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Full text of "Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik III 1929 Sonderheft 11/12/13 "Selbstmord""

ZEITSCHRIFT FÜR PSYCHO- 
ANALYTISCHE PÄDAGOGIK 

DL Jahrg., H. 11/12/13 J^^^ Aug.-Sept.-Okt. 1929 

Die Diskussion über „Selbstmord", insbesondere 
„Schüler-Selbstmord", im Wiener Psychoanalytischen 

Verein im Jahre 1918 

Von Dr. Paul Federn, Wien 

Im Jahre 1910 war aus dem kleinen Kreise persönlicher Anhänger Freuds 
schon ein internationaler Verband mit Kongressen und einem Jahrbuch als 
Publikationsorgan entstanden. 

Die neuen Erkenntnisse erfaßten immer weitere Probleme jenseits der 
Neurosenforschung. Mehrfach wurden Themen der Pädagogik und Soziologie 
noch tastend zur Diskussion gestellt. Zwei dieser Diskussionen über „Onanie 
und über „Schüler-Selbstmord" wurden veröffentlicht; spätere dienten nur 
mehr der Sicherung der gemeinsamen Basis trotz der Sonderung der einzelnen 
Arbeitsrichtungen. 

Liest man die damalige Diskussion, so staunt man. wie schnell die neuen, 
überraschenden Funde zum Bestand der Psychoanalyse geworden sind, wie 
viel seither gewonnenes Wissen schon angedeutet zu erkennen ist. Freilich, 
Gemeingut wurden sie erst später durch die meisterhafte Formulierung seitens 
des Meisters. Hingegen überrascht die Distanz von Damals zum Heute in 
Bezug auf die allgemeinen Ansichten über die öffentliche Schule und über 
die Forderung, die an die Schule zu stellen sind. Das gesamte Publikum, 
die gesamte Öffentlichkeit ist heute psychoanalytisch beeinflußt. Niemandem 
fiele heute ein, das Verhältnis von Lehrer und Schüler, wie es damals als 
selbstverständliches galt, zu verteidigen. Charakteristisch dafür ist, daß der 
damalige Vertreter der Lehrer seinen Beitrag zur Diskussion nicht mehr auf- 
recht erhält; und doch war er einer der Vorgeschrittenen der Zunft, sonst 
hätte ihn nicht sein Interesse zur Psychoanalyse geführt. Dementsprechend 
hätte heute kein Einsichtiger den gleichen Anlaß wie damals, die Schule an- 
zugreifen, so wenig vollkommen die als richtig erkannten Prinzipien durch- 
geführt sind. Auch steht Dank der Erkenntnis, daß die Entwicklung des 

Zeitschrift f. psa. Päd., III/i 1/12/13 333 ao 



Kindes früh und vielfach determiniert ist, nicht mehr in Frage, daß die 
Schule einen Schüler-Selbstmord nur auslösen kann, ihn aber nicht allein 
verursacht. 

Freud selbst griff öfters in die Diskussion ein; doch hat er nur zwei 
kurze Reden in die gedruckte Diskussion eingereiht. Die erste wendet sich 
gegen das erwähnte Plädoyer des Schulmannes : „ . . . Die Mittelschule soll 
aber mehr leisten, als daß sie die jungen Leute nicht zum Selbstmord treibt; 
sie soll ihnen Lust zum Leben machen und ihnen Stütze und Anhalt bieten 
in einer Lebenszeit, da sie durch die Bedingungen ihrer Entwicklung genötigt 
werden, ihren Zusammenhang mit dem elterlichen Hause und ihrer Familie 
zu lockern. . . . Die Schule darf nie vergessen, daß sie es mit noch unreifen 
Individuen zu tun hat, denen ein Recht auf Verweilen in gewissen, selbst 
unerfreulichen Entwicklungsstadien nicht abzusprechen ist. Sie darf nicht 
die Unerbittlichkeit des Lebens für sich in Anspruch nehmen, darf nicht 
mehr sein wollen als ein Lebensspiel". Die zweite Äußerung Freuds bildet 
das kurze Schlußwort, er habe den Eindruck, „daß wir trotz all des wert- 
vollen Materials ... zu einer Entscheidung nicht gelangt sind. Wir wollten 
vor allem wissen, wie es möglich wird, den so außerordentlich starken Lebens- 
trieb zu überwinden, ob dies nur mit Hilfe der enttäuschten Libido gelingen 
kann, oder ob es einen Verzicht des Ichs auf seine Behauptung aus eigenen 
Ichmotiven gibt. Die Beantwortung dieser psychologischen Frage konnte uns 
vielleicht darum nicht gelingen, weil wir keinen guten Zugang zu ihr haben. 
Ich meine, man kann hier nur von dem klinisch bekannten Zustand der 
Melancholie und von dem Vergleich mit dem Affekt der Trauer ausgehen. 
Nun sind uns aber die Affektvorgänge bei der Melancholie, die Schicksale 
der Libido in diesem Zustande, völlig unbekannt, und auch der Traueraffekt 
des Trauerns ist psychoanalytisch noch nicht verständlich gemacht worden. 
Verzögern wir also unser Urteil bis die Erfahrung diese Aufgabe gelöst hat." 

Zwei Jahre später hat Freud die hier angekündigten, von ihm gewonnenen 
psychoanalytischen Einsichten in der Arbeit „Trauer und Melancholie" 
veröffentlicht. Da sie demnach organisch zu unserer Diskussion gehört, so 
schließe ich das den Selbstmord betreffende hier an. 

Von der erkenntnisreichen Arbeit, welche aber neue Probleme aufwirft, 
ohne ganz sie zu lösen, seien als Kommentar gleichsam für die Bemerkung 
über den Selbstmord, das nötigste vorausgeschickt. Mögen dadurch viele Leser 
angeregt werden, die Abhandlung selbst wieder zu lesen. 

Die Trauer ist ein uns verständlicher Zustand, weil wir begreifen, daß 
die Seele einen Verlust zu ertragen, zu verwinden hat. Sie muß sich schwer 
und schmerzvoll von dem verlorenen Liebesobjekte lösen. Dieser Vorgang ist 
als „Trauer arbeit" zu bezeichnen; diese besteht darin, daß fort und fort das 
betrauerte Objekt die Interessen des Ichs an sich zieht, und Zusammenhänge, 
Erlebnisse, Gedanken und Hoffnungen, die mit dem Objekt je verknüpft 
waren, allmählich mit der schmerzenden Tatsache des Vorübersein verbunden 
und dadurch als nicht mehr freudig anerkannt werden müssen. Das braucht 

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lange Zeit und ist eigentlich eine sich wiederholende Enttäuschung. Nach 
Beendigung der Trauerperiode ist aber das Ich befreit vom Leide und kann 
wieder anderen Interessen und anderen Objekten die Libido zuwenden. 

Aus früheren Arbeiten Freuds ist bekannt, daß die Objektwahl beim 
Menschen in verschiedener Art und auf Grund verschiedener „Liebes- 
bedingungen" getroffen wird. Eine wichtige, häufige, oft aber nicht als 
normal zu bezeichnende Art ist die narzißtische. Dabei wird ein Objekt ge- 
wählt, weil dadurch die Liebe zum eigenen Ich, der Narzißmus, befriedigt 
wird. Der einfachste Fall ist der, daß die Ichliebe dadurch auf ihre Kosten 
kommt, daß die gewählte Person zuvor den Wählenden schon geliebt hat. 
Das Ich liebt jetzt den, der durch seine Liebe die Ichliebe des Wählenden 
bestätigt, gestärkt hat. Ist diese Liebeswahl einmal aus dem narzißtischen 
Anspruch getroffen, so kommt dann in der Norm die Objektliebe im engeren 
Sinne hinzu. Der Grund der Wahl ist und bleibt meist unbewußt. 

Bei der Melancholie ist der Trauerzustand unverständlich, weil entweder 
kein Objektverlust bekannt ist oder das wirkliche Unglück, welches als Anlaß 
der Erkrankung angegeben wird, nicht die Bedeutung hat, daß so schwere 
Unglückstimmung darauf folgen sollte. Es ist, wie wenn bei der Melancholie 
das Lustprinzip versagen würde: die Seele vermag dem Peingefühl nicht zu 
entgehen, nicht mittels Verdrängung, nicht mittels Ablenkung und 
gewöhnlich auch nicht durch reales, sonst als Glück zu bezeichnendes 
Geschehen. (Ref.) 

Bei mehreren Fällen von Melancholie hat nun Freud psychoanalytisch 
festgestellt, daß Selbstvorwürfe und Klagen der Kranken ihren Sinn erst 
bekommen, wenn man erkennt, daß sie eigentlich gegen eine andere Person 
gerichtet sind. Es ist also diese Person, die früher Objekt der Liebe des 
Kranken gewesen war, in die Seele des Kranken einverleibt worden, nach- 
dem der Kranke an ihr eine schwere Enttäuschung erlitten hatte. Aus der 
Objektliebe ist Ich-Liebe, Narzißmus, geworden; die Enttäuschung, das 
Leid ist nun nicht mehr das Objekt betreffend, sondern die eigene Person. 
Bei den Melancholikern ist ihre Liebe aber stets stark ambivalent, mit Haß 
verbunden gewesen; der Haß wendet sich mit der Umwendung der ent- 
täuschten Liebe vom Objekte zur eigenen Person gleichfalls gegen dieselbe. 
Schließlich ist ein besonders starker Sadismus, d. h. ein Zurücksinken auf 
den Sadismus für die meisten Melancholien charakteristisch. 

„Erst dieser Sadismus löst uns das Rätsel der Selbstmordeignung, durch 
welche die Melancholie so interessant und so — gefährlich wird. Wir 
haben als den Urzustand, von dem das Triebleben ausgeht, eine so groß- 
artige Selbstliebe des Ich's erkannt, wir sehen in der Angst, die bei Lebens- 
bedrohung auftritt, einen so riesigen Betrag der narzißtischen Libido frei 
werden, daß wir es nicht erfassen, wie dieses Ich seiner Selbstzerstörung 
zustimmen könne. Wir wußten zwar längst, daß kein Neurotiker Selbst- 
mordabsichten verspürt, der solche nicht von einem Mordimpuls gegen 
andere auf sich zurückwendet, aber es blieb unverständlich, durch welches 



- 335- 



20* 



Kräftespiel eine solche Absicht sich zur Tat durchsetzen kann. Nun lehrt 
uns die Analyse der Melancholie, daß das Ich sich nur dann töten kann, 
wenn es durch Rückkehr der Objektbesetzung sich' selbst wie ein Objekt 
behandeln kann, wenn es die Feindseligkeit gegen sich richten darf, die 
einem Objekt gilt, und die die ursprüngliche Reaktion des Ich's gegen 
Objekte der Außenwelt vertritt. So ist bei der Regression von der narziß- 
tischen Objektwahl das Objekt zwar aufgehoben worden, aber es hat sich 
doch mächtiger erwiesen als das Ich selbst. In den zwei entgegengesetzten 
Situationen, der äußersten Verliebtheit und der Selbstmorde wird das Ich, 
wenn auch auf gänzlich verschiedenen Wegen, vom Objekt überwältigt." 
Ich kehre nun zur Selbstmord-Diskussion zurück. 

„Enttäuschte Libido" oder „Ichmotive", bezw. beide, sind in der Dis- 
kussion als Ursachen des Selbstmordes herangezogen worden; es ist ein 
Vorspiel der späteren Leugnung der Bedeutung der Libido, wenn Adler 
und sein Anhänger Furtmüller das Wort Libido nicht erwähnen und 
nur von der Entwicklung der gesamten Einstellung als Ursachen des 
Selbstmordes sprechen, denen rechtzeitig vorgebeugt werden kann durch die 
„psychoanalytische Methode", die anzuwenden, damals Adler noch nicht 
aufgegeben hatte. „Sie deckt das kindliche Gefühl der Minderwertigkeit 
auf, führt es von seiner Überschätzung auf das wahre Maß zurück, indem 
sie falsche Wertungen korrigiert, und stellt die Revolte des männlichen 
Protestes unter die Kontrolle des erweiterten Bewußtseins . Und früher: 
„Die Furcht vor jeder Entscheidung (die Prüfungsangst der Nervösen), die 
ihn nichts zu Ende bringen läßt, ihn gleichzeitig aber mit höchster Un- 
geduld und Hast erfüllt, . . . wird nur erklärlich, wenn wir die unge- 
heuren Größenideen des Unbewußten kennen, und das Gefühl von deren 
Unerfüllbarkeit bei ausgesprochen nervösen Personen." 

Der Charakter des Selbstmörders wird beschrieben: es ist der später 
oft und ausführlich geschilderte sogenannte nervöse Charakter. Charakter- 
züge, Eigenschaften und Einstellungen sollen den Selbstmörder erklären. 
Die Dynamik besteht in der Doppelrolle zwischen Schwäche und Groß- 
mannsucht, zwischen Gehorsam und Trotz, zwischen Anlehnungsbedürfnis 
und Eigenwillen. „Die Quelle dieser Kontraststellung der Charakterzüge 
liegt in dem inneren Widerspruch zwischen Unterwerfung und der Ten- 
denz zur Triebbefriedigung. An diesem Satze (den Adler gesperrt drucken 
ließ) kann man als Beispiel erkennen, wie es sich um nichts Neuentdecktes 
handelt, sondern um die Zusammenfassung von psychoanalytisch bekannten 
Mechanismen, freilich unter Weglassung des topischen Gesichtspunktes, der 
Libidolehre und der genetischen Determinierung. 

Denn Freud hatte längst gefunden, daß triebhafte Wünsche, die nicht er- 
füllt werden können, der Verdrängung unterliegen, weil sie nicht gestattet 
sind, nicht ichgerecht bleiben. Damit ist wohl klar ausgedrückt, daß 
zwischen „Tendenzen triebhafter Art" und der „Unterwerfung" ein Wider- 
spruch bestehen muß. Faßt man nun diese vielen Widersprüche und die 






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Reaktionen zusammen, so zeigen sie sich als gewisse typische Charakter- 
züge, die dann als reine „Ichmotive" zu wirken scheinen. 

Die ganzen Errungenschaften Freuds, welche das zugrundeliegende un- 
bewußte Geschehen aufklären, wurden von Adler ignoriert. So stellte er 
nur einen Teil der psychischen Erscheinungen, und den einseitig genug dar, 
glaubte aber damit erst das Wesentliche gefunden zu haben. Unter der 
Verallgemeinerung und Gleichstellung aller abnormer Erscheinungen ver- 
schwanden ihm die Einzelprobleme: So sehen wir auch in seiner Auffassung 
Neurotiker und Selbstmörder zusammenfallen. Nur an zwei Stellen soll etwas 
für den letzteren besonders Charakteristisches aufgestellt werden. „So wird 
aus dem Unbewußten heraus eine Situation geschaffen, in der die Krankheit, 
ja selbst der eigene Tod gewünscht wird, teils um den Angehörigen Schmerzen 
zu bereiten, teils um ihnen die Erkenntnis abzuringen, was sie an dem stets 
zurückgesetzten verloren haben. Nach meiner Erfahrung stellt diese Konstel- 
lation die regelmäßige psychische Grundlage dar, die zu Selbstmord und 
Selbstmordversuchen Anlaß gibt". Der längst bekannte sekundäre Krankheits- 
gewinn, die Einstellung gegen bestimmte Personen, in Liebe oder in Haß, 
wird also, ihres libidinösen Motives entkleidet, als ursprünglich aufgefaßt und 
dem Aggressionstriebe entsprossen, als Racheakt dargestellt. Der Racheimpuls 
ist nun tatsächlich oft das letzte aggressive Moment, das den Entschluß der 
Selbsttötung zur Tat werden läßt. Die von Adler richtig beschriebene infantile 
Konstellation hat aber viel zu wenig Spezifisches an sich, daß sie den Selbst- 
mörder charakterisieren könnte. 

Ein zweiter Satz ist richtig: ,,In andern Fällen wirkt ein konstitutionelles 
Moment (die Stärke des Aggressionstriebes) richtunggebend". Nur ist das 
eben der Sadismus als Sexualkomponente, denn die so komplizierte Adlersche 
Aggression ist gewiß kein einfacher, konstitutionell aufzufassender Trieb. 

Adler, der damals Obmann des Vereines war, läßt in seinem Beitrage 
nichts für die Psychoanalyse Charakteristisches mehr erkennen. Da er aber 
von guten eigenen Arbeiten über die Organminderwertigkeit und von seinem 
Interesse für Charakterologie und Ichreaktionen ausging, so war die Ein- 
seitigkeit damals begreiflich, verschließt sich doch jeder Forscher für einige 
Zeit andern Einflüssen, wenn er etwas Neues zu finden vermochte. Auch 
eine narzißtische Überschätzung war ihm gewiß zugute zu halten. Nach 
einiger Zeit soll aber jeder wieder seine Arbeit in die Gesamtforschung ein- 
reihen. Adler hat dies nicht vermocht. Es war, wie er selbst es aussprach, 
der ihm so wohl vertraute Wunsch, oben zu sein, der ihn zum Gegner Freuds 
machte. In der Vorrede zur Diskussion hofft er „in kurzer Zeit die kritischen 
Köpfe im Lager der Psychoanalyse zu sehen". Hat er also selbst als unkritischer 
Kopf sie verlassen? 

Oder dachte er nur an die durch ihn von der Libidolehre und von der 
Lehre vom Unbewußten usw. purifizierte Psychoanalyse? Die Anhängerschaft 
Vieler hat er anscheinend erreicht; ob es die kritischen Köpfe sind, die seine 
geradezu stereotype Motivenlehre für eine Individual-Psychologie nehmen, 

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wird die Zukunft entscheiden. Die Entfernung Adlers aus unserer Arbeits- 
gemeinschaft hat diese wenigstens vor der Lockung zur bequemen Verflachung 
der analytischen Arbeit bewahrt. 

Wir wenden uns jetzt den psychoanalytischen Beiträgen zu: Reitler 
sieht fast bei allen Neurotikern zwanghafte Selbstmordphantasien, welche 
bis in die Kindheit zurückreichen. Er sieht darin eine Psychoneurose, und 
zwar eine eigentümliche Mischung von Phobie, nämlich Prüfungsangst, mit 
Zwangsvorstellungen. Bei den Jugendlichen hängen die Selbstmordtendenzen 
regelmäßig mit dem Abwehrkampf gegen die Onanie zusammen. Gerade 
wenn dieser vorübergehend gelungen sei. entstehe die Angst der toxisch 
bedingten Angstneurose; diese Angst verschiebe sich auf die Schule, den 
Lehrer, das Zeugnis, die Prüfung. Die Selbstverdammnis nach einem Rück- 
fall zur Onanie könne dann die sühnende und befreiende Tat auslösen. 

Begünstigt wird diese Verschiebung aber nicht nur durch die berechtigte 
Realangst vor der Prüfung, sondern auch dadurch, daß diese Realangst des 
Knaben oder Halbjünglings Sexualität zu erregen vermag, so daß es gerade 
bei den schriftlichen und mündlichen Prüfungen selbst zum Onanieren komme. 
Reitler meint nun, daß diese Fälle selten zum tatsächlichen Selbstmord 
kommen, denn sie haben dadurch den Weg gefunden, ihre Angst von der 
falschen Verbindung mit dem vorgeschobenen Objekte, der Prüfung wieder 
zu lösen und „sie auf ihr ursprüngliches Gebiet zurückzuführen, wo allein 
durch die Aufhebung der Angst erregenden Sexualverdrängung die erlösende 
Entlastung möglich ist". Referent bedauert, daß diese Zusammenhänge nicht 
an einer Kasuistik geprüft sind. Die theoretische Erklärung bliebe auch dann 
noch zweifelhaft. Erfahrungsgemäß ist nämlich diese Art Onanie mit Masochis- 
mus verbunden. Ausgeprägte Masochisten kommen nur selten über die 
Tötungsphantasie hinaus. Auch die Reitlersche Diagnose „Phobie mit 
Zwangsvorstellungen" ist nicht aufrecht zu erhalten. Viele Selbstmordphantasien 
sind durchaus nicht ichfremd und zwanghaft und viele treten ohne Schulphobie 
auf. Reitler macht darüber aber die wichtige Bemerkung, daß das Schul- 
stürzen (Schwänzen) durchaus nicht immer Zeichen von Freiheits- und 
Lebenslust ist, sondern direkt phobisch sein kann. Solche Knaben können die 
neurotische Schulangst nicht überwinden; sie leben dann meist in geheim 
gehaltener Selbstmordstimmung. Familie und Lehrer müssen bei ihrem Vor- 
gehen an diese Möglichkeit denken und dann ihre Pflicht zur Selbstmord- 
prophylaxe erfüllen. 

„Wenn alle Menschen, die je einmal im Leben von Selbstmordzwangs- 
ideen gequält wurden, diesen Impulsen auch tatsächlich Folge gegeben 
hätten, dann . . . wäre alle Kultur geradezu vernichtet, denn die Kultur- 
träger hätten sich ja alle getötet, und der zurückbleibende Rest bestände 
bloß aus der großen undifferenzierten Menge konflikt-, skrupel- und hem- 
mungsloser Individuen." Nicht wenige teilen diese Ansicht Reitlers. Referent 
meint, sie seien durch das ihnen begegnende Beobachtungsmaterial getäuscht. 
Vielen gar nicht undifferenzierten, und zwar kämpfenden, hoch kultivierten 

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Menschen ist die Selbstmordphantasie wesensfremd und unbekannt. Auch 
soll man die gelegentliche Sehnsucht nach der Kampflosigkeit und Ruhe 
von der Selbsttötungsidee unterscheiden. 

Friedjung berichtete einen lehrreichen Fall; nur ein Mensch kannte 
den tatsächlichen Selbstmordgrund. Die ganze Umgebung nahm unbedenk- 
lich unglückliche Ehe als Motiv an. Man konnte daran die Wertlosigkeit 
aller Statistik in dieser Frage erkennen. Nur die genaueste Kenntnis der 
Vorgeschichte erlaubt ein Urteil über die bewußte, geschweige die unbe- 
wußte Motivierung. „Sie ist aus dem Leben geschieden, weil er (der noch 
immer geliebte frühere Bewerber) für sie nichts, nicht einmal etwas Zeit 
übrig hatte." Damit gibt Friedjung eine Illustration für die Ansicht des 
nächsten Redners, Sadgers: „Und hier möchte ich aus meiner Erfahrung 
den Satz aufstellen: ,D a s Leben gibt nur jener auf, der Liebe 
zu erhoffen aufgeben mußte.' Gewöhnlich läßt eine aktuelle Ent- 
täuschung an aller Liebeserfüllung verzweifeln. Die Statistik gibt aber viel 
weniger als 100 Prozente Liebesenttäuschung bei den Selbstmördern an. 
Die Widerstände der Untersucher fälschen nämlich diese Ergebnisse. Man 
übersieht bewußt und unbewußter Weise das Sexuelle. Heute, da die Sexualität 
ein freies, in ästhetischer Hinsicht oft zu freies Unterhaltungsthema ge- 
worden ist, würde man das nicht glauben. Es kommt aber bei den Unter- 
suchungen dieser Art nicht auf die Mode, sondern auf die innere Freiheit 
an, oder analytisch ausgedrückt, auf die Widerstandslosigkeit gegenüber 
den eigenen bewußten und unbewußten Motiven. Der alten Haltung der 
Kirche und Gesellschaft ist noch die Individualpsychologie als Mittel der 
Rationalisierung entgegengekommen, damit die sexuelle Motivierung ver- 
hüllt und übersehen werde. Auch heute „lügen", wie Sadger es ausdrückte, 
„die Menschen über nichts so oft und so hartnäckig als über die Äußerungen 
ihres Geschlechtstriebes." Interessant ist. was Sadger bei rezidivierenden 
Anfällen tiefster Schwermut, die den Gedanken an Selbstmord nahelegte, 
fand. „Es ließ sich durch die Psychoanalyse erweisen, daß jede einzelne 
Schwermutsattaque von sexuellen Gründen ausgelöst wurde." . , „Neben 
dem konstitutionellen Faktor, . . . konnte ich an allen Fällen sexuelle 
Motive mindestens als unmittelbar auslösend stets aufzeigen." . . . „Ja, 
sogar die Psychosen bilden ein glänzendes Beispiel dafür. Nicht umsonst 
ist die Selbstmordpsychose kat'exochen, die Melancholie, eine Alterserkran- 
kung, von Menschen also, die selber Minderung ihrer eigenen Liebesfähig- 
keit wahrnehmen, und auch von andern keine Liebe mehr zu erhoffen 

haben . . ." 

Bei der Würdigung der sexuellen Motivierung darf die Homosexua- 
lität nicht vergessen werden, besonders nicht bei den Pubertätskonflikten. 
Auch dieser Autor sieht die Hauptquelle des Selbtmordes in der sexuellen 
Abwehr trotz drängendem Liebesverlangen. Die Abwehr wird oft zum Sexualekel, 
und bedingt dann besonders eine stumme Verschlossenheit gegenüber den 
Eltern. „Von Tag zu Tag entfremden sich die Kinder mehr den Eltern, 

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seit ihnen die Augen geöffnet wurden." Sa dg er rügt die Unzulänglich- 
keit des Vaters und der Lehrer gegenüber der Aufgabe, das herzliche Ver- 
trauen zurückzugewinnen. Er dürfte sich seither selbst überzeugt haben 
daß es nicht nur Mangel an Verständnis und Güte sind, sondern daß ge- 
rade die Beziehung der Nächsten zum Kinde die Aufgabe noch mehr er- 
schwert. Der bisher unbekannte Heilpädagoge oder Seelenarzt ist mehr dazu 
berufen, schon deshalb weil, — wie Sadger nun ausführt, — die Liebesbezie- 
hung zum Lehrer selbst mit eine Ursache der Verstimmung zu sein pflegt 

Plötzliches Versagen in der Schule ist besonders während der Pubertät 
meist auf schwerste Sexualnot zurückzuführen. Die erotischen Konflikte 
werden selten erkannt, noch seltener anerkannt, zu selten findet der faul 
gewordene Schüler Verständnis und Geduld, am seltensten Wärme. „Muß 
aber der . . . auch auf des Professors Neigung noch verzichten, dann gibt 
das nicht selten den letzten Ausschlag zum Verzweifeln . . . Entscheidend 
. . . bleibt einzig nur die unerwiderte Liebe . . . Wenn unsere Professoren 
liebreicher geworden, weil die Seele des Knaben besser verstehend, dann 
werden auch die Schülerselbstmorde weit seltener zu beklagen sein." Diese 
Forderung ist, wie gesagt, heute besser erfüllt, als vor zwanzig Jahren. 

St ekel (damals noch der Psychoanalytischen Vereinigung angehörend) 
führte aus, nicht an den philosophischen und konsequenten Selbstmord zu 
glauben; er will auch nicht vom Selbstmord als begreifbaren Ausweg aus 
unmöglichen Bedingungen sprechen, sondern von der Häufung der Selbst- 
morde kaum Erwachsener, „die oft noch halb Kinder sind, die plötzlich 
unvermutet aus einer scheinbar geringfügigen Ursache ... dem Leben ein 
Ende machen". . . . „Es ist ein wohlfeiler Ausweg, wenn wir, um unser 
Gewissen zu entlasten, einfach sagen, es habe sich bei allen Selbstmördern 
um Kranke gehandelt, um psychisch Minderwertige, um die es ohnehin nicht 
schade war". ... Die Schule hält auch St ekel nur für ein auslösendes 
Moment. 

„Für den Kinderselbstmord gilt dasselbe wie für den des Erwachsenen. 
Er ist eine Strafe, die der aus dem Leben Scheidende an sich selbst voll- 
zogen hat. Das Prinzip des Talion scheint mir dabei die Hauptrolle zu 
spielen. Niemand tötet sich selbst, der nicht auch andere 
töten wollte oder zum mindesten einem andern den Tod 
gewünscht hatte." Dazu möchte Referent bemerken, daß bei der von 
Freud hervorgehobenen Ubiquität der Todeswünsche damit nicht viel erklärt 
ist, nämlich nichts darüber, weshalb „die Selbstmörder" so weit gehen, daß 
sie sich für ihre Todeswünsche oder Töten-Wollen zur Todesstrafe verurteilen 
(oft wieder begnadigen), wo andere nur Zwangssymptome entwickeln, andere 
mit Freude an Grausamkeit oder zum Menschenhaß sich Genüge sein lassen 
andere verbrecherisch werden und die Meisten (?) Mitleid und Menschen- 
liebe reaktiv als Charaktereigenschaften bilden. Stekel hebt aber immerhin 
mit diesem Satze den von ihm originell gefundenen Zusammenhang zwischen 
Mordwunsch und Selbstmordimpuls hervor. 

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Ein weiteres Motiv ist auch nach Stekel die Rache an den Eltern: Bei 
Gelegenheit infantiler Erkrankungen oder Gefährdungen hat jedes Kind die 
Erfahrung gemacht, wie teuer ihr Leben den Eltern sei. Im Konflikt- und 
Kränkungsfalle „wollen die Kinder den Eltern den höchsten teuersten Besitz 
rauben, das Leben der Kinder. . . . Die an sich vollzogene Strafe ist also 
zugleich die Bestrafung des vermeintlichen Urhebers ihrer Leiden". 

Nach richtigen Ausführungen über den hemmenden Einfluß tiefer und 
wahrer Religiosität spricht Stekel vom chronischen Selbstmord, durch neur- 
otische Nahrungsverweigerung und Erbrechen oder durch bewußte und un- 
bewußte Förderung von Krankheiten bei Erwachsenen und Kindern. 

Weiter teilt Stekel seine Erklärungen mit, weshalb in kinderreichen 
Familien der Selbstmord seltener sei, als in kinderarmen. Heute fehlen für 
dieses jetzt so viel erörterte Thema die Vergleichsobjekte, wenigstens für die 
gleichen Menschengruppen und sozialen Schichten. Für die Frage des Haupt- 
motivs teilt Stekel Sadgers Ansicht, daß nur solche Menschen sich töten, 
die keine Liebe mehr zu erwarten haben, oft erst, weil der Konflikt zwischen 
Angst vor der Liebe und dem Verlangen nach ihr, zwischen Moralität und 
Liebeslust, also zwischen Verdrängung und Trieb keinen andern Ausweg 
lassen. „Selbstmorde haben sehr häufig mit Inzestgedanken, welche ja die 
Quelle der tiefsten Schuldgefühle sind (Freud), zu tun'". Damit hängen 
Sexualablehnung und Verweilen bei der Onanie zusammen. An vier Analysen 
zeigt der Autor, wie der Selbstmord nach dem Aufgeben der Onanie, also 
nach dem Verzicht auf bewußte und unbewußte Inzestphantasien impulsiv 
wurde. Es ist für weite Kreise noch nicht veraltet, was von einer frigiden 
Frau berichtet wird. Sie wurde erst suizidgefährlich, als sie nach schadlos 
vertragener Selbstbefriedigung diese unter dem Eindruck der Lektüre eines 
ärztlichen Aufsatzes aufgab. Schon Havelock Ellis hat ähnliches berichtet. 
Oft steigert sich der Ekel vor der Onanie zum Weltekel. Schuldgefühle un- 
bewußter Art sind daher die Hauptquellen des Selbstmordes. 

Seither ist der Einfluß der unbewußten Motive, die das Leben bekämpfen, 
auf den Verlauf organischer Krankheiten unter der Anregung von Freud 
zuerst von Felix Deutsch und dann von vielen Autoren mehr als wahr- 
scheinlich gemacht worden. Die Freud sehen Analysen von Unglücksfällen 
als Fehlhandlungen gehören gleichfalls hierher. 1 So ragt der Selbstmord nur 
mehr als bewußte, absichtliche Tötung vor den vielen Formen verdrängter, 
unbewußter Selbstschädigung hervor. Die Ichgerechtheit der Selbstvernichtung 
ist daher das eine Problem, die Motive der Selbstschädigung und Tötung über- 
haupt nach ihrer Dignität zu erkennen, das zweite. 

Im Gegensatz zu den bewußten Motiven des Selbstmordes, die allgemein 
bekannt sind, die der statistischen Bearbeitung unterliegen, hat die Psycho- 
analyse die unbewußten als die wichtigeren erkannt. Wie wir sahen, wurden 
viele in der Diskussion erwähnt. Sie stehen nicht immer im Gegensatz zu 

1) S. Freud, „Zur Psychopathologie des Alltagslebens", Ges. Schriften, IV. S. 198 
bis 208. 

-341 — 



den bewußten, werden aber von diesen immer überdeckt. Zur Vervoll- 
ständigung der Diskussion will ich aus andern Arbeiten Freuds einige 
Stellen über dieses Thema anführen. 

In der Arbeit über die Psychogenese der weiblichen Homosexualität 
(Ges. Schriften, V. 330) wird ein Selbstmordversuch analysiert. Als bewußtes 
Motiv gab die Patientin an, daß sie fürchtete, die Geliebte nicht mehr 
sehen zu dürfen. Sie hatte sich in den Stadtbahngraben gestürzt. Die Analyse 
deckte eine andere tiefere Deutung auf und konnte sie durch die gedeuteten 
Träume stützen. „Der Selbstmordversuch war, wie man erwarten konnte 
noch zweierlei: eine Straf erfüllung (Selbstbestrafung) und eine Wunsch- 
erfüllung. Als letztere bedeutete er die Durchsetzung jenes Wunsches, dessen 
Enttäuschung sie in die Homosexualität getrieben hatte, denn nun kam 
sie durch die Schuld des Vaters nieder." Eine Anmerkung hiezu lautet: 
„Diese Deutung der Wege des Selbstmordes durch sexuelle Wunscherfül- 
lungen sind längst allen Analytikern vertraut. (Vergiften = schwanger 
werden; ertränken = gebären; von einer Höhe herabstürzen = nieder- 
kommen.) . . . „Als Selbstbestrafung bürgt uns die Handlung des Mädchens 
dafür, daß sie starke Todeswünsche gegen den einen oder andern Elternteil 
in ihrem Unbewußten entwickelt hatte. Vielleicht aus Rachsucht gegen den 
ihre Liebe störenden Vater, noch wahrscheinlicher aber auch gegen die 
Mutter, als sie mit dem kleinen Bruder schwanger ging. Denn die Analyse 
hat uns zum Rätsel des Selbstmordes die Aufklärung gebracht, daß viel- 
leicht niemand die psychische Energie sich zu töten findet, der nicht 
erstens dabei ein Objekt mittötet, mit dem er sich identifiziert hat, und 
der nicht zweitens dadurch einen Todeswunsch gegen sich selbst wendet 
welcher gegen eine andere Person gewendet war. Die regelmäßige Aufdeckung 
solcher unbewußter Todeswünsche beim Selbstmörder braucht übrigens 
weder zu befremden, noch als Bestätigung unserer Ableitungen zu imponieren, 
denn das Unbewußte aller Lebenden ist von solchen Todeswünschen, selbst 
gegen sonst geliebte Personen übervoll. In der Identifizierung mit der 
Mutter, die an der Niederkunft mit diesem, ihr (der Tochter) vorenthal- 
tenen Kinde hätte sterben sollen, ist aber diese Straferfüllung selbst wieder 
Wunscherfüllung. Daß die verschiedensten starken Motive zusammenwirken 
mußten . . . ,wird unserer Erwartung nicht widersprechen." Freud hebt 
auch den Gegensatz zwischen der bewußten und unbewußten Motivierung 
hervor. Das Mädchen erwähnte gar nicht den Vater und die Angst vor seinem 
Zorn, in der unbewußten Motivierung fiel ihm die Hauptrolle zu. 

Diese — eigentlich psychoanalytische — Erfassung der Zusammenhänge 
bringt schon eine Stelle aus dem Jahre 1896 (Zur Ätiologie der Hysterie, 
Ges. Sehr. I. S. 434). „Nicht die letzte . . . Kränkung ist es, die den 
Selbstmordversuch erzeugt, mit Mißachtung des Satzes von der Proportionalität 
des Effekts und der Ursache, sondern diese kleine aktuelle Kränkung hat 
die (sc. verdrängten; Ref.) Erinnerungen so vieler und intensiverer früherer 
Kränkungen geweckt und zur Wirkung gebracht, hinter denen allen noch 

- 342 — 



die Erinnerung an eine schwere, nie verwundene Kränkung im Kindes- 
alter steckt." In dem „Bruchstück einer Hysterieanalyse" wird die Selbst- 
morddrohung durch unbewußte Identifizierung mit der Frau, deren Liebes- 
beziehung die Kranke selbst sich wünschte, und mit der Mutter, analytisch 
erklärt; der verdrängte Liebeswunsch kommt mit dem bewußten Wunsch 
nach Rache zur Geltung. In dem analysierten Falle einer Zwangsneurose 
(Ges. Sehr. VIII. S. 297) sind die häufigen zwanghaften Selbstmordimpulse, 
die geradezu als Gebot auftraten, unmittelbare Strafgebote für den Todes- 
wunsch gegen eine bestimmte Person. Der Todeswunsch war nicht zwang- 
haft, mehr ein spielerischer Einfall. Aber vom Bewußtsein nicht erfaßt, 
bestand eine ungeheure Wut gegen die betreffende Person, welche die 
Schwere der Sühne erst verständlich machte. 

Über die Selbstmordgefahr bei den beiden wichtigsten Neurosen sagt 
Freud in „Das Ich und das Es" (Ges. Schriften VI. 599): „Es ist im 
Gegensatz zur Melancholie bemerkenswert, daß der Zwangskranke eigentlich 
niemals den Schritt der Selbsttötung macht, er ist wie immun gegen die 
Selbstmordgefahr, weit besser dagegen geschützt als der Hysteriker. Wir ver- 
stehen, es ist die Erhaltung des Objektes, welche die Sicherheit des Ichs 

verbürgt." 

In diesem Werke wird die Richtung der Aggression gegen das eigene Ich 
auf Grund der neuen Erkenntnisse über Triebentmischung, Regression und 
Ichstruktur nochmals erörtert: „Wenden wir uns zunächst zur Melancholie, 
so finden wir, daß das überstarke Über-Ich, welches das Bewußtsein an sich 
gerissen hat, gegen das Ich mit schonungsloser Heftigkeit wütet, als ob es 
sich des ganzen im Individuum verfügbaren Sadismus bemächtigt hätte. Nach 
unserer Auffassung des Sadismus würden wir sagen, die destruktive Kom- 
ponente habe sich im Über-Ich abgelagert und gegen das Ich gewendet. 
Was nun im Über-Ich herrscht, ist wie eine Reinkultur des Todestriebes und 
wirklich gelingt es diesem oft genug, das Ich in den Tod zu treiben, wenn 
das Ich sich nicht vorher durch den Umschlag in Manie seines Tyrannen 

erwehrt". 

Nach der Erörterung der Triebverteilung bei der Zwangsneurose sagt 
Freud: „Es ist merkwürdig, daß der Mensch, je mehr er seine Aggression 
nach außen einschränkt, desto strenger, also aggressiver in seinem Ichideal 
wird. Der gewöhnlichen Betrachtung erscheint dies umgekehrt, sie sieht in 
der Forderung des Ichideals das Motiv für die Unterdrückung der Aggression. 
Die Tatsache bleibt aber, wie wir sie ausgesprochen haben: Je mehr ein 
Mensch seine Aggression meistert, desto mehr steigert sich die Aggressions- 
neigung seines Ideals gegen sein Ich. Es ist wie eine Verschiebung, eine 
Wendung gegen das eigene Ich. Schon die gemeine, normale Moral hat den 
Charakter des hart Einschränkenden, grausam Verbietenden. Daher stammt 

ja die Konzeption des unerbittlich strafenden höheren Wesens" Die 

Todesangst der Melancholie läßt nur die eine Erklärung zu, daß das Ich 
sich aufgibt, weil es sich vom Über-Ich gehaßt und verfolgt anstatt geliebt 

— 343 — 



fühlt. Leben ist also für das Ich gleichbedeutend mit Geliebtwerden, vom 
Über-Ich geliebt werden . . . ." „Das Über-Ich vertritt dieselbe schützende 
und rettende Funktion, wie früher der Vater, später die Vorsehung oder das 
Schicksal. Denselben Schluß muß das Ich aber auch ziehen, wenn es sich in 
einer übergroßen, realen Gefahr befindet, die es aus eigenen Kräften nicht 
glaubt überwinden zu können. Es sieht sich von allen schützenden Mächten 
verlassen und läßt sich sterben". 

In diesem Satze liegt das Problem des oder vielmehr der Selbstmorde aus- 
gesprochen. Die Diskussion konnte vor zwanzig Jahren zwar Motivierungen 
finden, aber die Vorgänge im Selbstmörder nicht richtig beschreiben, noch 
verstehen. Nicht nur die psychoanalytischen Motivierungen, auch die Freud'sche 
Lehre der Ichstruktur, muß — noch weiter fortgeschritten, den Beobachtungen 
sowohl, als den Erklärungen, und wohl auch der Therapie des Selbstmordes 
zugrunde gelegt werden. 

llllllllllllillllllllllllllllllllllllllllillllllllllllilllllllillllllllllH 

Gespräche mit einer Mutter über Selbstmord 

Von Dr. med. Heinrich Meng (Frankfurt a. M.) 

„Was mich heute zu Ihnen führt, sind folgende Fragen. Ich möchte gerne 
wissen, ob Selbstmord ein Zeichen von Krankheit ist oder ob bei richtigem Ver- 
halten der Angehörigen Selbstmorde vermeidbar sind, insbesondere, ob die Er- 
ziehung etwas dagegen vermag. Sind, wenn Selbstmorde bei den Vorfahren 
verhältnismäßig häufig stattfanden, ihre Nachkommen mit Selbstmordnei<r Unff 
belastet? Können auch solche stärker bedrohten „Selbstmordfamilien" durch 
Maßnahmen (und von welcher Art?) geschützt werden?" 

„Sie erzählen mir vielleicht den Anlaß, der Sie zu all den Fragen kommen 
läßt. Ich kann, daran anknüpfend, meine Antwort besser verständlich machen." 
„Mein Vetter Z. — Sie kannten ihn nicht — erschoß sich vor kurzem. Er 
war 36 Jahre alt, ein begabter Jurist, er hatte mit Auszeichnungen seine Prüfung 
gemacht, konnte sich allerdings nicht entschließen, in die freie Praxis zu gehen 
machte kürzlich noch die philosophische Doktorprüfung und arbeitete als Assistent 
bei dem Philosophen X. Zwei Monate nach dessen Tode erschoß sich mein 
Vetter; äußere Ursachen sind uns nicht bekannt. Er lebte in guten Verhältnissen 
und hat niemals geäußert, daß er einen Selbstmord plane." 

„Erzählen Sie bitte, was Sie über das Leben von Herrn Z. wissen." 
„Er war als Kind fröhlich und witzig, ein guter Schüler, nur selten — seelisch 
gedrückt; wir vermuten, daß der Krieg seine Persönlichkeit gewandelt hat. Er 
stand im Feld, machte zahlreiche Schlachten mit, war später Lazarettverwalter 
und erlebte in seinem Lazarett eine schwere Vergiftung mehrerer Insassen. Die 
Sache ging so zu: er gab Fleischbüchsen aus, kostete auch aus einigen Büchsen- 
trotzdem brach anschließend an den Genuß des Fleisches eine Erkrankung aus 

— 344 — 



der ein Verwundeter zum Opfer fiel. Z. machte sich die schwersten Vorwürfe, 
daß er den Tod des Mannes verschuldet habe und unterstützte bis zu seinem 
eigenen Tode die Witwe des Verstorbenen. Die damalige Untersuchung ergab, 
daß Z. unschuldig war, eine Reihe anderer Soldaten hatten auch aus der Büchse 
gegessen, sie erkrankten unter leichten Symptomen, man stellte bei der Sektion 
des Verstorbenen fest, daß Typhus Todesursache war. Z. hielt aber so stark an 
der Meinung fest, er sei der Mörder jenes Soldaten, daß wir ihn nie vom 
Gegenteil überzeugen konnten. Nach dem Kriege war er vorwiegend wissen- 
schaftlich tätig, zeitweise verstimmt, dabei häuften sich verschiedene Selbstvor- 
würfe. Nachdem er den philosophischen Doktor hatte, entdeckte er an der Disserta- 
tion einen kleinen Fehler und konnte sich ähnlich wie bei dem Tode des Sol- 
daten gedanklich kaum mehr frei machen von der Vorstellung, daß dieser Fehler 
unabsehbare Folgen in sich schloße. Er erzählte meinem Mann, daß er eigent- 
lich den Titel nicht tragen dürfe, weil dieser Fehler die ganze Arbeit entwerte. 
Obiektiv liegt die Sache so, daß eine seiner Schlußfolgerungen durch einen 
falschen Literaturnachweis unsicher ist. Im übrigen war die Arbeit einwand- 
frei. Um sich zu erholen, reiste er auf den Rat eines befreundeten Arztes vier 
Wochen vor dem Selbstmord mit seiner Schwester aufs Land, einige Tage nach 
der Rückkunft erschoß er sich, ohne etwas über die Motive zu äußern. Man fand 
lediglich einen Zettel, auf dem das Wort Nietzsches stand: „Viele sterben zu spät 
und einige sterben zu früh. Noch klingt fremd die Lehre: stirb zur rechten Zeit." 
„Erzählen Sie doch noch etwas über seine Familienverhältnisse." 
„Er lebte stets und sehr nah mit seiner Familie zusammen. Er war nicht ver- 
heiratet. Während er noch Kind war, starb der Vater, er hatte eine Schwester, die 
Mutter starb zwei Jahre vor dem Selbstmord. Er hing sehr an Mutter und 
Schwester, reiste möglichst nicht ohne beide oder ohne eines von beiden. Er 
war stets ein mustergültiger Bruder und Sohn. Als man ahnte, er hätte sich 
selbst das Leben genommen, suchte ihn seine Schwester am Grabe der Mutter, 
weil sie annahm, er hätte sich dorthin geflüchtet. Ihre Meinung war unrichtig, 
er hatte sich an einer einsamen Stelle des Waldes erschoßen und zwar durch 
einen Herzschuß." 

„Könnten sie mir noch einige Bemerkungen mitteilen, die er während seiner 
Verstimmungen machte?" 

„Außer den Skrupeln wegen des Soldaten und wegen seiner Doktorarbeit 
sprach er oft davon, er würde sicher den Verstand verlieren und müßte des- 
halb in die Irrenanstalt. Er ließ sich immer wieder ärztlich untersuchen, der 
Arzt versuchte ihn davon zu überzeugen, daß keinerlei Anlaß vorläge für eine 
Nerven- oder Geisteskrankheit. Man stellte die Diagnose „Hypochondrie" und 
schlug ihm vor, für einige Zeit seine wissenschaftlichen Arbeiten zu unterbrechen 
und sich abzulenken." 

„Wir hatten unser letztes Gespräch » mit der Besprechung über das Problem 
„Angst und Liebe" geschlossen. Ich sagte Ihnen damals, anschliessend an die selt- 

1) Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik, Jahrgang I, S. 107 ff. 

-345 — 



same Geschichte des romantischen Hohenstaufenkaisers Friedrich IL, daß ein 
äußeres Anzeichen von ungelösten inneren Konflikten Angst sein könne, und daß 
sowohl Kinder wie Erwachsene an Angst sterben könnten. Ihre heutige Fra«-e 
schließt sich doch enger an jenes Problem an, als Sie zunächst wissen." — 

„Ich glaube zu verstehen, was Sie meinen, vor allem bei den Schüler- 
selbstmorden ist das ja oft zu spüren, daß ein Kind mit seiner Angst nicht 
fertig wird und Selbstmord begeht. — " 

„Wir werden sicher später die Frage des Selbstmordes von Jugendlichen bespre- 
chen. Die Erforschung der tieferen Beweggründe zum Selbstmord ist erst in der* 
letzten Jahrzehnten möglich, seitdem Biologie und Psychologie wesentliche Fort- 
schritte machten, und seitdem das Problem des Selbstmordes nicht mehr als vorwie- 
gend religiöses Problem betrachtet wird. Zunächst die Frage der „Erblichkeit". 
Freud konnte zeigen, daß viele Krankheitszustände und Eigenheiten weniger als- 
man annahm, vererbt und weit mehr erworben sind. Man weiß, daß selbst wenn, 
tatsächlich eine Gruppe seelischer Leiden in einer Familie gehäuft auftritt, nicht 
diese Art von Leiden vererbt wurde, sondern daß die Kinder schon sehr früh 
nachhaltige Eindrücke verstimmter und kranker Eltern und Verwandter emp- 
fangen haben, das geschieht um so leichter, weü nicht selten depressive Typen 
sich gerade mit depressiven Persönlichkeiten verheiraten. Dann müssen ganz 
schwere Milieuschädigungen der Heranwachsenden entstehen. Nur eine kleine 
Anzahl von Selbstmördern sind Geisteskranke, die meisten fallen in die Gruppe 
der „Psychopathen". Bei den seelischen Abweichungen vom Normalen, die man 
unter Psychopathie zusammenfaßt, spielen triebhaft bedingte Reaktionen die 
Hauptrolle. Haltlose, abnorm erregbare Menschen, Streitsüchtige, deren Trieb- 
erziehung mißlang, und deren Anpassung an die Umwelt mangelhaft ist, gehören 
vorwiegend hierher." 

„Herr Z. machte keineswegs den Eindruck, als ob er haltlos, streitsüchtig 
oder abnorm erregbar wäre, ganz im Gegenteil, er schien ausgezeichnet ange- 
paßt an seine Umwelt, litt allerdings sehr viel unter seiner eigenen seelischen 
Veranlagung." 

„Ich kann nachträglich keineswegs eine sichere Diagnose stellen, wahrscheinlich 
aber handelte es sich um einen Menschen, der zeitweise Depressionen hatte 
deren Ursache erst eine feinere Untersuchung, vor allem seiner unbewußten 
Konflikte hätte feststellen können. Er hatte deutliche Züge von Zwang. 
Angst, den Verstand zu verlieren, wird von vielen geklagt. Über die Entstehung 
des Symptoms wissen wir aus der Psychoanalyse mancherlei. Das Symptom 
entpuppt sich recht oft als Reaktion des Ichs auf unbewußte Schuldgefühle, die 
der Mensch als Kind erlebt und nicht überwunden hat. Die meisten der kind- 
lichen Schuldgefühle, die später unbewußt sind, hängen mit Konflikten zusammen 
die der Kampf, sich den Anforderungen der Kultur anzupassen, auslöst. Verpönte 
Sexualregungen, Vorwürfe wegen Onanie, Bedrohungen, daß das Kind die Liebe 
der Eltern verliert, wenn es frühkindliche Gewohnheiten nicht aufgibt, spielen 
eine führende Rolle. — " 

„Sie meinen also, daß Z. schon als Kind stark unter inneren Schuldgefühlen 

— 346 — 



litt? Es ist mir allerdings nie bekannt geworden, daß er als Kind innerlich 
gedrückt war oder Skrupel hatte wie später. Liegt Verdacht vor, daß er schon 

damals mit Selbstmord-Ideen spielte?" 

„Selbstmord-Phantasien hat jeder Mensch, genau so wie er Mordphantasien 
hat. Bei den schweren Anpassungsversuchen an die Umwelt bäumt sich in der 
Seele des Kindes immer wieder eine Macht auf, die sich gegen Kultur und 
Sitte wehrt und phantasiert, lieber unterzugehen, als sich anzupassen. Eine 
andere Macht ist gleichzeitig wirksam, sie mobilisiert alle verfügbaren Kräfte, 
um aus dem Kind einen Erwachsenen zu machen mit all den Eigenschaften, 
die verehrte Erziehungspersonen haben. Wie ein Tier oder ein Primitiver wehrt 
sich jede dieser Mächte und scheut in der Phantasie weder vor Mord noch 
Selbstmord zurück, um sich durchzusetzen. Nur selten gelingt es einer Phantasie, 
sich zu realisieren. Eine Reihe von Fehlhandlungen und Selbstschädigungsversuchen 
von Kindern sind in diesem Sinne zu deuten. Die Psychoanalyse konnte sehr 
oft nachweisen, daß viele, die Hand an sich legten, eigentlich die Absicht hatten, 
andere zu töten. Bei depressiven Erwachsenen, auch solchen mit zwanghaften 
Symptomen, spielen vor allem Triebhemmungen eine Rolle, die wir als sadistisch 
und masochistisch kennen. Wenn ihre Sublimierung und gesunde Reaktions- 
bildungen mißlangen, so wenden sie sich in bestimmten Impulsen gegen das 
eigene Ich und finden dabei die Billigung des eigenen Gewissens. Jeder Mensch 
trägt ja Richter und Angeklagten in sich. Der reife Mensch nimmt beider An- 
sprüche so gut wahr, daß es zum gerechten Freispruch kommen kann. Der 
seelisch Kranke hat die größten Schwierigkeiten, daß Richter und Angeklagter 
sich verständigen, wahrscheinlich war bei Herrn Z. der eigene Richter, den wir 
psychoanalytisch als „Über-Ich" bezeichnen, so grausam, daß er an jenem ver- 
hängnisvollen Tag das Fazit zog und ein Todesurteil aussprach." 

„Hätte man, falls Ihre Annahme zutrifft, durch Psychoanalyse den Selbstmord 

verhindern können?" 

Nachträglich kann man diese Frage weder mit Sicherheit bejahen, noch 
verneinen. Jedenfalls war die angeratene Therapie unzulänglich. Wenn Herr Z. 
sich immer wieder selbst Vorwürfe machte, hätte er nie durch Ausspannung diese 
Selbstvorwürfe verlieren können. Keine Mastkuren noch Entfettungskuren haben 
einen Einfluß auf den Ablauf seelischer Vorgänge, deren Entstehung mit der 
Vorgeschichte der Triebentwicklung zusammenhängt. 

Die Ergebnisse der Psychoanalyse von Kindern lehren, daß es nicht selten 
gelingt, durch geschickte psychoanalytische pädagogische Beeinflussung die An- 
passung seelisch gefährdeter Kinder wesenÜich zu erleichtern und die Kraft des 
Richters und des Angeklagten im Kind so zu beeinflussen, daß eine geschlossene 
Persönlichkeit entsteht. Die Analysen erwachsener Depressiver lassen oft die Er- 
lebnisse, die zu den Skrupeln führten, aufdecken und so verarbeiten, daß eine 
Nachreifung stattfindet. Hierbei stellt sich heraus, daß auch fröhliche Kinder, die 
später deutliche Depressionen aufweisen, früher Zeiten durchmachten, in denen 
sie unter Angst, Neigungen zu Grübeleien und zu Absonderlichkeiten litten, die 
die Erwachsenen meist als Trotz ansprachen. Vor allem ist die Unkenntnis vieler 

— 347 - 



Erzieher über die normale Triebentwicklung schuldig, daß sie mit zu großer 
Strenge oder zu großer Liebe erziehen". 

„Sie sprachen von der Angst. Welche Beziehung besteht eigentlich zwischen 
Angst und Sexualität des Kindes?" 

