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Full text of "Zentralblatt für Psychoanalyse. Medizinische Monatsschrift für Seelenkunde. I. Jahrgang 1911 Heft 3"



Originalarbeiten. 



Ein Beitrag zur Psychologie des Gerüchtes. 

Von Dr, C. GL Jung 

Privatdozent der Psychiatrie in Zürich. 

Vor etwa einem Jahre erteilte mir die Schulbehörde in N. den Auftrag, 
ein Gutachten über den Geisteszustand der 13jährigen Schülerin Marie X. 
zu erstatten. Marie war vor kurzem von der Schule relegiert worden, 
da sie Veranlassung gegeben hatte zur Entstehung eines üblen Gerüchtes, 
resp. einer Herumschwätzerei über den Lehrer ihrer Klasse. Die Strafe 
traf das Kind und besonders dessen Eltern sehr hart, so dass die Schul- 
behörde geneigt war, unter dem Schutze eines ärztlichen Gutachtens 
das Kind wieder aufzunehmen. Der sonderbare Tatbestand war folgender: 

Dem Lehrer war indirekt ein Gerücht zu Ohren gedrungen, die 
Mädchen behaupteten von ihm eine zweideutige sexuelle Geschichte. 
Den Nachforschungen gelang es herauszufinden, dass Marie X. eines 
Tages drei Freundinnen einen Traum erzählt hatte, der folgender- 
massen lautete: 

„Die Klasse musste in die Badeanstalt gehen. Dort musste ich 
zu den Buben, weil kein Platz mehr war. — Dann sind wir weit m 
den See hinausgeschwommen (auf Befragung: nämlich Lina P., der Herr 
Lehrer und ich). Da kam ein Dampfschiff. Der Lehrer fragte uns: 
Wollt Ihr aufsitzen? Wir kamen dann nach K. Dort war gerade eine 
Hochzeit (auf Befragung: Ein Freund des Herrn Lehrers). Wir durften 
auch daran teilnehmen. Dann ging man auf eine Reise. (Auf Befragung: 
Ich, Lina P. und der Herr Lehrer.) Es war wie eine Hochzeitsreise. 
Wir kamen nach Andermatt, und dort war im Hotel kein Platz mehr, 
sondern wir mussten in einer Scheune übernachten. Dort bekam die 
Frau ein Kind und der Lehrer wurde Pate." 

Dieser Traum wurde, als ich das Kind untersuchte, von ihm vor- 
getragen. Der Lehrer hatte es ebenfalls veranlasst, den Traum schrift- 
lich zu erzählen. In dieser früheren Darstellung war die hinter dem 
Worte „Dampfschiff" in obigem Texte ersichtliche Lücke durch folgende 
Ergänzung ausgefüllt: „Wir sassen auf. Bald froren wir. Ein alter 

ZentralbUu für Payehomalyge I*. ß 









82 



Dr. C. G. Jung, 



Mann gab uns eine Bluse, die der Herr Lehrer anzog." Dagegen fehlt 
der Passus, dass sie in einem Hotel keinen Platz mehr gefunden hätten 
und darum in der Scheune übernachten mussten. 

Das Kind hatte nicht nur seinen drei Freundinnen, sondern auch 
seiner Mutter sofort den Traum erzählt. Die Mutter gab ihn vor mir 
in einer Weise wieder, die nur in Kleinigkeiten von den beiden obigen 
Lesungen sich unterscheidet. Auch der Lehrer konnte, gleich mir, bei 
seinen Nachforschungen, die von lebhaftestem Misstrauen getragen waren, 
keinen anderen, gefährlicheren Text nachweisen. Es spricht also sehr 
vieles dafür, dass die Urerzählung nicht sehr viel anders gelautet haben 
dürfte. (Der Passus mit dem Frieren und der Bekleidung mit der Bluse 
scheint ein frühes Einschiebsel zu sein, da er die Logik des Zusammen- 
hanges herzustellen bemüht ist. Man ist ja nass und zum mindesten 
im Badkleid, wenn man aus dem Wasser kommt und kann daher nicht 
sofort an einem Hochzeitsfest teilnehmen, ohne sich vorher zu bekleiden.) 
Dem Lehrer wollte natürlich zunächst nicht einleuchten, dass es sich 
bloss um einen Traum handle. Er vermutete vielmehr, dass es sich um 
eine Erfindung handle. Er musste sich aber sagen, dass die harmlose 
Traumerzählung doch anscheinend eine Tatsache war, und dass es nicht 
natürlich wäre, dem Kinde eine solche Raffiniertheit zuzutrauen, sexuelle 
Zweideutigkeiten auf eine derart verschleierte Weise zum Besten zu 
geben. Er schwankte eine Zeitlang zwischen dieser Annahme, nämlich, 
dass es sich um eine raffinierte Erfindung handle und jener, dass es 
sich doch um einen Traum handle, der, an sich harmlos, bloss von den 
Mitschülern ins Sexuelle umgedeutet worden sei. Nachdem seine erste 
Entrüstung vorüber war, gelangte er zur Einsicht, dass die Schuld der 
Marie X. nicht zu gross sein könne, und dass die Phantasie der Mit- 
schülerinnen wohl das Ihrige zum Gerücht beigesteuert hätte. Er tat 
nun etwas sehr Dankenswertes: er setzte nämlich Mariens Mitschülerinnen 
in Klausur und liess jede niederschreiben, was sie von der Traumerzählung 
gehört hatte. 

Bevor wir unser Interesse diesen Aussagen zuwenden, wollen wir 
einen analytischen Blick auf den Traum werfen. Zunächst müssen wir 
mit dem Lehrer und den Tatsachen eingestehen, dass es sich wirklich 
um einen Traum und nicht um eine Erfindung handelt; dazu sind der 
Zweideutigkeiten zu viele. Die bewusste Erfindung sucht möglichst 
lückenlose Übergänge zu schaffen, der Traum dagegen kümmert sich 
nicht darum, sondern arbeitet geradezu mit Synkopen, die, wie wir be- 
reits gesehen hahen, bei der bewussten Überarbeitung zu Interpolationen 
Veranlassung geben. Die Synkopen sind recht bezeichnend. In der 
Badanstalt fehlt das Bild des Auskleidens, des Unbekleidetseins, dann 
fehlt die Detailbeschreibung des Zusammenseins im Wasser. Die mangel- 
hafte Bekleidung auf dem Schiff wird durch die oben erwähnte Inter- 
polation ausgeglichen, aber nur für den Lehrer, womit angedeutet wird, 
dass seine Nacktheit zunächst am dringendsten der Bekleidung bedarf. 
Die Detailbeschreibung der Hochzeit fehlt, auch ist der Übergang vom 
Dampfschiff zur Hochzeitsfeier abrupt. Unerfindlich ist zunächst, warum 
in Andermatt in der Scheune übernachtet wird. Die Parallele dazu ist 
aber der Platzmangel in der Badeanstalt, der es notwendig macht, auf 
die Männerabteilung zu gehen; im Hotel hebt der Platzmangel wiederum 
die Geschlechtertrennung auf. Das Bild der Scheune ist ganz unge- 



jGe^. 



Ein Beilrag zur Psychologie des Gerüchtes. 83 

nügend ausgefüllt. Die Geburt erfolgt plötzlich und zusammenhangslos. 
Der Lehrer als Pate ist äusserst zweideutig. Mariens Rolle in der ganzen 
Erzählung ist von durchaus sekundärer Bedeutung. Sie spielt eigent- 
lich bloss Zuschauer. 

Dies alles sieht aus wie ein echter Traum, was mir diejenigen 
Leser gewiss bestätigen können, die reichliche Erfahrung über Träume 
bei Mädchen dieses Alters besitzen. 

Die Deutung des Traumes ist derart einfach, dass wir sie ruhig 
— den Mitschülerinnen überlassen können, deren Aussagen hier folgen: 

Ohrenzeugen. 

I. „M. träumte, sie und Lina P. sei mit unserem Lehrer ins Bad 
gegangen. Als sie ziemlich weit in den See hinausschwammen sagte M.: 

„Sie 'könne nicht mehr schwimmen, der Fuss tue ihr so weh." 
Unser Lehrer sagte: „sie könne ja auf meinem 1 ) Rücken sitzen/ M. sass 
hinauf und sie schwammen miteinander hinaus. Nach einer Weile kam 
ein Dampfschiff, dort sassen sie auf. 

Unser Lehrer sollte ein Seil bei sich gehalten haben, womit er 
M. und L. zusammengebunden habe und sie so in den See hinaus nach 
sich zog. 

So fuhren sie bis nach Z., dort stiegen sie aus. 

Aber jetzt hatten sie keine Kleider mehr an. Der Lehrer kaufte 
eine Jacke und M. und L. bekamen einen langen, dichten Schleier und 
alle drei wanderten die Seestrasse hinauf. Dieses war zur Zeit als die 
Hochzeit noch lief. Bald trafen sie eine an. Die Braut hatte ein 
seidenes blaues Kleid an, aber keinen Schleier. Sie fragte M. und L. 
ob sie nicht so gut wären und ihnen ihren Schleier gäben. M. und L. 
gaben ihn und dafür durften sie auch an die Hochzeit. Sie gingen in 
das Wirtshaus zur Sonne. Nachher machten sie eine Hochzeitsreise 
nach Andermatt, ich weiss nicht mehr, ob sie in A. in das Wirtshaus 
gingen oder in Z. Dort bekamen sie Kaffee, Kartoffeln, Honig und Butter. 

Weiter darf ich nicht mehr sagen, nur wurde der Lehrer zuletzt 
als Pate gerufen." 

Anmerkungen: Der Umweg über den Platzmangel in der Badeanstalt fällt 
weg ■ Marie geht mit dem Lehrer direkt ins Bad. Das Zusammensein im Wasser er- 
hält mehr persönlichen Zusammenhang durch ein Seil, das die beiden JUädcüen 
mit dem Lehrer verbindet. Die Zweideutigkeit des .Aufsitzens* in der ürerz&hlung 
hat hier bereits Folgen, indem die Unterschiebung des Dampfschiffes in der Urer- 
Zählung an zweite Stelle tritt, an erste aber der Lehrer, der die Marie auf den 
Racken nimmt. Die reizende kleine Verschreibung im Text: ,sie könne ja aut 
meinen (statt auf »einen) Rücken sitzen* zeigt die innige Anteilnahme der Jirzäiuerin 
an dieser Detailszene Somit leuchtet schon ein, warum der Traum ziemlich abrupt 
das Dampfschiff in Aktion treten lässt, nämlich um der Zweideutigkeit des .Auf- 
sitzens" die bekannte harmlose Wendung zu geben, die z. B. im Vanet^chanson ge- 
wöhnlich ist. Der oben schon als unsicher herausgehobene Passus der mangelhaften 
Bekleidung erweckt bei der Erzählerin besonderes Interesse. Der Lehrer kauf t_ eine 
Jacko, die Mädchen bekommen einen langen Schleier, (wie man ihn nota bene bloss 
bei Sterbefällen oder Hochzeiten trägt). Dass letzteres tatsächlich gemeint ist, zeigt 
die kleine Bemerkung, dass der Braut der Schleier fehle. (Wer den öchleier hat, 
ist die Braut!) Die Erzählerin, eine gute Freundin von Marie, hilft hier der 
Träumerin, den Traum weiter zu träumen : der Besitz des Schleiers kennzeichnet die 
Braut oder die Bräute Marie und Lina. Da» Anstöasige und Unmoialische dieser 

i) Von mir hervorgehoben. 

6* 



84 



Dr. C. G. Jung, 






Situation löst sich aber dadurch, dass die Mädchen den Schleier abtreten, wodurch 
die Wendung ms Harmlose erreicht ist. Denselben Mechanismus befolgt die Er 
wl" n J* n* A ^* mtt< *™f jer zweideutigen Situation in Andermatt: Es gibt 
f te D'nge, Kaffee, Kartoffeln Honig und Butter; eine Rückübersetzungen« 

Ohrenzeuge IL M. träumt es sei mit L. P. und dem Herrn Lehrer 
baden gegangen. Weit im See draussen habe M. zum Herrn Lehrer 
gesagt: Es schmerze ihr so ein Bein. Da sagte der Herr Lehrer sie 
könne ja ihm aufsitzen Den letzten Satz weiss ich nicht mehr, ob es 

S?S S ° } k*V be ? ich S laube es " Da ein Schiff grad auf 

dem See war, sagte der Herr Lehrer, sie solle grad noch bis zum Schiff 
schwimmen und dann einsteigen. Jetzt weiss ich gar nicht recht, wie 
«s erzahlt hat - - - Da sagte der Herr Lehrer oder M., ich weTss 

rief def HA™' Sie W ä len ^ Z - aUSStei S en und umlaufen. Sl 
riet der Herr Lehrer zwei Herren zu, die eben dort gebadet haben 
sollten sie sollen doch die Kinder ans Land tragen. Da sei LP 

SerTÄ au l ge ^ SSen ,T d *E d6m anderD dick * n Ma ™e, ™d ** 
^schwor! rn^A 6 d ? n dlcken , Mann am Bein gehalten und sei nach- 
geschwommen. Am Land angekommen seien sie heimgelaufen. 

h s tt/ U M d6I \ Weg £ traf dei ; Herr Lehrer seinen Fr ^nd, der Hochzeit 
hatte. M sagte: „Es sei halt damals noch Mode gewesen, zu Fuss m 

Iuch n miT n^ TZ K T h K\ Da "** die Braut > sie' dürfen "etzt 
auch mit Da sagte der Herr Lehrer, das wäre nett, wenn die beiden 

S Z^ZZ^T* S t leiGr ' d / D ^ iö UnterWe ^ bekonlt hatte" 

hn „TÄ ™ V^ W °' d6r Braut S aben - Die Kinder gaben 
ihn und die Braut sagte, das seien etzt auch brave (freigebige) Kinder 

DortYr n Sie - weiter S ewandert und im Hotel zur Sonne e^ngekehr t 

auf dS? TW? ^ ZU eSSen l iC * h 7 6iSS nicht recM was - Dann ^ Sie 
eine thÄ?^ ""5 H dennatt 8<*°™">. Dort seien sie in 
Rock *v^L* e S an g en / nd ha ben getanzt. Alle Männer haben ihren 

solle ZSi nU \ der He f Leh r; er nichL Da Sa S te die Braufc . er 
mLF TA"? fliehen. Da habe der Herr Lehrer sich ge- 

we en ' Ä B t? d !? h T h ^ etan - D* «ei der Herr Lehrer - ge- 
wesen. Da sagte der Herr Lehrer, er friere. 

ist allÜ? v t rf T nicht mehr -T ter , erzäll] en. es ist ja unanständig. Das 
ist alles vom Traum, was ich gehört habe. 8 

Aufmerksamkeit U kf e lI Die El ? ählerin T idm « t dem aufsitzen« ebenfalls grössere 

schleie? VSflSSf S? 1 "«?« °™ eck t Wenfalls starkes Interesse. Der Braut- 

S'ta ÄSBtf 1 rtfdecTenT^fe^nt^r« 5" ^ " ehl * r + * tü ** 
tugendhaftes Relgf (brave . Ä^KiÄ^HJ" S^. ^SSl & £ 
unter der Hand ms Tugendhafte gewandelt, das mit besonderer Akzenten hervor 
gehoben wird; verdächtig, wie jede akzentuierte Tugend Renten ßervor- 

■ "? J k • n J * der ? rer l ä 1 blung ?° T engelhaft ausgestattete Szene in der Scheune 
gewinnt bei dieser Krzahlerm re.chen Inhalt: Die Männer ziehen - den RoS aus 

der Lehrer auch und ist infolgedessen d . h. nackt und friert deshalb 

Darauf wird es zu , unanständig". w * w ' 



Ein Beitrag zur Psychologie des Gerüchtes. 85 

Die Erzählerin hat die bei der Besprechung der Überzahlung oben vermutete 
Parallele ebenfalle richtig erkannt und die Auskleideszene, die zum Baden gehört, 
hier eingesetzt, denn endlich mnss es doch herauskommen, dass die Mädchen mit 
dem nackten Lehrer zusammen sind. 

Ohrenzeuge IH. „M. erzählte, es habe geträumt: Ich ging einmal 
baden, da hatte ich keinen Platz mehr. Der Herr Lehrer nahm mich 
in seine Zelle. Ich zog mich ab und ging baden. 

Ich schwamm, bis ich in die Halde kam. Dort draussen begegnete 
ich dem Herrn Lehrer. Er sagte, ob ich nicht mit ihm über den See 
schwimmen wollte. Ich ging mit und L. P. auch. Wir schwammen 
und waren schon bald in der Mitte des Sees. Ich mochte nicht mehr 
weiter schwimmen. Nun kann ich nicht mehr genau sagen. Bald kam 
ein Schiff und wir stiegen auf das Schiff. Der Herr Lehrer sagte: 
„mich friert's" und ein Schiffsmann gab uns ein altes Hemd. Jeder 
von uns drei riss ein Stück von dem Hemd ab. Ich band es um den 
Hals. Dann gingen wir wieder von dem Schiff und schwammen weiter 
gegen K. 

L. P. und ich mochten nicht mehr weiter und zwei dicke Menschen 
nahmen uns auf den Rücken. In K. bekamen wir einen Schleier, den 
wir anzogen. In K. gingen wir auf die Strasse. Der Herr Lehrer traf 
seinen Freund, welcher uns zur Hochzeit einlud. Wir gingen in die Sonne 
und machten Spiele. Wir machten auch die Polonaise. Nun weiss ich 
nicht mehr genau. Nachher machten wir die Hochzeitsreise nach Ander- 
matt. Der Herr Lehrer hatte kein Geld bei sich und stahl in Ander- 
matt Kastanien. Der Herr Lehrer sagte zu uns: „das freut mich auch, 
dass ich mit meinen zwei Schülerinnen reisen kann". Nun kommt 
etwas Unanständiges, das ich nicht schreiben will. Nun ist der Traum 
fertig. 

Anmerkungen: Das gemeinschaftliche Ausziehen wird in den engen Raum 
der Badezelle verlegt. Die mangelhafte Bekleidung auf dem Schiff gibt Anlass zu 
einer neuen Variante. (Altes Hemd in 3 Stücke gerissen.) Das Aufsitzen aut den 
Lehrer wird hier infolge zu grosser Unsicherheit nicht ausgesprochen. Dafür sitzen 
die Mädchen zwei dicken Männern auf. Da „dick' stark hervorgehoben wird, ist zu 
bemerken, dass der Lehrer über eine behäbige Korpulenz verfügt Die Ersetzung ist 
durchaus typisch: für jede ist ein Lehrer da. Die Verdoppelung oder Vermehrung 
der Persönlichkeiten drückt zunächst die Bedeutsamkeit, d. h. die Libidobesetzung 
aus 1 ). (Vergl. die Verdoppelungen des Attributes bei Dementia praecox in meiner 
Psychologie der Dementia praecox.) Besonders deutlich ist diese Bedeutung der 
Vermehrung im Kultischen und Mythologischen. (Vergl. Dreieinigkeit und die beiden 
mystischen Bekenntnisformeln : Isis una quae es omnia. Heimes omnia soius et 
terunus) Sprachlich kommt in Betracht: „er fest, trinkt oder schläft „iur zwei . 
Sodann drückt die Vermehrung der Persönlichkeit auch die Analogie oder ver- 
gleichung aus: wie meine Freundin . . . „ oder wie ich, so hat auch meine ireunam 
— den „gleichen ätiologischen Anspruch' (Freud). In der Dementia praecox oder 
Schizophrenie, um den umfassenderen und besseren Ausdruck Bleulers zu ge- 
brauchen, ist die Vermehrung der Persönlichkeit zunächst auch der Ausdruck der 
Libidobesetzung, indem es regelmässig diejenige Persönlichkeit ist, auf die der 
Kranke überträgt, welche der Vervielfachung unterworfen wird. [„Es gibt zwei 
Piofessor N. „Ah, sind Sie auch ein Dr. J., heute morgen schon war einer bei mir, 
der sich für Dr. J. ausgab.*] Es scheint, dass, der allgemeinen Tendenz der bcnizo- 
phrenie entsprechend, diese Zerlegung eine analytisch-depotenzierende ist, welche das 
Zustandekommen zu starker Eindrücke verhindern soll. Eine letzte Bedeutung der 
Persönlichkeitsvermehrung, die aber nicht mehr genau unter diesen Begriff fällt, 
ist die Erhebung eines Attributes der Person zu einer lebendigen Figur. Ein ein- 

i) Das gleiche gilt für repetierte Handlungen. 



86 Dr. C. 6. Jung, 

facbes Beispiel ist Dionysos und sein Gefährte Phales, wobei Phales = PballoB die Per- 
sonifikation deB Dionysospenis ist. Das sog. dionysische Gefolge (Satyren, Tityren, 
Silene, Maenaden, Mimallonen etc.) besteht aus Personifikationen dionysischer 
Attribute. 

Die Szene in Andermatt ist besonders witzig ausgestaltet, richtig weiter ge- 
träumt: „Der Lehrer stiehlt Kastanien* = er tut das Unerlaubte. Kastanien: gemeint 
sind die gebratenen Marroni, die ihres Einschnittes wegen als weibliches Sexaal- 
symbol bekannt sind. Worauf die Bemerkung des Lehrers: „diiB freue ihn besonders, 
mit seinen Schülerinnen zu reisen" in ihrem unmittelbaren Anschluss an den Kastanien- 
diebstahl verständlich wird. Der Kastaniendiebstahl ist sicher individuelle Inter- 
polation, da sie in der ganzen Zeugenreihe nirgends wiederkehrt- sie zeigt, wie 
intensiv die innere Anteilnahme, d. h. der „gleiche ätiologische Anspruch" der Mit- 
schülerinnen an dem Traume der Marie X. ist. 

Mit dieser Aussage schliesst die Reihe der Ohrenzeugen. Die Schleiergeschichte, 
das Schmerzen des Fasses sind Stücke, die wir vielleicht andeutungsweise auch in 
der Überzahlung vermuten dürfen. Andere Interpolationen sind aber durchaus indi- 
viduell und beruhen auf selbständiger innerer Anteilnahme am Traumsinne. 

Hörensagen. 

I. „Die ganze Schule durfte mit dem Herrn Lehrer baden gehen. 
M. X. hatte allein keinen Platz mehr in der Badeanstalt um sich aus- 
zukleiden. Nun sagte der Herr Lehrer; „Du kannst zu mir in mein 
Zimmer kommen und dich bei mir auskleiden". Sie ging mit, aber 
doch genierte sie sich sehr. Als beide nun fertig waren mit Auskleiden, 
gingen sie auf den See. Der Herr Lehrer nahm eine lange Schnur und 
band sie um M. herum. Nun schwammen beide weit hinaus. Doch M. 
wurde müde, und da nahm der Herr Lehrer sie auf den Rücken. Nun 
sah M. die Lina P., sie rief ihr, komme auch mit, da kam auch Lina. 
Nun schwammen alle noch weiter hinaus. Sie begegneten einem Schiffe. 
Nun fragte der Herr Lehrer: „dürfen wir hineinkommen? diese Mäd- 
chen sind müde!" Das Schiff hielt und sie konnten alle einsteigen. 
Ich weiss es nicht genau, wie sie wieder ans Land kamen in K. Da 
bekam der Herr Lehrer eine alte Bettjacke. Diese zog er an. Dann 
traf er einen Freund an, welcher gerade Hochzeit feierte. Herr Lehrer, 
M. und L. wurden nun eingeladen. Die Hochzeit wurde in der Krone 
in K. gefeiert. Auch wollten sie Polonaise spielen. Der Herr Lehrer 
sagte, er wolle nicht mitmachen. Nun sagten aber die anderen, er solle 
doch. Er tat mit M. Herr Lehrer sagte: „ich will nicht mehr heim 
zu meiner Frau und meinen Kindern. M. du bist mir die Liebste". 
Diese hatte eine grosse Freude. Nach der Hochzeit wurde die Hoch- 
zeitsreise gemacht. Auch Herr Lehrer, M. und L. durften sie mit- 
machen. Die Reise ging nach Mailand. Nachdem gingen sie nach 
Andermatt, wo sie nirgends ein Lager fanden zum Schlafen. Sie gingen 
in eine Scheuer, wo alle miteinander die Nacht dort unterbringen 
konnten. Weiter darf ich nicht mehr erzählen, weil es sehr unanständig 
kommt". 

An merkungen: Die Auskleideszene in der Badeanstalt ist reich ausgestattet. 
Das Zusammensein im Wasser erfuhrt eine weitere Vereinfachung, die schon oben 
durch die Seilgeschichte vorbereitet war: der Lehrer bindet sich mit Marie zusammen, 
Lina P, wird hier gar nicht mehr erwähnt, sie kommt erst später, als Marie schon 
auf dem Lehrer sitzt. Die Bekleidung ist hier eine , Bettjacke". Die Hochzeitsfeier 
erhält eine sehr direkte Deutung: der Lehrer „will nicht mehr heim zu Frau und 
Kind. Marie ist ihm die Liebste." In der Scheune fanden sie „alle miteinander* 
ein Lager und „dann kam es sehr unanständig". 



Ein Beitrag zur Psychologie des Gerüchtes. 87 

IL „Man erzählte, dass sie mit der Schule in die Badeanstalt ging 
um zu baden. Da nun aber die Badeanstalt überfüllt gewesen war, habe 
der Lehrer ihr gerufen, zu ihm zu kommen, Wir schwammen nun in 
den See hinaus und L. P. folgte uns. Da nahm der Lehrer einen 
Strick und band uns aneinander. Ich bin nicht mehr gewiss, wie sie 
wieder voneinander wegkamen. Aber nach langer Zeit kamen sie 
plötzlich nach Z. Da soll nun eine Szene stattgefunden haben, die ich 
lieber nicht erzählen will, denn wenn es war sein sollte, wäre es zu 
schamlos. Auch weiss ich nicht mehr recht, wie es zugegangen sein 
soll da ich sehr müde war. Nur das habe ich noch gehört, dass M. X, 
erzählt haben soll, wie sie nun immer beim Herrn Lehrer gebheben 
seien und er sie als seine besten Schülerinnen immer wieder geherzt 
habe' Wenn ich es genau wüsste, wollte ich auch das andere noch 
sa^en, aber meine Schwester sagte nur etwas von einem kleinen Kinde, 
das da geboren wurde, dem nun der Herr Lehrer Pate sein sollte. 

Anmerkungen: Bemerkenswert ist, dass in dieser Erzählung die unanstän- 
dige Szene direkt an Steile der Hochzeitsfeier eingesetzt wird wo sie ebensogut 
ander richtigen Stelle ist, wie am Schluss, denn der aufmerksame Leser hat ge- 
ms ^ schon längst bemerkt, dass die unanständige Szene auch schon in der Bade- 
Teile hätte stattfinden können. Aber es ist so gegangen wie es m den ^räumen 
überaus häufig zu gehen pflegt, dass nämlich der Schlusegedanke einer langen Reihe 
von Traumbildern genau das enthält, was schon im ersten Bild der Serie dar* UBteUen 
versucht worden war Die Zensur schiebt den Komplex so lange wie möglich weg 
durrim»rTerwTedIr erneute symbolische Verdeckungen, Versch.ebungen, Wendungen 
ins lUmToae etc In der Badezelle findet es nicht statt im Wasser kommt das 

aufzunehmen. Hinter all d.esen Metamorphosen findet die Handlung aber doch statt, 
der Erfolg ist die am Schluss in Szene gesetzte (xeburt. 

