Katzen Gesagte in verstärktem Mass. Ekelhaftes Tier. - - Das 

katzenartige Wesen der Grossmutter. 

Weisse Hand. Erinnert an eine Lieblingsbemerkung der Gross- 
niutter. Sie sagte zu den Kimlern (Lea und Geschwister): „Ich komme 
in den Himmel und Ihr in die Hülle." Nun ist sie in der Unterwelt, und 
die weisse Hand ist die Hand eines Engels oder dgl., die auf sie 
zeigt; die Gesichter ringsum halten Gericht. 

Taube. — Bei dein Lied: „Kommt ein Vöglein geflogen" stellte 
sich Lea als Kind stets eine Taube vor. | Das ergibt den Zusammenhang.: 
Taube — Licbesbotschaft.j 

Weisse Büste. - Eben gestorbener Mensch, Totenmaske. 

Füsse, die einander suchen. — „Zwei Menschen, die ein- 
ander suchen." [So |wiß die schon bekannten zwei Hände. J 

Schwarzer Berg. — „Her Berg schien aus Schiefer zu sein 
und ganz glatt. — Er erinnert an jene Märchen, wo ein gläserner 
Berg mit einem Palast darauf vorkommt; viele Prinzen kuinincn, die 
den Berg erklimmen wollen, viele gleiten dabei ab, nur einem gelingt es." 
[Motiv des Suchens nach der richtigen Liebe, die keine Enttäuschung 
bringen soll.] 

Feuer auf dein Berg. Das Feuer ist nur deshalb dort, 

damit es die nicht dahin Gehörigen verscheuche. | Dasselbe Motiv.] 

Hinaufklettern. — « Ich habe öfters mir gedacht und gesagt, 
dass alle die vielen Menschen, mit denen ich zu tun gehabt, nur Stufen 
aren; Stufen der Entwicklung, und Stufen, über die ich schreite, 
is ich den richtigen Menschen finde. Es ist allerdings nicht möglich, 
irgend einmal zu sagen, dass man angelangt sei und die letzte Stufe 
hinter sich habe. Man könnte das erst wissen, wann man stirbt. 

Offene Wunde. — Es fällt Lea ein Gedicht ein, welches viele 
Jahre hindurch eine grosse Bedeutung für sie halte und das ihr auch 
jetzt noch häufig in den Sinn kommt. Der Inhalt dieses Gedichtes ist 
ungefähr folgender: „Ich bin eine offene Wunde; ich brenne. Es quält 
mich das Licht, es quält mich der Schatten. Deinetwegen bin ich ge- 
kommen, Dich will ich haben, küsse, küsse mich aus! etc." („Aus- 
küssen'* wie Aussaugen einer Wunde.) Dieses schiuorzensfreiidige, man 
darf wohl sagen, etwas masoehistisch anmutende Gedicht lehrt uns von 
neuem, dass der Brand und die Wunde auf dein Berg oder Hügel 
ein Liebcsbrand und eine Liebeswunde sind; man könnte mit Bücksicht 
auf diese Symbole den schwarzen Berg geradezu als ilen (schwarz- 
behaarten) nions Veneria ansehen, besonders wenn man sich der Fuss- 
symbolik vieler Völker erinnert, die den Fuss, den Schuh etc. für dio 
Sexualorgane setzt. Wenn also die Füsse sich beeilen, den Berg zu 
erklimmen, offenbar um den feurigen Gipfel mit der „offenen Wunde" 
zu erreichen, so bedeutet dies vermutlich eine Koitusphantasie. Ge- 
legentlich eines Traumes, über den später 1 ) berichtet werden wird, und 



i) Bei der Analyse des X. Versuches. 



Lekanom&ntische Versuche. 445 

in dem auch ein Berg mit einer Flamme auf dem Gipfel vorkam, 
äusserte Lea in der Analyse, dass ein hoher Berg gewissermasscn in 
den Himmel führe. Die Besteigung des mons Veneris führt nun auch 
in einen Himmel, und so wird uns mit einem Male klar, wie aus einem 
unbedeutenden Hügel, dem mons Veneris, ein hoher Berg werden kann 
(der in den Himmel, d. h. zur erotischen Verzückung führt). Es hiess 
ja in Lea's Beschreibung des schwarzen Berges, dass er eigentlich ein 
Hügel gewesen und ihr nur als Berg erschienen sei. Vielleicht liegt 
hierin eine Selbstkritik. In Lea*s Leben spielt, wie sie selbst recht gut 
weiss, und wie mir zahlreiche Traumanalysen in üppigster Weise zeigten, 
die Sexualität eine dominierende Rolle. Kann sein, dass sie sich dieser 
Einseitigkeit 1 ) wegen zur Rede stellt und sich sagt: „was ich für einen 
hohen Berg halte, der in len Himmel führt, ist eigentlich bloss ein 
Hügel." 

Wir sind mit der „Wund«'" noch nicht fertig. Ua.s auf sie be- 
zügliche Gedicht lernte Lea in ihrem 19. Jahre durch ein ungefähr 
gleichaltriges .Mädchen kennen. Zwischen ihr und diesem Mädchen be- 
stand längere Zeit hindurch eine innige Freundschaft, deren Charakter 
auch einiges Licht auf die sexuelle Konstitution Lea's wirft. Während 
nämlich die Freundschaft auf der andern Seite die Gestalt inniger Zu- 
neigung hatte, wie es einer rein „weiblich" empfindenden Person ent- 
spricht, mühte sich Lea oft mit harter Arbeit und empfindlichen Ent- 
behrungen ah. um für ihre Freundin Geld etc. aufzubringen; sie strengte 
sich an wie ein weihender Liebhaber, der sich abquält (vgl. die Wunde), 
um die (ieliebte von ihren Sorgen befreien zu können; sie spielte die 
gebende, ja die unter Entbehrungen gebende Bolle des Mannes. Noch 
deutlicher trat diese Rolle in einem anderen, vorhergegangenen Fall 
hervor. Von ihrem 14. bis ungefähr zu ihrem 18. Jahr pflegte Lea 
eine sehr innige Freundschaft oder, besser gesagt, Liebschaft mit einem 
gleichaltrigen Mädchen namens Mäöa. Dieses Verhältnis hatte ausge- 
sprochen erotischen Charakter, der sich nicht bloss im ganzen Ton der 
Freundschaft, in allerlei Zärtlichkeiten und Licbesbezeigungen, sondern 
in glühenden Umarmungen und Küssen, sowie in gegenseitiger Entblössung, 
Anfassen des nackten Körpers (ohne Masturbation) etc. äusserte. Nach 
und nach träumten sich nun die zwei Mädchen in die Situation hinein, 
sie seien Verlobte, Mäha sei die Braut und Lea sei der Bräutigam. 
Die beiden schickten sich vollkommen in diese Hollen ; Mäna war die 
Schwärmerische, Passive, Empfangende, ja sogar Zurückhaltende; Lea 
die Feurig-Leidenschaftliche (brennende Wunde!), Verlangende, Gebende, 
Aggressive. Sie schrieben einander täglich Liebesbriefe, telegraphierten, 
wenn sie fern voneinander waren und einen Tag der gewohnte Brief 
ausblieb. Sie titulierten sich „Einzig geliebter Bräutigam", „Geliebte, 
süsse Braut" usw. Lea leistete trotz ihren engbegrenzten Verhältnissen 
Unmögliches, um nur ja die „Braut" mit Aufmerksamkeiten erfreuen 
zu können. 

Diese Geschehnisse führen uns auch zu einer näheren Betrachtung 
jenes „Probierens" in der Liebe, das in dem zum IV. lekanoskopischen 
Versuch erzählten Haartraum vorkam. Das ganze [.eben ist ein Probieren; 

1) Die natürlich auch eine Triebkraft für die Wandelbarkeit oder Abenteuer- 
inst abgibt. 



446 



Herbert Silberer, 



vor allem jenes Probieren, das Richtige in der Liebe zu finden. Lea 
hat an sich die Eigenschaft entdeckt, dass sie alles, was ihr unterkommt, 
und wäre es auch das Sachlichste, irgendwie in Beziehung zum Liebes- 
leben zur Erotik bringt. Sie apperzipiert sozusagen m sexuellen Bildern. 
Sie ,'sexualisiert das All" und zeigt sich damit als ein echtes Kind 
jener' Potenz des Volkerlebens, welche die Sprache erzeugt und bei 
dieser geheimnisvollen, grossartigen Tätigkeit, wie Kleinpaul sagt, 
auch das All sexualisiert. Wenn also das ganze Leben bei ihr ein 
Probieren ist, so liegt darin schon der Sinn des sexuellen Probierens, 
nämlich des Ausprobierens, um auf das Richtige, das Beste, zu kommen. 
Das Probieren begann — soweit das Gedächtnis zurückreicht — mit 
einem älteren Bruder (planloses Aneinanderpressen der nackten Körper); 
am weiblichen Geschlecht wurde indes auch frühzeitig „probiert", und 
zwar im 6. bis 7. Jahre in der Form eines Saugens an der schönen 
Brust eines Dienstmädchens. Auch jetzt noch schwärmt, beiläufig be- 
merkt, Lea für schöne Brüste (vgl. den Berg der Vision, der auch mit 
der Brust in Beziehung stehen mag). Später warf sich das „Probieren" 
mit Leidenschaft auf jene Freundin Mä ;i. und nun glaubte Lea end- 
lich die Frucht des Probierens, nämlich die echte, bleibende, richtige 
Liebe gefunden zu haben. Nach einem schönen Rausch kam die Er- 
nüchterung. Lea musste erkennen, dass sie sich getäuscht hatte, und 
diese Enttäuschung müssen wir zu den schwersten im Komplex jener 
Liebesenttäuschungen rechnen, als deren Hauptrepräsentanten wir an- 
fangs Fritz keimen gelernt haben. Auf Maria folgte ein Verlöbnis Lea's 
mit einem Manne, der sie gleichfalls enttäuschte und auf dein in einer 
kommenden Vision (im VII. Versuch) angespielt werden wird. Wir wollen 
ihn Richard nennen. Als Lea nach der Fritz-Affäre nach Wien kam, 
glaubte sie vor und um die Zeit des liokaiinlwenlens mit Hans nach- 
einander in verschiedenen Personen „das nichtige" zu finden; sie machte 
geradezu Jagd auf dieses „Richtige" und tapple um so häufiger daneben, 
je mehr sie sich davor hüten wollte, dieses „Richtige" etwa zu iver- 
säumen. Zumeist stellten sich die Enttäuschungen bereits nach ober- 
flächlicher Bekanntschaft ein, zum Teil auch erst nach längerem Be- 
obachten. 

Vorstehendes Material hat deshalb hier seine Stelle, weil das in 
der Vision des Berges auftauchende Märchenmotiv von dein Schloss 
auf dem gläsernen Berg, wo nur der „Richtige" hinaufgelangt, und das 
Motiv des Stufensteigens bis zum Finden des „Richtigen" sich beide 
hierauf beziehen. Also eine zweifache Symbolik und zwei emporsteigende 
Füsse; der eine Fuss stellt die über Stufen steigende Lea dar, die den 
höchsten Gipfel der Liebe erklimmen will; der andere Fuss stellt das 
ewig gesuchte sexuelle Korrelat dar, den „Richtigen", der den gläsernen 
Berg ersteigt und die Prinzessin ] ) gewinnt. 

Die Zweihcit, die bei Lea in vielen Visionen wiederkehrt, ist übrigens 
selbstverständlich recht vieldeutig. Die Vorliebe für das Paarige — 
Schlange mit zwei Köpfen, zwei Kinder, zwei Hände, zwei Füsse u. dgl. — 
rührt gewiss daher, dass vielerlei Anlässe zu einer solchen Dar 
Stellung drängen; mit anderen Worten, um in der Freud'schen Termino- 

i) Man erinnere sich der Bemerkung von Lea'ä Mutter, dass Lea (bei ihren 
Aspirationen) lieber eine Prinzessin hätte worden Bollen. 



Lekanomantiöcbe Versuche. 447 

logie zu reden : die Zweiheit ist reichlich überdeterminiert und 
macht sich deshalb so gerne deutlich geltend. Einen wichtigen Anstoss 
zu der paarigen Symbolik dürfte die Doppelseitigkeit in Lea's oben 
summarisch betrachteter sexueller Konstitution liefern: die Ambisexualität. 
Übrigens hatten wir auch bei anderen Symbolen schon Gelegenheit, Ver- 
dichtungen und weitläufige Überdeterminationen zu bemerken. Ein tiefer 
Sinn der Symbolik der Zweiheit wird uns im IX. lekanoskopischen Ver- 
such aufgehen. 

Schwarzer Kopf. — Verwunschener Prinz im Märchen. Der 
Kopf war nämlich wie aus Ebenholz 1 ). — Ein Negerkopf. — Karl's 
Kopf. [Von Karl wird unten berichtet werden.] 

Korb. — Moses wird am Nil in einem Korb gefunden. — Jemandem 
„einen Korb geben". — Die „Körbe", die Lea ausgeteilt hat. 

Bemerkenswert ist vielleicht, dass der Korb den schwarzen Kopf 
„verschlingt" und gleich darauf der alte Jude essend gesehen wird, 
also wie er Fleisch verschlingt. Der Kopf" war, wie wir aus den un- 
mittelbar nach dem Versuch gemachten Angaben wissen, ohne Augen. 
Von einem ähnlich gekeimzeichneten Kopf haben wir im V. Versuch 
bereits gehört. Sollte der Kopf aus dem VI. Versuch mit jenem identisch, 
d. h. wenigstens in irgend einer seiner Bedeutungen, mit ihm überein- 
stimmend . sein ? Und wenn in einer Bedeutung, so doch wohl in 
derjenigen, die durch die hohlen Augen ausgedrückt wird? Soll der 
schwarze Kopf vielleicht (unter anderem) die Schauspielkunst (vgl. den 
Medelsky-Traum und die Fuchsgeschichte) sein? Soll der Korb andeuten, 
dass Lea ihre künstlerische Laufbahn durch etwas gehemmt fühlt, so dass 
ihr Ziel, ihr schönes ehrgeiziges Ziel — ein Prinz gleichsam, durch den 
sie zur mächtigen Prinzessin würde — als ein unerreichbares, ein ver- 
wunschenes (verwunschener Prinz) anzusehen wäre? Sollte, mit anderen 
Worten, der Berufskomplex dahinterstecken? Es ist nicht gerade un- 
wahrscheinlich, aber es wäre unbegründet, anders als im Frageton über 
diese Bedeutung der in Bede stehenden Figur zu sprechen. Sowohl die 
Verwandlung eines lebenden Kopfes in Ebenholz als die Unterbringung 
desselben in einem Korbe dient dazu, ihn unbeweglich, untätig zu machen. 
Das würde Vorwürfen entsprechen, die sich Lea in ihrer Ungeduld wirk- 
lich machte. Übrigens finden wir bei einer Assoziation Lea's die Idee 
ausgedrückt, dass der Kopf (oder das Gesicht) die Seele wäre. Der 
schwarze feurige Kopf könnte die schwarze feurige Seele sein, die jemand 
verloren oder abgelegt hat. Der Kopf ist nämlich, wie wir oben erfuhren, 
der eines Geköpften. Das würde mit Beobachtungen stimmen, die wir 
in den nächsten Versuchen an der Figur des alten Juden 2 ) machen 
werden. — Eine zweite Bedeutung des schwarzen Kopfes mit dem ihn 
verschlingenden Korb ergibt sich aus der Gleichsetzung des ersteren 
mit Karl, einer Persönlichkeit, die wir sogleich werden kennen lernen. 
Es mag hier eine Phantasie der Art vorliegen, dass Karl von Lea 
einen Korb erhalten werde. 

Zur Kinderepisode von 10 Uhr 32 Min. — Kinder werden 
oft zu Feinden der 'Eltern. — Schlange, die man am Busen nährt. — 



i ) Lea erinnert sich an ein Märchen, in dem ein Prinz verwunschen wird und 
einen Kopf aus Ebenbolz bekommt. 

2) Er verliert nämlich beim VII. Versuch den Kopf. 



448 Herbert Silberer, 

Zur Konstituierung des Bildes dürfte ein rezentes Erlebnis (nämlich 
vom Tag • des Versuches) viel beigetragen haben. Ein reicher Mann, 
den wir Karl nennen wollen, interessierte sich in Wien schon längere 
Zeit sehr lebhaft für Lea. Anfänglich Hessen seine Pläne Lea gleich- 
gültig. Karl machte nun einen Besuch bei ihr gerade in einem Momente, 
wo sie einen Brief von zu Hause empfing, der ihr schlimme Nachrichten 
brachte (vgl. den Brief mit der traurigen Nachricht gegen h'chluss des 
VI. Versuches). Ich muss hier einfügen, dass die Verhältnisse in Lea's 
Elternhause seit ihrer Abreise von Prag sich eher noch verschlechtert 
als gebessert hatten und man Lea's pekuniäre Hilfe öfters in Anspruch 
nahm. Allerdings konnte Lea diesbezüglich nicht soviel leisten, als eigent- 
lich notwendig gewesen wäre, da sie kaum über mehr verfügte, als zu 
ihrem eigenen Unterhalte erforderlich war. Der besagte Brief enthielt 
stumme Vorwürfe, indem er die trostlose Lage zu Hause schilderte. 
Man hatte sich, beiläufig bemerkt, zu Hause in den Gedanken eingelebt, 
Lea würde den noch immer für sie schwärmenden und sehr bemittelten 
Fritz heiraten usw. Karl, dem Lea mit ein paar Worten ihre schmerz- 
liche Situation klagte, erneute daraufhin seinen Antrag, das Leben Lea's 
mit seinen reichen Mitteln auszustatten, wenn sie ihn erhören wolle. 
Ich muss hier gleich in Erinnerung bringen, dass das Verhältnis mit 
Hans unverändert fortbestand. Lea, der bekanntlich ein zu starkes Attache- 
ment an Hans ohnehin nicht wünschenswert erschien (Liebeswehr), willigte 
jetzt in den Vorschlag Karl's ein, von Wien abzureisen und mit ihm 
versuchsweise (wieder ein „Probieren" !) einige Tage irgendwo zu ver- 
bringen. Danach sollte sie eine Entscheidung treffen. Hans sollte von 
der ganzen Sache vorläufig nicht unterrichtet werden. [Lea und Karl 
konspirierten also gewissermassen gegen Hans, und in der Vision scheint 
dies durch die Szene der Kinder ausgedrückt zu sein, die miteinander 
einen verbrecherischen Anschlag ausmachen. Sie flüstern ja geheim mit- 
einander „wie Einbrecher", eins redet dem andern zu. Letztere Nuance 
(das Zureden) scheint nicht sowohl das Bild des der Lea zuredenden 
Karl, sondern vor allem ein Kunstgriff jener moralischen Eitelkeit des 
Menschen zu sein, die das, was er im Innersten an sich verurteilt, 
flugs zum grössern Teil einem andern, dem „Versucher", in die Schuhe 
schiebt. Wir werden später das Experiment mit Karl in einem interessanten 
Traum verarbeitet finden. Zum Verständnis der weiteren Entwickelung 
der lekanoskopischen Visionen ist noch nötig anzumerken, dass Lea bei 
ihrem „Probieren" wieder etwas erlebte , was die Reihe ihrer Ent- 
täuschungen vermehrte, und zwar in doppelter Hinsicht. Erstens fand 
sie, dass Karl, in der Nähe betrachtet, durchaus nicht der war, fin- 
den sie ihn gehalten hatte. Zweitens fand sie in sich nicht jene Frei- 
heit mehr vor, die sie zu einer erfolgreichen Durchführung der „Liebes- 
wehr" fähig gemacht hätte. Die Idee, mit Hans zu brechen, wurde 
von ihr deshalb faktisch aufgegeben, ohne dass dieselbe, wie man 
in späteren Visionen Lea's bemerken wird, darum psychisch er- 
loschen wäre. — Die oben erwähnte Gleichsetzung des schwarzen Kopfes 
der Vision von 10 Uhr 27 Min.- mit Karl ergibt sich aus der negerähnlichen 
Gesichtsbildung Karl's.] 

