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Full text of "Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik V 1931 Heft 4"

ZEITSCHRIFT FÜR PSYCHO- 
ANALYTISCHE PÄDAGOGIK 



V. Jahrgang April 1931 Heft 4 



Zerstört die Psychoanalyse die Naivität? 

Von Dr. Felix Schottlaender, Wien 



Von den vielen Einwänden, die gegen die Psychoanalyse erhoben werden, 
soll hier einer herausgehoben werden, der auf den ersten Blick etwas Be- 
stechendes zu haben scheint. Es handelt sich um die häufig geäußerte 
Befürchtung, die Analyse vernichte durch ihre Methode die „Naivität" 
des Menschen, der sich mit ihr abgibt und veranlasse ihn zu einer un- 
fruchtbaren, unerwünschten, zum mindesten aber übertriebenen Selbst- 
beobachtung. Das Leben mit seinen Ansprüchen — so wird argumen- 
tiert — lasse dem gewöhnlichen Sterblichen gar keine Zeit dazu, sich mit 
sich selbst zu beschäftigen, zwinge ihn vielmehr dazu, sich mit einem 
Minimum von Beflexion mit den Forderungen seiner Umwelt auseinander- 
zusetzen, und das sei gut so, denn nur durch die Unmittelbarkeit der Ein- 
stellung zur Außenwelt sei ein ungebrochenes Handeln und Reagieren ge- 
währleistet, sei außerdem naive Lebensfreude möglich. Umgekehrt werde 
derjenige, dem in einer oft länger als ein Jahr dauernden analytischen 
Behandlung so viel Zeit und Aufmerksamkeit zugewandt wird, nicht mehr 
imstande sein, mit der gleichen Selbstverständlichkeit zu leben und zu 
arbeiten. Er werde, verwöhnt durch die übermäßige Bewertung seiner 
Person, leicht dazu neigen, seinem Selbst grüblerisch nachzuhängen, und 
sich auf Schritt und Tritt in unfruchtbarer, argwöhnischer Kritik auf seinen 
eigenen Wegen nachspüren. 

Wenn wir uns mit diesem Einwand auseinandersetzen wollen, so müssen 
wir uns zunächst darüber klar werden, was man unter Naivität versteht. 
Naivität im weiteren Sinne gilt oft schlechthin als die Eigenschaft, aus 
den eigenen Erfahrungen nicht die notwendigen Lehren zu ziehen. Die- 
jenigen, die der Psychoanalyse die Gefährdung der Naivität vorhalten, fassen 
jedoch — unter dem Eindruck des Schillerschen Gegensatzes Naiv-Sentimen- 
talisch — einen anderen Zug ins Auge: Die Eigenschaft, mit direkter 
Affektbeteiligung auf die Außenwelt zu reagieren, im Gegensatz zum Senti- 
mentalen, dessen Gefühlsauf wand dem Vorgang des eigenen Erlebens, nicht 

Zeitschrift f. psa. Päd., V/4 — J 21 — 



J 



INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



dem Gegenständlichen gilt. Sie sehen in der „naiven" Reaktion auf die 
Außenwelteindrücke jedenfalls etwas Positives, einen Wert, auf den nicht 
ohne Not verzichtet werden sollte. Sie meinen so etwas wie Lebensfröhlich- 
keit damit, eine „gesunde" Einstellung zur Umwelt in dem Sinne, daß 
der Naive ohne langes Zögern auf die von außen auf ihn einströmenden 
Reize und Anforderungen reagiert, ohne üher das notwendige Minimum 
an Reflexion über die eigene Art der Beantwortung dieser Reize hinauszu- 
gehen. Dem Naiven wird in diesem Zusammenhang der Grübler als 
unerwünschter Gegensatz gegenübergestellt: Der Mensch, der nichts tun 
kann, sondern statt dessen darüber nachdenken muß, warum und auf welche 
Weise er so und nicht anders handeln würde, der beständig nicht nur über 
die Motive, sondern auch über die Wirkungen seines Handelns reflektiert. 
Wir erkennen schon, daß sich der Gegensatz zwischen naiv und unnaiv, 
als erwünscht und unerwünscht, aus einem praktischen Bedenken herleitet, 
aus dem Argwohn, daß der Unnaive, der Grübler zu viel Zeit und Kraft 
auf sein Ich verschwende, statt sie der Außenwelt, dem Objekt zuzuwenden. 
Naivität wird in dieser Gegenüberstellung annähernd gleichbedeutend mit 
Schlichtheit und Bescheidenheit, ihr Gegenteil mit Eitelkeit und gesteigerter 
Selbstliebe. 

Das Wort „naiv' hat, wenn wir es einmal aus dem geschilderten Zu- 
sammenhang herausnehmen, eine ziemlich zwiespältige Bedeutung. Es be- 
zeichnet im weiteren Sinne eigentlich nichts anderes, als den kindlichen 
Typ der menschlichen Verhaltungs weise. Was wir in der Kindheit hatten 
und durch unser Älterwerden, die Fahrlichkeiten und Narben der Entwick- 
lung und Reife, verloren glauben, war ja gerade die spontane, von Reflexion 
ungetrübte Einstellung zur Außenwelt: jener Zustand, in welchem wir, un- 
bekümmert um die Folgen unseres Handelns, aber auch ohne Kenntnis von 
ihren innerer Antrieben dahinlebten. Nach lieber Gewohnheit erhöht und 
verklärt sich jener kindliche Zustand in der Erinnerung des Erwachsenen 
zu einer glücklichen Zeit, in welcher es das Leiden noch nicht gab, in 
welcher das Bewußtsein noch unbelastet war von Gefahr und Schuld. Man 
mag zugeben, daß das Kind noch nicht so klug und aufgeklärt war, wie 
der Erwachsene, man nimmt das Stück Torheit gerne in Kauf, eben um 
der Lust willen, die jene Zeit angeblich gebracht hat. Und diese Kindlich- 
keit, so fordern die Anwälte des besprochenen Einwands, darf uns nicht 
verloren gehen. Sie soll, trotz aller schmerzlichen Erkenntnis, die uns das 
Leben brachte, als ein Gut gehütet werden, das, auch im späteren Lehen, 
einige Torheit schon wert ist. 

Wie verhält sich nun der Vorwurf, daß die Analyse jene Naivität zer- 
störe, zu den objektiv nachprüfbaren Sachverhalten, die aus der Beobach- 
tung der „analytischen Situation" hervorgehen? Da wäre zunächst ein sehr 
sonderbarer Widerspruch aufzuklären. Wir kennen die Erscheinung des 
Widerstandes als eine Grundtatsache der analytischen Situation. Der 
Patient, durch die „analytische Grundregel" veranlaßt, seine Einfälle kritik- 

— 122 — 



los und ohne intellektuelle, moralische oder ästhetische Hemmung preis- 
zugeben, verschanzt sich hinter den verschiedenartigsten Personen, Vorstel- 
lungen, Begebnissen, nur um nicht gezwungen zu sein, den Weg zu seinem 
Unbewußten, zu seinen verdrängten Phantasien und Impulsen freizugeben. 
Er benimmt sich also durchaus nicht etwa derart, als ob ihm die Beschäf- 
tigung mit seiner Person in der analytischen Kur angenehm oder erwünscht 
wäre. Im Gegenteil, er sucht sich den Andeutungen, die seine eigenen Ein- 
fälle und Träume enthalten, auch dann noch zu entziehen, wenn sie durch 
die zusammenfassende Deutung des Arztes unbestreitbare Hinweise auf die 
versteckten inneren Zusammenhänge geworden sind. Indem der Analysand 
im Verlaufe der Kur immer weitere Bezirke seines Selbst verstehen lernt, 
in immer engere Beziehungen zur unbewußten Dynamik seines persönlichen 
Denkens, Fühlens und Handelns tritt, erhöht sich — und das ist die zweite 
für uns beachtenswerte Tatsache — sein Interesse für die Außenwelt, für 
den Umkreis der ihm Nahestehenden, aber auch der ihm zufallenden Pflich- 
ten. In der Übertragung auf den Analytiker, die ja zugleich immer ein 
Stück Identifizierung mit diesem ist, lernt er, gerade auf Grund einer ver- 
tieften Selbsterkenntnis, seine gestörten Beziehungen zur Realität fester und 
tragfähiger zu knüpfen. 

Die Gegner der Psychoanalyse gingen von der Voraussetzung aus, dah 
die Beschäftigung mit dem eigenen Ich, die liebevolle und geduldige An- 
teilnahme des Analytikers für die minutiösesten Herzensregungen des Patien- 
ten, diesem ein Anstoß sein müßten, sich nun selber mit erhöhter Auf- 
merksamkeit zu beobachten, nun auch außerhalb der Analysestunde über 
sein Ich zu grübeln, Aber wir müssen sehen, daß diese Voraussetzung falsch 
war. Der Analysand ist vielmehr glücklich, die meist recht peinliche Be- 
gegnung mit sich selber abzubrechen, die ihm in der Analysestunde wider- 
fuhr, und wendet sich erleichtert seinem Alltag zu, mit erhöhtem Interesse 
für die Forderungen, die er bringt. 

So wäre es womöglich gerade umgekehrt, wie die Gegner annahmen. 
Vielleicht wäre es in erster Linie der Unnaive, der Grübelsüchtige, der 
Eitle, der für die psychoanalytische Kur prädestiniert ist, und die Analyse 
wäre' der Weg, von dieser unerwünschten Einstellung mm Leben loszu- 
kommen, die verlorene Naivität, die Bescheidenheit, die festere Bindung an 
die Realität zu erreichen? Das klingt paradox. Können wir wirklich behaup- 
ten, daß ein Patient, der eine analytische Kur glücklich durchlaufen hat, 
naiver wäre, als vor deren Beginn? 

Natürlich ist auch diese Behauptung unrichtig, jedenfalls m so allge- 
meiner Form. Aber etwas Wahres dürfte in ihr schon enthalten sein, jeden- 
falls mehr Wahrheit, als in ihrem Gegenteil. Der Widerspruch löst sich, 
wenn wir uns Rechenschaft darüber geben, womit denn eigentlich der 
Patient sich während der Behandlung so eingehend beschäftigt hat. Es war 
ja gar nicht das eigene „Ich", der Träger des Narzißmus, das in der Kur 
die Hauptrolle spielte. Im Mittelpunkt des Interesses standen vielmehr die 

— 123 — 9' 



Beziehungen des Ich zu den Mächten, von denen es abhängig ist. Die 
doppelte Hörigkeit dieses Ichs wurde entdeckt, die Macht des Un- 
bewußten, des „Es", dessen Einfluß das Ich ausgesetzt ist, und des 
Über-Ichs, das mit seinen überstrengen Geboten die Quelle von mancher- 
lei Leid und Schuldgefühl wurde. Nicht also die befürchtete Erhöhung 
und Vergötterung des Ichs war der Erfolg der analytischen Behandlung, 
sondern umgekehrt die Einsicht in die Schwäche und vielfache Abhängig- 
keit dieses Ichs von Gewalten, die viel mehr als fremde Mächte empfun- 
den werden, als ein Außenstehender dies sich vorzustellen vermag. 

So wird in gewissem Sinne in der Tat ein Stück erhöhter „Naivität* 
durch die Analyse erreicht, wenn wir darunter nur Bescheidenheit 
und aktivere Anerkennung der Realität verstehen. Die Kindertorheit 
allerdings wird preisgegeben. Der Patient lernt verstehen, wie er einerseits 
viel mehr törichtes Kind geblieben war, als er ahnte, und er lernt zugleich 
erkennen, daß jene gepriesene Kindheit, die Zeit der „goldenen Unschuld", 
keineswegs so leicht und heiter war, wie unsere Gegner dies annahmen 
und glauben machen wollten. Wird er nach außen hin, in seiner Einstel- 
lung zum Milieu, naiver und freier, so ersetzt er nach innen, in der Rich- 
tung, aus der die Antriebe seiner Handlungen und Reaktionen stammen, 
die törichte Kindernaivität durch gereiftere Selbsterkenntnis und tut damit 
den entscheidenden Schritt, der verspätet aus dem Reich der Kindheit ins 
Reich des Erwachsenseins führt, vom Lust-Unlustprinzip zum 
Realitätsprinzip. 

lllllllllllllilll,llllll!llll,l[l,llll[llllll,l »l»«' "MI »HIHI! Illlllllllillllllülllllllll ]lllllllllll!INIIIIlll[lllllllll[||||flllll[||]||tl!|g|[||[||i||i|[||J!E|i. 

Der Einfluß des Elternhauses auf die Berufslehre 

Von Dr. Walter Strub, Gewerbeinspektor, Basel 

Zur Orientiemng der Leser der Zeitschrift für Psychoanalytische Pädagogik über 
die Grundlagen dieses Vortrages' und den Rahmen, in dem er gehalten wurde, sei 
einleitend folgendes bemerkt: Das Lehrlingswesen ist in der Schweiz kantonal geord- 
net. Die meisten Kantone haben Vorschriften aufgestellt, nach denen die Lehrverträge 
bei einer kantonalen Amtsstelle hinterlegt und auf ihre Gesetzlichkeit geprüft werden 
müssen. Die Kantone ordnen auch die Lehrlingsprüfungen und unterhalten in Ver- 
bindung mit dem Bunde und den Gemeinden die Berufsschulen. Ebenso haben sie 
Berufsberatungs- und Lehrstellenvermittlungsämter eingerichtet. 

Im Kanton Basel-Stadt ist die Aufsicht über die Ausbildung der Lehrlinge in 
den Lehrbetrieben dem Gewerbe-Inspektorat zugewiesen. Diese Amtsstelle ist die 
Zentralstelle für die Durchführung aller Arbeiterschutzgesetze innerhalb des Kantons. 
Da der Kanton nur aus der Stadt Basel und zwei Dörfern besteht, ist den kantonalen 

1) Er wurde im letzten Winter an einem Elternabend der Kommission für Berufs- 
beratung und Lehrlingsfürsorge in Basel gehalten. 

- 124 — 



Amtsstellen gleichzeitig- auch die sonst den Gemeinden überlassene Einzeldurchführung 
der gesetzlichen Vorschriften übertragen. 

Durch seine „Abteilung Lehrlingswesen" überwacht das Gewerbe-Inspektorat zur 
Zeit die Ausbildung von rund 4000 Lehrlingen und Lehrtüehtern. Als Vorsteher des 
Gewerbe-Inspektorates habe ich in den letzten Jahren mein Hauptaugenmerk auf diese 
letztere Abteilung gerichtet. Es lag mir daran, den Erziehungs- und Ausbildungs- 
schwierigkeiten, welche viele Lehrlinge und Lehrtöchter boten, auf den Grund zu 
kommen, um ihnen wirksamer als bisher begegnen zu können. 

Durch die Schriften von Hans Zulliger hin ich auf die pädagogische An- 
wendung der Psychoanalyse aufmerksam gemacht worden. Ich habe versucht, die 
psychoanalytischen Erkenntnisse auch auf meinem Arbeitsgebiet zu verwerten. Zur 
Technik dieser Anwendung habe ich zu bemerken, daß es sich nicht darum handeln 
kann, das psychoanalytische Heilverfahren durchzuführen. Eigentliche Neurotiker und 
Psychopathen überweisen wir, soweit möglich, dem Arzte. Auch Schwererziehbare 
können wir aus Zeitmangel auf die Dauer nicht behandeln; wir müssen sie anderen 
Amtsstellen zuführen. 

Wir müssen uns damit begnügen, die sozusagen normalen Streitfälle im Lehrver- 
hältnis zu behandeln, wobei uns für den einzelnen Fall nur wenige Stunden zur Ver- 
fügung stehen. Dabei kommt es durchaus darauf an, die seelischen Untergründe der 
vorgebrachten Beschwerden und Klagen rasch zu erfassen und danach seine Maß- 
nahmen zu treffen, damit das Lehrverhältnis ohne weitere Störung verlaufen oder der 
Lehrling seine Lehre anderweitig befriedigend zu Ende führen kann. 

Ein Eindringen in die Tiefe ist weder beabsichtigt noch möglich. Es ist dies aber 
auch nicht notwendig, da oft wenige Hinweise genügen, um dem jungen Menschen 
die Möglichkeit zu verschaffen, seiner abwegigen Haltung Herr zu werden und sich 
der Realität wieder anzupassen. 

Die Kommission für Berufsberatung und Lehrlingsfürsorge veranstaltet jeden Win- 
ter unter Zuziehung der Meisterschaft und der Eltern Vorträge, in welchen Ausbil- 
dungs- und Berufsfragen behandelt werden. Sie sollen namentlich die Eltern der im 
Frühjahr aus der Schule tretenden Jugend über diese Fragen aufklären. 

In meinem Vortrag habe ich deshalb fachtechnische Ausdrücke vermieden. Es galt 
lediglich, den Eltern und Lehrmeistern zu zeigen, welche Möglichkeiten in einer 
richtigen Beeinflussung der Jugend liegen, und das Vertrauen der Eltern in unsere 
Fürsorge sowie das der Meisterschaft in unsere Maßnahmen zu stärken. 

Der Vortrag lautete: 

Ich möchte heute zu Ihnen über einige Erfahrungen sprechen, die ich 
in meiner Tätigkeit auf dem Gewerbe-Inspektorat in Bezug auf das Ver- 
hältnis der Berufslehre zum Elternhause gemacht habe. 