III. Marie erzählte: „Der Herr Lehrer hatte mit seiner Frau 
Hochzeit und da gingen sie in die Krone und tanzten miteinander- Da 
hatte M. sonst noch wüste Sachen geredet das ich nicht sagen und 
nicht schreiben darf, denn es ist zu schenierhch . 

Anmerkungen: Hier ist so ziemlich alles „zu "^ständig" um erzählt zu 
werden. Zu bemerken ist, dass die Hochzeit mit der .Frau« stattfindet. 

IV ... dass Herr Lehrer und M. einmal baden gegangen seien 
und er dann M. gefragt habe, ob es auch mitkommen woUe. Ls sagte 
ia. Als sie dann miteinander hinausgekommen wären, hatten sie nocn 
L. P. angetroffen, da hatte der Herr Lehrer gefragt, ob es auch mit- 
kommen wolle. Und sie gingen nun weiter hinaus^ Dann _ hatte icn 
gehört, dass es noch sagte, L. P. und es seien die liebsten S^erumj* 
hätte der Herr Lehrer gesagt. Auch sagte es uns dass der HeirLenrer 
in den Badhosen gewesen sei. Dann seien sie wieder an einer riocnzeii 
gewesen und die Braut habe ein kleines Kind bekommen. 

Anmerkungen: Das persönliche Verhältnis zum L ^/'lleTdUneUn 
hervorgehoben (die .liebsten Schulerüraen«) ebenso die mangelhafte Bekleidung i.in 
Badhosen"). 

V ,M. und L. P. seien mit dem Herrn Lehrer zum Baden 
gegangen.' Als M. und L. P. und Herr Lehrer ein bischen ge- 
schwommen sind, sagte M.: Herr Lehrer ich kann nicht mehr weiter 



88 Dr. C. G. Jung, 






der Fuss tut mir weh. Da sagte der Herr Lehrer, sie solle ihm auf 
den Rücken sitzen und M. machte es so. Da kam eine Schwalbe 
(kleiner Dampfer) und der Herr Lehrer stieg in das Schiff. Herr Lehrer 
habe noch zwei Seile gehabt und die beiden Kinder an das Schiff gebunden. 
Da seien sie miteinander nach Z. und dort ausgestiegen. Da 
kaufte der Herr Lehrer für sich eine Schlutte (Bettjacke) und zog sie 
an und die Kinder hatten ein Tuch über sich genommen. Herr Lehrer 
habe eine Braut gehabt und seien in ein Schürlein (Scheune). Die 
beiden Kmder seien auch mit dem Herrn Lehrer und mit der Braut in 
das Schürlein und haben getanzt. Das andere darf ich nicht schreiben 
denn es ist zu wüst." 

t i. \ n T/r n \ ge ? ; -i" ch bier sitzt Marie dem Lehrer »nf dem Rücken. Der 
Lehrer bindet die beiden Kmder mit Seilen an das Schiff, woraus hervorgeht, mit 
welcher Lei chtigkeit Schiff für Lehrer eingesetzt wird. Als Bekleidungsstück taucht 
hier wieder die Bettjacke auf. Der Lehrer selber hat Hochzeit und nach dem Tanz 
kommt daa Unanständige. 

VI. [L. E.]. „Der Herr Lehrer soll mit der ganzen Schule baden 
gegangen sein. Nun fand M. keinen Platz mehr und da weinte sie 
Der Herr Lehrer soll dann zu M. gesagt haben, sie könne in seine 
Zelle kommen. 

«Ich muss hie und da etwas auslassen", sagte meine Schwester, 
„da es eine lange Geschichte ist". Aber sie erzählte mir doch noch 
einiges, was ich erzählen muss, um die Wahrheit zu sagen Wie sie 
nun im Bade gewesen seien, habe der Herr Lehrer M. gefragt ob sie 
mit ihm über den See schwimmen wolle. Darauf habe sie geantwortet 
wenn ich mitkomme, so komme sie auch. Nun seien wir geschwommen 
bis etwa in die Hälfte. Dann sei M. müde geworden und dann habe 
sie der Herr Lehrer an einer Schnur gezogen. Bei K. seien sie ans 
Land gekommen und von dort nach Z. [Der Herr Lehrer soll immer 
noch so gekleidet gewesen sein wie im Bad]. Dort haben wir einen 
hreund angetroffen, der Hochzeit gehabt haben soll. Wir sollten dann 
eingeladen worden sein von diesem Freund. Nach dem Fest gab es 
eine Hochzeitsreise, wo wir nach Mailand kamen. In einer Nacht nun 
mussten wir in einer Scheune schlafen, wo dann etwas passiert sei, was 
ich nicht sagen darf. 

Der Herr Lehrer soll gesagt haben, wir zwei seien seine liebsten 
Schülerinnen, auch soll er M. geküsst haben. 

er S erzr A dh^iuf/ en: ^Entschuldigung „Ich muss hie und da etwas auslassen" 
JSZtÄÄ 9, Die mangelhafte Bekleidung des Lehrers wird speziell 
!Ä p T* f ett ^ eD typ«"*«"» Weg der Hochzeitsreise nach Mailand. 

Auch dieser Passus scheint selbständig weiter phantasiert zu sein infolge innerer 
Anteilnahme. Marie figuriert deutlich als die Geliebte. innerer 

VII. „Die ganze Schule und Herr Lehrer gingen baden. Alle 
gingen in ein Zimmer. Herr Lehrer auch. Nur M. fand keinen Platz, 
da sagte der Herr Lehrer zu ihr: „Ich habe noch Platz, sie ging. Da 
sagte der Herr Lehrer: „liege mir auf den Rücken, ich schwimme dann 
hinaus in den See mit dir«. Mehr darf ich nicht mehr schreiben, denn 
es ist unanständig, dass ich es fast nicht einmal sagen kann. Ausser 
dem Unanständigen was folgen würde weiss ich nichts mehr von dem 
Traum". 

Anmerkungen: Die Erzählerin nähert sich Behr den Fundamenten. Schon 
bei der Badezelle soll Marie dem Lehrer auf den Rücken „liegen". Folgerichtiger- 



Em Beitrag zur Psychologie des Gerüchtes. 89 

weise weiss die Erzählerin ausser dem .Unanständigen' gar nichts mehr vom 
weiteren Traume zu berichten. 

VIII. „Die ganze Schule sei baden gegangen. M. habe keinen 
Platz gefunden und sei nun vom Lehrer in seine Zelle eingeladen worden. 
Der Lehrer sei mit ihr hinausgeschwommen und habe ihr gesagt, ein- 
fach, dass sie seine Liebste sei oder so etwas. In Z. als sie ans Land 
kamen, hätte eben ein Freund dort Hochzeit gehabt und dieser habe 
die beiden in den Badekostümen auch eingeladen. Der Lehrer habe 
eine alte Bettjacke gefunden und sie über die Badhosen angezogen. 
Auch hatte er {der Lehrer) M. verküsst und gesagt, dass er nicht mehr 
zu seiner Frau heimkehre. An die Hochzeitsreise wären die beiden 
auch mit eingeladen worden. Die Reise ging über Andermatt, wo sie 
keinen Platz mehr zum Schlafen fanden, und so im Heu schlafen 
mussten. Daselbst sei eine Frau gewesen, jetzt kommt eben das Ab- 
scheuliche, was gar nicht Recht ist, so was Ernstes ins Gespött und 
Gelächter zu ziehen. Diese Frau habe ein Kindlein bekommen, weiter 
will ich jetzt aber nicht mehr sagen, denn es kommt zu abscheulich." 

Anmerkungen: Die Erzählerin ist sehr radikal (, er habe ihr gesagt, einfach, 
dass sie seine Liebste sei* — „er hätte sie verküsst und gesagt dass er nicht mehr 
zu seiner Frau heimkehre*. Die Entrüstung über das dumme Geschwätz, die am 
Schiusa durchbricht, lässt auf eine besondere Eigenart der Erzählerin schlössen. 
Nachforschungen haben ergeben, dass dieses Mädchen die einzige von allen Zeugen 
ist, die vorsätzlich und frühzeitig von der Mutter sexuell aufgeklärt wor- 
den war. 

Epikrise. 

Was die Traumdeutung betrifft, so weiss ich ihr nichts anzufügen, 
die Kinder haben alles Nötige besorgt, so dass der psychoanalytischen 
Deutung soviel wie nichts übrig bleibt. Das Gerücht hat den 
Traum analysiert und gedeutet. Das Gerücht ist auf diese 
neue Fähigkeit meines Wissens bis jetzt nicht untersucht worden Unser 
Ball lässt es als gewiss lohnend erscheinen, die Psychologie des be- 
ruhtes einmal nach der psychoanalytischen Seite hin zu sondieren. Ich 
habe mich in der Darstellung des Materiales absichtlich auf das Fsycno- 
analytische beschränkt, wobei ich durchaus nicht verkenne, dass mein 
Material den verdienstvollen Fragestellungen der Stern sehen bchuie, 
Claparedes u. a. mannigfache Angriffspunkte bietet. 

Die Struktur des Gerüchtes zu verstehen, ermöglicht uns das mit- 
geteilte Material; damit kann sich die Psychoanalyse aber nicht zu- 
frieden geben. Man verlangt noch ein Mehreres zu wissen vom Waruin 
und Wozu der ganzen Erscheinung. Wie wir sahen, blieb der durch 
das Gerücht schwer betroffene Lehrer an einem gewissen Problem stehen, 
nämlich dem Problem von Ursache und Wirkung. Wie kann ein Iraum, 
der doch notorisch harmlos ist und nie etwas bedeutet (die Lehrer 
werden bekanntlich in Psychologie unterrichtet), derartige Wirkungen, 
ein solch heilloses Geschwätz erzeugen? Der Lehrer scheint mit dieser 
Fragestellung instinktiv aufs Richtige zu stossen. Die Wirkung des 
Traumes kann nur dadurch erklärt werden, dass er nämlich „le vrai 
inot de la Situation * war, dass er den passenden Ausdruck fand für 
etwas, das bereits in der Luft lag. Er war der Funke, der ins Pulver- 
faß fiel. Unser Material enthält alle nötigen Belege für diese Auf- 
fassung Ich habe mehrfach auf die innige Anteilnahme der Mitschüle- 






90 Dr. C. G. Jung, Ein Beitrag zur Psychologie des Gerüchtes. 

rinnen Mariens am Traume hingewiesen und auf die Punkte des besonderen 
Interesses, wo manche sogar noch dazu phantasiert oder mitgeträumt 
haben, aufmerksam gemacht. Die Klasse besteht aus Mädchen zwischen 
12 und 13 Jahren, die also mitten in den Prodromen der Pubertät stehen. 
Die Träumerin Marie X. selber ist körperlich sexuell fast ganz ent- 
wickelt und in dieser Beziehung ihrer Klasse voran, also eine Führerin, 
die das Logungswort für das Unbewusste ausgegeben und so die bei 
ihren Mitschülerinnen bereitliegenden Sexualkomplexe zur Explosion 
gebracht hat. 

Für den Lehrer war die Angelegenheit überaus peinlich, wie leicht 
verständlich. Die Vermutung, dass darin eine geheime Absicht der 
Schülerinnen lag, ist nach dem psychoanalytischen Grundsatz, Hand- 
lungen nach ihren Resultaten, mehr als nach ihren bewussten Motiven 
zu beurteilen 1 ) gerechtfertigt. Demnach wäre anzunehmen, dass Marie X. 
ihrem Lehrer besonders Gram gewesen wäre. Marie liebte diesen Lehrer 
am meisten. Im Laufe des letzten halben Jahres hatte sich ihr Wesen 
aber etwas verändert. Sie war träumerisch geworden, unaufmerksam 
infolgedessen, abends nach Dunkelwerden fürchtete sie sich auf die 
Strasse zu gehen, aus Angst vor bösen Männern. Einige Male äusserte 
sie sich zu Mitschülerinnen über sexuelle Dinge in etwas obszöner Weise, 
derweilen ihre Mutter mich bekümmert fragte, wie sie ihre Tochter 
wohl über die kommende Menstruation aufklären könnte. Durch diese 
Veränderung hatte Marie die Gunst des Lehrers verscherzt, was sich 
zum ersten Mal deutlich in einem schlechten Zeugnis zeigte, das sie 
und einige ihrer Freundinnen wenige Tage vor dem Ausbruch des Ge- 
rüchtes erhalten hatten. Die Enttäuschung war so gross, dass die 
Mädchen allerhand Rachephantasien gegen den Lehrer spannen, z. B. 
sie könnten ihn aufs Geleise stossen, so dass der Zug über ihn fahre, etc. 
In diesen blutigen Phantasien tat sich Marie besonders hervor. In der 
Nacht nach dem grossen Zorn, indem sie die frühere Liebe zum Lehrer 
anscheinend so ganz vergessen hatte, meldete sich jener verdrängte 
Seelenteil im Traum, eben in unserem Traum und erfüllte seinen Wunsch 
nach sexueller Vereinigung mit dem Lehrer — zur Kompensation des 
Hasses, der den Tag ausgefüllt hatte. Beim Erwachen wurde der 
Traum zum geschickten Instrument des Hasses, weil sein Wunsch- 
gedanke auch der der Mitschülerinnen war, wie immer bei derartigen 
Gerüchten. Die Rache glückte zwar, aber der Rückschlag, der Marie 
traf, war heftiger. Das pflegt die Regel zu sein, wenn man seine Trieb- 
regungen dem Unbewussten überiässt. 

Auf mein Gutachten hin wurde Marie X. wieder in die Schule 
aufgenommen. 

Ich bin mir wohl bewusst, wie unvollkommen die kleine Mitteilung 
ist, wie unbefriedigend namentlich in exakt wissenschaftlicher Hinsicht. 
Hätten wir eine genau festgestellte Urerzählung, so wäre all das mit 
sicherer Klarheit darstellbar, was wir jetzt bloss andeutungsweise skiz- 
zieren können. So ist dieser Fall fast ganz nur Fragestellung, und es 
bleibt glücklicheren Beobachtern vorbehalten, die wirklich beweisenden 
Erfahrungen auf diesem Gebiete zu sammeln. 

l) Vgl. meine Schrift: Über Konflikte der kindlichen Seele. De u ticke. Wien, 1910. 









II. 

Über „wilde" Psychoanalyse. 

Von Prof. Dr. Sigm. Freud. 

Vor einigen Tagen erschien in meiner Sprechstunde in Begleitung 
einer schützenden Freundin eine ältere Dame, die über Angstzustande 
klagte. Sie war in der zweiten Hälfte der Vieraiger. jähre, ziemlich gut 
erhllten, hatte offenbar mit ihrer Weiblichkeit noch nicht abgeschlossen. 
Anlass des Ausbruches der Zustände war die Scheidung tob Jta« 
letzten Manne; die Angst hatte aber nach ihrer Angabe eine »erheb „he 
Steigerung erfahren, seitdem sie einen jungen Arzt in ihrer Vorstadt 
konsultier' hatte; denn dieser hatte ihr ^«^^ *• 
Ursache ihrer Angst ihre sexuelle Beduritigkeit sei. Sie könne aen 
Ve kehr mit dem Manne nicht entbehren, und darum gebe es f ur si 
nur drei Weee zur Gesundheit, entweder sie kehre zu ihrem Manne 
zurück oderfL nehme einen Liebhaber, oder sie befriedige sich selbst 
S^Cf dasssic unheilbar sei, denn zu ihrem Manne 
zurück wolle sie sie nicht, und die beiden anderen Mittel jMJg 
ihrer Moral und ihrer Religiosität. Zu mir aber sei sie gekommen weil 
der Arzt ihr gesagt habe, das sei eine neue Einsicht, die man mir v er 
danke und sie solle sich nur von mir die Bestätigung holen dass es 
s Tsei'und nicht anders. Die Freundin, ^^■^■"gX* 
und ungesund aussehende Frau, beschwor mich dann, der Patientin zu 
versichern, dass sich der Arzt geirrt habe Es könne doch n cht o 
sein, denn sie selbst sei seit langen Jahren Witwe und doch anständig 
geblieben, ohne an Angst zu leiden. ,. . , 

ö Ich will nicht bei der schwierigen Situation verweilen m de icn 
durch diesen Besuch versetzt wurde, sondern das Verhalten des Koliken 
feuchten, der diese Kranke zu mir geschickt hatte Vorher will ich 
einer Verwahrung gedenken, die vielleicht - oder hoffentlich - nicht 
überflüssig ist. Langjährige Erfahrung hat mich gelehrt — wie sie s 
auch ieden anderen lehren könnte - nicht leichthin als wahr anzu- 
nehmen, was Patienten, insbesondere Nervöse, von ihrem Arzt erzählen. 
Der Nervenarzt wird nicht nur bei jeder Art von Behandlung leicht das 
Objekt, nach dem mannigfache feindselige Regungen des Patienten zielen; 
er muss es sich auch manchmal gefallen lassen, durch eme Art von 
Projektion die Verantwortung für die geheimen verdrängten Wünsche 



92 Sigm. Freud, 

des Nervösen zu übernehmen. Es ist dann eine traurige aber bezeichnende 
Tatsache, dass solche Anwürfe nirgendwo leichter Glauben finden als bei 
anderen Ärzten. 

Ich habe also das Recht zu hoffen, dass die Dame in meiner 
Sprechstunde mir einen tendenziös entstellten Bericht von den Äusse- 
rungen ihres Arztes gegeben hat, und dass ich ein Unrecht an ihm, der 
mir persönlich unbekannt ist, begehe, wenn ich meine Bemerkungen 
über „wilde" Psychoanalyse gerade an diesen Fall anknüpfe. Aber ich 
halte dadurch vielleicht andere ab, an ihren Kranken Unrecht zu tun. 

Nehmen wir also an, dass der Arzt genau so gesprochen hat, wie 
mir die Patientin berichtete. 

Es wird dann jeder leicht zu seiner Kritik vorbringen, dass ein 
Arzt wenn er es für notwendig hält, mit einer Frau über das Thema 
der Sexualität zu verhandeln, dies mit Takt und Schonung tun müsse 
Aber diese Anforderungen fallen mit der Befolgung gewisser technischer 
\ orschniten der Psychoanalyse zusammen, und überdies hätte der Arzt 
eme Reihe von wissenschaftlichen Lehren der Psychoanalyse ver- 
kannt oder missverstanden und dadurch gezeigt, wie wenig weit er zum 
Verständnis von deren Wesen und Absichten vorgedrungen ist. 

rv D B ! gi P? en wir mit den Iefcz teren, den wissenschaftlichen Irrtümern. 
i)ie Ratschläge des Arztes lassen klar erkennen, in welchem Sinne er 
das Sexualleben" erfasst. Im populären nämlich, wobei unter sexuellen 
Bedürfnissen nichts anderes verstanden wird als das Bedürfnis nach dem 
Koitus oder analogen, den Orgasmus und die Entleerung der Gesohlechts- 
stofte bewirkenden Vornahmen. Es kann aber dem Arzt nicht unbe- 
kannt geblieben sein, dass man der Psychoanalyse den Vorwurf zu 
machen pflegt, sie dehne den Begriff des Sexuellen weit über den ge- 
bräuchlichen Umfang aus. Die Tatsache ist richtig; ob sie als Vorwurf 
verwendet werden darf, soll hier nicht erörtert werden. Der Begriff 
des Sexuellen urafasst in der Psychoanalyse weit mehr; er geht nach 
unten wie nach oben über den populären Sinn hinaus. Diese Erweite- 

r n ng ß re 4. C -. ertlgt sich S enetisch ; wir rechnen zum „Sexualleben" auch 
alle öetatigungen zärthcher Gefühle, die aus der Quelle der primitiven 
sexuellen Regungen hervorgegangen sind, auch wenn diese Regungen 
eine rJemmung ihres ursprünglich sexuellen Zieles erfahren, oder dieses 
Ziel gegen ein anderes, nicht mehr sexuelles, vertauscht haben. Wir 
sprechen darum auch lieber von P-sycho Sexualität, legen so Wert 
darauf, dass man den seelischen Faktor des Sexuallebens nicht übersehe 
und nicht unterschätze. Wir gebrauchen des Wort Sexualität in dem- 
selben umfassenden Sinne, wie die deutsche Sprache das Wort „lieben u 
Wir wissen auch längst, dass seelische Unbefriedigung mit allen ihren 
Folgen bestehen kann, wo es an normalem Sexualverkehr nicht mangelt 
und halten uns als Therapeuten immer vor, dass von den unbefriedigten 
Sexualstrebungen, deren Ersatzbefriedigungen in der Form nervöser 
Symptome wir bekämpfen, oft nur ein geringes Mass durch den Koitus 
oder andere Sexualakte abzuführen ist. 

Wer diese Auffassung der Psychosexualität nicht teilt, hat kein 
Recht, sich auf die Lehrsätze der Psychoanalyse zu berufen, in denen 
von der ätiologischen Bedeutung der Sexualität gehandelt wird. Er 
hat sich durch die ausschliessliche Betonung des somatischen Faktors 



». 



Über .wilde* Psychoanalyse. 93 

am Sexuellen das Problem gewiss sehr vereinfacht, aber er mag für sein 
Vorgehen allein die Verantwortung tragen. 

Aus den Ratschlägen des Arztes leuchtet noch ein zweites und 
ebenso arges Missverständnis hervor. 

Es ist richtig, dass die Psychoanalyse angibt, sexuelle Unbefrie- 
digung sei die Ursache der nervösen Leiden. Aber sagt sie nicht noch 
mehr? Will man als zu kompliziert beiseite lassen, dass sie lehrt, die 
nervösen Symptome entspringen aus einem Konflikt zwischen zwei 
Mächten, einer (meist übergross gewordenen) Libido und einer allzu strengen 
Sexualablehnung oder Verdrängung? Wer an diesen zweiten Faktor, 
dem wirklich nicht der zweite Rang angewiesen wurde, nicht vergisst, 
wird nie glauben können, dass Sexualbefriedigung an sich ein allgemein 
verlässliches Heilmittel gegen die Beschwerden der Nervösen sei. Ein 
guter Teil dieser Menschen ist ja der Befriedigung unter den gegebenen 
Umständen oder überhaupt nicht fähig. Wären sie dazu fähig, hätten 
sie nicht ihre inneren Widerstände, so würde die Stärke des Triebes 
ihnen den Weg zur Befriedigung weisen, auch wenn der Arzt nicht dazu 
raten würde. Was soll also ein solcher Rat, wie ihn der Arzt angeb- 
lich jener Dame erteilt hat? 

Selbst wenn er sich wissenschaftlich rechtfertigen lässt, ist er un- 
ausführbar für sie. Wenn sie keine inneren Widerstände gegen die 
Onanie oder gegen ein Liebesverhältnis hätte, würde sie ja längst zu 
einem von diesen Mitteln gegriffen haben. Oder meint der Arzt, eine 
Frau von über 40 Jahren wisse nichts davon, dass man sich einen Liebhaber 
nehmen kann, oder überschätzt er seinen Einfluss so sehr, dass er 
meint, ohne ärztliches Gutheissen würde sie sich nie zu einem solchen 
Schritt entschliessen können? 

Das scheint alles sehr klar, und doch ist zuzugeben, dass es ein 
Moment gibt, welches die Urteilsfällung oft erschwert. Manche der 
nervösen Zustände, die sog. Aktualneurosen wie die typische Neur- 
asthenie und die reine Angstneurose, hängen offenbar von dem somatischen 
Faktor des Sexuallebens ab, während wir über die Rolle des psychischen 
Faktors und der Verdrängung bei ihnen noch keine gesicherte Vorstellung 
haben. In solchen Fällen ist es dem Arzt nahegelegt, eine aktuelle 
Therapie, eine Veränderung der somatischen sexuellen Betätigung, zu- 
nächst ins Auge zu fassen, und er tut dies mit vollem Recht, wenn seine 
Diagnose richtig war. Die Dame, die den jungen Arzt konsultierte, 
klagte vor allem über Angstzustände, und da nahm er wahrscheinlich 
an, sie leide an einer Angstneurose, und hielt sich für berechtigt, 
ihr eine somatische Therapie zu empfehlen. Wiederum ein bequemes 
Missverständnis! Wer an Angst leidet, hat darum nicht notwendig eine 
Angstneurose; diese Diagnose ist nicht aus dem Namen abzuleiten; man 
muss wissen, welche Erscheinungen eine Angstneurose ausmachen, und 
sie von anderen, auch durch Angst manifestierten Krankheitszuständen 
unterscheiden. Die in Rede stehende Dame litt nach meinem 
Eindruck an einer Angsthysterie, und der ganze, aber auch voll 
zureichende Wert solcher nosographischer Unterscheidungen liegt darin, 
dass sie auf eine andere Ätiologie und andere Therapie hinweisen. Wer 
die Möglichkeit einer solchen Angsthysterie ins Auge gefasst hätte, der 
wäre der Vernachlässigung der psychischen Faktoren, wie sie in den Alter- 
nativratschlägen des Arztes hervortritt, nicht verfallen. 



94 Sigm. Freud, 

Merkwürdig genug, in dieser therapeutischen Alternative des an- 
geblichen Psychoanalytikers bleibt kein Raum — für die Psychoanalyse. 
Diese Frau soll von ihrer Angst nur genesen können, wenn sie zu ihrem 
Manne zurückkehrt, oder sich auf dem Wege der Onanie oder bei 
einem Liebhaber befriedigt. Und wo hätte die analytische Behandlung 
einzutreten, in der wir das Hauptheilmittel bei Angstzuständen er- 
blicken? 

Somit wären wir zu den technischen Verfehlungen gelangt, die wir 
in dem Vorgehen des Arztes im angenommenen Falle erkennen. Es ist 
leicht, sie auf Unkenntnis zurückzuführen. Es ist eine längst über- 
wundene, am oberflächlichsten Anschein haftende Auffassung, dass der 
Kranke infolge einer Art von Unwissenheit leide, und wenn man diese 
Unwissenheit durch Mitteilung (über die ursächlichen Zusammenhänge 
seiner Krankheit mit seinem Leben, über seine Kindheitserlebnisse etc.) 
aufhebe, müsse er gesund werden. Nicht dies Nichtwissen an sich ist 
das pathogene Moment, sondern die Begründung des Nichtwissens in 
inneren Widerständen, welche das Nichtwissen zuerst hervorge- 
rufen hahen und es jetzt noch unterhalten. In der Bekämpfung dieser 
Widerstände liegt die Aufgabe der Therapie. Die Mitteilung dessen, was 
der Kranke nicht weiss, weil er es verdrängt hat, ist nur eine der not- 
wendigen Vorbereitungen für die Therapie. Wäre das Wissen des Un- 
bewussten für den Kranken so wichtig wie der in der Psychoanalyse 
Unerfahrene glaubt, so müsste es zur Heilung hinreichen, wenn der 
Kranke Vorlesungen anhört oder Bücher liest. Diese Massnahmen haben 
aber ebensoviel Einfluss auf die nervösen Leidenssymptome wie die Ver- 
teilung von Menukarten zur Zeit einer Hungersnot auf den Hunger. 
Der Vergleich ist sogar über seine erste Verwendung hinaus brauchbar, 
denn die Mitteilung des Unbewussten an den Kranken hat regelmässig 
die Folge, dass der Konflikt in ihm verschärft wird und die Beschwerden 
sich steigern. 

