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Full text of "Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik V 1931 Heft 1"

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ZEITSCHRIFT FÜR 

PSYCHOANALYTISCHE 
PÄDAGOGIK 





















• 










INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



. 



ZEITSCHRIFT FÜR PSYCHO- 
ANALYTISCHE PÄDAGOGIK 



V. Jahrgang Januar 1931 Heft 1 



Psychoanalyse und Sexualerziehung 

Von Dr. Heinrich Meng, Frankfurt a. M. 

Einer der wesentlichsten Fortschritte der modernen Medizin ist die Er- 
kenntnis, daß Krankheit nicht eine Ursache hat, sondern daß eine Reihe 
von Bedingungen zusammentreffen müssen, um ein Lebewesen krank zu 
machen. Dieser konditionale Gesichtspunkt hat viele alte Anschau- 
ungen über den gesunden und kranken Menschen umgestoßen. Er ver- 
ändert auch allmählich die Instrumente, die der Arzt zur Vorbeugung und 
zur Heilung der Krankheit verwendet. 

Als Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, vor rund 
30 Jahren die Mittel prüfte, mit denen man damals Menschen, deren 
Organe zwar gesund waren, während die Funktionen der Organe Störungen auf- 
wiesen, untersuchte und behandelte, stellte er fest, daß die Wissenschaft mit 
unzulänglichen Mitteln an Menschen arbeitete. Diese Störungen waren völlig 
rätselhaft. Die Wissenschaft um igoo kannte gar nicht die Tragweite seeli- 
scher Eingriffe, die sie vornehmen ließ oder deren Unterlassung sie an- 
empfahl, und überhaupt nicht die Eigenart des funktionell oder seelisch 
Kranken. Eine Gleichung, die lauter Unbekannte enthält, ist unlösbar, 
wenn nicht der Zufall die Lösung bringt. Auf diesen Zufall wollte Freud 
nicht warten und so ging er an eine sehr mühsame Arbeit, das Instru- 
ment zu ändern und das Rätsel des Seelischkranken zu lösen. 

Man muß sich für einen Augenblick die Konstellation des 19. Jahr- 
hunderts zurückrufen : Es waren die Jahrzehnte eines Helmholt z, Justus 
von Liebig, Rokitansky, Virchow, Pasteur, Robert Koch, 
Ehrlich; Augenspiegel, Seziermesser, Tierversuch, Reagenzglas, Mikro- 
skop und Waage hatten nüchtern und klar Aufschluß gegeben über physi- 
kalische, chemische, pathologisch-anatomische, bakteriologische und toxi- 
kologische Tatsachen, Zusammenhänge und Abläufe im pflanzlichen, tieri- 
schen und menschlichen Organismus. Entscheidende Entdeckungen, auf 
die die moderne Medizin keinesfalls verzichten könnte, wirkten sich für 
Diagnostik und Therapie aus. Es lag nahe, die Ergebnisse dieser zählenden 



und messenden Medizin auch auf die Beurteilung und Behandlung des 
Funktionell-Kranken anzuwenden. Weder die grobe, pathologisch-anatomische, 
noch die mikroskopische Untersuchung des Gehirns und des Nervensystems 
hatten bei dieser Krankheitsgruppe Anhaltspunkte für eine ätiologisch faß- 
bare Veränderung. Kranke, die unter der sehr allgemein gehaltenen Diagnose 
„Hysterie" und „Neurasthenie" beurteilt und behandelt wurden, wurden 
— in genetischem Sinn — keiner Therapie unterzogen; der Arzt ignorierte 
meist ihr Leiden als Angelegenheit des „bösen Willens". Die Maßnahmen 
standen deshalb nicht selten unter dem Zeichen der Verachtung oder der 
Bestrafung. Bezeichnend ist, daß, wie Alfred D ö b 1 i n gelegentlich be- 
richtet, an den Tafeln hysterisch Kranker in der Berliner Charite oft die 
Worte T. M. = Total meschugge zu lesen waren, die Behandlung wird 
dementsprechend gewesen sein. 

Freuds große Leistung war: Seelisches durch Seelisches zu erkennen 
und zu behandeln. Das Problem des seelisch Kranken war für ihn, gleich- 
sam aus den seelischen Narben des Kranken Schlüsse zu ziehen auf die 
früheren Wunden. Die Psychoanalyse wurde ein Instrument, das bei der 
seelischen Untersuchung und Therapie ähnlich wirksam war, wie das 
Messer des Chirurgen; beide müssen unter richtiger Indikation und mit 
der richtigen Technik angewandt werden. Bevor so das Unbewußte 
durch Freud für die medizinische Wissenschaft entdeckt war, verließ man 
sich als Arzt und Beobachter des Kranken ganz auf das bewußte Wissen 
des Leidenden und beachtete nicht, daß er Wesentliches vergessen hat und 
anderes nur in Symptomen zur Darstellung bringt, deren Sinn ihm selten 
oder nur zum Teil bewußt ist. Erst die Kenntnis des Unbewußten, jenes 
Beiches des Primitiv-Seelischen und Triebhaften, des ererbten Instinkts, 
ermöglichte es, eine Trieblehre zu schaffen. Freud erschloß in der 
Seele des Funktionell-Kranken Tendenzen, die einander bewußt oder un- 
bewußt widersprachen und die den Aufbau einer triebbeherrschenden und 
realitätsangepaßten Persönlichkeit unmöglich machten. Der Konflikt 
als wesentliche Bedingung bei der Entstehung seelisch bedingter Leiden, 
das Haftenbleiben an kindlichen Verhaltungs weisen, um der Bealität des 
Beifseins aus dem Wege zu gehen, waren weitere entscheidende Ent- 
deckungen der Freudschen Forschung. 

Im 19. Jahrhundert hatten die Lehren von Darwin und Häckel 
entwicklungsgeschichtliche Tatsachen gefördert, die die Freudschen Ent- 
deckungen leichter verstehen lassen. Darwins Forschung hatte den Beweis 
erbracht, daß die alte Anschauung von der Unveränderlichkeit der Arten 
falsch sei. Nachdem Lamarck, St. Hilaire, Goethe schon mehr oder 
weniger klar den Gedanken einer allmählichen Veränderung der Arten 
ausgesprochen hatten, zeigte Darwin, daß einer der wichtigsten ursäch- 
lichen Faktoren zum Verständnis der Art und des Individuums die Tat- 
sache des allmählichen Umwandlungsprozesses durch Milieueinflüsse sei. 
Häckel stellte dann das „biologische Grundgesetz" auf, das besagt: „Höhere 

- 6 - 



, 



Lebewesen durchlaufen im Embryonalzustand die gesamte Entwicklung 
ihrer Stammesvorfahren. Die biomechanische Forschung konnte zeigen, 
daß ein Nadelstich in das unbefruchtete oder befruchtete Ei tiefe Verände- 
rungen in der Entwicklung des wachsenden Lebewesens setzen kann. Freud 
wies das Gleiche für das Seelische nach. Robert Mayer hatte das Gesetz 
gefunden: es geht in der materiellen Welt keine Energie verloren. Freud 
hat das gleiche Gesetz für die psychischen Energieprozesse entdeckt. Bern- 
feld und Feitelberg haben in einer Arbeit die Probleme des Triebs 
und der psychischen Energie, Libido und deren Meßbarkeit einer gründ- 
lichen Untersuchung unterzogen, die Tragweite dieses Versuchs für Natur- 
wissenschaft und Psychologie ist im Augenblick nicht abzusehen, scheint 
mir aber sehr bedeutungsvoll. 

Vor Freud war die Anschauung bei Ärzten verbreitet, daß das normale 
Kind keine sexuellen Äußerungen zwischen seinem ersten Schrei und der 
Pubertät zeige. Es galt als abnorm, wenn einzelne Kinder offenkundig 
dieser Regel widersprachen oder entgegenhandelten. Die Pubertät schien 
der erste Vorstoß allmählich wachsender Geschlechtlichkeit zu sein. Wir 
wissen heutzutage, daß alle Jahre bis zur Pubertät unter dem Einfluß 
geschlechtlicher Reifung stehen. Lipp schütz konnte zeigen, daß das 
zweite Viertel der Embryonalzeit die erste Pubertät einleitet und daß 
Pubertätsvorgänge im wechselnden Auf und Ab, in Vorstoß und Latenz 
durch die ganze Kindheit sich abspielen. Die nüchternen Tatsachen wissen- 
schaftlicher Beobachtungen, wie sie Freud in den „Drei Abhand- 
lungen zur Sexualtheorie" 1905 veröffentlichte, wurden ergänzt 
durch Beobachtungen von Ärzten, Erziehern und Richtern, die allmählich 
anerkannten, daß jedes Kind, sowohl das gesunde wie das kranke, be- 
stimmte sexuelle Phasen durchmacht. Man hat durch Freud gelernt, den 
Begriff der Sexualität zu erweitern, indem man auch all die Äußerungs- 
formen mit einbezieht, die in weiterem Zusammenhans mit der allmäh- 
liehen Reifung des Geschlechtapparates stehen, auch die, welche der Funk- 
tion der Fortpflanzung nicht dienen. Da Freud von jeher den Konflikt im 
Triebleben in den Vordergrund seiner Krankheitsforschung stellte und da 
bei diesem Konflikt die Sexualität eine führende Rolle spielt, ist es zu 
verstehen, daß Unkundige annehmen, Freud kümmere sich nur um die 
sexuelle Seite des Menschen. Vor seiner Forschung hat die Wissenschaft 
die menschliche Sexualität nie einer gründlichen naturwissenschaftlichen 
Untersuchung unterzogen. Die persönliche Gleichung, die geistige und 
affektive Blindheit vieler Forscher, ihre Amnesie für eigenes Erleben, das 
Mißtrauen gegen die Strenge der Determinierung alles Seelischen, die 
mangelnde beobachtende, tendenzfreie Aufmerksamkeit der Ärzte und Psycho- 
logen für alle Äußerungen sogenannter gesunder und abnormer Persön- 

1) Bernfeld-Feitelberg. „Energie und Trieb" Internat. Psycho- 
analytischer Verlag, Wien, 1930. 

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lichkeiten hatten Anteil an der Verdrängung und Verleugnung der Realität 
des menschlichen Trieblebens. 

Bevor wir das Problem der Sexualerziehung von der Lehre 
Freuds aus näher betrachten, seien einige Grundbegriffe kurz erläutert. 
Das Unbewußte trägt in seinem Kern ererbte psychische Bildungen, 
dem Instinkt der Tiere analog. Das Verständnis der Funktionell-Kranken 
war dadurch erschwert, daß die Forscher von den unbewußten Vorgängen, 
die zur Krankheit in Beziehung standen, nichts feststellen konnten, weil 
das Instrument der Untersuchung fehlte. Hatte Freud zuerst durch die 
Hypnose einen schattenhaften Einblick in das Unbewußte genommen, so 
verschärfte sich die Leistungsfähigkeit seines Sehens in dem Maße, als er 
dem Kranken im Wachbewußtsein Wege zeigte, allmählich selbst Ver- 
gessenes zu erinnern und die Determinierung seines Krankwer- 
dens und Krankbleibens zu entdecken. Diese neue Technik, bei der 
der Kranke sich ausspricht, ohne sich zu kontrollieren, was seine Worte 
und seine Handlungen letzten Endes bedeuten, erschloß den Sinn des 
Traumes und der Fehlleistung. Freud entdeckte, welchen Kampf 
es jeden Menschen kostet, reif und kultiviert zu werden und sich der Ge- 
sellschaft anzupassen. Jeder ist bei diesem Prozeß gezwungen, zu verdrän- 
gen und zu sublimieren. Bei der Verdrängung werden Vorstellungen 
aus dem Bewußtsein weggeschoben, die aus irgend welchen Gründen Kon- 
flikte mit sich brachten, deren Lösung mißlang. Bei der gelungenen Ver- 
drängung geschieht dies ohne Angstentstehung und ohne Symptombildung, 
bei der mißlungenen Verdrängung wird das seelische Gleichgewicht dauernd 
dadurch gestört, daß das verdrängte Material sich immer wieder dem Be- 
wußtsein aufdrängt und das affektive Verhalten beunruhigt. Bei der ge- 
lungenen Verdrängung stellt sich der sexuelle Trieb auf ein nichtsexuelles 
Triebziel ein, z. B. auf ein kulturell-wertvolles, intellektuelles, soziales oder 
künstlerisches Ziel. 

Vielleicht wird diese Kennzeichnung der Lehre Freuds genügen, um 
von hier aus Vorschläge zu einer Sexualerziehung zu machen. Die Not- 
wendigkeit einer solchen Erziehung wird wohl kaum mehr bezweifelt. Die 
Öffentlichkeit und der Staat haben endlich in den letzten Jahren sich um 
diese Angelegenheit gekümmert. Eine ziemlich große Zahl von Schulen hat 
den „Zettelkasten" eingeführt, d.h. es werden Kästen aufgestellt, in die die 
Schüler Fragen einwerfen. Es dürfen auch anonyme Fragen gestellt werden. 
Man geht wohl dabei von dem Gesichtspunkt aus, daß bei jedem noch so 
sorgfältig ausgearbeiteten Lehrplan eine Reihe von Dingen im Schulunter- 
richt unberührt bleiben, die den Heranwachsenden interessieren. Es würde 
viel zu weit führen, hier eine Zusammenstellung der Fragen vorzulegen, 
die immer wiederkehren. Sie sind selbstverständlich verschieden, je nach 
dem Charakter der Schule, also je nachdem es Volksschulen oder Mittel- 
schulen, arme oder reiche Stadtteile sind, je nachdem Schüler oder Schüler- 
innen fragen. Berliner Schuldirektoren, wie Seeling und Kaveran 

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haben kürzlich einige Fragen ihrer Schulen veröffentlicht und betont, daß 
die sexuelle Frage verhältnismäßig oft wiederkehrt. Es ist übrigens noch 
nicht lange her, daß eine Lehrerin auf die Frage, was Geschlechtskrank- 
heiten seien, folgendermaßen antwortete: „Geschlechtskrankheiten sind Krank- 
heiten, über die ein anständiger Mensch nicht spricht und die sich an ver- 
borgenen Stellen des Körpers befinden." In einem Berliner Fragekasten fanden 
sich u. a. folgende Fragen: Ich möchte gerne wissen, wie es in meinem 
Körper aussieht? — Warum schreien jetzt die Katzen in der Nacht immer 
so? — Wie entsteht ein Mensch? — Was hat eine Hebamme zu tun? — 
Was ist Spiritismus? — Was bezeichnet das Wort: Unterleibskrankheit? — 
Warum bekommt man unter den Armen Haare? — Wie kommt es, daß 
Kinder im Mutterleib keine Luft brauchen? 

Man hat kürzlich das Material über die Sittlichkeitsvergehen an höheren 
Schulen und ihre disziplinare Behandlung einer amtlichen Durchsicht 
unterzogen. Der preußische Minister für Wissenschaft, Kunst und Volks- 
bildung, Dr. Becker, forderte die zwei Professoren: Hof mann, Leipzig, 
und William Stern, Hamburg, auf, den in den Schulen vorhandenen 
Schriftsatz durchzusehen und sich öffentlich zu äußern. Beide Gutachter 
sind weder Psychoanalytiker, noch stehen sie der psychoanalytischen Forschung 
nahe. Ihre Gutachten wurden unabhängig voneinander niedergeschrieben 
und widersprachen sich in nichts Wesentlichem. Einige Feststellungen sind 
besonders bemerkenswert, weil sie außerhalb der Schule Freuds meist Er- 
staunen hervorrufen. Hofmann weist darauf hin, daß selbst schwere sittliche 
Verfehlungen keinen Rückschluß auf den Charakter des Jugendlichen ziehen 
lassen, weil Milieu und andere Außeneinflüsse oft entscheidend mitspielen 
für Charakterentwicklung und Verhaltungsweise. Ein weiteres Ergebnis ist 
folgendes: Das Sexualleben eines Jugendlichen steht niemals im Einklang 
mit den ethischen Normen des Erwachsenen. Anfangs ist der Jugendliche 
noch verhältnismäßig sorglos in der Äußerung seiner Sexualregungen, weil 
sie spielerischer Art sind, während er in späteren Jahren immer vorsichtiger 
sich verhält. Die Schule erhält nur ausnahmsweise Kenntnis von Sexual- 
verirrungen eines Schülers, während die Schüler untereinander viel besser 
Bescheid wissen. Die abschreckende Wirkung der Schulstrafe bei Sexual- 
verfehlungen empfiehlt sich nicht. Erziehungsarbeit kann hier wirklich 
etwas leisten. Mit moralischer Belehrung ist den Jugendlichen sehr wenig 
genützt, auch nicht mit Aufklärung physiologischer Vorgänge. Die not- 
wendigste Hilfe ist, daß der Jugendliche einer erfahrenen Persönlichkeit 
gegenüber sich aussprechen kann. Hofmann meint, daß hier die Psycho- 
analyse richtig sehe. Der Schwerpunkt sexualpädagogischer Arbeit liege auf 
richtigem seelischem Kontakt mit geeigneten Erwachsenen. Hofmann weist 
ferner darauf hin, daß zwei Fehlerquellen besonders zu beachten seien; die 
eine ist die, daß man durch Strafe zu erziehen versuche, die andere die 



i) Verlag von Quelle & Meyer, Leipzig 1930. 

— 9 — 



falsche Annahme, daß sexuelle Vergehen des Heranwachsenden Ausnahme- 
erscheinungen seien. 

Stern hält es für absolut sicher, daß unter den Ursachen der sexuellen 
Schwierigkeiten des Schülers die mangelhafte Vorbildung des 
Lehrers eine bedeutsame Rolle spiele, ebenso wie das ungeschickte häus- 
liche Verhalten bei Kindern, die sexuell gefährdet sind. Auch die beiden 
genannten Autoren, keine Anhänger der Psychoanalyse, meinen: „Daß die 
Kinder kein Sexualleben haben, wäre — von allen Beobachtungen abge- 
sehen — biologisch ebenso unwahrscheinlich, ja unsinnig, wie daß sie keine 
Genitalien mit auf die Welt brächten." 

Vermutlich werden bald die meisten Erzieher davon überzeugt sein, daß 
die Tatsache der Sexualiät des Kindes uns die Verpflichtung auf- 
erlegt, für die normale sexuelle Entwicklung in jedem Lebensalter besorgt 
zu sein. Als Wedekind vor rund 40 Jahren mit seinem Drama „Früh- 
lingserwachen" den Kampf gegen die damalige Erziehung aufnahm, stand 
die Frage: „Wie sag' ich's meinem Kinde?" im Vordergrund des Interesses. 
Wenn man viel mit Heranwachsenden spricht, bemerkt man, daß diese 
Frage nicht mehr aktuell ist. Schon mancher Jugendliche, der den Arzt 
aufsuchte und ihm dabei etwas von seinen inneren Konflikten erzählte, 
berichtete über seine Ratlosigkeit, wie er mit seinen Eltern sprechen 
könne über sein tatsächliches Wissen, ohne daß die Eltern annähmen, er 
sei durch die Aulklärung der Schule, Straße, Zeitung, Kino verdorben 
worden. Für die Generation 1930 kann man fast umgekehrt von dem 
Problem sprechen: „Wie sag ich's meinen Eltern, was ich selbst gefunden 
und von anderen erfahren habe?" Man kann von einer autonomen, d. h. 
selbsttätigen Aufklärung des Heranwachsenden sprechen in körperlicher 
und seelischer Hinsicht. Jahr um Jahr ändert sich der Körper des Wach- 
senden und nähert sich allmählich dem körperlich reifen Menschen. Hier- 
bei gibt es Zeiten, in denen der Drüsenapparat stärker arbeitet. Wir ver- 
muten, daß das Kind auf Grund der Erbschaft von Jahrtausenden, ange- 
regt durch bewußte und unbewußte Beobachtungen in seiner Umwelt, ur- 
altes Wissen von Zeugen, Befruchtetwerden, Gebären und Geboren werden 
belebt, oder in anderen Worten, daß sein latentes oder schlafendes Wissen 
von seiner Entstehung ihm im Lauf der Entwicklung allmählich bewußt 
wird. Die psychoanalytische Erziehung ist bemüht, jede ver- 
meidbare Störung in diesem Bewußtwerden zu verhindern. Sie wird lern er 
getreu der im Kind selbst allmählich ablaufenden biologischen Aufklärung 
bemüht sein, den Prozeß weder zu beschleunigen noch zu hemmen. Die 
psychoanalytische Sexualerziehung, fußend auf den Erkenntnissen Freuds, 
legt den Hauptwert auf eine der In- und Umwelt des Einzelnen ange- 
paßte Trieberziehu n g. Es wurde schon manchesmal die Frage auf- 
geworfen, ob Erziehung überhaupt mehr schadet als nützt. Wir wissen 
aber, daß jedes Tier und der Mensch ein Führungsbedürfnis auf- 
weist, daß also Erziehung berechtigt und nützlich ist. Weshalb Erziehung 

- 10 — 



so oft scheiterte und scheitert, liegt vor allem in der mangelhaften Er- 
kenntnis der menschlichen Seele und ihrer Entwicklungsstadien und in 
der schlechten Einfühlung in das Kind. Es ist keineswegs ein kleiner Er- 
wachsener, sondern ein Wesen mit eigensten Gesetzen. 

