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Full text of "Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik III 1928 Sonderheft 2/3 "Nacktheit und Erziehung""

ZEITSCHRIFT FÜR PSYCHO- 
ANALYTISCHE PÄDAGOGIK 



III. Jahrg., H. 2/3 „Nackth^ir/Iiziehun«" Nov.-Dez. I928 



Entweder - Oder 

(Zur Frage des Sidi-Zeigens) 
Von Dr. med. Karl Landauer, Frankfurt a. M. 

Heft 10 des zweiten Jahrganges bringt folgende Frage eines Lesers: 
„Ist es ratsam, daß sich Ehern ihren kleinen Kindern unbekleidet zeigen? 
Oder besser nur die Mutter dem Mädchen, der Vater dem kleinen Sohne? 
Oder besser gar nicht!" Der Anfragende glaubt wohl, daß er erschöpfend 
gefragt hat, alle Möglichkeiten in seiner Frage angedeutet habe. Sehen 
wir uns darauf einmal die Erfahrungen der täglichen analytischen 
Praxis an : 

Jeder, der mit Neurotikern zu tun hat, wird sich an Fälle erinnern, 
wo Knaben (ich nehme sie als Beispiel) einen tiefen, lebensbestimmenden 
Eindruck aus dem Schauen nackter Eltern und namentlich ihrer Geschlechts- 
teile davongetragen haben. So sieht ein Kind das ihm übergroß erscheinende 
Genitale des Vaters und bewundert dessen Größe. Es wird ihm (natürlich 
muß dies nicht sein — die hier gebrachten Reaktionen sind 
nur Möglichkeiten) zum Exponenten seiner Schwäche und Minder- 
wenigkeit, seiner Unzulänglichkeit, jemals mit dem Vater, mit dem 
Erwachsenen, in Wettkampf zu treten. Es wiid ihm zur Bestätigung, daß 
es durch seine Selbstbefriedigung sich nicht wieder guizumachendes Unglück 
zugefügt hat, mit anderen Worten : das Betrachten des väterlichen Genitales 
wird ihm zur Bestätigung der Kastrationsdrohung. Aber wie gesagt: Der 
Knabe bewundert auch das Genitale des Vaters, dessen imponierende 
Größe. Und aus der Bewunderung erwächst in manchen Fällen der Wunsch, 
Liebesobjekt des Vaters zu werden, an der Mutter Stelle zu treten, Frau 
zu sein. Nicht gar selten nimmt die Homosexualität von einem derartigen 
Erlebnis ihren Ausgangspunkt. Zumal, da vor diesem gewaltigen Genitale 
eine Scheu und vor seiner schmutzigen Umgebung die Behaarung, 

namentlich wenn sie dunkel ist, wird oft von dem Kinde als Unsauberkeit 
empfunden — ein Ekel entstehen kann. So wie der Vater ist, will der 
Knabe nicht werden. 

Jt^ Zeitschrift f. i>sa. Päd., III/3/3 ^\ 4 

INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




Dasselbe gilt von der Betrachtung des Genitales der Mutter. Ein dauernder 
Ekel vor dem weiblichen Genitale und spätere Impotenz kann die Folge 
sein. Vor allem ist es aber auch der Anblick des weiblichen Genitales und 
speziell desjenigen der Mutter, der in dem Knaben die furchtbare Gewißheit 
aufkommen lassen kann, daß eine Kastration möglich ist. Bis zu dem 
Moment, da er ein penisloses Geschöpf sah, stellte er sich alle Menschen und 
besonders auch die Mutter mit einem Penis begabt vor. Der Hermaphrodit 
ist nicht nur ein Phantasieprodukt der griechischen Sage und anderer 
Mythologien, sondern spielt im Unbewußten fast jedes Menschen eine 
große Bolle, und erst vor kurzem hat Freud seine Bedeutung für das 
Zustandekommen des Fetischismus und der Homosexualität wieder betont. 
Da es keine Wesen ohne Penis gibt, so hat der kleine Knabe auch die 
Drohung, man könnte ihn seines Gliedes berauben, nicht ernstgenommen. 
Jetzt steht er vor der furchtbaren Gewißheit, daß Penislosigkeit möglich 
ist. Also kann auch er den Penis verlieren. Die Kastrationsdrohung mit 
all ihren schlimmen Folgen — sie ist eine notwendige Voraussetzung der 
Neurosen — wird durch den Anblick der penislosen Mutter wirksam, so 
sehr, daß man oft kurz sagen kann: der Anblick des weiblichen Genitales, 
namentlich des der Mutter, ist die Kastrationsdrohung. 

Da aber die Kastration für den Knaben die Folge einer Schuld ist, 
nämlich der Übertretung des Verbotes, an seinem Genitale zu spielen, so 
ist auch die Kastration der Mutter und überhaupt der Frau die Folge eines 
schuldhaften Vorgehens. Bei der Mutter doppelt schuldhaft, da sie von 
dem Knaben den Lustverzicht verlangt. Sie lügt also auch noch, wenn sie 
die Forderung aufstellt und so tut, wie wenn ihre Übertretung ekelhaft 
.sei, selbst aber das gleiche getan hat und vielleicht noch tut. Die Frau 
ist schlecht, alle Frauen sind minderwertig: das ist gar nicht selten das 
Besultat der Beaugenscheinigung des mütterlichen Genitales. . 

Auch die Besichtigung der sekundären Geschlechtsmerkmale der Mutter 
kann von üblen Folgen für den Knaben sein : Sehen wir ganz ab von der 
nur allzuleicht eintretenden Unfähigkeit, ein anderes Liebesobjekt zu 
erwerben, weil die Mutter so schön war, daß man nur sie will, oder 
umgekehrt, weil die Mutter so häßlich erschien, daß alle Flauen nun 
Ekel erwecken; zahllose Neurosen und Perveisionen nehmen vor hier 
ihren Ausgang. 

Also scheint es nach dem Gesagten klar, daß sich die Eltern ihren 
kleinen Kindern nicht unbekleidet zeigen dürfen, wollen sie nicht einen 
schweren, oft dauernden Schaden erzeugen. Und dies gilt sowohl für den 
gleichgeschlechtlichen wie den anderen Elternteil. Aber trotzdem ist die Frage 
falsch formuliert, wenn als die andere Möglichkeit gesagt wird: gar nicht. 
Denn diese zweiie Möglichkeit ist nicht so gar verschieden von der ersten: 
Zuvörderst ist sie praktisch gar nicht durchführbar. Kinder schleichen sich 
während des Umziehens der Eltern irgendwie in das Zimmer oder sehen 
diese während des Schlafes, da hiebei die Eltern sich oft ' in willkürlich 

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aufdecken. Gar nicht selten auch entblößen die Kinder die schlafenden Eltern. 
Diese müssen dazu nicht etwa berauscht sein, wie es die Sage von Noah 
berichtet. Eine sehr häufige Gelegenheit, die Eltern nackt zu sehen, sind 
auch Ausflüge, bei denen Eltern eine Notdurft verrichten. In nicht wenigen 
Analysen von mir spielen auch Landaufenthalte oder flüchtige Besuche in 
Städten, wo ein Hotelzimmer mit den Eltern geteilt wurde, eine Rolle. 
Auch das Bad gibt Gelegenheit, das sonst krampfhaft Verhüllte zu sehen. 
Diesen Ereignissen aber haftet dann für das Kind stets der Makel des 
Unerlaubten an. Schauen und gar darüber Lust empfinden wird zur Schuld. 
Das Schauen wird nun wichtig, mit einem Übermaß zwiespältiger Gefühle 
besetzt, wird überwertig. Auch kann das Schuldgefühl den Verdrängungs- 
mechanismus mit all seinen schlimmen Folgen in Gang setzen. 

Demgegenüber steht die dritte Möglichkeit, an die der Frager gar 
nicht gedacht zu haben scheint: Die Eltern brauchen sich weder aus- 
drücklich zu zeigen noch ausdrücklich das Schauen zu verwehren. Über- 
haupt kann das Schauen, speziell das Beschauen fremder oder auch des 
eigenen Genitales, als gleichgültige Angelegenheit hingenommen werden; 
und es wird wenigstens moralisch gleichgültig, da ja weder Gebot noch 
Verbot besteht. Natürlich können auch dann Schwierigkeiten erwachsen 
da ein ererbter Mechanismus der Scham zu existieren scheint. Wenn jedoch 
zwischen Eltern und Kindern das wünschenswerte Verhältnis besteht, daß 
diese ihre Gedanken frei aussprechen können, so gelingt es leicht, das 
Erlebnis zu erledigen, während es durch Nichtbesprechen oder gar dadurch, 
daß das Kind meint, seine Gedanken und sein Schautrieb seien sündhaft, 
in die größten Schwierigkeiten kommen kann. 

Dies Beispiel einer Frage scheint mir von prinzipieller Bedeutung: Nur 
zu leicht verfällt man in den Fehler, entweder — oder zu sagen, und ver- 
gißt, daß sowohl das Entweder wie das Oder von schlimmen Folgen sein 
kann und daß es deshalb beides zu vermeiden gilt, daß es außer dem Ent- 
weder und dem Oder oft noch andere Lösungsmöglichkeiten gibt, die vielleicht 
gerade die richtigen sind. Bei oberflächlicher Kenntnisnahme analytischer 
Erfahrung kommt man gar zu leicht dazu, über bisherige Erziehungs- 
maßnahmen den Stab zu brechen und ihr Gegenteil anzustreben, und ver- 
gißt dabei, daß die Gegensätze sich nirgends so berühren, wie gerade im 
Psychischen. Hat man dann aber mit dem gegenteiligen Verfahren die 
nämlichen Resuliate gesehen wie mit dem ursprünglichen, hat man also 
mit anderen Worten seine Kenntnis von der Vielgestaltigkeit des Lebens 
mit Hilfe der Psychoanalyse erweitert, so lernt man erst, richtige Fragen 
zu stellen, die Probleme da zu sehen, wo sie sind. Ob sie dann heute 
schon beantwortet werden können, wie es in diesem Falle möglich war, 
das ist eine weitere Frage. 

Die Art der Fragestellung führt uns zu dem, was ich wenigstens für 
die wesentlichste Erkenntnis, welche die Pädagogik von der Psychoanalyse 
gewinnen kann, halte: Frühere Erziehungslehren kannten feste Normen, 

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die ein für allemal gültig waren. Man hatte einen Katechismus. Der Erzieher 
wußte kraft der Tatsache, daß er Erzieher war, was in jedem Falle zu 
tun sei. Oder wenigstens glaubte er, daß er dies wissen müsse, und daß es 
eine Schande sei, daß er es in dem oder jenem Fall nicht wüßte. Um 
seine Autorität nicht zu gefährden, mußte er wenigstens so tun, wie wenn 
er alles wüßte. So entstand in ihm, als er noch Kind war, der Begriff 
des Erwachsenen. Und so übertrug er seinem Zögling diesen kindlichen 
Begriff des Erwachsenen. Die Folge davon war, daß das Kind sich nicht 
zu denken getraute und auch dann sich nicht zu denken getraut, wenn 
es nunmehr Erwachsener, Erzieher geworden ist. Es glaubt wiederum, 
ohne einen Katechismus nicht auskommen zu können, diesmal für seine 
Zöglinge. Die Psychoanalyse deckt im Erzieher seine ganze Kindlichkeit 
auf, vor allem aber auch die so erfreuliche Neugier für die Ereignisse 
der Außenwelt und die Fähigkeit, sich ihnen ständig neu anzupassen. 
Wenn sich der Frager gestattet, auch dem Kinde gegenüber gestattet, 
unwissend zu sein und durch das Kind über die Reaktionsmöglichkeiten 
belehrt zu werden, so wird er und das Kind sich sehr viel Leid ersparen 
und viel Freude gewinnen. 



Wohin führt die Nackterziehung? 

Von Wilhelm Reich (Wien) 



Die Krisenhaftigkeit der heutigen Erziehung im allgemeinen und der 
Sexualerziehung im besonderen hat auch die Frage in den Vordergrund 
gerückt, ob man die Kinder an den Anblick des nackten menschlichen 
Körpers, genau gesprochen, der menschlichen Genitalien, gewöhnen soll 
oder nicht. Zwar ist man sich darüber einig, — zumindest in Kreisen, die 
nicht allzu unmittelbar unter dem Einfluß der Kirche stehen, — daß das 
sexuelle Heimlichtun unendlich mehr schadet als nützt; zwar besteht auch 
der redliche und energische Wille, die trostlosen Zustände in der Erziehung 
zu beheben, aber es existieren zweifellos auch schwere Widersprüche und 
Hemmnisse innerhalb der Gruppe der Erziehungsreformer, an denen, wie 
mir scheint, zweierlei Gründe deutlich zu unterscheiden sind: solche sub- 
jektiver (individueller) und solche gesellschaftlicher Natur. Der Aufforderung, 
als psychoanalytischer Arzt einen Beitrag zum Problem der Nackterziehung 
zu liefern, glaube ich am besten zu entsprechen, wenn ich mich auf die 
Diskussion einiger grundsätzlicher Schwierigkeiten beschränke, die sich 
schon mit der Aufstellung des Zieles „Nackterziehung" ergeben. 

Zunächst die individuellen Schwierigkeiten. Die Freudsche Trieb- 

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lehre, die durch Erforschung der kindlichen Sexualität sich ergeben hat, 
behauptet, daß der Sexualtrieb in der Kindheit in eine Reihe von 
sogenannten Partialtrieben zerfällt, die zwar miteinander verbunden sind 
und in ihrer Stärke von den Schicksalen der einzelnen Triebe abhängen, 
aber dennoch jeder für sich nach Befriedigung streben. Unter diesen 
Partialtrieben kennt man besonders gut auch den Schautrieb und die 
Zeigelust, deren Triebziel das Betrachten, bzw. das Zeigen erotisch betonter 
Körperteile, insbesondere der Geschlechtsorgane, ist. Dieser Trieb pflegt 
unter den Erziehungsbedingungen, wie sie heute fast durchwegs gegeben 
sind, sehr bald der Unterdrückung zum Opfer zu fallen. Das Kind macht 
rasch die Erfahrung, daß es weder seine Geschlechtsorgane zur Schau 
stellen noch die von anderen Personen betrachten darf, und entwickelt 
daraus zweierlei Empfindungen: Erstens die, etwas streng Verpöntes zu 
tun, wenn es seinem Verlangen dennoch nachgibt, wobei es Schuldgefühle 
produziert; zweitens bekommt mit den verhüllten und tabuierten Genitalien 
alles Sexuelle einen mystischen Charakter, und dementsprechend verwandelt 
sich die ursprünglich natürliche Schaulust in lüsterne Neugierde. Um sich 
dem Konflikt zwischen Schaulust und Schauverbot zu entziehen, muß das 
Kind den Antrieb verdrängen. Je nach dem Umfang und dem Grad der 
Verdrängung wird entweder die Scheu und Schamhaftigkeit oder die 
Lüsternheit stärker entwickelt. Gewöhnlich bestehen beide nebeneinander, 
wodurch an die Stelle des alten ein neuer Konflikt tritt. Für die weitere 
Entwicklung gibt es zwei extreme Möglichkeiten: Entweder das Entstehen 
einer Schädigung des Liebeslebens und neurotischer Symptome durch 
Beibehalten der Verdrängung der Zeigelust oder aber Entstehen einer 
Perversion, des Exhibitionismus. Welcher von den beiden möglichen Aus- 
gängen sich ergibt, läßt sich nie mit Sicherheit voraussagen. Die Entwicklung 
einer weder das soziale Sein noch das subjektive Befinden stöi enden 
Sexualstruktur aus der sexualverneinenden Erziehung ist fast nur Sache 
des Zufalls und des Zusammenspiels vieler anderer Faktoren, wie Schick- 
sale der Pubertät, Lösung von der elterlichen und teilweise Übeiwindung 
der gesellschaftlichen Autorität, vor allem aber die Findung eines Weges 
zu einem gesunden Geschlechtsleben. 

Wir sehen also: Die Unterdrückung der Schau- und Zeigelust führt zu 
Resultaten, die kein Erzieher für wünschenswert halten kann. 

Die bisherige Sexualerziehung geht durchwegs von negativen Wertungen 
der Sexualität und von ethischen, nicht hygienischen Argumenten aus. 
Ihr Ergebnis sind Neurosen und Perversionen. Die Nackterziehung ver- 
neinen, heißt implizite der üblichen Sexualerziehung beistimmen, denn 
jene ist von dieser nicht getrennt zu behandeln. Die Nackterziehung hin- 
gegen bejahen und im übrigen die Sexualeiziehung und die Eiziehungs- 
ziele unangetastet lassen, hieße einen Widerspruch setzen, der von vorn- 
herein jeden praktischen Versuch entweder illusorisch machen oder aber 
den Zögling in noch schwierigere Situationen bringen würde. Ein Kompromiß 

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aber auf dem Gebiete der Sexualerziehung ist aus der dem Sexualtrieb 
immanenten Gesetzmäßigkeit kaum möglich. Daß man, ehe man die Frage 
der Nackterziehung überhaupt stellt, sich zunächst eindeutig für Sexual- 
bejahung oder Sexualverneinung, gegen die herrschende Sexualmoral oder 
für sie entscheidet, daß man zumindest erkennt, daß ohne eine derartige 
Klarheit über die eigene Stellung zur Sexualfrage jede Diskussion frucht- 
los wird, ist die Voraussetzung für eine Verständigung in diesen Dingen. 
Wohin aber eine solche Klärung der Voraussetzungen führt, soll hier 
gezeigt werden. 

Wir nehmen also an, daß wir die sexualverneinende Erziehung wegen 
der gesundheitlichen Gefahren ablehnen, uns also für das Gegenteil, die 
sexualbejahende Erziehung, entscheiden. Man wird dann vielleicht sagen, 
das sei gar nicht so gefährlich, man erkenne den Wert der Sexualität an 
und müsse nur die Sublimierung der Sexualität fördern. Darum handelt 
es sich hier aber gar nicht. Nicht um die Sublimierung geht es, sondern 
um die ganz konkrete Frage, ob die Geschlechter ihre Scheu, die Genitalien 
und die übrigen erotisch betonten Körperstellen zu entblößen, verlieren 
sollen oder nicht; noch konkreter, ob Erzieher und Zöglinge, Eltern und 
Kinder, Badende und Spielende nackt oder in Schwimm ge wändern vor 
einander erscheinen sollen, ob das Nacktsein zur Selbstverständlichkeit 
, werden soll. Wer die Selbstverständlichkeit des Nacktseins beim Baden, 
Spielen usw. bedingungslos anerkennt, — und eine bedingte Bejahung hat 
ihren Platz nur in den derzeit immer gehäufter auftretenden Vereinen 
für Nacktkultur, — wer also nicht Inseln in der gesellschaftlichen Moral, 
sondern Allgemeinheit der Nackterziehung erstrebt, wird die Beziehung 
der Nacktheit zum übrigen Sexualleben prüfen und sich entscheiden 
müssen, ob auch die Konsequenzen solcher Bestrebungen — sehen wir zu- 
nächst von ihrer Durchführbarkeit ab — in der Bichtung seiner Absichten 
liegen. 

Die psychoanalytische Erfahrung lehrt, daß Sexualunterdrückung krank, 
pervers oder lüstern macht. Erfahrungen über eine gegenteilige Erziehung 
liegen nicht vor. Aber versuchen wir, die Bedingungen und Folgen einer 
sexual bejahenden Erziehung zu erraten. Zeigt man dem Kinde gegenüber 
keine Scham hinsichtlich der Genitalien, so wird es zwar keine Schüchtern- 
heit und Lüsternheit produzieren, es wird aber sicher, nachdem seine 
sexuelle Neugierde befriedigt und daher herabgesetzt wurde, auch seine 
sexuelle Wißbegierde befriedigt haben wollen. Man wird ihm das schwer 
abschlagen können, denn sonst würde ein weit schwererer Konflikt gesetzt, 
und das Kind hätte weit mehr Mühe, zu verdrängen. Überdies bestünde 
die Gefahr der Perversion in höherem Maße. Man dürfte dann natürlich 
auch nichts gegen die Onanie einzuwenden haben — die man ja längst 
in der Analyse als harmlos erkannt hat — und dem Kinde könnte dann 
auch der Vorgang der Zeugung nicht unerklärt bleiben. Um die Forderung 
des Kindes, diesen Vorgang auch zu sehen, könnte man sich herumdrücken, 

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wenn die Beziehungen so sind, daß man das Kind leiten kann. Das würde 
aber zweifellos bereits eine Einschränkung der Sexualbejahung bedeuten, 
denn was könnte man einem zynischen Sexualethiker erwidern, der nun 
fragte, warum denn das Kind den Geschlechtsverkehr nicht sehen sollte. 
Belauscht habe ihn ja fast jedes Kind, auch der bestsituierten Familie, 
wie die analytische Erfahrung behauptet, also warum nicht auch sehen 
dürfen? Und in besondere Verlegenheit könnte uns unser Sexualethiker 
▼ersetzen, wenn ihm die Frage einfiele, was denn gegen das Mitansehen 
des Aktes vom Standpunkt des Kindes, das diesen Vorgang oft auf der 
Straße zwischen Hunden sich abspielen sehen kann, einzuwenden wäre, 
wenn man es folgerichtig auch darüber aufgeklärt hat. Wir müßten dann, 
hätten wir den Mut, ehrlich zu sein, bekennen, daß wir ein Argument 
dagegen nicht anzuführen wissen, es sei denn ein ethisches — was ja 
wieder die Position unseres Gegners der Nackterziehung stärken würde, 
oder wir brächten den Heroismus auf, zuzugeben, daß wir ja gar nicht 
im Interesse des Kindes, sondern in dem unseres Strebens nach ungestörter 
Lust handeln, wenn wir es nicht zusehen lassen wollen. So in die Enge 
getrieben, bliebe uns nur die Alternative, entweder uns wieder zur Sexual- 
ethik — die ja notwendigerweise immer sexualverneinend sein muß weil 
eine sexualbejahende Ethik nicht prinzipiell aber de facto eine contradictio 
in adjecto ist — zu bekehren, oder aber an die heikelste aller Fragen, 
die nach der Stellung zum Geschlechtsverkehr, heranzutreten. Wenn wir 
uns aber dazu entschließen, müßten wir uns dessen vergewissern, daß die 
Staatsanwaltschaft nichts davon erfährt, die dann unweigerlich den 
Sittlichkeitsparagraphen in Anwendung brächte. 

Wer nun behaupten will, daß wir übertreiben, den bitten wir, ein 
Stück weit noch mit uns zu gehen, um sich zu überzeugen, daß die 
Nackterziehung — sachlich und sinnvoll durchgeführt — vorläufig Erzieher 
und Zögling in den Kerker führt. 

Nehmen wir, eine Konzession machend, an, wir hätten das Kind in 
unserem geschlechtlichen Interesse davon abgebracht, den Geschlechtsakt 
mitansehen zu wollen, so würden wir uns in unlösbare Widersprüche ver- 
wickeln und alles, was wir begonnen und mühselig erarbeitet haben, 
sofort über Bord werfen, wenn wir auf die unausweichliche Frage des Kindes, 
wann es dasselbe werde machen können, nicht eine strikte und der 
Wahrheit entsprechende Antwort gäben. Es hat ja erfahren, daß die Kinder 
im Leibe der Mutter wachsen, hat auch sehr gut verstanden, daß zu 
diesem Zwecke der Vater sein Lulu oder Wipfi in das Locherl der Mutter 
gesteckt hat. und wenn die Eltern mutig waren, haben sie ihm auch 
mitgeteilt, daß das „gut ist", so wie wenn es mit seinem Lulu spielt. 
(Man vergesse nicht, daß wir sinnvoll, das heißt konsequent, und nicht 
sinnlos handeln wollen, wenn wir aufklären!) Wenn es das aber weiß, 
dann werden wir es vielleicht nur für kurze Zeit aufs „Großsein" ver- 
trösten können ; kommt es in die Pubertät, treten geschlechtliche Erregungen, 



Erektionen, Samenergüsse, bzw. Menstruation auf, so wird es sicher den 
Wechsel einfordern, den man ihm in der Kindheit ausgestellt hat. Wollten 
wir dann hinauszuschieben trachten, so träte unser Sexualethiker, der uns 
unbedingt ad absurdum führen will und dem das sehr gut gelingt, auf 
mit der folgerichtigen Frage, die nur ironisch klingen würde, was wir 
denn gegen den Geschlechtsakt in der Zeit der Sexualreife einzuwenden 
hätten. Er wird sich mit gutem Recht darauf berufen, daß im Industrie- 
proletariat, soweit es nicht von kirchlicher und bürgerlicher Moral durch- 
drungen ist, und in der Bauernschaft der Beginn des Geschlechtslebens 
mit der vollen Sexualreife, also etwa im 15. oder 16. Lebensjahr, zu den 
Selbstverständlichkeiten gehört. Wir werden uns zweifellos bei dem Ge- 
danken, daß unsere Söhne und Töchter mit 15 oder 16 Jahren, vielleicht 
sogar schon früher, auf dem Recht ihres natürlichen Sexualverlangens 
beharren könnten, peinlich berührt fühlen und werden nach einigem Zögern 
der Verlegenheit nach Argumenten für eine nicht sehr aussichtsreiche 
Position suchen. Es wird uns etwa das Argument der „kulturellen Subli- 
mierung einfallen: Askese in der Pubertät sei notwendig für die geistige 
Entwicklung. Man werde halt die Jugend (die bisher in zwangloser 
Körperlichkeit aufgewachsen ist!) vernünftig zu beeinflussen trachten, ihnen 
die Enthaltsamkeit „eine Zeitlang" in ihrem eigenen Interesse empfehlen. 
Unser hoshafter und gut orientierter Sexualeihiker wird aber zwei Argumente 
ins Feld führen, denen wir nicht mehr gewachsen sein werden. Erstens, 
das mit der Askese stimme nicht, denn es gäbe Sexuologen und Analytiker, 
die ernstlich behaupten, daß fast 100 Prozent aller Puberilen onanieren, 
und er könne den prinzipiellen Unterschied zwischen Sexualakt und Onanie 
nicht sehen. Im Gegenteil, die Onanie erledige nicht nur die sexuelle 
Spannung unter gewöhnlichen Bedingungen genau so wie der Sexualakt, 
sie sei sogar mit unendlich mehr Konflikten verknüpft als dieser, also 
sicher noch störender. Zweitens, — wird er im Anschluß daran mit Recht 
einwenden, — wenn die Behauptung über die Ubiquität der Onanie richtig 
sei, so könne auch die These von der Notwendigkeit der Askese für die 
geistige Entwicklung nicht stimmen. Er habe auch einen Analytiker 
behaupten gehört, daß nicht die Onanie, sondern im Gegenteil ihr Aus- 
bleiben in der Kindheit und Pubertät ein schwer pathologisches Zeichen 
sei, und daß man noch nicht habe feststellen können, daß die asketisch 
lebenden Puberilen auf die Dauer auch die geistig regsameren wären, ja 
das Gegenteil hievon, so behaupten einige, sei wahr. Uns könnte bei dieser 
Gelegenheit sogar einfallen, daß Freud einmal die allgemeine geistige 
Inferiorität der Frauen auf ihre größere sexuelle Denkhemmung zurück- 
geführt und ebenso behauptet hat. daß das sexuelle Leben vorbildlich sei 
auch für die soziale Leistung. Den blitzartigen Gedanken, daß Freud 
geirrt haben könnte, werden wir aufgeben, wenn wir auf unsere analytische 
Praxis zurückblicken, die keinen Zweifel darüber läßt, daß nicht die be- 
friedigte, sondern die unbefriedigte Sexualität die geistige Leistung stört. 

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Und auf die paar schlechten Gedichte, die bei Askese gelegentlich entstehen, 
kommt es doch nicht an. 

Nunmehr intellektuell überzeugt, werden wir uns auf die Motive unserer 
haltlosen Argumentation besinnen und dabei allerlei interessante und für 
uns nicht sehr angenehme Tendenzen finden, Tendenzen, die zu unserer 
Überraschung gar nicht recht zu unseren Nackterziehungsbestrebungen 
passen wollen. Unser Argument von der geistigen Entwicklung wird sich 
als Rationalisierung einer unbewußten Scheu entpuppen, der Sexualität 
ihren natürlichen Lauf zu lassen. Das werden wir unserem Ethiker wohl- 
weislich verschweigen, ihm aber aufrichtig die Nichtigkeit unserer Argumente 
zugeben und ein ernsteres vorbringen. Was soll denn mit den Kindern 
geschehen, die diesen ersten Verbindungen entstammen werden? Es bestehe 
doch keinerlei wirtschaftliche Möglichkeit, sie aufzuziehen. Verwundert 
wird unser Gegner fragen, warum wir denn nicht alle Schulkinder in der 
Pubertät über den Präventivverkehr aufklären wollen. Eine Vision des 
Kuppeleiparagraphen wird uns wieder auf den Boden der Wirklichkeit, der 
gesellschaftlichen Realität, stellen. Dabei wird uns noch allerhand einfallen, 
wie daß wir zum Beispiel mit unseren Bestrebungen der Nackterziehung, 
sexuellen Aufklärung — nicht über die Befruchtung der Blumen, sondern 
der Menschen! — und anderen schönen Dingen mehr, einen Stein 
nach dem anderen aus dem ganzen Gebäude der bürgerlichen Moral zu ziehen 
im Begriffe sind, daß dann das Ideal der unberührt in die Ehe tretenden 
Jungfrau ebenso seinen Halt verliert wie das der Dauermonogamie und 
mit diesem das der Ehe überhaupt. Denn daß Menschen, die eine ernst- 
zunehmende, kompromißlose, wissenschaftlich fundierte, das heißt wahre 
Sexualerziehung genossen haben, sich dem Zwang der heute herrschenden 
Sitte und Moral fügen, wird kein Vernünftiger behaupten wollen. 

Triumphierend wird unser Ethiker, der uns dorthin gebracht hat, wo 
er uns haben wollte, fragen, ob wir denn glauben, daß sich irgendeine 
der Forderungen, die sich aus dem ersten ernsten Ansatz, der aufrichtigen 
Sexualerziehung, automatisch ergeben und innerhalb weniger Jahre ergeben 
werden, in der bestehenden Gesellschaft wird durchsetzen lassen, ja ob wir 
selbst uns Rechenschaft darüber gegeben haben, ob wir das alles auch für 
wünschenswert halten. Er wird wieder mit vollem Recht hinzufügen, er 
habe uns nur beweisen wollen, daß man alles lassen müsse wie bisher, 
die sexualverneinende Erziehung, die Sexualverdrängung, die Neurosen, die 
Perversionen, die Prostitution und die Geschlechtskrankheiten, wenn man, 
wie er von uns erwarte, die hohen Güter der Ehe, der Keuschheit, der 
Familie und die bürgerliche Gesellschaft unangetastet lassen will. Mancher 
Nacktheitsfanatiker wird darauf die Flucht ergreifen, und — er wird ehrlicher 
und bewußter handeln, rascher seinen wahren Standpunkt begriffen haben, 
als derjenige, welcher, um das Gefühl seiner Fortschrittlichkeit nicht zu 
verlieren, sich auf die Behauptung versteifen wird, das alles sei ja über- 
trieben, die Nackterziehung könne gar nicht solche Wirkungen haben, sie 

-49 — 







■ 



sei gar nicht so bedeutungsvoll. Jetzt fragen aber wir: Wozu dann überhaupt 
die Anstrengung? 

