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Full text of "Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik III 1928 Heft 1"






1 




















. 















ZEITSCHRIFT FÜR 

PSYCHOANALYTISCHE 

PÄDAGOGIK 






ZEITSCHRIFT FÜR 

PSYCHOANALYTISCHE 

PÄDAGOGIK 









HERAUSGEBER: 



DR. HEINRICH MENG, ARZT IN FRANKFURT 
PROF. DR. ERNST SCHNEIDER IN STUTTGART 



ID. JAHRGANG 

(OKTOBER 1928 - DEZEMBER 1929) 



VERLAG DER ZEITSCHRIFT FÜR 
PSYCHOANALYTISCHE PÄDAGOGIK 

WIEN, I, BÖRSEGASSE 11 






ZEITSCHRIFT FÜR PSYCHO- 
ANALYTISCHE PÄDAGOGIK 



DI. Jahrgang Oktober IQ28 



Heft I 

Psychologische Probleme der Kindheit und ihre 
Bedeutung für die Erziehung 1 

Von Dr. med. Dorian Feigenbaum, New York 

dsFt i r den fragen ' Tl iCh ' derPs >' chiater ^d Psychoanalytiker, Ihnen 

In lT R H rn, ,r SagGn h ^ e - ICh Wn ^^ Lehrer UDd habe kei " e Erfahrung 
« der Behandlung von Kindergruppen, und mancher von Ihnen möchtf 

geneigt sein, zu meinen, daß es eine Zeitverschwendung sei, einem solchen 

Au ßenseit zuzuhören . Doch dies wäre ein Irrtum de g nng ; radein s ^ e t e e n r 

E genschaft als Psychiater und Psychoanalytiker bin ich ein Erzieher. Ich 

Ihre Wel t T ^ "T? Kindem ZU ^ ™ -* Einern Unterschied: 
n eint" /w u" T ?*" ZWlSChen fün ' ™* zehn Jahren, die meinigen 

eils ErwacTse n / Ünf ^ **** JöW Meine Kinder sind ^ößten- 
T° JlrWachsene ' die an infantilen Fixierungen oder an unglücklichen 
Regressionen in der Kindheit leiden. Der erwachsene Neurotfker - der 
Zögling des Psychoanalytikers - kämpft noch in reifem Alter mit den 
Problemen seiner Kindheit. 

Das Material, mit dem es der Psychotherapeut zu tun hat, setzt sich 
aus an Phononeurosen erkrankten Menschen zusammen. Sie alle wissen, 
was man unter den Ausdrücken Hysterie, Phobie, Zwangsneurose, Paranoia 
usw. versteht. Die an diesen Krankheitszuständen leidenden Personen sind 
oft geistig hoch entwickelt oder nehmen eine hohe soziale Stellung ein. 
Manchen von ihnen gelingt es, während einer langen Zeit ihre Leiden und 
Symptome zu verheimlichen. Einige tun dies aus Schonung für ihre An- 
gehörigen, andere betrachten ihre Symptome als lediglich „absonderliche 
Gewohnheiten" und kämpfen gegen sie an, so lange es ihnen möglich ist. 
Manche schämen sich intensiv ihrer Symptome. Wenn man ihnen aber 
eine Atmosphäre schafft, die sie befähigt, frei und vertrauensvoll mit- 
zuteilen, was sie im lnnem erleiden, was wir Analytiker wirklich auch 

««Vi Y°? ra S' S ehalte " vor der Konferenz der Welt verbin düng der Erziehung 

Säo an sität Toronto in Kanada - (Aus dem äÄJrÄBB 

Zeitschr. f. psa. Päd. III/i j 

i' 



tun, so würden Sie staunen, was Sie dabei zu hören bekämen. Der wohl- 
bekannte Mann der Gesellschaft, der Geschäftsmann, der täglich mit vielen 
Menschen und großen Geldsummen umgeht, der Künstler von Ruf, die 
beneidete Gattin und Mutter, die junge Dame mit einer vielversprechenden 
Zukunft — sie alle erscheinen in dieser neuen psychologischen Situation, 
d. h. in dem Sprechzimmer des Psychoanalytikers — als sehr kleine Kinder, 
Kinder mit egoistischen Instinkten, Leidenschaften, mit einem Drang zur 
Selbstzerstörung, der. gänzlich im Widerspruch steht zu ihrem bewußten 
Lebensplan. Der Beobachter wird stutzig vor der Tatsache, daß es in der 
Seele dieser Individuen gewisse Begierden gibt, die nicht auf dem gleichen 
Niveau stehen wie ihre allgemeine intellektuelle und soziale Struktur. 
Dabei wird er gewahr, daß sich die Seele aus halbautonomen, verschieden- 
artig und ungleichmäßig sich entwickelnden divergierenden Komponenten 
zusammensetzt. Zuweilen kann der Intellekt normal entwickelt sein, 
während das Gefühlsleben entweder auf einer frühkindlichen Stufe ver- 
blieben oder von einer bereits erreichten höheren Stufe zu einer weniger 
entwickelten früheren regrediert ist. Auf diese Weise wird dem Beob- 
achter der Aufbau der Seele vergleichbar mit geologischen Formationen. 
Die psychische Gesamtorganisation besteht aus verschiedenartigen Bildungen, 
die Perioden von Fortschritt, Stocken, Fixierung oder Regression aufweisen. 
Diese gesonderten Bildungen werden zusammenwirken und im Resultat 
das ergeben, was wir die Person nennen. 

Nun, nachdem ich Ihnen mein Beglaubigungsschreiben als Erzieher für 
erwachsene Kinder überreicht habe, lassen Sie uns zum Thema meines 
Vortrages zurückkehren. Um über alle Probleme der Kindheit und des 
Jugendalters zu sprechen, müßte man wenigstens ein Jahr zur Verfügung 
haben. Ich muß mich daher auf einige wenige elementare Probleme 
beschränken, die in einem direkten Zusammenhang zur Erziehung stehen. 
Das eine der Probleme, die ich meine, sind die unbewußten 
Erfahrungen, Konflikte und ihre Nachwirkungen in der Kindheit und im 
Jugendalter. Da sich vermutlich einige von Ihnen an diesem unangenehmen 
und störenden Worte „unbewußt" stoßen werden, so will ich versuchen, 
es Ihnen näher zu bringen, und möglicherweise wird dann Ihre Abneigung 
verschwinden. Anstatt Definitionen und Theorien will ich Ihnen Beispiele 
eeben die das Wesen des „Unbewußten" erläutern sollen. Ich beginne 
mit einem Fall von unbewußter kindlicher Eifersucht und 
konsequentem Vaterhaß, einer mit dem Namen „Ödipuskomplex" 
bezeichneten psychischen Situation. 

Der noch nicht ganz vier Jahre alte Stanley, das einzige Kind seiner Eltern, 
zeigte von seiner frühesten Kindheit an Zeichen heftiger Eifersucht, wenn er 
seines Vaters Zärtlichkeit für seine Mutter bemerkte. Seine Reaktion darauf 
war gewöhnlich ein energischer Protest, indem er rot im Gesicht wurde mit 
den Füßen stampfte und die Eltern zu trennen versuchte. Der AnlaU zu 
meinem Besuch in diesem Hause war folgendes, die Eltern in Besorgnis ver- 

— 2 — 









setzende Symptom des Kindes: Der körperlich wie geistig gesunde Knabe litt 
unter dem Zwang, seine Spielgefährten zu schlagen, ohne Rücksicht darauf, 
ob sie miteinander Streit gehabt hatten oder nicht. "Aber dann war es merk- 
würdig, daß Stanley die Kinder, die er heftig geklapst hatte, nachher zärtlich 
küßte. Zur Rede gestellt, warum er ein Kind geschlagen habe, zeigte er deut- 
lich Gewissensbisse und war in Verlegenheit, zu antworten. Einmal erwiderte 
er: „Ich bin ein Teufel." — Es traf sich, daß ich mit Stanley in einem 
Boot war und mich mit ihm über das Leben der Fische im Wasser unter- 
hielt. Seme einzige Reaktion auf meine Erzählungen über das Leben der 
Fische war der Ausruf: „Ich will Vater ins Wasser werfen." — Während 
des Sommers blieb die Mutter mit dem Kinde auf dem Lande, und der Vater 
kam nur am Wochenende zu ihnen. Als der Vater an einem Montagmorgen 
das Landhaus verließ, sagte Stanley ernst und eindringlich: „Ich werde dich 
heiraten, Mutter, während Vater in der Stadt ist, um Geld zu verdienen u 
Andere Vorfälle, ebenso wie Träume, die ich analysiert habe, erbrachten 
den klaren Beweis, daß alle seine grausamen Handlungen eine unbewußte 
Äußerung seiner Eifersucht und des daraus folgenden Hasses gegen seinen 
Vater bedeuteten. 

Nun will ich einige Beispiele anführen, die uns den unbewußten kind- 
lichen Haß gegen jüngere Geschwister als die Rivalen in der 
elterlichen Liebe illustrieren sollen. Ich wähle dazu extreme Fälle, 
um das, was ich zu sagen wünsche, nachdrücklicher hervorzuheben, denn 
ich weiß natürlich, daß die Durchschnittsbeobachtungen weniger auffallend 
sind, doch auch diese zeigen dieselbe Richtung, nur in schwächerer Form. 

Ein zweieinhalbjähriges Mädchen zeigte eine sonderbare Reaktion auf ein 
zu erwartendes Baby, von dem die Eltern viel gesprochen hatten. Sie schien 
in der Erwartung dieses Ereignisses zusehends zu reifen. Am Tage vor der 
erwarteten Niederkunft verließ sie heimlich das Haus zum erstenmal in ihrem 
Leben, ging furchtlos eine Strecke weit zu Freunden hin, wo sie es so ein- 
zurichten verstand, daß sie an diesem und dem nächsten Tage von ihrem 
Hause fernblieb. Nach ihrer Rückkehr zeigte sie ein sonderbar erwachsenes 
Benehmen gegenüber ihren Eltern. 

Eine Fürsorgerin brachte einen neun Jahre alten Knaben in die Poliklinik, 
ein einziges Kind, welches der erste in seiner Klasse und niemals zuvor krank 
gewesen war. Seit den letzten zwei Wochen hatte er ein nervöses Zittern und 
eine zwanghafte seitliche Bewegung des Kopfes gezeigt. Die Untersuchung 
einschließlich der Analyse eines seiner letzten Träume ergab, daß dies ein 
psychoneurotisches Symptom war, welches einen Protest irgendwelcher Art 
symbolisch darstellte. Als die Fürsorgerin gefragt wurde, ob in der Familie 
ein Kind erwartet würde, öffnete sie die Tür und ließ die Mutter eintreten, 
deren Erscheinung eine genügend positive Antwort war. Eine kurze Analyse 
von nur drei Wochen genügte in diesem Falle, um dem Knaben zu helfen, 
seine durch den Tic symbolisch ausgedrückten unbewußten Befürchtungen 
hinsichtlich des neuen Ankömmlings zu überwinden. 

Ein siebenjähriger Knabe kneift seinen jüngst angekommenen Bruder jedes- 
mal, wenn er sich von seinen Eltern unbeobachtet glaubt. Während des 
ersten Monats tut er es auch, wenn er die Wiege schaukeln muß, und eines 



- 3 - 



i* 



Tages, während der Abwesenheit seiner Eltern, stopft er ein Taschentuch in 
den Mund des Babys. 

Einen normaleren und verbreiteteren Typus von unbewußten Reaktionen 
zeigt uns Hans Zulliger in seiner interessanten Schrift: „Psychoanalytische 
Erfahrungen aus der Volksschulpraxis." Zulliger weist an einer Anzahl von 
Beispielen nach, wie sehr die Schüler bewußt und noch mehr unbewußt von 
einem Geständniszwang und Strafbedürfnis beherrscht sind. Ejn Mädchen, das 
ihre Schulaufgabe von der Arbeit einer Kameradin abgeschrieben hat, liefert 
zusammen mit ihrem Heft den Bogen ab, von welchem sie abgeschrieben 
hatte, und macht auf diese Weise ein die Bestrafung forderndes Geständnis.' 

Neben diesen Manifestationen des kindlichen Unbewußten, die ich soeben 
beschrieben habe, und die an den meisten Kindern zu beobachten sind, 
gibt es noch eine Art von unbewußten Schockerlebnissen, bekannt unter 
dem Namen „seelische Traumata", die entschieden überall in jeder- 
manns individueller Entwicklung vorkommen und bestimmt sind, einen 
unauslöschlichen Eindruck in dem Leben jedes Individuums zu hinter- 
lassen. Ich meine solche Erlebnisse, welche jedes Kind während seines 
Entwicklungsprozesses durchzumachen hat, wie: Geburt, Zahnen, Ent- 
wöhnung, Eintritt in die Schule, die ersten Zeichen der Pubertät und der 
Entwicklung der sekundären Geschlechtsmerkmale, wie Stimmbruch, 
Wachstum der Haare und bei den Mädchen die Menstruation. 

Lassen Sie uns jetzt einen Blick werfen auf das wichtigste dieser 
Traumata, das Geburtstrauma. Wenden wir uns in Gedanken der 
Betrachtung dessen zu, was in dem neugeborenen Kind vorgehen mag, 
welches soeben den mütterlichen Körper verlassen hat, nachdem es so 
viele Monate eine mit ihm gemeinsame Existenz geteilt hatte. Wir besitzen 
freilich keinen exakten Bericht eines Neugeborenen über seine Eindrücke, 
aber dennoch können wir aus seinem Verhalten schließen, daß es durch 
seine Erfahrungen während des Embryonallebens und der Geburt stark 
mitgenommen ist, und daß das Geborenwerden ein sehr heftiges Trauma 
bedeutet. Der scharfe Kontrast zwischen Dunkelheit und Licht, zwischen 
der Temperatur des mütterlichen Körpers und der der Außenwelt, zwischen 
der vorherigen von Schleim und Muskeln gebildeten Umhüllung und der 
rauhen Berührung der Stoffe, neben dem fundamentalen Wechsel der 
lebenswichtigsten Prozesse, wie Atmung usw., müssen natürlicherweise 
traumatisch wirken und einen dauernden Eindruck hinterlassen. Das 
Studium der modernen Behandlung von Neurotikern, besonders solcher, 
die an neurotischer Angst leiden, offenbart uns die Einflüsse dieser ersten 
Schockwirkungen bei der Geburt sogar auf den erwachsenen Menschen. 
Nach Freuds Ansicht hinterläßt diese erste Lebenserfahrung, das Trauma 
der Geburt, ein Vorbild für den Angstaffekt in der Seele des Individuums, 
welches sich mit den meisten seiner begleitenden Einzelheiten wiederholt, 
wenn das Individuum von einer Versagungssituation, wie es die Ent- 






i) Diese Zeitschrift, I. Jahrg., S. 161. 

- 4 - 



wöhnung, Abreise vom Hause usw. ist, in seinem späteren Leben betroffen 
wird. Ein eingehenderes Studium dieser traumatisch wirkenden Verluste 
würde von großem Wert für die Erzieher sein, da solche Trennungen 
periodisch im Leben der Zöglinge wiederkehren. 

Zu erwähnen ist noch eine Art von zwar theoretisch weniger bedeut- 
samen, aber praktisch unvermeidbaren Verletzungen, die durch Unfälle 
entstehen, wie ein Fall auf den Kopf in der frühen Kindheit, ein typisches 
Beispiel für eine Kopfverletzung mit ihren möglichen Nachwirkungen. 
Die Anwesenheit bei einem Grausamkeitsakt von seiten der Eltern oder 
anderer wirkt ebenfalls als Schock und kann einen wichtigen, ja, verhängnis- 
vollen Einfluß auf die Entwicklung des Charakters haben. 

Gleichwertig wie die allgemeinen traumatischen Erlebnisse wirken auch 
allgemeine elementare Bedürfnisse, besonders die elementare kind- 
liche Sehnsucht nach Zärtlichkeit und Liebe. Der hervor- 
ragende deutsche Kinderkliniker Prof. Ibrahim zitiert folgende Geschichte 
aus einer alten Chronik. Der romantische Kaiser Friedrich II. stellte einst 
die Frage: „Wie würden Kinder, die nie ein gesprochenes Wort gehört 
hätten, mit einander sprechen?" Erbefahl sodann, eine Anzahl von Kindern 
durch Wärterinnen erziehen zu lassen, die die Anweisung bekamen, sich 
soweit als möglich jedes Wortes und jeder Zärtlichkeitsbezeugung vor den 
Kindern zu enthalten. Aber des Kaisers Frage blieb unbeantwortet, denn 
die Kinder starben. Der Chronist sagt, sie konnten ohne ein freundliches 
Wort und die liebreichen Gebärden ihrer Wärterinnen nicht leben. Es ist 
bezeichnend, daß die Deutschen die Lieder, welche die Mütter ihren 
Wiegenkindern singen, „Ammenzauber" heißen. Die Echtheit jener 
Geschichte — schreibt Ibrahim — mag bezweifelt werden, aber die darin 
ausgedruckte Idee wird von der modernen Wissenschaft bestätigt. Ein Kind 
kann ohne Liebe nicht leben. Während des Krieges hatte Prof. Ibrahim 
Gelegenheit, in einigen sehr gut eingerichteten Kinderheimen Beobachtungen 
zu machen, wo Neugeborene durch gut ausgebildete Wärterinnen gepflegt 
wurden, während ihre Mütter hinter der Frontlinie arbeiteten. Sehr bald 
verfielen die Babys in einen Zustand von Abzehrung, welcher den Namen 
„Hospitalkrankheit" erhielt. Seine Symptome waren Abnahme des Appetits 
und des Wachstums, Darmstörungen, nervöse Unruhe und Schlaflosigkeit 
und Neigung zu allen möglichen katarrhalischen und Drüsenerkrankungen. 
Trotz der modernen Ausrüstung und der vollendeten Pflege starben die 
Kinder in diesen Kinderheimen an psychischem Hunger. Nur der Mangel 
an Liebe konnte als Grund für ihren Tod angegeben werden. In seiner 
Abhandlung erklärt Ibrahim: „Der Mensch ist nicht wie eine Maschine, 
die man mit Brennmaterial versehen kann nach dem Fahrplan", und 
„solange man dieses Prinzip nicht erkannt hatte, war es unmöglich gewesen, 
die Babys am, Leben zu erhalten in Anstalten, in denen sie nicht nur von 
der Milch ihrer Mutter, sondern auch von liebevoller Pflege getrennt 
gewesen waren." Auf Grund dieser Entdeckungen über die „Hospital - 

- 5 - 






krankheit" ist die Massenpflege durch Einzelpflege ersetzt worden und für 
jedes Kind wurde eine besondere Pflegerin bestimmt. Auf diese Weise ist 
auch der „Ammenzauber in die nüchternen Räume der Anstalt ein- 
gezogen. Ich zitiere meinen verstorbenen Freund, Otto Groß, welcher 
in diesen Erkenntnissen Ibrahims über die Hospitalkrankheit einen wert- 
vollen Beweis sieht zugunsten von Freuds scharfsinnigen Ent- 
deckungen über die konstante und p rogr essi ve Nat u r der 
psychosexuellen Entwicklung von der frühesten Kind- 
heit an. Groß spricht von einem „angeborenen Instinkt nach Kontakt in 
jedem Sinne , sowohl physisch als psychisch. Ferner sieht er in der Ein- 
samkeit des Kindes den Ursprung der neurotischen Angst und pathogener 
Konflikte. Liebe oder wenigstens die Gebärde des Kontakts wird meist dem 
Kinde nur als Entgelt für eine bestimmte Sache gegeben. Es heißt oft: 
„Wenn du dies tust, so werde ich dich lieben." Der Erzieher sollte die 
Wirkung einer solchen Handlungsweise nicht unterschätzen. Im wesent- 
lichen bedeutet dies eine Verneinung der unbedingten Liebe und eine 
Suggestion, daß Liebe erworben werden kann als Vergeltung für irgend- 
welche verdienstvollen Handlungen. Es ist ebenso wünschenswert, das ent- 
gegengesetzte Extrem zu vermeiden. Der Takt des Erziehers muß die 
goldene Mitte zwischen diesen beiden Extremen, der unbedingten Liebe 
und der verdienten Liebe, herausfinden. 

