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Full text of "Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik III 1929 Heft 10"

ZEITSCHRIFT FÜR PSYCHO- 
ANALYTISCHE PÄDAGOGIK 



III. Jahrgang Juli 1929 Heft 10 



Zur Protesterklärung katholischer Lehrerinnen gegen 
die „Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik" 

Von Dr. Heinrich Meng, Frankfurt a. M. 

In Nr. 11 vom 14. Mär/. 1929 der „Wochenschrift für katholische 
Lehrerinnen, Organ des Vereins katholischer deutscher Lehrerinnen" befindet 
sich folgende Protesterklärung : 

„Vor einigen Wochen wurde an badische Lehrer und Lehrerinnen ein Probelieft 
der ..Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik', Verlag Wien, I., versandt. Heraus- 
geber sind Dr. Meng, Arzt in Frankfurt a. M. und Univ. Prof. Dr. Schneider, Riga. 
Als Mitarbeiter sind Mediziner aus allen europäischen Großstädten genannt. Und 
Prof. Dr. Freud schrieb den Herausgebern: ,Sie verpflichten durch diese Schöpfung 
einen großen Kreis von Menschen zu Dank.' Nach eingehender Lektüre und Prüfung 
sämtlicher Abhandlungen des Probeheftes können wir dem obigen Urteil Freuds nicht 
nur nicht zustimmen, sondern müssen gegen einen großen Teil des Inhalts als 
Pädagogen und als Menschen, die das natürliche Sittengesetz noch anerkennen, aufs 
entschiedenste protestieren. 

Wir erklären deshalb folgendes: 

1 ) Die Psychoanalyse kann für uns Pädagogen als angewandte Wissenschaft des- 
halb noch nicht in Frage kommen, weil sowohl Anwendungen wie Erfolge noch viel 
zu problematisch sind und weil ihre Anhänger selber erklären: ,Wir sind noch nicht 
in der Lage, den erzieherischen Wert der Psychoanalyse genau zu umschreiben; ,wir 
können auch noch keine praktischen Vorschriften im einzelnen für die Erziehung 
geben.' Dr. Ferenczi, Budapest. 

2) Freuds Pansexualismus, der alle seelischen Äußerungen aus dem Geschlechtstrieb 
erklärt, lehnt die christliche Psychologie ab. Wir gehen hierin einig mit bedeutenden 
Autoritäten auf dem Gebiet der Psychiatrie, den Univ. Prof. Dr. Bumke, München, 
Oppenheim, Berlin, und Hoche, Freiburg. 

5) Als eine Entartung übelster Art und einen unerhörten Angriff auf die Ethik 
und christliche Sittenordnung betrachten wir es, wenn unter dem Deckmantel der 
Wissenschaft in den einzelnen Abhandlungen der obengenannten Zeitschrift das 
Gewissen als etwas Relatives bezeichnet und der freie Wille des Menschen in Frage 
gestellt wird; oder wenn im Ernst behauptet wird, daß ,die Fähigkeit, ohne Schuld- 
gefühle ungestört onanieren zu können, zur seelischen Gesundheit gehört', Dr. Reich, 

Zeitschrift f. psa. Päd., III. 10 — 301 — . iq 

INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




Wien, .daß Leute, die einer Pubertätsonanie nicht unterlagen, durchaus nicht die 
gesündesten sind, vielmehr überwiegend einer schweren Neurose oder gar der 
Schizophrenie verfallen' (also verrückt werden)! Dr. Sadger, Wien, und daß ,ei n 
Mann, der ein jungfräuliches Mädchen ehelicht, ohne je vorher eine Frau berührt 
zu haben, sich zumeist als liebezerstörender Tolpatsch erweist,' Dr. Hodann, Wien. 
So aufgeschlossen wir Erzieher sein sollen und wollen für alle wertvollen Ergeb- 
nisse der neueren Psychologie und ernster Seelenaufschließung, so entschieden lehnen 
wir die .Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik' mit ihrem zum großen Teil 

üblen Inhalt ab. 

Für den Zweigverein Bühl-Baden-Rast att: Prof. V. Schachtele, Religionslehrer, 

F. Kleiser. Vorsitzende." 

Das Urteil das hier gefällt wird, gründet sich auf die eingehende Lektüre 
und Prüfung des Probeheftes, das, wie sein Name sagt, einzelne Proben 
aus Aufsätzen in unserer Zeitschrift gibt. Der Verlag hat jeweils eine Seite 
aus den Originalartikeln zum Abdruck gebracht, kein Artikel ist vollständig. 
Um zu einer so scharfen Ablehnung berechtigt zu sein, müßten, die 
Kritiker zum mindesten die Original aufs ätze zur Hand nehmen, andern- 
falls handeln sie ähnlich wie ein Fanatiker der Ernährungsreform, der vor 
Jahren, um zu beweisen, daß die Krankheiten der Menschen mit der Brot- 
nahrung zusammenhängen, als Beleg für seine Anschauung die Bibel 
anführte. Er behauptete, daß dort stünde: „der Mensch lebt nicht vom 
Brot", ließ also bei dem Zitat den Schluß weg und gab damit der Stelle 
einen ganz persönlichen Inhalt. 

Wir wollen zu den einzelnen Punkten kurz Stellung nehmen. Die 
Bescheidenheit von F e r e n c z i spricht für und nicht gegen die Psycho- 
analyse. Die bisherige Erziehung hat keinerlei verläßliche Pädagogik schaffen 
können, war aber unbescheiden genug, dauernd praktische Vorschriften für 
die Erziehung zu geben. Sie benahm sich dabei ähnlich, wie die Schul- 
Ps} r chiatrie, die die Gesetzgebungen beriet, bevor sie wirkliche Grundlagen 
dazu besaß, so z. B. beim Problem der Unfallneurose. 1 „Wir wundern uns, 
daß die Schul-Psychiatrie, die noch viel weniger von der Menschenseele 
weiß, sich nicht wie wir bescheidet, nach Kräften zu heilen und zu forschen, 
sondern daß sie die Gesetzgeber zu beraten wagt. Es würde den besten 
Eindruck auf das Volk machen, wenn auch sie ehrlich bekennen würde 
daß sie über die Unfallneurose noch zu wenig weiß. Das wäre eine 
erhebende Mahnung zur Verantwortlichkeit und Selbsterkenntnis für alle, 
die in das Schicksal der Arbeiter Becht sprechend und Becht gebend einzu- 
greifen haben". Das Analoge gilt von Pädagogik und Sexualproblem. 

Wer Ferenczi, Aichhorn, Anna Freud, Bernfeld kennt, 
weiß, daß ihre vorsichtige Haltung gegenüber den Ergebnissen ihrer prak- 
tischen pädagogischen Erfahrung und ihre zurückhaltende Wertung der 
eigenen Leistung gerade für die Psychoanalyse spricht, während die alte 

1) Siehe Meng „Das Kind und die Unfallneurose" im Riese'schen Sammelwerk 
..Die Unfallneurose als Problem der Gegenwartsmedizin'-, Hippokrates Verlag. 

-302 - 



Pädagogik so sehr oft mit selbstsichern Vorschriften blind und unbelehrbar 
Schäden setzte. 

Und jetzt zum 2. und 3. Punkt folgendes: Innerhalb der psycho- 
analytischen Schule gibt es Vertreter radikaler und konservativer Ansichten. 
Zu ersteren gehören die genannten Autoren Reich und Sadger, von 
ihnen veröffentlichte Ergebnisse werden zum Teil innerhalb der psycho- 
analytischen Schule abgelehnt, weil die Beobachtung anderer bestimmter 
Folgerungen oder Erklärungen der beiden Autoren widersprechen. Es ist 
aber selbstverständlich, daß in unserer „Zeitschrift für psychoanalytische 
Pädagogik" die Problematik bestimmter Fragenkomplexe durch Autoren der 
radikalen, der gemäßigten und der konservativen Richtung innerhalb der 
Psychoanalyse zur Darstellung kommen muß. 

Nicht nur die psychoanalytische Beobachtung, auch die Erfahrung und 
Beobachtung anderer Ärzte und Pädagogen sprechen aber dafür, daß in der 
normalen Triebentwicklung Phasen der Onanie oder Onanie-Äquivalente 
auftreten, und daß sowohl Onanismus als auch Ausbleiben onanistischer 
Phasen den Verdacht auf bestimmte Störungen in der Triebentwicklung 
und in der seelischen Entwicklung aufkommen lassen. Gerade die christ- 
liche Erziehung hat sehr oft die sexuellen Fragen (Aufklärung, Onanie) 
in der Einflußnahme auf das Kind unzweckmäßig und mit schädlicher 
Härte behandelt. 1 

Auch über „Psychoanalyse als Weltanschauung" gibt es verschiedene 
Auffassungen. Entgegen der Meinung von Bernfeld, Reich u. a. ist 
die Psychoanalyse nach der Ansicht vieler Psychoanalytiker keine Welt- 
anschauung, sondern eine wissenschaftliche Methode der Stellung und 
Beantwortung von Problemen auf dem Gebiet der psychologischen Moti- 
vierung. Da die christliche Pädagogik diese Probleme auch stellt und sie 
trotz der Unterstützung durch den Glauben nicht gelöst hat, so benötigt 
sie ebenso der psychoanalytischen Arbeit und der Verwendung psychoana- 
lytischer Ergebnisse wie jede andere Erziehung. Daß die christliche Erziehung 
keineswegs vor Neurosen, Charaktermißbildung, Perversion und Verbrechen 
schützt, zeigen u. a. die Erfahrung des Lebens und die Resultate einer 
Reihe psychoanalytischer Untersuchungen, auch derer, die Pfarrer Pf ister 
veröffentlicht hat. Eine der Wirklichkeit angepaßte Pädagogik darf diesen 
Tatbestand nicht übersehen. Weder die Professur noch irgend eine Autorität 
schützt vor Fehlschlüssen. Ein Lehrer, sei er Professor oder nicht, kann 
zwar Kandidaten durchfallen lassen oder andere Lehrer lächerlich machen, 
die seine Autorität nicht anerkennen, aber immer muß man wissen, vor 
dem freien Auditorium der Forscher und Wissenschaftler kann es keine 
Unfehlbarkeit geben- Es gibt überhaupt kein Kulturgut, auf dessen Besitz 
die Menschheit stolz ist, das nicht früher einmal durch Massen-Proteste 

1) Der Leser wird gut tun, z. B. das Material von L a m p e 1 „Jungen in Not" 
(Spaeth. Berlin, 1928) zur Kenntnis zu nehmen. 

— 303 — „/ 



bekämpft und von bedeutenden Autoritäten verdammt wurde. Daß die vor- 
liegende Protesterklärung auch den Ausspruch eines Autors (Hodann) als 
Material vorlegt, der bisher nicht an unserer Zeitschrift mitgearbeitet 
und kein Psychoanalytiker ist, zeigt, wie oberflächlich das Material zu dieser 
Protesterklärung gesichtet wurde. Man sollte auch nicht die Ansichten der 
Psychoanalytiker mit der Psychoanalyse verwechseln. (Die Psychoanal\-se 
liefert übrigens kein Material, die Konstatierung Hodanns zu widerlegen.) 

Wie Pfister in seiner Arbeit „Psychoanalyse und Sittlichkeit" i m 
„Psychoanalytischen Volksbuch (Hippokrates- Verlag) berichtet, wurde schon 
1913 ein regelrechtes Ketzergericht gegen die Analytiker abgehalten, die 
sich der Analyse in der Erziehung bedienen. Es würde sich empfehlen, 
daß die Autoren des Protestes die Arbeit Pfisters nachlesen. Sie könnten 
daraus und aus anderem hören, welche Leistungen die Psychoanalyse für 
Trieberziehung, Sublimierung und Ethik haben kann. Der katholische Arzt 
und Pädagoge Rhaban Liertz hat in unserer Zeitschrift, im Jahrgang I 
in seinen Aufsätzen über „Kindliche Aufklärung" und „Über das Traum- 
leben 4 Ergebnisse seiner religiösen und erziehlichen Erfahrungen nieder- 
gelegt. 

Wenn die christliche Psychologie „Freuds Pansexualismus" ablehnt, 
lehnt sie damit etwas ab, was Freud selbst nie vertreten hat. Die Psycho- 
analyse hat von allem Anfang die Sexualtriebe von anderen Trieben unter- 
schieden, die sie zunächst als „Ich-Triebe zusammenfaßte. Sie hat aber 
nie den Versuch gemacht, alle seelischen Äußerungen zu erklären, selbst 
die Neurose hat sie niemals aus der Sexualität allein, sondern aus dem 
Konflikt zwischen den sexuellen Strebungen und dem „Ich" abgeleitet. So 
ist der Vorwurf einseitiger sexueller Richtung unberechtigt, denn die 
Libido der „Libido-Theorie" hat kaum mehr mit Sexualität im Sinn des 
Katechismus zu tun, so wenig wie „Materie und Kraft" der Physik mit 
„Fleisch und Geist" des Bibelwortes. 

Die Erfahrung lehrt, daß das Bewußtmachen von verdrängten Sexual- 
gelüsten durch eine ganz bestimmte psychoanalytische Technik viel eher 
deren Beherrschung ermöglicht, als die Instanz es leistet, welche die Ver- 
drängung erzwang. Freud hat mit vollem Recht darauf hingewiesen, daß 
die Analyse den Menschen von den Fesseln seiner Sexualität befreit, hat 
es aber immer als unwissenschaftlich zurückgewiesen, die Psychoanalyse 
darnach zu beurteilen, ob sie Religion, Autorität und Sittlichkeit unter- 
gräbt. Die Psychoanalyse ist als Wissenschaft tendenzfrei und nur erstrebt 
ein Stück der Realität widerspruchsfrei zu erfassen. 

Wer die mangelhafte Einsicht vieler christlicher Erzieher kennt, und 
bemüht ist, Vorgänge, auch die unbewußten, der menschlichen Seele zu 
ergründen, versteht, weshalb diese christliche Pädagogik gerade durch 
die Freud'sche Forschung eine ernste Krisis erlebt. Die Verbindung von 
Strafe und Belohnung, wie sie im typischen christlichen Elternhaus und 

— 304 - 






im christlichen Erziehungsheim sehr oft üblich war und ist, hat den Auf- 
bau eines der Wrrklichkeit der Trieb- und Außenwelt gerecht werdenden 
Gewissens oft so schwer geschädigt, daß viele Erzieher den Schaden nie 
verwinden. Vielleicht nehmen die Mitglieder des Vereins katholischer 
deutscher Lehrerinnen selbst Stellung zu unserer Zeitschrift, wenn sie 
mehr als ein Bruchstücke von Aufsätzen enthaltendes Probeheft kennen; 
die Stuttgarter Pädagogische Woche Ende Juli 1929 wird in Vor- 
lesungen und Kolloquien Einblick geben in eine Reihe praktischer Fragen 
unter besonderer Berücksichtigung der katholischen Pädagogik und Seelsorge. 
Unsere Zeitschrift ist bemüht, eine Pädagogik aufzubauen, die den Zwang 
und die Freiheit anders handhabt, wie der Durchschnitt der Berufs- 
pädagogen, die Freuds Lehre mißverstehen und schwer gekränkt sind, 
wenn ihr staatliches, christliches oder väterliches Ideal gefährdet wird. Der 
affektive Ton des Protestes spricht nicht für die innere Sicherheit seiner 
Verfasser, die die Offenbarung zu besitzen glauben und unentwegt trotz 
vieler Proteste nach einer historischen Niederlage an ihrer Offenbarung 
festhalten. 



ilililUlilil 






Das Kind betet 

Von Theodor Reik (Berlin) 

I 

Der Ursprung jenes zentralen religiösen Phänomens, des Gebetes, ist dunkel. 
Lange hatte die Religionswissenschaft angenommen, daß es aus dem Ritual, der 
Zauberei und aus magischen Praktiken erwachsen sei. Es scheint, als würde 
sich eine bedeutsame Änderung dieser Anschauung in der modernen Religions- 
geschichte vorbereiten. Zumindest versichert Friedrich Heiler, dem wir 
die umfassendste Arbeit über das Gebet verdanken', das spontane freie Bittgebet 
des naiven Menschen sei „ein Nachhall jenes Urgebetes, das einst — wir wissen 
nicht, wo und wann — von den Lippen des vorgeschichtlichen Menschen sich 
losriß und den Gebetsverkehr zwischen dem Menschen und der Gottheit eröffnete". 

