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Full text of "Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik V 1931 Sonderheft 5/6 "Menstruation""

ZEITSCHRIFT FÜR PSYCHO- 
ANALYTISCHE PÄDAGOGIK 

V. Jahrg., Heft 5/6 Men" triatfon Mai-Juni 1931 






Die prämenstruellen Verstimmungen 

Von Dr. Karen Horney, Berlin 

Nachdem man sich teils aus Erfahrung individueller Analysen, teils aus sehr ein- 
drucksvollen ethnologischen Tatsachen darüber klarer geworden ist, in welchem 
Ausmaß Angst mit allem Geschlechtlichen verknüpft ist, kann es uns kaum 
mehr Wunder nehmen, daß der auffallende Vorgang der Menstruation zum 
Ausgangspunkt und Mittelpunkt angstbesetzter Phantasietätigkeit geworden ist. 
Und zwar für beide Geschlechter: die Tabus der Primitiven 1 legen ein be- 
redtes Zeugnis davon ab, wie die tiefe Angst des Mannes vor der Frau sich 
gerade um die Menstruation zentrierte, und jede weibliche Analyse zeigt uns, 
daß dieser blutige Vorgang in der Frau selbst grausame Phantasien und Impulse 
aktiver und passiver Art lebendig macht. Wenn auch unser Verständnis dieser 
Phantasien und ihrer Bedeutung für das weibliche Erleben noch unzureichend 
ist, so hat es doch bereits ein praktisch brauchbares Handwerkzeug geliefert, 
um die vielfachen psychischen und funktionellen Störungen der Menstruation 
therapeutisch beeinflussen zu können. Was bisher auffallender Weise vernach- 
lässigt wurde, ist der Umstand, daß krankhafte Störungen ja nicht nur während 
der Menses selbst auftreten, sondern in vielleicht noch häufigerer, wenngleich 
weniger lärmender Weise vor den Tagen der Blutung. Die Störungen als solche 
dürften jedem bekannt sein: sie gehen der Hauptsache nach einher mit allen 
Graden der Verstimmung, von einem Alles-schwer-nehmen und einem Gefühl 
allgemeiner Unlust oder allgemeinen Gehemmtseins, einer Labilität des Selbst- 
gefühls, bis zu ausgesprochenem Gedrücktsein und zu schwer depressiver Stim- 
mung; alles das häufig untermischt mit Reizbarkeit oder Ängstlichkeit. Man 
hat den Eindruck, als ob diese Verstimmungen im allgemeinen dem normalen 
Erleben näher stunden als die eigentlich menstruellen Störungen. Sie finden 
sich häufig bei sonst gesunden Frauen, machen meist gar nicht den Eindruck 

i) Ich gehe an dieser Stelle auf die Begründungen der Menstruationstahns nicht ein, 
verweise nur auf die sehr tiefsinnigen und aufschlußreichen Arbeiten von D a 1 y : 
Hindumythologie und Kastrationskomplex 1927; Der Menstruationskomplex 1928. 
(Beide im Internationalen Psychoanalytischen Verlag, Wien.) — [Man vgl. auch in 
diesem Heft die Zuschrift von C. D. Daly — Änm. d. Schriftlehung.] 



Zeitschrift f. psa. Päd., V/5/6 151 



12 



J 



INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



von ausgesprochen pathologischem Geschehen und sind nur selten mit funk- 
tionellen Störungen oder konversionshysterischen Erscheinungen verknüpft. 

Sie haben deutlich nichts mit einer phantasiemäßigen Ausdeutung der 
Blutung zu tun. Sie können zwar in die eigentlichen menstruellen Störungen 
übergehen, aber typischer Weise gehen sie mit dem Auftreten der Blutung 
mit einem Begleitgefühl der Erleichterung zurück, oft in der Weise, daß 
die Betreffenden von dem Zusammenhang mit der Menstruation jedes Mal 
selbst wieder überrascht sind und sich die Erleichterung beim Eintritt der 
Menses damit begründen, daß dieser ganze quälende Spuk also nichts sei als 
ein Genarrtsein von einem rein physiologischen Vorgang. Ein anderes Moment, 
das dafür spricht, daß diese Zustände tatsächlich nichts mit der Blutung und 
ihrer Ausdeutung zu tun haben, ist ihr häufiges Vorkommen bereits vor der 
allerersten Menstruation, zu einer Zeit also, in der selbst unterschwellig kein 
Zusammenhang mit einer etwa zu erwartenden Blutung bestanden haben dürfte. 
Es ist eben im Psychologischen nicht anders als im Physiologischen: Die Men- 
struation erschöpft sich nicht in dem Vorgang der Blutung. 

Den physiologisch orientierten Ärzten geben diese prämenstruellen Verstim- 
mungen weniger zu denken als uns. Denn es ist ihnen geläufig, daß wesent- 
liche, vielleicht die wesentlichsten Vorgänge des Gesamtprozesses sich vor dem 
Eintritt der Blutung abspielen, und sie geben sich leichter zufrieden mit der 
allgemeinen Vorstellung einer körperlich bedingten seelischen Belastung. Es wird 
gut sein, sich diese Vorgänge kurz zu vergegenwärtigen: etwa in der Mitte 
zwischen zwei Perioden ist in einem der Eierstöcke ein Ei gereift, die umgebenden 
Hüllen (Follikel) platzen, das Ei wandert durch die Eileiter zur Gebärmutter, 
um sich hier im Falle der erfolgten Befruchtung einzunisten. Das Ei bleibt etwa 
i4 Tage lebens- resp. befruchtungsfähig. Inzwischen haben sich die geplatzten 
Eihüllen umgewandelt zu dem sogenannten gelben Körper, dem Corpus luteum. 
Dieser gelbe Körper ist seiner Funktion nach eine Drüse mit innerer Sekretion 
und zwar sondert er ein Sekret ab, das man jetzt in reiner Form hat isolieren 
können und „Brunsthormon" genannt hat, weil es imstande ist, auch in Mäusen 
denen die Eierstöcke entfernt wurden, einen Brunstzyklus auszulösen. Dieses 
Brunsthormon wirkt in der Weise auf die Gebärmutter, daß die Schleimhaut 
welche die Gebärmutter innen auskleidet, sich so verändert, als ob eine Schwanger- 
schaft erfolgen sollte: die Schleimhaut lockert sich im ganzen, füllt sich mit 
Blut, und die in ihr enthaltenen Drüsen füllen sich prall mit Sekreten. Tritt 
keine Befruchtung ein, so wird die oberflächliche Schleimhautschicht abge- 
worfen, die für den Aufbau der Frucht aufgespeicherten Stoffe werden ausge- 
stoßen, und das nunmehr abgestorbene Ei wird mit der so entstandenen Blu- 
tung ausgeschwemmt. Gleichzeitig beginnt eine Regeneration der Schleimhaut. 
Mit dieser Fernwirkung ist die Funktion des „Brunsthormons" nicht er- 
schöpft: auch die übrigen Geschlechtsteile füllen sich stärker mit Blut; ebenso 
die Brustdrüsen, bei denen man sogar vielfach ein Wachsen der Drüsensubstanz 
vor der Periode nachweisen kann. Außerdem aber wirkt sich das Hormon aus 
in meßbaren Veränderungen des Blutes, des Blutdruckes, des Stoffwechsels und 

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der Temperatur. Man hat angesichts des Umfangs dieser Wirkungen nicht mit 
Unrecht von einer großen rhythmischen Wellenbewegung im Lehen der Frau 
gesprochen, einer Bewegung, deren biologischer Sinn eine allmonatlich wieder- 
kehrende Vorbereitung auf den Generationsvorgang ist. 

Die Kenntnis dieser biologischen Vorgänge gibt uns zwar an sich keinen 
Aufschluß über die besonderen psychischen Inhalte der Verstimmungen, aber 
sie ist dennoch zum Verständnis unerläßlich, weil diesen körperlichen 
Vorgängen gewisse seelische Vorgänge parallel gehen, bzw. 
durch sie bedingt werden. 

Diese Behauptung ist zu einem, sogar wesentlichen Teil gewiß nicht neu, 
insofern nämlich, als es ein altes biologisches Wissen ist, daß den geschilderten 
Vorgängen eine Steigerung der genitalen Libido entspricht, ein Parallelvorgang, 
der an Tieren deutlich zu beobachten ist, und dem das auslösende Hormon 
seinen Namen, Brunsthormon, verdankt. Wir befinden uns im Einklang mit 
sehr namhaften Forschern, Havelock Ellis z. B., wenn wir den gleichen 
psychischen Parallel Vorgang einer Libido Steigerung auch beim menschlichen 
Weibe annehmen. Die Frau stünde somit vor der infolge kultureller Ein- 
schränkungen gewiß nicht immer leichten Aufgabe, diese Libidosteigerung an 
sich zu bewältigen. Das heißt: sind Möglichkeiten zu einer Befriedigung der 
jeweils wesentlichen Triebansprüche gegeben, so gelingt solche Bewältigung 
ohne weiteres; — schwierig wird es erst, wenn aus äußeren oder inneren 
Gründen solche Möglichkeiten nicht vorliegen. Dieser Zusammenhang bestätigt 
sich denn auch anscheinend bei gesunden Frauen, d. h. Frauen mit einer relativ 
geradlinigen psychosexuellen Entwicklung, darin, daß die Störungen restlos ver- 
schwinden in Zeiten, in denen sie Erfüllung im Liebesleben erleben, und auf- 
tretenin Zeiten äußererVersagung oder unbefriedigenden Erlebens. Beobachtungen 
des Mechanismus, der aus solchen Situationen eine Verstimmung entstehen läßt, 
zeigen, daß es sich hier um Frauen handelt, die aus dem einen oder anderen 
Grunde Versagungen schlecht ertragen, die auf eine Versagung mit Wut reagieren 1 , 
diese Wut aber gar nicht oder nur zum kleineren Teil nach außen abführen 
können und sie infolgedessen gegen sich selbst wenden. 

Schwerere Symptome — jedenfalls im allgemeinen — und kompliziertere 
Mechanismen finden sich bei den Frauen, die aus Gründen innerer, psychischer 
Hemmungen unbefriedigt sind. Man gewinnt hier den Eindruck, daß sie sich — 
allerdings unter dieser oder jener Einbuße an vitaler Stärke ihrer Impulse — noch 
in einem labilen Gleichgewicht erhalten, daß aber bei einer Steigerung der 
Libido eine nicht mehr auszubalancierende Stauung entsteht, unter deren Druck 
es auf jeweils individuell gebahnten Wegen zu regressiven Erscheinungen, d. h. 
zum Wiederauftreten kindlicher Reaktionen als Symptome kommt. 

Soweit dürften diese auf Beobachtungen gestützten Überlegungen gewiß nicht 
auf viel Widerspruch stoßen. Dagegen wird man nach den diesen Kausalnexus 
einengenden Bedingungen fragen müssen angesichts der Tatsache, daß zwar 

i) Wobei es für diesen Versuch einer allgemeinen Klärung der Vorgänge gleich- 
gültig ist, auf welchem Wege eine solche Reaktionsart zustande kommt. 

— 163 — 



prämenstruelle Verstimmungen, besonders solche leichterer Art, sehr häufig vor- 
kommen, aber doch wiederum nicht so häufig, wie die bis jetzt beschriebenen 
Bedingungen es erwarten ließen; daß wir sie z. B. nicht einmal bei jeder 
Neurose finden. Nun, um gerade dieses letztere Problem beantworten zu können» 
müßte man in zahlreichen Neurosen die jeweilig charakteristische Lagerung 
und Verarbeitung der genitalen Libido in Verbindung bringen mit dem Vor- 
handensein oder Nichtvorhandensein prämenstrueller Störungen. Das würde mög- 
licher Weise einiges von den individuellen Bedingungen versländlicher machen. 
Vor allen Dingen müssen wir nochmals fragen: ist wirklich die Libido Steigerung 
als solche das spezifische Agens für die Verstimmungen in dieser Zeit? 

Tatsächlich haben wir uns ja nur um die Auswirkung eines physiologischen 
Teilgeschehens gekümmert und haben die des andern, biologisch entscheidenden 
Teils, bisher vernachlässigt. Erinnern wir uns : die Libidosteigerung hat biologisch 
den Sinn einer Vorbereitung zum Empfangen, und die wesentlichen 
organischen Veränderungen dienen einer Vorbereitung zur Schwanger- 
s ch aft. 

Es wäre demnach zu fragen : ist es denkbar, daß die Frau eine — unbewuß t 
bleibende — Wahrnehmung dieser Vorgänge hat? Ist die Möglichkeit gegeben, 
daß sich die körperliche Bereitschaft zur Schwangerschaft derart im Seelenleben 
auswirkt? 

Immer die Erfahrung voran: meine Beobachtungen sprechen durchaus für 
solche Möglichkeit. Eine Patientin T. berichtet spontan: vor der Periode seien 
ihre Träume immer so sinnlich, rot, sie fühle sich wie unter dem Druck von 
etwas Schlechtem, Sündigem, der Leib fühle sich so schwer und voll an. Wenn 
die Blutung einträte, käme sofort eine große Erleichterung, und sie habe oft 
denken müssen: jetzt ist das Kind da. Einiges Weniges aus ihrem Leben: sie 
ist älteste Tochter, hat zwei etwas jüngere Schwestern, Mutter herrsch- und 
streitsüchtig, Vater ihr mit einer Art ritterlicher Zärtlichkeit zugetan. Auf 
gemeinsamen Reisen werden Vater und Tochter oft für Ehepaar gehalten. Heiratet 
mit 18 Jahren einen etwa 30 Jahre älteren Mann, der in Wesen und Habitus 
dem Vater gleicht. Lebt mit diesem Mann einige Jahre ohne jede sexuelle 
Beziehung sehr glücklich. Gegenüber Kindern bis dahin eine intensive affektive 
Abneigung. Dann mit allmählich einsetzendem Unbefriedigtsein eine Änderung 
in der Stellung zu Kindern, schwankt bei Berufswahl zwischen Kindergärtnerin 
und Hebamme, wählt das erstere, hat Jahre hindurch eine besonders liebevolle 
Einstellung zu Kindern, bis ihr der Beruf zuwider wird: es sind doch nur 
fremde Kinder. Sexuell bleibt sie ablehnend bis auf eine kurze Periode, nach- 
dem sie statt einem Kinde ein Myom bekommen hatte und die . Gebärmutter 
cxstirpiert war. Als ob die sexuellen Wünsche sich erst nach der Unmöglich- 
keit der Erfüllung des Kinderwunsches herauswagen konnten. Ich hoffe, diese 
überaus unvollständige Skizze genügt, um eins zu sehen: was hier zutiefst ver- 
drängt war, war der Wunsch nach dem Kinde. Verarbeitungen dieses zentralen 
Problems bedingten auch ihre Gesamthaltung, die teils ausgesprochen mütterlich, 
teils ausgesprochen kindlich war. 

— 164 — 



Auf die Fragen, was in diesem Fall den Kinderwunsch verstärkt hatte, und 
was zu einer so intensiven Verdrängung geführt hatte, mochte ich hier nicht 
eingehen, es möge der allgemeine Hinweis genügen, daß er in diesem wie in 
prinzipiell ähnlich gelagerten Fällen wegen alter Verknüpfungen mit destruktiven 
Impulsen zu sehr mit Angst oder Schuldgefühlen besetzt war. 

Eine solche Verdrängung führt im Extrem zur völligen, meist affektiven 
Ablehnung von Wünschen nach eigenen Kindern — und gerade in diesen Fällen, 
in denen man einerseits eine besondere Stärke des Kinderwunsches mit Sicherheit 
erraten kann, in denen andererseits eine so starke affektive Abwehr dagegen 
vorhanden ist, daß die Realisierung niemals in greifbare Nähe gerückt ist, sehe 
ich, und zwar ausnahmslos, ganz unabhängig von der sonstigen Gestaltung der 
Neurose prämenstruelle Verstimmungen auftreten. Das gibt zu denken und legt 
die Vermutung nahe, daß zu einer Zeit, wo der Körper sich zum Empfangen 
eines Kindes anschickt, der verdrängte Kinder wünsch mit all seinen Gegen- 
besetzungen mobilisiert wird und dann zu Störungen im seelischen Gleichgewicht 
führt. Auffallend häufig erscheinen Träume, die uns diesen Konflikt verraten, 
gerade in der Zeit vor der Periode. Die Häufigkeit des zeitlichen Zusammen- 
treffens mit Träumen, die in irgend einer Form Probleme der Mutterschaft zum 
Inhalt haben, müßte indessen noch genauer nachgeprüft werden. Ebenso traten 
prämenstruelle Verstimmungen regelmäßig auf bei einer Patientin, bei der der 
manifeste Wunsch nach dem Kind zwar sehr stark war, bei der sich aber die 
Angst an alle Phasen seiner möglichen Realisierung heftete, angelängen von der 
Angst vor dem Sexualakt bis zur Angst vor der Kleinkinderpflege; ebenso bei 
einer Frau, bei der die Angst, bei der Geburt zu sterben, jegliche Verwirklichung 
des sehr starken Kinderwunsches hinderte. 

Weniger regelmäßig scheint mir das Auftreten von prämenstruellen Ver- 
stimmungszuständen in den Fällen zu sein, in denen zwar starke Konflikte mit 
dem Kindwunsch verknüpft sind, bei denen es aber dennoch zu Schwanger- 
schaften und Geburten kommt. Ich denke da an eine Reihe von Frauen, für 
die die Mütterlichkeit sichtlich im Zentrum ihres Lebens stand, bei denen aber die 
unbewußt damit verbundenen Konflikte in der einen oder anderen Form zum Aus- 
druck kamen, etwa in Form von Schwangerschaftserbrechen, Wehenschwäche, 
Überängstlichkeit mit den Kindern. Ich kann hier nur mit aller Vorsicht meine 
Eindrücke dahin zusammenfassen, daß es in diesen FäUen anscheinend dann zu 
Verstimmungen kommen kann, wenn durch das aktuelle Erleben einerseits der 
Wunsch nach dem Kind gesteigert, andererseits aus irgend welchen Gründen 
eine reale Erfüllung ausgeschlossen ist. Daß hier nicht die Libidosteigerung allein 
verantwortlich zu machen ist, zeigte mir u. a. die Beobachtung einer Frau, bei 
der die Mütterlichkeit stark betont und konfliktreich war, und die zu einer 
Zeit besonders starke prämenstruelle Verstimmungen hatte, als ihre Beziehungen 
zu einem Mann sexuell meist durchaus befriedigend waren, aber aus zwingenden 
Gründen keine Möglichkeit zur Erfüllung des gerade dann sehr starken Kind- 
wunsches gegeben war. Bei ihr traten vor der Periode Schwellungen der Brust- 
drüsen auf. In dem angedeuteten Abschnitt ihres Lebens kam es regelmäßig in 

— 165 — 



■ 



dieser Zeit zu Erörterungen der Kinderfrage, z. B. etwa in der Form des Nach- 
denkens über Präventivmittel, deren Wirkung und etwaige Schädlichkeit. 

Noch eine andere Erscheinung, auf die ich bisher noch nicht eingegangen 
bin, zeigt, daß in der Tat ganz allgemein die Libidosteigerung zwar mitbeteiligt, 
aber nicht das spezifische Agens ist: die ausgesprochene Erleichterung beim 
Eintritt der Blutung. Da die Libidosteigerung durch die Zeit der Periode weiter 
anhält, so ist das plötzliche Nachlassen der seelischen Spannung von hier aus 
nicht zu verstehen. Dagegen macht das Eintreten der Blutung den Schwanger- 
schaftsphantasien ein Ende, wie es in dem Fall T. heißt: nun ist das Kind da. 
Die seelischen Vorgänge können dabei im einzelnen recht verschiedene sein, z. B. 
stand in einem der oben erwähnten Fälle eine Opferidee im Vordergrund — 
die Betreffende mußte bei Eintritt der Periode denken: Gott hat das Opfer 
angenommen. Ebenso kann in individuell verschiedener Weise es einmal an 
der durch die Blutung dargestellten unbewußten Erfüllung der Phantasien liegen, 
das andere Mal auf die Erleichterung von seiten des Über-Ichs ankommen, weil 
überaus verpönte Phantasien nun zum Abschluß gekommen sind: das Wesent- 
liche ist, daß sie mit dem Eintreten der Periode aufhören. 

Kurz zusammengefaßt, ergibt sieh für mich aus der Gesamtheit der hier an- 
gegebenen Eindrücke die Hypothese, daß die prämenstruellen Verstimmungen 
unmittelbar ausgelöst werden durch die um diese Zeit stattfindenden physiolo- 
gischen Prozesse der Schwangerschaftsvorbereitung. Es ist mir dieser Zusammen- 
hang mit der Zeit so sicher geworden, daß ich umgekehrt beim Vorhandensein 
dieser Störung die Erwartungs Vorstellung habe, daß bei der betreffenden Frau 
die Konflikte um den Kinderwunsch im Zentrum der Erkrankung und der 
Persönlichkeit stehen werden. Und ich glaube mich in dieser Erwartung nie 
getäuscht zu haben. 

Um noch einmal diese Auffassung gegenüber der des Gynäkologen abzugrenzen : 
es handelt sich hier nicht um eine allgemeine Belastung der Kräftebilanz, aus 
deren Betonung dann gerne tendenziös der Schluß auf eine geringere Lei- 
stungsfähigkeit der Frau gezogen wird. Sondern ich meine, daß diese Zeit nur 
für diejenigen Frauen eine Belastung bedeutet, bei denen der Gedanke an die 
Mutterschaft mit scharfen inneren Konflikten verknüpft ist. 

Allerdings glaube ich, daß die Mutterschaft für die Frau ein sozusagen 
vitaleres Problem darstellt, als Freud es sieht. Freud vertritt wiederholt den 
Standpunkt, der Kinderwunsch sei etwas „durchaus der Ich-Psychologie Ange- 
höriges" 1 , entstünde erst sekundär aus der Enttäuschung über den Penismangel 2 , 
sei also nichts primär Triebhaftes. 

Mir scheint im Gegensatz dazu, daß er zwar aus dem Peniswunsch sekundär 
erhebliche Verstärkungen beziehen kann, daß er aber als solcher primär tief im 
Biologischen triebhaft verankert ist. Die Beobachtungen über die prämenstruel- 
len seelischen Störungen dürften nur auf dem Boden dieser Grundauffassung 

1) Freud: Über Triebumsetzungen, insbesondere der Analerotik. (Ges. Sehr. Bd.V) 

2) Freud: Einige psychische Folgen des anatomischen Geschlechtsunterschiedes. 
(Ges. Sehr. Bd. XI) 

— 166 - 



möglich sein, und ich meine allerdings, daß gerade sie geeignet sind, zu zeigen, 
daß er alle Bedingungen erfüllt, die Freud für den „Trieb" aufgestellt hat, 
daß also auch der Trieb zur Mutterschaft die „psychische Repräsentanz 
einer kontinuierlich fließenden inner somatischen Reizquelle" 1 darstellt. 

JllllllllllllllNIIIIIIIJIIIIIIllllllllllllllW 

Über Pubertät und Pubertätsaufklärung 

Von Dr. Heinrich Meng, Frankfurt a. M. 

Im Vorwort zu den „Drei Abhandlungen zur Sexual theorie" heißt es: 
Mein Ziel war, zu erkunden, wieviel zur Biologie des menschlichen Sexual- 
lehens mit den Regeln der psychoanalytischen Erforschung zu erraten ist. 
Bei diesem Versuch war Freud auf ein Zwischengebiet gestoßen, in dem 
Körperliches und Seelisches sich vereinen, auf die Triebe. Unbewußtes und 
organisches Geschehen sind auch hier nicht abgrenzbar. Die Kenntnis der 
Triebgrundlagen des Seelischen bahnte der biologischen und konstitutionellen 
Forschung des letzten Jahrzehntes neue Wege. Wenngleich die Triebe die 
Kraftquellen der seelischen Abläufe sind, so ist doch ihre biologische Genese, 
z. B. der Zusammenhang mit dem Instinkt, ein Problem der Biologie, einer 
künftigen Biologie, die später Fundament der Psychoanalyse werden müsse. 

Die wissenschaftliche Erforschung der Pubertät und Vorpubertät be- 
schränkte sich vor Freud vorwiegend auf die biologische Seite des Problems. 
Sie bekam neue Anregung durch die Erforschung der inneren Sekretion. 
Die Tatsache der Sexualität im Leben des Kleinkindes war früher gelegent- 
lich geahnt, aber wissenschaftlich unerforscht oder verleugnet. Der Forschung 
fehlten noch die unvoreingenommene Beobachtung der libidinösen Ent- 
wicklung des Kleinkindes, die Kenntnis des Unbewußten in naturwissen- 
schaftlichem Sinne, und die klinische Erfahrung am erwachsenen Neurotiker. 
So kam es, daß die Pädagogen, die sich vor dreißig Jahren bei Psychiatern, 
Psychologen und praktischen Ärzten Rat holen wollten über Ursachen und 
Behandlung von Erziehungsschwierigkeiten der Heranwachsenden, beispiels- 
weise im Pubertätsalter, sehr wenig über den Motor erfuhren, der Ent- 
wicklung und Fehlentwicklung in Bewegung setzt. Die sexualbiologische 
Seite der Pubertät wird hier nur gestreift. Nach R o u x ist der wesentliche 
Realisationsfaktor der Pubertät das Sexualhormon. Es durchdringt den ganzen 
Organismus. „Die unermeßliche, unwiderstehliche Macht, die die Geschlech- 
ter aneinander zwingt, wurzelt im Gesamtorganismus, im tiefsten Grunde 
unseres Daseins. Wir lieben mit unserem ganzen Körper. Kein einziges 

1) Freud: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie (Ges. Sehr. Bd. V). 

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unserer anatomischen Teilchen ist dieser Funktion gleichgültig." Wir wissen 
vor allem durch Steinach, daß bei diesen innersekretorischen Prozessen 
des Gehirns die Geschlechtsdrüsen auf demWegederHormonisierungin hohem 
Maß beteiligt sind. Lip schütz veröffentlichte 1919 ein Buch darüber „Die 
Pubertätsdrüse und ihre Wirkungen" (Bern 191g), er bezeichnete hier die 
embryonale Entwicklung als intermediäre Phase der Pubertät, so daß die später 
einsetzende Pubertät die zweite Phase der Pubertätsentwicklung ist. B i e d 1, 
Prag, unterscheidet drei Stadien der Pubertät, die Pubeszenz, charakte- 
risiert durch rapides Längenwachstum und eine besondere Steigerung des 
Stoffwechsels, hauptsächlich als Folge einer erhöhten Tätigkeit der Schild- 
drüse. Das zweite Stadium, die Adoleszenz, ist gekennzeichnet durch 
den Kampf der Keimdrüse mit der Schilddrüse. Hierbei bekommen vor 
allem andere innere Drüsen, besonders der Hirnanhang, Einfluß auf die 
Reifung. Das dritte Stadium der Pubertät, die Maturität, ist gekenn- 
zeichnet dadurch, daß die Keimdrüsen endgültig siegen und unter ihrem 
hormonalen Einfluß die körperliche Ausreifung stattfindet. Von hormonalem 
Geschehen aus allein sind aber die seelischen Erscheinungen der drei Stadien 
der Pubertät nicht zu erklären. 

Die Frage, die uns hier besonders beschäftigt, ist: Inwieweit kann die psycho- 
analytische Pädagogik Vorschläge machen, um Konflikte des pubertierenden 
Mädchens zu erleichtern. Wie die Geschlechtsdrüse allmählich hormonal 
die Führung übernimmt, so wird auch psychisch der Primat des Genitale 
aufgerichtet. Die Partialtriebe, die nach Abschluß der ersten „perversen" 
Sexualphase (erstes bis sechstes Lebensjahr) vereinheitlicht werden, treten 
unter dem organischen Entwicklungsvorstoß der Pubertät wieder einzeln 
hervor. Phantasien der Frühkindheit, die der inzestuösen Bindung an Eltern 
und Ersatzpersonen der Eltern dienten, gestalten Objektbeziehungen, welche 
Züge der ursprünglichen in sich tragen. Es entstehen Situationen, die ver- 
wandt sind jenen chaotischen Situationen der Kindheit, in denen das sich 
allmählich bildende ÜberTch im Kampf stand mit den zu verdrängenden 
und zu beherrschenden Trieben des Es. Wie beim kleinen Kinde wird in 
diesem Konflikt Angst gebildet und wieder erweckt; wie damals wird die Stärke 
der zu verdrängenden und zu beherrschenden Triebe durch Schuldgefühl 
gesteigert. Symptome als Ergebnis von Konflikten der Frühkindheit, vor 
allem aus jener Zeit, in der der Kastrationskomplex Kastrationsangst provo- 
zierte, erfahren dadurch Neuauflagen. Freud zeigte, welche charakterliche 
Folgen für das Mädchen das Erlebnis des anatomischen Geschlechtsunter- 
schiedes hat und wie mächtig für Charakterbildung und Neurosebereit- 
schaft die frühesten Identifizierungsprozesse mit dem Vater und später mit 
der Mutter wirken. Mit besonders affektiver Aufmerksamkeit verfolgt das 
kleine Mädchen die Reaktion der Umwelt auf sein Weibsein. Das weib- 
liche Kleinkind hat unbewußte Tendenzen, bestraft, vor allem geschlagen 
zu werden, und drängt durch sein Verhalten nicht selten die Erzieher zur 
Realisierung seiner Schlagephantasien; oder falls das nicht gelingt, identi- 

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fiziert sich das Kind mit Vorliebe mit einem anderen Kind, das geschlagen 
wird, oder mit dem Vater, der ein Geschwisterchen schlägt. Unter den 
vielen Beobachtungen, die heute vorliegen, sei zur Erläuterung eines kurz 
besprochen : 

Eine Dame von 48 Jahren sucht wegen Nervosität den Arzt auf; sie berichtet, 
daß sie vor allem unter Wutanfällen leide, in denen sie den Impuls, ihren Mann 
und ihre Kinder zu schlagen, kaum unterdrücken könne. Wenn sie diesen Impuls 
unterdrücke, leide sie tagelang unter schweren depressiven Stimmungen. Im Laufe 
der Beobachtung stellt sich heraus, daß ihr Vater bei schweren Zornausbrüchen, als 
die Patientin zwischen drei und sechs Jahren alt war, den ein Jahr älteren Bruder 
reichlich oft verprügelt hat. Ein Hauptgrund dafür war, daß der Knabe sich des öfteren 
bei Schlittenfahrten einnäßte und die Mutter diese Vorkommnisse dem Vater gegen- 
über zu verschweigen suchte. Es entstand dann meistens eine Szene, bei der ein Streit 
zwischen den Eltern ausbrach, der vor den Kindern ausgefochten wurde, dann ver- 
prügelte der Vater unter heftiger Erregung mit hochrotem Kopf den Bruder der 
Patientin. Sie selbst geriet beim Zusehen dieser Schlagszenen selbst in heftige Erregung, 
die sich meist in Onanie entlud. Allmählich entwickelte sich eine große Lust am 
Zusehen beim Geschlagen werden und an der Erregung, die zur Onanie führte. Es war 
nachweisbar, daß diese Verhaltungs weise eine entscheidende Bolle für die Kindheit, 
für die Pubertät und für die Neurose der Erwachsenen hatte. Die Patientin ging 
nach vielen Liebesenttäuschungen eine Ehe ein, die sie unbefriedigt ließ, fühlte mehr 
homosexuell als heterosexuell und war als Erzieherin vöUig unbeherrscht, teils senti- 
mental, teils brutal. 

Es ist ein törichtes Beginnen des Erwachsenen, daß er die erogenen 
Zonen, vor allem bei der Beinlichkeitsgewöhnung, desexualisieren will und 
sie gleichzeitig durch Bestrafen und Liebkosen sexualisiert. Die Eindrücke 
beim Erleben vom Schlagen anderer, beim Geschlagen werden, bei offenen 
und versteckten sexuellen Szenen Erwachsener, vor allem der Eltern, liefern 
eindrucksvolles Material für den Ausgang des Ödipus- und des Kastrations- 
-komplexes. Ob eine sexuelle Aufklärung stattfindet oder nicht, erleichtert 
oder erschwert zwar gewisse Entwicklungsphasen, aber neben konstitutionel- 
len Eigenheiten wirkt das Gesamtverhalten der Erzieher mächtig auf das 
reifende Kind. Die Erzieher sind nicht nur Objekte der Identifizierung. An ihnen 
— wie an unbewußten Gradmessern — erprobt das Kind immer wieder, 
ob es autoerotische Liebe in Objektliebe umwandeln muß, und ob die neue 
Lustgewinnung stärker befriedigt als die infantile. In der Frühkindheit 
wie in der Pubertät setzt sich selten der Trieb zu sexuellen Handlungen — 
im Sinne der erwachsenen Sexualität — um, meistens stehen im Mittel- 
punkt des FÜhlens, Denkens und Handelns Phantasien. 

Aus Analysen verschiedenster Lebensalter wissen wir, daß Kenntnis und 
Verständnis der Sexualität im Sinn des Erwachsenen, auch der Menstruations- 
vorgänge, in allen Altersstufen angedeutet bereit liegen. Die phylogenetische 
Tatsache des unendlich langen Wechsels von Zeugen, Gebären, Geboren- 
werden hat sich organisch und psychisch eingeprägt. Die zahlreichen Ver- 
letzungen und Beschädigungen des kleinen Kindes, Eingriffe bei Narkosen 

- 169 - 



und Operationen, Erziehungsversuche mit körperlichen Drohungen und 
leichten Beschädigungen lassen den uralten Kastrationskomplex erwecken 
und das unbewußte Schuldgefühl bei der Über-Ichbildung verstärken. 
Groddecks Behauptung, das Kind stelle sehr früh mit richtigem Ver- 
ständnis Schwangerschaftsveränderungen der Mutter fest, ebenso wie ihre 
Veränderungen während der Menstruation, es reagiere auf Geruchseindrücke 
während der menstruellen Blutung der Mutter mit typischen Phantasien, 
z. B. Vergewaltigungs-, Schlag- und Geburtsphantasien, ist analytisch bestätigt. 
Wie bedeutungsvoll Freud die Rolle von Geruchserregungen für die Ent- 
wicklung der menschlichen Kultur einschätzt, geht u. a. auch aus seiner 
letzten Arbeit „Das Unbehagen in der Kultur" hervor. Unter Beziehungs- 
nahme auf eine Arbeit von Daly, die ich später noch näher erwähne, 
sagt Freud: „Die organische Periodizität des Sexualvorganges ist zwar er- 
halten geblieben, aber ihr Einfluß auf die psychische Sexualerregung hat 
sich eher ins Gegenteil verkehrt. Diese Veränderung hängt am ehesten zu- 
sammen mit dem Zurücktreten der Geruchsreize, durch welche der Men- 
struation s Vorgang auf die männliche Psyche einwirkte. Deren Rolle wurde 
von Gesichtserregungen übernommen, die im Gegensatz zu den inter- 
mittierenden Geruchsreizen eine permanente Wirkung unterhalten konnten. 
Das Tabu der Menstruation entstammt dieser „organischen Verdrängung" 
als Abwehr einer überwundenen Entwicklungsphase; alle anderen Moti- 
vierungen sind wahrscheinlich sekundärer Natur. Dieser Vorgang wieder- 
holt sich auf anderem Niveau, wenn die Götter einer überholten Kultur- 
periode zu Dämonen werden. Das Zurücktreten der GeTUchsreize scheint 
aber selbst Folge der Abwendung des Menschen von der Erde, des Ent- 
schlusses zum aufrechten Gang, der nun die bisher gedeckten Genitalien 
sichtbar und schutzbedürftig macht und so das Schämen hervorruft. Am 
Beginne des verhängnisvollen Kulturprozesses stünde also die Aufrichtung 
des Menschen. Die Verkettung läuft von hier aus über die Entwertung der 
Geruchsreize, Sichtbarwerden der Genitalien, weiter zur Kontinuität der 
Sexualerregung, Gründung der Familie und damit zur Schwelle der mensch- 
lichen Kultur. Dies ist nur eine theoretische Spekulation, aber wichtig 
genug, um eine exakte Nachprüfung an den Lebensverhältnissen der dem 
Menschen nahestehenden Tiere zu verdienen." 