„Jedes Triebwesen, das gehemmt wird in Erfüllung seiner Triebwünsche ent- 
wickelt Angst. Die Leidenschaftlichkeit und Liebe des Kindes, die wegen Forderungen 
der Kultur und Sitte sich nicht auswirken können, tragen zur Angstentstehung bei 
ebenso der Kampf zwischen dem Gewissen, das sich als Über-Ich allmählich bildet 
und den Forderungen der Triebe, die keinerlei Erziehung wünschen. Außer an 
der Reinlichkeitsgewöhnung wird an der Onanieabgewöhnung mancher Eingriff 
vorgenommen, der die Angst unnötig steigert. Nicht nur die Drohungen, dem 
Kind alle Liebe zu entziehen, auch die angedeuteten Möglichkeiten, das Kind 
körperlich zu verletzen, wenn es nicht folgsam ist, schädigen die normale Trieb- 
entwicklung und vermehren damit die Angstentstehung. Wir stoßen hier auf die 
Wirkung der Ödipus-Situation jedes Kindes und auf die Folge von Kastrations- 
drohungen. Viele Erzieher nützen die kindliche Angst aus, in der Annahme daß 
das geängstigte Kind sich rascher einfügt und allmählich anpaßt, als das nicht 
geängstigte. Wo Angsterregungen als Motive wirken, entsteht beim Kind zwang- 
haftes Ausweichen in der einen Richtung und zwanghaftes Festhalten in der 
andern, der Wille ist innerlich zerrissen und unsicher, nur äußerlich fest. Das 
Kind erntet aus der Situation eine Fülle von Schuldgefühlen. Es paßt sich so 
ausgezeichnet dieser Art von Erziehung an, daß es sich später sehr oft zurück- 
sehnt nach Strafe und autoritativer Gewalt. Ein Teil der Angst wandelt sich in 
Schuldgefühle, die Befreiung davon wird als Pflichtgefühl empfunden, beide aber 
sind weniger oder mehr zwanghaft. Sehr oft mißlingt solchen Menschen die 
normale Loslösung vom Elternhaus, und sie sind unfähig, ihr Eigenleben und 
ein eigenes Familienleben aufzubauen". 

„Sie vermuten vielleicht, daß Herr Z. in seiner beruflichen Produktivität und 
wissenschaftlichen Verselbständigung unter der Bindung an Mutter und Schwester 
gelitten hat? Mir fällt übrigens ein, daß wir Verwandte ab und zu davon sprachen, 
daß er zu seiner Mutter oder Schwester ähnlich stand, wie wenn sie seine Frau 
wäre. Auch im späteren Alter hat er öfters unterwegs, wenn kein zwingender 
Grund vorlag, mit Mutter oder Schwester in einem Zimmer übernachtet". 

„Wahrscheinlich hat Z. anschließend an den frühen Tod des Vaters sich enger 
an Mutter und Schwester angeschlossen, als andere Kinder und zum mindesten im 
Unbewußten versucht, der Mutter den Mann und der Schwester den Vater zu 
ersetzen. Es wird kein Zufall sein, daß er sich nach Abschluß seines Studiums 
so schwer von den Vater-Ersatzpersonen trennen konnte, die seine Lehrer waren 
und es wird auch kein Zufall sein, daß er nach dem Tode der Mutter und nach 
dem Tode seines geliebten Professors leichter Selbstmordphantasien verwirklichte 
als wenn beide noch gelebt hätten". 

„Mir fällt übrigens dabei ein, daß er unmittelbar nach dem Krieg einige Monate 
schwer deprimiert war, er gab immer wieder an, daß er die Vernichtung des 
alten Deutschen Reiches nicht verwinden könne". 

- 348 — 



„Vermutlich identifizierte er sich mit dem alten Deutschen Reich wie mit 
Vater, Mutter und Professor. Ihr Verlust rührte Konflikte auf, die als Kindheits- 
konflikte nicht normal erledigt waren. Diese Reaktionen haben ja mit der 
intellektuellen Einstellung nichts zu tun. Im Revolutionsjahr 1918 fanden mehrere 
Selbstmorde statt, die nur durch Identifizierung mit dem Vaterland verständlich 
sind. Richard Semon, ein bedeutender Wissenschaftler, ebenso wie Albert Ballin 
setzten aus diesen Gründen ihrem Leben ein Ende. — Es gibt Identifikationsprozesse, 
bei denen sich der Richter, andere, bei denen sich der Angeklagte der Identi- 
fikation im Ich bedient. Kleist z. B. berichtet in seinen Kriegserlebnissen folgendes : 

,Ein Bataillon Fußvolk hatte gemeutert. Es wurde entwaffnet. Im Viereck auf- 
gestellt, von schußbereiten Truppen umgeben, harrte es des Urteils, das namens des 
Kriegsgerichts der kommandierende General, ein Fürst, sprechen sollte. Dieser reitet 
langsam vor und erklärt, sie hätten allesamt den Tod verdient, doch biete er ihnen 
Gnade an, wenn sie den Rädelsführer der Verschwörung nennen wollten. Langes, 
banges Schweigen. Endlich tritt ein Soldat, ein schöner, junger Mann, vor und bietet 
sich als den Schuldigen dar, der die anderen verführt habe. Der Fürst durchschaute 
den edlen Beweggrund, der seinen Schritt geleitet hatte, darum vergab er nicht nur, 
wie er versprochen hatte, dem Bataillone, sondern auch ihm, der sich nicht geschont 
hatte. Die Fünfhundert danken auf den Knien, und die Exekutionstruppen bringen 
ein begeistertes Hoch aus. Fröhlich zieht das Bataillon ins Lager zurück. Da fällt ein 
Schuß im letzten Glied; der wirkliche Rädelsführer hatte sich selbst gerichtet. Der 
Edelmut eines schuldlosen Kameraden hatte feurige Kohlen auf sein schuldiges Haupt 
gesammelt, und das Schuld- und Schamgefühl hatte ihn in den Tod getrieben.' 

„Emil Szittya, der in seinem Buch , Selbstmörder' manche ähnliche historische 
Vorkommnisse mitteilt, gibt auch eine Ansicht von Paulsen über den Selbstmord 
von Judas Ischariot wieder: 

,Der Selbstmord eines Judas Ischariot, kommt mir vor, ist einigermaßen geeignet, 
unser Urteil über ihn zu entwaffnen. Daß er verzweifeln konnte über das, was er 
getan, zeigt, daß er nicht eine ganz gemeine Seele war. Wäre er es gewesen, so 
hätte er es anders gemacht, er hätte sein Geld verjubelt oder auch damit gewuchert 
und sich mit bewährter Brauchbarkeit und Gesinnungstüchtigkeit weitere Verdienste 
von ähnlicher Art erworben. Statt dessen sprach er sich selbst das Urteil, da ihm die 
Sühne durch ein von der irdischen Gerechtigkeit gesprochenes Urteil versagt war. 
Ist es auch nicht die rechte Sühne, so ist es doch eine Art von Sühne.' 

„Was soll wohl das Wort bedeuten, das Z. aus Nietzsches Zarathustra auf 
einen Zettel geschrieben hatte?" 

„Ohne die Einfälle des Herrn Z. zu kennen, kann man nur Vermutungen 
aufstellen. Sie wissen, daß er sich immer wieder mit dem zu frühen Tod des 
im Lazarett verstorbenen Soldaten beschäftigt hat. Wahrscheinlich litt er auch 
viel unter dem frühen Tod seines Vaters. Für das Unbewußte fehlt der Begriff 
Zeit, für den neurotisch Gebundenen sollen Vater und Mutter ewig leben, so 
ist j e d e r Tod zu früh. Sowohl die Identifikation mit den für Herrn Z. wichtigen 
Persönlichkeiten, die früher starben, als es ihm richtig schien, könnte eine Rolle 
spielen, wie auch eine Art nachträglicher Gehorsam, der aus der Tatsache der 
Lebensgemeinschaft die Todesgemeinschaft als selbstverständlich empfindet. — 
Das immer wieder erneute Erleben von Schuldgefühlen produziert das Gefühl 

Zeitschrift f. psa. Päd., III/11/13/13 349 21 



der völligen Unfähigkeit, so zu werden, wie es die verehrten Personen der 
Umwelt wünschten ; fallen sie alle weg, so verstärkt sich die innere Unsicherheit, 
und der eigentliche Sinn des Lebens wird aufgegeben, weil er nicht im Menschen 
selbst lag, sondern in Menschen seiner Umwelt. Der Selbstmord treuer Diener 
auf dem Grabe ihres Herrn ist ja bekannt." 

Vielleicht könnte man, da Sie den Selbstmord so eng mit dem Schuld- 
bewußtsein verknüpfen, annehmen, daß religiöse Menschen weniger rasch zur 
Selbstentleibung schreiten, als unreligiöse. Übrigens war Herr Z., so viel ich 
weiß, nicht sonderlich religiös, er ging, glaube ich, seit seiner Kindheit nicht 

mehr zur Kirche." 

Die Stellung von Religion und Konfession zum Selbstmord ist ganz ver- 
schieden. Es gab Zeiten, in denen der Selbstmord aus religiösen Gründen selbst- 
verständlich war, andere, in denen er als schwere Sünde bezeichnet wurde. 
Östliche Völker verhalten sich ja anders wie westliche. Der japanische Heiligen- 
kalender ist gefüllt mit Namen kanonisierter Selbstmörder, Harakiri sühnt be- 
gangene Verbreohen. In Indien warfen sich Tausende in der religiösen Ekstase 
unter die Räder der Götterwagen bei Prozessionen. Das Christentum hat ver- 
schiedene Stadien seiner Einstellung zum Selbstmord durchgemacht. Einzelne 
Kirchenväter sanktionierten beispielsweise die Selbsttötung, wenn sich dadurch 
ein Mädchen, das sich nur der christlichen Religion widmen wollte, der Ent- 
jungferung entzog, oder wenn dadurch der Abfall vom Glauben vermieden 
wurde. Allmählich wurde der Selbstmord zur Todsünde. Der Selbstmord des 
Judas Ischariot wurde unter dieser Beurteilung zu einem größeren Verbrechen 
als der Verrat an Jesus. Bei der Fülle von Motiven, bewußten und unbewußten 
die zum Selbstmord führen, ist es nicht ganz leicht, den Einfluß der Religion 
abzuschätzen. (Der Präsident Masaryk hat darüber in jungen Jahren ein Buch 
veröffentlicht; wie er fand, ist die Zahl der Selbstmorde in katholischen Gegenden 
geringer als in protestantischen. Das hängt nicht nur mit dem Katholizismus zu- 
sammen; wie sich in der Psychoanalyse zeigt, ist es zumeist der Höllenglaube, der 
vom Selbstmord abhält.) Man darf vermuten, daß, wer jede Einmischung des 
Verstandes in religiöse Fragen vermeidet, einer Reihe von Klippen entgeht, die 
für den kritisch denkenden Menschen selbstverständlich sind. Wir wissen aus 
Analysen, daß die Anpassung eines Menschen an die Umwelt als Maßstab für 
Gesundheit nicht genügt, daß der Grad seiner inneren Sicherheit ebenso wichtig 
ist. Die Geschichte lehrt, daß religiöse Menschen unter bestimmten Bedingungen 
ihre scheinbar sichere Haltung aufgeben, und daß Härte, Unduldsamkeit und 
Grausamkeit bei religiösen Menschen bei weitem nicht immer sublimiert sind. 
Die Umwandlung einer seelischen Kraft in eine andere ist ein langwieriger 
Prozeß. Die Religion hatte bisher die Aufgabe, den Urmenschen in einen Kultur- 
menschen zu wandeln, nicht erfüllt. Nietzsche meint folgendes : ,Das Christentum 
hat das z. Zt. seiner Entstehung ungeheure Verlangen nach dem Selbstmord zu 
einem Hebel seiner Macht gemacht. Es ließ nur zwei Formen des Selbstmordes 
übrig, umkleidete sie mit der höchsten Würde und den höchsten Hoffnungen 
und verbot alles andere auf eine furchtbare Weise. Aber das Martyrium und die 

-350 — 



langsame Selbstentleibung des Asketen war erlaubt.' Was hier Nietzsche von 
chronischem Selbstmord sagt, ist nun sicher ohne weiteres verständlich. Aus 
Analysen sehr frommer Menschen wissen wir, daß Religion vor Selbstmord 
nicht schützt, daß aber, wer durch eine religiöse Bindung sein inneres Schuld-, 
konto in Ordnung hält, den Selbstmord als eine so schwere Sünde empfindet, 
daß er eher krank wird, als Hand an sich zu legen, oder andere quält und 
unbewußt krank macht." 

„Was Sie bisher sagten, hat keinerlei Rücksicht genommen auf jene Motive, 
die wirtschaftlich von so großer Bedeutung zu sein scheinen. Bei Herrn Z. aller- 
dings kam dieses Motiv nicht in Betracht." 

„Wie schon betont, läßt sich das Problem des Selbstmordes nicht allein psycho- 
logisch lösen, Biologie, Soziologie, Erforschung körperlicher Eigenheiten, auch 
im Sinne der Minderwertigkeit von Adler müssen mit herangezogen werden. 
Daß materielle Sorgen nicht selten den Impuls zum Selbstmord auslösen, zeigt 
die Statistik. In Zeiten der Arbeitslosigkeit und der Inflation und anderer wirt- 
schaftlicher Krisen stieg die Selbstmordziffer. Die Konflikte, die ein Mensch 
erlebt, der arbeiten will, aber keine Arbeit findet, können unter bestimmten 
Voraussetzungen zum Selbstmord führen. Alles, was die materielle, körperliche 
und seelische Sicherheit eines Menschen bedroht, muß Vernichtungstendenzen 
gegen sich und andere aufwühlen. Käthe Kollwitz und Zille rufen immer wieder 
das Gewissen der materiell gesicherten Menschen wach, mitzuarbeiten an der 
Schaffung einer würdigen, sozialen Ordnung. Auch anderes, „schlechtes Ergehen", 
wie es einzelne in physiologischen Lebenskrisen durchmachen: Pubertät, Men- 
struation, Schwangerschaft, reißt viele bewußte und unbewußte Konflikte auf, oder 
macht die körperliche Widerstandsfähigkeit so schwach, daß die Bereitschaft zur 
Selbstvernichtung aktualisiert wird. Übrigens in welchem Monat fand der Selbst- 
mord des Herrn Z. statt?" 

„Am 25. April. Weshalb interessieren Sie sich für das Datum?" 
„Wir wissen, daß die Neigung zum Selbstmord in bestimmten Monaten 
größer ist als in andern. Die Selbstmordkurve steigt im Mai und Juni auffallend 
an sie läuft parallel der Kurve der Sittlichkeitsdelikte. Sie erkennen daraus den 
Einfluß biologischer Vorgänge, wahrscheinlich spielen hier Geschehnisse im in- 
nern Leben der Drüsen eine Rolle, ihr Primat hat ja die Sexualdrüse; 
die uralte Sexualperiodizität muß einen biologischen Niederschlag hinterlassen 
haben." 

„Sie wollten noch vom Schülerselbstmord etwas sagen?" 

„Wir sind bei diesem Thema, doch spricht man besser vom Selbstmord Jugend- 
licher, um das ganze Gebiet des Selbstmordes des Un erwachsenen, zu umfassen. 
Man beschuldigte oft die Neurasthenie der Schüler. Die Wissenschaft vor Freud 
erklärte die Neurasthenie als Folge der Überarbeitung. Fast jeder Kranke 
übernahm monoton diese Formel. Freud konnte zeigen, daß echte Erschöpfungs- 
zustände äußerst selten und daß es sexuelle Schädlichkeiten sind, die die 
Neurasthenie bedingen. Oft sind es die gehäufte Onanie und der Abwehrkampf 
dagegen, welche die Neurasthenie hervorrufen. Die meisten Menschen, die als 

- 351 — 



Neurastheniker behandelt waren, erschöpften sich an inneren Konflikten und nicht 
an der Arbeit. Viele Erzieher: Vater, Mutter, Lehrer, Arzt machen es dem Kinde 
sehr schwer, die Bewältigung der Umwelt vorzunehmen, weil gerade die durch 
die Erziehung verschärften inneren Konflikte das Kind immer wieder müde 
machen; denken Sie dabei an die Wirkung der Ambivalenz im Kind und an 
die Beziehung von Sexualität und Liebe einerseits und Angst anderseits. 

Vor Freud waren sie meist Dichtern, Künstlern oder Menschen bekannt, 
die instinktiv das Leben erfassten, manchen geborenen Kinderfrauen und naiven 
Kinder- und Tierbeobachtern. Die Benützung der Gefühlsbeziehung zwischen 
Kind und Erwachsenem, der Übertragung im Sinne einer mit dem Unbewussten 
rechnenden Pädagogik war vor Freud nur dem Zufall überlassen. Ein Teil der 
Erzieher schenkte dem Kind zuviel Liebe, ein anderer zu wenig, oder entzog 
sie ihm so plötzlich, daß das Kind an seinem Erzieher und an sich selbst ver- 
zweifelte. 

Viele sogenannte Schülerselbstmorde geschehen, weil Eltern und Lehrer das 
Versagen im Unterricht falsch deuten. Freud erfuhr aus der Psychoanalyse, daß 
die intellektuelle Leistung jedes Menschen von seiner Liebesbindung an Menschen 
und Objekte abhängt, und daß bestimmte Lehrer Kinder versagen lassen oder 
zum eifrigen Lernen anregen. Die Erkenntnis der Bedeutung des Ödipus- Kon- 
fliktes hat die moderne Pädagogik gegenüber der alten prinzipiell umgewandelt. 
Es ist verständlich, daß Kinder, bei deren Erziehung keine Bücksicht auf die 
primitivsten Tatsachen ihrer seelischen Entwicklung genommen wird, asozial, 
dissozial, verängstigst oder anscheinend dumm werden. Um aus der Situation 
herauszukommen, greift nicht selten ein Kind zur Waffe des Selbstmordes." 

„Wenn ich Sie recht verstehe, würden Sie also der Schule bei weitem 
nicht die Schuld zuschreiben, die man in bestimmten Kreisen ihr zuschreibt?" 

„Die Einwirkungen, die bei der Erziehung ausschlaggebend sind, gehen selten 
von der Schule allein aus. Man kann daher kaum einmal mit Sicherheit sagen, daß 
die Schule allein oder das Elternhaus allein den Ausschlag zum Selbstmord ge- 
ben. Mag sein, daß die Überbelastung mit uninteressantem intellektuellem Wissen 
die normale gesunde Entwicklung des Kindes belastet, aber die meisten Schü- 
ler finden Methoden, sich dieser Überbelastung zu entziehen. Aus einem Tage- 
buch eines Oberprimaners, der Selbstmord beging, möchte ich Ihnen einige 
Stellen zur Kenntnis geben. Sie merken daraus, wie verwickelt die Verhältnisse 
liegen. 

,Warum besuche ich die Schule? Wie komme ich überhaupt dazu, mir seit Jahren 
diese ewige Frage zu stellen, nachdem ich bereits vier Klassen einer Volksschule 
hinter mir hatte, wo ich mir nie die geringsten Gedanken darüber gemacht habe. 
Weil wohl die Eindrücke fehlten? Oder kann ich mich daran nicht mehr erinnern? 
Damals kannte ich keine Schulnot, keine Angst. Da fühlte ich mich glücklich. Zwar 
weiß ich es nicht bestimmt. Doch kann ich mich auch nicht entsinnen, daß ich un- 
glücklich gewesen wäre. Erst als ich in die Geheimnisse der höheren Wissenschaft 
eindringen mußte, begann für mich die Zeit der Schulnot. Jetzt wußte ich plötzlich 
was das eigentliche Leben bedeutet, lauter Pflichten, ernst und bitter, und dabei bin 

— 352 — 



ich noch so jung. Ehe es mir zum Bewußtsein kam, daß ich ein Kind bin, war meine 
Kindheit zu Ende. Und auf mir, der sich so gerne in sorgloser Harmlosigkeit dieses 
Paradieses sonnen wollte, lastet schon so früh der Ernst des Lebens. Noch nie war 
die Angst bei mir ein so entwickelter Faktor, als all die Jahre über, die ich vor- 
dem verspürt hatte. Und jetzt komme ich wochenlang, monatelang nicht mehr heraus. 
Kaum glaubt man, wieder etwas erleichtert aufatmen zu dürfen, so bringt irgendeine 
bevorstehende Schulaufgabe neue Qualen und Sorgen, schlechte Zeugnisse verbittern 
die Ferien (eigentlich mehr die unbegreifliche Aufregung der Eltern) und die Freude 
wandelt meist im Gefolge von Leid und Kummer. So ein Gymnasiast ist der Mittel- 
punkt, um den sich alles dreht, das reinste Barometer für die Stimmung in der 
Familie. Er hat es in der Hand, ob die häusliche Sonne scheint oder Gewitterschwüle 
herrscht. Hat man in der Schule Pech, so ärgert man sich wohl selbst ein wenig 
darüber, aber dieser Ärger verfliegt rasch mit der Angst des schlimmeren Kommenden 
das dich zu Hause erwartet. Mit Angst und Bangen schleicht man heim, mit dem 
Ballast einer Note, und verpestet die häusliche Atmosphäre. Der Vater ärgert sich 
wegen des schlechten Resultates, Mutter und Geschwister ärgern sich — nicht wegen 
der schlechten Note, sondern weil ich schuld bin. daß der Vater den ganzen Tag und 
morgen — wer weiß wie lange — schlechter Laune ist und kein Geld für einen 
neuen Hut ausgeben will. Immer dieses Schwanken, dieses Hin- und Hergeworfen- 
werden zwischen Freud und Leid. Hoffnung und Angst, das wie eine Last auf das 
Gemüt drückt und die physische und moralische Leistungsfähigkeit oft in Frage 
stellt. . . . Muß das alles so sein, läßt es sich nicht ändern? Vor wem habe ich 
eigentlich Furcht und Angst, wer erzeugt dieses Gefühl der Gewissensbisse in mir, 
wo liegt die Ursache meiner Seelenqualen? Warum bangt mir so vor einer schlechten 
Note, vor Arrest, Versetzung u. dergl.? Eltern, Verwandte und Bekannte machen mir 
die Schule zur großen Sorge und Qual. Ich bin der Sohn einer angesehenen Familie. 
Deshalb erwartet man von mir schon an und für sich eine bessere Note als bei 
andern Schülern, einen großen Fleiß, tadelloses Betragen, glänzende Leistungen, über- 
haupt Unmögliches. Warum darf ich mich nicht gehen lassen, nicht auch mal dumme 
Streiche vollführen. Nach der Schule soll ich stets gleich nach Hause gehen, weil 
es sich für mich nicht schickt, auf der Straße, in den Anlagen, mit anderen Kame- 
raden zu streunen. Wer gibt der Schule, den Eltern, den Verwandten, das Recht, 
von mir etwas zu verlangen, das mit der Persönlichkeit und Stellung meines Vaters 
im Zusammenhang steht? . . . Mein Vater ist gut. Aber seine übertriebene Sorge 
um mich bringt mich zur Verzweiflung. Die ewigen Ermahnungen, Predigten, die an 
Nörgeleien grenzen, sind unerträglich. Dabei hält er mir fortwährend seine eigene 
Jugend vor, die viel strenger gewesen sei als die meine. Auch war er fleißiger und 
besser. In meinem Alter verfügte er über bedeutend umfangreichere Kenntnisse. So 
streicht er seine eigene Jugend heraus. Immer dieser Vergleich mit sich selbst und 
mir. Das ist ja alles möglich, was er mir da vorschwärmt. Aber bin ich denn mein 
Vater? Ich bin nur sein Sohn, der andere Anlagen besitzt und vielleicht auch einen 
anderen Weg gehen wird. Warum will der Vater seine eigene Erziehung an mir 
wiederholen? Man soll einen tüchtigen Menschen aus mir machen, aber keinen 
Musterschüler. Vater soll durchwegs der Erste in der Klasse sein. Ob das stimmt, 
kann ich nicht prüfen. Ich bin es eben nicht und will es auch gar nicht sein, weil 
ich nicht kann. Er stellt an meine Natur Anforderungen, die meiner Anlage und 
meinem Kräftemaß nicht entsprechen. Ich weiß, daß ich das Gymnasium ganz gut 
durchlaufen werde. Dem Vater genügt dieses „ganz gut" wohl nicht. Ich bin kein 

— 353 — 



Wunderkind, das mit der Gesamtnote I aus dem Absolutorium gehen wird, wie er 
es immer von sich rühmt.' 1 ; : ' ■ 

„Meinen Sie, daß in Landeserziehungsheimen und freien Schulen die Ver- 
hältnisse besser liegen?" 

„Man kann die Schule und ihre Wirkung auf das Kind nicht lediglich unter 
dem Gesichtspunkt .der freien und nicht freien Erziehung beurteilen. Die Erfahrung 
lehrt, daß die Erziehung zur Realität auch in vielen freien Schulen nicht 
geleistet wird. Jede Schule, die nicht zur Triebbeherrschung erzieht und die die 
Märchenwelt des Kindes länger erhält als es das reale Leben und die notwendige 
Verselbständigung gestatten, wird später hören, daß einzelne Insassen den Zu- 
sammenbruch ihrer Ideale schwer oder nicht ertragen. Unbewußtes und unreife 
Sexualität sind für die Kinder in allen Schulen gleich, der Erzieher muß sie 
kennen, er muß aber auch die Gesetze der Massenpsychologie vor Augen haben". 

„Denken Sie dabei an die Selbstmordepidemien, die in bestimmten Anstalten 
ausbrachen?" 

„Ich dachte gerade nicht an dieses Problem, aber ich will Ihnen gerne dazu noch 
etwas sagen. Als Goethe seinen Werther geschrieben hatte, häuften sich die 
Selbstmorde. Sie werden das durch den Vorgang der Identifikation, den wir vorhin 
besprachen, verstehen. Mussolini hat vielleicht ähnliche Zusammenhänge geahnt. 
Er verbot der Presse grundsätzlich, über Selbstmorde zu berichten. Angeblich 
sind seitdem die Selbstmörder in Italien seltener geworden. Außer der Identi- 
fikation spielen natürlich auch ganz andere Motive bei Selbstmordepidemien 
Jugendlicher oder Erwachsener eine Rolle. Der Tod soll den Erwachsenen strafen 
der dem Kinde so viel Unrecht getan hat. Plutarch berichtet gelegentlich über 
eine interessante Epidemie in Milet. Er schildert sie folgendermaßen: 

,Die milesischen Jungfrauen wurden einst von einem schrecklichen und sonderbaren 
Übel befallen, ohne daß man irgend einen Grund dafür auffinden konnte; man ver- 
mutete zunächst, daß die vergiftete und verpestete Luft diese Veränderung und Ver- 
rücktheit des Verstandes in ihnen hervorgebracht. Bei allen nämlich zeigte sich plötzlich 
ein Verlangen, zu sterben und eine unsinnige Neigung, sich zu erhängen; viele erhän°ten 
sich auch heimlich. Die Worte und Tränen der Eltern und das Zureden der Freunde 
half nichts, sie täuschten sogar bei ihrem Selbstmorde alle Wachsamkeit und Schlauheit 
der Wächter'. — ,Endlich brachte ein kluger Mann ein Gesetz in Vorschlag, wonach alle 
Mädchen, die sich durch Erhängen selbst ums Leben brächten, nackt über den Markt-J 
platz getragen werden sollten. Das Gesetz wurde genehmigt und tat nicht bloß dem 
Übel Einhalt, sondern benahm auch den Jungfrauen ganz das Verlangen nach dem 
Tode'." 

„Vielleicht sagen Sie noch etwas ,Modernes' über die Verhütungsmöglichkeit 

J C IT- J T« 

des Selbstmordes? 

„Der kluge Mann hat eine schwere narzißtische Kränkung als Strafe für den 
Selbstmord erfunden. Diese schreckte ab, während das Klagen der Eltern nur 
die narzißtische Befriedigung durch den Selbstmord erhöhte. Die Erforschung des 
Unbewußten durch Freud hat die Selbstmordmotivierung zu einem neuen Problem 

'i 1)" Aus • Dri 'Georg Feichtinger, Wie entstehen Schülerselbstmorde? Leipzig, W. 
Schwabe. - - ■■••' : ' .■•'.•• ' - 

^-354 - 



gemacht; seine Lösung wird erst dann gelingen, wenn nicht nur Ärzte und Psycho- 
analytiker, sondern jeder Erzieher und jeder, der mit Menschen umgeht, das 
Instrument der Psychoanalyse kennen. Wir erwarten, daß auch die Ratgeber 
für Gefährdete die neu erkannten Beweggründe berücksichtigen werden, und daß 
dann die Grenze zwischen Leben und Tod besser als heute von den Menschen 
geschützt sein wird. 

■ :■..-.. . 



Selbstmord 

Von Dr. Siegfried Bernfeld, Berlin 

Im Schlußwort der Wiener Diskussion über Schülerselbstmord 1 sagte Freud 

im Jahre 1910: 

Wir wollten vor allem wissen, wie es möglich wird, den so außer- 
ordentlich starken Lebenstrieb zu überwinden, ob dies nur mit Hilfe der 
enttäuschten Libido gelingen kann, oder ob es einen Verzicht des Ichs auf 
seine Behauptung aus eigenen Ichmotiven gibt. Die Beantwortung dieser 
psychologischen Frage konnte uns vielleicht darum nicht gelingen, weil wir 
keinen guten Zugang zu ihr haben. Ich meine, man kann hier nur von 
dem klinisch bekannten Zustand der Melancholie und von deren Vergleich 
mit dem Affekt der Trauer ausgehen. Nun sind aber die Affektvorgänge bei 
der Melancholie, die Schicksale der Libido in diesem Zustande, völlig un- 
bekannt, und auch der Daueraffekt des Trauerns ist psychoanalytisch noch 
nicht verständlich gemacht worden". 

Diese Lücke ist von der psychoanalytischen Forschung indessen ausgefüllt 
worden. Von Freud und Abraham wurden die pathologischen und normalen 
Trauerzustände untersucht; und soviele Fragen auch ungelöst geblieben sind, 
einige wesentliche Sätze über den Selbstmord sind wohl gesichert: 

1 ) Ein Selbstmord geschieht nur, wenn der Täter intensive Haßgedanken — 
unbewußt — gegen ein Objekt gerichtet hat; er kommt nur zustande bei 
verdrängten Mordimpulsen, er hat also eine Rachetendenz. 

2) Der Mordimpuls wird sich aber nur dann als Selbstmord befriedigen, wenn 
der Täter sich unbewußt mit dem gehaßten — früher intensiv geliebten — 
Objekt identifiziert hat, sodaß er den Gehaßten zugleich mit sich 

selbst tötet. 

3) Wohl regelmäßig wirkt beim Selbstmord eine Selbstbestrafungs- 
tendenz mit; strafwürdig erlebt sich der Täter nicht selten wegen der 
großen Menge und Intensität seiner Mordimpulse und Haßregungen. 

4) Und schließlich spielt gelegentlich noch die T o d e s s y m b o 1 i k mit 
den libidinösen Wünschen, die hinter ihr stehen, eine Rolle, vor allem in 

i) Gesammelte Schriften, Bd. III, S. 221 ff. 

-355 — 



der Todeswahl; so sind z. B. Selbstvergiftungen Erfüllung unbewußter 
Schwängerungsphantasien. 

Die volle Überzeugung von der Richtigkeit dieser Sätze vermag nur die 
Psychoanalyse selbst zu geben. Wer auf die bloße — und wäre es auch 
intime — Beobachtung beschränkt ist, wie der Pädagoge, wird kaum Gelegen- 
heit haben, mehr als oberflächliche Bestätigung des einen oder des andern 
Gesichtspunktes zu finden. Daher möchte ich im folgenden ein Material 
das einige der Selbstmordmotive in seltener Deutlichkeit ausspricht, mit- 
teilen und einige Folgerungen anfügen. 

Fritz, im 19. Lebensjahr, befindet sich unter Schutzaufsicht in einer Schmiede- 
lehre auf dem Lande. Er drängt seine Eltern und den Schutzaufsichtsbeamten 
ihm die Rückkehr nach Hause und den Wechsel der Lehre zu gestatten. Da er 
aber bisher eine höchst besorgliche Unstetigkeit aufwies, wird diesem Drängen 
nicht nachgegeben. Mehr als ein halbes Jahr lang zieht sich der Kampf bereits 
als Fritz auf einen Brief seiner Mutter am 10. Dezember 1923 mit einem Versuch' 
sich mit Leuchtgas zu vergiften, reagiert. Der Versuch mißlingt, er erneuert ihn' 
in der nächsten Nacht, gleichfalls vergeblich. > Vor der Tat schreibt er Abschieds- 
briefe an seine Eltern, die ihre Adresse nicht erreichen, und die er auch nach 
dem Entschluß, weiter zu leben, nicht vernichtet, sondern die er zu briefartigen 
Tagebuchaufzeichnungen fortspinnt, als „Probleme, Gedanken, Ideen, wo mein 
Herzblut drinsteckt". Dieses Tagebuch schließt am i4. Mai 1924 mit einer inneren 
Versöhnung mit den Eltern. Aber am 16. September 192* schreibt er neuerlich 
einen Abschiedsbrief an seine Eltern, der nicht deutlich erkennen läßt, ob er 
einen neuen Selbstmordversuch plant, oder bloß entschlossen ist, mit den Eltern 
zu brechen. Dem Schutzaufsichtsbeamten verdanke ich die Mitteilung, daß Fritz 
keinen Selbstmord, sondern das endgültige Aufgeben der Lehre beschlossen und 
durchgeführt hatte. 

Der entscheidende Brief der Mutter lautet: 

„. . .Du schreibst, daß Du fest entschlossen bist. Ja, um alles in der Welt, saee 

Ztrt t Tl !VT l ^ ei S entlich " Arbe * g*ts nirgends. In der Erziehungs- 
anstalt m der halbe Verbrecher sind, nach denen Du anscheinend großes Verlangen 
hast, nehmen S1 e Dich nicht auf. Privaterziehungsanstalt müssen wir für Dich bezahlen 
was uns gar nicht einfällt. . . . Sage mal, schämst Du Dich denn nicht ein bißchen vor 
G. [der Schwester]? Die L. renommiert immer mit ihrem Enkel, wie fleißig und 
strebsam er ist, und wir müssen uns unseres Jungens schämen, der nirgends aushält. 
Grüble nur hübsch über Deine Arbeit nach und nicht wie schlecht es Dir geht 
Du hast ein Dach über dem Kopf, ein anständiges Bett, Essen und Trinken, und Tot- 
arbeiten brauchst Du Dich auch nicht. Vater bereut es heute, daß er Dich nicht fester 
in die Kandare genommen hat und so fest auf den guten Kern in Dir gerechnet hat. 
Jetzt möchte er aus der Haut fahren, wenn solche Briefe von Dir kommen. Daß das 
Leben dort nicht all zu schön ist, wissen wir ja, aber ein Charaktermensch löffelt 
die Suppe aus, die er sich eingebrockt hat. Wenn Du nun bei einem Meister wärst 
wo es noch feste was mit dem Riemen gibt, was würdest Du dann machen? Befolge 

1) Ob diese Versuche nicht vielleicht „simuliert" waren, läßt sich nicht feststellen, 
ist aber für unsere Erörterung gleichgültig. 

- 356- 



meinen Rat, trete in den Turnverein ein und suche Dir endlich mal einen anständigen 
Verkehr ..." 

Fritz antwortete darauf mit den folgenden Abschiedsbriefen : 

Ihr lieben Eltern! A., den io. Dezember [1923]. 

Habe Euern Brief am Sonntag erhalten. Leider sehe ich mich in der traurigen 
Lage, Euren Rat nicht befolgen zu können. Auf Deinen ersten Brief, Ib. Mutter, wäre 
es noch möglich gewesen, aber die zweite Beilage hat mein Schicksal besiegelt. So 
denkt Ihr noch von Eurem einzigen Sohn? Seht ihn Euch ganz genau an, wenn Ihr 
hier seid. Das ist Euer einzigster Sohn, der aus Verzweiflung sich selbst den Tod 
gab. Es tut mir jetzt leid, daß ich Euch habe in meine heiligsten Empfindungen 
hineinblicken lassen, damit Ihr mir derartig verachten könnt. Die letzten Tage habe 
ich mir hingesetzt und Strümpfe gestopft, denn ich sagte mir da, wenn die Mutter 
nach den Strümpfen fragen sollte, dann soll sie sich doch mal freuen. Ich habe Fran- 
zösisch gebüffelt, als wenn ich ein Examen bestehen müßte. Und alles umsonst 
getan! Ja, jetzt tut mir jede gute Tat leid, die ich in meinem Leben getan habe. Jetzt 
können ja meine lieben Schwestern [froh sein], daß die Schande ihres Bruders mit einem 
Ruck von ihnen beseitigt ist. Ich habe Euch nun so innigst gebeten, und hättet Ihr 
mir doch nur eine klippe und klare Antwort gegeben: Willy, Du hast recht, oder Du 
hast unrecht und mußt weg von der Oberfläche. Schließlich habe ich doch an ein 
Menschlichkeitsrecht appelliert, ich bat Euch, mich nicht verrückt werden zu lassen, 
denn das kann doch wohl jeder Mensch beanspruchen. Lb. Eltern, ich könnte ja auf 
Euern Vorschlag eingehen, aber in dem bürgerlichen Verein hier guckt man den 
,dreckigen Schmied' doch nur von oben herab an. Euer Junge hat avich Stolz im 
Leibe. . . . Nun hier. Ich komme mit dem Alten auch nicht mehr aus. Mieter haben 
wir nicht mehr im Haus, nun bin ich der Einzige, auf den man seinen Ärger hin- 
schiebt und an den man seinen Zorn so richtig auslassen kann. Seht, all das habe ich 
Euch schon vorher geschrieben und doch? Nennt Ihr das etwa sozial? 

Ihr werdet ja begreifen, daß diese Zeilen nur aus größter Verzweiflung entstanden 
sind, und damit auch meine Tat. Der Alte ist heut vormittag gegen halb zehn Uhr 
weggegangen. Er hat den kleinen Jungen mitgenommen, und jetzt auf den Abend um 
sechs Uhr ist er schon wieder hier. Wo war er? Natürlich in der Kneipe, und morgen 
in seinem Rausch will er trietzen, na, das Vergnügen soll er nicht haben. Er soll 
sogar morgen früh ganz plötzlich nüchtern werden. Da sagt Ihr sonst, wenn irgend 
etwas ist, schreibe, und schreibt man, dann ist es ganz und garnichts. . . . Dem 
Lebenden habt Ihr kein Recht gegeben, jetzt um den Toten werden Euch vielleicht 
die Augen aufgehen. Wir wollen uns doch nichts vormachen; Ihr wart doch selbst 
hier, und habt selbst gesehen, was hier langgeht. Erkundigt Euch doch mal bei fol- 
gende um den Schmied G., was Ihr da zu hören bekommt. Geht hin zu den Eltern 
von Otto, und zu B. aus der H.str. Beide waren zwei Monate hier. Fragt Frau R., 
deren Junge zwei Jahre hier war, der umgemacht hat, als ich kaum hier war. Fragt 
den Bierverleger K. aus der A.-Brauerei, der hier Sachen zu stehen hatte und wo die 
Leute auch ein halbes Jahr hier gewohnt haben. Fragt die Frau des Bierverlegers 
aus der B.-Brauerei, die die intimste Freundin der Alten hier war. Forscht bei den 
Nachbarn nach und nehmt endlich noch den Gärtner S., den ja Du, Ib. Vater, doch 
auch als einen rechtschaffenen Mann kennen gelernt hast. Vielleicht werdet Ihr dann 
ein anderes Urteil fällen. Lebend hätte ich Euch das nicht erzählt. Halt! Heut hatten 
wohl die Schmiede Versammlung, da ist er auch so lange geblieben und ist selbst- 
verständlich noch angeschmort, denn er brüllt in der Stube, was sich heute zugetragen 
hat. Da kam wohl auch die Rede von den Lehrlingen, daß sie es bei ihm so schlecht 
haben. Er steht bei den andern Meistern in sehr schlechtem Ruf. Da geht, bitte, zu 
Meister L. in der nächsten Querstraße hin, der wird Euch ja originelle Sachen er- 
zählen können. Das ist der Meister, der die Sachen mit der Handwerkskammer in 
Händen hat, also auch mit den Lehrbriefen. Dieser hat ihm wohl das heute vor- 

— 357 — 



geschmissen, und da hat er ihm geantwortet: Er macht mit seinen Lehrlingen, was 
er will, den gehts bloß zu gut, er wird sie schlagen, bis sie wollen, was er will. 

Na, ich werde mir nicht krüpplig schlagen lassen. Ich könnte jetzt bei dem anderen 
Meister um Schutz bitten und würde morgen bei Euch angesetzt kommen, aber ich 
habe Euch versprochen, nicht auszurücken. Aushalten kann ich nicht, und vor dem 
morgigen Tag grault mir; denn es heißt: es werden Menschen zu Hyänen. 

Ich bitte Euch nun, stellt diesen Menschen an den Pranger, damit er nicht noch 
mehr Menschen unglücklich machen kann. 

Geliebte Eltern, inniggeliebter Vater, ebenso inniggeliebte Mutter, lebt nun wohl. 

Euch wünsche nur das Beste, und Ihr werdet über mich hinwegkommen, dafür 
werdet Ihr an Euren Töchtern mehr Glück haben. 

Mein sehnlichster Wunsch ist, daß Ihr andern alle glücklich werdet und flucht 
Euren Jungen und Bruder nicht nach. 

■ 

Dienstag, 11. Dezember 1923. 

So — die Nacht ist es nicht gelungen. Ob es an dem Gas lag oder woran sonst, 
weiß ich nicht. . . . weiß nur noch, daß ich den ganzen Tag über alles war, nur kein 
Mensch. Jetzt komme ich mir noch vor wie ein Hund, den ein Unmensch quält und 
selbst nicht weiß, was er tut. Wie eine willenlose Maschine ohne irgend ein Denken 
habe ich den Tag verbracht . . . 

Aber die Nacht muß es klappen, denn noch einen einzigen Tag weiterleben, d. h. 
lebendig tot sein wie eine wandelnde Leiche [kann ich nicht]. 

Ihr Lieben, es ist wirklich schwer, so ohne Hoffnung, so vollständig einsam, von 
niemand verstanden zu sein, sterben zu müssen und noch in dem Augenblick, wo ich 
wirklich festen Willen hatte das Böse, das ich bisher in meinem Leben getan hatte, 
mit Gutem zu vergelten. Ja, schwer ist das. Da zucken mir jetzt so verschiedene 
Gedanken auf. Du, meine Ib. Mutter, Du wolltest mir und hast mir ja auch den 
Glauben an Christi so felsenfest klar gemacht, und nun seid Ihr gegen Euch selbst 
ehrlich, ist das christlich, mich so zu verstoßen!? 

Ihr wolltet den Völkern Sozialwissenschaft lehren. Ist das sozial, mir in meinem 
großen innerlichen Kampf zurückzuweisen?! Denn in mir kämpft es, wogt es, pocht 
es, ist das das Gewissen? Oh, Ihr Ib., innigstgeliebten Eltern, es hätte das alles jetzt 
nicht sein brauchen. Hättet Ihr mir damals nur etwas mehr Bewegungsfreiheit gegönnt, 
es wäre das erste Schlechte nicht geschehen. Vielleicht könnt Ihr mir jetzt verstehen 
lernen, wo es schon zu spät ist, wie mir damals zumute war, als man mich bei E. 
immer so von oben herab behandelte, und dann in der Handelsschule, weil die anderen 
einen besseren Rock anhatten. Wäret Ihr dann, als ich von T. kam, nocheinmal mit mir 
zu Rate gegangen, wie leicht hätte sich dann noch etwas finden lassen, was meine 
ganze Energie erfaßt hätte, was meinen Geist ausfüllen könnte. Denn dies Handwerk 
bildet wohl meinen Körper aus, aber mein Geist bleibt dabei zurück. Arbeit fehlte 
mir, aber auch geistige, die mein ganzes Tun und Denken ausfüllen müßte. Seht Ihr, 
so bin ich dann auf das Grübeln verfallen, weshalb mir gerade das Unglück. 

Dies ist, was meine Gedanken umstrickt hält. Ich hatte auch schon immer etwas 
phantastische Ideen in dem Kopf, ich wollte eben immer eine große Tat machen 
die mein ganzes Tun und Denken in Anspruch nehmen müßte und die Welt mit 
einem Schlage zu einer glücklichen und herrlichen zu machen. Das ist jetzt mein 
größter Schmerz, daß ich nicht das Passende finden konnte, wo ich meine ganze Kraft 
hingeben könnte, um mein Ziel zu erreichen. 

So muß ich min ohne Hoffnung zugrunde gehen. 

Aus dem letzten Abschiedsbrief, der zwar keinen Selbstmordversuch einleitet, 
aber die Beziehung zu den Eltern scharf beleuchtet, mögen noch . einige Sätze 
folgen: 

— 358 — 



Vielgeliebte Eltern! B., den 15. September 1924. 

Trauert nicht um mich, denn es mußte so, es war alles schon, so. vorausbestimmt. 
Hättet Ihr nur richtig sehen gelernt, was mir fehlte. Ich habe es Euch dreimal an- 
gedeutet. Hättet Ihr jemals denken können, und hauptsächlich Du, Du guter Vater, 
daß ich, der ich doch Dein Blut bin, Dein Einzigster bin, auf dem Du doch im Herzen 
Deine Hoffnungen gesetzt hast, der Du in mir Deine Jugend noch einmal vor Augen 
siehst, hättet Ihr, und nun Wahrheit gegen Wahrheit, Ihr hättet denken können, daß 
ich meine Lehre dreimal aufgebe nur aus Spaß, einer Grille oder Traumes willen? 
Nein, da hättet Ihr mich doch besser kennen müssen, daß ihm im Gegenteil ein inneres 
Empfinden fortjagt, ihm seine heiligsten Gedanken fortgetrieben hat. Sieh doch nur 
an, mein Vater, und dann hast Du das gleiche Herz Deines Sohnes. Denn um Kleinig- 
keiten hat sich Dein Sohn nicht in solche Lagen gesetzt und rennt weg, wie ein 
feiger Schuft. Meine ganze Natur, mein ganzes Fühlen und Denken hatte mich immer 
weggetrieben. Das was mich schon von T. fortzog, trieb mich auch hier von Z. zweimal. 

Was mir fehlte, und woran ich krankte, das war mein geistiger Hunger, den ich 
nicht befriedigen konnte. Deshalb bat ich Euch letztens, mich jetzt zur Schule zu 
lassen. Ich habe Ideen, Probleme, Projekte, Erfindungen im Kopfe, imd alles, weil ich 
mit Euch nicht darüber aussprechen konnte, aufs Papier gebracht.. 

Eine ohnmächtige Wut übermannt mich und habe alle Aufzeichnungen, wo mein 
Herzblut daran klebte, zerrissen. 

Doch nun ist vorbei. Alles ist soweit überstanden. 

Ihr Geliebten, geht jetzt zu Eurem Herzen, fragt diese, könnt ich jetzt noch 
einmal zu Euch kommen?? Das Betteln und am Erdboden kriechen ist nun mal 
nicht meine starke Seite gewesen. 

Ich bin unter der Wucht und Schwere des Hasses vollständig zusammengebrochen. 
Prüf Dich und prüf mich, mein Vater, ich bin Dein echter Sohn, und Du hättest 
auf mich stolz sein können. Doch hat uns das Schicksal getrennt. 

Geliebte Eltern, liebt deshalb Eure beiden Mädchen desto mehr, Verzeiht der 
G. [der Schwester], nehmt sie wieder zu Euch, und werdet glücklich, und nehmt noch 
zum Schluß noch allerherzl. letzten Gruß von Eurem Jungen. 

Diese Briefe geben, so scheint mir, einen starken Eindruck von dem Maß 
von Feindseligkeit, das in Fritz wütet. Vorwürfe gegen die Eltern, eifersüchtige 
Feindschaft gegen die Schwestern und Haß gegen den Lehrherrn erfüllen ihn 
ganz offensichtlich, und mehrfach ausgesprochen hat der Selbstmord eine Rache- 
tendenz, die sich gegen den Schmied und gegen die Eltern richtet. Dennoch 
scheint all diese Feindseligkeit nicht ausreichend stark, um den Selbstmord zu 
verstehen. Denn nirgends äußert Fritz Mordimpulse gegen andere, die nach der 
Theorie durch Rückwendung gegen das eigene Ich den Selbstmordversuch er- 
zeugen. Aber diese Theorie meint unbewußte Vorgänge, und Fritzens Briefe, 
wenn sie auch in manchen Punkten sehr offen sind, stehen doch unter der Zensur 
des Über-Ichs und die entscheidende Feindseligkeit kann in ihnen nicht unent- 
stellt sein. Leider ist es unmöglich, an Brief- und Tagebuchmaterial alle psycho- 
analytischen Befunde schlüssig zu beweisen. 

Wir müssen also annehmen, daß die geäußerten Feindseligkeiten nur ein 
Bruchteil der unbewußten sind ; ja, aller Wahrscheinlichkeit nach, gestattet Fritz 
sich nicht einmal das ganze Maß des Bewußten niederzuschreiben. Nicht einmal 
im Tagebuch, das er nur für sich selbst schreibt, teilt er die „bösen Gedanken 
gegen die Mutter" mit, sondern erwähnt bloß, daß solche da sind, und daß er 
sie abbitten muß. Vergleichen wir die haßvollen, aggressiven Bemerkungen gegen 

-359 — 



. 



den Meister mit der dumpf-verzweifelten, mehr passiv-vorwurfsvollen Haltung 
zu den Eltern, so erkennen wir, daß die Wut gegen das Übertragungsobjekt sich 
beträchtlich deutlicher hervorwagen darf als gegen die Eltern. Hier scheint er 
kein Schuldgefühl zu entwickeln, sondern glaubt sich im Recht. Den Eltern gegen- 
über aber ist offensichtlich nicht allein Feindschaft vorhanden ; sondern auch ein 
sehr beachtliches Maß von Schuldgefühl. Er hat „Böses" in seinem Leben getan 
das Vergeltung verlangt und sie durch seinen Tod — da die Eltern andere Wieder- 
gutmachung verunmöglichen — finden wird. Das Motiv der Selbstbestrafung innigst 
verschränkt mit dem der Rache (des Vorwurfs) wird so recht bemerklich. Doch 
fehlt in den Abschiedsbriefen ein Anhaltspunkt für die Quelle des Schuldgefühls. 
Gewiß ist die feindliche Haltung gegen die Eltern selbst eine Quelle des Straf- 
bedürfnisses. Doch läßt uns eine Stelle des Tagebuches vermuten, daß sie nicht 
die einzige ist: 

Heut bei meinen Abendgang ist mir so vielerlei durch den Kopf gegangen. Mein. 
bisheriges Leben, wie konnte das Alles so kommen ... 

Vor mir sah ich Dich, Du mein reizendes K . . . dorf. Ja das war etwas für den 
Städter, der Landaufenthalt. ... Du hast mir manches gebracht, was für mich nachher 
großen Schaden brachte. Da warst Du, Marthe, die Du auf dem Nachbarhof beschäftigt 
warst, Du stramme 18 jährige, die Du ein großes Vergnügen an mich gefunden hattest- 
und mir 13 jährigen Deine vollen Reize und den Wert und den Grund derselben 
klar machtest. Lenchen hattest Du dann Dein Evangelium auch gepredigt, und da wir 
beide alle Tage zusammen waren, zusammen gehütet hatten und auch schließlich 
unter einem Dach schliefen, denn Du, Lenchen, warst ja die Tochter des Hauses, da 
haben wir das, was man uns gelehrt hatte, auch ausgeführt. Das war aber die WuAeL 
die später immer mehr und mehr wucherte, bis ich in die Arm der Mädchen in 
S . . . straße versaute. Oh Marthe, was hast Du damals für ein Unheil angerichtet, 
in dem Du mir das Gift immer tropfenweise in mein Blut, in meine Adern ein 
geimpft hattest. Dir war es ein Vergnügen gewesen, einen unwissenden Menschen 
Deine Reize bewundern zu sehen und ihn zu Dich hinabzuziehen. Dies, was ich bisher 
nie einem, keinem einzigen Menschen anvertraut hatte und bisher als mein Geheim*», 
bewahrt hatte, Euch, Ihr Blätter, vertraue ich es an. Denn es muß heraus. Hier S 
der Keim *u meinem Unglück. Hernach kam eins ins andere, wie alles kommen 
mußte Natürlich hatte man dann bloß für mich Schläge und bittere Vorwürfe übri* 
dadurch wurde ich immer stiller, kapselte mich immer mehr zusammen. Und dann" 
sagt die Welt, der Mensch ist verstockt. Es hätte alles anders kommen können' Das 
brauchte heute Alles nicht zu sein. Das ging mir heute Alles im Kopf rum. 

Den Erwartungen der Psychoanalyse entspricht es, im Ödipuskomplex die 
entscheidenden Antriebe des Schuldgefühls zu finden. Die „ohnmächtige Wut" 
die ihn allzuoft erfaßt, und das Bewußtsein des geheimen „Sexual- Verbrechens * 
könnten sehr wohl die bewußten Repräsentanten für die verdrängten Ödipus- 
Wünsche sein, die nach Bestrafung verlangen. Daher erleichtert sich seine innere 
Situation, so wie er durch die Eltern, den Schutzaufsichtsbeamten oder den 
Meister Lob, Anerkennung, „Verständnis" oder sonst einen Liebesbeweis erhält, 
weil ihm dies sagt: „Du bist geliebt, also brav, also schuldfrei." Hingegen wächst 
seine innere Spannung ins Unerträgliche, wenn seine Umgebung etwas tut, das seine 
Feindschaft vergrößert, so, als die Mutter ihm lange einen Brief schuldig blieb. 
Von der Wirksamkeit wunscherfüllender Tendenzen beim Selbstmordversuch 

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verrät unser Material nichts bestimmtes. Wir sehen seine Sehnsucht „nach 
Hause", nach Ruhe, und wir wissen aus reicher psychoanalytischer Erfahrung, 
daß solche Sehnsucht sich gelegentlich im Todeswunsch, in Todesphantasien und 
Todessymbolen äußert. Auch die tiefste Einsicht, die die Psychoanalyse bisher 
dem Selbstmordproblem abgewann, kann durch unser Material nicht erwiesen 
werden, nämlich die, daß kaum ein Mensch sich selbst tötet, der nicht unbe- 
wußt mit einem ehemaligen Liebesobjekt identifiziert ist, dem die Tötung 
eigentlich zugedacht ist. Immerhin schreibt Fritz doch mancherlei, das den 
Freud'schen Behauptungen Vertrauen schenken lehrt. So die Gleichsetzung, die 
er im dritten Brief zwischen sich und dem Vater vornimmt. Doch vermögen 
wir nicht, zu entscheiden, wem der unbewußte Haß von Fritz gilt. Sehr be- 
zeichnend ist in diesem Zusammenhang eine Bemerkung über die Motive seines 
Weiterlebens. „Heute war ich eigentlich erst wieder fähig nachdenken zu können. 
Da sagte ich mir, Du bist Dir eigentlich zu schade, Dir wegen diese Menschen 
sich hinzugeben. Denn die frohlocken womöglich noch darüber, was sie mit 
ihrer Schickanierei erreicht haben. Dieser Gedanke verlieh mir sogar noch 
einige Kraft, den Kampf ums Leben noch einmal aufzunehmen." Der Selbstmord- 
versuch hat ihn zwar nicht getötet, wohl aber alle andern; sie sind ent- 
wertet, nicht mehr vorhanden, es lohnt nicht mehr, ihretwegen zu sterben, sie 
zu hassen, um ihretwillen Schuldgefühle zu haben. 

Bringt uns Fritz auch keine Beweise für die psychoanalytische Auffassung 
des Selbstmordes, so hilft er doch die wichtige praktische Frage zu entscheiden: 
wie weit an Jugendselbstmorden die Umgebung, an Schüler Selbstmorden die 
Schule Mitschuld trägt. Daß Schule, Lehre, Fürsorgeanstalt usw. den Selbstmord 
nicht verursachen, darf gerne zugestanden werden; seine Ursache liegt gewiß 
in den frühkindlichen Triebbewältigungskonflikten und in dem melancholischen 
Identifikationsvorgang. Ob aber nicht etwa die Erziehungsinsti- 
tutionen durch ihre gegen war tige Stru ktur geeignet sind, 
die Konflikte zu steigern und unlösbar zu machen, das ist 
keineswegs au s zuschli ess en. 

