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Full text of "Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik III 1929 Heft 14/15"

ZEITSCHRIFT FÜR PSYCHO- 
ANALYTISCHE PÄDAGOGIK 

- ■ — ■ ■ — ^ — ^_ 

ID. Jahrgang November — Dezember Heft 14/15 



. 



Die Beziehungen zwischen Psychoanalyse und 

Pädagogik 

Von Anna Freud, Wien 

Im Hippokratesverlag in Stuttgart ist soeben eine Broschüre von Anna Freud 
unter dem Titel „Einführung in die Psychoanalyse für Pädagogen" erschienen: 
sie enthält 4 Vorträge, die die Verfasserin in diesem Jahre vor einem pädagogi- 
schen Publikum, vor Horterziehern der Gemeinde Wien gehalten hatte. Mit Ge- 
nehmigung des Hippokratesverlags geben wir hier den Schlußvortrag wieder. 

Meine Damen und Herren! Wir dürfen voneinander nicht zu viel ver- 
langen. Sie dürfen nicht erwarten, daß es mir gelingen kann, Ihnen in vier 
Kursstunden mehr als die allerwichtigsten Grundtatsachen einer Wissenschaft 
vorzuführen, zu deren Studium man ebensoviele Jahre brauchen würde; 
ich glaube nicht, daß Sie alle Einzelheiten, die ich Ihnen vorgetragen habe, in 
der Erinnerung behalten werden. Aus der gedrängten und wahrscheinlich 
oft verwirrenden Fülle meiner Zusammenfassung werden Sie vielleicht nur 
drei für die Psychoanalyse charakteristische Gesichtspunkte als Richtlinien 
festhalten können. 

Der erste dieser Gesichtspunkte bezieht sich auf die zeitliche Ein- 
teilung. Die Psychoanalyse unterscheidet, wie Sie erfahren haben, im 
Leben des Kindes drei verschiedene Perioden: die Frühzeit, etwa bis zum 
Ende des fünften Lebensjahres; die Latenzperiode bis zum Beginn der Vor- 
pubertät, etwa nach dem elften, zwölften oder dreizehnten Jahr und die 
Pubertät, die in die Erwachsenheit einmündet. Für jede dieser Perioden ist 
eine andere Gefühlseinstellung des Kindes zu den Menschen seiner Umwelt 
und eine andere Stufe der Triebentwicklung normal und charakteristisch. 
Die Beurteilung einer bestimmten Eigenschaft oder Reaktionsweise des Kindes 
wird also nie unabhängig von der Periode sein können, in der es sich 
befindet. Ein Stück triebhafter Grausamkeit oder Schamlosigkeit zum Beispiel, 
das in der frühkindlichen Periode und der Pubertät der normalen Em- 

Zeitschrift f. psa. Päd., 111 14/15 445 27 

INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




wicklung angehört, wird in der Latenzzeit dem Beobachter zu Besorgnis 
Anlaß geben, in der Erwachsenheit vielleicht als pervers gewertet werden 
müssen. Die starke Bindung an die Elternpersonen, die in der ersten Kind- 
heit und der Latenzzeit natürlich und erwünscht ist, gilt am Ausgang der 
Pubertät, wenn sie bestehen bleibt, als Zeichen einer Entwicklungshemmung ; 
der Drang nach Auflehnung und innerer Befreiung, der in der Pubertät 
den Ausgang in normale Erwachsenheit erleichtert, kann in der ersten Kindheit 
oder der Latenzzeit zum Hindernis für eine gute Ichentwicklung werden. 

Der zweite Gesichtspunkt bezieht sich auf den inneren Aufbau der 
kindlichen Persönlichkeit. Sie haben sich das Kind, mit dem Sie 
zu arbeiten haben, bisher wahrscheinlich als ein einheitliches Wesen vor- 
gestellt und sich danach das Widerspruchsvolle seines Benehmens, den Ab- 
stand zwischen seinem W' llen und Können, das Mißverhältnis zwischen 
seinen Vorsätzen und Handlungen nicht erklären können. Die psycho- 
analytische Auffassung zeigt Ihnen das Wesen des Kindes als ein dreifach 
gespaltenes: in ein Triebleben, in das Ich des Kindes und sein ÜberTch, 
den Abkömmling seiner Elternbeziehung. Die Widersprüche seines Verhaltens 
erklären sich ohne weiteres, wenn Sie lernen, hinter seinen verschiedenen 
Reaktionen denjenigen Anteil seines Wesen zu erkennen, der gerade in 
diesem Augenblick das Recht zu handeln an sich gerissen hat. 

Der dritte Gesichtspunkt schließlich bezieht sich auf das gegenseitige 
Verhältnis dieser Anteile der kindlichen Person, die wir 
uns nicht als ruhende Zustände, sondern als miteinander kämpfende Kräfte 
vorstellen müssen. Der Ausgang eines solchen Einzelkampfes, etwa des kind- 
lichen Ichs mit einem ihm unerwünschten Triebwunsch, hängt von der 
relativen Stärke der einzelnen Regungen ab, also von dem Maß an Libido, 
das dem Triebwunsch zur Verfügung steht, verglichen mit der Energie der 
gegnerischen vom Über-Ich her angeregten Verdrängungsneigung. 

Aber ich fürchte, auch diese drei vereinfachten und praktisch anwend- 
baren Anschauungsweisen bieten Ihnen noch nicht ganz das, was Sie von 
der Psychoanalyse an Hilfe für Ihre Arbeit entnehmen wollten. Mehr als 
eine Erweiterung Ihres theoretischen Verständnisses suchen Sie wahrscheinlich 
praktische Anweisungen, nach denen Sie sich richten können. Sie wollen 
sicher wissen, welche Erziehungsmittel die empfehlenswertesten wären; 
welche Sie durchaus zu vermeiden haben, wenn Sie nicht die ganze Ent- 
wicklung des Kindes dadurch gefährden wollen; vor allem aber ob man 
überhaupt im ganzen mehr oder weniger als bisher üblich erziehen solle? 

Zur Beantwortung der letzten Frage wäre zu sagen, daß die Ps} r choanalyse, 
so oft sie bisher mit der Pädagogik zusammengestoßen ist, immer einem 
Wunsch nach Einschränkung der Erziehung Ausdruck gegeben 

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hat. Die Psychoanalyse hat uns eine ganz bestimmte Gefahr der Erziehung 
vor Augen geführt. Sie haben erfahren, auf welchen Wegen das Kind 
gezwungen wird, die Forderungen der erwachsenen Umwelt zu erfüllen. 
Sie wissen, es überwindet seine ersten großen Gefühlsbindungen, indem es 
sich den geliebten und gefürchteten Personen angleicht: es entwächst ihrem 
äußeren Einfluß, richtet aber inzwischen in seinem Inneren, in Nach- 
ahmung jener Personen eine Instanz auf, die diesen Einfluß innen weiter 
aufrecht hält. Diese Einverleibung von außen nach innen ist der gefährliche 
Schritt. Mit ihr werden die Verbote und Forderungen der Erziehungs- 
personen starr und unwandelbar. Sie werden aus etwas Lebendigem zu einem 
historischen Rückstand, der unfähig ist, sich den fortschreitenden äußeren 
Veränderungen anzupassen. Die Eltern waren in ihrem Verhalten noch durch 
Vernunftgründe beeinflußbar und allen Ansprüchen einer neuen Situation 
zugänglich. Sie wären natürlich bereit gewesen, dem Dreißigjährigen zu er- 
lauben, was sie dem Dreijährigen streng verboten hatten. Der Anteil des Ichs 
aber, der sich aus dem Niederschlag ihrer Gebote gebildet hat, ist unerbittlich. 
Im Folgenden einige Beispiele zur Erläuterung. Ich kenne einen Knaben, 
der in seinen frühesten Kinderjahren außerordentlich naschhaft war. 
Da sein Drang nach Süßigkeiten zu groß war, um mit erlaubten Mitteln 
gestillt werden zu können, verfiel er auf allerlei unerlaubte Pläne und 
Schliche, um sich Näschereien zu verschaffen, verwendete alles Geld darauf, 
das er besaß, und nahm es auch mit der Beschaffung weiterer Geldmittel 
nicht sehr genau. Die Erziehung war veranlaßt einzugreifen; man verbot dem 
Jungen das Naschen und seine leidenschaftliche Anhänglichkeit an die Mutter, 
von der der Eingriff ausgegangen war, verlieh dem Verbot den besonderen 
Nachdruck. Seine Naschhaftigkeit verschwand zur Zufriedenheit der Er- 
wachsenen. Aber auch heute, wo dieser Junge ein Halberwachsener ist, 
dem Geldmittel reichlich zur Verfügung stehen und der die Freiheit hätte, 
die Süßigkeiten aller Konditoreien Wiens zusammenzukaufen, ist er noch 
nicht imstande, ein Stück Schokolade zum Mund zu führen, ohne dabei 
glühendrot zu werden. Jeder, der ihn dabei beobachtet, ist sofort sicher 
Der tut etwas Verbotenes, er ißt, was er mit gestohlenem Geld gekauft 
hat. Sie sehen, die Einschränkung weitet sich nicht automatisch mit der 
veränderten Sachlage. 

Hören Sie daneben ein zweites, schon weniger harmloses Beispiel. Ein 
kleiner Junge liebt seine Mutter mit besonderer Zärtlich- 
keit, alle seine Wünsche richten sich darauf, bei ihr den Platz auszufüllen, 
der in Wirklichkeit seinem Vater gebührt, ihr Vertrauter und Beschützer 
und der von ihr am meisten Geliebte zu sein. Der Kleine macht nun zu 
wiederholten Malen die für ihn erschütternde Erfahrung, daß der Vater 



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der rechtmäßige Besitzer der von ihm angestrebten Stellung ist, daß er die 
Macht hat, ihn jederzeit von der Mutter wegzuweisen und ihm seine kind- 
liche Hilflosigkeit und Ohnmacht vor Augen zu führen. Das Verbot, den 
Platz des Vaters anzustreben, befestigt sich in ihm durch die Angst vor 
dem als sehr mächtig Erkannten. Später, als Halbwüchsiger, zeigt dieser 
Junge eine quälende Schüchternheit und Unsicherheit, die sich 
zur unerträglichen Hemmung steigert, wenn er sich in derselben 
Wohnung oder demselben Haus mit einem von ihm geliebten Mädchen 
befindet. Inhalt seiner Angst ist die Vorstellung, es könnte jemand kommen 
und ihm erklären, der Platz, wo er gerade sitze oder stehe, gehöre jemand 
anderem, er habe kein Recht, sich da aufzuhalten. Zur Vermeidung dieser 
für ihn außerordentlich peinlichen Situation verwendet er einen großen 
Teil seiner Energie darauf, Ausflüchte vorzubereiten, die diesem anderen 
seine Anwesenheit auf harmlose Art plausibel machen könnten. 

Oder ein anderes Beispiel: ein ganz kleines Mädchen entwickelt eine 
übermäßige Freude an der Nacktheit ihres eigenen Körpers, zeigt sich 
ihren Geschwistern unbekleidet und macht sich ein Vergnügen daraus, 
vor dem Schlafengehen splitternackt duroh die Zimmer zu laufen. Die 
Erziehung greift ein, auch diesmal mit Erfolg. Die Kleine verwendet eine 
außerordentliche Bemühung darauf, diese Neigung zu unterdrücken. Das 
Resultat ist eine große Schamhaftigkeit, die sie auch durch die weiteren 
Jahre begleitet. Später bei der Frage der Berufswahl, schlägt, ihr jemand 
eine Tätigkeit vor, die es mit sich bringen würde, daß sie mit Kolleginnen 
das Zimmer teilt. Und sie erklärt unbedenklich: Der Beruf sei nichts für 
sie. Hinter der vernunftgemäßen Begründung zeigt sich schließlich die 
Befürchtung: da müßte sie sich ja vor den anderen ausziehen. Die Frage 
der Eignung oder Vorliebe fällt hier gar nicht ins Gewicht gegenüber der 
Stärke des aus der Kinderzeit übernommenen Verbotes. 

Der Psychoanalytiker, der sich in seiner therapeutischen Arbeit mit der 
Auflösung solcher Hemmungen und Entwicklungsstörungen beschäftigt, 
lernt die Erziehung wirklich von ihrer schlechtesten Seite kennen. Hier, 
meint er, habe man doch allzu sehr mit Kanonen nach Spatzen geschossen. 
Wäre es nicht besser gewesen, Anstand und Sitte in diesen verschiedenen 
Kinderstuben etwas herabzusetzen, das eine Kind naschen, das andere sich 
in die Vaterrolle phantasieren zu lassen, dem dritten seine Nacktheit und 
einem vierten sogar das Spiel mit dem eigenen Genitale zu erlauben? 
Hätten diese kindlichen Befriedigungen wirklich irgendeine Bedeutung 
gehabt, die sich auch nur vergleichen ließe mit dem Schaden, den die 
gute Erziehung hier gestiftet hat? Mit der Spaltung, die man auf diese 
Weise in die kindliche Person hineinträgt; der Art, wie man den einen 

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Teil des Individuums gegen den anderen aufhetzt; wie man die Liebes- 
fähigkeit herabsetzt und das Kind vielleicht zu einem genuß- und leistungs- 
unfähigen Menschen heranwachsen läßt? Und der Analytiker, dem dies 
alles vor Augen tritt, nimmt sich vor, zumindest für seine Person nicht 
mitzutun, seine eigenen Kinder lieber frei als so erzogen aufwachsen zu 
lassen und lieber etwas Ungezügeltheit im Endergebnis zu riskieren, statt 
ihnen von vorneherein eine solche Verkrüppelung der Persönlichkeit auf- 
zuzwingen. 

Aber Sie erschrecken sicher vor der Einseitigkeit meiner Betrachtungs- 
weise. Es ist höchste Zeit, den Standpunkt zu wechseln. Die Erziehung 
erscheint uns in einem anderen Licht, wenn wir sie von einem anderen 
Endergebnis aus betrachten, zum Beispiel von der Beschäftigung mit dem 
Verwahrlosten, wie August Aichhorn in seinem Buch „Verwahrloste 
Jugend". 

Der Verwahrloste, sagt Aichhorn, widerstrebt einer Einreihung in 
die ihn umgebende menschliche Gesellschaft. Es gelingt ihm nicht, seine 
Triebbefriedigung zu hemmen; er kann nicht genug Energie von seinen 
Sexualtrieben abziehen, um sie für andere, in der Gesellschaft höher 
geschätzte Ziele zur Verwendung zu haben. Er weigert sich darum, sich 
die Einschränkungen auferlegen zu lassen, die für die Gemeinschaft seiner 
Zeit maßgebend sind und entzieht sich in gleicher Weise seinem Anteil 
an Arbeit in dieser Gemeinschaft. Wer mit ihm pädagogisch oder analytisch 
arbeitet, kann sich vor allem einem Eindruck nicht entziehen: dem Be- 
dauern darüber, daß es in seiner Kindheit keine Macht gegeben hat, die 
es zustande gebracht hätte, ihm zuerst äußere Hemmungen seines Trieb- 
lebens aufzuerlegen, um diese äußeren Hemmnisse dann allmählich in 
innere sich verwandeln zu lassen. 

Nehmen Sie als Beispiel ein Kind, das eine Weile die Aufmerksamkeit 
des Wiener Jugendamtes in Anspruch genommen hatte. Dieses achtjährige 
Mädchen war in der Familie und in der Schule in gleicher Weise unbrauchbar. 
Von jeder Erziehungsanstalt oder Erholungsstätte wurde es unweigerlich in 
längstens drei Tagen den Eltern zurückgestellt. Es weigerte sich zu lernen 
oder sich an den Beschäftigungen der andern zu beteiligen; es stellte sich 
dumm, so täuschend, daß es an mehreren Orten als intellektuell defekt 
diagnostiziert wurde. Während des Unterrichts legte es sich im Klassenzimmer 
auf eine Bank und spielte an seinen Geschlechtsteilen. Jeder Störung in 
dieser Beschäftigung begegnete es mit einem wilden Gebrüll, vor dem die 
Erwachsenen erschreckt zurückfuhren. Im Elternhaus wurde es mißhandelt, 
da das noch das einzige war, was die Erwachsenen mit ihm anzufangen 
wußten. Die analytische Beobachtung ergab vor allem zweierlei. Sie zeigte, 

— 449 — 



daß die äußeren Umstände für die Entwicklung irgendwelcher Gefühls- 
beziehungen zwischen dem Kind und der umgebenden Welt besonders un- 
günstig waren. Von keiner Seite hätte irgendeine Prämie an Liebe das Kind 
für das Aufgeben der Befriedigung am eigenen Körper, also für den Ent- 
gang von Lust, entschädigen können. Sie zeigte gleichzeitig, daß auch die 
reichlichen Strafen, von denen die Eltern sich offenbar die einschränkende 
Wirkung erwartet hatten, ihren Zweck nicht erfüllen konnten: das kleine 
Mädchen hatte — es ist nicht festzustellen, ob durch ihre Veranlagung oder 
durch schwere frühzeitige Erlebnisse — einen so starken Masochismus ent- 
wickelt, daß jede Züchtigung ihr immer wieder nur ein Anreiz zur Sexual- 
erregung und Sexualbetätigung werden konnte. Vergleichen Sie diesen Fall 
von Verwahrlosung mit dem früher geschilderten von Hemmung : Sie sehen, 
ein freier und in sich geschlossener Mensch ist auch dieses Kind nicht 
geworden. Es ist nichts anderes, als ein kleines eingeschüchtertes Tierchen, 
das neben der moralischen auch die geistige Weiterentwicklung eingestellt hat. 

Aichhorn erwähnt in seinem Buche „Verwahrloste Jugend" einen andern 
schweren Fall von Verwahrlosung, einen Knaben, der etwa von seinem sechsten 
Lebensjahr an durch Jahre alle Arten geschlechtlicher Befriedigung an seiner 
Mutter gefunden und schließlich nach vollendeter Sexualreife in wirklichem 
Geschlechtsverkehr mit ihr gelebt, also das in der Realität erreicht hatte, 
was seine Altersgenossen nur als Phantasie beschäftigt. Aber auch aus diesem 
Knaben war nicht der geschlossene, einheitliche, kraftvolle Mensch geworden, 
den wir uns nach den früher geschilderten schlechten Erfahrungen mit der 
Erziehung erwartet hätten. In seiner Entwicklung war etwas wie ein Kurz- 
schluß vor sich gegangen. Durch die frühe reale Erfüllung seiner Wünsche 
hatte er sich den ganzen Umweg über das „Er wachsen werden" erspart, der 
Wunsch, so zu werden wie der Vater, um auch zu den dem Vater erlaubten 
Befriedigungsmöglichkeiten zu gelangen, war überflüssig geworden. Er war 
zwar der Persönlichkeitsspaltung entgangen, dafür aber hatte er jede Weiter- 
entwicklung als überflüssig aufgegeben. 

Aber Sie werden finden, das Problem sei nicht so schwierig, wie ich es 
Ihnen darstellen möchte. Entwicklungsstörung und Verwahrlosung seien eben 
die extremen Endergebnisse, die eine zeige den schädigenden Einfluß der 
übergroßen Hemmung, die andere den der Hemmungslosigkeit. Die Aufgabe 
einer auf den analytischen Tatsachen aufgebauten psychoanalytischen Päda- 
gogik sei es nun, einen Mittelweg zwischen den Extremen zu finden, das 
heißt, für jede Altersstufe des Kindes die richtige Mischung zwischen 
Gewährung von Befriedigungen und Triebeinschränkungen anzugeben. 

Vielleicht hätte die ausführliche Schilderung dieser neuen pädagogisch 
analytischen Vorschriften den eigentlichen Inhalt meiner Mitteilungen an 

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Sie ausmachen sollen. Diese analytische Pädagogik gibt es aber vorläufig 
noch gar nicht. Alles, was wir schon haben, sind einzelne für diese Auf- 
gabe interessierte Erzieherpersonen, die selber eine Analyse durchgemacht 
haben, und jetzt versuchen, das was sie daraus für das Verständnis ihres 
eigenen Trieblebens gelernt haben, auch auf die Erziehung der Kinder 
anzuwenden, mit denen sie sich beschäftigen. Es wird eine Weile dauern, 
bis der theoretische Aufbau und das praktische Rezept fertiggestellt ist, das 
man dann zur allgemeinen Anwendung empfehlen kann. 

Trotzdem dürfen Sie nicht sagen, daß die Psychoanalyse außer Zukunfts- 
anweisungen noch nichts für die Pädagogik geleistet hat, daß es für Päda- 
gogen, die in der praktischen Arbeit stehen, überhaupt noch nicht lohnt, 
sich mit der Psychoanalyse zu beschäftigen, daß es vielleicht besser wäre, 
ihnen noch davon abzuraten, sie statt dessen in zehn oder zwanzig Jahren 
noch einmal anfragen zu lassen, was inzwischen an Anwendungen der 
Psychoanalyse auf die Pädagogik fertig geworden ist. 

Ich meine, die Psychoanalyse leistet der Pädagogik auch heute schon 
dreierlei. Sie eignet sich zur Kritik der schon bestehenden Er- 
ziehungsformen. Als psychoanalytische Psychologie, als Lehre von 
den Trieben, vom Unbewußten, als Libidotheorie erweitert sie, wie Sie 
sich in den ersten drei Vorträgen überzeugen konnten, die Menschen- 
kenntnis des Erziehers und schärft sein Verständnis für die 
komplizierten Beziehungen zwischen demKind und dem 
erziehenden Erwachsenen. Als eine Behandlungsmethode schließ- 
lich, als Kinderanalyse, bemüht sie sich, Schäden wieder auszu- 
bessern, die dem Kind während des Erziehungsprozesses zugefügt wurden. 

Im Folgenden ein Beispiel zur Erläuterung des zweiten Punktes, der 
Aufklärung der pädagogischen Situation durch die unbewußten Hinter- 
gründe des bewußten Verhaltens. 

Eine ausgezeichnete Pädagogin hatte ihre erzieherische Laufbahn im 
achtzehnten Lebensjahr begonnen, als sie infolge unglücklicher Familien 
Verhältnisse das Elternhaus verließ, um eine Stelle als Erzieherin von drei 
Knaben anzunehmen. Der mittlere dieser Knaben war ein schwieriger Er- 
ziehungsfall. Er war im Lernen zurückgeblieben, zeigte sich als scheu, 
verschlossen und wenig aufgeweckt, spielte in der Familie eine unter- 
geordnete Rolle und wurde von den Eltern den beiden gutbegabten und 
liebenswürdigen Brüdern gegenüber ständig zurückgesetzt. Die Erzieherin 
warf sich nun mit ihrem ganzen Ehrgeiz und Interesse auf dieses Kind 
und hatte in verhältnismäßig kurzer Zeit den schönsten Erfolg. Der Junge 
gewann sie lieb, schloß sich zärtlicher als je vorher an einen Menschen 
an sie an, wurde aufgeschlossen und freundlich, sein Lerninteresse steigerte 

— 451 — 



sich und es gelang ihr mit Einsatz ihrer Bemühungen ihn im Laufe eines 
Jahres den Lehrstoff von zwei Klassen beizubringen und so seine Lern- 
rückstände aus der Welt zu schaffen. Nun wurden auch die Eltern stolz 
auf das bisher in ihrer Zärtlichkeit zurückgesetzte Kind, sie steigerten ihre 
Bemühungen um ihn, das Verhältnis zu ihnen, damit auch zu den Brüdern 
besserte sich, bis der Kleine schließlich als vollwertiges Mitglied ganz in 
den Familienkreis aufgenommen wurde. Damit begann aber eine uner- 
wartete Schwierigkeit. Die Erzieherin, der doch dieser Erfolg zu verdanken 
war, begann jetzt ihrerseits Schwierigkeiten mit dem Jungen zu haben, sie 
zog ihre ganze Liebe von ihm zurück, konnte nicht mehr mit ihm fertig 
werden und verließ schließlich das Haus, in dem man sie sehr schätzte, 
gerade des Kindes wegen, das zuerst die stärkste Anziehung auf sie aus- 
geübt hatte. 

Eine Psychoanalyse, der sie sich fast fünfzehn Jahre später aus päda- 
gogischem Interesse unterzog, machte 'sie mit dem näheren Sachverhalt 
bekannt. Sie 'selber hatte sich in ihrer Kindheit mit mehr oder weniger 
Berechtigung in die Stellung des ungeliebten Kindes phantasiert, in der sie 
bei Beginn der Arbeit den mittleren Knaben vorfand. Auf Grund der 
gleichen Zurücksetzung hatte sie sich selber in ihm gesehen, sich mit ihm 
identifiziert. Mit aller Liebe und Sorgfalt, die sie auf ihn verwendet hatte, 
sagte sie also nichts anderes als: so hätte man mich behandeln sollen, um 
etwas aus mir zu machen. Der Erfolg zerriß, als er eintrat, dieses Band 
der Identifizierung. Damit war der Zögling zu einem selbständigen Wesen 
geworden, der nichts mehr mit ihrem eigenen Leben zu tun hatte. Die 
feindseligen Begungen gegen ihn entstammten nur dem Neid; sie konnte 
ihm ja den Erfolg nicht gönnen, den sie selbst nie erreicht hatte. 

Sie werden sagen, es war gut, daß diese Erzieherin zur Zeit des Vorfalls 
noch unanalysiert war; wir wären sonst um einen schönen Erziehungserfolg 
gekommen. Aber ich meine: diese Erziehungserfolge sind zu teuer erkauft. 
Sie bezahlen sich mit den Mißerfolgen an all jenen Kindern, die nicht das 
Glück haben, Leidenssymptome an sich zu tragen, die den Erzieher an seine 
eigene Kindheit erinnern und ihm so die Einfühlung ermöglichen. Ich meine, 
wir haben das Becht zu verlangen, daß der Lehrer oder Erzieher seine 
Konflikte kennen und beherrschen gelernt hat, ehe er die pädagogische Arbeit 
beginnt. Sonst dienen ihm die Zöglinge nur als ein mehr oder weniger 
günstiges Material, um seine eigenen unbewußten und ungelösten Schwierig- 
keiten an ihnen abzureagieren. 

Aber auch zur Beurteilung des Kindes ist sein sichtbares Verhalten nur 
selten genügend. Ich bringe Ihnen im Folgenden die Aufzeichnungen eines 
Knaben, die er als das erste Kapitel eines größeren Buches diktiert hatte. 

— 452 — 









Wie so oft bei Kindern war es auch hier bei diesem einen Bruchstück 
geblieben. 

Vva.v die Izrw&chsenen LdnrecJites tun: 

Erwaclisene hört, falls Ihr's wissen wollt! Bildet Euch nicht zu viel ein, die 
Kinder können schon nicht alles tun, was die Erwachsenen tun können. Aber sie 
kÖraien das meiste tun, was Ihr tun könnt. Aber die Kinder werden nie gehorchen, 
wenn Ihr so kommandiert. Zum Beispiel so : „Jetzt zieh dich aus, schnell, hopp !" 
Da werden sie sich nie ausziehen, das glaubt nicht. Aber wenn Ihr's anständig 
sagt, dann werden sie es sofort tun. Ihr glaubt, Ihr könnt alles machen, was 
Ihr wollt, aber das bildet Euch nicht ein. Und sagt nicht immer: „Du mußt das 
und das !" Kein Mensch muß müssen und dann müssen die Kinder auch nicht. 
Ihr glaubt, man muß sich waschen. Nein. Da sagt Ihr: „Sonst würde jeder 
Mensch sagen, pfui, ist der schmutzig! und darum muß man sich waschen!" 
Nein, aber deshalb tut man sich xuaschen. 

Wenn Ihr den Kindern das sagt, was sie tun sollen, genügt es und nicht 
immer so lange sagen, ivie sie es tun sollen, sondern sie tu?i das, was sie für 
richtig halten, ebenso wie Ihr. Und sagt nicht immer : „Ihr dürft Euch das und 
das nicht kaufen", denn wenn sie das Geld selber ausgeben, können sie sich 
kaufen, was sie wollen. Sagt nicht immer zu den Kindern: „Das könnt Ihr nicht!" 
Sondern sie können manches besser ah Ihr und Ihr Wollt' s nie glauben und nach- 
her wundert Ihr Euch. Redet nicht immer so viel und laßt die Kinder auch 
mal zu Worte kommen!" 

Nehmen Sie an, diese schriftliche Äußerung wäre in einer Schule gefunden 
und dem Direktor hinterbracht worden. Er würde sich sagen, das sei ein 
gefährlicher Junge, auf den man ein Auge haben müsse. Bei näherer Er- 
kundigung würde er nun noch bedenklichere Dinge von ihm erfahren: der 
Junge äußere Schimpfreden gegen Gott, belege die Priester mit Ausdrücken, 
die sich kaum wiederholen ließen, fordere die Kameraden mit energischen 
Worten auf, sich von niemandem etwas gefallen zu lassen, ja wolle sogar 
in die Tiergärten ziehen und die dort zu Unrecht gefangen gehaltenen Tiere 
aus den Käfigen in Freiheit setzen. Ein konservativer Erzieher der alten 
Schule würde sagen: Den Widerstand dieses Jungen muß man mit allen 
Mitteln brechen, ehe es zu spät und er ein gefährlicher Feind der sozialen 
Ordnung geworden ist. Ein moderner Pädagoge aber würde die größten 
Zukunftshoffnungen gerade auf diesen Knaben setzen, in ihm einen künftigen 
Führer und Befreier der Massen zu finden erwarten. 

Ich muß Ihnen mitteilen, daß beide Erzieher unrecht hätten und alle 
Erziehungshandlungen, die sie auf ihrer Kenntnis des Tatbestandes aufbauen 
können, schädlich und falsch wären. Der Knabe, ein Achtjähriger, ist ein 
harmloser kleiner Feigling, der zusammenschrickt, wenn ihn ein Hund an- 
bellt, der sich fürchtet, abends über den dunklen Korridor zu gehen und 

- 453 - 



der gewiß nicht imstande wäre, auch nur einer Fliege etwas zu leide zu tun. 
Seine aufrührerischen Äußerungen aber kommen auf folgende Weise zustande. 
Seine frühe Leidenschaftlichkeit der Gefühlsbindungen, von einer intensiven 
Beschäftigung mit dem eigenen Glied begleitet, gehen durch die Bemühungen 
der Erziehung und durch einen als Schock wirkenden ärztlichen Eingriff 
zugrunde. Zur Sicherung vor neuen Versuchungen bleibt eine ungeheure 
Angst vor der Bestrafung am schuldigen Körperteil, die Angst, die wir in 
der Psychoanalyse als Kastrationsangst bezeichnen. Diese Angst aber bringt 
ihn jetzt zur Leugnung jeglicher Autorität. Wenn irgend jemand in dieser 
Welt Macht hat, sagt er sich, dann hat er auch die Macht, mich zu bestrafen. 
Darum muß jede Möglichkeit eines himmlischen oder irdischen Machthabers 
aus der Welt geschafft werden. Je größer vor irgendeiner auftauchenden 
Versuchung seine Angst wird, desto lauter überschreit er sie durch die dabei 
ganz harmlosen Angriffe auf die Autoritäten. Diese laute Art der Abwehr 
ist übrigens nicht seine einzige. Trotzdem er den Gottesleugner spielt, kniet 
und betet er abends heimlich und von seiner Angst gezwungen. Er denkt: 
„Es gibt Gott zwar nicht. Vielleicht könnte es ihn aber doch geben und 
dann wäre es jedenfalls gut. sich mit ihm zu verhalten ". Ich meine also: 
aus ihm wird nie ein Bedroher der sozialen Ordnung und ein Befreier der 
Massen werden. Was er braucht, ist auch weder Bewunderung seiner Be- 
strebungen, noch Strenge und Einschränkungen ; nur — auf welchem Wege 
immer — eine Ermäßigung seiner Angst, die ihn instand setzen soll, von 
seinem neurotischen Gehaben befreit, später einmal zur Genuß- und Arbeits- 
fähigkeit zu kommen. 

Die psychoanalytische Behandlungsmethode, die das zustande bringen kann, 
ist dann die dritte Leistung der Psychoanalyse für die Pädagogik. 