Aus der Analyse einer jungen Studentin seien zwei Mit- 
teilungen veröffentlicht, deren analytische Durcharbeit die triebspsychologisch 
bedingte Duplizität frühinfantiler und während der Pubertät aufgetretener 
Phantasien nachweisen ließen: 

„Eines Taffes wachte ich auf und war unwohl; da ich von nichts wußte, war ich 
sehr erschrocken und dachte, das ist die Strafe. Zuletzt sagte ich es aber doch meiner 
Mutter. Sie sagte: „Das ist halt so." Ich war sehr unglücklich und weinte den ganzen 
Tag. Ich konnte nicht gehen, und als mein Bruder fragte: „Was hast Du heute?« 
sagte ich: „Halsweh und Beinweh." Die ersten paar Mal war ich nur sehr unglücklich 
und dachte, das hat der liebe Gott sehr schlecht eingerichtet. Plötzlich mußte ich 

— 170 - 



mich jedes Mal erbrechen. Es war mir eklig. Und wenn ich das Eint roch, sagte ich: 
„Das riecht nach geschlachteten Hühnern." Aber ich hatte noch nie geschlachtete 
Hühner gerochen, nur gesehen, wie ein Hahn geköpft wurde und ohne Kopf auf einen 
Baum stieg. Lange dachte ich, daß es nur möglich sei, während der Periode Kinder 
zu empfangen. Als mein Bruder eines Tages sagte: „Wie oft habt Ihr denn das Zeugs, 
Ihr armen Dinger", sagte ich wütend: „Alle vier Wochen, im übrigen werdet Ihr 
auch so etwas haben." Er lachte nur. Er war es auch, der mir später sagte, daß man 
gerade während der Periode keine Kinder empfängt und meist auch in dieser Zeit 
keinen Verkehr hat. — Eine Zeitlang hatte ich auch Bauchkrämpfe, aber das verlor 
sich bald. Nach meiner Blinddarmoperation hatte ich noch einige Male die Periode 
sehr stark und mit Übelkeit, dann war es mir nie mehr schlecht, der Ekel verlor 
sich etwas, und außer Müdigkeit empfand ich nichts mehr. Die Zeit war auch nur 
noch vier bis fünf Tage, während es früher acht Tage dauerte. Einige Arzneien 
früher bewirkten nur noch mehr Erbrechen und stärkere Blutungen. Mit drei Jahren 
wurde ich am Nabel operiert. Ich erinnere mich an nichts mehr. Später meinte ich, 
daß die Kinder aus dem Nabel kämen. Das wird aber bei mir eine schwere Geburt 
werden, dachte ich. Es war mir überhaupt kein sympathischer Gedanke, daß mein 
Leib auf einmal ein Loch bekommen sollte. Aber da ich von jeher Kinder will, fand 
ich mich damit ab. Aber ein Grauen vor meinem Nabel blieb, das sich besonders 
beim Waschen zeigt. Wenn jemand vom Nabel redet, tut er mir richtig weh. Wenn 
mein Bruder mich zur Ruhe bringen will, sagt er: „Ich fahre Dir in Deinen Nabel", 
und schon bin ich unfähig, mich zu wehren. Einmal sagte ich zu meinen Eltern im 
Spaß: „Ihr habt eine Mördergrube daraus gemacht." Weil sich von meiner Wäsche 
kleine Fäden in meinem Nabel befanden, und es mir jedesmal grauste, sie au haben. 
Bei meiner Blinddarmoperation haute ich der Schwester, die mir meinen Leib wusch, 
beinahe eine runter, weil sie auch meinen Nabel wusch. ■ — Wenn ich heute Äther 
oder etwas Ähnliches rieche, wird es mir sofort schlecht. Er erinnert mich an meine 
beiden Operationen. An die erste habe ich gar keine Erinnerung mehr, aber die 
zweite habe ich ganz bewußt erlebt." 

Die allmählich auftauchenden Erinnerungen ließen nachweisen, wie 
mächtig der Kastrationskomplex in der Frühkindheit gewirkt hatte, unter 
wie vielen Schuldgefühlen das Über-Ich aufgebaut war, und es ergab sich 
die Richtigkeit einer Reihe von Ergebnissen der Psychoanalyse. Hat Freu d 
doch das biogenetische Grundgesetz in seiner Richtigkeit auch für das 
psychische Werden der Menschheit und der Menschen nachgewiesen. Fr e u d 
zeigte in seiner Arbeit „Das Tabu der Virginität* (Gesammelte 
Schriften, Band V) die enge Verknüpfung des Tabu der Virginität mit der 
Menstruation und mit der primitiven Lust und Freude am Töten. Daly 
hat in seiner Arbeit „Der Menstruationskomplex" (Imago, Jahrgang 1928) 
die Parallele der Freudschen Forschung mit der Fr ai ersehen Forschung 
aufgezeigt. Es geht daraus hervor, daß der Primitive die Menstruation z. B. 
als den Biß eines geisterhaften Tieres, auch als Zeichen eines sexuellen 
Verkehrs mit diesem Geist deutet. Nicht selten wird hinter diesem Geist 
der Geist eines Ahnen vermutet, dessen Eigentum während der Blutung 
die Frau ist. Nach dieser Auffassung war die Menstruationszeit ursprünglich 
die Zeit des sexuellen Verkehres. In der Analyse der Studentin traten die 

— 171 - 



Zusammenhänge von Tod und Menstruation stark hervor, zur Abwehr der 
Kastrationsangst die Phantasie, daß Knaben ebenfalls menstruelle Blutungen 
erlitten, und zwar durch das Glied. Sowohl die Einfälle zu der Mitteilung 
über das Erleben der ersten Menstruation, wie auch die Assoziation zu einem 
Traum, der während einer Menstruation auftrat, zeigten, daß immer Be- 
fruchtung, Blutung, Geburt, Sterben, im Unbewußten gleichgesetzt werden. 
Diese Beobachtung stützt Freuds Annahme in „Totem und Tabu 
(Gesammelte Schriften, Band X), daß „die ungezählten Tabuvorschriften, 
denen die Frauen der Wilden während der Menstruation unterliegen, durch 
die abergläubische Scheu vor dem Blut motiviert wird und in ihr wohl 
auch eine reale Begründung haben". Der Einfall „Halsweh und Beinweh* 
führte auf eine Reihe infantiler Geburtsphantasien. Daly zeigte in seiner 
Arbeit „ Hindu- Mythologie und Kastrationskomplex" (Imago, XIII, 1927) die 
Parallele zwischen Phantasien über Blut, Sterben und Geborenwerden; bevor 
der Anblick von Blut Tod bedeutete, hat er für den Primitiven einmal 
Leben bedeutet. Viele Mythen zeigen die enge Verknüpfung von Blut mit 
Fruchtbarkeit. Für die Fruchtbarmachung von Feldern wurde Blut ver- 
wandt, ebenso wie in Mythen geschildert wird, daß durch die blutige Ab- 
trennung des Kopfes die Geburt eines neuen Menschen erfolge. 

Ein Traum der Patientin während der Menstruation lautet: 

Ich fuhr in einer gelben Straßenbahn eine steile Anhöhe hinunter. Jemand sagte: „Der 
Schaffner kann nicht mehr bremsen, wir werden gleich umfallen." Ick war totenblaß und erschrak- 
ken. »Jetzt fallen wir um und sind tot." Der Wagen raste und kam zu meiner Verwunderung 
ganz und gut unten an. Ich war in der Hoffnung. Jemand sagte: „Du bist so dick, du bekommst 
sicher Zwillinge. u Ich glaubte es nicht. Dann lag ich im Bett und hatte einen Jungen und ein 
Mädel, Ich war sehr blaß und elend und lachte aber. Als die Kinder größer waren, saßen sie 
bei Tisch. Das eine schlug das andere. Ich regte mich auf denn ich lag immer noch krank. 
Dann fuhr ich die Kinder aus und alles bewunderte sie* 

Die Analysandin hatte in der Frühkindheit eine Fülle von Schlag- 
phantasien gebildet unter dem Einfluß einer sie nie schlagenden, aber 
überzärtlich-neurotischen Mutter, die an das Kind neurotisch gebunden 
war. Die klinischen Symptome, welche Veranlassung zur Analyse waren, stan- 
den in innigem Zusammenhang mit Konflikten der Frühkindheit, die in 
der Pubertät wieder neu belebt worden waren. Die Tendenzen der Selbst- 
bestrafung aus unbewußten Schuldgefühlen standen im Vordergrund. 

Das Material anderer analytischer Beobachtungen zeigte die Determinie- 
rung von Triebäußerungen im Alter von fünf bis zwölf Jahren, also einer 
Zeit, die vorwiegend als Latenzzeit der Sexualität abläuft. Ich möchte die 
trieblichen Vorläufer der Pubertät als Pubertätsäquivalente bezeich- 
nen, ihre Kenntnis, vor allem ihre triebliche Genese, würde manche 
schwierige pädagogische Situation aufhellen, die durch den Drang zur 
Kleptomanie und zur Lügenhaftigkeit, durch Sucht zur Brandstiftung usw. 
entsteht; es sind Tendenzen, die sowohl vor der Pubertät, wie während der 

- 172 — 



Pubertät — besonders im Ablauf der Menstruation — nicht selten beob- 
achtet werden. 

Auch der Rückfall pubertierender Madchen in Verhal- 
tungsweisen frühkindlicher Unreinlichkeit ist durch die 
F r e u d sehe Triebforschung verständlich gemacht. Die von Pfister ge- 
forderte Einrichtung, daß jede Schule einen mit der Psychoanalyse vertrauten 
Schülerberater habe, würde die Klärung zahlreicher schwieriger pädagogischer 
Situationen erleichtern. Er stünde sowohl den Lehrern, als auch den 
Schülern zur Verfügung, er würde bei der Beurteilung von Vorkommnissen 
herangezogen werden, die zur disziplinarischen Stellungnahme zwingen. 

Eine Pubertätssituation schildern beispielsweise zwei Lehre- 
rinnen in folgender Mitteilung; sie hatten die Anregung zum Briefschrei- 
ben durch ein pädagogisches Kolloquium am Frankfurter Psychoanalytischen 
Institut erhalten: 

„Wir erlauben uns, Urnen ein außergewöhnliches Vorkommnis in einer Mädchen- 
klasse von vierzehnjährigen Kindern zu unterbreiten, um Ihre Ansicht als Arzt zu 
erbitten. Die Mädchen entstammen nicht dem eigentlichen Proletariat. Es sind wohl 
Kinder eines sehr einfachen, in einem Falle zerrütteten Familienlebens, besuchen alle 
regelmäßig die Schule, sind sauber gekleidet und haben angemessene Körperpflege. 
Eine Gruppe dieser Kinder (ein Fünftel der Klasse) überraschte nun ihre Erzieher 
bezw. Nichterzieher mit unglaublichen Handlungen, die auf den ersten Eindruck 
pervers erscheinen, für die aber die Psychoanalyse sicher eine Erklärung hat. Die 
Mädchen kamen Öfters freiwillig nachmittags, um zu arbeiten; bald suchten sie aber 
einen unbenutzten Saal heimlich auf, um sich einer ,lustigen' Sache hinzugeben. Zu 
dem Vergnügen luden sie bald noch mehrere ein. Den Tafelschwammeimer benutzten 
sie für ihren Urin, in Ecken und Tischschublade verrichteten sie den Stuhlgang. Eine 
Schülerin wickelte ihren Kot in Papier und warf ihn zum Fenster hinaus in den 
Schulhof. Ein Wirtstöchtercben brachte Zigaretten zum Rauchen mit. Im tollen Treiben 
verbrannte eine Schülerin die wertvollste Zeichnung eines nichtanwesenden Mädchens. 
Man ist nun allzusehr geneigt, über diese Kinder einfach zu Gericht zu sitzen. Sie 
können verstehen, wie sehr uns daran gelegen ist, dieses ungeheuerliche Vorkommnis 
von anderer Seite, als der der harten Aburteilung beleuchten zu können. Ich kann 
mir nicht helfen, hier habe ich das Gefühl der Schuld aller an des andern Schuld. 
Das Goetheivort läßt mich nicht los: Jhr laßt den Armen schuldig werden . . ,« 
Wir wären dankbar, Ihre Ansicht zu hören." 

Das Problem der Aufklärung über Menstruation wird nicht dadurch 
gelöst, daß der Erzieher kurz vor Eintritt der Pubertät die physiologische, 
psychologische und biologische Tatsache der Menschwerdung auseinander- 
setzt. Es kann dies mancherlei Wert haben, aber im Mittelpunkt steht die 
Tatsache, daß das Verhalten pubertierender Mädchen im wesentlichen ab- 
hängig ist von den Triebschicksalen der Frühkindheit. Die Prophylaxe vor 
seelisch bedingten Störungen in der Pubertät ruht vor allem in der Hygiene 
des Kleinkindes. Der Erzieher, der selbst frei von Zwang und Schuldgefühl 
ist, wird in der Lage sein, dem Kinde eine Reihe von Konflikten der Früh- 
kindheit, der Vorpubertät und der Pubertät zu ersparen, oder ihre Lösung 

— 173 — 



zu erleichtern. Die Psychoanalyse zeigt Wege, die Triebe des Einzelnen in 
den Dienst der realitätsgerechten Über-Ich-Bildung und der sozialen Anpassung 
zu stellen. Die pädagogische Auswertung der Psychoanalyse gibt Fingerzeige^ 
wie man den Schock vermindern kann, den die biologischen und seelischen 
Vorgänge des Reifens auslösen. Das Verhalten der Erzieher entscheidet neben 
der Konstitution des Kindes über seine Fähigkeit, Triebstrebungen zu ver- 
drängen und zu sublimieren. Das Verhalten des Erziehers gibt dem Kinde 
Anstoß, daß es das Wagnis des Versagens und des Doeh-Zufriedenseins auf 
sich nehmen kann und entscheidet, ob es genußfähig wird, trotz der Schuld- 
gefühle. Das Problem der Erziehung ist, dem Kinde die Möglichkeit zu erleich- 
tern, daß es bei der Bewältigung seiner aggressiven Triebe nur einen Teil der 
verfügbaren Energie in Schuldgefühl umwandelt, den anderen Teil auf 
schuldfreie Betätigung bei Spiel, Arbeit, Genießen und sozialer Leistung 
umsetzt. Der Pubertierende neigt dazu, sich wie in der Frühkindheit als 
Verbrecher aus verlorener Ehre" zu erleben und handelt dann unter 
dem Druck des nachträglichen Gehorsams gegenüber Erziehern, die in der 
Frühkindheit seine Sexualität verleugnet, mißhandelt und verdorben haben. 
Wie kompliziert die pädagogische Situation für den heutigen Erzieher mit 
seinen Voraussetzungen ist, deutet Freud in einer Anmerkung seines 
Buches „Das Unbehagen in der Kultur" an: „Daß sie dem jugendlichen 
Menschen verheimlicht, welche Rolle die Sexualität in seinem Leben spielen 
wird, ist nicht der einzige Vorwurf, den man gegen die heutige Erziehung 
erheben muß. Sie sündigt außerdem darin, daß sie ihn nicht auf die 
Aggression vorbereitet, deren Objekt er zu werden bestimmt ist. Indem sie 
die Jugend mit so unrichtiger psychologischer Orientierung ins Leben entläßt, 
benimmt sich die Erziehung nicht anders, als wenn man Leute, die auf 
eine Polarexpedition gehen, mit Sommerkleidern und Karten der ober- 
italienischen Seen ausrüsten würde. Dabei wird ein gewisser Mißbrauch 
der ethischen Forderungen deutlich. Die Strenge derselben würde nicht viel 
schaden, wenn die Erziehung sagte: So sollten die Menschen sein, um 
glücklich zu werden und andere glücklich zu machen; aber man muß 
damit rechnen, daß sie nicht so sind. Anstatt dessen läßt man den Jugendlichen 
glauben, daß alle anderen die ethischen Vorschriften erfüllen, also tugendhaft 
sind. Damit begründet man die Forderung, daß er auch so werde." 

Die Aufgaben, Grenzen und Möglichkeiten einer Aufklärung des Heran- 
wachsenden sind hier scharf gekennzeichnet, es kommt nicht nur auf den 
„guten Willen" an, sondern auf die Bewältigung der affektiven Hintergründe 
des Kindes und des Erwachsenen. 



Il!llllllllll|[|||||||1||llll|]|||l|[||!!llll||||||||||[]|||]|]|ll]||[|llll!ll!lillll!lll!llllll llllllllllllUHIltllllllllllllHI IUI IIIIIIIIIIIIIIIIHIIIIIUIIIIIIIII Hlllllliltili 



- 174 - 



Das Menstruationserlebnis des Knaben 

Von Dr. Karl Landauer, Frankfurt 

I 

Nicht nur, wenn man von der Menstruation als Naturvorgang spricht, 
sondern auch wenn man das Erleben derselben meint, denkt man zunächst 
wohl ausschließlich an das Subjekt Frau. Und es sind in der Tat außer- 
ordentlich zahlreiche und wichtige Erlebnisse, wenn das kleine Mädchen 
zuerst von all dem Geheimnisvollen erfährt, das es erleben wird, weil es 
Weib ist, oder gar wenn es unvorbereitet von ihm ereilt wird; wenn Klassen- 
kamera dinnen das Unwohlsein haben, das Kind aber vergeblich auf sein 
Groß werden wartet und tausend Befürchtungen wegen seiner „Minderwertig- 
keit" empfindet; wenn das Mysterium des Weibseins, das ersehnte, gefürch- 
tete, es absondert von den „Kindern", namentlich von den Buben. Und 
dann: wenn der Vorgang eintritt und Schmerzen bringt und merkwürdige 
Verstimmungen, denen Spannung, Aufregung, Sehnsucht, Steigerung der 
seelischen Produktivität vorangehen, oder wenn es trotz seines Namens Un- 
wohlsein kaum bemerkt verläuft. Und später: wenn das eine Mal die 
Menstruation der in Geschlechtsgemeinschaft lebenden Frau sehnsüchtig er- 
wartet wird als Zeichen, daß das gefürchtete Kind nicht droht, das andere 
Mal das schreckliche Ereignis der Blutung sich wiederum ereignet und die 
Hoffnung auf das Kind erneut zunichte macht. Die Vierzig sind überschrit- 
ten: die Regel verliert ihre Regelmäßigkeit, bleibt lange fort. Droht das 
Alter? Und schließlich ist die Zeit da: die Frau ist nicht mehr Frau. 

Dem gegenüber scheint das, was der Knabe und Mann an der Men- 
struation erleben könnte, ein Nichts zu sein. Und doch: wir leben in einer 
Männergesellschaft. Die Religionsgebräuche und ihre blassen Geschwister: 
die allgemeinen Sitten und Anschauungen in ihr stammen in der Haupt- 
sache von Männern. Das Tabu der Unberührbarkeit der blutenden Frau 
geht mindestens so sehr vom Manne wie von der Frau aus und lehrt uns, 
daß auch beim Manne durch die Menstruation wichtige Affekte aufgerührt 
und Triebe wachgerufen werden. Im folgenden seien aus der Analyse eines 
Mannes eine Reihe von typischen Erlebnissen des Knaben, in deren Hinter- 
grund Menstruationen stehen, mitsamt ihren Folgen wiedergegeben. Alles 
ist stark vereinfacht, denn die Folgen sind nie ausschließlich durch das 
Menstruationserlebnis bedingt. Im Gegenteil : die Begegnung mi t der Men- 
struation ist stets nur ein Stück, oft nicht das Wichtigste, aus der Kausal- 
reihe. Aber es ist nicht aus ihr wegzudenken. 



ü 

Schon die Klagen, die den jungen Mann in Analyse führten, sind bis 
zu einem gewissen Grade für die nun zu bringende Vorgeschichte bezeich - 

— 175 — 



nend : der Frau gegenüber besteht eine geringe Aktivität. Soweit 
überhaupt Beziehungen zu ihr möglich sind, sind sie fast ausschließlich 
geistiger NatUT. Wenn auch keine absolute Impotenz besteht, so tritt 
sie doch zeitweilig auf. Stets aber ist die Befriedigung beim Geschlechts- 
verkehr mangelhaft, so daß man von Frigidität sprechen kann. Aber nicht 
Ekel vor der Frau ist es, der ihn behindert; die Frau wird hochgeschätzt, 
allerdings nur theoretisch. Eine Inferiorität der Frau auf geistigem Gebiet 
wird nicht anerkannt — nur hat der Kranke nie das Glück gehabt, einen 
wirklichen geistigen Kameraden zu finden. Mochte auch eine Zeitlang mit 
der oder jener eine Gemeinschaft sich anbahnen, immer erwies sich die 
Frau als launisch und — ohne daß ein eigentlicher Grund vorlag, — horte 
plötzlich die Beziehung durch das Verschulden der Frau auf. War es, daß 
die Frau körperlich enttäuscht war? Stellte sich immer die leidige „Sexualität" 
dazwischen? Auch zu Männern waren kaum tiefe Beziehungen vorhanden. 
Der Kranke war eigentlich sein Lebtag allein und litt außerordentlich stark 
unter dieser Unfähigkeit, mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen. 

Nicht immer war der Kranke so gewesen. Als elfjähriger Junge noch 
weiß er sich in einer engen Freundschaft mit einer nur wenig älteren 
Schwester sicher. Gerade um jene Zeit des zehnten und elften Jahres er- 
innert er sich wöchentlicher, sehr herzlicher Zusammenkünfte mit eben 
dieser Schwester und einem um wenige Jahre älteren Vetter. Das Haupt- 
interesse bei diesen Nachmittagen bildete die sexuelle Forschung. In der 
Wohnung des Vetters war ein Konversationslexikon leicht zugänglich -und 
da knieten die drei nun auf ihren Stühlen, über den Tisch gebeugt, und 
beratschlagten mit hochroten Köpfen, bei welchem Schlagwort man nun 
noch nachsehen könne, betrachteten die Abbildungen des menschlichen 
Körpers und debattierten eifrig über Details, die ihnen noch nicht klar 
waren, Beobachtungen in der Umwelt, die in jener Zeit glühend interessant 
und reich an Forschungs werten war, wurden ausgetauscht. Zu Menschen 
bestanden die lebhaftesten affektiven Einstellungen freundschaftlicher und 
feindlicher Art, gerade auch in Zusammenhang mit den Forschungen, und 
wurden witzig besprochen. 

Da, eines Tages, fehlte die Schwester. Sie interessiere sich nicht mehr 
sie sei kein Kind mehr. Die Jungens sollten ihre Sachen allein machen. 
In ihrem Alter habe ein Mädchen kein Interesse mehr für solche „Schweine- 
reien". Der Knabe war vor den Kopf geschlagen, doch ein zweiter schwe- 
rer Schlag sollte folgen: Jetzt besann sich auf einmal der Vetter auf den 
Altersvorsprung. Der Knabe war allein. Nicht seinetwegen hatte also der 
Freund, für den das Kind den Vetter gehalten, sich mit ihm getroffen, 
nicht einmal der gemeinsamen Forschung wegen, nicht wegen der Sache. 
Weil die Schwester ihn im Stich ließ, darum verließ ihn auch der Freund. 
IVaurig blätterte er allein im Konversationslexikon und stieß dabei wieder 
auf das Kapitel von der Menstruation, das ihn bisher eigentlich kaum 
interessiert hatte. Nach den ersten Sätzen aber klappte er angewidert das 

— 176 - 



Buch zu und unterließ von nun an jede weitere Forschung, bis ihn als 
zirka Neunzehnjährigen der Spott seiner Kameraden zwang, sich mit Frauen 
und dem Liebesproblem zu befassen. Denn nunmehr war er ein Einsamer. 
In dem Augenblick, in dem er jene ersten Zeilen des Abschnittes über 
Menstruation, den er längst kannte, las, war ihm blitzartig die Erleuch- 
tung gekommen: seine Schwester hatte menstruiert. Sie war jetzt Weib, 
und er war noch ein Kind. Die Reifung der Frau zum Geschlecbtstier 
hatte sie getrennt. Geschlechtstier — dieser Gedanke bohrte sich in ihn ein. 
Die geschlechtliche Reife, die Möglichkeit nun Kinder bekommen zu können, 
hatten der Schwester alles Interesse an der nur spielerischen folgenlosen 
Kameradschaft genommen. In ihr war Verlangen nach all dem anderen — 
Wirklichen. Was waren dagegen die Artikel aus dem Lexikon, die Gemein- 
samkeit des Forschens und Denkens, der Drang nach Wahrheit! Handgreif- 
liches wollte sie statt dessen. Und ihn mit seinen Gedanken hat sie wie 
ein Kind überlegen lächelnd abgewiesen! 

Ihm aber war jene Zeit der Freundschaft, die ihm in seinem Leben 
das bisher größte Glück gebracht hatte, nach wie vor das Glück, das Er- 
strebenswerte. Das, was er bis zu seiner Behandlung immer wieder suchte, 
war der Kamerad-Schwester, mit dem zusammen man forschte und suchte, 
in lustvoller Abgeschlossenheit von der Welt, die die Gemeinschaft nicht 
wollte, und der man durch die Gemeinschaft trotzte. Diese gesuchte 
Schwester umfaßte für seine Wünsche völlig den Vetter mit, da das Zu- 
sammensein mit ihr das Zusammensein mit ihm, ihr Verlust den seinen 
bedeutet hatte. Hartnäckig hielt sich in seinem Unbewußten der Glaube, 
daß jene Zeit der Kindheit mit ihrer Aggressionslosigkeit doch einst wieder 
erstehen würde. Die Menstruation, das Erwachen des Weibes, wurde ihm 
zu dem Scheußlichen, was Mann und Frau trennt, weil die Frau damit 
gierig wird und entmenscht, Sie wurde zum Träger des zu scheuenden 
Teiles im Menschen, im Gegensatz zum Männlichen, Kameradschaftlichen, 
Geistigen . 

m 

Diese Einstellung zur Menstruation war in dem Knaben nicht unwider- 
sprochen: etwas in ihm drängte auch zum Erwachen des Körpers, zum 
Mann werden, zum Lieben. Auch Neid war in ihm gegen die Schwester 
um der Reife willen, die in der Menstruation sich offenbarte. Besonders 
brannten in ihm die Bemerkungen der Schwester, daß sie kein Kind mehr 
sei. Dabei war sie doch nur wenig älter. Dank der gemeinschaftlichen Er- 
ziehung, die sie bisher stets genossen hatten, waren sie als Gleichaltrige 
aufgewachsen. Die Tatsache, daß sie Weib war, hatte ihr plötzlich einen 
Riesenvor sprung gegeben; denn aus seiner Lektüre wußte er, daß Mädchen 
„viel früher reif" werden als Knaben. Und plötzlich wurde es ihm auch 
klar: seine Mutter war ja auch um etwa zehn Jahre jünger als der Vater. 
Sie hatte als noch nicht ganz Achtzehnjährige geheiratet. Da ist der Mann 

Zeitschrift f. psa, Päd., V/5/6 177 13 



ia noch nichts. Aber nicht nur kürzer warten muß die Frau auf das „Wunder- 
bare" Sie ist auch schöner: sie hat eine glattere Haut, sie hat runde Arme 
und Brüste, weil sie ein Weib ist. Er hat noch keinen Bart und kernen 
Stimmbruch 1 . Sie trägt die Kinder. Der Mann hat nur einen Augenblick 
etwas vom Kinderkriegen. Die Frau hat diesen Augenblick auch. Aber ihr 
ganzes Leben bereitet sie sich darauf vor. Neun Monate lang ist sie in 
Hoffnung. Nur die Frau kann Kinder gebären. Kein Mann kann körper- 
lich neues Leben schaffen. 

Aus diesem Neid des Knaben auf die Frau wegen ihres Äußeren, ihrer 
Frühreife und vor allem ihrer Gebärfähigkeit, die durch die Menstruation 
dokumentiert wird, entstehen immer sehr wesentliche psychische Einstel- 
lungen des Mannes zur Frau. Sie werden häufig noch durch das Verhalten 
der Umwelt, namentlich der Mutter zur menstruierenden Schwester unter- 
strichen. „Alle Augenblicke" wird sie geschont. Natürlich, Mädchen muß 
man verzärteln. Einen Knaben fragt niemand, ob er müde ist. „Was Extras 
zu essen bekommt sie — wegen des Teints." Um seine Pickel kümmert 
sich niemand. Ist ja auch nur ein Bub; da kommt es ja nicht darauf an, 
ob er gefällt. Jede Laune geht ihr durch. Wenn sie patzig ist, ist sie 
„nervös". Bei ihm gilt schon der zehnte Teil als ungezogen. 

Sehen wir von den krankhaften Verwandlungen von Männern in Frauen 
ab, die doch immer zum Leide verurteilt sind, weil sie unvollständig bleiben 
müssen dank der biologisch fundierten Tatsache, daß der Mann eben als 
Mann im Begister des Standesamtes figuriert und an ihn männliche und 
nicht weibliche soziale Forderungen gestellt werden. Auch sind diese Er- 
scheinungen trotz ihrer relativen Häufigkeit absolut genommen nicht von 
jener gesellschaftlichen Bedeutung, zu der sie die Propaganda der gesell- 
schaftlich Verfemten machen möchte, sondern nur ärztlich wichtig. Wesent- 
licher ist eine — man kann wohl sagen — allgemein gültige psychische 
Beaktion auf den „Gebärneid" des Mannes, wie wir das sehr kompliziert 
gebaute Phänomen in Anschluß an Groddeck nennen, der meines Wissens 
zuerst darauf aufmerksam machte. Dies ist das Erlebnis des Mannes: er ist 
außerstande, aus seinem Körper neue Menschen zu produzieren. Nur die 
Frau produziert körperlich Menschen. Der Mann ist auf gedankliche Pro- 
duktion angewiesen. Gegen das Eingeständnis seiner Unterlegenheit, nur 
geistig, aber nicht körperlich produzieren zu können, setzt er sich An- 
griff scheint die beste Verteidigung — durch die Behauptung zur Wehr: 
Die Frau könne nicht geistig produzieren, weil sie körperlich produziere. 
Allerdings setzt sich die Bewunderung für ihre Leistung neben der Ver- 
spottung ihrer geistigen Inferiorität doch durch: die Frau sei naturnäher, 
gefühlstiefer, ursprünglicher als der Mann, der durch seine geistige Tätig- 
keit inbezug auf das Leben, namentlich das Gefühlsleben, abgestumpft sei. 

i) Wie der Vetter, rieh begnüge mich hier, wie oft bei der Wiedergabe des Bruch- 
Stücks einer Analyse, mit kurzen Andeutungen wichtigster Erlebnisketten.) 

- 178 - 



Bei unserem Patienten trat dieses psychische Gebilde bewußtermaßen in 
den Hintergrund. Für ihn bestand die Gefahr des Geschlechtstieres Weib, 
zu dem die kind hafte (gleichzeitig knaben- und mädchenhafte) Freundin 
immer wieder wird und die den Mann zu verführen droht. Der Verführte 
aber war der Vetter gewesen, den er mit dem Geschlechtstier Schwester 
verlor. 

IV 

Gar zu gerne wäre er selbst der Verführte gewesen. Denn auch in ihm 
hatte sich das Geschlechtstier geregt. Aber es war durch frühere Erlebnisse 
niedergehalten worden, die von der Geschlechtslust, namentlich der Lust 
aus dem Genitale, abschreckten, und unter denen wieder ein Menstruations- 
erlebnis eine große Rolle spielte: Als der Knabe neuneinhalb Jahre alt 
gewesen war, kamen die Kinder eines Morgens in die Küche und schnapp- 
ten dabei etwas von dem Gespräche der Dienstmädchen auf. (Da um jene 
Zeit kurz hintereinander Kindermädchen und Köchin wechselten, war die 
Zeit der Erinnerung genau zu datieren.) Irgend etwas von Bluten und von 
Watte war die Rede. Neugierig fragte der Knabe: Das Zimmermädchen 
habe eine Wunde am Bein. Kichern der Köchin. Interessiert wollte er sehen. 
Verlegene Abwehr, rasch wurden die Kinder aus der Küche abgeschoben. 
Die begannen aber bereits auf dem Gang die Köpfe zusammen zu stecken 
und zu tuscheln: Da war irgend etwas Unheimliches dahinter. Wie sie 
gelacht hatten! Warum sie sich genierten? Damals begannen die Forschun- 
gen, von denen anfangs berichtet wurde. Denn daß die geheimnisvolle 
Wunde und das Bluten irgend etwas mit Geschlechtlichem zu tun hatte, 
das stand für den Knaben fest. Aber noch etwas war ihm Gewißheit: 
Irgendwie mußte das Bluten und die Wunde mit den Geschlechtsteilen 
und vor allem mit der Geschlechtsbetätigung zu tun haben. Irgend etwas 
unbestimmbar Gefährliches hing mit den Geschlechtsteilen und ihrem Be- 
rühren zusammen. Immer wieder, wenn er in der Analyse auf diese Dinge 
zu sprechen kam, drängte sich ein anderes früheres Bild dazwischen: Er 
mag damals vier bis fünf Jahre alt gewesen sein. Er steht im Badezimmer 
vor der Badewanne, in der die Schwester steht. Sie will ihm lachend einen 
Purzelbaum vormachen. Er sieht ihr rundes Gesäß. Das erscheint ihm in 
der Erinnerung übergroß. Er hat den Eindruck, als ob es beim Hinsehen 
immer großer werde, um alles andere zu verdrängen. 

