(navigation image)
Home American Libraries | Canadian Libraries | Universal Library | Community Texts | Project Gutenberg | Children's Library | Biodiversity Heritage Library | Additional Collections
Search: Advanced Search
Anonymous User (login or join us)
Upload
See other formats

Full text of "Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik VII 1933 Heft 1"

VII. Jahrg. 



Januar 1933 ^'A. &**4-, . Nr. 1 



Zeitschrift für 

psychoanalytische 

Pädagogik 



£ d i t h a S t e r b a 



Ein 
abnormes 

Kind 

Aus seiner Krankengeschichte 
und Behandlung 



Preis dieses Heftes Mark V — 



Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik 

Begründet von Heinrich Meng und Ernst Schneider 




August A i c h h o r n 

Wien V, SdiOnnruniiersIraße 110 



Herausgeber: 
Dr. Paul ledern 

Wien VI, Köstlcrgassc 



Dr. Heinrich M eng Prof. Dr. Ernst Schneider 

Krank furt a. M. Marlensiraße 15 Stuttgart, GanshriuVstraße 47 



Anna Freud 

Wien IX, BerggaMc 19 

Hans Z u 1 1 i « e r 

I tt Ingen hei Bern 



Schriftleiter: 

Dr. Wilhelm H offer, Wien, IX., Lustkandlgasse 12 



12 Hefte Jährlich M. 10*—, sdiw. Frk. 1250. österr. S 17"— 
Einzelnen M. V— (sdiw. Frk. 125. österr. S 170) 

Geschäftliche Zuschriften bitten wir zu riihten an : 

Internationaler Psychoanalytischer Verlag 

Wien I, In der Börse 



Zahlungen für die „Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik" können geleistel werden 
durch Postanweisung, Bankscheck oder durch Einzahlung auf eines der 

Postscheckkonti des „Internationalen Psychoanalytischen Verlages in Wien": 



Postscheckkonto 

Leipzig ?/.//2 
Zürich VIII, n-419 

Wien 71.63} 
Paris C 1100.9$ 
Prag 79.58; 
Stockholm 44-49 



Jahresabonnement 

M. KT— 

Frk. 12' JO 

S IT- 
Fr. 6o-— 
Kc So-— 
schw. Kr. iyjo 



l'ostsdu'dxkonlo 

Budapest $1.204 

Zagreb 40.900 
Warszawa 1 9 1.2} 6 
Riga 36.9} 
s'Gravenhage I42.24S 
Kjöbenhavn 24.932 



Jahresabonnement 

P iy6o 
Diu. 1^6'— 

ZI. 2VJ0 

hat. i2-;o 
hfl. 6-— 

dein. Kr. I2-J0 



Bei Adressenänderungen bitten wir, freundlich auch den bisherigen Wohnort 
bekanntzugeben, denn die Abonnentenkartei wird nach dem O r t und nicht nach dem 

N amen geführt. 



Wir bereiten das Sonderheft „DIE ANGST 
DES KINDES" vor und bitten unsere Mit- 
arbeiter, Beiträge dafür rechtzeitig einzusenden. 



ZEITSCHRIFT FÜR 
PSYCHOANALYTISCHE 

PÄDAGOGIK 



I 



I 






ZEITSCHRIFT FÜR 

PSYCHOANALYTISCHE 

PÄDAGOGIK 



AUGUST AICHHORN 
WIEN 



HERAUSGEBER: 
PAUL FEDERN 

WIEN 



HEINRICH MENG ERNST SCHNEIDER 

FRANKFURT n.M. STUTTGART 



ANNA FREUD 

WIEN 

HANS ZULLIGER 

BERN 



VD. JAHRGANG 
193 3 



INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG, WIEN I. 









ALLE RECHTE VORBEHALTEN 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



ZEITSCHRIFT FÜR PSYCHO- 
ANALYTISCHE PÄDAGOGIK 



VII. Jahrgang 



Januar 1933 



Heft 1 



Ein abnormes Kind 

Aus seiner Krankengeschichte und Behandlung 
Von Dr. Editha Sterba, Wien 

Im allgemeinen darf man annehmen, daß die Darstellung einer Kinder- 
analyse nicht auf so große Schwierigkeiten stößt, wie die einer Erwachse- 
nenanalyse. Denn das analytische Material ist leichter zu gruppieren und 
die Zusammenhänge sind klarer darzustellen, da man doch die Tebens- 
geschichte eines Kindes, seine Erlebnisse und die Beeinflussungen, denen 
os ausgesetzt ist, viel eher überschauen kann; dazu kommt, daß man nicht 
7U weitgehenden Entstellungen und Auslassungen aus Gründen der Dis- 
kretion gezwungen ist wie beim Erwachsenen. Für die folgende Darstellung 
aber gilt diese Erleichterung keineswegs. Und das begründet sich im Wesen 
des kleinen Patienten, den ich Herbert nennen will, und in der Art seiner 
Erkrankung. Schon die Tatsache, daß ein solcher Fall erstmalig in seine 
Tiefen hinein beschrieben wird, bedingt Schwierigkeiten sowohl für den 
Darsteller wie für den Leser. Denn in der mir zugänglichen einschlagigen 
Literatur, die nur von Nichtanalytikern stammt, da ein derarnger Fall zur 
analytischen Beobachtung bislang nicht gekommen ist, wird jedes tiefere 
Eineehen auf das charakteristische Wesen eines solchen Falles vermißt . 
Die Art der Erkrankung des kleinen Patienten in Verbindung mit seinem 
sonderbaren Wesen, das ,. T. von seiner Krankheit nicht zu trennen^ 
unterscheidet den Fall einschneidend von allen bisher bekannten Fallen 
dei Laerneurose. Die theoretischen Probleme, die sich um diese spezi- 
fil he Erkrankung des kleinen Herbert gruppieren, behalte ich mir für 
eL geäderte Abhandlung vor. Es wird freilich nicht vermieden werden 
können für das Verständnis notwendige Stücke der Theone des Falles auch 
g^r^Wesc bichte, die ich hier wieder geben will, emzubetten. 

— — • „ WrUSninir vielleicht teilweise darin finden, daß kein Kinder- 

SÄÄ«T- , £52i - *-*+ * ******* Geie^e.« hat, .i, es 
sich bei einer Analyse von selbst ergibt. 

— 5 - 



Da dieser Bericht über die Krankheit des kleinen Herbert sich auf einen 
Zeitraum von mehr als zwei Jahren erstreckt, mußte bei der ungeheuren 
Fülle des Materials von vornherein auf eine rein chronologische Gesamt- 
darstellung der Behandlung verzichtet werden. Die folgende Krankenge- 
schichte umfaßt neben der Vorgeschichte des Falles die Schilderung der 
Hauptsymptome und ihre analytische Auflösung und die Darstellung der 
für die Struktur der Erkrankung aufschlußreichsten Abschnitte der Behand- 
lung. Die Grundlage dieses Berichtes bilden ausschließlich meine Auf- 
zeichnungen, die durch genaue Beobachtungen zweier analytisch geschulter 
Kindergärtnerinnen wertvolle Bereicherung und Ergänzung erfuhren. An- 
gaben der Eltern wurden nur für die früheste Lebensgeschichte des kleinen 
Herbert verwendet und ließen sich auch da zum großen Teil genau nach- 
prüfen. Auf die Technik der Behandlung dieses Falles, die immerhin in 
einigen Punkten von der der Kinderanalyse beim neurotischen Kind Ab- 
weichungen zeigt, wird am Schluß des Berichtes eingegangen weiden. 

Vorgesdiidtte 

Der kleine, zu Beginn der Behandlung fünf Jahre und einen Monat alte 
Herbert wurde zu mir in Begleitung dreier Erwachsener in eine meiner Er- 
ziehungsberatungen gebracht, weil er zu Hause so vollkommen unzugänglich, 
unruhig, eigensinnig und unbeeinflußbar war, daß man mit ihm gar nichts mehr 
anzufangen wußte. Auf der heilpädagogischen Abteilung der Kinderklinik hatte 
man den Fall einige Wochen beobachtet, ihn als infantile Psychose diagnostiziert 
und dem Vater als einzigen Ausweg vorgeschlagen, das Kind in eine Heilanstalt 
zu geben. Dazu konnten sich die Eltern aber nicht entschließen. Sie wollten 
noch einen letzten Versuch mit einer analytischen Behandlung machen. 

Herbert entstammt einer kleinbürgerlichen, früher gutsituierten, aber in den 
letzten Jahren sehr verarmten Familie. Nach Angabe der Eltern, die in einem 
entfernten Verwandtschaftsverhältnis zueinander stehen, sollen in ihren Familien 
weder Geisteskrankheiten noch sonstige erbliche Krankheiten vorgekommen sein. 
Die Eltern selbst sind körperlich gesund, weisen aber mehrfach neurotische 
Charakterzüge auf, die durch die Verschlechterung der sozialen Verhältnisse 
eine wesentliche Verschärfung erfahren haben. Herberts einziger Bruder, der 
zweieinhalbjährige David, ist ein normales, nettes, hübsches und zutrauliches 
Kind. Der Vater, ein eingewanderter Ostjude, war zuerst selbständiger Fabrikant, 
mußte dann in Konkurs gehen, blieb lange arbeitslos und war schließlich sehr 
froh, eine bescheidene Stelle als Angestellter zu finden, die ihn und seine Famüie 
gerade vor dem Verhungern bewahrt. Er ist ein sehr intelligenter, belesener 
und gebildeter Mann; nach seinem Aussehen könnte man ihn eher für einen 
Privatgelehrten halten. Für die Abnormitäten seines kleinen Sohnes hatte er 
immer größtes psychologisches Verständnis, bemühte sich stets, liebevoll und 
gütig zu ihm zu sein. Die Mutter ist nicht so intelligent und gebildet wie der 
Vater. Sie ist ständig vergrämt und überarbeitet, da sie seit Jahren infolge der 
schlechten materiellen Verhältnisse alle Hausarbeit verrichten muß, obwohl sie 



— 6 — 



früher nie daran gewöhnt war. David, Herberts jüngerer Bruder, ist ihr Lieb- 
lingskind sie zieht ihn Herbert immer vor, und kann sich mit der Eigenart 
ihres älteren Knaben gar nicht befreunden. Sie hat immer das Bestreben, ihn 
als normal hinzustellen, wird sehr leicht ungeduldig, und kann die narzißtische 
Kränkung, die ihr dieses Kind ständig bereitet, nicht verheimlichen, geschweige 
denn verwinden. Dabei ist sie in ständiger schwerer Sorge um das Leben ihrer 
beiden Kinder, ohne dazu einen besonderen Anlaß zu haben, verwöhnt beide 
sehr, ist ganz inkonsequent und dem Kleineren gegenüber ebenso hilflos wie 

^TetTrnorZ™ Geburt soll sich der kleine Herbert zuerst scheinbar 
«ranz normal entwickelt haben. Die ersten Schwierigkeiten traten auf, als man 
rim mit sechs Monaten zu entwöhnen versuchte Er verweigerte oder erbrach 
ausnahmslos jede andere Nahrung und zeigte sich so eige «*****+* *« 
ängstliche Mutter auf Anraten des Kinderarztes entschloß, ^"*^2 
MU großer Mühe gelang es dann, ihn mit elf Monaten abzustillen. De un 
gehenden Eßschwier^keiten, die im folgenden noch genauere M^ 
werden, begannen schon jetzt sich anzukündigen. Als Herbert sieben Monate 
alt war, ging die Mutter einmal für ein paar Stunden fort und trug dem Dienst- 
mädchen auf. dem Kind wieder einmal versuchsweise Müch in der Flasche zu 
.eben. Als sie zurückkam, war das sonst stets sehr lebhafte und unruhige Kind 
so leichenblaß, still und verstört, daß die Mutter es kaum wiedererkannte. Das 
Mädchen berichtete, der Kleine habe sich, als sie ihm die Flasche aufzwang 
sehr stark verschluckt und sie hätte ihm den Finger in den Hals gesteckt, damit 

er erbrechen könne. 

Mit neun Monaten begann Herbert zu sprechen, mit vierzehn Monaten redete 
er vollkommen richtig, besaß den Wortschat, eines vierjährigen Kindes ver- 
wechselte aber nach Angabe der Eltern „ich" und „du«. Er zeigte "»°* damal * 
eine ganz unheimliche Wißbegierde, fragte nach allem, interessierte sich aber 
vorwiegend für Geschriebenes und Gedrucktes, das er immer und unter allen 
Umständen sich anzueignen versuchte. Dabei hatte er für Spielsachen, glanzende 
Gegenstände usw., die sonst Kinder in diesem Alter anlocken, gar kern Interesse, 
ia schien sie nie zu bemerken. Man konnte an ihm weder Zärtlichkeitsbedurfnis , 
noch irgendeine Form von Anhänglichkeit an Mutter oder Pflegeperson beob- 
achten. Mit eindreiviertel Jahren konnte er vollkommen laufen und die Eltern 
'bemerkten als auffällig, daß er nie wie andere Kinder zuerst am Boden herum- 
kroch sondern das Gehen in kurzer Zeit ohne besondere Hilfe mit ganz un- 
kindlicher Konsequenz erlernte. Mit achtzehn Monaten hantierte er so unge- 
schickt an einer Nachttischlampe herum, daß sie ihm auf den Kopf fiel. Er soll 
dann einige Tage gefiebert haben; er hatte zwar sonst keine Symptome, aber 
der Arzt meinte doch, er könnte eine leichte Gehirnerschütterung erlitten haben. 
Von seinem achtzehnten bis zum zweiundzwanzigsten Monat lebte er mit seiner 
Mutter auf dem Lande und da fiel schon allen seine ungewöhnliche geistjge 
Frühreife auf. Im Alter von zweiundzwanzig Monaten konnte er fließend bis 
tausend und zurück zählen, obwohl man ihm das nicht hatte beibringen wollen, 



sondern es ihm nur einige Male auf sein quälendes Drängen hin vorgesagt hatte. 
Sein Alles-wissen-wollen nahm in so erschreckendem Maße zu, daß seine Um- 
gebung, die zuerst voll Bewunderung für seine Kenntnisse war, ihn sogar zurück- 
zuhalten versuchte, ohne aber dadurch etwas anderes als ständige Konflikte und 
Szenen zu erreichen. Als er zweieinhalb Jahre alt war, nicht lange nach der 
Geburt des kleinen Bruders, hatte er eine beiderseitige, sehr arge, chronische 
Mittelohrentzündung. Im Anschluß daran mußte ihm ein Polyp aus einem Ohr 
entfernt werden. Einige Wochen später trat arger Ohrenfluß auf, er mußte un- 
gefähr sechs Monate lang wöchentlich drei- bis viermal an der Ohrenklinik 
behandelt werden. Der zu dieser Zeit arbeitslose Vater brachte ihn immer hin 
und berichtete, er habe sich bei dieser Behandlung sehr unwillig und unruhig- 
benommen. Die Ärzte versicherten zwar, es könne ihm nicht weh tun, doch 
scheint die Behandlung trotz allem recht schmerzhaft gewesen zu sein, denn 
man mußte oft Gewalt anwenden und sehr viel drohen. Von da an hatte er 
oft Mittelohrreizungen mit Fieber, sehr häufig Ohrenfluß, war aber bis zur 
analytischen Behandlung absolut nicht dazuzubringen, die Ohrenklinik aufzu- 
suchen oder sich zu Hause von einem Arzt das Ohr untersuchen zu lassen. 
Sonst war er nie krank, hatte keine Kinderkrankheiten, niemals eine schwere 
Grippe. 

Wenn ich nun versuchen will, das Aussehen des kleinen Herbert zu schil- 
dern, bin ich mir bewußt, daß es fast unmöglich ist, den merkwürdigen Ein- 
druck wiederzugeben, den dieses Kind zu Beginn der Behandlung auf jeden 
Menschen machte. Der kleine, brünette, für sein Alter körperlich ganz normal 
entwickelte, wenn auch zarte und magere Herbert fällt vor allem durch seinen 
Gesichtsausdruck auf. Seine braunen, etwas stechenden Augen wandern immer, 
wenn er nicht gerade in tiefes Nachdenken versunken ist, forschend herum, 
ohne eigentlich einen Menschen direkt anzusehen. Er lachte nie, als ich ihn 
kennen lernte, hatte immer einen unerhört gespannten, ganz unkindlichen affekt- 
losen und starren Gesichtsausdruck, den viele Leute sehr treffend als unheim- 
lich bezeichneten. Er wirkt wie eine eigenartige Mischung eines bösartigen 
Kobolds mit einem ganz introvertierten Erwachsenen, der zwar intelligent aus- 
sieht, aber dann doch in seiner völligen Versunkenheit und Nichtbeachtung der 
ihn umgebenden Welt fast wieder den Anschein der Debilität erwecken kann. 

Daß der kleine Herbert eine ganz ungewöhnliche geistige Frühreife zeigte, 
habe ich schon erwähnt. Mit drei Jahren wollte er durchaus lesen lernen und 
seine Sucht, alles Gedruckte ohne jede Hemmung und Rücksicht sofort an sich 
zu reißen, nahm ständig zu. So erlernte er das Lesen eigentlich von selbst, 
denn er besaß nie eine Fibel und man zeigte ihm nur widerwillig die Buch- 
staben. Mit vier Jahren konnte er tadellos richtig lesen-, sein besonderes Sprach- 
gefühl kam darin zum Ausdruck, daß er auch die schwersten Fremdwörter 
sofort richtig las, ohne zu buchstabieren oder nachzudenken. Am besten läßt 
sich dies an einem kleinen Beispiel zeigen: Als er zu mir in die Behandlung 
kam, wollte ich seine Lesekunst prüfen und gab ihm, da ich nichts anderes da 
hatte, den Prospekt einer chemischen Firma, auf dem in gezeichneten Buch- 

- 8 - 



staben Ichthyol, Mittel gegen Hautleiden usw. gedruckt war. Er las dieses Wort 
und die schwierigen Namen aller Hautkrankheiten sofort ganz richtig und schnell 
und irrte sich kein einziges Mal. Er konnte auch schon damals alles in Block- 
schrift orthographisch ganz richtig schreiben, war aber immer sehr schwer da- 
rzubringen: schreiben war ihm lästig und uninteressant, er ging ja stets nur 
auf den Erwerb neuer Kenntnisse aus. Für Rechnen ist er ebenso befähigt, mit 
fünf Jahren beherrschte er alle vier Grundrechnungsarten bis hundert genau, 
irrte sich nur selten, war aber sehr ungehalten und ungeduldig, wenn man ihn 
prüfte weil er in seinem Größenwahne* jede Prüfung als entehrend und als 
Ausdruck des Zweifels an seinen Kenntnissen empfand. Er hat dabei einen be- 
sonders guten rechnerischen Überblick-, so sagte er beim Betreten des Warte- 
zimmers in meiner Beratung: „Hier sind sechzehn Sessel . Das stimmte auch 
und bei Nachprüfung zeigte sich, daß die wenigsten Erwachsenen imstande 
waren, diese Zahl so rasch festzustellen. Auch sein Gedächtnis ist ganz unge- 
wöhnlich. Er merkt sich alles, was er einmal gelesen oder gehört hat, ganz 
genau, weiß dann immer anzugeben, wo und wann er es erfahren hat. Er 
erinnert sich wörtlich an Gespräche, die geführt wurden, als er zwei Jahre alt 
war, und weiß alle Zusammenhänge, wenn sie auch noch so kompliziert sind, 
wiederzugeben. Zwei kleine Beispiele mögen dies illustrieren. Zu Beginn der 
Behandlung, mit fünf Jahren also, als er das erste Mal bei mir einen geogra- 
phischen Atlas fand, konnte er sich nicht mehr von diesem trennen. Obwohl 
er nie einen solchen gesehen hatte und keine Überschrift laut las, zählte er 
gleich nach der ersten Besichtigung dem erstaunten Vater alle Länder genau 
und richtig auf, wobei sich herausstellte, daß er von selbst herausgefunden 
hatte, daß Großbritannien und England, Holland und Niederlande identisch 
seien. Als er drei Jahre alt war, kam er mit dem Vater auf einen Bahnhof, 
dort stand ober einer Tür Portier. Das mußte ihm der Vater sofort vor e.e» 
Ein Jahr später kam er wieder auf diesen Bahnhof. Da las er schon selbst und 
sa fi te dann ganz empört zum Vater: „Voriges Jahr hast Du mir vorgelesen 
Portie und hier steht es doch mit einem r am Schluß". Ich habe sein er- 
staunliches Sprachgefühl schon erwähnt, er spricht, abgesehen von den Schwie- 
rigkeiten, die sich aus den Vermeidungen „verbotener Worte" ergeben, sehr 
korrekt, und man kann ihn durch nichts so ärgern, wie wenn man eine Ver- 
balform unrichtig bildet oder ein Dialektwort aus der Umgangssprache gebraucht. 
Er fragt z. B.: „Warum schreibt man Ägypten mit Ypsilon, wenn man es doch 
Ägipten ausspricht". Beim Studium des englischen Wörterbuches hat er gleich 
bemerkt, daß es Worte gibt, die man anders ausspricht als man sie schreibt 
und hat versucht, diese Tatsache in ein System zu bringen. Überhaupt hat er 
für Systemisierungen eine besondere Vorliebe, liest deshalb am liebsten Kon- 
versationslexika, Wörterbücher, Kalender usw. Er kennt Buchstaben und Num- 
mern aller Straßenbahnen, weiß wohin sie fahren, kennt alle Bezirke, die 
wichtigsten Straßen und Gebäu de, alle Hauptstädte der Erde, alle Kalender- 

l) Auf diesen Größenwahn werde ich bei der Schilderung der Symptome noch 
zurückkommen. 



heiligen, alle jüdischen Feste mit hebräischer und deutscher Bezeichnung usw. 
Dabei hat er sich alle diese Kenntnisse durch Lesen allein erworben, und be- 
müht sich ständig, alles nicht nur gedankenlos nachzureden, sondern in eine 
ihm verständliche und richtige Ordnung zu bringen. Vielleicht läßt sich dies 
auch am besten an einem Beispiel zeigen. Er hatte einmal während seiner Be- 
handlung Gelegenheit, Anna Freud zu sehen. Er fragte sie dabei nach ihrem 
Namen; eine Zeitlang, nachdem sie ihm denselben gesagt hatte, zog er mit 
einem Griff aus einem Büchergestell das Buch Anna Freuds: „Einführung in 
die Technik der Kinderanalyse" heraus, hielt es ihr hin und fragte: „Ist das 
eine Kinder- oder Jungenanalyse?" 1 . Anderthalb Jahre später fragte er zu einer 
Radierung Freuds, wer das sei und warum dieser Mann so berühmt sei, daß 
man ein Bild von ihm gemacht habe. Als ich es ihm erklärte, fiel ihm sofort 
Anna Freud ein, und er sagte, nachdem er erfaßt hatte, worin Fi-euds Be- 
deutung bestehe: „Also dann ist sie eine Erziehungspsychologin". 