Einer der besten Zugänge, etwas über das Wesen eines psychischen Phänomens 
zu erfahren, ist noch immer der, seinem Ursprung und seiner Entwicklung 
nachzuforschen. Dies stand zumindest noch bis vor kurzem fest. Bestimmte 
philosophische und erkenntnistheoretische Richtungen der letzten Jahre haben 
gegen diese Ansicht, die sie als Vorurteil bezeichnen, das Argument der Be- 

l) Das Gebet. 5. Auflage. München 1925. S. 58. 

— 305 — 






grenztheit des menschlichen Verstandes ins Treffen geführt und diesem Weg 
den der Intuition, der Wesensschau und der phänomenologischen Erkenntnis 
vorgezogen. Man kann dem Ausmaße des menschlichen Verstandes recht skeptisch 
gegenüherstehen und sich doch zu dem Glauben bekennen, daß durch die gene- 
tische Betrachtungsweise noch immer die wertvollsten unserer beschränkten 
Einsichten gewonnen werden. Die Resultate jenes philosophischen „reinen Em- 
pirismus", der von den Tatsachen genetischer Art absieht, haben zumindest 
nicht erwiesen, daß seine Bemühungen die Begrenztheit menschlicher Verstandes- 
kräfte weitgehend überwunden haben. Ja, die boshaften unter seinen Freunden 
behaupten, diese Beschränktheit sei durch ihn selbst aufs Neue unzweifelhaft er- 
wiesen worden. 

Es stehen uns zunächst zwei Wege offen, um etwas über die Psycho CT enese 
des Gebetes zu erfahren: die individualpsychologische und die völkerpsychologische 
Forschung. Der erste und offenbar einfachere Weg ist der, das psychologische 
Material aus den Erlebnissen und Eindrücken der Kinderzeit zu wählen die 
seelischen Prozesse zu erforschen, welche das Gebet zuerst auslösten und be- 
gleiteten, seine psychischen Voraussetzungen, Wege und Ziele klarzustellen. 
Kinderaussagen, Beobachtungen an Kindern und Erinnerungen müßten zu psycho- 
logischen Einsichten führen, die uns manches über die seelische Entstehung und 
Entwicklung des Gebetes zeigen könnten. Dieser Weg empfiehlt sich durch seine 
Einfachheit, allein er ist in seiner Isolierung nicht so fruchtbar, als er zuerst 
scheinen mag. Erinnerungen von Erwachsenen an die eigene Kinderzeit sind 
vielfachen Überarbeitungen und Entstellungen unterworfen, die Beobachtungen an 
Kindern der Gefahr verschiedenartiger Umdeutung ausgesetzt. Der Wert von 
Kinderaussagen selbst aber ist, so unzweifelhaft er ist, gerade auf diesem Gebiete 
durch die Nachwirkung der Anschauungen der Eltern und Pflegepersonen er- 
heblich eingeschränkt. Es läßt sich nicht abweisen, daß die Frömmigkeit des 
Kindes ein „second-hand religious life" im Sinne William James ist, d. h. 
daß dem Kinde die religiösen Vorstellungen und Formen von außen her über- 
liefert werden. Es schaltet dann mit Gedankengut, das eine lange und komplizierte 
Entwicklung durchlaufen hat. Die Religion ist eine soziale Institution und man 
kommt vermutlich der Erforschung ihrer Anfänge näher, wenn man die Ent- 
stehung der sozialen Einrichtungen studiert. Dennoch müssen auch die Resultate 
der Kinderpsychologie sorgfältig in Erwägung gezogen werden. 

n 

Auf einem Bilde, das in schlichtem Rahmen viele deutsche Bürgerstuben 
ziert, sieht man ein kleines Mädchen, das in züchtigem Nachtgewande an der 
Seite seines Bettes kniet, die Händchen zum Abendgebet gefaltet. Das Kind hat 
offenbar frühe pädagogische Bestrebungen, denn es hat auch die Puppe veranlaßt 
niederzuknieen und ihre Andacht zu verrichten. Die Verse, die unter dem Bilde 
gedruckt sind, geben den Inhalt dieses gemeinsamen Gebetes wieder: der Himmel 
wird um Schutz für Vater und Mutter, für die braven Kinder und überhaupt 
für alle Menschen angerufen. Das Ganze atmet jene Atmosphäre kindlicher 



— 306 — 









Einfachheit, der sich nur ein fühlloser Barbar entziehen kann. Es ist dieselbe 
schmucklose Natürlichkeit, die in den Ansprachen zu verspüren war, welche früher 
kleine Mädchen mit Blumensträußen in den Händen zur Bewillkommung fremder 
Souveräne hielten. Wie ungezwungen und echt klingt etwa jene Ansprache, die 
ein solches kleines Mädchen einmal beim Besuche des englischen Königs Eduard VII. 
in Österreich zu halten hatte ! Der Anfang hatte, wofern mein Gedächtnis nicht 
trügt, folgenden sinnigen Worlaut: „Ebenso wie die Blumen sind wir Kinder 
die Bepräsentanten der Unschuld" u. s. w. Solche Bede mutet in ihrer Unge- 
zwungenheit an wie das schöne erste Gebet, das alle braven Kinder sagen: 

„Ich bin klein, 

Mein Herz ist rein; 

Darf niemand drin sein 

Als Jesus allein." 

Tatsächlich setzt das Maß von Unechtheit und Unnatürlichkeit, das Erwachsene 
beim Gebet von Kindern ertragen können, immer wieder in Erstaunen. Doch 
besinnen wir uns: wie entstehen denn Gebete? Es sind doch Produkte von 
Erwachsenen, denn die Kinder sind leider ursprünglich Atheisten: sie wissen nichts 
von Gott. Die Gebete von Kindern sind also Kunstprodukte, in denen ein Er- 
wachsener sich bemüht, angeblich kindliche Vorstellungen mit den eigenen 
Anschauungen zu vereinigen. Das Besultat solcher Bemühung trägt alle Anzeichen 
seiner Hei-kunft. 

m 

Die Lehre von Gott wird also künstlich an das Kind herangebracht und es 
ist nur zu verständlich, daß es die erhabene Gestalt der Gottheit nicht zu fassen 
vermag oder sie kindlichen Anschauungen entsprechend faßt. Hören wir einmal, 
wie sich Gottfried K e 1 1 e r s Grüner Heinrich Gott vorstellte: „Auf diesem Dache 
stand ein schlankes nadelspitzes Türmchen, in welchem eine kleine Glocke 
hing und auf dessen Spitze sich ein glänzender goldener Hahn drehte. Wenn 
in der Dämmerung das Glöckchen läutete, so sprach meine Mutter von Gott 
und lehrte mich beten: ich fragte: ,Was ist Gott? Ist es ein Mann?' Und sie 
antwortete: ,Nein, Gott ist ein Geist!' Das Kirchendach versank nach und nach 
in grauen Schatten, das Licht klomm an dem Türmchen hinauf, bis es zuletzt 
nur noch auf dem goldenen Wetterhahn funkelte und eines Abends fand ich 
mich plötzlich des bestimmten Glaubens, daß dieser Hahn Gott sei. Er spielte 
auch eine bestimmte Bolle der Anwesenheit in den kleinen Kindergebeten, 
welche ich mit vielem Vergnügen herzusagen wußte. Als ich aber einst ein 
Bilderbuch bekam, in dem ein prächtig gefärbter Tiger ansehnlich dasitzend 
abgebildet war, ging meine Vorstellung von Gott allmählich auf diesen über, 
ohne daß ich jedoch, so wenig wie vom Hahn, je eine Meinung darüber äußerte. 
Es waren ganz innerliche Anschauungen, und nur wenn der Name Gottes genannt 
wurde, so schwebte mir zuerst der glänzende Vogel und nachher der schöne 
Tiger vor." Die kindlichen Vorstellungen von der Gottheit sind gewiß mannig- 

- 307 — 



Faltiger als wir ahnen; dennoch dürften sie sich von jenen Vorstellungen, welche 
sich die großen Kinder, die Erwachsenen, machen, wesentlich unterscheiden. 
Das Kind, das meinte: „Gott ist etwas zu fluchen" hatte seine "Wissenschaft 
sicherlich vom Anhören der Flüche des Vaters. Das fünfjährige Mädchen, das 
auf einen alten Apfelbaum kletterte, um Gott zu besuchen und ihm seine 
Wünsche vorzutragen, steht dem Höhenkult des frühen Orients psychologisch 
nahe. 1 Entsprechend der Mannigfaltigkeit der kindlichen Anschauungen ist auch 
die seelische Einstellung der Kinder zu dem von ihnen vorgestellten Gott. Sully 
erzählt, daß ein vierjähriges Mädchen, das gestraft oder sehr strenge getadelt 
wurde weinend klagte: „So behandelt man kleine Kinder nicht! Da zankt der 
liebe Gott!" Ein anderes kleines Mädchen, von dem Maria Hupe den be- 
richtet 2 , sah Raketen aufsteigen und lamentierte: ,0 weh, o weh! Sie schießen 
auf den lieben Gott!" Dieselbe Autorin gibt ein Gespräch zwischen der Mutter 
und dem 7 jährigen Kind wieder, das aufschlußreich für die Art des kindlichen 
Gottesvertrauens wird. Die Mutter warnt das kleine Mädchen, es werde sich 
die Finger abschneiden. Das Kind antwortet nach einigem Nachdenken: „Aber 
Gott würde sie wachsen lassen. Er machte mich, also könnte er auch meine 
Finger ausbessern und wenn ich die Enden abschneide, würde ich sagen : ,Gott, 
Gott, komme zu deiner Arbeit' und er würde sagen: ,Gewiß!" Ebenso dienst- 
eifrig stellt sich nach Hüpedens Zeugnis ein siebenjähriges Mädchen Gott vor, 
zu dem es betet 5 : „Bitte Gott, der Großvater ist zu dir ' gegangen ; bitte gib 
sehr acht auf ihn; bitte sorge immer dafür, daß die Tür geschlossen wird, weil 
er den Zug nicht vertragen kann." Gefühle der Ehrfurcht, welche ein kleines 
Mädchen veranlaßten, während des Gebetes Gott in der höflichen Form „Ich 
bitte Sie" anzureden 3 , wechseln bei den Kindern nicht selten mit Äußerungen 
entschiedenen Mißfallens gegenüber der verbietenden oder indiskreten Gottheit. 
Eine Kinderfrau hatte dem kleinen Hans gesagt, daß Gott aus dem Fenster 
schaue und alles auf Erden sehe. Das war dem Jungen, der eben eine Spitz- 
büberei ausführen wollte, ziemlich unangenehm und er grollte: „Der liebe Gott 
könnte auch etwas Besseres tun als den ganzen Tag zum Fenster hinaus sehen "*. 
Zu einem kleinen Mädchen, das man wegen ihrer roten Haare manchmal 
bedauerte, sagte die Großmutter: „Kind, deine Haare hat Gott gemacht und 
alles ist gut, was er macht." Das kleine Mädchen antwortete: „Ich möchte 
dann doch lieber nichts weiter bei ihm machen lassen". 

IV 7 

Bedauerlicherweise gelangen die Kinder manchmal gerade durch die religiöse 
Belehrung zu allerlei merkwürdigen Fragen. So erkundigte sich ein vierjähriges 
Mädchen: Gibt es keine Frau Gott?" und eine andere Kleine wurde beobach- 

1) James Sully, Untersuchungen über die Kindheit. Deutsche Übersetzung. 5. Aufl. 
Leipzig 1904, S. 106. 

2) Der Kinderglaube. S. 20. 

5) Sully, Untersuchungen, S. 106. 

4) H ü p e d e n. Der Kinderglaube, S. 1 9. 

— 308- 






tet, wie sie einen Brief schrieb und in den Boden vergrub. Der Inhalt dieses 
Schreibens war folgender: „Lieber Teufel, bitte, komme und nimm die Tante 
mit — bald, ich kann sie nicht länger aushalten".' Wie nahe sich der Teufels- 
glaube des Kindes mit dem Gottesglauben berührt, erkennt man aus dem Bericht 
eines meiner Patienten, der einer frommen jüdischen Familie entstammte. Er 
erinnert sich eines sonderbaren Rituals, das er und seine Geschwister in der 
Kindheit am Vorabend des Neujahrstages beobachteten. Nach jüdischem Glauben 
bestimmt Gott an diesem Tage die Geschicke aller Menschen während des fol- 
genden Jahres und trägt sie in das Schicksalsbuch * ein. Mein Patient erinnert 
sich nun, daß er und seine Geschwister sich in ein Versteck zurückzogen und 
dort beratschlagten, welche Verwandten während des folgenden Jahres sterben 
würden. Dabei wurde auf Alter, etwaige Krankheiten usw. strenge geachtet. In 
der Erinnerung meines Patienten lebt noch die Klage seines kleinen Bruders, 
der nach Beendigung dieser Vorberatung, die dem lieben Gott sozusagen freund- 
liche Vorschläge machte, unzufrieden äußerte: „Die Tante Lea sollte doch auch 
schon dieses Jahr darankommen!" 



V 

Es scheint, als würden alle Kinder zuerst eine Art Abwehr gegen das neue 
Wissen um die Gottheit zeigen. Kein Wunder, daß sie kein ursprüngliches 
Interesse für das Gebet an den Tag legen. Gottfried Kellers Grüner 
Heinrich erzählt aus seiner Kinderzeit, daß seine fromme Mutter eines Sonntags 
das Tischgebet einführen wollte. Sie „sagte mir zu diesem Zweck ein kleines 
altes Volksgebet vor mit der Aufforderung, es jetzt in Zukunft nachzubeten. 
Aber wie erstaunte sie, als ich nur die ersten Worte trocken hervorbrachte 
und dann plötzlich verstummte und dann nicht mehr weiter konnte. Das Essen 
dampfte auf dem Tische, es war ganz still in der Stube, die Mutter wartete, 
aber ich brachte keinen Ton hervor. Sie wiederholte ihr Verlangen, aber ohne 
Erfolg. Ich blieb stumm und niedergeschlagen, und sie ließ es diesmals bewenden, 
da sie mein Benehmen für gewöhnliche Kindeslaune hielt. Am folgenden Tag- 
wiederholte sich der Auftritt, und sie wurde nun ernstlich bekümmert und 
fragte: , Warum willst du nicht beten? Schämst du dich?' Das war nun zwar 
der Fall, ich vermochte es aber nicht zu bejahen, weil, wenn ich es getan, es 
doch nicht wahr gewesen wäre in dem Sinn, wie sie es verstand. Der gedeckte 
Tisch kam mir vor wie ein Opfermahl, und das Händefalten nebst dem feier- 
lichen Beten vor den duftenden Schüsseln wurde zu einer Zeremonie, welche 
mir alsobald unbesieglich widerstand." 2 Bogumil Goltz erzählt von einem 

1) Sully, Untersuchungen, S. 108. 

2) Der Dorfschullehrer in P. K. R o s e g g e r s „Das ewige Licht", schildert, wi 
er den Kleinen zuerst vom Himmel und von der Hölle erzählt und sie nach ihr« 
Vorstellungen vom Himmel fragt. „Die Mädchen sind mit den Antworten fixer b.. 
der Hand als die Knaben. So sagt die Rosalia Hüter: ,1m Himmel da ist's halt lustig. 