Aus dem Zusammenhang, aus dem die Erinnerung sich ihm immer 
wieder aufdrängt, wird klar, was dieses Gesäß verdrängen soll : es zieht den 
Blick auf sich, weg von jener anderen Stelle, wo nichts ist, wo der Penis 
fehlt, weg auch von dem eigenen Genitale, das sich geregt haben mag, 
dessen Erregung aber nicht bewußt werden darf, weil anderes in ihm 
lauter spricht. Dieses Bluten — so sagt es in ihm — steht damit in einem 
Zusammenhang: der Penis fehlt der Frau. Er wird ihr immer, wenn er 
nachwachsen will, abgeschnitten. Das ist die geheimnisvolle Wunde. Und 

- 179 - i5- 



man 



darf nicht davon sprechen, denn das Genitale wird abgeschnitten, 
wenn man an ihm gespielt hat. Alte Verbote wachen auf. Bisher hat er 
sie nie für ernst genommen. Er hat es nicht glauben wollen, daß man 
ihm das Spielorgan wegnehmen könne, wie die Kinderfrau 1 gedroht hatte. 
Er wird „das" also nie mehr tun. Und damit er nie mehr in Versuchung 
geraten kann, verleugnet er von da ab jegliche Lust vom Genitale. Es ist 
und bleibt gefühllos. Um der Kastration in körperlichem Sinne zu ent- 
gehen, kastriert er sich seelisch. 

Durch diese Selbstverstümmelung erreicht er gleichzeitig, daß 
sein Neid auf die Schwester, von dem wir vorhin sprachen, hinfällig wird. 
Er ist zwar nicht Weib, — wie es der wirklich Kastrierte wäre, — wohl 
aber bleibt er so ewig der geschlechtslose Knabe, der eins war mit dem 
geschlechtslosen Mädchen. Der Horror vor der blutenden Schwester ist be- 
sonders geeignet, dies Phänomen auszulösen, da die Scheu vor der ersten 
geheimnisvollen Wunde ihm die lustvolle Gemeinschaft mit der Schwester 
verschaffte. Denn im Anschluß an jenes Erlebnis in der Küche setzten die 
Forschungen mit der Schwester ein. 

Und diese Forschungen betasteten, wenn auch nur in Worten und Vor- 
stellungen, immer wieder das Genitale, das eigene und das der Frau. Sie 
schafften so eine, wenn auch unzulängliche und daher dauernd spannende 
Befriedigung jenes Wunsches, der ihn gepackt hatte, als er von der Wunde 
des Mädchens hörte : an dem Bein, an der Wunde herumzusuehen. Gewalt- 
tätige Antriebe klingen an. Sie sind es besonders, die der Verpönung ver- 
fallen: er wird sich nie an eines anderen Genitale vergreifen! Und um 
sich davor zu schützen, schießt 6t über das Ziel hinaus, verzichtet er auf 
jegliche Aktivität. 

Nur unter einer Bedingung ist ihm Aktivität, wenn auch in der ein- 
geschränkten Form geistiger Tätigkeit, der Forschung erlaubt: zusammen 
mit einem weiblichen Kameraden, der Schwester, bezw. ihrem Ersatz, wenn 
also eine Penislose mit dabei ist. Gebranntes Kind würde das Feuer scheuen. 
Da dies bei der Schwester nicht der Fall zu sein scheint, sind vielleicht 
alle Befürchtungen hinfällig. Aber er vermeidet die Gewißheit: während 
der ganzen Forschungsperiode, selbst damals, als sie nach dem Vorfall in 
der Küche aus Anlaß der blutenden Wunde des Mädchens einsetzte, ver- 
meidet er es, seiner Schwester seine Mutmaßungen und Ängste wegen der 
Kastration mitzuteilen. So liest er zwar auch den Abschnitt über Menstruation 
im Lexikon, aber er verarbeitet ihn einigermaßen erst nach der Trennung 
von der Schwester. 

So scheitern auch späterhin die Kameradschaften mit den Frauen daran, 
daß er sich ihnen nicht restlos anvertraut: er will nicht wissen, daß und 
Weib" werden. Und letzten Endes lauert in ihm auch noch die 



wie sie „ 



i) „Kinderfrau" ist die später erwähnte Amme der Schwester im Gegensatz zu 
den übrigen „Kindermädchen". — Hier geht eine wichtige Kausalkette ab: Sadismus, 
Identifikation mit der kastrierenden Kinderfrau. 

- 180 - 



Eifersucht: der bewundernde Haß gegen den einst geliebten Vetter, der nur 
der Schwester, des Weibes wegen an der Gemeinschaft teilnahm 1 . 

v 

v 

Gerade die zuletzt geschilderten Zusammenhänge des Erlebnisses der 
Menstruation mit dem Glauben, die Frau sei ein wegen Genital- 
betätigung verstümmelter Mann und der Mann selbst könne 
kastriert werden, sind typisch. Und sie haben zur Ächtung der Frau 
in der Männer ges eil s chaft viel beigetragen. 

Wir begegneten bei der Besprechung des „Gebärneides" der näm- 
lichen Behauptung in der Verkleidung, die Frau stehe der Natur näher. 
Unser Kranker sprach vom Geschlechtstier. Die Frau gab und gibt ihrem 
Antrieb nach Spielen am Genitale und überhaupt nach genitaler Betätigung 
hemmungslos nach. Darum ist sie auch kastriert — und diese Kastration 
wird infolge des körperlichen Minderwertigkeitsgefühls des Mannes aus dem 
Gebärneid aufs Geistige verschoben. Der Mann aber weiß sich zu beherr- 
schen. Sein Wille, sein Geist sind stark. Er ist lieber Sohn; die Frau ist 
schwach, ist böse. Er fühlt sich eins mit dem starken Vater, sie ist das Kind. 

Vor allem das ungezogene Kind, das vom artigen heuchlerisch verachtet 
wird, das von der Gemeinschaft mit dem Vater ausgeschlossen ist. Die 
jüdische Beligion macht sie in der Menstruation zur Unreinen, deren Be- 
rührung allein schon vom Tempeldienste ausschloß, deren Begattung mit 
Ausrottung — Kastration auf alle Ewigkeit — bestraft wird. Der Islam 
spricht ihr das ewige Leben ab; sie ist ein Tier, nur dem Irdischen er- 
geben. Und auch das christliche Mittelalter debattiert, ob sie eine Seele habe. 

Andererseits weckt gerade ihre Hilflosigkeit die sehnsuchtsvolle Liebe 
des kindlich gewalttätigen Mannes. Parzival, der Weib und Kind vergessen 
hat, wird durch die Blutstropfen im Schnee an sie erinnert. Jetzt ist er 
reif; w aus Mitleid wissend" kann er die, die statt seiner kastriert wurden, 
erlösen. 

VI 

Unser Patient, von dem unsere Überlegungen ausgegangen waren, hatte als 
Kind noch einen dritten Zusammen stoß mit der Menstruation 
gehabt. Dieses Erlebnis führt uns zu seinem Verhältnis zu seinen Eltern, 
speziell zur Mutter. Gerade hier aber werden wir uns große Beschränkung 
bei der Wiedergabe auferlegen müssen, wenn wir nicht uferlos aus der 
sehr langen Analyse berichten wollen: 

Soweit der Kranke in seine Kindheit zurückblicken kann, besteht eigent- 
lich keine besondere Beziehung zur Mutter. Irgend welcher tieferen Ge- 
fühle zu ihr ist er sich nicht bewußt. Das schien daran zu liegen, daß 
die Mutter wenig Zeit auf das Kind verwandte, ihrer Geselligkeit und 



1) Vor allem gegen ihn richtet sich starke unbewußte Feindschaft. 

— 181 — 



ihren Interessen lebte und die Kinder dem Dienstmädchen überließ. Daß 
das von jeher so gewesen sein müsse, schließt er aus der Tatsache, daß er, 
wie auch die wenig ältere Schwester, Ammen hatten. Deren Amme blieb 
dann als Kinderfrau im Hause und übernahm ihn bis zu seinem vierten 
Jahre mit in Pflege, dann kam ein neues Kindermädchen. Es ergibt sich 
aus der innigen körperlichen Beziehung, die die Kinderfrau als Amme mit 
der Schwester gehabt hatte, daß der Kleine in seiner Empfindung recht 
gehabt haben mag: er sei zurückgesetzt worden. 

Die Mutter schwebte nur über dem Haushalt. Die Kinder sahen sie 
eigentlich nur, wenn sie inspizieren kam, ob sie richtig gewaschen seien, 
ob ihre Kleider in Ordnung seien, oder wenn sie vorgeführt wurden, um 
einem Fremden „schön guten Tag zu sagen", oder zum „guten Tag" und 
Adieu". Denn auf diese Respektsäußerungen legte die Mutter großen Wert. 
So spielte sich denn das Leben der Kinder fast ausschließlich in dem Kinder- 
zimmer ab, das hinten an einem langen Korridor, weit ab von der Welt 
der Erwachsenen, lag. Erst etwa mit Beginn der Schulzeit kamen sie zum 
Essen in die geheiligten Räume „vor". Dort mußte Ruhe und Ordnung 
herrschen, und im allgemeinen spielte sich diese Essenszeit in den kühlen 
Formen der Höflichkeit ab. 

Nur manchmal hing ein schweres Ungewitter über der Familie. Die 
Mutter war reizbar, und wegen irgend eines minimalen Anlasses brach 
plötzlich eine wüste Schimpfflut über die Kinder und vor allem über den 
Mann herein, die gewöhnlich damit eingeleitet wurde: „Du weißt doch, 
daß ich das nicht vertragen kann, wenn ich mein Kopfweh habe", und 
sie schloß meistens damit, daß die Mutter schimpfend das Zimmer verließ, 
die Tür zuwarf und sich weinend in ihr Schlafzimmer einschloß. Resigniert 
blieb der Mann zurück und suchte die verstörten Kinder zu beruhigen, 
wobei dann Worte fielen wie: „Die Mutter ist heute wieder aufgeregt, 
weil sie sich nicht wohl fühlt" und einmal ereignete sich die Bemerkung : 
„Ihr wißt doch, das ist alle vier Wochen so." 

An einem solchen Abend brauchten dann die Kinder der Mutter nicht 
„Gute Nacht" zu sagen. Am anderen Morgen aber mußte man bei der 
Mutter zum „Guten Morgen" antreten, und zwar war sie dann nicht wie 
sonst beim Frühstückstisch. Vielmehr lag sie im Bett, und diese Besuche 
im halbdunklen Schlafzimmer waren dem Knaben höchst ekelhaft. Denn 
schon, wenn man die Türe aufmachte, schlug einem dumpfe Luft ent- 
gegen. Trat man näher ans Bett heran und streckte einem die Mutter die 
Hand entgegen, so traf einen ein widerlich süßlich-fauliger Geruch. 

Die Mutter schien also, trotzdem sie bei den Kindern sehr auf Sauber- 
keit hielt, selbst durchaus nicht sauber zu sein. Was da nun eigentlich 
roch und nach was es roch, das wußte er nicht. Aber das Ganze hatte 
irgend etwas Unheimliches an sich: Diese Gewitter schwere über dem Hause, 
der sinnlose Krach, das Nicht-Aufstehen der Mutter und ihr Gestank. Und 
das „alle vier Wochen einmal." An der Frau haftet also irgend etwas, 

— 182 - 



das sich jeden Monat einmal unter Lärm und Gestank entlud. Was das 
war, war völlig unerklärlich. Es war unbeeinflußbar, mochten sowohl er 
wie auch der Vater sich die größte Mühe geben, ja recht nett zu sein. 

Namentlich befaßte das Kind sehr die Tatsache des Gestankes der Mutter. 
Waren die Frauen unsauber? Es schien fast so, denn alle Übrigen im Hause 
schienen das als selbstverständlich zu nehmen. Niemand sprach davon und 
als er einmal zu dem Dienstmädchen eine derartige Andeutung wagte, be- 
kam er eine ausweichende, spöttische Antwort. Erst viel später, nach dem 
Erlebnis in der Küche mit dem Dienstmädchen, brachte der Knabe den 
Geruch irgendwie mit jener geheimnisvollen Wunde und dem Bluten in 
Zusammenhang, wobei unklar blieb, ob er in jenem Augenblick an dem 
Dienstmädchen denselben Geruch wahrnahm wie an der Mutter, oder ob 
ihm nur plötzlich die Erkenntnis kam, daß das, was er bei der Mutter 
roch, Blut war. Nach seiner Liebesenttäuschung an der Schwester allerdings 
ist ihm ganz bewußt, daß er eines Tages auf dem Aborte, kurz nachdem 
ihn die Schwester verlassen hatte, ein Stück blutiger Watte liegen fand, 
das so roch wie die Mutter. 

Diese Erlebniskette führt uns in noch ältere Zeiten zurück als das Bis- 
herige: die genitalgeschlechtlichen Dinge sind bewußtermaßen doppel- 
wert ig, wenn auch die tieferen Wurzeln der Zwiespältigkeit im Unbe- 
wußten stecken. Die eine, die Kastrationsangst, haben wir bereits 
bloßgelegt. Auch die Kausalketten, die uns jetzt zum Ödipuskomplex 
führen, können in dem wenigen, was ich aus dem Material brachte, er- 
ahnt werden: Liebe zur Mutter (Kinderfrau), Identifikation mit dem Vater 
(Vetter). Aber immerhin, diese Konflikte sind noch denkbar. Absolut un- 
ausdenkbar ist aber das, was hier noch im Hintergrund droht: Die Be- 
ziehung zum Schmutz, zum eigenen Kot. Die Vorschriften der Reinlich- 
keitspflege, repräsentiert durch Mutter und Kinderfrau, hat sich der Knabe 
so zu eigen gemacht, daß die Schmutzlust des Kindes völlig verschwunden 
scheint. Und doch droht sie noch in ihm; er muß die stinkende Mutter 
und Frau besonders ekelvoll meiden, um seinem eigenen Schmutz zu 
entfliehen 1 . 

VII 

Es wäre nun ganz falsch, behaupten zu wollen, daß all die Vorgänge, 
die wir bei unserem Patienten beschrieben haben, sich auf bewußte klare 
Vorstellungen und Überlegungen hätten zurückführen lassen. Im Gegen- 
teil: es waren ganz unscharfe, ganz verschwommene Gefühle und Ein- 
stellungen, um die es sich da drehte, die eben gerade wegen ihrer Un- 
faßbarkeit in Worte nicht durch den Verstand begrifflich zu bewältigen 
waren. Man könnte meinen: einzig weil ihm die Kenntnisse fehlten. Doch 

1) Hier münden die Menstmationserlebnisse in zwangsneurotische Symptome ein, 
die das Krankheitsbild beherrschten. 

- 183 - 



diese Erklärung genügt nicht, denn auch später, als er sich diese in ge- 
meinsamem Studium mit Schwester und Vetter verschafft hatte und selbst 
noch als igjähriger, als er erneut sich orientierte, war er außerstande, die 
Wirklichkeit zu ordnen und damit sich in sie einzuordnen. Wir haben 
die Grunde kennen gelernt: Die Angst um die Unversehrtheit des Körpers 
beherrschte ihn und machte ihn blind. Im Unbewußten lebte die Kastra- 
tionsdrohung der Kinderfrau. Der Menstruation s Vorgang schien zu bestäti- 
gen, daß ihre Ausführung denkbar sei. Darum durfte er nicht denken, 
mußte das Wissen, die drohende Gewißheit fliehen. Die Frau aber, das 
Geschlechtliche war unheimlich, geheimnisvoll, grauen- und ekelhaft, die 
Beschaffenheit der Frau, die Vorgänge um sie: das regelmäßige Bluten, 
ihre unbeherrschbare Reizbarkeit, ihr Gestank. 

Man mag sich fragen, ob derartige Erlebnisse unvermeidbar sind, 
Erlebnisse, die einzelne Menschen, wie unseren Kranken, vom Glücke aus- 
schließen und in ihrer Häufung so gewaltige Folgen haben, daß ^ sie die 
Stellung der Frau in Haus und Gesellschaft bestimmten und bestimmen. 
Allerdings mit einfacher, auch rechtzeitiger, kluger Aufklärung wird man 
beim männlichen Gebärneid und der Kastrationsangst ebenso wenig erreichen 
wie bei ihrem weiblichen Pendant: dem Penisneid. Denn in den Auf- 
klärern lebt noch meist irgendwo das Jahrtausende Alte, durch die eigene 
Erziehung Belebte, das in den Anschauungen und Verhaltungs weisen der 
Umwelt gegenständlich wird. Denn sie vor allein schafft die Atmosphäre 
des Geheimnisvollen, Unerlaubten um das Ganze des Geschlechtlichen, das 
selbst dann seine unheilvolle Wirkung tut, wenn die einzelnen direkten 
Erzieher sich bemühen, ehrlich zu sein, Wie überall in der Pädagogik 
heißt es darum: erst Generationen gesunder, angstfreier Eltern und Er- 
zieher heranbilden ! 



Menstruationsangst 

Von Mary Chadwick, London 

An die Tatsache der Menstruation scheint aus mancherlei Gründen ein 
dunkles unbewußtes Angst- und Schuldgefühl geknüpft zu sein. Wenn wir bei 
den primitiven Völkern die Tabus studieren, welche die Menstruation 
betreffen, so finden wir zweierlei Arten derselben: 

1) Solche, welche die Frau selbst betreffen, indem sie ihre Tätigkeit ein- 
schränken und sie als unrein vom täglichen Leben abschließen, soweit die 
Männer der Gemeinschaft daran teilhaben, und 

2) Vorschriften für die Männer, welche den Zweck haben, diese vor den 
ernsten Folgen zu bewahren, die aus der geringsten, direkten oder indirekten 

— 184 - 



Berührung mit einer menstruierenden Frau entstehen würden. Es fragt sich 
nun, ob diese uralte Angst im wesentlichen durch das auffallendste Zeichen 
der Menstruation bedingt ist, durch die Blutung, die eine ganz ursprüngliche Angst 
erweckt. Es muß aber auch bedacht werden, daß es in der Tat geheimnisvoll 
erscheinen mußte, daß den Frauen um diese Zeit ein sonderbarer Geruch an- 
haftet und daß sie deutlich zu nervösen Störungen und Erregungen neigen. 

Über die eigene Stellung der Frauen zur Menstruation bei primitiven Stämmen 
etwas Genaueres zu erfahren, ist schwierig, da die Bücher, welche uns über diesen 
Gegenstand unterrichten, gewöhnlich das Werk männlicher Ethnologen sind und auf 
Mitteilungen männlicher Stammesgenossen beruhen, die wahrscheinlich mit den 
Vorschriften zu ihrem eigenen Schutz vertrauter sind als mit dem Glauben 
oder den Gefühlen der Frauen über jene Funktion, welche einen wesentlichen 
Teil des Lebens der erwachsenen Frau ausmacht. Soeben ist jedoch in London 
ein Buch veröffentlicht worden, welches von einer Frau geschrieben ist, die 
viele Jahre in S a m o a gelebt hat. Sie erlernte die Sprache der Einheimischen, 
um die Pubertätsein weihungsriten für beide Geschlechter besser erforschen zu 
können, und bringt auch ausführlichere Angaben über die Zeremonien, die für 
die Mädchen und Frauen gelten, als über diejenigen, welche die Männer und 
Jünglinge betreffen. Aus diesem Buche könnte man wohl eine klarere Einsicht 
in diese Probleme gewinnen, aber zu meinem Bedauern konnte ich es im 
gegenwärtigen Augenblick noch nicht genauer studieren. (Margaret Head: 
„Das Pub ertäts alter in Samoa", herausgegeben von Jonathan Cape). Es ist inter- 
essant festzustellen, daß ganz junge Kinder, wenn sie zum erstenmal die Men- 
struation bei einer Erwachsenen bemerken, mit ähnlichen Zeichen von Schrecken 
und Angst darauf reagieren; besonders die Blutung hinterläßt einen starken 
Eindruck. Es ist keineswegs selten, daß kleine Kinder bei ihren Forschungen 
in den Schlafzimmern der Eltern oder anderer Erwachsener blutbeflecktes Zeug 
finden, das sie beunruhigt und ihre Neugierde aufstachelt. Einige mögen diesen 
Fund mit ihrem früheren Bettnässen in Zusammenhang bringen; andere, die 
bereits irgend etwas über die Kohabitation erfahren haben, mögen sich ein- 
bilden, es hänge damit zusammen, und daraufhin weitere sadistische Phantasien 
über die „Urszene" ausbauen. Mit solchen Eindrücken verknüpfen sich ur- 
anfänglich Gefühle von Schuld und Furcht, die mit der Vorstellung des ver- 
gossenen Blutes zusammenhängen. Wir finden auch stets Schuldgefühl und Angst 
verbunden, und es scheint, daß der Anblick oder der Geruch von Blut unver- 

idlich Gefühle von Furcht erzeugt. Wir finden diese gleiche Furcht auch 
Tieren, welche bei der gleichen Ursache (Anblick oder Geruch von Blut) 
eine nicht mißzuverstehende Angst zeigen, ohne daß sie vorher einen Schmerz 
oder einen Schrecken erfahren hätten (ausgenommen die Geburt). Gewisse Ge- 
rüche haben eine deutliche, rein physiologische Wirkung auf den menschlichen 
Organismus, abgesehen von durch Assoziation bedingter seelischer Einwirkung. 
Hiezu gehören Anaesthetica, Stimulantia und einige Gifte. Wir können also die 
durch Blut erzeugte Angst als komplizierte Wirkung von mehreren zusammen- 
wirkenden Vorgängen auffassen: als physiologische Reaktion auf die chemischen 
Eigentümlichkeiten des Geruchs, als eine Geruchserinnerung von der Geburt 
her, verstärkt durch die zu jener Zeit erlittene Angst; schließlich durch ein 
Schuldgefühl infolge eines unbewußten Verlangens nach Blutvergießen und 
infolge der daraus folgenden Todesfurcht, oder durch das Schuldgefühl, das mit 



me 



bei 



- 185 - 



der Masturbation und dem Geschlechtsverkehr verknüpft ist, wie wir es regel- 
mäßig finden. Eine kleine sechsjährige Patientin von mir entwickelte eine 
Hexenphantasie und erfand eine Methode, um die guten von den bösen Hexen 
zu unterscheiden, nämlich, die guten würden angenehm, die bösen garstig 
riechen. Einige erwachsene Patienten von mir erinnerten sich während der 
analytischen Behandlung, daß sie als Kinder zuweilen einen merkwürdigen 
Geruch an der Mutter oder der Pflegerin bemerkt hätten, der in ihnen den 
Wunsch erweckte, sie zu meiden. Das vorher erwähnte kleine Mädchen, welches 
den unangenehmen Geruch zum Merkmal der bösen Hexe machte, schien eben- 
falls die beiden typischen Manifestationen von Geruch und schlechter Laune 
als zusammengehörig zu empfinden und als die zwei wichtigsten Gründe, eine 
solche Frau zu meiden, indem sie ihr den Namen „Hexe" beilegte, d. i. eine 
Frau welche uns durch ihre Gedanken in geheimnisvoller Weise Übles zufügt. 
Solche Gedanken mögen zur Bildung des Tabus von der Vermeidung der men- 
struierenden Frau beigetragen haben, und zwar von einem praktischen Gesichts- 
punkte aus, welcher dann später in eine mystischere Form übersetzt worden 
ist wie es mit natürlichen Erscheinungen häufig der Fall zu sein pflegt. Wir 
müssen in diesem Zusammenhang daran erinnern, daß die geistige Verfassung 
der Frau während der Menstruation sich beträchtlich verändert. Ein typisches 
Menstruationssymptom, das die meisten Frauen, wenn auch in verschiedenem 
Grade, zeigen, dient manchmal auch dazu, ihren geheimen Sexual wünsch zu 
verdecken; es ist eine deutliche Zunahme ihres Hasses gegen Männer und Un- 
geduld gegen die Kinder, weil der Mann dieses Unwohlsein, das oft mit 
Schmerzen einhergeht, nicht kennt, ebenso zeigt sich eine Steigerung jener 
Symptome, die mit dem „Kastrationskomplex" zusammenhängen. 

Diese Haltung voll Neid und Haß, und auch das Bewußtsein der Frau, daß 
in diesen Zeiten ihre physische Kraft und Schönheit vermindert ist, bewirken 
es in der Tat, sie Kind und Mann unangenehm zu machen, damit jeder sich 
hüte, in dieser Unglückszeit ihren Weg zu kreuzen. Die alte Furcht, daß die 
menstruierende Frau auf magische Weise den Mann seiner Männlichkeit be- 
rauben könne, stellt daher auf sehr interessante Art den bewußten oder unbe- 
wußten Wunsch der Frau in diesem Zustand dar, ihn sich selbst gleich zu 
machen, das zu verderben, dessen Mangel sie jetzt so schmerzlich empfindet. 

Ein ähnliches Beispiel für diese Stellung der Frau zur Menstruation als dem. 
Beweise ihrer „körperlichen Minderwertigkeit" kann man gegenwärtig in. 
einigen Schriften und Artikeln finden, die von Zeit zu Zeit von englischen 
weiblichen Ärzten veröffentlicht werden, über die Behandlung von heran- 
wachsenden Mädchen zur Zeit der Pubertät, insbesondere über ihre Gesundheit 
und ihr Benehmen während der Menstruation. Die meisten von ihnen stimmen 
darin überein, daß Schmerz und Mißbehagen in dieser Zeit abnorme Erschei- 
nungen sind, daß keine psychologischen Veränderungen stattfinden und daß 
das Mädchen keine Schwankungen seiner geistigen und körperlichen Fähigkeiten 
zu zeigen habe. Es ist leicht, diese Verteidigung zu durchschauen. Viele haben 
darauf hingewiesen, daß die nervösen Schwankungen der Frau während ihrer 
menstruellen Periode sie für den Arztberuf, besonders für den des Chirurgen, 
ungeeignet machen. Daher begegnen sie dieser Denunziation mit der Behaup- 
tung, daß das heranwachsende Mädchen in keiner Weise physisch in ihren 
Nerven und Gefühlen durch die Menstruation verändert werde, wodurch sie 

- 186 - 



sich selbst auch über den Vorwurf der geschlechtlichen Ungleichwertigkeit er- 
heben, gegen den sie ankämpfen. 

Nichtsdestoweniger haben einige weibliche Psychoanalytiker übereinstimmend 
das Gegenteil gefunden, nämlich, daß das Unbewußte der weiblichen Patienten 
um diese Zeil der Oberfläche viel näher kommt und daß seine Inhalte klarer 
und weniger entstellt sind, während Ängste und andere Symptome sich ver- 
mehrt haben. An sich selbst haben die Analytikerinnen d ie Erfahrung gemacht, 
daß ihre Kraft, das Unbewußte anderer Menschen zu erfasse n, in diesen Zeiten ge- 
steigert ist, obgleich ihre körperliche Energie vermindert sein kann. 

Es gibt noch einen bedeutsamen Faktor für das Verhalten des Weibes in 
Bezug auf die Menstruation. Um diese Zeit spürt manche Frau besonders stark 
ihr sexuelles Verlangen, und wenn die ersten physischen Sensationen dieser Art 
in der Pubertät auftreten, so treffen sie das Mädchen schockartig, ebenso wie 
im späteren Leben die unverheiratete Frau, die gern denken möchte, daß das 
Geschlechtliche in ihrem Leben keine Rolle spielt. Und so wird dieser Faktor 
zu einem schweren Problem: die streng erzogene Frau fühlt sich, wenn sie 
ihre physischen. Sexualspannungen wahrnimmt, besonders verworfen, und nimmt 
sie Zuflucht zur Masturbation, um sich zu erleichtern, so hält sie sich für gänzlich 
moralisch verdorben. Daher mag der Männerhaß bei der ledigen Frau während 
ihrer Periode häufig ebensowohl eine unbewußte Abwehr ihrer eigenen Sexual- 
wünsche, als auch eine Äußerung ihres Kastrationskomplexes bedeuten. 

Bezüglich der Zunahme von nervösen Symptomen bei den Frauen während 
der Menstruation mag man sich an die frühen Hysterietheorien erinnern, 
die zuerst von Galen, 150 — 200 n. Chr., aufgezeichnet und bis in die neuere 
Zeit von den Männern der medizinischen Wissenschaft wiederholt worden sind. 
Die hysterischen Symptome sollten danach hauptsächlich durch das Wandern 
des Uterus im Leibe wie auch durch die Veränderungen des Mondes bedingt 
sein; diese letztere Annahme galt zur Zeit, als die Astrologie eine solch über- 
ragende Rolle in der medizinischen Wissenschaft spielte, auch für alle übrigen 
nervösen Krankheiten bei Frauen. Da die Periodizität des Mondes "wie auch 
die der Frau sich in einem Zyklus von 28 Tagen ausdrückt, so war wohl be- 
kannt, daß mit diesen regelmäßigen Intervallen eine Steigerung der Symptome 
zu erwarten ist, obschon die Ursachen dafür in der Frau selbst und nicht im 
Einfluß des auf den Mond geworfenen Erdschattens zu suchen waren. 

Wie ist es mit Kindern? Eine periodische nervöse Unstetigkeit kann man 
bei Kindern feststellen, lange bevor andere Pubertätsanzeichen in Erscheinung 
treten, und häufig ist zu beobachten, daß bei kleinen Mädchen um das zehnte Lebens- 
jahr herum hysterische Anfälle oder andere Äußerungen von nervöser Störung 
in beinahe regelmäßigen Intervallen von 28 oder 30 Tagen vorkommen. Sie 
zeigen die gleichen Gefühlsregungen, die wir während der Menstruation bei 
den Erwachsenen bemerken, Reizbarkeit, Bereitschaft zu Tränen, Gefühl von 
Einsamkeit und Nichtgeliebtsein, das hauptsächlich den hysterischen Anfall 
motiviert, der gewöhnlich ein Herbeirufen von Liebesbeweisen des Vaters oder 
der Mutter bedeutet. Das Kind äußert Angst vor Einbrechern, die 
durch des Vaters Ankleidezimmer hereinkommen und ihm 
Schaden zufügen könnten, oder es produziert Heiratsphantasien mit 
einem viel älteren Mann; diese Erscheinungen treten so häufig periodisch auf, 
daß dies die Aufmerksamkeit des Psychoanalytikers auf sich ziehen muß. 

- 187 - 



Eine andere typische Angst des Vorpubertätsalters ist die vor einem drohen- 
den schrecklichen Verhängnis. Dies scheint besonders bei der jüngeren von 
zwei oder mehr Schwestern vorzukommen, auch wenn die Mutter irgendeine 
unbestimmte und vielleicht ungeschickte Vorbereitung versucht hat, um das 
jüngere Kind vor dem Schock der ersten Menstruation zu bewahren. Viele 
kleine Vorkommnisse um die ältere Schwester, als oh diese mit der Mutter 
ein Geheimnis teilte, von dem sie selbst ausgeschlossen ist, oder das zufällige 
Finden von blutbeflecktem Zeug im Zimmer der Schwester, oder die Wahr- 
nehmung, daß diese zuweilen in einer unbestimmten Weise unwohl und nicht 
wie sonst leistungsfähig sei, erfüllen das jüngere Marlenen mit einem Gefühl 
von Angst, das sich bis zu Todeswünschen oder Selbstmordphantasien steigern 
kann, um dem schrecklichen, unabwendbar scheinenden Verhängnis zu entrinnen. 
In einem mir bekannten Fall von zwei Schwestern wurden alle beide durch die 
Menstruation schockartig betroffen. Die älteste von beiden war ein aktives, heraus- 
forderndes Mädchen gewesen, das sich immer gern an die Stelle ihres zarten Bruders 
gesetzt hätte, der um ein Jahr jünger als sie selbst war. Sie pflegte nach Jungenart 
im Walde auf Bäume au klettern, wobei sie beständig ihre Kleider zerriß und sich 
unbedeutende Beschädigungen zuzog. Die Menstruation war für sie eine vollkommene 
Überraschung und entsetzte sie. Sie glaubte, daß sie sich nun in der Tat innerlich 
verletzt hätte, wie man es ihr früher als Warnung und Drohung vorausgesagt. 

Sie tat ihr Möglichstes um zu verheimlichen, daß irgend etwas passiert sei, wusch 
ihre Sachen in einer Scheune aus und legte sie halb getrocknet wieder an. Schließ- 
lich nötigte sie ihre Angst zu fragen, was sie tun könnte. Sie erhielt die knappe Aus- 
kunft, daß dies jeden Monat sich ereignen werde; man müsse sich um diese Zeit 
schonen und ruhig verhalten. Diese Erfahrung veränderte sie beträchtlich. Sie haßte 
noch mehr als vorher die Tatsache, daß sie eine Frau war und deshalb in dieser 
Weise leiden mußte, während ihr Bruder davon frei war, und sie bemühte sich, 
während der Menstruation allen Spurt wie gewöhnlich zu betreiben, obwohl sie starke 
Schmerzen dabei hatte. Das spätere Eintreten der Menstruation in Fällen, bei welchen 
ein akuter Seelenschmerz mit der ersten Menstruation verbunden war, ist auffallend 
und läßt die Vermutung aufsteigen, daß hier ein ursächlicher Zusammenhang besteht. 
Die jüngere Schwester mußte nun wohl die Veränderung in der Gemütsart ihrer 
Schwester bemerkt haben, ohne aber deren Ursache bewußt zu kennen. Einige Jahre 
später löste der Eintritt der Blutung bei ihr ein ähnliches Entsetzen aus, zusammen 
mit einem ungeheuren Schuldgefühl, weil sie sich selbst durch Masturbation oder 
durch Untersuchung ihrer Genitalien als Kind beschädigt hätte. Sie bekam Angst 
vor dem Tod oder vor Krankheiten, und nun glaubte sie, daß es gerade dies war, 
wovor sie sich so viele Jahre schon gefürchtet hatte. Jetzt sei es nun auch über sie 
gekommen, dieses Schreckliche, das eine solche Veränderung in ihrer Schwester be- 
wirkt hatte. Eine sonderbare Aufeinanderfolge von Euphorie und Depression bei jeder 
Periode hing damit zusammen, daß sie sich innerlich mit ihrer Schwester in beson- 
derer Art verglich. Die ältere Schwester war nämlich des Bruders beständige Gefähr- 
tin gewesen, und die beiden pflegten lange Radausflüge miteinander zu machen. 
Nach dem Eintritt der Menstruation konnte sie zuweilen aus rätselhaften Gründen 
nicht mit und die jüngere durfte ihren Platz einnehmen oder mit dem Vater zu irgend 
einem geplanten Besuch mitgehen, was dem jüngeren Mädchen außerordentlich be- 
hagte, da zwischen den Schwestern eine heftige Rivalität bestand. Sie genoß ihren 
Triumph über die Schwester umsomehr, da die ältere als Kind physisch viel kräftiger 

— 188 - 



und aktiver als sie gewesen war; dieser Wechsel war ihr nun doppelt willkommen. 
Da trat die Menstruation bei ihr ein und sie fand sich in der gleichen Weise gehemmt 
wie ihre Schwester, was sie wiederum als einen Mißerfolg erlebte, der mit dem Er- 
wachen ihrer AVeiblichkeit zusammenfiel. Dieses Zusammentreffen erfüllte sie mit 
einem starken Gefühl von Enttäuschung, was für uns von besonderem Interesse ist, 
weil diese Phantasien moderner Kinder den ihnen unbekannten altertümlichen Ge- 
bräuchen entsprechen. Als ihr gesagt wurde, daß dieses sie so sehr beunruhigende 
Symptom ein Zeichen ihrer Weiblichkeit sei, fühlte sie zuerst eine große Erleichte- 
rung und eine Erleuchtung über manche Rätsel, die sie vorher gequält hatten. Dann 
aber folgte ein Aufregungszustand: der Wunsch und die Erwartung gefeiert zu werden 
traten in Erscheinung; man müsse eigentlich ihr zu Ehren eine Feier veranstalten; 
trotzdem erschien ihr schließlich alles so schmutzig. Sie erfaßte, daß sie heiratsfähig 
sei und ein Kind gebären könnte, sie schien in den letzten zehn Minuten erwachsen 
geworden zu sein. Sie wünschte, ihre Mutter mochte es ihrem Vater sagen oder daß 
dieser es .erraten möchte, daß er jetzt noch eine erwachsene Tochter habe. Da aber 
scheinbar nichts Außergewöhnliches passierte, so kehrte alles zum Alltag ihres Schul- 
lebens zurück, von dem aber jeden Monat einige Tage durch starke Deprimiertheit 
und das Gefühl des Unwohlseins und der Ablehnung betont blieben. Allerdings empfand 
sie jedesmal vierundzwanzig Stunden vor Eintritt der Menstruation ein intensives 
Gefühl von Glück und körperlichem Wohlbehagen. 

