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Full text of "Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik III 1929 Heft 4"

ZEITSCHRIFT FÜR PSYCHO- 
ANALYTISCHE PÄDAGOGIK 



III. Jahrgang Januar 1020 Heft 4 

Der Schularzt 

Von Dozent Dr. Josef K. F r i e d j u n g, Wien 

Die Stellung des Schularztes, die wachsende Bedeutung und Würdigung 
seines Amtes, die Erkenntnis seiner Unentbehrlichkeit sind das Ergebnis 
einer Entwicklung von drei Jahrzehnten. Aber mit der Einsicht von seiner 
Unentbehrlichkeit wird auch die immer klarer, daß für seine Aufgaben 
nur Persönlichkeiten von besonderen Gaben ausreichen. Der Schularzt 
muß nicht nur ein kenntnisreicher Arzt von reicher Erfahrung sein, 
sondern auch Hygieniker, er muß Fragen der Erziehung nicht bloß leben- 
diges Interesse entgegenbringen, sondern auch Fachwissen, die Psychologie 
des Kindes, des Jugendlichen, des Erwachsenen muß ihm vertraut sein, er 
muß soziale Zusammenhänge und Bedingtheiten durchschauen, und nicht 
zuletzt muß er in hohem Maße Menschenkenner sein, denn er hat Schüler, 
Lehrer, Eltern nicht nur in ihren Handlungen zu verstehen, sondern über- 
dies auf sie auch mit Erfolg zu wirken. Das ist dem erfahrenen Beobachter 
auf diesem Gebiete schon lange klar und Altschul, Fischer, Major, 
Oebbecke haben dieser Überzeugung sehr beredten Ausdruck geliehen. 
Daß aber gerade die Vertiefung in die Psychoanalyse uns besonders 
wertvolles Rüstzeug zur Menschenkenntnis und Menschenbehandlung bietet, 
lehrt die tägliche Erfahrung, und wenn diese Künste sonst nur als Früchte 
einer besonderen Begabung geübt wurden, so wandelt sich ihre Übung 
im Lichte der Freud sehen Forschungen zur Wissenschaft, fast möchte 
ich sagen, zur Fertigkeit. Wenn wir also auch noch nicht fordern können, 
jeder Schularzt müsse psychoanalytisch geschult oder gar selbst analysiert 
sein, so doch, daß ihm die psychoanalytischen Einsichten vertraut seien, und 
wir tun dies im bewußten Gegensatze zu W. Stern, der noch im Jahre 1913 
auf dem Deutschen Kongresse für Jugendbildung und Jugendkunde die 
Ansprüche der Psychoanalyse entrüstet zurückwies. Die Erfahrung wird 
gegen die Entrüstung recht behalten. Im folgenden soll versucht werden, 
aufzuzeigen, auf welchen Gebieten der Schularzt seiner psychoanalytischen 
Kenntnisse froh werden wird. Der Stoff wird sich natürlich sondern in den 



■ Zei 

J 



Zeitschrift f. psa. Päd., III/4 

INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 



— I09 — 



DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



Umgang des Schularztes mit den Kindern, Lehrern und Eltern (ihren Ver- 
tretern). Viele der Gesichtspunkte, die zur Erörterung kommen, haben 
natürlich Allgemeingültigkeit. 

i) Die Sdiuljugend 

a) Das gesunde Kind 

Alljährlich hat der Schularzt gewisse Jahrgänge ohne Ausnahme durch- 
zusehen. Schon bei diesen sogenannten Reihenuntersuchungen, insbesondere 
der Schulrekruten muß das Benehmen und Aussehen einzelner Kinder 
unter Umständen als bedeutsam verzeichnet werden. Das Zuviel an Scham- 
haftigkeit, wie das Zuwenig darf nicht übersehen werden: wird man dort 
etwa an eine allzu strenge Erziehung, vielleicht auch an die mit Schuld- 
bewußtsein fortgesetzte Masturbation zu denken haben, so hier an ver- 
zögerte Verdrängung, auch an Debilität und ähnliche Entwicklungs- 
hemmungen. Allzu sicheres oder ängstliches Auftreten wird oft unmittelbar 
in die häusliche Erziehungsmisere hineinleuchten, eunuchoider Habitus 
ein Anlaß sein können, die Haltung dieses Kindes aufmerksamer zu über- 
wachen. Auffallend weibische Aufmachung bei Knaben und umgekehrt 
wird den Arzt unmittelbar zu prophylaktischen Ratschlägen wegen der 
Gefahr der homosexuellen Einstellung bestimmen können. — Tritt der 
Schularzt dann dem einzelnen Kinde allmählich näher, so wird er zum 
Verständnis seines Wesens oft der Erkundung des Familienmilieus nicht 
entraten können. In kleinen Orten ist dies natürlich für die gesamte Schul- 
jugend leicht ermittelt, in der Großstadt wird sich der Arzt auf eine Aus- 
lese besonders auffälliger Kindertypen beschränken müssen. Alle Gelegen- 
heiten, die Jugend ungebunden zu sehen, wie Lehrspaziergänge, Ausflüge, 
Schülerakademien u. ä., können beachtenswerte Beobachtungen über das 
abnorme Wesen einzelner Kinder liefern. Noch mehr gilt dies dort, wo 
Einrichtungen wie Schulgemeinde, Klassen gericht bestehen, wie überhaupt 
alle Einrichtungen, die dem Gedanken der modernen Jugendbewegung 
dienen, dem verstehenden Beobachter wertvolle Einblicke in das Innen- 
leben des Jugendlichen gewähren. 

Wo die Koeduktion durchgeführt ist, — und trotz mannigfacher Bedenken 
und ablehnender Gutachten hat sie sich vielfach durchgesetzt, — wird das 
Verhältnis der Knaben und Mädchen zueinander dem psychoanalytisch 
geschulten Beobachter manch wertvollen Aufschluß über das Wesen des 
einzelnen Kindes geben. Wo die Frage noch zur Diskussion steht, wird 
dieser Schularzt seine Meinung wohl stets zugunsten der gemeinsamen 
Erziehung in die Wagschale werfen. Knaben und Mädchen sollen einander 
kennen lernen, um nicht in ihrem späteren Leben allzu schmerzvolle 
Enttäuschungen zu erleben, wenn die ohnedies unausweichliche Über- 
schätzung des Sexualobjektes von der Wirklichkeit korrigiert wird. Das ist 
heute um so wünschenswerter, als die Häufigkeit des einzigen Kindes in 

— iio — 






allen Volkskreisen die Lebensfremdheit dieser geschwisterlosen Geschöpfe 
noch steigert. 

Als Berater wird unser Schularzt auch den Vergnügungen des Kindes 
seine Aufmerksamkeit schenken. Die Gefahren des frühen Kino- und 
Theaterbesuches, die Gefahren, insbesondere bedenklicher Machwerke, die 
so leicht zur Nachahmung, d. h. Identifikation mit dem verbrecherischen 
Abenteurer, der buhlerischen Halbweltdame Anlaß geben, die das Trieb- 
leben und die Phantasie in unerwünschte Bahnen lenken, wird er den 
Kindern fern zu halten suchen. Auch den Genußgiften, insbesondere dem 
Tabak und Alkohol gegenüber, wird des Psychoanalytikers Vorrat an Argu- 
menten reicher sein, wenn er etwa Trinkgelage unter anderm auch als 
Mobilisierung homosexueller Bindungen, das Bauchen als Begression zu 
infantiler Munderotik begreift. Wir wissen, daß Lächerlichkeit tötet, und 
können sie gelegentlich in den Dienst unserer Absichten stellen. 

Es ist bekannt, welche Bedeutung für manche Kinder die Klassifizierung 
ihrer Leistungen hat. Das eine erträgt in seinem übersteigerten Ehrgeize, 
der oft vom häuslichen Kreise genährt wird, keine auch nur mittelmäßige 
Bewertung, das andere bangt um das Bestehen vor dem Lehrer, und nicht 
selten hängt ja wirklich der Verlust eines Jahres, das gute Einvernehmen 
mit den Eltern von der Beurteilung einer entscheidenden Prüfung ab. 
Der Schularzt wird da manchmal rettend eingreifen können, wenn er die 
Beachtung der psychologischen Schwierigkeiten in solchen Fällen durch- 
zusetzen versteht. Wir werden gewiß jenen Beformen der Beurteilung der 
Schülerleistungen das Wort reden, die sich ganz allgemein über Eignung 
oder Nichteignung ausspricht. Die vielen Abstufungen der Notenskala sind 
leicht geeignet, das Verhältnis des Kindes zum Lehrer und zur Schule 
zu erschweren. 

Ein Gebiet, auf dem der Psychoanalytiker Dankenswertes leisten kann, 
ist das der schwierigen, schwer erziehbaren Kinder. Er wird nicht nur die 
Schwerkranken, wie etwa Schizophrene, rechtzeitig erkennen und vor 
ungerechter Strenge schützen, sondern auch die neurotischen Kinder, die 
Kinder, die unter schädlichen häuslichen Verhältnissen psychisch leiden, 
vor ungerechter Beurteilung verstehend bewahren können. Gerade bei der 
Behandlung von Disziplinarfällen, mit der ich öfters amtlich befaßt bin, 
sehe ich so oft das Versagen des Laienelementes. Im Affekte, vom Stand- 
punkte der persönlich Beleidigten, erledigen Lehrpersonen, ebenso wie die 
häuslichen Erzieher oft allzu unbedacht derartige Vorfälle mit schweren, 
ja schicksalbedeutenden Strafen. 

Ich will an einigen Beispielen zeigen, wie sich hier Güte und Ver- 
antwortungsgefühl deckt: 

1) M. S., siebenjähriges Mädchen, erste Volksschulklasse. Das aufgeweckte 
Kind arbeitet fleißig mit, Aufgaben und Übungen zur vollen Zufriedenheit. 
Nach einigen Monaten läßt der Fleiß nach. Das Kind ist während des Unter- 
richtes verträumt und onaniert. Eine Mitteilung an die Mutter, die keine 

— in — 9- 



Ursache für die Veränderung weiß, ist ohne Erfolg. — Nun ermittelt die 
Lehrerin: Das Kind wird seit einiger Zeit von ihren dreizehn- und zwölf- 
jährigen Stiefbrüdern und von anderen Knaben zwischen dem sechsten und 
zwölften Jahre mißbraucht. 

2) B. P., dreizehneinhalb jähriger Knabe, fünfte Volksschulklasse. Hat mehrere 
Diebstähle in der Schule begangen. — Vater invalid in einem Versorgungs- 
hause. Mutter und erwachsene Schwester außer Haus beschäftigt. B. terrori- 
siert zum Ärgernis aller Hausbewohner die zwei Frauen. Aus einer Zwangs- 
erziehungsanstalt ist er entwichen. Die erpreßten und gestohlenen Geldbeträge 
verwendet er zu täglichem Kinobesuch und um sich Mädchen gefügig zu 
machen. — Abgabe in eine Anstalt. 

3) R. K., dreizehn Jahre alter Knabe, vierte Volksschulklasse. Ist „frech" 
gegen den Lehrer, roh gegen die Mitschüler. Bleibt der Schule ohne Ent- 
schuldigung fern und treibt sich mit arbeitsscheuen, schulentlassenen Jungen 
herum. — Ausschließung. Hier wäre wohl eine gründliche ärztliche Unter- 
suchung des Kindes und seiner Umgebung am Platze gewesen. Mit der Aus- 
schließung ist der Fall nicht erledigt. 

4) R. K., dreizehneinhalbjähriger Schüler der vierten Realschulklasse. 
Stiehlt Gegenstände aus der Lehrmittelsammlung und verleitet zwei Mitschüler 
zu gleicher Tat. Ausschließung aus sämtlichen Schulen beantragt. — Die 
ärztliche Beobachtung läßt die Tat in viel milderem Lichte erscheinen. 
Milderung der Strafe. 

5) In einer dritten Realschulklasse organisiert sich eine geheime Verbindung, 
die unter der Führung eines fast Sechzehnjährigen die Mitschüler überfällt 
und an den Geschlechtsteilen packt. Wird ein Mitglied des „Schutz- und 
Trutzbundes" überfallen, so müssen ihm die anderen auf vereinbarten Ruf 
zu Hilfe kommen. Auch hier wurde auf ärztlichen Rat, abgesehen von dem 
Häuptling der Gesellschaft, milde verfahren. 

Die wenigen wahllos herausgegriffenen Beispiele machen schon anschau- 
lich, wie schwer die Kinder, insbesondere zur Zeit der Pubertätsumwälzung, 
mit ihrer Geschlechtlichkeit ringen. Ihr volles Verstehen, vor allem aber 
unbefangenes Wissen entgegenbringen zu lernen, das ist die neue Forde- 
rung, die an alle mit der Erziehung befaßten Personen ergehen muß. Und 
darin sollte der Schularzt vorangehen. Die triebhaften Motive des Kindes 
und Jugendlichen, soweit sie im Sexuellen wurzeln, sind ungeachtet ihrer 
großen Bedeutung für ihr Verhalten im „Guten" und „Bösen" von den 
meisten Erziehern noch nicht zur Kenntnis genommen. Die für den Schul- 
betrieb unentbehrliche Disziplinierung des Kindes bedeutet einen schmerz- 
lichen Verzicht auf Lusterwerb. Muß die Schule ihn zweifellos verlangen 
und mit mannigfachen neuen libidinösen Bindungen bezahlen, so darf sie 
einem vorübergehenden Mißlingen jenes Verzichtes, d. h. einem Disziplin- 
bruche, nicht mit verständnisloser Härte gegenüberstehen. Und mit diesen 
Einsichten zugleich erhebt sich auch die Verpflichtung zur planvollen 
Sozialisierung jener Triebe, d. h. zur geschlechtlichen Erziehung. Ein 
großer Teil entscheidender Konflikte der Einzelnen erwächst aus ihren 
geschlechtlichen Trieben. Und in der Theorie bekennt sich bereits eine 

— 112 — 



große Zahl von Autoren aller Zungen zu dieser erzieherischen Verpflichtung. 
Aber der Kinder ganzer Jammer faßt uns an : Wir sind nur wenig vorwärts 
gekommen trotz dieser Einsicht, weil die Eltern als Erzieher aus ihr nur 
selten die vollen Folgerungen ziehen, ja ziehen können. Vom Schularzte 
könnte darin eine Wendung ausgehen. Die Einsicht, daß das Lebensglück, 
vor allem die individuelle Gesundheit in hohem Grade davon abhängt, in 
welchem Maße der junge Mensch es lernt, seiner Triebe, insbesondere 
auch der geschlechtlichen, Herr zu werden, nicht ihr Sklave zu bleiben, 
sollte in der Erziehungsarbeit endlich die gebührende Rolle erhalten. Das 
heuchlerische Versteckenspielen, das bisher in den weitesten Kreisen für 
der Weisheit letzten Schluß gilt, leidet Tag für Tag Schiffbruch, die 
ungezählten „Schiffbrüchigen" sind unserer Halbkultur qualvolles Symbol. 
Der Schularzt kann hier Wegweiser sein. Bis jetzt läßt die Erziehung die 
Kinder „schuldig" werden und überläßt sie dann der Pein. 

Und diese Regel wird auch sonst in der Schulerziehung festgehalten. 
Es ist für unsere Einrichtungen nichts kennzeichnender, als das Verhalten 
gegenüber den schwererziehbaren Kindern. Kein Versuch des Verstehens 
aus den Anlagen, aus der bisherigen Entwicklung des Kindes. Da man 
ihm das Attribut des „freien Willens" beimißt, so weiß man nur zu 
ermahnen und zu strafen. Noch in einem Erlasse des preußischen 
Kultusministeriums aus dem Jahre 1910 lautet der Punkt 1: „Das Recht 
der körperlichen Züchtigung darf dem Lehrer nicht genommen werden." 
Und im Lancet wird ungefähr zu derselben Zeit erwogen, nach wieviel 
Dienstjahren ein Lehrer vom Stocke Gebrauch machen dürfe, ob Stock 
oder Rute vorzuziehen sei, und daß es sich empfehle, nicht in der ersten 
Erregung, sondern nach Schulschluß in Gegenwart eines zweiten Lehrers 
oder zweier Kameraden des Schuldigen die Züchtigung vorzunehmen. 
Wohl freut man sich manches tapferen Wortes besonnener Schulärzte und 
Erzieher gegen diesen Unfug. Mancher weist klar auf die sexuellen Bedenken 
hin, die sich in diesem Zusammenhange regen müssen, so Cohn, Ham- 
mer, Moses. Der psychoanalytisch befruchtete Schularzt wird in dieser 
Frage kein Zugeständnis kennen: Prügel, Schreien, Poltern, jede Art von 
Einschüchterung müssen ihm ungeeignete Mittel scheinen, das Kind den 
Notwendigkeiten der harten Umwelt anzupassen. Er wird alle modernen 
Bestrebungen, die Jugendlichen etwa mit dem Mittel der Selbstregierung 
statt autoritär zu disziplinieren, verständnisvoll fördern. Wo die Sachlage 
dringend dahin weist, schwere Fehler im häuslichen Milieu eines Schulers 
zu vermuten, wird er unzeitgemäße Schonung beiseite lassen. Das ist ja 
ein wesentlicher Inhalt des Gedankens, daß die Schule zu einer Erziehungs- 
gemeinschaft werden müsse, daß Erziehungsschwierigkeiten, im Hause nach 
alten Methoden behandelt, auch für die Schule ein Anlaß zu taktvollem 
Einschreiten zugunsten des Kindes werden können: Die Schule als 
Erziehungsberatungsstelle, deren Seele der pädagogisch 
und psychoanalytisch geschulte Arzt zu sein hätte! 