— 454 — 



Die neue Mutter 

Von Havelock Ellis 



, 



Vor einigen Jahren war es üblich, über das junge Mädchen und seine Fehler 
zu diskutieren. Es schien, daß es viele Fehler besaß. Die dürftige Länge seines 
Haares und Rockes wetteiferte mit einer noch dürftigeren Moral. Wir wollen 
nicht leugnen, daß viele Schwächen, die in dieser Diskussion aufgezeigt wurden, 
wirklich vorhanden sind. Jede Generation hat ihre besonderen Fehler und dazu 
noch eine ganze Reihe anderer, denn jede Generation umfaßt Individuen von 
entgegengesetzten Temperamenten. 

Dies scheinen die meisten Menschen jetzt einzusehen und die Erörterungen 
über das moderne Mädchen — das nun aufgehört hat modern zu sein — sind 
verstummt. Man beginnt zu begreifen, daß unsere Ansichten über die Gegen- 
wart durch Vorstellungen von der Vergangenheit verfälscht werden. Unbewußt 
konstruieren wir ein Rild der Vergangenheit und sind dann entzückt oder ent- 
setzt — je nach unserem Geschmack — durch den Kontrast zwischen dem Bild, 
das wir uns von der Vergangenheit gemacht haben und jenem, das uns die 
Gegenwart bietet. Das Bild der Vergangenheit konstruieren wir uns aus dem 
Plunder, den wir „Viktorianismus" zu nennen pflegen. 

Eine köstliche Satire auf diese Einstellung des menschlichen Geistes finden 
wir in „This Year of Grace", einer glänzenden Revue, die gegenwärtig in 
London und New York gegeben wird. Wir sehen in dieser Revue ein Braut- 
paar aus dem Jahre 1890, wie es prüde und sich zierend im Hotel eines Bade- 
ortes absteigt, und gleich darauf erblicken wir ein ähnliches Paar aus dem 
Jahre 1929 mit seinem ganzen vertraulichen Gehaben. Es ist kaum nötig, ent- 
sprechend alt und besonders privilegiert zu sein, um zu wissen, wie sich diese 
Dinge im Jahre 1890 abspielten und mit Sicherheit feststellen zu können, daß 
die Braut jener Zeit in Wirklichkeit mehr jener vom Jahre 1929 glich als ihrem 
imaginären Selbst. Die wirklichen Unterschiede liegen nicht in wesentlichen 
Dingen, sondern in der Kleidung und den Sitten. 

Allerdings reichen diese Unterschiede tief. Sie berühren jedoch nicht die 
entscheidenden Situationen des Lebens, in denen die ewigen menschlichen 
Impulse bei einer Generation genau so klar sprechen wie bei der anderen. 
Wenn keine Künstlerin des XIX. oder gar des XVIII. Jahrhunderts über ihr 
Leben so frei schrieb wie I s a d o r a D u n c a n, so lag das nicht daran, daß 
jene weniger bereit waren, sich auszuleben oder mehr zum Heucheln neigten, 
als einfach daran, daß die Sitten andere waren. Mrs. I n c h b a 1 d, eine der 
interessantesten Engländerinnen des XVIII. Jahrhunderts, schrieb freimütige 
Memoiren, ließ sich jedoch überreden, sie zu vernichten. Byrons Memoiren 
wurden feierlich im Manuskript verbrannt. Trelawneys „Adventures" wurden 
von seiner Freundin Mrs. Shelley sogleich von allem Anstößigen gesäubert. 
Stets stand neben dem Schreiber die grausame und mächtige Inkarnation der 
Sitte. Ja, selbst vor mehr als 1000 Jahren wurden die Gedichte der Sappho, 

- 455 — 



, 



dieser größten und freiesten aller Künstlerinnen, von derselben Furie derart in 
Stücke gerissen, daß nur wenige Fragmente auf uns gekommen sind. Allein 
jene kleinen "gesellschaftlichen Vorschriften, die das Tun und Lassen in der 
Öffentlichkeit regeln, ^sind oft selbst der Ausdruck tiefer Impulse und üben 
ihrerseits einen weitreichenden, keineswegs vorauszusehenden Einfluß aus. Dies 
trifft selbst bei Kleidermoden zu. Die neuen Prinzipien der Damenkleidun^ 
schienen zunächst nur [einer Laune der Mode entsprungen zu sein, allerdings 
einer Mode, welche durch die vom Krieg erzwungene Sparsamkeit beeinflußt 
war. Aber es stellte sich heraus, daß sie von vielen Erscheinungen unseres 
Kulturlebens, die tiefer liegen als die wechselnden Tagesmoden, beeinflußt 
wurden und diese ihrerseits beeinflussen. Ich verweise auf den Sport die 
Hygiene, die kolossale Besserung des Gesundheitsstandes der Frauen — man 
denke nur an das Verschwinden gewisser Krankheiten, wie der Bleichsucht 
dieser ehemals als spezifisch weiblich angesehenen Krankheit — und auf das 
neue Kameradschaft sve'rhältnis zwischen Mann und Frau 
bei Arbeit und Spiel. 

Die neuen physischen Neigungen waren unvermeidlich mit neuen psychischer 
Art verbunden. Wir finden heute ein neues den Dingen-ins-Antlitz-blicken, eine 
neue Offenheit der Sprache, einen neuen Abenteuergeist, sowie den Entschluß 
offenkundig verbotenes Gebiet zu betreten. Diese neuen Sitten heischten häufio- 
eine vollkommene Mißachtung der alten. Sie erweisen eine weitreichende 
Bedeutung. Sie berühren jedoch nicht die Triebfedern menschlichen Handelns, 
die im Jahre 1890 genau so wirksam waren wie im Jahre 1929. Selbst in jenen 
Äußerungen, welche die Moralisten am meisten beschäftigen, sind sie kaum neu 
und das „Abknutschen" ist vielleicht — sofern der prähistorische Beweis er- 
bracht werden kann — bis in den Garten Eden zurückzuverfolgen. Nichts- 
destoweniger sind sie von weittragender Bedeutung und der Weg von dem 
modernen Mädchen von gestern führt geradewegs zur neuen Mutter von 
heute. 

So wenig] tieferen Gehalt die Sitten der Vergangenheit besaßen, so waren 
sie — wie es nun einmal die Tendenz aller Sitten ist — mitunter streng und 
duldeten keine Mißachtung. Das zeigt sich speziell (wie es sich nun wieder 
zeigt) dort, wo sie die sexueUen Dinge für tabu erklärten. Diese Sitten bilden 
keineswegs ein besonderes Merkmal des „Viktorianismus". Sie gehen viel weiter 
zurück und finden sich in Ländern, die von viktorianischem Einfluß gänzlich 
freiblieben, ja sogar in einem Lande wie Frankreich, von dem zum Teil aus 
Unwissenheit angenommen wird, daß es dort kein Tabu in sexuellen Dingen 
gebe. 

Ich kenne eine noch jung zu nennende Französin, die einer sozial höher- 
gestellten Familie angehört und deren Mutter eine gute und hingebungsvolle 
Hausfrau war. Allein sie klärte ihre Tochter niemals über sexuelle Dinge auf, 
und andere Möglichkeiten der Aufklärung besaß diese nicht. Dem jungen, hoch- 
intelligenten Mädchen gelang es. sich selbst einige allgemeine Begriffe über den 

— 456 - 



I 



Gegenstand ausbilden, die sie dann mit Poesie umwob, so daß ihre Umgebung 
den Eindruck hatte, sie wäre mit den Dingen völlig vertraut. Ihre Mutter, die 
schließlich einsah, daß Belehrung dieser Art am Platze sei, dabei aber unfähig 
war, ihre eigenen Hemmungen 7.u überwinden, bat ihre Tochter, ihre jüngere 
Schwester aufzuklären. Dies geschah denn auch zur sichtlichen Befriedigung der 
Schülerin, doch die Lehrerin blieb so unwissend, daß sie, als sie ein paar Jahre 
später ein Kind unter dem Herzen trug, bis zu ihrer Niederkunft glaubte, daß 
die Geburt durch den Nabel erfolgen würde. Solche Unwissenheit ist selbst in 
Frankreich nicht ungewöhnlich. Eine Frau von so hervorragender Intelligenz 
wie Madame Adam glaubte in ihrer Mädchenzeit, daß der Kuß eines Mannes 
auf die Lippen einer Frau ein Kind zeuge und viele französische Mädchen 
sind — bis vor nicht langer Zeit und vielleicht noch heute — desselben Glaubens. 
Das gleiche gilt von den Mädchen in den Vereinigten Staaten. Das Tabu in 
sexuellen Dingen ist alt und kennt keine nationalen Grenzen. Eben weil es alt 
ist und durch Tradition von einer Generation auf die nächste überliefert wurde, 
besteht es noch heute selbst bei Eltern, die sich für emanzipiert halten und 
die sich der Pflicht bewußt sind, ihren Kindern gesunde Kenntnisse über die 
sexuellen Dinge zu vermitteln. Tatsächlich ist jetzt bei den Eltern, die selbst im 
Zeichen des Schweigekomplotts innerhalb der Familie aufwuchsen, die Über- 
zeugung weitverbreitet, daß diese Taktik falsch sei und daß sie in ihren Familien 
eine neue und bessere Ära der sexuellen Aufklärung einleiten müssen. Aber wie 
sollen sie das anstellen? Und was sollen sie ihren Kindern sagen? Sie wissen es 
nicht. Infolgedessen tun viele von ihnen nichts, obgleich sie kein ruhiges Gewissen 
dabei haben. Darin unterscheiden sie sich von ihren Eltern, die gleichfalls nichts 
taten, jedoch aus der tugendhaften Überzeugung heraus, daß sie die „Unschuld 
ihrer Kinder" schützten. 

Selbst wenn sie diesen Schritt tun, kann das^Resultat unbefriedigend sein. 
Ich erinnere mich, vor einigen Jahren einer englischen Mutter begegnet zu sein, — 
sie war nicht unähnlich vielen Müttern der jüngsten Zeit — die fest davon über- 
zeugt war, daß es ihre Pflicht^ sei, ihre Töchter sexuell aufzuklären, sobald diese 
das Pubertätsalter erreichten. Es war eine Intellektuelle mit für ihre Zeit fort- 
schrittlichen Ideen, die mit einigen Führerinnen der Frauenbewegung befreundet 
war und von ihrer Überzeugung fest durchdrungen war. Sie besaß jedoch nicht 
das Verständnis und das Taktgefühl, die notwendig sind, um ihren Töchtern, 
welche diese Aufk'^rung weder erwarteten noch wünschten, diese so plötzlich zu 
geben. Die Mädchen lühlten sich abgestoßen und angeekelt; der so hervor- 
gerufene Eindruck ist vielleicht nie ganz ausgelöscht worden. 

Kürzlich berichtete eine andere Mutter — es handelt sich um die Graduierte 
einer amerikanischen Universität — über ihren Versuch, ihre fünfjährige 
Tochter sexuell aufzuklären. Gleich vielen anderen Müttern war sie 
in einer typischen Mittelstandsfamilie des vorigen Jahrhunderts erzogen worden, 
in einer „viktorianischen" Familie, in der das Wort „Geschlecht" (Sex) unbekannt 
war. Ihr ganzes Wissen um diese Dinge vor der Ehe stammte von den Wänden 

- 457 — 



der Toiletteräume einer New Yorker Mittelschule und aus ähnlichen vergifteten 
Quellen. Sie entschloß sich, bei der sexuellen Aufklärung ihrer Kinder „modern 
und vernünftig" zu sein. Sie verlegte die Operation auf ein besser gewähltes 
früheres Alter als die englische Mutter, doch das Resultat war abermals un- 
befriedigend. Sie erzählte dem Kind eine idyllische Geschichte von kleinen Samen, 
die gesät werden. Darauf folgte ein Schwall von Fragen. „Wie? — Wann? — 
Kann ich zusehen? — Bitte zeig' mir einen Kindersamen! — Legt jemand Samen 
in die Kindergartenlehrerin?" u. s. f. Überdies begann das Kind auf beunruhigende 
Weise Freunden und Besuchern gegenüber von seinem neuen Wissen Mitteilung 
zu machen. Schließlich schrie die Mutter das Kind ärgerlich an, daß sie es 
schlagen werde, wenn es noch weiter über den Gegenstand spreche. Das ist 
eine der möglicherweise eintretenden Wirkungen der sexuellen Aufklärung, wenn- 
gleich man in diesem Falle wahrzunehmen glaubt, daß kein harmonisches Ver- 
hältnis zwischen Mutter und Kind bestanden haben dürfte, da jene mit ihrer 
Aufklärung so unüberlegt über das Kind herfiel und auch nicht entsprechend 
auf die Wirkung vorbereitet war, die eine so plötzliche Aufklärung bei einem 
Kinde auslösen muß. 

Man muß sich selbstverständlich vor Augen halten, daß Kinder . auf ver- 
schiedene, nicht immer vorauszusehende Weise reagieren können, wenn schon es 
außerordentlich darauf ankommt, wie die Aufklärung erfolgt. Dr. G. H. Hamilton 
hat in seinem kürzlich veröffentlichten, ausgezeichneten Buch „Research in 
Marriage" (eine Studie, die 200 Männer und Frauen mit besonderen Charakter- 
eigenschaften untersucht) festgestellt, daß 57 Prozent der Männer und 29 Prozent 
der Frauen stolz und befriedigt waren, als ihre Neugierde in sexuellen Dingen 
zum erstenmal befriedigt wurde: 20 Prozent der Männer und 17 Prozent der 
Frauen nahmen sie als Tatsache hin; nicht weniger als 23 Prozent der Männer 
und 31 Prozent der Frauen erschraken und fühlten sich durch die unglückliche 
Form, in der sie aufgeklärt wurden, abgestoßen. 

Die neue Mutter, die ich von Zeit zu Zeit zu sehen Gelegenheit habe, ver- 
sucht keine heroische Tat der „sexuellen Aufklärung" bei ihren Kindern. Sie 
hat das nicht nötig. Sie betrachtet die Mutterschaft als eine Beziehung, zusammen- 
gesetzt aus Liebe und Vertrautheit, und sie unterscheidet sich von jeder 
liebevollen Mutter der alten Zeit hauptsächlich dadurch, daß sie sich durch 
Intelligenz und nicht durch überlebte Traditionen leiten läßt. Sie hat gelernt, 
die Freundin ihrer Kinder zu werden. Auf diese Weise wird das Verhältnis ein 
einfacheres, ohne darum loser zu werden, denn unsere Traditionen hatten etwa 
unnatürlich Künstliches und damit die Möglichkeit endloser Komplikationen in 
dasselbe hineingetragen. Wenn nun innerhalb dieses künstlich gewobenen Netzes 
plötzlich der Versuch gemacht wird, in sexuellen Dingen „vernünftig und modern" 
zu sein, wird zumeist ein störendes und unbefriedigendes Gefühl nicht ausbleiben. 
Und selbst wenn die Ideen der Mutter Anspruch darauf erheben können, durch 
und durch modern zu sein, sie aber nicht imstande ist, den Grund zur Freund- 
schaft mit ihrem Kinde zu legen, muß sie völlig scheitern. Die neue Mutter 

— 458 — 



hat das „Vernünftig- und Modernsein " -/.»erst zu lernen, wenn sie sich auf den 
Mutterberuf einstellt. 

Die sexuellen Funktionen sind genau so natürlich wie die anderen 
menschlichen Funktionen; der wichtigste natürliche Unterschied besteht nicht 
darin, daß sie obszöner oder heiliger sind, sondern darin, daß sie sich langsamer 
entwickeln. Sie sind dem Kind ebenso natürlich, wenn sie ihm als etwas 
Natürliches erscheinen und weil sie ihm so selten als etwas Natürliches er- 
scheinen, konzentriert es sich gewöhnlich mit einer geheimen und krankhaften 
Intensität auf sie. Daß Dr. Hamilton sogar bei einer Auslese von Personen 
nur 2 Prozent Männer und etwa ebensoviel Frauen fand, die aus einer Quelle 
vollständige und hinreichende Aufklärung erhielten, darf uns kaum Wunder 
nehmen. Es gibt unzählige Kinder, die bei der ersten Begegnung mit einem 
sexuelle Dinge betreffenden Wort oder einer darauf bezüglichen Tatsache eine 
unschuldige, ja vielleicht zufällige Frage stellen und unerwartet einen Verweis 
erhalten, der nicht mehr vergessen wird. Nie wieder wird eine Frage gestellt, 
doch unter der Oberfläche arbeitet der jugendliche Geist daran, das Geheimnis 
zu entschleiern. 

Das müßte nicht geschehen. Es kann kaum geschehen, wenn das Verhältnis 
zwischen Mutter und Kind so einfach und natürlich ist, daß die Keime 
solch krankhafter Geheimnisse keinen Raum in der Seele des Kindes finden. 
Es darf keinen Punkt geben, an dem ein geheimnisvoller „verbotener" Gegen- 
stand Gestalt annehmen kann. Der natürliche Gedankengang des Kindes berührt 
die sexuelle Sphäre und das Gebiet der Reproduktion. Das Kind wird nicht vor- 
sichtig von diesen Gebieten ferngehalten. Das alte Komplott zwischen Eltern, 
Lehrern und Umgebung des Kindes, welches es darauf anlegt, das Kind zu über- 
zeugen, daß alles, was mit sexuellen Dingen zusammenhängt, ekelhaft ist und 
die bloßen Worte, die sie beschreiben, „gemein" sind und, wenn nicht ganz 
umgangen, durch schwerfällige euphemistische Ausdrücke ersetzt werden müssen, 
dieses von Dr. Hamilton und anderen verworfene Komplott ist nun zu- 
mindest unschädlich gemacht worden. 

Die Herkunft der Kinder erscheint dem Kind in seiner frühesten Jugend so 
einfach wie die Herkunft der Kätzchen — nur wunderbarer, weil sie ihm eine 
Tatsache der eigenen Erfahrung ist. Es bleibt auch kein Raum für jene ungesunde 
Neugierde hinsichtlich des Körpers des anderen Geschlechts, welche die Kinder 
früherer Zeiten so oft quälte, wenn sie sich der Pubertät näherten und der 
sexuellen Unterschiede bewußt wurden. Die Sitte hat sich in den letzten Jahren 
in bezug auf den Körper derart geändert, daß sie der neuen Mutter den Weg 
leicht gangbar macht. Sie richtet keine Schranken zwischen Knaben und Mädchen 
auf, um sie zu hindern, einander nackt zu sehen, wenn die Umstände die 
Gelegenheit einfach und natürlich machen: zudem sehen die Kinder von frühester 
Jugend an ihre Eltern zuweilen im Bad. Auf diese Art kann die Nacktheit der 
Erwachsenen nie zur Ursache jener plötzlichen Anziehung oder Abstoßung werden, 
die sie oft bei Kindern wird, denen der Anblick bis zur Pubertätszeit oder 

- 459- 






darüber hinaus verborgen bleibt. Zum großen Teil ist es eine unnatürliche 
physische Einstellung, welche den „Rastratiojn'skomplex" der Psycho- 
analyse fördert, so wie es zum großen Teil eine unnatürliche emotionelle Ein- 
stellung ist, welche die Bindung an die Mutter fördert, wenngleich sich beide 
nur bei erblicher neurotischer Veranlagung stark entwickeln können. 

Ich sagte, daß die Methode der neuen Mutter äußerst einfach und 
natürlich sei. Allein ich will nicht leugnen, daß sie oft gleichzeitig s c h w e r 
und mühselig ist. Was einfach ist, ist_ nicht immer leicht. Die Mutter der 
alten Zeit, von der soviele der heute Erwachsenen erzogen wurden, — und sie 
werden häufig [sagen: gut erzogen, — war liebevoll aber streng. Die Kinder 
hatten [zu folgen und die Eltern ]zu respektieren und da 'sie zur Vertrautheit 
nicht ermutigt^ wurden, fühlten sie selten den Drang dazu. Die Mutter hinwieder 
fand es scheinbar schwierig, die Vertraute ihrer Kinder zu werden und so legte 
sie ihnen gegenüber die gleiche Scheu an den Tag wie die Kinder ihr gegen- 
über. Fast die Hälfte aller von Dr. Hamilton so genau untersuchten Männer 
und Frauen berichten, daß ihr Verhältnis zu den Eltern in der frühen Jugend 
„zurückhaltend" oder „sehr zurückhaltend" war. Ein System künstlicher Tabus 
beherrschte beide Parteien in ihrem Verhältnis zu einander. Es war kein ein- 
faches Verhältnis, doch vermied es viele Schwierigkeiten. 

Das Kind von heute ist weniger leicht dazu zu bewegen, seinen Eltern zu 
gehorchen und'noch weniger, sie mit Respekt zu behandeln. Es behandelt 
seine Mutter mit einer Vertrautheit, die jene von uns, deren Einstellung in der 
Kindheit so verschieden war, empört, obwohl wir im Lauf der Jahre einsehen 
lernen, wie vieles diese Methode vollbringt, was die alte nie hätte erreichen 
können. Die neue Mutter ist selbst oft nach der alten Methode erzogen worden, 
und sie leidet manchmal an der Freiheit, der sie keine Schranken setzt. Aber 
sie sieht ein, daß das Evangelium der Verbote eine schlechte Vorbereitung für 
das Leben ist. Und wenn jene' Freiheit ein Übermaß erreicht, erklärt sie 
freundlich die große Wahrheit, die der Gesellschaft zu Grunde liegt und die 
Kinder nie von selbst verstehen — sie erklärt ihnen, daß es uns, so frei wir 
auch sein mögen, niemals freisteht, Dinge zu tun, welche die Freiheit der 
anderen stören. 

Die Schwierigkeiten der neuen Mutter sind hier nicht zu Ende. Sie muß 
bald begreifen, daß die neuen Mütter gegenwärtig eine kleine, unorganisierte 
und über das ganze Gemeinwesen verstreute Minorität bilden, wenn schon eine 
bemerkenswerte Ähnlichkeit ihrer Methoden besteht. Sie sind umgeben von 
den alten Müttern, die ihre Kinder nach der alten Methode erziehen und die 
den Herdeninstinkt, der die Unduldsamkeit gegenüber dem Neuen ermutigt, 
auf ihrer Seite haben. Eine neue Mutter hatte ihre sechsjährige Tochter mit 
den sexuellen Grundbegriffen bekanntgemacht und sie über die Herkunft der 
Kinder aufgeklärt. Eines Tages jedoch kam das Kind, nachdem es von anderer 
Seite eine andere Erklärung erhalten hatte, zu seiner Mutter und sagte, sie 
gleichsam zur Rechenschaft ziehend: „Die Kinder kommen aus Eiern." Die 

— 460 — 



Mutter setzt ihr nun freundlich auseinander, daß es Leute gebe, die glauben, 
daß Kinder nicht alt genug seien, die Wahrheit über diese Dinge zu verstehen 
und daß sie ihnen deshalb erfundene Geschichten erzählen. Das kleine Mädchen 
stand auf und sagte: „Ich werde nie etwas glauben, außer wenn Du mir's 
sagst." Auf diese Weise ergibt sich für die Aufklärung und Entwicklung des 
Kindes ein schönes Verhältnis der Vertrautheit und des Vertrauens und die 
schädlichen Einflüsse der Außenwelt werden von vornherein entgiftet. Es sollte 
Eltern jedoch von Anfang an klar sein, daß sie mit dieser Außenwelt zu 
rechnen haben und sie sollten sich und das Kind dagegen schützen, jedoch nicht 
früher als bis das Kind tatsächlich in Widerspruch mit dieser gerät und aucli 
dann nur mit bezug auf den speziellen Fall. Eine voreilige Verwarnung kann 
so schädlich sein wie der wohl überlegte Versuch, dem Kind sexuelle Auf- 
klärung, die es nicht verlangt hat, aufzudrängen. Es würde vorzeitig seine 
Natürlichkeit zerstören. Die neue Mutter wünscht nicht, das Kind unnötiger- 
weise zu beschützen und es seiner Initiative zu berauben. Wenn sie die Freund- 
schaft des Kindes besitzt, kennt sie keine Angst und geht freudig voran, wobei 
sie der Welt das gleiche Vertrauen entgegenbringt wie anfangs das Kind, ob- 
gleich das ihrige oft nur auf fächelnder Duldsamkeit basiert. Sie weiß, daß, 
wenn das Kind in Widerspruch mit der Welt gerät, es zu ihr kommen wird 
und dann wird sie zu seinem Schutz die nötigen Richtigstellungen vornehmen. 
Indem sie so des Kindes Selbstvertrauen fördert und es nicht im voraus über- 
trieben zu schützen [sucht, wird kein großer Schaden aus einem solchen Kon- 
flikt entstehen, denn sie ist ja immer die Freundin, der das Problem vorgelegt 
wird und sie hat Gelegenheit die keimende Heimlichkeit und das aufsteigende 
Mißtrauen, die das Kind als Teil [seines menschlichen Erbes besitzen mag, in 
die richtige Bahn zu lenken und durch ihre eigene Duldsamkeit auf das richtige 
Maß zu bringen. Überdies müssen wir uns stets vor Augen halten, daß eine 
Erziehung, die nicht auch Disziplin ist, kaum als Vorbereitung für das Leben 
betrachtet werden kann. 

Die Frage der Disziplin, auf die wir hier stoßen, kann nicht über 
gangen werden, denn sie ist das Wesentliche des Ganzen. Zunächst mag es 
scheinen, daß das Verhältnis der neuen Mutter zu ihrem Kind Disziplin aus- 
schließt. Sie gestattet ihm das größte Maß an Freiheit, das mit anderen An- 
sprüchen vereinbar ist. Sie behandelt es mehr als ihresgleichen denn als unter 
ihr stehend, wobei sie den Kindern dieselbe Gleichheit einräumt, die erst in 
den letzten Jahren den Frauen selbst zugestanden wurde. Bedeutet dies Nach- 
sicht mit künstlichem Schutz gegen die natürlichen Wirkungen der Nachsicht, 
so kann sie wohl für jede Art von Disziplin ungünstig sein. 

Es erscheint jedoch notwendig, darauf hinzuweisen, daß die alte, jetzt ab- 
kommende Methode in ihrer extremen Form noch weniger als Vorbereitung für 
die strenge Schule des Lebens geeignet war. Ein berühmter Autor des XIX. Jahr- 
hunderts, Ruskin, schrieb eine Selbstbiographie betitelt „Praeterita", die fort- 
zuleben verdient, wenn seine Bücher über Kunst vergessen sein werden. In dieser 

Zeitschrift f. psa. Päd., IH'14'15 461 a« 



Selbstbiographie erzählt er, wie er, einer Mittelstandsfamilie entstammend, von 
liebevollen Eltern ganz im Geiste der viktorianischen Zeit erzogen wurde. Diese 
Eltern schützten ihn gegen alle Schäden und gestatteten ihm absolut keine Freiheit 
des Handelns. Im Alter auf diese Erziehung zurückblickend, erkannte er, wie 
schlecht sie ihn für die Schule des Lebens ausrüstete und daß sie geradezu die 
Ursache seines Mißgeschickes wurde, als er von den Schürzenbändern der Mutter 
losgerissen wurde. Wenn die neue Mutter ihrem Kind ein großes Maß an 
Freiheit einräumt und es ermutigt, selbst zu handeln, mag es für seine Handlungen 
zu leiden haben, doch lernt es dabei Verantwortlichkeit und wird schon daheim 
für die Schule des Lebens vorbereitet. Es soll nicht angenommen werden, daß 
die Mutter der früheren Zeit völlig falsch und die neue Mutter von heute völlig 
richtig vorgeht. Die Aufgabe ist schwer für die eine wie für die andere und 
die eine kann scheitern sowohl wie die andere. Die Mutterschaft ist eine Kunst, 
eine seltenere als gemeinhin angenommen wird. Jede Frau wünscht sich zuweilen 
Mutter zu sein. Bevor sie jedoch zur Entscheidung kommt, daß sie zur Mutter- 
schaft tauge, sollte sie gründlich darüber nachdenken, denn sie kann geistig 
dazu ungeeignet sein, selbst wenn sie körperlich dazu taugt. Die Mutter der 
alten Zeit besaß die Fähigkeit, prächtige Kinder in die Welt zu setzen; dort, 
wo das Material gut war, führten ihre Methoden zu glänzenden Erfolgen. Allein 
sie hatte auch zahlreiche Mißerfolge und war das Kind aus schlechtem Material, 
so blieb es unentwickelt oder nahm eine krankhafte Entwicklung, indem es als 
Opfer der „Bindung an die Mutter" oder des „Odipus-Komplexes" 
zum geeigneten Patienten der Psychoanalytiker wurde, denen die Miß- 
erfolge der alten Erziehung reiche Betätigungsmöglichkeiten geben. 

Wie dem auch sei, wir können die Methoden der Vergangenheit nicht in 
die Gegenwart herübernehmen. Jede Zeit muß mit ihren Problemen auf ihre 
Art fertig werden. Wie schöne Erfolge sie erzielen kann, — besonders wenn 
glückliche Liebe sie inspiriert, — können einige von uns bereits bezeugen. 

(autorisierte Übersetzung aus dem 
Englischen von Fanny Weiß, Wien.) 

Zur Psychoanalyse der Individuation 

Von Dr. Gustav Hans Graber, Stuttgart 

Das Problem der Individuation war den Trägern der Kultur — und zwar meist 
den vornehmsten unter ihnen — zu allen Zeiten eines der heißumstrittensten und 
beliebtesten. Die Religionslehrer mehr als die Philosophen, und unter 
beiden die östlichen mehr als die westlichen, suchten vor allem Selbstverleugnung, 
Entselbstung, Entpersönlichung, im Gegensatz zu der den allgemein mensch- 
lichen Intensionen verwandteren Forderung der Erhaltung und der Steigerung 
der Persönlichkeit. Der Künstler, meist eine Zwischenstellung ein- 

— 462 — 






nehmend, hat seine Flagge, je nach struktureller Eigenart und Inspiration, da 
mehr nach dieser, dort mehr nach jener Seite flattern lassen. 

Den Psychologen interessiert weniger das Resultat der Streitfrage, die 
übrigens, da der Wille als bewußter Trieb Funktion der Persönlichkeit ist, im 
Grunde als mit dem Willensproblem identisch betrachtet werden muß, als viel- 
mehr ihre Entstehungsgeschichte. 

Als Ausgangssituation und Veranlassung zu dieser wichtigen Lebensfrage muß 
wohl — so sehr die Tendenz der Persönlichkeitserhöhung scheinbar dagegen 
sprechen mag — die Angst vor der Individuation angesehen werden. 
Aber vielleicht drücken wir uns mit dieser Formulierung nicht richtig aus, denn 
eigentlich verhält sich die Sache doch auch umgekehrt — und so hat sie ja auch 
Freud dargestellt 1 : — Das in der Entwicklung begriffene oder entwickelte Ich, 
als der Träger der Individuation, fürchtet ständig die Gefahr der Vernichtung 
sowohl seitens des Es, von dem ihm eine „Entselbstung" nach „unten" droht, 
als auch von seinem vornehmen Vertreter, dem Über-Ich, in welches „hinauf" 
das Ich ebenfalls aufgesogen, oder von "welchem es erdrückt zu werden befürchtet. 

Ist also die ursprüngliche Angst des Ichs eine Angst vor der Individuation, 
oder eine Angst, sie zu verlieren? Oder sollte sie das eine sowohl als auch das 
andere sein? 

Um die nicht leicht lösbaren Fragen zu beantworten, müßten wir sehr weit 
ausholen, und wir kämen dabei im Grunde nicht weiter, als daß war uns sagen 
müßten, bei Fällen ausgesprochener Strebung nach Persönlichkeitserhöhung -wirkt 
die Angst vor der Vernichtung des Ichs als treibende Kraft, und zum ausschließ- 
lichen Streben nach Entselbstung treibt die Angst vor der Isolierung des Ichs. 
In beiden Fällen aber ist die Angst selbst schon ein Produkt und ein Ausdruck 
der bloß mit verändertem Vorzeichen versehenen selben Strebung, die sie zu 
erzeugen scheint. Wir begehen also wahrscheinlich einen Fehler, wenn wir Angst 
und Strebung in das Kausalverhältnis von Ursache und Wirkung bringen. Begehren 
und Angst stehen in beständiger Wechselbeziehung. Beide setzen wahrscheinlich 
mit der Geburt ein, reichen einander brüderlich die Hände, oder lösen sich gegen- 
seitig dienstfertig ab, oder liegen sich auch gelegentlich in den Haaren — alles, 
um das Ich zu führen, zu stoßen oder zu jagen. 

