(navigation image)
Home American Libraries | Canadian Libraries | Universal Library | Community Texts | Project Gutenberg | Children's Library | Biodiversity Heritage Library | Additional Collections
Search: Advanced Search
Anonymous User (login or join us)
Upload
See other formats

Full text of "Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik III 1929 Heft 7"

ZEITSCHRIFT FÜR PSYCH 
ANALYTISCHE PÄDAGOGIK 



III. Jahrgang April 1929 Heft 7 



Elternfehler 

Von Dr. Oskar Pfister, Pfarrer in Züridi 

Das I. Kapitel („Elternfehler bei der Erziehimg des 
Indiuidualcharaktcrs") erschien im vorangegangenen Heft. 

n 

Elternfehler bei der Erziehung des Sozialcharakters 

Es wurde schon daran erinnert, daß Individual- und Sozialcharakter in 
enger Beziehung zu einander stehen. Darum bedeuten Elternfehler, die bei 
der Erziehung zur individuellen Persönlichkeit begangen werden, mindestens 
bei erheblich schädigender Wirkung auch eine Beeinträchtigung der sozial- 
ethischen Entwicklung. Jedoch darf man nicht an einen direkten und 
durchgängigen Parallelismus denken. Werden die selbstischen Ansprüche 
erzieherisch heruntergeschraubt, so kann dies zunächst die altruistischen 
Regungen vermindern. Die Liebe zu den Eltern, die den Ansprüchen, 
Bedürfnissen und Wünschen nicht entsprechen, nimmt ab und es besteht 
Gefahr, daß das Kind nun darauf ausgeht, erst recht seine Begierden durch- 
zusetzen ; sein Egoismus schwillt an. Es ist aber auch möglich, daß 
das Liebesbedürfnis sich behauptet und nun auf andere Objekte ausgeht, 
auf Großeltern, Onkel, Tanten, Lehrer, Nachbarn u. s. f. Indem das Kind 
sich in andere leidende Kinder hineindenkt und den Wunsch nach einem 
besseren Lose auf sie oder die gesamte leidende Mitwelt verpflanzt, kann 
ein sehr intensiver Altruismus aufblühen. Werden jedoch die Verdrängungen 
der Selbstliebe zu weit getrieben, so ist auch bei intensivstem Altruismus 
der Gesinnung der sozialethische Ertrag recht oft ungenügend, und zwar 
darum, weil dann neurotische und zwangsmäßige Züge meistens die ver- 
fügbaren und zum sozialen Dienen nötigen Kräfte wesentlich vermindern. 
Unter den Neurotikern trifft man eine Menge von Individuen, die sich 
nichts gönnen und alle Genußfähigkeit, so weit nur ihre Person in Frage 
steht, ganz oder beinahe einbüßten und dafür ganz nur für andere leben 
wollen. Ihre Hemmungen haben aber einen derartigen Grad und Umfang 



Zeitschrift f. psa. Päd., III/7 205 H 

INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



J 



erreicht, daß sie für ihre Umgebung weit weniger leisten, als Gesunde 
mit weniger altruistischen Begierden. 

Wohl noch häufiger tritt der Fall ein, daß das allzu streng und un- 
zärtlich erzogene Kind den gegen die Eltern aufgestiegenen Groll auf die 
übri»e Umwelt überträgt und zum Menschenhasser heranwächst. Dies 
geschieht namentlich dann, wenn die anfängliche Liebesfülle plötzlich 
versiegt, z. B. nach der Geburt eines Geschwisterchens, beim Tod der 
Mutter oder des Vaters, bei Versorgung an einen anderen Pflegeort u. dgl. 
Die ödipuseinstellung wuchert in ihren zahllosen Varianten noch üppiger 
empor. Der Haß gegen den Vater wird auf alle vaterähnlichen Personen 
übertragen, die unglückliche Liebe zur Mutter wandelt sich in Haß, der 
ebenfalls verallgemeinert wird, und so ist der Zugang zu anderen Menschen 
erschwert, wenn nicht gar verunmöglicht. Von der Hamletbindung war 
bereits die Rede. 

Eine gesunde Selbstliebe bildet eine notwendige erzieherische Basis für 
sozialethische Ausbildung. „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich 
selbst" (3. Mos. 19, V. 18, Lukas 10, V. 28). 