- 113 - 



Der letzte Anbau dieser Einrichtung wäre dann die Berufsberatung, 
deren Dezentralisierung sie erst zu einer verbindlichen Institution machen 
kann. Und wenn es auch richtig ist, daß sie ihren Segen erst wird in 
vollem Maße entfalten können, wenn unsere Wirtschaftsverhällnisse 
besseren Zuständen Platz gemacht haben werden, so ist es doch jetzt schon 
an der Zeit, daß der für die Zukunft arbeitende Schularzt für den Gedanken 
wirbt: „Den richtigen Mann auf den richtigen Platz!" Daß ßerufseignung 
und Berufsneigung auch psychoanalytisch erfaßt werden müssen, bedarf 
wohl keines Beweises. 

b) Das kranke Kind 

Wo es sich um das Erkennen beginnender Erkrankungen, um das 
Verstehen mannigfacher krankhafter Zustände handelt, wird wieder der 
Psychoanalytiker oft notwendig sein. Schon wenn von der sogenannten 
„Nervosität" der Schüler die Rede ist, tritt dies deutlich zutage. 
So schilderte z. B. Spitzner in einer lesenswerten Arbeit, wie sich die 
beginnende Nervosität des Kindes in den Schularbeiten verrät, aber auch 
im Gesangs-, Turn-, Schreibunterricht. Den Reim zu solchen Beobachtungen 
des Lehrers kann aber nur jener wohlunterrichtete Arzt machen. Wenn 
wir von den vielen anderen Arbeiten, die dem Gegenstande gewidmet 
sind, noch etwa die von Pototzky ins Auge fassen, so wird das noch 
klarer. Er zählt unter den nervösen Symptomen auf: Unbedachte Antworten 
und Handlungen, Lüge, Spielen mit den Händen, Zwangserscheinungen, 
wie das zwanghafte Streichen über rauhe oder glatte Flächen, das Zwängen 
der Fußspitze in einen Spalt des Fußbodens, Erröten, Erblassen, Erbrechen, 
Herzklopfen, Kopfschmerz, Schlafstörungen. Da drängt sich wohl jedem in 
psychoanalytischen Gedankengängen Erfahrenen die Notwendigkeit auf, 
solche Symptome tiefer zu verstehen, um sie zu beseitigen. Hellers 
Forderung, psychopathische Mittelschüler von der Schule fernzuhalten, wird 
kaum durchführbar und für diese Kinder überdies oft von fraglichem 
Nutzen sein. — Bei sogenannten hysterischen Epidemien (Zittern, Husten, 
Schluchzen, allgemeine Krämpfe) wird der verstehende Arzt unserer Wahl 
wieder eher der Lage gerecht werden als irgend ein anderer. 

Eine große Bedeutung haben in der Schule auch Sprachgebrechen der 
Kinder. Gutzmann schätzte im Jahre 1905 ihre Zahl für Deutschland 
auf 200.000. Solch eine Störung bedeutet oft das Schicksal des betreffenden 
Kindes, und darum ist die Einsicht in ihre Ursachen, die oft psycho- 
analytische Vertiefung zur Voraussetzung hat, notwendig. Ähnlich liegt es 
mit dem „Schulstürzen , das ebensooft ein ernstes Symptom von 
Schwachsinn, psychopathischer Minderwertigkeit, Epilepsie usw. sein kann, 
wie eine harmlose Erscheinung der Pubertätszeit, die bloß analytischen 
Verstehens bedarf, um zu einer bedeutungslosen Episode herabgedrückt zu 
werden. Und in diesem Zusammenhange sei auch des versuchten und 
vollbrachten Selbstmordes Jugendlicher gedacht. Dieses dunkle Kapitel 

- 114 - 









könnte, die in unserem Sinne gesteigerte Leistung des Schularztes voraus- 
gesetzt, doch wohl um manchen Beitrag ärmer werden. Die Frage, ob das 
Haus oder die Schule an solchen Tragödien schuld sei, ist falsch gestellt. 
Diese zwei Faktoren wirken zusammen, mindestens in der Summierung 
der Erlebnisse, und es wird leicht geschehen, daß der Lehrer mit einer 
verkehrten Maßnahme den Kelch zum Überlaufen bringt, den das Haus 
reichlich gefüllt hatte. Es soll sich um keine Entscheidung der Schuldfrage, 
sondern um gemeinsame Prophylaxe handeln. Nie soll sich ein Kind so 
liebverlassen fühlen, daß es keinen anderen Ausweg sieht, als die Flucht 
aus dem Leben oder — das Spiel mit diesen Gedanken. Ein 15 jähriger 
Junge, um ein Beispiel zu nennen, erschießt sich, weil ihn sein Lehrer 
wiederholt wegen schlechten Verhaltens geprügelt habe. Der Lehrer 
bezeichnet den Knaben als nachlässig und verkommen, den Selbstmord als 
„frivol", als einen Akt der Rache gegen den Lehrer. Hätte eine recht- 
zeitige Aussprache mit dem Schularzte unseres Typus nicht leicht diese 
Tragödie anders wenden können? Der Lehrer mag mit seiner Erklärung 
recht haben, und doch entlastet sie ihn in keiner Weise. 

2) Die Lehrer 

Die folgenden Ausführungen dürfen nicht mißdeutet werden. Sie stammen 
von einem Freunde des Lehrberufes und ihrer Träger, der aber in rück- 
haltloser Aussprache einen besseren Beweis dieser Gesinnung sieht, als in 
der Bemäntelung von Mißständen. Rothfeld sagt einmal, das beste 
Mittel, Schulkinder vor Nervosität zu bewahren oder von ihr zu heilen, 
sei, selbst nicht nervös zu sein. Wie sollen aber die Lehrer dieser Forderung 
genügen können, wenn z. ß. von 940 Lehrpersonen, die 1917/18 Kranken- 
urlaub erhielten, 218 nervenkrank waren? Nach Wichmann zeigten 
von 505 aktiven Lehrpersonen 205 nervöse Erscheinungen, d. h., unser 
ganzes Schulwesen bräche zusammen, wenn alle nervösen Lehrer aus- 
geschieden würden. Die Verhältnisse, unter denen der Lehrer wird und 
wirkt, sind ja leider so, daß nervöse Anlagen leicht zur Entwicklung 
kommen können, und darum ist es natürlich notwendig, hier einzugreifen. 
Aber jetzt schon könnte eine zielbewußte Auswahl der jungen Kandidaten 
(s. Berufsberatung 1) und ihre zweckmäßige Unterweisung manchem Übel 
steuern. Fischer sagt in einer Arbeit, die überschrieben ist: „Wie kann 
der nervösen Jugend unserer höheren Schulen geholfen werden? folgendes: 
„Ein Lehrer, der Liebe säet, der es vor allem versteht, immer neues 
Interesse zu erwecken, wird auch von den Kindern geliebt und wird ihre 
körperliche Gesundheit in demselben Maße wie ihr geistiges Wohl 
befördern. So wird die Stellung zu ihnen auch mehr die eines kamerad- 
schaftlichen Führers, eines freundlichen Lebensbegleiters, eines gereiften 
Freundes, als eines kleinlich strafenden Quälgeistes sein, dessen Lohn von 
seiten der Knaben Mißtrauen, Verschlossenheit und Empfindlichkeit ist. 

- D5 - 



Eigentliches Strafen muß so gut wie ausgeschlossen sein, unbeschadet aller 
Subordination und strengen Disziplin, die bei nervösen Kindern ein 
besonders dringendes Bedürfnis ist. Autorität ist freilich ein unumgäng- 
lich nötiges Grundelement jeder guten Kinderregierung, so auch der unserer 
jugendlichen Nervösen, aber die Liebe ist das Höhere, damit das 
kommende Geschlecht sich seiner Jugend und Schule freue, sie später 
preise als die glücklichste Zeit seines Lebens und als wahre Weihe für das 
kämpf reiche Leben." — Ich habe diese Stelle ausführlich hergesetzt, weil 
sie, von einem Nichtpsychoanalytiker geprägt, doch unsere Forderungen 
klar formuliert. Bei den Mitteln der Disziplin, bei den Strafen, bei der 
Beurteilung der Leistungen der Schüler muß der Lehrer stets Herr seiner 
Affekte sein, über der Sache stehen, sich mit der Jugend identifizieren, 
ihr in Liebe geneigt sein können. Natürlich darf es dem Lehrer, der 
Lehrerin nicht mit einem aufgenötigten Zölibat etwa allzu schwer gemacht 
werden, diese Haltung zu bewahren. — Und was könnte der Schularzt 
da nützen? Seine Sache muß es sein, sich Achtung und Vertrauen der 
Lehrer in dem Maße zu erwerben, daß er auch ihnen Berater sein kann 
in ihrem Ringen um jene Höherentwicklung. Als Beisitzer der Lehrer- 
konferenzen wird er immer wieder das mahnende Gewissen darstellen 
können, dem nichts Menschliches fremd ist. So kann er wieder Wegbereiter 
sein einer höheren Entwicklungsstufe unseres Schulwesens. Alsbald aber 
wird unter solchen Einflüssen der Wert der Wandertage, der Spiel- 
nachmittage für die Jugend wachsen, die ganze Einstellung der Lehrer- 
schaft zur Schuljugend wird eine ungebundenere, zwanglosere, erfreulichere 
werden. 

3) Die Eltern 

Was der Schularzt dem Lehrer sein kann, das sollte er noch weit mehr den 
Eltern werden: ein Erzieher. Denn hier liegen die Dinge wirklich noch weit 
schlimmer. Bar jeder erzieherischen Vorbildung, abgesehen von der eigenen, 
oft sehr mangelhaften Erziehung, treten die meisten Eltern ihr Erziehungsamt 
an kraft der Tatsache, daß sie Eltern wurden, und sind dann noch mehr 
als der fernstehende Lehrer durch gefühlsmäßige, meist unbewußte Bin- 
dungen tausendfältig gehemmt. Und wenn das Erziehungswerk trotz des 
besten Willens der Beteiligten oft mißlingt, so schlägt es um so leichter 
fehl, wenn es an diesem guten Willen fehlt, wenn starre Vorurteile und 
beschränkte Überheblichkeit mittun, wenn gar, wie so oft, jede Möglichkeit 
planvollen Erziehens aus grobmateriellen Gründen wegfällt. Solange die 
gesellschaftlichen Einrichtungen diese Mängel nicht grundsätzlich beseitigt 
haben, darf der Einsichtige des Kampfes um das Wohl des Einzelkindes 
nicht müde werden. Und in dieses Erziehungschaos ist auch der Schularzt 
als wirkende Persönlichkeit gestellt. Er wird in seinen Sprechstunden, noch 
mehr aber bei den Elternabenden, wenn er nur selbst ein Wissender ist, 

- 116 - 



immer wieder versuchen können, das Erziehergewissen der Eltern zu 
wecken, ihnen das Verantwortungsvolle ihrer Aufgahe vor Augen zu rücken, 
sie zu bescheidener Einkehr zu mahnen. 

Wir wissen aus zahlreichen Erfahrungen, wie oft das Familienmilieu 
auf der Kinder Gedeihen schädlich wirkt. Bald erfahren sie der Liebe zu 
viel, bald zu wenig, oft auch beides nebeneinander. Ich habe an anderer 
Stelle von der Notwendigkeit einer Diätetik der Triebbefriedi- 
gungen gesprochen. Die Diätfehler auf diesem Gebiete zeitigen bestimmte 
neurotische Kindertypen, die dem Lehrer ebenso wie dem Arzte zu schaffen 
machen. Hier kann der verstehende Schularzt vielfach helfend eingreifen. 
Gerade diese Verhältnisse des Kindes innerhalb der Familie bedürfen in 
der Erziehungsberatungsstelle rückhaltloser Klarstellung, um die für den 
Sonderfall passenden Ratschläge anknüpfen zu können. Im Großen wird 
der Arzt dann in den Elternversammlungen Verständnis werben müssen, 
für die typischen Konflikte im Schöße der Familie, für das Seelenleben 
von Kindern und Jugendlichen. Und hier müssen wir noch einmal der 
schon berührten Probleme gedenken. Als Sonderthema wird er sich die 
Frage der sexuellen Erziehung nicht entgehen lassen dürfen. Dieses Kern- 
problem der Erziehung in seinen Zusammenhängen mit dem künftigen 
Schicksal der jungen Generation, ihrem Bestehen in Liebe und Leben 
darf aus den Beratungen ernster Elternvereine nicht mehr verschwinden. 
Nicht ferne davon liegt das Problem der häuslichen Strafen, insbesondere 
darf bei keinem Anlasse vergessen werden, der schweren Bedenken gegen 
Einschüchterung, gegen jedwede Prügelstrafe zu erwähnen. Ebenso wird 
der Psychoanalytiker als lehrender Schularzt auch den Vergnügungen der 
Kinder sein Augenmerk zuwenden, die Bedeutung des Theaters, Kinos und 
sonstiger Schaustellungen nicht vergessen. Auch die Besprechung der 
Genußgifte Alkohol und Nikotin wird in den Rahmen jener wohlerwogenen 
Diätetik passen. Alles das, was unter das Schlagwort der Jugendbewegung 
fällt, wird er vor den Eltern objektiv darzulegen versuchen. Denn viel des 
Unverständnisses, ja der Feindseligkeit gibt es da auszumerzen. Letzten 
Endes handelt es sich ja doch um die grundsätzliche Entscheidung, ob die 
Erziehung der Jugend in ihrem eigenen Interesse oder dem der „Alten" 
betrieben werden soll. 

Diese entscheidende Frage reicht ja auch in die Berufsberatung hinein. 
Da darf das Vorurteil, die Eitelkeit der Eltern keine Rolle spielen, wo das 
Glück der Nachkommen in Frage steht. Trotzdem die Opferung Isaaks 
feierlich, gleichsam ex cathedra, für alle Zeiten verboten wurde, haben 
sich die Erwachsenen zu diesem Verzicht noch lange nicht entschlos.<en. 
Auch da wird also der Schularzt Gelegenheit finden, seine tiefere Einsicht 
in die Motive zur notwendigen Befreiung der Jugend von hemmendem 
Drucke zu verwenden. Alles in allem eine mühsame, unverdrossene Arbeit 
taktvoller Aufklärung und Belehrung der Gegenwärtigen zum Wohle der 
Kommenden! Sie kann vom Schularzte nur geleistet werden, wenn er der 

Zeitschrift f. psa. Päd., III/4 JJ7 q. 



Selbstanalyse und Selbstläuterung nicht müde wird, und ohne es zu 
fordern, ebensoviel an Autorität gewinnt, als er von den anderen an 
Verzicht verlangt. 

Benützte Literatur 

1) Altschul, Über die Nol wendigkeit des Zusammenwirkens von Arzt und Lehrer 
im Dienste der Jugendwohlfahrt. Zeitschr. f. Schulgesundheitspfl., Bd. 24, S. 103. 

2) Fischer, Wie kann der nervösen Jugend unserer Schulen geholfen werden? 
Zeitschr. f. Schulgesundheitspfl., Bd. 20, S. 15. 

3) Major, Krankhaft oder verkommen und verbrecherisch veranlagt? Zeitschr. 
f. Schulgesundheitspfl., Bd. 24, S. 262. 

4) Oebbecke, Schulpsychologie und Bedeutung des Schularztes insbesondere 
bei der Berufsberatung und Auswahl der Begabten. Zeitschr. f. Gesundheitspfl., 
Bd. 31, S. 296. 

5) W. Stern, Deutsch. Kongr. f. Jugendbildg. u. Jugendkunde in Breslau 1915. 

6) Cohn, Kinderprügel und Masochismus. Zeitschr. f. Kinderforschg., Bd. 16, H. 6. 

7) Hammer, Die Prügelstrafe in ärztlicher Beleuchtung. Leipziger Verlag 1917. 