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— 309 — 



19a 






Vierjährigen, der beten lernen sollte, aber alle Belehrungen über Gottes All- 
gegenwart und Allmacht mit der energischen Erklärung zurückwies: „Ich will 
aber nichts weissen von dem lieben Gott." Emil Felder spricht sich in seinem 
instruktiven Werke „Kind und Gottesglaube" dahin aus, daß „sehr viele Kinder 
den Gottesglauben instinktiv ablehnen." 1 Er behauptet, daß „der Gottesglaube 
des Kindes nur suggeriert sein könne" und die Tatsache des Kindergebetes 
„zunächst nichts als Dressur, später in sehr vielen Fällen nur Gewohnheitssache" 
sei. Die Behauptungen dieses Pädagogen sind freilich nicht unwidersprochen 
geblieben. Professor Förster hat dagegen mit dem Eifer, den die Über- 
zeugung dem reinen Glauben verleiht, heftig protestiert und mit Nachdruck 
behauptet: „Das menschliche Herz ist nun einmal auf Gott hin erschaffen." 
Die religiöse Tradition gibt diesem Verteidiger des Glaubens unzweifelhaft 
recht. Schon vor siebzehn Jahrhunderten verkündete Tertullian, der alle Wissen- 
schaft als der Glaubensregel widersprechend verwarf, daß die Seele von Natur 
aus christlich sei („anima naluraliter christiana". De testim. ad 1. Apol. 17). 
Jedenfalls ist es schwierig, bei den Kindern jenen eingeborenen Trieb zu 
Gott zu beobachten. Wenn ihre ursprüngliche Sehnsucht nach dem Himmel- 
reich geht, so verstehen sie es meisterhaft, diese starke Tendenz zu verbergen. 
Eine Mutter erzählte, wie wenig von solchem Drange bei ihrem vierjährigen 
, Sohne zu erkennen war. Er sollte das Gebet: „Lieber Gott, mach mich fromm 
: daß ich in den Himmel komm" lernen. Der Kleine weigerte sich in seltsamer 
Verblendung: „Ich will aber gar nicht in den Himmel, ich will bei euch 
1 bleiben und Chauffeur werden!" 

VI 

Die seelischen Voraussetzungen der geschilderten Art lassen es verständlich 
erscheinen, daß die Kinder häufig den Sinn des Gebetes überhaupt nicht ver- 
stehen oder mißverstehen. Laura Frost berichtet von einer Mutter, die ihren 
kleinen Knaben beten lehrte: „Lieber Gott, ich bitte dich, ein artig Kind laß 
werden mich." Der Kleine sagte die Worte mit andächtiger Innigkeit, doch 

da tun die Engelein musizieren und tanzen.' Die Agatha Brennscheit sagte: ,I m 
Himmel gibt's alle Tag Lebzelten und Met, soviel man mag.' Der Johann Almbauer: 
,Im Himmel hat's Vögel mit brinnroten Federn und güldene Vogelhäuser, daß man 
sie hineintun kann.' Die Juliana Schindlacher: ,1m Himmel tut mein Mutterl auf 
mich warten.' Der Alois Stangel verhielt sich fragend: ,Herr Pfarrer, tun sie i m 
Himmel Kegel schieben?' Und der Michel Ramsauer: .Wenn ich in den Himmel 
komm, so leg ich mich auf Heu und schlaf!' . . . ,Je', rief die Kunigunde, ,der weiß 
nicht einmal, wie's im Himmel ist!- ,Weißt du es?' fragte ich sie. Darauf die Kleine: 
,Im Himmel ist es halt ganz blau, und die Leute gehen in weißen Leintüchern herum 
und haben Lichter in der Hand.* ,Und vom lieben Gott saget ihr gar nichts?" ,Der 
ist gar nicht oben,' rief der Anton Achenberger überlaut, ,der Gott ist ja in unserer 
Kirche drinnen.' Und der Stefan Scbnabelegger etwas abseits zum Nachbar: ,Wenn 
der Gott daheim ist oben im Himmel, da ist's eh' nicht lustig, da muß man alleweil 
beten.'" 

1) Kind und Gottesglaube, Berlin 1921, 2. Aufl., S. 25. 

— 310 — 



L 






fiel der Mutter mit der Zeit auf, wie eilig er sich jedesmal nach dem Worte 
„Amen" zu ihr wandte, um ihr gute Nacht zu sagen. Sie horchte genauer hin 
und vernahm, daß er sagte: „'n Abend (guten Abend), gute Nacht." Er hatte 
sich das unverstandene Wort „Amen" in dieser Weise erklärt. Ein anderes 
Kind betete treuherzig: „Laß den Mund am Himmel steh'n und die stille Welt 
beseh'n." 1 Der kleine Sohn Feldens lernte in einer Anstalt das Gebet: „Breit' 
aus die Flügel beide, o Jesu meine Freude, und nimm dein Küchlein ein." Der 
Junge betete diese Worte sehr gerne. Der Vater überzeugte sich bald davon, 
daß das Kind sich unter „Küchlein" kleine Kuchen vorstellte. Im Bad Soden 
im Taunus mußte das Söhnlein eines Lehrers, der Kurgäste bei sich aufnahm, 
vor jeder Mahlzeit beten: „Komm', Herr Jesu, sei unser Gast!" u. s. w. s Eines 
Tages erkundigte sich der Kleine bei der Mutter: „Wer ist denn dieser Herr 
Jesus, der immer kommen soll, aber nie kommt?" „Ei, das ist Gottes Sohn", 
lautete die Antwort der Mutter. Sie scheint den Fragenden nicht viel klüger gemacht 
zu haben, denn er wollte noch wiederholt wissen, wann denn dieser Herr 
endlich zur Kur nach Soden käme. Er hatte sich den Herrn Jesus, Gottessohn, 
den er täglich zu Gast bat, nur als Kurgast vorstellen können. Ich habe anderen 
Ortes von einem Kind erzählt, dessen Eltern es zu ihrem Erstaunen beten 
hörten: „Maria, die du bist voller Knaben" (statt voller Gnaden). 

Der Mangel an psychologischem Verständnis, den die Eltern gegenüber den 
Besonderheiten des kindlichen Denkens zeigen, wird uns nicht in Erstaunen 
setzen, wenn wir daran denken, wie fremd uns selbst, wenn wir erwachsen 
sind, unser eigenes Kindergesicht geworden ist. Ein gütiger Zufall spielt mir 
eben ein überraschendes Zeugnis solcher affektiv begründeter Entfremdung in die 
Hände. In den bekannten „Jugenderinnerungen eines alten Arztes" von Kuß maul 
lese ich: „Eine spätere Erinnerung, vermutlich aus dem fünften Jahre, bietet 
Freunden der Seelenkunde ein Problem zur Lösung in müßiger Stunde. Die 
Beweggründe der Seele des Kindes beim Reden und Handeln sind meist durch- 
sichtig, doch gibt es Ausnahmen, wo sie dunkel bleiben. Obwohl ich im Ganzen 
lenksam war, so zeigte ich, als ich meine ersten Gebete lernen mußte, einen 
unbegreiflichen Starrsinn. Meine Mutter hatte mich die zwei bekannten kleinen 
Gebete gelehrt, das Tischgebet: „Komm. Herr Jesu, sei unser Gast" usw. und 
das Abendgebet im Bette: „Ich bin klein, mein Herz ist rein usw. Das Tisch- 
gebet sagte ich ganz richtig her, aber vor das Abendgebet setzte ich regelmäßig 
die Anrede: „Büble!" Ich betete: Büble, ich bin klein", mochte es meine Mutter 
mir noch so ernstlich verweisen, zürnen und mich strafen. Von dem Büble ließ 
ich nicht, es stand leibhaftig vor mir, sobald ich das Abendgebet hersagen mußte, 
es hatte meine Größe und Gestalt, es sah einmal aus wie das anderemal und 
hörte mir aufmerksam zu, wie ein guter Spielkamerad; zweifelsohne interessierte 
es sich für meine erfreuliche Mitteilung, daß ich klein und mein Herz rein sei. 
— Bekannte, mit denen ich das Problem besprach, meinten, ich hätte mir unter 
dem Büble das Christkind vorgestellt, ich hätte ja bei Tisch das Gebet an Jesus 

1) Laura Frost, Aus unseren vier Wänden. 1910. S. 98. 

2) Kind und Gottesglaube. S. 58 f. 



— 311 - 



>9» 



gerichtet, aber diese Hypothese ist unrichtig. Der Herr Jesu war für mich kein 
Büble, sondern ein freundlicher Mann mit einem Kelch in der Hand, genau so 
wie sein Bild an der Wand hing, und verschieden von dem Christkind, das 
auch sicher kein Büble war, sondern ein Mädchen, denn kurz vor Weihnacht 
war es in weiblichem Gewand mit Schleier und Rute in das Zimmer gekommen, 
hatte mich mit feiner Stimme ermahnt, folgsam zu sein und mir goldene Nüsse und 
Äpfel beschert. — Zu meinen großen Verdruß ist es mir bis heute nicht ge- 
lungen, das Rätsel sicher zu lösen ; nur eins ist gewiß, das Büble war das Kind 
einer lebhaften Einbildungskraft, ein Phantasma." 

Das Rätsel ist so leicht lösbar, daß es „Freunden der Seelenkunde" 
kein Problem zu bieten hat. Büble ist das betende Kind selbst; Büble war die 
alte Bezeichnung des Kindes für sich selbst und die Mutter bemühte sich, den 
kleinen Jungen dazu zu bringen, die im Gebete vorgeschriebene erste Person 
statt der gewohnten dritten zu gebrauchen. Wenn das Kind „ich bin klein 4 " 
sagen sollte, betete er: „Büble, ich bin klein", weil eben das Ich das Büble war. 
Der Autor zeigt, daß er trotz seinem heißen Bemühen die Lösung des Rätsels 
unbewußt kennt („es hatte meine Größe und Gestalt, es sah einmal aus wie das 
anderemal . . . zweifelsohne interessierte es sich für meine erfreuliche Mitteilung, 
daß ich klein und mein Herz rein sei".) Das Büble war keineswegs „das Kind 
einer lebhaften Einbildungskraft, ein Phantasma". Das verhüllte Bildnis von Sais 
ist das Ich. 

Es besteht für uns kein Zweifel daran, daß die Motive, welche das Kind zum 
Gebet führen, von mannigfacher Art sind. Der Gehorsam gegenüber den Eltern 
und Pflegepersonen wird unter ihnen sicherlich das ursprünglichste sein. Gewiß 
Not lehrt beten, aber zuerst war es die Nötigung von außen, welche das 
Beten lehrte. 

Es scheint, als könne uns die Erforschung des Kindergebetes nicht näher zu 
den Ursprüngen des Gebetes führen. Keinesfalls sind wir dabei auf Analogen 
zu jenem Urgebete gestoßen, das nach Heilers Beschreibung „wir wissen nicht, 
wo und wann — von den Lippen des vorgeschichtlichen Menschen, sich los riß 
und den Gebetsverkehr zwischen dem Menschen und der Gottheit eröffnete". 
Wir können zwar verfolgen, daß das Kind an einem besimmten Punkte seiner 
Erziehung im Gebete unterrichtet wird, aber keine Spur weist in der kindlichen 
Entwicklung auf „das spontane, freie Bittgebet des naiven Menschen" hin, das 
nach H e i 1 e r s phantasievoller Auffassung den Prototyp alles Betens darstellt. 



VII 

Im folgenden werde ich mich besonders auf einen Fall von schwerer Zwangs- 
neurose beziehen, in dessen manifestem Mittelpunkte religiöse Gedanken standen. 
Es handelt sich um einen jungen Mann von hervorragender Intelligenz, der seit 
früher Kindheit mit blasphemischen Zwangsideen zu kämpfen hatte. Wie ver- 
ständlich wird hier aus dem ausgebreiteten und vielfältigen Material dieser 






— 312- 



Neurose nur jenes Stückchen zur Sprache kommen, das sich auf unser unmittel- 
bares Thema, das Gebet, bezieht. Unter den Zwangsgedanken, die meinen 
Patienten beschäftigten, nahmen atheistische und Gott herabsetzende Ideen den 
breitesten Raum ein. Sie traten zuerst in fast spielerischer Form in der Zeit, als er 
die ersten Gebete lernen sollte, auf und gewannen einen ernsteren und das Kind 
beunruhigenden Charakter erst, als er sich im Abwehrkampfe gegen die Onanie 
befand. Seine Eltern und andere nahestehende Personen hatten in ihm ein unge- 
wöhnlich starkes Schuldgefühl wegen seiner hartnäckig festgehaltenen Onanie 
erweckt, die sie ihm als schwere Versündigung gegen Gott dargestellt hatten. In 
den Abwehrkämpfen der folgenden Zeit, die von ungewöhnlichem Charakter 
waren, erwachte nun nach jedem Onanierückfall eine drückende Unheilserwartung, 
die sich auf den nahen Tod oder die schwere Erkrankung der Eltern, des Groß- 
vaters oder der Tante bezog. Als Abwehr dieser Angst mußte er jetzt beten, 
Gelübde ablegen und ein ausgedehntes Zeremoniell befolgen. In der Durchführung 
dieser Bußaktionen und dieser Gebete tauchten zwanghaft Blasphemien auf, die 
weitere Gebete und andere komplizierte Abwehrmaßregeln notwendig machten. 
Die Gebete wurden oft viele tausend Male gesagt. Ihre Anzahl wurde sorgfältig 
gezählt, aber der Zweifel haftet auch an der Zahl, und die Blasphemien erzwangen 
ihre endlose Wiederholung. Uns interessieren hier besonders die Gebetmotive 
des Kranken. Die Gebete erwiesen sich in der Analyse in erster Linie als 
Abwehrmaßrcgel gegen Unheilserwartungen. Diese Befürchtungen tauchten ent- 
weder spontan auf und hatten den Tod oder die Krankheit von ihm geliebter 
Personen zum Gegenstande oder sie schlössen sich an Blasphemien an und der 
Kranke erflehte nun die Verzeihung der Gottheit und Abwendung der gefürch- 
teten Strafe. Es war in der Analyse unschwer nachzuweisen, daß diese Art von 
Gebeten, durch welche das ihm selbst drohende Unheil abgewendet werden 
sollte, die ursprüngliche und bedeutsamere war. Gebete für Verwandte und 
Freunde sollten die auf diese Person sekundär verschobene Angst bannen. Die 
Verbindung zwischen den beiden Gebetformen ist bemerkenswert. Hatte der 
Kranke blasphemische Gedanken gehabt, so mußte er viele Male beten: „Ver- 
zeih mir, verzeih mir!", seine Gebete für Verwandte hatten gewöhnlich die 
Form: „Herr, ich bitte dich, daß meine Tante nicht sterben solle!" Während 
er in solcher oder ähnlicher Art für das Leben oder die Gesundheit einer 
anderen Person betete, tauchten gewöhnlich jene hartnäckigen, störenden, blas- 
phemischen Ideen auf, für die er Gott um Verzeihung zu bitten hat. Die Analyse 
ließ nun keinen Zweifel daran, daß sich jene Befürchtungen wegen Krankheit 
und Tod primär auf ihn selbst bezogen hatten und erst später auf ihm teure 
Personen übertragen worden waren. Dies wurde insbesondere dadurch klar, daß 
die Blasphemie die Stelle der onanistischen Befriedigung vertreten konnte. 
Wenn es ihm gelang, eine Onanieversuchung zu unterdrücken, tauchten sogleich 
blasphemische Gedanken auf. Umgekehrt konnte er sich vor dem Ansturm 
sakrilegischer Ideen nur retten, indem er zur Onanie flüchtete, so daß es zuletzt 
schien, als seien die onanistischen Akte die einzigen Pausen innerhalb der 
Hochflut der Blasphemien. Diese stellten eben den Ausdruck rebellischer und 