Das Verhalten der Erwachsenen, die im Kind die Illusion zu erwecken 
versuchen, sie seien erhaben über jene Nöte, die den Menschen von Geburt 
bis zum Tode bewegen, stört die autonome Entwicklung des Heranwach- 
senden. Nur die Gestalt der Konflikte und die Resonanz, die sie im Ein- 
zelnen erwecken und vorfinden, wandeln sich. Freud hat in klarer Form 
herausgehoben, was im Mittelpunkt einer Neueinstellung künftiger Er- 
ziehung stehen mußte, wenn die Erwachsenen sich ihrer Aufgabe bewußt 
werden. In seinem Buch „Das Unbehagen in der Kultur" heißt 
es: „Daß sie dem jugendlichen Menschen verheimlicht, welche Rolle die 
Sexualität in seinem Leben spielen wird, ist nicht der einzige Vorwurf, 
den man gegen die heutige Erziehung erheben muß. Sie sündigt außer- 
dem darin, daß sie ihn nicht auf die Aggression vorbereitet, deren Objekt 
er zu werden bestimmt ist. Indem sie die Jugend mit so unrichtiger 
psychologischer Orientierung ins Leben entläßt, benimmt sich die Er- 
ziehung nicht anders, als wenn man Leute, die auf eine Polarexpedition 
gelien, mit Sommerkleidern und Karten der oberitalienischen Seen aus- 
rüsten würde. Dabei wird ein gewisser Mißbrauch der ethischen Forde- 
rungen deutlich. Die Strenge derselben würde nicht viel schaden, wenn 
die Erziehung sagte: So sollten die Menschen sein, um glücklich zu wer- 
den und andere glücklich zu machen ; aber man muß damit rechnen, daß 
sie nicht so sind. Anstatt dessen läßt man den Jugendlichen glauben, daß 
alle Anderen die ethischen Vorschriften erfüllen, also tugendhaft sind. Da- 
mit begründet man die Forderung, daß er auch so werde." 

Eine der großen Leistungen Freuds ist, die allerfrühesten Phasen und 
tiefsten Schichten des kindlichen Seelenlebens beschrieben zu haben. Er 
konnte zeigen, daß außer der mitgebrachten Konstitution von entscheiden- 
der Bedeutung für spätere Genußfähigkeit. Arbeitsfähigkeit und Reife die 
Idealbildung ist, die das Kind schon sehr früh auf Grund der Eindrücke 
seines Milieus anbahnt. Vor allem richtet sich das Kind in seiner Fähig- 
keit, Triebe zu zähmen und zu beherrschen, nach dem Verhalten der Menschen, 
die es liebt und verehrt. Es wird also nur der Erzieher geeignet sein zum 
Erziehen, der gleichmäßig und ausgeglichen das leistet, was er vom Kind 
verlangt. Freud konnte zeigen, daß die ersten fünf Jahre entscheidend sind 
für Charakter und Gewissensbildung, ferner, daß in diesen Lebensabschnitten 
jedes Kind sexuelle Phasen durchmacht, deren Erledigung stark abhängig 
ist vom Verhalten der Umwelt. Bei normaler Charakterentwicklung wird 
diese frühe Periode in der Triebentwicklung ohne wesentliche Narben über- 
wunden, während der neurotische Mensch stecken bleibt und frühkindliche 
Bindungen des Haßes und der Liebe, des Trotzes, des Zweifels und der 
Schuld nicht löst. Jede Neurose des Erwachsenen baut sich auf einer kind- 

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liehen Neurose auf. Ohne Kenntnis des Unbewußten wäre das nicht zu ver- 
stehen, auch nicht ohne Kenntnis der Tatsache, auf die schon Binet hin- 
wies, daß die Anlage zu allen überhaupt möglichen Perversitäten im Klein- 
kind vorhanden ist. Der psychoanalytisch eingestellte Erzieher weiß, daß 
die geistige Persönlichkeit, die im Kind allmählich wächst, unter dem 
Widerspruch verschiedenster triebhafter Tendenzen leidet. Er bemüht sich, 
die Gewissensbildung im Kind zu unterstützen, die letzten Endes verant- 
wortlich ist für die Fähigkeit, ohne krank zu werden, zu verdrängen und 
zu sublimieren. Er weiß, daß das individuelle Gewissen das jüngste 
Kulturprodukt der Menschheit ist und daß es — wie das kollektive Ge- 
wissen — aus äußerer Not entstanden ist. Er weiß, daß Angst und Zwang, 
Strafe und Schuldgefühl die normale Ichbildung stören und dem Kind die 
Loslösung von den zu überwindenden und weiter zu entwickelnden Ideal- 
bildungen seiner Frühzeit erschweren. Er sieht seine Hauptaufgabe darin, 
die sexuellen Äußerungen zu überwachen und zu leiten, das Ehr- und 
Schamgefühl zu wecken, ohne Prüderie und Heuchelei und Schuldgefühle 
zu begünstigen. Er weiß, daß Angst und damit eine Reihe von sogenannten 
Störungen auch dann entstehen, wenn er dem Kind Eindrücke zumutet, 
die es sexuell erregen. Er bemüht sich durch wahrhaftiges Verhalten, den 
natürlichen Prozeß seiner Einsicht in die Realität zu fördern. Er weiß, 
daß der tiefere Kern der werdenden Persönlichkeit des Kindes wenig mit 
dem Intellekt zu tun hat, aber viel mit der Entwicklung seines Instinktes. 
Lfm das zu leisten, muß der Erwachsene selbst im affek- 
tiven Gleichgewicht sein, seine eigene Aufklärung muß 
abgeschlossen sein. 

Der Schwerpunkt der psychoanalytisch orientierten Sexualerziehung liegt 
in der Nacherziehung des Erwachsenen und in seiner Anpassung an das 
Kind. Sexuelle Aufklärung ist weniger eine Angelegenheit des Wortes als 
des gesamten Verhaltens der Umwelt. Vermittlung von intellektuellem Wissen 
ist viel unwichtiger als Ordnung und Führung in der Triebentwicklung. 
Die Sexualpädagogik der Schule ist erst dann zu leisten, wenn die Forderung, 
wie sie auch Hofmann und Stern stellen, erfüllt wird, daß Lehrer und 
Pädagogen wieder Kontakt bekommen mit ihrer eigenen Problematik als 
Heranwachsende und aus der biologischen, physiologischen und psycholo- 
gischen Erfahrung lernen, ihren Schülern, die fast immer innerlich Ringende 
sind, als väterliche Berater zu helfen. Wir sind überzeugt, daß der Weg 
einer psychoanalytisch orientierten Sexualerziehung nicht nur zum besseren 
Verständnis des Heranwachsenden führt, sondern vor allem zum tiefen Er- 
kennen des Wesens des Einzelnen und der Menschheit! 









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Bilderbücher' 
Von Erik Homburger, Wien 

Wir haben im Montessori-Seminar eine Reihe der verschiedensten Bilder- 
bücher betrachtet. Sie haben uns den starken Eindruck hinterlassen, daß sie 
alles in allem eine kleine umgrenzte Welt sind, die die große wirkliche Welt 
in bestimmten Verzerrungen widerspiegelt. Dies möchte ich psychologisch be- 
legen — obwohl die Vielfalt zunächst verwirrt: wir sahen den drohenden 
Struwelpeter in seiner magischen Zeichnung, die Spielzeugbilder mit ihren star- 
ken Farben — und manche jener merkwürdigen Blätter, die in zarter Darstel- 
lung eine süße, blasse Mimosenwelt zeigen. 

Von diesen allen abgesondert hat uns ein einzelnes Licht geschienen : der un- 
vergängliche Humor des „Max und Moritz", des „Adamson". Sie sind nicht 
unmittelbar für Kinder erdacht; der gereifte Humor spricht aus ihnen zum 
empfänglichen Menschen überhaupt. Ich spreche später über sie. 

* 

Nehmen wir zunächst ein Wort heraus, das ich oftmals höre. Der Struwel- 
peter sei „sadistisch". Dabei muß dies Wort beim Struwelpeter doch noch einen 
anderen Sinn haben als etwa bei einem anderen „sadistisch" zu nennenden Buch, 
das ich ihm hier gegenüberstellen will: ich meine ein Bilderbuch, welches sich 
gegen die Tierquälerei wendet, indem es auf jeder Seite eine Tierquälerei zeigt. 
Dort wird es schnell klar, daß solche Darstellungen die grausamen Impulse eher 
anregen als besänftigen. Der Struwelpeter aber stellt nicht nur Szenen dar, wo 
fremde Wesen gequält werden, sondern auch solche, wo ein Kind — ein dem 
Lesenden identisches Wesen — bestraft wird. Wir alle wissen, daß man sich 
beim Lesen mit dem Helden des Buches eins fühlt; so können wir auch für 
dieses Buch folgern, daß sich die Kinder im dargestellten Struwelpeter gestraft 
fühlen — und wir wissen, mit wieviel Ausdauer und nie vergessenem Genuß. 
Auch die Erschrockenen kehren dazu zurück. 

Wir erkennen hier zwei Interpretier ungen des Wortes „sadistisch". Zum 
„grausam gegen andere" kommt das „grausam gegen sich selbst" ■ wie wir 
sofort verstehen, eine weit gefährlichere Interpretierung; denn die nach außen 
gewendete Grausamkeit findet ihr Ende an der Stärke der anderen Wesen, die 
sich wehren — wo aber soll die Grausamkeit gegen sich selbst, diese paradoxe 
Neigung, ein Ende haben? Über sie will ich später Einiges sagen, denn mir 
scheint, wenn man gewisse Wirkungen verdammt, sollte man sie an der Wurzel 
zu erkennen versuchen, sonst kommen sie auf unvorhergesehenen Wegen wieder. 

* 

Wir fragen uns: Woher kommt es, daß der Erwachsene dem Kind Bücher 
zeichnet, die grausam oder kindisch sind — und warum erweckt es beim Kind 
Freude und Behagen, sich selbst bestraft oder übermäßig kindlich und süßlich 

l) Referat im Seminar des „Hauses der Kinder", Wien. 

— 13 - 



dargestellt zu sehen? Wollten wir dem Zeichner sagen, er wisse nicht, wie ein 
Kind die Welt sieht, so kann er sich auf seine Wirkung berufen und vermuten, 
er wisse es wahrscheinlich hesser als wir. Das scheint auch irgendwie so zu 
sein, und wir müssen versuchen zu finden, welcher gemeinsame Wunsch die 
beiden, den Zeichner und das Kind, zusammenführt. 

Ich möchte einen Moment ablenken und auf gewisse Bilder der mittelalter- 
lichen Malerei hinweisen, die leicht herauszufinden sind. Auf vielen Darstellungen 
der Mutter Gottes oder der Heiligen Familie sieht man in der Reihe inniger 
reifer Menschengesichter das Antlitz des kleinen Heiland oder anderer Kinder 
merkwürdig entstellt: krank, etwas embryonal, etwas greisenhaft. Man könnte 
zuerst glauben, der kleine Christus solle vielleicht als „Greis-Kind" dargestellt 
werden, also als gereift Geborener und kindlich Sterbender. Aber es drängt sich 
doch auf, daß hier eher der asketische und mystische Ernst des Erwachsenen 
vor dem Kind, wie es in Wahrheit ist, unbewußt zurückschreckt und es nicht 
erkennen wiU. Wie er es dann entstellt, um es in Gegensatz zur heiligen Mutter 
zu setzen, ist eine besondere Frage. Wir wollen aus diesem Phänomen nur ein 
Anzeichen mehr nehmen für eine Folgerung, die sich uns auch in den Bilderbüchern 
aufdrängt: daß es eine Tendenz gibt, die Kindheit zu entstellen, zu verleugnen 



* 



Das ganz kleine Kind hat sicher nichts davon. Es freut sich mit sich und 
dem wachsenden Radius seiner Bewegungen und seiner Impulse. Seine Seele 
sagt zu allem, was es mit dem Körper hervorbringt und mit den Sinnen wahr- 
nimmt: „Es ist gut so" - - und es ist gewöhnt, daß auch die Großen (die Mäch- 
tigen, von deren Liebe man abhängt) seine Regungen bejahen. Bis es ins er- 
ziehungsfahige Alter kommt. Dann geschieht es immer öfter, daß die Erwachsenen 
zu den x\ußerungen, die des Kindes ureigenster, geliebter Ausdruck sind, mit 
viel Gewicht sagen: „Das darfst du nicht - - wenn du so bist, haben wir dich 
nicht gern." So lernt das Kind bestimmte Regungen als nicht allgemein liebens- 
wert kennen. Es muß nun einen Ausweg gehen, der ihm seine alte Selbstliebe 
zu bewahren erlaubt (denn die braucht man zum Leben), ihm aber auch die 
Liebe der Erwachsenen erhält, denn die braucht man nicht minder. 

Dieser Ausweg stellt sich (nach den Forschungen der Psychoanalyse) so dar: 
das Kind nimmt die Verurteilung gewisser eigener Regungen von sich selbst 
aus vor, es entwickelt in seinem Innern nach einem rätselhaften Mechanismus 
eine Instanz, die die Verbote der Erwachsenen sich zu eigen macht und ver- 
tritt. So steht ein nunmehr verwandelter Teil des Ich — (die Psychoanalyse 
nennt ihn das Über-Ich) -- gegen den ursprünglich gebliebenen Teil. Der Gewinn 
ist, daß auch der verbietende Teil zum eigenen Inneren gehört und so das Ver- 
bot sich als ein eigener Wunsch darstellt, dem sich die Selbstliebe anschließen 
kann. Diese ist es also, die auf Kosten der Einheit des Innern bestehen bleibt. 

Das Kind hat sich nun gern, so weit es wie der Erwachsene sein Denken 
und Handeln zu bewachen gelernt hat. So geschieht es, daß es ein oft so be- 
fremdliches Urteil dafür bekommt, was „brav" ist — und mit Genuß Bilder- 

— 14 — 



bücher ansieht, in denen gute Kinder belohnt, böse bestraft werden. Und so 
kommt es, daß das Kind plötzlich so auffällig kleinere Kinder, die es kurz vorher 
noch als Konkurrenten gehaßt hatte, auf Drängen der inneren Instanz „süß" 
findet und an süßen Kinderbildern Gefallen hat, die wir als läppisch gern von 
ihm weggehalten hätten. 

Der Erwachsene aber, der ihm diese Bücher zeichnet, hat einst dieselbe Um- 
wandlung erlebt — und eine wichtige Weiterung dazu: Er hat das, was vorher 
war, vergessen. „,Das habe ich getan', sagt mein Gedächtnis. ,Das kann ich nicht 
getan haben', sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich gibt das Gedächtnis 
nach." (Nietzsche.) So treten an Stelle der verdrängten Kinderwünsche para- 
diesische Ersatzbider oder moralistische Vorurteile, als wäre man als braves Wesen 
geboren. Bekommt der Erwachsene nun (durch irgend eine drängende Erinnerung 
dazu angestoßen) Lust, dem Kind ein Bilderbuch zu zeichnen, so wird er darin Gut 
und Bös aufrichten — oder er wird eine Welt von solch puppenhafter Infantilität 
ersinnen, daß es darin nur deshalb keine Strafe gibt, weil es ohnehin keine 
Triebe gibt. Ich kann in diesem Zusammenhange erklären, warum ich mich zu 
Beginn weigerte, mich vom Unterschied der strafenden Bücher und jener anderen 
verwirren zu lassen, die die Welt durch zarte oder schematische Darstellung 
des Fleisches und Blutes entledigen. Die einen zeigen die Welt voller Drohung 
und raten, vorsichtig zu sein — die anderen aber raten, vor der Drohung von 
vornherein zu kapitulieren, indem man sich puppenhaft und mimosenhaft benimmt, 
so wie viele Erwachsene es gern sehen. 

* 

Die Vorteile des Mechanismus der Gewissensbildung sind einleuchtend: das 
Kind holt die Erziehung von Jahrtausenden in kurzer Zeit nach. Aus dem natur- 
entsprungenen Triebwesen wird ein Geschöpf mit dem Gewissen des zwanzigsten 
Jahrhunderts. Was alles als Erbgut zu dieser Entwicklung bereitlag, wird nun 
manifest. Und die Kraft, die den ersten Triebäußerungen zugrunde lag, wird zu 
den Zwecken allgemeiner Nützlichkeit verwendet, wird eingeordnet in die Be- 
mühungen der Menschheit, die Naturentfremdung zu ertragen und zu kompen- 
sieren. Man wird das so in Ordnung finden und sagen : das normale Kind leidet 
unter diesem Vorgang nicht gar so viel. 

So muß ich zeigen, wie gerade die Nachteile dieses Vorgangs unser Thema 
ausmachen, ja uns mitten in ein bedeutendes, pädagogisches Problem führen. 
Denn die Nachteile sind groß und häufen sich mit zunehmender Kultur so 
daß man sagen kann: sie drohen der Berg zu werden, vor dem die moderne 
Pädagogik, nach kühnem Anlauf, ratlos steht. 

Wir haben also (um es zu wiederholen) gesagt, daß wir die Erziehungsfähigkeit 
des Kindes einer Spaltung in seinem Innern verdanken: unter dem Druck der 
Alternative, ohne Liebe und Schutz zu bleiben, was es ist — oder dem Er- 
wachsenen zuliebe zu werden, was e r ist, geht in der Seele des Kindes eine 
Umgestaltung vor : es erwacht eine innere Stimme, die die Verbote der erwachsenen 

— 15 — 



Umwelt übernimmt und dafür sorgt, daß der triebhafte Teil gebändigt und wo 
nötig für Ungebärdigkeit bestraft wird. Diese Instanz, haben wir gesagt, belegt 
mit Zensur alle Erinnerungen der ersten, nun verurteilten Wunschwelt — das 
Blatt der Seele wird wieder weiß, nicht weil nie etwas darauf geschrieben war 
sondern weil der Zensor die Urbuchstaben sorgfältig überklebt hat. 

Wir haben jetzt nur die realen Unterschiede der äußeren verbietenden Macht 
und der im Innern errichteten Instanz hervorzuheben, um die Gefahr dieser 
Verschiebung nach innen zu erkennen. Die innere Instanz ist ein Diktat, aber 
kein Mensch mehr. Ein Mensch sieht vom anderen nur, was die Umstände ihm 
erlauben zu sehen, selten seine Gedanken, seine unbewußten Gefühle nie. Aber 
das Gewissen sieht alles und findet das Unbewußteste strafwürdig. — Ein Mensch 
kann Milde walten lassen, wo er sieht, daß seine Verbote zu weit gehen oder 
bei veränderten Bedingungen hinfällig werden — das innere Diktat ist nicht 
das Abbild eines solchen wandelbaren Menschen, es ist nur der Niederschlag 
seiner einmaligen, vielleicht unlustigen und einsichtslosen Äußerung. (Wie manche 
einsichtige, modern gewordene Eltern stehen eines Tages ratlos vor ihrem über- 
gewissenhaften oder in alten Idealen wandelnden Kind, möchten zurücknehmen 
modifizieren, widerrufen. Aber ihr altes Bild im Innern des Kindes ist stärker 
;ils ihre lebende Stimme.) — Die Überstrenge endlich, mit der dieser Nieder- 
schlag in der Seele den ursprünglich gebliebenen Teil unter einem Druck hält 
diese Überstrenge, die fordert und verbietet, bekommt noch einen Zuschuß, den 
auch nur eine innere Instanz bekommen kann. Der grausame und tödliche Haß 
nftmlich, den das kleine Wesen gegen den übermächtigen Erwachsenen richtete 
wird bei der Kapitulation ebenfalls nach innen genommen und — da er an der 
Auflehnung verzweifeln muß — gegen das eigene erlahmende Innere gerichtet- 
denn keine mobilisierte Kraft entgeht einer Verwendung. Sie wütet nun nach 
innen, sobald das innere Auge eine noch so unbewußte Regung der Triebver- 
stärkung wahrnimmt. Sie schadet uns auf tausend Wegen durchsichtiger oder 
undurchsichtiger Selbstbestrafung und Selbsterniedrigung, Erkrankung und Ver- 
gasung, und, wo nicht durch krasse Zeichen sichtbar, doch noch spürbar als das 
was Freud „das Unbehagen in der Kultur" nennt, ein Gefühl, das uns allen 
gemeinsam ist. 

