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Full text of "Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik VII 1933 Heft 5/6"



VII. Jahrg. 



Mai— Juni 1933 



Nr. 5/6 



Zeitschrift für 

psychoanalytische 

Pädagogik 



Heilpädagogik 



S. Ferencsif . 
H.Meng. . . . 
H. Zulliger . . . 

M. Scßmideberg. 
Else Fucfis . . . 
Ä. Pörtl .... 
K. Pensimus . . 
Herta Fucßs . . 



Ein kleiner Hahnemann 

Psychoanalyse und Heilpädagogik 

Psychoanalytische Hilfe 

bei Erziehungsschwierigkeiten 

Kindliche Neurosen 

Neid und Freßgier 

Verspätete Reinlichkeitsgewöhnung 

Folgen der Entrechtung 

Probleme der heilpädagogischen 
Kindergartengruppen 

Berichte 



Preis dieses Heftes Mark 2' — 



Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik 

Begründet von Heinrich Meng und Ernst Schneider 



I 



August A i c h h o r n 

Wien V, Sdiönbrunncrstraßc 110 



Herausgeber: 
Dr. Paul Federn 

Wien VI, Köstlcrgasse 7 



Dr. Heinrich Meng Prof. Dr. Ernst Schneider 

Frankfurt a. M. .Marlenstraße 15 Stuttgart, Gansheidestraße 47 



Anna Freud 

W 1 e n IX, Berg«asse 10 

Hans Z u 1 1 i g e r 

Illingen bei Bern 



Schriftleiter: 
Dr. Wilhelm Ho ff er, Wien, IX., Lustkandlgasse 12 



12 Hefte jährlich M. 10"-, schw. Frk. 12-50, österr. S 17'- 
Einzelheft M. 1'- (schw. Frk. 1*25, österr. S 170) 

Geschäftliche Zusdirlften bitten wir zu richten an 

Internationaler Psychoanalytischer Verlag 

Wien I, In der Börse 



Zahlungen für die „Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik" können geleistet werden 

durch Postanweisung, Bankscheck oder durch Einzahlung auf eines der 

Postscheckkonti des „Internationalen Psychoanalytischen Verlages in Wien": 



Postscheckkonto 

Leipzig 9 $.11 2 
Zürich VIII, 11-479 
Wien 71.63) 
Paris C 1100.9$ 
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Jahresabonnement 

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Kjöbcnhavn 24.932 



Jahresabonnement 
P 13-60 
Diu. 1)6'— 

ZI. 21-70 

Lat. 12'$0 

hfl. 6-— 

d'dn. Kr. I2'$0 



Bei Adressenänderungen bitten wir, freundlich auch den bisherigen Wohnort 
bekanntzugeben, denn die Abonnentenkartei wird nach dem Ort und nicht nach dem 

Namen geführt. 



Das nächste Heft dieser Zeitschrift (7) wird besonders Kinder- und 

Jugendlichen-Analysen behandeln. 

In Vorbereitung befinden sich ferner die Sonderhefte „Die Angst des 
Kindes" und „Psychoanalyse des Erziehers". Wir bitten unsere 
Mitarbeiter, eventuelle Beiträge hiefür nunmehr umgehend einzusenden. 



ZEITSCHRIFT FÜR PSYCHO- 
ANALYTISCHE PÄDAGOGIK 



VII. Jahrg. Heft 5/6 



Sonderheft 
Heilpädagogik 



Mai-Juni 1933 



Ein kleiner Hahnemann 1 

Von Dr. Sandor Ferenczi*|* 

Eine Dame, die als einstige Patientin an den psychoanalytischen Be- 
strebungen Anteil nimmt, machte mich auf den Fall eines kleinen Jungen 
aufmerksam, von dem sie vermutete, daß er auch uns interessieren werde. 

Es handelte sich um einen damals fünfjährigen Knaben, den kleinen 
Arpäd, der nach der übereinstimmenden Aussage aller Angehörigen bis 
zum Alter von dreieinhalb Jahren sich geistig und körperlich vollkommen 
regelrecht entwickelt haben und ein ganz normales Kind gewesen sein soll ; 
er sprach fließend und verriet in seinen Reden viel Intelligenz. 

Mit einem Male wurde es ganz anders. Im Sommer 1910 reiste die 
Familie in einen österreichischen Kurort, wo sie auch den vorausgegangenen 
Sommer verbracht hatte, und mietete sich in dieselbe Wohnung wie im 
Vorjahre ein. Sofort nach der Ankunft veränderte sich das Wesen des 
Kindes in merkwürdiger Weise. Früher interessierte er sich für alle Vor- 
gänge in und außer Hause, die die Aufmerksamkeit eines Kindes fesseln 
können; von nun an hatte er nur für ein einziges Ding Interesse, und 
das war das Geflügel haus im Hofe der Sommerwohnung. In aller 
Früh eilte er zum Federvieh, betrachtete es mit unermüdlichem Interesse, 
ahmte dessen Stimmen und Bewegungen nach, schrie und weinte, wenn 
er aus dem Hühnerhof mit Gewalt entfernt wurde. Doch selbst fern vom 
Geflügelhaus tat er nichts anderes als krähen und gackern. Er tat 
das stundenlang unausgesetzt, antwortete auf Fragen nur mit diesen Tier- 
stimmen, so daß die Mutter ernstlich besorgt war, ihr Kind werde das 
Reden verlernen. 

Diese Sonderbarkeit des kleinen Arpäd hielt während der ganzen Dauer 
des Sommeraufenthaltes an. Als dann die Familie wieder nach Budapest 
zurückkehrte, begann er wieder menschlich zu sprechen, allerdings be- 
schäftigte er sich auch in der Rede fast ausschließlich mit Hähnen, Hennen, 

1) Zuerst veröffentlicht in Int. Zeitschr. f. Psa., I, 1915. 



ZeiUchrift f. psa. Pöd.,VIl/5/6 



— 169 — 



12 



J 



INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 



DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



Hühnern, höchstens noch mit Gänsen und Enten. Sein gewöhnliches, täg- 
lich unzähligemal wiederholtes Spiel war und blieb das folgende: Er knüllt 
aus Zeitungspapier Hühner und Hähne, bietet sie zum Verkaufe an, dann 
nimmt er irgend einen Gegenstand (meist einen kleinen flachen Besen), 
ernennt ihn zum Messer, trägt sein „Geflügel" unter die Wasserleitung 
(wo die Köchin auch in Wirklichkeit die Hühner zu schlachten pflegt) 
und schneidet seinem Papierhuhn den Hals durch. Er zeigt, wie das Huhn 
verblutet, und ahmt mit Stimme und Gebärden meisterhaft den Todes- 
kampf des Geflügels nach. — Werden im Hofe Hühner zum Kaufe an- 
geboten, so wird der kleine Arpäd rastlos, läuft bei der Tür hinaus und 
hinein und ruht nicht, bis die Mutter davon kauft. Er will offenbar Zeuge 
ihres Schlachtens sein. Vor lebenden Hähnen hat er aber nicht geringe 
Angst. 

Die Eltern haben das Kind unzähligemal gefragt, warum er sich vor 
dem Hahn so fürchte, und Arpäd erzählte immer die gleiche Geschichte; 
er sei einmal zum Geflügelhaus gegangen, habe dort hineinuriniert, da 
sei ein Huhn oder Kapaun mit gelben (manchmal sagt er mit braunen) 
Federn gekommen, hätte ihn ins Glied gebissen und Ilona, das Stuben- 
mädchen, hätte ihm die Wunde verbunden. Dann habe man dem Hahn 
den Hals abgeschnitten, so daß er „krepierte". 

Nun erinnern die Eltern des Kindes tatsächlich dieses Vorkommnis, 
das sich während des ersten in jenem Kurort verbrachten Sommers er- 
eignet hatte, wo also Arpad erst zweieinhalb Jahre alt war. Die Mutter 
hörte eines Tages den Kleinen entsetzlich schreien und erfuhr vom Stuben- 
mädchen, daß er vor einem Hahne, der ihm nach dem Glied geschnappt 
habe, fürchterlich erschrocken sei. Da Ilona nicht mehr bei der Familie 
bedienstet ist, war nicht zu ermitteln, ob Arpäd damals wirklich verletzt 
wurde oder (wie die Mutter erinnert) von jener Ilona nur zu seiner Be- 
ruhigung mit einem Wundverband versehen worden war. 

Das Merkwürdige an der Sache ist nun, daß sich die psychische Nach- 
wirkung dieses Erlebnisses beim Kinde nach einer Latenzzeit von einem 
ganzen Jahre, beim zweitmaligen Beziehen der Sommerwohnung, eingestellt 
hat, ohne daß in der Zwischenzeit etwas vorgefallen wäre, was den Ange- 
hörigen diese plötzliche Wiederkehr der Angst vor dem Geflügel und des 
Interesses dafür hätte erklären können. Ich ließ mich aber durch die 
Negativität dieser Aussage nicht davon abhalten, eine durch die psycho- 
analytische Erfahrung genugsam gerechtfertigte Frage an die Umgebung 
des Kleinen richten zu lassen, die nämlich, ob nicht im Laufe jener 
Latenzzeit dem Kinde wegen des wollüstigen Betastens der Genitalien — 
wie das so oft vorkommt — mit Abschneiden des Gliedes gedroht worden 
war. Die nur widerwillig gegebene Antwort war nun die, daß der Knabe 
allerdings jetzt (im Alter von fünf Jahren) gern mit dem Gliede spiele, 
dafür oft auch Strafen bekomme, es sei auch „nicht unmöglich", daß ihm 
einmal jemand „scherzweise" mit dem Abschneiden gedroht habe, auch 

- 170 - 






sei es richtig daß Arpad schon seit „längerer Zeit« diese üble Gewohn- 
hext habe; ob er das aber auch schon in jenem Latenzjahr gehabt habe 
oder nicht, wisse man nicht mehr. 

Aus dem Weiteren wird sich nun ergeben, daß Arpäd diese Drohune 
spater tatsächlich nicht erspart geblieben ist, so daß man befugt ist an 
der Wahrscheinlichkeit der Annahme festzuhalten, daß die inzwischen er- 
fahrene Drohung es war, die das Kind beim Wiedersehen der Stätte des 
ersten, gleichfalls das Heil seines Gliedes gefährdenden schrecklichen Er- 
lebnisses so ungeheuer erregt hatte. Natürlich ist auch eine zweite Mög- 
lichkeit nicht auszuschließen, die nämlich, daß auch schon jener erste 
Schreck infolge einer noch früher gefallenen Kastrationsdrohung so über- 
trieben ausfiel und die Erregung beim Wiedersehen des Geflügelhauses 
der inzwischen erfolgten Libidosteigerung zuzuschreiben ist. Leider ließen 
sich diese Zeitverhältnisse nicht mehr rekonstruieren und wir müssen uns 
daher mit der Wahrscheinlichkeit des ursächlichen Zusammenhanges zu- 
friedengeben. 

Die persönliche Untersuchung des Knaben ergab nichts Auffälliges oder 
Abnormes. Sofort beim Betreten meines Zimmers lenkte aus der großen 
Anzahl von Bibelots, die herumliegen, gerade ein kleiner bronzener Auer- 
hahn seine Aufmerksamkeit auf sich; er brachte ihn zu mir und frug: 
„Willst du ihn mir geben?" Ich gab ihm Papier und Bleistift, womit er 
sofort (nicht ungeschickt) einen Hahn zeichnete. Dann ließ ich mir von 
ihm die Geschichte mit dem Hahn erzählen. Aber er war schon gelang- 
weilt und wollte zu seinen Spielsachen zurück. Die direkte psychoanaly- 
tische Untersuchung war also nicht möglich und ich mußte mich darauf 
beschranken, durch die Dame, die sich für den Fall interessierte und die 
als Nachbarin und Bekannte der Familie den Kleinen stundenlang beob- 
achten konnte, seine merkwürdigen Sprüche und sein Gebaren notieren 
zu lassen. Soviel konnte ich aber doch selbst feststellen, daß Arpäd geistig 
sehr rege und auch nicht unbegabt ist; allerdings ist sein geistiges Inter- 
esse und seine Begabung eigentümlich um das gefiederte Volk des Hühner- 
hofes zentriert. Er gackert und kräht meisterhaft. In aller Frühe weckt er 
die Familie — ein richtiger Chanteclair — mit einem kräftigen Krähen. 
Er ist musikalisch, singt aber immer nur Volkslieder, in denen Hahn, 
Huhn oder Verwandtes vorkommt, besonders liebt er das Lied: 

„Nach Debreczen muß ich laufen, 

Einen Truthahn dort zu kaufen", 

dann die Lieder: „Hühnchen, Hühnchen, komm, komm, komm!" und 

„Unterm Fenster sind zwei Küchlein, 
Zwei kleine Hähne und ein Huhn". 

Er kann auch — wie erwähnt — zeichnen, aber er zeichnet ausschließ- 
lich Vögel mit großen Schnäbeln, die allerdings mit großem Geschick 
Man sieht so die Richtungen, in denen er sein pathologisch starkes Inter- 



- 171 



12' 



esse für diese Tiere zu sublimieren sucht. Die Eltern mußten sich 
schließlich mit seinen Liebhabereien abfinden, da sie sahen, daß Verbote 
nichts fruchten, und ließen sich herbei, ihm als Spielzeug verschiedene 
Vögel aus unzerbrechlichem Material zu kaufen, mit denen er allerhand 
Phantasiespiele aufführt. 

Im allgemeinen ist Arpad ein lustiger Bursche, aber wenn er angefahren 
oder geschlagen wird, sehr trotzig. Er weint faßt nie, bittet nie um Ver- 
zeihung. Nebst diesen Charaktereigenschaften sind aber bei ihm Spuren 
echt neurotischer Züge unverkennbar; er ist schreckhaft, träumt viel (von 
Geflügel natürlich) und schläft oft unruhig. (Pavor nocturnus?) 

Die merkwürdigen Sprüche und Taten Arpäds, die von meiner Gewährs- 
männin notiert wurden, zeugen zumeist von ungewöhnlicher Lust am 
Phantasieren über grausames Quälen von Federvieh. Sein typisches Spiel, 
die Nachahmung des Hühnerschlachtens, erwähnte ich bereits; hinzufügen 
muß ich noch, daß er auch in seinen „Geflügel träumen" meist „krepierte" 
Hühner und Hähne sieht. Von seinen charakteristischen Sprüchen will ich 
hier einige wortgetreu übersetzen: 

„Ich möchte", sagte er einmal unvermittelt, „einen lebenden gerupften 
Hahn haben. Er soll keine Flügel, keine Federn, keinen Schwanz haben, 
nur einen Kamm, und er soll gehen können." 

Er spielt in der Küche mit einem soeben von der Köchin geschlachteten 
Huhn. Auf einmal geht er ins Nachbarzimmer, holt aus der Schublade 
des Toilettenspiegels das Brenneisen und ruft: „Jetzt steche ich die 
blinden Augen dieses krepierten Huhnes aus." Das Schlachten des 
Federviehs ist ihm überhaupt ein Fest. Er ist imstande, stundenlang 
um die Tierleichen hochgradig erregt herumzutanzen. 

Jemand fragt ihn, auf das geschlachtete Huhn zeigend: „Möchtest du, 
daß es wieder erwacht?" „Zum Teufel möcht' ich's, ich schlug' es sofort 
selbst nieder." 

Oft spielt er mit Kartoffeln oder Rüben (die er für Hühner erklärt), 
indem er sie mit einem Messer in kleine Stücke schnitzelt. Einen Topf, 
auf dem Hühner gemalt sind, will er um jeden Preis zu Boden werfen. 

Seine Affektregungen dem Geflügel gegenüber sind aber durchaus nicht 
einfach gehässig und grausam, sondern deutlich ambivalent. Sehr 
häufig küßt und streichelt er das geschlachtete Vieh oder er „füttert" seine 
hölzerne Gans mit Mais, wie er das von der Köchin gesehen hat; er 
gackert und piepst dazu ununterbrochen. Einmal warf er seine unzerstör- 
bare Puppe (ein Huhn) aus Wut darüber, daß er sie nicht zerreißen konnte, 
in den Ofen, holte es aber sofort wieder heraus, reinigte und liebkoste es. 
Den Tierfiguren seines Bilderbuches erging es aber schlimmer, er zerriß 
sie dann natürlich in Stücke, konnte sie nicht wiederbeleben, was ihn 
sehr betrübte. 

Kämen solche Symptome bei einem erwachsenen Geisteskranken zur 
Beobachtung, so würde der Psychoanalytiker nicht zögern das übermäßige 

- 172 - 



Lieben und Hassen des Geflügels im Sinne einer Übertragung unbewußter 
Affekte zu deuten, die eigentlich Menschen, wahrscheinlich nahen Ange- 
hörigen gelten, aber verdrängt sind und sich nur in dieser verschobenen, 
entstellten Weise manifestieren können. 

Er würde ferner das Rupfen- und Blendenwollen der Tiere als 
Symbole von Kastrationsabsichten deuten und den ganzen Symptom- 
komplex als Reaktion auf die Angst auffassen, die dem Kranken die Idee 
der eigenen Kastration einflößt. Die ambivalente Einstellung würde dann 
im Analytiker den Verdacht erwecken, daß im Seelenleben des Kranken 
einander widersprechende Gefühle sich die Waage halten; auf Grund zahl- 
reicher Erfahrungstatsachen müßte er vermuten, daß diese Ambivalenz 
wahrscheinlich dem Vater gilt, der — obzwar sonst geehrt und geliebt — 
wegen der sexuellen Einschränkungen, die er streng anbefiehlt, gleichzeitig 
auch gehaßt werden muß. Mit einem Worte, die analytische Deutung 
würde lauten: der Hahn bedeutet im Symptomkomplex den Vater 1 . 

Im Falle des kleinen Arpad können wir uns die Mühe der Deutung 
ersparen. Die Verdrängungsarbeit vermochte bei ihm die wirkliche Bedeu- 
tung seiner Sonderbarkeiten noch nicht ganz zu verdecken; das Ursprüng- 
liche, das Verdrängte schimmert noch in seinen Reden durch, ja, es kommt 
zeitweise mit verblüffender Offenheit und Rohheit klar zum Vorschein. 

Seine Grausamkeit äußert sich oft auch Menschen gegenüber, und zwar 
richtet sie sich auffällig oft gegen die Genitalregion Erwachsener. 

„Ich haue eins auf Ihren Dreck (sie!), auf Ihren Popo", sagte er gern 
einem etwas älteren Jungen. 

„Ich schneide Ihnen die Mitte aus", sagte er einmal noch viel 
deutlicher. 

Die Idee der Blendung beschäftigt ihn nicht selten. „Kann man einen 
mit Feuer oder mit Wasser blind machen ?" fragt er einmal die Nachbarin. 

(Auch beim Geflügel interessieren ihn die Genitalien auffällig. Bei 
jedem Huhn, das geschlachtet wird, muß man ihm über das Geschlecht — 
ob Hahn, Henne oder Kapaun — Aufklärung geben.) 

Er läuft zum Bette eines erwachsenen Mädchens und ruft: „Ich schneide 
dir den Kopf ab, lege ihn auf deinen Bauch und esse ihn auf." 

Einmal sagt er ganz plötzlich: Ich möchte eine eingemachte 
Mutter essen {per analogiam.- eingemachtes Huhn); man müßte meine 
Mutter in einen Topf tun und kochen, dann wäre eine eingemachte Mutter 
und die könnt' ich essen." (Er grunzt und tanzt dazu.) „Ich würde ihr 



1) In einer sehr großen Zahl von Traum- und Neurosenanalysen entdeckt man 
hinter einer Tierfigur die Gestalt des Vaters. Siehe Freud, „Analyse der Phobie 
eines fünfjährigen Knaben" (Ges. Sehr., Bd. VIII), und „Märchenstoffe in Träumen" 
(Ges. Sehr., Bd. III). Einer mündlichen Mitteilung Freuds entnehme ich, daß eine 
seiner nächsten Arbeiten diese Identität zur Aufklärung des Totemismus verwerten 
wird. (Seither veröffentlicht: „Totem und Tabu" Ges. Sehr., Bd. X). 

— 173 — 



den Kopf abschneiden und so essen." (Er macht dazu Bewegungen, als 
aße er etwas mit Messer und Gabel.) 

Nach solchen kannibalischen Wunschregungen bekommt er aber sofort 
gegensatzliche, gleichsam reuige Anwandlungen, wo er masochistisch nach 
grausamen Strafen lechzt. „Ich will verbrennen", ruft er dann: „Brechen 
Sie mir einen Fuß ab und legen Sie ihn aufs Feuer." 

„Ich schneide mir den Kopf auf. Ich möchte mir den Mund auf- 
schneiden, damit ich keinen habe." 

Doch damit ja kein Zweifel daran möglich ist, daß er unter Hahn, 
Huhn, Küchlein die eigene Familie versteht, sagt er einmal unvermittelt: 
„Mein Vater ist der Hahnl", ein anderes Mal: „Jetzt bin ich 
klein, jetzt bin ich ein Küchlein. Wenn ich größer werde, 
bin ich ein Huhn. Wenn ich noch größer werde, bin ich 
ein Hahn. Wenn ich am größten werde, bin ich ein Kut- 
scher." (Der Kutscher, der den Wagen lenkt, scheint ihm noch mehr 
zu imponieren als der Vater.) 

Nach diesem selbständigen und unbeeinflußten Geständnis des Jungen 
haben wir etwas mehr Verständnis für die ungeheure Erregung, mit der 
er seinerzeit das Treiben im Hühnerhof zu beobachten nicht müde wurde. 
Alle Geheimnisse der eigenen Familie, über die ihm zu Hause jede Aus- 
kunft vorenthalten ward, konnte er im Geflügelhaus bequem beobachten; 
die „hilfreichen Tiere" zeigten ihm unverhüllt alles, was er nur sehen 
wollte, insbesondere auch das stets rege Sexualtreiben zwischen Hahn und 
Henne, das Eierlegen und das Herauskriechen der jungen Brut. (Die 
Wohnungsverhältnisse bei den Eltern Arpads sind derart, daß der Kleine 
ganz unzweifelhaft auch zu Hause Ohrenzeuge von ähnlichen Vorgängen 
gewesen ist. Die so geweckte Neugierde mußte er dann durch das uner- 
sättliche Anschauen der Tiere befriedigen.) 

Auch die letzte Bestätigung meiner Annahme, daß die krankhafte Angst 
vor dem Hahn in letzter Linie auf Kastrationsbedrohung wegen Onanie 
zurückzuführen ist, blieb uns Arpad nicht schuldig. 

Eines Morgens fragt er die Nachbarin: „Sagen Sie, warum sterben die 
Menschen?" (Antwort: „Weil sie alt und müde werden.") „Hm! Also 
meine Großmutter war auch alt? Nein! Die war nicht alt und doch ist 
sie gestorben. Oh, wenn es einen Gott gibt, warum läßt er mich immer 
fallen. (Er meint: stolpern, hinstürzen.) Und warum macht er so, daß die 
Menschen sterben sollen?" Dann beginnt er sich für Engel und Seelen zu 
interessieren, worauf ihm die Erklärung gegeben wird, daß das nur Mär- 
chen sind. Da wird er ganz starr vor Schreck und sagt: „Nein! Nicht 
wahr ! Es gibt Engel. Ich habe einen gesehen, der die toten Kinder in den 
Himmel trägt." Dann fragt er entsetzt: „Warum sterben die Kinder?" 
„Wie lange kann man leben?" Es gelingt nur schwer, ihn zu beruhigen. 
Es stellt sich dann heraus, daß am selben Tage frühmorgens das 
Stubenmädchen plötzlich seine Bettdecke aufhob und sah, daß er am 

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Gliede manipulierte, worauf sie ihn mit Gliedabschneiden bedrohte. — 
Die Nachbarin sucht ihn zu beruhigen und sagt ihm, man werde ihm 
nicht wehtun. So was mache ja auch jedes andere Kind. Daraufhin schreit 
Arpad entrüstet: „Es ist nicht wahr! Nicht jedes Kind! Mein Papa hat 
nie so was gemacht,' 1 

Nun verstehen wir besser seine unstillbare Wut dem Hahn gegenüber, 
der mit seinem Gliede dasselbe tun wollte, womit ihn die „Großen" be- 
drohten, und die Hochachtung vor diesem Sexualtier, das all das zu tun 
wagt, wovor ihm eine so heillose Angst eingejagt wurde; wir verstehen 
auch die grausamen Strafen, die er sich (wegen der Onanie und der sadi- 
stischen Phantasien) zuerkennt. 

Gleichsam um das Bild zu vervollständigen, beginnt er sich in letzterer 
Zeit mit religiösen Gedanken viel zu beschäftigen. Alte bärtige Juden 
flößen ihm große, mit Angst gemischte Achtung ein. Er bittet die Mutter, 
sie solle diese Bettler in die Wohnung hereinrufen. Kommt aber einer 
wirklich, so versteckt er sich und beobachtet ihn aus respektvoller Ferne- 
als so einer wegging, ließ er den Kopf hängen und sagte: „Jetzt bin ich 
ein Bettlerhuhn." Die alten Juden interessieren ihn, wie er sagt, weil sie 
„von Gott (aus dem Tempel) kommen. 

Zum Schluß sei noch eine Änderung Arpads wiedergegeben, die zeigt, 
daß er nicht umsonst so lange dem Treiben des Hühnervolkes zugeschaut 
hat. Er sagte einmal allen Ernstes zur Nachbarin: „Ich werde Sie heiraten 
und Ihre Schwester und meine drei Cousinen und die Köchin, nein, statt 
der Köchin lieber die Mutter." 

Er will also wirklich ein „Hahn im Korbe" werden. 



- 175 - 



Psychoanalyse und Heilpädagogik 1 

Dr. med. Heinrich Meng, Frankfurt a. M. 

Der heilpädagogisch tätige Arzt oder Psychologe muß Einfühlung in 
des Kindes seelisches Wesen haben und über ein klar geordnetes, natur- 
wissenschaftlich gesichertes Wissen der psychiatrischen und psychologischen 
Zusammenhänge und Tatsachen verfügen. Einfühlung in den heranwachsenden 
Menschen ist ohne psychoanalytisches Wissen schwierig, oft unmöglich; 
bestimmte Situationen im Leben aller Menschen werden erst durch die 
Psychoanalyse unserem Verständnis näher gebracht. Hier kann nur allge- 
mein über die Beziehungen der Psychoanalyse zur Kinderforschung, zur 
Pädagogik und zur Heilpädagogik gesprochen werden. Wer die Entwicklung 
und die Tiefe der Gebiete kennen lernen will, wendet sich zweckmäßig 
an die Originalquellen 2 . 

Es wird allmählich üblich, daß gleich den Ärzten, die ihre Patienten 
der Psychoanalyse zu unterziehen gedenken, auch Psychologen und Päd- 
agogen zuerst die eigene Analyse durchmachen, vor allem dann, wenn sie 
sich mit Psychoanalyse eingehend zu beschäftigen gedenken. Auch A ich - 
hörn betont, daß dieser Weg das Verständnis für die seelischen Probleme 
in einem Maß vertieft und erweitert wie keine andere Methode zuvor. 

Was hat die Psychoanalye für die Heilpädagogik ge- 
leistet? Sie hat unser Verständnis und unsere Kenntnis der verschiedenen 
Arten von Fehlentwicklung vermehrt; sie läßt uns viele Fehlanlagen als 
quantitative Steigerung auch sonstiger normaler Teilanlagen richtig ein- 
ordnen und läßt dadurch schon prognostisch das erreichbare und dem ein- 
zelnen Menschen eigene Erziehungsziel eher abstecken. Sich einem allge- 
meinen und gleichen Ziel für a 1 1 e Heilfälle annähern zu wollen, scheint 
nicht möglich; das Ziel der Anlage nach abzustecken, erspart manche 
Sisyphusarbeit der Erziehung. Die bisherige Erziehung hat nur zu oft ver- 
sucht, umso mehr eine Einordnung erzwingen zu wollen, je weniger die 
Anlage dazu vorhanden war. Den z. B. konstitutionellen Trotz zu brechen, 
ist oft psychoanalytisch indiziert. Solche erzieherische Entsagung gestattet 
meist, wenn eine latente normale Anlage bei einem späteren Entwicklungs- 
schub, namentlich in der Pubertät, manifest wird, das nun besser erzieh- 
bar gewordene Individuum noch zur Einordnung zu bringen. 

Die Psychoanalyse hat ferner viele Fälle von scheinbarer Unerziehbar- 
keit, von Kinderfehlern und von ausgesprochenen Abnormitäten als die 
Begleiterscheinungen einer Kinderneurose erkennen lassen. So kann 

i) Nach einem auf Einladung des Mainzer Instituts für Psychologie, Jugendkunde 
und Heilpädagogik im Rahmen einer Vorlesungsreihe gehaltenen Vortrag. 

t) Besonders sei auf das Buch Aichhorn „Verwahrloste Jugend" hingewiesen. 

— 176 — 



manche Trotzerscheinung, manche scheinbare Faulheit Begleiterscheinung 
einer Zwangsneurose sein. Ungeselligkeit und Interesselosigkeit sind oft 
Folgen von Zwangsgrübeln, das das Kind wohl verborgen hält. Lügenhaftig- 
keit, Diebereien und Großtuerei beruhen nicht selten auf geheimer Phan- 
tastik, welche den infantilen Kern der späteren Hysterie ausmacht. Wir 
wissen heute, daß jede spätere Neurose durch die meist unterbrochene 
Fortentwicklung einer Kin derneurose entsteht. Diese Kinderneurosen 
werden von der nicht psychoanalytisch geschulten Pädagogik übersehen oder 
als „Unart" aufgefaßt und bekämpft und nicht als neurotische Störung 
beachtet. Die große Mehrzahl von Kinderneurosen wird spontan überwun- 
den, sie heilen mit geringerer oder größerer Änderung des Charakters. Zu 
erkennen, welche Kinderneurose Behandlung erfordert, welche nur Ver- 
ständnis, das wird Aufgabe der kommenden psychoanalytischen Pädagogik sein. 
Wir verdanken danach der Psychoanalyse eine neue Art von Therapie, 
welche früh einsetzen kann, und viele Objekte der eigentlichen Heilpäd- 
agogik entziehen wird. Die Kinderanalyse tritt schon heute vielfach 
an Stelle der Heilpädagogik; doch müssen wir das Wort „an Stelle treten" 
je nach der angewandten Technik einschränken. Es bestehen nämlich heute 
schon zwei Methoden der Kinderpsychoanalyse; die eine davon über- 
trägt die Methode der Psychoanalyse Erwachsener mit entsprechender An- 
passung direkt auf die Behandlung, so besonders Melanie K 1 e i n , London. 
Melanie Klein versetzt das zu behandelnde Kind in seine eigene Welt, 
d. h. sie läßt es im Spielzimmer seine Aktionen ausführen. Man erhält so 
einen Einblick in die Ausdrucksfähigkeit bereits in einer Zeit, in der der 
sprachliche Ausdruck noch nicht möglich oder mangelhaft ist. Das Kind 
hat beim Spiel Einfälle und Assoziationen, die Frau Klein wie den freien 
Einfall des Erwachsenen wertet, und sie deutet jede spielerische Handlung 
auf ihren Symbolwert. Es ist hier nicht der Platz, zu der Technik von 
Frau Klein Stellung zu nehmen, vor allem, da selbst innerhalb der psycho- 
analytischen Schule ein abschließendes Urteil noch nicht möglich ist. Fest 
steht, daß die Klein'sche Spielmethode wertvolle Beiträge geliefert hat zum 
Kennenlernen des gesunden und kranken Kindes, vor allem in seiner Frühzeit. 
Die andere Methode der Kinderanalyse steht der Pädagogik insofern 
näher, als der Analytiker bemüht ist, sich für die Dauer der Analyse auch 
die erzieherische Autorität zu verschaffen. Er verwendet sie dazu, um dem 
Kinde am Ende der analytischen Arbeit bei der Bewältigung der bewußt 
gewordenen inneren Konflikte behilflich zu sein. Anna Freud hat die 
Technik dieser Art Kinderanalyse im Lauf der Jahre entwickelt. Sie ver- 
sucht, analog dem Vorgang in der Erwachsenenanalyse, den Zugang zum 
Unbewußten vom Bewußtsein des Patienten aus zu finden. Die technischen 
Abweichungen von der Erwachsenenanalyse ergeben sich im großen und 
ganzen aus der verhältnismäßigen Unreife und Abhängigkeit des kind- 
lichen Ichs und Über-Ichs. Derselbe Tatbestand macht es auch notwendig, 
die Personen und Einflüsse aus der Umwelt des Kindes in der Analyse 

— 177 — 



mit zu berücksichtigen, im günstigsten Falle die Analyse im Kontakt mit 
ihnen durchzuführen. 

Die Psychoanalyse — sei es ohne ständige Verbindung mit Erziehung, 
sei es mit solcher — ist zur Heilpädagogik geworden; sie ist gleichzeitig 
eine Prophylaxe gegen das spätere Erkranken an einer Neurose und — 
unter bestimmten Vorraussetzungen — auch an einer Psychose. Der psycho- 
analytische Heilpädagoge in der Kindheit spart den psychoanalytischen 
Heilarzt im Alter der Reife, er erspart aber auch damit Jahre der Krank- 
heit, der Fehlentwicklung und der Kraftvergeudung. Es ist klar, daß solche 
Psychoanalyse der Kinderneurosen ein Grenzgebiet zwischen Arzt und 
Pädagogen ist; es muß beiden Berufen zugänglich sein, beiden Berufen 
auch deshalb, damit alle Fortschritte der Wissenschaften dem Grenzgebiet 
unmittelbar zu Nutze kommen, und nicht mühsam die Medizin der Päda- 
gogik oder umgekehrt nachzuhumpeln genötigt sei. 

Die Psychoanalyse ist in der Form der LehranaJyse die wünschenswerte, 
nach unserer Meinung heutzutage unumgängliche Erziehungshilfe für die 
Erziehung des Heilpädagogen, auch wenn er nicht die Psychoanalyse 
praktisch und methodisch zum Psychoanalysieren anwenden will. Man 
kann sich von der Fortwirkung des Unbewußten, von der gleichbleibenden 
Energie der verdrängten Regung, von der Bedeutung der Lösung von Ver- 
drängungen, von Widerständen und Übertragungen überzeugen, wenn man 
sie in der eigenen Analyse erlebt hat. Es kann sein, daß später, wenn 
die psychoanalytische Wissenschaft zur allgemein angewendeten Basis aller 
beobachtenden Psychologie geworden ist, die eigene Psychoanalyse nicht 
mehr zum Lernen, sondern nur mehr zum Gesunden Verwendung finden 
wird. Die Psychoanalyse hat ja auch gezeigt, daß die Fehler, welche der 
einzelne Erzieher und welche die Schule machen, weniger durch mangeln- 
des Wissen oder durch Irrtümer entstehen, sondern gesetzmäßig bedingt 
sind durch die Relation zwischen den bewußt und unbewußt aufeinander- 
wirkenden fixierten Libidopositionen oder in einfacheren Worten, durch 
die Strebungen und Ideale von Lehrer und Schüler. Insbesondere über- 
schätzt der Erzieher solche Tendenzen des zu Erziehenden, deren Verdrän- 
gung er in sich selbst nur mit Mühe zustandebringt und mißversteht 
solche, die seinem Bewußtsein ferne sind. 

Die Psychoanalyse macht demnach die Erziehungsfolge von der persön- 
lichen Gleichung des Erziehers unabhängig. Aus dem gleichen Grunde ist 
ja auch die Lehranalyse des analytischen Therapeuten nötig, damit auch 
dessen Verständnis nicht durch die eigene Teilneurose zu viel Lücken ent- 
hält. Zwischen Gesundheit und Krankheit der Seele, zwischen Normalität 
und Abnormität des Charakters ist ein großer Spielraum, in welchem die 
individuellen Störungen ihr freies und interessantes Dasein führen; diese 
hören aber auf, Privatsache zu sein, sobald das durch keinen Affekt zu 
beirrende Verhalten Vorbedingung der Tätigkeit ist, wie also vor allem 
beim Heilpädagogen und beim Seelenarzt. 

— 178 — 



Die Psychoanalyse erkennt zwar die Wirkung der Vererbung auf die 
charakterliche Entwicklung an, aber sie konnte zeigen, daß sehr viel, was 
angeblich konstitutionell und erbbiologisch bedingt war, auf Milieuschädi- 
gung beruht. Die moderne Vererbungswissenschaft sagt, daß der einzelne 
Mensch als Phänotypus sich aus zweierlei zusammensetzt, seinem Erbbild, 
dem Genotypus und dem Nebenbild, dem Paratypus, der Gesamtheit der 
nicht erblichen Anlagen. Der Heilpädagoge soll von beiden Bescheid wissen, 
der Analytiker setzt seine Kraft ein, um den Störungen vorwiegend in der 
paratypischen Entwicklung beizukommen. 

Freud traf ums Jahr 1900 eine Wissenschaft an, die das Triebleben 
des Menschen ganz außer Acht ließ — damals wußte man kaum etwas 
über die Beweggründe, die unbewußt Fühlen, Denken und Handeln beein- 
flußen. — Es war zunächst notwendig, durch die möglichst unbeeinflußte 
unvoreingenommene Beobachtung Erfahrungen zu gewinnen ; erst auf Grund 
dieser gelang es, auch eine Trieblehre aufzustellen und die Wissenschaft 
vom unbewußten aufzubauen. Freud zeigte, daß Triebe Ausdruck des 
Beizes, der Lebenstätigkeit auf Körper und Seele sind, und daß sie ent- 
scheidend Gesundheit und Krankheit beeinflußen. In dieser Triebforschung 
fiel der Öffentlichkeit vor allem die Erforschung des Sexualtriebes auf. 
Viele denken ja bei dem Wort „Psychoanalyse" stets nur an Sexualität. 
Berücksichtigen wir aber bei der Forschung Freuds folgendes: Heutzutage 
wissen wir alle, daß unter den Trieben die sexuellen Triebe eine führende 
Bolle spielen. Aber vor 1900 hat sich die Wissenschaft gescheut, ehrlich 
über diese Dinge zu sprechen, und doch ist die Literatur aller Zeiten so 
stark von sexuellen Themen erfüllt, daß dies allein schon zeigt, daß erst 
die klare Erfassung der sexuellen Tendenzen der Menschheit aus der 
P s e u d o - Wissenschaft von Leib und Seele eine Wissenschaft machen 
kann. Freud hat viel Neues entdeckt; manches davon, wie die Sexualität 
des Kindes, haben vor ihm gute Beobachter des Heranwachsenden geahnt 
und ausgesprochen. Denn sie haben sich immer wieder davon überzeugt, 
was jetzt auch die Biologie nachgewiesen hat, daß im Kinde von Geburt 
an Äußerungen der Sexualität nachweisbar sind, allerdings in anderen 
Formen und mit anderen Zielen wie beim Erwachsenen. Erst nach zwanzig- 
jähriger Forscherarbeit über den sexuellen Anteil des Trieblebens konnte 
die Forschung der anderen Triebanteile auf naturwissenschaftlich gesicher- 
ter Grundlage vorgenommen werden. Dabei ist zu betonen, daß Freud 
niemals die anderen Triebe übersah, er hat vom ersten Beginn an von 
Konflikten im Triebleben gesprochen, die störend auf Reifung und 
Charakterentwicklung einwirken, was stets mindestens zwei Triebgruppen vor- 
aussetzt. Da wir alle dazu neigen, etwas für unrichtig zu halten, was uns nicht 
paßt, und da sexuelle Vorstellungen unser Denken und Handeln beunruhigen 
können und Verstimmungen verursachen, ist ein Teil der Widerstände erklär- 
bar, auf die Freud stoßen mußte. Er war gezwungen, seinen Hörern mancher- 
lei zu sagen, was ihnen die gute Laune und bestimmte Illusionen störte. 

