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Full text of "Zentralblatt für Psychoanalyse. Medizinische Monatsschrift für Seelenkunde II. Jahrgang 1912 Heft 10/11"






Originalarbeiten. 



Beitrag zur Psychologie der sogenannten Dipsomanie. 

Von Oberarzt Dr. Otto Juliusburger (Steglitz). 

Wenn ich von sogenannter Dipsomanie spreche, so will ich durch 
das Beiwort andeuten, dass ich die Dipsomanie nicht als ein in sich 
geschlossenes und scharf umrissenes Krankheitsbild anerkennen kann. 
Wenn schon meiner Meinung nach die bisher bekannt gewordene Sym- 
ptomatologie es noch nicht gestattet, alle Fälle gewissermassen auf eine 
Formel zu- bringen, so scheint mir, ist es dringend notwendig, die Frage 
nach einer etwaigen einheitlichen Auffassung der zunächst unter der 
Bezeichnung der Dipsomanie zusammengefassten Erkrankungen so lange 
offen zu lassen, bis eine genügend grosse Zahl von Fällen in der Richtung 
untersucht worden sein wird, welche wir im Verfolg der Freud'schen 
Forschungen einzuschlagen pflegen. 

Wie bekannt, haben Kräpelin, Gaupp und Aschaffenburg 
die Dipsomanie als ein Krankheitsbild aufgefasst, welches der Epilepsie 
angehört, und Kräpelin betont ausdrücklich: soweit es überhaupt als 
ein einheitliches angesehen werden kann, Kräpelin sagt: „Wir haben 
es dabei mit dem anfallsweise auftretenden Drang zu ganz unsinnigem 
Missbrauche geistiger Getränke zu tun. Wie sich beim genaueren Befragen 
herausstellt, beginnt der Anfall regelmässig mit einem Zustande, der voll- 
ständig den epileptischen Verstimmungen gleicht, mit Unbehagen, Be- 
klemmungsgefühlen, tiefer Traurigkeit, Lebensüberdruss, erhöhter Reizbar- 
keit, Eingenommenheit des Kopfes, Appetitmangel, Schlaflosigkeit, bis- 
weilen auch geschlechtlicher Erregung." Auch Wilhelm Stocker ) 
hat in seinem sehr beachtenswerten klinischen Beitrage zur Frage der 
Alkoholpsychosen sich vollständig auf den Gaupp sehen Standpunkt ge- 
stellt. „Denn", so sagt er, „in meinen Fällen Hessen sich stets ausser 
den dipsomanischen Anfällen immer noch andere Zeichen von Epilepsie 
feststellen." Ziehen beschäftigt sich mit der Dipsomanie in seiner 
Psychiatrie vom Jahre 1902, im Kapitel betreffend die periodischen, impul- 
siven Zustände. „Relativ selten", so führt Ziehen aus, „beobachtet 
man, dass in annähernd regelmässigen Intervallen überwertige Vorstel- 
lungen auftreten, welche zu entsprechenden, impulsiven Handlungen fuhren. 
So kommt z. B. gelegentlich periodisch eine triebartige Wandersucht, eine 
triebarlige Trunksucht usw. vor. Je eingehender man solche Fälle unter- 
sucht hat, um so häufiger hat sich ergeben, dass es sich um eine periodische 

i) Verlag von Gustav Fischer, 1910. 
Zentralblatt für Payehoanalyse. II"' 11 . 39 

INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




552 Otto Juliusburger, 

Manie oder eine periodische Melancholie oder rezidivierende, epileptische 
oder hysterische Dämmerzustände handelt; relativ sehr selten findet man 
wirklich ein periodisches Auftreten rein überwertiger Vorstellungen und 
impulsiver Handlungen ohne epileptische oder hysterische Andezedienzen." 
Er rechnet dann zu den häufigsten dieser periodischen, impulsiven Zu- 
stände die periodische sogenannte Dipsomanie. Dem dipsomanischen An- 
fall geht, wie Ziehen schildert, mitunter ein mehrstündiges oder mehr- 
tägiges Prodromalstadium voraus, in welchem der Kranke über Reizbar- 
keit, Depression, allgemeine Unruhe, Agrypnie und zuweilen auch Angst 
klagt. Im Anschluss an diese Prodromalsymptome stellt sich ein unwider- 
stehlicher Drang nach Spirituosen ein, welchem der Kranke meist sofort, 
trotz der besten Vorsätze, unterliegt Über das Motiv der Alkohol- 
exzesse erhält man gewöhnlich nur sehr unbestimmte Auskünfte. Bald 
stellen die Kranken innere Unruhe oder Angst in den Vordergrund, bald 

betonen sie einfach das Zwangsmässige des ganzen Zustandes 

Bei den Exzessen ist der Dipsomane meistens allein, nur vorübergehend 
schliesst er sich an andere an. Zuweilen sperrt er sich in sein Zimmer ein." 
Nach Wer nicke ist eine eigentliche Periodizität nur in den 
wenigsten Fällen nachweisbar. Er hält die klinische Unterbringung des 
Krankheitsbildes in die periodische Manie für verfehlt. Nach seiner Auf- 
fassung handelt es sich um eine Unterbrechung der Kontinuität in dem 
Bewusstsein der Persönlichkeit; es kommt zu einem Ausfall an den die 
normale Persönlichkeit zusammensetzenden überwertigen Ideen, wodurch 
ein veränderter und minderwertiger Charakter resultiert. 

Ich begnüge mich mit dieser kurzen Wiedergabe der Anschauungen, 
welche nach den verschiedenen Schulen der Psychiatrie gegenwärtig über 
das Wesen der sogenannten Dipsomanie bestehen. Ich will nun dazu über- 
gehen, einen für mich besonders lehrreichen Fall mitzuteilen, welchen ich 
1909, leider nur kurze Zeit, zu beobachten Gelegenheit hatte. Meine Er- 
wartung, wenigstens noch einen weiteren Fall zu finden, blieb unerfüllt. 
Da ich aber in der Zwischenzeit keine Veranlassung fand, meine damalige 
Auffassung des Falles zu ändern, so habe ich mich doch entschlossen, 
ihn jetzt bekannt zu geben. 

Am 6. März 1909 kam der Kranke in die Anstalt Berolinum und 
gab mir im wesentlichen folgendes an: „Ich gehe immer nur in «in und 
dasselbe Restaurant. Dabei habe ich die Absicht, zu einer gewissen Zeit 
pünktlich nach Hause zu gehen, und das gelingt nicht immer. Durch 
Gesellschaft lasse ich mich verleiten, bleibe sitzen. Wenn ich nachher 
den Faden verloren habe, werde ich verleitet, schwere Sachen zu 
trinken, wie meistens Sekt und Rotwein. Dieße Sitzungen dauern 
gewöhnlich bis früh 9 Uhr. Der Wirt ist ein Verwandter 
von mir. Dann gehen wir beide in ein anderes Lokal, wo weiter- 
gezecht wird, bis ich wieder vollständig zur Besinnung komme und 
nach Hause gehe. Im zweiten Lokal wird Klavier gespielt und feste 
gesungen. Es ist kein Lokal mit Weiberbedienung." Letzteres ist die Ant- 
wort auf eine von mir gestellte Frage. „Zu Hause wieder angelangt, schlafe 
ich 6 — 7 Stunden. Dann stehe ich wieder auf, habe keine Lust, ins Ge- 
schäft zu gehen, gehe nach 6 Stunden wieder schlafen, dazwischen werfe 
ich höchstens einen Blick in die Zeitung, treibe aber sonst gar nichts. 
Es stellt sich moralischer Jammer ein. Ich fasse den Vorsatz, es nicht 
wieder zu tun. Am folgenden Tage gehts ins Geschäft." Die letzte 



Beitrag zur Psychologie der sogenannten Dipsomanie. 553 

Kneiperei fand am 1. März 1909 statt. Die Ehefrau sollte den Kranken 
abends 9 Uhr vom Bahnhof abholen. Er war mittags auf die Tour in 
die Nähe des Ortes H. gefahren, wo er seinen Beruf hatte. Der Kranke 
fuhr mit einem Zug später, als er ursprünglich wollte, kam nicht bis H., 
bis in die Stadt seines Aufenthaltes, sondern nur bis L. und ging von 
hier zu Fuss nach H., ohne unterwegs etwas zu trinken. Er trinke am 
Tage überhaupt nichts. In H. kam er um 10 Uhr abends an. Statt nach 
Hause ging er in das schon oben erwähnte Restaurant. Er wollte 
zwei Gals Bier trinken. Die Ehefrau kam in eine benachbarte 
Konditorei, wohin sie ihren Mann kommen Hess und bat ihn mit- 
zugehen. Er versprach auch, in einer halben Stunde nachzukommen, 
worüber die Ehefrau böse wurde, und der Kranke ging, wie er 
sagte, wutentbrannt ins Restaurant. Er trank sofort ein paar Glas 
Bier,' und es war nun wieder alle. Er begann Sekt und Rotwein zu 
trinken, ging nicht nach Hause. Am andern Tage mittags ging er in 
ein Restaurant, wo Klavier gespielt wurde: „Da lasse ich mich immer 
aus. Man kann sich direkt gehen lassen, habe feste gesungen, bin absolut 
lustig. Dann falle ich ab, werde müde, bin ganz klar wieder, gehe nach 
Hause. Hernach hatte ich keine Lust ins Geschäft zu gehen, war unzu- 
frieden und kam hierher." . 

Dieser Zustand soll seit fünf Jahren bestehen; von Zeit zu Zeit, 
alle vier Wochen, auch alle vierzehn Tage, auch zweimal in acht Tagen 
stellt er sich bei ihm ein. Die Trinkperiode soll nie länger dauern als 
eine Nacht, einen Tag, die darauf folgende halbe Nacht. In der Zwischen- 
zeit trinke er überhaupt nichts; nur bei Geburtstagen oder in Gesell- 
schaften mache er eine Ausnahme. Früher habe er wie ein jeder getrunken, 
wenn er aber nachts nach Hause gekommen sei, so sei er am andern 
Tage wieder arbeitsfähig gewesen. Der Kranke bestreitet auf das Ent- 
schiedenste, an zeitweiser Verstimmung gelitten zu haben Solche sei 
nur dann, aufgetreten, wenn er so im Zuge gewesen sei, „im Anschluss an 
eine lange Sitzung", wie er sich ausdrückt. Er gab des ferneren an dass 
er im Dezember 1906 geheiratet habe. Der Ehe entstammte ein Knabe. 
Vor der Ehe habe er alle vierzehn Tage sexuellen Verkehr gehabt mit 
Prostituierten, Verkäuferinnen; einige Jahre habe er auch mit einer \\itwe 
ein Verhältnis unterhalten. Sexuellen Verkehr habe er seit dem 17. Jahre. 
Damals war er in einem Ledergeschäft in L. und habe von dem lanz- 
stundenball aus Bordelle besucht, wie er hinzufügte, animiert er könne 
sich nicht denken, dass er sonst hineingegangen wäre. Mit 18 Jahren war 
er Reißender. Er hatte Geld, so wie er es brauchte. Er habe nur normal, 
wie er sich ausdrückte getrunken, unnormal erst seit fünf Jahren, so dass 
er nicht, nach Hause käme. Mit 11 Jahren habe er masturbiert, das erste 
Mal mit drei Mitschülern, nicht gegenseitig, aber gleichzeitig. Als er 
14 Jahre alt war, habe er einmal vergessen, seine Schularbeiten zu machen. 
Er verbarg dieses dem Vater, ging in die Mädchenkammer und machte sie 
dort. Die beiden Mädchen legten sich inzwischen zusammen in cm Bett. 
Als Patient hinausgehen wollte, riefen sie ihn zurück. Die eine nahm seine 
Hand und führte sie zum Geschlechtsteil. Mit 7 Jahren hatte er einmal 
aus einer Schnapsflasche getrunken, es sollen sich danach einmal und 
nicht wieder Krämpfe eingestellt haben. Schnaps habe er seitdem auch 
ni<; wieder getrunken. Seit dem 19. Jahre habe er vereinzelt masturbiert 
und zwar, wie er sagt, wenn ich recht viel getrunken hatte, 

39* 



554 Otto Juliusburger, 

passierte es wieder, auch in der Ehe, wenn ich nach- 
Hause kam und hatte ein paar Stunden geschlafen. Zu 
regulären Zeiten nicht, immer nur nach dem Trinken, 
wenn ich nicht nach Hause gekommen bin. Auch über sein 
Benehmen in dem Restaurant sagte er des weiteren: er habe gern ge- 
sungen, aus der Dollarprinzessin, aus Wagner'schen Opern, „wo ich so 
schreien kann. Wenn ich es regulär sänge, würde es falsch sein." Nur 
in jenen Stadien sang er. „Ich sang auch aus einer Operette, wenn sie 
eben aufgekommen war, aber keine Zoten, keine gemeinen 
Sachen. Ich suchte Kraftäusserungen, wollte mich so 
recht austoben. In diesem Zustande ging ich nie zu 
Weibern, hatte gar keinen Reiz dafü r." 

Sehr wichtig und für die Auffassung des Falles bedeutsam er- 
schienen mir nun die Ausführungen des Kranken über den Wirt, mit dem 
er gern kneipte. Der Wirt ist nämlich der Onkel seiner Frau und der 
Kranke äusserte sich wie folgt: 

„Ich gehe furchtbar gern hin, bin ganz verrückt in 
den Kerl — pervers bin ich nicht — der Wirt ist seit fünf 
Jahren dort. Ich bin dahin gegangen, fühlte mich so 
hingezogen." 

Vor drei Jahren war der Kranke zur Behandlung seiner Dipsomanie 
in einer Entziehungsanstalt. Er blieb ein Vierteljahr dort, musste eine 
wichtige Geschäftsreise machen und fuhr erst nach seinem Heimatsort, 
um sich Material zu holen; er musste aber zu Hause bleiben, um das Ge- 
schält zu versehen, weil der Bruder inzwischen erkrankt war. Der Bruder 
soll an Epilepsie leiden. Nach einiger Zeit ging er wieder zu dem Wirt, 
seinem jetzigen Onkel, weil sich in dessen Geschäft seine jetzige 
Frau befand; die er schon ein halb Jahr zuvor kennen gelernt hatte. 
Während seines Aufenthaltes in der oben erwähnten Entziehungsanstalt 
hatte er die Absicht gefasst, mit der Nichte des Wirtes zu brechen, und, 
um nicht wieder -mit ihr zusammenzukommen, wollte er das Lokal des 
Onkels meiden. Es Hess ihm aber keine Ruhe und er ging doch wieder 
hin. Abermals fasste er den Entschluss, mit der Nichte des Wirtes sich 
zu verloben, was aber die Frau von dem Wirt zu verhindern suchte. 
Auch dieser wollte nicht einwilligen in die Verlobung seiner Richte mit 
dem Patienten, aber trotz des Einspruchs der Wirtsleute kam es doch zu 
einem Verlöbnis. Die Braut ging zu Verwandten nach Wien und die 
nächste Zeit ging der Kranke nicht in das Restaurant, weil er sich mit 
den Wirtsleuten gezankt hatte. Während dieser Entfremdungszeit sei es 
auch nicht zu dipsomanischen Anfällen gekommen. Ein Vierteljahr nach 
der Hochzeit ging Patient zufällig am Restaurant vorüber. Da sagte der 
Onkel zu ihm: Komm herein, wir wollen uns wieder vertragen. Der 
Kranke ging hinein und seitdem ging wieder die alte Leier los. Ich will 
noch hinzufügen, dass der Kranke in unmittelbarer Nachbarschaft seines 
Onkels Wohnung genommen hatte. 

Wenn wir den oben kurz mitgeteilten Fall überblicken, so werden 
wir unschwer als den Mittelpunkt der Erscheinungen die Beziehungen 
und das Verhalten unseres Kranken zu seinem Onkel erkennen. Charakte- 
ristisch für die innere Verknüpfung dieser beiden Männer ist es, dass 
der Kranke wiederholt schwankend wird und doch wieder von einer 
scheinbar unbezwinglichen Macht zu seinem Onkel in das Restaurant ge- 



Beitrag zur Psychologie der sogenannten Dipsomanie. 555 

trieben wird. Die Trinkperioden werden herbeigeführt durch das mehr 
wie freudige Zusammensein mit dem Onkel, und an dessen Seite kann er 
sich nach Herzenslust austoben. Es ist unserm Kranken wohl zu glauben, 
wenn er versichert, nur in diesen anfallsweise auftretenden Zeiten in 
hohem Masse alkoholische Getränke genossen zu haben. 

In seiner Arbeit über die psychologischen Beziehungen über Sexualität 
und Alkoholismus in der Hirschfeld 'sehen Zeitschrift für Sexual- 
wissenschaft Heft 8 (1908) sagt Abraham: „Beim normalen Individuum 
verfällt die homosexuelle Komponente des Sexualtriebes der Sublimierung. 
Die Gefühle der Harmonie und Freundschaft unter Männern sind alle be- 
wusst sexuell entkleidet. Der gesund empfindende Mann hat einen Wider- 
willen gegen jede zärtliche Berührung mit Männern. Eine Reihe ähn- 
licher, aus der gleichen Quelle stammender Regungen des Widerwillens 

oder Ekels liesse sich hier anführen. Der Alkohol hebt sie auf 

Durch jede Kneipe geht ein Zug von Homosexualität. Die gleichgeschlecht- 
liche Komponente, die wir unter den Einflüssen der Erziehung verdrängen 
und sublimieren gelernt haben, kommt unter der Wirkung des Alkohols 
unverkennbar wieder zum Vorschein." Nach Abraham wird also durch 
den Genuss alkoholischer Getränke die Sublimierung der homosexuellen 
Energie mehr oder weniger aufgehoben und die homosexuelle Komponente 
kommt mehr oder weniger zur Entfaltung. Meiner Meinung nach käme in 
Frage, ob nicht von vornherein, freilich aus dem Untergrunde des ün- 
bewussten herauf, die homosexuelle Energie häufig genug den Wunsch 
und das Verlangen nach Alkohol, Fröhlichkeit und Geselligkeit entstehen 
lässt, wobei dann rückwirkend der Alkohol erst der gröberen Homo- 
sexualität den Durchbruch erleichtert 1 ). 

Eine Wurzel des anscheinend unausrottbaren Strebens und Trachtens, 
alkoholische Getränke in irgend einer Form zu gemessen und festliche 
Veranstaltungen damit zu verknüpfen, scheint mir in der Homosexualität 
zu liegen. Bei unserm Kranken, der nach seinen Mitteilungen zweifellos 
einen sehr ausgeprägten Sexualtrieb besitzt, nehme ich an, dass seine 
homosexuelle Komponente durch die Bekanntschaft mit seinem jetzigen 
Onkel einen kräftigen Anreiz erfahren hatte. Er war sicherlich über- 
wiegend heterosexuell gerichtet und die homosexuelle Komponente unter- 
lag der Verdrängung. Als sich aber ein ihr adäquates Objekt fand, suchte 
sie eruptiv hervorzubrechen, und es gelang ihr von Zeit zu Zeit, sich 
Befriedigung zu verschaffen, wenn auch nicht in grob physischer- Be- 
tätigung, so doch in einer charakteristischen und genügend durchsichtigen 
Art und Weise. Es dürfte wohl nicht zu kühn sein, die Freude unseres 
Kranken an seinem Singen und Schreien als eine Art Muskelerotik 2 ) 
aufzufassen. Aus der starken Verankerung des Kranken mit seinem Onkel 
wird auch verständlich seine trotz wiederholten Schwankens doch ge- 
schehene Verheiratung mit dessen Nichte 3 ). Noch eine Bemerkung über die 

i) Vergl. Ferenczi: Über die Rolle der Homosexualität usw. im Jahrbuch 
Bleuler und Frend, 1911, S. 116. 

2) Man vergleiche die interessante Arbeit von Sadger über Haut-, acnleim- 
nnd Muskelerotik im 3. Bande des Jahrbuches für Psychoanalytische und Psycho - 

pathologische Forschungen. ,.,„.,,. 

ü) Vergl. Abraham, Die Stellung der Verwandtenehe in der Psychologie 
der Neurosen, Bleuler und Freud's Jahrbuch 1909, sowie Juliusburger, Be- 
merkungen zur Psychologie der Zwangsvorstellungen und Verwandtenehen, Zentral- 
blatt für Nervenheilkunde und Psychiatrie. 20. Band, 1909. 



556 Otto Juliusburger, 

Masturbation des Kranken. Ich erinnere an seine Äusserung, die dahin ging : 
Zur regulären Zeit masturbiere er nicht, immer nur nach dem Trinken. In 
diesen Zuständen gehe er nie zu Weibern, die gar keinen Reiz zu dieser 
Zeit für ihn hätten. Wenn der Kranke sich mit dem Onkel genügend aus- 
getobt hatte und wieder nach Hause gekommen war, so hatte ihn, wie 
er sich ausdrückte, moralischer Jammer gepackt. Man könnte geneigt 
sein, anzunehmen, wie es Ziehen tut, die Neigung zur Masturbation mit 
der einsetzenden Depression und der wahrscheinlich mit ihr vorhandenen 
Angst in Verbindung zu bringen. Damit würde aber noch keine Erklärung 
der Neigung zur Masturbation gegeben sein. Um zu einer näherliegenden 
Deutung des Vorganges zu kommen, wollen wir einerseits im Auge be- 
halten die gefühlsbetonte Verknüpfung des Kranken mit dem Onkel und 
andererseits seine hervorgehobene Abneigung zu Weibern und zur eigenen 
Frau in den Zeiten, wo seine Beziehungen zum Onkel im Vordergrunde 
standen. Fassen wir das anfallsweise ausgelassene Kneipenleben mit dem 
Onkel bei dem Kranken als eine Betätigung seiner homosexuellen Kom- 
ponente auf, und zwar in einer immer noch der Sublimierung zuzurechnen- 
den Art und Weise, so bin ich geneigt, die den Gelagen folgende Neigung 
zur Masturbation bei unserm Kranken aufzufassen als Symbol seiner 
Homosexualität, als ihre sinnliche Entladung. 

Ich muss es vorläufig dahingestellt sein lassen, ob der hier gemachte 
Versuch einer psychologischen Auffassung der sogenannten Dipsomanie 
durch die Analyse weiterer Fälle eine Bekräftigung und Stärkung er- 
fahren wird. Ich halte es für sehr möglich, ja wahrscheinlich, dass in 
anderen Fällen von Dipsomanie noch andere psychosexuelle Faktoren als 
massgebend sich erweisen werden. Mir selbst war es in einem zweiten 
Falle von sogenannter Dipsomanie, den ich zu untersuchen Gelegenheit 
hatte, nicht möglich, die homosexuelle Komponente mit Sicherheit als 
wirksamen Faktor in den Anfällen aufzudecken. Bei diesem Kranken trat 
von Zeit zu Zeit der unwiderstehlich wirkende Trieb auf, allein zu sein 
und für sich zu bleiben. Während der verheiratete Kranke in den anfalls- 
freien Zeiten gern mit seiner Frau sexuellen Verkehr pflegte, so übte er 
ihn, wenn er von seinen anfallsweise einsetzenden Kneipereien und Wande- 
rungen kam, nicht aus, sondern war gegen die Frau ablehnend, bis zu 
Tätlichkeiten gereizt und masturbierte, und zwar am meisten je mehr er 
getrunken hatte. Der Kranke gab mir an, auch vor der Ehe viel onaniert 
zu haben. Er hatte mit dem 12. Jahre von selbst und allein angefangen. 
Später habe er mit Prostituierten verkehrt, daneben aber auch noch 
gelegentlich onaniert. Die dipsomanischen Anfälle dieses Kranken deute 
ich mir als eine bei ihm von Zeit zu Zeit hervorbrechende Neigung 
zum Autoerotismus. Dieser findet seinen grob sinnlichen Abschluss mit 
seinem reizbaren, ablehnenden Verhalten der Frau gegenüber und des 
während dieser Zeit sich besonders geltend machenden Verlangens zur 
Masturbation. Ich halte es überhaupt für sehr wahrscheinlich, dass dem 
Wunsche, sich allein an alkoholischen Getränken genügen zu lassen, 
eine autoerotische Triebkraft zugrunde liegt. Wir finden ja häufig genug 
Menschen, die wenigstens zeitweise die Gesellschaft anderer auffallend 
meiden und in zurückgezogener Selbstgenügsamkeit, Selbstbefriedigung be- 
glückt Glas auf Glas leeren. Ich meine, man liest dem charakteristischen 
Verhalten dieser Leute den gerade sie beherrschenden Autoerotismus ab. 

Ich möchte aber noch kurz auf eine andere Erscheinung hinweisen. 



Beitrag zur Psychologie der sogenannten Dipsomanie. 557 

Bekanntlich wird bezüglich der Masturbation ungemein viel und hart- 
näckig gelogen. Selbst die ehrenwertesten Menschen genieren sich durchaus 
nicht, die Unwahrheit zu sagen, wenn sie nach etwa vorhandener Neigung 
zur Masturbation befragt werden. Sie verneinen diese auf ihr Ehrenwort 
hin und üben sie dennoch. Das Gegenspiel finden wir bei zahlreichen 
Leuten, die es nicht über sich gewinnen können, vom Genüsse alkoholischer 
Getränke zu lassen, auch wenn sie durch dieselben schon genügenden 
Schaden genommen haben. Sie versprechen, nicht wieder ein Glas an 
die Lippen zu führen, sie beteuern hoch und heilig, kein Tropfen sei 
an ihren Mund gekommen, und doch trinken sie heimlich. Wie gesagt, 
wir finden dieses Verhalten auch bei sonst durchaus achtbaren und ehren- 
werten Menschen, die unter Umständen höchst brauchbare und wert- 
volle Arbeiten leisten. Die Analogie liegt meiner Meinung nach auf der 
Hand. Der Zwang, immer wieder zum Glas zu greifen, der Trieb, es 
heimlich und für sich zu tun, verborgen, im Stillen, unter strenger und 
unnachgiebiger Ableugnung der vorgehaltenen Umgehung des Verbotes, 
das gelegentliche, zögernde Eingeständnis, wieder schwach gewesen zu 
sein, der Entschluss, von neuem den Kampf gegen den Trieb aufzunehmen, 
das abermalige Erliegen und erneuerte Leugnen bis zur unwiderleglichen 
Überführung, — dieses gesamte Benehmen und Verhalten der betreffenden 
Personen lässt unwillkürlich die Parallele ziehen zu dem Treiben der 
Masturbarrten. Und darum habe ich keine Bedenken, in dem immer 
wieder auftretenden Hang, am liebsten einsam und abgeschieden Alkohol 
zu gemessen, in dem Versuche, ihm zu entsagen, in der Schwäche, der 
Verführung zu erliegen, in dem Bestreben, zu leugnen und zu beteuern, 
frei von Alkoholgenuss zu leben, einen Ersatz für den autoerotischen 
Genuss der Masturbation zu erblicken. 

über die Bedeutung der Psycho-Sexualität in der Psychologie der 
pathologischen Wanderungen, des krankhaften Reisetriebes, werde ich 
mich in einer folgenden Arbeit äussern. 



IL 

Über ein Zeremoniell vor dem Schlafengehen. 

Von Dr. Wilhelm Stekel. 

Abraham hat im Mai-Hefte dieser Zeitschrift ein merkwürdiges 
Zeremoniell beschrieben, das neurotische Frauen vor dem Schlafengehen 
zu beobachten pflegen. Ich kann nach meinen Erfahrungen die An- 
gaben Abraham's von der Bedeutung dieses Zeremoniells bestätigen. 
Eigentlich möchte ich sie dahin ergänzen, dass alle Neurotiker vor 
dem Schlafengehen gewisse Prozeduren vornehmen müssen. Viele be- 
folgen irgendwelche Regeln, ohne es zu wissen. Die meisten haben eine 
besondere Art die Kleider zu ordnen oder können nur einschlafen, wenn 
sie eine gewisse Formel gesprochen haben. Manche unter ihnen, uns 
es sind nicht wenige, müssen irgend ein Gebet oder einen frommen Wunsch 
aussprechen. Das Gebet bezieht sich meistens darauf, das den An- 
gehörigen kein Unheil zustossen möge. So verwandeln sich die alten 
Todeswünsche in Gebete und Segenswünsche. Andere wieder müssen etwas 



558 Dr. Wilhelm Stekel, 

Bestimmtes denken oder dürfen an etwas Bestimmtes nicht denken, — 
sonst passiere den teuern Angehörigen ein Unglück. 

Meistens sind es die alten Kindergebete, die aufgesagt werden, selbst 
von Menschen, die sich einbilden aufgeklärt und freidenkend zu sein. 
Ich habe auch Atheisten gefunden, die vor dem Einschlafen „aus Ge- 
wohnheit" oder „zur Beruhigung der Nerven" oder aus anderen ratio- 
nalistischen Motiven ein Gebet hersagen. Sehr merkwürdig ist der Umstand, 
dass neben der Todesklausel, die in allen Zwangshandlungen enthalten 
ist, ebenso ein religiöses Moment nachzuweisen ist. Viele (vielleicht 
sogar alle) Zwangshandlungen ersetzen Gebete, und in vielen Fällen ist 
das Gebet selbst eine Zwangsvorstellung und Zwangshandlung (Freud). 

Im Nachfolgenden will ich das Zwangszeremoniell einer an Zwangs- 
neurose leidenden Dame analysieren. Es handelt sich um ein 33 jähriges 
Fräulein, die an der Zwangsvorstellung leidet, sie könnte ihren Vater, 
die Mutter oder die Schwester umbringen. Besonders intensiv zentrieren 
sich diese Zwangsvorstellungen auf die Schwester. Diese Dame hat ein 
gewisses Zeremoniell vor dem Schlafengehen, das ich mit ihren eigenen 
Worten mitteile: 

1. Vor dem zu Bett gehen. 

Wenn ich abends auf mein Zimmer komme, lege ich Kleider und 
Schuhe ab und reinige dieselben vom Kot. Dann öffne ich mein Fenster 
und gehe aufs Klosett. Dort bleibe ich eine Ewigkeit lang, weil ich nicht 
festsetzen kann, ob ich schon mit dem Verrichten meiner Notdurft fertig 
bin. Trotzdem ich äusserst selten vor dem Schlafengehen Stuhl habe, 
drücke ich immer wieder, um mich zu überzeugen, dass ich keinen habe. 
Ebensolange brauche ich um zu konstatieren, dass ich mit dem Urinieren 
fertig bin *). Wenn das glücklich überstanden ist, kann ich mich nicht davon 
überzeugen, ob an der Seitenwand des Klosettes kein Papier klebt, und 
wenn das der Fall ist, stosse ich es mit einem anderen Stück Papier hin- 
unter. Dann muss ich mich davon überzeugen, dass in der Öffnung, wo 
das Wasser abfliegst, kein Blut ist und das Klosett überhaupt rein ist. 
Dann, wenn ich das Licht abgedreht habe, muss ich noch einige Male 
die Tür öffnen um zu sehen, dass ich abgedreht habe und beim letzten 
Schliessen der Türe mich davon überzeugen, dass dieselbe auch gut 
geschlossen ist 2 ). 

Dann gehe ich im dunkeln Vorzimmer, welches ein Knie bildet, 
zu meiner Zimmertüre, welche sich am Ende des anderen Schenkels des 
rechten Winkels befindet. Wenn ich mich beiläufig meiner Türe gegen- 
über befinde, muss ich den Lichtstreifen, der an der unteren Türspalte 
sichtbar ist, genau sehen, und wenn mir das das erstemal nicht gelingt, 
gehe ich so oft zurück, bis es der Fall ist. 

Nun sperre ich meine Türe ab. Damit und mit dem Konstatieren, 
ob dieselbe verschlossen ist, indem ich an der Klinke drücke, werde ich 
verhältnismässig rasch fertig. 

Nun kommt das Schliessen des Fensters, welches die meiste Zeit 
in Anspruch nimmt. Ich bin . nämlich nicht imstande festzustellen, ob 

] ) Bei allen Zwangshandlungen halte ich den Atem an oder ich atme un- 
regelmässig, sehr tief oder sehr rasch. 

>) Ich muss mit dem Finger immer genau in die Mitte des Brettes treffen. 



Ober ein Zeremoniell vor dem Schlafengehen. 559 

der untere Riegel als auch der obere fest zu sind und das Fenster einem 
Druck nicht nachgibt. Dann lasse ich das Rouleau herab, darf aber beileibe 
nicht mit demselben am Fenster anstossen, denn sonst beginnt das Prüfen, 
ob das Fenster gut verschlossen ist, von vorne. Dann schliesse ich das 
innere Fenster, ziehe das Rouleau zu und beginne beim inneren Fenster 
genau dieselben Prozeduren wie beim äusseren. 

Dann bei den Ofentüren (obere und untere) dasselbe wie beim 
Fenster. Wenn ich mich dann gewaschen habe (Hände und Mund), Haar 
ausgekämmt und vollständig ausgekleidet habe, gehe ich auf den Nacht- 
topf und sitze wieder sehr lange Zeit, indem ich grüble und wieder nicht 
konstatieren kann, ob ich fertig bin 1 ). 

Dann ziehe ich meine Uhr auf und rücke die Zeiger vor, damit die 
Uhr nicht zurückbleibt. — Nicht konstatieren können, ob die Uhr auf- 
gezogen ist und wieviel Uhr es ist. Dann schliesse ich die Uhr, höre ob 
sie geht, lege dieselbe auf den Tisch, höre wieder ob sie geht, werfe 
einen Blick nach dem Fenster um zu sehen, ob dasselbe geschlossen und 
das Rouleau heruntergelassen ist, lege meinen Zwicker ab, wische den- 
selben an meinem Nachthemd ab, lege ihn auf den Tisch, höre wieder 
ob die Uhr geht, schaue ob der Zwicker auf dem Tisch liegt, und 
zu alldem brauche ich wieder entsetzlich lang, weil ich mich selten 
beim erstenmal davon überzeugen kann. 

Dann schaue ich nach, ob die Türe versperrt ist. Zuerst versuche 
ich, ob man den Schlüssel umdrehen kann, dann an der Klinke. Das 
muss ich 3 — 4 mal tun. 

Jetzt kommt das Licht. Ich halte das linke Auge zu um zu sehen, 
ob ich das Glühlicht mit dem rechten Auge sehe, dann das rechte um 
zu sehen, ob ich mit dem linken Auge sehe, dann ob ich mit beiden sehe 
und dann wird rasch abgedreht. Das dauert immer schrecklich lange und 
oft, wenn ich schon abgedreht habe, bin ich nicht sicher, ob ich auf 
die drei verschiedenen Arten gesehen habe, drehe noch einmal auf und 
fange von neuem an. Früher musste ich auch noch konstatieren können, 
ob ich den "Unterschied zwischen hell und dunkel wahrnehme. 

Wenn ich dann endlich im Bette liege, kommt das Beten. Ich bete 
folgendes: „Bevor ich mich zur Ruh' begeh' zu Dir, o Gott mein Herz 
ich heb'. Und sage Dank für alle Gaben die wir von Dir empfangen haben. 
Und hab' ich heut missfallen Dir, so bitf ich Dich verzeih es mir. Dann 
schliess' ich froh die Augen zu, — es wacht ein Engel wenn ich ruh'." 
Beim Beten darf ich bloss an das was ich bete und an eine bestimmte Frau, 
eine Doktois-Witwe, die in unserer Pension wohnt, denken, die mir anfangs 
sehr unausstehlich war. Ich wiederhole das Gebet so oft, bis mir das 
gelingt. Wenn ich mit dem Beten fertig bin, lege ich mich im Bett zu- 
recht und dabei darf ich wieder nur an die Doktors-Witwe denken, bis 
ich mir nicht, sage — jetzt darfst Du schon an was anderes denken. — 
Dann schlafe ich ein. Es kommt aber oft vor, dass ich erwache und von 
vorne anfange. — — 

2. Beim Erwachen. 

Ich hülle mich in meine Decke ein, halte die Arme ausgestreckt 
fest am Körper an und sage folgendes, wobei ich wieder nur an die Doktors- 



i) Dabei stelle ich mir immer ein Dreieck vor. 



560 Dr - WilMm Stekel, 

Witwe denken darf. „Also Berta sei nicht faul, also Berta 
steh auf, also Eins!, also Zwei!, also Drei!, also auf." 
Und das drittemal jedesmal den ganzen Spruch in einer Reihe und zum 
Schlüsse noch „also Berta steh auf!" wobei ich an Dr. F. denken muss 
und mich mit einem Ruck erhebe, indem ich die Hände noch immer 
am Körper festhalten muss und die Decke zurückschlage. Im Bette 
wechsle ich noch das Hemd, wobei ich mit dem Oberkörper Neigungen 
nach rechts und links ausführen muss, um das Nachthemd ab- 
zustreifen. Mein Körper darf dabei nicht über die Bettkante hinaus- 
ragen. Dann ziehe ich, auch im Bette, die Strümpfe an. Ich liege 
so, dass meine linke Seite gegen das Zimmer gekehrt ist und ich 
mit dem linken Fuss aus dem Bett steigen müsste. Um das zu ver- 
meiden, drehe ich mich im Bette sitzend herum, darf dabei aber keines- 
wegs mit meinem Körper über den Bettrand hinausragen. Dann trete 
ich mit dem rechten Fuss auf den Boden, wobei das linke Bein im Bette 
verbleiben muss, und erst bis ich festgesetzt habe, dass ich mit dem 
rechten Fusse fest am Boden stehe, darf der linke folgen, xind endlich 
bin ich aufgestanden. 

Dann gehe ich auf das Klosett. Dieselben Zwangshandlungen wie 
am Abend. Beim Waschen dürfen die Handtücher nicht verwechselt 
werden, da jedes einem anderen Zwecke dient. Ebenso das Lein- 
tuch. Dann pudere ich mir Gesicht und Hals sehr vorsichtig, weil ich 
davor fürchte, dass mir in Augen oder Mund Puder hineinkommt. Dann 
wasche ich mir die Hände sehr umständlich, wie gewöhnlich, befeuchte 
das Handtuch an einer Stelle, wo ich es für unbedingt rein halte, und 
wische mir mit der feuchten Stelle Brauen und Wimpern vom Puder ab, 
wobei für jedes Auge eine andere feuchte Stelle in Anwendung gebracht 
werden muss. Dann wird der Mund ausgespült, zum selben Zwecke als 
Brauen und Wimpern abgewischt werden. Dann bin ich, glaube ich, mit 
den Zwangshandlungen fertig bis auf das, dass ich, nachdem ich meinen 
Kakao getrunken habe, ein Glas Wasser trinke, von dem ich einen Rest 
zurücklasse, weichen ich knapp vor dem Weggehen trinken muss. Ich 
darf mir aber nicht die Lippen lecken, während oder nach dem Früh- 
stück, sonst muss ich mir den Mund wieder ausspülen. 

3. Sonstige Zwangshandlungen. 

Auf der Strasse muss ich allen, die ich im Vorübergehen anschaue, 
nachsehen, und zwar, indem ich mich nach links wende. Ich trachte 
immer mit dem rechten Fuss auf das Trottoir zu treten, wenn ich vom 
Fahrweg aufs Trottoir komme, ebenso wenn ich über Treppen gehe. 
Wenn ich aufs Klosett gehe, jedesmal dieselben Zwangshandlungen wie 
abends und morgens. Wenn ich mir im Bureau Wasser von der Wasser- 
leitung hole, muss ich den Hahn, wenn ich mein Wasser schon habe, 
so oft auf- und zudrehen, bis ich mir das Innere des Zapfens, nämlich 
den Durchschnitt eines Messingrohres, durch welches gerade Wasser Messt, 
vorstellen kann. — Ich kann nichts wegwerfen, bevor ich mich nicht 
vollständig von dem Wesen des Gegenstandes überzeugt habe. — Wenn 
ich einen Brief, hauptsächlich im Bureau, absenden soll, d. h. kuvertieren, 
muss ich mich davon überzeugen, dass ich nichts mich Kompromittierendes 
hineingelegt oder geschrieben habe und im Kuvert nichts drinnen ist, 
dabei muss ich den überprüften Brief in der Hand behalten, die Adresse 



Über ein Zeremoniell vor dem Schlafengehen. 561 

nachlesen, dann das Kuvert wenden, und indem ich dasselbe so halte, dass 
ich gut hineinschauen kann, überprüfen, indem ich beide Seiten des 
inneren unteren Randes des Kuvertes anschaue. — Wenn ich Briefe auf- 
gebe, muss ich immer mit der Hand nachprüfen, ob der Brief nicht 
stecken geblieben ist. Und wenn ich mich vom Briefkasten entferne, 
muss ich mich umwenden, um zu sehen, ob der Brief nicht daneben ge- 
fallen ist. 

Wenn ich das Bureau verlasse, muss ich immer im Zimmer des 
Chefs nachsehen, ob das Fenster geschlossen ist, trotzdem dasselbe niemals 
geöffnet wird, und ob sowohl die Plafond- als auch die Schreibtischlampe 
nicht brennt. — Auch im Bureau vor dem Weggehen Überprüfung des 
Fenstersi — Nachsehen, ob der Ofen abgedreht ist, der Schlüssel des 
Schrankes abgezogen und die Lampen abgedreht. — Überprüfung der Türe. 
— Sehr häufig, wenn ich etwas kaufe, kann ich es nicht unterlassen zu 
fragen, ob ich gezahlt habe, trotzdem ich es genau weiss. Vor jeder 
Mahlzeit peinlichstes Händewaschen, knapp vorher. — Bei jedem Ding, 
welches sich zuschrauben oder sonstwie verschliessen lässt, überprüfen, 
ob es fest zugeschraubt resp. verschlossen ist. 

Beim Niederlegen muss ich meine Unterkleider in einer gewissen 
Reihenfolge, wie ich sie am Morgen zum Anziehen brauche, auf den 
Stuhl gelegt und mit dem Unterrock sorglich zugedeckt, d. h. in denselben 
eingehüllt ' haben, dass nirgends etwas davon herausschaut. 

Immer zuerst den rechten Schuh, Handschuh usw. anziehen. 

Wenn ich beim Bedecken der Schreibmaschine mit dem Deckel 
an der Maschine ankomme, muss ich denselben herunternehmen und 
mich überzeugen, dass ich an der Maschine nichts verdorben habe. 

Wenn ich mir im Bureau ein Glas Wasser von der Wasserleitung 
hole, langwieriges und peinlichstes Auswaschen des Glases, trotzdem ich 
mein eigenes habe 1 ). Berta. 

Analyse: 
Schreiten wir jetzt zur Analyse der einzelnen Zwangserscheinungen. 
Vorerst muss ich einige Details aus der Krankengeschichte mitteilen. Die 
Kranke hat in ihrer Jugend ein schweres Trauma erlebt, das sich in allen 
ihren Zwangshandlungen widerspiegelt. Sie spielte als kleines Kind mit 
einem älteren Knaben, wobei es zu einer Art Koitus kam; er legte sich 
auf sie und steckte ihr den Penis in die Scheide. Dieses Erlebnis teilte 
sie ihren Eltern mit, welche ihr grosse Vorwürfe machten. Sie hat also 
ein Recht zu zweifeln, ob sie eine virgo intakta ist oder nicht. Ein Teil 
ihrer Zwangsvorstellungen wird also diesen noch immer ungelösten Zweifel 
ausdrücken. Ein anderer Teil ihrer Zwangshandlungen dient religiösen 
Motiven und ersetzt Gebete. Die ursprünglichen Todeswünsche der 
Patientin, die sich in Zwangsbefürchtungen äusserten, sie könnte die 
Schwester, den Vater oder die Mutter umbringen, drängen sich in die 
Gebete, bei denen sie nur an das Gebet oder nur an bestimmte Personen 
denken darf. Das heisst, sie wünscht ein reines Gebet ohne Gegen- 
strömungen, und da das sehr selten gelingt, so muss sie das Gebet so- 

') Der Zwicker muss bei jedesmaligem Aufset zun mit einem reinen Gegen- 
stand, d. h. auf welchem kein Puder sein kann, abgewischt werden. Hauptsächlich, 
wenn er auf dem Tisch in meinem Zimmer, auf welchem ich auch die Puderschachtel 
zu stellen pflege, gelegen ist. 



5G2 Dr. Wilhelm Stekel, 

lange wiederholen, bis sie müde wird und einschläft. In anderen Zwangs- 
vorstellungen beim Beten, wie in den Gedanken an die Doktors-Witwe ( !), 
verraten sich die Todesgedanken in offener Weise. 

Wir werden also in dem Zwangszeremoniell dreierlei Strömungen 
konstatieren können: 1. Die Erinnerungen resp. Vorwürfe (Freud) wegen 
des Traumas der Jugend und der Onanie. 2. Der Zweifel an ihrer Jung- 
fräulichkeit. 3. Die Gebete, die von Todeswünschen gegen die Angehörigen 
durchtränkt sind. 

Wir beginnen die Analyse der Zwangshandlung. „Wenn ich 
abends auf mein Zimmer komme, lege ich Kleider und 
Schuhe ab und reinige dieselben von Kot." Diese Handlung 
muss unternommen werden, sonst kann sie nicht einschlafen. Sie erfüllt 
damit einen infantilen Imperativ der Mutter. Die Mutter erzog sie zur 
Reinlichkeit und Ordnungsliebe. Andererseits drückt sie symbolisch den 
Wunsch nach Reinheit aus. Sie will nicht fallen und sich nicht schmutzig 
machen, d. h. sie will nicht onanieren, sonst könnte sie sterben. So 
verraten schon die ersten Handlungen die Todesklausel. Sie will auch 
die Vergangenheit „von sich" putzen und allen Kot des Lebens von sich 
streifen. (Sie spielte mit dem Gedanken, Nonne zu werden.) 

„Dann öffne ich mein Fenster und gehe aufs Klosett." 
Die Zwangshandlungen sind Kompromisse und verraten auch die gegen- 
teiligen Strömungen ihrer Psyche. Sie will auch ihre Vagina öffnen und 
sich beschmutzen. Andererseits will sie das Zimmer lüften, sie will 
reine Luft haben und sich im Klosette von allem Schmutze (Kot) befreien. 

„Dort bleibe ich eine Ewigkeit, weil ich nicht fest- 
setzen 1 ) kann, ob ich schon mit dem Verrichten meiner 
Notdurft fertig bin. Trotzdem ich äusserst selten vor 
dem Schlafengehen Stuhl habe, drücke ich immer 
wieder, um mich zu überzeugen, dass ich keinen habe. 
Ebensolange brauche ich, um zu konstatieren, dass ich 
Mit dem Urinieren fertig bin." Hier taucht der erste Zweifel 
auf. Sie hat ja den berechtigten Zweifel, ob sie mit dem Trauma der 
Kindheit fertig ist, d. h. ob sie noch virgo ist. Sie kann nie rein werden, 
sie kann allen Stuhl (Schmutz) nicht herauspressen. Sie hat das Gefühl' 
etwas stecke noch im Anus. Diese Sensation ist eine Wunscherfüllung 
und dient onanistischen Tendenzen. Sie onaniert durch Erzeugung von 
Stuhldrang und Urindrang. Sie erfüllt aber damit auch einen uralten 
infantilen Imperativ. Als Kind wurde sie auf den Topf gesetzt und die 
Mutter fragte immer wieder, ob sie schon fertig sei. Auch wurde sie an- 
gehalten, wegen Enuresis vor dem Schlafengehen grosse und kleine Ge- 
schäfte zu erledigen. Auch die Todesklausel verrät sich in Befürchtungen, 
man könne infolge von Verstopfung an Blinddarmentzündung sterben. 
Die Atemstörungen bei dieser Zwangshandlung stammen aus Atemstörungen 
beim Orgasmus. Sie imitiert den Atemtypus des Orgasmus, wenn man 
„fertig" wird. Beim Onanieren konnte sie manchmal nicht fertig werden, 
da sie gestört wurde. 

„Wenn das glücklich überstanden ist, kann ich 
mich nicht davon überzeugen, ob an der Seitenwand 

i) Mao beachte , Festsetzen* statt Feststellen. Unterdrückung peinlicher 
auf die feste Erektion des Knaben sich beziehender Gedanken. 



Über ein Zeremoniell vor dem Schlafengehen. 563 

des Klosettes kein Papier klebt und wenn das der Fall 
ist, stosse ich es mit einem anderen Stück Papier her- 
unter. Dann muss ich mich davon überzeugen, dass in 
der Öffnung, wo das Wasser abfliesst, kein Blut ist und 
das Klosett überhaupt rein ist." 