Wenn wir einen Rückblick werfen auf die Manifestationen des Unbe- 
wußten in Kindern des Vorschul- und des frühen Schulalters, so werden 
wir wohl zugeben müssen, daß hier eine Reihe von sehr wichtigen Er- 
ziehungsfaktoren steckt, welche bisher nur wenig von den berufsmäßigen 
Erziehern beachtet worden ist. Hier befindet sich ein bisher übersehenes 
Stück Kinderpsychologie, das bei gehörigem Studium einen reichen Ertrag 
zu gewähren verspricht. Es wird nötig sein, auf die unbewußten Mani- 
festationen der Zöglinge acht zu geben, denn sie sind die aufschluß- 
reichste und tiefste Ausdrucksform. Und auch das Werk der Erzieher wird 
fruchtbarer werden, wenn sie ihre eigenen unbewußten Manifestationen 
beobachten und studieren werden. Sie werden lernen, ihre eigenen unbe- 
wußten Neigungen, die sie keineswegs in sich vermutet hatten, auszu- 
schalten und ihre persönliche Gleichung abzuziehen, wodurch sie ihren 
Zöglingen tatsächlich nützlicher sein werden. Wenn sie aber ermangeln 
werden, dies zu tun, so werden sie nur die Schwierigkeiten ihrer Zöglinge, 
ohne es zu wissen und zu wollen, vermehren und ihnen sogar tiefen und 
unersetzlichen Schaden zufügen. 

Ich möchte Ihnen zwei Vorfälle vorführen zum Beweis, wie moderne 
intelligente Mütter in hoher sozialer Stellung, denen man keineswegs böse 
Absichten ihren Kindern gegenüber zumuten darf, diesen unbewußt schaden, 
während sie sich bewußt bemühen, rechtschaffen und hilfreich zu sein. 
Eine höchst achtbare Mutter von vier Kindern, die an Launen, Reizbar- 
keit, Mangel an Selbstbeherrschung und aggressiven Impulshandlungen ihren 

- 6 - 



< 



Kindern gegenüber und darauffolgenden Gewissensbissen und Selbstvorwürfen 
litt, berichtet mit sichtbarem Stolz von der Antwort, die sie ihrem acht- 
jährigen Knaben erteilte, als er sie fragte, wohin sie ging. „Ich gehe zum 
Doktor, sagte sie, „er wird mir helfen, zu euch Kindern besser zu sein." 
Scheinbar soll diese Antwort die Wahrhaftigkeit, Liebe und aufrichtige 
Beziehung der Mutter zu ihren Kindern ausdrücken, wenn wir nur die 
bewußten Absichten der Mutter in Betracht ziehen. Unbewußt jedoch hat sie 
wieder eine aggressive Handlung gegen das Kind begangen. Indem sie ihre 
Absicht ausdrückt, zu lernen, zu ihren Kindern besser zu sein, ist es offenbar, 
daß sie den Glauben des Kindes an ihre unbestreitbare, instinktive und frei- 
willige Güte erschüttert und ein Gefühl von Ungewißheit und Pessimismus 
in bezug auf sie erweckt hat. Durch dieses Benehmen hat die Mutter unbe- 
wußt ihrer schlechten Laune nachgegeben und ihren bösen Willen wiederholt. 
Wie die Analyse ergab, war diese Mutter an ihre Kindheitsphantasien fixiert, 
und sie weigerte sich, ihre reale Situation als Frau und Mutter anzuerkennen. 
Da sie selbst fortfuhr, auf einer infantilen Stufe zu verharren, so behandelte 
sie unbewußt ihre Kinder als Rivalen, obgleich sie bewußt die Absicht hatte, 
gütig und aufrichtig mit ihnen zu sein. 

Ein anderer Fall: Ein sechsjähriger Knabe fragt seine Mutter, warum er 
keine Schwester oder keinen Bruder habe. Und die moderne Mutter, die ihre 
wahrhaftige Beziehung zu ihrem Kinde nachdrücklich betont, erwidert: „Wir 
verhüten, daß noch Kinder kommen sollen", und fährt fort zu erklären, daß 
jedes Kind seinen Eltern eine lange Zeit hindurch große Sorgen und Aus- 
gaben verursache. Hier beabsichtigt bewußt die Mutter, ebenfalls aufrichtig 
zu sein, unbewußt dagegen begeht sie eine sehr heftige Aggression gegen das 
Kind. Das wahre, dieser Erklärung zugrunde liegende Motiv war, ihm 
Leid zuzufügen, seinen Glauben, daß seine Existenz das Produkt von Liebe, 
Harmonie und Notwendigkeit sei, zu erschüttern und es zu der Schluß- 
folgerung zu zwingen, daß es seinen geliebten Eltern nicht willkommen 
gewesen sein mag. — Die Analyse dieser Mutter zeigte ebenfalls verschiedene 
psychoneurotische Mechanismen. Unter diesen erwies sich die Regression in 
die Kindheit als das Zentrum ihrer Schwierigkeiten. 

Es ist unnötig, zu bemerken, daß ähnliche Vorfälle auch dem Lehrer 
passieren können, natürlich ohne seine Absicht. Es ist, als ob er eine 
ansteckende Krankheit verbreitete, ohne gewahr zu werden, daß er selbst 
der Träger der Infektion ist. Daher sollten Erzieher, welche Ursache haben, 
in ihrem eigenen Seelenleben neurotische Reaktionen zu vermuten, es als 
ihre Pflicht betrachten, ihre inneren Konflikte kennen zu lernen, um ihre 
Zöglinge vor unbewußten Schädigungen zu bewahren. 

Lassen Sie mich mit einer optimistischen Bemerkung schließen. Ich 
möchte an einem Beispiel zeigen, von wie großem Nutzen es für den 
Zögling werden kann, wenn sein unbewußtes Triebleben in richtige 
Bahnen gelenkt wird. Gerade als ich im Begriff war, nach Toronto zu 
fahren, hatte ich das Vergnügen, eine junge, begeisterte Volksschullehrerin 
aus einer der „Musterschulen" New Yorks zu treffen. Sie erzählte mir von 
einem ihrer Schüler, bei welchem sie einen bemerkenswerten Erfolg gehabt 
hatte, obgleich es ihr unmöglich war, zu erklären, wie er zustandekam. 

- 7 - 



Der Junge war ihr als ein leicht defektives Kind vorgestellt worden, was 
sie aber nicht glauben konnte. Die Apathie und Gleichgültigkeit des Kindes 
erregte ihre besondere Aufmerksamkeit und sie ermunterte und spornte es 
in jeder Weise zu Antworten an. Mit der Zeit zeigte der Knabe immer mehr 
Interesse für die Lehrerin und gewann eine größere Ausdrucksfähigkeit. 
Der scheinbare Geistesdefekt, den er am Anfang gezeigt hatte, war wohl 
nur eine Art von Hemmung, die durch den Mangel an der für seine Ent- 
wicklung notwendigen Liebe verursacht worden war. Während ihres naiven 
Berichtes über diesen Fall erkannte ich die feine harmonische Persönlich- 
keit und den richtigen Instinkt dieser Lehrerin; dazu kam, wie schon 
oben erwähnt, eine wirkliche Begeisterung für ihre Arbeit. Nähere Kennt- 
nisse über das Seelenleben dieses Jungen und seine Beziehungen zur Familie 
hatte sie nicht. Ich schrieb den von ihr erreichten Erfolg dem Wunsche 
des Knaben nach einer Ersatzmutter und der Erfüllung dieses Wunsches 
in der Person der Lehrerin zu. Daraufhin erinnerte sich die Lehrerin, daß 
der Junge seine Mutter verloren hatte und von seiner Stiefmutter schlecht 
behandelt worden war. 

Ich fürchte beinahe, Sie durch mein allzu banales Beispiel verstimmt 
zu haben, doch glaube ich, daß man viel daraus lernen kann. Ich ver- 
weise auflas Phänomen der „Übertragung" und der „Gegenüber- 
tragung", welches mir von größter Bedeutung für die Praxis der Er- 
ziehung zu sein scheint. Seit den Entdeckungen Freuds und den 
Forschungsarbeiten seiner Anhänger, besonders Ferenczis, wird diese 
Erscheinung als außerordentlich wichtig in der modernen Psychopathologie 
betrachtet. Sie stellt die positive oder negative Gefühlsübertragung auf 
Personen oder Situationen dar, die uns, oder besser unser Unbewußtes, an 
die ersten Personen oder Situationen der frühen Kindheit erinnern. 
Wenn Sie mir zuhören, so reagieren Sie auf mich nicht nur entsprechend 
dem, was ich sage, sondern mit einem Zusatz dessen, was meine Person 
in Ihnen an vergangenen Erfahrungen wieder wachruft und Sie unbewußt 
ohne daß Sie dessen gewahr werden — an andere Personen von 
größerer und intimerer Bedeutung für Sie erinnert. Daher besteht Ihre 
Reaktion aus zwei Elementen : aus Ihrer bewußten intellektuellen Reaktion, 
aber auch aus Ihrer unbewußten, beinahe ganz affektiven Reaktion, die 
von Ihren Erfahrungen mit jenen Personen Ihrer Vergangenheit abhängt, 
an die ich Sie — nolens, volens — erinnere. In dem eben beschriebenen 
Fall war die Seele des Zöglings erfüllt von Sehnsucht nach einer Mutter- 
imago, so daß er seine schwebende kindliche Zärtlichkeit auf die Lehrerin 
übertrug. Da die Lehrerin trotz ihrer Jugend einen mütterlichen Typus 
darstellte, so ermöglichte sie nicht nur dem Knaben die Übertragung seiner 
Liebe auf sie als seine Mutterimago, sondern reizte und vermehrte noch 
seine Lust, dies zu tun, weil er dadurch auch ihr half, ihren mütterlichen 
Instinkten einen guten Ausdruck zu verschaffen. Wir haben hier vor uns 
einen gegenseitigen Austausch von Übertragungen. Das Bedürfnis des Kindes 

- S - 









nach einer Mutter und das der Lehrerin nach einem Kind fanden gleich- 
zeitig Befriedigung zu ihrer beider Vorteil. Dieser banale Fall bietet aber 
noch mehr des Interessanten: Es war eben ein Glücksfall, daß dieser 
Knabe sich noch gut entwickelte, aber wir dürfen nicht vergessen, daß 
er in wirklicher Gefahr gewesen war. Er wurde durch eine impulsive, 
intellektuell nicht kontrollierbare Methode gelenkt, und die Wahl seines 
Lehrers hätte auch eine unglückliche sein können. Die Lehrerin handelte 
rein impulsiv, und der erfolgreiche Ausgang ist nur dem zufälligen Zu- 
sammentreffen von günstigen Faktoren zuzuschreiben. Gesetzt den Fall, 
die Lehrerin wäre von einem anderen, ganz unmütterlichen Typus gewesen, 
so hätte sie wahrscheinlich nicht nur keinen Erfolg mit dem Knaben 
gehabt, sondern auch noch seine Schwierigkeiten vermehrt. 

Um kurz zusammenzufassen: Das beste Vorbeugungsmittel gegen 
erzieherische Mißgriffe und daraus folgende Schädlichkeiten für das Kind 
ist erstens die Kenntnis der wesentlichen unbewußten Bedürfnisse und 
Begierden des Kindes und zweitens das Studium der unbewußten Vorgänge 
im Erzieher. 



Beobachtungen an einem jungen Verschwender 

(Nach einem Referat im pädagogischen Seminar der Berliner Psychoanalytischen Poliklinik) 

Von Hans Kalischer, Nordhausen 

In seinem Aufsatz „Ergänzungen zur Lehre vom Analcharakter" gibt 
Abraham 1 eine Zusammenfassung derjenigen seelischen Eigenheiten und 
Neigungen, deren Ursprung nach Untersuchungen von Freud und seinen Mit- 
arbeitern in einer Frühzeit der Triebentwicklung gelegen ist, die man als die 
anale Organisationsstufe der Libido zu kennzeichnen pflegt. Dieser Begriff 
deckt bekanntlich einen Tatsachenbereich von elementaren Trieberlebnissen, 
die anatomisch-physiologisch an die Organe, bzw. Vorgänge der Verdauung 
und Darmentleerung gebunden sind. Die Psychoanalyse ist induktiv wiederholt 
zu der Feststellung gekommen, daß die auf analem Wege gewonnene Funktions- 
lust einen primitiven, aber oft wesentlichen Beitrag zur Charakterbildung her- 
gibt, meist allerdings nur in ihren „Umwandlungsprodukten" an der Handlungs- 
weise der fertigen Persönlichkeit in Erscheinung tritt. 

Die nachfolgenden Ausführungen wollen — abgesehen von der Festlegung 
des Beobachtungsmaterials selbst — dem Versuche dienen, die genannten 
Funde der Psychoanalyse an einem konkreten Beispiel zu veranschaulichen. 
Die Mitteilungen entstammen einer Reihe von Beobachtungen, die sich mir 
während meiner erzieherischen Tätigkeit an einem ärztlichen Heilpädagogium, 
und zwar bei der Führung einer Gruppe von durchschnittlich siebzehn- bis vierund- 
zwanzigj ährigen Psychopathen, aufdrängten. In der seelischen Struktur des dar- 

1) Abraham, Psychoanalytische Studien zur Charakterbildung, Internationaler 
Psychoanalytischer Verlag, Wien, 1925. 

— 9 — 



gestellten Einzelfalles scheinen mir die von Abraham hervorgehobenen Wesensmerk- 
male besonders sichtbar zu werden. Dazu legten mir Erfahrungen an Verwahrlosungs- 
formen, die der beschriebenen verwandt sind und, grob gesagt, etwa dem 
Typus des „pathologischen Verschwenders" entsprächen, die Vermutung nahe, 
daß an allen derartigen Charakterfehlbildungen die Auswirkungen einer vor- 
wiegend anal organisierten Triebanlage ihren hervorragenden Anteil hätten. 

i 

Lebenslauf und Verfehlungen 

a) Vor dem Aufenthalt in der Anstalt 

Der junge Mann, den ich Franz nennen will, ist Großstädter und ent- 
stammt der begüterten Gesellschaftsschicht. Seinen Vater verlor er im Alter 
von neun Jahren und lebte seitdem mit seiner Mutter und jüngeren Schwester 
zusammen. Der plötzliche Tod des Vaters behielt für ihn etwas Rätselhaftes 
Der Angabe, es hätte sich um einen Herzschlag gehandelt, begegnete er mit 
Miütrauen, da verschiedene äußere Umstände, an die er sich erinnern will 
dieser Todesursache widersprächen. Nach dem Tode des Vaters wurde die 
Mutter vorübergehend gemütskrank und äußerte Zwangsideen, die mit dem 
Todesfall selbst in Beziehung standen. Franz hat seine Bedenken vor der 
Mutter nicht geäußert, da er ihr „nicht wehtun" wollte. 

Bereits als kleiner Knabe zeigte Franz nervöse Erscheinungen. Als Vier- 
jahriger soll er besonders an nächtlichen Angstzuständen gelitten und als 
Sieben- bis Achtjähriger ticartige Zuckungen gehabt haben. Außerdem trat in 
dieser Zeit Nachtwandeln auf. Er wurde aus der Schule genommen und ärztlich 
behandelt. (Die Behandlung bestand u. a. in Ruheübungen!) 

Die ersten Verwahrlosungssymptome traten auf, als Franz ein Alter von 
etwa vierzehn Jahren erreicht hatte. Es handelte sich zunächst um einige 
keine Entwendungen aus dem Haushalt der Mutter, nach denen Franz die 
Flucht ergriff. Er kehrte jedoch nach zwei Tagen wieder zurück. 

Sein Aufenthalt in einem Landerziehungsheim, in das er nun mit Rück- 
sicht auf seinen nervösen Zustand geschickt wurde, fand nach relativ kurzer 
Zeit ein Ende, weil man ihn seiner Anlage wegen als ungeeignet für diese 
Einrichtung empfand. Ähnlich erging es ihm auf einer Freiluftschule, wo er 
sich eine kleine Summe aneignete, die ein Kamerad auf seinem Nachttisch 
liegen ließ. Nach seiner Entlassung von dort wurde er einem strengen 
Erziehungsheim überwiesen, von wo aus er gleichzeitig das Realgymnasium 
besuchte. Aber in demselben Maße, in dem man Franz mit äußeren Druck- 
mitteln begegnete, wuchsen auch seine Unruhe und Erregung. Sein anfänglicher 
Eifer in der Schule ließ deutlich nach, während er sich in Gedanken dauernd 
damit beschäftigte, wie er sich allen Anforderungen durch die Flucht entziehen 
könne. Er träumte von Reisen nach fernen Gegenden, wo er niemandem 
bekannt sei und frei nach eigenem Ermessen leben könne. In einer solchen 
Zeit sieht er bei einem Besuch einen wertvollen Ring der Mutter liegen, er 
greift triebhaft zu und versetzt ihn. Dann faßt ihn Reue, und um ihn ein- 
lösen zu können, versucht er es, sich an „Lebensmittelschiebungen" zu 
beteiligen. Da ihm das mißlingt und seine Furcht vor der Entdeckung des 
Diebstahls wächst, verläßt er in zielloser Flucht das Haus. Er hat nur seine 

— 10 — 






Geige mitgenommen. Die verkauft er und bestreitet von dem Erlös eine plan- 
lose Reise, auf der er sich nach vierundzwanzigstündigem Hungern gezwungen 
sieht, der Mutter Bericht zu geben. 

Über die folgenden Jahre äußert sich die Mutter in einem Briefe: Im 
Alter zwischen siebzehn und neunzehn Jahren „verkaufte er dauernd Gegen- 
stände aus dem Haushalt, auch Lebensmittelvorräte, Silberlöffel, Bücher usw., 
ohne jede Rücksicht auf die Entdeckung, so daß es stets sofort gemerkt 
werden mußte. Alle Ermahnungen waren erfolglos; es war so schlimm, daß 
er unmöglich zu Hause bleiben konnte, da er alle paar Tage etwas verkaufte. 
Er kam zu Pastor O.". 