Da die Psychoanalyse aber eine solche Mitteilung nicht entbehren 
kann, schreibt sie vor, dass sie nicht eher zu erfolgen habe, als bis 
zwei Bedingungen erfüllt sind. Erstens bis der Kranke durch Vorbe- 
reitung selbst in die Nähe des von ihm Verdrängten gekommen ist, und 
zweitens bis ersieh soweit an den Arzt attachiert hat (Übertragung), 
dass ihm die Gefühlsbeziehung zum Arzt die neuerliche Flucht unmög- 
lich macht. 

Erst durch die Erfüllung dieser Bedingungen wird es möglich, die 
Widerstände, welche zur Verdrängung und zum Nichtwissen geführt 
haben, zu erkennen und ihrer Herr zu werden. Ein psychoanalytischer 
Eingriff setzt also durchaus einen längeren Kontakt mit dem Kranken 
voraus, und Versuche, den Kranken durch die brüske Mitteilung seiner 
vom Arzt erratenen Geheimnisse beim ersten Besuch in der Sprech- 
stunde zu überrumpeln, sind technisch verwerflich und strafen sich meist 
dadurch, dass sie dem Arzt die herzliche Feindschaft des Kranken zu- 
ziehen und jede weitere Beeinflussung abschneiden. 

Ganz abgesehen davon, dass man manchmal falsch rät und niemals 
imstande ist, alles zu erraten. Durch diese bestimmten technischen Vor- 
schriften ersetzt die Psychoanalyse die Forderung des unfassbaren „ ärzt- 
lichen Taktes", in dem eine besondere Begabung gesucht wird. 



Über „wilde* Psychoanalyse. 95 

Es reicht also für den Arzt nicht hin, einige der Ergebnisse der 
Psychoanalyse zu kennen; man muss sich auch mit ihrer Technik ver- 
traut gemacht haben, wenn man sein ärztliches Handeln durch die 
psychoanalytischen Gesichtspunkte leiten lassen will. Diese Technik ist 
heute noch nicht aus Büchern zu erlernen und gewiss nur mit grossen 
Opfern an Zeit, Mühe und Erfolg selbst zu finden. Man erlernt sie wie 
andere ärztliche Techniken bei denen, die sie bereits beherrschen. Es 
ist darum gewiss für die Beurteilung des Falles, an den ich diese Be- 
merkungen knüpfe, nicht gleichgültig, dass ich den Arzt, der solche 
Ratschläge gegeben haben soll, nicht kenne und seinen Namen nie ge- 
hört habe. • „ . ... 

Es ist weder mir noch meinen Freunden und Mitarbeitern ange- 
nehm in solcher Weise den Anspruch auf die Ausübung einer ärztlichen 
Technik zu monopolisieren. Aber angesichts der Gefahren, die die vorher- 
zusehende Übung einer „wilden 8 Psychoanalyse für die Kranken und 
für die Sache der Psychoanalyse mit sich bringt, blieb uns nichts anderes 
übrig Wir haben im Frühjahr 1910 einen internationalen psychoana- 
lytischen Verein gegründet, dessen Mitglieder sich durch Namensver- 
öffentlichung zu ihm bekennen, um die Verantwortung für das lun aller 
jener ablehnen zu können, die nicht zu uns gehören und ihr arztliches 
Vorgehen „Psychoanalyse* heissen. Denn in Wahrheit schaden solche 
wilde Analytiker doch der Sache mehr als dem einzelnen Kranken. Ich 
habe es häufig erlebt, dass ein so ungeschicktes Vorgehen, wenn es 
zuerst eine Verschlimmerung im Befinden des Kranken machte ihm am 
Ende doch zum Heil gereicht hat. Nicht immer, aber doch oftmals. Nach- 
dem er lange genug auf den Arzt geschimpft hat und si oh wei ;B™J8 ™ 
winer Beeinflussung weiss, lassen dann seine Symptome nach, oder er 
rchlie S r S ich S zu g einem Schritt welcher auf U|^ 
liegt Die endliche Besserung ist dann „von selbst" eingetreten oder 
wrd der höchst indifferenten Behandlung .eines .Ante. ■«*£»*£ 
rlPT, <drh der Kranke später gewendet hat. Für den Fall der Dame, 
deren Anklage gegen den Arzt wir gehört haben, möchte ich meinen, 
de wifde p|xh g oLlytiker habe doch mehr für seine Pa lenün getan 
«U, inrmd eine hochangesehene Autorität, die ihr erzahlt hatte, dass 
s e an eter vasomotorischen Neurose« leide. Er hat ihren Blick auf 
Z wirkliche Begründung ihres Leidens oder in dessen Nähe gezwungen 
und dieser Eingriff wird trotz alles Sträuben* der Paüenta i nich ohne 
Dünstige Folgen bleiben. Aber er hat sich selbst geschädigt und die 
VorurSle s e g igern geholfen, welche sich infolge begreiflicher Affekt^ 
stände bei den Kranken gegen die Tätigkeit des Psychoanalytikers er- 
heben. Und dies kann vermieden werden. ■ 



\ 















Mitteilungen. 



Beitrag zur Symbolik im Alltag 

von Ernest Jones (Toronto). 1 ) 

i- u Wie Professor Freud uns gelehrt hat, spielt die Symbolik im kind- 
lichen Leben des Normalen eine grössere Bolle, als man nach früheren 
psychoanalytischen Erfahrungen erwartete; im Hinblick darauf mag die 
folgende kurze Analyse von einigem Interesse sein, insbesondere wegen ihrer 
medizinischen Ausblicke. 

Ein Arzt stiess bei der Wiedereinrichtung seiner Möbel in einem neuen 
Heim auf ein „einfaches" hölzernes Stethoskop. Nachdem er einen Augen- 
blick nachgedacht hatte, wo er es denn eigentlich unterbringen solle, fühlte 
er sich gedrängt, es seitlich auf seinen Schreibtisch zu stellen, und zwar so, 
dass es genau zwischen seinem Stuhl und dem, worin seine Patienten zu 
sitzen pflegten, zu stehen kam. Die Handlung als solche war aus zwei 
Gründen ein wenig seltsam. Erstens braucht er überhaupt nicht oft ein 
btethoskop (er ist nämlich Neurologe), und sobald er eines nötig hat, benützt 
er em doppeltes für beide Ohren. Zweitens waren alle seine medizinischen 
Apparate und Instrumente in Schubkasten untergebracht mit alleiniger Aus- 
nahme dieses einen. Gleichwohl dachte er nicht mehr an die Sache, bis ihn 
eines Tages eine Patientin, die noch nie ein „einfaches" Stethoskop gesehen 
hatte, fragte, was das sei. Er sagte es ihr, und sie fragte ihn, warum er es 
gerade hierher gestellt habe, worauf er schlagfertig erwiderte, dass dieser Platz 
ebensogut wäre wie jeder andere. Dies machte ihn jedoch stutzig und er 
begann nachzudenken, ob dieser Handlung nicht irgend eine unbewusste 
Motivierung zugrunde liege ; und vertraut mit der psychoanalytischen Methode 
beschloss er, die Sache zu erforschen. 

Als erste Erinnerung fiel ihm die Tatsache ein, dass als Student der 
Medizin die Gewohnheit seines Spitalsarztes auf ihn Eindruck gemacht hatte, 
der immerwährend ein einfaches Stethoskop hei seinen Besuchen in den Kranken- 
sälen in der Hand gehalten hatte, obgleich er es niemals benützte. Er hatte 

!) Aus dem Englischen übersetzt von Otto Rank (Wien). 



Beitrag zur Symbolik im Alltag. 97 

diesen Arzt sehr bewundert und war ihm ausserordentlich zugetan. Später 
als er selbst die Spitalpraxis ausübte, nahm er die gleiche Gewohnheit an und 
hätte sich unbehaglich gefühlt, wenn er durch ein Versehen sein Zimmer ver- 
lassen hätte, ohne das Instrument in der Hand zu schwingen. Die Nutzlosig- 
keit dieser Gewohnheit zeigt sich jedoch nicht nur in der Tatsache, dass das 
einzige Stethoskop, welches er in Wirklichkeit benutzte, eines für beide Ohren 
war, das er in der Tasche trug, sondern auch darin, dass sie fortgesetzt wurde, 
als er auf der chirurgischen Abteilung war und überhaupt kein Stethoskop 
mehr brauchte. Die Bedeutung dieser Beobachtungen wird sogleich klar, wenn 
wir auf die phallische Natur dieser symbolischen Handlung hinweisen. 

Als nächstes erinnerte er die Tatsache, dass ihn als kleinen Jungen 
die Gewohnheit ihres Hausarztes frappiert hatte, ein einfaches Stethoskop im 
Innern seines Hutes zu tragen ; er fand es interessant, dass der Doktor sein 
Hauptinstrument immer zur Hand habe, wenn er Patienten besuchen ging, 
und dass er nur den Hut (d. i. einen Teil seiner Kleidung) abzunehmen und 
„es herauszuziehen" hatte. Er war als kleines Kind diesem Arzte überaus 
anhänglich gewesen und konnte kürzlich durch Selbstanalyse aufdecken, dass er 
im Alter von 3*/a Jahren eine doppelte Phantasie in betreff der Geburt einer 
jüngeren Schwester gehabt hatte: nämlich dass sie das Kind war erstens von 
ihm selbst und seiner Mutter, zweitens vom Doktor und ihm selbst. In dieser 
Phantasie spielte er also sowohl die männliche wie die weibliche Rolle. Er 
erinnerte ferner, im Alter von 6 Jahren von demselben Arzt untersucht 
worden zu sein und entsinnt sich deutlich der wollüstigen Empfindung, als 
er den Kopf des Doktors, der ihm das Stethoskop an die Brust drückte, in 
seiner Nähe fühlte, sowie der rhythmisch hin- und hergehenden Atmungs- 
bewegung, Im Alter von 3 Jahren hatte er ein chronisches Brustübel ge- 
habt und musste wiederholt untersucht worden sein, wenn er das auch tat- 
sächlich nicht mehr erinnern konnte. 

Im Alter von 8 Jahren machte die Mitteilung eines älteren Knaben 
Eindruck auf ihn, der ihm sagte, es sei Sitte des Arztes, mit seinen Patien- 
tinnen zu Bett zu gehen. Es gab sicherlich in Wahrheit einigen Grund zu 
diesem Gerüchte, und auf alle Fälle waren die Frauen der Nachbarschaft, 
einschliesslich seiner eigenen Mutter, dem jungen und netten Arzte sehr zugetan. 
Der Analysierte selbst hatte bei verschiedenen Gelegenheiten sexuelle Versuchun- 
gen in bezug auf seine Patientinnen erfahren, hatte sich zweimal in solche ver- 
liebt und schliesslich eine geheiratet. Es ist kaum zweifelhaft, dass seine 
unbewusste Identifizierung mit dem Doktor der hauptsächlichste Grund war, 
der ihn bewog, den Beruf des Mediziners zu ergreifen. Aus anderen Ana- 
lysen lässt sich vermuten, dass dies sicherlich das häufigste Motiv ist (ob- 
gleich es schwer ist, zu bestimmen wie häufig). Im vorliegenden Falle war 
es zweifach bedingt: 1. durch die bei mehreren Gelegenheiten erwiesene Über- 
legenheit des A rztes & em Vater gegenüber, auf den der Sohn sehr eifer- 
süchtig war, und 2. durch des Doktors Kenntnis verbotener Dinge und 
Gelegenheiten zu sexueller Befriedigung. 

Dann kam ein bereits anderwärts veröffentlichter Traum 1 ) von deutlich 
homosexuell-masochistischer Natur, in welchem ein Mann, der eine Ersatz- 
figur des Arztes ist, den Träumer mit einem „Schwert" angriff. Das Schwert 
erinnerte ihn an eine Geschichte in der Völsung-Nibelungen-Sage, wo Sigurd 



') „Freud's Theory of Dreams*. American Journ. of Psychol. April 1910. 
p. 301, Mo. 7. 

Zentralblatt für Psychoanalyse. I*. 7 



98 Beitrag zur Symbolik im Alltag. 

ein blosses Schwert (Gram) zwischen sich und die schlafende Brünhilde legt 
Die gleiche Geschichte kommt in der Arthus-Sage vor, die unser Mann 
ebenfalls genau kennt. 

Der Sinn der Symptomhandlung wird nun klar. Der Arzt hatte das 
einfache Stethoskop zwischen sich und seine Patientinnen gestellt, genau so 
wie Sigurd sein Schwert zwischen sich und die Frau legte, die er nicht be- 
rühren durfte. Die Handlung war eine Kompromissbildung; sie diente 
zweierlei Regungen: in seiner Einbildung dem unterdrückten Wunsche nach- 
zugeben, mit irgend einer reizenden Patientin in sexuelle Beziehungen zu treten, 
ihn aber zugleich zu erinnern, dass dieser Wunsch nicht verwirklicht werden 
konnte. Es war sozusagen ein Zauber gegen die Anfechtungen der Versuchung, 

Ich möchte hinzufügen, dass auf den Knaben die Stelle aus Lord 
Lyttons Richelieu grossen Eindruck machte: 

„Beneath the rule of men entirely great 
The pen is mightier than the sword" *), 
dass er ein fruchtbarer Schriftsteller geworden ist und eine aussergewöhnlich 
grosse Füllfeder benützt. Als ich ihn fragte, wozu er diese nötig habe, er- 
widerte er charakteristischerweise: „Ich habe soviel auszudrücken." 

Diese Analyse mahnt uns wieder einmal daran, welch weitreichende 
Einblicke in das Seelenleben uns die „harmlosen" und „sinnlosen" Handlungen 
gewähren und wie frühzeitig im Leben die Tendenz zur Symbolisierung ent- 
wickelt ist. 



XL 

Zum Verständnis der Hypnose und des hysterischen 

Delirs 

von Dr. J, Sauger, Nervenarzt in Wien, 

Aus einer grösseren Psychoanalyse zitiere ich eine interessante Episode, 
die sich nach etwa viennonatlicher Behandlung ereignete. Sie betrifft einen 
19 jährigen Studenten, Italiener, Urning und einzigen Sohn, aufgewachsen in 
rein weiblicher Umgebung. Von den Personen, die in seiner zartesten Kind- 
heit ominösen Einfluss auf ihn genommen, namentlich in geschlechtlicher 
Beziehung, nenne ich die Gouvernante Cecile, die ins Haus kam, als er im 
2. Lebensjahre stand, dann die um 8 Jahre ältere Schwester Neera, endlich 
in geringerem Masse die Mutter, Von diesen Frauen hat mindestens die 
Gouvernante und noch mehr die Schwester sehr viel Ungebührliches mit den 
Genitalien schon des ganz kleinen Kindes vorgenommen. Patient, der rasch 
die Übertragung auf den Arzt vollzog, verlangte in der Psychoanalyse gleich 
von Anfang an und immer wieder hypnotisiert zu werden, trotzdem ich ihm erklärte, 
dass dies eine überflüssige Komplizierung der Technik sei, und die Kur bei dem 
ausserordentlich begabten und willig mitgehenden Jüngling einen glänzenden Fort- 
gang nahm. Auffallend war auch sein enormes Schlafbedürfnis. Schlief er nicht 
mindestens 9 — 10 Stunden, so war er zu keiner Arbeit fähig, hingegen war es ihm 

i) Cf. Oldham's „I wear my pen as others do their aword." 



Zum Verständnis der Hypnose and des hysterischen Delirs. 99 

ein leichtes, auch 11 — 12 Stunden durchzuschlafen, und zwar fest wie ein Sack, 
Als ich über sein wiederholtes Drängen ihm einmal in der Hypnose einen bloss 
8 stündigen Schlaf suggerierte mit normaler Geistesfrische danach, erzielte ich 
damit nur den gegenteiligen Effekt, dass er die Nacht darauf gleich bis 1 2 Stunden 
schlief. Eines Tages endlich trat er nach einem starken primären Wider- 
stand mit der dringenden Bitte an mich heran, ihm in der Hypnose die 
Suggestion zu geben, alles zu erzählen, was er von der Schwester wisse. Da 
ergab sich nun die nachfolgende Lösung, welche ich genau nach seinen 
Worten zitiere: „Anscheinend hat mich meine Schwester bewusst oder un be- 
wusst, absichtlich oder zufällig mindestens ein wenig hypnotisiert Ich glaube 
nicht, dass sie es absichtlich tat, aber sie hat so starke Augen und da glaube 
ich, dass ich bei ihr in einen halb willenlosen Zustand geriet. Ich fiel auch 
jetzt, ohne dass ich es wollte, auf dem Diwan fortwährend in hypnotischen 
Zustand, und Sie erinnern sich, die Hypnose ist gleich zu Anfang bei mir 
auffallend rasch gegangen. Das Hypnotische dürfte auch eine Wurzel für 
das Schlafen sein. Ich verfalle auch sehr leicht in Selbsthypnose und habe 
ein ausserordentliches Interesse für alle hypnotischen Dinge." Der Zusammen- 
hang ist jetzt vollständig durchsichtig. Der halb oder ganz willenlose Zu- 
stand, in welchen ihn die Hypnose versetzt, ist einfach jenem analog, in 
dem die sexuellen Attentate von Schwester und Gouvernante auf ihn er- 
folgten, da er noch ein ganz kleines Kind gewesen. Er macht dann ferner 
wie jeder Patient in der Analyse die Übertragung auf mich und wünscht 
von mir ein ähnliches Vorgehen. Ich sollte demnach die Rolle der hypnoti- 
sierenden Schwester übernehmen, während er sich als willenlos bereit präsen- 
tiert, einem jeden sexuellen Attentat zu erliegen. Dieser masochistische, resp. 
homosexueU-masochistische Zug kommt übrigens sämtlichen Kranken zu, die 
während einer Psychoanalyse dringend und unablässig verlangen, hypnotisiert 

zu werden. . 

Fünf Tage hielt nach dieser Aufklärung die Besserung an, dann kam 
er mit der Klage zu mir, er habe wieder einen benommenen Kopf und die 
Luft im Zimmer komme ihm schlecht vor. wie stickig, was ihn zu Anfang 
seines Wiener Aufenthaltes so arg gequält habe, jetzt aber schon lange vor- 
über gewesen. Er verlangt dringend die Hypnose, damit er nicht so schläfrig 
sei Nach der Einschläferung, die auffallend rasch gelingt, noch ehe ich 
überhaupt ein Wort sprechen konnte, ist er nicht wieder zu erwecken, sondern 
es schliesst sich noch im hypnotischen Schlaf ein hysterisches Delir an, 
von dem ich folgende äusserlich wahrnehmbare Symptome notierte: Ver- 
schiedene Handbewegungen, Aufstehen und wieder Zurücksinken, verdriess- 
liches Verziehen des Gesichtes, Miene, als ob er weine und jemanden weg- 
stiesse, schliesslich Hinfallen. Nach dem endlichen Aufwachen gibt er folgende 
Erklärung: „Ich war vollkommen klar und meiner Bewegungen durchaus 
bewusst. Ich hätte sie auch beherrschen können, mochte aber gar nicht, um 
zu erfahren, was daraus wird. Bei diesen Bewegungen fühlte ich nicht etwa 
die Aktion der Muskeln, sondern ich machte die betreffenden Bewegungen 
scheinbar ohne Muskelanstrengung. Jetzt muss ich Ihnen auch eine Luge 
erzählen. Ich wollte, Sie sollen mich hypnotisieren und dann wollte ich nicht 
erwachen, sondern weiter schlafen," — „Geschah dies aus homosexuellen 
Motiven, damit ich Geschlechtliches mit Ihnen treibe?" — „Ja, es ist mir 
blitzartig durch den Kopf geschossen, Ihnen an die Genitalien zu greifen, 
und ich habe einmal auch die Hand ein bisschen dazu erhoben. Aber es 
war anscheinend nicht die richtige, denn die Bewegung war nicht genug 

7* 



100 Zum Verständnis der Hypnose und des hysterischen Delirs. 

automatisch, sie war zu sehr gewollt. Ich glaube, es steckt unbedingt die 
Schwester hinter dem ganzen. Das ist mir schon in der Hypnose eingefallen. 
Kopfschmerz, Benommenheit, Stickluft, über all diese Dinge klagte meine 
Schwester, wenn sie zu mir ins Zimmer trat. Nun zur Erklärung meiner 
einzelnen Bewegungen. Ich habe erst langsam die rechte Hand gehoben, 
dann die linke, ich dachte: wie ein Gekreuzigter. Hierauf bin ich ganz 
langsam aufgestanden, einmal auch nach links gesunken, schliesslich kam das 
Zurückstossen und ich wände mich auch ab." - „Sie hatten einen sehr 

bittern, verdriesslichen, schmerzhaft abweisenden Gesichtsausdruck." „Ja, er 

war sehr böse, aber Gefühle waren keine dabei. Nur auf Augenblicke brach 
ein Gefühl durch, anfangs des Schreckens, später auch des Abscheus. Hierauf 
machte ich eine sonderbare Kopfbewegung, ein langsames Schütteln, d h 
offenbar: ,Nein!' und dann die Abwehrbewegung. Endlich kam mir noch 
so zufällig der Gedanke, ich fürchtete Ihnen in die Augen zu fahren 
wie es kleine Kinder so häufig tun.'- Er legt sich jetzt bäuchlings auf das 
bofa und denkt nach. „Noch etwas habe ich zu sagen vergessen, was gewiss 
das \\ ichtigste ist. Eine ganz unscheinbare Bewegung, die Sie sicher nicht 
gesehen haben, war, dass ich einmal die Hand ein wenig zusammenschloss, 
und zwar mit dem deutlichen Gefühle, einen Penis drin zu haben. Bisher 
habe ich folgende Lösung herausgebracht: die Arme wie ein Gekreuzigter 
halten, heisst euifach, dass mir meine Schwester die Arme so gehalten hat. 
Dazu brauchte sie aber zwei Hände. Es bleiben also zwei Möglichkeiten: 
entweder hat sie mir mit einem Arm beide Hände gehalten und mit dem 
anderen an den Genitalien manipuliert, oder meine Hände mit ihren beiden 
testgehalten und mein Membrum in ihren Mund genommen. Ja, da haben 
wir es. Ich habe schon einmal herausgebracht, dass mich meine Schwester 
dabei gebissen hat. Das ist ganz sicher; denn ich suchte lange hemm, wie 
sie mir mit dem Munde wehe tun konnte, und es fiel mir nicht ein, dass 
man im Munde Zähne hat. Jetzt habe ich alles. Das Kopfschütteln heisst: 
,-Ioh werde es nicht erzählen !' und die Abweisung geht vorher. Nachdem sie 
mich losgelassen, schob ich sie mit der Hand weg, dabei meinen Kopf auf 
die andere Seite wendend und das Gesicht hinter der andern Hand verbergend. 
Und dann gab sie mir Bonbons und befahl mir, nichts zu erzählen. Mein 
KopfschÜttein besagt: ,Ich werde es nicht erzählen*. Diese ganze Episode 
fallt in mein 2.-3. Lebensjahr. Vor der Hypnose hatte ich viele Einfälle, 
die ich aber nicht verfolgen konnte. Einer derselben war ein Wesen mit 
fürchterlich grossen Augen. Das ist offenbar meine Schwester, die mich mit 
solchen Augen wie hypnotisierte." — „Und was bedeutet das Hinfallen ?" — 
„Es kann ganz gut gewesen sein, dass sie mich niedergedrückt hat, denn ich 
widersetzte mich dem Fall anfangs." _ „Was soll Ihre Schwester eigentlich 
mit Ihnen beabsichtigt haben ?" — ,Mein Membrum zu beissen oder mit der 
Hand zu zwicken. Der Penis, den ich während des Anfalls in meiner Hand 
hielt, war sehr gross, der eines Erwachsenen, meine Hand aber eine Kinder- 
hand.' — „Dann war es vielleicht mein Glied und eine Wunscherfüllung?" 
— „Jetzt fällt mir ein, ich habe mit dem vorletzten Geliebten etwas Ähn- 
liches gemacht und ihn auch auf das Bett geworfen. Noch etwas habe ich 
aus dem Anfall vergessen. Es kam mir plötzlich der Gedanke, es müsste 
sehr unangenehm sein, wenn ein Symptom meines Anfalls wäre, mein Membrum 
in Ihrer Gegenwart herauszunehmen?" 

Er verlangt jetzt noch einmal hypnotisiert zu werden und die Suggestion, 
dass sich Vision und Affekte einstellen würden. Beides geschieht. Im hyp- 



. 



Zum Verständnis der Hypnose und des hysterischen Deliers. 101 

notischen Schlafe Heben der rechten Hand, Lachen wie ein Kind, Senken 
jener Hand, Schnappen mit dem Munde, Lallen unverständlicher Silben, die 
sich etwa anhören wie aba, ma, dau-we, dann spricht er mit starken Muskel- 
bewegungen lautlose Worte. Endlich sagte er ganz unvermittelt laut und 
mit gewöhnlicher Stimme: „Suggerieren Sie mir, dass es mir einfallen und 
ich deutlich sprechen muss! :c , was ich besorge. Nun folgt eine merkwürdige 
Szene. Er stösst zunächst im kindlichen Ton und jedesmal nach vergeb- 
lichen Anläufen ein paar italienische Brocken heraus, die ich gleich in 
deutscher Übersetzung wiedergebe: „Geh weiter herunter — noch — ai, au 

— Du sollst gehn, ich bin schläfrig, geh weg! — Wer ist das? — Nerra." 

— Dann wieder mit seiner gewöhnlichen Stimme: „Fragen Sie mich jetzt!" 
Nun spricht er mir rasch, doch in gewöhnlichem Ton, italienische Worte vor, 
die ich wiederholen muss, er aber antwortet ganz wie früher im kindlichen 
Tonfall und mit sichtlicher Überwindung von Schwierigkeiten. Hierauf aber- 
mals das Vorsprechen und seine mühsame kindliche Antwort, was sich fortab 
bis zu Ende wiederholt. Dieser beständige Wechsel von raschem Vorsagen 
in durchaus fliessender, normaler Rede und dem lallenden, wie unter Hoch- 
druck erfolgenden, äusserst mühevollen Hervorpressen italienischer Brocken, 
die ich kaum noch verstehe, macht einen verblüffenden Eindruck, der sich 
schwer in Worten wiedergeben lässt. Ich zitiere hier den von mir notierten 
Text, das Italienische bereits in deutscher Übertragung: „Was tut sie? — 
Sie küssfc. — Wen küsst säe? — Giuseppe. — Wohin? — Auf das Glied. 