Jetzt wird das Klosett zum Symbol der Vagina. Erinnerungen an 
die alte Onanie tauchen bei dem Hineinstossen des Papiers auf, ebenso 
die Erinnerung an den Akt mit dem Knaben. Die wichtige Frage, ob sie 
damals defloriert wurde und geblutet hat, ob sie nicht gravid ist und 
regelmässig menstruiert, verlangt nach symbolischer Erledigung. Sie will 
wissen, ob sie überhaupt rein ist. Auch eine andere Phantasie spielt in 
diese Zwangshandlung, die Phantasie, von der ihre Mordgedanken überhaupt 
ausgegangen sind, nämlich die Vorstellung, wenn sie ein Kind hätte, es 
im Klosett zu ermorden und dort die Spuren der Gravidität zu verwischen. 
Als Kind hörte sie die Mutter immer wieder ein Gedicht deklamieren, 
das auf sie einen kolossalen Eindruck machte. Es war die Kindesmörderin 
von Schiller. Diese Mordphantasien setzen sich im Bilde vom Abdrehen 
des Lichtes und dem Nichtschlagen der Uhr fort. „Dann, wenn ich 
das Licht abgedreht habe, muss ich noch einige Male 
die Tür öffnen, um zu sehen, ob ich abgedreht habe und 
bei dem letzten Schliessen der Tür mich überzeugen, 
dass dieselbe gut geschlossen ist." Sie dachte eine Zeitlang 
daran den Knaben zu ermorden, der der Mitwisser ihres Sündenfalles war. 
Die Zweifel ihrer Virginität kehren in der Zwangshandlung wieder, immer 
nachzusehen, ob die Türe auch gut verschlossen ist. Auch Zweifel an 
ihrer Widerstandskraft gegenüber dem Anstürmen der unbefriedigten Triebe. 
Das Treffen mit dem Finger genau in die Mitte des Brettes drückt Er- 
innerungen an die Onanie, das Trauma und homosexuelle Deflorations- 
phantasien mit männlicher Einstellung aus. (Sie will ihre Schwester er- 
stechen.) 

Die nächste Schilderung nimmt die bekannte Dreiecksymbolik (die 
beiden Schenkel) zum Ausgang einiger Phantasien. Später taucht direkt 
das Dreieck auf. Jetzt heisst es: „Dann gehe ich im dunklen Vor- 
Zimmer, das ein Knie bildet, zu meiner Z i m in o r t ü r , 
welche sich am Ende des anderen Schenkels des rechton 
Winkels befindet." Der Lichtstreifen an der unteren Zimmertüre 
beweist ihr wieder, dass die Türe nicht fest und vollkommen verschlossen 
ist, es ist ein enger Spalt da, aus dem Licht (lies: Feuer) hervorleuchtet. 

Vollkommen durchsichtig ist die nun folgende Symbolik des Fensters 
und der Türe. „Das Fenster darf dem Drucke nicht nachgeben," natürlich 
die Frage, ob sie damals dem Drucke des andringenden Phallus nach- 
gegeben hat oder nicht. Fern der Wunsch, standhaft die Unschuld ver- 
teidigen zu können und dem Drucke des Verlangens nicht nachzugeben. 
Inneres und äusseres Fenster entsprechen den inneren und äusseren Scham- 
lippen, das Vorzimmer dem Vestibulum vaginae. Sie hat sich als Arztcns- 
tochter genaue anatomische Kenntnisse des weiblichen Genitales ver- 
schafft. — — 

Bei den Ofentüren wiederholt sie die uns schon zum Überdruss 
bekannte Symbolik, wobei wieder Reinigungsphantasien (Kämmen, Nacht- 
topf) einsetzen. Die Uhr geht erstens auf die „Vierwochenuhr", d. h. die 
Periode. Ihre ewige Angst ist ja die Gravidität mit dem unausbleiblichen 



564 Dr. Wilhelm Stekel, 

Kindermord, weshalb sie jedesmal die Periode mit Spannung erwartet. Die 
verschiedenen Koitusphantasien schaffen ein sexuelles Schuld bewusstsein 
(Verwechslung von Phantasie und Realität!), das sich in einer unmotivierten 
Angst vor dem Ausbleiben der Periode äussert, wozu noch die Einflüsse 
verschiedener infantiler Sexualtheorien kommen. (Befruchtung durch Kuss, 
durch den Gedanken, auf die Ferne, durch das Badewasser usw.) 

Zweitens drückt die Uhr das lebende Kind aus, das gemordet werden 
soll. Der Zwicker, der auf der Nase ruht, ist nach dem Einfall der Pa- 
tientin die Vagina, die gerieben werden soll. (Onanie durch das Hemd.) 

Die folgende (Seite 559) Schlüsselsymbolik ist bekannt und durch- 
sichtig. (Das Trauma erlebte sie zwischen drei und vier Jahren.) 

Interessante und neue Momente bringt das Zeremoniell mit dem 
Lichte. Im Mittelpunkte dieser Handlungen steht die Befürchtung, durch 
das Sehen von „unrechten Dingen" blind zu werden, eine Be- 
fürchtung, die durch zahlreiche Erzählungen affektbesetzt ist. Ihre Bi- 
sexualität kommt in dem Bestreben, rechts und links zu schauen, zum 
Ausdruck, ebenso die bekannte von mir zuerst beschriebene Symbolik 
von rechts und links. Die Unterschiede zwischen Hell und Dunkel sym- 
bolisieren ebenso wie rechts und links den Weg der Tugend, der in den 
hellen Himmel führt und die Pfade des Lasters, die zur dunkeln Hölle 
führen. Nun kommt der wichtigste Teil der Zwangshandlung: das Gebet. 
Man wird sehr selten Neurotiker finden, die nicht unter irgend einem 
Vorwand religiöse Gebräuche festhalten. So fastet einer meiner Pa- 
tienten, weil es gesund is*. einmal im Jahre zu fasten, der andere geht 
in die Kirche, weil es dort so angenehm kühl ist, der dritte beichtet aus 
alter Gewohnheit und viele behaupten, sie könnten aus alter Gewohnheit 
nicht einschlafen, ehe sie ihr Abendgebet gesagt haben. Dies Gebet ist 
meistens ein Kindergebc-t und repräsentiert den infantilen Zustand des 
religiösen Empfindens. 

In vielen Fällen darf der Beter an gar nichts anderes denken als 
an das Gebet, sonst muss er wieder von vorne anfangen. Da das Gebet 
die Reaktion auf ursprüngliche Todeswünsche ist, die Todeswünsche noch 
immer als unbewusste Gegenströmung lebendig sind, so ist das Zustande- 
kommen des „reinen" Gebetes sehr schwer und manchmal sehr ermüdend. 
Hier repräsentiert die Doktors-Witwe die Todesklausel, der gegenteilige 
W misch, der Papa möchte Witwer werden, erscheint ausgezeichnet 
maskiert. Aber auch Todeswünsche gegen den Vater sind in ihrer Psyche 
noch immer lebendig. Schliesslich siegt die Müdigkeit und die Patientin 
schläft ein. 

Nach dem Erwachen setzen alte Imperative der Mutter und Schwester 
ein. Sie spricht zu sich: Berta steh auf, sei nicht faul usw. Dann be- 
ginnt das Pudern, welcher Ausdruck ihr auch im vulgären Sinne wohl 
bekannt ist. Es darf kein Reiskorn (Samen) in eine Körperöffnung kommen. 
Deshalb darf sie auch mit der Zunge nicht die Lippen lecken, was übrigens 
ebenfalls erotische Deterniihierungen aufweist. 

Die Zeremonie mit dem Wasser (,Nicht das ganze Glas trinken, 
den Rest vor dem Weggehen") hat folgenden Sinn: Sie will den Becher 
nicht bis zur Neige leeren. Sie hat Demi-viergephantasien. Vor dem 
Weggehen entschliesst sie sich heute „dennoch ganz" zu fallen: Sie trinkt 
den Er öl des Wassers, sie weiss nun alles! 



_ 



Über ein Zeremoniell vor dem Schlafengehen. 556 

Die sonstigen Zwangshandlungen erklären sich nach dem Vorher- 
gehenden meist selbst. Sie will nur rechts ausschreiten. Übrigens kämpft 
sie jetzt mit einer starken Liebe und Versuchung, sie ertappt sich, dass 
sie immer links aus dem Bett steigt,, mit dem linken Fussu in die Elek- 
trische einsteigt usw. Das Innere des Wasserhahnes ist das Innere des 
Penis, der von Sperma durchströmt wird. Die Briefsymbolik enthüllt 
wieder ihre Zweifel an ihrer Unberührtheit. 

Die Kleiderzeremonie vor dem Niederlegen hat den Zweck, das 
Innere symbolisch zu verhüllen und die infantile Entblössungsszene rück- 
gängig zu machen. (Annullierungstendenzen \) Sie ist noch nicht auf- 
gedeckt, sie ist der Bauer, der den Stall- versperrt, nachdem das Kalb 
bereits gestohlen wurde. Ihre Maschine ist noch nicht ruiniert. (Siehe ihre 
Maschinensymbolik.) Schliesslich wäre noch die Zwickersymbolik zu er- 
wähnen. Der Zwicker ist ihre Vagina, auf die kein Puder (Reismehl!) 
kommen darf. 

Nach dieser Auflösung trug sich Folgendes zu. Sie erwartete den 
Besuch ihrer Schwester, und brachte allerlei Zwangshandlungen mit der 
Klausel „Wenn ich das nicht mache, so werde ich die 
Schwester töten!" Besonders, wenn ich mich dem geliebten Mann 
hingebe, so werde ich die Schwester töten. Das hatte folgenden Sinn: 
Das Töten heisst hier so viel, wie eine Liebe töten. Wenn sie sich dem 
Liebsten ergeben wird, so wird sie der Schwester untreu werden und die 
Liebe zu ihr ertöten. Ähnlich kombinierte sie das Töten mit dem Vater. 
„Wenn ich Herrn X. küssen werde, so werde ich den Vater (oder den 
Chef!) töten." 

Nun gab sie nach der vorliegenden Analyse ihre 
Zwangshandlungen auf. Sie schrieb diese Errungenschaft nicht 
der Auflösung, sondern dem Umstände zu, da^s sie sich den Imperativ 
gegeben hatte: Wenn du diese Zwangshandlungen nicht 
aufgibst, so w i r s t d u deine Schwester t ö t e n. Da sie ihre 
Schwester nicht töten wollte, so mussl.' sie nun die Zwangshandlungen 
aufgeben. 

Diese fadenscheinige Motivierung hatte nur den Zweck, den Triumph 
des Arztes herabzusetzen und sich das Verdienst zuzuschreiben. Es wirft 
sich die Frage auf, warum sie diesen Kunstgriff nicht vor der Psycho- 
analyse angewandt hatte. Diese Analyse wurde erst nach mehrmonatlicher 
Behandlung durchgeführt, weil die Patientin mir das Zwangs/.eremöniell 
verheimlicht hatte und nur wegen der Mordimpulse behandelt wurde. 

Alle diese Zwangshandlungen erwiesen sich als wunderbare Siche- 
rungen ihrer Unschuld. Sie war sich ihres übermächtigen Trieblebens 
bewusst und stand im steten Kampfe gegen sich selbst. Die Angst vor 
der Gravidität und dem Kindermord stand im Mittelpunkte des Krankheits- 
bildes. Andererseits ein glühender Wunsch, fromm und rein zu sein und 
rein zu bleiben. Schliesslich wurde ihr Partial-Ideal eine ewige Jung- 
fräulichkeit und ewige Unschuld, als deren Lohn sie eine ewige Seligkeit 
erwartete. Alte Imperative ihrer Familie verstärkten diese Unschulds- 
tendenzen. Wollte sie sich aber von dieser drückenden Moral befreien 
und ihrem zweiten Ideale, der „Dirne", gerecht werden, so musste sie 
mit ihrer Familie fertig werden, was sie in Bildern ausdrückte, ihre 
Familie zu töten. 



566 Dr. Wilhelm Stekel, Über ein Zeremoniell vor dem Schlafengehen. 

In den letzten Tagen der Behandlung schickte sie einem Manne 
ein glühendes Liebesgedicht. Sofort dachte sie: Was wird dein Vater 
dazu sagen? Er wird dich Verstössen. Was machst du, wenn du ein 
Kind bekommst? Du wirst dich von deiner Familie lossagen und dich 
und dein Kind erhalten. — Alle bisher unbewussten Gedanken waren 
ihr nun bewusst und der ganze Kampf spielte sich im Bewusstsein ab. 
Dabei erkannte sie ihre Schauspielerei. Denn sie fühlte es, dass sie nie 
fallen konnte und das alles nur ein Spiel war. 

Die Zwangshandlungen zeigen alle jene psychologischen Momente, 
auf die ich schon in meinem Buche „die Sprache des Traumes" hin- 
gewiesen habe: 

1. Jede Zwangshandlung enthälteineTodesklausel. 

2. Jede Zwangshandlung erfüllt einen infantilen 
Imperativ. 

3. Jede Zwangshandlung dient dazu, Angst und 
Zweifel psychisch zu binden. Heim Unterlassen der Zwangs- 
handlung werden diese Affekte frei. 

Jetzt käme noch ein viertes Moment hinzu. „Die Zwangs- 
handlungen sind von religiösen Motiven durchsetzt, sie 
enthalten Gebete, die mit den kriminellen Komplexen 
auf dem Wege des neurotischen Kompromisses zu einem 
psychischen Symptom vereinigt erscheinen 1 ). 



III. 

Lekanom antische Versuche. 

Von Herbert Silberer (Wien). 
(Schluss.) 

7. Verbindung von Lekanomantie mit Gastromantie. — Fort- 
schreitende Verinner lichung. 

Die jetzt folgenden letzten zwei Versuche gehören einer neuen 
Entwickelungsphase an. Sie sind dadurch ausgezeichnet, dass es Lea 
nach den bisher vergeblichen Bemühungen endlich gelang, mit den ge- 
sehenen Personen zu sprechen. Die Visionen verbanden sich also mit 
auditiven Halluzinationen, und der Ablauf der Erlebnisse wurde dadurch 
einigerniassen modifiziert. 

IX. Versuch, 31. Mai abends. 

9 Uhr 15 Min. Beginn des Versuches. 

9 Uhr 22 Min. „Eine schwarze Katze in einem glühen- 
den Reifen. 

9 Uhr 27 Min. Eine Frau packt die Katze und will sie aus 
dem glühenden Reifen befreien. Er verschlingt sie ganz. 

9 Uhr 28 Min. Die Katze (allein sichtbar) ist sehr gross ge- 
worden. 



i) Auch in dem von Abraham mitgeteilten Falle kommen alle diese Mo- 
mente zur Geltung. (Todesbrautzermoniell. Angst vor dem Vater. Religiosität.) 



Herbert Silberer, Lekanomantische Versuche. 567 

9 Uhr 29 Min. Ich sehe den nackten Fuss einer Frau. 
Ein Totenschädel beisst sie in das Knie. Der Totenkopf verzehrt 
den Fuss, der immer dünner wird. 

9 Uhr 32 Min. Ein junger Mann, der eine junge Frau 
umarmt. Man sieht die beiden nur zur Hälfte, darunter ist d i e s c h w a r z e 
Katze; sie sind wie eine Büste darauf. Sie lachen und scherzen. 
[Ich frage : „Wenn sie wüssten, dass die schwarze Katze da ist, wären 
sie traurig?"] Die Frau ist jetzt sehr traurig geworden 1 ). Er will sie 
umarmen, sie will ihn von sich stossen oder eigentlich fortgehen, aber 
sie kann nicht. [„Was sagt er?"] Er sagt ihr, dass er sie liebe und dass 
sie ein Kind sei, dass sie sich fürchtet; sie habe gar keinen Grund dazu. 

9 Uhr 36 Min. Sie ist allein. [„Wie sieht ihr Gesicht aus?"] 
Ich bin es, aber um vieles älter. Eigentlich nicht älter, sondern "wie 
durch einen Schmerz älter geworden. 

9 Uhr 38 Min. Jetzt sitzt sie da, sehr elegant ange- 
zogen, mit einem grossen Hut und plaudert mit einem Herrn. 
[„Was sagt sie?"] Sie sagt, dass es so gut ist, lustig zu sein, und .sich 
um nichts zu kümmern; sie ist aber eigentlich sehr traurig. [„Wer ist 
ihr Begleiter?"] Ich weiss nicht, wer es ist; er "hat braune Haare, 
ein rotes, gesundes Gesicht 2 ). Sie sitzen in einer Loge im Theater, in 
der Oper. [„Sprechen sie miteinander?"] Nein, sie schweigen, wegen 
der Musik. [„Können Sie die Musik hören?" Lea horcht eine Weile 
und sagt dann:] Man spielt den „Bajazzo". [„Könnten Sie ihn nicht 
trotzdem um etwas fragen?"] Auf die Frage, wer die Frau reben ihm 
sei, sagt er mir, es sei seine junge Frau. Und sie, auf die Frage, 
wer sie sei, mustert mich stolz und gibt keine Antwort. [„Fragen Sie 
ihn, welchen Beruf er hat."] Er antwortet nicht. 

9 Uhr 45 Min. [„Versuchen Sie, aus dem Theater zu gehen I"] 
„Es gehn schon alle fort. Sie steckt ihren Hut an. — Ich sehe wieder nur 
die K a t z e." — 

Von der Analyse sind vor allem die gleich nach dem Versuch 
gemachten Bemerkungen zu erwähnen; sie sind grösstenteils von der 
tiefsten Bedeutung. 

Die schwarze Katze. — „Ich habe die schwarze Katze eigent- 
lich nicht sehen wollen, und doch ist sie immer sichtbar gewesen, 
ausser in der Theaterszene. Das Schauen ist heute schwerer gegangen 
als sonst. Die schwarze Katze hat es zuerst ganz, dann teilweise, ver- 
hindert. Die Katze ist zu mir gewendet gewesen; um den Leib der 
Katze schlang sich ein ihr offenbar gewohnter Feuerring. Ich habe sie 
angeschaut und ihr die Suggestion erteilt, dass ich sie nicht sehen solle. 
Die Katze erinnerte, mich an die „Hüterin der Schwelle" in dem Roman 
„Zanoni" von Bulwer." [Diesen Roman hat Lea vor kurzem gelesen. 
Die Schwelle, um die es sich hier handelt, ist die der übersinnlichen 
Welt; dein in die Mysterien - eindringenden Menschen stellt sich, falls er 
nicht geläutert ist, die „Hüterin der Schwelle" in schrecklicher Gestalt 
entgegen und verhindert ihn, das Heiligtum zu betreten. Das lekano- 



i) Lea versuchte nämlich, und, wie es scheint, mit Erfolg, sie von dem Vor- 
handensein der Katze zu unterrichten. 

2) Die Personsbeschreibung pasat auf die in der Analyse nnten genannte Per- 
sönlichkeit. 

ZeiirralbUtt nix P.yehouulyae. II u /". 40 



5C8 Herbert Silberer, 

mantische Schauen nun ist ebenfalls gleichsam ein Schritt von der ge- 
wohnten Welt der Sinne hinaus in ein anderes Reich; und die mystische 
„Hüterin der Schwelle" ist somit ein recht gutes Bild für jede das reine, 
klare Schauen behindernde *) Kraft. Die Hindernisse liegen, wie ich 
in dem einführenden Aufsatz „Mantik und Psychanalyse" ausführte, natür- 
lich in der schauenden Person selbst; Was ihre Seele schmerzlich trübt, 
legt sich auch als dunkle Wolke vor das Auge; Was in unserm Innern 
peinvoll tobt, das spukt auch als ungebetener Gast in unseren Traum- 
gesichten.] 

Der Herr in der Oper. — Es war Fritz. 

Die junge Frau. — „Ich habe älter ausgesehen als in Wirk- 
lichkeit. Es war die zynische Person in mir, die ich da gesehen habe. 
Merkwürdig, dass sie älter war: sind das was ich sehe, Erinnerungen 
an Gedanken? oder Vorausblicke in die Zukunft? [Ich: „Dass Sie in der 
Vision älter erschienen, kann ja auch ganz einfach zur Charakterisierung 
jener „zynischen Person" gedient haben, von der Sie sprechen. Es kommt 
doch oft vor, dass Leute in der Jugend mehr ideal, im spätem Alter 
aber mehr trocken-spekulativ, oder meinetwegen zynisch sind."] Sie wissen 
ja, dass in tmir wirklich zwei so verschiedene Personen 2 ) stecken; 
eine ideale und eine zynische. Unter der zweiten habe ich schon viel 
gelitten und noch zu leiden; ich bin viele Jahre unter ihrer ausschliess- 
lichen Herrschaft gestanden, dann habe ich sie langsam übertaucht. 
[Seit dem 18. Lebensjahr, wo Lea den ersten grossen Anlauf nahm, 
gut zu sein, also der ersten Person, der idealen, zur Herrschaft zu ver- 
helfen.] Im Zustand des Schauens (Lekanoskopie) bin ich von dieser 
zweiten Person am weitesten entfernt; da befinde ich mich in einer 
harmonischen Stimmung. Die zweite Person ist der ersten natürlich 
feindlich. Daher das abweisende Benehmen, das sie mir gegenüber in 
der Opernloge bekundete. Die zweite Person wollte von der ersten nichts 
wissen; ebenso ist das Verhältnis im wirklichen Leben. [Auf die Bitte 
um ein Beispiel:] Ich habe auch in letzter Zeit den Streit der zwei 
Personen in mir gefühlt. So zog ich zum Beispiel ganz plötzlich in 
Erwägung, wie das wäre, wenn ich Fritz, der mir immer noch Anträge 
macht, heiraten würde. Ich könnte ihn nicht ausstehen, würde ihn viel- 
leicht betrügen, wäre aber reich, hätte eine prachtvolle Wohnung, meinen 
Wagen, meine Loge in der Oper usw. Bei dieser Spekulation war es 
die zynische Person, die dominierte. Sie kann mich sehr quälen." [Wir 
stehen vor Erscheinungen, die man ins Gebiet der Dissoziation rechnen 
muss. Die Lehren der Zürcher Schule — Bleuler, Jung — von 
den autonomen Komplexen ist hier zu berücksichtigen.] 

Oper Bajazzo. — Man spielte: „Lache Bajazzo I" — „Das 
Hören der Stimmen (der menschlichen beim Sprechen wie auch der 
Musik) war nicht ein Hören mit den Ohren, sondern ein inneres Hören, 
wie eine Übertragung der Gedanken." 

Bevor ich auf die nähere Besprechung des Materials eingehe, teile 
ich noch Assoziationen aus späterer Zeit mit. 



i) Dieser Ausdruck ist natürlich cum grano Balis zu nehmen. Ich will nicht 
wiederholen, was ich bereits im einführenden Aufsatz schrieb. 

2) Hiervon war bereits in den Bemerkungen die Rede, welche ich im I. Ka- 
pitel (.Einleitung") über Lea machte. 



Lekanomantische Versuche. 569 

Schwarze Katze. — Lea kann (wie wir auch aus früheren 
Versuchen wissen) dieses Tier nicht leiden. 

Glühender Reif. — Das sind Gefühle oder Regungen, besser 
gesagt: Triebe im Menschen, die einen umspannen. 

Beispiele von Trieben. — „Trieb zum Schlagen, Lieben, 
Hassen, Stehlen, Lügen. [Ich lasse Lea diese Begriffskette auf ihren 
Zusammenhang prüfen; dabei ergibt sich:] Schlag-en und Lieben 
sind entgegengesetzte Äusserungen, die plötzlich miteinander wechseln 
können. Man kann jemand, den man lieb hat, sehr quälen. [Als letztes 
Beispiel führt Lea Hans an, den sie mit ihrer „zynischen Person" öfters 
gequält habe. Sie habe eine geliebte Schwester stark geschlagen.] Lieben 
und Hassen verbindet sich durch die Erkenntnis (dass man sich 
in der geliebten Person geirrt hat und sie nun hassenswert findet. — 
Fritz und andere Enttäuschungen). Hassen und Stehlen: man kann 
sich hassen wegen eines krankhaften Stehltriebes. [Der krankhafte Stehl- 
trieb ist von Lea schon öfters als Analogon ihrer eigenen von der 
„zynischen Person" diktierten Handlungen gebraucht worden.] Stehlen 
und Lügen: Wer stiehlt, der lügt, sagt man." [Gehört in den eben er- 
wähnten Zusammenhang.] 

Glühen (Element des glühenden Reifen). — Das Gedicht „Eine 
glühende, brennende Wunde bin ich ..." — Ich hatte oft das Gefühl 
des Glühens und Verbrennens in den unbefriedigten Sexualtrieben. 

Reif. — Ehering. — Blindes Pferd, das, in einem Kreis gehend, 
eine Mühle treibt. — Simson. [Dieser mag auf die Blindheit der 
starken Leidenschaften Bezug haben.] t 

Feuerring um die Katze. — „Der Feuerring ist eigentlich 
die Katze selbst; es sind ihre Triebe, die sie umgürten. — Die schwarze 
Katze erinnert an meine Grossmutter (väterlicherseits), die sich bestrebte, 
edler zu werden; ich habe diese Bemühung an ihr bemerkt." [Lea 
bemüht sich unter Schwierigkeiten in ähnlicher Richtung.] 

Er verschlingt sie ganz. - „Sie (die Grossmutter) ist bald 
darauf gestorben." [Das Verzehrende des Feuers.] 

Die Katze ist gross geworden. — „Nach dem Tod wird 
man ja immer verherrlicht." — Aufgedunsenheit der Leichname. [In 
der Entfernung nimmt sich alles besser aus. Auch unliebsame Erinne- 
rungen.] _ . ,. 

Nacktes Bein, Totenkopf etc. — Die Erinnerung an die 
Toten wird immer kleiner. [Wir haben hier wieder das Motiv der Ver- 
kleinerung. Die Zeit macht alles vergessen.] 

Nackter Fuss einer Frau. — Es fallen Lea die Püsse ihrer 
Mutter ein; diese suchte ihre Füsse, weil sie unschön aussahen, sorg- 
fältig zu verstecken. [Das, was in der Erinnerung kleiner wird von 
der Zeit verzehrt wird und stirbt oder sterben soll, sind also geheime 
Dinge; es sind Lasten, die Lea in sich fühlt, und die verschwinden 
sollen. Peinliche Komplexe. Vorwurfsmotiv.] 

Verzehren, Dünnerwerden (des Beines). — Die Zeit. — 
Zurückfall in die Kinderjahre. [Gehört in das soeben angedeutete Kapitel. 
— Lea trachtet gegenwärtig, sich in einen Zustand naiver Kindlichkeit 
zu versetzen, um jene „harmonische" Stimmung womöglich dauernd fest- 
zuhalten, die durch das Dominieren der „ersten Person" erzeugt wird. 
Ich erinnere an Matth. XVIII. 3., wo es heisst „. . . Wahrlich, ich sage 

40* 



570 Herbert Silberer, 

euch: Es sei denn, dass ihr euch umkehrt, und werdet wie die Kinder; 
so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen." Dieser Vers wird in 
einer Assoziation Lea's zum nächsten Versuch wiederkehren. Loa hat das 
Matthäus-Evangelium vor kurzem gelesen.] 

Wie eine Büste (zu 9 Uhr 32 Min.). — Erinnert an die Redens- 
art: „wie eine Statue", womit etwas Schönes, Ideales, dabei Stolzes 
oder Kaltes ausgedrückt wird. [Scheint sich auf das Verhältnis Hans- 
Lea zu beziehen, dem der Charakter der Liebeswehr und der beab- 
sichtigten Zurückhaltung aufgedrückt ist.] 

Junger Mann und junge Frau, die einander um- 
armen. — Erinnert an die Romane, die man in der Jugend verschlingt, 
besonders an die Abbildungen darin. 

Wie eine Büste auf der schwarzen Katze; zur Hälfte 
verdeckt. *- Etwas Verwunschenes, das zwei Gestalten hat, wie eine 
Schlange mit zwei Köpfen oder ein anderes Tier mit zwei Köpfen. 
[Hier tritt schon wieder die Zweiheit deutlich hervor. Das Doppelwesen. 
Es wird davon noch die Rede sein. Das Verwunschene ist im engeren 
Sinn hier das durch die Situation gegebene Verhältnis Hans-Lea. Im 
weiteren Sinn Lea selbst.] 

Die junge Frau etc. — Im Verhalten der jungen Frau (Lea) 
erblickt Lea ein charakteristisches Abbild ihrer Liebeswehr. „Es ist 
das Wehren gegen etwas, das man eigentlich haben will und auch hat. 
Der Gegcnwille war wahrscheinlich deshalb in mir, weil ich das Gefühl 
hatte: Hält mich Hans nicht trotz meinem Widerstreben fest, so ist er 
nicht der Richtige, den ich suche." 

Loge in der Oper. — „Bevor ich von Fritz weggegangen bin, 
wollte er mir eine grosse Wohnung nehmen und mich heiraten. Er 
redete oft davon, wie schön das wäre, wenn wir elegant in die Oper 
fahren würden, wo er eine Loge hat. — Ich habe oft ein Gefühl, als 
ob Fritz noch nicht ganz aus meinem Leben getreten sei. Auch das 
Gefühl, dass ich- heute nicht weiss, ob ich morgen noch mit Hans sein 
werde. — Eine Schwägerin von Fritz ist Opersängerin in Prag." 

Bajazzo. — „Lache Bajazzo! — Wenn ich sehr traurig bin, 
was oft der Fall war und noch ist, so pflegt schon seit Jahren diese 
Melodie mir durch den Kopf zu gehen, lange Zeit, ohne dass ich wusste, 
was es war. — Einmal schrieb mir jemand in Wien als ßriefschluss: 
„Lache Bajazzo", und da hatte ich plötzlich das Gefühl, das müssen 
die Worte zu jener Melodie sein, die mir auch beim Lcspn einfiel." 

Hut anstecken. — Hut herunternehmen. Beim Herunternehmen 
des Hutes hilft einem der Mann, den man aufsucht, voller Erwartung. 
Beim Fortgehen muss man ihn ohne Hilfe aufsetzen. Lea hat derlei 
öfters in peinlicher Weise empfunden. 

Geht man die Visionen des IX. Versuches und das Assoziationen- 
material durch, so fällt einem sofort die eigentümliche Wendung auf, 
welche die Symbolik jetzt nimmt : die Wendung zur Selbstschau. 
Während früher die auftretenden Gestalten für diese 
oder jene Person, die Vorgänge der Visionen für dieses 
oder jenes Ereignis in Lea's Leben zu gelten schienen, 
weist jetzt alles von der Aussen weit zurück auf die 
PsycheLe a's selbst, ihreTendenzen,ihreEigenschaften. 
Es ist, als ob die von den Symbolen ausgegangenen Strahlen, nachdem 



LekanomantiBche Versuche. 571 

sie die Aussenwelt durcheilt haben, wieder zurückgebeugt würden in 
jenen Ursprungsort, woher sie gekommen: in Lea's Innenleben. 

Wir haben da zunächst die Katze mit dem Feuerreif. Dieses Feuer, 
welches Lea selbst richtig deutet, ist ein Feuer, das, solang es brennt, 
keine harmonische Stimmung aufkommen lässt; so wie die „zynische 
Person" in Lea. Die schwarze Katze, die mit der Grossmutter identifiziert 
wurde, erweist sich jetzt als etwas, das in Lea selbst ist. Wir haben 
schon früher die Substitution der Grossmutter für Lea wahrscheinlich 
gemacht. Die Vermutung erweist sich als richtig. Dass die „zynische 
Person" dem lekanomantischen Schauen ungünstig ist, haben wir von 
Lea selbst vernommen. Die schwarze Katze ist aber mit der „zynischen 
Person" mehr oder minder identisch; es sind Tendenzengruppen in Lea's 
Psyche, Avelche von der „idealen Person" verurteilt werden. 

„Die Katze ist sehr gross geworden", das dürfte sich auf die 
aktuelle Beobachtung beziehen, dass die „zynische Person" zeitweise die 
Oberhand gewinnt. Lea pflegt diese Tatsache in Verbindung mit ihrem 
Verhältnis zu Hans zu betrachten, indem sie letzteres als einen Aus- 
fluss der „idealen Person", die Abweichungen von dieser Liebe aber als 
die Einwirkungen der „zynischen Person" bezeichnet 1 ); als Gegenstück 
zu Hans wählt sie, wie wir schon vom Anfang der Versuche her ge- 
wohnt sind, Fritz zum Paradigma. Es kann sich für eine symbolische 
Darstellung des Schwankens zwischen den zwei Personen kaum ein 
passenderes Bild bieten als die zwei Szenen mit der „jungen Frau". 
Das eine Mal — 9 Uhr 32 Min. — sehen wir die „gute Person" 
statuengleich 2 ) über die dunkle Macht dominieren. Lea ist bei Hans. 
Kaum erweckt man die dunkle Macht, die schwarze Katze, als die 
junge Frau schon verzagt wird und einer anderen, der „zynischen" Lea 
Platz macht. Hans verschwindet, an seine Stelle tritt Fritz. Auch die 
Katze verschwindet; warum? Warum verschwindet das Symbol der 
dunklen Macht, wann diese dominiert? Ganz einfach deshalb, weil die 
„zynische" Lea, die „ältere" Lea eben diese schwarze Katze ist. Wollte 
man dieser älteren Lea das zur ganzen Lea fehlende Stück beigeben, 
so müsstc das Gegenteil der schwarzen Katze gewählt werden. Vielleicht 
ist das Kapporeshuhn des VIII. Versuches — 7 Uhr 33 Min. — als 
solches anzusehen, unbeschadet der dortigen Erklärung der Gestalt von 
Lea's Mutter. Das Feuer, welches dort die Mutter umgibt, entspricht dem 
Feuerreifen der Katze. Man könnte die Kette bilden: Lea — „alte 
(Zynische)" Lea — Mutter — Grossmutter — schwarze Katze — Lea. 
Die Katze ist das brennende Feuer gewohnt; es brennt sie nicht; sie 
selbst ist das Feuer. Nur auf die andere Person, oder auch auf die 
ganze Lea, wirkt es als ein brennendes, verzehrendes Feuer. 



i) Sehr charakteristisch ist es, dass die schwarze Katze zum erstenmal am 
4. März (VI. Versuch) auftrat, d i. an jenem Tag, wo kurz vorher Lea in Karls 
Vorschlag eingewilligt und damit den Grund zu einer Täuschung Hansens gelebt 
hatte Ihre .ideale Person" verurteilte dies falsche Vorgehen, dessen charaktero- 
logische Möglichkeit bereits aus der Fuchsgeschichte des V. Versuches erhellt. Nur 
konnte bei Lea damals die klare Erkenntnis von der Bedeutung der Katze und 
manchem anderen auf die Spaltung im eigenen Innern weisenden Wink der Wider- 
stände wegen nicht aufkommen. 

ü) Und in so idealer Situation, wie die Romane der Jugend sie schildern. 



572 Herbert Silberer, 

Die rücksichtslose Ausgelassenheit der „zynischen Person" führt 
zu einer äusserlichen Fröhlichkeit, nicht zu einem wahren Frohsein. 
Die Lea, die in der Opernloge sitzt, spricht von Lustigkeit und ist 
innerlich traurig. Die ganze Stimmung ist durch das „Lache Bajazzo !" 
in zwei Worten trefflich ausgedrückt. Mit einer peinlichen Empfindung 
(Anstecken des Hutes) verlässt Lea das Theater (das man auch als 
den Schauplatz der lekanoskopischen Visionen betrachten kann) und es 
fällt gleichsam der Vorhang über das Geschaute, indem sich wieder die 
schwarze Katze einstellt und den Ausblick auf die Szene benimmt. Die 
schwarze Katze tut eben das, was schon im ersten Versuch jene Hand 
tun wollte, die das Licht auszulöschen sich bemühte, um das Schauen 
zu verhindern. Es ist klar, dass die schwarze Katze diejenige Potenz 
in Lea's Psyche ist, der das Schauen, das ja schliesslich auf eine Selbst- 
schau hinausläuft, am zuwidersten sein muss. Ihr Wesen ist es, den 
idealen Forderungen des kritisierenden Gewissens auszuweichen; in ihrem 
Interesse liegt es daher, im Dunkel zu bleiben. 

Über die subjektive Beschaffenheit des beim IX. Versuche zum 
ersten Male aufgetretenen Hörens von Stimmen hat uns Lea selbst be- 
reits Aufschluss gegeben. Die durch das Sprechen mit den gesehenen 
Personen eingeleitete bessere Beherrschung und eventuelle Beeinflussung 
(Lenkung) der Situationen konnte leider nicht voll entwickelt werden, 
da die Versuchsserie mit dem nächsten, X. Versuch bereits schlosö. 
Mein Vorhaben hätte einer längeren Entwickclung bedurft. 

Eines der Bildcleinentc in der ersten („idealen") Szene der jungen 
Frau (um, 9 Uhr 32 Min.), nämlich die büstenmässige Situation über der 
schwarzen Katze, bringt bei der Analyse Lea auf die merkwürdige As- 
soziation der zweiköpfigen Schlange. An eine solche erinnere sie die 
durch die Katze hervorgebrachte Teilung der Gruppe in eine sichtbare 
und eine unsichtbare Hälfte. Die Anspielung auf das Doppelwesen in 
Lea ist nicht zu verkennen. Wir lernen jetzt auch die früheren Hin- 
deutungen auf eine Zweiheit 1 ) genauer verstehen. Anfänglich konnten 
wir unter Zurateziehung von Träumen in der Zweiheit die bisexuellen 
Tendenzen finden. Später durften wir bereits vermuten, dass die so 
vielfach betonte Zweiheit noch andere, sehr einschneidende Bedeutungen 
haben könne, und entdeckten wirklich in Lea manche Charakterspnlt.ungen, 
in ihren Erlebnissen manches Gegensätzliche, was die dominierende Stel- 
lung der Dyas in den Symbolen rechtfertigen möchte. Insbesondere 
fanden wir einen gleichsam durch Lea's ganzes Wesen gehenden Schnitt, 
i der es (nicht ohne Anlehnung an den Gegensatz Mann — Weib) in 
eine resolute, rücksichtslose und in eine schwärmcrisch-idcalischc Person 
teilte -). Wir lernten diese Charaktereigenschaften aber zunächst nur an 
anderen Personen und ihren Handlungen kennen ; dass diesen Per- 
sonen der Aussenwelt bestimmte Potenzen Lea's selbst entsprächen, dass 
man um dieser Analogien willen Lea selber an die Stelle jener Personen 
setzen müsse, konnten wir damals nur erraten. Jetzt wissen wir, dass 
die damaligen Vermutungen vollkommen richtig waren. 

i) Vgl. z. B. die Analyse des VI. Versuches. 

8) Vgl. die GeRenüberstellung der Charaktere von Grossmutter und Grossvater 
in der Analyse des VI. Versuchs. 



Lekanoraantieche Versuche. 573 

Die Spaltung Lea's in die zwei Personen muss man nicht, etwa 
durch die von Lea gebrauchten Ausdrücke verleitet, auf einen ethischen 
Standpunkt sich begebend, einfach auf den Gegensatz von „Gut" und 
„Böse" zurückführen und die erste Person dementsprechend schlechthin 
als die „gute", die zweite schlechthin als die „böse" ansehen wollen. 
Die Beschaffenheit dieser zwei Personen ist viel komplizierter, und ihr 
Aufbau nur aus dem Zusammenwirken der verschiedenen Komplexe in 
einer langen, von der frühesten Kindheit ausgehenden Entwickelungs- 
tätigkeit zu begreifen. Wer sie mit kurzen Worten charakterisiert haben 
will, mag sich damit begnügen, die eine Person die „milde", die andere 
die „wilde" zu nennen. Ein befriedigendes Erfassen dieser zwei Per- 
sonen, ihres Wesens und ihres Verhältnisses zueinander würde noch 
ein eingehendes Studium mittelst einer lange fortgesetzten Versuchsreihe 
und endloser Analysen erfordern. Auch in diesem Stücke, und vielleicht 
am schmerzlichsten in diesem Stücke lässt sich die Unzulänglichkeit 
der vorliegenden Arbeit empfinden. 

X. Versuch, 2. Juni 1911 abends. 

8 Uhr 5 Min. Beginn des Versuches. 

8 Uhr 8 Min. „Ich sehe die schwarze Katze mit dem 

glühenden Kreis. 

8 Uhr 9 Min. Ich sehe den alten Juden. Er betet. Betet vor 
einer Kanzel, von dort reicht ihm jemand eine Bibel herunter, aber 
er greift nicht danach; immer tiefer wird sie ihm gereicht, er weicht 
aber zurück und will sie nicht haben. — Er streicht sich übers Haar 
und wird ein kleines Kind; aus der Bibel wird auch ein 
kleines Kind; sie nähern sich und küssen einander. [Auf Befragen:] 
Die Kinder sind einige Monate alt und nackt. Die Hand, die früher die 
Bibel gehalten hat, ruht segnend über ihnen. 

8 Uhr 13 Min. [Auf Befragen:] Man sieht nichts mehr. [Ich: 
„Trachten Sie, den Juden wieder zu sehen!"] 

8 Uhr 14 Min. Ich sehe einen schwarzen Sarg und Lichter 
ringsum. Aus dem Sarg fliegen Tauben. — Ich sehe ganz unten 
auch den alten Juden. [Ich: „Fragen Sie ihn, was das zu be- 
deuten hat!"] Er weint und sagt, er ist selber begraben und muss sein 
eigenes Grab sehen. 

8 Uhr 15 Min. [„Fragen Sie ihn, wer er ist!"] Er will nicht ant- 
worten und droht mit der Hand, wenn ich ihn frage. [„Man muss ihn 
trösten!"] Er wird eine weisse Wolke. Eine andere (weisse 
Wolke) kommt ihm entgegen. Sie berühren sich. 

8 Uhr 17 Min. Ich habe den alten Juden wieder gefragt (wer er 
sei) ; er antwortet, dass er etwas von mir pelber sei und dass 
ich das wissen sollte. 

8 Uhr 20 Min. Mönche kriechen hinter dem Sarg wie aus 
einer Höhle hervor; sie wollen den Sarg wegtragen, aber sie können 
es nicht. 

8 Uhr 21 Min. Der Sarg ist verschwunden, an seiner Stelle ist 
eine Frau, sehr gross ; sie hat vorn und hinten ein Gesicht. 
Auf ihrem Kopf ist eine Wolke mit zwei Flügeln. — Beide 
Gesichter sind sehr aufgedunsen. Das eine Gesicht spricht. Sie sagt, 
wozu sie doch Flügel habe, wenn das andere Gesicht 



574 Herbert Silberer, 

sie nicht fliegen lässt. Die Flügel drücken sie und sie wird 
immer kleiner." — 

Zur Analyse teile ich vor allem einige Bemerkungen und Ein- 
fälle mit, die mir Lea gleich nach dem Versuch lieferte. 

Die schwarze Katze verschwand in dem Augenblick, wo der 
alte Jude erschien; es war, als ob seine Gegenwart sie verjagt hätte. 
Dann war die Katze während des ganzen Versuches nicht mehr sichtbar. 

„Der alte Jude ist mein vergangenes Leben. Er ist keine sym- 
pathische Person. — Er 'nahm die dargereichte Bibel, die sozusagen 
das Neue (ihm Unbequeme) verbildlicht, aus purer Bequemlichkeit nicht. 
Das ist auch symbolisch." [Die in jener Zeit störendsten Elemente für 
Lea's Psyche waren — abgesehen von dem ganz allgemeinen, in der 
Besprechung des vorigen Versuches geschilderten Streit der „zwei Per- 
sonen" in ihr — erstens allerlei unausgesprochene Erwartungen, die die 
Eltern von ihr hegten (sie möge zurückkehren u. dgl.), indem man ihr 
zu verstehen gab, dass man ihre Dienste gut brauchen könnte; und 
zweitens jene schon erwähnten Selbstvorwürfe, die noch nicht verklungen 
waren. Es wäre somit naheliegend, in der „unsympathischen" Person 
des alten Juden, der ein Stück von ihr selbst zu sein behauptet, 
gerade jene Potenzen in Lea's Psyche zu vermuten, die sie eben be- 
unruhigen, indem sie ihr Vorwürfe machen. Insofern diese „Vorwürfe" 
das durch den Freiheitskomplex bestimmte ablehnende Verhalten den 
Eltern gegenüber treffen, entstammen sie einer bei Lea gewissermassen 
antiquierten Gewissensform; einer Anschauungswclt, die einstmals gleich- 
zeitig mit dem Hauskomplex erzeugt worden und eben so „rückständig" 
ist, wie die Eltern selber, nach Lea's Schilderung. Die Eltern haben 
einen engen Horizont und sind geneigt, jeder Aufklärung aus Bequem- 
lichkeit aus dem Wege zu gehen. In der Erziehung der Kinder 
äusserte sich dies in tausend kleinen Zügen, wovon wir das unzweck- 
massig lange Festhalten an dem bequemen Storchmärchen als ein Beispiel 
kennen. Die Art, Wie der alte Jude in der Vision das Neue aus Bequem- 
lichkeit von sich weist, erinnert lebhaft an das Verhalten der Eltern. — 
insofern nun anderseits der alte Jude als ein Ausdruck jener Selbst- 
kritik aufgefasst werden kann, von der wir schon früher (z. B. in der 
Analyse des VIII. Versuches) gesprochen haben, wird man sein Verhalten 
vor der Kanzel etwa einem Schwanken Lea's zwischen ihren „zwei 
lersonen" gleichzusetzen haben. Sie war in letzter Zeit bemüht, sich 
von den drückenden Erinnerungen sowie von den schmerzlichen Im- 
pulsen, die ihre Komplexe in ihr erzeugten, freizumachen, um ein ruhigeres, 
abgerundetes, wohlgcstimmtes Leben zu beginnen. Man erinnere sich der 
Bemerkung über das Kindliche im IX. Versuch. Das ging aber nicht 
so ohne weiteres. Das psychische Beharrungsvermögen hemmte den Be- 
ginn dieses neuen Lebens. Der „alte Jude", den Lea ablegen') wollte, 
greift nicht so geschwind nach dem Neuen, nach der Bibel, worunter 
Lea das Neue Testament versteht. Der Jude lässt sich nicht so 
rasch zum Christentum bekehren. Ich muss hier einfügen, dass das 
Neue Testament Lea's Lektüre war, als sie von Scheveningen zurück- 



i) Man fasse diese Worte ähnlich auf wie die Redensart .den alten Adam 
ausziehen*. 



Lekanomantische Versuche. 575 

kehrte, also in einem Moment, wo sie, von der „zynischen Person" an- 
geekelt, die „ideale Person" in sich aufsuchte. — Dass die schwarze Katze 
verschwindet, sobald der alte Jude sich zeigt, gleich als vertrüge sie 
seine Gegenwart nicht, wirft ein hübsches Licht auf das gegenseitige 
Verhältnis dieser zwei Gestalten. Es ist ein kleiner, feiner Zug; und 
aus vielen solchen Zügen muss ein Charakter erschlossen werden.] 

Lea teilte ferner mit, sie habe die Empfindung gehabt, als wäre 
diesmal vom Beginn des Versuches bis zur ersten Vision eine viel 
längere Zeit vergangen als letztes Mal — was mit den Tatsachen gar 
nicht übereinstimmt; beim IX. Versuch betrug diese Zeit nämlich sieben, 
beim X. Versuch nur drei Minuten, d. i. weniger als die Hälfte. Die 
Täuschung Lea's hat gewiss ihre Bedeutung. Welche, das würde sich 
wohl erst bei öfterer Beobachtung solcher Täuschungen ermitteln lassen. 
— Lea hätte gewünscht, andere Bilder zu sehen als auf sie selbst 
bezügliche. Sie möchte sie auch lieber anders deuten, kommt aber doch 
immer darauf zurück, dass es eben Projektionen ihres Innern sind. 

Ich gehe nun zu Einfällen aus späterer Zeit über. 

Kanzel. — „Ein Haus, wo wir gewohnt haben, als ich ein 
ganz kleines Kind war. Dort gab es ein Zimmer mit einer Wendeltreppe 
in einer Ecke. Diese Treppe hat mich geheimnisvoll angezogen, als ob 
nicht jeder hinaufsteigen und als ob nicht jeder oben in dem Zimmer, 
wohin die Treppe führte, wohnen dürfe. Dort oben wohnte die Gross- 
mutter (welche, ist nicht mehr erinnerlich). — Eine Leiter, die ich in 
jenen Zeiten auf einem Dach sah, hielt ich für die Himmelsleiter. — 
Jakob's Traum." 

Bibel. — „Wie kann der alte Jude die Bibel lesen?! Er sollte 
den Thalmud lesen." [Lea versteht unter „Bibel" das Neue Testament.] 

Zurückweichen davor. — „Er will einen anderen Glauben 
annehmen und ist mit sich nicht ganz einig, ist nicht ganz überzeugt. — 
Vielleicht ist es ein Symbol einer anderen Tat, von der er zurückweicht." 