Es wird einem wohl nicht so wunderlich erscheinen, daß der Interessen- 
kreis dieses Kindes, als es zu mir kam, von dem eines normalen gleichaltrigen 
verschieden war. Er besaß nur rein geistige, durchaus unkindliche Interessen. 
Vorgänge in der Außenwelt interessierten ihn überhaupt nicht, war er doch 
fast ausschließlich mit Bücher- und Zeitunglesen beschäftigt. Natürlich ist er in allen 
Dingen des praktischen Lebens und in allen Handfertigkeiten ganz außergewöhn- 
lich unerfahren und ungeschickt. Es ist keine Rede davon, daß er sich allein anziehen 
kann usw., alle Gegenstände fallen ihm aus der Hand, er kann auch wegen seiner 
Unruhe, die sich an jedem ihm unbekannten Ort ganz unerträglich steigert, kaum 
ruhig auf einem Sessel sitzen und fällt oft herunter. Er stolpert und torkelt stets 
herum da er entweder intensiv nachdenkt oder die zunächst liegenden Gegenstände 
gar nicht bemerkt, weil er in der Ferne etwas Lesbares entdeckt hat. Er fiel auch 
oft auf der Straße, kurz er war, als man ihn zu mir brachte, von einer so großen 
körperlichen Ungeschicklichkeit, daß man sie als seiner geistigen Frühreife 
direkt proportional hätte bezeichnen können 2 . Sein Benehmen auf der Straße 
war dabei auch so auffällig, daß. die Mutter nicht mehr mit ihm ausgehen 
wollte. Er fiel ja fortwährend nieder, weil er alle Aufschriften genau lesen 
mußte, im Park und Geschäften riß er jedem Menschen Gedrucktes aus der 
Hand, kurz sein Benehmen war wirklich unerträglich für seine Umgebung und 
für ihn selbst äußerst gefahrbringend. 

Neben diesen sehr störenden Eigenheiten besaß der kleine Herbert aber 
„och eine Unzahl anderer, die es wirklich zeitweilig ganz unmöglich machten, 
mit ihm zusammen zu leben. An dieser Stehe sollen nur die wichtigsten ange- 
führt werden, wie sie mir von den Eltern zu Beginn der Behandlung geschil- 
dert wurden. Auf Wesen Und Bedeutung dieser Eigenarten komme ich im Laufe 
de? ^rankheitsgeschichte noch oft zurück, ebenso wie ja auch noch viele an- 

i) Er bekämpfte, wie später gezeigt werden wird, aus seinem Größenwahn her- 
aus, überall das Wort „Kind". . 

2) Auf den Zusammenhang dieser körperlichen Ungeschicklichkeit mit seiner Er- 
krankung wird später noch eingegangen werden. 

— 10 — 



«lere Symptome erst im Laufe der Behandlung klar und deutlich wurden. Vor 
allem schloß seine vollständige Abwehr jedes wie immer gearteten ärztlichen 
Eingriffs jede ärztliche Intervention aus. Dies war schon vor der schmerz- 
haften Ohrenbehandlung der Fall, denn die Mutter berichtete, daß der kleine 
Herbert, als er anderthalb Jahre alt war und ihn der Arzt einmal mit dem 
Stethoskop abhorchen wollte, in einen solchen Erregungszustand geriet, daß 
der Arzt von selbst auf jede weitere Untersuchung verzichtete. Dabei äußerte 
sich seine Abwehr nicht etwa in Form von Angst, er geriet nur in einen der- 
artigen wort- und tränenlosen Zustand erregter Bewegungsunruhe, daß man 
alle! tat, um ihn zu beruhigen, weil man den Eindruck gewann, er sei so auf- 
geregt daß man jederzeit den völligen Verlust seines Verstandes befurchten 
mußte Es scheint auch, daß dieser von verschiedenen Beobachtern als ganz 
ungewöhnlich bezeichnete Zustand es verhinderte, ihn auf der Kinderklinik 
-rundlicher organisch zu untersuchen. Auch nach Verabreichung größter zu- 
lässiger Schlafmitteldosen, nach denen er ganz fest zu schlafen schien soll er 
bei jeder Berührung sofort erwacht sein und jede Untersuchung abgewehrt haben . 
Jedenfalls wurde er aber doch so weit somatisch examiniert, daß man feststellen 
konnte, es liege keine Handhabe vor, an eine organische Gehirnkrankheit zu 
denken. Eine Behandlung beim Zahnarzt war natürlich gänzlich ausgeschlossen, 
ja seine Abwehr jeder ärztlichen Therapie ging sogar soweit, daß er nicht ein- 
mal Tee trinken wollte, denn „das ist auch eine Art Medizin 1 ", wie er sagte. 
Daneben gab es noch eine Unzahl von bestimmten Maßnahmen, die man 
ganz vorschriftsmäßig einhalten mußte, wenn man mit ihm auskommen wollte, 
und die alle dazu bestimmt waren, eine Berührung seines Körpers zu vermei- 
den. Man durfte ihn weder waschen noch anziehen, das wollte er alles selbst 
tun obwohl er dazu viel zu ungeschickt war und seine Körperpflege, besonders 
die' Zahnpflege, sehr darunter litt. Auch im Bad wollte er sich immer allein 
waschen- wenn man ihm die Füße waschen wollte, mußte man ein Handtuch 
darüber breiten, damit er nicht sah, daß Wasser seine Füße benetzte; aber auch 
dann noch war er sehr ungehalten. Haare und Nägelschneiden der Finger war 
kaum durchzusetzen. Zehennägel konnte man ihm überhaupt nur im Schlaf 
schneiden, auch da wachte er sofort auf, sodaß man also zehn Tage brauchte, 
bis man alle Nägel geschnitten hatte. 

Außerdem gab es für ihn im Laufe des täglichen Lebens eine Unzahl Regeln, 
die genau bestimmt waren, und auf deren Befolgung er mit unerbittlicher 
Strenge hielt. Man hatte natürlich wiederholt versucht, ihn mit Gewalt zur 
Durchbrechung irgend eines dieser seiner Gebote zu bringen, damit aber nichts 
anderes erreicht, als daß er in einen derartigen Erregungszustand geriet, daß 
man befürchtete, er werde vollkommen verrückt werden und in Tobsucht ge- 
raten. Danach war er tagelang so verschlossen und gleichgültig gegen seine 

1) Es ist überhaupt auffällig, daß er. wann immer man ihn aus tiefstem Schlaf auf- 
weckt, jederzeit vollkommen zeitlich und örtlich orientiert ist. Dabei hat er keinen 
leichten Schlaf, spricht oder schreit niemals während der Nacht und verhält sich 
beim Schlafen überhaupt sehr ruhig und ganz wie ein normales Kind. 

- II - 



Umgebung, daß man oft meinte, man werde nie mehr mit ihm richtigen 
Kontakt bekommen. So mußte man also immer nachgeben, und Aufstehen, 
Anziehen, Schlafengehen mußte in genau gleicher Weise und Reihenfolge vor 
sich gehen, ja es mußte sogar an jedem Wochentag das gleiche Essen auf den 
Tisch kommen, sonst verweigerte er jede Nahrungsaufnahme. Die sehr ängstliche 
Mutter ging natürlich auch darauf immer ein, da Herbert ohnedies sehr wenig 
Appetit hatte und große Schwierigkeiten machte. Die Auswahl der Speisen war 
von so zahlreichen Geboten bestimmt, es gab so unendlich viele Begründungen, 
mit denen er diese oder jene Speise zurückwies, daß ich sie an dieser Stelle 
nur allgemein erwähnen und erst in dem Bericht der Behandlung näher darauf 
eingehen will. Zur Charakteristik, wie er eine Speise ablehnte, möchte ich hier 
ein kleines Beispiel aus unzählig vielen anderen herausgreifen, weil es für seine 
Eßschwierigkeiten so besonders kennzeichnend ist. Suppe mit Nockerln aß er 
nicht, „das ist Teich wasser mit Hechten und Karpfen, da kann man höchstens 
das Wasser abgekocht trinken und die Fische extra braten". Dabei glaubte er 
an diese Begründung als wäre sie Wirklichkeit; im Augenblick, in dem 
er diesen Ausspruch tat, hätte ihn kein Einwand und keine Macht der Welt davon 
überzeugen können, daß diese Behauptungen unzutreffend waren. Für ihn war 
eben Realität, was er aussprach. Außerdem wurde auch in dieser Be- 
hauptung wieder die unendliche Sorge um seinen besonders geschätzten Körper 
und seine Gesundheit deutlich — „Teichwasser kann man nur abgekocht ti-inken". 
Seine Abwehr alles Neuen, seine Weigerung neue Kleidungsstücke anzulegen 
oder z. B. nur eine neue Zahnbürste zu verwenden, entsprangen auch der Angst, 
in jeder neuen Sache könnte für ihn eine Gefahr verborgen sein: denn man 
konnte ihn dazu bringen alle neuen Gegenstände zu benützen, wenn es gelang, 
ihn davon zu überzeugen, daß sie nicht neu gekauft, sondern extra für ihn 
angefertigt worden waren. Das faßte er offenbar als genügende Sicherheit auf 
daß ihm von diesen Dingen keine Gefahr mehr drohe. Er sagte mir im Ver- 
laufe der Behandlung oft: „Wie kann man denn etwas kaufen, wenn man 
nicht weiß, wie und für wen es gemacht ist." Auch die ganz unheimliche 
Unruhe, in die er geriet, wenn er einen unbekannten Raum betrat, begann 
sich erst dann zu legen, wenn er alles untersucht hatte und nach endlosem 
Fragen Zweck und Bedeutung aller im Raum vorhandenen Dinge genau z u 
verstehen glaubte. Alle diese Zeremonielle, Vorschriften und Gebote und sein 
unstillbarer Wissensdrang sind eigentlich nach Angaben seiner Umgebung erst 
in den letzten zwei Jahren, also ungefähr seit seinem dritten Lebensjahr, Un . 
erträglich geworden. Ansätze dazu waren aber immer schon vorhanden und die 
Verschlechterung ging allgemach, wie die Eltern meinten, mit Zunahme seiner 
geistigen Entwicklung und seiner Kenntnisse vor sich. 

Seine sehr merkwürdigen sprachlichen Eigenheiten traten erst im Verlaufe 
der Behandlung klarer zum Tage. Einiges davon war aber auch den Eltern 
aufgefallen. So weigerte sich Herbert seit einem Jahre sowohl seinen eigenen 
wie die Namen anderer auszusprechen und war durch nichts zu bewegen, das 
zu tun. Er überhörte Fragen nach Namen anderer geflissentlich, wenn man ihn 



- 12 - 



nach seinem Namen fragte, schwieg er meist; mir sagte er in der Behandlung 
nach langem Drängen: „Das wurde das letzte Mal auf der Klinik gesagt." Wenn 
er von anderen Leuten sprach, nannte er sie nicht beim Namen, sondern um- 
schrieb sie wie: „Die in der X-Gasse wohnen" usw. Ebenso vermied er, als 
ich ihn kennen lernte, jede direkte Anrede, wich jedem „ich" und „du" aus 
und sprach von sich ausschließlich in der dritten Person, wobei er sich immer 
den Beruf eines Erwachsenen beilegte. So sagte er: „Der Fabrikant wird jetzt 
arbeiten gehen" oder „Der Trafikant wird jetzt die Rollbalken aufziehen" usw. 
Gleichzeitig hatte er ganz aufgehört, Gliedmaßen und Körperteile mit Namen 
zu bezeichnen und war auch hier in keiner Weise zu einer Übertretung dieser 
selbst gegebenen Vorschriften zu bewegen. In der genauen Einhaltung dieser 
besonders auf sprachlichem Gebiet für ein Kind seines Alters unglaublich 
komplizierten Gebote entwickelte er geradezu eine geniale Sicherheit und 
Korrektheit. Er konnte weder von mir noch von einer der Kindergärtnerinnen, 
die ihn beobachteten, jemals eines Irrtums überwiesen werden und wußte auch, 
den raffiniertesten Fangfragen aufs geschickteste auszuweichen. Eine gewisse Er- 
leichterung in der Einhaltung dieser Gebote im Sprachlichen war allerdings, 
daß er ja überhaupt niemals über nahe liegende persönliche Dinge sprach: 
Ereignisse des täglichen Lebens, Vorgänge im Haushalt, die sonst für ein Kind 
von Interesse sind, waren für ihn nicht vorhanden. Er unterließ daher jede 
Aussage über solche als etwas ihm ganz Fremdes und Unbekanntes. 

Dies führt zur Besprechung seines Gemütslebens, das offenbar eine durchaus 
untergeordnete Rolle spielt. Nach Bericht der Eltern soll er nie Zärtlichkeits- 
oder Anlehnungsbedürfnis gezeigt haben, nie Interesse für etwas Lebendiges, 
Mensch oder Tier. Er küßt und schmeichelt nie. Man hat nur beobachtet, daß 
er sich selbst, wenn er sich irgendwo weh getan oder verletzt hat, die be- 
treffende Stelle streichelt oder wenn es möglich ist, sich auch dort küßt. Er 
hat nie stärkere Aggressionen gezeigt. Wenn man ihn fest an der Hand hält, 
was bei seinem sinnlosen Herumlaufen auf der Straße meist notwendig ist, 
versucht er manchmal, einem die Hand zu quetschen, aber immer sehr vor- 
sichtig und ohne jeden Affekt. Wenn er zu bemerken glaubt, daß man ihn 
dann aber fester packen will, gibt er gleich nach. Wie ich schon erwähnte, 
spricht er niemals über menschliche Dinge oder Ereignisse des gewöhnlichen 
Lebens, verkehrt überhaupt nur mit seiner Umgebung, um sich Kenntnisse zu 
verschaffen und seinen Wissensdrang zu befriedigen. Ebenso wie er eigentlich 
keine normalen Affekte besitzt, setzt er das auch bei anderen nicht voraus, es 
kommt also nie vor, daß er jemanden fragen würde, wie es ihm geht, ob er 
böse oder traurig sei usf. Das existiert alles scheinbar nicht für ihn. Wie 
wenig er von allem, was zu einer normalen menschlichen Beziehung gehört, 
zu kennen scheint, läßt sich wohl überhaupt kaum richtig zur Darstellung 
bringen. Vielleicht kann man das Ausmaß seiner Beziehungslosigkeit an der 
ersten kleinen Veränderung zum Bessern erkennen, die von seinen Eltern mit 
größtem Erstaunen beobachtet wurde. Die Mutter kam eines Tages, als ich 
ihn ungefähr drei Monate behandelte, freudestrahlend und ganz aufgeregt zu 

- 13 - 



mir und berichtete, er habe zum ersten Mal mit jemanden vernünftig geredet. 
Er sagte, wie sie erzählte, zu einer Hausnäherin: „Geben sie mir den rot- 
weißen Zentimeter." Und als die Näherin ihn aufforderte, brav zu sein und 
den Zentimeter nicht zu verlieren, sagte er ganz spontan: „Ich bin ohnedies 
brav, ich gebe den Zentimeter schon zurück." Diese ganz einfachen Sätze wurden 
von den Eltern wie ein Wunder bestaunt, weil er bisher niemals nach etwas 
Konkretem, nach einem Gegenstand verlangt hatte. 

Von den Personen seiner Umgebung kommt er noch am besten mit dem 
Vater aus, weil dieser alle seine Fragen nach abstrakten Dingen jederzeit ge- 
duldig beantwortet und für seine Absurditäten immer Verständnis zeigt 1 . Er 
geht lang und weit mit dem Vater spazieren und fühlt sich in der Natur, wenn 
keine Menschen zu sehen sind, scheinbar sehr wohl und zufrieden, wenn er 
auch oft in stundenlanges Nachdenken versunken ist. Laufen oder Springen und 
Herumtollen kennt er nicht, er ist ja auch körperlich sehr ungeschickt. Mit 
der jungen Kindergärtnerin, die ihn zu Anfang der Analyse betreute, kam er 
sehr gut aus, ging gerne mit ihr spazieren, und wenn er im Park saß. las er 
mehrere Tageszeitungen von A — Z und forderte für jedes ihm unbekannte Wort 
genaue Erklärung. Zur Mutter, die mit ihm sehr oft ungeduldig wird, steht er 
sehr schlecht und gerät bei ihr leicht in Erregungszustände, die sich so äußern, 
daß er auf ihre Anrede gar nicht mehr reagiert, herumrennt, auf der Straße 
davon will usw. Je mehr sie ihn zur Normalität zwingen will, desto abnormer 
gebärdet er sich, wobei eine gewisse Schadenfreude in seiner Miene deutlich 
sichtbar wird. Zum kleinen Bruder hatte Herbert zu Beginn der Behandlung; 
keine besondere Beziehung. Er kümmerte sich nie um ihn, schaute seine Spiel 
sachen nie an; er hat ihn wohl ein paarmal an den Hals gegriffen und ihn 
auch gezwickt, aber das geschah immer nur aus Reaktion auf eine Aggression 
des Bruders gegen ihn, er wendet sich dann gleich interesselos von ihm ab 
.Mit anderen Kindern hat er gar keinen Kontakt, er redet überhaupt nicht mit 
ihnen und weiß mit ihnen gar nichts anzufangen. Im Park und auf der Straße 
weichen ihm auch alle Kinder instinktiv aus, sie zeigen deutliche Angst vor ihm 
und man sieht immer wieder, daß sie ihn vom ersten Moment an nicht als 
ihresgleichen betrachten. Mit viereinhalb Jahren wollte ihn die Mutter in einen 
öffentlichen Kindergarten geben und brachte ihn versuchsweise für einen Vor- 
mittag dorthin. Als sie ihn mittags abholte, hatte man alle Kinder in eine andere 
Gruppe geben oder wegschicken müssen, weil sie sich vor ihm so fürchteten, 
daß sie nicht mit ihm in einem Raum bleiben wollten. 