Das einzelne Elternpaar wird die Erziehung seiner Kinder nach seinem 
Geschmacke und seiner Überzeugung einrichten können. Die Eltern werden 
sich dabei bewußt sein müssen, daß sie bei konsequenter, wissenschaftlich 
gegründeter Sexualerziehung auf vieles werden verzichten müssen, was sonst 
Eltern an ihren Kindern hoch einzuschätzen pflegen, etwa Anhänglichkeit 
an die Familie lange über die Pubertät hinaus, ein nach den heutigen 
Begriffen „anständiges" Sexualleben der Kinder, Einflußnahme auf die 
lebenswichtigen Entscheidungen, nach bürgerlichen Begriffen gute Verheiratung 
der Töchter und anderes mehr. Die wenigen Eltern, die ihrer Überzeugung 
nach handeln und erziehen werden, verschwinden völlig in der Masse, 
haben vor allem keinen gesellschaftlichen Einfluß. Sie werden aber auch 
daran denken müssen, daß sie ihre Kinder schweren Konflikten mit der 
bestehenden Gesellschaftsordnung und -moral aussetzen, wenn auch viel- 
leicht neurotische Konflikte dadurch erspart werden. Wer aber, mit dieser 
Gesellschaft unzufrieden, glaubt, durch Wirkung in großem Maßstabe, etwa 
in Schulen, am Bestehenden rütteln zu können, wird bald zu spüren 
bekommen, daß ihm entweder durch Entzug seiner Existenzbedingungen 
oder durch weit schärfere Maßnahmen (Psychiatrie oder Kerker) die Möglich- 
keit genommen werden kann, mit uns darüber zu diskutieren, ob seine 
Methode, die Gesellschaft zu ändern, auch die passende ist. Wir brauchen 
hier keine Beweise dafür anzuführen, daß die Gesellschaftsschichte, die am 
Bestehen der gegenwärtigen Ordnung materiell interessiert ist, wohl solche 
reformerische Bestrebungen duldet, ja fördert, die unwichtige Spielereien 
sind, daß sie aber sofort brutal wird und die ihr reichlich zu Gebote 
stehenden Mittel der Verhinderung anwendet, sobald es sich um ernste 
Absichten handelt, am Bestand ihrer materiellen und der dazugehörigen 
ideellen Werte zu rütteln. 

Die Nacktheitserziehung und mit ihr die gesamte Sexualerziehung sind 
meiner Überzeugung nach ungemein ernste und weit folgenschwerere 
Probleme, als die meisten Sexualreformer wähnen. Und eben deshalb geht 
es auf diesem Gebiete gar nicht vorwärts, trotz aller Erkenntnisse und 
Mittel, die uns die Freudsche Sexualforschung und Kinderpsychologie zur 
Verfügung gestellt hat. Wir haben mit einem machtvollen gesellschaftlichen 
Apparat zu kämpfen, der vorläufig passive Resistenz leistet und bei der 
ersten ernsten Bestrebung unsererseits zur aktiven Resistenz übergehen wird. 
Und alles Zögern und Vorsichtigsein, alle Unentschiedenheit und Neigung zu 
Kompromissen in Fragen der Sexualerziehung läßt sich nicht nur auf die 
eigenen Sexualverdrängungen, sondern unbeschadet der Ehrlichkeit der 
pädagogischen Bemühungen auf die Scheu zurückführen, mit dem bürger- 
lichen Staatsapparat in ernsten Konflikt zu geraten. 



-50- 



„Nackte" Tatsächlidikeiten 

Von Hans Z uliiger, Ittigen (Bern) 

Antwort auf Frage Nr. 10 in Heft 10 des vorigen Jahrganges. 
Sie lautete: „Ist es ratsam, daß sich Eltern ihren Kindern unbe- 
kleidet zeigen ? Oder besser nur die Mutter dem Mädchen, der 
Vater dem kleinen Sohn? Oder besser gar nicht?" 

Die Frage, ob sich die Eltern ihren Kindern nackt zeigen dürfen, wird 
im Zeitalter der Nacktkultur in Erziehungsberatungsf allen von gewissen- 
haften Vätern und Müttern nicht selten gestellt. 

Häufig ist jedoch die Frage anders als rein sachlich begründet. Vom 
psychoanalytisch orientierten Fachmann wird erwartet, daß er 
selbstverständlich aussage, das Sichnacktzeigen der Erwachsenen vor den 
Kindern habe nicht nur keinen schädigenden Einfluß, es sei eher dazu 
anzuraten aus Gründen der „Natürlichkeit". Man sucht einfach — 
gewöhnlich in einem Streitfalle mit einem Partner, der in den meisten 
Fällen der anders meinende Gatte oder die gegenteilig urteilende Gattin ist 
- — Bestätigung, und man erhofft von dem heimlich oder unheimlich 
als „Pansexualist" verschrienen Psychoanalytiker entsprechende „wissen- 
schaftliche" Beweisführung als Unterlage seiner eigenen, weniger wissen- 
schaftlichen und mehr affektiv bestimmten oder begründeten Ansicht. 

Daß hinter einer, wenn auch pseudowissenschaftlich oder mit den 
Leit- und Grundsätzen einer „Bewegung" unterlegten, positiven Einstellung 
zur Nacktkultur vor den Kindern affektive Motive versteckt sind, das zeigt 
sich einem jeden dann, wenn er nicht ohne weiteres auf die „lebens- 
reformerischen" Ansichten des jungen Ehemannes und Vaters X. oder 
seiner Gattin begeistert eingeht, sondern seine Bedenken äußert. 

Das Sichnacktzeigen vor den Kindern wird dann in einer Art verteidigt, 
daß man bald merkt, man hat ein Glaubensbekenntnis in Zweifel 
gesetzt oder verletzt. Und um nicht einen Kulturkampf heraufzubeschwören 
einesteils, andernteils, weil man vielleicht vorläufig noch nichts 
Abschließendes aussagen kann, ist man geneigt, den Fragern mit einem 
Achselzucken auszuweichen und zu sagen: „Es tut mir leid, ich kann 
Ihnen kein Urteil abgeben!" Man denkt dabei wie jener Friedrich, den 
die Welt den Großen nannte: „Es soll jeder nach seiner Fasson selig 
werden I 

Es kommt natürlich auch vor, daß man um Rat gefragt wird von 
Leuten, die von einem Pädagogen ohne weiteres erwarten, er sei 
gegen das Sichnacktzeigen — aber auch dann handelt es sich bei den 
Fragern weniger um intellektuelle Einsicht als um einen Glauben mit 
affektiver Tönung. 

Meine Ansicht jedoch geht dahin, man müsse die ganze Frage ohne 
gefühlsmäßige (unbewußte) Lenkung, also objektiv, gestützt auf 

- 51 - 



Beobachtung und Entwicklungsgeschichte der Mensch- 
heit, zu erledigen suchen. 

Wir wollen uns auf Tatsächlichkeiten stützen und daraus die 
Frage sachlich beantworten. 

II 

Ich habe oben gestanden, daß ich vorläufig nichts Abschließendes zu 
der Frage des Sichnacktzeigens vor den Kindern aussagen könne. Leider 
hat mir bis heute die Gelegenheit gefehlt, Rinder von prinzipiellen 
Anhängern der Nacktkultur in die Analyse zu bekommen, wobei ich 
genau hätte feststellen können, wie die Nacktheit der Eltern auf deren 
Nachwuchs seelisch eingewirkt hat. Abschließendes wäre aber auch dann 
nicht zu sagen, wenn man zehn oder ein Dutzend solcher Kinder hätte 
beobachten können, denn mir scheint, um einen wirklich unzweifelhaften 
und genügend fundierten wissenschaftlichen Lehrsatz aufzustellen, müßte 
man über ein weitschichtigeres statistisches Material verfügen können. 

Wenn ich feststelle, daß ich noch keine Gelegenheit gehabt habe, 
solche Kinder zu analysieren oder sonstwie eingehend zu beobachten, so 
liegt der Grund darin, daß die Bewegung in der Schweiz noch sehr jung 
ist und vorläufig noch keinen weiten Boden besitzt. — Ich habe (auch 
vorläufig) keinen Grund, anzunehmen, daß solche Kinder weniger neurotisch 
sind oder weniger mißraten als andere Kinder. Und wenn es sich heraus- 
stellen sollte, daß es jenen Kindern besser geht als den anderen, dann ist 
wohl weniger die Tatsache daran schuld, daß sie ihre Eltern von klein 
auf nackt sehen konnten, als die allgemein freiere Auffassung der 
Erziehung, wie sie bei den Anhängern der Nacktkultur im allgemeinen 
vorherrscht. 

III 

Hier möchte ich einige kurze Berichte aus Analysen folgen lassen, die 
die Frage des Sichnacktzeigens vor den Kindern streifen. 

1) Ein vierundeinhalbjähriger Junge aus einer gutsituierten Beaintenfamilie, 
mittleres Kind zwischen zwei Mädchen, hatte die Unart, wenn erwach- 
sener weiblicher Besuch ins Haus kam, diesem nach kurzen Anbiederungs- 
präliminarien kurzerhand die Röcke aufzuschlagen und ganz energische 
Untersuchungen nach der Gegend der Geschlechtsteile zu beginnen. Die 
Eltern sind verzweifelt: „Wem schlägt er nach?" — „Frühpervers!" „Wenn 
er ,es' nur verwächst, Ogottogottogott ! u 

Als der Junge etwa zwei bis drei Jahre alt gewesen war wurden oft 
Sonntagsspaziergänge an einen nahen See gemacht. Dabei kam es einigemal 
vor, daß die Eltern mit ihren Kindern nackt badeten. Schon damals ver- 
wunderte man sich über das Interesse, das der Junge den Genitalien der Mutter 
entgegenbrachte, während er sich — jedenfalls scheinbar — derjenigen des 
Vaters weniger achtete. Die Mutter wehrte damals die Aggressionen des „noch 
unschuldigen Kindes" lachend ab, der Vater erlaubte sich eine witzige 

-52 - 



Bemerkung: „Der kann gut werden! und man schenkte der Sache keine 
weitere Beachtung. 

Als dann der Junge seine Untersuchungen an bekleideten erwachsenen 
Damen begann, — es war etwa ein Jahr später, — da versuchte man es 
erschrocken mit Zuspruch und einer Reihe von immer härter werdenden 
Strafen, die alle nichts fruchteten. Zuletzt entschloß man sich, Hilfe von 
dritter Seite zu suchen. 

Es stellte sich heraus, daß der Junge, der den Geschlechtsunterschied bei 
seinen Schwesterchen wohl hatte beobachten können, beim Anblick der 
mütterlichen Geschlechtsteile sehr erschrocken war, denn — er fand sie 
nicht. Er vermutete, die Mutter besitze nur Haare, und sagte sich, sie müsse 
doch eine Öffnung besitzen, woraus sie den Harn lasse. Bei ihm hatte der 
Anblick der nackten Mutter die Geschlechtsneugierde, die er vorher in weit 
harmloseren Spielen bei den Schwestern befriedigt hatte, unmäßig verstärkt. 

2) Eine Achtjährige, Töchterchen eines Werkstattleiters, erregte in der 
Schule einen argen Skandal. Sie hatte es auf raffinierteste Weise verstanden, 
ältere Jungen an abgelegene Orte zu locken, ihnen dort ihre Geschlechts- 
teile zu zeigen, sie hatte sich diese befühlen lassen und dann von den Buben 
verlangt, sie müßten nun ihre Genitalien auch hervornehmen und diese von 
ihr betasten lassen. Sie wurde einst bei einer solchen Unternehmung von der 
Abwartfrau auf dem Schulabort erwischt. Eine Untersuchung ergab, daß sie 
eine ganze Anzahl von Jungen „verführt hatte. Nachdem sie an ihnen ihre 
Neugier befriedigt hatte, sagte sie ihnen: „Das ist nichts, du hast nur 
einen ganz windigen (= nichtsnutzigen, kleinen) Penis, weißt du, 
ich habe dem Papa seinen gesehen, der ist so groß wie 
eine Wurst!" 

Der Vater war mit seinem Töchterchen baden gegangen und hatte sich 
dabei „zu wenig in acht genommen", als er sich auszog, wie er sagte. 

Das Töchterchen, das in seinen Vater sehr verliebt war, befriedigt seine 
(eigentlich inzestuösen) sexuellen Wünsche auf eine Art, die seiner Altersstufe 
entsprach, an fremden Sexualobjekten, die es nachträglich entwertete. 

3) Ein fünfjähriger Sohn eines städtischen Lebensmittelhändlers zeigt seit 
langer Zeit die Unart, daß er, wenn er sich nicht beobachtet fühlt, an 
seinem Gliedchen zerrt. Oft nimmt er es hervor und reißt daran, manchmal 
aber ergreift er es, indem er die Hände in die Hosentaschen steckt. Der 
Vater hat etwas über Onanie gelesen und ist erschrocken. Strafen fruchteten 
nichts. 

Der Junge hat als kleiner Bub den Vater im Schlafzimmer beim Anziehen 
beobachtet. Des Vaters Penis kam ihm groß und lang vor. Der Junge wollte 
einen Penis haben wie der Vater, und stellte sich vor, sein Glied wachse, 
wenn er dran reiße. 

Diese Vorstellung war nicht ganz unbegründet. Denn die Reizung durch 
das Reißen bewirkte eine Art Erektion, das Gliedchen wurde wirklich dicker 
und länger. Der Junge hatte dies beobachtet, das verstärkte seine Lust zum 
Onanieren. 

Der Grund zu seiner Onanie war also der Anblick des väterlichen Genitales 
gewesen, das im Jungen einen „Penisneid" erweckt hatte — ein Minder- 
wertigkeitsgefühl, das er dadurch ausgleichen wollte, indem er dafür sorgte, 

- 53 - 



daß sein eigener Penis auch so groß und mächtig werde, wie derjenige des 
Vaters. 

4) Die zwölfjährige Tochter eines Fabrikarbeiters wurde kurz vor dem 
Eintritt ihrer ersten Menses kleptoman. Sie stahl Bleistifte, Federhalter 
Federn, Nadeln, Stecknadeln, Messer. 

Aus einer ziemlich langwierigen Analyse sei nur soviel mitgeteilt, daß 
sich das krankhafte Wesen des Mädchens nicht, wie man vorerst glaubte 
irgendwie auf Vererbung aufbaute, sondern auf den Penisneid des Kindes! 
Dieses war während seiner ersten sechs Lebensjahre im elterlichen Schlaf- 
zimmer untergebracht gewesen, — die Familie konnte sich keine komfortablere 
Wohnung leisten, um ein Kinderschlafzimmer einzurichten, — es hatte den 
Koitus belauscht und die Geschlechtsteile seines Vaters gesehen. Den 
Geschlechtsverkehr deutete es sich als einen Gewaltakt des Vaters gegenüber 
der Mutter; zu dieser Deutung trugen die Beobachtung von Blutflecken 
in den Leintüchern und das Auffinden von blutbeschmutzter Wäsche der 
Mutter bei. 

Das Mädchen identifizierte sich mit seinem Vater und stahl sich Penis- 
symbole. Natürlich war es sich über die Symbolik seines Zwangsstehlens 
nicht bewußt. Dieses bedeutet außerdem eine Schutzmaßnahme, die weniger 
plastisch zu erklären ist, und demjenigen wohl als unwahrscheinlich erscheinen 
muß, der noch nie einen ähnlichen Fall untersuchen konnte. Das Töchterchen 
fühlte sich, indem es sich mit dem Vater identifizierte (der im Ehebett der 
Mutter Verletzungen beibrachte — laut der Phantasie des Mädchens), versucht, 
die Mutter zu verletzen, wie der Vater angeblich die Mutter verletzte. Dabei 
fühlte es ein drückendes Schuldbewußtsein, denn der Wunsch, die Mutter 
symbolisch, nämlich mit dem Penisersatz (stechende Gegenstände) zu koitieren, 
deckte sich mit den Beseitigungswünschen gegen die Mutter (weiblicher 
Odipus). 

Das Mädchen stahl nun die spitzen Gegenstände nicht allein darum, um 
sie zu besitzen, sondern auch, um sie vor sich selber zu verbergen und so 
gesichert zu sein, daß es seinen kriminellen Wünschen gegen das Leben der 
Mutter nicht folgen könne. 

Seine Kleptomanie bedeutete einen Kompromiß zwischen Trieb- und 
Gewissensregungen, einen so sehr gelungenen Kompromiß, daß es in seiner 
Zwangshandlung sowohl die Trieb- als die Gewissens- 
ansprüche prompt erfüllte. Gerade daraus ergibt sich die Schwierigkeit 
der Heilung dieses Falles einer schon komplizierten Neurose. 

5) Ein junger Mann kommt wegen seines Fetischismus in die 
Analyse. Die Frauen lassen ihn kalt, hingegen erregen ihn die hohen Absätze 
luxuriöser Frauenschuhe. Wenn er auf der Straße eine Dame mit solchen 
Schuhen antrifft, so geht er ihr nach und erlebt nach einiger Zeit eine 
Pollution. Er kauft sich solche Damenschuhe, zieht sie zu Hause an und 
erlebt Pollutionen. 

Der Mann hatte als ganz kleiner Junge einmal die Geschlechtsteile einer 
erwachsenen Frau gesehen. Diese Frau, die er sehr liebte, erschreckte ihn 
durch ihre Nacktheit, denn er sah, daß sie keinen Penis besaß. Nun machte 
er sich zunächst die Theorie, die Penislosigkeit sei durch einen Gewaltakt 
entstanden : man habe der Frau den Penis weggeschnitten und an seiner Stelle 

- 54 - 



einen Schnitt gemacht. Er befürchtete, ihm könnte dies auch noch passieren. 
Um seiner „Rastrationsangst" zu entgehen, leugnete er einfach die 
Penislosigkeit der Frauen weg. Er trieb wohl allerlei sexuelle Spiele mit 
kleinen Mädchen, aber er hütete sich, einem von ihnen unter die Röcke zu 
sehen oder zu greifen, wie es seine Kameraden betrieben. Er beschränkte 
sich auf jenen ersten Anblick der weiblichen Genitalien, den er auch noch 
leugnete. Unbewußt ersetzte er später den weiblichen Penis mit dem Absatz. 
Dieser zog all sein Interesse an; ihn zu sehen, bedeutete, den weiblichen Penis 
sehen, und dies reizte ihn geschlechtlich, die Scheide sagte ihm nichts, sie 
ekelte ihn eher. Als Mann gelang es ihm nicht, seine infantilen unbewußten 
Theorien ohne psychoanalytische Hilfe zu überwinden. 

6) Eine junge Frau, die einen Knaben und ein Mädchen hat, kommt 
wegen gewisser eigener hysterischer Erscheinungen in die Analyse. An einer 
gewissen Stelle der Kur gesteht sie, sie habe sich vor ihren beiden 
Kindern wiederholt nackt gezeigt. Sie verteidigt ihre Position 
mit allen möglichen Begründungen, obschon der Analytiker sie nicht angreift, 
sondern nur schweigt. 

Schließlich stellt sich heraus : die Frau hätte als Kind im Alter von vier 
bis fünf Jahren ungeheuer gern die Geschlechtsteile ihrer Eltern gesehen. 
Damals plagte sie ein Schub von intensivster Neugierde — es war vorher 
ein Brüderchen angerückt. An ihren eigenen Kindern erfüllte sie den Wunsch 
der ihr selbst einst versagt geblieben war, indem sie sich ihnen nackt zeigte. 
Sie identifizierte sich einesteils mit ihren Kindern und unterlegte ihnen ihren 
eigenen Wunsch, die Eltern, die Mutter nackt zu sehen. Andernteils identi- 
fizierte sie sich mit ihrer eigenen Mutter und erfüllte an ihren Kindern, was 
die Mutter an ihr zu erfüllen unterlassen hatte. Indem sie sich ihren Kindern 
nackt zeigte, erfüllte sie sich gleichsam in der zweiten Generation ihren eigenen 
heißen Kinderwunsch : sie sah mit den Augen ihrer Kinder ihre Mutter nackt. 

7) Ein Familienvater hatte einst als vierjähriger Knabe unter einem inten- 
siven Drang nach Selbstentblößung (Exhibitionismus) gelitten. Er wurde 
mit Kastrationsdrohungen von seinen Eltern unterdrückt. Im Nachpubertätsalter 
empfand er den Drang neuerdings mit Heftigkeit, unterließ jedoch, ihm zu 
folgen, um nicht mit dem Strafrecht in Konflikt zu geraten. Er heiratete 
früh, und als die Familie Kinder (Mädchen) bekam, da konnte er nun seinen 
Trieb austoben, ohne daß es ihm jemand hätte verbieten können. Aber er 
wußte nicht, daß er einem Triebe gehorchte, er begründete das Sichnacktzeigen 
mit seiner Schwärmerei für das „Natürliche". 

* 

Ein Vater, der seine Zustimmung zum Sichnacktzeigen vor den Kindern 
damit begründete, das sei natürlich, ursprünglich sei das Sitte 
gewesen, denn die Bekleidung der Menschen sei eine spätere 
Kulturerfindung von zweifelhaftem Werte, machte darauf aufmerksam, 
es gingen heute noch etliche wildlebende Völker vollständig nackt und 
scheuten sich nicht, sich „in ihrer Natürlichkeit" vor den Kindern zu zeigen. 

Ähnliche pseudoethnologische Ansichten hört man von Anhängern der 
Nacktkulturbewegung nicht selten. Wenn man jedoch in den Quellen nach- 
liest, dann tönt es ganz anders, und man gewinnt den Eindruck, daß sich 
selbst die Primitivsten davor fürchten, ihre Genitalien „natürlich" zur Schau 

- 55 - 



zu tragen. Sowohl das weibliche als auch das männliche Genitale erregen 
Furcht. Man lese einmal den interessanten Aufsatz von C. D. Daly „Der 
Menstruationskomplex" in der Zeitschrift „Imago" (Heft 1, 
Jahrg. 1928) nach, um einigermaßen in die Psychologie der Angst vor dem 
weiblichen Genitale einzudringen. 1 

Wirz 2 erzählt von den Primitiven auf Ho llän d isch - N eugui nea, 
daß die Männer ihre Genitalien in Kürbisschalen stecken. 

Andere Stämme lassen ihre Männer von einem gewissen Alter an ihre 
Genitalien mit Muschel- oder Schneckenschalen bedecken. 

Ganz ähnliches Material findet sich in Buschan: „Die Sitten der Völker". 

Aus der ethnologischen Literatur gewinnen wir den Eindruck, daß die 
Kleider nicht, wie man lange Zeit annahm, aus dem Schmuck- 
bedürfnis des Menschen geschaffen worden sind, eher aus der 
Kastrationsangst. Die Kleider haben den Zweck, die Genitalien vor 
der Kastration zu schützen, sie zu verbergen, damit ihnen nichts geschehen 
kann (männliche Genitalien), oder sie zu verbergen, damit man nicht an die 
Möglichkeit einer Kastration gemahnt werden kann (weibliche Genitalien). 

Hintermann 3 er/ählt von völlig wild lebenden, auf der Stufe der 
Höhlenbewohner und Pfahlbauer lebenden Indianern am Xingu (Amazonas- 
gebiet), daß dort die Frauen winzige Bast-Lendenschürzen tragen, die das 
Genitale verbergen. Die Männer tragen den Penis mit einer Schnur hoch- 
gebunden, nackt, aber sie haben alle Schamhaare ausgerissen. Das 
Ausreißen der Schamhaare bedeutet, wie alle ähnlichen Beschädigungen der 
Geschlechtsteile während der Pubertätsriten der Wilden, 4 die symbolische 
Kastration. 5 Wir gewinnen den Eindruck, daß der primitive 
Mann den Anblick völliger Nacktheit nur dann erträgt, 
wenn er sich mit der Kastration (symbolisch) abgefunden 
hat. Und je weniger ihm eine Kastrationssymbolik (Beschneidung, Hoden- 
entfernung [Madagaskar], Haarausreißen, Zahnausschlagen [Uganda u. a. O.] 
u. a. m.) eignet, desto vollständiger wird die Sitte der Bekleidung. Die Angst 
vor dem Genitale der Frau wird oft auf jene besondere Art überwunden, daß 
die Frauen in streng abgesonderten Dorfteilen oder in besonderen Häusern 
leben müssen — umgekehrt befinden sich die Männer in den Männerhäusern. 

Zwischen Wilden, Kindern und Neurotikern zeigen sich auf- 
fallende Ähnlichkeiten. 6 In jeder Psychoanalyse eines Neurotikers kommt ein 
Abschnitt, der die Angst vor der Frau, insbesondere vor dem weiblichen 
Genitale — dann auch die Angst vor dem Penis und der sexuellen Aggression 
des Mannes — zum Thema hat: diese Ängste sind immer die Wieder- 
holungen ehemals sehr aktiver Kinderängste. 

1) Auch als Sonderdruck erschienen. Internat. PsA. Verlag, Wien. 

2) Wirz, Im Herzen von Neuguinea, Zürich, Rascher. Dämonen und Wilde 
auf Neuguinea. Strecker und Schröder, Stuttgart. 

5) Hintermann, Unter Indianern und Riesenschlangen. Leipzig, Grethlein. 

4) Zell er. Die Knabenweihen. Bern, Haupt. Winterstein, Die Pubertäts- 
riten der Mädchen und ihre Spuren im Märchen. Imago 1928, Heft 2/3. R e i k, 
Die Pubertätsriten der Wilden, in Das Ritual, Imago Bücher XI. Wien 1928, 
Int. PsA. Verlag. 

5) Freud, Totem und Tabu. Ges. Schriften, Bd. X. 

6) Freud, ebendort. 



-56- 



IV 

Wir haben gesehen, was für Folgen sich aus dem Anblick der nackten 
Erwachsenen für die Kinder ergeben können (nicht müssen), und 
was für unbewußte Tendenzen die Erwachsenen zu ihrem Vornehmen 
gegenüber Kindern treiben können. 

Wenn ich, gestützt auf mein Material, einem besorgten Vater oder 
einer Mutter in der Frage des Sichnacktzeigens vor den Kindern Rat 
erteilen soll, dann betone ich immer die Problematik und die Kompliziertheit 
der Frage und sage dann, nach meiner persönlichen und vor- 
läufigen Ansicht sei es besser, wenn Kinder ihre Eltern nicht nackt sehen. 

Man kann mir einwenden, nicht alle Kinder, welche ihre Eltern nackt 
gesehen haben, seien Neurotiker, Perverse, Homosexuelle geworden. Das gebe 
ich ohne weiteres zu. Ich könnte bei keinem einzigen der oben erwähnten 
Fälle von Erziehungsberatung oder Psychoanalyse genau aussagen, warum 
in jedem Einzelfall der Anblick der Genitalien von Erwachsenen störend 
auf die Entwicklung des Kindes einwirkte, warum einmal z. B. Kleptomanie 
und das andere Mal Fetischismus (usw.) entstanden ist. Ich meine jedoch, 
es genügt die Einsicht, daß eine Fehlentwicklung entstehen könnte. 

Es ist so, als ob die unentwickelte kindliche Psyche 
leicht Schaden nehmen könnte beim Anblick der 
Genitalien von Erwachsenen, als ob sie noch zu wenig 
widerstandsfähig sei, um den Anblick zu ertragen, zu 
verarbeiten, zu bewältigen. Meinetwegen ist dies in tausend Fällen 
nicht so — aber weiß denn ein Elternpaar, ob es sich bei ihren Kindern 
nicht gerade um den tausendundeinten Fall handelt, wo der Anblick eben 
schadet? 

Zum Vergleiche: Jedes Kind hat den Drang, auf den Fenstersims zu 
klettern, um auf die Straße zu schauen. Dabei besteht die Gefahr, daß es 
hinunterstürzt. Von zehntausend Kindern sind vielleicht drei hinunter- 
gefallen. Nun sagen wir als Erwachsene nicht, das seien Ausnahmen, und 
darum müsse den Kindern allgemein gestattet werden, auf den Fenstersimsen 
herumzuturnen, wir lenken sie im Gegenteil davon ab, hinauf zu kienern, 
indem wir ihnen ungefährlichere Spiele anbieten. Ich glaube, wir tun 
gut daran, wenn wir die Kinder von der Gefahrzone ablenken, auch 
wenn sie später einmal Klempner, Dachdecker, Bergführer oder Fassaden- 
kletterer werden wollen — und ich meine, in der Nacktheitsfrage verhält 
es sich ähnlich. 

Dabei behalte ich mir immer vor, mich im Laufe der Zeit eines 
Besseren belehren zu lassen und meine Ansicht zu ändern, und ich bilde 
mir ein, es sei von meiner Seite nicht Konservativismus oder Prüderie, 
wenn ich mich nicht ohne weiteres als begeisterter Anhänger de6 Sich- 
nacktzeigens vor unseren Sprößlingen bekenne. 



Zeitschrift f. psa, Päd., IW213 C7 



Nacktheit und Scham 

Von Dr. Editha Sterba, Wien 

Wenn wir Gelegenheit haben, zu beobachten, wie kleine Kinder sich ohne 
jede Scham, ja sogar mit deutlichem Vergnügen vor einander und vor den 
Erwachsenen entkleiden, nackt herumspringen, ihre exkrementeilen Bedürfnisse 
verrichten, ebenso Interesse für diese Vorgänge bei anderen bezeigen, wenn 
wir dann z. B. in der Ordination eines Schularztes sehen, wie manche ältere 
Kinder sich so schämen, daß sie nicht dazuzubringen sind, sich vor ihren 
Kameraden zu entkleiden, werden wir uns gewiß über die gewaltigen Ver- 
änderungen wundern, die in verhältnismäßig kurzer Zeit in der kindlichen 
Seele vor sich gegangen sind. 1 

Ich möchte nun einiges aus einer Kinderanalyse berichten, das vielleicht 
geeignet ist, einen Beitrag zur Frage der kindlichen Lust an der Nackt- 
heit und der Entstehung der Scham zu liefern. 

Die zwölfjährige Ilona kam wegen mehrfacher kleiner Diebstähle, 
großer Lügenhaftigkeit und anderer V er wahr lo sungs er s c hei- 
n u n g e n in meine Behandlung. Das körperlich noch ganz unentwickelte, 
sehr intelligente, für Sprachen und Rhetorik besonders begabte Mädchen hatte 
ihre ersten Lebensjahre in einem kleinen ungarischen Gebirgsstädtchen zuge- 
bracht. Der Vater verließ die Mutter noch vor der Geburt des Kindes, die 
Mutter hatte aber einen Beruf, der es ihr unmöglich machte, das Kind bei 
sich zu behalten und sich ihm viel zu widmen. So wuchs die Kleine bei 
einer alten Tante auf, die auch verdienen mußte und nicht Zeit hatte, sich 
viel mit Ilona zu befassen. Die Tante starb, als Hona fünf Jahre alt war. Die 
Kleine kam nun zu einem kinderlosen Ehepaar, Verwandten dieser Tante, in 
die Stadt, um deutsche Schulen besuchen zu können. Dieses Ehepaar behandelte 
die Kleine ganz wie ein eigenes Kind; sie erzogen sie auch, da sie sehr 
wohlhabend waren, gut und sorgfältig. Als Ilona zu stehlen begann, ihre 
Lügenhaftigkeit immer mehr zunahm und die Pflegeeltern gar nicht mit ihr 
fertig werden konnten, brachten sie sie zu mir in Analyse. 

Nach einiger Zeit zeigte es sich in der Behandlung, daß Ilona neben den 
anderen Symptomen, derentwegen sie in Analyse gekommen war, stark e x h i- 
bitionistisch veranlagt war und gar kein Schamgefühl zu 
besitzen schien. Die Pflegeltern waren immer bestrebt gewesen, alle 
etwa verderblichen Eindrücke vom Kinde fernzuhalten; sie hatten sie in eine 
Privatschule geschickt und waren auch in der Auswahl von Lektüre und 
Gespielen sehr vorsichtig gewesen. Es sah aber so aus, wie wenn diese strenge 
Erziehung wie im übrigen so auch in bezug auf Ilonas exhibitionistische 
Tendenzen gerade die gegenteilige "Wirkung gehabt hätte. Dona versäumte 
keine Gelegenheit, um sich möglichst weitgehend zu entblößen; wenn sie 

1) Zur Lust des kleinen Kindes an der Entblößung vgl. Freud, Drei Abhand- 
lungen zur Sexual theorie, Ges. Schriften, Bd. V, S. 66 f. 

-58 - 



allein auf der Straße ging oder mit der Elektrischen fuhr, streifte sie die 
Ärmel so weit hinauf als es ging und zog ihr Rockerl so weit nach oben, daß 
die Oberschenkel zur Hälfte sichtbar wurden. Auch verstand sie es vortrefflich, 
sich durch irgendein Detail ihrer Kleidung so auffallend zu machen, daß alle 
Leute sie ansahen oder gar stehen blieben und ihr nachstarrten. Wenn sie 
z. B. ein einfaches Waschkleidchen anhatte, steckte sie sich eine große, 
violette Samtblume an, wie man sie für Abendkleider verwendet, oder sie 
nahm ein goldenes Band als Gürtel zu einem Dirndlkleid, oder sie hing sich 
eine durch eine kleptomane Handlung von den Angehörigen einer Schulkameradin 
„erborgte" Perlenkette um, oder sie verzierte ihre Sandalen mit großen Band- 
schleifen. Sie versuchte auch immer wieder, sich zu pudern und Augenbrauen 
und Lippen zu schminken, wozu sie alles mögliche, wie Farbstifte, Obstsaft, 
Tinte usw., verwendete. 