Sich übers Haar streichen. — „Nachdenken, ? ich selbst 
anerkennend für etwas streicheln, das man getan hat. Sich selber loben." 

Verwandlung in ein kleines Kind. — „Der Mensch wird 
mit der Zeit, ein kleines Kind." [Das Kindlichwerden mit zunehmendem 
Alter bezieht sich zunächst im Sinne einer Wimscherfüllung auf das 
Älter- und Sympathischerwerden des Vaters. Weiterhin, vermöge einer 
tieferen Beziehung, auf die Vorgänge — Wandlungen — in Loa selbst.] 

Die zwei — der alte Jude und die Bibel — nähern sich 
als kleine Kinder. — „Wahrscheinlich war die Zeit 1 ) dazu er- 
forderlich: zur Verwandlung, dann zur Näherung; er hat wieder ein 
Kind werden müssen, um die Bibel in sich aufzunehmen." 

Bibel als Kind. — „Der Ausspruch Jesu: Lasset die Kleinen 
zu mir kommen ..." — Matthäus XVIII. 3. Wahrlich, ich sage euch: 
Es sei denn, dass ihr euch umkehret und werdet wie die Kimlen, 
so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen. [Wir haben oben ge- 
sehen, dass die Kanzel, von wo dem alten Juden die Bibel, eigentlich 
das Neue Testament — Evangelium, frohe Botschaft, Heilandsreligion — 
gereicht wurde, solchen Stiegen "und Leitern verglichen wird, die zu 

>) Wo von der Zeit die Rede ist, musa stpts auch an das Vorwurfsthema 
gedacht werden. (Ausgeführt in der Analyse des VIII. Versuchs.) 



576 Herbert Silberer, 

etwas Überirdischem führen, der Jakobsleiter z. B. Man bedenke ausser; 
dem, dass diese Vorstellungen der Kindheit Lea's entstammen. Das 
Kind denkt, die Wendeltreppe führe in Geheimnisse, die nur für Aus- 
erlesene sind; das Kind glaubt, die Leiter auf dem Dache führe in den 
Himmel. Man muss wie ein Kind werden, um den Weg zum Himmel- 
reich zu finden. Das sagt sich Lea in den verschiedenen Bildern und 
trachtet auch in Wirklichkeit, danach zu handeln. Von ihrer Vergangen- 
heit mit und ohne ihre Schuld genugsam gepeinigt, trachtet sie nach 
ruhigem, ungetrübtem Glück und strebt nach den Mitteln, ein solches 
zu erreichen.] 

Die Kinder einige Monate alt, nackt. — Kleine Engel. 
— [Was die Kinder, diese noch ganz kleinen zarten Kinder, bedeuten, 
erhellt aus dem vorigen. Es wäre interessant gewesen zu beobachten, 
ob sie nicht bei weiterer Fortsetzung der Versuche gewachsen und kräftiger 
geworden wären, so wie seinerzeit der alte Jude älter wurde. Das hätte 
dem Wachstum ihrer neuen Persönlichkeit, der harmonischen, ruhigen, 
in die sich der alte Jude verwandelt hat, entsprochen. Man hätte so viel- 
leicht die Entwickelung der neuen Persönlichkeit beobachten können. 
Leider kam es zu keinen weiteren Versuchen. — Dass die Kinder nackt 
sind 1 ), scheint mir von einer Beeinflussung des Vorstellungskreises durch 
die vor den Versuchen gepflogene Lektüre — Hermes Trismegistus — 
herzurühren, weshalb ich die betreffende, recht wohl zum Thema passende 
Stelle hierher setze. Drittes Buch, Hermetis Trismegisti Rede: Dass das 
grüsste Übel in dem Menschen die Unerkenntnis Gottes sei. Absatz 4 — 6: 
„Suchet euch einen Handleiter, der euch auf den Weg führet 
zu der Türe des Erkenntnisses, allwo das helleuchtende Licht 
ist . . . Aber ihr müsst erstlich dies Kleid, welches ihr tragt, zer- 
reissen, nämlich das Kleid der Unerkenntnis, den Grund der Bosheit, 
das Band der Zerbrechlichkeit, den dunkeln umfang des lebendigen 
Todes, das empfindliche Aas des Grabes, was wir umtragen, den 
Hausdieb, der in der Liebe Hass und in dem Hass Abgunst hat. — 
Ein solcher ist der feindliche Rock, den ihr anhabt, liierunter 
nach sich so ziehend, dass ihr nicht vermag et in die Höhe 
zu sehen, anzuschauen die Herrlichkeit der Wahrheit . . ." Wer sich 
die Mühe nimmt, diese Worte, namentlich die von mir hervorgehobenen, 
mit den Visionen zu vergleichen, wird nicht bloss finden, dass in diesen 
manche Elemente aus jenen vorkommen, sondern dass die Wahl dor 
ganzen Schriftstelle, woraus sie stammen, ausserordentlich wohl getroffen 
ist. Man sieht deutlich: Die Auswahl der Stelle vollzog sich 
gemäss der anziehenden Kraft, mit der ihre Bilder, 
unter Vermittlung gefühlsstarker Kindheits- und 
anderer Erinnerungen, von den psychischen Potenzen, 
die gegenwärtig Lea beseelen, als wesensgleich ange- 
zogen wurden, um symbolische Zeichen für diese 
Potenzen und ihr Getriebe abzugeben 2 ). Die Kanzel der 
Vision entspricht dem „Weg zu der Türe des Erkenntnisses", denn die 
Kanzel bedeutet (nach den Kindheitserinnerungen) eine Treppe in ein 

i) Wodurch die Kindersymbolik (Wiedergeburtssymbolik) durch die Nacktheita- 
aymbolik bereichert wird. 

i) Vgl. Freud, .Die Traumdeutung", Abschnitt VII b, den vorletzten Absatz. 



Lekanomantische Versuche. 577 

den auserwählten Personen vorbehaltenes Gemach und lässt an die 
Himmelsleiter denken. Und die ganze Gruppe von Himmelsleiter-Vorstel- 
lungen steht für das aktuelle Streben Lea's nach ruhigem, harmonischem 
Leben; das Suchen eines Heils, einer Glückseligkeit. Die Stelle in Hermes 
Trismegistus führt einen „Handleiter" 1 ) auf diesem Heilsvveg an. Das 
lässt uns an jene unbekannte oder ungenannte Person denken, die auf 
der Kanzel steht und dem alten Juden (Lea) die Bibel reicht. Wenn 
wir uns jener Bemerkungen erinnern, in denen wir die Erhebung in 
den Himmel als eine Anspielung auf die Liebesfreuden oetrachteten, 
so darf man vermuten, dass der „Handleiter", der sich auf der Kanzel 
befindet, wie auch das erstrebte Glück, zu dem er hinleitet, für Lea 
irgendwelche sexuelle Bedeutungen haben dürften. Tatsächlich erwartet 
Lea auf ihrem Heilswege hilfreiches Entgegenkommen von jemandem, 
zu dem sie in sexuellen Beziehungen steht, nämlich von Hans; und 
unsere Anschauung des ganzen Bildes wird noch wesentlich gestutzt 
durch die Mitteilung, dass just Hans es gewesen, der Lea vor einiger 
Zeit das Neue Testament geschenkt hat.] 

Schwarzer Sarg. — Es war ein einfacher jüdischer Sarg. 

Ein [solcher ist stets schwarz. 

Tauben. — Brieftauben. — Lea produziert auch, eine Kindheits- 
erinnerung. In ihrem Geburtsort, einem Dorf unweit Prag, gab es einen 
jüdischen Tempel; der Hof daneben wies einen Taubenschlag sowie eine 
grosse Grube auf, die mit Getreide angefüllt war und von den Tauben 
als Futterplatz aufgesucht wurde. [Die G r u b e mit den T a u b e n nächst 
dem jüdischen Tempel kommt der Vision von dem Grab — 
Sarg — des alten Juden mit den Tauben recht nahe. Auch in 
der obigen Stelle des Hermes Trismegistus kommt ein Grab vor, und 
zwar das Grab in jener Auffassung, die das hauptsächliche Bindeglied 
ist zwischen der aktuellen Seelenstimmung Lea's und dem Erinnerungs- 
bild vom Tempelhof; das Bindeglied also zwischen dem, was zur sym- 
bolischen Darstellung kommen soll, und der fürs Symbol gewählten 

Bildquelle.] . ,. r .. 

Weisse Wolke. — Lämmchenwolken. — „Hinter weissen Wolken 
tut sich der Himmel auf; ich habe so ein Gefühl, als wären weisse 
Wolken Kulissen, die vor dem Himmel liegen. - Wolken sind wie 
Engelsgestalten, und hinter ihnen ist der Himmelsthron." — [Also wieder 
ein Bild für den Weg zum Himmel. Himmelsleiter.] 

Mönche. — [In früherer Zeit war das Wort „Mönch für Lea 
gleichbedeutend mit „Geistlicher". Daher die folgenden aus der Kind- 
heit stammenden Erinnerungen als Assoziationen zu „Mönche .] — Lin 
Kantor, der in dem Geburtsort Lea's als Volksschullehrer tatig war. 
Er war ein lieber, gewinnender Mensch. Sein Nachfolger war unsym- 
pathisch. Um ihn gut zu stimmen, mussten die Judenkinder, welche 
die Schule besuchten (unter ihnen Lea) auf der Strasse, wenn sie ihm 
begegneten, ihn mit der Formel grüssen: „Gelobt sei Jesus Christus I 
Wenn sie so taten, war der Geistliche gut zu den Judenkindem und 
erlaubte ihnen, den christlichen Religionsstunden beizuwohnen. Die 

i) Auf die homonymische Übereinstimmung von „der Leiter" und .die 
Leiter" will ich erst gar nicht eingehen, obgleich Lea zu „Handleiter* beim Lesen 
der Stelle wirklich die Vorstellung einer Leiter hatte. 



578 Herbert Silberer, 

Kinder (auch Lea) verschwiegen ihre kleine List den Eltern, die den 
christlichen Gruss als ein schweres Vergehen geahndet' hätten. Lea be- 
suchte die christlichen Religionsstunden mit Vorliebe (vielleicht aus Trotz, 
d. i. im Sinn einer Auflehnung gegen den zu Hause streng geübten, 
für Lea sinnlosen Formenzwang in Religionssachen 1 ); eines „männlichen 
Protestes" also, nach der Terminologie des Psychanalytikers Adler) 
und setzte einen gewissen Stolz darein, christliche Gebete zu lernen. — 
„Ein Mönch ist ein Mann, der zu schleichen und sich zu ducken versteht. 
Er tut im geheimen Dinge, die man nicht tun darf, und vor der Öffent- 
lichkeit spielt er den Guten. Er ist also ein Bild der Falschheit." — 
Mit IG bis 18 Jahren legte Lea die frühere Aversion gegen Geistliche 
ab. Eine ihrer Freundinnen war damals in einen jungen, stattlichen Pfarrer 
verliebt. Der Gedanke, von einem jungen Priester geliebt zu werden, 
bildete sich geradezu zum Liebesideal Lca's heraus. [Die Hand, die 
von der Kanzel herab dem alten Juden die Bibel darreicht, bekommt 
hier eine neue Begründung. Ebenso das mit Liebeserwartungen verbundene 
Interesse für Religion, namentlich für die christliche. Himmel in der 
doppelten Bedeutung. Dazu stimmt auch das Folgende.] — Lea fasste 
in jener Zeit den Plan, zum Christentum überzutreten. [Man versteht 
jetzt vielleicht besser jene Assoziation, die den alten Juden als einen 
„Abtrünnigen" bezeichnet. Der kritisierende Ausdruck „abtrünnig", der 
halb scherzhaft gebracht wurde, entspricht der rück- 
ständigen, nicht mehr aktuellen Auffassung in Lea, die sie belächelt. 
Was im Sinn des alten Juden „abtrünnig" ist, bedeutet im Sinn der 
jüngsten (befreiten) Lea eine Heilsbotschaft. Dass diese ihren symbolischen 
Ausdruck im Neuen Testament, der Lehre des Neuen Heils, findet, ist 
vielfach determiniert. Das „Neue" oder das Bekehnmgselement dieses 
symbols ist einer Jüdin gegenüber als Gegensatz zu ihrer Kindheits- 
religion besonders hervorstechend. 

Flügel. [Gehört zu der weiblichen Figur mit den zwei Gesichtern 
in der Vision 8 Uhr 20 Min.] — Ein alter Wunsch, fliegen zu können. 
•— Lea und ihre Geschwister machten sich als Kinder Flügel aus Papier 
und meinten, nun würden sie fliegen können. — Ein Gedicht, dessen 
Inhalt ungefähr folgender ist. Einem Dichter träumt, dass ihm Flügel 
wachsen und dass er mit ihnen den unendlichen Weltenraum durch- 
misst. Er erzählt den Traum seiner Mutter, die ihm gesagt hat, dass 
die Träume von einer himmlischen Hand gemalt seien und Fenstern 
glichen, durch die man in die Zukunft schauen könne. Die Mutter liest 
nun aus dem Traum heraus, dass dem Dichter ein langes Loben be- 
vorstehe. Nur zu bald aber wird ihr Sohn aufs Sterbebett geworfen, 
und nun klagt sie, der Traum sei nicht in Erfüllung gegangen. Der 
Dichter aber verweist ihr ihren Zweifel; „Träume lügen nicht", sagt er; 
„wenn mich auch das Bahrtuch bedeckt, der Name deines Sohnes wird 
lange, ewig leben!" [Wir haben hier eine Erklärung dos Übergangs 
von der Bahre zur geflügelten Frau — eines Svmbolwechscls — in der 
Vision von 8 Uhr 20 Min.] 

Flügel, die die Frau drücken etc. — „Die Flügel mussten 
wohl gestutzt sein, dass sie nicht fliegen konnte. — Ein launiges, hübsches 

>) Vgl. die Analyse des 1. Versuches. 



Lekanomantische Versuche. 679 

Gedicht. Es handelt von einem gefangenen Storch, der gerne mit seinen 
Brüdern mitfliegen möchte, wenn sie auf die Wanderschaft ziehen. Seine 
Flügel sind gestutzt, und er denkt sich, nächstes Jahr, wenn sie. wieder 
gewachsen sind, wird's ihm gelingen. Aher es kommt nie dazu, denn 
kaum sind die Flügel gewachsen, stutzt man sie ihm wieder. — Glücks- 
rad mit Flügeln. Die geflügelte Scheibe, ein ägyptisches Symbol. — 
Wenn man sich von etwas frei macht, meint man, jetzt könne man 
fliegen; die gewonnene Freiheit erdrückt einen aber." 

Aufgedunsen. [Gesicht der Frau von 8 Uhr 21 Min.] — Krank- 
heit oder Tod. 

Im Zusammenhang mit den Visionen steht ein Traum, der zwei 
Tage nach dem Versuch geträumt wurde. 

Traum vom 4./5. Juni 1911; seine Darstellung erfolgte einige 
Tage später nach unvollkommener Erinnerung und nach einem vergeb- 
lichen Versuch Lea's, ihn schriftlich zu fixieren: „Ich bin auf einen Berg 
geflogen oder gegangen, auf dem ein Feuer brannte. Die Flamme war 
länglich (Lea zeigt etwa die Grösse eines Barrierestockes). Sie sollte 
mich verzehren. Ich hätte mich ganz gerne von dem Feuer verzehren 
lassen. Meine Mutter kam nachgerannt, um mich zu retten. Sie fasste 
mich und zerrte mich weg; wir flogen den Berg hinunter (sie hat 
mich getragen). Ich hatte dabei jenes aus Träumen schon bekannte 
Sturzgefühl mit der Angst vor dem Aufschlagen oder Zerschmettern. 
[In Lea's Kindheit kam häufig ein stereotyper Angsttraum vor, bei dem 
sie sich vor dem Abstürzen von einer Brücke fürchtete.] Die Angst 
habe ich gehabt, weil ich nicht das Vertrauen hatte." (Nämlich nicht 
das Vertrauen, von der Mutter sicher getragen zu werden.) 

Aus der Analyse dieses Traumes greife ich das Folgende heraus. 

Lea hat, wie sie erzählt, am Abend vor dem Traum in einer 
alten Bibel geblättert und dort die Abbildung eines Opferfeuers gesehen. 
[Es war, wie ein nochmaliges Nachsehen ergab, das „immerwährende 1 ) 
Feuer".] Eine der Flammen auf dem Bilde war Lea „besonders sym- 
pathisch" gewesen. Diese Flamme kehrte im Traum wieder. Auch der 
viereckige Platz mit dem Hangen Gang hatte in der Abbildung und 
dem Traum die gleiche Form. 

Opfern. — „Nach meinem Wissen könnte ich nicht sagen, was 
man eigentlich opfert. In der Schule lernt man (beim Lesen des Alten 
Testaments in der mosaischen Religionsstunde) von Tieropfern. Ich habe 
das als einen unmöglichen Gedanken empfunden. Ich dachte immer, 
man müsse in Gedanken opfern 2 )." 



J ) Sehr bezeichnend! 

'-) Ob Schriftstellen wie die folgenden Lea anbewusst bekannt waren ist nn- 
gewiss: «... Ich will nicht von deinem Hause Farren nehmen, noch Böcke aus 
deinen Ställen. Denn alle Tiere im Walde sind mein, und Vieh auf den Bergen, da 
sie bei tausend gehen. Ich kenne alle Vögel auf den Bergen und allerlei Tiere auf 
dem Felde ist vor mir. Wo mich hungerte, wollte ich dir nicht davon sagen; denn 
der Erdboden ist mein und alles, was drinnen ist. Meinst du, dass ich Ochsen- 
fleisch essen wolle oder Bocksblut trinken? Opfere Gott Dank, und 
bezahle dem Höchsten deine Gelübde! Und rufe mich an in der Not, 
so will ich dich erretten, so sollst du mich preisen." (Psalm 50.) — 
.... Die Opfer, die Gott gefallen, sind ein geängBteter Geist, ein 
geängstet und zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verachten." 



580 Herbert Silberer, 

Berg. — „Der höchste Berg führt in den. Himmel. 
Grenze der Erde. Durch das Feuer \väre ich vielleicht 
in den Himmel gekommen, bin aber gegen meinen Willen 
auf die Erde zurückgetragen worden." [Diese Einfälle sind 
überaus wichtig für uns.] 

Bedeutung des ganzen Traumes. — „Ich glaube, der 
Traum bedeutet, dass meine Leute (zu Hause) nicht einverstanden sind 
mit der Art, wie ich leben will. Er ist eine Vorhersagung oder bezieht 
sich auf vergangene Verhältnisse." 

Fliegen. — Das Gedicht vom Traum des Dichters. [Der Inhalt 
dieses Gedichtes ist oben wiedergegeben.] 

Nachrennen. — „Ich habe immer jede Bewegung (d. h. jedes 
offenkundige Bemühen um etwas) vermieden, damit nicht jemand glaubt, 
dass ich ihm wegen irgend etwas nachrenne. Alles, was ich erreicht habe, 
ist zu mir gekommen, mir in den Schoss gefallen; nie habe ich etwas 
erkämpft, nach meiner innersten Ansicht. — Oft habe ich mir in kritischen 
Lagen gesagt, ich tue keinen Schritt; etwas muss doch kommen." 

Retten. — Sich retten aus böser Gesellschaft, aus allerlei Ver- 
hältnissen, vom Tode. 

Nachrennen, um zu retten. — „Das muss seinerseits ein 
Irrtum sein, wenn jemand mir nachrennt, um mich zu retten. Ich rette 
mich schon selber." 

Die Mutter rennt nach etc. — Das erinnert Lea an eine 
Episode aus ihrem 19. Lebensjahr. Sie wollte das Elternhaus verlassen, 
hatte «auch wirklich schon eine andere Wohnung genommen und drohte, 
dass sie, wenn man ihr nachkomme, um sie zu holen, durchs Fenster 
springen werde. Die Mutter kam dann doch nach und brachte Lea 
nach Hause zurück. 

Die eigene Vermutung Lea's über die Bedeutung des Traumes ist 
nicht unberechtigt. Der Gang oder Flug auf den Berg, ins Feuer, das 
sie in den Himmel befördern soll, kann Lea's aktuelle Lebensrichtung 
bezeichnen. Es ist eine von allen möglichen Hindernissen, Vorurteilen, 
früher angestrebten Zielen etc. befreite neue Lebensbahn. Von einem 
Leben im Sinn der rückständigen Anschauungen der Eltern ist diese 
neue, freie Bahn natürlich weit entfernt. Lea steigt auf einen Berg: 
ihr Horizont weitet sich, die Eltern aber (im Traum vertreten durch 
die Mutter) haben den engen Horizont der Leute, die unten wohnen, 
dort, wohin Lea im Traum mit Gewalt zurückgetragen wird. In einer 
der Assoziationen wird der Gegensatz noch bezeichnet als Himmel und 
Erde. Lea will in den Himmel; zu Hause (Eltern) will man, sie solle 
auf der Erde leben. Um das hemmende Bestreben der Eltern zu illustrieren, 
konnten die traumbildenden Mächte mit der Beigsymbolik kaum etwas 
treffenderes verbinden als die Erinnerung an jene Episode, wo Lea 
von der Mutter nach Hause zurückgeholt wurde. Diese Episode dient 
dann natürlich als Quelle für die betreffenden Elemente des Traumes. 

Die Symbolik geht aber tiefer als zu der objektiven äusseren Tat- 
sache, dass die Eltern Lea zu einem „irdischeren" Leben bringen möchten. 



(Psalm 51.) Die hervorgehobenen Stellen weisen eine Verwandtschaft mit den Vor- 
gängen im Traume auf. Man achte auf die Reihenfolge: Brandopfer, Rettung, ge- 
jlngutetei' Geist, zerschlagen (aufschlagen und zerschellen im Traum). 



Lokanomantiache Versuche. 581 

Die Mutter (im Traum) ist eine Frau, die nachrennt, was Lea selbst 
nie getan haben will ; eine Frau, die es nicht vermeidet, dass man glaubt, 
sie renne jemand wegen irgend etwas nach 1 ). Sie lässt nicht geduldig 
geschehen, was da kommen will, sondern greift resolut und berechnend 
in die Speichen des Geschickes ein. Es liegt also schon hier der Ge- 
danke nahe, dass die Mutter (des Traumes) jene spekulative 
Person in Lea darstellt, die sie bei dem idealen Flug behindert; put 
anderen Worten, die „zynische" Person, die das stete Hemmnis für die 
Entwickelung der „idealen" Person bildet. Insofern die Hemmnisse in 
Nachwirkungen des früheren, unbefreiten Lebens Lea's bestehen, kommt 
die Figur der Mutter (im Traum) jener Bedeutung des alten Juden (der 
Vision) gleich, die Lea oben selbst angab, indem sie sagte, der alte 
Jude sei ihr vergangenes Leben. Feiner ausgedrückt, ohne von dieser 
Deutungsrichtung abzuweichen, ist also Mutter = alter Jude == Rück- 
ständigkeit, d. h. jene Rückständigkeit nicht so sehr der Anschauungen *} 
als der Willens- und Gemütsregungen, welche Lea als ein drückendes 
Erbteil von ihrem Leben im Elternhause und ihrem früheren Leben 
überhaupt mitgebracht hat; ein Erbteil, das sie in ihren jetzigen Be- 
wegungen hemmt; sie hat sich mit einer Art von Zwangsimpulsen herum- 
zuschlagen. Die Mutter oder der alte Jude in dieser Fassung, d. h. als 
die Repräsentanten der aus dem Elternhause (= dem früheren Leben 
überhaupt) mitgebrachten „Rückständigkeiten" s ), ist nicht identisch mit 
der „zynischen Person" Lea's, sondern nur ein Teil*) von ihr. Das hindert 
nicht, dass in einer anderen Fassung Mutter, Vater und alter Jude der 
„zynischen Person", in wieder anderem Zusammenhang der „idealen" 
Person gleichzusetzen sind. Die Mutter (alter Jude) der ersten Fassung ist 
deshalb nur ein Teil der „zynischen Person", weil sie nur den im Eltern- 
haus (oder im früheren Leben überhaupt, wo sich der Hauskomplex und 
andere Komplexe formten) erworbenen psychischen — sit venia verbol 
— Ballast, nicht aber Lea's konstitutionelle psychische Tendenzen be- 
rücksichtigt; nur den disharmonischen Ausbau 5 ) der Anlagen, nicht diese 
selbst. Freilich könnte man dieser Unterscheidung vorwerfen, sie setze 
unbewiesene Faktoren., nämlich angeborene ursprüngliche Tendenzen voraus. 
Wir haben uns indes bei der Deutung unserer Symbole nicht so sehr 
um theoretische Subtilitäten zu bekümmern, denen man durch abstrakte 
Gedankenarbeit — und nur vielleicht — gerecht werden kann, son- 
dern haben die natürlich vorhandenen Wurzeln der Symbole auszugraben, 
in welchem Rohzustand immer wir sie finden mögen. Die Wurzeln aber, 
auf die wir faktisch kommen, weisen nicht schon jene theoretische Be- 
lehrung auf, die von dem, was sich als konstitutionelle, ursprüngliche 
Tendenz der Psyche gibt, so ziemlich alles wegstreicht und es den äusseren 



i) Man vergleiche die obigen Assoziationen Lea's zu .nachrennen"; man findet 
dort die hier gehrauchten Wendungen. 

i) Ich sage , nicht so sehr der Anschauungen", weil Lea's Anschauungen auf 
das, was sie das »Rückständige" nennt, klar hinabsehen. Das Erkennen ist dem 
Handeln vorausgeeilt. Wäre dem nicht so, so gäbe es keinen Konflikt in der Psyche. 

3) Dieser Begriff ist gemäss der früheren Anmerkung immer relativ zu dem 
aktuellen Entwicklungsgrad der den Taten voraneilenden Erkenntnis zu verstehen. 

*) Genau stimmt auch das nicht. Ich kann mich aber unmöglich in noch 
feinere Unterscheidungen einlassen. 

5 ) Oder: die jetzt ala hinderlich empfundenen Seiten dieses Ausbaus. Man 
vergesse nie, dass Lea in zwei Personen zerfällt. 



582 Herbert Silberer, 

Entwickelungsbclingungen zuschreibt. Ob diese oft wohl -illzu radikal 
durchgeführte Auffassung Recht oder Unrecht hat, brauchen wir hier 
nicht zu untersuchen. Wir befinden uns da auf so Ungewissem Hoden, 
oder sagen wir: so strittigem Gebiet, dass es zum mindesten sehr vor- 
eilig wäre, irgend eine theoretische Entscheidung vorwegnehmend, diese 
einer praktisch zu analysierenden Psyche auch noch a priori zu unter- 
legen. Vielmehr müssen praktische Untersuchungen, die ohne vorgefasste 
Theorie gemacht werden, zu den obenerwähnten Entscheidungen erst 
den Grund abgeben. 

Wir fanden oben, dass es nahelag, in der Mutter (des Traumes) die 
spekulative oder ..zynische" Person, in der auf den Berg fliegenden Lea 
aber die „ideale" Person zu erblicken. Unsere Annahme wird fast zur 
Gewissheit erhärtet, wenn wir die Assoziationen zu „Berg" durchlesen. 
Diese gesperrt gedruckten Zeilen geben nicht nur an und für sich ein 
deutliches Bild des Konfliktes der beiden Personen in Loa (mit Beziehungen 
auf allerlei rezente Wirkungen dieses Konfliktes), sondern knüpfen sich 
(auch mittelst der Flug-Assoziation) unverkennbar an das Bild der ge- 
flügelten Frau (Vision von 8 Uhr 21 Min.) mit den zwei Gesichtern. Wir 
kommen in der Analyse der Vision noch darauf zurück. Die zwei Gesichter 
sind eben die zwei Personen in Lea, und daher sind die Mutter und die 
Lea des Traumes eben diese zwei Personen. 

Der Berg mit dem Feuer, das darauf brennt, ist uns schon aus 
dem VI. lekanoskopischen Versuch bekannt. Dass bei Lea ein Feuer, von 
dem sie sich verzehren lassen will, ein Liebesfeuer sein muss, wissen 
wir bereits zur Genüge 1). Das Interessanteste an dein Traum ist nun, 
dass das Liebesfeuer den Charakter eines Opferfeuers bekommen hat. Das 
hängt mit den aktuellen Bestrebungen Lea's zusammen, die sich auch in 
den Visionen ausprägen. Wir bemerkten ja schon oben, dass sie sozu- 
sagen den alten Juden ablegen, den alten Adam ausziehen und gleich 
einem nackten neugeborenen Kind ein frisches, ungetrübtes, besseres 
Leben beginnen wolle. Dem Liebesfeuer, das sie jetzt beseelt, ist eine 
ähnliche Funktion zugedacht, wie dem Rcinigungsfeucr religiöser Mysterien. 
Das mystische Feuer hat eine Wiedergeburt zu vermitteln (Feuertaufe 
etc.) und soll die Seele geschickt machen, das himmlische Leben zu 
erlangen. Wir sehen nun auch in Lea's Traum 2 ), dass der Berg, auf 
dessen Gipfel die Opferung vor sich gehen soll, in den Himmel führt — 
was natürlich mit (\en an die Kanzel, die Bibel etc. (der Vision) ge- 
knüpften Gedanken von der Himmelsleiter übereinkommt. Was wird ge- 
opfert? Was muss hingegeben werden bei der Läuterung? Natürlich die 
„zynische Person", die die Seelenharmonie stört und die „ideale Person" 
Lea's auf ihrem Flug ins Himmelreich hemmt. Lea möchte dieses Opfrr 
gerne vollziehen; sie möchte sich gerne von dem läuternden Feuer, das 
zugleich ein Liebesfeuer ist, verzehren lassen. Sie weiss auch selbst, 
dass man nicht äusserlich, sondern innerlich opfern soll, in Gedanken. 
Genau so wie in der II. Vision nicht der alte Jude selbst mit dem Schwert 
gefällt worden sollte, sondern etwas in ihm, so soll auch jetzt — 

') Die sexuellen Beziehungen dieser Symbolik wurden bereits gelegentlich des 
IV. Versuches hier erörtert. 

*) Völkerpaychologische Parallelen zu individualpsychologischen Fakten sind 
oft ungemein fruchtbar. 



Lekanomnntiscbe Versuche. 583 

als Erfüllung jener damals noch unverständlichen Antizipation — etwas 
i n L e a vernichtet, verbrannt *), aufgeopfert werden. Auch an jene Asso- 
ziation im Haartraum (mitgeteilt zum IV. Versuch) ist zu erinnern, wo 
zu den verbrannten Haaren assoziiert wird, dass alles hinter Loa (das 
Vergangene) verbrannt sei. Freilich fand damals eigentlich erst der An- 
fang dieses Verbrennens statt. Dass alles schon verbrannt sei, kommt 
einer Wimscherfüllung gleich. Auch kam zu dem damaligen — sit venia 
verbol — Brennmaterial noch neues hinzu (neue Taten der „zynischen" 
Person), die jetzt mit zu verbrennen sind. Eines dieser dazugekommenen 
Geschehnisse haben wir in den Analysen berücksichtigt, nämlich die 
Karl-Episode, die als Repräsentant einer ganzen Gruppe von Ereignissen 
anzusehen ist. 

Zu „fliegen" wird bei der Traumanalyse das Gedicht vom Traum 
des Dichters assoziiert (das auch zu den Flügeln der Vision in Beziehung 
steht). Dort steht, als der Sohn im Sterben liegt, seine und der Mutter 
Auffassung einander entgegen. Die Mutier klagt um den irdischen Leib, 
der Sohn fühlt sich geistig (im Namen) unsterblich. Ähnlich verhält es 
sich in Lea's Traum. Die Mutter entrcisst Lea dem Opferfeuer, das nur 
den Tod des irdischen („zynischen") Teiles in Lea bedeuten und die 
Seele zum Himmel führen würde. Wir haben also auch hier den Gegen- 
satz von himmlisch und irdisch, verkörpert« durch Mutter und Kind 
(hier Tochter, dort Sohn). Lea repräsentiert das Himmlische, das Empor- 
strebende, die Mutter das Irdische, das Hinabziehende (wie es im Hinab- 
tragen drastisch zur Gellung kommt). Die Erde wird, wie jedermann weiss, 
mythisch oft als Mutter gefasst. 

Das Rotten ist in der vom Traum gelieferten Situation kein Retten, 
sondern ein Hinabziehen in Gefahren. Es ist ein Retten nach der An- 
sicht der Mutter (d. i. des entsprechenden Seclenteils von Lea). Je nach- 
dem nun diese Figur der Mutter bloss das „Rückständige" in Lea oder 
ihre ganze „zynische Person" vertritt, fällt auch der Begriff dieses Rettens 
verschieden aus. Im ersten Fall ist das Retten bloss ein Aufhalten des 
beabsichtigten Fluges zur idealen Lebensführung; ein Festfahren in dem 
trockenen irdischen Einerlei des Werkeltages. Im zweiten Fall ist das 
Retten ein Sturz vom „Idealen" ins „Zynische", also ein moralisches 
debacle. Daher auch jene Angst, die am Ende des Traumes 
auftritt, als Lea von der Mutter hinabgetragen wird; 
daher das Gefühl des mangelnden Vertrauens in diese 
hinabziehende Macht; das Hinabstürzen hat hier dieselbe Be- 
deutung, wie das Hinabstürzen vom Balkon im Seetraum (siehe die Ana- 
lyse des IV. lekanoskopischen Versuchs) und in dem Traum von der 
Kupplerin (VIII. Versuch). Die Mechanik der Traumangst war wohl, 
nach den Freud'schen Anschauungen, diese: in Lea wurden Tendenzen 
der „zynischen Person" wach; sie sind geeignet, die Vorsätze der „idealen 
Person" zu durchkreuzen. Diese letztere beherrscht mit ihrer kritischer 
Zensur das Bewusstsein. Kaum stiegen die Wünsche der anderton, der 
unterdrückten „zynischen Person" in diese bewusste Schichte auf, als 
ihre Verwirklichung auf den Widerstand einer moralischen Zurückweisung 
stösst. Statt Lust zu erzeugen, entbinden diese verurteilten, lichtscheuen 



i) Der alte Jude soll In Rauch vergehen, so wie das in dem V. Versuch 
antizipiert wurde. 

Zentralblatt für Paycnoanalyae 11»/". 41 ' 



584 Herbert Silberer, 

Tendenzen nun Angst, nämlich die Angst Lea's vor der 
Feindin 1 ) in ihrem eigenen Busen. Ich sage: „Feindin", denn 
Lea „selbst" identifiziert sich in ihrer gegenwärtigen Entwickelungsphase 
mit der „idealen" Lea. 

Die Rettung Lea's im Traum kann aber, wie die Assoziationen be- 
weisen, auch von einer anderen Seite, als Rettung der idealen Lea näm- 
lich, angesehen werden. Das geschieht dann, wenn man die Idee der 
Rettung von der Situation, in welche sie führt, absondert. Dann ist die 
Rettung gleichsinnig mit der Opferung : eine Rettung 2 ) der edlen psychi- 
schen Teile vor den niedrigen. Die in der Anmerkung stehende Stelle 
aus „Faust", II. Teil, drückt den Gefühlsgehalt des hier betrachteten 
Traumteiles aus und bringt auch den psychologisch so wichtigen Ein- 
schlag der Liebe, die hier eine erhebende, erlösende Aufgabe erfüllt. 

Der Traum stellt eine Linie psychischer Möglich- 
keiten zwischen zwei Extremen dar, die — mit einem Seiten- 
blick auf den beliebten Todeswunsch — durch zwei Todesarten markiert 
sind: Verbrennen und Zerschellen. Lea steht in der Mitte und kann sich, 
wie Herkules am Scheidewege, nach dem einen oder dem anderen Ziel 
hin bewegen. Die eine Richtung wird von der gegenwärtig dominierenden, 
der „idealen" Lea als in den Himmel führend, die andere als in einen 
Abgrund leitend erkannt. Zwischen beiden Zielen spielt sich 
der seelische Konflikt ab, den der Traum darstellt. Auf 
welches Ende man sich als Zuschauer und Beurteiler 
stellt, ist Nebensache; stets hat man das Schema: Pol, 
Gegenpol und die Bahn zwischen beiden, auf der sich 
das psychische Kräftespiel entfaltet. Man erinnere sich 
meiner Bemerkungen in der Analyse des VII. Versuches zu den Asso- 
ziationen zum Schlagwort „gros s". 

Man kann den Traum sowohl in seiner natürlichen Reihenfolge 
(Folge der manifesten Begebenheiten) lesen und ihn im Sinne der 
idealen Lea als Traumperson als Befürchtungstraum bezeichnen. 
Oder man kann ihn umdrehen und, statt in den Abgrund, in den Himmel 
blickend, ihn einen Wunscherfüllungstraum im Sinne eben dieser 
Person nennen. Man lässt die Traumgesc.hehnisse im Abgrund anfangen, 
lässt Lea vom Sturz erretten und sie dann auf den Berg ins Feuer 
fliegen, um in den Himmel zu kommen. Man ändert damit nichts an 
dem Konflikt, der die Hauptsache des Traumes ist. Man ändert da- 
mit bloss die Perspektive, in dem sich das Thema dem 
Beschauer präsentiert, etwa wie man eine Statue von 
verschiedenen Seiten betrachten kann. Einen Fehler 
würde man nur begehen, wenn man eine dieser Seiten- 



J ) Die Bedeutung des Feindes (Verbrecbera) im eigenen Busen hat besonders 
schön St ekel in seinem Werk .Die Sprache des Traumes" herausgearbeitet. — 
Vgl. auch mein Feuilleton «Psychoanalyse* im , Pester Lloyd" vom 1. Septbr. 1911. 
2) «Gerettet ist das alte Glied 

Der Geisterwelt vom Bösen. 

Wer immer Btrebend sich bemüht, 

Den können wir erlösen. 

Und bat an ihm die Liebe gar 

Von oben teilgenommen, 

. .• '. . . " (Goethe ,Fao8f). 



_»\ 



Lekanomantische Versuche. 585 

an sichten oder Perspektiven für die Statue selbst 
hielte. 

Auf die Analyse des X. lekanoskopischen Versuches, in welche 
sich vorstehender Traum trefflich einfügte, zurückkommend, finden wir, 
dass nach den schon bei den Assoziationen eingestreuten Bemerkungen 
und nach der Beleuchtung, die der soeben analysierte Traum auf das 
ganze Material geworfen hat, zum zusammenhängenden Verständnis der 
Visionen des X. Versuchs wenig mehr zu bemerken ist, wieviel auch 
immer zur erschöpfenden Darstellung ihres Gehaltes noch nötig wäre. 
Da wir auf die letztere Aufgabe ja verzichten müssen, genügt jetzt ein 
rascher Überblick auf das, |\vas uns der letzte Versuch in Verbindung 
mit dem Traum gebracht hat. 

Der alte Jude ist die Hauptperson des Versuches. Nach langer 
Entwickelung hat er sich dahin vergeistigt, eine psychische Potenz in 
Lea selbst darzustellen. Das Alte, der alte Jude, soll abgelegt, ein neuer 
Glaube angenommen (neuer Lebensweg eingeschlagen) werden. Das Alte 
sitzt aber noch fest; der alte Jude will nicht gleich die Bibel annehmen, 
die man ihm reicht. Es tritt jenes Sträuben auf, das wir schon in der 
„Liebeswehr" kennen gelernt haben und vom Freiheitskomplex aus 
mobilisiert wird, den wir heute, wo wir über die zwei Personen in 
Lea unterrichtet sind, weit besser verstehen als es früher der Fall war; 
wir verstehen z. B. die oft einander widersprechenden Äusserungen dieses 
Komplexes (wie auch anderer Komplexe), weil wir sie auf die Tendenzen 
der einen und der anderen „Person" zurückführen gelernt haben. — 
Wir begreifen, dass einer, der, wie es in den Assoziationen heisst, den 
Thalmud lesen sollte, nicht so ohne Weiteres die Bibel (das Neue Testa- 
ment) annehmen kann. Er beginnt aber, sich übers Haar zu streichen, 
d. h. nachzudenken. Er überlegt sichs, und bringt das Opfer des (für 
ihn, das Rückständige in Lea) schweren Entschlusses. Er opfert sich 
auf, legt sich in den Sarg. Als alter Jude stirbt er, um als Kind sich 
mit der neuen Lehre zu vereinigen. Dem Opfer des alten Juden kommt das 
Opfer Lea's im Traum gleich. Der alte Jude kann durch die Kanzel 
(Himmelsleiter), Lea über den Berg durch das Opferfeuer zum Himmel 
(d. h. zum harmonischen, glücklichen Leben) gelangen. Der noch nicht 
wiedergeborene alte Jude ist dasselbe, was im Traume die Mutter. Und 
wenn wir bei der Besprechung des Traumes für den Gegensatz Himm- 
lisches — Irdisches die Figuren Lea — Mutter, im Gedicht die Figuren 
Dichter — Mutter vorfanden, so können wir diesen Gegensatzpaaren nun 
an die Seite stellen: Kind — alter Jude. Letzterer ist der Repräsentant 
des Irdischen in Lea; er hat die Aufgabe, sich in das Himmlische zu 
verwandeln. Er wird ein Kind. In allen drei Gegensatzpaaren finden wir 
das Kind als den Vertreter des Himmlischen. Das Gleiche wie die 
Kinder bedeuten, vermöge der Himmelsassoziation, die weissen Wolken. 
Man vergleiche noch mit dem „Opfern" die Aufopferung der Kleider im 
Hermes Trismegistus. So verbindet sich die Nacktheits- mit der Kinder- 
symbolik. Die Nacktheit der zwei sich umarmenden Kinder vergleiche 
man ferner (als völkerpsychologische Parallele) mit der religiösen Vor- 
stellung der mystischen Hochzeit (des Menschen mit der Gottheit, des 
Christus mit der Ekklesia). Hinein spielt natürlich das Kindheitsideal 
der Liebe des Priesters. 

41* 



586 Herbert Silberer, 

Sobald der alte Jude im Sarg liegt, sieht ihn Lea „ganz unten". 
Er ist überwältigt, sein Regiment hat aufgehört. Der Friede ist in Lea's 
Seele eingezogen, Tauben, Friedensboten, steigen aus dem Sarg des alten 
Juden auf. Die Tauben triumphieren über den alten Juden; sie sind 
gewiss das im IX. Versuch von uns vergeblich gesuchte Gegenstück zur 
schwarzen Katze, die durch des alten Juden Opfermut wohl diesmal 
überwunden wurde und sich deshalb nicht mehr zeigt. Man kann auch 
sagen, die schwarze Katze (der nicht erneute alte Jude) ist tot und liegt 
im Grab; das ist die „zynische" Lea, die hingeopfert wurde. Die Tauben 
triumphieren; sie sind Lea's zweite, die „ideale" Hälfte. Die Anord- 
nung der Figuren in der Vision ergibt ein Gesamtbild von Lea's Psyche 
(sofern der Konflikt der zwei Personen in Betracht kommt). Sobald 
der alte Jude tot ist und die Tauben triumphieren, müssen die Mönche 
(die Falschheit) von dannen gehen. Die Taube ist als Symbol bereits 
im VI. Versuch aufgetreten, und zwar in einer Bedeutung (Religion, Ge- 
rechtigkeit, Friede), die mit der „idealen Lea" übereinstimmt 

Für den Sarg tritt um 8 Uhr 21 Min. das Bild einer Frau mit zwei Ge- 
sichtern und einer geflügelten Wolke ein. Den im Assoziationsmaterial 
vorhandenen Zusammenhang zwischen diesen beiden Szenen habe ich 
gelegentlich der Mitteilung des Dichtertraums (Gedicht) schon erwähnt ; 
die Flügel spielen da die Hauptrolle. Die doppelgesichtige Frau ist die 
disharmonische Lea; Lea im Zustande des alten Juden. Dieser stirbt; 
daher ist die Frau aufgedunsen, was nach Lea ein Zeichen von „Krank- 
heit oder Tod" ist. Natürlich spielt da auch der Todeswunsch mit hinein. 
Der Sarg mit dem alten Juden ist somit identisch mit der doppelt- 
gesichtigen, lebendig-toten Frau. Lebendig-tot: sie ist aufgedunsen, also 
tot und benimmt sich doch wie eine Lebende. Wieder ein polarer Gegen- 
satz, der die Gegensätze in Lea ausdrückt. Man vergleiche aber auch 
die Stelle in Hermes Trismegistus, wo es heisst: ,, . . . Aber ihr müsst 
erstlich dies Kleid, welches ihr tragt, zerreissen, nämlich das Kleid der 
Unkenntnis, den. Grund der Bosheit 1 ), das Band der Zerbrechlichkeit, 
den dunklen Umfang des lebendigen Todes, das empfindliche Aas 
des Grabes . . ." Das Todcselement in der doppelgesichtigen Frau (auf' 
gedunsen) stellt auch einen äusseren Zusammenhang zwischen der Sarg- 
szene und ihr selbst her. An Stelle der Tauben kann man sich die ge- 
flügelte Wolke getreten denken. Dass die Wolke mit den Flügeln nichts 
Selbständiges ist, sondern zur Frau (Lea) gehört, geht schon aus den 
Worten des sprechenden Gesichts deutlich hervor. Sie (die Frau) sagt, 
wozu sie doch Flügel habe, wenn das andere (iesicht sie nicht fliegen 
lässt. Hier ist unverkennbar der nämliche Konflikt in Lea dargestellt, 
dessen eingehendere Würdigung ich in der Analyse des Opfertrauines ge- 
bracht habe. Formell besteht für den Analytiker zwischen der vor- 
liegenden Vision und dem Traum (neben den innigen inhaltlichen Ver- 
knüpfungen) etwa diese Wechselbeziehung : die Vision mit ihrer Analyse, 
beweist, dass der Traum die psychischen Vorgänge in Lea bedeuten muss; 
der Traum aber erklärt die Nuancen der Vision. Erstcres gibt uns die 
Berechtigung, uns des Traumes zu bedienen, und enthüllt uns sein Thema; 
das zweite erlegt uns die Pflicht auf, aus dem Traum etwas zu lernen, 
das die Deutung der Vision vervollständigt. Wir haben die Symbolik 



i) Mit anderen Worten: ihr müsst den alten Juden. in euch töten. 



Lekanomantische Versuche. 587 

der Flügel und des Fliegens bei den Assoziationen und der Traumanalysc 
bereits gewürdigt, so dass über die letzte Vision genügendes Licht ver- 
breitet ist, ohne dass ich mehr darüber sage. 

Der X. Versuch hat jene Tendenz der Symbolik nach Verinner- 
lichung, die, nachdem wir sie schon früher konstatiert, im IX. Versuch 
einen entscheidenden Durchbruch feierte, noch weitergeführt und befestigt. 
Immer deutlicher sind jetzt die Visionen als symbolische Repräsentanten 
von Mächten und Vorgängen in Lea's Psyche aufgetreten. Diese Erscheinung 
ist nicht etwa ein erst in den letzten Versuchen dem Stamm der bisherigen 
Entwicklung aufgepfropfter Zweig, sondern die aufmerksame Betrach- 
tung — eine mit dem Instrument der später gewonnenen Aufschlüsse 
geschärfte Rückschau auf das Frühere — lehrt, dass der Keim zu der 
nun offenkundigen Selbstschau Lea's auch den ersten Visionen im Mark 
lag, und dass die Überraschungen des IX. und des X. Versuches nur die 
Entfaltung von etwas längst Vorhandenem waren. 

Die Symbolik, die sich auf solche Weise entwickelte, ist jene der 
funktionalen Kategorie. Man kann, wie ich bei mehreren Ge- 
legenheiten x ) gezeigt habe, alle symbolisierenden Phänomene mit Kuben 
in drei Kategorien einteilen. Wenn wir von der „somatischen Kategorie , 
weil sie hier wenig zu sagen hat, absehen, bleiben uns zur Betrachtung 
die materiale und funktionale Kategorie der Symbolik. In die erstere 
Kategorie .gehört alle Symbolik, welche Inhalte (etwa Gedankeninhalte, 
Vorstellungsinhalte etc.) zur symbolischen Darstellung bringt In die 
zweite Kategorie jene Symbolik, welche die Funktion der (.denkenden, 
fühlenden, erlebenden) Psyche und ihrer Teile 2 ) verbildlicht. Während 
also die erste Gattung der Symbolik sozusagen die Erlebnisse < iner 
Person zum Gegenstand nimmt, wählt die funktionale Kategorie die er- 
lebende Psyche selbst (bzw. ihre Tätigkeit des Erlebens) zum Thema 
ihrer Darstellungen. Natürlich gibt es Übergänge von der einen Symbolik 

zur anderen. 