— 179 — 



Anschließend an die Triebforschung ist die Erforschung des Unbe- 
wußten das wesentlich Neue, das die Psychoanalyse zum Verständnis der 
kindlichen Entwicklung beigetragen hat. Das Unbewußte ist das Primitiv- 
Triebhafte und Seelische des Menschen, etwas dem Instinkt der Tiere Analoges. 
Im Laufe der Kindheitsentwicklung wird immer mehr psychisches Material 
verdrängt und gibt den Triebkräften im Unbewußten ihren Inhalt. Es 
arbeiten im Unbewußten nicht nur die uralten Triebe, sondern auch solche, 
später entstandene Wünsche, welche der kulturelle Mensch nicht mehr an- 
erkennen darf, es sei denn im Traum, im Witz oder in sublim ierter rorm. 
In Fehlleistungen und neurotischen Symptomen brechen sie nur teilweise 
hervor, in Geistes- und Gemütskrankheiten liegen sie offen zutage. Die 
Frage der Sublimierung. d. h. der Fähigkeit des Kindes zur Zielablenkung 
eines Triebes vom Sexuellen auf kulturell wertvolle, intellektuelle, soziale 
und künstlerische Ziele, ist für den Heilpädagogen bedeutungsvoll. Die 
Heilpädagogik hat so auf das Triebleben einzuwirken, daß das Kind in den 
ihm gegebenen Grenzen sublimieren könne, denn damit lernt es auch 
arbeiten und genießen. Die Psychoanalyse fand vor allem, daß diese Fähig- 
keit in hohem Maße abhängig ist von der I ch-I de alb i 1 du n g. Der 
Heranwachsende nimmt sein Modell für sein Ich und Ideal-Ich aus den 
Beispielen der Umgebung, vor allem der Erzieher. Nur in dem Maße, als 
der Erzieher sein seelisches Gleichgewicht halten kann, also sich der Realität 
seiner eigenen In- und Umwelt anpaßt, kann er der Freude und dem Leid 
des Kindes verstehend gegenübertreten, um so eher wird das Kind auch 
sein Ich-Ideal dem Beispiel der Realität angleichen. Die Erfahrung bestätigt 
das und lehrt, wie unabhängig der Grad und die Art der Äußerungen des 
Leidens von der Natur der Erkrankung des Kindes ist; es ist oft lediglich 
Reaktion auf das Verhalten seiner Umwelt. Bei einem bestimmten Erzieher 
häufen sich daher die Störungen der Kinder durch Kopfweh, Lügenhaftig- 
keit, Lernschwäche, Zerfahrenheit. Ein Teil dieser Erscheinungen wird ver- 
ständlich durch die höhere Einfühlungsfähigkeit des Kindes in die Umwelt, 
in die Welt seines Erziehers; im entgegengesetzten Falle wird das Führungs- 
bedürfnis des Kindes an einem bestimmten Lehrer enttäuscht. Seine Ideal- 
bildung steht aber nicht nur im Zusammenhang mit dem gesprochenen 
Wort, sondern mit den Eindrücken aller Sinne; das Kind revoltiert und 
regrediert nach solchen Enttäuschungen auf Triebsituationen eines früheren 
Alters, d. h. das Kind nimmt unter bestimmten äußeren Bedingungen wieder 
Gewohnheiten an, die nur dem kleineren Kinde eigen sind. Daß es das 
Wort nicht allein ist, das erzieht, lehrt auch die Tierbeobachtung. 
Das Tierkind wird von seiner Mutter vorwiegend durch Beispiele erzogen, 
und das Kind der höheren Tierklassen lernt bei seinem menschlichen Er- 
zieher oft ohne viel Wort und Strafe auf Trieberfüllungen primitivster Art 
verzichten, wie unter anderen die Hagenbeckschen Erfahrungen beweisen. 
Die Erfahrungen überzeugten Freud, daß die ersten Jahre, die noch vor 
dem ersten Schuleintritt liegen, bereits entscheidend sind. Gerade die Früh- 

- 180 - 



zeit, in der das Kind seine Körper- und Sinnesentwicklung plastisch erlebt 
und die ersten Ekel- und Schuldgefühle unter dem Eindruck der Urteile 
der Erzieher bildet, gibt sehr oft den Ausschlag für die spätere Arbeits-, 
Liebes- und Gesellschaftsfähigkeit. Es wird der psychoanalytisch eingestellte 
Heilpädagoge also sehr früh einzugreifen haben. Er müßte die ersten natür- 
lichen Erzieher des Kindes, Eltern, Hausangestellte, Verwandte über die Be- 
dingungen der Triebentwicklung, vor allem wo Störungen auftreten, unter- 
richten. Die bisherige Pädagogik sieht Neuerscheinungen, wo wir neue Auf- 
lagen sehen. Wie z. ß. bei der früheren Erziehung zur Reinlichkeit Strafe 
und Belohnung verwendet wurden, das entscheidet oft über die spätere 
Wahrhaftigkeit und darüber, ob das Kind reif, selbständig und gesellschaft- 
lich angepaßt sein wird. Auf die ersten Eindrücke im Familienleben wird 
der analytisch orientierte Heilpädagoge sein Augenmerk auch bei verwahr- 
losten Kindern richten und nicht nur auf deren besondere äußere Vor- 
geschichte, er wird aus den Narben, die das Kind aufweist, Schlüsse ziehen 
auf die Wunden der Frühzeit. Freud spricht von allerfrühesten Erlebnissen, 
die der Mensch Zeit seines Lebens unbewußt in sich trägt, und die doch 
vom stärksten Einfluß auf sein Willens- und Gefühlsleben sind. Viele un- 
gebärdige, freche, trotzige Kinder tragen unbewußt die Reaktionen in sich 
auf Erziehungsfehler der Eltern. Liebes- und Haßszenen zwischen Erwach- 
senen, sexuelle Szenen, Situationen, in denen das Kind seine Lust am Quälen 
und Zerstören gesteigert erlebt, machen einen nachhaltigen Eindruck auf 
seine charakterliche Entwicklung. Es wird deshalb immer mehr Aufgabe 
jedes Heilpädagogen, auf das genaueste die Geschichte des Kindes zu er- 
gründen, seine Erzieher kennenzulernen und den Milieu-Einfluß abzu- 
schätzen, um pädagogisch richtig vorgehen zu können. 

Die Fähigkeit des Kindes, zu sublimieren, hängt sehr von der Fähigkeit 
der Umgebung ab, selbst zu sublimieren. Auch muß sich der Erzieher eine 
Vorstellung machen von der Li eb e s f ä h i gk e i t des Heranwachsenden. 
Sie ist nicht selten neurotisch gebunden oder verkümmert und kann u. a. 
durch geschicktes Verhalten des Erziehers in eine normale Entwicklung ge- 
bracht werden. Vertrauen zwischen Erwachsenem und Kind ist selbstver- 
ständliche Grundlage. Das Kind muß in der Lage sein, seine Nöte dem 
Erzieher mitzuteilen, seine Zweifel, auch seine sexuellen Schwierigkeiten 
mit ihm besprechen zu können. 

Wenn das Kind im Gespräch mit Erwachsenen von Amerika hört und 
die Frage stellt, was Amerika ist, werden wir ihm nicht antworten, daß 
es das nicht verstünde. Wir werden ihm eine der Frage angepaßte Ant- 
wort geben. Wenn das Kind im Laufe seiner biologischen Entwicklung 
Fragen aus der Sexualforschung stellt, werden wir ihm ebenfalls eine ihm 
angepaßte Antwort geben. Seine Versuche, sich künstlerisch im Spiele zu 
betätigen, müssen als Sublimierungsversuch ausgenützt werden. Strafen im 
Sinne der Abschreckung bewirkt trotz des augenblicklichen Erfolges für 
die Dauer das Gegenteil; zeitweiser Liebesentzug, der sich vorsichtig an- 

- 181 - 



paßt an die seelische Tragfähigkeit des Kindes und Lob von Handlungen, 
die in der Richtung der Sublimierung durchgeführt werden, haben sich 
immer mehr bewährt als das alte Strafsystem. Weder Verweichlichung, 
noch Uberstrenge sind für die realitätsangepaßte Ichbildung und Gewissens- 
bildung nützlich. Ebensowenig wie das Schlagen ist die Verzärtelung am 
Platze. Noch immer sind ja leider Schlagen und Entziehung von Lieb- 
kosungen die üblichen Strafmethoden. Die Unbeherrschtheit des Erziehers 
und die Erweckung der Schmerzlust, die selbst Strafe vor allem durch das 
Betonen des Verzeihens zu einer Art von Lust machen kann, sind Erzie- 
hungsfehler. Dadurch und durch Verzärtelung können Erzieher, vor allem 
Mütter, geschlechtliche Regungen vorzeitig wecken; es ist falsch, zum 
Zärtlichkeitsspiel Kinder in das Bett zu nehmen, zahlreiche Angstzustände 
und Schlafstörungen sind die unerwünschten Folgen solcher Fehler. Das 
Zuschauen beim Entkleiden und das Belauschen von Liebesszenen sind 
von ähnlicher Wirkung. Es liegen volle Beweise vor, daß das Kind schon 
in ganz frühem Alter bestimmte Eindrücke aufnimmt: wenn es auch diese 
Eindrücke nicht im Sinn der Erwachsenen versteht, deutet es später seine 
Beobachtungen, wie wenn sie von einer photographischen Platte aufge- 
nommen würden und sich später — gelegentlich einer bestimmten Be- 
lichtung — zu einem klaren Bild entwickelt werden. Reichenhardt 
hat in seinem Werke „Die Früherinnerung" wertvolles Material hierüber 
beigebracht, ohne psychoanalytisch vorzugehen. Vor allem werden viele 
Fehler bei der Erziehung zur Reinlichkeit gemacht. 

Der psychoanalytisch eingestellte Heilpädagoge trifft auf zahlreiche 
Widerstände; manche sagen der Psychoanalyse nach, daß sie gefährlich 
sei, aber sie ist es nicht, denn sie vermeidet, im Dunkeln zu arbeiten und 
berücksichtigt in der Erziehung die unbewußt treibenden Kräfte des Kindes. 
Die Analyse dringt allmählich immer tiefer in die unbewußten Schichten 
ein; sie beeinflußt damit charakterlich den werdenden Menschen. 

Die seelische Hygiene auf psychologischer Grundlage will das Entstehen 
von Charakteranormalien, soweit sie nicht erbbedingt sind, vermeiden lehren. 
Dazu muß sie die Bildung einer normalen moralischen Instanz, die ohne 
Überstrenge ist, fördern, die Triebe dadurch zähmen, daß sie sie kulturellen 
Zielen dienstbar macht und zur schuldlosen Freude, zum Genießen ohne 
Schuldgefühl befähigen, soweit es die normale Ethik gestattet. Das Aus- 
maß der später möglichen Freude und Genußfähigkeit in den Grenzen der 
Ethik ist nämlich viel größer als die dem Kinde als Erziehungshilfe auf- 
gelegte Strenge gegen sich selbst in ethischen Dingen. Durch normale 
Freudefahigkeit wird die normale Arbeitsfähigkeit auch für das spätere 
Leben gesichert, in der Kindheit erzwungene Arbeit führt später leicht 
zur Arbeitsstörung. 

Mehrmals wurde von uns das Ersparen der Schuldgefühle bei der Er- 
ziehung des Kindes als wichtigste Forderung betont. Wir wollen die Be- 
gründung dieser Forderung besonders hervorstellen: Schuldgefühle 



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verringern nicht, sondern steigern die Stärke der zu 
verdrängenden und zu beherrschenden Triebe. Schuldge- 
fühle und soziale Angst steigern die Bereitschaft zur Neurose. Schuldge- 
fühle steigern die Gewissenszweifel und damit die Ambivalenz, d. h. das 
gleichzeitige Wirken entgegengesetzter Gefühlstendenzen, welche die Quelle 
der Zwangsneurose und des zwangshaften Charakters ist. 

Gleichmäßiges Verstehen, Verzeihen und Sichbeherrschen beim Erzieher 
gewährleisten den normalen Ablauf der Entwicklung des Kindes. Bei 
Schwierigkeiten in der Entwicklung sind oft direkte Eingriffe durch Psycho- 
analyse notwendig, noch öfter aber eine psychoanalytisch begründete Ein- 
flußnahme auf den Erzieher, und in Fällen, wenn dies unmöglich ist, das 
Wechseln des Milieus. Dieser Wechsel, wenn er richtig vorgenommen werden 
kann, soll dem Kinde eine neue Idealbildung ermöglichen. Das wußten 
schon die alten Erzieher, wenn sie sagten: „Exempla trahunt" , und Gott- 
fried Keller hat in anderen Worten das gleiche gemeint, wenn er sagt: 
„Man soll weniger mit der Zunge, als mit der ganzen Person erziehen". 




































— 183 - 



Psychoanalytische Hilfe bei Erziehungs- 
schwierigkeiten 

Von Hans Zulliger 

Vortrag für die Tagung der Schweizer Heimerzieher und 
Anstaltsleiter, 16. Mai 1933 in Ölten (Hauptthema). Der 
Vortrag wurde unter der Voraussetzung verfaßt, daß die 
Zuhörer von der Psychoanalyse und psychoanalytischen 
Pädagogik wenig oder nichts wissen und daß sie ihr eher 
feindlich gegenüberstehen. Die Diskussion, die sich vom 
eigentlichen Thema fort und mehr um die therapeutische 
Psychoanalyse und ihre Erfolgsmöglichkeiten drehte und 
bei der die gewöhnlichsten Einwendungen (contra infantile 
Sexualität und Ödipuskomplex) laut wurden, bestätigte di K 
vorausgesetzten Vermutungen. Es fehlte aber auch nicht an 
Diskussionsvoten, die für die Psychoanalyse und die psycho- 
analytische Pädagogik eintraten. 

Meine Damen und Herren I 

In Ihrer Eigenschaft als Erzieher haben Sie während Ihrer gesamten 
praktischen Tätigkeit und bei Ihren theoretischen Überlegungen wohl be- 
ständig mehr oder weniger bewußt nach dem einen Ding geforscht: Nach 
einem Erziehungsmittel, das in allen Fällen wirkt. 

Es ist mir nicht anders als Ihnen ergangen. Ich muß jedoch gestehen 
daß ich kein einziges derartiges Rezept während meiner Zweiundzwanzig- 
jährigen Praxis habe aufspüren können. Und wenn Sie etwa erwartet haben 
sollten, ich werde nun kommen und behaupten, die auf die Pädagogik 
modifizierte und ihr angepaßte Psychoanalyse bedeute 
„das" Erziehungsrezept schlechthin, so werden Sie enttäuscht sein. Auch 
die an der Tiefenpsychologie orientierte Erziehung wirkt nicht unfehlbar. 

Es ist mir ein einziges Mal begegnet, daß ein praktischer Pädagoge be- 
hauptete, ein solches Mittel gefunden zu haben. Ich will es Ihnen nicht 
vorenthalten, möchte aber auch meine kritische Einstellung dazu nicht 
verhehlen. 

Wir hatten einen Besuch in einer unserer Zwangserziehungs- 
anstalten gemacht, deren Führung im ganzen Lande als mustergültig 
geachtet wird. In liebenswürdiger Weise begleitete uns der Vorsteher, 
forderte uns auf, mit Fragen nicht zurückzuhalten, und wir machten von 
seinem Anerbieten reichlichen Gebrauch. 

Unter anderem wollte einer der Besucher wissen: „Herr Direktor, was 
fangen Sie denn mit Renitenten, mit Negativisten an? Wenn beispielsweise 
einer auf die Idee verfällt, dauernd passive Resistenz zu leisten?" 

„Da kommt es vor, daß sich ein Angestellter nicht mehr beherrscht 
und einem Schlingel eine Ohrfeige austeilt." 

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„Das können wir sehr gut verstehen!" 

„Aber ich bin gegen jede körperliche Züchtigung! In einem solchen 
Falle nehme ich grundsätzlich immer für den Jungen Partei. Er wird einem 
anderen Aufsichtsorgan unterstellt und der Prügler erhält einen Verweis. 
So sehr auch ich es verstehe, daß einem das Temperament durchbrennt 
so will ich doch nicht dulden, daß das Prügelsystem einreißt, das wäre 
mittelalterlich." 

„Aber — Sie erhalten doch gewiß auch junge Menschen zugeschickt, 
die sich bei keinem der Aufsichtsleute ordentlich aufführen, die gegen alles 
und jedermann Opposition machen und denen niemand beikommt!" 

„Aus solchen Gründen werden sie ja zu uns gebracht. Gewöhnlich ist 
mit ihnen alles versucht worden, was bei einer freien Erziehung menschen- 
möglich ist. Wenn sie dann zu uns kommen, so wissen die Leutchen, daß 
es jetzt Ernst gilt und daß ihnen nichts mehr übrig bleibt, als sich zu 
fügen. Bei den meisten genügt die Einweisung in die Anstalt. Hie und 
da gibt es Ausnahmen, gewiß. 

Sehen Sie, da wurde uns vor etwa einem Monat ein schmächtiger Genfer 
zugeschickt. Das erste ist immer, daß ich mit dem Ankömmling ein kleines 
Examen anstelle, um mich über seine Intelligenz und seine Verwendungs- 
fähigkeit einigermaßen zu orientieren. Der Bursche kam also zu mir, ich 
erklärte ihm, worum es sich handle und wollte mit der Prüfung und Aus- 
sprache beginnen. Er verzog den Mund nicht und erklärte kaltblütig, er 
gebe weder Auskunft, noch werde er irgend einen Streich arbeiten. Dann 
schwieg er und kein Zuspruch wirkte. Hier muß ich bemerken, daß mit 
den jungen Leuten selbstverständlich in ruhigem, freundlichem Tone 
und nicht etwa scharf, drohend oder gar grob verhandelt wird. Mit dem 
kleinen Genfer war wirklich nichts anzufangen. Dafür haben wir hier nun 
die sogenannten ,b lauen' und .dunklen' Zellen, sehen Sie sich 
diese an. 

Wir traten in Zellen, die wenig belichtet und ganz in Blau gehalten 
waren. 

„Wenn wir einen Jungen eine Zeitlang hier einschließen und sich 
selber überlassen, so wird er gewöhnlich innerhalb ein paar Tagen reif, 
daß er sich freiwillig zur Arbeit meldet. Er hält die Einsamkeit auf die 
Dauer nicht aus. Wahrscheinlich wirkt auch der Anstrich beruhigend auf 
die Stimmung. In den blauen Zellen darf nicht gelesen, noch sonst etwas 
getan werden, die einzige Abwechslung ist das Essen. Unser Genfer hielt 
es lange aus, und ebenso kalt, wie er sich weigerte, die Prüfung zu be- 
stehen, erklärte er, ihm gefalle es hier, solange man wolle. Nach sechs 
Tagen sahen wir uns zu einer weiteren Maßregel gezwungen: Der Junge 
mußte in eine dunkle Kammer verbracht werden, und — nach drei Tagen 
erklärte er weinend, er wünsche zu arbeiten, gleichgültig was. Wenn Sie 
hier durchs Fenster schauen, sehen Sie direkt in die Schusterwerkstatt. Der 
kleine Kerl dort, der emsig an seinem Leder klopft — das ist unser Genfer." 



Zeitschrift f. psa.Päd.,VII/5/6 



- 185 - 



»3 



Die dunklen Kammern wurden uns auch gezeigt; es waren fensterlose, 
kleine Gelasse, ohne Möbel, mit einem Kotkübel und ein paar Wolldecken, 
also eigentlich Cachots. Es wurde uns auch erklärt, daß Insassen der 
Dunkelkammern nur reduziertes Essen erhielten, nach dem Grundsatze: 
„Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen!" Zwar wurde dieses Prinzip 
nicht so verstanden, daß man die Dunkelzellenmänner hungern lassen 
wollte; sie bekamen genug, aber ein recht einförmiges Menü. 

Und nun fragte einer der Besucher: „Herr Direktor, haben Sie in 
allen Fällen schließlich mit der Dunkelkammer Erfolg gehabt, wie bei 
diesem Genfer?" 

„Gewiß, in allen Fällen. Ich kann Sie sogar versichern, daß diese Zel- 
len selten besetzt sind, auch die blauen. Die Zöglinge fürchten sich davor, 
das ist es. Die Zellen sind für uns eine Art Notnagel, wenn Zuspruch 
und Arbeitstherapie nichts fruchten. — In allen Fällen!" wiederholte er. 

Hier haben Sie also das Rezept, das in „allen" Fällen wirksam ist. 

Aber ich habe Ihnen gesagt, daß ich dazu kritisch eingestellt bin. 

Für die momentan nötige Einordnung der Zöglinge hat der Direktor 
„das" Erziehungsmittel gefunden. Manchen wird die Erinnerung daran 
für sein ganzes Leben abschrecken. 

Und doch ist es nicht „das" Rezept für alle Fälle; denn andere Zög- 
linge werden, sobald sie aus der Anstalt entlassen sind und sich wieder 
frei fühlen, die gleichen asozialen Menschen geblieben sein, die sie vor 
der einstigen Einlieferung waren. Die Angst vor den blauen und dunklen 
Zellen hat sie nicht in einem solchen Maße beeindruckt, daß sie sich nun 
ihr Lebtag lang ducken. So vermute ich. 

Damit sollen die Erziehungsmittel der Anstalt nicht verurteilt werden. 
Ich bestätige, daß man bei einem Besuche den Eindruck erhält, viele der 
Jungen hätten es dort sicher besser, als in ihren ehemaligen häuslichen 
Verhältnissen. 

Damit komme ich auf die Untersuchung der sozialen Bedingtheit von 
Verwahrlosungserscheinungen. Ich habe die Erfahrung gemacht — und 
ich weiß nicht, ob Sie sie bestätigen können — daß es zwei Arten von 
Verwahrlosung gibt. Die erste ist relativ leicht zu kurieren. Es sind das 
Fälle, wo es an häuslichen, an den Unterkunfts- und Verpflegungsver- 
hältnissen (im weitesten Sinne) eines Kindes fehlt, und es deshalb verwahr- 
lost. Wenn es gelingt, solche Jugend in Heimen oder in Privatfamilien 
mit besserem Milieu und besserer Führung, besserem Halt, unterzubringen, 
so lösen sich häufig die Verwahrlosungserscheinungen von selbst mit der 
Zeit auf. Manchmal brauchts dazu im Anfang einen gewissen Zwang, der 
der Verwilderung Einhalt gebietet, oft ist nicht einmal das nötig, weil 
Vorbild und Gewöhnung genügen. Die Veränderung geschieht, psychologisch 
erklärt, weil sich im betreffenden Kinde sukzessive ein neues Über-Ich 
bildet: Es organisiert sich seelisch an den neuen, wenn geachteten und 
geliebten Elternstellvertretern um, indem es sie sich gleichsam psychisch 

— 186 — 






einverleibt, ihre kulturellen Forderungen nach und nach als eigene innere 
Ansprüche empfindet, so wie es sich ihre Ideale unbewußt aufpfropft. 

Die eigentlich schwierigen Fälle von Verwahrlosung finde ich regel- 
mäßig bei Kindern aus besten Vermögensverhältnissen. Sie werden in ihrer 
frühen Kindheit verwöhnt, sind nie genötigt, sich in ihrer Selbstliebe zu- 
gunsten der Liebe zu andern einzuschränken (narzißtische Libido in Über- 
tragungslibido zu verwandeln), sie können ihren Willen und ihre Wünsche 
wie selbstverständlich ohne jegliche Anstrengung und Gegenleistung durch- 
setzen. Dann kommt plötzlich der Augenblick, wo ihre Nächsten merken, 
daß aus den Kindern haarsträubende Egoisten und Tyrannen entstanden 
sind, Leutchen, die sich als Mittelpunkt der Welt fühlen und die, wenn 
sie ihre Nasen an der Realität anstoßen, entweder sich fallen lassen, oder 
sich mit wirklich „allen" Mitteln durchsetzen. Dabei kommen ihnen eine 
gewöhnlich nicht unbedeutende Intelligenz, oft auch eine sehr gute Bildung 
und die Kenntnis gesellschaftlicher Umgangsformen zuhilfe. 

Sie können selbst gute Menschenkenner täuschen und sind viel geriebenere 
Gauner und Hochstapler als etwa ein verschüpfter Verdingbub, der aus 
einem Gemisch von infantiler Rachsucht und Bauernschlauheit sich gegen- 
über einer feindlich aufgefaßten Umwelt durchsetzen will und dabei dis- 
sozial oder kriminell wird. 

In beiden Fällen aber ist von früher Kindheit an und besonders während 
der ersten vier bis sechs Lebensjahre erzieherisch schwer gefehlt worden, 
falls nicht psychotische Veränderungen an der Dissozialität schuld sind. 

Und nun machen Sie die Überlegung, daß sogar „schwierige" Kinder, 
bei denen keine psychopathischen Zustände vorliegen, durch eine geeignete 
Nacherziehung eigentlich alle wieder auf die rechte Bahn gebracht werden 
müßten. Ihre Anlagen sind nicht anders als die normaler Kinder, nur ist 
ihr Gleichgewicht zerrüttet, ihre Kräfte stehen nicht in einem optimal 
richtigen Verhältnis zueinander, sie haben sich nicht den Entwicklungs- 
stufen gemäß verändert, verfeinert, angepaßt. Es gelang ihnen nicht, ihre 
Triebansprüche zu bändigen, zu verdrängen oder zu sublimieren, egoistische 
Impulse beherrschen zu lernen, zu verurteilen, und altruistische zu ent- 
wickeln und sich dem Sittengesetz ihrer jeweiligen Altersklasse ein- und 
unterzuordnen. 

Wie greift hier nun gewöhnlich der Pädagoge ein? 

Er hat zwei Mittel zur Hand, die wir in groben Umrissen Liebe 
und Strenge nennen wollen. 

Er kann seine Zöglinge auf dem Wege der Liebe veranlassen, daß sie 
sich, um sich diese zu erhalten, oder um mehr Liebe zu gewinnen, inner- 
lich nach dem Vorbilde und nach den Idealen des Erziehers verändern, 
ihre rohen Triebbefriedigungen aufgeben, um sozial angepaßtere, realitäts- 
gerechtere zu finden und in einem langsamen Prozeß sich zu kultivieren. 
Das äußerlich Sichtbare eines derartigen Veränderungsvorganges ist das 



- 187 - 



»3' 



Einfügen in die Sitten, Bräuche und Gesetze der menschlichen Gesell- 
schaft, die Zivilisation. 

Der Pädagoge kann aher die Zivilisation auch auf anderem Wege und 
viel rascher erreichen. Mit dem äußern Zwang. Er nutzt die Angstbe- 
reitschaft des Kindes aus. Er fordert, droht, bestraft. Und er erreicht, 
daß sich die Zöglinge dem Gebot ihres Erziehers fügen, weil dies schließ- 
lich noch weniger unlustbetont ist als die drohenden Strafen. 

Es hat Zeitläufe gegeben, wo fast ausschließlich mit dem einen, und 
es hat Epochen gegeben, wo hauptsächlich mit dem andern Erziehungs- 
mittel gearbeitet worden ist. Man spricht etwa vom „Zeitalter des 
Kindes , das mit einer Sentimentalität, die wir heute ablehnen, vom 
Erzieher nicht genug an Liebe fordern konnte, an Rücksichtnahme, Ver- 
ständnis, entschuldigendem Entgegenkommen, an Güte — der Erwachsene 
sollte nicht mehr als der „gleichberechtigte Kamerad" des Kindes sein. 
Die Schulen, von diesem ideologischen Standpunkt aus beherrscht, sind 
kleine Abbilder — oft aber Zerrbilder — eines demokratischen Staates. — 
Und sie haben von der ehemaligen kalvinistischen Erziehung 
gehört, deren Vertreter mit autokratischer Strenge regierten und oft Strafen 
benutzten, die uns heute unmenschlich erscheinen. 

Meist besteht die Erziehung aus einer guten Mischung beider Erziehungs- 
mittel, der Liebe und der Strenge. Die Tatsache, daß die Resultate 
aller dieser durchschnittlichen Abarten erzieherischer 
Auffassungen ungefähr gleich sind, zeigt uns, daß es in 
der Pädagogik kein alleinseligmachendes Rezept gibt. 
Bei allen drei Arten von Erziehung, der mit ausschließ- 
licher Liebe, jener mit ausschließlicher Strenge, und 
der dritten mit der guten Mischung gedeiht die Mehr- 
zahl der Kinder und wird brave Bürger — aber ein be- 
stimmter Prozentsatz mißrät. 

Das sind die „schwierigen" Kinder. Um sie zu erziehen, sieht sich 
der Pädagoge genötigt, bei der Psychologie Anleihen zu machen und 
jeden Sonderfall mit den Mitteln dieser Wissenschaft zu sondieren, um ge- 
stützt darauf ganz besonders angepaßte Erziehungsmaßnahmen zu 
treffen. Wir wissen heute, daß es doch wohl selten nur bewußter schlechter 
Wille ist, wenn sich ein Kind verwahrlost, asozial, kriminell zeigt. Die 
Tiefenpsychologie hat uns nachgewiesen, daß der Mensch 
sowohl nach der moralischen, als auch nach der amora- 
lischen Seite hin ausgeweiteter ist, als er weiß, und daß 
es den „Verbrecher aus Gewissensgründen" gibt, der unbe- 
wußt auf dem Wege der Kriminalität nach Strafe sucht. Es ist uns be- 
kannt, daß am anormalen Verhalten vieler Kinder Kräfte schuld sind, die 
dem unbewußten Bezirk seiner Seele entstammen, und die zu bannen 
oder zu regeln unsere erzieherische Aufgabe ist. Vorher aber gilt es, sie 
zu kennen. 

- 188 - 






In jedem Kinde gruppieren sich die seelischen Kräfte um zwei Pole. 
Es möchte zugleich 

t. seine Triebansprüche auf dem kürzesten Wege befriedigen, und 

2. „erwachsen" sein, wie die Menschen, die für es sorgen, die ihm 
durch ihre Größe, Sicherheit, Autorität als Vorbilder imponieren. 

Es trägt in sich die „wilden" Tendenzen seiner Triebhaftigkeit 
einerseits und andererseits das an den Erwachsenen orientierte I ch-I deal. 
Zwischen diesen beiden Polen pendelt sein nach außen sichtbares aktuelles 
Ich, die Resultate zwischen den widerstreitenden Kräftegruppierungen. 

Wenn nun bei einem Kinde die Auseinandersetzungen zwischen beiden 
Kräftegruppen besonders heftig sind, oder wenn die eine oder die andere 
zu sehr die Oberhand gewinnt, so zeigt sich das äußerlich als Erziehungs- 
schwierigkeit. 

Um solche zu beheben, benutze ich die Lehren Sigmund Freuds. 
Ich möchte Ihnen nun an zwei Beispielen skizzieren, wie das geschieht. 
Die Vorführung möchte Ihnen zeigen, wie dissoziale Symptome unbewußt 
begründet sein können, und wie man innerhalb der Pädagogik mit der 
Psychoanalyse arbeitet. 

Ich habe also im Sinne, Ihnen eine Orientierung zu geben, mehr 
ist nicht möglich. Es wäre Irrtum, wenn Sie annehmen, ich wolle Sie 
mit meinem Vortrag zu psychoanalytischen Pädagogen heranbilden, oder 
ich beabsichtige, von Ihnen zu fordern, daß Sie bei Ihrer Berufsarbeit 
psychoanalytisch vorgehen. Ich will Ihnen nur zeigen, wie ichs mache. Viel- 
leicht trägt der eine oder der andere eine Anregung davon, die ihm in 
seinem schweren Amte behilflich sein kann, und dann haben Sie mir 
nicht umsonst Zeit und Gehör geschenkt. 

Ein Vater, Beamter in geachteter Stellung, kommt mit seinem unge- 
fähr vierzehnjährigen Jungen aus einer kleinen Kantonshauptstadt in die 
Erziehungsberatung. 

Während der Sohn im Nebenzimmer wartet, höre ich den Bericht des 
besorgten Mannes an. 

„Ich weiß nicht mehr, was ich mit dem Buben anfangen soll", beginnt 
er. „Adolf ist ein schlimmer Streithahn und Raufbold geworden, obschon 
wir uns immer Mühe gegeben haben, ihn recht zu erziehen. Er sucht 
sich einen zweifelhaften Umgang bei Gassenjungen und überfällt mit ihnen 
seine eigenen Klassenkameraden. Letzthin demolierte die Schar das Rad 
des Lehrersohnes aus der Anstalt, wo mein Schlingel zur Schule geht, und 
schließlich, nach vielerlei Untersuchungen und Plackereien mußte ich den 
Schaden ersetzen. Ich habe geradezu das Gefühl, daß Adolf von seinen 
Freunden zum Sündenbock gemacht wird, und daß er alle ihre dummen 
Streiche ausfressen muß. Aber nichts bringt ihn dazu, von ihnen zu lassen. 
Wir haben alles mögliche versucht: Es wurde ihm freundlich zugesprochen, 
man machte ihm ruhige Vorhalte und suchte ihm zu erklären, warum 
und weshalb er sich anderen Umgang aussuchen müsse, wir luden gut 

- 189 - 



gediehene Jungen aus achtbaren Familien zu uns ein, in der Hoffnung, 
daß er sich mit ihnen anfreunde — als Güte nichts nutzte, versuchten 
wir es mit Hausarresten und schließlich mit der Prügelstrafe — alles war 
umsonst. Dabei zeigt sich der Bub nicht etwa trotzig. Scheinbar ist er 
wohl gefügig, aber er vergißt gute Räte sofort, sie dringen nicht tief, und 
immer macht er, was er will." 

Adolfs frühkindliche Erziehung bot keine besonderen Schwierigkeiten, 
wird auf meine Fragen weiter berichtet. Man konnte ihn rechtzeitig zur 
Reinlichkeit gewöhnen. Er war nie eigentlich krank, unbedeutende Er- 
kältungsfolgen ausgenommen. Eine Zeitlang vertrug er sich schlecht mit 
seinem um vier Jahre jüngeren Brüderchen; gegenwärtig könnte man aber 
nicht darüber klagen. 

Der Junge besuchte zuerst die Volksschule, nachher trat er in die Real- 
schule ein; er brachte nie sehr gute, aber auch keine schlechten Zeugnisse 
heim. Vor ungefähr zwei Jahren erhielt er zum ersten Male eine mangel- 
hafte Sittennote. Einige Kameraden und er hatten mutwilligerweise die 
Läutevorrichtung im Schulhause zerstört, und, nachdem man die Sünder 
festgestellt, sich die Situation noch durch allerlei dumme Lügen verschlechtert. 
Nachher zerstritt sich Adolf mit seinen Klassengenossen, und von diesem 
Zeitpunkte an datieren die Raufereien. 

Als sie kein Ende nehmen wollten, suchte man auf Anraten des Schul- 
rates einen Individualpsychologen auf, der sich als Erziehungsberater eta- 
bliert hat. Nach einer Anzahl von Sitzungen konnte er erklären, Adolf 
leide an einem etwas überspannten und irregeleiteten Ehrgeiz und zugleich 
an Minderwertigkeitsgefühlen, die darauf beruhten, daß er verhältnismäßig 
klein gewachsen sei. Um seine Insuffizienzgefühle zu kompensieren, trachte 
er, eine Führerrolle zu spielen, und weil ihm dies in einer ihm adäquaten 
Gesellschaft nicht gelänge, suche er eben eine ihm inferiore auf. Der Be- 
rater hielt für angezeigt, den Jungen aus der Schule wegzunehmen und 
in einer gutgeführten privaten Lehranstalt als externen Schüler unterzu- 
bringen. Der Schulwechsel geschah reibungslos zu Beginn des neuen Schul- 
jahres, und zuerst schien es, als wende sich alles zum Guten. Aber nach 
kaum einem Vierteljahre war alles wieder im alten: Adolf nahm an einem 
Schülerstreiche teil, wurde bestraft, klagte über Ungerechtigkeit, hervorge- 
rufen durch ungenaue und übertriebene Aussagen seiner neuen Kameraden, 
mit denen er zerfiel. Und seitdem herrscht eine dauernde Spannung zwischen 
ihm und ihnen, die mehr und mehr tätlich ausgefochten wird. Dabei 
helfen ihm seine Kameraden von der Gasse. Es ist den Eltern angedeutet 
worden, man wäre in der Anstalt nicht unglücklich, wenn Adolf wieder 
entfernt würde. Auf des Vaters Rücksprache mit dem Vorsteher will man 
noch Geduld walten lassen. Der Individualpsychologe, bei dem neuerdings 
Hilfe gesucht worden ist, rät, den Jungen aufs Land zu bringen, weitab 
von der Stadt und ihrer Unruhe, dort würde er besser gedeihen. Die 
Eltern können sich aber mit einer solchen Maßnahme nicht ohne weiteres 



190 



einverstanden erklären, weil sie ihren Buben später in die Kantonsschule 
schicken möchten. Ein Landerziehungsheim kommt aus finanziellen Gründen 
nicht in Betracht. 

Nachdem sich der Vater ausgesprochen hat, und ich vorläufig keine 
Fragen an ihn mehr zu stellen habe, ersuche ich den Herrn um volles 
Zutrauen, bitte ihn, den Buben später nicht auszufragen und nicht mit 
ihm zu diskutieren, worüber verhandelt worden ist. Die Möglichkeit weiterer 
Besuche des Jungen wird besprochen. 