So mögen mancherlei Probleme mit der Tatsache der Menstruation zu- 
sammenhängen, die vorläufig noch ganz ungeklärt sind, da man auch durch die 
Analyse von Heranwachsenden nur sehr spärliche Auskünfte darüber erlangen 
kann. Man ist geneigt, die Angst, das Entsetzen und den Ekel vor sich selbst, 
die das junge Geschöpf zu dieser Zeit empfindet, als Reflex des Angst- und 
Schuldgefühls aufzufassen, das es gewöhnlich durch Drohungen im Zusammen- 
hang mit der Masturbation in seiner frühen Kindheit erworben hat. Aber es 
müssen wohl noch andere Gründe vorhanden sein, die auf eine tief verborgene 
und primitivere im Unbewußten verankerte Furcht vor Blut hinweisen, die 
auch bei Tieren vorhanden, zu einer Schicht des Unbewußten zu gehören 
scheint, welche nicht gut durch Worte beschrieben werden kann; sicherlich 
nicht am heranwachsenden Menschen, da er sich in einem Stadium der Ent- 
wicklung befindet, in welchem der sprachliche Ausdruck abgeebbt ist und man 
schon an und für sich Widerstand gegen das Verweilen bei unangenehmen 
Dingen empfindet. 

Nach der Pubertät kann man eher von den Menschen Auskunft bekommen, 
aber dann kann man nie sicher sein, ob das als Gedanken, Emotionen und 
Phantasien des Pubertätsalters beschriebene Material nicht durch später erwor- 
bene Eindrücke und infolge der Wiedergabe durch das gereiftere Bewußt- 
sein wie durch ein Prisma verändert worden ist. 



IlilllllllllllllllllllllllllHIIIIIM 

— 189 — 



Psychoanalytisches zur Menstruation 

Von Dr. Melitta Schmideb erg, Berlin 

1 

Schon die einfache Beobachtung weist darauf hin, daß der Menstruation eine 
große Bedeutung im Seelenleben der Frau zukommt. Bei einer Umfrage wird 
man erfahren, daß es nur sehr wenige Frauen und Mädchen gibt, die nicht zur 
Zeit der Menstruation „nervöse" Beschwerden hätten. Wir müssen annehmen, 
daß, wenn die Menstruation so häufig derartige Symptome hervorruft — oft bei 
Frauen, die nicht einmal sehr neurotisch oder hysterisch sind, — sie in beson- 
derem Maße an unbewußte Konflikte rührt. Den gleichen Eindruck erhält man 
in der Analyse von Patientinnen, besonders von Mädchen in der Pubertät. 

Die psychoanalytische Literatur über Menstruation ist nicht sehr groß; wie 
sich die Analyse überhaupt mehr mit der männlichen, als mit der weiblichen 
Psychologie befaßt hat. Als erste hat Helene Deutsch die psychische Bedeutung 
der Menstruation gewürdigt; in ihrem Buche „Psychoanalyse der weiblichen 
Sexualfunktionen" j führt sie aus, daß die Menstruation eine doppelte Enttäuschung 
für die Frau bedeute. Die Frau hat sich — nach Freud — mit ihrem Penis- 
mangel abgefunden, indem sie sich an Stelle des Penis ein Kind wünscht. Die 
Menstruation beweise ihr dann, daß sie kein Kind bekommt und keinen Penis 
hat; diese doppelte Enttäuschung sei die Quelle der die Menstruation begleitenden 
Depressionen. Melanie Klein hebt die Rolle der durch die Menstruation her- 
vorgerufenen Angst hervor. Sie hat in ihren Arbeiten ausgeführt, 3 daß in einem 
frühen Stadium des Ödipuskonfliktes das kleine Mädchen die Mutter ihres Leibes- 
inhaltes, der Kinder, Exkremente, und des, den kindlichen Sexualtheorien ent- 
sprechenden, im Leibe der Mutter vorausgesetzten Penis des Vaters berauben 
wolle, und in Vergeltung ihrer Aggression von der Mutter die gleichen Angriffe 
erwarte. Diese Angst, die nach M. Klein beim Mädchen der Kastration sangst 
des Knaben entspricht, werde durch die Menstruation wieder geweckt, indem 
die Menstruation vom Mädchen als Beweis dafür genommen werde, daß es 
„von innen" zerstört sei. 3 

E. D a 1 y hat die Rolle der Menstruation für das menschliche Seelenleben 
besonders hervorgehoben. 4 Wahrend die anderen analytischen Autoren, H. Deutsch 
und M. Klein in der Menstruation nur den äußeren Anlaß sehen, der frühere 
Enttäuschungen und Angst wiederbelebt, sieht E. Daly in dem „ Menstruations- 
komplex ■ etwas Primäres. Er meint, daß der „Menstruationskomplex" dem 
Penisneid und der Kastrationsangst vorausginge und sie bedinge, und daß er 
auch die Ursache der Verdrängung der Anallibido sei. Er führt aus, daß der Kampf 
um die Frau ursprünglich die Angst vor den Rivalen verursacht hätte, daß aber 
dann diese Angst auf die Frau als die Ursache des Kampfes verschoben worden 
sei. Da sie zur Zeit der Menstruation die Männer am stärksten in Versuchung 

1) Int. Psychoanalyt. Verlag, 1925. 

2) Frühstadien des Ödipuskonfliktes. Tnt. Zeitschr. f. PsA. 1928. 

3) Technik der Kinderanalyse (Vortragskurs, gehalten in London, 1925). Vortrag V. 
Technik der Analyse in der Pubertät. 

4) Der Menstruationskomplex. Int. Psychoanalyt. Verlag, 1928- 

- 190 - 



geführt hätte, sei sie als gefährlich betrachtet und aus Abwehr minderwertig 
gestempelt und durcb Tabus abgeschlossen worden. Durch diese schlechte Be- 
handlung der Menstruierenden sei der Haß der Frau den Männern gegenüber 
geweckt worden, wodurch wieder die Angst der Männer vor den Frauen ge- 
steigert worden wäre. Der Penisneid der Frau sei nur die Folge des Menstruations- 
komplexes, denn erst zufolge der Entwertung ihrer zur Zeit der Menstruation 
von ihr als besonders schön empfundenen Genitalien fühle sie sich minderwertig 
und beneide den Mann um den Penis; die Kastrationsangst sei erst entstanden, 
nachdem der Mann durch die schlechte Behandlung der menstruierenden Frau 
ihren Haß zu gewärtigen hatte. Die Verdrängung der Anallibido erfolge, weil 
die Vagina durch die Menstruation entwertet worden sei, und der Anus nun 
durch die Nachbarschaft mit dieser auch entwertet werde. 

Diese Ausführungen Dalys stehen in Widerspruch mit so vielen empirisch 
gefundenen und immer wieder in Analysen bestätigten Annahmen der psycho- 
analytischen Theorie, daß sie besonders gut gestützt sein müßten, damit wir 
eine Revision unserer bisherigen Ansichten vornehmen sollten. Das ist nun aber 
nicht der Fall; das von Daly herangezogene ethnologische Material stütit seine 
Ansichten nur ganz ungenügend, und es ist vor allem zu bedauern, daß Daly 
seine Ansichten nicht durch klinisch-analytisches Material belegt, denn in den 
empirischen Beobachtungen in Einzelanalysen müssen wir doch immer den 
Prüfstein jeder analytischen Theorie sehen. Ohne hier in eine weitere Kritik 
Dalys eingehen zu wollen, sei nur noch hervorgehoben, daß die schlechte Be- 
handlung der Menstruierenden doch erst in der Pubertät stattfinden kann, wir 
aber die Kastrationsangst, den Penisneid und den Beginn der Verdrängung der 
Anallibido schon im zweiten Lebensjahr beobachten können, daß also der 
„Menstruationskomplex" nicht primär sein und die Ursache so vieler grund- 
legender Faktoren bilden kann. 

Es ist als großes Verdienst Dalys anzusehen, daß er durch seine Arbeiten 
zuerst auf die große Bedeutung der Menstruation im Seelenleben beider Ge- 
schlechter hingewiesen hat. Aber es scheint mir, daß es die Aufgabe weiterer 
analytischer Arbeiten auf diesem Gebiete ist, nicht nur die Reaktionen auf die 
Menstruation zu beschreiben, sondern auch die tiefere Ursache für diese Reaktionen 
aufzudecken. 

n 

Es sind zwei bei den meisten Völkern verbreitete Sitten, die darauf hin- 
weisen, daß die Menstruation eine große Rolle im Seelenleben aller Menschen 
spielt; 1) Bei den Naturvölkern ist der Geschlechtsverkehr mit einer Menstru- 
ierenden verboten und wird mit den strengsten Strafen belegt; das gleiche war 
bei den alten Kulturvölkern der Fall.' 2) Bei den Naturvölkern wird die erste 
Menstruation besonders gefeiert, und das Mädchen wird verschiedenen Ent- 
behrungen und Mißhandlungen ausgesetzt; 5 wie Frazer gezeigt hat, 3 entspringen 
diese Maßnahmen einer tiefwurzelnden Furcht der Primitiven. 

Den Menstruierenden werden die verschiedensten gefährlichen Wirkungen 
zugeschrieben, vor allem, daß sie die Kräfte der Männer und die Fruchtbarkeit 

1) Vergl. Ploss-Eartels: Das Weib. I. 709—24, 

2) „ „ » .» , n I- 77°-7 8 - 
g) F r a z e r : Der goldene Zweig. S. 876. 

— 191 — 



der Vegetation beeinträchtigen. Plinius schreibt: „Kommen sie in diesem Zustande 
in die Nahe von Most, so wird er sauer, die Feldfrüchte werden durch ihre 
Berührung unfruchtbar, Pfropfreiser sterben ab, die Keime in den Gärten ver- 
dorren, und die Früchte der Bäume, unter denen sie gesessen haben, fallen ab. 
Der Glanz der Spiegel wird durch ihren bloßen Blick matt, die Schneide eiserner 
Geräte wird stumpf, das Elfenbein verliert seinen Glanz, ja sogar Erz und Eisen 
rosten und bekommen einen üblen Geruch: Hunde, die davon lecken, werden 
wütend und ihr Biß wird dadurch zum unheilbaren Gifte" * usw. Ähnliche An- 
schauungen finden wir bei den verschiedenen Naturvölkern und sogar auch im 
Aberglauben der Kulturvölker heutzutage. 

Nach dem Talmud würde eine menstruierende Frau, die zwischen zwei 
Männern hindurchgeht, den einen töten. 2 Nach der Auffassung eines australischen 
Stammes würde ein Mann, der eine Menstruierende sieht, sterben.* Eingeborene 
Südafrikas glauben, daß, wenn eine Menstruierende Gegenstände ihres Mannes 
berührt, sie ihn durch Zauberei töten wolle. 

Hier fällt die Analogie mit den magischen Wirkungen, die man Hexen zu- 
schrieb, auf. Auch sie sollten die Fruchtbarkeit der Natur zerstören, den Männern 
die Zeugungskraft vernichten oder die männlichen Glieder durch Gaukelkunst 
weghexen, usw.* 

Sie sollten . . . „mit den Teufeln, die sich als Incubi und Succubi mit 
ihnen vermischen, Mißbrauch treiben, und mit ihren Bezauberungen, Liedern. 
Beschwörungen, und anderen abergläubischen Handlungen, zauberischen Über- 
tretungen, Lastern und Verbrechen, die Geburten der Weiber, die Jungen der 
Tiere, die Feldfrüchte, das Obst und die Weintrauben, ferner die Weinberge, 
Obstgärten, Wiesen und Weiden, das Getreide und andere Erzeugnisse des Bodens 
verderben, ersticken und umkommen machen, und selbst die Menschen, Männer 
und Frauen und aller Art Vieh mit grausamen sowohl innerlichen und äußer- 
lichen Schmerzen und Plagen belegen und peinigen und die Männer verhin- 
dern zu zeugen, und die Weiber zu gebären, und die Männer, daß sie den 
Weibern, und die Weiber, daß sie den Männern die eheliche Werke nicht leisten 
können . . ." K 

Um nur noch zwei besonders deutliche Übereinstimmungen 8 zwischen den 
Menstruierenden und den Hexen hervorzuheben: nach dem Glauben der Primi- 
tiven ist es für einen Mann sehr gefährlich, eine Menstruierende zu sehen, be- 
sonders aber sie zu berühren; 7 in den Hexenprozessen wurde die Hexe rücklino-s 
hereingebracht, weil sie durch ihren Blick den Richter hätte verzaubern kön- 

1) Ploss-Bartels: Das Weib. I. 720. 

2) Praier: Der goldene Zweig. S. 87g. 

5) p » » ■ S ' 8 ? 8 - 

4) Der Hexenhammer. IL S. 15. 

5) Aus der Bulla Summis desiderantes des Papst Innozenz VIII. vom 5. Dezember 
1484, zit. nach Schindler: Aberglaube des Mittelalters. S. 506. 

6) Weitere Übereinstimmungen finden sich in den zitierten Werken, vgl, vor allem 
die Speiseverbote der Menstruierenden und das Pastenlassen der Hexen, die Miß- 
handlungen der Menstruierenden, die Folter der Hexen, das Baden der Menstruieren- 
den (Wassergeister!) und die Wasserprobe der Hexen, die Haarschur der Menstruieren- 
den und das Rasieren der Hexen usw. 

7) Vgl. F r a z e r : Op. cit. und Ploss-Bartels: op. cit. 

— 192 - 



nen; ihre Berührung wurde noch mehr gefürchtet. 1 — Die menstruierenden 
Mädchen wurden in strenger Abgeschlossenheit gehalten und durften die Sonne 
nicht sehen und die Erde nicht berühren.* Ähnlich rät der Hexenhammer, eine 
gefangene Hexe gleich vom Erdboden aufzuheben, da sie nur dann ihre Zauber- 
macht ausüben können, wenn sie mit dem Fuß den Boden berühren. So wurden 
sie in Gefängnisse geworfen, in denen sie sich nicht rühren konnten und in 
die die Sonne nicht schien ; man hing sie schwebend auf, damit ihnen der Teufel 
nicht helfen könnte, ja sie wurden sogar schwebend verbrannt. 3 

Eine so weit gehende Übereinstimmung des mittelalterlichen Hexenglaubens 
mit den primitiven Auffassungen über die Menstruierenden läßt sich nur so 
erklären, daß ihnen psychologisch die gleichen unbewußten Vorstellungen zu- 
grunde liegen. Die Hexe ist ebenso wie die Menstruierende die kastrierende, 
sadistische Frau; sie ist auch die Frau mit dem Penis. Ihre Attribute, die lange 
Nase und der Besen, auf dem sie reitet, sind Symbole des Penis, In einem russi- 
schen Dorf sollten alle Frauen von der Hebamme untersucht werden um festzu- 
stellen, welche von ihnen eine Hexe sei; diese sollte einen Schwanz haben.* 

Freud hat gezeigt, daß das Kind in einem frühen Alter noch keine genaue 
Kenntnis vom Geschlechtsunterschied hat und der Frau auch ein männliches 
Glied zuschreibt. 5 Boehm hat ausgeführt, daß diese kindliche Sexualtheorie 
ilire tiefere Bedeutung von der Vorstellung erhält, daß beim Koitus der Penis 
des Vaters in der Mutter zurückbleibt, und daß dieser in der Mutter voraus- 
gesetzte Penis des Vaters dem Penis der Frau gleichgesetzt wird. 8 Die psychische 
Bedeutung dieses in der Mutter versteckten väterlichen Penis rührt daher, daß 
gegen ihn sich der Haß und die Angst richtet, die der Knabe gegen den mit 
der Mutter koitierenden Vater empfindet. Denn der Penis des Vaters ist ein 
Ersatz des Vaters, 7 und so stellt der in der Mutter vorhandene Penis des Vaters 
die Vereinigung beider Eltern dar. 8 

In den Vorstellungen, die sich das Volk über die Hexen gebildet hat, zeigt 
sich der gleiche Mechanismus. Nach dem Glauben der Zigeuner 8 erhält die 
Zauberfrau ihre Zauberkräfte durch den geschlechtlichen Umgang mit einem 
Dämon; zufolge des Umgangs bleibt eine Schlange in ihrem Leib zurück. Nach 
christlichem Glauben beziehen die Hexen ihre Zaubermacht durch einen all- 
jährlich stattfindenden Geschlechtsverkehr mit dem Teufel, der mit ihnen a ich 
sonst als Incubus Verkehr hat 10 In Indien schnitt man einer Hexe eine Haar- 
locke ab und vergrub diese, „damit das letzte Verbindungsglied zwischen ihr 
und ihren früheren bösen Mächten zerrissen werde". " Die Schlange wie das 

1) Hexenhammer. IL 22, 29, 82; III. 93; III. 92. 

2) Frazer: Op. cit. 860 — 885. 

5) Schindler; S. 294,556. Hexenham mer. IIL 60. 

4) Löwenstiram: Verbrechen und Aberglaube. S. 85. 

5) Freud: Über infantile Sexualtheorien. Ges. Sehr. V. S. 174. 

6) Boehm: Beiträge zur Psychologie der Homosexualität. Int. Ztschr. f. Psa, 
1926. S. 74. 

.7) Abraham: Entwicklungsgeschichte der Libido. S. 76 — 90. 

8) M. K 1 e i n : Erwachsenenpsjchologie im Lichte der Kinderanalyse. 

9) Wlislocki: Volksglaube und religiöser Brauch der Zigeuner. S. 54. 

10) Vergl. Schindler: Aberglaube des Mittelalters. S, 282— 285; Hexenhammer 
IL 59—65. 

11) Frazer: Der goldene Zweig. S. 989. 



Zeitschrift f. psa. Päd., V/5/6 ] 93 



H 



Haar sind Penissymbole und so ist der Penis der Hexe ursprünglich der des 
Vaters (Teufel, Dämon, böse Mächte), 

Ähnliche Vorstellungen finden wir auch in Bezug auf die Menstruierenden. 
Die Menstruationsblutung wird von den Primitiven als durch den Biß emes 
übernatürlichen Tieres oder durch den geschlechtlichen Umgang mit einem 
solchen oder mit einem überirdischen Geist verursacht erklärt. Die Eingebo- 
renen der Murrayinseln in der Torresstraße 1 halten den Mond für einen jungen 
Mann, der die Mädchen und Frauen schändet und so die Menstruation ver- 
ursacht. Die Siamesen glauben, daß die erste Menstruation von der Defloration 
durch Luftgeister herrühre und durch diesen dämonischen Einfluß sich monat- 
lich erneuere. 3 In Portugal wird die Menstruation mit dem Biß von Eidechsen, 
in Guyana von Schlangen, in Neu-Guinea des Krokodils und in Neubritannien 
des Nashornvogels in Zusammenhang gebracht; die Macusi-Indianer fürchten, 
daß die Menstruierenden den Angriffen verliebter Schlangen ausgesetzt sind." 4 
Diese Tiere stellen deutliche Penissymbole dar, — eine Ansicht, die auch. 
C r a w 1 e y vertritt, 5 — und ihre Angriffe sind Darstellungen des Sexual- 
verkehrs. 

Die Primitiven halten die Menstruation also für die Folge des Geschlechts- 
verkehrs; sie sagen dies ausdrücklich oder in symbolischer Form. Sie meinen 
auch, daß die Menstruierenden zu dieser Zeit unter dem Einfluß von Dämonen 
stehen, Dämonen gehören. Freud faßt dies dahingehend zusammen : „daß das 
menstruierende Mädchen als Eigentum dieses Ahnengeistes tabu ist". 6 Die 
Menstruierende hat also Geschlechtsverkehr mit dem Vater, und darum darf kein 
Mann mit ihr zu dieser Zeit Geschlechtsverkehr haben. Dann ist es verständ- 
lich, warum so strenge Strafen auf den Verkehr mit Menstruierenden stehen, 
denn dieser würde die Realisierung des Inzestes bedeuten. 

Nach der Primitiven Auffassung ist die Menstruierende unrein, sie steht 
unter dem Einflüsse böser Geister. 7 Die Reifefeier soll sie von diesen he- 
freien, 8 dann erst darf sie heiraten. Der Dämon, der in ihr haust, dürfte den 
Penis des Vaters darstellen, von diesem muß sie befreit werden, damit der 
Mann wagen darf, mit ihr Geschlechtsverkehr zu haben. Die bei der Reife- 
feier vorgenommenen Handlungen des Haarabschneidens, Zahnausschlagens 9 be- 
deuten die Kastration ; es scheint aber in dem angeführten Zusammenhang 
wahrscheinlich, daß nicht bloß der Penis der Frau entfernt, 10 sondern daß der 



1) Westermarck: The History of Human Marriage. I. 64. 

2) Ploss -Bartels: Das Weib. S. 784. 

5) De la Loubere: Du Royaume de Siam I. S. 203. 

4) Ploss-Bartels: Das Weib. I. S. 790. 

5) Crawley: The Mystic Rose. S. 232. 

6) Freud: Das Tabu der Virginität. Ges. Sehr. V. S. 217. 

7) P 1 o s s - B a r t e 1 s : op. cit. S. 724—752* 784; aus dem Menstruationsblute 
können sich böse Dämonen entwickeln (ibidem 748). 

8) ibidem, S. 754—57- 

9) ibidem, 8.750—2,758—61, 

10) Die Erklärung Wintersteins, daß durch diese Maßnahmen die Khtoris- 
erotik der Mädchen bekämpft werden soll, scheint mir unvollständig. 

_ 194 — 



in ihr vorausgesetzte Penis des Vaters beseitigt 1 werden soll. 2 Die Analogie 
mit den Hexen zeigt es deutlich; diese wurden geschoren, um das Teufelsmal, 
das von ihrer Vereinigung mit dem Teufel zurückblieb, zu entdecken.* 

Es ist schon Frazer aufgefallen, daß die Tabus menstruierenden Frauen gegen- 
über die gleichen sind, 4 wie den Häuptlingen gegenüber, und daß beiden die 
gleichen gefährlichen Wirkungen zugeschrieben werden. 5 Das ließe sich so er- 
klären, daß die Menstruierende, die den Penis des Vaters einverleibt hat da- 
durch dem Vater selbst gleichgesetzt wird. Der verborgene Penis des Vaters in 
der Mutter ist ebenso gefährlich wie der Vater selbst, und man muß sich vor 
ihm auf die gleiche Weise schützen. Diese Annahme würde auch die volkstüm- 
liche Bezeichnung „Roter König" für die Menstruation erklären; die Menstruierende 
enthält den roten König, den sadistischen, blutigen Vater. 

Die Angst vor der Mutter mit dem Penis besteht ja im Seelenleben eines 
jeden Menschen; die Frage ist also, warum sich diese Angst zur Zeit der Men- 
struation so wesentlich verstärkt. 6 Eine Äußerung Freuds scheint die Erklärung 
für dieses Phänomen zu bieten; er führt aus, daß das Kind den Koitus der 
Eltern sadistisch auffaßt, und bemerkt, daß das Kind Blutspuren an der Wäsche 
der Mutter als Bestätigung dieser Ansicht nimmt. 7 So wäre die Menstruation 
der Frau ein Beweis des sadistischen elterlichen Koitus — - die Primitiven führen 
ihn ja auf Schändung, Biß von Tieren, also auf sadistischen Verkehr zurück, — 
und dadurch würde die Beaktion auf die Urszene, auf die kindliche Beobachtung 
des elterlichen Verkehrs wiederbelebt und so Haß und Angst geweckt. 

In der sadistischen Auffassung des Koitus setzen sich auch die sadistischen 
Tendenzen der Frau gegenüber durch; darum weckt die Menstruation, die als 
Verwirklichung dieser unbewußten Tendenzen aufgefaßt wird, auch Angst und 
Schuldgefühl. Die verdrängten sadistischen Regungen gegenüber der Frau rufen 
in der Projektion die Angst vor den Angriffen der Frau hervor; darum werden 
die Menstruierenden für gefährlich gehalten. Aber nicht nur die Frau wird 
durch den sadistischen Koitus geschädigt; ist sie im Besitze des Vaters, so wird 
sie ihm durch den Koitus entrissen, wird sein Penis in ihr vorausgesetzt, so 
wird der Angriff gegen die Frau auch einen Angriff gegen den väterlichen 
Penis in ihr bedeuten. So richten sich die sadistischen Tendenzen gegen beide 
Eltern und als Vergeltung werden auch von beiden Eltern Angriffe erwartet; 

i) Im 18. Jahrhundert glaubte man in Deutschland, daß, wenn man das ausge- 
rissene Haar einer Menstruierenden in Mist vergräbt, sich daraus eine Schlange ent- 
wickelt (ibidem, S. 752). 

2) Die anderen bei der Reifefeier vorgenommenen Handlungen wie Peitschen, 
Tatauieren usw. entsprechen den exorzististischen Maßnahmen der primitiven Me- 
dizin, die durch diese Handlungen den Dämon aus dem Kranben vertreiben wollen. 
Eine analytische Erklärung dieser Auffassungen habe ich an anderer Stelle (The Role 
of Psychotic Mechanisms in Cultural Development) versucht. 
5) Schindler: Der Aberglaube des Mittelalters. S. 29a. 

4) Frazer: Der goldene Zweig. 304, 865. 

5) Ähnlich läßt sich auch die Analogie zwischen den Hexen und dem Häuptling 
und den ihnen zugeschriebenen magischen Wirkungen ausfuhren. 

6) Crawley führt aus, daß der Primitive immer eine gewisse Angst vor der Be- 
rührung der Frau hat; diese wird zur Zeit der Menstruation, des Kindbettes usw. 
dann wesentlich gesteigert. 

7) Freud: Über infantile Sexualtheorien. Ges. Sehr. V. S. 181. 

— 195 - i4- 



die Schädigung durch die Menstruierende und die Strafe Gottes oder des Gesetzes 
für den verbotenen Verkehr mit ihr. Gegen diese Gefahren schützt nur die 

Meidung der Menstruierenden. ,',. „'- ,, _ . 

Das gegen die Menstruierenden gerichtete Tabu und die Müihandlungen bei 
der Reifefeier dienen vorwiegend der Angstberuhigung der Männer; daß die 
Frauen sich diese schlechte Behandlung gefallen lassen, geht wohl darauf zurück, 
daß die Angriffe, die die Männer von ihnen befürchten, ihren eigenen unbewuß- 
ten sadistischen Regungen entsprechen und sie deshalb Schuldgefühl empfinden. 
So wird in Indien eine Menstruierende von allen Menschen ferngehalten; den 
ersten Tag fühlt sie sich wie eine Paria, den zweiten Tag, als ob sie einen 
Brahmanen ermordet hätte. Sie darf sich keinem Menschen nähern, nicht an 
Gott denken, kein Lebewesen töten.» Sie läßt sich so schlecht behandeln und 
fühlt sich so verworfen wegen ihrer unbewußten Todes- und Kastrationswunsche. 
Ähnlich bestand der Hexenglaube ja nicht nur bei den Hexenrichtern ; die Selhst- 
bezichtigungen der Hexen lassen sich nur so erklären, daß sie wegen ihrer un- 
bewußten sadistischen Wünsche bestraft werden wollten. Das Unbewußte der 
Männer und der Frauen reagiert aufeinander; die Angst der Männer vor den 
Frauen führt zu den abergläubischen Schutzmaßnahmen, das Schuldgefühl der 
Frauen bewirkt, daß sie es sich gefallen lassen. 

Freud hat darauf hingewiesen, 2 daß die Ambivalenz der Primitiven größer 
ist als die der Kulturmenschen, daß aber die Tabus sich in einer veränderten 
und gemilderten Form auch noch bei uns auswirken. Ähnlich dürfte es auch 
mit der Reaktion auf die Menstruation sein. Wir haben zwar keine Menstruations- 
tabus, wohl aber hygienische Vorschriften, die den Geschlechtsverkehr zur Zeit 
der Menstruation verpönen. Die Angst vor Menstruierenden kann man hei 
Neurotikern häufig beobachten. So weiß ich von einem Offizier, der über das 
Datum der Menstruation aller Damen des Regimentes Buch führte. Ein Patient 
befaßte sich monatelang damit, meine Stimmung zu beobachten, um aus deren 
Schwankungen das Datum meiner Menstruation zu erraten. Dieses Interesse 
führte dann weiter zu seinem Interesse für den elterlichen Sexual verkehr, den 
er sadistisch aufgefaßt hatte und darum mit der Menstruation in Zusammen- 
hang brachte. 

III 

Wie wirkt die Menstruation nun auf die Frau, vor allem auf das Mädchen 
in der Pubertät? Es scheint, daß sie alle Konflikte aktiviert und verschärft. 

In der Analyse einer erwachsenen Patientin, die aus äußeren Gründen nach 
fünf Stunden abgebrochen wurde, stand das Problem der Menstruation im Vorder- 
gründe; dahinter kamen aber tiefere Konflikte zum Vorschein, die alle durch 
die Menstruation verstärkt worden waren. Die Patientin kam in Analyse, weil 
sie „nicht arbeiten und nicht denken konnte". In der ersten Analysenstunde 
machte ich sie darauf aufmerksam, daß in ihren Assoziationen einigemal in ver- 
schiedenem Zusammenhange „Krankheit" vorkomme. Zur zweiten Stunde kam 
sie mit den Worten: „Frau Doktor, ich weiß, warum ich nicht denken kann; 
ich will nicht an häßliche Sachen denken, und so denke ich lieber gar nicht." 
Die häßlichen Sachen bezogen sich auf Elend, vor allem auf Krankheit; s j e 

i) Ploss-Bartels: Das Weib, I. 712. 
2) Freud: Totem und Tabu. 

— 196 — 



fürchtete zu erkranken, besonders dachte sie an Tuberkulosegefahr. Nachdem 
sie über diese Gedanken berichtet hatte, versank sie, wie auch in der ersten 
Stunde, in Grübeln, das sie nicht in Worte fassen konnte. Ich fragte sie, ob sie 
früher über sexuelle Dinge gegrübelt hätte. Sie kam darauf auf die Menstruation 
zu sprechen und erzählte, daß sie — obzwar sie mit der Mutter und Schwester 
im gleichen Zimmer schlief — gedacht hätte, sie sei die einzige, die das hätte. 
Sie hielt die Blutung für eine Krankheit, brachte sie in Zusammenhang mit 
„Geschlechtskrankheit", vor der sie sich sehr fürchtete. Durch die Menstruation 
fühlte sie sich in körperlichen Betätigungen behindert und dadurch den Jungen 
unterlegen. Dann erzählte sie von der gemeinsamen Onanie mit anderen Mäd- 
chen in der Pubertät und daß sie fürchtete, davon krank zu werden; sie dachte, 
auch die Menstruation könnte daher kommen. In den nächsten Stunden sprach 
sie von sadistischen Gedanken (die Russen hätten im Krieg Frauen mißhandelt, 
von „Hinkemann" usw.), hinter denen man die sadistische Auffassung des elter- 
lichen Koitus erraten konnte, — ferner, daß ihre ältere Schwester kränklich 
sei, sie das früher gefreut hätte, weil sie ihr dadurch überlegen war, daß sie 
das aber jetzt bedauere, daß sie Angst hätte, sie könnte auch erkranken, — 
dann äußerte sie Gewissensbisse der Mutter und Schwester gegenüber. 

Dieses kurze Stück Analyse zeigt, wie hinter den Befürchtungen und Grübe- 
leien in Bezug auf die Menstruation („die Krankheit") die tieferen Komplexe 
hervortreten, die alle durch die Menstruation verschärft worden sind. Die 
Menstruation wird als Folge der gemeinsamen Onanie, als vollzogene Kastration 
— daher Minderwertigkeitsgefühle den Jungen gegenüber — als Vergeltung der 
Aggression gegen Schwester und Mutter aufgefaßt; es ist die Angst, die sie zu 
Grübeleien über die Menstruation, die sie als „Geschlechtskrankheit" auffaßt, 
veranlaßt; diese werden dann auf die Tuberkulose und die Krankheit im all- 
gemeinen verschoben, um den Zusammenhang mit dem Sexuellen zu verwischen. 
Die tieferen Zusammenhänge, z. B. die Rolle der sadistischen Auffassung des 
Koitus, können aus diesem kurzen Stück Analyse nicht hervorgehen. — Ferner 
zeigt dieser Fall, wie weit die Sexualverdrängung gehen kann; diese Patientin, 
die aus einfachsten Verhältnissen stammte, hatte häufig Gelegenheit, die Men- 
struation der Mutter und Schwester zu beobachten, mit denen sie im gleichen 
Zimmer schlief, — und trotzdem glaubte sie aus Schuldgefühl, sie sei die einzige, 
die die Menstruation hat. 

Im folgenden möchte ich die unbewußten, auf die Menstruation bezüglichen 
Vorstellungen an Hand der Analyje zweier Mädchen in der Pubertät illustrie- 
ren: Elly kam mit i» 1 /^ Jahren wegen hysterischer Anfälle, die im Anschluß 
an die erste Menstruation im Alter von 1 1 Jahren aufgetreten waren, in Analyse ; 
Ruth war 15 Jahre alt und hatte die Menstruation noch nicht. 

Die Menstruation wird als Zeichen der Geschlechtsreife und als Möglichkeit 
zum Geschlechtsverkehr aufgefaßt; so wollte Elly — in Abwehr ihrer mit der 
Menstruation verknüpften sexuellen Phantasien — diese verheimlichen, damit 
die Jungen sie nicht verführen könnten, und Ruth, die sich eine Zeitlang sehr 
vor sexuellen Angriffen fürchtete, versuchte sich damit zu beruhigen, daß man 
ihr nichts tun könne, denn sie menstruiere ja noch nicht. 