Es folgt dann nach anderen mißglückten Versuchen der Aufenthalt beim 
Pastor, der den schuluntauglichen Jungen zugleich durch privaten Unterricht 
auf das Abiturium vorbereiten sollte. Franz führte sich dort mehrere Monate 
gut und stellte durch Benehmen und Leistungen seinen damaligen Lehrer 
•/.ufrieden. Dieser schenkte ihm schon soviel Vertrauen, daß er ihm den 
Auftra»- gab, eine größere Geldsumme von der Post abzuheben. Aber kaum 
fühlt Franz das Geld in der Hand, da packt ihn ein ungestümer Verschwendungs- 
drang und die Sucht, mit dem Gelde fortzureisen. Er sitzt im Zuge, noch 
ehe er sich recht über Anlaß und Ziel seiner Reise im klaren ist. Auf dieser 
Fahrt landet er in einem Seebade, läßt sich in einem vornehmen Hotel nieder 
und veranstaltet Sammlungen unter der Vorgabe eines wohltätigen Zweckes. 
Bei einer dieser Unternehmungen wurde Franz festgenommen, Pastor und 
Mutter wurden benachrichtigt und holten ihn ab. Seine erstmalige Unter- 
bringung in einer geschlossenen Anstalt wurde erforderlich. 

Franz, seelisch und körperlich zusammengebrochen, entbehrte damals jeder 
Hoffnung und jeden Haltes. Die Umgebung von Irren bedrückte ihn auf das 
schwerste, und soweit aus seinen nachträglichen Mitteilungen hervorgeht, 
fühlte er sich damals innerlich umgewandelt. Er wünschte sehnlichst, sich mit 
der Mutter auszusöhnen, und malte sich täglich in anderen Farben Heimkehr 
und Wiedersehen aus. Die Wirklichkeit eines kühlen und zurückhaltenden 
Empfanges riß ihn von neuem nieder. Dazu fing er heimlich einen Brief auf, 
in dem die Mutter mit Angehörigen über seine Entmündigung beriet. Er ließ 
sich jedoch Enttäuschung und Verzweiflung nicht anmerken, war im Gegen- 
teil sehr liebevoll und höflich, während er im Inneren nur einen Plan kannte : 
weit fort, möglichst ins Ausland, wo niemand ihn kenne. 

Schon acht Tage nach seiner Rückkehr wurde dieser Plan teilweise ver- 
wirklicht. Mit dem Erlös für Silbersachen, die er abermals der Mutter ent- 
führte, bestritt er die Kosten dieser weitesten Fluchtreise. Sie führte ihn an 
einen größeren Kurort, in dem er in Luxus und Verschwendung lebte. Nur 
um, wie er vorgibt, das Gefühl zu haben, daß er sich etwas leisten könne, 
und weil er sich in der unabhängigen, „exklusiven" Rolle eines großen Herrn 
gefiel, warf er mit dem Gelde um sich. Dabei ging er ganz unzweckmäßig 
zu Werke. Er verschleuderte seine wichtigsten Habseligkeiten, wie Mantel, 
Anzüge und Wäsche, etwa um den Preis einer besonders begehrten und seltenen 
Speise oder eines besonders kostspieligen Parfüms. Sonst lebte er isoliert und 
einsam und scheute sich vor jeder Bekanntschaft. Dann kehrt die Neigung 
zur Umkehr wieder, die innere und äußere Erschöpfung, die Sehnsucht nach 
einer Aussprache, mit der Mutter. Franz telegraphiert an sie mit dem letzten 

— II — 



Gelde, wird auf ihre Veranlassung in Schutzhaft gesetzt, von einem Wärter 
abgeholt und ohne Abstecher gleich in die Heilanstalt zarückbefördert. Ent- 
gegen allen Hoffnungen auf eine häusliche Aussprache, wird er bald nach 
seiner erneuten Aufnahme in der Nervenheilanstalt zum Zwecke der Ent 
mundigung vernommen und verschließt sich in trotziges Schweigen, nachdem * 
ihn nachfolgende Bemerkung des Psychiaters gänzlich entmutigt hat- Wenn 
ich Ihre Mutter wäre, würden Sie jetzt zehn Jahre hier sitzen." 

b) Während des Aufenthaltes in der Anstalt 
Im Alter von zwanzig Jahren findet Franz im Heilpädagogium Aufnahme 
Zu Beginn seines Aufenthaltes zeigte er eine gewisse Zugänglichkeit und 
Anpassung an die neue Umgebung. Bald jedoch erfolgte der Umschwung- 
er brach mit der Hausordnung, kam erst in der Nacht zurück, schlief bis zum 
Mittag, machte in mehreren Lokalen Schulden und versetzte mit Unterstützung 
von Kameraden Kleidungsstücke und Wäsche, um die Schulden zu decken oder 
um seine Lieblingsgegenstände dafür zu erstehen. Auf Vorhaltung des Arztes 
reagierte er äußerlich höflich, in Wahrheit aber verhielt er sich uneinsichti* 
und widersetzlich. Zum Arbeiten war er nicht zu bewegen und gab immer 
mehr seinen alten verschwenderischen Bedürfnissen nach 

So entwendete er eine größere Anzahl von Blankolieferscheinen des Hauses 
PuL erS p n r A r m **£**** Q™**™ ausgewählter Toilettenartikel : 

«*? T\ r U ? end IL HaarWasser ' **«*■ «nd Seifen. Einige Monate 

spater, im Verlauf desselben Jahres, setzte er sich durch abermals unrecht- 
maßig erworbene Lieferscheine in den Besitz von wertvollen Gegenständen, 
die er sofort zu Geld machte, um davon eine viertägige Luxusreise zu be- 
streiten, m dieselbe Gegend, die er schon einmal aufgesucht hatte. Nur ging 
er dabei weniger verborgen zu Werke als früher und teilte von unterwegs 
dem Leiter der Anstalt sein Vorhaben mit, das er als „ein dringendes Be- 
dürfnis, m eine andere Gegend zu kommen", entschuldigte, unter gleichzeitiger 
Versicherung seiner baldigen Rückkehr. 

Über Franzens sonstiges Verhalten in der Anstalt wird noch im engeren 
Zusammenhang mit den pädagogischen Maßnahmen einiges zu berichten sein 
Wenn es überhaupt gestattet ist, im Hinblick auf den Verlauf der Kindheits- 
geschichte und die Kette von dissozialen Lebensäußerungen allein eine Ver- 
mutung über den tieferen kausalen Zusammenhang zu bilden, so scheint doch 
besonders die enge Abhängigkeit der Verfehlungen von den schwankenden 
Gefuhlsbeziehungen zwischen Mutter und Sohn aufzufallen. Die Entwendungen 
verraten sich direkt oder indirekt als Schädigungen der Mutter. Sie beginnen 
in deren Hause und auch, wo sie außerhalb geschehen, bleibt die Mutter die 
in Wahrheit Betroffene. Franz fühlt sich in jedem Fall durch diese gedeckt 
und die Mutter hat auch tatsächlich trotz wiederholter Warnungen im kriti- 
schen Augenblick immer wieder mit ihrem Vermögen eingegriffen und so den 
angestrebten Erfolg stets von neuem durch ihre Nachgiebigkeit in Frage ge- 
stellt. Ihre durchaus ambivalente, ebenso strenge wie milde Beurteilung der 
Delikte ihres Sohnes, ihre Neigung, ihn einmal heftig fortzustoßen, um ihn 
ein anderes Mal als krank zu entschuldigen und durch unmotivierte Geschenke 
zu verwohnen, dazu das frühe Ausschalten eines väterlichen Einflusses, haben 
eine feste Idealbildung und somit den Aufbau einer hemmenden Instanz ver- 

— 12 — 



eiteln müssen. Verehrende und mehr oder minder verborgene aggressive Ten- 
denzen bestimmen abwechselnd Franzens Gefühlslage zur Mutter, und dement- 
sprechend zeigt auch die innere Einstellung zu seinem Vergehen ein Schwan- 
ken zwischen Niedergeschlagensein und Gleichgültigkeit. 

In triebphänomenaler Hinsicht tragen die primitiven Handlungen von Franz 
deutlich die von Abraham beschriebenen, für die anale Libidostufe typischen 
Kennzeichen. Diese analen Charaktereigentümlichkeiten, die Reste und Um- 
wandlungsprodukte der entsprechenden prägenitalen Triebepoche, bedürfen 
noch einer näheren Darstellung. 

II 

Die analen Charakterzüge 

Von den Träumen, die Franz mir von Zeit zu Zeit mitteilte, scheinen mir 
einige gut geeignet zu sein, allein durch ihren manifesten Inhalt oder die im 
Anschluß an die Traumerzählung erinnerten Situationen auf die besonders 
hervorzuhebenden Eigentümlichkeiten seines Trieblebens aufmerksam zu machen. 
Traum: Franz wechselt am Bahnhof Schalter eine große Geldsumme. Er 
möchte, obwohl es nicht sein eigenes Geld ist, schnell fünfhundert Scheine für 
sich beiseite stecken. Er erschrickt bei diesem Gedanken und erwacht. 

Ergänzungen zum Traum: Franz hat häufig im Auftrage des Ge- 
schäftes, in dem er während des Anstaltsaufenthaltes arbeitete (vgl. später das 
Erziehungsproblem), größere Summen einzuzahlen oder zu wechseln. Er benutzt 
dabei gerne den Bahnhofschalter. Sobald die Geldsumme durch das Wechseln 
an äußerem Umfang zugenommen hat, kostet es ihn große Anstrengung und 
Überwindung, seinen Auftrag durchzuführen. Denn er könne eine größere 
Summe schwer bei sich tragen, ohne sie zu verausgaben. Auch dem Pastor 
(s. o.) hätte er das Geld nicht zurückbringen können, weil es „ein so 
großes Paket" war. Als er damals auf dem Bahnhof des Ortes stand, 
hatte er nach kurzem Zögern das Geld gewechselt, eine Karte gelöst und den 
Zug bestiegen. 

Auf meine Frage, weshalb das Geld eine so hohe Bedeutung für ihn be- 
säße, gibt er an: das Gefühl, Geld in der Tasche zu haben, berausche ihn. 
Gerade die sichtbare, greifbare Fülle erwecke in ihm das Gefühl der Unab- 
hängigkeit und unbegrenzter Möglichkeiten. Er könnte mit etlichen Milliarden 
den Reichskanzler bestechen und der Politik einen ihm genehmen Kurs geben. 
In Amerika regiere nicht der Präsident, sondern die Finanz. 

Dann erinnerte er sich daran, wie er auf seiner großen Reise (s. o.) ers 
wenig Geld, aber wertvolle Schätze be,i sich gehabt habe. Als er spater 
in den verschiedenen Städten Stück für Stück versetzte und seine Taschen 
sich mit dem Erlös anfüllten, überströmte ihn ein unbeschreibliches Glucks- 
gefühl: „Ich kam mir wie ein Held vor." Die Sucht des Verschwendern 
steigerte sich, bis er schließlich völlig blank dastand, mit leerem Koffer und 
nur den notwendigsten Kleidungsstücken am Leibe. Den Erlös verschleuderte 
er ja schnell in unzweckmäßiger Weise. Der Rest des Geldes reichte gerade 
noch für ein Mittagessen und ein Telegramm an die Mutter. 

Psychoanalytische Bemerkungen: Im Vorstellungskern seiner 
Geldüberschätzung steht, nach Franzens Mitteilungen zu schließen, die mate- 

- 13 - 



L 



rielle Fülle und Schwere der gebündelten Geldscheine, Die natürlich tief ver- 
borgene infantile Wurzel eines solchen gefühlsmäßig überbetonten Vorstellungs- 
rnhaltes bxldet nach Auffassung der Analyse jene Frühzeit, in der das Kind 
den Exkmionsvorgängen und ihren Produkten seine erhöhte lustvolle Auf- 
merksamkeit schenkt. Es gelangt dabei zu Überschätzungen, in denen es ja 
durch das Verhalten der Erwachsenen (Lob oder Tadel) häufig unterstützt 
wnUIn diesen körperlichen Vorgängen und ihren Abfallsprodukten bestaunt 
das Kind eine ihm einzigartig scheinende Fähigkeit und liebt darin einen 
ersten, nur ihm zugehörigen Besitz. Selbstverständlich handelt es sich dabei 
nur um die Zeit vor der Reinlichkeitserziehung, die normalerweise dem er- 
wachsenen Bewußtsein entzogen ist. Wo aber diese primitive Erlebnisstufe 
durch erzieherische Fehlgriffe oder besondere Veranlagung im Innersten fest 
gehalten wird, da versteht sie es, wenn auch in entstellter Weise, alle wesent- 
lichen Charakteraußerungen zu durchsetzen. 

Bei Franz kam zeitweilig das unverstellte Interesse für diese leiblichen 
Verrichtungen zum Vorschein. Er beobachtete dann alle Darmbeschwerden 
Verdauungsstörungen usw. besonders peinlich und war, was die Zubereitung 
der Speisen anging, überhaupt nicht zufriedenzustellen. Um so näher W 
daher die Annahme, daß seine mit dem Besitz des Geldes verbundenen All- 
machtsgefuhle, sein verschwenderisches Umgehen mit den Zahlungswerten usw 
als Reste der geschilderten Triebstufe anzusehen sind, die umgebildet in sein 
gesamtes Handeln aufgenommen wurden. 

Jr T _, raUm / Franz r sieht prächtige, berückend schöne Bilder aus dem Leben 
Venedigs. Er ist auf einer Gondel. Reiche Bauten, vornehm gekleidete Frauen 
gleiten an ihm vorüber. Er fühlt sich gebannt durch einen riesigen 
Haujen funkelnden Goldes, den er findet. 

v E J gä n ZU S gen * um u Traura: Am Abend vor dem Traum hat Franz 
die Novelle „Facinc Cane von Balzac gelesen. Er erzählt mir den Inhalt. 
Uer Held ist ein entrechteter venezianischer Adeliger, der beim Graben in 
seinem Verließ durch Zufall entdeckt, daß sein Kerker neben der geheimen 
unterirdischen Schatzkammer des Dogen gelegen ist. Er teilt diese Entdeckung 
seinem Kerkermeister mit und entflieht mit diesem heimlich, nachdem sie 
zusammen in mühseliger Arbeit endlose Mengen des Goldes verfrachtet haben. 
Aber Facino Cane hat keinen Genuß von seiner Beute. Durch den dauernden 
Anblick geblendet, irrt er, beraubt und betrogen, als blinder Bettler in der 
Welt umher und erzählt seine Abenteuer. Nur einige Dukaten hat er gerettet 
die er stolz seinen Hörern vorweist. Da ihn eine verzehrende Sehnsucht nach 
dem entschwundenen Schatze quält, bittet er jeden, ihn nach Italien mit- 
zuführen, er würde ihn auch zum Lohne an jene Stelle geleiten, die er 
obschon blind, allein an dem Gerüche wiedererkennen könnte. 

Psychoanalytische Bemerkungen: Franz fügt hinzu, daß die 
Vorstellung von dem leuchtenden und riechenden Golde seine Phantasie 
entzündet und ihn geradezu verfolgt hätte. 

Die Psychoanalyse spricht von einer unbewußten Gleichsetzung des Kotes 
mit dem Golde oder anderen Kostbarkeiten. Eine symbolische Darstellungs- 
weise, die sich ja auch in manchen Märchen, in mittelalterlichen Schnitz- 
figuren, den sogenannten „ Dukatenmännchen ", und in vielen derben volks- 
tümlichen Redensarten ausgedrückt findet. 

- 14 - 



Die in der Novelle erwähnte Geruchsqualität des Goldes hat offenbar so 
stark an den genannten unbewußten Zusammenhang gerührt, daß er als Reiz 
in dem Traum seine Verarbeitung sucht. Tatsächlich hatte Franz. zudem die 
Gepflogenheit, neugedrucktes Papiergeld mit einem Ausdruck des Wohlbehagens 
zur Nase zu führen. Außerdem besaß er ja eine leidenschaftliche Sucht nach 
der Anschaffung von wohlduftenden Essenzen und Toilettenstoffen. Im Hinblick 
auf den Traum werden diese Neigungen als „Reaktionsbildungen" besonders 
deutlich, d. h. sie dürften ihren koprophilen Ursprung auch vor dem 
skeptischen Beobachter schwerlich verleugnen können. 

Traum: Franz stellt bei einer Rheingold- Aufführung, die in einem großen 
Opernhause stattfindet, den Götter- und Menschenbeherrscher 
Wotan dar. Er liegt in lässiger Haltung hingestreckt an der Erde neben 
Fricka. Der Rhein ist vor ihm versunken, er wendet seinen Blick zu der 
zuerdenden Burg der Götter. Er hört ruhig und sicher, zvie das Orchester 
seine Partie einleitet, sieht die Köpfe des lauschenden Publikums, aber kurz 
bevor er einsetzen soll, gerät er in Angst, verliert Rolle und Stimme, so daß 
der Vorhang auf offener Szene niedergehen muß. 

Ergänzungen zum Traum: Franz hat von jeher eine Leidenschaft 
für die Oper, überhaupt liebt er die Musik. Er wirkte häufig als Statist bei 
Opernaufführungen mit und stürmte in die Häuser berühmter Solisten, um 
deren Autogramme zu sammeln. Eine umfangreiche Sammlung zeigte er mir. 
Sehr häufig wiederkehrende Tagträumereien bringen ähnliche Wünsche wie 
der Traum zum Ausdruck. Franz fühlt sich darin als den D ir ig en t en 
eines Opern- oder Sinfonieorchesters. Diese Dirigentenphantasien können 
manchmal so lebhaft werden, daß er auf Geschäftswegen am hellen Tage und 
auf offener Straße unbewußt taktiert oder vor sich hinsingt. Als er sich 
einmal dabei dem Gelächter der Jugend ausgesetzt hatte, wurde er dessen 
gewahr. Auch im Zimmer traf ich ihn zuweilen in einer ähnlichen Situation. 
Bei solcher Gelegenheit bevorzugt seine Phantasie laute, effektvolle Stücke, 
etwa Wagner, Liszt-Rhapsodien usw. Nicht so sehr die Musik an sich als 
das selbstsichere Gefühl des Dirigierens seien ihm hierbei die Hauptsache, 
und im weiteren Gespräche über diese erwünschte Tätigkeit assoziiert er 
Vorstellungen, die einen M.achtrausch, ein Empfinden von unbedingter, fast 
magischer Überlegenheit zum Ausdruck bringen. 

Psychoanalytische Bemerkungen: Obwohl eine durchgehende 
Deutung dieses Traumes ebensowenig vorgelegt werden soll, wie bei den 
vorangehenden, schien er mir doch der Mitteilung wert, da Franz ihn selbst 
als den klarsten und treuesten seiner Erinnerung bezeichnet. 

Eine Zurückführung einzelner Elemente auf die darin zum Ausdruck 
kommenden Triebkomponenten muß auf Vermutungen beschränkt bleiben. 
Am wichtigsten ist hier wohl der Vergleich mit dem Venedig-Traume, nach 
dem die Wahl gerade des Rheingold-Motivs kaum eine Zufälligkeit sein kann. 
Wie weit allerdings die akustischen Details in dieselbe Deutungssphare gehören, 

kann ich nicht entscheiden. . 