Dann nehme ich mir Adolf unter vier Augen vor. 

Er tritt zögernd ein, kneift die Augen halb zu, überblickt blitzartig die 
Zimmereinrichtung und setzt sich, von mir aufgefordert, nicht auf die 
Chaiselongue, auf die ich deute, sondern auf meinen Stuhl, als ob ihm 
dieses Möbel ungefährlicher vorkäme. Er ist gedrungen, aber kräftig ge- 
wachsen, hat ein blasses, verpickeltes Gesicht und einen abwartenden, etwas 
lauernden Blick. Ich sehe, er traut mir nicht. 

Zunächst lasse ich ihn sitzen und zünde mir eine Pfeife an. Er soll 
Zeit haben, sich zu sammeln, sich vorzubereiten. Er soll nicht das Gefühl 
einer Überrumpelung bekommen. 

Und doch überrumple ich ihn. Er hat erwartet, daß ich aufs Ziel los- 
steure und etwas über seine Streite, über die Schule, die Zwischenfälle 
mit den Lehrern frage. 

Statt dessen frage ich ihn: „Machst du gern Spiele?" 

Er ist so verblüfft, daß er zuerst gar nicht antworten kann, dann sagt 
er: „Wie meinen Sie?" 

Er muß mich doch ganz genau verstanden haben. Aber er will Zeit 
gewinnen. 

„Ich wüßte gerne, was du jetzt lieber für ein Spiel machen würdest, 
statt da bei mir zu sitzen?" 

Das nötigt ihm ein leichtes Lächeln ab. Er hat sich gefunden. 

„Lieber würde ich jetzt marmeln!" sagt er lebhaft. „Jetzt ist gerade 
die Marmelzeit, wir marmeln immer, wenn wir draußen sind." 

Darauf gehe ich nun ein. Mein Ziel ist vorläufig, Kontakt mit Adolf 
zu bekommen, weiter gar nichts. Ich werde, sobald ich merke, daß der 
Junge sich aufschließt und etwas wie Zutrauen zu mir entwickelt, jetzt 
oder in einer späteren Sitzung das Gespräch schon auf das Thema über- 
leiten können, das uns eigentlich beschäftigen soll. Ich sage dem Burschen, 
daß ich seinerzeit auch ein eifriger Marmelspieler war, erzähle ihm davon 
und lasse ihn erzählen, zeigte mich als Kenner der Spielarten und Regeln, 
höre, wie er gewinnt und verliert usw. Nach einiger Zeit sagt er, er 
könnte momentan „Tag und Nacht" marmeln, es würde ihn nicht lang- 
weilen. 

Wie von ungefähr packe ich diesen Ausspruch und entgegne: „Am Ende 
marmelst du noch im Traum! und ich merke seinem Gesichtsausdruck 
an, daß ich Glück habe. „Ist es so?" fordere ich ihn auf, zu erzählen. 



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„Ich hatte letzthin einen ganz merkwürdigen Traum", beginnt er. „Es 
machte mir fast Angst. In einem Tuchsäcklein hatte ich zwei Achate, die 
sind viel wert. Ich hielt es in den Händen, und wie ich's so hielt, und an- 
sah, da merkte ich, wie das Säcklein plötzlich immer isolier uiui voller wurde, 
zuletzt platzte es oben, und die Marmeln rollten davon. Ich fand sie nicht 
mehr, auch die beiden Achate nicht. — Es war unheimlich!" versichert er. 

Damit bin ich eigentlich schon orientiert, womit sich der Bub tief- 
innerlich beschäftigt, aber es ist jetzt noch nicht an der Zeit, vor ihm 
damit hervorzurücken, und die Ursache seines Angsttraumes aufzugreifen. 

Ich frage ihn nach weiteren Angstträumen. Er hat von Zeit zu Zeit 
solche, und meistens handelt es sich um Flugunglücke: Er stürzt mit einem 
Zeppelin oder Flugzeug ab, oder er fällt aus einem Ballon. 

Nachdem er fertig erzählt hat, schlage ich ihm vor, wir wollten jetzt 
auch eine Art „Spiel" machen, erkläre ihm, worum es sich handelt: um 
die Deutung der Zufallsformen bei den Tafeln des Rorschachschen 
psycho- diagnostischen Versuches 1 . Er ist ein wenig erstaunt, 
daß ich mir seine Antworten nachstenographiere. Nachdem das Experiment 
beendet ist, fragt er mich, warum ich seine Aussagen aufschrieb. Darauf 
will ich ihm keine direkte Antwort geben, ich zähle laut nach und sage 
dann: „Du hast in achtundzwanzig Minuten siebenunddreißig Antworten 
gegeben. Gestern gab mir ein Junge in deinem Alter in einer halben Stunde 
nur sechsundzwanzig. 

Meine ausweichende Antwort befriedigt ihn. „Es kommt halt auf die 
Phantasie an!" meint er. Dann fügt er bei: „Können Sie etwas damit 
anfangen?" 

„Es ist ein Mittel, um ein wenig in dich hineinzusehen — es zeigt 
deine Fähigkeiten, das hast du ja schon selbst erraten. Um mehr sagen zu 
können, muß ich eine Zeitlang hinter deinen Antworten sitzen. Ich mache 
dir einen Vorschlag: Du mußt noch einmal zu mir kommen, dann kann 
ich dir genau sagen, was ich herausgefunden habe." 

Sein Interesse ist ebenso schwach, wie sein Zweifel. Aber er will doch 
gern wissen, was man aus der Deutung dieser Klecksographien heraus- 
finden wird, und die Zeit für unsere nächste Sitzung kann anberaumt 
werden. 

Nun rufen wir den Vater und erklären ihm, daß Adolf am nächsten 
freien Nachmittage zu mir reisen wolle, wir hätten zusammen ein Experi- 
ment gemacht und der Junge wolle die Ergebnisse erfahren. Dann nehmen 
wir Abschied. 

Hier muß ich Ihnen sagen, weshalb ich den Vater nicht nochmals ohne 
Beisein des Sohnes sprechen wollte. Sie haben es wohl selbst erraten: Ich 
wollte das Bürschchen nicht wieder mißtrauisch machen. Wir haben ge- 

1) Dr. H. Rorschach: „P s y c h o d i a g n o s t i k". Verlag Huber, Bern. Zweite 
Auflage 1935. 



- 192 



sehen, wie er in mein Zimmer trat, und wie sich meine Einstellung mir 
gegenüber im Verlaufe der Verhandlungen veränderte. Es war ein Zustand 
hergestellt, den wir als eine „günstige Übertragung" bezeichnen. 
Der Junge war zuerst unsicher, suchte mich und die Umgebung rasch ein- 
zuschätzen, und erst als er merkte, daß es „nicht so gefährlich" sei, ver- 
ließ er seinen Quivive-Standpunkt. Er hätte annehmen können, ich sei ein 
Trotte], weil ich nicht über die Dinge sprach, die er als Themen ver- 
mutete und erwartete. Aber der Ton unseres Gespräches, die Kenntnisse 
über eines seiner Lieblingsspiele, und nicht zuletzt der Rorschach-Versuch 
und die damit verbundene Spannung, was dieser bedeute, erweckten seine 
Achtung und den Wunsch, weiter zu mir zu kommen. Diese Gefühlslage 
hätte gestört werden können, wenn ich Adolf neuerdings ins Nebenzimmer 
geschickt halte, um nochmals mit dem Vater zu reden. Vielleicht wäre 
ein solches Vorgehen von dem Jungen als Konspiration gegen ihn aufge- 
faßt worden. 

Den Rorschachschen Versuch machte ich, um mich über Intelligenz, 
Charakter und Anlagen des Jungen zu vergewissern. 

Ich sagte Ihnen bereits, ich hätte Glück gehabt, als mir Adolf im Ver- 
laufe des Gespräches über das Marmelspiel einen Angsttraum erzählte. 

Kinderträume sind häufig leicht deutbar, auch wenn man dazu nicht, 
wie bei einer therapeutischen Analyse, ein reichliches Einfallsmaterial sam- 
meln kann. Sie arbeiten mit ziemlich durchsichtigen Symbolen. Wir haben 
in Adolfs Angsttraum ein Säcklein mit zwei wertvollen Marmeln; das Säck- 
lein füllt sich wie durch Zauber bis zum Platzen; es platzt und die Marmeln 
rollen davon. Adolf findet zuletzt nicht einmal mehr die beiden Achate. 
Die Füllung des Säckchens ist das Merkwürdigste dabei: sie vollzieht sich, 
als der Junge es in seinen Händen hält und beschaut. 

Es handelt sich um einen sehr deutlichen Onanietraum. Er stellt 
nicht nur die manuelle Masturbation dar, sondern auch die Onanie- 
befürchtungen: das Säckchen leert sich, bis nichts mehr darin ist. 
Bei Onanisten findet sich regelmäßig die Angst, daß sie ihren Körper schä- 
digen, verletzen, daß sie sich ruinieren, so wie Adolf im Traume an seinem 
Marmelbesitz ruiniert wird. Flinter der Onanie stecken, um einen psycho- 
analytischen Terminus zu gebrauchen, immer Kastrationsphantasien. 

Es wäre verfrüht gewesen, Adolf schon in der ersten Sitzung mitzuteilen, 
was sein Traum verrät. W'enn ich ihm gesagt hätte, was ich wußte, dann wäre 
er erschrocken und hätte sich sicher geweigert, nochmals zu mir zu kommen. 

Wir wissen ja auch noch nicht, inwiefern und ob überhaupt seine 
Onanie mit seinem absonderlichen Verhalten zusammenhängt. Das von den 
Eltern erwünschte Ziel unserer Erziehungshilfe betrifft auch nicht die 
Onanieverhinderung des Jungen — wahrscheinlich wissen die Eltern über- 
haupt nichts von der geheim gehaltenen „Unart" ihres Sprößlings — , sie 
erwarten, daß sein streitbarer Charakter gebessert werde. Und von dessen 
Grundlage wissen wir vorläufig nichts. 



- 193 - 



In der zweiten Sitzung wurde zuerst das Versuchsergebnis besprochen. 
Es freute Adolf zu vernehmen, daß er eine recht gute Intelligenz habe, 
schöne Fähigkeiten zu logischem Erfassen, zu objektiver Schätzung, zu 
Großzügigkeit, dazu das, was man einen „praktischen, gesunden Menschen- 
verstand nennt. Er mußte auch einen starken Widerspruchsgeist zugeben, 
und daß er in der Schule nicht leiste, was er eigentlich könnte. An Blick, 
Gebärde, Ton seiner Stimme merkte ich, wie sein Zutrauensverhältnis zu 
mir immer fester wurde. Jetzt verriet ich ihm, der Versuch habe auch er- 
geben, es sei etwas mit seinen Gefühlen nicht in Ordnung, er habe Mühe, 
sich anzupassen, und er müsse eine innere Angst bekämpfen. 

Und nun war alles vorbereitet, daß man Adolf über seine Kameraden, 
seine Lehrer und seine Streite referieren lassen konnte. Er war jetzt in 
seinem Übertragungsverhältnis zu mir 6chon so weit, daß sein Bericht die 
Form einer Beichte annahm — er klagte sich und die anderen an und 
erwartete von mir vertrauensvoll Verständnis und Hilfe. Es zeigte sich immer 
deutlicher, daß Adolf wirklich so etwas wie ein Sündenbock war und daß 
er häufig für die Kameraden hatte ausfressen müssen. Aber es wurde auch 
ersichtlich, daß er provozierte — daß er seine Handlungen, seine Mithilfe 
bei Streichen und seine Antworten bei den Untersuchungen durch die 
Lehrer so arrangierte, daß man glauben mußte, er sei der Rädelsführer 
gewesen. Die Strafe ertrug er dann stoisch. 

„Ich denke, es müsse so sein, das sei mein Schicksal," meinte er. 

In einer dritten Sitzung bewies ich ihm anhand des von ihm geliefer- 
ten „Materials", daß er mit seinen Streitereien Strafe suchte. 

Er war dabei sehr ernst, die Tränen standen ihm zuvorderst, und er 
erzählte, meine Deutung bestätigend, wie er sich seinerzeit mit seinem 
Brüderchen stritt und eigentlich erst „zufrieden" war, wenn ihn sein Vater 
abstrafte. 

Meine Damen und Herren! Sie haben gewiß alle erraten, woher das un- 
bewußte Strafbedürfnis Adolfs stammt. Er bucht die erlittene und manch- 
mal tatsächlich „ungerechte" Strafe auf ein anderes Schuldkonto als Ab- 
zahlung: auf das seiner geheim gehaltenen „Sünde". 

Vom Elternhause erhielt ich nach der dritten Sitzung den Bericht, Adolf 
sei verändert heimgekommen, nachdenklich, während er sonst eher lebhaft 
und fahrig war, und es scheine, daß er seine Gassenkameraden zu meiden 
beginne, man habe auch aus der Schule einen günstigeren Wochenbericht 
erhalten. 

Zwischen den Zeilen las ich, daß die Eltern weitere Sitzungen als über- 
flüssig betrachteten. Ich wußte aber, daß der Veränderung noch nicht zu 
trauen war, ich schrieb ihnen, sie möchten sich von der Wendung nicht 
täuschen lassen und mir den Jungen noch ein paar Stunden überlassen. 
Ich erinnerte sie an die anfängliche „Besserung" nach den Besuchen bei 
dem Individualpsychologen und verhehlte nicht, daß Adolfs Zustand jetzt 
ungefähr der gleiche sei wie damals. Um eine völlige Besserung zu er- 



— 194 — 



reichen, seien noch mehrere Sitzungen nötig. Ich hoffte, ihnen später nach- 
weisen zu können, warum das so sein müßte. 

Bei der nächsten Zusammenkunft mit Adolf empfing ich ihn mit den 
Worten: „Wir müssen nun nach der Ursache deines Wunsches nach Strafe 
suchen. Du mußt irgend etwas auf dem Gewissen haben, das dich plagt, 
eine geheime Schuld. Was ist das für eine Schuld?" 

Mit gesenktem Kopf antwortete er: „Ich weiß es nicht!" Es klingt wie 
ein Seufzer. 

„Besinne dich!" sage ich zu ihm und warte eine Weile. 

„Ich will dir auf die Spur helfen. Du hast mir nämlich deine Schuld 
schon bei der ersten Sitzung verraten ! 

Blitzschnell schaut er zu mir auf, erstaunt. 

„Gewiß hast du im Beligionsunterricht von den Träumen Josephs und 
Pharaos gehört, nicht?" 

Er nickt. 

„Auch heute noch haben die Träume etwas zu bedeuten. Und im Ver- 
lauf unserer ersten Sitzung hast du mir den Traum von dem Marmel- 
säcklein erzählt." — Ich wiederhole ihm den Traum langsam, betont, satz- 
oder wortweise, damit er Zeit habe, selber den Sinn zu erraten, soweit ihm 
das möglich ist. Nachher frage ich: „Hast du verstanden, was der Traum 
verrät?" 

Zuerst schüttelt er den Kopf. Dann gibt er zu: „Ich weiß es — un- 
gefähr weiß ich es!" Die Worte sind mehr sich selbst zugemurmelt, als 
zu mir gesprochen, aber an seiner Haltung ist ersichtlich, daß er begriffen 
hat, worum es sich handelt. 

Jetzt darf ich schon direkt fragen: „Seit wann treibst du das geheime 
Spiel?" 

Das Eis ist gebrochen. Ich vernehme, wie er von einem Klassenkame- 
raden der städtischen Realschule, Sohn aus besten sozialen Kreisen, in der 
Onanie unterrichtet wurde, wie er der Gewohnheit verfiel und dagegen an- 
kämpfte. Die üblichen Onaniebefürchtungen werden von Adolf aufgezählt: 
die Angst, seine „besten Kräfte" zu verlieren, zu verblöden, sich zu schwächen . 

Es wird klar, warum er in der Schule nicht leisten konnte, was seinen 
Fähigkeiten entsprach. Die Befürchtungen wirkten suggestiv — 
Leistungsverminderung bewies die erwartete angehende Verblödung und 
war zugleich eine direkte Strafe für die Onanie, Für den „verblödenden" 
Jungen war der Umgang mit Gassenjungen, die nur die Primarschule be- 
suchten, angemessen. Und weil ein Realschüler einst der Verführer ge- 
wesen war, verstehen wir auch Adolfs Opposition gegen seine nächsten 
Schulkameraden. Der Unwille, der ursprünglich nur dem einen, dem Ver- 
führer galt, übertrug sich auch auf die andern. 

Es ist noch zu berichten, wie die Erziehungshilfe abgeschlossen wurde. 
Ich hatte nun soviel Macht über den Jungen, daß er mir wie ein 
Gruppenindividuum seinem Führer glaubte. Diese Bindung 

- 195 - 



nutzte ich aus, um ihm eine mäßige Onanie als unschädlich zu erlauben, 
und um ihn zugleich anzuhalten, sich in der Selbstbeherrschung zu üben 
und nicht jedem kleinen Gelüste gleich nachzugeben: er solle sich be- 
mühen, die Intervalle immer weiter hinauszuschieben, und wenn er seinem 
Drange erliege, so solle er sich nachher keine langen Skrupel machen. 

Ich sah ihn zuerst einen, nachher drei Monate später nochmals und er- 
hielt von ihm die Erlaubnis, mit seinem Vater offen heraus zu reden. 
Erst jetzt konnte ich diesen über die Details unterrichten und ihn wegen 
der Onanie beruhigen, der gegenüber er übrigens eine sehr vernünftige 
Stellung einnahm. Später erhielt ich einmal einen freiwillig abgefaßten, 
dann einen verlangten Bericht von den Eltern, beide lauteten günstig. 
Man hat den Burschen in der Privatschule behalten können, seine Leistun- 
gen haben zugenommen, seine Sittennote läßt nicht mehr zu wünschen 
übrig, er verträgt sich mit seinen Schulkameraden, er gewann sich aus 
seinen sozialen Kreisen neue Freunde, und seine Rauflust ist anscheinend, 
dauernd behoben. 

Wahrscheinlich ist der Erfolg vollständig. 

Bevor wir diesen Fall weiter diskutieren, möchte ich Ihnen einen zweiten 
vorführen. 

Eine elfjährige, langgeschossene und spindelmagere Tochter bringt ihre 
Eltern dadurch zur Verzweiflung, daß sie plötzlich für nichts mehr rechtes 
Interesse aufbringt als fürs Essen. Sie ist das Kind einer mittleren Fabrikanten- 
familie und das zweite einer vierköpfigen Geschwisterschar. Ein Junge ist 
zwei Jahre älter, ein Schwesterchen vier Jahre jünger. Das letzte Kind, 
ein Bübchen, ist ungefähr ein Jahr alt und hat eben das Gehen erlernt. 

Die Mutter hat die Erziehungsberatung aufgesucht und berichtet über 
ihr Sorgenkind. 

Es heißt Lilli. In den ersten Lebensjahren war es kränklich, hatte 
häufig Fieber, und man zweifelte eine Zeitlang daran, daß man es durch- 
bringen könne. Nach seinem dritten Lebensjahre jedoch kräftigte es sich- 
aber es war ein trotziges, während seiner Krankheiten etwas verwöhntes 
Kind geworden und zeigte große Lebhaftigkeit. Lange Zeit brauchte es, 
um sich an die Reinlichkeitsregeln zu gewöhnen; bis zum Alter von 
sieben Jahren näßte es noch, wenn auch nur gelegentlich, das Bett. Die 
Mutter war froh, als Lilli zur Schule mußte. Dort wurde sein lebhaftes 
Temperament ein wenig gebändigt. Es lernte ordentlich, schleppte zahl- 
reiche Kameradinnen und Kameraden heim, und man merkte ihm nichts 
Absonderliches an: es schien, als entwickle sich die Kleine ganz in 
Ordnung. 

Ungefähr mit neun, neuneinhalb Jahren zeigten sich dann nach und 
nach immer deutlichere Veränderungen in Lillis Charakter. Am auffällig- 
sten traten zuerst zwei hervor: das Mädel sprach wenig mehr, ver- 
lor sein Interesse an Freundschaften und Gemeinschafts- 
spielen, wurde eine kleine Einsame, daneben zeigte es ein a u ß e r- 



196 - 



ordentliches Zärtlichkeitsbedürfnis gegenüber den Eltern, 
die es bei allen passenden und unpassenden Gelegenheiten umarmte und 
stürmisch verküßte, ohne aber dabei zu sprechen. 

Nachdem dieser Schub von tätlicher Zärtlichkeit als Überrest der ehe- 
maligen Lebhaftigkeit etwas verebbt war, wurde eine mehr als gewöhn- 
liche Unordentlichkeit an Lilli bemerkt; sie ließ in ihrem Zimmer- 
chen, das sie mit der jüngeren Schwester teilt, alles liegen, was sie aus 
Schrank und Kasten hervornahm und zeigte eine auffällige Indifferenz 
für alle Reinlichkeitsprozeduren. Sie putzte sich nachlässig, 
wenn sie auf dem Abort gewesen war, und die Mutter schämte sich, wenn 
die Wäscherin Lillis Leibwäsche ins Wasser legte. Dazu kam als letzte 
Eigentümlichkeit die Freßsucht. Die Familie war gut genug gestellt, um ihre 
vier Kinder reichlich und richtig zu ernähren. Aber die Mengen, die Lilli 
verschlang, standen in keinem Verhältnis zu ihrer Magerkeit. Zudem wurde 
sie beschämend naschhaft; im Küchenschrank, in der Speisekammer, im 
Keller war nichts mehr vor der Tochter sicher: sie erbrach die Töpfe mit 
Eingemachtem und war gleich erpicht auf Süßes wie Saures, Essiggurken 
naschte sie ebensogerne wie sterilisierte Früchte und Konfitüren, sie klaute 
Käse, Fleischreste, Wurste, und wenn nichts anderes erreichbar war, so 
nahm ihr Heißhunger auch mit gesottenen Kartoffeln Vorlieb, als ob 
es Leckeibissen wären. 

Man hätte ihr die Absonderlichkeiten schließlich noch nachgesehen, 
auch die, daß sie sich mit der jüngeren Schwester so schlecht vertrug, 
daß man ihr ein eigenes Zimmerchen überlassen mußte. Denn die Un- 
arten wurden nach außen nicht so sehr sichtbar. Lilli wurde gezwungen, 
häufig ihre Unterkleider zu wechseln, man überwachte sie, wenn sie sich 
wusch, badete, kämmte, man inspizierte ihr Zimmerchen und ging nicht 
weg, bis sie darin Ordnung gemacht hatte. Man hielt sie an, die Rein-, 
lichkeitsprozeduren nach einem gewissen Stundenplan durchzuführen; 
mit liebevollem Zuspruch, Vorhalten, Strenge und Strafen, aber auch mit 
vermehrter Speisenabgabe suchte man sie von ihrer Näscherei zu heilen. 
Das ließ sich alles innerhalb der Familie durchführen. 

Es waren gewisse Erfolge festzustellen. Um den Strafen zu entgehen, 
befolgte Lilli den Stundenplan, der ihre freie Zeit regelte. Die Nasch- 
haftigkeit flaute ein wenig ab, und man war mit dem Erfolg zufrieden, 
weil man sich richtig überlegte, daß eine Sucht nicht von einem Tag auf 
den andern verschwinden konnte. 

Nur zum Sprechen brachte man Lilli nicht. Ihr Interesse am Lernen 
wurde trotz Aufgabenbuch, elterlicher Kontrolle und Nachhilfestunden im 
Rechnen und Aufsatz so schwach, daß sich die Eltern für Lillis Zukunft 
großen Kummer machten. 

Der Hausarzt konnte gegen die Freßsucht nichts ausrichten. Er erklärte 
die Magerkeit Lillis damit, daß sie die eingenommenen Speisen gar nicht 
verdauen konnte, weil immer neue nachdrängten. Und wirklich, in einem 



- 197 - 



Ferienheim, wo die Tochter nur viermal des Tages essen konnte und 
elterliche Lebensmittelsendungen nicht erlaubt wurden, nahm sie innert 
fünf Wochen zwei Kilo an Gewicht zu. Sie hatte dort auch keine Speisen 
entwendet. 

Zuhause war es nicht möglich, ihr die Rationen abzumodeln. Sobald 
man eine solche Maßnahme einführte, stahl Lilli einfach, was zu erlangen 
möglich war, sogar die Auf Strichbrötchen ihres Schwesterchens. In ihrer 
Sucht zeigte sie sich auch nicht mit harten Strafen erziehbar, und die 
Eltern, in Erinnerung an ihre einstige Kränklichkeit, wollten sie nicht 
hungern lassen. 

Soweit der Bericht der Mutter, der empfohlen wurde, das Kind zu be- 
stimmter Stunde herzubringen. 

Sie kamen im Auto. Es war ein warmer Aprilnachmittag. Mein damals 
etwa neunjähriges Töchterchen befand sich auf dem Spielplatz vor dem 
Hause und hatte zu ebener Erde mit Sand und Wasser gerade einen 
„Kuchen" zubereitet, Lilli kommt die Treppe hinauf, entdeckt die Spielende, 
und statt ihren Weg fortsusetzen, kauert sie nieder und tätschelt den Kuchen 
mit Wonne. 

Die Mutter reklamiert sofort, weil sich die Tochter die Hände beschmutzt 
und mich nicht mit Anstand begrüßen kann. 

Ich mische mich ein. „Komm, Lilli!" sage ich und fasse sie um den 
Nacken. „Wir wollen die Hände dort reinigen gehn", und ich weise auf 
ein Wasserbassin im Garten. 

Sie folgt mir, und, nachdem die Hände sauber sind, ergreift sie meine 
Rechte und drückt sich mit ihrer ganzen Seite an mich heran. Bei alle- 
dem spricht sie kein Wörtchen. 

Nachdem die Mutter eine Zeitlang mit mir geredet hat, fährt sie weg, 
um zwei Stunden später Lilli wieder abzuholen. 

Unterdessen spielen wir, Lilli, mein Töchterchen und ich, mit Sand, 
Lehm und Wasser. Meine Kleine und ich plaudern beständig dazu. Wir 
machen zuerst eine Burg mit Tunneln, eine Wasserleitung, meine Frau 
bringt Lilli eine alte Schürze, und dann wird mit Lehm geknetet: Tische, 
Stühle, Männlein. Die Tische werden mit Lebensmitteln aus Lehm überstellt. 

Meine Kleine und ich wenden uns, wenn es das Spiel ergibt, auch an 
Lilli, sie muß dies und das machen. Meinem Mädelchen gibt sie kurze 
Antworten, mir gegenüber verhält sie sich völlig stumm. Dann schüttet 
mein Töchterchen Wasser in den Lehmkübel und preßt die Masse jauch- 
zend zwischen den Fingern durch. 

Lilli ist begeistert, sie faßt auch zu und tut ihre erste spontane Äuße- 
rung, die nicht gerade salonfähig klingt: „Schau, wie das scheißt! Dann 
erschrickt sie ob sich selber, beißt sich auf die Unterlippe, senkt das Köpf- 
chen und blickt schräg zu mir hinüber, was ich für ein Gesicht mache. 
Aber ich tue dergleichen, als hätte sie nichts Unanständiges geäußert und 
spiele weiter. 

- 198 — 



Lilli ist aufgestanden, schaut eine Weile tatenlos zu, dann bückt sie 
sich wieder und sagt: „Das darf man bei uns nicht. Die Nägel werden 
schwarz!" Aber jetzt greift sie wieder zu, man sieht, wie groß ihre Lust 
dabei ist. 

„Habt ihr zu Hause kein Plastilin?" frage ich. 
„Doch, aber das ist nicht so schön!" gibt sie Antwort. 
„Warum denn nicht?" 

Sie rümpft das Naschen. „Ich hasse den Geruch!" 
„Und mit Sand, spielt ihr zu Hause nicht mit Sand?" 
„Nicht viel. Man verdreckt sich damit. Und ich habe keine Zeit!" 
Man hört ein Auto surren. Lilli steht erschrocken auf und hält Aus- 
schau. Ich errate, was sie befürchtet. 

„Spiele nur ruhig weiter. Ich will die Mutter empfangen gehn!" 
Rasch wasche ich die Hände und gehe auf die Straße. Wie der Schlag 
aufgemacht wird, flüstere ich, nach oben deutend, der Frau zu: „Bitte, 
sagen Sie nichts!" und laut lade ich sie ein, ins Haus zu kommen. Lilli, 
mit ihren verschmierten Händen, ist aufgestanden und erwartet die Mutter 
wie zur Bildsäule erstarrt. Nachdem die Frau mit einem Kopfnicken vor- 
beigegangen ist, wird weiter gespielt. 

Drinnen spreche ich mit der Frau. Sie wundert sich, als sie vernimmt, 
daß ihr Töchterchen ein ganzes Halbdutzend Sätze zu mir gesprochen hat. 
Es stellt sich nun heraus, daß die Mutter als Städterin aus guten Kreisen 
die Hygiene außerordendlich schätzt. Sie war einst gezwungen, Lilli rasch 
und dringend an Reinlichkeit zu gewöhnen, weil sie sich nicht mehr so 
viel mit ihr beschäftigen konnte, als das dritte Kind anrückte. 

Nachdem Lilli während ihrer ersten drei Lebensjahre, ihrer kränklichen 
Zeit, nachsichtig behandelt und verzärtelt worden war (was durchaus 
verständlich ist), erlebte sie mit der Ankunft des Schwesterchens plötzlich 
von Seiten ihrer Mutter Ungeduld und Strenge. Der abrupte 
Wechsel mußte das Kind verwirren. Daß es dagegen seinen Trotz mobi- 
lisierte, ist kein Wunder. 

Wir haben vernommen, daß sich die Veränderung im Wesen des Mäd- 
chens im Verlaufe des zehnten Lebensjahres vollzog. Wir erraten, daß da 
etwas geschehen ist, das als Ursache der Veränderung angesehen werden 
muß. In diese Zeit fällt die letzte Schwangerschaft der Mutter und die 
Geburt des jüngsten Brüderchens. 

Vermutlich ist der Zustand der Mutter vor der Geburt ihres Söhnchens 
dem Töchterchen nicht unauffällig geblieben. Die Frau bestätigt, daß sie 
Lilli und die anderen Kinder darauf aufmerksam gemacht habe, daß ein 
neues Geschwisterchen anrücken werde. Bei dieser Gelegenheit hat sie Lilli 
ein Stück Sexualaufklärung gegeben: Sie trage das kommende 
Kind unter ihrem Herzen, und wenn es groß genug sei, so würde 
es hervorkommen. 

Aus Erfahrung weiß ich, daß die Geburt neuer Geschwister bei den 



- 199 - 



älteren Kindern nicht immer nur eitel Freude bedeutet, auch wenn die 
wahren Gefühle, oder die mitschwingenden unfreundlichen Strebungen 
nicht geäußert werden. So sehr Kinder an dem lebendigen Püppchen 
Freude haben, es bedeutet doch immer ein neues Teilen-müssen in die 
Liebe der Eltern. Ein Säugling ist in jedem Hause — wenigstens 
eine Zeitlang — die Hauptperson, um die sich alles zu drehen hat; man 
darf nicht mehr Lumen, man muß allerlei andere Rücksichten nehmen, 
die Eltern haben nur noch Interesse für den Ankömmling, reden kaum 
über etwas anderes und tun so, als ob die älteren Kinder nicht mehr 
zählten wie vorher. Die Konkurrenz in der Liebe und Aufmerksamkeit 
der Eltern durch den Säugling wird außerordentlich scharf empfunden, 
weckt Ärger und Ablehnung. Und wo diese sich nicht direkt in Worten 
äußern kann, bricht sie aus als Gebärde, als Haltung, als Charakterver- 
änderung oder gar als neurotisches Symptom. Es kommt — beispielsweise 
— nicht selten vor, daß ältere, bereits stubenreine Kinder nach der Ge- 
burt eines jüngeren Geschwisters wieder anzunässen beginnen. 

Im Falle Lilli vermute ich, sie habe unter dem Eindruck der 
Geburt ihres Brüderchens in ihrerEntwicklung auf eine 
frühere, bereits mit vier oder fünf Jahren überwundene 
Stufe regrediert, und daher stamme ihre außerordentliche Freude an 
Spielen mit Wasser und Lehm. Das Spiel ist ihr ein Ersatz für noch 
primitivere Beschäftigungen mit Nässen und Schmieren. 

Die Vermutung, gestützt auf die Kenntnis der Triebpsychologie, der 
Äußerungen Lillis und ein wenig auf gut Glück gefaßt, teile ich der Frau 
mit. Ich sage ihr auch, daß ich von der Freßsucht noch gar nichts wisse 
mein diesbezüglicher Versuch mit dem speisengefüllten Lehmtische, habe 
zu keinem Ergebnis geführt. Nun nehmen wir Lillis Freizeitstundenplan 
vor und ich empfehle der Frau, ihn aufs äußerst Notwendige zu reduzieren. 
Die Zimmerinspektionen müssen aufhören, Lilli soll die ärgste Unordnung 
halten können, und sie soll sich verschmieren dürfen. An den zwei Frei- 
nachmittagen will man sie zu mir herausbringen. Die Frau ist natürlich 
erschrocken über meine Anordnungen. Ich bitte sie um ein Halbjahr Zeit 
und spreche die Hoffnung aus, daß innerhalb dieser Spanne Lilli selber 
ein Ordnungs- und Reinlichkeitsbedürfnis entwickeln werde — wenn nicht, 
so könnten dann Stundenplan, Aufsicht und Zwang wieder einsetzen. 

Und nun zeigte sich bald folgende Veränderung: In dem Maße, wie 
man Lilli in ihrem Unordentlichkeitsbedürfnis walten 
ließ, wurde sie wieder mitteilsamer, und in dem Maße, 
wie sie auf dem Wege des gesprochenen Wortes ihr 
Zärtlichkeitsbedürfnis sättigen konnte, hatte sie nicht 
länger nötig, es durch übermäßige körperliche Lieb- 
kosungen auszudrücken. 

Während der nächsten Zusammenkünfte bei mir wurde weiter gespielt 
und immer mehr geplaudert. Als das Wetter einmal schlecht war, sodaß 

— 200 — 









Spiele draußen nicht gemacht werden konnten, wurde drinnen mit Tuben- 
farben gemalt. Später gingen wir zu Farbstiften und Scherenschnitten über, 
und dann wurden Figuren und Farbenflecke gruppiert. Die Lehmspiele 
verloren an Bedeutung. Von Lillis Mutter wurde gemeldet, daß das Töchterchen 
angetroffen worden sei, wie es im Badezimmer die Fläschchen 
und Utensilien nach Farben und Größen gruppierte; das 
war der Beginn ihres selbstempfundenen Ordentlichkeits- 
bedürfnisses. 

Über den Zusammenhang und die Ursachen von Lillis Freßsucht merkte 
man erst beim Papierschneiden etwas. Lilli schnitt stundenlang menschliche 
Figuren aus, die sie dann als ihre, oder die Kinder einer „Hexe" 
bezeichnete; nachher schnitt oder riß sie den „Hexenkindern' - ' die Köpfe 
weg. Damit zeigte sie deutlich die Ambivalenz ihrer Gefühle dem kleinen 
Bruder, den Geschwistern und der Mutter gegenüber. Aber sie zeigte auch, 
daß sie selber gern Kinder haben wollte — und mehr und 
mehr gewannen die Puppen als Spielzeuge an Bedeutung. Bei der Beobachtung 
der beiden spielenden Mädchen konnte ich einst eine Bemerkung auf- 
schnappen, die schlaglichtartig den Grund der Freßsucht aufdeckte. Es 
war unterdessen Juli geworden, und die Kinder bereiteten ihren Puppen 
„Küchlein aus Boggenäpfeln und speisten sie damit. Eine der Puppen 
war „die Mutter", eine andere, kleinere, „das Kind". Und nun äußerte sich 
Lilli: „Gib der Mutter nicht viel zu essen, sonst wächst 
ihr ein neues Kindlein unter dem Herzen!" 

Sie beschäftigte' sich also, angeregt durch die teilweise sexuelle Auf- 
klärung ihrer Mutter mit der Frage: „Wie kommt das Kind in die 
Mutter hinein?" und sie gab sich darauf die Antwort: „Indem diese 
viel ißt!" 

Auf sich selber bezogen — sie wünschte sich ja viele Kinder, wie sie 
beim Papierschneiden gezeigt hatte — unterlag sie einem unstillbaren Eß- 
wunsch, aus dem sich nebenbei die Naschhaftigkeit entwickelte. Wir haben 
gehört, daß Lilli damals in der Ferienkolonie keine Speisen stahl. Solches 
geschah nur zu Hause. Das legt die Vermutung nahe, daß sie eigentlich 
ihre Mutter berauben wollte; sie, Lilli wollte sich jene Speisen 
einverleiben, deren Folgen Kinder waren; die Mutter 
sollte sie nicht haben. 

Diese wurde von der Beobachtung und den daraus zu ziehenden Schlüssen 
unterrichtet und gebeten, ihrem Kinde ein weiteres Stück Sexualaufklärung 
zu geben, damit es nicht länger die Phantasie von der oralen Konzeption 
aufrecht zu erhalteD brauche. 

Zugleich, nachdem nun bald alles wieder in normale Bahnen gelenkt 
worden war, mußte dafür gesorgt werden, daß das Kind sein starkes 
Mütterlichkeitsgefühl irgendwo anbringen konnte. Da mir schien, 
neue Puppen allein genügten dazu nicht (Lilli besaß Puppen und war 



Zeitschrift f. psa. Päd.,VII/5 6 — 201 — 



H 



schon fast zu alt für Puppenspiele), wurde empfohlen, daß die Mutter ihr 
ein Kätzchen schenke. 

Die Mutter mußte das Geschenk machen. Lilli war ja auf sie eifer- 
süchtig, weil die Mutter und nicht sie ein Kind bekommen hatte. Das 
kleine Kätzchenkind konnte wie eine Entschädigung aufgefaßt werden. 

Mit dem Geschenk wurde noch eine andere Absicht verfolgt und mit 
der Mutter durchbesprochen. Lilli würde die Erzieherin des Kätz- 
chens zur Reinlichkeit sein. Das bedingte, daß sie sich mit 
denReinlichkeitsforderungen der Mutter identifizierte, 
und daß sie, die nun selber „Mutter" gewordene, die Reinlichkeitsforderungen 
als eigenen inneren Anspruch fühlte, und ihrem „Kinde" mit 
gutem Beispiel voranging, selber sich der Reinlichkeit befliß. 

Ein Jahr später konnte Lilli die Prüfung für die Mittelschule bestehen 
und es kamen keine Klagen mehr über absonderliches Verhalten. Sie ver- 
trug sich auch mit ihrem Schwesterchen wieder besser, das sie wie mein 
Töchterchen als Spielkamerad benutzte. 