Diesen gefährlichen Sadismus der Seele gegen sich selbst noch zu erklären, 
habe ich in ein kleines Stück psychoanalytischer Theorie 1 eingeführt, dar- 
zustellen erlaubt, in welch vielfacher Beziehung man moralistische Darstel- 
lungen wie den Struwelpeter „sadistisch" nennen kann. Denn was sich dann als 
moralistische Grausamkeit gegen Andere äußert, ist nur ein Abbild vom Wirken 
jener inneren sadistischen Regung — und von dem Menschen, der anderen „mit 
Moral kommt", können wir annehmen, daß er selbst nur durch schwere Fesseln 

seinen triebhaften Teil in Ruhe hält. 

* 

1) Ich brauche kaum zu sagen, daß wir beim Betrachten von Bilderbüchern auf 
viele psychologische Probleme stoßen, die ich beiseite lasse: das Symbolische der 
Darstellung, die Darstellungsweise selber, das Märchenhafte und die Märchen selbst. 

- 16 - 



Streifen wir nun noch einmal die humoristischen Bilderbücher, die wir vorhin 
beiseite ließen. Was ist das: diese eigentümliche Zutat zu der Darstellung mensch- 
licher Bosheit und menschlichen Unglücks: der Humor? Nehmen wir ein Blatt 
aus dem „Adamson", dessen Wirkung auf Kinder Ihnen allen bekannt ist. 
Adamson will rauchen. Sein besseres Ich aber, das (an Engelsflügeln kenntlich) 
hinter ihm steht, nimmt ihm die Zigarre aus dem Mund und wirft sie zum 
Fenster hinaus. Einen Augenblick ist das Adamson-Ich verdutzt — dann aber 
rast es die Treppe hinunter und fängt die Zigarre noch auf, bevor sie den Erd- 
boden erreicht hat. Schneller als Gewissen und Fallkraft hat die Rebellion ge- 
handelt. — Unmoralisch? Aber der gewissenhafteste Mensch lacht. 

„Das Großartige (des Humors) liegt offenbar in der siegreich behaupteten 
Unverletzlichkeit des Ich. Das Ich verweigert es, sich durch die Veranlassung 
aus der Realität kränken, zum Leiden nötigen zu lassen, es beharrt dabei, daß 
ihm die Traumen der Außenwelt nicht nahe gehen können, ja es zeigt, daß sie 
ihm nur Anlaß zu Lustgewinn sind." (Freud.) 

An einigen Äußerlichkeiten der Adamson-Figur läßt sich zeigen, wie weit- 
gehend durch sie das Kind im Menschen dargestellt ist, das infantile Ich, 
welches sich mit Verhinderungen, Verboten und Unfällen herumschlägt. Adamson 
ist in den Verhältnissen des Kopfes zum Rumpf eine Kinderfigur, er hat einen 
großen Hut, wie der kleine Gernegroß, er ist immer allein, hat keine männlichen 
Abenteuer. Und seine Widersacher, die Menschen („der große Mann"), sind alle 
um so viel größer als er, als ein Erwachsener ein Kind überragt. 

Wie spricht aber der Humor durch die Darstellung dieses kämpfenden, listigen 
Ichs? Er stellt dem bösen Über-Ich ein gütiges Lachen gegenüber, das sagt: 
Sieh her das ist nun die Welt, die so gefährlich aussieht. Ein Kinderspiel» 
gerade gut, einen Scher/, darüber zu machen." (Freud.) 

Wir durchschauen jetzt das Befreiende an diesen Büchern: sie entlasten das 
Ich einen Augenblick vom Druck des ÜberTchs. Max und Moritz und Adamson 
sind dumm-schlau und grausam, wie wir uns alle irgendwo fühlen — aber der 
Humor lächelt dazu und wir lächeln mit, haben uns selbst wieder ein bißchen 
lieber und machen irgend eine Kleinigkeit besser, als wir sie ohne den lichten 
Augenblick gemacht hätten. 

Denn auf der anderen Seite gibt es wohl nichts, was mehr zum Sündigen 
und Schlechtmachen zwingt, als der Druck eines überstrengen Gewissens. Mag 
die Tatsache der Über-Ich-Entwicklung unsere Kultur und ihre starken Charaktere 
ausmachen — das Schuldgefühl und das Strafbedürfnis führen über das Nützliche 
dieses Vorgangs hinaus ; sie hemmen nicht nur, sie hindern auch das Bessermachen 
und das Wiedergutmachen geschehener Fehler. Und dieses Erbe der Menschheit, 
in jedem Individuum erneuert, setzt sich mit der Zunahme der modernen, säuber- 
lichen, friedlichen und sozialen Ideale immer mehr in Widerspruch zur Ursprache 
der Triebe und wird bei der Güte der Erziehung immer grausamer gegen da« 
eigene Ich. Die Spannung und Überempfindlichkeit der Seelen nimmt also immer 

ZeiUchrift f. psa. Päd., V/i 17 3 






mehr zu. Wir können auch bemerken, daß all die Emanzipationen, zu denen unsere 
Zeit so energische Versuche macht, (seien sie sexueller, politischer, religiöser 
Natur), irgendwo scheitern, wo auch sie vom Unbehagen in der Kultur über- 
wölkt werden — und sich in Rückschritte, in Wiederholungen früherer Zustände 
verwandeln. Die Rechnung war ohne das Über-Ich gemacht worden. 

* 

Die Pädagogen aber, soweit sie gewillt sind, sich psychologisch zu orientieren, 
sollten sicherlich keine Berechnung mehr ohne diesen Faktor machen. — Mir 
fällt da ein bewundernswertes Detail aus der Arbeit von Frau Montessori ein. 
Wir hören es im „Haus der Kinder" täglich: das Material, das uns umgibt, ist 
so ausgestaltet, daß es die Fehler automatisch und sachlich anzeigt — und die 
Lehrerin ist angehalten, das Kind, das an einer Aufgabe noch versagt, schweigend 
zu verlassen und nur eventuell für eine leichtere Aufgabe zu sorgen. Der Lehr- 
vorgang gegenüber dem Kleinkind ist bei verständnisvoller Befolgung dieser Regel 
sozusagen „narrensicher" gemacht — die beiden Uber-Ichs, des Lehrenden und 
des Lernenden, werden distanziert für eine Zeit, in der das Über-Ich des Kindes 
noch labil ist und seine wachsende Strenge sich besser nicht gerade an die ersten 
intellektuellen Erwerbungen anheften sollte. — Die Frage aber, welche Belastun- 
gen der Über-Ich-Bildung man dem Kind ersparen kann, ohne seine Gewissens- 
kraft zu schwächen — das ist ja das Problem einer psychologisch orientierten 
Pädagogik. 

Montessoris Lösung ist eine Lösung innerhalb eines Systems, aufgebaut auf 
der seltenen Verbindung von Intuition und Wissenschaftlichkeit. Schwerer ist 
es für uns, aus den psychologischen Forschungen nun einzelne praktische Fol- 
gerungen zu ziehen. Hüten wir uns da, im Übereifer wieder allzu schnell unser 
gesetzgebendes Über-Ich sprechen zu lassen. Soll man z.B. Bilderbücher und 
Märchen 1 kurzerhand unterdrücken, weil sie uns gefährlich scheinen? Man mag 
es tun, nur soll man wissen, daß eine einzelne Handlung wenig bedeutet. Ein 
Kind, das durch ein Bilderbuch erschrickt, ist krank gewesen und hat nur auf 
eine Gelegenheit gewartet, es zu zeigen. Diese Gelegenheit aber hat es in der 
heutigen Welt überall — denn was in den Märchen liegt, liegt auch in der 
Luft. Der Erzieher aber soll wissen, was dabei vorgeht, wenn das Kind die 
Tendenzen gewisser Bücher nicht erträgt, er soll forschen und sich mit den 
Wegen vertraut machen, auf denen man die psychischen Zeichen der Zeit er- 
kennt. Daß er dann einem schon erschrockenen oder besonders schreckhaften 

1) Da ich auf das parallele Problem der Märchen abgewichen bin, möchte ich 
doch die Distanz dazu wieder herstellen. Das Volksmärchen ist dem Bilderbuch zwar 
in gemeinsamem Gebrauch verschwistert, aber es ist im Wesen von ihm distanziert 
durch Geschichte und Kunst. Unterscheiden wir gut die Äußerungen des modernen 
Menschen, der sich dem Kind zuwendet — und jene Fabelstoffe, die durch Jahrhun- 
derte und Generationen durchgesickert und sozusagen nitriert sind. Sie wenden sich 
(wie der Humor) mit ihrer ausgleichenden Kraft an die Menschheit und nicht an die 
Kindheit im besonderen; und sie besitzen die magisch-feste Form, die von je die 
höhere Bedingung für ein linderndes Antasten des Unbewußten war. 

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Kind keine in irgendeinem Sinn sadistischen Bücher gibt, ist mehr eine heil- 
pädagogische Frage als eine pädagogische. 

Um sich rein pädagogischen Folgerungen zu nähern, bedarf es noch einer all- 
gemeinen Erwägung, mit der ich schließen will. Das Kind bemerkt beim Er- 
wachsenen nicht so sehr seine Handlungen als seine innere Tendenz. Was wir 
uns also an Haltung dem Kind gegenüber zurecht machen, wird weniger Ein- 
fluß auf es haben, als unsere Impulse — ob wir diese nun unterdrückt haben 
oder nicht. Die Kinder (wie die Tiere) wittern durch jede Schale hindurch das 
Wesen: seine grausame oder gütige, seine starke oder unsichere Tendenz. Ob 
wir daher hart oder gütig, suggestiv oder beobachtend erziehen wollen — vor 
allem müssen wir es mit unserem Inneren können. D. h.: es muß der Be- 
ziehung unseres Ichs zu unserem Über-Ich entsprechen. In der Art dieser Be- 
ziehung liegt das Ende und der Anfang aller Möglichkeiten, dem Kind eine 
wahrhaft andere Umwelt zu schaffen. 



Zur Entstehungsgeschichte „sozialer 
Minderwertigkeitsgefühle" 

Von Dr. Frieda Fromm-Reichmann, Heidelberg 

Zu den häufigen seelischen Konflikten, um derentwillen der psychologisch 
geschulte Pädagoge in Anspruch genommen wird, gehört ein Symptom, das im 
Bewußtsein von Kindern und Erwachsenen als „soziales Minderwertigkeitsgefühl" 
erlebt wird, wobei diese Kinder unter vermeintlichen Zurücksetzungen wegen 
des Berufes, der gesellschaftlichen Stellung oder der wirtschaftlichen Lage ihrer 
Familie, insbesondere des Vaters, leiden. 

Solche Kinder ziehen sich in auffälliger Weise von Kameraden und Lehrern, 
Verwandten und Freunden zurück. In schweren Fällen kann das Seelenleben 
des Kindes ganz von der Aufgabe beherrscht sein, mit großem Affektaufwand 
allen Situationen auszuweichen, in denen Fragen nach seiner Herkunft auftauchen 
könnten. Und wenn es nun keinen psychologisch geschulten Helfer findet, so 
kann seine ganze Persönlichkeitsentwicklung aufs empfindlichste davon beein- 
trächtigt werden: es wird scheu, in sich gekehrt und verschlossen und scheint 
ständig unter dem Druck eines schwer tragbaren peinlichen Geheimnisses zu 
stehen. 

Persönlicher Zuspruch im Sinne der alten rationalen Pädagogik bleibt natur- 
gemäß wirkungslos. Auch die Auflösungsversuche der sozialen Minderwertigkeits- 
gefühle als eines Ausdrucks des „Geltungsbedürfnisses", des „Willens zur Macht" 
nach dem Vorgange Adlers dürften den meisten Kindern wenig nützen. Der 
psychoanalytisch geschulte Pädagoge wird infolge seiner Erfahrungen mit anderen 
seelischen Kinderkonflikten auch den „Sozialen Minderwertigkeits"- Komplex als 

- 19 - 



Ausdruck eines unbewußten kindlichen Triebkonflikts bewerten, welcher in der 
Deckform eines rational begründeten Konflikts zur Darstellung kommt. Und er 
wird ihn durch Psychoanalyse oder durch psychoanalytisch orientierte Aussprachen 
mit jedem einzelnen Kinde, das sich ihm anvertraut, aufzudecken suchen. 

Ich hatte Gelegenheit, zwei erwachsene Personen psychoanalytisch zu behandeln, 
deren „soziales Minderwertigkeitsgefühl" in der Kindheit nicht beobachtet, ge- 
schweige denn behandelt wurde. In beiden Fällen wurde es zum zentralen Sym- 
ptom einer schweren Neurose. 

Eine kurze Mitteilung über die Ergebnisse der Analyse wird den Lesern 
dieser Zeitschrift vielleicht willkommen sein und sie bestimmen, in ähnlich 
gelagerten Fällen nach der unbewußten Determinierung des „sozialen Minder- 
wertigkeitsgefühls" mit der speziellen Fragestellung zu suchen, die an meinen 
Patientinnen gewonnen werden konnte: 

Der erste Fall betrifft eine dreißigjährige Frau von sehr gutem Persönlichkeitsniveau, 
ausgezeichneter Allgemeinbildung, starken künstlerischen Interessen, eine schöne, ge- 
pflegte Erscheinung mit gewandten Umgangsformen. Zu unserem Erstaunen nennt 
diese Frau, die dem äußeren Eindruck nach für eine führende Rolle in ihren gesell- 
schaftlichen Kreisen prädestiniert scheint, unter anderen Symptomen (die im Rahmen 
dieser Darstellung unerortert bleiben können) als Hauptklage, sie sei völlig un- 
fähig, den gesellschaftlichen Verpflichtungen nachzukommen, welche der Beruf des 
Mannes ihr auferlegt, der ein sehr angesehener Industrieller ist. 

Schon als Kind habe sie, wo sie hinkam, gefürchtet, nach dem Beruf ihres Vaters 
gefragt zu werden, den sie sorgfältig verheimlichen müsse. Er sei beamteter Tier- 
arzt im deutschsprachigen Ausland gewesen, und das sei doch, wie sie heute erst 
recht wisse, ein minderwertiger, beschämender Beruf, den zu nennen kompromittie- 
rend sei. Ihr ganzes Leben hindurch habe sie unter der Schande ihrer „gewöhnlichen 
Herkunft" gelitten, und der Druck sie geheimzuhalten, ja die Angst vor dem bloßen 
Wort „Tierarzt", belaste sie mit den Jahren immer mehr. Wenn heute im Bekannten- 
kreise über Herkunft, elterliche Familie und dgl. gesprochen werde, bekomme sie 
Herzklopfen und erröte aus Angst, nun auch von ihrem Vater sprechen und sagen zu 
müssen, daß er Tierarzt war. Am schlimmsten sei es, wenn sie neue Menschen 
kennen lernen solle; dem entziehe sie sich meist aus Angst zu erröten, wenn sie 
nach ihrem Vater gefragt werde und das Wort Tierarzt aussprechen müsse, das sie 
übrigens auch in keinem anderen Zusammenhang ohne Angst über die Lippen bringen 

könne. 

Ihr Mann habe aus geschäftlichen Gründen für einige Jahre mit der Familie in 
die Fremde übersiedeln wollen, habe aber davon Abstand nehmen müssen, weil sie 
sich außerstande fühle, sich in ein ganz fremdes Milieu einzuleben, wo sie sicher 
jedem über ihre Herkunft und damit über den Beruf ihres Vaters Rede und Antwort 
stehen müsse. Es sei ihr leid, ihren Mann an der Durchführung seiner Pläne hindern 
zu müssen, aber sie sei überzeugt, — so fügt sie weinend hinzu, - - daß ein Mann, 
der die Tochter eines Tierarztes geheiratet habe, sich ohnehin in einem fremden 
Land nicht durchsetzen könne. In Wirklichkeit genießt die Patientin selbst allgemein 
große Wertschätzung, und auch ihr Vater hatte, wiewohl er Quartalstrinker war, 
eine sehr angesehene gesellschaftliche Stellung und spielte eine führende politische 
Rolle in seinem Kreise; was die Patientin selbst weiß und im Laufe der Analyse mit 
vielen Beispielen belegt. Die Trunksuchtsanfälle wurden ihm offenbar in jener 

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Gegend, aus der die Patientin stammt, weil dort sehr reichlicher Alkoholgenuß all- 
gemein üblich war, keineswegs als Makel angerechnet. 

Hinweise auf diese Tatsache vermochten die quälenden Minderwertigkeitsgefühle 
und die dauernde lähmende Angst ebensowenig zu entkräften wie die rationalen 
Aufklärungs- und Vermittlungsversuche verschiedener Psychotherapeuten. 

Es mußten also tiefe, unbewußte Triebschichten sein, in welchen die „Tier- 
arzt-Angst", wie sie das Symptom später selbst nannte, | verankert war. Die 
analytische Arbeit von sieben Monaten gab darüber folgende Aufschlüsse: 

Schon als dreijähriges Kind war die Patientin häufig von ihrem Vater bei seinen 
beruflichen Fahrten über Land mitgenommen worden. Einzelne Erlebnisse auf diesen 
gemeinsamen Ausflügen tauchen im Laufe der Analyse mit zunehmender Deutlich- 
keit in verschiedenen Zusammenhängen immer wieder auf: so, daß der Vater auf einer 
sonnigen Wiese hinter einem großen Tier („ich glaube, es war ein Pferd oder auch eine Kuh") 
gestanden und uriniert habe. Der Urinstrahl habe in der Sonne geleuchtet, und dann habe sie 
hoch in die Höhe zürn Gesicht des Vaters mit seiner gold 'geränderten Brille gesehen, die auch 
in der Sonne geleuchtet habe, und gedacht: wie groß ist doch der Vater. („Ich sehe mich noch 
heute, wie klein ich da vor ihm stand, in einem blauen Kattunkleidchen mit gelben Tupfen", 
fügt sie hinzu.) 

Zuweilen sei der Vater bei den gemeinsamen Fahrten eine Zeitlang fortgegangen 
und habe sie allein am Wagen warten lassen. Er sei dann betrunken zurückge- 
kommen, habe mehrfach vor ihr uriniert, ihr dann sein Glied in die Hand gegeben 
und sie aufgefordert, es zu streicheln. Sie erinnert sich noch genau, wie sie ge- 
dacht habe, was der Vater da hat, ist wie bei einem großen Tier, und wie sie an das 
Glied von Pferden oder den Euter von Kühen gedacht habe. Auch hört sie noch 
heute den Klang der Worte des Vaters: „Na, das macht Dir wohl Spaß? Wenn Du 
es niemandem erzählst, darfst Du es öfter machen. Aber bestimmt keinem sagen, 
das ist unser Geheimnis." 

Wie häufig solche Szenen waren, weiß sie nicht; eine sichere Erinnerung hat sie 
an zwei Fälle, deren Begleitumstände (Landschaft, Ortsnamen, Tageszeit usw.) sie 
genau zu beschreiben weiß, und die nachkontrolliert werden konnten. Sie müssen sich vor 
ihrem sechsten Lebensjahr zugetragen haben. Denn als sie fünf Jahre alt war, wurde 
eine Schwester geboren, und seitdem wurde sie nicht mehr vom Vater mitgenommen, 
sondern blieb in der Obhut der gemeinsamen Kinderfrau, bis sie im Alter von sechs 
Jahren in die Schule kam. 

Nach einer anderen Erinnerung, die sie mit Wahrscheinlichkeit ins vierte Lebens- 
jahr, jedenfalls auch noch in die Zeit der gemeinsamen Fahrten verlegt, sieht sie den 
Vater auch hinter einem großen Säugetier stehen und mit seiner Hand und dem ganzen Unter- 
arm in die Darmaus gangsöffhung des Tieres hineingreifen. Sie denkt dazu: „wie kann das 
alles in das Tier hinein". 