In dem Brief — 10 Uhr 35 Min. — „erfährt der alte Jude 
offenbar, was die Kinder gegen ihn unternommen haben." — Oder Hans 
erfährt die gegen ihn unternommene Konspiration. 



Lekanomanüache Versuche. 449 

Mit diesem analytischen Material ausgerüstet, gewinnen wir nun 
eine gan:. hübsch zusammenhängende Deutung der Szenen von 10 Uhr 
32 Min. bis 10 Uhr 39 Min., indem wir sie in umgekehrter Reihenfolge 
lesen. „Er (der alte Jude) wendet sich zu mir," so heisst es um 
10 Uhr 39 Min., „und zeigt mir seine Augen, wie wenn er 
sagen möchte, dass er seine Augen schon ausgeweint 
hat; und fragen, ob er mir nicht leid tut". Wir sehen hier 
den stummen Vorwurf, der Lea von ihrem elterlichen Hause gemacht 
wird; man will ihr Mitleid erwecken, ohne es gerade auszusprechen. 
Man tut dies in jenem oben genannten Brief. Auch in der iVision 
(10 Uhr 35 Min.) hat der alte Jude — sobald ich von Lea verlange, 
sie soll ihn fragen, warum er weine — gleich einen Brief in der 
Hand, der eine traurige Nachricht enthält. Um 10 Uhr 33 Min. 
sehen wir die zwei Kinder, „die wie zwei Einbrecher mit- 
einander flüstern; eins erklärt dem andern etwas sehr 
eifrig*. Hier stehen wir also vor der Szene Karl-Lea. Die Affen- 
köpfe der Vision habe ich nicht genügend zu erklären vermocht; ob 
Lea's anderwärts gebrauchte Gleichung Kopf = Seele zum Ziele führen 
könnte, weiss ich nicht bestimmt. Immerhin scheint eine gelegentlich 
gegebene Auslegung eines Affen als ,,das Tierische im Menschen" einen 
Wink zu geben, in der Richtung nämlich, dass bei dem „Probieren" 
mit Karl die uns schon bekannte sexuelle Komponente alles „Probierens" 
bei Lea beteiligt war und somit eine gelegentliche Äusserung der „Aben- 
teuerlust" veranstaltete. 

Frau und Mann umarmen einander (10 Uhr 32 Min.), 
d. h. der heimliche Anschlag der zwei Kinder ist ausgeführt worden und 
Lea ist das Verhältnis mit Karl eingegangen. Dadurch, dass, in der 
Umkehrung gesehen, die Kinder in der Vision zu Grossen werden, kann 
schon an und für sich die Reifung bzw. Ausführung des Planes ange- 
deutet sein, welcher gleichsam zur Tat auswächst. Das Verhältnis mit 
Karl setzt Lea in eine solche (finanzielle) Lage, die der alte Jude, d. h. . 
Lea's Elternhaus 1 ), sehr erfreulich findet und devot begrüsst. In der 
Vision heisst es ja: „Deraltc Judekommt . ...und begrüsst. . . 
ehrfurchtsv oll." 

Ich erinnere nun nochmals daran, dass in den Visionen des VI. Ver- 
suches zuerst der Korb den Kopf verschlingt, dann der alte Jude Fleisch 
isst. Fasst man die erstere Erscheinung als die Aufnahme des Penis 
in die Vagina, somit als ein Zeichen sexueller Vereinigung cuf, so 
können wir nun die Deutung anfügen: „Wenn ich mit Karl ein 
Verhältnis eingehe, so wird man in meinem Eltern- 
hausgenug zuessen habe n." Eine Aufeinanderfolge, deren kausaler 
Zusammenhang in der Vision vielleicht durch das gemeinsame Moment 
des Verschlingens oder In-Sich-Aufnehmens hervorgehoben wird. Der 
Kausalnexus der beiden Glieder wäre also durch eine gemeinsame Kom- 
ponente im Bilde wiedergegeben. 

Ich brauche kaum zu betonen, dass die jetzt mitgeteilte umge- 
kehrte Lesung der Kindergeschichte nicht alles bringt, was darin steckt. 
Vergessen wir darüber nicht, was wir schon oben ausgefunden, und was 
mindestens dieselbe Wichtigkeit, ja entschieden die grössere psychische 






') Ich greife mit dieser Gleichsetznng einigermassen den weiteren Analysen vor. 






450 Herbert Silberer, Lekanomantische Versuche. 

Tiefe aufweist. Nicht uninteressant ist es, die verschiedenen Auslegungen 
an einander abzuwägen. Wir fanden, dass oben Lea sich mit der „schönen 
Lea" und mittelbar mit deren Mutter, also der Grossmutter, vergleicht; 
und dass sie dieser einen resoluten, dabei aber heimtückischen 
Charakter zuschreibt. Und wir fanden jetzt, dass Lea sich von Hans 
freimachen will (das Resolute in der Liebeswehr) und dabei einen hinter- 
listigen Plan ausheckt (das Heimtückische). Dazu kommt noch, dass 
die Resolutheit der Grossmutter sich just vorzüglich darin offenbart, 
dass sie den Grossvater verlässt und sich eine unabhängige Existenz 
gründet, wobei sie sich besser steht als mit dem geschäftsuntüchtigen 
Manne. Auch Lea hat eine Veränderung dieser Art im Sinn; sie (will 
von Hans weg, um sich ein reichbegütertes Dasein zu verschaffen. 
Fanden wir oben die Beziehung Grossvater — alter Jude, und jetzt die 
Beziehung Grossvater — Hans, so werden wir vielleicht nicht umsonst 
eine direkte Verbindung Alter Jude — Hans suchen. In der Tat finden 
wir gewisse Züge, die — ungeachtet eines später zutage tretenden Gegen- 
satzes — von dem alten Juden auf Hans hindeuten. So z. B. jene auf 
die Hand des alten Juden fliegende Taube (10 Uhr 20 Min. beim 
VI. Versuch), die wir in der Analyse ausführlich gewürdigt haben. Ja, 
es sieht beinahe so aus, als würde der alte Jude (welcher hier als Hans 
zu betrachten wäre) drohend seine Hand gegen die abscheuliche Katze 
(Lea) erheben und den Kindern (vgl. die zwei verbrecherischen Kinder) 
eine Strafpredigt halten. Hierzu stimmt auch das strafende Moment, 
welches in dem Einfalle Lea's liegt, dass diese Szene eine Gerichts- 
sitzung in der Unterwelt vorstelle. 

Überblicken wir nun unser Material, so sehen wir in der wichtigen 
Person des alten Juden mehr und mehr Fäden zusammenlaufen. Ihm 
steht noch eine weitere merkwürdige Entwickelung bevor. 

(Fortaetzangi folgt.) 



K 



Mitteilungen. 



i. 

Beiträge zum Kapitel „Übertragung" in der Psycho- 
analyse. 

Von Dr. D. Epstein (Kiew-Russland). 

Es sei mir gestattet an der Hand einiger psychoanalytischer Fälle 
einige kleine Bausteine zum wichtigen Thema der Übertragung zu liefern. 

Im ersten Falle handelte es sich um einen ca. 33 jährigen Beamten 
der Lebensversicherungsbranche, der an einer schweren Angsthysterie 
litt und den ich vor vielen Jahren kennen lernte, zu einer Zeit, wo ich 
von der Psychotherapie in Freu d'schem Sinne keine Ahnung hatte. 
Ich wurde zum Pat. gerufen und traf ihn in einem schweren Angstanfalle. 
Durch gütliches Zureden gelang es mir, den Kranken zu beruhigen und ihn 
seinem Berufe für einige Zeit wieder zuzuführen. 

Pat. suchte mich dann oft in meiner Wohnung auf, wo er sich Trost 
und Stärkung gegen seine Angstgefühle holte. 

Nach einiger Zeit war es mir aufgefallen, dass ich Pat. in den 
Morgenstunden unweit meiner Wohnung begegnete, und auf mein Be- 
fragen nach dieser Hichtung gestand mir Herr N., dass er sich unweit 
meines Domizils eine kleine Wohnung gemietet habe, um mir nur recht 
nahe zu sein. 

Die elegante Wohnung seiner Eltern komme ihm so kalt, so unge- 
mütlich vor; ich wäre der erste Arzt, der ihn so ganz verstehe, während 
alle die anderen, die Professoren im In- und Auslande ihn als Narren 
betrachtet und ganz schrecklich ausgebeutet hätten. Ich hielt dies alles 
für Vertrauen, von der „Übertragung" war mir damals nichts bekannt. 
Als ich nach ca. 2 Jahren meine Wohnung wechselte, da zog auch 
Herr N. mir nach und wählte sein Domizil so, dass er des Morgens an 
meinem Hause vorübergehen musste. — Dies allein sei für ihn eine 
grosse Beruhigung. 

Als Herr N. von Kiew nach M. übersiedeln musste, war er ganz 
untröstlich. Die Briefe, die er mir schrieb, sprachen eine beredte Sprache: 
„Wie kalt und öde kommt mir hier alles vor; wenn ich an die schönen 
Zeiten denke, wo wir in ihrem gemütlichen Studierzimmer sassen und 
ich ihre liebe weiche Stimme hörte; wann werden diese Stunden wieder- 
kehren?'" 

Als aber Pat. für kurze Zeit nach Kiew kam, suchte er mich nicht 
auf und motivierte sein Ausbleiben mit der Furcht, sich wieder an mich 
zu gewöhnen. 



4.7_» Dr. D. Epstein, 

Tatsächlich hatte sich Herr N. dank der Kur bedeutend erholt 
und konnte sich daher von meiner Person immer mehr befreien. 

In einem zweiten Falle handelte es sich um einen schweren Zwangs- 
neurotiker, Hörer der Rechte. Herrn M., 24 Jahre alt. Der Pat. wurde 
an mich von einem Spezialisten der Urologie gewiesen, an den sich 
der Kranke vor 1 / t> Jahr mit der Bitte gewendet hatte, seine Prostata 
zu untersuchen, da er fortwährend von Schmerzen in dieser Gegend 
geplagt werde. Die Vorsteherdrüse erwies sich vollkommen intakt; die 
Zwangsvorstellung war die Folge einer Kinder-Reminiszenz. Pat. war 
4 — 5 Jahre alt, als ein Verwandter (20 jähriger Mann) sein erigiertes 
Glied in den Anus des Pat. steckte und diese Manipulationen öfters, 
wiederholte. 

Die Psychoanalyse ging nur mühsam von statten, da die Übertragung 
im negativen Sinne zu mächtig war. In einer Sitzung las mir Pat. einen 
Brief seiner Frau aus der Provinz vor, der ungefähr folgendes enthielt: 
Dr. Epstein scheint ein „Sexualist" und Schwindler zu sein, hüte dich 
vor seiner Behandlung und wende dich an einen tüchtigen Spezialisten 
für Nervenkrankheiten. 

Damit hatte unsere zweimonatliche Kur ihr vorzeitiges Ende erreicht, 
und Pat. kam nicht mehr. 

Es war ein Jahr ins Land gegangen und da erscheint eines Tages 
Herr M. bei mir. Inzwischen hatte ich von zuverlässiger Seite (von seiner 
Schwester) erfahren, dass Herr M., der 4 Jahre auf dem 2. Jahrgange ver- 
bracht, sein Examen glücklich bestanden habe und ein lebensfähiger 
Mensch geworden war. 

Herr M. kommt also mit der Bitte, ich möchte als Internist sein 
Herz untersuchen; er hält sich für herzleidend und möchte gerne meinen 
Rat einholen. Als ich ihm rundwegs absage, und ihn an Spezialisten für 
Herzkrankheiten weise, erklärt er mir — nur i c h wäre der Mann seines 
Vertrauens, er lege sein Herz in meine Hände. Es war die negative 
Übertragung in eine positive umgewandelt. 

Pat. setzt seine Kur bei mir fort und macht sehr gute Fortschritte. 

Höchst lehrreich äussert sich die Übertragung in einem dritten 
Falle, der noch jetzt in meiner Behandlung steht, und zwar offenbart 
sich hier die Übertragung, sowohl bewusst im Wachzustande, als auch 
unbewusst in den Träumen der Patientin. 

Es handelt sich um eine Angsthysterika von 25 Jahren, Frl. G., 
die seit ihrem 12. Lebensjahre leidend ist und mit allen möglichen 
physikalischen und medikamentösen Heilmethoden behandelt wurde. Das 
letzte Mittel, zu dem sie und ihre Eltern griffen, war die Psychotherapie. 
Pat. ist die einzige Tochter ihrer Eltern, wird von ihrer Mutter abgöttisch 
geliebt. Die Ehe ihrer Eltern ist eine sehr unglückliche, und Pat. war 
schon frühzeitig der Zankapfel zwischen Vater und Mutter und Zeugin 
hässlicher häuslicher Szenen. 

Die Kranke ist ein sehr intelligentes .Mädchen, Klaviervirtuosin, 
über den ps-, ohosexuellen Charakter ihrer Krankheit gut informiert, und 
sieht mit Hofh.. ö una " Zuversicht der Psychotherapie entgegen. 

Ich mache Pat. mit den Elementarbegriffen der Psychoanalyse be- 
kannt und hebe die Bedeutung der Übertragung hervor. Gleich am 
zweiten Tage der Kur bringt Pat. folgenden Traum : Ich komme ins 



Beiträge zum Kapitel (Übertragung in der Psychoanalyse.* 453 

Sanatorium 1 ). Ich ging auf Sie zu. Während ich von 
heftigen Konvulsionen geplagt wurde, sprach ich fol- 
gende Worte aus: „Ich werde von meiner Krankheit arg 
geplagt. Wenn Sie können, helfen Sie mir! Dann lehnte 
ich mein Haupt an das Ihre; Sie umarmten mich, und ich 
empfand hierbei ein Gefühl von Beruhigung und Lus t." 

Ein anderer Traum der Pat. : „Ich srach mit Ihnen und 
erzählte vom Dr. E. (der Hausarzt der Familie). Wissen Sie, 
Dr. E. hat eine schöne junge Frau und zwei Kinder. Sie 
erwiderten darauf: „auch ich bin seit zwei Jahren ver- 
heiratet, nur bin ich kinderlos. Ich war von diesen 
Worten unangenehm berührt." 

Am Vortage des Traumes erkundigte sich Pat. bei den Kranken- 
schwestern des Sanatoriums über meine Familienverhältnisse und sprach 
sich in leicht verständlichen Andeutungen über meine Potenz sehr skeptisch 
aus. Ich wäre ein kühler, unnahbarer Mensch usw. 

Dieser Traum bedeutet also eine Schmähung; ich bin wohl ver- 
heiratet, aber unfähig Kinder zu zeugen — eine Übertragung im 
negativen Sinne 2 ). 

Recht durchsichtig sind folgende Träume der Pat., die alle in einer 
Nacht geträumt worden: 1. „Es war schon sehr spät und ich sass, 
allein in meinem Zimmer und spielte Domino. Das elektrische Licht 
war ausgelöscht und es brannte ein«» Kerze. 

Da tritt unerwartet Dr. Epstein ein und sagt, er wäre zur psycho- 
therapeutischen Stunde gekommen. Er nahm im Lehnstuhl neben dem 
Nachttischchen Platz und wir begannen zu plaudern. 

Nach einiger Zeit bat ich um die Erlaubnis, mich zu Bette zu legen 
und das Gespräch liegend fortzusetzen. Nachdem Dr. Epstein mir die 
Einwilligung dazu gegeben hatte, zog ich mich aus und legte mich nieder. 
Wir plauderten dann weiter und ich empfand ein sehr angenehmes 
Gefühl von Ermattung und Wonne. Endlich schlief ich ein, eingelullt 
von den Worten Dr. Epsteins. 

Als ich erwachte, dämmerte es schon, die Kerze war längst ver- 
löscht und Dr. Epstein schlief im Lehnstuhl. 

Herr Doktor! rief ich laut und richtete mich im Bette auf. Dr. E. 
erwachte- und fragte: „Was gibts?" Wieso kam es, dass unsere psycho- 
therapeutische Stunde damit endete, dass wir beide einschliefen? 
fragte ich. 

„Sehr einfach", erwiderte Dr. E., „Sie schliefen so gut ein, dass es 
mir leid tat, Sie zu wecken, um so mehr, als der Schlaf für Sie viel nütz- 
licher ist, denn die Psychotherapie ; deshalb löschte ich die Kerze aus 
und schlief ein, in der Erwartung, nach Ihrem Erwachen unser Gespräch 
fortzusetzen." 

2. „Ich hatte meine psychotherapeutische Stunde bei Dr. E. in 
einem Imir unbekannten und nicht sehr grell beleuchteten Zimmer. Ich 
sass in der Mitte des Zimmers an einem Tische, Dr. E. ging umher, an 
mir vorbei. 



i) Pat. befindet sich im Sanatorium. 

'■•') Auch eine Wunscherfüllung ! Ich bin steril und sie braucht keine Gravi- 
dität zu fürchten. 

ZentralbUtt für PayebouialyM. II«. 32 



454 Dr. D. Epötein, 

Unter anderem war die Rede von unseren künftigen sexuellen Be- 
ziehungen. Dr. E. gab mir in sehr strengem, sogar zornigem Tone einen 
scharfen Verweis und sagte, dass dies nie der Fall sein würde. 

Dessen ungeachtet, als Dr. E. an mir vorbeiging, umarmte ich 
seine hohe Gestalt und drückte meinen Kopf an seine rechte Seite. 
Ich hielt den Doktor so fest umschlungen, dass er nicht imstande war, 
sich zu befreien. Dabei sagte ich folgendes: ich weiss, dass ich Ihnen 
vollkommen gleichgültig bin; dass ich mit meiner Sexualität und Zu- 
dringlichkeit in Ihnen nur Ekel und Verachtung errege, ich kann mich 
aber nicht beherrschen und hoffe mir Erleichterung zu verschaffen, 
wenn ich Sie in meinen Armen halten werde. Hierbei empfand ich ein 
Gefühl wahnsinniger Lust. Dr. E. blieb kurze Zeit stehen und sagte 
nichts, dann befreite er sich sachte von mir und ging wiederum im 
Zimmer auf und ab." 