Sie werden vielleicht denken, das Gewerbe-Inspektorat als offizielle Amts- 
stelle, die sich mit der Ausbildung der Lehrlinge in den Betrieben zu be- 
fassen hat, sollte sich darauf beschränken, die Lehrlingsausbildung in den 
Betrieben und vielleicht noch in der Schule zu überwachen, und sich nicht 
in die häuslichen Verhältnisse der Lehrlinge einmischen. Es könne nur 
zu einer Zersplitterung der Kräfte führen, wenn eine Behörde über ihre 
Aufgabe hinaus geht und sich mit Gebieten befaßt, die Sache einer anderen 
Behörde, in unserem Falle der Schule oder der Vormundschaft sind. 

— 125 — 



Ich möchte diesen Einwänden mit dem Hinweis begegnen, daß wir wohl 
die Arbeitsgebiete in bestimmter Weise von einander trennen können. Wir 
müssen uns aber bewußt bleiben, daß es sich immer um ein und dieselbe 
Person handelt, und es ist gewiß wenig wahrscheinlich, daß diese Person 
bei sich selber die gleiche Trennung nur deshalb vorgenommen hat, weil 
der Staat verschiedene Arbeitsgebiete abgeteilt und verschiedene Behörden 
für ihre Behandlung eingesetzt hat. Unter dem Gebot der Stunde, der 
Rationalisierung, treiben wir die Arbeitsteilung, welche mit dem Beginn 
der kapitalistischen Produktionsweise aufgekommen ist, immer weiter. Wir 
dürfen aber nicht vergessen, daß wir zwar Arbeitsmethoden und Maschinen 
immer weiter spezialisieren können, daß wir aber fehlgehen, wenn wir 
glauben, einen Menschen wirklich erfassen und beeinflussen zu können, wenn 
wir alle seine Beziehungen zur Außenwelt abteilen und voneinander isolieren. 

* 

Das Gewerbe- Inspektor at hat nebst anderen Aufgaben die Durchführung 
des kantonalen Lehrlingsgesetzes in Verbindung mit dem Lehrlingspatronat 
und seinen Subkommissionen zu besorgen. Das Lehrlingsgesetz bezweckt 
die Hebung der beruflichen Ausbildung der gewerblichen, industriellen und 
kaufmännischen Lehrlinge und Lehrtöchter. Mit der Aufnahme des Grund- 
satzes der Handels- und Gewerbefreiheit in die Bundesverfassung wurde die 
Ausbildung des beruflichen Nachwuchses dem freien Spiel der Kräfte über- 
lassen. Die Folgen waren keine günstigen. Das durchschnittliche Ausbildungs- 
niveau ging sehr stark zurück, so daß zu Beginn dieses Jahrhunderts über- 
all Bestrebungen in Gang kamen, um durch Erlaß von Lehrlingsgesetzen 
die Berufsausbildung wieder zu heben und den heutigen Bedürfnissen an- 
zupassen. Der Zweck des Gesetzes war also in erster Linie, die Ausbildung 
in den Betrieben zu heben, die Meisterschaft zu veranlassen und anzu- 
spornen, der Lehrlingsausbildung vermehrte Aufmerksamkeit zu schenken. 

Je mehr im Laufe der Jahre diese Absicht erreicht werden konnte, desto 
mehr mußte ein zweiter wichtiger Faktor in der Lehrlingsausbildung her- 
vortreten, nämlich das Verhalten der Lehrlinge selber der Berufslehre gegen- 
über. Alle Verbesserungen der Berufslehre können scheitern, wenn ein 
Lehrling überhaupt ungeeignet ist, wenn er keine Fähigkeiten für den zu 
erwerbenden Beruf besitzt, wenn ihm die Neigung fehlt, gerade diesen Be- 
ruf zu erlernen, wenn es ihm unmöglich ist, sich in eine Arbeitsorganisation 
einzufügen, wenn es ihm an Ausdauer, gutem Willen und sozialer An- 
passungsfähigkeit fehlt. Die Lehrlingsbehörden wurden deshalb mehr und 
mehr vor die Frage gestellt, was soll mit denjenigen Lehrlingen geschehen, 
die aus körperlicher und namentlich aus seelischer Nichteignung in einer 
Berufslehre scheiterten oder zu scheitern drohten. 

Wenn wir uns die Aufgabe leicht machen wollen, so beantworten wir 
die erwähnte Frage damit, daß wir sagen, wir bringen den jungen Mann 
in eine andere Stelle und probieren, ob er dort besser hinpaßt, als in die 
bisherige. Ein Schlagwort unserer Zeit heißt ja: Der rechte Mann an den 

- 126 — 



rechten Platz! Sie wissen aber, es besteht daneben eine weitverbreitete und 
nicht ganz unbegründete Meinung, man solle eine angefangene Lehre, wenn 
irgend möglich, zu Ende bringen und die Lehrstelle nicht wechseln. 

Diese auseinandergehenden Anschauungen wirken sich bei Schwierig- 
keiten im Lehrverhältnis, die sich aus dem Verhalten des Lehrlings oder 
vielleicht auch aus dem gegenseitigen Verhalten von Lehrmeister und 
Lehrling ergeben, dahin aus, daß man zu allen erdenklichen Mitteln und 
Auswegen greift. Der eine Lehrmeister löst das Lehrverhältnis kurzer Hand 
auf; ein anderer versucht mit oder ohne Zustimmung der Eltern des 
Lehrlings mit drakonischen Mitteln, mit Bußen und Ohrfeigen die Zwistig- 
keiten zu seinen Gunsten zu entscheiden. Wieder ein anderer beginnt die 
Ausbildung des Lehrlings zu vernachlässigen. Er beschäftigt ihn vielleicht 
als Handlanger und hat noch den Vorteil, für diese Arbeit nur den Lehrlings- 
lohn bezahlen zu müssen. Wieder ein anderer versucht, die Mithilfe der 
Eltern heranzuziehen und bemüht sich ehrlich, für den jungen Mann oder 
die junge Tochter einen Lebensweg suchen zu helfen, der gangbarer sein 
mag, als der zuerst eingeschlagene. Einige Meister und einige Eltern gehen 
zu den Behörden und fragen sie um Rat, was in dieser Sache zu tun sei. 
Vielleicht wollen sie auch nicht gerade einen Rat holen, sondern nur eine 
Beschwerde vorbringen, in der Hoffnung, daß dann die Behörden eine Ent- 
scheidung fällen, die sie selber nicht verantworten mögen. 

Wenn wir alle Ursachen, die Anlaß zum Scheitern eines Lehrverhält- 
nisses geben können, durchgehen, wenn wir die beanstandete Aufführung 
der Lehrlinge näher betrachten, so muß es uns auffallen, daß es sich durch- 
weg um die äußeren Erscheinungen des Verhaltens der Lehrlinge handelt. 
So werden Klagen vorgebracht, der Lehrling sei unaufmerksam oder frech 
oder faul oder unhöflich oder lügenhaft oder vorwitzig oder gleichgültig 
usw. usw. Die Abhilfe, die gewünscht wird, beschränkt sich dem gemäß 
darauf, daß wir diese Erscheinungen zurückdrängen sollen, wobei etwa deT 
Wunsch ausgesprochen wird, wir sollen den jungen Mann gehörig ins Ge- 
bet nehmen, damit er sich bessere. 

Nicht gerade selten kommt auch der umgekehrte Fall vor. Der Lehrling 
oder die Eltern beklagen sich über den Lehrmeister, und wenn wir diesen 
zur Rede stellen, dann überhäuft uns der Meister oder die Meisterin mit 
Klagen über das Verhalten des Lehrlings oder der Lehrtochter, und die 
Rechtfertigungen laufen alle darauf hinaus, daß es eben einmal notwendig 
geworden sei, einzugreifen und dem Lehrling den Standpunkt klar zu machen. 
Ich möchte Ihnen aus der Praxis eine Anzahl solcher Fälle mitteilen, damit 
Sie sehen, wie ungefähr die Sache sich abspielt und in welchen Umständen 
manchmal die tieferen Gründe zum Verhalten des Lehrlings zu suchen sind. 

* 
Wir erhielten eines Tages folgendes Schreiben: 

„Soeben erkielt ich wiederum eine Hiobsbotschaft von meinem Sohne, die 
dritte seit seiner Lehre. 

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Es scheint mir, daß in Basel traurige Zustände herrschen, daß ein Meister 
zu wiederholten Malen Lehrlinge, die das 1$. Jahr überschritten haben, ohrfeigen 
dürfe. Wenn mir der Vater des Lehrmeisters gesagt hätte, daß er sein Geschäft 
seinem 24jährigen Sohne übergeben würde, ick in eine Lehre nie eingewillt hätte. 
Ersuche um eine kategorische Erledigung, eventuell Entschädigung und Auf- 
hebung des Lehrvertrages." 

Diesem Schreiben des Vaters lag folgende Postkarte des Sohnes zugrunde: 

»Lieber Vater, sei so gut und komme am Sonntag nach Basel, Erwarte Dich 
dringend betreffs wegen der Lehre, da mich der Lehrmeister viermal ohrfeigte 
und ich nun kolossale Schmerzen am Ohre habe. Werde Dir alles dann persön- 
lich erzählen. Am Samstag werde ich mich auf das Gewerkschaftsbureau begeben 
betreff Übertretung der Arbeitszeit und Lehrlingsmißhandlung. Ich werde gegen 
ihn gerichtlich vorgehen und werde eine Schadenersatzsumme verlangen. Also 
erwarte ich Dich am Sonntag ganz bestimmt, damit, daß Du eine mündlüzhe 
Unterredung mit mir halten kannst. Viele Grüße! Traugott." 

Aus beiden Schreiben muß man den Eindruck gewinnen, daß die Sache 
sehr ernst ist und ganz unhaltbare Zustände bestehen, zumal auch schon 
früher Klagen eingegangen sind, der Lehrling habe Ohrfeigen bekommen 

2 1 Tf i 6 f r f ° rt MeiSt6r Und Lehrll *£ zu uns Len. Dabe 
stellt sich folgendes heraus: 

Der Lehrling hatte in Abwesenheit des Meisters eine Prügelei mit der 

H /^T , L ? dent ° chter und dem Küchenmädchen. Der MeiLr berichtet 
Lb\ I mg , SCh ° n "^ eiDer f -heren Ladentochter ständig Streit I 
habt habe. Als diese ausgetreten war und eine neue kam, begannen !ie 
Streiterei bald von neuem. Auch mit der Köchin kam es häufig zu u" 
hebsamen Auftritten. Die jetzige Ladentochter werde in ein pafr TaZ 

austreten, zum Teil wegen der Streitsucht des Lehrlings. Wäre'dies nich" 
der Fall, so hatte den ^^ ^ ^ ^^ y ^ ^ * 

Der Lehrling sei dabe, nämlich derart wütend geworden, daß er das ab- 
wehrende Kuchenmädchen mit Fäusten bearbeitet habe. Als der Meister 
von seinem Ausgang zurückkehrte, habe man ihm von der Sache erzählt 
Er gehe zu, daraufhin dem Lehrling einige Ohrfeigen verabfolgt zu haben" 
Die Darstellung des Meisters gab der Lehrling in der Hauptsache zu' 
Er werde eben immer gegenüber dem weiblichen Personal zurückgesetzt" 
müsse alte Brötchen essen, wenn die anderen Angestellten übrig gebliebene 
Kuchen und Konditoreiwaren erhalten; wogegen der Meister erklärte, das 
geschehe jedesmal dann, wenn sich der Lehrling ungebührlich aufgeführt 
habe. Trotzdem der Lehrling die Lehrzeit schon in vier Wochen beende, 
werde er ihn sofort entlassen, wenn noch das Geringste vorfalle. 

Der Lehrling schien einzusehen, daß sein Verhalten gegenüber den weib- 
lichen Mitangestellten nicht in Ordnung sei. Es ist auch tatsächlich nicht 
die Aufführung eines normalen 19jährigen Jünglings gegenüber dem weib- 
lichen Geschlecht. Das Alter liegt im allgemeinen früher, in welchem der 
angehende Mann mit den weiblichen Gefährtinnen Streit sucht, weil er sie 

— 128 — 



aus einer inneren Angst vor dem Versagen zurückweist und seiner Männ- 
lichkeit noch nicht sicher ist, sie aber nach außen umsomehr betonen muß. 
Mit ig.lahren sind normalerweise die Flegelj ahre vorbei. Als ich sah, daß 
der Lehrling beim Hinausgehen zögerte, als ob er mir noch etwas mittei- 
len wolle, was der Meister nicht hören dürfe, hielt ich ihn zurück und 
veranlaßte ihn noch einmal zu einer Aussprache. Ich fragte, ob er auch 
schon mit jüngeren Personen weiblichen Geschlechts, außer den Angestell- 
ten im Lehrgeschäft, Streitigkeiten gehabt habe. Er konnte sich auf nichts 
besinnen. Schließlich fragte ich ihn darnach, ob er Schwestern habe. 
Er bejahte und erklärte auf weiteres Befragen, daß er namentlich 
mit der einen, die um ein Jahr jünger sei, häufig Streit 
gehabt habe. Der Vater bevorzuge sie, während er immer zurückgesetzt 
werde. Die Schwester sei jetzt in einem Institut in Paris, das kränke ihn 
zwar nicht besonders, aber er sei überzeugt, daß der Vater ihr immer mehr 
zuhalte als ihm. 

Auf die Frage, ob er dann nicht von der Mutter etwas bevorzugt worden 
sei, antwortete er nach einigem Zögern; das schon, aber doch nicht so wie 
der Vater seine Schwester ihm immer vorangesetzt habe. 

Als er sein Herz über die Benachteiligung zu Hause ausgeschüttet hatte, 
fragte ich ihn, ob ihm an seiner Darstellung nichts aufgefallen sei. Er sah 
mich erstaunt an, konnte aber die auffallende Parallele, zwischen den Klagen 
über seine Schwester und denen über die Verkäuferinnen, nicht herausfinden. 
Als ich ihm aber sagte, es sei doch eigentlich merkwürdig, daß er vorher 
genau dieselben Ausdrücke über Zurücksetzung und Bevorzugung gebraucht 
habe, wie bei seiner Erzählung von der Schwester, stellte sich eine gewisse 
Überraschung ein. Ich empfahl ihm zu überlegen, ob er es nicht mit 
seinem Verhalten im Geschäft geradezu darauf abgesehen habe, die Ver- 
hältnisse von zu Hause ins Geschäft zu übertragen. Nach dem, was vorhin 
der Meister erzählt habe, sei er, der Lehrling, selber derjenige, der den 
Meister veranlaßt, ihn zurückzusetzen. Der Meister hatte doch an sich 
keinen Grund gehabt, ihn anders zu behandeln, als das übrige Personal. 
Erst dadurch, daß er sich gegenüber dem weiblichen Personal habe Unge- 
hörigkeiten zu Schulden kommen lassen, sei der Meister dazu gekommen, 
ihn im Essen anders zu behandeln als die Verkäuferin. Das Gefühl zurück- 
gesetzt zu sein sei ein von ihm gewolltes gewesen, denn er habe damit 
einen Vorwand bekommen, sich dem weiblichen Personal gegenüber erst 
recht ungehörig benehmen zu können. Der Lehrling wurde auch darauf 
aufmerksam gemacht, daß er den Konflikt mit seiner Schwester nun end- 
gültig überwinden müsse. In Wirklichkeit sei ja die Ursache zu diesem 
Konflikt schon längst nicht mehr vorhanden. Die Kinderstube mit ihren 
gegenseitigen Eifersüchteleien sollte jetzt hinter ihm liegen, jedenfalls sei 
es für ihn eine ganz unmögliche Einstellung zum Leben, wenn er diese 
Kindheitserlebnisse in alle seine Erwerbsstellungen hineintrage und überall 
anstoße und unter Umständen seine Stelle verlieren werde. 

- 129 - 



Nach längerer Rücksprache sah der Lehrimg diese Zusammenhänge ein. 
Die Folge davon war, daß er die letzten Monate seiner Lehrzeit ohne irgend- 
welche Beschwerden absolvieren konnte. 

Schon dieses eine Beispiel mag Ihnen zeigen, wie sehr das Verhalten 
eines Lehrlings verknüpft sein kann mit den Verhältnissen im Elternhause. 
Wir müssen erkennen, daß der Lehrmeister mit seiner Bestrafung des 
Lehrlings gerade das Gegenteil von dem erreicht hat, was er beabsichtigte 
zu erwirken; statt dh| Reibungen zu vermindern, hatte er dem Lehrling 
erst recht das Gefühl der Zurücksetzung beigebracht und ihn veranlaßt, 
in immer heftigerer Weise die Minderwertigkeitsgefühle abzureagieren. 

Sie denken vielleicht, ich sei der Ansicht, der Lehrmeister hätte mehr 
erreicht, wenn er die Händel des Lehrlings geduldet hatte, wenn er ihm 
in aller Liebe und Freundschaft zugeredet hätte, doch etwas anständiger 
zu sein gegenüber dem weiblichen Personal, wenn es der Meister nicht 
auf einen offenen Konflikt hätte ankommen lassen. 

Ich muß Ihnen gestehen, daß ich auch diese Ansicht nicht teilen kann. 
Liebe und Strafe können Erziehungsmittel sein. Sie 
müssen es aber nicht, unter Umständen bleiben sie bloße Dressurmittel. 
Erziehungsmittel sind sie dann, wenn der Zögling die innere Möglichkeit 
hat, aus der Anwendung dieser Mittel bei sich selber eine Gesinnungs- 
änderung hervorzurufen. Sie werden mir vielleicht sagen, diese Möglich- 
keit hat man immer, wenn der gute Wille da ist. Ich muß dies bestreiten 
und will es gerade an Hand des vorliegenden Beispieles beweisen. 