— Was noch?" Er tut, als ob es ihn frieren und schauern würde. „Warum 
fühlst Du Kälte? — Weil das Fenster offen ist." Er wirft sich zusammen, 
schauernd, dann sagt er plötzlich rasch in gewöhnlichem Tone : „Suggerieren 
Sie!", was geschieht. Nun wieder wie früher: „Hinter dem Waschtisch." 
Werfen und Zusammenschauern. „Furcht vor dem Teufel." Neuerliches 
Zusammenschauern. — „Cecile — buba (Schmerz in der Kindersprache) — 
es tut mir das Fussi weh, küss mich !" Jetzt folgt die grösste Schwierigkeit, 
immer neu wiederholtes Ansetzen, dann sinnloses Lallen ta-ta-tal-tal-tal, endlich 
„tocca balle — pack mich bei den Hoden !", womit das Delir sein Ende 
findet. Aufgeweckt, gibt er folgende Erklärung: „Zuerst dachte ich: was 
will ich denn mit den Muskelbewegungen? Und dann sah ich, dass ich 
spreche. Ich wusste auch nicht, wie ich den Luftstrom regulieren soll, 
schliesslich lernte ich auch das und dann kam es. Nun will ich Ihnen meine 
Worte erklären. ,Geh weiter herunter', ist eigentlich ungenau, es soll heissen: 
,Geh weiter unter die Decke' und bezieht sich auf die Schwester, mit der 
Hand natürlich. Das übrige bis zum Küssen auf das Glied erklärt der 
Text. ,Was noch?' Mit dieser Frage ahme ich die Mutter nach. Es ist 
sonderbar, dass ich Sie immer auffordere zu fragen. Und warum liess ich 
Sie das italienisch tun? Weil mich die Mutter so über irgend etwas, an- 
scheinend Sexuelles ausgefragt hat. Nun weiter in der Fragestellung: , Warum 
fühlst du Kälte? — Weil das Fenster offen ist'. Das hängt mit der stickigen 
Luft zusammen. Diese Episode ist jetzt aus und dann bin ich hinter den 
Waschtisch geflüchtet aus Angst vor dem Teufel und, was ich als Frost 
nahm, ist eigentlich Angst. Ich suche vergeblich nach, wer der Teufel oder 
das Gespenst sein soll. Ich rufe dann die Gouvernante und sage: ,Es tut 
mir das linke Fussi weh (in der Hypnose fühlte ich den Schmerz wirklich), 
küsse mich!' Und dann: ,Pack mich bei den Hoden!' Dieser letztere 
Zwischenruf stammt aus einer grösseren Szene. Alles zusammen ist eine 
Szene. Ich hatte wahrscheinlich Lust, dass sie mir etwas mache, und habe 



102 Zur Symbolik der Mutterieibaphantasie. 

sie deshalb gerufen. Als Vorwand brauchte ich, das Bein tut mir weh. Das 
,basi (küss mich)!' ist wahrscheinlich falsch und heisst ,suffia' = blase. Wenn 
ich mir irgendwo weh getan hatte, pflegte sie es wegzublasen. Und dann 
folgten noch andere Geschichten. So viel wollte ich aus der interessanten 
Analyse mitteilen. 



III. 

Zur Symbolik der Mutterleibsphantasie. 

von Dr. Wilhelm StekeL 

Ein Patient träumt: Ich war nach Italien gereist in einem 
Salonwagen. In Rom war es sehr heiss. Auf der Rückreise 
hatte ich den Eindruck, dass der Salonwagen für mich spe- 
ziell gemacht worden wäre. 

Die Analyse ergibt, dass sich der Salonwagen auf den Mutterleib be- 
ziehen muss und Italien für die Genitalien steht. Rom ist der Wohn- 
sitz des Papstes, (papa !) 

Während sich sonst die Neurotiker gegen die Zumutung der Mutter- 
leibsphantasie anfänglich energisch sträuben, sinnt der Träumer einige Minuten 
und sagt: ,,Ich muss Ihnen diese bewusste Phantasie offen zugeben. Ich 
war 13 Jahre alt, als ich mir wünschte, eine ungeheuer grosse Riesin kennen 
zu lernen, in deren Leib ich spazieren gehen und dorten alles inspizieren 
könnte. Ich würde es mir dann in der roten Höhle sehr bequem und be- 
haglich machen. Auch phantasierte ich mir eine Schaukel, die in dem Leibe 
dieser Riesin 10 m hoch aufgehängt wäre. Dorten wollte ich dann lustig 
hin und her schaukeln." 

Dieser Patient hat die ursprüngliche Proportion (Fötus und Mutter) auf 
seine damalige Grösse übertragen. Nun da er so erwachsen war, musste der 
Leib, in dem er sich bewegen konnte, der Leib einer Riesin sein. 

Selbstverständlich hat gerade dieser Neurotiker einen ausgesprochenen 
Kleinheitswahn, der sich teilweise durch einen hypertrophischen Grössenwahn 
überkompensdert hat. So zeigt er die typische „Bipolarität der Sym- 
ptome", wie ich diese Erscheinung genannt habe. 

Diese eingestandene bewusste Mutterleibsphantasie ist eine verhältnis- 
mässig seltene Erscheinung. 

Bei diesem Patienten spielte jedoch die Mutterleibsphantasie in seinen 
Abwehrhandlungen eine grosse Rolle. Er wurde nämlich mehrere Male im 
Leben auffallend fromm und machte jedesmal eine „Wiedergeburt" mit. Das 
erste Mal nach der Lektüre einer einschlägigen Stelle im Neuen Testamente. 

Dieselbe lautet: 

„Es war aber ein Mensch unter den Pharisäern, mit Namen Nicodemus, 
efn Oberster unter den Juden. Der kam zu Jesu bei der Nacht und sprach 
zu ihm: Meister, wir wissen, dass du bist ein Lehrer von Gott gekommen; 
denn niemand kann die Zeichen tun, die da tust, es sei denn Gott mit ihm. 
Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es 
sei denn, dass jemand von neuem geboren werde, kann er das 
Reich Gottes nicht sehen. Nicodemus spricht zu ihm: Wie kann ein Mensch 
geboren werden, wenn er alt ist? Kann er auch wiederum in seiner 
Mutter Leib gehen und geboren werden? Jesus antwortete : Wahr- 



Ein erlogener Traum. 103 

lieh , wahrlich , ich sage dir : Es sei denn , dass jemand geboren werde aus 
dem Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen. Was 
vom Fleisch geboren wird, das ist Fleisch, und was vom Geist geboren wird, 
das ist Geist. Lass dichs nicht wundern , dass ich dir gesagt habe : Ihr 
müsset von neuem geboren werden." 

Mit 12, 21 und 32 Jahren machte dieser Patient die „religiöse Wieder- 
geburt" mit. Dass es gerade diese Jahre waren, hatte auch eine Begründung 
in seinem Schuldbewusstsein. Eine Zeitlang musste er immer wieder die Zahlen 
9 oder 12 aussprechen. Er machte 12 Schritte vor und dann wieder zurück. 
Oder neun vor und neun zurück. „Wenn du das nicht machst — sagte 
er sich — wirst du morgen in der Schule nicht entsprechen." Er machte 
mit dieser Zwangshandlung irgend etwas rückgängig, das sich auf die 
Zahl 12 oder bezog. 

Jede Zwangshandlung enthält nach meinen Forschungen die sogenannte 
„Todesklausel". Sie zeigt Beziehungen zum Problem des Todes. Sie erfüllt 
ferner einen infantilen Imperativ. So war es auch in diesem Falle. Der 
Imperativ hiess: Ehre Vater und Mutter! — Die Todesklausel ging auf den 
toten Vater. Das Schuldbewusstsein entsprang Todeswünschen dem Vater 
gegenüber. Er hat einige Tage nach seinem Tode in der Schule gelacht! 
Ja sogar am Todestage allerlei Allotria getrieben, so dass ihn seine Mutter 
vor die Leiche des Vaters zog und ihm dort eine fürchterliche Strafpredigt 
mit Drohungen hielt. 

Nun zur Analyse der Zahlen 9 und 12, 21, 32- (Ferner kamen noch 
die Zahlen 3 und 4 in der Verbindung 3 X 4= 12 in Betracht.) Zuerst waren 
4 Personen in der Familie. Durch den Tod des Vaters wurden sie 3 (3 X 4 = 12). 
Der Vater starb 1884. 1 + 8 und 8 + 4 gibt die Zahlen 9 und 12. Die 
Summe aller Zahlen gibt 21 (1 + 8 + 8 + 4). 32 ist aber 8X4. 

Nach dem Tode des Vaters kam seine erste Wiedergeburt. Er wurde 
aus einem schlimmen, wilden, faulen Kind einer der bravsten, frömmsten 
Schüler. , . . Seine sexuellen Phantasien wurden verdrängt und kehrten doch 
immer wieder. Schliesslich drang das Verdrängte in das Verdrängende ein. 
Die religiösen Exstasen durchsetzten sich mit sexuellen Phantasien, Er- 
fühlte sich rein, schuldbefreit und wiedergeboren. Jedesmal wie „neugeboren". 
Eine gewisse Neigung zum Katholizismus und Madonnenkult (Schoss der 
allein seligmachenden Kirche!) trat ebenfalls in diesen frommen Perioden 
auf. Er, der Protestant, besuchte gerne katholische Kirchen . . wie er glaubte 
nur aus Kunstinteresse. (Verschiebung.) 



IV. 

Ein erlogener Traum 1 ). 

Beitrag zum Mechanismus der Lüge in der Neurose 

von Dr. Alfred Adler (Wien). 

Unter den älteren Autoren, die das Problem der Hysterie beschäftigte, 
hat fast jeder das lügenhafte Wesen seiner Kranken hervorgehoben. Etwas 
zu stark fast, will mir scheinen, wenn ich aus meinem Material die Schlüsse 
ziehe. Immer steckt die deutliche Absicht dahinter, den Arzt zu demütigen, 

*) Vortrag, gehalten in der „Wiener psychoanalyt. Vereinigung* am 19. X. 1910. 



104 Ein erlogener Traum. 

sich über ihn zu erheben. Was regelmässig das Ende der psycho- 
analytischen Kur hinausschiebt, die Unerträglichkeit des 
Gedankens, der Arzt könne sich wichtig vorkommen, falls 
die Heilung gelingt, dringt auch vereinzelt während oder nach einer 
unvollendeten Kur durch, mit der gleichen Absicht, den Arzt herabzusetzen 
zu blamieren. Dieses Gebaren gemahnt au den Helotenaufstand. Unter 
Menschen, die sich ebenbürtig fühlen, wäre eine derartige Gier den 
anderen unterworfen zu sehen, ausgeschlossen. Aber dem Neurotiker ' wird 
wie ich wiederholt auseinandergesetzt habe, jede Art von persönlicher 
Beziehung eine zufällige Begegnung, das Leben in der Gesellschaft, eine 
Prüfung, das Verhältnis zu seinen Angehörigen, die Liebe zum Kampf Kein 
Wunder, dass der Aggressionstrieb des Neurotikers in allen Fällen auch das 
Verhältnis zum Arzte erfasst und zu einem Kampf ausgestaltet. Dabei kann 
gelegentlich jede Art von Rancune zutage kommen, Unbotn.ässigkeit, Trotz 
Zurückhaltung, Vorwürfe gesuchter Art, hartnäckige Gegenüberstellung anderer 
Arzte und ähnliches. Eine Form dieser Aggressionsstellung ist die Lüge, 
Mancher Neurotiker kommt bereits in dieser Kampfstimmung zum Arzt' 
„Ich glaube ja nicht, dass ich geheilt werden kann, aber ich will es noch- 
mals versuchen!" So oder ähnlich lautet die liebenswürdige Form in der 
sieh zuweilen ein Patient einführt. Bei anderen Patienten wächst dieser 
Aggressionstrieb langsam aber stetig dem Arzt entgegen. Man erkennt un- 
schwer dass bei fortschreitender Besserung der neurotischen Symptome eine 
seit jeher bestandene Aggressionsstellung des Patienten gegen den Arzt S e- 

s^kä;: bÄr anderej ohne dass diese feindiiche M ^ 

Um was dreht sich der Kampf des Neurotikers? Mag der Inhalt 
welcher immer™, er läset sich in den Gegen satz von „oben und 
m«™£ ♦ u ,"' U ? d derPatient ist durch jedes seiner Symptome, durch 
X Af'f W ! ° der Sadls ? sche ' durch Angst oder Zwang, durch Depression 
oder Affektesteigerung in die Lage versetzt, sich zur Geltung zu bringen 
TTnPnT M Affektlage des Zweifels, angrenzend an die des Zaudern* der 

Un ntschlossenheit geht m erster Linie auf ein überspanntes und mit Über- 

ProLt J f ti f 1Gl T d S °} 1 V ° r Enttäus ^"£en bewahren. Der männliche 
Protest erfüllt den Neurotiker, der sich dem Gefühl der Minderwertigkeit zu 
2T n Jr SUC K fc ' wobei . Jedes Mittel ihm als heilig gilt. Eines dieser Mittel, 
dem andern über zu sein, ist die Lüge. 1 ) 

oin.r th o a1 / 6 ^ nde o VO / Übergehend IÜ S en ' ™ Sich S ross 2U raa chen, "»» 
Tatsa^r P i 611 - 8 ^ 6 UnC ! Blamage 2U ent £ ehe »> * *» bekannte 
,^ZT' y FjX, f run ? zur Lügenhaftigkeit und Hinterhältigkeit scheint 
zustande zu kommen durch massigen Trotz oder bei erheblicher Einbusse des 
Aggressionstriebs, analog der Entstehung der masochistischen Tendenz: sichzu 
ducken um dann obenauf zukommen. Eine starke Einstel- 
lung auf Trotz hindert das Aufkommen der Lügenhaftigkeit 
™-u • W « fi e, ^ ntlich ™ dem Falle, den ich vor Augen habe. Ein 
20jahnges Madchen kam zu mir in Behandlung wegen Enuresis und Kot- 
schmierens. M an denkt dabei zuerst an geistige Defekte, doch die Intelligenz 

■i /* l Jr alI &f meineD zei ^ der Neurotiker eine starke Abneigung gegen Lügen 
weil der Neurotiker ganz wie Kant die Auffassung hat, dass die Lüge zu einer 
Herabsetzung des Personl.chkeitsweTtes führt. Lügt er dennoch, so braucht er aus- 
schweifende Milderungsgründe oder hilft sich durch Amnesie. 



Ein erlogener Traum. 105 

des Mädchens erwies sieh als vollkommen normal. Bezüglich der Charaktero- 
logie, die zur Feststellung der neurotischen Erkrankung in erster Linie in 
Betracht kommt 1 ), ergaben sich bald die von mir als notwendig geforderten 
Befunde: „Überempfindlichkeit, Gefühl der Unsicherheit und 
Minderwertigkeit und Sicherungstendenzen, in diesem Falle ein 
stets auf der Lauer liegendes Misstrauen, mit dem sich Patientin vor 
Herabsetzung und Blamage zu schützen suchte. 

Damit im Zusammenhange standen Züge von Ehrgeiz, Pedanterie und 
Charaktereigenschaften, die sich in der Formel zusammenfassen lassen: Stets 
die erste sein wollen und andere nicht gelten zu lassen. Ein ungeheurer 
Trotz, der durch die ebenso trotzige Mutter stets gereizt wurde, machte jeden 
Verkehr mit dem Mädchen schwierig. Als sie in der Schule nachsitzen 
sollte, sprang sie aus dem zweiten Stock zur Erde und zog sich einen Bruch 
der Wirbelsäule zu. — Am Anfang versuchte sie die Kur durch Anmassung 
und Arroganz zu stören, wurde aber bald ruhiger und fügte sich nach einiger 
Zeit recht gut, so dass die Psychoanalyse gute Fortschritte machte. 

Wer sich meiner Arbeiten erinnert, -wird verstehen, dass ich die oben 
erwähnten Züge als Erscheinungen des übertriebenen männlichen 
Protestes auffasste, als das Betragen eines Menschen, der sich dagegen 
zur Wehr setzt, als weiblich angesehen zu werden. Die feineren 
Details dieser krampfhaft männlichen Einstellung traten bald zutage. Ich 
erwähne hier nur einige davon. 

Ein häufig wiederkehrender Traum bezieht sich auf den Geschlechts- 
verkehr mit einem Manne, der unter ihr liegt. Ich kann diesen Traum, 
der bei Mädchen sehr häufig ist, oder durch gleichgerichtete Träume vertreten 
wird (der Mann in Frauenkleidern, Kastration des Mannes etc.) als typisch 
für die männliche Einstellung bezeichnen. Patientin drückt hier in sexuellem 
Jargon aus, was ihr ganzes Leben bewegt, die Gier, oben zu sein. — Der 
ältere Bruder der Patientin spielte dabei eine unheilvolle Rolle. Er war der 
Liebling der Mutter und durfte sich vieles erlauben, was dem Mädchen 
strenge verwiesen wurde. So pflegt es ja gewöhnlich zu geschehen, wo Knaben 
und Mädchen nebeneinander aufwachsen. Unter anderem blieb es bei dem 
Knaben ungerügr, wenn er seine Unterwäsche mit Stuhl beschmutzte, während 
das Mädchen Schläge und Schimpfworte oft in Gegenwart fremder und 
Dienstpersonen abbekam 2 ). Dieser Bruder gab ihr in manchem Ziel und 
Richtung, und ihn suchte sie auch durch Klugheit und Kraft zu übertreffen. 
In diese Wünsche spielten auch Gedankengänge hinein, wie, er hätte nicht 
der erste sein sondern ihr, der Zweitgeborenen, seine Stelle abtreten sollen. 
Früh kam sie auf die Idee, dass er ihr vorgezogen werde, weil er ein Knabe 



1) Man hat in diesen Fällen stets an die allerdings seltene Komplikation eines 
•organischen Defektes des Blasenverschlusses zu denken. Bezüglich des Zusammen- 
hanges von Organminderwertigkeit und Neurose, siehe Adler, Studie über Minder- 
wertigkeit von Organen (Anhang: Schicksale der Enuretiker) und „Myelodysplasie 
oder Organminderwertigkeit", Wiener med, Wochenschrift, 1909, Nr. 45. Im vor- 
liegenden Falle sprach auch der Wechsel der enuretischen Erscheinungen gegen 
einen organischen Defekt. 

2) Sowohl die anfängliche Enuresis als die Schwierigkeit, mit der Stuhlfunktion 
in Ordnung zu kommen, deutet auf eine angeborene Minderwertigkeit des Harn- und 
Darmapparates hin. Sie war auch beim Bruder und der Mutter nachzuweisen. Die 
Fixierung solcher Minderwertigkeitserscheinungen erfolgt gewöhnlich in der Ein- 
stellung auf Trotz (mannlicher Protest) — wie ich dies auch bezüglich der Ess- 
und Schlafstörungen wiederholt betont habe. — 






106 Ein erlogener Traum. 

se j_ — ihr Sinn war eigentlich darauf gerichtet, ihn bei der Mutter auszu- 
stechen. Auf diese wollte sie wirken, und die Mutter beherrschen wurde ihr 
zum Ideal des männlichen Triumpfes. — Die Mutter, von einer ähnlichen 
Einstellung regiert, kannte hinwiederum kein anderes Ziel, als die Tochter 
herabzusetzen, so dass die ganze Lebenszeit des Mädchens erfüllt war von 
stillen und lauten, erbitterten Kämpfen gegen die Mutter. Der erste Traum 
ergab eine Schneewittchenphantasie. — Alles in allem geht das 
Streben des Mädchens dahin, die Rolle des Vaters zu spielen. Sexuelle 
Regungen zum Vater kamen nicht zum Vorschein. Sie lässt sich von ihm 
ebensowenig auf den Mund küssen wie von andern Männern, in Erinnerung 
an die Furcht ihrer Kindheit, sie könnte durch den Kuss 
Kinder kriegen, die dann aus dem Munde hervorkämen 1 ). 

Ein Traum, in dem sie verkehrt auf einem Pferde sitzt, zeigt eine 
Fellatiophantasie in Verbindung mit männlicher Einstellung: Wenn ich schon 
ein Weib sein soll, will ich herrschen , obenauf sein, (Psychischer Her- 
maphrodit mit männlichem Endziel.) 

Eine Zwangshandlung, alle „schief" stehenden oder hängenden 
Gegenstände gerade zu richten und zu verschieben, liess sich 
aus ihrem Wunsche ein Mann zu sein und einen gerade herabhängenden, 
verschieblichen Geschlechtsteil zu besitzen, erklären. Dieses nicht seltene 
Symptom dient demnach einer Sicherungstendenz und liegt auf den Linien 
des männlichen Protests. 

Der Sinn der Enuresis war analog dem meiner anderen Enuretikerfälle. 
Der Anfall stellte sich immer nach einer tiefempfundenen Herabsetzung 
ein und alternierte mit Bohren im After, Kotschmieren oder Kopfschmerzen. 
Die enuretischen Träume vergangener Zeiten boten eine eindeutige Aufklärung: 
Gewöhnlich ergoss sich im Traum der Urin in der Form eines Spring- 
brunnens, d. h. wie es nur dem Manne möglich ist. Ich habe auf 
diesen psychischen Verrat in den Träumen enuretischer Mädchen, ebenso wie 
auf das Figurenpissen bereits hingewiesen. Später symbolisierte die 
Enuresis den man nlichen Trotz gegen die Mutter. Oder sie ver- 
suchte durch das Arrangement von Faulheit oder Angst die 
Mutter zu zwingen ihr beizustehen, sie zu wecken oder aufs Klosett zu begleiten. 

War also die Enuresis seit ihrer Fixierung als neurotisches Symptom 
ein Symbol der männlichen Tendenz, so kam seit einigen Jahren eine erheb- 
liche Verschärfung hinzu, seit das Mädchen sich dem heiratsfähigen Alter 
näherte. Man kann sich leicht vorstellen, wie gering die Eignung zur Gattin 
und Mutter war. Nichtsdestoweniger traten Heiratsgedanken häufig auf. 
Auch Koketterien und kurzweilige Flirts, in der Absicht, die Männer 
zum Narren zu halten, gab es eine ganze Zahl. Auffällig war der 
Wunsch viele Kinder zu bekommen, insbesondere da er gemildert war durch 
die Furcht, sie könnten hereditär mit Enuresis belastet sein. Da sie niedrig 
gewachsen war, wünschte sie einen recht grossen Mann. Und 
'sie vergrösserte diese Schwierigkeit noch dadurch, dass sie die Männer fast 
ausnahmslos für infiziert hielt. Ansteckende Krankheiten aber, und Ver- 
giftungsmöglichkeiten (Zusammenhang mit der oben erwähnten Befruchtungs- 
phantasie auf dem Nahrungsweg) konnten sie ungeheuer erschrecken. Die 
Furcht, ein Bräutigam könnte von ihren Fehlern erfahren, ferner eine Be- 



i) Siehe die Teufelsaustreibungen hei den Besessenen, bei denen kleine Teufel 
aus dem Munde entfliehen. 



Ein erlogener Traum. 10? 

fürchtung, sie könnte das Hymen verletzt haben, vollendeten das kunst- 
volle Gewebe der Sicherun gstendenzen, so dass wohl ein ehrlicher 
Gedanke an eine Heirat ernsthaft nicht in Frage kam. Die unbewusste Lüge 
von ihrer Heiratslust sprang ja schon in die Augen, wenn man sich des hart- 
näckigen Festhaltens an der Enuresis und am Kotschmieren erinnerte, so dass 
die Mutter eines Tages den Schwur tat, das Mädchen werde unter diesen Um- 
ständen nie einen Mann bekommen. Es ist wohl die raffinierte Bosheit mancher 
Neurotiker, dass sie ihre sinnlos schwörenden Angehörigen nicht mein- 
eidig werden lassen, zumal dies, wie in unserem Falle der unbewussten 
Einstellung so erheblich zustatten kam 1 ). 

Einen interessanten Aufschluss bekam ich bezüglich des Afterbohrens. 
Kitzelgefühle, Würmer, Hämorrhoiden und Fissuren liessen mich die ange- 
borene Organminderwertigkeit erkennen. Dazu kam ein früh aufgetretener 
Irrtum vom After als Geschlechts- und Geburtsorgan. Obstipationen 
bat sie absichtlich hervorgerufen, weil sie befürchtete es 
könnten Kinder aus dem After hervorkommen 2 ), über den Bau 
des weiblichen Geschlechtsorgans war sie auffallend schlecht belehrt. Sie er- 
innert sich, dass sie jahrelang knapp vor dem Einschlafen mit dem Finger 
in einem Nasenloch bohrte, und sich immer überzeugen wollte, dass sie kein 
zweites Nasenloch habe. 

Den gleichen Zweck verfolgt ihr Bohren im After, das stets nur im 
Halbschlummer vorgenommen wird. Sie sucht die Fiktion aufrecht zu er- 
halten, dass sie nur ein Loch habe. _ 

Das Kotschmieren knüpft an den DialektausdrucK „anschmieren an. 
Ein Mädchen „anschmieren» heisst, es zum besten halten, anlügen. Unsere 
Patientin, die den Ausdruck oft in ihrer Kindheit gehört hat, nahm ihn 
wörtlich und entwickelte eine dritte Sexualphantasie: ein Mädchen mit einer 
Salbeanschmieren bedeute, mit ihr Geschlechts verkehr haben. 
Im Halbschlummer ist sie der Mann, der anschmiert. Übrigens hatte sie bereits 
frühzeitig eine Neigung anzuschmieren, d. h. zu lügen Eine Zeitlang simulierte 
sie Krämpfe, dann wieder einmal stellte *'ridi*ri£«to*aa ^«jW 
sich als die Überlegene zu erweisen. In diese Aufklärungen ^11 folgender 
Traum: „Ich stehe lange vor dem Spiegel Mir fallt meine 
Nase auf, die ich aufmerksam und liebevoll betrachte Aul 
einmal beginne ich heftig zu lachen und lache, bis ich aut- 

w ä c h 6 " j 

Ich stehe lange vor dem Spiegel". Dazu fällt ihr ein, dass 

sie früher niemals den Spiegel für nötig fand, sich auch nie dann beaan. 
Ihre Mutter nötigte sie dazu, und derzeit sei es umgekehrt: sie stehe jedesmal 
so lange vor dem Spiegel, bis die Mutter wütend werde. (Trotzeinsteliung, 
um die Mutter durch Folgsamkeit lächerlich zu machen, so wie oben bezug- 
lich des Schwurs.)*) — Außerdem klingt das Schneewittchen motiv durch. 

i) Wulffen bezeichnet in seinem , Sexual verbrech er* die Frau allgemein als 
Sexualverbrecher. In der Tat ist bei jeder Frau der männliche Protest ausgebildet 
und macht sie innerlich unfrei. D.e Verallgemeinerung Wulffen 's »t eine dichte- 
rische Licenz, eine pars pro toto: die Kriminalität ist eine Form des männlichen 
Protests, dessen verschiedene Formen aber nicht Äquivalente der Kriminalität. 

t) Noch deutlicher als in Freuds Analyse des kleinen Hans tritt in meinem 
Falle der WunBch ein Mann zu sein aus den Stuhl- und Af'teigebuitspbantasien hervor. 

3) Eine solche Stellungnahme, die man bei Neurotikem häufig antrifft, verdient 
im Krnste nicht den Namen des Gehorsams. Sie dient dazu, eine Autorität lächer- 
lich zu machen, sie herabzusetzen und sich über sie zu erheben. 



108 JÜin erlogener Traum. 

Fragt, ob sie hässlich sei. Die Reduktion dieser Gedanken lautet: ich will 
der Mutter über sein. 

„Mir fällt meine Nase auf, die ich aufmerksam und liebe- 
voll betrachte." Die Nase, respektive das Nasenloch ist uns aus dem 
Material bekannt. Es fällt ihr auch das Nasenbohren ein. Ein Einfall 
bezieht sich darauf, dass die Nase derjenige Körperteil sei, der am meisten 
und gerade vorspringt. Hier drängt sich aus dem Material die Auflösung 
der Zwangshandlung auf, der Gegensatz von Gerade und Schief. Auch 
da klingt deutlich die Phantasie vom Besitz eines Penis heraus. 

„Auf einmal beginne ich heftig zu lachen — — ". Am Vor- 
tage hat sich folgendes Ereignis abgespielt: der Bruder der Patientin hatte 
kurze Zeit ein Verhältnis zu einem Mädchen unterhalten, in dessen einzelne 
Phasen die Patientin eingeweiht war. Als er mit dem Mädchen brechen 
wollte^ bat er die. Schwester, seine Absage dem Mädchen bekannt zu geben, 
was sie auch auf telephonischem Wege ausführte. Dabei bemerkte sie, wie 
das Mädchen sprachlos und offenbar verdutzt eine Pause machte, und brach 
in ein unbändiges Gelächter aus, „wie sie immer tat, wenn sie 
jemanden anschmieren konnte". — Das Gelächter im Traume hiess 
also: „ich schmiere jemanden an" (sc. ein Mädchen). 