Ich möchte zu diesen Traumen erläuternd bemerken, dass Pat. 
einige Tage vorher einen sehr heftigen Widerstand gegen die Kur äusserte; 
die Psychotherapie als etwas ganz Überflüssiges bezeichnete: eine be- 
kannte Dame hätte ihr gesagt, sie brauche nur sexuellen Verkehr zu 
pflegen, um gesund z\i werden, der behandelnde Arzt wäre dazu die ge- 
rufenste Person, da er das Geheimnis wahren müsste und Gravidität 
verhüten könnte. 

Pat. machte ihrem Zorne Luft, indem sie mich beschuldigte, die 
Kur nur aus Geldinteresse zu treiben. Ich wäre kalt, rücksichtslos gegen 
sie und ginge ganz ohne Schonung vor. Ich hatte nämlich gleich im 
Anfange der Kur auf regelmässige Arbeit gedrungen. 

Zum Schlüsse erlaube ich mir noch zwei Träume der Pat. anzu- 
führen, worin nicht nur die Übertragung, sondern auch die anal- 
ero tische und homosexuelle Komponente der Pat. deutlich her- 
vortritt. 

Traum: 1. „Ich kam zur psychotherapeutischen Stunde um 3 oder 
4 Uhr nachts. Dr.. Epstein trat in den Salon mit 2 Nachttöpfen in der 
Hand, einem grünen und einem blauen. Beide Töpfe stellte er in die 
Mitte des Zimmers; auf dem blauen nahm er selbst Platz, auf dem 
grünen Topfe, den er daneben stellte, befahl er mir, mich zu setzen, 
mit der; Worten: „mein Liebchen, ist es gefällig, Platz zu nehmen? 
Ich glaube, auch Ihnen wird es nicht schaden, sich den Magen zu ent- 
leeren ; dann veranstalten wir eine Kollekte und offerieren das Trinkgeld 
meinem Theodor (mein Diener), damit er beide Töpfe hinausträgt." 

2. Ich trat in einen Saal mit feenhafter Einrichtung ein. Derselbe 
war von einem milden, blauen Lichte beleuchtet, die Wände und der 
Boden waren mit Samt und Teppichen geschmückt; ringsum dufteten 
Blumen. In der Mitte des Saales sprudelt ein Springbrunnen aus bunten 
Flammen, von der Ferne tönten die Laute einer Militärkapelle, die den 
Walzer spielte: „die Ballkönigin". Ich war in einem glattanlicgenden, 
dunkelblauen Kleide; meine Haare waren gewellt und in Form von 
zwei langen Zöpfen frisiert. Ich schritt rasch auf einen schönen Diwan 
zu, auf dem in einer lässigen Pose Dr. Epstein ruhte und ein Buch las. 
„Mein Geliebter, wie glücklich bin ich, dass Du endlich mein bist und 
nichts unser Glück stört!" sagte ich, setzte mich auf den Rand des Diwans 
und küsste den Doktor auf den Kopf. Dr. E. nahm meine Zöpfe in seine 
Hände, bald den einen, bald den anderen Zopf, und sagte: „welch 



Beiträge zum Kapitel , Übertragung * in der Psychoanalyse. 455 

herrlichen Haare 1 Wie glücklich bin ich jetzt, ein so schönes und ge- 
sundes Weib zu besitzen." 

Wie deutlich äussert sich hier die Übertragung! Erinnert nicht 
diese hochpoetische Schilderung an Tannhäuser im Venusberg, wo Frau 
Venus mit ihren holden Reizen Tannhäuser zu bestricken sucht? I 

Ich habe hier schlicht und einfach die Übertragung zu schildern 
gesucht, wie sie jedem Psychoanalytiker während der Behandlung ent- 
gegentritt. Wie aus den Träumen der Pat., Frl. G., ersichtlich ist, war hier 
die Übertragung sehr mächtig, sowohl im positiven, als auch im nega- 
tiven Sinne. Fortwährend musste ich die Affekte der Pat. auf meine Person 
auflösen; jedesmal musste die Klippe vermieden werden, sonst drohte die 
Kur Schiffbruch zu leiden. Als aber die Schwingungen des Pendels, Über- 
tragung genannt, auf das richtige Mass eingestellt waren, ging die Behand- 
lung glatt vonstatten, und Pat. befindet sich jetzt auf dem Wege fort- 
schreitender Besserung. 

Ich möchte mit den trefflichen Worten Hitschmann's (Freud's 
Neurosenlehre) über dieses Thema schl iessen ■ 

,Die Übertragung, die das grösste Hindernis für die Psychoanalyse 
zu werden bestimmt ist, wird zum mächtigsten Hilfsmittel derselben, 
wenn es gelingt, sie jed«smal sogleich zu erraten und dem Kranken zu 
übersetzen." 



n. 

Ein ungewöhnlicher Fall von „gemeinsamen Sterben". 

Von Ernest Jones (Toronto). 

Der folgende aufregende Vorfall, der sich diese Woche abspielte, 
scheint sich für einige Betrachtungen von psycho-analytischem Interesse 

zu eignen. , ,„ , 

Ein Mann von 32 und eine Frau von 28 Jahren waren von J oronto 
an die Niagara-Fälle gekommen, um hier das arbeitsfreie Ende der Woche 
zu verbringen. In Gesellschaft mehrerer anderer Leute begaben sie sich 
auf die grosse Eis-Brücke, die sich jeden Winter am Fusse der I- alle 
bildet und das amerikanische mit dem kanadischen Ufer verbindet. Die 
Eis-Brücke begann zu krachen und aus den Fugen zu gehen Dies be- 
merkend, schrie ein Fährmann, der die Umgebung genau kannte und sich 
zu jener Zeit auf dem Eise befand, den anderen zu, sie sollten sich 
schleunig auf der kanadischen Seite in Sicherheit bnngen, wo die Aus- 
sicht, ans Ufer zu gelangen, günstiger war. Das Ehepaar vernachlässigte 
diesen Rat und stürzte der amerikanischen Seite zu, wo sie jedoch bald 
durch offenes Wasser aufgehalten wurden. Sie rannten dann nach der 
entgegengesetzten Richtung (etwa 150 Meter), doch als sie nur mehr etwa 
50 Meter vom sicheren Ufer entfernt waren, fiel die Frau erschöpft zu 
Boden und rief: „Ich kann nicht weiter! Lass uns hier sterben! Der 
Gatte schleppte sie mit Unterstützung eines anderen Mannes bis zum 
Rande, der etwa drei Meter vom Ufer entfernt war. Das Wasser da- 
zwischen war mit sphmelzendem Eise bedeckt. Der Fährmann bat sie, 

32* 



456 Ernest Jones, 

die Eisschicht, die sie tragen würde, zu überschreiten ifnd beteuerte ihnen, 
dass er sie in Sicherheit bringen würde; er bewies ihnen die Möglichkeit 
der Ausführung, indem er selbst hinüberschritt und wieder zurückkehrte, 
um einen anderen Mann zu retten. Trotzdem weigerte sich die Frau, 
die Gefahr zu bestehen, und ihr Mann wies die Aufforderung, sich ohne 
sie zu retten, zurück. Die Eismasse begann nun den Fluss hinabzutreiben, 
wobei sie in immer kleinere Stücke zerbrach, je weiter sie kam, und 
näherte sich langsam aber sicher jener schrecklichen Strömung, die dem 
Niagara- Wirbel zueilt. Im Verlaufe einer Stunde waren sie eine Strecke 
von vier Kilometer getrieben worden, bis zu einer Stelle, wo eine Eisen- 
bahnbrücke mehr als 60 Meter über ihren Köpfen das Flussbett über- 
quert und gleich danach die reissende Strömung beginnt. Ein Seil mit 
einem eisernem Widerhaken am Ende war von der Brücke herabgelassen 
worden, und dies bildete unzweifelhaft ihre letzte Hoffnung. Als das Eis- 
floss, das nun bereits in schnellere Bewegung geraten war, unter der Brücke 
durchtrieb, gelang es dem Manne, das Seil zu ergreifen, doch die Frau 
wollte sich ihm offenbar nicht anvertrauen, solange es nicht um ihren 
Leib herumgeschlungen war. Jedenfalls sah man den Mann vergebliche 
Anstrengungen machen, mit seinen vor Kälte erstarrten Fingern das Seil 
um die Hüften seiner Frau zu schlingen. Da er dies in der kurzen Zeit, 
die ihm durch das Weitertreiben des Flosses gegönnt war, nicht zustande 
brachte, kniete er seiner Frau zur Seite und schloss sie in seine Arme; 
sie gingen so in den Tod, der nun nur mehr eine Frage von Sekunden 
sein konnte. 

Dies sind die wichtigsten Tatsachen, wie sie in allen Zeitungen 
geschildert waren. Die einzigen Zusätze, die ich von einem meiner Freunde, 
der die beiden gut kannte, in Erfahrung brachte, waren: dass sie seit 
7 Jahren verheiratet und einander innig zugetan waren, ferner, dass sie, 
insbesondere aber die Frau, es sehr schmerzlich empfanden, dass sie keine 
Kinder hatten. 

Das Benehmen des Ehemannes bedarf keiner besonderen Auf- 
klärung, da es von hinreichend verständlichen Motiven geleitet war. Ich 
will nur hinzufügen, dass er sich in Gegenwart einer grossen Zuschauer- 
menge befand, da die Ufer des Stromes von tausenden Menschen dicht 
besetzt waren, die sich während der Schicksalstunde angesammelt hatten. 
Die öffentliche Meinung auf unserem Kontinent ist aber derart, dass es 
für einen Mann schwer, ja unmöglich sein würde, den Kopf je wieder 
hochzuhalten, wenn er eine Frau in solcher Lage verlassen hätte, ge- 
schweige denn seine eigene Ehegattin. 

Mehr lässt sich hingegen von der Handlungsweise der Frau, oder 
richtiger von dem, was sie unterliess, aussagen. Es ist einleuchtend, 
dass sie von panischen Schrecken überwältigt oder aber von der Un- 
möglichkeit, dem Schicksale zu entrinnen, überzeugt war. Ihre Be- 
wegungen waren entweder völlig gelähmt oder wirkten als aktive Hinder- 
nisse, und selbst der mächtige Antrieb, ihren Gatten zu. erhalten, blieb 
einflusslos. Nun ist es den Psycho-Analytikern bekannt, dass eine solche 
Gefühlslähmung, wie Freud zuerst in Hinblick auf gewisse Träume 
ausgesprochen hat 1 ), weniger eine traumatische Wirkung des Schreckens 
ist, ah ein Zeichen von Hemmung, die durch den Konflikt zwischen einem 



i) Freud, Die Traumdeutung. S. 264. 



A 



Ein ungewöhnlicher Fall von „gemeinsamen Sterben". 457 

bewussten und einem unbewussten Impuls hervorgerufen wird. Ein ge- 
läufiges Beispiel ist der Fall, dass ein Weib sich nicht mit ihrer ganzen 
Stärke gegen eine Vergewaltigung wehren kann, weil ein Teil ihrer 
Energie von dem entgegengesetzten unbewussten Impuls gehemmt wird, 
der für den Angreifer Partei nimmt. Es tritt nun die Frage an uns heran, 
ob ein solcher Vorgang in unserem Falle entdeckt werden kann. Wenn 
ja, dann müssen wir das Benehmen der Frau als Ausdruck eines un- 
bewussten Todeswunsches, als automatischen Selbstmord verstehen. 

Das beweiskräftige Material ist nach der obigen Erzählung so dünn, 
dass jede Hypothese dieser Art notwendigerweise nur als Versuch gelten 
kann; immerhin gewinnt sie durch Zusammenhalt mit der psycho-ana- 
lytischen Erfahrung in meinen Augen einen erheblichen Grad von Wahr- 
scheinlichkeit. 

Es liegt kein Grund vor, anzunehmen, dass ein Wunsch zu sterben 
existiert haben könnte, es sei denn in symbolischer Bedeutung; ja, die 
Beschreibung, die ich von dem Seelenzustande, in dem sich die Frau 
den Tag vor dem Unglück befand, erhalten habe, schliesst die Annahme 
einer direkten Selbstmordabsicht nahezu aus. Wir müssen uns deshalb die 
Frage vorlegen, welche anderen Vorstellungen durch jene des Selbstmordes 
symbolisch vertreten werden können. Durch die Analyse ist es uns nicht 
nur bekannt geworden, dass die Vorstellungen von Geschlecht, Geburt 
und Tod in ausgedehntem Masse miteinander zusammenhängen, sondern 
auch, dass die Vorstellung des Sterbens im Arme eines geliebten Wesens 
— „gemeinsames Sterben" — gewisse ganz bestimmte unbewusste Wünsche 
symbolisiert. Von diesen, auf die insbesondere Sadger 1 ) und ich 2 ) 
hingewiesen haben, verdient einer hier besonders hervorgehoben zu werden, 
der darauf gerichtet ist, mit der geliebten Person ein Kind zu erzeugen. 
Die assoziativen Zusammenhänge zwischen diesem Verlangen und der 
Selbstmordidee sind zu reichlich und mannigfaltig, um hier besprochen 
zu werden; überdies sind sie bereits hinreichend bekannt, so dass sich 
ihr Verständnis in sachverständigen Kreisen voraussetzen lässt. Ich 
werde mich daher damit begnügen, einige von den Punkten anzuführen, 
in denen die vorliegende Situation sich zur Bestätigung dieser assozia- 
tiven Verbindung eignet. 

Der Zusammenhang zwischen Niagara und Tod, insbesondere Selbst- 
mord, wurde durch zahllose Male wiederholte Erfahrung festgestellt. - Doch 
ist es nicht allgemein bekannt, dass die Assoziation, durch die dieselbe Vor- 
stellung mit Geburt verbunden wird, ebenfalls sehr innig ist. Niagara ist ein 
Lieblingsaufenthalt der Hochzeitsreisenden und womöglich bei den Be- 
wohnern von Toronto noch beliebter, als bei denen anderer benachbarter 
Städte wegen der romantischen Fahrt über den Ontario-See. Das ist so 
bekannt, dass die Stadt Niagara — wenigstens in Toronto — allgemein die 
„Klein-Kinder-Stadt" genannt wird, wegen des hohen Prozentsatzes von 
Empfängnissen, die von einem Ausflug dorthin datieren. Unser Ehepaar 
liebte es, seine Feiertage dort zuzubringen; vielleicht war die unbewusste 
Anziehungskraft des Ortes auf sie dieselbe, die einst die Frauen zum 
Tempel des Äskulapeus führte und sie noch heute zu manchen Heilquellen 
führt. Sie waren nie vorher zur Winterszeit dort gewesen, ein etwas 



i) Sadfter, Heinrich von Kleist. Bergmann. 1910. S. 59—62. 
2) Dan Problem des .Gemeinsamen Sterbens". Zentralbl. für Psychoanalyse. 
Jahrg. I. S. 563. 



458 Kniest Jones, 

sonderbarer Umstand, da die Reise bei den Leuten von Toronto im ^Winter 
wegen der schönen Lichtwirkungen des Eises fast ebenso beliebt ist, wie 
im Sommer, Es lässt sich vermuten, dass sie dieses Mal von der Vor- 
stellung des Winters (Kälte, Tod etc.) hingezogen wurden, weil sie mit 
der aufgegebenen Hoffnung, jemals ein Kind zu bekommen, übereinzu- 
stimmen begann. 

Wenn wir nun zu dem Unglück selbst übergehen, sehen wir die 
Ähnlichkeit des bewussten Affektes, mit dem jene beiden Vorstellungen 
besetzt waren, von denen wir annehmen, dass sie assoziativ verknüpft 
wurden; die Hoffnung, einem Kinde das Leben zu schenken, war fast 
ebenso gering, als die, dem drohenden Tode zu entrinnen. Dass es sich 
dabei um den Tod durch Ertrinken handelt — in der furchtbaren Form 
des Untergehens in einem eisigkalten Wirbel — ist ein Umstand von er- 
heblicher Bedeutung im Lichte alles dessen, was wir von der symbolischen 
Bedeutung des Wassers im allgemeinen und des Ertrinkens im besonderen 
wissen (cf. Freud, Rank, Abraham, Stekel etc.). Wenn die 
ganze Geschichte als Inhalt eines Trauines erzählt worden wäre, würde 
man nicht lange zögern, es als Geburtsphantasie eines unfruchtbaren 
Weibes zu deuten ; das Treiben auf einem E i s b 1 o c k in einer gefähr- 
lichen Strömung, in Gemeinschaft mit dem Geliebten, im Angesicht der 
ganzen Welt, und doch von ihr abgeschnitten, die drohende Katastrophe 
des Ertrinkens und schliesslich die eilende Bewegung des Auf- und Nieder- 
schwankens (in dem oben angeführten Aufsatz habe ich auf die Bedeutung 
der Bewegung in diesem Zusammenhange Gewicht gelegt) — all dieses 
setzt sich zu einem vollständigen Gemälde zusammen. 

Obgleich die Situation in der Tat kein Traum, sondern traurige 
Wirklichkeit war, sind die Begleitumstände, wie sie eben geschildert 
wurden, durchaus danach angetan, um insbesondere in einem Momente 
heftiger Erregung den latenten Komplex wachzurufen und die Intensität 
seiner Wirkung zu vergrössern. Es darf nicht vergessen werden, dass in 
Zeiten der Verzweiflung (Niederlage, schwere Krankheit, Schwächezustand, 
Herannahen des Todes und dergl.) eine allgemeine Tendenz zur Flucht 
vor der Realität besteht, die sich durch Zurückgreifen auf das primitive 
Denksystem (Freud's primäres Lustprinzip, Jung's phantastisches 
Denken) meist in der Form infantiler Wünsche, die sich auf die Mutter 
beziehen, durchzusetzen strebt; an anderer Stelle 1 ) habe ich sogar der 
Meinung Ausdruck gegeben, dass die Vorstellung des persönlichen Todes 
für das Unbewusste überhaupt nicht existiert, da sie stets durch jene 
der sexuellen Vereinigung oder der Geburt ersetzt wird. Wir können uns 
also vorstellen, dass jene Frau auf ihre schreckliche Lage dadurch re- 
agierte, dass sie diese im Unbewussten umformte und die Realität durch 
eine Phantasie, die ihren tiefsten Wunsch erfüllt darstellte, ersetzte. Die 
Folgen, die jene Umformung nach sich zog, erläutern den Kontrast zwischen 
dem praktischen Werte des Lustprinzips und jenem des Realitätsprinzips 
auf das deutlichste 2 ). 