Und nun, meine Damen und Herren, wollen wir die beiden Fälle über- 
blicken. Sie haben gewiß den Eindruck erhalten, daß es nicht sehr leicht 
ist, Erziehungshilfe mit psychoanalytischen Mitteln zu betreiben. Sie können 
sich gewiß auch denken, daß es leichter ist, nachträglich gut geratene 
Auflösungen von Erziehungsschwierigkeiten darzustellen, als vor den Rätseln 
zu stehen, die einem von den Symptomen schwererziehbarer Kinder auf- 
gegeben werden. 

Es sind Ihnen hier zwei gelungene Beispiele vorgeführt worden. Ich 
habe mich absichtlich auf so wenige beschränkt 1 , um ihnen Gelegenheit 
zu geben, nicht nur ganz oberflächlich in die Zusammenhänge hineinzu- 
sehen, wie es hätte der Fall sein müssen, wenn ich Ihnen eine verwirrende 
Fülle „klinischen Materials" vorgelegt hätte. 

Ich möchte Ihnen auch hier nochmals sagen, daß psychoanaly- 
tische Pädagogik sich nicht in allen Fällen eignet. Aber 
häufig gerät mit ihr die Erziehung, wenn alle anderen übrigen Mittel 
versagt haben. Von den Fällen, die sich als psychoanalytisch angreifbar 
erweisen, können nach meiner Erfahrung drei Viertel ungefähr als 
Erfolge gebucht werden. 

Beim ersten Beispiel haben Sie einen Jungen angetroffen, der aus 
einer falschen Gewissensreaktion, aus unbewußten Schuld- 
gefühlen zu asozialem Verhalten gedrängt wird und sich 
einen Teil seiner Intelligenz als S tr a f b e d ürf n i s ab- 
drosselt. Die Bewußtmachung der unbewußten Motoren, mit aller Vor- 

1) Weitere Beispiele in Zulliger, „Gelöste Fesseln", Verlag Huhle, Dresden; 
„La psychanalyse ä l'ecole", Verlag Flammarion, Paris; „Psychoanalytische Erfahrungen 
aus der Volksschulpraxis", Verlag Huber, Bern; „Aus dem unbewußten Seelenleben 
unserer Schuljugend", ebenda. 









202 - 



sieht und Sorgfalt und unter Ausnutzung einer günstigen Übertragung er- 
arbeitet, wirkte endlich lösend, befreiend. 

An meinem Berichte hat Sie vielleicht eine Tatsache irritiert: daß ich 
dem Jungen die Onanie nicht nur nicht verbot, sondern direkt erlaubte. 
Ich habe Ihnen jedoch auch gezeigt, wie ich sie bekämpfe: von einer ganz 
anderen Seite her als mit den üblichen Drohungen und der Unterdrük- 
kung — ich suchte den Willen zur Selbstbeherrschung, den soldatischen 
Geist der Selbstzucht zu mobilisieren. Eine Meisterung aus freiem 
Willen ist ethisch wertvoller als eine solche aus Angst 
und Straferwartung. Angst ist kein lebenbejahender Faktor, und ich 
halte sie für ein zweifelhaftes Erziehungsmittel, obschon ich weiß, daß 
sie als solches meist rasch und bequem wirkt. 

Bei Adolf kam zudem in Betracht, daß er die Onanie als Selbstbestrafung 
benutzte; der Traum zeigte, daß die Onanie nicht allein dem Drang nach 
Lust entsprungen war, sondern zugleich die Bedeutung der Kastration im 
Sinne einer Sühne angenommen hatte. („Verdummung" als Suggestions- 
wirkung) Ich habe die Beobachtung gemacht, daß der Onaniewunsch bei 
solcher Einstellung immer beträchtlich an Intensität verliert, sobald der 
Onanie die Bedeutung einer Selbstbestrafung genommen werden kann. 

Es ist hier nachzutragen, daß auch Träume von Flugunglücken unbe- 
wußte Straftendenzen ausdrücken. 

Im zweiten Falle handelte es sich um ein Mädchen, das unter der Ein- 
wirkung eines Erlebnisses und — vielleicht für das betreffende Kind — 
nicht zeitgemäßer, jedenfalls mangelhafter Aufklärung auf eine bereits über- 
wundene Entwicklungsphase zurückfiel und von einer Phantasie her in 
eine Unart hineingetrieben wurde. 

Am Beispiel über Lilli sind undurchsichtige Reste geblieben. Wir wissen 
nicht sicher, was die Unordentlichkeit, Unreinlichkeit, das Schweigen und 
die Überzärtlichkeit für eine Bedeutung haben. Wir können aber die Zu- 
sammenhänge unschwer erraten. Es wurde beobachtet, daß die Zärtlichkeits- 
regungen abnahmen, als sich Lilli wieder mit Worten ausdrücken konnte. 
Die Überzärtlichkeit entsprach also einem Mittel, um durch Gebärden 
Dinge zu sagen, die der Mund nicht sagen wollte oder konnte. 

Nicht reden ist häufig eine Trotzäußerung, und diese braucht nicht 
bewußt zu sein. Die Psychoanalyse hat nachweisen können, daß der Trotz bei 
der Reinlichkeitsgewöhnung erlernt wird und sich in ein „Nichthergeben- 
wollen von Worten" (analog dem „Nichthergeben-wollen des Stuhls") um- 
setzen kann. Ordnungssinn und Reinlichkeit — das wissen wir seit Freuds 

Trieblehre — sind Reaktionsbildungen gegenüber einstiger koprophiler und 
urethraler Strebungen. 

Auf unbewußte Wut und unbewußten Trotz Lillis gegenüber der Mutter 
ließen die Spiele schließen; den „Hexenkindern" wurden die Köpfe abgeschnit- 
ten und die als Mutter bezeichnete Puppe sollte nur wenig zu essen bekommen, 
damit sie nicht imstande sei, ein neues Kind unter dem Herzen zu tragen! 

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Wir gehen wohl nicht fehl, wenn wir annehmen, unbewußter Trotz 
liege an den Wurzeln der Redehemmung und am Rückfall in Unordent- 
lichkeit und Unreinlichkeit. 

Aus dieser Einsicht heraus wurde zu den „dreckigen" Spielen gegriffen. 
Die erste Handlung Lillis gab dazu einen deutlichen Fingerzeig. Die noch 
sehr primitive Beschäftigung mit Lehm wurde nach und nach durch 
sublimere Spiele ersetzt, bis sich zuletzt das Bedürfnis nach Ordnung von 
selbst — entwicklungsmäßig — ergab. Lilli hat wohl, gleichsam 
komprimiert, ein Stück jugendlicher Freuden mit dem Erdreich nachgeholt, 
die leider vielen Stadtkindern für immer versagt bleiben, und deren Aus- 
fall nicht unbedeutend für ihre Charaktergestaltung ist. 

Wenn Sie mich nun fragen, welche Rolle der Erzieher bei der psycho- 
analytischen Pädagogik eigentlich spielt, so will ich Sie daran erinnern, 
was es für gewöhnliche Erziehungsmittel gibt: Wir haben die Liebe und 
die Strenge gefunden. Alle Eltern werden sagen: „Wir versuchten es zuerst 
mit der Liebe, und als diese zu keinem Ziele führte, ließen wir auch kein 
Register der Strenge unversucht. 

Die Berufspädagogen begehen nun häuiig den Irrtum, daß sie sich zu- 
trauen, was den Eltern mit Liebe und Strenge nicht geraten sei, das gelinge 
ihnen mit den gleichen Mitteln. 

Es gibt eben Kinder, bei denen die beiden üblichen pädagogischen Mittel 
in keiner Mischung Erfolg haben. Dann bleibt noch der Weg der Psycho- 
logie übrig, das Auflösen der Ursachen, die die Kinder vom natürlichen 
Wege abgedrängt haben und sie dissozial erscheinen lassen. Dabei spielt 
der Pädagoge, je nachdem wie es ihm richtig erscheint und er die Situation 
erkennen kann, bald den gutmütigen Onkel, bald den älteren Bruder, den 
strengen Vater, den Spielkameraden, die fordernde Autorität, den Mitver- 
schworenen usw. Immer aber führt er das Kind in sich hinein und aus dem 
Inferno seelischer Spannungen heraus; seine Rolle ist die eines Führers. 

Sie entgegnen mir, daß jeder Erzieher den Kindern gegenüber eine be- 
stimmte Rolle spiele, die befehlende eines Vaters, die gütige einer Mutter usw. 

Gewiß, aber sie geben sich häufig darüber nicht Rechenschaft, sie sind 
in ihrer Rolle stereotypisiert und affektiv daran beteiligt. Wo ein Kind 
beispielsweise einen Erzieher ablehnt, der Autorität mit äußerlichen Mitteln 
durchsetzen will, fühlt er sich persönlich beleidigt und reagiert daher nicht 
mehr sachlich. Ebensowenig kann dies einer, der in die Kinder verliebt ist 
und als Liebender Gegenliebe erwartet: die Kinder enttäuschen ihn in seinen 
Liebesansprüchen, er wird deprimiert, resigniert und verliert allen Humor, 
ohne den man nicht erziehen kann. 

Ich habe Ihnen gesagt, daß eine Anzahl der dissozialen Fälle, die für 
psychoanalytische Erziehungshilfe in Betracht kommen und von ihr in An- 
griff genommen werden, mißraten. Daran ist manchmal das Verhalten der 
Eltern schuld. Gar nicht so selten wären die Kinder nie auf einen Abweg 
gekommen oder sofort wieder „normal", wenn man die Eltern be- 






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handeln könnte. In solchen Fällen sind Milieuveränderungen 
für die Kinder als allererste Maßnahme angezeigt. 

Wenn Eltern — unwillentlich — eine Behandlung ihrer dissozialen Kinder 
stören, dann hat das gewöhnlich einen tieferen Sinn. Sie wollen im Grunde 
genommen gar nicht, daß ihre Sprößlinge anders werden, 
denn sie sättigen am Bewußtsein, vom Schicksal mit einem 
„schlimmen" Kinde belastet zu sein, eigene unbewußte 
Schuldgefühle und eigenes S t r af b e d ü r f n i s. 

Meine Damen und Herren, ich weiß nicht, ob Sie mich verstanden 
haben, als ich Ihnen meine Zweifel am Rezept des erwähnten Zwangser- 
ziehungs-Anstalts-Direktors kundtat. Durch meine Arbeiten, in einen Bruch- 
teil derer Sie heute Einsicht bekamen, gewann ich die Überzeugung, daß 
eine Besserung Dissozialer nur durch Veränderung der seelischen Kräfte- 
konstellation zustande kommt, daß dies ein außerordentlich verwickelter 
Ablauf ist, und daß Unterdrückung und Angstausnutzung dazu kaum genügen. 
Vielleicht schelten Sie mich Zweifler und Pessimist und halten mir vor, 
ich vergäße, daß während einer Jahre dauernden Anstaltszeit eine Menge 
günstiger Beeinflußungsfaktoren auf einen Zögling einwirken, Faktoren, 
die nicht programmäßig zum voraus bestimmt werden können und nie 
registriert werden, aber von entscheidender Wichtigkeit sind: die momentanen 
erzieherischen Einfälle der Aufsichtsorgane. 

Dann, entgegne ich, sind aber nicht die blauen und dunklen Zellen 
verantwortlich zu machen. 

Grau sei alle Theorie, sagen Sie mir weiter, und gerade darum, weil 
wir kein einziges allgemein gültiges Rezept in der Erziehung kennen, sei 
es viel wichtiger, daß der Erzieher eine Persönlichkeit sei 
und seinen pädagogischen Inspirationen und Intuitionen 
folge, als daß er sich den Kopf an lehrbuchhaften Überlegungen zerbricht 
und die Vielheit der Lebenserscheinungen auf seinem Fachgebiete in dürre 
Prinzipien ausdestillieren und in geometrische Konstruktionen einfangen will. 
Sie haben sicher Recht, aber glauben Sie, daß Michelangelos 
künstlerische Inspiration und Intuition etwas gefruchtet hätten, wenn er 
nicht im Besitz des handwerklichen Rüstzeugs gewesen wäre? — Sie wissen, 
daß Lionardos weltberühmte Gemälde spalten und zerbröckeln, weil er 
sich zu wenig um die chemische Beschaffenheit seiner Hintergründe und 
um die Bindemittel der Farben gekümmert hat. 

Ich meine, auf allen Gebieten menschlicher Tätigkeit gelten Inspiration 
und Intuition, aber es ist nie von Schaden, wenn solche Begnadung 
sich auf den Felsboden gesicherten Wissens und hand- 
werklichen Könnens stützt. 

Bei der Erziehung kommen wir ohne eine solide Grundlage pädagogischer 
und psychologischer Bildung nicht aus. Wie wir im besonderen Freuds 
Psychoanalyse der Erziehung dienstbar machen können, das habe ich Ihnen 
heute zeigen wollen. 

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Kindliche Neurosen 1 

Von Dr. Melitta Schmideberg, London 



Von der Häufigkeit der Psychoneurosen bei kleinen Kindern kann sich 
jeder leicht überzeugen, der der Sprechstunde eines praktischen Kinderarztes 
beiwohnt. Mit Überraschung wird er dann feststellen, wie viele kleine 
Kinder an Angst und Phobien, an Pavor nocturnus und Schlafstörungen, 
an Eßstörungen und Enuresis, an konversionshysterischen und Zwangs- 
symptomen, an psychogenen „Krämpfen", Tic und Stottern leiden und wie 
wenig auch der beste und einfühlungsfähigste Arzt dagegen auszurichten 
vermag. Diese neurotischen Symptome sind nicht etwa nur durch Erziehungs- 
fehler hervorgerufen, sondern treten auch bei Kindern auf, die in günstiger 
Umgebung aufwachsen. Sie sind durch Konflikte verursacht, die bei jedem 
Kinde wirksam sind. Diese Konflikte können durch das Verhalten der Um- 
gebung verstärkt oder gemildert, aber nie ganz vermieden werden. 

Wann treten die neurotischen Symptome zuerst auf? Manchmal schon in den 
ersten Lebenswochen, ja sogar schon in den ersten Lebenstagen. Es gibt Säug- 
linge, die von Geburt starke „Trinkfaulheit zeigen, die später durch eine neu- 
rotische Eßhemmung abgelöst wird. Manche Säuglinge zeigen schon in den er- 
sten Lebenstagen oder Wochen heftige Angst, die allmählich — oft schon im 
zweiten oder dritten Monat — die Form einer bestimmten Phobie annimmt. Es 
gibt Säuglinge, die an einem Konversionssymptom, an Erbrechen, Verstopfung 
oder Krämpfen leiden. Fast jedes Kind entwickelt im zweiten oder dritten Lebens- 
jahre Angst, die nicht selten einen mehr oder minder psychotischen Charakter 
trägt. Es gibt wohl kein Kind, das im Alter zwischen etwa zwei und fünf 
Jahren von angsthysterischen, konversionshysterischen oder zwangsneurotischen 
Symptomen frei wäre. Meist sind Unarten und „Schlimmheit", Lügen und 
Stehlen auch der Neurose gleichzustellen; oft zeigen sich abnorme Charakter- 
entwicklung und asoziales Verhalten schon in der frühen Kindheit. 

Man kann einwenden, daß diese neurotischen Symptome im Laufe der 
späteren Kindheit wieder schwinden. Das stimmt, wenigstens in vielen 
Fällen. Bei anderen Kindern bleiben sie bestehen, verstärken und befestigen 
sich weiter. Oft wiederum wechselt das Symptom nur die Form. Angst 
wird durch Zwangssymptome abgelöst, an die Stelle von Konversions- 
symptomen treten Charakterschwierigkeiten, usw. 

Was geschieht aber in den Fällen, in denen das Symptom tatsächlich 
aufhört und sich auch kein Ersatzsymptom beobachten läßt? Ein neurotisches 
Symptom ist der Ausdruck eines seelischen Konfliktes; das Schwinden des 
Symptoms bedeutet nicht immer das Schwinden des Konfliktes, sondern 

1) Als Vortrag gehalten am 26. April 1953 in der British Psychological Society, 
Medical Section. Eine englische Fassung erscheint gleichzeitig in „The British Journal 
of Medical Psychology". 

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häufig nur, daß der Konflikt im neurotischen Symptom kein Ventil mehr 
findet, ein Prozeß, der oft für die Entwicklung des Kindes recht unvorteil- 
haft ist. Beobachten wir z. B., daß aus einem heiteren und lebhaften drei- 
jährigen Kind, das an einer Phobie oder an Pavor nocturnus leidet, im 
Alter von sechs Jahren ein Kind geworden ist, das jetzt zwar von der 
früheren bestimmten und umgrenzten Angst frei ist, aber ein ängstliches 
und gedrücktes Wesen zeigt (oder umgekehrt überaggressiv und unverträg- 
lich wird) oder wenn ein früher normales und gutentwickeltes Kind das 
an Enuresis oder einer Eßstörung litt, im Alter von acht Jahren dieses 
Symptom verloren, aber in seiner geistigen Entwicklung zurückbleibt oder 
an nichts Freude zu finden vermag, so wird man wohl meinen, daß das 
Schwinden des Symptoms durch diese Spontanheilung zu teuer erkauft war. 
Das Schwinden oder Zurücktreten der neurotischen Symptome im Latenz- 
alter (etwa zwischen fünf und zehn Jahren) beruht darauf, daß in diesem 
Alter das Drängen der Triebregungen sich mildert und das Ich sich stärkt. Das 
Kind versucht — meist stark durch die Erziehung dahin beeinflußt — seine 
Konflikte, verpönten Triebregungen und störenden neurotischen Symptome 
zu unterdrücken oder wenigstens zu verheimlichen. Durch diese verstärkte 
Verdrängung gehen wertvolle Triebkräfte, die sonst der Ich-Entwicklung, 
der Charakterentwicklung und der Liebesfähigkeit zugute kämen, oft un- 
wiederbringlich verloren, ein Verlust für die Gesamtheit, der sich in seinem 
Ausmaße noch nicht einmal abschätzen läßt. 

Das im Latenzalter durch Unterdrückung der Triebregungen zustande 
gekommene Gleichgewicht wird zu Beginn der Pubertät durch den Ansturm 
der Triebe erschüttert. Keinem Knaben und keinem Mädchen bleiben in der 
Pubertät heftige Konflikte und große Schwierigkeiten erspart. Es kommt 
zu Depressionen, starken Stimmungsschwankungen, Verzweiflungsausbrüchen, 
auch zu Selbstmordversuchen oder Selbstmord. Psychosen und Neurosen 
brechen sehr häufig in der Pubertät aus. Die abnorme Charakterentwick- 
lung wird oft in diesem Alter kenntlich. Die Pubertätsschwierigkeiten sind 
zu bekannt, als daß ich näher auf sie einzugehen brauchte. 

Die meisten Menschen werden aber auch mit den Pubertätsschwierig- 
keiten irgendwie fertig. Aber wie steht es mit den Erwachsenen? Ich will 
hier nicht weiter auf die zahlreichen Fälle von Psychoneurosen eingehen, 
die beim Arzte Hilfe suchen, und auf die noch zahlreicheren, die den Arzt 
nicht aufsuchen. Sichtbar und erkennbar, wenn auch in seinem Ausmaße 
und seinen Auswirkungen nicht genügend gewürdigt ist der Schaden, den 
die Gesamtheit durch die Kriminalität, die Psychosen und die Sucht er- 
leidet. Unsichtbar und unerkannt hingegen ist der Verlust durch Hemmung; 
durch Hemmung der geistigen Fähigkeiten, der Liebesfähigkeit, der sozialen 
Regungen und der aufbauenden Kräfte, der Sublimierungen. Trotzdem 
scheint die Tatsache noch wichtiger, weil fast jeder Einzelne durch sie be- 
troffen wird, daß so viele Menschen, ohne eine klinisch diagnostizierbare 
Erkrankung zu haben, unglücklich sind und die Ihrigen unglücklich machen. 



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Dieses Bild wird noch durch die so überaus häufigen Charakterabnormi- 
täten leichteren und schwereren Grades und die Sexualstörungen in ihren 
verschiedenen Formen und Ausmaßen, von denen wohl kaum ein Kultur- 
mensch ganz verschont bleibt, ergänzt. Wenn man sich diese Schwierig- 
keiten, die ich hier aufzählte — und die vielen anderen, die ich überging — 
vor Augen hält, so ergibt sich das Paradoxon, daß der Durchschnitt der 
Menschen nicht „normal ist, oder, daß der normale Mensch nicht gesund 
ist. Dann gelangt man aber zur Erkenntnis, wie wichtig frühzeitige Hilfe 
wäre, wieviel Leid und Unglück eine erfolgreiche Therapie im Kindesalter 
zu verhüten im Stande ist. 

Im folgenden will ich meine Ausführungen durch einige Beispiele illu- 
strieren. Eines der häufigsten Symptomeist Angst. Der achtjährige Harry 
leidet an starker Angst, besonders in der Dunkelheit und wenn er allein 
ist. In der Nacht schreckt er mehrere Male auf und kriecht dann in das 
Bett des Vaters. Er hat Angst zur Schule zu gehen, fürchtet sich vor ande- 
ren Jungen und treibt keinen Sport. Die Angst hatte im zweiten Lebens- 
jahre begonnen und sich seither dauernd verstärkt, besonders nach jeder 
körperlichen Erkrankung. Harry ist ein nett aussehender, an Gemüt und 
Intellekt gut entwickelter Junge. Die Eltern sind freundlich und ver- 
ständnisvoll und tun alles, was in ihren Kräften steht, um den Kindern eine 
glückliche Kindheit zu bereiten. Die Mutter ist allerdings stark neurotisch. 

In der Analyse spielt Harry, daß ich ein Kind sei, das schlecht schläft. 
Er sagt mir genau, wie ich mich verhalten soll: Ich wache auf und sehe, 
daß ein Mann mich ermorden will. Ganz aufgewacht merke ich, daß es 
nur der Wind war. Beruhigt schlafe ich ein, um im nächsten Augenblick 
durch ein schreckliches Geräusch wieder zu erwachen: ein Mann kommt 
mit einem Messer auf mich zu. Dann kommt mein Vater, der mit dem 
bösen Mann kämpft. Ich stehe schreckliche Angst um meinen Vater aus, 
erwache und krieche zu meinem Vater ins Bett, um mich zu überzeugen, 
daß er noch am Leben ist. Die Angstträume, das Aufschrecken, das Rufen 
nach den Eltern wiederholt sich mehrere Male. Manchmal antworten die 
Eltern, einmal kommt meine Mutter und streichelt mich, einmal kommt 
mein Vater und tröstet mich, aber oft hören sie mich nicht. Dann träume 
ich wieder, daß ein Mann mich überfällt und ermorden will. Als dieser 
Mann aber näher auf mich zukommt, merke ich plötzlich, daß es mein 
Vater ist, der mich freundlich anspricht. Harry fügt hinzu: „Du hattest 
Angst, weil du ja nicht wußtest, daß der Mann dein Vater ist." Als ich 
nach vielen Angstträumen am Morgen aufwache, fährt mich mein Vater 
grob an, weil ich ihn schon wieder in seinem Schlaf gestört hatte. 

In diesem Spiel habe ich mich — nach Harrys Angaben — genau so 
verhalten, wie er sich in Wirklichkeit benimmt. Diese Träume zeigen, daß 
seine Angst dem Vater gilt, aber nicht dem wirklichen Vater, sondern 
einer schrecklichen phantastischen Gestalt, von der er nicht 
weiß, daß es der Vater ist. Neben diesem phantastischen „bösen" Vater ist 

- 208 — 



«*• 



der wirkliche Vater vorhanden, der ihn manchmal beruhigt und streichelt, 
manchmal ins Bett nimmt und tröstet, manchmal anfährt, der ihn manch- 
mal nicht hört, wenn er um Hilfe ruft, der aber immer einen Rückhalt 
gegen den phantastischen „bösen Vater bietet. 

An diese Angstträume anschließend ließ Harry mich spielen, daß ich 
ein kleines Kind bin, das noch nicht ordentlich essen kann. Ich verschütte 
beim Essen und die Mutter tadelt mich. Dann spiele ich Ball, bin aber 
der Mutter beim Aufräumen im Wege. Ich kann den Ball nicht fangen, 
die Mutter tröstet mich, daß es nächstes Jahr schon besser gehen wird. 
Dann ist nächstes Jahr und ich kann den Ball schon manchmal fangen. 
Alles was ein kleines Kind an demütigendem Nichtkönnen erfährt, habe 
ich in diesen Stunden zu durchleben. 

Die Mutter stellt Kuchen in den Schrank und hängt den Schlüssel auf 
einen Nagel. Ich kann den Schlüssel nicht erreichen, weil ich zu klein 
bin. Endlich gelingt es mir, indem ich mich auf die Zehenspitzen stelle. 
Ich stehle Kuchen, die Mutter erwischt mich dabei und tadelt mich. Als 
sie mich das nächste Mal wieder beim Stehlen ertappt, sagt sie mir freund- 
lich, ich solle doch warten, es gebe gleich Mittagessen; ein anderes Mal 
schlägt sie mich auf die Hand, als ich stehle, einmal schenkt sie mir ein 
Stück Kuchen, usw. Plötzlich aber, als ich Gebäck stehle, kommt ein 
furchtbarer Bär, der mich auffressen will. Der Bär stellt eine schreckliche 
Mutter dar, die mich zur Strafe für das Naschen auffressen will. 

Der Gegensatz zwischen dieser Schrecken erregenden, fressenden 
Mutter und der wirklichen Mutter, die manchmal tadelt, manchmal straft, 
manchmal tröstet und manchmal Kuchen schenkt, ist deutlich genug. Inso- 
ferne der Kuchen wirklich nur Kuchen bedeutet, braucht Harry nur die wirk- 
liche, nie sehr strenge Mutter zu fürchten. Insoferne der Kuchen aber für ihn 
unbewußt die Mutter selbst bedeutet, die er auffressen will, muß er eine 
phantastische fressende Mutter, den Bären fürchten. Diese phantastische 
Elterngestalt, von der er die Vergeltung seines Sadismus befürchtet ist sein 
strenges Über-lch. Gegen dessen Drohungen schützen ihn die wirklichen 
Eltern; von den Eltern verlassen, allein, in der Nacht, ist er den Drohungen 
des Über-lch, dem fressenden Bären, dem mordenden Mann schutzlos preis- 
gegeben. 

In diesen Spielen hatte Harry seine Angstsituationen agiert, mit dem 
wichtigen Unterschied, daß er mir die Rolle des ängstlichen Kindes über- 
trug, während er selbst sich mit den gefürchteten Gestalten identifizierte. 
Daran anschließend spielte er, es sei Turnier; er stellte die Soldaten dar, 
und ich war das Kind, das die Soldaten bewunderte. Zu dieser Zeit zeigte 
sich eine auffallende Besserung; Harrys Angst schwand, er wurde jungen- 
hafter und unternehmender. Dieser Fortschritt war dadurch bedingt, daß 
er sich erst mit den gefürchteten, dann mit den bewunderten Personen 
identifizierte und auf diese Art seine Angst zu bewältigen vermochte. 

Teilweise war diese Änderung auch dadurch bedingt, daß er seine Angst 

— 209 - 



verleugnete. Er entwickelte jetzt Größenphantasien, die sich auch in ge- 
legentlichem Lügen äußerten. Einmal beschädigte er meine Standuhr, und 
zeigte deshalb weder Angst noch Bedauern. Am nächsten Tag erzählte er 
mir, er hätte seine erste Kindheit in Canada verbracht, sei dort geritten, 
hätte Traktoren gelenkt, usw. und auch seine Eltern im Reiten unterrichtet. 
„Aber frage Mutti lieber nicht danach, sie spricht nicht gerne über Canada". 
Sie sei nämlich garnicht seine richtige Mutter. Doch, sie ist seine richtige 
Mutter, aber sein Vater ist nicht der richtige Vater. Nein, beide Eltern 
sind nicht seine wirklichen Eltern. Seine wirklichen Eltern leben in Canada, 
und bald wird auch er dorthin zurückkehren. 

Diese lügenhafte Phantasie, die Harry mir gegenüber für Wahrheit 
ausgab, stellte seine Reaktion auf die Beschädigung meiner Uhr dar. Er 
hatte deshalb starke Angst und fürchtete, daß ich es seinen Eltern mit- 
teilen könnte- und daß diese ihn verstoßen würden, usw. Ist er reich und 
mächtig, kann er den mir zugefügten Schaden leicht ersetzen. Er ist 
dann auch seinen Eltern überlegen und von ihnen unabhängig. Nicht seine 
Eltern verstoßen ihn, sondern er verleugnet sie. Er braucht seine Eltern 
nicht zu fürchten, denn er hat ja bessere Eltern in Canada. Erst nachdem 
wir diese Zusammenhänge analysiert hatten, wurde seine überaus starke 
Angst wegen der Beschädigung der Uhr bewußt. In ähnlicher Weise dienten 
all seine Lügen zur Vermeidung von Angst, die ihm als solche meist gar 
nicht bewußt gewesen war 1 . 

Die Art der Angstverarbeitung ist für die Charakterbildung wichtig. 
Die dreijährige Vi vi an kommt in Analyse wegen hysterischer Symptome 
(Erbrechen, Eßschwierigkeiten, Obstipation) und Angst vor Geräuschen. 
Vivian, ein einziges und sehr verwöhntes Kind, macht einen altklugen und 
frühreifen Eindruck. Von Geburt an war sie „trinkfaul". Ihre Obstipation 
begann im Alter von zwei Wochen. Angst vor Männern und Geräuschen 
hatte sich zuerst im Alter von drei Monaten gezeigt und mit vier Monaten 
begann sie zu erbrechen. Schon als Säugling sehr eigensinnig, hat sich dieser 
Charakterzug im zweiten und dritten Jahr noch gesteigert. Von früh auf 
zeigte sie sich unverträglich, egoistisch, immer etwas Neues haben wollend, 
und mit dem, was sie besaß, unzufrieden. Als charakteristisch wird mir 
berichtet, daß Vivian um drei Uhr nachts aufwacht und in die im anderen 
Stockwerk befindliche Küche geführt zu werden verlangt. Als ihr Wunsch 
nicht erfüllt wird, schreit sie eine Stunde lang. Endlich gibt die Mutter 
nach und geht mit ihr hinunter. Auf der Treppe macht Vivian kehrt und 
sagt, sie wolle doch lieber im Schlafzimmer bleiben. 

Vivian behauptete von mir sowie von jedem, den sie nicht sah, ich 
hätte geschlafen. Das Gleiche sagte sie auch von sich selbst. Nach einigen 

i) Harry war ein Jahr (zirka zweihundert Stunden) in Behandlung. Seit der Bet 
endigung ist etwa ein Jahr vergangen. Er entwickelt sich in jeder Hinsicht gut, is 
selbständig und unternehmungslustig, hat viele Freunde, treibt Sport und geht meistens 
erne zur Schule. Er schläft allein und fährt allein mit dem Autobus. 



210 — 



I I 



Stunden sagte sie dies nicht mehr, meinte aber, sie hätte gesehen, daß ich 
im Nebenzimmer mit dem Doktor gekämpft hätte, daß er seine Patientin 
folterte, usw. Diese Vorstellungen gingen darauf zurück, daß sie den Ge- 
schlechtsverkehr der Eltern beobachtet und als Kampf aufgefaßt hatte. Die 
so entstandene Angst bewältigte sie, indem sie sie leugnete. Sie beruhigte sich 
selbst; die Eltern schlafen ja, sie kämpfen nicht; ich habe sie nicht beobachtet, 
da ich schlief. Vivian hatte auch nie Pavor nocturnus gehabt, an dem die meisten 
Kinder leiden, — dieser trat erst im Verlauf der Analyse auf. Das Verleugnen der 
mit Angst verknüpften Vorstellungen, das „Schlafen" bildete die Grundlage für 
ihre intellektuelle Hemmung. Da sie immer weitere, mit diesen Gedan- 
ken assoziativ verknüpfte Gedanken verdrängen mußte, scheint es wahrschein- 
lich, daß diese Hemmung sich ohne Analyse bald wesentlich gesteigert hätte. 
Nach einigen Wochen kam es zu einer Charakteränderung. Das vorher 
so gehemmte Kind wurde überlebhaft, aggressiv, unruhig und wißbegierig. 
Diese Änderung war dadurch bedingt, daß sie nun ihre Angst anders be- 
wältigte. Hatte sie früher verlangt, ich solle den brennenden elektrischen 
Ofen aus dem Zimmer nehmen, so beruhigte sie jetzt ihre Angst, indem sie 
genau wissen wollte, wie er funktioniert. Hatte sie sich vorher vor Lärm, vor 
einer Maus, vor Männern gefürchtet, so setzte sie sich nun an die Stelle 
der gefürchteten Personen, wurde selbst lärmend, spielte, sie sei eine Maus, 
wurde aggressiv und wollte die männliche Rolle spielen. 

Ihr Eigensinn und ihre Unersättlichkeit waren auch durch Angst bedingt. 
Z. ß. verlangte sie einmal so heftig meinen Besen, daß ich ihr gestattete, ihn 
nach Hause zu nehmen. In dieser Stunde hatte sie sich den Finger verletzt und 
darum mußte sie ihre Angst, den Finger zu verlieren, durch den Besitz des Besens 
— des großen Fingers — beruhigen. Als ihre Angst sich verringerte, vermochte 
Vivian sie auf eine bessere Art zu bewältigen: in einer analogen Situation 
verlangte sie nicht mehr meinen Besen, sondern zeichnete einen. 

Ihre Einstellung, immer etwas Neues, meist etwas, was man ihr nicht 
geben konnte, zu verlangen, war dadurch bedingt, daß sie glaubte, die 
Mutter gäbe ihr nur etwas Schlechtes und behalte das Gute für sich. Darum 
sah Vivian alles, was ihr die Mutter gab, als schlecht, alles, was sie ihr vor- 
enthielt, als gut an. Sie schrieb der Mutter ihre eigene Einstellung zu: sie 
selbst wollte ja das Gute für sich behalten, der Mutter etwas Böses geben; 
sie selbst heuchelte Liebe und empfand Haß. Das Mißtrauen war also, ähn- 
lich wie die Angst, durch die Projektion der eigenen Einstellung bedingt 1 . 

i) Vi vi ans Analyse umfaßte siebzig bis achtzig Stunden, die sich über sieben 
Monate erstreckten. Seitdem sind eineinviertel Jahre vergangen. In der Zwischenzeit 
wurde ihr eine kleine Schwester geboren. Ihre Symptome: Angst, Eßschwierigkeiten, 
Erbrechen, Obstipation und Nässen haben aufgehört. Ihre Charakterschwierigkeiten 
haben sich so sehr vermindert, daß die Eltern sie für ein verändertes Kind erklären. 
Sie hat eine sehr gute und liebevolle Einstellung zur Mutter, liebt und bemuttert die 
kleine Schwester, vergöttert den Vater. Ihre Anfälle von Eigensinn haben aufgehört 
und sie ist ein leicht zu behandelndes Kind. Intellektuell ist sie sehr gut entwickelt und 
ihrem Alter weit voraus. Sie spielt gerne und verträgt sich gut mit anderen Kindern. 

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Das asoziale Verhalten ist ähnlich determiniert wie Charakter- 
schwierigkeiten. Ich gehe hierauf jetzt nicht ein, weil es eine eigene Arbeit 
erfordert. „Unarten" lassen sich gegen neurotische Symptome, Phobien 
oder Perversionen nur schwer abgrenzen. Meist sind sie nicht so starr wie 
ein Zwangssymptom oder eine lokalisierte Phobie und bieten eine stärkere 
libidinöse Befriedigung, ein Moment, durch den die „Unart" in die Nähe 
der Perversion gerückt wird. Vivian weigerte sich manchmal, sich die Nägel 
schneiden oder sich den Hut aufsetzen zu lassen. Es zeigte sich, daß diese 
Unarten durch Angst bedingt waien: sie fürchtete, daß die Mutter ihr den 
Finger abschneiden würde und daß der Hut sich in eine Maus verwandeln 
könnte. Ein kleiner Junge aß trotz — oder gerade zufolge — der Warnung 
der Mutter unreifes Obst. Er meinte, daß das Obst den Würmern, die er 
zu haben befürchtete, noch mehr schaden müsse, als ihm selbst, da sie ja 
kleiner seien. 

Das Schwinden von Unarten ist nicht weniger determiniert, als ihr 
Auftreten. Herbert, ein Patient, von dem ich noch ausführlicher berich- 
ten werde, hatte sich Jahre hindurch trotz strenger Strafen die Nägel ge- 
bissen. Mit elf Jahren hörte er plötzlich von selbst damit auf. In diesem 
Alter hatte er bewußt sadistische Phantasien: er malte sich aus, wie er 
Frauen die Brüste zerkratze und beiße. Da fiel ihm aber ein, er werde 
dies ja nicht tun können, wenn er keine Nägel hätte, und deshalb gab er 
das Nägelbeißen auf. Das Nägelbeißen hatte der Abwehr der sadistischen 
Phantasien gedient und aufgehört, als diese Abwehr überflüssig wurde, als 
die Phantasien bewußt wurden. Das Nägelbeißen diente aber nicht nur der 
Abwehr des Sadismus, der Verhinderung des Kratzens, sondern auch seiner 
Verwirklichung in einer Ersatzform: Herbert biß — statt der Frauen- 
brüste — die eigenen Nägel. 

Zur Illustration des hysterischen und des Zwangssymptoms will ich nur 
je ein Beispiel anführen: Vivian begann einmal zu hinken. Dies erwies 
sich als Strafe dafür, daß sie mich am vorigen Tag mit dem Fuß treten 
wollte, sowie daß sie Püppchen die Arme und Beine abgebrochen hatte. 
Am Vortage hatte sie von meiner anderen kleinen Patientin, die mit nach, 
hinten verschränkten Armen dastand, gesagt: „Joyce lost, her arms" . Weil 
Vivian wünschte, Joyce, auf die sie sehr eifersüchtig war, solle ihre Arme 
verlieren, ebenso wie sie den Puppen die Glieder abbrach; bestrafte sie sich 
selbst, indem sie ihren Fuß „verlor", d. h. nicht gebrauchen konnte. Das 
hysterische System stellte also eine Selbstbestrafung dar, um der 
Bache der anderen zu entgehen. 