Die Menstruation wird weiter als Folge und Beweis sexueller Betätigungen 
empfunden: Elly sagte, man bekomme sie, wenn „man sich zuviel nach den 
Jungen umguckt" ; unbewußt faßte sie sie als Folge hetero- und homosexueller 

— 197 — 



Betätigung wie auch der Onanie auf. Darum empfand sie die Menstruation als 
Schande und wollte sie geheim halten. Sie hatte sich sehr vor der Menstruation 
gefürchtet und gedacht, sie müsse Selbstmord begehen, wenn sie auftritt. Dieser 
Gedanke war zugleich eine Rationalisierung ihrer Angst, daß sie bei der Men- 
struation sterben müsse. Eiterpickel, die sie im Gesicht hatte, faßte sie — ähn- 
lich wie die Menstruation — auch als Folge sexueller Betätigung auf, und die 
nächste Assoziation dazu war eine Frau, die beinahe an Blutvergiftung gestor- 
ben war. 

Ruth war, ungefähr ein Jahr bevor sie in Analyse kam, von einer Ärztin 
in sachlich zutreffender und für sie verständlicher Weise über die Menstruation 
aufgeklärt worden; sie reagierte darauf so, daß sie ein kleines etwa vierjähriges 
Mädchen ihrerseits „aufklärte", indem sie ihm erzählte, es werde die Men- 
struation bekommen und dabei sterben. Als sie in Analyse kam, hatte sie all 
ihre sexuellen Kenntnisse und Beobachtungen verdrängt, weil sie mit zu großer 
Angst verbunden waren. Nachdem sie in der Analyse ihre Aggression gegen 
die koitierenden Eltern und ihre sadistische Auffassung des elterlichen Koitus 
zunächst wiederholte Male in symbolischer Form dargestellt und ich diese Vor- 
stellungen analysiert hatte, begann sie, in bewußter Weise zu den sexuellen 
Problemen Stellung zu nehmen, und fragte mich — in Anschluß an ihre sadisti- 
schen Vorstellungen in Bezug auf den elterlichen Koitus — ■ nach der Menstruation . 
Was geschähe, wenn ein Junge mit einem Mädchen sexuelle Dinge täte, während 
sie die Menstruation hat? Ich sagte, sie meine wohl umgekehrt: man bekomme 
die Menstruation, wenn ein Junge mit dem Mädchen sexuelle Dinge getan 
hätte, — -was sie bejahte, und jetzt kam sie mit den Fragen und Befürchtungen 
in Bezug auf die Menstruation heraus. Nachdem ich ihr auf ihre Frage gesagt 
hatte, daß alle Frauen und Mädchen von einem gewissen Alter an die Menstruation 
bekommen, fragte sie „aber man stirbt doch dabei?", dann, was man tue, um 
nicht daran zu verbluten usw. 

Beide Mädchen hatten die Menstruation also als Folge eines sadistischen Ge- 
schlechtsverkehrs aufgefaßt und mit den ärgsten Befürchtungen verbunden. Diese 
Reaktion scheint typisch zu sein und ihre tiefere Bedeutung daher zu erhalten, 
daß der sadistische Koitus als Vergeltung der Aggression gegen beide Eltern- 
teile empfunden wird. Dies dürfte durch folgenden Mechanismus zustande kom- 
men: Die sadistische Auffassung des elterlichen Koitus ist die Projektion des 
Hasses gegen die koitierenden Eltern. 1 Elly sprach einmal voller Haß über 
eine Mutterimago, die mit einem Manne sexuelle Beziehungen eingegangen hätte. 
Ihr Haß hörte jedoch bald auf, und sie sprach mit einem gewissen Vergnügen 
weiter indem sie erzählte, wie schlecht dieser Mann die Frau behandle.* E>i e 
schlechte Behandlung, die sie diesem Mann zuschrieb, entsprach der Projektion 
ihrer eigenen aggressiven Wünsche gegen ihre Mutter; daß er die Frau 
mißhandle, im Stich lassen werde, gestohlen hätte, der Frau das Kind weg- 
nehmen wolle usw.* Gleichzeitig hatte sie eine außerordentliche Angst vor die- 

1) Klein: Erwachsenenpsychologie im Lichte der Kinderanalyse. 

a) Alle Beobachtungen, die die sadistische Auffassung des Koitus bei den eigenen 
Eltern bestätigen, werden gewöhnlich mit großer Unlust aufgenommen, eben weil sie 
als Verwirklichung der imbewußten Wünsche großes Schuldgefühl auslösen. 

3) Stehlen spielte in ihrer Analyse eine ziemliche Rolle und bedeutete unbewußt 
der Mutter die Kinder und den Stuhl rauben. 

— 198 - 



sem Mann, aber auch vor Männern im allgemeinen. Sie erwartete, vom Mann 
so behandelt zu werden, wie sie — zufolge ihrer unbewußten Wünsche — an- 
nahm, daß der Vater die Mutter behandle; 1 sie fürchtete bewußt, beim Koitus 
beschädigt oder ermordet zu werden, daß der Mann sie nachher verlassen werde 
usw. Gleichzeitig bedeutete der sadistische Verkehr auch die Strafe für ihre 
Kastrationswünsche dem Manne gegenüber. Da sie beim Koitus den Mann auch 
kastrieren wollte, erwartete sie als Projektion, daß der Mann sie beim Koitus 
beschädigt. Deutlich zeigt dies ein Traum: „Ein Mann ruft, ,meine Augen sind 
weg, meine Augen sind ioeg,' und verfolgt sie, als ob sie es getan hätte. Er schießt 
ihr ein Auge aus, dann -wird sie von einem Auto überfahren, wobei Staub ins 
Auge gerät, so daß sie auch das zweite verliert." In diesem Traum hat sie den 
Mann kastriert (dem Mann die Augen weggenommen), deshalb verliert sie zur 
Strafe die Augen (der Mann kastriert sie), gleichzeitig bedeutet das Ausschießen 
des Auges und das Üb erfahren werden (durch das sie kastriert wird) den sadisti- 
schen Koitus. So stellt für sie der sadistische Koitus die Vergeltung der Aggression 
gegen beide Eltern dar; die Menstruation faßte sie als Folge des sadistischen 
Koitus auf und dadurch war ihre Angst wesentlich gesteigert worden. Bei 
diesem Anlaß war der erste hysterische Anfall — eine langdauernde Absence — 
aufgetreten; diese bedeutete (als wichtigste Determinierung), daß sie zufolge der 
Angriffe der Eltern tot war, zugleich aber als Tote den Angriffen entging. 

In der Analyse von Ruth zeigte sich deutlich, daß der sadistische Koitus auch 
die Strafe für die Aggression gegen die Mutter bedeutete. Ich mußte sie ein- 
mal für ein paar Minuten allein lassen und fand sie, als ich zurückkam, schla- 
fend. 5 Als sie aufwachte, sagte sie, als ich weggegangen war, hätte sie den Ge- 
danken gehabt, die anderen Zimmer anzusehen, und dann Angst vor den An- 
griffen von Frau X. bekommen (von der sie wußte, daß sie in der gleichen 
Wohnung lebte). Der Wunsch, die Zimmer zu sehen (der in ähnlicher Form: 
den Schrank, meine Tasche, eine Lade, ein Paket zu Öffnen, wiederholt in ihrer 
Analyse aufgetaucht war), bedeutete, den Inhalt des Mutterleibes zu sehen; die- 
ser Wunsch war mit Stehlgelüsten verbunden, die ursprünglich den im Leib 
der Mutter vorausgesetzten Kindern und dem Penis des Vaters galten. Die be- 
fürchteten Angriffe von Frau X. (einer deutlichen Mutterfigur) bedeuteten die 
Strafe der Mutter für ihre aggressiven Angriffe. In der nächsten Stunde erzählte 
sie, sie hätte sich, als ich sie allein ließ, gefürchtet, ein Mann könnte herein- 
kommen und sie vergewaltigen. Als es jetzt draußen zufällig klingelte, fragte 
sie angsterfüllt, ob es der Schlächter sei. — Während sie an einem Tag sagte, 
sie hätte die Angriffe von Frau X. gefürchtet, berichtete sie am nächsten Tag 
das gleiche von der Vergewaltigung durch den Mann (zu dem ihr der Schläch- 
ter einfiel, so daß sie Vergewaltigen auch als Schlachten auffaßte); dadurch 
zeigte sie, daß sie unbewußt den Angriff der Mutter und die Vergewaltigung 
durch den Vater gleichsetzte und beide als Strafe für die aggressiven Wünsche, 
aus dem Leib der Mutter den Penis des Vaters zu rauben, auffaßte. 



1) In Wirklichkeit war der Vater ein durchaus normaler Ehemann und die Eltern 
führten ein ganz gutes Familienleben. 

2) Das Schlafen sollte ihre Aggression und Neugierde verhindern, gleichzeitig 
stellte es aber die Strafe dar, indem es Totsein zufolge der befürchteten Angriffe 
bedeutete. Andererseits sollte sie, indem sie tot war, den Angriffen entgehen. Schließ- 
lich konnte sie im Schlaf schuldlos vergewaltigt werden. 

- 199 - 



Der Vorgang, daß der sadistische Koitus mit dem Vater unbewußt zugleich 
die Strafe der Mutter für die Aggression darstellt, scheint im allgemeinen so 
zustande zu kommen, daß die Aggression gegen die Mutter sich weniger in der 
direkten Form äußert, sondern sich in der sadistischen Auffassung des elter- 
lichen Koitus durchsetzt. Der Vater mißhandelt in der Vorstellung des kleinen 
Mädchens die Mutter so, wie die Kleine es selbst möchte, und zur Strafe er- 
wartet sie, vom Vater in der gleichen Art mißhandelt zu werden. Dem Vater 
wird also die Exekutive sowohl der aggressiven Wünsche gegenüber der Mutter 
wie der befürchteten Strafe von Seiten der Mutter zugeschrieben; dieser Mecha- 
nismus scheint eine wesentliche Rolle in den Fällen zu spielen, wo das Mäd- 
chen manifest mehr Angst vor dem Vater als vor der Mutter hat. 

Die Gleichsetzung des koitierenden Vaters mit der strafenden, sie angreifen- 
den Mutter zeigte sich bei Ruth auch in der Übertragung; zu dieser Zeit fürch- 
tete sie wiederholt, ich konnte sie sexuell angreifen (oft so, daß sie dabei vor 
Angst aus dem Zimmer lief). — Dabei spielte ich sowohl die Rolle der strafen- 
den, sie angreifenden Mutter, als auch des koitierenden Vaters. In ihrer Analyse 
war die Angst vor der Mutter erst sehr allmählich, dann aber in intensivster 
Weise aufgetreten; ihre Angst bezog sich darauf, ihr Körper sei zerstört, die 
Mutter oder ich würden aus ihrem Körper Kinder, Exkremente, den Penis des 
Vaters herausnehmen. Diese Angst äußerte sich zunächst in symbolischer Form ; 
sie hätte nicht genug Wolle, um eine Strickarbeit zu vollenden (die unbewußt 
ihren Körper darstellte), nicht genug Seide, um eine Blume „voll" zu sticken; 
dann deutlicher in Bezug auf mich: ich hätte ihre schöne braune Farbe aus 
ihrem Tuschkasten genommen, durch meine dummen Reden nehme ich ihr 
ihre Gedanken aus dem Kopf; schließlich kam dann die Angst vor meinen 
sadistisch aufgefaßten sexuellen Angriffen und das Geständnis, daß sie ihr Geni- 
tale für unrein, abnorm (unbewußt zerstört) halte. 

Für Ruth bedeutete die Menstruation auch die Folge des sadistischen Koitus, 
die Zerstörung ihres Körpers, die Verwirklichung ihrer unbewußten Ängste, 
so wie sie auch die Menstruation als Beweis für die Beschädigung der Mutter 
aufgefaßt hatte. Sie hatte ihre Angst so verarbeitet, daß sie sowohl die Angst 
wie auch die sexuellen Vorgänge überhaupt nicht zur Kenntnis nahm. Durch 
die sexuelle Aufklärung, sie werde auch die Menstruation bekommen, wurde 
ihre Angst geweckt und gesteigert. 

Ein interessantes Problem ist, inwiefern in diesen beiden Fällen psychische 
Faktoren zum früheren resp. späteren Eintreten der Menstruation beigetragen 
haben. Ruth, die in ihrem ganzen Wesen sehr infantil war, hatte mit 15 Jahren 
noch nicht menstruiert. Sie hatte eine sehr große Angst vor dem Erwachsen- 
sein und der damit verbundenen Sexualität; sie beruhigte sich selbst, daß sie 
vor sexuellen Angriffen sicher sei, denn sie habe noch keine Menstruation. — 
Eüy, bei der die Menstruation mit 1 1 Jahren auftrat, und die auch sonst recht 
frühreif war, hatte eine kaum geringere Angst vor der Sexualität und der 
Menstruation als Ruth, hat aber diese Angst in ganz anderer Art verarbeitet. 
Während Ruth sich in einem sehr starken Maße von der Realität abgewandt 
hatte, die ganze Sexualität und alle Angstobjekte verleugnete, war für Elly die 
„Flucht in die Realität" (Searl) charakteristisch; das Bestreben, in der Reali- 
tät auszuprobieren, ob es wirklich so arg ist, wie sie es unbewußt fürchtete. 

— 200 - 



Bei dieser Einstellung Ellys wäre es durchaus möglich, daß gerade ihre Angst 
vor der Menstruation den Eintritt derselben beschleunigt hat. 



IV 






Den Pädagogen und Arzt wird vor allem interessieren, wie man heran- 
wachsenden Mädchen bei ihren Schwierigkeiten in Bezug auf die Menstruation 
helfen kann. Der psychoanalytisch orientierte Erzieher hält es wohl für selbst- 
verständlich, daß man einem Mädchen die Möglichkeit geben soll, nach den 
Vorgängen der Menstruation zu fragen und ihre diesbezüglichen Befürchtungen 
zu beruhigen. Aber — leider — sehr oft wird dies nicht gelingen. 

Die beiden hier erwähnten Mädchen, Elly und Ruth, waren in vernünf- 
tiger Weise über die Menstruation aufgeklärt worden, und doch hatte die Auf- 
klärung ihre Angst nicht vermindert. Das ist ja verständlich; wenn die Men- 
struation an tiefe unbewußte Konflikte rührt und die aus dem Ödipuskomplex 
stammende Angst weckt, so lassen sich diese Konflikte und eine so tief wurzelnde 
Angst doch nicht durch eine einfache Erklärung eines biologischen Vorganges 
beseitigen ! 

Die günstige Wirkung einer Aufklärung über die Menstruationsvorgänge ist 
ja weniger durch den intellektuellen Vorgang bedingt, sondern die Beruhigung 
dürfte — ähnlich wie bei der sexuellen Aufklärung überhaupt — darin bestehen, 
daß sie die Erlaubnis gibt, sich mit den Sexualvorgängen intellektuell zu 
befassen; ferner wird sie als Liebes- und Vertrauensbeweis aufgefaßt. Dadurch 
mildert die Aufklärung die Angst vor der Mutter. Hat die Menstruation sexuelle 
Phantasien geweckt, welche die Angst vor der Mutter steigern, so beweist die 
Aufklärung dem Mädchen, daß ihm erlaubt sei, sich mit sexuellen Gedanken 
zu befassen; dieser Vertrauensbeweis zeigt ihr, daß die Mutter nicht böse ist. 
Durch die Erklärung, die Menstruation sei ein normaler, bei allen Frauen auf- 
tretender Vorgang, werden die Minderwertigkeitsgefühl» und die Angst des 
Mädchens beruhigt, indem sie ein Gegengewicht gegen die Vorstellung bieten, 
sie sei die einzige, die die Menstruation habe und diese sei die Folge der 
sexuellen Betätigung oder die Strafe für die Aggression. Häufig tritt zur Zeit 
der Menstruation ein gesteigertes Liebesbedürfnis auf; die Zärtlichkeit wird dann, 
ähnlich wie die Aufklärung, als Gegenbeweis gegen die Minderwertigkeits- 
gefühle und die gefürchteten Angriffe gewertet und gleichzeitig als Hilfe auf- 
gefaßt, die den durch die Menstruation als zerstört gedachten Körper wieder- 
herstellen soll. 

Die Aufklärung und Zärtlichkeit zur Zeit der Menstruation bedeuten eine — 
oft sehr große — Hilfe und Erleichterung für das heranwachsende Mädchen, 
aber sie können nicht tiefwurzelnde Konflikte, beseitigen. Sie werden überhaupt 
nur bei Mädchen wirken, die nicht zu neurotisch sind. Es gibt Mädchen, denen 
man vergebens die Möglichkeit gibt, nach den Menstruationsvorgängen zu fragen ; 
in diesen Fällen ist es sicher richtiger, nicht gewaltsam aufzuklären. In dem 
früher erwähnten Falle versuchte Ruth ihr Gleichgewicht durch völlige Sexual- 
verdrängung herzustellen; die von ihr nicht gewünschte Aufklärung hinderte 
sie in diesem Bestreben und vermehrte nur ihre Angst. Ein solches konsequentes 
Nichtwissenwollen von den sexuellen Vorgängen bei Mädchen in der Pubertät, 
die im allgemeinen ein gesteigertes, ja brennendes Interesse für Sexualvorgänge 

— 201 — 



haben, dürfte aber ein Zeichen einer sehr pathologischen Entwicklung sein; U» 
solchen Fällen kann nur eine Psychoanalyse helfen. 

LITERATUR 

i) Abraham, Karl: Entwicklungsgeschichte der Libido. 1924. _ 

2 ) Boehm, Felix: Beiträge zur Psychologie der Homosexualität. Internat. Zeit- 
schrift für Psa. XII (1926). 
5) Crawl ey, Ernest: The Mystic Kose. IL Ed. (>9 2 7> 

4) Daly, CD.: Der Menstruationskomplex. Imago, XIV (1928). 

5) Deutsch, Helene: Psychoanalyse der weiblichen Sexualfunktionen. 1925. 

6) Fiazer, James G.: Der goldene Zweig. 192S. § 

7 ) Freud, Sigmund: Das Tabu der Virginität. Ges. Sehr. B d - V - 

g\ : : über infantile Sexualtheorien. Ges. Sehr. Bd. V. 

a) -,■>'■ Totem und Tabu. Ges. Sehr. Bd. X. 

10) Hexenhammer, Der (Deutsche Ausgabe) 1906. 

11) Klein, Melanie: Technik der Kinderanalyse. ( Vortragskurs, gehalten m 

London, 1925.) 
. . Erwachsenenpsychologie im Lichte der Kinderanalyse. (Vor- 

tragskurs, gehalten in London, 1927.) 
\ ; Frühstadien des Ödipuskonfliktes. Internat. Zeitschrift für 

Psa!' XIV (1928). 

14) Loubere, de la: Du Royaume de Siam. 1651. 

15) Löwenstimm, August: Aberglaube und Strafrecht. 1897, 

16) PI o ß- B arteis: Das Weib. 11. Auflage 1927. 

17) Schindler, Heinrich: Der Aberglaube des Mittelalters. 1858. 

18) Schmideberg, Melitta: The Röle of Psychotic Mechanisms in Cultural 

Development. Internat. Journal of Psa. XL (1930). 

19) S e ar 1, N. : Die Flucht in die Realität. Internat. Zeitschr. für Psa. XV. (1929). 

20) Winterst ein, Alfred: Die Pubertätsriten der Mädchen und ihre Spuren 

im Märchen. Imago, XIV {1928). 

21) Westermarck, E.: The History of Human Marriage. 1921. 

22. Wlislocki, H. von: Volksglaube und religiöser Brauch der Zigeuner. 1891. 

glimm jiijiiiiiinuiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiuiiiiuiira iiiiiiiüiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimiiiiiinin^ 

i B 

I Dr. Oskar Pfister 

1 Pfarrer in Zürich 

1 Religiosität und Hysterie | 

a In Ganzleinen M. f,$o 

- Inhalf I) Zur Psychologie des hysterischen Madonnenkultus - II) Hysterie und 

I Mystik bei Margari Ebner - III) Eine Hexe des .wandten Jahrhunderts - 

TV) Die Religicmspsycbologie am Scheidewege. 

| Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Wienl. | 

— 202 — 



• 



Menstruation und Aufklärung 

Von E. Pfeffer, Göppingen 

Wenn man in einer Klasse von vierzehn- bis fünfzehnjährigen Knaben und 
Mädchen den Unterricht über den Menschen zu geben hat — in diesem Alter 
frühestens geschieht das in unseren Schulen — so wird der Lehrer kaum daran 
vorbeikommen, gelegentlich oder auch öfters Mädchen über die Erscheinung 
der Menstruation aufklären zu müssen, vorausgesetzt, daß die Schüler im Unter- 
richt fühlen konnten, daß derartige Fragen nicht verpönt sind, sondern ebenfalls 
Gehör finden. Es muß allerdings bemerkt werden, daß es nicht immer nur 
vom Lehrer abhängt, ob die Klasse bis zu dem Punkt gelangt, wo einzelne es 
wagen, auch die Organe und Vorgänge des menschlichen Körpers sich erklären 
zu lassen, die ihre Aufmerksamkeit in diesem Alter am meisten in Anspruch 
nehmen. Denn daß das Verlangen, ihr Wissen über die sich in diesem Alter 
entfaltenden Sexualorgane zu bereichern, größer ist, als der Wissenstrieb von 
den übrigen Organen des menschlichen Körpers, ist immer wieder leicht zu 
beweisen. Vielen ist der menschenkundliche Unterricht ebenso unbeliebt wie 
irgend ein anderes Fach und wird in der späteren Erinnerung ebensowenig aus 
dem übrigen Unterricht herausfallen, eben weil er da aufhörte, wo das Haupt- 
interesse begann, weil er die Schüler da unbefriedigt ließ, wo sie schon bisher 
von den Erwachsenen im Unklaren gelassen wurden. Aus diesem Grunde haben 
sie ja auch keine Aufklärung erwartet und sind hoch erstaunt, wenn der Unter- 
richt doch plötzlich einmal eine Möglichkeit dazu eröffnet. 

Daß der Unterricht gerade vor der Besprechung der Sexualorgane Halt machen 
muß und gewöhnlich auch keine Aussicht eröffnet, eine solche Besprechung 
unter vier Augen nachzuholen, verstärkt das Tabu, das diese Dinge schon vorher 
für den Schüler so eingeschränkt hatte. Von diesem Gesichtspunkt aus wäre die 
Einführung des menschenkundlichen Unterrichts in den Schulen also kein Fort- 
schritt, sondern ein Fehler, und man müßte diesen Unterricht verneinen, würden 
nicht andere Vorteile den Nachteil aufwiegen. Die Verstärkung des sexuellen 
Tabu und der Empfindungen, die das Sexuelle als etwas Geheimzuhaltendes, 
Unerlaubtes, Wüstes etc. ansehen lassen, wird niemand leugnen, der jedes Jahr 
bei der Besprechung der Exkretions- und Verdauungsorgane die Gesichtszüge 
der Schüler beobachtet, die sich erst dann ändern, wenn durch ein offenes Wort 
der Bann der Geheimtuerei gebrochen wird. 

Die Möglichkeit, aufgeklärt zu werden, bietet sich dem Schüler in den Fragen, 
die er jederzeit stellen kann. Er muß aber im Anfang öfters darauf hingewiesen 
werden, daß er tatsächlich jede Frage an den Lehrer richten kann. Femer muß 
die Möglichkeit bestehen, daß auch außerhalb des Unterrichts gefragt werden 
kann, und daß die Fragen geschrieben gebracht werden können. Verspricht man 
noch unbedingte Verschwiegenheit, wo es gewünscht ward, so wird man meistens 
nach einiger Zeit die bisher unterdrückten Fragen zu Gesicht bekommen. Die 

- 203 — 



Regsamkeit der Klasse in der Hinsicht wird oft durch einen einzelnen Schüler 
entfacht, der immer wieder etwas wissen will Fehlt er, so kann man mitunter 
fast das ganze Jahr über vornehmlich dozieren müssen. Bei gemischten Klassen 
hängt viel von der Zusammensetzung und damit von dem Geist der Klasse ab. 
Zuerst knüpfen die Fragen eng an das im Unterricht Behandelte an, dann 
werden sie freier, alle möglichen Krankheiten und Unregelmäßigkeiten wollen 
erklärt sein, man muß unter Umständen auch das Fragen der Schüler in eine 
gewisse Ordnung weisen. Unter den Fragen der Mädchen tauchen nach einiger 
Zeit solche auf, die zwar auf den ersten Blick nichts die Geschlechtsorgane 
speziell Betreffendes zu enthalten scheinen, dem Kundigen aber doch verraten, 
daß dahinter die Nöte ihres Entwicklungsalters stecken (z. B. die Frage nach 
der Entstehung der Bauchschmerzen und der Kreuzschmerzen u. a.). Bricht sich. 
das geheime Verlangen nach Wissen vollends Bahn, so erweist sich, daß unter 
allen das Sexualleben betreffenden Fragen die Menstruation im Vordergrund der 
Interessen dreizehn- bis sechzehnjähriger Mädchen steht und daß es höchst nötig 
ist dem intensiven Drängen nach Wissen und Aufklärung Luft zu schaffen und 
das ungeklärte Durcheinander des Denkens in Ordnung zu bringen. Stellt man 
nämlich dem Mädchen die Gegenfrage, was es sich bisher für Gedanken über 
die Periode gemacht habe, und welche Bedeutung diese haben könne, so bekommt 
man jedesmal die Antwort, daß es sich — oft trotz früheren Nachdenkens — . 
gar nichts Vernünftiges denken könne und nichts mit ihr anzufangen wisse. 
Gewisse Theorien scheinen aber doch bisweilen gebildet zu werden, wie ein 
späterer Bericht zeigt, nur merken die Mädchen allmählich, daß diese unsicher 
oder falsch sind und rücken nicht damit heraus, und wenn die Aufklärung nichts 
weiter leistet, als diese intellektuellen Konflikte zu erleichtern, so ist das schon 
Nutzen genug. An die Menstruation anknüpfend oder mit ihr zusammen wird 
dann nach der Herkunft des Kindes und nach der Geburt gefragt. Als dritt- 
häufigste Frage erhielt ich die nach den Geschlechtskrankheiten gestellt. 

Die Frage, ob aufgeklärt werden soll oder nicht, dürfte heute kaum mehr 
zur Diskussion stehen und ist im Grunde genommen auch müssig und falsch 
gestellt, da eine Verheimlichung in Wirklichkeit gar nicht möglich ist und es 
sich nur darum handelt, ob Eltern und Lehrer oder die Gasse aufklären soll. 
So gewiß eine vernünftige Aufklärung Nutzen stiftet, so wenig braucht man 
übertriebene Hoffnung an ihre Wirkung zu knüpfen, besonders, wenn sie erst 
im Pubertätsalter einsetzt. Für die Art der Aufklärung über die Menses gilt 
dasselbe, was von psychoanalytischer Seite über die Aufklärung überhaupt schon 
gesagt wurde (Freud „Zur sexuellen Aufklärung der Kinder", s. auch Heft 7/g, 
I. Jahrgang, Sonderheft über sexuelle Aufklärung, und Heft 10, II. Jahrgang 
dieser Zeitschrift). Das Wesentlichste ist, daß wir weder zu viel, noch zu wenig 
sagen und uns nach dem Verständnis des einzelnen Kindes richten, uns über 
die Wirkung des Gesagten und die noch ungeklärten Dinge unterrichten, indem 
wir das Kind immer wieder selbst zum Reden und Fragen veranlassen. Es ist 
dies zwar den Kindern nicht angenehm, es wäre ihnen viel lieber, — und das 
erwarten sie anfänglich, — wenn ihnen ein kleiner Vortrag gehalten würde, 

— 204 — 



und sie völlig passiv bleiben könnten. Bei dieser Art der Behandlung des Themas 
sind allerdings gewöhnlich mehrere Stunden zur Besprechung notwendig. Zu 
beachten ist weiter, daß der Lehrer möglichst nur mit Einverständnis der Eltern 
die Aufklärung übernimmt, um sich vor Unannehmlichkeiten zu schützen. Den 
Mädchen ist dies zuerst durchaus nicht recht, sie wollen teilweise lieber auf 
die Antwort verzichten. Meistens lassen sie sich aber bald davon überzeugen, 
daß ihnen kein Nachteil bei den Eltern erwächst und diese das nötige Verständnis 
haben. Sie wünschen aber eine Rücksprache mit der Mutter, nicht mit dem 
Vater. 

In Wirklichkeit trifft man auch kaum Eltern, die sich den vorgebrachten 
Gründen verschließen. Sie sehen die Notwendigkeit ohne weiteres ein, haben 
nur noch nie selber nachgedacht und das allgemeine Schweigen der heutigen 
Gesellschaft mitgemacht. Man findet aber auch kaum Eltern, die die Aufklärung 
selbst übernehmen wollen. Es ist ihnen wirklich angenehmer, wenn es der 
Lehrer tut in der Art, wie er es ihnen am besten vorher kurz geschildert hat. 
Zum Teil wird von den Eltern offen ausgesprochen, daß ihnen die Besprechung 
selber unangenehm sei, daß sie aber sehr dankbar seien, wenn die Aufgabe vom 
Lehrer übernommen werde. Diese Einstellung ist aus der Sexualmoral unserer 
Kultur leicht verständlich. Grundsätzlich und theoretisch wird man an dem 
Satz festhalten müssen, daß auch die Aufklärung über die Menstruation Aufgabe 
der Eltern ist. In der Praxis jedoch wird meistens der Lehrer oder der Arzt 
die geeignete Person sein. Denn einmal setzt die Besprechung durch die Eltern 
voraus, daß sie schon vorher eine stufenweise Aufklärung von früher Jugend 
an gegeben haben; wo dies geschehen ist, werden die Kinder auch in der 
Pubertät ohne weiteres und zeitig an sie herantreten. Das ist aber kaum je 
geschehen, die Eltern haben das offene Vertrauen der Kinder auf diesem Gebiete 
verloren, ja die Kinder empfinden vielleicht keiner Person gegenüber größere 
Widerstände wie eben gegenüber den Eltern. Zweitens fehlt den Eltern heute 
noch das psychoanalytische Rüstzeug, um die nun im Pubertätsalter zum ersten- 
mal erfolgende Aufklärung zu meistern. Ferner sind ihre eigenen Komplexe so 
wirksam, daß sie die auftretenden falschen Theorien, peinlichen Beobachtungen 
und Erfahrungen, „Fehler" und „Sünden" der Kinder nicht affektfrei entgegen- 
nehmen und behandeln können; das gleiche gilt freilich auch vom nicht 
analysierten Lehrer und Arzt. 

Schließlich scheint noch etwas auf die Widerstände der Kinder den Eltern 
gegenüber Licht zu werfen. Aus den Untersuchungen Freuds (Drei Abhand- 
lungen zur Sexualtheorie) wissen wir, daß unter den Pubertätsphantasien die 
aus dem Ödipuskomplex stammenden an erster Stelle wieder erscheinen und 
daß es „eine der bedeutsamsten, aber auch schmerzhaftesten psychischen Leistungen 
der Pubertätszeit" ist, diese inzestuösen Phantasien zu verwerfen und zu über- 
winden und sich damit von der Autorität der Eltern abzulösen. Dadurch wird 
nach Freud „erst der für den Kulturfortschritt so wichtige Gegensatz der neuen 
Generation zur alten geschaffen". In dieser Zeit sind eben die Eltern in vielen 
Dingen gar nicht mehr die Autorität, wie die meisten wohl noch aus eigener 

— 205 — 



Erinnerung wissen werden, und das Kind wendet sich lieber an den wissen- 
schaftlich vorgebildeten Lehrer, der ihm von Berufs wegen besser unterrichtet 
zu sein scheint. Daß der Ödipuskomplex in der Pubertät sich stark vordrängt, 
kann man bei der Untersuchung der Träume gewöhnlich sehr bald feststellen. 
Er wirkt möglicherweise so, daß die auf die Elternteile gerichteten teils positiven, 
teils negativen libidinosen Strebungen eine Besprechung sexueller Themen zur 
unangenehmen Situation gestalten, indem beim Mädchen die auf den Vater 
gerichteten positiven Wünsche eine Abwehr verlangen, die auf die Mutter 
gerichteten negativen sich in dieser Bichtung auswirken. Einer meiner Fälle 
scheint darauf hinzudeuten. Ein Kind also, das vielleicht noch wenige Jahre 
vor der Pubertät die Eltern um Auskunft gebeten hätte, würde dies während 
der Pubertät nicht mehr tun. Daß nicht ausschließlich die Eltern, sondern auch 
Fremde und zwar die Lehrer an der stufenweisen Aufklärung der Kinder teil- 
nehmen sollen, scheint übrigens auch Freud anzunehmen, wenn er in seinem 
Briefe Zur sexuellen Aufklärung der Kinder" schreibt: „Die Aufklärung über 
die spezifisch menschlichen Verhältnisse des Geschlechtslebens und der Hinweis 
auf die soziale Bedeutung desselben hätte sich dann am Schlüsse des Volksschul- 
unterrichts, also nicht nach dem Alter von zehn Jahren anzuschließen. . . Eine 
solche stufenweise fortschreitende und eigentlich zu keiner Zeit unterbrochene 
Aufklärung über das Geschlechtsleben, zu welcher die Schule die Initiative 
ergreift, erscheint mir als die einzige, welche der Entwicklung des Kindes 
Bechnung trägt und darum die vorhandene Gefahr glücklich vermeidet." 

Bei der Erläuterung der Menstruationsvorgänge vor vierzehn- bis fünfzehn- 
jährigen Mädchen, die den wissenschaftlich gehaltenen Unterricht über den 
Menschen in einer höheren Schule mitmachen, zeigt sich nun, daß sie fast 
durchweg eine sehr weitgehende Deutung der biologischen Vorgänge verlangen 
und nicht so früh befriedigt sind, wie etwa bei Erklärungen über die Geburt 
u. a. Die erste Wirkung der Aufklärung zeigt sich darin, daß sich die Mädchen 
immer sehr dankbar dafür zeigen. 

Im folgenden sind ein paar Berichte von fünfzehnjährigen Mädchen gegeben, 
die sich wegen Aufklärung an mich gewandt hatten, und die ich nachher ver- 
anlassen konnte, ihre Gedanken und Empfindungen vor, bei und nach dem ersten 
Auftreten der Menstruation so ungezwungen wie möglich niederzuschreiben. 
Zur Kontrolle und zur Sicherstellung etwaiger unklar gehaltener Ausdrücke wurde 
nach Erhalt der Berichte noch eine kurze Besprechung mit den einzelnen 
gehalten, die häufig noch Ergänzungen ergab. 