Wiederum gehen wir den einzelnen seelischen Funktionen in der sozial- 
ethischen Charakterbildung nach. 

a) Der Intellekt 

Zum richtigen sozialethischen Verhalten gehört vor allem eine richtige 
Beurteilung der Mitmenschen, frei von Unter- und Überschätzung. Unter 
die Elternfehler müssen wir daher jedes Tun einreihen, das dem Kinde 
erschwert, ein richtiges Verständnis für seine Nächsten zu gewinnen. Fehler- 
haft ist hiebei nicht nur falsche Belehrung über die Denkweise der andern, 
z. B. menschenfeindliche Verlästerung, sondern auch, und wohl noch mehr 
das Vorbild der Eltern und ihr Benehmen gegenüber dem Kinde. Wo 
dieses Vater und Mutter liebt und durch weise Erziehung in dieser Liebe 
bestärkt wird, da neigt es von vornherein dazu, ihre Handlungen in 
günstigem Sinne auszulegen und dieses Urteil auf die übrige Menschheit 
zu übertragen. Allerdings mag dieser Optimismus grausame Enttäuschungen 
erfahren. Die Gefahr der Täuschung ist jedoch weniger schlimm, als im 
entgegengesetzten Falle, daß die Eltern die Liebe ihres Kindes verscherzen 
und dadurch eine menschenfeindliche Einstellung auf die Menschen ins- 
gesamt hervorbringen. Wer mit Menschenhaß geladen ist oder von 
Menschenverachtung strotzt, ist in sozialethischer Hinsicht von Verderben 
bedroht- denn wie sollte man sein Bestes einsetzen für eine nichtsnutzige 
Rasse? Und welcher Wert bleibt für Kunst und Wissenschaft übrig, wenn 
das menschliche Leben als erbärmlicher Trug angesehen wird? Aus unseren 
Analysen wissen wir, daß tatsächlich falsche Anschauungen über die Ge- 
sinnung einzelner Menschen Urteilsfälschungen auf allen Gebieten bis 
hinauf zu Politik, Religion und Philosophie nach sich ziehen. Auch das 

— 206 - 



Gewissensurteil über sozial ethische Handlungen erleidet durch Elternfehler 
Entwertungen. 

b) Gefühl und Wille 

Nichts anderes gilt von der Heranbildung der altruistischen Gefühle. 
Auch sie sind ein Derivat der Gefühle, die Mutter und Vater hervorlockten. 
Haben Eltern ein Kind an Liebe und Vei-ständnis darben lassen, quälten 
sie es durch unablässiges Tadeln oder übertriebenen Freiheitsentzug, ver- 
spotteten sie es wegen aller möglichen Fehlleistungen, Dummheiten und 
Gebrechen, schlössen sie es von den Altersgenossen allzusehr ab, so ent- 
wickelt sich oft Haß in Form von Schadenfreude. Über den Haß im all- 
gemeinen ist zu sagen, daß er, weil er mit dem Gewissen heftig zusammen- 
stößt, ganz besonders leicht verdrängt wird und krankhafte Symptome 
erzeugt. Auch wo dies nicht geschieht, bewirkt er leicht Verarmung der 
Persönlichkeit, Entgeistigung durch wachsende Abhängigkeit vom dunklen 
Drang, der aus dem Unbewußten aufsteigt, Willenslähmung durch den 
Zusammenprall mit der Liebe (Hamlet), Verflüchtigung sittlicher Energie 
in unproduktives Träumen, Steigerung des Sadismus und Masochismus und 
zunehmende Isolierung der Persönlichkeit. 

Sittliches Fühlen und Wollen sind einander in ihrem Ursprung und 
ihrer psychologischen Artung so nahe verwandt, daß ich über die 
Elternfehler in der Ausbildung des sozialethischen Willens in unserem 
Überblick nichts hinzuzufügen habe. 

m 

Elternfelil er in der Wahl und Anwendung einzelner 
Erziehungsmaßregeln 

a) Befehl, Verbot, Erlaubnis 

Es genügt nicht, das Kind seinen Neigungen zu überlassen. Sowohl um 
die Einfügung in die Gesellschaft zu lehren, als auch für die Bewältigung 
unangenehmer Aufgaben ist es nötig, seine Unterordnung unter den Erzieher- 
willen herbeizuführen. Die schwächliche Beugung der Eltern unter seine 
Majestät das Kind, die sentimentale Orientierung nach dem Gelüsten und 
Behagen, statt nach dem Wohl des Zöglings, die souveräne Meisterlosigkeit 
des Knirpses schaffen anarchistische lchlinge und Schwächlinge ohne soziales 
Verantwortlichkeitsgefühl und Opferwilligkeit, jämmerliche Genußmenschen, 
zu schlapp und zu verweichlicht, um die stolzen Höhen einer höheren 
Persönlichkeitskultur zu erklimmen. Es wäre darum ein schlimmer Fehler, 

i) Vgl. meine Schrift „Analytische Untersuchungen über die Psychologie des Hasses 
und der Versöhnung". Wien, 1910, S. 46. 

— 207 — X** 






den Kindern die Pflicht des Gehorsams zu erlassen; man macht durch 
ihn die Kinder steuerlos für ihr ganzes Leben. Die Fähigkeit zu richtiger 
Selbstdisziplin und Disziplinierung anderer kann nur erwerben, wer schon 
in der Erziehung gehorchen gelernt hat. Das Ziel einer den Normen der 
Individual- und Sozialmoral entsprechenden Selbstlenkung kann nur so er- 
reicht werden, daß die Zügel der elterlichen Leitung anfangs einen sehr 
großen Teil des Kinderlebens beherrschen, dann aber allmählich in dem 
Maße gelockert werden, als der Zögling seine Kräfte selber richtig ver- 
walten kann. 