Ein etwa achtjähriger Junge fürchtete sich, daß geisterhafte Gestalten, 
die in der Nacht am Fenster vorbeiziehen, ihn mit einer Riesenhand aus 
dem Bette heben würden. Er meinte, daß sie weiter zögen, wenn er seine 
Fi nger ausstreckte, und sich nicht fortbewegen könnten, wenn er sie kreuzte. 
Die geisterhaften Gestalten stellten riesige Finger dar und er glaubte, daß 
sie sich genau so verhielten wie seine eigenen Finger. Das Zwangs- 

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symptom, die Finger zu kreuzen, stellte eine magische Handlung dar, 
mit deren Hilfe er die Angst zu bannen vermochte. 

Ich versuchte zu zeigen, welch eine zentrale Rolle der Angst in der 
Neurose und Charakterbildung zukommt. Eine andere Art, die Angst zu 
vermeiden, erfolgt durch Hemmung. Beryl war von Geburt an trink- 
faul gewesen und konnte später auch nur mit größter Mühe zum Essen 
bewogen werden. Sie aß — nach dem Ausspruch der Mutter — wie ein 
anderes Kind Medizin nimmt. Zu jedem Bissen mußte sie überredet werden. 
Im Alter von zweieinhalb Jahren wog sie elfeinviertel Kilo, was dem 
Normalgewicht eines etwa eineinhalbjährigen Kindes entspricht. Beryl war 
in einer sehr günstigen Umgebung aufgewachsen. Die Mutter war eine 
vernünftige, liebevolle Frau, die selbst einen sehr gesunden Appetit hatte. 

Beryl war ein liebes, völlig wunschloses und sehr gehemmtes Kind. Sie 
war sehr unselbständig, konnte sich nichts holen oder allein machen. Schon 
als Säugling hatte sie keine normale Aggression geäußert und auch nie ge- 
bissen. Ihre Eßhemmung war weitgehend eine Beißhemmung. Das Zer- 
beißen der Nahrung war für sie darum mit solchen Schwierigkeiten verbun- 
den, weil in ihrer Phantasie die Speisen nicht einfach Speisen bedeuteten. 
Sie warf einmal Bonbons ins Wasser und sagte mir: „Du kannst sie nicht 
essen, denn es sind Fische." Sie zeigte auch vor Gegenständen, z. B. dem 
Klebstoff Ekel, der an Grauen grenzte. Einmal sagte sie zu dem Klebstoff: 
„Beiß mich nicht, Klebstoff, ich beiße dich auch nicht." Und mir erzählte 
sie dann, er wolle ihr den Kopf abbeißen, sie ganz aufessen. Sie konnte 
der Angst, die aus der Projektion ihrer Aggression entstanden war, nur ent- 
gehen, indem sie die Aggression, das Beißen aufgab. Als sie ihre Aggression 
freier zu äußern vermochte, besserte sich auch ihre Eßlust. Zugleich mit 
dem Bewußtwerden ihrer Aggression trat Angst auf. Vor der Analyse hatte 
sie nur sehr wenig offene Angst gezeigt. Nun spielte sie wochenlang, im 
Zimmer sei ein Grünzeughändler, der sie schlagen, ihre Nase abbeißen, 
sie zerbrechen wolle. Wenn ich ihn — auf ihre Aufforderung — tötete, 
erschien ein anderer. Wenn ich im Spiel eine Mauer gegen ihn errichtete, 
kam er durch das Fenster. Aus jeder Ecke des Zimmers, aus der Wasser- 
leitung, aus der Schublade, kamen zahlreiche Grünzeughändler. Erst als 
Beryl mir sagte: „Gib ihm zwei Schilling, nein, nur einen Schilling', 
schwand ihre Angst vor dem Grünzeughändler und sie meinte nun sehr 
zufrieden: „Er sagt, ich sei ein gutes Kind.' 

Die Angst vor dem Grünzeughändler war durch ihre Aggression ver- 
ursacht. Konnte sie ihn versöhnen, schwand die Angst. Diese Angst war 
die Ursache gewesen, daß sie nicht in die Zimmerecken gehen konnte, 
daß sie nicht allein Wasser holte oder etwas aus der Lade nahm. 
Etwas holen, etwas wünschen bedeutete für sie ebenso eine Aggression, wie 
das Essen. Als sich ihr Essen besserte, wurde sie selbständiger und äußerte 
in normaler Weise Wünsche. Zu einer Zeit, als sie schon ganz gut aß, 
mußte sie noch immer gefüttert werden. Durch das Füttern schob sie der 

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Mutter die Verantwortung für das Essen und Beißen zu. Ähnlich ließ sie 
damals ihre aggressiven Phantasien durch mich ausführen, Spielzeug zer- 
brechen usw. 1 . 

Ein noch stärkerer Grad von Hemmung bestand bei Edna, die im Alter 
von dreieinhalb Jahren mit der Diagnose Debilität zu mir geschickt 
wurde. Als Säugling schien sie normal, zeigte allerdings nur abnorm wenig 
Aggression. Die Entwöhnung im Alter von neun Monaten, die mit der 
Schwangerschaft der Mutter zusammenfiel, gestaltete sich sehr schwierig. 
Von zehn Monaten an entwickelte sie intensivste Angst, die im Alter von 
zwei Jahren vollkommen schwand. Gleichzeitig ging aber ihre ganze geistige 
Entwicklung in auffallendem Maße zurück. Als sie in Analyse kam, hatte 
sie für nichts Interesse und sprach nur zwei Worte. In der Analyse trat bald 
außerordentlich starke Angst auf, und das schon vorher bestandene (nicht 
sehr starke) Nässen verstärkte sich bedeutend. Gleichzeitig bekam sie „An- 
fälle , die ein bis zwei Stunden dauerten, bei denen sie sich das Gesicht 
zerkratzte, die Haare raufte, um sich schlug und solche Kräfte entwickelte 
daß der Vater sie nicht halten konnte. Die Eltern meinten, daß sie in 
diesen Zuständen den Eindruck einer Geisteskranken mache, und die Ana- 
lyse erwies, daß diese Anfälle durch psychotische Angst vor allem sie Um- 
gebenden bedingt waren. 

Gleichzeitig mit dem Auftreten und der Steigerung der manifesten Angst 
begann sie Interesse für die sie umgebenden Dinge zu entwickeln. Als 
ihre psychotische Angst sich minderte und allmählich einen phobischen 
Charakter annahm, entwickelte sie einen normalen Ödipuskomplex. Zu 
dieser Zeit litt sie an einer überaus heftigen Hunde- und Katzenphobie 
und lief ganz verliebt jedem Mann, den sie sah nach und nannte ihn 
„Papa". Ihre intellektuelle Störung war durch eine Störung des Gefühls- 
lebens bedingt. Sie hatte kein Interesse für ihre Umgebung, weil sie keine 
Beziehung zu ihr hatte. Nach drei Monaten Analyse sagte Edna zum ersten 
Mal „Mama". Dies ereignete sich am gleichen Tag, an dem sie zum ersten 
Mal in ihrem Leben der Mutter einen Kuß gab. 

Als Säugling hatte sie für die Mutter Liebe empfunden. Allem An- 
schein nach faßte sie die Entwöhnung so auf, daß sie dadurch die Mutter 
ganz verloren hatte. Ihre ganze Entwicklung in der Analyse ging von der 
Sauglingssituation aus. Das erste Spiel, das sie spielte, war, daß sie wie ein 
Säugling gepflegt werden wollte. Dieses Spiel konnte sie nur für wenige 
Sekunden spielen. Allmählich dauerten diese Spiele länger und gewannen 
an Details. Alle Spiele, die sie im ersten Jahre der Analyse spielte, basierten 
auf dem Mutter-Kind Verhältnis (aktiv oder passiv). Die ersten zwei Worte, 

i) Beryls Analyse dauerte zirka 325 Stunden (zwei Jahre) und ist noch nicht 
beendet. Beryl ist jetzt ein munteres und lebhaftes Kind, immer guter Laune, lachend 
und singend. Sie äußert in normaler Weise Wünsche und geht sehr gerne zur Schule. 
Sie hat sich in jeder Hinsicht zufriedenstellend entwickelt. Ihre Eßhemmung hat sich 
wesentlich vermindert, aber ist noch nicht voll behoben. 



214 - 



die sie gesprochen hatte, waren : Baby (Kind), Sweet (Süß, Bonbons). {„Sweet" 
bedeutete für sie einen Ersatz für die Muttermilch.) 

Zweifellos war Ednas Beziehung zur Mutter von Anfang an schwach 
gewesen, sonst wäre sie nicht durch die Entwöhnung in solchem Maße 
erschüttert worden. Auch noch zu einer späteren Zeit, als sie schon ziem- 
lich normale Objektbeziehungen hatte, konnte sie diese nur in Anwesenheit 
der geliebten Person auftechterhalten. Sie war z. B. in den Mann im 
Schokoladegeschäft verliebt und war sehr erschüttert, als sie ihn einmal 
nicht fand. Da bekam sie wieder den leeren Augenausdruck, den sie vor 
der Analyse hatte und fragte sehr erregt: Papa — wo? wo? 

Edna konnte darum nur schwache Objektbeziehungen entwickeln, weil 
sie die damit verknüpfte Aggression vermeiden mußte. Als sie in der Ana- 
lyse spielte, sie sei ein Baby, begann sie die normale Aggression eines 
Säuglings zu agieren, — etwas, was sie seinerzeit unterlassen hatte. Nun 
lag sie auf der Kommode wie ein Säugling, strampelte und stampfte, nahm 
Dinge in den Mund, biß sie, warf sie weg, erwartete, daß ich sie wieder 
aufhebe, und wiederholte dies immer wieder. Nachdem sie so ihre Aggression 
in spielerischer Weise geäußert hatte, begann sie zum erstenmal am Ge- 
brauch ihrer Glieder Freude zu finden und normal zu gehen. Nach dieser 
Stunde stellte die Mutter mit Überraschung fest, daß Edna zum ersten 
Mal in ihrem Leben einen frohen Gesichtsausdruck hätte. 

Zweifellos war Ednas abnorme Entwicklung weniger durch äußere un- 
günstige Erlebnisse, sondern vorwiegend durch konstitutionelle Momente 
bedingt (ähnlich wie bei Vivian und Beryl). Ihre drei Geschwister sind 
normal. Das Zusammenfallen der Entwöhnung mit der Schwangerschaft 
war sicher bedeutungsvoll, da es ihren Sadismus verstärkte; die Geburt 
des Bruders hat aber keine besondere Rolle gespielt . 

Bei Edna verhinderte die übermäßige Angst eine normale Entwicklung. 
Bei Herbert bestand eine ganz gute intellektuelle und Ichentwicklung, 
als in der Pubertät das Auftreten sehr starker Angst eine weitgehende 
Regression bewirkte. 

Der sechzehnjährige Herbert litt an wahnhaften Verfolgungs- 
und Beziehungs i d e e n. Er meinte, er werde auf der Straße, in der Schule, 
usw. dauernd beobachtet. Er beschrieb seinen Zustand, wie den eines Mörders, 
den man dauernd beobachtet und in dem Moment, wo er etwas verdächtiges 
macht, ergreift. Da er nicht weiß, was es ist, was dem ihn verfolgenden 
Detektiv nicht recht ist, so ist es besser, er tut garnichts. Unbewußt be- 

1) Ednas Behandlung umfaßte bis jetzt etwas mehr als eineinhalb Jahre (zirka 
zweihundert Stunden) und ist noch nicht beendet. Das Nässen und die Anfälle haben 
schon seit vielen Monaten aufgehört. Ihre Hunde- und Katzenphobie ist behoben. 
Intellektuell entspricht sie jetzt ziemlich ihrer Altersstufe, abgesehen davon, daß sie 
erst mangelhaft spricht. Sie besucht eine Schule für normale Kinder, ist aber in 
manchen Dingen hinter den anderen Kindern etwas zurück. Mit den anderen Kindern 
verträgt sie sich gut. Edna ist ein nettes, originelles Kind, das normale Gefühlsbe- 
ziehungen zur Umgebung hat und sich wohl fühlt. Im allgemeinen ist sie leicht lenkbar. 



- 215 



deutete jede Handlung für ihn eine Aggression, — darum verglich er sich 
mit einem Mörder — und konnte dieser Angst nur durch völlige Untätig- 
keit entgehen. Herbert konnte die Schule nicht mehr besuchen, weil er an 
unerträglicher Angst litt, lächerlich zu erscheinen. Besonders fürchtete er 
wegen seines zu großen Kopfes verlacht zu werden. Mit sechs oder sieben 
Jahren war er sehr ehrgeizig und erwartete von jedem bewundert zu werden. 
Dann trat die Angst auf, von jedem ausgelacht zu werden. Im Alter von 
sechs Jahren onanierte er mit der Phantasie, daß er die Onanie erfunden 
hätte, und daß sein Penis riesengroß, so groß wie ein Zimmer werde, wenn 
er lange genug onaniere. Erst erwartete er von allen hierfür bewundert, 
dann fürchtete er hierfür verlacht zu werden. Diese Onaniephantasien 
stellten die Reaktion auf die kurz vorher stattgehabte Schwangerschaft der 
Mutter dar. Er wollte einen riesengroßen Penis haben, wie die Mutter 
einen riesengroßen Bauch hatte. So wie er sie zuerst bewundert hatte und 
dann verlachen wollte, fürchtete er nun das Gleiche für sich. Herberts 
Onaniephantasien erwiesen sich als bestimmend für seine gesamte Ein- 
stellung. Wir sehen hier die Vorbildlichkeit des Verhaltens auf sexuellem 
Gebiete für die Entwicklung. 

Herbert zeigte nach Angaben der Mutter schon im zweiten Jahr An- 
zeichen einer abnormen Einstellung. Er selbst erinnerte sich, daß eine für 
ihn charakteristische freudlose und vvunschlose Einstellung seit der frühesten 
Kindheit, mindestens aber seit dem dritten Jahre bestand. Im Alter von 
drei Jahren war er eine Zeitlang eigensinnig und trotzig; doch wurde diese 
Einstellung durch Strenge gebrochen. Mit fünf Jahren litt er an starken 
manifesten Verfolgungsideen. Im Latenzalter war er sehr passiv und ge- 
hemmt, entwickelte aber keine Symptome, außer Zwangsonanie und zwang- 
haftem Nägelbeißen. Das Nägelbeißen diente ebenso wie die starke All- 
gemeinhemmung zur Abwehr der Aggression, und hörte auf, als in der 
Vorpubertät sadistische Vorstellungen bewußt wurden. Er konnte diese 
sadistischen Regungen aber xiicht ertragen, und er erwehrte sich ihrer durch 
Projektion. Diese Projektion seines Sadismus bewirkte immer steigende Ver- 
folgungsideen. Diesen konnte er nur durch völlige Untätigkeit und Ablö- 
sung von der Realität entgehen 1 . 

Herberts Eltern waren beide schwer abnorm ; Vivians, Ednas und Harrys 
Umgebung möchte ich als durchschnittlich bezeichnen, während Beryl in 
einem ungewöhnlich günstigem Milieu aufgewachsen war. 

Wie hätten sich diese Kinder ohne Analyse entwickelt? Harry war ein 
neurotischer Junge mit starker Angst, passiv und gehemmt. Meistens mildert 
sich die akute Angst im Laufe der Entwicklung, wirkt sich aber immer 

j) Herbert war etwa ein Jahr (zirka zweihundertzehn Stunden) in Analyse. Seit- 
dem sind drei Jahre vergangen. Er hat sich unter schwierigen äußeren Verhältnissen sehr 
gut entwickelt, und fühlt sich trotz mancherlei Entbehrung recht "wohl. Er ist unab- 
hängig und angstfrei, hat gute Beziehungen zu Menschen und zahlreiche Interessen. 
Die Schule hat er sehr erfolgreich absolviert. 



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in der Charakterentwicklung und Gesamtentwicklung aus. Ich will zwei 
Erwachsene erwähnen, die in der Kindheit etwa das gleiche Bild boten 
wie Harrj r : Eine etwa fünfunddreißigjährige Frau leidet an hysterischen 
Beschwerden, intensivsten Angst- und Depressionszuständen, die von Selbst- 
mordgedanken und stundenlangen Weinkrämpfen begleitet sind. Sie meint 
in der Vorbesprechung, sie sei zwar schon immer „nervös" gewesen, aber 
sei doch erst seit dem vor einigen Wochen erfolgten Tode eines ungeliebten 
Onkels in diesen Zustand geraten. Schon in der ersten Stunde wird ihr 
klar, daß es ihr seit dem vor fünf Jahren erfolgten Tode des Vaters schlecht 
ginge, und nach einigen weiteren Stunden erinnerte sie sich, daß sie in der 
Kindheit starke Angst gehabt hatte. Diese bestand eigentlich immer fort: sie 
fürchtete sich als Erwachsene, allein im Dunkeln zu sein, fürchtete dauernd, 
ihre Eltern könnten sterben, ihren Kindern könnte, wenn sie sie nicht sah 
etwas zustoßen, geriet in unerträgliche Angst, wenn ihr Mann sich einige 
Minuten verspätete, litt an hypochondrischen Befürchtungen und grübelte 
viel. Bei dem Sexualverkehr weinte sie immer, da er für sie mit Schmerzen 
verknüpft war. Die akute Angst der Kindheit hatte also eigentlich nie auf- 
gehört, sondern sich nur etwas verwischt und wurde durch den Tod des 
Vaters und später des Onkels wieder verstärkt. 

Einen anderen Ausgang zeigt folgender Fall: Ein Patient kommt in Be- 
handlung, weil er aus einem relativ geringfügigen Anlaß einen Zusammen- 
bruch erlitten hatte und seitdem vollständig arbeitsunfähig ist. Er ist außer- 
stande, etwas zu tun und klagt, daß niemand verstehen könne, welch eine 
Anstrengung ihn der geringste Entschluß koste, z. B. ob er nach rechts 
oder links gehen solle. In der Kindheit litt er dauernd an Angst, war passiv 
und gehemmt, konnte sich aber, wenn auch mit Schwierigkeiten, anpassen. 
Er fühlte sich immer unglücklich. Seit dem Zusammenbruch sind alle 
Schwierigkeiten in verstärktem Maße wieder da. In der Arbeitshemmung 
des Mannes kehren die Lernschwierigkeiten des Kindes wieder. So kann 
er z. B. keine Schüler für ein Examen vorbereiten, ähnlich wie er selbst 
kein Examen bestehen konnte, weil die Vorstellung des Examens mit zu 
starker Angst verbunden ist. 

Diese beiden Fälle zeigen, wie die Angst zwar scheinbar schwindet, in 
Wirklichkeit aber nie ganz aufhört, durch relativ geringfügige Anlässe 
wieder geweckt wird, dann in verstärktem Maße wieder auftritt oder durch 
eine schwere Hemmung abgelöst wird. In beiden Fällen bestanden auch 
Störungen der Sexualität. 

Was für eine Prognose läßt sich bei einem Kind wie Vivian stellen? 
Es ist möglich, daß die bei ihr seit dem ersten Lebensjahr bestehenden 
Konversions- und angsthysterischen Symptome sich weiter verstärken. Das 
frühe Auftreten der Symptome in diesem Fall verschlimmert meiner An- 
sicht nach die Prognose. Es ist aber auch möglich, daß die hysterischen 
Symptome schwinden, an ihrer Stelle aber die Charakterschwierigkeiten 
sich verstärken. Ich analysierte ein zwölfeinhalbjähriges Mädchen, das an 



Zeitschrift f. psa. Päd.,VII/5/6 



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15 



hysterischen Anfällen, Erbrechen und Angst litt und ein eigentümliches 
Verhalten Jungen gegenüber entwickelte. Sehr frühreif, mit ziemlich frechem 
Gesichtsausdruck, galt ihr einziges Interesse Jungen und Kleidern. Sie konnte 
nicht zu Hause bleiben, sondern ging immer mit Jungen aus. Sie schloß 
mit zahlreichen Jungen Freundschaften, die sie aber bald aufgab, um neue 
einzugehen. Diese Charakterschwierigkeiten wechselten mit ihren hysterischen 
Symptomen ab; beide waren analog determiniert. Durch das Erbrechen 
suchte sie sich von etwas Schlechtem, Schmutzigem zu befreien ; ein neues 
Kleid bewies ihr, daß sie sauber, ein neuer Freund, daß sie liebenswert sei. 

Ähnliche Momente hatten bei einer Erwachsenen zur Prostitution ge- 
führt. Während sie zunächst gar keine Symptome zeigte, traten im Verlauf 
der Analyse in der Kindheit bestandene hysterische Symptome, Angst und 
Depression wieder auf, als ihre Charakterschwierigkeiten sich milderten. 
Sie fühlte, sie könnte einer nahenden Depression nur entgehen, wenn sie 
wieder auf die Straße ginge und sich so den Beweis verschaffe, daß sie 
begehrenswert sei. Sie hatte seit der frühesten Kindheit die Einstellung, 
das, was sie am meisten fürchtete, herbeizuführen, um so der unerträg- 
lichen angstvollen Erwartung zu entgehen. Im Alter von zwei Jahren warf 
sie einmal ihre Milchflasche, ihren liebsten Besitz, auf die Erde, ein ander- 
mal zerschmetterte sie ihre Lieblingspuppe. Diese Einstellung hatte sie 
auch zur Prostitution getrieben. Ihre Angst, von Männern beschmutzt und 
vergewaltigt zu werden, war so groß, daß sie diese Situation in einer ge- 
milderten Form lieber selbst herbeiführte. 

Es ist Ihnen vielleicht aufgefallen, daß bei allen Erwachsenen, die ich 
hier erwähnte, die Symptome der Kindheit teilweise oder ganz durch eine 
Störung des Sexuallebens im Erwachsenenalter abgelöst wurden. Ich habe bis- 
her noch keinen Patienten gehabt, bei dem dieser Zusammenhang nicht 
bestanden hätte. Er beweist die Annahme der Psychoanalyse, daß die 
neurotischen Symptome und Ängste der Kindheit innig mit der Sexualität 
zusammenhängen, daß sie ein Anzeichen einer gestörten psychosexuellen 
Entwicklung darstellen, die sich beim Erwachsenen in deutlicherer und 
verstärkter Form als Störung des Sexuallebens auswirkt. Gelingt es also 
beim Kinde die Störung der psychosexuellen Entwicklung zu beheben, so 
wird man auch der späteren Sexualstörung vorbeugen. 

Wie hätte sich die kleine Beryl mit ihrer schweren Eßhemmung ent- 
wickelt? Eßstörungen gehören zu den häufigsten Symptomen des Kindes- 
alters und bleiben häufig auch beim Erwachsenen in gemilderter Form 
bestehen. Es ist aber ja schließlich nicht sehr wichtig, ob ein Erwachsener 
beim Essen unlustig, wählerisch oder ungezogen ist. Wichtiger ist aber, daß 
die Einstellung des Kindes zum Essen für seine ganze Einstellung zur 
Umwelt bedeutungsvoll ist. Ich beschrieb das wunschlose und gehemmte 
Verhalten Beryls, die nicht nur auf das Essen, sondern auch auf Spielzeug, 
Geschenke und eigentlich auf alles verzichtet hatte. Das Verhältnis des 
kleinen Kindes zum Essen erweist sich als vorbildlich für seine spätere Ein- 

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Stellung zu Geschenken, und zum Geld, und beeinflußt auch seine Beziehung 
zu Menschen und zur Realität überhaupt. Die erste aufnehmende Tätigkeit, 
das Essen, wirkt sich auf die anderen aufnehmenden Tätigkeiten, insbeson- 
dere auf das intellektuelle Erfassen und auf die weibliche rezeptorisch- 
vaginale Sexualfunktion aus, und eine Eßstörung führt später meist zu 
Störungen auf diesen Gebieten. 

Eine Patientin hatte im zweiten Jahr sehr große Schwierigkeiten beim 
Essen. Sie entwickelte sich im ganzen normal, abgesehen davon, daß sie 
zeitweise an starken Depressionen litt und ungewöhnlich schwer Schreiben 
und Lesen lernte. Jetzt lautet ihre immer wiederkehrende Klage: „I can 
not take things in" Sie kann Dinge, die man zu ihr sagt, nicht verstehen, 
die Realität nicht zur Kenntnis nehmen, ist im Erfassen bei ihrer künst- 
lerischen Arbeit gehemmt, hat außerordentlich große Schwierigkeiten Geld 
zu verdienen. Diese Klagen sowie Schwierigkeiten im Verhältnis zum Mann 
und bei der Arbeit gehen mit ihren noch immer bestehenden Eßschwierig- 
keiten Hand in Hand und verringern sich gleichzeitig. 

Auch bei andern Patienten habe ich ähnliche Feststellungen gemacht, 
aber eine Eßhemmung vom Ausmaße der von Beryl habe ich noch nicht 
beobachtet. Ich kann deshalb nicht beurteilen, ob sich bei ihr die Eß- 
hemmung später dadurch gemildert hätte, daß sich die Hemmung auf 
verschiedene Gebiete verteilt, oder ob das so gehemmte und unterernährte 
Kind, das an dieser Welt so wenig Interesse hatte, nicht früh gestorben 
wäre. Aber auch die Möglichkeit, daß die Objektablösung sich zu einer 
Psychose gesteigert hätte, läßt sich nicht ausschließen. Ich kann nicht vor- 
aussagen, was ihr weiteres Schicksal gewesen wäre. 

Wohl kann ich aber voraussagen, was das fernere Schicksal von Edna 
und Herbert gewesen wäre. Aus einem debilen Kind wie Edna wird eine 
debile Erwachsene. Der Grad der künftigen Debilität läßt sich bei einem 
dreijährigen Kinde noch nicht voraussagen, doch läßt sich annehmen, daß 
sie unfähig gewesen wäre für sich selbst zu sorgen und normale Beziehun- 
gen zu Menschen zu haben. 

Bei Herbert lag eine beginnende Geisteskrankheit (Dementia paranoides) 
vor. Die rapide Verschlimmerung seines Zustandes in den letzten Jahren 
und die außerordentliche Intensität seiner Angst, die sich in seiner Analyse 
zeigte, macht es wahrscheinlich, daß sich die Geisteskrankheit ohne Be- 
handlung bald soweit gesteigert hätte, daß man ihn hätte internieren müssen. 

Wir können die Debilität im Erwachsenenalter durch Analyse nicht 
heilen. Wenn auch erwachsene Geisteskranke durch Analyse oft recht 
günstig beeinflußt werden können, gelingt es doch nur sehr selten, bei 
ihnen völlige Normalität zu erzielen. In diesen schweren Fällen zeigt sich 
die Bedeutung der Kinderanalyse am eindrucksvollsten: sie hat die Patienten 
vor der künftigen Debilität und Geisteskrankheit bewahrt, Erkrankungen, die 
später auch durch Analyse nicht oder nur mangelhaft geheilt werden könnten. 



- 219 - 



*5* 



Neid und Freßgier 1 

Von Else Fuchs 

Ein fünf drei viertel] ähriger amerikanischer Junge hatte die Gier, ungeheure 
Mengen von Nahrungsmitteln zu verschlingen und alles zu zerbeißen und hin- 
unterzuschlucken, was irgend erreichbar war. Das Kind hatte seine sämtliche 
Bauklötze angenagt, hatte aus dem Inneren seines Hampelmannes alle Sägespäne 
aufgegessen, auch den Glacehandschuh seiner Mutter völlig verzehrt. Der Kleine, 
nennen wir ihn Tommy, schrie mörderisch, wenn man ihm seinen Teller nicht 
übervoll auflegte. Er trank die Milch literweise, griff mit den Händen in die 
Schüsseln und stopfte sich den Mund ganz voll, ging in die Speisekammer und 
entnahm dort unter anderem Reis, den er roh hinunter würgte. Sein ungeheuer- 
licher Appetit ließ die Eltern bereits vor längerer Zeit einen Kinderarzt auf- 
suchen, der zum größten Schrecken aller, als Folge des maßlosen Essens Ge- 
fahr für das Herz und Zucker im Urin fand. Als eines Tages die mütterliche 
Straußenboa in eine dünne, unansehnliche Strippe verwandelt war, rief man 
mich — obgleich man wußte, daß die Familie Europa bald werde verlassen 
müssen. 

Ich fand einen bleichen, pastösen, ernst aussehenden Knaben vor, der mit 
den gewandtesten Manieren mir seine Spielsachen zeigte. Wir trieben drei Tage 
lang so artige Gesellschaftsspiele wie Quartett, Tiddledywins, Halma usw. An 
diesem dritten Tage fiel es mir ein, noch ein zweites Mal und unangemeldet 
zu dem Kinde zu gehen. Da sah ich den Jungen strampelnd auf dem Teppich 
liegen und wohlgemut eine Melodie vor sich hinsummen, während er in bei- 
den Händen kleine, lebendige Tiere hielt — von denen er eine Anzahl besaß — 
und sie abwechselnd zum Munde führte. Da Tommy völlig versunken in sein 
Spiel war, hatte er mein Eintreten gar nicht gehört, und ich mußte ihn noch 
einmal laut begrüßen. Der Junge war außer sich, daß man mich ihm nicht an- 
gemeldet hatte (er war es nicht gewohnt, unangemeldete Gäste zu empfangen). 
Ich beruhigte ihn rasch, setzte mich neben ihn auf den Boden und spielte mit 
den Tieren. Tommy kroch mißtrauisch um mich herum, dann fing er ganz 
allmählich mit mir und den Tieren zu spielen an. Auf einmal ergriff er einen 
Frosch, machte mich extra darauf aufmerksam und steckte ihn ein Stückchen 
in den Mund. Ich fing mir einen anderen und bewies ihm, daß ich ebensoviel 
könne wie er. Ich tat das ganz bewußt, um dem Kinde zu zeigen, daß ich 
nicht wie die anderen Erwachsenen sein Verhalten so unerhört abnorm finde. 
Da hat Tommy zum ersten Mal laut und herzlich mit mir gelacht, die Fassade 
der guten Erziehung war gebrochen, und ich gewann Kontakt mit dem Jungen, 
vorerst, indem ich mich an seinen Spielen mit seinen Lieblingstieren beteiligt 
hatte. Wir haben nun tagelang nur mit den lebenden Tieren gespielt (einen 
Dackel, Meerschweinchen, Fröschen, weißen Mäusen und zwei Zeisigen), 

1) Nach einem Vortrag in der Pädagogischen Arbeitsgemeinschaft am Berliner 
Psychoanalytischen Institut. 

- 220 - 



aber ich hatte es glücklicherweise nie mehr nötig, Mäuse oder Frösche zum 
Munde zu führen. Bei diesen Spielen handelte es sich zunächst hauptsächlich 
um das (phantasierte) Auffressen lebendiger Tiere, auch um das Auffressen von 
Spielzeugtieren. Als Tommy sich genügend mit diesen Tieren ausgetobt hatte, 
trat ein neues Spiel in den Vordergrund. Tommy besaß einen großen Stoff- 
elefanten, den er „Daddy u nannte. (Daddy im amerikanischen gleich Vatti.) 
Ferner kramte er aus seinem vollgepfropften Spielschrank, sämtliche kostbaren 
Spielsachen wie selbstverständlich beiseite lassend, eine kleinwinzige Gummi- 
babypuppe heraus. Dieses „Utile one" stellte Tommy in die Mitte des Zimmers, 
dann setzte er sich möglichst entfernt davon auf den Elefanten „Daddy" und 
ritt mit Gebrüll „I am going to eat you up!" auf die Baby puppe zu, stürzte 
sich auf diese und stopfte sie in den Rüssel des Tieres. Den Ausdruck: „I am 
going to eat you up!" hatte er wörtlich aus zwei englischen Kinderbüchern 
entnommen. 

Durch unsere Unterhaltungen erfuhr ich, daß die Mutter im vierten 
Schwangerschaftsmonat war, was man nicht für nötig befunden hatte, mir zu 
sagen. Man wird in dieser Hinsicht vom Publikum nicht verwöhnt. Ist es mir 
doch vor einiger Zeit geschehen, daß ich zu einem kleinen Mädchen gerufen 
wurde, bei dem mit Sicherheit festgestellt war, daß „seit genau fünf Wochen 
die Kleine die Nahrungsaufnahme verweigerte". Ich bat inständigst, sich doch 
zu überlegen, was sich vor genau fünf Wochen zugetragen haben könnte, aber 
weder meine Fragen, noch all meine harmlosen Vorschläge, ob die Mama viel- 
leicht im Theater war und die Kleine sich abends verlassen vorgekommen war 
usw., nichts war das Richtige. Bis ich nach einigen Besuchen im großen Hause 
eines schönen Tages in der Diele einen Kinderwagen sah, und auf meine er- 
staunte Frage die überraschende Antwort bekam, das sei der Wagen vom 
„Brüderchen"! Es war die reine Ironie, daß ich noch fragte, wie alt das Brü- 
derchen sei. „Morgen wird es sechs Wochen!" Ich glaube, wir dürfen uns 
überhaupt niemals wundem, daß Kindheitseindrücke „vergessen" werden. 

Im Falle des Tommy stellt sich gleichfalls heraus, daß die Freßsucht des 
Jungen vor wenigen Wochen einen so beängstigenden Grad angenommen hatte. 
Er hatte natürlich die Schwangerschaft bemerkt, sei es durch Äußerungen, sei 
es durch das Befinden, respektive das Benehmen der Mama. Ich sagte ihm nach 
dem Gespräch mit derselben, daß ich es unkameradschaftlich von ihm fände, 
daß er mir nicht von dem zu erwartenden Baby längst erzählt hätte. Worauf 
er prompt erwiderte: „Du bist aber unanständig!" Tommy spielt jetzt, daß die 
zum Rüssel des Elefanten hineingestopfte Babypuppe beim Schwanz wieder 
hinausgeworfen wird. Im Anschluß daran werden orale Befruchtungs- und anale 
Geburtstheorien besprochen. Nun wird das frühere Spiel zum dritten Mal ver- 
ändert, jetzt umgekehrt: Die Babypuppe stürzt sich mit Höllengebrüll: „I am 
going to eat you up!" auf den Elefanten Daddy. Allmählich, sehr allmählich 
rückt Tommy mit seinen Sorgen um den „Zuwachs" heraus. „E r wird mir die 
Tiere kaput machen! Er wird mir die Musik wegnehmen (ein kleines Klavier 
für Puppen und mehrere Spielinstrumente)! Er wird mir alles auf- 



— 221 - 



essen!" Ich spreche darüber, daß man nicht vor der Geburt des Kindes wissen 
könne, ob es ein Junge oder ein Mädchen würde. Es schließt sich hieran eine 
korrekte Schilderung des Geburtsvorganges. Von Ablauf und Bedeutung des "Vor- 
ganges bei der Befruchtung bzw. beim Geschlechtsverkehr konnte unter den 
gegebenen Umständen nicht gesprochen werden. Wohl wurden aber die typischen, 
infantilen, oralen Befruchtungs- und Geburtsphantasien, wie erwähnt, berück- 
sichtigt. 

Ich gebe Tommy die genauen Maße eines Neugeborenen und erzähle ihm, 
wieviel Zentimeter ein Kindchen in Abständen wächst. Ich spreche ganz aus- 
führlich von der Säuglingsernährung. Tommy hört immer voller Anspannung, 
fast andächtig zu. Es gelingt mir, das Kind für den Vorsprung zu interessieren, 
den es vor dem zu erwartenden Baby hat. Es sei winzig, etwa füngzig Zenti- 
meter lang. Tommy mißt nun alles mit dem Metermaß und gibt es mir schließ- 
lich völlig beruhigt zurück: „Du kannst es wieder fortnehmen, wir brauchen 
es nimmer!" Das Baby werde zwar wachsen, er aber auch. Das Baby äße rich- 
tiges „Baby-Essen", so süßes, breiiges Zeug, was „uns Großen" gar nicht 
schmeckt. Im Zusammenhang damit tritt die sehr wünschenswerte Mäßigung 
in Bezug auf Milch und Zucker ein. Der kleine Tommy zeigt sein Verständnis 
für die Deutung, daß, was immer er fräße, es doch nicht Vater, noch Mutter 
oder das Baby sei, indem er mir eines Tages folgendes Rätsel aufgibt: „Was ist 
das? Ich esse es auf, aber es bleibt doch da. Und dann drückt es im Bauch, 
und Du hast nichts vom Richtigen drin?" In derselben Zeit spielt der Wunsch, 
so zu werden wie der Vater und seine hohe Position zu erreichen, eine be- 
sondere Rolle. Es fällt die weitere Mäßigung der Eßgier günstig zusammen mit 
der von den Eltern ersehnten Entwicklung guter Manieren. 

Ich fand den Moment gegeben, Tommy als großen Jungen auftreten zu 
lassen, der so wesentlich viel größer und gewandter als jedes Baby sei. So 
schlug ich dem Kinde vor, mit mir auswärts zu speisen. Wenn auch der Anfang 
hierbei noch recht schwierig war, vor allem wegen der beobachtenden Um- 
gebung in Lokalen, verlor ich den Mut dennoch nicht, sondern wagte es immer 
wieder. Nach einiger Zeit hatte Tommy erfaßt, daß man in Restaurants 
„gentlemanlike" zu sein hätte, er fand nun sehr bald Freude daran, suchte sich 
Genüsse von der Speisekarte aus, welche er sich von mir immer wieder vor- 
lesen ließ, und bald hatte ich einen allerliebsten Tischherrn. In diesen Tagen 
arrangierten wir es, daß Tommy von jetzt an des Abends mit seinen Eltern 
zusammen aß. Es ergab sich fast mühelos, daß die „Restaurant- Allüren" auch 
auf das Haus übertragen wurden, das heißt: zur Gewißheit wurden. Schon 
etwas früher stellte ich fest, daß Tommy nichts Uneßbares mehr annagte oder 
gar hinunterschluckte. Wenn der Kleine müde oder traurig war, fing er zu 
kauen an. Er versuchte es vorerst mit den Nägeln oder mit dem Taschentuch. 
Ich ließ ihm getrocknete Bananen besorgen und sagte ihm, wenn er älter sei, 
könne er Kaugummi nehmen oder rauchen. Er forderte im Augenblick eine 
Zigarette, die ihm gar nicht schmeckte, und die er sehr eilig wieder fortlegte. 
Sobald Tommy die „Kaubananen" hatte, unterblieb das Kauen an den Nägeln 

— 222 — 



und an den Taschentüchern. Dann kam er wieder in die genitale Onanie hinein, 
was aber bloß vorübergehend war. Einmal legte er sich sinnend auf das Sofa ; lange 
war er ganz still, bis er dann monoton vor sich hinsang: „Bis acht Jahre Bananen, 
bis dreizehn Jahre Kaugummi und dann Zigaretten!" Ich brauche wohl nicht zu 
erwähnen, daß ich dem Jungen nie diese Anzahl von Jahren gesagt habe. 