- 313 — 



feindseliger Gefühle gegen den grausamen Gott dar, der sich verbietend und 
störend gegen die Onanie gewendet hatte. Solche blasphemische Revolution 
war aber bereits selbst eine Fortsetzung von schmähenden und aggressiven 
Tendenzen gegen den Vater, der dem Sohne die Onanie als etwas Sündhaftes 
und moralisch Schlechtes dargestellt hatte. Die Unheilserwartung, die aus dem 
dunklen Schuldgefühl wegen dieser bösen und feindseligen Impulse stammte, 
steht an der Wurzel des Gebetes. Sein Sinn ist, diese drückende und peinigende 
Erwartung abzuwehren oder zu beschwichtigen, den Zorn der Gottheit zu ver- 
söhnen. Der Kranke, dem irgend ein Vergnügen versagt worden war, hatte 
einmal eine Art blasphemischer Vision, die in der Form der Anspielung seine 
geheimen Regungen verriet. Er sah ein Greisengesicht, das dem des Vaters 
ähnelte und ihn zugleich an Gottvater auf Michelangelos Bildern erinnerte, oben 
an der Decke seines Zimmers und eine Hand, die sich diesem Antlitz bedroh- 
lich näherte. Das hieß also : Gott solle eine Ohrfeige erhalten. Darauf setzte 
eine sich steigernde Angst mit starkem Herzklopfen, Schweißausbrüchen und 
Zittern ein. Er litt durch Tage an der schweren Befürchtung, der Plafond könne 
einstürzen und ihn unter sich begraben. Lange und inbrünstige Gebete sollten 
den erzürnten Gott beschwichtigen und die Bestrafung abwenden. Es war nun 
merkwürdig zu beobachten, wie sich gerade auf dem Höhepunkt dieser Bemü- 
hungen die gefürchtete Blasphemie wieder einstellte. Analytisch ist dieser seelische 
Prozeß durch die Dynamik der Wiederkehr des Verdrängten gut verständlich. 1 
Wir glauben in der Erwartung und in der Abwehr eines drohenden 
Unheils jene besondere psychische Situation gefunden zu haben, aus der das 
Gebet zuerst entstand. Das Gebet ist ursprünglich nichts anderes als eine Abwehr- 
formel gegen ein erwartetes Unheil. Es unterscheidet sich von den gesprochenen 
oder gedachten Abwehrformeln der Zwangsneurose wesentlich nur durch seinen 
sozialen Charakter. Alle späteren Arten des Gebetes, wie das Dank- und Buß- 
gebet, die Fürbitte und das Lobgebet können durch die analytische Forschung 
die das religionsgeschichtliche Material nach ihren Gesichtspunkten studiert, als 
späte Entwicklungen dieser ursprünglichen Funktion des Gebetes erfaßt werden. 
Die Unheilserwartung aber, die wir an der Wurzel des Gebetes finden, erweist 
sich als seelische Reaktion auf verdrängte feindliche und aggressive Tendenzen. 
Die Wunschkraft, die dem Gebet eignet, ist dieselbe, welche vorher die grau- 
samen und bösen Impulse dem Ich allmächtig erscheinen ließen. 



1) Beispiele ähnlicher Art finden sich in den Krankengeschichten Freuds 
Pf isters und anderer analytischer Autoren. Gottfried Kellers Grüner Heinrieb 
erzählt: „So gereichte es mir eine Zeitlang zu nicht geringer Qual, daß ich eine 
krankhafte Versuchung empfand, Gott derbe Spottnamen, selbst Schimpfworte anzu- 
hängen, wie ich sie etwa auf der Straße gehört hatte. Mit einer Art behaglicher und 
mutwilliger Stimmung begann immer diese Versuchung, bis ich nach langem Kampfe 
nicht mehr widerstehen konnte und im vollem Bewußtsein der Blasphemie eines jener 
Worte hastig ausstieß, mit der unmittelbaren Versicherung, daß es nicht gelten solle 
und mit der Bitte um Verzeihung; dann konnte ich nicht umhin, es noch einmal zu 
wiederholen, wie auch die ruhmvolle Genugtuung, und so fort, bis die seltsame 
Aufregung vorüber war." 

— 314 — 



vui 

Wenn wir zusammenfassen, was diese erste analytische Annäherung an das 
Problem ergeben hat, so ist es folgendes : das Gebet stellt psychologisch eine Reak- 
tionsbildung gegen feindselige, grausame oder aggressive Impulse dar, die im 
Einzelnen in Gegensatz zu den entgegengesetzten Gefühlsströmungen wirksam sind. 
Es entstammt Abwehrbemühungen gegen die Unheilsbefürchtung, die als seelische 
Folge jener bösen Trieb regungen und in reaktiver Verstärkung der Liebesgefühle 
auftauchen. Jenes gefürchtete Unheil wird ursprünglich für die eigene Person, 
später für teure Verwandte und Freunde erwartet. Es handelt sich also im Gebete 
ursprünglich keineswegs um eine einfache psychische Erscheinung. Sein Wesen 
besteht nicht nur in Wünschen, die aus dem unerschöpflichen Reservoir mensch- 
licher Begierden aufsteigen. Gebete sind vielmehr Abwehrformeln gegen jenes 
Unheil, das als Strafe wegen verbotener Wunschregungen erwartet wird. Diese 
Wünsche aber hatten Teil an der Allmacht der Gedanken, die für den Primitiven, 
den Neurotiker und das Kind unzweifelhaft ist. Der Allmachtcharakter geht 
auch auf die Abkömmlinge der seelischen Reaktion über und begründet das 
Vertrauen auf die Wirkung der eigenen Gebete. Die Todesangst des Mannes, 
der für sein Leben betet, ist vertieft durch die unbewußte Angst, die sich auf 
dem Grunde der gegen Andere gerichteten Todeswünsche gebildet hat; der Bauer, 
der um eine gute Ernte betet, fürchtet unbewußt Frost und Hagel als Strafe 
für seine geheimen neidischen und feindseligen Regungen usw. 

Dieser psychische Reaktionscharakter des Gebetes, der aus dem unbewußten 
Schuldgefühl abgeleitet werden kann, wird dem Analytiker regressiv in den 
Vorgängen der Wiederkehr des Verdrängten klar. So brechen durch die Gebete 
um das Leben eines teuren Verwandten plötzliche Todeswünsche durch; in das 
Gebet: „Gott schütze meinen teuren Vater!" drängt sich gegen den Willen des 
Betenden ein verräterisches „nicht" ein. In dem oben erwähnten Patienten, der 
während der Erkrankung des geliebten Großvaters für dessen Genesung inbrünstig 
betet, taucht plötzlich das Bild einer schwarzumränderten Todesanzeige auf, 
in der mitgeteilt wird, daß der Großvater gestorben ist. Die Parallele des 
Gebetes und der Abwehrformel der Neurotiker wird dort am klarsten, wo die 
Abwehrformel der Zwangssymptomatologie selbst gebetähnlichen Charakter ange- 
nommen hat. Eine Zwangskranke leidet unter der Angst, ihr Mann könnte die 
Krebskrankheit semer Mutter geerbt haben und an ihr sterben. Sooft diese 
Befürchtung in ihr auftaucht — während des Tages viele hundert Male — 
muß sie leise vor sich hinsagen: „Nein, nein, nein, lieber Gott, nein!" Dabei 
muß sie mit dem Fuße auf dem Boden scharren, wie um jene Möglichkeit 
zuzudecken. (Der Ausdruck des gegensätzlichen verdrängten Wunsches, des 
Begrabens des Ehegatten, ist in dieser Zwangshandlung ebenfalls leicht erkenn- 
bar.) Wenn der früher erwähnte Patient von seinen zwanghaften Blasphemien 
gequält wurde, mußte er: „Verzeih' mir, verzeihe mir!" sagen; diese Formel 
wurde von einer Bewegung der rechten Hand begleitet, wie wenn diese etwas 
in der Luft abwischen wollte. Die genetische Erklärung dieser Bewegung war 

- 315 - 



leicht: die Eltern des Patienten hatten sich einmal wegen der psychischen 
Krankheit ihres Sohnes an einen Mann gewendet, der in französischen Zeitungen 
inseriert hatte, er könne Zwangskranke auf dem Wege einer briefllichen 
Behandlung, die er „Psychanalyse" nannte, zu radikaler Heilung führen. In 
diesen Briefen war nun als das wesentliche Mittel zur Heilung empfohlen 
worden, der Kranke solle die auftauchenden Zwangsgedanken zuerst nieder- 
schreiben und dann ausradieren. Jene Handbewegungen erwiesen sich demnach 
als historische Überbleibsel dieses durch seine Einfachheit imponierenden psycho- 
therapeutischen Verfahrens. 

Die zwei angeführten Beispiele, die sich aus der Symptomatologie der Neu- 
rosen beliebig vermehren ließen, lassen erkennen, wie nahe das religiöse 
Phänomen des Gebetes der neurotischen Abwehrformel psychologisch verwandt 
ist. Es wird uns ferner klar werden, daß die Handlungen und Bewegungen, 
die das Gebet begleiten, den magischen Praktiken vergleichbar sind. Jene Gesten 
des Verscharrens und des Radierern haben unzweifelhaft einen magischen Sinn. 
Sie sollen beide befürchtetes Unheil abwehren. Sie verhalten sich zu den Gebeten, 
in deren Begleitung sie auftreten, wie die Schutz- oder Sicherheitsmaß regel der 
Zwangsneurotiker zu ihren Abwehrformeln. 






IX 



Ist die hier dargestellte Abwehrfunktion des Gebetes, seine Entstehung aus 
der Angst und der zwanghaften Bemühung, ihrer Herr zu werden, unmittelbar 
in der Kinderstube zu beobachten? Man hat dazu wenig Gelegenheit. 1 Man kann 
indessen seine seelische Herkunft und seine Motive regressiv gut studieren. Die 
Gebete, die man das Kind lehrt, zeigen bereits alle Anzeichen der sekundären 
Bearbeitung, der Verschiebung und Verallgemeinerung. Immerhin gibt es eine 
ganze Reihe von Kindergebeten, in denen der Schutz des eigenen Lebens, der 



1) Friedrich Hebbel (Meine Kindheit) erzählt von dem außerordentlichen Ein- 
druck, den das erste heftige Gewitter, das er erlebt hatte, auf ihn machte, da „die 
Magd, fast so ängstlich wie das jüngste Kind, heulend aufkreischte: ,Der liebe 
Gott ist bös!' und wenn es wieder finster im Saal wurde, pädagogisch griesgrämlich 
dazusetzte: ,Eir taugt auch alle nicht!' Dies Wort, aus so widerwärtigen Munde es 
auch kam, machte einen tiefen Eindruck auf mich, es nötigte mich, über mich selbst 
und über alles, was mich umgab, hinaufzublicken und entzündete den religiösen 
Funken in mir." Jetzt begriff er auf einmal, „warum mein Vater des Sonntags immer 
in die Kirche ging und warum ich nie ein reines Hemd anziehen durfte, ohne dabei: 
,das walte Gott!' zu sagen; ich hatte den Herrn aller Herren kennen gelernt, seine 
zornigen Diener Donner und Blitz, Hagel und Sturm, hatten ihm die Pforten meines 
Herzens weit aufgetan, und in seiner vollen Majestät war er eingezogen. Es zeigte 
sich auch kurz darauf, was innerlich mit mir vorgegangen war, denn als der Wind 
eines Abends wieder mächtig in den Schornstein blies und der Regen stark aufs 
Dach klopfte, während ich zu Bett gebracht wurde, verwandelte sich das eingelernte 
Geplapper meiner Lippen plötzlich in ein wirkliches ängstliches Gebet . . ." Man 
vergleiche damit die große seelische Erschütterung, welche das Erdbeben von 
Lissabon 1755 auf den Knaben Goethe machte („Aus meinem Leben".). 

- 316- 



eigenen Gesundheit in erster Linie steht. Eines der üblichen Abendgebete, die 
in unseren Gegenden Kinder sprechen, beginnt mit den Worten: 

„Müde bin ich, geh' zur Rub", 

Schließe meine Augen zu. 

Vater, laß die Augen dein, 

Über meinem Bette sein!" 

Man gewinnt am besten Einblick in die Psychogenese eines solchen Gebetes, 
wenn man die gelegentlichen Durchbrüche jener verdrängten Regungen, als 
deren Reaktionsbildung es entstanden ist, studiert. Ein Nervöser, der als Er- 
wachsener unter der zwanghaften Angst litt, daß sicli Spitzen oder Ecken in 
seine Augen bohren könnten, erinnerte sich, dieses Gebet als Kind jeden Abend 
gesprochen zu haben. Bei den Zeilen: 

„Vater, laß die Augen dein. 

Über meinem Bette sein!" 

hatte er die Vorstellung der zwei Augen des Vaters, die vom Körper abgelöst 
an die Wand oberhalb des Kinderbettes geheftet waren. Dem Wunsche, die Augen 
des Vaters sollten über des Kindes Bette sein, war hier also ein geheimer 
aggressiver Sinn verliehen worden, der das Verdrängte wieder an die psychische 
Oberfläche brachte. Das Gebet, Gott (der Vater) solle die Augen über dem Bette 
sein lassen, war auf das unbewußte Vorstellungsmaterial der kindlichen Onanie 
vor dem Einschlafen gestoßen. Es hatte dort die alte, heftige Kastrationsangst 
ausgelöst, die sich noch in der charakteristischen feindseligen Wendung gegen 
die Person des Vaters verrät. Das kleine Mädchen einer amerikanischen Patientin 
gestand der Mutter, daß es sich immer verlegen fühlte, wenn es kniete und 
die Hände zum Gebet faltete. Es erklärte, es müsse dabei an Soldaten denken, 
die knieend schössen. Auch hier die Wiederkehr verdrängter, feindseliger Impulse. 

Es wird nicht auffällig erscheinen, daß in den meisten Kindergebeten der 
Bitte um Schutz für das Kind selbst Bitten um das Wohlergehen der Eltern und 
anderer Verwandter folgen, wenn z. B. der Schutzengel gebeten wird, seine 
Wachsamkeit auch auf das Leben und die Gesundheit der Pflegepersonen zu 
erstrecken. Die Verschiebung der Unheilserwartung vom Ich auf nahestehende 
und teure Personen, ein uns aus der Analyse der Zwangssymptome wohlbekannter 
Prozeß, ist in diesem Zusammenhange noch greifbar nahe. Später wird der 
Zusammenhang immer undeutlicher; das Gebet für andere, teure Personen tritt 
in den Vordergrund und sein Reaktionscharakter wird unerkennbar, wenn ihn 
nicht plötzliche Durchbrüche verdrängter Gedanken blitzartig erleuchten. 