8) Moses, Ref. Zeitschr. f. Schulgesundheitspfl., Bd. 20, S. 679. 

9) Spitzner, Über Anzeichen beginnender Nervosität in den Schularbeiten der 
Kinder. Zeitschr. f. Schulgesundheitspfl., Bd. 16, S. 395. 

10) Pototzky, Nervöse Schüler. Zeitschr. f. Schulgesundheitspfl., Bd. 24, S. 28. 

11) Heller, Psychopathische Mittelschüler. Beihefte d. Zeitschr. f. Kinder- 
forschg. 1910, 

12) Gut? mann, Kl. Jahrbuch 1905, H. 3. 

13) Rothfeld, Nervöse Kinder. Zeitschr. f. Schulgesundheitspfl., Bd. 21, S. 391. 

14) Wichmann, Mehrere einschlägige Arbeiten in Bd. 16 u. 17 der Zeitschr. f. 
Schulgesundheitspfl. 

\k) Fried jung, Zur Kenntnis kindlicher Milieutypen. Zeitschr. f. Kinder- 
heilkunde 1924. 

lllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllll 

Äußerungen des ödipus- und Kastrationskomplexes bei einem 

kleinen Knaben 

(Nach einem Referat im Seminar der Schweizerischen Gesellschaft für Psychoanalyse) 

Von W. Hof mann, Züridi 

Die Wirkungen des Ödipus- und Kastrationskomplexes sind bis auf 
Freud bekanntlich übersehen worden, weil sie eigentlich aus den Analysen Er- 
wachsener rekonstruiert werden mußten und weil es in der Tat ja nicht gar häufig- 
vorkommt, daß Kinder diesbezügliche Äußerungen ganz offen von sich geben, weil 
sich relativ früh das Eingreifen der Ichinstanz geltend macht, wodurch schon da» 
kleine Kind zu mehr oder weniger symbolischer Darstellung seiner unbewußten 
Regungen gezwungen wird. Es ist mir bei unserem Knaben einst gelungen, eine 
meiner Ansicht nach ziemlich unverblümte Äußerung solcher Regungen festzuhalten, 
weil verschiedene Bedingungen dazu besonders günstig lagen. 

Walter, damals drei Jahre und vier Monate alt, nahm seiner zwei Jahre jüngeren 
Kusine Elsbethli ein Bilderbuch weg, so daß sie weinte. Ich forderte ihn mehrmals, 
schließlich recht energisch auf, der Kleinen das Buch zurückzugeben; ohne Erfolg. 

- 118- 



Da versetzte ich ihm einen Klaps auf das Gesäß und bewirkte damit die Rückgabe 
des Buches. Der Kleine weinte zuerst, beruhigte sich aber bald, setzte sich auf meine 
Knie und begann mit einem bereitliegenden Bleistift zu kritzeln. Seine Zeichnung 
begleitete er mit folgendem Kommentar: Ich zeichne einen Sack. — Nach einer 
Pause fährt er weiter: Und einen Knaben. Dieser Knabe hat einem Mann den Sack 
gestohlen. Nachher hat er ihm noch einen Bach gestohlen. Er ist damit in ein Schiff 
gestiegen und fortgefahren. 

Mein Schwager, Elsbethlis Vater, hat diese Worte mitangehört und fragt den 
kleinen Walter, was das für ein Bub gewesen sei. Es entwickelte sich zwischen den 
beiden folgendes Gespräch, das ich durch stenographische Notizen festgehalten habe : 

Walter: „Ein Säcklibub!" 

Onkel: „Wer hatte denn das Säcklein?" — Walter: „Heerdegen." — Onkel: „Wo 
wohnt dieser Mann?" — Walter: „Da drüben." — Onkel: „Warum hat ihm der 
Knabe das Säcklein weggenommen?" — Walter: „Weil er nicht lieb war." 

Nach einer Pause fährt der Kleine weiter: „Nein, der Bub hat nicht das Säcklein 
gestohlen, sondern der Mann in dem Hause [also Heerdegen] hat es genommen 
[also offenbar dem Buben]. Gelt, das darf er nicht?" 

Onkel: „Nein, gewiß nicht." 

Walter: „Gelt, dem sollte man ,Tätsch' geben?" — Onkel: „Ja." 

Der Onkel greift nun die ursprüngliche Fassung des kindlichen Protestes wieder 
auf und fragt: „Ja, gibt der Knabe dem Manne jetzt das Säcklein nie mehr?" 

Walter: „Nein." — Onkel: „Gar nie mehr?" — Walter: „Nein, gar nie mehr!" 

Nach einer weiteren Pause fährt der Kleine fort: „Nein, das Säcklein gehört dem 
Osterhas." 

Onkel: Was hat es denn darin?" — Walter: „Eilein." — Onkel: „Wo wohnt 
denn der Osterhas?" — Walter: „Bei dem Manne im Hause nebenan." [Also bei 
Heerdegen.] 

Unterdessen ist die kleine Elsbeth ungezogen und macht sich durch Krähen 
bemerkbar. 

Der Onkel fragt weiter: „Was macht der Osterhas dann?" — Walter: „Er 
kommt das Elsbethli choge biße" (beißen;. — Onkel: „Wo denn?" — Walter: „I de 
Bach abe." [Im Bach unten.] 

Hier wurde das Gespräch abgebrochen. 

Auffällig an diesen kindlichen Äußerungen ist, wie das Thema vom gestohlenen 
Säcklein in allen möglichen Variationen wiederkehrt, ähnlich wie die Träume einer 
Nacht sich um einen einzigen Wunsch gruppieren. Im ersten Teile heißt es, der 
Knabe habe einem Manne den Sack gestohlen, nachher hat er ihm noch einen Bach 
gestohlen. Dann ist er damit in ein Schiff gestiegen und fortgefahren. — Daß mit 
dem Sack das Genitale des Mannes gemeint ist, liegt für uns wohl auf der Hand; 
daß dem Manne auch noch ein „Bach" gestohlen wird, ist eine hübsche Bestätigung 
dieser Annahme. Man halte mit dieser unmöglichen Vorstellung auch jene am 
Schluß der Rede zusammen, wo der Osterhas das Elsbethli „chunt i de Bach abe 
choge biße". Diese Nebeneinanderstellung des Sackes und des Baches erinnert an 
die Traumarbeit und muß sprachlich so formuliert werden: Dem Manne wird der 
Bachsack gestohlen. Daß das Wort „Bach" für den Kleinen tatsächlich den Urin 
bedeutet, ist durch eine unmittelbar anschließende Tagebuchstelle belegt: Walter 
schaut seinem Schwesterchen zu, wie es aus der Flasche trinkt, und bemerkt dazu: 
„Anni trinkt einen Stink, es trinkt einen Stink und einen Bach." Auch das Schiff 

— 119 — 9* 



erinnert an die vulgäre Bedeutung des Wortes „schiffen", die dem Kleinen durch 
den Umgang mit anderen Kindern bekannt gewesen sein dürfte. 

Wer ist nun dieser Mann, dem das Säcklein gestohlen worden ist? Darüber gibt 
der zweite Teil des Gespräches Auskunft: Heerdegen. — Hans Heerdegen ist ein 
etwa fünf Jahre älterer Knabe im Nachbarhaus, dessen Vater gestorben ist. Meine 
Frau hat dem kleinen Walter davon erzählt und dabei den Hans gebührend bemit- 
leidet. Sie bestätigt mir, daß das Thema vom Tode des Vaters Walter in der letzten 
Zeit vor diesem Gespräch stark beschäftigt hat. Es ist also für uns sehr wahrschein- 
lich, daß sich Walter mit diesem Hans stark identifiziert und daß mit diesem Heer- 
degen niemand anderer als der Vater gemeint sein kann. Kastrations- und Todes- 
wünsche gegen den Vater äußern sich also in schlecht verhüllter Symbolik. Daß sich 
Walter in dieser Zeit tatsächlich auch viel mit dem Problem der Kastration 
beschäftigt hat, ist wiederum durch eine Tagebuchstelle belegt: Zwei Tage vor 
diesem Gespräch hat Walter die Genitalien seines Schwesterleins betrachtet und 
dabei gefragt: „Hast du auch einen Bauch, hast du auch eines, womit du Brünni 
machen kannst?" 

In dem folgenden Teile des Gespräches wird behauptet, der Mann habe eigent- 
lich dem Knaben das Säcklein genommen, nicht umgekehrt. Der Kleine will die 
tröstliche Versicherung des Onkels haben, daß der Mann das nicht tun darf, resp. 
dafür gestraft wird, also „Tatsch" bekommt. Es tönt fast wie eine nachträgliche 
Begründung oder Entschuldigung dafür, daß sich die Kastrations- und Todeswünsche 
des Knaben so unverhüllt hervorgewagt haben. Wir beobachten dies ja häufig bei 
Kindern. Wenn sie an jemandem ihren Rachedurst gestillt haben und sich hinterher 
das Gewissen regt, so werden sie oft lange nicht fertig mit Erklärungen folgender 
Art: „Warum mußte er mir aber auch das und das antun, er brauchte mir ja auch 
nicht so und so zu kommen usw." Qui s'excuse, s'accuse. Es scheint also, daß wir in 
dieser Umkehrung der ursprünglichen Situation bereits eine Wirkung des Ichsystems 
zu erblicken haben. 

Im nächsten Teile greift der Onkel, der die ganze Geschichte durchschaut, die 
ursprüngliche Version des Diebstahls wieder auf und fragt, ob nun der Knabe dem 
Manne das Säcklein nie mehr gebe. Die Antwort lautet: „Nein, gar nie mehr." 
Aber auch hier setzt sogleich wieder eine Gegenströmung ein, die sich in Form 
einer Ablenkung äußert: „Nein, das Säcklein gehört dem Osterhasen." Immerhin, der 
Osterhase wohnt immer noch im Hause nebenan, ja, zum Überfluß muß ich bemerken, 
daß mich mein Schwager und meine Schwägerin aus hier nicht näher auszuführenden 
Gründen oft scherzhafterweise „Vetter Osterhas" genannt haben. Auch die „Eier" 
im Säcklein dürften wieder auf die ursprüngliche Fährte (Skrotum) zurückweisen. 

Erst am Schlüsse gelingt es dem Kleinen, den Rest seiner feindseligen Gefühle 
auf das Kusinchen abzuwälzen, mit der Bemerkung, der Osterhas solle es in den 
„Bach abe choge biße". Walter erinnert sich nun offenbar daran, daß das Kusinchen 
mit seinem Geschrei wegen des Bilderbuches den Anstoß zu seiner Strafe gegeben 
hat. In Umkehrung des Sprichwortes von den zwei Streitenden und dem lachenden 
Dritten könnte man hier sagen: Wenn zwei sich versöhnen, geht es dem Dritten an 
den Kragen! 

Zusammenfassend könnte also der Sinn von Walters Äußerungen etwa folgender- 
maßen angegeben werden: Der Vater sollte kastriert, ja, womöglich ganz beseitigt 
werden; warum schlägt er mich und droht mir damit gar noch an, daß er mir mein 
Genitale rauben könnte. Nun, eigentlich meine ich's ja nicht so gar böse; du siehst, 

— 120 — 



Vater, daß ich (mit dem Osterhasen; nur "einen Scherz mache. Wir wollen gut 
Freund bleiben; aber Elsbethli, diese freche Kröte, sollte eigentlich die gefiirchtete 
Strafe erhalten! 

* 

In der diesem Referate folgenden Diskussion wurde durch Dr. S a r a s i n hervorgehoben (wes 
mir selber entgangen in), daß die Vorstellung des Penis zugunsten derjenigen des Skrotums unter- 
schlagen wurde, obwohl den Hoden ja eigentlich keine psychische Repräsentanz zukommt, da die 
Sexuallust an den Penis geknüpft ist. Die Erwähnung des Penis unterliegt also offenbar einer 
starken Verdrängung. Dr. Blum eiwähnt als Bestätigung dieser Auffassung, daß bei einem 
seiner Patienten, der an Impotenz leidet, die Kastration des Penis in Träumen oft symbolisch, nie 
aber direkt dargestellt wuide, während das Abschneiden der Hoden immerhin zu unverhüllter 
Darstellung gelangte. 



„ Klassenkämpfe " in der Schule 

(Eine Anwendung massenpsychologischer Erkenntnisse auf die Volksschulp'ddagogik) 
Von Waldemar Jordan, Magdeburg 

Unsere, wie eine Schlagzeile anmutende Überschrift soll auf eine uns allen bekannte 
Erscheinung im Klassenleben hinweisen und die Kraftprobe zwischen Lehrern und 
Schülern bezeichnen, die regelmäßig bestanden werden muß, wenn ein bei Kindern 
beliebter Lehrer durch eine fremde Lehrkraft ersetzt wird. 

Es zeigt sich in diesen Fällen mit Sicherheit in der Klasse zuerst eine Atmosphäre 
höchster Spannung, größte Zurückhaltung der Individuen \ja corpore) und allgemeine 
abwartende Passivität. 

Dieser drückende Spannungszustand muß irgendwie gelöst werden. Da er eine 
sonst (persönlich) zwiespältige Klassengemeinschaft zu unbewußter Einheit geschlossen 
hat, nützt ein Lösungsversuch seitens des Lehrers durch ein Scherzwort oder eine 
andere vorsichtige Annäherung kaum. 

Oft genug erweist sich eine gut gemeinte pädagogische Handlung des Lehrers als 
völliger Fehlschlag, oder sie führt geradezu zu einer Katastrophe im kleinen. Sie 
tritt unfehlbar ein, wenn der Klassenleiter von seiner Führerposition merklich herab- 
steigt, um sich falsch kameradschaftlich-freundschaftlich den kleinen „Rebellen" 
zuzuneigen. 

Denn nichts anderes sind die Kinder in dem Augenblick, da ihnen der gewohnte 
Führer ersetzt wird durch einen schlechthin Unbekannten, dessen Gepflogenheiten 
sie annehmen sollen, dessen Art sie wohl oder übel anerkennen müssen und dessen 
Persönlichkeit und Sein ihnen eine unbequeme Forderung, ein Verzicht, eine Um- 
stellung bedeuten. 

Wir dürfen selbst bei kleinen Menschen nicht vergessen, daß sie konservativ sind, 
an liebgewordenen Gewohnheiten hängen und jedweden, auch psychischen Besitz 
festzuhalten versuchen. 

Im gegebenen Moment ist der Anstifter der heimlichen Gegenmenschlein da, auf 
irgendeine wirksame Weise weiß er die Negation der Klassenallgemeinheit deutlich 
und unter fördernder Zustimmung der Mitschüler dem Fremden gegenüber zu 
dokumentieren. — Wir wissen aus unseren Erfahrungen und Beobachtungen an Kindern 
und Erziehern, daß oft genug die Klassenrevolution zu einer Niederlage des unge- 
wollten Führers geführt hat und daß eine sonst gut disziplinierte Klassenarbeits- 

— 121 — 



gemeinschaft der Auflösung und -völligen Demoralisierung verfiel, der der Lehrer nur 
durch Gewaltmaßnahmen und harte Strafen begegnen konnte. 

Diese Vorgänge sollen mit Hilfe massenpsychologischer Tatsachen erklärt werden 
und durch angeschlossene Folgerungen und Hinweise zu pädagogisch-praktischen 
Nutzanwendungen führen. 

Jede Anhäufung von Einzelwesen kann man „Masse" nennen, jedoch ist wesentlich 
zu unterscheiden zwischen der Summierung von Subjekten ohne eine Beziehung und 
dem zielbewußten, zweckhaften Zusammenschluß von Individuen, den man mit 
„Organisation" bezeichnen kann. In diesem Falle ist jedem Gliede eine Pflicht, eine 
Funktion für das Ganze zugeteilt, die es zu einem Organ in dem Gesamtorganismus 

macht." 

Die Kinderklasse sollte bei richtiger Leitung und Durchorganisation eine homogene 
Masse sein, die in ihr vereinigten Einzelwesen sollten eine arbeitende, einander 
berücksichtigende Gemeinschaft bilden und das gemeinsam Gewollte und einzeln 
Beabsichtigte allgemein und gleichermaßen der Gesamtheit dienstbar und verfügbar 
machen. Die kleinen werdenden Persönlichkeiten sollen also nicht, wie bei der oben 
charakterisierten heterogenen Masse widerstrebend, voneinander isoliert, ohne sinn- 
volle Beziehung und Richtung beieinander sein, ebenso sollen sie nicht uniformiert 
werden und ihr Eigenwollen durch bedingungslose Unterwerfung unter einen fremden, 
despotischen Willen verlieren. 

Das für uns jedoch wichtigste Problem enthält die Frage nach dem Verhältnis 
von Masse und Führer, Klasse und Lehrer. 