Wir hatten in der zur Verfügung stehenden, außerordentlich knappen Zeit 
mehr erreicht, als ich zu hoffen gewagt hatte; das Kind konnte getrost auf die 
Reise mitgenommen werden. Man fuhr zuerst in einen Kurort, wo die Groß- 
eltern die Tommy nach Jahren wiedersahen, ihn einen gescheiten und „gra- 
ziösen" Jungen nannten — was der Wirklichkeit entsprach, denn er hatte sich 
inzwischen auch äußerlich günstig verändert. Hier möchte ich einflechten, daß, 
ohne daß irgend jemand dem Kinde ein Verbot in dieser Richtung gegeben 
hätte, es ganz von sich aus, niemals und zu niemandem je ein Wort über seine 
„Freßgierzeit" geäußert hat. Von der Behandlung möchte ich noch erwähnen, 
daß der Kleine außerordentlich musikalisch war und sich sehr rasch beruhigte, 
■wenn er nur besondere Töne hörte. Da dachten wir uns ein musikalisches 
Spiel aus. So paukte Tommy wütend auf der Trommel herum, wenn er etwas 
erreichen wollte; konnte ich es ihm nicht erfüllen, so griff ich dann zu einer 
kleinen Mundharmonika und blies ein englisches Lied, das er den „Impossible- 
March" tituliert hatte. Es gab Tage, da sprach er nicht mit mir, weil ich ihm 
„viel zu unanständig" war. Wir vertrugen und verständigten uns dann mittels 
mehrerer Instrumente ganz vorzüglich. Einmal bat ich Tommy um eine Ge- 
fälligkeit, da griff er zu seiner kleinen Flöte und blies den „Impossible-March", 
um eine Minute später lachend meine Bitte zu erfüllen. „Ich bin nicht Du, 
wenn ich nein sage; hernach sage ich doch ja, weil ich heute nur Witze mit 
Dir machen will." Er war überhaupt in diesen Wochen viel heiterer gewor- 
den. Während der Behandlung biß mich Tommy einmal heftig in die Brust ; 
das möchte ich damit in Zusammenhang bringen, daß ihn eine Negernurse noch 
in relativ hohem Alter angelegt hat. Überhaupt machen einige Angaben sehr 
wahrscheinlich, daß schon in der frühesten Zeit orale Störungen vorlagen. Als 
Baby soll Tommy viel erbrochen und sehr geschrien haben, wenn man ahm 

die Flasche fortnahm. 

Die Angst vor dem Gefressenwerden spielt in diesem geschilderten Fall un- 
bewußt eine wesentliche RoUe. Ferner Haß gegen den Vater, eine besonders 
ambivalente Bindung an die Mutter und eine Identifizierung mit der schwan- 
geren Mutter. Ich glaube, daß folgende äußeren Umstände mitgewirkt haben, 
die Freßgier entstehen zu lassen: Die Tatsache des sehr häufigen Ortswechsels 
und daß der Junge früher, bis zu der Zeit also, in der diese Gier verstärkt auftrat, 
meist getrennt von den Eltern lebte und sie erst in Deutschland richtig kennenlernte, 
wo er mit ihnen in einem Hause wohnte und viel mit ihnen zusammenkam. 

Inzwischen ist das Geschwisterchen geboren worden: „Nur" ein Mädchen, 
so schrieb man mir. Meinem kleinen Patienten soll es gut gehen. Die Behand- 
lung — a ie natürlich von Anfang an als Notmaßnahme und nicht als regel- 
rechte Analyse gedacht war — liegt nun fast zweieinhalb Jahre zurück. 

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HEILPÄDAGOGIK IM KINDERGARTEN 



Aus dem ßeilpädagogiscßen Seminar der Wiener Kindergärtnerinnen 

Verspätete Reinlichkeitsgewöhnung 

Von Anni Porti 

Rudi S. kommt im September 1932 zu mir in die Sondergruppe. Vier 
Jahre, neun Monate alt, ist er ein kleines, zartes, blasses Kind, mit ver- 
krampft scheuem Ausdruck und ständig niedergeschlagenen Augen. Auf- 
fällig ist seine Haltung; sein Körper bildet mit den Beinen einen nahezu 
rechten Winkel, es bewegen sich beim Gehen und Laufen nur die Beine 
vom Knie abwärts, während Kniee und Schenkel fest aneinandergepreßt 
bleiben. Sein Verhalten ist völlig passiv. Seine scheinbare Teilnahmslosig- 
keit ist der Ausdruck schwerer Hemmungen, die ihn weder spielen noch 
arbeiten lassen, und ihn so mutlos erscheinen lassen, da er den Kontakt 
mit der Außenwelt aufgegeben und sich in sich selbst zurückgezogen hat. 
So ist er schließlich nicht fähig etwas selbständig zu unternehmen er 
reagiert nicht auf Bitten oder Aufforderungen, er spricht keinen Wunsch 
aus und redet fast überhaupt nichts. 

Das einzige Zeichen einer aktiven Stellungnahme zur Außenwelt scheint 
anfangs ein großer Muskel widerstand zu sein, welchen er bei jeder Be- 
wegung, so beim Gehen und Laufen, zeigt. Er bereitet auch beim Essen 
Schwierigkeiten und solche in der Reinlichkeitserziehung, er kotet sich oft 
und näßt sich täglich ein. Später erkennen wir auch da, daß es die Aus- 
wirkungen schwerer Hemmungen sind. Charakteristisch für Rudi waren 
die Beobachtungen, die wir in Anwesenheit seiner Mutter an ihm machten. 

Er blieb trotz wiederholter Bemühungen, ihn vom Schoß der Mutter 
wegzubringen, dort und wendete den Blick ab, wenn er sich beobachtet 
fühlte. Warf man ihm trotzdem einen Ball zu, so erhellte sich für einen 
Augenblick sein Gesicht und er warf den Ball zurück. Auch beim Bilder- 
zeigen versuchte er zuerst starr über dieselben hinwegzuschauen, später 
siegte aber doch sein Interesse. Man legte ihm Bilder vor und forderte 
ihn auf, bestimmte Bilder zurückzugeben, was ihm nach leichtem Wider- 
stand gelang. Ihm waren fast alle Begriffe und die Farben bekannt. Beim 
Zylindereinsetzen (verschieden große, zylinderartig geformte Holzklötze müssen 
in die dazupassenden Vertiefungen gesteckt werden) zeigte sich ebenfalls zu- 
erst muskulärer Widerstand, er räumte aber bald geschickt und selbständig 
ein. Sein erneuter Widerstand zeigte sich darin, daß er bald darauf die 
Arbeit mit groben Fehlern löste. Die Zahlenbegriffe bis drei waren ihm 

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geläufig und nach kurzer Betrachtung der Vorlage legte er geschickt und 
sicher ein Haus aus Stäben. Während er so am Schoß der Mutter sitzend 
mit uns bekannt wurde, sprach er kein Wort, erst am Gang nach Verlassen 
des Zimmers hatten wir Gelegenheit zu hören, wie er geläufig und ruhig 
mit der Mutter sprach, 

Das Verhalten Rudis während dieser Beobachtungsstunde zeigt eine 
nicht gewöhnliche Abhängigkeit von der Mutter; sie muß ihn auch trotz 
seiner viereinhalb Jahre rein und trocken halten. 

Bevor ich über Rudis Leben und Entwicklung in der Sondergruppe 
spreche, will ich die Vorgeschichte seines kleinen Lebens bringen, will 
seine Mutter und die häuslichen Verhältnisse schildern, soweit mir Rudis 
Mutter damals Einblick gewährt hat. 

Rudis Mutter, Frau B. war verheiratet und aus dieser Ehe stammt eine 
nun zwölfjährige Tochter. Der Mann hat sie verlassen und Rudi ist das 
uneheliche Kind mit einem Lebensgefährten, der sie ebenfalls verlassen 
hat. Von keinem der Männer bekommt sie Alimente, weil beide im tiefsten 
Elende leben. Sie selbst findet keine Arbeit und ist bei der Deckung der 
Lebenshaltung auf sechsundzwanzig Schillinge im Monat Pflegebeitrag an- 
gewiesen, was nicht für das Notwendigste reicht. Mutter und Kinder be- 
wohnen ein Kabinett, wo Rudi mit der Mutter das Bett teilt. Als Unter- 
lage werden alte, wärmere Kleidungsstücke genommen. 

Schon einige Male wollte Frau B. die Kinder in die städtische Über- 
nahmsstelle für Kinder bringen, doch verstand es die Tochter immer wieder 
die Mutter von ihrem Vorhaben abzubringen. Nicht Lieblosigkeit, sondern 
die größte Not hätte die Frau dazu bewogen, die Kinder herzugeben. 

Die Schwester Rudis ist sehr verständig, vernünftig und lebhaft. Ihre 
Beziehung zu Rudi ist sehr liebevoll. Der Kontrast im Wesen der Kinder 
beunruhigt die Mutter, sie befürchtet bei Rudi einen geistigen Defekt. 
Diese Befürchtung wird durch die Schwierigkeiten seiner Reinlichkeits- 
erziehung verstärkt. 

Frau B. ist eine verhärmte, abgemagerte Frau, welche beim geringsten 
Anlaß in Weinkrämpfe verfällt und in ihrer berechtigten Verbitterung ein 
Bild ärgster Verzweiflung bietet. Sie äußert häufig Selbstmordabsichten, 
wird aber auch da von der Tochter zurückgehalten, so daß sie aus Mitleid 
und Liebe zu den Kindern die Tat unterläßt. Rudis libidinöse Bindung 
zur Mutter ist, wie schon erwähnt, sehr stark und innig, er spricht mit 
ihr zwar leise und scheu, aber korrekt, er kost sie oft in spielender Zärt- 
lichkeit. 

Rudi ist eigentlich schon seit Oktober 1951 im Kindergarten, doch 
wurde trotz großer Mühe nur wenig bei ihm erreicht. In dieser Zeit 
schließt er sich an einen gleichaltrigen, gleichnamigen Knaben an, der 
ihn nach und nach vollständig beherrscht. Selbst ein der Umwelt gegen- 
über scheues, verschlossenes Kind, gewinnt er Rudi mit verführerischer 
Liebenswürdigkeit. Rudi wird vollständig abhängig von ihm und je mehr 



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sich der eine in der Führerrolle gefällt, desto weniger wird es dem andern 
möglich, sich von diesem Beherrschtsein zu befreien. Rudi läßt sich führen, 
ohne dabei selbst aktiv zu werden. 

Eine befriedigende Besserung seines psychischen, wie seines physischen 
Zustandes wird nach einem Aufenthalt in einem Erholungsheim bemerkt. 

Nach diesem Aufenthalt im Ferienheim kommt Rudi S. in meine 
Sondergruppe. Er ist gekräftigt und sieht gut aus. Der Betrieb wickelt 
sich um diese Zeit hauptsächlich im Garten ab, wo er meistens Reifen- 
spiele mitmacht. Er sucht hier mit mir Kontakt zu bekommen, klopft mir 
auf den Rücken und ruft: „Fang mich!" Er ist sehr aufgeregt dabei, es 
sind dies die ersten Worte, die er zu mir spricht. Hier trifft er auch seinen 
Freund Rudi R. wieder und das frühere Verhältnis ist bald wieder her- 
gestellt. Auch zu den anderen Kindern ist er nicht mehr abweisend. Er 
näßt und kotet sich nicht ein und, da dies das Unangenehmste für uns 
war, ist er uns jetzt wenig auffällig. 

Regentage zwingen uns, den Aufenthalt der Kinder vom Garten ins 
Zimmer zu verlegen und da erfolgt die endgültige Trennung der beiden 
Knaben. Diese gestaltete sich sehr sonderbar. Während sein Freund Rudi R. 
weint und schreit, sich an ihn anklammert, wenn er ihm begegnet und 
nicht mehr in den Kindergarten gehen mag, fühlt sich unser Rudi über- 
legen, schüttelt den anderen ab und geht sichtlich befreit umher. Er 
nimmt ganz leicht Fühlung mit anderen Kindern. 

Nach vierzehn Tagen erkrankt Rudi S. an Angina. Er kommt sehr ge- 
schwächt und elend aussehend wieder zu mir. Alle Schwierigkeiten sind 
wieder hier und nun beginnt eine Arbeit, die in den ersten Wochen ge- 
radezu hoffnungslos aussieht. 

Ich will versuchen, sein Verhalten in dieser Zeit anschaulich zu schildern. 
Wird er morgens in den Kindergarten gebracht, so muß er bis zur 
Garderobentür geschoben werden, wobei er die schon erwähnte Haltung 
einnimmt. An der Türe bleibt er stehen, bis er auf eine Bank gesetzt 
wird und ihm die Schuhe ausgezogen werden. Auch die Oberkleider 
müssen ihm ausgezogen werden und man spürt da, wie beim Schuheaus- 
ziehen starken Muskelwiderstand. Ist er glücklich in die Gruppe gebracht, 
bleibt er still stehen oder sitzen und behält die Lage bei, in die man ihn 
eben gebracht hat. Vorgelegtes Spielzeug oder Beschäftigungsrnaterial ignoriert 
er. Sein Gesicht zeigt ein stereotypes Lächeln. Er verweigert die Nahrungs- 
aufnahme, obwohl seine Mutter berichtet, daß er während seiner Krank- 
heit hungern mußte und sie ihm auch jetzt nichts bieten kann. Er nimmt 
Mehlspeisen, Obst und andere den Kindern sonst gutschmeckende Sachen 
nicht an. Einen Apfel, den ich ihm in die Hand drückte, läßt er, ohne 
ihn zu fassen, zu Boden fallen. Er verneint und bejaht nicht, er bleibt 
unbeweglich lächelnd. Trotzdem er mit den Kinder gemeinsam, regelmäßig 
aufs Klosett geführt wird, ist er kurze Zeit darauf eingenäßt, manchmal 
auch eingekotet, besonders dann, wenn er zum Essen und Trinken gezwun- 

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gen wird. Dazu werden wir veranlaßt, weil er immer schwächer wird, 
sein Gesicht schmal und blaß ist und wir ernstliche Befürchtungen für 
seine Gesundheit haben. Es geschieht dies zuerst in Form von Geschichten- 
erzählen beim Essen: „da kommt ein voller Wagen — ein Auto — ein 
Aeroplan u. s. w. und alle wollen in das Tor fahren" — oder: „ein Löffel 
für die Mutter, für die Schwester" u. s. f. — und wie es dieser Geschichten 
mehr gibt. Es nützt dies nur kurze Zeit und da sehe ich mich gezwungen, 
trotz der Gefahr, dem Kinde einen Schrecken einzujagen, ihm zu erklären, 
daß ein Kind, das nicht ißt, so krank wird, daß es ins Spital muß. Nun 
muß ich hinzufügen, daß ich vorher nie ängstigend vom Spital gesprochen 
habe, ihm nur die Folgen seines Verhaltens klarmachte, ihm aber dabei 
indirekt die Trennung von der Mutter und vom gewohnten Milieu an- 
drohte. Diese indirekte Drohung, die, wie wir später erfahren, für ihn 
eine unliebsame Erinnerung an das Spital bedeutete, also wirklich ein 
Schock war, hilft. Er ißt jetzt, ist aber dafür jeden Tag naß und ein- 
gekotet. 

Dachte ich zuerst, sein Einkoten und Naßmachen sei eine Abwehr 
gegen den Kindergarten, weil er früher erlebt hatte, daß schmutzige Kinder 
von der Mutter geholt wurden, so komme ich jetzt darauf, daß er nicht 
essen noch trinken will, um nicht defäzieren und urinieren zu müssen. 
Diese Erkenntnis bestätigt sich, als er sich abermals einkotet und ich zu 
ihm sage: „Das muß dir aber sehr wohltun, daß du es immer wieder 
machst"" worauf er bitterlich zu weinen anfängt, was ich bei ihm noch 
nie gesehen habe. Ich zweifle nun an der Richtigkeit der Annahme, daß 
Lustgefühle im Spiele waren, und vermute, daß er sich in einer Zwangs- 
lage befindet. Von diesem Tage nämlich hat er sich nie mehr eingekotet, 
dafür aber konstant die Nahrungsaufnahme verweigert. Allein hinausgeführt, 
weil der Gedanke nahe liegt, er schäme sich vor mir oder anderen Kindern, 
ist er nicht zu bewegen, das Klosett zu benützen. 

Er scheint von dieser Zwangslage so eingeengt zu sein, daß er unfähig 
ist zu spielen und zu schaffen. Er sieht mit seinem verlegenen Lächeln 
dem Treiben der andern Kinder zu oder ist tief in sich versunken. Kommt 
am Nachmittag die Mutter, um ihn abzuholen, so muß er ihr ebenso zu- 
geschoben werden, wie er uns des Morgens gebracht wird. Macht die 
Mutter die Andeutung, allein fortzugehen, so erschrickt er heftig und 
stürzt ihr mit einem wilden, gequälten Schrei nach. 

Es hat einige Zeit gebraucht, bis ich Frau B. dazugebracht habe, das 
Kind wegen seiner ünsauberkeit nicht körperlich zu züchtigen. Hat sie es 
doch getan, so ist am nächsten Tag der Abschied von ihr besonders zärt- 
lich, er klammert sich an sie und kost sie wortlos, schnappt auch zuweilen 
wie ein kleines Tier nach ihr. 

Es ist selbstverständlich, daß wir ihn mit allerlei Material oder Spiel- 
zeug zu gewinnen suchen, weil wir ja auch aus seinen Interessen sein Innen- 
leben ablauschen wollen. Ein Baukistchen erregt fürs erste seine Aufmerk- 

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samkeit. Dies wird vor ihm auf den Tisch gestellt und, da er es dann 
ignoriert, beginne ich damit zu spielen. Ich mache aus dem Kistchen ein 
Häuschen und aus dem Deckel eine Tür. Die verschiedenen Bauklötze 
werden Personen, wie die Mutter, die Schwester und andere, die beim 
Häuschen aus- und eingehen. Nach kurzer Zeit beginnt auch er so zu 
spielen, nur sind bei ihm die Bausteine nicht Personen, sondern Tiere. 
Er spielt dieses Spiel in verschiedenen Varianten täglich und selbständig, 
so oft man ihm das Kistchen hinstellt. Da sperrt er alle Tiere ein und 
bewacht sie, oder er sperrt eines hinein und hält mit einer Hand den 
Deckel fest zu. Ein anderes Tier, welches er in der zweiten Hand hält, 
will ins Kistchen und zwar sehr ungestüm. Als einmal die Kraft der 
zuhaltenden Hand nachläßt und der Deckel unversehens aufgeht, erschrickt 
Rudi heftig. Ich frage ihn, ob das Häuschen ein Klosett sei, er nickt 
lebhaft bejahend. 

Sein kleiner Tischnachbar beginnt sich für Rudi und sein Spiel zu in- 
teressieren und bringt ihm allerhand Spielzeug zum Tisch. Rudi nimmt 
aber nur Holztiere und die Pyramiden (russ. Spielzeug: verschieden große 
Holzringe übereinandergestellt), deren Ringe er aneinanderreiht und die 
Tiere, besonders eine Kuh mit langem Euter, darüberführt und über die 
Löcher hält. Auch hier gibt er zu, daß er „Klosett" spiele. 

Da er sich sowohl schon etwas verstanden glaubt, kommt er mir etwas 
näher, doch vollzieht sich seine Bindung nicht direkt. Er kommt nicht 
als Kind, sondern als Hund oder Pferd, er ist kein Bub, was uns später 
noch klarer wird, er ist ein Tier. Er kommt auf Händen und Füßen zu 
mir, streicht seinen Kopf an meinen Knien, will gerne gestreichelt sein, 
schnappt nach mir mit einem immer offenstehenden Mund und tappt an 
mir herum. Es ist da ein deutlicher Zusammenhang mit seinem Spiel zu 
bemerken. Ich versuche wieder das Spiel mit den Bauklötzen und lasse 
einen der Klötze Rudi sein. Rudi selbst ist anfangs dabei sehr ängstlich. 
Der Bauklotz — Rudi muß ins Häuschen, aufs Klosett gehen, dann darf 
er wieder heraus. Voll Spannung sieht Rudi zu und als ich ihn ganz un- 
vermittelt frage: „Du gehst wohl jetzt auch hinaus?" geht er freiwillig 
mit mir aufs Klosett. Dort steht er steif und ist nicht zu bewegen, sich 
zu bedienen. Ich entschließe mich, ihm zu helfen. Auch die Frau Kinder- 
wärterin, welche zur körperlichen Pflege der Kinder da ist, geht auf meine 
Verhaltungsmaßregeln ein. So halten wir ihn von nun an trocken. Wir 
haben die Beobachtung gemacht, daß Rudi außerstande ist, sein Glied zu 
berühren. Will man ihn dazu bringen, setzt er den heftigsten Widerstand 
entgegen, bäumt sich auf und ist sehr aufgeregt. 

In der nächsten Sprechstunde erfahre ich Begebenheiten, die mir den 
Schlüssel zu Rudis Verhalten geben. Nachdem Frau B. ein schreckhaftes 
Erlebnis auf dem Klosett ganz entschieden in Abrede stellt, erzählt sie mir 
unter Zeichen der schwersten Überwindung: Rudi hat im Alter von un- 
gefähr zwei Jahren eine Vorhautoperation mitgemacht. Der Arzt hat ihr 

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aufgetragen, das Kind taglich zu baden und dabei die Vorhaut zurückzu- 
schieben. Dies habe sie nun mit großem Ekel und nur, weil ihr eine 
Nachbarin dringend zusprach und ihr Angst vor einer neuerlichen Operation 
machte, getan. Sie hat dabei ihre Ekelgefühle auf das Kind übertragen. 
Diese Übertragung wurde so wirksam, weil sie ihm schon vor der Operation 
bei gelegentlichen onanistischen Betätigungen durch Schlagen auf die Hände 
und Pfuirufen das Glied als unrein bezeichnet hat. Damals war seine Er- 
ziehung zur Reinlichkeit bereits erfolgreich abgeschlossen, erst nach der 
Operation begannen die Schwierigkeiten. Bei einer späteren ärztlichen 
Untersuchung wird er für gesund erklärt und der Arzt meint, es könne 
nur eine Nachläßigkeit von sehen des Kindes vorliegen. 

Das Ekelgefühl der Mutter ihrem zweijährigen Kinde gegenüber klingt 
fast unglaublich, es wird erst verständlich, wenn man die Frau kennt, 
doch liegt ein Ergründen der Ursache dieses Ekels außerhalb meiner Arbeit. 
Ihre Onanieverbote sind aus dem Ekel vor dem Gliede ihres Knaben voll 
verständlich. 

Nach den von Frau B. gemachten Angaben konnte mit der Heilung 
des Kindes begonnen werden. Es gilt nun, ihm die Ursache seines Ver- 
haltens und dieses selbst zu deuten. Ich spreche mit ihm über die Operation, 
über den Ekel der Mutter, über ihre Verbote beim Anfassen des Gliedes 
vor der Operation. Ich sage ihm, daß die Mutter Unrecht hatte, daß es 
an Rudis Glied nichts gibt, wovor man sich ekeln könnte, daß alles in 
Ordnung und richtig sei. Auch die Mutter wird von der Ursache und 
ihren Folgen überzeugt und verspricht alles zu tun, was wir ihr raten. 

Viel Geduld und lange Zeit braucht es, bis er sein Glied wirklich an- 
faßt. In diese Zeit fällt ein Verstoß gegen meine Arbeit, der unbeabsichtigt 
war, im Gegenteil, mir helfen sollte. In dieser Absicht wird ihm von der 
Wärterin gesagt, daß er ins Spital müsse, wo ihm ein Herr Doktor das 
Urinieren lehren wird. Rudi hat damals vor Schreck sein Glied angefaßt. 
Ich habe die Situation so gerettet, daß ich ihm erklärte, die Frau Wärterin 
irrt sich, es gibt keinen Doktor, welcher den Kindern urinieren lehrt, das 
lernen die Kinder von selbst. Auch die Frau Wärterin mußte ihre Äußerung 
zurücknehmen. Rudi hat alles sichtlich befreit aufgenommen, worauf alles 
wie früher war. 

Die Zeit der Deutungen ist für Rudi eine sehr aufregende Zeit. Es ge- 
schieht dies gewöhnlich beim Urinieren, wobei ich ihm noch immer be- 
hilflich bin. Er nimmt jede Deutung mit großer Erregung an. Er ist un- 
bändig wild, liebkost und schlägt mich zu gleicher Zeit, er lacht laut und 
quietscht. Die Reaktion zeigt sich im intensiven Spiel, wobei er vor Eifer 
schwitzt. Angstzustände treten auf, so beim Katze- und Mausspiel, wo er 
auf keinen Fall die Maus, sondern nur die Katze sein will. Auch sonst 
hat er nur Angreiferrollen: Rauchfangk ehrer, Krampus, Wolf, dabei wird 
er bei seinen Angriffen aggressiv. Er balgt mit nur größeren Buben, es 
ist wie ein Messen, ein Probieren seiner Kraft, die er braucht im Kampfe 

— 229 — 



gegen die Angst, welche ihm die Umwelt bringt. Ein anderes Mal ist er 
nach der Deutung lustig in der Erregung. Er neckt meine Mitarbeiterin, 
steckt ihr Bausteine rückwärts in den Gürtel oder schnappt mit zwei Bau- 
steinen, die er zu einem Schnabel formt, nach ihr. Er ist offenbar glück- 
lich, ein richtiges Glied zu besitzen. Er baut mit entschlossener Miene 
hohe Türme und äußert Freude darüber. Er zeichnet, doch kann er den 
Bleistift noch nicht halten, er steckt in ungeschickt zwischen Mittel- und 
Bingfinger und zeichnet nach vielen Punkten lange Linien, wobei er atem- 
los aufhört, dann aber genau dort wieder anfängt und die Linien endlos 
verwickelt. Er zeigt uns damit: er kann den Bleistift nicht halten, er kann 
ja auch sein Glied noch nicht halten. Die Linien als seinen Weg zu be- 
trachten, ist wenig ermutigend! Er nimmt das erste Mal Plastilin zur 
Hand um etwas zu bilden, er formt Tiere, sehr primitiv natürlich, mit 
deutlichem Glied, später werden Männer daraus, die er gegeneinanderstellt. 
Bei einem Versuch, Kinder mit dem Finger malen zu lassen, tut er nach 
Aufforderung mit, ist aber ängstlich bemüht, nicht mehr als die Finger- 
spitze mit Farbe zu beschmutzen, schmiert nicht, sondern zeichnet mit 
dem Farbfinger. Auch schneidet er Papier sehr ungeschickt und fädelt un- 
sicher Perlen auf. Alle Arbeiten werden mit einer Intensität ausgeführt, 
die sich bis zur Exaltation steigert. Alle Hemmungen scheinen sich zu 
lösen. Ab und zu erschrickt er stark über sich selbst, besonders wenn er 
laut gesprochen oder gar geschrieen hat. Er bekommt immer mehr Mut, 
den Kampf gegen die große Angst und Minderwertigkeit aufzunehmen, 
die ihn so lange beherrscht haben. Er ist wie in einem tollen Taumel, 
er hetzt herum, quietscht, beißt, spuckt, nimmt die Kopfbedeckungen der 
Kinder und wirft damit herum, schüttet wiederholt seinen und der anderen 
Kakao aus, nimmt Sessel auf den Rücken und geht damit spazieren, zieht 
die Schuhe aus und stellt sie auf den Tisch, erschießt mich, will aber 
nicht, daß ich fortgehe. Es ist, als will er alles Verbotene ausprobieren, 
um zu sehen, ob ihm etwas geschehen könne. Nachdem nichts geschieht, 
kann er auch ohne Gefahr sein Glied anfassen. Er tut dies anfangs sehr 
ungeschickt und ängstlich. Unbewußt hat Frau B., Rudis Mutter, die 
Sache gefördert. Sie kommt zu mir und erzählt, daß Rudi allein uriniert, 
wenn sie ihm zum Lohn Kerzchen gibt. Er spielt dann stundenlang ver- 
träumt mit ihnen. Kennt man die Kerze als Penissymbol, so kann man 
sich über den gelungenen Einfall der einfachen Frau nur freuen. Hat sie 
doch auch damit ihr Onanieverbot unbewußt aufgehoben, er darf damit 
spielen, er ist froh, einen Penis zu haben. 

Ungefähr drei Monate später haben die Kerzen beim Überwinden von 
Eßschwierigkeiten geholfen: Rudi will nicht essen. Ich sage, daß ich noch 
Kerzchen vom Christbaum zu vergeben hätte — worauf er sogleich zu essen 
beginnt. Er bekommt zwei Kerzen, ist glücklich darüber und spielt den 
Nachmittag intensiv mit ihnen. Er setzt sie in eine Eisenbahn — er be- 
handelt sie wie Lebewesen, er behütet sie sorglich. Sehr lieb zeigt sich 

— 230 — 



dann vor dem Nachhausegehen sein Verhalten zu einem kleinen, zarten 
dreieinhalb] ährigen Mädchen, das neben ihm zu sitzen kommt und ihm 
durch Streicheln und Küssen die Kerzchen abbettelt. Er läßt sich die Lieb- 
kosungen etwas scheu gefallen und überläßt seine Kerzen leihweise dem 
Mädchen, ist dabei aber ängstlich besorgt, daß denselben nichts geschieht. 
Ich mache seiner Qual ein Ende und gebe ihm die Kerzchen wieder. 

Leider wird meine Arbeit im Jänner 1933 durch eine längere Sperre des 
Kindergartens und einige nachfolgende Fiebererkrankungen Rudis empfind- 
lich gestört. Es ist jedesmal ein Rückfall zu bemerken, doch wird die 
Intensität und die Dauer der Hemmungsauswirkungen jedesmal geringer. 

Seine libidinöse Bindung zu mir wird immer stärker, und zwar so stark, 
daß ich mir vornehme, mich zurückzuziehen, ihn langsam wieder zu ent- 
wöhnen. Doch das leiseste Übersehen quittiert er mit einem Rückfall in 
die Starrheit. Es beginnt für ihn eine Zeit, wo er sehr empfindlich ist, 
d. h. wo er seine Empfindungen äußern kann. Er bekommt Zornanfälle, 
wo er das Schimpfwort „Hundsg'fraßt" hinausbrüllt. Er verfolgt seine An- 
greifer wütend. In dieser Zeit ist er unkonzentriert, er kann nicht arbeiten, 
ist ganz auf seine Verteidigung eingestellt, er ermattet schließlich und wird 
wieder mutlos. 

Dieses Auf- und Niedersteigen in seinem Gefühlsleben ist nach jeder 
Deutung zu bemerken, es äußert sich zuerst im Aktivwerden, welches sich 
bis zum Höchstmaß steigert, sich überspitzt und umschlägt in Ausbrüchen 
gegen die Umwelt, die Widerstand leistet; diesen ist er noch nicht gewach- 
sen, sie machen ihn daher wieder mutlos und untergraben sein Aktivsein. 
Mit seinem Hineinwachsen in die Gesellschaft ebben die Kurven dieser 
Gefühlsausbrüche ab, es tritt nach und nach ein Gleichmaß in seinen Aus- 
drucksformen ein. 

Viel tragen auch die Deutungen seiner Erregungen bei, ihn zu beruhigen, 
und allmählich verliert sich die einseitige Richtung seines Denkens und 
Schaffens. Bis jetzt war in jeder Arbeit und in jedem Spiel deutlich das 
Interesse für sein Glied zu sehen, nun beginnt er sich mit Dingen zu be- 
schäftigen, die ihn gesellig machen. Er ist nicht mehr allein mit sich selbst 
beschäftigt, er beginnt Interesse am Spiel der anderen Kinder zu zeigen. 

Die Eßschwierigkeiten haben mit den Reinlichkeitsschwierigkeiten auf- 
gehört. Rudi ist jetzt, wenn auch noch ein zartes, so doch frisches Kind, 
seine Haltung ist normal und er zeigt sich bei seinem Kommen stramm 
in der Türe. Er kommt allein übers Stiegenhaus, begibt sich allein in die 
Garderobe und kommt frei ins Zimmer, wo er mich mit einem Schlag 
in den Rücken oder durch Tappen und Streichen auf den Rücken begrüßt. 
Er mischt sich sodann unter die anwesenden Kinder, mit denen er leb- 
haft spricht. Zu Erwachsenen, auch zu mir spricht er noch wenig. Er 
äußert hie und da einen Wunsch: „Ich will auch" oder: „Gib mir auch 
was", doch geschieht dies sehr verschämt, verlegen hervorgestoßen. 

Meist ist er noch Tier, doch zeigt sich schon der Wille, Mensch zu 



- 231 — 



werden. Man muß ihm auch da helfen. Er hat schon einmal versucht, an 
Türklinken und Sesselknöpfen zu lutschen. Damals war es vielleicht der 
Wunsch, in die Zeit des Babyseins zurückzukehren, um unbeschädigt wachsen 
zu können. Jetzt ist er Baby und weiß, daß er bei mir wachsen wird. Daß 
er sich stark mit dem Babysein beschäftigt, zeigt mir eine Schlafstunde, 
in der ich ihm leicht über die Augen streiche, daß er schlafen möge. Er 
hascht nach meiner Hand und legt sie vorerst an seine Wange. Dann be- 
ginnt er mit meinen Fingern ein eigenartiges Spiel. Er faßt darnach mit 
den Lippen. Dann streicht er mit der Zunge um meinen Daumen und 
fängt später zu saugen an. Nachdem ich ihm die Finger entziehe, versucht 
er immer wieder dieselben in Saugweite zu bekommen, saugt sich schließ- 
lich in meinem Handteller fest und als ihm auch dieses verwehrt wird, 
begnügt er sich, einen Finger bis an den Mundwinkel zu bekommen, um 
mit einem befriedigten Ausdruck einzuschlafen. 

Er versucht dann noch einige Male, meine Finger zum Lutschen zu be- 
kommen. So neckt er mich einmal durch Kitzeln auf den Bücken, ich 
will ihn mit nach rückwärts gestreckten Händen fassen, worauf er plötz- 
lich ganz still wird und bald an einem meiner Finger zu saugen beginnt. 
Auf meine Frage, ob er ein Baby sein will, nickt er glücklich, und als 
ich ihn frage, ob er auch wachsen will, nickt er ebenfalls bejahend. 

Der Wunsch, klein zu sein, stört sein Aktivsein nicht, trotzdem habe 
ich mein Augenmerk mehr auf das Wachsen gerichtet. Er kommt Aufträ- 
gen nach und hilft auch gerne beim Servieren der Mahlzeiten oder bei ande- 
ren häuslichen Arbeiten, wo er ängstlich bemüht ist, sich nicht schmutzig 
zu machen. Er nimmt Geschenke freudig an und schaut mir voll in die 
Augen. 

Als er unlängst wieder als Tier, und zwar als Pferd kam, auf Händen 
und Knien, wobei er mit den Füßen einen Sessel nachschleppt, frage ich 
ihn, ob er denn nicht ein Kutscher sein möchte, wo er jetzt schon so lange 
Pferd gewesen sei. Er nickt einverstanden, spannt sich ein Pferd vor meh- 
rere Sessel und kutschiert auf dem Kutschbock. Im Wagen dürfen einige 
Kinder mitfahren. 

Sein ganzes Wesen zeigt Befreiung von schweren Lasten, doch ist 
die Heilung noch nicht ganz vollzogen. Es zeigt sich noch eine Unsicher- 
heit der Umwelt gegenüber, ein Scheusein im fremden Milieu und fremden 
Personen gegenüber; ja, zu mir selbst kann er noch nicht oder doch nur 
schwer sprechen. Ansonsten zeigt er mir sehr oft, daß ich ihm entbehrlich 
werde, er spottet manchmal über Dinge, die ich sage oder ruft: „Sei still!' 
Oder er kümmert sich stundenlang um meine Anwesenheit nicht, um aber 
dann wieder zärtlich zu kommen. Es ist zu erwarten, daß seine Loslösung 
von mir auf normale Art erfolgen wird, daß ich ihm dann nicht mehr 
Mutter, sondern Kamerad sein muß. 

Diese Aufzeichnungen umspannen die Zeit der Behandlung vom Sep- 
tember 1932 bis Mai 1933. 

- 232 — 






Aus dem fieilpädagogiscfien Seminar der Wiener Kindergärtnerinnen 

Folgen der Entrechtung 

Von (Caroline Pensimus 



Robert kam anfangs September in meine Kindergartengruppe. Er machte 
den Eindruck eines scheuen, verängstigten Jungen, der für seine vierein- 
halb Jahre physisch nicht auf der Höhe war. Die ersten zwei Wochen 
verliefen ohne nennenswert störende Zwischenfälle. Morgens — wir hatten 
noch Gartenbetrieb — schlich er sich, mit den Füßen den Kies vor sich 
herschiebend und teilweise immer von Baumstämmen gedeckt, mit ge- 
senktem Kopf auf seinen Platz und nahm, ohne von mir Notiz zu nehmen, 
eine vollständig passive Haltung an. Seine Augen zeigten dabei einen 
starren abwesenden Blick und wenn ein Kind sich vergaß und ihn zu 
einem Spiel aufforderte oder auch nur eine Frage an ihn stellte, so bekam 
es eine ziemlich derbe Abfuhr, die sich meist in einem Stoß äußerte. Sein 
kleiner „Freund", der zu gleicher Zeit mit ihm eingetreten war, sonderte 
sich schon am zweiten Tag seiner Anwesenheit von ihm ab. Wenn Robert 
aus seiner Passivität heraustrat, so war es nur um zu stören oder die 
Arbeiten der Kinder zu zerstören. Dies geschah mit den Füßen \ die Hände 
hingen dabei schlaff herab, der Kopf war vornübergebeugt, die Lippen waren 
aufgeworfen, so zerstörte er mit schlendernden Füßen die Kunstwerke aus 
Sand oder warf so im Vorübergehen einen Sessel um, der eben eine Loko- 
motive dargestellt hatte. Dabei sprach er kein Wort, ließ auch Einladun- 
gen unbeantwortet, obwohl ich vorangegangene Äußerungen als Annähe- 
rungsversuche hätte auslegen können. 

Im Laufe der dritten Woche fing er an, aus sich herauszugehen: Robert 
begann zu schreien; während der Unterhaltung der Kinder stieß er einen 
Schrei aus, der so schrill und unangenehm war, daß momentane Stille 
eintrat. Sah ich ihn nun selber erschrocken an, so ließ er den Kopf hän- 
gen, um sehr bald darauf wieder wie abwesend vor sich hinzuschauen. 
Dieses dissoziale Verhalten, auch sein abweisendes Äußeres, veranlaß te die 
anderen Kinder der Gruppe ihn zu meiden. Nur durch das stets gleich- 
bleibend freundliche Verhalten meinerseits Robert gegenüber fühlten sich 
meine älteren Zöglinge bemüßigt, dasselbe zu tun. 