Dagegen scheinen die beherrschende Rolle, die Franz sich gibt, ebenso die 
Dirigentenerlebnisse, erneut in die Richtung des Allmachtsstrebens zu weisen, 
wobei allerdings zu erwägen wäre, ob nicht vor allem sadistische Tneb- 
beimischungen, die für das anale Charakterbild typisch sind, in diesen 

- 15 — 



Phantaskn ihren Einfluß gehend machen. Dafür sprechen auch andere 
einem anderen gleichaItrige g n v el | chwen<ler ZeZJZ h!Z1 t 

Ät3= ÄTS z*"äj- =* * 

wände mit großen Plakaten der deutschen und J^JSJ D LXhM 
zahllosen Frennde ganze Stoße von JÄÄS " ^ 

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^o^e„ S lTre„ S ;" e „ n en°f hlSbKieh ^ "* "» 4 ™*t 
In demselben Zusammenhang ist auch die Beeinträchtigung seiner Genitalis 
zu erwähnen Der Rest seiner Libido, soweit de außerhalb der analere^ 
Inanspruchnahme überhaupt noch zu seiner Verfügung stand, war ,ü dt 
jüngere Schwester und deren Abbilder im infantil-inzestuösen Sinne gebunden 
Semen Freundinnen pflegte er stets solche schwesterlichen Züge zuschreibe"' 
und einmal, wahrend von seiner Schwester die Rede war, äußerte er £u£ 
Unterhaltung, Wissen Ste, es klingt komisch, ich könnte den beneiden der 
einmal meme Schwester heirate,.' Solchen seltenen Freundinnen geJenübl 

Mehr aber liebte Franz das einsame Genießen wobei „ us r 
erwähnt, beträchtliche Ausgaben für seine Ernährung Z^X^™ 
satz zu einem gewissen Geiz standen, der sich sonst zeigte, wenn Tandfren 

2 A H bXm U [r kSamk t ten dUrCl \ GeSChenke erweisennoUte^LVnSß 
Len eben« h, ma ? ? denjenigen analen Charakteren zahlen, bei 

denen eben auch das Interesse für die Speisen ein überwertiges ist. 

- 16 - 



Widerspruchsvoll, aber ebenfalls ganz dem gezeichneten Typus entsprechend, 
verhielt Franz sich in allen Angelegenheiten der körperlichen Reinlichkeit 
und Ordnung. Er gehörte zu den Schmutzig-Eleganten, die nur die sichtbaren 
Teile ihres äußeren Menschen pflegen. So lief er z. B. gepudert und par- 
fümiert umher, ohne es als störend zu empfinden, wenn sich in diesen Duft 
der kontrastierende Schweißgeruch seiner unsauberen Füße mischte. Ja, er 
selbst merkte angeblich davon nichts, bis er von seinen Kameraden wiederholt 
und energisch auf die Abstellung dieses Übels hingewiesen wurde. 

10 

Das Erziehungsproblem 

Es bleibt nur übrig, einiges über die erzieherischen Maßnahmen zu sagen, 
durch die ich in enger Arbeitsgemeinschaft mit dem leitenden Arzte einen 
Einfluß auf die sozialen Schwierigkeiten von Franz zu gewinnen suchte. Es 
soll aber nicht die Meinung erweckt werden, daß etwa ein klar umschriebenes 
erzieherisches Programm von Anfang an unser Tun bestimmt hätte. Hier 
wie in allen ähnlichen Fällen war es vielmehr ein Tasten und Versuchen 
unter Zuhilfenahme der grundlegenden psychoanalytischen Erkenntnisse soweit 
sie mir damals zu Gebote standen. Eine derartig freizügige Arbeitsweise 
wurde jedoch nur durch die unvoreingenommene Einstellung möglich mit 
der sich der verantwortliche Leiter unserer Anstalt, von anderen Wegen 
kommend, den analytisch-pädagogischen Gesichtspunkten stets offen hielt. 

In der Zeit, als ich Franz kennen lernte, lag er entweder schlafend und 
untätig im Bett — das war an den Vormittagen — oder er befand sich auf 
dem Bummel, wozu er besonders die Abende und die beginnenden Nacht- 
stunden benutzte. Dieser Tageslauf wurde dann von Zeit zu Zeit durch seine 
zweifelhaften Unternehmungen unterbrochen. 

Unsere Hilfe war zunächst eine negative, wir ließen ihn gewähren. Dann 
fing ich an, mich mit seinen Interessen zu identifizieren, ich suchte ihn am 
Morgen auf, hörte zu und fragte, wenn er mir von seinen Liebhabereien 
erzählte. Diese Unterhaltungen wurden allmählich ins Freie verlegt, und es 
war so Gelegenheit, seine morgendlichen Ruhestunden abzukürzen. Auf den 
Spaziergängen lernte ich ihn näher kennen, und dabei faßte ich den Plan, 
Franz langsam, und indem ich mich selbst zunächst daran beteiligte, in eine 
Tätigkeit zu führen, die möglichst an den Sublimierungsflächen seiner Trieb- 
anlage ansetzen könnte. So waren wir bald mit dem Ordnen, Katalogisieren 
und Unterbringen einer umfangreichen Hausbibliothek beschäftigt, was uns 
mehrere Monate in Anspruch nahm. Schon das Anlegen der Kartothek 
erforderte eine beträchtliche Zeit. Ich ließ ihm dabei allmählich immer mehr 
Selbständigkeit. Er arbeitete fleißiger, als ich erwarten durfte, und wurde 
schließlich der Verwalter dieser Bücherei. Dadurch war einer bei ihm zwar 
nicht aufdringlich sichtbaren, aber als typisch vorauszusetzenden Neigung, zu 
sammeln, zu registrieren und rubrizieren, Raum gegeben, und auch sein 
Machtgelüste fand durch die Verwaltungsaufgabe Gelegenheit und Vorwand 
zu nützlicher Entfaltung. 

Als Franz längere Zeit — von einer kleinen Unredlichkeit abgesehen ■ — 
durchgehalten hatte, setzten wir uns mit der Mutter in Verbindung und teilten 

Zeitschrift f. psa. Päd. III/i — \J 2 



ihr unsere Absicht mit, Franz demnächst in einem Beruf unterzubringen. Wir 
baten hierfür um ihre Einwilligung und Unterstützung. Aber die bereits er- 
wähnte unklare, ambivalente Beziehung der Mutter zu ihrem Sohne war an- 
fänglich auch hier wieder ein Hemmnis für unsere Pläne und ist vielleicht 
zu einem großen Teile mit an dem endgültigen Scheitern des Behandlungs- 
versuches schuld. 

Endlich war Franz doch mit Einverständnis der Mutter (auch die Ent- 
mündigung wurde aufgehoben) als Volontär in einem Geschäft in der Stadt 
untergebracht. Die Fühlung mit unserem Hause und unserer Person blieb 
dabei vollständig erhalten. Man hatte den Chef vorsichtig eingeweiht und ihn 
gebeten, Franz zunächst nicht direkt mit der Kasse in Berührung zu bringen. 
Franz arbeitete sich, wie nach der Probe in der Anstalt zu erwarten war, 
gut in den Bureaubetrieb des Geschäftes ein und wurde als tüchtiger Arbeiter 
gelobt. Die Inflationszeit kam seinen triebhaften Neigungen besonders entgegen. 
Er war ganz erfüllt von den großen Zahlen und erschien freudig erregt bei 
jeder Mahlzeit, um allen, ob sie daran interessiert waren oder nicht, als erster 
den neuen Stand der Kurse mitzuteilen. Später wurde er sogar direkt mit 
den Kassenangelegenheiten betraut. 

Abgesehen von Schulden, die jetzt und später ja regelmäßig von der Mutter 
gedeckt wurden, ist es während einer längeren Zeit von über neun Monaten 
zu keinem Rückfall gekommen. Dann gab es den ersten Fehlschlag, indem 
Franz nach Einlösung eines Schecks einen kleinen Betrag für sich behielt, 
dafür Delikatessen kaufte, entgegen seiner früheren Gewohnheit, aber sofort 
davon Mitteilung machte, so daß der Schaden schnell zu reparieren war. Dieser 
Rückschritt erfolgte bezeichnenderweise in der Zeit, als die Inflationskrise 
endete und er sich fühlte, als sei er aus einem Paradiese vertrieben worden. 
Den Stillstand des Geschäftslebens, das Fehlen der großen Zahlen und Um- 
rechnungen, fühlte Franz eben als empfindlichen Mangel, und er suchte daher 
seine Befriedigung wieder auf dem bewährten früheren Wege. 

Hier und auch schon vorher mußte, um den Bogen nicht zu weit zu 
spannen, beständig ausgeglichen werden. Dazu dienten unsere gemeinsamen 
literarischen Abende und Aufführungen, an denen die ganze Gruppe beteiligt 
war, und für die ich sein reges Interesse gewinnen konnte. Ich ließ Franz 
mit Vorliebe in Rollen mitwirken, in denen er seine Süchte schadlos ausleben 
konnte. Er spielte u. a. mit viel Geschick und Lust den hypochondrischen 
Argan in Moli eres „Der eingebildete Kranke" oder den sadistischen Unter- 
weltenbeherrscher, den Dovre-König, in einer Szenenauswahl von Ibsens „Peer 

Gynt" usw. 

Die Hilfe bestand also sozusagen in einer dauernden Beobachtung und Rege- 
lung der jeweiligen ökonomischen Libidosituation, nach einem Prinzip, das 
mir erst später durch die Arbeiten Aichhorns als eine „Einflußnahme ... im 
Sinne der Sublimierung und Kompensierung" 1 ins Bewußtsein rückte. 

Das Schicksal von Franz nach dem Verlassen der Anstalt belehrte uns aller- 
dings darüber, daß, wenn überhaupt, ohne eine grundsätzliche Änderung der 
äußeren Verhältnisse mit einer Lebenstauglichkeit, d. h. einer rückfallosen, 
selbständigen Eingliederung in Gesellschaft und Berufsarbeit trotz seiner von 
den Arbeitgebern immer weder hervor gehobenen praktischen Fähigkeit, vor- 

1) Aichhorn, Erziehung in Besserungsanstalten. Imago IX (1925), S. 190. 

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laufig kaum zu rechnen ist. Denn während der Jahre, in denen Franz wenig- 
stens durch seine Beziehungen zur Anstalt einen inneren Halt fühlte hatte er 
sich in seiner Lebensführung den sozialen Notwendigkeiten verhältnismäßig 
anzupassen verstanden. Dann aber, in einer fremden Stadt und sich ganz selbst 
überlassen, geriet er bald, wenn auch in größeren Zwischenräumen als früher 
in die alten Schwierigkeiten. 

Unter diesen Umständen empfiehlt es sich wohl, den Begriff der Subli- 
mierung einzuschränken und dabei den feineren Unterscheidungen zu folgen 
die Bernfeld m einer tastenden Untersuchung 1 dieses komplizierten seelischen 
Vorgangs angeregt hat. Danach müssen wir zunächst feststellen, daß es sich 
bei b ranz um jene wenig festen „passageren Sublimationen" handelt, an deren 
Zustandekommen noch dazu die Einstellungsbereitschaft und Anpassungsmög- 
lichkeiten der Anstaltsumgebung, also äußere Milieufaktoren, ihren hervor- 
ragenden Anteil haben. Wenn Bernfeld ferner die Vermutung ausspricht, daß 
„das Maß der Sublimierungsfähigkeit mit abhängig« sei „von den ichlibidi- 
nosen Verhältnissen , daß also das Ich „vielleicht in einem gewissen Sinn 
stark sein mußte, so läßt sich gerade dies aus der heilpädagogischen Er- 
fahrung mit gewissen Typen von triebhaft abwegigen Jugendlichen bestätigen, 
die m ( der außeranalytischen Literatur unter dem Namen der „haltlosen Psycho- 
pathen bekannt geworden sind. Denn als wesentlichstes Merkmal derartiger 
Charakterstrukturen drängt sich der Beobachtung' die Tatsache auf daß die 
in der Erfüllung von Ichzielen liegenden Lustmöglichkeiten und Befriedigungs 
äquivalente nicht stark genug sind, um Sublimierungen in Form dauerhafter 
^lelablenkungen der Sexualtriebe zu gewährleisten. 

Bei psychologischen Voraussetzungen, wie sie u. a. der oben geschilderte 
Typus von Verwahrlosung darstellt, dürfte in ähnlichen Fällen, auch jenseits 
der Pubertatsgrenze, eine Psychoanalyse nur unter starke» pädagogischen Ab- 
wandlungen durchführbar sein. Handelt es sich doch dabei meift Im kranke 
Persönlichkeiten von jener besonderen Art, für deren Behandlung die treffen- 
den Worte Anna Freuds' gelten: Wir „würden den Kranken In einer ge- 
naschten Weise behandeln wurden ihm so viel von reiner Analyse geben 
als er seinem Wesen nach vertragen kann, und den Best in Kinderanalyse 
weil er seinem ganzen infantilen Charakter nach ja nichts Besseres verdient" 



Lehrerhaß 

Von W. Hofmann, Zürich 

Ein etwa 2 5 jähriger Kaufmann berichtet mir aus seiner Schulzeit, daß 
er einen seiner Lehrer glühend haßte, weil er sich von dem betreffenden 
Pädagogen ganz unverstanden und höchst ungerecht behandelt fühlte. So 
habe der Knabe beispielsweise für genau gleich viele richtige Rechen- 
lösungen bedeutend schlechtere Noten erh alten als seine Mitschüler. Auch 

1) Bernfeld, Bemerkungen über Sublimierung. Imago VIII (1922), S mh 

2) Anna F 'r e u d, Einführung in die Technik der Kinderanalyse, Internationaler 
Psychoanalytischer Verlag, 1927. 

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sei er während Klausurarbeiten, wo er seine Begabung hätte zeigen können, 
vom Lehrer absichtlich zu Botengängen verwendet worden, damit er sich 
nicht die ihm zukommenden Zeugnisnoten verdienen konnte. Einst habe 
der Junge, sozusagen ohne eigene Schuld, Veranlassung zu einem kleinen 
Unfall eines Kameraden gegeben; dafür habe ihn der Lehrer ohne vorher- 
gehendes Verhör hart mit dem Stocke gezüchtigt usw. In dem frühen 
Verlust des Vaters suchte der junge Mann den Grund für dieses anfecht- 
bare pädagogische Verhalten ; der Lehrer hätte, seiner Meinung nach, sonst 
nicht gewagt, ihn so ungerecht zu behandeln. — Als glänzendes Gegen- 
stück erwähnt er einen zweiten Lehrer, welcher an der gleichen Klasse 
wirkte. Nach dem Tode des Vaters habe dieser Erzieher ein paar herzliche 
Worte an den Knaben gerichtet und ihn seines Rates und seiner Hilfe in 
allen Lebenslagen versichert. Für diesen Lehrer wäre der Junge durchs 

Feuer gegangen. 

Diese Haß- und Trotzeinstellung des Schülers blieb natürlich nicht 
ohne entsprechende Früchte. Er war bei seinen Kameraden tonangebend 
und bildete infolgedessen den Sammelpunkt für alle offenen und geheimen 
Haßregungen der Klasse, betätigte sich auch als Aufwiegler und sorgte 
nach allen Kräften dafür, sich beim Lehrer möglichst unbeliebt zu machen. 
Im Kreise der ganzen Schülerschaft hätte ihn der Lehrer anläßlich einer 
Schlußfeier nachträglich um Verzeihung für etwaige pädagogische Miß- 
griffe und Ungerechtigkeiten gebeten. Diese versöhnliche Geste hätte der 
damals 15jährige Bursche aber nur mit offenem Hohn erwidert. Eine 
mehrere Jahre später erfolgende Erkundigung des Lehrers nach dem Er- 
gehen des jungen Mannes wies dieser mit den schroffen Worten zurück: 
„Das geht Sie nichts an!" Noch heute, nach zehn Jahren, ist der Haß so 
lebendig, daß der einstige Schüler seinen Lehrer am liebsten tüchtig ver- 
hauen möchte! 

Wir werden kaum in den Fehler verfallen, sämtliche der erwähnten 
Aussetzungen am Lehrer als bare Münze hinzunehmen, und zwar aus 
folgenden Gründen : Erstens war schon die Stellung des Jungen zum Vater 
eine sehr konfliktvolle, und der junge Mann weist, trotzdem er sich eine 
hübsche Stellung zu erringen wußte, schwere neurotische Züge auf, die 
sich in sehr ambivalentem Verhalten zu seinen jetzigen Vorgesetzten und 
in vorübergehenden Selbstmordimpulsen äußerten. Eine gewaltige Besserung 
ist allerdings erfolgt, als der Angestellte einen Chef vom Typus des zweiten, 
des väterlich wohlwollenden Lehrers erhielt. — Zweitens ist zu bemerken, 
daß der so vernichtend kritisierte erste Lehrer im allgemeinen sonst bei 
Schülern, Eltern, Kollegen und Vorgesetzten als tüchtiger Pädagoge gilt, 
der ohne Zweifel bestrebt ist, seine Schüler durchaus gerecht und ver- 
nünftig zu behandeln. 

Aber eines muß bei aller vorurteilslosen Prüfung des Falles doch zu 
denken geben: dieser erschreckende Haß, den der junge Mann noch heute 
nicht überwunden hat! Es scheint eben doch, daß der Lehrer sich in eine 

— 20 — 



höchst ungeschickte Gegenübertragung hineinreißen ließ, welche eine 
ruhige und liebevolle Aussprache verhinderte und sehr affektbegleitete 
körperliche Züchtigungen zur Folge hatte, die bei einem 12- bis 15jährigen 
neurotischen Jungen sicher nur nachteilig wirken können. 

Wer mit dem Volk in enger Verbindung bleibt, hört solche und ähn- 
liche Fälle zu Dutzenden erwähnen, und man kann sich darauf selber 
eigentlich immer nur eine Antwort geben: Eine gründliche Psychoanalyse 
wäre jedem Pädagogen dringend zu wünschen! Wenn man sich vorstellt, 
was ein Lehrer nur bei einem einzigen Kinde gutmachen, beziehungsweise 
verderben kann, so muß man sich wohl sagen, daß die Analyse (und 
damit die gründliche Selbsterkenntnis) sich vielleicht in keinem Berufe so 
tausendfältig lohnt, wie in demjenigen des Pädagogen ! Gewiß werden auch 
dem analysierten Erzieher fortwährend größere und kleinere Irrtümer, 
Mißgriffe und Ungerechtigkeiten unterlaufen; gewiß gibt es Kinder, mit 
denen auch er nicht fertig wird. Was ihn aber von dem nichtanalysierten 
unterscheidet, ist eine größere Möglichkeit der Selbstkritik und Selbst- 
korrektur. Bevor ein analysierter Erzieher solch unheimliche feindselige 
Gefühlsmassen seiner Schüler gegen sich mobilisiert, wird er doch sicher 
eine psychotherapeutische Behandlung oder zum mindesten die Versetzung 
eines ganz ungenießbaren Zöglings zu ermöglichen suchen, in des Schülers 
und in seinem eigenen Interesse! 

Man fühlt als Pädagoge bei solchen Beichtkindern, wie diesem Kauf- 
mann, eine lebhafte Verpflichtung, nachträglich noch einen möglichst 
wirksamen Bat zu erteilen, und so empfahl ich dem jungen Manne, doch 
ja nicht seine unerledigten Haßgefühle gegen Vater und Lehrer unbe- 
rechtigterweise auf jetzige oder zukünftige Vorgesetzte zu übertragen. Er 
nahm diese Bemerkung mit einer sichtlichen Bewegung entgegen und 
schien ihre psychologische Berechtigung einzusehen. Wie weit diese Ein- 
sichtreicht, läßt sich freilich nicht abschätzen; sind doch solche Batschläge, 
ohne gleichzeitige Analyse, mit komplizierten Instrumenten zu vergleichen, 
welche man Nichteingeweihten einhändigt, die sie wohl anzustaunen, aber 
nicht anzuwenden vermögen. 