Angst, Wehleidigkeit, Trauer oder Freude oder sonstige Affekte kann man 
bei ihm nie beobachten. Er ist gerne allein im Zimmer und in der Wohnung, 
spricht oft leise mit sich selbst und manchmal singt er auch. Merkwürdig ist, 
daß seine Stimme gar keine Modulationsfähigkeit aufweist und er immer int 
selben mittelstarken Tonfall spricht. Onanie oder sonstige sexuelle Betäti- 
gungen behaupten die Eltern nie an ihm beobachtet zu haben, sie wollen ihm 

1) Der Vater selbst ist eher verschlossen, liebt die Einsamkeit und hat viel Inter- 
esse für alle abstrakten Dinge. 



__ |4 _ 



auch nie Verbote in dieser Richtung erteilt haben. Mit der Reinlichkeit, hieß 
es sei auch alles normal, er war außerordentlich leicht in dieser Beziehung an 
Ordnung zu gewöhnen und ist sehr selbständig darin. Allerdings hat er kein 
Schamgefühl, denn er sagt ruhig „ich geh' pischen" und öffnet vor allen Leuten 
die Hose. Als zweiein viertel] ähriges Kind soll er sich sehr für nackte Arme und 
Füße interessiert haben. Die Mutter gestand mir dann später, sie habe, knapp 
nach der Geburt des kleineren Bruders, ein sehr erotisch veranlagtes Dienst- 
mädchen gehabt, das damals mit Herbert allein im Kabinett wohnte und das 
sie verdächtigte, sich immer vor dem Kind aus- und angekleidet zu haben. 

Die Einleitung der Behandlung 

In der ersten Periode der Behandlung bestand meine analytische Arbeit mit 
dem kleinen Herbert darin, daß ich versuchte, einen Kontakt zwischen ihm 
und mir herzustellen und einen Einblick in das Wesen seiner Symptome und 
seiner Krankheit zu gewinnen. Dem Bericht über diesen Abschnitt möchte ich 
eine Bemerkung über mein therapeutisches Verhalten für diesen Fall voran- 
schicken. Herbert hatte natürlich keine Ahnung, warum er zu mir gebracht 
wurde; der Vater schleppte ihn am Anfang einfach in meine Wohnung, hielt 
ihn im Wartezimmer durch ein Buch fest und ich hatte dann zu versuchen, 
ob es mir gelingen würde, ihn an diesem Tage von selbst oder mit energischer 
Nachhilfe des Vaters in mein Behandlungszimmer hereinzubekommen. Da er 
ja keine wie immer geartete Einsicht in die Sonderbarkeiten seines Wesens 
besaß, es im Gegenteil als erstaunlich empfand, daß nicht alle anderen so dach- 
ten wie er, war es nur selbstverständlich, daß er zu Beginn kein Verständnis 
für den Zweck seines Kommens aufbringen konnte. Die Tatsache aber, daß er 
einen neuen Menschen kennen lernte, was für jedes andere Kind auch ohne 
Krankheitseinsicht auffällig gewesen wäre, bedeutete ihm gar nichts, da er zu 
dieser Zeit ganz introvertiert war und jede Änderung an Personen seiner Um- 
welt nur insoweit wahrnahm, als sie für ihn eine Störung seiner Gedanken- 
welt bedeutete. 

So war es also eigentlich ganz selbstverständlich, daß er von meiner Person 
im ersten Behandlungsmonat überhaupt keine Notiz nahm. Er kam immer ins 
Zimmer, ohne mich auch nur eines Blickes zu würdigen, grüßte natürlich nie- 
mals, sprach nie direkt mit mir; wenn er etwas sagte, so war es höchstens eine 
im Infinitiv ausgedrückte Forderung. So sagte er z. B., wenn er ein Buch wollte. 
Hergeben" oder „lesenwollen" u. ä. Einmal stieg er auf den Diwan hinauf, 
sah sich im ganzen Zimmer um, stellte sich dann knapp neben mich, griff mit 
seinen Händen an seinen Hals und sagte: „Ist jemand da, niemand ist da, alle 
sind erwürgt." Das war der erste zusammenhängende Satz, den ich von ihm 
zu hören bekam. Es zeigte sich darin deutlich seine Einstellung zur Umgebung, 
daß er nämlich von mir gar nichts wissen wollte und mich ebenso wie alle 
anderen Menschen am liebsten vernichtet hätte. Er sprach nie mehr als einige 
Worte im Laufe einer Stunde, und nahm es sehr übel, wenn ich Bausteine 
oder irgend ein Spielzeug im Zimmer herumliegen hatte, von dem er vermutete, 

- 15 - 



_ 



daß ich es für ihn vorbereitet hätte. Er sagte dann immer mit demselben 
gespannt-forschenden, ganz gefühllosen starren Gesichtsausdruck: „Wo ist das 
her, man soll nichts dazugeben und nichts herrichten." Er bemerkte die geringste 
sonstige Veränderung im Zimmer sofort, sagte nie etwas darüber, begann nur 
aufgeregt herumzulaufen, offenbar bis er sich mit der Veränderung abgefunden 
hatte 1 . Wenn er von sich sprach, so geschah es nur in der dritten Person. So 
/.. B. : „Der Fabrikant wird jetzt dieses Buch lesen", „Er hat sehr viel zu tun", 
oder „Der Fabrikant wird fortgehen". Er war immer in der Rolle eines be- 
stimmten Berufs, wie mir die Eltern berichteten, den er ausübte und dessen 
Funktion damals das einzige war, das ihn mit der Außenwelt verband. Alle 
Versuche meinerseits, etwas über seine Tätigkeit als Fabrikant zu erfahren, 
blieben bis zu diesem Zeitpunkt ganz erfolglos. Es wurde nur deutlich, daß er 
diese Stellung ohne Rücksicht auf die Realität wirklich einzunehmen be- 
hauptete, denn er reagierte auf alle Fragen, die Zweifel an der Wirklichkeit 
seiner Tätigkeit enthielten, überhaupt nicht und betonte in den zahlreichen 
Konflikten, die sich zu Hause aus dieser seiner Einstellung natürlich ergeben 
mußten, immer wieder „Der Fabrikant ist wirklich da". 

Es mußte nun von mir ein Weg gefunden werden, auf den ich mich in 
das festgefügte, von der Wirklichkeit aus nicht zu beeinflussende Phantasieleben 
des kleinen Herbert einschleichen konnte, ohne daß er dies als Einmischung 
vonseiten der Realität her empfand. Ich kannte ja seine Vorliebe dafür, Gegen- 
stände ihrer Anzahl nach rasch abzuschätzen und wußte außerdem, daß er jederzeit 
wenn andere Fehler bei den gleichen Tätigkeiten machten, es sofort bemerkte 
und stets bereit war, zu kritisieren. Ich tat also auch so, als ob ich ganz allein 
wäre, legte eine Anzahl von Matadorsteinen auf ein Tischchen, überschaute s j 
rasch und nannte eine ganz falsche Zahl. Zuerst ignorierte er meine Tätigkeit 
dann aber störte ihn mein Reden offensichtlich; er sah zuerst von weitem zu 
kam dann näher, prüfte auch die Anzahl, sagte überlegen, „falsch" und nannte 
selbst die richtige Zahl. Nach einigen Tagen begann er selbst Steine in belie- 
biger Zahl hinzuwerfen, sie zu überblicken und mich dann prüfend anzusehen 
Ich schwieg meist und er nannte dann laut und mit einem Unterton von 
Triumph die richtige Zahl. Bald knüpfte er Bemerkungen an die Zahlen wie 
z. B. zur Nummer 7 „so eine Straßenbahn gibt es nicht", oder wenn es 25 war 
„so einen Bärirk gibt es nicht" usw. Als er das Zählen schon von selbst be- 
gann und ein bißchen meine Anwesenheit zu bemerken schien, wurde ich aktiver. 
Während er Bausteine ihrer Zahl nach abschätzte, wobei er immer nach mir 
schaute, ob ich die richtige Ziffer auch gehört habe, benannte ich eines Tages, 
ohne mich scheinbar um ihn zu kümmern die daliegenden Steine mit beliebigen 
Familien- und Vornamen. Dabei dachte ich mir, daß die Benennung der Steine 
mit menschlichen Vor- und Zunamen ihn doch zu irgend einer Äußerung viel- 
leicht über seinen Namen oder über seine Hemmung ihn auszusprechen, bringen 
könnte. Ich hatte ihn zwar schon bei unserer ersten Begegnung und auch 
wiederholt nachher gefragt, wie er heiße, und wenn ich diese Frage oft wie- 
1) Auf seine Angst vor allem Neuen habe ich bereits hingewiesen. 



- 16 - 



derholte, sagte er dann unwillig, „Das hat der Fabrikant schon vor einem Jahr 
am sechzehnten Februar auf der Klinik gesagt" 1 . Daraus konnte ich entnehmen, 
daß es ihm offenbar bedenklich und gefährlich erschien, seinen Namen zu 
sagen, weil er ja auf der Klinik verschiedenen von ihm sehr gefürchteten 
Untersuchungen und Fragen ausgesetzt war. Er befürchtete wohl von der 
Wiederholung dieser Frage eine Wiederholung der damaligen Ereignisse. Er 
nahm es mir sehr übel, daß ich die Steine benannte und meinte wieder, nach- 
dem er einige Tage wortlos aber sichtlich ungehalten zugehört hatte: „Nur 
lebendige Sachen haben einen Namen, Sachen die leben und die man tot- 
machen kann." 

Ungefähr in der Mitte des zweiten Monats der Behandlung war er über 
mein fortwährendes Benennen der Steine schon sehr böse. Besonders auch 
darum, weil ich die Steine nicht nur durch Namen personifizierte, sondern 
ihnen auch dieselben Berufe beilegte, die auch er ausübte, wie Fabrikant, Tra- 
fikant usw. Da fragte ich ihn dann immer, warum er denn nicht seinen Namen 
nennen wolle, nachdem Namennennen wie er doch sehen müsse, ganz unge- 
fährlich sei. Und nach unzähliger Wiederholung dieser Frage gab er mir mit 
einigen ganz Waren und verständlichen Sätzen die Erklärung für seine Namens- 
angst und auch zugleich die Begründung, warum er immer einen Beruf haben 
müsse. Er sagte: „Man kann nicht nur einen Namen haben, man muß doch 
etwas sein, sonst kann man nicht leben. Ich will auch darum meinen Namen 
nicht sagen, ich sage ihn nur, wenn ich etwas bin. Ich will leben und groß 
sein, alle Großen haben einen Namen und sind etwas. Ich bin nicht der 
Herbert, das sagt nur die Mutti, ich heiße nur so, ich weiß, ich bin wirk- 
lich der Waggonfabrikant." 

Ich möchte hier vor allem die ungewöhnliche reife sprachliche Form her- 
vorheben, in der der fünfjährige Junge mir seine erste zusammenhängende 
Mitteilung über sein Innenleben machte. Sie ist von allem, was ich von gleich- 
altrigen Kindern jemals hörte, wesentlich verschieden. Die formale Reife und 
die große Einsicht und Klarheit, mil der er seinen Seelenzustand schildert, 
sind überhaupt für ihn charakteristisch und eine seiner besonderen Eigen- 
schaften. Hinzuweisen wäre auch noch auf die merkwürdige Tatsache, daß der 
Kleine hier zum ersten Male von sich als „ich" spricht. Da er seit dem Auf- 
enthalt in der Klinik diese persönliche Bezeichnung vermieden hat, ist die 
Wiederaufnahme des Wortes „ich" sicher als ein Fortschritt zu bezeichnen: er 
weiß daß man sich für seine Befürchtungen interessiert und er hat auch ein- 
sehen gelernt, daß er sich vor mir nicht zu fürchten braucht wie vor Allem 
bisher. Man sieht aber hier auch schon einen Hinweis darauf, warum er immer 
bestrebt sein muß, einen Beruf zu haben. Nur Erwachsene sind von der dem 
Kind stets drohenden Vernichtung ausgenommen. Wenn der kleine Herbert 
sagt: „Ich bin der Trafikant," so ist das für ihn die Wirklichkeit und in dieser 
Schemwirklichkeit muß er leben, wenn er seine Angst vermeiden will. Erst 

1) Das war, wie ich vom Vater erfuhr, tatsächlich der Tag, an dem man ihn auf 
die Klinik gebracht hatte. 

Zeitschrift f. psa. Pld., VII/l 17 2 



viel später in der Behandlung nahm er an dieser Einstellung, die man als eine 
Form des Größenwahns bezeichnen kann, gewisse Korrekturen vor. Zu der 
Zeit wurde es aber immer klarer, daß er womöglich der einzige Erwachsene 
sein wollte, wobei er versuchte, alle Erwachsenen zu Kindern zu erniedrigen, 
weil diese Wahnvorstellung ihm die größtmöglichste Sicherung gegen die Angst 
gab. Er erklärte mir daher immer wieder, er sei ein fünfunddreißigjähriger 
Erwachsener (das Alter seines Vaters), Vati und Mutti seien winzig, er werde 
sie in ein Wagerl geben, sie würden ein Lutscherl bekommen und ein Milcherl 
mit Haut. In dieser Umkehrung der tatsächlichen Verhältnisse steckt natürlich, 
schon ein Hinweis auf die Bedeutung, die der Ankunft des jüngeren Bruders 
für seine seelische Erkrankung zukam. Auch daß er den Eltern Milch geben 
will, die er seit seiner Entwöhnung niemehr ohne Zutat getrunken hat und 
die er am energischesten ablehnt, läßt uns die Bedeutung des Abstillens für ihn 
ahnen 1 . Wenn er mit seiner Begleitperson im Park ist, will er immer allein 
mit ihr auf einer Bank sitzen, es ist kein Platz für jemand anderen, weil er 
so groß ist, „nur Butzerln sitzen zu viert". Manchmal sagt er der Kinder- 
gärtnerin, sie sei auch ein Butzerl, kaum vier Monate alt. Er besteht dann 
immer so eigensinnig auf dieser Behauptung, daß man verzichten muß ihm. 
die Realität klar zu machen. Einmal holte er den Parkwächter, um ihm zu 
„zeigen", an welcher Stelle die Kindergärtnerin angeblich den Rasen betreten 
habe. Er behauptete steif und fest, sie habe das getan, obwohl es nicht der 
Fall war. Ein neuer Zug tritt uns hier entgegen. Herbert scheint zum ersten 
Mal gegen jemand gerichtete Aggressionen zu zeigen, wenn er den Eltern das 
zu essen geben will, was er nicht mag und die Kindergärtnerin bestrafen lassen 
will. Dabei handelt es sich aber, wie sich im weiteren Verlauf zeigen wird 
in erster Linie um den Versuch, ihm Zugefügtes aktiv zu erledigen und sich 
so davon zu befreien. Natürlich lehnte er in seinem Größenwahn auch alles 
Spielzeug ab, weigerte sich überhaupt Bilder, auch wenn sie in einem Buch 
für Erwachsene waren, anzusehen, doch versuchte er oft, mich zum Bilder- 
ansehen zu bringen, als er schon eine gewisse Beziehung zu mir hatte. Wenn 
er besonders nett sein wollte, sagte er: „Soll ich Ihnen Bilder zeigen oder 
wollen Sie vielleicht die Zigarettenschachteln mit dem Reklameauto der Tabak- 
regie sehen ?"'- 

Obwohl ich von Herberts Eltern wußte, daß er nie zeichnen wollte und 
daß ihn auch Zeichnungen nicht interessierten, hielt ich doch immer Farbstifte 
und Papier vorbereitet. Wenn er, mich ignorierend, in einem Buche las, zeich- 
nete ich oft. Im Anfang schien er das gar nicht zu bemerken. Später, als wir 
schon davon sprachen, warum er seinen Namen nicht sagen wollte, und ich ihm 
immer wieder die Herkunft und das Entstehen dieser Angst zu erklären ver- 

1) Natürlich spielt beim Nicht-reine-Milch-trinken die Tatsache eine Rolle, daß er 
sich mit den Eltern, also mit den Erwachsenen als Schutzmaßnahme identifizieren will. 

2) Er kannte alle verschiedenfarbigen Zigarettenschachteln genau und wenn er 
das Äußere sah, wußte er auch gleich, welche Zigaretten in der Schachtel waren 
und welches Bild innen eingeklebt war. 



- 18 - 



suchte, sagte er eines Tages befehlshaberisch: „Teufel zeichnen." Ich beeilte 
mich, so gut ich es konnte, diesem Auftrag nachzukommen. Als ich fertig war, 
sah er den Teufel, den ich mit farbigen Federn geschmückt hatte, genau an 
und meinte: „Doktor X und Doktor Y werden kommen und dem Teufel die 
Federn ausreißen." Ich hatte von den Eltern erfahren, daß Doktor X und Doktor Y 
die Ärzte waren, die ihn auf der Ohrenklinik abwechselnd behandelt hatten; 
er sprach oft von ihnen und wußte ihre Worte nach zweieinhalb Jahren noch 
genau wiederzugeben. Da er in immer größere Unruhe geriet, sich sehr auf- 
regte und immer wieder betonte, die Ärzte würden dem Teufel die Federn aus- 
reißen, versuchte ich ihn zu beruhigen, indem ich das tat, was er mir ja schon 
als Mittel gegen das passive Erleiden angedeutet hatte: ich zeichnete ein neues 
Bild, auf dem der Teufel die beiden Ärzte holte. Das gefiel ihm sehr gut, er 
beruhigte sich und als ich ihn fragte, ob er die Rolle des Teufels übernehmen 
wolle, sagte er: „Nein, aber ich will sie (die Ärzte) furchtbar prügeln." Das 
wurde denn auch in einem neuen Bild festgehalten. Von diesem Moment an 
schien der Zugang zu den Inhalten seiner Angst eröffnet. Er begann selbst zu zeich- 
nen, zuerst nur ganz ungegenständliche Striche, dann, wie aus der abgebildeten 
Zeichnung ersichtlich, lauter Nadeln, Stecknadeln, Haarnadeln, Sicherheitsnadeln, 
die wie er sa°te, immer von den Doktoren auf der Klinik verwendet worden seien. 




Abbildung 1 



Bald, nachdem er die Nadeln zeichnete, begann er auch Ohrtrichter und 
Ohrenspiegel zu zeichnen, die die beiden Ärzte nach seinen Angaben auch ver- 
wendet hatten. Die folgende Zeichnung zeigt, wie geschickt er dann später ein- 
mal die Ohrtrichter in einem Bild einer Jazzkapelle verwendete (S. 20). 

Der Kindergärtnerin erzählte er voll Interesse: In der Mariahilferstraße 
(der Straße, in der ich wohne) zeichnet man ihm immer den Teufel, der 

- 19 - 







ei 



Abbildung 2 

die Doktoren holt und sie mit Radio (so benennt er die Ohrtrichter) und 
Sicherheitsnadeln verbrennt. „Es tut ihnen aber nicht weh, weil sie schlimm 
sind," fügt er erklärend hinzu. Da ich selbst ständig die Teufel zeichnen mußte 
konnte ich auch unauffällig der Frage näher kommen, warum er keine Körper- 
teile benennen wolle. Ich zeigte also auf die einzelnen Gliedmaßen, während 
ich sie zeichnete, und fragte ihn, warum er sie nicht benennen könne. Da 
geriet er sofort in den Zustand erregter Unruhe, versuchte mir den Mund zu- 
zuhalten und sagte, wenn ich auf die Körperteile hinzeigte: „Nicht aussprechen! 
Das verstand ich natürlich und versicherte ihm: „Ich weiß ja, daß du glaubst 
daß beim Benennen deiner Körperteile etwas passieren kann" und fragte ihn 
was denn geschehen werde, indem ich auf die verschiedenen Körperteile b 
mir selbst hinwies. Da kam nun folgendes heraus: „Augen kann man verbrennen 
Kopf abschneiden, Nase abschneiden, Zähne Loch bohren, Ohr hineinstechen 
Hals hineinstechen mit Sicherheitsnadeln, Hände so wutsch wutsch (d. h. zer- 
quetschen; er selbst versuchte manchmal auch einem die Hände zu quetschen 
wenn man ihn fester anfassen mußte), bei Füßen kann so viel Wasser sein daß 
man ertrinkt. " Das mit den Füßen und dem vielen Wasser erklärte er mir 
später noch genauer: „Auf jedem Fuß sind zwei Löcher, nicht gekaufte wie 
beim Vati, sondern in der Fabrik extra für mich gemachte 1 . Dort könnte das 
Wasser hineinrinnen, darum muß man die Füße immer zugedeckt lassen und 
darum kann man sie nur in einer Wanne waschen, wo man genau sieht ob 
viel oder wenig Wasser da ist." Aus Angst, daß Wasser in die Löcher am Fuß 
hineinfließen könne, war er auch nicht dazuzub ringen, ohne Socken zu schlafen. 