Man könnte wohl die Frage aufwerfen, ob der Abschluss anders 
ausgefallen wäre, wenn die Gedanken der Frau bezüglich der Geburt 



i) Journal of abnormal Psychology. April 1912. 

*) Siehe Freud, Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychischen 
Geschehens. Psychoanalytisches Jahrbuch. Bd. III. S. 1. 



Referate und Kritiken. 459 

eines Kindes die Gewohnheit gehabt hätten, sich in die Form einer 
Rettungsphantasie zu kleiden. Es ist sogar möglich, dass diese Phantasie 
mithandelnd eingriff, und dass ihre Abneigung dagegen, sich von dem 
Fährmann oder den Männern, die das Seil von der Brücke herunter- 
liessen, retten zu lassen, vor allem auf ihre stark ausgeprägte eheliche 
Treue zurückzuführen ist, auf ihren Entschluss, dass nur ihr Gatte ihr 
Retter sein solle. Doch an diesem Punkte werden unsere Erwägungen so 
unsicher, dass sie in das Gebiet des völlig Unbekannten hinübergleiten. 

(Deutsch von Dr. Hanns Sachs.) 



Referate und Kritiken. 



Dr. Albert Moll, Handbuch der Sexualwissenschaften. Mit 
besonderer Berücksichtigung der kulturgeschichtlichen Beziehungen. Mit 
418 Abbildungen und 11 Tafeln. Leipzig, Verlag von F. C. Vogel, 1912. 
Die zahlreichen grossen sexualbiologischen Werke der letzten Zeit 
erscheinen jetzt um ein neues vermehrt, das eine Enzyklopädie der ge- 
samten Sexualwissenschaft darstellen soll. Zu diesem Behufe hat sich 
Moll als Herausgeber mit einer Reihe trefflicher und bewährter Mit- 
arbeiter verbündet. Zuerst behandelt Dr. Richard Weissenberg 
die biologische und morphologische Seite des Problems: „Das Ge- 
schlecht mit besonderer Berücksichtigung des Genital- 
Systems des Menschen. In ausgezeichneter Weise schildert er die 
allgemeinen biologischen Grundlagen der Sexualität, Anatomie und Physio- 
logie des Geschlechtsapparates, die Grundzüge der Entwickelungsgeschichte, 
das Problem der Geschlechtsbestimmung und die somatischen Grundlagen 
der Geschlechtsunterschiede. HavelockEllis versucht der „Psycho- 
logiedes normalen Geschlechtstriebes" gerecht zu werden, 
was ihm in seiner bekannten gründlichen Art sehr gut gelingt. 
Dr. Buschan beschreibt das „Sexuelle in der Völkerkunde". 
Seine Ausführungen betreffen: Die geschlechtlichen Äusserungen der 
Naturvölker, die Geschichte der Ehe, die Prostitution in der Völkerkunde, 
den Phalluskult und die Fruchtbarkeit bei den Naturvölkern. Nun kommt 
der Herausgeber Dr. Moll zu Wort. Die sozialen Formen der sexuellen 
Beziehungen, die Stellung der Frau, die Prostitution, die freie Liebe und 
die Ehe finden eine geschlossene Darstellung. Von sehr grossem Interesse 
ist der ebenfalls von Moll geschriebene Abschnitt „Die Erotik in der 
Literatur und Kuns t". Weitere Beziehung des Sexuellen zur Kultur 
behandelt der sechste Hauptabschnitt, ebenfalls von Moll verfasst. Die 
wichtigen Funktionsstörungen des Sexuallebens sind von Moll und 
Havelock Ellis gemeinschaftlich bearbeitet: Die Neuropathia 
s e x u a 1 i s stammt ausschliesslich von M o 1 1 , während in der Psycho- 
pathia sexualis Beiträge beider Autoren enthalten sind. Prof. Dr. 
KarlZiegler trägt eine ausgezeichnete Schilderung der G e s c h 1 e c h t s- 
k rankheiten bei. Die sexuelle Hygiene behandelt Moll, von 
dem der grösste Teil des Werkes stammt. Schliesslich kommt Prof. Dr. 



460 Referate und Kritiken. 

Seved Ribbing mit einer sexuellen Ethik und Ausführungen 
über „Sexuelle Aufklärung, Pädagogik und, Erziehung" zu 
Wort. In einem Anhang bespricht Moll die Statistik über die Beschäf- 
tigung der Ärztinnen und die polizeilichen Vorschriften für Prostituierte 
in Berlin. Stekel. 

Dott. Roberto Assagioli, II subcosciente. Firenze, Biblioteca 
filosofica 1911. 

Der Autor konstatiert die grosse Verwirrung, die in fachpsycho- 
logischen Kreisen hinsichtlich der Nomenklatur und der Begriffsfassung 
nicht bewusster Vorgänge existiert; er unterzieht die bisherigen Auf : 
fassungen einer kritischen Prüfung und schlägt vor, sowohl die Bezeich- 
nung „Unbewusst-psychisch" als auch die physiologische Auffassung eines 
„unbewussten Gehirnvorganges" auszuschalten und nur die Definitionen 
unterbewusst, mit- oder nebenbewusst beizubehalten. A s s a g i o 1 i ver- 
kennt den psychischen Charakter der in Frage stehenden Phänomene 
durchaus nicht, behauptet aber von ihnen (z. B. auch von den bei Freud 
vorkommenden psychischen Faktoren), dass sie zwar uns nicht bewusst 
sind, aber dass ihnen ein Bewusstsein zukomme, er nimmt somit ein 
psychisches Hauptzentrum und mehrere Nebenzentren an. In der Auf- 
zählung der verschiedenen in der Literatur vorkommenden Definitionen 
vermissen wir die Freud'sche Erklärung des Bewusstseins, als 
eines „Organs zur Wahrnehmung psychischer Qualitäten", die eine ganz 
neuartige Lösung der in Frage kommenden Probleme anbahnen will und 
durchaus nicht übersehen werden darf. 

Im allgemeinen scheint es mir, dass die vom Autor vorgeschlagenen 
Definitionen wie „Nebenbewusstsein" oder die Auffassung eines „neben- 
geordneten Bewusstseinszentrums" bzw. eines uns nicht hewussten Be- 
wusstseins eigentlich nur Konzessionen an den Satz psychisch r= 
bewusst vorstellen und so den nackten empirischen Sachverhalt, der 
nur eine psychische und doch zunächst nicht bowusste 
Erscheinung kennt, etwas verschleiert. Anderseits muss ja zugebilligt 
werden, dass der Schritt zur endgültigen Annahme absolut unbewusst- 
psychischer Phänomene nicht so leicht ist, weil dann der Philosoph ge- 
zwungen wird, die Kriterien des Psychischen und seiner Abgrenzung vom 
Physischen neu zu bestimmen. Jedenfalls ist eine Kritik aller vorkom- 
menden Nomenklaturen nicht möglich, ohne erst in die Prüfung des Satzes 
psychisch = bewusst einzugehen. Eine erschöpfende Untersuchung gerade 
dieser einen Frage steht noch aus, sie kann nur unter Heranziehung 
auch erkenntnistheoretischer und entwicklungsgeschichtlicher Gesichts- 
punkte und mit Berücksichtigung aller in Psychologie und Psychoanalyse 
gefundenen neuen Ergebnisse von Janet bis Freud durchgeführt werden. 

Die kleine Schrift Assagiolis enthält eine gute Übersicht der 
wichtigsten Ansichten und im Anhange einen umfangreichen Nachweis 
der einschlägigen Literatur. Gaston Rosenstein. 

Dr. Heinrich Kahane, Das psych agogische Heilverfahren. 
(Wien. klin. Wochenschr. Nr. 7. 1912.) 

Psychoneurosen sind seelische Störungen, die einen somatischen 
Kern haben. „Zwang" und „Drang", Perversionen und abnorm frühe 



Referate und Kritiken. 

Regungen gewisser Leidenschaften sind nicht die Ursache, sondern Sym- 
ptome einer „schwachen Psyche". Der Autor übt eine Psychotherapie, 
die fast nur „im Gesunden operiert". Er vermeidet es nach Mög- 
lichkeit, über die psychischen Störungen zu sprechen 
und bemüht sich, die ethischen Kräfte des Kranken durch „Psycholysis" 
zu heben. Jedes Übermass des Ausfragens wird vermieden. Durch Stetig- 
keit und Ausdauer, liebreiche Geduld „versetzt man den Kranken in jenen 
kindlich hingebenden und gläubigen Zustand, der psychagogische Wir- 
kungen ermöglicht". St ekel. 

Dr. Magnus Hirschfeld und Dr. Ernst Burchard, Spermasekre- 
tion aus einer weiblichen Harnröhre. Ein Mann mit 
vollkommen weiblichen äusseren Genitalien. Deutsche 
med. Wochenschr. Nr. 52. 1911. 

Magnus Hirschfeld hat für seine Zwischenstufentheorie ein 
besonderes Augenmerk den ..Geschlechtsübergängen" zugewendet. Ausser 
seinem unter dem genannten Titel erschienenen, sehr wertvollen Büchlein 
bietet er uns diesmal im Verein mit Ernst Burchard Beschreibung 
und Lebensbild eines äusserst interessanten Individuums. Es handelt 
sich um eine jetzt 20 jährige Person, mit vollkommen weiblichen äusseren 
Genitalien, vorwiegend weiblichem körperlichem Habitus, bei der jedoch 
die Menstruation ausgeblieben, dafür aber ein Stimmwechsel eingetreten 
war. Das Verblüffendste jedoch ist, dass diese Person, die bisher trotz 
männlichen Charakters und Geschlechtsempfindens als Mädchen aufge- 
zogen wurde, dann im Orgasmus aus ihrer weiblichen Harnröhre eine 
— Samenflüssigkeit entleert, die lebende Spermatozoon enthält. Sie muss 
also auch im Besitze von männlichen Keimdrüsen sein und ist daher 
als Mann anzusprechen, trotz der vollkommen weiblichen äusseren Geni- 
talien, des Uterus und der weiblichen Harnröhre. Der Fall, welcher unter 
allen Kautelen von einer Reihe von Spezialärzten nachgeprüft wurde, 
stellt selbst unter den Geschlechtsübergängen ein Unikum dar und verdient 
im Original nachgelesen zu werden. Sadger. 

Dr. Otto Juliusburger, Die Homosexualität im Vorentwurf 
zu einem deutschen Strafgesetzbuch. Allg. Zeitschr. f. 
Psychiatrie u. gerichtl. Medizin. Herausgegeben von Hans Laehr. 
Bd. 68. Heft 5. 

Mit grosser, aber vollkommen berechtigter Schärfe wendet sich 
Juliusburger gegen jene Paragraphen des Vorentwurfes, die die Homo- 
sexualität betreffen. Trotz aller Bemühungen der Fachwissenschaft ist 
der unglückselige § 175 nicht nur nicht gemildert, geschweige denn auf- 
gehoben, sondern noch erheblich verschlechtert worden, indem man auch 
das weibliche Geschlecht, welches bisher bei homosexuellen Delikten 
straflos ausging, nun auch unter Zuchthausdrohung stellt. Wie haltlos 
unter jedem einzelnen Gesichtspunkt die Gründe der Bestrafung und 
vollends der Strafverschärfung sind, wie die neuen Tücken nur neue 
Erpressungen züchten werden, endlich wo ein Weg zur Heilung oder 
mindest Eindämmung gleichgeschlechtlichen Empfindens zu suchen, hat 
Juliusburger auf wenigen Seiten in trefflichster Weise zusammen- 
gestellt. Als Probe führe ich eine Stelle an, die weiteste Verbreitung 



462 



Referate und Kritiken. 



verdient: „Keineswegs durchgängig ist der heterosexuelle Verkehr von dem 
veredelnden Lichtschein der Ästhetik und einer adelnden Durchgeisügung 
gehoben und verklärt. Von dem brutalen Sinnengenuss und der schranken- 
losen Hingabe, von dem sinnverwirrenden Tumulte und stürmischem Aus- 
leben der blindentfesselten Triebe bis zu dem sublimiertesten und lebens- 
freudigsten Genüsse in Schönheit und Seelenverwandtschaft stellen sich 
alle möglichen Übergänge und Zwischenstufen dar. Die Heterosexualität 
an sich trägt ebensowenig den Adelsbrief in sich, wie die Homosexualität 
ohne weiteres mit Bestialität identifiziert werden darf. Unter Umstünden 
kann ein homosexuell gerichtetes Menschenpaar sittlich ungleich höher 
stehen als Individuen, welche durch das Band der Heterosexualität mit- 
einander verbunden sind. Wenn zwei homosexuelle Menschen, in wahrer 
und reiner Liebe einander zugetan, sich körperlich verbinden, so sind sie 
unzweifelhaft sittlich höher zu erachten, als wenn ein weibliches Indi- 
viduum, bloss um einen Mann zu bekommen, sich irgend einem Ersten- 
Besten an den Hals wirft, oder wenn ein Mann, um leichter durch das 
Leben zu gehen, um schnöden Mammons willen Seele und Körper ver- 
kauft. Wenn es fraglich ist, ob der Geist sich den Körper baut, so ist es 
unfraglich, dass der Geist es ist, der der Sexualgemeinschaft erwachsener 
Menschen erst Adel, Würde verleiht. Zwischen erwachsenen Menschen 
ist die Ausübung des päderastischen Aktes lediglich Sache ihres Ge- 
schmackes. Aber hierüber hat das Strafgesetz nicht zu wachen, ebenso- 
wenig, wie kein Engel mit dem strafenden Schwerte vor dem Schlafgemach 
heterosexueller Individuen die Wacht übernimmt. Noch einmal sei es 
gesagt: es ist eine völlige Verkennung der tatsächlichen Dinge, wenn man 
glaubt, dass die Päderastie mit homosexueller Betätigung im allgemeinen 
sich deckt." Sadger. 

Julius Zappert, Zur Prognose der Epilepsie im Kindes- 
alter. (Med.' Klinik. 1912. Nr. 6.) 

Es wird die Katamnese zahlreicher Kinder erhoben, bei denen 
seinerzeit die Diagnose Epilepsie gestellt wurde. Es zeigt sich, dass ein 
ziemlich hoher Prozentsatz vollkommen geheilt ist und gar keine epi- 
leptischen Symptome aufweist. Zappert kommt zum Schluss, man 
dürfe die Prognose der kindlichen Epilepsie nicht ungünstig stellen. Man 
sollte vielleicht nur die Diagnose epileptiformer Anfälle und nicht die 
einer Epilepsie stellen. Leider berücksichtigt der verdienstvolle Autor 
nicht die neueren Forschungen, welche eine psychogene Wurzel nach- 
weisen, z. B. meine Arbeit „Die psychische Behandlung der Epilepsie*' 
im vorigen Jahrgang dieses Blattes und verschiedene Mitteilungen anderer 
Forscher über affektepileptische Anfälle. Es besteht für mich gar kein 
Zweifel, dass ein gut Teil der sogenannten Epilepsien nur Neurosen und 
zwar Hysterien sind. Die psychoanalytische Erforschung einiger Kinder- 
epilepsien dürfte Klarheit in diese Frage bringen. Stekel. 

Prof. Rudolf Staehclin, Die Entstellung und Behandlung 
des Asthma bronchiale. (Jahreskurse für ärztliche Fortbildung. 
Februar 1912.) 

In kurzer aber trotzdem erschöpfender Weise behandelt der Autor 
die Pathologie des Asthma bronchiale. Er berücksichtigt auch alle Stimmen, 
welche das Asthma als eine Neurose auffassen. Er weist nach, dass der 



.v 



Referate und Kritiken. 463 

Lufthunger der Kranken nur ein scheinbarer ist. Denn nach seinen und 
S c h ü t z e's Untersuchungen wird die Lunge im Asthmaanfalle überreich- 
lich ventiliert, so dass die pro Minute geatmete Luftmenge um die Hälfte 
grösser sein kann, als in der anfallsfreien Zeit. Die Behandlung muss ent- 
sprechend den neuen Erkenntnissen wesentlich eine psychische sein. „Auf 
die Hypnose zu rekurrieren, wird selten notwendig sein. Auch die 
Freu d'sche Methode, die durch Ausfragen in der Hypnose (hier scheint 
der Autor über die Technik der Psychoanalyse nicht unterrichtet zu 
sein, Ref.), Traumdeutung, Assoziationsversuche u. dgl. die Erinnerungen, 
die dem Lufthunger zugrunde liegen, aus dem Unterbewusstsein ans Licht 
zu bringen sucht, so dass der Patient .abreagiert', ist wohl nur für ganz 
besondere Fälle zu reservieren, dann aber auch nur ganz geübten Thera- 
peuten zu überlassen." 

Ich kann nach meinen Erfahrungen die Psychoanalyse als Asthma- 
therapie wärmstens empfehlen. Die Fälle sind hartnäckig und erfordern 
Geduld und Ausdauer. Darin muss ich S t a e h e 1 i n recht geben, dass 
sich nur ganz Geübte an diese Aufgabe wagen sollen. Es wird noch immer 
zu viel wilde Psychoanalyse geübt. Stekel. 

Dr. Max Kemmerich, Kultur-Kurios a. Erster und zweiter Band. 
Albert Langen, München. 

Die Psychoanalyse beschäftigt sich mit den Kultur-Kuriosen des 
Individuums. Es ist sehr lehrreich, Parallelen zu ziehen zu merkwürdigen 
Erscheinungen der historischen Vergangenheit der Menschheit. Niemand 
wird die Kapitel Sittlichkeit, Schicklichkeit, Ehe bei Kemmerich ohne 
starkes Interesse lesen können. Geradezu aktuell wirkt der Abschnitt 
„Autoritäten und Fortschritt". Ein Kulturhistoriker künftiger Tage wird 
auch die Stellung der offiziellen Wissenschaft zur Psychoanalyse unter 
die Kuriosa einreihen und die Rubrik „Autoritäten, gelehrte Zunft und 
Fortschritt" um den Fall Freud bereichern. Die Lektüre der anregenden 
Bücher sei allen Kollegen wärmstens empfohlen. Stekel. 

Dr. med. P. Häberlin (Dozent), Sexualgespenster. Sexual- 
probleme. Febr. 1912. 

Aus einer Psychoanalyse wird der Nachweis erbracht, dass die 
Angst vor Gespenstern auf gewisse infantile sexuelle Erlebnisse zurück- 
zuführen ist. „Träume und Halluzinationen, mit Einschluss der gespensti- 
schen Erscheinungen, sind symbolische Wiederholungen der Erlebnisse: 
Das Treibende und Primäre ist hier wie dort die sexuelle Spannung Und 
Erwartung, der Sexualwunsch, der natürlich in beiden Fällen kaum spuren- 
weise bewusst ist. Wie in der frühen Jugend (in diesem speziellen Falle I 
Ref.) die Angst die völligen Ausführungen der Sexualabsichten verhindert 
hat, als Wächterin des .besseren Ich', so verhindert in den Halluzinationen 
die Angst, dass sie zu reinen Sexualorgien der Phantasie werden." 