Kinder und Jugendliche als Verleumder 

Von Dr. I. Sa dg er, Nervenarzt in Wien 

Unter den vielen Beispielen von Kinderverbrechen, die sich verstreut in 
der Literatur vorfinden, scheint mir, daß eine Gruppe, die der Kinderver- 
leumdungen, leicht zu durchblicken sei. Sie hat auch dadurch besondere Be- 
deutung, daß solche Verleumdungen oft zu schweren Irrtümern der Großen 
führten, die, vertrauend auf ihre Menschenkenntnis, aus dem sicheren Auf- 
treten jener kindlichen Missetäter einen Rückschluß auf die völlige Wahrheit 

— 21 — 



ihrer Behauptungen zogen. Ich will im folgenden drei Fälle anführen, die für 
jeden psychoanalytisch Geschulten durchsichtig sind, und diese Fälle nach 
ihrer Verständlichkeit aufsteigend ordnen. 

In „Das Sexualleben unserer Zeit" bringt Iwan Bloch die hochinteressante 
Autobiographie eines Sadomasochisten, der das Prinzip seiner Perversion auf 
solche Art begründet : 

„Alle meine Gespielen und Gespielinnen hatten die Sucht, sich gegenseitig Possen 
zu spielen, einander bei den Eltern zu verklatschen und zu verleumden, in jeder 
Weise zu quälen und dann durch doppelte Liebe alles wieder gutzumachen. Ander- 
seits bemerkte ich, daß kein Kind ein anderes liebte, von dem es nicht gequält 
wurde. Solche standen sich gleichgültig gegenüber. In dieser gegenseitigen Qual und 
dem Gequält w e r d e n mußte also von Natur aus ein gewisser Reiz, eine Lust 
liegen. Diese war das Sich vertiefen, Sichhineindenken, Mitfühlen des Schmerzes 
anderer. Das ist kein Sadismus — den gibt's überhaupt nicht — sondern nur 
verfeinerter Masochismus; denn man bereitet Schmerzen, um sie mit- 
fühlen, also selbst empfinden zu können." 

Ohne mich auf die Richtigkeit dieser These irgendwie festzulegen, will ich 
doch bemerken, daß die Erfahrung tatsächlich bestätigt, es gäbe wohl kaum 
einen Sadismus ohne Masochismus und natürlich auch umgekehrt, so daß wir 
wohl besser und allgemein vom sadomasochistischen Komplexe reden. Be- 
merkenswert dünkt mich, daß unser Autor als Haupttriebfeder der Kinder- 
verleumdungen den vorgenannten Komplex bezeichnet. Dann fährt er fort: 

„Wie oft verleumdete ich andere Kinder bei ihren Eltern, um den seelischen 
Schmerz einer unverdienten Züchtigung mitempfinden zu können ! Doch bildete ich 
keine Ausnahme ; die meisten meiner Gespielen waren auch so. Ich erinnere mich, 
daß ein elfjähriges Mädchen einen zwölfjährigen Jimgen verleumdete, er hätte sie 
am Schamteile berührt, während sie im Freien schlief ! Der unglückliche, arme Junge 
wurde in der Schule und zu Hause schrecklich geschlagen. Alle Kinder hetzten, 
höhnten und flohen ihn wie die Pest. Er wurde ganz menschenscheu. Was erlebte 
ich da einmal? Mürrisch und verdrossen lag er unter einem Baum. Das oben er- 
wähnte Mädchen schlich sacht auf ihn zu, blieb bei ihm stehen und rief bittend 
seinen Namen. Wild fuhr er auf und wollte die Flucht ergreifen. Sie aber um- 
klammerte seine Hand, fiel auf die Knie und bat um Vergebimg. Es nützte nichts, 
daß er sie beschimpfte, sie schlug und mit den Füßen trat. Sie umschlang ihn, 
weinte so herzzerbrechend und schmeichelte ihm so lange, bis er sich neben sie 
setzte und sich liebkosen ließ. So saßen sie lange und weinten und lachten und weinten. 
Plötzlich ergriff sie seine Hand und preßte sie heftig zwischen ihre Schenkel." 

Hier haben wir eine weitere Erklärung für den Hang zur Verleumdung 
neben jener ersten sadomasochistischen. Das Mädchen verleumdet einen ge- 
liebten Junten, dasjenige an ihr getan zu haben, was sie sich selber heimlich 
von ihm wünschte und hinterdrein tatsächlich mit ihm ausführte. Sie gab 
also ihr geheimstes Sehnen als Wirklichkeit aus, eine bloße Phantasie als 
Realität, was objektiv wie Verleumdung erscheint. Überlegt man, wie leicht 
das Kind Gebilde seiner Phantasie mit der Wirklichkeit verwechselt, so ver- 
steht man unschwer seinen Hang zur Verleumdung. 

Daß dieser auch in späteren Jahren, z. B. in der Pubertät, leicht durch- 
brechen kann, erweist ein Beispiel der Weltliteratur. Jean Jacques Rousseau 
erzählt in seinen „Confessions" eine Episode aus seinem neunzehnten Lebens- 
jahre. Nachdem der Haushalt der Frau Vercellis, bei welcher er diente, nach 

— 22 — 



deren Tode aufgelöst wurde, stahl er der Jungfer Pontal ein kleines, schon 
altes rosa- und silberfarbiges Band. 

„Viele andere, bessere Sachen waren mir zugänglich; dieses Band allein reizte 
mich, ich stahl es, und da ich es nicht sorgfältig verbarg, fand man es bald. Man 
wollte wissen, wo ich es genommen hatte. Ich wurde verlegen, stottere und sage 
endlich errötend, Marion habe es mir gegeben. Marion war ein junges Mädchen, 
das als Köchin bei seiner Herrschaft diente und nicht allein hübsch war, sondern 
auch etwas so Sittsames und Sanftes hatte, daß man sie nicht sehen konnte, ohne sie 
lieb zu gewinnen. Überdies war sie ein gutes, bescheidenes Mädchen von erprobter 
Treue. Deshalb überraschte es, als ich sie angab. Da man mir nicht weniger Ver- 
trauen schenkte als ihr, hielt man es für wichtig, festzustellen, wer von uns beiden 
der Dieb wäre. Man ließ sie kommen, die Versammlung war zahlreich. Sie erscheint, 
man zeigt ihr das Band ; mit Frechheit klage ich sie an ; sie wird betreten, schweigt 
und wirft mir einen Blick zu, der die Teufel würde entwaffnet haben, aber auf 
mein unmenschliches Herz ohne Eindruck bleibt. Sie leugnet endlich mit Heftigkeit 
aber ohne leidenschaftliche Heftigkeit wendet sie sich an mich, mit der Ermahnung, 
in mich zu gehen und ein unschuldiges Mädchen, das mir nie etwas zu Leide getan 
hat, nicht zu entehren, lind ich bestätige mit einer wahrhaft höllischen Schamlosigkeit 
meine Erklärung und behaupte ihr ins Gesicht, sie habe mir das Band gegeben. 
Das arme Mädchen brach in Tränen aus und sagte zu mir nur : ,Ach, Rousseau, ich 
hielt dich für einen guten Menschen. Du machst mich sehr unglücklich ; aber ich 
möchte nicht an deiner Stelle sein.' Dies war alles. Sie fuhr fort, sich mit ebenso 
großer Einfachheit wie Heftigkeit zu verteidigen, aber ohne sich die geringste 
Schmähung gegen mich zu erlauben. Diese Mäßigung meinem bestimmten Tone 
gegenüber gab ihr unrecht. Es schien gegen die Natur zu streiten, daß man auf 
der einen Seite eine so teuflische Unverschämtheit und auf der anderen eine so 
engelgleiche Sanftmut annehmen sollte. Man schien nicht zur völligen Entscheidung 
zu kommen, aber das Vorurteil war für mich. In der Unruhe, in der man sich 
damals befand, nahm man sich nicht die Zeit, die Sache gründlich zu untersuchen, 
und der Graf de la Rocca beschränkte sich darauf, uns beide zu entlassen und zu 
sagen, daß das Gewissen des Schuldigen den Unschuldigen hinreichend rächen würde." 
Zur weiteren Erklärung führte J. J. Rousseau etwas später noch an, was „die volle 
Wahrheit": „Nie war ich von einer wirklich boshaften Gesinnung freier, als in jenem 
grausamen Augenblick, und so sonderbar es auch klingt, so ist es doch wahr, daß, 
als ich dieses unglückliche Mädchen anklagte, die Schuld in meiner Freundschaft 
für dasselbe lag. Meine Gedanken weilten bei ihm; ich schob die Schuld auf den 
ersten Gegenstand, der mir vorschwebte. Ich klagte es an, das, was ich tun wollte, 
getan und mir das Band gegeben zu haben, weil meine Absicht war, es ihm zu geben." 

Hier haben wir einen ganz klassischen Fall juveniler Verleumdung. 
Besonders beachtenswert dünkt mich die absolute Fühllosigkeit, in welcher 
das Herz des sonst so überempfindsamen Rousseau gegen alle Beteuerungen der 
Unschuld verharrt. Mit aller Ruhe eines ehrlichen Herzens richtet er den 
Ruf eines braven Mädchens für immer zugrunde. Ja, noch mehr, er tut es 
ebenso aus Freundschaft, oder richtiger aus Liebe zu der Verleumdeten, wie 
das Mädchen des erstbeschriebenen Falles aus Neigung zu dem Jungen. Und 
genau so wie dieses, verschiebt auch Rousseau die Schuld auf den Partner, also 
auf Marion, indem er der Geliebten die eigenen strafbaren Wünsche andichtet. 
„Ich klagte sie an, das, was ich tun wollte, getan und mir das Band 
gegeben zu haben, weil meine Absicht war, es ihr zu geben. Er versetzt 
sich also selbst in die Rolle der Geliebten, identifiziert sich aus großer Liebe 
mit ihr, wie wir das so oft bei Hysterikern finden, die auf Grund einer 

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starken Herzensneigung die Krankheitssymptome der Geliebten übernehmen. 
Und als Marion erweist sich Rousseau selbst in seiner Phantasie, was ihm die 
Wirklichkeit vorenthalten hatte. Seine innersten und geheimsten Wünsche, 
seine alles erfüllenden Phantasien gibt er nun den Richtern als Wahrheit aus. 
Zum Verleumder wird also der künftige Dichter, indem er nach Art eines 
kleinen Kindes Wirklichkeit und Wunschphantasie verwechselt, ja, noch mehr, 
in der letzteren sich auch jenes gewährt, das er bis dahin noch nicht gewagt 
hatte, sich selbst als geheimstes Sehnen zu gestehen. 

Man begreift jetzt leicht, warum der sonst durch das kleinste Gefühl 
gleich so himmelhoch lohende Jean Jacques Rousseau den Klagen der 
gekränkten Unschuld gegenüber so fühllos bleibt. Er will sich den Glauben 
an den Liebesbeweis nicht rauben lassen, den Marion ihm aus eigenem An- 
trieb gewährt haben soll. Bestreitet sie aber die Absicht und Tat, um so 
schlimmer für sie ! Wenn die Beschuldigte aus heimlicher Neigung zu dem 
Verleumder ihre Verteidigung nicht mit der Heftigkeit führt, die sonst als 
Zeichen der Unschuld gilt, und sich bloß auf die Defensive beschränkt, so 
erreicht sie lediglich, daß jener um so eher in der Pose des ehrlichen Mannes 
erscheint. Ja, diesem oder richtiger seinem Unbewußten wird vielleicht die 
Verleumdung des unschuldigen Mädchens zur gerechten Strafe, weil es ihm 
nicht hinreichend Liebe schenkte. 

Es liegt auf der Hand, wie verhängnisvoll in praxi ein solches Zusammen- 
wirken psychischer Motive zu enden vermag. Wie leicht wird oberflächliche 
Menschenkenntnis durch jenes scheinbar so überzeugende Auftreten verführt, 
besonders durch die ruhige Festigkeit, mit der solche kindliche oder juvenile 
Verleumder Beschuldigungen vorbringen. Daß diese aber auch, wenn sie keines- 
wegs schon „von Haus aus verderbt" sind, so auftreten können, rührt einfach 
daher, daß sie eine vielmals in ihrer Einbildung gespielte Rolle dann unschwer 
mit Lebenswahrheit agieren. In dieser Darstellung ihrer Phantasien lassen sie 
sich durch die Wirklichkeit so wenig beirren, als sonst etwa ein spielendes Kind 
durch eine vernünftelnde Einwendung der Großen. Für ihre herrlichen 
Wunschphantasien trugen sich die Dinge tatsächlich so zu, wie sie sie einem 
staunenden und geneigten Publikum vorzuführen belieben. Die gefährlichen 
Gebilde ihrer Einbildungskraft als solche zu entlarven, gelingt aber nur 
einem liebreichen Zureden, genau so wie bei dem kleinem Kinde. Nur 
wenn man dem letzteren durch neue Liebe Ersatz für jene Phantasien gibt, 
verzichtet es auf die Liebesbefriedigung in der Einbildung, statt dessen jedoch 
pflegt just das unvernünftige Verhalten der Umgebung und auch der Richter 
den Verleumder noch mehr in seine Phantasien hineinzusteigern und obendrein 
die Erinnerung an infantile Gefühle zu wecken, die erst recht verstocken. 

Sehr instruktiv erzählt Rousseau : 

„Als ich Marion darauf erscheinen sali, tat es mir unendlich leid (nämlich so 
gelogen zu haben), aber die Anwesenheit so vieler Leute gewann die Oberhand über 
meine Reue. Vor der Strafe hatte ich wenig Furcht, ich fürchtete nur die Schande, 
aber ich fürchtete sie mehr als den Tod, mehr als das Verbrechen, mehr als alles 
auf der Welt. Ich hätte versinken, hätte mich umbringen mögen; das unbesiegliche 
Schamgefühl überwand alles; das Schamgefühl allein verlieh mir Frechheit, und 
je schuldiger ich wurde, desto kecker machte mich die Angst, meine Schuld 
eingestehen zu müssen. Mich erfüllte nur der grausenhafte Gedanke, überführt und 
in meinem Beisein öffentlich als Dieb, Lügner und Verleumder erklärt zu werden. 

- 24 - 



Eine vollkommene Verwirrung raubte mir jedes andere Gefühl. Wenn man mich 
hätte zur Besinnung kommen lassen, würde ich unfehlbar alles bekannt haben. 
Hätte mich Herr de la Rocca bei Seite genommen, hätte er zu mir gesagt : .Richte 
dieses arme Mädchen nicht zugrunde ; gestehe es mir, wenn du schuldig bist', würde 
ich mich ihm sofort zu Füßen geworfen haben, davon bin ich vollkommen über- 
zeugt. Aber man suchte mich nur einzuschüchtern, während man mir hätte Mut ein- 
flößen sollen. Auch auf mein Alter muß man billigerweise Rücksicht nehmen : ich 
war kaum aus der Kindheit ausgetreten, oder ich stand vielmehr noch in ihr. In der 
Jugend sind die wahren Schlechtigkeiten noch strafbarer als im reifen Alter ; was aber 
aus der Schwäche hervorgeht, ist es dafür weit weniger, und mein Fehler war im 
Grunde nichts anderes." 

Noch eines ist bezeichnend: die späte, doch um so stärkere Reue, die 
dann oft untilgbar ein Leben lang währt. So erzählt Rousseau: 

„Ich betrachte das Elend und die Verlassenheit [in welche Marion durch seine 
Verleumdung geriet] nicht einmal als die größte Gefahr, der ich sie ausgesetzt habe. 
Wer weiß, wohin die Mutlosigkeit, in die ihre mißhandelte Unschuld sie stürzen 
mußte, sie bei ihrem Alter hat bringen können? Diese bittere Erinnerung peinigt 
mich bisweilen und regt mich bis zu dem Grade auf, daß ich in Stunden der Schlaf- 
losigkeit dieses arme Mädchen an mein Bett treten sehe, um mir mein Verbrechen 
vorzuwerfen, als wäre es erst gestern begangen. Diese Last ruht noch bis auf den 
heutigen Tag ohne Erleichterung ain? meinem Gewissen, und ich kann sagen, daß der 
Wunsch, sie einigermaßen von mir abzuwälzen, viel zu dem Entschlüsse beigetragen 
hat, meine Bekenntnisse zu schreiben." 

Allerdings trat diese Reue erst auf, nachdem seine Liebe zu Marion erloschen 
und mindestens durch andere Herzensneigungen verdrängt worden war. Erst 
dann begann sein Schuldgefühl zu keimen, welches bis dahin die Schwelle 
des Bewußtseins nicht überschreiten durfte. 

Resümieren wir nunmehr den Fall Rousseau, so bestätigt er zunächst, was 
schon der erste Kasus enthüllte: daß solche Verleumdungen aus Liebe geschehen, 
und weil man die eigenen verpönten Wünsche dem Liebespartner in die 
Schuhe schiebt; daß ferner die Verleumdung einen Akt von Infantilismus dar- 
stellt, indem man nach Art eines kleinen Kindes Phantasie und Wirklichkeit 
verwechselt, und endlich auch noch die sadomasochistische Wurzel, welche 
der auch sonst so algolagnische Dichter freilich da nicht besonders hervorhebt, 
die aber wohl fraglos anzunehmen ist. Das Hauptmotiv aber in beiden 
geschilderten Verleumdungen war das sexuell-erotische Empfinden. Neu ist 
dann in dem zweiten Falle die pädagogisch- juridische Seite, sowie des Dichters 
Selbstheilungsversuch. Zutreffend, dünkt mich, rechnet er einen Teil seiner 
Schuld dem unzweckmäßigen Gerichtsverfahren zu, das ihn in die Rolle eines 
sich verhärtenden Schuljungen treibt, und weist auch den einzigen richtigen 
Weg, wie solchen Anklagen vorzubeugen sei durch liebreiches Zureden. 

Genau zu den nämlichen Resultaten führt ein drittes berühmtes Kinder- 
verbrechen, das Gottfried Keller in seinem bekanntlich autobiographischen 
Roman „Der grüne Heinrich" der Nachwelt erzählt. Er gab schon als 
Knabe, wie er selber berichtet, auf alles acht, 

„daß nichts von den geschehenden Dingen meinen Augen und Ohren entging. 
Mit all diesen Eindrücken beladen, zog ich dann über die Gasse wieder nach Hause 
und spann in der Stille unserer Stube den Stoff zu großen träumerischen Geweben 
aus, wozu die erregte Phantasie den Einschlag gab. Sie verflochten sich 
mir mit dem wirklichen Leben, daß ich sie kaum von dem- 

- 25 - 



selben unterscheiden konnte. 1 Daraus nur mag ich mir unter anderem 
eine Geschichte erklären, welche ich ungefähr in meinem siebenten Jahre anrichtete, 
und die ich sonst gar nicht begreifen könnte. 