Es kann nicht schwer fallen, von hier aus eine Antwort auf die Frage zu 
erhalten, welchen psychologischen Sinn es hat, wenn Eltern die Kinder beten 
lehren. Im Mittelpunkte dieser Gebete stehen Bitten, das Kind soll brav und gut 
werden, Bitten um sein eigenes Wohlergehen und das der Eltern. Es ist nun 
analytisch deutlich geworden, daß Bitten dieser Art eine seelische Reaktion aut 
die entgegengesetzten Gefühlsregungen des Kindes sind. Sie sollen also dazu dienen, 
diesen Gegenströmungen ihre Schärfe und Schwere zu nehmen, das Übel, das 
die bösen Wünsche verursachen könnte, abzuwehren. Indem das Kind für das 

Zeitschrift f. psa. Päd., III/IO 317 



Wohl der Eltern betet, hat es jene feindseligen Impulse aufgehoben, kraft der 
Allmacht der Gedanken ihre schrecklichen Folgen zu nichte gemacht. Es hat 
aber damit auch die unbewußte Angst, die sich aus der Reaktion auf jene 
feindlichen und grausamen Regungen ergibt, beschwichtigt und seinen reaktiv 
verstärkten zärtlichen Strebungen Ausdruck gegeben. Es hat seinen guten psycho- 
logischen Sinn, daß diese Bitten und Wünsche dem Kinde gelehrt werden. Indem 
sie das Kind beten lehren, beweisen die Eltern ihr unbewußtes Verständnis für 
die unbewußt-seelischen Prozesse beim Kinde, für seine ambivalente Einstelluno- 
ihnen gegenüber. Dieses Verständnis aber darf sich auf die Erinnerung der eigenen 
feindseligen Regungen in der Kinderzeit berufen und wird von der unbewußten 
Vergeltungsangst unterstützt. 

Angst ist also die Triebkraft des Kindergebetes wie des Gebetes der Erwach- 
senen ; sein Ziel ist Beschwichtigung der Angst. Aber sind nicht die Züge Gott- 
vaters, zu dem das Kind betet, milde und freundlich? Neigt sich nicht zärtlich 
der Schutzengel über seine gefalteten Hände und trägt sein Gebet zu der Gott- 
heit Thron ? Vergessen wir nicht, daß solche Milde und solche Güte der Gott- 
heit nicht immer eigen war und erst ein Resultat der gemilderten Anschauungen 
der Gläubigen darstellt. Erst dem betenden Kinde erscheint Gott gnädig und 
barmherzig ; dem schuldbewußten ist er ein Gott der Rache und Strenge. Noch 
hinter den gütigen Zügen erkennt man das Antlitz des gefürchteten, verbietenden 
und strengen Vaters. Wenn der kleine Junge im „Vaterunser" betet: „Führe 
uns nicht in Versuchung!" — wie anders könnte sein Gebet lauten, wenn es 
nicht an den milden tind gütigen Gottvater, sondern etwa an einen bösen Dämon 
gerichtet wäre? 



Verstehen wir die Liebe unserer Kinder? 

Von Dr. I. Sadger, Wien 

Wenn man Eltern aus gut bürgerlichen Kreisen fragt, wie sie zu ihren Spröß- 
lingen stehen, wird man fast immer zur Antwort erhalten : „Ausgezeichnet! Wir 
hängen mit großer Innigkeit an ihnen und sie an uns." Leider haben verschiedene 
autobiographische Berichte aus der Literatur sowohl, wie vor allem aus meiner 
psychoanalytischen Praxis, Erzählungen durchwegs von sogenannten heißgeliebten 
Kindern, mich an der Wahrheit jener angeblichen Tatsachen zweifeln gelehrt. 
Hier einige Proben : 

Von einem in Deutschland vielgelesenen Autor Hermann Löns, erzählt sein 
engster Freund und Lebensbeschreiber Knottnerus Meyer („Der unbekannte Löns " 
Eugen Diederichs Verlag in Jena 1928, S 75.) folgenden Ausspruch: „Meine 
Mutter, die verstand mich, hat alles für mich getan . . . Und doch hat gerade sie 
mir den größten Schmerz meines Lebens zugefügt ; allerdings ohne es zu ahnen. 
Sie schwärmte einmal wieder so für das Heidekraut. Es war harter Frost und 

— 318 — 



tiefer Schnee. Da habe ich nach vieler Mühe einen Busch Heidekraut auf dem 
Kirchhof rausgekratzt und ihr gebracht. Sie dachte gar nicht mehr daran und sagte 
nur: ,Schmeiß' den vertrockneten Busch man gleich weg' oder so ähnlich. Das war 
für mich Jungen so, als wenn mir einer ins Herz tritt. Daß die Erwachsenen 
Kinder so wenig verstehen!" Zeitlebens konnte der Dichter seiner im Übrigen 
ganz vortrefflichen Mutter dies Zurückstoßen seiner Jungenliebe nicht vergessen. 
Als eine meiner Kranken diese Stelle las, fiel ihr folgende Erinnerung aus ihrem 
Leben ein: „Fünf Jahre werde ich wohl gezählt haben, lesen konnte ich noch nicht, 
aber die Gedichtlein in meinem Bilderbuch wußte ich alle auswendig, auch eines 
von den Engeln und vom lieben Gott. Weil einmal ein Sonntag gar so schön war, 
machte ich mir eine Melodie dazu und sang. Die größeren Geschwister und die 
Eltern richteten sich zum Kirchgang, und ich sang dazu mein neues Lied, wofür 
mich alle lobten, weil es so schön war. Und als ich es schüchtern auch sang, als der 
Vater ins Zimmer kam und er sagte: ,Du singst aber schön', da war ich so glücklich 
und stolz und kühn und, ihm zu gefallen, sang ich immer lauter und Jauter stets 
dasselbe Lied. Ich wollte wohl noch einmal gelobt werden. Auf einmal sagte Vater 
ganz streng: Jetzt hör aber einmal auf!' Da war ich ganz still und alle Freude war 
dahin. Das kann ich nicht vergessen. Wahrscheinlich wird dem Vater mein Singsang 
auf die Nerven gefallen sein. Jetzt versteh' ich's ja. Aber damals habe ich dem Vater 
wohl den Stuhl vor die Türe gesetzt, und weil ich ihn im tiefsten Grunde doch so 
lieb hatte, habe ich ihm den Stuhl doch wieder selbst zurück in die Herzkammer 

getragen." 

Nun ein Gegenstück zu der letzten Geschichte. Eine andere Kranke erzählte mir : 
„Mit neun Jahren fiel mir einmal ein Vers ein, mit dem ich voll Freude zu Papa hinein- 
stürzte, um ihn vorzulesen. Dieser aber hatte geschlummert und erwiderte : ,Du, jetzt 
laß mich schlafen! Später!' Ich war in meiner Begeisterung geknickt und nahm ihm 
das furchtbar übel, trotzdem ich mir mit dem Verstände sagte: Eigentlich bin ich 
glimpflich davongekommen. Meine Absicht war, ihn dadurch auszuzeichnen, daß ich 
es ihm zuerst vorlas, statt Mama oder dem Fräulein, die meine Aufsätze immer sehr 
schön fanden. Allein ich rannte zu Papa, weil ich eine wirkliche Kritik haben wollte, 
und als er mich hinausschickte, kühlte mich das wahnsinnig ab. Ich habe ihm fortab 
nichts mehr vorgelesen." 

Von der zartesten Kindheit ab bis tief hinein in die Pubertät bedrückt 
unsere Sprößlinge nichts derart schwer, als wenn ihre Liebe schroff zurück- 
gewiesen, ja selbst nur unfreundlich aufgenommen oder gar mit schnödem Undank 
gelohnt wird. So erzählte mir ein sehr intelligenter Kranker von seinem Büblein: 

„Der Hansi ist gerade i«/ 2 Jahre alt, da ereignet sich folgende Szene. Er, der schon 
längst zimmerrein geworden ist und stets rechtzeitig nach dem Töpfchen ruft, 
verlangt, von der Mutter auf den Schoß genommen zu werden. Kaum sitzt er oben, 
springt meine Frau schon wütend auf: ,Du hast mich ja angelullt!' Als er sieht, wie 
wütend sie ist, wird er ganz fassungslos. Er vermochte gar nicht zu begreifen, daß 
wir darüber zürnten. Wollte er ihr doch offenbar etwas Liebes erweisen und konnte 
nicht verstehen, daß wir sein Lullen anders auffaßten. Während er bei anderen 
Gelegenheiten, wenn er irgend etwas angestellt hat, deutlich schuldbewußt ist und 
eine entsprechende Miene aufsteckt, war diesmal sein Schreien gar nicht zu beruhigen, 
und er schien überhaupt unversöhnlich. Lange Zeit schaute er uns gar nicht an und 
erst nach langem Zureden ließ er sich endlich begütigen." 

— 319 — 



Bald darauf kam noch eine weitere Liebesenttäuschung. „Der Bub wollte zu meiner 
vielbeschäftigten Frau, um sich an ihren Rock zu hängen. Die aber rief ihm zu: 
,Ich hab' jetzt keine Zeit!' und wischte hinaus. Zuerst war er wie versteinert, dann 
begann er zu schreien und konnte sich gar nicht beruhigen. Ich sali ihm an, was 
in seiner Seele vorging. Zuerst begriff er nicht, warum er so zurückgewiesen wurde 
dann konnte er sich lange nicht fassen, weil ihm dies offenbar als ungerechtfertigte 
Zurückweisung durch die Mutter erschien. Besonders energische Mütter können das 
Gefühl der Lieblosigkeit im Kinde erzeugen, selbst wenn sie es eigentlich sehr gern 
haben. Auch ich werde selbstredend sehr viele Enttäuschungen bei meiner Mutter 
erlebt haben. Ich empfand sie als ungerecht, und sie raubten mir den Mut zur 
Mutter zu kommen und später überhaupt zum Weibe zu gehen. In der Pubertät bis 
hinein in die Mannesjahre vermochte ich nur schwer, mich einem Mädchen zu nähern 
weil ich immer wieder Zurückweisung fürchtete, wie einst bei der Mutter." 

Im Anschlüsse an ein paar Naturschilderungen von Hermann L ö n s die im 
Lesebuche stehen, erzählt eine Lyzeallehrerin ihren 13 jährigen Schülerinnen 
auch die oberwähnte Geschichte vom Heidestrauß, den des Dichters Mutter 
die das Opfer des Sohnes so gar nicht verstand, diesen wegschmeißen hieß. 
„Könnt Ihr den Schmerz verstehen?" fügte die Lehrerin hinzu. „Schon während 
ich erzählte, sah ich manche Augen groß und still schauen, wie in eine Ferne. 
Und jetzt war's, als ob manch junges Köpflein herunterknicken wollte, und es 
war ein großes Schweigen. Da wußte ich: Wohl alle, die da vor mir saßen 
trugen auch schon ihre Schmerzen, die sie vielleicht ein ganzes Leben lang 
nicht verließen." Aus diesem Erlebnis heraus gab sie ihren Schülerinnen einen 
freien Aufsatz: „Meine früheste Kindheitserinnerung", nicht ohne zu betonen 
er sei ausschließlich für sie selber bestimmt, er werde nicht korrigiert und käme 
auch nicht zur Kenntnis des Direktors; je offener der Aufsatz geschrieben wäre, 
desto besser. „Man macht sich keinen Begriff, mit welchem Eifer sich die 
Kinder über die Blätter beugten." Aus den Aufsätzen, die ich gelesen habe, 
möchte ich vier anführen, wobei ich noch vorausschicke, daß die Mädchen iri 
den ersten vier Lebensjahren standen, als ihre Väter im Weltkrieg mitkämpften. 

Die erste schreibt: „Ich war ungefähr zwei Jahre alt', als mein Vater vom Kriege 
heimkam. Meine Mutter lag schwerkrank im Bette mit Grippe und Lungensucht, 
ich im Wiegenkorb neben ihr mit der gleichen Krankheit . . . Fest anrühren durfte 
mich niemand, denn sonst schrie ich auf vor lauter Schmerz . . . Mutter sagte oft: 
,Mausi, bet' nur schön zum Jesuskindlein, damit der Papa bald kommt.' Das tat ich 
auch. Und eines Tages kam wer mit schweren Tritten die Stiege herauf, denn er 
wußte schon, daß wir krank waren. Als er heimkam, liefen ihm die Tränen herunter. 
Ich sagte: ,Papa, geh ja nimmer fort! Und was hast mir denn mitgebracht?' Er nahm 
mich auf seinen Arm und sagte viel ,Mausi" und küßte mich oft. ,Nun komm her, 
Papa, ich muß dir was erzählen. Weißt, ich hab' alle Tag zum Christkindlein gebetet, 
damit du bald kommst, und der Doktor war auch immer da bei mir. Ich hab' ihn 
aber nur gern gehabt, wenn er mir etwas gebracht hat. Ich hab' aber auch dir eine 
Freude gemacht, nämlich ich hab' meinen Dutzi weggeworfen und nimm jetzt gar 
keinen mehr. Auch geh ich schon auf den Nachttopf, braucht die Schwester nicht 

1) Die Zahlenangaben sind hier, wie in den nächsten Fällen, nicht sehr genau, 
wie sich aus dem Zusammenhang ergibt. 

- 320- 



mehr mit dem Lumpen wischen.' Auf einmal fielen mir vom Erzählen die Augen 
zu und ich schlief ein." Ob wohl der Vater das große Opfer seiner Tochter verstand, 
die aus Liebe auf den Schnuller verzichtete und die Befriedigung ihrer Harnerotik? 
Eine zweite schreibt: „Meine erste und zugleich schönste Erinnerung war vor 
zehn Jahren. Ich war damals 31/, Jahre alt und Vater im Kriege . . . Eines Tages 
überbrachte ein Mann meiner Mutter ein längliches Papier, und als Mutter es aufbrach, 
rief sie freudig: ,Mukele, morgen kommt dein lieber Papa!' Ich stand erstaunt mitten 
im Zimmer und hielt meinen großen Besen (sie hatte Mutter beim Reinemachen 
geholfen) krampfhaft in den Händen. Dann murmelte ich immer vor mich hin: ,Papa, 
Papa!' — .Freust dich nicht?' fragte meine Mama. Plötzlich führte ich den reinsten 
Indianertanz auf und schrie: ,Papa, Papa!' ... Ich glaube, nach einigen Tagen stand 
ich einem großen, graugekleideten Manne gegenüber. Ich kann mich nur noch er- 
innern, wie er meine Mutti immer wieder küßte. Ich empörte mich sehr und sagte: ,Du, 
fecher Mann, saust nicht gleich, daß du meine Mama ausläßt!' Ich kannte meinen 
Vater noch nicht und wußte daher nicht, daß er meiner Mama nicht weh tut. Er 
hob mich dann lachend empor und gab mir ein festes Busserl und ich fing gleich 
an zu schreien, denn er hatte lauter Stacheln, wie ich sagte, im Gesicht. Dann setzte 
sich die neue Mama', wie ich Papa nannte, an den Kaffeetisch. Bis dahin kann ich 
berichten, denn das Weitere ist mir nicht mehr im Gedächtnis geblieben." Es läßt 
tief blicken, daß sie den lang abwesenden und darum schon vergessenen Vater nur 
mit ihrer Liebe zur Mutter liebt und den Rückgekehrten, der sie küßt, nicht anders 
zu bezeichnen vermag als: die neue Mama. 

Nun ein trauriges Gegenstück zu dem letzten Falle: „Als ich mit i*/> Jahren auf 
dem Schöße meiner Mutter saß", erzählt eine Dritte, „kam jemand mit schweren 
Tritten die Treppen herauf. Es klopfte an unserer Türe und Mutter rief: ,Grüß 
dich Gott, Papa!' Ich riß Mund und Augen auf, denn ich hatte noch nie von meinem 
Papa etwas gehört. Als er näher zu mir hertrat, fing ich laut zu weinen an und 
kroch unter den Tisch. Er konnte es gar nicht glauben, daß ich ihn fürchte, und 
fragte Mama, ob ich auch sonst so furchtsam sei. Sie verneinte es und er sagte diesmal 
noch nichts. Als er aber wieder kam, machte ich es ebenso. Jetzt holte er mich vom 
Tisch hervor und prügelte mich tüchtig durch. Natürlich hatte ich dann noch mehr 
Angst vor ihm. Wenn ich hörte, daß er kommt, verlangte ich in mein Himmelbett, 
schlief da vor Angst ein und träumte vom Christkindlein, von dem mir Mama immer 
erzählte." Wie wenig dieser Vater die Gefühle seines Töchterchens begriff und wie 
schlecht er es verstand, sich dessen Neigung zu gewinnen, braucht wohl nicht be- 
sonders betont zu werden. 