Die Masse will geführt sein, wenigstens gehört zu dem großen Komplex des 
Massenbewußtseins und des Massendenkens und -fühlens auch das instinktive Ver- 
langen nach einem Führer. Diese Führerpersönlichkeit muß aber, wenn sie auf eine 
nennenswerte Gefolgschaft aus der organisierten Masse rechnen will, bestimmte 
Eigenschaften haben, denn nicht jeder ist berufen, zu restloser Hingabe an die Idee 
der von ihm geführten Gemeinschaft fähig, zur Entpersönlichung und Selbstlosigkeit 
bereit und von starkem, zielbewußtem Willen, schnellem Entschluß, großer Begeiste- 
rung, vorbildlichem Opfermut und tiefem Verständnis für die Nöte und Schwächen 
seiner Anhänger erfüllt. Der zielunklare, augenblicksbegeisterte, inkonsequente Führer 
kann höchstens zusammengelaufene Haufen (heterogene Massen) eine gewisse Zeit 
hindurch blenden, sich aber keinen dauernden, nachhaltigen Einfluß auf die Masse 
sichern. — Die Reaktion der Masse auf Pseudoführer führt zu deren Ablehnung und 
Sturz, zum mindesten aber zur Massenspaltung, zu Krisen und Parteikämpfen — solange 
eines der die Masse ausmachenden Einzelwesen eine gleiche oder annähernd gleiche 
psychische Stärke und führerische Beanlagung aufweist. Andererseits kann die eine 
homogene Masse (Heer, Partei) führende Persönlichkeit oder auch ein den Führer 
ersetzendes Ideal (z. B. die Idee des Christentums) — zu wirklichen Großtaten 
begeistern und durch Beispiel und Wort in umfassender Weise erziehlich auf die 
Massensubjekte wirken. Denn das letzte Ziel massenpädagogischen Tuns muß die 
Individualisierung der Massen-Einzelwesen sein, die Kultivierung der allgemeinen 
Masseninstinkte und -egoismen zu selbstverantwortlichem Handeln im Dienste des 
Ganzen und williger Unterordnung unter die Interessen der Gemeinschaft. 

So schnell die Individuen einen falschen Helfer und Freund ablehnen, so dankbar 
und unverbrüchlich halten sie dem geliebten Führer, der ihnen zu jeder Zeit Beweise 
seiner Führerschaft gegeben hat, die Treue. An den ihnen durch diese ideale — 
vielleicht in das Ideale gesteigerte — Persönlichkeit liebgewordenen Sittengewohn- 

— 122 — 






heiten, Arbeitsweisen oder Umgangsformen hängen sie in einem begreiflichen, posi- 
tiven Konservativismus, von dem sie nur widerstrebend und ungern lassen. 

Nach diesem Exkurs wollen wir an einem tatsächlichen Beispiel aus dem Unter- 
richtsleben den Nachweis für die Richtigkeit der vorstehenden Darlegungen erbringen. 

Vor Jahren kam ich als junger Anfänger voller schulreformerischer Ideale in eine 
gut geleitete Klasse. Um von vornherein die der Klasse eigene Art zu erhalten und 
organisch weiter zu entwickeln, begegnete ich den Kindern (Knaben und Mädchen 
im siebenten Schuljahr) mit äußerster Freundschaftlichkeit und mit fast übertriebenem 
Wohlwollen. Die Folge meiner Verhaltungsweise war vorauszusehen: Nachdem die 
Klasse ihre Sicherheit in sich wiedergefunden hatte, begannen die bekannten Ver- 
suche, den fremden, ungewollten Führer durch manchmal sehr plump in Szene 
gesetzte Putsche usw. in Schwung zu setzen und seine Reaktionen auf die verschiedenen 
Bosheiten — zweifellos eine für Kinder sehr interessante und sensationelle Be- 
schäftigung — festzustellen. 

Ein Junge, der mir durch sein intelligentes Aussehen schon am ersten Tage auf- 
gefallen war, wurde der Anführer, der Klassenclown, der durch alle möglichen und 
unmöglichen Grimassen und Flegeleien (Bankheben, Brummen) mit vollem Erfolg 
die Klasse aus den Angeln hob. Mir war sofort klar, daß meine schleunigste Umkehr 
zur Sachlichkeit das einzig Gebotene war. 

Ich mußte der Klasse zeigen, daß sie wohl eine von mir zu respektierende Geltung 
hatte, daß ich aber ebenso auf die Anerkennung meiner (allerdings noch wenig 
erwiesenen) Führerpersönlichkeit ein Recht besaß. 

Wie war das anzufangen ? Zunächst mußte der eingerissene Übelstand abgestellt 
werden. Das Rezept war höchst einfach. Ich half den Kindern ihre unbewußte 
Seelenhaltung entdecken und erkennen, wie sehr unnütz, feige und ohne gegenseitige 
Verantwortung und Selbstzucht sie ihre „Untaten" begingen. 

Z, B.: „R. B., du hast öfter im Unterricht gestört, um zu sehen, ob du mich aus 
meiner Ruhe und Fassung bringen könntest. Das wird dir niemals gelingen. Im 
Gegenteil, wenn du gute Scherze machst und uns wirklich erheitern willst, dann 
kannst du gern vorgehen und uns alle einige Minuten belustigen. Das Lachen erhält 
vernünftiger als der Verdruß, und wir vergnügen uns gern einmal." 

(Ich hatte dadurch dem Jungen sein negatives Ziel genommen und ihn durch 
mein von ihm nicht erwartetes Verhalten außerordentlich stutzig gemacht.) 

Es gab nach dieser Lektion zwei Tage Ruhe und Ordnung in der Klasse. Am 
dritten Tage war wieder R. am Fratzenschneiden. „Du bist nicht ungeeignet, 
Komiker zu sein (sagte ich zu ihm). Seid ihr einverstanden, daß Rudolf uns eine 
kleine Vorstellung gibt, damit wir lachen können ? („Ja !") R., geh, bitte, vor !" R- 
steht errötend und verlegen auf seinem Platz ; er setzt sich und verbirgt sein Gesicht. 

(Durch diese Maßnahme hatte ich ihm gezeigt, wie feige er in Wirklichkeit |si 
und wie er nur versteckt hinter dem Rücken der anderen heimlich seine erner 

Dinge treibt.) . 

Am Tage darauf ging ich bewußt auf die B.schen Vorgänge ein und besprac 
sie in folgender Weise mit der Klasse : „R. B. ist nicht allein schuldig, wenn beim. 
Arbeiten in der Klasse gestört wurde. Er trägt nur zur Hälfte die Schuld ; der andere 
Teil ruht auf euch. Warum, wollt ihr wissen ? R., hättest du im leeren oder dunklen 
Klassenzimmer auch Gesichter geschnitten? („Nein!") Warum nicht?" Die anderen: „Es 
hätte keinen Zweck gehabt, denn niemand hätte sie gesehen und darüber gelacht. 1 * 

Die Verantwortung trugen also nunmehr beide Teile der Klasse, und die Folge 

— 123 — 



des Verhaltens von R. B. war nicht die erreichte negative Absicht (die Erregung 
des Lehrers), sondern eigener Schade (Hinderung am Arbeiten). 

Als dann in der folgenden Zeit R. B. und der Klasse gezeigt wurde, wie man 
über solche albernen Minusleistungen zu erfolgreicher, freudebringender Arbeit 
gelangen konnte, war der Reiz zu den geschilderten Versuchen endgültig verschwunden. 
Allmählich wurde infolge der Durchorganisation der Klasse durch Verpflichtung- 
und Beamtung der einzelnen eine wirkliche, natürlich geführte Klassenarbeits- 
gemeinschaft (homogene Masse) gebildet, die dem Ideal : „Das sich seiner selbst 
bewußte Individuum entsagt den vornehmlich egoistischen Tendenzen und arbeitet 
im Interesse aller", einigermaßen entsprach. 

Allerdings fordert die dauernde Sicherung eines solchen Erfolges eine große 
Selbstbeherrschung des Lehrers und eine konsequente, gleichmütige Seelenhaltung 
in etwa wieder eintretenden Krisen. 

So führt eine kausale Betrachtungsweise und eine richtig angewandte Massen- 
psychologie und Ichanalyse u. U. in solchen Fällen zu einem unterrichts- 
praktischen Ergebnis. Die bewußte Anwendung massenpsychologischer Erkennt- 
nisse und der Forschungsergebnisse der Psychoanalyse können verhindern helfen, daß 
eine werdende Lehrerpersönlichkeit bei den ersten, erwartungsvoll begonnenen Ver- 
suchen scheitert; sie können dem Lehrer im Amt brauchbare Hilfen bei der 
Disziplinierung, Leitung und Förderung einer Schulklasse geben und so aus Krise 
und Kampf zu friedlicher, allseitig aufbauender Arbeit verhelfen. 



BEOBACHTUNGEN AN KINDERN 



„Wir Mädchen müssen viel Unrecht ertragen!" 

Von Karl Pipal, Reichenau 

„Wir Mädchen müssen viel Unrecht ertragen", hatte mir einmal resigniert 
eine Schülerin unter ihren Aufsatz gesetzt, und diese Worte fielen mir ein, 
als bei einem Elternabend Frau E. erschien und verzweifelt Klage führte' 
ihr Mädel sei ärger als zehn Buben. Wie erstaunte die gute Frau, als ich 
ihren Wortschwall unterbrach und ruhig weitererzählte, was sie mir erst 
hätte verraten wollen. Und was brachte das fühlende Mutterherz so außer 
Rand und Band? Folgende Kleinigkeiten, die mir Fridoline E., i 3 7 2 Jahre 
alt, schon längst gebeichtet hatte: 

„Ich habe dis Gewohnheit, beim Stehen mit einem Fuß auf den anderen zu 
steigen. Bevor ich am Abend schlafen gehe, setze ich mich auf den Diwan und 
hutsche mich so lange, bis die Mutter hereinkommt und mich zusammenschimpft. 
Wenn ich in der Turnhose bin, turne ich immer, bis der Teppich ganz verschoben 
ist, und wenn wir einen schulfreien Tag haben, gehe ich in den Garten und hutsche 
mich auf dem Türl, bis es zu quietschen anfängt. Da schimpft mich meine Mutter 
zusammen. Ich kann auch das Baumkraxeln nicht lassen. Einmal brauchte die Mutter 
Kirschen und sagte: „Versuch's, vielleicht kriegst du ein paar herunter!" Ich habe 
wirklich drei Kilo gepflückt. Da sagte ich zur Mutter: „Gelt, es ist doch gut, daß 

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ich kraxeln kann!" Da mußte die Mutter lachen und sagte: „Freilich!" Ich kann 
mir das Hutschen und Kraxeln nicht abgewöhnen, denn das Diwanhutschen ist so 
angenehm, und wenn ich auf dem Baum bin, geht der Wind. Ich muß auch im 
Bett recht laut singen. — Einmal mußte ich beim Fleischhauer lange warten, und 
weil ich müde war, wußte ich nicht, wie ich stehen soll, und so ist die Gewohnheit 
entstanden, mit einem Fuß auf den anderen zu steigen. 

Fridoline E. ist dabei nicht einmal die einzige, die sich auf diese Art 
Lust verschafft. 

ZitaR., 15 Jahre alt: Wenn ich wo stehen muß, so kann ich nicht ruhig 
stehen, ich muß immer mit den Füßen auf dem Boden herumscheren oder mit 
einem Fuß auf den anderen steigen. Wenn das meine Mutter sieht, fragt sie immer, 
ob ich nicht ruhig stehen kann, und wenn ich mit einem Fuß auf den anderen 
steige, schimpft sie immer und sagt: „Wenn du das nochmals tust, bekommst du 
Hiebe!" Aber es ist nicht möglich, mir das abzugewöhnen. Ich habe einmal sehr 
lange auf den Zug warten müssen, das ist mir langweilig geworden, ich bin mit den 
Füßen auf dem Boden herumgefahren, und seither mache ich es immer. Als Dritte 
im Bunde erscheint 

Ernestine G. (12 J.): Im Kloster waren wir Kinder beisammen, da hatten 
die einen die Gewohnheit, die Nagel zu beißen, die anderen beim Sitzen herum- 
zuschaukeln. Ich dachte mir, wie wird das sein, wenn ich auch einmal probiere, 
mich auf dem Sitz hin und her zu schaukeln. Ich wagte es, und mir gelang es, 
aber nicht immer. Einmal fiel ich hinunter, das andere Mal machte ich einen Polterer 
(Lärm), aber das machte mir nichts. (Im Kloster wurde jede Störung der Ruhe 
bestraft!) Wenn ich jetzt auf einem Sessel sitze, schaukle ich mich hin und her, bis 
ich hinunterfalle. Ich muß mich schaukeln, es läßt mir sonst keine Ruhe. — Wenn 
ich eine Haube aufhabe, wetze ich immer herum und verziehe dabei das Gesicht. 
Ich habe früher eine Wollhaube getragen und war sie nicht gewöhnt, und so 
ist die Ungezogenheit entstanden. Das Abgewöhnen meiner Unarten geht jetzt nicht 
so leicht. 

Ernestine G. hat vollkommen recht, das Abgewöhnen solcher Unarten geht 
nicht so leicht, denn es handelt sich um die Fortsetzung der Lust an rhyth- 
mischen Bewegungen, die schon den schreienden Säugling zu beruhigen 
vermochte und sich bei älteren Kindern, die aktiv solche Bewegungen 
ausführen, mit Muskelsensationen paart. Das ältere Kind jauchzt beim Hutschen 
ebenso auf wie der Säugling beim Auf- und Abschwenken, und wenn einmal 
eine Schaukel oder gar ein Ringelspiel mit schaukelnden Pferden im Orte 
ist, bittet und bettelt es dem Vater mit feuchtglänzenden Augen und geröteten 
Wangen immer wieder ein Geldstück ab, um von neuem genießen zu können. 
Auf Ausflügen und Spaziergängen benützt es jede grasbedeckte Lehne zum 
Abwärtskollern und achtet kaum einer lächerlichen Hautabschürfung. In der 
Lust, die aus der erhöhten Muskelspannung fließt, liegt auch der Grund für 
das nicht abzugewöhnende Wippen auf Stuhlkanten, dem selbst das traurige 
Los des armen Knaben Zappelphilipp im Struwwelpeter nicht Einhalt gebieten 
kann, zumal selbst herbeigeführte Unfälle, mögen sie noch so schmerzhaft 
gewesen sein, erstaunlich schnell vergessen werden. 

Durchbrüche der Muskelerotik, scheinbar ganz motivloses Schreien und 
Springen, unzähmbare Wildheit, tolles Jagen und Klettern, Boxen, tapferes 
Raufen und festes Dreinschlagen werden bei Knaben wohl gerügt, aber man 
bemüht sich doch, lächelnd alles zu verstehen und als typische Eigenart der 
werdenden Herren der Schöpfung zu entschuldigen. Mädchen, die auch zu 

— 125 - 



allerhand Mittelchen zur Befriedigung der Muskelerotik greifen, finden nicht 
nur im Familienkreise, sondern auch in der Schule strengere Richter, man 
ist weit, davon entfernt, ihr Tun näher zu erfassen; sie sollen sanft und 
gesittet sein. „Wir Mädchen müssen viel Unrecht ertragen! 

Freilich darf man nicht vergessen, daß bei Mädchen das heftige Zusammen- 
pressen der Schenkel, verbunden mit dem Herumrutschen auf der Sitzfläche, 
äußeres Zeichen eines masturbatorischen Aktes sein kann, denn Mädchen 
vermögen auf diese Art eine direkte Reizung der Genitalzone zu bewirken. 
An zwei Mädchen der Vorschule, beide sechs Jahre alt, konnte ich das 
Zusammenpressen der Schenkel beobachten, dabei traten diese Kinder mit 
der Spitze des rechten Fußes auf den ruhenden linken. Ihre Tätigkeit hatte 
den Charakter einer Zwangshandlung, und plötzlich sprang das eine Mädchen 
auf, schürzte das Röckchen und trachtete, mit den Händen die Geschlechts- 
teile zu erreichen. 

Als weiteres Beispiel bringe ich die Mitteilung einer Wiener Hilfsschul- 
lehrerin : 

Ein Mädchen der fünften Klasse meldete : „Bitte, ich kann nicht schreiben, die 
N. wetzt immer so herum !" N. führte tatsächlich mit hochroten Wangen rhythmische 
Bewegungen in der Schulbank aus und hatte gar nicht bemerkt, daß sie angezeigt 
worden war. Der Lehrerin, die im Vorjahr das Kind unterrichtet hatte, war sein 
merkwürdiges Gebaren ebenfalls bekannt, sie hatte es aber nicht als Onanie 
gewertet. 