1) Ich erinnere an die Bedeutung des Kaufs von neuen Gegenständen zum Unterschied 
vom extra Anfertigen derselben. Woher die „Löcher" stammen, wird sich noch erweisen. 



- 20 - 



Und als er sich viel später zum Baden im Freien entschloß, bestand er in der 
ersten Zeit immer darauf, nur mit Badeschuhen ins Wasser zu gehen. IS ach 
dieser Besprechung zeigte er zum ersten Male Interesse für mich und sagte dem 
Vater beim Weggehen: „Vati, sie weiß alles, ich will bei ihr bleiben." Alles 
Wissen war bei Herbert, der nur auf Wissenserwerb aus war, die größte Aus- 
zeichnung, die er zu vergeben hatte. 

Alle diese Vorsichtsmaßregeln des kleinen Herbert, deren Entstehen noch 
spater deutlich werden wird, haben den Zweck, eine Zerstörung seiner Person, 
deren übermäßige Selbsteinschätzung hier wieder besonders auffällt, zu ver- 
meiden. Dabei betont Herbert aber immer wieder, daß er nicht Angst habe, 
daß ihm das passieren könne, es sei ihm schon alles das einmal zugestoßen, 
man habe versucht, ihm den Kopf und die Nase abzuschneiden, in den Hals 
und das Ohr habe man schon hineingestochen, die Hände seien ihm schon ge- 
quetscht worden usw., er fürchte eben eine Wiederholung aller dieser schreck- 
lichen Dinge. Begreiflicherweise ist er hier einer Konfrontation mit der Wirk- 
lichkeit noch weniger zugänglich wie sonst, weil ihm ja tatsächlich Einiges, 
was er ständig vermeiden will, schon passiert ist: wie ins Ohr hineinstechen 
und Hände craetschen. Er behauptet steif und fest, daß alles das, was er befürch- 
tet, sich in dem Moment wieder ereignen wird, in dem er die Körperteile 
benennt. Es wird hier deutlich, daß für ihn alles zur Wirklichkeit wird, was 
er ausspricbt und das, was er nicht benennt, nicht vorhanden ist und nicht 
Realität werden kann und damit für ihn der Vernichtung entzogen ist. 

Nun machte ich ihm den Vorschlag, ich würde bei m i r die einzelnen Körper- 
teile mit Namen benennen, er solle nur hinzeigen und werde sehen, daß mir 
nichts dabei passiere. Das erstaunte ihn sehr und er fragte sehr ungläubig : „Wie 
können Sie das verhüten?" Da ergab sich die seit langem von mir erwartete 
Gelegenheit, mir selbst eine Rolle und eine Fähigkeit beizulegen, die mir ge- 
stattete, mich all seinen wahnhaften Vorstellungen anzupassen. Ich sagte also, 
ich sei imstande das zu verhüten, weil ich eben zaubern könne. Da sah ich 
ihn zum ersten Male in lebhafte Begeisterung geraten und befreit auflachen. 
Es schien wirklich, wie wenn ich damit, daß ich seine Vorstellung akzeptierte, 
er könne z. B. durch Vermeidung des Aussprechens von Worten die Wirklich- 
keit abändern, und mir selbst diese Fähigkeit zusprach, eine ganz große Bresche 
in seine Beziehungslosigkeit zu allen Menschen geschlagen hätte. Von diesem 
Tag an behielt er auch in besonders schlechten Zeiten, in denen niemand etwas 
mit ihm ausrichten konnte, immer eine Beziehung zu mir und ich war immer 
imstande, mit ihm in Kontakt zu bleiben. Er nannte mich von da an ganz von 
selbst den „Zauberer gegen die Angst" und behielt diese Anrede auch bei, als 
er schon längst den Glauben an meine Zauberkunst aufgegeben hatte. Die Be- 
ziehung zu mir begann nach einiger Zeit auch tatsächlich positiv gefärbte Züge 
aufzuweisen, er redete oft ununterbrochen mit mir, baute als Waggonfabrikant 
Waggons aus Matadorsteinen für mich oder saß die ganze Stunde ruhig lesend 
neben mir auf dem Sofa. Eines Tages erklärte er ganz spontan: „Ich werde 
immer beim Zauberer bleiben, heute, morgen, immer, Eltern brauch' und mag 

- 21 - 






ich nicht." In dieser Zeit tat er auch einige Aussprüche, die zeigten, daß er 
doch einiges vom Wesen der Behandlung zu verstehen begann. So sagte er ein- 
mal: „Wenn man Angst hat, muß man zum Zauberer gehen und auch wenn 
man etwas nicht aussprechen kann." Oder er bat mich, auf seine Zahnlücke 
zeigend, die ihm große Angst bereitete: „Bitte, Herr Zauberer, nehmen Sie die 
Angst weg und machen Sie mir das Loch zu." Dieser Ausspruch zeigte zwar, 
daß er weiß, daß es meine Aufgabe ist, ihm die Angst wegzu„zaubern", aber 
weil er eben noch immer glaußt, ich könne tatsächlich zaubern, erwartet er 
gleich, ich solle die an ihm erfolgte Zerstörung gutmachen. Besonders interessierte 
ihn auch die Freudsche Gesamtausgabe, weil sie in meinem Büchergestell den 
größten Platz einnahm und die Bände so großen Umfang hatten. Er blätterte 
oft darin und sagte: „Das sind die Bücher, in denen der Zauberer liest, wie 
man die Angst wegzaubert." Da er immer Angst hatte, mit einem Arzt, den 
er so fürchtete, zusammenzutreffen, war es ihm natürlich eine große Beruhi- 
gung, daß ich trotz des Schildes an meiner Tür, das er natürlich gesehen hatte, 
doch kein Arzt, sondern ein mächtiger Zauberer war und keine Instrumente 
besaß, sondern nur aus Büchern meine Kenntnisse bezog. 

Mit der Zunahme der guten Beziehung zu mir, ging auch in den Verboten, 
Körperteile zu benennen, eine große Änderung vor sich. Zuerst behauptete er 
immer, wenn er mich zum Wegzaubern der Angst aufforderte „Aussprechen 
darf man nicht". Er begann aber bald, als ich ihm immer wieder bewies, daß 
Aussprechen von mir und dabei auf seine Körperteile zeigen, keine üblen 
Folgen hatte, auf meine Körperteile hinzuzeigen, wenn ich sie laut benannte. 
Bald danach entschloß er sich auch, auf seine eigenen Körperteile hinzu- 
deuten und ich durfte sie dabei benennen und schließlich brachte ich ihn dazu, 
die Körperteile leise zu buchstabieren, ohne daß er aber die Buchstaben zu- 
sammenhängend ausgesprochen hätte. 

Auch in seinen Zeichnungen war eine deutliche Wendung zum Bessern zu 
bemerken. Während er früher nur Striche und nichts Gegenständliches außer 
den von den Ärzten der Ohrenklinik benützten Instrumenten gezeichnet hatte 
stellte er jetzt sogar Waggons mit Leuten dar, die stellenweise erstaunlich ge- 
schickt wiedergegeben waren, wenn man in Erwägung zieht, daß er überhaupt 
nie gezeichnet hatte. Als einen großen Fortschritt muß man es auch werten, 
daß er die Gliedmaßen selbst zeichnete. Schließlich entschloß er sich soear 
den Teufel zu zeichnen, der die beiden Ärzte holt und versäumte auch nicht, 
sich selbst auf dem Bild darzustellen, wie er die beiden Doktoren „furcht- 
bar prügelt". 

Eine kurze Zusammenfassung der Veränderungen im Wesen des kleinen Herbert 
innerhalb dieser ersten Monate der Behandlung ergibt, daß seine Fortschritte 
auf dem Gebiet des Sprachlichen am auffälligsten sind. Er spricht jetzt, wie 
es sich gehört, immer von sich selbst als „ich", redet noch andere Leute außer 
mir direkt mit „Du" oder „Sie" an, spricht bisweilen sogar über natürliche, 
alltägliche und seinem Alter entsprechende Dinge. Es ist auch in seinem Größen- 
wahn eine Veränderung eingetreten. Während er früher ständig einen Beruf 



— 22 — 



ausübte, so bezeichnete er sich jetzt als „großen Jungen" und ist nicht mehr 
fortwährend „Trafikant" usw. Natürlich ist es für seine Umgebung immer noch 
unerträglich mit ihm auszukommen, weil er weiter strenge auf Einhaltung aller 
in der Vorgeschichte geschilderten Zeremonielle und Gebote besteht und durch 
gar nichts davon abzubringen ist. Sein Interessenkreis hat sich nicht geändert. 
Außer dem zeitweiligen Spiel mit Matadorsteinen und den spärlichen Zeich- 
nungen geht er nach wie vor nur auf den Erwerb von abstraktem Wissen aus. 
Ja, er fällt der Umgebung sogar lästiger als früher, weil er jetzt, seit er mehr 
Beziehung zu den Menschen hat, noch intensiver und ungeduldiger fragt. Auch 
in seinem Affektleben ist einiges anders geworden. Man kann beobachten, daß 
ihn doch manches in seiner Umgebung interessiert, dabei hat die Bewegungs- 
unruhe entschieden abgenommen. Bedeutungsvoll ist es auch, daß er offenbar 
doch verstehen gelernt hat, daß er sich wirklich fürchte und zwar nicht nur 
vor der Wiederholung all der schrecklichen Dinge, die, wie er behauptet, ihm 
alle wirklich zugestoßen sind, sondern auch vor Anderem, vor allem Neuen, 
Unbekannten, das er nicht verstehen und erfassen kann. Er zeigt sich jetzt 
gegen Abend oft ängstlich, will nicht mehr so gern allein im Zimmer bleiben 
und sagt oft: „Macht die Türe zu, ich habe Angst, die Finsternis kommt 
herein". Dies fiel seiner Umgebung umsomehr auf, weil das Wort Angst von 
ihm früher nie gebraucht wurde. Auch ich hatte es sorgfältig vermieden, von 
Angst oder Fürchten zu reden, um ihm nichts zu suggerieren, sondern immer 
nur betont, er glaube offenbar, es könne ihm etwas passieren usw. Er hatte 
mich spontan von selbst als „Zauberer gegen die Angst" bezeichnet. Seine 
Beziehung m mir und zur Kindergärtnerin ist für seine Verhältnisse andauernd 
gut man kommt unter Einhaltung gewisser von ihm gestellter Forderungen, 
auf die ich noch zurückkommen werde, immer mit ihm aus. Zur Mutter hat 
sich sein Verhältnis in dieser Zeit sehr verschlechtert. Er empfindet es eben 
doppelt unangenehm, daß sie für seine Absonderlichkeiten kein Verständnis 
besitzt, weil er nun weiß, daß andere ihn verstehen und bemuht sind, auf 
seine Sonderbarkeiten einzugehen. 

Die Angst vor dem „spritzenden Gitter" und vor dem 

„Schlüsselloch". 

In der nächsten Periode der Behandlung standen einige Ängste vor speziellen 
Dingen im Vordergrund, die dann auch im weiteren Verlauf ihre Lösung er- 
fuhren und ganz verschwanden. Diese besonderen Ängste waren natürlich schon 
früher da, konnten aber wegen Herberts großer Einschränkung im Sprechen und 
dem immer vorhandenen Zustand erregter Unruhe nicht isoliert gesehen werden. 

Schwierigkeiten ganz besonderer Art ergaben sich, als er nicht mehr vom 
Vater, sondern von der Kindergärtnerin zu mir gebracht wurde. Sie verfuhr 
mit ihm natürlich nicht so gewalttätig wie der Vater, der ihn einfach fest bei 
der Hand nahm und in die Straßenbahn hineinzerrte. Er weigerte sich nämlich 
ganz energisch, jede Straßenbahn zu benützen, an der die vome angebrachte 
Nummer schief zu stehen schien. „Mit denen kann ich nicht fahren, da muß 

— 23 - 




ich mich zu krampfhaft anhalten, um nicht herauszufallen". Wenn man ihm 
dann vorschlug, den Autobus zu benützen, weigerte er sich auch da unnach- 
giebig das zu tun, denn: „Der Autobus kann einen überfahren, nur kleine Butzerln 
lassen sich überfahren, große Jungen tun das nicht, darum können sie nicht mit 
dem Autobus fahren." Er konnte noch aus einem anderen Grund den Autobus 
nicht benützen: „Im Autobus können große Jungen nicht fahren, da muß erst 
ein „lein" von der Fabrik eingebaut werden. „Lein" war wie sich später heraus- 
stellte „das wo sich der Wagenführer anhält", dann benannte er mit „len" oder 
„lan" die Signalleine des Schaffners, mit „lin" oder „lün" die Schlingen zum 
Anhalten. Ich hatte schon längere Zeit vorher beobachtet, daß er oft mehrere 
Male mit besonders ernsthaftem Gesichtsausdruck halblaut „lan, len, lin, lün, 
lein" vor sich hersagte. Da er jede Erklärung über die Bedeutung dieser Worte 
und über den Zweck ihres Aussprechens zuerst verweigerte, wollte ich wieder 
eine Erklärung erreichen, indem ich ihn durch Nachahmung zu ärgern ver- 
suchte. Ich machte ihn also einige Zeit in ähnlicher Weise nach, und sagte z. B. 
man, men, min, mün, als er wieder diese Silben vor sich hinflüsterte. Da wurde 
er sehr ärgerlich: „Man, men, min, gibt es nicht, das ist ausgedacht; Sie brauchen 
sich nichts auszudenken, Sie sind ja der Zauberer gegen die Angst. Ich muß 
immer solche Worte machen aus Angst." Es ging also daraus klar hervor daß 
der Ersatz gewisser Worte durch die scheinbar sinnlosen Silben als eine Schutz- 
handlung aufzufassen war, durch die vermieden werden sollte, daß einem beim 
Aussprechen der richtigen Bezeichnungen etwas zustoße. Nun wird auch ver- 
ständlich, warum er Straßenbahnen mit schiefen Ziffern nicht benützen kann. 
Er ist überzeugt, daß in diesen Straßenbahnen auch alles schief steht und er 
sich krampfhaft anhalten müsse. Anhalten kann er sich aber weder dort wo 
sich der Wagenführer anhält, noch an der Signalleine des Schaffners, noch an 
den Schlingen zum Anhalten, weil er zu klein dazu ist. Also eine doppelte 
Gefahr: in einer Straßenbahn mit schiefer Ziffer müßte er seine Kleinheit zu- 
geben, wenn er versuchte, sich anzuhalten; wenn er sich nicht anhalten kann, 
könnte er herausfallen und überfahren werden. Den Autobus kann er überhaupt 
nicht benützen, denn der wackelt so, wie er weiß, daß man ohne sich anzu- 
halten, überhaupt nicht darin stehen kann 1 . Nun vermeidet er zu dieser Zeit 
strengstens die Anerkennung aller Dinge, wie schon die Motivierung seiner Ab- 
lehnung des Autobus zeigt, die ihn zwingen könnten, seine Kleinheit, also sein 
K i n d s e i n als real zuzugeben. Lederschlingen in der Straßenbahn müssen also 
durch ungefährliche Worte ersetzt werden, wenn man überhaupt von ihnen 
sprechen will. Es zeigt sich also hier, daß seine Angst, Straßenbahnen mit 
schiefen Ziffern und Autobusse zu benützen, wieder mit der Angst vor den Ge- 
fahren, die ihm als schutzlosem Kind drohen, zusammenhängt, vor denen man 
aber durch Erwachsensein geschützt ist. 

Es gab noch etwas anderes auf der Straße, dem er unbedingt ausweichen 
mußte. Das war ein bestimmtes Parfumeriegeschäft in der Gasse, in der er 

1) Er betont ja, daß im Autobus nicht einmal ein „lein" ist, also etwas, woran 
sich der Wagenführer anhalten kann. 

- 24 - 



wohnte. Wenn bei diesem Geschäft abends ein Drahtgitter vor die Auslage vor- 
gezogen war, weigerte er sich aufs heftigste, an diesem Gitter vorbeizugehen. 
Als er mit der Kindergärtnerin einmal nach Geschäftsschluß an diesem Laden 
vorbeikam, riß er sich plötzlich los, stürzte mitten durch Autos und Straßenbahnen 
auf die andere Seite der Straße und blieb dort ganz aufgeregt, zitternd und blaß 
vor Angst stehen. „Wir sind jetzt zu spät gekommen", sagte er, „jetzt hat er 
zu, da kann ich nicht vorübergehen". Als man ihn fragte, warum er jetzt nicht 
vorübergehen könne, erklärte er es auch. „Wenn die Scheibe da ist und kein 
Draht (Gitter) kann es nicht spritzen, aber wenn sie unter dem Draht ist, kann 
es spritzen. An allen anderen Läden kann ich vorbeigehen, wenn die Rollbalken 
herunter sind." In der Auslage dieses Parfumeriegescbäfts waren verschiedene 
Irrigations- und Sprayapparate, Frauenduschen iäw. ausgestellt. „Dort sind ja 
Schläuche, sagte er, da kann es überall spritzen". Er lief ebenso vor dem Gärtner- 
schlauch im Park und vor dem Sprengwagen davon. Da ich wußte, daß man 
ihm bei der lang dauernden Ohrenkrankheit auf der Klinik oft sein Ohr aus- 
gespritzt hatte, war die Angst vor dem Gitter, von dem er immer wieder be- 
hauptete, es habe wirklich herausgespritzt, leicht zu verstehen. Ebenso wurde es 
jetzt deutlich, wie sehr ihn eine andere, die Angst vor dem „Schnapperl quälte. 
Es mußte nämlich bei jeder Türe die Klappe über dem Schlüsselloch geschlossen 
sein wenn der Schlüssel nicht drin steckte, sonst hielt er sich die Augen zu 
und' brüllte solange „heruntergeben«, bis man das Schnapperl über das Schlüssel- 
loch herunterschob. Die ungewöhnlich erregte Bewegungsunruhe, die ihn in 
jedem neuen Raum befiel, hing auch mit dieser Angst vor dem „Schnapperl 
zusammen. Ich besuchte in dieser Zeit einmal mit ihm den Montesson-kinder- 
garten- er war ganz außer sich, weil in einem Raum fünf offene Schlüssellöcher 
waren'und benahm sich aus Angst davor wie ein Verrückter. „Beim Schlüssel- 
loch" erklärte er mir einmal, „muß entweder das Schnapperl vor sein, oder 
man muß den Schlüssel hineinstecken. Das Schnapperl muß herunter sein, sonst 
kommt die Finsternis herein und ich sehe nichts." Später behauptete er einmal 
auch: „Man muß das Schnapperl heruntergeben, sonst wird die Finsternis 
hereinkommen und man wird von außen den Schlüssel hineinstecken und 

mich einsperren." 