Die Situation, in die Fritz geriet, in der er seinen Selbstmordversuch beschloß 
und unternahm, zeigt die unglückliche Verwicklung deutlich, die sein Seelen- 
leben durch den pädagogischen Apparat erfuhr, in den er hineingestellt wurde. 
Fritz findet sich von den Eltern und dem Jugendamt unter Zwang in ein 
neues „Elternhaus" versetzt, das als Lehre, an ihn sachliche Arbeitsforderungen 
stellt, die seinen Idealen und seiner Selbsteinschätzung nicht entsprechen. Das 
wäre nun wohl ein Grund, daß er die affektive Auseinandersetzung mit seinen 
Eltern verschärft, aber mit dem Lehrherrn auf der Ebene der Sachlichkeit ver- 
kehrt. (Der Schmied selbst ist ein wohlwollender Lehrherr.) Fritz aber reagiert 
völlig anders ; er phantasiert sich ein Schicksal, einen Lehrherrn, eine Situation, 
die seiner infantilen Situation im Elternhaus entspricht. Er haßt den Schmied 
bewußt, wie er unbewußt die Eltern haßt, und steht vor der überaus schwierigen 
Aufgabe, diesen Haß zu bewältigen. Dieser Übertragungsvorgang ist typisch und 

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stellt sich unter dem Druck neurotischer Entwicklung zwanghaft her. Aber die 
reale Situation begünstigt die gefährliche Übertragung, in- 
dem die Lehre auch eine Fülle von außersachlichen Forderungen stellt, ganz so, 
wie sie früher von den Eltern ausgingen : Ordnung, Achtung, Folgsamkeit, Brav- 
heit. Patriarchalische Disziplin wird von Ersatzeltern aufrecht erhalten, die nicht 
einmal durch „Liebe" alle die Verzichte, das Herabgedrücktwerden des jungen 
Mannes in die Infantilität, kompensieren. Gewiß, hunderttausende von Lehrlingen 
sind in gleicher Situation und ertragen sie schlecht und recht. Aber Fritz und 
zahllose seinesgleichen scheitern an ihr. Inwiefern ist für Fritz die Feindseligkeit, 
die er gegen den Lehrherrrn hat, gefährlicher als für andere? Was das Schicksal 
dieser Feindseligkeit ist, sehen wir deutlich: Er vergiftet Lehrherrn und Eltern 
in seinem eigenen Tod mit. Andere „sublimieren" den Gegenstand ihres Hasses, 
den Lehrherrn, und bekämpfen in ihm den Kapitalismus ; andere werden Erwachsene 
und suchen bei Mädchen Objekte der sexuellen Liebe. Beide Wege der Bewältigung 
aktueller Haßregungen sind Fritz verlegt. Die Mädchen sind wegen jenes frühen 
Erlebnisses durch Schuldgefühl (und wohl auch anderer Sexualabwehr) verboten. 
Der Versuch zur Sublimierung der Feindschaft erneuert und verstärkt den Haß 
gegen die Eltern, die ihn zu einem verachteten Beruf verurteilt haben. Nach 
allen Seiten ist Fritz die Möglichkeit genommen, seine Haßaffekte, seine Aggressions- 
wünsche durch irgendeine Bindung an die Realität zu bewältigen. All sein Haß 
könnte sich lediglich auf seine Eltern rückwenden, die ihn in diese Lage gebracht 
haben. Eben dies tut er auch, aber indem sich diese Bahnen der Feindschaft neu 
beleben, gerät er, was seine innere Situation angeht, völlig in die psychische Lage 
seiner Kindheit, wo er die Feindschaft gegen die Eltern durch Identifikation und 
Wendung des Hasses auf sich selbst bewältigen mußte, unter Entwicklung von 
Schuldgefühl und Strafbedürfnis. 

Von höchster Gefährlichkeit ist für solche Jugendliche: 

1) Jede Situation, in der sie aktuellen ohnmächtigen Haß 
erleben müssen. Sowohl die Schule, als auch die Lehre in ihrer heutigen 
Form aber üben vielfach autoritären patriarchalischen Zwang auf den Jugend- 
lichen aus, gegen den er sich in nichts webren darf, zur passiv-masochistischen 
infantilen Haltung gezwungen. 

2) Je ähnlicher die innere Struktur der Erziehungsinstitution der 
Familie ist, um so empfindlicher wird der Zwang, der in ihr 
herrscht, um so mehr entsteht Feindseligkeit, um so eher erweckt die Feind- 
seligkeit Schuldgefühl und Strafbedürfnis und damit möglicherweise Selbstmord- 
neigung. 

Von größter Wichtigkeit ist also die Disziplinform 1 in Schule, Lehre, 
in jeder Stätte der Erziehung Jugendlicher. Selbstverständlich kann von einer 
persönlichen Schuld der Lehrer, Erzieher, Lehrherrn, usw. an den Selbstm orden 

l) Näheres zu diesem Thema siehe in meinen Büchern: „Kinderheim Baumgarten", 
Berlin 1923 und „Die Schulgemeinden und ihre Funktion im Klassenkampf", Berlin 
1928; ferner in meinen Aufsätzen: Zeitschrift für Kindesforschung, 1927; Arbeiter-* 
Wohlfahrt 1926, 192g. 

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nicht, oder nur in ganz vereinzelten Fällen gesprochen werden, aber die I n- 
stitutionen, in denen sie wirken, verurteilen sie dazu, Objekte ohnmächtiger 
Feindseligkeit zu werden. Und so haben alle Beteiligten das dringende Interesse, 
Institutionen gründlich zu verändern, deren Chance, Unheil zu bringen, so groß 
ist, und in solche zu verwandeln, in denen zwar gelegentlich auch ein Selbst- 
mord geschehen kann, in denen er sich aber nicht mit statistischer Sicher- 
heit ereignen muß. 

IIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIII1IIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIM 

Leben und Selbstmord eines Zwangsdiebes 

Ein psydioanalytisdier Beitrag zum Problem „Verbredien und Strafe" 

Von Hans Kalischer, Nordhausen 

1 

Alfred K., Sohn eines Ingenieurs, war, als ältestes Kind von drei Geschwistern, 
in der Großstadt geboren. Er besuchte bis zur Primareife ein dortiges Real- 
gymnasium, auf dem man ihn als fleißigen und intelligenten Schüler schätzte. 
Besondere seelische Eigenheiten sind bei ihm in der Kindheit nicht aufge- 
fallen, auch seine Eltern und Geschwister sind geistig normal. Nur von dem 
übermäßigen Ehrgeiz des Vaters weiß die Mutter zu berichten und von dem 
Einfluß, den er in dieser Hinsicht auf seine Kinder ausübte. 

Nach dem Tode des kränkelnden, aber energischen Vaters ging die Erziehung 
in die Hände der körperlich und seelisch zarten Mutter über, die als Pastors- 
tochter die sittenstrenge Überlieferung ihres Jugendmilieus etwas lebensfremd 
und ängstlich hütete. Als der Vater starb, war K. 16 Jahre alt. Ein Jahr später 
verließ er die Schule, da sich die wirtschaftlichen Verhältnisse der an und für 
sich nicht wohlhabenden Familie durch den Verlust des Ernährers und die 
sozialen Umschichtungen der Kriegs- und Nachkriegszeit änderten. K. ging als 
Lehrling in ein Exportgeschäft, bereitete sich aber in Abendkursen freiwillig 
weiter auf sein Abiturientenexamen vor, das er um die Zeit, als auch seine 
Lehre zu Ende ging, mit Erfolg bestand. Bis dahin hatte er die Beziehung zu 
seinen früheren Schulkameraden aufrechterhalten. Über die darauf folgende Zeit 
berichtet er selbst in einer kleinen Lebensskizze: 

„Es trat dann eine seltsame Umwandlung in der Anlage meines Wesens ein. Die 
Ursache einerseits war eine tiefe Entfremdung mit dem schönen, geselligen Kreis 
meiner Kameraden, dergestalt, daß ich mein damaliges Amt als erster Vorsitzender 
des deutschnationalen Jugendbundes niederlegte, andererseits der Umstand, daß der 
Umgang mit älteren Menschen der verschiedensten Gesellschaftsklassen seinen Einfluß 
immer stärker geltend machte. 

Meine ganze, ziemlich selbständige Entwicklung hatte mich allmählich aus dem 
Rahmen des häuslichen Kreises hinausgedrängt, und ich war meinem komplizierten 
Ich vollkommen selbst überlassen. Ich war der Großstadt überlassen, die für mich 
ein immer größer werdendes Interesse gewann. 

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Zu all den innerlichen Unruhen und Kämpfen, einem starken Unbefriedigtsein in 
meiner Stellung kam der Streit mit meiner Mutter. 

Meine Arbeitskraft erlahmte, da sie ihr Ziel nicht erkannte. Das Vakuum in mir 
mußte irgendwie ausgefüllt werden ; ich war bis dahin angefüllt gewesen mit Energien, 
Ideen, hatte einen endlichen Lebenszweck gehabt. Nun stand ich einem Nichts gegen- 
über. Da die gesamte Anlage meines Charakters das nicht zuläßt, füllte ich den 
Leerraum mit Alkohol aus. Es war ein Gefühl innerlichen Zwanges, der jede Willens- 
anforderung schon im Keime erstickte. 

Ich kam viele Wochen hindurch jeden zweiten Tag betrunken nach Hause. Die 
Folge davon war eine immer mehr zunehmende Vernachlässigung des inneren und 
äußeren Menschen. Mein damals hohes Monatsgehalt — man schätzte meine Kraft 
sehr im Geschäft — reichte nicht mehr aus, meine Bedürfnisse zu decken; ich beging 
die ersten Diebstähle an meiner Mutter und Verwandten. 

Ich wurde überführt, leugnete, und meine Mutter glaubte mir immer wieder. Ich 
beging nunmehr auch Diebstähle im Geschäft. Ich wurde vollkommen haltlos und 
erkrankte im Sommer sehr heftig an einer Lungenentzündung und Mittelohreiterung. 
Während dieser Zeit trat eine Versöhnung mit meiner Mutter ein. Es wurde wieder 
ruhiger in mir, aber die Großstadt und der Alkohol ließen mich doch nicht mehr los. 

Ich fing das frühere Leben mit seinen Ausschweifungen wieder an. Im Vorherbst 
desselben Jahres ergriff mich die Grippe, und als ich im Krankenhause lag, wurden 
die Diebstähle im Geschäft aufgedeckt. Ich wurde fristlos entlassen. 

Meine Mutter duldete mich nicht mehr in ihrem Hause; ich zog nach B. in ein 
möbliertes Zimmer. In einer sehr verrufenen, sehr billigen Stadtgegend machte ich 
stets hungernd, auf der Suche nach irgendwelcher Arbeit, sehr bald die Bekannt- 
schaften, die mich immer mehr in Konflikte führten. 

Ich stahl dann, um mich mal wieder satt zu essen und zu trinken, einem zweiten 
Mieter meiner Wirtin einen Pelzmantel. Ich wurde darauf verhaftet, und da ich 
starrköpfig den Diebstahl leugnete, zwei Tage im Polizeipräsidium gefangen gehalten. 

Es ist etwas Seltsames um dieses Leugnen; die Lüge wird in einem innerlichen 
Prozeß, dessen Verlauf ich sogar physisch erlebe, zu einer Wahrheit, und diese 
Wahrheit vertrete ich dann mit der größten Energie. 

Nach meiner Entlassung hielt ich mich zwei Monate lang in einer vollkommenen 
seelischen Ermüdung und zuweilen in furchtbarer Verzweiflung in den dunkelsten 
Verbrecherspelunken auf, ohne einen Pfennig Geld, und hatte manchmal den Ta ff 
über nichts weiter als das Stück trocken Brot, das man im Asyl für Obdachlose all 
Nachtessen erhielt. Zweimal ging ich betteln, zermürbt vom Hunger und der starken 
Kalte; ich habe mich aber während dieser Zeit nie an einem der Diebstähle, zu denen 
ich sehr oft aufgefordert wurde, beteiligt. 

Es gelang meiner Mutter, die mich dann wieder aufsuchte, nur mit größter Mühe 
und nach einem langen Kampf, mich zu bewegen, dieses Milieu zu verlassen und 
mich mit Fräulein . . . (Fürsorgerin) zu unterhalten. 

Ich hatte in meinem physischen und moralischen Elend einen tiefen Haß gegen 
alles; ich verzweifelte an allem und wäre gewiß wieder von neuem fortgegangen, 
wenn ich nicht körperlich zusammengebrochen wäre. Nach meiner Genesung blieb 
ich noch bis zu dem Gerichtstermin zu Hause. Ich besuchte des öfteren in einem 
Gefühl des Zwanges — seit jener Zeit haben mich die Nachtseiten des menschlichen 
Lebens immer wieder mit einem schmerzlichen Magnetismus in ihren Bann gezogen 
— dieses dunkle (Name der Stadt). Am . . . wurde ich dann zu drei Monaten Ge- 
fängnis mit zweijähriger Bewährungsfrist verurteilt." 

Durch Vermittlung des Jugendamtes fand K. als Zwanzigjähriger in dem 
hiesigen Jugendsanatorium Aufnahme, wo er mit Hilfsarbeiten verschiedener Art- 
beschäftigt wurde. Er kam mit dem Vorsatz, durch Fleiß und freiwillige Dienst 

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leistungen seine Verfehlungen wieder gut zu machen und sich innerlich zu 
festigen. Nachdem er sich einige Wochen zur Zufriedenheit der Anstaltsleitung 
geführt hatte, begann der innere Antrieb nachzulassen. Er wechselte die Tätigkeit 
und trat als Volontär in ein am Ort befindliches Geschäft ein. Das Interesse an 
seinen beruflichen Aufgaben erlahmte bald, er sprach wieder stärker dem Alkohol 
zu und empfand es als eine Rettung, als er Zugang zu einer neu gegründeten 
politischen Jugendgruppe fand. Dort beteiligte er sich sehr aktiv an allen Unter- 
nehmungen und wurde in den Vorstand gewählt. 

Durch seine Wirksamkeit in dieser Gruppe hatte er bald einen ausgedehnten 
Bekanntenkreis und kam in Familien, die der Gruppe politisch nahestanden. 
Durch das allgemeine Vertrauen geschützt, begann er Gelder aus der Vorstands- 
kasse zu entwenden. Als man ihm auf die Spur gekommen war, wurde er still- 
schweigend abgeschoben. Noch arbeitete K. in dem erwähnten Geschäft, nach 
außen, wie immer, fleißig und zuverlässig, in Wahrheit aber zerknirscht und 
mißgestimmt. In dieser Zeit verlockte ihn ein Hehler zum Warendiebstahl. Er 
wurde angezeigt, verurteilt, durch Berufung des Mitangeklagten aber blieb das 
Verfahren bis zur Entscheidung der zweiten Instanz noch in Schwebe. 

Die darauffolgenden Monate war K. freiwilliger Zögling des Heimes. Er 
-wurde mit Garten- und häuslichen Notstandsarbeiten beschäftigt. Anhaltende 
Verstimmungen und eine Reihe von weiteren Diebstählen in der Anstalt sind 
die Folge. Allein oder gemeinsam mit haltlosen Zöglingen der ältesten Gruppe 
gab er jedem Antrieb zum Stehlen immer offenkundiger nach, ohne sich durch 
die Aufdeckung seiner Vergehen und freundliche Mahnungen abhalten zu lassen. 
Obwohl er durch gehäufte Diebstähle Aufmerksamkeit und Verdacht des ganzen 
Hauses auf sich gelenkt hatte, leugnete er auch bei nachgewiesener Schuld 
trotzig, ja zynisch herausfordernd seine Täterschaft. Das Geld verschleuderte er 
meist für Vergnügungen mit Freundinnen und Ausgänge, bei denen er sich 
durch Alkoholgenuß zu betäuben suchte, was ihm selten gelang, da er nur noch 

verstimmter heimkehrte. 

In dieser Zeit machte ich zum ersten Male K.'s Bekanntschaft. Es war schwer, 
den mißtrauisch Verschlossenen, hinter Selbst- und Weltverachtung Versteckten 
zum Reden zu bewegen. Als das endlich geglückt war, wurden ihm die Stunden 
der Aussprache zum Bedürfnis. Da ich ihm Schweigen und persönliche Neutralität 
zugesichert hatte, gab er mir so allmählich Einblicke in sein vergangenes und 
gegenwärtiges Leben, ja er machte mich, wenn auch stets nach großem Wider- 
streben, zum Mitwisser seiner Pläne oder Vergehen. Besonders häufig sprach 
K. von seiner Mutter, klagte über den Schmerz, den er ihr durch sein verfehltes 
Dasein zufüge, über die selbstverschuldete Trennung von ihr und wünschte 
nichts sehnlicher, als sich ihr wieder zu nähern. 

Diese gute Periode, während der er, wie gesagt, zeitweilig sogar mit einer 
Stehlabsicht in das Geständnis flüchtete und so noch rechtzeitig Herr über sich 
werden konnte, wurde durch seine nunmehr rechtskräftige Verurteilung zu vier 
Monaten Gefängnis jäh unterbrochen. (Das Strafmaß war, trotz der Vorstrafe, 
durch ein psychiatrisches Gutachten des Anstaltsleiters herabgesetzt.) 

Zeitschrift f. psa. Päd., III/11/12/13 365 aa 



Auf Fürsprache des Heimes hin durfte ich K. auch bei Verbüßung seiner 
Strafe etwa alle acht Tage besuchen, so daß meine Beziehung zu ihm nicht 
verloren ging, ja eher vertieft wurde. 

Nach Ablauf der Gefängnishaft war K. wieder in Abständen für längere 
Zeiten Gast des Heimes, wo er bei Gelegenheitsarbeit mithalf und einen Freitisch 
genoß. Trotz dieser menschlichen und materiellen Hilfe, die ihm der leitende 
Arzt mit Unterbrechungen über Jahre gewährte, war K.'s Einstellung zu ihm 
eine ambivalente. Ein stark betontes Dankesgefühl konnte unvermittelt in ein 
ablehnendes, inneres Gesperrtsein umschlagen. 

Unterdessen war es mir gelungen, zwischen K. und seiner Mutter eine Ver- 
söhnung anzubahnen. Sie traten wieder in Schriftwechsel miteinander. Später 
hat K. sie mehrfach besucht, und auch die Mutter hat diesen Besuch einmal 
erwidert. 

Noch zweimal hat K. nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis in einem 
festeren Arbeitsverhältnis gestanden. Zunächst war er während mehrerer Sommer- 
monate als Hausdiener in einer großen Lungenheilstätte der näheren Umgebung 
angestellt, später, nach einer längeren Pause, die er teils bei der Mutter, teils in 
unserem Heim verbrachte, wurde er als Gehilfe in einer Papierwarenhandlung 
angenommen. Dort hatte er sich durch Ausdauer und Tüchtigkeit bald eine 
Vertrauensstellung erworben. Die Besitzer, ein kinderloses Ehepaar, behandelten 
ihn wie einen eigenen Sohn, übertrugen ihm die verschiedensten geschäftlichen 
Obliegenheiten, ließen ihn an ihren Mahlzeiten teilnehmen und planten sogar, 
ihn später an ihrem Geschäft zu beteiligen. Da erfolgte wieder der unerwartete 
Rückschlag. R. hatte, als er sich sicher fühlte, seine Stellung dazu benutzt, um 
eine Reihe von Unterschlagungen zu begehen, die durch einen Zufall aufgedeckt 
wurden. Er wurde zunächst fristlos entlassen, sein enttäuschter Arbeitgeber war 
nur schwer zu bewegen, von einer Anklage abzusehen. K., den ich nach dieser 
neuen Entgleisung aufsuchte, war zusammengebrochen und völlig verzweifelt, 
er äußerte Selbstmordabsichten. 

Um die gleiche Zeit erreichte ein Liebeserlebnis seinen Gipfelpunkt, dem 
K. sich zügellos bis zur körperlichen und seelischen Erschöpfung hingab. Seine 
Geliebte, Hilde, ein gefallsüchtiges, unbeständiges und sehr erregbares Mädchen, 
hatte ihn in die Launen ihrer manisch gesteigerten Sinnlichkeit verstrickt. Er 
war ihr hörig geworden, suchte die Treulose durch Geschenke, deren Kosten 
er aus dem unterschlagenen Gelde bestritt, vergeblich zu fesseln. Sie lebte unter 
dem Druck zerrütteter Familienverhältnisse, aus denen er sie zu befreien suchte. 
In einem fast flehentlichen Briefe bat er mich, diesem Mädchen zu einer An- 
stellung zu verhelfen, wobei er mit der Hoffnung auf deren Rettung den geheimen 
Wunsch verband, durch einen so erzwungenen Ortswechsel der Geliebten von 
ihr loszukommen. K. war nach fruchtlosem Kampfe tatsächlich erst dann in 
der Lage, den Bann zu brechen, als das Mädchen auf Veranlassung der Eltern 
zwangsweise die Stadt verlassen mußte. 

Ein ähnliches, wenn auch weniger in die Tiefe gehendes Abenteuer hatte 
K. übrigens schon früher im Heim. Auch dort fühlte er sich an eine junge 



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Hausangestellte, die er nur oberflächlich kannte, in dem Augenblick gebunden, 
als er von ihrem „lasterhaften" Lebenswandel hörte. Da sie sich im Dienst 
untauglich zeigte und die Stellung aufgeben mußte, meinte er als Retter und 
Bekehrer für sie eintreten zu müssen. Er wurde von mir noch wenige Tage 
vor Antritt seiner Strafe dabei betroffen, wie er einen Diebstahl begehen wollte. 
Seine Antwort auf meine Frage, was er mit dem Erlös der gestohlenen Sachen 
anfangen wolle, lautete: 

„Ich wollte mehrere Flaschen Wein trinken. Ich hätte in Gedanken mit ihr zu- 
sammen gesessen und mit ihr gemeinsam ein Glas nach dem andern geleert, bevor 
man mich ins Gefängnis steckt und ich abgeschnitten bin. von denen, die mir lieb 
sind — — — ich habe unendliches Mitleid mit ihr, ich möchte ihr schreiben und 
ihr meine Adresse geben." 

Der vorläufigen Erwähnung bedarf in diesem Zusammenhang noch eine Liebes- 
gemeinschaft, die von der anfangs geschilderten leidenschaftlichen Neigung ab- 
gelöst wurde. K. unterhielt vor und nach der Gefängnishaft erotische Beziehungen 
zu einer Freundin, Elise, einem Mädchen, das in seiner Wesensart den bisher 
dargestellten geradezu entgegengesetzt war. Ein stiller, anspruchsloser Mensch 
von bravem und häuslichem Lebenswandel, der ihm in der steten Hoffnung 

auf eine zukünftige Ehe, trotz vielfacher Enttäuschungen, K. hatte sie mit 

hochstaplerischen Phantasien betrogen über die Haftzeit hinaus die Treue 

hielt. K. erwiderte diese Neigung nicht in demselben Grade, aber doch so, daß 
er sich gern von ihrer Sorgfalt und ihrem mütterlichen Beistand umgeben fühlte. 
Besonders im Gefängnis war ihm das Bewußtsein von ihrer Anhänglichkeit ein 
unentbehrlicher Trost, und er selbst trat nach seiner Entlassung dem Plan einer 
Ehe mit ihr näher. Kaum aber erfuhr er später, daß die Freundin von ihm 
schwanger war, da verließ er sie jäh und fluchtartig, äußerte Abscheu, über- 
häufte sie hinter ihrem Rücken mit Verleumdungen und bestritt energisch seine 
Vaterschaft. 

Auf das Typische im Verlauf und in der Wahl dieser Verbindungen muß 
in der folgenden psychologischen Untersuchung noch einmal näher eingegangen 
werden. Jedenfalls genügte das zeitliche Zusammentreffen seiner Leidenschaft zu 
Hilde mit den Vergehungen im Geschäft und die Entfernung des Mädchens, 
um als greifbares Motiv der Rechtfertigung den Chef und dessen zur Nachsicht 
sofort geneigte Frau zu versöhnen. K. wurde, wenn auch unter anderen Bedin- 
gungen, wieder aufgenommen. Er wurde in den angegliederten Druckereibetrieb 
versetzt, von der Kasse möglichst ferngehalten und sollte seine Schulden durch 
unbezahlte Arbeitsleistung langsam abtragen. Ein und ein halbes Jahr harrte er 
in dieser Tätigkeit aus, fast ohne Veruntreuungen. Ein kleiner Zwischenfall 
wurde von seiner Arbeitgeberin bemerkt und dem Gatten verschwiegen. Aller- 
dings lebte K. seitdem immer zurückgezogener und einsamer, fühlte sich wegen 
der zurückgehaltenen Arbeitsgelder ausgebeutet und kehrte sich in trotziger Auf- 
lehnung von allem Umgang mit Menschen ab. Seine Selbstanklagen und pessi- 
mistischen Äußerungen des Lebensüberdrusses wurden häufiger. Auch die Bezie- 
hungen zum weiblichen Geschlecht nahmen ab, wurden oberflächlicher. Nur 

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zuletzt, wenige Monate vor seinem unglücklichen Ende, hatte er neue Verbin- 
dungen angeknüpft. Wieder war seine Wahl zwiespältig, mit schwärmerischer 
Verehrung dem unberührten, mit schneller Heftigkeit dem moralisch leicht- 
fertigen, offenbar auch geistig minderwertigen Mädchen zugewandt. Während 
die erste trotz ihrer Jugend in ihm die Sehnsucht nach einer dauernden Lebens- 
verbindung» weckte und ihn, wie er angab, nur Gefühle gesellschaftlicher und 
wirtschaftlicher Unzulänglichkeit vor einer ernsthaften Verfolgung dieses Zieles 
zurückhielten, verführte ihn die zweite, und er sah sich bald abermals in die 
Gefahr drohender väterlicher Verantwortung gezogen. 

Von diesem Zeitpunkt an ging es mit K. noch sichtbarer abwärts. Die Briefe, 
mit denen ihn seine „Braut" verfolgte, nachdem sie ihm ihre Mutterschaft mit- 
geteilt hatte, waren abwechselnd in einem bittenden oder anklagenden Tone 
gehalten. Sie bat ihn um seine geldliche Unterstützung, drängte ihn zur Ehe- 
schließung, oder sie drohte damit, „ins Wasser zu gehen". Die widersprechende 
Gefühlslage, in die er sich dadurch versetzt sah, verbarg K. vor sich und anderen 
hinter zynischen und spöttelnden Redensarten. Daß er den Brutalen nur spielte, 
um der inneren Erregung und Verzweiflung Herr zu werden, zeigte bald seine 
plötzliche Abreise. 

K. meldete sich im Geschäft krank, hinterließ jedoch an den Chef ein 
Schreiben, in dem er sich einer letzten größeren Unterschlagung offen bezich- 
tigte und diese mit der Notwendigkeit begründete, einem durch ihn ins Elend 
geratenen Mädchen zu helfen. Gleichzeitig teilte er darin nach Worten des 
Dankes und der Entschuldigung mit, daß er aus dem Leben gehen würde. 
Einen ähnlichen Abschiedsbrief sandte er an den Leiter der Anstalt, in dem 
er die feste Absicht, ja den Tag seines bevorstehenden Selbstmordes bekanntgab. 

Seitdem blieb K. unseren Augen entschwunden. Alle Nachforschungen waren 
vergeblich, bis wenige Tage später eine Zeitungsnotiz aus seiner Heimatstadt 
die Ausführung seines unglücklichen Vorhabens bestätigte. 

Wie sich später durch Umfragen herausstellte, hatte sich K. unterwegs mit 
seiner letzten Geliebten, wie mit der jungen Freundin, getroffen. Der ersten 
händigte er einen Teil der mitgenommenen Geldsumme aus. Beide Mädchen 
vermochten es nicht, ihn von der verzweifelten Idee abzudrängen, deren wehr- 
loses Werkzeug er geworden war. Nach einem wilden zweitägigen Herumirren, 
das ihn von der Großstadt schließlich in die Nähe des Vorortes, d. h. in die 
nähere Umgebung der mütterlichen Wohnung führte, erschoß sich K. — er war 
damals 26 Jahre alt — nach einer ratlos im Walde verbrachten Nacht. Das 
Ende seines Lebens schildert der Zeitungsbericht wie folgt: 

In der W. Strasse in . . . erregte heute morgen der geisteskranke Kaufmann K. 
Aufsehen, weil er, mit einem Revolver umherfuchtelnd, den Passanten und den herbei- 
eilenden Polizeibeamten zurief, daß er sich erschießen werde. Als ein Polizist ihm die 
Waffe mit List entlocken wollte, setzte K. den Revolver an seine Schläfe und jagte 
sich vor den Augen der überfüllten Straße eine Kugel in den Kopf. Er war sofort 
tot. K. hat sich nachts im G. Forst herumgetrieben." 

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IT 

Wir haben in groben Zügen die äußeren Ereignisse im Leben von Alfred K. 
kennengelernt. Dem Eindruck erschütternder Zwangsläufigkeit im Ablauf dieses 
Schicksals dürfte sich auch derjenige nur schwer entziehen, der nicht als jahre- 
langer Zeuge den einzelnen Phasen des Geschehens persönlich folgen konnte. 
Gerade wegen seiner Abgeschlossenheit scheint mir das dargestellte Leben über 
seine individuelle Bedeutung hinaus ein allgemeineres Interesse der Psychoanalyse 
beanspruchen zu dürfen, die ja immer mehr bestrebt ist, das Ganze einer 
Persönlichkeit als Ergebnis ihrer besonderen Entwicklungsbedingungen zu begreifen 
und auf diesem Wege auch die Grundlage der ins Kriminelle führenden Charakter- 
fehlbildungen zu erfassen. 

Das oben zitierte Bruchstück der Lebensskizze, in der K. selbst versucht, für 
den Ursprung seiner Vergehen bestimmte Erlebnismotive aufzudecken, gibt uns die 
ersten Anhaltspunkte. K. erwähnt dort mehrfach Zwistigkeiten und Spannungen 
mit seiner Mutter. Er teilt mit, daß er auch die ersten Diebstähle an seiner 
Mutter und Verwandten begangen hat. Allerdings bewertet er diesen Konflikt 
mehr nebensächlich, gibt ihm den Rang einer Ursache unter anderen. „Zu all 
den innerlichen Unruhen und Kämpfen . . . kam der Streit mit meiner Mutter". 
Seine Andeutungen allerdings über die seelische Grundstimmung, von der seiner 
Meinung nach die eigentlichen Anstöße zu seinen Entgleisungen ausgingen, bleiben 
inhaltlich dunkel und verschwommen. K. spricht von einem „Vakuum", einem 
Leerraum", den er hätte ausfüllen müssen, nachdem ihm der „endliche Lebens- 
zweck" verloren gegangen sei. Er begründet das Erlahmen seiner Arbeitskraft 
damit, daß „sie ihr Ziel nicht erkannte". Er versucht sich vergeblich in pseudo- 
psychologischen Erklärungen, wie denen, daß ihn seine „ganze ziemlich selb- 
ständige Entwicklung . . . allmählich aus dem Rahmen des häuslichen Kreises 
hinausgedrängt" hätte, und er nun seinem „komplizierten Ich vollkommen selbst 
überlassen" gewesen wäre. Auch die verschiedentlichen Hinweise darauf, daß er 
unter einem innerlichen Zwange gehandelt hätte, können uns hier als Erklärung 
nicht befriedigen, da dem Schreiber wie uns selbst, die konkreteren Anläße zu 
diesen Zwangsgefühlen vorenthalten bleiben. 

Berücksichtigen wir dagegen die Auffassung und Erfahrung der Psycho- 
analyse, so werden wir über die inhaltlich unzureichende Selbstschilderung und 
das mangelhafte Ergebnis unserer darauf fußenden Untersuchung nicht sonderlich 
erstaunt sein. Da es sich ja bei der erwähnten Skizze um eine mehr oder minder 
der Selbstrechtfertigung dienende Reflexion handelt, die noch dazu durch die 
schriftliche Fixierung einer besonderen Kritik der Bewußtseinsinstanzen aus- 
gesetzt war, ist von ihr eine Aufhellung der tieferen Ursächlichkeiten nicht zu 
erwarten. Ein wirkliches Eindringen in die kausal wesentliche Erlebnissphäre 
des Triebgeschehens ist eben nur durch eine möglichst ausgiebige Heranziehung 
derjenigen seelischen Leistungen zu erhoffen, die weniger vom Gedanken an- 
gekränkelt sind, d. h. mehr von ihren unbewußten Entstehungsgründen erraten 

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lassen. Eine willkommene Annäherung an sie dürfte uns dabei das Traumleben 
gewähren. 

K. hat mir im Laufe der Zeit eine Reihe von Träumen mitgeteilt und diese, 
sei es im Gespräch, sei es durch seine Gefängnis- Aufzeichnungen (im folgenden 
als G. A. bezeichnet) ergänzt. Bei der Wiedergabe werden die Träume vor und 
während der Haft chronologisch voneinander getrennt gebracht werden. 

Träume 

Traum 1: K. fühlt, wie ihm die Glieder nacheinander unbeweglich werden. Dann ist jede 
eigene Kraft ausgeschaltet. Er fängt an zu fallen, immer mehr und immer schneller durch den 
Raum. Ihm ist dabei ebenso wohl wie elend zu Mute. 

Ergänzungen: Vorstellungen dieser und ähnlicher Art sind bei K. häufig im 
Schlaf oder im Halbschlaf aufgetreten. Ein Fallen, ein Schweben im Weltraum mit 
lahmwerdenden, unbeweglichen Gliedmaßen sind bei K immer wieder anzutreffen, 
und zwar besonders in Zuständen körperlicher und seelischer Ermattung, wobei einmal 
das Gefühl von Angst und Ohnmacht, ein anderes Mal das Beglücktsein überwiegt. 
Meist wechseln beide miteinander ab. 

Traum 2: K. träumt, wie sich die von ihm ausgehobene Erdgrube in die Grabstätte seines 
Vaters verwarule.lt. 

K. ist während dieser Zeit täglich mit Erdarbeiten im Garten beschäftigt. Am 
Abend vor dem Traum hat K. in der Dämmerstunde, während er sich auf seinem 
Zimmer ausruht, bereits eine den Traum vorbereitende Erinnerung, deren Deutlichkeit 
allmählich halluzinatorischen Charakter annimmt. Er erlebt im Geiste noch einmal 
die Beerdigung eines in der Anstalt verstorbenen Knaben. Er sieht, wie der Sarg die 
Straße hinuntergetragen wird — aber in dem Sarge liegt nicht mehr jener Knabe, 
sondern K.s Vater. K. folgt dem Trauerzuge. Eine heftige Depression überfällt ihn, 
er fühlt sich allein und einsam, und um dieser quälenden Vision zu entgehen, verläßt er 
in großer Unnme das Haus. Er irrt in dem nahen Park umher und kommt erst spät 
nach Hause. Unterwegs tritt die Sterbeszene in allen Einzelheiten in sein Gedächtnis. 

Traum 3: Ein Kanal mit trübem schlammigen Wasser. Steile abschüssige Ufer. Von dem 
einen zum andern führt eine Brücke. Auf zwei holprigen, an das Ufer gelehnten Leitern sitzen 
Frl. R. und eine andere junge Angestellte. Beide ohne Schuhe, Strümpfe und Unterkleidung. 
Der kleine N., Pflegling der R., ist in Gefahr, während eines Anfalles zu ertrinken. Eine dritte 
weibliche Erscheinung, der K. gefolgt ist, die er nur von hinten selten und darum nicht erken- 
nen kann, stürzt sich in voller Kleidung ins Wasser, um das Kind zu retten. Dagegen sträubt 
sich K. ebenso sehr, wie gegen einen Rettungsversuch durch die R. Lieber ein so schwerkrankes 
Kind ertrinken lassen, denkt er, als die nur leicfitkranke R. oder die andere Dame. K. will die 
Frauen retten und hangelt zu diesem Zweck an einer dritten Leiter, die keine Sprossen besitzt 
bis zum Rande des Wassers. Dann Erwachen. Das Kind ist zweimal in den Kanal gestürzt 
und zweimal gerettet worden. 

Ergänzungen: Frl. R. ist eine junge Aushilfskraft des Heimes, die unter leichten 
epilepsieähnlichen Anfällen leidet. N. ist ihr Schutzbefohlener, ein enzephalitisches 
Kind. Ein Zögling derjenigen Gruppe, mit der K. in Fühlung steht, hat sich den 
Scherz erlaubt, der R. die Haare durch das Bewerfen mit Kletten zu zerzausen. 
K. springt hinzu, hilft bei dem Entfernen der Kletten aus dem Haar und hat, wie 
ihm später bewußt wird, bei dieser Hilfsaktion erotische Sensationen. 

Traum 4: (G.A.) „Ich bin in W.; an der Ecke der . . . Straße, die zum Grabe meines 
Vaters führt, ist ein Geschäft. Die Inhaber sind uns bekannt. Die Tochter war eine Schul- 
kameradin. Ich gehe in das Geschäft, um einen neuen Streifen für meine Schülermütze zu kaufen. 

— 370 — 



Die Tochter sucht in den Regalen, findet nichts, da bitte ich, mich nachsehen zu lassen ; ich 
finde es nach langem, gewolltem Suchen, nachdem ich so und soviel anderes, darunter eine 
Sicherheitsnadel gestohlen und heimlich in die Tasche gesteckt habe. Es ist alles wertloses Zeug, 
aber ich stand unter einem starken Zwang." 

Traum 5: (G. A.) „Wieder W. Eine lange Chaussee, als Schüler jeden Tag darauf zur 
Schule gegangen; eine Ecke ist stockfinster; ich komme von der Schule aus in einem riesigen 
Lastauto nach Hause gesaust. Ich bin allein auf dem Auto; an der Ecke muß ich halten. Ich 
verstelle nicht mit dem Wagen umzugehen, es geht aber endlich langsamer, dadurch, daß ich an 
der Ecke immer wende und wieder wende.' Ich fahre endlich mit Hilfe eines Menschen, der 
irgendwie mit einem Male da ist, die Räder gegen die Bordschwelle, und das riesige Auto steht. 
Die Dunkelheit ist. jetzt durch seltsames Fackellicht erhellt, und viele Menschen — es sind meist 
junge Mädchen — stehen um das Auto. Mein Kopf ist wirr und müde. Ich halte mich an 
einem der Mädchen fest und . ... das sage ich Herrn .... mündlich." 

Ergänzungen: Beide Träume gehören in den Verlauf derselben Nacht. W. ist 
der Vorstadtteil, in dem sich auch heute noch die elterliche Wohnung befindet. Die 
letzte Andeutung bezieht sich auf eine sexuelle Entladung während des Traumes. 

Traum 6: (G. A.) „Ich sehe meinen Vater vor mir, wie er tot im Bett liegt, und meine 
Mutter schaut mich an mit Augen, die so gut und so traurig sind. Ich heule in tiefem Schmerz." 

Ergänztingen (im Anschluß an den Traum aufgezeichnet): „. . . doch die Nacht 
heute- wenn das so weiter geht, bin ich in einer Woche verrückt. — Neben starken 
physischen Schmerzen diese entsetzlichen Träume. — Nicht einen Augenblick habe 
ich geschlafen". — (Am Tage darauf) „Es fängt schon an ; ich habe diese letzte Nacht 
überhaupt nicht geschlafen. Ich habe gebetet und gefleht um Ruhe in mir. Nun sitze 
ich hier im Morgengrauen und warte auf Herrn . . ., auf ein gutes Wort." 

Traum 7: „Ich bin in W.; auf dem Dache des Hauses. Meine Tante, die ich immer lieb 
hatte, und der ich auch großen Kummer bereitet hatte, ist mit ihrem Kind (sie hat keines, kann 
nie eins haben) und meiner Mutter auch da; wir sitzen auf einer Art Balkon. Sie ist sehr froh, 
weil ich so gesund wieder da bin, zu Hause, bei meiner kleinen Mutter, die ich so ganz deutlich 
vor mir sehe — auf dem Balkon des gegenüberliegenden Hauses steht ein junges Paar in der 
schönen Abendsonne (ich habe im Trawn das Gefühl: es ist Elise und ich); es rührt mich sehr 
heftig. Nach allerhand Geplauder will ich hinwxter gehen. Ich muß seltsamerweise dabei eine 
Leiter hinunter; ich bleibe dabei hängen mit dem Mantel und stürze herab, breche mir beide 

Beine." — — „Wache auf und liege ün Bett mit dem Gefühl, daß ich beide Beine in 

Gips habe; ich kann mich nicht rühren und dennoch habe ich ein Gefühl von Wollust. Gott 
sei Dank, nun kommst du von hier wohl ins Krankcnliaus !" 

Ergänzungen: Die Tante des Traumes ist die Schwester von K.s Mutter. Auch 
sie hat K. früher einmal bestohlen. Sie steht ihm neben der Mutter unter den Ange- 
hörigen mit am nächsten. Elise ist mit der in der Lebensgeschichte (s. dort) erwähnten 
Freundin identisch, die ihm während der Haft treu bleibt und von ihm später ver- 
lassen wird. 

Traum 8: (G. A.) „Ich gehe spazieren. Ein Geschäft „Herrenartikel" ladet mich zwn 
Eintritt. Eine Frau kommt erst nach langer Zeit, wo ich mir alles betrachtet habe; ich fordere 
etwas (weiß nicht mehr was). Die Frau geht nach hinten, bleibt sehr lange, ich beschaue wieder 
alles. Liegt da eine Krawatte, und wie eine Welle, die mich ganz überflutet (das spüre ick 
deutlich im Traum) überkommt mich das Gefiihl: das nimm! Ich tue es mechanisch, ganz 
willenlos wul fühle mein Herz gewaltig schlagen. Es kommt immer noch keiner. Ich nehme auch 
einen großen Sporthut und stecke ihn in die Tasche; dann lege ich den Hut nach hartem inneren 
Kampf wieder an seinen Crt zurück; habe ein Gefühl der größten Befreiung, die Krawatte 
stecke ich aber in das Ohr (ich habe an dem Abend die heftigsten Zahn- und Ohrenscluncrzen 

-371 — 



gehabt). Es kommt noch keiner wieder; ich freue mich, daß man soviel Vertrauen in mich 
setzt und beschaue mir Gläser, Schnapsgläser usw., habe dabei auch den Gedanken, ein besonders 
hübsches zu stehlen, weise ihn aber mit großem Unmut zurück. 

Da kommt ein Mann herein, und sagt, er sei Kriminalpolizist, ich hätte gestohlen hier und 
solle mitkommen. Jetzt kommt auch die Frau des Ladens, weint und bejaht das. Ich gehe mit 
ich bin ruhig, ich denke, die Krawatte im Ohr wird man nicht -finden, und du hast nichts 
getan. 

Auf der Wacht Untersuchung, man findet in meiner Manteltasche einen Staubkamm (weiß 
Galalith), ich bin überrascht, ich weiß nichts davon, daß ich ihn gestohlen habe. Man steckt 
mich ein. Diebstahl. Läßt mich am nächsten Tage aber wieder los. — Ich komme nach Hause 
trete in die Stube, mein Vater sitzt da. Er sieht mich an, ein unbeschreibliches Sehen! Dann 
fährt er mich an, steht auf und will sich mit mir schlagen. Er ist krank, er zittert, und ich 
sage ihm, daß ich ihn mit einem Schlage niederhauen kann. Es ist kein Mitleid, nur Trotz in 
mir. Da waclie ich auf, erschreckt, sehr er regt. u 

Ergänzungen: Es ergab sich später die Gelegenheit, mit K. ausführlicher über 
das Erlebnis dieses Traumes zu sprechen. Dabei machte K. zu einzelnen Elementen 
seiner Traumphantasie Äußenmgen, die den Wert von Einfällen gewinnen. Ich gebe 
sie nach meinen damaligen unmittelbaren Aufzeichnungen wieder: 

Krawatte im Ohr: Früher hat mich mal ein Mädchen ins Ohr geküßt. Wenn ich 
offen bin, erst jüngst einmal wieder in S. . Ins Ohr küssen ist etwas Sexuelles. Es 
ist ähnlich wie das, was der Mann mit der Frau tut. 

Das nimm: So mit denselben Worten denke ich immer, wenn mir ein Mädchen 
gefällt. 

Die Frau des Ladens: Die Wirtin, bei der ich den Pelz gestohlen habe — so 
war auch meine Mutter wenn ich etwas getan hatte; sie weinte und hatte Angst vor 
mir. Manchmal machte ich ihr Angst — damals als ich mit dem Revolver in die 
Decke schoß. K. schildert dann die Zeit, als er seiner Diebstähle wegen von der 
Mutter nicht mehr in die Wohnung gelassen wurde, und wie er einmal in trotziger 
Aufwallung, um sie einzuschüchtern, einen Schreckschuß abgegeben hatte. 

Der Staubkamm aus Galalith: Die Totenhand meines Vaters hatte eine ganz 
ähnliche Farbe. 

Das Sehen des Vaters: So sah mich mein Vater an, wenn ich spät heimkam 
Ich hatte häufig das Gefühl, daß ich der physisch Stärkere war und ich ihn hätte 
niederschlagen können. 

Weiter schließen sich dann Erinnerungen, Kindheits- und Jugendeindrücke an, 
die er zu Lebzeiten des Vaters empfangen hatte. Der Vater hielt ihn streng. Eni 
spätes Nachhausekommen, das den damals noch unbegründeten Verdacht erregte, 
K. hatte sich in irgendwelche verbotenen Beziehungen eingelassen, wurde vom Vater 
mit mehrtägigem Hausarrest bestraft. Andererseits berichtet K. von Waldspaziergängen 
mit dem Vater, bei denen K. regelmäßig abseits gehen mußte, während er beobachtete, 
wie der Vater mit eindringlicher Neugier das Liebesleben der Pärchen belauschte] 
Derartige Spaziergänge wiederholte dann K. auf eigene Faust und findet einmal dabei 
ein Kondom auf der Erde, das er als eine Art Pilz ansieht. Er zeigt seinen Fund in 
der Klasse und wird unter schallendem Gelächter und Spott von seinen Mitschülern 
aufgeklärt. Wie tief die Spuren dieser widerspruchsvollen Erlebnisse sich ihm einge- 
prägt haben, zeigen u. a. auch folgende Notizen (G. A.): 

„ . . . Ich fühle es als eine Notwendigkeit, darüber zu reden, denn ich muß 
mein Ich, das durch allerhand unkeusche Dinge gefesselt war, wieder aufrichten 
und zu sich selbst kommen lassen. Ich muß es tun, denn es ist so ekelhaft und 
peinigend, so ganz in seinen Träumen 1 wieder auf jene dunklen Wege geführt zu 

1) Gemeint sind hier Tagträume wahrend der Gefängniszeit. 

— 372 — 



werden, die ich mal gehen mußte in einer vielleicht äußeren Schicksalsmäßigkeit. 
— Doch das mündlich. Wissen Sie, auch in diesen Träumen fühle ich, wie ich 
hineingezogen werde; das Ziehen empfinde ich dabei sogar beinahe körperlich . . . 
die Waldspaziergänge — die Straßenspaziergänge sind die Wurzeln dieser Triebe . . ." 

* 

Wenn es auch nicht möglich ist, die einzelnen Träume ohne weitere Anhalts- 
punkte einer sachgemäßen Analyse zu unterziehen, so eröffnen sie doch in ihrer 
Gesamtheit Perspektiven, die wir der Auswertung des Bewußtseinsmaterials allein 
niemals hätten abgewinnen können. Dabei ist es für die Psychoanalyse nicht 
überraschend, daß die Erlebnisse, die K.'s Traumphantasien darstellen, oder auf 
die sie latent anspielen, vorwiegend in der zeitlich entrückten Ebene der 
Kindheit und Jugend ihren Platz haben. Zu beachten bleibt, wie die aktuelle 
seelische Inanspruchnahme durch die Haft den Durchbruch der infantilen Er- 
lebnisquellen in den Traum nicht einzudämmen, sondern eher zu begünstigen 
scheint. 

Was an dem Inhalt der Träume auffällt, ist zunächst dies: Wohl ist K.'s 
Vater, der in der Lebensskizze nur oberflächlich erwähnt wird, seit Jahren 
gestorben, aber in seiner Seele hat K. von diesem Tode nur unvollkommen 
Kenntnis genommen. Der Verstorbene und dessen Sterben selbst beschäftigt ihn 
noch wie ein Lebender. K. wiederholt unter Schmerzen und Trauergefühlen 
alle Einzelheiten der Sterbe- und Bestattungsszene, er fühlt sich dadurch gequält 
und geängstigt (vgl. die Vision und Traum 2, 6, 8). Traum 8, der auch über 
manchen anderen Zusammenhang Aufschluß zu geben geeignet scheint, zeigt 
deutlicher, welche unbewußten Beziehungen K. mit dem Ende des Vaters so 
nachhaltig verbinden. Es ist, als hätten die darin auftauchenden, aber durch 
rechtzeitiges Erwachen in ihren äußersten Folgen unausgeführten Aggressions- 
wünsche nun doch in der Phantasie die abgewehrte Verknüpfung erfahren. Die 
starken feindseligen Erregungen, die wohl infolge der Waldspaziergänge mit 
ihren abrupten Enthüllungen und der hierzu in Widerspruch stehenden „Strenge" 
des. Vaters besonders mächtig an die Oberfläche drängten, haben wohl, wie wir 
annehmen können, eine seelische Situation vorbereitet, die nach dem wirklichen 
Tode des Vaters in heftige Schuldgefühle umschlagen mußte. Für das Unbewußte 
von K. ist eben das Sterben des Vaters kein einfaches natürliches Geschehen, 
mit dem man sich abfinden muß, sondern eine durch heimliche Todeswünsche 
bewirkte Freveltat. Die Vermutung, daß diese Vernichtungsabsichten noch 
spezieller kastrativen Charakter haben könnten, — man denke an das symbol- 
hafte Fortnehmen der „Herrenartikel", des Hutes, der Krawatte und des Staub- 
kammes, der ja mit der Hand des Vaters verglichen wird, — bleibe aus Mangel 
an weiterem beweiskräftigem Einfallsmaterial beiseitegestellt. 

Andererseits dürften wir kaum fehlgehen, wenn uns die von der Psycho- 
analyse auf Grund reicher Erfahrungen gemachte Annahme, daß deratige Todes- 
wünsche in den Rivalitätskämpfen des Oedipusstreites ihren Ursprung besitzen, 
ebenso für den vorliegenden Fall berechtigt zu sein scheint. Auch hierfür liefern, 
allerdings weniger offenkundig, die mitgeteilten Träume einige Anhaltspunkte. 

-373 - 



Mehr oder minder direkt tritt die Mutter in den Träumen 8 und 7 auf. Die 
Frau des Ladens wird auf dem Umweg über die Wirtin, bei der K. den Pelz- 
diebstahl verübte, ausdrücklich mit der Mutter verglichen, und in der seltsamen 
Wiedersehensszene wird der Anblick „der kleinen Mutter", „die ich so ganz 
deutlich vor mir sehe", besonders hervorgehoben. Aber diese Stützpunkte reichen 
nicht aus, um darauf eine so weit tragende Vermutung zu begründen. Wir 
müssen vielmehr zunächst die Traumphantasien verlassen, um unseren Eindruck 
an anderen mündlichen und schriftlichen Angaben, ja an der ganzen sonstigen 
Lebenshaltung von K. weiter nachzuprüfen. 

Bei näherem Zusehen kann es nicht verborgen bleiben, daß bestimmte 
Schwankungen und Unentschiedenheiten, die K.'s Wahl seiner Freundinnen und 
Geliebten kennzeichnen, indem er sich in einer gewissen regelmäßigen Wieder- 
kehr einmal dem haltlosen und dirnenhaften Frauentypus zuwendet, ein anderes 
Mal dagegen Schutz und Sicherheit in einer Treue und Lebensdauer versprechen- 
den Liebe sucht, meist aber zwischen beiden hin und her gerissen wird. K. ist 
also nicht in der Lage, mit der ganzen Persönlichkeit seine Liebeswahl zu 
treffen und sich mit der geliebten Person uneingeschränkt zu verbinden. Dieser 
für das menschliche Liebesleben überhaupt in gewissen Grenzen allgemeingültige 
aus den Besonderheiten der Sexualentwicklung 1 erklärbare Zug zeigt aber bei 
K. eine Verstärkung, die über das normale Maß hinausgeht. Die dem Dirnen- 
typus entsprechenden Freundinnen (Hilde, die entlassene Hausangestellte und 
die letzte Geliebte) reizen ihn zu einer Überschätzung, die durch die realen 
Objekte selbst nicht genügend gerechtfertigt erscheint. Einige sehr charakteristische 
Bemerkungen seiner Aufzeichnungen (G. A.) geben dafür ein weiteres Beispiel. 
Es heißt dort bei der Schilderung seiner Tagesphantasien u. a.: 

„Dann auf einmal . . . (Geburtsort); ich suche die Frau, die schönste, jetzt nicht 
mehr seelisch und körperlich schönste, sondern nur die körperlichste. Wie im Fieber 
überkommt es mich, ich suche sie natürlich unter der Prostitution. Erst im T.-Viertel 
dann in der . . . Stadt, in Bars und auf Bällen. Ich habe eine unglaubliche Phantasie 
dabei, es ist das so deutlich und klar, als wenn ich es wirklich erlebe. Viele Frauen 
sehe ich und habe ich. Nichts befriedigt mich. Und dann suche ich sie im Gefängnis 
als Frauenarzt, — ich bin es mit einemmal geworden, — finde sie in dem Frauen- 
gefängnis in B., wohin die Prostituierten bei einem Vergehen gegen das Reglement 
gebracht werden. Eine königliche Gestalt. Ich stehe vor ihr in ihrer Zelle, und das 
Bild berauscht mich und quält mich zu gleicher Zeit. Sie ist götterschön und seelisch 
tief, tief unten. ... ich habe Macht, ich befreie sie unter der Bedingung, daß sie 
mir einen Monat diene, natürlich in Luxus und Wohlleben. Sie wird zu mir kommen 
das ist ein berauschender Gedanke. . . . Und dann komme ich zu mir, erschrocken 
gedemütigt, ich schwitze am ganzen Körper und frage, woher kommt das. . . . r c }* 
marschiere auf und ab und denke nach und werde mit nichts fertig. Ich fühle 
instinktiv, daß all das die größte Gefahr in mir ist, dieser Trieb nach Macht und 
nach einer solchen Frau". 

Freud macht darauf aufmerksam, 1 daß die Liebesbedingung der Dirnenhaftigkeit 

1) Freud, Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens. Über die allgemeinste 
Erniedrigung des Liebeslebens. Gesammelte Schriften, Band V. 

2) Freud, Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens. Über einen besonderen Typus 
der Objektwahl beim Manne. Ges. Schriften, Bd. V. 

- 374- 






einen Niederschlag jener Empfindungen darstellt, mit denen der Jugendliche auf 
die ersten näheren Erfahrungen von dem ehelichen Zusammenleben seiner Eltern 
reagiert. Je heftiger dabei durch die unvorbereitete und brutale Art der Mit- 
teilung die Erschütterung der elterlichen Autorität -war, umso größer wird nacli 
Freud die mit Grausen gemischte Sehnsucht sein, in der Dirne, gerade wegen 
der Häßlichkeit und Verrufenheit ihrer Geschlechtsbetätigung, einen Ersatz für 
die im gleichen Sinne herabgewertete Mutter zu finden. Unter welchen Wirkungen 
im Falle K. jene „Aufklärung" vor sich ging, ist bereits oben gezeigt worden. 
So werden wir also schon sozusagen von der negativen Seite her auf K.s stark 
entwickelte Mutterbindung gewiesen. 