Ich saß einst hinter dem Tische, mit irgendeinem Spielzeuge beschäftigt, und 
sprach dazu einige unanständige, höchst rohe Worte vor mich hin, deren Bedeutung 
mir unbekannt war und die ich auf der Straße gehört haben mochte. Eine Frau saß 
bei meiner Mutter und plauderte mit ihr, als sie die Worte hörte und meine Mutter 
aufmerksam darauf machte. Sie fragte mich mit ernster Miene, wer mich diese 
Sachen gelehrt hätte, insbesondere die fremde Frau drang in mich, worüber ich 
mich verwunderte, einen Augenblick nachsinnend, und dann die Namen eines 
Knaben nannte, den ich in der Schule zu sehen pflegte. Sogleich fügte ich noch 
zwei oder drei andere hinzu, sämtlich Jungen von zwölf bis dreizehn Jahren, mit 
denen ich kaum noch ein Wort gesprochen hatte. Einige Tage darauf behielt mich 
der Lehrer zu meiner Verwunderung nach der Schule zurück, sowie jene vier ange- 
gebenen Knaben, welche mir wie halbe Männer vorkamen, da sie an Alter und 
Größe weit vorgeschritten waren. Ein geistlicher Herr erschien, welcher gewöhnlich 
den Religionsunterricht gab und sonst der Schule vorstand, setzte sich mit dem 
Lehrer an einen Tisch und hieß mich neben ihm sitzen. Die Knaben hingegen 
mußten sich vor dem Tische in eine Reihe stellen und harrten der Dinge, die da 
kommen sollten. Sie wurden nun mit feierlicher Stimme gefragt, ob sie gewisse 
Worte in meiner Gegenwart ausgesprochen hätten; sie wußten nichts zu antworten 
und waren ganz erstaunt. Hierauf sagte der Geistliche zu mir: ,Wo hast du die 
bewußten Dinge gehört von diesen Buben?' Ich war sogleich wieder im Zuge und 
antwortete unverweilt mit trockener Bestimmtheit: ,1m Brüderleinsholze!' Dieses ist 
ein Gehölz, eine Stunde von der Stadt entfernt, wo ich in meinem Leben nie gewesen 
war, das ich aber oft nennen hörte. ,Wie ist es dabei zugegangen, wie seid ihr dahin 
gekommen?' fragte man weiter. Ich erzählte, wie mich die Knaben eines Tages zu 
einem Spaziergang überredet und in den Wald hinaus mitgenommen hätten, und ich 
beschrieb einläßlich die Art, wie etwa größere Knaben einen kleineren zu einem 
mutwilligen Streifzuge mitnehmen. Die Angeklagten gerieten außer sich und 
beteuerten mit Tränen, daß sie teils seit langer Zeit, teils gar nie in jenem Gehölze 
gewesen seien, am wenigsten mit mir! Dabei sahen sie mit erschrecktem Hasse auf 
mich wie auf eine böse Schlange und wollten mich mit Vorwürfen und Fragen 
bestürmen, wurden aber zur Ruhe gewiesen und ich aufgefordert, den Weg anzu- 
geben, welchen wir gegangen. Sogleich lag derselbe deutlich vor meinen Augen und, 
angefeuert durch den Widerspruch und das Leugnen eines Märchens, an welches ich 
•nun selbst glaubte, da ich mir sonst auf keine Weise den wirklichen Bestand der 
gegenwärtigen Szene erklären konnte, gab ich nun Weg und Steg an, die an den 
Ort führen. Ich kannte dieselben nur vom flüchtigen Hörensagen, und obgleich ich 
kaum darauf gemerkt hatte, stellte sich nun jedes Wort zur rechten Zeit ein. Ferner 
erzählte ich, wie wir unterwegs Nüsse heruntergeschlagen, Feuer gemacht und 
gestohlene Kartoffeln gebraten, auch einen Bauernjungen jämmerlich durchgebläut 
hätten, welcher uns hindern wollte. Im Walde angekommen, kletterten meine 
Gefährten auf hohe Tannen und jauchzten in der Höhe, den Geistlichen und den 
Lehrer mit Spitznamen benennend. Diese Spitznamen hatte ich, über das Äußere der 
beiden Männern nachsinnend, längst im eigenen Herzen ausgeheckt, aber nie ver- 
lautbart; bei dieser Gelegenheit brachte ich sie zugleich an den Mann, und der Zorn 
der Herren war eben so groß, als das Erstaunen der vorgeschobenen Knaben. Nach- 
dem sie wieder von den Bäumen heruntergekommen, schnitten sie große Ruten und 
forderten mich auf, auch auf ein Bäumchen zu klettern und oben die Spottnamen 
auszurufen. Als ich mich weigerte, banden sie mich an einen Baum fest und schlugen 
mich so lange mit den Ruten, bis ich alles aussprach, was sie verlangten, auch jene 

1) Von mir gesperrt. 



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unanständigen Worte. Indessen ich rief, schlichen sie sich hinter meinem Rücken 
davon, ein Bauer kam in demselben Augenblicke heran, hörte meine unsittlichen 
Reden und packte mich bei den Ohren. ,Wart\ ihr bösen Buben!' rief er, , diesen 
hab' ich!' und hieb mir einige Streiche. Dann ging er ebenfalls weg und ließ mich 
stehen, während es schon dunkelte. Mit vieler Mühe riß ich mich los und suchte 
den Heimweg in dem dunklen Wald. Allein ich verirrte mich, fiel in einen tiefen 
.Bach, in welchem ich bis zum Ausgange des Waldes teils schwamm, teils watete, 
und so, nach Bestehung mancher Gefährde, den rechten Weg fand. Doch wurde 
ich noch von einem großen Ziegenbock angegriffen, bekämpfte denselben mit einem 
rasch ausgerissenen Zaunpfahl und schlug ihn in die Flucht. 

Noch nie hatte man in der Schule eine solche Beredsamkeit an mir bemerkt, 
wie bei dieser Erzählung. Es kam niemand in den Sinn, etwa bei meiner Mutter 
anfragen zu lassen, ob ich eines Tages durchnäßt oder nächtlich nach Hause 
gekommen sei. Dagegen brachte man mit meinem Abenteuer in Zusammenhang, 
daß der eine und andere der Knaben nachgewiesenermaßen die Schule geschwänzt 
hatte, gerade um die Zeit, welche ich angab. Man glaubte meiner großen Jugend 
sowohl wie meiner Erzählung; diese fiel ganz unerwartet und unbefangen aus dem 
blauen Himmel meines sonstigen Schweigens. Die Angeklagten wurden unschuldig 
verurteilt als verwilderte, bösartige junge Leute, da ihr hartnäckiges und ein- 
stimmiges Leugnen und ihre gerechte Entrüstung und Verzweiflung die Sache noch 
verschlimmerte; sie erhielten die härtesten Schulstrafen, wurden auf die Schandbank 
gesetzt und obendrein noch von ihren Eltern geprügelt und eingesperrt." 

In dieser Schilderung begegnen wir einigen wohlbekannten Zügen : zunächst 
einer überstarken Phantasie, deren Gebilde der Knabe so lebhaft austräumt, 
daß er sie von wirklichen, reellen Erlebnissen kaum mehr zu unterscheiden 
vermag. Diese ist im Verein mit seiner sadomasochistischen Anlage die tiefste 
Wurzel der ganzen Verleumdung. Nun gibt es ein Mittel, um solche Ver- 
brechen straflos zu begehen: man muß von Stärkeren genötigt werden, die 
Gewalt und Macht genug besitzen, ihren Willen einem aufzuzwingen, was ja 
die dreizehnjährigen Jungen angeblich dann taten. Auch sonst ist der sado- 
masochistische Einschlag, zumal am Schlüsse jener Erzählung, die stark an 
Indianergeschichten erinnert, nicht zu verkennen. Zur klar und bewußt vorge- 
tragenen Verleumdung werden aber diese Phantasiegespinste erst durch das 
zweckwidrige Inquirieren der Großen und Richter. Im Beginn ist der Knabe 
noch selber erstaunt, daß man seine Reden gar so blutig ernst nimmt. Als er 
jedoch merkt, er werde zum Mittelpunkt einer ganzen Legende, packt ihn 
das narzißtische Verlangen jedwedes Kindes, die Beachtung der Großen auf 
sich zu lenken. Wenn euch Erwachsenen, die ihr so weise tut, an meinen 
Phantasien gar so viel liegt, kann ich schon fabulieren. Und er tut's um so 
lieber, als er sich an den verhaßten Großen — Haßregungen fehlen ja dem Kinde 
nie — gerade durch jenes verfehlte Interesse am allerleichtesten rächen kann. 
Die Schimpfworte, welche er wohl schon seit langem ausgeheckt hatte wider 
Lehrer und Schulvorstand, — beide selbstredend Vertreter des Vaters, legt 

er nun den größeren Jungen in den Mund, wobei wir im Aussprechen jener 
Lästerbezeichnungen eine Art von Wortsadismus zu erblicken haben und 
Racheäußerungen gegen den Vater, beziehungsweise die Vater-Imagines. 

Es blieben noch zwei individuelle Punkte in Kellers Erzählung zu beleuch- 
ten. Zunächst, daß der Knabe spontan unflätige Worte braucht, die er irgend- 
wo aufgeschnappt haben mochte. Uns Psychoanalytikern ist es wohl vertraut, 
daß die Kinder keineswegs jene geschlechtliche Unschuld besitzen, die ihnen 

- 27 - 



liebende Eltern und Verwandte so gern andichten. Im Gegenteil, sie schwelgen 
geradezu in sexuellen Empfindungen, was freilich die zärtliche Umgebung nie 
haben will. Nur darf man das Geschlechtliche nicht mit der Fortpflanzung 
identifizieren, die dem Kinde natürlich unmöglich ist. Dafür aber zieht es direkt 
sexuellen Lustgewinn, z. B. aus verschiedenen Funktionen seines eigenen Körpers, 
wie dies Freud in den klassischen „ Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie " 
erwies. Es ergeht sich auch gern in unflätigen Worten, deren Sinn es gar nicht 
zu kennen braucht, von denen es aber merkt und weiß, sie seien ein verpönt 
Sexuelles, den Großen vorbehalten und darum vermeintlich besonders lustvoll. 
Wie unzweckmäßig, ja gefährlich es ist, solchen Unsauberkeiten als strenger 
Richter nachzugehen, statt sie mit einem „Pfui! Das sagt man nicht!" abzu- 
tun, lehrt uns die Schilderung Gottfried Kellers. 

Noch ein zweiter Umstand bedarf der Aufklärung: Wieso kommt der 
Knabe eigentlich dazu, vier halbwüchsige Jungen anzuschuldigen, die er kaum 
mehr als oberflächlich kennt, welche ihm aber doch als „halbe Männer" 
imponieren? Die Erklärung ist nach meinen Erfahrungen und dem, was sich 
aus den beiden ersten Fällen ergab, unschwer zu leisten. Was den Knaben zu 
seinen Opfern zieht und diese fälschlich anklagen läßt, ist wiederum Liebe, und 
zwar eine homosexuelle Neigung. 1 In dieser wurzelt sein geheimer Wunsch, 
die Geliebten mögen ihm eine masochistische Lust verschaffen. Und was er 
von ihnen erträumt und ersehnt, das gibt er, inquiriert, dann als Wahrheit 
aus. Je weniger die also Angeklagten auf seine Phantasien eingehen mögen, 
je minder sie sich zur Liebe bekennen, die sie ihm in seiner Einbildung er- 
wiesen, desto fester besteht er auf seinen Träumen. Ja, das Leugnen und der 
Widerspruch eines Märchens, an das er nun selber allmählich glaubt, befeuert 
seine Einbildungskraft nun so, daß er ihr die Zügel völlig lockert. 

Und abermals finden wir, wie in den beiden ersten Fällen, eine absolute 
Fühllosigkeit für die Folgen der Tat. 

„So viel ich mich dunkel erinnere," berichtet unser Dichter, „war mir das ange- 
richtete Unheil nicht nur gleichgültig, sondern ich fühlte eher noch eine Befriedigung 
in mir, daß die poetische Gerechtigkeit meine Erfindung so schön und sichtbarlich 
abrundete, daß etwas Auffallendes geschah, gehandelt und gelitten wurde, und das 
infolge meines schöpferischen Wortes. Ich begriff gar nicht, wie die mißhandelten 
Jungen so lamentieren und erbost sein konnten gegen mich, da der treffliche Verlauf 
der Geschichte sich von selbst verstand und ich hieran so wenig etwas ändern konnte, 
als die alten Götter am Fatum." 

Um dies zu verstehen, ist neuerdings zurückzugreifen auf die Phantasie- 
tätigkeit des Kindes. Was die Kleinen mit allem Eifer ausspinnen und dann 
im Spiele tatsächlich glauben, ist ihnen höchste, weil Schöpferlust. Daß unter 
ihr andere Menschen leiden, stört sie da kaum, teils wegen ihrer sadistischen 
Fähigkeiten, die schließlich ein wenig jedes Kind besitzt, teils aber, und viel- 

i) Zum besseren Verständnis will ich anfügen, was auch allgemein gilt, daß scharf 
zu unterscheiden ist zwischen homosexueller Neigung und ebensolcher Betätigung. 
Während die letztere bloß den eigentlich Perversen zukommt, ist die erstere universell 
verbreitet, und z. B. in der echten Freundschaft auch jedem ganz Normalen eigen. 
Man kann z. B. für einen Mann tatsächlich Liebe und Zärtlichkeit empfinden, als 
Freundschaft maskiert, ohne irgend eine perverse Betätigung zu erstreben oder auch 
nur im mindesten daran zu denken. 



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leicht noch mehr, weil nach dem Spiele alles wieder vorüber ist. So wenig 
als sie während desselben Einwendungen der Großen beachten, so wenig macht 
sich der kleine Verleumder aus dem Widerstreben der gekränkten Opfer. Ist 
erst die Anklage in seiner Einbildung einmal ausgeheckt worden, dann nimmt 
sie ihren natürlichen Fortgang, fast ohne sein Zutun. Es braucht Jahre und 
Jahre, bis das Kind die Spiellüge als das erfaßt, was sie objektiv darstellt, 
als eine schmähliche, nichtswürdige Verleumdung. 

Auch für Gottfried Keller kam dann nach Jahren der Tag der Einkehr, 
wo er seine Schuld einsehen lernte und sie nun in doppelter Schwere empfand. 
„Die Betroffenen waren sämtlich, was man schon in der Kinderwelt recht- 
liche Leute nennen könnte, ruhige, gesetzte Knaben, welche bisher keinen 
Anlaß zu scharfem Tadel gegeben und aus denen seither stille und arbeitsame 
junge Bürger geworden. Um so tiefer wurzelt in ihnen die Erinnerung an 
meine Teufelei und das erlittene Unrecht, und als sie es jahrelang nachher 
mir vorhielten, erinnerte ich mich ganz genau wieder an die vergessene Ge- 
schichte, und fast jedes Wort ward wieder lebendig. Erst jetzt quälte mich 
der Vorfall mit verdoppelter, nachhaltiger Wut, und so oft ich daran dachte, 
stieg mir das Blut zu Kopf, und ich hätte mit aller Gewalt die Schuld auf 
jene leichtgläubigen Inquisitoren schieben, ja sogar die plauderhafte Frau an- 
klagen mögen, welche auf die verpönten Worte gemerkt und nicht geruht 
hatte, bis ein bestimmter Ursprung desselben nachzuweisen war. Drei der 
ehemaligen Schulgenossen verziehen mir und lachten, als sie sahen, wie mich 
die Sache nachträglich beunruhigte, und sie freuten sich, daß ich zu ihrer 
Genugtuung mich alles einzelnen so wohl erinnerte. Nur der vierte, der viel 
Mühe mit dem Leben hatte, konnte niemals einen Unterschied machen zwischen 
der Kinderzeit und dem späteren Alter und trug mir die angetane Unbilde 
so nach, als ob ich sie erst heute, mit dem Verstände eines Erwachsenen, 
begangen hätte. Mit dem tiefsten Hasse gieng er an mir vorüber, und wenn 
er mir beleidigende Blicke zuwarf, so vermochte ich sie nicht zu erwidern, 
weil das frühe Unrecht auf mir ruhte und keiner es vergessen konnte." 

Fassen wir zum Schlüsse zusammen, was unsere Untersuchungen über 
Kinderverleumdungen ergeben haben, so lernten wir in letzter Linie zwei 
Wurzeln kennen: 

1) als organische Bedingung eine gewisse sadomasochistische Anlage; 

2) als psychische Determinanten a) ein überstarkes Phantasieleben, das 
dessen Eigner leicht veranlaßt, eingebildete Wünsche für Wahrheit zu nehmen, 
sowie b) die Liebe zu dem Verleumdeten, den das Kind just dessen fälschlich 
bezichtigt, was es von ihm ersehnte und erträumte. 

Ein weiterer Umstand, der jene Verleumdungen kräftigst fördert, ja über- 
haupt oft erst zur Ausbildung bringt, ist das unzweckmäßige Verhalten der 
Großen. Bemerkenswert und aus den früher besprochenen Wurzeln verständ- 
lich ist die absolute Fühllosigkeit, welche der Entrüstung der fälschlich Be- 
zichtigten entgegengesetzt wird, sowie dann die späte, dafür aber um so tiefere 
Reue. Pädagogisch ergibt sich als bester Rat, durch liebereiches Zureden unter 
vier Augen — das einzige Mittel — das Kind zur Einsicht seines Unrechtes 
zu bringen, juridisch jedoch nicht zu fest zu bauen auf die entschiedene, 
dezidierte Aussage, welche häufig ja doch kein sigillum veri ist. 



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BEOBACHTUNGEN AN RINDERN 



Beobachtungen aus den ersten fünf Lebensjahren 

Aus dem Nachlaß von Karl Abraham (t Dezember 1Q25) 

Die folgenden Aufzciclmungcn waren für ein von 
mehreren psychoanalytischen Autoren geplantes Sammel- 
werk bestimmt, dessen Herausgabe dann unterblieben ist. 
Die Schrif Heilung der geplanten Materialsammlimg 
unterbreitet hier die seinerzeit bei itir t ingegangenen 
kinderpsychologischen Notizen des seither verstorbenen 
vortrefflichen Berliner Psychoanalytikers den Lesern 
der „Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik-. 

Belauschung des elterlichen Geschlechtsverkehrs 

Die folgenden drei Fälle von Beobachtung des elterlichen Verkehrs durch Kinder 
in den ersten zwei Lebensjahren erscheinen mir von erheblichem Interesse, weil sie 
die Reaktion der Kinder im Augenblick des Erlebnisses deutlich vor Augen führen. 
Einer der drei Fälle liegt bereits längere Zeit zurück, so daß hier auch die Nach- 
wirkung des Erlebten zu erkennen ist. 

Fall 1) Der einjährige Knabe, um den es sich handelt, kann noch nicht sprechen. 
Die Eltern werden nach Beendigung des Geschlechtsakts darauf aufmerksam, daß 
der Kleine aufrecht im Bett steht und mit großen, erschreckt blickenden Augen zu 
ihnen herübersieht. Es ist das erste Mal, daß das Kind sich selbsttätig im Bett 
aufgerichtet hat! 

Fall 2) Der zweijährige Fritz wird am Morgen, während die Eltern ihn noch 
für schlafend halten, zum Zeugen ihres Verkehrs. Die Eltern vernehmen plötzlich 
ein lautes Lachen. Als sie sich dem Knaben zuwenden, sagt dieser: „Fritzchen auch 
auf Mama hoppa-hoppa machen!" Die Mutter hebt hervor, daß das Lachen des 
Kleinen anders klang wie sonst. Sie meinte, darin ein Gemisch von Belustigung und 
Wut wahrzunehmen. 