Diese beiden Ängste, die vor dem Gitter beim Parfümeriegeschatt, bzw. vor 
dem Spritzen und die vor dem „Schnapperl", waren ihm ganz bewußt und er 
verstand jetzt schon vollkommen, daß er zu mir komme, „damit ich ihm diese 
Ängste wegzaubere." So sagte er: „Ich habe jetzt nur Angst vor dem Schnapperl 
und dem Parfümeriegeschäft, vor den Doktoren nicht mehr, weil sie der Zauberer 
zum Teufel geschickt hat." Dann meinte er einmal sehr nett und vernünftig, 
als er Spielzeug im Zimmer sah und vermutete, daß er damit spielen solle: 
Spielen Sie nicht, ein berühmter Zauberer gegen die Angst darf auch nicht 
mit mir spielen, sonst bleibt die Angst da." Ein anderes Mal sagte er, als eine 
Stunde wegen eines Feiertags ausfallen mußte und ich ihm das erklärte, weil 
er jetzt immer genau darauf bestand, an denselben Tagen und zur selben Stunde 
zu mir zu kommen: „Es ist so schade, jetzt haben Sie mir erst ein Viertel von 

- 25 - 



der Hälfte der Angst 1 -weggezaubert und morgen wird mir wieder nichts "weg- 
gezaubert." Ich glaube, daß die Krankheitseinsicht und der Wunsch, seine Angst 
loszuwerden und das Verständnis für die Behandlung aus diesen Aussprüchen, 
so eindeutig hervorgehen, daß sie keiner weiteren Erklärung bedürfen. Hervor- 
zuheben wäre nun wieder die ganz unkindlich reife und doch zugleich fremd- 
artige Form, in der der kleine Herbert alle Mitteilungen über seine seelischen 
Vorgänge vorbringt. 

Meine Vermutung, daß das angeblich spritzende Drahtgitter, die spritzenden 
Gummiapparate und das offene Schlüsselloch eine symbolische Bedeutung haben 
müßten, mit der die Angst in der Tiefe verankert war, wurde im Laufe dieses 
Behandlungsabschnittes auch bestätigt. Als wir nämlich über die verschiedenen 
Spritzapparate sprachen, sagte er: „Es kann auch sonst spritzen; einmal war 
ein Lavoir und ein Schlauch da für vorn und hinten (dabei zeigte er auf seinen 
Körper) und dann spritzt es auch". Er weigerte sich absolut mir zu zeigen, an 
welcher Stelle seines Körpers die Schläuche verwendet wurden, sagte nur immer 
wieder: „Ganz unten". Bald stellte es sich heraus, daß es auch unverständliche 
Worte gab, mit denen die Stellen bezeichnet wurden, an denen Schläuche am 
Körper eingeführt werden konnten: „Fl o ist d a vorne, da bekommt man einen 
schwarzen Schlauch, flau ist rückwärts mit einem kurzen roten Schlauch." 
„Flo" hieß eigentlich Floda; Herbert behauptete, es stamme daher, daß ihm 
einmal eine Hausgehilfin (er meinte dieses Mädchen, das sich, wie mir die 
Mutter berichtete, immer absichtlich vor ihm aus- und angekleidet hatte) gezeigt 
habe, ein Floh ist da. In Wirklichkeit soll er aber einmal aus dem Zimmer 
des Mädchens herausgestürzt sein und geschrien haben: „Sie hat ein Floda 
zwischen den Beinen." Womit er also offenbar das Genitale meinte. Er gebrauchte 
dieses Wort aber auch nicht nur für das weibliche Genitale, sondern für alle 
Dinge, die mit der Genital- und Afterregion zusammenhingen. So sagt er ein- 
mal: „Ich brauch keinen Bruder, wir werden ihn hinlegen, der Vati dreht ihn um, 
und die Mutti hält ihn, ich geb den Schlauch hinein, das Wasser spritzt hinein 
und nimmt ihm vorn und hinten das Floda weg." Hier bezeichnet also Floda 
Penis und Kotstange, denn es soll ja der Bruder umgebracht werden, indem 
man ihm diese beiden Floda wegnimmt 2 . Ich versuchte ihm nun zu erklären 
daß ich wisse, was er eigentlich mit dem „Floda" und mit dem „flau" meinte 
und weshalb er sich davor fürchtete. Da geriet er in große Angst, betonte 
immer wieder, „nein das mein ich nicht, es heißt nur ein „Floh" ist „da", 
ich muß es nur aus Angst zusammen sagen". Ich lehnte diesen Versuch der 
Rationalisierung energisch ab und behauptete, ich wisse schon, daß Floda be- 
deute, was er vorne unten habe. „Nein, nein", rief er angstvoll und begann zum 
ersten Mal laut zu schreien, „ich rede nur von dem, was man fortnehmen 
kann, da ist aber nichts". Es wird also deutlich, daß er aus Angst um sein 

1) Es sei hier nur darauf hingewiesen, wie sicher und richtig der damals fiinf- 
dreiviertel Jahre alte Herbert Brüche verwendet. 

2) Auf dieses Verhalten zum Bruder komme ich später natürlich noch ausführ- 
licher zurück. 

- 26 - 



Glied das Ersatzwort gewählt hat und daß er die richtige Bezeichnung nicht 
geben kann, weil mit dem Aussprechen derselben das Ding existieren würde 
und damit auch der Vernichtung zugänglich wäre. In dieser Zeit beobachtete 
aucli die Kindergärtnerin, daß er von der Mutter angeschrieen wurde, als er 
sich einmal von außen an der Genitalgegend kratzte. Kurz danach suchte er 
das Klosett auf, um zu urinieren. Plötzlich rief er laut und verzweifelt um 
Hilfe, obwohl er sonst seine Geschäfte immer allein verrichtete: „Kommen Sie, 
helfen Sie mir, ich kann die kleine Seite (kleine Seite war die in der Familie 
übliche Bezeichnung für Urinieren) nicht angreifen, sonst mache ich mich 

schmutzig. " 

Hier wird auch ein anderer Ausspruch verständlich; er behauptete oft: „In 
der Finsternis kommen so Sachen, die ich nicht kenne und nicht anschauen 
darf. Da sehe ich oft die kleine Seite, wenn sie dünn und klein ist. Wäre sie 
das nicht, dürfte ich sie nicht sehen.« Als die Kindergärtnerin später mit ihm 
in einem Kinderheim war, beobachtete sie, daß er, wenn er bei Nacht urinieren 
wollte, immer eine Erektion hatte. Da rief er dann: „Ich darf es nicht sehen*.« 
Er wurde noch deutlicher: „Es gibt so Stöckchen bei der kleinen Seite, an 
denen muß man ziehen und dann steckt sich die Angst heraus (die Angst vor 
der Erektion)." Es droht also immer bei Nacht die Gefahr, daß man „die 
kleine Seite, wenn sie groß (erigiert) ist«, bemerken könnte 2 . 

Bei den Gesprächen über die Schläuche (die verschiedenen Irrigation.- und 
Spravapparate in der Auslage des Parfumeriegeschäftes) stellte sich heraus, daß 
er sich vor dem Schlauch so fürchtete, weil „den hat man mir einmal hinein- 
gesteckt, wie ich noch ein Butzerl war". Nun zeigte ich ihm immer wieder 
sehr eindringlich, daß die Angst vor dem Parfumeriegeschäft, vor a lern den 
Dingen in der Auslage galt und die Angst vor dem offenen Schlüsselloch von 
der Symbolik des Schlüssellochs herstammte, in das man vielleicht den Schlauch 
hineinstecken werde. Diese Deutung, die natürlich noch nicht den ganzen Inhalt 
seiner beiden Ängste erschöpfte, schien zuerst wirkungslos, weil er sie einfach 
ignorierte. Ich drängte ihm die Erklärung immer wieder auf, sagte ihm auch 
daß ich böse sei, weil diese beiden Ängste nicht weggehen wölken und noch 
immer daseien. Das machte ihm Eindruck, mit dem mächtigen Zauberer gegen 
die Angst wollte er sich ja auch nicht verfeinden. Nach einigen Tagen sagte er 
ganz plötzlich: „Die Stunde kann um viertelfünf aus sein (sie hatte um vier 
Uhr begonnen), ich mache alles allein und am 20. April werde ich keine Angst 
mehr haben vor dem Schnapperl und dem Parfumeriegeschäft.' Er hat sich 
also aus Angst vor dem Bösesein des „Zauberers« entschlossen, die beiden Ängste, 
die er bei seiner geistigen Frühreife natürlich als solche erkennen muß, 
aufzugeben, will aber in seinem Größenwahn allein damit fertig werden. Damit 
erklärt sich au ch zum Teil die Ter min Setzung für das Verschwinden eines 

1) Er sagte auch: „Die Löcher am Fuß und auf der kleinen Seite darf man nicht an- 
schauen, sie sind wie Schlüssellöcher; auf der Brust sind zwei, die darf man anschauen.« 

2) Dabei wird die Harnröhrenmündung, die er als „Schlüsselloch" nicht anschauen 
darf, besonders sichtbar." 

- 27 - 






Symptoms, die er liier zum ersten Male vornahm. Er will wirklich alles selbst 
machen, darum bestimmt er auch, wann ein Symptom verschwinden wird. 
Die Terminsetzung ist ein Beweis dafür, daß er die Deutung akzeptiert und 
wahrscheinlich schon jetzt auf die Angst verzichten könnte, wenn er es wollte. 

Nun glaubte ich damals nicht daran, daß er die beiden Ängste wirklich zu 
dem angegebenen Termin verlieren würde, weil er noch soviel Angst zeigte, 
und versuchte daher immer wieder, ihn mit den Gegenständen seiner Angst 
in der Realität zu konfrontieren. So ließ ich das Schlüsselloch in meinem Zimmer, 
nachdem er die Termin Setzung für die Beendigung der Angst davor angegeben 
hatte, immer offen stehen. Als er das das erste Mal bemerkte, stürzte er aus 
meinem Zimmer heraus und wollte nicht mehr hinein. Nur die Drohung, ich 
würde böse sein, brachte ihn dazu, ins Zimmer zu kommen, nachdem er mir 
vorher das Versprechen abgenommen hatte, das Schnapperl herunterzugeben. 
Das wiederholte ich jedesmal, wenn er kam, bis er endlich das Schnapperl 
selbst heruntergab. Der Kindergärtnerin sagte er in dieser Zeit oft: „Der Zauberer 
soll das Schnapperl herunterzaubern, sonst muß man einen Blödsinn reden. Und 
nur dumme Leute reden einen Blödsinn." 

Ich zwang ihn allmählich auch bei mir das Schlüsselloch anzusehen, indem 
ich ihm nicht erlaubte, das Schnapperl herunterzugeben. Tagelang hielt er sich 
die Augen zu und stand heulend und schreiend in der entferntesten Zimmer- 
ecke. „Ich kann nicht, ich kann nicht hinschauen, da muß man gräßliche 
Worte reden, die nur die Schweine sagen." Als ich ihm zuredete, die Worte 
doch zu sagen, es mache nichts, wurde er noch verzweifelter: „Das hat die 
Mutti verboten, wenn ich solche Worte sage, sperrt sie mich im Kabinett ein 
dann verliert sie den Schlüssel und ich kann nicht heraus" 1 . 

Ich beruhigte ihn ständig, erfand für ihn neue Zahlenspiele, die ihn begeister- 
ten, und war in diesen Tagen besonders nett zu ihm. Endlich gestand er: „Wenn 
man diese Worte sagt, wird man wirklich ein Schwein." Als ich versprach 
diese Gefahr mit meiner Zauberkunst abzuwenden, sagte er: „Am Freitag werde 
ich die Worte der Ängstlichen sagen." Am Freitag weinte er entsetzlich, hielt 
dann aber den Termin ein und sagte: „Jetzt werde ich ein Schwein — Foche 
Toche, Roche." Von diesen Worten waren mir zwei sofort verständlich: mit 
„Toche" meinte er das Gesäß (das man auf jiddisch als Toches bezeichnet), im 
Anklang daran war Foche gebildet, das dasselbe bedeuten mußte wie „Floda". 
Übrigens klingt „Foche" auch an den im Wienerischen vorkommenden Aus- 
druck „Fotz" an, der das weibliche Genitale bezeichnet. Diese Ausdrücke Toches 
usw. konnte ich als ihm bekannt voraussetzen, da die Mutter mir oft klagte 
daß sie immer nur ganz gewöhnliche Mädchen halten konnte, die gar keine 
Manieren hatten und vor den Kindern die ärgsten Worte in den Mund nahmen, 
weil sie nie einen ordentlichen Lohn zu zahlen imstande war. 

Ich gab ihm zu verstehen, daß mir die Bedeutung dieser Ersatzworte, an die 
ihn eben die Form des Schlüsselloches erinnerte, bekannt sei und bewies ihm 

1) Zu Hause wurde er nie eingesperrt, warum er sich aber vor dem Einsperren so 
fürchtete, wird sich bei der Auflösung der Angst vor dem „Gitter" noch herausstellen. 

— 28 - 



immer wieder, daß beim Aussprechen dieser Worte nichts passierte. Schon seit 
einiger Zeit hatte ich absichtlich eine neue Beschäftigung für die Analysen- 
stunde eingeführt. Ich faltete kleine viereckige verschiedenfarbige Stückchen 
Papier zusammen, er diktierte, welche geometrischen Formen ich in dem zu- 
sammengefalteten Stück Papier auszuschneiden hatte, dann nahm er sie ausein- 
ander und freute sich sehr an den Veränderungen, die an Kreis, Viereck, Drei- 
eck usw. zu bemerken waren. Dabei machte es ihm großen Spaß, mir die 
Formen sehr rasch anzugeben und er war begeistert, wenn ich aus Irrtum statt 
eines Trapezes ein Quadrat ausgeschnitten hatte. Daß er sehr bald heraus hatte, 
wie sich die Formen bei vierfachem Zusammenfalten des Papiers ändern, ist 
bei seiner mathematischen Begabung eigentlich nur selbstverständlich. Diese 
Papierblätter nannte er „Teppicherl". Ich schnitt nun in die „Teppicherln" 
Schlüssellöcher, sprach dabei die verpönten Worte „Foche, Toche, Roche" aus 
und zwang ihn, die Schlüssellöcher im Teppicherl anzusehen. Er schrie auch 
hier zuerst, gewöhnte sich aber dann an den Anblick und meinte, die ausge- 
schnittenen Schlüssellöcher seien „jejuju" 1 . Man sieht daraus, daß er nur die 
Ersatzworte änderte, sobald ich die Bedeutung verstanden hatte. Wenn ich zu 
diesem Zeitpunkt, wenige Tage vor dem festgesetzten Termin, über die Bedeu- 
tung der Schlüssellöcher sprechen wollte, hielt er sich die Ohren zu und sagte, 
„jetzt will ich das nicht wissen, erst am 20. April, das ist doch bald, gedulden 

Sie sich bis dahin." 

Die wichtigste Erklärung der Symbolik des Schlüssellochs konnte ich ihm 
aber nur im Zusammenhang mit seiner Angst vor dem spritzenden Gitter geben, 
die in der gleichen Zeit wie die Schnapperlangst besprochen wurde. Um ihn 
hier mit dem Objekt seiner Angst in der Realität zusammenzubringen, besorgte 
ich einen Sprayapparat, der aus einer Flasche, einem kurzen roten Schlauch 
und einem Gummiballen bestand. Als er den Sprayapparat das erste Mal sah, 
begann er laut zu schreien, wischte sich ununterbrochen die Wange ab und 
rief: „Warum haben Sie mich angespritzt?!", obwohl ich den Sprayapparat 
gar nicht berührt hatte. Von der Unwirklichkeit seiner Behauptung, ich hätte 
ihn angespritzt, war er wochenlang nicht zu überzeugen. Seine Angst, alles was 
aus Gummi bestand, auch nur zu berühren, wurde da erst recht deutlich, er 
wich jedem Gegenstand, der aus rotem oder schwarzem Gummi bestand, ge- 
flissentlich aus. Es gelang mir aber,- ihn durch Berühren eines grünen Gummi- 
sch wämmchens zum Marken befeuchten, das in eine kleine Schale eingebettet 
war zu überlisten. Er berührte es, ich zeigte ihm dann, daß es aus Gummi sei. 
D a war er ganz wütend, ignorierte mich einige Tage, aber er entschloß sich 
dann doch, die Spritze von weitem anzusehen. Er schrie einmal in höchster 
Angst als ich die Spritze berühren wollte: „Kluftieren Sie mich nicht an, bitte." 
Nun wußte ich, daß alle mit u und i zusammengesetzten Worte zu dieser Zeit 
etwas Sexuelles, Verbotenes oder ein sexuelles Organ bedeuteten (ich erinnere 

1) Zu diesem Wort sei vorwegnehmend gesagt, daß es einer bestimmten Gruppe 
von Ersatzworten angehört, die sich alle durch Vorherrschen der Vokale i und u aus- 
zeichnen und deren Bedeutung und Entstehung noch erklärt wird. 

- 29 - 



an die „jejuju") und bestand auf der Erklärung dieses sonderbaren Wortes, da 
ich ja längst vermutete, die Spritze habe auch Penisbedeutung. Ich sagte ihm 
also ganz direkt, ich wisse, er wolle die Leute ankluftieren (anurinieren oder 
anspritzen, meinte ich); das solle man nicht tun, wie er ja wohl annehme und 
darum habe er solche Angst vor der Spritze. Das gab er gleich zu und meinte : 
„Die Spritze sieht auch wie das Klufterierpfuffi aus." Diesen Namen erklärte er 
mir: „So heißt es, weil es klufteriert (spritzt) und dabei macht es pf, pf. An 
ihm ist auch ein graues Sackerl daran, drin sind unsichtbare Kugerln oder 
Steinderln, mir hängt es darunter und man kann auf den Ball drücken. Dann 
spritzen Strahlen heraus und es kommen die Steinderln aus dem Sackerl" l 
Ich erinnerte ihn daran, daß die Mutter ihm verboten hatte, zur Hose zugrei- 
fen, daß er „die kleine Seite" sich nicht traute anzugreifen usw. und zeigte 
ihm den Zusammenhang, daß er ständig fürchte, sein Klufterierpfuffi zu ver- 
lieren, daß ich ihn aber durch meine Zauberei davon kurieren werde. Einige 
Minuten darauf (es war nicht lange vor der Termin Setzung) stürzte er auf mich 
zu und rief, auf mein Genitale deutend: „Sie haben — ein Kruich zwischen 
den Beinen." Beim Hinausgehen aus meinem Zimmer berührte er an diesem 
Tage zum ersten Male das Schlüsselloch, schrie dabei „Kruich" und bestätigte 
so meine Vermutung über dieses Symbol. Ich brachte nun die Angst vor dem 
„spritzenden Gitter" und dem Schnapperl in den gehörigen Zusammenhang, in- 
dem ich ihm erklärte, daß er eben befürchte, er könne sein „Klufterierpfuffi" 
verlieren und eine „Foche", ein Schlüsselloch bekommen. Zugleich erinnerte 
ich ihn auch daran, daß die Angst vor dem „spritzenden Gitter" wohl auf der 
Klinik ihren Anfang genommen habe. Dort stand nämlich ein Gitterbett im 
Duschraum. Meine Vermutung, man hätte ihn ohne Bücksicht auf seine Ver- 
bote auf der Klinik einfach gewaltsam geduscht und ihm wegen seines beson- 
ders störrischen Benehmens den Aufenthalt im Gitterbett in Aussicht gestellt 
wurde von ihm bestätigt. Er war begeistert, daß ich das alles wußte und sagte : 
„Sie sind wirklich ein berühmter Zauberer. Wissen Sie vielleicht sogar wie die 
Schwestern geheißen haben und was sie gesagt haben? Sie wollten mich sogar 
in den Keller sperren, weil ich mich nicht duschen lassen wollte und haben 
mir immer den Kellerschlüssel gezeigt. Auf der Ohrenklinik hat man mir auch 
das Ohr ausgespritzt, das Wasser ist drin geblieben." Am 20. April hatte er die 
Angst vor dem Schlüsselloch wirklich weg und am nächsten Tag berichtete er 
strahlend, daß er am Parfüm eriegeschäft vorbeigehen könne. Er schaute die 
Schlüssellöcher an und sagte: „Sie dürfen ,jejuju' ausschneiden so viel Sie wollen." 
Bei dieser Gelegenheit faßte er alle Fortschritte, wie er es zu tun liebte, zu- 
sammen und buchstabierte wieder leise alle Gliedmaßen und Körperteile. Das 

1) Ich konnte niemals feststellen, woher Herbert diese ganz richtige Vorstellung 
von den Funktionen des Penis bezogen hatte. Da er aber so viele Konversationslexika 
studierte, darf man sich über diese Kenntnisse eigentlich nicht wundern. Zum „Spritzen" 
wäre noch zu erwähnen, daß man, als er später in einem Sommerheim war, beob- 
achten konnte, daß er beim Urinieren auf den Penis zu drücken versuchte (er nannte 
das „auf den Ball drücken"), um zu „spritzen" wie er sagte. 