Die Angst sei der Ausdruck der moralischen Zensur und eigentlich 
die Angst vor sich selber. Leider finden sich in dem sehr interessanten 
Bruchstück der Analyse keine Hinweise auf die Erlebnisse der ersten 
Kinderjahre. Vielleicht trägt der geistreiche Autor an anderer Stelle 
die vollständige Analyse nach. Stekel. 



4W Aus Vereinen und Versammlungen. 

Aus Vereinen und Versammlungen. 



Die Bedeutung der Psychoanalyse für Probleme der 

Soziologie. 

(Vortrag gehalten in der soziologischen Gesellschaft in Wien.) 

Von Dr. Hanns Sachs. 

Ihnen allen, m. H., dürfte die Psychoanalyse aU eine neuartige Methode der 
Heilung gewisser Nervenkrankheiten bekannt sein, die von einem Wiener Arzte, Prof. 
Dr. S.Freud entdeckt wurde. Zwischen einer Neurosen-Therapie und der Soziologie 
scheint kaum irgend eine Verwandtschaft oder gegenseitige Kinwirkung denkbar. 
Die Entwicklung, welche die Psychoanalyse genommen hat, liess sie an Anwendbar- 
keit auf die verschiedensten Wissensgebiete soviel gewinnen, dass ich trotzdem 
hoffen darf, Ihnen beweisen zu können, dass einigen Problemen der Soziologie, und 
keineswegs den unwichtigsten durch die psychoanalytische Anschauungsweise neue 
Seiten abgewonnen werden können. Die Grundtatsachen und Hauptsätze der Psycho- 
analyse selbst kann ich im Rahmen einen Vortrages nur kurz resümioron und ver- 
weise sie bezüglich der Beweise auf die reichhaltige Literatur, insbesondere auf die 
Werke Freud 's, and die eigene Beobachtung. 

Die Psychoanalyse nahm ihren Anfang damit, dass Freud bei Patienten die 
wegen Hysterie, Zwangsneurose und ähnlicher Leiden, die wir unter dem Namen Psycho- 
Neurosen zusammenfassen, in seine Behandlung kamen, konstatieren konnte, dass ein 
bestimmter seelischer Vorgang sich abgewickelt hatte, von dem die Patienten zur Zeit 
des Eintrittes in die Behandlung nichts mehr wuasten. Das wesentliche dieses Vor- 
ganges bestand darin, dasB diese Personen sich von Gedanken, W fluschen, Phantasien 
und realen Erinnerungen, welche ihnen unliebsam und peinlich, ja unerträglich und 
mit ihrer sittlichen Persönlichkeit unvereinbar schienen, dadurch befreiten, dass sie diese 
störenden „Komplexe" aus ihrem Bewusstsein hinausschafften, sie verdrängten. 
Damit waren aber jene Störenfriede noch keineswegs endgültig erledigt, denn die 
Folge ihrer Entfernung war eben die Erkrankung. Diese erwies sich einerseits durch 
den engen assoziativen Zusammenhang ihrer Symptome mit den verdrängten Kom- 
plexen, andrerseits durch ihr Verschwinden, sobald diese wieder in das Bewusstsein 
eingeführt worden waren, als eine Ersatzbildung, welche an die Stelle der ver- 
drängten Komplexe trat, und die, wenn man will, als die Wiederkehr derselben aus dem 
Unbewussten aufzufassen ist. Um wiederkehien zu können, mussten sie allerdings 
eine entstellende Veränderung durchmachen, die sie dem Bewusstsein des Erkrankten 
unkenntlich und deshalb unanstössig werden Messen. Wir müssen uns auf Grund 
dieser Beobachtung zu der Annahme entschlieBsen, dasB auch psychische Vorgänge, 
denen die Bewusstseinsqualität fehlt, existieren und auf das Seelenleben entscheidend 
einwirken können. Die Psycho-AualyBe ist im wesentlichen die Psychologie dieser 
unbewussten Vorgänge. 

Dem Studium der Psycho-Neurosen schloss sich die Traumforschung unmittel- 
bar an. Um die verdrängten Komplexe zu finden, mussten nämlich alle Äusserungs- 
formen des Psychischen untersucht werden; es zeigte sich bald, dass das Unbewusste 
an den Träumen besonders grossen Anteil hatte. Da sich jedoch die Träume der 
Neurotiker nicht als prinzipiell verschieden von jenen Gesunder erwiesen, musste 
das Unbewusste wohl nicht bloss ein Privileg der Kranken, sondern ein Gemeingut 



Aus Vereinen und Versammlungen. 465 

aller MenBchen sein, wenn auch zunächst »eine Einwirkung bei Normalen nicht wie 
bei Neurotikern im Wachen, sondern nur unter den, dem Durchbruche des Unbe- 
wussten offenbar günstigeren Umständen des Schlafzustandes zu beobachten war. 
Doch kann eich auch im Traume das Unbewusste nicht ohne weiteres Ausdruck 
verschaffen. Der Widerstand ist zwar herabgesetzt, fehlt aber nicht vollständig und 
zwingt die verdrängten Komplexe sich zu verkleiden, ehe er ihnen den Eingang zum 
Traume, der ja ein Bewusatseinaphänomen ist, frei gibt. 

Der Traum ist also wie die Neurose das Kompromiss-Produkt zweier sich 
bekämpfender seelischer Instanzen. Es gilt nun zunächst, diese beiden Instanzen 
kennen zu lernen. 

Das Verdrängte oder Unbewusste erwies sieb mit gesetzmässiger Regelmässig- 
keit als Niederschlag sexueller Triebe, wobei der Begriff der Sexualität von der 
Psycho-Analyse allerdings bedeutend weiter gefasst wird, als dies gewöhnlich 
geschieht. Diese Erweiterung geschah jedoch keineswegs willkürlich, sondern auf 
Grund zahlreicher Beobachtungen, welche erwiesen, dass Phänomene, welche man 
sonnt nicht unter die sexuellen zu rechnen pflegt, mit exquisit sexuellen genetisch 
eng verknüpft sind. 

Welcher Art das Verdrängende (der Widerstand, die Zensur) ist, können wir 
jetzt unschwer erfassen. Es sind jene längst bekannten Hemmungen, die sich der 
rücksichtslosen Trienbefriedigung überall entgegenstellen: Scham, Ekel, Mitleid 
Abscheu vor Perversion und Inzest etc. Das Auftreten dieser Hemmungen wäre 
bei einem isolierten Einzelindividuum undenkbar. Ihre Entstehung ist vielmehr an 
das Zusammenleben der Menschen, an den sozialen Verband geknüpft, dem zuliebe 
jeder Einzelne ein Stück seiner ursprünglichen Lust opferte. Die .Verdrängung* 
ist also eine Folge sozialer Verhältnisse und sie wird verschieden sein, je nach 
den Ansprüchen, die das soziale und kulturelle Milieu an den Menschen, der darin 
aufwächst, stellt und nach der Bereitwilligkeit, mit der sich der Einzelne jenen 
Anordnungen unterwirft. Von diesem Standpunkte aus können wir die Verdrängung 
als Anwendung des sozialen und kulturellen Milieus auf die ihm angehörigen Einzel- 
persönlichkeiten definieren. Damit ist aber die erste Berührung soziologischer und 
psychoanalytischer Gedankenkreise gegeben. 

Betrachten wir die beiden Produkte, die wir bisher kennen gelernt haben, 
Neurose und Traum, vom soziologischen Gesichtspunkte, so fällt bei der Neurose als 
ihre charakteristische Eigenschaft die Tendenz auf, den von ihr Befallenen asozial 
zu machen. Sie hindert die Frau an der Betätigung als Gattin und Mutter, sowie an 
der Führung des Haushaltes, reisst den Mann aus seinem Beruf heraus und macht 
ihn zu jeder zielbewussten Arbeit unfähig. Wenn wir neurotisch Gewordene in 
Sanatorien unterbringen, so sanktionieren wir nur diese Tendenz, indem wir sie aus 
ihrem sozialen Milieu, in dem ihr Platz nicht mehr länger sein kann, entfernen und 
ihnen einen Aufenthalt dort anweisen, wo ihre sozialen Pflichten auf ein Minimum 
reduziert sind. Für das Auftreten des Traumes ist der Schlafzustand Bedingung, der 
wohl die intensivste denkbare Absperrung von der Aussenwelt bedeutet. Der 
Traum enthält also als Voraussetzung, was für die Neurose das Ziel bildet : Den 
Zustand der sozialen Isolierung; beide sind als typisch asoziale Phänomene zu be- 
zeichnen. - 

Sollte also der Anteil des Unbewussten und damit auch die Anwendungsmöglich- 
keit für die Psycho-Analyse von jenen psychischen Produkten, welche mit und für die 
soziale Gemeinschaft geschaffen wurden, ausgeschlossen sein? Das scheint von vorn- 
herein mit Rücksicht darauf, dass durch die Traumdeutung die grosse Wirksamkeit und 
das ubiquitäre Auftreten des Unbewussten im Seelenleben erwiesen war, kaum anzuneh- 
men. Den entscheidenden Schritt hat auch hier F r e u d mit seiner Untersuchung des Witzes 



466 Aus Vereinen und Versammlungen. 

getan. Es gelang ihm nachzuweisen, dass am Zustandekommen des Witzes und der 
Lust, die er dem Hörer verursacht, eben dieselben nnbewussten Komplexe beteiligt 
sind, wie beim Traum und bei der Neurose. Auch hier musa der Widerstand, der 
der Wiederkehr des Verdrängten geleistet wird, durch eine Einkleidung umgangen 
werden und diese beizustellen ist eben die Aufgabe dor Witztechnik. Von den zahl- 
reichen Problemen, die sich an den Witz knüpfen, will ich nur eines anführen, weil 
es deutlich ersehen lässt, dass wir uns mit dem Witz bereits auf ganz verändertem 
Boden befinden. Es ist eine ziemlich allgemeine bekannte Tatsache, dass derjenige, 
der einen Witz erzeugt — oder vielleicht besser, derjenige, dem ein Witz einfällt — 
darüber nicht lacht, sondern nur der, dem er mitgeteilt wird. Die Erklärung dieser 
Erscheinung, die so interessant und sinnvoll ist, als sie nebensächlich und zufällig 
aussieht, darf uns hier nicht aufhalten. Es genügt, dass damit dargetan ist, dass 
der Witz nicht egoistisch, sondern von vornherein auf einen oder mehrere andere — 
die Hörer — berechnet ist. Der Witz ist also — seiner geringen sozialen Bedeutung 
ungeachtet — ein eminent soziales Phänomen. 

Damit hätten wir also die Berechtigung zur Anwendung der Psycho-Analyse, 
auf soziale Phänomene gewonnen. Um die Stelle ausfindig zu machen, an welcher 
wir im sozialen Gefüge mit der meisten Aussicht auf Erfolg nach unbewussten 
Motiven suchen sollen, müssen wir uns zunächst aus dem Entwickolungsgange des 
Menschen jene Etappen, welchen die Psycho-Analyse die meiste Bedeutung zu- 
schreibt, herausgreifen. 

In den ersten Lebensjahren fehlen dem Kinde noch alle jene Hemmungen, 
die Erziehung und kulturelles Niveau später in den Menschen hineintragen. Der 
schrankenlosen Triebbefriedigung steht nur die körperliche Ohnmacht entgegen; 
soweit diese nicht hindert, gewinnt das Kind Lust aus vielem, was später als ver- 
boten, widerwärtig oder sündhaft gilt; solcher Lnstgewinn wird z. B. an gewissen 
bevorzugten Stellen des eigenen Körpers, an den Exkrementen und oxkrementellen 
Funktionen, dtfreh Betrachton fremder und Enthüllen eigener Nacktheit gewonnen 
(Epoche der Allsexualität). In einem späteren Entwicklung.sstadium , wenn 
das Kind fremde Persönlichkeiten als solche würdigen gelernt hat, empfindet es 
gegen seine Eltern (Pflegepersonen) eine Zärtlichkeit, die weit über die spätere 
»pietätvolle Kindesliebe" hinausgeht und deutlich erotisch gefärbt ist. Da sich hier die 
Anziehungskraft des entgegengesetzten Geschlechtes meist schon lebhaft geltend macht, 
sieht der Sohn im Vater, die Tochter in der Mutter den lästigen Nebenbuhler; das 
GefühL der Zuneigung, das ja auch gegen den gleichgeschlechtlichen Elternteil vor- 
handen ist, steht diesem Hasse gegenüber und ergibt so die ersten Konflikte der 
kindlichen Seele. In der antiken Mythe von ödipns ist diese infantile Einstellung 
des Sohnes gegen Vater und Muttor bis zu ihren krassesten Konsequenzen realisiert 
(Ödipuskomplex). In der Pubertät oder kurz vorher tritt ein völliger Umschwung 
des Verhältnisses zu den Eltern ein, der die Ablösung der Libido von den Eltern 
und ihre Übertragung auf das normale Sexualobjokt vorbereitet. Dio ungeheure Über- 
schätzung des Kindes, das den Vater für den mächtigsten Mann, die Mutter für die 
schönste Frau hält, bricht zusammen, sobald der erste Schritt aus dem engsten 
Familienkreise getan ist. Andere Enttäuschungen treten hinzu und um sich darüber 
hinwegzuhelfen, bildet das Kind gewisse typische Phantasien, in denen es die ihm 
nicht mehr zusagenden Familienverhältnisse mit anderen, grossartigeren vertauscht 
(„Familienroman"). 

Nun ist es ein durch stets erneuerte Erfahrung bestätigter Grundsntz der 
Psycho-Analyse, dass die ursprünglichen Triebe eines Menschen nio völlig erlöschen, 
ja kaum dauernd unterdrückt werden können. DieBe Norm, die eigentlich nur eine 
Analogie des physikalischen Gesetzes der Erhaltung der Kraft in der Psychologie 



Aus Vereinen und Versammlungen. 467 

darstellt und die wir als Gesetz der Unsterblichkeit der Affekte zu be- 
zeichnen gewohnt sind, macht es zunächst unverständlich, wieso es dem Individuum 
gelingen kann, sich jener kulturwidrigen Triebe zu entledigen und zu dem geforderten 
Niveau aufzusteigen. Einen Weg dazu haben wir bereits kennen gelernt, die Ver- 
drängung, die wir aber jetzt nur als einen Spezialfall ansehen dürfen. Wichtiger 
sind zwei andere Mechanismen, durch die der unzerstörbare Trieb verwandelt und 
so zu kulturfördernder Arbeit verwendbar gemacht wird. Der Trüb kann von 
seinem ersten primitiven Objekt losgelöst und an ein neues, höheres verlötet, in den 
Dienst einer höheren Tendenz gestellt werden (Sublimier ung); in anderen Fällen 
besteht zwischen zwei Trieben, die einander diametral entgegengesetzt sind, wie 
z. B. die Lust an der Zufügung und am Erdulden von Leiden (Sadismus und Maso- 
chismus) eine besonders innige Verbindung, die das Auftreten des einen ohne den 
anderen unmöglich erscheinen lässt. Wenn nuu der eine der beiden Triebe aus 
kulturellen Rücksichten keine Befriedigung mehr finden darf, so bleibt ihm noch die 
Möglichkeit der indirekten Äusserung auf dem Umwege über seinen Gegentrieb offen, 
der dann eine abnorme Verstärkung erfährt (Reaktionsbildung). Auf diesem 
Wege nehmen also infantile, längst unbewusst gewordene Wünsche an der Ent- 
stehung der wichtigsten sozialen Bildungen Anteil. In dem Richter, den es völlig 
befriedigt sein Leben lang Strafen auszuteilen und Leiden zu verursachen, werden 
wir den ursprünglichen Sadisten erkennen, der seine Grausamkeit mit Erfolg 
8ublimiert und in den Dienst einer höheren Tendenz — der Gerechtigkeit — gestellt 
hat; aus derselben Triebanlage mag auf dem Wege der Reaktionsbildung ein Über- 
Mitleidiger, etwa ein Antivivisektionist oder Homanitätsapostel werden. 

Eine solche Triebumwandlung erfolgt aber nicht etwa auf einmal und dauernd; 
aus don ursprünglichen Quellen fliessen stets neue Affektmengen und diese müssen 
stets aufs neue bewältigt und umgeformt werden. Es ist in jedem Kulturmenschen 
ein stetes Ringen zwischen den alten Trieben und den sozialen Anforderungen und die 
letzteren bleiben nicht immer Sieger. Die Folge dieses unaufhörlichen Kampfes ist 
eine andauernde seelische Spannung, die uns unerträglich sein müsste, wenn nicht 
für ein Ventil gesorgt wäre, durch das ein Teil jener Strebungen ohne Gefahr eines 
Konfliktes abgeleitet werden kann. Neben dem Ausleben in der Realität steht 
unseren Wünschen ein anderer, bequemerer Weg offen: Die Phantasie, die aber, 
um jene verpönten Befriedigungssituationen enthalten und doch die Zensur des 
Kulturempfindens überstehen zu können, ganz eigene Formen annehmen muss. Jene 
Situationen werden umgestellt, ihre Herbeiführung durch weit herbeigeholte Motivi- 
rung umgedeutet, etwa als angebliche Erfüllung des Schicksals und darum dem 
Einzelwillen entrückt dargestellt. Diese komplizierte Arbeit wird aber nicht von 
jedem einzelnen neu begonnen. Liegen doch alle Gründe für eine gemeinschaftliche- 
Tätigkeit der VolkBgesamtheit vor, in der alle Zeitgenossen unter der Herrschaft 
derselben Triebe — wenn auch in verschiedener Intensität — und derselben Wider- 
stände stehen. So entstehen dann grosse , Gesamtheitsphantasien *, die jeder Einzelne 
schon vorfindet und an deren Fortbildung jeder Einzelne bowusst und unbewusst 
mitarbeitet. Ob solche Gesamtheitsphantasien für die Soziologie von Interesse sind, 
scheint kaum fraglich zu sein. Gleichzeitig mit dem ersten Erwachen der Kultur 
sehen wir überall die Religion in Erscheinung treten und von da ab begleitet sie, 
meist fördernd, manchmal hemmend jeden Schritt, den die Menschheit auf dem Weg© 
ihrer Entwicklung getan hat. 

An der Entstehung aller religiösen Vorstellungen, von der primitiven Fetisch- 
und Totemverehrung bis zu den Offenbarungsreligionen und dem sorgfältig aus- 
gearbeitetem Mythenkreise um die Person ihres Stifters, hat die Phantasietfttig- 
keit unzweifelhaft den grössten Anteil. Und nicht minder bat sie bei allen religiösen 



468 Aus Vereinen und Versammlungen. 

Gebräuchen mitgewirkt, seien es nun die Opfer- und Mysterienkulte der Antike oder 
•die christlichen Riten. Um also ein für die Soziologie so wichtiges Phänomen, wie 
die Religion zu verstehen, müssen wir die Gesetze, nach denen jene von den Ur- 
trieben gespeiste Phantasie arbeitet, erforschen, und dafür kann nur die Psycho- 
analyse die Methode liefern. 