Da dieses „Anschmieren" — Kotschmieren 1 ) — eines ihrer Krankheits- 
symptome war, blieb mein Interesse darauf besonders haften. Die Deutung 
ergab: I. Ich will der Mutter über sein. — IL Ich freue mich, 
dass ich ein Mann bin. III. Ich schmiere Mädchen an. — Die 
pathogene kindliche Situation musste also gewesen sein: Ich will der Mutter 
so überlegen sein, sie beschmutzen wie der Vater. 

Als wir in der Deutung so weit waren, eine psychische Dynamik zu 
erkennen wie bei den anderen Symptomen auch, sprang die Patientin freudig 
auf und rief: „Sehen Sie, das war gar kein Traum, sondern eine 
Dichtung." 

Sie wollte mich eben auch anschmieren, d. h sie ertrag den Gedanken 
einer Überlegenheit des andern ebensowenig wie alle andern Neurotiker, und 
wollte mich herabsetzen, zum Weibe machen, wie es ihre kindliche 
Phantasie verstand. — Ich setzte ihr ohne ungehalten zu sein, den 
Sachverhalt auseinander und seit dieser Zeit war sie ein wahres Muster in 
der Kur. 

„Traulich und treu ists nur in der Tiefe." Im Unbewussten gibts 
kerne Luge. Nur das Bewusstsein gestaltet sie aus, als männlichen Protest 
einer Psyche, die sich weiblich fühlt, durch die Lüge aber der Niederlage zu 
entgehen hofft. 



i) Eine ähnliche Degradierung scheint in der Einbrechersitte des „griimus 
merdae beabsichtigt zu sein, wonach der Verbrecher an der Stätte seines Diebstahls 
einen Kothaufen zurücklässt. Hellwig (zitiert nach Wulffeu, Der Sexualver- 
brechen erzählt von Einbrechern, die nach getanem Werk onanieren. Dies zeigt 
noch deutlicher den männlichen Protest, das Symbol der Überlegenheit gegenüber 
dem unterlegenen weiblichen Beraubten. 






Warum sie den eigenen Namen hassen. — Beispiele. 109 

V. 
Warum sie den eigenen Namen hassen. 

Eine an Zwangsneurose leidende Dame erzählt, sie habe plötzlich be 
gönnen, ihren Namen zu hassen — und zwar ihren Zunamen. Sie konnte 
ihn nicht schreiben, nicht aussprechen, nicht lesen. Sie vermied, wo es nur 
anging ihren Namen zu unterschreiben. Sie wünschte sich, recht bald hei- 
raten zu können. Dann würde sie ja einen neuen Namen erhalten. 

Man könnte nun glauben, der Wunsch zu heiraten wäre das geheime 
und offene Motiv zu diesem Hasse gewesen. Dem war nicht so. Die 
Sache ging tiefer. Sie begann plötzlich an Zweifeln zu leiden, als sie er- 
fahren, dass ihr Vater, den sie ungemein verehrt hatte, sich Unredlichkeiten 
hatte zu Schulden kommen lassen. Der Vater war gestorben und an Stelle 
des grossen Vermögens, das er verwaltet hatte, waren nur spärliche Trümmer 
geblieben. Auch erfuhr sie, dass er eine oder mehrere Geliebte besessen 
hatte, Ihre Liebe zum Vater verwandelte sich in Hass und Verachtung. 
Diese Verwandlung ging ganz unbewusst vor sich. Im Bewussten war er 
noch immer der hochverehrte, unvergleichliche Mann. In dieser Zeit des 
Schwankens zwischen Liebe und Hass begannen der Zweifel und die Zwangs- 
vorstellungen. Der Hass gegen den Namen war der Hass gegen den Mann, 
der ihr den Namen gegeben hatte. Ein ähnliches Motiv habe ich bei 
Grillparzer nachgewiesen, der ebenfalls seinen Namen hasste. (Dichtung 
und Neurose. J. F. Bergmann 1909.) Dr. Wilhelm Stekel. 



VI. 

Ein durchsichtiges Beispiel von Verlegen. 

Ich vergesse im Hause eines alten, braven, aber mit Glücksgütern nicht 
gesegneten Ehepaars ein Sparkassebuch. Man telephoniert mir, ich möge es 
holen. Ich komme hin und der alte Herr will mir das Buch übergeben. 
Er sucht es, einige Minuten, eine Viertelstunde. Vergebens! Wir stellen 
das Haus auf den Kopf. Kein Erfolg. Endlich finden wir es tief versteckt 
zwischen alten Zeitungsblättem. Der liebe alte Herr, der mir doch telephoniert 
hatte, war untröstlich. Er ahnte nicht, dass das unbewusste Motiv, das Geld 
zu behalten, ihm diesen fatalen Streich gespielt hatte. 

Dr. Wilhelm Stekel. 



VII. 

EinBeispiel von poetischerVerwertung des Versprechens. 

Ein dichterisch überaus fein motiviertes und technisch glänzend ver- 
wertetes Versprechen, welches wie das von Freud im Wallenstein 
aufgezeigte (Zur Psychopathologie des Alltagsleben, 2. Aufl., S. 48) ver- 
rät, dass die Dichter Mechanismus und Sinn dieser Fehlleistung wohl kennen 
und deren Verständnis auch beim Zuhörer voraussetzen, findet sich in 
Shakespeares ,, Kaufmann von Venedig" (III. Aufzug, 2. Szene). 
Die durch den Willen ihres Vaters an die Wahl eines Gatten durch das 






HO Ein Beispiel von poetischer Verwertung des Versprechens. 

Los gefesselte Porzia ist bisher allen ihren unliebsamen Freiern durch das 
Glück des Zufalls entronnen. Da sie endlich in Bassanio den Bewerber ge- 
funden hat, dem sie wirklieh zugetan ist, muss sie fürchten, dass auch er 
das falsche Los ziehen werde. Sie möchte ihm nun am liebsten sagen, dass 
er auch in diesem Falle ihrer Liebe sicher sein könne, ist aber durch ihr 
Gelübde daran gehindert. In diesem inneren Zwieapalte lässt sie der Dichter 
zu dem willkommenen Freier sagen: 

Ich bitt euch, wartet; ein, zwei Tage noch, 

Bevor ihr wagt: denn wählt ihr falsch, so büs9e 

Ich euern Umgang ein ; darum verzieht. 

Ein Etwas sagt mir (doch es ist nicht Liebe), 

Ich mocht euch nicht verlieren; — — — 

— Ich könnt euch leiten 

Zur rechten Wahl, dann brach ich meinen Eid; 

Das will ich nicht; so könnt ihr mich verfehlen. 

Doch wenn ihrs tut, macht ihr mich sündlich wünschen, 

Ich hätt ihn nur gebrochen. 0, der Augen, 

Die mich so übersehn und mich geteilt! 

Halb bin ich euer, die andre Hälfte euer — 

Mein, wollt ich sagen; doch wenn mein, dann euer, 

Und so ganz euer. 

(Nach der Übersetzung von Schlegel und Tieck.) 
Gerade das, was sie ihm also bloss leise andeuten möchte, weil sie es eigent- 
lich ihm überhaupt verschweigen sollte, dass sie nämlich schon vor der Wahl 
ganz die seine sei und ihn liebe, das lässt der Dichter mit bewundernswertem 
psychologischen Feingefühl in dem Versprechen sich offen durchdrängen und 
weiss durch diesen Kunstgriff die unerträgliche Ungewissheit des Liebenden 
sowie die gleichgestimmte Spannung des Zuhörers über den Ausgang der 
Wahl zu beruhigen. Otto Rank. 



Referate und Kritiken. 



Zur Phrenokardie von Herz. 

Erb: IstdieHerzsche Phrenokardie eine wohl abgegrenzte be- 
sondere Form der Herzneurosen?). XXXIV. Wanderversammlung 
der süd westdeutschen Neurologen und Irrenärzte, Monatsschr. f. Psych! atr. 
u. Neur., 1909. Bd. XXIV. S. 170 x ). 



i) Wir wurden von verschiedenen Seiten aufgefordert zur Phrenokardie von 
Herz Stellung zu nehmen um die Prioritätsrechte Freuds zu wahren. Wir halten 
derlei Feststellungen für überflüssig. Dem Kenner der Literntur wird es nicht ent- 
gangen sein, dass sich die sogenannte Phrenokardie in den Werken Freud'a und 
dem Buche Stekel i's „Nervöse Angst zustände" eingehend beschritten findet. Es 
werden vielleicht die paar Zeilen, die Jones in ,The Journal of abnormal Psycho- 
loev" (August/September 1910. Band V, Nr. 3, pag. 132) über dieses Thema schreibt, 
eenVen Das vorliegende Referat ist eine wortgetreue Übersetzung und beweist, 
j aM 8 man gelbst in Amerika die Quellen kennt, aus denen diese neuen Erkenntnisse 
geschöpft werden. ™* Schnftleitung. 



Referate und Kritiken, jjj 

„In einer kürzlich veröffentlichten Broschüre (die sexuelle psychogene 
Herzneurose Phrenokardie, 1909) beschrieb Herz eine Form, die er von den 
übrigen Kardinalneurosen abtrennen wollte, Sie ist durch drei Hauptsymptome 
und andere weniger wesentliche charakterisiert. Die ersteren sind: Muskel- 
schmerz links von der Herzspitze, der offenbar durch Bewegungen des Zwerch- 
felles veranlaßt wird, ferner Behinderung der Respiration, besonders der Ex- 
spiration, während bei der Inspiration häufig tiefes Seufzen auftritt, und drittens 
subjektive Palpitation, Herz erblickt die Ursache der Erkrankung in psycho- 
genen Störungen des Sexualtriebes, In einer Kritik des Buches (cfr. Journal 
of Abnormal Psychology, Oct.-Nov. 1909, p. 284) hob Dr. A. A. Brill 
hervor, daß das Syndrom lediglich eine wohlbekannte Form de r 
Angstneurose darstellt, wie sie von Freud vor 16 Jahren be- 
schrieben worden ist. 

In der vorliegenden Arbeit erörtert Erb sowohl das klinische wie das 
pathologische Bild der Erkrankung. Er stimmt mit Herz darin überein, daß 
die Erscheinungen wirklich solcher Art sind, wie man sie in reiner Form an- 
trifft, obschon sie häufig mit anderen nervösen Manifestationen verbunden 
sind. Ferner gibt er zu, daß die physische Beschaffenheit des Herzens durch- 
aus normal ist. Er hat 25 Fälle beobachtet (19 bei Frauen und 6 bei 
Männern). Die Frage der sexuellen Ätiologie konnte nur in 16 Fällen ge- 
prüft werden. Von diesen 16 konnte eine solche Ätiologie in 10 Fällen 
nachgewiesen werden, und in den übrigen 6 waren Anzeichen davon vor- 
handen. Es braucht kaum hervorgehoben zu werden, daß Erb in keiner Weise 
durch Freuds Ansichten, denen er tatsächlich antipathisch gegenübersteht, 
beeinflußt worden ist. Er ist im allgemeinen ein Gegner aller, die Störungen 
des Sexualinstinkts als ein wichtiges Moment in den Ursachen der Neurosen 
ansprechen (z. B. sind seine Ansichten bezüglich der Harmlosigkeit der 
sexuellen Abstinenz allenthalben bekannt) und hat eine ausgesprochene Ab- 
neigung, solche Fragen zu prüfen, wenn er dies irgendwie vermeiden kann. 
Die oben angeführten Tatsachen, die so augenfällig waren, daß selbst Erb 
sie nicht übersehen konnte, sind darum ganz besonders instruktiv." 

Ernest Jones. 

Kurt Mendel: „Die Wechseljahre des Mannes (Olimacterium 
virile). Neurologisches Zencralblatt. 1910. Nr. 20. 

Bei Männern zwischen 47 und 57 Jahren (besonders zwischen 50 und 
54) treten nervöse Störungen auf: Eine ganz auffällige, bisher nicht gekannte 
Rührseligkeit und Neigung zum Weinen, Blutwallungen nach dem Kopfe, 
Angstgefühl mit plötzlichem Schweissausbruch, zeitweises Herzklopfen, Brust- 
beklemmung, allgemeines Mattigkeitsgefühl, Schlafmangel oder Schlaflosigkeit, 
Schwindelgefühl, welche der Verf. als klimakterische Beschwerden infolge von 
Störungen der Innern Sekretion anspricht. In keinem seiner Fälle konnte 
er eine manifeste Arteriosklerose konstatieren. Doch könne das „kritische 
Alter" des Mannes den Anlass zur Entwickelung einer Arteriosklerose geben. 
In allen Fällen fand sich eine Verminderung der Geschlechtslust, die 
Verf. auf Hypofunktion der Keimdrüsen zurückführt. 

Das Krankheitsbild ist uns wohlbekannt. Es handelt sich um die 
typische Angstneurose Freuds, die im Senium so häufig auftritt. 
Freud betonte schon vor 16 Jahren in seiner bekannten Arbeit über die 
Angstneurose (Jetzt in der Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre 



112 Referate und Kritiken. 

Erste Folge. Franz Deuticke. 1906 l ). pag. 72): „Es gibt Männer, die wie 
die Frauen ein Klimakterium zeigen und zur Zeit ihrer abnehmenden 
Potenz und steigenden Libido Angstneurose produzieren." Damit ist das 
Wesentliche der Arbeit Me ndels in kurzen aber vollkommen erschöpfenden 
Worten gesagt. Auch hat Mendel den wichtigsten Punkt übersehen. Er 
spricht ja von einer Verminderung der Geschlechtslust. Das ist entschieden 
unrichtig. Er verwechselt Potenz und Libido. Die Verhältnisse liegen eben 
etwas komplizierter. Eines ist richtig. Die Kranken geben auf oberfläch- 
liches Examinieren eine Verminderung der Geschlechtslust zu. Sie leben meist 
in „relativer Abstinenz." Und dass diese Angstneurose auf dem Boden relativer 
Abstinenz und psychischer Konflikle entsteht, habe ich in meinem Buche 
„Nervöse Angstzustände (Urban und Schwarzenberg 1908) ausführlich dar- 
gelegt und daselbst auch das Klimakterium des Mannes berücksichtigt. Auch 
auf die Bedeutung der Störungen der inneren Sekretion habe ich ausführlich 
hingewiesen. 

Es gibt gerade in diesem Alter seelische Kämpfe, die eher einer ge- 
steigerten Libido, einem Aufleben der unterdrückten Sexualität, einer letzten 
Empörung als einem Rückgang entsprechen. Es ist dies der letzte Kampf 
vor Torschluss. Ein Konflikt zwischen Wollen und Können. Die vermin- 
derte Geschlechtslust dieser Menschen ist wie gesagt nur eine scheinbare. 
Sie bezieht sich nur auf das vorhandene Sexualobjekt, die gealterte Frau, die 
ihre Reize und damit ihren Reiz verloren hat. Begehrungsvorstellungen und 
Hemmungsgedanken führen dann zu den uns wohlbekannten Erscheinungen 
der Angstneurose, die jetzt von allen Seiten neu entdeckt und als Phreno- 
kardie, männliches Klimakterikum, Erwartungsneurose vorgeführt wird. 

Dass es nicht die Störungen der Sekretion allein sein können, die dies 
Leiden hervorrufen, das beweist der günstige Einfluss der Psychotherapie, die 
nach dem Autor bei mehreren Kranken eine „vorzügliche Wirkung" ausübte. 
Der Kranke konnte sich durch die Aussprache seelisch entlasten. Doch 
wollte ich damit nicht gesagt haben, dass die Störungen der inneren Sekretion 
nicht ebenfalls in Frage kommen. Es ist uns bekannt, dass Männer, die an 
Prostatitis leiden, eine gewisse somatische Disposition zur Neurose zeigen, 
gerade wie die Frauen, die eine Struma aufweisen. Ebenso sicher ist es, 
dass trotz der organischen Grundlage die Störungen bei psychotherapeutischer 
Behandlung sich bessern oder ganz verschwinden. Dr. W. Stekel. 

Hinter Sehloss und Riegel. Eine unmoralische Erzählung, nicht von 
Schuld und Sühne, sondern von Verbrechen und Strafe. Albert Langen, 
München. 

Der unbekannte Autor schildert die Zeit seiner Untersuchungshaft und 
Zwangsarbeit, der er wegen Unterschlagung unterzogen wurde. Eine ein- 
gehende Selbstanalyse, auf die Verbrechensverübung zurückgreifend, schildert 
Eindrücke, Empfindungen, Gefühle und Wirkungen der Straf haft, und der 
Entlassung. Man folgt den Schilderungen des rechtskundigen Mannes, der 
einmal die Härte des jus talionis verspürt, mit Spannung und Interesse. Und 
viele seiner Einblicke verdienen ein eingehendes Interesse. So wenn er 
leugnet, dass aufrichtige Reue das Geständnis des Verbrechens einschliessen 
müsse, weil das Misstrauen in die Gerechtigkeit des Strafrechts dazwischen 
treten könne. Ebenso seine Erörterungen über das Hinabgleiten ins Hoch- 

*) Soeben in II. Auflage erschienen. 



Referate und Kritiken. U3 

staplertum, gefördert durch Leichtsinn, Hochmut und optimistische Erwar- 
tung. Die überflüssigen Härten und die lange Ausdehnung der Unter- 
suchung kommen zur Sprache, und die Scham, die ihn hinderte, einem 
übelwollenden Richter die tiefsten Ursachen seiner Tat einzugestehen. Wie 
gesteigertes Misstrauen ihn drängt, den Gasbrenner zu verstopfen, um nicht 
einer absichtlichen Leuchtgasvergiftung zum Opfer zu fallen, zeigt uns das 
normale Gegenstück einer paranoischen Gefängnispsychose. Mit Entsetzen 
lernt er begreifen, dass die Bedeutung der Zuchthausstrafe nur der erfasst 
der selbst darunter leidet, und dass diesen Qualen gegenüber das Schuld- 
gefühl gänzlich zurücktritt. Was der Autor über Quälereien durch Aufseher, 
durch Mängel der Luft, des Lichts, der Nahrung, der Kleidung zu sagen weiss' 
wird jeden ergreifen und empören. Der Psychologe wird ihm völlig bei- 
pflichten, dass derartige andauernde Misshandlungen nicht bessernd einwirken 
können. Das zwangsweise Auftreten von Tagträumen, phantastischen Er- 
wägungen, von Siegen und Triumpfen, zeigt uns die Brücke zur Neurose und 
Psychose, verdient deshalb die besondere Beachtung der Kriminalpsycholo°-en. 
Leonid Andrej ews „Gefängnis" schildert ja diese Wirkung der Einzel- 
haft auf den Disponierten mit Ausgang in die Psychose. — Geistig und 
körperlich gebrochen, nicht gebessert, sondern geschändet und verdorben ver- 
lässt unser Häftling den Kerker, um draussen weiter zu leiden unter dem 
dauernden Vorwurf der erlittenen Busse. Adler. 

Untermenschen oder Narren? Eine kriminalpsychologische Kritik der 
klinischen Lehre vom Verbrecherseelenleben, Ein Studienbehelf für Straf- 
juristen und Ärzte von Franz Nadastiny. Karl Konegen, Wien 1910. 

Ein bekannter deutscher Psychiater wird demoliert — mit „ätzender 
Schärfe". Die psychiatrische Wissenschaft wird als epidemische Seuche hin- 
gestellt, ihre Verderblichkeit im Ganzen und im Einzelnen nachgewiesen. 
Gewinnsüchtige Motive, vor allem aber der Mangel philosophischer und 
psychologischer Schulung bei den Ärzten erklären den Bestand der Kriminal- 
psychiatrie. 

Übrigens hat der Verf. seinen psychologischen Standpunkt gut gewählt. 
Auch mancher im Zorn getane Aufschrei ist trefflich geraten, trifft aber zu- 
meist das heute geltende Recht, dem sich die Psychiatrie, leider oft allzu 
willig, fügt. Dass die Hereditätsforschung sich in ihren letzten Konsequenzen, 
in der Organniinderwertigkeitslehre, zum realen Ausgangspunkt einer Charakter- 
und Trieblehre gestaltet, dürfte den Autor überraschen. Ob sein Hass gegen 
die naturwissenschaftliche Richtung und gegen die Biologie dadurch beeinflusst 
wird, lässt sich bezweifeln. — Im Ganzen ein Buch, das nur solche Leser 
braucht, die sich im Glänze alter Anschauungen sonnen und wissenschaftliche 
Fortschritte überschreien wollen. Adler. 

Dr. I). Pachaiitoni: Der Traum als Ursprung von Wahnideen 
bei Alkoholdeliranten. Zentralblatt für Nervenheilkunde und 
Psychiatrie 1909. 

Der Autor teilt zwei Fälle von Delirium tremens mit, bei welchen die 
Erkrankung mit Träumen einsetzte, deren Inhalt von den Patienten als 
Wahnvorstellung in den Wachzustand übernommen wurde. 

Hervorgehoben wird, dass diese aus dem Traume stammenden Wahn- 
vorstellungen Gesehenes und nicht Gehörtes betrafen (was übrigens dem vor- 

Zeiitralblatt für Psychoanalyse. I*. q 



114 Heferate und Kritiken. 

wiegend optischen Charakter sowohl des Traumes als auch der Trugwahr- 
nehmungen im Delirium tremens entspricht), ferner dass dieselben im Gegen- 
satze zu den übrigen im Verlaufe der Erkrankung neu aufgetretenen und 
rasch wechselnden Wahnvorstellungen während der ganzen Dauer des De- 
liriums festgehalten wurden. 

In beiden Fällen Ausgang in einen chronischen paranoischen Zustand. 
Eine Parallele zwischen dem Inhalte der initialen Träume und den späteren 
paranoischen Ideen wurde nicht in Betracht gezogen, Dr. Nepallek. 

Dr. med. Karl Seher; „Die Seele des Gesunden und Krauken". 
(Ein gemeinverständliches Handbuch für die gesamte Seelenkunde.) Berlin 
1910. Verlag von Martin Warneck. 

Der Verfasser mehrerer verbreiteter Schriften pietistischer Natur will 
mit diesem Buche dem theologisch gebildeten Seelsorger und den Laien- 
Seelsorgern ein Buch in die Hand geben, das die gesamte wissenschaftliche 
Materie der Seelenkuude mit „menschenmöglicher" Einfachheit behandelt, Ich 
würde mich mit der einfachen Konstatierung begnügen, dass ihm sein Vor- 
haben nicht gelungen ist, dass er zwischen erblicher Belastung und dem 
Sündenbegriff groteske Eiertänze aufführt — wenn nicht die Ausführungen 
über die „Selbstbefleckung" die schärfste Abwehr herausfordern würden. „Die 
Onanie ist eine häufige Quelle dauernder moralischer Entartung," „Erst 
kürzlich sahen wir einen körperlich vollständig gesunden Knaben, welcher 
wegen seines Fleisses und Wissens früher mehrere Prämien erhalten hatte, 
er muss sitzen bleiben, geht vollständig stumpfsinnig herum, ohne auf irgend 
etwas zu reagieren." Es leide auch Gemüt und Charakter. „Sie (die Onanisten) 
sinken dabei immer tiefer, bis sie sich in Verzweiflung mit Selbstmord- 
gedanken herumtragen." Dann kämen allerlei Störungen: „Unwillkürlicher 
Samenabgaiig, Verlust der Zeugungsfähigkeit und Perversitäten". Selbst Ver- 
heiratete leiden unter dieser „Sünde". — — — 

Man kann sich denken, was für einen Schaden solch ein Buch stiften 
kann und stiften wird. Arme Kinder, deren Eltern diese Zeilen gelesen 
haben! Wie werdet ihr wieder zu geistigen Krüppeln zugerichtet werden! 

Dr. Seher weiss offenbar nicht, dass all die schrecklichen Folgen der 
Onanie Folgen der Abschreckungsbücher und Abschreekungsreden der Er- 
zieher sind. Er hat auch ein Buch über „Die Liebeswunden des modernen 
Kulturmenschen" geschrieben. Er möge sich reuig an die Brust schlagen und 
„Pater peceavi!" rufen. Solche Bücher schlagen dem Kulturmenschen die 
tiefsten Wunden. Schon der Sündenbegriff auf das Erotische angewendet 
ist die tiefste Wunde des Kulturmenschen. Vernünftige Seelsorger können 
sicher grossen Nutzen stiften, insbesondere wenn sie die Abgründe der mensch- 
lichen Seele zu fassen vermögen. Das Buch von Dr. Seher wird ihnen leider 
kein guter Führer sein. Wir wollen es auf die schwarze Tafel schreiben und 
mit dem grossen Bann aller Menschenfreunde belegen. Dr. W. St. 

Dr. E. Jendriissik (Budapest). Über den Begriff der Neurasthenie. 
Orvosi Hetilap 1909. 

Verf. verwahrt sich prinzipiell gegen die Unterscheidung der Psycho- 
neurosen von den Neurosen mit organischer Grundlage, mit der Begründung, 
daß auch die Psyche eine Funktion des Nervensystems sei. Es wäre dem 
zu entgegnen, dass die Annahme der Psychogeneität gewisser Neurosen die 



Referate und Kritiken. 115 

Frage, ob die Psyche materiell oder ob die Materie spirituell sei, ganz offen 
lasse, Tatsache bleibt aber, daß wir die Kausalitätskette mancher neurotischer 
Zustände nur von der Seite der Erfahrung verfolgen können, die wir die 
„psychische" nennen, während uns dabei die physiologischen Methoden im 
Stiche lassen. Diese Zustände als „Psychoneurosen" besonders zu gruppieren, 
ist also berechtigt. Verf. wendet sich mit Recht gegen die Qualifizierung 
der neurotischen Zustände als Schwächen, „Asthenien", Auch Freud hat 
sich oft — im Gegensatz zu Jan et — dahin ausgesprochen, daß die Neurose 
nicht immer eine Minder-, sondern meist eine Mehrleistung sei, die allerdings 
oft auf Sinn- und Wertloses vergeudet werde. Ferenczi. 

Robert Hessen: „Die Prostitution in Deutschland". (Albert Langen 
in München, IL) 10). 

Kein Sittlichkeitsapostel im Sinne Sehers strebt Hessen nichts mehr an, 
als die Prostitution für die Gesundheit ungefährlich zu machen. Sie ist ihm 
eine der Formen, „in der sich der natürliche vom Weltwillen geforderte Verkehr 
zwischen Männern und Weibern tatsächlich.heute vollzieht. „Eine Vorrichtung, 
die Gegenstand wohlwollender Fürsorge sein sollte, weil sie einem tiefen und 
ausgiebigen Bedürfnis entspricht. Moral und Hygiene befinden sich da in 
einem ungeheuren Gegensatz. Die Moral will das Menschliche meistern wie 
ein Spielzeug und hat so, die seltsame Idee geboren, 2 /5 der reifen Männer- 
welt in Deutschland sexuell unter Wasser zu setzen, während nur die ver- 
heirateten anderen s /s atmen dürfen". Er prägt den Satz: „Sage mir, welche 
Prostitution du hast, und ich will dir sagen, von welcher Art deine Menschlich- 
keit ist". Die tiefe Stufe der Prostitution in Deutschland sei das ganz not- 
wendige Korrelat zum Herren menschentum und ein Hohn für die Ansprüche 
auf Selbstachtung im niederen Volk. 