Der Typus progressiver Strebung nach Erhöhung der Persönlichkeit ist mit 
der Angst vor der Auflösung des Ichs behaftet, während der Typus des aus- 
gesprochenen und unbefriedigten Begehrens nach der „Veränderung", zu welchem 
Begehren die Angst vor der Individuation das Treibrad bildet, der eigentliche 
Regressionstypus ist. 

Da aber, weil das menschliche Begehren nie durch ein befriedigtes Teilbegehren 
aufgehoben werden kann, immer, auch in Mischfällen, jedes Begehren folglich 
unzertrennlich mit der Angst verknüpft bleiben muß, so kann der daraus ent- 
stehende Konflikt bei besonderer, dazu disponierter, psychischer Konstellation 
sich soweit aus wachsen, daß schließlich zur Angstvermeidung jegliches Begehren, 

1) Das Ich und das Es (Ges. Schriften, Bd. VI). 

- 463 - äs- 



sei es nun progressiver oder regressiver Art, mit Tabu belegt und zu unterdrücken 
versucht wird. Das mag in extremen Fällen zu völliger iRoartation und zur 
paranoiden Abtötung der Triebe führen. Beim Neurotiker z. B. kann in einer Art 
Projektion der dem Begehren innewohnenden Gefahr auf das begehrte Objekt, 
dieses dem Ich verhängnisvoll werden. Es entsteht so das Paradoxon, daß was 
begehrt wurde, was befriedigen, gleichsam „retten" sollte, nun zum Verhängnis 
wird und den Untergang, wenn nicht zu bringen, so doch zu beschleunigen droht. 

Ein solcher Fall bot sich mir in der Behandlung des sechzehn] ährigen 
Gymnasiasten G., eines Schülers von mittlerer Intelligenz, den sein Vater in die 
Erziehungsberatung sandte, weil er an Angstzuständen, Apathie und Schlaflosigkeit 
litt. Er zeigte sich immer unfähiger zur Bewältigung seiner Arbeit und mußte 
dasselbe Schuljahr bereits ein zweites Mal absolvieren. 

Ich lernte G. kennen als einen ausgesprochenen Begressivtypus, mit leichtem 
Hang zu manisch-depressiver Melancholie, empfindlich, affektscheu und mit starker, 
aber unterdrückter Oppositionstendenz. 

Schon sehr früh, d. h. sofort nach der Latenzperiode, lehnte er die Libido- 
ansprüche des Es ab und zog seine Libidobesetzungen wieder zurück, um so den 
Forderungen des erwachten, gestrengen Über-Ichs gerecht zu werden. So begehrte 
er, noch als drei- bis vierjähriger Knabe einen Mädchenrock zu tragen und wollte 
Mädchen sein, wurde aber öfters deswegen verlacht, und begann die Mädchen 
darauf zu hassen, ignorierte sie und produzierte Angst vor ihnen. Er konnte sich 
auch noch zu Beginn der Analyse nicht vorstellen, wozu eigentlich die Mädchen 
da sind. Das Begehren, über die Herkunft der Kinder und den Geburtsvorgang 
Aufschluß zu erhalten, verdrängte er, weil er die Geburt mit Blut und Totschlag 
in Verbindung brachte. Desgleichen verdrängte er und ängstigte ihn alles Sexuelle, 
angeblich, weil es mit der Geburt und den Mädchen im Zusammenhang stehe. 

Als dreijähriger Knabe sieht er ein hochträchtiges Mutterschwein. Man sagt 
ihm, daß es ihre Jungen im Bauche trage. Er denkt sich, dieser müsse auf- 
geschnitten werden, damit man die Jungen herausnehmen könne. Er entwickelt 
Angst und verdrängt den für ihn furchtbaren Gedanken und will von diesem 
Zeitpunkt an nichts mehr mit dieser Frage und verwandten Problemen zu tun 
haben. Wenn später Kameraden „solche" Gespräche führten, fing er sofort mit 
einem anderen Thema an. Er bemühte sich auch sonst krampfhaft, immer etwas 
anderes zu denken. 

Die Erforschung der Herkunft der Kinder lehnte er also ab, erweiterte diese 
.Ablehnung auch auf das Lernen und das Leben überhaupt. Es gab wenig mehr, 
was ihn zu interessieren vermochte. Er wich den Forderungen des Über-Ichs und 
damit der Kultur überhaupt aus. Jede Persönlichkeitserhöhung geschah bloß noch 
unter äußerem Drucke seitens der Eltern und Lehrer. 1 

Dagegen aktivierte G. die regressiven Strebungen umso ausgiebiger. Dabei 

1) In der Analyse trat dann, nach Behebung der schwierigsten Widerstände, eine 
längere Periode eingehender Geburts- und Sexualforschung ein. Damit war aber gleich- 
zeitig auch das Interesse für die Schularbeit und die Realitäten des Lebens überhaupt 
gewonnen. 

— 464 — 



ereignete sich gesetzmäßig, was er in folgendem Satze formulierte und was mich 
auf das Verhältnis von Begehren und Angst aufmerksamer machte : „Ich begeh re 
etwas, will es nehmen und werde immer selber von diesem 
Etwas genommen". 

Der Wille zur Steigerung der Individuation war erlahmt. Das Ich begehrte 
ins Es zuriick'/.ugleiten, oder besser gesagt, sich dahin zu „retten'", erlebt aber 
dabei seinen Untergang. Was das Ich ergreifen will, von dem wird es ergriffen 
und vernichtet. 

Ich greife von den regressiven Zielen, die das Denken und Wünschen G.'s bis 
zur Analyse gefangen hielten, nur zwei, in Träumen und im Wachleben ständig 
wiederkehrende, heraus, die sich sehr ähnlich sind, aber doch getrennt dargestellt 
werden sollen, da sich dazu wesentlich verschiedene Reaktionen einstellten. 

G.'s erster Fluchtversuch ist der Wunsch nach der Robinsonade. Angeblich 
weil er die Menschen haßt, weil er keine Freude am Lernen hat, weil er doch 
im Examen durchfalle, wünscht er sich auf eine einsame Insel, wo er ganz allein 
leben könnte, wo es vor allem keine Schule gäbe. Von der Meerfahrt auf die 
selige Insel träumt er ungewöhnlich häufig, immer dann, wenn in der Schule 
etwas nicht „ging", oder wenn er beleidigt oder geärgert wurde. Er stellte sich 
vor, dort unter den Tieren, hauptsächlich Affen, die ihn ernähren würden, ein 
herrliches Leben ohne Sorgen und Arbeit zu verbringen. 

Was er aber begehrt, wird ihm, wie er sich ausdrückt, zum Verhängnis. Er 
fürchtet, daß die „Menschenaffen" ihm die Kleider rauben würden, und daß sie 
dann glaubten, er wäre ihr Kind. Am schrecklichsten aber ist^ihm der Gedanke, 
daß er selber mit der Zeit so sehr mit dem Affenleben verwachsen würde, daß 
er, wenn er einmal wieder in Berührung mit Menschen käme, mit den Affen 
vor ihnen fliehen würde, und daß es von Tag zu Tag schwieriger würde, die 
Verständigung mit den Menschen wieder zu finden. In Träumen ziehen ihn die 
Affen magnetisch an und locken ihn in die Wälder, um ihn zu erdrücken oder 
zu fressen. Schreckträume dieser Art wiederholen sich immer häufiger. Die Angst 
vor Affen wächst sich zur Phobie aus. G. kämpft Nächte hindurch erfolglos mit 
diesen Tieren und wagt bei Dunkelheit keinen Schritt mehr allein zu unter- 
nehmen. Hinter jeder Mauer, jeder Türe lauert eine solche Bestie. Menschen- 
gesichter fangen an, sich in Träumen in Affengesichter zu verwandeln, und ihre 
Träger rächen sich grausam an ihm für die Mißachtung, die er ihnen mit der 
Bevorzugung der Gesellschaft der Affen entgegengebracht hatte. 

Der Fall der Regression auf die Tierstufe bietet allerhand Lehrreiches. » Geflohen 
wird die Gesellschaft der Menschen, die mit ihrer Kulturforderung zum teil- 
weisen Vertreter des Über-Ichs wird, um durch Isolierung das Ich zu retten. 
Ursprünglich wird bei diesem Wunsche nach der Einsamkeit nicht an eine neue 
Gemeinschaft gedacht. Es ist aber sehr bezeichnend, daß sie sich, fast ungewollt, 
ergibt, und zwar auf einer mehr im Es liegenden Stufe, wobei die Affen Mutter- 

1) Er hat neben den verschiedenen Robinsonaden auch sonst manche Vor- und Ab- 
bilder, so: Die Tarzanbücher; Ewald, „Das Zweibein": Kipling. ..Der Rothund", u.s.f. 

— 465 — 






rolle vertreten und G., der auf die oral-narzißtische Stufe regrediert, ernähren. 
Das Ich erfährt aber eine doppelte Vernichtung, nämlich sowohl von den „Es- 
Repräsentanten", den „Menschenaffen", alsauchvon den „Über-Ich -Repräsentanten", 
den sich rächenden „Affenmenschen". 

Es ist nicht wohl möglich, festzustellen, welches Schicksal G. oline eine psycho- 
analytische Hilfe in seiner Hamleteinstellung ereilt hätte. Die Situation, in der 
er sich befand, glich eigentlich derjenigen von Bileams Esel, mit dem Unterschiede 
allerdings, daß für G. der Weg zu beiden „rettenden" Zielen, die er begehrte, 
versperrt war, denn was er begehrte, brachte, weil verboten, nicht die ersehnte 
Erlösung, sondern den Tod. 

Die andere Flucht, die G. nun als Folge des mißglückten ersten Versuches, 
zur Rettung seines Ichs zu unternehmen wünscht, ist noch phantastischer und 
zeitigt natürlich noch drastischer dasselbe Ergebnis. 

G. wünscht sich — wahrscheinlich, um auch den Affen zu entrinnen — von 
der Erde, die untergehen darf, weg, wünscht, in den Wolken auf und ab schwebend 
schließlich in eine wunderbare Landschaft zu gelangen, die wie das Paradies aus- 
sehen würde. Dahin aber müßten vor allem die Mutter, aber auch die übrigen 
Familienangehörigen mitkommen. 

In Phantasien und Träumen aktiviert er die neue Regression ausgiebig. Ihre 
Realisierung gelingt ihm auch oft in Träumen, aber dann fehlt immer 
jemand, und es kommt der Weltuntergang. Diese Träume sind für G. 
eine furchtbare Qual. Es wird warm. Feuer bricht aus. Alles 
dreht sich. Dämpfe steigen auf. Alle sind stumm. Es ist 
dunkel. Er verliert den Atem und klammert sich an seine 
Mutter und an seine Angehörigen an. 

Es ist wohl ohne weiteres klar, daß die neue Regression G.'s, das Paradies 
in das er mit seiner Mutter schwebt, ihr Leib ist. G. regrediert von der oralen 
auf die embryonale Stufe zurück. Der Weltuntergang, der sich in besonderen 
Vorzeichen ankündigt, entspricht der Geburt, der die Wehen (alles geht auf und 
ab und dreht sich) vorausgehen. 

Gleichzeitig aber haben wir damit eine sehr schöne Bestätigung für die 
Richtigkeit von Ferenczi's Theorie des „thalassalen Regressionszuges".» 

Vergegenwärtigen wir uns die Situation, die G. schildert, so besteht gewiß 
kein Zweifel, daß das, was er als Weltzustand darstellt, dem intrauterinen 
Dasein entspricht : Wärme (Feuer), alles geht auf und ab und dreht sich (kein 
Schwerpunkt), Dämpfe (Feuchtigkeit, Fruchtwasser), Stummheit, Dunkelheit, kein 
Atem und das Angeklammertsein. Aber der geschilderte Weltzustand entspricht 
auch der Kant-Laplac'schen Hypothese von der Entstehung des Sonnensystems. 
Die Entwicklung wird rückläufig gemacht, die Erkaltung aufgehoben, die Dämpfe 
und der Dunstball entstehen wieder, und mit dem Angeklammertsein könnte ver- 
mutlich sogar die Rückkehr der abgestoßenen Erde zur Sonne angedeutet sein. Der 
geschilderte Weltzustand zeigt ebenfalls Ähnlichkeit mit dem in der jüdischen 

1) Ferenczi: Versuch einer Genitaltheorie, Wien 1924. 

— 466 — 



Schöpfungsgeschichte dargestellten Chaos, welches vor der Lichtschaffung, der 
Trennung von Wasser und Land und der Schöpfung der Lebewesen herrschte. 

Was G. vom Leben bei den Affen befürchtet, daß es ihm nämlich immer 
schwerer würde, den Weg zurück ins reale Leben der Menschen wieder zu finden, 
das tritt mit der weiteren Regression auf die Embryostufe tatsächlich ein. 

Versuchen wir nun resümierend die gewonnenen Zusammenhänge nochmals 
zu überblicken: 

G. meidet progressives Streben nach Persönlichkeitserhöhung, angeblich weil 
es, aus der Frage nach der Herkunft der Kinder wachsend, mit Blut und Mord 
im Zusammenhang steht, in Wahrheit aber, weil das Über-Ich es verbietet und 
wahrscheinlich mit Kastration oder Todesstrafe droht. Wir haben diese Ent- 
wicklung mit Rücksicht auf die Einheitlichkeit der Darstellung weniger ein- 
gehend verfolgt und haben bloß das Resultat erwähnt, daß nämlich die vom 
Über-Ich bereits verbotene Sexualforschung und Sexualbetätigung mit dem Lernen 
und Arbeiten überhaupt identifiziert wurde. 

Das Streben nach Persönlichkeitserhöhung, d. h. nach der Steigerung der 
Individuation, die vom Über-Ich im Auftrag des Es, zwecks größerer Gemein- 
schaftsmöglichkeiten des Ichs, gefordert wird, erhält also — so paradox es klingt — 
seinen Antrieb aus der Angst vor der Individuation. 

Dieser Weg, der einem Vorstoß G.'s zur Genitalstufe entsprochen hätte, ist 
ihm versperrt. Er schreitet deshalb regressive Bahnen. 

Auch hier wieder ist die Angst vor der Individuation die treibende Kraft, 
aber auch hier wieder verwickelt sich alles zu einem kaum entwirrbaren Knäuel. 
Es und Über-Ich scheinen sich gegen das Ich verbündet zu haben. Das Ich aber 
sucht sich seiner Gegner, mit denen es nicht im Streite leben möchte — was es 
allerdings nur mit der Kapitulation erreichen könnte — so zu erwehren, daß es 
in die Enge getrieben, sich scheinbar in neuer Position behauptet (Isolierung 
von den Menschen), um sich auf tieferer Stufe (oral- und embryonal) umso 
gründlicher an sie zu verlieren. Übrigens erkennen wir deutlich aus der dar- 
gestellten Schilderung, wie auch das Über-Ich an Einfluß verliert und schließlich 
alles im Es untergeht. 

Wenn wir nun G.'s eigenem Satz, daß das, was er begehrt, ihn „nimmt" 
folgen, so sehen wir, daß der ganze Ablauf seiner psychischen Tendenzen wirklich 
dieser Formulierung entspricht. 

G. begehrt den Geboten und Verboten des Über-Ichs gerecht zu werden 
dieses aber, im Dienste des Es stehend, führt in dahin zurück. Das Es jedoch, 
•welches G. — der Weisung seines Über-Ichs gehorchend — nun ebenfalls begehrt, 
nimmt ihn auf und erlöst ihn von den Nöten der Individuation. 

Aufgabe der Analyse aber war es, die zerstörende Wucht der dem Ich feind- 
lichen Mächte abzulenken und ihm neues Erdreich zur gesunden Entfaltung zu 
verschaffen. 



— 467 — 



Heilpädagogik und Stottern 

Von Dr. Werner Achelis, Berlin 

Nachstehende Ausführungen sind einem Brief an Herrn 
Dr. O. S e e l in g entnommen, Verfasser der Schrift: 
»Suggestion und Hypnose in der heilpädagogischen Praxis 
mit besonderer Berücksichtigung des Stotterns u , Verlag 
Wiegandt und Grieben, Berlin, 192J. Ich erhielt diese 
Schrift, die sich pessimistisch über die Erfolge der Sug- 
gestionstherapie hinsichtlich. ' t des Stotterns äußert, vom Ver- 
fasser zugesandt und wurde durch sie zu folgender Rück- 
äußerung veranlaßt. 

Sehr geehrter Herr Doktor! 

Zunächst möchte ich Ihnen meinen verbindlichsten Dank für die Zusendung 
Ihrer Broschüre aussprechen. Ich habe sie mit großem Interesse gelesen und 
dabei noch manches besser verstanden, was Sie neulich im Gespräch mit mir 
ausführten. Außerordentlich wohltuend berührt Ihre nüchtern sachliche Ein- 
stellung. Es ist in der Tat erstaunlich, welch eine heillose Denkverwirrung 
und Nachlässigkeit der präzisen Gedankenführung in der marktgängigen Literatur 
über die Probleme der Heilpädogogik auf suggestiver Grundlage herrscht. 

Was nun Ihr Spezialproblem des Stotterns anlangt, so bin ich gleich Ihnen 
der Ansicht, 'daß Meldungen von wirklichen Dauerheilungen im allgemeinen 
in das Gebiet der Fabel zu verweisen sind; womit ich jedoch nicht sagen will 
daß ich eine Dauerheilung für vollkommen unmöglich halte. Es verhält sich 
damit so ähnlich wie mit dem Kamel und dem Nadelöhr. Ich glaube zwar 
nicht, daß die Menschen in einen anderen Himmel kommen, als sie sich selbst 
hier auf Erden schaffen, aber Tatsache ist, daß es Menschen von wirklicher 
innerer Glückhaftigkeit gibt, und unter diesen solche, die auf einem langen 
Wege des Leidens und des Irrens dazu gelangen. Wenn ich nun diese reichlich 
bildhafte Ausdrucksweise in der Sprache der Psychoanalyse erläutern will, so 
wäre Folgendes zu sagen: Die Psychoanalyse, soweit sie mit wahrhaftem Ernst 
betrieben wird, kann nichts anderes im Auge haben als zunächst den ganzen 
Menschen, und zwar von seinem seelischen Zentrum her. Auf dieser Basis wird 
man es von vornherein abweisen müssen, daß man einen Menschen von einem 
speziellen Leiden psychogener Natur wirklich heilen kann, ohne daß eine 
positive Charakterwandlung von Grund aus eintritt. Tritt ungeachtet dieser 
Voraussetzung eine scheinbar völlige Spontanheilung ein, so ist anzunehmen, 
daß der Teufel durch den Beelzebub ausgetrieben ist, nämlich an die Stelle 
des körperlichen Leidens ein vielleicht weniger sichtbares, aber vielleicht 
schlimmeres charakterliches Unheil getreten ist. Ich habe selbst einen besonders 
krassen Fall beobachten können, wo es zwar gelang, eine Blindheit auf 
hysterischer Basis zum dauernden Verschwinden zu bringen, wo aber infolge 
der unorganischen Schnelligkeit des Vorganges Verfolgungswahn leichteren 
Grades eintrat, der Betreffende aus der Analyse lief und sich damit der wirk- 
lichen Heilung entzog. Alle Heilungen auf ausgesprochen suggestiver Basis sind 
demzufolge meines Erachtens unorganisch. Sie dauern so lange an, wie der 

— 468 - 



unbewußte suggestive Einfluß wirkt, dem sich der Patient anheimgegeben hat. 
was sich allerdings in manchen Fällen auf Jahre erstrecken kann. Ausnahmen 
wären die Fälle, in denen der Suggerierende eine überragende Persönlichkeit 
ist und bewußt oder unbewußt den Patienten auf sein seelisches Zentrum hin 
angesprochen hat. 

Der Psychoanalyse wird nun im allgemeinen ihre lange Zeitdauer vorge- 
worfen. Und doch geht es hier um etwas sehr Natürliches. Aus Unkenntnis 
und Denklahmheit neigt man heute dazu, den seelischen Erkrankungsprozessen 
ein geringeres Gewicht zuzusprechen als den körperlichen. Niemand nimmt 
daran Anstoß, daß die wirkliche i Ausheilung einer Tuberkulose Jahre bean- 
sprucht. Daß aber bei seelischen Erkranktingsprozessen der Körper sich eben 
falls umbauen muß, also die Zeit als Heilfaktor mitspielt, darauf kommt man 
nicht, da man in der irrtümlichen Trennung von Leib und Seele beharrt. Beim 
Spezialproblem des Stotterns ist nun auffällig, daß scheinbar eine größere 
Renitenz des Körpers zu beobachten ist als bei anderen Leiden auf psychischer 
Grundlage. Das beruht meines Erachtens auf Folgendem: Ein Mensch, der 
stottert, ist in jedem Falle von einer großen, [ihm selbst in ihrer Reichweite 
unbewußten Angst besessen. Diese Angst kann zurückgehen auf ein einzelnes 
schweres Trauma, oder auf eine stetige Reihe ungünstiger Einflüsse, denen der 
Betreffende mit seinem bewußten Gefüge nicht standzuhalten vermocht hat. 
Die große unbewußte Angst, deren vorgeschobenstes Symptom das Stottern ist, 
erzeugt meines Erachtens in jedem Falle noch eine Reihe weiterer neuroti- 
scher Störungen. Und nur, wenn man die gesamte Neurose allmählich von dem 
seelischen Zentrum her aufrollen kann, kann für mein Gefühl von einer Aus- 
sicht auf wirkliche Heilung gesprochen werden. Wesentlich ist nun, daß die 
Psychoanalyse vornehmlich das Charakterliche in Angriff nimmt und das körper- 
liche Symptom scheinbar vernachlässigt, bis die Funktion, die dieses Symptom 
im neurotischen Gesamthaushalt des Patienten versieht, von diesem begriffen 
werden kann. So bekam ich %. B. vor einiger Zeit den Sohn eines Schulfach- 
mannes in Analyse, der an einer psychogenen Schwerhörigkeit leidet. Er suchte 
mich auf wegen innerer Vereinsamung und ignorierte die Schwerhörigkeit als 
unwesentlich. Ich tat scheinbar desgleichen, und es begab sich, daß sich der 
Patient zu einem scheinbaren Musterpatienten entwickelte und in analytisch 
psychologischen Dingen eine erstaunliche Hellhörigkeit entwickelte, bis ich ihm 
sozusagen in flagranti nachweisen konnte, daß diese scheinbare Hellhörigkeit 
ein Parallelvorgang der physiologischen Schwerhörigkeit war, durch die er 
nichts anderes dokumentieren wollte (natürlich unbewußt!), als daß er sich 
gewaltsam gegen alles Gefühlsmäßige absperren möchte, also nicht 
„hören" will und dieses durch die Aufnahmebereitschaft seines Intellekts maskiert. 
Erst mit diesem Moment konnte er wirklich begreifen, daß sein körperliches 
Leiden ein seelisches und in den seelischen Haushalt eingegliedertes ist, und 
der mühselige Weg zur allmählichen Abheilung war freigelegt. Ich sage ab- 
sichtlich mühselig, weil mit der Aufdeckung der Beziehungen zum seelischen 
Zentrum keineswegs die Genese der Krankheit in das volle gefühlsgesättigte 
Bewußtsein gehoben ist, welcher Vorgang identisch wäre mit der Aufhebung 
der Angst und damit allerdings auch der Aufhebung des körperlichen Symptoms. 
Und auf diesem schweren Wege erlahmt meistens, oder doch sehr oft, die 
seelische Spannkraft des Analysanden. Die Heilung ist also letzten Endes immer 

- 46Q- 



in die Hände des Patienten und nicht in die des Arztes gegeben. Der Analytiker 
kann nur so weit helfen, als der Analysand tatsächlich will, koste es, was es 
wolle. Damit ist es aber bei den Menschen schlecht bestellt, und man gelangt 
zu einem einigermaßen betrüblichen Resultat, das sich mit dem Ihrigen im 
großen und ganzen deckt, nur daß man von der Psychoanalyse aus zu über- 
sehen glaubt, warum es nicht anders sein kann. 

Nun weiche ich allerdings in Bezug auf die therapeutischen Möglichkeiten 
in einem wesentlichen Punkte von Ihnen ab. Sie betrachten das Phänomen 
des Stotterns gleichsam isoliert und bemessen die Heilmöglichkeit an der Skala 
der Intensität des Stotterns. Ich kann das Phänomen des Stotterns nur in seiner 
organischen Verbundenheit mit den Schicksalen des verdrängten Trieblebens, 
oder, wie ich noch lieber sagen möchte: des verdrängten Liebeslebens sehen und 
glaube, daß Abbau der Angst und Abbau des Stotterns zwar parallel gehen, aber 
in einem höchst komplizierten Verhältnis gleichsam kommunizierender Röhren. 
Dies wäre ungefähr so zu verstehen: Stellen Sie sich zwei wassergefüllte kom- 
munizierende Röhren in U-Form vor. Bohrt man nun in den Bogen unten ein 
winziges Loch und übt auf die eine Wassersäule einen Druck aus, so wird der 
Druck ein vermehrtes Abtropfen aus der gebohrten Öffnung zur Folge haben 
wie auch ein Ansteigen des Wasserspiegels in der kommunizierenden Röhre. Die 
absolute Wasserabnahme ist dann nur unter Beobachtung des Wasserspiegels 
beider Röhren feststellbar. 

Der Angstabbau, und damit die Lösung der unheilvollen, in jedem Falle 
vorhandenen Charakterverstrickung kann also entsprechend diesem Bilde weit 
vorgeschritten sein, und doch kann das körperliche Symptom sich halten, wenn 
es auch in seiner Wirkungskräftigkeit weitgehend von innen unterhöhlt sein mag. 
Man kommt ja heute dazu, etwa beim Problem der Onanie, nicht die Onanie 
selbst als das Unheilvolle anzusprechen, sondern die damit verbundenen un- 
bewußten Schuld- und Angstgefühle. Gelingt deren Abbau, so kann sich zwar 
die Onanie halten, sie wird aber ihren Charakter wechseln und auf alle Fälle 
für den Betreffenden nicht mehr den großen Druck darstellen. Nun hinkt aller- 
dings dieses Gleichnis etwas, denn man kann durchaus die Möglichkeit erwägen, 
daß Onanie ohne Schuldgefühle ein normaler Vorgang ist, was aber vom Stottern 
keinesfalls gelten kann. Was ich damit aber meine, ist, daß das Tempo des 
Körpers in manchen, durch viele Jahre eingefahrenen Fällen ein anderes ist als 
das der seelischen Lösung. Der Parallelismus von Leib und Seele ist kein 
mechanischer. Der Normalfall ist also der, daß es in längerer redlicher Arbeit 
gelingt, einen großen Teil der unbewußten Angst aufzuarbeiten und damit auch 
eine allmähliche, oft sehr viel später eintretende Besserung des Stotterns zu er- 
zielen. Rückfälle sind allerdings nicht ausgeschlossen; niemals aber kann auf 
einer solchen Basis ein dauernder Rückfall eintreten. Und das ist der große 
Unterschied zur Suggestivtherapie, die ohne tiefgehende Beteiligung des Individuums 
erfolgt. In der Psychoanalyse ist eben nicht die Angst auf den Analytiker für 
mehr oder weniger kurze Frist abgeschoben worden, sondern sie ist unter SelLst- 
verantwortung des Analysanden aufgearbeitet worden. Der eigene seelische 
Rückhalt ist da, und soweit der Patient eine Charakterwandlung erlebt hat, ist 
auch dem körperlichen Symptom der Boden entzogen. 

Nun bin ich aber noch Aufschluß darüber schuldig, warum das Stottern im 
Verhältnis zu anderen Symptomen körperlicher Art schwerer lösbar ist. Das hat 

— 470 — 






meines Erachtens mit der Leichtigkeit dieser Störung zu tun. In der Psycho- 
analyse rechnet man. wie Ihnen wahrscheinlich bekannt ist, mit dem sogenannten 
Lustgewinn, den der Patient aus seiner körperlichen Störung zieht. Der genannte 
hysterisch Erblindete etwa will nicht „sehen", daß er geschäftlich bankerott 
gemacht hat, d. h. er hat es tatsächlich „vergessen", und es gelingt nicht, ihn 
von den Tatsachen zu überzeugen. Die körperliche Blindheit schützt ihn vor 
der Einsicht, und darum hält er an ihr fest, bezieht aus ihr einen weitreichenden 
Lustgewinn und so verhält es sich mit anderen körperlichen Störungen auch. 
Sind nun die körperlichen Störungen schwerer Natur, so ist der Druck der 
Realität auf den Patienten stark, d. h. auf die Dauer wird er sich lieber zu einer 
sehr schmerzlichen Einsicht bequemen, als weiterhin als Blinder herumzulaufen. 
Beim Stottern aber ist in vielen Fällen der Druck der Realität relativ gering, — 
es geht halt auch mit Stottern!, — und daher kommt es meines Erachtens, daß 
an diesem Symptom so oft hartnäckig wegen des in ihm verborgenen Lustgewinns 
festgehalten wird. Der eben erwähnte Schwerhörige wird über kurz oder lang 
seine Schwerhörigkeit aufgeben müssen, weil er Mediziner ist, und wird bei 
allmählichem Abbau seiner enormen Schuldgefühle nicht mehr seine Karriere 
durch unbewußte Sabotage verpfuschen wollen. 

Theoretisch komme ich also zu einem weitaus günstigeren Resultat als Sie. 
Bedauerlich bleibt nur, daß die praktischen Möglichkeiten nicht viel mehr als 
einen temperierten Pessimismus zulassen, da nun einmal die seelische Schwer- 
fälligkeit oder sagen wir „Harthörigkeit" der Menschen so überaus groß ist, und 
man von Tatsachen wie dem Heil der Seele kaum reden kann, ohne in den 
Geruch pastörlicher Redseligkeit zu kommen. Die Befangenheit im Lebensirrtum 
ist zu groß. Und damit wird auch der zweite bedauerliche Punkt, nämlich die 
Kostspieligkeit der psychoanalytischen Arbeit zu einem oft unübersteigbaren 
Hindernis. Gewiß ist gerade der Mittelstand mit seinem meist guten Menschen- 
material schwer daran. Manche aber könnten und würden die Arbeit doch wagen, 
wenn sie nur einen Begriff hätten, worum es geht. Damit aber ist es eben 
schlecht bestellt. Die suggestionstherapeutische Literatur üblen Charakters, die in 
Massen verschlungen wird, tut ein Übriges, um eine vollkommen passive Ein- 
stellung zu erzeugen. Man begibt sich in „Behandlung", wie es immer heißt, und 
ist entrüstet, wenn der Psychotherapeut nicht in einem Monat das Leiden weg- 
gezaubert und eine neue glückhafte Seele dazugezaubert hat. 

Doch nun genug der pessimistischen Betrachtungen. Das Problem wird kein 
anderes dadurch, und redliche Arbeit läßt immer redliches Hoffen zu. 

Mit den besten Empfehlungen 

Ihr ergebener 

W. Achelis 

N. B. Erwähnen möchte ich noch, daß bisher wohl kein Suggestionstherapeut 
der Tatsache Aufmerksamkeit geschenkt hat, daß Stottern vorwiegend eine 
männliche Angelegenheit ist, also mit den Schicksalen der männlichen Psyche 
zu tun haben muß, was aufzuklären ohne psychoanalytisches Fachwissen aller- 
dings unmöglich sein dürfte. 