1) B. E. „Zuerst dachte ich, als ich von der Periode hörte, warum es nur auch 
eine solche Schweinerei gehe, darauf aber, als schon ein paar von der Klasse sie hatten, 
dachte ich doch, wenn ich es nur auch schon hätte. Als ich's aber bald darauf bekam, 
schämte ich mich so fürchterlich, daß ich gerne in den Tod gegangen wäre. Ich war 
an diesem Tage so zerstreut. Ich kann während der Periode nicht richtig aufpassen 
und bin immer in Gedanken versunken, denke an das, was mir Leid bringt. Auch 
träumt es mir an diesen Tagen nicht von Dingen, an die ich bei Tag nie denke, 

— 206 — 



sondern die ich bei Tag schon in Gedanken habe, und die ich gern so haben möchte 
(sie äußerte vorher einmal, es träume ihr gern das, was sie sich bei Tag wünsche). 

Vorher durfte ich vieles nicht wissen und ich war manchmal neugierig, was Mutter 
und Schwester miteinander hätten* Deshalb fragte ich meine Schwester. Diese wollte 
mich nicht betrüben, darum sagte sie mir immer etwas Zusammengelogenes. Als es 
aber eintrat, war das Geheime vorbei. Ich durfte am Anfang sogar meine Lieblings- 
speisen wählen, aber nur solche, die ich an diesem Tag essen durfte. 

Als es zum ersten Male auftrat, war es in der Schule. Ich dachte nicht daran, aber 
ich hatte ein so dummes Gefühl und paßte gar nicht richtig auf. Es war gerade 
Samstags. Im Deutschen mußte ich nicht so sehr aufmerken, denn wir zerlegten die 
Sätze, und man fing bei den Knaben an. Aber in der Geometrie wurde ich so oft 
aufgerufen, wußte aber die ganze Zeit gar nichts, und das Schönste war, daß ich 
auch noch in der Naturgeschichte daran kommen mußte (hier wurde eben der Mensch 
behandelt, wobei sie sich immer sehr interessiert zeigte; sie mußte den Stoff der 
letzten Stunde wiederholen). Bevor ich richtig aufgeklärt wurde, mußte ich, wenn 
jemand von so etwas sprach, es natürlich auch gehört haben; denn ich mußte von 
dem alles wissen. Auch träumte es mir immer solche Sachen. Heute dagegen träumt 
es mir nicht mehr davon. Auch will ich heute von solchen Sachen nichts mehr hören, 
wenn Schüler miteinander darüber sprechen." 

Die Schülerin ist stark neurotisch, launenhaft, unbeständig, ohne festen Willen zu 
lernen, gibt oft nur ganz leise Antworten im Unterricht, redet aber nachher gesti- 
kulierend lebhaft, das ganze Trieb- und Gefühlsleben erscheint ungeordnet und un- 
geregelt, kurz, es ist der Typus von Schülern, von dem der nicht analytisch orientierte 
Lehrer nur in verärgertem Tone spricht, auf dem mit Sicherheit „herumgeritten" 
wird, obwohl gerade er die größte Vorsicht und Schonung in der Behandlung ver- 
langt. Das Mädchen hätte dringend eine regelrechte Analyse notwendig. Sic fühlt sich 
oft ganz unglücklich und möchte lieber sterben; sie äußert Selbstmordgedanken, u. a. 
auch einmal zwei Mitschülerinnen gegenüber beim Schlittschuhlaufen in der Weise, 
daß sie an den Rand des Sees fahren wolle, wo er offen ist, um dort hineinzuspringen 
und in der Mutter Erde zu verschwinden. Aus einer Anzahl von Träumen, bei deren 
Besprechung sie aber sehr zurückhaltend ist, ergeben sich starker Exhibitionismus, 
Vergewaltiguugsphautasien und eine kräftige Ödipusbindung. Mehrere Träume enden 
mit Ertrinken im Meer oder Schwimmbad, wobei sie jedesmal in Angst aufwacht. 
Leider verhinderten äußere Umstände, dem Fall weiter nachzugehen, insbesondere 
die Suicid wünsche etwas deutlicher aufzuklären. So können nur Vermutungen ge- 
äußert werden; eine Analyse dieses Falles, der sehr schroffe Folgen der ersten Men- 
struation zeigt, wäre gewiß von Interesse gewesen. 

Die genannten Komplexe, die sich bei dem Mädchen in ziemlich üppigen Phan- 
tasien Luft machen, zeigen, daß der Eintritt in die Pubertät mit einer starken Wieder- 
belebung frühinfantiler Einstellungen einhergeht. Die Regression ins Paradies der 
Nacktheit verkoppelt sich dabei eng mit den Phantasien einer Vergewaltigung durch 
das infantile Liebesobjekt, den Vater. Das Mädchen ist äußerst schamhaft und auch 
von der Mutter nicht dazu zu bewegen, zum Arzt zu gehen; sie schämt sich vor ihm 
bei der Untersuchung, Sie möchte aber Tänzerin werden. vAuf den Sinn ihrer ex- 
hibitionistischen Traumphantasien aufmerksam gemacht, verlieren sich diese bald in 
ihren Träumen. Nach einiger Zeit berichtet sie auch in anderem Zusammenhang, daß 
sie beim Arzt gewesen sei. Die furchtbare Scham, die sie beim ersten Eintritt der 
Menses empfindet, bezog gewiß auch einen Teil ihrer Stärke aus den verdrängten 

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exhibitionistischen Tendenzen. — Die Todesgedanken dürften einmal auf den Ödipus- 
komplex zurückgehen, dessen negative Seite, nämlich die Todes wünsche gegen die 
Mutter, allerdings in den mir mitgeteilten Träumen noch nicht zum Vorschein kam,. 
Doch deutet darauf hin, daß sie über die Matter Bemerkungen macht, aus denen 
nicht gerade Hochachtung für sie spricht, und daß sie offensichtlich zu verhindern 
strebt, daß die Mutter in die Elternsprechstunde kommt. Sie erzählt überhaupt von 
selbst nichts über die Mutter, dagegen gern auf Ausflügen und in Freizeiten vom. 
Vater, der ihr alles gewährt und der so gut zu ihr ist. Ein anderes Motiv des Sterben- 
wollens scheint auf Wünsche nach Regression in den Mutterleib zurückzugehen. Mög- 
licherweise sind diese ihrerseits verursacht durch ein Geburtstrauma, das ihr die Welt 
als etwas erscheinen läßt, das nur Leid und Widerstände bringt, und das auch einen 
Zuschuß liefern könnte zu dem Leid, an das sie immer denken muß während der 
Tage des Unwohlseins. Dieses Versunkensein in Dinge, die ihr Leid bringen, dürfte 
aber wesentlich noch auf den Kastrations komplex zurückgeführt werden müssen, der 
ihr eine narzißtische Kränkung infolge des erlittenen Penisverlustes brachte. Ein 
Traum, den sie aufschrieb, den wir aber nicht mehr besprechen konnten, scheint in 
dieser Richtung zu liegen. Sie hat sich darin die Haare schneiden lassen, wird des- 
wegen aber von einer Lehrerin nicht mehr geliebt und geht an den Wasserhahn, um 
die Haare patschnaß zu machen, damit sie schneller wieder wachsen sollen. Der Traum 
ist eine Reaktion darauf, daß sie kurz vorher sich einen Bubikopf hatte schneiden 
lassen; sie berichtet, sie hätte sich am ersten Tag vor Mitschülern und besonders 
Lehrern geschämt, den Bubikopf sehen zu lassen. 

Der Bericht zeigt mit aller Deutlichkeit, wie das Geheimtun der Erwachsenen 
und die Aufklärung durch die Gasse die Neugier nur steigern und natürliche Körper- 
vorgänge in der Vorstellung des Kindes zu einer „Schweinerei 41 werden lassen. Er 
zeigt auch, daß eine Aufklärung das Kind nicht schlechter macht, sondern reiner und 
harmloser und es von der schwülen Atmosphäre fernhält, in der sexuelle Themen unter 
den Schülern behandelt werden. Seihst das Traumleben der Schülerin wird entlastet. — 
Es wird auch klar, daß die Mütter schon vor der Reife ihrer Töchter diese Über die 
Monatsblutung zu unterrichten haben, um die Angst beim ersten Eintreten zu ver- 
hindern, und weil die Mädchen gewöhnlich schon viel früher davon hören. Es muß 
zwischen Eltern und Töchtern ein Verhältnis bestehen, das letztere veranlaßt, sofort, 
wenn sie auf die Frage stoßen, die Eltern um Auskunft zu bitten. Der erste Anstoß 
scheint gewöhnlich nicht zu Hause durch die Mutter oder die ältere Schwester ge- 
geben zu werden, sondern durch Freundinnen. So erfuhr B. E. zum erstenmal davon 
beim Beerenpflücken mit einer Freundin und beobachtete dann blutige Wäsche bei 
einer Mitschülerin im Turnunterricht. Von Interesse an dem Bericht ist noch, daß 
das Mädchen selbst den engen Zusammenhang zwischen ihren Träumen und den 
Wünschen des Tages bemerkt. Der Wunschcharakter des Traums ist sonst meist nur 
bei kleinen Kindern so unverhüllt. Daß ein Mädchen mit solchen Konflikten, die 
während jeder Menstruation verstärkt hervorbrechen, im Unterricht während dieser 
Zeit nicht aufmerken kann, ist verständlich, und es wäre in solchen Fällen wünschens- 
wert, wenn der Lehrer davon wüßte. 

Bei den folgenden Fällen fehlen ergänzende Traumberichte, da sich weiter 
kein Anlaß oder Gelegenheit geboten hat, sie zu erfahren. 

2) K. L. „Zum ersten Male hörte ich etwas in der fünften Klasse, damals war ich 
zehneinhalb Jahre alt. Als ich einmal morgens in die Schule ging, rief eine Schul- 

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freundin mich und noch drei andere Mädchen zu sich. Sie sagte, ihr Bruder, der drei 
Jahre alter ist als wir, habe zu ihr gesagt, die kleinen Kinder kommen nicht vom 
Storch, sondern aus dem Bauch der Mutter. Das gab einen dicken Strich durch meinen 
kindlichen Glauben. Ich begann dann abends im Bett mich über diese Sachen zu be- 
sinnen. Ich überlegte mir dann hauptsächlich, wie die Kinder aus dem Bauch heraus- 
kommen. Ich kam dann zu dem Schluß, daß sie nicht anders herauskommen, als daß 
sich der Bauch öffne. Dieser Gedanke blieb mir, bis ich durch Sie aufgeklärt wurde. 
In der Schule redete man noch mehr, und immer mehr kam hinzu, schließlich auch 
daß das männliche Geschlecht seinen guten Teil dazu beitragen müsse, damit es über- 
haupt ein Kind gebe. Dies waren meine ersten grundlegenden Gedanken darüber. 
Meine Schulfreundin war dann einmal einen Tag nicht in der Schule, doch schon 
am andern Tag kam sie wieder. Ich frug sie, was sie denn gehabt habe. Sie sagte: 
„Dir sage ich's, aber sonst niemand, aber erst in der großen Pause.'' Sie erzählte mir 
dann, sie habe die Periode bekommen, und das bekäme ich jedenfalls auch bald. Das 
war überhaupt das erste, was ich über die Periode erfuhr. Sie sagte dann, daß das 
nicht gerade ein angenehmes Gefühl sei, wenn man das habe, und zwar dauert es 
vier Tage, habe ihre Mutter gesagt. Ich wartete nun auch auf dieses Eintreten, Eines 
Tages spürte ich dann ein merkwürdiges Bauchweh, eine Art Drücken, aber ich 
dachte gar nicht weiter daran, denn es tat ja nicht gerade weh, sagte auch nichts. 
Am andern Morgen, als ich erwachte, war mir ganz sonderbar zu Mut und mein 
Bett war naß. Ich rief meine Mutter, die lächelte nur, sagte gar nichts und versah 
mich mit dem nötigen Verbandszeug. Ich ging dann wie gewöhnlich zur Schule, 
aber aufpassen konnte ich nicht. Mein Lehrer frug mich in der Pause, ob es mir 
schlecht sei, weil ich nicht aufpasse. Ich sagte: nein. Was mir in diesen Nächten ge- 
träumt hat, weiß ich nimmer, aber eines weiß ich, daß es meistens Angstträume 
waren. (Ich hatte ihr gesagt, falls sie sich an Träume erinnere, mochte sie diese mit- 
teilen.) Dieses erste Eintreten dauerte bei mir fünf Tage, und wie froh war ich, als 
es vorbei war, denn die Gefühle, ein ständiges Drücken im Bauch, waren fast uner- 
träglich. Als es dann wiederkehrte, war es nicht mehr so lang, auch das Drücken 
war vorbei. So kam es regelmäßig und zwar starke drei Tage lang. Ich wußte gar 
nicht, was das zu bedeuten hatte, auch durch noch so langes Grübeln. Das gab mir 
den Anlaß, Sie zu fragen. Ich ertrage nun das seither mit Widerwillen Ertragene 
mit Freuden, denn ich muß mir sagen, wenn das nicht wäre, gäbe es keine Kinder, 
und wir alle würden Überhaupt nicht leben, wenn die Frauen diese Last nicht auf 
sich nehmen würden. 

Zu dem Verhalten meiner Eltern vorher und nachher muß ich sagen, daß ich da 
keinen Unterschied feststellen kann. Sie fragen mich nichts, und ich sie auch nichts. 
Doch eines ist mir immer sehr peinlich, wenn in der Zeit der Periode eine Klassen- 
arbeit in der Schule daran kommt. Dann kann ich zum voraus sagen, daß diese für 
mich schlecht ausfällt, denn dann kann ich einfach nicht aufpassen und nicht denken. 
Oder gar das viele Aufrufen ! Wenn man immer aufstehen soll, das ist eine peinliche 
Sache; für gewöhnlich bekomme ich dann eine oder gar zwei Strafarbeiten dafür." 
Aus dem Bericht mag hervorgehoben sein, wie der Mangel an einer frühen Auf- 
klärung durch die Eltern und die ungenügende Aufklärung durch die Kameraden 
wirkten. Es war eine plötzliche heftige Erschütterung ihres Seelenlebens, die „einen 
dicken Strich" bedeutete, ihr keine Beruhigung brachte, sondern sie veranlaßte, statt 
zu schlafen eine der typischen Geburtstheorien zu ersinnen. Bei der Besprechung 
dauerte es lange, bis sie die richtige Geburts Öffnung annahm. Wie in betreff der 



Zeitschrift f. psa. Päd., V/5/6 209 



IS 



Geburt so wird sie auch in Bezug auf die Menstruation von Mitschülerinnen, und 
zwar wieder ungenügend ins Wissen gezogen. Die Mutter hält es bei der ersten 
Blutung nicht einmal für notwendig, wenigstens etwas über Dauer, Auftreten etc. 
zu sagen Die Folge ist ein langes unnötiges Grübeln, aus dem sie keinen Ausweg 
findet, bis sie schließlich wagt, den Lehrer zu fragen. Die biologische Betrachtungs- 
weise des heutigen naturgeschichtlichen Unterrichts, die den Schuler daran gewohnt, 
die ganze Bedeutung eines Lebensvorgangs, den Zusammenbang zwischen anatomi- 
schem Bau und Funktion eines Organs zu erfassen, hat gewiß auch dazu beigetragen, 
daß sie den ganzen Sinn ihres neuartigen Körpergeschehens wissen will und sich nicht 
wie die meisten, die einen solchen Unterricht nicht genossen haben, damit begnügt, 
daß man sagt, das ist bei allen Frauen so, dauert so und so lang, man hat sich dabei 
so und so zu verhalten. Sie verlangte eine recht ausführliche Darlegung. Das Vor- 
herrschen von Angstträumen während ihrer ersten Menstruation fiel ihr auf. Es zeigt, 
daß mit den körperlichen Vorgängen starke unbewußte Konflikte mobil gemacht 
werden auch bei einem recht normalen Mädchen, wie es dieses ist. Beachtenswert 
ist nun, daß nach der Aufklärung die Unannehmlichkeiten der Menstruation gerne 
ertragen werden, was vorher nur mit Widerwillen geschehen ist. Sie bekommt eine 
deutlich mütterliche Einstellung. Die Aufklärung vermag also hier offenbar die Auf- 
gabe der Pubertät zu erleichtern, die nach Freud und nach Deutsch (Psycho- 
analyse der weiblichen Sexualfunktionen) darin besteht, die männlich gerichteten 
Vorpubertätstendenzen zu überwinden und die „feminin-passiv-masochistische" Ein- 
stellung, den „Passivitätsschuh" zu ermöglichen, jene „Bereitschaftsstellung zu er- 
reichen, von deren Reifung das Gelingen des Sexualaktes im Sinne der weiblich- 
vaginalen Phase abhängig ist" (Deutsch S. 58). Diese echt weiblich-passive Ein- 
stellung wird bei ihr in der Folgezeit auch äußerlich in ihrem ganzen Verhalten sehr 
deutlich, während sie vorher z. B. oft recht hubenhaft grob zu antworten und zu 
schreien vermochte. 

Daß bei dem völlig interesselosen Verhalten der Eltern das Mädchen die heftig- 
sten Widerstände hat, die Eltern vorher zu verständigen, ist nicht verwunderlich. Wie 
die Schülerin des ersten Berichts und auch die folgenden sehnt sie die Menstruation 
herbei, nachdem sie einmal davon erfahren hat, wünscht sie aber nach der Enttäu- 
schung des ersten Erlebnisses wieder weg. Da ihr das Aufstehen beim Antwortgeben 
in der Schule peinlich ist — andern ist es einerlei — ergäbe sich für die Schule n. a . 
die Regel, die Mädchen dieses Alters besser immer sitzen zu lassen, wenn dies bei 
vielen Mädchen der Fall sein sollte, worüber ich jedoch nicht genügend Material 
habe: ich stelle diese Frage zur Diskussion. 

3) G. M. „Ich wußte vor meiner Menstruation überhaupt noch gar nichts von ihr. 
Meine Eltern, ebenso auch meine ältere Schwester, verrieten mir nicht das geringste, 
so daß ich gar nicht auf den Gedanken kam, von solchen Dingen zu sprechen oder 
ihnen nachzuforschen. In der Schule sprachen wir dann später bei Gelegenheit Öfters 
unter Mitschülern davon, von dem sich aber jetzt herausstellte, daß alles grund- 
verkehrt war. So wußte ich natürlich beim ersten Eintreten der Periode nicht das 
geringste und ich meinte, ich habe das für immer. Als dann drei Tage vorüber 
waren, und ich am ersten Tag nur von meiner Mutter gesagt bekam, daß jedes 
Mädchen in diesem Alter dies bekommt, war ich wieder ganz glücklich, daß es 
schon vorüber war, und ich meinte, dies gar nicht mehr oder vielleicht erst in späte- 
rer Zeit wieder zu bekommen, bis ich dann endlich von meiner Schwester erfahren 

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konnte, daß dieser Zustand alle vier Wochen eintrete. Von diesem Augenblick an 
stellte ich mir das Leben nicht mehr so glänzend vor, wie es vordem der Fall war, 
und es ist mir tatsächlich jedesmal Angst darauf. 

Was die Schule anbelangt, muß ich offen gestehen, daß ein Besuch derselben ab 
und zu in dieser Zeit kaum möglich ist. Es ist dies nicht allmonatlich der Fall, da 
die Menstruation nicht jedesmal mit gleichen Folgen auftritt. Besondere Beschwer- 
den wie z. B. Kreuzweh, das meine Schwester während dieser Zeit stark hat, treten 
bei mir nicht ein; nur kann ich darauf gehen, daß wenn ich starke Kopfschmerzen 
bekomme, und dies ist ja jedesmal vielleicht ein bis zwei Tage vor dem Eintritt der 
Fall, daß die Menstruation nicht mehr fern ist. Ich habe dann einen ganzen Tag vom 
Aufstehen am Morgen an rasende Kopfschmerzen. 

Anfangs war meine Mutter nicht gerade sehr erbaut darüber, daß ich schon alles 
wissen müsse (nämlich als sie der Mutter mitteilte, daß sie mich darüber gefragt 
habe und ich ihren Besuch wünschte). Es ist ihr jetzt aber einerlei. Sie sagt, dann 
müsse sie sich schon nicht mehr mit derartigen Dingen beschäftigen. Mein Vater 
weiß überhaupt nichts davon. Habe noch nie derartiges mit ihm besprochen. Dazu 
würde ich den Mut nicht finden. 

Wie ich schon am Anfang anführte, kam die Sache ganz anders nach der Erklä- 
rung an den Tag. Was wir unter Mitschülern besprochen haben, war der größte 
Teil, ja alles darf man sagen, ganz falsch, und ich bin nun froh, einigermaßen auf- 
geklärt zu sein. w 

Sie fühlte sich zur Zeit der Niederschrift des Berichts nur „einigermaßen" auf- 
geklärt, was ich ihr wohl angemerkt hatte. Ich forderte sie deshalb auf, die inzwischen 
hinzugekommenen Fragen mir wieder mitzuteilen, und am ^Schlüsse dieses Berichts 
standen dann auch die Fragen: „Tritt eigentlich beim männlichen Geschlecht nichts 
derartiges auf wie die Menstruation?" „Was sind eigentlich Geschlechtskrankheiten?" 

Die ungenügende Aufklärung durch die Mutter bringt auch diesem Mädchen un- 
zureichende Sicherheit; mehrmals muß es seine Vorstellungen ändern, und zwar in 
einer Weise, die ihm unangenehm ist. Statt dessen hätte man ihm auf einmal über 
die neuartige Situation hinweghelfen und den neuen Lebensabschnitt ebnen können. 
Denn als neuen Abschnitt empfindet das Mädchen ihre Erlebnisse, und zwar als un- 
angenehmen; das Leben kommt ihr jetzt nicht mehr so schön vor. Sie möchte nach 
ihrer Aussage lieber wieder jünger sein; die erste Menstruation war mit einem Ge- 
fühl der Enttäuschung verbunden. Zweifellos sind es nicht bloß die körperlichen 
Beschwerden, die bei ihr diese Stimmung erzeugten, sondern auch unbewußte Seelen- 
vorgänge. Das zeigt auch das Symptom der Kopfschmerzen, welches nach Deutsch 
dem Kastrationskomplex angehört und die Enttäuschung mit verursacht haben wird. 
Diese Schmerzen bestanden in leichterer Form schon vorher, erhalten aber jetzt 
jedesmal eine intensive Verstärkung. Die Aufmerksamkeit in der Schule leidet trotz- 
dem bei ihr nicht, auch das Aufstehenmüssen macht ihr nichts aus. Das Verständnis 
für ihre körperlichen Vorgänge hat neben einem Gefühl der Befriedigung über die 
Regulierung ihrer falschen Gedankengänge nach ihrer Aussage auch ihre Stellung 
zur Menstruation und zum Weibsein etwas geändert, wenn auch nicht in dem Maße, 
wie bei dem Mädchen des vorigen Berichtes. 

4) S. H. „Es war in der Schule in der 6. oder 7. Klasse, da sprach man allerlei 
davon, aber immer doch ein bißchen heimlich. Es hieß dann immer: darfst es aber 
niemand sagen! Ich versprach dann feierlich, niemand davon ein Wort zu sagen. Als 

— 211 — 15* 



ich es dann hörte und wußte, war mir ganz eigentümlich zumute; wenn ich doch 
nichts davon gehört hätte! Denn ich dachte, es sei eine große Schande, wenn man 
das hätte, und hatte immer Angst davor, es auch zu bekommen. Allmählich hörte ich 
immer mehr davon, ich wurde der Sache gegenüber gleichgültiger, denn jede bekam 
es beinah, nur ich hatte es noch nicht. Ich wußte nur, daß es blutete, fragte aber 
nicht weiter, warum das sei. Ich dachte, das ist eben so bei den Mädchen. Man kann 
sagen, daß die Mädchen, die die Periode in der Schule hatten, einen Stolz hatten, 
denn sie konnten immer sagen, ich kann nicht turnen. Auch wurden sie vom Herrn 
Rektor nachsichtiger behandelt als sonst. (Zu „Stolz" führt sie aus, das Wort sei nicht 
so ganz richtig, aber sie wisse kein anderes. Es war so, daß die betreffenden Mäd- 
chen sich ihrer Situation bewußt waren, des Vorteils gegenüber den anderen, die 
turnen mußten oder im Schulgarten mitarbeiten, während sie im Klassenzimmer 
bleiben und etwas schreiben durften oder ähnliches; sie fühlten sich im Besitz eines 
gewissen Machtmittels, mit dem sie Lehrer und Mitschülerinnen zur Nachsicht zwingen 
konnten.) 

Nun regte sich der Wunsch in mir, ohne daß ich es wollte, ich möchte es nur 
auch einmal haben, eigentlich bloß wissen, wie das wäre. Nun kam die Zeit auch 
an mich, und ich blieb nicht davon verschont. Ich fühlte mich sehr müde, war auch 
manchmal sehr unpäßlich aufgelegt. Dann kam wieder Stechen in der linken Seite, 
daß ich es beinahe nicht mehr aushielt, Bauchweh ab und zu, einfach eine sehr un- 
päßliche Zeit. Als es dann vorbei war, war ich froh, und ich sagte mir, jetzt wird 
gesprungen und geturnt, bis ich nicht mehr kann. Denn wenn ich die Periode habe, 
kann ich das nicht mehr. Ich möchte überhaupt, daß es die Periode gar nicht gäbe, 
daß man nicht immer Rücksicht darauf nehmen muß, wie es die Angehörigen wollen. 
Eigentlich wußte ich nie recht, zu was man die Periode hatte. Ich dachte, das 
müsse eben jedes Mädchen bekommen, denn sonst sei sie krank. Nun erst wurde mir 
klar (nämlich durch die Aufklärung), was für eine Aufgabe einem jeden Mädchen 
bevorstand, wenn sie die Periode bekam. 

In der Schule muß ich mich recht bemühen, wegen Unaufmerksamkeit nicht ge- 
schimpft zu werden, denn ich fühle mich doch manchmal matt, wenn auch nicht 
immer. Oft ist es auch sehr dumm, wenn man zu Knaben in die Schule geht und 
es kommt eine peinliche Situation zustande. (Hinausgehen auf den Abort oder wenn 
ein Mädchen gar nach Hause muß.) Die Periode dürfte eigentlich viel später auf- 
treten, mit 18 oder 19 Jahren, das wäre noch bald genug. Jede Mutter oder der Lehrer 
sollte die Mädchen ganz aufklären, damit sie wissen, daß sie jetzt Kinder bekommen 
können und sich davor hüten. Denn wie oft stürzen sie sich ins Unglück. Wie oft 
hat schon ein junges Mädchen ein Kind geboren; nachher ist die Reue gekommen. 
Aber was ist schuld? Die Mutter hat sich geschämt, dies zu sagen." 

Was die ersten Erfahrungen des Mädchens anbelangt, so zeigt der Bericht wieder 
die typische Aufklärung durch die Kameradinnen, erinnert aber insbesondere an den 
ersten Bericht in der Tatsache, daß auch sie intensive Schamgefühle entwickelt und 
selbst Angst vor dem Eintritt der Periode empfindet. Aus dem „Eigentümlich zu Mute 
sein" sprechen zweifellos auch gewisse unbewußte Schuldgefühle. Nach Überwindung 
dieser ersten Situation und Gewöhnung an das neue Wissen regt sich wie bei allen 
anderen ebenfalls der Wunsch, die Periode zu besitzen — „ohne daß ich es wollte". 
Sehr scharf ausgeprägt ist hier auch der Kampf der ursprünglichen männlich-aktiven 
Einstellung der Vorpubertät und der nun notwendig werdenden feminin-passiven, die 
nur ungern übernommen wird. Die körperlichen Beschwerden und die Einengung der 

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Bewegungsfreiheit, die von den Mädchen als rationale Gründe angegeben werden, 
sind — den Eindruck gewinnt man immer wieder — nicht ausreichend, um die 
Zähigkeit zu verstehen, mit der an der alten Einstellung festgehalten wird. Die S. H., 
ein sehr kräftiges und gesundes Mädchen mit starkem körperlichem Beivegungs drang, 
läßt es sich deshalb nicht nehmen, auch während der Menses ruhig mitzuturnen 
wenn es einigermaßen geht. Nur die Aufmerksamkeit leidet in der Schule. Doch fehlt 
es ihr daran auch sonst ganz erheblich zum dauernden Ärger der Lehrer, die es an 
dem nötigen Tadel nicht fehlen lassen. Daß dieser ziemlich fruchtlos bleiben muß, 
erkennt der analytisch Orientierte sehr bald, und die Aussprache bestätigt es. Sie gibt 
sich nämlich dauernd Phantasien und Tagträumen hin, sobald sie durch den Unterricht 
nicht stark in Anspruch genommen wird. Immer wieder muß sie sich dabei fragen : 
Was ist das Leben? Warum wird man nach der blühenden Jugend älter, schwächer 
und stirbt schließlich? Was ist Religion? Dann versenkt sie sich gern in Märchen, 
in unwirkliche, schöne Situationen. „Es ist so schön zu phantasieren", erklärt sie 
wörtlich, „aber dann werde ich zu Hause herausgerissen und als Träumerin bezeichnet, 
wenn ich ruhig auf einen Fleck sehe und phantasiere. Auch in der Schule werde ich 
gestört. Ich muß mich dem Leben und der Wirklichkeit anpassen und das Leben 
paßt sich mir nicht an." Sie wird bei der Schilderung ihrer Phantasiezustände ganz 
gefühlvoll und poetisch. Ein Teil ihrer Phantasien, nämlich die Frage nach dem Ver- 
gehen des Menschen und nach dem Leben überhaupt, geht, wie die Aussprache weiter- 
hin bestätigte, auf die infantile Frage nach dem Woher ihrer eigenen Person zurück, 
die ihr nicht beantwortet worden ist. Sie hat daher auch eine ungeheure Lesewut 
und suchte sich vor kurzem Aufklärung in einem Doktor buch, wo sie aber der Fremd- 
wörter und neuen Begriffe wegen nicht weit kam, bis sie schließlich den Lehrer um 
Rat fragte. In der Folgezeit verschwindet die Lesewut, die Aufmerksamkeit wird 
wesentlich besser und sie arbeitet einige Monate fast als die Eifrigste in der Klasse. 
Da an der Unaufmerksamkeit aber wesentlich tiefere Verdrängungen mitbeteiligt 
waren, die allmählich die Oberfläche einnahmen, die Aussprachen aber nicht sehr in 
die Tiefe gehen konnten, flaute der günstige Zustand nach der ersten Entlastung 
allmählich wieder ab. 

Von Bedeutung für die Schule sind die Aussagen über die Einstellung 
menstruierter Mädchen gegenüber den anderen der Klasse, die noch nicht soweit 
entwickelt waren. Sie fühlten sich diesen gegenüber in gewissem Sinn überlegen, 
im Besitz einer Körperfunktion, die den anderen fehlte, spürten das Weiter- 
entwickeltsein, das Erwachsenersein und zogen zugleich einen Vorteil aus ihrer 
Lage, wobei sie die anderen mehr oder weniger versteckt auslachen konnten, 
weil diese turnen oder im Schulgarten arbeiten mußten. Ersteres verschwindet 
natürlich, sobald die Klasse in ein Alter tritt, in dem alle Mädchen menstruiert 
haben. Letzteres dagegen, nämlich die Ausnützung ihrer Lage, ist etwas, was 
auch später noch beachtet werden muß. Mehr oder weniger deutlich ließen 
Mädchen mir gegenüber schon durchblicken, daß sie oder andere insbesondere 
den Turnunterricht, aber auch anderen Unterricht — wenn Angst davor wegen 
des betreffenden Lehrers bestand — - schwänzten, indem sie Unwohlsein vorgaben. 
Jede Turnlehrerin weiß wohl davon zu erzählen. Es darf deshalb die Rücksicht- 
nahme des Lehrers nicht zu weit gehen und nicht die Schülerinnen ihren 
Zustand über wichtig nehmen lassen, was sie bewußt oder unbewußt unberechtigten 

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Gewinn aus den Situationen ziehen läßt. Die Erkenntnis, daß starke unbewußte 
seelische Umwälzungen mit der Pubertät einhergehen, die bei Fehlentwicklungen 
zu bestimmten Symptomen führen können, wird den Lehrer aber vor allem 
zurückhalten, mit Zwangsmaßnahmen vorzugehen, wo nur Seelenbehandlung 
helfen kann und, mehr als es bisher geschah, individuelle Rücksichtnahme 

notwendig ist. 

Die Bemerkung, daß peinliche Situationen entstehen können, wenn Mädchen 
zu Knaben in die Schule gehen, kann als Argument gegen die Koedukation 
verwandt werden. Doch ist zu bedenken, daß das Leben sonst auch nicht mit 
solchen Situationen verschont und eine frühzeitige Gewöhnung daran nicht 

schaden kann. 

Der letzte Satz, des Berichts zeigt, daß die Aufklärung für das Mädchen eine 
ziemliche praktische Bedeutung bekommen hat, indem sie einen Hauptwert darin 
erblickt daß sie die jungen Mädchen vor Dummheiten schützen kann. 

* 

Aus diesen schriftlichen Berichten und anderen mündlichen ergeben sich 
einige Erfahrungen, die nochmals zusammengestellt seien. 

Keines der Mädchen wurde zeitig durch die Eltern über die Menstruation 
aufgeklärt; alle erfuhren darüber längere Zeit vor ihrer eigenen Menstruierung 
durch die Gasse. Es scheint überhaupt sehr selten vorzukommen, daß die Eltern 
die Kinder vor der zu erwartenden Menstruation unterrichten und sie so der 
ersten Monatsblutung mit Ruhe entgegengehen lassen. Denn in einer Klasse von 
3i Schülern und Schülerinnen im Alter von vierzehn bis fünfzehn Jahren, wovon 
etwa die Hälfte Mädchen, konnte ich bei Gelegenheit feststellen, daß nur ein 
einziges Mädchen — - es war zudem älter wie die andern — von Zuhause etwas 
über sexuelle Dinge erfahren hatte, ein zweiter Schüler „ein bißchen". 

Auch nach dem Eintritt der Periode erhalten die Mädchen von der Mutter 
entweder gar keine oder doch ungenügende Auskunft. 

Unter keinen Umständen wollen sie den Vater wissen lassen, daß sie den 
Lehrer um Aufklärung angegangen haben. 

Alle entwickeln falsche Vorstellungen von der Menstruation auf Grund des 
Nichtunterrichtetseins durch die Erwachsenen, sofern sie darüber nachsinnen 
und die Nachforschungen nicht bald aufgeben. 

Ein Teil grübelt intensiv nach, andere nehmen die Tatsache sehr bald "als 
gegeben hin, — bis irgend eine Gelegenheit die Möglichkeit einer Erklärung 
bietet — sicherlich, weil sie eben gar nicht erwarten, etwas Näheres durch 
Ältere erfahren zu können, und entsprechend der Erfahrung aus ihrer Kindheit, 
als ihre Frage nach der Herkunft des Menschen gleichfalls unbeantwortet blieb. 