- 30 - 




war einige Monate lang gar nicht zur Sprache gekommen. Nun hatte er einen 
kleinen Koffer mit einem Schlüssel von mir als Geschenk erhalten, um alle 
Teppicherln". die er sammelte, nach Hause zu nehmen und sie einsperren zu 
können, darüber war er besonders erfreut. Da ich ihn aber bat, die Namen 
laut zu sagen, lachte er und sagte: „Aber reden Sie doch keinen Unsinn, wenn 
ich das kann, habe ich überhaupt keine Angst mehr, und dann brauche ich 
keinen Koffer, keine Teppicherln und keinen Zauberer." 

Bald darauf gestand er mir, daß Vati und Mutti ihm verboten hätten, das 
„Klufterierpfuffi" anzugreifen. Als ich meinte, ich wollte mit dem Vater über 
das Verbot reden, wurde er sehr böse: „Sie frecher Zauberer, Sie sind über- 
frech, sie werden sehen, es wird ihnen auch schon abgeschnitten werden. Ich 
werde Ihnen nichts mehr sagen, ich tue, was der Vati will." Daß die Mutter 
dieses Verbot oft aussprach, wissen wir; er projiziert es auf den Vater und will 
darum nicht, daß ich mich bei diesem danach erkundige. Diese Übertragung 
erfolgt darum, weil er die Mutter nicht mag, aus Angst aber doch ihre Gebote 
befolgen muß. Es fällt ihm leichter, es sich vom Vater verbieten zu lassen 1 . 

Obwohl ich für ihn als Zauberer, wie aus dem Vorhergehenden hervorgeht, 
eine männliche Rolle hatte, war er sich doch meiner Weiblichkeit immer gut 
bewußt. Er hatte auch meine Schwangerschaft bemerkt, denn er sagte mir ein- 
mal: „Sie sind eine Kruichin, eine dicke häßliche Frau." Wir sprachen darauf- 
hin offen von meiner Schwangerschaft, er interessierte sich sehr dafür, daß ich 
Zwillinge geboren hatte, die nach wenigen Tagen gestorben waren. Es beun- 
ruhigtet dies auch und er erkundigte sich lange Zeit „wie kann man nur 
so schneü sterben? Ich will immer leben, hundert, am liebsten tausend Jahre." 
Er fragte genau nach den Vorgängen bei der Geburt und zeigte dabei in seinen 
Fragen sehr viel Verständnis und erklärte dann spontan: „Ich habe kein Loch, 
nur eine Spalte rückwärts." 

Parallel mit der Analyse dieser beiden Ängste ging auch die Aufdeckung und 
Besprechung seiner Einstellung zum jüngeren Bruder. Wie schon in der Vor- 
geschichte erwähnt, hatte er zu diesem Zeitpunkt scheinbar gar keine Beziehung 
zum kleinen David, er ignorierte ihn so viel als möglich; sobald er aber anfing, 
sich mehr mit der Umwelt zu befassen, Vorgängen des täglichen Lebens seine 
Aufmerksamkeit zuzuwenden, mußte er doch das Vorhandensein des Kleineren 
öfter zur Kenntnis nehmen. Wie nicht anders zu erwarten, kam es sehr bald 
zu Konflikten zwischen den beiden Kindern. Der kleine David, für sein Alter 
sehr intelligent und verständig, hatte in kurzer Zeit herausgefunden, daß Herbert 
sich vor dem „Schnapperl" fürchtete. Er ging nun den ganzen Tag in der Woh- 
nung herum und zog die „Schnapperl" von den Schlüssellöchern weg und zeigte 
dann große Freude, wenn Herbert ganz außer sich war vor Angst. Die Mutter 
hielt ja meist zum kleinen David, der Vater war den ganzen Tag nicht zu Hause, 
so daß ihn niemand hinderte. Herbert reagierte nicht sofort mit Aggressionen. 
Seine Wut auf den Bruder kam erst nach einer Weile dadurch zum Ausdruck, 

1) Dem Vater konnte man es glauben, wenn er versicherte, dem Kleinen nie ein 
Verbot auf diesem Gebiet erteilt zu haben. 

- 31 - 



daß er immer wieder sagte: „Die Angst soll jetzt endlich den David sekkieren, 
nicht mehr mich." Auch begann er jetzt den Altersunterschied genau zu fixieren, 
und seit er sich selbst als „großen Jungen" bezeichnete, betonte er oft: „Der 
David muß immer der Jüngere bleiben und keinen Vati und keine Mutti haben." 
Bald wurde die Eifersucht auf den Jüngeren deutlich: „Ich will mit Vati und 
Mutti in einem Haus wohnen, wo nie die Finsternis hereinkommt, außen soll 
es ganz hell und rein sein 1 . Der David soll allein in einem Haus wohnen, wo 
nur die Finsternis ist." Und auf der Straße verlangte er stürmisch: „Der David 
soll allein gehen, man soll ihn nicht führen." Oder noch deutlicher: „Ich will 
den David auf die Straße stoßen, damit ihn ein Auto überfährt, weil er mir 
immer das Türschnapperl heraufgibt." Und als er dann nach einiger Zeit 
entdeckt hatte, daß der Bruder sich vor Hunden fürchtete, sagte er wiederholt: 
„Es soll ein Hund kommen und mit dem Maul den David beißen, denn die 
Hunde fressen gerne saure, bittere Sachen, darum werden sie einen sauren 
Dreck wie den David gerne fressen." Dieser Ausspruch enthielt das erste 
Schimpfwort „Dreck", das man von ihm zu hören bekam, und seine Umgebung 
war entsetzt, weil er früher nie solche Worte gebraucht hat. Mich wunderte 
das gar nicht, denn ich wußte ja zu dem Zeitpunkt schon, daß alle diese Worte 
früher durch Ersatzworte ausgedrückt worden waren. Die erste tätliche Aggres- 
sion war folgende : der Kleine hatte sich irgendwo angeschlagen und die Mutter 
wollte ihn zärtlich trösten. Herbert stürzte hin, riß die Mutter vom kleinen 
Bruder und schrie in großer Erregung: „Wenn der David sich wehtut, soll ihm 
die Mutti kein Bussi geben, er soll so bleiben." Um diese Zeit besserte sich 
auch die Beziehung zur Mutter, wie sich später zeigen wird; er war ganz deut- 
lich eifersüchtig auf die Mutter, wenn sie den Kleineren vorzog. Als er das 
erste Mal, soweit man das einwandfrei feststellen konnte, wirklich gegen den 
Bruder tätlich wurde, spielte sich seine Aggression in einer merkwürdigen 
Umkehrung ab: David hatte sich sehr angeschlagen, Herbert jubelte, stürzte 
auf ihn zu, küßte ihn viele Male, was er noch nie getan hatte. 

Es war sehr interessant zu beobachten, wie die Bedeutung der Spritz- und 
Schnapperlangst und der Ersatzworte in seiner Beziehung zu David immer wieder 
bestätigt wurde. „Boche, Toche, Foche" die Namen, die er David gibt, „schlimme 
Kinderlein brauchen dunkle Namen, die von der Finsternis kommen." Dann 
sagte er oft, als seine Todeswünsche gegen den Bruder deutlicher wurden: „Ich 
will den Boche, den Toche niederhauen." Und „ich will ihm das Roche 2 ab- 
hauen." Und wie schon oben in anderem Zusammenhang erwähnt: „Ich brauche 
keinen Bruder, wir werden ihn hinlegen, der Vati dreht ihn um, die Mutter 
hält ihn, ich gebe den Schlauch hinein, das Wasser spritzt hinein und nimmt 
ihm vorn und hinten das Floda weg." Zu dieser Zeit wurde er außerdem tät- 
lich aggressiv. So packte er den kleinen Bruder einmal beim Kopf, wollte ihm 
ein Staberl ins Ohr stecken, um ihm den Polypen zu operieren. Er versucht 

1) Herbert hatte einen sehr ausgeprägten Schönheitssinn und beklagte sich oft 
über die schmutzige und finstere Zinskaserne, in der er wohnte. 

2) Bedeutete also Penis. 

— 32 - 



also dem Bruder das zuzufügen, was ihm das Ärgste war und versucht auch zu- 
gleich sein passives Erleiden durch diese aktive Wiederholung aufzuheben. Einer 
seiner Aussprüche zeigt, daß er trotz seiner jahrelangen Gleichgültigkeit gegen 
die Umgebung genau wußte, wie anders ihn die Mutter behandelte als den 
Bruder. Als ich ihn einmal fragte, warum er den Bruder so geschlagen habe, 
sagte er: „Weil ich ihn mit Bösem erziehen muß. Nur mit Liebe erzogen wer- 
den, da wird man zu schlimm; ich bin auch mit Leiden erzogen worden." 

Herberts Stellung zum Bruder blieb im weiteren Verlauf der Behandlung 
fast unverändert. Er konnte sich nicht damit abfinden, daß die Mutter den 
kleinen David immer vorzog, ihn maßlos und in allem verwöhnte, und daß 
dem Kleinen immer recht gegen ihn gegeben wurde. Ja, sein Haß gegen den 
Bruder verstärkte sich sogar, denn mit Zunahme der Realitätsanpassung bemerkte 
er immer mehr, wie sehr ihn der Bruder ununterbrochen verhöhnte, verspottete 
und ärgerte. Besonders kränkend war es auch für ihn, daß der zwar jüngere, 
aber körperlich gut entwickelte und lustige David, der auch sehr behende und 
geschickt war, ihm immer physisch überlegen blieb, so daß er auch bei 
Raufereien meist den Kürzeren zog. Verschärft wurde seine Haßeinstellung 
gegen den Bruder dadurch, das er in seinem Werben um die Mutter, das in 
dieser Zeit einsetzte, immer wieder enttäuscht wurde. Die Mutter mußte ihn 
immer wieder enttäuschen, denn sie war durch seine Abnormitäten ständig so 
stark narzißtisch gekränkt, daß sie ihn nicht so gern haben konnte wie den Kleinen. 
Auch hatte Herbert sich eigentlich nie recht um sie gekümmert und schließlich 
kam in seinem Werben immer wieder die Eifersuchtseinstellung dem Bruder 
gegenüber so stark zum Ausdruck, daß die Mutter sich, wie sie selbst sagte, 
dauernd abgestoßen fühlte. So behauptete er immerfort: „Ich habe eine aller- 
liebste Mutti, sie wascht mich und legt mich ins Bett, damit ich ihr ältester 
Sohn bin.« Gerade bei dieser Verrichtung war die Mutter immer besonders 
zärtlich und liebevoll mit David. Oder: „So eine allerliebste Mutti kann nur 
zwei Söhne haben, einen jüngeren, damit er dem älteren zuschaut, wie er der 
Mutti hilft." „Meine Mutti, gehörst du mir, deinem Ältesten, oder dem David?" 
Zum Zeichen des Fortschritts in seinen menschlichen Beziehungen möchte ich 
hier noch eine kleine Episode anführen: Als ihn David einmal mit einem 
eisernen Schürhaken kräftig geschlagen hatte, schrie er so, als ob er tötlich ver- 
letzt wäre. Gleich darauf küßte er sich selbst an dieser Stelle viele Male (siehe 
Vorgeschichte) und verlangte dann aber auch stürmisch von der Mutter, sie 
solle ihm tausend Bussi dorthin geben. Ich möchte hier nochmals auf die son- 
derbar reife und dabei gezierte und übertriebene Ausdrucksweise hinweisen, in 
der Herbert um seine Mutter wirbt, durch die sie aber wieder mit jedem Wort 
die sonderbare und von allem Normalen abweichende Art ihres Altesten 
Bemannt wurde, was die Anknüpfung einer Beziehung zwischen beiden natür- 

lieh nicht förderte. 

Die Änderung in der Beziehung Herberts zu seiner Mutter hatte als Aus- 
gangspunkt das erste sexuelle Interesse, das man an ihm beobachten konnte. 
Die Eltern hatten oft polnisch miteinander gesprochen, wahrscheinlich dann, 

Zeitschrift f. psa. Päd. ,VIIi — 33 — 



-wenn sie etwas vor Herbert, der immer auf alles so genau aufpaßte, verheim- 
lichen wollten. Nun erzählte er mir und der Kindergärtnerin oft Worte, die, 
wie er behauptete, aus diesen elterlichen Gesprächen stammten. Eines dieser 
"Worte lautete „futju" und bedeutete: „das wird man, wenn man sich freut und 
aufgeregt ist." Und zur Zeit, als wir das „Klufterierpfuffi" usw. besprachen, 
wird er immerfort „futju". So nennt er einen Zustand, in dem er aufgeregt 
lacht, im Gesicht hochrot wird, rascher atmet und deutlich den Eindruck eines 
sexuell erregten Kindes macht. Zuerst tritt dieser Zustand ohne Beziehung zur 
Umgebung auf. Dann beginnt er aber, wie die Mutter es ja schon berichtet 
hatte, großes Interesse für nackte Arme zu zeigen, und dabei „futju" zu wer- 
den. So wollte er damals — es war Frühling — im Park auf eine Frau los- 
stürzen, die nackte Arme hatte und auf einer Bank saß. Er streichelte auch 
die nackten Arme der Kindergärtnerin und wollte ihr in den Kleiderausschnitt 
hineingreifen. Dabei sagte er immer: „Tuj, tuj, tuj" 1 . Nach vielem Drängen 
erklärte er, dieses Wort heiße lieb auf deutsch. Also wieder ein Wort, in dem 
u und i (j) vorherrschen und das verbotene und verpönte Dinge bedeutet. Er 
griff auch der Mutter nach den nackten Armen, sie war sehr ungehalten da- 
rüber und wies ihn öfters barscli zurück. So kam es, daß er das „futju" sein 
immer mehr der Kindergärtnerin zuwandte, der er dann schließlich auch direkt 
erklärte: „Lieb sind Sie, darum gehören Sie auch mir; Sie sind prachtvoll, 
jetzt gehören Sie mir nur dreiviertel, wenn Sie mir ganz gehören würden, 
müßten Sie einmal ganz bei mir bleiben." Seine Zärtlichkeiten wurden ein- 
deutiger und damit besser verständlich. Wenn er in den Halsausschnitt hinein- 
greifen wollte, sagte er immer: „Bluftili, Wuftili, Fudili" und machte eine Be- 
wegung, wie wenn er etwas wegwerfen wollte. Als er auch bei mir von den 
„Bluftili usw." zu reden begann, brachte ich ihn dazu, daß er mir eine Erklä- 
rung gab: „Das ist nur an Ihnen da vorn, an mir ist es nicht, ich habe das 
nicht. Von diesen blöden Bluftili bekommt man die Polypen, wenn man sie 
angreift, drum muß man sie immer wegnehmen und wegwerfen, sonst bleibt 
man ewig klein und kann nie den ,Len' (die Lederschlingen in der Straßenbahn) 
ziehen." Diese Erklärung war wie immer bei Herbert sehr aufschlußreich, die 
„Bluftili" usw. bedeuten also die Brustwarzen, was später noch deutlicher wird. 
Nachdem er bei dem Dienstmädchen, das sich wohl absichtlich vor ihm aus- 
und ankleidete, das Genitale (Floda) bemerkt hat, wird er auch die „Wuftili" 
gesehen haben und muß, wie man aus seinem Hingreifen in die Brustgegend 
der Kindergärtnerin sagen kann, das auch dort probiert haben. Das Hingreifen 
hat ihm die Mutter sicher schon damals verboten, die nachher auftretende 
schwere Ohrenerkrankung faßte er als Strafe dafür auf, ebenso wie das „Klein- 
bleiben", das er bisher ganz zu verleugnen bestrebt gewesen war. 

Nachdem ich ihm seine Angst vor den „Wuftili", ihre Bedeutung, aber auch 
seine libidinösen Wünsche gezeigt hatte, verzichtete er auch auf diese Worte 
und sprach jetzt nur von den Spitzen (den Brustwarzen), die, wie sich zeigte, 
auch mit einem Verbot des Waschens auf der Brust zusammenhingen. „Ich 

1) Das klingt an verschiedene polnische Worte an. 

— 34 — 



kann mich vorn auf der Brust nicht waschen, denn da habe ich zwei Spitzen 
mit Löchern, da kann das Wasser hineinrinnen, aber weil hinten keine Löcher 
sind, kann es nicht heraus. Wo soll es dann hin. Das ist zu gefährlich 1 . 
Der Vati hat auch nur Spitzen, nicht mit Kugerln, wie bei der Mutti, er hat 
sie viel niedriger. Mit dreißig Jahren hat man sie erst richtig 2 . Kugerln sind 
nicht so gefährlich, da kann das Wasser bleiben und geht wieder heraus." 
Das Waschverbot auf der Brust hängt wohl damit zusammen, daß er eine Be- 
schädigung seiner Spitzen befürchtet, die eben an und für sich schon „niedriger" 
und keine „Kugerln" sind wie bei der Frau. Auch will er aus Schuldgefühl 
von den Spitzen nichts wissen, denn er hat seiner Meinung nach als Strafe für 
sein Interesse für des Mädchens Brüste den Polypen bekommen. In einem seiner 
zahlreichen Eß verböte spielen die Spitzen eine Rolle. Er konnte lange Zeit 
keine Orangen 3 „essen", sie nur „auslutschen", „weil immer solche Wudi (Kerne) 
drin sind; die sind spitzig und beißen mich". „Wudi" sind natürlich wieder 
die „bluftili", die Spitzen; nachdem ich ihm hier gedeutet hatte, daß er seinen 
Wunsch, die Spitzen zu zerbeissen, auf die „Wudis" projiziert hatte, und daher 
Angst vor ihnen hatte, konnte er plötzlich Orangen essen. „Jetzt haben sie eben 
Kügelchen, keine Wudi, die beissen mich nicht." 

Wie sehr er alles und jedes, was er nicht hatte, als eine Benachteiligung 
seiner Person empfand, ging aus folgendem Vorfall hervor, der sich in dieser 
Zeit abspielte. Der kleine David hatte einen Verdauungsausschlag. Für Herbert 
bedeutete das „rote kleine Punkte am ganzen Körper". Er beneidete ihn maß- 
los und betonte immer wieder: „Ich habe nur zwei rote Flecke vorne, (die 
Brustwarzen) die sind von den Sonnenstrahlen, die auch Angst machen." Er 
hatte einmal in die Sonne zu schauen versucht, mußte aber die Augen schließen, 
sah lauter rote Punkte und fürchtete sich sehr: „Die Sonne macht alles blutig, 
sie verbrennt mich", sagte er damals. Er empfand also, wie sich schon früher 
zeigte, den Mangel an Kugeln, die Tatsache, daß er nur rote Flecken (Spitzen 
mit Löchern) hatte, als eine Benachteiligung seiner Person, sogar als eine 
Schädigung durch die Sonne, beneidet aber doch den Bruder wieder, der mehr 
rote Flecke hatte als er. 

Er fürchtete sich sehr vor allem Roten, Blutähnlichem, und sagte, wenn 
er das Wort Blut aussprach, immer dazu: „Es solidrinnen bleiben." So hing 
eines der Gebote beim Ankleiden mit seiner Blutscheu zusammen. Er bestand 
immer darauf, die Hose nach den Schuhen anzuziehen, denn einmal 'hatte ihn 
ein Haftel an der Hose am Fuß blutig gekratzt. „Die Schuhe muß man vor 
der Hose anziehen, weil die Hose einen sonst blutig macht. Wenn die Orangen 
rot sind, kann ich sie nicht essen, auch roten Käs 4 nicht, nur hellgelben, auch 
keine roten Weintrauben im Winter, nur die schwarzen im Sommer, auch 



1) „Das sind keine Schlüssellöcher", wie er schon sagte, „diese Löcher darf man 
anschauen." 

2) Er weiß also auch, daß es ein Wachstum der Brüste gibt. 

3) Die Orange erinnert ihn natürlich ihrer Form nach an die Mutterbrust. 

4) Er meint den Eidamerkäse, der eine rote Rinde hat. 



- 35 - 



3' 



keine Ribisel und kein rotes Apfelmus." Die Angst vor dem Roten hängt 
naturlich auch mit der Angst vor dem roten Gummischlauch zusammen. 