Ilonas Ideal war es, so auszusehen, wie die auffallend angezogenen und 
stark geschminkten Damen, denen sie in der Großstadt natürlich oft begegnete. 
Wenn ich sie fragte, warum sie sich denn gerade wie diese Damen her- 
richten wolle, sagte sie: „Ich will so aussehen wie diese Damen, weil die alles 
dürfen (gemeint war da das Sexuelle, wie sich später zeigen wird) und weil 
sie von allen Leuten angeschaut werden." Das „Allesdürfen" wurde von Ilona 
die diese Damen oft in Herrenbegleitung gesehen und sie genau beobachtet 
hatte, so erklärt: „Sie dürfen tun, was sie wollen, nämlich sich so viel 
Herren aussuchen, als sie wollen, weil sie so schön sind; mit denen reden 
sie dann vom Verloben und Heiraten und küssen sich." 1 Die Kleine war, 
wie ich schon erwähnte, sehr streng erzogen worden und hatte nie Gelegen- 
heit gehabt, mit gleichaltrigen Buben zu spielen. Sie beneidete diese Damen 
so, die immer von Herren begleitet waren, denn sie dachte: „Wenn ich auch 
so aussehen würde, könnte ich mir dann Buben aussuchen, mit ihnen reden 
und von ihnen begleitet werden." 

Es wird hier auffallen, daß sich bei der kleinen Dona gewisse Züge finden, 
die man gewöhnlich als „dirnenhaft" bezeichnet. Das kleine Kind ist, 
wie wir wissen, in seiner Anlage polymorph-pervers, d. h. es kann zu allen 
Formen der Sexualbetätigung gelangen, wenn „die seelischen Dämme gegen 
sexuelle Ausschreitungen, Scham, Ekel und Moral, je nach dem Alter des 
Kindes, noch nicht aufgeführt oder erst in Bildung begriffen sind". 3 Dona war 
in ihrem unbeschränkten Exhibitionismus noch durchaus auf dieser infantilen 
Stufe verblieben, die ja auch „bei der Dirne erhalten bleibt und von ihr für 
ihre Berufstätigkeit ausgenützt wird". 2 

Am meisten war es Ilona um das „Von-vielen-Angeschaut-werden" zu 
tun. Die Pflegeeltern hatten von diesem triebhaften Wunsch nichts bemerken 
können, da die Kleine zu Hause sehr zurückhaltend war. Sie wußten wohl von 
Ilonas Eitelkeit, weil sie so oft vor dem Spiegel stand, doch glaubten sie, 

1) Auf Ilonas Vorstellungen vom „Verloben" und „Verheiratetsein" komme ich 
noch zurück. 

2) Freud, Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, Ge9. Sehr., Bd. V, S. 66. 

- 59 - 5- 



dies hinreichend dadurch zu unterdrücken, daß sie das Kind in der Kleidung 
immer sehr einfach und dezent hielten. Hona befriedigte ihre Wünsche nach 
„Angeschautwerden" auch nur dann, wenn sie wußte, daß sie Gelegenheit 
haben werde, vielen Menschen zu begegnen. Zu Hause fiel es ihr nicht so 
schwer, sich zu beherrschen, da sie doch von vielen angeschaut werden wollte. 
Natürlich waren zu Hause auch alle Spiele verboten, die vielleicht eine 
gewisse Befriedigung ihrer exhibitionistischen Tendenzen in sublimierter Form 
geboten hätten, wie z. B. Sich-Kostümieren, Theaterspielen usw. Wenn es ihr 
aber einmal gelang, von „vielen Leuten angeschaut zu werden", so geriet sie 
geradezu in einen ekstatischen Zustand. So ging sie einmal mit zehn Jahren 1 zu 
einer Schulfeier in einem weißen Kleidchen. Nach der Feier lief sie, nachdem 
sie das Kleid bis zum halben Oberschenkel verkürzt hatte, noch lange im 
strömenden Regen ohne Mantel herum. Als sie dann begreiflicherweise von 
allen Leuten angestarrt wurde, war sie „wie berauscht vor Freude darüber". 
Ich hatte durch Zufall Gelegenheit, sie in einer solchen Situation zu beob- 
achten, und konnte feststellen, daß sie tatsächlich ganz außer Rand und Band 
geriet, wenn es ihr gelungen war, die Aufmerksamkeit der Passanten durch 
ein auffälliges Detail ihrer Kleidung auf sich zu lenken. Sie tänzelte dann hin 
und her, hob ihr Röckchen in die Höhe, drehte sich kokett im Gehen, war 
hochrot im Gesicht vor Erregung und ganz atemlos vor Aufregung. Freud 
schildert diesen Zustand in der „Traumdeutung : 2 „An vielen Kindern noch 
in späteren Jahren kann man beobachten, daß ihre Entkleidung wie 
berauschend auf sie wirkt, anstatt sie zur Scham zu leiten. Sie lachen, springen 
herum, schlagen sich auf den Leib ..." Der Wunsch nach Entblößung 
und dem N a c k t- Beschaut- werden war ja bei Ilona deutlich im Hochheben 
des Röckchens, im Entblößen der Arme usw. zu sehen; sie beklagte sich 
z. B. auch, daß sie beim Baden und Schwimmen nicht, wie sie es so gerne 
getan hätte, eine Schwimmhose tragen durfte, sondern ein Schwimmkleid 
haben mußte. Der Wunsch nach Entblößung ist bei ihr nur reduziert, d. h. 
in eine Form gebracht, die dem Trieb nach Beschautwerden wenigstens durch 
das Auffällige in der Kleidung und das Schminken doch eine Befriedigungs- 
möglichkeit bietet. 

Ilona wollte es absolut nicht einsehen, daß sie bei den vielen Leuten, die 
ihr nachschauten, nur berechtigtes Erstaunen, ja, sogar Unwillen hervorrief, 
wenn sie z. B. im weißen Kleid bei strömendem Regen herumlief oder mit 
rotgefärbten Lippen spazieren ging. Sie war immer überzeugt, daß man sie 
bewundere, weil sie eben „schön" sei, auch wenn sie sich noch so geschmack- 
los hergerichtet hatte; je auffallender, hieß es bei Dona, desto schöner. Sie 
erklärte mir einmal, was sie unter „schön" verstehe: „Schön ist, wenn man 
so ausschaut, daß einen alle anschauen müssen [weil man so auffällt] und sich 
in einen verlieben." Es ist auffällig, wie sehr dieser Kinderausspruch 

1) Das erzählte sie alles selbst in der Analyse. 

2) Ges. Sehr., Bd. II, S. (2+5. 

- 6O - 



Freuds Worten über einen Ursprung des Schönen entspricht : „ Es scheint mir 
unzweifelhaft, daß der Begriff des ,Schönen auf dem Boden der Sexual- 
erregung wurzelt und ursprünglich das sexuell Reizende (,die Reize') 
bedeutet." 1 Als sie wieder einmal in der Behandlung sehr sonderbar herge- 
richtet erschien und vielleicht von mir einen erstaunten Blick auffing, sagte 
sie: „Sie haben mich jetzt so angeschaut, wie wenn Sie sich in mich ver- 
lieben wollten. Sie meinte damit, ich hätte sie so angesehen, wie die Herren 
die stark geschminkten Damen, die sie auf der Straße sah, anschauten. 

Die Lust am Schauen und das Interesse für all das, was mit Entblößung, 
auffälliger Kleidung usw. zusammenhing, schien bei Ilona ebenso groß zu sein wie 
der Trieb, angeschaut zu werden. Sie kam immer ganz aufgeregt in die Stunde, 
wenn sie untertags Gelegenheit gehabt hatte, stark geschminkte und herge- 
richtete Damen oder Plakate mit nackten Frauen von Revuen oder ähnliches 
zu sehen, und konnte von den dabei beobachteten Details nicht genug 
erzählen. 

Es blieb aber nicht beim bloßen Erzählen. Ilona war imitatorisch sehr 
begabt, sie wußte die Damen, die sie so trefflich beobachtet hatte, glänzend 
nachzuahmen und gab in der Analysenstunde oft ganze Vorstellungen von 
Szenen zum besten, die sie zwischen solchen „Verlobten" gesehen hatte. Dabei 
wurden Tonfall, Rede und Bewegung wirklich ausgezeichnet kopiert. Wenn 
sie aber so eine Vorstellung gegeben hatte, sagte sie immer bedauernd: „Was 
hilft mir das, es schaut mir nur eine Person zu, und mich freut es nur, 
wenn es viele sind. . Ilonas Vorliebe für das „Theaterspiele n" stammte 
aus frühester Kindheit. Ihre Mutter, die an der Liebhaberbühne des kleinen 
Städtchens, in dem Ilona aufwuchs, als die beste Schauspielerin galt, nahm 
das kleine Mädchen, als es drei Jahre alt war, oft ins Theater mit. Da durfte 
sie dann beim Schminken, Kostümieren und auch bei der Aufführung zusehen, 
manchmal wurde sie auch ein bißchen kostümiert und auf die Bühne mit- 
genommen. In der Analyse ließ sich deutlich rekonstruieren, welchen Eindruck 
es auf Ilona machte, daß sie zuschauen konnte, als sich die Mutter schminkte, kostü- 
mierte und Theater spielte. Sie hatte auch einmal versucht, das Theater- 
spielen nachzuahmen, stellte sich, wie sie erzählte (und wie es von ihrer 
Mutter dann bestätigt wurde), mit vier Jahren auf den Marktplatz, hielt eine 
Rede, in der sie Tonfall und Gebärden des Bürgermeisters, den sie offenbar 
oft reden gehört hatte, so täuschend kopierte, daß alle Dorfbewohner sich vor 
Lachen nicht halten konnten. Übrigens wußte Ilona auch wirklich gut Gedichte 
vorzutragen, doch zog sie es immer vor, Leute zu imitieren, weil sie die 
Identifizierung mit der kopierten auffälligen Person wahrscheinlich mehr 
befriedigte. 

Ilonas exhibitionistische Veranlagung ist sicherlich dadurch sehr verstärkt 
worden, daß sie beim An- und Ausziehen in der Theatergarderobe 
wobei es vielleicht nicht allzu schamhaft zugegangen sein mag, und beim 

1) Ge«. Sehr., Bd. V, S. 29. 

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Schminken und Kostümieren der Mutter zusehen durfte. In ihrer kindlichen 
Vorstellung bedeutete Kostümieren und Sich-Herrichten etwas tun, um von 
.vielen angeschaut zu werden". Dabei bekam das „Angeschautwerden" noch 
eine andere Bedeutung für die kleine Ilona. Das sonst meist sich selbst über- 
lassene, einsame Kind wurde plötzlich in den Trubel einer Theateraufführung 
versetzt und fand als die kleine Tochter der Hauptdarstellerin sicher mehr 
Beachtung als sie es sonst gewohnt war; auch die Mutter befaßte sich 
mit der Kleinen, um die sie sich sonst nicht viel kümmerte. „Angeschaut- 
werden " bedeutete also für Hona auch beachtet, gern gehabt, geliebt werden. 

Als sie mit fünf Jahren zu den Pflegeeltern kam, wurde sie am 
ersten Abend kurze Zeit allein in einem Zimmer gelassen. Statt sich neugierig 
alles anzusehen, wie es wohl jedes Kind, das vom Land in die Stadt kommt 
getan hätte, stellte sich die Kleine mitten ins Zimmer und spielte, als die 
Pflegeeltern dann zu ihr kamen, Theater. Was wollte sie damit sagen? Sie 
kam in ein ganz neues, ihr gänzlich fremdes Milieu; man hatte ihr, um ihr 
den Abschied von den gewohnten Verhältnissen leichter zu machen, alles 
mögliche versprochen: es werde ihr sehr gut gehen und alle Leute würden 
sehr, sehr lieb mit ihr sein. Dessen wollte sie sich nun gleich versichern, 
indem sie Theater spielte, sich also so benahm, daß sie alle Leute anschauen 
mußten. Denn mit dem sich so Benehmen, daß einen alle anschauen, erwarb 
man ja, wie sie glaubte, Beachtung und Liebe. 

Mit neun Jahren hatte die kleine Ilona ein Erlebnis, das ihre Lust am 
Schauen und ihre sexuelle Neugier sicherlich sehr vermehrte. Als sie von 
der Klavierstunde heimkam, sprach sie ein fremder Mann in der schlecht 
beleuchteten Gasse an, hob ihr Röckchen in die Höhe und „versuchte, 
darunterzuschauen". 1 Dann nahm er ihre Hand „und steckte sie in seine 
Hosentasche. Da war es warm, aber gesehen hat man nichts. " Dieses Ereignis 
wurde von Ilona streng geheimgehalten, es ging ihr aber sehr im Kopf 
herum und spielte in ihren kindlichen Sexualtheorien eine große Rolle. 

In Ilonas Vorstellungen vom „Verheirate tsein" und vom „Kinder- 
bekommen" ist ihr Streben nach Beschauen und Beschaut werden sehr 
deutlich: „Wenn man heiraten will, stellen sich alle Männer in einer Reihe 
auf, man geht dann hin, schaut alle genau an und sucht sich einen aus." 
Diese merkwürdige Vorstellung vom „Aussuchen" nahm wahrscheinlich von 
einem Kinderball ihren Ausgang, den Ilona besucht hatte, wo man die Buben 
sich aufstellen ließ und die Mädchen dann einen Tänzer wählten (Damenwahl). 
Ilona wünschte sehnlichst, diese Auswahl eines „Verlobten" schon jetzt treffen 
zu dürfen, sie phantasierte immer von einem Land, in dem die Kinder sich 
schon mit zwölf Jahren verloben und heiraten durften und wohin sie unbedingt 
reisen wollte. „Wenn man sich dann einen ausgesucht hat", lautet Ilonas 
Vorstellung vom „Heiraten" weiter, „gibt man dem die Hand, verlobt sich, 

1) Hier verfälscht der exhibitionistische Drang Ilonas Erzählung: Der Mann 
griff der Kleinen, wie sich später herausstellte, unter den Rock. 



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küßt sich, und dann -wird man getraut. Wenn dann die Leute ein Kind 
wollen, müssen sie beide zuerst zum Doktor gehen. Dort ziehen sich beide 
nackt aus, verbinden sich die Augen, weil sie doch nackt sind, und da dürfen 
sie sich dort unten nicht anschauen; dann werden sie fest zusammengebunden 
und der Doktor hilft ihnen, damit es besser geht." Die Vorstellung mit dem 
„Zusammenbinden enthält einen Hinweis auf eine sadistische Auffassung des 
Koitus. Sie hängt auch damit zusammen, daß das Kind am Land beobachtete, 
wie Kühe, die den Stier nicht zulassen wollten, an einen Pflock gebunden 
wurden. In der Mithilfe des Doktors sehen wir eine Reminiszenz an das 
„Doktorspiel", dem in Ilonas früher Kindheit eine große Rolle zukam. 

Ich möchte auf die Analyse von Ilonas Vorstellungen vom „ Verheiratetsein u 
nicht weiter eingehen und nur ein Detail herausgreifen. „Beide verbinden 
sich die Augen, weil sie doch nackt sind und da dürfen sie sich da unten 
nicht anschauen." Von dieser Vorstellung war Ilona, auch nachdem sie voll- 
kommen aufgeklärt worden war und die Aufklärung verstanden und verarbeitet 
hatte, nicht abzubringen. Ja es war sogar auffallend, daß das Kind, das sonst 
ohne jedes Schamgefühl und ohne jede Zurückhaltung in der Behandlung 
über alle sexuellen Dinge sprach, von dem „Augen verbinden" nicht abweichen 
wollte und hartnäckig daran festhielt. Sie gestand dann einmal in großer 
ängstlicher Erregung, daß „man sich dort unten nicht anschauen dürfe, weil 
man aus Strafe dafür in die Hölle kommen könne.' Sie sprach überhaupt 
nie direkt von den Genitalien; so sagte sie z. B., als sie ihr Abenteuer mit 
dem Mann auf der Straße erklärte: „Er wollte mir unter den Rock schauen, 
dorthin, wo man nicht hinschauen darf." 

Daß Ilona gerade dort Schamgefühl zeigt, wo sie sich, wie man erwarten 
sollte, die vollkommenste Befriedigung ihres Schautriebes gönnen könnte, ist 
sehr merkwürdig. Es handelt sich hier wohl darum, daß die Kastrationsangst 
sich bei Ilona als Angst äußert, für das Beschauen des Genitale bestraft 
zu werden. 

Auch in ihrem Lieblingstagtraum, den sie immer wieder in der- 
selben Form erzählte, schämt sich Ilona gerade dort, wo man es am wenigsten 
erwarten sollte. Dieser Tagtraum lautet in ihren eigenen Worten: „Ich denke 
mir immer aus, daß ich eine gute Fee bin, die in einem schönen, großen 
Schloß wohnt. Ich habe lange offene Haare und bin mit langen durchsichtigen 
Schleiern bekleidet. Ich will allen Leuten Gutes tun, aber sie verstehen mich 
nicht, halten mich sogar für eine Hexe und verfolgen mich. So kann ich nur 
bei Nacht im Schloßpark spazieren gehen. Dabei begleiten mich meine kleinen 
Englein, die meine einzige Gesellschaft sind. Die sind so klein wie Babies 
und sehr lieb. Einmal probiere ich aber doch wieder, den Menschen Gutes 
zu tun. Ich gehe aus und bringe ganz armen Kindern Geld, Essen und 
Kleider. Dabei haben mich aber die Leute, die schon geglaubt haben, daß 
ich längst fort bin, wieder bemerkt. In der Nacht darauf gehe ich wieder 
mit den Englein im Park spazieren. Da ist an der Mauer großer Lärm und 
Waffengeklirr. Ich gehe hin, neugierig, was da los sein kann. Da stürzen 

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Bewaffnete auf mich los, packen und fesseln mich und werfen mich ins 
Gefängnis. Dann werde ich eines Tagee allein dem König vorgeführt, der 
sich lange mit mir unterhält. Er verurteilt mich aber doch zum Tode am 
Scheiterhaufen. Auf einem großen Platz wird der Scheiterhaufen vorbereitet 
und alle Leute kommen, um meiner Verbrennung zuzuschauen. Dann werde 
ich auf den Scheiterhaufen hinaufgeführt, in dünne, weiße Schleier 
gehüllt, die aber doch so sind, daß sie den Leuten, die mich alle 
anstarren, undurchsichtig vorkommen. Ich werde verbrannt, und wache 
im Himmel auf, wo mich die alte Tante erwartet, die mir sagt, daß ich 
jetzt für alles Ausgestandene belohnt werde." 

Die Analyse dieser Phantasie gewährt tiefen Einblick in Ilonas Unbewußtes. 
Im Vordergrund steht das Motiv, „den Leuten Gutes tun, aber dafür für eine 
Hexe gehalten werden". Ilona fühlte sich immer mißverstanden, sie litt sehr 
darunter, daß ihre Pflegeeltern keine Einsicht dafür hatten, daß sie sich mehr 
für Mode und Toiletten interessierte als für ihre Schulbücher. Sie nahm es 
auch sehr übel, daß man sie wegen ihrer kleinen Diebstähle' und ihrer Lügen- 
haftigkeit, die fast immer mit ihrem Bestreben zusammenhingen, sich mög- 
lichst auffällig herzurichten, öfters empfindlich bestrafen mußte. Sie war über- 
zeugt, daß sie alles in der besten Absicht tue, und fand es unbegreiflich, daß 
sich ihre Pflegeeltern nicht auch wünschten, „sie von allen angeschaut" zu 
sehen. 

Die Hexe und ihr Verbranntwerden bezog Ilona aus dem Geschichts- 
unterricht, wo sie gelernt hatte, daß im Mittelalter Hexen wegen Ketze- 
rei (damit verband sie die Vorstellung von etwas Verbotenem, Sexuellem) 
am Scheiterhaufen verbrannt wurden. Auch hatte ihr die alte Tante gesagt 
als sie einmal fragte, was denn im Kamin poltere, da seien Hexen drin. Diese 
Hexen, erzählte sie der Kleinen, reiten bei Nacht splitternackt auf einem 
Besenstiel durch die Luft. So bot also die Identifizierung mit der Hexe unbe- 
wußt in den Vorstellungen, die Ilona mit diesem Begriff verband, und bewußt 
in der Schaustellung am Scheiterhaufen, Gelegenheit, ihren Exhibitionismus zu 
befriedigen. Damit, daß Ilona eigentlich eine gute Fee ist, die nur für eine 
Hexe gehalten wird, befriedigt sie einerseits ihr Schuldgefühl, andererseits 
macht sie gewissermaßen ihre Schlimmheit ungeschehen, denn sie „tut ja 
nichts Böses, die Leute halten sie nur für eine Hexe". 

In den kleinen E n g 1 e i n, die ihre einzigen Gespielen sind und wie Babies 
aussehen, kommt Ilonas Wunsch, Kinder zu haben, deutlich zum Aus- 
druck. Sie erzählte auch immer erfundene Geschichten, in denen sie mit 
kleinen Kindern spielt, sie pflegt und wartet. Sie wünschte sich brennend ein 
kleines Geschwisterchen, aber noch mehr ein eigenes Kind, denn das gehörte 
zum „ Verheiratetsein **. Andererseits kann man vielleicht darin, daß sich Ilona 
in ihrem Tagtraum nur mit ganz kleinen Wesen umgibt, eine jener „kom- 

1) Auf die weitere Determinierung der Diebstähle soll in diesem Zusammenhang 
nicht eingegangen werden. 

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pensatorischen Wunscherfüllungsphantasien l sehen, in denen das Kind die 
großen Leute, die ihm immer dreinreden, möglichst klein machen und sie 
damit ihrer unerwünschten Autorität berauben will. 

Auch Ilonas große Neugier, die wir auch sonst regelmäßig bei starkem 
Exhibitionismus finden, ist in der Phantasie vorhanden: wie sie den Lärm 
hört, ist sie neugierig, was los sein könnte, geht nachschauen und wird dann 
gefangengenommen. Auf das Motiv der Bestrafung der Neugier, das in ver- 
schiedenen Märchen und Kindergeschichten vorkommt, will ich hier nicht 
näher eingehen. 

Auffällig sind auch die „dünnen, weißen Schleier, die aber doch 
so sind, daß sie den Leuten, die mich alle anstarren, undurchsichtig vor- 
kommt . Diese Vorstellung, an der Ilona ebenso hartnäckig wie an der von 
den „verbundenen Augen" bei der Kinderzeugung festhielt, erinnert an das 
von Freud in der „Traumdeutung" erwähnte Märchen von Andersen, „Des 
Kaisers neue Kleider". Zwei Betrüger machen dem Kaiser ein kostbares 
Gewand, das aber nur den guten Menschen sichtbar ist. Aus Angst, für 
schlecht gehalten zu werden, tun alle Leute so, wie wenn sie nicht 
merkten, daß der Kaiser nackt sei. Der Sinn dieses Märchens ist offenbar 
der, daß sich die Leute nicht trauen, die Nacktheit zuzugeben, weil sie ver- 
boten ist. Ilona ist in den dünnen Schleiern auch fast nackt, aber weil das 
nicht sein darf, muß der Schleier den Leuten, die sie anstarren, undurch- 
sichtig vorkommen. Der Schleier bietet also die Möglichkeit eines Kompromisses 
zwischen dem Nacktheitswunsch und seiner Verdrängung. 2 

In dem König, der so lange mit ihr spricht, sie aber dann doch ver- 
urteilt, ist Ilonas Sehnsucht nach dem unbekannten Vater 
(der König ist in Traum und Phantasie immer ein Vatersymbol) verarbeitet, 
die auch sonst in vielen Träumen wiederkehrt, in denen Ilona bald die 
Tochter des Göttervaters Zeus, bald die eines Königs oder Kaisers war. Sie 
wußte, daß es die Pflegeeltern nicht gerne sahen, wenn sie nach dem Vater 
fragte, um so mehr trat diese Frage darum in ihren Träumen und Phantasien 
auf. Der König, der ein Vaterersatz ist, bestraft Ilona aber auch, er verurteilt 
sie zum Feuertod. Es sieht fast so aus, wie wenn Ilona dafür büßen müßte, 
daß sich der König- Vater so lange mit ihr unterhält. 3 Der Feuertod ist aber 
auch in der kindlichen Vorstellung oft mit der Strafe für Onanie verknüpft. 4 

1) Ferenczi, Gulliver- Phantasien. Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse, Bd. XIII. 

a) S. a. Rank, Die Nacktheit in Sage und Dichtung. S. 185 (Psychoanalytische 
Beiträge zur Mythenforschung. Int. PsA. Verlag, 1919). Vgl. auch Storfer, 
Jungfrau und Dirne, Beitrag zur Schleiersymbolik, Zentralblatt f. Psychoanalyse II 
(1912), S. 200 ff, und Storfer, Marias jungfräuliche Mutterschaft, Berlin 1914, 
Kap. „Schleier", S. 49 ff. . 

3) Da Ilona sich über den Inhalt dieser Unterredung, von der sie nur immer 
wieder betonte, daß sie lange dauerte, keine genaueren Vorstellungen machte, könnte 
man annehmen, daß es sich auch da um „Verbotenes" gehandelt habe; jedenfalls ist 
es auffallend, daß sie gefesselt wird, gefangengenommen — das erinnert an das 
„Zusammenbinden" beim „Verheiratetsein". 

4) Anna Freud berichtet den Traum eines kleinen Mädchens, die zur Strafe 
für ihre Onanie von der Kinderfrau verbrannt wird. (Kinderanalyse, S. 32.) 

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Die kleine Ilona wird also auch vom Vater für das Nackt- Angeschaut-werden, 
was von ihr ebenso verboten empfunden wurde wie die Onanie, mit dem Tod 
am Scheiterhaufen bestraft. 

Ich möchte nur noch darauf hinweisen, daß die Mutter in Ilonas Wunsch- 
phantasie gar nicht vorkommt. Es sieht fast aus, wie wenn sie das Kind 
absichtlich aus der Gedankenwelt, die ihr die liebste war, verbannt hätte. 
Daß Ilona im Himmel bei der alten Pflegetante aufwacht, soll ihren Wunsch 
ausdrücken, wieder das ungebundene Leben ihrer ersten Kinderjahre leben zu 
dürfen, wo sie zwar viel allein und einsam war, eiber nicht so streng gehalten 
wurde wie jetzt. 

Wir sehen in Ilonas Verhalten eine merkwürdige Gegensätzlichkeit; 
die Kleine zeigt deutlich exhibitionistische Tendenzen, Wünsche nach Nacktheit, 
Beschauen und Beschautwerden; im Gegensatz dazu hat sie aber in ihrer 
kindlichen Vorstellung vom „Verheiratetsein" und in ihrem Lieblings-Tagtraum 
deutlich Angst davor, sich zu entblößen, was wir als Schamgefühl zu bezeichnen 
pflegen. Ilona besaß also eigentlich kein ausgeprägtes Schamgefühl, — nur beim 
direkt Sexuellen, in ihrer Vorstellung von der Kinderzeugung und in der 
inzestuösen Phantasie vom König schämte sie sich. Ilonas Ödipuskomplex war 
innigst mit der Forschung nach dem unbekannten Vater verknüpft, der auch 
das Aussuchen des Partners in ihrer Theorie vom „ Verheiratetsein " ent- 
spricht. Man muß also annehmen, daß das Schamgefühl bei Ilona auf 
alle Situationen beschränkt blieb, die mit dem Ödipus- 
komplex zusammenhängen. 

Es scheint, als ob es zwei Stufen des Schamgefühls gäbe, eine der 
Unterdrückung der Inzeststrebungen und der Entblößung des 
Genitale entsprechende, die bei Hona in der Verhüllung, in der Inzest- 
phantasie und dem „ Augen verbinden" zum Ausdruck kommt, und eine zweite, 
von den sozialen Anforderungen der jeweiligen Gesellschafts- 
form diktierte, die Ilona weitgehend mangelte. 1 

Freud sagt über die Entwicklung des Schamgefühls: „Man gewinnt 
beim Kulturkinde den Eindruck, daß der Aufbau dieser Dämme (Ekel, Scham- 
gefühl, die ästhetischen und moralischen Idealanforderungen) ein Werk der 
Erziehung ist, und sicherlich tut die Erziehung viel dazu. In Wirklichkeit ist 
diese Entwicklung eine organisch bedingte, hereditär fixierte und kann sich 
gelegentlich ganz ohne Mithilfe der Erziehung herstellen. Die Erziehung ver- 
bleibt durchaus in dem ihr angewiesenen Machtbereich, wenn sie sich daraut 
einschränkt, das organisch Vorgezeichnete nachzuziehen und es etwas sauberer 
und tiefer auszuprägen. 2 

Wir werden uns nun fragen müssen, warum es der Erziehung bei der 
kleinen Ilona nicht gelang, die schon vorgezeichnete Entwicklung der Ver- 

1) Havelock E 1 1 i s hat in seiner Arbeit „Geschlechtstrieb und Schamgefühl" 
(Leipzig 1922) alle für die Genese des Schamgefühls in Betracht kommenden Fak- 
toren zusammenzufassen versucht. 

2) Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. Ges. Sehr., Bd. V, S. 52 

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drängung der exhibitionistischen Tendenzen, die ja im Ansatz vorhanden war, 
zur hinreichenden, den sozialen Anforderungen entsprechenden Entfaltung zu 
bringen. 

Die kleine Hona hatte von Anfang an mit großen Schwierigkeiten in ihrer 
Entwicklung zu kämpfen; es ist selbstverständlich, daß ihr Schautrieb 
durch die Mutter sehr verstärkt wurde, die das Kind immer in die 
Theatergarderobe mitnahm, wo es beim An- und Auskleiden, beim Schminken 
und Kostümieren zusah. Da die Tante Ilonas, eine mit Arbeit überhäufte, 
ältere und sehr zurückhaltende Person, keine besonderen Beziehungen zu dem 
kleinen Mädchen besaß und sich auch sonst nicht viel um sie kümmerte, 
konnte sich die Kleine eigentlich nur mit der Mutter, und da auch nur 
in bezug auf das, was mit dem Theaterspielen zusammenhing, weitgehender 
identifizieren. Da der Vater obendrein vollkommen fehlte, fiel 
diese eine Identifizierung besonders stark und intensiv aus. Andererseits wurde 
der Narzißmus des Kindes infolge des vielen Alleinseins und der mangeln- 
den Fürsorge durch keine dauerhafteren Objektbeziehungen abgelöst, was den 
Exhibitionismus wieder verstärkte. Ilona, die sich nach dem unbekannten 
Vater sehnte und immer nach ihm forschte, machte die Mutter, wenn 
auch unbewußt, für die Abwesenheit des Vaters verantwortlich. Die Mutter 
war nicht die Konkurrentin, wie dies sonst der Fall ist, sondern mehr als 
das: diejenige, die den Vater allein besessen hatte, was Ilona ganz versagt 
bleiben mußte. 

Diese erschwerenden Umstände lagen vor, als für Ilona die Latenz- 
periode begann, in der „die seelischen Mächte aufgebaut werden, die 
später dem Sexualtrieb als Hemmnisse in den Weg treten und gleich wie 
Dämme seine Richtung beengen werden (der Ekel, das Schamgefühl, die 
ästhetischen und moralischen Idealanf orderungen) V Anna Freud erwähnt in 
der „Einführung in die Technik der Kinderanalyse" wie „bedenklich gerade 
zu Beginn der Latenzperiode für die Moral und den Charakteraufbau des 
Kindes jede Störung seiner Bindung an die Eltern werden kann . Wir dürfen 
uns also auch nicht wundern, wenn die Tatsache, daß Ilona gerade im Alter 
von fünf Jahren in ein anderes Milieu kam und von der Mutter getrennt 
wurde, von nachhaltigster Wirkung für ihre weitere Entwicklung war. Die 
Mutter, bei der sie nicht Gelegenheit gehabt hatte, eine andere Objekt- 
beziehung als die erwähnte Identifizierung zu bilden, wurde ihr genommen 
und in gewissem Sinne auch entwertet, weil die Erziehung der Pflege- 
eltern ganz andere Forderungen an sie stellte, und alles, was früher erlaubt 
und gutgeheißen war, jetzt als schlecht galt und verboten wurde. Sie über- 
trug nun den Haß, der der Mutter galt, die ihr den Vater vorenthalten 
hatte, in vollem Ausmaß auf die Pflegeeltern, denen sie ja auch die 
Trennung von der Mutter vorwarf, erfüllte ihre Erziehungsforderungen nur 
höchst mangelhaft und ging, so weit es eben möglich war, ihre eigenen 



j) Freud, Drei Abhandlungen, Ges. Sehr., Bd. V, S. 52. 