Da sich nun die eigentümliche Symbolik, die bei den letzten lekano- 
skopischen Versuchen an Lea so auffallend zum Ausdruck kam, mit der 
Abbildung (Projektion nach aussen) der psychischen Struktur 
Lea's und ihrer psychischen Vorgänge befasst, ist es klar, dass 
sie jener Kategorie angehört, welche ich die funktionale genannt hribc 

i) „Bericht über eine Methode, gewisse symbolische Halluzinations- Erschei- 
nungen hervorzurufen und zu beobachten." — .Phantasie und Mythos, vornehmlich 
vom Gesichtspunkte der funktionalen Kategorie aus betrachtet." — „über die Sym- 
bolbildung." — „Symbolik des Erwachens und Schwellensymbolik überhaupt." — 
(Alle vorstehenden Abhandlungen siud enthalten im „Jahrbuch für psychoanalytische 
nnd psychopathologische Forschungen", Band I— III. Wion und Leipzig. F. Deuticke.) 
— „Von den Kategorien der Symbolik." (Enthalten im „Zentralblatt für Psycho- 
analyse." II. Band, 4. Heft.) 

t) Man denke an Triebgruppen, Komplexe, unterbewusste Persönlichkeiten. 
Mechanismus der Dissoziation usw. 



Dr. S. Ferenczi, 

Über passagere Symptombildungen während der 

Analyse. 

(Passagere Konversion, Substitution, Illusion, Halluzination, „Charakter- 
Regression 1 ' und „Ausdrucksverschiebungen". 

Von Dr. S. Ferenczi (Budapest). 

Die überzeugenden Eindrücke von der Richtigkeit der analytischen 
Symptomerklärungen erhält der Arzt wie der Patient erst in der Über- 
tragung. Solange dem Kranken nur das durch die freie Assoziation ge- 
lieferte psychische Material als Beweis für die Richtigkeit der analytischen 
Erklärungen zu Gebote steht, mögen ihm diese Erklärungen merkwürdig, 
überraschend, auch einleuchtend erscheinen: die Überzeugung von ihrer 
unzweifelhaften Richtigkeit, die Empfindung, dass sie die einzig möglichen 
Erklärungen sind, erlangen sie noch nicht, auch wenn sie sich noch so 
redlich bemühen überzeugt zu werden, ja sich das Überzeugtsein mit aller 
Kraft aufzwingen wollen. Es hat förmlich den Anschein, als ob der Mensch 
durch logische Einsicht allein überhaupt zu keinen echten Überzeugungen 
gelangen könnte; man rauss etwas affektiv erlebt, gleichsam am 
eigenen Leibe empfunden haben, um jenen Grad von sicherer Einsicht zu 
gewinnen, der den Namen „Überzeugung" verdient. Auch der Arzt, der die' 
Analyse nur aus Büchern gelernt hat, ohne sich selber einer gründlichen 
Seelenanalyse unterzogen und praktische Erfahrungen bei Kranken ge- 
sammelt zu haben, kann sich von der Wahrheit ihrer Ergebnisse nicht 
überzeugen; er gewinnt höchstens einen mehr oder minder hohen Grad 
von Zutrauen, der zeitweise der Überzeugung sehr nahekommen mag, 
hinter der aber immer noch unterdrückter Zweifel lauert. 

Ich will hier eine Reihe von Symptomen anführen, die ich bei 
meinen Patienten während der Kur entstehen und durch die Analyse 
vergehen gesehen habe und die dazu beitrugen, dass der Eindruck von 
der Wahrheit der Freud'schen Mechanismen in mir zur Gewissheit — 
und dass in den Patienten das Vertrauen zur Sache geweckt oder gestärkt 
wurde. 

Die freie Assoziation und die analytische Durchforschung der Ein- 
fälle wird bei Hysterischen nicht selten durch das unvermittelte Auf- 
treten körperlicher Erscheinungen sensibler oder motorischer Natur unter- 
brochen. Man wäre zunächst geneigt, diese Zustände für unliebsame 
Störungen der Analysenarbeit anzusehen und sie danach zu behandeln. 
Macht man aber mit dem Satz von der strengen Determiniertheit alles 
Geschehens wirklich Ernst, so wird man auch für diese Erscheinungen Er- 
klärungen suchen müssen. Entschliesst man sich dazu, unterzieht man also 
auch diese Symptome der Analyse, so stellt es sich heraus, dass sie eigent- 
lich symptomatische Darstellungen von unbewussten Gefühls- und Ge- 
dankenregungen sind, die durch die Analyse aus ihre-r Inaktivität (Ruhe- 
zustand, Gleichgewicht) aufgerüttelt wurden und der Bewusstseinsschwelle 
nahegerückt sind, aber ihres für das Bewusstsein unlustvollen Charakters 
wegen noch vor dem Bewusstwerdcn, gleichsam im vorletzten Moment, zu- 
rückgedrängt wurden, wobei ihre nicht mehr ganz unterdrückbare Er- 
regungsmenge zum Hervorbringen körperlicher Symptome verwandt wurde. 
Ein auf diese Art zustande gekommenes Symptom stellt aber nicht nur eine 
gewisse Erregungsmenge vor, sondern sie erweist sich auch qualitativ 



Über pasBagere Symptombildungen während der Analyse. 589 

determiniert. Richtet man nämlich auf die Eigenart des Symptoms, auf 
die Art des motorischen oder sensiblen Reiz- oder Lähmungszustandes, 
auf das Organ, in dem er sich einstellt, auf die Vorfälle und Einfälle, die 
der Symptombildung unmittelbar vorausgingen, seine Aufmerksamkeit und 
versucht es, den Sinn des Symptomes zu entdecken, so entpuppt sich 
jenes körperliche Symptom als symbolischer Ausdruck einer durch die 
Analyse angeregten unbewussten Gedanken- oder Gemütserregung. Übersetzt 
man dann dieses Symptom vor dem Patienten aus der symbolischen in 
die Begriffssprache, so kann es vorkommen, dass der Patient, auch 
wenn er von diesem Mechanismus vorher keine Ahnung 
hatte, sofort unter den Anzeichen grosser Verwunderung erklärt, dass 
jener sensorische oder motorische Reiz- oder lähmungsartige Zustand 
ebenso plötzlich verschwand, wie er gekommen ist. Die Beobachtung des 
Patienten zeigt in nicht missverständlicher Weise, dass das Symptom nur 
aufhört, wenn der Patient unsere Erklärung nicht nur verstanden, sondern 
als richtig erkannt hat. Sehr oft verrät der Patient dabei sein „Ertappt- 
werden" durch Lächeln, Lachen, Erröten oder irgend ein sonstiges Zeichen 
der Verlegenheit; nicht selten bestätigt er selber die Richtigkeit unserer 
Vermutung oder bringt sofort Erinnerungen aus seiner Vergangenheit, die 
unsere Annahme bekräftigen. 

Einen der Träume einer hysterischen Patientin mussie ich als eine 
Wunschphantasie deuten; ich sage ihr, dieser Traum verrate, dass sie 
mit ihrer Lage unzufrieden, sich einen gebildeteren, liebenswürdigeren 
Mann von angesehenerer Stellung, besonders aber für sich schönere Kleider 
wünscht. In diesem Augenblick wird die Aufmerksamkeit der Patientin 
durch einen plötzlich auftretenden Zahnschmerz von der Analyse 
abgelenkt. Sie bittet mich, ich soll ihr dagegen irgend ein schmerzlinderndes 
Mittel oder zumindest ein Glas Wasser verabreichen. Statt dieser Auf- 
forderung Folge zu leisten, erkläre ich der Patientin, dass sie mit diesem 
Zahnschmerz vielleicht nur die ungarische Redensart „Es tut mir nach 
diesen guten Dingen der Zahn weh" bildlich ausdrücken wolle. 
Ich sagte das durchaus nicht in zuversichtlichem Tone, auch wusste sie 
gar nicht, dass ich von dieser Mitteilung das Aufhören des Schmerzes 
erwarte. Und doch erklärte sie im selben Augenblick ganz von selbst 
und sehr verwundert, dass der Zahnschmerz plötzlich aufgehört habe. 

Die nachträgliche Befragung der Patientin stellte fest, dass sie das 
Bestreben hatte, sich selbst gegenüber die missliche Lage der unter ihrem 
Stand verheirateten Frau abzuleugnen. Die Deutung des Traumes legte 
aber ihre unerfüllten Wünsche in einer Weise klar, dass sie sich der 
Richtigkeit dieser Enthüllung nicht ganz entziehen konnte. Immerhin gelang 
es ihr noch, im letzten (richtiger: im vorletzten) Augenblick die Unlust- 
zensur walten zu lassen und die Anerkennung meiner Deutung durch die 
Brücke der Assoziation: „Der Zahn tut mir danach weh" in die Körper- 
fühlsphäre zu drängen und so die schmerzliche Einsicht in Zahnschmerz 
zu verwandeln. — Die unbewusste Verwendung dieser landläufigen Redens- 
art war vielleicht die letzte, aber nicht die einzige Bedingung der Symptom- 
bildung. Besitzt doch der psychische Raum, ebenso wie der physische, 
mehrere Dimensionen, daher lässt sich darin der Ort eines Punktes nur 
mittelst mehrerer Koordinatenachsen genau bestimmen. In die Sprache 
der Psychoanalyse übersetzt heisst das : jedes Symptom ist überdeterminiert. 
Die Patientin kämpfte seit Kindheit mit ihrer ungewöhnlich starken Mastur- 



590 Dr. S. Forenczi, 

bationsneigung, — für Masturbanten sind aber Zähne von besonderer 
symbolischer Bedeutsamkeit; auch das Moment des körperlichen Ent- 
gegenkommens ist in solchen Füllen immer zu berücksichtigen. 

Ein anderes Mal bringt dieselbe Patientin ihre verdrängten infantil- 
erotischen Phantasien in Form einer an den Arzt gerichteten Liebes- 
erklärung zum Ausdruck und erhält als Antwort — statt der erhofften 
Erwiderung — die Aufklärung über den Übertragungscharakter dieser 
Gefühlsanwandlung. Unmittelbar darauf bekommt die Patientin eine merk- 
würdige Parästhesie auf der Zungenschleimhaut; sie ruft: „Die Zunge 
ist mir plötzlich wie abgebrüht." Meine Erklärung, dass sie mit dem 
Worte „abgebrüht" nur ihre Enttäuschung über die abgewiesene Liebes- 
werbung ausdrücken wolle, will sie zunächst nicht akzeptieren, doch das 
plötzliche und sie höchlichst überraschende Verschwinden der Parästhesie 
nach meiner Aufklärung stimmt sie nachdenklich und sie gibt allsogleich 
zu, dass ich mit meiner Vermutung recht behalten dürfte. Auch in 
diesem Falle war die Bevorzugung der Zunge als Schauplatz der Symptom- 
bildung durch mehrere Bedingungen determiniert, deren Analyse ilas Ein- 
dringen in tiefere Schichten unbewusster Komplexanteile ermöglichte. 

Ungemein häufig drücken Patienten ein plötzlich auftretendes 
seelisches Leid durch passagere Herzschmerzen aus, das Gefühl der 
Erbitterung durch ein bitteres Gefühl auf der Zunge, Sorgen durch plötz- 
lich auftretenden Kopfdruck. Ein Neurotikor sagt mir seine gegen mich 
(richtiger: gegen seinen Vater) gerichteten aggressiven Absichten gewöhn- 
lich in Form von Empfindungen, die er an jenen Körpcrstcllen vorspürt, 
an denen sein Unbewusstes mich verletzen möchte: das Gefühl, als 
ob er plötzlich einen Schlag auf den Kopf erlitten hätte, entpuppte sich 
als Totschlagsabsicht, ein Stich in der Herzgegend als die Absicht des 
Erstechens. (Er ist im Bewussten Masochist und seine iggressiven 
Phantasien können nur in Form der selbstverbüssten Ta 1 i o n - Strafe 
[Aug' um Aug', Zahn um ZahnJ ins Bewusstsein vordringen.) Ein Patient 
bekam regelmässig ein eigenartiges Schwindelgefühl, sobald wir auf 
Dinge zu sprechen kamen, die sein mangelhaftes Selbstvertrauen allzu 
stark in Anspruch nahmen. Die Analyse führte zu infantilen Erlebnissen, 
bei denen er in ziemlich bedeutender Höhe sich so hilflos vorkam, dass 
er schwindlig wurde. Plötzlich auftretende Hitze- oder Kältc- 
empfindung mag analog benannte Gemütsbewegungen beim Patienten 
bedeuten oder konvertiert die Idee darstellen, dass der Patient beim Arzte 
solche Gefühle vermutet. 

Eine „fürchterliche Schläfrigkeit" überkam eine Patientin jedesmal, 
wenn sie der ihr unangenehm werdenden Analyse auf kurzem Wege ent- 
kommen wollte. Eine andere wollte damit ihre unbewussten erotischen 
Phantasien andeuten, die an diesen Schlafzustand assoziiert waren; sie 
gehörte zu jenen Personen, die sexuelle Phantasien nur ohne allen Selbst- 
vorwurf, d. h. nur in Form der erlittenen Notzucht ertragen können. 

Auch im Gebiete der Motilität kann man solche passagere Kon- 
versionen — wenn auch viel seltener — beobachten. Ich meine 
damit nicht die „Symptomhandlungen" im Sinne von Freud's Alltags- 
Psychopathologie, die höher zusammengesetzte koordinierte Handlungen 
sind, sondern isolierte, mitunter schmerzhafte Krämpfe in einzelnen 
Muskeln oder plötzlich einsetzende lähmungsartige Schwächezuständc in 
denselben. 



Über paseagere Symptombildungen während der Analyse. 591 

Ein Neurotiker, der durchaus homosexuell bleiben und der sich 
mächtig vordrängenden heterosexuellen Erotik auf alle mögliche Art ent- 
fliehen will, bekam jedesmal einen Krampf im linken Unter- 
schenkel, wenn es ihm während der Analyse gelang, Phantasien, die 
Erektion hervorzurufen drohten, zu unterdrücken. Die symbolische Identi- 
fizierung „Bein = Penis, Krampf = Erektion" fand der Patient selbst 
heraus. Einziehung der Bauchwand mit oder ohne das Gefühl der Retrak- 
tion des Penis stellte sich bei einem Patienten jedesmal ein, wenn er sich 
dem Arzte gegenüber mehr Freiheiten herausnahm, als ihm sein infantil 
eingeschüchtertes Unbewusstes gestatten wollte. Der Krampf war nach 
dem Ergebnisse der Analyse eine Schutzmassregel gegen die befürchtete 
Strafe — die Kastration. Nicht selten lässt sich das krampfhafte Ballen 
der Faust als Angriffsneigung, eine Kontraktur der Kaumuskeln als Nicht- 
sprechen oder als Beissenwollen demaskieren. 

Vorübergehende Schwächezustände der ganzen Muskulatur oder ge- 
wisser Muskelgruppen lassen sich manchmal als Symptome der moralischen 
Schwäche oder des Nichtwollens irgend einer Handlung erklären. Der 
Kampf zwischen zwei gleich starken Tendenzen kann sich wiederum 
— wie im Traum — in einem Gehemmtsein gewisser Bewegungen äussern. 

Bei der Analyse solcher flüchtiger Konversionssymptome erfährt 
man zumeist, dass ähnliches im Leben der Patienten schon vorgekommen 
ist; man muss dann nach den Anlässen forschen, durch die sie seiner- 
zeit hervorgerufen wurden. Es kommen aber auch flüchtige Symptome 
vor, die dem Patienten ganz neuartig erscheinen und die er vor der 
Analyse nicht erlebt haben will; auch in solchen Fällen bleibt es allerdings 
zumeist unentschieden, ob sie nicht nur der vor der Analyse noch minder 
geschulten Introspektion des Kranken entgangen sind. Von vornherein 
ist aber die Möglichkeit nicht von der Hand zu weisen, dass die Analyse, 
indein sie in sehr unlustvolle Schichten der Seele vordringt und deren 
scheinbare Ruhe stört, die Patienten zwingen kann, auch ganz neue 
Svniptoinhildungs-Mögliehkoiten in Anspruch zu nehmen. Im gewöhnlichen 
Loben oder bei der nichtanalytischen Behandlung hätte eben die Ge- 
danken-Verknüpfung recht weit von den unlustvollen Bezirken Halt ge- 
macht. 

Auch flüchtige Z w an g s e r s c h o i n u n g e n können in der Kur 
/.um Vorschein kommen. Etwas der Zwangsvorstellung Ähnliches steckt 
eigentlich in jedem noch so sinnlosen Einfall, der sinnvolle aber ver- 
drängte Vorstellungen im Bewussten substituiert. („Ersatz-Einfälle" nach 
Freud.) Es kommt aher manchmal zur Produktion anscheinend unsinniger 
Vorstellungen von wirklichem Zwangscharakter, die also das Denken des 
Patienten förmlich obsedieren und nur der analytischen Aufklärung weichen. 
Ein zwangsneurotischer Patient z. B. unterbricht die freie Assoziation ur- 
plötzlich mit dein Einfall: er verstehe nicht, warum das Wort Kenster 
gerade ein Fenster bedeute; warum die Buchstaben F-e-n-s-t-o-r, die doch 
nur sinnlose Geräusche und Töne sind, einen leibhaftigen Gegenstand be- 
deuten sollen. Der Versuch, ihn zum weiteren Assoziieren zu bringen, 
misslingt: die Idee der Bedeutung des Wortes Fenster beherrscht den 
Patienten so stark, dass er keinen neuen Einfall mehr hervorbringen kann. 
Ich lasse mich eine Weile vom intelligenten Patienten täuschen, gehe 
auf seine Idee ein und spreche etwas über die Theorien der Sprach- 
bildung. Doch bald sehe ich ein, dass dem Patienten nichts an der Er- 



592 Dr - s - Ferenczi, 

klärung gelegen ist, die Vorstellung bleibt weiter zwanghaft haften. Da fällt 
es mir ein, dass das ein Stück Widerstand sein könnte, und sinne nach, wo- 
durch es wohl ausgelöst worden sein mag. Ich denke nach, was diesem 
Zwangseinfall in der Analyse vorausging, und erinnere mich, dass ich dem 
Patienten unmittelbar vor jenem Einfall die Bedeutung eines Symbols er- 
klärte und er mit einem gefälligen „Ja" meine Erklärung anzunehmen 
schien. Nun gebe ich meiner Vermutung Ausdruck, dass der Patient 
jene Erklärung eigentlich nicht gutheissen konnte, den Widerspruch da- 
gegen aber verdrängte. In jenem Zwangseinfall, „warum die Buchstaben 
F-e-n-s-t-e-r gerade ein Fenster bedeuten", kehrte dann der verdrängte Un- 
glaube in verschobener Weise wieder. Es sollte eigentlich heissen : „warum 
bedeutet jenes vorher erklärte Symbol gerade jenen Gegenstand". 
Mit dieser Erklärung war die Störung beseitigt. 

Der indirekte Widerspruch, der sich hier als Zwangserschei- 
nung ganz unbewusst bildet, hat seine Quelle offenbar in ähnlichen 
bewussten Reaktionen kleiner Kinder, die durch ihren Mangel an 
Mut und Selbstvertrauen zu dieser mittelbaren Sprache gezwungen sind, 
wenn sie einem Erwachsenen widersprechen möchten 1 ). 

Ein anderer Zwangsneurotiker gab seinen Unglauben auf andere 
Art zu erkennen. Er fing an, Fremdwörter, die ich gebrauchte, nicht zu 
verstehen, dann — als ich ihm die Fremdwörter eine Weile getreulich 
übersetzte — behauptete er, dass er nunmehr auch die Muttersprache 
nicht verstehe. Er geberdete sich förmlich wie blöde. Da erklärte ich 
ihm, dass er mit seinem Unverständnis unbewusst seinem Unglauben 
Ausdruck gibt. Eigentlich wolle er mich (meine Ausführungen) ver- 
höhnen, verdränge aber diese Neigung und stelle sich blöde, als wollte 
er sagen: wenn ich diesen Unsinn anerkenne, bin ich ein Narr. Von da 
an verstand er meine Erklärungen vorzüglich 2 ). 

Einem dritten Neurotiker fiel merkwürdigerweise zwanghaft die 
slavische Bezeichnung des Wortes Arzt („Lekar") ein. Der Zwang rührte 
vo.n deutschen Homonym dieses Wortbildes her, einem Schimpfwort, den 
der ethisch hochstehende Mann nur indirekt verlautbaren konnte. 

In seltenen Ausnahmefällen kommt es zum Hervorbringen echter 
Halluzinationen in der Analysenstunde. (Viel häufiger natürlich 
zu Erinnerungen von besonderer Klarheit und Gegenwärtigkeit, denen 
gegenüber aber der Patient sich immerhin noch objektiv verhalten, d. h. 
deren Unwirklichkeit er richtig bewerten kann.) 

Eine meiner Patientinnen zeigte eine besondere Fähigkeit zu Hallu- 
zinationen, deren sie sich stets bediente, wenn die Analyse auf gewisse 
ihr besonders unlustvolle Dinge stiess. In solchen Fällen pflegte sie den 



1 ) Ich sagte einmal einem 5jährigen Knaben, er brauche sich vor dem Löwen 
nicht zu fürchten; der Lowe laufe davon, wenn er ihm nur fest in die Augen sehe. 
r ll))(l nicht wahr, auch das Lamm kann einmal den Wolf auffressen', war seine 
nächste Frage. „Du hast meine Erzählung vom Löwen wohl nicht geglaubt", sage 
ich darauf. .Nein, wirklich nicht, — aber bitte, sind Sie mir darum nicht böse', 
antwortete der kleine Diplomat. 

*) Analytische Erfahrungen machen es höchst wahrscheinlich, dass manche 
intelligente Kinder vor dem Verdrängungsschube der Latenzzeit, bevor sie die „grosse 
Einschüchterung" durchgemacht haben, die Erwachsenen für gefährliche Narren halten, 
denen man die Wahrheit nicht ohne die Gefahr, dafür bestraft zu werden, sagen 
kann, auf deren Inkonsequenzen und Narrheiten man also Rücksicht nehmen muss. 
Die Kinder haben damit nicht so ganz unrecht. 



Über passagere Symptombildungen während der Analyse. 593 

Faden der freien Assoziation plötzlich fallen zu lassen und produzierte 
statt solcher echte Halluzinationen ängstlichen Inhalts: sie sprang auf, 
verkroch sich in einem Winkel des Zimmers, machte unter den Anzeichen 
heftiger Angst krampfhafte Abwehr- und Schutzwehrbewegungen, um sich 
bald darauf zu beruhigen. Nachdem sie zur Besinnung kam, konnte sie 
mir den Inhalt der halluzinierten Vorgänge genau erzählen und es stellte 
sich dabei heraus, dass es in dramatisierter oder symbolisierter Form 
dargestellte Phantasien waren (Kämpfe mit wilden Tieren, Vergewaltigungs- 
szenen usw.), die an die der Halluzination unmittelbar vorausgegangenen 
Einfälle anknüpften und deren Analyse meist neues Erinnerungsmaterial 
zutage förderte und der Patientin grosse Erleichterung verschaffte. Die 
halluzinatorisch-symbolischc Darstellung war also nur das letzte Mittel, 
um dem Bewusstwerden gewisser Einsichten zu entgehen. Es war auch 
in diesem Falle schön zu beobachten, wie die Assoziationen sich einer 
bewussten Erkenntnis allmählich näherten, um im vorletzten Moment 
plötzlich auszugleiten und die Erregung auf die Sinnessphären regredieren 

zu lassen. 

Nicht selten treten vorübergehende illusionäre Täuschungen 
in der Analvsenstundc auf (besonders solche des Geruchssinnes). In einem 
Falle Hess sich eine illusionäre „Veränderung der Wahrnehmungs-Welt" 
in der Analyse feststellen. Ich bemühte mich gerade, einer Patientin ihre 
von der harzisstischen Fixierung herrührende übermässige Ambition klar- 
zumachen und sagte ihr, dass sie glücklicher sein könnte, wenn sie das 
einsehen, auf einen Teil der Geltungsphantasien verzichten und sich mit 
kleineren Erfolgen zufriedengeben könnte. In diesem Augenblick ruft sie 
mit strahlendem Gesicht: „Es ist wunderbar, jetzt sehe ich plötzlich alles, 
das Zimmer, den Bücherkasten so dinglich klar vor mir stehen, alles hat 
helle und natürliche Farben und ist im Raum so plastisch neben- und 
hintereinander." Bei näherer Befragung erfuhr ich von ihr, dass sie seit 
Jahren nicht so „dinglich" sehen konnte, sondern ihr die Aussenwclt 
matt und fahl und wie flüchenhaft erschien. Die Erklärung war die 
folgende: Als verzogenem Kinde wurde ihr die Befriedigung aller ihrer 
Wünsche gewährt; seitdem sie herangewachsen ist, nimmt die tückische 
Welt keine solche Rücksicht auf ihre Wunschphantasien und seitdem 
„gefällt ihr die Welt nicht"; sie projiziert dieses Gefühl ins Optische, 
indem sie seitdem die Welt in der beschriebenen Weise verändert sieht. 
Die ihr gestellte Aussicht, durch Verzichtleistung auf einen Teil der 
Wunscherfüllungen zu neuen Glücksmöglichkeiten gelangen zu können, 
wurde gleichfalls ins Optische projiziert und äusserte sich dort als Auf- 
hellung und dinglichere Wirklichkeit der Wahrnehmungswelt. Diese 
Schwankungen der optischen Erregbarkeit kann man als autosym- 
bolische Phänomene im Sinne Silberer's auffassen, als sym- 
bolische Selbstwahrnehmung psychischer Vorgänge von der „funktionalen 
Kategorie". In diesem Falle wäre es übrigens richtiger, von vorüber- 
gehenden; Symptomschwund als von flüchtiger Symptombildung zu 

sprechen. 

Flüchtige Charakter-Regressionen möchte ich ein 

während der Kur recht häufiges Vorkommnis nennen, dessen Wesen darin 
besteht, dass gewisse Charakterzüge vorübergehend ihrer Sublimierungen 
verlustig gehen und plötzlich auf jene primitiv-infantile Stufe des Trieb- 
lebens regredieren, aus der sie seinerzeit ihren Ursprung nahmen. 



594 Dr. S. Ferenczi, 

Nicht selten meldet sich /.. B. bei gewissen Patienten in der Analysen- 
stunde ein heftiger Harndrang. Manche halten mit der Entleerung bis 
zum Ablauf der Sitzung zurück, andere müssen aber urplötzlich aufstehen 
und zur Verrichtung dieser Notdurft — manchmal unter den Anzeichen 
von Angst — sich aus dein Zimmer entfernen. In Fällen, wo sich die 
natürliche Erklärung dieses Vorfalles ausschlicssen liess (und nur auf 
solche bezieht sich meine Mitteilung), konnte ich folgende psychische 
Entstehung des Entleerungskrampfes feststellen: Es waren stets sehr 
ambitiöse und eitle, ihre Eitelkeit aber auch vor sich selbst ableugnende 
Patienten, die sich durch das in der Analysenstunde hervorgebrachte 
psychische Material gerade in ihrem Ehrgeiz aufs empfindlichste ver- 
letzt und sich von dem Arzt gedeinütigt fühlten, ohne sich diese Ver- 
letzung ihres Ichs vollkommen bewusst gemacht, logisch verarbeitet und 
überwunden zu haben. 

Bei einem dieser Patienten war der Parallelismus zwischen dem 
mehr oder minder verletzenden Inhalt des analytischen Gespräches und 
dem Grade des Harndranges so bemerkbar, dass ich durch das Verweilen 
bei einem dem Patienten sichtlich unangenehmen Thema den Harndrang 
hervorrufen konnte. Die analytische Aussprache über dieses Thema kann 
diese „C h a r a k t e r - 11 e g r e s s i o n" wieder rückgängig machen oder 
deren Wiederauftreten hintanhalten. 

Ein solcher Vorfall lässt den von Freud festgestellten Vorgang der 
Regression gleichsam in flagranti beobachten. Er zeigt, dass ein sub- 
limierter Charakterzug im Falle der Versagung — die entsprechenden 
Fixierungsstellen in der psychischen Entwicklung vorausgesetzt — wirk- 
lich auf jene infantile Stufe zurückfallen kann, auf der die Befriedigung 
des noch nicht sublimierten Triebes auf keine Hindernisse stiess. Die 
Redensart „on revient toujours ä ses premiers amours" findet hier ihre 
psychologische Bestätigung; der in seinem Ehrgeiz Enttäuschte greift auf 
die autoerotische Grundlage dieser Leidenschaft zurück. 

Vorübergehende S tu hlbcsch werden (Diarrhöen, Verstopfungen) 
entpuppten sich in der Analyse oft als Regressionen des Analcharaklers. 
Eine Patientin bekam gegen Ende des Monats, wo sie ihren Eltern die 
vom Unbewussten nur ungerne hergegebene Unterstützungssuimne absenden 
musste, heftige Diarrhöen. Ein anderer entschädigte sich für das Honorar, 
indem er massenhaft Darmgase produzierte. 

Fühlt sich ein Patient vom Arzte lieblos behandelt, so greift er 
— bei entsprechender autoerotischer Fixierung — zur n a n i e. Er 
bringt in Form dieser Übertragung das Geständnis seiner Kindheits- 
niasturbation. Seinerzeit, als Kind, verzichtete er auf die Selbstbefriedigung 
nur, indem er dafür durch die Ohjektliebe entschädigt wurde (durch die 
Liebe der Eltern). Fühlt er sich in dieser Art Liebe enttäuscht, so wird er 
rückfällig. Auch Patienten, die sich nicht erinnern konnten je onaniert 
zu haben, können eines Tages bestürzt mit dein Geständnis in die Stunde 
kommen, dass sie plötzlich einem unwiderstehlichen Zwang zur Selbst- 
befriedigung gehorchen mussten. 

(Diese plötzlichen Regressionen zur analen, urethralen und genitalen 
Autoerotik geben auch die Erklärung dafür, warum in Angstzuständen 
[z. B. bei Prüfungsangst] die Disposition zur Betätigung dieser Erotismen 
so stark wird. Auch dass der Gehenkte in seiner furchtbaren Angst beide 
Schlicssmuskeln entspannt und dazu ejakuliert, dürfte nebst direkter 



Über pasaagere Symptombildungen wäbreud der Analyse. 595 

Nervenreizung auch durch eine letzte krampfhafte Regression auf die 
Lustquellen des Lebens zu erklären sein. Ich sah einmal, wie ein von 
heftigen Kopfschmerzen und Hautjucken geplagter 70 jähriger Nephritiker 
in seiner Verzweiflung Onaniebewegungen ausführte.) 

Bei männlichen Neurotikern können — wenn sie sich vom Arzt 
unfreundlich behandelt fühlen — homosexuelle Zwangsideen 
auftauchen, die sich oft auf die Person des Arztes beziehen. Ein beinahe 
experimentell zu nennender Beweis dafür, dass die Freundschaft im Wesen 
sublimierle Homosexualität ist und im Falle der Versagung auf diese 
primitive Stufe zu regredieren geneigt ist. 

Ausdrucksverschiebungen. Ich bemerkte bei einem Pa- 
tienten, dass er auffallend häufig gähnte. Es fiel mir dann auf, dass er 
gerade solche analytische Gespräche mit Gähnen begleitete, deren für 
ihn wichtiger wenn auch unlustvoller Inhalt viel eher Interesse als Lange- 
weile hervorzurufen geeignet war. Eine Patientin, die bald nachher in 
meine Behandlung trat, brachte mir dann, wie ich glaube, die Lösung 
dieser sonderbaren Erscheinung. Auch sie gähnte oft und zu unange- 
brachten Zeiten, aber bei ihr war das Gähnen manchmal von Träncn- 
fluss begleitet. Das brachte mich auf die Idee, dass diis Gähnen dieser 
Kranken ein entstelltes Seufzen sein könnte, und die Analyse brachte 
bei beiden die Bestätigung meiner Vermutung. Die Zensur bewirkte bei 
beiden die Verdrängung gewisser unlustvoller Gemütsbewegungen, du 
durch die Analyse geweckt worden sind (Schmerz, Trauer), vermochte 
aber nicht, die volle Unterdrückung, sondern nur eine Verschiebung 
der Ausdrucksbewegung zustande zu bringen, die immerhin bedeutend 
genug war, um den wirklichen Charakter jener Gemütsbewegung vor dem 
Bcwusstsein zu verdecken. Als ich dann — nach diesen Beobachtungen — 
meine Aufmerksamkeit auch bei anderen Patienten den Ausdrucksbcwi-- 
gungen zuwandte, stellte es sich heraus, dass es auch andere Formen 
von „Au s d r u ck sve r s chi ebu nge n" gibt. Ein Patient z. B. musste 
jedesmal husten, wenn er mir etwas verschweigen wollte; die be- 
absichtigte, dann unterdrückte Rede setzte sich doch noch als Husten 
durch. Wir sehen, die Verschiebung von einem Gemütsausdruck auf den 
anderen erfolgt längs der physiologischen Nachbarschaft (Gähnen — 
Seufzen; Heden — Husten). Der Husten kann übrigens auch Vertreter 
des bewusst oder unhewusst beabsichtigten und dann unterdrückten 
Lachens sein, wo dann der verschobene Ausdruck der Gemütsbewegung 

— wie beim echten hysterischen Symptom — auch die Strafe für 
die Lustbefriedigung mitenthält. — Neurotische Frauen hüsteln oft, 
wenn sie ärztlich untersucht, z. B. auskultiert werden; auch diesen 
Husten glaube ich als Verschiebung der durch unbewusste erotische 
Phantasien ausgelösten Lachbewegungen auffassen zu können. Dass 
ich in einem Falle auch den vorübergehend aufgetretenen Singultus 
als Stellvertreter eines verzweifelten Schluchzens entlarven konnte, 
wird nach dem Gesagten wohl nicht mehr überraschen. — Diese in 
der Analyse nur flüchtig auftretenden Symptome werfen übrigens auch 
auf die chronischen hysterischen Symptome dieser Art (Lachkrampf, Wein- 
krampf) ein Licht. Schier unglaublich — aber nichtsdestoweniger wahr 

— ist das Vorkommen einer „Ausdrucksverschiebung", auf die mich Prof. 
Freud aufmerksam machte. Manche Patienten produzieren ein Gurren 



596 Dr. S. Ferenczi, Über passagere Symptombildungen wahrend der Analyse. 

im Magen, wenn sie etwas verschwiegen haben. Die unterdrückte Rede 
setzt sich in Bauchreden um. 

Nebst dem zu Anfang gewürdigten didaktischen Wert für Ärzte und 
Patienten könnte diesen „passageren Symptombildungen" eine gewisse 
praktische und theoretische Bedeutung zukommen. Sie bieten uns An- 
griffspunkte zur Bekämpfung der stärksten, als Übertragung verkleideten 
Widerstände der Patienten und erlangen dadurch praktisch-technischen 
Wert für die Analyse. Und indem sie uns Gelegenheit bieten, Krankheits- 
symptome vor unseren Augen entstehen und vergehen zu sehen, werfen 
sie ein Licht auf die Art des Entstehens und des Vergehens neurotischer 
Erscheinungen überhaupt. Sie ermöglichen uns, von der Dynamik des 
Erkrankcns — wenigstens für manche Erkrankungsarten — theo- 
retische Vorstellungen zu bilden. 

Wir wissen von Freud, dass die Erkrankung an Neurose in drei 
Etappen vor sich geht: den Urgrund jeder Neurose macht die infantile 
Fixierung (eine Entwicklungsstörung der Libido) aus; die zweite Etappe 
ist die der Verdrängung, die noch symptomlos bleibt, — die dritte der 
Krankheitsausbruch: die Symptombildung. 

Die hier gesammelten Erfahrungen über „passagere Symptom- 
bildungen" machen es wahrscheinlich, dass — wie bei diesen „Neurosen 
en miniature" — so auch bei den grossen Neurosen es nur zur Bildung 
von Symptomen kommt, wenn verdrängte Komplexanteile auf innere oder 
äussere Anlässe hin mit dem Bewusstsein in assoziative Verbindung zu 
treten, d. h. bewusst zu werden drohen, und dadurch das Gleichgewicht 
einer früher stattgehabten Verdrängung gestört wird. Der über die Ruhe 
des Bewusstseins wachenden Unlustzensur gelingt es dann, gleichsam im 
vorletzten Augenblick die Erregung vom progredienten Wege, d. h. vom 
Wege zum Bewusstwerden, abzulenken und — da die Zurückdrängung in 
die alte Verdrängungssitutation nicht restlos gelingt — einen Teil der 
Erregung und der unbewussten psychischen Gebilde in den Symptomen 
doch zu einem wenn auch entstellten Ausdruck gelangen zu lassen. 



Mitteilungen. 



i. 



Aktuelle Sexualreginigen als Tranmanlässe. 

Von Otto Rank (Wien). 

Zu den interessanten Mitteilungen von Meisl und Bloch in Heft 2 
u. 5 des II. Jahrg. dieser Zeitschrift über Träume, welche in durchsichtiger 
Symbolik einen vorausgegangenen Coitus interruptus verraten und als 
deren Triebkraft sich das Stück bei dem inadäquaten Sexualakt unbe- 
friedigter Libido offenbart, möchte ich im folgenden einige Beispiele 
mitteilen, die zeigen, dass jede erregte, aber irgendwie unbefriedigt ge- 
bliebene Libido die Tendenz hat, sich im Traumleben durchzusetzen, 



Otto Rank, Aktuelle Sexualregnngen als Traumanlässe. 597 

dass ihr das aber nur in den sogenannten Pollutionsträumen gelingt, 
während in der Mehrzahl der Fälle die durch die vorausgegangene Ab- 
lenkung der Libido von ihrem realen Befriedigungsziel gestaute Sexual- 
energie sich nach dem Freud'schen Mechanismus in Angst verwandelt 1 ), 
welche Empfindung auch die Beispiele von M e i s 1 und Bloch in dem 
peinlichen Nicht-erreichen-können eines Zuges oder eines Tores verraten. 

I. Ein junger Ehemann will in sexueller Erregung den Geschlechts- 
akt mit seiner Frau ausführen, muss es aber mit Bücksicht ;iuf die un- 
erwartet eingetretene Menstruation der Frau unterlassen. Nachdem er 
den flüchtig aufsteigenden Gedanken, sich auf irgend eine andere Weise 
zu befriedigen, von sich gewiesen und die Frau auf eine leise An- 
spielung eines Fellatio-Wunsches sich ablehnend gezeigt hatte, schlafen 
beide ein. Jeder von ihnen hat nun einen auf dieses Erlebnis bezüg- 
lichen Traum und diese beiden in einer Nacht vorgefallenen Träume 
gehören inhaltlich so gut zusammen, als wären sie von derselben Person 
geträumt. Ihre Kenntnis verdanke ich nicht etwa einer besonderen Offen- 
herzigkeit des Ehemannes, sondern seiner Unkenntnis der Traumsymbolik, 
und die zum besseren Verständnis vorerwähnten sexuellen Vorfälle habe 
ich erst später ermittelt, um meine vermutete Deutung zu verifizieren. 

1. Der Traum des Mannes lautet: „Ich sollte abreisen und 
befand mich mit meiner Handtasche auf dem W e g z u m Bahn- 
hof in Köln. Ich ging über eine hohe, schmale Eisen brücke, 
wo das Gehen offenbar verboten war (wie ich glaube, weil dort die 
Züge fuhren), denn plötzlich hörte ich hinter mir die scheltenden und 
warnenden Bufc von Bahnbedicnstelen. Ich sah mich erschrocken 
um, ob nicht schon ein Zug hinter mir daher gebraust komme und ob- 
wohl ich keinen sah, lief ich doch so rasch ich konnte über die Brücke, 
einerseits um nicht überfahren zu werden, anderseits aus Furcht vor 
Bestrafung wegen Überschreitens der Gleise. Ich komme end- 
lich atemlos auf dem Bahnhof an, und sehe, dass ich bis zum Abgang 
des Zuges noch reichlich Zeit habe. Ich befand mich allerdings 
noch nicht auf dem eigentlichen Perron, der höher lag 
und fragte einen Bediensteten, wie ich da hinaufkäme. Er zeigte mir ein 
schief von oben nach unten gespanntes Seil, an das man sich mit 
den Händen anhängen musste und das einen in stetiger Aufwärtsbewegung 
nach oben beförderte (etwa wie ein Trottoir roulant). Da das Seil aber 
an der Stelle, wo ich stand, zu hoch war und ich es mit den Händen 
nicht erreichen konnte, warf ich bloss meinen Überrock 
darauf, um ihn so nach oben befördern zu lassen. Ich ging dann, 
nachdem ich meine Angst vor dem Versäumen des Zuges 
durch einen Blick auf meine Uhr beruhigt hatte, auf diesem unteren 
Vorperron auf und ab, plötzlich begleitet von einem grossen 
schönen Hunde (einem sog. Collie), der mir gleichsam vom Hause nach- 
gelaufen war. Nach einigen Promenaden bemerkte ich plötzlich 

i) Zur Parallelisierung von Angst- und Pollutionsträumen vgl. man meiue 
Ausführungen im Jahrb. für psa. Forschungen, Bd. II, 1910, S. 521. Dr. Eduard 
Hitschmann hatte die Liebenswürdigkeit mir dazu den Fall eines an Platzangst 
leidenden Patienten mitzuteilen, der häufig einen typischen Traum hatte, dessen 
Inhalt sein Leiden (Platzangstanfall) mit daran schliessender Pollution war. Im 
Verlaufe der analytischen Besserung träumte er von Prostituierten mit folgender 
Pollution. 



51)8 Otto Rank, 

zu meinem Schrecken, dass mein Koffer verschwunden war, 
den ich vorhin bei den Versuchen, das Seil zu erreichen, neben mich 
gestellt hatte. Ich forsche rings umher danach und plötzlich drängt 
sieli ein zerlumpter halbwüchsiger Bursche (Pülcher = Strolch) mit einem 
aufdringlichen Lächeln an mich heran, wie um meinen Verlust zu be- 
dauern und mir suchen zu helfen. Mit dem Gedanken, dass solche 
Leute sich zum Zwecke des Taschendiebstahls gerne an Reisende in 
zuvorkommender Weise heranmachen und dieser vielleicht gar der Dieb 
meines Koffers sein könnte, weise ich ihn von mir. Darauf zieht er 
seinen Revolver und feuert aus der Distanz von wenigen Schritten 
mehrere, icli glaube drei, Schüsse auf mich ab. Doch hatten 
die Kugeln überraschenderweise keine Wirkung. Ich stürze mich auf 
ihn, er flüchtet in eine kleine Kammer oder einen schmalen Gang, 
wo ich ihn endlich erwische und auf eine Art Schemel niederdrücke. 
Ich fasse ihn am Gelenk und suche ihm die Waffe zu entwinden, die 
er krampfhaft festhält. Kr rät mir, von ihm abzulassen, denn das Instru- 
ment sei imstande auf achtfache Art zu töten und che ich mich 
dessen versehe, entfährt ihm wirklich eine mit giftiger Flüssigkeit 
getränkte Spitze (nach Art einer Injektionsnadel) direkt mir in die 
Hand. Wie früher auf den Kugelregen, so achte ich auch jetzt nicht 
auf diese Verletzung und rufe um Hilfe und Polizei, die in Gestalt 
meines Onkels erscheint. Indem ich nun den Burschen festhalte, schraubt 
mein Onkel ihm das plötzlich an seiner Achsel (wie eine Kpaulettc) 
angewachsene Instrument ab, und nachdem er das darin be- 
findliche Gefäss an seine Nase geführt hat, erklärt er die Flüssig- 
keit für ein wirkliches starkes Gift. Der Junge erhebt sich, von mir 
nun wie zur Stütze festgehalten, und wankt an das Fenster, durch 
dessen Öffnung er ins Freie hinaus erbricht." 

Eine vollständige Deutung dieses hochkomplizierten Traumes konnte 
natürlich nicht durchgeführt werden, würde auch den Rahmen dieser 
kurzen Mitteilung- sprengen. Doch seien einige uns interessierende Punkte 
zum Verständnis des Traumes hervorgehoben. Der erste Einfall dos 
Träumers bezieht sich auf die Lokalisierung des Bahnhofs in Köln. 
Er hat diese Stadt tatsächlich vor nicht allzu langer Zeit auf der Hoch- 
zeitsreise in Gesellschaft seiner Frau besucht und dabei die impo- 
sante, direkt zum Bahnhof führende Rheinbrücke besichtigt, auf der — 
im Gegensatz zu seinem Traume — Fussgänger und Eisenbahnzüge fried- 
lich nebeneinander dahineilen. Auch der Eindruck von der Grösse dos 
Kölner Bahnhofes spiegelt sich im Traume wieder und auch in Wirk- 
lichkeit konnte sich unser Träumer nur durch wiederholtes Fragen in 
diesem Riesenbau zurechtfinden. Auch die mechanische Gepäcksbeförde- 
rung nach oben hatte er dort zum ersten Male gesehen, während die 
etagenmässige Anordnung in obere und untere Perrons dem Dresdener 
Bahnhof angehört, den er auf derselben Reise kennen gelernt hatte, 
von der das Ehepaar vor dem Schlafengehen gesprochen hatte. Unser 
Träumer versetzt sich also in die glückliche Zeit der Hochzeitsreise 
zurück, wo seine "Libido ungehemmte Befriedigungsmöglichkeiten hatte. 
Der Bahnhof dient natürlich dem „Verkehr" (vgl. Freuds Dora-Analyse) 
und die verschiedenen Hindernisse, die sich der glücklichen Abfahrt in 
den Weg stellen (Verbot der Gleisüberschreitung, Wegkommen dos 
Koffers = Vagina etc.), symbolisieren die von der Befriedigung abge- 



Aktuelle Sexualregungen ala Traumanlässe. 595? 

halteno Libido in ihrer Angstumwandlung. Charakteristisch ist jedoch 
für den Traum, dass der vom Träumer zurückgewiesene Gedanke an 
eine andere, nicht der Norm entsprechende Befriedigungsart, hier mehr- 
fach in deutlicher symbolischer Einkleidung auftritt. Ja, von dem selt- 
samen Revolver, der hier als unzweideutiges Penissymbol erscheint, heisst 
es geradezu, er sei imstande auf 8 fache Weise zu funktionieren. Was 
damit gemeint ist, lassen einige symbolisch eingekleidete Phantasien des 
Trauminhalts erkennen. Dass unter diesen Wünschen die Fellatio eine 
Rolle spielt, wissen wir bereits aus der Vorgeschichte und das Geständnis 
des Träumers, seine Frau habe einmal bei einem derartigen Versuche 
erbrochen, erklärt uns nicht nur dieses Detail des Traumes, sondern 
ist uns auch für das Verständnis des folgenden Traumes der Frau wert- 
voll. Weist das Erbrechen (Fellatio) von Seiten des Jungen einerseits auf 
den homosexuellen Ausweg hin, so soll es anderseits als ein Schwanger- 
schaflssymplom über den Verzicht auf den Geschlechtsverkehr hinweg- 
trösten. Die homosexuelle Neigung weist wieder auf den Koitus von rück- 
wärts hin, den der Träumer ebenso häufig ausübt wie den, wo die Frau 
oben ist. Das krampfhafte Halt e n des Revolvers sowie das Ausspritzen 
der Flüssigkeit in die Hand deuten auf die onanistische Befriedigung, an 
die der Träumer wohl zunächst gedacht haben wird, im positiven Sinne hin, 
wie das vergebliche Greifen nach dem dicken Seil die Abwehr gegen diese 
Neigung symbolisiert. Die Szene mit dem Hund, von dem sich der 
Träumer nach späterer Angabe aufs zärtlichste durch Umarmen und 
Küssen verabschiedete, deutet auf zoophile Neigungen hin. Am Abend 
hatte das kinderlose Ehepaar über die Anschaffung eines Hundes ge- 
sprochen, da beide aussergewöhnliche Tierfreunde sind. Der ,,Überrock"', 
der auf das „Seil" gehängt wird, mag darauf hindeuten, dass unser 
Mann vielleicht einen Moment lang daran gedacht hatte, den Geschlechts- 
verkehr trotz der Menstruation mit Kondom („Überzieher") auszuführen, 
wozu die spätere Angabe des Träumers von der plüschroten Farbe des 
Seiles passen würde. Die mehrmalige Wiederholung der Promenade (Auf- 
und Ab-Gehen) und die Repetierung der Schüsse verrät ein mehrmaliger 
Befriedigung fähiges Sexualbedürfnis, das unter den angedeuteten Arten 
der Befriedigung nicht bloss zu wählen, sondern ihre Aufeinanderfolge 
zu wünschen scheint. Diese Andeutungen werden dem psychoanalytisch 
geschulten Leser genügen, um zu erkennen, dass dieser Traum in einer 
Reihe aufeinanderfolgender Situationen irgend eine sexuelle Befriedigung 
anstrebt, dass aber anstatt der befreienden Pollution immer wieder im 
entscheidenden Moment die hemmende Angst auftaucht, die der von der 
realen Befriediguugsmöglichkeit abgelenkten Libido entspricht. 