Wenn auch aus allen sprachlichen Eigenheiten des kleinen Herbert seine 
merkwürdige Beziehung zu den Worten und ihrem Inhalt hervortritt, möchte 
ich dies doch noch an einigen besonders auffallenden Beispielen dartun. So: 
„Wenn ich ein Schach sehe, muß ich Krach machen, weil das dazu paßt." 
Das heißt also, den Krach muß er nur machen, weil das Wort wegen seines 
ähnlichen Klanges dazu paßt. Oder: „Ich werde den David schlagen, damit 
er wieder einen Ausschlag bekommt." Oder: „Ich habe ein Legespiel 
und Kastanien, wenn ich das gemeinsam verwende und alle Leute mit zu- 
schauen, bin ich direkt ein Schauspieler; wenn man Angst hat, ist man 
ängstlich; hat man einen Hof, wenn man höflich ist?" Oder: „Ich fahre 
nur erste Klasse, weil ich ein erstklassiger Junge bin." Interessant 
war auch seine Erklärung für Sicherheit, die er oft in derselben Form erteilte : 
„Sicherheit ist, wenn man ja tut, was man nicht zu tun versprochen hat, 
dabei verwendet man die Sicherheitsnadel." Von dieser ganz verkehrten 
Erklärung ließ er sich nur nach langer Zeit durch die ihm immer wieder 
gegebene Deutung abbringen; die Ohrenärzte hatten ihm wahrscheinlich gesagt, 
es tut „sicher" nicht weh und dann mit einer „Nadel" gestochen. Ganz klar 
wird seine Beziehungslosigkeit zu dem Inhalt der Worte, wenn er einmal 
fragt: „Was für ein Unterschied ist zwischen Burggraf, Markgraf und Grafs 
Suppenwürfel?" Hiezu möchte ich bemerken: Herbert hatte natürlich Beziehun- 
gen zu den Worten und ihren Inhalten ; er verlor sie nur manchmal zum 
Wortinhalt. Der Verlust des Zusammenhanges zwischen Wort und seinem Inhalt 
erfolgte immer dann, wenn er besonders in sich gekehrt und außenweltabgewandt 
war und hing mit seiner Angst vor der Ichzerstörung ebenso zusammen wie 
das Nichtaussprechen gewisser Wörter. Charakteristisch war dafür der Vorlauf 
beim Worte „Dreck", mit dem er, wie schon erwähnt, zum großen Entsetzen 
aller plötzlich ununterbrochen seinen Bruder benannte. Zuerst erklärte er das 
Wort so: „Ein Dreck ist, wenn man nichts Wichtiges zu tun hat." Dann sagte 
er auch einmal seiner Mutter nach einem Streit eine Viertelstunde lang: „Du 
bist a Dreck, a Dreck." Sie war außer sich und drohte ihm, er werde zu den 
Kanalräumern kommen, denn „wenn man etwas so oft sagt, wird man's 1 ." 
Von da an war ihm begreiflicher Weise das Wort Dreck verleidet und nicht 
lange nachher erkundigte er sich oft, wie er das immer zu tun pflegte, wenn 
er die Beziehung zu einem Wortinhalt nicht hatte oder nicht mehr haben 
wollte: „Was heißt Dreck, dreckig, Dreckheit, verdrecken?" Dabei fällt auf. 
wie genau der Sechsjährige alle Formen eines Stammes bildet: Hauptwort, 
Eigenschafts- und Tätigkeitswort. 

Erwähnenswert erscheint mir auch ein Beispiel für sein ungewöhnliches 
Symbolverstehen, das sich nicht nur auf ihm Bekanntes, wie Gitter, Schnapper], 
sondern auch auf ganz Fremdes, zum ersten Mal Gesehenes erstreckte. Ich machte 

1) Diesen Ausspruch hat die Mutter sicher oft getan. Auf seine Bedeutung für 
Herberts Verbote des Aussprechens gewisser Wörter komme ich noch zurück. 

- 36 - 



in dieser Zeit mit ihm einen Besuch in dem Montessori- Kindergarten. Dort wollte 
man sein Formengefühl durch Abtasten prüfen und die Lehrerin machte ihm 
diese Materialübung zuerst vor. Die Situation war so: Die Lehrerin legte sich 
eine Binde vor die Augen, kniete vor ihm nieder und bat ihn, ihr den Würfel, 
die Kugel und andere geometrische Körper zu reichen, damit sie sie durch Ab- 
tasten erkennen könne. Ich bemerkte sofort sein ironisch-überlegenes Lächeln 
dabei, durch das er sein Verständnis dafür kundgab, daß man einem solchen 
Spiel auch sexualsymbolische Bedeutung beilegen könne. Wenige Minuten später 
sagte er mir: „Dieses Spiel ist ein ausgesprochener Ehestifter. Diese Dame und 
ich werden heiraten und so viele Buben und Mädeln bekommen als ich ihr 
Formen gereicht habe." 

Um die Darstellung der Veränderungen an Herbert in diesem Abschnitt der 
Behandlung zu vervollständigen, möchte ich noch Einiges über seine Beziehung 
zur Umwelt sagen. Die Änderung seiner Einstellung zeigte sich im Bericht über 
sein Verhalten zu Bruder und Mutter; dann wäre noch Einiges über sein Ver- 
halten zu mir nachzutragen. Er bekundete in dieser Zeit sogar einige Male In- 
teresse für die Vorgänge in meiner Wohnung. So sagte er z. B. als mein Mann 
die Tür des Wartezimmers öffnete, um eine Patientin in sein Ordinationszimmer 
einzulassen, die sich aber noch im Vorzimmer befand: „Ihr Mann ist ein un- 
nützer Türenaufmacher: er geht unnütz vom Zimmer ins Kabinett, vom Kabinett 
in die Küche und wieder zurück." Dabei hatte er einen ärgerlichen und ab- 
lehnenden Gesichtsausdruck. Er projiziert auch einen Vorwurf auf meinen Mann, 
den man ihm immer zu Hause machte, wenn er ohne Grund aufgeregt in der 
Wohnung herumrannte. Auch erkundigte er sich jetzt oft bei andern Patienten, mit 
denen er im Wartezimmer zusammentraf und die er bis jetzt geflissentlich über- 
sehen hatte: „Kommen Sie am Ende auch ins Zaubererzimmer?" Einmal sagte er 
befehlend: „Ich verbiete, daß außer mir noch jemand zu Ihnen kommt." Dabei hatte 
er seine eigene Meinung über meine Zauberkraft und die Dauer der Behandlung. 
Als ich ihn einmal fragte, wann er denn die Namen und die Körperteile sagen 
würde, meinte er: „Da muß ich erst sehr lange bei Ihnen gewesen sein, Herr 
Zauberer." „In der Mariahilf er Straße sollte der größte Zauberer der Welt sein, 
dann würde es kurz dauern, aber so ist es der kleinste, darum muß ich so 
lange hingehn." Der Zweck der Behandlung war ihm wirklich ganz klar, denn 
er empfahl seinem Bruder, der sich vor Hunden fürchtete: „Du brauchst auch 
einen Zauberer gegen die Hundeangst. Aber nicht meinen lieben, der so schöne 
Zaubereien hat und eine Gehilfin, die mich hinbringt." Sehr sonderbar war die 
Art, in der er einmal einen meiner kleinen Patienten im Wartezimmer be- 
grüßte, der ein besonders gut entwickelter und schöner achtjähriger Junge war : 
„Schöner kleiner Junge, sag mir, wer du bist und warum du zum Zauberer 
kommst?" Der Angeredete geriet ganz außer sich vor Staunen über diese Frage 
des winzigen Knirpses und ich konnte ihn tagelang nicht beruhigen, weil er 
immer wieder wissen wollte: „Ist das wirklich ein Kind?" 

Sein Größenwahn trat in dieser Zeit in den Hintergrund. Er ist nun nicht 
mehr ein großer Junge, sondern geruhte bisweilen zuzugeben: „Ich bin ein 

— 37 - 



braver sechsjähriger Junge." Das war das erste Mal, daß er von sich einen 
Ausspruch tat, der der "Wirklichkeit entsprach. 

Wenn ich die Veränderungen in diesem Abschnitt der Behandlung zu charakte- 
risieren versuche, erscheint mir vor allem die wirkliche analytische Auflösung 
zweier besonders störender Symptome, der Spritzangst vor dem Parfumerie- 
geschäft 1 und der Angst vor dem Schlüsselloch besonders wichtig. Ebenso be- 
deutungsvoll ist die Aufdeckung seines Bruderhasses und das Auftauchen seiner 
Beziehung zur Mutter, die sich sozusagen in dieser Zeit erst entwickelt haben, 
aber noch gar nicht analytisch bearbeitet sind. Eine ganz normale Beziehung 
scheint Herbert in dieser Zeit nur zur Kindergärtnerin zu haben; er hat sie 
wirklich gern, reagiert auch, wenn sie unter Androhung von Bösesein oder 
Fortgehen etwas erreichen will, und sagt ihr auch offen seine Meinung: als sie 
ihn einmal, weil er sich ganz mit Kaffee anschüttete, lachend „kleines Schwein- 
del" nannte, rief er wütend: „Sie sind selbst ein elendes Schwein". 

Die sprachlichen Sonderbarkeiten sind wohl noch auffälliger geworden, als 
früher, weil man ihn jetzt besser verstehen gelernt hat. An den Verboten des 
Aussprechens von Namen und Körperteilen hat sich anscheinend noch garnichts 
geändert; diese sind wohl besonders tief verankert. Ebenso sind die Eßschwie- 
rigkeiten unverändert, während die Gebote, die das Waschen der Füße usw. 
betreffen, nicht mehr so unnachgiebig eingehalten werden müssen, weil die Angst 
dieser Gebote schon sehr ermäßigt ist. Die Beziehung zur Realität ist soweit 
fortgeschritten, daß man sagen kann, die Wirklichkeitsbeziehung habe in dieser 
Zeit so stark zugenommen, daß das Vorhandensein seiner eigenen, irrealen Welt 
merklich in den Hintergrund tritt. Wie sehr sich sein Verhalten in der Be- 
handlung, die Art seiner Darbringung des analytischen Materials von allem 
anderen Analysen neurotischer Kinder unterscheidet, war wohl aus der Dar- 
stellung ZU erkennen. (Fortsetzung und Schluß im näcluten Heft.) 

1) Vor meinem Sprayapparat hatte er, wie schon erwähnt, allerdings noch immer 
Angst. 

Ms 



Nelly Wolffheim: 

Psychoanalyse und Kindergarten 

Geheftet KM. 2.40, in Leinen RM. 4 — 

..Da das Euch mit großer Sachkenntnis, Klugheit und auf Grund lang- 
jähriger Kindergartenerfahrung geschrieben ist und die heikelsten Dinge 
mit dem Taktgefühl der bis ins Letzte mütterlichen Frau behandelt, gehört 
es zu den besten Veröffentlichungen der Gegenwart auf dem Gebiete der 
angewandten Pädagogik." (»Die Arztin") 

Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Wien 1. 




mimi 



BERIC HTE 



Aus „Hundert Lebensregeln für Säuglingspflege" 

Die Herausgeber desÄrztlichenVolksbuches, M ENG u. FEDERN, lassen 
das 160. Tausend dieser Broschüre in neuer erweiterter Auflage im 1 lippokrates- 
V erlag, Stuttgart, erscheinen. Die neue Bearbeitung zeichnen Kinderarzt Doktor 
KNAPP, Stuttgart und Dr. MENG, Frankfurt a. M. 

Zur Begründung der empfohlenen Hygiene wurden Belehrungen über die 
Psychologie des Säuglings eingefügt. Wir entnehmen der populären Schrift einige 

Stellen: 

Sorge wegen des Spielern an den Geschlechtsteilen. 

Diese Vorsorge wird leicht übertrieben. Das Kind berührt selbstverständlich im 
Laufe der Frühentwicklung alle Körperteile, um sie kennen zu lernen, so auch die 
Schamteile. Die Leidenschaft eines pedantischen Erziehers, dies zu verhüten, kann 
das kleine, in seiner triebhaften Unschuld unbekümmerte Wesen auf die Scham erst 
recht und im Übermaß aufmerksam machen; schon früh reagiert das Kind auf diese 
Abwehr des Erziehers damit, daß es zeitlich geheim und im Schlaf das tut, was im 
Wachen verwehrt ist. Störungen der Entwicklung, im Charakter, auch im Verhältnis 
zu den Eltern und später zur Gesellschaft können aus einem falschen, unkindlichen 
Sittenwächtertum in der ersten und späteren Kindheit entstehen. Ablenken und Fröh- 
lichkeit, nicht Abschrecken durch Strafen, nicht einmal durch strenges Gesicht und 
böse Stimme sind am Platze, andererseits wieder auch kein Scherz oder Schmeichel- 
ton. Das schlechteste Mittel für die Säuglings- und Kindererziehung ist stets die 
Ängstigung, besonders schädlich aber wird sie in Verbindung mit der unreifen Ge- 
schlechtlichkeit. Das Kleine ist schnell geängstigt. Man bedenke, daß das Kind das 
Vorgehen nicht begreifen kann. Je jünger ein Wesen ist, desto tiefer wird es gestört 
und umso weiter breitet sich eine Störung in der Persönlichkeit aus. Das ganze 
Verhalten und die Gesundheit leiden dadurch, weil durch solch falsches Vorgehen 
die Grundlage der Entwicklung zum sichern, frohen und klaren Menschen — nämlich 
das einheitliche Vertrauen zur Mutter — „in der Wiege" erschüttert wird ! Dasselbe 
gilt für das Abgewöhnen des Lutschens. Die richtige Behandlung des „Unten- 
Spielens" ist oft schon eine Erziehungsaufgabe, welche den Rat eines in 
der Seelenkunde ausgebildeten Kinderarztes oder Erziehungsberaters erforderlich 
macht. Man erspart durch solches Vorbeugen sich und dem Kinde Konflikte, Seelen- 
störungen und Quälereien. Immer sind es Ängstigungen und sexuelle Eindrücke, die 
nicht bewältigt wurden, die zu Störungen führen, welche dann als Unarten gelten, 
z. B. beim Essen, Wachen, bei Harn- und Kotentleerung, und bei Schlafen und 
Spielen, später beim Lernen. Das Kind hört auf zu folgen und brav zu sein oder es 
kommt zu übergroßer Folgsamkeit und Bravheit. Nicht selten wird alles dann einer 
körperlichen Krankheit zugeschrieben und die seelische Ursache außer Acht gelassen. 
Ängstlichkeit, Trotz und schlechte Laune entstehen für lange Zeit. In den meisten 
Fällen kann das durch vernünftiges Verhalten während der ersten Kinderjahre ver- 

— 39 — 



mieden werden. Ohne alle vorübergehende Angst und ohne Leid kann aber nie- 
mand heranwachsen. Auch dann, wenn das Kind schon viel an Heiterkeit und 
Lenkbarkeit verloren hat, ist in frühen Jahren durch angepaßtes Verhalten die 
Störung viel leichter zu beheben als im höheren Alter, wenn schon Mißerfolg, Ver- 
einsamung und Unzufriedenheit mit sich selbst dazugekommen sind. Vor allem meine 
niemand, daß er in jedem Fall sein Kind am allerbesten kennt, und auf deu rechten 
Weg zurückzuführen versteht — die Seele des Menschenkindes ist wunderbar, im 
Prinzip einfach und doch so kompliziert, daß nicht selten pädagogische und ärztliche 
Erfahrung und Wissen nötig sind, um den richtigen Schutz und Heilungsweg zu raten. 

Wenn die Mutter nicht selbst das Kleinkind ernähren und erziehen kann, 
was kann dann geschehen? 

Es soll eine andere Mutter in einer Familie oder eine Kindergärtnerin die Mutter 
ersetzen. Wenn eine Wahl möglich ist, so wähle nach dem Charakter, dem Grade 
ihrer Mütterlichkeit und nach ihrer Fähigkeit zur Erziehung. Man muß aber auch 
ihre körperliche Gesundheit und Sauberkeit kennen und sicher sein, daß sie seelisch 
gesund sei. Nicht nur auf die unmittelbare Pflege, auf das ganze Milieu kommt es 
an, in das das kleine Kind versetzt wird. Schon Tacitus hat diese Wahrheit betont. 
Er meint: „Jetzt dagegen wird das neugeborene Kind etwa einer nichtsnutzigen 
griechischen Sklavin übergeben und dieser ein oder zwei Sklaven, ohne Auswahl bei- 
geordnet, in der Regel die schlechtesten, die sonst zu keinem ernsthaften Dienst zu 
brauchen sind. Solcher Menschen Geschwätz und Schlechtigkeit ist die erste Nahrung 

fiir die kindlichen, natürlichen Gemüter " Nach statistischen Feststellungen 

entstammen in Deutschland die allermeisten Kindermädchen Volksschichten, deren 
Gesundheit und Bildungsgrad nur selten geeignet sind zur Kinderpflege und Kinder- 
erziehung. Sehr oft geschieht diese Wahl deshalb, weil diese Hausangestellten ledig- 
lich auf ihre Fähigkeit, den Haushalt zu versorgen, geprüft werden, aber nicht für 
ihre Eignung zur Kinderpflege und Kindererziehung. 

Wie entsteht die „Nervosität" des Kleinkindes? 

Sie ist selten angeboren, meist erworben durch falsche Erziehung. Der Erzieher 
muß in seinen Gefühlsäußerungen beherrscht sein, er darf nicht, durch Überstrenge 
oder durch ungezügelte Liebe das Kind verderben. Das Kind soll die Beschränkungen, 
die ihm in der Befriedigung seiner Triebe allmählich auferlegt werden, aus Liebe" 
zu den Erziehern leisten. Es ist von Natur aus dazu fähig und es hängt vom Ver- 
halten der Erzieher ab, ob es mehr das „ich kann« erlebt und weniger und nur 
ausnahmsweise das „Ich darf nicht, ich muß«. Das kleine Kind ist das Echo und 
der Spiegel seiner Erzieher und seines Milieus. Kinderärzte, z. B. Prof. Benjamin, 
bestätigen auf Grund eingehender Untersuchungen, daß bei neunzig Prozent aller 
„nervöser« Kinder ihre Störung durch Schädigungen innerhalb der ersten drei bis 
vier Lebensjahre verursacht ist, für den dritten Teil der Kinder waren es sogar 
seelische Schädigungen im ersten Jahr. 



- 40 - 






Brief aus Leipzig 

Das Institut für experimentelle Pädagogik und Psychologie — Abteilung des Leipziger 
Lehrervereins — legt (infolge der wirtschaftlichen Verhältnisse verspätet) seinen Jahres - 
bericht 1951, erstattet von Alfred Otte, vor. Die Psychoanalytische Arbeitsgemein- 
schaft hielt unter der Leitung von Hermann Ranft 18 Sitzungen ab, in denen von 
Frl. G 1 i e s e , den Herren Fest, Laudel, Reißmann und Ranft psycho- 
analytische Literatur referiert wurde. Als Gast hielt W. Fuss (1. Vorsitzender des 
Instituts) einen Vortrag über die Kinderlüge, der durch psychoanalytische Unter- 
suchungen, insbesondere durch eine Arbeit von H. Deutsch über die „Pathologische 
Lüge" ergänzt wurde. Im Anschluß daran nahm die Arbeitsgemeinschaft Stellung zu 
der im Ausschuß für Lebenskunde aufgeworfenen Frage „Sollen den Kindern in der 
Schule Märchen erzählt werden?" Zugrunde gelegt wurden die einschlägigen Arbeiten 
von Abraham, Rank, Federn über „Mythos und Märchen". Entschieden wurde 
im Sinne von W. Hoffer: „Kind und Märchen", Zeitschr. f. psa. Päd., V/31, S. 107fr., 
und Fritz Witt eis: „Die Befreiung des Kindes". Die Gastvorträge von A. Aichhorn, 
Wien, und verschiedene Fälle von Schwererziehbarkeit fanden eingehende Besprechung. 
An einem der allgemeinen Diskussionsabende des Instituts sprach Vorstand Aichhorn, 
Wien, über „Die Psychoanalyse im Dienste des Verwahrlosten". In den 17 Sitzungen 
des Jahres 1932 wurden Arbeiten zur psychoanalytischen Charakterlehre besprochen ; 
Gliese hielt einen Vortrag über die Theorie des Spiels, Bräuner gab einen Be- 
richt über eine Untersuchung von Sonderklassen. In Verbindung mit dem Ausschuß 
für Graphologie wurde von H. Laudel ein Vortrag „Psychoanalyse und Graphologie" 
gehalten. Fälle von Schwererziehbarkeit und Neurose, insbesondere aus der Klasse für 
Schwererziehbare (F. Fahrig), wurden wiederholt besprochen. An den Diskussions- 
abendeu des Instituts wurden von psychoanalytischen Themen behandelt: „Über 
Märchen und Realitätsprinzip (Ref. Laudel) und „Über das Weltbild der Psychoanalyse" 
(Frau Dr. Benedek a. G.). Unter den 11 ständigen Arbeitsgemeinschaften und Aus- 
schüssen des Instituts hat sich die psychoanalytische einen geachteten Platz geschaffen. 
Sie ist in engster Verbindung mit der Leipziger Gruppe der Deutschen Psycho- 
analytischen Gesellschaft: neben der eben skizzierten Tätigkeit in der Fortbildung 
ihrer Mitarbeiter widmet sie sich durch ihren Leiter H.Ranft der Verbreitung 
psychoanalytischer Kenntnisse unter der Lehrerschaft Leipzigs und der Provinz. Im 
Jahre 1933 beschließt sie das zehnte Jahr ihrer Tätigkeit. 