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Wege. Ihr ganzes Interesse konzentrierte sich auf die Befriedigung ihrer 
exhibitionistischen Tendenzen, in denen sie immer bemüht war, sich die 
Mutter in der Identifizierung auf exhibitionistischer Basis zu erhalten. Es karrt 
dadurch zu keiner festeren Bindung und Identifizierung bei den Pflegeeeltern 
die eine den sozialen Anforderungen entsprechende Entwicklung des Scham- 
gefühls ermöglicht hätte; einerseits war sie zu so einer Bindung wohl noch 
nicht reif, andererseits waren die Umstände noch nicht günstig dafür. Sie 
betätigte also ihre Schaulust wie in der ersten Kindheit, nur in ihrer Sexual- 
theorie und in ihrem Tagtraum zeigte sie Schamgefühl. Doch genügte dieses 
nicht, um eine vollwertige Anpassung an die Bealität zu ermöglichen. 

Der Fall der kleinen Ilona lehrt uns so, daß die Normalentwicklung des 
von der gegenwärtigen Gesellschaftsform geforderten Schamgefühls nur dann 
in der Erziehung erreicht werden kann, wenn das Kind Gelegenheit hat, so 
dauerhafte und feste Objektbeziehungen zu bilden, daß es auf der 
Basis dieser Objektbeziehungen, also den Erziehern zuliebe, auf seine 
exhibitionistischen Tendenzen verzichtet. 



Aufklärung und Nacktheit 

Von Maria Günther-Grude, Charlottenburg 

Die sexuelle Aufklärung marschiert. Das Sterbestündlein des Storchen- 
märchens hat endgültig geschlagen. Zunächst freilich tritt an seine Stelle nicht 
viel mehr als ein neues Märchen. Man lüftet in möglichst verschleierter und 
poetisch verbrämter Form einen Zipfel des Vorhanges und erschließt damit 
dem grübelnden Forschen der Kinderseele den Ausblick auf neue, weite und 
erschreckende Fragengebiete, um sie dann doch im Entscheidenden unbefriedigt 
und scheu und verängstigt stehen zu lassen. Des Kindes Stellung zum Er- 
wachsenen erfährt eine leise Besserung. Es fühlt sich nicht mehr bewußt 
belogen, es sieht, der Erwachsene möchte mir zwar die Wahrheit sagen, aber 
diese Wahrheit ist eben so schaurig, so unaussprechbar, daß man am besten 
tut, gar nicht daran zu rühren. Und ich — wie schlecht, wie verworfen bin 
ich, daß meine Gedanken immer wieder darum kreisen, daß das, wovon die 
Mutter, der Vater, der erwachsene Freund mit so schönen und weihevollen 
Worten sprechen, bei mir so quälend häßliche und beschämende Formen 
annimmt. 

Dem ernsten Erzieher bleiben diese Vorgänge nicht verschlossen. Wenn er 
dem Kinde wirklich helfen will, kann er bei dieser Teilchenwahrheit nicht 
stehen bleiben. Aus den poetischen Märchen werden schlichte und sachliche 
Erörterungen und Darstellungen. Damit ist etwas Entscheidendes geschehen. 
Das Kind fühlt Boden unter den Füßen, es bekommt Mut zu fragen und 
gewinnt Ruhe und Sicherheit. Aber e6 hat einen Umweg gemacht, der es in 
Angst und Verwirrung brachte und den eine kluge und bewußte Erziehung 
ihm erspart. 

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Wo überhaupt eine Aufklärung nötig ist, ist sehon etwas nicht in Ordnung. 
Das Wissen um die sexuellen Vorgänge darf nicht irgendwann einmal explosiv 
auf das Kind eindringen, sondern es soll mit ihm wachsen. Der Erzieher hat 
gar nichts weiter zu tun, als ihm — hierin wie in allen anderen Dingen, 
Dingen der Technik, des täglichen Lebens und aller Wissensgebiete — auf 
jede Frage, von der allerersten bis zur allerheikelsten, nach seinem besten 
Wissen knapp und sachlich und affektlos zu antworten. Nur so ist es mög- 
lich, dem Kinde ein Maximum an Entspannung zu geben und sich sein Ver- 
trauen in vollem Umfange zu sichern. Und mehr und mehr gewinnt in allen 
ernsten Erzieherkreisen die Überzeugung Raum, daß es auf diesem Gebiete 
Verbotstafeln schlechthin nicht mehr geben darf. 

Und nun geschieht das Seltsame. Da kommt ein so ernster und erfahrener 
Erzieher wie Fritz Witt eis und schreibt ein Buch über die Befreiung des 
Kindes, warmherzig und rückhaltlos, erfrischend radikal und vor keiner 
Konsequenz zurückschreckend. Und in einem solchen Buche steht dies: 

„Es ist unnötig, daß Kinder ihre Eltern nackt sehen. Das Nackte ist freilich das 
Natürliche. Da wir aber in einer Kultur leben, die das Nackte und besonders die 
Geschlechtsorgane verhüllt, so hat das Kind nicht Gelegenheit, sich an die Natürlich- 
keit des nackten Körpers zu gewöhnen. Es sieht die Nacktheit nur blitzartig oder 
im Halbdunkel. Zweideutigkeiten und Geheimnisse, die das Geschlechtsorgan und 
seinen Zweck verhüllen, sind nicht zu vermeiden. . . . Am besten, wenn man das 
Kind in den gefährlichen Jahren so lange als möglich von diesem Stück der Natur 
entfernt erzieht." 

Ja, warum sagen wir dann nicht auch gleich: Wir leben nun einmal in 
einer Kultur, die das Sexuelle umheuchelt und bemakelt, also müssen auch 
wir uns vorsichtig hüten, irgendeinen Lichtschein in diese gefährlichen Ab- 
gründe fallen zu lassen. Nein, wer sich in dem einen zu gewiß nicht immer 
ganz leichter restloser Aufrichtigkeit bekennt, der dürfte auch vor der Nackt- 
heit nicht zurückschrecken, denn zweifellos handelt es sich hierbei doch nur 
um einen Teilausschnitt — und bei weitem nicht etwa um den heikelsten — 
des ganzen Auf klärungsproblems. Versuchen wir uns doch einmal klarzu- 
machen, wie das unverklemmte Kind den Körper des Erwachsenen sieht. Die 
Merkmale, die ihn von dem des Kindes tatsächlich unterscheiden, sind die 
weibliche Brust und die Behaarung, also Dinge, deren Bedeutung schon jeder 
halbwegs vernünftige Erzieher dem Kinde ohne Schwierigkeit klarmacht. 
Alle anderen sind Proportionalunterschiede und werden vom Kinde auch 
durchaus so betrachtet. Natürlich, darüber muß man sich klar sein, ob man 
bestrebt sein will, dem Kinde die körperlichen Geschlechtsunterschiede über- 
haupt zu verheimlichen. Darüber ist dann natürlich kein Wort mehr zu ver- 
lieren. Dann gibt's doch nur noch eins: Hände weg von aller Aufklärung und 
zurück zum guten alten Klapperstorch! 

Letzten Endes handelt es sich bei der Stellung zur Nacktheit vielleicht nur 
um die Gewinnung der eigenen Unbefangenheit. Mag diese nun so leicht oder 
so schwer erworben sein, wie sie will, sie muß auf das Kind unbedingt als 
völlige Unbefangenheit wirken. Die Nacktheit der Eltern darf dem Kinde 
überhaupt nicht erst als etwas Besonderes erscheinen, es soll ihren Körper 
kennen, ehe es bewußt denken lernt. Gewiß ist es gefährlich, wenn das Kind 
den Körper der Eltern nur gelegentlich einmal sieht, scheu, flüchtig, viel- 

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leicht nur teilweise, jedenfalls mit unklaren Gefühlen und Unruhe und 
Gewissensnot. Und daraus möchte nun Witteis die Forderung ableiten: Das 
Kind soll die Eltern überhaupt nicht nackt sehen. Zunächst einmal: Ja, ist 
denn das durchführbar bei den heute mehr und mehr selbstverständlich 
werdenden Formen und Forderungen der Hygiene und Körperpflege und in. 
Haushaltungen, in denen Eltern und Kinder ohne weitere Menschen in zwei 
oder drei Räumen zusammenleben? Vielleicht muß es doch einmal mit aller 
Deutlichkeit gesagt werden, daß auch in solcher Umwelt sehr viele Menschen 
leben, die es ernst meinen mit ihren Kindern und die auch wissen, um was 
es geht, ja, daß die Menschen, auf die Witteis bei seinen weiter und tiefer 
gehenden Forderungen zählt, mindestens ebensosehr in solcher Umgebung zu 
suchen sind, wie in großen Etagen, umgeben von einer Schar von Hilfs- 
personal. Wir sind einig mit Witteis, wenn er immer von neuem zu der 
Forderung kommt: Das Kind muß heraus aus der Familie, dem Kleinhaus- 
halt, in die kindgemäße Umgebung, in das Kinderreich. Aber wir haben das 
Kinderreich nicht, und wir möchten trotzdem mit unseren Kindern, mit den 
Kindern der Generation, auf die jetzt im Augenblick alles ankommt, es so 
gut machen, wie es unter den gegebenen Umständen irgend möglich ist. Und 
da scheint es uns falsch, vor Gefahren den Kopf in den Sand zu stecken. 
Wir halten doch auch unsere Kinder nicht von der Straße fern, — oder 
sollten es jedenfalls nicht tun, — weil ihnen dort Gefahren drohen, sondern 
wir suchen sie sicher und frei zu machen, damit sie den Gefahren begegnen 
können. So auch hier: Nicht möglichst wenig soll das Kind seine Eltern 
nackt sehen, sondern möglichst oft, am besten jeden Tag ganz selbstverständ- 
lich und sachlich-neutral bei der gemeinsamen Morgengymnastik. Man kann 
doch wohl sagen, daß die heutige Elterngeneration zu einem großen Teil 
schon einen Körper hat, dessen sie froh sein kann, und den sie gern zeigen 
wird, sobald sie das Grundsätzliche einmal ernsthaft zu Ende gedacht und 
ihre Bedenken überwunden hat. Für die anderen ist es schwer, und man 
kann es schon verstehen, wenn sie ihren verbildeten und entarteten Körper 
verbergen, vor sich selbst, vor allen anderen und vor ihren Kindern ganz 
besonders. Richtiger und vernünftiger freilich wär's, sie suchten zu bessern, 
was noch zu bessern ist, und sagten ihren Kindern: „Seht, ich stamme aus 
einer Zeit, die sich des Körpers schämte, die ihn mißhandelte und verkümmern 
ließ. Darum ist mein Körper nicht so schön und straff und blühend wie der 
eure. Ihr aber sollt euren Körper lieben und euch seiner freuen und ihn 
pflegen als euer kostbarstes Gut." — Sie sollen ihnen Gelegenheit geben, sich 
so viel wie nur möglich mit ihren jungen Gefährten hüllenlos in Licht und 
Sonne und Wasser zu tummeln. Der Gedanke der Freikörperkultur erobert 
ja doch von Jahr zu Jahr neues Gebiet, praktisch und in den Gehirnen, und 
zweifellos werden wir wohl sehr viel eher und leichter dahin kommen, daß 
das Kind aufwächst im unbefangenen und zur Alltagsgewohnheit gewordenen 
Wissen um den Körper, als daß man ihm in weiten Kreisen das viel Tiefer- 
gehende zu geben imstande ist: eine Stellung zu den sexuellen Dingen, die 
durch sicheres Wissen und das Vertrauen auf unbeschränkte Orientierungs- 
möglichkeit so kühl und überlegen — sicher, ja, gleichgültig geworden ist, wie 
es bei den hier sonst noch mitwirkenden Kräften überhaupt möglich ist. 

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- 70- 



Zur Psychologie der Nacktkultur 

Von Dr. Heinrich Meng, Stuttgart 

Dann und wann werden in der Sprechstunde Beobachtungen mitgeteilt, die 
Eltern machten, wenn sie ihre Kinder von den ersten Lebensjahren ab teilnehmen 
ließen bei Nacktbaden und Nacktgymmastik. Eine dieser Mitteilungen lautet 
folgendermaßen : 

Ein Vater berichtet, daß seine nun neunzehnjährige Tochter stets anwesend war, 
wenn er und seine Frau im Badezimmer badeten und Nacktgymnastik trieben. Er 
glaubte aus der guten seelischen Entwicklung seiner Tochter annehmen zu dürfen, daß er 
damit ihr eine Reihe von Konflikten erspart hätte, auch eigentlich sie nie hätte 
aufklären müssen. — Einige Zeit später kam die Tochter selbst zur Sprechstunde 
wegen einer Reihe von Beschwerden, wie Schlaflosigkeit, übermäßige menstruelle 
Blutungen, und berichtete unter anderem, der Anblick der nackten Eltern habe sie 
stets in einem Maße sexuell gereizt, daß sie Jahre hindurch an Schlafstörungen 
wechselnder Art und verschiedenen Grades litt. Sie habe schon sehr früh den 
Versuch gemacht, den Reiz durch Onanie zu überwinden; es sei teilweise gelungen, 
aber andererseits litt sie sehr stark unter dem Onaniekonflikt. Nach ihrer bewußten 
Erinnerung onaniert sie vom dritten Lebensjahre fast ununterbrochen bis zum 
neunzehnten Lebensjahr. Da eine analytische Behandlung nicht stattfand, läßt sich 
über die unbewußte Verarbeitung der Nacktheitsszenen mit Sicherheit nichts sagen. 
Einige Träume und passagere Symptome, von denen die Patientin noch nebenbei 
berichtete und die aus Diskretionsgründen hier nicht weiter veröffentlicht werden 
können, lassen darauf schließen, daß die Sublimierungsversuche sehr mangelhaft 
gelungen waren (Schaulust, Exhibitionismus). 

* 

Die Anhänger der Freikörperkultur beschäftigen sich neuerdings eingehender mit 
der hier aufgeworfenen Frage. So veröffentlicht Hermann Schmidt in der Zeitschrift 
„Urania", Heft i, 1928/29, einen Beitrag, in dem er auch auf Grund der „Drei 
Abhandlungen zur Sexaaltheorie" von Freud den Zusammenhang von Schaulust, 
Perversion und Schamgefühl kurz bespricht; er kommt zum vorläufigen Schlüsse, 
daß die Nacktkultur eher vor Perversion schützt; „es ist noch kein Fall bekannt 
geworden, daß die Betätigung von Nacktkultur das normale Sexualziel verdrängt 
hätte". 

Vorher sagt der Autor: „Wir dürfen uns also nicht begnügen mit dem, was die 
Anhänger der Freikörperkultur über ihr seelisches Erleben ,wissen', sondern wir 
müssen ins Unbewußte hinabsteigen, wenn wir unserem Problem näherrücken 
wollen. Das ist allerdings nur durch Analysen möglich. Es wäre zu wünschen, daß 
zünftige Psychoanalytiker uns bald und ausgiebig mit ihren Erfahrungen auf unserem 
Gebiete bekanntmachen würden." 

Diese Untersuchung müßte sich auch darauf erstrecken, wie weit „Nacktkultur" 
als Lebensaufgabe gerade Neurotiker anzieht oder Menschen mit besonders starkem 
aktivem und passivem Schautrieb vor Neurose durch geordnete Befriedigung des 
Schautriebs und eine Verbindung mit Muskelerotik geradezu bewahrt. 

iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiira 

- 71 - 






Über Nacktheit 

Von Crista Scheuten, Auggen i. B. 

Ein weniges über die Nacktheit von gestern; heute ist ja darin vieles anders 
geworden in Schule und Haus. 

Hätte man uns als Kinder nur das Wort „Nacktheit" genannt, viele wären 
rot geworden bis hinter die Ohren, andere hätten ein lüsternes Gesicht gemacht • 
unbefangen aber hätte keiner es aufgenommen. Nacktheit war Schweinerei ; Schweinerei 
war Todsünde, und hinter der stand die Hölle mit all ihren Schrecken. 

Bei uns Katholiken stand und steht heute noch im Kinderbeichtspiegel : Habe ich 
etwas Unkeusches freiwillig angesehen ? Es steht da, dick gedruckt, das Zeichen der 
Todsünde. 

Unkeusch alles: Der kleine Junge, der lustig an einer Straßenecke sein Wässerlein 
verspritzt; die stillende Mutter; badende Kinder; nicht zuletzt die gesamte sich 
begattende Tierwelt; selbst die Gottheiten in der Kunstgeschichte, die uns unsere 
überempfindsame Schulschwester nur in eigener wunderhübscher Bemalung vorführte. 

Wie raste man da als kleines Ding fort, wenn eines der vielen anstößigen Dinge 
einem in den Weg kam! Wie ängstigte man sich an den kritischen Hundetagen*. 
Wie betete man voll Inbrunst, Gott möge einem die Augen mit Blindheit schlagen 
gegen diese gräßlich unkeuschen Anblicke! War es da ein Wunder, wenn man als 
Fünfjähriges sich zitternd mit seinem nackten Hinterteilchen an die Wand der Bade- 
zelle drückte, weil man sich vor der älteren Gefährtin, die im Badeanzug unter der 
Brause stand, seiner Nacktheit bewußt wurde und sich zu Tränen schämte? Wenn 
man als Siebenjähriges nicht ohne Badeanzug in die Badewanne mehr gehen wollte, 
und immer ängstlich war, die Zimmertüre sei offen und eines der Geschwister könne 
einen sehen. 

Man wuchs heran und lernte, daß Nacktheit und Häßlichkeit gleichbedeutend 
seien. Unser Lyzeum wurde von Klosterschwestern geleitet, darum war es wohl 
besonders streng, ja eng in all diesen Dingen. Ich wurde als Zwölfjähriges gescholten, 
weil ich noch Halbstrümpfe trug; es sei unanständig, seine nackten Beine zu zeigen* 
und bekam von der Schwester die Kielerbluse bis zum Halse zugesteckt. Trotz der 
Pflichtstunden in Kunstgeschichte sind wir nie in eine Kunstausstellung geführt 
worden. Ein Arzt ließ seine Kinder morgens nach dem Waschen nackt turnen; er 
war verschrien in der ganzen Stadt. Und es war eine Großstadt. Mich überkam 
als Zwölf-, Dreizehnjähriges einmal die Neugier, was denn so Schreckliches um die 
Nacktheit sei, entkleidete mich vor dem Spiegel und hatte soviel Wohlgefallen an 
mir, daß ich vor Freude durchs Zimmer tanzte. Dabei überraschte mich meine 
Mutter. „Pfui! Du Schwein!" (Sie hat nie in meinem ganzen Leben sonst den 
Ausdruck gebraucht, aber dies eine Mal machte es in seiner Empörung einen großen 
Eindruck auf mich.) Sie ging einige Tage lang bekümmert durchs Haus und schickte 
mich Samstags zur Beichte. Zerknirscht bekannte ich meine Schuld und kam mir 
bösartiger als ein Lustmörder vor. 

Nacktheit ist Todsünde! Nacktheit ist Häßlichkeit i So entließ uns Sechzehn- 
jährige das Lyzeum. 

Und dann kam für mich das Internatsleben eines königlich preußischen Seminar«. 
Ich fiel im Juni verspätet da hinein, ging am ersten Sonntag in einem weißen 
Kleid zur Kommunion, wurde vor den Direktor zitiert und mit den Worten begrüßt : 

-72 — 



. 



„Sie haben heute der ganzen Stadt Ärgernis gegeben durch Ihr Kleid. Ich müßte 
Sie von Rechts wegen aus der Anstalt verweisen, will aber Nachsicht mit Ihnen 
haben, wenn Sie mir versprechen, das Kleid nie wieder anzuziehen." Das ganze 
Verbrechen bestand darin, daß das Kleid keine langen, sondern, der damaligen Mode 
entsprechend, Ärmel bis zum Ellbogen hatte. Also war der vom Ellbogen bis zum 
Handgelenk entblößte Arm etwas Anstößiges, Unanständiges, das eine ganze Stadt 
in helle Erregung zu versetzen vermochte. Es half nichts, daß ich auf die mittel- 
alterlichen Altargemälde der belgischen und holländischen Schule verwies, die in 
Fleisch und satten Farben schwelgten und von den Städtern anscheinend doch 
ehrfurchtsvoll bewundert wurden; es wurde mir nur als Frechheit ausgelegt. Ja, 
die Angst vor dem nackten Arme ging so weit, daß wir alle Stauchen tragen 
mußten, im Sommer mehr als eine Qual; und sogar bei einem öffentlich aufgeführten 
Reigen, „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten", bei dem wir die weißen Kleider 
mit Heckenröslein besteckten, mußten wir mit weißen, wollenen Stauchen erscheinen. 
Ich hatte damals ein Intermezzo mit der noch jungen Turnlehrerin, der ich 
kategorisch erklärte, einen solchen Unfug nicht mitzumachen; da weinte sie und 
zeigte mir ihr hübsches, weißes Seidenkleidchen mit den ganz verpönten Puffärmeln, 
zu dem sie selbst auch die entsetzlichen Stauchen trug. 

Nacktheit ist Todsünde! Nacktheit ist Häßlichkeit! So entließ uns Neunzehn-, 
Zwanzigjährige das Seminar; so wurden wir auf die jüngere Generation losgelassen. 
Und die armen Kleinen haben mich gedauert. Mit einigen Müttern verdarb ich 
es ganz, als ich auf einem Sommerausflug die Sechsjährigen — (Mädelchen unter sich) 
— baden ließ. Niemand hatte Badezeug bei sich, weil ich gar nicht vorher geahnt 
hatte, daß sich eine so köstliche Badegelegenheit ergeben würde. Was war das für 
ein köstlicher Anblick, diese nackten, geschmeidigen Körperchen, die sich voll Lust 
den Wellen hingaben; die sich hernach im heißen Sande von der Sonne trocknen 
ließen. Kein Kind besann sich, seine Kleider von sich zu tun, es war ihnen eine 
freudige Selbstverständlichkeit; ja, sie konnten gar nicht schnell genug aus ihren 
Hemdchen heraus. Und das Nachspiel? Man warf mir vor, ich habe das „angeborene 
Schamgefühl« der Kinder verletzt. Die Kleinen disputierten öffentlich in der Klasse 
darüber. Sie kamen in den Beichtunterricht; und da kam es, wie es kommen mußte. 
Beim sechsten Gebot, dem der Keuschheit, sagte eines strahlend: „Das haben 
wir alle getan, ,Unkeusches angesehen'; damals, als wir nackt gebadet haben." Ja. 
sie alle wollten es dem Beichtvater sagen. — „Nein," sagte ich, „das ist nicht nötig, 
ich habe es dem lieben Gott schon selbst gesagt, und er ist ganz einverstanden mit 
uns." Das wirbelte auch wieder einigen Staub auf. 

Diese lieben, armen Industriekinder müssen also den von uns ausgetretenen 
Weg immer noch gehen. Und daß es auf dem Lyzeum noch genau so ist, wie vor 
fast zwei Jahrzehnten, ging im letzten Sommer daraus hervor, daß Schülerinnen 
heimlich der in einem öffentlichen Garten aufgestellten Gestalt von Lehmbruck 
„Die Kniende", die von einer ganz wundersamen Zartheit und Neugotik ist, ein 
Bettuch überhingen, weil „die Nacktheit öffentliches Ärgernis erregte". 

Man könnte ja all diese Dinge belächeln und beiseite schieben, wenn man nicht 
an die Tragödien dächte, die aus dieser falschen Einstellung hervorgegangen sind und 
immer noch hervorgehen werden. 

Ich hatte und habe immer noch Gelegenheit, Mitschülerinnen als Gattinnen 
und Mütter zu beobachten. Unsere mehr als prüde Erziehung, gegen die die meisten 
kein Gegengewicht im Elternhaus fanden, wirkt sich heute übel aus. Da stehen sie 
in der Ehe; Sexualität ist ihnen Nacktheit im letzten, im dunkelsten Sinne. Die 

Zeitschrift f. p«a. Päd.. III/2/3 70 



Gattenliebe ist ihnen tierisch, brutal, etwas Feindliches, das sich in ihr Leben 
drängte und mit dem sie nun nicht fertig werden. Vorlust im ehelichen Beisammen- 
sein ist ihnen „Schweinerei"; den Akt selbst dulden sie als notwendiges Übel, 
„weil man doch Kinder haben will" ; werden sie einmal von der Leidenschaft des 
Mannes hingerissen, sind sie hernach beschämt und fühlen sich schuldig. Die Kinder 
werden meist sehr zärtlich geliebt, sie sind die „Engel im Schmutz des Ehelebens". 
Aber nackt darf auch das Kind nicht sein. Wenn es sein Hemdlein von sich tut im 
unbewachten Augenblick und die freien Gliederchen tummelt, ist es ein „kleines 
Schwein" und man ängstigt sich, was da für böse, verhängnisvolle Dinge sich äußern. 
Ein Luft- und Sonnenbad wird ihnen nur im Badeanzug erlaubt. Und wenn man 
diesen Müttern sagt, was für ein entsetzlich unanständiger Kerl doch der liebe Gott 
sein müsse, der lauter so anstößige Dinge ausdachte und in ihrer ganzen strahlenden 
Nacktheit mitten in die heilige Scham seiner geliebten Kinder setzte, dann weisen 
sie einem entrüstet die Türe. 

"Wie wohl tut es da, wenn man einen Blick auf die übrige, weniger prüde 
Menschheit werfen darf, die ungehemmter aufgewachsen ist und ihren Kindern 
Ehrfurcht und Freude vor dem gesunden, schönen Körper eingibt. In der heutigen 
Körperkultur mag es Übertreibungen und Einseitigkeiten geben, aber das eine ist 
gewiß, sie räumt mit einem alten, bösen Übel auf. Warum denn die Kleinen nicht 
in ihrer holdseligen Nacktheit in Garten und Wiese tummeln lassen? Warum nicht 
mit ehrfürchtigen Blicken vor guten Akten in Kunstausstellungen stehen? (Man muß 
nur einmal beobachten, wie viele sich schaudernd wenden, oder sich nur in heimlicher 
Lüsternheit den Anblick eines Aktes erlauben.) Warum keine ehrliche Freude über 
wohlgepflegte, gutgewachsene Männer- und Frauenkörper? Ach, ja, und warum 
sollte es nicht zu erreichen sein, daß der Liebende der Geliebten Nacktheit als eine 
überaus köstliche Gabe, als eine Gnade empfängt? 

WHIIIHIIIIIIIKIIIIIIIIIIIIM 

Triebleben und Charakter 

Über die Bedeutung der psychoanalytischen Psychologie für die Erziehung 
Von Dr. Carl Müller-Braunschweig, Berlin 

I 

Die Erziehung ist eine Kunst, die in ihrer Theorie, der Erziehungs- 
lehre, sowohl eine Rechtfertigung wie eine Hilfe sucht. Die Psychoanalyse 
ist sowohl eine Wissenschaft als eine Kunst, eine psychologische 
Wissenschaft vom Menschen, die bis jetzt vor allem in der Kunst der 
Behandlung des kranken Menschen, in der Heilkunst, ihre hauptsächliche 
praktische Anwendung findet. Der Doppelcharakter der Psychoanalyse als 
Wissenschaft und als Kunst wird uns erhoffen lassen, daß sie sowohl der 
Erziehungslehre, wie der Erziehungskunst Hilfe leisten kann. 

Eine Wissenschaft, und zwar eine empirische Wissenschaft, sucht Tatsachen 
eines bestimmten Wirklichkeitsbereiches und deren Gesetzmäßigkeiten zu 
erforschen; eine Kunst hat darüber hinaus praktische Ziele der Gestaltung. 

- 74- 



Wir befinden uns jetzt wieder in einer Periode der Erziehungslehre und 
Erziehungskunst, in der die Priorität intimer, vor allem psychologischer 
Kenntnis des Erziehungsobjektes vor jeder Festlegung auf bestimmte Erziehungs- 
ziele eindringlich betont wird. Dieser gegenwärtige Zug der Pädagogik 
erleichtert es der Psychoanalyse, zu sagen, was sie der Erziehungslehre und 
Erziehungskunst beizustellen vermag. 

Die Psychoanalyse hat ihre Einsichten über den kindlichen Menschen 
in erster Linie durch ihre therapeutischen Bemühungen am 
Erwachsenen gewonnen. Jedoch ist die Befürchtung unbegründet, daß 
diese Kenntnisse in Richtung einmal auf den Kranken und ein andermal auf 
den erwachsenen Menschen verfälscht seien, denn alle die auf therapeutischem 
Wege und bei der Behandlung des Erwachsenen gewonnenen Einsichten 
konnten im Laufe der Entwicklung der Psychoanalyse am gesunden Erwachsenen 
und am gesunden Kinde bestätigt werden. Diese Einsichten, soweit sie für 
unser Thema von Bedeutung sind, belaufen sich hauptsächlich auf folgende 
Punkte : 

1) Eine Beeinflussung des Menschen, die seine andauernde Veränderung 
zur Wirkung hätte, ist auf dem Wege des direkten Appells an seinen 
bewußten Willen allein nicht zu erreichen, sondern hat nur dann Aussicht 
auf Erfolg, wenn es gelingt, auch das unbewußte Vorstellung s- und 
Willensleben und in letzter Basis sein unbewußtes Triebleben zu 
beeinflussen. 

2) Die Beeinflußbarkeit und Erziehbarkeit des Menschen und damit die 
Mittel und Ziele der Erziehung sind in jedem Alter, vom Neugeborenen an 
bis zum Erwachsenen, durchaus verschieden, weil sie unablöslich mit 
der jeweiligen Entwicklungsstufe verbunden sind. 

3) Die jeweilige Entwicklungsstufe des kindlichen und jugendlichen 
Menschen sowie auch des Erwachsenen ist niemals allein durch die Fest- 
stellung seiner bewußten seelischen Äußerungen zu umschreiben, sondern 
letztlich nur zu verstehen durch die jeweilige Form seiner Trieb- 
organisation. Der elementare Unterbau der Entwicklung der seelischen 
und geistigen Funktionen bildet eine gesetzmäßige, durch bestimmte Phasen 
gekennzeichnete Entwicklung von einfacheren zu höheren Organisationen des 
Trieblebens. 

D 

Wir wollen uns den von der Psychoanalyse beschriebenen Entwicklungsweg 
des Trieblebens und seinen Zusammenhang mit der Entwicklung des Charakters 
genauer ansehen, um zu entscheiden, ob diese Einsichten für die Erziehung 
dienstbar gemacht werden können. Die Psychoanalyse teilt die Triebe des 
Menschen in zwei Gruppen, in I ch- oder Selb st er ha ltung stri ebe 
und Sexualtriebe. Mit dem Ausdruck Sexualtrieb bezeichnet sie nicht 
nur diejenige Tendenz, die an das Genitale anknüpft, sondern sie umfaßt 
damit einen ganzen Komplex von Triebtendenzen und leitet das Recht, sie 

- 75- e- 






alle unter den Oberbegriff Sexualtrieb zu bringen, davon her, daß sie alle 
als Teilstrebungen einer entwicklungsgeschichtlichen Einheit zu betrachten 
sind, deren dominierendes Element und Entwicklungsziel die genitale Tendenz 
auf ein Objekt des anderen Geschlechts darstellt. Entwicklungsgeschichtlich 
betrachtet, sind die anderen, außergenitalen sexuellen Triebtendenzen als 
„ prägenitale" zu bezeichnen, d. h. sie sind im Verhältnis zu der genitalen 
Endstufe der Triebentwicklung als Vorstufen aufzufassen. Vor der Aus- 
bildung der genitalen Sexualität dominiert in der Trieborganisation nicht die 
genitale Tendenz, sondern im ersten Lebensjahr z. B. die orale Tendenz, 
d. h. das Triebleben des Säuglings wird beherrscht durch eine vorwiegend 
an die Betätigung der Mundzone geknüpfte Lust. Neben der oralen Lust ist 
das Triebleben des Säuglings wie auch noch des Kleinkindes charakterisiert 
durch das Nebeneinanderbestehen einer Reihe anderer Lusttendenzen, der 
Lust an den Ausscheidungsvorgängen und den Aus- 
scheidungsprodukten, der Schau- und Zeigelust und der 
Zerstörungslust. Die Lust an den Erregungen und am Besitz des 
Genitale ist ebenfalls vorhanden, aber noch nicht den anderen Tendenzen 
über-, sondern ihnen noch nebengeordnet. Während in der als oral bezeichneten 
Organisationsstufe die Trieblust der Mundzone dominiert, kann eine spätere 
Organisationsstufe als anale oder anal-sadistische bezeichnet werden, weil in 
ihr die Afterzone und ihre Betätigung und andererseits eine aggressive Tendenz 
unter den übrigen Triebäußerungen die Führung hat. Erst wenn die 
genitale Zone den herrschenden Platz im Zusammenspiel der Tendenzen 
einnimmt, ist die Endorganisation erreicht. Die genitale Organisation muß 
normalerweise nach der Pubertät endgültig hergestellt worden sein. Sie ist 
im erstmaligen Ansatz bis zu einem gewissen Grade bereits um das vierte bis 
sechste Jahr (vor dem Eintritt in die sogenannte „Latenzzeit", die bis zur 
Vorpubertät andauert) erreicht worden und muß normalerweise durch die 
Pubertät endgültig befestigt werden. 