2. Der Traum, den die, vermutlich gleichfalls erregte, aber von 
einer Fellatio abgestossene Frau in derselben Nacht hatte, lautet nach 
ihrer Niederschrift, die der Mann auf mein Ersuchen besorgen Hess, 
folgend ermassen : 

„Mein Mann hat aus einer Dachrinne junge Spatzen, die noch 
ganz nass waren, mit der Hand herausgeworfen und ich 
habe ihm gesagt, er soll das nicht tun. Mit einem von ihnen, 
der schon grösser war, habe ich mich gespielt; er ist mir 
auf die Hand geflogen und hat mich mit einem grossen 
Stachel, der wie ein Schwanz oder wie ein Schnabel war, 
in den Finger gestochen, so dass ich geschrien habe: Au, nicht I 

Zantralblatt fttr Paychoanalyae 11"/". 42 



600 Otto Rank, 

Das tut ja weh! — Dann hat mein Mann einen von den jungen Spatzen 
genommen und gesagt, man kann sie auch essen. Ich habe mich 
aber davor geekelt und erbrochen (in einer engen Gasse, wo man 
es unbemerkt tun konnte)." [Es folgte dann im Traume noch die Phantasie 
von einem jungen Manne, der so etwas nicht von ihr verlangen würde.] 
Die Deutlichkeit dieser Traumsprache 1 ), die durch einen Kommentar 
nur leiden könnte, gewinnt noch ein besonderes Interesse durch die 
Übereinstimmung in manchen Details mit dem Traum des Mannes, von 
denen das Erbrechen auf ein gemeinsames peinliches Erlebnis, das in 
den Finger stechen aber darauf hindeutet, dass doch gegenseitige oder 
autoerotische Manipulationen an den Genitalien vorgenommen worden 
sein dürften. 

II. Einen anderen Traum hatte mir derselbe Mann gelegentlich mit 
dem erstaunten Zusatz erzählt, dass er häufig gerade nach dem Ge- 
schlechtsverkehr eine Pollution habe, was mir auch von anderer Seite 
bereits bekannt war und auf ein Stück beim normalen Geschlechtsakt 
unbefriedigt, gebliebener (perverser) Libido schliessen lässt. Der Traum 
wird uns darum nicht nur für unsere Theorie der Traumangst, sondern 
auch als Bestätigung mancher „perverser" Gelüste bei unserem Träumer 
wertvoll, die wir aus dem ersten Traum nur erschliessen konnten. 

„Ich sehe im Traume ein (gewissermassen plastisches) liild, be- 
titelt: Der tote Lebende (oder „der lebende Leichnam" 8 )), auf welchem 

i) Natürlich hat die Träumerin selbst, wie ich durch Erkundigung feststellen 

5k M ■ i" e - i U " g V0,n S ' nn JeS Traumes > den sie sonst ka m» mitgeteilt hätte, 
Obwohl sich in einem aus anderer Zeit stammenden Traume eine solche Kenntnis — 
aber auch nur im Traumleben — zu verraten scheint. In einem Traume sieht sie 
einen glattrasierten Herrn, der sie an das Bild eines Schauspielers erinnert, mit ge- 
öitnetem Munde dastehen und sie „angaffen". „Da kommt eine Schwalbe geflogen, 
uie ihn zuerst mit dem Schnabel an die Lippen pickt, dann aber ganz in den Mund 
luneinniegt, den er schliesst und wie beim Kauen bewegt, so dass die Schwalbe mit 
oen ausserhalb gebliebenen Flügeln heftig schlägt. Ich dachte dabei i m Traum e 
an etwas Unanständiges." Auch hierin dürfte neben der Fellatio-Neigung 
eine Ablehnung derartiger Wünsche ihres Mannes enthalten sein, dem sie gleichsam 
zu verstehen geben will, er solle sich das von Männern machen lassen oder selbst 
machen, resp. es ihr zur Revanche machen und sich dazu glatt rasieren lassen. Im 
wachen fällt ihr dazu nur die Redensart ein, die von einem Menschen, der Vor- 
teile ohne Gegenleistung erstrebt, sagt, er glaube, es würden ihm die ge- 
ratenen iauben ms Maul fliegen, womit sie dem Mann das egoistische seines 
Uünschens zu verstehen gibt. 

A •• u e, " em dlitte n Traume endlich stellt sie in Anlehnung an die ihr bekannten 
geilugelten Fhalloi der Antike das ganze männliche Genitale (inklusive Hoden) in 
der Vogelsprache dar: „Es haben mich Löwen und Tiger, auch wilde Schweine 
verfolgt, die mich fressen oder mit mir verkehren wollten. Ich flüchtete, um mich 
zu retten; dann waren auch ein Paar von den Bestien schon eingesperrt. Dann 
kam ich über einen Bergesabhang auf einen Hof, wo ich Vögel herumfliegen sab. 
Doch hatte ich schon einen schönen kleinen weissen Vogel im Käfig einge- 
sperrt. Ich habe ihn herausgenommen, jedem gezeigt und gesagt, das ist mein 
eigener Vogel, denn ich schon lange eingesperrt habe. Von den herumfliegenden 
Vögeln sind dann zwei vom Dach heruntergefallen; ich habe sie aufgefangen, 
aber sie waren schon ganz hin; da habe ich sie gedrückt und sie sindwieder 
lebendig geworden. Sie waren zusammengewachsen und es sind mir 
an ihnen eigentlich nur die schön gefärbten Flügel aufgefallen." Dio letzten 
Details (zusammengewachsen und nur die Flügel im Gegensatz "zu dem andern ganzen 
Vogel) weisen, wenn noch ein Zweifel bleiben könnte, unzweideutig auf das sexuelle 
Vorbild dieses Symbols hin. 

ä) Ein kürzlich aus dem Nachlass Tolstoys veröffentlichtes Drama. 



Aktuelle Sexual regungen als Traumanase. 601 

sich zwei Menschen in merkwürdiger Stellung befanden, wie man sie 
oft auf erotischen Blättern japanischer Zeichner sieht. Doch wäre mir 
der Sinn des Bildes unverständlich geblieben, wenn nicht daneben, gleich- 
sam zur Erläuterung, ein zweites Bild (wie das erste auf dem Fuss- 
boden) gelegen wäre, worauf ein mit dem Anus mir zugekehrtes Weib 
und daneben an sie gedrückt und mit ihr verschlungen em Mann gekauert 
wären. Beim Anblick dieses Bildes dachte ich mir, jetzt verstehe ich 
auch das andere Bild, das eine Art Geschlechtsakt darstellen sollte. Ich 
sagte zu meinem daneben stehenden Freund J., der im Traume langes 
weibliches blondes Haar hatte, dass die eine Person auf dem Bilde 
(der Mann) tot sei, worauf er in schreckliches Schluchzen ausbrach 
darüber dass wir alle sterben müssen. Ich suchte ihn zu trösten, wobei 
ich ihm' einige Male sagte: Seien Sie doch ein Mannl Das krampf- 
hafte Schluchzen und die Todesangst fühlte ich aber bei dem unmittel- 
bar darauffolgenden Erwachen noch in mir selbst nachklingen. Ich 
merkte auch, dass mein Glied erigiert war und es kommt mir vor. 
als hätte ich eine Pollution gehabt." 

Da dieser Pollutionstraum auf einen vorausgegangenen Koitus folgte, 
so ist wahrscheinlich, dass irgendwelche libidinöse Regungen, die im 
Sexualakt unbefriedigt blieben, sich hier unter teilweiser Verwandlung 
in Angst, durchzusetzen suchen. Welcher Art diese Gelüste sein mögen, 
verrät uns die im ersten Traum bloss supponierte Stellung der Frau 
beim Coitus in more bestiarum sowie der „weibliche" Freund, dem 
darum die Ermunterung: Seien Sie doch ein Mann, in feiner 
Doppelsinnigkeit gilt. Erfahren wir ferner, dass der Mann diesem Gelüste, 
die Frau von rückwärts zu koitieren, in Wirklichkeit nicht gefolgt war, 
weil er nach seinen eigenen Worten nach dem ersten Koitus bereits 
ganz hin, wie tot", gewesen sei, so verstehen wir auch den Sinn des 
Titels- der tote Lebende (i. e. der schlaffe und erigierte Penis). Sehr 
hübsch werden in diesem Traume alle diese Regungen den Personen 
auf dem Bilde und dem Freunde zugeschrieben, während doch die Alfekte 
und die Sexualspannung, wie das Erwachen zeigt, den Träumer selbst 
übermässig belasten. Wir finden wieder den sexuellen, hier als Todes- 
angst verkleideten Verdrängungsaffekt zuerst an Stelle der Pollution, die 
schliesslich doch durchzubrechen scheint, oder wenigstens, wie die Erektion 
zeigt, intendiert worden war. Wir möchten darum vermuten, dass der 
Angstausbruch im Traume zeitlich mit dem Höhepunkt der Sexualerregung 
(Orgasmus?) zusammenfiel und dass die Angstempfindung deswegen dem 
homosexuellen Freunde angeheftet werden musste, um die von der Angst 
gehemmte Abfuhr der eigenen Sexualspannung in der Ejakulation zu 

ermöglichen. , 

Dass die aktuelle Sexualerregung in all diesen Fällen nur den 
Anlass zum Traume bietet, keineswegs aber seinen gesamten Inhalt er- 
schöpfend erklärt, vielmehr die unbefriedigte Libido auf infantile Lust- 
quellen zurückgreift, zeigt schon die Bevorzugung der verschiedenen ero- 
genen Zonen (Mund, Anus etc.) und der angestrebte Effekt, die Pollution, 
die ja eine exquisit autoerolische (i. e. infantile) Befriedigung darstellt. 

III. Schliesslich sei noch der Traum eines andern Mannes erwähnt, 
der zeigt, wie relativ weniger aber typischer Symbole sich die Sprache 
des Traumes zum Ausdruck der gleichen Regungen bedient. Der Träumer, 
ein Student, hatte sich lange um die Gunst einer Kollegin bemüht, 

42» 



602 Otto Rank, Aktuelle Sexualregungeu als Trauraanlässe. 

bis sie sich endlich dazu entschloss, ihn zu erhören. Er durfte sie nach 
Hause begleiten und war eben im Begriffe, den Koitus auszuführen, 
als er, aus ihm unerklärlichen psychischen Motiven, sich dazu unfähig 
fühlte. Er erzählte mir diesen Vorfall als interessanten Beitrag zur 
Sexualpsychologie und als ich ihn fragte, ob er vielleicht einen Traum 
anschliessend an dieses Ereignis gehabt hatte, bejahte et dies. Der 
Traum lautet: 

„Ich gehe mit der Dame in einer dunkeln und finstem entlegenen 
Gasse spazieren resp. ihrer Wohnung zu. Sie war aber höchst despektier- 
lich gekleidet, hatte vor allem keinen Hut, sondern nur ein Kopf- 
tuch (Shawl) umgebunden. Wir kommen in ihre Wohnung, müssen aber 
vor ihrer Z i in in e r t ü r e , von den Hausleuten angegafft, lange 
stehen, und können nicht hinein, weil ich ihren Schlüssel 
(den merkwürdigerweise ich hatte) nicht finden konnte. Da kommt 
das Dienstmädchen ärgerlich gegangen, sagt: „Es is ja eh offen" und 
stösst die Türe mit dem Ellenbogen auf, da sie in den Händen ein Ge- 
schirr voll Milch trug. Sie tritt dann mit uns ins Zimmer ein und 
während meine Begleiterin "sich zu entkleiden beginnt, erwache ich." 

Dass unser des Lateinischen kundige Träumer in Wirklichkeit ante 
portas stehen bleiben musste, scheint er noch bis in den Traum hinein 
zu bedauern, anderseits aber auch noch unter den gleichen Hemmungen 
zu stehen, die ihm im Traume noch die Pollution verwehren wie in der 
Realität die Ejakulation, und infolge deren er noch während der Ent- 
kleidung des Sexualobjektes erwacht. Der Traum verrät uns aber, welcher 
Art diese Hemmungen sind. Die Dame, die sich ihm hinzugeben beschloss, 
wird hier offenbar mit einer Prostituierten identifiziert, Nun hatte mich 
der Träumer früher einmal schon um Aufklärung seines Absehens vor 
1 restituierten angegangen, mit denen er einen Sexualakt nicht auszuführen 
imstande sei. Das gehe so weit, dass er selbst anderen Mädchen gegenüber, 
wenn sie seinem Begehren zu bald nachgaben, die gleiche Hemmung habe, 
indem er sich sage, sie seien auch nicht, besser als Prostituierte. Das 
gleiche muss er nun offenbar auch bei der cimlich erfolgten Hingabe der 
Dame empfunden haben, die ihn zwar lange hatte werben lassen, die ab^-r 
mit ihrer endlichen Nachgiebigkeit doch für ihn von der verehrten und ge- 
schätzten Kollegin zum gewöhnliehen Weib (Kopftuch. Dialekt) herabge- 
sunken war. Dass diese Prostituiertenscheu selbst tiefere psychosexuello 
Orunde hat, ist ja den meisten Lesern dieser Zeilen geläufig." Das Nieht- 
hinemkönricn in eine Türe findet sich auch in dem von Dr. Bloch mit- 
geteilten Traume, und als Sexualvcrbot sehr häufig in den Märchen (Maricn- 
kinU, I- itehers Vogel), die übrigens auch die männliche Svmbolik des 
Schlüssels kennen. In einer Variante des Märchens: Der Kimig vom goldnen 
Berg (Grimm's Anmerkung zu Nr. 92) kommt der erste verschollen ge- 
wesene Gatte der Königin eben nach Hause zurück, als seine ungetreue 
Frau sich aufs neue mit einem Königssohn verheiraten will. Der erste 
Gatte rät ihr aber heimlich, „dem Königssohn zu sagen, wenn man den 
alten Schlüssel wieder gefunden, bedürfe man des neuen nicht" 
(Grimm's Märchen, Reclam, Bd. III, S. 181).. 



Frau Dr. H. Hellmuth, .Versprechen" eines kleinen Schuljungen. 603 

IL 

„Versprechen" eines kleinen Schuljungen. 

Von Frau Dr. H. Hellmuth, Wien. 

Der G 1 /., jährige Sohn einer mir bekannten Dame wiederholt zu 
Hause die in "der Religionsstunde gehorte Erzählung von Adam und 
Eva und von dem ersten Sündenfall. Von seiner Mutter durch 
Fragen unterstützt, berichtet er, dass das erste Menschenpaar in — 
Paris wohnte. Auf den Irrtum aufmerksam gemacht, korrigiert der 
Knabe selbst sein Versprechen in „Paradies", rasch beifügend, „ja, ja, in 
einem grossen, grossen Garten, so gross wie der im vorigen Jahr in S." 
(dem vorjährigen Sommeraufenthalt des Kindes). 

Diese Wortverwechslung, die ihren scheinbaren Grund bloss im 
Auslassen einer Silbe hatte, birgt einen tieferen Sinn. Die Mutter des 
kleinen Ernst hat die Gewohnheit ihrer eigenen Kindheit, das Klosett als 
„Paris" zu bezeichnen, mit in ihre Ehe genommen und natürlich auch dem 
Kinde gegenüber diesen Ausdruck oft gebraucht. Dieser Ort aber war ihm 
von jeher besonders interessant und gern hätte er die Mutter dorthin 
begleitet; zumindest stellte er sich trotz Verbotes jedesmal als Wächter 
und Horcher knapp an der Tür auf. Solch ein verbotenes Tun schreibt 
mm sein naiver Sinn wohl Adam und Eva zu und lässt sie deshalb in 
Paris wohnen. Auch der grosse, grosse Garten, der die Brücke zum 
richtigen Worte bildete, hat seine Bedeutung in Ernstls Erinnerungen. Zu 
dem Landhause, das er mit seinen Eltern während mehrerer Sommer 
bewohnte, gehörte ein ausgedehntes Stück Wiesen- und Gartenland, das 
der Junge nicht nur selbst oft als „Paris" benutzte, sondern in dem er 
mit Leidenschaft den Spuren der Enten und Gänse und des Haushundes 
nachforschte, mit dem Rufe „da ist eine Ente (Gans, der Hund) in Paris 
gewesen"; den Schweinestall nannte er „Sc h wei ndel - Pa r is". Auch 
wurde ein Scherzwort des Vaters, der einmal des Knaben Exkremente als 
„Pariser-Stangerln" (nach einer in Wien bekannten Näscherei) bezeichnet 
hatte, schliesslich zu einer ständigen Redensart in Ernstls Kinderstube. 

So zeigt sich, wie eine scheinbare sprachliche Unbeholfenheit der 
Kinder schon einer Absicht des Unbewussten nicht entbehrt und durchaus 
nicht immer als Folge überstürzten Redens aufzufassen ist. 

Einen anderen Fall von „Versprechen" eines Kindes berichtet 
das Ehepaar E. und G. S e u p i n in „B u b i im vierten bi s s e c h s t o n 
Lebensjahre": 

Ihr 4V 4 jähriges Söhnchen Ernst Wolfgang wird vom Vater unter- 
wiesen, der Mutter zum Geburtstage zu gratulieren und ihr eine Tüte 
mit Konfekt zu überreichen mit den Worten: „Ich gratuliere zum Geburts- 
tag, und das hier sollst du ganz alleine essen." Bubi kommt mit strahlen- 
dem Lächeln zur Mutter: „Mamale, ich grat'lier szum Geburtstag, und 
der Papa hat gesagt, das soll *ch ganz alleine essen." 

Die Autoren des Tagebuchs, das in erquickendem Gegensatz zu den 
zahlreichen anderen Abhandlungen über die Ent Wickelung der 
Kindesseele mit entzückender Feinfühligkeit und Offenheit geschrieben 
ist, fügen diesem Versprechen des kleinen Egoisten bei, wie schwer es 
fiel, ihn davon zu überzeugen, dass die Tüte für die Mutter und nicht für 
ihn bestimmt war. 



604 Dr. Josef K. Friedjung, Ein Beispiel einer kindlichen Phobie. 

Da Bubi die Worte gewiss mehrmals wiederholen musste, ehe er 
zur Mutter ging, so dürfte das Versprechen doch ein absichtliches, nicht 
aber die Folge eines wirklichen Missverständnisses gewesen sein. Gerade 
die Einschiebung des Satzes „und der Papa hat gesagt" zeigt die Arbeit 
des Unbewussten, das dann auch richtig die Personsbestimmung zugunsten 
des Kinde3 ändert. 



III. 

Ein Beispiel einer kindliehen Phobie. 

Von Dr. Josef K. Friedjung:, Wien. 

Julie G., das einzige Kind eines sehr stattlichen Ehepaares, gegen- 
wärtig 7 Jahre alt, ein körperlich und geistig ungewöhnlich gut entwickeltes 
Mädchen, steht wegen einer Vulva-Vaginitis gonorrh., die es durch eine 
Nachlässigkeit erworben hat, in meiner Behandlung. Sie erkrankt an 
einer Angina, und als ich bei meiner ersten aus diesem Grunde vor- 
genommenen Untersuchung, der der Vater allein beiwohnt, auch das 
Genitale kontrollieren will, verlangt sie die Entfernung des Vaters, während 
sie mir gegenüber keinerlei Schamhaftigkeit verrät. — Am nächsten Tage 
berichtet mir die Mutter, die diesmal bei der Untersuchung, auch wieder 
allein, zugegen ist, zum Schlüsse mit der Einleitung etwa: „Julchen, ich 
muss es doch sagen — " unter dem Proteste und heftigem Erröten des 
Kindes zögernd ungefähr folgendes: Julie hat seit etwa einer Woche täg- 
lich, wenn es abends dunkel wird, sonderbare Angstzustände. Die Mutter, 
die ein Geschäft leitet, kehrt gewöhnlich gegen 8 Uhr heim; aber schon 
um 6 Uhr beginnt das Kind zu weinen und äussert die Befürchtung, die 
Mutter werde nicht heimkommen, sondern verunglücken, von der Elektri- 
schen oder einem Wagen überfahren werden, und lässt sich dann kaum 
beruhigen. Erst wenn die Mutter da ist, gibt sich das Mädchen zufrieden. 
Ich wünsche die Mutter allein zu sprechen und sage ihr, da ich nur 
wenig Zeit habe, ohne weitere F.rläutcrung, ich vermute, das Kind sei 
auf sie eifersüchtig. Sehr erstaunt bestätigt das die Mutter und erzählt, 
schon längere Zeit habe sie mit ihrem Gatten vereinbart, sie nicht mehr 
in Gegenwart Juliens zu küssen, da das Kind sich darüber jedesmal ge- 
ärgert habe; ja, nicht einmal Blumen dürfe ihr der Mann bringen: das 
sonst gutartige Kind erbose sich darüber und verlange die Blumen für 
sich. — Auch herabzusetzen sucht die Kleine ihre „Nebenbuhlerin". Vor 
kurzem sagte sie zum Vater etwa so: „Die Mutter hat mich ja lieber als 
dich. Wenn du auch mit ihr öfters leise sprichst, was ich nicht hören 
soll, sie hat dich doch nicht so lieb wie mich." („Wie ich" wäre wohl 
deutlicher gewesen, wurde aber wahrscheinlich vermieden, weil es der 
wahren Tendenz zu un verhüllt gedient hätte.) — 

Auch ohne Analyse liegt der Fall recht durchsichtig: Das Kind ist 
in den Vater „verliebt" (siehe Schamhaftigkeit!). Daraus entspringen feind- 
selige Impulse gegen die glücklichere Nebenbuhlerin, die Mutter (Eifer- 
sucht). Sie wünscht den Tod der Mutter, dieser Wunsch wird aber von 
dem geistig sehr reifen Kinde als bewusstseinsunfähig verdrängt und 



Margaretha Petersen, Harnerotik einer Greisin. 

bricht sich als Angstanfall („die Mutter könnte verunglücken") Bahn. Der 
Fall ist einfacher als der des „kleinen Hans" 1 ) und scheint mir gleich 
diesem eine gute Bestätigung der Aufstellungen Freud's und der Kom- 
plexlehre. 



IV. 
Harnerotik einer Greisin. 

Von Margarethe Petersen, Kopenhagen. 

Eine 77 jährige Dame meiner Bekanntschaft hat einige Symptom- 
handlungen, die verdienen, geschildert zu werden, da sie uns beweisen, 
wie recht S tekel hat, wenn er in „Keuschheit und Gesundheit" behauptet, 
das Sexualleben des Menschen begönne am Tage der Geburt und schliesse 
mit dem Tode. 

Also die erwähnte hochbetagte Dame hat einige Gewohnheiten, die 
sie nicht ablegen kann, obwohl sie sich ihrer „schämt". Diese sogenannten 
Gewohnheiten sind wie die meisten dieser „schlechten Gewohnheiten" 
Zwangshandlungen. Sie sammelt Schalen von Früchten, am liebsten 
Orangenschalen und Apfelschalen in ihrem Nachttopfe. Auf diese Schalen 
uriniert sie. Es wäre ihr eine „Wonne", weil — jetzt kommt eine merk- 
würdige Rationalisierung — es so wunderbar dufte. Wenn sie sich keine 
Obstschalen verschaffen kann, so nimmt sie auch Erdäpfelschalen. Es 
müssen Schalen irgend einer Frucht sein. Obwohl sie auf dem tiefen 
Topfe sehr unbequem sitzt, geht sie sehr ungern auf den Abort. Sie geht 
manchmal in die Küche, dreht die Wasserleitung auf und lässt das Wasser 
ausströmen. Dabei uriniert sie mit grossem Genüsse. Sie erzählt, dass 
sie als schwangere Frau immer sofort urinieren musste, wenn sie ein 
Wasser strömen hörte. Wenn sie sich unbeobachtet wähnt, nimmt sie 
am Abend ihre Beinkleider, legt sie auf das Kopfkissen und schläft darauf. 
Vor dem Einschlafen steht sie beim Wechseln des Hemdes eine Weile 
nackend da und beobachtet kritisch ihre Beine. Sie war immer stolz auf 
die edle Bildung ihrer Beine und Füsse. Sie freut sich kindisch, dass die 
Glieder noch ihr schönes Ebenmass beibehalten haben. Als sie einmal 
geschwollene Beine hatte, war sie ganz unglücklich. Jeden Morgen — und 
da gibt es keine Ausnahme — spricht sie mit Wohlbehagen davon, dass 
ihre Beine noch so schön sind und dass die Schwellung verschwunden ist. 

In diesem Falle sehen wir als Regression (Freud) die infantile 
Urinerotik (Sadger) wieder auftauchen. Alle Zwangshandlungen erweisen 
sich als symbolischer Ersatz von Geschlechtsakten. Auch scheint sie 
einen Teil ihrer Libido aus dem stark betonten Narzissismus zu bewältigen. 



i) Freud, Jahrb. f. psychoanalyt. u. payehopatholog. Forschungen. Bd. 1. 



606 Margaretbe Petersen, Eine Bestätigung der „symbolischen Gleichungen. 

V. 
Eine Bestätigung der „symbolischen Gleichungen". 

Von Margaretbe Petersen, Kopenhagen. 

Stekel hat in seiner „Sprache des Traumes" bewiesen, dass Geld 
nach der symbolischen Gleichung nicht nur Stuhl, sondern auch Samen 
bedeutet. Ich bin in der Lage, diese Gleichung aus einer Beobachtung 
an einem achtjährigen Knaben zu bestätigen. Dieser Knabe erhielt im 
Garten seiner Eltern ein kleines Gärtlein zugeteilt, das er nach seinem 
Belieben verwenden durfte. Er hörte aus dem Gespräche seiner Eltern, 
dass ihnen ein Grundstück viel „Geld" eintrage. Da all sein Sinnen und 
Trachten sich auf das Gärtlein bezog, so wollte er auch aus seinem Be- 
sitze viel Geld herauszuschlagen. Gerade um diese Zeit hatte er den 
Gärtner um Samen gebeten. Der Gärtner machte sich den Spass und 
sagte: „Nimm einige Pfennige! Geld ist der beste Talersame!" A'un eilte 
der Knabe, täglich in den Garten, um nachzusehen, ob sein Geld noch 
nicht herausgekommen sei. Täglich erzählte er seiner Mutter voller Un- 
geduld, das Geld sei noch nicht herausgekommen. Die Eitern machten 
sich nun den Spass und streuten einige Pfennige auf das Gärtlein des 
Kindes. Als der Junge das Geld erblickte, schrie er vor Freude laut 
auf. — Einige Tage nachher kommt er mit einem glühenden Kopf zu seiner 
Mutter gerannt: „Mama, jetzt weiss ich auch, woher die Kinder kommen. 
Die wachsen auch in meinem Garten." Der Kleine gab der Mutter keine 
Ruhe, sie musste mit ihm in den Garten eilen. Dorteu wies der grosse 
Entdecker auf ein frisch in Spiralen aufwachsendes Farronkraut hin und 
schrie erregt: „Und da drinnen sitzt der Kopf! Siehst du ihn nicht, 
Mama? Ich sehe ihn ganz deutlich!" ■ 

Diese schöne Beobachtung zeigt uns, wie die kindliche Psyche alle 
Eindrücke der Natur zum Aufbau der „Infantilen Sexualtheorien" ver- 
wendet. 



VI. 

Zum Thema: Uhr und Zeit im Lehen der Neurotiker. 

Von H. Rorsehach, Münsterlingen. 

Im 5. Hefte dieses Jahrgangs behandelte Stekel die „Beziehungen 
des Neurotikers zur Zeit" und brachte im gleichen Hefte einen „Beitrag 
zur Uhrensymbolik". An diese Mitteilungen anschliessend, möchte ich 
einige erweiternde Beobachtungen wiedergeben. 

Bei der Traumdeutung treffen wir nicht eelten auf unbewusste Er- 
innerungen der Träumer an die Zeit, wo das Kind noch an der Brust 
der Mutter oder Amme getragen wurde. Wenn nun die Empfindung des 
Getragenwerdens so deutliche. Spuren in der Erinnerung zurücklässt, so 



H. Rorschach, Zum Thema: Uhr und Zeit im Leben der Neurotiker. (XJ7 

dass die Uhr zuweilen als Surrogat für Herz oder Brust der Mutter auf- 
treten kann. Mehrere allbekannte Beobachtungen Destätigen diese An- 
nahme. Man hört nicht selten von Personen, die nicht einschlafen können, 
wenn sie nicht eine tickende Uhr neben sich haben; manche müssen die 
Uhr sogar unter das Kopfkissen legen, um Ruhe zu finden. Oft «enug ist 
auch in der Kinderpraxis das Tick-tack der Uhr das einzige Mittel, durch 
das schreiende Kinder zu beruhigen sind. Sollte da nicht die unbewusste 
Erinnerung an den Herzschlag der Mutter zugrunde liegen, der sozusagen 
das erste Wiegenlied des Kindes darstellt? — In der Sammlung von Kinder- 
aussprüchen : „Von den Kleinen für die Grossen" *) findet sich direkt der 
Ausspruch: „Mama, du hast ja eine Uhr im Bauch!" 

Bei Neurotikcm findet man nicht selten ein auffallendes Interesse für 
Uhren, das zum Teil auf die Symbolik l.'hr = Lehen zurückgehl, zum andern 
Teil abei deutlich auf Herzsrhlagsymbolik beruht. Natürlich kann auch 
Uhr —■ Herz = Leben vorkommen. Ein Beispiel: Ein 24 jähriger Meuortikor 
zeigt ein besonderes Interesse für Uhren und Motoren. (Trotz Mangel an 
Befähigung hat er einen technischen Beruf gewählt.) Kr zeigt auch ein 
besonderes Interesse für die Fraucnhrust. Seine Mutter hat ihm über ein 
Jahr lang die Brust gereicht, ihn sonst, aher ganz der Kinderfrau über- 
lassen. Auch in späteren Jahren hat sie ihn meist Kinderfräuleins und 
Hausmeistern überlassen und sich nur vorübergehend mit ihm beschäftigt, 
bald um ihn zu bewundern, bald um ihn zu strafen. Kr wirft ihr bald 
Affenliebe, bald Grausamkeit vor. Er ist durch und durch Zweifler. — 
Der Patient hatte der Mutterbrust entwöhnt werden müssen, weil er an- 
gefangen hatte, „aus aller Kraft dreinzubeissen". .Mit etwa 4 Jahren trat 
nun bei ihm der eigentümliche Impuls auf, Uhren zu zerbeissen; er hatte 
es dabei besonders auf Damenuhren abgesehen und heute erinnert er sich 
vor allein noch lebhaft an das Vergnügen, das er empfand, als er die 
kostbare und ihm „sonst sehr gut gefallende" Uhr seiner Mutler zerbiss. 

.Mit wörtlicher Sicherheit war nun zwar die Gleichung Uhr = Brust = 
(Herz) nicht zu ermitteln, doch kann sie kaum zweifelhaft sein: Die 
sadistische Aktion, die in dein Zerbeissen der Uhr liegt, hat ihr Analogon 
nicht nur in dem lieissen in die mütterliche Brust, sondern auch in vielen 
Phantasien des Patienten, die teilweise aus früher Jugend stammen: In- 
quisitionsszenen, in denen Abhauen, Kneifen etc. der weiblichen Brüste 
die grösste Bolle spielen. Schliesslich hat auch das Entwenden «1er Uhr 
sein Analogon in einem Traumbild: Er stiehlt einem Bildhauer eine Marmor- 
platte, die ein Rechteck mit einem kleinen Halbkreis darüber darstellt. 
Der Bildhauer, ergab die Analyse, ist der Vater, die Platte stellt die Brust 
der Mutter dar. Bio .Mutter des Patienten scheint in dem Sohne diesen 
Maminarfetischisnuis gezüchtet zu haben; sie hat ihm auch öfters von 
Manimaablationcn etc. erzählt, sie ist selber stark sadistisch veranlagt. 
(Eigentümlicherweise hat sie ihrem Manne eine gleiche Marmorplatte, wie 
der Patient sie im Traume sah, auf den Grabstein setzen lassen.) 

Es ist also offenbar dieser sadistische Mammarfetischismus gewesen, 
der infolge der Substitution Brust = Herz = Uhr den 4 jährigen Neurotiker 
ein so lebhaftes „Vergnügen" darin finden liess, die Uhr seiner Mutter zu 
zerbeissen. 



i) „Von den Kleinen für die Grossen" und »Was Kinder sagen und fragen* 
Kir.deraussprllcbe. Verlag Piper, München. 



608 H. Rorechacb. Zum Thema: Uhr und Zeit im Leben der Neurotiker. 

Zum Thema: „Beziehungen des Neurotikers zur Zeit" gibt ein 
esthnisches Märchen: ..Der Tontlawald" x ), eine schöne Illustration; es 
beleuchtet besonders das ambivalente Verhalten dieser Beziehungen: 
einerseits den Wunsch, „die Eltern zu erreichen", schnell gross zu werden, 
um das Geschlechtsleben kennenzulernen, andererseits den Wunsch, 
nicht grösser werden zu müssen, um das Geschlechtsleben nicht kenaon 
lernen zu müssen; einerseits Scxualvcrlangcn, andererseits Sexual- 
ablehnung, -Verdrängung in ihrer Beziehung zur Zeit: Else, ein 7 jähriges 
Mädchen, das eine böse Stiefmutter hat, gerät in den verzauberten Tontla- 
wald. Es findet dort eine wunderschöne Landschaft mit lauter glücklichen 
Menschen, unter die es aufgenommen wird. Diese Menschen — es sind 
mit Ausnahme eines uralten Dieners nur Mädchen und Frauen genannt — 
werden nicht älter, sie bleiben immer gleich; die Kinder dieser 
Märchenlandschaft dürfen immer harmlose, unschuldige Kinder bleiben. 
Else verbringt hier 9 Jahre; sie aber ist ein gewöhnliches Wesen, sie 
muss grösser werden und wächst zur Jungfrau heran. 

Doch spielen in diesem Lande der Kindheit einige bemerkenswerte 
Episoden, die die andere Komponente, das Sexual verlangen, erkennen 
lassen und die Harmlosigkeit von Elses ewigem Kinderleben Lügen strafen. 
Zunächst, wie Else im Tontlawald aufgenommen wird, schickt man statt 
ihrer ein Abbild, „einen Prügelklotz", zu ihren Eltern. Dieses Abbild wird 
folgendermassen erzeugt: Der alte Diener macht aus Lehm eine Puppe, 
legt in deren hohlen Leib drei gesalzene Strömlinge und ein Stückchen 
Brot, macht dann in der Brust der Puppe ein Loch und lässt eine grosse 
schwarze Schlange durch das Loch hineinkriechen. Also ein trotz der sym- 
bolischen Verhüllung recht deutliches sexuelles Wissen. Diese Zeugungs- 
geschichte wundert und erschreckt Else. Dass die Darstellung zu so er- 
schreckenden Symbolen greift, ist zugleich wieder ein Ausdruck von 
Sexualablehnung. Ein Neurotiker, der als Kind viel sexuelle Gedanken 
zu verdrängen hatte, hatte seinen ihn „aufklärenden" Kameraden rund- 
weg geantwortet > „Möglich, dass eure Eltern so was tun, meine aber 
treiben solche Schweinereien nicht!" Sollte nicht auch das Schreck- und 
Ekelerregende dieser Zeugungssymbolik den gleichen verdrängenden Ge- 
danken ausdrücken? 

Das Scxualvcrlangcn tritt noch in einem weiteren Detail des Märchens 
auf. Es kommt in dem zeitlosen Märchenlande täglich eine dreizehnte 
Schüssel auf den Tisch, die immer zugedeckt bleibt; die kleine Gefährtin 
Elses weiss nicht, was sie enthält und fühlt keine Neugier. Else aber ist 
neugierig und muss gewarnt werden: „Das ist die Schüssel ver- 
borgenen Segens; wir dürfen sie nicht anrühren, sonst würde es mit 
unserem glücklichen Leben zu Ende sein." 

Wie Else gross geworden ist, muss sie trotz ihres Weinens und 
Zagens das Kinderland verlassen: Man steckt ihr einen goldenen Ring 
an den Finger, hängt ihr eine kleine goldene Schachtel an den Hals 
und verwandelt sie in einen Adler. Nun fliegt sie davon, bis der Pfeil 
eines Königssohns sie trifft; sie fällt zu Boden, erhält wieder ihre mensch- 
liche Gestalt und feiert Hochzeit mit dem Königssohn. 



i) Kreutzwald: Estbnische Märchen. Halle 1869. 



^ 



Referate und Kritiken. 609 

Referate und Kritiken. 



Prof. Sigm. Freud, Formulierungen über die zwei Prin- 
zipien des psychischen Geschehens. (Jahrbuch für psycho- 
analyt. Forschungen, III. Band, 1. Hälfte, 1911.) 

Die Arbeit Prof. F r e u d 's umfasst auf nicht ganz acht Seiten zu- 
sammengedrängt die gesamte Entwickelung der seelischen Beziehungen 
des Menschen zur Aussenwelt. Es wird nicht nur die sukzessive Ablösung 
des primären Lust- durch das sekundäre Realitätsprinzip dargestellt, 
es werden auch alle jene Veränderungen des psychischen Apparates klar- 
gelegt, welche ihn zu den daraus erwachsenden neuen Anforderungen 

befähigen. . 

Freud selbst bezeichnet in dem Schlusswort seine Arbeit als eine 
„mehr vorbereitende als ausführende", und tatsächlich ist in eine so 
enge Form ein derart ungeheueres Gedankenmaterial zusammengepresst, 
dass, ohne im geringsten weitschweifig zu werden, ein stattlicher Band 
hätte gefüllt werden können. 

Fast jeder Satz fordert zu erweiterndem Gedankenausbaue auf, bei- 
nahe jedes Beiwort ist so gewählt, dass es das Anfangsglied einer weit- 
führenden logischen Assoziationsreihe zu bilden vermag, kurz, die ganze 
Arbeit erweckt durch den Kontrast zwischen der bescheidenen Form und 
dem kaum zu übersehenden grossen Inhalt den Eindruck, als ob man 
einem gedanklichen Explosivkorper gegenüberstünde, in dessen kleinem 
Räume so kolossale Kräfte gebunden sind, dass sie befreit die weitesten 
Gebiete zu überfluten imstande sind. 

Die Leser werden nach dieser allgemeinen Charakterisierung der 
Freud 'sehen Arbeit begreifen, dass der Versuch eines Detailreferates 
auf beinahe unbesiegbare Schwierigkeiten stösst. Eine viele Hundertc 
von Seiten umfassende Ausarbeitung wäre viel leichter zu liefern als 
ein Auszug aus einem ohnehin bis zur äussersten Möglichkeit eingeengten 
Extrakt. Ohne Hoffnung, der Originalarbeit inhaltlich gerecht werden zu 
können, sei der Versuch trotzdem gewagt. 

Die unbewussten seelischen Vorgänge sind die primären; sie sind 
die Überreste aus einer Entwickelungsphase, in welcher sie die einzige 
Art von seelischer Tätigkeit waren, deren Tendenz ausschliesslich dahin 
ging, Lust zu gewinnen, allen Ereignissen der Aussenwelt, falls sie Un- 
lust zu erzeugen drohten, durch Verdrängung die Anerkennung der Realität 
zu entziehen und sogar, wenn es nicht anders ging, durch halluzinatorische 
Wunscherfüllung (im Traume und in Wachphantasien) dem Lustprinzipe 
Geltung zu verschaffen. Die Enttäuschung, die der bloss phantasierten, 
nicht tatsächlich gegebenen Lust folgen musste, erzwang schliesslich die 
Anerkennung der Realität auch dann, wenn sie den Wünschen widersprach. 
Diese überaus wichtige Ersetzung des „Lust-" durch das „Realitäts- 
prinzip" ermöglichte es, die feindliche Aussenwelt nicht wie bisher 
endopsychisch durch Verdrängung unschädlich zu machen, oder besten 
Falles durch Produktion illusionierter Wunscherfüllungen vorübergehend 
zu fälschen, sie gestattete nunmehr den Versuch, die unlustbetonte Realität 
selbst durch motorisches Eingreifen derart zu verändern, dass der Lust- 



610 Referate und Kritiken. 

gewinn ein dauernder und in der Realität begründeter werde. Um dies 
durchführen zu können, war eine Reihe von „Adaptierungen des psychi- 
schen Apparates" nötig. Nicht allein die Sinnesorgane mussten ent- 
sprechend der erhöhten Bedeutung der Aussenwelt geschärft werden, auch 
das Bewusstsein durfte nicht wie bisher allein Lust und Unlust, es musste 
auch die Sinnesqualitäten als solche auffassen lernen. Es entstand ferner 
eine Funktion der „Aufmerksamkeit", des weitern ein „System von 
Merke n", ein „Teil von dem, was wir Gedächtnis heissen". 

Zui Prüfung, ob eine bestimmte Vorstellung der Realität entspräche, 
war die Schaffung einer neuen Funktion nötig, der die „unparteiische 
Urteilsfällung" oblag; und schliesslich musste auch das motorische 
Ende des psychischen Apparates neuen Zielen dienstbar werden: statt 
momentaner Lustgewinnung oder Entlastung von Reizzuwächsen durch 
motorische Abfuhr nunmehr vorbedachtes „Handel n", um die Aussen- 
welt im Wunschsinne zweckmässig zu verändern. Das zielbewusste 
Handeln hat aber eine Aufhaltung der motorischen Abfuhr zur Voraus- 
setzung, und dies wird durch den „D e n k p r oze ss" besorgt, welcher 
dem seelischen Apparat „das Ertragen der erhöhten Reizspannung während 
des Aufschubes der Abfuhr ermöglicht". 

Übrigens wird das Lustprinzip auch bei normaler Psyche durchaus 
nicht gänzlich vom Realitätsprinzip verdrängt. 

Infolge der Tendenz zu Aufwandersparnis wird an einmal genossener 
Lust intensiv festgehalten und eine Verzichtleistung auf dieselbe fällt um 
so schwerer, je kürzer der Weg zur Lustgewinnung war. 

Das ist der Grund, weshalb auch psychisch gesunde Menschen statt 
den Umweg über die Realität zu nehmen, sich der schneller und sicherer 
zum Ziele führenden Phantasietätigkeit hingeben, welche „bereits mit 
dem Spielen der Kinder beginnt und später als Tagträume fortgesetzt 
die Anlehnung an reale Objekte aufgibt". 

Eine ganz eigenartige, höchst bedeutsame Stellung nimmt der Sexual- 
trieb in dieser Prinzipienfrage ein. Bis zum Beginn der Pubertät hat er 
es gar nicht nötig, sich um die Realität der Aussenwelt zu kümmern. 
Das Kind erlebt ja einerseits die Befriedigung am eigenen Leibe, und 
anderseits findet durch das Eintreten der Latenzzeit überhaupt eine Ver- 
zögerung der Sexualentwickelung statt. 

„Beide Momente — Autoerotismus und Latenzperiode — haben zur 
Folge, dass der Sexualtrieb weit länger unter der Herrschaft des Lust- 
prinzipes verbleibt, welcher er sich bei vielen Personen überhaupt nie- 
mals zu entziehen vermag." 

„Infolge dieser Verhältnisse stellt sich eine nähere Beziehung her 
zwischen dem Sexual-trieb und der Phantasie einerseits, den 
Ichtrieben und den Bewusstseinstätigkeiten anderseits". 

„Der fortwirkende Autoerotismus macht es möglich, dass die leichtere 
momentane und phantastische Befriedigung am Sexualobjekt so lange an 
Stelle der realen, aber Mühe und Aufschub erfordernden, festgehalten wird. 
Die Verdrängung bleibt im Reiche des Phantasierens allmächtig; sie bringt 
es zustande, Vorstellungen in statu nascendi, ehe sie dem Bewusstsein 
auffallen können, zu hemmen, wenn deren Besetzung zur Unlustentbindung 
Anlas3 geben kann. Dies ist die schwache Stelle unserer psychischen Orga- 
nisation, die dazu benutzt werden kann, um bereits rationell gewordene 
Denkvorgänge wieder unter die Herrschaft des Lustprinzips zu bringen. 



d 



Referate und Kritiken. Oll 

Ein wesentliches Stück der psychischen Disposition zur Neurose ist dem- 
nach durch die verspätete Erziehung des Sexualtriebes zur Beachtung 
der Realität und des weiteren durch die Bedingungen, welche diese Ver- 
spätung ermöglichen, gegeben". 

Es scheint immer wahrscheinlicher zu werden, dass die Entscheidung 
über die Form der später auftretenden neurotischen Erkrankung (die 
„Neur os en wähl") davon abhängig ist, „in welcher Phase der Ich- 
und der Libidoentwickelung die disponierende Entwickelungshemmung ein- 
getroffen ist". 

Die durch Religion und Erziehung angestrebte Ersetzung 
des Lust-Iches, das nur „wünsch t", durch das Real-Ich, das „N u t z e n" 
ziehen will, ist nicht gleichbedeutend mit vollständiger Eliminierung des 
Lustprinzipes. Derjenige, der nach dem Realitätsprinzip „handelt", um 
daraus Nutzen zu ziehen, tut es ja nur deshalb, weil der Nutzen selbst 
Lust bedeutet, allerdings eine verspätete, aber dafür eine gesichertere, 
weil sie durch die Realität bedingt ist. 

Auf dem Gebiete der Kunst kommt eine Art Kompromiss zwischen 
beiden Prinzipien zustande, indem der Künstler seine, den unerfüllten 
Wünschen entspringende, Phantasietätigkeit derart zu gestalten vermag, 
dass seine Produktion nicht nur ihm, sondern auch den Menschen als 
„wertvolle Abbilder der Realität" erscheinen. 

Für den eigenen Gebrauch tut das jeder Mensch, denn die bloss 
phantasierten Triebbefriedigungen haben den Wert der vollsten Realität 
für das unbewusste Seelenleben. 

Daraus ergibt sich die so auffallende Schwierigkeit, „unbewusste 
Phantasien von unbewusst gewordenen Erinnerungen zu unterscheiden". 
Die psychischen Folgen sind bei beiden die gleichen. 

Dr. Rud. Reitler, Wien. 



Dr. Theodor Reik, Richard Beer-Hofmann. Leipzig 1912. 
Rudolf Eichlers Verlag. 

Es ist ein leidenschaftliches Büchlein, das uns der ungewöhnlich 
begabte Autor beschert hat. „Cum ira et studio", wie er es sich als 
Geleitwort erkoren hat, schlägt er auf den .„schönheitsseligen Snobismus" 
und auf die verzärtelte Ästhetenkultur los, überschüttet mit seiner über- 
quellenden Satire „die spielerische, abgeschlossene Kunst der Dämmer- 
seelen- und Stimmungsschlürfer", überschäumt mit den Kaskaden seiner 
eisigen Ironie alles „Geschmackvolle, Geschmäcklerische und bloss Schöne". 
Dazwischen streut er reife Betrachtungen über Wesen und Bedeutung 
von Kunst und Kunstwerk. 

„Es gibt eine einzige Art, einen Dichter zu erfassen. Nicht der 
Hinweis auf literarische Vorgänger und die Zuweisung zu Richtungen. 
Sondern die seelische Analyse: das Vordringen zu seinen Grundgefühlen. 
Zu den Gefühlen, die bewusst oder unbewusst in allen seinen Werken 
schwingen." 

Mit der Freud 'sehen Tiefenpsychologie vertraut, erschliesst er uns 
das Verständnis des Dichters. Er erkennt in Beer-Hofmann einen, 
„der hart nach den letzten Dingen ringt, der letzte Menschheitsfragen 
aus den tiefsten Schächten des Innern in die Helle des Bewusstseins ge 
hoben hat". 



612 Referate und Kritiken. 

„Er führt durch manches Wort tiefer hinab in verborgene Gänge 
menschlicher Triebe und Regungen als viele Berühmtere, Gefeiertere. Er 
hört den Rhythmus des Geschehens; er spürt Hebung und Senken, Steigen 
und Fallen. Er gehört (auf seiner Höhe) zu den Musikern des Universums." 

Die fein ziselierte Sprache, das gebändigte Übermass der Gedanken, 
das man zwischen den Zeilen fühlt, die köstliche Aphorismenkunst des 
Autors versprechen uns reiche und edle Frucht. 