Die Aufklärung durch Mitschülerinnen oder Freundinnen führt bei manchen 
Mädchen zu einem intensiven Schamgefühl und zu der Vorstellung, daß es sich 
bei der Menstruation um etwas Wüstes, Unanständiges handle, um etwas, das 
Schande bereite. Es scheint, daß dies in geringerem Maße auch bei allen anderen 
der Fall ist, wie die Art der Behandlung des Themas, die Geheimtuerei u. s. w. 
verrät. 

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Die ungenügende Aufklärung durch die Gasse und die Eltern verstärkt die 
durch die erste Menstruation wiedererweckten bezw. neu eintretenden unbewußten 
Konflikte, manchmal fast traumaartig. 

Eine ausreichende Aufklärung vermag die notwendig werdende weiblich- 
passive Einstellung zu erleichtern und die mit der Menstruation verbundenen 
körperlichen Unannehmlichkeiten leichter tragbar zu machen. 

Wenn ein Mädchen einmal von der Menstruation erfahren hat, so wünscht 
es dieselbe herbei. 

Der erste Eintritt der Menses wird stets als unangenehm empfunden und 
diese dann weggewünscht (teilweise noch nach Jahren), um in der bisherigen 
kindlichen, d. h. männlich gerichteten Weise weiterleben zu können. 

Helene Deutsch (Psychoanalyse der wei blichen Sexualfunktionen S. 28) 
schreibt: „Für das Bewußtsein des Mädchens bedeutet das Eintreten der Menstrua- 
tion die langersehnte sexuelle Reife und ein Inaussichtstellen des Kindes, das 
ihr eine restlose Entschädigung für alle narzißtischen Kränkungen bieten soll." 
In keinem Fall jedoch war im Bewußtsein der Mädchen ein Niederschlag 
des Gedankens an ein „Inaussichtstellen des ersehnten Kindes" aufzufinden; der 
Gedanke wurde allgemein geleugnet. Im Gegenteil wissen die Mädchen gerade 
gar nichts von dem Zusammenhang zwischen Menstruation und Kind, und das 
Wissen um diese Tatsache, das die Aufklärung bringt, ist für sie gerade das 
Neue und Befreiende. Der Satz Deutschs hat also nur Gültigkeit für Mädchen , 
die schon vorher über jenen Zusammenhang ausreichend unterrichtet waren und 
die Bedeutung der sexuellen Reife kannten, oder eventuell gilt er für das un- 
bewußte Seelenleben. 



In Erwartung der Menstruation 

Von Alice Freistadt-Lederer, Frankfurt a. M. 

Ich war zwölf Jahre alt und besuchte die zweite Bürgerschulklasse. Sexuelle 
Themen wurden geheimnisvoll mit brennendem Interesse besprochen. Wir hatten in 
unserer Klasse einige Mädchen, die körperlich besonders reif waren, stark und groß 
gewachsen. Hauptsächlich diese waren es, von denen die „Aufklärung" ausging. 

Als wir zum ersten Male von der Tatsache des Geschlechtsverkehres 
erfuhren, waren wir tief erschüttert; vor allem konnten wir nicht fassen, daß 
auch unsere Eltern „das" gemacht hätten — etwas in uns sträubte sich dagegen, „so" 
ins Leben gesetzt worden zu sein. 

Hedy K., eine aus unserem Freundeskreise, war ein Kind, das viel über geschlecht- 
liche Dinge nachgrübelte, und sie machte uns, die wir noch unerfahren waren, auf 

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vieles aufmerksam. „Die Märchen der Brüder Grimm sind eigentlich sehr unfein; 
es steht doch oft darin: Die Königin gebar ein Kind. Und wenn ein kleines Kind 
dann fragt, was das heißt ,gebar\ was soll man denn dann sagen?" 

Einmal standen Hedy K., meine Freundin N. und ich vor dem Haustor Hedys. 
Hedy begann beim Abschied: „Ich hab' Euch noch etwas zu sagen, bleibt noch ein 
wenig bei mir! Ihr seid noch so süß und unschuldig und ich bin so verdorben . . . 
Ich hab' etwas Entsetzliches getan ... ich bin unwohl geworden . . . Wißt Ihr, wie 
das kam? Im Park beim Spielen bin ich immer gelaufen und hab' dann am Kleid 
zwischen den Beinen gerieben, und so ist es gekommen. Wenn Ihr auch unwohl 
werden wollt, müßt Ihr es genau so machen!" 

Wir waren über ihre Erzählung sehr entsetzt; denn einige Tage früher erzählte 
mir N., Erna W. (eine andere Schulkollegin) habe ihr gesagt, daß man dabei blutet 
und blutet, und N. und ich unterhielten uns darüber, wieviel Liter Blut das wohl 
im Tag sein können, und was man dagegen machen könnte, damit das Blut nicht 
auf den Boden rinne. Wir hatten also vor dem Eintritt der Menstruation große Angst. 
Einige Monate darauf stellte sich bei mir die Menstruation ein. Ich über- 
legte lange, wie ich dies meiner Mutter mitteilen solle, und machte ihr einige An- 
deutungen. Als sie dann aber erriet, worum es sich handelte, wurde ich sehr verlegen. 
Ich schämte mich sehr, und obwohl meine Freundin N. und ich geschworen hatten, 
einander alles zu sagen, verschwieg ich ihr strenge den Eintritt dieses Ereignisses, 
Ich wollte N. nicht zugestehen, daß ich schon „erwachsen" geworden sei; ich hatte 
Angst, daß dies unsere Freundschaft trüben könne. 

Kurze Zeit darauf verreiste N. für einige Wochen zu ihrer verheirateten Schwester, 
und wir besprachen bei der Trennung, daß die, bei der das Unwohlsein eintrete, der 
anderen schreiben müsse: „es" ist schon gekommen. Wir fürchteten nämlich, es 
deutlicher zu schreiben, weil ja ein Brief der Mutter oder der älteren Schwester 
hätte in die Hände fallen können. In einem der Briefe, die ich von N. erhielt, standen 
wirklich diese geheimnisvollen Worte. Als sie zurückkam, gab sie Details an: „Ich 
zog mich am Abend aus, da bemerke ich plötzlich am Hemd einen großen roten 
Fleck; und im selben Moment fiel mir auf, daß mein Schwager mich ansah. Ich wurde 
sehr rot, legte mich schnell ins Bett und begann zu weinen. Viel« Stunden habe 
ich geweint, und als meine Schwester mich fragte, warum ich weine, sagte ich ihr, 
daß ich Heimweh habe und nach Wien zurück will." — Nun durfte auch ich mein 
Geheimnis erzählen. 

Es dürfte in diesem Zusammenhange interessieren, wie sich unser Leben zu jener 
Zeit abspielte. Zu Hause die größte Zurückhaltung und Verschwiegenheit, in der Schule 
Verachtung und Strenge allen sexuellen Dingen gegenüber. So brachte einmal ein 
Mädchen das „Gerücht" auf, daß die Kinder aus dem Bauch kommen und daß Frauen, 
wenn sie reif sind, behaart werden. Dies erfuhr die Lehrerin, es wurde strengstes 
Geriebt gehalten, das Mädchen bekam eine sehr schlechte Betragen-Note und wurde 
in eine andere Klasse versetzt, ja der Schuldirektor drohte ihr sogar mit dem Aus- 
schluß aus der Schule. 

Aber ich erinnere mich auch, daß wir in diesen Jahren neben dem wirklichen noch 
ein zweites Leben führten. Meine Freundin und ich betrachteten einander als Ge- 
schwister, wir gaben uns andere Namen, wenn wir allein waren, und nützten jede 
freie Minute zu diesem „Spiel" aus. Ganze Familienszenen, die sich in Wahrheit nie 
ereigneten, wurden aufgeführt. Wir bestraften uns, schlugen einander sogar, pro- 
testierten, waren trotzig u. s. f. 

— 216 — 



Hedy K. wieder erzählte uns von ihrem Hofmeister, der sie und ihren Bruder nackt 
schlug, und daß sie sich dann immer unter dem Tisch verkriechen müßte. Wie weit 
ihre Erzählung der Wahrheit entsprach, wußten wir nicht. Hedy übertrieb bei allem 
sehr. Es ist möglich, daß diese Züchtigungen nur in ihrer Phantasie existierten, daß sie 
sich eine Bestrafung wünschte. Die früher erwähnten Schuldgefühle Hedys hängen 
jedenfalls ganz deutlich mit onaiüstischer Betätigung zusammen; sie empfand die 
Menstruation als böse Strafe für ihre Onanie. Die Angst und die Scham, die dieses 
Ereignis bei meiner Freundin und mir auslöste, hatten sicher die gleiche Ursache, 



uiiiiiniiiiwiiiiin 

Erwartung und Eintreffen der Menstruation 

im Seelenleben der Mädchen 

Von Dr. H. Vorwahl 

Gegenüber den Angriffen, 1 die auf die Echtheit des „Tagebuches einer Halb- 
wüchsigen" von Dr. Hug-Hellmuth erfolgt sind, ist die innere psycho- 
logische Wahrheit der Darstellung zu betonen. Charlotte Bühler und andere 
Kritiker stießen sich hauptsächlich an der sexuellen Neugier der Vorpubertätszeit, 
die inzwischen durch die Veröffentlichung des Hoffrnann-Sternschen 
Gutachtens 2 als etwas durchaus Natürliches erwiesen ist. Die Aufzeigung der 
Gruppenheimlichkeit entkräftet auch den Bühlerschen Einwand, daß das Mäd- 
chen jahrelang „in einer Welt schlechter Geheimnisse und unreiner Gedanken 
gelebt habe", trotzdem aber mit solcher Harmlosigkeit zu den Eltern stehen 
könne. Der Inhalt dieser „unreinen Gedanken" ist nun wesentlich die Erwartung 
der ersten Menstruation, deren Eintritt die Freundinnen sich sofort mitzuteilen 
geloben. Die Bestätigung dieser Angaben erbringt ein Fall meiner Praxis, bei 
dem die Freundinnen um die bereits eingetretene Periode geradezu beneidet 
wurden, die übrigens dem kindlichen Denken als ein Vorrecht der höheren 
Töchterschülerinnen galt, 1 Aus der Quarta eines Lyzeums wurden mehrere 
Schülerinnen verwiesen, weil sie sich voreinander entblößt hatten, um sich 
die Merkmale beginnender Geschlechtsreifung zu zeigen. In einem dritten Fall 

1) J. Krug, Zeitschrift für angewandte Psychologie, Bd. XXVII, S, 380. 

Meine Annahme, daß es sich um Kindheitserlebnisse der Herausgeberin handelt, 
erfährt ihre Bestätiguug durch die autobiographischen Mitteilungen (Imago 1912), 
die sich mit dem „Tagebuch" stark berühren: „Als ich in meinem 12. Jahr anfing. 
die englische Sprache zu lernen, herrschte in unserer Familie eine sehr gedrückte 
Stimmung, da Mamas Krankheit so vorgeschritten war, daß auch wir Kinder wuß- 
ten . . . (252), einer Wiese, auf der ich allerlei Verbotenes, d. h. Sexuelles trieb. An 
einem Birnbaum hatte ich eine Schaukel, auf der ich manche sexuell vergnügte 
Stunde verbracht . . . ferner erfolgte auf diesem Umweg nach Hause meine Ein- 
führung in das Sexualgebiet durch eine Schulkameradin (243) . . . fielen die Angriffe 
des Stabsarztes, indem ich aus der Öffnung seiner Hand etwas Botes higen sah (244) 
vgl- S. 255" 

2) Sittlichkeitsvergehen an höheren Schulen. 

3) Vorwahl, Psychologie der Vorpubertät, 84, 126. 

— 217 — 



meiner Praxis hatte das Mädchen das Wachstum der Pubes auf das Tragen 
eines Bruchbandes zurückgeführt, dessen „Wärmeentwicklung" als Ursache galt. 
Unter den von Rektor Seeling gesammelten Fragen 1 3 j ähriger Volksschülerinnen 
überwiegen folgende: Warum bekommt man das Unwohl? Wie lange darf 's 
dauern? Wie verhindert man es? Können Männer unwohl sein? Auch bei einer 
derartigen Untersuchung in Amerika betrafen die meisten Fragen die Menses 

(Davenport), 1 

Nicht immer wird der Eintritt der Periode so objektiv hingenommen. Ein 
zweiter Fall beleuchtet die Möglichkeit eines seelischen Traumas deutlich, wenn 
Mädchen der Mutter unter bitterem Schluchzen von der Blutung Mitteilung 
machten und dabei die Worte brauchten: „Und ich habe ganz gewiß nichts daran 
gemacht." Carl Stern heim hat diese psychologische Situation meisterhaft 
ausgemalt in dem Martyrium, das „Anna" zu erdulden hat: 

Namenlose Angst kommt aus dem Untersten, schnürt die Kehle und preßt die 
Schläfe: Als das Kleid fällt, sie hinsieht, glaubt als Weib sie sich gerichtet, Ahnungen 
mengen sich blitzschnell mit Erlauschtem, zweideutige Worte und Gesten flattern 
auf Kater mit Katze, die Rosenknospe, die ihre Schale sprengt, sind ihr Gleichnis 
und Beweis. Durch des Fensters Loch schwingen sich mit Stöcken bewaffnet, scheltend 
und strafend Vater, Mutter zu ihr. Ihnen folgen Polizist und Magister, ,Du kriegst 
ein Kind!' blicken, weissagen sie alle. ,Himmel, ich sterbe! 1 heult Anna und stürzt 
zu Boden. Auf den Knien vor ihrem Stuhl liegend, löst sie den Wolkenbruch verhaltener 
Tränen. Stundenlang stürzen die Bäche. Mit verwirrtem Haar, gerungenen Händen 
ist sie Magdalene geworden, Mutters Sünden, Vaters Sünden, alle Sünden von der 
Erbsünde an tragend." (Chronik von des XX. Jahrhunderts Beginn, 105.) 

Die Richtigkeit der Darstellung findet ihre Bestätigung durch einen Fall, 
den ich einem Sittlichkeitsprozeß der letzten Jahre entnehme. 2 Hier erfuhr das 
Nichtwissen um die Vorgänge der geschlechtlichen Reifung dadurch eine tragische 
Zuspitzung, daß ein 14j ähriges Mädchen Selbstmord durch Ertränken beging. 
Es hatte bei einem Studiendirektor Lateinunterricht. Aus ihrem Abschiedsbrief 
an die Eltern ging hervor, daß der Grund in der Annahme einer Schwanger- 
schaft lag. Die Eltern, denen das Mädchen erzählt hatte, es sei von dem Direktor 
einmal geküßt worden, stellten nun Strafantrag gegen diesen und erwirkten 
seine Verurteilung zu zwei Jahren Zuchthaus. Die gerichtliche Sektion ergab 
allerdings, daß keine Schwangerschaft vorlag, sondern das Eintreten der ersten 
Regel, und das psychologische Gutachten von Professor W. Stern vermochte 
wahrscheinlich zu machen, daß nicht unsittliche Handlungen des Angeklagten, 
sondern völlig unklare Vorstellungen vom Wesen des Geschlechtsverkehrs, die 
Regel als Beweis für die durch den Kuß erfolgte Schwängerung, den Glauben 
des Geschändetseins hervorgerufen und das Mädchen zum Selbstmord getrieben 
hatten. Einer dringenderen Mahnung, mit dem alten System des Verschweigens 
zu brechen, bedarf es wohl nicht. 

1) Über die Interessen Jugendlicher. 

2) Jugendliche Zeugen in Sittlichkeitsprozessen. Vgl. den Fall: Intern. Zschr. f. 
Psychoanalyse XV, 85: „Beim Eintreten der ersten Menses erschrak die Zwölfjährige 
grenzenlos und schrie: Jch bin zerrissen!'" und meine Zusammenstellung: Jugendliche 
Sexualerlebnisse im Spiegel der Dichtung. Zschr. f. Sexualwiss. 1930, S. 124. 

Hllllllül IIIIIIIIIIIIIIIIIIIH " "tllUHIillllllllUil 

— 218 — 



Wie es bei Hansi war 

Von Karl P i p a I, Reichenau 

„In der Bürgerschule klärten uns kleinere Mädchen die älteren schon so 
weit auf, daß -wir uns hei der Sache auskannten. Und nachdem einige in 
meiner Klasse das ,Unheilvolle' bereits getroffen hatte, sah ich mit fürch- 
terlicher Angst dieser Stunde entgegen. Ich war vielleicht noch nicht ganz vier- 
zehn Jahre, da bemerkte ich eines Tages an meinem Hemd Blut. Ich erschrak 
fürchterlich. Zuerst glaubte ich, es sei von einer Verletzung; nachdem ich mich 
aber überzeugt hatte, daß das unmöglich sei, mußte ich mich auskennen. Ich 
sagte kein Wort, hoffte aber im stillen, daß mir die Mutter, wenn sie es beim 
Waschen sieht, einige Worte sagen wird. Aber es geschah nicht. Die folgenden 
Monate war die Blutung schon viel stärker, so daß ich mich auf keinen Fall 
im Nachthemd ins Bett getraut hätte. Da meine Schwester sah, daß ich halb- 
angezogen schlafen ging, begann sie fürchterlich zu schimpfen, es sei die größte 
Schweinerei, mit Taghemd und Hose schlafen zu gehen. Aber das half alles 
nichts, und wenn sie mich erschlagen hätte, so hätte ich mich nicht ausge- 
zogen. Sie schrieb das meiner Faulheit und meinem Dickschädel zu. In solchen 
Nächten bin ich in Schweiß gebadet, mit offenen Augen dagelegen. Schlafen 
wäre nicht möglich gewesen. Diese Tage waren die größte Qual für mich. 
Einmal wollte ich meine Mutter förmlich zum Sprechen zwingen. Ich ging 
vor ihr auf den Topf und fragte, was das sei. Keine Antwort! Was damals in 
mir vorgegangen ist, läßt sich nicht beschreiben. So gehaßt habe ich da meine 
Mutter, daß ich am liebsten auf sie losgeschlagen hätte. Dieser Haß wuchs 
immer mehr, als ich erfuhr, daß meine Freundinnen durch die Mütter aufge- 
klärt wurden. Nun, einmal kam, Gott sei Dank, auch für mich die Erlösung. 
In der Schule hatte ich einen Blutfleck am Kleid. Zum Glück bemerkten es 
meine Freundinnen gleich, machten mich darauf aufmerksam und liehen mir 
am Heimweg einen Mantel. Meine Schwester bemerkte den Fleck und fragte, 
wo ich mich Schmierfink wieder einmal hineingesetzt hätte. Da fing ich zu 
heulen an. Sie verstand mich sofort, nahm mich bei der Hand, führte mich 
allein ins Schlafzimmer, sagte mir alles und versorgte mich. Ich werde ihr das 
nie vergessen. Ich bin dann auch in allen Angelegenheiten zu ihr gekommen 
und sie hat immer den richtigen Ton gefunden. Von da an sind wir mit- 
sammen verwachsen. Und ich war selig, jemand gefunden zu haben, der mir 
über das Schwerste hinweghalf." 

So war es bei Hansi und so ähnlich wird es bei vielen anderen sein. Wie- 
der sind es Schulkameradinnen, die die „Aufklarerrolle" übernehmen 
und so den Müttern, die da glauben, dazu sei noch immer Zeit genug, den 
Rang ablaufen. Daß auf diese Weise die notwendige Aufklärung oft in recht 
unziemlicher, ja schmutziger Art vor sich geht, wird man ohne weiteres zu- 
geben. Man sollte meinen, es könne für eine Mutter unmöglich so schwer 
sein, mit der heranreifenden Tochter über ganz natürliche Vorgänge zu spre- 
chen. Die Furcht, durch eine offene, ehrliche Aussprache einem reifenden 
Mädchen ein Stück „Harmlosigkeit" zu rauben, ist geradezu lächerlich und 
reicht bei weitem nicht aus, die Feigheit und Unentschlossen heit vieler Mütter 
zu entschuldigen. Ja, wenn die Aufklärung über die Reife und ihre Bedeutung 

— 219 — 



nur den Abschluß der fortlaufenden geschlechtlichen Aufklärung bedeuten 
würde dann wäre die Sache wesentlich einfacher. So aber wird es der Mutter 
als Vertreterin des Storch- und Frauenmärchens unmöglich, den Schlußstein, in 
den Bau ihres Erziehungs werkes zu fügen und ein „Gleichenfest" zu feiern, da 
sie nur zu gut fühlt, daß die Grundmauern erschüttert sind. Sie hat schon 
damals, als ihr Kind so harmlose und doch so verfängliche Fragen stellte, den 
richtigen Augenblick verpaßt, das Kind mußte von anderen erfahren, wie 
schändlich es von der eigenen Mutter betrogen wurde und hat sich das Fragen 
gründlich abgewöhnt, hat den Weg zur Mutter verloren. Eine unüberbrück- 
bare Kluft! Und doch könnten die Mütter vieles gutmachen, wenn sie wenig- 
stens den Mut fänden, im kühnen Sprunge über die Kluft zu setzen, denn mit 
„fürchterlicher Angst sehen viele Mädchen dieser Stunde entgegen" und wer 
da zuwartet und selbst nicht einmal dann Worte findet, „wenn Hansi vor ihm 
auf den Topf geht und dann fragt, was das sei", begeht am eigenen Kind ein 
scheußliches Verbrechen. Solche Mütter verschließen sich ihren Kindern gerade 
dann, wenn deren Anlehnungsbedürfnis ungemein groß ist und sind sicherlich 
nicht berechtigt, den Stein zu heben, wenn die Mädchen, erkennend, daß sie 
von den „Alten" nichts zu erwarten haben, gar nicht einsehen, warum sie ein 
den Alten wohlgefälliges Leben führen sollen, auf eigene Faust vorgehen, Aben- 
teuer suchen und auf Abwege geraten. Es endet ja nicht immer so schlimm 
aber ist es nicht genug, wenn Mädchen erschreckt, menschenscheu und sogar 
lebensüberdrüssig herumirren? Auch Hansi vollbrachte damals die tollsten 
Stückchen, badete und wusch sich in eiskaltem Wasser und bezeichnet es heute 
als Wunder, daß sie sich bei diesen „Roßkuren" kein bleibendes Leiden zuzog. 
Mit der Schwester, mit der jetzt Hansi „verwachsen" ist, hat sie sich früher 
nie besonders gut verstanden — dies allein könnte vielen Müttern ein Finger- 
zeig sein, wenn für sie die „Schicksalsstunde" heranrückt. Bemüht euch, den 
„richtigen Ton zu treffen und Hansi wird selig sein"! 

Katastrophaler hätte es bei Erna ausgehen können, die nicht einmal das 
zweifelhafte Glück hatte, von Schulkameradinnen aufgeklärt zu werden, von 
den Blutungen überrascht wurde und sie für den Ausbruch einer schreckliehen 
Krankheit hielt, die Gott zur Strafe für onanistische Manipulationen über sie 
verhängt hatte. Was damals „in Erna vorgegangen sein mag, läßt sich wohl 
nicht beschreiben und es ist wirklich ein Wunder, daß sie am Leben ge- 
blieben ist" ! 

Die älteren Mädchen klären die jüngeren auf. Dies zeigt uns, daß die Men- 
struation in Mädchenklassen den Gegenstand zahlreicher Unterhaltungen bildet. 
Sie ist eben wie jeder geschlechtliche Vorgang, der von den Erwachsenen so 
sorgfältig geheimgehalten wird, Gegenstand vieler Vermutungen und Phantasien 
und erwünschter Gesprächsstoff. Gelegentlich kommt auch dem Lehrer etwas 
zu Ohren, So war es in einer dritten Bürgerschulklasse, die im Anschluß an 
Zirkusvorführungen folgenden Aufsatz zu liefern hatte: „Was ich gesehen habe." 
Dabei wurde den Kindern freigestellt, auch „früher Gesehenes" zu bringen. 
Drei Mädchen benützten die Gelegenheit und schilderten zum Entsetzen ihrer 
Lehrerin in „haarsträubender Weise" belauschte Frauen, die gerade an Blu- 
tungen litten. Leider sind die Dokumente „unerhörter Frechheit" nicht mehr 
vorhanden. „Unerhörte Frechheit!" — drei Mädchen waren vor ihrer Lehrerin 
aufs „Topferl gegangen" und hatten damit gar nichts erreicht, hatten nur ihren 

- 220 - 



„niedrigen Charakter" verraten. Freilich hätten sie bedenken sollen, daß viele 
Lehrerinnen nicht besser als die „Mutter" sind, beziehungsweise nicht besser 
sein können, da sie sich weder den Verleumdungen übelgesinnter Eltern noch 
dem rächenden Arme der vorgesetzten Behörde aussetzen können. Vielleicht 
wird es einmal hesser! Aber auch der Lehrer „mit gebundenen Händen" kann 
frei sein vom Eigendünkel, es handelt sich nicht immer um Majestätsverbrechen 
wenn Kinder, die so etwas gesehen haben, davon berichten und auch dann 
nicht, wenn sich einmal ein Kinder köpf härter erweist als der seines despoti- 
schen Meisters: Trude C. hat sich eigenmächtig versetzt, das heißt, sie hat sich 
in der leeren letzten Bank häuslich niedergelassen. Nun ist aber Trude kurz- 
sichtig und kann von dort aus dem Unterrichte nicht folgen, sie soll daher 
wieder den angewiesenen Platz einnehmen. Gegen „sanfte" Aufforderungen ist 
sie taub und dem energischen Auftreten des Lehrers begegnet sie mit einem 
Wutausbruch, der dann in einen „Weinkrampf" übergeht. Am nächsten Ta*r 
ist Trude nicht in der Schule, dafür aber steht die Mutter draußen; sie will 
alles aufklären: „Trude ist nämlich unwohl und fürchtet, als ,Stinkerl* die 
Augen aller auf sich zu ziehen." 

„Bitte, ich kann heute nachmittag nicht turnen!" meldet M. R. „Warum?" 
fragt der Lehrer. „Ich bin krank." Dies wird aber in einem Ton vorgebracht, 
der dem Lehrer die Zornesröte ins Gesicht treibt und ihn nach Luft schnappen 
läßt, wie ein Fischlein, das aus seinem „Element" gefallen ist. Der arme Teufel 
ist noch dazu vollkommen machtlos, denn er sieht keine Möglichkeit, seiner 
Empörung Ausdruck zu geben, aber dafür will er in der nächsten Konferenz 
das Notige schon veranlassen. „Gewiß, Herr Kollege, c'est le ton qui fait la 
musique, aber als Staatsanwalt aufzutreten ist auch dann nicht nötig, wenn der 
Ton etwa verraten sollte: ,Gib acht, du hast kein Kind mehr vor dir!'" 

■miUOirailfflfc illl[lil[it[l!IIII!l[||III[|l!IN||||[lllllll!llll!lltlllligilllil|]|]| 

Warum er nicht heiraten will 

Von Karl Pipal, Reiehenau 

Herr X., ein 3 oj ähriger Hauptschullehrer, ist Junggeselle geblieben, aber 
kein gewöhnlicher Hagestolz, sondern einer, der Liebschaften unterhält und 
sich nach einem guten Weibchen und trauten Heim sehnt und doch nicht zum 
Heiraten kommt, weil ihm vor der Menstruation seiner künftigen Frau 
ekelt, weil er sich vor ihren Blutungen furchtet. Vor 55 Jahren war's, aber 
so klar, wie wenn sich alles erst gestern zugetragen hätte, steht die Erinnerung 
an eine Freundin der Mutter vor seinen Augen, der er herzlich zugetan war 
und die, damals zu Besuch weilend, plötzlich erklärte, etwas zu verlieren, sich 
in die Küche begab und bald darauf Abschied nahm. In der Küche aber fand 
er, zwischen Waschtisch und Koffer eingeklemmt, eine lange, „riesenlange" 
Leinenbinde, die mit Blut vollgesogen war. Von diesem Fund verständigte er 
die Mutter, heischte von ihr des Rätsels Lösung und bekam folgendes zu hören : 
„Pfui, wirf's gleich weg, die Grete hat sich angemacht!" Dieses „Pfui-wirfV 
gleich-weg" gilt nun für jedes Weib, das sich — „anmacht", das die Periode 
hat, und er verfügt über eine ausgezeichnete Nase, die ihm mit unfehlbarer 

— 221 - 



Sicherheit Mädchen und Frauen, die sich gerade „anmachen" , anzeigt. Er weiß dann 
sofort, wen er zu meiden hat, wann es gut, auch bei seinen intimen Bekannten, 
sich schleunigst zurückzuziehen. So ist er bis jetzt gottlob vor dem „Entsetz- 
lichsten" verschont geblieben und hat auch keinen „Versager" zu verzeichnen. 
Seine Schwache ist nicht unentdeckt geblieben, und zuweilen bereitet es 
seinen Kollegen großes Vergnügen, den komischen Kauz zu ärgern und gerade 
dann, wenn er beim Essen ist, das Gespräch auf die Menstruation zu bringen. 
Besonders arg war es, als einer von ihnen den Saft, in dem die heißen Würstel 
schwammen, mit „Blut" verglich. Herr X. konnte unmöglich weiteressen, 
heftiger Brechreiz erfaßte ihn und doch bilden die Wursteln mit Saft sein Leib- 
gericht. Er wird sich künftig wohl hüten, sich in Gegenwart seiner Kollegen 
ihrem Genüsse hinzugeben. 

Herr X. könnte aber dennoch heiraten, wenn er finanziell so gut gestellt 
wäre sich eine „riesengroße" Wohnung zu halten und ein verständiges Wesen 
fände. Getrennte Schlafzimmer wären die Grundbedingung, und ferner müßte 
sich seine Frau während ihrer „Schwächeperiode", ihres Unwohlseins, von ihm 
vollständig isoliert halten und erst dann ans Tageslicht treten, wenn sie fühlte, 
nein wüßte, und zwar ganz bestimmt, daß die Nase des Herrn Gemahls kein 
Veto mehr einzulegen hat. Freilich hätte es seine Frau in dieser Hinsicht nicht 
leicht sie müßte — natürlich wußte Herr X. dies nicht — ganz seiner Mutter 
gleichen, X. hat als Kind an ihr nie etwas bemerkt und später, als sein „An- 
zeiger" exakt zu funktionieren begann, konnte er nichts mehr wahrnehmen, 
weil die Mutter schon zu alt war; sie müßte es sich ferner gefallen lassen, die 
Nächte von ihrem Mann getrennt zu verbringen und müßte, wenn sich in ihr 
Gelüste regen sollten, erst an die Tür klopfen und fragen, ob es erlaubt sei. 
Und umgekehrt! Denn der Geschlechtsverkehr ist für den hochkultivierten 
Herrn X. ein Geschenk, dessen man nur durch „Bravsein" teilhaft werden 
kann, und es ist so süß, ewig ein Kind zu bleiben, das von seiner Mutter der- 
art ausgezeichnet wird. 

Wenn einer an sich selbst eine solche Einstellung einem Vorgange gegen- 
über beobachtet, den die Vernunft tausend und aber tausendmal als „rein natürlich, 
selbstverständlich und unabänderbar" bezeichnet, so hat er das Bedürfnis nach 
Aussprache mit „ernsten Männern", und Herr X. kann ruhigen Gewissens be- 
haupten, eine nicht geringe Anzahl unter ihnen gefunden zu haben, die ganz 
oder zum größten Teil seinen Ansichten zustimmten. So ist die Menstruation 
nicht nur für Herrn X,, sondern auch für seine Anhänger ein hochwichtiges 
Problem die Nase wird zum treuen, unentbehrlichen Wächter, man stelle sich 
nur die Katastrophe vor, wenn sie ohne ihre Dienste, einem kleinen Kinde 
gleich das spielend der schlafenden Mutter mit dem Kopfe zwischen die Beine 
fahrt, ganz zufällig (wieder einmal?) auf Blut stießen! Oder ist es verwunder- 
lich, wenn man fürchtet, beim Anblick des frischkastrierten Gliedes, das all 
die Gespenster längstverklungener Drohungen wachruft, vom Entsetzen gepackt 
zu werden ? Und bedarf man etwa drittens — dies mag wohl lächerlich klin- 
gen, ist aber nicht von der Hand zu weisen — einer sich stets wiederholenden 
Bestätigung, daß Frauen penislose Wesen sind? Man trägt ja oft schwer genug 
an der Entdeckung, daß dies bei der Mutter der Fall is^! 

ttl!llllllllll1l!llllllll[ll!llllll!llllli1IIIIM^ IIH,liHllm 

— 222 — 



Menstruationsängste 

Von Christa Scheulen, Bonn 

Sie war zwölfjährig;; hatte nie eine Freundin genaht, war ah er umsoinehr Freund 
mit ihrem vierzehnjährigen Bruder und einem ihm gleichalter igen Nachbarjungen. 
Als Sechsjährige schnitt sie sich die Haare ab, um den Knaben eine Gleichgeschlecht- 
lichkeit vorzutäuschen; am liebsten spielte sie ohne Rock in der Turnhose, Über 
sexuelle Dinge getrauten die drei sich nie miteinander zu reden. Nun hatte sie in der 
Schule (sie war auf dem Lyzeum) etwas läuten gehört, auf das sie sich keinen Reim 
machen konnte. Heute wollte sie es zu Hause den Großen gehen, faustdick, daß sie 
nicht an einer Antwort vorbei konnten. Sie schleuderte den Schulranzen in die Ecke 
und überrumpelte die Familie, die beim Mittagsbrot saß, mit dem Ausruf: „So! jetzt 
weiß ichs. Also: Die Vater kriegen Jungens und die Mütter Mädchen!" 

Losprustendes Lachen war die einzige Antwort, die sie auf ihre Herausforderung 
erhielt. Sie war empört. 

Sie teilte mit der einzigen Schwester, die fünfzehnjährig war, das Bett. Sie ent- 
deckte Blut in der Bettwäsche; es war ihr unheimlich, aber sie konnte es nicht lassen, 
heimlich danach zu suchen. Aber sie sagte nichts und fragte nichts, denn sie konnte 
die Schwester nicht „riechen", von der sie sich nicht bemuttern lassen wollte. Die 
Schwester hatte stärkere Brüste bekommen; also werden es wohl die Brüste sein, die 
von Zeit zu Zeit bluten, dachte sie. Es ekelte ihr vor diesem Blute, und sie wollte 
sich davor hüten, daß es ihr wie der Schwester ergehe. Sie begann sich in den Schul- 
tern zu neigen, um ihre Brüste flach zu halten. Die Eltern waren entsetzt über die 
schlechte Haltung; man vermutete übergroße Schwäche, denn sie war groß und schmal 
für ihr Alter. Der Vater nahm sie jetzt oft mit in den Wald, da mußte sie Atem- 
übungen machen, seinen Spazierstock zwischen die rückwärts gebogenen Arme nehmen. 
Zuerst machte es ihr Spaß, hernach wurde es ihr lästig. Sie spielte lieber zu Hause 
mit den Knaben. Mit der Zeit vergaß sie, warum sie sich in den Schultern hängen 
ließ; es wurde ihr zur Gewohnheit, Die Eltern versprachen ihr vier Mark (welche 
Verlockungen stehen für ein Kind hinter einer solchen Summe), wenn sie sich gerade 
hielte. Sie versuchte es, gab sich aber keine ernste Mühe. 