Nach einer kleinen Erkrankung bekam Bobert am Tage seines Wieder- 
kommens eine Ausnahmskost; er lehnte sie ab (ich weiß, daß er dieselbe 
Speise vorher schon gegessen hatte). Er aß zwar nach meinem Erscheinen 
in der Gruppe auf gutes Zureden einen großen Teil davon auf, doch be- 
gannen von diesem Tage an die Eßschwierigkeiten, die fürchterliche Di- 
mensionen annahmen: brachte man ihn mit leichtem Zwang zum Tisch, so 
warf er ungezählte Male den Sessel um, verschob den Tisch und kauerte dabei 



Zeitschrift f. psa.Pad.,VII/ 5 /G 



- 233 - 



«6 



meist am Boden ; dann wurde zumeist der Tisch wieder zum Teil abge- 
deckt, das Essen aber auf keinen Fall angerührt. Dieses Verhalten war bis 
jetzt von keinem Laut begleitet. Je mehr ich meine anfängliche Be- 
mühung, ihn zum Essen zu bringen, steigerte (sein schlechter Ernährungs- 
zustand und seine schwächliche Konstitution ließen nur meine Sorge ge- 
rechtfertigt erscheinen), desto weniger unterschied sich Robert durch nichts 
von einem besonders jähzornigen Knaben, er schrie so, wie wir es bei jäh- 
zornigen Kindern gewöhnt sind. Dann warf er sich heftig zu Boden, stieß 
seinen Kopf gegen die Wand, verkrampfte seinen Körper und seine Gliedmaßen 
derart, daß man wohl an einen Krampfzustand denken mußte. Eines hatte 
er mit solchen Kindern nicht gemein, sein Gesicht behielt den starren 
Ausdruck, aus dem direkt die „Angst" zu lesen war. 

In dieser Zeit hatte ich die erste Aussprache mit seiner Großmutter 
(die Mutter hatte ich noch nicht kennen gelernt). Auf meine Frage, wie 
es mit Roberts Essen zu Hause stünde, kam die Antwort: „Ah der, der 
ist den ganzen Tag hungrig, der ißt uns noch arm, und a Gefrett 1 is 's 
mit ihm, nix is' aus dem Buben herauszubringen, so trotzig ist er und 
überhaupt, er is' ja nicht ganz in Ordnung. Vor einem Jahr war er lungen- 
krank 2 ; da war er drei Monate im Spital, vorher hatte er immer epileptische 
Anfälle gehabt; die waren schrecklich, eine ganze halbe Stunde haben sie 
gedauert. Na, jetzt is' er schon so weit beisamm' und wissen's, wenn er 
schlimm is', so stecken Sie ihn ruhig in den Keller, das hilft bestimmt." 
Voller Ablehnung gegen meinen angedeuteten Zweifel an der Zweck- 
mäßigkeit solcher Maßnahmen erklärt sie mir noch: „Das weiß i besser!" 
und geht. 

Ich gebe im folgenden gleich eine Schilderung der häuslichen Verhält- 
nisse, in denen Robert gezwungen ist zu leben und zu einem sozialen 
Menschen heranwachsen soll. Dieselben sind mir teils von Roberts Mutter, 
teils von Nachbarn der Familie und meinem Besuch bei Robert bekannt. 
Was für Robert besonders schwerwiegend war und zum Teil auch noch ist, 
habe ich, allerdings erst in letzter Zeit, von ihm selbst erfahren. In einer 
kleinen, ausgesprochen verwahrlosten Wohnung, bestehend aus Zimmer und 
Küche, leben von Roberts Standpunkt aus gesehen: seine Großmutter und 
sein Großvater; aus Großmutters erster Ehe stammen vier Kinder, zwei 
Söhne im Alter von 24 und 22 Jahren und zwei Töchter im Alter von 
26 und 19 Jahren; aus Großmutters zweiter Ehe entsprang wieder ein 
Kind: Willi, der um ein Monat älter ist als Robert. Der Vater dieses 
Kindes, also in diesem Falle Roberts Stiefgroßvater, ist ein notorischer Trinker. 
Sein Kind Willi ist derb entwickelt, macht eher einen debilen Eindruck, 
der sich noch verstärkt, je öfter man es sieht. Willi geht nicht in den 
Kindergarten, seine Mutter weigert sich ganz entschieden dagegen, „ihr 

1) Gefrett, ein Wiener Ausdruck für Schwierigkeiten. 

2) Dieses und auch die folgenden Behauptungen haben sich als unrichtig heraus- 
gestellt. 

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letztes Kind, das ja ohnehin nicht mehr viel von ihr haben wird, weil sie 
ja nicht mehr lange leben wird", von ihr fortzugeben. Die zwei Söhne 
und die lgjährige Tochter sind arbeitslos, sie bestreiten durch Musizieren 
und Betteln auf der Straße ihren Unterhalt. Die 26jährige Tochter ist Roberts 
Mutter; sie ist eine zarte, blasse, sympathische Frau, die sehr schwer aus 
sich herausgeht. Erst nach einem halben Jahr, nachdem ich ihr immer 
wieder versichert hatte, daß Robert sich schon gut in die Gemeinschaft 
eingewöhnt habe und außerdem ein intelligenter Junge sei, konnte ich einiges 
von ihr erfahren. Sie war Verkäuferin im Warenhaus, wird auch jetzt 
noch des öfteren von der Firma engagiert, doch immer nur für kurze Zeit. 
Robert ist ein uneheliches Kind; der Kindesvater ist seit zwei Jahren mit 
einer anderen Frau verheiratet, er betreibt ein Kohlen- und Eisgeschäft. 
Er zahlt 30 Schilling Alimente für das Kind, die er allerdings im ver- 
gangenen Jahre auf 20 Schilling im Monat reduzierte. 

Infolge der schwächlichen Konstitution der Mutter erwartete die Familie 
eine Totgeburt, viel mehr Wünsche hatte die Familie für dieses keimende 
Leben nicht übrig. Er kam schwer untergewichtig zur Welt, nahm aber 
schon in der ersten Zeit, obwohl die ganze Umgebung, die Mutter mit 
einbezogen, seinen Tod erwünschte, regelmäßig zu. Nach zwei Wochen 
wurde er abgestillt und mit der leider auch jetzt noch üblichen Proletarier- 
kost, bestehend aus „Papperln", großgezogen. Mit zehn Monaten war er 
rein. Bis zum Ende des ersten Lebensjahres hatte er dreimal Fraisen- 
anfälle, die von der Mutter bereits früher befürchtet wurden (ich betone 
diese Befürchtung, da sie das erstemal eine Gefühlsbeziehung zwischen 
Mutter und Kind betont), und da sich an den Handgelenken Verdickungen 
zeigten, ging sie mit Robert ins Spital. Dort wurde er als rhachitisch be- 
funden. Als er nach einiger Zeit aus dem Spital entlassen wurde, forderte 
der Kindesvater Robert an. Die Mutter wehrte sich aber ganz entschieden, 
Robert wegzugeben; es kam zu fürchterlichen Szenen zwischen Groß- 
mutter und Mutter, bei denen einmal die Großmutter sogar tätlich wurde. 
Robert war damals fünfzehn Monate alt. 

Mit dem Heranwachsen der beiden Kinder, Robert und Willi, wurde 
ihr Verhalten zueinander immer schwieriger. Willi war Robert physisch 
voraus, Robert war wieder geistig viel entwickelter. Dieser Vorsprung 
Roberts wurde aber von den Erwachsenen in der Familie, die, mit Aus- 
nahme der Mutter, alle auf Seiten Willis standen, unterdrückt. Robert 
wurde als überflüssiger Esser angesehen und als Eindringling behandelt — 
daraus wurde kein Hehl gemacht und dies bei jedem Anlaß immer wieder 
betont — , während Willi das „letzte, jüngste" Kind blieb, als solches gehegt 
und gepflegt wurde und alle Vorrechte genoß, wie sie in diesem Milieu 
üblich waren. Aus dieser Einschätzung der beiden Kinder und unter der 
Wirkung anderer Umstände — z. B. Schlafordnung — waren Schlägereien 
zwischen Robert und Willi an der Tagesordnung; sie endeten aber 
immer zu Gunsten Willis. Durch diese Uneinigkeiten fühlte sich Roberts 



- 235 - 



16* 



Mutter gezwungen, ihn besonders streng zu behandeln: er mußte immer 
nachgeben, still und folgsam sein. In der Angst Szenen heraufzubeschwören 
ging die Mutter wohl in ihren Drohungen, die sich bestimmt auf alle 
denkbaren Gebiete erstreckten, sehr weit; doch dürften sie nie die tragische 
Weite der Drohungen der Großmutter erreicht haben. Ich hatte die beiden 
Kinder einmal einander gegenüberstehen gesehen. (Willi sollte Robert seinen 
Rock borgen, damit er mit mir gehen könne; doch scheiterte dieses Vor- 
haben am Widerstände Willis.) Sie nahmen eine ungemein feindselige Hal- 
tung an; besonders Willi war sprungbereit. Robert stand breitspurig da, 
Kopf vornübergebeugt, Hände schlaff herabhängend, wie wir es bereits kennen, 
und erwartete so den Angriff seines kleinen Onkels. 

Ganz widersinnig ist die Schlaf Ordnung dieser Familie: Robert schläft 
bei seiner Großmutter, die ihm, wobei ich selbst Zeuge war, nicht nur 
einmal im Tag zuruft: „Ich bring dich um!" Im zweiten ßett schläft 
Willi mit seinem Vater. Es gibt jeden Abend Szenen, weil Willi bei seiner 
Mutter schlafen will, da sich aber der Vater Willis, also der Stiefvater Roberts, 
entschieden wehrt, Robert zu sich ins Bett zu nehmen, so bleibt es immer 
wieder beim alten. Die Mutter Roberts muß mit ihrer igjährigen Schwester 
in der Küche schlafen (im Aufstellbett), weil sich diese weigert, gemein- 
sam mit ihren Brüdern in einem Räume die Nacht zu verbringen. 

Aus diesem Milieu heraus kam Robert in den Kindergarten. Warum 
er nicht früher gekommen war? Das erklärt sich aus einer Aussprache mit 
der Mutter: „Wissen Sie, ich kann gar nicht glauben, daß Robert brav 
ist. Ich wollte den Buben ja immer schon fortgeben, aber meine Mutter 
hat gesagt: „Gib ihn nur in den Kindergarten, du wirst schon sehen, nach 
einem halben Tag bringen sie dir ihn wieder zurück, und wenn sie ihn 
nicht gleich bringen, schlagen ihn die anderen Kinder halbtot." 

Durch die Aussprache mit der Großmutter konnte ich es, als Fürsorgende 
des Kindes, verantworten, dasselbe zum Essen nicht zu zwingen. Und ver- 
schwanden beim Essen die mit Schreien verbundenen Ausschreitungen, so 
traten sie dafür allmählich immer häufiger im Laufe des übrigen Tages 
auf: er schuf sich die Anlässe dazu selbst, indem er die Kinder unauf- 
hörlich sekkierte, ich sage absichtlich so, denn grob war er damals zu den 
Kindern nicht. Wurde er dabei gehindert, so nahm das Ganze denselben 
Verlauf wie beim Essen. Insbesonders waren die Buben Roberts Schikanen 
ausgesetzt, aber auch Mädel verschonte er nicht; nur zwei schwachsinnigen 
Kindern, die sich in meiner Gruppe befanden und seinem kleinen blonden 
Freund, der erst seit einiger Zeit in der Abteilung anwesend war, trat er 
nie nahe. Seine Passivität verringerte sich dadurch stark, seine Beziehung 
zu Spiel und Arbeit aber blieb weiter gleich Null. In dieser Zeit, bei Frei- 
spiel und Kollektivbeschäftigung, war er besonders unstet und wenn ich 
ihn durch eine gemeinsame Arbeit mit mir fesseln wollte, so interessierte 
ihn nicht, wie sie zustande kam, wohl aber freute er sich eine kleine 
Weile an dem Endresultat. 

— 236 — 



In einer Sache war Robert das Ideal eines Gruppenkindes: Beim Er- 
zählen. Seine Starrheit verwandelte sich in Stille, sein Gesicht verlor diesen 
angsterfüllten Ausdruck und wurde ganz Aufmerksamkeit. Eine besondere 
Vorliebe zeigte er für das Bilderbuch von Abeking „Mampampe". (Kurzer 
Inhalt: Mampampe, ein kleiner Negerbube, läuft trotz Verbot seiner Mutter 
in den Wald; dort wohnt der böse Löwe. Dieser will Mampampe fressen; 
Mampampe klettert auf einen Apfelbaum und spuckt dem Löwen die Apfel- 
kerne auf den Kopf. Der Löwe schimpft und fordert ihn auf, herunter- 
zukommen. Inzwischen weint die Mutter, der Vater aber sammelt alle 
Neger des Dorfes, zieht mit ihnen in den Wald, tötet den Löwen und 
Mampampe marschiert an der Spitze des ganzen Negerzuges zu seiner Mutter 
nach Hause.) Die Bilder, die den Moment festhalten, wo der Löwe sich 
auf Mampampe stürzt, um ihn zu fressen, und wo Mampampe an der 
Spitze aller Neger nach Hause marschiert, wurden von ihm stets am läng- 
sten betrachtet. Bei einer Plauderei über Mampampe hörte ich ihn zu seinem 
kleinen Freund sagen: „Wir sind alle kleine Negerbuben und ich bin der 
Mampampe." Als ich einmal den Kindern die Bilder dieses Buches zeigte 
und sich dieselben angeregt darüber unterhielten, hörte ich ihn energisch 
sagen: „Seid still, sonst frißt uns der Löwe noch." Seit dieser Bemerkung 
war es Bobert möglich, sich an Plaudereien, an kleinen Unterhaltungen 
zu beteiligen. Noch einen Fortschritt hatte ich dem Inhalt dieses Bilder- 
buches zu verdanken: Ich las dasselbe nach dem Essen vor und die Kinder, 
die fertig waren, durften sich zu mir setzen; nie verfehlte dies seine Wirkung 
auf Robert, er war immer als einer der ersten fertig. Somit waren die Eß- 
schwierigkeiten behoben, wenn auch nicht gelöst. Kam bei einem Märchen 
der Held der Geschichte in eine verzwickte Lage, so rief er: „Ich will 
Mampampe!" Bei dem Grimmschen Märchen „Fundevogel" geschah dies 
dreimal, immer dann, wenn die zwei Kinder Gefahr liefen, von den aus- 
geschickten Knechten der bösen Frau eingeholt zu werden. Von humoristi- 
schen Erzählungen wie z. B. „Die Bremer Stadtmusikanten" war er nicht 
zufriedengestellt und dies drückte sich am deutlichsten am Ende der Ge- 
schichte in den Worten aus: „Und jetzt will ich Mampampe". 

Das Buch „Mampampe" gab ihm in erster Linie durch seinen Inhalt 
eine Möglichkeit, seine Angst abzureagieren. Er suchte in allen Geschich- 
ten diese Möglichkeit immer wieder zu erreichen und deshalb ließen ihn 
humoristische Erzählungen unbefriedigt. Warum aber nannte er sich 
Mampampe, warum ließ er die anderen Kinder (somit auch Willi) nur 
Negerbuben sein? „Mampampe marschierte an der Spitze, blies in die Trom- 
pete und alle Neger hinterdrein" heißt es auf dem von ihm so oft betrach- 
teten Bild. Mampampe ist unbeschädigt aus der furchtbaren Begebenheit 
hervorgegangen, mehr noch, er stellt die anderen Neger in den Hinter- 
grund, wird ihr Führer (trotz vorangegangenem Ungehorsam; auch Robert 
ist zu Hause ungehorsam, doch die Vorwürfe und Folgen sehen anders aus). 
Robert verschaffte sich durch Identifizierung mit Mampampe nicht bloß 

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ein Ventil für seine Angst, sondern er nahm sich somit auch das Recht 
auf Beachtung, die er zu Hause nicht haben, im Kindergarten aber nicht 
nehmen konnte, weil ihm die Voraussetzungen dazu noch fehlten. 

Inzwischen war Robert auf der Höhe seiner Dissozialität angelangt. Das 
Schreien hatte mit dem Fortschreiten der Zeit ebensolche Fortschritte ge- 
macht. Wenn ich ihn jetzt nach solch einem Schrei ansah, so lächelte er, 
ohne im geringsten verlegen zu sein; die Zeit, die er früher in vollstän- 
diger Teilnahmslosigkeit verbrachte, füllte er nunmehr mit Lutschen 
aus. Dieses betrieb er so intensiv, daß man immer die Spur davon sah. 
Er stopfte seine Schürze bis weit über die Hälfte in den Mund, der Riemen 
seines Körbchens war durchgebissen, die Umschläge seines Wintermantels 
waren ganz durchlöchert, der Polster, den er zum Mittagsschlaf benutzte, 
war so naß, als wäre er ins Wasser getaucht worden, bevor er einschlief. 

Der Mittagsschlaf und das Schuhanziehen vor dem Nachhausegehen be- 
reiteten besondere Schwierigkeiten. Gegen beides sträubte er sich mit allen 
ihm zu Gebote stehenden Mitteln. Da ich aus einigen seiner aggressiven 
Äußerungen zu entnehmen glaubte, daß er sich selbst die Fähigkeit zu 
diesen Leistungen nicht zutraue, verwendete ich ihn zu kleinen Geschäf- 
ten, die zwar sehr sorgfältig von ihm ausgeführt wurden, ihn anfangs aber 
scheinbar gleichgültig ließen. Lobte ich ihn, was ich nur einige Male 
machte, ging er breitspurig, mit gesenktem Kopf auf seinen Platz, um 
sofort einem anderen Kinde etwas Unangenehmes zuzufügen. Er beschäf- 
tigte sich immerhin schon selbst, hauptsächlich mit Farbstiften. Er zeich- 
nete dann nett gehaltene reine Striche, die aber beinahe immer durch ein 
Gekritzel überschmiert wurden. Die Zeichnung wanderte meist von ihm 
zerknüllt in den Papierkorb. Seine Betätigung im Freispiel bestand darin, 
daß er alle Spielsachen, ob sie von den Kindern benötigt wurden oder nicht, 
in einem Wäschekorb sammelte und unter einem Tisch auftürmte; nachdem 
er dies einige Nachmittage getan hatte, kroch er selber dazu, schloß mit 
Brettern und Kisten sein „Haus" ab und verteidigte so das angesammelte 
Spielzeug gegen das Zugreifen der anderen Kinder. Dieses Ansammeln der 
Spielsachen war, mit seinem Verhalten von früher verglichen, als großer 
Fortschritt anzusehen. Während ihm bis jetzt die Fähigkeit fehlte ; die Spiel- 
sachen des Kindergartens, die jedes Kind mit Recht für eine kurze Zeit 
als sein Eigen ansieht und auch verteidigt, ebenso zu sehen, machte er 
nun von diesem Recht auch Gebrauch, allerdings gleich in einer Weise, 
die das Fehlen jeglichen Besitzrechtes zu Hause deutlich zeigte. (Willi 
hatte zu Hause alles, Robert nichts.) 

Mir gegenüber blieb Robert verschlossen. Die einzige Mitteilung, 
die er mir machte, war, als ihn einmal der Vater des kleinen Freundes 
im Auto mitnahm; er sagte: „Ich bin mit dem Auto gefahren" und sein 
Gesicht hatte den ängstlichen Ausdruck für eine kurze Zeit mit einem 
freundlichen vertauscht. Irgendwelche Beziehungen zu den anderen Kindern 
gewann er bis jetzt nicht. Auch die Beziehung zu seinem kleinen Freund 

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war nicht die, die man sonst eine Kinderfreundschaft nennt: Robert spielte 
und unterhielt sich nicht mit ihm, war aber bereit, mit jedem anderen 
Kind um den Besitz des Freundes zu streiten, wenn diesem eines näher 
kam. Die beiden Kinder kamen gemeinsam in den Kindergarten und wur- 
den gemeinsam abgeholt. 

Anfangs Dezember kam Robert zwecks Erprobung verschiedener Er- 
ziehungsmaßnahmen in eine andere Gruppe. Es wurde damit sofort be- 
gonnen und das Ergebnis stellte sich auch ein: Robert schrie nicht mehr, 
er lutschte nicht mehr, wohl aber trat dasselbe passive Verhalten ein, das wir 
bereits am Anfang kennenlernten. Mit diesem Erfolg war man zufrieden. Eine 
Klage war allerdings nicht zu überhören, er biß; dabei saugte er sich fest, 
daß die blutunterlaufene Stelle noch Tage hindurch zu sehen war. Ob er sich 
dadurch einen Ersatz für das verbotene Lutschen und Schreien verschaffte? 

Mich übersah er vollkommen. Meine Kinder betrachteten ihn noch 
immer als zu uns gehörig und ließen ihm öfter ganz spontan kleine Über- 
raschungen zukommen. Mitte Dezember kam er einmal auf mich gestürzt, 
seine rote Mütze tief über das Gesicht gezogen und sagte: „Jetzt holt dich 
der Krampus!" Er zeigte mir damit an, wie sehr er wegen der Trennung 
von mir enttäuscht und wie böse er mir war. Nunmehr kam er öfter zu 
mir, drückte mich ziemlich derb, wo er mich gerade erwischte, setzte sich 
auch zu mir, ohne etwas zu sagen. Allerdings gab er mir auf meine 
Fragen kurze Antworten, deren er sich früher enthielt. Von Leistungen 
war noch immer keine Rede, nur „Bilderbuchanschauen" liebte er nach wie 
vor (die Gruppe hatte kein Mampampebuch). Er sammelte dann wohl auch 
kleine gefügige Mädel um sich und zeigte ihnen die Bilder der Bücher, 
indem er das Buch aufrecht vor die Kinder Einstellte, blätterte, ohne zu 
reden, genau, wie ich es bei Mampampe immer machte. 

Mitte Jänner kam Robert wieder in meine Gruppe. Er nahm sofort 
seinen alten Platz wieder ein, suchte sich aus dem Stoß Schürzen seine 
Schürze von früher heraus und begann ungehemmt sich im Raum zu be- 
wegen, sicheren Schrittes. Als er sich auf seinen Platz zurückbegab, fing 
er an, seine Schürze zu lutschen, bis sie weit über die Hälfte naß war. 

Wo es mir möglich war, versuchte ich wieder, ihn zu kleinen Arbeiten 
zu verwenden; er tat alles mit Umsicht, weniger mit Geschick, und wollte 
bald immer alles tun. Seine Ausschreitungen wurden immer stärker, sie 
steigerten sich bereits zu Tätlichkeiten. Als ich einmal bei einer kleinen 
Meinungsverschiedenheit zwischen Robert und seinem kleinen Freund beob - 
achten konnte, daß Robert die zum Schlag erhobene Hand wieder fallen 
ließ ohne zuzuhauen, bekam ich Mut. Ich sagte mir, daß somit Robert 
eigentlich die Fähigkeit bereits besitze, seine Aggressionen zu beherrschen. 
Und als Robert an einem der darauffolgenden Tage ein Mäderl, das eine 
Geschichte erzählte, sehr arg kratzte 1 , isolierte ich ihn unter argem Protest 

1) Robert hatte vorher seine erste Leistung vollbracht, er malte bunte Bälle, was 
ich gebührend anerkannte und worüber er sich freute. 



- 239 - 






seinerseits von den Kindern. Dabei erinnerte ich ihn an den Vorfall mit 
seinem kleinen Freund und sprach ihm offen die Fähigkeit einer Beherr- 
schung zu. Da ich nicht sicher war, ob meine Handlungsweise den ge- 
wünschten Erfolg haben würde, so begann ich schon am Nachmittag des-, 
selben Tages und auch im Laufe der nächsten Tage mit ihm über seine 
Aggressionen zu sprechen; der Inhalt war immer der gleiche: Daß er das 
alles nur macht, weil es auch Willi tut, daß er jetzt schon so stark sei 
wie Willi, weil er auch schon so grob sein kann und daß er sich jetzt 
vor ihm infolgedessen nicht mehr zu fürchten braucht. Er kann sogar schon 
mehr als Willi, er kann schon schöne Bälle zeichnen; er kann schon mit 
Kindern spielen und das kann Willi sicher nicht. Und wenn man einmal 
soviel kann und so stark ist, dann bleibt man auch so stark und dann 
braucht man sich vor niemandem zu fürchten. Im Laufe der folgenden 
Tage und Wochen ließ ich Robert die größtmöglichste Freiheit; beschränkte 
meine Forderungen auf ein Minimum, um ein Gegengewicht herzustellen, 
ließ ihn alles sehen und angreifen und nach seinem Wunsche auch machen. 
Seine Leistungsfähigkeit wuchs mit der Abnahme seiner Aggressionen. 

Noch in der Zeit seiner ärgsten Aggression war das Lutschen einer Eß- 
gier gewichen, in der er nichts Genießbares verschmähte. Trotzdem sein 
Gabelfrühstück nicht schlechter war, nahm er den anderen Kindern einen 
Teil ihres Gabelfrühstücks weg, um es sofort in den Mund zu stecken. 
Alle meine Bemühungen, dies zu ändern, schienen ergebnislos, doch zeigte 
er zu mir nunmehr sichtbare positive Gefühlsbeziehung. Er hielt sich, 
wenn es nur irgend möglich war, in meiner Nähe auf, schaute mir bei 
den verschiedenen Arbeiten zu; später holte er sich Spielsachen und spielte 
zu meinen Füßen äußerst intensiv. In solchen Fällen wurde sein Spiel zur 
Leistung. Er hatte bald eine Schar Kinder um sich, die er zur Hilfe- 
leistung heranzog. Auch seine Beziehungen zu den Kindern wurden merk- 
lich besser; während er bis jetzt vor allem die Buben vollkommen ignoriert 
hatte (sein kleiner Freund war schon Anfang März aufs Land gefahren), 
so schloß er sich ihnen jetzt an. Der Ausdruck seines Gesichtes war freier, 
man konnte ihn öfter lachen sehen (nicht hören), er war humoristischen 
Geschichten zugänglich und wenn ich den Kindern Kasperl vorspielte oder 
einen Witz machte, so machte er den Eindruck eines unbeschwerten Kin- 
des. Als ich das Ende der Geschichte „Eisenhans" von Grimm wegen ihrer 
Länge auf den Nachmittag verschieben mußte, saß Robert noch eine Weile, 
nachdem die anderen Kinder schon auf ihren Plätzen waren, bei mir und 
starrte abwesend vor sich hin; dann packte er auf einmal seinen Sessel 
und mit den Worten: „Aber es g'schicht ihm ja eh nichts!" ging er auf 
seinen Platz. 

Ein Rückblick auf die bisherige Beobachtung der Erziehungsschwierig- 
keiten beim kleinen Robert und auf die im Rahmen des Kindergartens 
erreichten Veränderungen zeigt folgendes Bild: Roberts Leben ist bis zum 
Eintritt in den Kindergarten wohl gänzlich von den Zuständen in der 

— 240 — 



Familie überschattet. Er kommt verängstigt, entrechtet, liebeshun^rig in 
den Kindergarten. Hier findet er Kinder, die alle die gleichen Rechte 
haben, gleich behandelt werden. Er traut dem Ganzen nicht. Er kann 
keine Beziehungen zu den Kameraden, zur Arbeit, zum Spiel finden. Er 
verhält sich passiv. Seine erste Äußerung ist das Schreien. Von nun ab 
sind zwei Phasen zu unterscheiden. Die eine nimmt ihren Weg über 
leichte Ausschreitungen zu immer schwereren Aggressionen, die sich 
bis zu Tätlichkeiten gegen sich und andere Kinder steigern, und somit 
zur völligen Identifizierung mit dem Rivalen-Onkel zu Hause führen. 
Während dieser Zeit ist Robert sowohl in Leistung wie im Spiel gehemmt, 
er traut sich keine Arbeit zu (er überkritzelt seine Zeichnungen und zer- 
knüllt sie). In der zweiten Phase sucht er Ersatz für die Liebe, die ihm 
zu Hause fehlte. Er lutscht mit der schon betonten Gier und mit der- 
selben Gier steckt er, nachdem das Lutschen abgeflaut ist, alles Genieß- 
bare in den Mund. Sehr langsam und allmählich wird diese Eßgier 
(nach einer Eßstörung) von einer sichtbaren Gefühlbeziehung zu mir ab- 
gelöst. Mit der gelungenen Identifizierung mit Willi erreicht 
er die Möglichkeit etwas zu leisten, Freundschaften mit Buben einzugehen 
und sich in den Rahmen des Kindergartens einzufügen. 

Er macht mir nunmehr Mitteilungen, was früher auch kaum in An- 
deutungen vorkam, — Mitteilungen, die häufig Anklagen gegen Familien- 
angehörige oder gegen mich bedeuten: „Mein Großvater hat einen Rausch 
gehabt; er hat den großen Spiegel zerschlagen, aber es macht nichts, wir 
haben ja noch einen kleinen." (Heißt: Großvater ist öfter brutal, hat auch 
mich schon oft geschlagen.) „Meine Mutter schläft in der Küche, ihr Bett 
wird immer erst am Abend aufgestellt." (Heißt: Mutter hat gar kein Recht 
zu Hause, nicht einmal ein richtiges Bett hat sie). 

„Ich möchte schon groß sein!" „Warum?" "Da kann ich auch am 
Boden liegen" (heißt: da kann ich mich hinlegen, wo ich will, auch zur 
Mutter in die Küche). 

Ich schicke Willi durch Robert ein Stück Schokolade. Nächsten Tag 
sagt er: „Brauchst ihm nichts mehr zu schicken, er hat sich nicht g'freut 
(heißt: du sollst nur mir etwas geben). 

„Gestern habe ich auf der großen Trommel geschlagen und Willi auf 
der kleinen, hörst du, auf der ganz großen" (heißt: ich nehme zu Hause 
schon eine Stellung ein, ich habe Rechte). Tatsächlich hat sich Willis 
Mutter in letzter Zeit schon öfters geäußert, ihr Kind impfen zu lassen 
und in den Kindergarten zu schicken. „A bissei anders san's ja do, wann's 
in den Kindergarten gehen." 

Ende April brachte Robert durch drei Tage hindurch einen Taschen- 
feitel (Messer) in den Kindergarten mit. Er vollführte damit die usuellen 
Handlungen: schnitt Orangen ein, spitzte Bleistifte, schnitt Plastilin und 
bot sich an, mir mein Frühstücksbrot zu zerkleinern. Hatte er für das 
Messer keine Verwendung, so war es in seiner Tasche. Am dritten Tag 

- 241 - 



ließ er das Messer gleich bei seinem Erscheinen in der Gruppe in meine 
Tasche gleiten, und verlangte es nicht wieder zurück. An diesem Vor- 
mittag organisierte Robert eine Kasperlvorstellung, der vierzehn Kinder 
zusahen ubd die er selbst vorführte. In letzter Zeit unterhielt Robert mit 
einem schönen, großen Mädel meiner Gruppe eine Freundschaft. Sie spielten 
und arbeiteten mitsammen und suchten sich bei jeder Gelegenheit immer 
wieder auf. (Dieselbe hält auch jetzt noch an). In dieser Zeit hatte Robert 
mir ganz deutlich gezeigt, daß er sich selbst schon jede Arbeit zutraue, 
sie auch richtig ausführen könne (Schneiden mit dem Messer). Er zeigte 
das Selbstbewußtsein eines normalen Kindes, ja vielleicht etwas mehr 
(Kasperlspielen) und fühlte sich mir gegenüber als Mann (schenkt mir 
sein Messer). Eine Fortsetzung und Steigerung sah man in der großen 
Zuneigung zu einem Mäderl. 

Inzwischen hat Robert so recht als der „Große" den Boden im Kinder- 
garten für Willi, der nun endgültig auch kommen soll, vorbereitet: „Willi 
kommt morgen ganz bestimmt, er ist schon geimpft", und „Fritzl (ein 
aufgeweckter Junge meiner Gruppe, der von den Kindern sehr begehrt ist) 
hat mir versprochen, er wird nur mit ihm spielen und ihm etwas sehr 
Schönes machen!" So sorgt er, der Kleinere und Jüngere für den Größeren 
und Alteren, weil eben er jetzt der Große und Starke geworden ist und 
sich ehrlich als solcher fühlt. 

Nun gehört Robert zu meinen normalen Kindern. Er macht einen 
frohen Eindruck und fühlt sich wohl. Wenn ich durch Umstände, die bei 
keinem Kinde ausbleiben, gezwungen bin, ihn zu rügen, bildet er mit 
seinem Munde Speichelblasen, die er aber sofort verschwinden läßt, wenn 
ich ihm versichere, daß ich ja deswegen nicht bös auf ihn sei und daß 
ich das einem gescheiten, starken Burschen nicht nachsehen könne. 

Ich bin nun am Ende meines Berichtes. Durch das psychoanalytische 
Verstehen wurde bei Robert zweierlei erreicht : Erstens die Lösung der 
fixierten Angst, was dann zur Identifizierung mit seinem kleinen 
Onkel führte und der Schlüssel zu seiner Leistungsfähigkeit wurde; zweitens 
die Erledigung der Liebesbedürftigkeit, was mit einer gesunden Objekt- 
beziehung endete. 

Eine nicht geringe Arbeit wurde in diesem Fall durch das Eindringen 
in das häusliche Milieu geleistet: im Kindergarten wurden die primitiven 
Rechte des Kindes nicht mehr ignoriert, seine Vorzüge herausgestellt, was 
zuerst die Mutter ermunterte für ihr Kind Partei zu ergreifen; der Ein- 
druck auf die Großmutter blieb nicht aus. Beispiele habe ich angeführt 
und sie zeigen wohl das Maximum dessen an, was wir mit unseren 
Mitteln in diesem Milieu erreichen können. Auch weiterhin mit der 
Familie Roberts in Verbindung zu bleiben, ist das Betätigungsfeld, das 
uns übrig bleibt und dem die ganze Aufmerksamkeit zugewendet werden muß. 



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Aus dem fieilpädagogisaien Seminar der Wiener Kindergärtnerinnen 

Probleme der heilpädagogischen 
Kindergartengruppen 

Von Herta Fuchs 

In den Beiträgen meiner Kolleginnen und in meinem vorjährigen 
Arbeitsbericht 1 wurden unsere ersten Erfahrungen darüber dargestellt, wie 
mit Hilfe psychoanalytischer Erkenntnisse das einzelne schwererziehbare 
Kind besser zu verstehen und im Rahmen der Kindergartenpädagogik in- 
dividuell, seinen speziellen Bedürfnissen entsprechend, zu behandeln wäre. 
Die Resultate unserer ersten Bemühungen haben erwiesen, daß es mit 
Hilfe der Übertragung gelingen konnte, manchen Kindern über ihre gröb- 
sten Schwierigkeiten hinwegzuhelfen und auch feinere Mechanismen ihrer 
Symptombildung aufzudecken. Ich verweise dabei auf die Berichte über Rudi 
und möchte auch Franzi aus meinem vorjährigen Bericht in Erinnerung rufen. 

Die in unseren Kindergärten übliche Erziehungssituation, eine warme 
mütterliche Beziehung zu den Kindern herzustellen, wurde zur bewußten, 
planmäßigen Herstellung eines Übertragungsverhältnisses ausgebaut. Eine 
wichtige Erweiterung erhielt unsere Methodik in Anlehnung an die Kinder- 
analyse: nachdem die Kindergärtnerin, nach verständnisvoller Beobachtung 
in der Lage war, sich die Äußerungen und Reaktionen des Kindes selbst 
z u deuten, hat sie in ihrem Verhalten dem Kinde gegenüber versucht, 
diesem die Ursächlichkeit seines Handelns ins Bewußte zu rücken. Es 
handelte sich dabei, zum Unterschied gegen die Arbeitsweise in der Kinder- 
analyse, immer nur um die oberflächlichsten Schichten des Unbewußten, 
die mit unserer einfachen Beobachtungsarbeit aufgedeckt werden konnten; 
wenn sich vielleicht gelegentlich der Zugang zu tieferen Schichten öffnete, 
so blieb dies ohne wesentlichen Einfluß auf unsere praktische Erziehungs- 
arbeit. Wir haben uns vor allem bemüht, dem Kinde unser Verständnis 
seines Benehmens und seiner Schwierigkeiten durch unser Gesamtverhalten 
deutlich zu machen und ihm gelegentlich, der Situation entprechend, die 
unbewußte Determinierung seines Handelns zu erklären, zu deuten. 

Im Laufe des letzten Jahres hat sich unsere Arbeitsweise um neue 
Problemstellungen erweitert, welche den Inhalt dieser Besprechung bilden 
sollen. Die Erfahrung hat immer deutlicher die Notwendigkeit der heil- 
pädagogischen Sondergruppen bewiesen und deren Charakter deutlicher 
gegen den der normalen Gruppen abgegrenzt. In unseren Kreisen wurde 
in letzter Zeit häufig ein Beispiel aus der Technik zur Illustration dieses 
Unterschiedes zwischen der erziehenden und der heilerziehenden Tätigkeit 
gebraucht. Gelegentlich wird der Triebwagen einer Tramway kleine Stön 



run- 



i) Zeitschr. f. psa. Päd., VI, 1952, Heft 9. 






- 243 - 



gen zeigen, welche der Fahrer oder Schaffner leicht mit einigen kleinen 
Handgriffen, etwa einer frischen Ölung beheben wird. Sind die Störungen 
hartnäckiger, so wird man den Wagen in die Remise führen und ihn dort 
einem Reparaturarbeiter übergeben. Dieser ist besser mit der Mechanik 
und Konstruktion bekannt als der Fahrer und verfügt auch über feiner 
differenziertes Werkzeug; er wird den Mechanismus ausprobieren und genau 
überprüfen, den Grund des Schadens herausfinden und mit einigen kleinen 
Verbesserungen den Wagen wieder in den normalen Betrieb setzen. 

Wenn wir nun diesen Vergleich auf unsere Arbeit übertragen, so können 
wir uns vergegenwärtigen, daß man in jeder normalen Gruppe eine An- 
zahl neurotischer und aggressiver Kinder findet, welche sich ohne jede 
heilpädagogische Hilfe gut weiterentwickeln. Viele der Kinder sind schlimm, 
aggressiv und widerspenstig, schlagen, schimpfen oder stören durch ihre 
besonderen Unarten. Bei ihnen genügt es schließlich, an ihr sachliches 
oder soziales Interesse zu appellieren, ihnen die Liebe der Erzieherin von 
neuem zu beweisen oder zu entziehen. Das gesunde Kind mit seinem 
Drang nach Tätigkeit nimmt gerne das angebotene Beschäftigungsmaterial 
an, um es zunächst in den Dienst seiner Triebhandlungen zu stellen. Im 
Verlaufe seiner Weiterentwicklung gelangt es später durch die gesteigerten 
Anforderungen des Materials, seiner Umgebung und seiner Selbstkritik zu 
geordneter, sublimierter Tätigkeit. 