Wir müssen uns vor allen Dingen vergegenwärtigen, daß wir unsere 
Erziehungsmittel in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle auf Grund der 
Symptome, die uns auffallen, in Anwendung bringen. Wir pflegen so zu 
erziehen, wie man in früheren Zeiten Kranke heilen wollte und wie man 
es manchmal auch heute noch tut. Man bekämpft die Symptome, die äußere 
Auswirkung der Krankheit, weil man die tieferen Ursachen nicht kennt. 

Im vorliegenden Falle hat der Lehrmeister ein Symptom behandelt. Er 
hat die Auswirkung einer inneren Einstellung des Lehrlings mit Strafe 
kurieren wollen. Solange diese Strafe an den eigentlichen Erscheinungen, 
an der Ruppigkeit, an der Streitsucht des Lehrlings hängen blieb, mußte 
sie erfolglos bleiben. Genau so erfolglos wäre auch eine liebevolle Behand- 
lung dieses Symptoms geblieben. Beide Methoden konnten die unbewußte 
Quelle zur Streitsucht, die Eifersucht gegenüber seiner Schwester, nicht 
treffen. Da gab es nur eine Methode, den Jüngling von seiner Streitsucht zu 
befreien, die nämlich, die Quelle dieser unsinnigen Einstellung aufzudecken. 

Man könnte den Ursachen zum Verhalten des Lehrlings noch weiter 
nachgehen. Um nicht zu ausführlich zu werden, will ich darauf verzichten. 
Es dürfte aber die Tatsache nicht ohne Bedeutung sein, daß die Schwester 
nur ein Jahr jünger ist als der Lehrling. Geschwister, die so nahe auf- 
einander folgen, sind häufig mit einander verzankt. Auch die Eifersucht 
läßt auf allerhand schließen. Wo Eifersucht ist, ist auch Liebe. Eifersucht 

- 130 — 



und Haß sind häufig Abwehrmittel gegen eine Liebe, die man nicht wahr 
haben will oder wahr haben darf. Der Fall ließe sich somit in psycho- 
logischer Hinsicht noch nach verschiedenen Richtungen näher untersuchen 
und deuten. Für uns ist aber vor allem der Hinweis wichtig, daß wir an 
einem besonders einfachen Beispiel erkennen können, wie sehr die Ver- 
hältnisse im Elternhaus auf das Verhalten des Lehrlings in der Lehre ein- 
wirken. Dabei handelt es sich hier sozusagen um normale Zustände zu 
Hause,* und trotzdem konnten sie nach der Veranlagung der einzelnen Be- 
teiligten beinahe das Scheitern eines Lehrverhältnisses bewirken. 

Wenden wir uns nun einigen anderen Fällen zu. 

Ein Lehrling erscheint mit seiner Mutter auf unserem Bureau und be- 
richtet uns, er werde von den Vorarbeitern und Arbeitern immer schikaniert, 
müsse sehr viel auslaufen und Karren schieben, altes Material verlesen, auf- 
räumen und andere Dreckarbeiten machen. Der Lehrling erklärt, er habe 
heute zum Protest die Arbeit verlassen. Er wird angewiesen, sie wieder auf- 
zunehmen und abzuwarten, bis die Fachkommission die Angelegenheit unter- 
sucht habe. Diese berichtet uns: 

„Unsere Besprechung in Gegenwart des Lekrmeüters, des Lehrlings und eines 
Arbeiters hat ein wesentlich anderes Bild ergeben, ah sich aus der alleinigen 
Darstellung des Lehrlings entnehmen ließ. 

Der Bursche leidet offenbar unter dem von ihm gefaßten Vorurteil, man möge^ 
ihn im Geschäft nicht leiden. Er ist auch überaus empfindlich und wird bei 
einem ihm vermeintlich angetanen Unrecht sofort steckköpfig. 

Er zeigt auch den Fehler, daß er sich für alle im Beruf eben vorkommen- 
den Nebenarbeiten, wie Rohrschellen oder Dübel eingipsen, Hanf von den Lei- 
tungen entfernen, Werkzeug an der Arbeitsstelle zusammenhalten, zurückgebrach- 
tes Material oder Werkzeug versorgen usw., für zu gut hält. Der Lehrmeister 
und der Arbeiter haben verschiedene solche Fälle angeführt, die der Lehrling 
nicht bestritt. So soll es vorgekommen sein, daß der Lehrling an einer Arbeits- 
stelle bis zu acht Benzin- und Gipsgefäße liegen hatte, da er zu bequem war, 
des Abends das leere Gefäß in die Werkstatt zum Füllen zu bringen. Er holte 
einfach am Morgen jeweilen ein anderes Gefäß, bis keine mehr in der Werk- 
statt waren. Auch verschiedenes Werkzeug wurde gezeigt und erwähnt, das der 
Lehrling zugegebenermaßen an verschiedenen Orten liegen gelassen. 

Wenn der Lehrling nun von seinem Meister oder von Arbeitern auf das Un- 
zulässige seines Tuns aufmerksam gemacht und getadelt wurde, so empfand er 
dies als persönliche Beleidigung und Schikane. Sein etwas unlenkbares und steck- 
käpßges Wesen zeigt sich z. B. auch darin, daß er trotz Ihrer Anweisung am 
Montag nicht zur Arbeit gegangen ist. 

Wir haben nun die Angelegenheit derart geschlichtet, daß der Lehrling am 
;. seine Arbeit wieder aufgenommen hat, um seine Lehrzeit vollends auszudienen. 

— 131 — 



Er hat versprochen, sich Muhe geben zu wollen und den Anordnungen des 
Meisters zu gehorchen. 

Auch der Lehrmeister gab die Zusicherung, daß er in Zukunft auf den etwas 
heiklen Charakter des Burschen möglichst Rücksicht nehmen wolle." 

Auffallend an diesem Bericht ist vor allem die Bemerkung, daß der Lehr- 
ling mit einem gewissen Vorurteil behaftet sei. Es ist in einem solchen 
Falle wichtig, der Ursache einer derartigen Einstellung zum Lehen nach- 
zugehen und sie wenn möglich zu beseitigen. Gelingt dies nicht, so wird 
der junge Mann trotz allen ungünstigen Erfahrungen nicht belehrt, son- 
dern immer mehr in seine Trotzeinstellung hineingetrieben. Ich ließ des- 
halb den Lehrling kommen und versuchte, dem Ursprung seines Verhaltens 
nachzugehen. Der Lehrling berichtete mir, daß er vor allen Dingen gegen- 
über seinen Nebenlehrlingen zurückgesetzt werde, Seine Verfehlungen gab 
er im allgemeinen zu, glaubte ihnen aber keine besondere Bedeutung bei- 
messen zu sollen. Namentlich aber betonte er, daß der gleichaltrige Neben- 
lehrhng dieselben Fehler begehe, ohne aber dafür derart getadelt und gemäß 
regelt zu werden wie er; im Gegenteil übersehe man bei diesem solche 
Unzuksngkeiten. Aus diesem Verhalten ersehe er, daß man es auf ihn ab- 
gesehen habe. 

Wenn ich einen großen Spiegel im Bureau gehabt hätte, hätte ich den 
anghng davor gestellt, ihm gesagt, er solle sich einmal recht gut von oben 
tn F n T T l Und Sich da ™ f -gen, ob dieser junge Mann wirklich 
d n Eindruck erwecke, man könne ihn derart schikanieren, wie er es m Tr 
darstellte. Es stand nämlich ein großer und ungewöhnlich gut gewachsener 
Mensch vor mi r ein Bursche wie geschaffen zu innere/selLicherhei 
und emdrucksvollem Auftreten, und ausgerechnet dieser junge Mensch ver- 
suchte mir we 1S zu machen, er sei verfolgt 

Um der Sache auf den Grund zu kommen, fragte ich ihn, ob er dieses 
Gefühl benachteiligt zu werden, schon lange habe oder ob es ihm erst 
m der Lehre bewußt geworden sei. Nach einigem Hin und Her, das ich 
Ihnen aus Zeitmangel nicht ausführlich wiedergeben will, stellte sich heraus 
daß der Junge mit etwa vier Jahren seinen Vater verloren 
hatte. Seitdem läuft er mit dem Gefühl, benachteiligt zu sein, herum 
Überall setzt er voraus, daß man den Mangel eines Vaters ihm gegenüber 
ausnützen wolle. Sie kennen ja die Bubenrenommierereien, die damit zu 
enden pflegen, daß der Knabe mit Nachdruck davon spricht, sein größerer 
Bruder werde den andern dann schon verhauen, oder sein größerer Bruder 
sei noch ein ganz anderer Kerl als sein Gegner, er werde es ihm zeigen. 
Dieses Bedürfnis der Anlehnung zeigt das Schwächegefühl und das damit 
verknüpfte Minderwertigkeitsgefühl des Kindes. Kinder, die ohne 
Vater aufwachsen, die womöglich von den Kameraden und Kameradinnen 
deshalb gehänselt und geneckt, wenn nicht benachteiligt werden, können 
für ihr ganzes Leben geschädigt werden, obgleich die Tatsache selber, 
daß kein Vater vorhanden ist, mit den Jahren bedeutungslos wird. Was aber 

- 132 — 



weiter wirkt und immer wieder schlimme Folgen zeitigt, ist das Gefühl 
der Benachteiligung und das daraus abgeleitete Gefühl der eigenen Unzu- 
länglichkeit. Wie sich dieses auswirken kann, zeigte gerade der vorlie- 
gende Fall. 

Statt die Ermahnungen des Lehrmeisters zu Herzen zu nehmen und sich 
zu sagen, daß die Lehre für ihn umso vorteilhafter ist, je mehr er sich an 
Zuverlässigkeit und Umsicht gewöhnt, erblickt dieser Lehrling in allen Maß- 
nahmen nur einen Ausfluß der Welt, die ihm von jeher übel gewollt hat. 
Die Einsicht, daß er in Wirklichkeit nur dann benachteiligt wäre, wenn 
ihm der Meister alle Nachlässigkeiten durchgehen ließe, kommt diesem der- 
art unglücklich eingestellten jungen Menschen überhaupt nicht. Erst als 
ich ihm die Zusammenhänge mit seinen früheren Lebensschicksalen klar 
machte, konnte ich dem jungen Mann diese Einsicht vermitteln. 

Aus diesem Falle ließen sich noch eine Reihe ps3^chologischer Zusammen- 
hänge herausheben. Ich möchte aber an dieser Stelle nur noch auf einen 
Punkt hinweisen. Man darf nämlich annehmen, daß das ganze Verhalten 
des Lehrlings, also auch seine Nachlässigkeit, aus dem unbewußten Wunsche 
hervorgegangen ist, benachteiligt zu werden. Er provozierte geradezu den 
Meister und die Arbeiter zu ihrem Verhalten. Es war ihm ein Bedürfnis 
geworden, sich immer und immer wieder bestätigen zu lassen, daß er be- 
nachteiligt werde. Selbstverständlich handelt es sich nicht um eine bewußte 
Absicht. Aber es ist schon so, daß Menschen, die begonnen haben, mit 
sich selber Mitleid zu haben, aus diesem Gefühl eine derartige Befriedigung 
erzielen, daß sie die gegebenen Situationen immer und immer wieder her- 
vorrufen müssen. Allen Müttern, welche sich nicht genug darin tun 
können, ihre Buben bei jedem geringfügigen Zusammenstoß mit dem 
Leben zu bemitleiden und zu trösten, und glauben, die Härte des Vaters 
durch Verhätscheln ausgleichen zu müssen, leisten ihren Söhnen für das 
spätere Leben den denkbar schlechtesten Dienst. Ist einmal der Genuß am 
Bemitleidet- wer den erweckt, so ist es nur ein kleiner Schritt, an die Stelle 
der Mutter sich selber zu setzen; dieser Schritt ist umso verhängnisvoller, 
als man selber immer dabei ist, während die Mutter nur gelegentlich zum 
Bemitleiden zur Verfügung stehen kann. 

Übrigens soll damit nicht gesagt sein, daß nicht auch dasselbe Verhält- 
nis zwischen Mutter und Tochter und zwischen Vater, Sohn und Tochter 
sich einstellen kann. 

In unserem Falle konnte ich erreichen, daß der Jüngling von der Unter- 
redung an im Geschäft zufriedenstellender gearbeitet hat, und er hat nun 
auch die Abschlußprüfung mit der Note „Gut" bestanden. Als kleines Nach- 
spiel der geschilderten Vorgänge sei noch erwähnt, daß bei dieser Prüfung 
der Lehrmeister vergessen hat, dem Lehrling die Aufforderung zur Prüfung 
rechtzeitig zu übergeben. Dieser kam deshalb zwei Stunden zu spät und 
wurde nach Hause geschickt. Wir veranlaßten aber, daß er nachträglich 
besonders geprüft wurde, Das Vergessen des Lehrmeisters zeigt, daß er das 

— 133 - 



Verhalten des Lehrlings noch nicht überwunden hatte; die Tendenz, den 
Lehrling zu vernachlässigen, darf unbedenklich als Folge des Ärgers bewertet 
werden, den der Lehrling dem Meister während der Lehre bereitet hat. 
Man darf daraus schließen, daß der Meister seinerseits schon während der 
Lehre, gereizt durch das neurotische Verhalten des Lehrlings, diesem wirk- 
lich Gelegenheit gegeben hat, sich über Vernachlässigung zu beklagen. Wir 
erleben es sehr häufig, daß eine neurotische Haltung des Lehrlings eine 
entsprechende, oft neurotische, unbewußte Reaktion beim Meister auslöst. 

Dieser Vorgang, dieses Zusammenspiel unbewußter Tendenzen dürfte 
übrigens den meisten affektbetonten Konflikten zweier Personen, sei es 
zwischen Ehegatten, sei es zwischen Eltern und Kindern, sei es zwischen 
Lehrer und Schüler usw. zugrunde liegen. Wir wollen daraus schließen, 
daß der Fehler in solchen Fällen nicht einseitig beim schwächeren Teil zu 
suchen ist, daß es vielmehr Aufgabe des stärkeren Teils und vor allem der 
Erwachsenen sein muß, bei sich selber nachzuforschen, wo die eigene innere 
Quelle des Konfliktes sitzt. 

Ich habe bei meinen Fällen mehrfach erlebt, daß sich die Verhältnisse 
in einem Lehrbetrieb erst dann besserten, als ich den Lehrmeister in Be- 
handlung genommen hatte, und gelegentlich mußte ich auch noch die 
neurotische Haltung seiner Frau zu beeinflussen versuchen. Im vorliegen- 
den Falle ist es klar, daß das Vergessen des Lehrmeisters mit seinen Folgen 
im Lehrling das Gefühl des Benachteiligtwerdens noch einmal in stärkstem 
Maße aufrütteln mußte. Er hat aber diese Attacke ohne große Schwierig- 
keiten überwunden. 

Haben wir in den vorhergehenden Fällen einen Grobian und einen Trotz- 
kopf kennengelernt, so wollen wir uns nunmehr einem Dieb zuwenden. 
Wir lernten den Lehrling in einer Ferienkolonie kennen. Er fiel dem Be- 
gleiter schon bei der Hinreise durch sein wichtigtuerisches Gehaben auf. 
Er renommierte damit, wie er mit Kleinigkeiten andere hineingelegt habe. 
Er versuchte auch, den Anschein zu erwecken, sein Taschengeld verloren 
zu haben, um auf diese Weise vom Führer Geld zu erhalten, das er in 
Schokolade und dergleichen Dingen anlegen wollte. Als ihm das Geld ver- 
weigert wurde, stellte es sich heraus, daß er trotzdem im Stande war, aller- 
hand unnötige Dinge zu kaufen. 

Der Aufenthalt in der Ferienkolonie verlief ohne besondere Klagen, jedoch 
meldete uns der Meister im darauffolgenden Winter, daß er den Lehrling 
nicht mehr behalten wolle. Er sei unaufmerksam, widerspreche, gebe sich 
nur Mühe, wenn man ihm zuschaue. Es komme ihm auch nicht darauf 
an, dem Meister Schaden zuzufügen. 

Der Lehrling lebte zu dieser Zeit in einem Heim. Auch dort erklärte 
man uns, daß man sehr viel Geduld mit ihm haben müsse. Der Lehrling 
scheine sich aber Mühe zu geben, sein Verhalten zu ändern. Er sei jetzt 
einer Pfadfindergruppe beigetreten und strebe sehr darnach, dort eine Rolle 
zu spielen. 

- 134 - 



Einige Zeit später meldete uns das Heim, in welchem der Lehrling 
untergebracht war, daß ein kleines Warenlager gefunden worden sei, das 
unser Lehrling angelegt habe. Ich begab mich sofort in das Heim, wo 
mir eine krause Sammlung aller möglichen Gegenstände gezeigt wurde. 
Der Lehrling gestand, einen Teil davon bei der Arbeit entwendet zu haben. 
Andere Gegenstände wollte er gefunden haben. Interessant sind nun die 
Dinge, die er bei Seite geschafft hat. Nebst Gebrauchsgegenständen seines 
Berufes von relativ geringem Wert fanden sich Waren, die eher das 
Interesse eines Mädchens als eines jungen Burschen 
hätten erwecken können. Ich bin noch in der Lage, Ihnen einige 
dieser Dinge zu zeigen. Sie sehen da ein paar Päckchen Stricknadeln, Knöpfe 
der verschiedensten Sorten, wie sie meistens für Damenkleider und Damen- 
wäsche gebraucht werden. Auch Sicherheitsnadeln erweckten sein Interesse, 
Damennecessaires waren vorhanden. Das alles fein säuberlich aufbewahrt. 
Zu welchem Zwecke er diese Sachen gestohlen hatte, konnte der Lehrimg 
zunächst nicht angeben. Schließlich sagte er, er habe gedacht, das eine 
oder andere könne er seiner Schwester schenken, oder seine Mutter könne 

es gebrauchen. 