— 471 



Zum oralen Ursprung des Neides 

Von Dr. Richard S t e r b a, Wien 

Die Psychoanalyse mußte im Zuge der Forschungsarbeit, die sie an den 
pathologischen und normalen Erscheinungen des Seelenlebens unternahm, auch 
auf jene Grundhaltungen und Einstellungsweisen stoßen, die nicht vom übrigen 
Seelenleben abgegrenzt sind, wie wir das an den Fehlleistungen, den Träumen 
und den Symptomen beobachten, sondern die in das bewußte Seelenleben ein- 
gebaut und für dasselbe richtunggebend sind, und die wir als Charakter- 
züge zu bezeichnen pflegen. Es gelang dabei der Psychoanalyse für eine An- 
zahl dieser Charakterzüge der Nachweis, daß ihre besondere, eventuell patho- 
logische Ausprägung einer Fixierung der Libido an einer bestimmten erogenen 
Zone zuzuschreiben sei. Bei solchen Charakterzügen, die als pathologisch anzu- 
sprechen sind, ergibt sich dabei regelmäßig der Zusammenhang mit einer erogenen 
Zone, die die Libido des Erwachsenen normalerweise bereits weitestgehend 
aufgegeben hat, um sich in der endgiltigen Fassung dem Primat des Geni- 
tales zu unterwerfen. Das Festhalten an einer Organisationsstufe der Libido, 
die normalerweise zu Gunsten einer höhergeordneten ^verlassen jwerden soll, 
bezeichnet die Psychoanalyse; als Fixierung auf dieser Stufe. Alle Organisations- 
stufen der Libido leisten nun Beiträge zur normalen Charakterbildung, so daß 
im Charakter des Normalen sich Reste sowohl aus der oralen, wie aus der 
anal-sadistischen und aus der urethralen Phase der Libido finden. Das Kriterium 
des Pathologischen bildet die das Individuum oder die Gemeinschaft störende 
besondere Ausprägung eines solchen Charakterzuges. Einem solchen pathologisch 
ausgeprägten Charakterzug entspricht nun eine besonders starke Fixierung an 
die erogene Zone, von der der Charakterzug sich herleitet. Diese Fixierung 
an eine bestimmte Zone kommt nun regelmäßig auch im Verhalten in der 
frühen Kindheit zum Ausdruck. 

Freud, der für die Möglichkeit der Aufdeckung der Genese von Charakter- 
zügen aus der Lustbetätigung an bestimmten erogenen Zonen bahnbrechend 
war, hat diese Genese besonders für Eigensinn, ' Sparsamkeit und Ordnungsliebe 
verfolgt. Er fand dabei, daß diese Charaktereigenschaften sich von der analen 
Zone herleiten, das heißt, daß Individuen, die durch die erwähnten Charakter- 
züge ausgezeichnet sind, in früher Kindheit besonders ausgiebig und lange alle 
jene „Unarten" aufwiesen, die die Kinder zur Erwerbung von analer Lust 
betätigen. Hieher gehört in erster Linie das Zurückhalten der Stuhlmassen und 
die hartnäckige Weigerung des Säuglings und auch älterer Kinder, den Darm 
zu entleeren, wenn die Pflegeperson es wünscht und die Verrichtung dieser 
Funktion nach eigenem Belieben und zwar dann, wenn die Anhäufung des 
Stuhles den Durchtritt desselben durch die Afterzone zu einem besonders inten- 
siven, lustvoll erlebten Reiz gestaltet. 1 

Abraham hat in seinen „Ergänzungen zur Lehre' vom Analcharakter" 
Freuds Untersuchungen erweitert. Er hat in einer weiteren Abhandlung: „Bei- 
träge der Oralerotik zur Charakterbildung" den Nachweis erbracht, daß auch 

1) Siehe Freud, „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie", Ges. Sehr. V. 60 und 
..Charakter und Analerotik". Ges. Sehr. V. 261. 

— 472 — 



aus der Lustbetätigung an der Mundzone, wie sie dem Saugakte des Säuglings 
und der späteren „Unart*" des Lutschens entspricht, Beiträge zur Charakter- 
bildung geliefert werden. Einer der Charakterzüge, die «aus der oralen Zone 
ihre Herkunft ableiten lassen, ist der Neid. Der Neid entwickelt sich besonders 
dann, wenn das Kind bereits jenseits der Säuglingsperiode sich befindet, die 
Entwöhnung aber als eine schwere Enttäuschung empfunden hat und nun zu 
beobachten Gelegenheit hat, wie ein inzwischen nachgekommenes Geschwister, 
das ihm nunmehr- versagte Glück an der Mutterbrust genießt. 

Ich konnte nun einen Patienten, bei dem der Neid der hervorstechendste 
Charakterzug war, in der Analyse beobachten. Bei ihm hatten Mißgunst und 
Neid Belnif und Privatleben völlig überschwemmt, sie ließen ihm keine ruhige 
Minute und machten ihn völlig genußunfähig, da ihn bei jedem Genuß ein Mehr- 
besitz des anderen störte; er wurde buchstäblich von seinem Neid „aufgefressen". 
Da die Analyse aus äußeren Gründen nach zwei Monaten abgebrochen werden 
mußte, war es nicht möglich, beim Patienten die letzten Determinierungen 
seines Neides aufzufinden; doch wurde eine Erinnerungsreihe aufgedeckt, die 
über die Genese des Neides aus der oralen Lustzone genügend Aufschluß gab. 
Der Patient war der Älteste von vier Brüdern, hatte also dreimal Gelegenheit 
gehabt, ein jüngeres Geschwister das ihm [nach einer normal langen Still 
periode versagte Glück an der Mutterbrust genießen zu sehen. Er selbst hatte 
sich zu einem intensiven Lutscher entwickelt. Im Alter von 5 — 7 Jahren 
geschah es nun regelmäßig, daß, wenn an die Kinder Zuckerln (Lutsch- 
bonbons) verteilt wurden, der Patient in maßlose Wut geriet, wenn er seine 
Brüder an den Bonbons lutschen sah, obwohl er selbst seinen gerechten Anteil 
bekommen hatte. Er stürzte sich dann auf sie und zwang sie, die viel 
schwächer waren, mit Brachialgewalt den Mund zu öffnen, nahm ihnen das 
Zuckerl aus dem Mund und verleibte es höchst befriedigt seiner eigenen oralen 
Zone ein. — Wir dürfen annehmen, daß diese räuberischen Überfälle auf die 
jüngeren Brüder einen Versuch darstellen, ein bereits früher erworbenes Neid 
gefühl zur Erledigung zu bringen. Es ist dabei klar, daß das Lutschbonbon die 
Mutterbrust resp. die Brustwarze ersetzt, [daß also der neidbedingte Angriff 
eigentlich dem Bruder an der Mutterbrust galt. Die Ableitung des Neides von 
der oralen Zone und seine Herkunft aus der Konkurrenzeinstellung zu einem 
jüngeren Geschwister wird in diesem Falle ganz besonders deutlich. In den 
Attacken auf die Brüder handelte es sich um den Versuch, die Mutterbrust auf 
dem Wege über ein Ersatzobjekt, eben das Lutschbonbon wiederzugewinnen 
und die Brüder aus der von ihm so ersehnten und doch nicht wieder erlang 
baren oralen Glücksposition zu verdrängen. Der Neid, den der Patient noch als 
Erwachsener in so hohem Maße aufwies, zeigte, daß diese Versuche einer 
oralen Beraubung psychisch ihren Zweck nicht vollkommen zu erfüllen ver- 
mochten, sondern daß ein Rest der Rivalitätsbeziehung zu den Brüdern charaktero 
logisch verarbeitet wurde und im Neid des Patienten seine endgültige und 
dauernde Auswirkung fand. 



- 473 



BEOBACHTUNGEN AN KINDERN 

MIHI! 



Ein „geborener" Bildhauer 

Von Dr. Eduard Hitschmann, Wien 



Als der sechzehnjährige Mittelschüler eines Tages aus dem knetbaren Radier- 
gummi einen kleinen Schlitten und drei vorgespannte Pferdchen bildete, war 
der Zeichenlehrer von dieser Miniaturarbeit so begeistert, daß er den Knaben, 
der im Zeichnen wenig begabt ist, anwies, sich nur mehr auf Plastik zu be- 
schränken, weil hier sein großes Talent eine Zukunft verspreche, was auch ein 
bedeutender, bald darauf gefragter Bildhauer bestätigte. Wenn ihm Wachs zur 
Verfügung steht, drängt es ihn lebhaft, daraus etwas Geformtes herzustellen: 
dieses weiche Material findet er am geeignetsten, um sofort einem plastischen 
Einfall Form zu geben, den er später auch in Ton festhalten kann. Mit beson- 
derer Vorliebe sind es Tiere, die er gern in Bewegung darstellt. Diese inter- 
essierten ihn von früh auf, er studierte sie unbewußt in Hühnerhof und Stall, 
in letzter Zeit auch im Tiergarten. Was er aber formt, macht er nur aus dem 
Gedächtnis, auch Gruppen komponierend; die treffend wiedergegebenen Bewe- 
gungen — z. B. eilender Elefanten — errät er, wie er sagt, wie selbstverständlich 
aus dem Rhythmus eines so gebauten Tieres. Das erste, was er formte, war 
eine Schwalbe, auf einem Ast sitzend. Er meint, sehr früh schon die Formen 
der Dinge beachtet zu haben und vermutet, damit auch einem Ererbten von 
der Mutter zu gehorchen, die als Tänzerin aus innerem Bedürfnis für die Formen 
und Stellungen des Körpers besonderen Sinn hat (Exhibition). 

Von ganz besonderem psychoanalytischem Interesse ist aber der frühe und 
charakteristische Beginn des Triebes, mit den Händen knetend oder formend 
sich zu betätigen. 

Der Knabe war als kleines Kind überaus der analerotischen Triebrichtung 
verfallen, war schwer zur Stuhldisziplin zu erziehen, beschmutzte noch mit drei 
Jahren seine Höschen, und war nicht nur auf diesem Gebiet sehr eigenwillig 
Er näßte sogar tags noch lange und tyrannisierte seine Umgebung. Oft mußte 
ihm ein Darmeinlauf gemacht werden, und er verlangte selbst nachts darnach. 
Als er mit zwei Jahren in die Gehschule gebracht wurde, begann er lebhafte 
Druckbewegungen zu machen, schüttelte sich dann, um den Stuhl aus dem 
Höschen zur Erde fallen zu lassen, und begann ihn alsbald energisch zu kneten, 
verschmierte ihn auch an seinem Körper und an Gegenständen. Die intelligenten 
Eltern, übrigens selbst Folgen analer Triebanlage höheren Grades nicht ver- 
leugnend, hatten die gute Idee, dem Kinde eine plastische Masse, das Plastilin, 
in größerer Menge zur Verfügung zu stellen. Die Verzweiflung über das hart- 
näckige schmutzige Gebaren des Kindes machte sie erfinderisch! Der Knabe 
ließ nun von seiner perversen Unart und zeigte bald ein großes 
Interesse und Geschick, gesehene Gegenstände, besonders Tiere, 

— 474 — 



nachzuformen. Aus dem fünften Lebensjahre sind ein Geiger und modellierte 
kämpfende Hähne photographisch festgehalten worden. Zweifellos haben die 
Eltern das Prinzip der Sublimierung, der Ablenkung eines asozialen Triebes auf 
eine höhere Stufe, geahnt und so den Stuhlschmierer und -kneter zum Plastiker 
werden lassen. 

In Bezug auf die Sublimierung, wie den Zusammenhang des plastischen Triebes 
mit der Analerotik erscheint dieser Fall besonders instruktiv. Das erfolgreiche 
Formen hat hier in einer anderen Hinsicht Beziehung zum Schautrieb. Erst seit 
dem elften Lebensjahre wurde Kurzsichtigkeit konstatiert, so daß seither ein 
Augenglas getragen werden mußte. Der gern elegant gekleidete Jüngling zeigt 
auch großes Interesse für Gesang und Sport, will Bildhauer werden und jeden- 
falls keinen anderen als einen künstlerischen Beruf ergreifen. Eine seiner Porträt- 
büsten aus Wachs, die wieder zerstört worden war, konnte er nach dem Tode 
des Porträtierten leicht aus dem Gedächtnis nachformen. Er hatte das Gefühl 
und die Maße des Kopfes noch „an den Fingerspitzen". 

Dieser kurze Bericht über die Triebanlagen vermag selbstverständlich nichts 
auszusagen über die Herkunft des Talentes und der künstlerischen Kraft. 



Eine „Hexe" 

Von Dr. Paul Röttger, Stuttgart 

Die 6 jährige kleine S. wird allabendlich durch den gleichen Schrecktraum 
aus dem ersten Schlaf gerissen. Sie träumt, es steht plötzlich eine große Hexe 
vor ihr, die hat eine lange Nase. Davon wacht sie unter Angst, ab und zu mit 
Schreien auf. Zunächst gibt sie keinerlei Einfälle oder weitere Anhaltspunkte 
zu dieser Hexe. Erst nach mehreren Wochen spricht sie spontan wieder mal 
von der Hexe. Sie erzählt, daß sie mit ihren Spielkameraden Hexe gespielt habe, 
und zwar ein Dornröschenspiel. Sie war die Hexe und mußte die Prinzessin 
ins Herz stechen. Das machte sie mit dem ausgestreckten Zeigefinger. Ich fragte 
sie nach der Hexe, die ihr im Traum erscheint. Sie versuchte sie zu beschreiben : 
„Die Hex hat einen wüsten Kopf mit einer langen spitzigen Nase und vielen 
Haaren. Unten sieht sie aus wie die Mama." Ich bat sie, die Hexe zu zeichnen. 

Sie begann mit / 

„der Nase" so: «^"' -. — ^ 

Erst auf Zureden ergänz- ^^\ ) 

te sie das Bild weiter: v — ' 

Auf weiteres Fragen hin tat sie noch die Haare dazu : 

Zu mehr war sie nicht zu bewegen und ging auf ein anderes Thema über. 
Wir bauten einen Hebekran mit dem Märklinbaukasten. Die Zeichnung lag auf 
dem Tische daneben. Auf einmal lächelt die Kleine, steckt den Finger in den 
Mund und sieht mich von der Seite an. Sie wollte also etwas Lustiges, aber 
ein wenig Peinliches erzählen: „Weißt, das sieht aus wie dem Ludwig sein Rolli" 
(Genitale). L. ist der große Bruder. — „Und wie dem Papa seines." — Es 

— 475 — 




schlössen sich dann Gespräche an, die [sich darum drehten, daß die Mamma 
gar kein Rolli habe. Die Hexenangst war seitdem völlig erledigt. Als die 
Mutter sie einmal fragte, ob die Hex nimmer käme, meinte sie nur: „Die kommt 
nimmer, ich weiß jetzt, was die Hex war." 






Ein Traum eines dreijährigen Mädchens 

Von Ei. We sterman Holstijn -Vi s s e r i n g, Amsterdam 

In seiner ..Psychologie der frühen Kindheit" behauptet William Stern, daß 
..spontane Traumerzählungen kaum vor dem fünften Lebensjahre vorkommen und daß 
auch hier noch das Kind eigentlichen Traumbericht und Wachkonfabulation nur 
schwer auseinanderhalten kann.' ;i (S. 265 der 4. Aufl. 1927.) Durch diese Verwirrung 
wird s. E. manche psychoanalytische Deutung von Kinderträumen wertlos. Wenn 
man dahingestellt sein läßt, daß die Psychoanalyse weniger Wert auf das Auseinander- 
halten von Traumbericht und Wachkonfabulation legt, sondern beide für das Deuten 
der Komplexe einander gleichstellt, so scheint es mir dennoch sehr gut möglich, bei 
jüngeren Kindern wirkliche Traumberichte von Wachkonfabulationen zu unterscheiden. 
Unser dreieinhalbjähriges Töchterchen erzählte uns im letzten Jahre mindestens drei 
evidente Traumberichte. Die Erzählungen wurden vollkommen spontan gemacht, kurz 
nach dem Erwachen, und waren deutlich von Wachkonfabulationen zu unterscheiden, 
erstens durch ihren verschiedenen Charakter, zweitens durch die Tatsache, daß das 
Kind fest überzeugt war von der Wirklichkeit der unmöglichen Begebenheiten, die 
es erzählte, während es bei seinen Phantasien Realität und Illusion sehr gut aus- 
einanderzuhalten weiß. 2 Besonders bei dem dritten Traum (mitgeteilt mit 356) war 
das deutlich. — Ganz entrüstet fragte sie die Mutter: „Heute nacht, als es dunkel war 
da kam das Auto der Tante T.; und da sagtest du : Jetzt darf Maja auch einsteigen — und 
dann gingst du selber hinein und rittst fort und Maja ging doch nicht mit! Warum Itast du 
das getan?« Die Tränen flössen vor Enttäuschung. Als sie die nächsten Tage diesen 
Traum noch zweimal erzählte, wurde jedesmal eine glücklichere Endung hinzu- 
fabuliert: das Auto hält wieder und sie darf doch mitfahren und schließlich sogar 
auf Papas Schoß sitzen. 

Merkwürdiger als dieser Traum war der zweite, mitgeteilt mit 351: „Maja so er- 
schrocken — da kam ein Mann ins Schlafzimmer und warf alle Teller aus dem Fenster — 
patsch, alle Teller kaput — Maja wurde wach davon — und alle Stühle auch kaput.' u In 
großer Erregung wird diese Mitteilung, durchsetzt mit unverständlichem Kauder- 
welsch noch mehrmals spontan wiederholt, auch an den nächsten Tagen, wobei nach- 
her die Mitteilung, sie sei so erschrocken, geändert wird: „Maja hat so gelacht!" und 
auch die aus dem Fenster geworfenen Gegenstände sich vermehren. Auch hier waren 

1) Nur für Angstträume macht er eine Ausnahme, die im nachfolgenden mitge- 
teilten Träume waren aber keineswegs Angstträume. 

2) Von 5;6 Jahr ab bekommt das Kind einigen Begriff vom Wesen des Traumes 
und nun sind Träume und Wachkonfabulationen viel schwieriger auseinanderzuhalten, 
da sie den Glauben an die Realität des Traumes verloren hat. und ihr der Ausdruck: 
„Ich habe geträumt. . . ." geläufig geworden ist. 

— 476 — 






ursprünglicher Traumbericht und Wachkonfabulation deutlich zu unterscheiden. Wie 
real ihr auch jetzt der Traum erschienen ist, ergibt sich aus einem Gespräch mit 
der Mutter vier Monate später. Das Kind erinnert sich an den Traum noch sehr 
deutlich, und als die Mutter sie überzeugen will, daß das Geträumte nicht wirklich 
stattgefunden habe, ist ihre einzige Antwort die Frage: „Du hast dir sofort wieder neue 
Teller gekauft, nicht? 11 

Der Traumanlaß war höchstwahrscheinlich folgender: Einige Tage vorher hatte 
man dem Kinde erzählt, wie die beiden Hauskatzen nacheinander einmal aus dem 
Fenster gefallen waren, und wie die Tiere sich dabei wehe getan und „geschrien und 
geweint" hatten. Diese Geschichte beschäftigte sie in den nächsten Tagen fortwährend. 
Zwei Tage vor der Traumerzählung hörte sie, als sie im Garten stand, oben das kleine 
Brüderchen weinen und sagte sofort: „Jantje schreit, er ist so betrübt, er ist gewiß aus 
dem Fenster gefallen t" Der Zusammenhang dieser Bemerkung mit dem Traume fiel mir 
erst später auf. Natürlich ist es unmöglich, den Traum mit vollständiger Sicherheit 
zu deuten, aber die Möglichkeit ergibt sich jedenfalls, daß in der Phantasie des 
Kindes, daß das Brüderchen aus dem Fenster gefallen sei, zugleich die Deutung des 
Traumes enthalten ist. Unwillkürlich werden wir an Freuds Artikel „Eine Kindheits- 
erinnerung aus Dichtung und Wahrheit" erinnert (Ges. Schriften, Bd. X), worin er 
feststellt, an Hand von mehreren Beispielen von Kindern von s*/, bis 3 s / 4 Jahren, die, 
wie der kleine Goethe, Geschirr und andere Sachen aus dem Fenster geworfen hatten, 
daß dieses „Geschirrhinauswerfen eine symbolische . . . oder richtiger eine magische 
Handlung" war, „durch welche das Kind seinen Wunsch nach Beseitigung des störenden 
Eindringlings (des neugeborenen Geschwisterchens) zum kräftigen Ausdruck bringt". 
Maja hat mit. 2,10 (also 5 Monate vor dem Traume) einen Bruder bekommen. Sie 
empfing den Eindringling ohne deutliche Eifersucht, sogar mit Freude, und nur an 
einer Veränderung in ihrem Betragen konnten die Eltern bemerken, daß die Geburt des 
Brüderchens nicht ganz so konfliktlos verarbeitet wurde, wie es oberflächlich betrachtet 
erschien. Das Kind wurde nämlich einige Monate lang von einer hilflos nervösen 
Stimmung beherrscht und brach bei dem geringsten Anlaß oft in ein fassungsloses 
Weinen aus, das dem Schreien des Brüderchens merkwürdig ähnlich klang, durchaus 
verschieden von ihrem gewöhnlichen Weinen. Auch in ihrem Spiel schien sich der Wunsch, 
sich mit dem Brüderchen zu identifizieren, zu äußern. Ein beliebter Scherz war es, 
daß sie sich während des Auskleidens wie ein Baby gebärdete, und dabei wurden alle 
Bewegungen und Laute des Kleinen täuschend ähnlich nachgeahmt. Noch eine andere 
Äußerung unbewußter negativer Gefühle zum Bruder erkannten die Eltern in ihrem 
Spiel. Als der Kleine Jgeboren wurde, bekam Maja ihre erste größere Puppe geschenkt, 
die von ihr sofort wie das Brüderchen Jan getauft wurde. In ihrem Verhalten zur 
Puppe spiegelte sich in den nächsten Monaten ihre ambivalente Einstellung zum 
Bruder ab. Neben einem unermüdlichen Nachahmen der Handlungen der Mutter mit dem 
Baby wurde die Puppe oft als ein richtiger Rivale dem Kinde entgegengestellt, hart- 
näckig bestand Maja z. 3. oft darauf, daß die Puppe „schlafen mußte" im Babyzimmer, 
als „Mammas Jan" gerade wach war; dann wollte sie fortwährend die Gardinen schließen 
und das Zimmer verdunkeln. Nach wochenlangem zärtlichem Spiel wurde die Puppe um 
die Zeit des Traumes plötzlich einen ganzen Monat auffallend vernachlässigt, und eine 
Woche nach dem Traume vom Geschirr-Hinauswerfen trat die Liebe für alle Puppen 
und Stofftiere in den Hintergrund zu Gunsten eines phantasierten „Bruders", der, 
gleichalterig wie Maja, sie einige Wochen lang den ganzen Tag begleitete und auch 
noch mehrere Monate später in den Phantasien des Kindes auftauchte. In diesen 



Zeilschrift f. psa. Päd., III '14/15 477 



2!) 






phantasierten Bruder wurde alles hineinprojiziert. was Maja im wirklichen Brüderchen 
„och vermißte. Sobald sich aber nach zwei bis drei Monaten mit dem halbjährigen 
Jan Möglichkeiten zu einem primitiven Zusammenspiel eröffneten, schwand der 
Phantasiebruder allmählich und auch das Puppenspiel wurde wieder mit der früheren 
Begeisterung aufgenommen. Die Rivalität zwischen „Mammas Jantje" und „Majas 
Jantje" ist jetzt aber verschwunden. 

Zusammenfassend scheint es durchaus nicht unwahrscheinlich, daß der Traum in 
diesem Falle auf ähnliche Weise gedeutet werden darf, wie die Handlungen des 
kleinen Goethe und der anderen Kinder, von denen Freud berichtet. Ein Storch- 
märchen kannte Maja nicht, aber der Unfall der Katzen und ihre eigene vorherige 
Annahme, daß das Brüderchen aus dem Fenster gefallen sei, gaben genügend Anlaß 
zti einer Wunschphantasie in dieser Richtung. Bei ihrer überwiegend positiven Ein- 
stellung zum kleinen „Eindringling" und der deutlichen Verdrängung von dennoch 
vorhandenen feindseligen Regungen und Eifersucht, ist es begreiflich, daß der 
Beseitigungswimsch sich in diesem Falle nicht in einer Tat. sondern nur im Traume 
äußerte und auch dann noch Schrecken erregte. 



Kindernöte und Kinderbeichte 

Von Crista Sc heulen 

Es sollen liier einige Erlebnisse mitgeteilt werden, die Licht in eine Kinder- 
not werfen, die nicht sein dürfte. Ich denke an die Erstbeichte. Meine eigene 

Erstbeichte : 

Zu Dritt wurden wir als Neunjährige bei einem fröhlichen, herzensguten 
Geistlichen vorbereitet. Scheu, fremd, als kennten wir ihn nicht, liebten ihn 
nicht mehr, traten wir in seiner Studierstube an. Er war für uns nichts mehr 
als der Beichtvater, hinter dem Tod, Gericht, Himmel und Hölle standen. Ein 
unheimlicher Geselle; ein Stück Gottvater mit dem Schwerte. Er tat alles, es 
uns gemütlich zu machen. Wir begegneten ihm mißtrauisch wie einem bissigen 
Hunde, den man nicht reizen darf. Nein, wir glaubten nicht, daß im Beicht- 
stuhl das Glockenseil hing, mit dem böse Kinder geschlagen würden, wie unsere 
Dienstmagd es uns weismachte. Aber man hatte uns zu Hause und in der Schule 
zu oft gesagt: Wartet nur, wenn ihr erst in den Beichtunterricht kommt! 

Nun saßen wir drei Kamerädchen im weichen Sofa, drückten uns aneinander 
und ließen uns in den Beichtspiegel einweihen. Wir hatten unsere heimlichen 
Sünden und erröteten bei diesem und jenem. Wir waren so erregt, daß wir 
vieles nicht verstanden, mißverstanden. Eine Beichtstunde nach der andern ver- 
ging. Herrgott, die Unterscheidung: Todsünde — Läßliche Sünde; was machte 
die uns Kopfzerbrechen. Die eine zog Höllenstrafen, die andere das Fegefeuer 
nach sich. Der Himmel schien uns versperrt. Starben wir plötzlich, — und wer 
war abends sicher, daß er morgens erwachte? - warteten Feuer und alle er- 
denklichen Qualen auf uns. Schatten fielen in unsere hellen Tage. Daß wir 
ängstlich wurden, blaß, schlecht schliefen und laut träumten beunruhigte che 
Erwachsenen nicht. Wir schleppten unseren Jammer stumm mit uns herum; 
wir wagten es nicht einmal, unter einander darüber zu reden. Vielleicht hatten 
wir auch gar keine Worte gefunden. 

— 478 — 









Der Unterricht ging weiter. Ein Lichtblick: „Die Sünde, die man vergessen 
hat, braucht man natürlich nicht zu beichten: die verzeiht Gott, selbst wenn es 
eine Todsünde wäre. Nur ist man verpflichtet, wenn sie einem erinnerlich wird, 
sie in einer der nächsten Beichten zu bekennen". 

Ich weiß nicht ob es die andern traf wie mich. Mir war es wie ein letzter 
Ausweg. "Vergessen, dann war alles gut. Nur vergessen. In den kommenden 
Wochen bemühte ich mich krampfhaft, alles Unangenehme zu vergessen und 
war tief unglücklich, daß es gänzlich mißlang. 

Die Beichte rückte näher. Die schwierigste Arbeit begann: Die Gewissens- 
erforschung. (An sich könnte sie etwas Gesundes sein, wenn sie dem kindlichen 
Einblick angepaßt wäre und nicht an Hand eines Beichtspiegels ginge, den 
Erwachsene mit dunklen Worten und noch dunkleren Begriffen vollpfropften. 
Im Gegensatz dazu stehen für mich die lieblichen „Beichtgespräche" des Prof. 
Katz mit seinen Buben.) Trostlos begaben wir uns an die Arbeit. In einer 
Kapelle knieten wir vor eine Pieta, zündeten Kerzen an und riefen den Heiligen 
Geist an. Mir war nicht recht geheuer zumute. Ich lehnte mich gegen ihn auf 
und fürchtete ihn. Wenn er mich erleuchtete, konnte ich nicht die kleinste 
Sünde vergessen; bat ich ihn nicht um seine Hilfe, war die Beichte ungültig. 
Es war mir sehr gegen den Strich; aber natürlich rief ich ihn mit den andern 
an. Dann schwiegen wir und zogen toternst unsere leeren Aktenbogen und Blei- 
stifte hervor. Den gedruckten Beichtspiegel legten wir daneben. Beim ersten 
Gebet, das vom unandächtigen und „vergessenen" (ein Widersinn, daß auch 
das nun Sünde sein sollte) Gebet handelte, hingen wir gleich fest. Wir vergaßen, 
daß wir nur eine annähernde Zahl angeben mußten und quälten uns nun mit 
schwierigen Rechenexempeln herum. Sechsmal wurde täglich zu Hause gebetet, 
dazu kamen die Schulgebete. Wie wenige davon waren ohne jede Zerstreuung! 
Welche Unsumme machte das in drei Jahren aus! Es ging über unsere neun- 
jährige Kraft. Wir ließen die Köpfe hängen und schlichen uns eine nach der 
andern heim. Am ersten Gebot schon waren wir gescheitert. In Tränen auf- 
gelöst kam ich nach Hause und klagte alles dem Vater. Er schob die Hefte, in 
denen er mit roter Tinte korrigierte, zurück und sagte herzlich: „Habt ihr denn 
vergessen, daß man bei läßlichen Sünden sagen darf: manchmal, oft, sehr oft!'" 

Ich ließ mich trösten und ging mit Aktenbogen und Bleistift ins Schlafzimmer. 
Ich kniete vorm Bett nieder und rief den Heiligen Geist noch einmal an. 
Aber es wurde wieder nichts aus der ganzen Prozedur. Mein Zimmer lag nach 
der Straße. Es war lebhaft draußen und jedes Geräusch riß mich aus meinen 
Gedanken. Ich verlor die Geduld und lief wieder zum Vater. Er schob seine 
Hefte beiseite und rückte mir einen Stuhl zurecht. „Komm, wir versuchen es 
zusammen". Und da ging es. Ach, war ich selig, als ich mein beschriebenes 
Blatt zusammenfalten konnte. Ich steckte es in den Strumpf und nachts unters 
Kopfkissen: denn große Geschwister sind neugierig. In den folgenden Tagen 
kamen wir Drei nicht aus der Aufregung heraus. Wir verloren nacheinander 
unsere Sündenbekenntnisse zu Hause, in der Schule, auf der Straße. Es ga b 
Beschämungen und Spott. Wir waren halb krank und elend, als wir endlich 
vorm Beichtstuhl knieten und die Hauptprozedur begann. Es war uns gesagt 
worden, da lauere der Teufel ganz besonders auf uns, wolle uns vom Bekennen 
und Bereuen abhalten. Die Not, daß man ihm nicht in die Klauen geriet! Ich 
weiß nicht, ob es damals Sommer oder Winter war, aber ich fror zum Er- 



- 479 — 



=9' 



barmen, die Zähne schlugen mir aufeinander. Wohin man sah. schreckensbleiche 
Gesichter. Es waren noch einige Schulklassen da. Mein einziger Trost war, daß 
ich nicht als Erste in den Beichtstuhl mußte. Kaplan C. betete mit uns und 
ging dann auf seinen Beichtstuhl zu. Er sah mich etwas sonderbar an (er sagte 
meinen Eltern hernach, er habe sich sehr um mein elendes Aussehen gesorgt), 
er nahm mich bei der Hand und sagte „Beichte du zuerst. Komm, sei nicht 
bange." Ich taumelte auf den Beichtstuhl zu, entfaltete mein Papier; es schwamm 
mir vor den Augen. Der Vorhang wurde zugezogen, ein Stuhl gerückt, ein. 
wiederholtes Räuspern. Ich sprach und sprach und sprach. Bei allem Gi-auen 
war mir bewußt, daß draußen die Gefährten Wort für Wort verstehen würden, 
wenn ich nicht leise genug sprach ; und es war mir unmöglich leise zu sprechen. 
Dann bemühte ich mich aus Leibeskräften Reue und Vorsatz zu erwecken. Ich 
bekam eine Ermahnung; sollte zur Buße drei „Ave" beten und 2 Pfennige, die 
ich vernascht hatte, aus meiner Sparbüchse opfern. Mir war wie einem, der 
unterm Fallbeil gekniet hatte und nun das Leben geschenkt bekam. Ja, ich 
wurde eigentlich recht vergnügt und hätte gerne die andern geneckt, die mit 
schweren Gesichtern da knieten. Es dauerte lange, bis alle gebeichtet hatten. 
Dann beteten wir gemeinsam die Danksagung und wurden in Gnaden entlassen. 