Er versucht das Schicksal der Prostitution an vier Beispielen zu schildern, 
bespricht die verschiedenen Systeme, findet sehr vernünftige Worte gegen die 
sogenannten moralischen Prinzipien, in denen er die Gedankengänge der miltel- 
alterlichen Askese wiederfindet. „Und zwar ist", sagt er, „zwischen katholi- 
schen und protestantischen Zeloten kein rechter Unterschied zu bemerken". 
„Die Abstinenzbewegung eröffnet den Oberbonzen und ihrem Anhang eine 
endlose Perspektive von Maulheldentum mit Besoldung, von Versammlungen, 
von Vereinen und Zweigvereinen mit Präsidenten, Sekretären, Drucksachen, 
Merkblättern, Redaktionen, Wanderpredigten, Kongressen, Ehrungen, Orden, 
Nachrufen, und vor allem plane man, wenn man die Behörden am Leitseu 
hat, Massnahmen". — „Nur die arme deutsche Jugend hat es um nichts besser 
als vorher und vollends die weiblichen Opfer der Prostitution sind so übel 
dran wie nur je". — 

Zeigt der kritische Teil des Buches gesunden Menschenverstand, festen, 
freien Sinn, so versagt leider der Verfasser vollkommen in jenen Teilen des 
Buches, wo er zu praktischen Vorschlägen übergeht. Sein Um und Aui, 
seine rettende Formel heißt „Reinlichkeit". Wenn auch kein Zweifel besteht, 
dass Reinlichkeit manches Unheil verhüten kann, so ist mit Reinlichkeit allein 
noch gar nichts getan. Viel richtiger ist das Bekenntnis von Hessen, 
das da lautet t „Innerhalb der Kultur ist das sexuelle Problem überhaupt nicht 
einwandfrei lösbHr, Das einzige Resultat aus diesem Schlüsse mü^ste sein, 
Vorsicht. Leider sehe ich sie nirgends. Rundum mich her wimmelt es von Leuten, 
die die ganze sexuelle Frage bis morgen früh zu lösen sich anbenuisoh machen, falls 

8* 



116 Referate und Kritiken. 

man nur ihre unfehlbaren Rezepte verwendet. Dabei sagen sie nicht etwa : Wir 
wollen wieder im Urwald leben. Wir verlangen 16 Millionen Ehen in Deutsch- 
land und jährlich eine Million neue. Das hüten sie sich zu tun, weil der 
Irrsinn ihrer Forderungen zu deutlich sein würde. Aber den nicht minderen, 
nur verschleierten Irrsinn : Wir verlangen Ausrottung der Prostitution, den 
verlangen sie laut und zehntausende Moralpauken jauchzen dazu". Schliess- 
lich stellt Hessen einige vernünftige Postulate auf. Geschlechtskrankheiten 
sollten auf Staatskosten unentgeltlich behandelt werden, für unheilbare „Fettein" 
sollten Asyle gebaut werden, das Los der Prostituierten selber sei zu bessern 
und ihnen das freie Selbstbestimmungsrecht zu geben. 

Wenn auch vieles von dem, was er ausführt, undurchführbar scheint, 
manches zum Widerspruch herausfordert, wie beispielsweise die Behauptung' 
dass die Päderastie und Onanie das Mark des Volkes angreifen, einem Satze 
Hessen' s können wir unbedingt zustimmen und der lautet: „Die Moral 
mit ihrem Begriffe von Sünde, Laster, Strafe sollte gänzlich und für immer 
aus der Hygiene herausgeworfen werden". Dr. W. St. 

J. Sadg-er ; „E i n Fall von multipler Perversion mit hysterischen 
Absenzen." Jahrbuch für psychoanalytische Forschungen, Band II, 
Franz Deuüeke, Leipzig und Wien 1910. 

Neuerdings hat man ein alles erklärendes Schlagwort für die Freud- 
schen Mechanismen gefunden — den „Genius loci". Wien und der böse 
Süden seien Gegenden, wo die Sexualität sich üppig ausbreite. Daheim im 
Deutschen Reich, im kühlen Norden herrsehe nur eine, durch seltene Aus- 
nahmen schwer degenerierter Kranken, gestörte Keuschheit, Sadger führt 
uns, um sein eigenes Wort zu zitieren, „ein Schwein aus dem Norden vor", 
in seiner bekannten epischen Breite und fast stenographischen Gründlichkeit. 
In einem Referat annäherungsweise diese Arbeit wiederzugeben ist unmöglich. 
Wie immer, versucht Sadger auch die Einflüsse der erblichen Belastung zu 
zeigen und bekundet seinen erprobten Spürsinn als Psychoanalytiker. Von 
Bedeutung ist die Beschreibung eines neuen Phänomens, das er nach Freuds 
Vorsehlag den „sekundären A utoeroti sin us" nennt. Bevor sich das 
Primat der Genitalien entwickelt, schiebe sich eine Zwischenepisode ein. Der 
Trieb sei noch immer autoerotisch und eines fremden Objektes entbehrend, 
er knüpfe an erogene Zonen an. Es bleibe nur die einzige Aufgabe, das 
Membrum zur Schleimhaut der haupterogenen Zone zu fübren, d. h. zum 
Mund und zum Anus. Die Phantasie von Schlangenmenschen, die Rops'- 
schen Phantasien verdanken ihre Entstehung diesem sekundären Autoerotismus. 
Von Interesse sind auch die neuen Thesen, die Sadger zur Theorie der 
Homosexualität aufstellt. 

1. Der Urning leidet an der Abkehr von der Mutter, die er verdrängt, 
indem er sieb mit ihr identifiziert. 2. Er liebt sich selber. 3. Er sucht sich 
.selber. 4. Das Aufwachsen in ausschliesslich weiblicher Umgebung befördert 
die Entstehung der Homosexualität. Urninge sind meist einzige Kinder, 
5, Die Inversion wird durch nachträglichen Gehorsam gegen die Worte der 
Mutter, die den Verkehr mit dem anderen Geschlecht als etwas Unrechtes 
darstellt, fixiert. 

Die Arbeit ist ein wertvoller Beitrag zur Psychologie der Perversion 
und bringt auch reiche Details. zur Entstehung hysterischer Absenzen. 

Dr. W. St. 



Referate und Kritiken. jj? 

Ed. Claparede: Remarques sur le contröle des mediums ä propos 
d'experiences avec Carancini (Arch. de Psych. T. IX. Nr. 36.) 

Die Versuche, welche Verf. mit einigen Genfer Psychologen (Flournoy 
u. a.) über die mediumistischen Fähigkeiten des Italieners Carancini (Rom) 
unternommen hat, haben sämtliche zur Annahme der (bewussten oder unbe- 
wussten) Simulation geführt. Irgendwelche Anhaltspunkte für telekinetische 
Wirkungen konnten nicht gewonnen werden. In dem Aufsatz macht 
Verf. interessante Bemerkungen über die Psychologie der „Contröleurs" des 
Mediums. Die strenge Kontrolle ist schwer, wie man a priori erwarten 
konnte. Zu den Fehlerquellen rechnet GL unter anderem eine gewisse 
„complaisance subconsciente" (eine Gefälligkeit des eigenen Un be- 
wussten). Während des langwierigen Wartens in der Dunkelheit (30 Minuten 
und mehr, bis eine Erscheinung sich meldet) trat bei Verf. der Wunsch 
auf, dass etwas geschehe; aus Interesse für die Sache selbst, aber auch damit 
den eingeladenen Gästen etwas geboten werde; ferner Wirkungen seines 
„amour-propre", in Fällen, wo der Contröleur in einem Streit zwischen Medium 
und Beobachtern entscheiden sollte und durch Zerstreuung, unscharfe, un- 
sichere Beobachtung nicht imstande ist, es mit Sicherheit zu tun (es handelt 
sich selbstverständlich um unbewusste Tendenzen). Psychologisch interessant 
sind ferner manche Täuschungen in der Deutung der Wahrnehmungen ; z.B. 
bei einer Berüfarungsernpfindung in der Achselgegend tauchte zu gleicher Zeit 
beim Coutruleur die optische Vorstellung von zwei ihn berührenden Fingern 
auf (Experiment im Dunkeln), etc. Die praktisch wichtigen Bemerkungen 
Claparödes lese man im Original. A. Maeder. 

P. Meunier et R. Masseion: Les reves et leur Interpretation, 
(Collection de psychologie experimentale et de Metapsychic, Directeur 
Meunier. Paris 1910, Blend et Cie.) 

Zehn Jahre nach dem Erscheinen der 1. Auflage der Traumdeutung 
Freuds ist dies grundlegende Werk, den Autoren des oben zitierten Büchleins 
noch unbekannt; das gleiche gilt scheinbar von den kurzen französischen 
Darstellungen der Freud sehen Traumlehre. Abgesehen davon bedeutet das 
kleine Werk einen gewissen Fortschritt über die klassische Auffassung des 
Traumes. Die Verf. erkennen den psychischen Determinismus an, die führende 
Rolle des Affektes (la logique des reves est entierement affective); der Traum 
ist für sie ein psychisches „Gebilde". Die Bedeutung der Geineingefühle 
wird als auslösender Faktor sehr herausgestrichen '(interessantes Material). . 
Eine biologische Funktion wird dem Traum nicht zugesprochen. Der Zu- 
sammenhang zwischen den Träumen und den Dämmerzuständen (der Hysterie, 
Epilepsie, Dem. praecox) und der Aura wird richtig erkannt. Pathogno- 
monische Zeichen in den Träumen der verschiedenen Neurosen und Psychosen 
werden nicht gegeben. — Die Autoren geben dem stereotypen Traum 
eine besondere Bedeutung und nennen ihn sehr bezeichnend: une idee fixe 
de l'homme endormi. Nach den gründlichen Traumanalysen der Freud- 
schen Schule kommt einem das referierte Buch nicht sehr tief und neu vor. 

A. Maeder. 



118 



Referate und Kritiken. 



Wulffen, E., Der Sexualverbrecher. Verlag Dr. P. Langenscheidt, 
Berlin-Grosslichterfelde 1910, 727 B. 

Wissenschaftliche Fortschritte sind an drei Bedingungen geknüpft: Er- 
fahrungen, kritische Fähigkeit und Beweglichkeit des Geistes, kraft deren es 
möglich wird, verallete Standpunkte zu verlassen, neue zu gewinnen, Zu- 
sammenhänge zu bemerken und Tatsachen sowie Kräfte auf sich wirken zu 
lassen. Wer den vorliegenden stattlichen Band, der vom Verleger mit Liebe 
und Sorgfalt bedacht wurde, auf sich wirken lässt, wird gerne feststellen, 
dass wir Wulffen einen namhaften Fortschritt verdanken, sowohl in der 
psychologischen Analyse des Verbrechers als in der Verfolgung des Zusammen- 
hanges von Sexualität, Triebleben und Verbrechen. 

Eine Fülle von Studien und Erfahrungen sind in dem Werke Wulffens 
niedergelegt, Es beginnt breit mit einem Kapitel über Sexualbiologie, fasst Er- 
gebnisse namhafter Autoren wie Hacke 1, Robert Müller, Bölsche, 
Mantegazza, K raf f t- Ebin g, Moll, Harelock Ellis, Magnus 
Hirsch fei d, Freud, Forel, Rohleder und anderer zusammen und 
geht alle Grenzgebiete ab, um eine Weltanschauung zu begründen. Diese 
Weltanschauung prägt dem ganzen Buch den Charakter auf. Wulffen 
erörtert sie in einem Vorwort, in der Einführung und im Schlusswort Er 
beginnt sein Buch mit folgenden Worten: „Wer die gesamten Lebenserschei- 
nungen üher den Kreis der Anthropologie und Biologie hinaus, vor allem 
die psychologischen, sozialen und ethischen, nicht auch vom Standpunkte der 
Sexualwissenschaft liebevoll zu betrachten gelernt, begreift sie nur halb, er 
sei auch wer er sei." 

Sein Standpunkt in der Kriminalpsychologie ist der Freud sehen 
Schule geläufig: „Das Verbrechen ist verdrängte Sexualität 
und ein Äquivalent derselben." Freud, Gross und St ekel 
haben die gleiche Auffassung vorgelegt, worauf sich der Autor an ent- 
sprechender Stelle auch bezieht. Ausführungen über Sexualpsychologie und 
Charakterologie leiten zur Besprechung der Sexual pathologie über, in der die 
umfassende Kenntnis Wulffens inbezug auf psychiatrische und neuro- 
logische Fragen und sein Verständnis für den einschlägigen Sexualbeitrag 
zutage tritt. In einem Kapitel über Kriminalstatistik führt uns Wulffen 
in den „Vorhof" der Moralstatistik und bespricht in ungeschminkter Weise 
Zusammenhänge von Kapitalismus Gesellschaft, und Sexualkriminalität. 

Wulffen unterscheidet Verbrechen auf sadistischer, auf masochistischer 
und fei isch istischer, auf homosexueller Grundlage und Sexualdelikte sozialer 
Natur. Diese Einteilung hat für ihn, wie er im einzelnen nachweist, den 
Wert grösserer Übersichtlichkeit. In dem grossen Material, das alle Formen 
von Perversion umfasst, die alle Gegenstand der krin inaüstischen Betrachtung 
werden können, sucht der Autor stets mit grossem Scharfsinn die ursächlichen 
sadistischen Linien klarzulegen. Referent, der in gleicher Weise den „ge- 
steigerten Aggressionstrieb" und den psychischen Mechanismus des „männ- 
lichen Protestes" für das abnorme Geschehen in der Neurose, im Verbrechen 
und in der Kunst aufzudecken in der Lage war, kann dem Autor in diesem 
Punkte aufs Lebhafteste beipflichten. 

Die enge Berührung der behandelten Probleme mit den Grundfragen 
der Neurosenlehre lässt es begreiflich erscheinen, dass der Autor zu einer 
Stellungnahme gezwungen ist, wo derzeit noch grosse Schwierigkeiten vor- 
liegen Gleich in der Hauptfrage des Zusammenhanges der Sexualität und 



Referate und Kritiken. 1X9 

des Verbrechens. Zuweilen schwächt ein „fast stets" oder ein ähnliches 
Wörtchen die Sicherheit ab, mit der Wulffen die grundlegende Bedeutung 
der Sexualität für das Verbrechen andernorts schildert. 

Das Problem der Perversion harrt gleichfalls einer einheitlichen Lösung 
Der Annahme von angeborenen konstitutionellen Partialtrieben der Sexualität 
stehen Behauptungen von zufälligem Erwerb der Perversion gegenüber. Ein 
dritter Standpunkt, der des Referenten, behauptet eine sekundäre Triebver- 
schränkung, und lässt die Perversionen aus dem Sexualtrieb, anderen Organ- 
trieben und dem aufgepeitschten Aggressioustrieb entstehen. Wulffen wird 
in der Analyse wohl allen Standpunkten gerecht, hebt insbesondere die 
sadistische Komponente mit Recht hervor und betont die Bedeutung der 
„Triebverschränkung" in der Psychologie des Sexualverbrechens. Dass er 
nebenbei auch noch, wie zahlreiche Neurologen, der toxischen Theorie opfert, 
könnte an der Einheitlichkeit seiner Sexualtheorie Zweifel erwecken, wenn 
wir die gleiche Vielseitigkeit nicht in der Psychiatrie auch schon verdaut 
hätten. Wenn es Sexualtoxine gibt, die sich irgendwie wirksam machen, 
dann wohl nicht anders als andere Gifte, Alkohol, Morphium etc. Wulffen 
selbst weist darauf hin und ebenso, dass diese toxische Wirkung die „latente 
Kriminalität entbindet." Nun ist das Verbrechen selbst ein „Äquivalent 
der Sexualbetätigung", nach der konsequenten Aufrollung der Lehre von den 
Sexualtoxinen ebenfalls toxischen Ursprunges. Eine endgültige Erledigung 
ist nicht abzusehen. Die psychischen Determinationen des Verbrechens, dazu 
die dauernde Affektlage, geben uns weit mehr für unser Verständnis der 
Kriminalität. Wulffen hat in dieser Hinsicht so reichlich den Tisch ge- 
deckt, dass er die toxische Komponente auf ihren wahren Kern beschränken 
darf; sie kann nur die Affektlage steigern. 

Besonders sympathisch berühren die Ausführungen Wulffens über 
die Stellung der Frau und die daraus erfliessende Kriminalität, über den 
Unsinn unserer Kultur, die erst das Weib erniedrigt und es dann als minder- 
wertig hinstellt, und seine warmen Worte über den verderblichen Einfluss 
des Kapitalismus auf die Heranzüchtung von Verbrechernaturen. 

Es ist ein reichhaltiges Bild, das der Autor entrollt und mit scharfen 
Lichtern austattet. Sicherlich das reifste Werk über den Sexualverbrecher. 
Die Perspektiven, die er uns zeigt, bestärken uns in unserer psychoanalytischen 
Weltanschauung. Wulffen zeigt uns in dem Verbrecher einen Mitmenschen, 
der unter dem Zwange einer unbewussten Einstellung handelt, im Sinne des 
aufgepeitschten männlichen Protests. Adler. 

Karl Abraham (Berlin): „Über hysterische Traumzustände." (Jahr- 
buch für psychoanalytische Forschungen, Bd. II. Franz Deuticke. Leipzig 
und Wien 1910.) 

Abraham versucht die hysterischen Traumzustände, auf die Loewen- 
feld 1 ) besonders aufmerksam gemacht hat, eingehender zu analysieren. Er 
betont den Zusammenhang von Traumzuständen und Tagträumen und unter- 
scheidet bei den Traumzuständen vier Stadien. Erstens: Die typische Ein- 
leitung des Traumzustandes bildet das Stadium der phantastischen Exaltation; 
zweitens: es folgt ein Zustand traumhafter Entrückung* drittens: ein 
Stadium der Bewusstseinsleere; viertens: als Abschluss ein depressiver 

i) Referat im Zentralblatt für Psychoanalyse, Heft 1/2, Seite 61. 



120 Referate und Kritiken. 

Zustand, dessen wichtigstes Kennzeichen der Angstaffekt mit seinen gewohnten 
Begleitern bildet. 

Die Erklärung des Rätsels dieser Zustände gibt uns die durch die 
Psychoanalyse gewonnene Erkenntnis des Phantasielebens der Patienten. 
Diese Traumzustände bilden Ersatzbefriedigungen im Sinne von Freud. 
Die vier Stadien lassen sich danach erklären: die Exaltation, das erste 
Stadium, als die den Masturbationsakt einleitende lustbetonte Phantasie. Das 
zweite und dritte Stadium „Entrückung und Bewusstseinsleere" entsprechen 
der steigenden Sexualerregung und in ihrer Akme der Ejakulation. Die Be- 
wusstseinsleere sei der Bewusstseinsentgang, der sich auf der Höhe der 
sexuellen Erregung beim Neurotiker einstellt. Diese kurze Bewusstseinspause 
findet sich auch im hysterischen Anfall. „Nunmehr ist es nicht länger ver- 
wunderlich, dass der Traumzustand bis zum Stadium der Bewusstseinsleere 
lustvoll ist. Er verleugnet, dadurch nicht seine Herkunft von der Masturbation 
die bis zu dem entsprechenden Stadium lustvoll, beim Neurotiker oft die 
lebhaftesten Unlustgefühle nach sich zieht. Sehr interessant ist es, dass der 
Patient, wie er wähnt, manchmal den Traumzustand vorzeitig, d. h. vor dem 
Eintritte der Bewusstseinsleere unterbricht. Das ist gleichsam ein Versuch 
u 1 die , Traumzustände abzugewöhnen. Ganz das gleiche tun Neurotiker 
sehr häufig, wenn sie sich von der Masturbation entwöhnen wollen. Sie sind 
oft der Meinung, der Samenverhist sei das eigentlich Schädliche an der 
Masturbation und begnügen sich daher mit einer vor der Ejakulation abge- 

• ST, 6 ," 5 aStU1 ' bat ' 0n - Sie & hen sich der beruhigenden Vorstellung hin, 
in. Wirklichkeit nicht niasturbiert zu haben. Diesem Sophismus kann man 
bei Nervösen häufig begegnen. Den Verzicht auf die Endlust suchen sie 
durch sehr ausgiebigen Vorlustgenusa wettzumachen. Der abschliessenden 
Angst freilich vermögen sie nicht zu entgehen. Die zu einer gewissen Höhe 
angewachsene Sexualerregung, der die Abfuhr versagt wird, verwandelt sich 
in Angst." 

Verfasser betont den psychischen Hermaphroditismus seiner Patienten 
ebenso wie den psychischen Infantilismus. Der Neurotiker könne von der in- 
fantilen Sexualbetätigung und von den infantilen Sexualobjekten nicht lassen. 
in der sehr beachtenswerten Arbeit finden sich eine Reihe feiner Bemerkungen, 
die aus dem Zusammenhange gerissen, an Wert verlieren würden. Ich kann 
es nur aber nicht versagen, die Schlussworte der Ausführungen, die einen 
bedeutenden Fortschritt in der Erkenntnis der hysterischen Traumzustände 
bedeuten, hier anzuführen, weil sie wegen der Prägnanz der Formulierung 
Beachtung verdienen: 

„Wir vermögen die individuelle Eigenart eines Krankheitsfalles zu ver- 
stehen .indem wir nicht nur das gegenwärtige Triebleben des Neurotikers be- 
rücksichtigen, sondern seinen verdrängten Kindheitswünschen nachforschen 
Denn sein innerstes Dichten und Trachten strebt nach der Wiederholung in- 
iantileriSefned.gungssituationen, deren Erinnerung sein Unbewusstes bewahrt." 

Dr. W. St. 

A. Cramer, Zur Symptomalogie und Therapie der Angst 
Deutsche med. Wochenschrift. 1910. Nr. 32. 

Verf. versucht zuerst eine „objektive klinische" Beschreibung der Angst. 
Er betont, dass bei der Angst besonders die Inspiration erschwert ist. Die 
meisten Nervösen lokalisieren die Angst in die Brust. Noch nie sei ihm mit ver- 



Referate und Kritiken. -fO| 

schwindenden Ausnahmen ein Fall vorgekommen, dass ein Nervöser die Angst 
in den Kopf, in die Beine oder in eine andere Stelle des Körpers lokalisiert 
habe. Dagegen finde sieh die Herzangst ziemlich häufig Der Zwerchfell 
ansatz entspricht eigentlich der Stelle, wo die Angst am häufigsten lokali- 
siert wird. 

Die ursächlichen Momente der Angst können ganz verschieden sein 
Es tritt auch Angst ohne jede erkennbare Ursache auf. Bei ent- 
sprechender Disposition wird die Angst durch den unbestimmten Er- 
wartungsaffekt ausgelöst. Es gebe keine besondere Angioneurose. Es 
handle sich in diesen Fällen nur um einen „exquisit endogenen Sym- 
ptomen komplex". Das Gefühl der Erwartung steigere sich bei disponierten 
Menschen zu einer lähmenden Angst. Im anderen Falle trete die Angst 
auf, wenn aus irgend einem Grunde die körperliche Widerstandsfähigkeit 
herabgesetzt sei. Der Höhensch vvin del sei ein typisches Beispiel, das 
bei dem Versagen der fast automatisch wirkenden subkortikalen Asso- 
ziation s m e c h a n i s m e n auftrete. 

„Was die Angstzusäude und den sexuellen Verkehr betrifft" sagt der 
Verf. — „so ist es ja allgemein bekannt, dass Freud in seiner Theorie, welche 
die Hysterie auf ein sexuelles Trauma der Kindheit zurückzuführen bestrebt ist, von 
den Angstzuständen ausging, welche nach sexuellen Exzessen auftreten können. 
Ich sage auftreten können." Und nun betont er, dass er Onanisten kennt 
und Leute, die Coitus interruptus treiben und die trotzdem nicht an Angst 
leiden. Ja Hysterische behielten sogar ihre Angst, „nachdem ihnen der 
Gynäkologe jede Möglichkeit zu irgendeiner Betätigung genommen hatte." 

Genug der Auszüge! Für uns Psychoanalytiker ist in der Arbeit 
Cramers nichts zu holen, als die Erkenntnis, dass alle Arbeiten Freuds 
und seiner Schüler abgeurteilt werden, ohne dass man sie kennt und nach- 
prüft. Eine so profunde Unkenntnis der wichtigsten Angstprobleme entwaffnet 
jede Kritik. Dr. W. St. 

Meiträge zur Kinderforseliuiig und Heilerziehung. H. 54. Psycho- 
pathische Mittelschüler. Von Dr. Theodor Heller. 

Die betrübende Erscheinung der in der letzten Zeit immer häufigeren 
Selbstmorde von Mittelschülern hat den Schulen und Lehrern manchen verall- 
gemeinernden und schon darum ungerechten Vorwurf eingetragen. Der er- 
fahrene Heilpiidagoge Heller hat sich in einer kleinen Skizze in aner- 
kennenswerter Weise bemüht, diese Vorwürfe zu entkräften, indem er dar- 
legt, dass jene jugendlichen Selbstmörder zumeist unerkannte und natürlich 
falsch behandelte psychopathische Knaben sind. Er bespricht kurz die ver- 
schiedenen Formen der Psychopathien, die hier in Betracht kommen, besonders 
diejenigen, welche wegen ihrer wenig aufdringlichen Erscheinungen misskannt 
werden und so leicht ihren Weg in die Schule finden. Heller findet dabei 
manches zutreffende Wort des Tadels für die häusliche Umgebung der 
psyehopathischen Kinder; demgegenüber muss doch hervorgehoben werden, 
dass in unseren Mittelschulen mancher schwere pädagogische Fehler geschieht, 
der auch beim billigen Beurteiler Bedenken wecken muss. Die dunklen 
Wege, auf denen ein jugendliches Wesen zur Selbst Vernichtung gelangt, hat 
der Verf. in seiner kleinen Schrift nicht zu erhellen versucht Das er- 
fordert eine individuelle Erforschung; aus ihr erst dürfte sich eine brauchbare 
Prophylaxe ergeben. Dr. F r i e d i u n - 



122 Referate und Kritiken. 

Paul Schuster: Drei Vorträge aus dem Gebiete der Unfall- 
Neu rologie. Georg Thieme, Leipzig 1910. 

„Wesen tliche Teilu rsächli chkei t" und „wesentliche Ände- 
rung" behandeln zwei Kapitel des. Buches, Der Autor versucht mit grosser 
Geschicklichkeit die Schwierigkeiten dieser zwei Bedingungen des deutschen 
Unfall- Versicherungsgesetzes zu besprechen und an einzelnen Beispielen zu 
lösen. Der Unfallpatient gerät in die psychische Einstellung auf 
Erfolg, was der Arzt natürlich nicht mit der gegenteiligen Stellungnahme 
beantworten darf, um etwa als Gegner sein Urteil abzugeben. Dass trotzdem 
eine Einheitlichkeit des Urteils oft nicht zu erzielen ist, dass abweichende 
Auffassungen recht häufig zustande kommen können, hebt der Verf. in der 
Vorrede selbst hervor. Für die wissenschaftlich-objektive Stellung des Autors 
zeugt auch das I. Kapitel des Buches: „Simulation und Übertreibung von 
Nervenleiden", das weite Kreise interessieren wird. Der Autor betont die 
grossen Schwierigkeiten insbesondere in der Unterscheidung von Simulation 
und Hysterie. Ganz zu verwerfen ist die Entscheidung auf Grund des 
Allgemeineindruckes. Aber auch die zahlreichen Tricks und angeblich feinen 
Untersuchungsmethoden sind zumeist unzulänglich, besonders soweit Sensibili- 
tätsprüfungen in Betracht kommen. Und nicht selten trifft die „Entlarvung" 
den echten Hysteriker. Diese Stellungnahme Schusters entspricht seiner 
Überzeugung, „dass die Simulation ein „bewusstes" psychisches Geschehen 
zur Voraussetzung hat, und die Grundlage der hysterischen Erscheinungen 
der unbewusste psychische Vorgang ist." 