Tatsächlich hat er aber diese Dinge bei sich behalten; denn der Lehrling 
stand weder mit der Mutter noch mit der Schwester auf gutem Fuße. 
Der Lehrling erzählte mir, daß ihn seine Mutter immer grob behandelt 
habe, ihn, wenn er im Bett war, mit dem Besenstecken halb zu Tode 

geprügelt habe. 

Seine Mutter war drei Mal verheiratet. Vom zweiten Mann habe sie schon 
vor der Ehe zwei Kinder gehabt. Es waren dies eben unser Lehrling und 
seine Schwester. Dieser zweite Mann mußte in den Krieg einrücken und 
starb, bevor er seine Kinder anerkennen konnte. In dritter Ehe verhei- 
ratete sich die Mutter mit einem Trunkenbold. Der Knabe mußte schon 
in jungen Jahren für die Mutter den Spion machen, feststellen, wo der 
Vater herumtrank und mit welchen Frauenzimmern er nach Hause ging. 
Trotzdem wurde er von der Mutter immer wieder mißhandelt. Namentlich 
habe es seine Schwester verstanden, das häusliche Unwetter auf ihn abzu- 
lenken Ihr sei alles erlaubt worden. Er hatte die Prügel bekommen. Der 
Lehrling erklärte, er habe eigentlich nie begriffen, daß seine Mutter noch 
einmal geheiratet habe. Er hasse sie, trotzdem ziehe es ihn immer wieder 

zu ihr zurück. , _ " _. 

Aus einem Traum ging die zwiespältige Einstellung des Lehrlings zur 
Mutter deutlich hervor. Er träumte, die Mutter sei gestorben und sie werde 
mit großer Feierlichkeit wie eine Fürstin begraben. Hier kreuzen sich der 
aus dem Bewußtsein verdrängte Todeswunsch gegenüber der Mutter mit 
dem Märchenwunsche unserer Kindheit, die Mutter möchte eine Königin 
sein — nnd der verkannte Sohn ein Prinz. 

Tatsächlich lebt der Lehrling heute wieder bei seiner Mutter. Es ist dies 
eine Erscheinung, die ich schon mehrfach beobachten konnte. Haßge- 

— 135 — 



fühle gegen die Mutter und doch immer wieder die Flucht 
zu ihr. Es ist, als oh der junge Mann immer und immer ausprobieren 
müsse, ob nun seine Mutter nicht doch einmal ihre ganze Liebe und Zu- 
neigung ihm zuwenden wolle. Immer wieder beschäftigt sich die Phantasie 
des Knaben mit der Vorstellung, eine Mutter zu besitzen, die alle seine 
Wünsche nach Liebe und Zärtlichkeit erfüllt. Aus diesem Gesichtspunkte 
heraus gewinnen wir auch einen Zugang zu den merkwürdigen Diebstahls- 
ohjekten des Jünglings. Sie weisen darauf hin, was der Knabe an seiner 
Mutter liebt oder vermißt, und sie sind zugleich Bestechungsobiekte 
Da er aber in der Wirklichkeit doch nicht recht traut, oh er mit diesen 
Gegenständen etwas erreichen könne, behält er sie für sich und versteckt 
sie. Auch hier ließen sich noch sehr viele tiefere Zusammenhänge auf- 
decken, jedoch müßte dazu die Diebstahlssituation näher erforscht werden 
Es sei hier nur auf die Zusammenhänge mit dem Fetischismus und 
der Kleptomanie hingewiesen. Der Fetischist setzt einen Teil für das 
ihm unerreichbar erscheinende Ganze und bemächtigt sich dieses Teils 
der Kleptomane zieht seine Befriedigung mehr aus der Sensation des Stehlens 
selber, der gewaltsamen Aneignung fremden Besitzes. Einige instruktive 
Fälle solcher Diebstähle finden Sie im Aufsatz „Symbolische Diebstähle" 
von Dir . Dr. med Artur Kiel holz, Königsfelden, erschienen i m 
Bd. 60. (Jahrg. , 9 „) der „Zeitschrift für die gesamte Neurologie und 
Psychiatrie (S. 304). to 

In unserer Praxis sind wir aber schon mehrfach auf Fälle gestoßen, wo 
die durfugen Verhältnisse zu Hause, wo das stete Gefühl, benachteilig und 
zurückgesetzt zu sein, den Wunsch nach einer mehr oder weniger gewalt 
samen Korrektur des Schicksals geweckt hat. Ich erinnere mich da vo r 
allen Dingen des einen Falles, wo ein Lehrling seinen Hang zum Die fc! 
stahl mit dem Leben büßte. Als er bei der zweiten Unredlichkeit 
ertappt wurde warf er sich unter den Eisenbahnzug. Man wird nicht sagen 
können, daß dieser unglückliche Bursche unmoralisch war, sonst hätte fhn 
das Gewissen nicht zum Verzweiflungstod gezwungen. 

Die geistige Vorbereitung solcher Diebstähle geht aus einem Falle be- 
sonders deutlich hervor, der erst kürzlich vom Strafgericht abgehandelt 
wurde. Auch m diesem Falle handelte es sich um ein Stiefcohn-Stiefvater- 
verhaltnis. Daß die Mutter noch einmal heiratet, wenn der Vater gestorben 
ist oder die Ehe geschieden wurde, bedeutet für die Kinder, namentlich 
tax die Knaben, immer einen schweren Stoß, wie es umgekehrt das Mäd- 
chen in den seltensten Fällen ohne schwere seelische Erschütterung erträgt 
wenn der Vater noch einmal heiratet. Es ist mir mehrfach bestätigt worden 
daß Knaben, deren Vater aus dem Kriege zurückkam, lange Zeit hindurch 
große Schwierigkeiten hatten, sich mit der Rückkehr des Vaters zu ver- 
söhnen. Sie hatten sich daran gewöhnt, daß die Mutter nun ihnen gehöre. 
Den Vater betrachteten sie als Konkurrenten in der Liebe zur Mutter. Fr 
war für sie durchaus überflüssig und entbehrlich, und sie äußerten sich 

- 136 — 



und handelten auch oft darnach. Man wird vielleicht eine solche Einstel- 
lung moralisch verurteilen, muß sich aber klar machen, daß damit im 
Grunde nichts gewonnen ist. Die Moral, die sich die Erwachsenen zurecht 
gelegt haben und die sie angeblich auf sich anwenden, entspricht nicht 
der ursprünglichen Gedankenwelt des Kindes. Wäre dem so, beständen keine 
Erziehungsprobleme. Man muß sich aber auch klarmachen, daß mit Strafen 
ein derartiges, unmoralisch erscheinendes Verhalten der Kinder höchstens 
äußerlich geändert werden kann. Wenn sich etwas nicht einbläuen läßt, 
so ist es Liebe und Zuneigung, namentlich da, wo scheinbar wohlerworbene 
Rechte an Eltern und Mitmenschen verletzt worden sind. 

Wenn wir diese Einstellung von Söhnen gegenüber ihrem eigenen Vater, 
der lange abwesend war, feststellen müssen, so können wir die Gefühle 
ermessen, die einen Knaben beherrschen, wenn ein fremder Mann in das 
Zusammenleben des Kindes mit der Mutter eindringt. Der fremde Mann 
nimmt dem Kinde das Liebste, was es bis jetzt gehabt hat. Ihm dafür 
etwas anderes zu nehmen, das dieser Fremde liebt, oder ihm die Mutter 
wenigstens in einem Muttersymbol wieder wegzunehmen, so primitiv die 
Reaktion auch scheint, muß einem kindlichen Gemüt als gerechte Ver- 
geltung vorkommen. 

Zu betonen ist, daß solche Überlegungen nicht bewußt vor sich gehen, 
sonst würde es in den wenigsten Fällen zu solchen Vergeltungsdiebstählen 
kommen, da mit der Einsicht in die Herkunft des Stehlgelüstes auch die 
Unsinnigkeit des Vergehens bewußt werden müßte. Aber die unbewußten 
Regungen in uns, das Triebhafte, finden hundert andere Wege, eine Tendenz 
durchzuführen, einen Impuls abzureagieren, ohne daß das Bewußtsein die 
Zusammenhänge erkennt. Alle möglichen Rechtfertigungen werden da zu- 
sammengesucht, und wenn das alles nichts hilft, so kann es vorkommen, 
wie im Mordfalle Grogg in Innertkirchen, daß das Bewußtsein völlig aus- 
geschaltet wird, wenn der Trieb zu einer besonders schweren Tat drängt. 
Gerade Diebstähle werden häufig in einer Art von schlafwandlerischem Zustande 
und unter Zwang begangen, wie wir aus der Untersuchung der Kleptomanen 
immer wieder erfahren. Wir erkennen, daß in solchen Fällen mit den ge- 
wöhnlichen Erziehungsmaßnahmen nicht auszukommen ist. Wenn wir die 
verdrängten Wünsche und die unbewußten Zusammenhänge nicht auf- 
decken können, helfen alle Vorhaltungen und Strafen nichts. Gewiß sind 
in dem Fall, von dem wir ausgegangen sind, nicht die tiefen Verknüpfun- 
gen aufgefunden und gelöst worden. Zu einer solchen Auswertung der 
Fälle müßten wir über wesentlich mehr Zeit verfügen. Wir können in 
unserem Amte nichts anderes tun, als die großen Zusammenhänge mög- 
lichst rasch erfassen, um die notwendigste Hilfe bringen und das Schlimmste 
abwenden zu können. Im erzählten Falle hat der Lehrling, seitdem ich 
ihn auf die Zusammenhänge zwischen seinen Diebstählen und seiner Ein- 
stellung zu Mutter und Schwester hingewiesen habe, keinen Rückfall mehr 
erlitten. W T enn die Besserung eine endgültige ist, soll es mich freuen. 

Zeitschrift f. psa. Päd., V/4, — 137 — 1D 



Die Vorstellung, benachteiligt worden zu sein und sich dafür schadlos 
halten zu müssen, braucht nicht immer ausschließlich auf die Verhältnisse 
im Elternhaus zurückzugehen. Wir haben mehrmals die Erfahrung machen 
müssen, daß strenge und lieblose Anstaltserziehung in ähn- 
licher Weise sich auswirkt. So sind uns im letzten Frühjahr drei vonein- 
ander getrennte Falle bekannt geworden, bei denen der Aufenthalt in der- 
selben Anstalt eine Rolle spielte. Die Erziehung in dieser Anstalt wurde 
uns übereinstimmend als außerordentlich streng und hartherzig geschildert 
Jede kleine Untat wird mit Körper- und Hungerstrafe geahndet. Schwatzen 
während des Essens zieht schon Tatzen nach sich. Es soll vorkommen daß 
die leitende Schwester nach einer Mahlzeit eine ganze Anzahl Zöglinge 
bestraft. Die Hungerstrafen scheinen dazu geführt zu haben, daß die Zög- 
linge sich eine gewisse Fertigkeit aneigneten, in Bäckereiläden, die am 
Schulwege lagen, Backwaren mitlaufen zu lassen. Mit zweien dieser Zög- 
linge, die mit Beginn der Lehre die Anstalt verlassen haben, hatten wir 
wegen Diebstahl zu tun. Der dritte wird von seinem Vater und seiner 
Schwester als außerordentlich brutal geschildert. Die Unterredung mit dem 
mutterlosen Lehrling ergab, daß die Schwester stets bevorzugt werde, und 
daß diese ihm überdies den Aufenthalt in der Anstalt, für den er ja nichts 
könne, fortwährend vorhalte. Dabei habe sie es zu Hause in dieser Zeit 
gut gehabt, während er unter der kaltherzigen Erziehung schwer habe lei- 
den müssen. Man erkennt, die Brutalitäten der Anstalt fügt er nun seinen 
Angehörigen zu. 

Es ist nicht immer gesagt, daß sich die Verhältnisse zu Hause nur in 
der Lehre auswirken. Manchmal finden wir ihre Spuren auch in der 
Schule. Von drei ganz ähnlichen Fällen möchte ich Ihnen den einen näher 
schildern. 

Wir erhalten von der Gewerbeschule die Mitteilung, ein Lehrling ver- 
säume die Kurse ziemlich häufig. Der Meister berichtet, er sei mit dem 
Lehrling zufrieden; für die Tageskurse meldet er sich regelmäßig zur 
Schule ab. Ob er die Abendkurse besuche, wisse der Meister nicht. Der 
Lehrling wurde ermahnt, kam aber später wieder nicht und verlor das 
ganze Semester. Im nächsten Semester besuchte er die Kurse zu An f ana- 
regelmäßig. Von Neujahr an fehlte er wieder. Auf Befragen erklärte er 
unwahrerweise, er habe seine kranke Mutter pflegen müssen. Nach wie vor 
ist man im Lehrgeschäft mit ihm zufrieden. Der Vater, wegen der Ver- 
säumnis zur Rede gestellt, erklärt, daß er keinen Einfluß auf den Sohn 
habe. Die Mutter und die Kinder, der Lehrling und eine Schwester, halten 
zusammen. Die Mutter lasse sie machen, was sie wollen, wie auch sie 
mache, was sie wolle. Sie selber habe schon wochenlang mit einem Lieb- 
haber zusammen gelebt. Er, der Vater sei machtlos. Er kümmere sich des- 
halb nicht mehr um den Haushalt und die Kinder, dagegen wünsche er, 
daß das Gewerbe-Inspektorat nach dem Rechten sehe und den Sohn einmal 

- 138 - 



über den Sonntag einsperren lasse. Noch besser wäre es, wenn man die 
Mutter einsperrte. 

Der Lehrling seinerseits beklagt sich vor allem über den Vater. Er sei 
mürrisch, gönne ihnen das Wort nicht, sei viel im Wirtshaus und komme 
spät nachts zum Nachtessen. Daß er, der Lehrling, sein Vergnügen suche, 
sei richtig. Der Lehrling verspricht, von nun an die Schule regelmäßig zu 
besuchen. Er sei vorher in einer anderen Klasse gewesen und nun zu alteren 
Lehrlingen versetzt worden, wo er nicht mehr recht nachkomme. 

Bald darauf fehlt der Lehrling wieder. Am nächsten Unterrichtstage finde 
ich mich zur Zeit des Schulbeginns in der Schule ein. Der Lehrling kommt 
wieder nicht. Ich gehe ins Geschäft. Er fehlt auch dort. Ich suche ihn zu 
Hause auf. Die Wohnung ist leer, die Türen aber nicht geschlossen. Vater 
und Mutter sind auf Arbeit. Die Tochter ist im Geschäft. Ich klopfe an 
und läute, erhalte aber keine Antwort. Ich öffne die eine Tür, sie führt 
in die Küche, und rufe ohne Erfolg. Die Türe auf der Gegenseite ist 
ebenfalls nicht abgeschlossen. Ich trete in ein ungemachtes Schlafzimmer. 
Niemand ist da und trotz allem Rufen und Läuten meldet sich niemand. 
Auch im Wohnzimmer finde ich niemand. Durch die leichtgeöffnete Tür 
sehe ich schließlich in einem weiteren Schlafzimmer unter einer Decke 
hervor ein Büschel schwarzer Haare herausschauen. Ich klopfe und rufe 
noch einmal und schließlich kommt das Gesicht des Lehrlings zum Vor- 
schein. Er schaut mich erschrocken an. Offenbar wollte er sich vor der 
Schule und vor dem Leben verstecken. Ich fordere ihn auf, sich anzuziehen 
und mit in die Schule zu kommen. Dort erzählt er mir noch einmal von 
der Zurücksetzung, die er empfunden hatte, weil er in eine vorgerücktere 
Klasse gekommen sei. Sie sehen, er weiß sogar aus einem Vorteil einen 
Nachteil zu machen. Sein Wunsch etwas zu gelten, sei es auch auf Kosten 
seiner beruflichen Ausbildung, nötigte ihn dazu. 

Wie ist nun diese Abneigung gegen die Schule zu erklären? Ich würde 
Ihnen diesen Fall nicht vortragen, wenn er sich nicht in kurzer Zeit in 
dreifacher Auflage zugetragen hätte. 

Ich habe Sie schon früher darauf hingewiesen, daß es für den Sohn 
besonders schmerzlich ist, wenn seine Mutter mit einem anderen Manne 
eine neue Verbindung eingeht und ihn gleichsam im Stiche läßt. Der 
Geltungstrieb des Sohnes erhält dadurch einen schweren Stoß. Er erwartet 
von der Mutter, daß sie um seinetwillen auf eine neue Verbindung mit 
einem Manne verzichtet. Dieser gleiche Konflikt muß auch wach werden, 
wenn die Mutter bei bestehender Ehe eine andere Verbindung eingeht. 
Wenn es auch die Mutter wie im vorliegenden Falle versteht, dem Sohn 
nach wie vor Liebe zuzuwenden, sodaß eine unmittelbare Reaktion gegen- 
über der Mutter nicht zustande kommt, so muß sich doch die Ablehnung gegen- 
über dem Verhalten der Mutter in irgendeiner Weise Ausdruck verschaffen. 