Sehr merkwürdig erscheint uns klugen Erwachsenen, daß sich die Liebe 
eines Kindes in einer — Maulschelle kundtun kann oder einem Schlage ins 
Gesicht. Vom kleinen Scupin, über den seine Eltern das vorläufig noch genaueste 
Kinder-Tagebuch führten 1 , freilich mit Weglassung aller Sexualäußerungen, wird 
aus dem 11. Monat berichtet: 

„Vormittags machte er seine erste Bekanntschaft mit einem um »/a Jalir älteren 
Mädchen. Während die Kleine ihn gleichmütig anblickte, war das Mienenspiel des 
Jungen ein außerordentlich bewegtes: Interesse, Staunen, Freude und eine unbeschreib- 
liche Neugier. Als das Mädchen bei seinem Anblicke plötzlich ,Puppe' sagte, ihn also 
wohl für eine Puppe hielt, erregte ihn die Wahrnehmung, daß sie sprach, im höchsten 

1) Ernst und Gertrud Scupin, „Bubis erste Kindheit", Leipzig, Grieben 1907, S. 44. 

— 321 — 



Grade. Aus Freude darüber oder vielleicht auch nur, um ihr nachzutun, sprudelte er 
plötzlich lebhaft einen unverständlichen Silbenschwall hervor, erregte sich dabei immer 
mehr, und mit einem jähen, jubelnden Aufschrei schlug er ihr plötzlich ins Gesicht. 
Es sollte augenscheinlich eine Liebkosung sein, wurde aber von der Kleinen nicht 
als solche aufgefaßt; sie machte ein tief unglückliches Gesicht und wir mußten den 
aiisgelassenen Jungen von weiteren Attentaten zurückhalten. Trotzdem gelang es ihm 
noch, ihr mit Heftigkeit ein Biscuit aus der Hand zu reißen, darauf auch die Puppe, 
doch geschah alles aus einem so liebenswürdigen Übermut und aus so glückseliger 
Stimmung heraus, daß man es unmöglich als Wut oder Neid auffassen konnte. So 
überließ er z. B. seinen Puppenjungen dem Mädchen ohne Widerstreben." 

Und nun ein Gegenstück dazu aus dem Berichte einer vierten Lyzeistin: „Ich 
stand im zweiten Lebensjahre, da ich zu Weihnachten meine erste Puppe bekam. 
Als ich den strahlenden Christbaum sali, war ich ganz verblüfft. Neben dem Baum 
stand ein Puppenwagen, in welchem es sich eine Puppe behaglich machte. Vor lauter 
Freude darüber konnte ich gar nichts sagen, aber dann ging ich zum Wägelchen und 
gab der Puppe eine knallende Ohrfeige. Darauf streichelte ich sie ganz zärtlich und 
sagte: ,Mei Babu', da ich noch nicht ,Meine Puppe' sagen konnte. Später ging ich 
dann in mütterlicher Zärtlichkeit mit ihr um. Ich kann mich noch gut entsinnen 
wie ich im Zimmer auf den Zehenspitzen tanzte und Marta — so hatte ich sie getauft 
— auf dem Arme hatte und sang: ,Eia popeia, mei Babu, mei Babu, mei senste 
mei beste bist du!'" 

Und nunmehr, nach all diesen Liebesproben, möchte ich als meine Über- 
zeugung aussprechen, daß wir Erwachsenen, auch die besten Mütter und zärt- 
lichsten Väter in entscheidenden Augenblicken die Liebe unserer Kinder gar 
nicht verstehen, sie, ohne es zu wollen, aufs schlimmste kränken und so einen 
unvergeßlichen Stachel in ihre empfindliche Seele drücken. Nicht aus bösem 
Willen, denn das wären einfach schlechte Eltern, die nicht in den Kreis meiner 
Ausführungen fallen, sondern die besten, liebevollsten handeln so, wie etwa die 
Mutter von Hermann Löns oder des kleinen Hans, deren aufopfernde Zärtlich- 
keit vielfach bezeugt ist. Ich kann nur wiederholen: Wie wenig begreifen wir 
neunmal weisen Großen und Erwachsenen das Liebesbedürfnis und die Liebe- 
fähigkeit unserer Kleinen! 

Noch ein Gesichtspunkt dünkt mir bemerkenswert, daß mangelnde Liebes- 
erwiderung die Kindesseele am empfindlichsten trifft, wo die einfache Oedipus- 
Einstellung herrscht, mit anderen Worten: Wenn der Knabe von der Mutter, 
das Mädchen vom Vater sich mißverstanden fühlt. Der gleichgeschlechtliche 
Elternteil hat sozusagen ein angeborenes Recht auf strengere Behandlung seiner 
Kinder. Doch vom mehrgeliebten anderen erwarten die Kleinen volles Ver- 
ständnis und sind dann schwer, unheilbar enttäuscht, wenn diese Voraussetzung 
sie getrogen hat. Vielleicht darf man daraus die Lehre ziehen, gerade Kindern 
gegenüber ganz besonders vorsichtig zu sein mit scharfen Zurückweisungen und 
stets erst nach den innersten Beweggründen zu forschen. Nur allzu häufig wird 
man auf eine gut versteckte, uns Großen schon undurchsichtig gewordene Liebe 
stoßen, die Lob verdient, wie bei Hermann Löns, oder mindestens eine gütige 
Belehrung, wie etwa im Falle des kleinen Hans. 



— 322 — 



BEOBACHTUNGEN AN RINDERN 



Ein Fall von Bettnässen 

Parallelismus verschiedener Symptome 
Von Prof. Charles Baudouin, Genf 

Bettnässen (Enuresis) ist eine der Erscheinungen, mit denen es der Kinder- 
arzt am häufigsten zu tun hat. Man hat dieses Symptom mit der kindlichen 
Onanie in Verbindung gebracht, ebenso mit dem Kastrationskomplex. Anderer- 
seits sind wir auf Fälle gestoßen, die von einem Regressionszustand beherrscht 
zu sein schienen, d. h. von einer Sehnsucht nach der frühen Kindheit und dem 
Verlangen, in diese glückliche Zeit zurückzukehren, wo man jede Nacht der 
Gegenstand zärtlichster Fürsorge war. Wir haben (bei James') dieses Symptom 
angetroffen in Verbindung mit Somnambulismus, Angst vor Gespenstern — lauter 
Störungen, die in ihrer Art dieselbe Sehnsucht darstellten. Bei dieser Gelegen- 
heit ist zu bemerken, daß die Analyse eines physischen Symptoms erleuchtet 
werden kann, wenn es von einem psychologischen Symptom begleitet ist, dessen 
Deutung schon feststeht. Hier möchte ich noch eine persönliche Beobachtung 
hinzufügen. Eine Enuresis, um deretwillen man mir ein Kind zugeführt hatte, 
war begleitet von einem intellektuellen und einem affektiven Symptom. Beiden 
maß man nicht viel Bedeutung zu, weil sie viel weniger lästig waren. Aber 
für die Analyse waren sie sehr lehrreich. 

Das Kind, Claude, ein siebenjähriger Knabe, artig, begabt, zärtlich, ein wenig 
scheu, zeigte außer der Enuresis die folgenden zwei leichten Störungen: 

1) Es verursachte Claude viel Mühe, anständig zu schreiben, obwohl er sonst 
in der Schule gut mitkam. Man mußte ihm Nachhilfestunden im Schreiben 
geben lassen — ohne Erfolg. Die Schwierigkeit erstreckte sich hauptsächlich 
auf das große C. 

2) Claude wollte, daß seine Mutter oder das Kindermädchen am Abend an 
seinem Bett sitzen blieben. Wenn dieser Wunsch nicht erfüllt wurde, .gab es 
einen regelrechten Verzweiflungsausbruch. 

Im zweiten Zug erkennt man unschwer das Verhalten des Kindes, das die 
Säuglingsrolle wieder spielen möchte und bei dem die Sehnsucht nach der 
frühen Kindheit danach strebt, eine Regression zustandezubringen (wie bei James). 

Gelegentlich der Besprechung der Schreibschwierigkeit fragte ich Claude nach 
einem Vornamen mit dem Anfangsbuchstaben C. Obgleich es sich um ein sehr 
aufgewecktes Kind handelte, fand er keinen einzigen Vornamen, und er merkte 
unglaublich erweise gar nicht, daß er ja bloß seinen eigenen Vornamen zu nennen 
brauchte. Das entdeckte er erst in der folgenden Behandlungsstunde. Diese merk- 
würdige Verdrängung zeigte deutlich, daß der eigene Vorname ein Gegenstand 
der Nichtachtung war und daß das Kind mit seiner Weigerung, diesen Vornamen 

1) Vgl. diese Zeitschrift, Heft 5/6, März 1929, „Leidvoller Verlust und Regression 
im Kindesalter". 

— 323 — 



zu schreiben, vor allem den großen Anfangsbuchstaben, der ein Hauptsymbol 
für das Ich ist, sich weigerte, sich selbst anzuerkennen (Selbstverkleinerung). 

Das stimmte übrigens durchaus mit der Furchtsamkeit und mit der Haltung 
beim Einschlafen, wo er sich wie ein kleines Kind benahm, überein. So ver- 
stärkten diese hinzutretenden psychologischen Symptome den Sinn des haupt- 
sächlichsten physischen Symptoms, der Enuresis. In Anlehnung an andere Ana- 
lysen könnte man schon versucht sein, diese Enuresis als Ergebnis einer Sehn- 
sucht nach der Säuglingszeit zu deuten, eines Wunsches nach Selbstverkleinerung. 
Aber nach der Bestätigung, die die Begleitsymptome lieferten, drängt sich uns 
diese Deutung noch stärker auf. 

Das ist häufig der Fall. Selten zeigt sich ein körperliches Symptom allein. 
Gewöhnlich ist es von psychologischen Symptomen begleitet (in der Intelligenz, 
dem Affektleben oder im Betragen), die, wenn ich so sagen darf, deutlicher 
zu lesen sind und die als eine Übersetzung derselben Ideen in eine bekannte 
Sprache angesehen werden können. Muß man noch besonders betonen, wie 
sehr diese Übersetzung bei der Analyse des physischen Symptoms nützen kann ? 



Er möchte ein Mädchen sein 

Von Karl Pipal (Reidienau) 

Die Zehnuhrpause ist vorüber, ich trete in die erste Bürgerschulklasse und 
werde mit einer Lachsalve empfangen. Bald erfahre ich den Grund der all- 
gemeinen Heiterkeit. Auf der Treppe steht der 12jährige Erich St., der jetzt 
im Sommer ein Turnerleibchen trägt, das er in der Pause vorne mit Taschen- 
tüchern ausgeschoppt hatte, um den Eindruck einer Dame zu erwecken. Als 
mich Erich erblickt, wird er feuerrot, verschwindet auf seinen Platz und bemüht 
sich, die Taschentücher schleunigst zu entfernen. Plötzliche Stille, 42 Augenpaare 
sind auf mich gerichtet. Was nun? Ich gestehe offen ein, daß ich es für den 
ersten Augenblick selbst nicht wußte, doch da fiel mir folgende Arbeit ein, die 
der „Missetäter" einmal geliefert hatte: 

„Die Mutter lehrte mich das Ausreiben. Ich dachte mir immer, wenn ich ein 
Mädchen wäre, so könnte es für mich einmal einen Wert haben. Doch sie (die Mutter) 
wird es besser wissen, sonst hätte sie mich's nicht gelehrt. Natürlich, Küche und 
Zimmer darf ich nicht ausreiben, nur das Gastzimmer. (Seine Eltern haben ein 
Gasthaus.) Das andere macht sie selbst/' 

Nun bin ich im klaren und meine: „Laßt ihn nur, er will halt ein Mädchen 
sein!" Ein neuerlicher Lachausbruch — ich kann ihn verstehen, weiß ich doch 
aus Erfahrung, wie verächtlich in Klassen mit Koedukation die Knaben dieses 
Alters auf die Mädchen blicken, und als sich der Sturm legt, scheint mir der 
Boden für eine kleine Untersuchung reif zu sein. Ich zeige mich interessiert und 
fordere die Kinder zu einer Stellungnahme auf. „Ich möchte ein Mädchen sein" 
heißt das Problem für Knaben, „ich möchte ein Knabe sein" für Mädchen. 

Von den 20 Knaben der Klasse wollen 18 „wohl eher alles andere sein, nur 
kein Mädchen!" Die häuslichen Arbeiten wären ihnen viel zu fade, die Kittel 
würden ihnen beim Laufen hinderlich sein, es wäre mit dem Baumkraxeln und 
Bergsteigen aus, die langen Haare wären im Sommer recht unangenehm, sie 
müßten sich von den Knaben alles gefallen lassen, weil sie doch die Stärkeren 

-324 - 



sind man hätte weniger Freiheit und müßte schließlich einem Manne gehorchen. 
Letzten Grund führten i4 Knaben an. Recht interessante Gedanken brachte 

Johann M., 12 Jahre alt: „Ich möchte kein Mädchen sein, wenn ich aber dennoch 
eines wäre, ließe ich mir keinen Bubikopf schneiden. Ich würde auch nicht mit. 
Burschen bis in die Nacht hinein umherlaufen. Das soll man nicht tun. Im Hause 
würde ich immer aufs kleine Kind aufpassen, es herumtragen und, wenn es schläfrig 
ist, in den Schlaf wiegen. Ich würde zu Hause fleißig bei der Arbeit helfen, beim 
Kochen immer zuschauen, so daß ich auch einmal, wenn ich einen Mann hätte, ihm 
ein gutes Essen bereiten könnte. Wenn es die Mädchen so machen würden, möchten 
sie alle einmal tüchtige Hausfrauen werden." 

Johann M. ist in einer Hinsicht konservativ, ein ausgesprochener Gegner 
des Bubikopfes, andrerseits erscheint er als eifriger Reformator, der scharfe 
Kritik an den bestehenden Zuständen übt. Folget ihm, Mädchen, und ihr werdet 
dann „alle einmal tüchtige Hausfrauen"! Woher aber diese Gedanken bei einem 
12 jährigen Knaben? Ist es leeres Nachdreschen gehörter Äußerungen Erwachsener? 
Manches ist aus dem Milieu des Kindes verständlich. 

Johann hat eine Stiefmutter und weint noch immer seiner ersten Mutter 
nach, deren Idealgestalt durch den Tod in lichte Höhen getragen wurde. Tief- 
ergreifend sind die Äußerungen, die sich auf sie beziehen: „Ich hatte sie doch 
so unendlich lieb, warum mußte sie gerade mir sterben! Wenn ich daran denke, 
bekomme ich Kopfschmerzen und es wird mir ganz schlecht." Mit der Stief- 
mutter zogen andere Sitten in die Familie, und Johann fühlte die furchtbare 
Schwere des Verlustes immer mehr. Ein Stiefbruder kam und nun war Johanns 
Lage verzweifelt. Er mußte im Haushalte wie ein Mädchen mithelfen, das 
Geschirr abwaschen und abtrocknen, die Küche aufräumen, auf das kleine Kind 
schauen, es herumtragen, in den Schlaf wiegen und sogar kochen. Und die 
Stiefmutter? Ja, sie trägt einen Bubikopf, muß mit dem kleinen Bruder sehr 
viel ins Freie gehen und fast jeden Abend macht sie Johann zum Kindersklaven, 
denn „sie", Johann nennt seine Stiefmutter nie anders, geht ins Kino oder zu 
einer anderen Frau auf Besuch. Es ist hart, eine Stiefmutter zu haben, man 
kann die erste Mutter nicht vergessen, die Konti-aste füllen das Herz und dann 
geht der Mund über. 