Mit dieser entwicklungsgesetzlichen Stufenfolge der Trieborganisationen 
geht eine gesetzmäßige Verknüpfung der Triebtendenzen mit bestimmten 
Objekten einher. Das erste Objekt, auf das sich die Triebregungen richten, 
ist bei beiden Geschlechtern die Mutter, im besonderen die Mutterbrust. 
Von der Mutter aus werden die Trieb rieh tungen auch auf das Vaterobjekt 
übertragen und weiterhin auf Geschwister, Spielgefährten, Lehrpersonen u. a. 
Die dominierenden Objekte bleiben zunächst die Eltern. Normalerweise 
müssen aber diese als Triebobjekte aufgegeben und als solche spätestens in 
der Pubertät durch Objekte außerhalb der Familie ersetzt werden. 

in 

Wie wir bereits oben erwähnten, steht die Entwicklung der Persön- 
lichkeit, des Charakters, mit der eben skizzierten Entwicklung des 
Trieblebens in engem Zusammenhang. Den verschiedenen Trieborganisationen 
entspricht die Ausbildung bestimmter Charakterzuge. Je nachdem, welche Bedeutung 

-76- 



bestimmte Trieborganisationen in der Entwicklung des Einzelnen gehabt haben, je 
nachdem, in welchem Maße Triebtendenzen, die normalerweise durch eine höhere 
Organisationsstufe überwunden werden müssen, in geringerem oder größerem Aus- 
maße erhalten geblieben sind oder nachdem sie bereits unwirksam geworden 
schienen, durch eine rückläufige Entwicklung (regressiv) wiederbelebt wurden, je 
nachdem erscheinen oder fehlen im Ich des Erwachsenen bestimmte Charakter- 
eigentümlichkeiten. So kann z. B. ein Mensch, der aus inneren oder äußeren 
Gründen ein Stück seiner oralen Organisationsstufe nicht völlig überwunden 
hat oder der durch ein späteres Schicksal von höheren Stufen auf sie zurück- 
geworfen wurde, bestimmte Charakterzüge zeigen, die man als orale 
Charakterzüge bezeichnen kann. Er kann z. B. eine Tendenz zeigen, 
die man bei Säuglingen scherzhaft als „Habenhaben " bezeichnet. Er ist ständig 
darauf eingestellt, Ansprüche zu machen, nie gesättigt, macht den Eindruck 
eines Säuglings, der schwer beleidigt ist, weil er nicht sofort die Brust oder 
die Flasche bekommt. Andere kann man aus dem Grunde als ewige Säug- 
linge bezeichnen, weil es ihnen nie gelingt, sich auf sich selbst zu stellen, 
sich selbst zu ernähren. Es ist, wie wenn sie ein für allemal die Situation 
des Gesäugtwerdens an der Mutterbrust festhalten müßten. 

Die eben vorgebrachten Beispiele könnten den Eindruck erwecken, als ob 
Charakterzüge, die den prägenitalen Trieborganisationen entsprechen, lediglich 
abwegige oder krankhafte Züge wären. Das ist nicht so; auch der normale 
und gesunde Mensch hat Charakterzüge aufzuweisen, die aus den Vorstufen 
der endgültigen Trieborganisationen stammen. Das kommt daher, weil die 
Überwindung der prägenitalen Organisationsstufen auch normalerweise niemals 
eine vollständige ist, sondern prägenitale Tendenzen nicht nur im Sinne von 
Fremdkörpern und Entwicklungshemmungen, sondern auch im Sinne sozusagen 
positiver Bausteine in die Endorganisation hinübergenommen werden. 

Wir wollen das an Beispielen analer Charakterzüge zeigen. Ehe wir das 
tun, müssen wir noch auf ein zweites Moment hinweisen, das wir an den selben 
Beispielen illustrieren werden. Wenn wir von oralen oder analen Charakter- 
zügen sprechen, so ist das nicht so zu verstehen, als ob die einen wie die 
anderen ein jeweils widerspruchsloses und einheitliches Bild ergäben. Das ist 
nicht der Fall. Der orale wie der anale Charakter bilden aber trotzdem eine 
Einheit, nur daß diese Einheit keine deskriptiv-phänomenale, sondern eine 
genetische ist. 

Nun zu den Beispielen. Die psychoanalytische Untersuchung vieler 
Menschen hat gezeigt, daß z. B. eine Fähigkeit, Liebe und Sorgfalt auf 
bestimmte Gegenstände zu verwenden — seien es Blumen oder Bücher oder 
Kunstdinge oder auch ihrer Obhut anvertraute Kinder — in letzter Wurzel 
zurückgeht auf die Liebe des kleinen Kindes zu dem ersten Gegenstand, der 
ihm lieb und wert ist, weil es ihn selbst produziert, zu seinem Stuhl. 
Wir sehen also hier den Fall eines als positiv, normal und gesund zu 
bewertenden Charakterzuges. Ebenfalls aber auf eine anale Basis läßt sich in 
den meisten Fällen eine Tendenz zum Hinauszögern praktischer Erledigungen 

- 77 - 



zurückführen. Es läßt sich zeigen, daß dieser Zug, der im Gegensatz zu dem 
eben erwähnten als mindestens nicht normal, in vielen Fällen als krankhaft 
zu bezeichnen ist, zurückgeht auf das bei Kindern sehr häufig vorzufindende 
und offenbar Lust bringende Spiel, das Stuhlgeschäft nicht sogleich zu 
erledigen, sondern hinauszuzögern und den Stuhl kürzere oder längere Zeit 
zurückzuhalten. 

Ein Grund dafür, daß ein triebgenetisch zu verstehender Begriff, wie der 
anale Charakter, phänomenal-deskriptiv sehr widerspruchsvoll oder gegen- 
sätzlich aussehen kann, liegt u. a. in folgendem: Die Charakterzüge können 
nämlich sowohl direkte Übersetzungen von Tendenzen aus der Triebebene in 
die Charakterebene sein (Sublimierungen, d. h. Ersetzungen des primär- 
sexuellen [analen, urethralen usw.], Objektes oder Zieles durch nicht-sexuelle 
Objekte oder Ziele), als auch Tendenzen, die erst reaktiv als Gegensatz- 
bildungen aus primären Triebtendenzen entstanden sind (Reaktionsbildungen). 
Wir werden hier sogleich zur Erläuterung Beispiele bringen. Eine primäre 
anale Triebtendenz ist die Lust des Rindes an seinen Ausscheidungsprodukten, 
insbesondere an seinem Stuhl. Eine direkte Übersetzung dieser primären 
kindlichen Schmutzlust in die Charakterebene ergibt den Hang zur Unordnung. 
Im Laufe der Entwicklung und unter Nachhilfe der Erziehung bildet sich 
reaktiv zu dieser primären Schmutzlust eine gegensätzliche Tendenz aus, die 
in der Übersetzung in die Charakterebene dort als Liebe zur Reinlichkeit 
und Sauberkeit, als Ordnungs- und Organisationslust auftritt. 

Ein anderes zum Begriff des analen Charakters gehörendes Tendenzenpaar 
bezieht seine Gegensätzlichkeit nicht aus dem Unterschied von Sublimierung 
und Reaktionsbildung, sondern aus der Gegensätzlichkeit der primär-analen 
Strebungen, aus denen beide Charakterzüge durch Sublimierung hervor- 
gegangen sind. So gehören — genetisch — sowohl Sparsamkeit einschließlich 
deren Steigerungen bis zum Geiz (welche Züge auf die Tendenz zur Zurück- 
haltung des Stuhles zurückgehen), als auch deren Gegenteil, die Lust am 
„Geschenke -Machen (bis zur Verschwendung), die auf die primäre Lust an 
der Exkret produktion zurückgeht, zum Begriff des analen Charakters. 

Wir wollen der Vollständigkeit und Klarheit halber hier die historische 
Notiz anbringen, daß erstmalig der Zusammenhang zwischen bestimmten 
Charakterzügen und bestimmten Triebtendenzen von Freud im Jahre 1908 
in der Arbeit „Charakter und Analerotik " behandelt worden ist. 1 Diese Arbeit 
verfolgt die Herkunft einer häufig vorkommenden Trias von Charakterzügen, 
nämlich die von Ordentlichkeit, Sparsamkeit und Eigensinn. Dieses Zusammen 
von Charakterzügen bezeichnete Freud damals als „a nale n Charakter "j welche 
Bezeichnung nicht den soeben entwickelten, Gegensätzliches umfassenden, 
genetischen Sinn hat, sondern einen deskriptiv- phänomenal 
umrissenen. Dieser Begriff ist also gegenüber dem von uns vorher entwickelten 
der engere. 

1) Freud, Gesammelte Schriften, Bd. V. 

-78- 



IV 

Verlassen wir zunächst das Thema des Zusammenhangs zwischen Triebr 
entwicklungsphasen und Charakterbildung und wenden wir uns einem anderen 
Gedankengang zu. Überblicken wir psychoanalytisch die Entwicklung des 
Trieb- und Wunschlebens des Menschen, so können wir sagen, daß dieses 
durch eine lange Reihe von Vorgängen gekennzeichnet ist, die den Charakter 
von „Verzichten" haben. Immerfort, von Geburt an, steht der kleine 
Mensch und später der große vor der Aufgabe, eine alte, liebgewordene 
Position zugunsten einer neuen, ihm zunächst fremden zu verlassen. Die alten, 
liebgewordenen Positionen können bestehen in bestimmten Triebäußerungs- 
formen oder auch in der Beziehung zu einem bestimmten Objekt sowie in 
der Verknüpfung von beiden. So hatte der Säugling auf das Saugen an der 
Mutterbrust zu verzichten zugunsten der Flasche und später wiederum auf 
die Flasche; so hat das kleine Kind auf die Lust, mit seinem Stuhl und 
Urin nach vollem Belieben zu verfahren, zu verzichten und sich bestimmten 
Gesetzen von Zeit und Ort unterzuordnen. So muß es auch seine ungehemmte 
Schau- und Zeigelust unterdrücken, muß lernen, die kindliche Zerstörungslust 
aufzugeben und beim Gehenlernen auf die Lust am Getragen- oder Geführt- 
werden zu verzichten und damit gleichzeitig ein Stück intimster Nähe des 
bedeutendsten Liebesobjektes, nämlich der Mutter, zu opfern zugunsten der 
ihm zunächst noch unbekannten, gefährlich anmutenden und erst mit ge- 
lingenden Versuchen sich als lustvoll erschließenden freien und selbständigen 
Bewegung, 

Von zentraler Bedeutsamkeit für eine günstige Entwicklung zum Erwachsenen 
ist derjenige Komplex von Verzichten, der mit dem Verhältnis der kindlichen 
Triebregungen und Wünsche zu den ersten liebgewordenen Objekten, den 
Eltern, zu tun hat. Gelingt es dem Kinde nicht, seine Triebregungen und 
Wünsche in einem genügenden Ausmaße aus der Verknüpfung mit den 
Elternobjekten, genauer gesagt, aus der Verknüpfung mit den unbewußt 
wirkenden Vorstellungsbildern der Eltern zu lösen, so wird es ihm sowohl 
zumindest sehr schwer fallen, als Erwachsener einen ihn voll befriedigenden 
Liebespartner zu finden, als er auch mehr oder minder ein Stück kindlicher 
Unselbständigkeit bewahren und nicht recht zur Ausbildung eines selbständigen 
Gewissens, selbständiger Kritik kommen wird. Der Ödipuskomplex, 
d. h. der Komplex aller auf die Eltern gerichteten kindlichen Triebregungen 
und Wünsche, muß in weitem Ausmaße zugrunde gehen, wenn er nicht der 
Herd schwerer Beeinträchtigung des späteren Lebens werden soll. Wenn z. B. 
das kleine Mädchen es nicht fertig bringt, auf den typischen, wenn auch von 
den Erwachsenen selten bewußt erinnerten Wunsch, vom Vater ein Kind zu 
bekommen, zu verzichten, so wird es als Erwachsene in den meisten Fällen 
nicht nur eine Hemmung, ja Abneigung gegen die natürliche Aufgabe der 
Frau zeigen, Kinder zu gebären, sondern sie wird auch auf der geistig- 
beruflichen Ebene in ihrer Entfaltung und Leistungsfähigkeit Gefahren aus- 
gesetzt sein. 

- 79 - 



Wollten wir die hier kurz angedeuteten Einsichten, die die Trieh- und 
Wunschentwicklung des Menschen als eine Reihenfolge von Verzichtleistungen 
erscheinen lassen, für das Problem der Erziehung auswerten, so müßten wir 
die Fragen zu beantworten suchen : An welche Bedingungen ist ein möglichst 
völliges Gelingen dieser Verzichtsleistungen geknüpft, und sind diese Bedingungen 
durch aktive Maßnahmen einer Erziehung herzustellen oder zu unterstützen 
oder ist es zumindest möglich, Einflüsse, die diese Bedingungen schädigen 
könnten, von ihnen fernzuhalten? 

V 

Für den Begriff der Verzichtsleistung könnten wir in unserem Zusammen- 
hang auch den Begriff der Anpassung setzen; handelt es sich doch bei 
jedem dieser Verzichte um die Anpassung an eine neue Situation, bestehe 
diese nun in einer neuen Triebbetätigung oder in der Beziehung zu einem 
neuen Objekt. Untersucht man die Bedingungen dieser Verzichts- oder 
Anpassungsleistungen, so findet man zunächst, daß es keine sind, die der 
kleine Mensch erstmalig in diesem seinem eigenen Leben, also rein onto- 
genetisch, zu vollziehen hat, sondern daß die Disposition zu diesem Vollzug 
bereits als Erbstück seiner Vorfahren in ihm liegt, oder anders ausgedrückt, 
daß seine ontogenetische, einzelgeschichtliche Anpassungsleistung bereits 
phylogenetisch, stammesgeschichtlich, in ihm vorgezeichnet liegt. Für die 
Erziehung erwüchse aus dieser Einsicht die Forderung, die Spontaneität dieser 
Entwicklungstendenzen nicht zu stören und diese höchstens, soweit — was 
noch zu untersuchen wäre — dazu Möglichkeiten vorhanden sind, vorsichtig 
zu unterstützen, auf keinen Fall aber den Versuch zu machen, sie zu 
forcieren. 

Jedoch müssen wir zugestehen, daß die Ablehnung erzieherischer Gewalt- 
maßnahmen uns durch die bloße Berufung auf die immanente Entwicklungs- 
disposition theoretisch nicht genügend fundiert erscheint und wir noch andere, 
weiter ausholende Betrachtungen benötigen werden, um hier zu größerer 
Klarheit zu kommen. 

Wir werden hier zunächst in Betracht ziehen müssen, daß die sowohl auf 
Triebregungen wie auf Objekte gerichteten kindlichen Verzichte fast aus- 
schließlich durch die Vermittlung von Erzieherpersonen geschehen, die 
zumeist mit den Objekten identisch sind, auf die das Kind zu verzichten hat. 
Wir hätten also die Frage zu beantworten: Welche Rolle spielt das ver- 
mittelnde Objekt bei der Verzichtsleistung? Die Psychoanalyse richtet ihr 
Augenmerk hier auf eine alte Einsicht, daß das Kind „aus Liebe zu" oder 
„aus Furcht vor" dem Erzieher eine Leistung vollbringt. 

VI 

Hier ist der Ort, auf die psychoanalytischen Theorien von der Struktur 
des psychischen Organismus einzugehen, und zwar in der Aus- 
gestaltung, die sie in den letzten Jahren erfahren haben. Nach ihnen besteht 

- 80 - 






der psychische Organismus in der Hauptsache aus drei miteinander, oft aber 
auch durch- und gegeneinander arbeitenden Systemen, von Freud das 
Ich, das E s und das Uber-Ich genannt. In den Hauptzügen skizziert, 
bildet das Es einen undifferenzierten, unbewußten Mutterschoß aller seelischen 
Regungen, im besonderen der elementaren Triebregungen, das Über-lch eine 
kritisierende, wertende, auswählende und dirigierende Instanz und schließlich 
das Ich eine Art Ausgleichsorgan, das außer der Aufgabe, zwischen den 
Ansprüchen des Trieblebens, des Es, und denen des Gewissens, des Über-Ichs, 
zu vermitteln, die bedeutsame Funktion hat, der Außenwelt zugewandt zu 
sein und die Wahrnehmungen und Forderungen dieser Außenwelt mit denen 
des Es und des Über-Ichs in Einklang zu bringen. 

Über die Herkunft des Über-lch hat die Psychoanalyse, gestützt auf 
ihre praktischen Untersuchungen, folgendes zu berichten : Das Über-lch, eine 
innerseelische Instanz, verdankt seinen Ursprung äußeren Mächten; es ist 
rtammesgeschichtlich wie einzelgeschichtlich das Produkt einer Anpassung an 
Gewalten der Außenwelt. Diese sind in der Einzelgeschichte repräsentiert 
vor allem durch die Eltern, in späterer Folge durch Erzieher und Lehr- 
personen, aber auch durch Gleichaltrige, soweit diese im ganzen oder in 
einzelnen Zügen als Vorbilder oder Ideale betrachtet oder als Macht respek- 
tiert werden. Das Über-lch ist — stammesgeschichtlich wie einzelgeschichtlich 
— ein Differenzierungsprodukt des Ichs anläßlich der Nötigung zu einer 
Anpassung an eine äußere Autorität. Durch diese Anpassungsleistung wird 
also eine äußere Macht zu einer inneren. Wie geschieht dies? In der Haupt- 
sache, so antwortet die Psychoanalyse, durch den Prozeß der sogenannten 
Identifizierung. Das Kind identifiziert sich mit Vater und Mutter, 
soweit ihm diese einen bestimmten Komplex von Geboten und Verboten, 
Wertungen und Idealen repräsentieren. Man kann auch mit dem psychoana- 
lytischen Terminus sagen, das Über-lch entstehe durch Introjektion, d. h. 
durch Hineinnahme, Einverleibung der Objekte, insbesondere der Eltern. In 
den letzten Jahren der psychoanalytischen Forschung, ausgehend von Freuds 
Arbeit „Das Ich und das Es , hat man die Vorgänge der Entstehung des 
Über-lch als in engem Zusammenhang mit derjenigen Phase stehend erkannt, 
die durch den Höhepunkt der Odipussituation und den „Untergang des 
Ödipuskomplexes" charakterisiert ist. Wir wollen aber die sehr schwierigen 
und komplizierten Verhältnisse dieser Zusammenhänge hier nicht näher 
verfolgen, sondern uns in der Hauptsache auf die Einsicht beschränken, die 
einmal in der Anerkennung des Vorhandenseins der Über-Ich-Instanz besteht 
und zweitens in der genetischen Zurückführung dieser Instanz auf ehemals 
äußere Gewalten, in der Hauptsache die Eltern. 

Wir werden es ohne weiteres verstehen können, wenn wir behaupten, 
daß die Art und Weise, wie im Erwachsenen sich die verschiedenen 
psychischen Systeme zu einander verhalten werden, insbesondere wie sich das 
Über-lch zum Ich und Es verhält, davon abhängig und davon bestimmt sein 
wird, wie sich seinerzeit die äußeren Vorbilder und Vorläufer des Über-Ichs, 

- 81 - 









also vor allem die Eltern, zum Kind und das Kind sich zu diesen verhalten 
hat. Wir würden uns also nicht sehr verwundern, wenn wir über die 
Kindheitsgeschichte eines Menschen, dessen Über-Ich mit grausamer Über- 
strenge gegen sein Ich und Es vorgeht, vernehmen würden, daß er eine 
Mutter oder einen Vater gehabt hat, die das Kind von früh an mit strengen 
Geboten und Verboten bedacht haben. Nun zeigen allerdings durch- 
geführte Analysen, daß die genetischen Zusammenhänge selten so einfach und 
durchsichtig liegen wie in diesem Fall. Z. B. kann eine der eben geschilderten 
direkt entgegengesetzte Erziehung zu einer ganz ähnlichen Über-Ich-Bildung 
führen, d. h. ein Kind, das, wie man sich auszudrücken pflegt, von Grund 
auf „verwöhnt" wurde, dessen Trieb- und Wunschleben einer ständigen 
Nachgiebigkeit von sehen der Erzieher begegnete, kann gleichwohl im 
späteren Leben ein ebenso grausames und strenges Über-Ich entwickeln, wie 
wir es im ersten Fall darstellten. Der scheinbare Widerspruch löst sich, wenn 
man durch die Analyse erfährt, daß dieses Kind, dessen Triebhaftigkeit infolge 
der Nachgiebigkeit der Eltern überwucherte, in demselben Maße stärker als 
ein normal erzogenes Kind, gleichsam aus Angst vor seiner gesteigerten 
Triebhaftigkeit und zum Schutz gegen sie, in seinem Ich reaktiv gegen die 
übermächtigen Triebwünsche ein strenges Über-Ich aufrichten mußte. Auf 
eine dritte Herkunft der sadistischen Strenge des Über-Ichs, über die Freud 
in „Das Ich und das Es" spricht, kann ich hier nur hinweisen. 

vu 

Wenn wir die Frage beantworten wollen, welches denn wohl das 
normale und gesunde Verhältnis zwischen dem Über-Ich und den 
anderen Instanzen des seelischen Organismus sein mag, so können wir vom 
Studium des sogenannten Gesunden ausgehen, wir können aber auch gewisse 
pathologische Erscheinungen ins Auge fassen. Diese, z. B. die Manie, die 
Melancholie und die Zwangsneurose, bieten uns gleichsam groteske Ver- 
größerungen der verschiedenen Modifikationen im Verhältnis des Über-Ichs 
zu den anderen Instanzen dar. In der Manie hat sich das Ich erfolgreich 
gegen das Über-Ich aufgelehnt, hat es überwältigt, hat es in sich einbezogen 
und sich dadurch seiner entledigt; es ist den lästigen Kritiker und Erzieher 
losgeworden; es befindet sich so in einem Rausch von Freiheit und Selbst- 
mächtigkeit. 

Hingegen ist das Ich des Melancholikers ohnmächtig einem ständig 
anklagenden und ihm Vorwürfe machenden Über-Ich ausgeliefert. 

Anders und verwickelter noch liegen die Dinge bei der Zwangs- 
neurose. Hier ist das Ich eingekeilt zwischen den strengen Forderungen 
des Über-Ichs und den ständigen Ansprüchen des Es. Es möchte vor den 
Augen des ersteren bestehen, kann es aber nicht unterlassen, mit dem zweiten 
zu paktieren. Die Folge ist, daß sich die Ansprüche beider immer mehr 
verstärken und das Ich immer von neuem auf Mittel und Wege sinnen 
muß, den widerstreitenden Ansprüchen durch Kompromisse zu entgehen. 

- 82 - 



Wir können aber das Verhältnis zwischen dem Über-Ich und den anderen 
Systemen auch am normalen Fall studieren. Wir werden dann finden können, 
daß das Ich und das Über-Ich dort am besten aufeinander eingespielt sind, 
wo eine leise Anregung des Über-Ichs genügt, daß das Ich ihm folge. Nicht 
dort, wo das Gewissen überlaut schreien muß, liegt eine ideale Funktion 
vor, sondern nur dort, wo der sachlich überzeugende Inhalt genügt. Auch 
das Ich, das immer unter dem Drucke eines schweren Schuldgefühls steht, 
hat ein „schlechtes Gewissen", d. h. ein schlechtes Über-Ich, ebenso dasjenige, 
das immer nur mit schwerer Mühe, sozusagen nur „schwitzend den 
Forderungen seines Über-Ichs nachkommen kann. Aber auch das Ich, • das 
ständig nur in einer idealen Welt, in einer Phantasiewelt idealer Forderungen 
lebt und dabei gar nicht merkt, wie sehr sein reales Handeln mit dieser in 
Widerspruch steht, zeigt damit an, daß das Verhältnis zwischen seinem 
Über-Ich und den anderen Systemen kein gut funktionierendes ist. 

Man könnte sagen, das ideale Verhältnis des Über-Ichs zu Ich und Es sei 
eines des kleinsten Aufwands. Es komme immer darauf an, daß es 
mit einem minimalen Kräfteaufwand einen maximalen Erfolg herbeiführe. Es 
handle sich beim Über-Ich immer nur um ein Dirigieren von Kräften, ein 
Auslösen, ein Richtunggeben gegenüber bereits vorliegenden Kräftemengen. 
Für eine solche nur auslösende Funktion müsse normalerweise ein minimaler 
Kräfteaufwand genügen; wo er nicht genügt, sei damit angezeigt, daß 
etwas nicht in Ordnung sei, daß z. B. hindernde Gegenkräfte im Spiele 
seien. 

Wenn man nun die Frage stellt, welcher Art wohl die Kräfte sind, die 
— in kleinsten Mengen — den Energieaufwand bestreiten, durch den das 
Über-Ich wirkt, so können wir zur Beantwortung auf niemand Geringeren 
als auf Kant zurückgreifen. Kant sagte, daß das eigentümliche Gefühl, das 
wir dem moralischen Gesetz gegenüber empfinden, weder allein durch Liebe 
noch allein durch Furcht charakterisiert sei, trotzdem es zweifellos von beiden 
Gefühlen Analoges enthalte. 1 Es sei vielmehr gleichsam ein Gemisch von beiden, 
das man nicht besser als durch den Begriff der Achtung bestimmen 

könnte. 

Kant hat mit dieser Darstellung des gefühlsmäßigen Verhältnisses des 
Ichs zum Über-Ich nicht allein den Charakter dieses Gefühls, sondern 
zugleich dessen Genese skizziert. In der Tat sind Liebe und Furcht die 
beiden Gefühlsregungen, durch die das Urbild und die Vorstufe des Über-Ichs, 
die Erzieher, vor allem die Eltern, bestimmenden Einfluß auf das Kind 
haben. 

Hier sind wir, ausgehend von der Betrachtung einer idealen Beziehung 
zwischen dem Ich und seinem Über-Ich, rückläufig zu der Betrachtung der 
Beziehung zwischen dem kindlichen Ich und seinem Erzieher gelangt, 



i) Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (i. Abschnitt). Akademie- 
Ausgabe der Ges. Sehr. Bd. IV. S. 401. 

- 83 - 



die wohl das Geheimnis aller wahren Erziehungskunst enthält : wenn wir 
das ideale Verhältnis zwischen Ich, Es und Über-Ich dort verwirklicht sehen 
wo das Über-Ich mit einem minimalen Kräfteaufwand zu maximalen Erfolgen 
kommt, so sehen wir uns damit zugleich vor die alte, in der Theorie 
einfache, in der Praxis schwere Einsicht gestellt, daß diejenige 
Erziehung die beste ist, die mit den kleinsten Dosen arbeitet, mit 
den kleinsten Dosen von Liebe und Furcht. 

Wir können in eine eingehende Diskussion dieser fundamentalen päd- 
agogischen Einsicht an dieser Stelle nicht eintreten, sondern werden auf sie 
zweckmäßig erst später zurückkommen. Vorgreifend wollen wir jedoch 
folgendes bedenken. Welches sind die Hauptnachteile, die aus nichtgenügender 
Beachtung jenes Satzes von den kleinsten Dosen erwachsen? Wir können 
diese Frage dahin beantworten, daß wir sagen, daß, je größer die Dosen an 
Liebe nnd Furcht waren, mit Hufe derer das Kind den Geboten des 
Erziehers zu folgen vermochte, um so größer auch der Kräfteaufwand des 
Erwachsenen bei der Verfolgung der Direktiven seines Gewissens sein werde 
und daß er um so eher Gefahr laufe, zu versagen, sobald die für ihn nötige 
Kräftemenge nicht zur Verfügung steht. In den meisten Fällen wird es so 
sein, daß er immer noch eine Art Elternersatz nötig hat, dem er das von 
seinem Gewissen Geforderte gleichzeitig sozusagen „zuliebe" tut. Oder er hat 
einen abnorm betonten, forcierten religiösen Glauben nötig, um vor seinem 
Gewissen zu bestehen. 

Man kann die Folgen eines Zuviel an Liebe bereits beim ganz kleinen 
Kinde studieren. Ist z. B. der Übergang vom Nässen zur Sauberkeit abhängig 
gewesen von einer besonders starken zärtlichen Beziehung zu einer Pflege- 
person, so kann man oft in dem Falle, wo diese Pflegeperson einer anderen 
den Platz zu räumen hat, die Erfahrung machen, daß das Kind plötzlich 
wieder in die Gewohnheit des Nässens zurückfällt. 

VIII 

Anstatt zu versuchen, die Frage zu beantworten, inwieweit psychoana- 
lytische Einsichten im einzelnen eine praktisch-pädagogische Anwendung 
gestatten, werden wir gut tun, die bisherige Linie weiter zu verfolgen, die 
sich darauf beschränkt, die psychoanalytischen Erkenntnisse über den normalen 
Entwicklungsweg des menschlichen Trieblebens, seines Charakteraufbaus und 
der normalen Funktionen des seelischen Organismus zu skizzieren. Vervoll- 
ständigen wir zunächst das über die Triebentwicklung Gesagte. Wir stellten 
diese als eine gesetzmäßige Aufeinanderfolge von Trieborganisationen dar. 

Die psychoanalytische entwicklungsgeschichtliche Betrachtung wird uns 
noch deutlicher werden, wenn wir die möglichen Fehlentwicklungen 
denen das Triebleben ausgesetzt sein kann, verfolgen. Diese Fehlentwick- 
lungen sind zunächst zu bezeichnen durch die Begriffe der Fixi erun g, der 
Regression und der Verdrängung. Bleibt eine Triebäußerung, — um 

-84- 



das bereits oben Gesagte hier zu wiederholen, — die normalerweise innerhalb 
einer höheren Organisationsstufe keine oder eine nur untergeordnete Rolle zu 
spielen hätte, oder die sich auf dieser höheren Stufe zum größten Teil in 
Sublimierungen oder Reaktionsbildungen umgesetzt haben sollte, in ihrer 
primitiven Form bestehen, so sprechen wir von einer Fixierung. 
Desgleichen, wenn das Ich und der Trieb an einem normalerweise aufzugebenden 
Objekte' haften bleiben. 

Findet innerhalb der normalen Entwicklung an irgend einer Stufe eine 
rückläufige Bewegung statt, in dem Sinne, daß das Triebleben oder auch das 
Ich von einer höheren Stufe der Entwicklung gleichsam auf eine niedere 
zurückgreift, die — manifest betrachtet — bereits überwunden war, 60 
sprechen wir von einer Regression. Oft ist als bedeutsamer und aus- 
schlaggebender Faktor für einen regressiven Prozeß eine manifest meist nicht 
bemerkbare Fixierung an jene Organisationsstufe vorhanden, auf die das 
betreffende Individuum regrediert. Diese Fixierungsstelle wirkt gleichsam wie 
ein Anziehungspunkt auf die durch irgendwelche inneren oder äußeren Gründe 
labil gewordene höhere Organisation. 