Wir können im allgemeinen die Beobachtung machen, daß der Sohn 
seine Beziehungen zum Vater auf den Lehrmeister überträgt. In vielen 

— 139 — 



Fällen versteht es der Lehrling ausgezeichnet, den Lehrmeister dahin zu 
bringen, daß er dem Lehrling gegenüber ziemlich genau das gleiche Ver- 
halten einschlägt, wie es der Vater zu tun pflegt. 

Neben dem Lehrmeister steht die Schule, in ähnlichem Verhältnis wie 
die Mutter neben dem Vater. Bis zur Universität hinauf, der Alma mater, 
weisen wir der Schule eine Mutterrolle zu. Auch das andere geistige Er- 
ziehungsinstitut, die Kirche, die Mutter Kirche, erhält in Sprache und 
Gefühl diese Bedeutung. Es dürfte deshalb nicht von ungefähr sein, daß 
Konflikte mit der Mutter häufig in der Schule zur Auswirkung gelangen. 
Wenn im vorliegenden Falle der Lehrling sich vor der Schule versteckt 
so will er die Mutter oder wenigstens ihr Verhalten nicht sehen. Das 
Verhalten des Lehrlings bedeutet die Ablehnung des 
Verhaltens der Mutter. Durch das Vorgehen der Mutter war die 
Liebe des Sohnes zur Mutter schwer verletzt worden. Der neue Lehrer in 
der oberen Klasse entsprach, auf die Familiensituation übertragen, dem 
„neuen Vater", dem Liebhaber der Mutter. Durch die Versetzung verstärkte 
sich deshalb in ihm die Abneigung gegen die Schule soweit, daß er sie 
meiden mußte. 

Die wiederholten Versäumnisse des Lehrlings hätten eine Anzeige ge- 
rechtfertigt. Der Vater hätte es sogar gerne gesehen, der Sohn wäre mit 
Haft bestraft worden. Ich lehnte dieses Vorgehen ab. Wenn der Vater nicht 
Mann genug ist, in der Familie für geordnete Zustände zu sorgen, wenn 
er sich damit begnügt, jahraus jahrein den „Kolderi" zu machen und der 
Sache den Lauf zu lassen, so war es nicht an mir, die Rolle des strafenden 
Vaters zu übernehmen und in verschärftem Maße fortzuführen. Damit 
wäre der Jüngling unter Umständen endgültig auf Abwege geraten. Nach- 
dem seine Liebe durch das Verhalten der Mutter verletzt worden war, hatte 
sie ihn veranlaßt, Erfolge in'der Phantasie und in der Seh ein Wirklichkeit 
der Vergnügungen zu suchen. 

Der Gewerbe-Inspektor als Vaterersatz hatte die Aufgabe, dem Lehrling 
den Weg in die Realität zurück zu zeigen, ohne ihm die Ausflüchte z u 
ermöglichen, die er vom Vater her gewohnt war. Dadurch daß ich ihn 
aus dem Bett, dem Muttersymbol aus der ersten Kindheit, zur Schule 
diesem anderen, später erworbenen Muttersvmbol holte, nötigte ich ihn' 
den Fluchtweg in die früheste Kindheit wieder in umgekehrtem Sinne zur 
heutigen Wirklichkeit zu gehen. 

Freilich konnte der Lehrling das Versäumte in der kurzen Zeit bis zum 
Ende der Lehre nicht mehr nachholen. Er besuchte zwar, soweit es an 
ihm lag, die Schule regelmäßig. Er wurde aber später unbegreiflicherweise 
vom Geschäft mehrere Wochen hindurch wegen dringender Arbeit vom 
Schulbesuch abgehalten. Er konnte deshalb die Lehrlingsprüfurig in den 
Berufskenntnissen nicht bestehen, hat aber versprochen, bis zum nächsten 
Prüfungstermin unter Anleitung des Fachlehrers die fehlenden Kenntnisse 
soweit als möglich nachzuholen. 

- 140 — 



Gestatten Sie mir zum Schlüsse noch den Fall einer Lehrtochter zu er- 
zählen. Er bringt neben allen Härten, die wir aus diesen Kinderschicksalen 
kennengelernt haben, noch ein versöhnendes Moment mit. 

Es handelt sich dabei um eine „Lügnerin". Sie nahm ebenfalls an einer 
Ferienkolonie teil. Ihre Jugend war kümmerlich. Viel Arbeit und viele 
Pflichten. Besondere Not litt sie in der Kriegszeit. Sie hat sich gesundheit- 
lich jetzt noch nicht ganz davon erholt. Die Eltern sind geschieden. Der 
Mann war ein Trinker. Die Mutter hat ein zweitesmal geheiratet. Sie glaubte 
es gut zu machen, da der Mann einen Hauswartposten in einer Bandfabrik 
bekleidete. Die Krise hat auch hier eingegriffen. Der Stiefvater wurde 
arbeitslos. Die Lehrtochter sehnt sich nach etwas Glück und Liebe. Sie 
arbeitet und rennt vom Morgen bis zum Abend. 

Wenn sie bei der Lehrmeisterin ist, erzählt sie dieser alle möglichen 
Glücksfälle, die ihr zugestoßen sind. Die Lehrmeisterin beschwert sich 
schließlich bei uns, daß sie den Eindruck gewonnen habe, die Lehrtochter 
wolle sie hinters Licht führen. Die Lehrmeisterin berichtet, daß sie kürz- 
lich einen Brief folgenden Inhaltes erhalten habe: 

„Sehr geehrtes Fräulein! Erlaube mir höflichst Ihnen hier einige Zeilen zu 
schreiben. Beute abend nahm ich Alice mit in ein Teekränzchen; der ganze 
Abend war ihr verdorben durch das Buch, das sie Ihnen gezeigt hat. Diesmal 
ist es von Alice keine Lüge, ich habe mich, bevor ick zu dem Kränzchen ging, 
bei Herrn Pfarrer erkundigt; er war ganz bestürzt, daß ihm so etwas passiert 
ist, er wollte Alice eine Freude machen, und nun ist es zu einem Mißgeschick 

ausgefallen. 

Aber ich hatte eine Freude, daß diesmal Alice so aufrichtig war. Ich kann 
es fast gar nicht begreifen, daß Alice Sie so anschwindeln konnte, denn sie liebt 
Sie wirklich von ganzem Herzen, wo sie nur geht und steht erzählt sie mir nur 
Liebes von Ihnen. Die Umstände von zu Hause haben Alice viel zu dieser Sache 
verholfen. Alice war immer ein liebes und ehrliches Mädchen; sie hat ein gutes 
Herz und ich hoffe, daß sie nun immer aufrichtig ist, sie hat es ja so versprochen. 
Sie hat es ja nötig, daß sie etwas Rechtes wird; denn sie muß doch im Stande 
sein ihr Brot bald selbst zu verdienen. Ich hoffe nun, daß sie nicht mehr soviel 
von zu Hause redet. Ich habe ihr gesagt, sie soll an ihre Arbeit denken, Herr 
Pfarrer wird jetzt ein wenig Ordnung schaffen. Und nun hoffe ich, daß alles 
wieder gut wird. Frau Gschwind." 

Es stellte sich heraus, daß dieser Brief von der Lehrtochter selber ge- 
schrieben worden war. Die Lehrmeisterin ist sehr erbost über das Vorgehen 
der Lehrtochter. Wenig später erhielt die Lehrmeisterin aus der Ferien- 
kolonie, wo wir die Tochter hingebracht hatten, einen Brief folgenden 
Inhaltes : 

Mein liebes Fräulein! Möchte Ihnen hier Näheres aus meinen schönen Ferien 
mitteilen. Wir haben wunderbares Wetter, die Sonne scheint sehr warm, wir 
können unsere Ausflüge ohne wärmere Kleidung unternehmen. Wir haben schon 

— 141 — 



Hat man auf diese jungen Leute nicht schon mehr als genug erzieherisch 
einzuwirken versucht und sje sind trotzdem mit dem Leben nicht zurecht 
gekommen? Und hat man es etwa bei der Erziehung ihrer Eltern an mora- 
lischer Einwirkung fehlen lassen? Was hilft diese, wenn der Vater oder die 
Mutter tot sind und Not und Elend einkehren? 

Aber ich will nicht den Anschein erwecken, als ob sich solche Schwie- 
rigkeiten nur in den unbemittelten Kreisen der Bevölkerung einstellen. Ich 
habe diese Beispiele herausgegriffen, weil hier die Verhältnisse einfacher 
liegen, die Zusammenhänge leichter sichtbar werden, als bei Familien, wo 
die Unterdrückung des Gefühlslebens stärker ausgeübt wird, wo dafür umso 
häufiger neurotische Zustände auftreten. Ich konnte Ihnen aber auch Bei- 
spiele aus diesen anderen Kreisen zeigen. Wir müssen deshalb den Schluß 
ziehen, daß das Übel viel tiefer sitzt, als Sie es vielleicht erwarten, wenn 
Sie nur ein paar Einzelfälle hören. 

Wir stehen in einem Zeitalter der Auflösung; wir haben in fast aUen 
Kreisen der Bevölkerung keine Familie in ihrer früheren Bedeutung mehr 
Wir haben der Familie das genommen, was ihr die innere Berechtigung 
gab, was ihren sittlichen Wert ausmachte ; wir haben ihr die gemein 
sameArbeitgenommen. Wir haben die Arbeit des Vaters, der heran- 
wachsenden Geschwister, ja oft sogar die der Mutter aus der Familie heraus- 
genommen; nicht Worte, - Beispiele und Erleben erziehen, schaffen soziale 
Menschen. Oder glauben Sie, es komme auf dasselbe heraus, wenn da! 
Kmd nur noch die Resultat e der Arbeit des Vaters kennen lernt und 
unter Umstanden genießen kann, wenn es aber die Arbeit selber nicht 
mehr .eht? Überlegen Sie sich einmal, woher die vielen „ungeratenen 
Sohne aus guten Familien kommen? Wir haben der Familie den Inhalt 
genommen, und sie ist aus einem Zweckverband der Arbeit zu einem solchen 
des Essens, des Schlafens, vielleicht auch der Erbauung oder des Vergnügens 
geworden. Es kann uns nichts helfen, wenn wir den inneren Mangel durch 
eme Erziehung mit Worten ersetzen wollen. Aus diesen Gründen stehen 
wir heute in einer Krisis der Erziehung wie der Arbeit. Ich 
will darüber keine weiteren Ausführungen machen; vielleicht gibt sich 
ein andermal Gelegenheit, darüber zu sprechen. Ich mochte Sie nur bitten 
sich zu überlegen, ob wir nicht gut täten, statt vergangene Zweckmäßig- 
keiten als fortdauerndes moralisches Ziel aufrecht zu erhalten, darüber nach- 
zudenken, wie wir Erziehungsgemeinschaften bilden können, die den An- 
forderungen unserer heutigen wirtschaftlichen Existenz gerecht werden. 

Ich bin der Überzeugung, daß wir nur auf diese Weise zu einer ande- 
ren, zu einer befreienden und deshalb auch wieder erfolgreichen Erziehung 
kommen können. 



irrj ui n n i ifinrEiiriijj ji i uii^iiiin n u run tiiiiiijj iiiuiin u u n i] m i hm ij u i in rui j 1 1 u üu u ti 1 1 11 nrii ujn n i n 1 1 u 11 rnin tui ru i n i n 1 1 1 1 jj 1 1 ru »jii 1 1 1 u i iij 1 1 1 u rj m m ij ij eii jinirui 

— 144 — 



Das Bilderbuch im Kindergarten 

Zuglei dl ein Beitrag zur Entwicklung zeichnerischer Urformen beim Kleinkinde 

Von Herta Fuchs, Wien 1 

Zum Verständnis der Wirkung, welche das Bilderbuch auf das Kind ausübt, 
kann außer den Erkenntnissen der allgemeinen Psychologie die analytisch orien- 
tierte Pädagogik manches beitragen; manche Erkenntnisse werden bestätigt und 
erhalten eine tiefere oder erweiterte Bedeutung. Manchmal aber gelangt der 
analysierte Pädagoge zu einer neuen Einsicht oder zu einer anderen Ansicht. 
In den folgenden Ausführungen soll versucht werden, die Unterschiede in der 
Einstellung des Künstlers, des Pädagogen, der Eltern und der Kinder mit Hilfe 
analytischer Einsichten aufzuzeigen. 

Der Künstler, welcher ein Bilderbuch malt und schreibt, kann mit der 
Freude der Kinder am Sehen und mit ihrer Fähigkeit rechnen, sich in ihren 
Phantasien in Gesehenes und Gehörtes einzuleben. Er kann voraussetzen, daß 
die Kinder ohne Absicht einer Wertung sein Bild betrachten, daß sie dankbar 
für alles Dargebotene sind, was ihre Begriffswelt bereichert und Phantasien aus- 
löst und auch daß sie ein primitives ästhetisches Empfinden besitzen. Der 
Künstler schließt von der Art, wie er selbst auf Bilder reagiert, auf das Kind 
und wünscht bei diesem eine bestimmte Bild Wirkung zu erzielen, die seinem 
Geschmack und seinen Anschauungen entspricht. Wie weit er diese Wirkung 
erreicht, entzieht sich seinen Vermutungen und er gibt sich gerne, wie die 
meisten Erwachsenen, damit zufrieden, dem kleinen Kinde Freude bereitet 
zu haben. 

Die Eltern oder Erzieher, welche ein bestimmtes Buch für das Kind aus- 
wählen drücken gewöhnlich unbewußt durch ihre Wahl eine bestimmte Er- 
ziehungsabsicht aus, die durch die Art der Darbietung oft deutlich wird. Beim 
Vorlesen des Begleittextes kann z. B. ein Erzieher die moralisierende Strafan- 
drohung hervorheben und betonen, ein anderer ihre Schärfe humorvoll ver- 
mindern und dadurch beim Kind eine gegensätzliche Wirkung erzielen. 

Das Kind beschäftigt sich lebhaft mit jedem neuen Bilderbuch. Es setzt 
das Gesehene in Beziehung zu seinem Phantasieinhalt, ist sofort bereit zu deuten 
und ist dankbar für jede fremde Erklärung, wenn sie seine Phantasien bereichert 
und nicht hemmt. Es ist ebenso primitiv in der Aufnahme der Bilder, wie bei 
seinen eigenen Darstellungen, dem Zeichnen und Formen: es freut sich an 
Handlung, Bewegung und Farbe, bemerkt jedoch wahrscheinlich niemals bewußt 

deren Mangel. 

Die Vorliebe der Kinder für bestimmte Bilderbücher erliegt oft dem suggestiven 
Einfluß des Erziehers. Bilderbücher, die immer unbeachtet blieben, werden mit 
einem Male die meist begehrten, sobald es nur gelingt, die Kinder für sie zu 

i) Erweiterte Diskussionsbemerkung zum Vortrag von E. Homburger, „Bilder- 
bücher" (diese Zeitschrift Heft i, 1951) im Seminar für Pädagogen in Wien. 

— 145 — 



interessieren. Ein einziges Bild, das Beziehung zu ihrem Erleben hat, oder ein 
Vers, den sie gerne wiederholen, sind gewöhnlich entscheidend. Ob es sich um 
Zeitungsillustrationen oder um ein für Kinder bestimmtes Kunstwerk handelt, 
jedes Bild bedeutet wahrscheinlich für das Kind im Allgemeinen vor allem: 
die Befriedigung des Wißtriebes, der Lust am Schauen. Beide sind, wie wir 
durch die Analyse wissen, nicht nur der äußeren materiellen, sondern auch der 
inneren psychischen Realität zugewendet. 

Sehr oft hört man aus allen pädagogisch interessierten Kreisen die Klage, 
daß es eigentlich fast keine wirklich guten Bilderbücher gäbe. Jährlich werden 
viele neue auf den Markt gebracht, die der künstlerischen Forderung in der 
Ausführung entsprechen und gegen deren Inhalt fast nichts einzuwenden ist. 
Man erprobt neue Techniken und doch gibt es nichts „neues". 

Der analysierte Pädagoge ist vielleicht in der Lage dazu beizutragen, 
den Grund dieser Unzufriedenheit aufzuhellen. Die Forderung nach künstlerischer, 
moderner Umgestaltung allein ist unzureichend, es mangelt wohl an tieferer 
psychologischer Einsicht als der Voraussetzung hiezu. 

Der Pädagoge, der das Bilderbuch macht und dem die Vorgänge in seinem 
Unbewußten unbekannt sind, weiß nicht, wie weit er wünscht, das Kind in 
der Richtung seiner eigenen Reaktionsbildungen zu leiten, wie weit die eigenen 
Kindheitseindrücke und Wünsche seine Auffassung und Darstellung beeinflussen. 
Fast immer übersieht er auch, daß das Kind gar nicht so ist, wie er es gerne 
sehen möchte, sondern ein von eigenen unbewußten Trieben beherrschtes 
Wesen. 