Mit diesen auf die Dirne als erniedrigtes Mutterabbild gerichteten Wünschen 
verbinden sich häufig Phantasien, die eine „Rettung" des gefährdeten Liebes- 
objektes zum Inhalt haben. In der schon mehrfach erwähnten Arbeit zeigt Freud 
nach Klarlegung des Bedeutungswandels, den das „Rettungsmotiv" von einem 
Symbol der Geburt bis zu dem des Kinder-Schenkens durchgemacht hat, wie 
Phantasien dieser Art letzten Endes zu einem Ausdruck der unbewußt gewünschten 
inzestuösen Gemeinschaft des Sohnes mit der Mutter werden können. In diesen 
Sinnzusammenhang könnte man vielleicht den Traum 5 einreihen. Auf seine 
versteckten sexuellen Empfindungen weist — wenn man von deutlichen sexual- 
symbolischen Anspielungen wie: drei halbbekleidete Frauen, drei Leitern, das 
Hangeln an der einen etc. absehen will — der auf die Pflegerin R. bezügliche 
Einfall. Immerhin wäre es gewagt, bei so spärlichem Deutungsmaterial die latenten 
Traumgedanken weiter in der angegebenen Richtung vervollständigen zu wollen. 
Daß Rettungsphantasien, und zwar gerade im Zusammenhang mit der zwanghaften 
Bevorzugung der Dirne in K.s Liebesleben eine beträchtliche Rolle spielen, zeigt 
sein Verhalten bei der Entlassung jener „lasterhaften" Hausangestellten, zeigen 
an mich gerichtete Briefe, in denen er meine Unterstützung und Hilfe bei einer 
geeigneten Unterbringung seiner haltlosen Hilde erbittet: 

„Nehmen Sie die Sache sehr ernst, denn ich habe das Mädel wirklich sehr lieb. 
Ich habe darüber nachgedacht, es ist immer dieselbe Sache, ein Lied, das immer 
denselben Kehrreim haben wird. Ich habe und muß sie gern haben, weil sie so ein 
armes zerrissenes Menschenkind ist und in den Verhältnissen ihres Zuhause kaput gehen 
wird. ... Sie muß raus; darf ich hoffen, daß Sie bald, recht bald Hilde irgendwohin 
bringen werden ..." 

Konnte man aus dieser charakteristischen Gefühlsäußerung unter Zugrunde- 
legung der Freudschen Annahme nur auf Umwegen K.s komplexhafte Bindung 
an die Mutter erschließen, so werden wir doch auch direkt durch die Beachtung 
des erotischen Gegenspieles in unserer Vermutung bestärkt. Der Wert eines 
Liebesobjektes ist, wie erwähnt, für K. dann herabgesetzt oder ganz aufgehoben, 
wenn die sexuellen Beziehungen natürliche Folgen in Aussicht stellen. So ver- 
schließt er sich plötzlich mit überraschender Härte gegen Elise, als sie ein Kind 
von ihm erwartet, während er noch vorher im Gefängnis über sie schreibt: 

„ . . . Ich beschäftige mich ganz stark in Gedanken mit Elise; insbesondere male 
ich mir immer und immer wieder das Wiedersehen mit ihr aus. Ich hänge sehr an 
ihr, weil alle Strömungen der Liebe und Zärtlichkeit sich in ihr vereinigt haben". 

— 375 — 



(Oder im Hinblick auf seine Zukunft:) „Das größere Teil der Hilfe muß eine Mutter 
oder ein Mädchen sein". (Zu dieser Zeit hatte die Versöhnung mit der Mutter noch 
nicht stattgefunden.) 

Zur Erklärung des Umschwunges dürfen wir den Traum 7 heranziehen. In 
ihm tritt ja nicht nur die Mutter selbst auf, sondern sie wird in einer Parallel- 
szene durch Elise gleichsam abgelöst. Was ferner der Traum von der Mutter 
auszusprechen verbietet, sagt er von der Tante, die K. „immer lieb hatte", und 
der er „auch" großen Kummer bereitet hat. Ein Vergleich, der sie zur Mutter- 
Imago macht. Er sieht diese Tante mit ihrem Kinde. „Sie hat keines, kann nie 
eins haben," fügt er wie entschuldigend hinzu. Der Weg, den K.s Liebe auf 
unbewußten Spuren von der mütterlichen Freundin Elise über die Tante zur 
Mutter hier zurückgeht, führt in die greifbare Nähe unterdrückter Inzestwünsche 
und macht bei der pathologisch gesteigerten, entwicklungsbedingten Spaltung 
seines Liebesempfindens, K.s schockartige Ablehnung des so gezeugten Kindes 
verständlich. Die Liebe zu Elise hat eben den trümmerhaften Rest einstiger An- 
betung und Verehrung, die dem Mutteridol vor der Aufklärungskatastrophe galt 
auf sich gezogen und ist durch diese unbewußte Belastung sofort in Vernichtungs- 
gefahr, sobald sie die verbotenen Wünsche (Kinderzeugung) zu erfüllen droht. 

Den stärksten und unmittelbarsten Ausdruck aber für seine zurückgedrängten 
inzestuösen Liebesimpulse findet K., einen Tag vor seinem freiwilligen Tode in 
menschlich ergreifenden Abschiedsworten, deren Wärme zu seiner im Alltags- 
leben zynisch kühlen Redeweise den eindringlichsten Gegensatz bildet: 
„Mein liebes, liebes Mütterchen! 

Verstehe mich und verzeihe mir in Deiner Güte, wie Du es bisher immer 
tatest. — Glaube mir, Mütterchen, es ist das Rechte und gönne mir nach dem Kampfe 
den ich mit mir selbst gekämpft habe bis zum letzten Atemzuge, die endliche glück- 
liche Ruhe. Mein Blut hat so den Todeskeim in sich, und ich bin so todmüde von 
dem, was mich noch im Leben erwarten sollte, daß ich letzte Energie noch einmal 
finden will im Schluß. Mütterchen, sieh, wie glücklich mich dieser Gedanke macht 
sieh, welche Sehnsucht ich habe nach Ruhe, und sei tapfer und nimm es hin. Mein 
letzter Wunsch und meine letzte Zärtlichkeit sind bei Dir, und ich weiß, ich fühle 
es, Du verzeihst mir, weil Du meine liebe, liebe kleine Mutter bist. Grüß mir den 
Karl und unsere Lotte und Tante . . ., jedem drücke ich noch einmal die Hand. 

Nun will ich klar und bewußt meinen Weg zu Ende gehen. Für das kleine Fleck- 
chen Erde in der Nähe Vaters trage noch einmal Sorge. Ich küße Dich noch einmal, 
drücke Dich fest, ganz fest an mich, Du meine liebe Mutter, behalte mich doch lieb. 

Dein Kind." 

ffl 

Überblickt man noch einmal diesen Entwicklungsweg mit seinen tiefen 
traumatischen Nachwirkungen des Oedipuserlebnisses unter den Gesichtspunkten 
die sich bei Heranziehung der Träume, Mitteilungen und schriftlicher Dokumente 
gewinnen ließen, so erscheinen auch die kriminellen Verfehlungen in einem 
neuen Lichte. Man wird danach schwerlich bei klinischen Festlegungen wie 
„Psychopathie" oder sittlicher Defekt, die das konstitutionelle Moment in den 
Vordergrund rücken, stehen bleiben können, wenn man die psychologisch 
wirksamen Motive sucht. 

-376 — 



Betrachtet man nämlich die Vergehen, die Diebstähle selbst, etwas näher, 
so fällt auf, daß dort, wo die Stehlantriebe keine so scharfe Bewußtseinskon- 
trolle zu passieren brauchten, d. h. wo sie den Teilinhalt von Träumen bilden, 
auf eigentlich unbedeutende Objekte gerichtet sind. Ja, würden sich die wirk- 
lichen Diebstähle K.s auf so geringfügige Gegenstände beschränken, dann hätte 
die Umwelt von vornherein keinen Grund gehabt, an ihnen als an „ver- 
brecherischen" Handlungen ernsteren Anstoß zu nehmen. Die in den mitge- 
teilten Träumen gestohlenen Gegenstände : neuer Streifen für die Mütze, Sicher- 
heitsnadel und anderes „wertloses Zeug" (Traum 4), Krawatte, Sporthut, Staub- 
kamm (Traum 8) unterscheiden sich ja wesentlich von den Objekten, die in 
der Mehrzahl der wirklich ausgeführten Diebstähle angeeignet wurden (erheb- 
liche Eingriffe in fremden Besitz, Unterschlagungen von Geldern etc.). Da aber 
die Stehlwünsche, die phantastisch sowohl wie die real befriedigten, wohl ver- 
schiedene Ziele haben, aber doch als Triebäußerungen derselben Persönlichkeit 
zusammengehören, und im Hinblick auf die Tatsache, daß die im Traum sichtbar 
werdenden Impulse einen weniger entstellten Ersatz des tiefsten unbewußten 
Triebbegehrens darzustellen pflegen als ihre schwächeren Abkömmlinge im 
Wachbewußtsein, so drängt sich uns eine paradox anmutende Schlußfolgerung 
auf. Denn wir hätten danach, wenn wir nach tiefenpsychologischen Erklärungen 
suchen, die anscheinend so unsinnigen und zwecklosen Stehlphantasien des 
Traumes vom Standpunkte des Unbewußten aus in ihrer Bedeutung höher 
einzuschätzen als die in sozialer Hinsicht sicherlich wichtigeren, wirklich began- 
genen Diebstähle. Unterstützt wird diese Auffassung zudem durch die Beobach- 
tung, daß trotz aller Rationalisierungsversuche die Diebstähle in K. eigentlich 
nie wie eine echte Befriedigung die Spannung lösten, sondern ihn immer weiter 
in Verstimmungen hineintrieben. Sie gewännen dadurch die Bedeutung von 
Symptomhandlungen, womit auch das subjektive Gefühl des Zwanghaften (vgl. 
Traum 4 u. 8) in Einklang stände. Welche unterdrückten Handlungen allerdings 
in den Traumphantasien ihre Entstellung und symbolische Umgestaltung 
erfahren, läßt sich aus dem vorliegenden Traumbeispiel allein nur unzureichend 
feststellen. Einfälle zu Traum 8 zeigen mit Sicherheit nur, daß einzelne Elemente: 
„Krawatte im Ohr" und „Das nimm" bestimmten sexuellen Wunsch Vorstellungen 
äquivalent sind. Auf die mutmaßliche Kastrationsbedeutung der Staubkamm- 
entwendung wurde bereits hingewiesen. Derselbe Traum zeigt jedoch in seinem 
Schlußteil und den dazu gehörigen Erinnerungen noch eine andere sehr beach- 
tenswerte Beziehung. Denn er führt uns nach dem Szenenwechsel zurück in 
das elterliche Milieu und baut auf der Tatsache des Diebstahles einen jener 
heftigen Rivalitätskonflikte mit dem Vater auf, deren tiefere Grundlagen wir 
in anderem Zusammenhang bereits erkannt zu haben meinen. Es ist also sehr 
wahrscheinlich, daß die durch das Diebstahlssinnbild angedeuteten Sexualerre- 
gungen der Mutter gelten, die ja auch im Einfall mit der Frau des Ladens 
verglichen wird, während der Vater, ehe er leibhaftig erscheint, in dem Kriminal- 
beamten offenbar eine entstellte Vertretung gefunden hat. 

Zum Kernproblem unserer Untersuchung, zu der Frage, wie im Falle von 

— 377 — 



Alfred K. Verbrechen und Strafe aufeinander wirken, bezw. einander bedingen 
führt eine andere Eigenart in K.'s Traum- und Phantasieleben, der bisher noch 
keine Beachtung geschenkt wurde. Erinnert man sich an die Gefühle des Fallens 
und der Gliederlähmung (Traum 1), an die tiefe Reue und Schmerzempfindung, 
die das Bild des toten Vaters hinterläßt (Ergänzungen zu Traum 6), an Absturz 
und Beinbruch (Traum 7), an das Erschrecken, das die Bedrohung des Vaters 
hinterläßt (Traum 8), so wird deutlich das Walten der Instanz sichtbar, die 
nach der Auffassung der Iehtheorie die Funktion des „Gewissens" erfüllt. Auch 
das zwanghafte Hingetriebensein zur Atmosphäre der Verbrecherspelunken und 
Obdachlosenasyle (vgl. Selbstbiographie) hat einen verwandten Sinn. Von einer 
Urlaubsreise schreibt mir K.: „ . . . Denken Sie, schon zweimal während der 
acht Tage, die ich hier bin, habe ich mich heimlich in die Gegend geschlichen 
wo ich damals in den Spelunken und Kellern vegetierte. Es hat ein seltsam 
brennendes Interesse für mich, da in den Straßen herumzuirren ..." Abge- 
sehen von dem früher erwähnten Motiv (vgl. Tagesphantasie im Gefängnis) ist 
es, als wolle K. damit sagen: Ich bin unwürdig, wo anders zu hausen, diese 
Umgebung ist für mich die einzig geeignete. Seine spätere Einstellung zum 
Gefängnis ist ähnlich. Obwohl er sehr unter dem Verluste seiner Freiheit litt 
hat er sich nach der Entlassung doch häufig am Abend in die Nähe der Ge- 
fängnismauern geschlichen und manchmal zu mir geäußert, für ihn wäre es das 
beste, dort sein Leben zu verbringen. Tagesphantasien der Gefängniszeit beschließt 
er, den Träumen entsprechend, mit folgenden und ähnlichen Wendungen (G. A.): 
„ . . . Dann fällt alles zusammen, ich stürze und habe mir alles gebrochen ..." 
oder „ . . . Dann fällt alles zusammen . . . ich möchte mich nicht rühren es 
tut mir alles weh." Dann wieder: „Ich fühle in all der Not eine tiefe Befreiung 
. . . jetzt bin ich doch eigentlich ruhig." 

Reik 1 hat in seiner bahnbrechenden Arbeit die Wirkungsweise des unbewußten 
„ Straf bedürfnisses" als eines elementaren Ausdrucks der im „Über-Ich" fest- 
gelegten Gewissensmächte geschildert. Diese psychische Tendenz nach Entsühnung 
durch Strafe tritt in den mitgeteilten Äußerungen K.'s deutlich zutage. Sie können 
wir wohl auch mit großer Wahrscheinlichkeit für die realen Diebstähle, soweit 
diese nicht nach dem Muster der Traumdiebstähle vorwiegend eine partielle 
Befriedigung unterdrückter Inzestwünsche bezwecken, als verursachende Kraft 
in Anspruch nehmen. Man braucht nur an die Häufung der Taten und an das 
herausfordernde Verhalten nach ihrer Ausführung zu denken, um in dieser 
Annahme bekräftigt zu werden. Das unter dem Einfluß sich steigernden un- 
bewußten Strafbedürfnisses stehende Lebensschicksal, das durch wiederholte Ver- 
fehlungen mit darauffolgenden Selbstbezichtigungen und Selbstmordabsichten ge- 
kennzeichnet ist, prägt K.'s Charakter eine Form auf, die der des „moralischen 
Masochisten" verwandt ist. Kein Ereignis aber zeigt die tragische Gesetzmäßigkeit 
dieser ins Verbrechen führenden Fehlentwicklung mehr als die näheren Umstände 

1) Theodor Reik, Geständniszwang und Strafbedürfnis, Internat. FsA. Bibl. 
Bd. XVIII, Wien 1925. 

— 378 - 



des frei gewählten Endes, das fast wie eine öffentliche Selbstanklage und Hin- 
richtung wirkt. 

Die allgemeinen Folgerungen, die sich aus der Untersuchung eines Einzel- 
falles ableiten lassen, sind naturgemäß begrenzt. Immerhin drängen sich bei 
einem Rückbick über den beschriebenen Lebenslauf unabweislich Fragen auf, 
die Reik in seiner Arbeit als wesentlich hervorhebt, nämlich: „Ob nicht eine 
unterirdische Verbindung, zwischen dem Urverbrechen der Kinderzeit und der 
Tat des erwachsenen Verbrechers besteht, welchen Einfluß die individuelle Ver- 
arbeitung des Oedipuskomplexes auf die Entwicklung des später zum Verbrecher 
Gewordenen hatten" Ließe sich an umfassenderem Material und in breiterem 
Rahmen die Berechtigung dieser Fragestellung nachweisen, so wäre damit eine 
durch Erfahrungen gefestigte Verbindung zwischen Psychoanalyse und Kriminal- 
wissenschaft hergestellt 1 , deren Einfluß sich auch der Strafvollzug bei seinen 
Reformversuchen auf die Dauer kaum verschließen könnte. 









Selbstmordprophylaxe in der Analyse 

Von Dr. Paul Federn, Wien 

Jede Art von Therapie hat ihre besonderen Gefahrenquellen, die der 
Behandelnde kennen, ja fürchten muß. Es gibt Chirurgen, die wenig Todesfälle 
zu beklagen haben, weil sie ablehnen, vorgeschrittene Fälle zu operieren ; das 
ist aber eine Pseudogewissenhaftigkeit ; der wirklich gewissenhafte Chirurg 
riskiert seinen Ruhm und verzichtet auf den Glanz seiner Operationsstatistik, 
um doch unter den als verloren bezeichneten Fällen wenige noch zu retten. 
Und, obgleich der Augenoperateur wohl weiß, daß bei aller Vorsicht einzelne 
Starkranke im Anschluß an die sonst so segensreiche Operation erblinden, 
wird er auch den komplizierten Fall anzugehen wagen. Das Analogon für 
den Psychoanalytiker ist die Selbstmordgefahr bei dem zu Behandelnden. 
Oft, wenn wir von jugendlichen Selbstmorden erfahren, denken wir, daß 
eine rechtzeitige Psychoanalyse ihn verhütet hätte. Aber anderer- 
seits werden wir auch nach relativ gut gelungener Psychoanalyse, mitunter 
erst nach Jahren von der Nachricht des Selbstmordes erschüttert, und um 
so mehr, wenn die Psychoanalyse die Lebens- und Freudefähigkeit des Kranken 
hergestellt hatte. Im Laufe der Jahre macht die Überraschung dem Ver- 
ständnis Platz, wenn es immer wieder ähnliche Bedingungen sind, die zum 
Selbstmorde führen, — so verschieden die individuellen Motive sein mögen. 

Von Bedingungen, welche die Selbstmordgefahr erhöhen, und die ent- 

1) Vgl. dazu auch Abraham, Die Geschichte eines Hochstaplers, Image-, Bd. XI, 
H. 4, 1925 — Karl Landauer, Das Strafvollzugsgesetz, Zeitschr. f. psychoanalytische 
Pädag., Bd. II, 33 (1927). 

-379 — 



gegengesetzten, welche sie vermindern oder beseitigen, soll hier die Rede 
sein. Das Gefahrenmoment des Selbstmordes während und nach der Psycho- 
analyse ist für den Pädagogen ebenso wichtig, wie für den Arzt, und gerade 
die Verhütung des Selbstmordes wird von ihm wie vom Arzte gefordert. 
Er soll der Entstehung der Selbstmordtendenz vorbeugen, damit die neue 
Generation keinen Zola mehr zur Klage veranlasse: „Nous avons tous peur 
de la vie u . (Wir haben alle Furcht vor dem Leben.) 

Wenn allgemein der Selbstmord als etwas Übles und Schuldvolles, als 
etwas Furchtbares gilt, so wird oft von kühleren und weiterblickenden Be- 
trachtern eingewendet, daß zu andern Zeiten und in andern Ländern der 
Selbstmord etwas Normales oder Rühmliches sei. Diese Gesamteinstellung 
verhält sich zur Einstellung des individuellen Selbsttöters, wie die gemeinsame 
Zwangsneurose vieler Religionen zu der des Einzelnen. Denn auch nach 
unserer heutigen Lebensanschauung ist gewiß nicht jeder Eigentod Ausfluß 
einer pathologischen Persönlichkeit, insbesondere nicht von Furcht und 
Willensschwäche, auch nicht — wie viele meinen — einer chronischen oder 
plötzlich eingetretenen Psychose. Selbstmord kann auch Endschicksal 
des völlig Normalen sein. Gerade der Starke wird vermöge seiner 
mutigen Einsicht in die Unvermeidlichkeit eines qualvollen oder schandvollen 
andern Ausgangs den Eigentod vorziehen. Nur die Kenntnis der unbewußten 
Vorgänge läßt im Einzelfalle entscheiden, ob solche Tragik doch aus patho- 
logischen Gründen herbeigeführt worden ist. Und immer entscheidet 
mit die im Volke und in der Zeit herrschende Gesinnung. Wenn der alte 
Germane durch blutig schmerzhafte Wunden zu sterben wußte, so war er das 
seinen Vätern und Göttern schuldig, ebenso wie ein Japaner oder Chinese 
gleich dem alten Römer sich tötet, weil er nur so seinem anerkannten Ich- 
ideale entsprechen kann. 

Der Satz des Sophokles: „Denn für den gut gearteten Menschen gilt 
es, auf schöne Art zu leben oder auf schöne Art geendet zu haben; kein 
Wort mehr ist darüber zu sagen!" würde ungezählte Menschen von heute 
zum Eigentod verurteilen, wenn der Selbstmord noch als schöne Todesart 
zu gelten hätte. Seine Wertung hat sich aber geändert. Die Religionen der 
Buße und das Ichideal des unentwegten Leidens, ferner die Auffassung des 
Lebens als eines dem Ich anvertrauten Wertes und Gutes läßt sein Weg- 
werfen als Frevel, bezw. als eine Art Veruntreuung auffassen. Dazu kam, 
daß für die Alten es fast nur ein Land und nur eine Gesellschaft gab, 
in der er sich zu behaupten hatte; unter großen Schwierigkeiten der Neu- 
anpassung hat aber immerhin der Mensch von Heutzutage viele Stätten, in 
denen ein schon verlorener Kampf ums Dasein neu begonnen werden kann 
so daß der Selbstmord seltener als einziger Ausweg bleibt. Zum guten Teil 
haben deshalb Desperados neue Erden erobert. Die Behinderung der Aus- 
wanderung trägt dazu bei, die Selbstmorde zu steigern. 

Daß aber trotz der größeren Breite der Gründe, die als normal galten, 
das Problem immer das gleiche war, läßt sich auch an dem angeführten 

— 380 — 



Satze des griechischen Helden erkennen. Ajax kündigt damit seinen Selbst- 
mord an, — ganz dem Ichideal der Zeit des Dichters entsprechend, aber 
vorher hat er in Raserei seinen Haß gegen Agamemnon und die andern 
Fürsten mörderisch befriedigt. Dann, nach der Einsicht in seine Verblendung, 
hat sich die Mordgier gegen ihn selbst gerichtet : ein schönes Beispiel für 
die psychoanalytischen Erfahrungen. (Siehe dieses Heft, S. 342.) Mag das 
Urteil darüber, welcher Grad von Ruhmsucht und von point d'honneur patho- 
logisch sei, ganz subjektiv ausfallen, in den meisten Fällen hängt das Kriterium 
der Gesundheit nicht am Motive, sondern an der Reaktion auf 
dieses Motiv. 

Und da zeigt nun die psychoanalytische Erfahrung, daß es zwei Gruppen 
von Kranken, bezw. von abnormen Charakteren gibt, welche einem, uns 
nicht berechtigt erscheinenden, nur aus ihrer Reaktionsart verständlichen 
Selbstmord eher erliegen. Es sind die zur Depression Neigenden und die 
Süchtigen, ob sie nun dabei sonst Hysteriker, Zwangsneurotiker oder soge- 
nannte Psychastheniker sind, oder keine ausgesprochene Neurose zeigen. Die 
Gruppe der Süchtigen umfaßt aber nicht nur Fälle von Arzneisucht, aus- 
gesprochener Kleptomanie, Pyromanie und dgl., sondern alle Personen mit 
einer Reaktionsart, welche die gleiche ist, wie die bei diesen Kranken. Die 
augenblickliche Reaktion auf das Fehlen des Gewünschten steigt bei ihnen 
jederzeit rapid zu einem subjektiv unerträglichen Grade an. Der Süchtige 
meint jedesmal, lieber sterben zu sollen, als das Gewünschte weiter zu ent- 
behren. Dieses Leid ist kein Fiktives, es steigert sich zu unerträglicher 
Gier und führt zu ärgerer Verstimmung, aus der der Selbstmord als 
Befreiung ständig wieder lockt. Die Verstimmungen sind nicht so schwer 
wie bei Melancholien, doch ist die Toleranz dieser Art Menschen geringer 
als die des seine Selbstqual immer auch genießenden Melancholikers. 
Der Melancholiker hat das Leid um das Verlorene zutragen, der 
Süchtige um das Nichtzuerreichende. 

Bei beiden Zuständen findet die Psychoanalyse verdrängte, weit zurück- 
reichende Konflikte, welche die dauernd abnorme Reaktionsart als Wieder- 
holung affektiver frühinfantiler Situationen bedingt haben. Gewöhnlich ist 
die Süchtigkeit selbst eine Fluchtmethode vor einer noch tiefer liegenden 
Verstimmungsreaktion. Wie sich aber beide Zustände ausgebildet uns dar- 
bieten, ist es bei der Süchtigkeit die Objektlibido, bei der Melancholie 
die dem eigenen Ich zugewandten Libido, an der die Versagung zur patho- 
logischen Reaktion führt. (S. 335, 334 dieses Heftes.) Man könnte, wenn man 
das Unbewußte ungenau in Analogie zum Bewußten schildern will, sagen: 
Es gibt, zusammengefaßt, zweierlei Gründe, das Leben zu verlassen; der 
eine ist, wenn man sich selbst nicht ertragen kann und will als einen 
solchen, wie man ist, der andere Grund ist, wenn man die Welt nicht 
als solche ertragen kann und will, wie sie ist. Die Unerträglichkeit liegt 
bei den zweiten am Objekte, bei den andern am Eigenich. Die erste Uner- 
träglichkeit verfolgt die Süchtigen, die zweite die melancholisch Verstimmten. 

Zeitschrift f. psa. Päd., IIFu/12/13 381 23 



Dieser praktisch wichtigen Scheidung entspricht die theorisch wichtige 
Scheidung von Ichlibido und Objektlihido. Doch wird niemand erwarten, 
daß etwa bei dem Süchtigen das Ich, heim Melancholiker die Beziehung 
zum Objekte eine normale sei. Im Gegenteil! Nur ein abnormes Ich kann 
die Objekte süchtig begehren, und der ungenügend am Objekt Befriedigte 
wird eher an seinem Ich verzweifeln. 

Nach dem Gesagten können wir den Weg der Heilung der Zustände 
und damit die psychoanalytische Selbstmordprophylaxe verstehen. Die 
Psychoanalyse verringert bei süchtigen Individuen die unbewußten, jederzeit 
auf den Gegenstand der Begierde übertragenen Libidobesetzungen, und 
damit das Leiden beim Verzichten. Um die Unzufriedenheit mit dem 
eigenen Ich zu mindern, muß sie unbewußte Quellen der Identifizierung 
aufheben, und erreichen, daß bis zu einem gewissen Grade die narziß- 
tische Besetzung der Objekte durch objektlibidinöse ersetzt wird. Denn 
Freud hat klargelegt (s. S. 535 dieses Heftes), daß es meist die Identi- 
fizierung mit einer verlorenen geliebten Person ist 
welche den Selbstmord als Haßreaktion ermöglicht. Unter den 
unzähligen Selbstmordgedanken, welche die Menschen als Zufluchtsphantasie 
hegen, werden beim Melancholiker diese Wünsche deshalb zur Tat, weil 
er, ohne es zu wissen, in sich selbst ein anderes Ich, das er 
einst geliebt hat, haßt. Was aber beim ausgesprochenen Melancholiker 
zur schweren Erkrankung führt, ist im geringeren Grade bei allen zur 
Gruppe der Verstimmten gehörenden Selbstmördern vorhanden. Der Trauernde 
hängt an Menschen, die er verloren hat und muß solange das Leid der 
Trauer ertragen, bis er seine Libido von diesen Objekten gelöst hat. Der 
Verstimmte hat sich von vielen verlorenen Liebesobjekten nicht lösen 
können, und das unverwundene Leid erwacht stets neu, wenn eine neue 
Enttäuschung hereinbricht. Der Grund, weshalb das Leid sich summiert 
und zur Kränkung wird — man beachte diese sprachliche Bildung, die 
ausdrückt, daß Leid krank machen kann — liegt nun an dem gleichen 
Mechanismus, wie bei der entwickelten Melancholie. Das Ich dieser Per- 
sonen ist am Ich selbst enttäuscht worden. Es kann nicht gegenüber den 
Unbilden der Umwelt an der Freude am eigenen Ich, die mit zum gesunden 
normalen Ichgefühl gehört, an der nazistischen Libido, wie Freud sie 
nannte, den Halt finden, der nötig wäre, um das Leid bis zur Erledigung 
zu ertragen. Daß aber das Ich seiner selbst nicht froh wird, ist die Folge 
verdrängter Kränkungen seitens geliebter Menschen, und zwar solcher, die 
das heranwachsende Ich sich einverleibt hat. 

All das muß in der Psychoanalyse wieder erweckt und erledigt, und so 
die Ablehnung des Eigen-Ichs wieder in die weniger gefährliche Eni 
täuschung an der Außenwelt rückverwandelt werden. 

Man versteht, daß eine Psychoanalyse solche Menschen viel Leid ertragen 
assen muß, und deshalb nur im Falle einer guten Beziehung zum Psycho- 
analytiker, also bei starker positiver Übertragung durchführbar ist. Bei 

— 382 — 



Verstimmten verlangt die Behandlung immer Vorsicht. Die Selbstmord- 
gefahr kann, wenn schweres bisher verdrängtes Leid zur Erledigung kommen 
soll, zeitweise bei vorher von der Umgebung für wenig bedenklich gehal- 
tenen Fällen eine Überwachung nötig machen, wie sie bei wirklich krank- 
haft Süchtigen und bei Melancholie ja die Regel sein muß. 

Die Loslösung von geliebten Objekten (Menschen, Dingen. Hoffnungen, 
Phantasien, unerfüllbaren Tendenzen des Ehrgeizes und des Berufs) geschieht 
aber nicht nur am Wege des Leidens, sondern auch dadurch, daß Liebe 
sich in H a ß umwandelt, wozu die infantile Ambivalenz die Voraussetzung 
gab. Es ist nicht möglich, dieser Art von Loslösung entgegenzuarbeiten. Es 
gibt viele Menschen, die den Haß immer wieder gegen sich kehren (s. S. 335 
dieses Heftes), wenn sie nicht andere zu hassen haben. Es wird weiterer 
Untersuchungen mit langjährigen Beobachtungen nach der Psychoanalyse 
bedürfen, um zu erkennen, ob solche Menschen, bei denen der starke Haß 
gegen Menschen (Parteien, Gegner, Institutionen) sich wendete, mehr 
Rezidiven haben, als solche, welche am Wege einer nicht gelösten Iden- 
tifizierung mit dem Psychoanalytiker, im Sinne Pfisters ihren Haß in 
Versöhnung gewandelt haben. Für Selbstmordgefährdete möchte ich es 
eher bezweifeln. Zwar bindet Haß allein schlecht an das Leben, aber er 
bindet; vor allem aber ist es leichter, ein erreichbares Liebesobjekt möglichst 
frei von Ambivalenz zu lieben, wenn der Haß anderweitig untergebracht ist. 

Für die Selbstmordgefahr spielt der Haß, insofern er als negative Über- 
tragung dem Psychoanalytiker zugewandt wird, auch deshalb eine Rolle, 
weil der Selbstmord in einer momentanen Haßreaktion zur Tat werden kann. 
Auch dieser Umstand verlangt Vorsicht. Geringer ist die Gefahr, daß die 
gesteigerte positive Übertragung, also eine Liebesenttäuschung, wirklich 
den Selbstmord herbeiführt; zu Selbstmordversuchen mit gutem Sicherheits- 
koeffizienten für eine rechtzeitige Rettung mag es aus Liebe, besonders bei 
Süchtigen mit ihren momentanen Affektreaktionen kommen. Der Haß ist 
aber meistens ein aktiverer Faktor als das Leid. Das Liebesleid macht immer 
auch passiv, und es will auch der leidende Liebende sich vom Geliebten 
nicht trennen, während der Haß die Entfernung vom Gehaßten, den man 
nicht hassend schädigen kann, begehrt und wenn nicht anders, so durch das 
eigene Sterben erzwingt. Weil diese vielen Gefahren bestehen, darf die Psycho- 
analyse nicht plötzlich enden. Und das Analoge gilt von jedem, der das 
Vertrauen eines Selbstmordgefährdeten gewonnen hat. selbst wenn es ihm 
zur Last geworden ist. Ich habe mich kaum jemals getraut, die angekündigte 
Besprechung in solchen schwereren Fällen auf den nächsten Tag zu ver- 
schieben. Trotz Wärterin habe ich einmal infolge einer kriegsdienstlichen 
Abhaltung um wenige Stunden den von mir längst gefürchteten Selbstmord 
zur Tat werden sehen; daß es eine Psychose war, war für die Beurteilung 
der Affekthandlung nicht ausschlaggebend; ein Neurotiker hätte ebenso 
reagieren können. Bei für selbstmordgefährdet gehaltenen Fällen kommt 
alles darauf an, ob der schon wesentlich gebesserte Patient die Gelegenheiten 

— 383 — **• 



wahrnimmt, um vom Arzte weiter auf aridere Personen zu übertragen, bezw. 
frühere Objekte neu zu finden, bei denen volle Gegenliebe möglich ist. 
Ist die Analyse imstande gewesen, die Ichentzweiung beim Verstimmten auf- 
zuheben, die Gierreaktion beim Süchtigen zu mindern, dann ist die Hoffnung, 
daß nun das Schicksal, die „Göttin Gelegenheit", das ihre tun wird, be- 
rechtigt. Aber man traue ihr nicht zuviel zu! Der Patient will beim Beicht- 
arzte verbleiben, trotz dessen verteilter und gemäßigter Gegen-Übertragung. 
Und zweitens vergesse man nicht die Wellenbewegungen der Gesamtstimmung 
bei vielen der Melancholie angrenzenden Zuständen. Bevor wir nicht das 
Verhalten der Patienten in guten und schlechten Perioden beobachten 
konnten, dürfen wir ihn nicht von uns loslösen und keine Prognose stellen. 
Und sehr viel kommt auf das Verhalten der Umgebung des Kranken an. 
Das wird uns am Schlüsse dieser Ausführungen beschäftigen. 

Aber bevor der Kranke so weit ist, erlebt er ein Stadium gesteigerter 
Selbstmordgefahr, die zu verstehen besonders wichtig ist. Die Be- 
schuldigung, daß gerade die Behandlung den Anstoß zum Selbstmord gegeben 
hat, bezieht sich auf dieses Stadium. Die Reaktionen, die den Selbstmord 
herbeizuführen pflegen, sind nämlich von Affekten begleitet, welche die 
Fähigkeit, die Selbstmordtendenz zur Tat werden zu lassen, hemmen; vor 
allem von Angst. Auf die theoretische Untersuchung der Zusammenhänge 
von Angst und Schuldgefühl und von Verstimmung und Süchtigkeit auf der 
andern Seite gehe ich hier nicht ein. Sie ist für die Melancholie in diesem 
Hefte vielfach gestreift. Sie gründlich ero/tern, würde eine motivierte Stellung- 
nahme zum Angst- und Verdrängungsproblem erfordern. Die Erfahrung lehrt 
wie ich schon oben sagte, daß der Süchtige regelmäßig, und der Verstimmte 
mit Ausnahmen, Angstzuständen und Angstbereitschaft unterworfen ist, und 
stets ängstliche Bedenken hegt. Es ist paradox und doch wahr, daß ernstlich 
zum Selbstmord Entschlossene voll Angst um Gesundheit und Besitz sind 
Der Lebenstrieb benutzt diese Angst als Schutz. Die relative Unabhängigkeit 
der Ichgrenzen von einander macht das Nebeneinanderbestehen beider 
Tendenzen möglich. Das geistige Ichgefühl besetzt die Selbstmordphantasien 
das körperliche die Angstobjekte. 

Nun gibt es viele Fälle, bei denen der Kranke viel früher seine Angst 
zum großen Teil verliert, als die tiefen Gründe seiner Verstimmung bewußt 
gemacht und bewältigt sind. Wie wir früher schon sagten, mutet die Psycho- 
analyse, sobald sie diese auferweckt, dem Kranken viel Leid zu ertragen zu. 
Und die schützende Angst ist vermindert. Solche Perioden verlangen Vor- 
sicht, Teilnahme und Hilfe. 

Nicht nur die Angstlosigkeit verringert den neurotischen Schutz vor dem 
Wirklich-Tun. Die ganze Neurose, die Flucht in die Krankheit, ist 
auch Zuflucht vor dem Selbstmord, als letztem Ausweg aus Leid 
und Konflikt. Für viele ist die Neurose ein brauchbarer Lebensinhalt; das 
Patientsein, das vielfältige Leiden ist nicht nur ein Trost für schwaches 
Tun, es gewährleistet auch einen andern Maßstab bei der Selbstbeurteilung 

— 384 — 



und für das Urteilen der Umgebung. Es gestattet, Leistung und Beurteilung 
zu verschieben, es erleichtert auch, immer zu glauben, daß andere oder daß 
Vererbung am Mißerfolge Schuld sind. Der Neurotiker ist der Tor, der — 
wie Gottfried Keller sagt — »um sich späht und lauscht und nun 
sich seinen Wert bestimmt nach falschen Zeichen". Und je gerader und 
richtiger er durch die Psychoanalyse sich und die Realität erfassen lernt, 
je mehr seelische Krücken dem seelisch Lahmen genommen wurden, je 
weniger „Schutz" er sucht, desto stärker muß er fähig sein, sich in der 
Realität zu behaupten. Deshalb darf nicht nur die Übertragung auf den 
Arzt als Objekt, auch die Identifizierung mit dem Arzte nicht frühzeitig, 
ja, oft darf sie praktisch überhaupt nicht gelöst werden, so weit der 
Analytiker darüber Macht hat. Denn Bindungen und Lösungen sind zum 
Teil automatische Vorgänge. 

Wie die Angst als negativer Faktor den Selbstmord erschwert, so sind 
Hoffnung, Liebesbindung und Pflichtgefühl die positiven 
Mächte, die den Gesunden und Kranken von dem objektiv oder subjektiv 
berechtigten oder von dem als krankhaft oder abnorm aufzufassenden Selbst- 
mord zurückhalten. Es hängt von der Aufrichtung dieser Bin- 
dungen an das Leben ab, daß die Heilung vor Angst und Unent- 
schlossenheit, also gerade der Erfolg unserer Arbeit, nicht den Selbstmord 
zur Tat werden lasse. Sonst kann es geschehen, daß der süchtige Hysteriker 
oder der Depressive, der immer mit der Selbstmordtendenz gespielt und 
gekämpft hat, ihm immer nahe gewesen war, praktisch genesen, Ent- 
schlossenheit und Mut aufbringt, den Eigentod so auszuführen, wie ihn 
ein Gesunder aus verständigen und verständlichen Motiven ausführt, näm- 
lich ohne Rettungskoeffizient, so daß er wirklich gelingt. Diese Wahrheit 
muß gesagt werden und das umsomehr, weil über die Hilfe, die dem 
Genesenen das Schicksal bringen muß, etwas Wichtiges erfahrungsgemäß 
hinzuzufügen ist. 

Der Psychoanalytiker hat seinen Kranken vor sich. Häufig wird die 
Behandlung von diesem vor der Familie, fast immer von ihm und der 
Familie vor allen anderen geheim gehalten. Solch Geheimtun hat auch 
unbewußte Motive. Die Neurose richtet sich mit ihrem sekundären Krank- 
heitsgewinn gegen eine oder gegen einige wenige Personen der Umgebung, 
die meistens das Schicksal des Kranken bestimmen. Umgekehrt ist es nun 
diese, mitunter auch eine andere Person der Umgebung (Familien- oder 
sonst libidinös verknüpfter Kreis), welche das Kranksein des Neurotikers 
braucht, seine Genesung — mag sie sie auch bewußt fördern und fordern — 
unbewußt nicht brauchen kann. Der unbewußte Krankheitswunsch des einen 
bekommt so eine Unterstützung von der Seite des Unbewußten des andern. 
Bewußterweise würde der gegen solch eine Mitteilung sehr protestieren, und 
das mit Recht, denn er ist doch meistens genugsam durch den Kranken in 
Anspruch genommen worden, hat ihn beraten, ihm viel Opfer an Geduld, 
Freiheit und Geld gebracht. Gerade wenn diese Opfer ungewöhnlich sind, 

— 385 — 



läßt das dahinter ein unbewußtes Interesse an der Krankheit vermuten. Es 
dient dieses Duldertum — besonders zwischen Eheleuten und zwischen Mutter 
und Kind — der Stillung des Schuldgefühls, weil ein guter Teil der Ver- 
ursachung — gewöhnlich schwere Liebes- und Lebenslügen — die Person 
belastet. Die Reaktion auf das unbewußte Nötighaben der Neurose des Kranken 
ist nicht immer masochistisches Dulden, oft ist es hartes Vorwerfen, 
Fordern und In-Zucht-halten. Die Begünstiger der Krankheit sind meist selbst 
neurotisch, so z. ß., wenn die Impotenz des Mannes die hysterische Frigidität 
des Weibes gut brauchen kann, oder es sind besonders rücksichtslose, sadi- 
stische Menschen, oder aber nur charakterschwache Kompromißnaturen. 

Es ist deshalb fast eine Regel, daß, wenn die Heilung des Kranken nahe 
ist, das Opfer der Neurose oder ihr Nutznießer gleichfalls einer Psychoanalyse 
bedarf. Aufklärendes Sprechen ohne Psychoanalyse genügt nur ausnahms- 
weise, führt hingegen meistens nur zur direkten Behinderung der Weiter- 
behandlung des Patienten. 

Diese allgemeine Erfahrung bekommt nun für den wesentlich gebesserten 
Selbstmordgefährdeten ein besonderes, tragisches Gewicht. Verfolgt man die 
weiteren Geschehnisse in Familie und Umgebung nach einem solchen 
postanalytischen Selbstmord, so erfährt man, oft nicht ohne Grauen, wie 
gut der Selbstmord von den Überlebenden vertragen 
wurde. Die früher unerhört geliebte Ehefrau erhält so unheimlich schnell 
eine schon vor dem Tode gewählte Nachfolgerin, daß manch ein Hamlet 
Gelegenheit fände, „Wirtschaft, Wirtschaft, Horatio!" zu rufen. Und in 
mehreren Fällen war die Zielgerichtetheit des Unbewußten 
wirklich grauenhaft. Trotz der Warnung wegen Selbstmordgefahr war der 
Revolver im offenen Schrank verwahrt, wurde die Bewachung des periodisch 
Melancholischen nicht befolgt, wurde alles getan und nichts unterlassen, 
was die Situation dem Gefährdeten unleidlich machen mußte. Anlaß zum 
Streit gibt die Familie wegen der neuen Schwierigkeiten, die die normal 
gewordenen Ansprüche des Geheilten an sie stellen; solcher Streit führt bei 
oberflächlicher Betrachtung das vermeidlich gewesene Unheil herbei. Der als 
Kranker soviele Privilegien hatte und soviel Schonung erfuhr, an ihn werden 
die strengsten Forderungen gestellt, die Umgebung, die solange geduldig 
Amboß gewesen war, kann jetzt nicht genug Hammer sein. Und gerade 
weil auch der Genesene noch von der Umgebung abhängt, gerade weil er 
nicht mehr in die Neurose fliehen kann, auch weil er mit mehr Libido 
und weniger Ambivalenz an den Nächsten hängt, trinkt er in Erkenntnis 
der aussichtslosen Lage den Todeskelch zur Neige. 

Nicht die Psychoanalyse hat seinen Selbstmord verursacht, sie hat nur 
die Flucht in die Neurose vor dem unbewußten Mörder, der sein Nächster 
schon lange war, abgeschnitten. Bei diesen postanalytischen Selbstmorden 
ist daher die Psychoanalyse weit mehr Ankläger als Angeklagter. Wir 
aber verspüren keine Neigung, nach dem Schuldigen zu suchen, wir wollen 
die ganze, große Schwierigkeit der Prophylaxe des vermeidlichen Selbst- 

-386 — 






mordes darlegen. Und da ist es wichtig, der Kenntnis der unbewußten Motive 
des Selbstmords des Kranken auch die der unbewußten Mordmotive 
der Umgebung hinzuzufügen. Sie bewußt machen ist schmerzhaft, aber 
heilsam — oder vielleicht zeigt die Demaskierung ihre Unheilbarkeit. Dann 
hat die Psychoanalyse beim Kranken auch dies voll zu beachten und zu 
erreichen, daß ersieh von seinem Gegner wehrhaft losreiße. 
Wie lächerlich ist es, mit Kenntnis dieser Hintergründe der Psychoanalyse 
vorzuwerfen, daß postanalytische Ehescheidungen und Familien- 
spaltungen vorkommen! 

Da die Umgebung meist den wichtigsten Teil der Schicksalsbedingungen 
des Neurotikers ausmacht, ist es für ihn nötig, sich ihr anzupassen, 
oder sie zu ändern, oder sie zu verlassen. Das verlangt Kampf zum 
Teil und zum Teil Verzicht. Beides fällt schwerer als, so wie früher, neurotisch 
sein. Trotz dieser Erleichterung durch die Neurose war er schon als Kranker 
dem Selbstmord gefährlich nahe gewesen. Sind die Lebensbedingungen starr 
dieselben geblieben, oder sind sie — wie so oft — noch erschwert, so kann 
auch der Gesündergewordene oft mit ihnen nicht fertig werden. Und was 
für das äußere Dasein gilt, gilt auch für das innere. Wir sagten oben, daß 
als positive Momente Hoffnung, Pflichtgefühl und Liebesbindung die un- 
bewußt motivierte Selbstmordtendenz an der Realisierung hindern. Es ist 
merkwürdig, daß oft der geheilte Neurotiker weniger leicht geliebt wird 
als der ungeheilte; das hängt mit dem neurotischen Milieu wiederum 
zusammen; es ist aber nicht narzißtische Liebesbedingung, daß einer die 
Gegenliebe zur Daseinsgrundlage braucht. 

So sehen wir abermals, daß die Übertragung auf den Arzt tragfähig bleiben 
muß zur Selbstmordprophylaxe über die Neurose hinaus bis zur 
erreichten Neuanpassung des Milieus an die Heilung und der 
Heilung an das Milieu. Beides verlangt die psychoanalytische Sanierung 
nicht nur des Kranken, sondern auch der einen oder andern 
wichtigen Person des Milieus. Schließlich kann auch keine Infektions- 
krankheit, ob Tuberkulose, oder nur der Madenwurm, durch die Behandlung 
des einen Kranken allein geheilt werden. Als vor 80 Jahren zuerst die 
Infektiosität der Tuberkulose auf Grund ihrer Pathogenese von Nägele be- 
hauptet wurde, hat niemand an solche Konsequenzen gedacht. Die Neurose 
überhaupt, die Selbstmordgefährdung ist meistens eine folie (,zumindest l ) 

d deux. 

Was vom erwachsenen Selbstmörder gilt, gilt auch vom Jugendlichen 
und ist bei ihm noch bedeutsamer, weil er auch rechtlich unfrei ist. Nicht 
er allein, die Familie ist psychisch zu sanieren. Die einmalige Beratung, 
die seelische Rettung bei akuter Selbstmordgefahr gleicht nur der ersten 
Hilfe, welche die Frist gewährt, um die Behandlung und die Beinflussung 
der für den jungen Menschen maßgebenden Umgebung durchzuführen. 

Der unbewußte Tötungswillen seitens des Nächsten ergänzt die von F r e ud 
für den Selbstmord als notwendig gefundenen unbewußten Mechanismen. 

— 387 — 






Wenn es allgemein gilt, daß nur- der sich mordet, der einen 
andern zu töten wünscht, so muß man hinzufügen, daß — (in der 
Regel) nur der sich mordet, den ein anderer tot wünscht. 
Während der Selbstmörder selbst stets in seiner Anlage stark sadistisch sein 
muß, — er ist es ja, der schließlich zu töten imstande war, sein Trieb 
mußte Hand an ihn legen — so gilt das nicht von dem, der den Selbst- 
mörder die Waffe ergreifen läßt. Einen Selbstmord provozieren kann der 
Nichtsadist vielleicht besser, weil er den Mechanismus, der ihn zum Mörder 
macht, mit weniger Reaktion im Unbewußten hält. Die Chinesen zeigen 
sich als gute Psychologen, wenn sie den verurteilen, der einen Selbstmord 
nicht verhindert hat. 

Der Befund Freuds, daß der Selbstmörder eine andere, sich ein- 
verleibte Person mit dem Selbstmorde beseitigt, bekommt gleichfalls ein 
wichtiges Korrelat durch unsere Feststellung. Ich sagte oben, daß der sich 
tötet, der entweder die wirkliche Welt nicht erträgt, so wie sie ist, oder 
sich nicht erträgt, so wie er ist. Dieser zweite Fall führt zu einer weiteren 
Behinderung des Selbstmordes: Kaum jemals bringt jemand sich um, so- 
lange eine Person, die für den Gefährdeten maßgebend ist, mit dem sich 
sein Über-Ich identifiziert, oder die sein Über-Ich gebildet hat, oder eine 
Person, die er liebt, ihn, so wie er ist, am Leben erhalten haben will 
und das unter allen Bedingungen. Und das ist die wichtigste libidinöse 
Selbstmordprophylaxe. Nicht daß man noch Liebeshoffnung hat, sondern 
daß man, so wie man ist, von einer — wie gesagt, libinös besetzten Person 
unbedingt lebend gewünscht wird, läßt die Tat hinausschieben. Wer einen 
Selbstmord hindern will, muß diese Überzeugung dem Gefährdeten dauernd 
verleihen können. Jeder Selbstmörder ist von seiner Mutter- 
oder Vaterimago fallen gelassen worden. Der Selbstmörder ist 
nicht nur ein Selbstrichter, er ist immer dem Selbstgericht überantwortet 
worden von einem, der ihn hätte freisprechen müssen. Und 
wenn in andern Kulturen der Selbstmord durch die Volksmeinung gebilligt 
wird, so übernimmt dort das gemeinsame Über-Ich diese Auslieferung an 
den eigenen Sadismus, die in unserer Kultur ein Einzelner tut. Solange 
eine libidinös stark besetzte, zur Identifizierung geeignete Person den Ge- 
fährdeten am Leben halten will, bedingungslos, findet er auch die 
Kraft, dem, der ihn aus unbewußter Feindseligkeit in den Selbstmord treibt 
zu widerstehen. Man darf daher einen Selbstmordgefährdeten nur behandeln' 
wenn man ihn am Leben zu erhalten wünscht. Wie daher die Einverleibung 
eines Gehaßten den Selbstmord begünstigt, so schützt vor dem Selbstmord 
die Projektion des Über-Ichs auf einen, der einen liebt. So kompliziert die 
Mechanismen sind, die den Selbstmord ermöglichen, so relativ einfach sind 
die, welche ihn hindern. Sie verlangen aber Libidobesetzung für den 
Kranken, — und die kann weder vom Arzt, noch von einem andern will- 
kürlich hergestellt werden. 

Wir wollen zum Schlüsse einige Punkte unserer Ausführungen in anderer 

— 388 — 



Ordnung zusammenfassen : Die Selbstmordgefährdung ist eine an der Reaktions- 
art des Kranken liegende Komplikation. Es sind nicht bloß depressive 
Menschen, die diese Komplikation bieten. So erklärt sich, daß oft heiter 
erschienene Menschen mit Selbstmord enden; es ist ihre Süchtigkeit als 
Lebensfreude aufgefaßt worden. 

Zur Ausführung kommt es, wenn die unbewußten Motive bei einem 
Individuum mit der zum Selbstmord führenden Reaktionsart stark genug 
wurden und die entgegengerichteten Faktoren aufgehoben sind. Diese 
Situation kann während der Psychoanalyse vorkommen, und der Psycho- 
analytiker muß das wissen. Um das Leben des Selbstmörders kämpfen in 
ihm nicht nur der Richter und Mörder mit dem schützenden Lebenstriebe 
des eigenen Ichs, sondern auch ein äußerer Mordwunsch mit den schützenden 
Wünschen der Liebe. Der „Schutzengel" ist eine Projektion dieser schützenden 
Wünsche. 

Oft wird behauptet, daß niemand von Selbstmord wünschen frei sei. Das 
ist falsch. Es gibt viele Menschen, ich glaube, es ist die Mehrzahl, die ein 
so gesundes Ichgefühl haben, einen so selbstverständlich mäßigen, aber 
befriedigten Narzißmus, daß sie weder sich selbst überaus gefallen, noch miß- 
fallen, aber in sich sich wohl fühlen. Solche Menschen können nur durch beson- 
dere Schicksale zur Tragik der Selbstmordtendenz kommen. Das Ideal der 
Heilung ist es, diese gesunde Ichbesetzung und eine starke Objektbesetzung 
durch die Psychoanalyse herzustellen. Das entscheidende ist immer die trotz 
aller Schwierigkeiten und Gefährdung konsequent durchgeführte Psycho- 
analyse. 



UM 



Die Todes- und Selbstmordphantasien Tom Sawyers' 

Von Ernst Schneider 

Tom sah Becky und war sofort in sie verliebt. „Kopf und Sinn voll wunder- 
barer Visionen", zog er nach Hause. „Während des Abendessens war er in 
solch gehobener Stimmung, daß die Tante nicht klug daraus wurde, was zum 
Kuckuck in den Jungen gefahren sei!" Als Tante Polly sich einen Augenblick 
entfernte, nahm Toms Bruder Sid die Zuckerdose und ließ sie fallen. Da der 
Musterknabe Sid für die Tante keineswegs der Missetäter sein konnte, wurde 
sofort Tom verprügelt. Darauf schmollte er „in einem Winkel und steigerte 
seine Leiden ins Unendliche". Er wußte, daß die Tante innerlich vor ihm auf 

1) Mark Twain, Tom Sawyers Abenteuer und Streiche. (Übersetzt von 
Margarete Jakobi.) 