Ein vorzügliches Beispiel, wie die Religion dazu benutzt werden kann, kultur- 
widrige Impulse durch die Phantasie auszuleben, ohne dass das Bewusstsein des 
Phantasierenden davon Notiz nimmt, hat ein Schüler Freud 's, Pfarrer Dr. Os- 
kar Pfister in seiner Studie Ober „Die Frömmigkeit des Grafen von Zinzendorff" 
gegeben. An der Hand zahlreicher geistlicher Gedichte, Predigten und Betrachtungen 
des Grafen und seiner nächsten Umgebung hat Pfister nachgewiesen, dass die 
Schilderungen der Marter Christi, in die sich Zinzendorf mit frommer Inbrunst ver- 
tiefte, ihm zum Anreiz und zur Unterlage für seine libidinÖBen (Jraasamkeits- 
phantasien gedient haben. Besonders die Seitenwunde wird zum Ausgangspunkte 
für ein wahres „Blutgelalle" ; das ganze, dem Erlösungswerk zugewandte Interesse 
konzentriert sich stets wieder auf sie, so dass ihr ein eigener Kult eingerichtet 
wird. Kurz, die Phantasien des Begründers der Eerrenhuter Brüdergemeinde unter- 
scheiden sich nicht wesentlich von jenen des Verfassers von „Juliette, ou les 
malheurs de la vertu". Diese Erkenntnis darf unsere Achtung vor der Persön- 
lichkeit ZinzendorfFs und seinem grossartigen, auf selbstlose Menschenliebe gegrün- 
deten Missionswerke nicht mindern. Ihm gab die Religion eben die Möglichkeit, 
seine Neigung zur Grausamkeit ohne Anstoss bei sich und anderen zu erregen, zu 
befriedigen und bewahrte ihn davor, Bein Leben als Auswürfling im Kerker oder 
IrrenhauBe hinbringen zu müssen; wir begreifen nun auch die Glut und Innigkeit, 
mit der er und alle Naturen seiner Art ihrem Glauben anhängen. 

Wenn wir nun zur Entwicklung dos Individuums, wie sie oben skizziert wurde, 
zurückkehrend, die Tatsache hinreichend beachten, dass dabei aus einem hemmungslosen, 
<iem nächsten Bedürfnisse hingegobenem Wesen der Kulturmensch entsteht, sehen 
wir mit Erstaunen, dass die beiden Punkte, zwischen denen sich die Entwicklung 
des Einzelnen vollzieht, mit dem Anfangs- und Endpunkte der Entwicklung der 
gesamten Menschheit völlig zusammenfallen. Jeder einzelno muBS völlig von vorn 
anfangen und den ganzen Weg, den die Reihe der Ahnen zurückgelegt hat, noch 
einmal, wenn auch mit der gröS9ten Beschlounigung durchlaufen. Auch dieser Satz 
hat sein Analogon in einer anderen Wissenschaft, u. zw. in der Biologie. Es ist 
das von Hacke 1 ausgesprochene phylogenetische Grundgesetz in seiner Anwendung 
auf die Psychologie. Diese Anwendung muss allerdings ihre Berechtigung dadurch 
«rweisen, dass wir in der Kulturentwicklung eben jene Punkte als bedeutsam wieder- 
finden, die für das kindliche Seelenleben den Eintritt in eine neue Phase bezeichnen. 
Die bisherigen Untersuchung scheinen diese Erwartungen zu erfüllen. So haben 
wir die libidinöse Einstellung zu den Eltern und die Forderung der Ablösung von 
der Familie als eines der Hauptprobleme der Kindheit kennen gelernt. Ana der 
Kulturgeschichte aber sehen wir, dass die erste soziale Entwicklung davon abhängig 
war, dass der Mensch die Anteilnahme an Personen, die nicht dem engsten Ver- 
bände angehörten , erlernte. Nur so konnte sich aus der ursprünglichen Gemein- 
schaft, dem Rudel, ein weiterer und höherer Verband, der Stamm, der Staat bilden. 
Diese teilweise Loslösung von der Familie ist. die unumgängliche Voraussetzung für 
den Beginn jeder kulturellen Entwicklung. Ist Hie einmal gelungen, so muss das 
ganze Interesse darauf konzentriert sein, das damit Gewonnene zu bewahren. Die 
Gesetze und Bräuche der dem Urzustände nahestehenden Völker zielen deshalb vor 
allem darauf ab, die sexuellen Beziehungen innerhalb der Familie, den InzeBt, zu ver- 






Aus Vereinen und Versammlungen. 469 

hindern. Die Aufrichtung der Inzestschranke spielt im Leben derGattung 
wie in dem des Individuums eine gleich hervorragende Rolle. 

Wir alle haben also Entwicklungsstadien hinter uns, in denen wir unseren 
Vorfahren auf der primitivsten Kulturstufe glichen und die Spuren davon sind nicht 
völlig verloren gegangen. Wenn wir hier das Gesetz von der Unsterblichkeit der 
Affekte heranziehen, dürfen wir sagen, dass wir uns nicht nur aus den Uranfängen 
der Menschheit entwickelt haben, sondern dass alle Mittelglieder dieser Entwicklung 
noch heute in uns vorhanden sind — allerdings nicht in unserem Bewusstsein, in 
das nur die letzten Ausläufer der Entwicklung hineinreichen, aber wohl in unserem Unbe- 
wussten. Haben wir also anfangs die Verdrängung als die Anwendung der Gesamtkultur 
auf den Einzelnen definiert, so dürfen wir jetzt im Unbewussten nicht nur die über- 
wundenen Entwicklungsstufen des Individuums, sondern auch die des gesamten 
Menschengeschlechtes erblicken. Das bedeutet aber nicht weniger, als die Ent- 
deckung des allerwichtigsten neuen Materials für das Studium jener soziologischen 
Probleme, die an die Anfänge der sozialen Organisation geknüpft sind. Die Fragen, 
welche Motive den Menschen zuerst zum Anschluss an seinesgleichen bewogen 
haben, ob dabei der Selbsterhaltungstrieb oder die sexuellen Bedürfnisse überwogen, 
dann, nach welchen Grundsätzen diese ersten Gemeinschaften geordnet waren und 
unter wessen Autorität (Vaterrecht-Mutterrecht) sie gestellt wurden, die Frage, auf 
welche Lust der einzelne zuerst zugunsten der Gemeinschaft und ihres Gedeihens ver- 
zichten musste (Frage nach dem ältesten Delikt) and viele ähnlich bedeutsame konnten 
nur durch Untersuchungen an zweierlei Material der Lösung nähergeftthrt werden: 
Die erste Gruppe wird durch die Sagen, Märchen, Gebräuche, die aus der Vorzeit 
überliefert wurden, gebildet. Doch auch die ältesten Überlieferungen stammen aus 
einer sehr erheblich späteren Zeit, und was sie an Urzeitlichem bewahrt haben, muss 
durch schwierige und unsichere Schlüsse daraus gewonnen werden. Die zweite Gruppe 
sind die Erfahrungen, die wir an den sog. „Wilden* machen können. Aber auch 
hier ist es nicht leicht, das Ursprüngliche von dem durch fremde Kultureinflüsse oder 
Degeneration Erworbenem zu trennen. Das durch die Psycho-Analyse beigebrachte 
neue Material, das sich allerdings nur nach einer bestimmten Methode, eben der 
psycho-analy tischen, auffinden und benutzen lässt, liegt dem Forscher leichter erreich- 
bar, da er es in unversieglicher Fülle in seiner eigenen Seele besitzt. Er muss nur 
die Äusserungen des Unbewussten, vor allem den Traum, mit Sorgfalt und Hingebung 
durchforschen und die dadurch gewonnenen Erfahrungen mit jenen aus den beiden 
anderen Materialgruppen stammenden vergleichen, um eiuen Grad der Gewissheit für 
seine Resultate zu erlangen, der bisher keineswegs erreichbar war. 

Das Sprunghafte und Willkürliche, das diesen Ausführungen anhaftet, 
bitte ich Sie nicht auf die Rechnung der Psycho-Analyse zu setzen; aus einer ge- 
schlossenen Gedankenfolge lässt sich Einzelnes nicht ohne weiteres herausgreifen und 
zu einem selbständigen Gebilde fügen. Meine Absicht konnte es nur sein, Sie auf 
die Psycho-Analyse hinzuweisen, nicht Sie für all das Fremdartige und Neue sogleich 
zu gewinnen. Sollte es mir gelungen sein, in Ihnen die Meinung zu erwecken, dass 
-die Psycho-Analyse ein Werkzeug für den Soziologen sein kann, das er nicht mehr 
ungeprüft verschmähen darf, so habe ich mein Ziel erreicht. (Autor-Referat). 



Zentral blatt fDr Pivehoanalyae. II*. 



470 Vari». 

Varia. 

Wicland-Wangerin : .Ein Fall von Libido homosexualis bei 
einer Hündin*. (Berlin, tierärztl. Wochenschr. 1910, Nr. 43.) Es wird von einer 
Bernhardinerhündin erzählt, die von ihren Herren (einem anscheinend kinderlosen Ehe- 
paar; einziges Kind!) sehr verhätschelt wird und sehr an ihnen hängt. Gegen Rüden, 
die sie belegen wollten, ist sie bissig und lässt sie nicht zur Begattung ; auch ein Ver- 
such sie mit Gewalt belegen zu lassen, scheiterte. Hingegen trifft sie zweimal alte 
Jungfrauen, Bekannte ihrer Besitzer, gegen die sie sehr liebenswürdig ist und auf 
deren Armen sie ausgesprochene Deckbewegungen macht. Marcus. 

Dr. Boerner: „Ein Beitrag zur Se x u al b i o 1 ogie der Tiere* 
(Berliner tierärztliche Wochenschrift 1910, Nr. 48). Anknüpfend an den von Wie- 
land mitgeteilten Fall wird über eine ZwergrehpinscherhUndin berichtet, die oft 
auf dem Arm von Damen, nie von Herren, Deckbewegungen macht. Boerner 
hält diesen Vorgang nicht für Homosexualität, sondern führt als Analogie an, dass 
der Geruch brünstiger Hündinnen andere Hündinnen erregt. Die Akte sind nur 
Onanieversuche infolge der Erregung, die durch den .weiblichen Geschlechtsgeruch* 
entsteht. 

Durch Mangel an Gelegenheit zu natürlicher Sexualbetätigung durch „hitziges 
Futter" u. dergl. kommen Operationen vor, vor allem Onnnie der männlichen Haus- 
tiere. Nymphomanie kommt bei weiblichen Haustieren vor, wenn man die Deckung 
verhindert, bei Wild im Klimakterium. Eine Abart der Onanie ist Sodomie mit 
anderen Tieren (auch Masturbation an Menschen ist bei Hunden zu beobachten. Hef.). 
Eine Schimpansin wird angeführt, die junge Hunde und einen jungen Bären zum 
Cunnilingus erzog. — Hengste zeigen manchmal Besonderheiten in der ObjektwabJ 
indem sie eine bestimmte Farbe bevorzugen oder Fohlenstuten verschmähen. 

Bei Tieren, die ihrer Natur entsprechend leben, dürften pathologische Er- 
scheinungen wohl nie vorkommen, ausser etwa wenn eine Organvoränderung (?) 
vorliegt. Halten wir aber Tiere nicht der Natur gemäss, so werden Variation des 
Sexualtriebes auftreten, „allerhöchstens neurasthenische Nachwirkungen, aber nie 
solche Porversionen, wie bei den Vertretern der Spezies homo sapiens, die die 
Stärke ihres Sexualtriebes nicht mit den gebotenen Verhältnissen in Einklang 
bringen können (!) und ständig nach neuen Reizmitteln für ihr überspanntes Nerven- 
system ausblicken müssen". (1) Marcus. 

Aus den „Aufzeichnungen des Malta Luurids lirigge" von Raine 
Maria Rilke (Leipzig, Im Inselverlag 1910; 1. Bändchen, S. 90 ff., 26, 126, 
139 ff., 143 ff.). Wer bisher die Freud'schen Erkenntnisse mit einem über- 
legenen, geringschätzigen Lächeln quittiert hat, lese die nachfolgenden Stellen aus 
dem Buche eines Dichters, der gewiss nicht im Verdachte steht, Parteigänger der 
psychoanalytischen Wissenschaft zu sein, und er wird mit Erstauuen gewahr werden 
wie hier ein Poet in bisweilen völlig unverhüllter Form Beobachtungen mitteilt, die 
mit denen des Arztes aufs frappanteste übereinstimmen. 

„Und jetzt auch noch dieBe Krankheit, die mich immer Bchon so eigentümlich 
berührt hat. Ich bin sicher, dass man sie unterschätzt. Genau wie man die Be- 
deutung anderer Krankheiten übertreibt. Diese Krunkheit hat keine bestimmten 
Eigenheiten, sie nimmt die Eigenheiten dessen an, don Bio ergreift. Mit einer som 
nambulen Sicherheit holt sie aus einem jeden seine tiefste Gefahr heraus, die ver- 
gangen schien, und stellt sie wieder vor ihn hin, ganz nah, in die nächste Stunde. 
Männer, die einmal in der Schulzeit das hilflose Laster versucht haben, dessen 



Varia. 471 

betrogene Vertraute die armen, harten Knabenbände sind, finden sich wieder darüber, 
oder es fängt eine Krankheit, die sie als Kinder überwunden haben, wieder in ihnen 
an; oder eine verlorene Gewohnheit ist wieder da, ein gewisses zögerndes Wenden 
des Kopfes, das ihnen vor Jahren eigen war. Und mit dem, was kommt, hebt sich 
ein ganzes Gewirr irrer Erinnerungen, das daranhängt wie nasser Tang an einer 
versunkenen Sache. Leben, von denen man nie erfahren hätte, tauchen empor und 
mischen Bich unter das, was wirklich gewesen ist, und verdrängen Vergangenes, 
das man zu kennen glaubte: denn in dem, was aufsteigt, ist eine ausgeruhte, neue 
Kraft, das aber, was immer da war, ist müde von zu oftem Erinnern. 

Ich liege in meinem Bett, fünf Treppen hoch, und mein Tag, den nichts 
unterbricht, ist wie ein Zifferblatt ohne Zeiger. Wie ein Ding, das lange verloren 
war, eines Morgens auf seiner Stelle liegt, geschont und gut, neuer fast als zur 
Zeit des Verlustes, ganz als ob es bei irgend jemandem in Pflege gewesen wäre — ; 
so liegt da auf meiner Bettdecke Verlorenes aus der Kindheit und ist wie neu. 
Alle verlorenen Ängste sind wieder da. 

Die Angst, dass ein kleiner Wollfaden, der aus dem Saum der Decke heraus- 
steht, hart sei, hart und scharf wie eine stählerne Nadel ; die Angst, dass dieser 
kleine Knopf meines Nachthemdes grösser sei als mein Kopf, gross und schwer: 
die Angst, dass dieses Krümchen Brot, das jetzt von meinem Bette fällt, gläsern 
und zerschlagen unten ankommen würde, und die drückende Sorge, dass damit alles 
zerbrochen sei, alles für immer; die Angst, dass der Streifen Rand eines aufgerissenen 
Briefes etwas Verbotenes sei, das niemand sehen dürfe, etwas unbeschreiblich Kostbares, 
für das keine Stelle in der Stube sicher genug sei ; die Angst, dass ich, wenn ich einschliefe, 
das Stück Kohle verschlucken würde, das vor dem Ofen liegt; die Angst, dass irgend eine 
Zahl in meinem Gehirn zu wachsen beginnt, bis sie nicht mehr Raum hat in mir; 
die Angst, dass das Granit sei, worauf ich liege, grauer Granit; die Angst, dass ich 
schreien könnte und dass man vor meiner Türe zusammenliefe und sie schliesslich 
aufbräche; die Angst, dass ich mich verraten könnte und alles das sagen, wovor 
ich mich fürchte, und die Angst, dass ich nichts sagen könnte, weil alles unsagbar 

igt und die anderen Ängste . . die Ängste. Ich habe um meine Kindheit gebeten, 

und sie ist wiedergekommen, und ich fühle, dass sie immer noch so schwer ist wie 
damals und dass es nichts genützt hat, älter zu werden*. — 

„Es genügt auch noch nicht, dass man Erinnerungen hat. Man niuss sie ver- 
gessen können, wenn es viele sind, und man muss die grosse Geduld haben, zu 
warten, dass sie wiederkommen. Denn die Erinnerungen selbst sind es noch nicht. 
Erst wenn sie Blut werden in uns, Blick und Gebärde, namenlos und nicht mehr zu 
unterscheiden von uns selbst, erst dann kann es geschehen, dass in einer sehr 
seltenen Stunde das erste Wort eines Verses aufsteht in ihrer Mitte und aus ihnen 
ausgeht.* 

„VergisB nie, dir etwas zu wünschen, Malte. Wünschen, das soll man nicht 
aufgeben. Ich glaube, es gibt keine Erfüllung, aber es gibt Wünsche, die lange vor- 
halten, das ganze Leben lang, so dass man die Erfüllung doch gar nicht abwarten 
könnte. -- 

„Und dann kam eine von diesen Krankheiten, die darauf ausgingen, mir zu beweisen, 
dass dies nicht das erste eigene Erlebnis war. Das Fieber wühlte in mir und holte von ganz 
unten Erfahrungen, Bilder, Tatsachen heraus, von denen ich nicht gewusst hatte; 
ich lag da, überhäuft mit mir und wartete auf den Augenblick, da mir befohlen 
würde, dies alles wieder in mich hineiuzuschichten, ordentlich, der Reihe nach. Ich 
begann, aber es wuchs mir unter den Händen, es sträubte sich, es war viel zu viel. 
Dann packte mich die Wut, und ich warf alles in Haufen in mich hinein und presste 
es zusammen; aber ich ging nicht wieder darüber zu. Und da schrie ich, halb offen 

33* 



472 Varia. 

wie ich war, schrie ich und schrie. Und wenn ich anfing hinauszusehen aus mir, 
so standen sie seit lange um mein Bett und hielten mir die Hände, und eine Kerze 
war da, und ihre grossen Schatten rührten sich hinter ihnen. Und mein Vater be- 
fahl mir zu sagen, was es gäbe. Es war ein freundlicher, gedämpfter Befehl, aber 
ein Befehl war es immerhin. Und er wurde ungeduldig, wenn ich nicht ant- 
wortete. 