„Ich atme jetzt viel besser", rief ich und sog die frische Luft ein. Viele 
taten es nach und waren der gleichen Überzeugung. Wir wurden ein bißchen 
übermütig. Wir drei Getreuen gingen zusammen heim. Wilhelmine zerriß ihren 
Sündenzettel und streute lachend die Fetzen in alle Winde. Maria warf den 
ihren in das nächste Senkloch und war dann besorgt, einer der Arbeiter möchte 
ihn herausziehen und lesen. Wir versuchten abwechselnd ihn wieder zu bekommen ; 
es mißlang. Ich brachte meinen Zettel mit nach Hause. „Gib her!" sagte mein 
Vater sehr ernst und öffnete den Küchenherd. Langsam legte er das Blatt ins 
Feuer. „So hättest du brennen müssen, wenn du nicht gut gebeichtet hättest". 
Mich überlief es kalt; ich starrte ins Feuer. Nein, fröhlich wurde ich an dem 
Tage nicht mehr. — Alle drei Monate gingen wir zur Beichte; später jeden 
Monat, das Grauen blieb. Es lag ein Schatten über unserer Kindheit. — Soviel 
von mir; nun von andern: 

Eltern fuhren mit ihren zwei Kindern über den Rhein. Der sechsjährige 
Junge rief seiner kleinen Schwester zu: „Schnell, Bertchen, schnell, wirf deine 
Sünden in den Rhein, dann bist du sie endlich los!" Die Kleine schleppte seit 
einigen Wochen ihren Beichtzettel mit sich herum und war überaus ängstlich 
besorgt um ihn. 

Ein siebenjähriges Mädchen war außer sich. „Ich habe jeden Tag Unkeusches 
getan; ganz oft angesehen und angefaßt". Es stellte sich dann heraus, daß sie 
ihrem kleinen Brüderchen hatte helfen müssen sein „Geschäftlein verrichten". 

Ein anderes Mädchen hörte auf der Straße ein unanständiges Lied. Es ver- 
hielt sich die Ohren und lief davon, um durch freiwilliges Zuhören keine Tod- 
sünde zu begehen. In der Nacht sagte es im Traum die anstößigsten Stellen des 
Liedes laut vor sich hin. Die Eltern waren entsetzt, rüttelten die Kleine wach,, 
machten ihr Vorhaltungen. Die Kleine war trostlos. 

Dem Papa passierte in Gegenwart der Kinder etwas Menschliches. Das Fünf- 
jährige war entzückt. „Papa hat ein Pümperle gemacht" rief es begeistert. Der 
Vater war verärgert. „So etwas tun die Eltern nicht", sagte er streng. Das 
Kleine starrte ihn entgeistert an. Pümperle machen ist also etwas Böses? Einige 

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Jahre später errötet das Kind im Beichtunterricht. Ihm ist es Gewißheit: Pümperle 
machen ist Unkeusches tun. Es gerät in Verwirrung. Bekennt: „Ich habe jede 
Woche zweimal etwas Unkeusches getan". Der Geistliche nimmt es, wie es 
gesagt wird und fragt pflichtschuldigst: „Hast du es allein oder mit andern getan?" 
Das Kind ist verblüfft: „Aber doch allein! Natürlich". Aber der Irrtum klärt sich 
nicht auf; und das Kind schleppt an einer Schuld, die eir.e Lächerlichkeit ist. 

Es ist wohl bekannt, daß auch Kinder in der Beichte angehalten werden, 
den Schaden, den sie angerichtet haben, wiedergutzumachen. Wie verhängnis- 
voll dieses Ersetzenmüssen werden kann, mag folgender Fall zeigen. Ein Quartaner, 
aus sehr kirchlich eingestellter Familie, war zu allen tollen Streichen aufgelegt. 
Er mauste mit einem Freunde aus dessen väterlichen Weinkeller eine Flasche, 
die sie gemeinsam tranken. Es kam der Beichttag. Er bekannte und bereute. 
Der Geistliche versagte ihm die Lossprechung. bis er den Schaden ersetzt habe. 
Der Junge war außer sich. Er bekam zehn Pfennige Sonntagsgeld, über die er 
auch noch Buch führen mußte. Er zerbrach sich den Kopf, wie er den Schaden 
ersetzen solle. Am nächsten Tage war gemeinschaftliche Kommunion von der 
Schule aus, der Religionslehrer kontrollierte. Da durfte er nicht fehlen. Ohne 
Absolution zur Kommunion gehen aber war die entsetzlichste Sünde, ein Gottes- 
raub. Er klagte dem Freund seine Not. Der lachte ihn aus. „Kleinigkeit. Wer 
weiß denn, daß du nicht losgesprochen bist? Kein Mensch". Der Junge war 
entsetzt. Ein Gottesschänder werden? Nie. Er stellte sich krank und blieb zu 
Bett. Als dann die nächste Monatsbeichte kam, ging er zu einem andern Geistlichen. 
Er klagte ihm seinen Kummer. Auch der half ihm nicht. Er solle seinem Vater 
alles erzählen und ihn bitten, den Schaden zu ersetzen. Wieder wurde er ohne 
Absolution fortgeschickt. Der Junge war verbittert, trotzte, warf den Kopf in 
den Nacken. Lieber sich jedem Strafgericht Gottes als seinem Vater aussetzen. 
Nachts weinte er. Am Morgen ging er mit den andern zur Kommunion. Ihm 
war, Gott würde ihn für seine Buchlosigkeit erschlagen oder sich auf eine andere 
entsetzliche Art an ihm rächen. Aber das war nur beim ersten Mal, später ging 
er mit frivolen Reden darüber hinweg. Ein Stachel blieb. Er ertrotzte seinen 
Abgang von der Schule, obwohl er gut begabt und wohl gelitten war. Er wollte 
ins Handwerk, gleichviel welches. Er tat nicht gut, kam mit den Gesetzen in 
Konflikt, wechselte eine Stelle nach der andern, vergeudete, was er verdiente. 
Heute mit 26 Jahren liegt er seinen Eltern auf der Kappe. In berauschtem Zu- 
stand packt ihn das heulende Elend; dann schreit er sich seinem Vater gegen- 
über als Lump aus. Obwohl er als Quartaner die letzte Absolution empfing, 
hält er jedes Jahr seine „Ostern". Er legt eine unwahre Beichte ab, geht zur 
Kommunion. Zuweilen geht er mit den Eltern gemeinsam. Warum? Er sagt: 
„Damit die alten Leute ihren Frieden haben". 

Das sind nur ein paar Beispiele. Zufällige. Ich glaube nicht, daß es die 
grellsten sind. Und wieviel Qual steht schon hinter diesen. Was nutzt es, daß 
man mit großartiger Geste die Prügelstrafe als erledigt abtut, solange eine Tortur 
wie die Kinderbeichte in der katholischen Kirche existiert und gutgeheißen ist? 
Prügel — wie herzlich gerne hätten wir die gegen die Beichte eingetauscht; sie 
wären immerhin noch das kleinere Übel gewesen. Fragt die Kinder von heute, 
ob sie anderer Meinung sind ! 



481 — 



BERICHTE 

IUI! 

Bücher 






MARY CHADWICK, Sdiwicrigkeiten in der Entwicklung des Kindes. 
Verlag Georg Allen und Unwin Ltd., London, Museum Street. 

Mary Chadwick, Mitglied der Internationalen Psychoanalytischen Gesellschaft, ist 
den Lesern dieser Zeitschrift nicht unbekannt. Sie beschäftigt sich seit langen Jahren 
mit den Problemen der Erziehung des Kleinkindes, an die sie als überzeugte Psychoanaly- 
tikerin unter wesentlich anderen Gesichtspunkten herantritt, als im Überlieferten 
befangene Eltern und herkömmliche Kindergärtnerinnen. Mehr und mehr häuften 
sich bei ihr die Anfragen besorgter Eltern und Erzieher nach der psychischen Ent- 
wicklung und der richtigen Erziehung auch der Kleinsten. Das vorliegende Buch be- 
handelt diese Fragen unter sorgfältiger Berücksichtigung Freuds und anderer moderner 
Psychologen, deren Entdeckungen, zerstreut in zahlreichen Werken in den verschie- 
densten Sprachen, meist nur dem gründlichen Studium der Fachinteressenten zugäng- 
lich sind; hier aber werden sie auch für den Fernersteheaden und doch lebendig 
Interessierten faßlich und konzentriert verwertet. Die Verfasserin hat die vielfachen 
Schwierigkeiten der Entwicklung des Kindes in gesunden und kranken Tagen gründlich 
studiert, und indem sie ihre Forschungsergebnisse darbietet, überträgt sie die all- 
gemeine Forderung der modernen Hygiene, an der Verminderung des Krankseins 
durch Verhüten des Krank w e r d e n s zu arbeiten, auch auf das Problem des 
„nervösen" Kindes. Wie diese psychische Prophylaxe mit den starken Hilfsmitteln 
der modernen Psychologie, vor allem der Psychoanalyse, angebahnt werden kann, 
zeigt dieses Buch allen einsichtsvollen Eltern und allen Erziehern, die an ihrer 
eigenen Ordnung zu arbeiten im Sinne dieser neuen psychologischen Einsichten bereit 
und fähig sind. Ein gutes Sachregister erleichtert die Übersicht und ermöglicht 
dem Leser ein schnelles Auffinden von ihm besonders wichtigen Problembehandlungen. 
Reichhaltige Literaturangaben weisen dem zu weiterem Studium Angeregten den 
Weg. P. M. 

JAHRBUCH DER ERZIEHUNGSWISSLNSCHA1T UND JUGENDKUNDE, 
4. Band, 1929, herausgegeben von Erich Stern, Union Deutsche Verlagsgesell- 
schaft Berlin.; 

Das ausgezeichnet zusammengestellte Werk bringt eine ausführliche Darstellung 
der gegenwärtigen Lage der Jugendkunde und Jugendwohlfahrtsarbeit. 

Teil I enthält Abhandlungen über „Psychologie und Jugendkunde in der Gegenwart" 
von Giese, Wagner, Meng, Kunkel und Stern. 

Die Leser dieser Zeitschrift wird besonders der Artikel von Meng „Psychoanalyse 
und Jugendkunde" interessieren. Meng zeigt, daß „alle Jugendkunde, welche die psycho- 
analytische Forschung nicht in sich einschließt, unzulänglich geworden (ist); 
denn sie begnügt sich mit bewußten Vorgängen und verbleibt an der Oberfläche der 
Erscheinungen" (S. 48). Im weiteren spricht Meng von der Notwendigkeit der Analyse 
des Erziehers selbst. „So ist die Psychoanalyse in Form der Lehranalyse die wünschens- 
werte, nach unserer Meinung unumgängliche Erzielmngshilfe für die Erziehung des 
in der Jugendkunde beruflich Tätigen geworden, auch wenn er sie nicht praktisch und 
methodisch zum Psychoanalysieren anwenden will" (S. 49). Meng kommt dann zum 
Begriff des Unbewußten und der Verdrängung. „Die Jugendkunde muß die Anfgaben, 

-482 — 



die Arten und die Störungen der Verdrängung kennen" i^S. 52). Erst der Erzieher, der über 
diese Grundtatsachen Bescheid weiß, kann dem Jugendlichen auf dem Wege der 
Sublimierung helfen. Da aber die für die Erziehung wichtigsten Jahre die ersten 
Lebensjahre des Kindes sind, so müßte der psychoanalytisch orientierte Erzieher „die 
ersten natürlichen Erzieher des Kindes: Eltern, Hausangestellte, Verwandte über die 
Triebentwicklung, über ihre Bedingungen und Störungen unterrichten" (S. 54). Die 
Psychoanalyse legt ferner ein wesentliches Gewicht auf die allgemeine indirekte Ein- 
wirkimg der Umgebung auf das Kind. „Die Fähigkeit des Kindes zu sublimieren, also 
seine antisozialen und asozialen Triebforderungen auf wertvollere Ziele zu leiten, 
hängt auch stark von der Fähigkeit der Umgebung ab, selbst zu sublimieren" (S. 55). 
Den Schluß des Artikels bilden einige praktische Forderungen. 

Der Beitrag von K ü n k e I enthält „Die Grundzüge der Individualpsychologie". 
Während er im Anfang rein theoretisch die grundsätzliche Unterscheidung zwischen 
Individualpsychologie und Psychoanalyse sehr klar durchführt, verwischt sich diese 
Unterscheidung bei dem zum Schluß mitgeteilten Fall wieder ganz erheblich. 

Stern schreibt über „Die Psychologie in der Ausbildung der Erzieher". Er geht 
von dem Satz aus: „Die Psychologie muß in der Erzieherausbildung eine zentrale 
Stellung einnehmen, aber nicht etwa wegen ihres rein wissenschaftlichen Wertes, 
sondern weil und insoweit sie den Erzieher zur Ausübung seines Berufes befähigt". 
Von da aus kommt er zu der Frage, „wie die Psychologie beschaffen, bzw. wie 
der Unterricht in der Psychologie gestaltet sein muß, um diese Aufgabe zu er- 
füllen" (S. 75). Er kommt dann zu dem Ergebnis, daß die Ausbildung in der Psycho- 
logie so beschaffen sein soll, daß sie „dem Erzieher Mittel und Wege weist, sich 
über sich selbst klar zu werden,' den Zögling richtig zu verstehen, sich 
selbst zu leiten und den Zögling zu behandeln, die Ausübung der engeren und weiteren 
Berufsaufgaben zu erfüllen und so sein Ziel zu verfolgen, die Jugend zu ihrem Heile 
(salus iuventutis) zu führen" (S. 77). Selbstverständlich weist auch Stern im Hinblick 
auf seine Forderung, daß der Erzieher vor allem auch über sich selbst klar sein muß. 
auf die Tiefenpsychologie als wichtigstes Hilfsmittel auf diesem Wege hin. 

Ich habe diese drei Artikel hier besonders hervorgehoben, weil sie es sind, deren 
Inhalt m. E. auch weit über den Kreis der Berufserzieher hinaus Interesse erwecken 
werden. Jedem aber, der beruflich als Erzieher oder innerhalb der Jugendpflege und 
Jugendfürsorge tätig ist, sei die Lektüre des ganzen Werkes aufs wärmste empfohlen. 

Teil II behandelt die „Jugendwohlfahrt in der Gegenwart" und bringt interessante 
Aufsätze über die gesetzlichen Grundlagen der Jugendwohlfahrt sowie die praktische 
Tätigkeit der Jugendämter und der konfessionellen Wohlfahrtspflege, außerdem Artikel 
zur PsYchopathenfürsorge und der Erziehung Schwachsinniger. 

Das Buch vermittelt so einen umfassenden Überblick über den heutigen Stand 
und die verschiedenen Aufgaben der Jugendwohlfahrt, wobei naturgemäß das Problem 
der Verwahrlosten-Erziehung mit an erster Stelle steht. Lizi Bonwitt -Hepner 

Dr. HANS WINKLER: DcrTrotz, sein Wesen und seine Behandlung. 
325 Seiten. Verlag von Ernst Reinhardt in Münthen. 

Unter den vielen Problemen, die die erzieherischen Fähigkeiten eines jeden Pädagogen 
auf die Probe stellen, gehört der Trotz zu den allerkompliziertesten. Besonders bei 
der Gruppe von Erziehern, bei der die Befähigung im wesentlichen aus dem guten 
Willen und der Liebe zu dem (oft sogar nur: eigenen) Kinde besteht, ist der Trotz 
die Klippe, an der die meisten scheitern. In den Lehrbüchern der Pädagogik und 
auch der Kinderpsychologie aber, in denen der Pädagoge sich orientieren möchte, 
ist das Problem des trotzigen Kindes meist ganz im Gegensatz zu seiner grundsätzlichen 



1) Vom Referenten gesperrt. 

-483 - 



Bedeutung nur sehr oberflächlich und einseitig abgehandelt. So füllt das gründliche 
und klar geschriebene Buch Winklers diese Lücke in der pädagogischen Literatur in 
recht beachtenswerter Weise aus. 

Winkler untersucht die psychologischen Wurzeln des Trotzes und weist, an diese 
Untersuchungen anknüpfend, Mittel und Wege, die den Erzieher besser als die bisher 
geübten zum Erfolg führen werden. 

Für den vorwiegend theoretisch arbeitenden Pädagogen liegt der Wert des Buches 
vor allem in der Reichhaltigkeit der verarbeiteten Literatur, besonders da diese Ver- 
arbeitung in außerordentlich geschickter Weise vom Verfasser durchgeführt wird. 

Für den praktischen Erzieher (berufsmäßigen wie Eltern) liegt der Hauptwert 
besonders im zweiten Teil des Werkes, der spezielle Untersuchungen über den Trotz 
in den einzelnen Entwicklungsphasen enthält. Den breitesten Raum nimmt hier 
natürlich das Trotzalter der Pubertät ein. aber es ist gerade hier dem Verfasser in 
Anlehnung an die moderne Tiefenpsychologie gelungen, mit größter Anschaulichkeit 
aufzuzeigen, daß der Trotz in dieser Phase der Entwicklung nur noch die Folge eines 
falschen Verhaltens der Erzieher gegenüber dem Trotz in der sogenannten ersten 
Pubertät, also dem Spielalter, ist. Außer diesen beiden Phasen wird ebenso klar und 
gründlich auch der Trotz im Säuglingsalter, beim Kleinkind und im bisexuellen Kindes- 
alter behandelt. Den Schluß des Werkes bildet der Trotz im Übergang zur Reife. 

Das Buch liest, sich trotz der vielen Zitate außerordentlich klar und bringt in 
jedem Absatz neues und interessantes Material. 

Auf zwei m. E. wesentliche Irrtümer des Verfassers sei im folgenden noch kurz 
hingewiesen : 

1) Winkler betont wiederholt unter Bezugnahme auf die Tiefenpsychologie und 
speziell Freud die Bedeutung der frühkindlichen Erlebnisse. Trotzdem verteidigt er 
an anderer Stelle (z. B. S. 158) die Körperstrafe etwa für die Zeit vom 16. Monat bis 
zum 4. Jahr mit dem Hinweis, daß das Kind in diesem Alter sich nicht an einen 
Schlag erinnern könne. 

2) Finden wir S. 20 den Satz: „A. Adler hat das Verdienst, die Überlegungen seines 
Lehrers Freud weitergeführt zu haben". Es ist merkwürdig, daß dieser Irrtum, es 
handle sich bei der Individualpsychologie um eine „Weiterführimg" der Psycho- 
analyse, sich immer wieder auch in sonst wissenschaftlich so exakten Arbeiten wie 
der vorliegenden findet. Llzi Bon« itt-Hepner 

STIEVE, Prof. Dr. med. et phil. Unfruchtbarkeit als Folge un- 
natürlicher Lebensweise. Verlag Thiemc, Leipzig. 

Stieve stellt auf 52 Seiten mit 20 Abbildungen im Text die Wirkung des Kultur- 
lebens auf die körperliche und seelische Entwicklung dar, vor allem auf die Beschaffen- 
heit und die Funktion der Keimdrüse. Er geht von einer Reihe Tier- und Menschen- 
Beobachtungen aus, vorwiegend als anatomischer Forscher. Er bemüht sich vor allem 
nachzuweisen, in welcher Weise unnatürliche äußere Umstände auf dem Weg über 
den Gesamtkörper die Keimdrüse schädigen. Vor allem weist er darauf hin, daß die 
Frau leichter und tiefergreifend geschädigt wird als der Mann. Die verständlich 
geschriebene Broschüre enthält viele Anregungen aueb für den Erzieher. Die psycho- 
analytische Problemstellung wird nicht berührt. Meng 

ELISABETH BEXSON, Zwisdien Siehzehn und Zwanzig, .Junge Menschen 
von heute. Gesehen von einer Dreizehnjährigen. Montana- Verlag A. G. Zürich, 
Leipzig, Stuttgart. 

Eine 13 jährige Amerikanerin — man bezweifelt beim Lesen die Richtigkeit der 
Altersangabe, der Herausgeber hat sie aber, gewitzigt durch frühere Vorfälle, genau 

-484- 






geprüft, — zieht eine Bilanz der Gegenwart und schildert in unretouchierten „Roh- 
abzügen" lebendig und schonungslos die Vorzüge und Schwächen der jungen ameri- 
kanischen Generation, soweit sie ihrem Blick zugänglich ist, nachdem zuvor die ältere 
Generation mit ihren Erziehungsfehlgriffen in dem Abschnitt „die Eltern — unsere 
Feinde" ebenso furchtlos kritisiert worden sind. Gewiß sind manche Urteile voreilig, 
manche schief; in sehr vielen anderen Fällen aber ist dieses frühreife Mädchen erstaunlich 
hellsichtig. Jedenfalls vermittelt sie uns einen interessanten Blick „hinter die Kulissen", 
in das Familien-, Schul- und Hochschulleben Amerikas und in die Gegenwarts- und 
Zukunftseinstellung seiner „Jugend von heute". 

Von besonderem psychologischen Interesse sind die Schilderungen ihrer Kameraden, 
ferner der Abschnitt über die Ziele, die sich Benson für die jetzt heranreifende 
Generation steckt. * • 2 **- 

Van de VELDE: Die vollkommene Ehe. Die Abneigung in der 
Ehe. Die Erotik in der Ehe. Verlag Benno Konegen, Leipzig-Stuttgart. 

Das rasche Bekanntwerden der Bücher Van de Veldes beruht zum Teil darauf, 
daß der Autor die früher übliche Geheimnistuerei in der sexuellen Frage ablehnt und, 
ohne d e r K i r c h e wehzutun, die sexuelle Technik offen darstellt. Es gelingt 
dem Verfasser, die Unwissenheit über die einfachsten Grundlagen des seelisch-körper- 
lichen Verhaltens aufzuhellen und frommen und nichtfrommen Menschen Mut zu 
machen, sich sexuell natürlicher zu verhalten. Der Psychoanalytiker weiß, daß 
sachliche Belehrung nottut und Gutes stiftet, besonders bei Angstneurose. Trotz der 
guten Verständlichkeit der Darstellung wird aber dadurch allein die tiefere Ursache 
ungeschickten Verhaltens kaum berührt, sie kann durch bewußte Belehrung allein 
nicht aufgehoben werden. Die Sexualverdrängung ist die Folge von Konflikten, 
deren Wurzebi im Unbewußten liegen und mit der Kindheit des Menschen zusammen- 
hängen. Ferner sind es ökonomisch und sozial bedingte Widerstände, die gegen eine 
vertiefte Losung der sexuellen Frage ankämpfen. Sie müssen erkannt sein. Der Autor 
behandelt sie nicht, er weist darauf hin, daß Arzte und Patienten die seelische 
Bedingung zahlreicher Störungen im Sexualleben kennen und bei jeder Behandlung 
berücksichtigen müßten. 

Alle drei Bücher sind lesenswert, sie teilen auch einige wichtige Funde der 
Psychoanalyse dem Leser mit. Für eine Neuauflage ist die Verwertung der ausge- 
zeichneten Formulierungen, die Federn in seinem Kapitel „Körperliche und seelische 
Hygiene des Geschlechtslebens" im Psychoanalytischen Volksbuch gegeben hat 
empfehlen, sie würde die Darstellung psychologisch vertiefen. Meng 



zu 



Dr. med. EMILIE FRIED und Dr. phil. PAUL FRIED: „Liebes- und Ehe- 
leben". Verlag der Freude, Wolfenbüttel. 22S Seiten. 

Das Buch versucht mehr im Telegrammstil als in breiter Ausführung Ratschlage 
über sexuelle Fragen zu geben, vor allem sexuell Unwissenden und Eheleuten. Die 
Verfasser sehen ihre Hauptaufgabe darin, bewährte Vorschläge für die Gestaltung 
einer gesunden und harmonischen Ehe zu geben, man darf an ein Buch, das jeder- 
mann leicht und ohne Mühe lesen soll, nicht die strengen Anforderungen stellen, 
die man an ein wissenschaftliches Werk stellt, vor allem, wenn es die persönliche 
Erfahrung und Überzeugung zur Leitlinie macht. 

Der 1. Teil gibt Aufschluß über Grundfragen der Biologie des Sexuallebens, er 
ist sehr gemeinverständlich geschrieben und enthält die wichtigsten Ergebnisse. Bei 
Besprechung der Onanie könnte die Tatsache ihrer Selbstverständlichkeit innerhalb 
der sexuellen Entwicklung des Kindes stärker hervorgehoben werden. 

Der II. Teil gibt die körperlichen und seelischen Grundlagen der Ehe wieder 
und beleuchtet die Verhaltungsweisen von Mann und Frau vor und während der 

— 485 - 



j 



Ehe. Manche Schlußforderungen der Autoren sind aus ihrem Bestreben, nach bestem 
Wissen zu helfen, gezogen, aber wissenschaftlich nicht gesichert. Die Annahme 
beispielsweise der stets günstigen seelischen Auswirkung der sexuellen Enthaltsamkeit 
in der Brautzeit für die spätere Ehe trifft nicht für alle Menschen zu. Die Methoden 
der Steigerung des Lustempfindens wirken zum Teil im Sinne der Entstehung einer 
Angstneurose; ganz richtig wird der Coitus interruptus beurteilt, nur müßte hier der 
Name Freud an erster Stelle stehen, weil von ihm aus der Zusammenhang zwischen 
bestimmtem Sexualverhalten und Neurose nachgewiesen wurde. Die Kritik der Kamerad- 
schaftsehe enthält einzelne beachtenswerte Gesichtspunkte. Es werden die Möglich- 
keiten der Ehescheidung, die ehelichen Rechts- und Wirtschaftsverhältnisse wie ihre 
psychologische Auswirkung erläutert. Die Einstellung der Autoren zur Ehe geht aus 
folgender Formiüierung hervor: „Wir halten die Dauereinehe trotz ihrer Veraltung 
immer noch für die beste Form der geschlechtlichen Beziehungen, umsomehr, als die 
Reformen der Ehegesetzgebung (Eheschließung, Ehescheidung) des Familienrechts 
und der Geburtenregelung schon auf dem Wege sind." 

Der III. Teil will dem Mann zeigen, welche Wege ihm das Verstehen der Frau 
erleichtern, es ist selbstverständlich, daß die Kompliziertheit unbewußter Zusammen- 
hänge in einem kleinen Leitfaden nicht herausgearbeitet werden können. Das Wort 
„unterbewußt" wird für spätere Auflagen zweckmäßig durch „unbewußt" ersetzt. 
Leicht verständlich werden die Geschlechtskrankheiten und die Störungen der sexuellen 
Funktionen auseinandergesetzt, unter Berücksichtigung moderner Ergebnisse der 
inneren Sekretion. 

Der IV. Teil gibt wertvolle Ratschläge über die Mittel und Wege, die die Frau 
kennen muß, um die physiologisch bedingten Beschwerden und die durch falsches Ver- 
halten bedingten Störungen zu kennen und zu erleichtern. Die Verfasser verstehen 
unter Libido die Lust zur Annäherung an den Mann. Klar und deutlich verständlich 
sind die Angaben über Empfängnisverhütung und die Darstellung der Physiologie 
und Hygiene der Schwangerschaft, 

Der V. Teil versucht, die frühere Ehe zu kennzeichnen und der alten Generation 
eine Möglichkeit zu geben, sich in die neuen Tatsachen der sexuellen Entwicklung 
in allen Kulturländern einzufühlen. 

Die Sprache des Buches ist sachlich und knapp, man spürt, daß die Autoren auf 
persönliche Erfahrungen, vor allem in der Eheberatung, sich stützen, und mit starker 
innerer Verantwortung den Stoff darstellten. Die Bilder des Buches geben die 
wichtigsten biologischen Tatsachen wieder unter Weglassung von komplizierten Tat- 
beständen. Es liegt im Interesse der Aufklärung, daß Bücher dieser Art, vor allem 
von den öffentlichen Beratungsstellen aus, verbreitet werden; allerdings würde sein 
Inhalt gewinnen, wenn die ökonomische fc und soziale Seite des Sexuallebens breiter und 
fortschrittlicher behandelt würde. Mein; 

GEORGES ANQUETIL: Ehen zu dritt. Das Recht auf die Geliebte. Man- 
Verlag, Berlin. 

Bevor dieses Buch (es ist die deutsche Übersetzung von „La maitresse legitime") 
erschien, erging an zahlreiche Ärzte und Schriftsteller die Anfrage, wie sie sich zu 
dem Problem „Ehen zu Dritt" und zu dem Buch des französischen Autors stellen. 
Um einen Eindruck von den Zielen des Werkes zu bekommen, wurde die Einleitung 
in Übersetzung beigelegt. Viele antworteten, und es wäre interessant, festzustellen, ob 
sie nach der Lektüre des gesamten Textes noch ihre erste Meinung aufrechthalten. 
Ich zog vor. zuerst das Buch [kennen zu lernen und dann etwas dazu zu sagen. 

Der Leser unserer Zeitschrift ist vor allem daran interessiert, wie das Problem 
psychoanalytisch liegt, und welchen Einfluß die polygame Familie auf das 

-486 - 



heranwachsende Kind hat. Zunächst muß festgestellt werden, daß die deutsche Be- 
arheitung mancherlei Änderungen erlebt hat gegenüber der französischen Originalausgabe. 

Die deutsche Ausgabe bemüht sich vor allem, ein größeres Entgegenkommen gegen- 
über den Frauen zu betonen. Man versucht, Mann und Frau in ihren Rechten auf den 
Dritten in der Ehe gleichzustellen im Gegensatz zur französischen Originalausgabe. 

Anquetil will nicht seine Leser von der Notwendigkeit einer polygamen Ehe- 
reform als der einzig möglichen überzeugen, sondern davon, daß die Zeit reif sei für 
eine Toleranz, für alle die, welche die monogame Ehe zugunsten einer polygamen 
aufgeben. Die Vorzüge dieser Ehereform sollen ganz erliebliche sein. Wir müssen 
aber sagen, daß die Beweisführung hierfür oft recht schwach ist. Es ist sehr unwahr- 
scheinlich, daß die Prostitution und die Geschlechtskrankheiten durch die Polygamie 
wesentlich vermindert werden, denn die Gründe für ihr Bestehen liegen viel tiefer, 
als der Autor andeutet. Auch die Begründung, daß der polygam lebende Mormone ein 
ganz besonderer Mensch ist, läßt sich nicht halten. Anquetil sagt darüber folgendes: 
„Der Mormone ist im allgemeinen ein Mensch von friedlicher Sinnesart. Er ist absolut 
aufrichtig, ehrenhaft, ernst und arbeitsam. Es gibt bei den Mormonen weder Bettler, 
noch Tagediebe oder Trunkenbolde. Die Reicheren unterstützen die Armen, und wenn 
sich jemand ohne Arbeit befindet, so weist ihm die Kirche Arbeit zu, die meistens in 
natura bezahlt wird. Die Arbeit ist für sie eine religiöse Verpflichtung. Man findet 
unter den Mormonen zahlreiche intelligente und begabte Geschäftsleute. Alle Europäer, 
die ihr Land besucht haben, stimmen in dem Lob ihrer Moralität überein. Solange 
sie Selbstherrn ihres Gebietes waren, d. h. solange die Bundesgesetzgebung ihre lokalen 
Anordnungen nicht durchkreuzte, kannte man bei ihnen weder Prostitution noch Bars, 
noch Bordelle. Selbst heute, wo fremde Elemente diese Übel in ihre Nachbarschaft 
eingeschleppt haben, kämpfen sie dagegen an und schränken ihre verhängnisvollen 
Folgen nach Möglichkeit ein. Die Institution der Polygamie, zu der die Mormonen 
allmählich immer wieder zurückkehrten, scheint keineswegs das hohe moralische Niveau 
des Volkes gesenkt zu haben. Der oberste Gerichtsbeamte im Staate Utah, Read, hat 
zum Lobe der Mormonenfrau folgende Worte ausgesprochen: .Ich muß anerkennen, 
daß die meisten Mormonenfrauen sich durchaus glücklich schätzen und daß viele von 
ihnen mit ihrem Leben vollkommen zufrieden sind.'" Arthur Gaeth aus Salt Lake 
City, der den größten Teil seines Lebens unter den Mormonen zugebracht hat. schreibt 
in der Zeitschrift „Die Auslese", daß die Mormonen erst 1852 die Polygamie ein- 
führten, ferner, daß die Zahl der Mitglieder der Mormonenkirche, die Vielweiberei 
betrieben, nie über 4 Prozent betrug. Nachdem die Gerichte die Verfassungsmäßig- 
keit der Gesetze gegen die Polygamie anerkannt hatten, wurde die Polygamie auch 
von der Kirche der Mormonen verboten. Der frühere Präsident der Vereinigten Staaten, 
Theodore Roosevelt, erklärte im Jahre 1906, daß die Behauptung, bei den Mormonen 
herrsche noch Polygamie, vollkommen grundlos wäre. 