— 389 — 



den Knieen lag, und dies Bewußtsein tat |ihm wohl bis in die kleinste Zehe. 
Er wollte sich um niemanden, niemanden mehr kümmern. Er fühlte, wie ihn 
von Zeit zu Zeit ein sehnsüchtiger, tränenverschleierter Blick traf, er aber tat 
als merkte er nichts und brütete nur stumm vor sich hin. Er sah sich krank, 
sterbend auf seinem Bette hingestreckt. Die Tante beugte sich über ihn und 
flehte händeringend um ein einziges, kleines, armes Wort der Vergebung. Er 
aber wandte das Gesicht ab, stumm, tränenlos und starb, — starb, und das Wort 
der Vergebung blieb ungesagt. Was würde sie dann tun? — Oder er sah sich 
wie man ihn vom Fluß zurückbrachte, tot, mit triefenden Haaren, blassem 
stillem Antlitz, endlich Buhe und Frieden im armen, gequälten Herzen — für 
immer. Wie würde sie sich über ihn werfen, wie würden ihre Tränen strom- 
weise fließen und wie würde sie Gott anrufen, ihren armen Jungen lebendig zu 
machen, den sie auch nie, nie wieder mißhandeln wollte. Er aber läge da, kalt 
und still, ein armer Märtyrer, dessen Leiden zu Ende." — ... „Ob sie (Becky) 
ihn wohl bemitleiden würde, wenn sie es wüßte?" In der Dunkelheit wanderte 
er darauf vor ihr Haus. Aus einem Fenster des zweiten Stockes kam Licht. Sollte 
es ihr Zimmer sein? „Voll Rührung schaute er hinan, dann streckte er sich der 
Länge nach auf den Boden aus, die Hände, welche die verwelkte Blume um- 
schlossen (aus Beckys Garten), auf der Brust faltend. So wollte er sterben 

draußen in der kalten Welt, kein Dach über seinem heimatlosen Haupte, keine 
Freundeshand, die ihm den Todesschweiß von der Stirne wischte, kein liebendes 
Antlitz, das sich mitleidsvoll über ihn beugte, wenn der letzte große Kampf nahte 
So sollte sie ihn sehen, wenn sie das Fenster öffnete, um den jungen Morgen zu- 
zulächeln, und ach — würde sie wohl dem Toten eine Träne weihen, einen Seufzer 
hauchen über den leblosen stillen Rest, der alles war, was von dem frohen 
jugendlichen, vor der Zeit in der Wurzel geknickten, jungen Leben geblieben?" 
Jeden Montagmorgen war Tom beim Erwachen sehr niedergeschlagen, „denn 
damit begann ja eine neue Woche der Plage und des Leidens in der Schule.". . .« 
Plötzlich kam ihm eine leuchtende Idee: wenn er nun krank wäre, dann brauchte 
er nicht zur Schule. Gestern in der Sonntagsschule hatte er, im Bestreben, seiner 
Geliebten zu imponieren, eine schwere Niederlage erlitten, weshalb er die Ver- 
wirklichung jener Idee nun ernsthaft betrieb. Er spürte einen Schmerz in einer 
Zehe und begann zu stöhnen. Dazu entdeckte er noch einen wackligen Zahn. Es 
gelang ihm endlich, Sid zu wecken. „Ich verzeih' dir alles, Sid, was du mir je 

getan hast (Stöhnen). Alles, alles Sid! Wenn ich tot bin " Tante Polly kam 

durchschaute aber den Jungen. Er mußte doch zur Schule, verspätete sich aber' 
und als er sah, daß Becky nun auch die Schule besuchte und als Neueingetretene 
allein auf einer Bank saß, forderte er den Lehrer heraus, bekam seine Prügel und 
wurde zur Strafe zu den Mädchen gesetzt. Durch seine Zeichnungen gewinnt 
er schließlich Beckys Aufmerksamkeit. Damit er sie auch zeichnen lehren könne 
verabredeten die beiden, nach der Schule dazubleiben. Die Zeichenlektion endete 
mit einer „Verlobung". Tom belehrte Becky, wie Verlobte sich zueinander zu 
benehmen hätten, und als er ihr dann auseinandersetzte: „Ei, ich und Anny 
Lorenz — " rief Becky erschreckt: „O, Tom, ich bin also nicht die erste, mit der 

-390 - 



du verlobt bist?" Als Tom sah, daß alles vergeblich war, dem Schluchzen der 
enttäuschten und eifersüchtigen Geliebten Einhalt zu tun, und als sie sogar das 
„Kleinod seines Herzens", einen Messingknopf, verschmähte und ihm aus den 
Händen schlug, verließ er die Schule und zog sich in das Waldesdickicht zurück, 
wo er sich auf das Moos niederwarf. „Des Knaben Seele badete gleichsam in 
Schwermut, seine Gefühle befanden sich im glücklichsten Einklang mit der Um- 
gebung. Lange saß er so, die Ellbogen auf die Kniee, das Gesicht in die Hände 
gestützt und dachte nach. Ihm schien das Leben im besten Falle nur eine Last zu 
sein, und er beneidete beinahe den Jimmy Hodges, der kürzlich von dieser Last 
erlöst worden war. So friedlich und schön dachte er sich, da unten zu liegen, zu 
schlummern und zu träumen für immer und ewig, während der Wind in den 
Bäumen spielte und mit den Blumen und Gräsern koste, die auf dem Grabe 
standen. Da gab es denn nichts mehr, über das man sich zu quälen und zu grämen 
brauchte. . . . Und was jenes Mädchen betraf— was hatte er eigentlich getan? 
Nichts. Er hatte es so gut gemeint wie nur einer in der Welt und war behandelt 
worden wie ein Hund — wie ein elender Hund. Sie würde es bereuen eines 
Tages — wenn es zu spät wäre vielleicht. Ach, wenn er nur sterben könnte, nur 
für einige Zeit!" Als Tom am andern Tage für das Schulschwänzen am vor- 
herigen Nachmittag eine Tracht Prügel empfangen hatte, „verfügte er sich nach 
seinem Platze, stützte die Ellbogen auf den Tisch, das Kinn in die Hände, bohrte 
den Blick in die Wand und saß da, ein Bild starrer Verzweiflung, die ihre Grenzen 
erreicht hat und nicht weiter zu gehen vermag. Sein Ellbogen ruhte auf irgend 
etwas Hartem. Nach einer geraumen Zeit änderte er langsam und traurig seine 
Stellung und nahm dies Etwas mit einem Seufzer zur Hand. Es war in Papier 
eingeschlagen. Er entfaltete es. Ein langgezogener ungeheurer Seufzer folgte. — 
Es war jener Messingknopf, den er Becky gestern geboten. Dieser letzte bittere 
Tropfen brachte den Becher seiner Trübsal zum Überfließen". 

Da blieb Becky der Schule fern. „Sie war krank. Wenn sie nun sterben müßte? 
Verzweiflung, Wahnsinn lag in dem Gedanken. Ihn lockte nichts mehr hienieden. 
Die Sonne des Lebens war entschwunden, nur die qualvollste Finsternis geblieben". 
Tante Polly kämpfte vergebens gegen die Schwermut des Jungen an. 

Eines Tages schaute Tom nicht mehr vergeblich vom Schulhause aus den Schul- 
weg entlang: „Da trat ein verspäteter Bock durchs Tor, hoch auf schlug Toms 
Herz in Wonne und Entzücken. Im nächsten Moment war er draußen und 
gebärdete sich wie ein Indianer, johlte, lachte, jagte die Jungen vor sich her, setzte 
über den Zaun mit GefaHr für Leib und Leben, schlug ein Bad, stellte sich auf 
den Kopf, kurz, er verrichtete unzählige Heldentaten und hielt dabei immer ein 
wachsames Auge auf Becky geheftet, um zu sehen, ob sie Notiz davon nehme". 
Tom näherte sich ihr mit seinen Künsten immer mehr, bis er schließlich „dabei 
selber zappelnd dicht vor die Nase Beckys hinfiel, diese beinahe mit sich zu Boden 
reißend. Sie aber wandte sich um, hob das Naschen in die Luft, und er hörte sie 
sagen: ,Ph-Ph! 's gibt Jungens, die sich für furchtbar interessant halten, — immer 
müssen sie sich zeigen!' Toms Wangen brannten. Er rappelte sich auf und schlich 
davon, gedemütigt, vernichtet". 



— 391 - 



„Tom war nun fest entschlossen. Er war finsterer, verzweifelter Gedanken voll. 
Er kam sich als verlassener, freudloser Knabe vor, den niemand liebte. Wenn sie 
erst merkten, zu was ihre Lieblosigkeit ihn getrieben, würde es ihnen vielleicht 
leid sein. Er versuchte das Rechte zu tun, gut zu sein, sie ließen's ja nicht zu. 
Da sie ihn denn durchaus los sein wollten, so sollten sie ihren Willen haben. 
Natürlich würden sie ihn allein für die Folgen verantwortlich machen, — aber 
so ist's immer! Hat ein Freudloser und Ausgestoßener das Recht, zu klagen? Jetzt 
da sie ihn zum Äußersten getrieben, wollte er das Leben eines Verbrechers führen. 
Ihm blieb keine Wahl. Unter solchen Betrachtungen war er so weit über die 
Wiesen geschritten, und die Schulglocke, welche die Säumigen mahnte, klang 
ihm nur schwach ins Ohr. Er schluchzte jetzt beim Gedanken, daß er nie, nie 
wieder diesen altvertrauten Ton hören sollte, — es war hart, so furchtbar hart 
aber — sie zwangen ihn ja dazu. Da sie ihn vertrieben hatten, hinausgestoßen 
in die kalte, unbarmherzige Welt, so mußte er sich darein ergeben,.-!— aber er 
verzieh ihnen, verzieh ihnen allen. Das Schluchzen wurde stärker, erschütternder". 

Da stieß Tom mit seinem Busenfreund Joe zusammen, „der finster blickend 
dahertrottete, augenscheinlich einen schrecklichen, schwerwiegenden Entschluß 
herumwälzend". — „Seine Mutter hatte ihn geprügelt, weil er Rahm getrunken 
haben sollte, von dem er doch rein gar nichts wußte. Es sei klar, sie wolle nichts 
mehr von ihm wissen und ihn los sein. Solchen Empfindungen gegenüber, — was 
bleibe ihm da anderes übrig, als sich darein zu ergeben? Möge es ihr -wohl 
ergehen, und möge sie niemals hereuen, ihren armen Jungen hinausgetrieben zu 
haben in die kalte, fühllose Welt, um da zu leiden und schließlich zu sterben". 

Dann begannen die beiden, Pläne zu schmieden. „Joe war dafür, ein Eremit 
zu werden, von harten Brotkrusten und Wasser in einer finsteren Höhle zu leben 
und eines Tages aus Not, Kälte und Kummer zu sterben. Nachdem er aber Toms 
Plan gehört, gab er zu, daß das Leben eines Verbrechers doch einige hervor- 
ragende Vorteile böte und willigte ein, als Seeräuber sein Heil zu versuchen". 

So beschlossen die beiden nun, als Seeräuber nach einer nahen Insel des Missis- 
sippi zu ziehen. Sie holten Huck, einen verwahrlosten, gutmütigen Jungen ab und 
fuhren um Mitternacht auf einem Floß los. Als sie außer Sicht des Städtchens waren, 
sandte Tom „seinen letzten Blick, zufriedenen, wenngleich gebrochenen Herzens. 
Erwünschte sehnlichst, sie könnte ihn jetzt sehen, da draußen auf der wilden 
See, der Gefahr und dem Tode ins Antlitz schauend, unverzagten Herzens, mit 
einem grimmigen Lächeln auf den Lippen, seinem Untergang entgegensehend." 

Auf der Insel richteten sich die Jungen ein. „Herrlich, unbeschreiblich schön 
war das freie, wilde Leben im jungfräulichen Walde einer unbekannten, unbe- 
wohnten Insel, weitab vom Getriebe der Menschen, und sie schwuren sich, nimmer- 
mehr zurückzukehren in die Fesseln der Zivilisation". Am Abend des folgenden 
Tages hörten sie Schüsse und gewahrten eine Fähre, die nach Ertrunkenen suchte. 
„Jungens, ich weiß, wer dort ertrunken ist — wir sinds!" meinte Tom. „Und sie 
fühlten sich als Helden im nächsten Augenblick. Das war ein glorreicher Triumph ! 
Sie wurden vermißt, betrauert, Herzen brachen ihretwegen, Tränen flössen. An- 
klagende Erinnerungen an Unfreundlichkeiten gegen diese armen, nun verlorenen 

— 392- 



Knaben tauchten auf, Bedauern und Reue beschlich die betreffenden Herzen, und 
was noch das beste von allem war, die Verschwundenen bildeten das Gespräch 
der ganzen Stadt". 

Als es Nacht wurde, durchschwamm Tom heimlich den Fluß und ging nach 
Hause, wo er sich unbemerkt in die Stube schlich, so daß er die Möglichkeit 
hatte, die Gespräche der Tante Polly und der Mutter Joes zu belauschen. „Ja, 
wie ich gesagt habe", fuhr die Tante fort, „schlecht war er nicht, was man so 
schlecht heißt, nur immer voller Torheiten, voller Unsinn und immer oben hin- 
aus, wißt ihr. Ihm konnte man's aber so wenig übelnehmen wie einem Füllen, er 
dachte sich weiter nichts dabei, war, weiß Gott, der gutherzigste Junge, der lebte 
und — "... sie begann zu weinen. „Grad so war mein Joe", sagte. Frau Harper, 
„immer voller Teufeleien und zu jedem tollen Streich aufgelegt, aber so selbstlos 
und so gut dabei wie nur möglich. Und, der Himmel verzeih' mir's, ich, ich, 
seine eigene Mutter, geh' hin und hau' ihn durch, weil ich mein', er hat den 
alten Rahm genommen, denk' nicht daran, daß ich den doch selber fortgeschüttet 
habe, weil er sauer geworden war. Und jetzt soll ich ihn nie wieder sehen in 
dieser Welt, den armen, mißhandelten Jungen, nie, niemals wieder!" Und Frau 
Harper schluchzte, als wollte ihr das Herz brechen. 

Tom vernahm aus den weiteren Reden, daß man, als das leere Floß auf- 
gefunden wurde, annahm, die Jungen seien ertrunken und daß man die Leichen 
suchte, aber nicht fand. Sollten sie bis Sonntag nicht gefunden werden, dann würde 
für die Toten ein Trauergottesdienst in der Kirche abgehalten. Mit dieser Nach- 
richt schlich sich Tom davon und langte am Morgen wieder bei seinen Kameraden 
an. Den „Seeräubern" war der Mut bereits bedenklich gesunken, sie hatten Heim- 
weh, und ein starkes Gewitter kühlte sie gehörig ab und jagte ihnen Furcht ein. 
Immerhin hielten sie aus, um erst am Sonntag zurückzukehren und die eigene 
Leichenrede anzuhören. Bei Tagesanbruch schlichen sie in die Kirche und ver- 
steckten sich auf der Empore. 

„Keiner konnte sich erinnern, die kleine Kirche jemals so voll gesehen zu 
haben. . . . Dann erhob der Geistliche seine Stimme und betete. Ein ergreifendes 
Lied wurde gesungen, dann folgte die Predigt. In seiner Predigt entwarf der 
Geistliche ein solch glänzendes Bild von den Tugenden, der Liebenswürdigkeit 
und den vielversprechenden Talenten der Verlorenen, daß jeder der Zuhörer in 
der ehrlichen Meinung, dies getreue Abbild wiederzuerkennen, einen Stich im 
Herzen fühlte bei dem Gedanken, wie beharrlich blind er selber gegen alle diese 
Vorzüge gewesen. . . . Die Versammlung wurde immer bewegter, je weiter der 
Geistliche in seiner pathetischen Rede vorrückte, bis schließlich die ganze Gesell- 
schaft jegliche Fassung und Haltung verlor und sich in vollem Chor dem Schluchzen 
und Seufzen der trauernden Hinterbliebenen anschloß. Ja, den Geistlichen selbst 
übermannten seine Gefühle, er verstummte und weinte auf offener Kanzel. — 
Ein Rascheln ertönte von der Emporkirche, auf das niemand achtete. Einen 
Moment später knarrte eine Türe, der Geistliche erhob seine strömenden Augen 
über das verhüllende Taschentuch und — stand und starrte wie versteinert! Erst 
folgte ein Paar Augen der Richtung der seinen, dann ein zweites, und plötzlich 

— 393 - 



erhob sicn, wie von einem gemeinsamen Antrieb beseelt, die ganze Gemeinde 
und starrte auf die toten Jungen, welche gemächlich den Mittelgang herauf- 
marschierten, Tom voran, Joe hinter ihm, zuletzt Huck, eine wandelnde Ruine in 
Lumpen. Die drei waren in jener unbenutzten Emporgalerie verborgen gewesen 
und hatten ihre eigene Grabrede mitangehört!" 

Becky suchte sich Tom zu nähern. Er aber beschloß, „sich unabhängig zu 
machen von Becky Tatcher. Ruhm war ihm genügend, nach Liebe fragte er nicht 
mehr". Als er aber Becky mit einem andern vertraulich ein Bilderbuch betrachten 
sah, „rieselte die Eifersucht glühend heiß durch seine Adern. Er haßte sich selber 
daß er die Gelegenheit verpaßte, die Becky ihm geboten, um wieder gut Freund 
zu werden. . . . , Jeder andere Junge', dachte Tom zähneknirschend, ,jeder andere 
Junge, nur nicht der'". Als dann später Tom eine Tracht Prügel für ein Ver- 
gehen Beckys, dessen er sich selber in der Schule bezichtigte, entgegengenommen 
hatte, kam es zur Versöhnung. 

Becky gab ein Picknick, zu dem die Kinder der Stadt eingeladen waren. 
Nachher wurde die große Höhle besucht. Becky und Tom wanderten zusammen 
und stiegen immer tiefer in die Höhle, so daß sie sich verirrten. Drei Tage lang 
wurden sie gesucht und nicht gefunden. Die beiden glaubten bereits, hier ein 
gemeinsames Grab zu finden, als Tom schließlich gegen den Strom hin einen 
Ausgang fand, durch den sie hindurchschlüpfen konnten. Groß war der Jubel 
der die Verlorengeglaubten empfing. 

11 

Wer erinnert sich nicht, einmal ähnliche Phantasien gehabt zu haben, wie sie 
Mark Twain in den mitgeteilten Stücken seines „humoristischen Romans" von 
seinen Helden berichtet? In den Analysen von Neurotikern werden häufig der- 
artige Todes- und Selbstmordphantasien erinnert. Sie stammen in der Regel aus 
den beiden Pubertätszeiten (Ödipuszeit und eigentliche Pubertät) und stimmen oft 
weitgehend nach Verlauf, Ursache und Sinn mit denen von Tom Sawyer überein. 
Sie werden etwa ausgelöst durch eine als ungerecht empfundene Strafe oder durch 
eine andere Zurücksetzung. Das wird als deutlicher Beweis dafür genommen, daß 
man nicht oder nicht mehr geliebt wird: 

Nun mag ich nicht mehr länger leben, 
verwünscht ist mir das Tageslicht, 
s i e hat Franzen Kuchen gegeben, 
mir aber nicht! 

Matthias Claudius. 

Die Phantasien heben gewöhnlich damit an, daß der „Ungeliebte" sich ins 
Wasser gehen sieht, ertrinkt und herausgezogen wird. Die Personen, die ihm die 
Liebe entzogen haben, stehen erschüttert an der Bahre oder am Grabe, ergehen 
sich in Selbstanklagen, da sie nun einsehen, das Unglück verschuldet zu haben. 
Sie geben ihrem Schmerz dafür Ausdruck, daß sie einen braven und zu allen 
Hoffnungen berechtigten Menschen verloren haben. Der Höhepunkt liegt für den 
Phantasierenden dort, wo er als Zuschauer das Verhalten der Leidtragenden 

— 394 — 






beobachten und ihre Reden hören kann. Dieses Dabeisein ist bei Mark Twain 
besonders dramatisch in der Seeräuberepisode dargestellt, wo er schildert, wie 
Tom eines Abends zur Tante zurückkehrt und die Gespräche belauscht und wo er 
die „Toten" ihre eigene Grabrede hören läßt. Wir werden im folgenden diese 
Episode als Phantasie behandeln, da sie den Charakter einer solchen hat. Eine 
beachtenswerte Einzelheit ist die, daß in manchen Phantasien die trauernden 
Hinterbliebenen, in der Regel sind es die Eltern, vor Gram und Schmerz gebrochen, 
sterben. Toms Tante meinte: „Ich weiß nicht, wie ich's überleben soll! Er war 
mein ganzer Trost, obgleich er mein altes Herz fast aus dem Leibe herausquälte". 
Und Joes Mutter schluchzte, „als wollte ihr das Herz brechen". 

An Stelle des Selbstmordes tritt in manchen Phantasien das Ausreißen, das 
meistens auch mit dem Tod endet. Man irrt in der Welt herum und sieht, wie 
sich die Eltern zu Hause nach dem Jungen sehnen, alles tun, um ihn zurück- 
zubekommen. Er aber wendet sich trotzig von ihnen ab und sieht zu, wie sie, 
innerlich gebrochen, früh sterben. Oder aber, er kehrt zurück als reifer und 
berühmter Mann und vernimmt jetzt, daß seine Eltern längst aus Gram gestorben 
sind. Leben sie noch, so schüttet er Kohlen auf ihre schuldbeladenen Häupter. 
Oft auch schickt er in der Phantasie jemanden mit der Nachricht von seinem 
entsagungsvollen Leben und seinem einsamen Tod nach Hause, was den Zusammen- 
bruch der Eltern vollendet. 

Versuchen wir nun, die Psychologie der Todes- und der Selbstmordphantasien der 
Helden Mark Twains nach Ursache und Sinn darzustellen. Diese Phantasien treten 
immer im Gefolge von Liebesversagungen und narzißtischen Kränkungen, Krän- 
kungen der Eigenliebe auf. Tom ist hiefür außerordentlich empfindlich. Er hat ein 
überbetontes Liebesbedürfnis, dessen Verwirklichung er sich aber wiederholt durch 
sein Verhalten unmöglich macht. (Liebestrotz.) Offenbar liegen hier innere Hem- 
mungen vor. Wenn wir im folgenden von Liebesversagungen sprechen, so meinen wir 
damit sowohl Liebesentzug wie Liebeshemmung. Eine solche Versagung zieht eine 
Reihe negativer Gefühle nach sich, die in den Phantasien verarbeitet werden. 
Tom wie auch Joe fühlen sich wiederholt in die kalte, fühllose und un- 
barmherzige Welt hinausgestoßen. Der aktive und passive Entzug 
der Liebe hat die Herabsetzung der Gefühlslage zur Folge und äußert sich als 
Traurigkeit und als Verarmung der Beziehungen zur Außenwelt. Toms Messing- 
knopf wird als Liebespfand zum „Kleinod seines Herzens", während mit dem 
Liebesverlust die ganze Welt wertlos wird, alle Errungenschaften der Kultur 
werden zu Fesseln, von den Erwachsenen erfunden, um die Kinder zu plagen. Als 
Folge des Verlassenseins in der unbarmherzigen Welt erwarten wir noch Angst. 
Von einer solchen wird erst auf der Insel berichtet, als die Jungen, von Heimweh 
geplagt, ein Gewitter über sich ergehen lassen müssen. Dabei sehen wir von 
Erlebnissen, die die Liebesgeschichten begleiten, aber direkt nichts mit ihnen zu 
tun haben, ab. Bei der Friedhofszene z. B. standen die Jungen „Todesängste" aus. 
Möglicherweise hat die mit der depressiven Stimmung auftretende Phantasie die 
Aufgabe, die Angst abzubremsen. Denn hier wird die verlorene Liebesbeziehung 
wiederhergestellt und die narzißtische Kränkung mehr als wettgemacht. Der 

- 395 — 



Phantasierende rückt sich in den Mittelpunkt des Interesses der andern. Das eigen- 
tümliche ist nur dies, daß diesem Ausgleich der Tod vorangehen muß. Einen 
andern, sagen wir gesünderen Ausgang könnte die Phantasie nehmen, indem sie 
ihren Träger in die weite Welt gehen ließe, wo er sich einen bedeutenden Namen 
erwirbt, nach Hause zurückkehrt und nun, von den Eltern geachtet, diese mit 
Liebe überschüttet. Daß die negative Stimmung zu Todesgedanken führt, muß 
von besonderen Faktoren abhängen. Und das dürften die Schuldgefühle sein. Die 
Schuld an dem betrüblichen Ausgang wird in den Phantasien restlos den Liebes- 
objekten aufgebürdet. Die Schuldüberwälzung geht so weit, daß die Erwachsenen 
in ihren Reden die Verfehlungen der Buben als harmlos erklären und das eigene 
Verhalten als Lieblosigkeit und Kurzsichtigkeit anerkennen und tief bedauern. 
Diese streng durchgeführte Schuldabwälzung spricht für ein starkes eigenes Schuld- 
gefühl. Die den Erwachsenen zugedachten Feindseligkeiten und die Schuld an den 
Liebesverlusten ermöglicht einen auf sie gerichteten Haß mit Rachetendenzen es 
steigt die Wut und das Verlangen auf, die Schuldigen zu vernichten. Diese Todes- 
wünsche werden dadurch erleichtert, daß mit dem Rückzug der positiven Gefühle 
vom Liebesobjekt dieses ja schon „verloren" gegangen ist. Aber die Wertschätzung 
und das starke Liebesverlangen dem Liebesobjekt gegenüber gebietet der Angriffs- 
lust Einhalt, und das aus dieser Spannung sich ergebende Schuldgefühl legt diese 
Tendenz vollends lahm. Es entsteht die Aktionsunlust des depressiven Tom oder 
der Wunsch Joes, sich in eine einsame Höhle zurückzuziehen. Es traten also 
Schuldgefühle und die durch das Versagen der Haßregungen entstandene ohn- 
mächtige Wut zu der Trauer um das verlorene Liebesobjekt und zum Erlebnis 
der Verarmung. Die Verstimmung nähert sich dadurch einer melancholischen 
und diese dürfte nun den geeigneten Boden zu den Todes- und Selbstmord- 
phantasien abgeben. Der gesetzte eigene Tod, primär angenommen als Erlösung 
von der Quai des Liebesverlustes und der Kränkungen, ermöglicht jetzt die 
Bealisierung der zurückgehaltenen Wünsche. Ausgehend von der Annahme der 
Phantasierende erfülle die Wünsche der Erwachsenen, die ihn loshaben wollen 
wird der eigene Tod phantasiert und dadurch das Schuldgefühl durch die Sühne 
nach dem Gesetz des gerechten Ausgleichs (womit du sündigst, wirst du bestraft) 
überwunden. Jetzt kann die Rache sich durchsetzen: Es geschieht dir recht, wenn 
ich sterbe und du mich nicht mehr hast, warum hast du mich nicht geliebt 
Jetzt kannst du um mich trauern, wie ich um dich trauern muß, und wenn dir 
auch das Herz dabei bricht, mir hast du es ja auch gebrochen! Gleichzeitig 
werden Liebeswünsche und Geltungsbedürfnisse in einer überschwenglichen Weise 
genossen. Die Selbstmordphantasie führt zuletzt zu einem gemeinsamen Sterben 
mit dem Liebesobjekt, wobei neben den aggressiven auch die Liebestendenzen 
(„ewig vereint sein"), ihre Erfüllung finden können. Die Abenteuer Toms ent- 
halten diesen Zug in dem Höhlenerlebnis, wo Tom und Becky sich nach der 
Versöhnung verirrten und glaubten, hier gemeinsam sterben zu müssen. 

Im Seeräuberabenteuer kommt es nach dem Wegwenden von der bisherigen 
Welt, der Ursache all der Qualen, zu einer Überwindung der melancholischen 
Stimmung durch die Verschiebung der Aggressionstendenzen. Die Namen, die 

— 396 — 



die Jungen sich beilegten, weisen auf ihr Programm hin: „,Wer naht sich dort?' — 
,Tom Sawyer, der Schwarze, Rächer der spanischen Meere. Nennt Eure Namen!' — 
,Huck Finn, die blutige Hand' und Joe Harper, ,der Schrecken der See!' — 
,Gebt das Feldgeschrei!' — In dumpfem, grauenvoll durchdringendem Flüsterton 
erklang von zwei Stimmen zugleich dasselbe schreckliche Wort in die brütende 
Nacht hinein: ,Blut'". 

Wenn Tom „jetzt, da sie ihn zum äußersten getrieben, das Leben eines Ver- 
brechers führen" und „mit einem grimmigen Lächeln auf den Lippen seinem 
Untergang entgegengehen" wollte, so dürfte klar sein, daß dieser „Verbrecher" 
als Kompromißleistung aus den, von den Liebesversagungen stammenden auf an- 
dere gerichteten Todes- und Rachewünschen, aus den dem Schuldgefühl folgenden 
Selbstbestrafungstendenzen und den eigenen Weltfluchtwünschen anzusehen ist. Die 
Andern, die Welt und die eigene Person sollen vernichtet werden. Es wäre interessant, 
die Psychologie des Verbrechers in Mark Twains Roman weiter zu verfolgen 
und dabei die Verbrech ergeschichten des „Indianers Joe", in die die Jungen ver- 
wickelt waren, einzubeziehen. Doch, das mag einer besonderen Betrachtung vor- 
behalten bleiben. 

Zusammenfassend können wir sagen, daß die Todes- und Selbstrnordphantasien 
der Helden Mark Twains auf dem Boden einer starken Liebessehnsucht, die 
einerseits gehemmt ist, und andererseits leicht Kränkungen unterliegt, gedeihen. Sie 
erstreben die Verwirklichung einerseits von Liebes- und Geltungs verlangen, ander- 
seits von Haß- und Racheabsichten, die wegen Liebesversagung und narzißtischer 
Kränkung reaktiv entstanden sind. Weiterhin sollen sie Erlösung von den durch 
Versagung und Hemmung dieser Wünsche entstandenen Qualen der depressiven 
Stimmung bringen. Diese Verstimmung ist zuerst eine traurige, geht dann mit 
der Abwehr von Haß- und Rachetendenzen und mit den Schuldgefühlen in eine 
melancholische über. Mit dieser dürfte die Selbstmordphantasie einsetzen, die 
durch das Opfer des eigenen Lebens die Schuld tilgt und so den Weg zu der 
Darstellung der mit Liebe und Haß zusammenhängenden Wünsche freimacht. 

III 

Bei einem Knaben, der wie Tom reagiert, vermuten wir eine entsprechende 
unbewußte historische Reaktionsbasis, d. h. verdrängte infantile Erlebnisse von 
Liebesversagungen. Hiezu enthält nun der Roman eigentlich bloß zwei Angaben, 
die allerdings nicht unbedeutend sein dürften. Tom lebt bei seiner Tante, und 
diese nennt ihn „meiner toten Schwester einziger Junge". Der frühe Tod der Mutter 
bedeutet eine Liebesversagung und kann zu einem unstillbaren Liebesverlangen 
und zu dem Wunsche, mit ihr im Tode vereint zu sein, führen. Dann ist die 
Person Sids zu erwähnen, eines Musterknaben, der stets der Tante zu Gefallen 
lebt und Tom verklatscht. Sid wird von Tom tödlich gehaßt. Die verwandt- 
schaftlichen Beziehungen sind unbestimmt. Es wird von Sid gesagt, er sei Toms 
„jüngerer Bruder oder besser Halbbruder". Jedenfalls ist die Situation die, daß 
der Jüngere sich zwischen den Altern und die Tante schiebt und Toms Eifer- 

Zeitschrift f. psa. Päd., IH/11,12/13 397 24 



., 



sucht weckt. Es dürfte dies die Wiederholung eines früheren Vorganges sein, da 
die Mutter zu dem „einzigen Jungen" noch einen Nebenbuhler irgendwie ins 
Haus brachte. Wir glauben annehmen ZU dürfen, daß Mark Twain, der, wie wir 
sahen, ein guter Kenner der Psychologie der Liebesversagungen ist, die beiden 
genannten Verhältnisse nicht zufällig in seinem Roman verwertet. 

Hier anschließend möchte ich einige Hinweise auf die Möglichkeiten zu 
Liebesversagungen und narzißtischen Kränkungen in der frühen Kindheit geben 
die dann zu Vorbildern von späterem Verhalten werden können. Die Kindheit 
verlangt einen fortgesetzten Ablösungsprozeß von der Mutter, dem ersten Liebes- 
objekt, und Anpassung an die Personen und Dinge der Umwelt. Da sind allerlei 
An- und Einpassungsschwierigkeiten möglich, die an den Konfliktstellen den Ent- 
wicklungsvorgang als ein „Hinausgestoßenwerden in die kalte, fühllose und un- 
barmherzige Welt" empfinden lassen. 

Eine Analysandin erwacht in einer Nacht „schrecklich" frierend. Sie wird 
gewahr, daß ihre Bettdecke zu Boden gefallen ist. Der Traum, aus dem sie auf- 
wacht, gibt eine andere Begründung für die intensive Kälteempfindung. Sie träumte 
nämlich ihre eigene Geburt. Mit dem Verlassen des Mutterleibes im Traume 
setzte das Kälteerlebnis ein. Wenn wir auch annehmen, daß dieses durch das 
Hinunterfallen der Bettdecke hervorgerufen wurde, so ist doch seine Verbindung 
mit der Geburt im Traume eigentümlich und darf gewiß als eine Reproduktion 
dieses Erlebnisses aufgefaßt werden. Von der Temperatur im Mutterleibe zur 
Zimmeitemperatur besteht gewöhnlich ein nicht geringer Abfall. Die genannte 
Patientin war überhaupt gegen Kälte sehr empfindlich. Dieses Frieren, das be- 
sonders dann gerne auftrat, wenn sie sich einsam fühlte, oder wenn ihr von 
andern Menschen nicht die gewünschte Wärme entgegengebracht wurde, erwies 
sich als neurotisch. In früher Jugend verlor die Analysandin ihren geliebten Vater. 
Die Mutter kümmerte sich weiter gar nicht mehr um die Kinder, so daß sie von 
den Freunden des Vaters anderweitig versorgt werden mußten. Während der 
Analyse wurden mancherlei Todes- und Selbstmordphantasien altern und neuern 
Datums reproduziert. Sie förderten Haß- und Rachetendenzen gegen Mutter und 
Geschwister zutage. Erwähnung verdient hier noch ein Zwangssymptom, das sie als 
Kind produzierte. Da gab sie oft dem Zwange nach, alle Eier und alle Küchlein, 
deren sie habhaft werden konnte, zu vernichten. Die Vernichtung der Küchlein* 
galt den Geschwistern: die Kinder und das, woraus sie kommen, sollten beseitig 
werden. 

Wir müssen annehmen, daß die Geburt vom Kinde irgendwie als feindseliger 
Akt empfunden wird. Er wird aber bald wieder gut gemacht, indem durch das 
Gestilltwerden die Liebesbindung mit der Mutter wiederhergestellt wird. Tritt 
aber hier ein Versagen ein, sei es, daß die Mutter das Kind nicht oder nur 
mangelhaft zu ernähren vermag, daß es plötzlich oder sonstwie ungeschickt ent- 
wöhnt wird, so wiederholt sich das Weggestoßen werden in die kalte Welt, und 
die Wunde, die die Geburt geschlagen hat, kann nicht vernarben, im Gegenteil, 
sie wjrd vertieft. Eine andere Patientin, die ebenfalls sehr gegen Kälte empfindlich 
war und die sehr schwer in ein „warmes" Verhältnis zu andern Menschen ge- 

— 398 — 



langen konnte, empfand ihr unsympathische Menschen so, als ob ein Strom von 
Kälte von ihnen ausginge, den sie körperlich empfand. Ihre Stimmung war dabei 
depressiv, und sie fühlte sich wie gelähmt. Die Mutter hatte sie nie gestillt. Als 
sie dies einst vernahm, empfand sie jenen Haß gegen die Mutter, der ihr oft 
anscheinend unvermittelt und unerklärlich aufstieg, in verstärktem Maße. Daneben 
hatte sie ein unstillbares Liebesverlangen zur Mutter. Bei der Auflösung der 
psychogenen Kälteempfindungen, der Depressionen und des Gelähmtseins kamen 
regelmäßig Tendenzen zum Schlagen, Töten, Beißen und Verzehren von Personen, 
zu denen sie in einem ambivalenten Liebe-Haß-Verhältnis stand, zum Vorschein, 
Tendenzen, die frühinfantilen Ursprungs waren und sehr wahrscheinlich in der 
ohnmächtigen Wut des schreienden Säuglings ihren Anfang nahmen. 

Von der Zeit des Greifens bis zum sichern Gehenkönnen, da die Ablösung 
vom Mutterschoß und die Einpassung in die Umwelt zu erfolgen hat, sind durch 
den Zusammenstoß mit den Dingen mancherlei Erlebnisse des Überlassenwerdens 
an eine kalte und feindselige Welt möglich. Dabei reagiert das Kind entweder 
mit stärkerem Anklammern an die Pflegepersonen oder mit Wut auf die Dinge 
besonders auch dann, wenn die Pflegepersonen den ihnen zugedachten Affekt auf 
den Tisch ablenken, an dem das Kind den Kopf angestoßen hat und der nun 
dafür bestraft wird. Weitere Liebesversagungen, wo sich die Feindseligkeiten und 
Beseitigungswünsche direkt auf bestimmte Personen richten, sind zu verzeichnen 
durch die Geburt eines Geschwisterchens, wo sich das Kind von der Mutter ver- 
lassen, verraten und weggestoßen vorkommt, weiter in der Zeit der Ödipus- 
situation. Das sind alles Dinge, die dem Leser hinreichend bekannt sein dürften. 
Besonders diese Zeit ist ja reich an Selbstmordphantasien, worauf wir oben hin- 
wiesen. 

Aus allem sehen wir, daß in der Kindheit seit dem ersten Hinausgestoßen- 
werden in die kalte Welt durch die Geburt eine Kette von sogenannten trauma- 
tischen Erlebnissen möglich ist. Es sind Liebesversagungen und narzißtische 
Kränkungen, die als größere oder kleinere, aber als bleibende Verwundungen 
anzusehen sind, und die zu einer Reaktionsbasis für Todes- und Selbstmord- 
phantasien werden können. Die tiefere Tendenz dieser Phantasien geht offenbar 
dahin, die erste Versagung rückgängig zu machen und damit alle andern, d. h. 
also in den Mutterleib zurückzukehren und sich mit dem ersten Liebesobjekt 
unzertrennlich zu vereinigen : „Ach, war' der Mensch doch nicht geboren, zu 
erleiden solche Pein" ! (Joe, der als Einsiedler in der Höhle sterben will, und Tom, 
der mit seiner Geliebten in der Höhle dem Tode nahe ist. Auch die einsame Insel 
kann als Muttersymbol angesehen werden.) 

Doch da wollen wir abbrechen, da die weitere Gedankenführung uns in die 
Psychologie des ausgeführten Selbstmordes und des Todes überhaupt führen würde. 

IV 

Wenn wir die Selbstmord- und Todesphantasien im Romane Mark Twains mit 
unsern psychoanalytischen Erfahrungen vergleichen, so erkennen wir, daß der 



— 399 — 



=4* 



Autor weitgehende Einsichten in die psychologischen Zusammenhänge besaß. Wir 
vermuten, daß er diese nicht bloß aus der Beobachtung kennt, sondern aus der 
eigenen Seelenverfassung heraus dargestellt hat. Der Humorist, wenn er echt ist, 
trägt immer in sich den tragischen Gegenpol. Im „humoristischen Roman" gelang 
es offenbar Mark Twain, mit lachendem Auge dem Spiele jenes tragischen Anteils 
seiner Person und dessen Verhalten zum realen Leben zuzuschauen, um sich von 
seiner Schwere zu befreien. Wie das Kind durch die Selbstmordphantasien als 
eine Art neurotischen Spiels die Tragik des jungen Lebens zu überwinden sucht 
wie es im normalen Spiel den Verlust der geliebten Großmutter verarbeitet, in- 
dem es Großmutters Begräbnis in lustvoller Handlung spielt, so wird wahr- 
scheinlich hier der Dichter die Selbstmordphantasien seiner Helden zum literarischen 
Spiel im humoristischen Roman werden lassen, um sich von der Kurzschluß- 
handlung des Selbstmordes wegzuwenden und sich den Weg zum Leben offen 
halten zu können. So führt Mark Twain seinen Helden aus den Verirrungen in 
der Höhle hinaus (Wiedergeburt), und er läßt die Streiche der Jungen zum guten 
ausgehen. Es liegt ganz im Sinne unserer Psychologie, daß er unmittelbar mit der 
Höhlengeschichte und andern Abenteuern die Jungen zur Veranlassung werden 
läßt, daß einer Mutter das Leben gerettet wird und daß der, der den Mord 
beabsichtigte, in der Höhle zum Verhungern verurteilt wird. Anderseits erhält 
dadurch der Waisenknabe und Vagabund Huck eine Mutter und er gelangt dann 
zu einer Anerkennung der „Zivilisation". 

Illlllllllllllllllllllllllllllllllllli 



Der Schülerselbstmord in Andre Gides Roman 
„Die Falschmünzer" 

Von Dr. Editha Sterba, Wien 

Man wird gewiß nicht fehlgehen, wenn man versucht, einen Beitrag zum 
Problem des Selbstmords bei den Dichtern zu erhalten, die uns auf so vielen 
andern Gebieten der Psychopathologie wertvolle Winke oder Bestätigungen ge- 
geben haben. „Dichter verfügen vor allem über die Feinfühligkeit für die Wahr- 
nehmung verborgener Seelenregungen bei andern und den Mut, ihr eigenes 
Unbewußtes laut werden zu lassen" (Freud, Beiträge zur Psychologie des Liebes- 
lebens, Ges. Schriften, Bd. V). 

Im Mittelpunkt von Andre Gides großem psychologischen Roman „Die 
Falschmünzer" steht ein unter besonders merkwürdigen Umständen ausgeführter 
Selbstmord eines Jugendlichen. Bevor man aber untersucht, ob der Versuch der 
Analyse dieses Selbstmordes irgend einen Beitrag zum Problem des Selbstmordes 
liefern kann, wird man sich der Beantwortung einer andern Frage zuwenden 
müssen. Gides Roman „Die Falschmünzer" ist sowohl im Inhalt als auch in der 
Form der Darstellung deutlich von der Psychoanalyse beeinflußt. Man darf viel- 
leicht die Vermutung wagen, daß sogar die Entstehung dieses Romans in engstem 

— 400 - 



Zusammenhang steht mit dem Bestreben der Psychoanalyse, zum Verständnis des 
künstlerischen Schaffensprozesses zu gelangen. 

Man wird sich also die Frage vorlegen müssen, ob ein Werk, dessen Verfasser 
an und für sich mit dem Rüstzeug der Analyse an die Wiedergabe der seelischen 
Konflikte herantritt und analytische Aufschlüsse über die Psychologie von Kindern 
und Jugendlichen in seinem Werk verarbeitet, der Psychoanalyse überhaupt noch 
irgend eine Erkenntnis vermitteln kann. Haben nicht Werke, die sozusagen von 
einem Tiefenpsychologen geschaffen werden, so wenig Beziehung zu dem „naiven 
Tagtraum" des Dichters, den wir sonst als Grundlage des Kunstwerks annehmen, 
daß sie gar keine Hinweise auf das Unbewußte enthalten, daß sozusagen alles 
bewußt gemacht und gedeutet ist? Wenn wir uns aber vor Augen halten, daß 
der Schaffensprozeß, die künstlerische Umformung des „naiven Tagtraums" immer 
im Unbewußten vor sich geht, werden wir erwarten dürfen, daß auch der unter 
dem Einfluß der Psychoanalyse schaffende Künstler nicht imstande sein wird, 
alles so klar und bewußt gemacht darzustellen, daß der psychoanalytischen Durch- 
leuchtung des Kunstwerks nichts mehr zu tun übrig bliebe. 

Der dreizehnjährige Boris, dessen Selbstmord den Gegenstand dieser kleinen 
Studie bilden soll, ist das Kind einer russischen Klaviervirtuosin und eines Franzosen. 
Der Vater starb, als Boris noch klein war. Der Knabe verbrachte seine Kindheit 
meist bei der Mutter, die sich ihren Lebensunterhalt zuerst als Pianistin und 
dann als Sängerin in Music-halls erwarb. Der Kleine war „von seiner Mutter in 
einem Zustand dauernder Überreizung erhalten worden, in einem Zustand, der 
den Ausbruch schlimmer nervöser Störungen provoziert". (Dieses und die folgenden 
Zitate nach der deutschen Übersetzung von Ferdinand Hardekopf, Deutsche 
Verlags- Anstalt, Stuttgart.) Da er an „einer Menge von Störungen, Tics und Manien 
litt" , hatte ihn die Mutter über Sommer einer polnischen Ärztin, Frau Sophroniska, 
anvertraut. Diese unterzog ihn einer Behandlung, die wie folgt geschildert wird: 
„ ... sie besteht darin, ihn sprechen zu lassen! Ich verbringe jeden Tag ein oder 
zwei Stunden mit ihm allein. Ich frage ihn, aber nur sehr wenig . . . Ich muß 
alles wissen und besonders das, was er am ängstlichsten zu verheimlichen pflegt . . . 
Ich lasse ihn erzählen, was er des Nachts geträumt hat. Wenn ich früh morgens 
mit Boris allein bin, so träumt er sozusagen mit sprechendem Munde weiter". 
Man wird die Behandlung des kleinen Boris nach dieser Charakteristik wohl nur 
als psychoanalytische Kinderanalyse bezeichnen können. 

Bronja, die fünfzehnjährige Tochter der polnischen Ärztin, von der es heißt : 
ihr Blick aber und ihre Stimme scheinen eher einem Engel anzugehören, als 
einem Menschen", scheint durch ihren guten Einfluß auf den kleinen Boris sehr 
zum Erfolg der Behandlung beizutragen. Arn Ende der Ferien erklärt die Ärztin, 
nachdem sie „das gesamte Räderwerk seines geistigen Organismus auseinander- 
genommen", daß sie ihn als geheilt betrachte und er nach Paris in ein Pensionat 
kommen dürfe. Dort fühlt sich der kleine Boris sehr einsam und verlassen; die 
Kameraden verspotten ihn alle, und es gelingt ihm nicht, Anschluß an irgend 
jemanden zu finden. Auch sein Großvater, der im Pensionat Aufsichtsperson ist 
und ihn zärtlich liebt, bleibt ihm ganz fremd. Als dann eines Tages Frau 
Sophroniska ins Pensionat kommt und Boris den Tod seiner geliebten Bronja 
mitteilt, fühlt er sich vollkommen vereinsamt. 

Drei Knaben im Pensionat, Gheridanisol, Georges und Phiphi, Sitznachbarn 
des kleinen Boris, begründen die „Brüderschaft der starken Männer" mit dem 

- 401 - 



Wahlspruch „Der starke Mann hängt nicht am Leben". Georges spielt Boris 
der in seiner völligen Verlassenheit „nach Freundschaft und Achtung lechzt" 
eine Freundschaftskomödie vor und nimmt ihn, nachdem alle drei den Plan aus- 
geheckt haben, Boris einen Schabernack zu spielen, in die Brüderschaft auf. Das 
Los bestimmt, daß Boris, getreu dem Wahlspruch der Brüderschaft, sich mit der 
Pistole seines Großvaters zu einer bestimmten Zeit im Arbeitssaal während der 
Nachmittagsarbeitsstunde, bei der gerade sein Großvater die Aufsicht hat, er- 
schießen soll. Der Kleine unterwirft sich bedingungslos der Forderung seiner 
Kameraden, um ihre Achtung zu gewinnen. Nur Gheridanisol weiß, daß die 
Pistole wirklich geladen ist. Die beiden andern Jungen wissen es nicht und 
wollen Boris nur Schrecken einjagen. Und am Nachmittag, zur festgesetzten Stunde 
vor den Augen seines entsetzten Großvaters, erschießt sich der kleine Boris. 

Es wäre nun ganz verfehlt, anzunehmen, daß der kleine Boris sich wirklich 
erschießt, um von seinen Kameraden nicht als Feigling angesehen zu werden. 
Denn wir wissen, daß die lebenserhaltende Kraft des menschlichen Ichtriebs so 
stark ist, daß es ganz gewaltiger Verschiebungen im Libidohaushalt bedarf, damit 
die lebenserhaltende Kraft vom Zerstörungstrieb überwältigt werde. Wir werden 
also tiefergehende, wenn auch vielleicht unbewußte Motive für den Selbstmord 
des kleinen Boris annehmen müssen und sie aus dem vorliegenden Material 
herauszuschälen versuchen. 

Den Kern der seelischen Krankheit des kleinen Boris haben wir in der 
Geschichte seines „Talismans" und seiner „magischen Praktiken" zu sehen. Der 
Knabe besaß ein kleines Stück Pergament, den „Talisman", den er „neben 
heiligen Medaillen, die seine Mutter ihm umgehängt hatte, in einem seidenen 
Täschchen auf der Brust trug". Dieser Talisman hatte eine rätselhafte Inschrift 
„Gas — Telefon — hunderttausend Rubel". Als Neunjähriger lernte Boris in 
der Schule einen Jungen kennen, „der ihn in geheime Praktiken, in magische 
Künste, wie die Knaben es nannten, einweihte". Jener Junge hatte Boris zur 
Onanie verleitet, von ihm stammte jener Zettel, der „Talisman", der „gleich- 
sam eine Beschwörungsformel darstellte, das ,Sesam öffne dich' des schändlichen 
Paradieses, in das die Lust sie entführte". „Als .Magie 4 empfanden die naiv 
verzauberten Kinder ihr Laster, weil sie gehört oder gelesen hatten, die Magie 
erlaube, auf geheimnisvolle Weise in den Besitz dessen zu gelangen, was man 
begehre, sie verleihe unbegrenzte Fähigkeiten usw. Sie glaubten wirklich ein 
Geheimnis entdeckt zu haben, das über ein reales Fernsein durch imaginäre 
Gegenwart hinwegtröstete; sie schwelgten in Selbsttäuschung und berauschten 
sich an einem Vacuum, das einer überreizten, lustgenährten Phantasie tausend 
märchenhafte Visionen bot." 

Wenn die Knaben die Onanie als Magie bezeichneten, die über „reales 
Fernsein durch imaginäre Gegenwart hinwegtröstet", so bedeutet dies, daß sie 
ihre Onaniephantasien so überschätzen, daß sie ihnen sogar geheimnisvolle 
Wirkungen zuschreiben. Die Onanie erfolgt dabei sichtlich in einer Einstellung, 
die der Phase der „Allmacht der Gedanken" entspricht, sie läßt sie alles in der 
Phantasie erreichen, was ihnen in der Realität noch versagt bleiben muß. 
Andererseits ist die Auffassung der Onanie als Magie wohl auch ein unbe- 
wußter Versuch, durch diese Überschätzung und die Einkleidung als magische 
Kunst Schuldgefühle und Gewissensskrupel unterdrückt zu halten. 

Zur Zeit der Behandlung hatte der kleine Boris diese „Magie" schon auf- 

- 402 — 






gegeben. Er war nämlich von der Mutter dabei ertappt worden. Der krank- 
hafte Zustand entstand erst in der Folge: „. . . Ich denke es mir so, daß die Mutter 
den Knaben wahrscheinlich gescholten, ermahnt, angefleht hat. In diese Zeit fiel 
der Tod des Vaters. Boris redete sich ein, seine geheimen Gewohnheiten, die 
man ihm als so lasterhaft hinstellte, hätten ihre Strafe empfangen; er hielt 
sich für schuldig am Tode seines Vaters ; er hielt sich für einen Verbrecher, 
einen Verdammten. Er bekam Angst. Und da hat, einem gehetzten Tier gleich, 
sein schwacher Organismus diese Unzahl kleiner Ausflüchte erfunden, in denen 
sein innerer Schmerz sich läuterte, und die ebensoviele Geständnisse sind." 

Es ist nun klar, daß der kleine Boris, wie aus seiner Auffassung der Onanie 
als Magie hervorgeht, ganz besonders an die „Allmacht seiner Gedanken" 
glaubte und überzeugt war, daß er durch die magische Kraft der Onanie und 
der damit verbundenen Phantasien, die sicher Todeswünsche enthielten, den 
Tod des Vaters verursacht habe. Und gleichzeitig mit dem Schuldgefühl und 
der Angst wegen dem Tode seines Vaters entstanden im Abwehrkampf all die 
kleinen Symptome, derentwegen man ihn in Behandlung gab. 

Nachdem Sophroniska dem kleinen Boris alles gedeutet und erklärt hatte, 
trennt er sich nach großen Schwierigkeiten von seinem „Talisman" und über- 
gibt ihn der Ärztin, wodurch der Bann endgültig gebrochen erscheint. 

Die Charakterveränderung des kleinen Boris während seiner Analyse kommt 
am deutlichsten in seinem Verhalten zur kleinen Bronja zum Ausdruck, die ja 
nach Ausspruch der polnischen Ärztin das „beste Heilmittel" für Boris ist. Bei 
der ersten Schilderung des Beisammenseins der beiden Kinder zeigt jeder Aus- 
spruch des kleinen Boris seine starke ambivalente Einstellung. Er sagt in einem 
Atem „ja, meinetwegen — nein, ich will nicht", oder „es ist zu warm — es 
ist zu kalt". Oder: (Bronja:) „Wo hast du nur wieder deinen Hut hingelegt?" — 
(Boris:) „Vibroskomenopatof. Blaf, blaf." — „Was bedeutet das?" — „Nichts." — 
„Warum sagst du es dann?" — „Damit du es nicht verstehen sollst." — 
„Wenn es nichts bedeutet, so ist es mir ganz egal, ob ichs verstehe oder nicht." 
— „Wenn es aber etwas bedeutete, so würdest du es auch nicht verstehen." — 
„Aber man spricht doch, um verstanden zu werden!" — „Willst du, wir 
wollen spielen Worte machen, allein für uns beide zu verstehen ?" — „Gib dir 
lieber erst Mühe, gut Französisch zu lernen." — „Meine Mama, die spricht 
französisch, englisch, römisch, russisch, türkisch, polnisch, italoskopisch, spanisch, 
Zopfsprache und Xixitu." („Dies alles sprudelte er mit einer Art Leidenschaft 
hervor.") Dieses Gespräch zeigt wieder deutlich die Ambivalenz des kleinen 
Boris. Einerseits will er offenbar Bronja kränken, indem er Worte sagt, die sie 
nicht verstehen soll, dann aber wieder heißt es : „Bronja, du bist nicht böse, 
deshalb kannst du auch die Engel sehen ! Aber ich werde immer ein 
Bösewicht bleiben." Bronja ist für ihn das Ideal des Guten und Reinen, er 
kommt sich neben ihr offenbar wegen seiner „magischen Praktiken" als Böse- 
wicht vor. Darum fürchtet er auch, daß seine Berührung Bronja beflecken 
könne: „Ja. Nein. Hör: wir wollen uns einen Stock suchen. Du nimmst das 
eine Ende und ich das andere. Ich schließe die Augen und verspreche dir, 
daß ich sie nicht eher wieder aufmache, als bis wir dahingekommen sind, wo 
wir hin wollen. ... Ja. Nein, nicht dieses Ende ! Wart, ich will es erst 
abwischen!" — „Warum?" — „Ich hab es angefaßt." Bronja ihrerseits ist 
eifrig bemüht, Boris gut zu machen, sie will ihm beten helfen, damit ihm 

— 403 — 



vergeben werde. „Warum versuchst du nicht, nicht mehr böse zu sein? Willst 
du, daß wir zusammen nach (hier nannte sie einen mir unbekannten Ort) 
gehen und dort zusammen Gott und die heilige Jungfrau bitten, daß sie dir 
helfen, nicht mehr böse zu sein?'* 

Ein kleines Ereignis auf einem gemeinsamen Spaziergang der beiden Kinder 
in dieser Zeit zeigt, daß der kleine Boris noch weit entfernt davon ist, „die 
Engel sehen zu dürfen" . . • „Mit geröteten Gesichtern und ganz außer Atem 
kamen sie an. Bronja warf sich gleich stürmisch in die Arme ihrer Mutter; sie 
schien in Weinen ausbrechen zu wollen. ,Mama', rief sie, ,du mußt Boris 
schelten! Er wollte sich nackt in den Schnee legen!' Sophroniska sah Boris an, 
der, mit gesenktem Kopf und einem starren, fast feindseligen Blick, an der Tür 
stehen geblieben war. Sie schien das sonderbare Wesen des Kindes nicht 
bemerken zu wollen, sondern sagte mit bewunderungswürdiger Ruhe: ,Hör 
Boris, des Abends darf man so etwas auf keinen Fall tun! Wenn du willst, 
gehen wir morgen früh wieder dorthin. Und dann kannst du erst einmal ver- 
suchen, ein bißchen barfuß im Schnee zu gehen' . . . Sie streichelte ihrer 
Tochter sanft das Haar. Doch plötzlich fiel Bronja zu Boden und wälzte sich 
in Zuckungen. Wir erschraken sehr. Sophroniska hob sie auf und bettete sie 
auf den Diwan. Regungslos, mit großen leeren Augen sali Boris alles mit an." 
Dieses Sich-nackt-in-den-Schnee-Legen des kleinen Boris bedeutet natürlich einen 
Verführungsversuch der kleinen Bronja gegenüber. Ihre Reaktion darauf sind 
die Zuckungen, die wir als einen Ausdruck ihrer Abwehr auffassen müssen. 