Hans D., JJ Jahre alt: „Ich möchte wohl eher alles sein, nur kein Mädchen, denn 
ich kann mir nichts Qualvolleres vorstellen, als daheim beim Kochtopf zu stehen, 
Strümpfe zu stopfen oder Kinder zu wiegen. Hätte ich aber dennoch das Unglück, 
ein Mädchen zu sein, so hätte ich nur den einzigen Wunsch, viel zu lernen, damit 
ich mir das Brot selbst verdienen könnte, und später nicht auf einen Mann angewiesen 
■wäre. Auch würde ich mich bemühen, in späteren Jahren bald zu heiraten, denn es 
dünkt mich schrecklich zu sein, als alte Jungfrau sitzen zu bleiben. Die Zimperlich- 
keit und Herumzieherei der Mädchen könnte ich aber sicherlich nicht annehmen, 
denn dies kommt mir als das Ekelhafteste an Mädchen vor." 

Franz N., 14 Jahre alt, benützte die günstige Gelegenheit, um sich einmal gründlich 
zu erleichtern. Seine Arbeit trieft von Spott und Hohn. „Möchte keines sein, bin froh, 
daß ich ein Bub bin. Die Mädchen sind meistens nicht normal, sie können den 
Burschen das Hirn verdrehen, wie sonst niemand. Sie sind meist sehr täppisch und 
lieben mehr Belustigungen als Fleiß und Arbeit. Und im Alter, behüte Gott, das 
Ärgern mit den kleinen Kindern"' 

Diese Zeilen könnten den Eindruck erwecken, Franzi sei das verkörperte 
Arbeitsprinzip. Weit gefehlt, er liebt das süße Nichtstun mehr als Fleiß und 
Arbeit und als ich ihn darauf aufmerksam mache, meint er, die Schule käme 

— 325 — 



hier gar nicht in Betracht, es komme auf das spätere Leben an. Allerdings mag 
er dann für viele Fälle recht haben. 

Zwei Knaben würden mit einer Metamorphose einverstanden sein. Franz A. 
unter gewissen Bedingungen, Erich St. bedingungslos. 

Franz A., // Jahre alt: „Wenn ich jung und immer fesch hleihen könnte, möchte 
ich ganz gern ein Mädchen sein. Ich müßte blaue Augen haben und würde einen 
Bubikopf tragen. Ich könnte mir dann die Burschen aussuchen. Wenn ich älter werden 
würde möchte ich heiraten und meinem Manne eine gute Hausfrau sein. Kinder 
möchte ich aber keine. An Sonntagen würde ich mich geschminkt und gepudert zeigen." 

Erich St.: ..Ich möchte ein Mädchen sein, aber ich möchte keinen Mann lieben, 
Ich möchte die Männer ärgern über alles. Ich würde jedes Fest besuchen, bei jedem 
Vergnügen dabei sein, um viele anzulocken, aber auch kennen zu lernen. In der 
Häuslichkeit würde ich Fortschritte machen. Als junges Mädchen möchte ich lustig 
über alle Maßen sein und je älter ich würde, desto lustiger möchte ich sein. Kinder 
möchte ich keine oder nur eins." 

Wäre Erich ein Mädchen, dann würde er unersättlich sein in der Sucht, 
Männern zu gefallen, Männer anzulocken und möchte doch keinen lieben. Mit 
zunehmendem Alter würde eine Zunahme seiner Lustigkeit zu verzeichnen sein 
— so denkt er wenigstens. Aus früherer Zeit stammen zwei Beobachtungen, 
die ich in der Form, wie ich sie damals gemacht habe, wiedergeben will, um 
Erich St. nicht etwa in ein falsches Licht zu rücken. 

Beobachtung i : Die Schüler der ersten Bürgerschulklasse sollten einen Briefwechsel 
mit Amerika eröffnen. Der Lehrer betonte wiederholt: „Die Knaben richten ihre 
Briefe an einen unbekannten Freund, die Mädchen schreiben einer unbekannten 
Freundin!" Alle haben es gehört, dennoch trägt der Brief entwurf des Schülers Erich St. 
die Überschrift: „Liebe unbekannte Freundin!" Beim Abgeben blickt er wohl den 
Lehrer forschend an, kann aber nichts Auffälliges bemerken. Die Entwürfe kommen 
verbessert zurück, es wird nochmals auf die gegebene Vorschrift aufmerksam gemacht. 
St. überhört, er hat an seiner Reinschrift nichts geändert, sie richtet sich prompt 
wieder an eine Freundin, und darüber befragt, gibt er folgenden Grund an: „Freunde 
hab ich genug, ich möchte gerne eine Freundin haben. Bitte, darf ich's lassen?" 

Beobachtung 2: Erich wendet sich an die fast 14jährige stark entwickelte Grete L. 
mit folgender Aufforderung: „Geh, L., ich möcht gern, laß mich!" Der Direktor, ein 
sehr wohlwollender Herr, der bei den Kindern beliebt ist, läßt den Schüler in seine 
Kanzlei kommen und empfängt ihn mit den Worten: „Du sollst zur L. etwas gesagt 
haben!" St. bricht in heftiges Schluchzen aus, hebt bittend die gefalteten Hände und 
beteuert: „Bitte, ich werde es nicht mehr tun!" 

St. ist Spätling einer wohlhabenden Familie, wird daheim von einer schwachen 
Mutter sehr verwöhnt, und da der Vater an einem Krebsleiden darniederliegt, muß 
im Hause aus Rücksicht mit dem Kranken jeder Auftritt vermieden werden. Die 
Mutter sieht an ihrem Liebling nur Gutes, die erwachsenen Brüder finden aber 
manches auszusetzen, und einer bat sogar die Lehrkräfte, sie möchten den Knaben 
streue behandeln, eventuell auch schlagen. St. ist jedoch in der Schule ein ungemein 
interessiertes Burschen, das brillant aussieht, stets bereitwillig ist und am besten mit 
einem kraftstrotzenden Fohlen verglichen werden könnte, das der fortschreitenden 
Dressur noch manchen Schabernack spielt. 

Wie stand es mit den 22 Mädchen? Natürlich umgekehrt! 19 wollten recht 
gerne oder „so °-erne" Knaben sein, denn dann hätten sie es schon beim An- 
ziehen bequemer, müßten nicht kochen, brauchten sich um die ganze Wirtschaft 
nicht kümmern, könnten manches machen, was sich für Mädchen nicht schickt 

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und ein Mädchen meint sogar: „Wenn ich ein Knabe wäre, dann wüßte ich 
über die Mädchen zu schimpfen!" Alle sind einig, daß die Buben viel mehr 
aushalten können, im späteren Leben aber nicht so viel aushalten müssen und 
ganz überzeugend heißt es in einem Falle: „Wenn ich nochmals auf die Welt 
komme, werde ich bestimmt ein BubeJ" 

Melanie R., /j 1 /« $&** alt: »Ick möchte sehr gerne ein Knabe sein, denn die Knaben 
haben es viel besser als die Mädchen, sie haben das alles nicht, was die Mädchen 
haben und brauchen auch nichts zu leiden. Wenn ich ein Knabe geworden wäre, 
hätte ich alle diese Umstände nicht. Das ist ein Pech, wenn man ein Mädchen wird. 
Mit einem Wort, der Mann hat es im Vergleiche zur Frau goldig." 

Friederike H., I2 1 /« Jahre alt: „"Wenn ich ein Knabe wäre, hätte mich die Mutter 
viel lieber: das wäre fein! Wenn ich ein großer Bursche wäre, könnte ich die Mädchen 
verleiten. Mit 21 Jahren würde ich heiraten, aber nur ein Fräulein, das* recht viel 
Geld hat, denn ich möchte ein gnädigerjHerr sein, nichts arbeiten, nur gut essen 

und trinken." 

Mino Sp., II*h Jahre ah: „Ich möchte so gern ein Knabe sein, so gern, wenn ich 
mich nur verzaubern könnte! Aber ich wäre ein großer Garnier. Am Abend ginge 
ich immer unsere Nachbars-Mädeln schrecken, da ginge es lustig zu. Ich könnte 
besser kraxeln zu ihren Fenstern und könnte anklopfen. Wenn ich nur ein Knabe wäre!" 

Leopoldine A., 12 Jahre alt: „W enn i° n em Knabe wäre, müßte ich zwar ebensoviel 
lernen und arbeiten als sonst. Ich möchte aber dennoch ein Knabe sein, denn dann 
hätte ich doch viel interessantere Arbeiten. Aber meine Mutter ist schuld daran(!), 
daß sie nicht einen Knaben g. m. t. (gemacht) haben. Wenigstens auf 14 Tage oder 
5 Wochen möchte ich ein Knabe sein, damit ich wüßte, wie es ist. Dann sollte ich 
aber schon 22 Jahre alt sein, denn . . . das . . . wäre sonst nichts." 

Marianne G., 13 Jahre alt: „Ich möchte ganz gern ein Knabe sein, da wäre sehr 
vieles anders. Ich würde die Mädchen zum besten halten. Ein süßes Mädchen würde 
ich mir zum Weibe nehmen. Überhaupt möchte ich ein Knabe viel lieber sein, ich 
brauchte mich wenigstens vor den Burschen nicht zu fürchten, denn die sind manchmal 

sehr lästig." 

Marianne Z-, 12 Jahre und S Monate alt: „Ich möchte sehr gerne ein Knabe sein 
und denke immer, daß ich dann mehr Fleiß zum Lernen hätte. Ich würde recht 
fleißig arbeiten und die Welt durchreisen. Ich suchte mir ein Mädchen und ginge 
mit ihm am Abend in den Wald spazieren und wir . . . Ich sag es ehrlich, bei mir 
ist es auch schon oft geschehen, da kann man halt nichts machen, wenn es so ist, 
ist es so. Wenn icli aber erst groß geworden hin, würde ich mein Mädel wirklich 
heiraten und wäre erst ein recht großer Gauner." 

Ich werde gleich auf diese Arbeiten zurückkommen, vorher muß „ich aber 
noch die Vertreterinnen zu Worte kommen lassen, die mit ihrem Los halb oder 

ganz zufrieden sind. 

Berta P., 13 Jahre alt: „Ich möchte in jungen Jahren ein Mädchen sein, später aber 
ein Knabe, denn das Mädchen hat in späteren Jahren viel mehr zu leiden." 

Grete K., 13 Jahre alt: „Ich möchte eigentlich kein Knabe sein, denn die Knaben 
sind alle so ausgelassen und schlimm, während die Tugend der Mädchen auf alle 
einen guten Eindruck macht." 

Leopoldine Seh., 14 Jahre alt: „Ich bin sehr froh, daß ich ein Mädchen bin, denn 
als Knabe müßte ich gescheiter sein und außerdem in eine Lehre gehen. Als Mädchen 
brauche ich nicht sehr gescheit sein und kann doch auch den Haushalt lernen." 

Die meisten Mädchen wären als Knaben große „Gauner", sie würden die 
größere Bewegungsfreiheit der Burschen gründlich ausnützen, weit mutiger sein 
als viele ihrer Mitschüler, die mit ihrem Knabentum nichts anzufangen wissen, 
sich gegen Mädchen „roh, ekelhaft und gar nicht galant erweisen", wie mir die 

- 327 — 



1 4jährige Anna R. geschrieben hat. Knaben, schaut, da bin ich, kommt und 
nehmt mich! — das ist die Quintessenz der meisten Mädchenphantasien. Der 
Realisierung stellen sich freilich Hindernisse entgegen, die zum Abwarten ver- 
dammen. „Da kann man halt nichts machen, wenn es so ist, ist es so!" Es kommt 
für Mädchen auf dem Lande aber recht früh die Zeit, wo es anders wird, wenn es 
dann auch die wenigsten so „ehrlich sagen", und es ist eine Absurdität, zu meinen 
daß auf dem Lande, weit weg von der sittenverderbenden Großstadtluft, nur 
„sanfte Schafe und fromme Lämmer" sind. Als Beleg hiefür bringe ich den 
Brief eines achteinhalb jährigen Bauern mädchens an einen 
etwas älteren Knaben, der von der Berufsvormundschaft wegen seines Benehmens 
in der Schule auf „Luftveränderung" geschickt wurde, längere Zeit Halterbub 
in einer Landgemeinde war und nach seiner Heimkehr diesen Brief mit einem 
unglaublichen Postskriptum erhielt. 

P., 5. 4. 1926. 
Lieber Schulkamerad! 

Wie geht es Dir? Mir geht es bisher ganz gut. Wir könnten Dich gut brauchen 
zum Erzählen Deiner Heimat. Den Buben ist Zeitlang, weil Du ein gediegener Bub 
bist und uns immer ein Kasperl gemacht hast. Schreibe, wie es Dir geht! Bitte, wen» 
Zeit ist, schicke mir Almenrausch, Enzian und Edelweiß mit Wurzeln in einer 
Schachtel „Muster ohne Wert"! 

Schreibe, ob Du die Sachen schicken kannst. Besuch uns bald! Ich bitte Dich 
noch einmal, schicke sie doch, ich werde Dir sehr dankbar sein. Du kannst mir Deine 
Heimat beschreiben. Sei so gut und schicke mir Enzian. Almrausch und Edelweiß! 

Viele Grüße von Deiner Elisabeth P. 

Auf der letzten Seite ist ferner links unten zu lesen: „Ich hätte gerne mit Dir 
geschustert [koitiert] weißt" — und rechts unten steht die Fortsetzung: „so Du Deinen 
Beutel in mein Zweckerl [Vagina] gesteckt, hätte ich eine große Freude damit 
gehabt. Bussi." 

Möge dieser Brief allen Herren Berufsvormündern und maßgebenden Persön- 
lichkeiten die Gefahren einer Deportation vor Augen halten und sie vor einem 
ähnlichen Erziehungskunststück abhalten. Der Knabe hatte in der Verbannung 
nichts vergessen, und wer weiß, ob man ergänzen darf — und nichts gelernt 



Beobachtungen über den Vorgang des „Kaufens" bei Kindern 

Von Edmund Heilpern, Berlin 

Im Leben der Erwachsenen spielt der Vorgang des „Kaufens" und „Ver- 
kauf e n s" eine wichtige Rolle. Wie mag es in der Seele des Kindes aussehen, 
wenn es beginnt, sich mit diesen Funktionen zu beschäftigen? Diese Frage veran- 
laßte micli zu Beobachtungen, die ich im nachfolgenden wiedergebe. 

Die kleine Gertrud, etwa fünfjährig, geht für die Mutti einholen. Sie besorgt 
Milch, Brot und andere wichtige Dinge mit großem Eifer und sichtbarem Stolz. 
Wir verstehen warum : Sie wird ja dadurch ihrem Ideal gleich, sie wird selber 
die Mutti. 

Als sie älter wird und diese Art des Einkaufens ihr nichts mehr Neues bietet, 
verliert sie die Lust dazu. Sie faßt es jetzt als „Arbeit" auf, nicht mehr als be- 
sondere Freude, die sich selbst belohnt. Sie benimmt sich auch wie ein richtiger 
kleiner Arbeiter, stellt Forderungen, entweder muß ich „bitte-bitte" sagen, oder 
einen Pfennig geben, oder in irgend einer anderen Form eine Gegenleistung bieten 

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Ganz anders benimmt sie sich, wenn sie für sich selbst etwas kaufen soll, 
etwas, woran ihr Herz hängt, also im Frühling einen Ball, im Herbst bunte Kugeln usw. 
Dieses Einkaufen ist für sie keine Handlung der Zweckmäßigkeit. Sie sieht im Kauf- 
mann nicht einen Menschen, der gegen Entgelt etwas ' leistet. Wenn sie ihren 
Groschen hingibt und dafür die gewünschte Ware erhält, so ist das kein Kauf, 
sondern ein Geschenk. Sie behandelt den Besitzer des Spielwarenladens als ihren 
besonderen Freund, ist sehr zutraulich und liebevoll. Und — was besonders charakte- 
ristisch ist — wenn sie etwas einkauft, und der Kaufmann drückt ihr das neue 
Eigentum in die Händchen, dann macht sie einen tiefen Knix und bedankt sich 
besonders artig. Das fällt mir um so mehr auf, als sie sonst herzlich wenig auf 
solche Förmlichkeiten gibt. 