Referent erlaubt sich hinzuzufügen, dass jeder Neurotiker ein Stadium 
durchgemacht hat, wo er bewusst „arrangierte", In der Kindheit waren es, 
wie auch Stekel hervorhebt, Übertreibungen und bewusste Simulation von 
Krankbeitssyniptomen. Aber auch knapp vor der Lösung des Symptoms 
durch die Psychoanalyse gerät der Neurotiker in einen Zustand, der ihm das 
Arrangement seines Anfalls zu übrigens durchsichtigen Zwecken gestattet. 
Bei manchem Unfallneurotiker ist dieses Vorstadium deutlicher und charak- 
terisiert sich durchaus als Simulation. Nachher setzt die Neurose ein. Auch 
diese Fälle können eine Verschiedenheit des Urteils der Gutachten zustande 
kommen lassen, Adler. 

C. Cr. Jung: Über Konflikte der kindlichen Seele. (Jahrbuch 
Bleuler, Freud. II. Bd. 1910.) 

Die wertvollen Bestätigungen unserer psychoanalytischen Kenntnisse, 
die uns der Autor in den Mitteilungen eines den Durchschnitt überragenden 
klugen Vaters über die geistige Entwickelung seines 5 jährigen Töchterleins 
vorlegt, zeigen uns wieder ein Kind, das um seine zukünftige Stellung ringt. 
Man kann ruhig voraussetzen, dass die beobachteten Spannungen zutreffend 
erfasst und im Zusammenhang gesehen sind. Denn in der Psyche des kleinen 
Mädchens spielt sich ein gut Teil jener Erscheinungen ab, die uns aus den 
Psychoanalysen der Neurotiker klar geworden sind, und bringen uns so wert- 
volle Bestätigungen richtig erkannter kindlicher und neurotischer Konflikte. 

Man kann Jungs Deutungsversuchen sowohl Scharfsinn als kluge 
Mässigung zusprechen. Der strenge, kritische Massstab, mit dem die An- 
hänger der Psychoanalyse jede neue Arbeit messen, aber auch die Vorein- 
genommenheit der Gegner, denen jedes Mittel zuweilen geeignet erscheint, 
um psychoanalytische Befunde zu entwerten, lassen es geraten erscheinen, 



Referate und Kritiken, 123 

solche Selbstzucht der Gedanken, wie Jung sie pflegt, zu üben. Er be- 
schreibt bloss, zieht nur zwingende Schlüsse, lässt hie und da Vermutungen 
sprechen, um sich in noch nicht abgeschlossenen Fragen, wie in der Sexual- 
aufklärung, eine Entscheidung für später vorzubehalten. 

Immerhin hält er sich strenge an die Leitfäden der Freud sehen Libido- 
lehre. Die erwachenden Liebesregungen gegen die Eltern, die Verwandlungen 
und Schicksale dieser Tendenzen sind geschickt hervorgehoben und zur bio- 
logischen Begründung der Angstzustände, des Forschertriebs und der Stellung 
des Mädchens zu den Eltern herangezogen. 

Bezüglich der psychischen Dynamik betont Jung vornehmlich das 
Wirken des Forschertriebs unter dem Druck des zum Vater drängenden 
Sexualtriebs. An dieser Stelle sei uns, soweit dies an dem vom Vater des 
Kindes wohl einheitlich gerichteten Material angängig ist, ein Ein- 
wand gestattet. Der Forschertrieb dieses Mädchens hält, wie Jung richtig 
hervorbebt, die gewöhnliche Linie ein, die uns aus dem infantilen Material 
der Neurotiker sowie aus Analysen kindlicher Neurotiker (vergl. Freud 
„Kleiner Hans" und Adler „Disposition zur Neurose") geläufig ist und sich 
in die Frage kleidet; wo kommen die Kinder her? — Annas Forschertrieb 
betätigt sich in auffälliger Weise im Nachdenken über den Geburts- 
akt. Sie hat das Vorgefühl einer zukünftigen weiblichen Rolle, bringt — 
es ist nicht klar, aus welchen Erfahrungen heraus — das Gebären mit dem 
Sterben in Zusammenhang und behält von dieser Grundstimmung aus die 
ängstliche Erwartung itn Gemüte, es werde ihr etwas geschehen, 
Jungs vorzügliche Darstellung erlaubt noch einen Schritt weiter zu gehen. 
Wie kommt das Kind zu der Phobie, welche die Formel hat, erdrückt zu 
werden? Und zur Identifizierung von Krankheit und Gebären? Es ist 
wohl der Gedanke gerechtfertigt, dass die übertriebene Vorstellung von den 
Gefahren, die der Frau durch den Geschlechtsverkehr und durch die Geburt 
drohen, das Kindchen aus seiner Ruhe bringen. Durch allerlei Winkelzüge 
sucht es sich zu sichern, durch die Angst, durch Wissen, Ob man 
auch zu Kindern kommen könne — etwa wie die Pflegeschwester? Es be- 
ginnt die Wertschätzung des Mannes, Der Mann ist obenauf, ist darauf be- 
dacht, das Weib unterzutauchen. Wie, wenn man das Genitale beseitigen, 
abhobeln könnte oder obenauf reiten könnte? Kurz, wie macht man aus 
einem Mädchen einen Mann? 

Analysen wie die Jungs gehören zu den köstlichsten Gaben der 
Psychoanalyse. Ihr Wert besteht nicht bloss in der Bestätigung angezweifelter 
Ergebnisse, sondern in der Eröffnung und in der Sicherung neuer Perspektiven. 
Vielleicht drängt die Verfolgung seines Materials bezüglich der kleinen Anna 
dem Verfasser auch obigen Gesichtspunkt auf. Adler. 

G. C. Ferrari; Rivista di psicologia applicata. (I. bis IV. Jahr- 
gang. 1905 — 1907.) 

Die ersten Jahrgänge der „rivista di psicologia applicata" enthalten 
bereits nennenswerte, wenn auch verschleierte indirekte Beiträge in bezug auf 
Psychoanalyse. 

Der erste Jahrgang (1905) bringt uns in seiner März-April-Nummer 
einen beachtenswerten Aufsatz von Ferrari selbst: „I traumi sessuali nei 
fanciulli". Er bringt uns darin als Beispiel für Sexualtraumen im Kindes- 
alter, die Krankengeschichte eines 9 jährigen Mädchens, das in sein Institut 



124 Referate und Kritiken. 

bei Bologna-Smola aufgenommen wurde. Die Art. der hier eingeschlagenen 
Therapie zeigt uns deutlich, dass der Verfasser guter Analytiker der kind- 
lichen Psyche ist. Die Analyse derselben, die er uns in seiner Arbeit gibt, 
klingt an Freud an. Die Psychoanalyse verwendet er zu diagnostischen, 
wie therapeutischen Zwecken. 

Einer andern Feder entstammt eine Arbeit über vorzeitige Onanie bei 
Knaben und deren psychische Behandlung (L'onanismo precoce nei ragazzi 
e la sua cura psichica). Wir finden sie im zweiten Jahrgang der „Rivista-' 
(III. Heft). Der Verfasser ist Aug. Lemaitre, Professor eines Erziehungs- 
institutes in Genf. Interessant erscheint die in der Arbeit erwähnte Beob- 
achtung, dass Onanisten, im Vergleich zu andern Jungen, äusserst ungünstig 
in Geographie abschneiden. Er begründet dies mit einer Verminderung des 
topographischen Gedächtnisses bei Önanismus praecox. Was die Häufigkeit 
dieser Erscheinung anbetrifft, verwirft er die Anschauung vieler Lehrer und 
Litern, dass die Masturbation endemisch, beziehungsweise epidemisch in ge- 
wissen Klassen herrscht. Trotzdem sich seine Klassen aus ganz internationalen 
Elementen zusammensetzten — aus Stadt- und Landkindern — kam er zum 
Resultat, dass höchstens 15—20% Onanie treiben (?). Von denselben sind 
wohl die meisten rasch heilbar, nur ein Numerum cimitatissimuni erscheint 
einer psychischen Behandlung zu trotzen (?). 

Bezüglich seiner Therapie nennt er vor allem prophylaktisch körper- 
lichen Sport. Er verwirft gänzlich vorzeitige Cumulatio-Aufklärungen in der 
Klasse, bei Schülern im Alter von 10—12 Jahren. Dadurch wird die Auf- 
merksamkeit der Knaben nur aufs Sexuelle gelenkt. Erfolg hat bei Onanie 
m diesem Alter nur Einzel-Aufklärung, die mit der Analyse der kindlichen 
Psyche einhergehen muss. Die psychische Beeinflussung durch die auf- 
klarenden Lehrer, genügt in 9 Zehntel der Fälle, um in wenigen Wochen 
einen glänzenden Erfolg zu haben und erachtet er sie im Durchschnitt für 
vollständig ausreichend. Eine Verständigung der Angehörigen hält er nur 
dann für notwendig, wenn es sich um eine Entfernung eines Unverbesser- 
lichen handelt; bei einem „onanisme a due". Von Bestrafungen, von den 
fortwährenden Vorstellungen und Tadeln der Eltern oder Angehörigen bemerkt 
er bloss negative Erfolge. 

Anschliessend daran möchte ich der Arbeit L. Gualinos „il sögno 
erotico nelP iurno normale" einige Worte widmen. Er behandelt in ungefähr 
30 Seiten und ziemlich exakt, allgemein und in Beispielen, die Epochen, 
Häufigkeit, Inhalt, Lebhaftigkeit und Zahl der erotischen Träume des Mannes 
(erotische Träume mit gleichzeitigem Samenerguss). Endlich analysiert er 
dieselben und nennt uns die Faktoren, die solche Träume bewirken. 

Bemerkenswert mag uns in dieser Arbeit, der teilweise gutes Material 
und feine Beobachtungen zugrunde liegen, die Erwähnung der „mestruazione 
degli homini" dünken, die nach Nelson 1 ) in 25tägigen Intervallen mit leb- 
haften erotischen Träumen und Pollutionen auftreten sollen. Er hält diese 
Theorie für gänzlich unhaltbar und verwirft sie vollständig. 

Pathologisch nennt er ferner jede Pollution ohne erotische Träume. 
Er vertritt auf Grund von Beispielen die Anschauung, dass solche Pollutionen 
stets schwächend wirken und auf Spinalirritationen zurückzuführen sind. 
Hierbei baut er die Beobachtungen Tylors weiter aus, den er in dieser 
Arbeit ebenfalls zitiert 2 ). 

i) Nelson: A study of dreams „The American Journal of Psychology" 1888. 
8) Tylor: Patobgia e cura della funzione aessuale. Torino 1905. 



Referate und Kritiken. 225 

Befremdend erscheint es mir, dass er das Faktum, dass Träume bei 
schwerer körperlicher Ermüdung wohl vorhanden sein können, wir aber beim 
Erwachen durchaus darauf vergessen haben und uns bald mit dem Gedanken 
trösten „wir hätten nicht geträumt", entweder vergisst oder nicht kennt. 

Bezüglich der Faktoren, die als Urheber der erotischen Träume gelten, 
ist es auffällig, dass er sämtliche äussere somatische Ursachen (Lage des Körpers' 
volle Blase, Hautreize und Druck durch Nachtbekleidung, Decke etc.) läugnet! 

Meistenteils sind die erotischen Träume Folgeerscheinungen eines un- 
regelmässigen sexuellen Verkehrs. Er findet sie häufiger bei Junggesellen 
als bei Ehemännern. 

Wenn an einem Tag normaliter ein Koitus ausgeübt wurde, derselbe 
aus irgendeinem Grunde unterblieb, so erfolgt nach seiner Beobachtung- 
häufig in der folgenden Nacht ein erotischer Traum mit gleichzeitiger Samen- 
entleeruug. Das moderne Leben in der Grossstadt, die moderne Literatur 
Ansichtskarten, Frauen bekleidung, die berüchtigten Annoncen in der vierten 
Seite der Tageszeitungen, die Varietes und Cafe chantants macht Gualino 
viel mehr als alle übrigen Faktoren als Reizquellen, im Gegensatz zu den 
somatischen, verantwortlich. 

Bezüglich der Heilung dieser Erscheinungen erwähnt er schliesslich die 
Suggestionstherapie, ohne auf nähere Details einzugehen. 

Die „Rivista di psicoterapia" bringt im IV. Jahrgange eine Besprechung 
von Stekels „Ursachen der Nervosität". Sie entstammt mutmasslich der 
Feder Prof. Ferraris (Signatur F.) selbst und zeigt grosses Verständnis 
und genaues Studium der Werke Stekels. Einen besonderen Abschnitt 
widmet er den „conflitto psichico" und der im Buche Stekels vertretenen 
Anschauung, dass man nicht bloss Neuropathologe, sondern auch Seelenarzt 
sein müsse. Schliesslich erwähnt er die nicht zu unterschätzende Bedeutung 
der Psychoanalyse bei Neuropathikern; er vergisst nicht Betonung des Um- 
Standes, dass man sich gerade bei dieser Behandlungsmethode vor Verallge- 
meinerungen oder Schabionisieren hüten solle. 

Dr. Ch. E. von Härtungen (Riva). 



Aus Vereinen und Versammlungen. 



Bericht über die I. private Psychoanalytische Vereini- 
gung in Salzburg am 27. April 1908. 

Referate von Otto Rank (Wien). 

1. Prof. S. Freud (Wien): Kasuistisches. 

Der Vortragende macht an Hand eines analysierten Falles von schwerer 
Zwangsneurose einzelne Mitteilungen über die Genese und den feineren Mechanismus 
der seelischen Zwangsvorgänge. Insbesondere weist er zum ersten Mal auf das 
eigenartige Gefühls- und Triebleben der Zwangsneurotiker hin und hebt als den 

i) „Das punctum saliens des initialen Mechanismus bei erotischen Träumen." 






126 Aus Vereinen und Versammlungen. 

häufigsten, ausgesprochensten und bedeutsamsten Charakter der Zwangsneurose ein 
chronisches Nebeneinander von Liebe und Haas gegen dieselben 
Personen hervor. Er gibt die Aufklärung, dass die Bedingung dieser befremdlichen 
Konstellation des Liebeslebens eine frühzeitig, in den prähistorischen Kindh«-itsjahren 
erfulgte Scheidung der beiden Gegensätze mit Verdrängung des einen Anteils, ge- 
wöhnlich des Hasses, zu sein scheine. In solchen Fällen von unbewusstem Hasse 
sei die sadistische Komponente der Liebe konstitutionell besonders stark entwickelt 
gewesen, habe darum eine vorzeitige und allzu gründliche Unterdrückung erfahren, 
und nun leiten sich die Phänomene der Zwangsneurose einerseits von der durch 
Reaktion in die Höhe getriebenen bewussten Zärtlichkeit, anderseits von dem im 
Unbewussten als Hass fortwirkenden Sadismus ab. Steht einer intensiven Liebe 
ein fast ebenso starker Hass bindend entgegen, so muss die nächste Folge eine 
partielle Willenslähmung sein. Damit ist die Herrschaft von Zwang und Zweifel, 
wie sie uns im Seelenleben der Zwangskranken entgegentreten, gegeben. Der 
Zweifel entspricht der inneren Wahrnehmung der Unentschlossenheit, dei Zwang ist 
ein Versuch zur Kompensation des Zweifels und zur Korrektur der unerträglichen 
Hemmungszustande, von denen der Zweifel Zeugnis ablegt. Durch eine Art von 
Regression treten ferner vorbereitende Akte an die Stelle der endgültigen Ent- 
Schliessung, das Denken ersetzt das Handeln und irgend eine Gedankenvorstufe der 
Tat setzt sich mit Zwangsgewalt durch anstatt der Ersatzhandlung, Diese Regression 
vom Handeln aufs Denken wird durch das frühzeitige Auftreten und die vorzeitige 
Verdrängung des sexuellen Schau und Wisstriebes begünstigt. (Eine ausführliche 
Publikation findet sich im „Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische 
Forschungen 1909" unter dem Titel: Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose). 

2. Ernest Jones (London): Rationalisation in every-day life. 
Eines der bedeutsamsten Ergebnisse der Freud'schen Untersuchungen ist die 

Tatsache, dass eine Reihe von gei.-tigen Prozessen ihren Ursprung Motiven verdankt, 
die dem Individuum nicht zu ßewusstsein kommen. Es ist nun begreiflieh, dass für 
derartige intellektuelle Erscheinungen, soweit sie nicht von vornherein als urr-achlos 
und anto. hthon empfunden werden, nach einer plausibeln, rationellen Erklärung 
gesucht wiid, die jedoch, wie die Psychoanalyse ergibt, von der wirklichen Verur- 
sachung weit entfernt ist. Diese Rationalisierungen durchsetzen unser Alltagsleben, 
unsere religiöse Gläubigkeit, die ethischen und sozialen Normen, ja selbst die 
wissenschaftliche Forschung und es gehört nicht zu den geringsten zukünftigen 
Aufgaben der Psychoanalyse dieselben aufzudecken und auf diese Weise ein tieferes 
Verständnis der geistigen Phänomene überhaupt anzubahnen. (Die ausführliche Pub- 
likation ist zu. finden im Journal ol' Abnormal Psychology, August - September 1908.) 

3. Franz Riklin (Zürich): Einige Probleme der Sagendeutung. 

Vor etwa 20 Jahren hat Laistner in seinem Werke: .Das Rätsel der 
Sphinx" an Hand eines grossen vergleichenden Sagenmaterials das Prinzip aufge- 
stellt, dass die Sagen in ihiem Keine dem Traum entstammen und zwar dem Alp- 
traum, welcher allein den Glauben an die Heimsn hung durch einsehe Dämonen 
■zu erklären imstande sei, von der die Sagen berichten. War es Laistner nur 
darum zu tun, für die mythologischen Gebilde eine sichere biolog ; sche Basis zu 
schaffen (experimentelle Erzeugung des Alptraumes durch Hinderung der Atem tätig- 
keit), so wissen wir seit Preud's Traumdeutung, dass auch dies- Rei/.tr&ume 
den allgemeinen Gesetzen der Traumpsychologie und des unbewussten Denkens 

unterliegen. 

Alpträume sind Angstträume und Angst finden wir im seelischen Geschehen 
ausgelöst an jenen Stellen, wo der erotischen Wunscherfüllung ein Hindernis in den 



Aus Vereinen und Versammlungen. 127 

Weg gelegt wird. Dementsprechend trägt die Heimsuchung durch die elbischen 
Wesen nicht immer Angstcharakter, sondern auch libidinöse Züge (Buhlgeister). Die 
elbischen Wesen sind so gleichsam die Personifikationen unseres Traumdenkens, 
des unbewussten Denkens überhaupt und behandeln das erotische Thema nach Art 
des Traumes. 

Der Traum reduziert sich in den letzten untersten Schichten auf Funktionen 
von Sexualsymbolen, eine Erkenntnis, die zum tiefsten Verständnis der Sagen not- 
wendig ist, wie Ref. an einer reichlichen Menge charakteristischer Beispiele zeigt 
und durch gelegentliche Hinweise auf Ergwbnisse der Neurosenpsychologie stützt. 
Mit Hilfe der Sexualsymbolik wird erst der Inhalt dieser Alpsagen im einzelnen ver- 
ständlich und es ergibt sich, dass die Sagen gleichsam die typische, episch gehaltene 
Form sind, in die sich die sexuellen Angstmotive einer Gegend, eines Volkes ge- 
gossen haben; das elbische Wesen jener Gegend wird als Verkörperung des Sexual- 
problems verständlich. 

Auch in den M ärchenfiguren entdecken wir fast immer Alpwesen mit ihren 
Attributen, lediglich neu eingekleidet und überarbeitet. Während jedoch in den 
Sagen der Angstcharakter des Sexualproblems dominiert, ringen sich die Märchen 
gewöhnlich zur Wunscherfülluiig durch. (Die ausführliche Wiedergabe des Vortrages 
folgt in einem der nächsten Hefte.) 

4. Karl Abraham (Berlin): Die psychosexuellen Differenzen der 
Hysterie und der Dementia praecox. 

Aus der Beobachtung zahlreicher Fälle von Dementia praecox unter dem 
Gesichtspunkt der Freud'schen Sexualtheorie und mit Heranziehung der Ergebnisse 
von Psychoanalysen Hysterischer ergibt sich, dass die Dementia praecox die Fähig- 
keit zur Sexualübertragung, zur Objektliebe sowie zur Sublimierung sexuoller 
Energien auf soziale Ziele vernichtet. Da ein solcher Zustand der Sexualität sonst 
nur aus der frühen Kindheit bekannt ist, so besteht die psychosexuelle Eigenart 
der Dementia praecox in der Rückkehr des kranken Individuums zum infantilen Zu- 
stand des „Autoerotismus", worin vornehmlich ihr Gegensatz zur Hysterie gelegen ist. 
Die psychosexuelle Konstitution der Dementia praecox beruht demnach auf einer zum 
Autoerotismus tendierenden Entwickelungshemmung. Diese Auffassung wirft auch 
ein Licht auf das Verständnis des Verfolgungs- und Grössenwahns. Ersterer scheint 
erogenen Ursprungs, da die Verfolger in vielen Fällen sich als die ursprünglichen 
Sexualobjekte entpuppten. Die Quelle des Grössenwahns bei der Dementia praecox 
ist die auf das Ich zurückgewandte, reflexive oder autoerotiscbe Sexualüberschätzung. 
Die Demenz bei der Dementia praecox beruht nicht auf einem Versagen der in- 
tellektuellen Fälligkeiten, sondern auf „Gefühlsabsperrung''. (Ausführliche Publi- 
kation: im Zentral blatt für Nervenheilkunde und Psychiatrie, zweites Juliheft 1908.) 

5. J. Sadger (Wien): Zur Ätiologie der konträren Sexualemp- 
findung. 

Die Psychoanalyse Homosexueller ergibt, dass auch scheinbar reine Fätle von 
Inversion der normalgeschlechtlichen Züge, insbesondere in früher Kindheit, nicht 
entbehren. Hinter den Urbildern des homosexuellen Begehrens tauchen im Verlaufe 
der Psychoanalyse nicht bloss Männer, sondern ebensosehr Frauen auf, und zwar 
besonders häufig die ersten Objekte der Liebeswahl überhaupt, Mutter und Schwester. 
Es ist also nicht der Mann, den der Urning liebt und begehrt, sondern Mann und 
Weib zusammen in einer Person und nur durch intensive Unterdrückung der späteren 
heterosexuellen Triebrichtung entsteht der Anschein reiner Inversion. Zur Ver- 
drängung der heterosexuellen Neigung und der Abkehr vom anderen Geschlecht 
kommt es in der Regel auf Grund einer schweren Enttäuschung von Seiten des 



128 Aus Vereinen und Versammlungen. 

einst geliebten normalen Sexualobjekts, Der Homosexuelle leidet also an den Folgen 
der Verdrängung nach zu starken und vorzeitigen libidinösen Regungen zum Weibe, 
gewöhnlich der eigenen Mutter. 

Die Päderastie stellt nichts anderes dar, als die Fortdauer eines infantilen 
Organlriebes; es kommt in ihr die Analerotik des Betreifenden zum Durchbruch. 
(Ausführliche Publikation in; Medizinische Klinik. 1909. Nr. 2). 

6. Wilh. Stekel (Wien): Über Angsthysterie. 

Von der Schwierigkeit der Differentialdiagnose zwischen organisch bedingter 
und neurotischer Angst ausgehend, hebt Referent hervor, dass nach seiner Erfahrung 
die Fälle der reinen (somatischen) Angstneurose (nach Freud) sehr selten seien. 
Meist stecke hinter der somatischen Ursache noch ein schwerer psychischer Konflikt, 
so dass im Einverständnis mit Freud neben der Konversionshysterie als zweiter 
Typus die Angsthysterie unterschieden werden müsse, welche dieselben Mecha- 
nismen wie die erstere zeige, jedoch als einziges Symptom die Angst aufweise. Die 
Fruchtbarkeit dieser Unterscheidung, die der Vortragende an einer Keihe von Fällen 
erweist und erläutert, zeigt sich vor allem darin, dass sie gestattet, die bisher rätsel- 
haften Phobien als Augsthj'sterien zu entschleiern. 

Die geeignete Therapie für all diese neurotischen Angstzustande — Ref. weist 
noch auf die Genese der Eisenbahn-, Prüfungs-, Platz-Angst etc. etc. hin — ist die 
psychoanalytische, (Vgl. „ Nervöse Angstzustände und ihre Behandlung", Wien und 
Berlin 1908.) 

7. Doz. C. G. Jung (Zürich): Über Dementia praecox. 
Vortragender schildert zunächst die durch die Verwendung der Psychoanalyse 

auf die Psychosen sich ergebenden grossen Analogien zwischen deutlich psychogenen 
Erkrankungen und Dementia praecox, um überzugehen zur Besprechung aller der- 
jenigen Eigentümlichkeiten der Dementia praecox, die (damals noch!) der psycho- 
logischen Analyse trotzten. Die Depotenzierung des Assoziationsverlaufes oder 
abaissement du niveau mental, das eine durchaus traumartige Assoziaüonswejse im 
Gefolge hat, schien dafür zu sprechen, dass bei der Dementia praecox eine Noxe 
mitwirkt, die z. B. bei Hysterie fehlt. Die Erscheinungen des Abaissemenls wurden 
auf die Noxe bezogen, als wesentlich organisch bedingt aufgefasst und zu Ver- 
giftungssymptomen in Parallele gesetzt (z. B. paranoide Zustände bei chronischen 
Vergiftungen). (Autorreferat). 

8. Alf. Adler (Wien): Der Aggression s trieb im Leben und in der 
Neurose. 

Der Vortragende erblickt im Sadismus und seinem Gegenstück (dem Maso- 
chismus) den unmittelbarsten, zur nervösen Erkrankung führenden Faktor. Ging 
jedoch bisher die Betrachtung dieser Triebregung von sexuellen Erscheinungen 
aus, denen Züge von Grausamkeit beigemengt waren, so entspreche sie vielmehr 
zweien, ursprünglich gesonderten Trieben, die späterhin eine V ers ehr änkung 
erfahren haben, der zufolge das sadistiscli-masochistische Ergebnis zwei Trieben zu- 
gleich entspricht, dem Sexualtrieb und dem Aggressionstrieb. Dieser „Trieb 
zur Krkämpfung einer Befriedigung" von der feindlichen Aussenwelt haftet nicht 
wie die anderen Triebe unmittelbar dem Organ und seiner Tendenz zur Lustge- 
winnung an, sondern gehört als ein übergeordnetes, die Triebe verbindendes psychi- 
sches Feld dem Gesamtüberbau an. In ihn strömt — der einfachste und häufigste 
Fall von Affektverschiebung — die unerledigte Erregung ein, sobald einem der 
Primär- (Organ-) Triebe die Befriedigung versagt ist. Der Vortragende bespricht 
nun neben den reinen Äusserungen des Aggressionstriebes die, insbesondere durch 
die „Triebhemmung", bedingten Umwandlungen, Verfeinerungen und Spezialisierungen 



Aus Vereinen und Versammlungen. 129 

desselben bis zur Verkehrung in sein Gegenteil, welchen Verwandlungsformen im 
sozialen Leben, beim künstlerischen Schaffen, sowie in der Neurose grosse Bedeutung 
zukomme. Schliesslich wird noch die Angst als eine der Phasen des gegen die eigene 
Person gerichteten Aggressionstriebes hervorgehoben; ihre verschiedenen Formen er- 
klären sich daraus, dass der der Angst zugrunde liegende Aggressionstrieb sich ver- 
schiedener Systeme bemächtigen könne. (Ausführliche Publikation in: Portschritte 
der Medizin, 10. Juli 1908.) 