Man weiß von der allgemeinen Psychologie her, daß das Kind das Bild auf 
dem Wege der Phantasie aufnimmt, daß es seine eigenen Wünsche und Be- 
fürchtungen in die dargestellten Kinder, Tiere und Märchen wesen hineinver- 
setzt, daß seine Erklärungen der Bilder in Form kleiner Geschichten ein Spiegel- 
bild seines Seelenlebens ergeben. Man nennt das Betrachten der Bilderbücher 
ein Phantasiespiel; doch was eigentlich hinter dem so häufig verwendeten Wort 
„Phantasie" vorgeht, darüber ist man sich noch nicht recht klar geworden. Die 
Erzählungen der Kinder, die durch die Bildbetrachtung ausgelöst werden, ent- 
halten zum Teil direkte Verarbeitungen real erlebter Situationen, nicht selten 
auch Konflikte, die infolge entgegenstehender Forderungen der Erwachsenen 
entstanden sind, manchmal auch direkte Triebansprüche oder auch Tagträume. 
Da wir nicht immer wissen können, was sich ein Kind bei der Bildbetrach- 
tung denkt, was es in seinen Phantasien, die ja nicht immer den Gesetzen der 
Logik folgen, eigentlich ausdrückt oder vortäuscht, so bedienen wir uns zweck- 
mäßig, wenn auch mit aller Vorsicht, der psychoanalytischen Deutung. Denn 
das Zusammenwirken von Erfahrungselementen und Triebansprüchen ist in der 
Psychoanalyse der Träume so weit und so sicher studiert worden, daß sich der 
Pädagoge ihrer im Einzelfall bedienen kann. Wie im Traum finden wir auch 
in den Phantasien der Kinder die Mechanismen der Verdichtimg, Verschiebung 
und symbolischen Darstellung; ihre Kenntnis ermöglicht uns noch ein Wissen 
von den Vorgängen im Kinde, denen wir sonst verständnislos begegnen. 

— 146 — 



Die zeichnerische Darstellung, das kindliche Illustrieren der Phantasien er- 
möglicht es, die Richtungen und Schicksale der Triebe, die Entwicklung und 
Verfeinerung der Symbolik zu beobachten. Ich habe bei einem kleinen Jungen, 
der im Alter von drei bis fünf Jahren große Erziehungsschwierigkeiten gemacht 
und sich später normal entwickelt hat, gesehen, wie sich seine zeichnerische 
Darstellungskunst aus symbolischen Urformen entwickelt hat. (Vgl. meinen Bericht 
„Ein schwieriges Rind im Kindergarten" in dieser Zeitschrift, IV. Jahrg., 1950, 
S. 263 f.) Diese Urformen haben sich als erste, immer wiederkehrende Darstel- 




Äbb. 1 



lungsobjekte aus seinen frühkindlichen Kritzeleien gestaltet, und er zeichnet sie 
noch heute in komplizierterer Form und Ausschmückung. Eigentlich stellt er 
noch das Gleiche dar, wie vor zweieinhalb Jahren, nur würde man ohne Kennt- 
nis der Entwicklung nie das Eigentliche erkennen, 

Die Zeichnungen mußten durch die Wiedergabe an Deutlichkeit einbüßen. 
Der Knabe hat, wie viele Kinder, die Gewohnheit, zuerst mit schwarzem Stift 
zu zeichnen und dann erst alles mit Buntstiften zu färben und auszuschmücken. 
Viele Details werden auf diese Art von der bunten Farbe überdeckt und sind 
in der Schwarz- Weiß -Reproduktion unübersichtlich geworden. 

Das erste Bild hat der Knabe mit $ 3 lt Jahren, das zweite etwas später ge- 
zeichnet, beide zeigen schon eine primitive Beherrschung der Technik und eine 
Darstellungsabsicht. Beim zweiten Bild hat mir der Knabe zum ersten Mal er- 

— 147 — 










Abb. 2 




Abb. 3 

148 — 



zählt, er hätte eine Eisenbahn gezeichnet: zuerst wurde der rauchende Schorn- 
stein gezeichnet, dem er Kreise als Räder beifügte. Das vierte Bild mit der Eisenbahn 
ist um zwei Jahre später entstanden, sie war zu dieser Zeit durch Monate das be- 




Abb. 4 






vorzugte Darstellungsobjekt; er hat endlose Eisenbahnzüge gezeichnet. Das Bild 
ist sehr liebevoll mit bunten Farben ausgeschmückt und enthält in seinen Details, 
den Schornsteinen auf jedem Waggon und den vielen Anhängseln, noch immer 
das Wesentliche der ersten Zeichnungen. 

Das dritte Bild hat er mit 4 J /a Jahren gezeichnet, das fünfte um ein Jahr 
später also mit 5V2- Der Mann trägt eine Fahne mit seinem einzigen Arm, der 
gleichzeitig der Penis ist und an Stelle des 
zweiten Armes ist der Anus gezeichnet, 
die Kotballen sind auf dem ganzen Bild 
zerstreut. Der „Weihnachtsmann" vom 
fünften Bild, der seinen Schlitten nach 
zieht, hat wohl schon zwei Arme, die 
aber noch sehr tief angewachsen sind. 
Die Ähnlichkeit mit dem Fahnenmann 
ist auffällig. Sogar die Kotballen finden 
sich als Knöpfe am Pelz wieder. Auch 
die Formen des Armes, der Schuhe und 
des Hutes findet man auf allen Bildern 
wieder. Die Hand des Weihnachtsmannes 
ist in der gleichen Form schon auf 
dem ersten Bilde (Unter dem Baum). 
Das Verhalten des Knaben zwischen 
seinem 5. und 5. Jahr ließ keinen Zwei- 
fei über den sexuellen Ursprung aller j^ ^ 

Darstellungsformen. 

Eine dieser Beobachtung entsprechende Untersuchung der Bildbetrachtung 
der Kinder, ausgehend von der symbolischen Urform und ihrer Beziehung zu 
den unbewußten sadistischen und masochistischen Triebansprüchen der kleinen 
Kinder und ihrer Kastrationsangst, könnte uns die Bedeutung des Bilderbuches 
in einem neuen Lichte zeigen. 

Man müßte untersuchen, wie weit das Kleinkind die Symbolik des Darge- 

- 149 — 







stellten erfaßt, um die Urformen seine Vorstellungen gruppiert und sie in Beziehung 
zu seinem eigenen Erleben setzt. Wie es die durch die Bilder dargestellte und 
durch den Text erzählte Handlung aufnimmt, müßte uns eine gesonderte Unter- 
suchung aufzeigen. 

An Hand der Bilderbücher, -welche mir in meinem Kindergarten zur Ver- 
fügung gestellt wurden, möchte ich ein ganz oberflächliches Schema aufstellen. 
Wir haben instruktive und moralisierende Bücher. Andere, die bloß der Unter- 
haltung dienen sollen, sind rein illustrativ, ohne jedoch auf erzieherische Neben- 
absichten ganz zu verzichten. 

Zu den instruktiven zähle ich die zahlreichen Tierhücher, die wirklichkeits- 
getreuen Darstellungen von Dingen, Menschen und Landschaften. Sie sind für 
das Kind sehr wichtig: Sie erweitern sein Wissen, fördern die Begriff shildung 
und verknüpfen es mit der Realität. Unter ihnen finden wir auch die im besten 
Sinne modernen Bücher, die sich in ihrer Technik — grobe Umrißzeichnun^ 
und Farbfleckfüllung — ganz auf das kindliche Sehen einstellen. Man versucht 
auch, sich der verschiedenen photographischen Techniken zu bedienen. 

Die zahlreichsten sind die nur unterhaltenden Bücher, entsprechend der Masse 
der reinen Unter haltungsliteratur der Erwachsenen. In diesen Büchern stellt der 
Erwachsene gewöhnlich das Kind so dar, wie er es sehen und haben will: nett, 
verspielt heiter, umgeben von seinen Spieltieren und Puppen, nur hie und da 
etwas ungezogen. Die Kinder haben natürlich ihren Spaß daran, und die liebe- 
vollen reinlichen Puppenmütter entsprechen wahrscheinlich ihren eigenen Idealen 
Im Spiel übernehmen die Kinder mit der Rolle der Erwachsenen auch deren 
Forderungen und übertreffen sie an Unduldsamkeit. Das „Kindergartenspiel ■ 
z. B. besteht fast ausschließlich aus Drohen, Strafen und Belohnen, auch dort, 
wo in Wirklichkeit Erziehungsmittel solcher Art nicht verwendet werden. 

Ich habe aber beobachtet, daß diese Bücher auf die Dauer langweilen, wirklich 
lebendigen Anteil nehmen die Kinder immer am Schicksal der Struwelpeter- 
kinder. Ich glaube, eine Befreiung in den Gesichtern wahrzunehmen, wenn 
da verraten wird, daß viele Kinder die Unarten tragen, deren sich jedes einzelne 
schuldig fühlt. Alle Geschichten sind deutliche Variationen des Onanieverbotes 
fast jeder Ersatzbefriedigung ist eine eigene Geschichte gewidmet. Mich hat ein- 
mal ein Kind befragt: „Warum steht da nichts übers Nasebohren?" Die Dar- 
stellung der Kinderunarten ermöglicht vielleicht den Kindern, sich ihre geheimen 
Wünsche bewußt zu machen, sie erleben als Struwelpeterkinder Strafandrohung 
und Strafe mit, was wahrscheinlich ihr Schuldgefühl erleichtert. Die Strafe wird 
von den Kindern erwartet und als gerecht empfunden. 

Das Gute an diesem Buch ist, daß der grausamen Strafe durch die humoristische 
Darstellung die Schärfe genommen wird. Schon der Biedermeierstil wirkt grotesk 
und lustig. Das trifft besonders bei der netten Geschichte vom „ Zappelphilipp u 
zu, der immer auf dem Sessel wackelt und bei dem „Hans-guck-in-die-Luft" 
der immer in seine Phantasien eingesponnen geht- Beim „Daumenlutscher" er- 
scheint die Kastrations drohung allzu deutlich und grausam ausgeführt und könnte 
bei manchen Kindern ihre Angst- und Schuldgefühle steigern. Die Kinder hören 

— 150 — 



aber diese Geschichte ebenso gern wie die anderen; sie alle sind für das Kind 
so anziehend, weil es auch seine Ängste lustvoll erlebt. 

Der Struwelpeter hat sich wie „Max und Moritz" fast als Volksbuch in der 
Kinderstube seit Generationen bewährt. Erst in den letzten Jahren haben Vor- 
sichtige gezögert, die Angst vor der grausamen Strafe durch die bildliche Dar- 
stellung zu erhöhen. Ähnlicher Prüfung werden auch die Volksmärchen unter- 
zogen, die in anderer Form an das Unbewußte des Kindes anklingen. Die einzige 
Folgerung für die Praxis, die ich aus diesen Betrachtungen ziehen möchte, ist: 
je mehr Humor ein Bilderbuch enthält, desto besser eignet es sich für seine 
Vermittlerrolle zwischen der Welt der Erwachsenen und der der Kinder. Diese 
haben vor den Erwachsenen ihre stete Bereitschaft au lachen und ihre Empfäng- 
lichkeit für Komik voraus. Ein kleiner Scherz kann die Unlust über einen Ver- 
zicht augenblicklich aufheben und statt dessen Lustgewinn bringen. Besonders 
befreiend wirkt die vom Künstler beabsichtigte humorvolle Darstellung, z. B. 
im Struwelpeter, weil das Kind eine Erlaubnis seiner Erzieher und seines Uber- 
Ichs herausfühlt. Freud sagt in seiner Untersuchung über den Humor, daß 
dieser nicht nur den Triumph des Ichs, sondern auch den des Lustprinzips 
bedeutet, das sich hier gegen die Ungunst der realen Verhältnisse zu behaup- 
ten vermag. 

illUlllllllllillllllllM 



Über einen grundlegenden Begriff der Psychoanalyse unterrichtet das soeben 

erschienene Buch 

o • •• 

Über den Ödipuskomplex 

Von 

F. Boehm, O. Fenichel, W. Reich 

Preis Mark 2'fo 



Inhalt : Felix Boehm: Zur Geschichte des Ödipuskomplexes — Otto Fenichel: 

Spezialformen des Ödipuskomplexes — Wilhelm Reich: Die charakterologische 
3 Überwindung des Ödipuskomplexes 



Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Wien I 

liiiiiiiti iiiitiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiin 

- 151 - 



stellten erfaßt, um die Urformen seine Vorstellungen gruppiert und sie in Bezieh une 
zu seinem eigenen Erleben setzt. Wie es die durch die Bilder dargestellte und 
durch den Text erzählte Handlung aufnimmt, müßte uns eine gesonderte Unter- 
suchung aufzeigen. 

An Hand der Bilderbücher, -welche mir in meinem Kindergarten zur Ver- 
fügung gestellt wurden, möchte ich ein ganz oberflächliches Schema aufstellen. 
Wir haben instruktive und moralisierende Bücher. Andere, die bloß der Unter- 
haltung dienen sollen, sind rein illustrativ, ohne jedoch auf erzieherische Neben- 
absichten ganz zu verzichten. 

Zu den instruktiven zähle ich die zahlreichen Tierbücher, die wirklichkeits- 
getreuen Darstellungen von Dingen, Menschen und Landschaften. Sie sind für 
das Kind sehr wichtig: Sie erweitern sein Wissen, fördern die Begriffsbildung 
und verknüpfen es mit der Realität. Unter ihnen finden wir auch die im besten 
Sinne modernen Bücher, die sich in ihrer Technik — grobe Umriß Zeichnung 
und Farbfleckfiillung — ganz auf das kindliche Sehen einstellen. Man versucht 
auch, sich der verschiedenen photographischen Techniken zu bedienen. 

Die zahlreichsten sind die nur unterhaltenden Bücher, entsprechend der Masse 
der reinen Unterhaltungsliteratur der Erwachsenen. In diesen Büchern stellt der 
Erwachsene gewöhnlich das Kind so dar, wie er es sehen und haben will: nett 
verspielt heiter, umgeben von seinen Spieltieren und Puppen, nur hie und da 
etwas ungezogen. Die Kinder haben natürlich ihren Spaß daran, und die Hebe- 
vollen reinlichen Puppenmütter entsprechen wahrscheinlich ihren eigenen Idealen. 
Im Spiel übernehmen die Kinder mit der Rolle der Erwachsenen auch deren 
Forderungen und übertreffen sie an Unduldsamkeit. Das „Kindergartenspiel« 
z. B. besteht fast ausschließlich aus Drohen, Strafen und Belohnen, auch dort, 
wo in Wirklichkeit Erziehungsmittel solcher Art nicht verwendet werden. 

Ich habe aber beobachtet, daß diese Bücher auf die Dauer langweilen, wirklich 
lebendigen Anteil nehmen die Kinder immer am Schicksal der Struwelpeter- 
kinder. Ich glaube, eine Befreiung in den Gesichtern wahrzunehmen, wenn 
da verraten wird, daß viele Kinder die Unarten tragen, deren sich jedes einzelne 
schuldig fühlt. Alle Geschichten sind deutliche Variationen des Onanieverbotes 
fast jeder Ersatzbefriedigung ist eine eigene Geschichte gewidmet. Mich hat ein- 
mal ein Kind befragt: „Warum steht da nichts übers Nasebohren?" Die Dar- 
stellung der Kinderunarten ermöglicht vielleicht den Kindern, sich ihre geheimen 
Wünsche bewußt zu machen, sie erleben als Struwelpeterkinder Strafandrohung 
und Strafe mit, was wahrscheinlich ihr Schuldgefühl erleichtert. Die Strafe wird 
von den Kindern erwartet und als gerecht empfunden. 

Das Gute an diesem Buch ist, daß der grausamen Strafe durch die humoristische 
Darstellung die Schärfe genommen wird. Schon der Biedermeierstil wirkt grotesk 
und lustig. Das trifft besonders bei der netten Geschichte vom „Zappelphilipp * 
zu, der immer auf dem Sessel wackelt und bei dem „Hans-guck-in-die-Luft", 
der immer in seine Phantasien eingesponnen geht. Beim „Daumenlutscher" er- 
scheint die Kastrations drohung allzu deutlich und grausam ausgeführt und könnte 
bei manchen Kindern ihre Angst- und Schuldgefühle steigern. Die Kinder hören 

— 150 — 



aber diese Geschichte ebenso gern wie die anderen; sie alle sind für das Kind 
so anziehend, weil es auch seine Ängste lustvoll erlebt. 

Der Struwelpeter hat sich wie „Max und Moritz" fast als Volksbuch in der 
Kinderstube seit Generationen bewährt. Erst in den letzten Jahren haben Vor- 
sichtige gezögert, die Angst vor der grausamen Strafe durch die bildliche Dar- 
stellung zu erhöhen. Ähnlicher Prüfung werden auch die Volksmärchen unter- 
zogen, die in anderer Form an das Unbewußte des Kindes anklingen. Die einzige 
Folgerung für die Praxis, die ich aus diesen Betrachtungen ziehen möchte, ist: 
je mehr Humor ein Bilderbuch enthält, desto besser eignet es sich für seine 
Vermittlerrolle zwischen der Welt der Erwachsenen und der der Kinder. Diese 
haben vor den Erwachsenen ihre stete Bereitschaft zu lachen und ihre Empfäng- 
lichkeit für Komik voraus. Ein kleiner Scherz kann die Unlust über einen Ver- 
zicht augenblicklich aufheben und statt dessen Lustgewinn bringen. Besonders 
befreiend wirkt die vom Künstler beabsichtigte humorvolle Darstellung, z. B. 
im Struwelpeter, weil das Kind eine Erlaubnis seiner Erzieher und seines Uber- 
Ichs herausfühlt. Freud sagt in seiner Untersuchung über den Humor, daß 
dieser nicht nur den Triumph des Ichs, sondern auch den des Lustprinzips 
bedeutet, das sich hier gegen die Ungunst der realen Verhältnisse zu behaup- 
ten vermag. 