Boris war von der über alles geliebten Mutter getrennt worden. Er über- 
trägt nun seine ganze Liebe und Zärtlichkeit auf die kleine Bronja: „Vom 
Morgen bis zum Abend lassen die beiden Kinder sich nicht aus den Augen. 
Und sie benehmen sich so reizend zu einander, daß niemand etwa auf die 
Idee verfiele, sich über sie lustig zu machen." Bronja ist dem kleinen Boris 
gegenüber, der ihr aufs Wort folgt, durchaus mütterlich. Sie ist also für den 
kleinen Boris eine Mutterimago, die aber vor der echten Mutter noch etwas 
voraus hat. Die kleine Bronja ahnt nichts von seinen „Praktiken", von seiner 
Onanie, für sie existiert so etwas gar nicht und die Mutter hat ihn dabei 
ertappt. So kann er durch Bronjas Reinheit vielleicht doch Erlösung finden von 
seinen besonders schweren Onanieschuldgefühlen und dadurch auch von der 
Mutter Verzeihung erlangen. In seiner Liebe zu Bronja beginnt er immer mehr 
sich ihr anzugleichen, sie nachzuahmen, und er verliert seine Symptome wohl 
ebenso durch die Aufdeckung und Bewußtmachung der Behandlung als auch 
durch die Identifizierung mit Bronja. Gerade in dieser Identifizierung, die 
Boris zu einem ganz realitätsfremden, „in kindlichem Mystizismus" schwelgen- 
den Schwärmer macht, liegt eine große Gefahr für die Zukunft: 

„Sophroniska beteuert, der kleine Boris sei nunmehr geheilt . . . Ich erkenne 
an, daß die Ticks, die unsicheren Gesten des Zurücknehmens, des Bereuens, 
das verstockte Abbrechen mitten im Satz so ziemlich verschwunden sind. Aber 
es kommt mir vor, als habe die Krankheit (wie, um dem forschenden Blick des 
Arztes auszuweichen) sich einfach in tiefere Regionen des Seins zurückgezogen, 
und als sei nunmehr die Seele selbst angegriffen. Ebenso wie der Masturbation 
die nervösen Erscheinungen gefolgt waren, so räumen diese jetzt einer unsicht- 
baren Entrücktheit das Feld. Allerdings ist Sophroniska selbst beunruhigt darüber, 
daß Boris, unter Bronjas Einfluß, einer Art von kindlichem Mystizismus ver- 

— 404 — 



fallen zu sein scheint. Sophroniska ist zu intelligent, um nicht einzusehen, daß 
die neue Seligkeit des Herzens, der Boris sich jetzt ergeben hat, alles in allem 
nicht sehr verschieden ist von der, die er früher künstlich hervorrief, und daß 
die neue Verzauberung, mag auch der Organismus weniger gefährdet sein, ihn 
darum nicht minder ablenkt von jeglichem Willen zur Realisierung. Doch wenn 
ich mit ihr darüber spreche, so erklärt sie, Naturen wie Boris und Bronja 
könnten eine gewisse chimärische Nahrung nicht entbehren, und nähme man sie 
ihnen weg, so würde Bronja in Hoffnungslosigkeit versinken, und Boris einem 
niedrigen Materialismus anheimfallen . . . Mit Bewegung spricht sie von der 
Frömmigkeit der beiden Kinder, die zusammen die Offenbarung Johannis lesen 
und in gemeinsame Ekstase geraten und ihre Seelen in himmlische Gewandung 
kleiden." 

Man kann also von einer wirklichen Heilung im analytischen Sinne gar 
nicht sprechen, es ist gleichsam nur eine Verschiebung da. Die zwangsneurotischen 
Symptome und die Ambivalenz sind von einer übermäßigen Frömmigkeit 
und einem unnatürlichen Mystizismus abgelöst worden. Diese Veränderung 
erfolgt bei Boris auf dem Wege der Identifizierung mit Bronja, der idealisierten 
Mutterimago. Diese Identifizierung mit der Mutter beinhaltet natürlich auch 
eine passiv-feminine Einstellung gegenüber dem Vater, die durch die wenn auch 
unbewußten aber noch immer wirksamen Schuldgefühle, „den Vater getötet 
zu haben", und durch die Angst vor der Strafe noch verstärkt wird. 1 

Aus diesem in Mystik schwelgenden Beisammensein mit Bronja wird Boris 
nun herausgerissen und kommt in das Pensionat nach Paris. Er versucht ver- 
geblich, zu den andern Knaben in Beziehung zu treten; er kann es aber nicht, 
schon ihre Unterhaltung beleidigt sein überzartes Gewissen. „. . . Sein großes 
Sympathiebedürfnis trieb ihn zu dem Versuch, es ihnen gleichzutun. Doch seine 
empfindliche Natur widerstrebte. Die Worte wollten ihm nicht über die Lippen. 
Seine Verlegenheit machte ihn wütend auf sich selbst; er quälte sich ab, sich 
nichts merken zu lassen, und zwang sich, um jeglichem Spotte zuvorzukommen, 
sogar zum Lachen. Aber es half alles nichts. Inmitten der andern machte er 
den Eindruck eines Mädchens, fühlte es und ward verzweifelt." Auch an seinen 
Großvater, der nur . allzugerne bereit wäre, sich seiner anzunehmen, vermag er 
nicht, sich anzuschließen. Er ist eben durch seine Beziehung zu Bronja so sehr 
jeder Realität entrückt, daß er es nicht zuwege bringen kann, eine ganz normale 
Beziehung zu gleichaltrigen Knaben anzuknüpfen. Dabei empfindet er sein 
realitätsunfähiges, passiv-feminines Wesen im Vergleich mit den andern als 
etwas Krankhaftes und ihn Belastendes, aber er ist eben viel zu passiv, um sich 
selbst helfen zu können. Anderseits ist aber die Beziehung zu Bronja auch von 
größter Bedeutung für ihn. Sie ersetzt dem einsamen Knaben die Mutter, und 
die Familie und ist auch der einzige Halt, den er überhaupt hat. 

Da kommt nun eines Tages die polnische Ärztin und bringt ihm die Nachricht 
von Bronjas Tod: „Nun erschien dem kleinen Boris die ganze Welt wie eine 
schreckliche Einöde. Seine Mutter war weit weg und kam niemals zu ihm; sein 
Großvater war zu alt. . . . Eine zarte Seele wie die seine braucht jemand, dem 

l) Es sei hier daran erinnert, daß eine ähnliche Wendung von Reizbarkeit und 
Ängstlichkeit zu übermäßiger Frömmigkeit, die mit einer passiven Hingabe an den 
Vater verbunden ist, auch von Freud in der „Geschichte einer infantilen Neurose" 
berichtet wird. (Ges. Schriften, Bd. VIII.) 

— 405 — 



sie ihren Adel und ihre Reinheit zum Opfer bringen kann. Er war nicht stark 
genug, um ganz für sich allein bleiben zu können. Aber er hatte Bronja viel zu 
sehr geliebt, als daß er je -wieder auf solche Hingebungsmöglichkeit wie er sie 
mit ihr verlor, hätte hoffen dürfen. Die Engel, die er so inbrünstig zu erblicken 
gewünscht hatte, wie sollte er künftig ohne Bronja auch nur an ihre Existenz 
glauben können? So ward selbst der Himmel ihm verwaist und leer". Dieser 
Verlust mußte den ganz vereinsamten Boris ganz besonders schwer treffen. Bronja 
bei der er Befreiung von seinen Schuldgefühlen und Vergebung für seine bösen 
Praktiken durch die gemeinsame Frömmigkeit gefunden hatte, verläßt ihn. „Der 
Himmel ward verwaist und leer". — Boris, dessen Selbstvorwürfe nur mühsam 
unterdrückt waren, faßt Bronjas Tod als Strafe des Himmels für seine in Erfülluno- 
gegangenen Todeswünsche gegen den Vater auf. Die dauernde Beziehung zu 
Bronja, seiner Mutterimago, darf er nicht haben, sie wird ihm vom Himmel 
offenbar nicht gegönnt. 

Und nun bricht über den kleinen Boris, bei dem der ganze Scheinerfolg der 
Behandlung durch Bronjas Tod ins Wanken gekommen ist, ein Ereignis herein 
das ihn schließlich zum Selbstmord treiben muß. Gheridanisol kann den kleinen 
Boris nicht ausstehen : „ ... er ist zart, graziös, fast mädchenhaft. Das alles reizt 
und erbittert den lebenskräftigen Gheridanisol. Es ist, als empfände er beim An- 
blick des subtilen Kindes jenen instinktiven Widerwillen, der in einer Herde 
das starke Tier gegen das schwache treibt . . . Wie dem auch sei : Gheridanisol 
empfindet seine Antipathie gegen Boris als etwas Aufregend-Beglückendes". Sein 
Vetter Strouvilhou ist der Mann, dem die polnische Ärztin einst den „Talisman" 
des kleinen Boris gegeben hat. Strouvilhou, von Gh6ridanisol bestürmt, überläßt 
ihm nun den Talisman „mitsamt der Anweisung, wie man sich seiner zu bedienen 
hätte". 

Nun findet der arme kleine Boris „beim Eintreten in den Arbeitssaal, auf seinem 
Platze jenes Stück Pergament, an das er sich kaum noch erinnerte. Er hatte es 
aus seinem Gedächtnis verbannt, ebenso alles andere, was sich auf die Magie 
seiner ersten Gymnasial] ahre bezog, auf diese bedenkliche Magie, deren er sich 
jetzt schämte. Er erkannte seinen alten Talisman zunächst gar nicht wieder, denn 
Gheridanisol hatte die Zauberformel ,Gas— Telephon— Hunderttausend Rubel' nri t 
einer breiten, rot und schwarzen Umrahmung versehen, auf deren Ecken und 
Linien allerlei frivole, leidlich gut gezeichnete Miniatur-Teufelchen umherkletterten. 
Diese Vignetten verliehen dem Pergament ein phantastisches Aussehen, etwas 
Infernalisches, dachte Gheridanisol, einen giftigen Reiz, der auf den kleinen Boris 
sicherlich wirken werde. ..." 

„Vielleicht sollte diese ganze Machination kaum mehr sein, als ein etwas 
gewagtes Spiel. Aber dieses Spiel gelang über alle Erwartung gut. Boris (der sich 
im Arbeitssaal allein befand) ward brennend rot, blickte verwirrt nach links und 
rechts und sah Gheridanisol nicht, der ihn, hinter der Tür verborgen, beobachtete 
Boris konnte keinerlei Verdacht auf ihn haben, konnte sich überhaupt nicht im 
geringsten erklären, wie der Talisman hierhergekommen war. Diese böse Reliquie 
schien vom Himmel gefallen oder vielmehr aus der Hölle wiederaufgestiegen zu 
sein. . . . Nun hätte Boris, bei seiner Intelligenz, zweifellos die innere Fähigkeit 
gehabt, derartige Pensionats-Konspirationen mit einem spöttischen Achselzucken 
von sich zu weisen: Hier aber tauchte eine gefährlich bannende Vergangenheit 
mit all ihren Phantasien wieder vor ihm auf. . . . Boris nahm den Talisman und 

— 406 — 



ließ ihn in seine wollene Matrosenbluse gleiten. Während des ganzen übrigen 
Tages blieb er von der Erinnerung an jene magischen Praktiken wie besessen. 
Bis zum späten Abend kämpfte er gegen eine satanische Versuchung. Dann, in 
seinem Zimmer, unterlag er, da er nirgends einen Halt mehr fand, in seinem 
verzweifelten Kampfe". 

„Ihm war zumute, als müsse er nun ins Verderben gehen, als versinke er in 
einen Abgrund, unendlich fern von den Regionen der Engel. Aber es war ihm 
eigentlich nur erwünscht, so betäubt ins Ungewisse zu fallen, und er schuf sich, 
gerade aus dieser Sensation des Unterganges, seine bittere Lust". 

Durch Bronjas Tod ist Boris aus dem Himmel verbannt, er grollt dem Himmel, 
der ihm ja auch nicht verziehen hat und genießt masochistisch die Qual dieses 
Rückfalls. Nun sieht es in der Darstellung des Selbstmordes wirklich so aus, wie 
wenn sicli der kleine Boris nur, um die Achtung seiner Kameraden zu erringen, 
der lebensvernichtenden Tapferkeitsprobe unterwerfen würde: „Und trotz aller 
Herzensnot bewahrte er, in der Tiefe seiner Verdammnis, einen solchen Drang 
nacli Hingabe, einen solchen Schmerz über das geringschätzige Benehmen seiner 
Kameraden, daß er sich jeder, wenn auch noch so absurden Gefahr ausgesetzt 
hätte, nur um ein bißchen Achtung von ihnen zu erringen". Das ausschlag- 
gebende Motiv zum Selbstmord ist aber sicher im Rückfall zur Onanie zu sehen, 
wenn auch sein Verhältnis zu den Kameraden und die narzißtische Kränkung 
über die Verachtung, mit der sie ihn behandeln, ihn diesen Rückfall sicherlich 
viel härter empfinden läßt. 

Boris glaubte ja durch seine magischen Praktiken den Tod des Vaters ver- 
schuldet zu haben. Eine Wiederholung dieser Magie bedeutet also eine Wieder- 
holung der Tat, die er jetzt in der Einstellung der passiv-femininen Hingabe 
an den Vater, die aus seiner Mutteridentifizierung resultierte, doppelt todes- 
würdig empfinden mußte. Als die Kameraden an Boris herantreten und ihm 
die Forderungen der „Starken Brüderschaft" mitteilen: „Der starke Mann 
hängt nicht am Leben", da fühlte „Boris einen brausenden Taumel in seinem 
Kopfe. Aber er zwang sich zur Kaltblütigkeit." Er ahnt also schon, daß er 
den Beweis der Tapferkeit wird liefern müssen. Und als das Los entscheiden 
soll, wer den Beweis der Tapferkeit erbringen soll, da „argwöhnte Boris, daß 
Betrug im Spiele sei; aber er sagte kein Wort. Warum hätte er auch pro- 
testieren sollen? Er wußte, daß er verloren sei. Er rührte keinen Finger zu 
seiner Rettung. Ja, selbst wenn das Los einen der drei andern bezeichnet hätte, 
so würde er sich erboten haben, an dessen Stelle zu treten, so groß war seine 
Verzweiflung." Boris fühlt also schon von vornherein, daß er dem Selbstmord 
verfallen ist, und man darf wohl annehmen, daß er aus dem ungeheuren Schuld- 
gefühl und aus Angst vor den Folgen seines durch die Onanie erneuten Ver- 
brechens in die Selbstzerstörung flüchtete, um sich dasselbe anzutun, was er 
dem Vater zum zweitenmal zugefügt hatte. Daß er es also vorzog, die einzig 
adäquate Bestrafung an sich selbst zu vollziehen, statt verlassen von seiner 
Mutterimago, deren bloße Existenz ihm Verzeihung seiner Schuld bedeutete, 
allein, verachtet wegen seiner Mädchenhaftigkeit in angstvoller Qual und Reue 
zu leben. 

Form und nähere Begleitumstände des Selbstmordes hängen auch mit der 
Femininität des kleinen Boris eng zusammen, denn wenn er auch selbst von 
vornherein fest davon überzeugt ist, daß er sterben muß, so läßt er sich aus 

- 407- 



seiner Einstellung heraus doch von den andern sozusagen zum Selbstmord 
zwingen. 

Nun wissen wir, daß „das Ich nur unter ganz bestimmten Bedingungen 
seiner Selbstzerstörung zustimmen könne, d. h. das Ich kann nur dann sich selbst 
töten, wenn es sich selbst wie ein Objekt behandelt, wenn es die Feindseligkeit 
gegen sich richten darf, die einem Objekt gilt, und die die ursprüngliche 
Reaktion des Ichs gegen Objekte der Außenwelt vertritt" (Freud, Trauer und 
Melancholie, Ges. Sehr. Bd. V.). Beim kleinen Boris ist von irgend einer Haß- 
regung, die dann im Selbstmord gegen ihn selbst rückgewendet würde gar 
nichts zu bemerken. Aber die zuerst im Verhalten gegen Bronja gezeigte Ambi- 
valenz läßt den Schluß zu, daß Boris auch einmal von starken gegensätzlichen 
Empfindungen, also von Haß und Liebe, beherrscht war. Daß er auch starke 
Todeswünsche gegen den Vater hatte, geht daraus hervor, daß er sich seihst 
wegen seiner Praktiken am Tode des Vaters die Schuld gibt. Man kann daher 
annehmen, daß der Rückfall in die Onanie zuerst wieder die Todeswünsche 
belebt und er dann einerseits die Mordimpulse aus Angst gegen sich seihst 
wendet, andererseits sich selbst mit dem Gegenstand seiner Todeswünsche identi- 
fiziert, also gleichsam den Vater durch seinen Selbstmord noch einmal tötet. 
Dabei spielen auch sicherlich unbewußte Haßtendenzen des kleinen Boris gegen 
seine Kameraden mit, die er eben aus seiner passiv-femininen Einstellung heraus 
gegen sich selbst kehrt. Der Selbstmord ist auch in gewissem Sinn ein Rache- 
akt an den Kameraden, die ihm so übel mitgespielt haben. 

Man darf also das wesentlichste Motiv für den Selbstmord des kleinen Boris 
in dem durch den Rückfall zur Onanie und dessen Bedeutung als neuerlicher 
Vatertötung ungeheuer verstärkten Schuldgefühl, in der Angst, den Selbst- 
bestrafungstendenzen und der, wenn auch unbewußt gegen sich selbst gewendeten 
Todeswünsche sehen; besondere Bedeutung kommt dabei dem Tod der kleinen 
Bronja zu, deren Verlust Boris das einzige Liebesobjekt raubt. Die Identifizierung 
mit Bronja ist wiederum die Ursache für den völligen Mangel an Realitäts- 
anpassung des kleinen Boris, für seine Unfähigkeit mit gleichaltrigen Kameraden 
in normale Beziehung zu treten, wodurch wieder der unter ganz besonderen 
Umständen erfolgende Selbstmord gefördert wird. 

Aus dem bei der Analyse des Selbstmordes des kleinen Boris gewonnenen 
Material geht die Beantwortung der eingangs gestellten Frage von selbst hervor 
ob nämlich ein deutlich unter dem Einfluß der Psychoanalyse stehendes Kunst- 
werk noch irgendetwas zu einem Problem der Psychoanalyse beitragen könne 
Wenn auch die hier aufgedeckten Motive dieses Kmderselbstmordes zur Psychologie 
des Selbstmordes nichts Neues beitragen können, so sind sie doch im Kunstwerk 
selbst nur angedeutet und ohne Zuhilfenahme des Instruments der Analyse nicht 
aufzuzeigen und bringen immerhin eine Bestätigung bereits bekannter Ergebnisse. 
Wenn man gewöhnt ist, immer nach dem „Warum" zu fragen, drängt sich 
bei der Lektüre dieses Kunstwerks noch eine Frage auf, deren Beantwortung 
besonders reizvoll erscheint. Woher kommt die starke und intensive Wirkung 
die von der Person des kleinen Selbstmörders ausgeht? Warum erweckt er 
gerade so besondere Anteilnahme? 

Wir wissen ja, daß in solchen Fällen, abgesehen von der rein ästhetischen 
Lustwirkung unsere Anteilnahme am Kunstwerk darauf zurückzuführen ist, daß 
uns die Identifizierung mit dem Helden ganz besonders leicht fällt, daß wir also 

— 408 — 






durch diese Identifizierung mit dem Helden offenbar instand gesetzt werden, 
besonders lustvolle „Phantasien nunmehr ohne jeden Vorwurf und ohne Schämen 
zu genießen" (Freud, Der Dichter und das Phantasieren, Ges. Sehr. Bd. X). 
Es ist ja klar, daß die Erlebnisse des kleinen Boris, sein innerer Kampf wegen 
seiner „Praktiken", seine Angst und sein Schuldgefühl, sein Verhältnis zur kleinen 
Bronja bei jedem von uns ein Stückchen verdrängter Kindheitsphantasien und 
-wünsche zum Wiedererleben bringen müssen, und daß gerade die Identifizierung 
mit dem kindlichen Helden so besonders lustvoll ist, weil wir uns eben als 
Erwachsene die Befriedigung infantiler Phantasien in der Identifizierung mit 
einem Kind viel eher gestatten können. Und wenn sich der kleine Held im 
Selbstmord zu wahrhaft tragischer Größe erhebt, so wird unser warmes Mit- 
empfinden und Mitleiden sicherlich auch nur ein Ausdruck der Befriedigung 
über die Realisierung so vieler verborgener Phantasien und Wünsche sein. 



um 

Über Selbstmordphantasien 1 
Von Mary Chadwick, London 

Bei den meisten Menschen tauchen wohl im Lauf des Lebens Selbstmord- 
phantasien auf. Wenn auch die Umsetzung dieser Phantasien in die Tat ver- 
hältnismäßig selten ist oder die Ausführung der Tat unter Umständen erfolgt, 
die eine Verhinderung derselben im letzten Moment zulassen, so bleibt doch das 
Vorhandensein solcher Phantasien dem Psychologen ein Gegenstand der Forschung. 

Es fällt auf, daß es weit seltener reale Umstände sind, die zum Selbstmord 
treiben. Viel größer ist die Zahl derer, die aus psychologischen Ursachen in 
der Phantasie mit dem Selbstmord spielen, so daß unter den Motiven des Selbst- 
mordes die Flucht vor der Mühe des Lebens, die Angst und das Schuldgefühl 
als hauptsächliche zu nennen sind. 

Es erhebt sich die Frage, unter welchen Umständen die Selbstmordphantasie 
realisiert wird und welche Faktoren an dieser Realisierung oder an der Ver- 
hinderung derselben beteiligt sind. Wir stoßen hier auf das Problem des Kampfes 
zwischen Lebens- und Todestrieben. Ist eine primär konstitutionelle Differenz 
im Verhältnis der beiden Triebarten anzunehmen oder sind Erlebnisse der Kind- 
heit auf quantitative Verschiebungen innerhalb der beiden Triebarten einfluß- 
nehmend ? Im weiteren müssen wir uns fragen, ob zu solchen sekundären Fak- 
toren der Verstärkung der primären Triebanlage nicht andere sekundäre Fak- 
toren beitragen, wie Sadismus und Masochismus, der Gottkomplex, Schuldgefühl 
und Strafbedürfnis. 

Zur Lösung dieser Frage soll im folgenden über sieben Fälle mit Selbstmord- 
phantasien oder Selbstmordversuchen berichtet werden. Bei allen Fällen sind 
Selbstmordphantasien aufgetreten, ein starker Impuls, den Selbstmord auszu- 
führen, in zwei Fällen, einmal bei einem Kind, das andere Mal bei einem 

i) Aus dem englischen Original übersetzt. 

-409 - 



Erwachsenen. Bei einem Fall wurde die Drohung an die Eltern bei verschie- 
denen Gelegenheiten wiederholt, in anderen wurden Versuche sowohl im frühen 
Alter wie auch später unternommen. Ein anderer zeigt wieder Angst vor 
dauernder Beschädigung, und bei dem zuletzt erwähnten finden wir einen Unfall, 
der das Selbstmordbedürfnis befriedigt. 

In allen Fällen fand sich folgendes: Starke Mutterfixierung, negative Ein- 
stellung gegen den Vater, der oft ein Mann von heftigem Temperament zu sein 
scheint und mit dem die Mutter nicht in jeder Beziehung glücklich war. Der 
Knabe entwickelt später eine Neigung zur Homosexualität, wenn seine Ab- 
lehnung gegen die Mutter zum Durchbruch kommt, möglicherweise aus Abwehr 
gegen die Inzestphantasie, die gewöhnlich in der Selbstmordphantasie ebensowohl 
wie in der Methodenwahl zum Ausdruck kommt. Bei dem Mann liegen die 
Verhältnisse ganz einfach, bei der Frau sind sie etwas komplizierter. Denn sie ist 
teils homosexuell, teils an den Vater und an die Mutter fixiert, zuerst in der frühen 
Kindheit, und dann später, wenn sie sich aus irgendeinem Grunde vom 
Vater weg- und der Mutter zugewendet hat, oder aber weil sie aus der Identi- 
fizierung mit einem Bruder oder dem Vater Mann sein und die Mutter erobern 
will, was auch Schuldgefühle und Rivalität mit dem Vater erzeugt. 

Alle sieben Patienten, von denen hier berichtet wird, waren bei der Geburt 
kaum lebensfähig oder aber während der ganzen Kindheit sehr kränklich. Da- 
durch wurde die Mutter ganz besonders beansprucht, und diese Kinder kamen 
nie in einen normalen Kontakt mit der Realität. Kränklichkeit und die eben- 
falls vorhandenen neurotischen Symptome wurden immer besonders manifest, 
wenn äußere Schwierigkeiten auftraten. Kinder, die erfahren haben, was sie 
mit ihrem Kranksein bei den Eltern erreichen können, werden eher geneigt 
sein, den Selbstmordimpuls in die Tat umzusetzen, weil sie dadurch wirklich 
die Umwelt verändern und andere ebenso wie sich selbst strafen. Das Kind hin- 
gegen, das seine Befriedigung in der bloßen Selbstmordphantasie findet, ändert nur 
seine Einstellung zur Umwelt, indem es sich unabhängig macht von den äußeren 
Umständen und sich damit begnügt, allein zu leiden, indem es sowohl sadistische 
als auch masochistische Tendenzen durch die Phantasie im Ich befriedigt. Die 
Gefahr der Flucht in die Selbstmordphantasie liegt aber darin, daß sie, um das 
Individuum zu befriedigen, dauernd sein muß. Das müßte dann zur Psychose 
führen, wahrscheinlich in Form der Dementia praecox, bei der der Körper er- 
halten bleibt, der Geist aber durch seine Flucht vor der Realität jede Beziehung 
zu ihr zerstört hat. (Der Realitätsverlust bei Neurose und Psychose. Freud, Ges. 
Schriften, Bd. VI.) 

Wenn diese Annahmen im vorliegenden Material und auch sonst Bestätigung 
finden, wird man vielleicht sagen dürfen, daß sich der Todestrieb, verstärkt 
durch andere Triebtendenzen, schon bei den Schwierigkeiten bei der Geburt 
und bei der Kränklichkeit in der frühen Kindheit wirksam zeigt, die ja sicher- 
lich ein Ausdruck verminderter Widerstandsfähigkeit gegenüber den Anforde- 
rungen der Realität sind. 

— 410 — 



Es ließ sich nämlich ebensowohl bei mehreren der hier erwähnten als auch 
bei andern Fällen durch Nachforschung feststellen, daß die Kinder schon bei 
oder knapp nach der Geburt sehr zart waren. Die Eltern waren auch meist 
kränklich, und das Kind zeigte vom Anfang an das Bestreben, zum Nichtsein 
oder zum mindesten zu einem dem intrauterinen Zustand möglichst ähnlichen 
zurückzukehren. Diese Kinder scheinen für das Leben gar kein Interesse zu 
haben, und es kann leicht vorkommen, daß sie den hassen, der sie zu irgend- 
einer Aktivität bringen will (Freud, Das Ich und das Es, Ges. Schriften, Bd. VI). 
Das zeigt sich nicht allein schon bei der Geburt, sondern bei jeder Trennung 
von der Mutter, bei der Entwöhnung, beim Schuleintritt, bei der Berufswahl 
und endlich bei der Verheiratung, wenn ein neues Heim errichtet werden soll. 
Der Zwang, für den Ehepartner arbeiten zu müssen, wird als unerträglich 
empfunden und meist nur eine Mutterimago als Gattin gewählt. Kinderzeu«nme 
kommt überhaupt nicht in Frage. 

Wenn man den Selbstmord als Unterdrückung des Lebenstriebes und als Re°res- 
sion zum praenatalen Stadium auffaßt, so wird Schuldgefühl und Straftendenz 
dabei ganz außer Acht gelassen. Man kann sich das vielleicht so vorstellen daß 
die Mutter vom Kind noch nicht als getrenntes Objekt empfunden wird daß 
daher weder Schuldgefühl noch Haß gegen jemanden vorhanden ist. Der Haß 
richtet sich nur gegen das Leben, das Bemühen und Handeln erfordert. Erst 
bei der Wahrnehmung von Objekten, die dem Individuum Widerstand leisten, 
entsteht Haß, der seinerseits wieder Schuldgefühl erzeugt. Dieses Schuldgefühl 
wieder erzeugt die Tendenz, sich selbst oder andere zu bestrafen, und kann 
unter bestimmten Umständen zum Selbstmord mit verschiedenen Methoden und 
Motiven führen, da ja jetzt Umgebung und Selbst deutlicher differenziert sind. 
Es bleibt also in manchen Fällen kein anderer Ausweg, um die verhaßte Um- 
gebung zu zerstören, als das eigene Selbst zu vernichten. 

Bei der Selbstmordphantasie finden wir zwar auch einen aktiven Todestrieb, 
aber er hat mit dem Lebenstrieb insofern ein Kompromiß geschlossen, als sich 
seine Zerstörung auf die Veränderung der Realität besch rankt, die nach den 
Wünschen des Individuums vorgenommen wird, während das körperliche Selbst 
erhalten bleibt. 

Die ersten vier Fälle, von denen ich berichten werde, waren Männer ver- 
schiedenen Alters. Zwei von ihnen drohten in der Kindheit mit Selbstmord in 
der bewußten Absicht, Verwandte dadurch zu ärgern, ein Fall wollte durch 
die Drohung von der Schule befreit werden, der andere wollte sich an seiner 
Schwester rächen, von der er glaubte, daß sie ihn quälen wolle. Die andern 
Fälle waren Frauen, die in der Kindheit sehr zart waren. In zwei Fällen war 
das nächstältere Kind gestorben, so daß die Mutter überängstlich über dem 
Kind wachte. In einem dieser Fälle kamen in der Kindheit und im späteren 
Leben schwere Unglücksfälle vor, die man wohl als unbewußte Selbstmordver- 
suche auffassen darf. Im dritten Fall finden wir eine ausgebreitete Furcht vor 
Unfällen aller Art, hauptsächlich vor Ertrinken und Überfallenwerden. In der 
Kindheit dieser Patientin hatte eine Tante Selbstmord begangen, indem sie sich 

-411 — 



in einen Teich stürzte. In der Familie war viel die Rede davon, so daß die 
TNichte große Angst vor dem Wasser und vor dem Ersticken bekam und niemals 
schwimmen lernen konnte. Diese Wasserfurcht zeigte sich fortwährend in ihren 
Träumen, ebenso wie die Idee, andere aus dem Wasser zu retten. Am Ende 
der Analyse träumte sie, sie schwimme mit dem Gedanken, wenn das alles 
wäre, dann wäre es ja sehr leicht. In Verbindung mit diesem Traum brachte 
sie Assoziationen, die ihre lebenslange Angst und ihre allgemeine Ängstlichkeit 
erklärten, und sie fügte hinzu, daß bei ihrer Geburt sie und ihre Mutter bei- 
nahe gestorben wären. 

Um zu zeigen, daß lebensvernichtende Impulse oft mit Geburtstraumen in 
Verbindung stehen, möchte ich einiges aus den Beobachtungen von Säuglingen 
durch eine psychoanalytisch ganz unvoreingenommene Hebamme berichten. Sie 
hatte immer versucht, ihre Fälle so lange als möglich im Auge zu behalten 
besonders, wenn die Geburt irgendwie abnorm verlaufen war. Wir sprachen 
von Kindern, bei denen es besonders schwierig gewesen war, die Atmung in 
Gang zu bringen, und die, wie sie sagte, nur mit Widerstreben ins Leben traten. 
Es sah so aus, wie wenn man sie zwingen müsse, zu leben, und sie wurde 
durch die nachfolgenden Ereignisse belehrt, daß dies nicht ratsam gewesen sei. 
Sie hatte nämlich die Erfahrung gemacht, daß diese Kinder auch weiterhin 
lethargisch und träge blieben, daß sie immer versuchten, in den Schlaf zurück- 
zugleiten, immer körperlich und geistig zurückblieben, immer kalt und blau 
waren. Wenn ein solches Kind älter als sieben Jahre wurde, waren immer 
irgendwelche geistige Defekte aufgetreten. 

A 

Dieser Patient kam zuerst zur Behandlung, weil man glaubte, er leide an einem 
durch Granatexplosion hervorgerufenen Nervenschock. Er berichtete z. B., daß er im 
Krieg in einem Krater begraben gewesen wäre, später aber gestand er, daß dies nicht 
wahr sei. Das war einer anderen Abteilung seiner Kompagnie passiert, und er hatte 
durch die Flucht sein Leben gerettet. Diese Vorstellung schien die ärgste für ihn 
zu sein, ebenso wie der Gedanke, daß er mit einem Bajonett in den Bauch gestochen 
werden könnte. 

Seine Leidensgeschichte zeigte eine Fülle von neurotischen Symptomen während 
seines ganzen Lebens; er war als Kind außerordentlich in der Entwicklung zurück- 
gebheben, war immer beleidigt, wenn er für sich selbst sorgen sollte, und hatte mit 
aller Kraft die gehaßt, die ihn dazu veranlassen wollten. Seine Mutter schien ihn 
verzogen und verdorben zu haben, besonders in der Kindheit und wenn er krank war. 
Er sagte, daß es ihm als Kind furchtbar schwer fiel, aufzuwachen, und daß er immer 
imstande war, einzuschlafen, wenn er nichts tat. Morgens pflegte er betäubt und wie 
gelähmt aufzuwachen. Allmählich kam dann Gefühl in seine Glieder, aber mit den 
Händen war er immer ungeschickt. Diese Hemmung im Gebrauch seiner Hände 
brachte er auch damit in Verbindimg, daß er sie als Kind bei der Masturbation 
klatschend zusammengeschlagen hatte. Seine Eltern waren über diese Gewohnheit 
sehr beängstigt, ebenso wie über sein Bettnässen, und er hatte schon als ganz kleines 
Kind erfahren, daß der Arzt seiner Mutter gesagt hatte, sie müsse ihn aufwecken 

- 412 — 



und immer beschäftigen, sonst würde es viel schlimmer werden. Als Kind haßte er 
die lärmende Art seiner aktiveren Brüder und Schwestern, nahm nie an ihren Spielen 
teil, er döste vielmehr, in sich selbst zusammengekrochen und von angenehmen Dingen 
träumend, vor sich hin. Er meinte in der Analyse, ob dieser Zustand nicht die Folge 
einer Encephalitis lethargica gewesen sein könne, aber die Ärzte, die ihn von Zeit 
zu Zeit untersuchten, scheinen nie daran gedacht zu haben. 

Als er sechs oder sieben Jahre alt war, machte er den ersten Selbstmordversuch, 
an den er sich erinnern kann. Er hatte einen Streit mit seiner älteren Schwester ge- 
habt, und als er kurz darauf einige Beeren von Nachtschatten im Garten fand, sagte 
er, daß er sie gleich essen würde. Er stellte sich vor, wenn er stürbe, würde eine Unter- 
suchung angestellt werden, und die Schwester würde dann schon dafür bestraft werden, 
daß sie ihn so schlecht behandelt hatte. Dieselbe Idee tauchte während der Analyse 
wieder auf, nur daß jetzt die Analytikerin die Stelle der Schwester einnahm. Er ging 
mit einem Paket Arsen in der Tasche umher, oder behauptete es wenigstens, in der 
Hoffnung, daß ihm die Analytikerin ebenso das Gift entreißen werde, wie die 
Schwester, und daß er gescholten werden würde, so daß er es fühlen könnte, wie 
schlecht man ihn behandle. Als nichts dergleichen passierte, verlor die Drohung ihren 
Reiz. 

Ursprünglich plante er, Selbstmord durch Gift zu begehen, eine Zeitlang dachte 
er daran, sich einen Revolver zu verschaffen und sich in den Mund zu schießen. 
Seine Fixierung an die Mutter war außergewöhnlich stark und sein Haß gegen 
die Mutter, auf Geburt und Entwöhnung konzentriert, beides schwere Traumen 
durch die Trennung von der Mutter. Der Selbstmordversuch oder die Phantasie 
wiederholten dieselbe Tendenz, die Mutter durch die orale Zone wiederzugewinnen. 
Wie zu erwarten ist, hatte er zu verschiedenen Zeiten seines Lebens Fellatio aus- 
geübt, es auch bei sich selbst versucht, ebenso wie Cunnilingus. Er war Alkoholiker, 
was der Ablehnung der Mutter und der daraus resultierenden Homosexualität entsprach. 
Denn seine Mutter hatte ihm die orale Befriedigung versagt, die er wollte, darum 
war er gezwungen, sie sich selbst zu beschaffen; so trank er, um seinen Kummer 
zu betäuben und befriedigte dadurch seine starken oralen Wünsche. Nach seiner 
Verheiratung pflegte er übermäßig zu trinken, um seine Frau zu ärgern, besonders 
wenn er den Verdacht hatte, daß sie ihn mit einem Manne betrog, von dem er sich 
auch angezogen fühlte. Einmal machte er einen Selbstmordversuch in Gegenwart 
seiner Frau, indem er Lysol trinken wollte, aber als er die Flasche zum Mund führte, 
schlug seine Frau sie ihm aus der Hand. 

Er war praktischer Zahnarzt, und in diesem Beruf fand er in mancher Hinsicht 
starke Befriedigung. Bei einer Gelegenheit verschuldete er beinahe den Tod einer 
jungen Patientin, indem er ihr an Stelle des gewöhnlichen Anaesthetikums eine 
starke Lösung von Eisenchlorid in den Mund goß, das er immer als blutstillendes 
Mittel bei der Hand hatte. Sie erkrankte gefährlich, erholte sich aber endlich wieder, 
und der Unfall brachte ihm Todeswünsche gegen die Mutter und die ältere Schwester 
in Erinnerung, mit denen sein Verlangen nach Selbstzerstörung Hand in Hand ging. 

Seine Analyse wurde vor Beendigung abgebrochen, aber seine Selbstmordneigung 
war seit geraumer Zeit verschwunden. Seine Einstellung zum Leben war allerdings 
immer noch äußerst negativ, und seine Vitalität blieb armselig. Ich möchte noch 
bemerken, daß sein körperliches Aussehen nichts weniger als robust war, er war sehr 
groß, schlank und hatte eine schlechte Haltung. 

Er litt auch an einer starken Flucht vor dem Tod durch Ertrinken oder durch 



Zeitschrift f. psa. Päd., III/i 1/12/13 413 



25 



irgendeine chirurgische Operation, was auch mit seiner Phantasie von der Verwundung 
durch ein Bajonett und mit seinen homosexuellen Neigungen zusammenhing. Er 
sagte, er würde sich lieber selbst töten, als sich einer Operation unterziehen. Auch 
vor anaesthetisierenden Mitteln hatte er Angst, und er erklärte, wenn dadurch bei ihm 
auch Lähmung oder Unfähigkeit, sich zu bewegen, erzielt werde, so bliebe sein 
Empfinden doch ungetrübt und er könne alles fühlen, was während der Zeit mit ihm 
geschehe. 

Im Lichte der einleitenden Bemerkungen scheint dieser Fall durch den Zusammen- 
hang zwischen der Art der Selbstmordphantasie und die dominierende Zone in der 
Kindheit besonders interessant. Diese Zone wurde wahrscheinlich durch ein Geburts- 
trauma determiniert, das noch verschärft wurde durch die Bedeutung der Entwöhnung, 
die er seiner Mutter nie verzieh, und die Wiederholung bei dem aktuellen Selbst- 
mordversuch, der sich so eng an die Erlebnisse in der Kindheit anpaßte. 

D> 

Der Patient kam mit ungefähr 15 Jahren in die Behandlung. Er hatte bis vor 
kurzem die Schule besucht bei einem Lehrer, der eine kleine Privatschide leitete. Er 
besuchte diese, weil er die grobe Art anderer Knaben nicht vertragen konnte. Jetzt 
besuchte er die Handelshochschule in London und war dadurch gezwungen, zum ersten- 
mal im Leben den ganzen Tag von zu Hause fort zu sein. 

Seine Krankheit begann damit, daß er abends, wenn er heimkehrte, darüber klagte, 
daß er mittags Kopfschmerzen, schlechte Verdauung und Herzklopfen hätte. Um diese 
Leiden zu bekämpfen, hatte ihm sein Hausarzt eine Brille, ein Tonikum und eine 
Arznei gegen die Verdauungsbeschwerden verordnet. Aber trotzdem datierten die 
Symptome an, und dann bildete er sich ein, daß es die tägliche Eisenbahnfahrt war, 
die ihn überanstrengte. Folglich sagte er zu den Eltern, es täte ihm leid, aber wenn 
sie darauf beständen, daß er so weiter lebte, fürchtete er, er werde gezwungen sein, 
sich aus dem Zug zu stürzen. In größter Aufregimg konsultierten die Eltern einen 
Spezialisten mit dem Resultat, daß bald eine psychoanalytische Behandlung eingeleitet 
wurde. Die tägliche Fahrt wurde im Omnibus zurückgelegt. 

Es stellte sich heraus, daß dies nicht das erstemal war, daß er eine solche Drohung 
gemacht hatte. Zum erstenmal hatte er es vor vielen Jahren getan, als er aus der 
Kinderschule, die er bis dahin besucht hatte, in eine Knabenschule kam. Hier waren 
die Knaben roh und wild, wie jetzt auf der Handelsschule, und sie pflegten ihn bei 
ihren Spielen hinzuwerfen, was ihm schrecklich war. Überdies war eine Lehrerin an 
der Schule, die allerdings in einer anderen Klasse lehrte, aber eine laute Stimme und 
ein reizbares Temperament hatte. Sie pflegte die faulen und unaufmerksamen Knaben 
anzuschreien. Der Knabe erklärte, daß ihm das schrecklich gewesen wäre und daß er 
es nicht ertragen könnte, wenn es je ihm selbst passieren würde. Er ging zu seinen 
Eltern und drohte, daß er sich in den Fluß stürzen würde, wenn sie ihn nicht aus der 
Schule herausnehmen würden. 

Er wurde aus der Schule genommen, zu dem Privatlehrer gegeben und seine Er- 
ziehung wurde nun in dieser schützenden Atmosphäre fortgesetzt. Aber sein Schul- 
besuch wurde gleich vom Anfang an durch fortgesetzte Krankheit unterbrochen. Jeder 
Winter fand üin im Bett mit Bronchitis oder heftigen Erkältungen. Da wurde ihm 
die ungeteilte Fürsorge der Mutter zuteil, die ihn immer selbst pflegte. Etwa 14 Tage 
nach dem Anfang des Winters pflegte immer das Kranksein einzusetzen, und er blieb 
daheim, bis es ihm besser ging oder das Wetter sich gebessert hatte. 



• 



-414 - 






In seinen zahlreichen Gesundheitsstörungen folgte er dem Beispiel seiner Mutter, 
die immer über vieles zu klagen hatte; er probierte immer die ihr verschriebenen 
Arzneien und verbrauchte sie auch. In der Analyse zeigte sich, daß er am schwersten 
den Gedanken ertragen konnte, seine Mutter aus den Augen zu verlieren, so sehr er 
sich auch dagegen zu sträuben versuchte. Jedesmal, wenn er von ihr getrennt wurde, 
entwickelte er ein Symptom, das ihn zu ihr zurückbrachte. Die tägliche Fahrt zur 
Handelsschule war der erste Anlaß, daß er den ganzen Tag über von ihr fort sein 
mußte, und dalier brach seine Gesundheit zusammen. Als das nicht ausreichte, um 
ihn wieder ans Haus zu fesseln, nahm er zu seiner alten Selbstmorddrohung Zuflucht, 
die ihn schon einmal von der Schule befreit hatte. Er hoffte, nie fortziehen, nie 
heiraten und nie die Heimat verlassen zu müssen. Erwähnung verdient, daß die 
französische Lehrerin auf der Handelsschule eine Frau mit lauter Stimme und heftigem 
Temperament war, wie die Lehrerin, die ihn früher so erschreckt und dadurch zu 
seiner Flucht beigetragen hatte. 

Die zornige Lehrerin muß für ihn die böse Mutter dargestellt haben, die strafen 
könnte und von der verstoßen zu sein für ihn unerträglich gewesen wäre. Da hätte 
er es vorgezogen, sich selbst zu töten, und das hätte leicht geschehen können, wenn 
die Eltern sich geweigert hätten, ihn aus der Schule heraus zu nehmen und wenn sie 
darauf bestanden hätten, daß er mit der Eisenbahn wieder zur Stadt gefahren wäre. 
Das wäre ein Beweis für den Knaben gewesen, daß seine Mutter ihn nicht mehr so 
wie früher liebte, sonst würde sie doch wollen, daß er immer bei ihr bleibe. Wenn er 
ihre Liebe verloren hatte, mußte er sterben, weil er das nicht ertragen konnte. Dann 
würde sie dadurch gestraft werden, daß sie ihn verlor, so wie er sie immer verloren 
hatte, und ihm würde es die Qual ersparen, sie langsam zu verlieren, wie es das Leben 
mit sich bringe, wenn er heranwachse. 

Das Beschauen und Sehen war immer von außerordentlicher Wichtigkeit für diesen 
Knaben. Er legte keinen Wert auf irgendeine Beschäftigung, bei der er nichts zu schauen 
hatte. Es lag ihm nichts am Selbsttun, er wollte lieber Geschichten lesen, auch wollte 
er nur mit fertigen Spielsachen spielen. Er konnte auf dem Klavier solange nichts 
auswendig spielen, bis er sich die gedruckten Noten sichtbar vorstellen konnte, und 
auf der Geige seiner Schwester konnte er nicht spielen, wenn er sie nicht wie ein 
Cello hielt. Als Kind, so erinnerte er sich, pflegte er während der Abwesenheit seiner 
Mutter zu schreien und ganz untröstlich zu sein, und täglich ließ man ihn schreiend 
im Kindergarten zurück, weil er fürchtete, daß die Mutter nicht mehr existiere, wenn 
er sie nicht sah, und daß er sie und seine Spielsachen bei seiner Heimkehr nicht 
mehr vorfinden würde. 

Als es gelang, seine Angst vor dem Verlust seiner Mutter und ebenso die zugleich 
aufgetauchten Symptome aufzulösen und die oben erwähnten Erinnerungen aus seiner 
Kindheit festzustellen, war er plötzlich imstande, seine Arbeit in der Handelsschule 
aufzunehmen und dort den ganzen Tag ohne die geringste Schwierigkeit zu arbeiten. 
Der Wunsch, Selbstmord zu begehen, quälte ihn, soviel ich erfahren konnte, in der 
Zukunft nicht mehr. 



Ein Patient, der an schweren neurotischen Symptomen vermutlich schon während 
seines ganzen Lebens gelitten hatte. Seine Neurose äußerte sich in Zweifelsucht, 
nervösen Ticks und einer Neigung zu unbestimmten physischen Krankheiten, wenn 
äußere Umstände ihm das Leben erschwerten. Er hatte seinen Vater nach langer 



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25* 



Krankheit verloren, als er selbst 5V2 Jahre alt war, und seither quälte er sich damit, 
daß er selbst an dem Todesfall schuldig wäre. Das Schuldgefühl des Kindes scheint 
ungeheuer groß gewesen zu sein, und er suchte immer nach Methoden der Selbst- 
bestrafung und der Buße für ein unbekanntes Vergehen. 

Für ihn war Kranksein Grund genug, um sich schuldig zu fühlen. Und doch be- 
strafte man sich ja selbst, wenn man krank war, so daß Gott einen nicht noch nachher 
strafen konnte; vielleicht aber war die Krankheit auch gleichzeitig ein Racheakt 
Gottes. Ebenso schien die Krankheit eine Bestrafung seiner Mutter, die ihm immer 
viel trauriger über seine Leiden zu sein schien, als er selbst. Jedes widrige Ereignis 
in seinem Leben, selbst ein Regentag statt eines schönen Tages, den er sich wünschte, 
kam ihm wie eine direkte Strafe vor. Er wurde typisch größenwahnsinnig in Bezug 
auf alle seine nervösen und physischen Leiden, was ohne Zweifel durch die ständigen 
Besuche bei Londoner Spezialärzten in seiner Kindheit sehr verstärkt wurde. Einmal 
wurde er bei einer klinischen Demonstration vorgeführt, und er fühlte sich maßlos 
geschmeichelt, als so viele Studenten ihn anstarrten, dachte aber zur gleichen Zeit, 
daß doch etwas sehr Ernstes mit ihm los sein mußte. Als ganz kleines Kind hatte 
er unter Gefühlen von Unwirklichkeit gelitten, die ihn sehr erschreckt hatten 
wegen des dadurch hervorgerufenen Panikgefühls; niemand hatte verstehen können, 
was mit ihm los, war und so konnte auch niemand ihm helfen. 

Zu Beginn der zwanziger Jahre erlitt er einen ernstlichen Zusammenbruch, nach- 
dem er während des Krieges ein Spezialexamen bei einem militärischen Ausbildungs- 
kurs bestanden hatte. Er hatte sich danach betrunken und sich selbst dafür bestraft, 
indem er das Gefühl der Unwirklichkeit, das er während des Rausches gehabt hatte, 
nun dauernd behielt. Zu dieser Zeit dachte er viel an Selbstmord aus Mitleid mit 
sich selbst. Er ging heim und lebte in der größten Zurückgezogenheit mit seiner 
Mutter, von der er sich nicht trennen konnte. 

Eisenbahnfahrten waren immer eine große Anstrengung für ihn als Kind gewesen 
und hatten Angst in ihm erregt, selbst wenn er mit anderen zusammen war, aber die 
Rückreise zur Schule, nach dem Abschied von seiner Mutter, von der ihn jede Meile 
mehr entfernte, war ihm fast unerträglich. Später waren seine Selbstmordwünsche 
meist irgendwie mit Eisenbahnfahren verknüpft. Er wollte sich aus dem Fenster des 
Zuges herausstürzen, wenn dieser schnell fuhr, und er mußte sich mit aller Kraft an 
seinen Sitz festklammern, um zu verhindern, daß irgend ein Etwas ihn hinausdränge. 
Einmal mußte er sich unter einem Sitz verkriechen, um sich vor dem Zwang zu 
retten, die Tür zu öffnen. Eine andere Zwangsbefürchtung war, sich unter einen Zug 
werfen zu müssen, wenn er am Bahnsteig vorfuhr, besonders bei elektrischen Zügen. 

Eine Zeitlang konnte er nicht in der Untergrundbahn fahren, auch nicht in Auf- 
zügen, weil er sich davor fürchtete, lebendig begraben zu werden, und die Furcht vor 
geschlossenen Räumen tauchte immer wieder unter seinen verschiedenen Symptomen 
in Verbindung mit seinen intrauterinen Phantasien auf. Er hatte versucht, vor all 
diesen Schwierigkeiten in eine typische Phantasie zu flüchten, in der eine ihm ganz 
allein gehörende Insel mit wundervollen Höhlen auftauchte. Seine Fähigkeit zu Phantasie- 
gestaltungen ließ bei ihm an eine Disposition zur Psychose denken, und es schien sich 
bei diesem Fall um einen Kampf zwischen den beiden Fluchtmöglichkeiten vor der 
Realität, dem Selbstmord oder dem Wahnsinn, zu handeln. Die Entscheidung nach der 
einen oder der andern Seite war jeden Augenblick zu erwarten. 

Im späteren Stadium der Analyse schien das Schuldgefühl direkt mit Inzestphantasien 
verknüpft zu sein oder mit Phantasien, in denen er seine Mutter verführte. Das Schuld- 

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gefühl gehörte, wie so oft in Fällen von Zwangsneurosen mit Schuldgefühl, teils zu 
dem Patienten selbst und teils zu einem anderen, von dem es der Patient 
introjiziert hatte, weil er es in Verbindung mit dieser Person nicht ertragen konnte. 
Der Patient versuchte, auch seine Mutter zu bestrafen, allerdings unbewußt, dafür, daß 
sie ihn verführt hatte, als er ein Kind war, wie er es sich in seinen Phantasien, die sich 
an das Waschen oder die Handgriffe bei der Toilette anschlössen, ausmalte. Er hatte 
nicht nur Selbstmordphantasien, sondern auch andere, in denen er seine Mutter er- 
mordete. Neben Selbstmordphantasien finden wir so häufig solche, die sich mit Morden 
beschäftigen, ein Beweis für Freuds Bemerkung, daß „vielleicht niemand die psychische 
Energie, sich zu töten, findet, der nicht erstens dabei ein Objekt mittötet, mit 
dem er sich identifiziert hat, und der nicht zweitens dadurch einen Todeswunsch gegen 
sich selbst wendet, welcher gegen eine andere Person gerichtet war". (Über die Psycho- 
genese eines Falles weiblicher Homosexualität. Freud, Ges. Sehr., Bd. V.) 

Wenn sich der Patient auch nur annähernd glücklich fühlte und einmal kein 
deutlich nervöses Symptom oder keine Spur von physischer Krankheit hatte, also so- 
zusagen glückliche Ruhe fühlte, dann hatte er immer das Gefühl, als ob eine Kata- 
strophe bevorstände. Er wollte für seinen Glückszustand bestraft sein. Im weiteren 
Verlauf der Analyse ergab sich, daß der ursprüngliche Zustand glücklicher Ruhe, der 
von einer zerschmetternden Katastrophe beendet worden war, der vorgeburtliche Zu- 
stand war, der durch seine Geburt gestört wurde. Jedesmal, wenn ein Zustand voll- 
kommenen Glückes ohne Krankheit erreicht war, befürchtete er wieder das Herein- 
brechen einer solchen Katastrophe. Die zweite Katastrophe würde der Tod sein, nicht 
nur eine Rückkehr zur Mutter im Grabe, sondern auch eine Strafe. Scheinbar ver- 
band sich die Vorstellung des vorgeburtlichen Zustandes später mit den Inzestphantasien, 
für welche die stärkste Strafe, Verstoßung, drohte. Seine schrecklichste Phantasie von 
Tod, Ewigkeit und Bestrafung war, kopfüber in endlose Dunkelheit gestoßen zu werden 
und ewig weiter hinabzustürzen, ohne je den Boden des endlosen Abgrundes zu er- 
reichen. Diese Phantasie ist ganz eindeutig. Zu den Bestrafungsideen assoziierte er 
auch einen anhaltenden Kopfschmerz, der manchmal von der rechten Seite seines 
Kopfes ausbrach und oft lange Zeiten andauerte, wenn er irgendwie in Unstimmig- 
keiten mit seiner Mutter lebte. 

Die Idee, daß ein Zustand des Glückes immer irgendwie gestört werden müsse, 
wurde zweifellos durch die Tatsache verstärkt, daß er plötzlich von seiner Mutter 
wegen eines Abszesses an der Brust hatte entwöhnt werden müssen. Er erlitt hierdurch 
ein schweres Trauma, da er den Wechsel in der Ernährung sehr schlecht ertrug und 
jede Ersatznahrung zurückwies, bis er ganz abgemagert und sehr geschwächt war. Man 
wird es also verstehen, weim ich das als seinen ersten Selbstmordversuch und als 
Versuch, die Mutter darin selbst zu bestrafen, bezeichne. 

In diesem Fall sehen wir sehr deutlich die Selbstmordidee mit Selbstbestrafung 
verbunden, um Bestrafung durch einen andern zu vermeiden. Dieser Vorgang wird 
gewöhnlich als Vorrecht Gottes angesehen. Es scheint dies ein Weg zu sein, sich 
göttliche Eigenschaften beizulegen, soll aber gleichzeitig einen Strafaufschub ver- 
meiden. Viele Kinder provozieren geradezu eine Bestrafung und ziehen eine unmittel- 
bare Strafe einer, auf die man warten muß, vor. Selbstmord in Fällen von unheilbarer 
Erkrankung oder zur Vermeidung von gefürchteten Dingen ist nicht selten, obgleich 
der Selbstmord zum selben Ziel führt und keineswegs eine Rettung ist. Wenn die 
Mutter einem Kind im Zorn droht, es wegzuschicken, oder „Dich möchte ich töten" 
oder ähnliches sagt, antworten manche Kinder: „Dann tu ich das selbst". 

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. 