Das Problem der Eifersucht wird von dem Autor behandelt, aber ohne Rücksicht 
auf die tieferen Grundlagen. Er nimmt an, daß die Eifersucht ein Laster sei, das 
durch die künftige Erziehung ohne weiteres überwunden würde. Auch die psycho- 
analytische Forschung wird unter Verweis auf eine Arbeit von Karl Müll er - 
Braunschweig, hingewiesen, aber die Konsequenzen aus der Freud'schen Trieb- 
lehre werden, soweit sie nicht in die Theorie des Autors paßt, nicht gezogen. Besonders 
interessant sind die Abschnitte über die Physiologie der Zwangsehe, die Studien über 
Polygamie im Tierreich und bei Menschen und die historischen Daten. Für kirchlich 
gesinnte Leser ist es von besonderem Interesse, die Stellung der Kirche und der mit 

— 487 - 



ihnen meist verbündeten Regierungen keimen zu lernen, z. B. die Stellung Luthers; 
sie alle sind keineswegs grundsätzliche Gegner der Polygamie. 

Die Reaktion des Kindes auf die polygame Familie ist weder von dem Autor selbst, 
noch von den Begutachtern seines Werkes einer kritischen Prüfung unterzogen worden. 
Die Art, wie das Kind Tatsachen der Erwachsenen verarbeitet, spricht dafür, daß auch, 
wenn die zweite Frau außerhalb der Familie der ersten Frau lebt, das Kind bestimmte 
Zusammenhänge sehr klar zur Kenntnis nimmt. Wir wissen ja, wie stark seine Ideal- 
bildung abhängig ist von den Eindrücken des Gesamtmilieus, nicht nur seiner Erzieherin. 

Die soziale und wirtschaftliche Struktur der Kultur- Menschheit ist eine so kom- 
plizierte, daß selbst die Sexualreform ohne tiefgreifende Änderungen der sozialen 
Ordnung und der Staatsgefüge zwar eine kausale Therapie wäre, aber nicht durch- 
führbar ist. Barbusse sagt das mit anderen Worten: „Man kann an dieser alten 
Maschine, in der ein Rad ins andere greift, nicht einen Teil erneuern, ohne alle zu 
zerstören". 

Mit dieser Kritik des Buches soll nicht gesagt sein, daß es rein utopistisch oder 
indiskutabel sei. Alle verwirklichten Möglichkeiten traten ja zuerst als Phantasie auf 
und mußten dann in der Wirklichkeit ihren Realitätswert erweisen. So wird es auch 
der „Ehe zu Dritt" gehen. Vielleicht erfüllt sich Nietzsches Wort „Manche Gedanken 
sind als Irrtümer und Phantasmen in die Welt getreten, aber zu Wahrheiten geworden, 
weil die Menschen ihnen hintendrein ein wirkliches Substrakt untergeschoben haben". 
Was Anquetil sagt, genügt nicht, um seine Wahrheitsprognose zu sichern. Eine ehr- 
liche Diskussion des gesamten Fragekomplexes ist ebenso notwendig wie eine gründliche 
Revision der modernen Sexualgesetzgebung. Wir meinen nur, daß die Grundlagen, auf 
denen der französische Autor baut, zu schwach sind, sind aber mit ihm der Ansicht, 
daß auf keinen Fall ein grundsätzliches staatliches Verbot berechtigt ist. Die polygame 
Ehe ist theoretisch interessant, bedeutet aber praktisch keinen andern Fortschritt als 
den, daß sie die Rechtsnormen für das private, insbesondere für das sexuelle Leben 
verringert. Meng 



GESUNDHEIT UND ERZIEHUNG. Verlag G. Braun, Karlsruhe. 

Professor Dr. Erich Stern, Gießen, behandelt in der Schriftensammlung 
„G esundheit und Erziehung" Grundfragen der gesundheitlichen Erziehung 
und Fürsorge. Die Darstellungen sind gemeinverständlich gehalten und richten sich an 
Eltern und Erziehungspersonsn. Wir werden uns bei der Beurteilung vorwiegend vom 
psychoanalytischen Gesichtspunkt aus leiten lassen. Im 1. Heft „Arzt und Erzieher" 
(118 S-, 5.90 M.), dessen Autor Stern selbst ist, tritt zwar die stärkere Neigung zur 
Adler'schen Auffassung gelegentlich hervor, aber er bemüht sich Jmit Erfolg, die 
Freud'sche Triebpsychologie objektiv zu kennzeichnen. In der Besprechung über den 
Einfluß elterlicher Zärtlichkeiten und des Miterlebens des Geschlechtsaktes weist Stern 
die Gefahren für die seelische Entwicklung des Kindes hin und lehnt sich an die auf 
Ausführungen von Witteis in seinem Buch „Die Befreiung des Kindes" an. Sehr breiten 
Raum nimmt die körperliche Hygiene des Kindes, vor allem des Schulkindes, ein; 
was hier gesagt wird, ist von Wichtigkeit für jeden Erzieher. Bei der Besprechung 
der Schwererziehbarkeit wären die Leser sicher dankbar für einen Hinweis auf die 
grundlegenden Arbeiten von Aichhorn. 

Das 2. Heft „Der Schularzt" (108 S., 5.50 M.) stammt von W. Fischer- 
Defoy. Die Arbeit unterrichtet auf Grund langjähriger Erfahrung über die derzeit 
mögliche Hygiene in der Schule und über die Aufgaben des Schularztes. Der Autor 



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hebt mit Recht hervor, daß das Ziel der Schuluntersuchung weit über die Stellung 
einer medizinischen Diagnose hinausgehe. Mit Recht vertritt Fischer-Defoy den 
Standpunkt, daß die sexuelle Massen belelmmg in der Schule unzweckmäßig ist. 
Auch ist seine Haltung zum Problem der Onanie fortschrittlich. Die Verarbeitung 
der Ergebnisse von Otto Rühle's Buch „Das proletarische Kind'' (Verlag Langen, 
München) würde für spätere Auflagen empfehlenswert sein, wenn es der Raum zu- 
läßt, auch die eingehendere Behandlung des Schicksals der aus der Volksschule ent- 
lassenen Jugend. Wie in den anderen Arbeiten von Fischer-Defoy tritt auch hier seine 
Fähigkeit hervor, allgemeinverständlich und zugleich wissenschaftlich zu schreiben. 
Das Problem der psychoanalytischen Fürsorge berührt der Autor nicht. Es 
seTauf [die Abhandlungen von Friedjung in der „Zeitschrift für psychoanalytische 
Pädagogik", auf die Veröffentlichungen von Pfister in derselben Zeitschrift, vor allem 
auf seinen Aufsatz „Der Schülerberater" und auf meine eigene Veröffentlichung 
„Der Schularzt" in der neuen Auflage des „Ärztlichen Volksbuches" hingewiesen. 

Ernst von Düring behandelt im 3. H e f t (92 S., 3.50 M.) „Psychische 
Grenzzustände bei Kindern und Jugendlichen" die Erscheinungen, 
die Beratung und die erzieherische Behandlung schwer erziehbarer Kinder und 
Jugendlicher. Einen besonderen Raum nimmt die Untersuchung der kindlichen 
Hysterie ein, bei der er die Wichtigkeit des Unbewußten betont, ohne (was selbst- 
verständlich wäre) die Freud'sche grundlegende Forschung hervorzuheben. Kurz und 
verständlich behandelt Düring die seelischen Grenzzustände und die Erscheinungen 
der Psychopathie, um dann auf die Frage des Strafens der Schwererziehbaren über- 
zugehen. Es ist interessant, festzustellen, daß Düring, der über eine lange Erfahrung 
verfügt und der Schule Freud's ähnlich wie Ziehen ohne Sympathie (ja ohne Fühlungs- 
nahme) gegenübersteht, dringend vor einer strafenden Erziehung warnt. Er sagt: 
„In Japan gilt es als schmählich, ein Kind zu schlagen, trotzdem sind japanische 
Kinder besser erzogen als europäische, trotzdem? Nein: Deshalb." Es würde auch 
dieses Buch wesentlich fördern, wenn die Arbeiten von Aichhorn erwähnt wären, 
denn in ihnen ist vor allem der eine Gedanke, auf den auch Düring Wert legt, an 
zahlreichen Beispielen demonstriert: Die entscheidende Bedeutung der Persönlich- 
keit des Erziehers für das schwer erziehbare und verwahrloste Kind. Meng 

HELENE FRIEDERIKE STELZNER, Weibliche Fürsorgezöglinge 
(Ihre psychologische und psychopathologische Wertung). Verlag von S. Karger, 
Berlin 1929. 208 Seiten. Preis M 8.50. 

Die Verfasserin legt die Erfahrungen ihrer praktischen Arbeit bei weiblichen 
Fürsorgezöglingen, die im Alter zwischen 13 und 17 Jahren standen, dar. Sie stützt 
sich dabei axii die Ergebnisse ihrer Beobachtung und Forschung von zwei Jahrzehnten. 
Das Buch enthält wertvolles klinisches Material, z. B. über die Beziehung zwischen 
Geschlechtskrankheiten, Rauschmittelvergiftnng, erblicher Belastung, Erziehungsschäden 
und Verwahrlosung. Für Erzieher wichtig sind einzelne Feststellungen, z. B. : Auf Grund 
von 2000 Untersuchungen Jugendlicher ist die Neigung zu homosexueller Betätigung 
nur in ganz vereinzelten Fällen angeboren, sonst stets erworben. Der Inzest ist ver- 
hältnismäßig sehr häufig, eine Behauptung, die auch Többen immer wieder in seinen 
Arbeiten hervorhebt. Auch die Stelznerschen Beobachtungen sprechen dafür, daß die 
Behauptung von Freud, Syphilis der Vorfahren, ohne daß organische Folgekrankheiten 
auftraten, wirke disponierend für neurotische Erkrankungen. Hierfür bringt — allerdings 
ohne auf Freuds Behauptung zurückzugreifen — Frau Stelzner interessante Beiträge. Die 
Adle r'sche Psychologie wird abgelehnt, weil ihre meisten Anhänger Amateure seien. 
Ein gewisses Interesse wird der Psychoanalyse entgegengebracht unter Hinweis auf die 
Arbeit von Hitschmann über Gottfried Keller. Allerdings nimmt Frau Stelzner an, 
daß die Freud'sche Schule die Sexualität gegenüber der Geistigkeit überwerte (Seite 153) ! 
Die Versuche, die Sexualnot in der Richtung zu lindern, die Lindsey vorschlägt, werden 

— 489 - 



abgelehnt, in politischer Richtung- wird die Sprangersche Einstellung, daß Politik erst 
nach dem 24. Lebensjahr Problem sein dürfte, gutgeheißen! Es wird gefordert, daß 
die Hysterie als Scheidungsgrund anerkannt werde, ihr Bestehen bedinge Eheunfähigkeit. 
Die große Bedeutung körperlicher Tatbestände, vor allem durch Alkoholismus und 
Geschlechtskrankheiten hervorgerufen, wird aufs nachdrücklichste betont. 

Frau Stelzner sagt zusammenfassend: „Für die Stimmungslabilen hat die neue Zeit mit 
ihrer Sportfreudigkeit und Sportmöglichkeit — darunter auch die Wandervogelbewegimg 
soweit sie in geordneten Bannen läuft — als ein passender Ersatz oder als Sublimierimg 
der Vagabondageneigung sich erwiesen. In der von mir behandelten Anstalt ist ein 
neuer Geist, der nicht nur auf die körperliche Entwicklung sich bezieht, eingezogen, 
seit die Mädchen rhythmische Turnstunden haben. Die Achtung vor dem eigenen Körper 
dem ach so viel mißhandelten, ist gestiegen. Der frohe Mutwillen, mit dem sie an 
der Schwelle des Turnsaales Schuhe. Strümpfe und die letzten Hüllen hinwerfen, um 
barfuß und im Badetrikot zu den Stunden anzutreten, die Begeisterung, mit der sie 
den Anordnungen der Lehrerin, dem Rhythmus des Klaviers folgen, läßt weitgehende 
psycho- und physiologische Entwicklungsmöglichkeiten aus der neuen Bewegung ahnen. 
Sie alle sind Kinder, arme irregeleitete und mißbegabte Kinder. Das Kind will spielen. 
Der Erzieher wie der Arzt hat nur für das richtige Spielzeug zu sorgen, das Spiel- 
zeug, das fesselt und seelische wie körperliche Schädigungen ausschließt". Meng 

ALFRED GROTJAHN und GUSTAV JUNGE, Maßvolle Schulreform. 
Praktische Vorschläge eines Arztes und eines Lehrers. 188 Seiten. Mit 15 Abbildungen. 
Preis M 5.50 (Alfred Kröner- Verlag, Leipzig). 

Professor Grotjahn, der Sozialhygieniker, und der Schulmann Prof. Junge treten in 
diesem volkstümlich geschriebenen Buch für eine Reihe von Reformen des modernen 
Schulbetriebes ein. Ihre Hauptforderung ist: weniger Schulstunden, mehr Ferien, mehr 
Selbstüberlassung der Kinder, um damit Raum zu geben für eine freiere, selbständige 
Entwicklung. Die Autoren versuchen nachzuweisen, daß die heutige Schule ähnlich. 
Nachteile für die Entwicklung des Kindes habe wie die Gefangenschaft für das Tiere 
Die ärztlichen hygienischen Forderungen (Ernährung, Sport, Schlaf, Erholung usw.) 
entsprechen dringenden Notwendigkeiten für die gesundheitliche Erziehung der Jugend 
aller Schichten. Die Beiträge des Schulmannes zeugen davon, daß man sehr viele 
Schäden, die durch Überbelastung des Wissensstoffes entstehen, durch Änderung des 
Unterrichtes und durch andere Verwendung der Freizeit gutmachen und vermeiden 
könnte. Es ist allerdings schade, daß die Erkenntnisse der Psychoanalyse, auch im 
Kapitel über das psychopathische Kind, nicht zur Verwertung kommen. Wir wissen 
ja. wie stark Fehlentwicklungen und Störungen im Affektleben des Kindes und des 
Erwachsenen Schwierigkeiten im Lernen und Lehren setzen. Hier müßten Arbeiten, 
wie die von Anna Freud, Pfister, Ziüliger u. a. genannt und zum Studium empfohlen 
werden. Es genügt nicht, daran zu mahnen, daß lediglich Personen von zornmütiger 
Veranlagung dem Lehrerberuf fernbleiben und daß man dringend vor der Verwendung 
von Prügel und Ohrfeigen warnt, wie wichtig auch diese Dinge in der Praxis sein 
können. Gerade der Hinweis, daß das gute Beispiel den stärksten erzieherischen Ein- 
fluß hat, müßte Anlaß sein, den Eltern und Lehrern über die modernen tiefenpsycho- 
logischen Methoden etwas zu sagen, die jeder Pädagoge kennen muß, wenn er seine 
und des Kindes Reaktion auf die Schule recht verstehen will. Das Kapitel „Sexuelles" 
enthält brauchbare Winke und Aufklärungen. Der Rat, geschlechtliche Belehrung 
nicht durch das gesprochene, sondern durch das gedruckte Wort zu geben, ist wohl 
so lange am Platz, bis Eltern und Lehrer in ihrer Grundeinstellung zur sexuellen Er- 
ziehung die Ergebnisse der Psychoanalyse kennen und imstande sind, sie zu verwerten. 

Das Buch gehört unter die empfehlenswerten Bücher, vor allem in seinen 
Forderungen über körperliche Hygiene und Schulreform im Rahmen der bestehenden 
Schulen. Meng 



-490 — 



JOHANNES LANGE, Verbrechen alsSchicksal. Studien an kriminellen 
Zwillingen. 96 Seiten. Georg Thieme- Verlag, Leipzig. Preis kart. M 7.—. 

Das Buch trägt bei zur Klärung bestimmter Probleme der modernen Straf- 
rechtsreform. Lange zeigt in einer — auch für Nichtärzte — verständlichen 
Sprache die Ergebnisse seiner Zwillingsforschung, um damit einen Beitrag zur Frage 
der Verbrechensursache zu liefern. Die Vererbungswissenschaft hat. durch die in den 
letzten Jahrzehnten durchgeführte Zwillingsforschung ein wichtiges Werkzeug gefunden, 
um bestimmte ererbte Merkmale näher zu untersuchen. Der Vergleich einer bestimmten 
Anzahl eineiiger und zweieiiger Zwillinge gibt Anhaltspunkte, wie bestimmte Ähnlich- 
keiten wahrscheinlich mehr durch das Milieu oder mehr durch die Erbmasse bedingt 
sind. Lange fand unter 30 gleichgeschlechtlichen Zwillingspaaren 15 eineiige und 
i- zweieiige. Von den ersteren waren in 10 Fällen beide Zwillinge kriminell geworden, 
während in 3 Fällen nur der eine Zwilling mit dem Strafgesetz in Konflikt gekommen 
war. Von den 17 zweieiigen Paaren waren beide Zwillinge mir in zwei Fällen bestraft, 
während in allen anderen Fallen nur der eine Zwilling sich verbrecherisch betätigt 
hatte. Obwohl das Zahlenmaterial von Lange verhältnismäßig klein ist und man bei 
seiner statistischen Verwertung vorsichtig sein muß, glaubt er den Beweis geliefert 
zu haben, daß für den Verfall in Kriminalität die Erbanlage eine überwiegende 
Bedeutung habe. Der statistische Beweis für die Lange'schen Behauptungen 
scheint dem Beferenten nicht erbracht. 

Der Verfasser erkennt allerdings an, wie wichtig Umwelteinflüsse für die asoziale 
Entgleisung sind, rückt aber immer wieder die Veranlagung in den Vordergrund. 
Die Krankengeschichten enthalten interessantes Material, z. B. über frühkindliche 
Schädigungen des Gehirns und Geburtenschädigungen und zeigen interessante Zusammen- 
hänge auf zwischen Hirnschäden und abnormer Sexualkonstitution. Eine Art Zusammen- 
fassung der Einwirkungen, die außer der Vererbung eine Rolle spielen, gibt Lange 
in Folgendem: „Wir sehen also neben der Anlage von großer Wirksamkeit die äußeren 
Einwirkungen, zum Teil solche allgemeinster Art. zum anderen aber Einflüsse, denen 
die einzelnen, nachdrücklich von ihnen geformt, unterliegen. Ja, äußere Einwirkungen 
sind gerade deshalb bei Kriminellen von besonderer Bedeutung, weil ihnen anlage- 
gemäß eine überdurchschnittliche Willensplastizität eignet, ja, weil sie zum Teil wider- 
standslos zum Opfer jedes, vor allem menschlichen Milieus werden, in das sie geraten". 

Die Lange'sche Forschung betont immer wieder, daß die Einstellung der Gesell- 
schaft zum Verbrecher von Grund auf revidiert werden muß. Er faßt seine An- 
schauungen wie folgt zusammen: „Für unsere rechtlichen Auffassungen und unser 
strafpolitisches Handeln lassen unsere Untersuchungen einfache und klare Schlüsse zu. 
Ist die Rechtsprechung, wie wir eindringlich gesehen haben, ganz wesentlich eine 
Folge des Gesetzes, nach dem wir angetreten, dann hat es keinen Sinn zu vergelten 
und zu strafen im engeren Sinn. Sicherung der Gesellschaft, das ist freilich auch das 
Ziel der Vergeltungsstrafe. Aber die Sicherung als Absicht tritt docli allzu sehr hinter 
dem Mittel zurück. Zum mindesten noch in der Auffassung des Volkes mit seinen 
„natürlichen" Einstellungen. Heute müssen wir die Sicherung der Gesellschaft als 
alleiniges, aber ganz klares Ziel vor Augen haben und wirklich entsprechend handeln. 
Wir müssen auch dem allgemeinen Rechtsbewußtsein diese Richtung geben". Die von 
der Psychoanalyse aufgeworfene Fragestellungen liegen nicht im Bereich dieses Buches. 
Der Leser wird gut tun, zur Ergänzung die Arbeit von Alexander und Staub „Der 
Verbrecher und seine Richter" zur Hand zu nehmen. Meng 



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II. Pädagogische Woche in Stuttgart 

(29. Juli — 5. August 1929) 

Das Programm der von den Herausgebern dieser Zeitschrift veranstalteten 
IL Pädagogischen Woche in Stuttgart (gedruckt in Heft 10, S. 551 dieser Zeitschrift ■ 
erfuhr insofern eine Abänderung, als an Stelle von Hans Zulliger. Hans Kali scher 
aus Nordhausen trat, der über ..Erfahrungen aus der heilpädagogischen 
Anstaltspraxis" sprach. 

Die Woche nahm einen günstigen Verlauf. Es erübrigt sich, auf die Vorträge ein- 
zugehen. Die Kollocpiien erfreuten sich einer lebhaften Teilnahme der Hörer und 
scheinen, nach den Aussagen der Teilnehmer zu schließen, besonders fruchtbar gewesen 
au sein. Anregende Unterhaltung (u. a. wurde auch ein psychoanalytischer Film vor- 
geführt), ansprechende Örtlichkeit im Kursaal Cannstatt mit Park, gemeinsame Mahl- 
zeiten, Ausflüge usw. trugen das ihrige zum Gelingen bei. 

Die Tageszeitungen (vor allem das „Neue Stuttgarter Tagblat t"), deren 
Vertreter am Kurs teilnahmen, beschäftigten sich in ausführlichen Artikeln mit den 
Hauptthemen der Referenten und standen mit zwei Ausnahmen der Veranstaltung 
positiv gegenüber. Die Kritiken dieser beiden Ausnahmen erschienen im „Deutschen 
Volksblatt", Stuttgart, und in der „Hildesheimschen Zeitung" und wurden geschrieben 
von einer Kursteilnehmerin O. U., einer katholischen Pädagogin, die Mitbeteiligte an der 
„Protesterklärung katholischer Lehrerinnen gegen die Zeitschrift für psychoanalytische 
Pädagogik" war. 

Nachstehend eine Berichtigung dieser Kritik, die in der einen der beiden oben 
erwähnten Zeitungen, nämlich in der „Hildesheimschen Zeitung" erscheinen sollte. — 
zugesichert erscheinen sollte, — aber nicht erschien: 

„Die Psychoanalytiker tagten in Stuttgart." 

(Eine Berichtigung.) 
Zu der unter obigem Titel in Nr. 181 (6. August) der „Hildesheimschen Zeitung« 
erschienenen und mit O. U. gezeichneten Berichterstattung sei mir - da Unstimmig- 
keiten und Entstellungen der Tatsachen veröffentlicht wurden - eine kurze 
Berichtigung und Erwiderung gestattet: 

Kritiken gegen die Psychoanalyse beginnen oft mit dem Vorwurf, der auch am 
Kopfe Ihres Art.kels steht, ihre Vertreter deuteten alles erotisch, Freud habe 
den Pause xu all smus gepredigt usw. Im Grunde sollten diese Kritiker wissen 
(und auch Sie sollten es wissen), daß dem nicht so ist. Das Studium irgend eines ein- 
schlagigen Werkes muß die gegenteilige Überzeugung schaffen. Aber es ist, als ob 
man an diesem abgegriffenen Hebel der Kritik sich selbst aus dem Sumpfe des Trieb- 
haften ,n die Höhen erhabener, „desexualisierter" Sphären heben möchte, um von 
dort aus mit Entrüstung jede Verkettung des Geistes und des Willens mit dem Körper 
und den Trieben abzulehnen. Dazu kommt ein Weiteres: Es gehört schon zum guten 
Ton und zum ABC eines wissenschaftlichen Anstriches, daß man sich gegenseitig 
diesen sinnlosen Vorwurf gegen die Psychoanalyse abschreibt; denn Tatsache ist, daß 
die Ichpsychologie heute in der Psychoanalyse einen ebenso breiten Raum einnimmt 
und von ebensolcher Wichtigkeit ist, wie die Sexualpsychologie. Dies wurde in Stuttgart 
genügend betont. Selbst ein namhafter Gegner der Psychoanalyse fand, man müßte 
doch nun endlich diesen banalen und unstimmigen Einwand des Pansexualismus fallen 
lassen. 

— 492 — 






= 



Ich meine, diese Feststellung müßte Sie beruhigen, da Sie ja in Ihrem Artikel die 
Notwendigkeit der Mitarbeit Ihrer Kreise bei uns so eindrücklich betonten. 

Daß Sie sich insbesondere über die erotische Deutung des Fingerlutschens der 
Säuglinge entsetzen, spricht nicht für eine überaus glückliche Auswahl eines Beispieles 
Ihrerseits, da gerade diese Erscheinung auch von namhaften Kinderpsychologen, die 
nicht Psychoanalytiker sind (wie Häberlin, Stern) als erotisch gedeutet wird. 

Daß die Geburt ein Hervorgehen aus dem Unbewußten und der Tod ein Zurück- 
kehren dahin bedeuten, ist allgemein psychologische und unumstrittene Weisheit, die 
übrigens auch für den Religiösen Geltung haben könnte. Wenn letzterer sich hierzu 
noch ein Weiteres ausmalt, so besteht für den Psychologen keine Verpflichtung dies 
auch zu tun, und es darf ihm auch kein Vorwurf gemacht werden, wenn er es nicht tuu 

Noch einige Einzelheiten: Neben einer Verstümmelung meines Namens 
(Gerhard Haber[!] statt Gustav Hans Graber) wie desjenigen von Dr. Meng (Menge 
haben Sie unstatthafte Verallgemeinerungen und Entstellungen sich zu Schulden 
kommen lassen. Sie stellten meine im ersten Vortrage über Werden und Vergehen 
geäußerten Ideen so dar, als ob sie offiziell diejenigen aller Referenten gewesen wären. 
Übrigens haben Sie herzlich wenig begriffen von dem, was ich dort ausführte. Wo 
ich z. B. von unbewußter „Auffassimg" über die Erscheinungen der Geburt und des 
Todes sprach, da stellten Sie dies so dar, als ob hiermit die Ideen des Psychoanalytikers 
geäußert wären. Ferner: Ich sagte, daß Wesen, Methode und Heilerfolg (nicht Teil- 
erfolg) die heutige Kulturwelt beschäftige Nirgends erwähnte ich ein Wort davon, 
die heutige Zeit werde lernen, den Urmenschen zu finden. Ich sprach vom U r b i 1 d. 
das der Mensch durch Innenschau im Seelenspiegel entdecken müsse. Sie schreiben : 
Der Mensch dürfe, trotzdem er zurückschrickt, nicht zurückschrecken, er müsse immer 
wieder hinausschauen. Ich aber sagte: Der Mensch dürfe, trotzdem er erschrecke, 
doch nicht zurückschrecken, er müsse wieder hineinschauen (nämlich in den 
Seelenspiegel). Nirgends habe ich davon ein Wort gesprochen, daß der Mensch sich 
mit dem Unsterblichkeitsglauben ins Märchen- und Zauberland begebe. Das Zitat 
Heines über den Tod setzen Sie ferner derart hin, als ob es auch meine (des Psycho- 
analytikers) Auffassung wäre, was eine völlige Verkennung bedeutet. Auch was Sie 
über das „Jahrhundert des Kindes" sagen, ist eine irrige Verkuppelung dieses Gedankens 
mit einem nicht dazu gehörigen. Falsch ist auch die Darstellung über das „Fressen 
der Welt". Sie schieben mir unter: Nicht aus Hunger führe der Säugling alles zum 
Munde, sondern aus Vernichtungsdrang, während ich betonte, daß neben dem 
Hunger auch der Vernichtungsdrang eine Rolle spielen könne. 

Nicht anders entstellen Sie auch die Gedanken der anderen Referenten. Es steht 
Ihnen natürlich frei, z. B. Ihre Meinung über die Frage der Onanie zu haben: eine 
Kritik an objektiven Befunden, die auf vielseitiger Erfahrung basieren (wie sie der 
Psychoanalytiker hat) in dieser Frage zu üben, scheint mir zum wenigsten sehr gewagt, 
da man leicht aus ihr die subjektive Bedingtheit heraustönen hört. 

Der freie Wille: Sie scheinen wirklich noch nicht viel von Philosophie- 
geschichte oder Religionsgeschichte gehört zu haben, sonst müßten Sie wissen, daß 
die Psychoanalyse mit ihrer Auffassung nicht isoliert dasteht, wenn sie dieses „Königs- 
geschenk des Menschen" als solches in Frage stellt, waren doch darüber schon im 
Altertum und ganz besonders im Mittelalter (gerade im Schöße der katholischen 
Kirche) die erbittertsten Kämpfe der größten Denker an der Tagesordnung. 

Eine teilweise Tatsächlichkeit berühren Sie mit Ihrer Kritik, wenn Sie darauf ver- 
weisen, daß die Psychoanalyse ihren Ausgangspunkt beim kranken Menschen nehme. 

Zeitschrift f. psa. Päd., III/iVi5 493 3° 



1 



Aber bedenken Sie, daß krank und gesund sehr relative Begriffe sind, daß die Grenzen 
verwischt sind und daß eine Verallgemeinerung nicht am Platze ist. So stammten 
doch ?.. B. die 200 Träume, über die ich in Stuttgart sprach, von relativ gesunden 
Kindern, und doch ließen sich die grundlegenden Thesen der Psychoanalyse an ihnen 

ebenfalls nachweisen. 

Am seltsamsten berührte mich an Ihrer Berichterstattung, daß Sie behaupten können, 
der Psychoanalytiker könne für die aufgedeckten Mißstände und Nöte im jungen 
Menschen keine Hilfsmittel angeben. Doch, wir haben tin Hilfsmittel! Wir haben 
es in Stuttgart tausendmal genannt — haben überhaupt von wenig anderem gesprochen, 
aber ich will es Ihnen nochmals nennen: Es ist die Analyse, die trotz Ihrer Ver- 
kleinerungstendenz von einem „großen Kreis von Menschen" dankbarst als Hilfs- 
mittel anerkannt ist. 