Maman kam nie in der Nacht — , oder doch, einmal kam sie. Ich hatte ge- 
schrien und geschrien, und MademoiBelle war gekommen und Sievorsen, die Haus- 
hälterin und Qeorg, der Kutscher; aber das hatte nichts genutzt. Und da hatten 
sie endlich den Wagen nach den Eltern geschickt, die auf einem grossen Balle waren, 
ich glanbe beim Kronprinzen. Und auf einmal hörte ich ihn hereinfahren in den 
Hof, und ich wurde still, sass und sah nach der Tür. Und da rauschte es ein wenig 
in den anderen Zimmern und Maman kam herein in der grossen Hofrobe, die sie gar 
nicht in acht nahm, nnd lief beinah und liess ihren weissen Pelz hinter sich fallen 
und nahm mich in ihre blossen Arme. Und ich befühlte, erstaunt und entzückt wie 
noch nie, ihr Haar und ihr kleines, gepflegtes Gesicht und die kalten Steine an ihren 
Ohren und die Seide am Rand ihrer Schultern, die nach Blumen dufteten. Und wir 
blieben so und weinten zärtlich und k (lasten uns, bis wir fühlten, dass der Vater da 
war und dass wir uns trennen mussten. „Er hat hohes Fieber", hörte ich Mama 
schüchtern sagen, und der Vater griff nach meinor Hand und zählto den Puls. Er 
war in der Jägermeisteruniform mit dem schönen, breiten, gewässerten blauen Band 
des Elefanten. .Was für ein Unsinn uns zu rufen", sagte er ins Zimmer hinein, 
ohne mich anzusehen. Sie hatten versprochen, zurückzukehren, wenn es nichts 
Ernstliches wäre. Und Ernstliches war es ja nicht. Auf meiner Decke aber fand 
ich Mamas Tanzkarte und weisse Kamelien, die ich noch nie gesehen hatte und die 
ich mir auf die Augen legte, als ich merkte, wie kühl sie waren." 

„Wenn Mama mal eine halbe Stunde kam und Märchen vorlas, so war das 
nicht um der Märchen willen. Denn wir waren einig darüber, dass wir Märchen 
nicht liebten. Wir hatten einen anderen Begriff vom Wundorbaron. Wir fanden, 
wenn alles mit natürlichen Dingen zuginge, so wäre das immer am wunderbarsten. 
Wir gaben nicht viel darauf, durch die Luft zu fliegen, die Feon enttäuschten uns, 
und von den Verwandlungen in etwas anderes erwarteten wir uns nur eine sehr 
oberflächliche Abwechslung. Aber wir lasen doch ein bischeu, um beschäftigt aus- 
zusehen ; es war uns nicht angenehm, wenn irgend jomand eintrat, erst erklären zu 
müssen, was wir gerade taten; besonders Vater gegenüber waren wir von einer 
Übertriebenen Deutlichkeit. Nur wenn wir ganz sicher waren, nicht gestört zu sein, 
und es dämmeite draussen, konnte es geschehen, dass wir uns Eiinnorungen hin- 
gaben, gemeinsamen Erinnerungen, die uns beiden alt wehienen und übur die wir 
lächelten, denn wir waren beide gross geworden seither. Es fiel uus ein, dass es 
eine Zeit gab, wo Mama wünschte, dass ich ein kleines Mädchen wäre und nicht 
dieser Junge, der ich nun einmal war. Ich hatte das irgendwo erraten und ich war 
auf den Gedanken gekommen, manchmal nachmittags an Mamas Tür zu klopfen. 
Wenn sie dann fragte, wer da wäre, so war ich glücklich draussen „Sophie" zu 
rufen, wobei ich meine kleine Stimme so zierlich machte, dass Bie mich in der Kehle 
kitzelte.* A. W. 

Aus „Über Liebe und Glück". Aphorismen von Gabriele Reuter. 
Der Mann, der seiner Mutter und Schwester feindlich gegenübersteht, wird 
auch seine Gattin niemals mit rechter Innigkeit lieben können. Alle Früchte der 
Liebe ziehen ihre Kraft aus derselben Wurzel. 




Varia. 473 

In dem Verhältnis der Eltern zu ihren Kindern vermag sich der ganze Kreis 
menschlicher Empfindungsfähigkeiten aus Torheiten, Lastern und göttlichen Herrlich- 
keiten zu vollenden Dr. B. Dattner. 

Ein Ausspruch Diderot». (Ühersetzt von Goethe.) Wäre der kleine Wilde 
sich selbst überlassen, und bewahrte seine ganze Schwäche, vereinigte mit der ge- 
ringen Vernunft deB Kindes in der Wiege die Gewalt der Leidenschaften des Mannes 
von dreissig Jahren, so brach' er seinem Vater den Hals und entehrte seine 
Mutter. M. Petersen. 

Nietzsche schreibt in seinem Jugendwerk: „Die Geburt der Tragödie aus dem 
Geiste der Musik", wo er den Traum als eine der Quellen der Kunst preist: „Wie 
nun der Philosoph zur Wirklichkeit des Daseins, so verhält sich der künstlerisch er- 
regbare Mensch zur Welt des Trauines; er sieht genau und gerne zu: denn aus 
diesen Bildern deutet er sich das Leben, an diesen Vorgängen übt er sich für das Leben. 
Nicht nur etwa die angenehmen und freundlichen Bilder sind es, die er mit jener Allver- 
stftndigkeit an sich erfährt: auch das Ernste, Trübe, Traurige, Finstere, die plötz- 
lichen Hemmungen, die Neckereien des Zufalls, die bänglichen Erwartungen, kurz 
die ganze .göttliche Komödie" des Lebens, mit dem Inferno zieht an ihm vorbei, 
nicht nur wie ein Schattenspiel, denn er lebt und leidet mit in diesen Szenen — und 
doch auch nicht ohne jene flüchtige Empfindung des Scheins; und vielleicht erinnert 
sich mancher, gleich mir, in den Gefährlichkeiten und Schrecken des Traumes sich 
mitunter ermutigend und mit Erfolg zugerufen zu haben: „Es ist ein Traum! Ich 
will ihn weiter träumen!" Wie man mir auch von Personen erzählt hat, die die 
Kausalität eines und desselben Traumes über drei und mehr aufeinanderfolgende Nächte 
hin fortzusetzen imstande waren : Tatsachen, welche deutlich Zeugnis dafür abgeben, 
dass unser innerstes Wesen, der gemeinsame Untergrund von uns allen, mit tiefer 
Lust und freudiger Notwendigkeit den Trauni an sich erfährt". Rank. 

.Menstruation und infantile Sexualtheorien. Ich treffe gestern meine 
kleine dreizehnjährige Freuudin weinend in ihrem Zimmer. „Was fehlt dir denn mein 
liebes Kind?" — „Gar nichts!" — „Warum weinst du dann, wenn dir gar nichts 
fehlt?" — Dagmar bleibt dabei, dasß ihr gar nichts fehle, sie habe „nur so" vor sich 
hingeweint. Endlich gesteht sie, sie sei so erschrocken, weil sie plötzlich das 
Periodenblut bemerkt habe. — Wie ich mit ihr weiterspreche und es nicht begreifen 
konnte, dass ihr die Menstruation so viel Herzeleid verursachen könne, platzt sie 
heraus: „Glaubst du nicht, dass ich ein Kind bekomme?" „Ein Kind?« 
Ich verneine die Möglichkeit. Dagmar aber schüttelt den Kopf und meint, es sei 
doch etwas „geschehen", unter fürchterlichem Weinen gesteht sie dann, in der 
letzten Religionsstunde habe der Religionslehrer seine Hand auf ihren Kopf gelegt 
und den Kopf BHnft zurückgebogen. Dann habe er ihr tief in die Augen geblickt und 
die Worte gesprochen: „Du bist ein liebes Mädchen, Dagmar!" Dabei wäre sie rot 
geworden und wie mit Blut „übergössen*. Dann trug der Katechet in der 
Stunde die unbefleckte Empfängnis Marias vor. (Das Kind heisst nämlich Dagmar 
Maria). Der Lehrer hätte sie dabei nicht ans den Augen gelassen. Plötzlich fühlte 
die Kleine das Menstruationsblut fliessen. „Glaubst du nicht, Tante, stammelte 
Dagmar Maria, dasB der heilige Geist über mich gekommen ist?» 

Margarete Petersen. 






474 Literatur. 



Literatur. 



Max Schlesinger: Geschichte des Symbols. Berlin SW 48, Wilhelmstr. 121. 
L. Simion Nachf. — R. Müller- Frelenfels : Psychologie der Kunst. 2. Bde. Teubner. 
Leipzig, Poststrasse 3-5. — Wanke: Über Psychoaualyge. (Fortschritte der 
Medizin. 1912.) — Stekel: Die Furcht vor der Freudo. (Neues Wien. Tagbl. 
27. Febr. 1912.) — Flelner: Über das Körperliche und Seelische in der Diagnose der 
Verdauungskrankheiten. (Jahreskurse für ärztliche Fortbildung. März 1912.) — 
Max Marcnse: Nachträgliche Bemerkungen zu meiner Arbeit: Die Gefahren der 
sexuellen Abstinenz. (Zeitschr. für Bekämpfung d. Geschlechtskrankh. 1911.) — 
Max Marcuse: Sexualleben und Abstinenz. (Soziale Hygiene und prakt. Medizin. 
1911.) — Dr. F. Karseh-Haack: Das gleichgeschlechtliche Leben der NaturvölKer. 
(Ernst Reinhardt. München. 1912.) — Dr. D. Epstein: Psyche und Tuberku- 
lose. (Kiew. 1912.) — Dr. Oskar Scheuer: Das menschliche Haar und seine Be- 
ziehungen zur Sexualsphäre. (Sexualprobleme. März. 1912.) — Henriette Fürth: 
Die Psychologie der Frauen. (Ibidem.) Juliusburger : Zur Frage der Kastration 
und Sterilisation von Verbrechern und Geistoskranken. (Deutsch, med. Wochenschr. 
Nr. 9. 1912.) — James J. Putuam: On Freud's Psycho- Analytic Method and its 
Evolution. (Boston med. and surg. Journal. 25. Jan. 191V.) — Karl Huber: Die 
Psychoanalyse. (Mitt. d. Deutsch. Gesellsch. f. psych. Forschung. Dez. 1911.) 

— Raymond Hesse: .Loa criminels peints par euxmemes. (Bernard Grasset. Paris.) 
Rohleder: Masturbation. 1912. (Fischers (H. Kornfelds) med. Buchhandlung.) — Max 

Herz: Über Herzneurosen. (Klin.-therapent. Wochenschrift. Nr. 9 u. 10. 1912.) 

Heveroch: Psychologische Analyse der Halluzinationen, Wahnideen, 
Obsessionen. (Casopis ItSkafuv öeskych. 1912. Nr. 7.) — Brenner: Daten und 
Analyseder Psychosen. (Gyögyassat. Nr. 5. 1912.) - Fittue: Die geachlecbt- 
hebe Hygiene in der alten jüdischen Literatur. (Hyg. Rundschau. Bd. 22. H. 1 u. 2.) 

— Dir. Gastav Major (Ziradorf): Psy chasthenie im Kindesalter. (Klinik f. 
psych, u. neur. Kranich. VI. Bd. 4. H.) — Sommer: Untersuchungen eines Gedanken- 
lesers. (Ibidem.) — Margulies (Giessen): Zur Frage der Hystero-Epilepsie. 
(Ibidem.) — Strohmayer: Psychiatrisch-genealogische Untersuchung der Abstammung 
König Ludwigs II. und Ottos I. von Bayern. (Grenzfragen d. N. u. S. Nr. LXXXIII. 
J- F. Bergmann. 1912.) — Näcke: Über Fieberphantasien im Wachen. (Zeitschr. f. 
d- ges. Neur. u. Psych. VIII. Bd. 4. H.) - Schupplus: Über psychotische Er- 
scheinungen bei Tumoren der Hypophyse. (Ibidem.) — Volland: Beiträge zur 
Kasuistik der unsteten, affektepileptischen Psycho- und Neuiopathen (Bratz) und 
der psychasthenischen Krämpfe (Oppenheim). (Ibidem.) — Garben: Lee devia- 
tions morbides du sentiment religieux ä l'origine et au cours de la psychasthenie. 
(Paris. Editeur Vigot Frerea.) — HaSkovec: Die infantile Sprache der Er- 
wachsenen. Bire klinische Bedeutung. (Neur. Zentmlbl. 1912. Nr. 5.) — Zingerle: 
Zur Kenntnis der Störungen des sprachlichen Ausdruckes bei Schizophrenie. (Ibidem.) 

— Lomer: Das Christuskind in Hauptmanne „Emanuel Quint." Leipzig. J. A. Barth. 

— Menzerath: Sur la dätermination de l'individualitö par les corrölations psychi- 
ques. (Archives Soziol. Nr. 18.) — M. Derl: Kunstpsychologischo Untersuchungen. 
(Zeitschr. f. Ästhetik. 1912. H. 1.) — Haber: Assoziationsversucho an Soldaten. 
(Umschau. 12. Jan. 1912.) — Sparkmann: Satan and his ancestors frora a pBycho- 
logical standpoint. (Journ. of relig. Psych. Jan. 1912.) — Spldle: The belief in 
immorality. (Bjidem.) — Reinach: Le gendre et la belle-mere. (L'anthropologie. 
Dez. 1911.) — Eleathropulos : Das Seelenleben. Genetisch- biologische Untersuchungen. 
(Grundlegung einer wissenschaftlichen Philosophie. II. Aufl. Bd. 1. Zürich. Orell 
und Füssli. 1912) — Bumke: Über nervöse Entartung. (Monographien aus dem Ge- 




Literatur. 475 

samtgebiete der Neur. u. Psych. H. 1. Berlin. Julius Springer. 1912.) — Michael 
Imperto: Über den Rundgang verirrter Menschen. (Prometheus. 24. Febr. 1912.) — 
Adam Cygielstrejch : Les consäquenceB mentales des emotion» de la guerre. (Annales 
medico-psychologiques. Febr. 1912.) — Marie et Varenne: Notes de Psychopatho- 
logie ethnique. (Arch. de Neur. Febr. 1912.) — Cordier et Bebattu: L'Infantilisme 
Regressif ou tardif. (Nouv. Iconographie de la Salpetriere. Nr. 6. 1911.) — Skliar : 
Über Zwangshalluzinationen. (Russische med. Rundschau. Heft 12. 1911.) — Eppel- 
baura: Zürich: Zur Psychologie der Aussage bei der Dementia prae- 
cox (Schizophrenie). Inaugural-Dissertation aus der psychiatrischen Klinik der Uni- 
versität Zürich. Verlag Reimer, Berlin. Freud, Wien: On Psych o-Analysis. 
Sydney: Australasian Medical Congress 1911. — Jung, Zürich: On the doctrine of 
complexes. Sydney, Australasian Medical Congress 1911. Keller, Pfarrer, Zürich: 
Ruhige Erwägungen im Kampfe um die Psychoanalyse. Kirchenblatt 
für die ref. Schweiz. XXVII. Jahrg., Nr. 5 u. 6, 3. u. 10. Febr. 1912. Messmer: 
Die Psychoanalyse nnd ihre pädagogische Bedeutung. Berner Seminar- 
blätter, Zeitschrift für Schulreform. V. Jahrg. Heft 9. 25. Okt. 1911. Verlag Grünau, 
Bern. 

Aus der polnischen Literatur: 

Von Dr. Ludwig Jekels ist eine Sammlung von Vorträgen über Psychoanalyse, 
die er im Vorjahre in verschiedenen polnischen Gesellschaften gehalten hat, unter 
dem Titel: ^Szkic Psychoanalizy Freuda (Lwöw 1912) erschienen. 



Korrespondenzblatt der Internationalen 
Psychoanalytischen Vereinigung. 



1. An die Ortsgruppen. 

Es ist mehrfach vorgekommen, dass neueintretende Mitglieder das Zentralblatt 
für das laufende Jahr bereits abonniert hatten. In solchen Fällen hat das betreffende 
Mitglied nur die Differenz zwischen Mitgliedsbeitrag und Abonnement des Zentral- 
Mattes zu entrichten. 

2. Vereinsnachrichten. 

Ortsgruppe Wien. 

Mitgliederliste vom 1. Januar 1912. 
Dr. Guido Brecher, Meran, Pension Erlenau. 
Dr. jur. Bernhard Dattner, Wien IX, D'Orsaygasse 11/14. 
Dr. Leo nid Drosnes, St. Petersburg, Jamskaja 2. 
Dr. Jan van Emden, Leiden (Holland), Rapenburg. 
Dr. Paul Federn, Wien I, Riemergasse 1. 
Dr. S. Ferenczi, Budapest VII, Elisabeth-Ring 54. 
Prof. Dr. S. Freud, Wien IX, Berggasse 19. 
Dr. JosefFriedjung, Wien I, Ebendorferstiasse 6. 
Dr. jur. Max Graf, Wien XIII/1, Wattmanngasse 7. 
Hugo Heller, Wien I, Bauernmarkt 3. 
Dr. Eduard Hitschmann, Wien I, Rotenturmstrasse 29. 
Dr. Edwin Hollerung, Graz. Schillerstrasse 24. 



476 Kurrespondenzblatt. 

Doz. Dr. Guido Holzknecht, Wien I, LiebiggaRse 4. 

Dr. Ludwig Jekels, Bistrai bei Bielitz, österr. SchleB. 

Dr. Albert Joachim, Rakawinkel, Sanatorium, Niederösterr. 

Dr. Richard Nepallek, Wien IX, Lazarethgasae 16. 

Otto Rank, Wien IX., Simondenkgasse 8. 

Generaldirektor Leop. Rechnitzer, Wien 1, Kärtnerstrasse 51. 

Dr. phil. Theodor Reik, Wien XX, Rauscherstrasse 7. 

Dr. Rudolf Reitler, Wien I, Jakobergasse 4. 

Dr. phil. Josef Rein hold, Wien IX, Borschkegasse 6. 

Dr. Oskar Rie, Wien I, Stubenring 22. 

Gaston Rosenstein, Wien IX, Wasagasse 21/18. 

Dr. jur. Hanna Sachs, Wien X1X/1, Peter Jordang. 76. 

Dr. J. Sadger, Wien IX, Liechtensteinsirasse 15. 

Herbert Silber er, Wien I, Annagusae 3 a. 

Frl. Dr. S. Spielrein, Wien IX, Alseratrasse 23, p ension Cosmopolite. 

Dr. AuguBt Stärcke. Huister Heide (Holland), Willem Aintsz Hoeve. 

Dr. Maxim Steiner, Wien I, Roteutunnstrasso 19. 

Dr. Wilhelm Stekel, Wien I, Gonzagnga6se 21. 

Dr. Viktor Tausk, Wien XVII, Syringgasse 5. 

Dr. Rudolf ürbantschitsch, Wien XVIII, Sternwartestrasse 74. 

Richard Wagner, Wien IX, Porzellnngasse 4. 

Dr. phil. A 1fr. Frh. v. Winterstoin, Leipzig, Georgiring 3, Pens. Buchspiess. 

Dr. M. Wulff, Odessa, Puschkinskaja 55. 

Fortsetzung der Sitzungsberichte. 
3. Vortragsabend am 8. November 1911- 

Diskussion UberdieangeblicheZeitlosigkeitdosUn he wussten. 
Referenten: Dr: Stekel, Dr. Reinhold. 