D 






Dieser Patient, der vieles mit den schon beschriebenen Fällen gemeinsam hat, 
war tief an die Mutter fixiert, zart als ldeines Kind, ein Bettnässer und Onanist, 
wie es auch A und C waren. Bei diesem Fall war das Bettnässen ein Grund zu einigen 
Streitigkeiten zwischen den Eltern gewesen. Der Vater wollte ihn jedesmal strafen, 
die Mutter ergriff aber die Partei des Knaben und verhinderte die Bestrafung. Dieses 
Übel hatte in ihm die Idee zurückgelassen, daß er, ebenso wie er nicht imstande 
gewesen war, es erfolgreich zu bekämpfen, auch sonst nichts zustande bringen werde. 
Seine Onanie hatte sein Schuldgefühl gesteigert. Er führte auch seine Unentschlossen- 
heit und psychogene Impotenz, um derentwillen er ursprünglich in die Analyse kam, 
auf die Onanie zurück. Sein ganzes Leben hindurch hatte er die Tendenz, alles für 
sich selbst schwieriger zu gestalten als es nötig war, und er erinnerte sich, daß auch 
seine Mutter ihm das gesagt hatte. Ein starkes Trauma in seiner frühen Kindheit war 
die Geburt einer zwei Jahre jüngeren Schwester gewesen. Es schien, wie wenn er 
seiner Mutter den Verrat, den sie dadurch an ihm beging, nie verziehen hätte. 

Er hatte bei mancherlei Gelegenheiten Selbstmord geplant und halte Geld gespart, 
um ihn in einer bestimmten Art auszuführen. Das Selbstmordverlangen war besonders 
stark kurz nach dem Tode seiner Mutter in ihm aufgestiegen, und dann, als sein 
Vater wieder heiratete, so daß er fühlte, daß er kein Heim hatte. 

Sein Wunsch war, zu einigen Höhlen zurückzukehren, die er an der französisch- 
spanischen Grenze gesehen hatte, in sie hinabzusteigen und den Eingang sorgfältig 
zu verrammeln, so daß niemand nach ihm eintreten oder ihn finden könnte. Wenn 
er so weit wie möglich in diesen Höhlen vorgedrungen wäre, wollte er sich erschießen. 
Er hoffte, daß man ihn nie finden werde, und daß niemals jemand erfahren würde, 
was aus ihm geworden sei. 

Wenn hier die gleiche Idee dieser Phantasie zugrunde liegen sollte wie beim vorigen 
Patienten, würde die Schuld der Inzest-Phantasie beim Selbstmord in der Höhle, die 
Rückkehr zur Mutter, niemals entdeckt werden, und er würde hier für immer bleiben 
ungestört im Tode. Niemand würde nach ihm auftauchen, wie es die Schwester getan 
hatte, die so störend in sein Leben getreten war. 



Der Fall einer Patientin, die von ihrer Kindheit an von der Idee verfolgt worden 
war, daß ihre Geburt ihrer Mutter unerwünscht war. Sie war das vorletzte Kind von 
dreizehn Geschwistern. Das jüngste von allen war ein Knabe gewesen. Sie war furcht- 
bar eifersüchtig auf die älteren Schwestern, beklagte sich aber fortwährend, daß 
viele Leute eifersüchtig auf sie wären und ihr Unrecht zufügen wollten. 

Von Kindheit an waren ihr ihr ganzes Leben lang immer wieder von Zeit zu 
Zeit ernsthafte Unfälle zugestoßen, wie sie selbst hervorhob. Ebenso wies sie darauf 
hin, daß sie durch andere Menschen verursacht waren, was auch wirklich so aussah, 
aber wahrscheinlich mit dem Einverständnis ihres Unbewußten, denn sie war ängst- 
lich bemüht, zu zeigen, wie schlecht andere Leute sie aus Eifersucht behandelten. 
Die Rolle, die sie anderen in ihrer Einbildung zuschob, war zweifellos in mehreren 
der Fälle weit hergeholt. Sie zeigte ausgeprägte Züge früher Paranoia und suchte 
eine Möglichkeit, den Leuten zu entfliehen, von denen sie glaubte, daß sie versuchten, 
ihr etwas anzutun. Ihre Hauptabsicht war, sich mehr und mehr von der Berührung 



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mit anderen zurückzuziehen. Sie war sehr tanh geworden, was sie natürlich stark von 
den Menschen ihrer Umgebung isolierte. Das zeigte sich besonders, wenn andere 
Leute miteinander und nicht direkt mir ihr sprachen, so daß sie es wieder einmal 
ganz deutlich spürte, daß man sie nicht brauchte. Wenn sie die volle Aufmerksamkeit 
eines Menschen, mit dem sie zu sprechen wünschte, für sich haben konnte und man 
nur mit ihr sprach, war es ihr eher möglich, zu hören, was man sagte. Sie glaubte 
dennoch fest, daß diese ihre Taubheit durch einen ihrer zahlreichen Unfälle verur- 
sacht sei, als sie nämlich einmal in ein Frühbeetfenster gefallen und ihr Gesicht 
zerschnitten hatte. Das geschah, weil jemand das Fenster nicht befestigt hatte, und 
sie neben ihm ausgeglitten war. 

Sie schien nie eine besondere Selbstmordabsicht gehabt zu haben, um so ihre 
Schwierigkeiten mit anderen Leuten zu beenden; vielleicht wollte sie damit nur 
drohen, als diese Absicht zuerst in der Analyse auftauchte. Sie sagte, sie dächte, das 
wäre das einzige, was sie tun könne, dann würde sie ihre Freunde nicht mehr mit 
ihren Kümmernissen belästigen. Traurig fügte sie hinzu, daß sie gedacht hatte, die 
Psychoanalyse könne ihr helfen, wie sie es schon bei anderen Leuten getan habe, 
aber sie gäbe ihr scheinbar auch nicht, was sie brauche. 

Was sie brauchte, war nämlich die Liebe einer Mutter für ihr Kind. Zur selben 
Zeit hatte sie abends vor dem Einschlafen Phantasien von der Analytikerin, wie sie 
sie badete und dann vor dem Kamin anzog. Dann sah sie sich als kleines Kind auf 
ihrem Schoß sitzen. Es wurde aber kein Selbstmordversuch gemacht, sondern der 
Selbstmord wurde nur als Drohmittel benutzt, um die Analytikerin zu zwingen, ihr 
zu geben, was sie sich wünschte, und sie zu warnen, um zu zeigen, was passieren 
könnte, wenn ihre Wünsche nicht erfüllt würden. Das enthielt auch noch eine 
Strafandrohung gegen die Analytikerin, die sie betrog, denn wenn sie den Selbstmord 
wirklich ausführte, würden alle Leute sehen, wie schlecht sie wieder einmal behan- 
delt worden war. Sie schien einzig und allein ihre Wünsche durch Drohungen 
erreichen zu wollen und so andere zu zwingen, ihr zu geben, was ihr zukam. Wenn 
ihr allerdings anderseits irgendwas angeboten wurde, bemühte sie sich immer, es 
zurückzuweisen, weil sie offenbar nicht wünschte, jemandem irgendwie verpflichtet 
zu sein. 

Es gab noch einige andere interessante Erlebnisse in ihrem Leben, die sie für 
wirklich erklärte, die aber doch eher aufgebauschte Phantasien zu sein schienen; sie 
illustrierten auch das Thema ernsthafter Verletzimg und den unbewußten Wunsch 
nach Rache. Der Ausdruck ihres Gesichtes verriet in einem außerordentlich starken 
Grade unterdrückten Haß. Das schien der Fall zu sein, wenn Phantasien auftauchten 
von der Eifersucht anderer und den Bemühungen, sie zu beleidigen. Es ist wahr- 
scheinlich, daß in ihrem Selbstmordmotiv die Sucht, andere zu bestrafen, überwog 
und die Idee, daß sie nur durch ihre Selbstzerstörung die ganze Welt, die sie so 
gründlich haßte, auslöschen könnte. 



Der Fall einer Patientin, die ihr ganzes Leben lang in einem Zustand äußerster 
Furcht und Angst vor allen großen Fahrzeugen, großen Tieren und Menschen zubrachte. 
Sie selbst war sehr klein und scheint darunter so gelitten zu haben, daß sie in jedem, 
der etwas größer war, als sie selbst, eine geistige oder körperliche Beleidigung sah. 
Sie sagte, es schiene ihr. als warte sie immer auf irgendetwas, was eine Gefahr 



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signalisiere, die so einträfe, daß sie noch weglaufen könne. Dazu assoziierte sie 
schwere Karrenpferde, die sie überrennen könnten. Sie fürchtete sich auch sehr vor 
Wasser und vor der See und war ganz unfähig, schwimmen zu lernen, aus Angst, 
sie könnte dabei ertrinken oder ersticken. 

Als sie noch ein ganz kleines Kind war, hatte eine Tante Selbstmord begangen 
durch Ertränken. Das war scheinbar in der Familie besprochen worden und hatte 
einen tiefen Eindruck auf sie gemacht. 

Scheinbar hatte sie als Kind ihre ältere Schwester gehaßt. Diese Tatsache hatte 
sie in einem kleinen roten Notizbuch vermerkt, das sie eigens zu dem Zweck 
führte, um alle Menschen und Dinge einzuschreiben, die sie haßte. Das waren viele. 
Sie hatte gefühlt, daß diese Schwester zu herrisch und vielleicht eifersüchtig auf sie 
wäre. Das kann wohl gestimmt haben, weil sie als die jüngste in der Familie der 
Liebling des Vaters war, der scheinbar viele seiner Mußestunden damit verbrachte 
mit ihr zu spielen oder ihr zu ihrer Unterhaltung Spielsachen zurechtzumachen. 

Die Patientin erzählte, daß sie und ihre Mutter beinahe bei ihrer Geburt starben. 
Sie bildete sich ein, daß ihre Mutter hauptsächlich durch das Gebären so vieler 
Kinder so gebrechlich geworden wäre (es waren drei Kinder), und daß ihr Vater 
darum zu tadeln wäre. Das nächstältere ihrer Geschwister, ein Knabe, war als ganz 
kleines Kind gestorben; ihre Mutter war über diesen Verlust untröstlich gewesen und 
hatte das kleine Mädchen fühlen lassen, daß sie nur ein sehr armseliger Ersatz für 
das verstorbene Kind wäre, was die Schuld noch verstärkte, deren sich das Kind schon 
bewußt zu sein schien. Die ständige Angst vor irgendeinem Unheil scheint ihre 
Methode gewesen zu sein, für die Sünde des Geborenseins zu büßen, mit der sie zu 
der Gebrechlichkeit ihrer Mutter beigetragen hatte. Das war zum Teil allerdings durch 
einen Fehler ihres Vaters, den sie zärtlich liebte, geschehen, zum anderen Teil rührte ihr 
Schuldgefühl daher, daß sie nicht ein Knabe geworden war, denn als solcher hätte sie 
den Platz ihres verstorbenen Bruders einnehmen und ihre Mutter trösten können. Un- 
bewußt erwartete sie auch Leiden als Strafe für die leidenschaftlichen Haßgefühle 
gegen ihre Schwester. Denn man pflegte ihr zu erklären, daß Haß soviel wie Mord 
wäre. Daher stammt ihre Todesfurcht und die Angst vor Gefahren. Wenn diese Furcht 
weniger quälend gewesen wäre, hätte sie der Versuchung nicht widerstehen können, 
dem Beispiel ihrer Tante zu folgen, und so für die heftigen Schuldgefühle zu büßen,' 
die sie von allen Seiten zu bestürmen schienen. 

In diesem Falle scheint die Angst eine Abwehr gegen den Selbstmord zu sein, und 
die ethische Erziehung stellte dieser Patientin gerade den Selbstmord als die unver- 
zeihliche Sünde vor. Sie glaubte, daß die Strafe für das Unrecht gerade darin bestehen 
müsse, daß man im Leben büße. Von Zeit zu Zeit traten Träume auf, in denen sie selbst 
die Stelle eines Verbrechers innehatte, der wegen eines Mordes gesucht wurde, und 
in einem anderen Traum sollte sie von einer Abteilung von Schützen erschossen 
werden, vermutlich als Spionin (vgl. den letzten Teil dieses Abschnittes!). Einmal 
sprang sie im Traum aus einem Fenster, ohne sich um die Höhe zu kümmern, um 
einem Verfolger zu entgehen, der zugleich der Analytiker war. Sie bemüht sich 
ängstlich in der Analyse, nur nichts zu sagen, „was gegen sie verwendet werden 
kann", so wie ein Verbrecher sich ängstlich hütet, sich durch eine unvorsichtige 
Bemerkung selbst auszuliefern. 

Die Mutter starb, als das Mädchen ungefähr fünfzelui Jahre alt war, imd der 
Vater heiratete nach einer Weile wieder. Aber von der Stiefmutter sagte sie sehr 
wenig. Sie scheint nur die Rolle einer Haushälterin gehabt zu haben, und die 

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Patientin behauptet, daß sie und der Vater einander mehr waren als irgend jemand 
sonst im Hause, aber diese Meinung kann auch nur aus ihrem Wunsche herrühren. 
Es scheint, als ob sie als Kind zwischen den beiden Wünschen hin- und her- 
schwankte, die Mutter oder den Vater ganz für sich zu haben. Dabei hätte sie am 
liebsten die anderen ganz ausgeschaltet oder wäre selbst vor jedem geflohen, der sie 
nicht anerkannte oder nicht alles so machte, wie sie es wünschte. Das scheint auch 
wieder die charakteristische Strafe des Kindes gegen die Erwachsenen anzudeuten: 
„Ich werde ganz fortgehen, und dann wirst du sehr traurig sein!" 

Augenblicklich scheint sie sich sehr leicht Freunde zu erwerben unter ihren jungen 
Schülerinnen, im Erziehungsinstitut, an dem sie Lehrerin ist. Sie zeigt sich als hoch- 
herzige Wohltäterin, was einige sehr peinlich berührt; aber es befreit sie von ihren 
Minderwertigkeitsgefühlen, die sie als Kind hatte und mildert ihr Gefühl, daß alle 
anderen wichtiger, großzügiger oder reicher als sie selbst sind. 

Diese Patientin hatte die interessante Ansicht, daß die Heirat sowohl körperlich 
als geistig eine Art von Mord oder Selbstmord für die Frau ist. Auf beides scheint 
mehr oder weniger deutlich von der Mutter angespielt worden zu sein. Diese scheint 
so weit gegangen zu sein, ihre zwei Töchter geradezu vor der Heirat zu warnen, aus 
vielen Gründen, aber scheinbar hauptsächlich deshalb, weil man seine Freiheit verliert 
und Eigentum des Mannes wird. Die Patientin meinte oft, was für ein Opfer die 
Mutter gebracht hatte, indem sie den Vater heiratete, da sie ihm intellektuell und 
auch sonst in vielen Dingen weit überlegen war. Sowohl die Patientin als auch ihre 
Schwester sind dem Rat der Mutter gefolgt und ledig geblieben, stark negativ zum 
Manne eingestellt und mit dem Gefühl, daß die Frau, das überlegene Wesen, dem 
Manne geopfert ist, der dem Tiere viel näher steht als sie selbst. Doch hatte auch 
ihre Fixierung an ihren Vater dazu beigetragen, daß sie sich nicht verheiratete, und 
sie sagt selbst dazu, daß sie nie hätte heiraten können, bis sie einen Mann gefunden 
hätte, der ihrem Vater ebenbürtig wäre, was auf alle Fälle unmöglich gewesen wäre. 



Der letzte dieser Fälle, bei denen die Selbstmordphantasie oder etwas Entsprechendes 
eine Rolle spielte, war der einer Frau, die als kleines Kind von einem Freund ihres 
Vaters verführt worden war und infolgedessen in ständiger Furcht vor Strafe und 
unter einem Druck großen Schuldgefühls lebte. In den Unfällen, die von ihren un- 
bewußten Versuchen, sich selbst zu zerstören, heraufbeschworen wurden, scheint das 
Fallen immer eine wichtige Rolle gespielt zu haben. 

Sie lebte also immer in Straferwartung, und als Kind pflegte sie oft außerhalb des 
Weges zu gehen, um die Aufmerksamkeit ihrer Mutter auf ihr Unrecht zu lenken, so, 
als ob sie sogar die Angst vor dem Entdecktwerden vermeiden wollte. Ebenso voll- 
brachte sie Unarten, um lieber dafür als für ihre große Sünde bestraft zu werden. 
Natürlich betrachtete sie sich als Hauptschuldigen bei diesem Erlebnis, zum Teil, weil 
der Mann ihr gesagt hatte, daß er, wenn sie irgend etwas davon sagen würde, 
ihrem Vater sagen würde, was sie getan hätte. Das erschreckte sie so, daß sie voll- 
ständig schwieg. 

Infolge dieses Erlebnisses in ihrer ersten Kindheit, war, so glaubte sie, ihre Ehe 
nicht sehr glücklich, und sie hatte viele Schwierigkeiten im Zusammenleben mit ihrem 
Manne. Immer stellte sie sich vor, er wäre der böse Mann im Garten, der etwas tat, 
was man, wie sie wußte, nicht tun dürfte, und sie fühlte sich bei dem Gedanken an 



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den Sexualverkehr immer abgestoßen. Darin spiegelte sich ihre erste Erfahrung auf 
diesem Gebiet wieder. Andererseits hoffte sie immer, ihren Vater in ihrem Gatten 
wiederzufinden. Den Vater hatte sie innig geliebt. Er hatte die Gewohnheit gehabt, 
ihr kleine Geschenke in seinen Taschen mitzubringen. Wenn er es nicht tat, oder 
einmal hereinkam und vergaß, mit ihr zu sprechen, war sie hinausgegangen und hatte 
lange Zeit geweint. Wenn irgend jemand während ihrer Kinderzeit böse auf sie war, 
ging sie immer irgendwohin und weinte; wohin, war ihr einerlei, wenn es nur recht 
weit fort war. 

In der Kindheit ist dies oft ein Impuls, der sich später zu dem von tatsächlichem 
oder „zufälligem" Selbstmord entwickelt. Diese Patientin machte im Folgenden auch 
einen ähnlichen Versuch. Sie war in solche Schwierigkeiten mit ihrem Manne geraten 
daß sie keinen Ausweg mehr sah. Bei der ersten Vorbesprechung vor Beginn der 
Analyse sagte sie bei der Schilderung ihrer Gefühle: „Ich hatte das Gefühl, als ob ich 
einfach nicht mehr weiter gehen könnte. So verließ ich das Haus und hatte meinen 
Unfall". Es stellte sich heraus, daß sie vorne vor einem Auto in schneller Fahrt vor- 
beigegangen war, ohne es kommen zu sehen. Sie wurde niedergerissen und vor eine 
Elektrische gestoßen, so daß sie lange Zeit im Bett zubringen mußte, um sich von 
den Knochenbrüchen und von dem Schock zu erholen. Von den psychischen Wirkungen 
hatte sie sich, obgleich es fünf Jahre her war, niemals erholen können. 

Die Vorstellung vom Tode als von einer Flucht vor dem Leben mit seinen Leiden 
bekam diese Patientin als Kind, als verschiedene Geschwister als ganz kleine Kinder 
vor und nach ihr gestorben waren. Eines von diesen glaubt sie gekannt zu haben, die 
anderen nicht, denn als sie sehr klein war, machte sie zwei lange Besuche bei ihrer 
Großmutter, imd vielleicht fiel in diese Zeiten die Geburt von einem oder zwei dieser 
Kinder. Sie hatte sich damals darüber gewundert und auch darüber, weshalb sie ihre 
Mutter so lange Zeit nicht sah. 

Als während der Analyse neue Komplikationen in ihren Beziehungen zu ihrem 
Manne auftraten, hatte sie noch einmal einen Rückfall in ihre Neigung, sich in einen 
Unfall zu flüchten. Bei zwei oder drei Gelegenheiten glitt sie auf einigen Stufen aus 
und verletzte ihren Knöchel, und einmal fiel sie fast die Treppe hinunter. Später, als 
die Furcht vor dem Fallen verschwunden war, erneuerte sich ihre Angst vor dem Straßen- 
verkehr, und sie sagte, sie hätte eine Vorahnung, so wie sie sie vor jenem anderen 
Unfall gehabt hatte, ehe er sich auf der Straße ereignete. Aber diesesmal blieb es bei 
der Ahnung. 






422- 



Ein Beitrag zum Problem des Selbstmords 

Von Dr. J. S a d g e r, Nervenarzt in Wien 









Aus Anlaß einer Selbstmord-Debatte in der „Wiener psychoanalytische Ver- 
einigung" tat ich im Jahre 1912 den Ausspruch: „Niemand gibt das Leben auf, 
der nicht die Hoffnung auf Liebe aufgeben mußte!" Was ich damals als neuen 
Gedanken aussprach, halte ich auch heute, bei gemehrtem Wissen, durchaus auf- 
recht. Nur haben mich meine psychoanalytischen Erfahrungen belehrt, daß man 
eine jede Hoffnung auf Liebe oft schon in einer Zeit aufgegeben hat, an die 
man gemeinhin gar nicht denkt, in der Säuglings-Periode nämlich. 

Auf dem Psychoanalytischen Kongresse zu Innsbruck konnte ich 1927 die 
Behauptung wagen, eine Neurose sei erst dann als absolut geheilt zu betrachten, 
wenn man sämtliche Symptome zurückverfolgt hätte bis in das allererste Lebens- 
jahr. Nun gilt ja die Selbstmordneigung nicht eigentlich als neurotisches Symptom. 
Allein es gibt nicht wenige Menschen, bei denen ein starker Hang zum Selbst- 
mord entschieden etwas Zwangsmäßiges hat, sich auch ganz regelmäßig mit 
anderen neurotischen Symptomen paart und ebenso wie diese in seinen Endwurzeln 
schon in jener Frühzeit nachweisbar ist. Daß dies nicht schon längst von den 
Ärzten erkannt wurde, rührt einfach daher, daß Selbstmordgedanken unserer 
Kleinsten nicht offenkundig werden, diese selber über ihr tiefstes Empfinden 
nichts aussagen können und alles erst Dezennien später erschlossen wird in 
einer voll durchgeführten Psychoanalyse. Immer mehr drängt sich mir die Über- 
zeugung auf, daß alljährlich viele Säuglinge sterben, nicht weil sie unbedingt 
sterben müßten, sondern weil sie infolge mangelhafter Nahrungsaufnahme und 
-Verwertung sich mählig und langsam sterben lassen. Sie wollen nicht leben und 
begehen Selbstmord, weil ihnen die aufopfernde Liebe einer Mutter mehr oder 
weniger abgeht '• Mitunter kann man die Erfahrung machen, daß solch ein 
armes, scheinbar lebensunfähiges Wurm trotz bester, wissenschaftlicher Pflege in 
einem Kinderspitale immer mehr verfällt, dann aber wie durch ein Wunder auf- 
blüht, wenn die liebende Mutter es schließlich herausnimmt und mit äußerster 
Sorgfalt großzuziehen versucht. Einer solchen aufopferndsten Mutter zu Dank 
kann so ein Säugling sich am Leben erhalten, nachdem ihn die Wissenschaft 
aufgegeben hat. 

Ich werde hier wahrscheinlich schon einem heftigen Widerspruch begegnen. 
Wie soll man annehmen, daß ein Säugling, der mindestens begrifflich noch gar 
nicht zu denken vermag und auch nicht weiß, was ein Freitod ist, zu diesem 
verzweifelten Mittel greifen? Der Mangel eines jeglichen begrifflichen Denkens 
ist natürlich von vornherein zuzugeben. Doch wer die seelischen Äußerungen un- 
serer Kleinsten studiert, dem wird nicht entgehen, daß statt dessen ihr Gefühls- 
leben ganz außerordentlich entwickelt ist, vor allem die Fähigkeit, Liebe zu 
empfinden und deren Abwesenheit. Der Säugling erwartet von jedermann Liebe 

1) Hiezu diese Zeitschrift III, S. 5 (Heft 1, 1928/29). Schriftleitung. 

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und reagiert schon auf freundliches Ansehen gern mit einem Lächeln. Hingegen 
genügt ein finsterer Blick oder auch nur abweisende Musterung, damit jener 
das Mäulchen zum Weinen verzieht. Und nicht bloß der Säugling ist so liebe- 
empfindlich, sondern auch nicht selten das kleine Kind. So berichtet die Dich- 
terin Anselma Heine in ihrer Autobiographie „Mein Rundgang" : „Man erzählt 
mir, daß ich ganz erstaunt einem Fremden nachsah, der achtlos an mir vorbei- 
ging: ,Das muß ein sehr böser Mann sein, er hat mich gar nicht angelacht.'" 

Wenn dem Säugling dauernd Liebe versagt wird, dann lehrt die Erfahruno- 
daß er sich gar leicht passiv zum Sterben anschicken kann. Er nimmt etwas 
zu wenig Nahrung oder verwendet die dargebotene nicht richtig, er gedeiht durch- 
aus nicht, nimmt immer mehr ab, bis schließlich das flackernde Leben erlischt. 
Er läßt sich dann fallen, weil er den dauernden Mangel an Liebe nicht erträgt 
begeht also, praktisch genommen, Selbstmord. Nur erhöhte Liebe der Pflegeperson, 
die unablässig um ihn bemüht ist, kann den Lebenswillen wiederum wecken 
wenn auch schwerlich jemals ein richtiges, lebhaftes Kind aus ihm wird. 

Zu beachten ist, daß nicht selten die Mutter auf den Tod ihres Kindes be- 
wußt oder unbewußt hinarbeitet. Da wäre zunächst der Fall zu nennen, daß 
dieses ungewollt empfangen wurde, ein Haß sich regt in der Seele der Mutter 
ihr das keimende Leben in ihrem Schoß keine Seligkeit bereitet, sondern stets 
wachsenden Verdruß mit Aussicht auf vielfältige jahrelange Störung. Recht 
häufig sucht sie der unerwünschten Frucht sich auf irgend eine Weise zu ent- 
ledigen, und wenn dies mißlingt, so hat sie mindest für das neue Wesen nicht 
allzuviel übrig. Zumal, wenn sie dann nicht einmal physiologisch entschädig 
wird, d. h., wenn das Stillen ihr keine sexuellen Lustgefühle bereitet. Oft produziert 
eine solche Mutter wider Willen auch zu wenig Milch, oder diese ist der Be- 
schaffenheit nach arg minderwertig. Das Kleinchen muß dann übermäßig ziehen, 
die ungenügende Nahrung mit Gewalt an sich reißen, es kommt auch leicht 
zu allerlei Verletzungen der Brustwarze, die wieder zum Abbruch des Stillens 
zwingen. Ein Kind, das mit solchen Mühseligkeiten und mangelnder Liebe 
zu kämpfen hat, wird zum wenigsten ein schlechter Trinker und gedeiht 
wenn überhaupt, nur äußerst schleppend. Auch wenn es davon kommt, behält 
es für das spätere Leben eine gewisse Gleichgültigkeit wider das Essen, die 
seiner körperlichen Entwicklung keineswegs frommt, ja praktisch zu einem 
protrahierten (verzögerten) Selbstmord führen kann. Man sieht, wie sich die 
Mordgedanken einer Mutter mit den Freitod -Wünschen des Kindes berühren. 
Auch wenn ein Neurotiker später erfährt, die Mutter habe ihn gar nicht 
empfangen und austragen wollen, kann dies ein Mitgrund zum Selbstmord werden. 
Es wäre wohl einer Nachprüfung wert, wieviele Selbstmörder Mütter hatten, 
die sie entweder überhaupt nicht haben oder nur widerwillig aufziehen moch- 
ten. Jedensfalls sterben ungeliebte Kinder erfahrungsgemäß um vieles häufiger 
als geliebte. 

Ein infantiler Selbstmordversuch, der gar nicht so selten, verdient hier wenig- 
stens kurze Besprechung. Manche übel beratene Mutter vollzieht selbst ohne 
zwingende Notwendigkeit die Entwöhnung nicht in der üblichen, ganz allmähligen 

— 424 — 



Weise, sondern brüsk und ohne Übergang. Sie schmiert z. B. Brust und Brust- 
warze mit Galle, Salz oder Paprika ein, um so dem Kleinen das Saugen zu ver- 
ekeln. Die Folge davon ist oft ein stunden- bis tagelanger Hungerstreik, den 
der um sein Liebstes betrogene Säugling dann inszeniert. Ich weiß z. B. aus einer 
Analyse, daß so ein Kind 18 Stunden lang ununterbrochen schrie, die Brust, welche 
ihm die verzweifelnde Mutter schließlich wieder reichte, nicht annehmen wollte, 
das ganze Haus in Aufruhr brachte, bis es endlich infolge der unablässigen 
Bemühungen der Eltern und seiner völligen Erschöpfung sich dazu bequemte, ein 
wenig Suppe zu sich zu nehmen. Dieser ganze Bericht war nicht etwa eine 
bloße Phantasie, sondern ward durch die Mutter, die sich des Vorfalles noch sehr 
wohl erinnerte, durchaus bestätigt. Dem Säugling aber blieb für das ganze Leben 
die Neigung zu großen Erregungzuständen, die nichts anderes waren als Repro- 
duktionen jener Ur-Erregung nach der Entwöhnung, sowie eine gelegentliche 
ausbrechende Neigung Selbstmord zu begehen. 

Neben den offenkundigen Selbstmorden der Erwachsenen und Versuchen 
dazu gibt es noch eine Reihe von larvierten (verdeckten), die nur dem Fachmann 
als Freitod klar werden. Hierher gehören die zahlreichen Unfälle, die das Un- 
bewußte mit Absicht herbeiführt. Kommt es da nicht sofort zum Sterben, so 
ist der geheime Wunsch daran zu erkennen, daß der Betroffene sein Unglück 
mit größter Fassung erträgt. Im Weltkriege erlebten wir, daß so viele und selbst 
bejahrtere Leute sich freiwillig meldeten, auch solche, die es gar nicht nötig hatten, 
weil sie entweder schon zu alt oder wegen eines körperlichen Fehlers für immer 
vom Kriegsdienst befreit worden waren. Dies war nun keineswegs immer bloß 
Liebe zum Vaterlande. Viel häufiger trieben sie allerlei Schuldgefühle gegen den 
Vater, sowie das Bedürfnis nach Buße und Sühne. Nicht für das Vaterland 
wollten sie sterben, sondern um den Vater zu versöhnen, an dem man etwa als 
Ödipus gesündigt hatte. Ein erfahrener Alpinist gab mir in der Analyse folgende 
Erklärung der häufigen Unfälle in den Bergen : „Die extrem waghalsigen Touren 
werden zu einem sehr großen Prozentsatz von geschlechtlich abnormen Leuten 
gemacht, die auf diese Art eine anständige Form des Selbstmords suchen. Es ist 
der letzte Ausweg für sie. Ihnen ist es nicht darum zu tun, hinaufzukommen, 
sondern es muß gefährlich sein. Das wird rationalisiert: ,Ich leiste etwas, was 
die andern nicht können'. In Wahrheit aber ist der so überaus gefährliche 
Weg der Weg auf den Schamberg ihrer Mutter. Also ein Inzest -Wunsch, der 
immer wieder nach Erfüllung drängt und, selbst wenn er zum Tod führt, die 
Erfüllung eines Sühne- Verlangens für schwere Urschuld." 

Analysiert man die Schuldgefühle, die zu larviertem Selbstmord führen, so 
kommt man letzten Endes doch immer von neuem in die früheste Kindheit. 
Nicht bloß, daß der Odipus-Komplex weit eher anzusetzen ist, als gewöhn- 
lich geglaubt wird, — ich fand ihn oft schon ganz offenkundig zu Beginn des 
zweiten Lebensjahres, — so läßt sich schon in der Säuglingszeit ganz unverkenn- 
bar Schuldgefühl nachweisen, das, wenn es sich mit arger Lieblosigkeit von 
Seiten der Pflegepersonen paart, die Grundlage ergibt für alle spätere Selbst- 
mordneigung. Wer eine wirklich glückliche Kindheit hinter sich hat, das heißt 

— 425 — 



eine solche mit sehr viel Liebe, wenig Verboten und geringstem Schuldgefühl, den 
werden auch schwere Unglücksfälle und ärgstes Leiden kaum je zu einem Frei- 
tod führen. Er wird gar nie daran verzweifeln, noch Liebe zu finden, zumindest 
bei Gott- Vater im Himmel. Und nochmals muß ich es wiederholen: Es gibt 
gar niemand das Leben auf, der nicht vorher die Hoffnung auf Liebe aufgege- 
ben hat. Wenn sich, wie jetzt z. B. in Wien, Beratungsstellen für Lebensmüde ge- 
bildethaben, sind diese in jedem Sinn nur zu begrüßen. Nicht was da dem Selbst- 
mordkandidaten gesagt wird, ist das Entscheidende, auch nicht die materielle 
Hilfe, wohl aber, daß dieser die Empfindung bekommt, er erhält wieder Liebe, es sei 
ein unbekannter Vater da, der bereit ist, zu helfen und für ihn zu sorgen. Dies allein 
genügt oft, damit dann jener seine Selbstmordabsicht fallen lasse — wenigstens 
vorläufig. Nur täusche man sich nicht über die Dauer des Erfolges. Ohne Psycho- 
analyse und zwar vollständige, bis in die Urzeit zurückgeführte, wird man den 
Unglücklichen nicht für immer von seiner Neigung kurieren können. 

Bei Erwachsenen werden von Selbstmordgründen am häufigsten genannt: 
materielle Not, unglückliche Liebe und völlig unlösbare Konflikte, aus denen 
kein anderer Ausweg zu finden, als in einem Freitod. Doch all diese Fälle führen 
letzten Endes bis in die Säuglingszeit zurück, von der sie die Verstärkung, die 
Resonanz, die mitschwingenden Obertöne erhalten, welche oft die gegenwärtigen 
Leiden für das Empfinden unerträglich machen. Und von jenen Urschädlich- 
keiten muß sie der Seelenkundige befreien durch eine voll durchgeführte Psycho- 
analyse. 

illllllllilllllllllllllllllilllllllllllllllllllll 

Zur Kenntnis kindlicher Selbstmordimpulse 

(Sublimierung in statu nascendi) 
Von Josef K. F r i e d j u n g, Wien 

I 

In meiner Sprechstunde erscheint eine mir wohlbekannte sehr intelligente und 
an erzieherischen Fragen stark interessierte junge Frau allein. Sie ist seit 3 Jahren 
verwitwet; der Gatte, ein Intellektueller von starkem Familiensinn, war einem 
seltenen Leiden rasch erlegen. Auf die zwei Kinder, die damals 5 »/Jährige Lilly 
und den 4'/ 4 jährigen Peter hatte das Verschwinden des sehr geliebten Vaters einen 
überaus tiefen Eindruck gemacht, er wurde lange schwer vermißt. 

Der Anlaß zum Kommen der Frau waren Selbstmordimpulse des nun 8 '/2jährigen 
Töchterchens. Die unmittelbare Vorgeschichte ist folgende : Das Kind hat sieben 
Oheime. Mancher von ihnen hat sich freundlich genähert, ohne bei dem, wie 
wir später sehen werden, sehr nachdenklichen Mädchen viel Gegenliebe zu finden. 
Nur Onkel Leopold, der dem verstorbenen Vater insbesonders auch in der Sprache 
sehr ähnelt, weiß des Kindes Liebe besonders zu erwerben. Bei des Vaters Tode 
war er verlobt. Nach iV s Jahren heiratet er. Des Kindes Eifersucht macht sich 
kaum bemerkbar. Als die Tante sichtlich in der Hoffnung ist, fragt die Kleine 
die Mutter nach einer Erklärung, die nur unvollständig erfolgt. In dieser Zeit 

— 426 — 



packt Lilly den geliebten Oheim öfters am Arm mit den Worten: „Ich breche 
dir den Arm aus". 

Vor einer Woche macht sie mit der Mutter den ersten Besuch beim Neu- 
geborenen. Sie steht zunächst wortlos an seinem Bettchen und bricht nervös die Hän- 
de. Dann geht sie auf den Oheim zu, sagt nur mit scharfer Betonung: „Dein 
Kind!" und verlangt nach Hause. — Seither will sie von Oheim L. nichts mehr 
wissen, will ihn nicht mehr besuchen. Sie äußert: „Es tut mir heute noch leid, 
daß ich ihn so oft umarmt habe", oder: „Hätte ich ihn nicht so ausgezeichnet!" 
Wenn die Mutter sie auffordert, zu Onkel L. zu gehen, sagt sie: „Ich brauche 
ihn nicht. Eigentlich ist er nicht mein liebster Onkel." — In den letzten 
Tagen äußert sie öfter Selbstmordabsichten. „Ich weiß, ich werde es nicht machen, 
aber ich fühle, ich werde es machen müssen". Sie fragt den jüngeren, sehr klu- 
gen Bruder, ob „man es mit dem Messer macht". Der Junge meint: „Nein, da 
stürzt man sich aus dem Fenster." Da wird der Mutter bange, und sie sucht mich 
auf. 

Es soll später noch über meine Ratschläge, die Heilung der Störung und die 
gelungene Sublimierung der unglücklichen Liebe erzählt werden. Der Bericht 
der Mutter ist so durchsichtig, daß er keiner Erläuterung bedarf. Ich möchte nur 
auf die überaus eindrucksvolle schlichte Kennzeichnung des Konfliktes zwischen 
Ich und Es hinweisen, der dem Kindermund im Gespräche mit der Mutter über 
seine Selbstmordabsichten gelingt: „Ich weiß, ich werde es nicht machen, aber 
ich fühle, ich werde es machen müssen." Vorerst aber einige Mitteilungen aus 
der Vorzeit zur klareren Beleuchtung des Tatbestandes: Schon im Februar 1925 
sagte das damals 4 1 /« jährige Mädchen zum kleineren Bruder: „Du kannst kein 
Baby haben. Was wirst Du mit ihm machen, wenn es trinken will? Du hast 
ja keine Milch in Deinem Herzen." — Er: „Du hast auch keine." — Sie: „Wenn 
ich aber groß sein werde, werde ich haben. Wirst Du mir das Kind zum Trinken 
geben?" — Etwa um dieselbe Zeit sagte sie: „Ich werde nur einen Herrn, keine 
Dame heiraten." 

Im März 1926, also 5V2 Jahre alt, erzählt Lilly der Mutter noch vor des 
Vaters Tod folgenden Traum : „Wir sind gegangen, auf einer Wiese, ich und Du, 
Papa und Bubi, und wir haben die B. getroffen. Dann haben wir gesehen eine 
große Schlange, wir haben sie angerührt, und sie hat nichts gemacht. Dann ist 
gekommen ein großer Eisbär, der hat gehabt sechs oder acht Punkte (Mammillen) 
auf dem Bauch, von jedem Punkt ist herausgekommen ein kleiner Bär, und diese 
Eisbären haben auch gehabt Punkten, und von diesen Punkte sind wieder Eis- 
bären gekommen, dann war die ganze Wiese voll mit Eisbären." 

Aber im November 1926 sagte Lilly doch einmal (schon nach Vaters Tod): 
„Ich möchte viel lieber ein Bub als ein Mädel sein". 

April 1927, ein Jahr nach dem Verluste des Vaters, ein Traum: „Mein Papa 
ist gekommen. Er ist gegangen auf zwei Stöcken. Ich habe ihn gefragt: ,Papa, 
bist du noch krank? 4 Er sagte: ,Ein bisserl' (ein wenig)." Im Dezember 1927 
äußerte Lilly: „Mama weißt du, in der Nacht muß ich immer an Gewalt denken. 
Z. B. ich stelle mir vor, daß ich krank bin, der Doktor kommt, ich lasse mich 
nicht untersuchen, und er tut es mit Gewalt. Das macht mir Freude." In dieser 
Zeit bat sie oft, man solle ihr eine Geschichte erzählen, in der „Gewalt" vor- 
kommt. 

Im Januar 1929, kurz vor der Geburt des ominösen Kindes, plaudert die Kleine: 

— 427 — 



„Mama, ich muß dir etwas erzählen. Ich habe den Onkel Leopold immer lieber. 
Und wenn ich einmal einem anderen Onkel sage, wenn er mich fragt, wen ich 
lieber habe, ,Alle gleich!', dann ist das nicht wahr. Den Onkel L. habe ich 
am liebsten. Weißt du warum? — Er nimmt alles ernst, was ich sage. Wenn ich 
ihm sage: ,Ich werde dir den Arm brechen', so sagt er: ,Willst du, daß ich 
Schmerzen habe?' Und das habe ich so gern, wenn er so redet, und er tut mir 
leid; aber ich muß es immer wieder sagen, weil es mich freut. Wenn ich einem 
anderen Onkel sage: ,Ich reiße dir die Haare aus', dann sagt er: ,Da werde 
ich eine Glatze haben' und lacht. Aber Onkel L. würde das auch ernst nehmen, 
und ich glaube, wenn Onkel L. im Spaß etwas versprechen sollte, würde er auch 
Wort halten. — Ich habe Onkel L. gefragt, wen er lieber habe, die Tante M. 
(seine Frau) oder seinen Vater. Er sagte: ,Die Tante!, Denke dir Mama, wie 
gern er sie hat!" 

Wir sehen, wie die kleine Tragödie sich anspinnt. Das Kind mag manches 
Liebe zum geliebten Onkel auch gesagt, bei den Umarmungen wohl auch gedacht 
haben, er hat alles „ernst genommen", wie Lilly ja auch. Da kommt mit der 
Geburt des Kindes ein jähes Erwachen und die schmerzliche Enttäuschung: „Er 
hat doch nur Tante M. lieb!" Bemerkenswert ist die Klarheit, mit der auch in 
diesem Falle, wie so oft, die Rolle des Mannes an dem Entstehen des Kindes 
durchschaut wird. Nach einigen Tagen der Verstimmung, dem offenbar vergeb- 
lichen Versuch, das Liebesobjekt zu entwerten, reift der Selbstmordimpuls im 
kleinen Mädchen. Ich kannte es seit vielen Jahren: ein gesundes, kräftiges 
hübsches und in jeder Hinsicht normales Kind. Es wurde mir nicht schwer, der 
klugen Mutter, einer regelmäßigen Leserin dieser Zeitschrift, die auf der Hand 
liegenden Wurzeln des Verhaltens der Kleinen zu deuten. Ich empfahl ihr nebst 
einigen allgemeinen Ratschlägen der erhöhten Aufmerksamkeit und liebevollen 
Teilnahme für den Kummer des Kindes, eine möglichst hübsche Säuglingspuppe 
zu kaufen, die ihr am liebsten Onkel L., wenn dies aber nicht angehe, die Mutter 
übergeben solle mit der Bemerkung, wie Tante M. solle auch sie ein Kind haben. 
Sollte dies keinen Eindruck machen, dann wollte ich Lilly sehen. Nach zwei 
Tagen konnte mir die Mutter berichten, das Kind habe die Puppe mit Freude 
und Rührung entgegengenommen, sei seither zufrieden und hänge nicht mehr 
trüben Gedanken nach. Einen Monat später lieferte sie in der Schule folgenden 
freien Aufsatz ab : 

„Es war einmal ein armes Mädchen, mutterseelenallein. Das wünschte sich 
von seinem einzigen Onkel ein Kleid, weil alle seine zerrissen waren. Der Onkel 
war aber selber arm, und als Ostern kamen, kaufte der Onkel mit seinem er- 
sparten Geld wirklich dem Mädchen das Kleid. Das Mädchen freute sich herz- 
lich und dankte dem Onkel mit vielen Küssen. Der Onkel nahm dann das Mädchen 
zu sich, und sie lebten bis an das Ende." 

n 

Der 7 -jährige Franz, Sohn eines alternden, trockenen strengen Vaters und 
einer sentimentalen, überzärtlichen Mutter war bis vor kurzem das einzige Kind 
mit manchen seiner geläufigen Züge. Gut entwickelt. Die Mutter, neuerdings in 
der Hoffnung, hat auf meinen Rat den Knaben auf die Geburt des kommenden 
Kindes mit ziemlicher Offenheit vorbereitet. — Nach der Geburt verrät Franz 

— 428 — 



große Eifersucht, insbesondere wenn das Schwesterchen von der Mutter gestillt 
wird. Einmal sagt er: „Du hast mich jetzt nicht mehr lieb, nur die Ilse. Wenn 
du mich nicht mehr liebst hast, springe ich vom Fenster hin- 
unte r. u Vor der Geburt hatte er sich auf das Geschwister gefreut; jetzt sagt 
er einmal: „Ich habe mir nicht gedacht, daß es so schwer sein wird, wenn 

noch ein Kind kommt." — Er fand sich ziemlich bald mit seiner neuen Lage ab. 

» 

in 

Eine junge Frau — vor 7 Jahren auf tragische Weise Witwe geworden — 
bringt mir ihr einziges Söhnchen, den 9 -jähr. Karl. Seit einigen Wochen blin- 
zelt er und macht in der letzten Zeit auffällige grüblerische „weltschmerzliche" 
Äußerungen. Der körperlich gut entwickelte Junge sieht etwas blaß aus, ist nicht 
so munter, wie ich ihn sonst kenne. Da er mit mir allein bleibt, sagt er auf 
meine Frage, ob er mir etwas erzählen möchte: „Wozu ist der Mensch auf der 
Welt? Alle Menschen sollen sich erstechen, und die Welt soll man verbrennen. 
Dann ist alles aus." 

Zum Verständnis dieser sonderbaren Stimmungslage läßt sich folgendes er- 
mitteln : Die Mutter, sehr hübsch und liebenswürdig, benimmt sich als Erzieherin 
sehr beherrscht und verständig. Dennoch ist er manchmal schwer zu behandeln. 
Ein Freund des verstorbenen Vaters kommt oft ins Haus und kümmert sich viel 
um den Knaben, was dieser mit großer Zuneigung vergilt. (Der Herr ist ver- 
heiratet). Vor einem Jahre war der 8 - jährige Junge in ein schönes Kinder- 
fräulein sehr verliebt. Wenn sie kam, stürzte er sich auf sie und umarmte sie 
stürmisch. Er sollte bei ihr lernen, aber dies gelang nicht, weil er sie immer 
nur bewunderte und küßte. Man mußte sie entlassen. In der letzten Zeit will 
er jeden Augenblick ein anderes Mädchen „heiraten", bald kleinere, bald auch 
bedeutend ältere. Seine Beziehung zu dem „väterlichen" Freund ist, wie ich von 
ihm selbst höre, merklich abgekühlt: „Ich habe ihn früher viel lieber gehabt." 
Der sexuell aufgeklärte Knabe scheint irgend wie erfahren zu haben, daß das Kom- 
men dieses Herrn weit mehr der Mutter gilt als ihm. Der selbst sexuell aggres- 
sive Junge dürfte scharfsinnig die Wahrheit erraten haben und dadurch an all' 
dem, was bis dahin für ihn feststand, irre geworden zu sein. — Ich widerriet 
der Absicht, ihn aus dem Hause zu geben, empfahl der Mutter vielmehr, un- 
beirrt gütig und freundlich zu sein und es auch dem Freunde zu empfehlen. — 
Die Krise wurde rasch überwunden, Karl hat sein Blinzeln verloren und sich 

weiterhin sehr erfreulich entwickelt. 

* 

Allen drei Beobachtungen ist gemeinsam, daß ein Kind an seinem Liebes- 
objekt irre wird, den Verlust der bisherigen Bindung schwer erträgt und zu 
Selbstmordimpulsen gelangt. Im dritten Falle dürfte der Knabe auch den Zu- 
sammenbruch einer als unverrückbar angesehenen Ordnung unter den Menschen 
erlebt haben. Vielleicht rührt daher die Phantasie von der Vernichtung der ganzen 
Welt durch die eigene Hand? Im ersten Falle ist die sadistische Triebkomponente 
sehr aufdringlich; es wäre interessant, darauf zu achten, ob dies nicht eine ob- 
ligate Voraussetzung von Selbstmordimpulsen ist. Meine Erfahrungen machen mir 
das wahrscheinlich. 

Zeitschrift f. psa. Päd., III/i 1/12/13 429 26 



Der Selbstmord von Miß X. 

Von Dr. A. S. Lor and, New York 

Im folgenden lege ich eine Reihe von Briefen vor, die Miß X. geschrieben 
hat. Zwei dieser Briefe und zwei Notizen wurden in der dem Augenblick voran- 
gehenden Stunde geschrieben, in dem sie den Gashahn aufdrehte und damit 
ihrem konfliktreichen Leben ein Ende machte. Ich füge auch einen kurzen Abriß 
ihrer Lebensgeschichte bei, wie' er mir von Dr. S., an den die Briefe gerichtet 
sind, übermittelt wurde. Ein Teil des Materials stammt von persönlichen 
Zusammenkünften, die ich mit Miß X. in ihrer Eigenschaft als psychiatrische 
Fürsorgerin hatte. 

Sie wurde 1892 in einer Stadt des mittleren Westens geboren. Ihre Eltern 
waren Deutsch-Amerikaner. Sie war das älteste Kind der Familie und der 
Liebling ihres Vaters. Die Mutter schien sie um diese Bevorzugung zu beneiden. 
Miß X. selbst bevorzugte ihren Bruder, der einige Jahre jünger als sie selbst 
war. Schon in Miß X.'s früher Kindheit ergriff sie jede Gelegenheit, ihre Mutter 
zu sekkieren und zu ärgern. Sie beschmutzte absichtlich ihre Kleider, raufte mit 
dem jüngeren Bruder und verweigerte der Mutter den Gehorsam. Sie respektierte 
nur des Vaters Wünsche. 

In der Schule war sie eine hervorragend gute Schülerin. Sie genoß da aber 
noch besondere Vorteile: ihr Vater war ein Mitglied der Schulbehörde. Nach- 
dem sie die Elementar- und höhere Schule mit guten Noten absolviert hatte, 
trat sie in ein Hospital ein und bildete sich zur Krankenpflegerin aus. Sie bestand 
ihre Prüfung mit 21 Jahren. Während dieser Zeit lernte sie Dr. C. H. kennen, 
an den sie sich innig anschloß. Sie trafen sich heimlich, weil dieses Verhältnis 
wohl vom Vater gerne gesehen wurde, nicht aber von der Mutter. Als Dr. C. H. 
sie eines Abends spät nach Hause brachte, machte die Mutter eine solche Szene, 
daß Miß X. sofort ihre Sachen packte und das Haus verließ in der festen Absicht 
es nie wieder zu betreten. Sie arbeitete von da an als Pflegerin in Dr. C's 
Ordination. Diesen Posten hatte sie 2 Jahre lang inne. In dieser Zeit begannen 
die sexuellen Beziehungen zwischen beiden. Sie rechtfertigte das mit der 
Erklärung, daß sie hoffte, ihn vor sich selbst zu retten, indem sie sich ihm hin- 
gab, weil sie entdeckt hatte, daß er in allerhand Liebeleien mit seinen Patientinnen 
verstrickt war. Geduldig wartete sie, bis sich Gelegenheit bot, Teile ihres Körpers 
vor ihm zu entblößen. Nach zwei Jahren des Zusammenlebens entdeckte sie, 
daß er mit mehreren seiner Patientinnen trotz seines Verhältnisses mit ihr 
sexuelle Beziehungen unterhielt. Sie verließ ihn in der Absicht, nie mehr zu 
ihm zurück zu kommen. 

Mittlerweile starb ihr Vater unter Umständen, die zu einem neuerlichen Bruch 
mit der Mutter führten. Die Beziehungen zwischen Miß X. und ihrem Vater 
waren ja immer sehr innig gewesen. Er hatte sich eines Tages mit seiner 
Tochter verabredet. Um nicht zu spät zu kommen, eilte der Vater, der Ingenieur 
war, sehr und stieg unaufmerksam von dem hohen Platz, an dem er arbeitete, 
herunter. Dabei fiel er und verletzte sich tödlich. Die Mutter gab Miß X. die 
Schuld an seinem Tode. Sie sagte, wenn er sich nicht so beeilt hätte, um sie 
zu treffen, wäre er nicht verunglückt. Miß X. verfiel in eine Depression und 
ging nach dem Süden, um sich zu erholen. Hier machte sie eine Freundin mit 

-430 - 






P. bekannt und versuchte auch, sie zu einer Heirat mit ihm zu überreden. 
Schließlich willigte sie ein. Gleich nach der Trauung gestand ihr der Mann, daß 
er Syphilis habe. Es kam zu keinen ehelichen Beziehungen und es gelang ihr, 
die Ehe annullieren zu lassen. 

Sie ging nun auf die Universität, um Medizin zu studieren. Sie wollte sicli 
in allen Zweigen der Normalpsychologie und Psychopathologie ausbilden. Beim 
Professor der Neurologie und Psychiatrie war sie sehr beliebt. Sie wurde seine 
Assistentin und erhielt sogar für eine Weile einen Lehrposten. 

Materielle Schwierigkeiten hinderten sie, das medizinische Studium abzu- 
schließen. Mit 29 Jahren wurde sie als Psychologin bei der Polizei angestellt. 
Ein halbes Jahr später verließ sie diesen Posten und kehrte zu Dr. C. H. zurück 
als Ordinationsschwester, nachdem er versprochen hatte, sich jetzt anders zu 
benehmen. Aber nach zwei weiteren Jahren entdeckte sie abermals, daß er zu 
Patientinnen Beziehungen unterhielt, und sie verließ ihn neuerlich. Nun kam 
sie nach New York (1925). Hier erhielt sie eine Anstellung als weibliche Polizistin 
und Psychologin. Aber schon nach sechs Monaten kehrte sie wieder zur Kranken- 
pflege zurück. 

Bei dieser Arbeit lernte sie Dr. S. kennen, und es gelang ihr nach einer 
Weile ■wieder, das Verhältnis in ein sexuelles zu verwandeln, auf ähnliche Weise, 
wie sie das bei Dr. C. H. fertiggebracht hatte. Diese Beziehung dauerte drei 
Jahre. Während dieser Zeit war sie immer leidend. Sie mußte sich einer Gallen- 
blasen-Operation unterziehen. Vorher war sie schon an Mastoiditis operiert 
worden, ferner an Blinddarm, dann wurde eine probeweise Laparotomie gemacht 
(nach einem plötzlichen Kollaps im Krankenhaus, für den keine bestimmte Ursache 
entdeckt werden konnte). Früher hatte sie schon eine Operation wegen einer 
Ruptur bei einer extrauterinen Schwangerschaft durchgemacht. Sie hatte vorher 
schon mehrmals abortiert. 

Ihr ständiges Kranksein während ihres Verhältnisses mit Dr. S. machte sie 
sehr abhängig von ihm, und er erhielt sie auch tatsächlich. Während des zweiten 
Jahres ihrer Bekanntschaft verschwand ab und zu Morphium aus seinem Injektions- 
kästchen. Er erwähnte es Miß X. gegenüber, die ihm versicherte, daß sie keines 
gebraucht habe. Aber ihre ausgesprochene Neigung, Morphium zu nehmen, um 
ihre Schmerzen zu mildern, überzeugte ihn davon, daß sie das Mittel doch 
gebrauchte. Während einer ihrer gesunden Zwischenzeiten arbeitete sie acht 
Monate lang an einer der Kliniken für Geisteskrankheiten in New York, wo ich 
selbst mit ihrer Tätigkeit bekannt wurde, die in jeder Hinsicht hervorragend war. 
Weitere acht Monate arbeitete sie an einer Child-Guidance Klinik. 