Eine weitere in Träumen und Einfällen immer wiederkehrende Erinnerung be- 
zieht sich auf ein Erlebnis am Waldrande mit einem alten Mann, „dem Müller, in dessen 
Mühle wir damals vorübergehend wohnten"; „oder" — bei wiederholten Reproduktionen 
des Erlebnisses — „vielleicht war es auch der Vater? Das weiß ich nicht. Jedenfalls stand 
in der Ferne vor der Mühle die Mutter; ich sehe sie noch ganz genau so vor mir, wie sie 
damals aussah, mit schwarz gescheiteltem Haar (heute ist sie natürlich weiß), und ich dachte, 
ob sie wohl böse wird, wenn sie herübersieht, und hatte große 4ngst. Ich sehe auch noch die Mühle 
und einen feuchten Fleck an der Giebelwand, den ich vom Waldrand aus sehen konnte. Der alte 

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Mann urinierte vor mir und fragte dann, ob ich auch „pissen" wolle; er werde mir behilflich 
sein. Ich erschrak sehr; denn ich hatte das Wort noch nie gehört, und ich wollte davonlaufen. 
Der Mann hielt mich zurück und sagte, ich brauvlie doch keine Angst zu haben"-. 

Diese Einfälle zeigen zunächst, wie unserer Patientin in den Kinder jähren 
(drittes bis fünftes Lebensjahr), die schon normalerweise bei allen Kindern von 
den aus der Ödipussituation stammenden Wünschen nach der Liebesbeziehung 
zum Vater bestimmt sind, durch das Verhalten ihres Vaters ein ungewöhnlich 
großes Maß an Erfüllung ihrer Ödipuswünsche zuteil wurde, bis ihr als Fünf- 
jähriger nach der Geburt einer jüngeren Schwester plötzlich alle bisherigen 
Wunscherfüllungen versagt blieben. (Der Vater nahm sie nicht mehr mit, und 
sie mußte mit der Kinderfrau und der kleinen Schwester zu Hause bleiben.) 
Bis dahin aber durfte sie immer wieder allein mit ihm über Land fahren, durfte 
ihm bei den verschiedensten intimen Verrichtungen und Manipulationen mit 
dem männlichen Geschlechtsteil zuschauen. Sie durfte schließlich auch das Glied 
des Vaters streicheln und diese Tatsache als gemeinsames sexuelles Geheimnis 
(vor der Mutter) mit ihm teilen. 

Bei einer solchen künstlichen Verstärkung der Ödipussituation müssen wir 
damit rechnen, daß der Ödipuskomplex nicht realitätsgerecht bewältigt wird, 
sondern daß Fixierungsstellen auf der gekennzeichneten kindlichen Triebent- 
wicklungsstufe (drittes bis fünftes Lebensjahr) bestehen bleiben und zur neuroti- 
schen Erkrankung führen. Und so entsteht die Frage, ob die Ängste, Schuld- 
gefühle und Minderwertigkeitsgefühle, über die unsere Patientin als erwachse- 
ner Mensch in der Einkleidung des „sozialen Minderwertigkeits" -Komplexes klagt, 
ohne daß ihre reale Situation ihr irgendwelchen Anlaß dazu bietet, nicht Schuld- 
gefühle sind, die aus ihrem unbewältigten Ödipuskonflikt stammen. 

Um diese Frage beantworten zu können, müssen wir den speziellen Inhalt 
der Kindheitserlebnisse, welche den Ödipuskonflikt möglicherweise bei ihr fixieren 
halfen, auf der einen Seite, den Inhalt ihrer Ängste auf der anderen Seite einer 
vergleichenden Betrachtung unterziehen: Da muß uns denn zunächst auffallen, 
wie wichtig der Kindheitseindruck des hinter dem Tier stehenden (urinierenden 
oder in den Darm des Tieres hineingreifenden) Arztes für unsere Patientin war, 
eine Position, welche, wie die Analyse ergab, für das Unbewußte des Kindes 
auch zugleich in der Wortbildung Tier-Arzt (= Arzt hinter Tier) ihren Aus- 
druck fand. 

Nicht eruieren ließ sich dabei, ob die Erinnerung an den in den Darm ein- 
geführten Arm einen geburtshilflichen Eingriff bei einem Tier betraf, dem sie 
in einem Alter zuschaute, wo das Kind die Existenz der Scheide noch nicht 
kennt, oder ob die ganze Erzählung unter Verwendung der im Unbewußten 
durchaus geläufigen Vertauschung der Glieder — Arm = männliches Glied — 
eine Deckerinnerung für einen zwischen Tieren oder Menschen beobachteten 
Koitus ist. Jedenfalls aber hatte sie immer wieder Gelegenheit, das Glied des 
Vaters zu sehen, das sie mit ihr bekannten Teilen eines Tieres (Glied des Pferdes, 
Euter der Kuh) verglich, und den Vater beim Urinieren zu beobachten (Szene 
hinter der Kuh, Szene nach dem Trunk, Szene mit dem alten Mann am Waldesrand). 



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In der Szene hinter der Kuh macht besonders die Größe des väterlichen 
Gliedes auf das kleine Mädchen einen starken Eindruck, was auf die Gesamt- 
körpergröße des Vaters verschoben wird. (Entfernung zwischen dem in der 
Sonne glänzenden Urinstrahl und dem Gesicht des Vaters mit der sonnen- 
beglänzten goldenen Brille für das davorstehende kleine Mädchen.) Hiernach 
können wir verstehen, wie im Unbewußten des Kindes die Gleichung großes 
Glied des Vaters = Glied des großen Tiers, und (pars pro toto) = „Tier" ent- 
stand. Und in der Tat tritt in ihren Träumen, Einfällen und Phantasien das 
„Tier" immer in der Bedeutung des männlichen (d. i. väterlichen) Gliedes auf. 

Diese Gleichsetzung wird uns verständlicher, wenn wir bedenken, daß das 
Kind mit seiner größeren Nähe zur Natur und seiner größeren Fremdheit gegen- 
über den Erwachsenen den Unterschied seiner Beziehung zu Mensch und Tier 
überhaupt noch nicht so ausgeprägt erlebt wie der reifere Mensch. Es verhält 
sich dazu vielmehr ähnlich wie viele Primitive, die ja im Tier sogar ihren 
Stammgott verehren. Auch die Tierphobien der Kinder, für die Freud uns 
ein klassisches Beispiel in der Analyse des kleinen Hans 1 dargestellt hat, der 
seinen Haß gegen den Vater auf das Pferd verschiebt, bestätigen die Möglich- 
keit dieses allgemeinen Mechanismus, dem auch unsere Patientin bei der spe- 
ziellen Gleichsetzung väterliches Glied = Tierglied = Tier gefolgt ist. 

Nun knüpfen sich aber an das Glied des Vaters als zentralster Kindheits- 
eindruck die manuellen Berührungen, zu denen der Vater das kleine Mädchen 
verführte; und diese Berührungsszenen wurden vom Vater selbst als Geheim- 
nis, d. h. als verboten hingestellt, indem ihre Wiederholung nur um den Preis 
ihrer Geheimhaltung in Aussicht gestellt wird. 

Dadurch erhalten zugleich alle anderen Erlebnisse und Erinnerungen, die an 
das Glied des Vaters, an das „Tier", an den „Tierarzt" anknüpfen, einen ge- 
heimnisvollen, d. h. verbotenen und schuldhaften Charakter; dies umsomehr, als 
die Forderung des Vaters nach Geheimhaltung der Verführungsszene ja gewiß 
nicht die erste und einzige sexuelle Einschüchterung ist, die das kleine Mädchen 
erfahren hat, wenn sie auch kein weiteres spezielles Erinnerungsmaterial produ- 
zieren kann. Auch braucht das durch die väterliche Forderung in der Patientin 
erweckte individuelle Schuldgefühl nur an das bei jedem Kinde stammesgeschicht- 
lich vorgebildete Schuldgefühl anzuknüpfen. 2 

Einen deutlichen Ausdruck finden diese Schuldgefühle des Kindes in der 
Szene, wo sie dem „Müller" oder „alten Mann am Waldrand" beim Urinieren 
zuschaut und große Angst hat, die Mutter könnte sie sehen und böse werden. 
In diesem Einfall kommt zum Ausdruck, daß die Schuldgefühle unserer Patientin 
nicht nur ihren sexuellen Erlebnissen mit dem Vater als solchen, sondern speziell 
dem schlechten Gewissen wegen der (als rivalisierend und „böse" phantasier- 
ten) Mutter galten. Dies wird im Lauf der Analyse noch durch eine ganze Serie 
weiterer Einfälle bestätigt, welche als unspezifischer Ausfluß der normalen 

1) Vgl. Freud, Ges. Schriften, Bd. VIII. 

2) Vgl. Freud, Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. Ges. Schriften, Bd. V. 

- 23 - 



Ödipusrivalität des kleinen Mädchens liier nicht ausdrucklich mitgeteilt werden 

sollen. 

Noch ein anderes Moment hat den verbotenen und geheimen Charakter der 
sexuellen Erlebnisse mit dem Vater sehr verstärkt: Die Verführungsszenen fanden 
statt, wenn der Vater berauscht war. Kam er aber einmal berauscht nach Hause, 
so versuchte die Mutter, den Vater versteckt zu halten, und man bekam ihn 
nur zu sehen, wenn er austreten mußte (für das Kind: wenn er urinieren mußte, 
wie sie es draußen so oft gesehen hatte). Sein Zustand — der gleiche Zustand 
also, in dem die sexuelle Verführung des Kindes stattgefunden hatte - wurde 
von der Mutter als peinlicher Makel hingestellt und vor jedermann zu verheim- 
lichen gesucht. Auch der Patientin wurde aufs strengste von der Mutter ein- 
geschärft, daß sie unter keinen Umständen darüber sprechen dürfe, — und dies 
Verbot wirkte natürlich auch verschärfend auf den Inhalt des väterlichen Ge- 
botes zurück, die im Rausch vollzogenenen Verführungsszenen geheim zu halten 
und zu verschweigen 1 . 

So war das kleine Mädchen im Alter von drei bis fünf Jahren erfüllt von 
Schuldgefühlen, Schweige- Verpflichtungen und Ängsten wegen ihrer sexuellen 
Erlebnisse mit dem „Tier-Arzt" und dem „Tier" des Arztes. Aber gleichzeitig 
stellten diese Erlebnisse ja eine so großartige Erfüllung ihrer Ödipuswünsche 
dar, daß sie die Fixierung der Triebentwicklung dieser Jahre und damit auch 
der mit jener Triebentwicklungsstufe verknüpften Ängste und Schuldgefühle 
bewirken mußten. 

Als dann das kleine Mädchen nach dieser Vorgeschichte zu Beginn ihres 
sechsten Lebensjahres, nach der Geburt der kleinen Schwester, plötzlich von 
allen Befriedigungen ihrer Ödipuswünsche mit dem „Tierarzt" abgeschnitten wurde, 
da mußte das ein unerträgliches Versagungserlebnis für sie darstellen. Dies um 
so mehr, als es gerade in das Lebensalter fiel, wo die Einsicht von der Un- 
erfüllbarkeit der Ödipuswünsche ein Kind auch normalerweise vor eine schwer 
zu bewältigende Verzichtleistung stellt. Und sie mußte auf den damit für sie 
verbundenen Entzug des „Tieres" und der Liebe des Tierarztes wie jedes kleine 
Mädchen antworten, dem die Bewältigung seiner Ödipuswünsche in der Zeit 
ihres normalerweise vorgesehenen Unterganges nicht gelingt, wenn ihnen vorher 
ein Übermaß an Erfüllung zuteil wurde, nämlich mit neurotischen Minder- 
wertigkeitsgefühlen. (Der Vater liebt mich nicht mehr; er entzieht mir sein 
Glied, also bin ich minderwertig.) Diese Minderwertigkeitsgefühle bleiben be- 
stehen, solange ihre Ursache, der unerledigte Ödipuskomplex, bestehen bleibt. 
So bilden sie auch bei unserer Patientin, zusammen mit den psychischen Folge- 
erscheinungen der vorangegangenen sexuellen Erlebnisse, den Ängsten und Schuld- 
gefühlen, die Symptome, welche, um den Tierarztkomplex als Spezialform ihres 

1) Hier läge außerdem die Vermutung einer unbewußten Gleichsetzung von alko- 
holischem und sexuellem Rauscherlebnis nahe, die wir hei einem erwachsenen Mensche», 
in analoger Situation gewiß zu erwarten hätten. Das Einiallmaterial unserer Patientin 
aus jener Kinderzeit bietet aber keine Anhaltspunkte für eine Deutung in dieser 
Richtung. 

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unerledigten Ödipuskomplexes gruppiert, unter dem ihr bewußten Bilde „sozialer 
Minderwertigkeitsgefühle" in ihre ganze Lebensgestaltung so stark beeinträchtigend 
eingreifen konnten, wie wir dies weiter oben ausgeführt haben. Ihr Ausdruck 
ist es also, wenn sie ihre Abstammung von einem Tierarzt verheimlichen muß, 
vor Scham errötet und Herzklopfen bekommt, sobald sie fürchtet, aussagen zu 
müssen, daß ihr Vater den sozial minderwertigen Beruf eines Tierarztes hatte, 
wenn sie der Bekanntscbaft mit neuen Menschen aus dem Wege geht, um ihr 
Geheimnis wahren zu können, selbst wo sie und ihre Familie dadurch lebens- 
wichtige Schädigungen erleiden. 

Was die Patientin im Unbewußten noch heute fürchtet, ist also nicht der 
Verrat ihrer Abstammung von einem Tierarzt, sondern das Geständnis ihrer 
verbotenen sexuellen Erlebnisse mit dem Vater, welche das Wort Tierarzt, wie 
wir sahen, mehrfach determiniert. Was sich vor ihrem Bewußtsein als soziale 
Ängste und soziale Minderwertigkeitsgefühle darstellt, sind also in Wahrheit 
die Schuldgefühle und Minderwertigkeitsgefühle, welche ihren unbewältigten 
Odipuswünschen und den sexuellen Kindheitserlebnissen entstammen. Anders 
ausgedrückt, der soziale Minderwertigkeitskomplex unserer Patientin ist nichts 
anderes als eine Verhüllungsform ihres unerledigten Ödipuskomplexes = „Tierarzt" - 
Komplexes 1 . 

Als therapeutische Bestätigung dieser Deduktionen darf ich hinzufügen, daß 
die Patientin ihre sozialen Minderwertigkeitsgefühle nach der analytischen Auf- 
lösung ihres unbewußten Sinns und ihrer unbewußten Determinierung verloren 
hat und sich durchaus nicht mehr scheut, das Wort „Tierarzt" auszusprechen 
und über ihre Herkunft, ihre elterliche Familie und den Beruf ihres Vaters 
Auskunft zu geben. Seit einigen Jahren ist sie mit ihrer Familie ins Ausland 
übergesiedelt, und die gesellschaftliche Einordnung in den neuen Menschenkreis 
hat ihr nicht die geringsten Schwierigkeiten bereitet. 

Ähnlich liegt die Situation bei unserer zweiten Patientin: 

Es ist eine junge Russin in einer angesehenen beamteten Stellung, die sie zur 
vollen Zufriedenheit ihrer Vorgesetzten ausfüllt. Sie kommt in die psychoanalytische 
Sprechstunde nach einem schweren aktuellen Konflikt, der ihre, vorher latente, neu- 
rotische Symptomatik so stark zum Aufflackern brachte, daß sie ärztlicher Hilfe 
bedurfte. Nachdem sie alle Einzelheiten des auslösenden Konfliktes in der gleichen 
ruhig-sachlichen, gelassenen und zurückhaltenden Form dargestellt hat, die ihr Ge- 
samlverhalten kennzeichnet, beantwortet sie eine Frage der Analytikerin nach ihrer 
Vorgeschichte ganz unvermittelt mit einem lauten Aufschrei, dem lang anhaltendes 
Schluchzen folgt. 

„Nein, was ich aus meiner Vorgeschichte erzählen müßte", ruft sie dann noch 
immer laut weinend aus, „das kann und kann ich Ihnen nicht sagen. Das habe ich 
in meinem ganzen Leben noch niemandem preisgegeben!" Und dabei blieb es auch 

1) Es läge auch nahe, die Trunksucht des Vaters als solche an Stelle der durch sie 
mit bestimmten frühkindlichen Sexualerlebnissen für die mit der Abstammung rationali- 
sierten Minderwertigkeitsgefühle der Patientin verantwortlich zu machen. Allein 
wir haben keine Ursache dies zu tun, da die Analyse keinerlei Bestätigung für eine 
solche Annahme brachte. 

— 25 — 



während dieser ersten Besprechung, in der die Patientin sich sonst zu allen sie be- 
wegenden Fragen sehr offen und rückhaltlos äußerte. 

Sie klagt darüber, daß sie sich dauernd dienstlich zurückgesetzt und nicht voll 
genommen fühle, obwohl objektiv nicht die mindeste rationale Veranlassung zu ihren 
Beeinträchtigungsgefühlen gegeben ist. Die Angst, von ihren Vorgesetzten übergangen 
oder von ihren Kollegen ausgeschaltet zu werden, sei nichtsdestoweniger immer 
quälend in ihr lebendig und werde zuweilen so heftig, daß sie bald zu einer völligen 
Lähmung ihrer Arbeitsfälligkeit, bald umgekehrt zu einer derart überkompensatori- 
schen Anspannung ihrer Kräfte ^führe, daß sie nach einigen Arbeitsstunden völlig er- 
schöpft zusammenbreche. 

Als Ursache der vermeintlichen Zurücksetzung betrachtet auch sie die Tatsache 
ihrer „entsetzlichen Herkunft". Wenn sie auch alles dazu tue, um diese zu verheim- 
lichen, so merken ihr die Vorgesetzten und Mitarbeiter doch sicher an, aus welchem 
„schmählichen Milieu" sie stamme, auch ohne daß sie jemals darüber spreche. Bei 
solcher Abstammung sei man eben „sozial minderwertig"; dagegen nützen alle Ver- 
suche nichts, seine Abstammung zu verheimlichen. „Auch Sie werden mich gewiß 
nicht mehr behandeln wollen", sagt sie in einer der ersten psychoanalytischen 
Sitzungen, „wenn Sie erst wissen, was mein Vater war." Es folgen dann Berichte 
darüber, wie sie ihr ganzes Leben gewissermaßen in den Dienst der Aufgabe ge- 
stellt habe, den Beruf ihres Vaters zu verheimlichen, und wie sie dauernd von der 
Angst verfolgt war, darüber etwas aussagen zu müssen. Sie habe mehrere Ehemöglich- 
keiten nicht verwirklicht aus Angst, der Verlobte erfahre vor der Eheschließung aus 
ihren Papieren den Beruf ihres Vaters — und dann müsse er ja notwendigerweise 
seine Eheabsichten aufgeben. 

Nach einigen Sitzungen ringt sie sich dann schließlich die Mitteilung ab, ihr Vater 
sei russischer Grundbesitzer gewesen und habe, um eine wirtschaftliche Stütze 
für die Güter zu gewinnen, die er verschuldet ererbt hatte, dem Gut, auf dem die 
Familie lebte, als die Patientin etwa drei oder vier Jahre alt war, einen ländlichen 
Laden mit Alkoholausschank angegliedert; dies war, wie sich aus späteren Angaben 
der Patientin ergab, in der dortigen Gegend mit ihren weit auseinanderliegenden 
einzelnen Gütern und Gehöften keineswegs etwas außergewöhnliches, und im Falle 
ihres Vaters um so mehr gerechtfertigt und von den Leuten der Umgegend, bei 
denen er großes Ansehen genoß, gebilligt, als er mit Hilfe der Einnahmen aus dem 
Alkoholausschank in der Tat erreichte, daß seine Güter erfolgreicher bewirtschaftet 
und schuldenfrei wurden. 