Viele Lehrkräfte sind in dieser Hinsicht blind. Noch deutlicher zeigt uns 
dies folgender Fall: 

Frau X, Lehrerin einer vierten Mädchenklasse der Volksschule, wurde von einer 
Mutter, die es durch die Erzählung ihres Kindes erfahren hatte, aufmerksam gemacht, 
daß die Kinder während des Unterrichtes onanieren. Während des Unterrichtes 
sollte so etwas möglich sein? Frau X verlegte sich aufs Beobachten und fand, daß 
sich beim Lesen, das wegen geringer Anzahl der vorhandenen Bücher ein Zusammen- 
setzen erforderte, stets die gleichen Paare zusammenfanden. Ohne die Gesten des 
eifrigen Mitlesens aufzugeben, benützte nun fast die Hälfte der Kinder die günstige 
Gelegenheit zur gegenseitigen vaginalen Masturbation mittels Bleistiften. Diese 
Entdeckung wirkte geradezu niederschmetternd auf die Klassenlehrerin. Frau X 
schilderte den Kindern in grellsten Farben die Folgen dieses Tims, malte gräßliche 
Leiden aus usw. Die Sache kam auch vor die Konferenz, groß war die Batlosigkeit, 
gab es doch keinen alleinigen Sündenbock, und so war man froh, diese „furchtbare 
Klassenschande" erst gegen Ende des Schuljahres entdeckt zu haben. Von nun an 
ging Frau X mit einem undefinierbaren Unlustgefühl zur Schule, und nur der 
baldige Übertritt ihrer Schülerinnen in die Hauptschule konnte sie aufrechterhalten. 
Tatsächlich war es ein großes Glück, daß man erst so spät die „furchtbare Klassen- 
schande" entdeckt hatte, denn die Worte der Lehrerin lasteten wie ein Alp auf den 
Kindern, und der Rest des Schuljahres verlief keineswegs erfreulich. 

Oh, gute Frau X, Sie haben den Nagel nicht auf den Kopf getroffen ! Diese 
Behauptung würde mich allerdings verpflichten, eine bessere Verhaltungsweise 
ähnlichen Vorfällen gegenüber anzuführen, wenn ich nicht in der angenehmen 
Lage wäre, auf die Arbeiten von Fachmännern im Sonderheft „Onanie** 
(JJ. Jg., Heft 4/5/6, Januar-Februar-März 1928) dieser Zeitschrift hinweisen zu 
können. 

Ernestine G. muß immer die Haube herumzerren und dabei das Gesicht 
verziehen. Früher trug sie eine Wollhaube (Holländerhaube) und diese 

— 12Ö — 






verursachte eine Reizung der Hautstellen, die sie bedeckte. Das Kratzen und 
Reiben einzelner Hautstellen bedeutet für viele Kinder eine Erhöhung der 
Lust am Gekitzelt-, bzw. Gestreicheltwerden und sind auf das Konto der 
Hauterotik zu buchen. Im allgemeinen finden solche Handlungen kaum 
Beachtung, könnten aber bei gröberen Exzessen, die meist die Empörung der 
Erwachsenen auslösen, viel zur verständnisvollen Beurteilung beitragen. 

Einem Fürsorgerat verdanke ich folgende Mitteilung: 

Ein siebenjähriger Knabe hat wiederholt sich und sein fünfjähriges Schwesterchen 
entkleidet und mit ihm Popo an Popo gerieben. Beide Kinder teilten das Schlaf- 
gemach mit den Eltern und dürften so reichlich Gelegenheit gehabt haben, in die 
Mysterien des Ehebettes einzudringen. 

Mag sein, daß es sich um einen vereinzelten Fall handelt, immerhin gibt 
es aber auch unter Schulkindern mannigfache Gewohnheiten, die hieher 
gehören und die vom wissenden Lehrer nicht als „ furchtbares Laster" , sondern 
als starke oder sehr starke Betonung der Hauterotik erkannt und ge wertet 
werden. 

Aus dem Sexualleben eines Jungen vom vierten bis acht- 
zehnten Lebensmonat 

Von Dr. I. S a d g e r, Wien 

Nachstehende Angaben danke ich einer sehr intelligenten Patientin, die bei mir 
wegen ihrer Neurose in psychoanalytischer Behandlung stand und als Quartiergeberin 
einer reichsdeutschen Familie Gelegenheit hatte, deren kleinen Hans auch in seinen 
sexuellen und charakterologischen Äußerungen zu beobachten. Jede dieser Äußerungen 
wurde mir in der Analyse sofort vermeldet und mit genauer Zeitangabe festgelegt. 
Ist meiner Patientin auch gewiß nicht jegliche Sexualbetätigung des kleinen Jungen 
bekannt geworden, so hat sie doch so viel zusammengestellt, daß bei der Dürftig- 
keit der Literatur gerade über allererste geschlechtliche Äußerungen ihre Mitteilungen 
Anspruch auf Beachtung haben. 

Als Hansi im vierten Lebensmonat steht, hat seine geliebte Kinderfrau Gisela 
drei Tage Urlaub gehabt. Sobald sie das erstemal wieder ins Zimmer tritt und ihn 
aufnimmt, lacht er über das ganze Gesicht und pißt sie an. Ein paar Tage spater 
eine ähnliche Szene. Die Mutter, die ihn lange nicht so sorgfältig betreut als seine 
Kinderfrau, hat ihn vom Spaziergang nach Hause gebracht. Da war er noch gan«. 
brav. Als ihn aber die Gisela aufnimmt, ging es wieder los. Er freut sich immer, 
wenn er diese sieht, alle anderen Personen, auch die eigene Mutter, sind ihm gleic - 

' • Aus derselben Zeit merkt man auch, daß er stets masturbiert. Er kann nicht ohne 
Höschen liegen, ohne daß er sich an den Penis greift. Und wenn er diesen zulassen 
kriegt, hält er ihn mit beiden Händen fest und drückt daran. Dieser Hang zur Onanie 
währt ununterbrochen bis zum Alter von eineinviertel Jahren. 

Mit s e c h s M o n a t e n greift er meiner Patientin, die sich über ihn beugt, mit 
beiden Händen in den Busenausschnitt. Schon einen Monat zuvor meint Gisela einmal 
lachend: „Es ist unglaublich, welch zudringlicher Liebhaber der Hansi ist. Immer 
greift er einem an die Brust". 

Aus seinem zwölften Monat erzählt meine Patientin: „Er sieht mich heute 

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ins Klosett gehen und da kriecht er zur Tür hin, klopft und patscht und kräht und 
will durchaus zu mir hineingelassen werden, was ihm bei meiner Zimmertür gar 
nicht einfällt. Dort im Klosett scheint er das Geheimnisvolle zu wittern, wahrend er 
in meinem Wohnzimmer nichts vermutet. Schließlich machte ich auf, ließ aber das 
Licht brennen und zeigte ihm den Raum. Da verlor er das Interesse und kroch 
zurück. Er wollte mich offenbar bei der Verrichtung meiner Bedürfnisse sehen." 

Ein paar Tage später beobachtet sie, daß er sofort alles stehen läßt, zu essen, 
zu spielen und zu schreien aufhört, so wie man den Hahn der Wasserleitung aufdreht 
und er den Wasserstrahl herunterfallen hört. Also eine frühzeitige Urethralerotik. 
Er spielt auch beständig mit seinem Penis. 

Gleichfalls um dieselbe Zeit droht die Kinderfrau, ihm mit dem Messer das 
Glied abzuschneiden, wenn er weiter so ungebärdig sei, doch macht dies keinen 
besonderen Eindruck auf ihn. 

Im vierzehnten Monat hat er sich in der Nacht bemacht. Er schreit auf 
einmal A— A, sitzt im fernsten Winkel seines Bettes und zeigt auf das Häufchen, 
das er gemacht hat. Das Bett wird in Ordnung gebracht, er sieht dem neuen Kinder- 
mädchen aufmerksam nach, wie sie es hinausträgt und alles wieder zurecht macht 
er selber ist unteides hinausgehoben worden. Als das Mädchen fertig ist, hebt er 
seine nunmehr gesäuberte Gummidecke wieder in die Hohe und schaut nach. Dies 
alles mit einem erschrockenen, betroffenen Gesicht. Seine Mutter bemerkt dazu: 
„Das ist schon ein Fortsein itt, früher hatte er hineingegriffen und geschmiert." 
Während dieser ganzen Prozedur macht er ein todunglückliches, völlig verschüchtertes 
Gesicht. Er wußte, er hat etwas Verbotenes angestellt, und zeigte ein deutliches 
Schuldbewußtsein, vermutlich weil er auch ein Vergnügen dabei hatte — trotz aller 
zur Schau getragenen Kümmernis. 

Aus demselben Monat berichtet meine Patientin: „Ich stehe beim Telephon. 
Hansi kommt herangekrochen, hebt mir den Rock, drückt das Gesicht gegen meine 
Beine und läßt sie nicht los. Er hat jetzt eine Art Verliebtheit in den Vater, mehr 
als in die Mutter. Vielleicht weil er jenen, der verreist war, jetzt drei Wochen lang 
nicht gesehen hatte. Auch ist er dem Vater gegenüber am artigsten, zu Mutter und 
dem neuen Kindermädchen ist er nicht sehr artig. Er zeigt große Freude, wenn 
Papa nach Hause kommt, und macht ein großes Gesclirei, wenn er wieder weggeht. 
Also Ablösung von der Mutter und Hinwendung zum Vater. Dieser nimmt ihn jetzt 
auch öfters auf den Arm, während er sich früher wenig um sein Söhnchen kümmerte. 
In dieselbe Zeit fiel auch das Erwachen des Schuldbewußtseins. Früher lag dem 
Kleinen gar nichts daran, wenn er sich die Höschen naß gemacht hatte. Jetzt ruft er 
stets mit einer bekümmerten Miene A-A und zeigt auf sein Kleidchen, das man in 
Ordnung bringen soll. Natürlich sind die Höschen langst naß, aber er macht ein 
bedrücktes, unglückliches Gesicht, und wenn man sagt: ,Du Schweindi!', sieht er so 
traurig drein, wie ein fünf- bis sechsjähriges Kind, dem etwas passiert ist. Früher 
hat er nur gekiäht und gelacht und es war gar nichts. Das alles hindert aber nicht, 
daß er jedesmal auf dem Topfe sich sträubt. Er will nicht sitzenbleiben und ist an 
keine regelmäßige Zeit zu gewöhnen. Geht es dann aber in die Höschen, so ist er 
unglücklich. Er weiß, daß er etwas Verbotenes tat, und man muß ihn noch trösten. 
Gleichfalls aus demselben Monat: „Wenn Mutter die Klosettüre hinter sich zumacht 
schlägt er an die Türe und gebärdet sich wie rasend, er will durchaus mit hinein. 
Er hat jetzt auch schlagen gelernt, bisher schlug er nicht." 

Aus dem fünfzehnten Monat: „Hansi war ein gutmütiges Kind, das 

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auch im Ärger nicht schlug, sondern höchstens schrie. Jetzt schlägt er, wenn er aus- 
rutscht, den Fußboden, wenn er sich anstößt, die Wand, und wenn man ihn nicht 
gleich aufnimmt, die betreffende Person. Dabei glaube ich nicht, daß er bisher schon 
geschlagen wurde. Ein einziges Mal machte das frühere Mädchen eine wilde Gebärde, 
als wollte sie ihn schlagen, doch lachte sie dabei, und er krähte auch. Jetzt aber 
schlägt er ganz böse und energisch. Vielleicht hat er es von den Kindern seiner 
Tante in Berlin gelernt, mit denen er jetzt ein paar Wochen zusammen war." 

Aus seinem fünfzehnten, sechzehnten Monat: „Seine Schlage- 
lust verstärkt sich. Warum hat er jetzt geradezu Freude daran, zu schlafen? Er 
schlägt immer. Er kommt z. B. ganz gutmütig und streichelt einen, auf einmal haut 
er aus und schlägt einen. Er kommt mir vor wie eine kleine Katze. Seitdem er aus 
Berlin zurück ist, ist er absolut nicht mehr das gutmütige Kind. In Berlin spielte 
er mit zwei Vettern im Alter von drei und fünf Jahren, die natürlich öfters gerauft 
haben. Doch warum schlägt er jetzt nach allen, auch nach Gisela und mir? Es kann 
schon sein, daß in ihm als Kind eines Säufers noch ganz andere Instinkte liegen, 
als es ursprünglich schien." 

„Er betreibt auch exzessive Onanie, schon mindestens seit seinem vierten Monat. 
Es gibt im Zimmer keinen Zipfel, an dem er nicht mit einer Art Lust zerrt und 
zieht wie an seinem Genitale, ganz gleichgültig, ob es ein Handtuch-, Kleider- oder 
Polsterzipfel ist. Es ist ihm nur darum zu tun, einen Zipfel in der Hand zu haben, 
und er schläft nur dann ein, wenn man ihm den Zipfel seines Kopfkissens, eines 
Taschen- oder Handtuches in die Hand drückt. Daran wird gezerrt, gerieben, und 
dann schläft er ein." 

„Noch etwas fiel mir auf. Er klemmt und versteckt sich mit besonderer Vorliebe 
in ganz enge Winkel, wo er schon kaum hineinkann. Ich selber kann kaum mit der 
bloßen Hand hineinlangen, er aber hat so lange gezwängt und gedrängt, bis er seinen 
kleinen Kinderkörper drinnen hatte, und dann hat er sich wieder ebenso mühsam 
herausgezwängt. Dies machte er mit zwei Winkern so. Hat der Kleine den Wunsch, 
sich so in die Mutter hineinzubohren? Und erblickt er in jedem Zipfel sein eigenes 
kleines Glied, zu dem er nicht zukann, weil er Windelhöschen trägt? Will er sich 
hineinzwängen, um mit der Scheide seiner Mutter zu spielen? Er schläft jetzt bei 
der Mutter und da klammert er sich an ihren Bauch, drückt sich ganz fest gegen 
ihre Schenkel, und dann schläft er ein. Gleichzeitig bemerke ich seinen Hang, sich 
in enge Winkel hineinzuzwängen." 

Aus seinem siebzehnten Monat: „Seine Mutter tätschelt ihn, so oft 
sie ihn auf dem Arme hat, auf seinen nackten oder bekleideten Popo. Ich weiß nicht, 
warum der Junge so bösartig und unausstehlich geworden ist, so schreiend und 
quängelnd, und nicht einen Schimmer von Liebenswürdigkeit mehr besitzt. Seitdem 
vor drei Wochen eine Explosion bei uns war, schläft er im Schlafzimmer seiner 
Eltern. Hat ihn das verdorben? Es ist möglich, daß er den Koitus der Eltern gesehen 
hat und das ihn so reizt. Ist das Kind eifersüchtig? Einmal hat ihn der Vater, um 
Ruhe zu haben, zwischen sich und die Mutter gelegt, und da schlief er rasch ein. 
Vielleicht ist das Kind froh, daß es sich als Keil zwischen Vater und Mutter schieben 
kann, wie ich es ja auch wollte. Hansis Mutter sagte mir: ,Ich hasse nichts mehr, 
als ein Kind zwischen die Eltern zu nehmen, aber mein Mann wollte endlich einmal 
Ruhe haben.' Früher schlief der Bub allein und jetzt ist er so bösartig und abscheulich. 
Er schlägt seine Mutter mit der Faust ins Gesicht, trotzdem er weiß, daß dies nicht 
erlaubt ist. Aber vermutlich ärgert er sich: Wie kannst du das mit dem Vater machen! 

— 12Q — 



Die Mutter hat ihn das ,Zwicki-Pussi' gelehrt, er aber kneift sie so stark, daß es 
wirklich sadistisch ist. Es tut direkt sehr weh, weil er die Haut so dünn nimmt, 
daß es tatsächlich empfindlich ist. Und der Bub weiß es, daß er weh tut. Der kleine 
Junge ist mit einem Mal sadistisch geworden. Es macht ihm Vergnügen, wenn Mutter 
tut, als wenn sie weinte, er bringt ihr sogar einen Lappen, wenn sie ihr Taschentuch 
einsteckt. Er wünscht eine Wiederholung des Spieles: sie soll weiter weinen. Denn 
er sagt immer: .Mama, bubu!' Er will also dieses Schauspiel genießen, trotzdem er 
genau weiß, Mama weint, weil er schlimm war. Und statt sich zu bemühen, artig 
zu sein, will er nur die Wiederholung des Schauspieles. Während er dies früher ver- 
mieden und sogar die Mutter gestreichelt hat, möchte er jetzt sehr, daß Mutter 
. weint." 