Eine bedeutsame Fehlentwicklung, bzw. ein mangelhaftes Triebschicksal ist 
durch den Begriff der Verdrängung bezeichnet. Dieser Begriff spielt in 
der psychoanalytischen Neurosenlehre eine zentrale Rolle. Neuerdings ist sein 
Geltungsbereich von Freud eingeschränkt worden, er ist einem umfassenderen 
Begriff, nämlich dem der „Abwehr" (des Ichs gegen unliebsame Regungen), 
untergeordnet worden. Jedoch werden wir für unsere Zwecke auf diese 
Differenzierung der Begriffe der Abwehr und der Verdrängung hier nicht 
näher einzugehen brauchen. Mit Verdrängung wurde ursprünglich jede Aktion 
bezeichnet, durch die eine Regung vom Bewußtwerden und dadurch gleich- 
zeitig von der Motorik abgesperrt wurde. Das Bedeutsame an dem Erfolg 
einer Verdrängungsaktion ist darin zu sehen, daß durch sie nunmehr die 
Regung einer Beeinflussung durch das bewußte Ich entrückt ist. Das Ich ist 
nun nicht mehr imstande, die Regung zu beherrschen. Dieser Erfolg einer 
Verdrängung ist praktisch belanglos, wenn die Regung durch den Vorgang 
der Verdrängung auch wirklich ganz oder zum größten Teil unwirksam 
geworden ist, sich also im psychischen Gesamthaushalt nicht weiter bemerkbar 
macht, wenn es sich also um eine sozusagen geglückte Verdrängung handelt. 
Der Erfolg der Verdrängung ist aber praktisch von größtem Belang, wenn, 
trotzdem das Ich nichts von ihr weiß, sie gleichwohl im Psychischen latent 
wirksam bleibt und dadurch mehr oder weniger große Störungen hervor- 
zurufen imstande ist. 

Derart verdrängte Regungen, die der Verarbeitung durch das Ich entzogen 
sind, können, wie wohl ersichtlich ist, leicht zu Fixierungsmittelpunkten 
werden. Gleichsam vom psychischen Stoffwechsel abgedrängt, werden sie die 
Entwicklungen von niederen zu höheren Stufen nicht oder nur sehr schwer 
mitmachen können und werden so zu regressiven Anziehungspunkten und zu 
Gefährdungen für die höheren Organisationen. 

-85- 



IX 

Weitere bedeutsame Schicksale der Triebe mögen durch die Verkehr uns 
der Lust in Unlust, durch die Entstehung von Angst, durch die Ver- 
kehrung des Triebzieles in sein Gegenteil und durch die Wendung 
eines normalerweise nach außen gerichteten Triebes gegen die eigene 
Person kurz angedeutet sein. 

Anstatt auf diese Triebschicksale hier näher einzugehen, wollen wir jetzt 
versuchen, einige jener konkreten Epochen in der Trieb- und Ichentwicklungs- 
geschichte des Einzelnen näher zu betrachten, um dabei die unter den eben 
geschilderten Triebschicksalen möglichen Ablaufsformen dieser Epochen ins 
Auge zu fassen. 

Eine viel größere Bedeutung, als man gewöhnlich vor den Untersuchungen 
der Psychoanalyse ihr zuzuschreiben pflegte, hat für die Entwicklung des 
Menschen die Epoche der Reinlichkeitsgewöhnung. Wir erwähnten 
bereits oben, daß der Verzicht des kleinen Kindes auf das bis dahin in sein 
Belieben gestellte Abgeben oder Zurückhalten seines Stuhles oder seines Urins 
zu jener Reihe von frühkindlichen Verzichtsleistungen gehört, die in ihrer 
Bedeutung für gewöhnlich unterschätzt werden, weil man zu wenig darüber 
unterrichtet ist, wie groß das Lustquantum ist, das beim kleinen Kinde an 
den Funktionen der Stuhl- und Urinentleerung hängt. Von der Haltung 
des Erziehers bei der Aufgabe, das Kind an Reinlichkeit zu gewöhnen 
hängt außerordentlich viel für das spätere Trieb- und Ichschicksal des* 
Kindes ab. 

Betrachten wir z. B. den Fall, wo der Erzieher das Kind mit Gewalt- 
maßnahmen dazu bringen will, seinen Stuhl zu demjenigen Zeitpunkt, den er 
bestimmt, herzugeben. Nach unseren obigen Ausführungen würde der Erzieher 
ein Maximum von Aussicht haben, daß sich die Überwindung der kindlichen 
Schmutzlust in demjenigen Alter und in derjenigen Form vollziehe, die für 
die Entwicklung des Trieblebens wie des Charakters des Kindes die günstigsten 
wären, wenn er sich dabei vorhielte, daß er bei seiner Aufgabe sozusagen 
nichts ab ovo zu schaffen, sondern nur eine bereits vorgezeichnete Ent- 
wicklungstendenz zu unterstützen habe, und daß er — wie wir oben sagten 
nach dem Prinzip der kleinsten Dosen verfahren müsse. 

Wie aber, wenn wir, wie gesagt, annehmen, er suche sein Ziel mit Gewalt 
zu erreichen, so etwa, daß er das Kind aufs Töpfchen setzt und auf jeden 
Fall darauf besteht, daß das Kind seinen Stuhl erledigt, ihm etwa erklärt 
oder, wenn es seine Worte noch nicht versteht, ihm auf andere Weise als 
durch Worte zu verstehen gibt, daß es nicht eher wieder aufstehen dürfe 
bis es sein Geschäft erledigt hat? 

Die kleine Szene wird uns, so lange wir psychoanalytischen Untersuchungen 
fernstehen, recht belanglos erscheinen, und wir werden nicht verstehen, wieso 
wir um sie so viel Aufhebens machen und warum wir sie zum Gegenstand einer- 
eingehenden psychologischen Betrachtung machen. Jedoch können wir zeigen 
daß je nach der Art und Weise, welches Schicksal hier das primitive Trieb- 

- 86 - 






leben und das primitive Ich des kleinen Kindes erfährt, eine Fülle von Ent- 
wicklungsreihen von dieser Szene ausgehen kann. 

Bedenken wir zunächst, daß zu jedem Trieb das Moment der Lust gehört. 
Eine Triebregung wird in ihrem wesentlichen Bestände gestört und verändert, 
wenn das Lustmoment beeinträchtigt wird. Nun wird man vielleicht hier 
einwenden, daß es gerade die Absicht der Reinlichkeitsgewöhnung sei, daß 
das Kind seine primitive Lust an der Funktion und den Produkten der 
Exkretion zugunsten höherer Trieborganisationen aufzugeben habe. Dabei 
würde man aber übersehen, daß diese frühinfantile Exkretions- und Exkret- 
lust nicht völlig verschwinden darf, weil der Mensch ja auch noch im späteren 
Leben normalerweise Stuhl und Urin zu produzieren hat und diese Funk- 
tionen unerfüllbar sind, wenn ihnen nicht ein gewisses Quantum Lust 
erhalten bleibt. 

In der Tat kann man durch genügend weit in die frühinfantile Zeit 
hineinreichende analytische Untersuchungen feststellen, daß psychogene Störungen 
der Exkretionsfunktionen durch Vorgänge der Reinlichkeitsepoche bestimmt 
oder mitbestimmt sein können. 

Ein Quantum Lust muß aber nicht nur deswegen den Exkretionsvorgängen 
erhalten bleiben, damit ihre normale Funktion gesichert bleibt, sondern auch 
gerade zu dem Zwecke, damit die durch die Reinlichkeitserziehung beab- 
sichtigten Sublimierungen und Reaktionsbildungen störungslos entwickelt werden 
können. Psychoanalytischer Untersuchung zeigt es sich nämlich, daß ein 
Maximum von Sublimierungs- und Reaktionsbildung nur dort erreicht wird, 
wo ein Trieb einem Minimum störender Einwirkungen ausgesetzt war. Hat 
er im Gegenteil Schicksale erfahren, etwa derart, daß die ihn repräsen- 
tierende Lust zu einem Teil in Unlust verwandelt worden ist, oder daß das 
Erleben des Triebbedürfnisses und der Triebbefriedigung durch den Prozeß 
der Verdrängung zu einem Teil dem Bewußtwerden und damit der Beein- 
flussung durch das Ich entzogen worden ist, dann ist, wie wir bereits oben 
sagten, damit zugleich der Weg zu Sublimierungen und Reaktionsbildungen 
wie der zu höheren Organisationsstufen überhaupt erschwert. 

Wir haben bereits oben gesehen, um welche Sublimierungs- und Reaktions- 
bildungen es sich speziell bei der Exkretionslust handelt. Es bildet sich reaktiv 
auf die primäre Schmutz lust die Neigung zu Ordnung und Rein- 
lichkeit aus. Gewaltsame Erziehungsmaßnahmen können diese Entwicklung 
gefährden. Freilich nicht in dem Sinne, daß sie überhaupt nicht zustande 
kämen. Sie kommen im Gegenteil oft nur zu gut zustande, d. h. wir 
finden an Stelle einer normalen Fähigkeit zu Ordnung und Reinlichkeit eine 
übertriebene, oft zwanghafte pedantische Ordnungsliebe, bzw. eine Reinlich- 
keitssucht. Sieht man genauer zu, so finden sich aber neben diesen Zügen in 
ebenfalls verstärktem Maße mehr oder weniger große Reste ursprünglicher 
Schmutzsucht und Neigung zu Unordnung erhalten, nur daß diese Tendenzen 
zumeist automatisch vor der Außenwelt und mit noch größerem Erfolg vor 
der eigenen Kritik verborgen bleiben. Es ist, wie wenn das Kind, das mit 

- 87- 



Gewalt zur Reinlichkeit angehalten wurde, sich wohl, soweit es den Erzieher 
liebte und Furcht vor ihm hatte, mit einer Art Übergehorsam dessen Geboten 
zu unterwerfen trachtete, dieses aber nur unter trotzigem Vorbehalt zugunsten 
des unterdrückten Triebes zustande brachte, gleichsam als ob das kindliche 
Ich sagte: »Gut, ich will dir in einer gewissen Breite ganz und gar gehorchen 
dafür aber werde ich mich an einer anderen Stelle schadlos halten." 

Die eben beschriebene eigentümliche Doppelhaltung des Ichs ist im späteren 
Leben weitgehend mit Gesundheit und Leistungsfähigkeit vereinbar. Wir 
finden sie aber auch als eine charakteristische Grundsituation in der Zwangs- 
neurose. Bei dieser Erkrankung findet sich das Ich eingekeilt zwischen den 
Forderungen des Über-Ichs, dem es sich mit einem Übergehorsam verpflichtet 
fühlt, und den elementaren Triebanforderungen des Es, denen es sich eben- 
falls ausgeliefert sieht und deren Ansprüche das Ich mit einem ihm selbst 
unbewußten Trotz in Geltung zu halten trachtet, während es gleichzeitig 
bewußt nur die Forderungen des Über-Ichs anerkennt und im Gehorsam 
gegen diese die elementaren Triebregungen zu unterdrücken sucht. 

Wir waren von der Situation ausgegangen, in der der Erzieher mit Gewalt 
von dem Kinde den Verzicht auf die bisherige ungeregelte Exkretionslust 
zugunsten der Unterordnung unter bestimmte Regeln von Zeit und Ort ver- 
langt. Wir sahen, daß eine der Reaktionen des Kindes auf diese Maßnahmen 
darin besteht, daß das Kind trotzige Vorbehalte zugunsten des primitiven 
Trieblebens macht. In diesem Trotz — bleibt er bis in das Erwachsenenalter 
hinein erhalten — werden wir auch dann, wenn er nicht das Teil stück einer 
Neurose bildet, eine nicht erwünschte Erscheinung sehen, und doch hat er 
eine positiv zu bewertende Wurzel; bedenken wir, daß dieser Trotz die 
Reaktion des Kindes auf das Vorhaben des Erziehers ist, das für ihn derzeit 
durchaus angemessene Triebleben empfindlich zu stören, es sozusagen im Nerv 
seiner derzeitigen Interessen zu treffen, so müssen wir anerkennen, daß hier 
das Kind einen ersten, wichtigen und ernsthaften Versuch unternimmt, gegen- 
über störenden Eingriffen von außen seine Selbständigkeit zu behaupten. 

Wir mögen aus diesen Überlegungen ersehen, wie bedeutsam für das Kind 
die Haltung des Erziehers bei den frühen Triebumsetzungen, insbesondere 
denen, die sich bei der Reinlichkeitsgewöhnung vollziehen, ist. Da, wo das 
Kind sich erstmalig in der Situation sieht, in der seinen bis daher unge- 
störten Triebregungen Veränderungen drohen, da muß auch die Geburtsstunde 
des Ichs, der Persönlichkeit und der Selbständigkeit liegen. Erst da, wo das 
bisher ungestörte Triebleben gefährdet scheint, wird es Anlaß haben, aufzu- 
wachen, seiner bewußt zu werden und aus diesem Bewußtsein heraus sich 
zu verteidigen streben. Daß diese erste frühkindliche Wendung zu dem viel- 
leicht höchsten persönlichen Gut, das der spätere Erwachsene aufzuweisen hat, 
die Wendung zur inneren Selbständigkeit, zur Persönlichkeit, durch kurz- 
sichtige und gewaltsame Maßnahmen des Erziehers nicht im Keim beein- 
trächtigt werden dürfte, sondern daß hier die größte Behutsamkeit am Platze 
ist, liegt auf der Hand. Es kann, wie wir oben sahen, durch Gewaltmaß- 

-88- 






nahmen, oder wie wir uns identisch wohl ausdrücken dürften, durch über- 
große Dosen von Liebe und Furcht, im günstigsten Falle schnell das gewünschte 
Stückchen Herrschaft über das Triebleben herbeigeführt werden, aber wir 
können nicht wissen, mit welchen Opfern das erkauft worden ist, und ob 
nicht nur ein Stück dauernder sklavischer Abhängigkeit gegenüber einem vor- 
behaltenen Stück Triebleben, sondern auch ein Stück dauernder Unselbständig- 
keit des Ichs gegenüber einem übermächtigen Über-Ich als auch gegenüber 
der Meinung der anderen die Kehrseite bildet. 

Wir dürfen nun fragen, wie wir uns einen normalen Ablauf jener Vor- 
gänge bei der Reinlichkeitsgewöhnung vorzustellen haben, also einen Ablauf, 
der nicht durch gewaltsame Eingriffe gestört, sondern dem nur in einer Weise 
sekundiert wird, die den bestmöglichsten Erfolg garantiert. 

Wir müssen auf das über die positiv zu bewertende Wurzel des 
Trotzes, die Selbständigkeit, Gesagte zurückgreifen. Diese würde sich 
also zunächst darin äußern, daß sie gegenüber der Forderung des Erziehers 
die bisherige dem Kinde gewohnte und liebgewordene Triebäußerungsform 
beibehält. Bliebe alles nun bei dieser inneren Situation, so würde das Kind 
nie zur Reinlichkeit gelangen können. Das, was es zu erlernen hat, betrifft 
wesentlich eine neue Aufgabe seiner bei der Exkretion tätigen Schließmuskeln, 
insbesondere des Enddarms und des Afters. Während diese bisher lediglich 
der jeweiligen Lust folgten, die das Kind je nachdem beim Zurückhalten oder 
beim Herauslassen des Stuhles empfand, sollen sie jetzt von dieser Lust unab- 
hängig gemacht werden und statt dessen an bestimmte Situationen von Ort 
und Zeit geknüpft werden. Z. B. soll das Kind nicht, wenn es im Bett liegt, 
oder wenn es angekleidet ist, sondern nur dann, wenn es auf das Töpfchen 
gesetzt wird, seinen Stuhl oder Urin loslassen, bzw. es soll, wenn es auf dem 
Töpfchen sitzt, hier nicht der Lust des Zurückhaltens sich hingeben, sondern 
seine Exkrete sogleich hergeben. 

Wie paßt das zu der Tendenz des Kindes, in der Verteidigung seiner bis- 
herigen Trieblust sein Selbständigkeitsstreben zu beweisen? Offenbar ist die 
gewünschte Entwicklung von der primären Schmutzlust zur Reinlichkeitsfähig- 
keit nur dann optimal vollzogen, wenn nicht nur diese erreicht worden ist, 
sondern wenn dabei zugleich das bei eben dieser Aufgabe erwachende Streben 
zur Selbständigkeit nicht nur voll erhalten bleibt, sondern seinerseits eine 
Weiterentwicklung aufweist. 

Diese Entwicklung der Selbständigkeit ist nun in der Tat im idealen Fall 
der Reinlichkeitsepoche gegeben. Sie besteht darin, daß das Kind die bisherige 
Lust, die Lust an den primitiven, regellosen Ausscheidungsvorgängen zu einem 
großen Teil transponiert auf die ihm bis dahin kaum bekannten Vorgänge 
der Beherrschung der Schließmuskeln. Anders ausgedrückt: wenn das Kind 
zumindest ebensoviel Lust bei dem Versuch erlebt, das Öffnen und Schließen 
der betreffenden Muskeln von den Vorstellungen bestimmter Situationen 
abhängig zu machen, als es vordem bei dem regellosen Gewährenlassen der 
elementaren Triebregungen empfand, dann ist das Spiel — im Sinne der 

Zeitschrift f. psa. Päd., III/2/3 89 7 



Reinlichkeitserziehung — gewonnen. Das Selbständigkeitsbewußtsein, ursprüng- 
lich an die Verteidigung der primitiven Triebregungen geknüpft, setzt sich. 
nun fort und erhöht sich zugleich in dem Erleben, einen Teil des eigenen 
Körpers, einen Teil seiner Muskulatur beherrschen, zu können. 

Man kann diesen Vorgang der gleichzeitigen Verschiebung und Erhöhung 
des Selbständigkeitsstrebens vielleicht noch deutlicher beim freien Gehen- 
lernen des Kindes beobachten. Gegenüber dem Getragen- oder Geführtwerden 
durch die Mutter bedeutet eine Situation, in der das Kind, etwa gegen die 
Wand gelehnt, nicht mehr seine Hand in der der schützenden oder führenden 
Mutter fühlt, für das Kind etwas Neues, Fremdes, Gefahrvolles; es wird 
zunächst weinend zur Mutter zurückverlangen. Man kann beobachten 
wie ein Kind nur zaghaft und zunächst unter großer Unlust, ja Angst 
Versuche unternimmt, sich an der Wand und an Möbelstücken entlang fort- 
zubewegen. Man kann aber auch bald weiter beobachten, daß die Äußerungen 
von Unlust und Unwillen, die bei diesen Versuchen laut werden, mehr und 
mehr untermischt und unterbrochen werden durch Äußerungen vom Charakter 
der Lust und eines Willens, die ähnlich, wie wir es soeben bei den Vor- 
gängen der Reinlichkeitsgewöhnung beschrieben haben, so zu verstehen sind 
daß die ursprüngliche Lust, die an dem Geborgensein bei der Mutter, an dem 
Von-ihr-an-der-Hand-geführt- Werden hing, nunmehr nach und nach auf die 
neue Situation der von der Mutter unabhängigen, freien, eigenen Bewegung 
und Körperbeherrschung verschoben wird. Hier bei dem freien Gehenlernen 
ist es noch augenfälliger, wie sich die ursprünglich in der Abweisung der 
Störung der primitiven Triebregungen betätigende Selbständigkeitstendenz in 
der Gewinnung einer Herrschaft über die Gehmuskulatur zugleich fortsetzt 
und erhöht, weist doch die Bezeichnung „Selbständigkeit" gerade auf das 
optische Vorbild des Von-selbst-Stehens zurück. 

x 

Wir wollen hier abbrechen. Wir werden mit unseren Ausführungen die- 
jenigen enttäuscht haben, die sich unter dem Titel dieser Arbeit eine Reihe 
direkter, sogleich praktisch verwendbarer pädagogischer Ratschläge versprochen 
glaubten. Es lag uns daran, durch Schilderung der psychoanalytischen Psycho- 
logie den Eindruck zu erwecken, daß das Studium ihrer Lehre vom 
Zusammenhang der Charakter- und Triebentwicklung, von der Bedeutung 
der frühkindlichen Triebentwicklungen, Trieb verzichte und -Schicksale in 
ihrem Zusammenspiel mit den Beziehungen zu den ersten Liebesobjekten, 
und Autoritäten des Kindes, daß dieses Studium unbedingte Voraussetzung 
für eine neue Orientierung über die grundsätzliche Haltung des Erziehers zum 
Kind und über die grundsätzlichen Möglichkeiten und Grenzen der Erziehung^ 
sei. Mit den Ausführungen des IX. Kapitels wollten wir zeigen, wie bestimmte- 
früheste Reaktionen auf dem Gebiete des kindlichen Trieblebens und de& 
kindlichen Ichs anläßlich der ersten Erziehungsversuche nicht allein von der 

— 90 — 






umfassendsten Bedeutung für die Gestaltung des Trieblebens und des 
Charakters des späteren Erwachsenen sind, sondern — wir führten als 
Beispiel die Epoche der Reinlichkeitsgewöhnung und des Gehenlernens an 
— daß sie es sind, an denen die Reaktionen des Kindes vor allem gründ- 
lich studiert werden müssen, damit nicht nur die Gesetze und die Grenzen 
einer optimal wirksamen Erziehungshaltung, sondern auch die Bedingungen 
gewisser, in dem zu erziehenden Kinde zu entwickelnder, zentral wichtiger 
Fähigkeiten, nämlich der Verzichts- und Selbstbeherrschungsfähigkeit und der 
Selbständigkeit, zugleich entwicklungsgeschichtlich und grundsätzlich bestimmt 
werden können. 



BEOBACHTUNGEN AN KINDERN 

Hill 



Beiträge zur kindlichen Schaulust 

Von Karl Pipal, Reichenau 

Es ist eine bekannte Tatsache, daß das Nacktliegen schon den ganz kleinen 
Kindern ein großes Vergnügen bereitet und daß selbst Säuglinge oft mit sehr 
viel List das lustvolle Nacktsein durchzusetzen verstehen. Die Bewunderung, 
die dem kindlichen Körper seitens der Mutter oder irgendeiner Pflegeperson 
zuteil wird, vermag später die Freude zu vergrößern und gar bald die Nackt- 
heit als etwas Köstliches empfinden zu lassen, das nicht nur das Kind selbst, 
sondern auch die Erwachsenen erfreut. So gewinnt das Entblößen eine Doppel- 
funktion. Von der Schamhaftigkeit weiß das Kind noch lange nichts, stellt 
seinen Körper gern und absichtlich so oft als nur möglich zur Schau. In der 
Stadt ist dies wohl nur selten oder bloß im Familien- oder Bekanntenkreise 
möglich, da die fürsorgliche Mutter der Kleidung ihres Lieblings besondere 
Aufmerksamkeit zuwendet, aber auf dem Lande, wo die Kinder vor den 
Bauernhöfen bis ins vierte Jahr und darüber hinaus oft nur mit einem ganz 
kurzen Hemdchen, das bloß die Brust bedeckt, herumtollen, ist die Exhibition 
an der Tagesordnung. Wandert ein Fremder vorbei, so gaffen ihn die kleinen 
Halbadamiten mit wahrhaft paradiesischer Unschuld an oder strecken „scham- 
haft" den Arm vors Gesichtchen. Immerhin kommt es auch vor, daß die 
Kinder auf ihre Nacktheit eigens aufmerksam machen. 

Beob. i: H. Gl., der dreijährige Sohn einer Russin und eines deutschen Anstreicher- 
meisters, fährt, wenn er sich beobachtet sieht, mit dem rechten Händchen nach 
seinem Gliede und hebt es in die Höhe. 

Aber nicht jedermann darf dieses Geschenkes teilhaftig werden, und viel- 
leicht handelt es sich bereits um eine höhere Stufe, wenn das Kind durch 
seine Entblößung nur geliebte Personen beglückt. 

Beob. 2: Burli, mein kleiner Neffe, vier Jahre alt, ist über meinen Besuch toll 
vor Freude und weiß nicht, was er tun soll. Als er abends ins Bett wandern muß 
und ich noch einmal zu ihm trete, springt er auf, zerrt sein Höschen herab, zeigt 

— QI — 7' 



mir das Gesäß und meint: „Da schau!" Noch ein zweites Mal werde ich so ausge- 
zeichnet, diesmal soll ich seinen Lumpi anschauen, und daran knüpft er lächelnd die 
Aufforderung: „Geh', riech' zu meinem Hosi!" 

Die Kinder sind voll Bewunderung für ihren Körper, bedecken oft die 
eigenen Gliedmaßen mit Küssen und lieben ihre Photographien wie sich selbst. 

Beob. 2 : A. Seh., das dreieinhalbjährige Söhnchen eines Lehrerehepaares, will sich 
von seiner Photographie, die es nackt auf einem Bärenfell liegend darstellt, nicht 
trennen. Es schleppt sie überall mit, schreit beim Wegnehmen entsetzlich, preßt das 
Bild an seine Lippen, um es ganz mit Küssen zu bedecken. 

Natürlich muß die Erziehung zur Schamhaftigkeit auch hier „die allmäh- 
liche Umstellung des Kindes vom Lust- zum Realitätsprinzip durchführen" 
die Exhibitionslust eindämmen. Den Kindern bleibt dann nur bei der Ver- 
richtung der natürlichen Bedürfnisse und beim Baden Gelegenheit, vor den 
Eltern und dem Hauspersonal zu exhibitionieren, und sie wissen es so einzu- 
richten, daß sie dabei noch lange unbedingt die Hilfeleistung der geliebten 
Person nötig haben. Wie verzweifelt sind viele Mütter darüber, daß sich der 
große Bub oder das große Mädel nicht einmal waschen können, und sie sind 
so überzeugt von der Ungeschicklichkeit ihres Kindes, daß sie jeden Versuch zum 
selbständigen Handeln durch die unwillig geäußerten Worte „Geh, du kannst 
es ja gar nicht!" zu vereiteln wissen. Die unbewußte Schaulust der Ewachsenen 
begleitet und verstärkt die Exhibitionslust der Kinder. 

Zur passiven Exhibitionslust, der Lust am Betrachtetwerden, tritt alsbald 
die Lust am aktiven Anschauen und Bewundern des Körpers geliebter Per- 
sonen. Bei gewesenen Brustkindern ist in erster Linie die Brust der Mutter 
oder einer anderen weiblichen Person das Ziel vieler Angriffe. Dem „unschul- 
digen" Kinde werden eben von der Mama mit Rücksicht auf seine Unschuld 
verschiedene Manipulationen gestattet, und lächelnd akzeptiert sie gelungene 
Äußerungen ihres Engels. Viel Heiterkeit erregte die Bemerkung eines vier- 
jährigen Muttersöhnchens, das nach dem Spiel mit den Brüsten der Mutter 
sich selbst betrachtete, seine „Warzi" entdeckte und frohlockend ausrief: 
„Mutti, schau, ich krieg auch schon ein schönes Brusterl!" 

Die Mutterliebe kennt keine Grenzen, und so kann es vorkommen, daß 
eine Mutter ihrem fast siebenjährigen Knaben das Spielen mit ihren Brüsten 
noch immer nicht abgewöhnen konnte. 

Beob. 4: K. L., sieben Jahre alt, muß unbedingt vor dem Einschlafen mit den 
Brüsten der Mutter spielen. Es hat schon deshalb furchtbare Auftritte gegeben. Der 
Knabe läßt dann ein fürchterliches Geschrei los, und aus Rücksicht auf die Um- 
gebung muß die Mutter immer nachgeben. Heute bangt der Frau vor der Einschlaf- 
bedingung ihres Söhnchens, dem sie, als er noch ein ganz kleines, „unschuldiges« 
Kind war, dies „harmlose" Tun (das sicherlich auch ihr Lust brachte) erlaubt hatte. 
Mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgen Knaben das Umkleiden der 
Mutter, Tante oder des Kindermädchens, jede nackte Körperstelle ist Gegen- 
stand ihres Interesses und ihrer Wünsche. 

Beob. j: Burli, viereinhalb Jahre alt, hat mit der Tante, die ein ärmelloses Kleid 
träg 1 * gespielt, hält plötzlich inne und meint: „Ich möchte dir ein Bussi aufs liebe 
Armi geben, aber nicht da unten (Hand), weiter oben!" 

Fast bei jedem Knaben scheint eine Zeit zu kommen, wo er die geliebte 
Person nicht einen Augenblick aus den Augen lassen will, auch in der Nacht 
nach ihr verlangt. 

- 02 - 






Beob. 6: Maxi, ein vierjähriger Knabe, der sein Kinderfräulein unendlich liebt, 
weckt es selbst in der Nacht auf. Einmal geschah dies dreimal, und da Maxi gerade 
an einem Ausschlag litt, wurde er jedesmal mit einer Salbe eingerieben und nachher 
wieder eingeschläfert. Am nächsten Morgen sprach Papa mit Bubi und versuchte 
ihm klarzumachen, daß das Fräulein auch schlafen wolle. Maxi begriff und ver- 
sprach hoch und teuer, sein liebes Fräulein nicht mehr in der Nacht aufzuwecken. 
Am Nachmittag wendet er sich während eines Spieles ganz spontan an das Fräidein 
und meint: „Du, Fräulein, weißt, ich habe es mir überlegt, ich werde dich doch 
wieder aufwecken!" Darauf das Fräulein: ,.Schau, ich will auch schlafen, ich bin 
immer so müde, und dem Papa hast du es auch versprochen!" „Ja, weißt du, ich 
schau dich in der Nacht so gern an, die Haare sind zerrauft und die zwei lieben 
Zöpferln hängen herunter, da schau ich dich gern an!" 

In das Badezimmer und selbst auf das Klosett -wollen viele Knaben mit- 
genommen werden, und leider wird es ihnen in Anbetracht ihrer Unschuld 
nur allzu häufig gewährt. Der Kräfteaufwand, mit dem sie das Mitnehmen 
erzwingen wollen, ist oft ungemein groß. 

Beob. 7 : Tante Änny will ein Bad nehmen, Mama bereitet alles vor, Burli macht 
sich auch im Badezimmer zu schaffen, spielt in einer Ecke, ist sehr brav und harrt 
der Dinge, die da kommen werden. Nun ist alles fertig, Mama will Burli hinaus- 
führen, doch der Kleine klammert sich an den Waschtisch und schreit: Nein nein 
ich will mal auch was Interessantes sehen!" 

Beob. 8: Wenn Mama zu einem Spaziergange rüstet, oder ohne Burli nach Wien 
fahren will, gibt es jetzt immer furchtbare Szenen. Burli klammert sich an seine 
Mama, folgt ihr schreiend überall nach, nicht einmal aufs Klosett will er sie allein 
gehen lassen, tobt und brüllt: „Bitte, Mama, nimm mich mit, ich muß auch ,lulu' 
machen!" 

Das Interesse der Kinder richtet sich frühzeitig auf die Geschlechtsteile 
und Nates der geliebten Personen. Mannigfache Spiele werden erfunden, um 
unter die Röcke sehen zu können, und leidenschaftlich pressen manche Knaben 
ihr Gesicht an den Popo geliebter Frauen. In der Regel richten sich solche 
Wünsche auf das andere Geschlecht, es gibt aber auch Ausnahmen. 

Beob. 9: K. R., sechs Jahre alt, stellt dem starken Dienstmädchen nach, preßt 
seinen Kopf in obiger Art bei jeder Gelegenheit an ihren Schoß. Die zartgebaute 
Mutter verschont er, als aber einmal der Vater in halbgebückter Stellung eine Arbeit 
verrichtet, kann R. nicht wiederstehen und fährt ihm von hinten mit der Hand in 
die Hose. 

Ein weites Feld von Möglichkeiten, die sexuelle Neugierde zu befriedigen, 
eröffnet den Kindern das gemeinsame Spiel. Schon im vorschulpflichtigen 
Alter finden sich Kinder verschiedenen Geschlechts zusammen, spielen „Vater 
und Mutter" oder „Patient und Doktor". Es gibt unzertrennliche Freund- 
schaftspaare, aber auch größere Gruppen, die gemeinsam diesen Spielen 
frönen. 

Beob. 10: Der siebenjährige Fritz und die fünfeinhalbjährige Trude sind innige 
Freunde, spielen gemeinsam, urinieren gemeinsam und machen aneinander Natur- 
studien. Daheim meint einmal Trude: „Du, Papa, weißt, was ich mir jetzt anschaffe? 
Auch so ein Würsterl, wie der Fritzi hat." Auch Fritz kommt auf das Beobachtete 
zurück: „Tante, die Trudi hat kein ,Kinkerl 4 wie ich, sondern ein Sandhauferl mit 
einem Rinnerl." 