Aber die Mutter und die mütterlichen Verwandten, aus deren Familie die Güter 
stammten, schalten sehr auf den Vater und protestierten häufig in Gegenwart des 
drei- bis vierjährigen Kindes gegen die Errichtung des Ladens und vor allem des 
Ausschanks auf ihrem früheren Gute. Der Erfolg bei dem kleinen Mädchen war 
daß sie sich im Sinne ihrer ohnehin vorhandenen normalen Ödipusbindung ganz auf 
die Seite des bekämpften Vaters schlug und von der Phantasie beherrscht war, Ver- 
käuferin oder Kellnerin zu werden, um dem armen Vater an Stelle der Mutter, die 
auf ihn schalt und ihn also nicht verstand, tüchtig in seinem angefochtenen Laden 
helfen zu können. 

Das weitere Einfallsmaterial der Patientin berichtet, daß der Vater selbst bald 
anfing, an den Trinkgelagen seiner Gäste und Kunden teilzunehmen, und daß das 
kleine Mädchen von den Fenstern des Gutswohnhauses aus häufig Gelegenheit hatte, 
ihrem Vater und seinen berauschten Gästen teils bei ihren Urinentleerungen, teils 

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beim Ordnen ihrer Kleidung vor oder nach der Entleerung auf dem Gutshof zuzu- 
schauen. Diese lustvollen Beobachtungen mußten natürlich aus den am Beispiel der 
vorigen Patientin dargelegten Gründen starke Schuldgefühle in dem kleinen Mädchen 
auslösen, die es veranlaßten, seine Schau-Erlebnisse sorgfältig vor seiner gesamten 
Umgebung zu verheimlichen. 

Als die Patientin vier oder fünf Jahre alt war, hatte sich der Vater selbst zum 
Trinker entwickelt. Sie begriff nach Gesprächen zwischen den Eltern, die sie be- 
lauschte, und an Hand der Selbstbeschuldigungen und Depressionen, mit welchen der 
Vater auf jeden Rausch reagierte, daß es sich dabei um eine peinliche und verbotene 
lusrvolle Versuchung für ihn handelte, gegen die er sich nicht zu wehren vermochte. 
Und sie verknüpfte die Schuldgefühle des Vaters über seine Trunkenheit assoziativ 
mit ihren eigenen Schuldgefühlen über die verbotene Befriedigung ihrer Schaulust 
an den trunkenen Männern im Gutshof. Deshalb versuchte sie auch, die Trunksucht 
des Vaters ebenso zu verheimlichen wie ihre Schau-Erlebnisse: z. B. entfernte sie sich 
unter allen möglichen Vorwänden mit ihren Gespielinnen aus dem Hause, wann immer 
auch nur mit der Möglichkeit gerechnet werden konnte, daß der Vater betrunken 
heimkommen werde, (womit sie zugleich eine Reaktionsbildung gegen die eigene 
Schaulust vollzog). Damit wurde die Trunksucht des Vaters für das Unbewußte des 
kleinen Mädchens erstens zu einem Mittel, sich auf dem Wege über die gemeinsamen 
Schuldgefühle mit dem Vater zu identifizieren, zweitens zu einem gemeinsamen Ge- 
heimnis zwischen ihr und dem Vater, das wohlgeeignet war zur Vertiefung ihrer zärt- 
lichen Bindung an den nun noch öfter als früher von den mütterlichen Verwandten 
gescholtenen Vater. 

Die Depressionen des Vaters in rauschfreien Zeiten gingen bald so weit, daß er, 
vielleicht auch mitbestimmt von den Vorwürfen der Angehörigen, wiederholt drohte, 
Selbstmord zu begehen. Bei einer dieser Drohungen, die in das fünfte Lebensjahr der 
Patientin fielen, rief die Mutter, die sich ohnmächtig fühlte, den Vater von seinem 
Vorhaben abzubringen, die Patientin mit den Worten zu Hilfe: „Rette Du uns den 
Vater! Dich liebt er am meisten. Du hast den größten Einfluß auf ihn." In der Tat 
gelang es dem kleinen Mädchen, den Vater zurückzuhalten, und die doppelte Erfüllung 
ihrer Ödipuswünsche, welche dieses eindrucksvolle Erlebnis in sich schloß, — Beein- 
flussung des Vaters als erfolgreiche Rivalin der Mutter und Bestätigung seiner besonde- 
ren Liebe durch die Mutter — vertiefte ihre Liebesbindung an den Vater noch mehr. 

Die realitätsgerechte Lösung der so sehr verstärkten Bindung an den Vater 
und der sie begleitenden Rivalitätshandlung gegenüber der Mutter ist der Patientin 
denn auch, wie die weitere Analyse ergibt, bis zum Zeitpunkt ihrer akuten 
Erkrankung, um derentwillen sie den Analytiker aufsucht, noch keineswegs ge- 
lungen. Vielmehr ist ihr Triebleben zu dieser Zeit noch beherrscht von den 
Auswirkungen ihres unbewältigten Ödipuskomplexes: mit der besonderen Note 
der Liebesbindung an einen von der verständnislosen Mutter und ihrer Fa- 
milie bekämpften Vater, dem die Patientin beruflich helfen wollte, dem sie als 
die ihm liebste Persönlichkeit das Leben retten konnte, mit dem sie sich ferner 
durch eine gemeinsame Schuld (seine Trunksucht — ihre Schaulustbefriedigung 
an Trunkenen), durch gemeinsame Schuldgefühle und durch das gemeinsame 
Bedürfnis nach Verheimlichung ihrer Schuld verbunden fühlte, und mit dem sie 
sich wegen der gleichen Schuld und des gleichen Bedürfnisses, diese Schuld zu 
verheimlichen, identifizierte. 

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Wenn sie demnach im Bewußtsein ihr Leben so /.wanghaft in den Dienst 
der Verheimlichung ihrer Herkunft stellt, so ist diese Haltung auch bei ihr 
wie bei der vorigen Patientin, nicht etwa wirklich eine Folge des zu verheim- 
lichenden Alkoholausschanks oder der Trunksucht des Vaters als solcher, sondern 
sie ist durch ihren unbewußten Kindheitswunsch bestimmt, ihre verbotene 
Objektbindung an den Vater und ihre und des Vaters gemeinsame Schuld, 
welche durch seine Trunksucht determiniert sind, zu verheimlichen. Diese 
Deutung ihres Verhaltens wird durch alle hierher gehörigen Einfälle und Träume 
sowie durch das unmittelbare Evidenzerlebnis und Entlastungsgefühl der Patientin 
bei der Deutung bestätigt. 

Durch diese tief sitzende triebliche Determinierung wird auch die Unfähig- 
keit der sonst recht lebensklugen Patientin verständlich, ihre „sozialen Minder- 
wertigkeitsgefühle" rational einzuordnen; ebenso die Erregungszustände, mit 
denen wir sie z. B. die Frage nach ihrer Vorgeschichte in der ersten Besprechung 
mit dem Analytiker beantworten sahen. Auch sie gelten demnach den Schuld- 
gefühlen wegen ihrer unbewältigten Ödipusbindung, von denen ihre Vorgeschichte 
(= Kindheitsgeschichte) als dem Kernkcmplex bis heute ganz beherrscht ist. 

Die Zurücksetzungen schließlich, welchen die Patientin wegen ihrer „sozialen 
Minderwertigkeit" dauernd ausgesetzt zu sein glaubt, dürften als unbewußte 
Wiederholung der Zurücksetzung gedeutet werden, welche sie den Vater, mit 
dem sie sich ja als Schuldige identifiziert, durch die mütterlichen Verwandten 
erleiden sah. Außerdem ergab die Analyse, daß es phantasierte Strafen waren 
welche sich die Patientin unbewußt aus ihren eigenen Schuldgefühlen heraus 
auferlegt. 

Auch bei dieser Patientin können also die sozialen Minderwertigkeitsgefühle, 
die mit der von ihr als fragwürdig und verheimlichenswert erlebten Abstam- 
mung verlötet sind, als unmittelbare Abkömmlinge des Ödipuskomplexes gedeu- 
tet werden, dessen normale Auflösung durch schwerwiegende, mit der Herkunft 
zusammenhängende, d. h. durch den trunksüchtigen Vater bestimmte Kindheits- 
erlebnisse verhindert worden war. Mit Hilfe dieser Einsicht gelang auch bei 
ihr eine therapeutisch wirksame psychoanalytische Auflösung der sozialen Minder- 
wertigkeitsgefühle. 

Wir haben bei der Darstellung unserer beiden kleinen Bruchstücke zweier 
psychoanalytischer Behandlungsgeschichten aus Gründen der Konzentration auf 
die besondere Fragestellung, um derentwillen wir sie mitteilen, nur diejenigen 
Einfälle und Deutungen herausgegriffen, die wir für das Verständnis unseres 
speziellen Zusammenhanges unbedingt brauchten. Das gesamte übrige Einfail s - 
material fügt sich aber lückenlos in den Rahmen unserer an den mitgeteilten 
Daten dargestellten Deutungen. 

In beiden Fällen wurde die Fixierung der Patientinnen auf der durch die 
Ödipussituation gekennzeichneten Triebentwicklungsstufe durch schwerwiegende 
sexuelle Kindheitserlebnisse hervorgerufen, welche mit der Trunksucht des Vater- S 
in ursächlichem Zusammenhang standen. 

Wenn Kinder aus einem Trinkermilieu psychische Störungen zeigen, z. ß 

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an „sozialen Minderwertigkeitsgefühlen" leiden, die scheinbar der Scham über 
die Trunksucht des Vaters als solcher entstammen, so darf sich der psycho- 
analytisch orientierte Pädagoge demnach mit diesem rationalen Tatbestand nicht 
zufrieden geben, sondern er wird immer prüfen müssen, ob nicht schädigende 
sexuelle Rindheitserlebnisse, denen die betreffenden Kinder infolge der Trunk- 
sucht des Vaters ausgesetzt waren, ihre seelischen Störungen ausgelöst haben. 
Damit haben wir im Prinzip nichts Neues ausgesagt, aber an neuen Beispielen 
die großartige symptombildende Kraft des Ödipuskomplexes aufgezeigt und auf 
eine seiner möglichen Verhüllungsformen unter dem Bilde des „sozialen Minder- 
wertigkeits" -Komplexes hingewiesen, deren Kenntnis für den psychoanalytischen 
Pädagogen von praktischem Interesse sein dürfte. 



Die Zwangsbefürditung vom Tode des gleidi- 
gesdileditlidien Elternteils 

Von Dr. Eduard Hitschmann, Wien 

Wenn ich diese von mir 1 benannte Neurose hier für weitere Kreise bespreche, 
geschieht dies nicht nur wegen der praktischen Wichtigkeit dieses nicht seltenen 
Krankheitszustandes jugendlicher Individuen, sondern auch wegen der lehrreichen 
Perspektiven, die sich überdies ergeben werden. 

Der Name dieser Neurose ist nicht schön; aber da die so erkrankten Mädchen 
den Tod oder das Überfahren werden oder das Erkranken der Mutter, gleich 
neurotisch leidende Knaben den Tod des Vaters befürchten, ließ sich die 
Benennung nicht umgehen. 

Das Krankheitsbild trat mir am krassesten entgegen, als eines Tages in das 
Wiener Psychoanalytische Ambulatorium unter großem Aufsehen im Kranken- 
wagen und von Organen der Polizei ein Mädchen A. eingebracht wurde, dessen 
Angst, die Mutter könnte sich erkälten, erkranken und sterben, so 
hochgradige Formen angenommen hatte, daß die Intervention der Behörde in 
Anspruch genommen werden mußte. Die sechzehnjährige Tochter beschränkte 
die Mutter in jeder Bewegungsfreiheit; sie zwang sie bei Steigerung ihrer Angst, 
das Zimmer, dessen Fenster streng geschlossen waren, nicht zu verlassen, sondern 
auf einem Divan in der Mitte des Zimmers zu liegen. Die Mutter mußte warm 
gekleidet sein, ja die bis zur Grausamkeit überzärtliche Tochter nähte ihr das 
Kleid an Hals und Ärmeln eng zu und drückte sie auf das Lager nieder. Die 
Kerkerhaft der Mutter war natürlich unerträglich, aber die nach Ansicht der 
Leute halb verrückte Tochter unerbittlich; es kam durch den rauhen Vater zu 



i) Vgl. „Ein Fall von Zwangsbefürchtung vom Tode des gleichgeschlechtlichen 
Elternteiles." Internat. Zeitschrift für Psychoanalyse, 1915. III. Jahrgang, Heft 2. 

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häßlichen Szenen und zu wiederholtem Drohen und schließlich zum Herbeirufe» 
der Polizei. 1 

Eine sonderbare Liebe, die der geliebten Person soviel Leid zufügt! VV"i r 
wollen uns diesen rücksichtslosen, grausamen Zug merken, der an jenen Bären 
erinnert, welcher seinem schlafenden Treiber eine Fliege von der Stirne jagen 
wollte und dazu sich eines hingeschleuderten Felsblockes bediente. 

Als ein weiterer charakteristischer Zug dieser Neurose sei hervorgehoben 
das Zwangsmäßige des Beängstigtseins; es drängt sich wider Willen auf und 
läßt sich nicht beruhigen. Es ist hartnäckig und dem Kranken selbst nicht recht 
erklärlich. Er fühlt, es ist stärker als er selbst, es zwingt ihn etwas, Angst ?. u 
haben und Schutzmaßregeln zu treffen. 

Sehen wir uns zunächst einmal jenen Fall näher an, den ich vor fünfzehn 
Jahren beobachtete, allerdings aus äußeren Gründen nicht länger analysieren 
konnte : 

Der Backfisch B. zeigte seit fünf bis sechs Jahren wechselnd heftige Angst 
davor, ohne die Mutter zu Hause bleiben zu müssen, ohne die Mutter in Unter- 
richtsstunden zu gehen und dgl. Vor den Ausgängen der Mutter, der die Tochter 
sichtlich überzärtlich zugetan war, äußerte sie oft unter Tränen große Angst 
,der Mutter könnte etwas passieren, sie könnte sterben, verunglücken 
oder überfahren werden'. Die Mutter wird gebeten, zu Hause zu bleiben, und 
verzichtet oft tatsächlich auf Theaterbesuch und dgl. Auch wird die Mutter vor 
dem Abschied dringend gebeten, .der Tochter alles Böse, was sie gegen die 
Mutter gesagt, getan oder gedacht, noch rasch zu verzeihen'. Ganz ähnlich be- 
nimmt sich das kleine Fräulein, wenn es zu Bette geht: Von einem pedantischen 
Zurechtlegen der Kleider abgesehen (,um wenigstens zu dieser Stunde gehorsam 
zu sein'), — muß auch abends die Mutter Verzeihung geben, und die Tochter 
gibt erst Ruhe und geht erst zur Ruhe, wenn sie nochmals Licht angezündet 
und der Mutter Antlitz nochmals gesehen hat. 

Was der Mutter höchst sonderbar bei einem so zärtlichen Kinde erscheint 
ist dessen oft geäußerte Bosheit. Z. B. stößt sie wie von Ungefähr mit dem Ell- 
bogen an die Mutter und sagt entschuldigend: ,Ich glaube, ich habe jetzt an Dich 
stoßen wollen'. Oder sie gesteht: .Der Kuckuck soll Dich holen!, habe ich jetzt 
gedacht'. — Auf der Straße fährt ein Automobil rasch an beiden Spaziergängerinnen 
vorüber; darauf sagt Trude: ,Mama, ich glaube, ich habe Dich jetzt unter das 
Auto werfen wollen, damit es Dich überfährt!' Immer wieder fragt die Patientin: 
,Bist Du mir noch böse für das, was ich gesagt oder getan habe?' 

Die Mutter, die übrigens einmal selbst an Platzangst gelitten hat, macht sich Vor- 
würfe, das früher allzulebhafte, unter manchem Konflikt herangezogene Töchter- 
chen nicht energischer von sich abgelöst zu haben, und vermutet, daß der einmal 
im Zorn gefallene Satz: ,Trude, Du bringst mich noch ins Grab!', den Schaden 
angerichtet haben könnte. Es lag, da der Vater des Mädchens (der an Bergangst 
leidet; es besteht also von Seite beider Eltern Disposition zur Angst!), durch 

1) Die Krankheit wurde durch gründliche Psychoanalyse unter zeitweiliger Ent- 
fernung atis der Familie geheilt. 

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den Krieg von ihnen getrennt ist und eine Zeitlang im feindlichen Ausland ver- 
schollen war, jetzt interniert dort festgehalten war, für den Arzt nahe, die 
Gegenprobe zu machen, ob denn das Kind für den wirklich lebensgefährdeten 
Vater ähnliche Zwangsbefürchtung habe. Aber sie wies die Frage rasch ver- 
neinend ab : ,daß dem Vater etwas passiere, könne sie gar nicht ausdenken'. 
Auch die Träume der Patientin beschäftigten sich sehr oft mehr oder weniger 
verhüllt mit dem Tode der Mutter und des jüngeren Bruders. 

Auch bei diesem Fall B. von Zwangsbefürchtung vom Tode der Mutter zeigt 
die Patientin mehrere auffallende Regungen. Sie verrät böse Impulse gegen die 
Mutter und lebhafte Schuldgefühle über böse Worte, Taten oder auch nur Ge- 
danken. Wir sehen in dem zarten Herzen dieses jugendlichen Wesens rührende 
Kämpfe vor sich gehen: böse Impulse, Haß- und Mordgedanken sind da, aber 
auch ein ebenso starkes Schuldgefühl dafür, daß sie sich gegen die Mutter 
richten. Eine heftig beunruhigende Angst umgibt dieselbe Mutter, gegen die 
zugleich böse Wünsche gehegt werden: die Gefühle zeigen ein Janusgesicht. 
Es wird der Tod derselben Person gefürchtet, der der Tod gewünscht wird. 

Dieselbe übertriebene Angst, daß die Mutter überfahren werden 
könnte, äußerten auch zwei Schulmädchen C. und D. Eines war nur einmal 
in der Ordination des Ambulatoriums; es stand unter dem Einfluß einer allzu- 
strengen Mutter, die von einer gleichartigen Großmutter unterstützt wurde. 
Das Kind C. zeigte guten Fortgang in der Mittelschule; nur zu Hause war es 
zu Trotz und Widerspruch durch eine insistierende pedantische Erziehung ver- 
dorben worden. Es genügte, daß der Arzt nur durch sein Fragen verriet, daß 
er auf Seite des Kindes stünde, um die unvernünftigen Frauen ihr Opfer nicht 
mehr wieder vorführen zu lassen. Auch diese kleine Mittelschülerin konnte nicht 
verbergen, daß sie Impulse habe, die Mutter, um die sie intensive Angst wegen 
Überfahrenwerdens äußerte, unter die Automobile zu stoßen. 

Wie können, fragen wohl manche Leser, Kinder so grausame, verbrecherische 
Instinkte aufweisen!? Noch dazu so überzärtlich besorgte Kinder!? 

Das zweite schon erwähnte Schulkind D. verursachte dadurch viel Störung 
im Haushalt und in der freien Bewegung der Mutter, daß es nicht dulden wollte, 
daß die Mutter den (gerade nur für die Mutter so überschätzten) Gefahren der 
Straße sich aussetze. Dieses rosige, herzige Volksschulkind plauderte, nachdem es 
Zutrauen zum Arzt gewonnen hatte, ganz gerne über sich. Und so erzählte es 
unbefragt, nicht ohne eitles Lächeln, es sei eine ,Puppenmörderin', beiße seinen 
Puppen gerne in den Hals, und mit vier Jahren — ein wenig hungrig, — habe es 
einem Wurstel einen Finger abgebissen; es habe Lust auf Fleisch gehabt. Sie 
erschlage auch gern Fliegen. Vor 1 4 Tagen habe sie dem Onkel den Tod 
gewünscht, weil er ihre Freundin bevorzugt, sie aber getadelt habe; dann 
aber habe sie ein schlechtes Gewissen gehabt und gegrübelt. ,Man schiebe den 
Gedanken weg, aber er komme wieder'; sie habe dann den ganzen Abend die 
Angst gehabt, der Onkel könnte sterben. 

Hier verrät sich das Töten wollen als ein triebhaftes; Puppen, Fliegen, der 
Onkel (wenn er böse ist) und die Mutter werden als Objekte des Aggressionstriebes 

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berichtet, der dem achtjährigen Kinde in statu nascendi des Verdrängtwerdens 
noch deutlich bewußt ist. 

Nicht von der Mutter, sondern nur vom Onkel berichtet die Kleine, daß sie 
ihm den Tod gewünscht habe und daß als Folge davon Angst um sein Leben 
eingetreten sei. Offenbar ist ein Schuldgefühl, ein Selbstvorwurf über das Böse 
hier die Ursache der Angst. Voraussetzung aber muß das Gefühl sein, daß ein 
bloßer Wunsch genügt, um den Tod eines Menschen herbeizuführen. Das Kind 
glaubt also an die Allmacht seiner Gedanken. 