„Hansi war früher das gutmütigste, bravste Kind, was auch im Park von allen 
rühmend hervorgehoben wurde. Es hieß allgemein: .Das Kind hat keine Galle!' Jetzt 
aber gilt er als das unartigste, mit dem die anderen Kinder nichts mehr zu tun haben 
wollen. Er schlügt sie mit der Faust, beißt, kratzt, schreit, stößt mit den Füßen usw. 
Daß die Mutter nicht ganz ohne Schuld ist, beweist folgender Ausspruch von ihr, 
als der Bub in ihrem Bette liegt: ,Es ist so reizend, daß er an mir so herumklettert. 
Es gibt keine Stelle meines Körpers, wo er mich nicht liebkost. Und dann sage ich 
zu meinem Mann: .Wenn du nur halb so zärtlich wärest, wie der Kleine!'" 

Aus Hansis achtzehntem Monat. „Der Kinderwagen ist zerbrochen. Der 
Bub wird also vom Kindermädchen auf der Straße getragen. Dabei steckt er, — es ist 
strenger Winter, — seine Hände nicht in den umgebundenen Muff, ja er streift sogar 
seine Fäustlinge immer wieder ab. Aber angeblich um sich zu wärmen, steckt 
er seine Hände abwechselnd in den Blusenausschnitt des Mädchens an dessen Brüste. 
Alle anderen Wärmemöglichkeiten weist er zurück." 

„Nachdem der Kleine vom vierten Lebensmonat an immer onaniert, d. h. über den 
Windelhöschen gerieben hatte, hörte er mit eineinviertel Jahren plötzlich 
damit auf. Er griff nicht mehr hin, dagegen entwickelte sich eine außerordentliche 
Vorliebe für Vögel bei ihm. Das Kind schreit z. B. ,Vogi !' und greift nach dem 
toten Huhn, das in der Küche liegt. Oder er sieht auf einem Tischchen zwei Pfaue 
abgebildet und ruft ,Vogi!' Als er noch onanierte, hat man ihm einen Vogel aus 
allerlei Lappen gebracht, den er aber damals immer fortwarf. Seitdem er aber zu 
onanieren aufhörte, suchte er jenen Vogel wieder heraus. Und mit einer von einer 
Tante geschenkten Ente, einem Blechvogel, der schwimmen kann, spielt er beständig: 
,Das Vogü' Neulich kam er zu mir, ich soll den Vogi küssen. Dann küßte er ihn 
auf den spitzen Schnabel. Dieselbe Begeisterung zeigt er für einen Vogel, der sich 
aufziehen läßt und dann ein paarmal um seine Achse dreht. Den läßt er nicht los, 
mit dem geht er schlafen und jeder muß ihn bewundern. ,Vogi' und ,Pipi' (sein Glied) 
spricht er gut und deutlich aus, während er sonst im Sprechen zurückgeblieben ist." 



Über das Traumleben der Onanisten 
Von Dr. med. J. S. Galant, Moskau 

Bei den Onanisten kommen erotische Träume massenhaft vor. Dies findet seine 
Erklärung darin, daß der Onanist in der Onanie nur einen Notbehelf zur Befriedigung 
seiner Sexualität sieht und nicht die eigentliche Befriedigung. Dabei macht er sich 
alle möglichen Vorwürfe wegen seiner Onanie, ist in Gedanken und sonstwie immer 
an seine Onanie gebunden, mit einem Worte, er leidet an seinem Onanie- 

- I30 — 






komplex, der ihn überall, im Wachen und im Traumleben, verfolgt. Ist der 
normale reguläre Sexualverkehr Fähig, das Traumleben des Menschen von eroti- 
schen Träumen ganz zu befreien, so verhält es sich bei dem Onanieübenden gerade 
umgekehrt; sein sehnsüchtiger Wunsch nach Koitus bleibt bestehen, und da er noch 
dazu durch die Onanie in einen Zustand sexueller Überreizung gerät, so träumt er 
viel, und seine Träume tragen meist einen unverhohlenen, grob sexuellen Charakter. 

Der Onanist träumt meist von verschiedenen onanistischen Akten. Nicht selten 
sind gegenseitige Onanie und andere homosexuelle Akte (coitus per anum, Cunnilingus 
usw.) Inhalt dieser Träume. Er träumt weiter oft vom normalen Koitus mit einer 
weiblichen Person, wobei die Ejakulation (zugleich Pollution!) ante portas oder sofort 
nach Einführung oder während des Einführens des Penis in die Vagina geschieht. 
Der Onanist träumt die verschiedensten erotischen Bilder, die alle hier aufzuzählen 
wohl nicht möglich und auch nicht der Mühe wert ist. 

Andererseits kommen aber bei den Onanisten symbolische Träume onanisti- 
schen Charakters vor, die manchmal von großem Interesse sind. Hier möchte ich so 
einen Traum und seine Deutung anführen: 

A. träumt, er packe einen Korb mit verschiedenen Kleidern aus. Dabei merkt er, daß sich 
ein Teil der im Korb noch liegenden Kleider in Bewegung befindet, als ob vom Boden des 
Korbes etwas auf die Oberßäclie kommen möchte. Bald merkt er, daß sich auf dem Boden des 
Korbes eine ziscliende Schlange liervor macht und sich befreien möclite. Der Atem der Schlange 
ist so giftig brennend, daß der Rücken seiner rechten Hand aus weiter Distanz die Empfindung 
schmerzenden Brennens erleidet. Bald darauf zerrinnt die Schlange in eine weiße, laufende 
Masse, entsprechend den Bewegungen einer schnell kriechenden und verschwindenden Scldange. 

Der Korb mit den Kleidern und die zischende Schlange sind Symbole der 
Sexualität. Die Häufung der Symbole zur Bezeichnung der Sexualität im Traum 
sowie die besondere Lebhaftigkeit der Schlange und die Vieltuerei am Korbe mit 
den Kleidern sprechen für die besondere Regsamkeit der Sexualität und für die aus- 
schließliche Intensität des Sexualtriebes, der nach Befriedigung strebt. Diese 
Befriedigung geschieht im Traum durch eine recht interessante symbolische 
Andeutung der Onanie. Der giftig brennende Atem der Schlange verursacht 
Brennen, und zwar in der rechten Hand. Das will sagen, daß das Feuer der Sexualität, 
das ja im Koitus seine höchste Spannung erreicht, um dann im Orgasmus und in 
der Ejakulation zur völligen Entspannung zu gelangen, diesmal in der Hand, in der 
onanierenden Hand konzentriert ist, das heißt, die Befriedigung der Sexualität 
geschieht auf onanistischem Wege. Als die Befriedigung stattgefunden hat, „zerrinnt 
die Schlange" und es bildet sich eine „weiße, laufende Masse" — das ist, wie leicht 
einzusehen, das Ejakulat, das mit seinem Erscheinen die Schlange, die Sexualität, 
durch die Befriedigung zum Verschwinden bringt — in der Sprache des Traumes: 
„Die Schlange zerrinnt in eine weiße, laufende Masse." Die Sprache des Traumes ist 
so eindeutig, daß eine andere Deutung des Traumes, als die wir hier gegeben haben, 
kaum denkbar ist. , , 

Das Vorkommen onanistisch-symbolischer Träume bei den Onanisten spricht dafür, 
daß der Kampf gegen die Onanie, der bei dem Onanisten nie zum völligen Still- 
stehen kommt, auch im Traumleben seine Portsetzung hat, so daß die Onanie im 
Traum nicht direkt als solche geträumt wird, sondern eine symbolische Verkleidung 
erleidet. Es wiederholt sich hier dieselbe Geschichte, die wir be. allen anderen 
Psychoneurotikern, welche ihre Sexualität verdrängen, beobachten. Der Wunsch nach 
Erfüllung der Neigungen wird im wachen Leben verdrängt, und kommt er dann 
im Traumleben doch zur Erfüllung, so nimmt er eine verhüllte Gestalt an. 

- 131 - 



BERICHTE 



Bericht über den Kopenhagen er Kongreß der Weltliga für 

Sexualrcform 

Von Dr. med. Hertha Riese, Frankfurt a. M. 

Wie stark psychoanalytische Gedankengänge befruchtend auf das gesamte Gebiet 
der Sexualwissenschaft gewirkt haben, zeigie der Internationale Kongreß 
für Sexualforschung in Kopenhagen, gleichzeitig Gründungsversammlung 
der Weltliga für Sexualreform. Der Kongreß beschäftigte sich an vier ver- 
schiedenen Tagen mit verschiedenen allgemeinen Themen zur Sexualreform, Sexual- 
pädagogik, Geburtenregelung und Sexualgesetzgebung. Die Vorträge des ersten Tages 
waren und äußerten sich, soweit sie sich nicht mit reinen Organ- und therapeutischen 
Fragen beschäftigten, oder wie etwa der Vortrag Johanna Elberskirchens, der in 
seiner Auswirkung ein ausgesprochen pädagogischer Vortrag war, grundsätzlich 
antiklerikal. Die harten Widerstände, welche von den religiösen Organisationen 
der Welt einer wissenschaftlichen Sexualreform entgegengesetzt werden, veranlassen 
die Sexualreformer, offenbar mehr und mehr sich klar und aktiver gegen alles 
konfessionell Eingestellte abzugrenzen im Gegensatz zur bisherigen Einstellung, in 
der sich die Abkehr vom Konfessionellen rein sachlich aus den wissenschaftlichen 
Erkenntnissen und dem rein wissenschaftlichen Denken ergab. Magnus Hirsch feld 
hat seinen Vortrag vollständig dieser Auseinandersetzung zwischen konfessioneller 
Sexualordnung und der von ihm als biologisch bezeichneten Sexualregelung gewidmet. 
An Hand der zehn Punkte der Wellliga zeigt Hirschfeld an akuten Problemen die 
Behinderung des Fortschrittes, die durch dogmatische konfessionelle Auffassung be- 
wirkt wird: die mangelnde Anerkennung der völligen Gleichwertigkeit, wenn auch 
Andersartigkeit der Frau, die Schwierigkeiten in der Frage der Ehescheidung, der 
Geburtenregelung, der eugenischen Beeinflussung der Nachkommenschaft, der An- 
erkennung der unehelichen Mutterschaft und der Gleichberechtigung des unehelich 
geborenen Kindes, in dem Fehlen der vorurteilsfreien, rein sachlich wissenschaftlichen 
Beujteilung der von Hirschfeld als intersexuellen Varianten bezeichneten sexuell 
abartigen Männer und Frauen, in der Bekämpfung der Prostituierten als einer 
Sünderin, statt der Bekämpfung der Prostitution durch soziale Maßnahmen unter 
der Einsicht, daß die Prostituierte ein Produkt ihrer Anlage und ihrer Umwelt ist, 
die sie bildete und dauernd bildet. Des ferneren in der Auffassung ausgesprochener 
Triebstörungen, die die Kirche als Sünde und Laster brandmarkt und die als mehr 
oder weniger krankhafte Erscheinungen aufzufassen sind. 

Der Einfluß des Christentums auf unsere Sexualgepflogenheiten wird nach 
D i n e s e n (Kopenhagen) überschätzt. Priester und Kirche gaben nur alten primitiven 
Sexual Vorschriften durch Berufung auf die göttliche Herkunft dieser Vorschriften 
eine stärkere Autorität. Die früheren Sexualvorschriften seien sachlich notwendig 
gewesen, wie etwa die Verpönung der unehelichen Mutterschaft und des vorehelichen 
Geschlechtsverkehres einen Schutz bedeuteten eben gegen uneheliche Mutterschaft, 
die eine Belastung der Allgemeinheit und ungünstige Bedingungen schufen für die 
uneheliche Mutter und das uneheliche Kind. Erst die Entdeckung sicherer oder 
annähernd sicherer und unschädlicher konzeptionsverhütender Maßnahmen habe eine 
der Grundlagen geschaffen, alle Sondervorschriften zur Regelung der Geschlechts- 
beziehungen der Menschen zu erübrigen, die von nun ab nur noch nach den all- 

— 132 — 



. 






gemeinen Vorschriften gesitteten Verhaltens der Menschen untereinander geregelt 
zu werden brauchten. 

Die religiösen Gebräuche fast sämtlicher Kulturen zeigen nach Kr i sc he ein 
Nebeneinander bejahender und verneinender Stellung zur Sexualität. Schon die tote- 
mistische Kultur sogenannter Naturvölker zeigt sowohl starke Sexualbetonung als 
auch starke und strenge Beschränkung des Sexualverkehres. Dieses Nebeneinander 
bejahender und verneinender Tendenzen in den verschiedenen Kulturen kann nicht 
als dauernder Parallelismus ohne Wechselwirkung aufgefaßt werden, sondern es 
handelt sich vielmehr um einen dialektischen Prozeß, der bejahende und verneinende 
Einstellungen zum Sexualproblem bewirkt, die infolge unbefriedigender Lösung des 
Sexualproblems sich jeweils gegenseitig ablösen. Als markantestes Beispiel dieses 
dialektischen Prozesses betrachtet Krische das Aufkommen der asketischen Reaktion 
des Christentums auf die vorwiegend bacchantisch betonte Einstellung der späten 
Antike. Durch das Einsetzen sexualwissenschaftlicher Klärung mit ärztlich heilender 
Betrachtung weicht das Grauen, mit dem die Sexualität den Menschen sowolü bei 
bacchantischer wie asketischer Betrachtungsweise erschüttert. Die Religion hat als 
bacchantische wie als asketische sich der Sexualität bedient, entweder Qual und Un- 
berechenbarkeit dumpfen Trieblebens als Quelle von Reue und Gefühl der Sünd- 
haftigkeit oder korybantischen Sexualrausch als Quelle seelischer Bindung benutzt. 
Sie muß sich gegen Sexualwissenschaft und deren Entschleierung von Kräften wehren, 
auf deren dunklem Dasein sie aufbaut. Das Ziel der Sexualreform sieht Krische in 
der Beseitigung jeder S e x u al aus nutz ung durch gesellschaftliche 
Maßnahmen, Verständnis der verschiedenen Sexualer- 
scheinungen, Schaffung einer zu sexueller Freiheit und Ver- 
antwortung fähigen Menschheit, Ausnutzung des Sexualtriebes durch 
seine Sublimierung und verantwortungsbewußte Einordnung 
in die Notwendigkeiten der Allgemeinheit für aktive schöpferische Arbeit. 
Mit einem Bekenntnis zu Freud in seinem Buche „Die Zukunft einer Illusion" 
beschließt der Vortragende unter ztikunftsfroherer Einstellung, daß mit sozialem 
Aufstieg der Massen auch ihre sexuelle Emanzipation Hand in Hand gehen werde. 

R a n u 1 f, Kopenhagen (Das sexuelle Tabu in der modernen Gesellschaft), 
cing auf die alten Tabuvorschriften und ihre Ursachen zurück. Die ursprüngliche 
Form des Verbotes des Inzestes ist die Exogamie im Clan (Dürkheim), die sich 
u. a. auch auf Mitglieder erstreckt, die durch Adoption dem Clan einverleibt 
wurden. Hier ist also eigentliche Blutgemeinschaft noch nicht entscheidend, vielmehr 
macisch-mystische Kräfte, die dem Blute und insbesondere auch dem Menstruations- 
blute der Frauen anhaftend gedacht werden. Daß ein Teil der alten Tabuvorschriften, 
sobald Klarheit und Kenntnis an Stelle mystisch-magischer Vorstellungen trat, ver- 
lassen wurde und Sexualverbote nicht, führt Ranulf auf eine Art Ressentiment 
zurück, das allem Sexuellen gegenüber entsteht in einer Gesellschaft, die — wie er 
mit Max Marcuse annimmt — in ihrer großen Mehrheit in sexueller Abstinenz 
lebt. Positive Bewertung der Sexualität wäre bei eigener Abstinenz mit einem un- 
erträglichen Gefühl der Demütigung und Minderwertigkeit verbunden. Der 
Protestantismus wird eines wesentlichen Anteiles an dieser negativen Beurteilung der 
Sexualität beschuldigt. Die natürliche bejahende Einstellung zur Sexualität sei trotz 
des Protestantismus nicht zu verhindern, die neben der verneinenden besteht und 
sich unter anderem in einer geringschätzigen Betrachtung der Impotenz der alten 
Jungfer äußert, und in einer Bewunderung des Don-Juan- und Casanova-Typs. Gerade 
diese ambivalente Einstellung zur Sexualität erinnert an die primitive Einstellung 
zum Tabu. Unsere Aufgabe ist es, ambivalente, emotionell bedingte Einstellungen 
in der sexuellen wie in jeder Frage des Lebens aufzugeben und streng rationale 
Wege zu beschreiten. Die unzureichende Erfüllung der Gesetze der 
Vernunft betrachtet er als Bedrohung der gesamten Zivilisation. 