Stekel konstatiert unter Hinweis auf das sonderbare Verhältnis des Kindes 
zur Zeit und an der Hand einer Reihe von Beispielen, dass der Nourotikor die 
Tendenz zeige, die gegenwärtige Realitiit zu annullieren und eine historische zu 
fixieren. Diese Annulierungstendenz gegen die Realität der Zeit wurzle darin, dass 
das Unbewusste die Zeit nicht kennen will und sich darum über sie hinaussetzt. 
(Eine ausführliche Wiedergabe des Referate» ist in diesem Blatte II, 5 erschienen.) 

Reinhold versucht das von Prof. Freud aufgeworfene Thema, daas das 
Unbewusste zeitlos dagegen räumlich sei, zu präzisieren und erkenntnistheoretisch 
gegen andere Themata abzugrenzen, und kommt zu dem Ergebnis, dass dem Un- 
bewussten sowohl als Gegenstand unserer Erkenntnis, wie als Abspaltung des an 
den Zeitbegriff gebundenen BewuBstseins eine Beziehung zur Zeit zugesprochen werden 
muss, dass dagegen die Behauptung Prof. Freud'a zu Recht bestohen könne unter 
der Voraussetzung, dass die Zeit als Grenzbegriff, als Einschränkung dos Bewusst- 
seins erseheint und das Wort .räumlich" als Bezeichnung des Nebeneinanders der 
unbewussten Vorgänge nur bildlich verstanden werde. 

In der Diskussion zieht Frl. Dr. Spiel rein die in phylogenetischen 
Bahnungen vor sich gehende Regression heran und weist darauf hin, dass das un- 
bewusste die Ereignisse des Gegenwärtigen entkleide und in solche verwandle- 
die an keine bestimmte Zeit geknüpft Beien. Das Vorbewusste kennt gewiss noch 
eine Zeitrechnung, die dem tiefsten Unbewussten jedoch völlig abgeht. Dr. Tausk 
versucht im Anschluss an Reinhold 's Ausführungen das Problem scharf zu um- 
grenzen und verweist auf die in seinem Vortrag vertretene Auffassung, dass der 
Affekt sich zu seinem Objekt in eiber Weise einstelle, die eine zeitliche Distanz 



Korrespondenzblatt. 477 

nicht kenne, und dass es demnach in einer psychischen Schichte, in der es nur 
Affekte gebe, im Unbewuasten auch keine Zeit geben könne. — Federn rek- 
kuriert, indem er gegen Rein hold und Spielrein Einwendungen erhebt, auf den 
Traum, der im Bewusstsein natürlich zeitlich wahrgenommen werden müsse, aber 
eben wegen der in den tiefsten Schichten des Unbewussten herrschenden Zeit- 
losigkeit in der Zeit völlig unorientiert sei. Dieser Mangel der Zeitfunktion des 
Unbewussten sei auch eine der Bedingungen für die Verdichtung. — Sachs hebt 
in dem bereits mehrfach angedeuteten Sinne die beiden verschiedenen Zeitbegriffe 
scharf hervor: den abstrakten Begriff der Zeit als Form unserer Anschauung und 
den empirischen, konkreten Zeitbegriff, der sich quantitativ abstufen lasse. Im ersten 
Sinne sei das Unbewusste unsterblich und zeitlos, den empirischen Begriff der Zeit 
kenne es jedoch bis zu einem gewissen Grade (z. B. in den unbewussten Phantasien), 
werfe aber auch da alte und neue Vorstellungen nach Bedarf zusammen. — Auch 
Hitsetimann äussert sich in ähnlichem Sinne und weist auf den hysterischen 
Anfall hin, der sich auch an eine gewisse Zeitfolge halte (Umkehrung). — Rosen- 
stein meint, man könne bei psychischen Vorgängen überhaupt nicht von Zeitlosigkeit 
sprechen. Dieser Anschein komme dadurch zustande, dass nicht alle Vorgänge der 
Bewusstseinsarbeit unterliegen; falsche Auffassungen der Zeit sind natürlich im Un- 
bewussten viel eher möglich. — Reitler findet Stekel's Ausführungen, dass 
sich die Neurotiker hei der Symptombildung auch des Zeitkomplexes bedienen, selbst- 
verständlich, aber nicht streng zum Thema gehörig. Bei der Verdrängung einer 
bewussten Vorstellung ins Unbewusste benehme sich die Psyche so, als wäre das 
Ereignis nie geschehen, d. h. es ist zeitlos geworden. — Prof. Freud, der sich mit 
den Ausführungen von Tausk, Federn, Sachs in Einklang findet, fügt nur ver- 
einzelte Bemerkungen über die Identität der Annuli ierungstendanz (Stekel) mit der 
Verdrängung, über die möglichen psychologischen Bedingungen der phylogenetischen 
Übereinstimmung (Spiel rein) und über die für dieses Thema erforderliche »meta- 
psychologische* Betrachtungsweise an, die das Unbewusste. nachdem sie sich von 
den Formen der bewussten Wahrnehmung soweit als möglich frei gemacht habe, 
als etwas Objektives betrachte. Ein erster Ansatz dieser Betrachtungsweise wäre 
das Schema des psychischen Apparates in der Traumdeutung. Gewisse Eigentüm- 
lichkeiten des Unbewussten, die sich allerdings nur an bewussten psychischen 
Phänomenen wahrnehmen lassen, gestatten einen Schluss auf die Zeitlosigkeit des 
Unbewussten. Audereiseits zeigt das Unbewusste wieder Eigentümlichkeiten, die 
uns auf eine Art Räumlichkeit seiner Vorgänge schliessen lässt, während das Be- 
wusstsein nur zeitlich und nicht räumlich arbeitet. 

4. Vortragsabend am 15. November 1911. 

Theodor Reik: Über Tod und Sexualität. 

Der Vortragende führt den häufigen Zusammenhang von Todesgedanken und 
sexuellen Phantasien auf das Zusammenwirken dreier Gründe zurück: 1. formale 
(die gattuugsmüssig präformierte gegensätzliche Anordnung der Triebe und seelischen 
Regungen), 2. äussere (eine Reihe physiologischer Beziehungen zwischen den beiden 
Erscheinungen , die legale Bewertung des Geschlechtslebens etc.), 3. psychologische. 
Diese haben wieder infantile (Sexualtheorien) und kriminelle Quellen (Sexualver- 
brecher, Sadismus). Die letzte Ursache der Verknüpfung ist der Unsterblichkeits- 
gedanke, der Gedanke, dass wir in unseren Kindern weiterleben. Seine Ausführungen 
erläutert der Vortragende an Beispielen aus der Literatur. 

Die Diskussion bringt eiue Reihe weiterer literarischer und mythologischer 
Beweise für diesen Zusammenhang, sowie theoretische Erörterungen, die sich in der 
Richtung des zentralen Angstpi oblems bewegen. 



47g Korrespondenzblatt. 

5. Sitzung am 22. November 1911. 

Diskusaion über die Masturbation (1. Abend, Referent Dr. Sadger). 

(Ein Bericht über diese auf eine Reihe von Vortragsabenden berechneten 
Onaniedebatten unterbleibt mit Rückeicht darauf, als sie nach Abschluss in Form 
des 2. Heftes der .Wiener Psychoanalytischen Diskussionen« bei Bergmann in Wies- 
baden erscheinen sollen.) 

6. Vortragsabend am 29. November 1911. 
Frl. Dr. S. Spielrein: Über Transformation. 

Aus einer grösseren Arbeit über „Destruktion als Ursache des Werdens" wird 
ein Abschnitt mitgeteilt und darin an reichem mythologischem und folkloristischem 
Material der Nachweis versucht, dass die Todoskomponente im Sexualinstinkt selbst 
enthalten sei und dass jeweils die eine oder andere Tendenz überwiege. So wird 
die Destruktion zur Ursache des Werdens: die alte Form muss zerstört werden, da- 
mit die neue zustande komme. Was für die alte Form Tod bedeute, sei für die neue 
Leben. An sich ist der Tod wohl grauenhaft, aber im Dienste des Sexualinstinktes 

ist er heilbringend. 

Die Diskussion bringt ausser einigen Materialnachtragen Auseinander 
Setzungen über die Ambivalenz im Triebleben und das Angstproblem. 

7. Vortragsabend am 6. Dezember 1911. 

Diskussion über die Masturbation (II. Abend, Referenten Dr. Hitach- 
mann, Dr. Tnusk). 

8. Vortragsabend am 13. Dezember 1911. 
Dr. Hanns Sachs: Über Naturgefühl. 

Das Naturgefühl wird als Ausdrucksmittel des verdrängten Trieblebons, ins- 
besondere des autoerotischen, aufgefasst. Es ist das Krgebnis der Sexualisierung 
des Verhältnisses zur Aussenwelt, die teils direkt, teils auf dem Umweg des Angst- 
meebanismus erfolgte, und ihren Ausdruck in der Personifikation der nun libido- 
besetzten Natureindrücke findet. Die Personifikation ist eine Projektion des als 
direkten Lustobjekts verbotenen Ich in die Aussenwelt, also eine Rückkehr des ver- 
drängton Autoerotisihus. Dia so geschaffenen Personifikationen werden je nach dem 
Fortschritt des Verdrängungsvorganges und Eignung der betreffenden Naturphänomene 
zur Darstellung weiterer Phantasien (Inzest, Familienroman etc.) überlagert. — Es 
wird dann auf die ähnlichen Vorgänge bei der Paraphrenie (Dem. praec.) hinge- 
wiesen, die sich somit als eine Regression in einen ehemaligen Entwicklungszustand 
der Menschheit darstelle. Im Gegensatz zur antiken Hochschfttzung des Objektes 
wird auf die Uneingeschränktheit in der Wahl desselben beim modernen Naturgefühl 
hingewiesen und bemerkt, dass die Moderne das Gefühl selbst stark betone, während 
die Antike darauf keinen Wert legte (Homer- und Weitherstelle als Beispiel). Dass 
dieses Verhältnis in direktem Gegensatz zu dem von Freud (Sexualtheorie, 2. Aufl. 
S. 14, Anm.) erkannten gegensätzlichen Stellung des antiken und modernen 
Menschen zum Sexualtrieb steht, darf als Beweis dafür angosohen werden, dass das 
moderne Naturgefühl der Ausdruck einer sehr weit fortgeschrittenen Verdrängung 
ist. die infolge vorherrschender Geltung des Realitätsprin/.ips auf die Personifikation 
verzichten musste, 

In der Diskussion des Vortrages, der in der neuen „Zeitschrift für an- 
gewandte Psychoanalyse" erscheinen soll, betont insbesondere Prof. Freud die 
Beziehung des Naturgefühls zur amnestischen Weltanschauung, ferner die Bedeutung 
des Narzissismus als Übergangsstufe von der Autoerotik zur Objektliebe und die 
Parallelisierung mit der Dem. praec, die sich auf drei Reihen von Phänomenen er- 
strecke. 



Eorrespondenzblatt. 479 

9. Vortragsabend am 20. Dezember 1911. 
Diskussion über die Masturbation (III. Abend, Referent Rank). 

Rank. 

Ortsgruppe Zürich. 
Sitzung vom 20. Oktober. 

Pfr. Dr. Pfister. Komplexbedinjite Synästhesien. — Ref. fand bei einer 
angehenden Neurotika mehrere Auditions colorees und sekundäre Wärmeempfindungen 
begründet in Verdrängungsmechanismen, deren Struktur sich deutlich erkennen lie89. 
Die Vermutung, dass alle Synästhesien auf Verdrängung beruhen, gewinnt dadurch 
Wahrscheinlichkeit, kann jedoch nur durch weitere Untersuchungen bewiesen werden. 
Ebenso lässt sich noch nicht ausmachen, ob, ausser den bisher analytisch gewonnenen 
Bedingungen, welche allerdings die Synästheaie schon fUr sich allein verständlich 
machten, noch andere, zurzeit unbekannte mitwirken. (Die Arbeit erscheint in 
Druck.) 

Dr. Maeder. Kasuistisches. — Der Berg als Symbol (erschien im Zentral- 
blatt lür Psychoanalyse). — Eine interessante Verknüpfung von Berufs- und Objektwahl 

Sitzung vom 3. November. 

Dr. Oberholzer. Traumanalyse bei einer 33 jährigen Frau mit Introversions- 
psychose. Der manifeste Trauminhalt dreht sich um zwei Leichen, die beide den 
Vater bedeuten. Leitmotiv des Traumes scheint der Wunsch in den Leib des Vaters 
zurückzukehren und von ibm wiedergeboren zu werden (aus seinem Kopfe!). In 
Zusammenhang mit den Vaterleibsphantasien stehen alte Kastrations-, zugleich Rache- 
phantasien. Ihr psychosexueller Hermaphroditismus gipfelt in autoerotischen Zwitter- 
und Selbstbegattungs- und Selbstbefruchtungsphantasien. Als Zwitter besitzt sie den 
gigantisch gedachten Phallus des Vaters. Der Traum enthüllt weiter ihre auf den 
Vater gerichteten, von masslosem Sadismus getragenen anthropophagen und nekrophilen 
Tendenzen und realisiert ihre infantilen Koitus- und Geburtsphantasien. Zugleich 
verrät die ganze Traumkomposition und der Vergleich fortlaufender Traumserien 
eine schwache Heilungstendenz (der Wunsch «wiedergeboren zu werden"). (Die 
Traumanalyse wird in extenso im Jahrbuch f. psychoanalyt. und psychopath 
Forschungen erscheinen.) 

Sitzung vom 17. November. 

Fr 1. Dr. M. Gin cburg. Zur Psychologie des Suizides. — Ein 19 jähriger intro- 
vertierter Schüler (Schizophrenie) hatte sich in die Schläfe geschossen. Die Ana- 
lyse deckt die wahren Motive auf und erweist den Suizidversuch als Folge und 
Ausgang ungewöhnlich komplizierter Konflikte. Von grösster Bedeutung ist die 
Identifizierung mit dem Vater, der sich auf dieselbe Weise das Leben nahm. Im 
übrigen liegen die Wurzeln in Inzestwünschen auf die Mutter, in Mord- und Rache 
Phantasien ursprünglich auf den Vater, später auf Stiefvater und Mutter, die Pat 
für den Selbstmord des Vaters verantwortlich machte und deren Ehe ihm sündhafte 
Unzucht bedeutet (Neid und Eifersucht). In seiner Aufgabe als Rächer lähmt ihn 
das seinen eigenen Inzestwünschen entspringende Schuldgefühl. (Er nennt sich ödipus 
oder Orestes.) Seine Ohnmacht bedingt einen mit autistischen Phantasien gepaarten 
Willen zur Macht. Mit seinem Suizid wollte er wieder sich und den Vater rächen 
und die Mutter strafen. Dem Suizidversuch voraus ging ein letzter, wie alle früheren 
missglückter Übertragungsversuch auf ein um wenige Jahre jüngeres Mädchen. — 
Es scheint, dass der Suizid eines Schizophrenen nicht der Schizophrenie zur Last 
zu legen und deshalb lediglich aus dessen Individualpsycbologie zu verstehen ist. 



480 Konesponden/.blatt. 

Dr. C. G. Jung. Über die Libidotheorio (wird in extenso im Jahrbuch für 
psychoanalyt. und psychopath. Forschungen erscheinen). 

Sitzungen vom 1. und 15. Dezember. 
Frl. Dr. Kaiser: Analyse einer Melancholie (wird fortgesetzt). 

Am 15. Dez. 1911 hielt Dr. Max Kesselriug, Nervenarzt in Zürich, ver- 
anlasst durch den Keplerbund, einen öffentlichen Vortrag gegen die Psychoanalyse. 
Der auf Januar angekündigte Diskussionsabend fand nicht statt. 

„Rascber's Jahrbuch für Schweizer Art und Kunst", herausgegeben von 
Konrad Falke. Zürich, 1912, enthält einen Artikel von C. G. Jung: Neue Bahnen der 
Psychologie. 

Bei dieser Gelegenheit entspann sich eine längere Pressfehde in der »Neuen 
Züricher Zeitung* (vom 14, 15, 25, 27. u. 28. Januar u. 1. Fobruar), eingeleitet durch 
einen Mitredakteur des Blattes. Er äusserte sich in mehreren Artikeln über die 
Gefahren der Psychoanalyse, gegen die er die öffentliche Meinung zu Hilfe riof. Der 
Inhalt der Artikels bietet nichts Neues und nichts Bemerkenswertes, sondern ist eine 
Wiederholung der gewöhnlichen laienhaften Irrtümer und Missverständnisse. In diese 
Polemik, gegen die die Psychoanalytische Vereinigung nur mit einem öffentlichen Protest 
reagieren konnte, mischte sich auch Forel in einer unerfreulichen Weise. Das 
Neue, das er vorbringt, besteht darin, dass er Psychoanalyse mit und ohne o unter- 
scheidet. Zur Psychanalyse ohne o zählt er als die wahren Vertreter der Wissen- 
schaft einige seiner Gefolgsleute. 

Am 20. Jan. hielt C. G. Jung, vor dem Züricherischen Lehrerkapitel auf 
dessen Einladung bin einen Voitrag über Psychoanalyse. Eb wohnten ihm etwa 
600 Zuhörer bei. Dem Vernehmen nach fanden die Ausführungen eine günstige Auf- 
nahme. 

Einen weiteren Vortrag hielt Dr. Jung vor der Züricher Klinizistenvereinigung, 
die ihn darum ersuchte. 

Die Redaktion der Zürcherischen Literarischen Zeitschrift .Wissen und 
Leben* anerbot sich, in der oben erwähnten Pressfehdo ein Schlusswort aufzunehmen. 
Der Artikel erschien - am 15. Februar. Auch in anderen schweizerischen Städten hat 
die Angelegenheit Staub aufgewirbelt. 

Am 13. Febr. 1912 wurde auf Anregung aus den Kreisen Analysierter eine 
besondere Gesellschaft mit augenblicklich ca. 20 Mitgliedern gegründet, welche sieh, 
in Anlehnung an die Züricher psychoanalytische Vereinigung, der Pflege der Psycho- 
analyse widmet. Sie soll eine doppelte Mission erfüllen : Einmal den Analysierten, 
die für die Analyse meistens ein dauerndes Interesse bebalten, Gelegenheit zur 
Fortbildung und Betätigung zu geben, und ihnen ein Milieu schallen, das manchen 
einen Ersatz für das frühere bilden soll, das mit der Neurose als inopportun ver- 
lassen werden musste. Zweitens soll eine dauernde Stätte für die Pflege und Ver- 
breitung analytischer Kenntnisse für geeignete Interessenten geschaffen werden. 
Die Mitgliedschaft selbst wird aus allerlei praktischen Gründen nur Analysierten 
zuerkannt. Den Vorsitz führt ein Mitglied der Züricher psychoanalytischen Verei- 
nigung, gegenwärtig Dr. Riklin. Sitzungen werden alle 14 Tage, alternierend 
mit denen der psychoanalytischen Vereinigung, abgehalten. 



,