Und zum Schlüsse noch einmal etwas Seltsames: Sie haben Freuds Wort, in dem 
er sich an die Schöpfer eines neuen Werkes zur Verbreitung der Psychoanalyse wendet: 
„Sie verpflichten durch diese Schöpfung einen großen Kreis von Menschen zu 
Dank", eingeschränkt auf einen kleinen Kreis — und schon im nächsten Satze 
sind Sie sich dieser Einschränkung reuig, sind von der „Größe der Probleme 
überzeugt" und von der „Notwendigkeit der M'i tarbeit auch in 
katholischen Kreise n." Damit vergrößern Sie den Kreis wieder. Und als 
wirklicher Mitarbeiter muß man doch wohl stets dankbar gegen Führer der Bewegung 
sein, die mit guten Neuschöpfungen die gute Sache, an der man mitwirkt, vorwärts 
bringen. Dr. Gustav Hans Graber (Stuttgart) 



Weltkonferenz für Erneuerung der Erziehung in Helsingör 
Die Welt konf erenz für Erneuerung der Erziehung, 

die vom 8. bis zum 21. August in Helsingör (Dänemark) stattfand, bot mancherlei, 
was auch für unseren Leserkreis von Interesse ist. Etwa 2000 Menschen, die 43 Nationen 
vertraten, waren dort versammelt. Diese Zusammenkunft bedeutete ihnen das gemein- 
same Streben nach einem Doppelziel: Völkerverständigung und bessere Erziehung, 
bessere Schulen für die Kinder. Daß die Gemeinsamkeit der Interessenrichtung und 
der Arbeit während der zwei anregungsreichen Wochen nicht nur besseres Verständnis 
für einander, sondern auch eine bessere Förderung der vorschwebenden Aufgaben mit 
sich bringen müsse, stand als Richtlinie im Vordergrund. Das mehrfach zitierte Wort 
„Mit der Jugend, durch die Jugend, für die Jugend" als Weg zu einer höheren 
Kultur, gibt am klarsten wieder, was man als Grundidee der Tagung festhalten kann. 
Deutlich wurde zum Ausdruck gebracht, daß die Tendenz des Weltbundes sei, über 
einen gesunden Nationalismus zum Internationalismus zu gelangen. Von den drei 
Führern des Bundes: Mrs. Beatrice Ensor (angelsächsisches Sprachgebiet), Dr. Elisabeth 
Rotten (deutsches Sprachgebiet) und Dr. Adolphe Ferriere (romanisches Sprach- 
gebiet) ging eine suggestive Glaubenskraft aus. 

Wenn auch im Mittelpunkt der Konferenz das Thema „Die neue Psychologie 
und der Lehr plan" stand, so muß man diesen gegebenen Stoff keinesfalls als einengend 
betrachten. Es wurden die verschiedensten psychologischen Fragen, moderne Unterrichts- 
methoden (Montessori, Dalton-Plan, Decroly-Methode, Projektmethode) behandelt, die 
Philosophie der neuen Erziehung, die Beziehung von Schule und Elternhaus. Lehrer- 
bildung als Vorbedingung einer neuen Erziehung, die Vorbereitung der Eltern, 
religiöse Erziehung, der künstlerisch-schöpferische Ausdruck des Kindes, die Fuhrung 
des Kindergartens, Erziehung zur internationalen Gesinnung, das schwererziehbare 

-494 - 



Kmd, psychoanalyt.sche Erziehung, sexuelle Erziehung, Rhythmik, musikalische Er- 
z.ehung, all dies waren Themen, die - teils in Sonderkursen, teils in Studiengruppen - 
zur Erörterung kamen, Besichtigungen, Lehrproben, Ausstellungen von Kinderarbeiten 
und Filmvorführungen ergänzten die Vorträge und Aussprachen. 

Diesen pädagogischen Unternehmungen lag der Gedanke zu Grunde: Alles vom 
Kinde aus! Das individuelle Eigenleben des Kindes habe als Führer zu gelten der 
Lehrer müsse zurücktreten, pädagogische Zielsetzung habe nur soweit Gültigkeit als 
sie dem Eigenwesen des individuellen Kindes entspräche und diesem Entwicklungs- 
moglichkeiten gäbe. Eli sab eth Rotten sprach dies in ihrem Einführungsvortra ff 
besonders eindrucksvoll aus. Die Umgestaltung des Lehrplanes bedeute nicht das 
Technische des Unterrichts allein, nicht den Inhalt der Lehrstunden. Es gelte nicht 
Reformen anzubahnen, sondern der ganze Aufbau müsse umgestaltet werden Die 
Psychologie müsse dabei Helfer sein, die Versuchsarbeit müsse mit der Wissenschaft 
zusammengehen. Vor allem aber: Wir dürfen nicht nur in unseren Bestrebungen a„ 
das „Kmd" denken, an das Augenblickliche, wir müssen den wer den den Mensch en 
im Auge haben. Darum hat die Umgestaltung sich nicht nur auf die Schulzeit zu 
beziehen, mit ihrer Beendigung dürfe den Herangewachsenen nicht die Möglichkeit 
zur Weiterentwicklung genommen werden. Der Gedanke des lebenslänglichen 
Wachsens sei Leitmotiv der neuen Erziehung, darum fordere sie auch Gelegenheit zur 
Weiterbildung für alle Volkskreise. Die schwierigste Aufgabe, die uns erwarte, ist 
die psychologische Umstellung des öffentlichen Bewußtseins. Das im modernen Sinne 
erzogene Kmd muß m eine entsprechende Tatwelt hineingestellt werden, sonst leidet 
es seelischen Schaden. Ungeduldig hätten wir der Umwelt entgegenzutreten die diesen 
Bestrebungen Widerstand leistet. Im gleichem Sinne sprach sic^Adolphe F er ri/re 
aus: Damit diese Revolution' sich erfüllt, sind zwei Bedingungen notwendig: einmal 
eine Evolution der öffentlichen Meinung zu einer neuen Welt- und Lebensauffassung 
hin und zum andern eine Evolution der Wissenschaft zu einer tieferen Kenntnis de? 
menschhchen Indmduahtat hin«. Und Dr. Maria Montessori, die im Rahmen 
der Weltkonferenz einen besonderen internationalen Montessori-Kongreß einberufen 
hatte, betonte m ihrer Eröffnungsrede: Die Notwendigkeit, daß es frei und selbständig 
leben müsse, habe das Kind selbst den Erziehern offenbart. Das Kind führe dem 
beobachtenden Erwachsenen immer wieder die Forderung vor Augen: Laßt mir Freiheit 
für die Entwicklung meiner schöpferischen Kräfte. Die Erzieher müßten sich so ver- 
ändern daß sie nicht länger ein Hindernis für die Kinder seien. Jede dem Kinde 
ohne Notwendigkeit dargebrachte Hilfe sei ein Hemmnis für seine Entwicklung 



Wie fand sich nun der psychoanalytisch orientierte Pädagoge auf diesem Kongreß 
zurecht, wie konnte er sich innerlich zu den vertretenen Grundsätzen einstellen? 
Darüber soll, wenn auch vielleicht in etwas subjektiver Färbung, da es anders kaum 
möglich ist, einiges gesagt werden. Wenn wir auch weniger positiv zur Pädagogik 
stehen weniger von der Auswirkung dieser oder jener Einzelbestrebung durchdrungen 
sind, als es ihre Vertreter auf der Tagung waren, so müssen wir doch mit den oben 
hervorgehobenen Erziehungstendenzen einverstanden sein. Freilich sind wir uns darüber 
klar, daß allen Tendenzen zum Trotz unbewußte Strömungen im Seelenleben der Er- 
zieher sich oft starker auswirken als die bewußten Willensabsichten. Manche Über 
wertung nehmen wir gerne in den Kauf, sehen wir doch aus Berichten und Film- 
darbietungen wie viel besser es die Kinder heute - wenigstens an den hier vor- 
geführten Stelle» - haben als früher, und daß überall, sei es beim Kleinkind oder 
beim Schulkind die neue Richtung, der auch wir zustimmen können, vorherrschend 
wurde. Erfreulich war z. B. es zu sehen, welch neuer Geist auch in die Kindergärten 
eingezogen ist, wie man auch hier heute neuzeitlichen Erkenntnissen Rechnung trägt 
Vertreterinnen aus verschiedenen Staaten schilderten die bei ihnen übliche Führung 
des Frobel'schen Kindergartens und bewiesen damit, daß die Hintansetzung des Kinder 



-495- 



5°* 






gartens gegen die Montessori-Häuser heute durchaus nicht mehr überall Berechtigung 
hat. Daß die unerfreuliche Trennung beider Richtungen, die doch als gemeinsames 
Ziel den Dienst am Kinde haben, auch auf diesem der Verbrüderung dienenden 
Kongreß in Erscheinung trat, muß als bedauerlich vermerkt werden. Für den Psycho- 
analytiker wäre es nicht ohne Reiz, die diesem Gegeneinander zu Grunde liegenden 
unbewußten Momente herauszuschälen. 

Zur Anwendimg psychoanalytischer Nebengedanken hatte der Beobachter auf dem 
Kongreß mancherlei Gelegenheit. Manche Eigenbrötelei in Kleidung und Verhaltungs- 
weise gab zu Überlegungen Anlaß, allerlei abseitige Ideale der Weltanschauung und 
der Lebensführung verdienten unter die psychoanalytische Lupe genommen zu werden. 
Die Friedensidee — auch uns ein Idealbild — nahmen wir nicht ganz so überzeugt 
in uns auf. Trotzdem aber: Auch wir ließen uns gern in diesen Wunschtraum ein- 
lullen und genossen jedenfalls in der Realität das Zusammensein mit den vielen 
Menschen und Nationalitäten in vollstem Maße. 

Vom Standpunkte der psychoanalytischen Pädagogik kann man naturgemäß der 
Kunsterziehung, besonders so weit sie zum Kunst genuß und zur seelischen Aus- 
lebung und Darstellung führt, nur bejahend zustimmen. Es hätte sich verlohnt, die 
vielen ausgestellten Kinderzeichnungen und -maiereien auf die darin zum Ausdruck 
gebrachten unbewußten Motive zu untersuchen, doch brachte es das Zuvielerlei 
des Kongresses mit sich, daß man sich dieses interessante Studienmaterial entgehen 
lassen mußte. Flüchtige Einblicke ließen manches vermuten, woran die übliche Be- 
trachtungsweise vorüberging. Ein interessantes Erlebnis war mir eine Künstlerin, die 
mir ihre Unterrichtsweise aus ihr in einem Fieberzustand gekommenen künstlerischen 
Offenbarungen entstanden darlegte. 

Die Psychologie ging zum Teil ganz andere Wege des Denkens, als sie uns ge- 
läufig sind. Trotzdem: die Einwirkimg der Tiefenpsychologie war auch hier vielfach 
nicht zu übersehen. Der Name Freuds, die mit seinem Namen verknüpfte Gedanken- 
richtung, traten an den verschiedensten Stellen auf. Ganz zustimmen können wir der 
Bemerkung Professor Kurt Lewin s (Berlin), die Psychologie stehe in einer Phase 
des Umdenkens ihrer Grundbegriffe, Mittelpunkt sei der Mensch als Ganzes, nicht 
mehr diese oder jene Einzelerscheinung seines Wesens. Nicht „das Kind", sondern 
das individuelle Kind sei zu beobachten. Die neue Psychologie sei dynamisch, sie 
dringe von der Oberfläche in die Tiefe ein. Und besonders wichtig erschien die 
Hervorhebung des Gedankens, daß eine Handlung beim einzelnen Kinde und in jeder 
neuen Situation etwas Verschiedenes bedeuten könne. 



Es bleibt noch zu schildern, in wieweit die Psychoanalyse selbst auf der Welt- 
konferenz zu Worte kam. Ehe ich auf die Arbeit des Psychoanalytischen Kurses zu 
sprechen komme, möchte ich auf zwei Vorträge eingehen, die von unserem Kreise 
fernstehenden Dozenten gehalten wurden. Ich hebe diese Vorträge besonders hervor, 
da ich es beachtenswert finde, daß von nichtanalytischer Seite Freud und die Psycho- 
analyse eine so ernste Würdigung erfuhr. Prynce Hopkins, Dozent für Psycho- 
logie an der Universität London, sprach über Freuds Stellung zu Er- 
ziehungszielen und -m e t h o d e n. Ich möchte ein paar Gedanken aus dem 
Vortrag hier wiedergeben. 

Freuds Psychoanalyse ist aus langer therapeutischer Erfahrung entstanden. Ihre Schlüsse basieren 
auf einwandfreier wissenschaftlicher Forschung. Erziehung nicht fürs Zölibat, sondern für Eltern- 
schaft, und zwar vorwiegend durch sexuell normal lebende Lehrer. Verfasser ist skeptisch gegenüber 
Koedukation, da sie die sexuellen Unterschiede zu sehr verwischt. Begründe deine Erziehung mehr 
auf die Wünsche als auf die mechanischen Gewohnheiten der Kinder. Gesunde Lebensführung der 
Lehrer — in jeder Beziehung — ist wichtig. Sympathisches Verstehen der Kinder ist wichtiger als 
korrekte Durchführung des Pensums. Die Qualitäten beim Kindermädchen sind so wichtig wie beim 
Professor. 



— 496- 






George H. Green, Dozent für Erziehung an der Universität Wales, sprach 
über den Tagtraum. Folgende Gedankengänge seien wiedergegeben: 

Man betrachtet die Tagträume als Funktion des Unbewußten. Freud bringt sie in Konnex mit 
den Nachtträumen. Varendonck berichtet in einer wichtigen Studie seine eigenen Tagträume. 

Tagträume erscheinen am häufigsten in der Jugend, aber sie sind weder da noch in andern 
Zeiten Zeichen von Abnormität. Für den Erzieher, der schöpferische Tätigkeit als Erziehungsmittel 
beachtet, ist das Phänomen wichtig, da es ja selbst etwas Schöpferisches ist. 

Das gewöhnliche Tagträumen wird oft mit Recht als belanglos betrachtet. In Fabriken aber ist 
es häufig Ursache von Unfällen. Man hat es „psychologisches Opium" genannt. Jeder, der von den 
Tagträumen schreibt oder spricht, tut es quasi als Gegner, und wehe dem, der etwa meint, man 
konnte sie pädagogisch auswerten! Jede Prüfung von Tagträumen zeigt, daß sie, wie Nachtträume. 
Erfüllungen vereitelter Wünsche bringen. Daher wird ein System der Erziehung, das dauernd£die 
einfachen "Wünsche normaler Kinder mißachtet, bestimmt gerade Tagträume hervorrufen. 

Erzieher und Psychoanalytiker werden Tagträume verschieden betrachten. Der Psychoanalytiker 
wird die Tiefe des Unbewußten daran ermessen, der Erzieher wird seine oberflächlichen Eindrücke 
daran revidieren. Der Erzieher wird Beziehungen zwischen dem Spiel des Kindes mit Spielsachen 
und dem Spiel seiner Phantasie dabei entdecken. Er wird die dadurch erworbenen Kenntnisse sogar 
zur Beurteilung der Schulaufgaben verwenden. Damit ist nun nicht gemeint, daß das Kind weniger 
arbeiten soll, nur soll es mit Freude, spontan, gern, wie bei Sport und Spiel, eine ihm gemäße 
Arbeit tun. 

Der psychoanalytische Kursus, für den eine große Anzahl von Teil- 
nehmern eingetragen waren, hatte leider etwas unter der Ungunst äußerer Verhält- 
nisse zu leiden. Pfarrer Pfister (Zürich), als Leiter, war leider nur einige Tage 
anwesend, ein Teil der angesagten Dozenten traf nicht oder verspätet in Helsingör 
ein, so daß das ganze Unternehmen etwas unruhiges und ungeordnetes bekam. Für 
alle, denen daran lag, daß die anwesenden Pädagogen für die Psychoanalyse und eine 
psychoanalytische Erziehung interessiert würden, war das etwas enttäuschend. Wenn 
trotzdem, wie atis nachherigen Unterhaltungen, aus Anfragen und Diskussionen her- 
vorging, die Vorträge auf einen guten Boden fielen, ist es ein Beweis, wie stark in 
den Anwesenden der Wunsch nach psychologischer Vertiefung lebendig war. Daß der 
Erfolg natürlich auch auf das Konto der Vortragenden zu setzen ist, bedarf nicht 
der Hervorhebung. 

Pfarrer Pfister sprach mehrere Kursstunden über die Bedeutung des 
Unbewußten in der individuellen Entwicklung und bot dabei eine 
Einführung in die psychoanalytischen Grundbegriffe. Er erörterte auch die Frage, 
was der Erzieher von der Psychoanalyse zu erwarten hätte. An Hand von Beispielen 
aus der Praxis zeigte er, wie man Einblicke in das unbewußte Seelenleben gewinnen 
könne und wie durch Aufdeckung unbewußter Hintergründe neurotische oder charakter- 
liche Schwierigkeiten zu beheben sind. Pfister gab als letzten Ausblick dem Gedanken 
Raum, daß man zwar prophezeihen könne, die Erziehung werde unter dem Einfluß 
der psychoanalytischen Erkenntnisse mehr und mehr eingeschränkt werden, er hielte 
es jedoch nicht für angebracht, die neue Pädagogik etwa nur auf die Beeinflussung 
des Unbewußten aufzubauen. Pfister betrachtet u. a. auch die Beziehungen der Psycho- 
analyse zur Religion und nahm zur Frage der Kinderanalyse Stellung. 

Frau Behn-Eschenburg (Zürich) sprach über die Analyse des 
Kleinkindes. Sie unterschied scharf zwischen der Psychoanalyse als Heilmethode 
und der Wissenschaft vom Unbewußten, auch wies sie auf die Beziehungen zwischen 
Psychoanalyse und Pädagogik hin. Analysieren und Erziehen wären zwei verschiedene 
Dinge, sie hätten inhaltliche Berührungspunkte, doch müßten die verschiedenen 
Techniken auseinander gehalten werden. Frau Behn gab Beispiele von Erziehungs- 
schwierigkeiten und Lernhemmungen von Kindern, deren Ursachen auf analytischem 
Wege geklärt wurden, womit man das Verschwinden der Symptome erreichte. Die 
Erziehung hat in solchem Falle weiterhin aufbauende Arbeit zu leisten. 

Nelly Wolffheim (Berlin) sprach über psychoanalytische Kinder- 
gartenpädagogik. 

-497- 






(Eine größere Arbeit Nelly Wolffheims über dieses Thema wird demnächst in 
unserer Zeitschrift erscheinen.) 

Hans Zulliger (Ittigen-Bern) behandelte die Beziehungen zwischen einer 
psychoanalytischen Pädagogik und der Wirksamkeit des Lehrers. Interessante Fälle 
aus der Schulpraxis standen im Vordergrunde, wobei besonders die Beeinflussung 
des Gemeinschaftslebens durch die psychoanalytische Einstellung des Lehrers dar- 
gestellt wurde. Zulliger gab einige Hinweise, wie der Lehrer psychoanalytische Er- 
kenntnisse in seiner Tätigkeit verwerten könne. Er kam zu dem Schluß, daß wirk- 
liches Führertum nur wenigen Menschen angeboren sei, im gewissen Grade könne 
man es aber durch eine psychoanalytische Orientierung erlernen. 

Herr Tobler (Schweiz) gab an Stelle seines erkrankten Vaters Einblicke in 
ein Landerziehungsheim, in dem man psychoanalytische Erkenntnisse zu verwerten 
sucht. Der Vorsitzende dej Pariser Psychoanalytischen Gesellschaft, Dr. Rene 
Laforgue, behandelte das für den Erzieher besonders wichtige Thema „Die 
Mechanismen der Selbstbestrafung bei Kindern". 

Einen guten Ausklang des Kurses gab der letzte Vortrag Prof. Dr. Ernst 
Schneiders (Stuttgart) über die p sychoanalytische Ausbildung der 
Erzieher. Die Notwendigkeit, mit Hilfe psychoanalytischen Wissens und natur- 
gemäß weit besser durch eine Lehranalyse zum Verständnis kindlicher Schwierig- 
keiten und der Erscheinungsformen unbewußter Konflikte beim Kinde zu gelangen, 
wurde von einer großen Anzahl von Hörern willig anerkannt. Daß der Erzieher vor 
allem erst in sich selbst Ordnung schaffen müsse, ehe er sich an das Kind wende, 
wurde in den Ausführungen deutlich hervorgehoben. Die Tiefenpsychologie Freuds 
wurde als Teil der Lehrerausbildung gefordert, doch wurde klargestellt, welche 
Widerstände die Annahme psychoanalytischer Kenntnisse erschwerten. Darum sei 
die Lehranalyse für den Pädagogen zu fordern, die auch das Verhältnis des Erziehers 
zum Kinde und zu seinem Beruf zu klären habe. Prof. Schneider nahm zu den 
Forderungen der „Erneuerung der Erziehung", wie sie der Kongreß vertrat („Er- 
ziehung vom Kinde aus" — „Gemeinschaftserziehung" — „Freiheit in der Erziehung" 
usw.) in der Weise Stellung, daß er ihre Berechtigung anerkannte, aber betonte, daß 
sie häufig vom Unbewußten der Erzieher her gefälscht und zur Karikatur werden. 
So kann die „Erziehung vom Kinde aus" in der Weise befolgt werden, daß man 
nicht vom objektiven Zögling, sondern vom „Kind im Erzieher" ausgeht, durch dessen 
Brille der Zögling geschaut wird. Dadurch entsteht ein pädagogischer Infantilismus. 
Oder, eine „Gemeinschaftserziehung" wird vom Unbewußten her als Wiederherstel- 
lung eigener infantiler pädagogischer Gemeinschaften verstanden (Mutter-Kind, 
Vater-Kind). Wie soll der Erzieher eine „Freiheit in der Erziehung" befolgen können, 
wenn er vom Unbewußten her einem Erziehungszwang unterliegt? Der Vortragende 
befürwortete daher die Analyse von Berufspädagogen und Eltern. Eine in Stuttgart 
geplante Mütterschule und die in Aussicht genommenen Ausbildungskurse für Berufs- 
pädagogen fanden bei den Teilnehmern des Kongresses beachtenswertes Interesse. 

Nelly Wolf f heim (Berlin^ 



F-ine Ausstellung „Gesunde Nerven — psychische Hygiene" 

hat das Berliner Bezirksamt Kreuzberg kürzlich eröffnet. In klaren knappen Wor- 
ten werden die ausgestellten Bilder, plastischen Darstellungen und Modelle erläutert, 
die Zustände, Mißstände und auch Möglichkeiten der Ausstellung vorführen. Zweck 
der Schau ist, nicht nur zu belehren, sondern auch den Antrieb zu geben, Besserungen 
anzustreben, sowohl beim Einzelnen wie bei der Gesellschaft. Es ist hier wohl das 
erste Mal der Versuch gemacht worden, die seelische Gesundheit im Rahmen 

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einer Ausstellung in das Blickfeld zu stellen, eindrucksvoll die Bedeutung derselben 
und auch, den Zusammenhang zwischen Psychischem und Physischem bildmäßig dar- 
zutun. Alle Altersstufen vom Säugling bis zum Greisenalter sind dabei in Betracht 
gezogen worden, soziale Einwirkungen in anerkennenswerter Weise berücksichtigt. 
Der Wandel der Anschauungen in bezug auf die Stellung der Gesellschaft zu den 
seelisch Abnormen, die veränderte Orientierung des modern gerichteten Arztes suchte 
man dem Beschauer nahe zu bringen. „Seelische Leiden bedürfen in gleicher Weise 
wie körperliche der ärztlichen Behandlung. Sie sind nicht durch Pillen zu heilen." 
Die Darstellung eines mit Pillen angefüllten Mannes in einer Apotheke und daneben 
eine psychoanalytische Behandlungsstunde geben diesem Gedanken Ausdruck. Damit, 
kommt unser Bericht zu dem Punkt, der es gerechtfertigt erscheinen läßt, an dieser 
Stelle von der Ausstellung zu erzählen. Bemerkenswerterweise hat man die Lehre 
Freuds in den Gedankenkreis der psychischen Hygiene einbezogen, was uns natür- 
lich sachlich nicht verwunderlich erscheint, im Rahmen einer von offizieller Seite 
aufgebauten Ausstellung immerhin als ein erfreuliches Zeichen zu buchen ist. Er- 
freulich, ja Bewunderung erregend, wirkte auch die außerordentlich klare Art, in der 
psychoanalytische Grundgedanken in graphischer Wiedergabe zum Ausdruck gebracht 
wurden 1 und welche einfachen Formulierungen man zu finden wußte. Der Einfluß 
einer gestörten Liebesentwicklung in der frühen Kindheit, ihre Grundlage für eine 
spätere Psychoneurose wird folgendermaßen vor Augen geführt: Ein Kind im Mittel- 
punkt des Bildes, rechts von ihm Mutter, Lehrerin, Ehepartnerin in aufsteigender 
Größe, links in gleicher Weise Vater, Lehrer, Prinzipal. Angst machende Per- 
sönlichkeiten, die übertragene Ödipussituation. Das unzweckmäßige Verhalten der 
Eltern: Ein Kind, das im Bett seine Eltern beobachtet; Schreck, Angst ist von seinem 
Gesicht abzulesen. Es näßt daraufhin, Wirkung der Angst und der Erregung. Die 
Eltern kommen mit der Rute ! Die Rute wird auch in einem anderen Zusammenhang 
gedankenlosen Eltern vorgefüllt: Ein Kind weigert sich, zu essen und weint, trotzdem 
der Teller mit dem Lieblingsgericht der meisten Kinder, Pflaumen und Backobst, 
gefüllt ist. Die Rute schwebt über ihm: Eßstörungen haben oft seelische Gründe und 
können nicht mit Prügel geheilt werden. — „Onanie ist kern unnatürliches Laster." 
Bildlich wird folgender Vorgang dargestellt: Der Vater schlägt den Knaben, weil er 
onaniert und bindet seinen Arm fest. Der spätere Erwachsene will als Geiger in einem 
Orchester mitwirken, der Taktstock des Kapellmeisters erinnert ilm unbewußt an den 
Stock des Vaters, da tritt eine Lähmung des Armes ein, die ihn verhindert, seinen 
Beruf auszuüben. So können Elternfehler den Grund zu späteren seelischen Erkran- 
kungen legen. Daß Süchte „keine Laster, sondern Krankheiten sind", wird eindringlich 
vorgeführt. Wegweisend — ohne jede weitere Erklärung — ist der Jahresbericht des 
Berliner psychoanalytischen Instituts aufgehängt. Das Bild Freuds blickt auf die Be- 
sucher hernieder und sie lesen seine Worte: „Es braucht nicht gesagt zu werden, 
daß eine Kultur, welche eine so große Zahl von Teilnehmern unbefriedigt läßt und 
zur Auflehnung treibt, weder Aussicht hat, sich dauernd zu erhalten, noch es ver- 
dient" (Zukunft einer Illusion). 

An ganz anderer Stelle der Ausstellung finden wir einen Hinweis auf das Freudsche 
Werk: Kurpfuschertum, Wahrsagerei, Aberglauben und Traumbücher werden durch 
sich selbst .hier lächerlich gemacht und ihre schädlichen Einwirkungen werden dem 
Beschauer vor Augen gestellt. Aber oben an der Wand hängt das Titelblatt der 
„Traumdeutung" und ein Kurzer Hinweis belehrt darüber, daß ein Erforschen unserer 
Träume im Freudschen Sinne Nutzen und Hilfe bringen kann. 

Auch wenn man auf dem Standpunkte steht, die Psychoanalyse brauche nicht um 
äußere Anerkennung zu ringen, sie setze sich schon selbst durch, auch dann wird 

1) Einige der graphischen Darstellungen dieser Ausstellung sind in dem gleich- 
2eitig erschienenen Heft 4 (1929) der „Psychoanalytischen Bewegung" reproduzier!. 



-499 — 



im 



man eine so offizielle Bejahung, eine so sachlich-anerkennende Propagierung i 
Interesse der leidenden Menschen nur begrüßen. Nelly Wolffheim 



Dr. phil. Helene Stöcker 60 Jahre 

Die bekannte Schriftstellerin und Politikerin, Heraiisgeberin der ..Neuen Generation"^ 
Dr. phil. Helene Stöcker, beging am 15. November d. J. ihren 60. Geburtstag. 

Von Geburt Rheinländerin, eine der ersten weiblichen Doktoren der Philosophie (1901), 
suchte sie zugleich wohl als Erste die Synthese zwischen der freien, geistig unab- 
hängigen wie der liebenden Frau und Mutter zu schaffen. Diese Tendenz führte zu 
einer neuen Art von Frauenbewegung; der Bewegung für Mutterschutz und Sexual- 
reform und zur Gründung der nun seit 25 Jahren von Helene Stöcker herausgegebenen 
Monatsschrift „Die neue Generatio n". 

Leidenschaftlichem Mißverstehen heftiger Opposition begegnete sie mit großer 
Sachlichkeit und Tapferkeit. Ihre Bestrebungen für umfassenderen Schutz der Mutter- 
schaft. Besserstellung unehelicher Mütter und Kinder, eine vorurteilslose Erörterung 
der Sexualprobleme, sachgemäße Beratung in Fragen der Geburtenregelung, wie für 
eine allseitige reiche Entwicklungsmöglichkeit der weiblichen Persönlichkeit haben 
sich inzwischen — sowohl in der Verfassung von 1919 wie im sozialen und kulturellen 
Leben — zum großen Teil verwirklicht. 

Frau Stöcker hat seit Jahren die Psychoanalyse in Wort und Schrift gefördert. 
Wir wünschen, daß sie noch lange Zeit ihre Arbeit weiterführt und erlebt, wie dankbar 
ihr viele Menschen sind, denen sie Führer und Freund ist. Meng 



Psychoanalyse und Fürsorgearbeit 

Über „Psychoanalyse und Fürsorgearbeit" beabsichtigt Stadtarzt 
Dr. Vollrath in Gemeinschaft mit Fürsorgerin Käthe Dedekind im ersten Vierteljahre 
1950 in Berlin einen einführenden Kurs für Fürsorgerinnen und sonstige in der sozialen 
Fürsorge Tätige abzuhalten. Referate und Aussprachen sollen der Vertiefmig der 
Fürsorgearbeit durch Verwertung psychoanalytischer Gesichtspunkte dienen. In Aus- 
sicht genommen sind sechs Doppelstunden etwa vierzehntäglich während der Monate 
Januar bis März. Nähere Auskunft erteilt Stadtarzt Dr. Vollrath, Fürstenwalde/Spree. 



Mitteilung der Schriftleitung 

Im Leitaufsatz von Dr. Heinrich Meng im Juli-Heft dieses Jahrganges (Seite 301 ff) 
„Zur Protesterklärung katholischer Lehrerinnengegen die Zeitschrift für'psychoanalytische 
Pädagogik" haben zwei Stellen zu Mißverständnissen Gelegenheit geboten. 

Abweichungen in wissenschaftlichen Ansichten sind selbstverständlich auch in der 
Psychoanalyse an der Tagesordnung und führen vielfach zu fruchtbaren Weiterunter- 
suchungen und Entwicklungen. Gerade die Leser dieser Zeitschrift konnten sich — 
besonders bei den Sonderheften, z. B. in dem über „Nacktheit und Erziehung", das 
zum Teil ganz entgegengesetzte Auffassungen nebeneinander zu Wort gelangen ließ — 
von dem Vorhandensein solcher wissenschaftlicher Meinungsverschiedenheiten über- 
zeugen. Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß die Ansichten Dr. Wilhelm Reich s 

— 500 — 



zur Frage der Schädlichkeit und der NichtSchädlichkeit der Onanie nicht von allen 
Psychoanalytikern geteilt werden. Dies bedeutet aber nicht etwa, daß die Auffassung 
Dr. Reichs in geringerem Grade psychoanalytisch legaler wäre, als andere minder 

,.radikale" Ansichten. 

Mißverständlich ist ferner der Satz, der die Beziehung zwischen Psychoanalyse 
undWe ltanschauung betrifft. AuchDr.ReichundDr. Bernfeld sind —wie Dr. Meng 
— der Ansicht, daß die Psychoanalyse kein eWeltanschammg sei. Dr. B e r n f e 1 d hat gerade 
in dieser Zeitschrift („Ist Psychoanalyse eine Weltanschauung?", II. Jahrgang 
Heft 7. Seite 201 ff) eingehend auseinandergesetzt, daß die Psychoanalyse keine Welt- 
anschauung ist, sondern eine objektive Erkenntnismethode, eine Naturwissen- 
schaft. Bernfeld hat allerdings hinzugefügt, daß die Psychoanalyse für verschiedene 
außerwissenschaftliche Weltanschauungen je einen anderen Wert besitzt. Diese 
Meinung teilt er mit vielen anderen; es gibt Autoren, die der Meinung sind, die 
Ergebnisse der naturwissenschaftlichen Psychologie Freuds seien sehr nützlich für die 
christliche Seelsorge, andere wollen aus ihr für das „Laissez Faire" des kapitalistischen 
Individualismus profitieren und es gibt Autoren, die die Ansicht vertreten, die wissen- 
schaftlichen Resultate der Psychoanalyse taugten zu nichts so gut und so leicht, wie 
■zur korrigierenden Beeinflussung idealistischer Ideologien und zur Schützung des 
historischen Materialismus und der kommunistischen Weltanschauung. Reich und 
Bernfeld gehören gewiß zu jenen Psychoanalytikern, die den Charakter der Psycho- 
analyse als voraussetzungslose Forschungsmethode unbedingt aufrechterhalten 
wollen. Allerdings können sie als Beispiel für den Typus jener Psychoanalytiker an- 
geführt werden, die, abgesehen von ihrer psychoanalytischen Forschungstätigkeit, außer- 
dem auch Anhänger einer bestimmten Weltanschauung sind imd denen die 
objektiven Forschungsergebnisse der Wissenschaft im Dienste ihrer weltanschaulichen 
Tendenzen willkommen sind. 