Dr. Bernhard Dattner. 

Dr. Ludwik Jekels, Szkic psychoanalizy Freuda. Lwöw 
1912. Polskie tow. nakladowe. 

Der Verfasser, der ein Jahr zuvor die 5 Vorlesungen Freud's über 
Psychoanalyse geradezu mustergültig ins Polnische übertragen hat, glaubt 
sich in der Vorrede wegen des Erscheinens dieser Skizze der Freud 'sehen 
Analvse entschuldigen zu müssen. Er habe die Beobachtung gemacht, dass 
aus der bis nun vollständig unbekannten Psychoanalyse eine unverstandene 
geworden sei und dass insbesondere der innere Zusammenhang zwischen 
Traum, Neurose, Witz, Sexualität etc. am seltensten erfasst wurde. Dieser 
Mangel habe ihn bewogen, dieses Werk zu publizieren, das aus den vom 
Verfasser in Krakau und Lemberg gehaltenen Vorträgen entstanden ist. — 
Sie beginnen bei der Traumdeutung und leiten über die Fehlleistungen 
zum Aufbau der Neurosenlehre über. — Diese Reihenfolge erschien dem 
Autor erwünscht, weil er die schwierigen Probleme der Analyse am 
leichtesten an Beispielen darstellen zu können glaubte, was bei der un- 
geheuren Ausdehnung des Materials bei der Neurose unmöglich wäre. 
Tatsächlich hat dadurch das Verständnis der Dinge alles gewonnen und 
Ref. ist der Ansicht, dass jede Einführung in die Analyse solcherart 
auf die geringsten Widerstände stossen wird. Die Darstellung selbst ist 
vortrefflich und der Autor schmälert sein Verdienst nicht im mindesten, 
wenn er bescheiden anmerkt, dass seine Arbeit aus den bedeutendsten 
Werken Freud's zum Teil mit wörtlicher Übersetzung entstanden ist 
Die glücklich gewählten Beispiele, darunter einige eindrucksvolle dos Autors 
selbst, erhöhen den Wert dieser Skizze und lassen uns wünschen, dass 
der Verf. seine Pionierarbeit in gleich ausgezeichneter Weise fortsetze. 

Dr. Bernhard Dattner. 

W. Strohmayer, Psychiatrisch - genealogische Unter- 
suchung der Abstammung König Ludwig II. und Otto I. 
von Bayern. Grenzfragen des Nerven- und Seelenlebens, Heft 83, 
Wiesbaden 1912, J. F. Bergmann. 

Der Autor, welchem in gleichem Masse Sachkenntnis, Belesenheit 
und kritische Klarheit eignet, gibt hier einen trefflichen Beitrag zur Erb- 
lichkeitsforschung. Im Eingang setzt sich Strohmayer mit dem Mende- 
lismus auseinander. Ohne die epochale Bedeutung desselben zu bestreiten, 
kommt er doch zum Schlüsse, dass es hoffnungslos sei, „die bewunderungs- 
würdigen Ergebnisse der experimentellen Vererbungslehre für verwickelte 
pathologische Zustände des Menschen zu verwerten". Für die Vererbungs- 
erscheinungen in der Psychiatrie gibt es „einstweilen nur einen, freilich 
bescheidenen Weg, den der psychologischen Vergleichung der einzelnen 
Glieder einer den Kausalnexus der Verwandtschaft ausdrückenden Ahnen- 



Referate und Kritiken. 613 

reihe". Man müsse sich hierbei der Fragestellung bedienen, wie und auf 
welchem Wege von höheren Ahnenreihen her sich eine bestimmte Kom- 
bination von Eigenschaften auf ein Individuum vereinigt hat". Nach dem 
klassischen Vorbild der Hippologie sucht er bei Vertiefung in Ahnentafeln 
„den Nachweis darüber, was im Erbgang einer Familie ein Individuum 
aufs andere überträgt, unter welchen Bedingungen in einer Ahnenreihe 
sich Erbmasse zum Guten und Bösen häuft, warum sie sich in gewissen 
Generationen vermindert und welche Produkte durch das Zusammen- 
treffen fremdartiger oder gleichsinniger Erbtendenzen entstehen." Wie 
Stroh may er dies bei Ludwig IL und Otto I. im einzelnen auseinander- 
setzt, möge man im Buche selber nachlesen. Zum Schlüsse meint der 
Autor, wie mich dünkt, mit Recht, wenn auch seine Art von Ahnentafel- 
betrachtung manchem Zunftgenealogen nicht behagen und wieder manchem 
naturwissenschaftlich Denkenden die Biologie zu weit getrieben erscheinen 
dürfte, so gäbe es doch keinen besseren Weg, dem „Vererbungsrätsel" beim 
Menschen, wo es sich um seine psychischen Eigenschaften drehe, an den 
Leib zu rücken. J- Sau gor. 

Oskar Scheuer, Das menschliche Haar und seine Bezie- 
hungen zur Sexualsphäre. Sexual-Probleme, März 1912. 

Mit grossein Fleiss ist hier aus naturwissenschaftlichen, medizini- 
schen, anthropologischen und kulturhistorischen Werken zusammen- 
getrogen, was über die Beziehungen des Haares zur Sexualsphäre schon 
gesagt wurde und einiges Eigene vom Verfasser ergänzt Es wäre nur zu 
wünschen, dass neben den biologischen Momenten auch das Psycho- 
sexuellc herangezogen würde. Gerade die psychoanalytischen Ergebnisse 
/.. B. über Haarfetischismus, könnten gar manche jetzt noch ausstehende 
Erklärung geben. & Sadger. 

Prof. Dr. Adolf Meyer, Heidelberg: Träumen, Denken und 
Dichten. Gegenwart. Nr. 9. 2. März 1912. 

Es ist erstaunlich, wie nahe oft Psychologen dem wahren Sinn des 
Trauines kommen, die sich gegen eine Deutung, die es nur „mit ein 
bischen anderen Worten" sagte, wahrscheinlich wehren würden. Professor 
Maver untersucht die Beziehungen von Traum und Dichten. Es klingt 
fast 'psychoanalytisch, wenn er sagt, die Qual des Angsttraumes stamme 
nicht aus dem Traum, sondern aus dem Leben selber. Die Technik des 
Träumers sei dieselbe wie bei der Erinnerung, wobei „ein Bestandteil des 
Erinnerungsgebildes die andern auslöst und zu einem vollständigen Er- 
lebnis ergänzt". Das wache Leben ist ein Leben der Zucht, ein ständiges 
Regulieren unserer natürlichen Neigungen durch den Kanon der Vernunft 
und der Moral. Der Künstler aber braucht die Freiheit des Phanta- 
sicrens. Ebenso der Träumer. Der Träumende ist gänzlich unschuldig 
an jedem moralischen Delikt und „die keusche Susanna sinkt straflos 
hinab zu den Gepflogenheiten von Loths verbuhlten Töchtern". Wie in 
der Welt des Stoffes das Kausalverhältnis, so in der Welt dieser geistigen 
Erscheinungen die Teleologie, das Streben. Prof. Mayer scheidet im 
Mechanismus des Traumes ein Selbstbewusstes, das eigentliche Ich, und 
ein mit Phantasie begabtes Unbewusstes. Diese Unterscheidung scheint 
ihm deshalb von Wichtigkeit, weil bei der mechanistischen Erklärung 



(jl4 Referate und Kritiken. 

eines Teiles unserer geistigen Befähigungen ein anderer Teil übrig bleibt, 
der sich dieser Erklärung entzieht. Der Verf. kommt auf diesem Wege 
zu einer Unterscheidung der objektiven und subjektiven Welt. In jener 
Welt ist alles gegeben, in dieser ist der Wille schöpferisch. Das sogenannte 
Rationelle ist zugleich das Objektive und Sekundäre, durch die Wahr- 
nehmung Vermittelte. Das Primäre ist immer das Ichgefühl und sowohl 
Religion wie Dichtung gehören diesem Primären an. Interessant, wie hier 
ein Nicht-Psychoanalytiker an die Grenzen gelangt, die zur Psychoanalyse 
führen. Dr. Theodor R e i k. 



Varia. 

Eine gelungene Projektion. 

Am Schluss der dreitägigen Verbandlungen des deutschen Reichstages über 
den Bergarbeiterstreik im rheinisch-westfälischen Kohlengebiet wurden, wie üblich, 
noch persönliche Bemerkungen gemacht, bei denen der Präsident sorgfältig darauf 
zu nchten pflegt, dass nicht sachliche Äusserungen eingeflochten werden. Als hier- 
bei der Zentrumsabgeordrete Becker- Arnsberg, in seinem bürgerlichen Berufe Richter, 
nach Erledigung einer persönlichen Bemerkung gegen den Abgeordneten Sachse fort- 
fahren wollte: ,Der Abgeordnete Scheidemann — ", wurde er von dem Präsidenten 
mit den Worten unterbrochen: „Der hat nichts Persönliches gegen Sie gesagt." 
Hierauf replizierte Abg. Becker nach dem Bericht in Nr. 141 des Beil. Tagebl.: „Gut, 
dann werde ich es ihm in der Presse besorgen." Hier meldet der Parlamentsbericht : 
«Heiterkeit. -Ein Sozialdemokrat fragt: „Was? In die Fresse hauen?" 

Unter den 110 Sozialdemokraten des deutscheu Reichstages gibt es eine grosse 
Anzahl von seif made men aus den Arbeiterstande, die sich von der Volksschul- 
bildung aus zu einem ansehnlichen, oft bewundernswerten Bildungsgrade emporge- 
arbeitet haben. Immerhin darf man, gänzlich jenseits von Sympathie und Antipathie 
für diese oder jene Partei, wohl die Vermutung wagen, dass bei einem deutschen 
Richter das Gefühl der Unzuläasigkeit, einem Gegner mit „in die Fresse hauen* 
zu drohen, schon von der Kinderstube her fester sitzen wird, während eine derartige 
Verheissung in Arbeiterkreisen meistens nicht übermässig tragisch genommen wird. 
Die erwähnten Verhandlungen waren nun zeitweise mit grosser Erbitterung geführt 
worden, und die Vertreter der christlichen Gewerkschaften wie die der Sozialisten 
hatten sich und ihrer Presse gegenseitig einen rüden Ton vorgeworfen. Da liegt es 
denn nahe, dass der Zwischenrufer als früherer Arbeiter gelegentlich einer Kraftstelle 
eines Gegners im Unbewussten den Wunsch gehabt haben kann, dem Kerl müsste 
man „eins in die Fresse hauen." Die Zensur des im späteren Leben erworbenen par- 
lamentarischen Gewissens bewirkte aber, dass dieser atavistische Wunsch aus einer 
früheren Bildungsperiode des Zwischenrufeis nicht bewusstseinsffihig sein konnte. 
Dagegen genügte die schmale Brücke, die in dem Gleichklang von .Presse* und 
„Fresse" liegt, um auf dem Wege des Missverstehens seinen eigenen Wunsch auf 
den Gegner zu projizieren. So drängte sich die ursprüngliche Wunschregung in ver- 
änderter, bewussteeinsfähiger Form doch noch an die Oberfläche und konnte dem 
Zwischenrufer noch einen Lustgewinn in Form eines Befriedigungägefühls gewähren, 
etwa: Aha, der gebildete Bourgeois, dem alle höheren Schulen zur Verfügung standen, 
der auf seine feineren Sitten stolz ist, kann sich soweit vergessen, dass er im Reichs- 
tage seinen Gegner mit „in die Fresse hauen* droht. 

Dr. Emil Simonson-Charlottenburg. 



Varia, 615 

Tolstoi über den Traum. 

In den »Aufzeichnungen des Mönches Fjodor Kusmitsch" von Leo Tolstoi 
(Nachlass, Bd. III) — vermutlich Stücke Tolstois eigener Psychologie — findet sich 
eine Stelle, die wegen der an einem Traum vorgenommenen Schätzung sehr be- 
achtenswert ist und ein tiefes Verständnis des Dichters für die Bedeutung des 
Traumes und dessen Herkunft beweist. Es scheint für den Dichter kein Zweifel an 
der vollen Zugehörigkeit dar die Traumphänomene schaffenden unbewussten Kräfte 
zu unserem Ich zu bestehen, ohne deren Berücksichtigung und Kenntnis ihm eine 
endgültige Beurteilung des Menschen unverbindlich und trügerisch erscheint. Ja, er 
glaubt sogar, eben im Traum den rechten Massstab für den „ sittlichen" Gehalt eines 
Menschen sehen zu müssen und begeht damit einen Trugschluss, sofern er über- 
sieht, dass die »Sittlichkeit" eines Menschen, bei aller Verantwortlichkeit des Ein- 
zelnen für sein Tun und Lassen (ob bewuBst oder unbewusst), nicht an seiueni Un- 
bewussten gemessen weiden kann. 

Ich zitiere nach der autorisierten Übersetzung wörtlich (p. 297): 

„Ich habe wenig geschlafen und hatte hässliche Träume. Ich träumte, dass ein 
unangenehmes, schwächliches Weibsbild sich an mich schmiegt»', und ich fürchtete 
nicht sowohl die Sünde, als vielmehr, dass meine Frau mich sehen und dass es 
wieder Vorwürfe BBtzen könnte. Zweiundsiebzig Jahre zähle ich nun, und bin noch 
immer in den Banden des Fleisches. Wenn ich wache, kann ich mich wohl 
über mich selbst täuschen, der Traum dagegen gibt mir den rechten 
Masssta b für die Stufe sittl ich er Vo 1 1 kommen hei t, d ie ich erreicht habe. 

Ich träumte ferner — und auch «lies kann als ein Zeichen meiner sittlichen 
ünvollkommenheit gelten — dass mir jemand hierher in Moos verpackte Leckereien 
brachte. Es waren Leckereien von gauz besonderer Art, und wir nahmen sie aus 
dem Moos heraus und teilten sie unter uns. Nachdem wir die Teilung vorgenommen, 
blieben immer noch Leckereien übrig; ich hätte auch diese gern für mich behalten, 
aber ein dunkelbrauner, unsympathischer Knabe, der Sohn irgend eines Türkensultans 
oder dergleichen, will die Leckereien gleichfalls haben. Obschon ich weiss, dass 
Leckereien sich weit eher für ein Kind als für mich ziemen, mache ich ihm die 
Leckereien doch streitig. Ich habe ein ausgesprochen feindseliges Gefühl gegen ihn, 
wiewohl ich weiss, dass es tadelnswert ist, solche Gefühle zu hegen." 

Ob Tolstoi den Inhalt des zweiten hochinteressanten Traumes symbolisch ge- 
nommen hat, scheint mir nicht ganz sicher. Dr. Mira Gincburg. 

Religion und Sexualität: »Es ist wunderbar genug, dass nicht längst die Asso- 
ziation von Wolllust, Religion und Grausamkeit die Menschen aufmerksam auf. ihre 
innige Verwandtschaft und ihre gemeinschaftliche Tendenz gemacht hat." (Novalis' 
Schriften, herausg. von Tieck und Fr. Schlegel, 2. Teil, Wien 1820, S. 288). 

A. v. W. 

Eine antike Abstammungsphantasie: Der Sonne Ausgeburt ist der Männer Ge- 
schlecht und aus der Erde stammen die Weiber. Der Mond, der aus beiden entstand, 
schuf ein drittes, seltenes und seltsames .... Eryxi machos (zitiert bei Hans 
Heinz Evers »Die Besessenen"). 

Zum Thema Objektwahl: In »Wilhelm Meisters Wanderjahren" sagt Hersilic: 
»Die entschieden fortdauernde Neigung eines .zum Jüngling heranreifenden Knaben 
wollte mir schmeicheln; da aber fiel mir ein, dass es nichts Seltenes sei, in diesem 
Alter nach älteren Frauen sich umzusehen. Fürwahr, es gibt eine geheimnisvolle 
Neiguna jüngerer Männer zu älteren Frauen. Sonst, da es mich nicht selbst betraf 

ZentralbUtt für Psychoanalyse. lt M ". 43 



016 Varia. 

lachte ich darüber und wollte boshafterweise gefunden haben : es sei eine Erinne- 
rung andieAminen-undSfluglingszärtlichkeit, von dersiesich kaum 
losgerissen haben. A. v. W. 

„Jugendeindrücke verlöschen nicht, auch in ihren kleinsten Teilen." (Wilhelm 
Meisters Lehrjahre). 

Der Angsttraum eines Mädchens findet reizenden dichterischen Ausdruck in 

„Des KnabenWunderhorn" (Inselverlag 1910, III. S. 4, 5): 

„Wenn ich den ganzen Tag Darauf viel Pfeil gezogen, 

Geführt hab meine Klag, Damit will er mich heben 

So gibt's mir noch zu schaffen. Aus diesem schweren Leben." 

Bei Nacht, wann ich soll schlafen >Zu so i cnem Schreckgesicht 

Ein Traum mit grossem Schrecken Kann ich st iH sc hweigen nicht, 

Tut mich gar oft aufwecken." Ich 8chrei mit , auter Stimmen: 

„Im Schlaf seh ich den Sciiein „0 Knabe lass dein Grimmen, 

Des Allerliebsten mein. „Nicht wollst, weil ich tu schlafen, 

Mit einem starken Bogen, „Jetzt brauchen deine Waffen.* 

A. v. W. 

Der Internationale Verein Kür medizinische Psychologie und Psychiatrie hält 
seine III. Jahressitzung am 8. und 9. September in Zürich ab. Das Programm ent- 
hält: I. Das Unbewussto von Bleuler. — Dr. Hans Mai er: „Der psychische 
Mechanismus der Wahnideen". — II. Theorien der sensiblen Leistung. Referenten: 
de Davies und Dr. Bertholet. - III. Methoden und Grenzen der vergleichenden 
Psychologie. Referenten: Dr. Bohn, Dr. Heufacher, Dr. Forel. Einzelvorträge: 
Dr. Haufenberg: (Die Psychotherapie). — Dr. Jones: (The relation of anxiety 
nourosis to the nnxiety hysterie). — Dr. Seif: (Thema vorbehalten). 



Psychologisches ans der Kinderstube. 

Kinder und Narren sagen die Wahrheit! Dieses alte Sprichwort erhält durch 
die Psychoanalyse eine neuerliche Bestätigung. Die Schizophrenen verraten uns die 
Symbole, die wir bei Neurotikern so mühevoll suchen müssen, im Gespräche. Und 
die Kinder gewähren uns in ihren Aussprüchen tiefe Einblicke in die komplizierte 
Struktur der Psyche. Solche Aussprüche will diese Rubrik sammeln. Wir er- 
fahren da die infantilen Sexualtheorien, die früh erwachende Sexualität, den Familien- 
roman, die verschiedenen „kriminellen" Regungen. Das Verständnis des Kindes 
ermöglicht uns das Verständnis des Neurotikers, der ja ein Kind geblieben ist. 

Wir fordern alle unsere Mitarbeiter und Leser auf, sich an dieser Sammlung 
fleissig zu beteiligen. Nur authentische Mitteilungen von Kindern, nicht Witze und 
Erzählungen aus dritter oder gar vierter Hand werden berücksichtigt. 

Wir eröffnen die Kinderecke mit der Publikation einiger charakteristischen 
Aussprüche aus dem vortrefflichen Büchlein „Was die Kinder sagen und fragen*. 
(Verlag von R. Piper & Co., München und Leipzig), das mit zahlreichen von Kindern 
gemalten Zeichnungen versehen ist. Die Lektüre dieses kleinen amüsanten Büch- 
leins können wir unsern Lesern wärmstens empfehlen. 

Wir wollen zuerst eine Reihe .von Aussprüchen bringen, die sich mit Gott 
und dem Problem der Religion beschäftigen. 

Die Lehrerin erzählt den Kindern, wie Gott Adam und Eva verboten, vom 
Apfelbaum Früchte zo pflücken. „Kann mir eine von Euch wohl sagen, weshalb 



^*£ 






Psychologisches aus der Kinderstube. 617 

Gott Eva dies verboten hat?" Grosses Schweigen! Endlich steckt ein kleines 
Mädel den Finger hoch: „Der liebe Gott wollte die Äpfel selber essen. 11 

— Anna lernt die Bibelstelle: „Im Seh weisse deines Angesichts sollst da dein Brot 
essen." „Schrecklich", meint sie, „so lange Brot essen zn müssen, bis man schwitzt.* 

— Die Mutter fragt Heinz, „was habt ihr heute gelernt?" — „Das Gebot, du sollst 
nicht erbrechen." — „So heisst es aber nicht. Es heisst, du sollst nicht ehe- 
brechen!" Aber Mutti, ehebrechen hat doch gar keinen Sinn, es heisst, du sollst 
nicht erbrechen!" — Fritz ist sehr müde. Er wird zu bett gebracht, soll aber 
noch beten. Da öffnet er schlaftrunken die Augen, faltet die Händchen und betet: 
„Lieber Gott, iass mich in Ruh" — und schon ist er eingeschlafen. — Hans 
lehit seinem kleinen Bruder: Wenn rann den lieben Gott auch in ganz kleine Stück- 
chen schneidet, so bleibt er immer noch lebendig. — Heinze bekommt, wenn er 
sehr ungezogen ist, von seiner Mutter manchmal Schläge. Eines Tages sagt er: 
„Multi, wenn ich jetzt wieder ungezogen bin und du prügelst mich nicht, so muss 
der liebe Gott doch denken, dass du sehr unordentlich bist." — Fritz betet: Lieber 
Gott, mach mich fromm, dass ich iu den Himmel komm! Aber mit der Mama! 

— Die Mama fragt die Kinder abends, ob sie schon gebetet haben. Ruth bejaht, 
aber Gerd sagt: „Ich bete nicht mehr — ich habe es ausprobiert — ich schlafe 
ganz genau so gut, wenn ich nicht bete." — Hans-Heinrich lernt das 6. Gebot. 
„Was ist das, du sollst nicht ehebrechen!" Die Mutter erklärt es ihm: Wenn Mann 
und Frau sich zanken. Nach einigen Tagen gab es einen kleinen Disput zwischen 
den Eltern/ Ganz empört rief Hans-Heinrich: „Aber ihr sollt nicht ehebrechen!" — 
Hans betet: „Gegriisset seist du, Maria, du bist voller Knabe n" (statt Gnaden). — 
Auch VVeddo singt: „0 du selige, o du fröhliche, knaben bringende Weihnachta- 
zeit." — Kin Landmann ist in grosser Sorge und schlechter Laune wegen des wochen- 
lang nnlialtcnden Regens. Der kleine Karl leidet sehr mit dem Vater: ,Wer macht 
immer den Regen?" fragt er betrübt. „Das tut Gott", antwortete der Vater. „Dann 
hau ihn!" sagt der erregte Kleine. — „Nun bete aber heute abend recht schön zum 
lieben Gott!" sagt die Mutter zu ihrem Bübchen. „Ach Mama, die Geschichte vom 
Storch ist nicht wahr, die vom Christkindle auch nicht, da wird es mit dem lieben 
Gott auch nichts sein." — Der 8jährige Hans, ein frischer, fideler Bursche, kommt 
nach Hnuse und erklärt, er wolle nicht mehr mit Paul verkehren: „Denn denk dir 
mal, Mutter, er glaubt nicht mehr an die drei Hauptpersonen." — „An die 
drei Hauptpersonen?" fragt die Mutter und vermutet, ihr Junge meint Gott Vater, 
Sohn und heiligen Geist." — „Wen meinst du denn mit den drei Hauptpersonen?" 
„Ja, denk dir, Mutter, der Paul glaubt nicht mehr an den Osterhas, nicht an deu 
Storch und nicht ans Christuskind. " 



Literatur. 

Hachet-Souplet: La genese des instinets. (Paris-Flammarion. 1912.) — 
Sudhoff: Krankheitsdämonismus und Heilbräuche der Germanen. (Deut. Revue. 
Jan. 1912.) — Knniko: Der Fisch als Fruchtbarkeitssymbol bei den Wnldindianern 
Südamerikas. (Anthropos. Jan.-April. 1912.) — Hesse: Les Criminells peints par 
eux-m§mes. (Grasset. Paris. 1912.) — Pinot: Prejugds et les problemes sexuelles. 
(Alcan. Paris. 1912.) — Remond et Voivinell: Le genie litteraire. (Ibidem.) — 
Magnus Hirschfeld: Geschlechtsumwandlungen. (Beiträge zur forensischen Medizin. 
Bd. I. H. 2.) — Morselli: Alcune osservazioni sul »metodo delle asso- 
ciazioni" applicato alla psicoanalisi. (Psiche. Nr. 2. 1912.) — Assagioli: 
La psicologia del Bubconsciente. (Ibidem.) — Assagioli: La psicoana- 

48» 



618 Literatur. 

lisi. (Ibidem.) — Stekel: Det kaere Jeg. (Agigatoren. Kopenhagen. 5./D. 1912.) 

— M. Marcuse: Ein Fall von vielfach komplizierter Sexualperversion. (Zoitschr. 
f. d. ges. Neur. u. Psych. Bd. IX. H. 3.) — Major : Neurasthenische Kinder. (Wiss. 
Rundschau. H. 15. 1912.) — Lippmann: Anwendungsgebiete der Psychologie. 
(Wiss. Rundschau. H. 14.) — Maximilian Rosenberg' Die Erinnerungstäuschungen 
der „reduplizierenden Paramnesie" und des „döja-vu", ihre klinische Differenzierung 
und ihre pathologischen Beziehungen zueinander. (Zeitschr. für Pathopsychologie. 
Bd. I. H. 4.) — Willi Mayer: Über Störungen des Wiedererkennen». (Ibidem.) — 
Mittenzwey: Versuch einer Darstellung und Kritik der Freud'schen 
Neurosenlehre. (Ibidem.) — Heymann: Wie behandeln wir Geisteskranke? 
(Otto Gmelin. München. 1912.) — Finkh: Die Nervenkrankheiten, ibre Ursachen 
und ihre Bekämpfung. 4. Aufl. (Ibidem.) — Redlich: Die Psychosen bei Gehirn, 
erkrankungen. (Handb. d. Psychiatrie. Franz Deuticke. Leipzig und Wien. 1912.) 

— Grassberger: Der Einfluss der Ermüdung auf die Produktion in Kunst und 
Wissenschaft. (Ibidem.) — Eduard Stierlin: Wie wirken grosse Katastrophen auf 
den Menschen? (Umschau. 4.,'V. 1912.) — Bossi: Die gynäkologische Prophylaxe 
bei Wahnsinn. (Verlag Oskar Coblentz. Berlin W 30. 191?.) — Thomas: La 
Psychotherapie dans la pratique medicales son champ d'action, ses 
1 imi tcs. (Rev. med. de la Suisse romand. 1912. Nr. 3.) — Dello Valle, S.: Le 
leggi del lavoro mentale. (Torino. Paduvia. 1912.) — Herbert Silberer: Absicht 
ohne Absicht. (Österr. Volkszeit. 14./V. 1912.) — Willy Haas: Das Verhältnis 
zum Kind. (Zukunft. ll./V. 1912.) — B. Hart: A case of double personality. 
(Journ. of ment. sc. April 1912.) — Max Kaufmann: Die Psychologie des Ver- 
brechens (Julius Springer. Berlin. 12.) — Hinrichsen: Sexualität und Dich- 
tung. (J. F. Bergmann. Wiesbaden. 1912.) — Kva Charlotte Ueiil: Manifesta- 
tiuns of manic-depressive Insanity in literary Genius. (The inner. Journ. of Insanity. 
April. 1912.) — Charles F. Read: Application of the Word-Association Method in 
on Acute Psycbosis. (Ibidem.) — Dr. Alfred Adler: Über den nervösen Cha- 
rakter. (Grundzüge einer vergleichenden Ind i v idual-Psy cho logie 
und Psychotherapie.) J. V. Bergmann, Wiesbaden. 1912. — Freud: Der 
Witz und seine Beziehungen zum Unbewussten und die zweite Folge der 
„Beiträge zur Neurosenlehre* sind soeben in zweiter Auflage erschienen. 
(Verlag von Franz Deuticke, Wien und Leipzig.) 



Die Sammlung psychologischer Essays von Dr. Wilhelm Stekel .Was 
am Grund der Seele ruht . . .'■ ist in der Übersetzung von Nad. Mozarows- 
kaja, unter der Redaktion von Dr. M. Wulff in Odessa im Rahmen der Samm- 
lung „Leben und Seele" russisch erschienen. Als zweites Werk folgt die Dis- 
kussion der Wiener psychoanalytischen Gesellschaft .Über den Selbstmord*, 
dann die Arbeit von Jung „Die Bedeutung des Vaters für das Schicksal 
des Einzelnen". Als viertes Werk ist Freud's Abhandlung .Der Wahn und 
die Träume in Jensens Gradiva" in Aussicht genommen. 



Zur gefälligen Beachtung. 

Soeben ist im Verlage von Franz Deuticke, Wien und Leipzig erschienen: 

Das Inzestniotiv in Dichtung und Sage. 

Grundzüge einer Psychologie des dichterischen Schaffens 

von Otto Rank. 






Originalarbeiten, 



Drei Romane in Zahlen. 

Ein Beitrag zur symbolischen Verwendung von Zahlen im Leben und 

im Traume. 

Von Dr. J. Marcinowski, Haus Sielbeck a. Uklei. 

Wohl keine der vielen symbolischen Verkleidungen, mit denen das 
Unbewusste sein phantastisches Spiel treibt, stösst dem nüchternen Verstand 
so vor den Kopf, wie die Symbolik der Zahlen. Keine macht so sehr den 
Eindruck des völlig Willkürlichen, obwohl sie für den Träumer genau die- 
selbe Bedeutung und Überzeugungskraft besitzt wie andere Symbole, die als 
Allgemeingut der Menschheit der Einsicht leichter zugänglich sind. 

Die Beispiele, die ich hier beschreiben will, sind in ungewöhnlichem 
Masse geeignet, die Berechtigung zu erweisen, Zahlen in einem tieferen Sinne 
zu deuten. Es gewährt einen klaren Einblick in eine weitverbreitete Spielerei 
und beweist, dass wir es mit Tatsachen und nicht mit willkürlichen Unter- 
stellungen zu tun haben, wenn wir bei der Traumdeutungsarbeit auf Grund 
der Einfälle des Träumers allerhand rechnerische Kunststücke vorzunehmen 
haben. Die vorliegenden Beispiele sind überdies — mit Ausnahme meiner genau 
notierten Fragen — in all ihren Teilen ohne Einfluss des Arztes vom Kranken 
selbst gedeutet worden. Fall I ist überdies die stenographische Niederschrift 
während der Hypnose der Kranken, die gewohnt ist, kurz vor dem Wecken 
die Träume der Nacht und damit ihre Angstzustände abzureagieren. Sie 
hatte keinerlei Kenntnis davon, dass es sogenannte Zahlenträume gibt. Um 
so beweisender sind die Aufzeichnungen, die ich wörtlich und in absoluter 
Originaltreue, d. h. völlig ungeordnet und ungruppiert wiedergebe, in genau 
der "Reihenfolge, wie die Einfälle hintereinander kamen. Später, nach dem 
Erwachen erzählte sie mir, dass sie als Kinder in diesen Zahleuphantasien 
geschwelgt hätten. Diese Scherze sind auf eine Stufe zu stellen mit den 
sogenannten Geheimsprachen der Schulkinder, der B- Sprache, der Erbsen- 
Sprache und ähnlicher, über ganz Deutschland verbreiteter Schülergepflogen- 
heiten. Sie hätten, so berichtet sie, für jeden Buchstaben des Alphabetes 
die entsprechende Zahl auswendig gewusst (das weiss sie übrigens auch jetzt 
noch) und dann in Ziffern gesprochen oder richtiger schnell buchstabiert. 

Wo wir Kinderspiele haben, die sich als Allgemeinbesitz des ganzen 
Volkes finden und sich fast triebartig durchsetzen, da handelt es sich um 

Zentral bl att für Psychoanalyse, fl". 44 



620 Dr. Marcinowgki, 

ernste, tiefsinnige Gepflogenheiten früherer Jahrtausende, die im Laufe fort- 
schreitender Kultur zu Kinderspielen herabgesunken sind. Am deutlichsten 
sehen wir das an Waffen und Geräten. Alter Männerbrauch erhält sich so 
in kindischem Tun. Der Knabe macht heute mit Flitzbogen und Pfeilen 
die Strasse unsicher, und auf dem Weihnachtsmarkt wird das alte heilige 
Schwirrholz als Waldteufel ausgeboten, Stück für Stück 'nen Sechser. Die 
Julnacht gehört aber dazu; nie wird ein Kind mitten in unheiligen Somme. 
nächteu auf den Gedanken verfallen, den „Teufel" schwirren zu lassen, zu 
dem das Christentum alte Volksgottheiten herabgewertet bat. Das alles 
steckt in uns. Jahrtausendlanger Gebrauch hat Instinktkraft gewonnen und 
äussert sich naturgemäss in einem Alter, das dem kulturgeschichtlichen 
Wiederholungskursus entspricht, den unsere Jugendzeit entwicklungsge- 
schichtlich durchläuft. Zahlensymbolik ist auch solch alter heiliger 
Kultgebrauch, der zum Kinderspiel herabsank und zum Aberglauben. 

Meine Beispiele sind vom Zufall übrigens so reizend unterstützt, dass 
sie fast unheimlich auf entsprechende Gemüter wirken müssen. Man wird 
am Schluss sehr wohl verstehen, wie man dabei zu Aberglauben und Be- 
stimmungsvorstellungen gelangen kann. 

I. 

Der Traumtext im ersten Beispiele lautet: 

. . . Ich habe dann noch viel durcheinander geträumt, darunter folgendes 
Bild: „Ich kam zum Lehrter Bahnhof, W... . 's rie f en mir zu, 
ich solle nur schnell machen, der Zug ginge 2,45. Ich wollte 
aber nicht, und sagte, ich wollte erst zwei Stunden später mit 
dem Schnellzug fahren um 1,15. (Der Mittagsschnellzug von Berlin 
nach Sielbeck geht tatsächlich 1,15 von dort üb.) Das taten wir dann 
auch und fuhren 3. Klasse. Es war auch noch etwas mit 
11 dabei." 

Arzt: Das ist ja sehr eigentümlich. Was bedeuten diese Zahlen? 
Können Sie sich dabei denken etwas? 

Einfälle der Hypnotisierten: 

2,45 bin ich öfter am Sonnabend nach H (Vorort von Berlin, 

wo Patientin wohnt) gefahren, an den Tagen, wenn A . . . später nach Hause 
kommt. (A. ist ihr Gatte.) — 

2,45 ist 3 /4 3, d. h. es fehlt etwas an 3. — 

3 ist mein Junge, mein 3. Kind, was ich erwarte. (Patientin ist in 
anderen Umständen.) — 

3 und 9 sind meine Lieblingszahlen, in Swinemünde habe ich immer 
nur die Badezellen 3 oder 9 benutzt. — 

Überhaupt habe ich die ungraden Zahlen gerne, mit Ausnahme 
von 7. Auch die Zahlen, die sich durch 9 teilen lassen, wie 27 und 45, 
auch 18. — 

Ich werde jetzt 27 Jahre alt (3 X 9) und bekomme jetzt gerade meinen 
3. Jungen. Sicher ist es einer, wie es mir Ben Akiba in Swinemünde 
geweissagt hatte. Er hat mir ja aucb die ersten beiden Kinder richtig 
prophezeit. (Ben Akiba war eine interessante Badebekanntschaft von ihr.) 

3 / 4 3 ist das Kind jetzt, d. h. es ist noch nicht ganz fertig, noch 
nicht ganz 3. 



Drei Romane in Zahlen. 621 

3 ist die „Erfüllung", und daher dieser Junge, der mein grösster Wunsch 
ist, wie ich ihn in der ganzen Kinderzeit schon gehabt habe. Ich erinnere 
mich an die Puppe, die mir diesen Wunsch verkörperte, und wie ich meinen 
Bruder habe totschlagen wollen, als er sie mir zerbrach. (Dieser Junge, ein 
Kind von ganz bestimmter Art, ist geradezu eine fixe Idee von ihr, die ihr 
Leben in hohem Grade beherrscht. Starke Beseitigungsideen gegen die 
ersten beiden Kinder, die diesem Wunsche nicht entsprachen, machten sie 
krank.) Nun weiter: 2 Uhr 45! — ist 4 + 5 = 9, ausserdem die 2 dazu- 
gerechnet= 11, und 11 ist gleich L. = Lena, mein Vorname. — 

Arzt: Wieso das ? 

Patientin: Weil wir auf der Schule fliessend in Zahlen sprechen 
konnten, indem wir die Nummern des Buchstabens im Alphabet statt des 
Buchstaben setzten. — 

4 5 schreibe ich immer fast zwangsweise gedankenlos in den Sand, 
wenn ich mit Schirm oder Stock male. Das hängt so zusammen: 

P ist gleich 15, und 3X lo = 4 °- 

Als Backfisch hatte ich nämlich einen Verehrer, der mit Vaternamen 

P hiess. Wenn ich mich Mutter träumte, und das tat ich wie gesagt 

fast immer, so wandelte sich ja mein Name durch die Heirat aucli in P. 
Das war zu feinem Namen dann die zweite 15, und dazu kam als dritte 15 
der Junge, also 3X15 = 45, meine wunscherfüllende Zahl (wunscher- 
füllend, weil 4 + 5 = 9). Ausserdem ist 2 X (4 + 5 ) = 2 X 9 = 1 8 und 
1 _|_ 8 gibt wieder 9. In 2,45 steckt also nicht nur mein jetziger Zustand 
als unvollendete Schwangerschaft, als 3 / 4 3, sondern auch als 2 X (4 + 5), 
nämlich als 2X9. Der Junge und ich sind aber als 1 + 8 = 9 dabei 
noch ungeteilt. 

Arzt: Ich denke, Sie sind 11? = Lena? Wieso sollen Sie denn 
9 mnl 

Patientin: Wieso ich 9 bin? — Ja, 11 ist mein Name Lena, 9 
aber doch die mir eigene Zahl. Jeder Mensch hat doch eine Zahl, 
die seine ganze Persönlichkeit ausdrückt. Wissen Sie das nicht? 
Ich weiss jetzt gar nicht, wieso ich 9 bin, aber es ist so. 

Doch, da fällt mir ein, wenn ich 9 schreibe, und das tue ich sehr 
oft, so ist der obere Teil wie ein Ei, und das Schwänzchen daran wie ein 
Samenfaden, der dort hineindringt. 

Arzt: Aber 9 waren Sie doch schon als Kind, und das haben Sie 
damals doch noch nicht gewusst. 

Patientin: Das stimmt, ich war es schon als Kind. — Und jetzt 
fällt mir ein, wie alles gekommen ist. Ich war immer die erste in der 
Schule, wurde dann krank und fehlte lange Zeit. Als ich wiederkam, wurde 
ich 9M, und weinte furchtbar darüber. Meine Mutter tröstete mich und sagte 
immer und hat es noch oft gesagt: „Du musst die 9 lieb haben. Das 
ist doch eine so schöne Zahl, und Du bist mir viel lieber, wenn Du als 9i? 
gesund bist, als wenn Du als 1*1 krank wärest." 

Ich habe mir rasende Mühe gegeben, wieder heraufzukommen, aber es 
gelang mir nicht. Einmal wurde ich sogar 11Ü, das war das tiefste. Dann 
habe ich es wegen dieser 9 durchgesetzt, dass ich auf eine andere 
Schule kam. — 

44* 



C22 Dr. Marcinowski, 

Ausserdem ist aber 9 auch sonst noch mein Ideal, mein männ- 
liches Ideal. — 

Darum muss auch mein Junge 9 sein. — 

9 ist im Alphabet das J. — 

J ist mein Bruder Johannes, J sind" S i e Herr Doktor. (Mein Vorname 
ist Jaroslav.) Und J ist auch mein Vater, als Kind mein Ideal von 
Männlichkeit. Ich wollte ebensolche 9 haben, als Mann sowohl wie als 
Jungen, daher 2,45 = 2X9 = 18. (18 = 1 + 8 = 9.) 

Diese drei Ideale meines Herzens zusammengefasst 94-9+9=27 sind 
nämlich auch wieder 9 = 2+7. — 

Eigentlich bin ich ja gar nicht 11, (Lena) sondern 12, denn ich bin 
Magdalena = M getauft. Das ist wieder 3, nämlich 12 = 1 + 2 = 3. — 

Nun kommt noch eine andere Lieblingszahl von mir, das ist die 5. 
5 wurde ich aber erst auf der Hochzeitsreise, nämlich: Ich war M = 12 
und 1 + 2 = 3, also eigentlich auch 3. Dazu wurde ich durch den Familien- 
namen meines Mannes B = 2. Das gibt für mich als verheiratete 

Frau, als Magdalena B . . . . die Summe 3 + 2 = 5. 

Damit ist es mir sehr merkwürdig ergangen. Auf der Hochzeitsreise 
bekam ich eine, wie nennt man das doch, wenn es fortgeht? 

Arzt: Einen Abort? 

Patientin: Ja, das meine ich. (So stolpert sie stets in der ihr eigen- 
tümlichen Art über Komplex worte, hier Flagellationsszenen auf dem 
Abort betreffend). Ich bekam plötzlich in Mentone eine sehr starke Blutung, 
träumte in der Nacht, mein Mann wäre nach Monte Carlo gefahren, und 
hätte auf „5 rot" gewonnen. Ich erzählte ihm den Traum und bat ihn, 
das zu tun. Lachend sagte er: „Gut, ich riskiere aber nur 5 Franks." 
Und was geschah? Er trat in den Saal, und als er am ersten Tisch auf 
„5 rot" setzen wollte, erscholl der Ruf: „Rien ne va plus." Es war zu spät; 
die Kugel rollte, „5 rot" gewann vergebens! — Er ging an den zweiten 
Tisch und auch da war es fast zu spät. Er warf das Geldstück rasch auf 
den Tisch; es fiel daneben, mitten ins Roulette hinein, so dass es nicht galt. 
Das Roulette blieb stehen, „5 rot" hatte wieder vergeblich gewonnen. Er 
ging an den dritten Tisch und sagte sich, das ist Unsinn, dreimal kommt 
rot sicher nicht. Er setzt auf etwas anderes, die Kugel rollte, „5 rot" ge- 
wann und er hatte abermals verloren! — 

„5 rot" heisst in der Sprache meiner Zahlensymbolik also: Magdalena 
B.... blutet. — Dafür habe ich aber nachher auf 9 und 18 gewonnen. 
Ich habe auch oft verloren. — Aber Sie kennen ja meine eigentümliche 
Zwangsneiguug, dass ich oft das Gegenteil von dem tun muss, was ich will. 
So sind mir 26 und 29 Unglückszahlen, die habe ich auf schwarz oft 
zusammengesetzt, in die Mitte von beiden. 

Arzt: Warum sind das denn Unglückszahlen? 

Patientin: Ja, 26 und 29 sind so furchtbar schwarze Zahlen, 
aber ich weiss nicht, warum. — 



Da weitere Einfälle nicht kamen, brach ich die Hypnose ab. Die Frage, 
warum 1,15 zwei Stunden später war als 2,45, konnte sie mir 
nicht beantworten. Am folgenden Tage fing sie in der Hypnose von selbst 



Drei Romane in Zahlen. 523 

zu sprechen an und brachte einen langen Nachtrag. Sie sagte, sie hätte in 
ihrem Leben nie aufgehört, mit Zahlen zu spielen, nur noch nie davon ge- 
sprochen. 

Die Hypnotisierte fährt fort: Der Tag, an dem ich träumte, 
war der 27 und 2 + 7 = 9- Es war Kaisers Geburtstag. Ich habe den 
Kaiser immer beneidet, weil er so viele Jungens hat. Der Kaiser hat oft 
eine Rolle in meinen., Träumen gespielt. — 

Der 26. — gestern — war mein Hochzeitstag, kurz vor dem 27., 
d. h. dicht vor der 9. 26=2 + 6 = 8. Der 8. Februar ist ausserdem 
mein Geburtstag, auch wieder dicht vor dem 9. 

Am 7. 2. hatte A....P Geburtstag, und 7+2 = 9. [A.... P.... 

ist der Jugendverehrer, von dem schon die Rede war, vgl. 45 = 3 X 15. 
(15 = P.)] 

Alle geraden Zahlen bedeuten für mich immer etwas dickes, rundes, 
Ei ähnliches = weibliches Symbol. Alle ungeraden, etwas langge- 
strecktes = man nliches Symbol. (Dies ohne Kenntnis der Stekel- 
schen Deutungen. 

A . . . . P . . . . ist A = l, P = 15. Das gibt, die 1,15, den Schnellzug 
des Traumes nach Sielbeck. 

Der 26. September ist der Geburtstag meines Mädels, wieder dicht 
vor dem 9. (2 + 6 ist bloss 8) d. h. dicht vor der „Erfüllung". Es war ein 
Mädel und ich wollte einen Jungen. — 

Arzt: Ja, aber Sie haben doch ausserdem einen Jungen, wie ist es 
mit dem? 

Patientin: Ja, am 25. 2. 09 ist der Geburtstag meines Knaben. 
2 + 5 + 2 ist zwar 9 und 09 dazu ist 18. (1 + 8 = 9.) Aber 25 erzielt 
2 + 5=7, d. h. es ist nicht der richtige Junge, nicht der, den ich mir 
gewünscht habe. Er ähnelt nicht den Idealen, die sich mir in der 9 ver- 
körpern. — 

Und nun weiss ich auf einmal, wie das mit den Zügen ist. Wenn 
ich damals mit dem Schnellzug 1,15 gefahren wäre, d. h. A... P... 
= 1,15 geheiratet hätte, wäre ich schneller zu meinem Ziel, dem 
„bestimmten" Jungen gekommen. Ich kam aber erst auf dem Bahnhof 
(Standesamt) an, als der Personenzug 2,45 ging. 2 = B . . . , ich heiratete 
den B-. .. , um zu 45 (4 + 5 = 9), d. h. dem Jungen zu gelangen. Der 
Zug fuhr mir aber zu langsam, es dauerte zu lange, bis ich den Jungen, 
den icli haben wollte, bekam. Darum liess ich ihn ohne mich weiter fahren, 
und fuhr lieber zwei Stunden später, d. h. nachdem ich schon 2 Kinder 
hatte, mit dem Schnellzug 1,15 nach Sielbeck, der eigentlich vor den zwei 
Kindern hätte fahren sollen. — 

Sielbeck ist nämlich in meiner Phantasie die 4 + 5, die 9. 

Schreiben Sie einmal Sielbeck untereinander und die Zahlen daneben; 
dann muss das herauskommen : S = 18 

i = 9 



e 


= 


o 


1 


= 


11 


b 


= 


2 


e 


= 


5 


c 


= 


3 


k 


= 


10 



63 = und 6 + 3 = 0. 



A 



624 Dr. Marcinowski, 

Bei Ihrem Namen ist das natürlich ebenso: 
Erstens ist J = 9 

und M = 12 

das macht zusammen 21 und 2 + 1 = 3. [Vgl. M = (Magda- 
lena = 12 und 1+2 = 3.] 

Aber auch mein Mann hat am 4. 5. Geburtstag: das ist auch 4+5 = 9, 
d. h. er ist gut. — 

Nun muss ich Ihnen noch die 2,45 erklären, Das ist ebensowenig nur 

der Vorortszug nach H wie 1,15, nur der D-Zug nach Sielbeck. Sie 

wissen, dass ich kurz vor meiner Verlobung die Verbindung mit dem Leutnant 
W. H. anstrebte, und wie ich unglücklich war, als daraus nichts wurde. 
Nun habe ich einmal eine Zusammenkunft gehabt, die ist folgendennassen 
zustande gekommen: [W. H. ist übrigens 22+8=30. Null ist Nichts, also 
W. H. = 3J. Eines Tages bekam ich von ihm eine Karte, worauf er 
sich selbst zu Pferde im Hippodrom im Tiergarten gezeichnet hatte. Es 
stand weiter nichts darauf, als ganz klein zwischen den Reitwegen gekritzelt: 
„Wochentags 2,45 nachm., Sonntags 10 Uhr vorm.". Die Karte bekam ich 
am Freitag. Ich habe dann sehr mit mir gekämpft, ob ich hingehen sollte, 
bin aber den ersten Nachmittag noch nicht hingegangen. Aber 2 Tage 
später (vgl. 2 Stunden später) bin ich dann am Sonntag durch den Tier- 
garten zur Kirche gegangen, zusammen mit der ahnungslosen F . . . F . . . . 
Wir sahen ihn auf dem Hinweg nur kurz. Aber auf dem Rückweg, wo ich 
allein ging, habe ich ihn lange gesprochen. 2,45 bedeutet also nächst 1,15 
meine zweite Jugendliebe. Die Buchstaben seines Vornamens Wilhelm und 
seines Vaternamens zusammengezählt ergeben übrigens 78 und 86, d. h. 
7+8+8 + 6 = 29, also 2 + 9 = 11, meinen eigenen Vornamen (L = 11), 
und auch der Tag, an dem ich ihn kennen lernte, war ein Glückstag, eine 9. 
(1 2. 1905 = 18 und 1 + 8 = 9.) 