Einige Zeit später, sie geht nun schon zur Schule und ist etwa sieben Jahre alt, 
kauft sie bereits selbständig ihren Schulkram ein. Aber das Wichtigste dabei sind die 
., Zugaben". Das, %vas sie zum Heft, zur Feder mitgeschenkt bekommt — ein Bild, 
eine Reklamemarke u. s. w. — ist ihr viel mehr wert als die Ware. Sie wird auch 
gern viele Straßen weit gehen, wenn sie weiß, daß sie in einem anderen Laden 
bestimmt „etwas dazu" bekommt. 

Daß die Begehrlichkeit der Kinder unbegrenzt ist, wird auch bei dieser 
Gelegenheit wieder bestätigt. Zeitweise sammelt sie alles, treibt einen eifrigen 
Tauschhandel, wechselt aber öfters die Objekte. Bald sind es Steinchen, bald Kastanien, 
bald Bilder, bald Blätter, die ihren Sammeleifer erwecken. Ihre kleinen Freunde 
benehmen sich genau so, es gibt offenbar richtige „Kindermoden". Bei dieser Tätigkeit 
zeigt sie eine neue Eigenschaft: Sie kann stundenlang sitzen und ihre Schätze zahlen, 
obgleich sie sonst höchst lebhaft und immer in Bewegung ist. Jetzt aber hockt sie, 
wie ein richtiger alter Geizhals, bei ihren Vorräten und ruft von Zeit zu Zeit be- 
geistert: „Jetzt hab ich schon fast hundert Steine!" oder eine ähnliche, imponierend 

große Zahl. 

Woher diese Sammelwut? Erlebt sie jetzt unsere Stammesgeschichte, jene 
Zeit, als wir noch durch den Urwald schweiften und, voller Angst über den heran- 
nahenden Winter, Vorräte anhäuften? 1 

Kann Gertrud nicht alles haben, so wünscht sie es sich zumindest. Es gibt 
Wochen, da werde ich von ihr vor jedem Schaufenster energisch festgehalten — gleich- 
gültig, ob es etwas Besonderes zu sehen gibt oder nicht — und, auf die einzelnen 
Gegenstände zeigend, wird mir wichtig mitgeteilt: „Das wünsche ich mir alles, alles!" 

Eine Zeit lang erfanden wir ein eigenartiges Spiel. Immer, wenn wir bei einem 
Schaufenster vorbeikamen, fragte sie mich : „Was ist schöner, das da drin, oder das, 
was wir zuhause haben?" Ganz gleich, ob es sich um eine Puppe, einen Ball, ein 
Bild oder sonst was handelt. Und dann muß ich immer darauf antworten: „Was wir 
zuhause haben, ist tausendmal schöner." Dann strahlt sie über das ganze Gesichtchen 
und ist glücklich. Sie hat offenbar den Wunsch, alles zu besitzen, durch die Illusion, 
schon alles viel besser und schöner ihr Eigentum zu nennen, ersetzt. 

Wenn fremde Leute ihr etwas schenken, so ist sie keineswegs geneigt, es 
ohne weiteres anzunehmen. Sie benimmt sich dann scheu und ängstlich, auch wenn 
sie den angebotenen Gegenstand schon kennt. Diese Abneigung verliert sich mit den 
Jahren. Es scheint, als beurteilte sie zuerst das Geschenk nach dem Geber, erst 
später als Objekt mit eigenem Wert. 

Was bedeutet wohl „Schenken"? Offenbar ist diese Tätigkeit eine Liebes- 
äußerung für die Kinder. Deshalb nehmen sie von Unbekannten nicht ohne weiteres 
Gaben an, sie wissen nicht, ob hier wirklich Liebe geboten wird. Und deshalb werden 
Geschenke von den Eltern nicht nur stets freudig ange nommen, sondern auch so 

i) Der psychoanalytisch geschulte Leser wird es vorziehen, hier die näherliegenden bekannten 
Beobachtungen aus der individuellen Entwicklungsgeschichte der Kinder heranzuziehen, wie sie als 
bedeutungsvoll für deren späteres Verhalten zum Besitz, zu sammeln, geben und empfangen erkannt 
wurden. (S ch ri f 1 1 ei t u n g.) 

-329 — 



oft verlangt. Die immer wiederkehrende Frage, die uns allen wohl bekannt ist, 
„Was hast Du mir mitgebracht?" kann keinen anderen Sinn haben, denn so rechnerisch 
sind die kleinen Wesen noch nicht veranlagt, daß es ihnen um die Anhäufung von 
Kapital zu tun wäre. Wohl aber um die Anhäufung von Libido. 

Und damit wäre vielleicht der Anfang einer Formel zu finden: Schenken ist 
als Liebessymbol zu werten ; Kaufen ist eine Ersatzbildung für 
Schenken. 

Es wäre mir (für gewisse nationalökonomische Studien) höchst wertvoll, wenn 
die Leser dieser Zeitschrift gelegentlich solche Beobachtungen 
sammeln und mir mitteilen wollten. Also Antwort auf etwa folgende Frage : ,. W i e 

benehmen sich Kinder heim Schenken. Kaufen. Tauschen, 

in Geschäften, vor Schaufenstern u. s. w. ?" 



BERICHTE 



Bücher 

FRIEDRICH GLAESER: Erzieherische Macht. 118 Seiten. Verlag 
Quelle und Meyer, Leipzig 1928. 

Glaeser wirft der Psychoanalyse vor, sie sei „oft recht verworren und widerspruchs- 
voll". Jedoch wenn je, so fliegt hier der abgesandte Pfeil auf den Schützen zurück. 
Das Buch ist voller Widersprüche, man kann es den Pädagogen kaum empfehlen. 

Beginnen wir mit dem — übrigens verwerflichen — Grundgedanken: „Die Macht- 
wirkung . . . muß uns als die wertvollste und fruchtbarste Form erzieherischen Wirkens 
erscheinen." Diesem apodiktischen Satze steht jene Behauptung — mit der er sich 
nicht verträgt — gegenüber: . , . die „tiefste und reichhaltigste Beziehung" ist die 
Liebe, „im Geliebtwerden wird zweifellos die letzte und tiefste Erfüllung, die weit 
mehr befriedigt als das Beachtet-, Geachtet-, Bewundert-, Verehrtwerden," gefunden. 

Ein weiterer Widerspruch: . . . „jeder Machteinfluß, der die Geltung des Kindes 
verletzt, ist gefährlich und wirkt zerstörend und mißbildend." Wie soll dies möglich 
sein? Dieselbe Machtwirkung, derselbe Machteinfluß ist einmal die „wertvollste und 
fruchtbarste Form" und wirkt das andere Mal „zerstörend und mißbildend"? Denn 
darüber sind wir uns doch klar, daß schließlich jeder erzieherische Macht einfluß 
des Kmdes Geltung beschränkt, verletzt. Eine neue Verworrenheit beschwört der Ver- 
fasser herauf, wenn er im Widerspruch mit dem verlangten unbedingten Nichtverletzen 
der Geltung des Kindes plötzlich wieder die Geltung, „die mit der Notwendigkeit 
des Gebildet- und Geführtwerdens unvereinbar ist", verwirft und bei Anerkennung 
durch den Erzieher letzterem Machtabhängigkeit vom Kinde prophezeiht. 

Machtverhältnisse zwischen Erzieher und Zögling sind für den Verfasser gleich- 
bedeutend mit Willensverhältnissen. Damit aber, was er über die „Willensbrechung 
als ein förderliches Mittel" und was er über das „reinigende kräftige Gewitter" sagt, 
kann sich der psychoanalytisch orientierte Pädagoge keinesfalls einverstanden erklären! 
Wir sind nicht für besondere Züchtung von Machtwirkungen, die jene hochgespannte 
Atmosphäre schaffen, die man dann durch Gewaltakte und „Gewitter" wieder 
„brechen" muß. G. H. Graber (Bern) 

EDWARD CARPENTER: Wenn die Menschen reif zur Liebe 
werden. Aus dem Englischen übersetzt von Karl Federn, Bücher des Werdenden 
Bd. I. Hippokrates- Verlag, Stuttgart. 

Dieses gut übersetzte und schön ausgestattete Buch ist kein modernes Werk, 
dennoch lohnt die Lektüre für jeden, der die Entwicklung der sexuellen Frage ver- 

— 330 — 



folgen möchte. Das Buch war vor einer Generation unerhört neu und bahnbrechend. 
Ein Teil der Forderungen, die Carpenter ausspricht, sind mittlerweile erfüllt, besonders 
die, die auf die äußere Gleichstellung der Frau hinzielten. Es ist interessant, jetzt 
zu vergleichen, wie weit Inneres tatsächlich dadurch verändert wurde, und wieviel 
noch zu ändern ist. Es sind gerade in den letzten Jahren eine Unzahl von Büchern 
und Broschüren über die Geschlechterfrage erschienen. Nicht alle fußen bewußt auf 
Carpenter, dennoch ist dieses Buch unstreitig das Zeichen zum Beginn einer klareren 
und sauberen Aussprache über diese Fragen gewesen. 

Wesenthch bereichert ist das Werk in dieser Ausgabe durch die Anmerkungen 
der Herausgeber Federn und Meng. Sie bringen innerhalb des Textes in klarer 
Form Hinweise auf die Arbeit, die in wissenschaftlicher und sozialer Hinsicht seit 
der Ersterscheinung des Buches auf allen berührten Gebieten geleistet worden ist. 
Aus diesem Grunde eignet sich das Buch besonders für eine Einführung in die 
Geschlechterfrage. 

Weil dieses Buch alt und neu ist, weil es zum Teil überwunden und doch noch 
immer aktuell ist, steht es in der Sammlung „Bücher des Werdenden" zu Recht an 
erster Stelle. Lizi Bonwitt-Hcpner 



IL Pädagogische Woche in Stuttgart 
zur Einfühlung in die psychoanalytische Pädagogik 

29. Juli — ;. August l<)2<) 

Veranstaltet von den Herausgebern der 

„Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik". 

Dr. Gustav Hans Grab er, Bern: 

I) Werden und Vergehen im Mythus und in der Vorstellung 
des Kindes: 1) Einführung: Stellung der Psychoanalyse in der heutigen Kultur 

— Seelenspiegel — Die Zweiheit. — 2) Das Werden (Zeugung und Geburt): Un- 
bewußte und symbolische Zeugungsvorstellungen — Die orale und die anale Zeugung 

— Die kosmogonische Geburt (Urbild, Urmeer, Urpneuma, Urei, göttlich-menschliches 
Gebären, Urmutter, Weltelternpaar) — Vorstellungen des Kindes über die Geburt. 

— 5) Das Vergehen: Geburt und Tod — Tod und Schlaf — Tod und Weltuntergang 
(Einstellung des Kindes — Der Sintflutmythus — Das Problem der Unsterblichkeit). 

II) Das Traumleben des Kindes: Das Verhältnis der Primitiven und 
der Kinder zum Traum — Zur Psychologie der Träume des Kindes (Traumreize, 
typisch kindertümliche Traummotive, Analyse und Traumdeutung beim Kinde). 

III) Analyse eines nachtwandelnden K n a b e n : Zur Psychoanalyse 
des Nachtwandeins — Die Mutterleibsregression — Der Oedipuskomplex — Die feind- 
lichen Brüder — Gespensterangst — Die sexuelle Aufklärung — Infantile Sexual- 
strebungen — Todesphantasien — Die Heilung. 

Dr. med. et phil. Wilhelm Hoff er, Wien: 

Pubertät und Neurose: 1) Bepetitorium der Neurosenlehre (neurotische 
Symptome — neurotische Konflikte; Aktualneurosen — Kindheitsneurosen; vom Sinn 
der Neurosen). — 2) Repetitorium der Entwicklungslehre (Kindheit — Latenz — 
Pubertät; Dynamik und Ökonomie ihrer Neurosen). — 3) Die Pubertät erwachsener 
Neurotiker. — 4) Die Neurosen der Pubertät und der Vorpubertät. 

- 331 - 



Dr. med. Heinrich Meng, Frankfurt a. M.: 

I)Die Krisis der Pädagogik durch Freud: Die alte und die neue 
Pädagogik — Psychologie der Strafe und der Schuld — Psychologie der Rache und 
der Versöhnung — Die Stellung des Erziehers zum asozialen und kriminellen Kinde 
— Prophylaxe und Bekämpfung der Verwahrlosung und der Dissozialität — Die Trieb- 
lehre Freuds. 

II) Die katholischen Lehrerinnen und die psychoanalytische 
Pädagogik (Antwort auf einen Protest). 

Prof. Dr. Ernst Schneider, Stuttgart: 

I) Angst und Schuld: ») Die Schuldangst, Analyse und Beziehungen zum 
seelischen Konflikt (Gewissenskonflikt). — 2) Natur- und Kulturplan in Entwicklung 
und Erziehung — Schutzvorrichtungen zur Sicherung normaler Entwicklung — Angst 
und Schuld als Signale abwegiger Entwicklung und abwegiger Erziehung — Primäre 
und sekundäre Angst- und Schulderlebnisse. — 3) Gelungene und mißlungene Lösungen 
des seelischen Konflikts und die Befreiung und Verarbeitung von Angst und Schuld 

- Förderung und Hemmung dieser Lösungen durch die Erziehung. 

II) Der Rorsch ach sehe Form deute versuch und seine dia- 
gnostische Verwertung in der Schule. Feststellung der Intelligenz und 
der Intelligenzhemmungen — Seelische Störungen. 

Hans Z tlllig er, Lehrer, Ittigen bei Bern : 

Praktische Anwendung und Ergebnisse der Psychoanalyse 
in der Schule. 



Zeit 


Montag 
29. Juli 


Dienstag 
50. Juli 


Mittwoch 
31. Juli 


Donnerstag 
1. August 


Treitag 
2. August 


Samstag 
3. August 


8-9", 


Hoffer 


Graber 


Hoffer 


Zulliger 


Schneider 


Schneider 


10— li'/. 


Meng 


Hoffer 


G raber 


Graber 


Zulliger 


Zulliger 


12—1 


Schneider 


Schneider 


Schneider 


Schneider 


Schneider 


Schluß 


5-6'/» 


Beantwortung eingereichter Fragen 


— 


abends 


gemeinsame Unterhaltung 


— 



Ort des Kurses: Kursaal Stuttgart-Cannstatt. 

Begrüßung: Sonntag, den 28. Juli, abends 8 Uhr im Kursaal Cannstatt. 

Kurskosten: Kursgebühr, Wohnung und Verpflegung (gemeinsame Mahlzeiten) 
90 Mk. Kursgebühr allein 40 Mk. 

Anmeldung bis zum 15. Juli an Prof. Dr. Ernst Sclmeider, Stuttgart, Schwaren- 
bergstraße 87, mit der Angabe, ob Wohnung und Verpflegung gewünscht wird oder nicht. 



Herausgeber: Dr. Heinrich Meng in Frankfurt a. M. und Prof. Dr. Ernst Schneider in Stuttgart. 

Eigentümer, Verleger und Herausgeber für Österreich: Adolf Josef Storfer, Wien, I., Börsegasse 11 

(„Verlag der Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik"). 

Verantwortlicher Redakteur: Dr. Paul Federn, Wien. I., Riemergasse 1. 

Druck von Emil M. Engel, Druckerei und Verlagsanstalt, Wien, I., In der Börse.