Als die Mutter verreist war, wurde ihr zum erstenmal unwohl. Sie war auf dem 
Klosett und sah Blut. Sie war entsetzt. Sie geriet außer sich, als sie an sich selbst 
Blut entdeckte. Sie glaubte, sie müsse sterben. Sie rannte ins Zimmer. „Ich verblute! 
Was soll ich tun? Was soll ich tun?" 

Der Vater saß mit den drei Geschwistern am Kaffeetisch. Alle sprangen erschrocken 
auf und dachten nicht anders, als daß sie sich verletzt habe. „Wo blutest du denn?" 

Sie wurde verlegen. Sie weinte. So ein unanständiges Wort wie Popo ist verpönt 
in der Familie. Der vierzehnjährige Bruder lächelte. Dem Vater ging ein Licht auf. 
Er gab der Schwester ein Zeichen, daß sie die Kleine mit sich nehme und ihr das 
Nötige sage. Die Schwester geriet in Verlegenheit. Sie war ja seihst noch ein Kind; 
ihr hatte auch niemand geholfen, warum sollte die Jüngere es besser haben? „Heul 
doch nicht so", sagte sie barsch. „Das haben alle Mädchen, ich auch." 

Alle Mädchen? Aha!! Die Kleine weinte nur heftiger. Sie schämte sich ihres 
Blutens, sie schämte sich, daß sie ein Mädchen war. 

Die Ältere gab ihr die nötige Wäsche und ließ sie allein. Sie setzte sich aufs 

— 223 — 



Bett und weinte trostlos vor sich hin. Und da stieg es ihr auf: Das war die Strafe! 
Warum konnte sie ihre Hände nicht bei sich behalten. Dann fiel ihr ein, daß ja alle 
Mädchen es hatten. Nur die Jungen nicht. Wäre sie doch ein Junge! Gott war ab- 
scheulich, daJ3 er nur die Mädchen strafte, die Jungen waren doch gewiß nicht 
besser. Aber natürlich hielt er zu ihnen, weil er ein Mann war. 
Ganz vertrotzt saß sie da und heulte. 

Sie sollte zur Schule gehen. Nein, sie wollte nicht. Alle Kinder würden es ihr 
ansehen. Durch die ganze Klasse würde man es riechen, dies ekelhafte Blut. Aber 
es hilft ihr alles nicht, sie muß zur Schule. Unglücklich machte sie sich auf den 
Weg. Sie ging immer mit dem Naehbarjungen und sie waren vergnügt; aber heute 
war er verärgert, daß sie ihn so lange warten gelassen hatte, sie würden nun beide 
zu spät kommen. Was lag ihr daran? 

Das neue Wäschestück war ihr hinderlich beim Gehen. Sie tappste so ungeschickt 
daher, daß der Junge lachen mußte: „Stropp (sie nannten sie nie beim Mädchen- 
namen, nur „Stropp" oder „Heupferdchen", weil sie nicht ruhig gehen, nur hüpfen 
und rennen konnte), Stropp, du gehst, als hättest du was in die Hose gemacht." 

Auch das noch! Es war das erstemal, daß sie ihm eine Antwort schuldig blieb. 
Er sah sie verdutzt an. Sie hatte die Augen voll Tränen. Er war nicht gewohnt, daß 
sie so nah beim Wasser gebaut hatte. War sie krank? Hatte sie Hiebe gekriegt? Sie 
schüttelte nur den Kopf und lief ihm dann davon; er mochte hinter ihr herrufen 
soviel er wollte. Einholen konnte er sie nicht, sie war immer flinker gewesen als er. 
Es gab einen verdorbenen Schultag. Alles mißlang der Kleinen. Dem Physiklehrer 
gab sie so unsinnige Antworten, daß er sie aus der Klasse warf: „Du hast soviel 
Ahnung von der Physik wie eine Kuh vom Sonntag", schrie er ihr nach. Wenn du 
doch ein Mädchen wärst! wünschte sie ihm. Sie bekam einen Tadel nach dem an- 
deren an diesem elenden Morgen. 

Zuhause war sie ungezogen. Essen mochte sie nicht. Spielen auch nicht. Sie war 
nicht vom Waschtisch zu verjagen. Und sie verzweifelte, daß das Waschen nichts 
half. Abends kam die Mutter heim. Die Kleine liebte sie sehr. Sie erhoffte sich einen 
Trost. Aber alles, was die Mutter zu ihrer Not sagte, war dies : „Sag nur den Jungen 
nichts davon!" Als wäre es nicht selbstverständlich, daß sie denen ihre „Blamage 1 * 
verschweigt! Sie war bitter enttäuscht von der Mutter. 

Am nächsten Tag hielt sie es im Hause nicht mehr aus, sie rannte zu den Kame- 
raden hinaus, die von einer Mauer herunter sprangen. Wohlweislich hatte sie ihre 
weite blaue Turnhose angezogen. Nun kletterte und sprang sie mit ihnen um die 
Wette. Die Mutter war besorgt und rief sie ins Haus. „An solchen Tagen darfst du 
nicht so wild sein. Springen ist dann gefährlich." 

Die Kleine ließ den Kopf hängen. Sie ging zu den Jungen heraus und sagte mut- 
los: „Mutter will nicht, daß ich springe. Ich habe was, aber ich darfs nicht sagen. 4 "- 
Sie wurde über und über rot, als die Jungen verständnisvoll lächelten. Aber die 
Jungen waren gutherzig und nahmen — zum erstenmal in ihrem Leben — bei den 
weiteren Spielen Rücksicht auf sie. 

Im Turnunterricht sollte sie sich krank melden, wollte die Mutter; und sie turnte 
doch so herzlich gerne- Nein, sie meldete sich nicht krank und tat mit wie immer. 
Sie sollte den Schwimmunterricht aussetzen in diesen Tagen; aber sie lief heimlich 
zur Badeanstalt und schämte sich dann, als sie das Wasser verunreinigte. 

Und so wie dieses erste Mal blieb ihr die Menstruation ihre Jugendjahre hindurch 
eine ekelhafte Sache, der sie am liebsten aus dem Wege gerannt wäre. Es hing viel- 

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leicht damit zusammen, daß sie im späteren Leben kurz vor der Menstruation den 
Drang verspürte, weite Wanderungen zu machen, und sich nirgends wohl fühlte. Sie 
war in diesen Tagen seltsam erregt, hilflos und traf dann Entscheidungen, die sie 
hernach selbst als unsinnig erkennen mußte. 

Man hätte es ihr in der Kindheit so leicht machen können. Man hätte ihr nur 
vorher sagen sollen, daß sie zur Frau geworden sei, daß sie nun Mutter werden 
könne, vor allem, daß es keine Schande noch Krankheit sei, die sie auf sich nehmen 
müsse. Es war ja nur die große scheinbare Sinnlosigkeit, die sie so sehr erschreckt 
und empört hatte. 



Zu meinen Arbeiten über die weiblichen 
Tabu -Vorschriften 

Eine Zusdirift an die Schriftleitung 

von CD. D a I y (Beludsdiistan) 

Die Methoden, mittels derer ich zu meinen Schlußfolgerungen über die Tabu-Vor- 
schriften der Menstruation gelangte, 1 scheinen Mißverständnissen zu begegnen, und es 
seien mir daher — in diesem dem psychologischen Problem der Menstruation gewid- 
meten Sonderhefte — einige aufklärende Worte gestattet. 

Ich entwickelte die Theorie über den Kastrationskomplex und die Tabu- Vorschriften 
der Menstruation nach psychoanalytischen Gesichtspunkten und, nachdem ich meine 
erste Abhandlung über diesen Gegenstand geschrieben hatte, entschloß ich mich, 
meine Theorie mit Unterstützung von anthropologischen Daten — den anerkannt erst- 
klassigen Werken entnommen — zu veröffentlichen. Seither haben die Ereignisse 
diesen Entschluß gerechtfertigt. Nach vielen Jahren beständiger Selbstanalyse (im 
ganzen zwölf Jahre), einigen Analysen an anderen Leuten und fortgesetzten Studien 
der psychoanalytischen Literatur dieser Periode, wagte ich mich an meine Arbeit heran. 

Es war aber schwierig, die beste Methode zur Stützung meiner Entdeckung zu 
wählen. Auch hatte ich alle Ursache anzunehmen, daß ich auf allgemeine Zurück- 
haltung stoßen würde. 

Meine Entdeckung hätte eigentlich verlangt, in einer Autobiographie dargelegt zu 
werden, die Auszüge meiner Selbstanalyse enthalten mußte; aber dies hätte die Ent- 
hüllung eines zu großen Materials bedingt, das auch Verwandte und Freunde peinlich 
betroffen haben würde. Auch wäre diese Preisgabe der eigenen Psyche ein zu großes 
persönliches Opfer gewesen, wenigstens ein größeres, als ich es damals gewillt war 
zu bringen. 

Eine Studie der Hindu- Mythologie brachte mich zuerst auf den Gedanken, mich 
der Mythologie und Anthropologie zuzuwenden, um dort das parallele Material zu 
finden, das ich — gestützt auf biologische Fakten — in meiner Selbstanalyse ent- 
deckt hatte. 

Mildernde Umstände möchte ich dem Widerstände meiner psychoanalytischen 
Kollegen umsomehr zubilligen, als das Überwinden meines eigenen Widerstandes gegen 

i) Daly, Hindu-Mythologie und Kastrationskomplex. Imago XIII (1927), Seite 14,5 ff. — Daly, 
Der Menstruationskomplex. Imago XIV (1928), Seite 11 ff, — Jede dieser Arbeiten ist auch separat als 
selbständige Broschüre im Internationalen Psychoanalytischen Verlag, Wien, erschienen. 

Zeitschrift f. psa. Päd., V/5/6 225 ' 16 



die weiblichen Tabu -Vorschriften langwierig und mühsam gewesen war. Es war bei 
der Bewältigung jeder neuen Phase von Perioden äußersten seelischen Leidens 
begleitet. Es hat viele Jahre gekostet mich dahin zu bringen, die tief in der mensch- 
lichen Natur begründeten Widerstände au überwinden, welche einen fortgesetzt von 
der Selbstanalyse der infantilen Parallelen abbringen. Ich hoffe, daß die Nachprüfer 
meiner Funde es leichter haben werden. 

Natürlich konnte die Tatsache der Selbstanalyse leicht dazu benützt werden, meine 
Behauptungen zu entkräften, gelänge den Kritikern der Beweis, daß das Material aus- 
schließlich das Besultat meiner persönlichen Einstellung und nicht allgemein gültig 
sei. Sie hätten dies auch zweifellos versucht, wenn ich ihnen einzig Beispiele aus 
meiner Selbstanalyse und derjenigen an Patienten gegeben hätte; doch läßt sich dieses 
Argument überhaupt nicht leicht aufrecht halten, angesichts der Menge des Materials 
in „The Golden Bough" und „The Mystic Rose", auf welches ich hingewiesen habe. 
Einige Psychoanalytiker (die mir vorher unbekannt waren), schrieben mir höchst 
ermutigend, daß sie im großen und ganzen in den wesentlichen Punkten in meinen 
Aufsätzen mit mir übereinstimmten — während andere zuerst erklärten, daß ich in 
keiner Weise meine Theorien über die vernachlässigte Bedeutung der weiblichen Tabu- 
Vorschriften erhärte. Sie behaupten, daß die Psychoanalyse dieses Thema nicht ver- 
nachlässigt habe, aber da die Menstruation ausschließlich eine Erscheinung an reifen 
Menschen ist, haben sie sich nur damit befaßt, die infantilen Parallelen aufzuspüren. 
Ist es nicht seltsam, daß die Psychoanalyse, die die infantilen Parallelen zum 
Menstruationskomplex so eifrig studiert hat, diese Erscheinung am reifen Menschen 
fast gar nicht in ihren Werken erwähnt? 

Ich möchte hier erwähnen, daß Professor Freud in seiner gewohnten Unpartei- 
lichkeit der erste war, der den Wert meiner Arbeit anerkannte. Nachdem er meinen 
ersten Aufsatz gelesen hatte, schrieb er mir in einem privaten Brief: „Ich glaube, 
Sie haben unser Wissen wesentlich bereichert, indem Sie unsere Aufmerksamkeit auf 
ein bisher vernachlässigtes Gebiet lenkten." Trotzdem warnte er mich, die Bedeutung 
meiner Entdeckung zu überschätzen, und fügte hinzu: Des Mannes Einstellung zu 
dem Weib muß von dem Kastrationskomplex aus, welcher früher wirkt, als die 
Menstruation, eine Tatsache, die dem Kinde unvollkommen oder ganz unbekannt ist, 
festgestellt werden. Aber in dieser Kritik zieht er den zeitlich vorangehenden Faktor 
des , Geruchs' nicht genügend in Betracht; durch den Geruch erklärt sich die trau- 
matische Wirkung des Blutens, welches die Kastrationsangst fixiert. Spater 
hat Freud mir mitgeteilt, daß ich nicht länger denken soll, daß er die Bedeutsam- 
keit meiner Untersuchungen unterschätzt. Auch Dr. Ferenczi schrieb mir, daß er 
Freuds Ansicht über den Wert meiner Entdeckungen teile. 

Nun lassen Sie mich folgende Frage stellen: Sind nicht dieser Mangel an Hinweisen 
auf die weiblichen Tabu- Gebräuche in der psychoanalytischen Literatur und die 
Gleichgültigkeit oder Ambivalenz meiner Theorie gegenüber bedeutungsvoll? Ein 
anderer Psychoanalytiker schreibt mir, daß meine Theorien unhaltbar wären — an- 
gesichts der auf langjährige Erfahrung gestützten Entdeckungen; er verübelt mir 
augenscheinlich meine Behauptung, die Psychoanalyse habe das Studium dieser Er- 
scheinungen vernachlässigt. Wenn ich mich meiner Phantasie überlasse, so ist es, als 
ob mein Kritiker sagte: „In uns Psychoanalytikern gibt es keine Ambivalenz mehr, 
wir sind frei von jeder Verdrängung, unberührt vom männlichen Narzißmus, und 
einzig aus dem Grund haben wir die Menstruation nicht oder wenig erwähnt, weil 
sie eine Erscheinung des reifen Menschen ist. Für den Anthropologen mag es ja ganz 

— 226 — 



in der Ordnung sein, solchen Wert auf die bewußte Einstellung den weiblichen Tabu- 
Vorschriften gegenüber zu legen, aber wir wollen uns damit nicht beschäftigen, unsere 
Arbeit ist es, auf den Ursprung dieses klinischen Phänomens zu kommen, mit dem 
wir uns auch eben befassen." 1 

Ich würde erwidern: Recht so — aber glauben Sie wirklich, daß es Ihnen ge- 
lingen wird, parallele charakteristische Züge Ihrer Patienten zu finden, wenn Sie die 
Tabu-Gebräuche nicht kennen, welche die Unterdrückung eben dieser charakteristischen 
Züge bedingen? Der Naturwissenschaftler bildet sich ein, daß das „Tabu" ein primitives 
Phänomen ist, welches, im Lichte der heutigen Erziehung und Kenntnisse, insbesondere 
der psychoanalytischen Kenntnisse, keinen Eindruck mehr macht. Gegenwärtig gibt 
man sich zufrieden, dem weiblichen Neid vieles zuzuschreiben, woran eigent- 
lich der männliche Narzißmus und die männliche Angst schuld sind, und vermei- 
det so, dieses unerfreuliche und quälende Gebiet ju erfor- 
schen, und zu diesem Zwecke die eigenen Widerstände zu überwinden. Dabei ent- 
geht Ihnen die tiefe Bedeutung des reichen anthropologischen Materials, welches auf 
diese Tatsachen hinweist. 2 Beharrt man nun auf dieser Einstellung, so wird sie ge- 
wiß nicht die Verschmelzung der psychoanalytischen und anthropologi sehen Wissens- 
zweige beschleunigen, deren Vertreter doch auf parallelen Linien und in enger Ver- 
einigung arbeiten sollten. 

Freud zeigte da den Weg, als er sein „Totem und Tabu" veröffentlichte, aber 
wenig Werke seiner Schüler sind der Publikation dieses Marksteins in unserer 
Wissenschaft gefolgt. 

Es ist bedauerlich, daß es die gegenwärtige Tendenz einiger Psychoanalytiker mit 
sich bringt, daß nur solche Theorien als gültig angesehen werden, zu denen man 
ausschließlich durch klinische Beobachtungen an Patienten gelangt ist Denn was 
diese allgemeinen Tabu-Gebräuche anlangt, tragen wir alle in uns das Material, das 
für die psychoanalytische Forschimg notwendig ist. Wir müssen dieses mit aller Vor- 
sicht anwenden und jede Entdeckung an den Ergebnissen . der biologischen, anthro- 
pologischen und psychoanalytischen Wissenschaft kontrollieren. 

Zum Schlüsse seien meine wesentlichen Behauptungen wiederholt: Die Todes- 
furcht ist zeitlich der Kastrationsfurcht vorausgegangen; letztere wurde erst später 



1) Und hier würde ich die Meinung äußern, daß, bevor wir die Tabus und deren j Quellen sowie 
deren Beziehung zu der Exogamie und zu der Religionsentwicklung völlig verstehen, wir nie die 
Entwicklung des Über-Ichs und deren Funktion verstehen werden. Mit der Lösung von den Tabus 
und der darauf folgenden Nacherziehung zur Realität wird die sadistische Schärfe des Über-Ichs all- 
mählich unter dem Einfluß des Wissens und der "Wahrheit vergehen. 

2) Die Psychoanalyse hat auch nicht genügend Aufmerksamkeit Dr. G r o d d e c k s psychoanalytischen 
Entdeckungen geschenkt ; namentlich nicht der Unterdrückung der Gcruchslust an sexualen Düften, 
der Wichtigkeit der Menstruation, der Schwangerschaft und der Geburt für die Ätiologie der 
Neurosen. Meine Theorien sind ganz unabhängig von denen Dr. Groddecks entstanden. Seine Unter- 
suchungen waren mir ganz unbekannt, bis Herr Dr, Ferenczi meine Aufmerksamkeit auf sie 
lenkte. Unsere respektiven Entdeckungen bestätigen und unterstützen einander, insofern als beide mit 
den psychischen Reaktionen auf die weibliche Gcnitalfunköonen zu tun haben, die seine als Resultat der 
Selbstanalyse und klinischer Beobachtung, die meine als Resultat der Selbstanalyse, der Anthropologie 
und Mythologie und der eigenen Untersuchung der Psychologie der Hindus. A.her wir haben unsere 
Wissenschaft etwas verschieden verwendet, da sein Interesse mehr direkt therapeutisch war, während 
meines mehr der Erklärung der ontogenetisehen und phylogenetischen Entwicklung gewidmet war. 
Aber im ganzen sind die Ziele unserer Untersuchungen dieselben, u. zw, die der Psychoanalyse über* 
haupt, nämlich das menschliche Verhalten und dessen Motive dadurch erfaßbar zu machen, daß die 
Widerstände, Hemmungen und allgemeinen Tabus, die uns die einfachsten Wahrheiten verheimlichen, 
bewußt gemacht und überwunden werden. 

— 227 — 16* 



zu einem primitiven Erziehungsmittel der Menschheit, durch welche der Mann ge- 
zwungen wurde, seine sexuellen Neigungen zu überwachen. Dies schließt nicht aus, 
daß, wie bei den meisten Faktoren dieser Art, noch tieferliegende biologische Gründe 
dafür vorhanden sind. Ursprünglich war es aber die Todes drohung, die den Mann 
veranlaßte, die Frau — die im physiologischen Sinn Zu-Gebären-Willige — zu fürchten, 
und dadurch wurde dem Fortpflanzungsinstinkt ein schwerer Schlag versetzt. 

Ist diese Theorie richtig, dann ist es klar, daß die gegenwärtige psychoanalytische 
Forschung notwendigerweise zuerst dem Kastrationskomplex begegnen mußte; aher 
das beweist nicht, daß chronologisch die Kastration eher als der Tod gefürchtet wurde. 
Die Psychoanalyse der gegenwärtigen Todesfurcht könnte wieder zur Kastrationsfurcht 
führen; und doch wäre es falsch deshalb anzunehmen, daß chronologisch der Kastration 
eine ursprünglichere Bedeutung zukommt als der Todesfurcht. 

Es erscheint mir offensichtlich, daß im Laufe der psychischen Entwicklung die 
Todesfurcht von der Kastrationsfurcht ersetzt und so die Kastrationsfurcht verstärkt 

wurde aber in unserem tiefsten Inneren ist es sicherlich der Tod, den wir fürchten. 

Und es ist wahrscheinlich, daß zu den Zeiten unserer primitiven Vorfahren die Be- 
zeichnungen für Tod und Kastration die gleichen waren, denn ihren rohen Kastrations- 
gebräuchen wäre der Tod stets unmittelbar gefolgt. 

Meine beiden schon veröffentlichten Beiträge erheben nicht den Anspruch, den 
Menstruationskomplex vollständig aufzuklären; aber es war mir daran gelegen, die 
allgemeine Aufmerksamkeit darauf zu lenken, daß hier tiefliegende Mysterien be- 
stehen, welche, infolge der allgemeinen Tabus, die sie umgeben, nicht genügend be- 
achtet wurden. 

Meine weitere Arbeit erweist, glaube ich, deutlich, wie es dazu kommen mußte, 
daß das Ziel der größten Anziehung, nämlich die Brunst des Weibes, für den Mann 
von seiner größten Angst begleitet ist, nämlich der vor der Menstruation. Diese ist 
eine durch die Sexualverdrängung bewirkte, also gleichsam hysterische Fehlgeburt. 
Sie zog deshalb all die tiefliegende Furcht an sich, welche zur Geburt gehört, so wie 
alle Furcht vor dem Blut als Zeichen von Tod und Kastration. Geburt, Menstruation 
und Defloration: alle diese weiblichen funktionellen Phänomene sind von einem be- 
deutenden Zustrom und Erguß von Blut begleitet. 

In meinen späteren Untersuchungen ist auch zur Unterstützung meiner Ansicht 
der klinische Beweis beigebracht, daß Kinder in sehr frühem Alter die Erscheinungen 
der Brunst an Tieren gewahr werden und daß sie instinktiv annehmen, daß es sich 
auch bei ihren Müttern ebenso verhalten muß. Der traumatische Eindruck des Blutes, 
zusammen mit Kastrations- und Todesdrohungen, bewirkt die Verdrängung dieser 
Kenntnisse, die im frühen Alter durch die sexuelle Anziehung (Tropismus) mit tiefster 
Lust verbunden waren. 
pilltlllllllliillllllllllllllilllllllHIIIlllllllllllllllllllllM 

Pfarrer Dr. Oskar Pf ist er, Züridi: § 

Psychoanalyse und Weltanschauung 

§j Geheftet M f. 60, Ganzleinen M 7.— 

1 Inhalt: Psychoanalyse und Weltanschauung: PsA. und Positivismus. PsA. 

= und Metaphysik. Die Ausbildung der sittlichen Persönlichkeit — Die Illusion einer ]| 

I Zukunft (Eine freundschaftliche Auseinandersetzung mit Prof. Freud) : Freuds Kritik der ^ 
1 Religion. Der Glaube an die menschheitsbeglückende Wissenschaft. 

Internationaler Psycho analytischer Verlag, Wien I. 

Illlllllllllllli™ 

— 228 — 



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B ERIC HTE 

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Bücher 






TOM SEID MANN- FREUD: Hurra wir lesen! Hurra wir 
schreiben! Verlag Herbert Stuffer, Berlin, 1930. 

Die Autorin zeigt, wie man spielend die große und kleine lateinische Druckschrift 
und die lateinische und deutsche Sütterlinschrift lernen kann. Die Lust am Lernen 
wird gesteigert durch den erweckten Antrieb des Lernenden, in Spiel und eigenem 
Erraten, Phantasieren und Zeichnen, gegebene Aufgaben zu losen und sich selbst 
neue auszudenken. Die Spielfibel läßt Platz zu selbst ausgedachten Arbeiten in Schreiben, 
Zeichnen und Malen. Die vom Kind durchgearbeitete und aktiv benützte Fibel gibt 
dokumentarischen Aufschluß über seine eigenen Tendenzen und fordert das unbewußte 
Aufnehmen von Lesen, Schreiben, Rechnen und Zeichnen. Meng 

Handwörterbuch der psychischen Hygiene und psychiatri- 
schen Fürsorge. Herausgegeben von O. B U M K E-München, G. KOLB- 
Erlangen, H. ROEME Il-IIlenau, E.KAH N-New Haven. Berlin 1931. 

Das Bedürfnis nach einem Handbuch über seelische Hygiene ist in den Kreisen 
der Ärzte, Juristen, Jugendrichter, Lehrer und Eltern seit Jahren vorhanden, vor 
allem in den Kreisen, welche die große Bedeutung der Psychoanalyse und der 
Kinderanalyse für die Neurosenprophylaxe erkennen. Im vorliegenden Handwörter- 
buch sind zahlreiche Probleme einer künftigen psychischen Hygiene und einer 
psychiatrischen Fürsorge durch eine große Anzahl von Fachgelehrten und Prak- 
tikern wissenschaftlich und gemeinverständlich dargestellt. Der Nachweis von 
orientierender Literatur bei den einzelnen Abschnitten über das Sondergebiet und 
seine Grenzgebiete erleichtert weiteres Fachstudium. Für die Leser unserer Zeitschrift 
sind vor allem die Kapitel von Interesse, in denen Funde der Psychoanalyse ver- 
wertet sind. Es seien hervorgehoben die Beiträge von Kretschmer, H.W. M a i e r 
und Mauz. 

Roemer-Illenau weist in dem langen Abschnitt über psychische Hygiene kurz 
auf Freud hin, ohne dem Leser bewußt zu machen, welche Entscheidung die 
Entdeckung Freuds für die neue Wissenschaft brachte: Entdeckung des Unbewußten, 
Fund der Sexualität des Kindes, Beziehung von Neurose und Charakter. In seinem 
Literatirrnachweis fehlt leider jede Angabe über die von Freud und seinen Schülern 
geschaffene Literatur. 

Mauz übernahm die Bearbeitung des Beitrags „Die psychoanalytischen Me- 
thoden«. Der Autor stellt darin, z. T. anlehnend an Veröffentlichungen Kronfelds, 
die Lehre Freuds dar und charakterisiert kurz die Auffassungen von Adler und 
Jung. In seiner Zusammenfassung heißt es u. a.: „Mit den suggestiven und psycho- 
analytischen Methoden allein ist aber vielfach die psychotherapeutische Aufgabe 
nicht erreicht. Sobald sich die Grundlinien des Aufbaus einer Neurose bezw. einer 
Psychose einigermaßen übersehen lassen, müssen der Behandlung aktiv psychagogische 

- 229 — 



Elemente zugesetzt werden, indem der Patient von seinen individuellen Voraus- 
setzungen aus zu den für ihn wichtigen Schlußfolgerungen und neuen Lebenszielen 
hingelenkt wird." Im Literaturnachweis sind über Psychoanalyse die „Gesammelten 
Schriften" Freuds und S c h i 1 d e r s „Medizinische Psychologie" vermerkt. 

Es wäre für die Klärung der Bedeutung der Psychoanalyse für die Probleme der 
psychischen Hygiene wichtig, wenn die einzelnen Forscher, die für oder gegen 
Freud Stellung nehmen, die Aufforderung Freuds beachten würden, nur jene 
Autoren zu den Psychoanalytikern zu zählen, die die Grundpfeiler der psycho- 
analytischen Theorie anerkennen: Annahme unbewußter seelischer Vorgänge, An- 
erkennung der Lehre vom Widerstand und der Verdrängung, Einschätzung der 
Sexualität und des Ödipuskomplexes. Meng 

OTTO TUMLIRZ: Jugendpsychologie der Gegenwart (Philo- 
sophische Forsdiungsberichte Heft 7). Junker und Dünnhaupt Verlag, Berlin, 1930. 

Tumlirz stellt die historische Entwicklung der modernen Jugendpsychologie 
dar. Er wertet die einzelnen Funde unter Heranziehung deutscher, französischer 
englischer und nordamerikanischer Veröffentlichungen und versucht im Abschnitt 
„Aufgaben der Jugendpsychologie" die heutige Problemstellung aufzuzeigen. Er betont 
zwar die Notwendigkeit, die damals bestand, als das Unbewußte für die Psychologen 
noch nicht entdeckt war, sich um das unbewußte Seelenleben zu kümmern, meint 
aber, daß durch die Anerkennung eines unbewußten Seelenlebens die Psychologie den 
festen Boden der Tatsachen aufgegeben hat. In dem Abschnitt „Die Stufen der 
geistigen Entwicklung" heißt es: „Wäre das Buch Hermine H u g - H e 1 1 m u t h s von 
ähnlichen großzügigen Gesichtspunkten geleitet wie die Untersuchungen W. Sterns, 
so hätte dieses als der Beginn der zweiten Forschungsperiode bezeichnet werden müssen. 
Denn auch sie vertritt bestimmte psychologische Anschauungen und wendet sie auf 
die frühe Kindheit an, welche eine starke Strömung der allgemeinen Psychologie 
charakterisieren. Aber abgesehen davon, daß viele Lehren der psychoanalytischen 
Schule Freuds berechtigten Widerspruch gefunden haben, führt gerade die Über- 
tragung dieser Ansichten auf die frühe Kindheit und der Versuch, alle seelischen Er- 
scheinungen dieser Entwicklungsstufe als Äußerungen des Geschlechtstriebes zu deuten, 
zu geradezu grotesken Behauptungen." 

Später wird die Bernfeld sehe Arbeit über die Keifezeit besprochen und her- 
vorgehoben, daß Bernfeld die psychoanalytischen Anschauungen geistvoll und scharf 
herausarbeitet. In der Theorie und Jugendkunde lehnt der Autor die psychoanalytischen 
Theorien im wesentlichen ah. Das Literaturverzeichnis nennt lediglich Arbeiten von 
Freud, Bernfeld und Hug-Hellmuth. Der Haupt wert der Veröffentlichungen 
liegt in den zahlreichen Hinweisen und in der knappen Kennzeichnung der jugend- 
psychologischen Buch- und Zeitschriften- Erscheinungen von P r e y e r bis zur Gegen- 
wart. Zur Kritik der heutigen Einstellung der Jugend-Psychologie zur Psychoanalyse 
ist empfehlenswert, in „Imago" 1927 die Arbeit Siegfried Bernfelds „Die heutige 
Psychologie der Pubertät" zu lesen. Meng 



lllllllllIHIIIIIIIIIIIJ NIMM III Illllllllllllllllllllllllllllll HIHIHI Illllllllim IIIIIIIIIIIIIHIIIIIIÜIIIIIIIII IIIIIHIIIIIIIMIIIIIIIIIll IUI 

Eigentümer, Verleger und Herausgeber für Österreich: Adolf Josef Storf er Wien, I., Börsegasse 11 

(„Verlag der Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik ). 

Verantwortlicher Redakteur: Adolf Josef Storfer, Wien L, Borsegasse 11. 

Druck von Emil M. Engel, Druckerei und Vcrlaesanstalt, Wien, I., In der Börse, 



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C. D. Daly 

HINDUMYTHOLOGIE UND 
KASTRATIONSKOMPLEX 

In Ganzleinen M. 4. 20 

Inhalt: Allgemeines zur Psychologie der Hindu. Kurze Analyse gewisser 
Bestandteile des Hinduismus. Die Rückkehr zu den analen Interessen. 
Ambivalente Einstellung zu den weihlichen Genitalien» Die Göttin Kali. 
Der Kalisymbolismus. Der Penisneid. Die Todesangst der Hindu. Das Un- 
heimliche und das Geheimnisvolle. 



1 

| 

1 
1 



| C. D. Daly 

| DER MENSTRUATIONSKOMPLEX 

In Ganzleinen M. 4. — 

g I n h a 1 1 : I) Eine Erweiterung der psychoanalytischen Entwicklungstheorie. 
Folkloristisches zum Ursprung der Menstruation. Die M. in der Pubertät 

^ und im Leben der Erwachsenen. Das Tabu der Virginität. Die Todesfurcht 

H und ihr Zusammenhang mit dem Menstrualblut. Der Sadomasochismus. 

H Homosexualität und Perversion. — II) Menstruationstabu und Sexual- 
hemmung. Zurückhaltung, Widerwillen und Scham. Das Erröten. Die Ver- 
folgung der Frau durch den Mann. 



Internationaler Psychoanalytischer Verlag 

= Wien I, In der Börse 

1 i 

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I 



I 



Zwei instruktive 
psychoanalytische Krankengeschichten 






RUTH MACK BRUNSWICK 
Analyse eines Eifersuchtswahnes 



In Ganzleinen M. 4. 

* 



RUTH MACK BRUNSWICK 

Nachtrag zu Freuds 
Geschichte einer infantilen Neurose 



In Ganzleinen M. j.Sö 






„Vossische Zeitung": 

Zu den klassischen Krankengeschichten Freuds gehört die „Geschichte einer infantilen 
Neurose", — die Analyse des „Wolfsmanncs", wie sie gemeinhin genannt wird. Dieser 
Patient wurde zweimal von Freud selbst behandelt, kurz vor und kurz nach dem ^"^ge. 
Sein Befinden war dann sechs Jahre leidlich gut, bis er schließlich an einer hypochondri- 
schen Wahnidee neuerlich krank wurde, Freud überwies ihn jetzt an die Analytikerin 
Mack Brunswick, der die Beseitigung jener Wahnideen des Patienten gelang. Die Dar- 
stellung dieser dritten Analyse — die den Versuch einer Deutung des Heihmgs Vorganges 
nicht scheut — ist des Titels, den *ie trägt, würdig- „Ein Nachtrag zu Freuds Ge- 
schichte einer infantilen Neurose". 

Nicht minder aufschlußreich ist „Die Analyse eines Eifersuchtswahnes der 
gleichen Autorin. Auch diese kluge Arbeit zeugt von einem starken therapeutischen "1 em- 
perament Sie enthält ausgezeichnete Traumdeutungen und illustriert das, was Freud als 
das Wesen einer psychischen Bildung erkannt hat, welche rieh in den Grenzen von der 
einfachen Eifersucht his zur paranoischen Wahnbildung zu bewegen pflegt, mit großer 
Klarheit Sie enthält Überdies lehrreiche Beiträge zur aktiven Technik und gewahrt dem 
Leser den besonderen Genuß der Analyse eines literarisch unverbildeten Menschen. 



Internationaler Psychoanalytischer Verlag 

Wien I, In der Börse 



flllllllllllllllllllltlltllllllllltllllllllllllllllllllllKIlllll 



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