Der Unglückstag, der sich mit seinem Namen für mich verknüpft, er- 
gibt natürlich wieder 7. Nämlich: der 14. 6. 05 = 25 und 5 + 2 = 7, 
das ist der Tag, an dem er nach Afrika ging. Aber am 2. 10. 1905 
erhielt ich noch einmal einen letzten Gruss von ihm 2 + 10 +1 + 9+5 = 27 
und 2 + 7 = 9. 

23 ist auch so eine Lieblingszahl von mir. Ich bin geboren am 8. 
2. 85 = 8 + 2 + 8 + 5 = 23 und 2 + 3 = 5.— 

So habe ich noch viel mit Zahlen gespielt, ich will noch mehr davon 
erzählen : 

Mein Verlobungstag z. B. war am 10. 11. 05. Das gibt wieder- 
mal 26 und 2 + 6 = 8. Die Verlobung liegt nämlich kurz vor der 9, 
vor der Erfüllung, und die Verlobung war eben keine ganze Erfüllung. Am 
nächsten Tage, am 11. 11. 05, zusammen 27 und 2 + 7 = 9 fuhren wir 
mit dem Schnellzug um 9 Uhr nach Lübeck. Sie sehen, wie sehr mir das 
noch alles im Gedächtnis haftet, alles immer wieder 9. Eigentlich hatten wir 
allerdings schon am selben Tage fahren wollen. Wir kamen aber zu spät, 
denn wir hatten zu viel Besorgungen. Die Verlobung war nämlich um 
8 /i5 zustande gekommen, das ist 4,45, und das wiederum sind 2 Stunden 
später wie 2,45 im Traum. Das Datum nehme ich auch gerne so: 

11. 11. 05 = 1 + 1 + 5 + 2 + 4 + 5 = 18 und 1 + 8 = 9. 



^-tf 



Drei Romane in Zahlen. 625 

Mir sind noch viele solcher Daten geläufig: 

So ist am 13. 3. 1901 der Tag meiner Einsegnung. 

13 -f- 3 + 19 + 1 = 36. 3 + 6 = 9. 

1 + 3 + 3 + 19 + 1 = 27. 2 + 7 = 9. 

1 + 3 + 3+1+ 9+1 = 18. 1 + 8 = 9. 
Unangenehm war mir auch der Antrag eines Franzosen, am 24. 5. 

1904; dementsprechend ergibt 2-j-4+5 + l+9 + 4 = 2 &. als ° 2 + 5 = 7. 
Am 26. 1. 1906 war der Tag meiner Hochzeit, die mir nicht hielt, 
was ich erwartet hatte. Das Datum ergibt deshalb auch die unglückliche 7, 
die ich nicht mag, nämlich: 

26 + 1 + 19 + 6 = 52. 5 + 2 = 7. 

2 + 6 + 1 + 1+ 9+6 = 25. 2+5=7. 

Und auch der Name meines Mannes gibt dementsprechend 7, nämlich 
die Buchstaben des Vornamens zusammengezählt 80, des Vaternamens 53, 
zusammen = 133, und 1 + 3 + 3=7. 

Dann ist am 26. 9. 1907 Luisens Geburtstag; nur ein Mädel, also 
auch nur 7 : 

26 + 9+19 + 7 = 61. 6+1=7. 

2 + 6 + 9+1+ 9 + 7 = 34. 3 + 4 = 7. 

Meine guten Jugendfreundinnen heissen: 

G O 7 + 14 = 21. 2+1 = 3. 

E F 6+6 = 12. 1 + 2 = 3. 

A R 1 + 17 = 18. 1+8 = 9. 

H D 8+4 = 12. 1 + 2 = 3. 

E D 5+4=9. =9. 

Die mir Unglück brachte und ich selbst, wir heissen beide M. D. 

M D 12 + 4=16. 1 + 6 = 7. 

Deshalb habe ich auch sofort Magdalena in Lena umgewandelt: 

L D = 11 + 4 = 15. 

(Vergl. 15 im Traum, 3X 15 = 45.) 

Nun Sie, Herr Doktor! — J. M. ist wie gesagt = 9 + 12 = 21, das 
gibt 2 + 1=3, also Güte. Aber nun werden Sie mich auslachen und 
wieder von Übertragung reden. Alle Ihre Zahlen, wie ich sie auch fasse, 
ergeben immer meinen Vornamen : 1 1 also L. 

1. Ihr Geburtstag fällt auf den 13. 11. 1868, das gibt: 

13 + 11 + 18 + 68 = 110 und da Null gleich nicht», so auch 11 
oder 1 + 3 + 1 + 1 + 1 + 8 + 6 + 8 = 29, und 2 + 9 = 11, 
oder 13. 11. 68. geschrieben dasselbe, nämlich: 
13 + 11+68 = 92 und 9+2=11. 

2. Weiter, Ihr Vorname Jaroslav, untereinander geschrieben ergibt 

J = 9 

a = 1 

r = 17 . 

= 14 
s = 18 

1 = 11 
a = 1 
v = 21 

das macht 92, und 9 + 2 = 11. 



626 







Dr. 


M&rcinowski, 




3. Ihr Vatersname 


desgleichen : 






M 




= 


12 




a 




= 


1 




r 




BS 


17 




c 




= 


3 




i 




SS 


9 




n 




BS 


13 









= 


14 




w 




= 


22 




s 




MB 


18 




k 




= 


10 




i 




= 


9 






das macht 128, und 1 + 2 + 8 = 11. 
Meine Übertragung ist doch also so schicksalsbestimmt wie nur möglich. 



Nun will ioh noch zum Schluss das Material so zusammenfassen, dass 
der Traum, von dem wir ausgingen, seinen klaren Sinn erhält. Ich würde 
etwa so sagen: „Also, gestern war mein Hochzeitstag, am 26 t6n ;. das ist 
2+6 = 8, d. h. dicht vor der 9, meiner Glücksznhl, der Zahl meiner 
Wunscherfüllungen. Ich bin wieder in anderen Umständen, also auch kurz 
vor der Erfüllung, und zwar 3 /^3, denn das dritte Kind wird doch nun endlich 
der ersehnte Junge sein, die 9. Dann habe ich 2 Jungens, 2,45 = 2 x (4 + 5). 
Wäre ich damals mit A. P. (1,15) zusammen gekommen, so wäre ich viel 
schneller (mit dem Schnellzug 1,15) zu meinem Ziel gelangt. Nun 
mu83te ich 2 Stunden (2 Kinder lang) warten, bis das dritte dran kommt. 
Und 2,45 (== W. H.) habe ich mir entgehen lassen, bin erst 2 Tage später 
hingegangen (2 Stunden später als 2,45.). Die 2, die böse 2, (das B = 
mein Mann), das mich aufhält! Wenn das kommt (alle Sonnabend), dann 
komme ich immep noch mit einem späteren Zuge (2,45) zurecht. Ach was, 
kurz vor der Erfüllung ( 3 / 4 3) fahre ich noch schnell (Schnellzug 1,15) nach 
Sielbeck. [Sie soll nämlich die Entbindung wegen drohender Puerperalpsychose, 
hier bei mir abmachen] und wenn ich (Lena = 11) zu ihm (J. M. = 9. 12.) 
nach Sielbeck komme, wird alles gut werden, (denn Sielbeck ist ja 9) und 
besser und eher, als wenn ich auf vergangener Hoffnung stehen bliebe." — 

Die Deutung des Traumes in dieser Zusammenstellung wird dem Sinn 
und dem Wortlaut nach von der Träumerin lebhaft bestätigt, und auch im 
wachen Zustande als übereinstimmend mit ihren eigenen Ge- 
dankengängen und Phantasien befunden. 



Ich möchte zum Schlüsse noch bemerken, dass ich in dem Protokoll 
nicht ein Wort und nicht eine Zahl ausgelassen habe. Man könnte vielleicht 
meinen, dass unter der erdrückenden Fülle von zutreffenden Rechenresultaten 
auch solche zu verzeichnen gewesen wären, die nicht 9 oder 7 und 5 u.s.w. er- 
geben hätten. Ich erkläre ausdrücklich, dass von irgend einem solchen 
Fehlversuch nicht die Rede war. Auch die schwierigen, langen Exempel, 
wie z. B. die bei meinem Namen, waren dem Unbewussten also völlig geläufig. 



Drei Romane hr Zahlen. 627 

Übrigens hatte die Analyse dieses Zahlentraumes eine verblüffend 
starke Wirkung auf die Kranke. Ein wahrer Jubel von Befreiungsgeföhlen 
brach in ihr los. Drei Tage nach dem Traum findet sich in ihrem Tage- 
buch 1 ) die Notiz: „Mir ist dadurch erst mein ganzes Krankheitsbild klar 
geworden, sein Aufbau. Ich will nun alles ehrlich aufschreiben. Das meiste 
wissen wir zwar schon ; aber ich sehe erst heute vollständig klar von Anfang 
bis zu Ende. Ich wäre nie so krank geworden, wenn ich W. geheiratet 

hätte. Den habe ich heiss und leidenschaftlich geliebt." ,Durch die 

Zahlenanalyse und die eigentümliche, erst so wirr anmutende Zusammen- 
stellung der Exempel sind mir auf einmal alle Lebensbeziehungen klar ge- 
worden. Es ist, als ob das Unbewusste sie mir in Zahlensprache vorge- 
sprochen hätte." .... „Mein Vater hatte gedroht, er würde W, wenn er 
als Freier ins Haus käme, die Marmortreppe hinunterwerfen. Damit 
hängt bestimmt meine Absicht, mich aus dem Fenster zu stürzen, 
zusammen ; denn ich träumte nachts immer, dass W. die Treppe herunter- 
fliegt. Und noch eins wird mir klar. Ich hatte doch die unselige Zwangs- 
vorstellung, hinter die wir nicht kommen konnten, Häuser bis auf den 
letzten Stein in Gedanken abbauen zu müssen. Ich wollte die Treppe 
abtragen, um die Drohung des Vaters zu verhindern.'' — „Meine Ehe 
ist wie ein Verhängnis. Mein Schwiegervater hatte meine Mutter sehr 
lieb gehabt, und die beiden Männer hatten verabredet, dass ich einen B. 
heiraten solle. Ich habe einen „Ableger" von meiner Frau, sagte mein 
Vater. Ich war stets ausser mir über diesen Ausdruck und kam mir 
immer wie verkauft vor an ein untrennbares Schicksal. So verlobte ich 
mich gleich nach der Geschichte mit W, und redete mich in eine Liebe 
hinein, die gar nicht eine innere Notwendigkeit war. Das war vielmehr 
ausschliesslich ein Racheakt und daneben allerdings auch der Trieb nach 
sinnlicher Liebe, der durch meine Liebe zu W. aufgeflammt war. Daher 
sollte der Junge auch durchaus W ähnlich sehen, und als er das nicht tat, 
war ich enttäuscht und sage, es ist nicht der richtige, den ich mir von klein auf 
an gewünscht habe, und verfolge ihn in Gedanken mit meinem Todeswunsche 
für das B . . . sehe Gesicht, das ich an ihm nicht sehen mag." — „Der Rache- 
akt an meinem Vater soll ihm einfach zeigen, was er an mir angerichtet hat. 
So wurde ich krank und wäre dem Wahnsinn verfallen, wenn die Analyse 
mich nicht gerettet hätte." — „Die Angst vor der Irrenanstalt ist lediglich 
die Verkörperung der Wunschvorstellung: Ich will fort von dem Manne, der 
eigentlich nicht der rechte ist, dahin, wo er mich nicht wieder heraus- 
bekommt, und dahin, wo ich ungestört meinen Trieben freien Lauf lassen 
kann." — „Die anderen Angstvorstellungen, die Beseitigungswünsche und all 
das, sind mir ja alle klar. Aber nun kommt der grosse Wendepunkt: die 
Liebe zu W. hatte ich natürlich als ehrsame Ehefrau wahnsinnig unterdrückt. 
Jetzt lernte ich in Dr. Marcinowski den Mann kennen, der in mir die 
Erinnerung an W. herausreisst. Er hat auch im Gesicht eine gewisse Ähn- 
lichkeit, denn er erinnert mich immer wieder an ihn. Ja Dr. Marcinowski 
ist W., aber so, wie ich mir W. für später als Idealbild vorgestellt habe, 



i) Ich bin gezwungen, wesentliche Teile der Tagebuchaufzeichnungen fort- 
zulassen. Teils weil sie zu anderen Teilen der ausgedehnten Neurose gehören und 
hier nur verwirren würden, teils weil dio Träumerin sonst für andere kenntlich 
werden könnte, so leider auch die inhaltreichen traumatischen Beziehungen zu den 
guten und den bösen Freundinnen. Zu dem hier Niedergeschriebenen gab sie ihre 
KinwilligUDg. 



628 Dr. Marcinowski, 

nicht, wie er wirklich war. W. war der Mann, der meine Sinne voll- 
kommen befriedigt hätte. In unseren geistigen Neigungen hätten wir nicht 
zueinander gepasst." — „Er ist nun der gereifte, geistig hochstehende Mann, 
nach dem ich mich mein ganzes Leben gesehnt. Das war nun wohl die 
schärfste Klippe, dieses Begegnen. Ihm habe ich es aber auch zu ver- 
danken, dass ich sie umschifft habe, und nicht wieder in Krankheit darüber 
versank. Ich sehe klar, das sagt alles." 

Damals: Ich habe W. nicht bekommen, aus Wut den B. genommen, 
uud bin dann aus Rache krank geworden. 

Jetzt: Ich kann den Mann nicht erringen. Das Schicksal will 
es nicht. • Ich lasse mich aber nicht wieder überrumpeln, 
sondern will bewusst mein Schicksal tragen. 

„Ich habe viel an meinem Mann gut zu machen und will ihn so lieb 
haben, wie es in meinen Kräften steht. Meine Kinder will ich so führen, 
dass sie mit offenen Augen ihr Leben leben. Das was ich bei ihm ge- 
lernt habe, soll den Kindern ein heiliges Gut werden. Ich will glücklich 
machen und werde dabei glücklich sein!" — „Fühlt Ihr nun alle, wie ich 
mich befreit habe? Wie ich gesund werde?" — „Und die zarte Freundschaft 
zu meinem Arzt und Führer, die so leicht ein wilder Brand in meinem aus- 
gehungerten Herzen werden konnte, die will ich als ein heiliges Erinnern 
mit mir nehmen; denn das darf ich jetzt — ich bin ja durch sie und an 
ihr gesund geworden. Morgen geht es heim ! O, wie bin ich so stolz und 
s.0 froh !" — 

Die Klippe war scharf gewesen, das stimmt. Die kleine, leidenschaft- 
liche Frau war aber gereift und gewachsen in der Analyse und hatte 
tapfer entscheiden gelernt, statt feige zu verschleiern. Sie hatte 
vor allem alle falsche Scham abgelegt und vornehme Natürlichkeit dafür ein- 
getauscht, und das hat sie vor Rückfällen geschützt. Offenes, ehrliches Be- 
kennen und Anerkennen des Tatsächlichen hatte der Übertragung auf mich 
die krankhafte Spannung, hatte ihr die Kraft genommen, das Ungesunde. 
Ich war zum „Werkzeug" herabgesunken, an dem sich die Kranke aus dem 
Abgrund herausgeholfen. Nun hatte der Mohr seine Schuldigkeit getan, und 
ich konnte ihr das Werkzeug zeigen und seine Gesetzmässigkeiten erklären. 
Das Brauchbare an dem Gefühl blieb, das andere konnte sie ruhig fallen 
lassen. Als sie fuhr, hinterliess sie folgende Zeilen, die das starke Auf- 
stehen einer fast verloren geglaubten Seele schön wiedergeben. Es ist zu- 
gleich ein Zeugnis dafür, dass man als Arzt, auch „ohne zu beschämen", 
„Übertragungen" begegnen und sie heilen kann — das „Menschlichste" an 
uns, wie Nietz'sche es nennt. Sie schrieb: 

„Ich kann Dir trotz allem Geschehen 

Stolz in die Augen seh'n. 

Denn etwas Grosses im Leben 

Vollbewusst aufzugeben, 

Heisst: ,,Kämpfen und Ringen." 

Nur dann kaun's gelingen 

Zu überwinden, 

Wege zu finden, 

Sich zu befreien. — 

Denn, was wir sollen, 



Drei Romane in Zahlen. 629 

Müssen wir wollen, 

Ehrlich treu. 

Nicht schwanken und biegen, 

Entscheiden — und siegen." — 



IL 

Im Anschluss an diesen schicksalsschwangeren Traum will ich nun 
von einer zweiten Zahlensymbolik berichten, die im Gegensatz zu dem ersten 
Traum von einer Kranken geliefert wurde, die niemals mit Zahlen ge- 
spult hat. Auch hier enthalten die wenigen Zahlen fast das gesamte 
Schicksalsmaterial, den Roman der Träumerin. Auch hier liegt ein Beweis 
für die Berechtigung unserer Traumanalysen vor; denn in diese Zahlen 
kann der Analytiker auch beim besten Willen und selbst 
bei „verruchtester" Phantasie nichts hineindeuten. Hier ist 
man eben völlig in der Hand des Träumers, und ganz und nur auf das 
angewiesen, was er selber an Einfällen bringt. 

Übrigens habe ich die Empfindung, dass gerade diesem Wiederspiegeln 
des ganz, persönlichen Schicksals in einem Traume eine starke, überzeugende 
Kraft innewohnt; es liegt etwas, ich möchte sagen, Unausweichbares darin. 
Ebenso auch in den eigentümlichen Serienbildungen, die ich, je tiefer ich zu 
schauen lernte, desto häufiger feststellen kann. Mit solchen Traumserien 
begleiten die Kranken unsere Arbeit und spiegeln deren Wirkungen genau 
wieder. Wir sehen, wie dieselben Motive sich gemäss unserer Gespräche 
ändern und in stets neuen Verkleidungen dies innere Arbeiten der Seele wie 
Antworten an den Arzt hervortreten lassen. Wie wäre es möglich, in all 
ihrem bunten Wechseln immer wieder gerade das herauszudeuten, was im 
Innenleben der Kranken tatsächlich gerade vorgeht, wenn es nicht ebenso 
tatsächlich im Traume zu lesen stände! Ein solches Ratenkönnen 
und Hineinlegen und Unterschieben wäre ja für sich ein viel 
wunderbareres Vermögen, eine viel erklärungsbedürftigere 
Erscheinung, als die immer einfacher und klarer von uns 
herausgearbeitete Traumsymbolik selbst. — 

Doch nun zu unseren Zahlen. Sie werden verständlicher, wenn ich die 
Hauptdaten der Krankengeschichte vorausschicke. 

Frau E. M. ist eine überzarte kleine Frau, durchaus hysterischen 
Charakters, seit Jahren von pseudo-organischen Zuständen beherrscht, fast 
dauernd im Bett, weil dauernd ein allgemeiner, schmerzhafter Spasmus aller 
Muskeln und Eingeweide sie quält: heftige Kolik der Gebärorgane, des 
Darmes, Schlaflosigkeit, Überempfindlichkeiten aller Sinnesorgane, Unfähigkeit 
zu geordneter Nahrungsaufnahme, viel Erbrechen u.s.w. Krank war sie seit der 
frühesten Kindheit, die sie als „unverstandenes" Mädchen unter schwersten 
Enttäuschungen ihres kleinen Kinderherzens durchmachte und in der sie ihre 
krampfhaften Zustände dadurch erwarb, dass sie sich andauernd in Rollen 
hineinzwingen und ihre Beschwerden unterdrücken musste. Ihre schwersten 
Traumen waren folgende: 1. Die heftige Zurechtweisung seitens de9 leiden- 
schaftlich geliebten Vaters, als sie bei ihrem ersten Angstanfall (7 Jahr) 
während des Abendbrotes die Familie störte. Vorher, mit 3*/2 Jahren, 
hatte sie eine grosse Ungerechtigkeit erlitten. Ohne eine Ahnung oder 



530 Dr» Marcinowski, 

irgendwelche Verständnismöglichkeit für das Frevelhafte ihres Beginnens, hatte 
das Mädelchen sich über den Hof zum Eselstall hingetrudelt und dort voller 
Entzücken in dem Anblick des Grauchens geschwelgt, während man sie angstvoll 
suchte. Strafe, Zwang zum Verzeihung bitten und ähnliche erzieherische Mass- 
nahmen lösen noch heute in der Erinnerung stärkste Affektbetonungen aus. 
Dann folgen in der Mädchenzeit verschiedene stark gefühlsbetonte Szenen, die 
die leidenschaftliche Liebe zum Vater und zum Bruder klar zum Ausdruck 
bringen. So ein Geldgeschenk vom Vater für eine mehrwöchige Vertretung 
der verreisten Mutter, das als Beleidigung empfunden wurde — sehr bezeichnend 
für die Rolle, in die sich das Mädchen hineingeträumt hatte. Für diese war 
„Bezahlung" allerdings ein Schimpf. Später, als erwachsene Frau, brach sie 
zusammen, als ihr unter nichtigen Vorgängen ein voi übergehender Aufenthalt 
im Fremdenstübchen bei ihrem Vater versagt wurde. Das kam allerdings der 
Vernichtung ihres heiligsten Lebensinhaltes, der Ausschliessung von ihrer stärksten 
Liebesquelle gleich, und in der Nacht darauf folgte logischerweise ein furchtbarer 
Angstanfall und ein Versuch zur Selbstentleibung. Wir sehen, der Familien- 
roman spielt seine übliche Rolle. Dazu kommt das eigentlich Schicksals- 
bestimmende in Gestalt der ihr von den Eltern aufgeredeten Verbindung mit 
einem, allerdings für ihre ganze Art sehr ungeeigneten Gatten. — Aber gemäss 
ihres Komplexes war sie ein gehorsames Kind, obwohl sie sich noch auf dem 
Wege zum Standesamt überlegte, ob sie sich nicht noch im letzten Augen- 
blick durch irgend eine phantastische Fälschung der Unterschrift einer 
rechtlich bindenden Eheschliessung entziehen könne. Die Ehe war denn 
auch danach geworden und bildete jenen unentrinnbaren Schicksalsspruch, 
als den wir sie in dem Traumbilde gekennzeichnet finden werden. Die Kranke be- 
nutzte ihre Krankheit als Waffe, um sich dem Schicksal, das heisst hier dem 
Mann, zu entziehen. Die spastischen Erscheinungen äusserten sich entsprechend 
als Vaginismus ; auch Erbrechen als Ausdruck des Widerwillens hoben im Laufe 
der Jahre die Ehe als solche auf, während ein reiches Mass von hausfrau- 
licher Pflichterfüllung, soweit der Körper das zuliess — also eigentlich mehr 
in der Theorie — die Familie dafür- entschädigen sollte. Der Vater war mittlerweile 
gestorben; an seine Stelle war der ältere Bruder getreten. Ihrem eigenen 
Sohne, dem einzigen Kinde, war sie eine vorzügliche Mutter. Sie konnte mit 
Recht sagen, der Junge wäre ihr ein und alles und fülle ihren ganzen 
Lebensinhalt aus. Wenigstens traf das bisher zu und hat erst durch die 
Berührung mit mir eine andere Gestalt angenommen, da ich durch die Über- 
nahme der Behandlung in der bekannten, gesetzmässigen Weise zum stell- 
vertretenden Nachfolger des Vaters wurde und als lebendes Idealbild der 
Träger ihrer zurückgedämmten Affektbetonungen werden musste. 

Ich gebe mit diesem Abriss der Krankengeschichte zugleich einen un- 
gefähren Überblick über den Standpunkt der Analyse. Was ich hier ange- 
deutet habe, war der Kranken mit allen dazu gehörigen Einzelheiten klar 
bewusst geworden. 

Ich gebe nun den Traumtext wieder: „Ich traf meinen Bruder auf 
der Strasse und fragte ihn nach dem Befinden meiner kleinen Schwester, 
die ein Baby bekommen hatte. „Na, es geht", meinte er, und fügte 
lachend hinzu: „Aber heutzutage mache ich die Geschichte nicht mehr für 
30 — 40 M. Ich schreibe jetzt andere Rechnungen." Damit begrüssten 
wir eine sehr einfache aber ordentlich gekleidete Frau (die Frau des 
Kutschers, der schon meinen Vater gefahren hatte). Er deutete auf mich 
und sagte: „meine Schwester". Dann war er verschwunden. — Die Frau 



Drei Romane in Zahlen. 031 

sagte: „Mögen sie es sich auch gerne schön und bequem in ihrem Hause 
machen? Ah, Sie wollen Blumen kaufen? — Ich nickte." — 

Nach einer Weile träumte sie weiter: „Ich war in meinem Zimmer und 
lag zu Bett, hatte aber Besuch und die Tür war offen. Frau Dr. ging fort 
und ich sprach mit Herrn W. über Unterhaltungsgabe. „Der eine lernt es 
nie, der andere spät," sagte der. — „Ach, Reden können bedeutend noch lange 
keine Unterhaltung führen," war meine Antwort. Im gleichen Augenblick 
sah ich Herrn Dr. in Frau Ws. Zimmer gehen. Er nickte uns zu; ich tat 
aber, als sehe ich es nicht, merkte aber, wie forschend seine Augen auf uns 
gerichtet waren. Ich sagte: „Da geht unser Quälgeist, der ruht nicht, 
bis man die 2910 Stufen (Neunundzwanzig — zehn gesprochen, wie bei 
Telephonummern) glücklich hinaufgeklettert ist." Diese Zahlen sah ich 
gross und leuchtend in der Luft vor mir schweben und mit 
tiefem Bangen wachte ich auf. Es war wie das Mene Tekel 
und als wollten sie mir sagen: „Wir sind Dein Schicksal, Du 
entrinnst uns nicht! Wolle nichts anderes!" 

Die letzten Worte beziehen sich darauf, dass ich der Kranken oftmals 
gesagt hatte, sie sei mit ihrem falschen Bemühen wie das Bäumchen, das 
immer andere Blätter haben wollte; sie solle doch nicht immer anders 
sein wollen, als der liebe Gott sie geschaffen habe. 



Und nun muss ich allerdings die Lösung der eigentlichen Schicksals- 
frage bis zuletzt aufsparen, denn bis zu ihr spitzt sich die Geschichte erst 
zu, wenn ich die Einfälle der Träumerin wieder wörtlich und genau in der 
Reihenfolge bringe, wie ich sie von ihr erfahren habe. Ich bemerke aus- 
drücklich, dass die Patientin von Zahlenträumen nichts, kaum die Tatsache 
selbst wusste, dass es so etwas gab. 

Bedeutsam war bereits das Datum des Traumes selbst. Es fiel auf 
den Geburtstag ihres Vaters. Kein Wunder, wenn ihr in dieser 
Nacht ihr ganzes Leben noch einmal im Traume wach wurde. 

Darauf entdeckte sie, dass die Ziffern des vollen Geburtstagsdatuma in 
der Quersumme 29 ergaben. 

17. 2. 1837 = 1 + 7 + 2 + 1+8+3 + 7 = 29. 

Gestorben war der Vater im Jahre 1907 und der Unterschied von 
70 Jahren entspricht der Summe 30 und 40, von der der Bruder ge- 
sprochen hatte. Sie fährt fort: 

Nun ist ferner 2 + 9 = 11. 

Aus diesen Zahlen ist durch entsprechende Umstellung das Jahr meines 
heutigen Traumes herzustellen. 

2 + 9 = 11 1912 




Die Stufen, die ich hinaufklettern soll, sind durch die Trennung von 
2910 in 29 und 10 gewissermassen als Zehner stufen bezeichnet. Das 
führt auf einen merkwürdigen Zufall in unserer Familie. Die Geburtsjahre 
liegen da nämlich immer um 10 Jahre auseinander. Es wurde geboren : 



632 Dr. Marcinowski, 

mein Vater im Jahre 1837 
meine Mutter „ „ 1847 
mein Mann „ „ 1857 
mein Bruder „ „ 1867 
mein Vater starb „ „ 1907 

Die Träumerin hat also eine gewisse Berechtigung, das Leben bis su 
dem Ende, wo ich sie nicht mehr quälen kann, in Stufen von je 10 Jahren 
einzuteilen, in Stufen, die zu gleicher Zeit ihre persönlichen Herzensbeziehungen 
wiederspiegeln. 

Zu dem Wort „Quälgeist" sagt sie: 

1. Mein Leben ist eine Qual, die ich auf mich nehmen muss, weil 
ich es mir selber geschaffen habe; denn es war Unrecht, wie ich meine Ehe 
eingegangen bin. Also: keine Ruhe, bis alle Stufen überwunden sind und 
ich im Tode wieder bei meinem Vater bin. So träume ich an seinem 
Geburtstag. 2. Und auch der Doktor ruht nicht, bis ich eine andere 
Lebensauffassung bekommen habe. 

Nun fällt mir ferner ein, fuhr die Träumerin fort, in diesem Jahr gibt 
es einen 20. 2. Es ist ein Schaltjahr, ein wichtiges Jahr in meinem Leben. 

Am 10. 1. ist der Geburtstag meines Mannes. 

Am 10. 2. ist mein Verlobungstag. 

Am 20. 6. ist der Tag meiner Ziviltrauung. Von meinen Gedanken 
bei der Unterschrift sagte ich Ihnen schon, das war im Jahre 92, eine Um- 
kehrung von 29, der Zahl meines Vaters. Die ganze Jahreszahl meines 
Hoch zeitsdatums 1892 erscheint mir merkwürdig zugespitzt, indem schon die 
18 (= 2 X Oj die 29 enthält, also: 1892 = (2X9) 92. 

Am 29. 3. so sagte mein Junge mir, würden die Ferien anfangen. Das 
bringt die wichtige Entscheidung seiner Versetzung, von der viel abhängt. 
Aber auch für 'mich kann der Tag viel bedeuten, denn es ist vielleicht der 
Tag meines Scheidens von hier. Meine Abreise ist ja von seiner Reise- 
begleitung abhängig. Kann ich noch länger bleiben, so wird verabredeter- 
massen der 20. 4. mein Abreisetag, das ist der letzte Termin, denn am 1. Mai 
habe icli Personal Wechsel. 

Auf das 20 te Jahr fiel die Unterleibsoperation, die mir so unsagbar 
viel Qualen vorher und nachher gebracht hat. 

20 -f 10 = 39. Im 39. Lebensjahr erlebte ich jene fast tödliche 
diphtherische Erkrankung, die mich dann zum erstenmal nach Sielbeck und 
damit an die Wende meines Lebens führte. 

20 500 M. betrug das Kapital, das Vater auf unserem Hause stehen 
hatte, zu 'i 1 la°/o wurde es verzinst, d. i. die Hälfte zwischen 30 und 40 für 
lausend. 35 000 M., d. h. die Mitte zwischen 3 und 4000 M. beträgt der 
Mietpreis unserer jetzigen Wohnung. 

Die Hausnummer unseres Elternhauses war 55 und b -\- b = 10. 

Unsere eigene Hausnummer ist 32 und 3 + 2 = 5, das ist die Hälfte 
von 10. 

Mein Mann ist gerade 55 Jahre geworden, also auch hier stimmt 10. 

3 — 4000 M. betrug übrigens die Summe, die mein Vater und später 
mein Bruder für sein Fuhrwerk ausgab. Jetzt fährt mein Bruder Auto und 
er ist „ungenügsam" geworden. Er will sich nicht mehr mit den bisherigen 
Verhältnissen wie seine Eltern (in die 30 er und 40 er Jahre fallen die Geburts- 
tage von Vater und Mutter) „begnügen". Auch drückt 30 und 40 die bis- 



^ 



Drei Romane in Zahlen. 633 

herige Zeit seiner Ehe au9. Er ist jetzt 45 Jahre alt und gemäss meiner 
alten Kinderliebe will ich ihn ungenügsamer sehen und mir mit ihm mein 
Heim blumiger gestalten. So mein Traumwunsch und die Erklärung für 
das Auftreten der Kutschersfrau und ihr Gerede. 

3 und 4. Die Zahlen 3 und 4 enthalten aber auch Anspielungen auf 
die schwersten seelischen Verwundungen meines Lebens, soweit sie nicht 
mit meiner Ehe zu tun haben, sondern sich in meiner Familie abspielen. 
So liegt zwischen 3 und 4 meine erste Erinnerung. 

Ich war 3 1 /a Jahr, als ich das erstemal an meinem Vater irre wurde, 
wie ich wegen der Eselsgeschichte durchaus um Verzeihung bitten sollte. 

3-f-4=7. In mein siebentes Jahr fällt mein erster Angstanfall mit 
dem Traum vom schwarzen Mann. Ich war damals so furchtbar davon 
betroffen, dass ich Schelten erntete statt Liebe und Tröstung, als ich in 
meinem grauenvollen Zustand nach dem Vater rief. Ich hatte „gestört"! 

Dann war es wieder zwischen 30 und 40, nämlich in meinem 34. 
Lebensjahr, als mir in meinem Elend ein kurzer Unterschlupf im Hause 
meines Vaters verweigert wurde ; das Kind war durch sein Kranksein zum 
lästigen Störenfried geworden. Kein Wunder, dass mein Bruder nur mit 
Mühe und Not meinen verzweifelten Selbstmord verhindern konnte. — 

Nun aber soll ein reicheres Leben beginnen. Mit alle dem, was diese 
Zahlen ausdrücken, will auch ich mich nicht mehr begnügen. Aber mein 
Schicksal steht als drohendes Mene Tekel an der Schwelle von 1912 (vgl. 
Anfang) and dies Schicksal will ich mit all seinem selbstgeschaffenem Elend 
ruhig und tapfer tragen, so wie Sie es mich gelehrt haben. (Heilungstraum.) 
Ich möchte es bildlich so darstellen: 




Die Zahlen 29 und 92 (mein Hochzeitsjahr) rahmen es ein, und in 
der Mitte steht die 10 l ), das Datum meines Verlobungstages und des Geburts- 
tages meines Mannes. Der fällt auf den 10. 1. und 10 -f 1 gibt 11, 
(gleich 2 4- 9). So wird mein Mann (10+ 1) mit gleicher Zahl die Fort- 
setzung meines Vaters (2 4" 9). 

Zu 29 als Schicksalszahl sind nun noch weitere Belege zu ver- 
zeichnen. Dass die Quersumme von meines Vaters Geburtsdatum 29 ist, 
sagte ich schon. 17. 2. 1837 = 29. 

Aber auch meiner Mutter Todestag hat die gleiche Quersumme: 

21. 10. 1897 = 29, und enthält übrigens auch die zweite Zahl, die 
10 in sich. 

Der Hochzeitstag 'der Eltern fiel auf den 25. 4. — Quersumme 29. 

Mein Vater starb am 12. 7. — Quersumme 11) und zwar nach der 
Mutter, also als 2. und der Tod ergibt die Auflösung = 0. Diese 4 Zahlen 



i) Ich fuße hinzu, dass 10 das Symbol der Ehe selbst ist, die Neheneinander- 
stellung von 1 (Phallus) und (Vagina). 



634 Dr. Marcinowski. 

1, 9, 2 und 0, aus denen sich 2910 zusammensetzt. Kein Wunder, wenn 

ich danach dem Jahre 1920 als einem für mich vielleicht sehr kritischen 
entgegensehe. 




2910 1920 

Von dem Geburtstagsdatum meines Vaters ausgehend, versuchte ich dann, 
welche Zahl sich bei Ihrem Geburtstag, Herr Dr., ergab. Nach alledem war 
ich schon nicht mehr überrascht, da9S auch die Quersumme dieses Datums 
(13. 11. 1868) 29 ergab. Ist das nicht wie eine Bestätigung meiner Über- 
tragung des väterlichen Idealbildes auf ihre Person und wie ein Beleg zu 
der inneren Berechtigung dazu? (ganz wie bei Fall I, vgl. Seite 626). 

Und nun hatte ich einen weiteren Einfall. Es lockte mich, die 
Anzahl der Buchstaben von den Worten „Sanatorium Haus Sielbeck 
am Uklei" zusammenzuzählen, und siehe, auch das ergab 29 ! 

Dasselbe versuchte ich mit Ihrem Namen, wie er auf dem Titelblatt 
ihrer Bücher steht, und auch da kamen 29 Buchstaben heraus. Dasselbe 
probierte ich nun erst bei ihrer Frau und dann bei meinen Familienange- 
hörigen und stets mit dem gleichen überraschenden Ergebnis. 

Hier die Tabelle: 

1. Sanatorium Haus S'elbeck am Uklei 29. 

2. Dr. med. J. Marcinowski, Haus Sielbeck . 29. 

3. Helene Marcinowski, Haus Sielbeck 29. 

4. mein Vater: Dr. med. Wilh. 1 ) Erich Schulze 8 ) in Berlin . 29. 

5. meine Mutter; Manon Schulze- Langemann in Berlin . . 29. 

6. mein Manu: Hermann Johannes Müller, in Berlin ... 29. 

7. ich selbst: Marie Müller, geb. Schulze in Berlin .... 29. 

8. dazu: Sohn August Wilhelm Müller, Berlin 29. 

9. mein ältester Bpuder: Dr. med. E. Schulze, prakt. Arzti. Berlin 29. 

10. seine Frau: Emma Schulze geb. Alberti in Berlin . . . 29. 

11. meine Schwester: Auguste Madretzki-Schulze, Dnnzig . . 29. 

12. ihr Mann: Direktor Karl Madretzki in Danzig .... 29. 

13. mein 2. Bruder: Privatdozent Dr. E. Schulze, Breslau . . 29. 

14. seine Frau: Verena Schulze-Pranitz in Breslau .... 29. 

15. meine 2. Schwester: Louise Mendelsohn-Schulze, Berlin . 29. 

16. ihr Mann: Dr. jur. Berthold Mendelsohn, Berlin .... 29. 



Alle diese Zahlen ergaben sich ohne weiteres Probieren bei der ersten 
Niederschrift und sind nicht etwa die Auswahl des Zutreffenden aus einer 
Reihe von spielerischen Versuchen. In mir muss also die Tatsache bereits 
festgestellt gelegen haben, als die Einfälle mich aufforderten, das zu versuchen. 

Hier etwas hinzuzufügen wäre abschwächen. 

') Mein Vater pflegt seinen Vornamen stets so abzukürzen. 
■i) Die Namen der Familienmitglieder sind selbstverständlich durch andere von 
?enau gleicher Buchstabenzahl ersetzt; die Vornamen sind zum Teil unverändert. 



5 + 3 + 3 = 11 



Drei Romane in Zahlen. 635 

Noch eine kleine Zahlenspielerei möchte ich hieran anschliessen. Die 
Geburtstage meiner Familienangehörigen und die Quersummen der Daten sehen 
folgendermassen aus: 

Mein Vater 17. 2. 1837 = 2» = 11 

Meine Mutter 25. 7. 1847 = 34 = 7] 

Mein Bruder 2. 1. 1867 = 25 = 7 

Mein Mann 10. 1. 1857 = 23 = 5 

Ich selbst 27. 4. 1871 = 30 = 3] 

Mein Junge 21. 6. 1893 = 30 == 3 
Man sieht, die endgültigen Quersummen sind bei meiner Mutter und ihrem 
ältesten Sohne dieselben, nämlich beidemal 7, und auch bei mir und meinem 
Jungen dieselben, beidemal 3, und die Zahlen von mir und meinem Mann 
und meinem Jungen zusammen ergeben die Zahl meines Vaters 11. 

So gut wie ich übrigens aus den Quersummen von meines Vaters 
Geburtstag 2 + 9 = 11 machen kann, kann ich auch umgekehrt 9 — 2 = 7 
nehmen und erhalte damit die Zahlen von Mutter und Bruder mit ihrem 
inneren Gehalt von 3 + 4. 

Zum Schluss möchte ich noch erwähnen, dass ich in der „fröhlichen 
Wissenschaft" von Nietzsche zwei Lieblingsstellen habe, die Sternenfreund- 
schaft und die Media vita. Die beiden Aphorismen tragen die Nummern 
279 und 324, darin ist sowohl die 2 ... 9, als auch die 3 ... 4 enthalten. 



Zum Schluss noch kurz einen dritten Zahlentraum von ganz ähnlichem Auf- 
bau. Auch er gehört zu denen, die ich Heilungsträume nenne, d. h. die 
Patientin befindet sich in der Ablösung von der Übertragung auf den Arzt 
und drückt das im Traum aus. Sie lebt in unverstandener nnd unbefriedigter 
Ehe, und hatte in den letzten Jahren Angstzustände und Zwangsvorstellungen. 
Es war mir gelungen, einen grossen Teil davon bereits aufzulösen und vor 
allem das Verhältnis der Ehegatten untereinander wesentlich zu ändern, da 
der Mann auf meine Darlegungen sehr gut einzugehen verstand. 

T räum te xt: 

Es war in H , ich ging mit meinem Mann auf dem „Breiten- 
weg". Wir kamen an der Luisenschule vorbei, wo ich zur Schule gegangen 
bin. Es gongte gerade dreimal. Ich hatte das Gefühl, als ob es das 
Sanatorium (Lebensschule) wäre, aber ich war schon lange fort Ich sagte 
zu meinem Mann : „Lass uns mal dort vorbeigehen, vielleicht treffen wir 
dort Bekannte." Wir mussten erst durch die Schule durch und dann mussten 
wir durch einen Weg, der vom Regen aufgeweicht war und worin man versank 
Wir konnten nur mühsam vorwärtskommen. Als wir den Weg beinah« 
beendet hatten und er anfing, besser zu werden, bemerkte ich plötzlich, das« 
ich meinen Ring verloren hatte. Ich sagte es meinem Mann und der sagte: 
„Der Herr hier, der gerade etwas aufhebt, hat ihn vielleicht gefunden." Ich 
drehte mich um und sah, wie sich ein Herr gerade bückte. Ich frug ihn. 
ob er meinen Ring gefunden hätte. Darauf gab er ihn mir. Mein Mann 
zog ein Taschenbuch heraus und sagte: „Damit sie glauben, dass uns auch 
der Ring gehört, hier steht es aufgezeichnet (Datum unklar), ein Ring mit 
einem Smaragd und 26 Brillanten." Dabei ein Menschenauflauf, der sich 
sofort zerstreute. Mein Mann fasste in die Tasche und ich hörte Geld 

Zentralblatt für Psychoanalyse. II". 45 



636 



Dr. Marcinowski, 









klappern, und hatte das Gefühl, mein Mann wollte ihm Geld zur Belohnung 
geben. Ich sagte darauf: „Geld kannst Du dem doch nicht geben, lass Dir 
doch die Adresse sagen." Der Herr sagte sie auch, aber ich weiss sie 
nicht mehr. Wir gingen weiter und ich dachte: „der Weg war so dunkel 
und aufgeweicht, dass du den Ring nie wieder bekommen hättest, wenn der 
Herr ihn nicht sofort gefunden hätte. — 

Erk] ärung: 

Der Traum versetzt sie in ihre Heimatstadt H , in der sie sich 

im Gegensatz zu ihrem jetzigen Wohnort sehr wohl gefühlt hat. Das drei- 
malige Gongen erinnert sie an unseren hiesigen Tafelruf, und zugleich an 
die Tatsache, dass sie „drei" Kinder habe. Zu Ring: bringt sie als Einfälle 
das Volkslied ,,Ach, wie ist's möglich dann", und die Stelle aus der Glocke: 
„Mit dem Gürtel, mit dem Schleier". — Das drückt den Beginn ihrer Ehe 
aus, die Verlobung (Liebeslied) und dann die Erkenntnis, dass sie sich ge- 
täuscht habe. — Der Wahn riss entzwei! Sie wirft schliesslich den Ring 
fort oder verliert ihn, was auf dasselbe herauskommt Das bedeutet: die 
innere Gemeinsamkeit der durch den Ring verbundenen Ehe ist verloren 
gegangen. Es kam ihr in der „Lebensscbule" des Sanatoriums eigentlich erst so 
recht zum Bewusstsein, w-'eweit diese Entfremdung gediehen war und in welchem 
„Sumpf" sie sich zu verlieren gedroht hatte. Mühsam ging der dunkle Weg der 
Analyse durch den „aufgeweichten" Boden, bis es allmählich besser wurde. — 

Der Mann, der den Ring aufhebt und ihr wiedergibt, bin ich. Das 
Gespräch wegen des Finderlohnes bezieht sich auf eine Erörterung mit ihrem 
Mann, bei der sie festgestellt hatten, dass es sich mit Geld nicht belohnen 
Hesse, was ich an der Frau getan hätte. Der Gatte macht seine Besitz- 
rolle an der 'Ehefrau geltend, die ihm ein Wertstück, ein Schatz von Edel- 
steinen dünkt, der Träumerin ein erwünschter Beweis seiner Liebe. — Es 
stecken selbstverständlich noch eine Menge Einzelheiten hinter diesen Bildern, 
die ich aber urrerörtert lasse, weil ich hier nur das Wesentliche für die 
Analyse der Zahlen herausholen will. Die Schule wurde als Lebensschule 
übrigens auch der Ehe gleichgesetzt. Der Weg durch diese malt also ncch 
mehr, als bloss die Arbeit der analytischen Behandlung. Der Ring gilt ihr 
femer nicht nur als verlorenes Glück, sondern auch als die damit ver- 
lorene Gesundheit, und diese Verdichtung in ein Symbol bedeutet ihr 
den inneren Zusammenhang von beiden. 

Nun zu den Zahlen: Die Patientin hat seit ihrer Kindheit eine 
eigentümliche Zwangsneigung: Wo sie Zahlen sieht, an Taxameterdroschken 
z. B., da muss sie die Quersumme davon ziehen und ist totunglücklich, wenn 
eine ungerade Zahl dabei herauskommt. Sie muss dann solange an anderen 
Zahlen weiter probieren, bis sie eine Zahl mit gerader Quersumme erwischt: 
dann erst ist sie ruhig. Diese Zwangshandlung ist eine Art Orakelfrage an 
den lieben Gott, ob er ihr gnädig sei oder nicht Als Kind hatte sie deutlich 
das Gefühl, nun sei alles gut und wieder in Ordnung, sobald das Orakel 
mit einer geraden Zahl antwortete. Augenscheinlich liegt irgend eine kind- 
liche Schuldphantasie dem zugrunde, die ich indessen über Wichtigerem noch 
nicht herausanalysieren konnte. 

Ganz im Gegensatz zu dieser Zwangsneigung, die sie bei der Erörte- 
rung des Traumes völlig vergessen hatte, erschien ihr vor einigen Tagen, als 
die Patientin des Falles I mit ihr davon sprach, die Zahl t) auch als ihre 



Drei Romane in Zahlen. G37 

ausgesprochene Lieblingszahl, ohne dass sie dafür Gründe anzugeben ver- 
mochte. 7 und 13 dagegen waren ihr unangenehm. 

In der nächsten Nacht träumte sie prompt ihren ersten Zahlentraum. 
Sie sah auf der Strasse einen Gegenstand liegen, ein Herz in Goldpnpier 
fest eingewickelt. Sie war sehr bange, dass irgend ein anderer es eher be- 
merken würde wie sie selbst. Es gelang ihr, es vor den anderen zu erreichen, 
hob es auf und steckte ea rasch und heimlich zu sich Zu Hause ange- 
kommen, sah sie, dass es die Nummer 913 trug und ein Schlüsselloch hatte. 
Der Schlüssel von ihrem Schmu c kkasten(!) passte dazu, sie schloss 
auf und wollte nachsehen, was in dem Herzen drin war, — da wachte sie 
zu ihrem grossen Bedauern auf, ehe sie den Inhalt feststellen konnte. 

Das Herz 913 enthält sowohl Glück (9) wie Unglück (13) und ist 
zusammengenommen 9+1 + 3 = 13, also auch gerade nichts Glückver- 
heissendes. Viel mehr hatte sich damals nicht ergeben. 

Jetzt aber sollte die Zahl in ihrer ganzen Bedeutung zutage treten. 
Sie hatte augenscheinlich im Unbewussten (nicht etwa in der Bewusstheit) 
gegen lü Tage lang daran gearbeitet, diese Zahlen bcziehung im Geheimen 
festzustellen. Nun erschien plötzlich der Traum und die Einfälle kamen 
nacheinander heraus, wie ich sie hier gebe. Auch sie sind, wie bei den 
beiden anderen Träumen, dadurch gekennzeiqhnet, dass nur solche Einfälle 
kamen, die das positive Ergebnis 9 hatten. Fehlversuche, wie man sie, im 
Bewusstsein spielend, dann leicht macht, waren nicht darunter. 