Beim herangewachsenen Patienten ist die Feindseligkeit nicht mehr bewußt, 
ja sie wird zunächst geleugnet. Aber doch verrät sie sich durch Handlungen, 
durch Details in den Symptomen. Und wird in der Psychoanalyse und besonders 
auch in der Traumanalyse deutlichst nachweisbar. 

Die Feindseligkeit des Töchterchens gegen die Mutter stammt aus der Konstel- 
lation des Familiendreieckes, aus dem Ödipus-Komplex. Offenbar müssen in unseren 
Fällen noch besondere Dispositionen vorliegen, sei es in der Triebanlage, sei 
es in den Persönlichkeiten der Eltern, ihrer Erziehungsmethode, der Gewissens- 
bildung. 

Tatsächlich ist das Gefühl gegen die Mutter hier ein besonders ambivalentes, 
aus Liebe und Haß zusammengesetzt. ,Aus Liebe töten', das ist eigentlich die 
Vision des Sadismus, d. i. der Kombination von Aggression und Erotik. 

Das Krankheitsbild der , Zwangsbefürchtung vom Tode des Elternteils glei- 
chen Geschlechts' kommt auch bei männlichen Individuen vor: So saH 
ich einmal einen erwachsenen Intellektuellen, der von schwerer Angst, 
seinem Vater könne etwas zustossen, er könnte sterben, geplagt 
war. Er mußte, in der Stadt beruflich tätig, immer wieder zu Hause antele- 
phonieren, ob der Vater denn wohl sei; bei Tisch zwang es ihn, aufzusehen 
ob der Vater gegenüber am Tische wohl aussehe. Dieser Vater hatte den Knaben 
einmal bei der Selbstbefriedigung ertappt und ihn ,beim Leben des Vaters' 
schwören lassen, es nie wieder zu tun. Da aber die Versuchung alsbald mit 
Gewalt wieder eintrat, kam nun der Sohn in tiefsten Seelenkonflikt, der die 
Neurose mitentstehen ließ, für welche die gewöhnlichen Voraussetzungen gleich- 
falls vorlagen. Der Störer sexuellen Genusses wird besonders gehaßt. 

Auch als Teilerscheinung einer großen Zwangsneurose begegnet uns diese 
Elterntodesbefürchtung immer wieder, gleichfalls beruhend auf verdrängtem Haß. 
Bei der Platzangst kann sie mitspielen. 1 Pavor nocturnus geht ihr oft voraus. 
So auch im Falle von F r i e d j u n g 2 . Todes wünsche auf andere bedingen natürlich 
aus Schuldgefühl auch Todesangst um sich selbst. So zeigten Fall C. und Fall Fj. 
auch Angst für die eigene Person auf der Gasse, besonders vor Automobilen. 
Aber, sagte das Mädchen D., ,für mich kann ich aufpassen, für andere nicht'. 

Die dem Bewußtsein unwahrscheinlich große Rolle, die das Thema vorn 



1) Vgl. die instruktive Darstellung der ganzen Problemreihe bei Helene Deutsch, 
„Psychoanalyse der Neurosen", Wien 1930. 

2) „Beiträge zur Kenntnis der kindlichen Sexualität" (Zeitschrift für Kinderheil_ 
künde, Bd. 31, Heft 1—2, 1921). 



32 — 



Töten und Sterben beim Kinde, im Unbewußten und Traume des Erwach- 
senen und bei den Neurosen spielt, ist eine frühe Feststellung der Psychoanalyse. 
Freud hat in der „Traumdeutung" (1900) den Fall eines hysterischen Mädchens 
berichtet, das in einer tobsüchtigen Verworrenheit eine hochgradige Abneigung 
gegen ihre Mutter zeigte, während sie in ihrer späteren Phobie unter der quälen- 
den Zwangsvorstellung litt, daß der Mutter etwas geschehen sei. ,Von wo sie 
immer sich befand, mußte sie dann nach Hause eilen, um sich zu überzeuoen, 
daß die Mutter noch lebe.' 

Rank 1 weist diesen Ausdruck der Abwehr verdrängter Todeswünsche in 
Form übertriebener Besorgnis um die im Unbewußten tödlich gehaßte 
Person sowohl an der Mutter Byrons als am Bruder Karl des Dichters Grill - 
parzer nach. 

In der „Traumdeutung" finden wir auch, daß unter den typischen, also all- 
gemein menschlichen Träumen die Träume vom Tode naher Ange- 
hörig e r eine bedeutsame Gruppe bilden. Sie sind dadurch charakterisiert, daß 
der Träumer darin tiefen Schmerz empfindet, ja ihn selbst in heißen Tränen 
während des Schlafes äußert. Sie bedeuten, was ihr Inhalt sagt, den Wunsch, 
daß die betreffende Person sterben möge; allerdings nicht gerade für die Zeit 
des Traumes geltend, sondern der Träumer hat irgend einmal in der Kindheit 
ihren Tod gewünscht. 

Denn in der Kindheit, zumal des späteren Neurotikers, gehören Verliebtheit 
in den einen, den andersgeschlechtlichen, — Haß gegen den anderen Teil des 
Elternpaares zum eisernen Bestand des Seelenlebens; eine Phase, die wir be- 
kanntlich als Ödipuskomplex bezeichnen. 

Ein so unmenschlicher und gewalttätiger Wunsch, gerichtet gegen einen Eltern- 
teil, der doch meist trotz der Auflehnung und dem Wegwünschen — Liebe, 
Bewunderung und dgl. auf sich gezogen hat, dem das Kind doch alles Mög- 
liche verdankt, von dem es abhängig ist, ein Wunsch, der den früh gehörten zehn 
Geboten widerspricht, — ein solcher Wunsch ist im Bewußtsein nicht existenz- 
fähig, er ist im allgemeinen nur als verdrängter im Unbewußten nachweisbar. Die 
Tatsache besteht zurecht, daß die Kinder ihre Eltern lieben; in den Todes- 
wunsch gegen sie vermag man sich eigentlich nicht einzufühlen. So muß dieser 
Befund der Psychoanalyse Widerstand erregen, obwohl er eine psychische 
Realität ist. 

Die Zwangsbefürchtung vom Tode des Elternteiles vom gleichen Geschlecht 
wird in späteren Stadien der Neurose manchmal in abgeschwächtem Grade auf 
beide Eltern ausgedehnt und so wird die Psychogenese wohl in unbewußter 
Absicht verhüllt; noch mehr, wenn die Befürchtung noch weiter verallgemeinert 
erscheint. 

Zur Differentialdiagnose sei erwähnt, daß ein mit Angst rationalisiertes „Ab- 
halten der Mutter vom Ausgehen" von Freud bei einer Hysterika beobachtet 
wurde, die von der Liäson ihrer Mutter wissend, dieselbe nur vom Rendezvous 

1) Das Inzestmotiv in Dichtung und Sage, Wien 1912. 
Zeitschrift f. psa. Päd., V/i 33 5 



abhalten wollte, ohne ihr Wissen zu verraten. Überängstliches Warten auf die 
spät heimkehrende Mutter findet sich auch bei sehr verwöhnten und an die 
Mutter gewöhnten Kindern — ohne den oben festgestellten Hintergrund. 

* 

Keine andere Neurose ist so geeignet, die in jedem Kinde — freilich in ver- 
schiedenem Grade — wiederkehrenden urtümlichen (archaischen) Triebe auf- 
zuzeigen, vor allem den Todestrieb (Tötungstrieb); ferner den Kampf 
zwischen dem triebhaften ,Es' und dem das nicht Ich-Gerechte verdrängenden 
,Über-Ich', der durch das Schuldgefühl sprechenden moralischen Instanz. „Daher 
die Labilität des stolzen psychischen Oberbaues, der nächtliche Vorstoß des Verpön- 
ten und Verdrängten im Traume, die Eignung, an Neurosen und Psychosen zu er- 
kranken sobald sich das Kräfteverhältnis zwischen dem Ich und dem Verdrängten 
zu Ungunsten des Ichs verschiebt" (Freud). 

Die Verdrängung sowie die Reaktionsbildung als psychische 
Mechanismen werden hier klar. Das Mißglücken der Unterdrückung des Bösen 
zeigt sich überdies noch im offenen Verrat der feindseligen Regungen im Be- 
nehmen des Patienten. 

Das Problem der neurotischen Angst kann hier nicht ausführlich 
behandelt werden. Beim Kinde D. ist die Provenienz der Angst sicherlich mehr- 
fach bedingt. Denn dieses Kind belauscht die Eltern bei ihrem nächtlichen 
Tun, liegt gern bei der Mutter, betastet sie und masturbiert auch, besonders 
in der Angst. Die Angst stammt gewiß auch aus der zärtlichen Beziehung 
und der Gefahr des Objektverlustes, neben Schuldgefühlen; endlich ist sie ein 
Warnungssignal vor der sadistischen Triebregung: sozusagen Angst vor dem 
inneren Feind, dem ,Es'. 

Die symbolische Bedeutung des „Überfahrenwerden s" ist 
die weibliche Teilnahme am Liebesakt, bekannt vor allem als Symbol im Traume. 
Auch die Angst vor dem Selbst-Überfahrenwerden gehört hieher. Die Angst, daß 
die Mutter überfahren wird, hat wohl auch eine Wurzel in den kindlichen 
Coitusbeobachtungen. Beim Knaben entspricht die Phantasie des Überfahren- 
werdens einer passiv- femininen Einstellung. Evident ist die gesteigerte 
sado-masochistische Triebanlage dieser Patienten. Die Aggression 
äußert sich im Tötenwollen und Unter-das-Automobil-Stoßen-wollen, der Ma- 
sochismus in der Identifizierung mit diesem Elternteil und im Bedürfnis, bestraft 
zu werden. Evident ist auch der Einfluß eines strengen Über-Ichs (Ge- 
wissens), das durch Übertreibung des Wieder-gut-machen-wollens dem Psycho- 
analytiker Alles verrät. 

Wer die Zusammenhänge dieser Neurose verstehen gelernt hat, wird auch 
überzeugt sein, daß es einer längeren Psychoanalyse bedarf, um den Kranken 
zu heilen und vor weiteren Folgen zu bewahren. 



- 34 — 



Der Onaniekampf im Tagebuch des Jugendlichen 

Von Dr. Wilhelm Hoffer, Wien 

Die Onanie kann den Erzieher als naturgemäßer Entwicklungsvor- 
gang oder als Erziehungsproblem beschäftigen. Die pädagogische Stellung- 
nahme verhindert ihn oft, sich dieser Trennung bewußt zu sein; ge- 
wöhnlich muß als Reaktion auf die Naturerscheinung an Stelle der Natur- 
betrachtung das erzieherische Handeln treten. Die naturwissenschaftliche 
Betrachtungsweise sollte den Erzieher wenigstens erkennen lassen, wie 
selten es möglich ist, nicht nur die Naturerscheinung, sondern ein Natur- 
geschehen selbst zu beeinflussen; im Falle der Onanie: daß die Erziehung 
bestenfalls die direkte onanistische Handlung, nicht aber den nach Be- 
friedigung drängenden Trieb unterdrücken kann. An Stelle der unter- 
drückten Onanie treten dann Erscheinungen, die wir, gleichgültig ob be- 
deutungsvoll oder belanglos, als Onanieäquivalente bezeichnen müssen. 
Ihre Kenntnis ist auch für die Erzieher deshalb sehr wichtig, weil die 
meisten „Kinderunarten", aber auch harmlose Gewohnheiten in der Onanie 
verwurzelt sind, oft sind sie erst nach einem Onanieverbot aufgetreten 
oder verstärkt worden. Sie werden zu einem Anlaß ständiger Unzufrie- 
denheit der Erwachsenen, anderer Kinder oder dieses Kindes selbst. Die da- 
gegen übliche Erziehungapparatur von Verboten, gütigem Zureden, Ablen- 
kung, gutem Beispiel wird erfolglos in Bewegung gesetzt, sie kann nur 
zur Folge haben, daß ein anderes, neues, vielleicht gar nicht bemerkbares 
Äquivalent an Stelle des ersten tritt oder daß dieses vorühergehend ganz 
verschwindet, wenn das Kind zur ursprünglichen Triebhandlung zurück- 
kehren kann. Aus der Tatsache, daß es erlaubte Onanieäquivalente und 
vor allem eine geheime Onanie gibt, sieht man, daß die Erziehung nicht 
ganz so triebfeindlich und inhuman ist, wie wir es aus der ersten Reaktion 
der Erzieher oft schließen sollten. Sie begnügt sich damit, daß das sicht- 
bare, unerwünschte Tun unterbleibt und überläßt es dem Kinde, wieweit 
es in geheimer Befriedigung seine Triebansprüche unterbringen kann. 
Das Studium der Neurosen aber hat uns gezeigt, daß dieses Alleinsein mit 
seinen Trieben dem Kinde nicht immer zum Vorteil ist, daß der äußere 
Kampf zwischen „Unart" und Erziehung sich nur dem inneren zwischen 
Wollen und Können hinzugesellt und daß dann der Erfolg einer gelun- 
genen Erziehung eine neurotische Erkrankung ist. Wir wissen, das ist 
dann möglich und wahrscheinlich, wenn das Triebleben des Kindes mit seinem 
Gewissen, seinen moralischen Idealvorstellungen, seinem „Über-Ich" in Kon- 
flikt kommt und dieser dann zur Quelle subjektiven Leidens beim Kinde 
wie beim Erwachsenen wird. 

In dieser Zeitschrift wurde wiederholt ausgeführt, daß nicht die Selbst- 
befriedigung, sondern das mit ihr verbundene Schuldgefühl die störenden 
Folgen der Onanie auslöst. Dieses Schuldgefühl spielt im Leben der Jugend- 

— 35 - 



liehen eine noch nicht genug gewürdigte Rolle und ist ein Motiv von 
sozial oft bedeutsamen Handlungen. Diese müssen dann, soweit sie aus 
der Onanie hervorgegangen sind, als Bußhandlungen bezeichnet werden. Ob 
das Tagebuchschreiben eine sozial wertvolle Handlung genannt werden 
kann, ist eine außerpsychologische Wertfrage, die Bernfeld eben neben 
vielen anderen Problemen des Tagebuchschreibens behandelt hat . Das 
Onanieschuldgefühl ist jedenfalls ein Motiv für das Tagebuchschreiben und 
dieses kann unter Umständen zur auschließlichen Stätte der Gewissens- 
entlastung werden. Daß im Tagebuch nur höchst selten eine Bemerkung 
über die Selbstbefriedigung zu finden ist, widerspricht keinesfalls un- 
serer Behauptung. Das Tagebuch dient eben gar nicht in dem Ausmaße, 
als sein Schreiber meint, dazu, „sich den Spiegel vorzuhalten", „Selbstschau zu 
halten" zu entlarven oder wie es sonst beteuert wird. Es ist doch immer 
wieder eine Selbstdarstellung mit der Absicht sich so zu sehen, wie man 
sein will. Eines unter vielen Motiven, z. B. eine „Chronik zu führen, 
heißt sich selbst zu zeigen, daß nichts anderes vorgefallen ist, als aufge- 
schrieben wird. Wir wissen, daß damit der Schreiber gerade das Gegenteil zu- 
gibt. Es käme somit darauf an, den Chifferschlüssel zu finden, der uns die 
Tagebücher so lesen läßt, wie wir sorgfältig analysierte Träume lesen, und 
wir würden dann bestätigt finden, daß das Onanieschuldgefühl an jeder 
dieser Chiffern seinen Anteil hat, daß es in alles, was der Jugendliche 
sonst denkt und fühlt, mitverwoben ist und daß seine Entscheidungen, 
auch wenn er andere für sich entscheiden läßt, von dem Ausgang dieses 
Gewissenskampfes abhängen. Es kann gewiß nicht darauf ankommen, etwa 
diesen Gewissenskampf verhindern zu wollen; das widerspräche ja gerade dem, 
was die Psychoanalyse über die Ursachen dieses Gewissenskampfes aussagt 
(daß er eben ein in der Entwicklung begründeter ist), aber es ist nicht 
gleichgültig — für den Jugendlichen oder für die an ihm interessierte 
Gesellschaft — ob dieser Gewissenskampf in Heilung mit oder ohne Defekt 
übergeht. Solange er uns aber verborgen bleibt, solange die Erzieher ihn 
nicht kennen, von ihm nichts wissen, und, weil sie ihm gegenüber ratlos 
sind, auch nichts wissen wollen, solange darf man keine Hoffnung haben, 
auf Verlauf und Ausgang dieses Entwicklungsprozesses Einfluß zu nehmen. 
Ich möchte nun einen kleinen Beitrag zu diesem Chifferschlüssel liefern 
und benütze dazu das Tagebuch eines Jugendlichen als „Code' , da sich 
in ihm die Chiffer und ihre Übersetzung zugleich findet. Solche Chiffern 
spielen bekanntlich im Leben eines jeden eine Rolle und sind dem TJbio 
dessen, der sie gebraucht, verständlich; die Fehlleistungen — Versprechen, 
Vergreifen, Vergessen — und die Symbolik des Traumes sind die alltäg- 
lichen Techniken der Chiffrierungen, aber nicht immer wird die Ent- 
zifferung so leicht gemacht, wie von unserem Jugendlichen K. J. — Ich 
bringe hier nur die erste Seite seines Tagebuches mit Auslassung weniger 

Zeilen, die ich gleich nachtragen werde: 

1) Trieb und Tradition im Jugendalter. Leipzig, 1951. 

— 36 - 



i 



: 



Dienstag, den l6. Mai I l )22, Mittag. 

Endlich das feige Zagen überwunden. Nun will ich beginnen zu schaffen. 
Der Cäsar geht mir im Kopf um. Wer iveiß denn, was draus wird? Ein Stück 
Arbeit wird's kosten, einstweilen will ich nur fleißig vorarbeiten, den bellum 
gallicum übersetzen; Cicero, Sulla, Sallust studieren. Wie ich's jetzt vorhabe, 
wird's nicht gehen. Die Geschichte kann ich ja doch nicht auf den Kopf stellen. 
Catilina oder Ariovist, einer muß dran glauben. 

Mittwoch, den 7. Juni I<}22. 

Nachgebend mir meinem eigenen Willen [„Willen" durchstrichen] Trieb. 
Dies mal zum Guten. O, könnt ich stark sein. Ich muß es werden. Mein Können 
muß dem Wollen gleich kommen; doch kann es das? Viel geht durch diese 
Brust. Soll ich die gefangenen Tauben frei lassen und nach anderen jagen. Ich 
muß es sollen, will ich nicht zurücksinken in den Staub des Pöbels. [Alles fol- 
gende durchstrichen.] Des Volkes guter Wille ist das beste Pfand. Dies sei mein 
Wahlspruch. Ich will glauben. 

Sonntag, den 16. Juni I<?22. 
Ich will hinaus aus dieser engen Welt und nach der Freiheit dürstet meine 
Seele. 0, haV Du großer Gott Erbarmen. 

Mittwoch, den 12. August I?22. 

Zu Hause widerlich, faul; unentschlossen; nur alte Gedanken. 

Ich möchte es dem Leser überlassen, ob er schon aus diesen Zeilen 
sehen mag, was zuzugeben K. J. nur mit Verachtung gegen sich selbst 
möglich wäre und ob er dazu die Stellen wählt, in denen unser Schreiber 
seine Laune skizziert, oder die, welche die Kämpfe um die Darstellung eines 
Stücks Römergeschichte darstellen. Alles, was hier an guten Vorsätzen, 
an Überlegungen, ob dieses besser geschehen, jenes unterbleiben soll, aus- 
gesprochen wird, ist ein Abbild der Onaniekämpfe; Drohungen, der Ekel vor 
sich selbst, das Flehen um Erbarmen sind die Reaktion auf das Unterliegen 
in diesem Kampfe. Das bestätigt eine Eintragung auf der ersten Tagebuch- 
seite gleich nach der vom Dienstag, 16. Mai, Mittag. Sie hieß ursprünglich so: 

Abend. 

Fast zum Verzweifeln, schon wieder, jetzt nehme ich es vor, nimmer darf 
ich es tun. Noch einmal und ich bin für mich und die Welt abgetan. 