Diesen Posten mußte .sie wegen Krankheit aufgeben. Sie wurde körperlich 
schwächer und seelisch immer niedergedrückter. Während der letzten Zeit ihres 
Lebens beschuldigte sie Dr. S., daß er sie nicht liebe (Dr. S. hatte nie von Liebe 
mit ihr gesprochen!). Nach einer Auseinandersetzung sagte sie ihm, sie gehe jetzt 
aufs Land, um sich zu erholen. Statt dessen ließ sie ihm den Brief zurück, der 
vom 15. Februar datiert ist, und einen Zettel mit der Mitteilung, daß sie beab- 
sichtige, Selbstmord zu begehen. Zwei Tage vorher hatte sie den beigefügten 
Brief an Dr. C. H. geschrieben. In der Nacht des 15. Februar 1929 wurde Dr. S. 
dringend in ihr Hotelzimmer gerufen, wo er sie in halbbewußtlosem Zustand 
infolge einer zu großen Morphiumdosis antraf. Zwei Tage später machte sie 
abermals einen Selbstmordversuch, indem sie eine große Menge Äther trank und 

— 431 — »e- 



einatmete und zwar in Dr. S.'s Sprechzimmer, zu dem sie den Schlüssel hatte. 
Nachdem sie sich davon erholt hatte, empfand sie große Reue und versprach, 
nie wieder so etwas zu versuchen. Sie begann Dr. S. regelrecht auszuspionieren. 
Sie sagte ihm ununterbrochen, wo er gewesen sei und mit wem, sie bedrohte 
und warnte seine Freundinnen, daß sie ein Liebesverhältnis störten und 
behauptete, daß Dr. S. der Vater ihres Kindes wäre (Sie hatte versucht, Dr. S. 
einzureden, daß sie schwanger wäre. Er entdeckte aber später, daß es nicht 
stimmte). 

Während dieser Tage suchte sie einen Psychoanalytiker auf und den Bruder 
von Dr. S., vermutlich, um beide zu bitten, Dr. S. zu helfen, der in Not sei. 
Der Analytiker gab ihr einige Ratschläge, die ihre Stimmung sehr verbesserten 
(nach der Angabe von Dr. S., der sie am Tage vor ihrem Selbstmord sah). 
Später am Abend besuchte sie Freunde, ohne die geringste Andeutung ihres 
Vorhabens zu machen. Dann ging sie in Dr. S's Sprechzimmer (sie hatte ihm 
seine Schlüssel zurückgegeben, hatte sich aber ohne sein Wissen Nachschlüssel 
machen lassen). In den Morgenstunden beging sie Selbstmord. 
Es folgen nun ihre Briefe in chronologischer Anordnung: 

An C. H. 13.2. 2g. (Mittwoch Abend) 

Mein Liebster, jeden Tag habe ich nach einem Brief von Dir ausgeschaut — ver- 
gebens. Nun gut, es wird Zeit, daß ich die Tatsachen begreife und mich mit ihnen 
abfinden lerne, und welche Mächte immer es sein mögen, ich bin ihnen dankbar daß 
Du es fertig bringst, die wichtigsten Dinge zuerst zu erledigen und nicht nachts auf- 
zubleiben und Briefe zu schreiben, wenn Du schlafen solltest. Wenn ich darüber nach- 
denke, freue ich mich, daß die Dinge so sind, wie sie sind, und ich bin dankbar und 
glücklich. 

Ich habe während dieser letzten zehn Tage ein großes Problem durchdenken müssen. 
Es war schwer, es zu Ende zu denken, zu einem Entschluß zu kommen und soviel 
Mut aufzutreiben, um meiner Überzeugimg zu folgen, aber ich habe gesiegt, obgleich 
es ein harter Kampf war. 

Ich deutete in meinem letzten Brief an, daß S. augenblicklich in seiner Analyse 
eine schwere Zeit durchmacht. Am Samstag kam es zu einer Krisis, und als ich allen 
Tatsachen gerade ins Gesicht sah, kam ich zu der Erkenntnis, daß ich für ihn nur 
eine Last bin, die ihn beschwert, und daß ich ihm gar keine Hilfe bin. Er hat alle 
Hände voll zu tun, um seine eigenen Kämpfe auszufechten, und ich liebe um zu sehr 
und schätze ihn zu hoch, als daß ich ihm im Wege stehen möchte. So gehe ich lieber 
fort. Ich habe nicht das Gefühl, wie wenn es Feigheit wäre, es wäre feig, wenn ich 
nur im geringsten Widerstand leisten und dableiben würde. Das würde mich keinen 
Kampf kosten ; das Fortgehen erfordert Mut, aber Gott sei Dank, ich habe diesen Mut. 
Ich bin fast die ganze Zeit, seit ich ihn kenne, krank gewesen, und er war so geduldig 
und gütig zu mir, genau so wie Du es einst warst, und ich liebe und schätze Euch beide. 

So, Geliebter, mag es lange dauern, bis wir uns wieder treffen. Vergiß nie, daß 
ich bei Dir das Glück kennen gelernt habe; in geringem Maße habe ich etwas davon 
weitergeben können. Auf Wiedersehn! 

* 

An S. Freitag, den IJ. Februar 1929 (1 Uhr Mittags). 

S. . . , lieber: ich habe heute viel zu tun gehabt, aber endlich bin ich fast fertig 
um meine Reise anzutreten, und ich brenne jetzt geradezu darauf, fortzukommen. 
Ich hätte Dir gern heute Abend Lebewohl gesagt, aber da ich keine Auseinander- 
setzung wünschte, wagte ich es nicht. 

Gott, mir scheint, wenn ich nur ein einziges Mal hätte hören dürfen, daß Du 
mich nur ein wenig liebtest, würde es mir nur halb so schwer sein, aber wenn ich 

- 432 — 



mir vorstelle, daß ich es in diesen ganzen drei Jahren trotz meiner sehr ernstlichen 
Versuche nicht fertig gebracht habe, Dich ein wenig glücklich zu machen — das 
finde ich hart. 

Es ist wahr, ich habe Dir nicht viel zu geben gehabt, aber ich gab Dir alles, 
Lieber — einen reinen Körper und mein Herz. Ich habe versucht, die vielen gleich- 
förmigen Abende fröhlich und glücklich zu sein, geduldig zu sein und Dir keine Ver- 
anlassung zu geben, zu glauben, daß ich wie andere Frauen mit Dir ein Spiel treibe, 
denn ich wußte, wir hatten nicht Geld genug für ein Spiel. Ich habe versucht, 
fröhlich zu sein an den vielen einsamen Abenden, an denen Du es Dir leisten konntest, 
in Oper und Theater zu gehen, während ich allein zuhause saß. Ja, ich habe viele 
Opfer gebracht, aber wofür? Um zu hören, daß ich Dich herabgezogen hätte, aber 
doch wohl nicht mehr als Du mich. Ja, Lieber, jetzt sehe ich, wie Du mich geschätzt 
hast und was Du Dir aus mir gemacht hast, und das allein ist es, was es mir ermöglicht, 
Schluß zu machen. Ich war nur eine Bequemlichkeit, ein Ausweg für Deine körperlichen 
Bedürfnisse. Ich habe einen Abortus nach dem anderen ausgehalten und war so dumm, 
das alles nicht früher zu erkennen. Welcher andere Mann hätte so handeln können? 
Aber weil ich Dich aufrichtig liebte, wollte ich nicht sehen — das ist meine 

Belohnung. 

A 1 hat sehr recht: Du bist vollkommen narzißtisch, und ich fürchte, du wirst es 
immer sein. Ich wollte, es gäbe eine Erlösung für Dich, aber ich bezweifle es. Ich 
wünschte, Lieber, Du würdest hart darum kämpfen. Du machst Dir nicht klar, 
wieviel vom Leben Dir verloren geht. 

Es tut mir leid, daß ich Dich verlassen muß, wo noch so viel für Dich zu tun 
bleibt, aber ich konnte einfach keinen anderen Ausweg finden ich habe nicht die 
Kraft dazu. Ich habe versucht, alles so zu machen, daß es ganz natürlich aussieht, 
und wenn Du Deinen Kopf anstrengst, müssen gar keine Schwierigkeiten entstehen. 
Jeder weiß, daß ich lange krank war, und ein plötzliches Ende wird glaubwürdig sein. 

Noch ein Wort über meine Sachen. Sende bitte das Paket Sachen an G. Um den 
Rest kümmere ich mich nicht. Gib V. alle meine Kleider, Schuhe etc., sie werden 
ihr passen, und gib M. alles, was sie von meinen Schätzen haben möchte. Es ist nicht 
nötig, irgendetwas nachhause an Mutter zu schicken, ich habe nichts, was sie brauchen 
könnte, und ich möchte lieber, daß sie keinen Grund hat, sich zu grämen. Meine 
sterbliche Hülle — nun, das ist einerlei: Ich habe immer meiner Familie gesagt, daß 
man meine Leiche einer medizinischen Schule geben soll, und ich habe noch dieselbe 
Ansicht darüber. Aber wenn Du merkst, daß meine Mutter auf irgendeinem anderen 
Plan besteht, so ist es mir einerlei. 

Zu Deiner Hilfe laß bitte M. S. Dir beistehen, bei der Ordnung von allen Dingen 
wie Papieren, Briefen etc. in meinen Mappen. Bitte, sorge dafür, daß alles so 
vernichtet wird, wie Du es findest. Ich danke Dir. 

Und bitte, Lieber, versprich mir jetzt etwas: Bevor Du eine andere Verbindimg 
anknüpfst, überlege es gut! Denke daran, daß Du viel über Dich selbst gelernt 
hast und Du kennst jetzt Deine Grenzen und brauchst nicht nutzlos ein Mädchen ins 
Unglück zu bringen. In das alles bist Du blind hineingetappt, aber ein anderes Mal 
wirst Du keine Entschuldigimg haben. 

Ich liebe Dich, ich habe Dich trotz dem allem geliebt. Du bist gut und zart mit 
mir gewesen in all den kleinen Dingen, die so viel bedeuteten. Du bist so geduldig 
zu mir gewesen während der ganzen Zeit, wo ich krank war, ich erkenne das an, 

Du Liebster! 

Du wirst auch eines Tages, wenn nicht gleich jetzt, einsehen, daß ich Dir alle 
diese Dinge sagen mußte. Es geschieht nicht aus Mitleid mit mir selbst oder aus 
dem Wunsch nach Mitgefühl, denn wenn Du dieses liest, werde ich zu weit fort sein, 
um Dicli noch hören zu können. Es geschieht nur, weil Du das alles wissen mußt — 

i) A war der Analytiker, zu dem Dr. S. ging, ehe er zu mir in die Analyse kam. 

— 433 — 



Du mußt aufwachen, mein lieber Junge, wenn Du der tüchtige und glückliche 
Mensch werden willst, wie ich es für Dich wünsche. 

Und nun für diesmal, liebes, geliebtes Herz, lebe wohl! 

Bitte telegraphiere Dr. C. H. 

* 

Dienstag, i s ° Uhr mittags. 

Mein Liebling! 

Verurteile mich nicht zu hart, ich konnte das Spiel nicht ohne Dich spielen ; aber 
ich wünsche auch nicht, daß Du es mit mir spielst, da Dir nichts mehr daran liegt. 
Wie ich Dir heute Abend sagte : ich bin für niemanden nötig — also lege ich keinen 
Wert darauf, hier zu bleiben. Ich lasse mein Scheckbuch hier — ich habe bloß noch 
wenig Kleingeld, und wenn der Scheck über 5 Dollars, der ans Hotel zurückging 
wieder präsentiert wird, werden bloß 55 Cents übrig bleiben. Es ist noch die Telephon- 
rechnung von der vorigen Woche zu bezahlen und die Zimmermiete seit Montag. 
Es tut mir leid, daß ich es nicht bezahlen kann. Setze Dich mit M. in Verbindung 
und sie wird meine Familie benachrichtigen. Ich habe ihr nur gesagt, daß Du und 
ich fertig miteinander wären, da Du Dich in jemand anderen verliebt hättest. Bitte 
sage ihr nichts von all dem Gemeinen um meiner Mutter vuid der Familie willen. 

Bitte, laß M. Dir helfen, meine Sachen zu ordnen. Gib V. alle meine Kleider 
Schuhe etc. und das Paket mit den Sachen und alles andere, was hier ist und was 
Du sicher nicht haben willst, sende an H. Ich möchte, daß Du die Schreibmaschine 
behältst und überhaupt alles, was Du haben möchtest. 

Meine Uhr ist beim Juwelier, wo Du sie kauftest. Die Reparatur sollte jetzt fertig 
sein und soll 4 Dollars kosten. Willst Du sie bitte holen und als ein liebes Andenken 
an mich behalten, wenn Du kannst? Ich liebte sie immer, weil Du sie mir gäbest. 

Du sollst dieses Blatt niemandem zeigen. Ich lege es in Deine Schreibtischschub- 
lade, die ich glücklicherweise offen finde. Ich werde ein anderes Blatt außen liegen 
lassen, das alle Vorwürfe von Dir ablenkt. Ich wünsche nicht, daß irgendjemand 
Dich tadelt, weil ich es auch nicht tue. Ich bin sehr traurig um Dich, Liebling, und 
habe, wie ich Dir heute sagte, ein viel weicheres Gefühl seit gestern Abend. Ich nehme 
an, daß Du wahnsinnig erregt warst und eigentlich nicht die Absicht hattest, mir so 
weh zu tun. Wenn Du nur gewußt hättest, wie sehr ich Dich liebte, wärest Du 
zärtlicher gewesen. 

Ich bin traurig, daß ich dieses hier tun muß, aber ich weiß keinen anderen Weg. 
da ich kein Geld habe. Es wird zuerst hart für Dich sein, aller es wird bald vorüber 
und vergessen sein, ja, allzubald, denn die Welt ist zu geschäftig, um irgendetwas 
sehr lange festzuhalten (ausgenommen wenn es sich um einen Mann handelt). 

Lebewohl, Lieber, Du bist so gut und lieb zu mir gewesen all diese drei Jahre, 
bis auf die letzten zwei Monate. Du hast mich glücklich gemacht trotz meines' 
jämmerlichen Gesundheitszustandes und ich habe Dir nichts vorzuwerfen. Ich bin 
immer aufrichtig gewesen zu Dir, mein Lieber, und selbst wenn ich versagte — ich 
habe mich doch immer bemüht, Dir zu helfen und Dich glücklich zu machen. 
Bitte spiele doch in Zukunft ein gerades und ehrliches Spiel mit der Frau, die 
Dich liebt. Dir ganz ergeben 

Später. — 

Liebster, was mich betrifft, so möchte ich am liebsten, daß meine Leiche einer 
medizinischen Schule überlassen wird. Das habe ich, wie Du weißt, schon immer 
gesagt. Ich hoffe, meine Mutter wird nicht so töricht sein, darauf zu bestehen, daß 
sie nach dem Westen geschickt wird, um neben meinem Vater beerdigt zu werden. 
Die Ausgabe dafür ist sinnlos uud außerdem würde all das damit verbundene Auf- 
heben für sie und für die Familie alles viel schwerer machen. So tue doch bitte alles 
um sie zu überreden, meine Wünsche zu respektieren. C. H. weiß, wie ich fühle. Ich 
habe oft über meine Ansichten gesprochen, und vielleicht hat er etwas Einfluß auf sie. 

— 434 — 



Nebenbei, habe ich nicht mehr an C. H. geschrieben oder von ihm gehört, seit ich 
den Brief beantwortete, den ich Dir vorlas, ich glaube vor mindestens sechs Wochen. 
So wird er auch nichts erfahren, was ihn verletzen könnte. Laß Dich nicht durch 
irgendein Schuldgefühl hinreißen, ihnen irgendetwas zu sagen, bitte, respektiere 
meine Wünsche! Er war immer sehr gut und liebevoll und geduldig mit mir, bitte 
hilf mir, sie alle, soweit es geht, zu schonen. 

K. liebt Dich immer noch innig. Sprich mit ihr, denn sie wird Dich trösten. Sage 
ihr von mir, daß ich sie sehr bewundere, und daß ich für ihre Güte zu mir sehr 
dankbar bin. Wenn es nicht um ihretwillen gewesen wäre, hätte ich es sicher nie 
verstanden so wie ich es jetzt tue. und ich hätte Dich mit einem sehr bitteren Gefühl 
verlassen. So wie alles jetzt ist, gehe ich nur mit Liebe und Sympathie von Dir. 
Wenn ich hätte denken können, daß ich Dir hätte helfen können, oder daß Du mich 
brauchtest, dann hätte ich davon Abstand genommen, aber ich bin überzeugt, beides 
ist ausgeschlossen. 

Dr. R. und Dein Bruder sind die einzigen, die diesen Verlauf nötig machten. 
Ich hoffe, Du wirst ihnen das sagen, vielleicht beeinflußt es sie in ihrem Verhalten zu 
anderen. 

Ich hoffe. Du spricht nicht über Einzelheiten mit F. S.. denn sie war wie ein 
Engel zu mir, und ich wagte nicht, ihr die ganze Wahrheit zu sagen. Aber sage ihr, 
bitte was für ein Trost sie mir gewesen ist, oder, wenn Du sie nicht'siehst (und viel- 
leicht hast Du garnicht den Wunsch), bitte H., es zu tun. Ich bat H., morgen anzu- 
rufen, aber sie wußte nicht, warum. Es tut mir leid, daß ich ihr nie das Geld zurück- 
zahlen konnte, das ich von ihr ausborgte, ich bin sicher, sie wird es verstehen. 
Glücklicherweise braucht sie es nicht. 

Jetzt ist es 5 Uhr morgens. Ich warte geduldig, damit der Gasgeruch mich nicht 
zu früh verrate, denn ich kann jetzt nicht mehr anders. 

Mein Lieber, ich liebe Dich so innig, und tut mir so leid um Dich. Ich wollte, 
ich könnte Dich aus allem heraus mit mir nehmen, aber ich bin feige und Du wirst 
tapfer sein, das weiß ich. Ich wünsche, daß Du glücklich wirst, liebes Herz — 
versuche es um meinetwillen. 

* 

An alle, die es angeht. Donnerstag, den 11. April 1929. 

Bitte, schieben sie die Verantwortung für diese Tat nicht Dr. S. oder sonst irgend- 
jemandem zu. Ich kam in des Doktors Abwesenheit hierher und ohne sein Wissen 
und Einverständis. 

Ich allein bin ganz und gar verantwortlich für diese Tat und es ist mein Wunsch, 
daß nichts darüber öffentlich bekannt gemacht wird. Ich bin in elender 
körperlicher Verfassung seit meiner Grippe und Lungenentzündung und könnte viel- 
leicht eine Last für meine Familie und für meine so unendlich liebenswürdigen Freunde 
werden. 

* 

Frl. B. (Sekretärin von Dr. S.) Gez. L. J. M. (Miß X.) 

Gehen Sie nicht in die Küche. Telephonieren Sie Dr. S. in seine Wohnung und 
bitten Sie ihn, sofort herzukommen. Bitte setzen Sie sich dann ins vordere Zimmer 
und warten Sie, bis er kommt. Ich danke Ihnen! 

Schluß 

Die Bemerkung in einem der Briefe, daß sie zu schwach sei, Dr. S. mit- 
zunehmen, mag durch die Tatsache erläutert werden, daß sie ihm einige Wochen 
früher den Vorschlag gemacht hatte, sie wollten beide gemeinsam Selbstmord 
begehen, da sie beide Leid genug zu tragen hätten. 

Was die Bemerkung über Dr. R. (in ihrem letzten Brief) und den Bruder 

— 435 — 



von Dr. S. betrifft, die sie für [ihren Selbstmord verantwortlich machen will, 
so war sie sehr erbittert gegen sie beide, weil sie ihr nicht behilflich gewesen 
waren beim Suchen einer Anstellung, was sie ihr früher versprochen hatten. 
Später verweigerten sie es ihr sogar. 

Mein persönlicher Eindruck von Miß X. während ihres Aufenthaltes in der 
Klinik war der von einer klugen, scharfsinnigen Person. Sie hatte ein gutes 
Verständnis für die sozialen Probleme der Patienten, die ihr anvertraut waren. 
Aber sie war nicht warmfühlend mit ihnen, sondern wurde leicht ungeduldig. 
Das schrieb sie ihrer eigenen körperlichen Schwäche zu. Sie war schriftstellerisch 
tätig, hatte aber keine einzige Arbeit unterbringen können. Kurz vor ihrem 
Selbstmord hatte sie versucht, etwas zu verkaufen, um zu etwas Geld zu kommen, 
aber vergeblich. 

Ihre Lebensgeschichte und die Briefe mit ihren unterstrichenen Sätzen sind 
gutes Beweismaterial für die innerpsychischen Mechanismen, die für ihren Selbst- 
mord verantwortlich gewesen sein können. Ich enthalte mich jedoch der Deutung, 
überlasse es lieber dem Leser, seine Schlüsse zu ziehen, und gebe dieses alles 
rein als menschliches Dokument. 



BEOBACHTUNGEN AN RINDERN 



Eine Schülerin denkt an Selbstmord 

Von Hans Leu t hold, Eglisau-Zürich 

Folgenden Traum schrieb mir eine vierzehnjährige, verschlossen aussehende Schülerin 
(wir nennen sie Gerda) in der ersten Stunde, da ich ihre Klasse übernahm, auf. 

„Etwa vor einer Woche liatte ich einen Traum, der mir gewiß immer vor den Augen bleibt. 

Ich fuhr mit einem Ruderboot ganz allein auf einem See. Der Himmel war sehr trübe und 
der See war unruhig. Nicht lange darauf brach ein Gewitter los. Schwarze Wolken überzogen 
den Himmel. Der See wurde immer unruhiger und warf große Wellen dem Schißchen zu. Eine 
Angst kam über mich; denn ich konnte mich nicht aus den Wellen retten. In einigen Sekunden 
schlug der Blitz ins Wasser ein. Die Wellen schlugen haushoch dem Schiffchen zu. Mit großer 
Wucht wurde das Schiffchen umgerissen und ich ertrankt. 

Als ich den Traum gelesen hatte, vermutete ich, die Schülerin habe Selbstmord- 
absichten. Ich hatte schon manche ähnliche Kinderträume gelesen, aber der Traum 
brachte doch noch irgendeine Rettung, oder, wenn er keine Lösung fand, folgte 
deutliche Flucht ins Erwachen. Hier aber endet der Traum tragisch. 

Als Erzieher fühlte ich mich verpflichtet, der Schülerin, wenn möglich, zu helfen. 
Ich rief sie deshalb in einer Pause zu mir und versuchte, einige Einfälle zum Traum 
einzuholen. 

Zu See kommt ihr in den Sinn: „Ich war einmal in Deutschland. In einem Berg- 
dörflein. Dort hatte ich Angst. Vor zwei Jahren war ich in B. (in der Schweiz), da 
starben mir beide Pflegeeltern. Da war ich immer allein. Da wurde es mir langweilig. 

— 436 — 



Als ich dann nach Z. (der Schulort!) kam, hatte ich diesen Traum. Die Mutter 
blitzt und donnert." 

Zu umgerissen meldet sie: „Ich hatte Angst, zu sehen, wie es das Schiffchen um- 
nahm. Am Anfang war ich nicht recht gewohnt an die Mama, es bedrückte mich 
sehr. Jetzt nicht mehr so". [Was bedrückte dich?] „Wegen zuhause. Wir haben nur 
ein Zimmer. Wenn etwas war (wenn etwas Ungeschicktes geschah), so war ich es 
immer (war ich immer die angeblich Schuldige)". 

Die Schülerin sitzt in gebückter Haltung vor mir; sie antwortet leise, mühsam, 
aber man sieht, daß es ihr wohl tut, sich aussprechen zu können. Sie gesteht mir 
ungezwungen ihren Lebensüberdruß. Ich bitte sie um nähere Auskunft. [Wie dachtest 
du es anzustellen?] „Eine Frau hatte sich vergiftet. Ich war nächtelang unruhig. Ich 
dachte dem Zeugs (dem Geschelmis) nach, ich könnte es auch so machen. Ich machte 
es nicht wegen der Mama(?)". [Dachtest du in letzter Zeit auch an Selbstmord?] „Vor 
den Ferien. (Ich habe die Klasse nach den Ferien übernommen.) Als ich die ärgste 
Strafe bekam, da dachte ich auch daran. Da bekam ich Angst, weil ich wußte, daß 
ich es nicht war (nicht schuldig war). Ich dachte nachts, wenn ich nur nicht da sein 
müßte; wenn ich nur am Morgen nicht mehr erwachen würde. Ich dachte, hätte ich 
es nur früher gemacht. Ich dachte, ich wolle es wieder machen (ich wolle mir das 
Leben nehmen)". 

Die Traumhandlung ist ein Abbild des unruhigen Lebens der vierzehnjährigen 
Schülerin, die von ihrer Mutter noch immer geprügelt, überhaupt äußerst roh und 
verständnislos behandelt wird. Sie schilderte später in einem freien Aufsatz die ärgste 
Strafe, von der sie oben sprach : 

„Die ärgste Strafe. 

In den Herbstferien bekam ich tüchtig Schläge. Meine Mutter war ungerecht gegen mich. 
Sie schickte mich hinter das Haus mit einem neuen Gemüsekorb. (Die Mutter betreibt einen 
Gemüsehandel.) Nach einigen Tagen sollte ich einen (Korb) wieder holen, aber, o weh, er war 
nicht mehr hier. Ich suchte ihn immer und fand ihn nicht. Als ich ihr es sagte, wurde sie 
zornig und sagte: ,Du bringst mich immer um das Geld! Mach, daß du mir aus den Augen 
kommst, oder ich werfe dich auf die Straße, daß du mir nicht mehr hereinkommst!' Ich ging 
zu einer Frau, die mich ein wenig tröstete. 

Als ich um 7 Uhr heim kam, fuhr sie mich mit den Worten: ,So, kommst du wieder, mach 
ja, daß du hingehst, wo der Pfeffer wächst ." an. Sie schlug mich und warf mich im Laden 
herum, daß ich fast nicht mehr wußte, wo ich war. 

Am andern Tag sagte ich es meiner Vormundin. Sie erschrak sehr; denn sie wollte es mir 
nicht glauben. Sie brachte es so weit, daß es herauskam, wer diesen Korb mitgenommen hatte. 
Ich war froh, daß meine Mutter jetzt wußte, woran sie jetzt war. Ich bin froh, daß ich im 
(nächsten) Frühling fortgehen kann; denn meine Jugendjahre sind ganz verdorben(l). Meine 
Vormundin ist sehr froh, wenn ich im Frühling fortkomme". 

Welche Wirkung dieses Erlebnis auf die empfindsame Schülerin hatte, hörten wir 
eben von ihr erzählen. Der Konflikt mit der Mutter wirkt in ihrem Traume (den sie 
zur Zeit dieser Bestrafung hatte) nach. Die Mutter ist es, die blitzt und donnert uud 
das Unwetter bewirkt. Der trübe Himmel versinnbildlicht augenscheinlich ihre trübe 
Hoffnung, der unruhige See ihr leidvoll bewegtes Leben, aus dem sie keinen andern 
Ausweg als den Untergang ihres Lebensschiffleins wünscht. 

Unsere Vermutung der Selbstmordgefahr wurde also bestätigt. Ich versuchte, die 
Einstellung der Schülerin zur Mutter, so gut es ging, zu bessern, und die Schülerin 
versprach mir überdies, „sie wolle nichts machen (sich kein Leid antun) ohne es 

— 437 — 



mir vorher zu sagen". Ich erklärte ihr, sie dürfe mir jederzeit alles mündlich oder 
schriftlich mitteilen, was sie bedrücke. 

Hätte ich nichts von Psychoanalyse und der Traumanalyse gewußt, so hätte ich 
sehr wahrscheinlich mit der verschlossen dasitzenden Schülerin nichts anzufangen 
gewußt und sie voraussichtlich noch mehr in ihre unzweifelhaft vorhandene Intro- 
version getrieben. So aber gelang es mir, durch die Aussprache das Vertrauen der 
Schülerin zu gewinnen und ihr ein wenig zu helfen. Ein späterer freier Aufsatz 
zeigt deutlich ihre positive Übertragung. Sie hat wieder Lebensmut bekommen und 
die Schule, in der sie verständnisvoll behandelt wird, ist ihr keine Qual. Die äußeren 
Lebensumstände konnten leider trotz des Beistandes einer Vormundin wenig geändert 
werden. 

Gerda hielt sich bis zum Schulende trotz der schlechten Behandlung zu Hause 
recht tapfer. Dann kam sie an einem fremden Ort in eine praktische Lehre. Ich 
erhalte heute noch ab und zu Briefe von ihr, in denen sie mir ihr Befinden mitteilt. 
So berichtet sie mir einmal von einem Freund, den sie gefunden hat, und der sie 
gut verstehen soll. Dann fährt sie fort: „Ich habe jetzt stärkern Mut als vorher und 
schaue das Leben jetzt von einer andern Seite an". 



Zwei unterbliebene Selbstmordversuche 

Von Karl Pipal, Reichenau 

Fall I: M. Sp., I2jähriges Mädchen. 

Das Mädchen gab mir eines Tages folgende Mitteilung ab: „Gestern war ich mit 
meiner Schwester allein zu Hause. Meine Schwester sagte: ,Geh zum Kaufmann und 
hole ein Brot!' Ich sagte: ,Nein!' Sie sagte wieder: ,Du mußt gehen, wir haben kein 
Brot zu Hause!' Ich hatte einen Zorn und lief davon. Meine Schwester lief mir nach, 
aber sie erwischte mich nicht. Ich lief zur Schwabbrücke. Ich wollte in das Wasser 
springen. Da kam meine Freundin imd fragte, was ich da will. Ich sagte: ,Ich will 
in das Wasser springen.' Sie sagte: ,Aber geh, was hast du?" Ich erzählte es ihr. Die 
Freundin lief zu meiner Schwester und sagte es ihr. Indessen kam ich schon, und 
der Vater war auch schon zu Hause. Da bekam ich vom Vater Schläge. Ich lief 
wieder in das Zimmer und schlug die Türe zu. Dann ging ich heraus, zog mir den 
Mantel an und wollte fortgehen. Die Mutter fragte, wo ich hingehe, ich sagte: ,Fort!' 
Die Mutter sagte: ,Du mußt hier bleiben!' Ich dachte mir, wenn ich noch einmal 
Schläge bekomme, springe ich in das Wasser." 

So weit die Mitteilung; eine kleine Aussprache mit dem Mädchen brachte folgende 
Einzelheiten: Die 1 8jährige Schwester ist bösartig, man kann ihr nichts recht machen, 
immer will sie was, einmal sollte ihr M. sogar die Schuhe putzen. Sie befiehlt nurj 
kommandiert, kümmert sich um Sachen, die sie gar nichts angehen, besonders zum. 
Lernen treibt sie immer an. M. folgt ihr aber nicht, macht gerade das Gegenteil 
von dem, was ihr befohlen wird; einmal hat sie absichtlich ihre Rechenaufgabe nicht 
geschrieben (obwohl sie eine Rüge zu erwarten hatte). Das Leben daheim ist ihr 
zuwider, sie möchte am liebsten fort, vielleicht in ein Spital, um sich operieren zu 
lassen (Weshalb?). Ihr tut nichts weh, sie möchte halt fort, oder die Schwester soll 
fort in die Fabrik, sie könnte ja verdienen, es fehlt ohnehin daheim das Geld. Mich 
freut nichts, ich krieg immer so einen Zorn, da könnte ich alles zusammenschlagen. 
[„Wirst du oft geschlagen?"] „Von der Mutter nicht, die ist in der Fabrik, vom Vater 
schon. Wenn ich was anstelle und der Vater schlägt mich, so weine ich, aber wenn 

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er mich wegen der (Schwester) haut, so weiß ich nicht, was ich anfangen soll (vor 
Zorn). Ich nehme mir noch das Lehen!" 

Familienverhältnisse: Vater und Mutter sind als Hilfsarbeiter in der Fabrik tätig, 
die Mutter geht dann noch in ein Gasthaus das Geschirr abwaschen und kommt 
spät abends nach Hause. Die Wirtschaft führt die 18jährige Schwester. M. ist das 
dritte Kind, der Bruder ist aus dem Kriege nicht mehr heimgekehrt. Die Mutter 
kümmert sich nicht viel um sie, sie ist „immer so müde", der Vater ist recht gut, 
aber er wird leicht zornig, und dann haut er gleich hin. 

Aussprache mit dem Vater: Er schaut, daß aus den Kindern was wird, besonders 
M. ist sein Herzblatt. Sie soll nur fleißig lernen, vielleicht kann sie einmal die 
Handelsschule besuchen. Das wäre sein sehnlichster Wunsch, er trinkt nicht, raucht 
nicht, spart jeden Kreuzer für die Kinder. M. ist ja immer brav gewesen, in letzter 
Zeit aber wird sie so ekelhaft, muffig und zornig; den Zorn wird er ihr aber schon 
austreiben. [„Sind Schläge das richtige Mittel?"] „Herr Lehrer, was soll man machen, 
Gott, wir sind daheim auch geschlagen worden, und alle sind wir brave Menschen 
geworden." Er schlägt sie ja nicht stark, nur mit einem dünnen Hosenriemen aufs 
Gesäß, das spürt sie ja gar nicht durch die Kleider. Für das unleidliche Verhältnis 
zwischen den Geschwistern hat er keinen Sinn. Die „Große" ist sehr brav, sorgt wie 
eine Mutter (?) für alle, nur leider wird sie in einem Monat heiraten und dann 
wegkommen, dann muß die Frau daheimbleiben. Zum Schluß der Unterredung ver- 
spricht Herr Sp., für den Monat, den die Große noch in der Familie verbringen soll, 
M. nicht zu schlagen. 

Am nächsten Tage sprach ich wieder mit dem Kinde und wies darauf hin, daß 
ja die Schwester ohnehin bald aus dem Hause kommt, daß sie heiraten werde und 
betonte: „Das hast du mir ja gar nicht verraten." — „Ja, dann wird die Mutter 
daheimbleiben." — „Na und?" — Doch es war nichts mehr zu erfragen, ich durch- 
suchte alle Mitteilungen, nirgends fand ich Angaben, die den Schleier hätten lüften 
können. „Ich habe meine Mutter recht lieb — Vater und Mutter sind mir gleich 
lieb." 

Gesetzt den Fall, der vorgenommene Selbstmord wäre durchgeführt worden, so 
wäre es naheliegend, die Mißhandlung durch den Vater als Selbstmordursache an- 
zusehen. M. ist schon Öfter geschlagen worden, hat die Schläge weinend eingesteckt, 
nur Schläge, die sie ihrer Schwester wegen erhält, können sie rasend machen, könnten 
das letzte auslösende Moment zur Realisierung ihrer Selbstmordideen darstellen. Viel 
komplizierter liegen also die Verhältnisse. Sollte es etwa das Verhältnis zwischen ihr 
und der großen Schwester sein? Ja, das wäre denkbar. Eine erwachsene Schwester, 
die den Haushalt führt, die folglich eine tonangebende Rolle in der Familie spielt, 
sich Mutterrechte ihrer „kleinen" Schwester gegenüber anmaßt, befiehlt, nörgelt und 
tadelt, kann einem wohl das Leben verleiden, noch dazu, wenn der Vater auf ihrer 
Seite ist. Aber M. war früher stets willig, verträglich, ihr Zorn und Trotz stammen 
erst aus letzter Zeit und lassen nicht nach, obwohl sie weiß, daß die Schwester 
ohnehin bald heiratet und dann wegkommen wird. Sie verschweigt die bevorstehende 
Heirat, würde lieber ein Fortkommen in die Fabrik sehen. Die Schwester wird 
heiraten, darf schon heiraten — vielleicht stellt diese Tatsache den Urquell des 
Hasses dar, oder vielleicht liegen die Gründe noch tiefer: Die Schwester kommt fort 
und „ja dann wird die Mutter daheimbleiben", die Schwester wird durch die Mutter 
ersetzt und die Auflehnung, der Trotz, der Haß und das ganze Selbstmordmanöver 
richtet sich möglicherweise gegen diesen Wechsel — wider die Mutter. Allerdings 
fand sich in Gesprächen, Mitteilungen und gelegentlichen Bemerkungen nicht genügend 
Material vor, das berechtigen könnte, aus dieser Vermutung eine Behauptung zu 
formulieren. Das Kind wurde mir gegenüber etwas wortkarg, ich konnte später nur 
noch erfahren, daß die Schwester wirklich geheiratet hat und daß M. sie jeden 
Sonntag besuchen darf. 

- 439 — 



Fall II: A. B., i) ] l 'sj ähriges Mädchen. 

„Als ich einmal mit drei bekannten Burschen von W. herausging, sah mich meine 
Freundin. Da sie schon lange einen Zorn auf mich gehabt hat, brachte sie allerhand 
Reden über mich auf. Sie sprengte aus, daß ich in der Hoffnung wäre. Wenn sie 
das nicht gewußt hatte, daß ich schon unwohl bin, hätte sie nichts • sagen können. 
Es kam so weit, daß es sogar das Fiirsorgeamt erfuhr. Eines Tages, als ich mit der 
Elektrischen von der Schule nach Hause fuhr, stieg ich bei der Endstation aus und 
sali das Fürsorgefräulein. Sie rief mich zu sich und fragte mich aus. Ich kannte mich 
im Anfange gar nicht aus, was sie wolle. Sie fragte mich, ob ich mit Burschen viel 
zu tun gehabt habe, ob ich ältere kenne. Doch ich sagte immer: ,Nein!' Als sie mit 
Ernst anfing und sagte, wenn ich es ihr nicht sage, müsse ich nach Gl. zur Jugend- 
fürsorge. Aber ich sagte nichts, sie brachte nichts aus mir heraus, und so gingen wir 
auseinander. Als ich nach Hause kam, machte die Mutter (Pflegemutter und Tante 
des Kindes) schon ein Gesicht, denn das Fräulein war auch bei meiner Mutter ge- 
wesen und hatte ihr alles erzählt, was sie erfahren hatte. Ich weinte, weil es nicht 
wahr war. Die Mutter sagte zu mir: ,Am nächsten Dienstag mußt du mit dem Vater 
(Onkel) nach GL' Ich ging abends zu Bett, konnte aber nicht einschlafen. Die Uhr 
schlug schon zwölf und ich dachte: Was soll ich jetzt tun? Ich war schon ganz 
lebensüberdrüssig, denn die Leute schauten mich alle vom Kopf bis zum Fuß so an, 
daß ich mich nicht auf die Straße traute. Der Dienstag nahte heran, und ich wußte 
nicht, was ich tun sollte und so beschloß ich, mir das Leben zu nehmen. Doch meine 
1 8jährige Freundin hielt mich immer zurück. Wenn wir uns begegneten, sagte ich 
immer zu ihr: ,Heute siehst du mich zum letzten mal.' Sie redete mir zu, ich soll 
nicht so dumm sein und mir wegen anderen das Leben nehmen. Mir sagte meine 
Freundin, daß, wenn man in der Hoffnung ist, das Unwohlsein ausbleibt. Ich war es 
aber gerade. Am Montag ging ich um halb acht Uhr von zu Hause weg und beschloß, 
mir jetzt das Leben zu nehmen. Ich ging zum Wehr, wo es 10 m tief ist. Meine 
Freundin hatte mich aber bemerkt und war mir nachgeschlichen. Ich hielt mir die 
Hände vor die Augen und wollte hineinspringen. Doch meine Freundin riß mich 
zurück. Es wurde schon neun Uhr und ich war noch nicht daheim. Meine Freundin 
ging mit bis zur Haustür. Am nächsten Tag mußte ich nach Gl. Dort zitterte ich 
am ganzen Körper vor Angst. Wir gingen hinauf und mußten eine kleine Weile 
warten. Dann kam der Herr L. Er rief meinen Vater und mich hinein. Ich weinte 
schon beim Hineingehen, er sprach mich aber freundlich an und ließ mich nieder- 
setzen. Er sprach mit mir so freundlich, daß ich doch vom Weinen aufhörte. Wir 
gingen dann auf die Bahn, und ich war froh, daß es so gut ausgegangen war. Ich 
war damals wirklich schon lebensüberdrüssig, aber meine Freundin rettete mir das 
Leben." 

Zweifellos hat die Angst vor dem „Dienstag" eine schwere Verstimmung im Kinde 
hervorgerufen, und diese Angst mag noch durch Selbstvorwürfe und Schuldgefühle 
verstärkt worden sein, denn A. B. ist keineswegs das Opfer einer böswilligen Ver- 
leumdung, ihre Mitteilung verschweigt und verwischt den wahren Tatbestand. Über 
das Mädchen, das sich in der Schule höchstens durch Schwatzhaftigkeit und seine 
Schmierschrift bemerkbar machte, brach nämlich ganz unerwartet ein Strafgericht 
herein. Der 12jährige A. K. beklagte sicli eines Tages beim Klassenvorstand, daß er 
von den andern Mitschülern beschuldigt werde, mit A. B. zu gehen und mit ihr 
sogar im Walde gewesen zu sein. „Die B. ist ein schlechtes Mädel, das auch andere 
Burschen hat," versicherte er und schloß seine Rede mit den Worten: „Das brauche 
ich mir nicht gefallen zu lassen!" Am nächsten Tage schon stand die Schülerin M. Z. 
draußen: „Bitte, die B. verführt uns zu Schlechtigkeiten!" — „Schlechtigkeiten?" — 
„Ja, sie hat auch ein kleines Mädchen in den Keller geführt, dort ausgezogen und 
geschlagen." — Da A. B. der Berufsvormundschaft untersteht, erfolgte die Meldung 
und die Fürsorgerin ermittelte, daß es sich leider nicht um eine bloße Tratscherei 

— 440 — 



handelte. B. hat tatsächlich ein 6 jähriges Mädchen wiederholt in den Keller geführt, 
dort entkleidet, geschlagen und zur gegenseitigen Masturbation abgerichtet. Ferner 
führte sie dem kleinen Mädchen eine Hühnerfeder in die Vagina ein und mißbrauchte 
in ähnlicher Weise auch das dreijährige Pflegekind ihrer Tante. Das 6jährige 
Mädchen erzählte lachend von diesen Vorfällen, B. leugnete, gestand später, be- 
schwerte sich nur darüber, daß die Leute munkeln, sie wäre schwanger und meinte 
mit Entschiedenheit: „Wenn das wahr ist, nehme ich mir das Leben." Doch die 
1 8jährige* Freundin tröstet, B. erfährt, daß das Unwohlsein ausbleibt, wenn man 
schwanger ist. Das 1 8jährige Mädchen spielt in ihrem Leben eine große Rolle, ist 
Mitwisserin aller Vorfälle, erklärt, belehrt und erzählt eigene Erlebnisse ihrer Freundin, 
der 14jährigen B. Wie sehr sehnen sich junge Mädchen nach einer älteren, ver- 
stehenden Freundin, und es ist traurig, daß sie auf Personen verfallen, verfallen 
müssen, um Aufklärung in gewissen Dingen zu erlangen, die zu erörtern, die Mutter 
oder Pflegemutter sich scheut. Wie dankbar sind sie für das Sickerwasser dieser 
Schmutzquellen, schwärmerische Freundschaften entstehen, man geht mit der älteren 
Freundin durch dick und dünn, würde ihr sogar in den Tod folgen. Zur Illustration 
ein „Erlebnis", das mir B. lange vor der oben wiedergegebenen Mitteilung erzählt 
hatte': „Am Samstag kam von Wien der Geliebte meiner Freundin. Da mein Onkel 
keinen Platz mehr hatte, schliefen sie beim Sp. Sie saßen mitsammen im Gasthaus, 
und das andere Dienstmädchen auch. Da meine Freundin „krank" war, trieb ihr 
Geliebter schon immer: „Geh' schlafen, in diesem Zustand kannst doch nicht so 
lange aufbleiben." Sie sagte nichts und ging schlafen. Sie schlief auf dem Boden auf 
einer Matratze. Sie konnte aber nicht schlafen, denn sie dachte sich es schon, warum 
er so getrieben hat. Sie schaute beim Fenster hinunter, und nach einer Weile sali sie 
das Mädel beim Fenster hinausspringen und den Burschen nach. Sie standen und 
plauschten. Da rief sie hinunter: „Gute Unterhaltung!" Aber sie dürften es nicht gehört 
haben. Sie mußte sich wieder niederlegen und weinte, daß ihr Geliebter so falsch 
kann sein. Er kam nach einer langen Zeit und sagte, er sei auf dem Klosett gewesen. 
Doch sie mußte wieder weinen. Er wollte sie trösten, doch sie ließ sich nicht Da 
kannte er, daß sie es gesehen haben mußte. In aller Früh kam sie zu mir und erzählte 
alles Wir weinten alle zwei und schliefen dabei ein. Wir standen sehr spät auf und 
gingen dann spazieren und weinten uns noch aus. Das ist doch ein trauriges Erlebnis, 
wir wollten beide sterben". 

Die Selbstmordliteratur kennt eine Reihe von Fällen, in denen ältere Freundinnen, 
in Liebesangelegenheiten verwickelt, ihre jüngeren Gefährtinnen zu diesem Schritt 
bewogen haben; man geht eben zu zweit viel leichter in den Tod. Doch weit wichtiger 
erscheint mir für uns der Fall, in dem diese Freundin zur „Lebensretterin" wurde, 
wohl wert, noch einige Bemerkungen anzuschließen. In der Zeit, als gegen B. in der 
Schule Sturm gelaufen wurde, kam auch folgender Brief einer Mutter an den Klassen- 
vorstand: „Ich erlaube mir zu bitten, daß Herr Fachlehrer meine Tochter Fritzi von 
der B wegsetzen möchte, da sie mir Sachen nach Hause bringt, daß ich nur staune. 
Wenn ich sie frage, von wo hörst du das, sagt sie, von der B". Die Mutter wurde vor- 
geladen und B.'s Schwatzhaftigkeit entpuppte sich als Aufklärungsarbeit über Menstru- 
ation, Verkehr, Schwangerschaft, etc. Fritzi, natürlich ein reiner Engel, war aufs äußerste 
gefährdet. Anbei bemerkt, waren es stets die gleichen Mädchen, die sich mit B. ab- 
gaben, und es ist hier nicht Gelegenheit, einen Beweis zu führen, der das bekannte 
Sprichwort, „gleich zu gleich gesellt sich gern", bestätigen würde. 

Mehr als vier Monate hatte ich noch Gelegenheit, B. zu beobachten. In ihrem Wesen 
war keine Veränderung zu bemerken, nur ihre Schwatzhaftigkeit wurde von einer förm- 
lichen Lesewut abgelöst. Aus den Mitteilungen, die ich in der Folgezeit von ihr erhielt, 
sei nur noch ein recht interessantes Erlebnis angeführt, das sich „Unvergeßliche Stunden" 
betitelt: „Wie ich einmal in W. war, kamen drei Ingenieure. Der eine von den dreien 
war sehr fesch, er kam zu mir und küßte mich. Ich schämte mich vor den anderen, 

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Ich sagte: , Gehen Sie weg!* Er sagte: , Seien Sie nicht so grauslich'. Er ging weg. 
Nach einer Weile kam er wieder und sagte : ,Sie sind ein fesches Lieserl'. Er nahm 
mich um den Hals und plauderte mit mir. Dann fuhren sie nach Hause. Das ist meine 
unvergeßliche Stunde". 

In W. besitzt eine Tante eine Touristenherberge. B. verbrachte dort häufig den 
Samstagnachmittag und den Sonntag und hatte Gelegenheit, manches zu hören und zu 
erleben, was für ein über sein Alter entwickeltes Mädchen, das ohnehin zur Gefall- 
sucht neigt, nicht paßt. Die Besuche der Tante in W. wurden von der BerufsVormund- 
schaft untersagt. Sie bedarf einer erhöhten Aufmerksamkeit und Überwachung und 
dürfte auch bei recht günstigen Milieuverhältnissen der Berufsvormundschaft noch 
manch schwere Sorge bereiten. Ihr Ideal wäre, in einem großen Warenhaus als Ver- 
käuferin unterzukommen. Auch diese Berufswahl verrät deutlich die Tendenz, möglichst 
leicht zu arbeiten, schöne Kleider zu tragen und allgemein zu gefallen. Mich würde 
es nicht wundern, eines Tages zu hören, B. sei eine Prostituierte geworden, denn es ist 
für ein Mädchen schwer, brav zu bleiben, wenn es als uneheliches Kind früh die Mutter 
verliert, in elenden Verhältnissen aufwächst, von unsoliden Quellen die erste Aufklärung 
erhält, früh verdorben wird und ganz auf sich selbst angewiesen ist. Die guten Anlagen 
bröckeln nach und nach ab und mit ihnen schwinden alle Schranken und moralischen 
Hemmungen, die der schlechten äußeren Umstände wegen nie festen Boden fassen 
konnten. 

* 

Ich bin vollkommen überzeugt, daß die Behandlung dieser zwei Fälle, in denen 
Selbstmordregungen nicht realisiert wurden, keinen Anspruch auf vollständige Klar- 
legung der Selbstmordursachen erheben darf. Besonders im zweiten Falle vermied 
ich jede Ausfragerei, um eine „schiefe Stellung" meiner Person zu vermeiden und 
beschränkte mich auf die Verarbeitung und Zusammenstellung des mir gelegentlich 
abgegebenen Materials. Eines aber scheint mir unumstößlich wahr zu sein: Ebenso- 
wenig, als man die Verantwortlichkeit der Schule an einem gelungenen oder miß- 
glückten Selbstmordversuch überschätzen darf, ist es angezeigt, ihre Verantwortlichkeit 
zu unterschätzen. Sie kann ebenso wie die Familie schon durch kleine Felller, die ver- 
zweifelte Stimmung des jugendlichen Selbstmörders verstärken und treibende Umstände 
für die Ausführung des Selbstmordes abgeben. 






BERICHTE 



Bücher 

HAVELOCK ELLIS: Der Tanz des Lebens. Übersetzt von Eva Schu- 
mann. 307 Seiten. Verlag von Felix Meiner in Leipzig. 1928. 

In Deutschland kennt man Havelock Ellis vor allem als Verfasser zahlreicher 
Schriften über sexualpsychologische Fragen. Er war auch einer der wenigen, der 
schon den ersten Veröffentlichungen Freuds, speziell der Traumdeutung, eine ver- 
ständnisvolle Beachtung zuwandte, Wir finden in seinen Werken viele Gedanken der 
Psychoanalyse verarbeitet, wenn er auch nicht alle Ergebnisse derselben anerkennt. 

Das vorliegende Buch, das 1923 in Amerika erschienen ist, ist nun das philoso- 
phische Hauptwerk von Havelock Ellis. Nicht Philosophie im Sinne eines Systems, 

— 442 — 



sondern eher das, was wir als „Lebensphilosophie" zu bezeichnen pflegen. Was er 
fordert, ist: das Leben mit Kunst zu durchziehen, die Tatsache des Lebens an sich 
schon als Kunst zu erfassen, und alle Lebensführung als Kunst zu gestalten. Symbol 
für Kunst ist für ihn der Tanz und so auch Symbol für das Leben des Einzelnen 
wie für die Welt als Ganzes. 

Ellis geht aus von der engen Verknüpfung, in der der Tanz bei den Völkern des 
Altertums wie bei den Primitiven mit dem täglichen Leben stand. Er weist hin auf 
die Kriegstänze, auf den Rhythmus der Arbeit, auf den Tanz als Ausdruck der Freude 
wie als Erziehungsmittel. Zugleich ist der Tanz der primitive Ausdruck für das 
religiöse wie das erotische Gefühl des Menschen. Darüber hinaus erhält der Tanz 
für Ellis seinen hohen Symbolwert aus der vollkommenen Verbindung von Harmonie 
und Kraft, die er darstellt. Aus diesen Gründen entwickelt er gerade am Tanz seine 
Gedanken über den Sinn und den Wert des Lebens. Das Buch enthält eine Fülle von 
interessanten Einzelheiten, wie sie nur ein Mensch von so umfassendem Wissen wie 
Havelock Ellis bieten kann. Die Übersetzung liest sich recht klar. 

Lizi Bonwitt -Hepner 

ARNOLD UL1TZ: Aufruhr der Kinder Propyläen -Verlag, Berlin. 

Zwei Knaben wachsen in einem spielerisch-künstlerischen Elternhaus heran, äußer- 
lich wenig gefördert, aber innerlich auch wenig gehemmt von Eltern, die beide ihre 
zahlreichen brotlosen Künste („unrentable Talente") in maßloser Geselligkeit bei 
fremden Menschen verschwenderisch ausstreuen, und dabei so wenig an die Zukunft 
ihrer Kinder denken, daß der Mutter nichts anderes übrig bleibt, als diese nach dem 
plötzlichen Tode des Vaters in ein Waisenhaus ältesten Zuschnittes zu geben. Wie 
die begabten, gut gearteten Kinder unter gänzlich veralteten Formen von „Ordnung, 
System und Gesetz" unter den lieblosen Händen des „Herrn Vaters" und der „Frau 
Mutter" aus Kindern, die trotz aller Vernachlässigung dennoch in der heiter-gedanken- 
losen Liebe der eigenen Eltern selig und ihre Kindheit zu genießen wußten, in der 
Sinnlosigkeit des Anstaltslebens zu grauen, zerquälten, verzweifelten und endlich 
rebellischen Geschöpfen werden, das ist lebendig und erschütternd dargestellt. 

P. M. 



Vom 2. bis 4. Oktober d. J. veranstaltet der Bund Entschiedener Schulre- 
former im Bürgersaal des Berlin-Schöneberger Rathauses am Rudolf -Wilde -Platz 
einen öffentlichen Kongreß mit dem Thema: „Geschlechtliche Erziehung — 
Aufartung — Lebenshilfe". Es sprechen die bekannten Redner: Stadtarzt Dr. Max 
Hodann, Dr. med. Heinrich Dehmel, Frau Margarete Kaiser, Stadtarzt Dr. Georg 
Loewenstein, der Soziologe Dr. Paul Krische, Professor Paul Oestreich u. a. Im 
Anschluß daran findet am'4. Oktober in der Aula der Hohenzollern- Oberrealschule 
Berlin -Schöneberg eine öffentliche Abendkundgebung mit dem Thema : „Sexualnot 
und Sexualhilfe" statt, zu der als Redner zugesagt haben: Professor Dr. Wilhelm 
Liepmann, Dr. Fritz Kunkel, Dr. Magnus Hirschfeld, Oberstudiendirektor Dr. Erich 
Schönebeck, Dr. Margarete Stegmann u. a. Für den 5. Oktober ist eine Reihe von 
Besichtigungen einschlägiger Institute und Einrichtungen vorgesehen. — Die Teil- 
nehmergebühr für eine Vollkarte beträgt M 6.—, für eine Halbtagskarte M 1.50. — 
Anmeldungen, Anfragen und Zahlungen an Konrektor Albert Lenz, Berlin O 17, 
Hohenlohestraße 9. 

11111111111111111111111111111111111111111111111111 Minium 1111111111111111111111111111111 11 min 

Herausgeber: Dr. Heinrich Meng in Frankfurt a. M. und Prof. Dr. Ernst Schneider in Stuttgart. 

Eigentümer, Verleger und Herausgeber für Österreich: Adolf Josef Storfer, Wien, 1., Börsegasse 11 

(„Verlag der Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik"). 

Verantwortlicher Redakteur: Dr. Paul Federn, Wien, I., Riemergasse 1. 

Druck von Emil M. Engel, Druckerei und Verlagsanstalt, Wien, I., In der Börse. 



. 






Internationaler Psychoanalytischer Verlag 

Wien I, Börsegasse 11 






Soeben ist erschienen: 



Dürers „Melancholie" 

im Lichte der Psychoanalyse 






Von 

Alfred Winterstein 



Mit zwei Kunstbeilagen 

In Ganzleinen M. 4.60 
Inhalt 



Der Inhalt des Kupferstiches „Melencolia I" 

II 
Die historischen Voraussetzungen des Diirerischen Konzeptes 

III 

Die Quellen zu Dürers „Melencolia I" 

IV 
Saturn, Melancholie und Analcharakter 

V 
Dürers Lebensgeschichte und Persönlichkeit 

VI 

Der Tod der Mutter 

VII 

Die psychoanalytische Deutung der „Melencolia I" 

VIII 
Zur Abwehr