Ausgiebige Naturstudien betreiben ältere Kinder, wenn das jüngere 
Geschwisterchen gebadet wird. 

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Bub. sxi Trade, die sich „ein Würsterl« kaufen wollte, soll nach fünfeinhalb 
Jahren ein Geschwisterchen bekommen und wird entsprechend vorbereitet. Von einem 
Bruder will sie nichts wissen, Mama muß ein Schwesterl bringen. Ihr Wunsch geht 
m Erfüllung, und als einmal die Kleine gebadet wird, konstatiert Trude mit 
Befriedigung: „Mama, dem Schwesterl fehlt was, ich schau da unten ganz ander« 



aus. 



Kinder sind sehr scharfe Beobachter, wenn sie auch nur gelegentlich das 
Bemerkte verraten. 

Beob. 12: Trude verfolgt mit großem Interesse das Stillen ihres Schwesterchens 
und meint zur Mama : „Mama, warum läßt du sie nicht bei der Großmama trinken, 
die hat ja eine viel größere Brust?" 

Aggressives Vorgehen zur Befriedigung der Schaulust konnte ich von einem 
siebenjährigen Knaben in Erfahrung bringen. 

Beob. ij : Hans stellt schon seit seinem vierten Lebensjahr kleinen Mädchen nach, 
lockt sie in ein Versteck, wirft sie nieder, preßt sie an sich und will das „Zipferl" 
anschauen. Die Mütter sind um ihre kleinen Töchter sehr besorgt, zumal der jetzt 
siebenjährige Knabe geradezu faszinierend auf kleine Mädchen wirkt, die ihm gerne 
zulaufen. 

Dem Stadtkinde bringt jeder Landaufenthalt viel Interessantes. An den 
Tieren kann sich die Schaulust des Kindes viel ungehinderter weiden. Keine 
Hindernisse legen ihr hier die Eltern in den Weg, stehen nur ratlos den 
Mitteilungen und Kinderfragen gegenüber und ärgern sich, daß sich die 
Fragen ihres Kinde« gerade auf die heikelsten und unschicklichsten Punkte 
beziehen. 

Beob. 14: „Schau, schau", rief die viereinhalbjährige H. P. ihrem siebzehnjährigen 
Bruder zu und deutete auf das wachsende Glied eines Hengstes. „Was ist das, ist 
das auch ein Bein?" „Ja, ein Bein", sagte zustimmend der Bruder, der gerade keine 
andere Antwort wußte, und beim Abendessen mußte Papa zur Kenntnis nehmen, daß 
manche Pferde fünf Füße haben. Dieses Bein bildete den Ausgangspunkt zahlre'icher 
Kinderfragen, die erst verstummten, als Papa zornig erklärte, er wolle endlich einmal 
Ruhe haben. Papa hatte sich Ruhe verschafft, ob er aber auch den Reiz des Beines 
aus der kindlichen Gedankenwelt schaffen konnte, ist sehr fraglich. 

Kinder fragen oft mehr, als zehn Weise beantworten können, aber oft 
weniger, als ein Erwachsener beantworten könnte, wenn er den Mut auf- 
brächte, in den unbefangenen Äußerungen und Zwischenfragen seines Kindes 
nichts Anstößiges zu sehen. Wohl erfordert es viel Geschick, die kindlichen 
Spekulationen in natürliche Bahnen zu lenken, allen Fragen gerecht zu werden, 
aber die Kinder haben ein Recht auf die Befriedigung ihres Wissensdurstes,' 
und selbst die „fürchterlichsten" Fragen können ohne jede Prüderie behandelt 
werden. 

Beob. 1/: Der kleinen Trude sind die Veränderungen der mütterlichen Gestalt 
während der Schwangerschaft nicht entgangen, sie fragte: „Mama, was ist denn in 
deinem Bauch, der wird immer größer?" Wohl hatte Trude bereits gehört, Mama 
werde bald nach Wien fahren und ein Geschwisterchen bringen, aber man wollte 
das Geheimnis noch nicht lüften und „beließ" Trude im Glauben, das käme vom 
vielen Essen. Als Mama mit dem Schwesterchen heimkehrte, stellte Trude sofort 
fest: „Mama, der Bauch ist weg!" Da nahm Papa sein „großes" Töchterchen auf 
die Seite und erzählte ihm vom kleinen Schwesterchen, wie es da drinnen im Bauche 
der Mama lange geschlafen habe usw. Trude meinte: „Ja, ich habe schon gewußt, 
daß nicht der Storch die Kinder bringt, daß es aber da drinnen war, hab' ich nicht 

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. 






gewußt. Wie ist es aber herausgekommen?" „Der Herr Doktor hat et heraus- 
genommen." „Hat er den Bauch aufgeschnitten?" „Ja!" 

Die Neugierde des Kindes war nach dieser Unterredung vorläufig 
befriedigt, Trade fragte- nicht mehr, sie hatte das Geheimnis der großen 
Mutterliebe erfahren. Leider gibt es noch immer Eltern, auch unter den 
„Gebildeten", die solche Gespräche unsittlich heißen und ihnen beharrlich 
ausweichen. Sie überlassen die Aufklärung ihres Kindes den Gesprächen mit 
Freundinnen und erreichen damit, daß es früher oder später ein enttäuschtes 
Kind gibt, das sich mit Ekel von den Eltern, die derart sein Vertrauen miß- 
brauchten, abwendet. 

Beob. 16: Hansi H., zehn Jahre alt, Töchterchen eines Schuldirektors und einer 
Lehrerin, kehrt niedergeschmettert vom Turnunterrichte heim. Ein Mädchen hatte 
vom Kinderkriegen gesprochen und zur Bekräftigung seiner Worte die Mutter der 
Trude angeführt, auf ihren Bauch verwiesen usw. Hansi erzählt daheim alles und 
fragt: „Wer hat mich jetzt angelogen?" Die Eltern sind verzweifelt, sie sehen die 
„Unschuld" ihres Kindes entweichen, und Mama wendet ihre ganze Überredungskraft 
auf, um — das Storchmärchen zu stützen. Wochen vergehen, Trude hat ein 
Schwesterchen, ist mit Mama im Schulgarten, und da kommt Hansi. „Hansi, schau, 
ich hab' ein Schwesterchen", meldet Trude wichtig. Hansi ist sprachlos, starrt nur 
die Mutter ihrer Freundin an, wird blaß, steht wie vom Donner gerührt da, dreht 
sich um und geht weg. Sie hat kein einziges Wort gesprochen. — „W erhat 
mich jetzt angelogen?" — Armes Kind, es waren deine Eltern, die du immer 
erfreuen sollst, deren Worte dir mehr sein sollten als — gemeine Lügen! 

Mit zunehmendem Alter wird die Macht der moralischen Schranken, an 
deren Ausbau die Erziehung unverdrossen arbeiten muß, immer größer. 
Stärkerem Zwange als die Knaben unterliegen die Mädchen, bei denen man 
annehmen kann, daß das Schamgefühl mit vollendetem vierten Lebensjahr 
groß genug ist, um die Schaugelüste zu maskieren, aber noch bei Schul- 
kindern können gelegentliche Durchbrüche beobachtet werden. 

Beob. 17: Die sechsjährige Trude spielt mit ihrer fünfjährigen Freundin im 
Garten. Beide Mädchen ziehen sich splitternackt aus, machen im Sand Grübchen 
und urinieren hinein. „Ja, Kinder, was macht ihr?" ruft entsetzt eine Frau aus. „Wir 
brauchen Wasser zum Kuchenmachen", lautet die Antwort. 

Eine recht interessante Beobachtung verdanke ich der Mitteilung einer 
Wiener Kollegin. 

Beob. 18: A. N., ein siebenjähriges Mädchen, ist eine der besten Schülerinnen der 
zweiten Volksschulklasse. Schon in der ersten Klasse ist sie der Lehrerin durch ihre 
Vorliebe für das Nacktsein aufgefallen. Sie hob einmal auf dem Klosett ihr Röckchen, 
ließ das Höschen fallen und tanzte so vor den Kameradinnen. Wenn während des 
Unterrichtes vom Auskleiden die Rede ist, leuchten ihre Augen auf, sie will alles 
genau wissen und überschüttet die Erzählerin mit Fragen: „Ganz" hast du deine 
Puppe ausgezogen, gar nichts hast du ihr angelassen? War sie nackt, splitternackt? 

In der ersten Klasse nahmen die Mitschülerinnen diese Fragen ruhig auf. Anders 
ist es jetzt in der zweiten Klasse. A. N. wird nun von ihren Mitschülerinnen zurecht- 
gewiesen. Zur Illustration einige Vorfälle: , , 

Eine Schülerin erzählt von einer Zirkusvorstellung. „Dann ist sie (eine Artistin) 
an einem Schirmgriff in die Höhe gezogen worden. Oben war ein Brett, darauf hat 
sie sich gestellt. Sie hat in die Hände geklatscht und hat sich ausgezogen." „Ganz 
nackt?" wirft N. ein. Ein Sturm der Entrüstung geht durch die Klasse: „Frag' nicht 
so blöd! Ganz nackt wird sie sich vor allen ausziehen." Die Erzählerin fährt fort: 

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„Dann ist ein Indianer gekommen, der ist auch aufgezogen worden, oben hat er sich 
auch ausgezogen." — „Ganz nackt?« fragt N. mit glühenden Wangen und wird 
wieder in schroffer Weise von den anderen zurechtgewiesen. 

Ein anderes Mal spricht die Klasse von Verkehrsunfällen, und ein Mädchen weiß 
zu berichten, daß eine alte Frau mit ihrem langen Rock beim Aufsteigen auf die 
Straßenbahn hängengeblieben und gestürzt ist. Die Lehrerin will eingreifen und 
beginnt: „Daher . . ." N. fällt ihr ins Wort: „Kurze Röcke tragen, die vielleicht gar 
nur ein Stückerl über den Bauch gehen!" Dazu macht sie mit ihren Händen eine 
Geste, um die Länge des zweckmäßigsten Rockes anzudeuten. „Hör' doch auf mit 
deinen dummen Bemerkungen!" schreien die anderen, aber N. läßt sich nicht ein- 
schüchtern: „Na ja, so ein Stückerl über den Bauch." 

Nach einem Erdbeben laufen am nächsten Tage Kinderberichte ein. N. erzählt- 
„Die Trude — ihre jüngere Schwester — ist gerade auf dem Topfe gesessen. Das 
Topferl hat gewackelt, und sie ist umgefallen." 

Ein Mädchen dieser Klasse bekommt einmal plötzlich Bauchschmerzen und kann 
nicht mehr schnell genug den rettenden Ort aufsuchen. Die Bestürzung, Schaden- 
freude und Entrüstung darüber ist in der Klasse allgemein, nur N. bewahrt kaltes 
Blut und meint: „Du, Frau Lehrerin, darf ich sie reinigen? Ich nehme mir ein 
Papier mit und werde ihr gleich helfen. Bitte, ich tue es gern!" 

Beob. ig : Zwei Mädchen, fünf und sechseinhalb Jahre alt, die Töchter eines 
akademischen Bildhauers, die daheim sehr streng gehalten werden, heben auf einer 
frecjuentierten Straße ihre Röckchen und spazieren so eine Weile herum, dazu singen 
sie nach eigener Melodie das bekannte Zitat aus Götz von Berlichingen. 

Die Verrichtung der natürlichen Bedürfnisse gibt auch Schulkindern Gelegen- 
heit, neben der Urethrallust auch die Schaulust zu befriedigen. 

Beob. 20: In den Pausen sind die Aborte für Mädchen überfüllt, es schließen sich 
gleich mehrere Mädchen ein und sehen zu. Dabei wird gelacht und gekichert. 

Beob. 2i: Drei Mädchen, die Töchter eines Oberlehrers, im Alter von sechs, acht 
und zwölf Jahren und der sechsjährige Neffe eines Lehrers werden im Schulgarten 
bei einem merkwürdigen Spiel überrascht. Die Mädchen hocken mit aufgeschürztem 
Röckchen auf einem Baume, urinieren hinab, der Knabe steht unten etwas seitwärts 
und ist bestrebt, seinen Wasserstrahl möglichst hoch hinaufzuschicken. 

Beob. 22: K. P., sieben Jahre alt, uriniert gern gemeinsam mit einem Freunde 
und benutzt stets die Gelegenheit, ihn dabei zu benässen. Er sucht sich immer ein 
anderes Opfer aus und warnt es durch den Zuruf: „Lauf!" 

Das bei Kindern so beliebte Doktorspiel wird neben anderen körperlichen 
Untersuchungen zuweilen selbst in der Schule von verhältnismäßig großen 
Kindern betrieben und verrät uns so das Fortbestehen der kindlichen Schaulust. 
Beob. 2j: In der vierten Klasse einer Hilfsschule stellten die zwölf- bis dreizehn" 
jähngen Knaben und Mädchen bei Beginn der Pause einen Aufpasser zur Tür und 
begannen mit einem Doktorspiel. Die Mädchen legten sich auf den Fußhoden, die 
Knaben entblößten und untersuchten sie; nacher wurden die Rollen vertauscht. ' Ein 
Knabe erzählte davon der Mutter, und so kam die Sache auf. Der Klassenlehrerin 
war nur das Zusammentragen der Mäntel, die als Unterlage dienten und zum Schutze 
gegen plötzliche Überfälle seitens der Lehrerin von den Kindern vorgehalten wurden, 
aufgefallen. Der Anreger war ein Knabe, der daheim, nach Angabe seiner Mutter' 
schon oft wegen Onanie bestraft worden war. Die Rolle des Aufpassers hatte immer 
derselbe Knabe inne, er eiferte die anderen sofort nach dem Entfernen der Lehrerin 
an: „So fangt doch an!" (Mitteilung einer Wiener Hilfsschullehrerin.) 

Beob. 24: Der fast vierzehnjährige Franz M., Schüler der dritten Bürgerschul- 
klasse, die auch von Mädchen besucht wird, hat einen köstlichen Einfall: „Wißt ihr 
was," meint er vor acht Uhr zu seinen Mitschülern, „wir werden den Muki aus- 

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nehmen (kastrieren)!" Muki, so wird der Kleinste in der Klasse genannt, ist wegen 
seiner Munterkeit bei allen sehr beliebt und nimmt die fortgesetzten Angriffe seiner 
Kameraden nie schlecht auf. In der Pause um zehn Uhr gibt M. das Zeichen : „Also, 
gehen wir's an!" Von den sechs Knaben der Klasse stürzen vier auf Muki, dem die 
Hose herabgezerrt wird, und einer greift nach seinem Glied. Die Mädchen verfolgten, 
wie sich später herausstellte, das Schauspiel mit größter Aufmerksamkeit, und erst 
als es nichts mehr zu sehen gab, stürzten sie hinaus, um das Gesehene mit Ent- 
rüstung der Ganginspektion zu melden. 

Die Knaben waren so vertieft, daß sie das Eintreten der Lehrkraft gar nicht 
merkten, Muki lag auf dem Boden und wehrte sich lachend. Unbeteiligt an der 
ganzen Sache waren der geistige Urheber und der beste Schüler der Klasse, der sich 
(nur?) deshalb nicht einließ, weil er fühlte, daß da etwas Unangenehmes heraus- 
kommen könne. 

* 

Ererbte Kultureinflüsse und die Erziehung vermögen eben in der Regel 
nicht die ganze Entblößungslust zu verdrängen, es bleiben neben einem 
gewissen Grad von Schamhaftigkeit meist Reste der ursprünglichen Exhibitions- 
lust bestehen. „So entsteht ein Mischgebilde, das je nach Konstitution und 
Erziehung verschieden ausfällt, die Entblößung vor dem anderen Geschlecht 
streng verurteilt, sich aber bei Gleichgeschlechtlichkeit -weniger energisch 
bemerkbar macht." Daß aber die Exhibition vor gleichem Geschlecht schon 
dem kleinen Kinde in gewissen Fällen ebenfalls Lust vermittelt, ist ja bekannt. 
Zur Illustration sei nur eine Stelle aus Kurt Martens „ Lebenschronik 9 
angeführt : 

Zwei Jahre später, fünftes Lebensjahr mag es sein — die schwellenden Glieder 
haben sich gereckt, schlanke Beinchen werden von Pumphosen umspannt, eine 
Matrosenbluse macht mich stolz — da treffe ich den Sohn des Kutschers, einen 
kräftigen Jungen doppelten Alters, in der Waschküche zum Baden bereit, nackt vor 
dem Waschtrog. Begreife im Augenblick, daß es dies war, was ich mir immer schon 
ersehnt. Stürze mich auf den Verblüfften, springe an ihm hoch, kralle mich wie 
eine Pantherkatze an ihm fest. Der Kutschersohn lacht, versucht das lüsterne Herr- 
schaftssöhnchen abzuschütteln — lacht . . . auch er! Lacht ganz wie Franzi, wenn 
man sie bedrängt. Nein, seine Lustigkeit will mir nicht gefallen; denn sie stört. 
Dies ist wahrhaftig kein Spaß, kein munteres Spiel. Ach, eine wundervolle, schmerz- 
lich süße Sache ist es, ein mächtiges, finsteres Geheimnis, bei dem feierlich wogende 
Stille herrschen muß. Ich suche den blöden Burschen nun öfter auf, aber treffe ihn 
so nie wieder. Also soll dergleichen wohl nur selten sein. Immerhin, die tröstliche 
Ahnung bleibt, daß jene unaussprechliche Minute ein verheißungsvolles Vorspiel war. 
(Kurt Martens, Schonungslose Lebenschronik, S. 15.) 

Abschließend muß noch erwähnt werden, daß die ererbten Kultureinflüsse 
und die Erziehung zur Entwicklung eines überaus feinen Schamgefühles fuhren 
können. Bei Knaben und Mädchen, die heftige Entblößungsangst zeigen, sich 
mit Geschrei bei ärztlichen Untersuchungen der Entfernung des Hemdchens 
widersetzen, handelt es sich um eine typische Reaktion s Wirkung, die um so 
schroffer ist, je stärker die Exhibitionslust war. Kleine Mädchen wollen durch 
ihre Schamhaftigkeit oft auch das Fehlen des „Würsterls" verheimlichen oder 
fürchten, wie es auch bei sehr vielen Knaben der Fall ist, durch das Ablegen 
des Hemdchens vom kundigen Arzt sofort als Onanist entlarvt zu werden. 



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Zur Frage der Sexualaufklärung 

Von Dr. An nie Reich, Wien 

Als Ruth drei Jahre alt war, wurde sie gelegentlich der zweiten Schwangerschaft 
der Mutter über die Herkunft der Kinder aufgeklärt. Sie wollte sofort wissen, wo 
die Kinder herauskommen. Sie selbst hatte natürlich die Vorstellung, daß sich der 
Nabel öffne oder der Bauch aufgeschnitten werden müsse. Wenige Tage später trat 
i»ie selbst mit neuen Problemen an die Eltern heran. Sie blieb auf einem Spazier- 
gang plötzlich mitten am Wege stehen, hob ihr Kleidchen in die Höhe und demon- 
strierte ihre Genitalien mit den Worten: „Da, schau mein Wipfi an!" Es stellte sich 
nun heraus, daß ihr Freund, ein sechsjähriger, sehr verschüchterter Junge, anscheinend 
aus eigenen Nöten heraus, ihr Genitale gründlichst untersucht und gesagt hatte, „es" 
(nämlich die Klitoris) werde schon wachsen. Ruth wurde berichtigt. Sie aber war ver- 
zweifelt, weinle bitterlich und wollte die Wahrheit nicht zur Kenntnis nehmen. Sie 
verstieg sich bis zu der Behauptung: „Es gibt ja gar keine Mäderln." Auch das 
Versprechen, daß sie später, so wie die Mutter, Kinder bekommen werde, daß ihr 
die Brüste wachsen würden, tröstete sie nicht. In ihrem Schmerz prophezeite sie, 
daß sie dafür immer am Daumen lutschen werde, was sie auch bis jetzt, mehr als 
anderthalb Jahre lang, getreulich gehalten hat. Dann begann sie sofort vom „Wipfi- 
Abbeißen" und „Wipfi- Verschlucken" zu phantasieren und ununterbrochen Abschneiden, 
etwa Gras- oder Brotabschneiden, zu spielen. In den nächsten Tagen versuchte sie 
wiederholt, den Vater auf die Genitalien zu schlagen. Man sprach viel und eindring- 
lich mit ihr über den Geschlechtsunterschied, und allmählich begann sie sich damit 
abzufinden, daß sie kein Wipfi, wohl aber ein „Betterl im Bauch" und „drei Locherin" 
habe. Sie wollte sich nun überzeugen, ob es denn wahr sei, daß alle Frauen, im 
Gegensatz zu den Männern, kein Wipfi hätten. Bei dieser Gelegenheit zeigten sich 
die Eltern zum erstenmal dem Kinde nackt. Später kam es sehr häufig vor, daß 
Ruth etwa ins Badezimmer kam, wenn sich die Eltern ankleideten. Anfangs war sie 
sehr interessiert, später gewöhnte sie sich ganz daran. Von Zeit zu Zeit staunte sie 
aber immer wieder das Wipfi des Vaters an. Wirklich ausgesöhnt hat sie sich mit 
der Tatsache ihrer Penislosigkeit noch lange nicht. Ihre Träume sind voll davon: „Das 
Bett ist voller Schlangen", oder sie spielt mit einer „Gangschlange" usw. Ihre 
Beziehungen zum Vater waren lange Zeit etwas kühl und gespannt. Kennzeichnend 
ist eine Szene, in der sie mit viel Vergnügen einen Turm, den ihr der Vater gebaut 
hatte, immer wieder umwarf. 

Über das Thema „Kinderkriegen" wurde während des folgenden Jahres immer 
wieder gesprochen. Die deutlicher werdende Gravidität der Mutter bot reichliche 
Anknüpfungspunkte. Man sprach auch über die Onanie. Man sagte Ruth, 
sie könne ruhig mit dem „Lulu" spielen, auch wenn andere Leute sagen sollten, 
das sei schlecht. Tatsächlich hat Ruth auch hin und wieder in Gegenwart der Eltern 
mit dem Genitale gespielt, ohne daß man dem irgendeine Beachtung geschenkt hätte. 
Sie onanierte aber zum Erstaunen der Eltern sehr wenig. Das Lutschen bedeutete 
ihr viel mehr. 

Gegen das kommende Geschwisterchen war Ruth sehr ambivalent. Aussprüche wie: 
„Ich werde es sooo drücken", waren nichts seltenes. Gegen die Mutter verhielt sich 
das Kind in dieser Zeit sehr trotzig. Es hatte damals einen kurzdauernden und 
milden Schub von neurotischer Angst bei Trennung von der Mutter, der sich aber 
sofort wieder löste, als man ihr ihre große Feindseligkeit gegen die Mutter bewußt 



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machte. Sonst hatte Ruth niemals Angst, weder im Dunkeln noch allein, wenn man 
von einer sehr bescheidenen Hundeangst absieht, die jetzt vollkommen gewichen ist. 
Als das Kind da war, äußerte sich ihre Eifersucht eine Zeitlang in direkter 
Aggression und heftigem oralen Neid. Glücklich aber war sie, daß das Geschwisterchen 
auch ein Mäderl war, wie sie: „Die Mutti hat gesagt, es wird ein Bub, ich hab' 
gesagt, es wird ein Mäderl, und ich hab' recht gehabt." Als das Kleine dann größer 
und amüsanter wurde, wurde Ruth sehr zärtlich zu ihm. Ihre Zärtlichkeit ist aller- 
dings noch immer etwas heftig. 

Als Ruth etwa vier Jahre alt war, wurde der fehlende Teil der Aufklärung, näm- 
lich die Rolle des Vaters bei der Zeugung, nachgetragen, und zwar ohne eine Frage 
des Kindes abzuwarten. Kinder fragen ja doch meist zu spät, das heißt, wenn sie 
längst schon eigene Theorien haben, wie die erzählte Wipfi-Episode beweist. Und 
was sollte es denn schaden, wenn man wirklich einmal zu früh aufklärt? Ruth hörte 
sich also alle Erklärungen mit Interesse an und besah die Abbildungen in der 
Anatomie, die man ihr zeigte, mit gutem Verständnis. Begeistert wurde sie aber 
erst, als man ihr sagte, daß der Akt den Eltern ebenso Lust bereite, wie ihr das 
Spiel mit ihrem Lulu. Dieses Zugeständnis wirkte erst als wirkliche Erlaubnis der 
Onanie, die sie seit damals weit ausgiebiger betreibt. 

Natürlich hatte sie sofort den Wunsch, zusehen zu dürfen, „wie der Vater sein 
Wipfi in das Locherl der Mutterl steckt". Das wurde ihr aber mit der Begründung 
abgeschlagen, die Eltern fühlten sich dann gestört, und das sei ihnen nicht recht. 
Sie kam noch einigemal auf den Wunsch zurück, ohne sich aber darauf zu versteifen. 
Es sind nun wieder einige Monate verstrichen, seitdem das Kind den letzten Teil 
der Aufklärung erhalten hat. Sie hat alles sehr gut behalten und spricht über alles 
ganz frei. Über den gebräuchlichen Märchen, die man ihren Altersgenossen iu 
erzählen pflegt, steht sie so souverän, daß sie erklärt: „Es gibt ja doch gar keine 
Störche." Wenn man ihr Märchen erzählt, unterbricht sie: „Erzähl' mir doch lieber 
wirkliche Sachen, zum Beispiel: Wie macht man den Zucker?" 

Das Thema des Wipfis ist noch nicht erledigt. Es ist ihr aber alles ganz bewußt. 
Sie erzählt etwa lachend, daß sie vor dem Einschlafen davon phantasiert, dem Vater 
das Wipfi wegzunehmen oder die Nase abzubeißen. Im allgemeinen ist das Kind, 
seitdem es mehr onaniert, viel lustiger und weniger aggressiv als früher. Trotz — 
oder gerade wegen — der verhältnismäßig großen Triebfreiheit, in der es heran- 
wächst, ist es außerordentlich sublimierungsfähig und angepaßt und jedenfalls weit 
davon entfernt, verwahrlost zu sein. Trotz des Peniskonfliktes ist sie durchaus weib- 
lich und zeigt vorderhand keinerlei Anzeichen eines Kastrationskomplexes, aber es 
wäre natürlich verfrüht, etwas Endgültiges über den Erziehungserfolg sagen zu wollen. 
Die Eltern sind sich bewußt, daß sie sich mit gewissen Erziehungsmaßnahmen 
in Gegensatz auch zu den Ansichten vieler analytischer Kreise setzen. Man ist z. B. 
im allgemeinen darüber einig, daß man Kindern die Onanie nicht verbieten dürfe, 
dennoch wird eine so direkte Erlaubnis selten erteilt. Gerade das ist aber notwendig, 
denn das Kind wird ja nicht nur vom Elternhaus erzogen, sondern steht mitten in einer 
sexualverdrängenden Welt, die durch strenge Verbote den Einfluß der Eltern zunichte 
macht, wenn er sich wirklich nur auf milde Duldung beschränkt. 

Jeder analytisch geschulte Erzieher weiß, daß man Kinder sexuell aufklären muß. 
Man pflegt es aber selten so früh und mit so viel Eindringlichkeit zu tun wie 
hier. Man hat mit Ruth sexuelle Themen mit ebensogroßer Selbstverständlichkeit 
behandelt, wie irgend etwas anderes. Häufig aber wird über die verfängliche Frage 

- 99- 



nur ein einziges Mal gesprochen, mit geheimnisvoller Miene, die Wichtigkeit und 
Auöerordentlichkeit der Mitteilung betonend. Später werden die wunderbaren, un- 
vorstellbaren Dinge, von denen das Kind doch so viel mehr wissen wollte, nie wieder 
erwähnt. — Wie soll es da nicht die Vorstellung bekommen, daß alles Sexuelle 
letzten Endes doch ganz unerlaubt sei, etwas, was man am besten so früh als möglich 
wieder vergißt. Dies Verhalten mag mit eine Ursache der vielen nicht akzeptierten 
Aufklärungen sein, über die berichtet wurde. 

Was man den Eltern vorwerfen könnte, ist also eine etwas größere Konsequenz 
in der Sexualerziehung, als im allgemeinen üblich. Sie zu verantworten, scheint aber 
nicht schwierig zu sein. 



Eine Kinderbeobachtung 

Von Dr. Anny Angel, Wien 

Mein Sohn Klaus machte diesen Sommer im Alter von zwei Jahren die nähere 
Bekanntschaft eines kleinen Mädchens. Als ich ihm im Garten sein Spielhöschen 
umzog, und er einen Augenblick nackt war, lief die dreijährige Lotte herzu, schlug- 
vor Aufregung beide Händchen über dem Kopf zusammen und rief: „Ja, was hat er 
denn da für ein Schwanzerl ? Ja, was ist denn das für ein Schwanzerl ?" Sie kam 
ganz nahe heran, um es besser betrachten zu können, und war sichtlich aufgeregt 
und etwas ratlos. — Ich erklärte ihr nur kurz, daß Klaus ein Bub sei und Buben 
eben so ein kleines Schwanzerl hätten, Mädchen aber nicht. 

Klaus hatte inzwischen sein Spielhöschen wieder an, und das Thema schien völlig- 
vergessen. 

Einige Tage später ging ich mit den Kindern baden. Klaus saß nackt auf der 
Erde und spielte im Sand; Lotte sah ihm erst zu, dann sagte sie zu mir in fragendem 
und zugleich in etwas gereiztem Ton: „Aber, Tante Anny, ich hab' kein Schwanzerl.« 
Und nochmals: „Ich hab' kein's." 

Ich sah, daß das Kind sich benachteiligt fühlte, den Knaben um sein Glied 
beneidete, und wollte es natürlich in dieser Stimmung nicht lassen, sondern gab 
diesmal eine etwas genauere Erklärung: „Die Buben haben so ein kleines Schwanzerl, 
die Mädchen nicht, aber die haben dafür ein schönes kleines Locherl, das haben 
die Buben nicht." Die Kleine antwortete nichts; sie machte einen nachdenklichen, 
aber keineswegs getrösteten Eindruck. Dann wandte sie sich Klaus zu und sagte' 
etwas gehässig und spitz: „Ja, setz' dich nur auf deinen Potscbi, den stinkerten." 
Auf meinen Einwand, daß er doch gerade aus dem Bad komme und unmöglich 
stinken könne, sagte sie noch spitzer: „No, manchmal wird er schon auch 
stinken." 

Das mußte ich natürlich zugeben, und es war mir klar, daß Lotte meine 
Erklärung mißverstanden haben mußte. Das kleine Loch konnte sie nur anal auf- 
gefaßt haben, als hätte ich zum Trost für den Penismangel auf die AnalöfFnung 
hingewiesen, und mit Recht machte sie mich nun aufmerksam, daß er auch ein 
„Potschi" besitze mit einer Analöffnung, denn auch er stinke manchmal. Sie war 
mit Recht nicht getröstet, sie hatte. keinen Ersatz für das Schwanzerl. 

Auf Klaus schienen alle diese Beobachtungen, Fragen und Aufklärungen nicht 
den mindesten Eindruck zu machen. Ich glaubte also, daß er in so frühem Alter 



— IOO 



diese Dinge wohl noch nicht habe erfassen können, wurde aber zwei Tage später 
eines Besseren belehrt. 

Er saß früh morgens im Bett, zog aus Leibeskräften an seinem Glied und 
keuchte dabei vor Anstrengung, so wie ich es im Spiel mit ihm manchmal tue, um 
auszudrücken, daß etwa das Rücken eines Möbelstückes oder dergleichen mir schwer 
falle. Dann ließ er plötzlich davon ab und sagte sehr befriedigt: „Er deht nein 
hinunter, er deht nein hinunter." (Er geht nicht hinunter.) 

Es ist wohl nicht zweifelhaft, daß auch Klaus den Geschlechtsunterschied wahr- 
genommen hatte und Angst in ihm aufgestiegen war, ob er den kostbaren Besitz 
nur sicher werde behalten können. 

Er mußte sich auf diese etwas energische Art die Überzeugung holen, daß sein 
„Schwanzerl" wirklich fest angewachsen sei. 