9. S. Ferenczi (Budapest): Psychoanalyse und Pädagogik. 

Referent hebt aus den bei der Psychoanalyse gewonnenen Erfahrungen hervor 
dass in der Pathogenese der Neurosen und Psychosen krankmachende Erziehungs- 
einfliisse die grösste Rolle spielen. Aber auch den später gesund Bleibenden wird 
durch das unzweckmässige Verhalten der Eltern und Lehrer viel überflüssiges Leiden 
aufgebürdet. Die erzieherischen Einflüsse müssten das in der Kindheit allein herr- 
schende Unlustprinzip allmählich unter die Herrschaft der Einsicht stellen; statt 
dessen schaffen sie durch hochgespannte Verdrängungen die Quellen späteren sozialen 
Unglücks (Todesfurcht, Hypochondrie, Aberglaube etc.). 

Zur Verhütung all dieses Leidens müssfce zunächst die Kindheitsamnesie der 
Eltern und Lehrer selbst korrigiert werden. Dann wären die rationellen Erziehungs- 
massregeln besonders für die allerersten Lebensjahre festzustellen, da in den eisten 
5 Jahren der menschliche Charakter fürs ganze Leben entscheidend (auch psychisch) 
beeinflusst und bestimmt werde. Die bisher vernachlässigte Kindheitserotik wäre 
genau zu überwachen und zweckmässig zu regeln. Ferner müssten die Prinzipien 
einer der kindlichen Intelligenz angemessenen sukzessiven sexuellen Aufklärung 
festgelegt werden. Damit wäre ein gutes Stück von der erdrückenden Autorität 
der Eltern aufzugeben, andererseits aber nicht in den ebenso schädigenden Gegen- 
satz übertriebener Verzärtelung zu verfallen. Endlich sei der Neigung des kind- 
lichen Trieblebens zur Snblimierung natürlich stets Vorschub zu leisten, aber doch 
im Auge zu behalten, dass nicht alles sublimiett werden dürfe. 



Bericht über die II. private Psychoanalytische Ver- 
einigung in Nürnberg am 30. und 31. März 1910. 

Referate von Otto Rank (Wien). 

1. Prof. Dr. S. Freud: Die zukünftigen Chancen der psychoana- 
lytischen Therapie. (Vollständig in Heft II erschienen.) 

2. Dr. K. Abraham (Berlin): Psychoanalyse eines Falles von 
Schuh- und Korsett-Fetischismus. 

Der Fetiscbist begnügt sich mit der Betätigung des Schautriebes, der je- 
doch in eigentümlicher Weise spezialisiert ist auf eine bestimmte Körpergegend, 
verschoben vom nackten Körper auf dessen Bekleidung und idealisiert. Diese 
Umwandlung kommt duröh einen eigenartigen Verdrängungsmechanismus 
zustande, von dem besonders die sadistische Komponente des Sexualtriebes, die 
Schaulust und die koprophile Riech lust betroffen werden. (Eine ausfuhrliche 
Mitteilung folgt im »Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathoiogische For- 
schungen",) 

3. Dr. Marcinowsky (Haus Sielbeck in Holstein) : Sejunktive Prozesse 
als Grundlage der Psychoneurosen. 

Ohne die Tatsache des Bestehens ausgesprochen infantiler Sexualität bei den 
Psychoneurosen in Zweifel zu ziehen, kann Referent im sexuellen Trauma weder 
Zentralblatt für Psychoanalyse. I 3 . n 



130 Aus Vereinen und Versammlungen. 

den krankmachenden Faktor noch selbst immer das krankheitsauslösende Moment 
sehen. Die Sexualität ist vielmehr nur das von der Neurose ergriffene Gebiet, 
weil sie den natürlichen Tummelplatz für jene angeborene Neigung zu Empfindungs- 
konflikten und Zwiespältigkeiten (Sejunktionen) abgibt, in denen das eigentliche 
Wesen der Neurose erblickt werden muss. 

4. Dr. A. Stegmann (Dresden): Psychoanalyse und andere Behand- 
lungsmethoden in der nervenärztlichen Praxis. 

Vortragender bespricht die Hindernisse, die sich oft genug der psychoanaly- 
tischen Behandlung durch ungenügende Schulung des Arztes, aber auch durch falsche- 
Vorurteile der Patienten und durch mangelndes Vertrauen der Angehörigen entgegen- 
stellen. Er betont für viele Fälle die Notwendigkeit unterstützender Kurmittel 
neben der eigentlichen Psychotherapie und glaubt auch die Hypnose therapeutisch 
höher einschätzen zu sollen, als Freud es tut. 

5. Dr. J. Honegger (Zürich): Über paranoide Wahnbildu-ig. 

Die psychoanalytische Betrachtung des Wahnsystems einer paranoiden Demenz 
ergibt die Entstehung desselben durch ausgiebige Projizierung der eigenen Komplexe- 
auf die nächste Umgebung und auf das ganze Weltall, wobei sich eine ganze Reihe 
von Neuschöpfuugen uralter mythologischer und philosophischer Vorstellungen nach- 
weisen lassen. Das autochthone Wiederaufleben derselben stellt sich als eine- 
Regressiun dar, die bis auf die Kindheit der ganzen Rasse zurückgeht. Ursache 
dieser Regression ist die Introversion der Libido. (Eine ausführliche Darstellung des 
Falles wird demnächst im „Jahrbuch" erscheinen.) 

6. Dr, L. Löwenfeld (München): Über Hypnotherapie. 

Ungeachtet mancher Schwierigkeiten, welche eine richtige Beurteilung der 
Leistungen der Hypnotherapie bei den Neurosen erschweren, glaubt Referent auf 
Grund seiner 24jährigen an einem reichen Material gesammelten Erfahrung be- 
haupten zu können, dass dieselbe uns doch nicht berechtige, die Hypnotherapie neben 
der aufsteigenden Entwickelung der Psychoanalyse gänzlich zu vernachlässigen. 
Eine Kombination beider Methoden werde sich für die Zukunft notwendig erweisen. 

7. Dr. C. G. Jung (Zürich): Bericht über Amerika. 

Vortragender sieht in der psychologischen Eigenart des Amerikaners Züge, 
die auf energische Sexualverdrängung hindeuten. Die Gründe dafür sind vornehm- 
lich im Zusammenleben mit dem Neger zu suchen, das suggestiv auf die mühsam 
gebändigten Instinkte der weissen Rasse wirkt. Daher sind stark entwickelte Ab- 
wehrmassiegeln nötig, die in den Besonderheiten des Amerikanismus zutage treten. 

8. Dr. Alf. Adler (Wien): Über psychischen Hermaphroditismus. 

Vortragender sieht das Kernproblem der Neurose in der infantilen Unsicher- 
heit der zukünftigen Geschlechtsrolle und schildert eingehend die Erscheinungen 
des psychischen Hermaphroditismus. Dieselben geben meist von körperlichen Min- 
derwertigkeitserscheinungen aus, welche Anlags zu einem subjektiven Gefühl der 
Minderheit geben, wodurch sich die Kinder unmännlich — in der infantilen Wertung 
gleichbedeutend mit weiblich — vorkommen. Diese Wertung führt bei Verstärkungen 
durch zwangsmässig erfolgende Übelkompensation zu einem männlichen Protest, 
aus dem jede Form inneren Zwanges bei Normalen wie Neurotikern abzuleiten ist. 
Die Neurose setzt ein durch das Scheitern des männlichen Protestes auf einer Haupt- 
linie. (Ausführliche Publikation in: „Fortschritte der Medizin", 1910, Nr. 16.) 

9. Dr. A. Maeder (Bad Kreuzungen) : Zur Psychologie der Paranoiden. 

Referent beschränkt sich auf die Aufzeigung des Zusammenhanges der Wahn- 
ideen in einem Falle von paranoider Demenz mit dem Elternkomplex. Der 
Grössenwahn enthält zunächst eine Genealogie des Pat., dann seine Schilderung 



Aus Vereinen und Versammlungen. 131 

als Held ; er entsteht durch Introversion der Libido, wodurch es zu einer Regression 
kommt, die das Infantile des Wahns erklärt.. Der Verfolgungswahn lässt sich 
auf den Vater zurückführen, das physikalische Verfolgungssystem ist homosexuellen 
Ursprungs. 

Neben dem Freud sehen Mechanismus der Verfolgung durch Projektion des 
eigenen negativistischen Wunsches wird eine andere Form skizziert, wo in An- 
lehnung an animistische Vorstellungen das Hindernis zur Erlangung eines Objektes 
beseelt, personifiziert wird. (Ausführliche Mitteilung im „Jahrbuch* II. Bd., 1. Hälfte.) 

10. Dr. Wilh. Stekel (Wien): Vorschläge zur Sammelforschung im 
Gebiete der Symbolik und der typischen Träume. 

Referent belegt die Notwendigkeit einer genauen Kenntnis der Symbolik an 
zahlreichen Traumbeispielen, die auf die Symbolik der Farben, der Erde (kosmische 
Symbolik), des Fusses und des Gehens, der Eisenbahn etc. neues Licht werfen. Dabei 
wird zum ersten Male das Prinzip der symbolischen Gleichungen des Neuro- 
tikers erwähnt und einige Beispiele davon gegeben, aus denen zu ersehen ist, dass 
für den Neurotiker oft die verschiedensten Begriffe adäquat gebraucht werden. 

Beiträge znr Sammelforschung auf dem- Gebiete der Traum- und Neurosen- 
Symbolik werden zur Einsendung an das dreigliederige, internationale Komitee erbeten : 

Dr. Wilhelm Stekel, Wien L, Gonzagagasse 21, 

Dr. Karl Abraham, Berlin W., Rankestrasse 24, 

Dr. Alphonso Maeder, Konstanz, Bellevue. 

11. Dr. S. Ferenczi (Budapest): Referat über die Notwendigkeit 
eines engeren Zusammenschlusses der Anhänger der Freudschen 
Lehre und Vorschläge zur Gründung einer ständigen internatio- 
nalen Organisation. 

Auf Grund eines summarischen Überblicks über den bisherigen Entwicklungs- 
gang der Psychoanalyse hält Referent die Zeit zur Gründung einer „ Internationalen 
psychoanalytischen Vereinigung" für gekommen und unterbreitet dem Kongress einen 
diesbezüglichen Vorschlag sowie den Entwurf zu einem Statut. 

In der anschliessenden Diskussion wird der Vorschlag von der Mehrheit im 
Prinzipe gebilligt, der Statuten-Entwurf mit einzelnen Modifikationen akzeptiert und 
die „Internationale Psychoanalytische Vereinigung" konstituiert. Zum Präsidenten 
wird Doz. Dr. C. G. Jung (Zürich-Küsnacht) gewählt, der als Sekretär Dr. Frans 
Riklin (Zürich) nominiert. 



Sitzungsberichte der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung. 

1. Vortragsabend, am 5. Oktober 1910: 
Zur Psychologie des einzigen und des Lieblingskindes. 
Referent Dr. J. Sadger hebt eingangs hervor, dass der Titel seines heutigen 
Themas zu enge gefasat sei, da die Psychologie des Lieblingskindes bei der Psycho- 
logie der betreffenden Eltern beginne. Jene Kinder seien nämlieh buchstäblich die 
Geliebten ihrer Eltern, zumal des andersgeschlechtlichen Teils (aber auch des gleich- 
geschlechtlichen, mitunter sogar beider), wobei die Knaben besonders exponiert er- 
scheinen. 

Ref. bespricht dann den individuellen Einfluss, den jeweils Vater oder Mutter 
auf ihr Lieblingskind ausüben und geht dabei ausführlich auf das bei weitem inten- 
sivere und folgenschwerere Verhältnis zwischen Mutter und Sohn ein. Der Einfluss 

9* 






182 Aus Vereinen und Versammlungen. 

der Mutter beginne meist schon bei der Beschränkung der Kinderzahl auf dieses eine, 
das sie nicht zum Lebenskampfe, sondern zu ihrem Liebhaber erziehe, der ihr die 
; n der Ehe vermisste Befriedigung gewähren solle. Dabei spielen besonders die bei 
er Kinderpflege wieder aufgefrischten infantil-perversen Regungen eine bedeutende 
olle. Solche Mütter suchen häufig dia Kindeszeit künstlich zu verlängern, kommen 
m oft von Haus aus verstärkten erotischen — und Zärtlichkeitsbedürfuissen in über- 
chwenglicher Weise entgegen; sie halten das Kind möglichst ferne von allen Kamerad- 
und späterhin auch Liebschaften und erschweren, ja verhindern so die notwendige 
Ablösuug von den ersten Liebesobjekten: nämlich von der eigenen Person selbst 
(Narzissismus) und von den Eltern. Dass mit solchen Kindheitseindrücken die Be- 
dingungen für psychische Impotenz resp. bei Frauen natura frigida gegeben 
sind, liegt auf der Hand. Anderseits erwächst aus dem allzulangen Festhalten und 
der gesteigerten Intensität des Autoerotismus eine verhängnisvolle Neigung zur 
Homosexualität (Mutterliebe und Narzissismus) wie zur Dementia praecox 
(Autoerotismus). 

Korreferent Dr. Fried jung schickt voraus, dass er keinen abgerundeten 
Vortrag bieten könne, sondern lediglich sein gesammeltes Material zur Diskussion stelle. 

In den letzten zwei Jahren habe er 91 Fälle von einzigen Kindern beobachten 
können. Es handelte sich um 41 Knaben und 50 Mädchen im Alter vom vollendeten 
2. bis zum 14. Lebensjahre und es entspreche unseren Erwartungen vollauf, dass 
unter diesen Kindern nur 12 normal oder annähernd normal waren, während die 
anderen 79 mehr oder minder pathologisch-neurotische Anzeichen — 17 sogar ziemlich 
schwere — aufwiesen. 

Diese Erkrankungen zerfallen in zwei Gruppen : 
I. Allgemeinsymptome, 
II. Organsymptome. 
Die ersten zerfallen wieder ; 

a) in solche rein körperlicher Natur (Dystrophie), 

b) in solche psychischer Natur. 

Abgesehen von den bei anderen Autoren gewürdigten Charaktereigenschaften 
des einzigen Kindes (wie Mutlosigkeit, Launenhaftigkeit, Ungeschicklichkeit etc.) ist 
in der letzten Gruppe hervorzuheben die ungewöhnliche Ängstlichkeit, die in 
verschiedenen Graden auftreten kann. 

Ausdrücklieh dystrophisch zeigten sich 14 Knaben und 18 Mädchen, was in 
der Mehrzahl der Fälle auf Appetitlosigkeit zurückging. Damit greifen wir bereits 
auf Gruppe II über, da von den Organsymptomen vor allem die Erscheinungen des 
Verdauungstraktes hervorzuheben sind : Appetitlosigkeit, Erbrechen, Obstipation. — 
Seltener finden sich Erkrankungen der Harnorgane (Enuresis) und der Atmungs- 
organe (Wegbleiben, Asthma nervosum etc.). 

Endlich stellen interkurrente Krankheiten bei einzigen Kindern an den Arzt 
besondere Anforderungen, da die Kinder selbst und deren Umgebung ausserordentlich 
zur Aggravation neigen. 

In der darauffolgenden Diskussion (12. Oktober) werden die einschlägigen 
Probleme ausführlich erörtert und besonders die pädagogisch-therapeutischen Gesichts- 
punkte zur Geltung gebracht. (Rank). 









Varia. 133 



Varia. 

Zum Thema des „einzigen Kindes" dürfte ein reizendes Gedicht von Eduard 
Mörike weiteres Interesse verdienen. 

Selbstgeständn is. 

Ich bin meiner Mutter einzig Kind, 
Und weil die andern ausblieben sind, 
Was weiss ich wieviel, die sechs oder sieben, 
Ist eben alles an mir hängen blieben; 
Ich hab' müssen die Liebe, die Treue, die Güte, 
Für ein ganz balb' Dutzend allein aufessen, 
Ich wills mein Lebtag nicht vergessen. 
Es hätte mir aber noch wohl mögen frommen, 
Hält* ich nur auch Schlag' für sechse bekommen. 

Der Begründer der Homöopathie über Ursachen der Neurose. Was an 

der psychoanalytischen Behandlung als ganz besonders wertvoll zu empfinden ist, 
liegt an dem menschlichen Verhalten von Patienten und Arzt. Die Psychoanalyse 
hat uns gezwungen, den Neurotiker nicht mehr als unangenehmen, widersetzlichen 
Menschen, als Narren zu behandeln, sondern völlige Gleichberechtigung herzustellen 
und uns der Autorität zu entschlagen. Oft zum ersten Male in seinem Leben hat 
der Patient das Gefühl, hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein. Seine Mitarbeit 
wird unentbehrlich. Er leistet kaum weniger als der Arzt, der nur die Anleitung gibt. 

Von den homöopathischen Ärzten ging die Behauptung, dass sie das wissen- 
schaftliche Defizit dadurch auszugleichen vei stünden, indem sie ein freundschaftliches 
Verhältnis zu dem Patienten anzubahnen wüssten, kurz, dass sie psychisch 
wirkten. Der folgende Brief Halmemanns zeigt uns diese Behauptung als gerecht 
fertigt. Dass aus solchen Beziehungen Einsichten zu schöpfen sind, wie sie den 
anderen Ärzten oft lange geheim blieben, ist leicht zu begreifen, Verf. spricht mit 
grosser Sicherheit eine Behauptung aus, die wir im wesentlichen bestätigen können: 
Die Gefahr der Askese. Dass er in der Entsagung das Heil sieht, mag ein Zug der 
Zeit, vielleicht Anschmiegsamkeit und Autoritätsglauben verschuldet haben, Aber 
er sieht die Zusammenhänge und hält sie der Patientin vor. Noch mehr, er deutet 
an, dass die Anfänge eines seelischen Leidens bis in die Kindheit 
zurückreichen und dort aus körperlichem Unwohlsein entsprungen 
sind. Er trainiert auf Unterwerfung, stattet aber diese mit solchen Lobeshymnen 
aus, dass sie fast wie ein Triumph gewertet werden kann. Der Brief ist an Jenny 
von Pappenheim gerichtet, stammt aus dem Jahre 1827 und findet sich in dem Buche: 
„Unter dem Schatten der Titanen" von Lilly Braun, 

„Die pünktliche Folgsamkeit, mit der Sie meinen Wünschen nachkommen 
und die Offenheit in Darlegung Ihres körperlichen Gemütszustandes in Ihrem 
Berichte verdienen meinen ganzen Beifall. Seyn Sie versichert, dass ich den 
innigsten Theil an Ihrem Wohle nehme, dass ich alles thun werde, Sie herzu- 
stellen. Auch Ihre trüben Ideen sind bloss Folgen Ihres körperlichen Unwohl- 
seyns, was bei Ihnen schon in zartester Kindheit begonnen haben muss. Mit 
der Gesundheit Ihres Körpers weichen aber jene niederschlagenden Vor- 
stellungen gänzlich. 



134 Varia - 

Bia hierher hatte diese melancholische Gemütsverstimmung doch den 
grossen Vorteil für Ihre Sittlichkeit, Sie vor dem Leichtsinn zu bewahren, 
welcher so oft junge Frauenzimmer Ihres Altera von dem edelen Ziele ihres 
Daseyns entfernt uod der modigen Frivolität Preis gibt. So hat der Allgütige 
selbst durch dieses Seelenleiden Ihnen eine Wohltat erwiesen in Sicherstelluag 
Ihrer Moralitat, deren Reinheit mehr als alle Güter der Welt wert ist". 

C. B. 

In dem Buche von Otto Weininger „Über die letzten Dinge" findet sieh 
folgende interessante Stelle: „Jede Krankheit ist Schuld und Strafe; alle Medizin 
muss Seelsorge werden. Es ist irgend etwas Unmoralisches, d. h. Unbewusates, das 
zur Krankheit führt und jede Krankheit ist geheilt, sobald sie vom Kranken selbst 
innerlich erkannt und verstanden ist.* 

Für die Psychoneurosen können wir diese Aasführungen bedingungslos be- 
stätigen. Dr - W - S ?- 

Das geringe Verständnis eines alten Arztes für der pavor nocturna» 
Kinder brandmarkt Thomas Mann in „die Buddenbrooks": 

„Dr. Grabow weiss es und alles, was er tut, ist, dass er uns sagt, was es 
ist, uns einen lateinischen Namen nennt: pavor nocturnus. Er ist ein lieber Mann, 
ein guter Hansfreund, alles, aber ein Licht ist er nicht. 

La Bruyere (1 64!>— 1696) war ein grosser Menschenkenner; man 
höre nur: 

„Eine unempfindliche Frau ist eine solche, die denjenigen noch nicht erblickt 
hat, den zu lieben sie gezwungen ist." 

Zum Schlüsse zwei Sätze von Nietzsche: 

Wenn ein Weib gelehrte Neigungen hat, so ist gewöhnlich etwas an ihrer 
Geschlechtlichkeit nicht in Ordnung. 

Man lügt wohl mit dem Munde, aber mit dem Maule, das man dabei macht, 
sagt man die Wahrheit. Dr. ■"■ **' 

Der „Internationale Orden für Ethik und Kultur" wendet sich mit einem 
Aufruf an alle Lehrer, Erzieherinnen, Väter, Mütter, Schriftsteller, an alle Menschen- 
freunde. „Neue Lesebücher für die Jngend sollen herausgegeben werden. Kein abschrek- 
kendes.hässliches Laster, nur schöne, edleTugend! Jede Erzählung muss kurz und inhalt- 
reich sein, edel und fein in der Form und dem jeweiligen Alter entsprechend, z. B. 
für vorschulpflichtige Kinder als Ersatz für die oft bedenklichen Märchen; für 
Unter-, Mittel- und Oberstufe je für Knaben und Mädchen ohne irgend welche wenn 
auch gut gemeinte Unwahrheiten, wie Storchmärchen u. dgl.; für Jünglinge und 
Jungfrauen je nach frühem oder reiferem Lebensalter. Dem höheren Alter ent- 
sprechend können die Erzählungen etwas länger werden. Auch das Geschlechts- 
leben, dieser beachtenswerte Faktor im Guten und Bösen, ist ent- 
sprechend dem Alter und den Forderungen moderner Erziehungs- 
prinzipien, die alle Geheimnistuerei und Lüge als höchst schäd- 
lich verwerfen, in vorsichtiger und zarter Weise zu berücksich- 
tige n.* 

Jeder, der sich befähigt fühlt, spende sein Scherfiein zum Wohle der Mensch- 
heit und sende es an den Schriftführer des .Internationalen Ordens für Ethik und 
Kultur", Herrn Alfred Knapp in Zürich, Postfach Hauptpost Nr. 6605, bis spätestens 
1. Februar 1911." 

Sammelforschung für Traumsymbole. Auf dem zweiten Kongresse der 
Psychoanalytiker wurde die Sammelforschung für Traumsymbolik beschlossen und 



Varia. 135 

«in dreigliedriges Komitee mit der Durchführung der Sammlungen betraut. Es handelt 
sich darum, an schönen beweiskräftigen Beispielen bisher unbekannte Traumsymbole 
aufzuklären. Es wird ersucht, das Material an einen der Unterzeichneten einzusenden. 
Die Analyse möglichst genau. Beispiele ohne Analyse können nicht verwendet 
werden. Die Publikation erfolgt dann periodisch in einem der uns zur Verfügung 
stehenden Organe. Dr. Karl Abraham, Berlin W., Rsukestrasse 34; Dr. Alphonse 
Mae der, Kreuzungen; Dr. Wilhelm Stekel; Wien L, Gonzagagaese 21. 

Kurse für Psychoanalyse. Die Wiener psychoanalytische Vereinigung hat 
beschlossen, Kurse für Anfänger und Vorgeschrittene zur Verbreitung des Verständ- 
nisses der Psychoanalyse lesen zu lassen. Den ersten Kurs „Die Technik der 
Psychoanalyse* liest Dr. Sadger (Wien IX., Lichten steinstrasse 15) vom 15. XII. 
bis 15. I. 1911. Dr. Alfred Adler vom 15. I. bis 31. L: „Einführung in die 
Psychoanalyse. Dr. Wilhelm Stekel vom 1. II. bis 28. IL; „Die Praxis der 
Psychoanalyse" (mit Krankendemonstrationen und praktischen Übungen). 

Freud'» Sammlung kleiner Schriften in Neurosenlehre (1893—1906) sind 
soeben in zweiter unveränderter Auflage erschienen. 

Von Dr. Oskar Pflster, Pfarrer in Zürich, ist als achtes Heft der „Schriften 
aur angewandten Seelenkunde", eine grössere Arbeit erschienen: Die Frömmigkeit 
des Grafen Ludwig von Zinsendorf. (Ein psychoanalytischer Beitrag zur 
Kenntnis der religiösen Sublim ierungsprozesse und zur Erklärung des Pietismus. 
Leipzig and Wien. Franz Deuticke. 1910. 

Von Dr. Wilhelm Stekel erscheint demnächst im Verlage von J. F. Berg- 
mann ein grösseres Werk über den Traum, das der Autor die „Sprache des 
Traumes" benannt bat. Es wird eine zusammenfassende Darstellung seiner For- 
schungen auf dem Gebiete der Traumsymbolik enthalten. 

Dozent Dr. N. C. Ossypow (Moskau) und Dr. Feldsmann (Moskau) 
geben eine „Psychotherapeutische Biblio thek" heraus, als deren erstes Heft 
die russische Übersetzung der Freud'schen Vorlesungen „Über Psychoanalyse" bereits 
vorliegt. Als HL Heft dieser Reihe ist die Übersetzung der „Drei Voilesun— l über 
Sexualtheorie" angekündigt. 

Freud's Traumdeutung (IL Auflage) ist vergriffen. Eine dritte Auflage ist 
in Vorbereitung. 

Der 28. Deutsche Kongress für innere Medizin findet vom 19. bis 22. April 
1911 in Wiesbaden statt unter dem Präsidium des Herrn Kr eh l (Heidelberg). Das 
Referatthema, welches am ersten Sitzungatage : Mittwoch, den 19. April 1911 zur 
Verhandlnng kommt, ist: Über Wesen und Behandlung der Diatbesen. 
Referenten sind die Herren: His (Berlin); Geschichtliches und Diathesen in der mneren 
Medizin. Pf aundler (München): Diathesen in der Kinderheilkunde. Bloch (Basel): 
Diathesen in der Dermatologie, 

Vortragsanmeldungen nimmt der Sekretär des Kongresses, Geheimerat Dr. 
Emil PfeiffVr, Wiesbaden, Parkstiasse 13, entgegen zur Weitergabe an den 
Vorsitzenden. Vorträge, deren wesentlicher Inhalt bereits veröffentlicht ist, dürfen 
nicht zugelassen werden. 

Die Schriftleitung: 



Dr. Alfred Adler, 
Wien II, Praterstrasse 42. 



Dr. Wilhelm Stekel, 

Wien I, Gonzagagasse 21.