Jedes normale Kind wehrt sich in manchen Phasen seiner Entwicklung, 
die Gesetze seiner ersten größeren Gemeinschaft anzuerkennen und lehnt 
sich gegen sie auf, indem es aggressiv wird, seine Tätigkeit einschränkt 
oder sich gegen die Umwelt abschließt. Gewöhnlich siegt nach kurzer 
Zeit die Zuneigung des Kindes zur Erzieherin und zu seinen Spiel- 
gefährten über seine Triebhaftigkeit. Es nimmt wieder mit Freude Spiel 
und Arbeit auf. Es hat seinen Widerstand aufgegeben, wenn sich auch 
die Erzieherin nicht Rechenschaft über die Ursache dieser vorübergehenden 
Dissozialität oder Interesselosigkeit geben konnte. Erhöhte Sorgfalt bei der 
Beobachtung des Kindes und bei der Dosierung der erzieherischen Maß- 
nahmen hatte genügt, ohne daß sich die Erzieherin zu einer heilpädago- 
gischen Stellungnahme entschließen mußte. Auch ein geübter Arbeiter ver- 
mag seine, ihm gut bekannte Maschine wieder richtig in ihren alten Gang 
zu bringen, nachdem er ihrer Bedienung etwas mehr Sorgfalt zugewendet 
hatte als sonst, ohne aus den Rahmen seiner gewohnten Arbeit heraus- 
treten zu müssen. 

Mit dem Augenblick jedoch, wo er daran denken muß, einen Mecha- 
niker zu befragen, vollzieht sich in ihm eine Umstellung, die man der 
Erkenntnis der Kindergärtnerin gleichsetzen könnte, daß ihre Hilfsmittel 
der Störung des Kindes gegenüber versagen und daß sie sich an die Heil- 
pädagogik um Hilfe wenden muß. 

Die heilpädagogische Kindergärtnerin tritt nun mit völlig anderen Er- 
wartungen, von einem neuen Standpunkt an das Kind heran. Sie weiß, 

- 244 - 



daß die sonst erprobten Erziehungsmittel mehr oder minder versagen wer- 
den, daß das Kind gestörte Beziehungen zu Personen und Dingen hat. Sie 
kann sich nun nicht, wie die Erzieherin einer normalen Gruppe, damit 
begnügen, die Störungen zu konstatieren und unzureichend zu begründen, 
sondern sie muß versuchen, die Ursachen der Symptome aufzudecken und 
durch ihr passives Verhalten und ihre aktiven Maßnahmen zur Heilung 
des Kindes beizutragen. Hier setzt die Psychoanalyse als Instrument für 
Verständnis und Erziehung ein. Es muß an dieser Stelle auch noch an jene 
Kinder erinnert werden, welche scheinbar zu ungünstig veranlagt oder zu 
krank sind, um innerhalb einer Gruppe durch Milieuwirkung, Tätigkeit 
und Gemeinschaft erzogen zu werden und die an den Arzt, an den Ana- 
lytiker oder den Fürsorger weitergegeben werden müssen. 

Die Schwierigkeiten eines einzelnen Kindes in einer Gruppe normaler 
verursachen eine unliebsame Störung des Gemeinschaftslebens und der 
Arbeit. Die Kindergärtnerin, als Führerin dieser Gemeinschaft, vertritt nun 
die Interessen der Normalen mit möglichst wirksamen Mitteln. In den ver- 
alteten Kindergartentypen, welche eine große Kinderanzahl zu fast aus- 
schließlich kollektiver Arbeit zusammenfaßten, war irgend eine individuali- 
sierende Lösung dieses Problems kaum möglich. In unseren Volkskinder- 
gärten ist in den letzten Jahren die individuelle Arbeit, welche, vom ein- 
zelnen Kinde ausgehend, alle zu einer leistungsfähigen Gemeinschaft zu 
vereinigen trachtet, immer stärker in den Vordergrund getreten. Für die 
heilpädagogische Sondergruppe bedeutet diese Arbeitsweise die methodische 
Grundlage, auf welche sich dann unsere speziellen Aufgaben auibauen: 
Beobachtung der Symptome, Diagnostizierung und schließlich die eigentliche 
Erziehungsarbeit. Daraus ergeben sich erst die wichtigen Unterscheidungen 
gegenüber der allgemeinen Kindergartenarbeit. Während dort das Symptom, 
etwa die Schlimmheit eines Kindes, als unangenehme Störung bekämpft 
wird, betrachten wir gerade dieses Symptom als die Hilfe, die uns das 
Kind selbst leistet, um den Zugangsweg zu seinem Verständnis und Ver- 
trauen zu finden. 

Ein fünfjähriges Mädchen war durch seine Aggressionen, seine Dumm- 
heit und sein absonderliches Benehmen unangenehm aufgefallen und wurde 
meiner Sondergruppe übergeben. Sie hatte keine Beziehungen zu den ande- 
ren Kindern, konnte sich zu keinerlei Beschäftigung entschließen, saß nur 
durch lange Zeit versunken vor dem Spiegel. Wenn man sie etwas fragte, 
überhörte sie es zerstreut und gab irgendeine Antwort. Buntstifte verwen- 
dete sie fast ausschließlich zum Anstreichen von Mund und Augenbrauen. 
Sie leugnete Tatsachen, deren Realität sie kurz vorher erlebt hatte, und 
erzählte dagegen ihre Phantasien und Wünsche als wirkliche Erlebnisse. 
Sie wurde wegen ihres sonderbaren, lächerlichen Verhaltens von Erwach- 
senen und Kindern abgelehnt und von diesen, selbst den ganz kleinen, 
überaus grausam verspottet. Ihre Phantasien kreisten um den Wunsch 
„schön, groß und ein Fräulein" zu sein, sie erzählte von roten Pyjamas 

- 245 - 









und, daß sie in Kaffeehäusern getanzt hätte. Die Mutter ist eine freudlose, 
verhärmte Frau, welche die Kleine mit besonderer Härte wegen ihrer Onanie 
verfolgt. Der Vater hat zeitweise mit einer anderen, jüngeren Frau gelebt 
und hat die Kleine manchmal über Nacht zu ihr mitgenommen. Man kann 
annehmen, daß die Kleine sich mit dieser Frau identifiziert; außerdem ist 
noch der Einfluß einer zweiten Frau bemerkbar: die Mutter bedient bei 
einer früheren Schulkollegin, welche eine schöne Wohnung und gute Kleider 
hat und zu welcher sie die Tochter manchmal mitnimmt. Diese „Tante" 
kleidet sich „modern" und schminkt sich. 

Es soll hier nicht ausführlich über die Entwicklung dieses Kindes ge- 
sprochen werden; wir wollen uns hier damit begnügen, die Richtung seiner 
Phantasien und Wünsche zu erkennen. Ihre Symptome, die Putzsucht und 
Verlogenheit, stellen wohl vor allem eine Abwehr des Wissens um ihre 
Kleinheit und Unbeliebtheit dar. Vom Standpunkt der Erzieherin aus könnte 
die Verlogenheit und Eitelkeit der Kleinen zu ablehnender Kritik veranlassen. 
Ich habe hingegen gerade bei ihr niemals Kritik geübt, unsere Gesprächs- 
themen waren Frisur und Kleidung, ich habe ihr Maschen gebunden, 
Kappen schief aufgesetzt und sie bewundert, also gerade die Eigenheiten, 
welche Anstoß erregt hatten, zur Basis unserer Beziehung gewählt. Ich 
habe ihren Wunsch, ein „modernes Fräulein" zu sein, ernst genommen, 
ihr gerne meinen Platz und meine Schürze zum Probieren überlassen und 
damit das Symptom selbst entwertet. Im Gefühl, verstanden und geliebt 
zu sein, konnte sie aus der Welt wirklichkeitsferner Phantasien zur Realität, 
welche ihr nun einen Teil ihrer Wünsche erfüllt hatte, zurückkehren und 
ihre Energien auf Objekte, auf andere Kinder und Arbeit verwenden. Ich selbst 
habe mich mit meiner Einstellung in die Reihe der zärtlichen, gewähren- 
den Frauen, welche ihr Vorbild darstellen, begeben. Jegliche pädagogische 
Kritik hätte ihren Widerstand erweckt und die Affektspannung erhöht, auch 
hätte sich die Erzieherin auf die Linie der verbietenden, Lust versagenden 
Mutter gebracht, deren Einfluß sich das Kind durch Flucht in die Phantasie 
entzogen hatte. 

Die anderen Kinder waren wie immer meine heilpädagogischen Helfer, 
da sie sich in ihrer Einstellung ihr gegenüber mit mir identifizierten und sie 
tolerant und liebevoll behandelten, während sie von fremden Kindern immer 
wieder ausgelacht und gequält wurde. Wie tief das Verständnis der ande- 
ren Kinder für ihre Eigenart ging, konnte ich daran bemerken, daß sie ihr 
immer wieder, völlig unaufgefordert, Restchen von Spitzen und Bändern 
brachten. Sie ist im Laufe der Monate zu stiller, beständiger Arbeit ge- 
kommen, war vor allem niemals aggressiv und störend und fühlt sich sehr 
glücklich. 

Die schlechte Beziehung zu jeder Betätigung bei der Arbeit und beim 
Spiel sowohl dieser Kleinen als auch der meisten unserer Zöglinge bietet 
die größte Schwierigkeit für die Kindergartenerziehung. Das normale Kind 
mit seiner Lust sich zu betätigen, zu spielen und zu fragen, findet sich 

— 246 — 



leicht in jede Situation, zieht die besten Vorteile aus jeder methodischen 
Verbesserung des Kindergartens und scheint sich fast ohne jede besondere 
Pädagogik wunderbar zu entfalten. Bei diesem Kind kann der moderne 
Kindergarten, der anregende Möglichkeiten zu Sublimierungen bietet, zu 
den besten Erfolgen führen. 

Anders ist es mit unseren Zöglingen: für ein Kind, dessen Triebentwick- 
lung auf einer früheren Stufe fixiert oder regrediert ist, dessen Intelligenz, 
etwa wie bei dem eitlen kleinen Mädchen durch Phantasien gebunden und 
von der Realität abgekehrt ist, das von seinen Trieben und Affekten be- 
herrscht wird, bietet eine geordnete Täligkeit selten Anreiz oder Befriedi- 
gung. Das Vorherrschen der Triebforderungen und Affekte erzeugt bei diesen 
Kindern eine Schwäche ihres Ichs, einen Zwiespalt der Persönlichkeit, wel- 
cher die gesunden Impulse zur befriedigenden Tätigkeit lähmt. Vielleicht 
ist diese Arbeits- und Spielstörung des Kleinkindes das erste Glied 
der Kette, welche über die Lernschwierigkeiten in der Schule zu der Ein- 
schränkung von Wissen und Arbeitsleistung so vieler Erwachsener führt. 

Die Erkenntnis dieser Arbeits- und Spielstörung bedeutet für die heil- 
pädagogische Kindergärtnerin, daß die Wirkung des bedeutsamsten Erziehungs- 
mittels des Kindergartens, der Tätigkeit, von vornherein in Frage ge- 
stellt wird. Die Kindergärtnerin einer Gruppe normaler Kinder rechnet mit 
diesem Versagen etwa soweit, wie ein Autofahrer mit einer Panne, also mit 
einem unliebsamen, jedoch bald behebbarem Übel. Für uns, als die Mecha- 
niker, die damit betraut sind, den Mechanismus auszuprobieren und wieder 
in Gang zu setzen, bedeutet es oft schon einen wahren Erfolg, wenn wir 
mühsam einen unserer Zöglinge zu einer Leistung bringen konnten, welche 
ihn befriedigt und deshalb zu neuer Tätigkeit anregen konnte. Ich habe 
im Vorjahr einen Jungen übernommen, der als debil galt, der nur Interesse 
an Spucken, Beißen und Schimpfen hatte 1 . Ich war im Herbst noch un- 
entschieden, ob ich ihn nicht an den Schwachsinnigen-Kindergarten ab- 
geben sollte, da alle Versuche, ihn für eine Tätigkeit zu interessieren, 
fehlschlugen. Der letzte Versuch war lohnend. Ich ließ ihn, der sich nie- 
mals für eine Beschäftigung entschließen konnte, der immer nur neidisches 
Interesse für das Essen anderer Kinder zeigte und das ihm angebotene ver- 
weigerte, um sich nachher Apfelschalen aus dem Papierkorb zu holen, für 
die anderen Kinder das Frühstück vorbereiten. Es zeigte sich, daß er am 
geschicktesten Kakao ausschenken konnte, daß er gut und gewissenhaft 
Äpfel schälte und zerteilte, dann begann er leidenschaftlich gern zu waschen 
und endlich schloß er sich täglich aktiv der Spielgemeinschaft der Mädchen 
in der Puppenecke an. Er hatte früher gestottert, was sich mit seinem zu- 
nehmenden Selbstbewußtsein stark besserte. Es handelt sich um ein zu 
Hause stark unterdrücktes, zurückgesetztes, verprügeltes Kind; die Mutter 
ist schwerkrank, der Vater ein gefürchteter Querulant, ein früherer Fiaker- 

1) Zeitschr. f. psa. Pädagogik, VI, 1932, S. 560 ff. 

— 247 — 



kutscher. Der Junge teilt unermüdlich täglich Kakao aus, sein eigentliches 
Interesse erwacht erst, wenn der Kakao gebracht wird und diese Tätigkeit 
ist ihm zum befriedigenden Erlebnis des Kindergartens geworden. War er 
einen Tag nicht da, fragt er am nächsten mit dem Ausdruck gespannten 
Interesses: „Wer hat gestern Kakao ausgeteilt?" Er findet auch jetzt schon 
den Zugang zu den meisten anderen Beschäftigungen und macht rasche, 
allgemeine Fortschritte. 

In diesem Fall ist es geglückt, eine der Störung des Kindes, also einer 
oralen Fixierung entsprechende Beschäftigung zu finden, welche dem Kind 
eine direkte Triebbefriedigung gewährte und zugleich die Möglichkeiten 
zu zahlreichen Sublimierungen bot. 

In letzter Zeit wurde in Kreisen fortschrittlicher Pädagogen häufig die 
Forderung gestellt, daß auch bei Kindern, welche von der normalen Ent- 
wicklung abweichen, die Tätigkeit als wichtigster Erziehungsfaktor weit- 
gehend an Stelle der Übertragungseinflüsse zu stellen wäre. Meine bis- 
herigen Erfahrungen haben mir wohl bewiesen, daß das „ich-schwache" 
Kind mit seiner ungeordneten Persönlichkeit weit mehr die menschliche 
Vermittlung durch die Erzieherin braucht, als das gesunde. Für die heil- 
pädagogische Kindergartenpraxis könnte jedenfalls die Erfahrung mit dem 
oral fixierten Jungen, der über Kakaoausschenken und Äpfelschälen den 
Anschluß an die Kindergemeinschaft gefunden hat, eine neue Richtung 
weisen. Man wählt gewöhnlich das Beschäftigungsmaterial von verschie- 
denen Gesichtspunkten aus: etwa um die Aktivität des Kindes zu fördern, 
seine Sinnestätigkeit und Geschicklichkeit zu entfalten und die Kinder zu 
differenzierten sachlichen und intellektuellen Interessen überzuleiten. Diese 
Auswahl wäre für unsere Arbeit durch einen neuen, heilpädagogischen 
Gesichtspunkt zu erweitern. Mit Hilfe unseres analytischen Wissens über 
Tnebentwicklungen und Libidostufen müßte es möglich sein, für jede 
Störung, welche durch eine Fixierung oder Regression auf eine frühere 
Entwicklungsstufe bedingt erscheint, das entsprechende Beschäftigungsmaterial 
und Spielzeug auszuwählen. Es besteht bereits eine Zusammenstellung, 
welche alle Beschäftigungsarten, angepaßt einer bestimmten Triebrichtung, 
umfaßt, wo sowohl primitive direkte Triebbefriedigungen als auch die 
Möglichkeiten zu Sublimierungen vorgesehen sind. 

Ich möchte nun auszugsweise Beispiele aus dieser Materialliste hier anfüh- 
ren. Bei dem genannten kleinen Jungen habe ich im Vorjahr mit Seifenblasen 
das erste tiefgehende Interesse erweckt, das wohl durch die direkte Be- 
friedigung seiner Oralerotik hervorgerufen war. Dagegen bedeutet seine 
Freude daran, das Getränk und Essen für die anderen vorzubereiten, bereits 
eine Sublimierung. Seine Identifizierung mit der nahrungspendenden Mutter 
setzt sich in seiner Vorliebe für Waschen und Reinigen und in seinen 
Puppenspielen fort. Er lutscht und beißt Nägel — Symptome, die man alle 
der gleichen Linie einreihen kann. Die mit Lutschen und Nägelbeißen 
verbundene Hauterotik zeigt sich in seinem Berührungsdrang, der seine 

— 248 — 



Fortsetzung in seiner Vorliebe für jene Beschäftigungen findet, wo es gilt, 
Stoffe und Papiere zu glätten und allerlei Gegenstände mechanisch an- 
einanderzureihen. Aus den bevorzugten Beschäftigungen dieses kleinen 
Jungen kann man leicht darauf schließen, daß diese wohl für alle Kinder 
mit ähnlichen Symptomen gleiche Befriedigungsmöglichkeiten bieten dürften. 
Daß Kinder, deren Symptombildungen auf der anal-urethralen 
Linie liegen, sich mit Vorliebe mit Schmieren, Malen, Formen und Wasser- 
spielen beschäftigen, ist wohl aus vielen Beispielen der täglichen Praxis all- 
gemein bekannt. Die ersten Triebbefriedigungen aus dieser Tätigkeit leiten 
zu solchen, deren Sublimierungsgehalt der Erziehung besonders willkommen 
ist über, zum darstellenden Malen, Formen und zu Reinigungsarbeiten. 
Schwieriger zu finden ist das bevorzugte Beschäftigungsmaterial der 
aggressiven Kinder der phallischen Phase. Kleine Mädchen finden in der 
Puppe durch ihre doppelte symbolische Verwertbarkeit als Kind und Glied 
ein vollkommen befriedigendes Spielzeug. Das Liebhaben und Züchtigen, 
das Kleiden, Waschen und Nähren des Puppenkindes befriedigt Trieb- 
regungen verschiedener Herkunft. Für den aggressiven Jungen der phalli- 
schen Phase, hinter dessen Schlimmheitsausbrüchen die Kastrationsangst 
steht, findet sich oft nicht einmal das geeignete Spielobjekt, dessen Be- 
friedigungswert man annähernd dem Puppenspiel der Mädchen gleichsetzen 
könnte. Kleine Buben ziehen und schieben unermüdlich Wagen, fahren 
mit Sesseln im Zimmer herum, später bauen und konstruieren sie Eisen- 
bahnen, Schiffe, Autos, Flugzeuge, also Fahrzeuge aller Arten. Um Ein- 
blick in die Interessen der Jungen zu bekommen, ist es aufschlußreich, den 
Inhalt ihrer Hosentaschen zu betrachten. Es finden sich Nägel, Schrauben, 
Glasscherben, Messer, Stahlfedern, Räder, Uhrgehäuse, Spagate und Mar- 
meln, — also fast nur Genitalsymbole. Sie bauen und stoßen nieder, sie 
konstruieren und zerlegen, sie sägen und hämmern aus Holz primitive 
Fahrzeuge und lassen sie dann „fahren", sie stellen aus dem Matador einen 
beweglichen Mechanismus zusammen, angefangen vom Kreisel der Drei- 
jährigen bis zu der Lokomotive der Sechsjährigen. Leider eignen sich die 
ausgezeichneten technischen und mechanischen Baukasten erst für die 
Jungen der Latenzzeit, bei unseren Kindergartenzöglingen reicht weder 
Geschicklichkeit, Intelligenz, noch Konzentrationsfähigkeit zur Beschäftigung 
mit diesem Material. 

Das Zentralproblem des kleinen, um sein Glied besorgten Jungen scheint 
das Funktionieren an sich zu sein. Der kleine Junge erlebt an seinem Gliede 
bereits zahlreiche Sensationen, welche etwa durch die Reinigung, durch Onanie 
oder durch die Harnfunktion hervorgerufen werden. Sein reges genitales Inter- 
esse wird durch Überlegungen geschärft, die sich ihm aus dem Vergleich auf- 
drängen, zu welchem ihn einerseits die gliedlosen Mädchen und Frauen, ander- 
seits die Männer mit dem ungleich größeren Genitale veranlassen, dessen doppel- 
te Funktion den meisten Knaben wohl unbewußt bekannt ist. Demnach er- 
scheint dem kleinen Jungen sein Glied als die physiologische „Maschine"' 



Zeitschrift f. psa. Päd., VII 5/6 



- 249 — 



»7 



seines Körpers, auf deren Funktion, der Erektion er sein höchstes Inter- 
esse konzentriert. An das Erregen dieser Funktion, etwa durch die Onanie, 
sind nicht nur eigene Schuldgefühle und Besorgnisse, sondern auch häufig 
deutliche Kastrationsdrohungen der Erwachsenen geknüpft, deren Gefahr 
durch das Fehlen des Gliedes am weiblichen Genitale verdeutlicht wird. 
Von dieser Seite her läßt sich das Interesse der jungen an Fahrzeugen und 
Maschinen verstehen: Sie stellen an einem harmlosen Gegenstand, an einem 
Spielzeug die Funktion dar, die ihnen an ihrem eigenen Körper erwünscht, 
jedoch unter schweren Konflikten verboten oder gefährlich erscheint. 

Die hier durch einige Beispiele flüchtig skizzierte Materialauswahl vom 
psychoanalytisch-heilpädagogischen Standpunkt aus, ist in ihrer zukünftigen, 
erweiterten Form als ein für die Orientierung der Kindergärtnerin fest- 
gelegter, theoretischer Plan gedacht. Es ist dabei die Überlegung wichtig, 
daß man bei keinem Kind die Anzeichen einer bestimmten Libidostufe, 
etwa der oralen, isoliert finden kann. Die Entwicklung der kindlichen 
Persönlichkeit schreitet immer vor und greift gleichzeitig zurück und be- 
gründet damit die vielseitige triebhafte Anteilnahme des Kindes. Für die 
heilpädagogische Kindergärtnerin ist es sicher wichtig, daß sie über die 
Beteiligung der einzelnen Triebregungen und -wünsche in Spiel und Arbeit 
mehr Klarheit gewinnt, als es bisher möglich war. Schematisierte Behand- 
lung und Beschäftigung ist bei keinem gesunden, geschweige denn beim 
komplizierten, schwierigen Kind möglich, doch glaube ich, daß eine „psycho- 
analytische Materialkunde", so wie sie hier in ihren Ansätzen versucht 
wurde, zu einer Erleichterung unserer Arbeit führen könnte. 



BER1C HTE 



Bücher und Zeitschriften 

Prof. Dr. WALTHER POPPELREUTHER, Psychokritische Pädagogik. 
Zur Überwindung von Scheinwissen, Sdieinkönnen, Scheindenken usw. XIII. u. 245 p. 
C. H. Becksche Verlagsbuchhandlung München, 1933. 

Der Autor glaubt, daß „die Fachpsychologie sich auf die wirklichen praktischen 
Lebensprobleme einstellen müssen". Um diesem selbstgewählten Ziele zu genügen, 
untersucht der Verfasser während eines Zeitraumes von achtzehn Jahren die intel- 
lektuellen Leistungen der Menschen. An einem Versuchsmaterial, das vom Primaner 
bis zum Mann in reiferen Jahren und vom einfachen Arbeiter bis zum Hochgebil- 
deten geht, wird auf Grund verschiedenartiger Denk- und Leistungsaufgaben fest- 
gestellt, daß 90 Prozent aller Geprüften in jeder Richtung gröblich versagen. Der 
Leistungsdurchschnitt hebt sich um mehr wie 50 Prozent, wenn man die Prüfenden 

- 250 — 



zur Kritik an der eigenen Leistung und zur Verlangsamung des Arbeitstempos er- 
zieht. Nicht das Vergessen macht Poppelreuther für diesen Sachverhalt verantwort- 
lich, sondern die Selbstgenügsamkeit und den Mangel an Kritik. Die Menschen be- 
gnügen sich mit einem Scheinwissen und einem Scheindenken. Verschwommene Be- 
kanntseindrücke und gefühlsmäßig betonte Schlagworte stehen für echtes Wissen 
und echtes Urteilen. Zur Steuerung dieses Übels soll in den Schulen Denkschulung 
als selbständiges Lehrfach eingeführt werden. Die Lehrbücher der verschiedenen 
Unterrichtsgegenstände sollen den Wissensstoff in zwei Teile teilen. Ein Elementar- 
buch, „das die fundamentalen Begriffe mit einer schonungslosen Strenge beibringt, 
daß ein Nichtverstehen und Nichtübernehmen zur seltenen Ausnahme wird". Und 
gleichzeitig oder nachher soll ein illustrierendes Begleitbuch die Möglichkeit zu Mehr- 
wissen bieten. Der Verfasser kennt die Grenzen der Wirksamkeit solcher Maßnahmen 
und erwähnt ausdrücklich, daß dem Gefühlsmäßigen gegenüber jede kritische Analyse 
versagt. Er beruft sich öfters auf die Tiefenpsychologie, von der er freilich konkret 
bloß das Geltungsbedürfnis, das er als eine „Grundtheorie" bezeichnet, anführt. 
Freuds Definition des Denkens als „probe-handeln" ist ihm anscheinend unbekannt, 
per Verfasser erwähnt ausdrücklich, daß die allgemeine Heuchelei in Bildungsdingen 
in der früher geübten Heuchelei der kindlichen Sexualität gegenüber ihre Parallele 
hat. Wieweit Poppelreuthers sichtbares Vertreten um echte „Objektivität und Auf- 
richtigkeit" durch seine Kenntnis der Psychoanalyse gefördert wird, läßt sich nur 

..»»miitBn nirllt beweisen. Hnrl-u-l« Krhnvnl Win 



vermuten, nicht beweisen. 



Hedvip Schaxcl, Wien 



JOSEPH HAINZ, Das religiöse Leben der weiblichen Jugend. 
Min Beitrag zur llcligionspädagogik auf Grund einer Umfrage bei ehemaligen 
katholischen Sdiülerinnen höherer Lehranstalten. 8° XVI und 320 Seiten, Leinen 
RVI 1250. Pädagogischer Verlag, Düsseldorf. 

Durch die Auswertung von 150 Antworten auf einem vom Verfasser ausgearbeite- 
ten Fragebogen möchte H. dem katholischen Religionslehrer helfen, sich besser in die 
Mädchenpsyche, insbesondere in die Welt religiösen Lebens während der Reifejahre 
„einfühlen" zu können. An Hand des vorliegenden Materials von Antworten bemüht 
er sich, „in das Verständnis des religiösen Lebens der Schülerinnen höherer Lehr- 
anstalten, seiner Eigenart, seiner Bedürfnisse, seiner Nöte, seiner Forderungen in 
der Zeit der Reife einzudringen, um so vom Verstehen der jugendlich-weiblichen 
Psyche her die religiöse Erziehungsarbeit zu erleichtern und zu befruchten". Die von 
dem Fragebogen erfaßten Persönlichkeiten haben zum Teil schon seit zehn Jahren 
die Schule hinter sich. Es handelt sich also bei den Antworten um reines Erinnerungs- 
material, das sicherlich manche anregenden Hinweise für den Religionspädagogen 
enthält. Nur wird man ein derartiges Erinnerungsmaterial kaum als unmittelbare 
Widerspiegelung seelischer Inhalte der Reifeiahre auswerten dürfen. Zudem sind die 
der Untersuchung zugrunde gelegten Fragen so unpräzise gestellt, berücksichtigen so 
wenig die ungeheuere Differenziertheit dei Vorstellungsinhalte und Erlebnisweisen 
des Einzelmenschen, die sich hinter scheinbar gleichlautenden allgemeingebrauchten 
Begriffen verbergen, daß die Antworten kaum irgendwelche tieferen Einsichten in 
die eigentlichen Inhalte und Wurzeln der Probleme, Konflikte und „Krisen" des 
religiösen Lebens der weiblichen Jugend zu vermitteln vermögen. Auch beim besten 
Wollen läßt sich heutzutage kein tief erfühlen des psychologisches Verstehen auch nur 
einer Seite des Seelenlebens — auch nicht des religiösen Lebens — finden und ver- 
mitteln ohne ernsthafte Berücksichtigung psychoanalytischer Erkenntnisse. Alle psycho- 



- 251 - 



17* 



logischen Untersuchungen, die hieran vorübergehen, werden stets nur seelisches Ober- 
flächenmaterial erfassen und über die Herausarbeitung von „Typen" kaum wesentlich 
herauskommen. Der Versuch von Hainz ist eine erneute Bestätigung für diese Tatsache. 

Dr. med. H. March, Berlin 

S. LILIENTHAL, Psychoanalyse im Religionsunterricht. Sonder- 
druck aus der Jüdischen Schulzeitung Nr. 1-3, 1933, 32 Seiten. 

Schon früher haben Vertreter anderer Bekenntnisse den Versuch unternommen, 
die Ergebnisse der Psychoanalyse für die religiöse Erziehung und den religiösen Unter- 
richt nutzbar zu machen. Hier soll nun gelegentlich einer Jahresversammlung jüdischer 
Lehrer eine unorientierte Hörerschaft mit der Psychoanalyse bekannt gemacht werden. 
Man hat den Eindruck, daß dem Vortragenden sein Unternehmen gelingt. Er stützt 
sich dabei auf die Erfahrungen, die er vor sechs Jahren im gleichen Kreise mit 
einem Vortrag über „Väter und Söhne" gemacht hat. Diesmal wird die Dynamik des 
Seelischen (Triebe und Triebschicksale) und die Struktur der Persönlichkeit (Es— Ich — 
Über-Ich) behandelt; freilich muß dabei manches schematisch und skizzenhaft wirken. 
V. verlangt, daß der Lehrer soviel von den Neurosen des Kindes weiß, daß er dort 
Neurosen erkennen kann, wo der Durchschnittsmensch Faulheit, Dummheit, Frech- 
heit u. a. sieht. Mit der Psychoanalyse neurotischer Kinder (Therapie) hat der Lehrer 
und Erzieher nichts zu tun. Die Individual-Psychologie Alfred Adlers wird in ihrer 
Bedeutung gewürdigt, aber als einseitig bezeichnet. In einem Literaturhinweis wird 
die analytische Literatur, soweit sie für den Erzieher zur ersten Einführung wichtig 
ist, empfohlen. Hoffer 

M. N. SEARL, Some Contrasted Aspects of Psycho- Anal ysis and |Lducation 
The British Journal of Educational Psychology Vol II. Part 111. 1932, |21 Seiten. 

Die Erziehung hat es mit dem Bewußtsein und der [äußeren Welt zu tun, die 
Psychoanalyse mit der unbewußten und innerlichen psychischen Welt. Um die sehr 
sorgfältige und spezialisierte Technik der Psychoanalyse zu verstehen, muß man die 
Intensität des Kampfes, den das kleine Kind gegen die Angst führt, und das Gefühl 
der aggressiven Gefahr begreifen, welche es nicht nur den Widerständen der äußeren 
Autorität, sondern auch seinen inneren Kontrollkräften zuschreibt. Keine Untersuchungs- 
methode, die auf den bewußten Geist gerichtet ist. kann diese Sachlage fundamental 
beeinflussen, weil eine Kluft zwischen gefühlsmäßiger Furcht und der Wirklichkeit 
besteht, wie leicht im Fall eines „grundlos" geängstigten Kindes bewiesen wird. Der 
Erzieher schützt sich und seinen Schüler so gut wie möglich vor störenden Affekten, 
während der Analytiker sie absichtlich herbeiführt, da nur wenn das Kind aus eigener 
Erfahrung ihre Gefahrlosigkeit und alle Angriff Faktoren genau kennt, diese Kluft 
überbrückt werden kann. — Die betrachteten Ansichten einer Gruppe von Psycho- 
analytikern und Erziehern deuten an, daß die Erfahrung in der Psychoanalyse von 
weit größerem Wert für die Erzieher ist als eine bloße Kenntnis ihrer Theorie, 
welche in gewissen Fällen sogar nachteilig sein kann. Aber diese Erfahrung einer 
tiefen und gründlichen Psychoanalyse würde zu keiner Verschmelzung der Rollen des 
Psychoanalytikers und des Erziehers führen, welche getrennt bleiben müssen. Ein ge- 
ordnetes Studium der Psychoanalyse kann jedoch eine wissenschaftliche Basis für einige 
Gegebenheiten bieten, die für die Erziehung wichtig sind. Autoreferat 




Eigentümer, Herausgeber und Verleger : Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Gesellschaft m.b.H., 

Wien 1 Börsegasse n. - Verantwortlicher Redakteur: Dr. Wilhelm Hoffer, Wien IX. Lustkandlg. 12. 

Druck von Emil M. Engel, Druckerei und Verlagsanstalt. Wien I. In der Börse. 



1 j 

Sonderhefte 

der „Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik" 


Sexuelle Aufklärung 

(^ 1. Jg., Heft 7—8—9) 

Mark 2.50 

Enthält 17 Beitrüge von Bernfeld, Friedjung, Graber, 

Hitschmann, Hollös, Landauer, Liertz, Meng, Reich, 

Schneider, Wolffheiin, Zulliger o. a. 


Stottern 

(= 11. Jg., Heft 11—12) 

Mark 2 

Aus dem Inhalt: Schneider: Über den Sinn des j 
Ftotterns — Graber: Rcilehenunung und Annl- 
erotik — C o r i a t: Die Verhütung des Stolterns — 

usw. 1 


Erziehungsberatung 

(= VI. Jg., Heft 11—12) 

Mark 2 

Mit Beitrügen von Aichhorn. Hoffer, Redl, Schikola. 
Sterba, Zulliger 


Spielen und Spiele 

(= VI. Jg., Heft 5—6) 

Mark 2.— 

Mit Beitragen von Buvlingham, Hoffcr, Xunberg. 

Pipal, Roubiczek, Schneider, Wälder, Wolffheim, 

Zulliger u. a. 


Die Psychoanalyse 
des Kinderzimmers 

Von Alice Balint 
(= VI. Jg., Heft 213) 

Mark 2 


Intellektuelle Hemmungen 

(= IV. Jg., Heft 11—12) 
Mark 2. — 

Aus dem Inhalt: Federn: Psychoanalytische Auf- 
fassung der intellektuellen Hemmung — H e r- 
mann: Begabtheit und Unbegabtheit — Born- 
stein: Sexual- und Intellckthemmung — Stern: 
Episodische Dummheit einer 16jährigen — usw.. ' 


Sterba: Einführung in die 
psychoanalyt Libidolehre 

(= V. Jg., Heft 2—3) 
Mark 2.— 

Aus dem Inhalt: 1) Triehlehre — 11 ) Sexualtheorie — 

III) Triehschicksale — IV) WiederholungS7.\YI\»2 WWl 

Todestrieb 


Menstruation 

(= V. Jg., Heft 5—6) 

Mark 2.— 

Aus dem Inhalt: Horney: Prämenstruelle Ver- 
stimmungen — Landauer: Menstruationserlebnis 
des Knaben — Chadwick: Menstruationsangst — 
P i p a 1: Wie es bei Hansi war — usw. 


Verlag der „Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik" 

[ Wien 1, In der Börse 



Die Psychoanalyse 

wird in ihrem Zusammenhang mit 
der Gesamtmedizin dargestellt in 

DAS ÄRZTLICHE VOLKSBUCH 

Herausgegeben von Dr. Heinrich Meng, Frankfurt a. M. und 50 
anderen bewährten Ärzten und Forschern aller Schulen. 

Erscheint in Lieferungen je M 2.—, von denen 
monatlich eine, zwei oder drei bezogen werden 
Hannen. Mit Erscheinen der letzten Lieferung wer- 
den kostenlos 3 Ganzleinen-Einbanddedien mit 
Goldpressung geliefert. 

3 Bände. 2000 Seiten. 100 Tafeln, Gr. 8". 

Pressestimmen: 

»Der ungeheure Stoff ist in bewundernswerter 
Weise bearbeitet worden. Das einzigartige Werk 
scheint berufen, die nur allzuvielen populären 
Medizinbücher entscheidend zj verdrängen." 

Kos mos 

„Das Ärztliche Volksbuch" hat ein Anrecht dar- 
auf, zum Standardwerk ernannt zu werden und 
den Namen „Meng" so populär zu machen wie 
„Meyer oder Brockhaus". Neue Freie Presse 

„Durch drei Werke hat sich das deutsdie Volk 
selbst ein Denkmal gesetzt: das Konversations- 
lexikon, den Sprachunterricht von Toussaint- 
Langenscheidt und Baedeckers Re'sehundbüdier. 
Diesen drei Weiken stellt sich das „Ärztliche 
Volksbuch" ebenbürtig ai die Seite." 

Prager Tagblatt 

VERLAG HANS HUBLR, Bl RN 



Die Psychoanalyse 

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DAS ÄRZTLICHE VOLKSBUCH 

Herausgegeben von Dr. Heinrich Meng, Frankfurt a. M. und 50 
anderen bewährten Ärzten und Forschern aller Sdiulen. 

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monatlich eine, zwei oder drei bezogen werden 
können. Mit Erscheinen der letzten Lieferung wer- 
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3 Bände. 3000 Seiten, wo Tafeln, Gr. 8". 

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„Der ungeheure Stoff ist in bewundernswerter 
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scheint berufen, die nur allzuvielen populären 
Medizinbücher entscheidend zu verdrängen." 

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den Namen „Meng" so populär zu machen wie 
„Meyer oder Brockhaus". Neue Freie Presse 

„Durch drei Werke hat sich das deutsche Volk 
selbst ein Denkmal gesetzt: das Konversations- 
lexikon, den Sprachunterricht von Toussainf- 
Langenscheidt und Baedeckers Re'sehundbüdier. 
Diesen drei Weiken stellt sich das „Ärztliche 
Volksbuch" ebenbürtig an die Seite." 

Prager Tagblatt 



VERLAG HANS HUBER, BERN 



VII. Jahrg. 



Mai— Jon! 1933 



Nr. 5/6 



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Heilpädagogik 



S. Ferenczif . 
H. Meng. . . . . 
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Psychoanalyse und Heilpädagogik 

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Preis dieses Heftes Mark 2 —