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Peter Schmidt, Berlin (Aktivierung und Reaktivierung der Keimdrüsentätigkeit), 
führte aus, dnß die mittelalterliche Einstellung- zur Potenz als einer ausschließlichen 
Genitalfunklion mehr und mehr abgebaut wird, und daß mehr und mehr die Auf- 
fassung der Potenz als einer sehr bezeichnenden Manifestation der Gesamtpersönlichkeit 
sich durchringt. Daß Störungen der Erotisierung und Potenz körperlicher und 
geistiger Natur sein können, verdanken wir den Erkenntnissen der letzten Jahrzehnte. 
Die beiden Hauptpfeiler, auf denen der mächtige Bau der neueren Medizin ruht, 
heißen Endokrinologie und Tiefenpsychologie. Selbst der sexuologisch geschulte Arzt 
hat zu wenig unterscheiden gelernt, welche Störungen ausgesprochen psychogener 
Natur und nur von dieser Seite angegangen werden dürften, und welche Störungen, 
rein endokriner Natur und von dieser Seite zu beeinflussen sind. „Das Unbewußte 
ist in seiner ungeheueren Machtstellung dem Praktiker unbekannt, und von der 
Energetik und psychophysischen Korrelation, die gerade in der Vita sexualis, der 
höchsten physiologischen Funktion, eine so dominierende Rolle spielt, will er nichts 
wissen." „In dies Bergmassiv menschlichen Leidens sind Stollen von zwei entgegen- 
gesetzten Seiten getrieben worden. Auf der einen Seite stehen die Männer, die den 
Ablauf der Lebensfunktionen durchaus aus dem Seelischen entstanden und gesteuert 
ansehen. Auf der anderen Seite findet sich die weitaus größere Menge derjenigen, 
denen ihr ganzes Wesen eine mehr materialistische, mechanistische Einstellung 
vorschreibt." „Es wird die Zeit kommen, wo die Schächte weiter durchgetrieben 
sind und die Führer der Gruppen einander die Hände reichen werden. Zu diesem 
Zeitpunkt wird die mechanistische Einstellung ganz wesentlich an Terrain verlieren, 
und es wird sich die Überzeugung durchsetzen, daß es wirklich und einzig der Geist 
ist, der sich den Körper schafft." „Ich sehe keinen Hinderungsgrund dafür, daß auch 
die Funktionen endokriner Drüsen in Zukunft einmal von einem ausschließlich 
seelischen Impuls gesteuert werden können. Erfahrene Psychotherapeuten können 
derartige Wirkungen auch heute schon unter Heranziehung scharfer biologischer 
Teste vorweisen." 

Dora Russell (London) hat, nach ihrem Referat zu schließen, als Praktikerin, 
Schulleiterin, sich psychoanalytische Gesichtspunkte in ihrem Schulwerk zu eigen 
gemacht. Sie vertrat den Standpunkt, daß die Sexualpädagogik in frühester 
Kindheit zu beginnen hat, daß Natürlichkeit dem gesamten Sexualgeschehen gegen- 
über nur dann erzielt werden kann, wenn schon die Erziehung zur Reinlichkeit mit 
den Körperausscheidungen ohne Erweckung von Ekelgefühl versucht wird, da das 
Kind ein natürliches Gefühl der ganzen Geschlechtssphäre gegenüber niemals 
bewahren könne, wenn eine der Geschlechtssphäre so nahe Körpergegend dem 
Kinde als ekelhaft dargestellt würde. Die Aufklärung, in allerfrühester Kindheit 
begonnen, habe jede Frage des Kindes auf das Selbstverständlichste und Natürlichste 
so weit zu beantworten, wie das Kind gerade fragt. Seine Frage würde dem Grade 
seines derzeitigen Verständnisses entsprechen. Onanie von Kindern in kindlicher 
Gemeinschaft, bei der von ihr verfolgten Erziehung, käme nur in vereinzelten Fällen 
vor und sei dadurch zur Heilung gebracht worden, daß die Beziehung des Kindes zu 
recht netten Kindern der Gemeinschaft und zur Gemeinschaft überhaupt zu ver- 
tiefen versucht worden wäre, es sei niemals etwas verboten worden, nur sei auf das 
leicht Reizende und Verwundende starker Reibungen an jeglicher Stelle des Körpers 
hingewiesen worden. 

Merritt H a w k e s (Birmingham) meint, wir dürften die Kinder nicht nur soweit 
aufklären, wie sie fragen, sondern wir müßten aktiv mit der Aufklärung an sie 
herantreten. Im übrigen verlangte Hawkes, was Ref. schon vor Jahren in Eingaben 
vergeblich zu erreichen versucht, Aufklärung durch anatomisch-physiologischen und 
psychologischen Unterricht in der Schule, der in den Schulen in den untersten 
Klassen zu beginnen habe und nicht in poetischer Analogie mit den Geschlechts- 
geschehnissen der Pflanze erteilt wird, eine Analogie, mit der das Kind nichts 

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anzufangen weiß, die begründet ist in unserer Scham und dem Kind die gesunde, 
sachliche Natürlichkeit nimmt. Der Einwand, die Lehrerschaft sei ungeeignet, darf 
nicht gelten, sie wird allmählich geeigneter werden und selbstverständlich je nach 
eigener Stellung zur Sexualität (Abstinenz usw.) immer befangen bleiben. 

P r i e d j u n g (Wien) führt aus, daß zu sexualpädagogischen Vorträgen in der 
Massenpropaganda nur geeignet sei, wer sich ganz solchen Fragen widme und die 
Würde sittlichen Ernstes in der gesamten Lebenshaltung trage. Jugendliche und 
Erwachsene seien zu trennen; die Verantwortung vor Jugendlichen sei wesentlich 
größer, die Geschlechter solle man auch bei Jugendlichen nicht trennen. Die Vor- 
träge seien frei zu halten und haben sich nicht nur an den Verstand, sondern auch 
an Gemüt und Phantasie zu wenden; man spreche nicht von oben herab, sondern 
behandle einen ernsten Gegenstand, der uns alle angeht. 

Max H o d a n n (Berlin) ist der Überzeugung, ohne soziale grundlegende Ände- 
rungen sei keine grundlegende Sexualreform zu erreichen, schon weil bei dem jetzigen 
System und bei dem starken Einfluß klerikaler Kreise auf die Schule eben dieses 
wichtigste Instrument der Erziehung nicht genügend im Sinne unbedingter Sexual- 
reform zu beeinflussen sei. 

Heinrich Meng (Stuttgart), der in den internationalen Ausschuß der Weltliga 
gewählt wurde, sieht die Aufgabe der Sexualpädagogik in der Aufdeckung gesetz- 
mäßiger Zusammenhänge in normaler und nicht normaler Entwicklung und in der 
Anbahnung einer Pro phylaxe, die sich auf unserem gesamten biologischen Wissen 
aufbaut. Mit der Erkenntnis unserer biologischen und psychologischen Bedingtheit 
ist aber nur eine Teilansicht der im realen Leben wirksamen Kräfte gegeben. Will 
man die gesamten den Menschen bestimmenden konditioneilen Tatsachen in den 
Kreis der Betrachtung ziehen, so müsse man den Einflüssen des Milieus aus- 
reichend Rechnung tragen. Vor Freud und der von ihm in Angriff genommenen 
Erforschung frühester Phasen und tiefster Schichten wäre es unmöglich gewesen, 
eine Prophylaxe zu treiben und eine Sexualpädagogik, die darauf hinausläuft, Neu- 
rosen des Kindes und somit der Erwachsenen zu verhüten, Perversitäten, 
Degeneration, Atavismen, Kriminalität und Asozialität, die größten Feinde des 
Ausreifens der Persönlichkeit, die Hauptfeinde des kulturellen und sozialen Friedens, 
durch Heilwirkung anzupassen. Mit der Aufklärung als solcher sei keine Neurose zu 
verhüten. Das Kind setzt jeder Erziehungsmaßnahme, auch der Aufklärung, seine 
eigenen Wünsche und seine eigene Phantasiewelt entgegen, ebenso ist das Kind in 
gewissem Sinne imstande, die Sexuallügen der Erwachsenen durch eigene kindliche 
Forscherarbeit zu überprüfen. Sache der Erzieher ist, aufrichtig und feinfühlend die 
Fragen zu beantworten, die das Kind bewußt oder unbewußt stellt. Aufklärung hat 
zu erfolgen sachlich unter Vermeidung jeglicher Lüge und Heuchelei — Voraussetzung 
wirklicher Liebe ist Aufrichtigkeit — rechtzeitig, weil in jedem Menschen die Anlage 
tur Perversität schlummere, so daß Sexualpädagogik sich schon in der Art der 
Wartung des Säuglings betätigen muß, persönlich, weil bei aller Gemeinschaft der 
Artung jeder Mensch seine persönliche Eigenart besitzt. Wichtig für den Erwachsenen 
zu wissen ist, daß das Kind in der Spielzeit durch Worte und durch Agieren seine 
Probleme darstellt und vorlegt, Darstellungen, auf Grund deren der Erwachsene 
erfassen muß, wann und wie er sprechen muß. Meng hält eine Aufklarung für 
biologisch zweckmäßig, die auf die dumpf auftretenden Vorstellungen, Gedanken 
und Gefühle (Ewald Hering, Gedächtnis der Materie) aufbaut, und bei der die 
Trieberziehung nach vernünftigen Gesichtspunkten die Triebbeherrschung bahnt. Da 
wir wissen, daß das Kind sehr früh nachahmt, daß es die Fähigkeit hat, auf Reize 
in bestimmter Form und in bestimmtem Rhythmus mit Handlungen gleicher Form 
und Rhythmus zu antworten (Driesch), so ist Erziehung eine Angelegenheit des 
gesamten Verhaltens der Umwelt, der Erzieher hat sein gesamtes Verhalten als 
Reiz zu werten und sich für sein gesamtes Verhalten verantwortlich zu fühlen. 

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Schließlich sei eine wichtige Forderung der Erziehung die Vermeidung des Auf- 
tretens von Schuldgefühlen, da Schuldgefühle die Stärke der zu verdrängenden und 
zu beherrschenden Triebe nicht verringern, sondern steigern. Schuldgefühle und 
soziale Angst steigern Bereitschaft zur Neurose, sie steigern die Gewissenszweifel 
damit die Ambivalenz, die Quelle des Zwangs und des zwanghaften Charakters. 
Meng fordert sexualpädagogische Vorbereitung in Seminarien, Hochschulen, Universi- 
täten. Lehrern, Ärzten, Erziehern fehlt es an den notwendigen sexualpädagogischen 
Kenntnissen für ihre verantwortungsvolle Aufgabe an Individuum und Gemeinschaft. 

Johanna Elberskirchen machte den Vorschlag, die Sexualnot der Zeit 
dadurch zu lösen, daß man der ihrer Meinung nach bestehenden sexuellen Überzüchtung 
der Frau entgegenwirke. Sie führte aus, daß im natürlichen Zustand die Frau in 
erster Reihe B.assewesen und nur in zweiter Geschlechtswesen sei, daß es ihre Auf- 
gabe in erster Linie gewesen sei, sich selbst zu erhalten, selbst tüchtig zu sein und 
nicht, sich selbst erhalten zu lassen. Die Frau als Rasseivesen ist selbständig und 
sexualunabhängig. Die zweite Aufgabe, die Gattung zu erhalten, geschah in halb- 
jähriger Geschlechtsperiodizität; nach der Zeugung tritt Selbständigkeit ein. Das 
natürliche Weib hatte dann sich und das Kind selbständig und unabhängig zu 
erhalten, sein Wirkungskreis war weiter gezogen, seine biologische Leistungskraft 
war weit größer als das des Kulturweibes, die Naturaufgabe erforderte ungemein 
große biologische Vollwertigkeit. In der Natur käme keine Erhaltung des weiblichen 
durch das männliche Wesen vor, höchstens gegenseitige Hilfe. Die Rasse- und die 
Geschlechtsorgane können sich nicht gegenseitig vertreten, die Rasseorgane dienen 
der Erhaltung des Individuums, die Geschlechtsorgane der Erhaltung der Art. Die 
Kultur hat diese Unbedingtheit aufgegeben, der Mann beraubte die Frau ihrer 
Rassewesenheit auch als Mutter, er ernährte Weib und Kind und übernahm somit 
sozusagen die Mutterfunktion. Das Weib blieb nur noch leidendes, passives 
Geschlechtswesen, das nur noch durch den Mann, in legaler Form in der Ehe, in 
illegaler Form in der Prostitution, erhalten wurde, ihre Geschlechtsorgane 
sind die Quelle ihrer Ernährung, ihr Lebensspielraum be- 
grenzt auf die Gattungsvorgänge. Diese Störung der Naturordnung sei 
die Quelle der Konflikte. Johanna Elberskirchen sieht in dem Kampf gegen 
die biologischen Ursachen dieser sexuellen Überzüchtung des Weibes durch den 
sexuell labilen und überreizten Mann einen Weg aus dem Sexualelend. 

Die Auffassungen Johanna Elberskirchen sind besonders interessant dadurch 
daß sie die Lösung aus sexuellen Nöten unserer Zeit auf dem entgegengesetzten 
Wege wie van de V e 1 d e sucht. Van de V e 1 d e glaubt, die Frau besser den natur- 
fremden, durch die Jahre des vorehelichen Prostitutionslebens entstandenen Bedürf- 
nissen des Mannes nach künstlichen Sexualreizen anpassen zu müssen, während 
Johanna Elberskirchen den Mann für den der Anpassung Bedürftigen an die 
noch naturnahe und gesündere Frau hält. Der Unterschied der beiden Auffassungen 
erklärt sich nicht zum wenigsten aus der verschiedenartigen Auffassung der Ehe, die 
beide Autoren vertreten. Während van de Velde sich offen zur kapitalistischen Ehe 
bekennt, besonders in seinem neuen Buche „Die Abneigung in der Ehe", und damit 
zur Spätehe des Mannes und zur Prostituiertenschule vor der Ehe, will Johanna 
Elberskirchen die Ehe der gleichberechtigten, unabhängigen, sozial tüchtigen 
Partner, gebunden nur durch naturhafte und starke Zuneigung. 

Helene S t ö c k e r trat für Kameradschaftsehe ein als einen vorläufigen Weg, 
der Jugend über die sexuelle Krise hinwegzuhelfen. 

Einen letzten Vortrag zum Thema der Sexualpädagogik hielt Swoboda (Wien) 
über Sinn und Würde des Gesclüechtslebens, die er in der Verewigung des Lebens 
durch die Zeugung erblickt. Man müsse den jugendlichen Menschen auf diesen Sinn 
und diese Würde des Geschlechtslebens hinweisen, um damit dem Geschlechtlichen 
überhaupt die alte Minderbewertung zu nehmen. 

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In der Diskussion zur Sexualpädagogik wurde kurz nochmals zur Frage der 
Onanie Stellung genommen. Während Hirschfeld in seinem Referate der Ansicht 
Ausdruck gegeben hatte, daß der Katholizismus in seiner Einstellung und in der 
Verbreitung von Schreckensauffassungen über die Folgen der Onanie erst eigentlich 
die Folgen heraufbeschworen hat, eine Auffassung, die von F r i e d j u n g unter 
Erweiterung auf allgemeine erzieherische Fehler bestätigt wurde, so warnte Hertha 
Riese (Frankfurt a. M.) vor einer einseitigen Überwertung dieser äußeren erziehe- 
rischen Faktoren in dieser Frage, in der Überzeugung, daß die Vorwürfe der Mastur- 
banten sich auch erklären ließen aus der Tatsache, daß die Onanie eine reine 
Sexualhandlung sei, des Sinnes der Liebe völlig entkleidet, in ihrer Beziehung auf 
das Du, das Überindividuelle, und damit in ihrer Bindung an Gemeinschaft und 
Kosmos. Während Dora Russell der Ansicht zu sein schien, daß die Onanie der 
Kindheit den Orgasmus für das spätere Leben stört, bestritt Meng, daß der Nach- 
weis für eine solche Auffassung sich erbringen ließe. Vielleicht wird hier von den 
Vertretern der ersten Ansicht Ursache und Wirkung verwechselt; es ist naheliegend, 
anzunehmen, daß der exzessive Masturbant der Kindheit der Beziehungsunfähige, 
-unfreudige, Kalte des späteren Lebens ist. 

Brupbacher fordert die Anleitung der Menschen zum richtigen Gebrauch 
der Sexualorgane. Er stellt folgende Imperative auf: Die Sexualität ist Privatsache, 
solange sie nicht Mitmenschen schädigt. Es soll die Freiheit des Abortes bei eugeni- 
scher Indikation festgelegt werden. Nicht das Moralisieren der Männer, sondern bloß 
die ökonomische Selbständigkeit der Frau ist Schutz vor der Tragödie der unehelichen 
Mutter Die Wahrhaftigkeit der sexuellen Beziehungen setzt die ökonomische Selb- 
ständigkeit der Partner voraus. Es wäre zu wünschen, daß eine kinderlose Probezeit 
jeder definitiven Ehe vorausgehe. Sie würde vielen, die nicht zu einander passen und 
die nach der Geburt eines Kindes trotzdem zusammenbleiben, dies tragische 
Zusammensein ersparen. Wir müssen den Menschen zeigen, wie sowohl am einzelnen 
als in der Gesellschaft der irrational gelöste Konflikt der Sexualität mit der Selbst- 
erhaltung Ursache der sexuellen Heuchelei ist. 