Fall 5) Ein ebenfalls zweijähriger Knabe wird — vermutlich nicht zum ersten 
Male — auf den Verkehr der Eltern aufmerksam. Da er zur betreffenden Tageszeit 
selbst nicht im Bett liegt, so eilt er hinzu, schlägt auf den Vater ein und sprudelt 
die erregten Worte hervor: „Das ist meine Mutti, du sollst das nicht!" 

Wie die Mutter berichtet, überwand der Knabe den Affekt, welcher sich an 
dieses Erlebnis knüpfte, erst nach mehr als zwei Jahren. Während dieses Zeitraums 
verhielt er sich dem Vater gegenüber durchaus ablehnend, verweigerte ihm z. B. 
standhaft jede Zärtlichkeit. Später verlor sich die Feindseligkeit ganz allmählich. 

Bemerkenswert ist in diesem Fall besonders das Lebendigbleiben des Affektes 
bis in das erste Jahr der „Latenzzeit" — eine volle Bestätigung der psychoanalytischen 
Erfahrung, daß die infantile Ödipuseinstellung im Laufe des fünften Lebensjahres 
der Verdrängung verfällt. Alle drei Fälle lassen die typische Gefühlseinstellung des 
Knaben zu den Eltern leicht erkennen, und zwar mit einer Deutlichkeit, die dem 
Alter entsprechend zunimmt; zudem aber zeigen sie den tiefen Eindruck, welchen 
die Beobachtung des Koitus auszulösen vermag. 

— so — 



Lutschen und Onanie 

Ein eineinhalbjähriger Knabe ist starker Lutscher und setzt der Abgewöhnung 
starken Widerstand entgegen. Ein zwölfjähriger Vetter ahmt ihm einmal in ver- 
spottender Absicht das Lutschen nach. Einen Augenblick starrt der Kleine ihn sprachlos 
an, gerät dann in einen Wutaffekt, steigert das Lutschen derart, daß man schnalzende 
Laute weithin hört und fährt mit der andern Hand nach der Genitalgegend, wo er 
heftige Masturbationsbewegungen ausführt. 

Eifersucht gegen den neugeborenen Bruder 

Hilde, dreidreiviertel Jahre alt, als sie den neugeborenen Bruder baden sieht, zur 
Pflegerin: „Laß ihn doch ins Wasser fallen!" 

Ein Monat später, als sie wieder einmal zusieht, wie die Mxitter den Kleinen 
stillt, zur Mutter: „Du bist zwei Mamas! Du bist meine Mama und deine 
Brust ist Brüderchens Mama !" 

Sie hat sich also bereits damit abgefunden, daß sie sich mit dem Bruder in die Mama 
teilen muß. Sie überläßt ihm die Brust, will die übrige Mama für sich! 

Weibliche Ödipus-Einstellung 

Hilde, reichlich vier Jahre alt: „Mama, wann stirbst du denn?" Trotz der Ant- 
wort der Mutter, sie sei noch nicht gar so alt, öftere Wiederholung der gleichen 
Frage. Es folgt die Frage: „Lebst du nächstes Jahr noch?" Einige Tage später: 
„Lebst du in zehn Jahren noch?", dann: „Lebst du noch, wenn ich groß bin?" Auf 
Erwiderung: „Wenn ich sterbe, hast du doch keine Mama mehr!" — meint sie: 
„Dann habe ich aber den Papa!" 

In derselben Zeit gesteigerte Zärtlichkeit zum Vater. Niemals spricht sie von 
dessen Tod, dagegen sagt sie eines Tages unvermittelt: „Papa ich könnte dich doch 
mal nackt sehen." 

Nach etwa zwei Monaten hören die Fragen nach dem Tode der Mutter auf. 
Hilde ist zärtlich zu ihr. Auf der Straße zieht sie die Mutter an die Schaufenster 
heran und zeigt ihr: „Das alles schenke ich dir später." 

(Sie hat auf Beseitigung der Mutter verzichtet und kehrt nun die Rollen um : 
sie selbst ist die Gebende, die Mutter das Kind geworden.) 

Kindergesprädie 

Der fünfjährige G.: „Mama, was ist eine Witwe?" Die Mama: „Das ist eine 
Frau, deren Mann gestorben ist." G.: „Na, wenn der Papa stirbt, dann machen wir 
beide ein großes Loch und da schmeißen wir ihn 'rein." 

H., viereinhalb Jahre alt: „Vater, wie alt bist du?" Der Vater: „Vierzig Jahre." 
H.: „Da wirst du bald im Himmel sein." 



Aus einer Mädchenklasse 

Mitgeteilt von Walter Bubek, Stuttgart 

Bei einem Unterrichtsgespräch über „die Familie" fielen folgende Äuße- 
rungen sieben bis acht Jahre alter Mädchen: 
A: Früher habe ich immer gedacht, ich würde einmal meinen Vater heiraten, aber 

jetzt hat er ja schon eine Frau! (Nicht etwa eine Stiefmutter, sondern die eigene, 

welche von dem Kind zärtlich geliebt wird.) 

- 31 - 






B : Ich will einmal nicht heiraten, aber Kinder will ich doch. Meine Mutter hat 
gesagt, wenn ich keinen Mann habe, bekomme ich auch keine Kinder. Ich weiß 
aber schon, wie ich's mache, ich nehme einfach den Karl als Freund zu mir, 
aber heiraten tu' ich nicht. 

C: Ich möchte schon einmal heiraten, aber bloß, wenn ich einen Mann bekomme, 
der mich nicht immer so schimpft wie der Vater meine Mutter. 

D : Wenn mein Mann einmal ins Wirtshaus geht, lasse ich mich gleich scheiden. 



BERICHTE 



Zur Sittenlosigkeit der Jugend 1 



BEN B. L1NDSEY: Die Revolution 

Deutsche Verlagsanstalt, Berlin 1Q27- 
NIKOLAI OGNJEW: Das Tagebuch des Schülers 

Rjabzew. Verlag der Jugendinternationale, Berlin, O. YJ, 1Q28. 



der modernen Jugend. 

K ost j a 



Von Dr. Siegfried Bcrnfcld (Berlin) 

Aus den kulturellen Antipoden der heutigen AVeit, aus Amerika und Rußland, 
erfahren wir durch zwei neue Bücher Tatsachen des Jugendlebens, die man kennen 
muß, um die heutige Jugend Deutschlands zu verstehen. Daß die deutsche Öffent- 
lichkeit das wirkliche Leben ihrer eigenen Jugend nicht kennt, haben die beiden 
Prozesse Kolomak und Krantz gezeigt. In beiden stand, was immer der Gegenstand 
der Gerichtsverhandlung gewesen sein mag, inmitten des Publikumsinteresses die 
Offenbarung, daß unsere heranwachsende Jugend sich nicht ganz so benimmt, wie 
man von „gesunder und reiner" Jugend bisher anzunehmen bereit war, daß sie 
nämlich Sexualtriebe besitzt und von ihnen einen Gebrauch macht, den Sitte und 
Pädagogik dem Erwachsenen reserviert. Die Beurteilung dieser beiden Fälle als 
völlig abnormaler Verbrechen war nicht durchführbar; man mußte zur Kenntnis 
nehmen, daß die „Sittenlosigkeit" in der Jugend weit, sogar allgemein verbreitet ist. 
Unerörtert bleibe dabei, ob Kolomak und Krantz würdige und edle Vertreter der 
heutigen Jugend sind. Sicherlich aber geht es nicht an, in ihnen Einzelfälle zu sehen, 
geht es auch nicht an, sie als Symptome einer sich ausbreitenden moralischen Ver- 
kommenheit zu werten. Sie sind in Wahrheit Symptome einer Wandlung im Jugend- 
leben, die sich vor unseren Augen vollzieht, aber nicht etwa bloß im bösen Berlin 
oder in der finsteren Provinz Bremen, sondern ziemlich gleichartig in der ganzen 
Welt. Diese Wandlung richtig zu beurteilen, muß man sich freilich vorerst einer 
Illusion entledigen. Die „gesunde und reine" Jugend, wie sie unsere Pubertäts- 
psychologen Ch. Bühler und Spranger hymnisch besingen, und von deren selbst- 
verständlichen Existenz das Publikum überzeugt ist, gibt es nicht mehr, weil es sie 
nie gegeben hat. Die Wandlung, von der jene Prozesse und diese Bücher Zeugnis 
ablegen, ist nicht darin zu suchen, daß die Jugend früher asexuell gelebt hätte und 
heute erst infolge des sittenverwildernden Weltkrieges (den übrigens die Besinger 
reiner Jugend seinerzeit selbst gepriesen hatten) den Begierden ohne sittliche 
Bändigung preisgegeben wäre. Die Pubertät und spätere Jugendzeit hat immer ihren 
Sexualtrieb zu befriedigen gewußt. Jedoch die soziale Form der jugendlichen 



1) S. auch diese Zeitschrift I. Jahrg. S. 519. 

- 32 - 



Sexualbetätigung ist tatsächlich gegenwärtig in tiefgreifender Wandlung begriffen. 
Was hinter den Illusionen der Öffentlichkeit, hinter den Idealen der Pädagogik und 
hinter der Verschwiegenheit der Jugend an Sexualbefriedigung genossen wurde, war 
die Onanie. Natürlich gab es Jugendliche auch vor Krieg und Revolution, die vor 
ihrem Schulabitur gelegentlich oder regelmäßig erwachsenen Sexualverkehr pflegten, 
und ebenso gab es solche, die ohne eine im engeren Sinn des Wortes sexuelle 
Befriedigung mehr oder weniger lang und konfliktlos auszukommen vermochten. 
Aber repräsentativ für das wirkliche Sexualleben der Jugend waren solche Typen 
nicht. Das wirkliche Sexualleben der Jugend, d. h. der höheren Schuljugend, 
war die Onanie. Zwar ist die höhere Schuljugend nur eine dünne Schichte der 
Gesamtjugend, sie aber ist es vornehmlich, die Pädagogen und Psychologen vor 
Augen schwebt, sie ist es auch, an die die breite Öffentlichkeit denkt. Auf sie bezog 
sich auch — und bezieht sich heute noch — jene Illusion, deren man sich nun- 
mehr endgültig entledigen muß. Über das Sexualleben der proletarischen Jugend 
macht man sich selten Illusionen. Daß sie nicht asexuell, „gesund und rein" lebt, 
war so ziemlich bekannt. Dieser Klassenunterschied wurde eben mit Hilfe 
jener Illusion in einen Wertungs unterschied umgedeutet ; man dachte etwa : 
die gebildete (in erster Linie bürgerliche Schul-) Jugend weiß ihre Triebe zu 
bändigen, sie lebt asexuell, die ungebildeten, halb verwahrlosten Massen hingegen 
sind von jener Reinheit weit entfernt. Und dies traf insofern zu, als die Verbreitung 
und Bedeutung des Sexualverkehrs in der proletarischen Jugend unvergleichlich viel 
größer war als in der gleichaltrigen bürgerlichen Jugend, die statt dessen als nahezu 
allbeherrschendes Zentrum ihres Sexual- und Jugendlebens die Onanie hatte. Hierin 
ist offenbar eine entscheidende Wandlung eingetreten. Ben Lindsey, der Vater des 
Jugendgerichtes, ein Mann von unvergleichlich großer Erfahrung und bewunderns- 
würdigem Mut, versichert, daß die amerikanische bürgerliche Jugend (der höheren 
Schulen) sich den Sexualverkehr erobert hat — allen Hindernissen und der Blindheit 
ihrer Eltern zum Trotz. Lindsey gibt eine eingehende Darstellung der Formen, in 
denen sich dies neue Sexualleben abspielt. Dem Psychoanalytiker eröffnet Lindsey 
viele Probleme. Hier genügt es, auf dieses Buch nachdrücklich hinzuweisen und als 
höchst wichtiges Faktum zu betonen, daß gerade die weibliche Jugend an dieser 
Eroberung des Sexualverkehrs in sehr bedeutsamer Weise aktiv beteiligt ist. War 
das zentrale Problem der Vorkriegsjugend bürgerlicher Kreise die Onanie, so ist das 
der heutigen: Geschlechtskrankheit und Abtreibung. Lindsey lehrt, das Faktum und seine 
Verbreitung in Amerika scharf sehen. Wir müssen es auch als für Europa gültig 
anerkennen, ehe an eine moralische Verwerfung oder an eine sittliche Billigung 
gedacht werden kann. Vor vorschneller Wertung warnt uns die Vergegenwärtigung 
der historischen Tatsache, daß die Jugend des sechzehnten und siebzehnten Jahr- 
hunderts in Europa nicht anders lebte als die von Lindsey im heutigen Amerika 
geschilderte. Man kann nicht behaupten, daß sie kulturlos, lebensunfähig und 
verkommener gewesen wäre, als die Jugend des neunzehnten Jahrhunderts, die sich 
der Onanie gewidmet hatte. Sicherlich besteht eine Beziehimg zwischen der kulturellen 
Wertigkeit einer Jugendgeneration und den gesellschaftlichen Formen ihres Sexual- 
lebens, aber, wie diese Andeutungen zeigen möchten, kein einfacher. Die wissenschaft- 
lichen Grundlagen zu seiner Erkenntnis fehlen noch völlig. Immerhin ist es kaum 
Zufall, daß jene zweite Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts, die die Französische 
Revolution und damit das Bürgertum im modernen Vorkriegssinne geschaffen hat, 
in der das Erziehungswesen in seiner heutigen Gestalt und Ideologie, der Typus des 
höheren Schülers, entstanden ist, auch die Entdeckung der Onanie als einer Krankheit, 
einer pädagogisch zu bekämpfenden „heimlichen Sünde" eben dieses Jugendtypus 
brachte. Es ist nicht imbegreiflich, wenn nun, da jenes Bürgertum einem neuen 
Typus Raum gibt, der sich in Amerika besonders deutlich entwickelt, auch eine 
neue Form des Sexuallebens seiner Jugend sich durchsetzt. Die bürgerliche Jugend 
ist im Begriff, im Massenmaßstab an Stelle der Onanie eine den erwachsenen 



Zeitschr. f. psa. Päd. III/i nry 



Formen ähnliche Befriedigung zu setzen. Die Psychologie wird zu untersuchen 
haben, inwieweit diese Sexualbetätigung von der Onanie wirklich, analytisch 
betrachtet, unterschieden ist. Lindsey gibt auch hiefür Anregungen, die dem psycho- 
analytischen Leser zu denken geben werden. 

Dieser meines Erachtens unbezweifelbaren Entwicklung innerhalb der bürgerlichen 
Jugend steht anscheinend eine entgegengerichtete in der proletarischen Jugend 
gegenüber. In ihren kulturellen, politischen, sportlichen Organisationen lebt ein 
starker Drang nach sexueller Reinheit, und wenn nicht alles täuscht, so gewinnt 
diese Tendenz in den letzten Jahren rasch und anhaltend Raum. Die Arbeiterjugend, 
in ihren organisierten Schichten, nähert sich in der sexuellen Frage entschieden der 
Ideologie der bürgerlichen Jugendbewegung und der Pädagogik des vergangenen 
Jahrhunderts. Es kann nicht zweifelhaft sein, daß dies in der Wirklichkeit des 
sexuellen Jugendlebens gleichbedeutend ist mit: Ausbreitung und Vergrößerung der 
seelischen Bedeutung der Onanie. Wieweit hier international wirkende Tendenzen 
im Spiele sind, läßt sich derzeit bloß vermuten (denn obgleich die Arbeiterjugend 
mit dieser Ideologie in den Rang gesunder und reiner Jugend aufrückt, haben die 
Pubertätspsychologen ihr noch keine genügende Aufmerksamkeit geschenkt). Das 
Tagebuch des kleinen Kostja schildert das Entstehen dieser neuen Ideologie in einem 
Jungenskopf und in einer Schule, es zeigt die Macht der sozialistischen Idee, in 
deren Namen hier eine — für Kostjas Lebensschichte — neuartige Sexualform 
gefunden wird. Vielleicht ist dies Buch ein Anzeichen für eine im internationalen 
Maßstab vor sich gehende Wandlung des Sexuallebens der proletarischen Jugend, 
wie das Lindseys für die entgegengesetzt verlaufende Wandlung in der bürgerlichen. 
Nachdrückliche Nachschrift : Für diese hinreißende, interessante Schrift Ognjews, 
die übrigens kaum ein Schülertagebuch, aber eine mutige Beschreibung der Wirk- 
lichkeit ist, möchte ich hier Leser werben; sie wird jeden nicht nur über die Frage 
der „Sinnlosigkeit" belehren, sondern steckt die stärksten Lichter auf über die 
Fragwürdigkeit unserer Schule, unseres Lehrerlebens, zeigt eine Schule im Werden, 
die von unserem Begriff der Schule so weit absteht, wie neurotische Verdrängung 
von Sublimierung im Dienste einer geliebten gesellschaftlichen Realität. Jeder sollte 
sie lesen. Nebenbei: Das Buch ist lustig, traurig, interessant und aufregend, wie nur 
die besten und schlechtesten Romane sind. 



HOLLOS, ISTVÄN: Hinter der gelben Mauer. Von der Befreiung 
des Irren. 1928. Hippokrates- Verlag, Stuttgart-Leipzig-Züridi. 
Dieses eigenartige und packende Buch ist als Band 4 der „Bücher des Werdenden" 
erschienen, die Dr. Paul Federn, Wien, und Dr. Heinrich Meng, Stuttgart 
herausgeben. Es ist „Der Schulpsychiatrie in ehrlicher Gegnerschaft" gewidmet. 
Hollös will die Einstellung der Gesunden zum Irren und damit die Behandlung und 
Verwahrung derselben von Grund auf verändern durch die Erkenntnis, daß der Irre 
nicht anders geartet ist als die gesunden Menschen, sondern er ist nur zurück- 
gesunken in das Kindheitsstadium der „wunderbaren Allmächtigkeiten" und der 
halluzinatorischen Wunscherfüllungen", nach dem alle sich bewußt oder unbewußt 
sehnen. Hollös will die Irren befreien aus den Mauern der Anstalten und sie in 
Familienpflege geben, damit sie den unerledigten Kindheitskonflikt in anderem 
verständnisvollem Milieu neu erleben und erledigen können. 

Äußerlich betrachtet, ist diese veränderte Therapie der neue Weg, den Hollos 
weist. Aber nicht um dieses Weges willen sei das Buch an dieser Stelle empfohlen. 
Auch nicht um des Glaubens willen, den der Autor mit leidenschaftlicher Wärme 
vertritt: daß durch die Kenntnis von der Macht der unbewußten Triebe „die 
Konflikte der Menschen mit der Kultur, die bisher den Einzelnen mit Geistes- 
krankheit, bei der Masse mit Krieg und Revolution endeten, m ihrem Wesen ver- 

-34 - 



standen, . . . dadurch eingedämmt, gelöst und einst vermieden werden." Sondern 
empfohlen sei es dem Erzieher vor allem wegen der packenden und erschütternden 
Einblicke, die es in das Wachsen und das Zerstörtwerden der Kinderseele gibt, 
(Vgl. die Kapitel: „Cäsar Cadavi", „Bei der Geburt ist jeder ein Cäsar" und 
„Gespensterspuk".) 