Nun zu den Zahlen selbst. Die Patientin besitzt nun tatsächlich einen 
Ring mit einem grossen Smaragd, um den herum 26 kleine Brillanten grup- 
piert sind. Niemals ist sie auf den Gedanken gekommen, diese winzigen 
Steinchen zu zählen, was übrigens auch sehr mühsam ist. Sie war äusserst 
erstaunt darüber, dass ihr Unbewusstes im Traum von der Zahl Kenntnis 
hatte, und sehr verblüfft, dass der Traum mit den tatsächlichen Verhältnissen 
übereinstimmte. An diesen Ring knüpften sich peinliche Erinnerungen für 
die Ehegatten, die die Frau noch nicht verwinden konnte. Die 26+1 Steine 
= 27 ergeben wieder als endgültige Quersumme 2 + 7 = 9, und die übrigen 
Einfälle erweisen diese Zahl wie in dem anderen Traume als Schicksals- 
zahl. Übrigens mit 26 Jahren (26 Brillanten) wurde sie krank. Das 7. Jahr, 
in dem sie den Ring geschenkt erhalten hatte, war 1908 = 27 und 2 = 7 = 9. 
Das Geschenk hätte also eigentlich ein glückbringendes sein sollen. Das 
hätte auch gestimmt, wenn das Geschenk, wie erwähnt am 24. 12. 1908 
gemacht worden wäre. (2 + 4 + 1 + 2 + 1 + 9+8 = 27 und 2 + 7 = 9.) 
Aber das richtige Datum, der 31. 12. 19U8 ergibt nur 25, d. h. 2 + 5 = 7, 
also eine Unglückszahl. Gottlob hat die Träumerin damals nichts davon 
geahnt, sonst hätte ihr die Bedeutung der damit verknüpften Erlebnisse noch 
schwerwiegender auf der Seele gelastet. 

- Dieses Datum, der 31. 12. 1908 ist wohl stellvertretend für das im 
Traum „vergessene" zu setzen. 

Weitere Einfälle der Patientin ergaben noch : 

Auch das Wort „Sylvester" hat übrigens-. . . . = 9 Buchstaben. 

Mein Geburtstag fällt auf den 22. 12. 1874 = 27 =9 

Wir waren „Zwillinge", dieses Wort hat . . . = 9 „ 

Ich heisse „Elisabeth", macht ebenfalls . . . = 9 „ 

Ihre Vaterstadt „H " , desgleichen . . . = 9 „ 

Die Strasse, auf der der Traum spielt, der „Breite 

Weg" hat =9 „ 

45* 



638 Dr. Marcinowski, Drei Romane in Zahlen. 

Daher wird es nicht mehr wundern, dass der 8. Oktober, d. h. der Tag, 
an dem sie in Sielbeck eintraf, dieselbe Zahl enthält, nämlich 8 + 10 = 18 
und 1 + 8 = 9. 

Ihre drei Kinder sind geboren am 30. 3., 19. 3. und 13. 4. Zusammen- 
gezählt: 30 + 19 + 13 -f- 3 + 3 + 4 = 72 und 7 + 2 = 9. 

Nun zählte sie die Buchstaben ihres Vornamens und Vater- 
namens in Zahlenwerte umgesetzt, wie die Träumerin I, zusammen. Das 
ergab die Summe von 151 = Quersumme 7; nein, unverheiratet wollte sie 
nicht bleiben. 

Nun vertauscht sie in der Ehe den Namen des Vaters mit dem des 
Mannes, der hat 2 Punkte mehr, also 153 und 1+5 + 3 = 9. Aber wie 
das Herz Nr. 913 geteilt war in die Zahlenwerte 9 und 13, so auch ihre Ehe. 

Der Hochzeitstag war am 9. 2. 1895 gewesen. Teilen wir das in die 
Werte 9 und 2. 1895, so ergibt das für die zweite Hälfte die Quersumme 
25 und 2 + 5 = 7. 

Das entspricht also den Werten 9 und 13 im ersten Traum. 

Das ganze Hochzeitsdatum zusammengerechnet ergibt 34 und 3 + 4 = 7 . 

Nein, glückbringend war der Tag bisher nicht gewesen; aber von nun 
an solle die 9 herrschen in ihrem Leben! 



n. 

Experimentelle Träume l ). 

Von phil. Dr. Karl Schrötter, Wien. 

Ich habe eine grosse Versuchsreihe auf dem Gebiete der experi- 
mentellen Träume entriert, über welche an dieser Stelle zum ersten 
Male literarischer Bericht erstattet wird. Nur wenige Proben sollen hier 
wiedergegeben werden. Ebenso werde ich es vermeiden, theoretische 
Schlüsse zu ziehen. Dieselben werden in der seinerzeit in Buchform 
erfolgenden Publikation zu finden sein. 

Zum Zwecke der Experimente wurden die Versuchspersonen in 
den tiefen hypnotischen Schlaf versetzt, der bekanntlich durch vollständige 
Bewusstlosigkeit und nachträgliche Amnesie gekennzeichnet ist. Darauf 
habe ich ihnen entsprechende Traumsuggestionen erteilt. Nach Verlauf 
von etwa 4 — 5 Minuten fingen die Medien spontan zu träumen an. Auf 
meinen Befehl gaben die Personen Beginn und Ende des Traumes durch 
bestimmte Bewegungen zu erkennen, so dass die Dauer des bewussten 
Traumvorganges exakt gemessen werden konnte. Nach dem Erwachen 
wurde der Inhalt des Traumes mitgeteilt. In einer anderen Versuchsreihe 
träumten die Medien in der auf den Experimentalabend folgenden Schlaf- 
nacht. In diesen Fällen wurde — ebenfalls auf Grund einer posthypno- 
tischen Suggestion — der Traum in der Frühe von den Versuchspersonen 
aufgeschrieben und mir übergeben. 

Die Experimente zerfallen in zwei Gruppen. 

1. Gruppe: Den Versuchspersonen wurden 3 — 7 Worte als Vor- 
stellungserreger mitgeteilt und dazu der Befehl, von ihnen zu träumen. 

i) Diese Publikation gilt als vorläufige Mitteilung. 



phil. Dr. Karl Schrötter, Experimentelle Traume. 639 

Weiter wurden Vorstellungen mit wirklichen oder suggerierten Leibreizen 
kombiniert. Diese Versuchsreihe entstand auf Anregung des Dozenten 
der Wiener Universität Dr. Hermann Swoboda, der bereits vor 
3 Jahren den praktischen Zahnarzt Herrn Eduard Wolf (gegenwärtig 
in Zabern i. Elsass) veranlasste, einige Experimente im selben Sinne zu 
unternehmen. Die 1. Gruppe kann das Interesse der Psychoanalytiker nur 
teilweise in Anspruch nehmen. Unter diesem Gesichtswinkel habe ich 
eine Auswahl getroffen, die im folgenden mitgeteilt wird. 

1. Experiment. Hier tritt ein aktueller Komplex (Wunsch- 
phantasie) mit besonderer Klarheit hervor. 

Versuchsperson Herr Fr., stud. phil., 22 Jahre. 

Suggestion: Sie werden träumen: vom Nobelpreis, von Herrn 
Mayer, Leutnant H., Stalehner, dem Bilde : Die Hochzeitsreise von Schwind 
und dem Hause auf dem Michaelerplatz (das vom Architekten Loos erbaute). 

Leib reiz: Die linke Hand der Versuchsperson wurde unter das 
Gesäss gerückt, so dass der Arm einwärts gerollt und in Schiefstellung 
gebracht wurde. 

Traumdauer: 3 Minuten 16 Sekunden. 

•Traum (in der Hypnose): Ich stehe vor einem .Marmorhaus 
mit grünen Marmorplatten. Ich will eintreten. Der Portier verlangt von 
mir eine Karle. Wie mir schien: eine Eisenbahnkarte. Ich habe keine. 
Da kommt Mayer und sagt, er wolle mich mitnehmen, er gehe für seinen 
Bruder den Nobelpreis abholen, und zwar den für Chemie. Die Situation 
verwandelt sich. Ich stehe auf einem dreieckig zugespitzten Platz, wo 
ein Militärbegräbnis stattfindet. Mir gegenüber wieder ein marmornes 
Haus. An einem Glasfenster Fräulein E., welche die Scheiben putzt, in 
einem schwarzen Harlekinskostüm. Sie putzt mit der linken Hand in 
der Stellung (Sie wissen ja!) so schief nach einwärts, wie sie immer 
geht. Ich gehe in eine Seitengasse -und begegne Sie. Sie tragen ein grosses 
Bild und sagen: Das ist die Hochzeitsreise von Schwind. 

Analyse (die notwendig unvollständig ist, da ich die Technik 
der Traumanalyse nur unvollkommen beherrsche): Herr F. ist ganz be- 
herrscht von dem Komplexe seiner Liebe zu Fräulein E. Diese aber 
ist die. Geliebte des Leutnant H., der F. aufgegeben wurde. F. rächt sich 
an dem Nebenbuhler, indem er ihn sterben lässt, denn statt von ihm, 
träumt er von einem — Militärbegräbnis. Und in der Nähe befindet sich 
Fräulein E. in einem schwarzen Harlekinskostüm. Schwarz bedeutet die 
Trauer um den Toten. Das Harlekinkostüm ist wohl zum Teil durch das 
Suggestionswort Stalehner bedingt, wo Maskenbälle stattfinden, die F. 
besucht hat. Andererseits wird aber durch die Gegensätzlichkeit der 
Kleidung jener Schimmer von Hoffnung zum Ausdruck gebracht, der F. 
nach Hinwegräumung des Gegners übrig bleibt. Deswegen kommt auch 
die Hochzeitsreise am Schlüsse. Zu Beginn des Traumes konnte F. nicht 
fahren. Er hatte keine Eisenbahnkarte. Man beachte noch die Schmähung, 
die darin liegt, wenn F. Fräulein E. zum Dienstmädchen erniedrigt, sowie 
die geschickte Verwertung des Leibreizes im selben Sinne (die „schiefe 
Stellung"). Auch das Scheibenputzen ist determiniert. Nicht allzu lange 
Zeit vor dem Traume wurde der Leutnant im Militärspitale auf Syphilis 
behandelt. Die Diagnose erwies sich später als irrtümlich. F. zweifelte 
aber innerlich an dieser Richtigstellung und meinte einmal scherzweise- 



g40 pbil. Dr. Karl Schrötter, 

Wenn der sich auf eine Glasscheibe setzt, entsteht ein Quecksilberspiegel." 
Den muss E. nun abputzen. Daher auch der Pleonasmus: Glasfenster. 
2. Experiment. An diesem Versuche kann — mutatis mutandis 
— die feine Verwebung der Tagesanknüpfungen demonstriert werden. 
Versuchsperson Herr Fr. 

Suggestion: Sie werden träumen von einem Biber, der franzö- 
sischen Revolution, Rom, einer elektrischen Lampe, von einem Bilde, 
das in meinem Zimmer hängt, und von einem Schmuckkästchen. 
Traumdauer: 3 Minuten. 

Traum (in der Hypnose): Ich fahre in einem Kahn auf einem 
grossen dunklen Teich allein; plötzlich sitzt neben mir eine Dame; wir 
fahren, es wird heiss. Marmorbauten umgeben uns ringsumher: Wir sind 
in Rom. Und dann bin ich wieder auf dem Teich und komme auf eine 
weite Ebene, wo eine elektrische Bahn fährt. Da drängen Leute darauf 
zu. Ich frage einen Herrn in einem braunen Pelz, was da ios sei. Er 
sagt: Wir fahren zur französischen Revolution. Ich erkläre ihn für einen 
Narren. Er bekräftigt es aber und fordert mich auf mitzufahren. Wir 
kommen nach Paris. Ich steige aus und gehe ins Theater, wo gerade der 
erste Akt der Jungfrau von Orleans gegeben wird. 

Bemerkung: Kahn am Teich: Auf 2 Bildern, die in meinem 
Zimmer hängen, sind Teiche (besser kleine Seen) abgebildet. Auf dem 
einen ist es finster als Ausdruck eines heranziehenden Gewitters. 
Elektrische Lampe als elektrische Bahn realisiert. Gedränge 
der Leute: vielleicht durch eine Reproduktion von Rembrandts Schar- 
wache, die in meinem Zimmer hängt, suggeriert. Brauner Pelz = 
Biberpelz; in unserem Falle eine literarische Assoziation. Jungfrau 
von Orleans: In meinem Zimmer befindet sich ein Bildnis Schillers. 
Hauptsächlich jedoch bedingt durch das Schmuckkästchen, das im 
I. Akt 4. Auftritt Agnes Sorel dem Könige bringt. 

3. Expe'riment. Um die Wirkung der Klangassoziationen zu 
zeigen. 

Versuchsperson Frl. B., stud. med., 20 Jahre. 

Suggestion: Sie werden träumen: von Frl. Vlasta Mach, von 
dem med. Zanker und von dem Sänger aus dem anatomischen Institut 
(ebenfalls ein stud. med., dessen Namen ich nicht kannte, wohl aber 
Versuchsperson, wie sich zeigen wird). Alle drei Personen werden sich 
auf Grund von Klangassoziationen ihrer Namen in etwas anderes ver- 
wandeln. Sie werden beim Träumen nichts davon wissen. Darauf erteilte 
ich ihr eine Belehrung darüber, was Klangassoziation sei. 

Traum (in der folgenden Nacht): Sie wollten eine musikalische 
Soiree geben und versprachen mir viel Schönes ; ich kam. Anwesend waren 
Dr.. P., Frl. M., Vlasta Mach, der Werner Seifert (Namen des singenden 
stud.) und der med. Zanker. W. Seifert sang sehr schön aus Siegfried. 
Da fingen Seifenblasen an, ihm aus dem Munde zu steigen. Zanker fing 
sie auf und spielte Tennis mit ihnen; indessen verwandelte er sich in 
einen gewissen Zamirowits, eine Bekanntschaft vom Tennisplatze. Seifert 
ging nach und nach ganz in die Seifenblasen auf. Da sagte ich Ihnen: 
Sie als Chemiker müssen .doch wissen, wie das möglich ist. Darauf ant- 
worteten Sie: Da müssen Sie einen Drogisten fragen. Woher soll ich den 
Drogisten nehmen? Da sehe ich plötzlich, wie statt Vlasta Mach, d. h. 






Experimentelle Träume. 641 

in ihrer blauen Bluse der Drogist sitzt, bei dem ich einzukaufen pflege: 
es schien mir, als ob er Wlastl Mladenov heisse — — 

Bemerkung: Die Situation schliesst genau an einen der letzten 
Abende an, wo alle anwesenden Personen anwesend waren ausser 
Werner S. und med. Zanker, den ich Frl. B. am selben Tage vorgestellt 
hatte. 'Siegfried hatte Versuchsperson vor drei Tagen in der Oper 
gehört. „Da müssen Sie einen Drogisten fragen" ist die 
nahezu wörtliche Wiederholung des Ausspruches eines Professors. Es 
ist schliesslich eine charakteristische Eigentümlichkeit der suggerierten 
Träume, dass der Hypnotiseur darin eine Rolle spielt. Ich als Che- 
miker: Ich seihst bin mag. pharm. 

4. Experiment. Frl. B. In der folgenden Nacht. 

Suggestion: Im ersten Teil des Traumes wird alles abnorm 
klein, im zweiten abnorm gross sein. 

Traum: Wir (Sie, Fr. und ich) sitzen beim Wimberger. Sie 
hypnotisieren mich. Ich weiss nichts von mir. Wie ich erwache, steht 
ein Pfaffe vor mir und sagt: Die Seele gehört dem Himmel und muss 
vor Ihnen gerettet werden und ähnliches. Ich sage nichts. Sie antworten: 
„Das ist ja meine Frau!" Darauf der Pfaffe: Eher geht ein Kamel durch 
ein Nadelöhr, als die Ihre Frau ist. Ich sage: „0, durch ein Nadelöhr 
kann ich schon kriechen"; darauf ziehe ich eine grosse Nadel heraus 
und krieche durch. Indem ich das tue, werde ich so klein, wie ein 
kleiner Finger. Darauf sagen Sie zu mir: „Sie müssen das ja auch können, 
Sie Gletscherfloh!" Dann gehen wir alle fort. Wir sind ganz klein und 
geben zwischen unsere Schultern — wir sind eingehängt — eine Lupe, 
damit wir uns sehen können. Da bitte ich Sie um eine Zigarette. Sic 
nehmen eine heraus, die ist ungeheuer gross, ebenso die Zündholzschachtel 

— wie ein Haus. Wir gehen auf den Stephansplatz. Dort ist ein Plakat: 
3 Worte: Gessler, Altvater, Jägerndorf. . Ich sage: Gehen wir auf den 
Bisamberg; mit 3 Schritten (einer über die Donau) sind wir dort. Denn 
wir sind durch die Lupe ungeheuer gross geworden. 

Bemerkung: Am Vorabend waren wir im Restaurant Wim- 
berger, wo ich die Unvorsichtigkeit beging, die Dame coram publice zu 
hypnotisieren. Darüber regten sich zwei Herren auf, denen ich ant- 
wortete: Frl. B. ist ja meine Frau. 

Also wieder eine wörtliche Wiederholung. Auch das : „S i e 
Gletscherfloh" stammt vom Vorabend. Ein Angeheiterter rief- ihr 

— sie ist sehr klein — dieses Scherzwort zu. Eingehängt sind wir 
drei nach Hause gegangen. Von einer Lupe hat der Angeheiterte ge- 
sprochen. Am Bisamberg war sie selbigen Tages. Dort hat sie auch 
einen Geistlichen getroffen. Auch das Plakat ist eine Tages- 
anknüpfung. 

Die 2. Gruppe habe ich ganz selbständig in Angriff genommen. 
Ihr liegt die Freu d'schc Fragestellung zugrunde. Ein latenter Traum- 
inhalt, ähnlich jenen, die Freud und seine Schule durch ihre Methode 
der Traumanalyse entdeckt haben, wird als Traumsuggestion verwendet. 
Die Technik des Experimentes ist die nämliche wie in Gruppe 1. Es 
muss ausdrücklich bemerkt werden, dass die Versuchspersonen F r e u d's 
Forschungen nicht kannten, noch vom Sinne ihrer Träume eine Ahnung 
hatten. 



642 phil. Dr. Karl Schrötter, 

5. Experiment. Versuchsperson Frl. B. 

Suggestion: Sie werden träumen, dass Sie mit Ihrem Freunde B. 
sexuell verkehren und zwar zunächst auf normale und dann auf ab- 
normale Weise. Sie haben die Suggestion zu vergessen und dann 
symbolisch davon zu träumen. Eine weitere Erklärung wurde 
nicht gegeben. 

Traum (in der Hypnose): Ein Sonntagnachmittag. Ich erwarte 
meinen Freund B., dessen Namenstag wir geineinsam feiern wollen. Er 
bringt eine Flasche Wein mit, in einen Mantel eingeschlagen. Auf seine 
Bitte nehme ich ein Glas aus der Kredenz und halte es ihm hin, er schenkt 
ein. Dabei erschrecke ich, schreie auf und lasse das Glas fallen, so dass 
es zerbricht und der Wein weit über den Fussboden verschüttet wird. Ich 
ärgere mich sehr über B., weil er mir den Teppich ganz verdorben habe. 
Da tröstet er mich: „Ich werd's schon wieder gut machen, gib mir noch 
ein Glas her, dass ich einschenken kann." Ich hole ein zweites Glas, 
in das er mir mit Vorsicht noch den Rest aus der Flasche giessen will. 
Aber beim ersten Tropfen, der in das Glas rinnt, reisst er die Flasche weg. 

Bemerkung: Die eigentümlichen, schwer zu beschreibenden, 
wollüstigen Bewegungen der Träumerin gehörten deutlich dem latenten 
Inhalt an. 

6. Experiment. Versuchsperson Frl. B. 

Suggestion: Sie werden träumen, dass Sie mit einem Manne 
auf französische Weise verkehren. (Der Versuchsleiter wusste, dass ihr 
diese Art des Verkehrs unter dem wiedergegebenen Namen bekannt sei.) 
Hinzugefügt wurde diesmal nichts. 

Traum (in der Hypnose): Mir war, als ob sich vom oberen Augen- 
rand eine Masse über mich senken würde, die mich am Sehen verhinderte 
und' sich dann wie schwere Flügel über meine Schultern senkte. Ich 
hüllte mich ganz darin ein, als ob es ein Domino wäre und ging auf einen 
Maskenball, um B. zu suchen. Ich trat ein. Ein Gewimmel von Menschen, 
die durcheinander schwirrten, Lärm, Gestank, Kerzen brannten. Da sah 
ich — eigentlich sah ich nichts — B. in einer Ecke mit einem Frauen- 
zimmer. „Ah, Du bist da, ich wusste, dass Du kommen wirst." Dann 
wollte er mir die Hand geben, zog sie aber wieder zurück und suchte in 
den Taschen nach seinen Handschuhen. Er fand sie nicht. Da nahm er 
eine Zigarette heraus und steckte sie in den Mund. Ich wollte sie ihm 
entreissen und verbrannte mich dabei heftig. Er sagte: „Was machst Du 
denn da?" 

Traumdauer: 4 Minuten 5 Sekunden. 

Bemerkung: Die Dame führte spontan den ersten Satz des 
Traumes auf einen starken Kopfschmerz zurück, der sie vor Beginn der 
Hypnose tatsächlich bedrückte. Sicherlich ist dieser Reiz verwertet, doch 
ist die Symbolisierung der Stellung bei dem Akte vollkommen klar. (Flügel 
über die Schultern = Beine; Masse = fremder Körper, sowie das „nicht 
sehen können".) Man beachte noch: das Gewimmel der Menschen = Ge- 
heimnis nach Freud und die brennenden Kerzen. Zum Tatsächlichen 
muss noch bemerkt werden, dass an dem Experimentabend ihr Freund B. 
eine Redoute besuchte und sie den Wunsch äusserte, ihn dort zu über- 
raschen. 



Experimentelle Träume. ($43 

7. Experiment. Versuchsperson Frl. E., mag. pharm., 24 Jahre 
Suggestion: Sie werden träumen, dass Sie mit Ihrer Freundin L. 

homosexuell verkehren. Sie werden die Suggestion vergessen und dann 

träumen. (Kein Auftrag zur Symbolisierung.) 

Traum (in der folgenden Nacht): Ich sitze in einem kleinen, 
schmutzigen Kaffeehause, in der Hand eine riesige französische Zeitung! 
Ausser mir sind fast keine Leute da, nur ein paar Hausierer. Zweimal 
fragt mich ein Weib mit stark jüdischem Jargon: „Bedarfen Se nix zu 
gebroochen ?" Ich antworte gar nicht und verschanze mich hinter meine 
Zeitung. Da kommt sie ein drittes Mal; ärgerlich lege ich das Blatt aus 
der Hand, da erkenne ich in ihr eine Bekannte, L.; in der Hand trägt sie 
eine schäbige Reisetasche, worauf ein Zettel klebt, bedruckt mit den 
Worten: „Nur für Damen!" Angezogen ist sie wie ein altes Weib, mit 
schmutzigen Lumpen, ein Tuch um den Kopf. „Magst Du nicht mit mir 
kommen, ich bin auf dem Weg nach Hause." Ich verlasse mit ihr das 
Kaffeehaus, wir gehen durch unbekannte Strassen, finden uns aber bald 
in Mariahilf, wo sie wohnt. Unterwegs hängt sie sich in mich ein, mir 
ist es zwar unangenehm, aber ich will sie nicht kränken und dulde es. 
Vor ihrem Haus zieht sie aus einem Fetzen einen riesigen Schlüsselbund 
hervor, sucht einen Schlüssel heraus und gibt ihn mir. „Den vertraue 
ich nur Dir an; er sperrt die Tasche hier. Du Wirst ihn vielleicht gerne 
benutzen. Nur schau, dass ihn mein Mann nicht in die Hand bekommt, 
das vertrag ich nicht; er ist so indiskret und will immer in meinen Sachen 
herumkramen, aber ich kann das nicht leiden." „Ich versteh kein Wort, 
was Du da redest." „Verrat mich nur nicht, mein Mann darf nichts er- 
fahren." Dann geht sie ins Haus und lässt mir den Schlüssel in der Hand. 

Bemerkung: Frl. L., die Freundin, ist Jüdin, Träumerin arischer 
Abkunft. 

8. Experiment. Versuchsperson Frl. E. 

Suggestion: Sie werden träumen von der Erfüllung des stärksten 
Wunsches, der Sie gegenwärtig beherrscht. 

Leibreize: 1. Versuchsleiter strich zweimal mit seiner Hand 

über die Mitte des Unterarms der Dame. 2. Desgleichen zwickte er sie 

zweimal in die Knöchel des linken Fusses. Das geschah während des 
Träumens. 

Vorbemerkung: Ich kannte den stärksten Wunsch der -Ver- 
suchsperson. Es ist dieselbe Dame, die im Traume des Herrn F. (siehe 
l. Experiment) eine Rolle spielt. Sie liebte einen Leutnant, doch war 
an eine Verbindung aus äusseren Gründen schwer zu denken. 

Traum (in der Hypnose) : Ich fahre nach Dalmatien. Meine Mutter 
und Leutnant H. sind mir bis Gravosa entgegengekommen. Vom Molo aus 
gehen wir in einem Wildbach (der aber eigentlich zu unserer Campagne 
in Lastua gehört); da der Weg sehr schlecht ist, hänge ich mich in den 
Leutnant ein. Mit den Worten: „Damit Du mit keinem anderen Arm in 
Arm gehst", zerhaut er mir mit dem Säbel den linken Arm und zwar 
der Länge nach. Es fängt an, heftig zu regnen. Wir sollten nach Hause. 
Da klemme ich mir in einer Felsspalte den linken Fuss ein, meine Mutter 
geht fort, um einen Schirm zu holen, unterdes wickelt mich H. in seinen 
Wettermantel; und wir bleiben allein, um meine Mutter zu erwarten. 



644 phil. Dr. Karl Schrötter, 

Bemerkung: Schon die Fahrt nach Dalmatien bedeutet die 
Wunscherfüllung. Denn Leutnant H. weilte dort. Die Mutter protegierte 
das Verhältnis, doch waren die jungen Leute in ihrer Gegenwart nie auf 
dem „Du"-Fusse. Die Worte „Damit Du mit keinem anderen . . ." enthalten 
eine wichtige Beziehung zur Übertragung, worüber später. 

9. Experiment. Versuchsperson Frl. E. 

Suggestion: Träumen Sie, was Ihren gegenwärtigen psychischen 
Status symbolisiert. 

Traum (in der Hypnose): Ich gehe durch einen herbstlich ge- 
färbten Wald. Dann steigt der Weg an, es ist kalt und eisig. Neben mir 
geht jemand, den ich nicht sehe; ich fühle nur einen Händedruck; da 
verspüre ich einen starken Durst. Ein Quell rauscht daneben. Ich will 
trinken, da ist über dem Quell ein Zeichen wie auf den Giftfläschchen. 
Knochen, die sich überkreuzen und ein Totenkopf. 

Bemerkung: der Traum gibt die unglückselige Stimmung wieder, 
in der sich Versuchsperson befand, als sie erfuhr, dass Leutnant H. 
syphilitisch sei. 

10. Experiment. Versuchsperson Herr Fr. 
Suggestion: Träumen Sie, dass Sie mit Ihrer Stiefmutter sexuell 

verkehren. In verkleideter Form. 

Traumdauer: 2 Minuten. 

Traum (in der Hypnose) : Mein Vater ist gestorben und liegt auf- 
gebahrt in einem grossen Sarge. Da kommt ein junges Mädchen herein, 
die ich nicht kenne. Ich fange mit ihr zu tändeln an und werde hand- 
greiflich. Sie wehrt ab und sagt, sie sei meine Schwester. Da steht auf 
einmal hinter mir mein Vater und sagt mir etwas, was ich nicht ver- 
stehe; und durch die Türe kommt mein kleiner Bruder herein. 

Bemerkung: Herr Fr. hat seine Mutter in frühem Kindesalter 
verloren. Seit 10 Jahren hat er eine Stiefmutter, von der nur ein Kind 
stammt: der kleine Bruder, wie er ihn stets nennt. Schwestern hat Fr. 
keine. Doch ist es bemerkenswert, dass er seine Jugendgedichte stets an 
eine „Schwester" richtete. 

Ich habe fernerhin die Symbolisierung körperlicher Vorgänge 
untersucht. 

11. Experiment. Versuchsperson Frl. B. 
Vorbemerkung: Die Dame leidet an hartnäckigem Kopfschmerz, 

den ich ihr gelegentlich in der Hypnose wegnahm. 

Suggestion: Sie werden davon träumen, wie das Kopfweh 
schwindet. 

Traum: Ich gehe auf dem Ring mit einem riesig grossen Hut, der 
im Winde flattert und den er mir zu entreissen droht. Ich halte ihn, aber 
er fliegt weg und alle Leute sehen mich an. Da steige ich in ein vorbei- 
fahrendes Automobil; es mussten aber Rosshaare in dem Polster sein; 
denn es ritzte die Hände. 

Bemerkung: Das letzte Moment ist durch einen Leibreiz bedingt, 
indem ich die Schläferin an den Handflächen kitzelte. 

12. Experiment. Versuchsperson Herr Fr. 

. Suggestion: Sie haben Zahnschmerz und leichten Harndrang. 
Im Verlaufe von 5 Minuten werden Sie etwas träumen. 



Experimentelle Träume. 645 

Traum: Wir waren im Prater beim Watschenmann. Den habe 
ich so lange gehaut, bis sein Gesicht immer grösser und grösser wurde. 
Dann sind wir in einem Kahn in ein Wirtshaus gefahren, wo wir viel 
getrunken haben. 

Traumdauer: 1 Minute 20 Sekunden. 

Bemerkung: Die Symbolik des Kahnfahrens ist klar. Der Schluss 
enthält die Motivierung des Harndrangs. 

Wie bereits angedeutet, habe ich auch das Phänomen der „Über- 
tragung" (vom Medium auf den Hypnotiseur) beobachtet. Diese Er- 
scheinung wird durch den folgenden Fall illustriert. 

13. Experiment. Frl. B. 

Vorbemerkung: Frl. B. sollte zu den Ferien verreisen, wollte 
aber in Wien bleiben. Darauf bezieht sich die 

Suggestion: Sie werden träumen von der Erfüllung Ihres 
Wunsches, hierzubleiben. 

Traum (in der folgenden Nacht): Ich packe meinen Koffer zur 
Abreise. Unter der Wäsche fällt mir ein Handtuch durch seine Faltung 
auf. Ich versuche, darauf wie auf einer Ziehharmonika zu spielen. Da 
das nicht gelingt, werfe ich das Handtuch wütend auf den Boden, setze 
mich zum Schreibtisch und schreibe auf grossen Konzeptbogen seitenlang 
immer ein und dasselbe Wort. Ich stehe dabei unter dem Eindrucke, eine 
Zwangshandlung zu vollziehen. Daher halte ich mich für irrsinnig und 
will mir das Leben nehmen. Den Versuch, mir mit einer Nagelfeile die 
Pulsadern zu durchfeilen, gebe ich auf, denn eigentlich ist's nicht so 
arg mit meiner Verrückheit. Aber v ich setze ein Telegramm auf: „Kann 
nicht nach Hause kommen. Bin paralytisch. Diskretion Ehrensache." 
Hauptsächlich kommt es darauf an, dass niemand von meinem Zustande 
etwas merkt. Besonders muss ich mich vor Dr. Schrötter als Psychologen 
hüten. Am besten, er erfährt von meinem Entschluss, in Wien zu bleiben, 
gar nichts. Da erhalte ich einen Brief von Ihnen: „Es wird mich freuen, 
am Ostermontag mit Ihnen einen Ausflug zu machen, etwa nach Steinhof. 
Um 8 Uhr bei der Universität." Da dachte ich, Sie wollten mich in die 
Irrenanstalt bringen. Sie lauern- mir auf, ich wage mich nicht auf die 
Strasse. Aber das früher aufgesetzte Telegramm muss ich doch aufgeben! 
Voll Angst verlasse ich das Haus, finde vor dem Tor einen Einspänner, 
in dem Sie mich erwarten. Mit Gewalt ziehen Sie mich in den Wagen, 
halten meine Hände fest umklammert und starren mich — wie bei der 
Hypnose — unverwandt an. Mir wird unter diesem starren Blick fürchter- 
lich unheimlich, meine Angst steigt und steigt, ich mache mich los, reisse 
den Wagenschlag auf und springe bei voller Fahrt aus dem Wagen. Im 
Stürzen fängt mich ein Bekannter, ein Regimentsarzt, auf. 

Bemerkung: Der Traum wendet sich in seinem Tone ganz an 
mich. Die Dame selbst, bringt folgende Einzelheiten bei : Am Vortage hat 
sie Wäsche geordnet, in einem Lokale Ziehharmonika spielen gehört und 
ein Gespräch am Nebentische belauscht, wo von verschiedenen Wahn- 
sinnsformen die Bede war. Sie hat ferner spielerisch unbewusst Figuren 
auf ein Papier gezeichnet, und als sie es bemerkte, gesagt: „Verrückt!" 
Deutlich ist der Sinn des Traumes: Wenn ich verrückt werde, kann ich 
hierbleiben. Die Verrücktheit wird in enge Beziehung zur Hypnose ge- 



G4G phil- Dr. Karl Schrötter, Experimentelle Träume. 

bracht. (Populär: Durch Hypnose wird man verrückt.) Sehr klar ist auch 
der Durchbruch einer Schwangerschaftsphantasie (bei Versuchsperson keine 
Seltenheit). Hierher gehört: „Diskretion Ehrensache" und,„dass niemand 
von meinem Zustande etwas erfährt". Gewisse Rücksichten verbieten es, 
über diesen ziemlich leicht verständlichen Traum mehr Licht zu ver- 
breiten. 

Zum Schlüsse berichte ich noch einen Wecktraum. 

14. Experiment. Frl. E. 

Suggestion: Sie sind sehr müde, es ist morgens und Sie sind 
erst spät nach Hause gekommen. Ich werde in ein paar Minuten durchs 
Zimmer gehen. Davon werden Sie erwachen. 

Traum: Ich sitze in der Universitätsbibliothek und bin über dem 
Buche eingeschlafen. Der Diener geht fortwährend auf und ab und bringt 
Stösse von Büchern. Damit weckt er mich auf. Ich schimpfe und sage: 
So lassen Sie mich doch schlafen, aber er kommt immer wieder. 















Mitteilungen. 



i. 

Selbstbestrafung wegen Abortus. 

Von Dr. J. E. G. yon Emden, Haag (Holland). 

Frau X., aus gutem bürgerlichen Milieu, ist verheiratet und hat 
mehrere Kinder. Sie ist zwar nervös, aber brauchte .nie eine energische 
Behandlung, da sie dem Leben doch genügend gewachsen ist. Eines Tages 
zog sie sich in folgender Weise eine momentan ziemlich imponierende, 
aber vorübergehende Entstellung ihres Gesichtes zu. 

In einer Strasse, welche zurecht gemacht wurde, stolperte sie über 
einen Steinhaufen und kam mit dem Gesicht in Berührung mit einer 
Hausmauer. Das ganze Gesicht war geschrammt, die Augenlider wurden 
blau und ödematös, und da sie Angst bekam, es möchte mit ihren Augen 
etwas passieren, liess sie den Arzt rufen. Nachdem sie deswegen beruhigt 
war, fragte ich: „Aber warum sind Sie eigentlich so gefallen?" Sie er- 
widerte, dass sie gerade zuvor ihrem Manne, der seit einigen Monaten 
eine Gelenkaffektion hatte, wodurch er schlecht zu Fuss war, gewarnt 
hatte, in dieser Strasse gut aufzupassen, und sie hatte ja schon öfters 
die Erfahrung gemacht, dass in derartigen Fällen merkwürdigerweise ihr 
selber dasjenige passierte, wogegen sie eine andere Person gewarnt hatte. 

Ich war mit dieser Ueterminierung ihres Unfalles nicht zufrieden 
und fragte, ob sie nicht vielleicht etwas mehr zu erzählen wusste. Ja, — 
gerade vor dem Unfall hatte sie in einem Laden von der entgegengesetzten 
Seite der Strasse ein hübsches Bild gesehen, das sie ganz plötzlich als 
Schmuck für die Kinderstube sich wünschte und darum sofort kaufen 
wollte: da ging sie geradeaus auf den Laden zu, ohne auf die Strasse zu 
achten, stolperte über den Steinhaufen und fiel mit ihrem Gesicht gegen 
die Hausmauer, ohne einmal den leisesten Versuch zu machen, sich mit 
den Händen zu schützen. Der Vorsatz, das Bild zu kaufen, war gleich 
vergessen und sie ging eiligst nach Hause. 

„Aber warum haben Sie nicht besser zugeschaut?" fragte ich. 

„Ja", antwortete sie, „es war vielleicht doch eine Strafe! Wegen 
der Geschichte, welche ich Ihnen schon im Vertrauen erzählt habe." 

„Hat diese Geschichte Sie denn immer so gequält?" 

„Ja — nachher habe ich es sehr bedauert, mich selbst boshaft, 
verbrecherisch und unmoralisch gefunden: aber ich war damals fast ver- 
rückt von Nervosität." 



648 



Dr. J. E. G. Emden, Selbstbestrafung wegen Abortus. 



Es hatte sich um einen Abortus gehandelt, welchen sie mit Ein- 
verständnis ihres Mannes, da sie beide wegen den pekuniären Verhältnissen 
von mehr Kindersegen verschont bleiben wollten, von einer Kurpfuscherin 
hatte einleiten und von einem Spezialarzt hatte terminieren lassen. 

„Öfters machte ich mir den Vorwurf: aber du hast doch dein Kind 
töten lassen, und ich hatte Angst, dass so etwas doch nicht ohne Strafe 
bleiben konnte. Jetzt da Sie mir versichert haben, dass mit den Augen 
nichts Schlimmes vorliegt, bin ich ganz beruhigt; ich bin nun so wie so 
schon genügend gestraft." 

Dieser Unfall war also eine Selbstbestrafung einerseits um für ihre 
Untat zu büssen, andererseits aber um einer vielleicht viel grösseren un- 
bekannten Strafe, für welche sie monatelang fortwährend Angst hatte, zu 

entgehen. . 

[n dem Augenblick, als sie auf den Laden losstürzte, um sich das 
Bild zu kaufen, war die Erinnerung an die ganze Geschichte mit all ihren 
Befürchtungen, welche schon während der Warnung ihres Mannes sich in 
ihrem Unbewussten ziemlich stark regte, ganz dominierend geworden und 
hätte vielleicht in einem etwa derartigen Wortlaut Ausdruck finden können. 

Aber wofür brauchst du einen Schmuck für die Kinderstube, du 
hast dein Kind umbringen lassen! Du bist eine Mörderin! Aber gewiss, 
die grosse Strafe naht! 

Dieser Gedanke wurde nicht bewusst, aber statt dessen benutzte sie 
in diesem, ich möchte sagen psychologischen Moment die Situation, um 
den Steinhaufen, der ihr dafür geeignet schien, in unauffälliger Weise 
für die Selbstbestrafung zu verwenden: deswegen streckte sie beim Fallen 
auch nicht einmal die Hände aus, und war sie nicht stark erschrocken. 
Die zweite, wahrscheinlich geringere Determinierung ihres Unfalles ist 
wohl die Selbstbestrafung wegen dem unbewussten 'Beseitigungs- 
wunsch gegen ihren, allerdings in dieser Af faire mitschuldigen Manne. 
Dieser Wunsch hafte sich verraten durch die vollkommen überflüssige 
Warnung, in der Strasse ja gut aufzupassen mit dem Steinhaufen, da der 
Mann, eben weil er schlecht zu Fuss war, sehr vorsichtig ging 



n. 

Ein Fall von „dejä vu". 

Von Dr. S. Fercnczi (Budapest). 

Eine Patientin erzählt mir in der Analysenstunde einen Traum aus 
ihrer Brautzeit; ihr Bräutigam erschien ihr damals mit kurzgeschorenem 
englischem „Zahnbürsten-Schnurrbart". Unmittelbar vor dieser Traum- 
erzählung sagte mir die Patientin, wie sehr und wie unangenehm sie durch 
das Geständnis ihres Bräutigams berührt worden sei, dass die Männer 
nicht, wie die Frauen, „jungfräulich", sondern nach verschiedentlichen 
erotischen Erfahrungen die Ehe schliessen. Auf meine Frage,, was ihr 
zur Zahnbürste einfalle und ob sie an der Mundpflege des Bräutigams nichts 
auszusetzen hatte, gesteht sie mir, dass er tatsächlich manchmal „nach 
schlechtem Magen" gerochen hätte. Ich kombiniere die gelieferten Ein- 



Dr. S. Ferenczi, Ein Fall von ,MyÄ vu". 649 

fälle und gebe der Vermutung Ausdruck, dass diese Geruchsempfindlich- 
keit bei ihr wohl auch durch die ihr unangenehme Vorstellung gesteigert 
worden sein konnte, der Bräutigam könnte den Geruch anderer Frauen 
an sich tragen. In diesem Moment ruft die Patientin aus: „Das, was jetzt 
hier vorgeht, ist mir pünktlich so einmal schon vorgekommen. Ihre Worte, 
Ihre Stimme, diese Möbel gerade in dieser Ordnung, alles war schon einmal 
dal" Ich erkläre ihr, dass das der bekannte psychische Eindruck des 
„dejä vu" sei, und eine Bestätigung meiner Vermutungen bedeuten könne. 
„Ja, wir (ich und meine Schwestern) kannten diesen Vorgang schon als 
Kinder", sagte die Patientin, „wir pflegten zu sagen: wahrscheinlich 
kommen uns Dinge manchmal so bekannt vor, weil wir sie irgend einmal, 
wo wir noch Frösche waren, gesehen haben können." Ich mache 
die Patientin darauf aufmerksam, dass sie, wie sie noch „ein Frosch" 
(Embryo) gewesen sei, tatsächlich in intimster Berührung mit einem 
Frauenleib (mit dem der Mutter) sich befunden hätte und zwar in der 
Nähe von Organen und Exkreten, deren Geruch ihr (wie ich es schon 
weiss) sehr widerwärtig ist. Daraufhin bringt mir die Patientin einige 
ihrer infantilen Sexualtheorien (Storchfabel mit Froschteich, Geburt auf 
analem Wege etc.) und eine Reminiszenz an den Kürpergeruch der Mutter, 
den sie verspürte, wenn sie sich in ihr Bett legen durfte. 

Den Traum, das „dejä vu" und die Einfälle dazu konnte ich dann 
als wertvolle Bestätigungen der von mir lange vermuteten ziemlich starken 
(unb_ewussten) homosexuellen Fixierung der Patientin verwerten, die sich 
im Bewusstsein u. a. auch in übertriebener Aversion gegen Frauengerüche 
äusserte. Zugleich bekräftigte der Fall meine bei früheren Anlässen ge- 
machte Erfahrung, dass zwischen „dejä vu" und Traum oft ein intimer 
Zusammenhang besteht. Allerdings fand ich bisher diesen Zusammenhang 
nur zwischen dem „dejä vu" und einem Traume der ihm voraus- 
gegangenen Nacht; dieses Beispiel zeigt aber, dass auch längst 
vor ausgegangene Träume mit einem aktuellen „dejä vu" zu- 
sammenhängen können. Nehmen wir die ursprüngliche Erklärung Freud's 
hinzu, wonach die Sensation des „dejä vu" zumeist die Erinnerung an 
einen unbewussten Tagtraum bedeutet, so können wir zusammen- 
fassend sagen: das „d6jä vu" is,t den „passageren Symptom- 
bildungen" (s. dieses Zentralbl. Juli-Heft 1912) zuzuzählen und 
bedeutet immer eine Bestätigung aus dem Unbewus"sten. 

Interessant ist auch die infantile Theorie meiner Patientin über das 
„dejä vu". Diese führt das unerklärliche Bekanntheitsgefühl auf ein früheres 
Leben zurück, in dem ihre Seele im Körper eines anderen Tieres (Frosch) 
gesteckt habe. Die Vermutung Freu d's, dass es eine solche Theorie 
geben könnte, bestätigt sich also 1 ). 

Man kann übrigens die seit undenklichen Zeiten so hartnäckig 
verteidigte Lehre von der Seelenwanderung als mythologische Pro- 
jektion der sich uns immer bestimmter aufdrängenden Erkenntnis auffassen, 
dass die menschliche Seele unbewusste Erinnerungsspuren der phylogenen 
Entwicklung beherbergt. 

i) Freud, Psychopath, d. Alltagslebens. (S. Karger, Berlin. IV. Aufl.) 



650 Frau Dr. Marg. Stegmann, Ein Fall von Naraenvergeaaen. 

III. 

Ein Fall von Namenvergessen. 

Von Frau Dr. Marg. Stegmann, Dresden. 

Eine Studentin der Theologie erzählte mir, ihre Schwester sei zu 
ihr zu Besuch gekommen; sie habe sich aber immer befangen gefühlt, 
wenn sie sie mit Kollegen bekannt gemacht habe, denn sie hätte mit ihnen, 
die nur zu fachsimpeln verstanden, nicht reden können. Zum erstenmal 
sei sie nicht eingeschüchtert worden, sei etwas aus sich herausgegangen, 
als sie heute mit ihr eine Doktorin der Physik besucht habe, die sehr 
nett über allgemeine Fragen geplaudert hätte. Die Kollegin wollte den 
Namen der Physikerin nennen, hatte ihn aber zu ihrem grossen Erstaunen 
total vergessen und musste ihn erst auf einer Visitenkarte wieder nach- 
lesen. Die Theologin hatte vorher mit mir üher Freud gesprochen, von 
dessen Theorien sie einiges, ihr unglaublich dünkendes gehört und ge- 
lesen hatte. Ich schlug ihr vor, das Vergessen dieses Namens mit ihr 
zu analysieren, um zu sehen, wieweit ihre Aufrichtigkeit gegen sich 
selber gehe und um ihr die Richtigkeit der Freud'schen Ansicht über 
das Vergessen zu beweisen. 

Als ich sie zunächst nochmals die Umstände des Besuches bei der 
Physikerin genau erzählen liess, sagte sie, die Dame sei in Schwarz ge- 
wesen, denn ihr Vater sei kürzlich gestorben. Mit dieser Bemerkung war 
für mich der Fall aufgeklärt. Die Schwester der Theologin lebt in einer 
kleinen Stadt bei ihren Eltern. Die Mutter ist geisteskrank (wahrscheinlich 
manisch-depressiv), lebt aber im Hause, weil der Vater sie durchaus nicht 
in eine Anstalt geben will. Die Schwester ist gezwungen, der Pflege der 
Mutter zu leben, hat keinerlei geistige Anregung und kann nichts lernen. 
Dem Vater verbirgt sie, dass sie unter dem Zustand leidet; nur wenn die 
Studentin in die Ferien kommt, macht sich ihre Entbehrung Luft in einer 
Explosion von Schmerz. Die Theologin selbst empfindet den Zustand 
der Schwester um so schmerzlicher, als sie sich sagt, dass sie die Be- 
vorzugte ist und dass ihre Schwester studieren könnte, wenn sie es nicht 
täte. Der Tod des Vaters würde die Schwester frei machen, denn die 
Mutter könnte dann in einer Anstalt versorgt werden. Ursache des Namen- 
vergessens war also der beim Anblick der um ihren Vater trauernden 
Physikerin in meiner Bekannten aufgestiegene und sofort verdrängte 
Wunsch, ihr Vater möchte sterben, ein Wunsch, der natürlich mit den 
religiösen und menschlichen Grundsätzen der Theologin aufs schärfste 
kontrastiert. Im Verlauf der Analyse war der Dame bezeichnenderweise 
eingefallen, ich meine wohl, sie hätte gewünscht, dass statt des Vaters 
der Physikerin ihre Mutter hätte sterben sollen. Aber, fiel ihr selber 
sofort, ein, für ihre Schwester hätte das nichts geändert, weil sie dann 
doch beim Vater bleiben müsste. — Der Name der Physikerin unterscheidet 
sich nur durch einen Buchstaben von meinem Namen, was ein Motiv 
mehr zur Verdrängung gewesen sein mag, da die Theologin oft mit mir 
über den Konflikt der Schwester gesprochen, und ich die Ansicht vertreten 
hatte, es sei nicht richtig, dass ein ganzes junges Leben und eine Zukunft 
für ein altes geopfert werde.