Leunbach (Kopenhagen), der den Kongreß in Kopenhagen auf das wohl- 
gelungenste vorbereitet, ein Arzt, der ohne jegliche Unterstützung durch irgend eine 
Organisation seit Jahren den Frauen des Proletariats die empfängnisverhütenden 
Maßnahmen gezeigt hat, um ihnen, viel bekämpft von Andersdenkenden, die wirt- 
schaftliche Lage zu erleichtern, verglich in seinem großen ausgezeichneten Referat 
über Geburtenregelung die Entdeckung der Möglichkeit der Trennung von 
Geschlechtsverkehr von seinen sonst notwendigen Folgen: der Empfängnis für die 
Frau, mit der Entdeckung des Feuers. Der Mensch hat das Feuer nicht zum Sengen 
und Branden benutzt, sondern mehr und mehr die Verantwortung seiner Macht und 
Freiheit nutzen gelernt und das Feuer in den Dienst aufbauender Menschenarbeit 
gestellt. Leunbach ist der Überzeugung, daß der Mensch, wenn Geburtenregelung 
Allgemeingut geworden, sich nicht den Lebensnerv durch allzu starke 
Beschränkung seiner Nachkommenschaft abschneiden wird 
das heißt, die Menschheit wird sich nicht durch Mangel an Nachkommenschaft 
selbst vernichten, aber es wird vielleicht nötig sein, allen das Leben lebenswerter 
zu gestalten, wenn die Verantwortung übernommen werden solle, EnUr, axe 
wünscht, die man liebt und die man glücklich und nicht mit Not überlastet sehen 
will, in die Welt zu setzen. 

Daß Krankheit und Sterblichkeit in der gesunden Vielkinderfamilie (gesund heißt, 
die Eltern sind gesund) viel größer ist als in der kranken kleinen Familie, wurde 
von Hertha Riese (Frankfurt a. M.) hervorgehoben. Sie wies an Hand naturwissen- 
schaftlicher und geschichtlicher Tatsachen darauf hin, daß sich das Leben immer 
zur Überfülle entfalten will, und daß die Überfülle sich immer wieder selbst auf- 
hebt Wer glaubt, der Sieg einer Sache würde nur durch die Menge durchgesetzt, 

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der mag schon aus geologischen Vorgängen lernen, daß der Sieg einer Tierart in 
der Erdgeschichte immer mit ihrem Untergang endete (Hermann Schulte, Vaerting). 
Schon im Tierreich sehen wir, daß mit steigender Bevölkerungsdichte Sterblichkeit 
Tunimmt, Lebensdauer abnimmt, und schon das Tier schrankt im beengten Lebens- 
raum seine Nachkommenschaft ein (Pearl). Der Mensch hat auch schon immer trotz 
Krieg und Seuchen durch Kindesaussetzungen, Abtreibung und Enthaltsamkeit seine 
Zahl eingeschränkt. Auch die Enthaltsamkeit ist nicht der richtige Weg (auf tiefere 
Begründung kann hier aus Platzmangel nicht eingegangen werden), sie kann bei 
gesunden Menschen, besonders bei gesunden Eheleuten, nicht allgemein als unschäd- 
lich betrachtet werden, und vor allem hat sie nicht eine Auslese zum Schlechtem 
verhindert. Die Begabtesten, die Priester, wurden von der Fortpflanzung ausge- 
schaltet, die Unbeherrschtesten und die gedankenlos Folgsamsten haben die meisten 
Kinder in die Welt gesetzt, Kinder, die selbst in den Patrizierfamilien und deren 
günstigen Verhältnissen dem Tode geweiht waren und die durch ihre Riesenzahl 
(16 Kinder bisweilen) den Untergang ihrer stolzen Familiengeschlechter nicht auf- 
halten konnten (Lapouge). Bei Bejahung des Lebens, des Kindes, der Mutter- und 
Vaterschaft soll dem freien Menschen zustehen, selbst in Freiheit und Verantwortung 
mit hygienischen, vernünftigen Mitteln seine Kinderzahl nach eigenen Kräften und 
denen der Gemeinschaft einzurichten. Diese Einstellung kann nicht erzwungen 
werden, nur durch geeignete Erziehung zur Freiheit und Verantwortung in einer 
Gemeinschaft erreicht werden, die menschenwürdige Lebensbedingungen für alle 
schafft. 

Franz Rosenthal (Berlin) spricht über die Schwierigkeiten der aus sozialen 
und eugenischen Gründen so wichtigen Geburtenregelung in der Trinker- 
familie. Der Coitus interruptus, die im Volke noch allgemein geübte Methode 
der Konzeptionsverhütung, erfordert vom Manne stärkste Selbstbeherrschung, die 
schon bei kleinen Alkoholmengen verloren geht. Das führt zu gehäuften 
Fehlgeburten und frühem Altern der Frau. Er fordert Aufklärung der Frauen darüber 
und anschließend an den Krankenhausaufenthalt Aufklärung über konzeptionsver- 
hütende Maßnahmen. Notwendig sei, das Okklusivpessar zur kassenpflichtigen 
Leistung zu machen. Die Schwangerschaftsunterbrechung bei der Trinkerfrau sei 
sehr zu begünstigen. 

August Kirchoff (Bremen) schildert eingehend und eindrucksvoll aus prak- 
tischer Erfahrung und unter Zugrundelegung fürsorgerischer Berichte und allge- 
meiner Statistiken die Not der kinderreichen Familie. 

Aufklärung über Konzeptionsverhütung muß nach H o d a n n 
Vortragshörer auf die Notwendigkeit der eigentlichen und wesentlichen Aufklärung 
in ärztlicher Sprechstunde oder Beratung hinweisen. Norman H a i r e berichtet über 
die Leitung seiner Geburtenregelungsstelle. 

Der letzte Kongreßtag war der Sexualgesetzgebung gewidmet. Professor 
Pasche-Oserski (Kiew) sprach über das Sexualstrafrecht in der Sowjetunion. 
Er führte aus: Strafe und Vergeltung ist nicht das Ziel des Sowjetstrafrechts. Seine 
Aufgabe ist allseitiger Schutz des Staates der Werktätigen gegen die sozial gefähr- 
lichen Handlungen durch Anwendung nicht der Strafen, sondern Maßnahmen des 
sozialen Schutzes. Der Sowjetstaat verteidigt sich nur gegen solche Sexualverbrechen, 
welche eine reale Gefährlichkeit für die Sowjetrechtsordnung darstellen. Daher hat 
das Sowjetsexualstrafrecht eine ganze Reihe von sogenannten Sexualverbrechen über 
Bord geworfen, die heute noch die Strafgesetzbücher anderer Länder belasten. Und 
zwar straft das Sowjetsexualstrafrecht nicht mehr: Ehebruch. Der Geschlechtsverkehr 
zwischen Ehegatten und die eheliche Treue werden als Privatsache der Eheleute an- 
gesehen. Der Sowjetstaat stellt jedes geschlechtliche Zusammenleben von Mann und 
Frau der registrierten Ehe gleich. Deshalb ist auch das Verbrechen des Konkubinats 
dem Sowjetsexualstrafrecht fremd. In der Sowjetunion gibt es weder uneheliche 

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Mütter noch uneheliche Kinder. Unabhängig von der Form des Zusammenlebens, 
haben die Frauen und die in diesem Zusammenleben geborenen Kinder alle Rechte. 
Ebensowenig verfolgt das Sowjetsexualstrafrecht die Blutschande, da nach den 
neuesten eugenischen Erfahrungen auch Blutsverwandte völlig gesunde Nachkommen 
erzeugen können, vorausgesetzt, daß die Eltern selbst gesund sind. Das Sowjetsexual- 
strafrecht ist ferner der Ansicht, daß die Sodomie (geschlechtlicher Verkehr mit 
Tieren) keine widerrechtliche Handlung, sondern einen krankhaften Zustand der 
Psyche des Täters darstellt. Auch die Päderastie und die lesbische Liebe sind aus 
den Listen der Verbrechen gestrichen: das Sowjetsexualstrafrecht ist der Meinung, 
daß der sogenannte „widernatürliche" Geschlechtsverkehr entweder eine völlig 
natürliche Erscheinung oder ein Ausdruck einer krankhaften Geistesverfassung ist. 
Die Prostitution ist vom Gesichtspunkte des Sowjetstaates ein rein soziales Übel. 
Der Sowjetstaat erblickt seine Aufgabe nicht im Kampf gegen die Prostituierten, 
sondern im Kampf gegen die Prostitution. Deshalb richtet er sein Hauptaugenmerk 
auf die Gewährung sozialer Hilfe für die Prostituierten. Die Geschlechtskrankheiten 
bekämpft die Sexualgesetzgcbung der Sowjetunion durch Androhung von Freiheits- 
entziehung für Ansteckung mit Geschlechtskrankheit und sogar für die Gefährdung 
solcher Ansteckung weiterhin Zwangsuntersuchung und Zwangsbehandlung der ge- 
schlechtskranken Personen. In der Frage der Abtreibung und der Verhütungsmittel 
nimmt das Sexualstrafrecht folgende Stellung ein: Kann die Frau aus wirtschaft- 
lichen Gründen das Kind nicht aufziehen und ist der Staat heute noch nicht im- 
stande, für jedes neugeborene Kind zu sorgen, so muß der Staat nicht nur die 
Verhütungsmittel, sondern auch die Abtreibung zulassen. Deshalb unterliegt die 
schwangere Frau selbst wegen Abtreibung nicht der strafrechtlichen Verantwortlich- 
keit. Ebenfalls ist die Abtreibung, wenn sie durch einen entsprechenden Spezialisten 
und unter entsprechenden Bedingungen vorgenommen wird, straffrei. Entsprechend 
gewinnt in der Sowjetunion eine immer größere Bedeutung die Propaganda für 
Anwendung der Verhütungsmittel unter den Frauen. In den Apotheken und Drogerien 
werden die Verhütungsmittel frei verkauft. Zum scharfen Unterschied vom Sexual- 
strafrecht anderer Länder, hat das Sowjetsexualstrafrecht als erstes gleichen Schutz 
beider Geschlechter erklärt. Daraus ergibt sich eine sehr weitgehende Fassung des 
Begriffs der Vergewaltigung. Und zwar ist im Sowjetsexualstrafrecht die Verge- 
waltigung denkbar nicht nur als eine Vergewaltigung der Frau durch den Mann, 
sondern auch eines Mannes durch einen anderen Mann, einer Frau durch eine 
zweite Frau und auch eines Mannes durch eine Frau. Das Sowjetsexualstrafrecht 
schützt vor Vergewaltigung jede Person, u. a. auch die mit dem Vergewaltigenden 
im Ehestand lebende und auch eine die Prostitution ausübende Person. Eine 
besondere Beachtung verdient ein Sexualverbrechen, das nur dem Sowjetsexualstraf- 
recht bekannt ist, nämlich Nötigung zum Geschlechtsverkehr mit einer Person, zu 
der die genötigte Person in materieller oder dienstlicher Abhängigkeit steht 

Bondy (Prag) besprach den neuen Entwurf des Sexualstrafrechts in der 
Tschechoslowakei, an dem er als Nervenarzt mitgearbeitet hat, ein Entwurf, 
der einen weitgehenden Fortschritt gegenüber den verschiedenen letzten deutschen 
Gesetzentwürfen bedeutet. Es sei u. a. erwähnt, daß die Todesstrafe in dem Ent- 
wurf abgeschafft ist, ferner die Bestrafung dessen, der aus Mitleid einen anderen 
tötet, dessen naher Tod gewiß, aber dessen Leben noch eine Zeitlang mit grausamen 
Schmerzen und Qualen verbunden wäre. Der Entwurf läßt die von einem Arzt mit 
Einwilligung der Schwangeren vorgenommene Tötung der Frucht straffrei, wenn der 
Mutter durch die Geburt die Gefahr des Todes oder einer schweren Gesundheits- 
schädigung drohen würde; die Tötung der Frucht bleibt auch dann straffrei, wenn 
der Frau auch auf andere Weise Hilfe gewährt werden könnte, wie beispielsweise 
durch einen Kaiserschnitt. Ebenso ist die Tötung der Leibesfrucht gestattet, wenn 
die Befruchtung durch Gewalt, durch Schändung oder durch einen Geisteskranken 

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erfolgt ist oder wenn es sich um ein Mädchen unter 16 Jahren handelt. Des ferneren 
bleibt die Frnchtabtreibung straflos, wenn eine Frau bereits fünf Geburten durch- 
gemacht hat oder drei Kinder erzieht. Es werden dabei die Kräfte-, Vermögens- und 
Ernährungsverhältnisse der Frau berücksichtigt. Die Straflosigkeit wird nicht ab- 
hängig gemacht von der Feststellung auf dem amtlichen Wege, um sowohl Zeit- 
verlust wie solche Schwierigkeiten zu vermeiden, die die Frau doch veranlassen 
würden, zum bequemeren Kurpfuscherabort zu greifen. Der Entwurf kennt ferner 
keine Strafe für Geschlechtsverkehr von Personen des gleichen Geschlechts, wenn 
beide Personen über 18 Jahre alt sind. 

Prof. Halle kritisierte den letzten deutschen Strafgesetzentwurf. 

L a m p 1 (Prag) berichtet über eine Anzahl von Sexual delikten, die von Kranken 
bei Folgezuständen von Encephalitis begangen wurden. 

Hertha Riese (Frankfurt a. M.) trat für die Straflosigkeit der ärztlichen Unter- 
brechung der Schwangerschaft ein. Es müßten durchaus Vorschriften für die Hand- 
habung des Aborts gemacht werden, um diesen an sich aus den verschiedensten 
Gründen unerwünschten Eingriff nicht wahllos um sich greifen zu lassen. Diese Vor- 
schriften seien aber von Gesundheitsbehörden nach dem jeweiligen Stande wissen- 
schaftlicher Kenntnis und der allgemeinen sozialen Lage zu machen. Bei bestehender 
Strafbarkeit und Zulässigkeit der ärztlichen Indikation wird es nie zu genauen 
Abgrenzungen kommen können, wann ein Eingriff ärztlich noch gerechtfertigt ist, 
da verschiedene Ärzte verschiedener Meinung sein können, da aber darüber hinaus 
die ärztliche Wissenschaft und Kunst sich dauernd wandeln, so daß unser ärztliches 
Handeln immer wieder von neuen Gesichtspunkten geleitet wird, ein schwankender 
Boden, auf dem sich kein festes Gesetz aufbauen läßt. 






ADELE SCHREIBER, Mutter und Kind, Kalender 1929. Hippokrates- Verlag, 
Stuttgart. Mk. 2.80. 

Dieser Wandkalender erscheint zum zweitenmal in der gleichen vorzüglichen 
Ausstattung wie letztes Jahr mit Bildern, Ratschlägen für Pflege, Erziehung und 
Beschäftigung des Kindes und einem freien Schreibraum für die täglichen Auf- 



zeichnungen der Mutter. Er sei bestens empfohlen. 



Schneider 



In Frankfurt a. M. wird im Februar das Psychoanalytische Institut 
eröffnet Bei diesem Anlaß wird in der zweiten Februarhälfte eine Reihe öffent- 
licher Vorträge veranstaltet. Es werden sprechen: Siegfried Bernfeld (Berlin), 
Paul Federn (Wien), Anna Freud (Wien), Hanns Sachs (Berlin), ferner am Er- 
öffnungstag, den 16. Februar, Ernst S i m m e 1 (Berlin). Die Vorlesungen für das 
erste Trimester beginnen am 1. März, es werden lesen: Frau Fromm-Reichmann, 
Karl Landauer, Heinrich Meng und vom Sommer ab Karl Fromm. — Der 
eine Schriftleiter dieser Zeitschrift, Dr. med. Heinrich Meng, übersiedelt Ende 
Januar nach Frankfurt a. M., Kettenhofweg 114. 



Herausgeber: Dr. Heinrich Meng in Frankfurt a. M. und Prof. Dr. Ernst Schneider in Stuttgart. 
Eigentümer, Verleger und Herausgeber für Österreich : Adolf Josef Storfer, "Wien, I., Börsegasse 11 
(„Verlag der Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik"). —Verantwortlicher Redakteur: Dr. Paul 
Federn, Wien, I., Riemergasse 1. — Druck: Elbemühl Papierfabriken und Graphische Industrie A.-G., 
Wien, III., Rüdengasse 11 (Verantwortlicher Druckereileiter : Karl Wrba, Wien).