BERICHTE 



Das auffällige Kind 

„Das auffällige Kind" ist, als Arbeitsergebnis einer von Dr. H. Winkler 
geleiteten Arbeitsgemeinschaft, erschienen im 16. Band der Pädagogisch- 
Psychologischen Arbeiten aus dem Institut des Leipziger Lehrervereins. 
Die Arbeit ist ein charakteristischer Beitrag dafür, daß man 1) zu einer Psychologie 
der pädagogischen Praxis die experimentelle Psychologie wenig gebrauchen kann, 
daß man 2) ohne psychoanalytische Hilfe vor einem unentwirrbaren Chaos steht, 
wie die Psychiatrie vor Freud, und daß es 3) nicht genügt, zur Entwirrung dieses 
Chaos einige psychoanalytische Schriften anzugeben und einige ihrer Ergebnisse zu 
verwerten. (Immerhin registrieren wir als Novum in den Erscheinungen des Instituts, 
daß unter 53 Büchern des Literaturverzeichnisses auch angegeben werden: A ich hörn, 
Verwahrloste Jugend ; Federn-Meng, Psychoanaly tis ches Volksbuch ; Freud, 
Vorlesungen; Pf ister, Die Behandlung schwererziehbarer und abnormer Kinder). 

Döring sagt im Vorwort zu diesem Band, daß bisher die Charakterkunde 
stiefmütterlich behandelt worden ist. Die Lücke sucht also auch der Beitrag über 
das auffällige Kind auszufüllen. Als schließlicher Zweck wird dabei angegeben, daß 
man hofft, 1) auf die Erziehungsarbeit segensreich einwirken zu können, 2) zu ver- 
feinerten und tieferen Erkenntnissen zu kommen, die die Charakterkunde des Kindes 
bereichern können. Wir werden von einem vorwiegend kritischen Gesichtspunkt aus 
zu prüfen haben, inwiefern die Arbeit dieser Zielsetzung gerecht wird. 

Zunächst betrachten wir das Mittel, mit dem das gesteckte Ziel erreicht werden 
soll : der Ermittlungsbogen. Er soll das Hilfsmittel sein, Anregungen für die 
Behandlung und richtige Beschulung schwer zu erziehender Kinder zu geben. Dabei 
wird ein psychologisches Hauptproblem formuliert: Analyse und Fixierung all der 
seelischen Erscheinungen, die an anormalen Kindern irgendeiner Art festgestellt 
werden können. 

Der Ermittlungsbogen ist kein Fragebogen, sondern ein Antwortbogen. Man hält 
es für einen besonderen Fortschritt, nicht Fragen, sondern fertige Antworten zu geben. 
Man hofft damit, die schlechten Erfahrungen zu vermeiden, die man mit den Frage- 
bogen machte. Wenn man sich hier bereits kritisch einstellt, so muß doch auffallen, 

— IOI — 



daß man mit Hilfe dieser kleinen formalen Änderung wesentliche Fortschritte in der 
psychologischen Erkenntnis charakterologischer Eigenheiten glaubt machen zu können. 
Ich gebe ohne weiteres zu, daß die Fragebogen (mögen auch die Fragen noch so 
ausführlich und auf noch so feiner experimentell-psychologischer Grundlage erwogen 
sein) „den Komplex der anormalen Seelenstruktur schwer auflösen" und letzten 
Endes immer einen ungeklärten Rest übriglassen, auf den es nun leider gerade an- 
kommt. Wenn das die Verfasser des Ermittlungsbogens erkannt haben, so kann ich 
ihnen darin nicht widersprechen. Aber mir scheint es sonderbar, daß das Nachteilige 
Terschwunden sein soll, wenn man aus Fragen Antworten macht. Es ergibt sich bei 
den Fragen doch meist nur eine Umstellung der einzelnen Wörter. 

Gehen wir nun zu dem Inhalt des Ermittlungsbogens über. Die Antworten sind 
in Gruppen eingeteilt: 1) Gesamteindruck vom auffälligen Kinde. 2) Auffälligkeiten: 
a) im Schulleben, b) im Bau und in den Funktionen des Körpers, c) im Intellek- 
tuellen, d.) im Gefühls- und Willensleben. 3) Mögliche Ursachen der Auffälligkeiten ; 
a) körperliche Mängel als Ursachen, b) psychische Mängel, c) Umwelteinflüsse, d} 
besondere Ereignisse. 

Zu 1: Es folgen bunt durcheinander verschiedene Antworten. Es fehlt jede über- 
sichtliche Anordnung. Beispielsweise gehören doch Antwort 6: „Erregt Anstoß in 
sexueller Hinsicht", und Antwort 33: „Ist sexuell frühreif zusammen, dagegen schieben 
die Verfasser 26 völlig andersartige Antworten ein, wie: „Ist ein Faulpelz", „Ist ein 
Phantast" u. a. m. Es macht den Eindruck, als hätte man nur zufällig einige Ant- 
worten aufgeschrieben. Stärker noch wird der Eindruck des Mangels an Übersicht- 
lichkeit und Logik, wenn wir zum zweiten Teil übergehen. Die vier Untergruppen 
sind logisch einander nicht beigeordnet. Das ist nicht nur ein logisches Bedenken. 
Den praktischen Nachteil ersieht man sofort, daß auf S. 1 1 beispielsweise geschrieben 
wird: „Kratzt sich unbewußt während des Lesens und Schreibens", und dann wieder 
unter b, auf S. 13: „Kratzt sich wiederholt, offenbar wegen eines immer wieder- 
kehrenden Juckreizes". 

Zu was für falschen Resultaten man auf Grund des Ermittlungsbogens kommen 
kann, zeigt uns eine Betrachtung der auf das Schulleben bezüglichen Antworten. 
Ehe man diese überhaupt verwerten kann, müßte ein genaues Psychogramm des beant- 
wortenden Lehrers vorliegen. Er müßte sich selbst psychologisch kennen und etwa 
wissen, daß er nervös, empfindlich selbst gegen unvermeidliche Geräusche der Kinder 
ist, daß er glaubt, mit Strafen erzieherisch wirken zu können, daß er hohe intellek- 
tuelle Anforderungen an die Kinder stellt usw., erst dann kann man etwas objektiver 
werten, wenn geschrieben wird (S. 11): „Betrachtet den Lehrer immer als seinen 
Feind", „Kommt ungern zur Schule . . .", „Begeht nach der Bestrafung die gleiche 
Ungezogenheit" usw. 

Dann folgen die Mängel im Bau und in den Funktionen des Körpers, 11 Ant- 
worten, die sich auf intellektuelle Mängel beziehen, und eine größere Anzahl, die 
auf Äußerungen des Gefühls- und Willenslebens gehen. In all diesen Abschnitten 
zeigt sich die gleiche Vorliebe für Unordnung und eine auffällige Bescheidenheit in 
der Präzisierung der Ausdrücke. Als Beispiele führe ich die letzten Antworten 
dieses Abschnittes an (S. 15): „Ist in seiner Kleidung sehr liederlich", „Zeigt sich 
gegen Tiere grausam", „Zeigt Tieren gegenüber eine besondere Liebe", „Fühlt sich 
unter Mädchen (Jungen) nicht wohl", „Zeigt sexuelle Perversitäten", wobei zu be- 
merken ist, daß unter den 50 Antworten, die sich auf Äußerungen des Gefühls- und 
Willenslebens beziehen, diese letzte die einzige ist, die das sexuelle Verhalten des 
Kindes betrifft. 

Im dritten Abschnitt, der Angabe von möglichen Ursachender Auffälligkeiten, finden 
wir zunächst wieder einige kleine Entgleisungen formaler Art, daß trotz der Glie- 
derung die Auffälligkeiten körperlicher, intellektueller und emotionaler Art durch- 
einandergehen, daß manchmal kein Grund für das Verhalten angegeben wird, u. a. m« 

— I02 — 







Aber abgesehen davon, habe ich grundsätzliche Bedenken gegen die Art und 
Weise dieses Abschnittes. Man bringt zwei Tatsachen in kausale Verknüpfung, die 
möglicherweise nichts miteinander zu tun haben. Da man aber nicht alle Begrün- 
dungen und Ursachen angibt, so wirken die angegebenen Ursachen suggestiv. Die 
Bearbeiter des Ermittlungsbogens, die im Vorwort annehmen, daß der Lehrer nur 
mit Schwierigkeit Antworten formulieren kann, müßten konsequenterweise also 
viel ausführlicher in ihrer Ursachenangabe sein. Man schreibt z. B. (S. 16). „Als 
sehr schwaches Kind neigt es zu schlechter Haltung." Die schlechte Haltung ist 
aber durchaus nicht immer in dieser Weise kausal begründet. Die Verfasser des 
Bogens behaupten das an sich auch nicht, aber in der Art, daß sie nur diese eine 
Begründung geben, suggerieren sie diese natürlich dem Lehrer. Man kann nicht 
einmal sagen, daß die angegebene Begründung die hauptsächlichste und am meisten 
vorkommendste wäre. Haltungsfehler können noch ganz anders begründet sein. Ich 
füge nach meiner Kenntnis nur an: 1) Haltungsfehler als Sexualverdrängungserschei- 
nung: Mädchen, die sich in der Pubertätszeit der Entwicklung ihrer Brüste schämen. 
2) Das Kind dokumentiert damit äußerlich, daß es innerlich von einer schweren 
Last bedrückt wird. 5) Als Trotzreaktion, weil der gehaßte Vater soldatisch exakte 
Haltung verlangte. 4) Als Liebesbeweis gegenüber der krumm gehenden Mutter, 
mit der das Mädchen großes Mitleid hatte und stark an sie gebunden war. Vielleicht 
ließen sich noch eine Reihe anderer Ursachen angeben, auf jeden Fall bewirkt der 
Ermittlungsbogen mit einer Ursachenangabe eine Suggestion. Es erwachsen aus 
dieser Unvollständigkeit direkt erzieherische Nachteile, wenn ein Kind gerade auch 
etwas sehschwach ist, diese Sehschwäche aber nicht die Ursache für die Haltungsabnor- 
mität darstellt und damit etwas unterbleibt, was zur Korrektur des Haltungsfehlers 
notwendig gewesen wäre. Ebenso eigenartig und einseitig sind andere Begründungen, 
wie (S. 17): „Spielt andauernd mit den Fingern, weil ihm als sehschwachem Kinde 
genügend Gesichtseindrücke fehlen". 

Wie nachteilig die Unordnung auch in diesem Abschnitte wirkt, zeigt sich, wenn 
man einmal Parallelfälle sucht. Ich beobachte beispielsweise Putzsucht beim Kinde. 
Nun muß ich unbedingt den ganzen Bogen durchlesen und finde dann auf S. 16: 
„Putzt sich, um die Blicke von seinem Körperfehler abzulenken", dann auf S. i7: 
„Ist putzsüchtig, weil man es sonst wegen seiner Körperschwäche oder Kränklichkeit 
nicht beachtet." Es ist dagegen eine bessere Gliederung und die Angabe weiterer 
Begründungen zu fordern, die es dem Lehrer möglich machen, die nach seiner 
Meinung zutreffende zu wählen. Allerdings hängt das sehr von seinem psycho- 
logischen Erkenntnisvermögen ab, und deshalb ist immer wieder die Forderung auf- 
zustellen: Anstatt vieler Frage- und Ermittlungsbogen vor allem erst einmal psycho- 
logische Kurse für die Lehrer. Allerdings müßten diese Kurse tiefenpsychologisch, 
d. h. psychoanalytisch fundiert sein, sonst bliebe die Beobachtung des Lehrers 
wiederum nur an der Oberfläche haften. 

Immerhin zeigt die Ursachenangabe des Ermittlungsbogens, daß dabei die experi- 
mentelle Psychologie keine rühmliche Rolle gespielt hat. Man kann doch nicht be- 
haupten, daß aus der experimentellen Psychologie Gedanken stammen, wie die der 
Kompensierung und Überkompensierung, des sekundären Krankheitsgewinnes u. a. m. 
Es überraschen Formulierungen in den zusammenfassenden Abschnitten wie folgende 
(S. 41): „Nicht gestillte Bedürfnisse, nicht abreagierte Erlebnisse bewirken seelische 
Stauungen . . . Nicht abgelenkte Triebe werden gestärkt, der sexuelle Trieb wird 
frühreif . - ." Man ist also in der Psychoanalyse bereits bei der Abreaktion ange- 
kommen, und es wäre zu hoffen, daß die weiteren Forschungsergebnisse der Psycho- 
analyse auch noch zu Gesicht der psychologischen Arbeiter des Instituts kommen. 
Stark ist auch Adlers Individualpsychologie benutzt worden, und daraus ergeben sich 
auch eine Reihe der Einseitigkeiten, die ich teilweise schon erwähnte. Die allge- 
meine Überschätzung der Körperauffälligkeiten als letzte ursächliche Momente 

- 103 - 



stammen aus Adlers Gesichtskreis. Es kommt aber letzten Endes nicht auf diese 
Organminderwertigkeiten an, sondern darauf, welche Rolle sie psychologisch spielen. 
Dabei kann es sich ja durchaus um imaginäre Minderwertigkeiten handeln. Nicht 
das Minderwertigsein, sondern das Minderwertigkeitsgefühl, dem keine Organ- 
minderwertigkeit zugrunde zu liegen braucht, ist das Maßgebende. Sonst erscheinen 
die Formulierungen etwas gezwungen, und wenn man sucht, findet man auch irgend- 
eine Organabnormität, und seien es die angewachsenen Ohrläppchen, die Nasen- 
form usw. (S. 15). 

Es folgt dann eine Reihe von Einzelbetrachtungen von verschiedenen Mit- 
arbeitern und verschiedenem Wert. Selbstverständlich finden sich in diesen Beiträgen 
auch eine Reihe guter und wertvoller Beobachtungen. Im ganzen sind sie aber 
zumeist eine ungeordnete Registratur von Spezialfällen, eine Stoffsammlung, die 
mehr verwirrt, als daß sie klärt. Es fehlen vereinheitlichende, gruppierende Momente. 
Würde man mit psychoanalytischer Hilfe auf tiefere Triebkräfte gehen, so würden 
sich innerlich berechtigte Gruppiernngselemente ergeben, die die ganze Sache über- 
sichtlicher machen. 

Wenn ich also zusammenfassend zu dem Zweck der Arbeit Stellung nehme, so 
läßt sich etwa sagen, es sei nicht gänzlich ausgeschlossen, daß im Einzelfall eine 
Erziehungsarbeit durch diesen Ermittlungsbogen segensreich beeinflußt wird, aber 
um anzunehmen, auf diese Art und Weise zu „verfeinerten und tieferen Erkennt- 
nissen auf dem Gebiete der Charakterkunde" zu kommen, bedarf es schon jenes 
psychologischen Wunderglaubens, der die Änderung von Fragebogen in Antwort- 
bogen als psychologisches Heilmittel anpreist. ÜMU» Laude 1, Leipzig. 

DR- OSKAR PFISTER: Was bietet die Psychoanalyse dem 
Erzieher? Julius Klinkhardt, Leipzig, 158 Seiten. 

Pfister geht aus von der immer noch vielfach übersehenen Pflicht eines jeden 
Erziehers, sich erst einmal überhaupt mit den Grundtatsachen der Psychoanalyse zu 
beschäftigen, soweit diese mit der Pädagogik unmittelbaren Zusammenhang haben. 
So kommt er zum Begriffe einer psychoanalytischen Pädagogik, deren Wesen und 
Aufgabe er in der vorliegenden Schrift zu erläutern versucht. Es sind Vorträge, die 
Pfister 1917 einem Kreise von Lehrern und Lehrerinnen hielt. Die vorliegende 
Ausgabe ist 1925 überarbeitet worden. Nicht nur berufsmäßige Erzieher, sondern 
auch gerade Eltern sollten dieses Buch als erste Einführung in den Gedankenkreis 
einer psychoanalytisch orientierten Pädagogik lesen. Denn für die Eltern ist es 
wesentlich leichter as für den überlasteten Lehrer, auf die kleinen Angewohnheiten, 
Unarten, Tics der Kinder zu achten, wie Pfister es fordert. Und nach der Lektüre 
dieses Buches wird es ihnen dann auch klar sein, warum diese Kleinigkeiten wichtig 
sind und wie ihnen begegnet werden kann. Aber auch jedem anderen Nichlmediziner, 
der ohne spezielles pädagogisches Interesse eine leichtverständliche Einführung in 
die Psychoanalyse sucht, sei das Buch empfohlen. Die wichtigsten Grundbegriffe 
sind hier erläutert, und eine kleine Auswahl im Text angeführter Schriften gibt 
Richtlinien zum Weiterarbeiten. Lizzi Bonwitt- Hepner 

EMIL SAUPE: Einführung in die neuere P sychologie. Handbüdier 
der neueren Erziehungswissenschaft, Band 3, 426 Seiten. Verlag A. W. Zitk- 
feldt, Osterwieck am Harz, 1928. 

Das Werk ist ein Sammelwerk mit dessen Vor- und Nachteilen. Die meisten 
Mitarbeiter sind bekannte Autoren, so daß der Leser weiß, welches Programm 
hinter den einzelnen Mitarbeitern steht. August Messer-Gießen, Wertheimer-Berlm, 
Johannsen-Jena, Müller-Freienfels-Berlin, Stern-Hamburg, Giese-Stuttgart, Thurnwald- 

— I04 — 



L 



Berlin, Utitz-Halle und andere haben kune Aufschnitte ihrer psychologischen 
Auffassung geliefert. Der Psychoanalyse werden die meisten dieser Autoren nicht 
gerecht Es müßte eigentlich für den Herausgeber selbstverständlich sein, daß er 
über Psychoanalyse einen Vertreter der Freud sehen Schule selbst sprechen 
ließe, nachdem er in seinem Werk Alfred Adler das Kapitel über Individualpsycho- 
logie zugewiesen hat. Den Abschnitt über Psychoanalyse hat Kutzner in Bonn 
übernommen. Er bemüht sich, die Lehre Freuds sachlich darzustellen, aber trotz 
seiner (rationalen) Begründung, daß dies im verfügbaren Raum und bei den Voraus- 
setzungen seiner Leser schwer zu lösen sei, liegt die Hauptschwierigkeit in Wider- 
ständen des Autors selbst. Er verwahrt sich gegen die Annahme der Analyse en bloc 
und wünscht nicht, daß die psychoanalytische Behandlung von einzelnen Lehrern 
gehandhabt wird. Im Literaturverzeichnis, das eine Reihe von wesentlichen Arbeiten 
über Psychoanalyse enthält, fehlen die Veröffentlichungen von Bernfeld, Anna Freud, 
Hug-Hellmuth und Zulliger, einzelne andere Titel könnten dafür wegfallen. 

Heinrich Meng 

JOSEF LÖBEL (Franzensbad) : Haben Sie keine Angst! Vierzig Kapitel 
optimistisdier Medizin. 240 Seiten. Verlag Grethlein & Co., Leipzig-Zürich 1928. 

Man ist allmählich immer kritischer geworden gegenüber volkstümlicher Literatur • 
die Laien, weil fast alle früheren volkstümlichen medizinischen Bücher ein auf- 
fallend niederes Niveau hatten; Ärzte, weil die meisten unter ilinen meinen, je 
weniger der Nichtarzt von ärztlichen Dingen wüßte, um so besser wäre es. Unsere 
Leser kennen unseren Standpunkt (Ärztliches Volksbuch; Psychoanalytisches Volks- 
buch); wir meinen, Medizin sei ebenso darstellbar wie nützlich für den Nichtarzt 
wie andere Wissenschaften oder Künste, es käme aber auf das Wie an. Löbels 
Buch ist gut. Es enthält alte und neue Medizin in leicht lesbarer Form. Die 
Psychoanalyse wird des öfteren behandelt, verhältnismäßig verständig und ver- 
antwortungsvoll. Für eine neue Auflage wäre es eine Verbesserung, statt 
Unterbewußtsein „Unbewußtes" zu sagen, die neuere Anschauung Freuds über 
Angst zu verwerten oder die alte korrekter darzustellen. Couds Methode ist nur 
zum Teil eine tiefenpsychologische und letzten Endes kein wesentlicher Fortschritt. 
Der Verfasser fände in den Arbeiten des Saarbrücker Arztes Staudacher gute 
Erfahrungen und Bemerkungen zu Coue. Die Verwertung der Versuchsergebnisse 
des Züricher Privatdozenten Brun über die Sublimierungsfähigkeit im Tierreich und 
die Anerkennung Freuds als erstem Forscher der Seele ist dem Autor hoch 

anzurechnen. T , ., ' 

Heinrich Meng 

Prof. Dr. Ernst Schneider 50 Jahre alt 

Ernst Schneider feierte am 17. Oktober in Stuttgart seinen jo. Geburtstag. Die Leser und 
die Mitarbeiter, der Mitherausgeber und der Verleger wünschen ihm noch viele Jahre, in denen 
er gesund und arbeitsfreudig seine Kraft in den Dienst der Psychoanalyse stellt. 

Heinrich Meng 



Herausgeber : Dr. Heinrich Meng und Prof. Dr. Ernst Schneider in Stuttgart 

Eigentümer, Verleger und Herausgeber für Österreich: Adolf Josef Storfer, Wien, I., Börsegasse 11 

(„V erlag der Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik''). — Verantwortlicher Redakteur : Dr. Paul 

Federn, Wien, I., Riemergasse j. — Druck: Elbemühl Papierfabriken und Graphische Industrie A.-O., 

Wien, III., Rüdengasse 11 (Verantwortlicher Druckereileiter: Karl Wrba, Wien). 



PSYCHOANAL YTISCHE 

SIGM. FREUD: Drei Abhandlungen zur Sexuait heorie. 
6. durchgesehene Auflage. Pappband M. } .8o. 

Inhalt: I. Die sexuellen Abirrungen. Abweichungen in Bezug auf das Sexualobjekt. Die 
Inversion. Gcschlechtsunrclfe und Tiere als Sexualobjekte. Abweichungen in Bezug auf das SexualzleL 
Anatomisch«- Überschreitungen. Fixierung von vorläufigen Sexualzielen. Perversionen. Der Sexualtrieb bei den 
Nt'umtlkern. Partlaltriebe und erogene Zonen. -II. Die infantile Sexualität. Die sexuelle Latenz- 
perlode der Kindheit und ihre Durchbrechungen. Die masiurbatorischen Sexualaußerungcn. Die Infantile 
Scxualforschung. Entwicklungsphasen der sexuellen Organisation. — III. D ie Um gest alt u ng der P u - 
b c r t a t. Das Primat der Genitalzonen und die Vorlust. Das Problem der Sexualerregung. Die Libidothcor le. 
Differenzierung von Mann und Weib. Die Objcktfindung. — Zusammenfassung. 

Wer die „Abhandlungen" nicht kennt, kennt Freud nicht. 

{Strohmayer in der „Monatsschrift für Psychiatrie u. Neurologie") 

Enthalten die Schlüssel für die meisten Anschauungen Freuds. 

(„Deutsche Med. Wochenschrift?-) 

Die „Drei Abhandlungen" tragen die Züge einer klassischen Darstellung an sich und werden 
auch von den Gegnern der Psychoanalyse mit wissenschaftlichem Genuß und mit Hochachtung 
gelesen werden . . . Großzügige, konsequent auf erkenntnismäßige Erfassung des Gegen- 
standes gerichtete Darstellung . . . ungemein feines und sicheres Gefühl für die spezifisch 
seelischen Probleme auf dem Gebiete der Sexualität . . . saubere logische Arbeit . . 
knappes vornehmes sprachliches Gewand. („Leipziger Lehrerzeitung"\ 

Ich wüßte kein Werk anzuführen, das in solcher Kürze so geist- und gedankenreich die 
wichtigen Sexualprobleme behandelt. Ganz neue Horizonte. 

(Näcke in Groß 1 „Arcfu f. Kriminalanthropologit u ) 

Es erübrigt sich fast, auf die grundsätzliche Wichtigkeit dieser Schrift hinzuweisen, die in 
drängter Form den Extrakt der sexualpsychologischen Lehre Freuds enthält. 

(Schneider, Köln, in der Monatsschr. f. Kriminalpsychologie) 



SIGM. FREUD: Beiträge zur Psychologie des Liebes- 
lebens. Pappband M. 1. — . 

In der ersten Studie beschreibt Freud einen besonderen Typus der Liebesobjektwahl beim 
Manne. Er zeichnet sich durch merkwürdige Liebesbedingungen aus : die eine ist die des 
„geschädigten Dritte n". Der Betreffende wählt niemals ein Weib zum Liebesobjekt, 
das noch frei ist, sondern nur ein solches, auf das ein Anderer als Ehegatte. Verlobter. 
Freund Eigentumsrechte geltend machen kann. Die zweite Bedingung besagt, daß das 
keusche und unverdächtige Weib niemals den Reiz ausübt, der es zum Liebesobjekt erhebt, 
sondern nur das sexuell irgendwie anrüchige, an dessen Treue ein Zweifel gestattet ist. 
Diese Bedingung, die man mit etwas Vergröberung die der „D i r n en li e b e" heißen mag, 
gibt begreiflicherweise reichlich Anlaß zur Betätigung der E i f e r s u c h t. Überraschend 
wirkt auch die Tendenz, „die Geliebte zu rette n". Freud versucht die Entstehung 
dieser Eigenheiten der Objektwahl psychoanalytisch zu erklären. Die zweite Studie v„Über 
die allgemeine Erniedrigung des Liebeslebens"» ist besonders auch wegen der allgemein 
kultur-philosophischen Ausblicke bemerkenswert. (,„So müßte man sich denn vielleicht mit 
dem Gedanken befreunden, daß eine Ausgleichung der Ansprüche des Sexualtriebes mit 
den Anfoj derungen der Kultur überhaupt nicht möglich ist, daß Verzicht und Leiden sowie 
in weitester Ferne die Gefahr des Erlöschens des Menschengeschlechtes infolge seiner 
Kulturentwicklung nicht abgewendet werden können.") Die dritte Studie beleuchtet die 
Einschätzung der weiblichen Unberührtheit bei den Primitiven und im normalen 
und neurotischen Liebesleben der Kulturvölker. 









SEXUALWISSENSCHAFT 



S1GM. FREUD: Studien zur Psychoanalyse der Neurosen. 

Ganzleinen M. 10. — . 



Die in diesem Band vereinigten 16 einzelnen Monographien repräsentieren zusammen nicht 
nur ein ansehnliches Stück psychoanalytischer Neurosenlehre, sondern führen insbesondere 
auch zu allen sexualbiologischen und sexualpsychologischen Verästelungen des Preudschen 
Systems. Die Studie: „Ein Kind wird geschlagen" behandelt die Entstehung sexueller 
Perversionen; die Arbeit über „Einen Fall von weiblicher Homosexualität" gehört zu Freuds 
aufschlußreichsten Krankengeschichten. Unentbehrlich für die Kenntnis der psychoanalytischen 
Sexualwissenschaft sind die Abhandlungen über „Eifersucht, Paranoia und Homosexualität", 
über das „Ökonomische Problem des Masochismus" und eine der jüngsten Studien Freuds 
über „Einige psychische Folgen des anatomischen Geschlechtsunterschieds", in der die ab- 
weichende Rolle des Ödipus- und des Kastrationskomplexes beim Manne und bei der Frau 
festgestellt wird. 



S. FERENCZl: Versuch einer Genitaltheorie. Geheftet M. 4.J0. 

Inhalt: Die Amphimlxls der Eroiismcn im Ejakulatlonsakt. Der Begattungsakt als amphlralktischcr Vorgang. 
Entwicklungsstufen des erotischen Realitätssinnes. Deutung einzelner Vorgänge beim Geschlechtsakte. Die 
individuelle Genitalfunktion. Phylogenetische Parallele. Zum .thalassalen Regressionszug". Begattung und 
Befruchtung. Koitus und Schlaf. Bioanalytische Konsequenzen. 

Die Genitaltheorie ist ein Werk der schöpferischen Intuition, die der jahrelange Durch- 
gang durch den Filter der Empirie, gewissenhafte Beobachtungen, die stummen, doch 
mühsamen therapeutischen Beobachtungen der täglichen Behandlungsstunden veredelt haben. 
Ferenczi ist ein Romantiker unserer Wissenschaft. Seine weitblickenden Ideen, Anregungen 
und Funde können ihre Herkunft aus den kaum noch eroberten Gebieten des Kosmos nicht 
verleugnen. Man fühlt, daß der, der dieses Buch geschrieben hat, kein Handwerker ist, 
sondern jemand, für den Forschung Erlebnis bedeutet, innere Notwendigkeit ist. 

(Alexander in der „Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse") 



HELENE DEUTSCH: Psychoanalyse der weiblichen Sexual- 
funktionen. Geheftet M. j.JO. 

Inhalt: I. Einleitung. — 11. Infantile Sexualität des Weibes. — III. Der Mflnnllcbkeitskoraplcx des Weibes. 
— IV. Differenzierung von Mann und Weib in der Fortpflanzungsperiode. - V. Psychologie der Pubertät. 
Die erste Menstruation Typische Menstruationsbeschwerden. Schwierigkeiten der Pubertät. Typische Pubertflts- 
phantasien. Triebschicksal In der Pubeität. — VI. Der Deflorationsakt. — VII. Psychologie des Sexualaktes. — 
VW. Frigidität und SterilWU. — IX. Schwangerschaft und Geburteakt. — X. Psychologie des Wochenbettes. — 
XI. Laktation. — X1L Das Klimakterium. 

Aus der Einleitung: „. . . Dieses Beobachtungsmaterial soll eine psychologische 
Orientierung und Ergänzung zu den Kenntnissen jener Vorgänge schaffen, die man zusammen- 
fassend ,Sexualleben des Weibes' nennt . . . Was bisher zur psychologischen Erkenntnis 
des Weibes analytisch beigetragen worden ist, wird hier berücksichtigt ... Es liegt im 
Zweck dieser Arbeit, das aufzuklären, was der Bewußtseinspsychologie rätselhaft bleiben 
mußte, weil es ihrer Arbeitsmethode unzugänglich war. Aber auch Tiefenpsychologie ist 
in der Erkenntnis der Seelenvorgänge beim Weibe einen Schritt gegen die beim Manne 
zurückgenlieben. Besonders sind es die generativen Vorgänge, denen — obzwar sie den 
Mittelpunkt im psychischen Leben des geschlechtsreifen Weibes bilden — auch analytisch 
noch wenig Beachtung geschenkt worden ist. Das Kantsche Wort: .Die Frau 
verrät ihr Geheimnis n i c h t', behielt auch hier seine Gültigkeit. Sichtlich waren 
dem Manne die verborgenen Seeleninhalte des Mannes zugänglicher, weil wesensverwandter. . ." 



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Neue Arbeiten zur ärztlichen Psyckoanalyse 
Herausgegeben von Prof. oigm. Freud 



Dr. AVrnielm Reich 

Assistent am Psycnoanalytisdien Ambulatorium in W^ien 

Die Funktion des Orgasmus 

/j\\v irsychopatnologie und zur Oozioiogie des Crescbiecntsleoens 

Krehejtet jM. 10.'—, Cranz leinen AI. ia.— 

Inhalt: 

Ij Der neurotische Konflikt. — II) Die orgastische 
Potenz. — III) Die psychischen Störungen des Orgas- 
mus. Die Herabsetzung der orgastischen Potenz (onanistischer Koitus, 
Onanie). Die Zersplitterung des Orgasmus (akute Neurasthenie). Die 
absolute orgastische Impotenz (Hypästhesie, Anästhesie). Die Sexual- 
erregung bei der Nymphomanie. — IV) Somatische Libido- 
stauung und Angstaffekt. Über Sinn, Tendenz und Quelle des 
neurotischen Symptoms. Angst. Sexualerregung und Nervensystem. Aus 
der Analyse einer Hysterie mit hypochondrischer Angst. — V) P s y c h o- 
neurotische Schicksale der Genitallibido. Hysterische 
Impotenz. Zwangsneurotische Impotenz. Aus der Analyse einer chroni- 
schen Neurasthenie. Zwei Formen der ejaculatio praecox. — VI) Zur 
psychoanalytischen Genitaltheorie. — VII) Die Ab- 
hängigkeit des Destruktionstriebes von derLibido- 
stauung. — VIII) Über die soziale Bedeutung der geni- 
talen Streb ungen. Die Folgen der Spaltung der Geschlechtlichkeit 
für die Ehe. Zur Frage der Abstumpfung der Genitalität in der 
monogamen Ehe. Der erotische und der soziale Wirklichkeitssinn. 



Internationaler Psycnoanalytiscner Verlag 

\V T ien, In der Börse 



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