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F. Boehm, O. Fenidiel, W. Reich 

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Inhalt : Felix Boehmr Zur Geschichte des Ödipuskomplexes — Otto Fenichel: 
Spezialformen des Ödipuskomplexes — Wilhelm Reich: Die charakterologische || 

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— 151 — 



Die Häufigkeit und ßedeutung des Nagelbeißen s 

bei Kindern 

Von Dr. David Wechsler, New York 

Ich habe beiläufig gooo Kinder beiderlei Geschlechtes im Alter von 1 — i~ 
Jahren auf die Gewohnheit, ihre Fingernägel zu beißen, untersucht. Die Kinder 
zwischen 4 und 17 Jahren waren Schüler der öffentlichen Schulen der Stadt 
New York, jene im Alter von 1—4 Jahren Pflegebefohlene der öffentlichen Kinder- 
gärten und Säuglingsheime. 1 Mit den Kindern schulpflichtigen Alters wurden die 
Beobachtungen folgendermaßen durchgeführt. Die Kinder mußten beide Hände 
auf die Bank legen. Wie ich durch die Reihen ging, machte ich auf einem bereits 
früher mit Name, Alter und Geschlecht des Kindes versehenen Zettel ein Plus- 
oder Minuszeichen, je nachdem das Kind Nägel biß oder nicht. Diese Angaben 
wurden nach Alter und Geschlecht statistisch geordnet und in Tabellen gebracht 
Bei den kleineren Kindern wurden die Beobachtungen ohne Zettel gemacht, 
während sie langsam vorübergingen. Wegen ihrer geringen Zahl wurden die Knaben 
und die Mädchen bis zum 4. Lebensjahre in einer einzigen Tabelle geordnet 

Für die erste Beobachtung habe ich keinen Unterschied zwischen den ver- 
schiedenen Graden des Nagelbeiß ens gemacht, so daß ein Plus ebenso gelegent- 
liches mildes Nagelbeißen, eventuell nur eines Fingers, wie hartnäckiges Beißen 
aller Finger bezeichnet. Da das Hauptaugenmerk zunächst der Häufigkeit 
dieser Gewohnheit galt, wollte ich die Methode der Untersuchung nicht zu sehr 
komplizieren. Eine eingehende Klassifizierung der Grade des Nägelbeißens 
würde ein sehr subjektives Verfahren ergeben. Man könnte einwenden, daß die 
einfache Bejahung oder Verneinung der Gewohnheit auf Grund einer einmaligen 
Beobachtung unzulässig ist; doch ist es in der Praxis nicht so schwer, als vor- 
ausgesetzt werden könnte. Wenn Zweifel auftauchten, ob das Kind ein Nä°- e l- 
beißer sei oder nicht, so habe ich es gewöhnlich als nicht nagelbeißend klassi- 
fiziert. Ich glaube nicht, daß dadurch viele Ungenauigkeiten unterlaufen sind 
da alle Klassifikationen von ein- und derselben Person durchgeführt wurden' 
Die eventuellen Fehler müssen konstante gewesen sein und könnten vielleicht 
die absoluten Zahlenergebnisse beeinflussen, keineswegs aber das Verhältnis 
der verschiedenen Altersstufen. 

Nach diesen einleitenden Bemerkungen wenden wir uns der Überprüfung der 
Daten zu, welche ich in zwei Tabellen zusammengefaßt habe. Tabelle 1) betrifft 
Knaben, Tabelle 2) Mädchen. Die erste Reihe jeder Tabelle gibt das Alter an. 
die zweite die Zahl der beobachteten Fälle, die letzte den Perzentsatz der na«-el- 
beißenden Kinder. 

Die Zahlen ergaben folgendes: Unter dem Alter von drei Jahren gibt es kein 
Nagelbeißen, Die Neigung beginnt während des 4. Lebensjahres, steigt ein 

1) Die Versuchspersonen waren Durchschnittsschulkinder, nach keiner Weise ge- 
wählt, das heißt, aus allen Bevölkerungsschichten der verschiedenen Stadtteile New Yorks. 

- 152 - 





1) Knaben 






Alter 


Anzahl 




Zahl der Beißer 


Prozent der Beiß er 


Unter 3 Jahre 


3* 






O 


O. 


3—4 


31 






1 


3-5 


4—5 


40 






10 


25.0 


5-6 


70 






*9 


27.1 


6-7 


177 






52 


29.4 


7-8 


»53 






55 


35-9 


8- 9 


11a 






40 


35-7 


9—10 


122 






47 


38.5 


10 — 11 


127 






45 


33-9 


11—12 


104 






35 


33-7 


12—15 


105 






3 6 


55-0 


13—14 


110 






48 


43.6 


14—15 


150 






63 


42.0 


15—16 


114 






37 


32.4 


16 — 17 


68 






»9 


27-9 


17—18 


21 






4 


19.0 




2) 


Mädchen 






Unter 3 Jahre 


5 1 









0. 


3—4 


3 1 






1 


5-3 


4—5 


34 






7 


20.6 


5—6 


58 






18 


31.0 


6-7 


184 






57 


30-9 


7- 8 


158 






6 3 


39-9 


8-9 


9 1 






2 3 


25.6 


9— 10 


98 






33 


33-7 


10 — 11 


76 






25 


3 2 -9 


1 1 — 12 


87 






38 


43-7 


12—13 


81 






36 


44.4 


15—14 


165 






56 


34-3 


H— 1 5 


196 






61 


31.1 


15—16 


184 






44 


25-9 


16—17 


82 






*3 


i5-9 


17—18 


— 






— 


—"■ 






wenig im nächsten Lebensjahre, erhöht sich plötzlich im sechsten Jahre und 
von diesem Zeitpunkte an verbleibt sie so ziemlich auf dem gleichen Niveau 
bis zur Pubertät. Mit dem 12. Jahre für Mädchen und dem 14. Jahre für Knaben 
steigt der Perzentsatz noch einmal und verbleibt auf diesem Gipfelpunkt für 
die nächsten zwei Jahre. Er geht hierauf schnell zu einem sehr niedrigen Niveau 
zurück. Zum Beispiel: bei Mädchen mit 14 Jahren sind 31% Nagelbeißer, bei 
Mädchen mit 16 Jahren nur mehr 15%, ein Perzentsatz, der wahrscheinlich 
auch für die Erwachsenen zutreffen dürfte. Bemerkenswert bei dieser letzten 
Steigerung ist, daß sie für Knaben und Mädchen in verschiedenen Lebensaltern 
einsetzt und zwar mit einem Unterschied von zwei Jahren, der mit dem ver- 
schiedenen Beginnen der Pubertät bei den beiden Geschlechtern korrespondiert. 
Diese Tatsachen finden ihre Erklärung durch die psychoanalytischen Beiträge 
zur Kenntnis der Sexualentwicklung des Kindes. Wie bekannt, unterschied Freud 






Zeitschrift f. psa. Päd., VV* 



— 153 



ii 



in seinen „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" drei Hauptstufen in der psycho - 
sexuellen Entwicklung des Individuums : 

1) den Zeitraum vom 1. bis 5. Jahre, die Periode der infantilen Sexualität. 

2) die Latenzperiode vom 6. Jahre an bis zum Beginn der Pubertät. 
g) Die Pubertät, die in das Sexualleben des Erwachsenen ausläuft. 

Die infantile Periode können wir in zwei Zeitabschnitte teilen: in die prä- 
genitale Phase, welche sich auf die ersten drei Lebensjahre des Kindes erstreckt, 
und die genitale Phase während der nächstfolgenden zwei Jahre. Das Charakte- 
ristische dieser beiden Perioden, wie den Autoerotismus, und die weitere Unter- 
teilung der prägenitalen Stufe in die orale und anale, der genitalen in die 
urethrale und die phallische, setze ich als bekannt voraus und will hier nur 
zeigen, daß wahrscheinlich ein Zusammenhang zwischen den Abstufungen der 
Häufigkeit des Nagelbeißens und den verschiedenen Perioden der psychosexuellen 
Entwicklung besteht. Er wird ersichtlich, wenn man die Perioden der psycho- 
sexuellen Entwicklung neben die Alters Variationen in der Häufigkeit des Nagel- 
beißens stellt. 



Alter PsydiosexueUe Entwick- 
ln Jahren) lungsstufe 



1—3 


Autoerotische Periode 






3-5 


Genitale Periode 


6 — 14 

(Knaben) 

6 — 12 

(Mädchen) 


Latenzperiode 


14 — 16 

(Knaben) 


Pubertät 


12 — 14 

(Mädchen) 





Fingernagelbeißen 



Kein Nagelbeißen (o — 1 °/ ) 

Beginn des Nagelbeißens mit allmählicher 
Steigerung (10%) 

Verstärktes Nagelheißen (bis 50 <>L) 



Plötzliches Anwachsen der Häufigkeit des 
Nagelbeißens (4o°/ ) 



Nach dieser Zusammenstellung ist die nahe Beziehung zwischen der Häufig- 
keit des Nagelbeißens und der psychosexuellen Entwicklung augenscheinlich 
Die Übereinstimmung ist tatsächlich bemerkenswert, wenn auch die verschiede- 
nen Phasen im allgemeinen nur approximativ zu begrenzen sind. 

Es bleibt jetzt zu besprechen, wie nach den Lehren der Psychoanalyse die 
eben erwähnte Übereinstimmung zu erklären ist. Vom Gesichtspunkt der Psycho- 
analyse ist das Nagelbeißen eine symptomatische Äußerung der Fixierung beirrt 
Kinde, der Regressionstendenz beim Erwachsenen. Es ist eine oral-sadistische 
Befriedigung und darf als Fortsetzung des infantilen Daumenlutschens betrachtet 
werden. Der libidinöse Wert der Gewohnheit ist am deutlichsten beim nicht- 
gewohnheitsmäßigen Nagelbeißen der Erwachsenen. Bei diesen tritt das Nagel- 
beißen dann auf, wenn das Individuum bedrückt, in Sorge, geistig angestrengt 
oder in Gedanken vertieft ist. Das In-den-Mund-stecken des Fingers wirkt wie 
das Daumenlutschen als Beruhigungsmittel, da es eine Rückkehr zu ur- 



- 154 - 



alten Lustgefühlen ist, die von der Mutterbrust stammend, die allerbeste Linderung 
von aller Pein brachten. 

Regelmäßig ist das Nägelbeißen, sowohl das Hineinstecken des Fingers in 
den Mund, als das Beißen selbst ein masturborisches Äquivalent. Das Nägel- 
beißen ist, so wie die „Tics", wie die Psychoanalyse immer wieder findet, 
eine besondere Form unbewußter Onanie, Dieser verbotenen Befriedigung wird 
nur dann gefrönt, wenn, wie in allen Fällen von neurotischer Handlung, der 
verpönte Akt gleichzeitig bestraft wird. Die Strafe für das Spielen mit dem 
Penis ist die Kastration. In der durch die Psychoanalyse entzifferten Sprache 
drückt das Kind Folgendes aus: Dem Verbote mit dem Penis zu spielen trotze 
ich; ich stecke den Finger in den Mund. Tue ich dies, muß ich bestraft werden; 
ich beiße mir gleich selbst die Nägel ab. Fortgesetztes Nägelbeißen ist also 
Zeichen einer unvollständig gelösten Ödipussituation (Liebe zur Mutter, Furcht 

vor Strafe). 

Nach dem Vorhergesagten verstehen wir die Übereinstimmung der psycho- 
sexuellen Phasen mit der Intensität des Nägelbeißens. Es ist zu erwarten, daß 
es kein Nägelbeißen vor dem 5. Lebensjahre gibt. Bis dahin ist keine Notwendig- 
keit für Ersatzbildungen, weil sich das Kind noch in der prägenitalen Phase 
seiner psychosexuellen Entwicklung befindet. Die Mutterbrust oder ihr Gleich- 
wertiges sind noch Quelle oraler Befriedigung. Die Ödipussituation hemmt noch 
nicht des Kindes libidinoses Streben. 

In der nächsten Altersstufe, vom 3. bis 5. Lebensjahre, beginnt das Nagel- 
beißen. Während dieser Altersstufe setzt sich einerseits der Ödipus-Komplex 
durch, andererseits beginnen bereits die direkten Verbote der Eltern gegen die 
genitale Aktivität, deren erster Höhepunkt gerade in dieser Altersstufe liegt. 
Diese genitale Betätigung, sowie die spätere Onanie, welche von inzestuösen 
Phantasien begleitet ist, sind verpönt und tabu und müssen aufgegeben werden. 
Der Beginn des Nägelbeißens ist ein Versuch, die versagte Onanie auf andere 
Weise fortzusetzen. Auf dieser Altersstufe ist das Nagelbeißen noch relativ gering, 
erstens weil ein geringes Ausmaß sexueller Aktivität noch geduldet wird und 
zweitens, weil die Verdrängung des Ödipus-Komplexes noch nicht vollendet ist. 
Mit dem Alter von 6 Jahren hört die Nachsicht seitens der Eltern und Vor- 
gesetzten immer mehr auf. Ebenso wichtig ist, daß die Ödipus-Situation mit 
ihrer entsprechenden genitalen Betätigung normalerweise abgeschlossen ist. Ge- 
rade, wenn mit dem 6. Lebensjahre die sogenannte Latenz-Periode beginnt, 
sehen wir auch eine wesentliche Steigerung des Nägelbeißens. Dieses Anwachsen 
ist leicht zu erklären, wenn wir das Nagelbeißen als stellvertretend für die 
Onanie anerkennen. Die Steigerung ist auch ein Zeichen, daß der Übergang 
von der genitalen zur Latenz-Periode in einer großen Anzahl von Fällen nur 
mangelhaft gelungen ist. Bei einer bedeutenden Anzahl von Kindern ist die 
Ödipus-Situation nur teilweise überwunden und wird, wie beim Neurotiker, 
durch Verschiebung fortgesetzt. 

Wir sehen weiter, daß zwischen dem 6. und 12. Jahre bei Mädchen und 
dem 6. und 14. Jahre bei Knaben die Häufigkeit des Nägelbeißens sich nahezu 

— 155 — 



unverändert fortsetzt. Die Latenz-Periode, der diese Altersstufe entspricht, bringt 
keine neuen Zuschüsse zur Sexualität. Dieser ereignisarme Zeitraum wahrt bis 
zur Pubertät, mit deren Beginn wieder ein plötzliches Steigen der Häufigkeit 
des Nagelbeißens zu bemerken ist. Dieses Anwachsen entspricht der Steigerung 
aller sexuellen Regungen. Doch konnten wir eine speziellere Erklärung von. 
der psychoanalytischen Lehre erwarten. 

Mit dem Eintreten der Pubertät erwachen die Ödipus-Konflikte wieder, und 
das alte Schuldgefühl für die früheren sexuellen Bestrebungen wird wieder 
lebendig, Das Zunehmen der Intensität des Nagelbeiß ens während der Pubertät 
ist wie ein Nachweis der Wiederbetätigung dieser Gefühle und des Wiederer- 
scheinens des Ödipus- Konfliktes vor der endlichen Lösung, die in dem Erreichen 
der Sexualität des Erwachsenen liegt. Mit der endlichen Lösung ist eine Ver- 
kleinerung der Intensität des Nagelbeißens zu erwarten und tatsächlich zu be- 
obachten. Wir finden, daß die Häufigkeit des Nagelbeißens, die auf dem Höhe- 
punkt der Pubertät bis 40 /o gestiegen war, nun bis unter 20% sinkt. 

* 

Am Ende dieser Untersuchung wollen wir eine allgemeine Frage der Methodik 
aufwerfen. Sie betrifft die Anwendung statistischer Methoden für die Nach- 
forschung von bestimmten psychoanalytischen Problemen und die Überprüfung 
psychoanalytischer Hypothesen, die auf andere Art schwer zu beweisen sind. 

In der psychoanalytischen Literatur wird meistens vorausgesetzt, daß von 
der Anwendung statistischer Methoden auf ihrem Gebiete nicht viel zu erwar- 
ten sei. Da sie immer vom eingehenden Studium des Einzelnen ausgeht und ihre 
Erfolge gerade aus dem möglichst genauen Einblick in das individuelle Seelenleben 
schöpft, so weist sie die Einblicke auf Grund rein statistischer Forschung zurück. 

Die ersten Einwendungen waren, daß die statistische Methode für psycho- 
analytische Nachforschungen a priori nicht anwendbar sei; später wurde die 
Anwendbarkeit zwar prinzipiell angenommen, aber für zu unpraktisch gehalten. 
Beispielsweise hat Alexander auf dem letzten Kongreß für geistige Hygiene 
in Washington den Vorschlag statistischer Untersuchungen von psychoanalytischen 
Fällen mit der Begründung zurückgewiesen, daß es ungeheure Zeit und Arbeit 
erfordern würde, die nötige Zahl von Untersuchungen zu sammeln. 

Ein Analytiker würde durch 10 Jahre täglich 10 Stunden arbeiten müssen, um 
nur eine so geringe Zahl wie 100 Fälle zu erreichen. Worauf zu antworten ist 
daß 20 Analytiker daran arbeiten könnten, wenn für einen die Arbeit zuviel 
ist. Die Langwierigkeit des Beschaffens von wissenschaftlichem Material kann 
als keine Entschuldigung für das Unterlassen einer wissenschaftlichen Arbeit 
gelten. Kometen erscheinen sicher seltener als psychoanalytische Patienten, und 
doch hat die Astronomie sich nicht gescheut, entsprechende Daten zu sammeln. 