„Vergeblich sind alle Bemühungen der Erzieher: zu dem Kinde werden sie nur 
dann gelangen können, wenn sie erkennen, daß zwischen Kind und Erwachsenem 
die sexuelle Frage eine undurchbrechliche Mauer errichtet." Hollös zeigt klar, daß 
„sexuelle Frage" durchaus nicht iflentisch ist mit der Frage der Aufklärung über 
Geburts- und Zeugungsvorgang, sondern daß es sich hier um ein weit größeres 
Gebiet handelt. Daß es vor allem darauf ankommt, daß das Kind nicht durch 
unverstandene Äußerungen seines eigenen Körpers geängstigt wird und daß es nicht 
hilflos allein gelassen wird in den Zeiten der ersten harten Zusammenstöße mit der 
Realität, wenn es erkennen muß, daß der geliebte Elternteil nicht ihm allein gehört. 
Hier liegt die eigentliche Tragödie des Kindes, die die Erwachsenen ebensowenig 
sehen wollen wie die Tragödie des Irren. 

Hollös weist der Irrenpflege einen neuen Weg. Der Weg, den er für die Päd- 
agogik sieht, ist der gleiche, den auch andere psychoanalytische Pädagogen sehen 
und gehen. Aber wenige werden in ihren Schriften so packend wirken wie Hollös, 
dessen Buch stilistisch und formal ein Meisterwerk zu nennen ist. Meisterhaft ist 
besonders die allmähliche Einführung psychoanalytischer Begriffe, Termini und 
Lehrsätze, bis er zu dem Begriff des Unbewußten kommt, dem „archimedischen 
Punkt für die seelischen Rätsel, der aber für uns erreichbar ist". Erreichbar durch 
das Werk Freuds. Die Worte, die Hollös über Freud sagt, sind die klarsten und 
schönsten des Buches. So sei die Lektüre auch gerade solchen Lesern empfohlen, 
die noch nichts über Psychoanalyse kennen. Unbeeindruckt wird es so leicht keiner 
fortlegen, aber es werden nicht wenige sein, die von diesem klangschönen und 
warmen Werk aus den Weg zur Psychoanalyse finden werden. 

Lizi Bonwit t-H epner 

ZULLIGER, HANS: Aus dem unbewußten Seelenleben unserer 
Schuljugend. Verlag Hans Huber, Bern. 2. Auflage. 

Zulligers Buch „Aus dem unbewußten Seelenleben unserer Schuljugend" ist als 
Heft 9 der Sammlung „Schriften zur Seelenkunde und Erziehungskunst" erschienen, 
die von Dr. Pfister herausgegeben wird. Wieder (vgl. die Besprechung von Zulliger 
„Gelöste Fesseln" in dieser Zeitschrift II. Jg., Heft 1) erzählt Zulliger aus seiner 
Tätigkeit mit all der lebendigen Anschaulichkeit, die ihm eigen ist. Wieder sind es 
scheinbar nur zufällige praktische Erlebnisse, und doch vermittelt das kleine Heft 
soviel theoretisches Wissen, daß es jedem Erzieher, den Eltern wie den Lehrern, 
dringend empfohlen sei. 

Da sind die Kinder mit ihren mangelhaften Leistungen, ihrem Träumen, ihrem 
Zuspätkommen. Aber für Zulliger sind sie dann nicht — wie bei den meisten Lehrern 
dumm, faul und liederlich, sondern er weiß, daß da eine Störung der seelischen 
Entwicklung wirkt, der man nur mit Liebe, Geduld und vor allem dem nötigen 
Wissen um seelisches Geschehen begegnen kann. „Der Pädagoge, der die psycho- 
analytischen Errungenschaften kennt, wird seine Zöglinge besser verstehen, anders 
beurteilen, anders behandeln und vor allem solche erzieherischen Hilfen vermeiden, 
die einen Fehler nur noch verschlimmern." 

So lehnt Zulliger selbstverständlich jede Strafe ab. Das einzige negative Erziehungs- 
mittel, das er kennt, ist der Liebeentzug. „Sicher ist Liebeentzug die einzige Form 
von Strafe, die Berechtigung hat (die keine Vergewaltigung ist) . . . Nichtmehr- 
beachtung durch den geliebten Lehrer kann dem Kinde nicht gleichgültig sein. Aber 
als Drohung spreche ich meine Absicht nicht aus. Drohpolitik verrät immer Schwäche." 

- 35 - 3' 



Theoretisch ist besonders der Fall eines kleinen Wahrheitsfanatikers interessant, 
an dem Zulliger u. a. klar zeigt, wie wenig die Adlersche Individualpsychologie als 
alleiniges psychologisches Rüstzeug des Pädagogen gelten kann, da dieser Fall nach 
den ersten Besprechungen durch die Adlersche Aggressionstheorie vollauf geklärt 
erschien, während die weiteren Unterredungen dann ein ganz anderes Bild zutage 
förderten und das Kind erst nach den psychoanalytischen Erklärungen aus einem 
unruhigen Grübler ein gesunder, leistungsfähiger Junge wurde. 

Lizi Bonwitt- Hepner 
Zeitschriften 

Die Neue Erziehung. Hg. Paul Oestreich. X./2. Februar 1Q28. 

Ein Teil der Artikel dieses Heftes gehört dem Ideenkreis der psychoanalytischen 
Pädagogik an. Pfister schreibt über „Das Umdenken der Tiefenpädagogik". Die 
Psychoanalyse als Tiefenpsychologie muß als logische Konsequenz die Tiefenpäd- 
agogik nach sich ziehen. Diese aber erfordert eine völlige Umschaltung in der Denk- 
richtung, die Pfister hier mit wenigen Worten klar charakterisiert, und die ihre 
praktische Auswirkung vor allem in der Neugestaltung der Autoritätsbeziehung zeigt. 

Witteis: „Tagtraum, Verbrechen und Schule." Witteis fordert die Lehrer vor 
allem zu schärferer Beobachtung ihrer Zöglinge, insbesondere der „Träumer", auf. 
Der Lehrer soll die seelischen Veränderungen bemerken, um dem Kinde die Wege 
zu ebnen, die es aus seiner seelischen Not herausführen können. Vorbedingung dieser 
Forderung an den Lehrer aber ist: Kenntnis der durch die Psychoanalyse aufgedeck- 
ten psychischen Tatsachen und Zusammenarbeit mit einem kinderanalytisch geschulten 
Heilpädagogen. 

Müller- Braunschweig: „Die pädagogisch grundlegende Epoche der Rein- 
lichkeitsgewöhnung und des Gehenlernens." Die Wichtigkeit dieser Epoche wird auch 
heute noch so allgemein unterschätzt, daß jeder Beitrag, der in dieser Richtung auf- 
klärend wirkt, wie es der vorliegende in äußerst anschaulicher Weise tut, begrüßens- 
wert ist. Denn: „Von der Haltung des Erziehers bei der Aufgabe, das Kind an 
Reinlichkeit zu gewöhnen, hängt außerordentlich viel für das spätere Trieb- und 
Ichschicksal des Kindes ab." Es ist Aufgabe des Erziehers, nicht nur die Schmutz- 
lust zu unterdrücken, sondern in der Tatsache des Sauberseins dem Kinde eine 
Lustquelle erschließen zu helfen. 

Meng: „Das einzige und das einsame Kind." Die alte Volksmeinung, daß das ein- 
zige Kind ein Sorgenkind ist, hat durch die Psychoanalyse Erklärung und Bestätigung 
gefunden. Meng stellt in diesem Artikel kurz die Gründe für die Gefährdung des 
einzigen Kindes zusammen, das vor allem in der Pubertät einen äußerst asozialen 
Charakter offenbart. Bei diesen Kindern vor allem müßte der Erzieher psychoana- 
lytisch geschult sein, da die aufzudeckenden Konflikte meist bis in die erste Zeit 
des erwachenden Ichbewußtseins zurückreichen. 

Zulliger: „Die Psychoanalyse und die , Neuen Schulen'." Zulliger geht davon 
aus, daß die Erziehung so gestaltet werden muß, daß den Neurosen vorgebeugt 
wird. Dazu ist erforderlich, daß der Erzieher mit den Lehren der Psychoanalyse 
vertraut ist, d. h. vor allem: selbst analysiert ist. Er braucht diese Kenntnis selbst 
unter der Voraussetzung, daß unter seinen Schülern keines wäre, das irgendwelche 
anormale Züge zeigt, denn er soll einer zusammengewürfelten Masse Führer sein 
und aus ihr eine Gemeinschaft machen. Er soll in den Kindern das Ichideal wecken, 
anstatt zu strafen. „Das Wesentliche an der ,Neuen Schule' wird die Erziehung im 
engeren Sinne sein." Wirklich „erziehen" kann aber nur der, der um das seelische 
Geschehen in all der Tiefe weiß, in der die Psychoanalyse es erschlossen hat. Schon 
beim gesunden Kinde braucht der Erzieher diese Hilfe, wie viel mehr aber erst bei 
denen, „die am Beginne einer Fehlentwicklung stehen, gehemmt sind, an Minder- 



-36- 



Wertigkeitsgefühlen leiden und infantile Neurosen mit sich schleppen." Diese Kinder 
„lassen sich nicht ohne weiteres in die Gemeinschaft einfügen", und hier kann der 
psychoanalytisch nicht geschulte Lehrer selbst in der besten Absicht unendlich viel 
verschlimmern. „Die Schule der Zukunft, die zur Gemeinschaft erziehen und den 
Hauptakzent ihrer Arbeit auf das Erzieherische im engeren Sinne verlegen will und 
muß, kann eines so bedeutenden Hilfsmittels, wie der Psychoanalyse, nicht auf die 
Dauer entraten." 

Behn- Eschenburg: „Einige Gedanken über Scluilreform und Psychoanalyse." 
Für die meisten psychischen Schäden, die man der Schule zum Vorwurf macht, ist 
der Boden vorbereitet durch die der Schule vorausgegangene Erziehung. Trotzdem 
ist der Schulbeginn ebenso wie die Pubertäts jähre eine Krisenzeit, in der der Lehrer 
ebensoviel gutmachen, wie auch schaden kann. Notwendig erscheint eine Erziehung 
der Erzieherpersönlichkeiten, der Eltern sowohl als der Berufserzieher, d. h. eine 
Psychoanalyse. Denn: „Beiden, und vorab dem Lehrer, nützt nämlich die schönste 
Methode nichts, wenn er seinen Beruf zur Unterdrückung oder zum Ausleben irgend 
welcher dunkler Triebregungen benützt, oder ihn aus anderen unbewußten Motiven 
gewählt hat, z. B. um sich an den ihm anvertrauten Kindern für seine eigene ver- 
fehlte Erzielmng zu rächen." 

Ada Müller-Braunschweig schreibt über die Behandlung des stottern- 
den Kindes, dem durch die Psychoanalyse, d. h. dem psychoanalytisch orientierten 
Pädagogen, wohl in fast allen Fällen zu helfen ist. Lizi Bonwitt-Hepner 

IIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIN 

An unsere Mitarbeiter und Leser 

Zum neuen Jahrgang möchten wir unsere Mitarbeiter und Leser bitten, ihre 
Aufmerksamkeit besonders den unten aufgeführten Fragen zuzuwenden und uns 
Beiträge zur Verfügung zu stellen, die ihre Lösung vom psychoanalytischen Standpunkt 
aus anstreben. Wenn genügend gute Arbeiten einlaufen, werden wir sie zu Sonder- 
heften vereinigen: 

1) Selbstmord: Analyse von Selbstmordphantasien, Selbstmordimpulsen und 
Selbstmordversuchen. — Analytische Untersuchungen hinterlassener Aufzeichnungen 
von Selbst mördern. 

2) Strafen: Die Strafe und ihre Bedeutung zur Bildung von Verdrängungen. — 
Durch das Unbewußte bedingte Reaktionen auf Strafen. — Selbstbestrafungen als 
Äußerung des Unbewußten. 

3) Intellektuelle Hemmungen t Hemmungen und Störungen intellektueller Lei- 
stungen durch unbewußte Faktoren. 

4) Menstruation: Erwartung und Eintreffen der Menstruation im Seelenleben der 
Mädchen. Die Bildung unbewußter Konflikte und deren Folgen für die spätere 
Entwicklung. 

Heft 2/3 dieses Jahrgangs wird als Sondernummer „Nacktheit und Erziehung 
erscheinen. 

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Herausgeber: Dr. Heinrich Meng und Dr. Ernst Schneider in Stuttgart 

Eigentümer, Verleger und Herausgeber für Österreich: Adolf Josef Storfer, Wien, I., Börsegasse 11 

(„Verlag der Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik"). —Verantwortlicher Redakteur: Dr. Paul 

Federn, Wien, I., Riemergasse 1. — Druck: Elbemühl Papierfabriken und Graphische Industrie A.-G., 

Wien, III., Rüdengasse 11 (Verantwortlicher Druckereileitcr : Karl Wrba, Wien). 



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= x sycn oanalytisclie .Neuerscheinungen s 
H Weihnachten 1928 E§ 



,rnest J ones 



J, 



Zur Psycnoanalyse der 
christlichen Religion 

(.Mit einer Kunstoeilage) 
Geheftet M. 4.S o, Ganzleinen M. 6.— 



Vier Abhandlungen: L) Religionspsychologie — II) Der 
Gott mensch -Komplex. Der Glaube, Gott zu sein und die 
daraus folgenden Charaktermerkmale — III) Die Empfängnis 
der Jungfrau Maria durch das Ohr. Ein Beitrag zur Be- 
ziehung zwischen Kunst und Religion — IV) Eine psycho- 
analytische Studie über den Heiligen Geist 



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Allrea VVinter stein 

Die Pubertätsriten 
der JVliidchen 

und ihre «Spuren im Aüärchen 
Geheftet JXL. 3. 20, Ganzleinen Jf. /f. 60 



Ein Ereignis, das heute unter dem Kamen Konfirmation oder 
Firmung für unsere heranwachsende Jugend im allgemeinen keine 
tiefere Bedeutung mehr besitzt, der Übergang zum geschlecbts- 
reifen Menschen wird bei den Primitiven noch hoch bewertet. 
W. versucht von psychoanalytischer Seite her den Sinn der Bräuche 
bei der Mädchenweihe zu deuten 



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Psychoanalytische .Neuerscheinungen p 
p Weiknacliten 1928 = 



JDr. Oskar Allster 

Pfarrer in Zürich 

Psydioanalyse und 
lVeltanschauung 

Geheftet M.. 5.6 o, Ganzleinen Ja.: 7. — 



Inhalt: Psychoanalyse und Weltanschauung: Psychoanalyse 
und Positivismus. Psychoanalyse und Metaphysik (Freud, Ferenczi, 
Rank -Sachs, Silberer, Putnam, Jung). Psychoanalyse und Ethik 
(Freud, Putnam, Häberlin). Die Prinzipien der Ethik. Die Aus- 
bildung der sittlichen Persönlichkeit. — Die Illusion einer 
Zukunft. (Eine freundschaftliche Auseinandersetzung mit Pro- 
fessor Freud.) Freuds Kritik der Religion. Freuds Scientismus. 
Der Glaube an die menschheitsbeglückende Wissenschaft. Freuds 

Optimismus 



_L)r. Oskar Plister 

Pfarrer in Zürich 

Religiosität und Hysterie 

(.Mit Kunstbeilagen) 
Geheftet M. 4.— , Ganzleinen M. 5.5o 



Vier Abhandlungen: Zur Psychologie des hysterischen 
Madonnenkultus — Hysterie und Mystik bei Margareta Ebner 
— Eine Hexe des zwanzigsten Jahrhunderts — Die Religions- 
psychologie am Scheidewege 






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H Psyclio a na lytiscne Neuerscneinungen 
= YVeilmachten 1928 



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dl 11 



.manacri 1929 

des Internationalen Jrsyclioanaly tischen Verlags 

(Mit 2 Porträtbeilagen) 

In rotem Ganzleinen Ml. 4. — 

Aus dem Inhalt: Sigm. Freud: Ein religiöses Erlebnis — Bernfeld: Ist Psycho- 
analyse eine Weltanschauung? — Pfister: Der Schrei nach dem Leben — Wälder: 
Psychoanalyse im Lebensgefühl des modernen Menschen — Hopf: Psychoanalyse 
und Naturwissenschaften — Rad 6: Die Wege der Naturforschung im Lichte der 
Psychoanalyse — Sterba: Zum dichterischen Ausdruck des modernen Naturgefühls 

— Ferenczi: Gulliverphantasien — Eliasberg: Über sozialen Zwang und ab- 
hängige Arbeit — Wulff: Untersuchungen an Chauffeuren — Witteis: Rache 
und Richter — Meng: Das Problem der Onanie von Kant bis Preud — Hitsch- 
mann: Molieres Misanthrop — H. Deutsch: Ein Frauenschicksal: George Sand 

— Lehner: Der Einbruch der Psychoanalyse in die französische Literatur — 
Codet und Laforgue: Der Salavin von Duhamel — Ferenczi: Anatole France 

als Analytiker — und andere Beiträge 






Früh 



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A lmanatii 1926 

In blauem Ganzleinen 
M.3.- 

Aus dem Inhalt: 

Freud, Die okkulte Bedeutung des 
Traumes / Thomas Mann, Mein Ver- 
hältnis z. Psychoanalyse / Hermann 
Hesse, Künstler u. Psychoanalyse / 
Lenormand, Das Unbewußte im 
Drama / Alfred P o 1 g a r, Der Seelen- 
sucher / Pfister, Elternfohler In 
der Erziehung zur Sexualität und 
Liebe / Bernfeld, Bürger Machia- 
vell ist Unterrichtsminister gewor- 
den . . . / Stefan Zweig, Das Tage- 
buch eines halbwachs. Mädchens / 
Ferenczi, Begattung und Befruch- 
tung . Schilder, Selbstbeobach- 
tung u. Hypochondrie / K i e 1 h o 1 z, 
Erfinderwahn — usw. 



Älmanach 1 9 2 7 
In gelbem Ganzleinen 

M.4.- 

Aus dem Inhalt: 

Alfred Döblin, Lou Andreas- 
Salome, Prof. Bleuler, Stefan 
Zweig: Über Sigm. Freud/ Freud, 
Vergänglichkeit / Abraham, 
Psychoanalyse eines Hochstaplers ' 
Pfister, Die menschlichen Ki n i - 
gungabestrebungen im Lichte der 
Psychoanalyse/ K e 1 s e n, Der Staats- 
begriff In der Psychoanalyse / Qo m- 
p e r z, Sokrates u. die Handwerker ; 
Rank, Don Juan und Leporello / 
K i . I. 1 1. Das Liebesleben Ferdinand 
Lassallcs / Horney, Flucht aus der 
Weiblichkeit / SimmeL Doktor- 
splel, Kranksein und Arztberuf — 
usw. 



A unanaen 1928 

In grünem Ganzleinen 
M.3.— 

Aus dem Inhalt: 

Freud, Fetischismus /Witteis, 
Das Sakrament der Ehe 1 Reich, 
Die Spaltung der CleschlechUIchkelt 
und ihre Folgen für Ehe und Ge- 
sellschaft /Alexander, Spinoza 
u. die Psychoanalyse / Ferenczi, 
Über obszöne Worte / Do oh m, Zu 
Balzacs Liebesleben /Alexander, 
Masochistischer Transvestitlsmus 
als Selbstheilungsversuch / Born- 
feld, Der Irrtum des Pestalozzi / 
Landauer, Das Strafvollzugs- 
gesetz / Karen Horney, Die mono- 
game Forderung 1 Jones, Der 
Mantul als Symbol — usw. 



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