Reim Schreiben von „Verzweifeln" muß sich K. J. korrigieren, er schrieb 
zuerst „versch weifein" und deutet sein Verschreiben in einem Zusatz gleich 
selbst, so daß diese Tagebuchstelle so aussieht: 
Catilina oder Ariovist, einer muß daran glauben. 

Abend. 

z Am I4. I. iqi ) damals hohe ich onanirrt. 
Fast zum Verstyioeifcln, schon wieder, jetzt nehme ich es vor, nimmer darf ich 
es tun. Noch einmal und ich bin für mich und die Welt abgetan. 

Mittwoch, den 2J. Juni l<)22. 

Nachgebend meinem eigenen Willen Trieb . . . usf. 

Die Entdeckungen Freuds beim Studium der Neurosen haben bekannt- 
lich im Studium der Primitiven, der Kinder und der Geisteskranken eine 

— 37 — 



Bestätigung gefunden; bei den letzteren, weil sie vor allem in ihren 
Wahnbildungen viel mehr wissen und mitteilen, als dem „Normalen* 4 
jemals möglich wäre. Wenn wir uns fragen, warum K. J. nicht wie alle 
Jugendlichen seine Onanie verbirgt, zuerst sich begnügt, sie hinter den 
üblichen, in vielen Tagebüchern anzutreffenden Chiffern anzudeuten, dann 
in seinen Chiffrierungen (Versch weifein) deutlicher wird, um ein Jahr 
spätei offen davon zu schreiben, so kann ich als Erklärung für dieses Ver- 
halten anführen, daß er nach einem weiteren Jahr (im April 1924) vor- 
übergehend an einer Geisteskrankheit litt, nach der er nunmehr seit fünf 
Jahren wieder berufsfähig ist. 

Weil andere Jugendliche in ähnlichen Konflikten diese besser verbergen 
— vor sich wie vor der Umwelt — darum habe ich dieses Beispiel ge- 
wählt, in dem die normalen Verhüllungsmechanismen mit ihrer Über- 
setzung zugleich gezeigt werden konnten. Wenn wir uns daran erinnern, 
daß der Onaniekampf des Jugendlichen Folge des Konflikts zwischen seinem 
Triebleben und seiner Moral ist und daß es sich bei dieser Moral nicht 
nur um die wandelbare, gesellschaftlich verankerte Moral, sondern um die 
handelt, welche aus der Erledigung des Inzestwunsches gespeist wird, so 
wird den Erziehern kein Mittel zu gering, aber auch nicht zu kompliziert 
erscheinen, um diese verstrickten und verborgenen Vorgänge im Jugend- 
lichen durchschauen zu können. 

Das kann dann nicht ohne Einfluß darauf sein, wie wir den Jugend- 
lichen begegnen, wie wir sie verstehen und sehen und schließlich wie wir 
von ihnen gesehen werden. 






Stottern und Stehlen 

Aus den Beobachtungen einer Pädagogin 

Von Ella M. Terry, London 

Im Januar 192* suchte mich Frau R. auf, und es entspann sich folgendes 
Gespräch zwischen uns: „Mein elfjähriger Junge hat Sprachschwierigkeiten, die 
sich besonders dann zeigen, wenn er in der Schule antworten soll. Soviel ich 
weiß, behandeln Sie Kinder mit Sprachschwierigkeiten. Glauben Sie, daß Sie 
ihm helfen können? Im Herbst soll er in die Public School kommen und es 
wäre sicherlich von großem Nutzen für ihn, wenn er bis dahin diese Schwierig- 
keit überwinden könnte." 

Ich antwortete ihr: „Ich bin zwar keine Spezialistin für Kinder mit Sprach- 
schwierigkeiten, habe aber natürlich im Verlauf meiner pädagogischen Bemühungen 
mit schwierigen und neurotischen Kindern häufig mit verschiedenen Abarten 
dieser Schwierigkeit zu tun gehabt. Stottern ist ein neurotisches Symptom, das 
nur schwer zu heilen ist und das an der Wurzel erfaßt werden sollte; darum 
rate ich Ihnen, den Jungen psychoanalytisch behandeln zu lassen." 

„Ich möchte ihn in keiner Form psychotherapeutisch behandeln lassen, und 
würde die Psychoanalyse nur im äußersten Fall versuchen", sagte Frau R. darauf. 

- 38 - 



So verabredeten wir, daß Tom dreimal wöchentlich zu mir kommen sollte, 
um bei mir zu lesen, vorzutragen oder andere Dinge zu tun, die seine klare 
Aussprache fördern könnten. Der Junge war freundlich und aufrichtig und wir 
unterhielten uns lang und breit über Literatur und Poesie. Er begann freier 
und offener zu sprechen. Er hatte einen ungewöhnlich starken Wunsch, bei den 
Lehrern und allen Erwachsenen beliebt zu sein. „Ich glaube, er kann mich gut 
leiden", „er bevorzugt mich", „der und der steht viel besser als ich", das waren 
Bemerkungen, die ich immer wieder von ihm hörte. In der Schule wurde ein 
Schülerwettbewerb im Rezitieren veranstaltet; Tom lernte zwei oder drei Ge- 
dichte gut aufsagen und erhielt für diesen Erfolg gute Noten und wurde sehr 
gelobt. Er schrieb dies unserem Zusammenarbeiten zu, und dies verstärkte noch 
unsere Beziehung und verringerte seine Angst vor der Public School. Er hatte 
das Gefühl, daß er in der Public School die sportlichen und geistigen Leistungen 
der früheren Generationen erreichen müßte; als besonderer Antrieb kam noch 
hinzu, daß „mein Vater im Kriege gefallen war, noch bevor ich geboren wurde". 

Wovor fürchtete sich Tom? Er war hochbegabt und seine Leistungen im 
Lernen wie beim Sport standen weit über dem Durchschnitt. Trotzdem fürchtete 
er, was die anderen wegen seines Stotterns über ihn denken würden. „Ich mache 
dadurch einen so dummen Eindruck" usw. 

Durch diesen freien und freundschaftlichen Unterricht — der natürlich rein 
pädagogischer Natur war und nichts von Psychoanalyse an sich hatte, — erzielte 
ich, daß Tom bald im Gespräch mit mir überhaupt nicht mehr stotterte, und 
daß Anderen gegenüber sich nur mehr ein leichtes Zögern zeigte. Dies war 
ungefähr sechs Wochen vor Beendigung des Sommerhalbjahres. 

Vielleicht sind für Psychoanalytiker, die Stotterer behandeln, folgende Auszüge 
aus meinen Notizen von einigem Interesse: 

28. Januar. Tom berichtete mir, daß ein Junge ihm gesagt hätte, daß sein 
Bruder „einen blutigen Ausfluß hätte, so wie die Frau in der biblischen Geschichte." 

— das hätte der Arzt gesagt. Und ein paar Tage vorher hatte er mir erzählt: 
„Ich war sozusagen im Zimmer, gerade nur vor der Türe, als mein kleiner Stief- 
bruder geboren wurde, und ich weiß alles diesbezüglich." 

7. April. „Mir ist die alte klassische Dichtung, wie Homer, viel lieber als 
die Modernen, wie Masefield, Kipling usw. Ich glaube, man kann den Unter- 
schied durch die zwei 
Leute, die so in ihrem 
Stuhl sitzen, darstellen". 

— Diese zwei Skizzen 
geben die Zeichnung wie- 
der, die Tom auf die Tafel 
gemacht hat. Er erklärte 
mir, daß der Mann, der 
auf dem Stuhl mit der auf- 
rechten Lehne sitzt, den 
alten klassischen Vers dar- 
stellt, und daß der andere Mann, der sich im weichen Lehnstuhl zurücklehnt, die 
moderne und leichte Dichtung personifiziert, die ihm nachlässig und würdelos er- 
scheint. Bemerkenswert ist, daß Tom ganz unbewußt den Liegestuhl so zeichnete, 
daß er wie ein Nachtstuhl aussieht, und darin zeigt sich klar die unbewußte 





- 39 



Beziehung zwischen dem freien und leichten Sprechen, ebenso wie der Konflikt 
in ihm zwischen dem Wunsch, den er so oft äußerte, der junge und beliebte, 
nicht stotternde Mann zu sein, der alles durchführen kann, und dem alten 
stolzen Klassiker, der sich nicht gehen lassen darf und stottert. Übrigens ha* 
Tom ein großes Talent entwickelt, selbst lateinische Verse zu machen. 

Hier erinnere ich mich auch an zwei Bemerkungen, die Tom machte: „Als 
ich noch klein war, pflegte ich mit meinem Großvater (dem alten Klassiker) 
zusammen zu sein, dessen Sohn furchtbar stotterte." Und „in einem Theaterstück 
in der Schule wurde ich (der junge Moderne) gewählt, die Rolle des Großvaters 
zu spielen, weil der ein bißchen stotterte." 

Ich will noch kurz darauf eingehen, was sich ereignete, nachdem Toms Stottern 
geschwunden war. Zunächst bemerkte ich, daß Tom sich verschiedentlich einen 
Penny bei mir für den Autobus auszuleihen begann; er versprach mir immer 
sie wiederzugeben, aber er tat es nicht. Als die Summe sechs Pence betrug-, 
hörte er auf, sich Geld auszuleihen. Ich bemerkte aber erst später, daß es gerade 
dieser Betrag war. 

Zweitens kam eine kleine Verzögerung bei der Bezahlung meines Honorars 
durch ein „dummes Versehen", das Tom begangen hatte, vor; dieses Versehen 
hätte beinahe ernstere Folgen nach sich gezogen, ging aber zum Schluß noch 
gut aus. 

Schließlich erhielt ich einen Brief von seiner Mutter, in dem sie mir mit- 
teilte, daß Tom angefangen hätte, sich aus ihrer Börse Sechs-Pence-Stücke heraus- 
zunehmen, die er dann zurückgeben wollte, und schließlich nahm er einmal 
wieder ein Sechs-Pence-Stück heraus und stritt dies ab: aber er kaufte dafür 
Schokolade und schenkte sie seiner Mutter. Die Mutter schrieb, sie wollte mir 
das nur mitteilen, knüpfte keine weiteren Bemerkungen an diese plötzliche Ver- 
änderung und meinte bloß verwundert, „immer Sechs-Pence-Stücke". 

Ein paar Tage nachher sprach ich mit Tom darüber, daß er jetzt zur Schule 
komme, und fragte ihn geradeheraus: „Warum fürchtest Du Dich davor, Tom?" 
Er antwortete, „weil ich denke, daß ich vielleicht wieder zu stottern anfangen 
könnte". 

Es scheint deutlich, daß die kleinen Diebstähle eine Ersatzhandlung für das 
Stottern darstellten, und höchst wahrscheinlich dürfte Tom, wenn er in die 
Public School kommt, wieder zu stottern anfangen. Seine Mutter sagte mir, daß 
es von Anfang an Zeiten gegeben hätte, in denen er aufhörte zu stottern, ohne 
daß sie aber andere Symptome an dessen Stelle beobachtet hätte. 

Ich berichtete über diesen Fall, weil er deutlich zu zeigen scheint, daß ein 
„unbekanntes Etwas" eine Veränderung des Symptoms hervorrief, aber keine 
wirkliche Heilung bewirkte. (tlberselzt von Dr. MellUa Sdimldebi-rf*.) 

Einige Bemerkungen zu dem von Ella Terry beschriebenen Fall 
Von Dr. Melitta Schmideberg, Berlin 

Der vorliegende, von Ella Terry beschriebene Fall ist für den Analytiker 
besonders instniktiv. Durch freundliche und verständnisvolle Beeinflussung ge- 
lang es E. Terry, bei einem elfjährigen Jungen ein Symptom — das Stottern — 
zu beseitigen, und dafür trat kurze Zeit später ein anderes, — Stehlen — auf. 

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Wenn wir an die Determinierung im Psychischen glauben, so müssen wir an- 
nehmen, daß es nicht zufällig ist, wenn an Stelle des Stotterns gerade das Stehlen 
auftritt, sondern durch unbewußte Faktoren determiniert ist. Im Folgenden 
möchte ich nun versuchen, wie weit sich — ohne Analyse und persönliche 
Kenntnis des Falles — der Zusammenhang rekonstruieren läßt. Dieser Versuch 
kann natürlich nicht mehr als bloße Wahrscheinlichkeit anstreben und muß 
auf jeden Fall lückenhaft bleiben. Ich habe zwei Patienten analysiert, die große 
Schwierigkeiten beim Sprechen hatten, und zwei andere, die wegen Stehlens 
in Analyse kamen, und möchte nun versuchen, die in diesen Analysen gewonnenen 
Erkenntnisse auf den von T. geschilderten Fall anzuwenden. 

E. Terry zeigt deutlich, daß Tom unbewußt das „Frei- und leicht-Sprechen" 
dem Defäzieren gleichsetzt und daß er vermutlich nicht frei sprechen kann, 
weil er das Hergeben des Stuhles fürchtet. Ich habe bei meinen Patienten ge- 
funden, daß diese Angst auf die tiefere Angst zurückgeht, daß die Mutter dem Kind 
den Stuhl wegnimmt. Besonders deutlich zeigte sich dies in der Analyse eines 
Patienten, der zwar nicht stotterte, aber aus Angst lange Zeit kaum sprechen 
konnte. Er fürchtete, ich nähme ihm seine Gedanken weg, er könnte dann kein 
Dichter werden; ich sammle seine Gedanken, um einen Vortrag daraus zu 
machen und so Geld zu verdienen. Die weiteren Assoziationen ergaben, daß er 
die Gedanken im Kopfe dem Inhalt seines Leibes, dem Stuhl (der auch Kinder 
bedeutete) gleichsetzte, ebenso wie mein Vortrag und seine Gedichte, die er 
schreiben wollte, die Bedeutung des Kindes, das er gebären wollte, hatten; als 
ich ihm deutete, er fürchte, daß ich ihm den Stuhl wegnähme, um ihn für 
mich zu sammeln, bestätigte er diese Deutung durch die Erinnerung, die Mutter 
hätte dies tatsächlich getan, indem sie seinen Stuhl für den Düngerhaufen sammelte. 
Die weitere Analyse ergab, daß diese Angst, die Mutter sammle seinen Stuhl, 
die Strafe für entsprechende Wünsche der Mutter gegenüber darstellte; er hatte 
der schwangeren Mutter das Kind und früher schon den Stuhl rauben wollen, 
um selbst daraus ein Kind zu machen. — Wenn wir nun bei Tom einen ähnlichen 
seelischen Vorgang annehmen wollen, so wäre sein Stottern so zu erklären, daß 
er Angst hatte, die Worte — den Stuhl — herzugeben, weil er fürchtete, daß 
die Mutter sie ihm wegnimmt. Durch die freundliche Behandlung von Miß 
Terry verringerte sich seine Angst soweit, daß er jetzt frei sprechen konnte. 
Aber die Angst war nur beschwichtigt, nicht behoben, darum mußte er sich, 
indem er sich bei Miß Terry Geld auslieh, überzeugen, daß sie ihm den Stuhl 
nicht wegnimmt, sondern ihm im Gegenteil welchen gibt. (In der Analyse kennen 
wir das Geld als typischen Ersatz für Stuhl). Die gleiche Angst, die er hatte, 
die Worte herzugeben, frei zu sprechen, äußerte sich auch darin, daß er Schwierig- 
keiten hatte, Miß Terry ihr Honorar zu geben. 

In der Analyse von zwei stehlenden Kindern fand ich als eine wichtige 
Determinante des Stehlens, daß sie sich durch das gestohlene Geld (das Stuhl 
bedeutete) wiederherstellen wollten. So warf mir ein kleines Mädchen vor, ich 
hätte ihr verschiedene Sachen weggenommen oder beschädigt, aus ihrem Tusch- 
kasten „die schöne braune Farbe" genommen, (aus ihrem Körper Stuhl genommen), 
und nachher stahl sie mir dann etwas. Es ist dies ein circulus vitiosus: zufolge 
der kindlichen unbewußten Wünsche, aus dem Körper der Mutter Stuhl zu 
rauben, besteht die Angst vor der Vergeltung der Mutter, die Angst, sie werde 
dem Kind den Stuhl wegnehmen, und häufig auch die Vorstellung, sie habe es 

— 41 — 



schon getan, der Körper sei beschädigt. Diese Angst wird durch das Stehler» 
beruhigt, indem das Kind sich Stuhl verschafft und auf diese Art seinen Körper 
wieder in Ordnung bringt. Ähnlich möchte ich auch bei Tom annehmen, daß 
er, als seine Angst geringer wurde, im Stande war, frei zu sprechen, daß aber die 
latente Angst ihn dann wieder dazu trieb zu stehlen. Er konnte also frei sprechen 
(den Stuhl hergeben), wenn er der Mutter Geld nahm (von ihr Stuhl bekam). 

Das von E. Terry gegebene Material erlaubt aber noch eine tiefere Deutung. 
Tom stiehlt der Mutter 6 d und kauft ihr dafür Schokolade. Die Schokolade 
finden wir in Analysen gewöhnlich auch als Ersatz für Stuhl. Tom stiehlt also 
Geld (Stuhl), um der Mutter Schokolade (Stuhl) schenken zu können. Das ist 
ein Mechanismus, den ich auch bei meinen Patienten fand; die Angst, keinen 
Stuhl zu haben, ist auch darum so groß, weil man dann die gefürchteten An- 
forderungen der Mutter nicht befriedigen kann. Eine Ursache für das Stehlen 
ist also auch der Wunsch im Stande zu sein, die ursprünglichen Raubphantasien 
wieder gut zu machen. 

Interessant ist auch, daß Tom den Mann, der sich nicht gehen lassen kann 
und der nicht defäziert, in Gegensatz zu dem setzt, der defäzieren darf, der den 
Leibstuhl hat und sich gehen lassen kann. In einem von mir analysierten Fall 
habe ich etwas Analoges beobachtet: der Patient konnte sich seelisch und körper- 
lich nicht gehen lassen, — wie die Analyse ergab — , aus Angst, daß, wenn er 
sich gehen läßt, er defäzieren oder urinieren könnte. Die seelische Spannung 
ging also auf die ursprüngliche körperliche Anstrengung, das Defäzieren oder 
Urinieren zu unterdrücken, zurück. 

Es scheint mir, daß der von E. Terry beschriebene Fall eine generelle Be- 
deutung beanspruchen kann. Er illustriert nämlich besonders deutlich, warum 
der Analytiker zur Heilung eines Patienten oft soviel längere Zeit braucht, als 
ein anderer Psychotherapeut: weil er sich nicht mit dem Schwinden eines 
Symptoms begnügen darf. Denn oft schwindet das Symptom und an seine Stelle 
tritt ein anderes, wie in dem von E. Terry geschilderten Fall. Oft tritt zwar 
kein anderes deutlich sichtbares Symptom an die Stelle des geschwundenen, und 
doch würde der Analytiker nicht von einer Heilung, ja nicht einmal von einer 
Besserung sprechen; denn die Schwierigkeiten des Patienten müssen sich ja nicht 
in einem genau abgegrenzten Symptom äußern, sie können sich auch in einer 
ungünstigen Veränderung seiner Charakterentwicklung, seiner intellektuellen 
Entwicklung, seinem subjektiven Befinden usw. ausdrücken. So war ein Patient 
von mir, bevor er in Analyse kam, viele Jahre lang in psychotherapeutischer, 
vorwiegend hypnotischer Behandlung gewesen; dieser gelang es, verschiedene 
neurotische und hysterische Symptome zu beheben. Und doch konnte man von 
keinem Erfolg sprechen, da er in einem weit schlimmeren Zustand war, als vor 
der Behandlung: subjektiv fühlte er sich schlecht und hatte allen Kontakt mit 
den Menschen verloren. Ich mußte es in der analytischen Behandlung als guten 
Erfolg ansehen, als seine allgemeine Einstellung sich besserte und die durch die 
hypnotische Behandlung beseitigten Symptome allmählich wieder auftraten. Eine 
solche Veränderung wird natürlich nicht einfach durch eine psychotherapeutische 
Behandlung hervorgerufen: diese kann nur eine vorhandene Einstellung oder 
eine beginnende Umstellung verstärken. Bei Patienten, wo dies nicht der FaJJ 
ist, wird die hypnotische, suggestive usw. Behandlung eben erfolglos bleiben 
und das Symptom nicht beseitigen können. Ein anderer Patient litt bis zn 



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sechzehn Jahren an Bettnässen und hörte zu dieser Zeit spontan damit auf. In 
der Analyse ergab sich jedoch, daß zugleich mit dem Aufhören der Enuresis eine 
sehr ungünstige Ch.arakterentwick.lung einsetzte. In der Enuresis — einem in 
diesem Alter doch sehr pathologischen Symptom! — waren noch die letzten 
Reste seiner Aktivität enthalten gewesen. 