Wir können diese Diskussion aber ganz außer Acht lassen, weil die Haupt- 
sache ist, daß gewisse psychoanalytische Probleme existieren, die zur Lösung 
keine langandauernde Analyse voraussetzen. Meistens sind es Probleme, die eher 
der Bestätigung als der Ausarbeitung bedürfen, wovon mein heutiger Beitrag 
ein Beispiel liefert. Aber es sind auch viele andere Fälle, die leicht genannt 

— 156 — 



werden könnten. Auf dem Washingtoner Kongreß berichtete z, B. die Analytikerin 
Chadwick über die größere Zahl von Todesfällen unter solchen Kranken, 
die während ihres Krankenlagers im Schlafe eine dem Fötus ähnliche Lage ein- 
nahmen, im Vergleiche mit an denselben Krankheiten leidenden Patienten, die 
diese Schlafstellung nicht zeigten. Leider aber wurden ihre Beobachtungen nicht 
auch durch Zahlen unterstützt. Noch ein anderes Beispiel. Es fragt sich, von 
welcher Wichtigkeit die Abwesenheit des Vaters für die Entwicklung des kind- 
lichen Ichs und Über-Ichs ist. Auf Grund der Psychoanalyse sollten wir gewisse 
Charakterzüge bei vaterlosen Kindern oder bei solchen, deren Väter nur eine 
schwache Verkörperung der Vaterimago geben, erwarten. Also, einerseits größere 
Triebhaftigkeit, andererseits häufige Verwahrlosung. Diese Behauptung wird 
immer wieder aufgestellt, aber ihre Richtigkeit könnte sehr leicht durch eine 
statistische Nachforschung endgültig festgelegt werden. Dasselbe trifft auch für 
psychoanalytische Beobachtungen zu. Ihre Überprüfung verlangt ebenso wie es 
bei anderen wissenschaftlichen Behauptungen der Fall- ist, die mannigfaltige, 
inei nandergreifende, kleine Ursachen berücksichtigende, zusammenfassende Unter- 
suchung einer großen Menge von Fällen. 

:||||||||||||||||||||||||l|l|lllM 

Zeitschriften 

Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse. Herausgegeben 
von Signa. Freud. 

Das soeben erschienene Heft 1 des XVII. Jahrganges enthält u. a. folgende Beiträge: 
Max Eitingon: Über neuere Methodenkritik an der Psychoanalyse 
Felix Boehm.* Zur Geschichte dps Ödipuskomplexes 
Otto Fenicbel: Spezialformen des Ödipuskomplexes 

Wilhelm Rtich: Die charakterologischc Überwindung des Ödipuskomplexes 
Hans Christoffel: Psychoanalyse und Medizin in ihren Beziehungen zur Angstneurose 
Arthur Kielholi: Giftmord und Vergiftungswahn 

Jakob Hoffmann: Entwicklungsgeschichte eines Falles von sozialer Angst 
Ladislaus F e s s 1 e r : Psychogene Potenzstörungen nach urologischen Operationen 
Eduard Hitsch mann: Wandlungen der Traumsymbolik beim Fortschritt der Behandlung 

Imago. Zeitsdirift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Natur- und 

Geisteswissenschaften. Herausgegeben von Sigm. Freud. 

Das soeben erschienene Heft 1 des XVII. Jahrganges enthält u.a. folgende Beiträge: 

Max Deri: Naturobjekt und Meuschenwerk 

Hellmuth Kaiser: Franz Kafkas Inferno 

I. Zoller: Alphabetstudien 

Emil Lorenz: Hansel und Gretel 

Richard D a n g e 1 : Ein siamesisches Werk über den Traum 

Theodor R e i k : Eine psychologische Studie über Caligula 

Psychoanalytische Bewegung. Herausgegeben von A. J. Storfer. 
Das soeben erschienene Heft 5 des Jahrganges 1931 enthält u. a. folgende Beiträge: 

Emest Jones: Das Schachgenie Paul Morphy 

Oskar Pfister: Ein Hamlet am Schachbrett 

Richard S t e r b a: Der Widerstand gegen die Symbolübersetzung 

Fritz W i 1 1 e 1 s : Zur Urgeschichte der Libido 

Felix Schottlaender: Henri Bergsons Gedächtnistheorie im Lichte der Psychoanalyse 

HüDnnuniiiiiiiiiiii niiBHitiinrattiini^tuiiniifHiiiiuiiiiiiainBHiiinBiiiiiiiiiHBniiiiuitiiii ei iiiiiiiiiiKiiiuiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiii 

Eigentümer Verleger und Herausgeber für Österreich: Adolf Josef Storfer. Wien, I.. Börsegasse 11 

(„Verlag der Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik";. 

Verantwortlicher Redakteur: Adolf Josef Storfer, Wien, L, Börsegasse 11. 

Druck von Emil M. Engel, Druckerei und Verla«sanstalt, Wien, L, In der Börse. 



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S/GM. FREUD 

Die Zukmmft einen' Jfiiws&oint 



In Ganzleinen M. 3'6o 



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Die religiösen Ideen — führt der Schöpfer der. 
Psychoanalyse aus — sind sämtlich Illusionen, 
niemand darf gezwungen werden, an sie zu glau- 
ben. Einige von ihnen stehen so sehr im "Wider- 
spruch zu allem, was wir mühselig über die Reali- 
tät der Welt erfahren haben, daß man sie den 
Wahnideen vergleichen kann. In den Jahrtausen- 
den, durch die die Religion die menschliche Gesell- 
schaft beherrscht hat, ist es ihr nicht gelungen, die 
Mehrzahl der Menschen glücklich zu machen; viel- 
mehr empfindet eine erschreckend große Anzahl 
der Menschen die Gesellschaftsordnung als ein 
Joch, das man abschütteln muß. Unsktlichkeit 
hat zu allen Zeiten an der Religion keine mindere 
Stütze gefunden als die Sittlichkeit . . . Wenn man 
den betrübenden Kontrast zwischen der strahlen- 
den Intelligenz eines gesunden Kindes und der 
Denkschwäche des durchschnittlichen Erwachsenen 
ins Auge faßt, kann man ermessen, welch großen 
Anteil an der intellektuellen Verkümmerung neben 
der sexuellen Denkhemmung und der Verzögerung 
der sexuellen Entwicklung besonders auch die 
religiöse Erziehung hat . . . Freuds Ausführungen 
gipfeln in der Forderung : „Erziehung zur 
Realität!" Was soll dem Menschen die Vorspie- 
gelung eines Großgrundbesitzes auf dem Mond, von 
dessen Ertrag doch noch nie jemand etwas gesehen 
hat? Als ehrlicher Kleinbauer wird der Mensch auf 
dieser Erde seine Scholle zu bearbeiten wissen, so 
daß sie ihn nährt. Eine Menschheit, die auf Illu- 
sionen verzichtet, wird wahrscheinlich erreichen 
können, daß ihre Einrichtungen keinen mehr er- 
drücken. Die Stimme des Intellekts ist leise, 
aber sie ruht nicht, che sie sich Gehör geschafft 
hat; dies ist einer der wenigen Punkte, in denen 
man für die Zukunft der Menschheit optimistisch 
sein darf . . . Auf die Dauer kann der Vernunft und 
der Erfahrung nichts widerstehen und der Wider- 
spruch der Religion gegen beide ist allzu greifbar. 
Auch die geläuterten religiösen Ideen können sich 
diesem Schicksal nicht entziehen, solange sie noch 
etwas vom Trostgehalt der Religion retten wollen. 

Es wäre eine Illusion zu glauben, daß wir 
anderswoher bekommen könnten, was die Wis- 
senschaft uns nicht geben kann. 






„Es ist hochinteressant zu verfolgen, wie Freud, 
auch im Alter noch ein Geistesriese unter den 
deutschen Gelehrten, von Schrift zu Schrift klarer, 
erbarmungsloser, wenn man will, radikaler in der 
Aufdeckung der Schäden und Fehlkonstruktionen 
unserer Gesellschaft wird. Freud selbst und die 
meisten seiner Schüler sind keine politischen Men- 
schen ; der Wiener Meister kommt zu einer Kritik 
unserer Welt ausschließlich von der psychologi- 
schen Seite her. Da aber dies? Kritik erbarmungs- 
los objektiv, unbeeinflußt von persönlichen oder 
klassenmäßigen Wünschen und Vorurteilen ist, 
müssen sich ihre Ergebnisse schließlich treffen mii 
dem, was eine marxistische Analyse der mensch- 
lichen ,Ideologien' auch ergeben würde." („Leip- 
ziger Volkszeitung") 

„Es scheint gewiß, daß ein nicht genau zu be- 
stimmender Teil der Menschheit nichts anderes 
anstrebt als Lust und darauf beruhen die diagnosti- 
schen Erfolge desPanschweinismu s," (Süd- 
deutsche Monatshefte") 

„Freud spricht zu dem heute so überaus großen 
Haufen von Neurotikern und Entfesselten, die von 
ihm wie von einem wissenschaftlichen Tetzel einen 
Gcneralablaß für alle ihre auch ihnen selbst un- 
erträglichen Ekelhaftigkeiten und Laster und ein 
gnädiges Admittatur für ihre libidinösen Sätti- 
gungsbedürfnisse erwarten. Nur für diese Sorte 
kann er ein Abgott und der Vertreter höchster 
Wissenschaftlichkeit sein. Wir hielten es für eine 
Pflicht, unser Volk und unsere deutsche Jugend 
vor dieser Sumpfwissenschaft eindringlich zu war- 
nen und da dies geschehen, ist der Wiener , Ge- 
lehrte' für uns abgetan." („Freie Welt") 

„Freud unter den Propheten . . . Die Plattheit 
ist nicht zu übertreffen." {„Theolog. Liter atur- 
zeitung") 

„Es wäre allzu bequem und verhängnisvoll, 
wenn die christliche Apologetik glaubte, solche 
scharfsinnigen Darlegungen als ,Teufelswerk* ab- 
tun zu können und zu dürfen." („Lit. Jabresher. 
d. Dürerbundes") 






S/GM. FREUD 

Das Unbehagen in der Kulllm 



In Ganzleinen M. 5' — 



liiöiBMMiiiiiiiiiraiiraiiiiiiiiiiiiiiiiiim 

,,Nun ergänze ein neues "Werk Freuds in will- 
kommenster Weise sein philosophisches Weltbild, 
abermals die Weite und Spannkraft 
dieses strengen und unbeugsamen 
Geistes erweisend, ein Werk, durchaus 
produktiv, eigenartig und wie jedes seiner früheren 
vehement zur Diskussion anreizend. Fragen in die 
Welt werfen, also in sokratischer Methode Pro- 
bleme zu erlichten, war von je Freuds besondere 
Kunst und Leidenschaft: auch an dieser neuen und 
unerwarteten wird sich die allgemeine Aufmerk- 
samkeit unbedingt erregen müssen . , . Hier ist das 
psychologische Lot tief hinabgelassen in den 
Abgrund ein« zeitgenössisch wichtigen Problems, 
eines unlösbaren, gewiß, aber welche Probleme darf 
man wirklich Probleme nennen, die glatt lösbare 
sind; hier handelt es sich nicht um optimistische 
oder pessimistische Ausdeutung, die Zeiten sind 
vorbei, wo eine Akademie die billige Preisfrage 
stellte, ob der Fortschritt den Menschen besser 
mache oder nicht, und Jean Jacques Rousseau 
durch sein glattes Nein die Begeisterung der Weh 
errang. Gerade die harte, sachliche, von 
keiner Gläubigkeit und Tendenz 
verzuckerte Art, wie Freud seine Thesen 
stellt, geben jedem, der sie ernstlich mitdenken 
will, etwas von seiner hohen Strenge und Ent- 
schlossenheit. Überreich an Anregungen, gedrängt 
voll mit Denkstoff, merkwürdig in vielen Einzel- 
heiten, erweist abermals dieses Werk, einen wie 
ernsten und weiträumigen Denker wir gleichzeitig 
mit dem genialen Forscher in Sigmund Freud zu 
bewundern haben, und wie sehr diejenigen ihrer 
selber spotten, die seine Leistung als Psychologe 
noch immer auf das einspurige Sexualgeleise ab- 
schieben wollen, indes seine Wirkung ständig ihre 
Grenzen erweitert und auf allen Gebieten geistiger 
Produktivität schöpferisch anregend zutage tritt." 
Stefan Zweig im „Bertiner Tageblatt" 

„Den Lämmern Gottes und den Ehrenbürgern 
der sozial unendlich raffiniert eingerichteten Exi- 
stenzhölle, setzt heute der Psychoanalytiker 
Sigmund Freud auseinander, warum sie in unserer 
Kultur nichts als unglücklich sein dürfen." 
Max Hodiäorf in der Berliner „Nationalzeitung" 



m 

„Ein begnadeter Schriftsteller, mit allen Gaben 
sprachlicher Meisterschaft und einer überzeugenden 
Logik. Immer folgt man seinen Gedankengängen 
mit größter Anspannung und ist bis zur letzten 
Seite gepackt von der Souveränität dieses Den- 
kens, dieser Persönlichkeit." 

Rudolf Kayser in der „Neuen Rundsdtau" 

„Sigmund Freud, der zu Österreichs Ruhm im 
Ausland mehr beigetragen hat, als alle unsere 
Schlachten und Heldentaten, hat uns im achten 
Jahrzehnt seines Lebens ein Buch der Altersweis- 
heit geschenkt, das keiner, der seiner ganz inne 
wird, ohne Schwermut und Dankbarkeit lesen 
wird." 

Max Ermers im. Wiener „Tag,, 

„Von Freuds neuester Schrift gilt das Wort: So 
viele Sätze, so viele Irrtümer oder doch wenig- 
stens Unrichtigkeiten, Schiefheiten, unbe- 
wiesene und unbeweisbare Behauptungen, falsche 
und gewaltsame Deutungen, willkürliche 
Annahmen . . . Hätte man bisher noch keine klart' 
Einsicht in das Problematische dieser neuesten 
,Wissenschaft' gehabt, die vorliegende jüngste 
Publikation Freuds müßte auch dem Blindesten die 
Augen öffnen . . . Wozu all dieser Aufwand von 
Beredsamkeit . . . Manche Behauptungen klingen 
geradezu romanhaft, muten wie tolle 
Phantasten eines Irrsinnigen an, ja 
fordern zu schallender Heiterkeit 
heraus . . . Was gegen das Gebot der christlichen 
Nächstenliebe eingewendet wird, erhebt sich nicht 
Über das Niveau frivoler Witze. Die Befol- 
gung der hohen ethischen Forderungen bedeutet 
eine Schädigung der Kulturabsichten. Die Krone 
Polens aber gebührt dem, der aus Freuds ebenso 
abenteuerlichen und bizarren, wie 
verworrenen und widerspruchsvol- 
1 e n Ausführungen über die Entstehung des Ge- 
wissens klug zu werden vermag." 

Prof. Dr. Johann Triebl in der Wiener „Reidispost" 

„Immer mehr enthüllt sich Freud als der große 
Kritiker unserer Kultur." 

A. Winterslein in der „Neuen Freien Presse* 



Urteile über die „Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik" 

Der Vorteil der „Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik" ist es, 
bei strengster WissenschaftHchkeit amüsant und kurzweilig zu sein. 

Monistische Monatshefte 

Mau übertreibt kaum, wenn man sie die beste pädagogische Zeitschrift 
nennt, die es gegenwärtig überhaupt gibt. Sie wird von Analytikern und 
Nichtanalytikern geschrieben; der Stil ist keineswegs so fachwissenschaft- 
lieh und schwer, daß die Aufsätze nur mit spezieller Vorbildung lesbar 
wären; im Gegenteil sind fast alle Aufsätze allgemeinverständlich. 

Leipziger Volkszeitung 






Wer einmal ein Heft dieser Zeitschrift gelesen hat, wartet mit Span- 
nung auf die nächste Nummer. Denn sie bringt ihm soviel Neues in 
offener Sprache, über das man früher zu schreiben sich nicht getraute, 
daß ihr möglichst weite Verbreitung zu wünschen ist. Unsere Schul- 
pflegen sollten die Zeitschrift auf irgend eine Weise ihren Mitgliedern 
zugänglich machen. Winterthurer Arbeiterzeitung 

Diese Zeitschrift hält die glückliche Mitte zwischen wissenschaftlicher 
Einstellung und Allgemeinverständlichkeit, gepaart mit einem guten lite- 
rarischen und stilistischen Niveau. 

Deutsche Zeitschrift für Homöopathie 

Unsere Arbeit in der Schule erhält von der Psychoanalyse wertvolle 
Anregungen und Aufschlüsse. Es gibt kein Ausweichen mehr, wir müssen 
auch diesen Zweig der Seelenkunde kennen lernen. Ein zuverlässiger 
Führer ist die genannte Zeitschrift. Pfälzische Lehrerzeitung 

Aufsatz für Aufsatz der Zeitschrift bringt Beispiele Menschenleids und 
seines Urgrundes, oft so packend und überzeugend, daß man wünschte, 
es gäbe Tausende von Pädagogen, die in dieser Methode zu Hause wären, 
Hunderttausende von Eltern, die ihre Forderungen für eine richtige Er- 
ziehung verstünden. Darum ist gerade diese Zeitschrift berufen, Fackel 
zu sein. Sie ist sich dessen bewußt und schreibt deshalb in einer Sprache, 
die auch Nichtgelehrten verständlich ist, Möge sie viel gelesen werden 
und unendliche Früchte tragen. Volksblatt, Halle 

Man könnte sich denken, daß Behörden und Pädagogenkreise hier die 
Gefahr einer psychoanalytischen Verseuchung unseres Schulwesens fürch- 
ten und aus berechtigten sachlichen wie persönlichen Gründen nunmehr 
gegen den Versuch vorgehen. Zeitschrift für pädagogisch Psychologie