Bücher 

DR. CURT BOENHEIM, Kinderpsychotherapie in der Praxis. 
Mit einem Geleitwort von Geh. Rat Prof. Dr. H. Ffnkelstein. Verlag Jul. 
Springer, Berlin 1932. 136 Seiten. 

Das Buch ist der Niederschlag zehnjähriger psychotherapeutischer Erfahrungen an 
etwa 1800 Kindern. Der Autor gibt einen Überblick über die Hauptergebnisse der 
Seelenkunde des Kindes und zeigt, welche Wege er selbst bei Behandlung der häu- 
figsten und vorwiegend der Psychotherapie zugänglichen Erkrankungsformen des 
Magen-Darms, der Urogenitalorgane, des Nerven-, Herz-, Gefäß- und Atemsystems 
geht. Er weist darauf hin, daß die Psychotherapie erst auf dem Boden Freud scher 
Erkenntnisse entstehen konnte. Er beruft sich zur Begründung außer auf Freud 
vor allem auf Fried jung und schränkt die Notwendigkeit der therapeutischen 

- 41 - 



Kinderanalyse auf eine kleine Anzahl von Fällen ein, schreibt aber ihrer genauen 
Kenntnis eine große Bedeutung für die Diagnostik zu. Seine eigene Methode ist eine 
Kombination seelischer und körperlicher Maßnahmen unter starker Betonung der 
seelischen und sozialen Eingriffe: Sanierung des Milieus, Erziehung der Erzieher, Ab- 
stellen schädlicher Gewohnheiten, Belehrung, Suggestion, gelegentlich Hypnose, psy- 
chisches Training. Bei Charakterisierung der psychoanalytischen Auffassung, z. B. der 
Enuresis, der Onanie, der Angstzustände und des Stotterns bespricht der Autor auf 
Grund seiner persönlichen Feststellungen an einzelnen Kindern, inwieweit er Funde 
der Freud sehen Schule bestätigen kann oder nicht. Wenn er hierbei meint, daß er 
in einzelnen Fällen von Tierangst bei „genauer Nachforschung" keine Beziehung zur 
Sexualität finden konnte, werden ihm ausübende Kinderanalytiker erwidern, daß zur 
genauen genetischen Erforschung eine analytische Technik notwendig ist, weil meist 
nur auf diesem Weg ein Stück Unbewußtes enthüllt wird. Die Tatsache, daß Angst- 
zustände, ohne daß man ihre Genese gefunden und therapeutisch benützt hat, schwin- 
den können, schließt nicht ans, daß das Kind in keinem sexuellen Konflikt gestanden 
hätte. Das Kapitel über Stottern gibt kein Bild von der psychoanalytischen Auffassung, 
vielleicht auch deshalb nicht, weil der Autor in der Beantwortung der Frage, wie bei 
seinem Material Stottern und Sexualität zusammenhängen, sich im Wesentlichen da- 
rauf beruft, daß er nicht den „Eindruck" hatte, Schuldgefühle, Angst und Onanie 
wären von primärer, ursächlicher Bedeutung. Gerade bei der Genese des Stotterns 
ist zur Entdeckung primärer Schädigungen die Analyse notwendig, wenn man sich 
über ihre Funde ein Urteil bilden will. Das Buch enthält in kurzer Form wertvolle 
poliklinische und privatärztliche Beobachtungen, es zeigt mit Nachdruck, daß dii? 
Aussichten jeder Therapie stark abhängig sind von den Bedingungen des behandeln- 
den Arztes, es regt im Text- und Literaturnachweis an, sich mit Quellenforschung, 
auch der Freud sehen, eingehend zu beschäftigen. Heinridi Meng, Frankfurt a. M. 

M. DORER, Historische Grundlagen der Psychoanalyse. 
Verlag Felix Meiner in Leipzig, 1932. 184 Seiten. Karton. Preis Mk. 6.—. 

Das Buch D o r e r s enthält keine Beiträge zur Frage der psychoanalytischen 
Pädagogik, wohl aber eine Fülle von Material über die historische Entwicklung der 
heutigen Psychologie unter dem Einfluß der Psychologen, Philosophen und Psychiater 
des 19. Jahrhunderts. Besonders breiten Raum nimmt die Kennzeichnung der 
Herbart sehen Lehre ein, deren starke Nachwirkung noch in der heutigen Pädagogik 
zutage tritt. Die Autorin sieht einen engen Zusammenhang zwischen Freud und 
Herbart in ihrer gemeinsamen Denkstruktur als Forscher, charakterisiert aber 
auch alle andern psychologischen Strömungen des 19. Jahrhunderts, soweit historisch 
Beziehungen zu den Anfängen der Freud sehen Forschung nachweisbar sind. 

Hauptfragen D r e r s sind, ob eine historische Kritik die Behauptung stütze, daß 
Freud eine historisch ganz unabhängige Lehre aufgebaut habe, und ob Freud 
die Grenzen seiner Kompetenz eingehalten habe. Beides verneint Dorer. Die 
Autorin irrt, wenn sie mit ihrer Kritik der psychologischen Seite der Psycho- 
analyse die Freud sehe Lehre als Ganzes zu erfassen glaubt. Wenn sie meint, daß 
aus der zeitgeschichtlichen Abhängigkeit der Psychoanalyse ihre Einseitigkeit resul- 
tiere, so muß dem gegenüber betont werden, daß ihre rein psychologische Wertung 
der psychoanalytischen Begriffe und Theorien eine weit stärkere Einseitigkeit erge- 
ben muß, denn die Psychoanalyse ist eine praktische lebendige Disziplin und Heil- 
methode, die sich täglich der Wirklichkeit anpassen muß und in fließender Entwick- 

- 42 — 



lung begriffen ist. Dorer — das ist einer ihrer Grundirrtümer _ behandelt die 
Psychoanalyse so, als ob sie nur Psychologie wäre. Auch der Titel ihres Werkes ist 
so gefaßt. Über den Kompetenzbereich der Psychoanalyse hat sich Freud des 
öfteren ausgesprochen, z. B. in seiner Einleitung zur „Urgestalt der Brüder Karamasoff". 
Der Charakter der Psychoanalyse als empirischer Wissenschaft muß immer 
unterstrichen werden, weil die Gegner ebenso wie die neutralen Kritiker immer eine 
einheitliche Systematik fordern. Vom Autor hat Freud selbst im „Handbuch der 
Sexualwissenschaft" von Marcuse die richtige Antwort gegeben: „Die Psycho- 
analyse ist kein System wie die philosophischen, das von einigen scharf definierten 
Grundbegriffen ausgeht, mit diesem das Weltganze zu erfassen sucht, und dann 
einmal fertig gemacht, keinen Baum mehr hat für neue Funde \ind bessere Ein- 
sichten. Sie haftet vielmehr an den Tatsachen ihres Arbeitsgebietes, sucht die näch- 
sten Probleme der Beobachtung zu lösen, tastet sich an der Erfahrung weiter, ist 
immer unfertig, immer bereit, ihre Lehren zurechtzurücken oder abzuändern. Sie 
verträgt es so gut wie die Physik oder die Chemie, daß ihre obersten Begriffe un- 
klar, ihre Voraussetzungen vorläufige sind, und erwartet eine schärfere Bestimmung 
derselben von zukünftiger Arbeit". 

Eine fruchtbare Kritik ist der Psychoanalyse erwünscht. Die Fragestellung der 
Dorer sehen Kritik ist aber eine unfruchtbare; es ist immer von vorneherein zu- 
zugeben, daß keine Forschung von den vorausgegangenen Forschungen völlig unab- 
hängig sei. Wir lassen auch zwischen den schöpferischen Autoren das Gesetz der 
Determinierung gelten. Daß Dorer diese historischen Zusammenhänge aufsucht 
und darstellt, macht ihr Buch für alle wertvoll. Vielleicht mehr, als sie selbst weiß, 
wirbt ihre Kritik für Freud, weil sie die Widerstände beseitigt, die dem allzu- 
neuen gelten! Heinrich Meng, Frankfurt a. M. 

MARGARETE RADA. Das reifende P ro 1 et a r i er m ä dchen. Ein 
Beitrag zur Umweltforschung. Arbeiten zur pädagogischen Psychologie. Heraus- 
gegeben von Charlotte Bühler und Viktor Fadrus. Heft 8. Deutsöher Verlag für 
Jugend und Volk, Wien-Leipzig, 1931. 

Auf Grund von Beobachtungen (in Schule, Haus, Spielleben), Umfragen, Aufsatz- 
themen, zwangslosen Gesprächen mit ungefähr 100 Mädchen des Alters von elf bis 
dreizehn Jahren, versucht Rada die Beziehung des Proletariermädchens zu seiner 
Umwelt zu erfassen. Häusliches Milieu, Wohnraum, Lernplatz und Aufgaben, Berufe 
der Eltern, Familienleben am Abend, Kinobesuch, häusliche Arbeiten, Freizeitbe- 
schäftigung, Einstellung zur Schule, zu den Unterrichtsfächern, Bewertung der Schule, 
Turnverein, katholische Kongregation, Bote Falken, Bücherbesitz, Lektüre, Park. 
Gasse und Wiese, — werden dargestellt. Die statistischen Tabellen machen die Dar- 
stellung plastischer, aber sie haben, worüber sich Rada nicht klar zu sein scheint, 
keinen Wert als „exaktes" Erkenntnismittel. Die engen Grenzen, die der von Rada 
angewandten Methode gezogen sind, werden besonders deutlich an dem Kapitel: „Die 
Einstellung des Mädchens zu sexuellen Problemen." (Seite 67 bis 74.) Es bringt im 
Einzelnen manches interessante Material. Zusammenfassend meint Rada: „Die Rolle, 
die das Sexuelle spielt, ist allgemein eine recht geringe. Nur bei vier Kindern von 
sechzig, drängt die Beschäftigung mit dem Sexuellen alle anderen Interessen in den 
Hintergrund. Es sind diejenigen, für die schon Flirt und Liebschaft begonnen haben. 
Im allgemeinen birgt das Sexuelle für die Mädchen dieser Gesellschaftsschicht keine 
ungelösten Fragen, da sie mit den hierhergehörigen Fragen von Kind auf vertraut 

- 43 - 



sind . . . Daneben ist in manchen Fällen noch Mangel jedes feineren Schamgefühls 
dafür verantwortlich zu machen." So bringt dieses Kapitel, wie das ganze Buch, 
mehr Einsicht in das, was die Verfasserin bemerkte und beobachtete, als in die 
Struktur des Mädchens dieses Alters. Aus der psychoanalytischen Literatur wird mir 
Aichhorn erwähnt. S. Bernfeld, Berlin. 

DR. PHIL. GRETE STULZ, Die sonderpädagogische Arbeit am 

jugendlichen. Wege zur Heilpädagogik Nr. 7 der Beihefte der „Hilfsschule". 
Carl Marhold, Halle a. S., 1930, 139 Seiten. 

Die Verfasserin will zu den „gewöhnlich zur Überwindung der Schwererziehbar- 
keit angewandten besonderen Maßnahmen", unter die sie auch die Psychoanalyse 
rechnet, eine neue Methode hinzufügen, die sie die „sonderpädagogische" nennt. 
Diese Methode wird an einem Fall — einem 19jährigen Mädchen mit Verwahr- 
losimgserscheinungen, darunter besonders Diebereien und Verlogenheit — demonstriert; 
die eigentliche Behandlung, welche nur kurz dargestellt wird, beruht auf der „Ge- 
staltung des äußeren Lebenskreises", in der „Gestaltung des inneren Lebenskreises" 
und in einer sonderpädagogischen Einzelbeeinflussung, die hauptsächlich in einer Aus- 
sprache mit dem Zögling besteht. Die Verfasserin meint, daß sie sich dabei einer 
analytischen Methode bedient, doch will sie diese selbst zum Unterschied von der 
Psychoanalyse als psychagogisch aufgefaßt sehen. Vom Standpunkt der Psychoanalyse 
kann der berichtete Erfolg, der übrigens nur acht Monate zurückliegt, bloß als „Über- 
tragungserfolg" gewertet werden, nicht als eigentliche Heilung, die angewandten Mittel 
sind im Grunde nichts anderes als was die Verfasserin selbst „gesteigerte allgemein- 
pädagogische Einzelbeeinflussung" nennt. Psychoanalyse und Adlers Individualpsycho- 
logie wird als einseitig abgelehnt, die Psychoanalyse außerdem für das schwererzieh- 
bare Kind für bedenklich, wenn nicht gefährlich gehalten. Dr. Hans Schikola, Wien. 

ANTON TESAREK, Das Kind ist entdeckt. Beiträge zu einer volks- 
tümlichen Seelenkunde. Wien 1933. 

Der Verfasser dieser kleinen Schrift überzeugt durch diese Arbeit aufs neue von 
seiner maßvollen und vernünftigen Einstellung zu allen Erziehungsproblemen. „Die 
Arbeit bekennt sich — freilich nicht ausschließlich — zu wichtigen Forderungen und 
Entdeckungen des großen Sigmund Freud und seiner Schüler, ist von diesen neuen, 
so großartigen Erkenntnissen beeinflußt" (pag. 11). Die Triebentvvicklung erfährt eine 
nach analytischer Auffassung korrekte Darstellung und der Anteil der Psychoanalyse 
an diesen Erkenntnissen wird mehrfach erwähnt. Das Problem der Angst in der Er- 
ziehung wird nur kurz gestreift, der Ödipuskomplex nimmt in der Gesamtdarstellung 
nicht den Raum ein, der seiner Bedeutung entsprechen würde. Da es sich um eine 
Einführung handelt, die soziale und sozialistische Ziele besonders berücksichtigen will, 
hätte Referentin ein ausführlicheres Eingehen auf die Genese des Über-Ich, der 
Identifizierungen und Sublimierungen für wünschenswert gehalten. Auch die Tatsache, 
daß bei den Literatlirhinweisen Sigmund Freuds gesammeltes Werk vergessen ist, kann 
nicht unerwähnt bleiben, weil es doch immerhin ein Schönheitsfehler ist. 

Hedwig Schaxel, Wien. 



Eigenlümei, Herausgeber und Verleger: Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Gesi-llschaft m.b.H., 

Wien I. Börsegasse u. —Verantwortlicher Redakteur: Dr. Wilhelm Hoffer, Wien IX, Lustkandlg. 12. 

Druck von Emil M. Engel. Druckerei und Verlassanstalt. Wien I, In der Börse. 



H 1 P P OKRA T i: S -V E RLAG 

STUTTGART 



Istvan Hollös 



Hinter der gelben Mauer 

Von der Befreiung der Inen 

Broschiert RM. )>IJ, in (lanzleinen RM. 4.9 j 

.Voss iso ho Zeitung": Eino Formel steht in dem Buch, die in ihrer Einfachheit zu den 
großen Wabrheltspragungen gehört. Vom Allniachtigkoitstraiim Im Cindesalter heißt es: „Wer 
diesen Traum verwirklichen kann, ist ein Heidi wer ihn beschreiben kann ein Dichter; wer 
endgültig in diesen Traum zurücksinkt — ist der Geisteskranke." Hier verstummen Bodenken. 
denn ein Mann, der gütig und weife genug war, um zu wissen, was er sagen darf, hat dos 

Buch geschrieben. 

Fritz Witteis 



Die Befreiung des Kindes 

Broschiert RM. 4.50, in Ganzleinen RM. 6.)o 

,,Der Bund" (Bern): Ein Buch von urwüchsiger Kraft, gesellrieben im heiligen Glauben an 

die langsame, aber sichere Befreiung des Menschen aus den schwersten inneren Nöten, einem 

Glauben, der aus" der Liebe und dem Mitleid eines großen Mensehen und Arztes quoll. 

Fritz Witteis 

iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii 

Die Welt ohne Zuchthaus 

Broschiert RM. 4.5:0, in Ganzleinen RM. 6.30 

„Do utsc li g I! q |. u li I i k": Mieses Buch, von einem Arzt geschrieben, scheint mir das Wert- 
vollste, was bisher zur Krage der Strafrecbtsreform geschrieben worden ist. Die Existenz dieses 
Buches allein beweist, daß die Straf rechtsreform keine rein innerliche Angelegenheit ist und 
daß sie die Hilfe der Ärzte und Sozialpolitiker nicht entbehren knnn. 

niiiHHimniiiiiiiHiiimtHcniiinuiinitiflniniii iihihiiidim iiiiim ti m iiiniu tHuaiitmiin w in miiiiiiwira 

Zu beziehen durch: 
Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Wien I, In der Börse 



Soeben erschien 



SIGM. FREUD 



NEUE FOLGE 

DER 

VO RLESUNGEN 

ZUR 

EINFÜHRUNG 

IN DIE 

PSYCHOANALYSE 



In Leinen sieben Mark 



In den Jahren 1916 und 1917 veröffentlichte FREUD seine 
grundlegenden VORLESUNGEN ZUR EINFÜHRUNG IN DIE 
PSYCHOANALYSE. Mit diesem neuen Werke setzt FREUD 
die Darlegung seiner Lehre, um die Errungenschaften der 
letzten fünfzehn Jahre bereichert, fort. 



INHALT 

Revision der Traumlehre 

Traum und Okkultismus 

Die Zerlegung der psychischen Persönlichkeit 

Angst und Triebleben 

Die Weiblichkeit 

Aufklarungen, Anwendungen, Orientierungen 

Über eine Weltanschauung 



Internationaler Psychoanalytischer Verlag 

Wien I 



Soeben erschien 



SIGM. FREUD 



NEUE FOLGE 

DER 

VO RLESUNGEN 

ZUR 

EINFÜHRUNG 

I N D I E 

PSYCHOANALYSE 



In Leinen sieben Mark 



In den Jahren 1916 und 1917 veröffentlichte FREUD seine 
grundlegenden VORLESUNGEN ZUR EINFÜHRUNG IN DIE 
PSYCHOANALYSE. Mit diesem neuen Werke setzt FREUD 
die Darlegung seiner Lehre, um die Errungenschaften der 
letzten fünfzehn Jahre bereichert, fort. 



INHALT 

Revision der Traumlehre 

Traum und Okkultismus 

Die Zerlegung der psychischen Persönlichkeit 

Angst und Triebleben 

Die Weiblichkeit 

Aufklärungen, Anwendungen, Orientierungen 

Über eine Weltanschauung 



Internationaler Psychoanalytischer Verlag 

Wien I 



I 

6 

-i 



g 

5 



- 

l e 

■l 
ä 



2 

Jl 

B 
4 


« 
I 



VII. Jahrg. 



Januar 



193 



3 rfL-4&+* r ^- Nr. 1 



Zeitschrift für 
psychoanalytische 

Pädagogik 



Editha Sterb 



a 



Ein 
abnormes 

Kind 

Aus seiner Krankengeschichte 
und Behandlung 



um: 



Preis dieses Heftes Mark 1' —