Ich möchte hier eine Analogie aus der Medizin heranziehen; in früherer Zeit 
war man mit allen Mitteln bestrebt, das Fieber herabzudrücken; jetzt tut man 
das nicht, aus der Erkenntnis heraus, daß das Fieber einen Selbstheilungsversuch 
des Organimus darstellt, sondern man versucht die Krankheit, die Ursache des 
Fiebers zu beeinflussen. — Ähnlich stellt auch das neurotische Symptom einen 
Selbstheilungsversuch dar, indem es einen unbewußten seelischen Konflikt zu 
lösen anstrebt. Wenn das Symptom beseitigt, aber der Konflikt nicht gelöst wird, 
äußert sich dieser eben in einer anderen Form. Es ist darum auch wichtig, auf 
welchem Wege ein Symptom beseitigt wird; ist es eine Steigerung der Angst, 
die zur Unterdrückung des Symptoms führt, so wird der Gesamtzustand des 
Patienten sich wohl immer verschlechtern. Nur wenn beim Patienten Angst 
und Schuldgefühl sich verringern, und der unbewußte Konflikt in einer der 
Realität besser angepaßten Form ausgetragen wird, wird das Schwinden des 
Symptoms gleichzeitig eine wirkliche Besserung bedeuten. 

Man darf also wohl die Forderung aufstellen, bei einer psychotherapeutischen 
Behandlung nur dann von einem Erfolg zu sprechen, wenn das beseitigte Sym- 
ptom nicht wiederkehrt, an seiner Stelle auch kein anderes auftritt, und die 
Gesamtentwicklung und das subjektive Befinden sich nicht verschlechtern 1 . Die 
Anforderungen, die wir an eine psychoanalytische Heilung zu stellen berechtigt 
sind, sind allerdings noch weitergehende: die schon vorhandene ungünstige Ent- 
wicklung soll rückgängig gemacht werden. 



BERICHTE 



Bücher 

ERICH BENJAMIN, Grundlagen und Entwicklungsgeschichte 
der kindlichen Neurose. Eine ärztlich-pädagogische Studie. Mit 5 Ab- 
bildungen. Verlag von Georg Thieme, Leipzig 1930. 

Der Kinderarzt Prof. Benjamin legt hier seine Beobachtungen nieder, die er 
vor allem bei der Untersuchung und Behandlung von über 200 Kindern, die zwischen 
Frühkindheit und dem fünfzehnten Lebensjahre standen, gesammelt hat. Für die psycho- 
analytische Pädagogik hat das Buch ein besonderes Interesse deshalb, weil es viele 
Krankengeschichten neurotischer Kinder enthält; sie sind nach Urteil des Autors vor- 
wiegend durch Milieuschädigungen erkrankt. Im Mittelpunkt steht die Schilderung 

1) Ferner ist noch ein Moment zu berücksichtigen: daß sich durch die erfolgreiche 
psychotherapeutische Behandlung eine Abhängigkeit vom Arzt ergibt, die sich oft im 
Leben als sehr hinderlich erweist; in diesem Fall hat dann der unbewußte Konflikt 
an Stalle des neurotischen Symptoms die Form der „Übertragungsneurose" angenommen- 

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der „Trotzneurose", ihre Anfänge verlegt Benjamin ins erste Lebensjalir. Er erkennt 
vor allem sich stützend auf die Darstellungen Ch. Bühlers und Haeberlins 
die Frühsexualität an, verwertet auch einzelne Peststellungen Freuds, zeigt aber an 
einzelnen Stellen, daß ihm wichtige Veröffentlichungen Freuds entgangen sind. Bei 
dem Hinweis auf die von Ch. Bühler beobachtete „erste Pubertät" des Kindes heißt 
es: „Zu ihrem eigenen Erstaunen findet sich Gh. Bühler hier in Übereinstimmung 
mit Freud, den offenbar ähnliche, wenn auch leider nicht mitgeteilte, Beobachtungen 
zu der Annahme eines ebenso datierten Entwicklungsabschnittes bewogen hätten!" 
Bei der genetischen Analyse der Trotzneurose, deren Zusammenhang mit der 
analen Triebentwicklung dem Autor auffällt, fehlt der Hinweis auf die grundlegende 
Arbeit Freuds „Charakter und Analerotik", auf „Über Triebumsetzungen, insbesondere 
der Analerotik", „Die Disposition zur Zwangsneurose" (Gesammelte Schriften Bd. V) 
ebenso im ausführlichen Literaturverzeichnis. Der Autor stellt fest, daß seine Forschun- 
gen den Beweis erbracht, haben: „Jegliche Neurose ist in der frühen Kindheit ver- 
ankert." Mit Becht rückt Benjamin von — heute schon vereinzelten — Kinderärzten 
ah, die die Psychoanalyse zum Objekt der Lächerlichkeit zu machen versuchen. So 
sagte kürzlich noch Hamburger seinen Studenten, daß die Psychoanalyse Freuds sich 
zur Psychologie, zur Seelenforschung ungefähr so verhielte wie „Nuditätenschnüffelei" 
zur Kunst des Praxiteles! Es dürfte klar sein, daß sich auf solcher Basis Fragen, wi e 
die hier vorliegenden, nicht entscheiden lassen." Benjamin bemüht sich immer wieder 
hervorzuheben, daß die Neurose des Erwachsenen die letzte Strophe jenes Liedes sei, 
das dem Kind an der Wiege gesungen wurde, und daß alles geschehen müsse, um 
diesem Elend vorzubeugen. Deshalb wünscht er, daß auch Nichtfachgenossen sei n 
Buch lesen und benützen. Mene 

MAGNUS HIRSCHFELD und EWALD BÖHM: Sexualerziehung. Der 
Weg durch Natürlichkeit zur neuen Moral. Universitas, Berlin. 

Die Autoren setzen sich mit den wichtigsten modernen Erziehungsproblemen aus- 
einander: Erziehen in der Gemeinschaft, im Landerziehungsheim, Jugendbewegung, 
sexuelle Aufklärung, sie geben Grundlagen einer neuen Moral, fußend vor allem auf 
Gesetzen der Eugenik. Die Psychoanalyse wird unter Verwertung von Arbeiten Freuds, 
vor allem der „Geschichte einer infantilen Neurose" und des Buches „Die Frage der 
Laienanalyse" herangezogen, die psychoanalytische Pädagogik findet eine eingehende 
Besprechung durch Verwertung einzelner Ergebnisse Bernfelds, insbesondere i n 
seinem Buch „Sisyphos". Einzelne Forderungen Bernfelds, wie die der Vergesell- 
schaftung der Erziehung, werden abgelehnt. Auch die pädagogischen Forderungen von 
Russell, Adler und Kunkel dienen zur Begründung einer neuen Sexualpädagogik. 
Das Buch ist vor allem für Eltern und Erzieher geeignet, die einen Überblick über 
den heutigen Stand der Beziehungen der Sexualpädagogik zu ihren Grenzgebieten 
gewinnen wollen unter Zuhilfenahme sexualbiologischer und sexualpsychologischer 
Feststellungen. Das Buch würde gewinnen, wenn die vielen, langen wörtlichen Zitate 
auch manche Wiederholungen, wegblieben. Meng 

MAGNUS HIRSCHFELD - BERNDT GÖTZ: Sexualgeschichte de r 
Menschheit. 1929, Dr. P. Langenscheidt, Verlag, Berlin. 

Mit Ausnahme der Ausführungen der Autoren über Psychoanalyse ist das Werk 
eine wertvolle Darstellung der Sexualgeschichte, der Entwicklung des Geschlechts- 
lebens und seiner Beziehungen zum sozialen Leben, zur Kunst, Ethik und Religion. 

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Es werden zahlreiche interessante völkerkundliche Forschungsergebnisse, z. B. über 
sexuelle Blutopfer und Männerkindbett mitgeteilt. Der Leser erfährt eine zusammen- 
fassende Darstellung der sozialen Probleme des Sexuallebens, der Prostitution, der Ehe 
und Familie. Das Bildmaterial ergänzt vor allem die ethnographischen Textstellen. 
Die Stellung der Autoren zur Psychoanalyse zeigt, daß sie das Wesentliche der 
Freud sehen Funde ablehnen, vor allem die Rolle des Ödipuskomplexes für die 
Neurosenentstehung und die Bedeutung der infantilen Sexualität. Die Haltung der 
Autoren ähnelt der Haltung Jungs. Es genügt, zur Kennzeichnung eine Stelle wieder- 
zugeben. S. 229 heißt es: „Gibt es denn nun gar keine Brücken zwischen der Freud- 
schen Auffassung und imserer eigenen, der wir ja früher bereits weit ausgesponnene 
Kapitel dieses Buches widmeten? Besteht denn hier wirklich ein so großer Gegensatz 
zwischen Freud und uns? Schließlich sind doch die Ritualien der Sohnestötung vor- 
handen, und schon die Gemeinsamkeit des Arbeitsgebietes müßte doch eine Verstän- 
digung zwischen Freud und uns ermöglichen. Nun, wir sind bereit, der Freudschen 
Schule die wissenschaftliche Bruderhand über den Abgrund, der uns trennt, zu reichen. 
Wenn Freud erklären würde, daß er, den wir neidlos als den größten Symboliker aller 
Zeiten anerkennen, seine Lehre symbolisch gemeint hat, so ist die Einigung her- 
gestellt. Was verstehen wir darunter? Wenn Freud mit dem Worte „Mutter" sym- 
bolisch das Weib meint, wenn er, hierüber hinaus, das Weib, das ja das begehrens- 
werteste Gut auf der Welt ist, für „Welt" setzt, so ist der Konflikt zwischen Freud 
und uns hiermit erledigt. Vater und Sohn streiten um die Welt. Der Sohn, die kom- 
mende Generation, drängt den Vater aus der Welt in den Tod. Der Vater sieht im 
Sohne seinen Tod und kämpft daher mit der Kraft der Verzweiflung gegen diese 
Verkörperung des Todes. Der Sohn macht dem Vater die Herrschaft streitig, gewiß; 
und dies mag, mythologisch überhöht, in die Formel gefaßt werden : Der König Laios 
fürchtet, an seinen Sohn Ödipus Herrschaft und Weib zu verlieren; daher trachtet er 
danach, ihn zu beseitigen. So verstehen auch wir die Ödipussage. Sie enthält den gleichen 
Sinn wie unsere Kronosmythe. Das heißt doch beileibe nicht, daß dieser junge Prinz 
Ödipus zwangsweise jene Matrone Jokaste lieben und heiraten muß, daß, seinem 
Beispiel folgend, jeder einzelne Jüngling immer seine Frau Mutter begehren muß. 
Auf diese höchst reale Wirklichkeitsformel gebracht, wird Freuds Lehre zu einem 
unerträglichen Zwang. Über sich selbst erhöht, ins Geistige gerückt, wäre sie die 
größte wissenschaftliche Leistung, die wir überhaupt ersinnen können. Es liegt nur 
an Freud, ob er so oder so sich entscheiden will und kann." Freud hat. glücklicher- 
weise längst entschieden. 

Das Kapitel, das der Stellung der Autoren zur psychoanalytischen Schule gewidmet 
ist, bringt noch eine Reihe von ähnlichen Ausführungen. Daneben finden sich im Buch 
bemerkenswerte Beobachtungen und Forschungsergebnisse aus Grenzgebieten der 
Psychoanalyse. Die psychoanalytisch-pädagogisch interessierten Leser finden, vor allem 
im Abschnitt über Pubertät, Material über das Gemeinschaftserleben bei den Jugend- 
bünden und über die Jugendweihen, auch interessante Theorien über praelogisches 
Denken, Zeremonien und Rituale. Meng 

MAGNUS HIRSCHFELD u. BERNDT GÖTZ: Das ero tisc he We 1 tbil d. 
Aralun -Verlag, Hellerau bei Dresden, 1929. 

Es wird versucht, den Unterschied der Erlebniswelt des Verliebten und der des 
Alltagsmenschen zu charakterisieren und zu begründen. Dabei wird die Psychologie 
des primitiven Menschen, des Kindes, des seelisch Kranken, des Berauschten und des 

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Liebenden gekennzeichnet. Ihnen allen ist nach den Autoren ein Weltbild gemeinsam, 
das in derselben magischen Ebene des Bewußtseins liegt. Der Liebeswahn ist ein 
Rauschzustand, der durch die Ausschüttung von „Mann"- oder „Weibstoff", von Sexual- 
hormonen in die Blutbahn hervorgerufen wird. Unter Eros verstehen die Verfasser 
alle „körperlichen und psychischen Möglichkeiten und Beweisungen eines Seelwesens 
im Hinblick auf das Generative. Andererseits auch die generative Tendenz, wenn und. 
wie sie sich dynamisch an jedem körperlichen und seelischen Vorgang beteiligt." Das 
Buch ist für psychologisch interessierte Leser vor allem durch seine Heranziehung 
zahlreicher Liebesbriefe und psychiatrischer Beobachtungen beachtenswert, auch durch 
das Bildmaterial. Die hormonalen und psychischen Probleme der Wechseljahre, der 
Werdejahre, der Kindheit und der Pubertät sind behandelt. Es werden Ergebnisse der 
psychologischen Forschung, auch der Freud sehen, verwertet, aber zum Teil mit 
anderer Nomenklatur und ohne Hinweis auf die Quelle; es werden einige — ver- 
meidbare — Fremdwörter gebildet und manches reale Problem mystisch und speku- 
lativ kompliziert. Dies ist wohl teilweise bedingt durch die weltanschaulichen Ten- 
denzen der Verfasser. Einzelne Stellen zeigen, daß schwere, undurchdringliche Wider- 
stände gegen die Psychoanalyse führend sind. M e n <r 

Zeitschriften 

Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse. Heraus- 
gegeben von Sigm. Freud. 

Das soeben erschienene Heft 3/4 des XVI. Jahrgangs enthält u. a. folgende Beiträge : 

Robert Wälder: Das Prinzip der mehrfachen Funktion. 

Otto Fenichel: Zur prägenitalen Vorgeschichte des Ödipus-Komplexe». 

Franz Alexander: Träume mit peinlichem Inhalt. 

Wilhelm Reich: Über kindliche Phobie und Charakterbildung. 

Dorian Feigenbaum: Paranoia und Magie. 

R. A. Spitz: Angstaffekt und Bedürfnisstauung. 

M. D. Eder: Der symbolische und metaphorische Sinn eines Einfalls. 

Imago, Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Natur- und 
Geistes wissenschatten. Herausgegeben von Sigm. Freud. 

Das soeben erschienene Heft 3/4 des XVI. Jahrgangs enthält u. a. folgende Beiträge : 
Erich Fromm: Die Entwicklung des Christusdogmas. 

C. Müller- B r a u n seh w ei g: Analyse eines Idealtypus des Gottesglaubexu. 
Th. Reik: Gebelmantel und Gebetriemen der Juden. 
I. F. Grant Duf f: Die Geschichte der Phantasie einer Heiligen. 
Otto M a r b a c h : Das Fest der Midinetten. 

Psychoanalytische Bewegung. Herausgegehen von A. J. Storfer. 
Heft 6 des Jahrgangs 1930 (II. Bd.) enthält u. a. folgende Beiträge: 

Karen Horney: Das Mißtrauen zwischen den Geschlechtern. 

Alfred Winterstein: Angst vor dem Neuen, Neugier und Langeweile. 

Eduard Hitschmann: Zur Psychologie des jüdischen Witzes. 

Egenolf Roeder: Eine Theorie der Fehlleistung bei Piaton. 
Das soeben erschienene Heft 1 des Jahrgangs 1931 enthält u. a. folgende Beiträge: 

Stefan Zweig: Freud und die Situation der Jahrhundertwende. 

Sigmund Freud: Das Fakultätsgutachten im Halsmannprozeß. 

Eduard Hitschmann: Eine „unverstandene" Frau. 

G. H. Graber: Zur Psychoanalyse des Fluchens. 

I. Hermann: Zur Psychologie eines Gorillakindes. 



Herausgeber: Dr. Heinrich Meng in Frankfurt a. M. und Prof. Dr Ernst Schneider In Stuttgart» 

'Eigentümer, Verleger und Herausgeber für Österreich- Vdolf Josef Storfer Wien, I., Börsegasse i» 

(„Verlag der Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik";. 

Verantwortlicher Redakteur: Adolf Josef Slorfer, Wien, I-, Börsegassc 11. 

Druck von Emil M. Engel, Druckerei und VerlaKsanstalt, Wien, I., In der Börse. 






Vater, Mutter, Arzt und Lehrer 

lesen die monatlich erscheinende 

Zeitschrift für 

psychoanalytische 

Pädagogik 

1931 erscheint der V. Jahrgang 

Abonnement 19 JI (12 Hefte, etwa joo Seiten): 
Mark 10. — (schweiz. Frk. 12. $0, österr. S IJ. — ) 



In Vorbereitung befindliche Sonderhefte: 

„Menstruation" / „Strafen" 

In den früheren Jahrgängen erschienen folgende Sonderhefte: 

„Sexuelle Aufklärung" / „Onanie'' / „Stottern" 
„Nacktheit und Erziehung" / „Intellektuelle Hem- 
mungen" / „Selbstmord" / Aus der Kindheit eines 
Proletariermädchens 



Beachten Sie die Urteile auf der nächsten Seite! 



Urteile über die „Zeitschrift für psydioanalj'tisdie Pädagogik" 

Der Vorteil der „Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik" ist es, 
bei strengster Wissenschaftlichkeit amüsant und kurzweilig zu sein. 

Monistische Monatshefte 

Man übertreibt kaum, wenn man sie die beste pädagogische Zeitschrift 
nennt, die es gegenwärtig überhaupt gibt. Sie wird von Analytikern und 
Nichtanalytikern geschrieben; der Stil ist keineswegs so fachwissenschaft- 
lich und schwer, daß die Aufsätze nur mit spezieller Vorbildung lesbar 
wären; im Gegenteil sind fast alle Aufsätze allgemeinverständlich. 

Leipziger Volkszeitung 

Wer einmal ein Heft dieser Zeitschrift gelesen hat, wartet mit Span- 
nung auf die nächste Nummer. Denn sie bringt ihm soviel Neues in 
offener Sprache, über das man früher zu schreiben sich nicht getraute, 
daß ihr möglichst weite Verbreitung zu wünschen ist. Unsere Schul- 
pflegen sollten die Zeitschrift auf irgend eine Weise ihren Mitgliedern 
zugänglich machen. Winterthurer Arbeiterzeitung 

Diese Zeitschrift hält die glückliche Mitte zwischen wissenschaftlicher 
Einstellung und Allgemeinverständlichkeit, gepaart mit einem guten lite- 
rarischen und stilistischen Niveau. 

Deutsche Zeitschrift für Homöopathie 

Unsere Arbeit in der Schule erhält von der Psychoanalyse wertvolle 
Anregungen und Aufschlüsse. Es gibt kein Ausweichen mehr, wir müssen 
auch diesen Zweig der Seelenkunde kennen lernen. Ein zuverlässiger 
Führer ist die genannte Zeitschrift. Pfälzische Lehrerzeitimg 

Aufsatz für Aufsatz der Zeitschrift bringt Beispiele Menschenleids und 
seines Urgrundes, oft so packend und überzeugend, daß man wünschte, 
es gäbe Tausende von Pädagogen, die in dieser Methode zu Hause wären, 
Hunderttausende von Eltern, die ihre Forderungen für eine richtige Er- 
ziehung verstünden. Darum ist gerade diese Zeitschrift berufen, Fackel 
zu sein. Sie ist sich dessen bewußt und schreibt deshalb in einer Sprache, 
die auch Nichtgelehrten verständlich ist. Möge sie viel gelesen werden 
und unendliche Früchte tragen. Volksblatt, Halle 

Man könnte sich denken, daß Behörden und Pädagogenkreise hier die 
Gefahr einer psychoanalytischen Verseuchung unseres Schulwesens fürch- 
ten und aus berechtigten sachlichen wie persönlichen Gründen nunmehr 
gegen den Versuch vorgehen. Zeitschrift für pädagogisch Psychologie