An unsere Mitarbeiter und Leser 

Wir bitten unsere Mitarbeiter und Leser, ihre Aufmerksamkeit besonders den 
unten aufgeführten Fragen zuzuwenden und uns Beiträge zur Verfügung zu stellen, 
die ihre Lösung vom psychoanalytischen Standpunkt aus anstreben. Wenn genügend 
gute Arbeiten einlaufen, werden wir sie zu Sonderheften vereinigen: 

1) Strafen : Die Strafe und ihre Bedeutung zur Bildung von Verdrängungen. — 
Durch das Unbewußte bedingte Reaktionen auf Strafen. — Selbstbestrafungen als Äuße- 
rung des Unbewußten. 

2) Intellektuelle Hemmungen: Hemmungen und Störungen intellektueller 
Leistungen durch unbewußte Faktoren. 

5) Menstruation: Erwartung und Eintreffen der Menstruation im Seelenleben der 
Mädchen. Die Bildung unbewußter Konflikte und deren Folgen für die spätere 

Entwicklung. 

* 

Im nächsten Heft (im 1. Heft des IV. Jahrgangs, 1930) beginnen wir mit der 
Veröffentlichung einer größeren Arbeit von Nelly Wolffheim über „Psycho- 
analyse und Kindergarten". 

* 

Der Umfang der „Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik" 'wird vom Beginn 
des Jahrgangs 1950 etwas vergrößert werden. Der Durchschnittsumfang eines Heftes 
wird in Hinkunft 4,0 Seiten (statt wie bisher 32 Seiten) betragen. Der Abonnements- 
preis bleibt unverändert Mark 10. — jährlich. 

— 501 — 



Register zum III. Jahrgang 



Abraham. K. 9, 16, 30 f, 256, 356, 

379 
Abwehr 85 
Achells, W. 279, 468 
Adam, Madame 457 
Adler, A. 336, 337, 351, 488, 489 
Alchhorn, A. 18, 101, 228, 277, 

302, 449 
Alexander, F. 491 
Allendy, R. 204 
Altschul, 109, 118 
Angel, Anny 100, 236 

Angst, 180; und Gebet 318; u. 
Indivlduation 463; u. Sexua- 
lität 348 

Angstgefühle 179 f 

Anpassung 80 

Anquetll, Georges 486 f 

Asthma 180 

Aufklärung, sexuelle 253, 457 ff, 
460 f ; u. Intelligenz 458, und 
Vertrautheit 458 

Ausstellung „Gesunde Nerven 
— Psychische Hygiene" 498 f 

Ballin, Alfred 349 
Barbusse 488 
Baudouin, Ch. 194, 323 
Befehl 207 f 

Behn-Eschenburg, G. 299, 497 
Behn-Eschenburg, H. 37 
Beichtspiegel 479 
Bcnson, Elisabeth 484 f 
Bernfeld, S. 19, 32, 140, 263, 302, 

303, 355 
Berufsberatung 114 
Bettnässen 323 f 
Bewußtseinspsychologie 255 
Bibring, E. 204 

Bildhauer, ein geborener 473 f 
Bloch, Iwan, 22 
Bondy 139 

Bonwltt-Hepner, Lizl 34 f, 104, 
202, 204, 299, 330, 442, 482, 483 
Bmpbacher 137 
Bubek, W. 31 
Buschan 56 
Byron 455 

Carpenter, Edward 330 
Chadwick, M. 235, 409 ff, 482 
Charakterentwicklung 76 f 
Charakterologie 239, 249 
Cohn 113, 118 

Dalton-Plan 494 
Daly, C. D. 56 
Decroly-Methode 494 



Dehmel, Heinrich 443 
Delves Broughton, L. R. 204 
Denby, Edwin 222 
Deutsch, Felix 341 
Dlnesen 132 
Disziplin 461 
Döring 101 
Driesch 247 
Drohung 210 
Duncan, Isadora 455 
Düring, Ernst von 489 
Dürkheim 133 

Ehrgefühl 209 f 

Eheprobleme 485 ff 

„Eia Popela" 201 

Eifersucht 31 

Eignungsprüfung, pädagoglsdie 
240ff 

Einschränkung der Erziehung 

Eisler, M. J. 142 [446 ff 

Elberskirchen, J. 136 

Elternf ehler 172 ff; u. Indi v Idual- 
charakter 173 ff; und Liebe 
251 ff; und Erziehung der 
Sexualität 251 ff; und Sozial- 
charakter 205 ff; Ursprung 254ff 

Ensor, Beatrice 494 

Entpersönlichung 462 

Entschiedene Schulreformer 443 

Entwicklungsschwierigkelten 
482 

Erlaubnis 207f 

Ermittlungsbogen 101 f 

Erzieher, psa. Ausbildung 498 

Erziehung, die neue 36 

Erziehungsberatung 113 

Erziehungsplan 173 ff 

Ewald 465 

Exhibitionismus 55, 58, 60 ff, 474 

Federn. P. 140, 222. 223. 225. 263. 
331, 333. 379 

Federn-Meng 101 

Feigenbaum, D. 1, 2f 

Felder, E. 310 

Ferenczi, S- 8, 65, 141, 171, 217, 
256, 302, 466 

Ferrlere, Adolphe 494, 495 

Fischer 109, 118, 115 

Fischer, Edmund 282, 286 

Fischer-Defoy 488 

Formdeuteversuch 240 ff 

Förster, Prof. 3.0 

Freud. Slgm. 4, 8, 28, 42, 44, 48, 
50, 56. 58. 60, 66 f. 71, 78, 82, 
85, 101. 109, 133, 176, 185, 204, 
211, 222, 228, 247, 253, 255 f. 261, 



293, 301, 304. 314, 334 f, 336 f, 

341 ff, 346, 351f, 354 f, 387 f, 400, 

405, 408 ff, 410 f, 463, 472, 487 ff. 

4<J6, 4.9 
Freud, Anna 19, t5, 67, 140, 

263 f, 302, 445, 4C0 
Fried, Emllie 485 
Fried, Paul 485 f 
Friedjung, J. 109, 118. 135, 137, 

339, 426, 489 
Fromm, Karl 140, 263, 268 f 
Fromm-Reidimann, F. 140, 263, 

266 f 
Frost, Laura 310. 311 
Frühzelt, kindliche 445 
Furrer. A. 185 
Furtmüller, C. 336 

Gaeth, Arthur 487 

Galant, J. S. 130 

Gebet des Kindes 305 ff 

Geburtstrauma 4 

Gefressenwerden 218 ff 

Gefühl und Wille 207 

Gefühlsleben, kindliches 177 ff 

Gegenübertragung 8 

Gehemmtheit 222 

Gelegenheifsanalysen 248 

Geschlecht und Übertragung 
282 ff 

Geschlechtsverkehr, Be- 
lauschung 30 

Geschwisterhaß 3f, 2t4f 

Geständniszwang 296 

Gesundheit und Erziehung 488 

Gewissen 211,228, 232 f 

Gewissenserforschung 479 

Gide, Andre" 400 ff 

Giese, F. 482 f 

Glaeser, Frledridi 330 

Goethe 316, 354 

Goltz, Bogumil 309 

Graber, G. H. 213, 297, 299. 300, 
330, 331, 462, 492 

Green, George, H. 497 

Gross, Otto 6 

Grotjahn, Alfred 490 

Günther-Grude, Maria 68 

Gutzmann 114, 118 

Gymnastik, seelische Rück- 
wirkungen 222 ff 

Häberlin, Paul 298 
Haire, Norman 300 
Halle, Prof. 140 
Hamilton, Dr. G. H. 458 ff 
Hamletbildung 182 
Hammer 113, 118 



— 502 — 



Hardekopf, Fcrd. 401 
Hartmann, H. 204 
Hauterotik 127 
Havelock Ellis 341, 442, 455 
Hawkes, Merritt 134 
Hebbel, Friedrich 316 
Heiler, Friedridi 305, 312 
Heilpern, Edmund 328 
Heine, Anselma 424 
Heinrich 204 
Heller 114, 118 
Hexe 475 
Hintermann 51 
Hirschfeld, Magnus 132, 443 
Hitschmann, Eduard 474, 489 
Hodann, Max 135, 300, 443 
Hoffer, Wilhelm 30 , 331 
Hotmann, W. 19, 118 
Hollös, Istvan 34 
Hospitalkrankheit 5f 
Hug-Hellmuth 284 
Hüpeden 308 
Hypochondrie 180 

Ibrahim, Professor 5 
Ichtriebe 75 f 
Identifizierung 233 f, 242 f 
Imago 56, 204 
Inchbald, Mrs. 455 
Indivlduation 462 ff 
Insession 181, 184 
Intellekt 175 f, 2u6 
Introjektion 81 



Jahrbuch der Erziehungswis- 
senschaft und Jugendkunde 
482f 

Jähzorn 260 

James, William 306 

Jones, E. 256 

Jordan, Waldemar 121 

Junge, Gustav 490 



Kaiser, Margarete 443 

KaUscher, Hans 9, 202, 363, 492 

Kant 83 

Kastrationskomplex 42,55, 118 f, 
189, 192, 460 

Katholische Lehrerinnen, Pro- 
testerklärung 301 ff, 492 ff 

Katz, Professor 479 

„Kaufen" bei Kindern 328 ff 

Keller, Gottfried 25 ff, 178, 307, 
309, 314. 385, 489 

Kerschenstelner 238 

Kind, das auffällige 101 

Kinderanalyse 451 ; Indirekte 
185 ff 

Kinderbeichte 478 ff 

Kindergartenpädagogik, psa 497 

Kinderliebe, Verständnis für 
318 ff 

Kindernöte 478 ff 

Kinderpsychologie 248 

Kindheit, psychologische Pro- 
bleme lff 

Kindliche Persönlichkeit, Auf- 
bau 446 

Kipling 465 



Kirchoff, August 138 
Klassenkämpfe 121 ff 
Klassifizierung 111 
Kleinkindanalyse 497 
Klclser, F 302 
Kleist 349 
Koedukation 110 
Kollwitz, Käthe 351 
Körpergefühl 223 f 
Kriminalität bei Zwillingen 491 
Krische 133 
Krische, Maria 300 
Krische, Paul 300, 443 
Kündig 282, 2-6, "94 
Kunkel, Fritz 443, 482 f 
Ku<5ss, G. R. 236 
Kußmaul 311 



Laforgue, H. 498 

Lampel, Peter Martin 102, 303 

Lampl 140 

Landauer, Karl 41, 140, 263 ff, 
373 

Lange, Johannes 491 

Latenzperiode 445 f 

Laudel, Hans 104 

Lebenspsychologie 247 

Lehrerbildung; Berufsausbil- 
dung 246 ff; Berufsauslese 
237 ff 

Lehrerhaß 19 ff 

Lenz, Albert 443 

Lesestörung 271 ff 

Leunbach 137 

Leuthold, Hans 296, 436 

Lewin, B. D. 204 

Lewin, Kurt 496 

Liepmann, W. 443 

Liertz, Rhaban 304 

Lindsey 32 

Löbel, Josef 105 

Löns, Hermann 318, 320, 322 

Loewenstein, Georg 443 

Lorand, A. S. 430 

Lutschen 31, 483 

Mack-Brunswick 204 

Major 109, 118 

Manchestertum 208 

Manie 82 

Mark Twain 389 

Marcuse, Max 133 

Marxens, Kurt 97 

Martlg 247 

Masaryk 350 

Melancholie 82, 381, 334 

Meng, H. 36, 71, 105, 135, 137 

140, 261, 263, 270, 300 ff, 331 f 

344, 482, 484 ff, 488 ff, 493, 500 
Menschenaffen 465 
Minderwertigkeitsgefühl 287 

293 
Montessorl, Maria 494 f 
Montessori-Häuser 496 
Morgenstern, S. 204 
Mormonenehe 487 
Moses 113, 118 

Müller-Braunschweig, Ada 37 
Müller-Braunschweig, C. 36 

74, 487 



Muskelerotik 125 
Mussolini 354 
Mutter, die neue 455 ff 



Nachträglicher Gehorsam 211 

Nackterziehung <4ff 

Nacktheit 72 ff; d. Eltern u. 
Kind 41 f, 51 ff, 51, 459; u. Fe- 
tischismus 54; Freude an der 
60, 448; u. Kastration 42, 56; 
u. Kleidung 55 ff; u. Klepto- 
manie 54; u. Primitive 56; u. 
Schamgefühl 58; u Sublimie- 
rung 48; u. sexuelle Aufklä- 
rung 68 ff, 98, 100 

Nacktkultur 51 f, 71 

Narzißmus und Gymnastik 2.5 

Naschhaftigkeit 447 

Negative Übertragung 284 

Neid, oraler Ursprung 472 f 

Nietzsche 349 f 

Nörgelsucht 260 

Oebbecke 109, 118 
Obsession 181 
Ödipuskomplex 2f, 31, 66, 79. 

118 f, 462 
Odier, Ch. 204, 299 
Ognjew, Nikolai 32 
Onanie; u. Lutschen 31; bei 

Mädchen 125i 
Onaniekotnplex 130 f 
Onanist, Traumleben 130 ff 
Oestreidi, Paul 443 



Pädagogik, allgemeine 249 f; 
psa. 451; u. Unbewußtes 451 ff 

Pädagogischer Beruf, Charak- 
terologie 239 f 

Pädagogisdie Woche in Stutt- 
gart 236, 305, 492 ff 

Pansexualismus 492 

Parteilichkeit 261 

Pasche -Oserski 138 

Pathopsychologie 248 f 

Paulsen 349 

Penisneid I<J2 

Petersen, Johannes 228 

Pfister, 6 36, 1< 1, 104, 172, 205, 
207, 212, 251, 259, 263, 277,299, 
303 f, 314, 383, 489 f, 497 

Pflicht 211 

Phimosenoperafion 252 

Plaget, J. 299 

Plpal, Karl 91, 124, 324, 438 

Plattenlaufen 279 ff 

Plutarch 354 

Pototzky 114, 118 

Prlnzhorn, Hans 297 

Projektmethode 494 

Proletariermädchen, Kindheit 
eines 141 ff 

Prynce Hopkins 496 

Psychoanalyse; u. Erziehung 
496; u. Lehrerbildung 237 ff; 
u. Pädagogik 455 ff; auf der 
Weltkonferenz in Helslngör 
497 

Psychoanalytisches Institut; 



-503- 



Berlin 262; Frankfurt 140, 
261 ff; Stuttgart 236, 251 

Psychoanalytische Vereinigung, 
Internationale 299 

Psychodiagnosrik 240 

Psycfaotechnik 238 

Pubertät 445 f 

Radö, 261 f 

Rank, O. 65 

Ranulf 133 

Realitätsfähigkeit, Mangel an 
228 

Realitätsflucht 213 ff 

Regression 85 

Reich, Annie 98 

Reich, Wilhelm 44, 303 

Reinlichkeitsgewöhnung 86 ff 

Reik, Th. 56, 378 

Relrler 338 

Rettungsphantasien 375 

Revue francaise de Psychana- 
lyse 204 

Riese, Herta 132. 137, 140, 3a0 

Riese, Walter 300 

Robinsonade 46 i 

Röttger, P. 475 

Roosevelt, Theodor 487 

Rorscfaach 240, 241 

Rosegger, P. K. 309 

Rosenthal, Franz 138 

Rotten, Elisabeth 203, 494 f 

Rousseau, I. J. 22 ff 

Ruskln 461 

Russell, Dora 134, 137 

Sachs, Hans 140. 263 

Sadger, J. 21, 127, 256, 303, 318, 
339 f, 423 

Sadomasochlsmus 22 

Sappho 455 

Sarasln 121 

Saupe, Emil 104 

Schachtele, V. 302 

Sdbäffer, Albrecht 204 

Schamgefühl, 58, 252 f 

Schaulust 76, 91 f 

Schautrieb 45 

Schenken 329 

Scheulen, Crisfa 72, 478 

Schmidt, Hermann 71 

Schmidt, Peter 134 

Schneider, E. 105, 140. 237, 250, 
286, 299 f. 332, 389, 498 

Schönebeck, Erich 443 

Schreiber, Adele HO 

Schreibstörung 271 ff 

Schreibstottern 276 f 
Schüchternheit 448 
Schülerselbstmord 346, 351, 

400 ff; u. Schule 352 ff, 436 
Schularzt 109 ff 
Schulsturzen 114 
„Schwarzer Mann" in der 

Erziehung 199 f 
Schwererziehbarkeit 111 ff 
Scupin 321 
Seeling, O. 468 



Selbstgefühl 179 

Selbstmord 114 f; u. Angst 384; 
Diskussion über 333 ff,355, 423 ; 
und Entwöhnung 424; u. Ge- 
burtstrauma 399, 412; Gesprä- 
che mit einer Mutter 344 ff; 
u. Haßreaktion 382; u. Homo- 
sexualität 339, 342; u. Milieu 
388; u. Lebensunfi)hlgkeit423; 
u. Onanie 402, 407 ff; u. Ra- 
chetendenz 355; u. Regression 
411; u. Religion 350f; u. 
Schule 361 f; u. Todessymbo- 
Itk 355; u. Überlebende 386; 
u. Unfälle 425; eines Zwangs- 
diebes 361 ff 

Selbstmord von Miß X. 430 ff 

Selbstmordgefahr 379, 384 

Selbstmordimpulse, kindliche 
426 

Selbstmordphantasien 346, 409ff; 
u. Mutterfixierung 410; Tom 
Sawyers 389 

Selbstmordprophylaxe 379 ff 

Selbstmordversuche, unterblie- 
bene 43Sff 

Selbstmordwunsch 389 

Semon, Richard 349 

Sexualforschung 464 

Sexualleben, des Kleinkindes 
127 ff 

Sexualtriebe 75 f 

Slmmel, Ernst 140 

Sintflutmythos 217 

Sittenlosigkelt der Jugend 32 

Sophokles 380 

Spitzner, 114, 118 

Sport und Gymnastik 226; u. 
weibliche Hygiene 456 

Spranger 238, 247 

Staub, H. 491 

Stegmann, Margarete 443 

Stekel.W. 340 f 

Stelzner, Helene Friederike 4E9 

Sterbe, Editha 58, 400 

Sterba, Richard 472 

Stern, Erich 482 f, 488 

Stern, H. 201 

Stern, W. 109, 118 

Stleve 484 

Stöcker, Helene 135, 300, 500 

Storchmärchen 253 

Storfer, A. J. 65 

Stottern 180; und Angst 470; 
Dauerheilung 468; Spontan- 
heilung 468 

Strafbedürfnis 378 

Strafe 212 

Sublimierung 19, 43, 78, 183 

Suchy 308 

Swoboda 136 
Szittya, Emil 349 

Tagtraum 497 
Tamm, Alfhild 271 
Thalassaler Regressionszug 466 
Tobler, H. 299 
Tobler 498 



Trauerarbeit 334 

Traum eines dreijährigen 

Mädchens 476 ff 
Traumata, seelische 4f 
Trelawney 455 
Triebbefriedigung 117 
Triebleben und Charakter 74 ft" 
Triebstauung 180 
Trotz 483 f 

Qberaktlvität 260 
Überängstlichkeit 259 
Obererziehung 255 
Über-Ich 81, 232 
Übertragung 8 
Ulitz, Arnold 443 

Van de Velde 136, 485 
Verbot 207 f 

Verbrechen und Strafe 3ö3ff 
Verdrängung 85, 192 
Verleumder, Kinder und 

Jugendliche als 21 ff 
Verlust und Regression 194 ff 
Vernichten und Fressen 221 
Verschwender, Junger 9 ff 
Verwahrloste, Erziehung 228 ff 

449 
Victorianismus 456 

Wngner 482 

Weltbund für Erneuerung der 
Erziehung 299f 

Weltkonferenz für Erneuerung 
der Erziehung in Helsingör 
494 ff 

Weltllga für Sexualreform, 
Kongreß 132 ff 300 

Weltuntergangsphantasie 466 

Weltuntergangsphobie 213 ff 

Westerman Holstijn-Vissering, 
E. 476 

Wldimann 115. 118 

Wilker, Karl 203 

Wille 181 f 

Winkler, H. 101, 483 

Winterstein, A. 56 

Wirz 56 

Witteis 36, 69, 202 

Woche, pädagogische in Stutt- 
gart 300 

Wolffhelm, Nelly 498f 

Wundt 247 

Wunsch, ein Mädchen zu sein 324 

Zeltalter, das werdende 203 
Zeltschrift für psa. Päd. 301ff 
Zeltschrift, Internationale für 

Psychoanalyse 204 
Zeller 56 

Zille 351 I 

Zoologischer Garten 235 
Zulliger, Hans 4. 35f, 51, 204, 

277, 287, 300, 322, 490, 498 
Zwangshandlung 183 f 
Zwangslügner, Wendepunkt In 

der Analyse 287 ff 
Zwangsneurose 82 



— 504 — 






Inhalt des III. Jahrganges 

Seite 

Dr. Werner Achelis: Das Plattenlaufen 279 

— Heilpädagogik und Stottern 468 

Dr. Siegfried Bernfeld: Selbstmord 555 

Mary Chadwick: Über Selbstmordphantasien 409 

Edwin Denby: Über seelische Rückwirkungen der Gymnastik 222 

Havelock Ellis: Die neue Mutter 455 

Dr. Paul Federn: Die Diskussion über „Selbstmord", insbesondere über „Schüler- 
selbstmord", im Wiener Psychoanalytischen Verein im Jahre 1918 . . . 335 

— Selbstmordprophylaxe in der Analyse 579 

Dr. Dorian Feigenbaum: Psychologische Probleme der Kindheit und ihre Be- 
deutung für die Erziehung 1 

Edmund Fischer: Geschlecht und Übertragung 282 

Anna Freud: Die Beziehungen zwischen Psychoanalyse und Pädagogik .... 445 

Dr. Josef K. Friedjung: Der Schularzt 109 

— Zur Kenntnis kindlicher Selbstmordimpulse 426 

Albert Für r er: Eine indirekte Kinderanalyse 185 

Dr. Gustav Hans Graber; Realitätsflucht und Weltuntergangsphobie 215 

— Zur Psychoanalyse der Individuation 462 

Maria Günther-Grude: Aufklärung und Nacktheit 68 

W. Hof mann: Lehrerhaß 19 

— Äußerungen des Odipus- und Kastrationskomplexes bei einem kleinen Knaben 118 

Waldemar Jordan: „Klassenkämpfe" in der Schule 121 

Hans Kalischer: Beobachtungen an einem jungen Verschwender 9 

— Leben und Selbstmord eines Zwangsdiebes 565 

Dr. Karl Landauer: Entweder-Oder (zur Frage des Sich-Zeigens) 41 

Dr. A. S. Lorand: Der Selbstmord von Miss X 450 

Dr. Heinrich Meng: Zur Psychologie der Nacktkultur ...» 71 

— Zur Protesterklärung katholischer Lehrerinnen gegen die „Zeitschrift für 

psychoanalytische Pädagogik" 301 

— Gespräche mit einer Mutter über Selbstmord 544 

Dr. Carl Müller-Braunschweig: Triebleben und Charakter 74 

Johannes Petersen: Über die Erziehung des Verwahrlosten 228 

Dr. Oskar Pfister: Elternfehler 172 

I. Elternfehler bei der Erziehnng des Individualcharakters 175 

II. Elternfehler bei der Erziehung des Sozialcharakters 205 

III. Elternfehler in der Wahl und Anwendung einzelner Erziehungsmaß- 

regeln 207 

IV. Elternfehler in der Erziehung der Sexualität und Liebe 251 

V. Der Ursprung der Elternfehler 254 

* Wilhelm Reich: Wohin führt die Nackterziehung? 44 

/i.Theodor Reik: Das Kind betet 305 

Dr. I. Sadger: Verstehen wir die Liebe unserer Kinder? 318 

— Kinder und Jugendliche als Verleumder 21 

— Ein Beitrag zum Problem des Selbstmords 423 

XCrista Scheuten: Über Nacktheit 72 

Prof. Dr. Ernst Schneider: Psychoanalyse und Lehrerbildung 237 

— Die Todes- und Selbsmordphantasien Tom Sawyers 389 

VDr. Editha Sterba: Nacktheit und Scham 58 

— Der Schülerselbstmord in Andre Gides Roman „Die Falschmünzer" . . . 400 

Dr. Richard Sterba: Der orale Ursprung des Neides 472 

Alßiild Tamm: Kurze Analysen von Schülern mit Lese- und Schreibstörungen 2-1 

- 505- 



Seite 

Hans Zulliger: Nackte Tatsäclilichkeiten gi 

— Der Wendepunkt in der Analyse eines Zwangslügners 287 

„% Aus der Kindheit eines Proletariermädchens. Aufzeichnungen einer lgjähri- 

gen Selbstmörderin über ihre ersten zehn Lebensjahre. (Mit Vorbericht 

und Schlußbemerkungen von Dr. S. Ferenczi) 14,1 

BEOBACHTUNGEN AN KINDERN 

Beobachtungen aus den ersten fünf Lebensjahren (Karl Abraham, f) ... zo 

Aus einer Mädchenklasse (Walter Bubek) »j 

Beiträge zur kindlichen Schaulust (Karl Pipal) qi 

Zur Frage der Sexualaufklärung (Dr. Antue Reich) q8 

Eine Kinderbeobachtung (Dr. Anny Angel) 100, 26* 

„Wir Mädchen müssen viel Unrecht ertragen!" (Karl Pipal) 124 

Aus dem Sexualleben eines Jungen vom vierten bis zum achtzehnten 

Lebensmonat (Dr. I. Sadger) I27 

Über das Traumleben des Onanisten (Dr. I. S. Galant) 150 

Leidvoller Verlust und Regression im Kindesalter (Prof. Charles Baudouin) 194 
Vom „schwarzen Mann" in der Kindererziehung (Mitgeteilt von einem 

Vier zeluiyähri gen) jqq 

„Eia Popeia" (H. Stern) 2Q1 

Im zoologischen Garten (Mary Chadwick) 235 

Zum Geschwisterhaß (Willy Kündig) „-. 

Geständniszwang (Hans Leuthold) 2c .g 

Ein Fall von Bettnässen (Prof. Charles Baudouin) 225 

Er möchte ein Mädchen sein (Karl Pipal) , 2 a 

Beobachtungen über den Vorgang des „Kaufens" bei Kindern (Edmund 

Heilpern) 32 g 

Eine Schülerin denkt an Selbstmord (Hans Leuthold) 436 

Zwei unterbliebene Selbstmordversuche (Karl Pipal) ........ '. '. 458 

Ein „geborener" Bildhauer (Dr. Eduard Hitschmann) . . 474 

Eine „Hexe" (Dr. Paul Rötiger) Tlg 

Ein Traum eines dreijährigen Mädchens (E. Westerman Holstijn-Vissering) 476 

KmdernÖte und Kinderbeichte (Crista Sclieulen) 478 

BERICHTE 

BÜCHER 

Anquetil, Ehen zu dritt (Meng) 486 

Garpentier, Wenn die Menschen reif zur Liebe werden 

(Bonwitt-Hepner) ,~ 

Chadwick, Schwierigkeiten in der Entwicklung des Kindes (P. M.) 482 

B e n s n, Zwischen Siebzehn und Zwanzig (P. M.) 484 

E 1 1 i s, Der Tanz des Lebens (Bonwitt-Hepner) 442 

E. und P. Fried, Liebes- und Eheleben (Meng) 485 

G 1 a e s e r. Erzieherische Macht (Graber) 330 

G r o t j a h n und Junge, Maßvolle Schubreform (Meng) . . . 490 
Hollos, Hinter der gelben Mauer. Von der Befreiung des 

Irren (Bonwitt-Hepner) 34 

Lampel, Jungen in Not (Kalisclier) 202 

Lange, Verbrechen als Schicksal (Meng) 491 

Löbel, Haben Sie keine Angst! (Metig) 105 

O d i e r, Krankhafte Neugierde (Bonwitt-Hepner) 299 

Pädagogisch-Psychologische Arbeiten. Das auffällige Kind (Laudel) 101 

— 506 — 



Seite 
Pf ist er. Was bietet die Psychoanalyse dem Erzieher? 

(Bonwitt-Hepner) 104 

Prinzhorn, Auswirkungen der Psychoanalyse (Graber) 297 

Saupe, Einführung in die neuere Psychologie (Meng) 104 

Schreiber, Mutter und Kind (Schneider) 1 40 

Stelzner, Weibliche Fürsorgezöglinge (Meng) 489 

S t i e v e, Unfruchtbarkeit als Folge unnatürlicher Lebensweise 

(Meng) 4 8 4 

U 1 i t z, Aufruhr der Kinder (P. M.) 445 

Van de V e 1 d e, Die vollkommene Ehe. Die Abneigung in der 

Ehe. Die Erotik in der Ehe (Meng) 485 

W i n k 1 e r. Der Trotz, sein Wesen und seine Behandlung 

(Bonwitt-Hepner) 4% 

W i 1 1 e 1 s, Die Befreiung des Kindes (Bonwitt-Hepner) 202 

Z u 1 1 i g e r, Alis dem unbewußten Seelenleben unserer Schuljugend 

(Bonwitt-Hepner) 35 

Zur Sittenlosigkeit der Jugend 

L i n d s e y, Die Revolution der modernen Jugend (Dr. Siegfried 

Bernfeld) 32 

Ognjew, Das Tagebuch des Schülers Kostja Rjabzew (Dr. Siegfried 

Bernfeld) 32 

ZEITSCHRIFTEN 

Das werdende Zeitalter (Bonwitt-Hepner) 203 

Die neue Erziehung (Bonwitt-Hepner) . . . . ■ 36 

Gesundheit und Erziehung (Meng) 488 

Jahrbuch der Erziehungswissenschaft und Jugendkunde (Bonwitt- 
Hepner) 482 

Revue Franchise de Psychanalyse (Bonwitt-Hepner) 204 

An unsere Mitarbeiter und Leser 37 

Prof. Dr. Ernst Schneider 50 Jahre alt (Meng) 105 

Bericht über den Kopenhagener Kongreß der Weltliga für Sexualreform 

(Dr. Riese) 13 2 

Frankfurter Psychoanalytisches Institut 261 

Kongresse 2 99 

II. Pädagogische Woche zur Einführung in die psychoanalytische Pädagogik 

(G. H. Graber) 3°°> 55 x » 49 2 

Weltkonferenz für Erneuerung der Erziehung in Helsingör (N. Woljfheim) . . 494 

Eine Ausstellung „Gesunde Nerven — psychische Hygiene" (2V. Wolffheim) . . 498 

Dr. phil. Helene Stöcker 60 Jahre (Meng) 5°° 

Psychoanalyse und Fürsorgearbeit 5 00 

Mitteilung der Schriftleitung 5°° 

An unsere Leser und Mitarbeiter 5 01 

Register zum III. Jahrgang 5° 2 



IUI 

Herausgeber: Dr. Heinrich Meng in Frankfurt a. M. und Prof. Dr. Ernst Schneider in Stuttgart. 

Eigentümer, Verleger und Herausgeber für Osterreich: Adolf Josef Storfer Wien, 1., Borsegasse 11 

(„Verlag der Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik"). 

Verantwortlicher Redakteur: Dr. Paul Federn, Wien, I., Riemergasse 1. 

Druck von Emil M. Engel, Druckerei und Verlagsanstalt, Wien, I., In der Börse.