Es wäre ein großer Irrtum, zu glauben, daß eine Erziehung, die auf 
positive und negative Befehle (Verbote) verzichtete, das Kind vor schädlichen 
Verdrängungen bewahrte. In unsere Behandlung melden sich viele schwere 
Neurotiker, die ohne Zucht aufwuchsen und ungewöhnlich weiche und 
sentimentale Eltern besitzen ; von der Ungeheuern Zahl von Verwahrlosten, 
die wild aufwuchsen, ganz zu schweigen. Die Psychoanalyse gibt uns auch 
die Gründe dieses Sachverhaltes an : Die schwersten Verdrängungen hängen 
nicht mit absichtlicher erzieherischer Willenslenkung zusammen, sondern 
mit anderen Faktoren, die wir bei der Besprechung der Sexualpädagogik 
andeuten werden. Ferner wurde bereits oben darauf hingewiesen, daß 
dieses erzieherische Manchestertum die unsublimierten Funktionen, die Sinn- 
lichkeit und den Egoismus, derart anschwellen läßt, daß der Zusammen- 
stoß mit der Kultur und den höheren Anforderungen an sich selbst nur 
desto grausamer und verhängnisvoller wirken muß. 

Die Kunst des richtigen Befehlen s ist nun aber nicht so leicht, wie 
manche es sich vorstellen. Dem elterlichen Auftrag und Verbot stemmt 
sich eine andere Macht entgegen, die nicht einfach mit Gewaltmitteln 
überwunden werden kann. Fühlt sich das Kind allzusehr eingeengt, so ent- 
steht der uns bereits bekannte Groll, der auch bei gutartigen Kindern zu 
Todeswünschen führt und Verdrängungen bewirkt. Das Kind bedarf eines 
gewissen individuell stark differierenden Maßes von Freiheit und Freude, 
und wenn Eltern durch allzu strenge Zumutungen und Versagungen dieses 
Bedürfnis verkürzen, so steigern sie die berechtigte Autorität zur Tyrannei, 
schädigen die Kinderseele und pflanzen auch dort, wo sie äußerlich Gehorsam 
erzielen, im Unbewußten oder sogar im Bewußtsein oft einen Groll, der 
den Gewinn der Unterwürfigkeit durch hundertfachen Schaden entwertet. 
Wie viel Menschenhaß, Lebensüberdruß, sittliche Verkommenheit, neurotische 
Verkrüppelung diese Pädagogik des Schraubstockes und der Zwangsjacke 
schon angestiftet hat, ist nicht zu sagen. Nur im Sonnenschein der mit 
sittlichem Ernst gepaarten Milde, Freundlichkeit, Güte, kann die zarte 
Seelenpflanze gedeihen. 

Die Pädanalyse bekämpft daher die Erziehung des kategorischen Befehlens 
und Verbietens, das blinden Kadavergehorsam fordert, ohne die dem Kinde 
faßlichen Gründe anzugeben und stets durchblicken zu lassen, daß die 
Eltern nicht von despotischen Gelüsten, sondern von der Rücksicht auf 

- 208- 






des Kindes Wohl geleitet sind. Wo das Beste des Zöglings Verzichte zu 
fordern gebietet, sollen die Eltern mehrwertige Kompensationen erschließen, 
denn damit wird die Gefahr der Verdrängungen vermindert und die herr- 
liche Bahn der Sublimierung erleichtert. Den Verzicht auf Lohn an die 
Spitze, statt ans Ende der Erziehung zu setzen und dieses Ziel durch weise 
Höherlenkung des Denkens und Fühlens und Wollens zu erstreben, ist 
Unsinn und frevelhafter Rigorismus. Unsere Kinder kommen — gottlob! 
— nicht als fertige Kantianer auf die Welt. Die Pädagogik des neuen 
Testaments zeigt uns an der Sublimierung und allmählichen Überwindung 
des Lohngedankens in der Seele Jesu einen weit besseren Weg. Die Kunst 
des richtigen Erlaubens, der graduellen Lockerung der Zügel ist für die 
Erziehung ebenso wichtig, wie diejenige des Gebietens. Ohne Kenntnis der 
Verdrängungsprozesse kann das Problem der Autorität und Freiheit, des 
ßefehlens und Gestattens unmöglich wissenschaftlich zulänglich gelöst 
werden; praktisch wird es von innerlich harmonischen und hochherzigen 
Erziehern oft vorzüglich erledigt. 



b) Der Appell an das Ehrgefühl 

Da wir im Selbstgefühl einen äußerst wirksamen Entwicklungsfaktor 
erkannten, werden wir auch die Berufung auf das Ehrgefühl dem Erziehungs- 
zwecke dienstbar zu machen versuchen. Dabei versündigen sich Eltern 
schwer, wenn sie die Verdrängungstatsachen außer acht lassen. Es genügt 
keineswegs, nur auf das Maß der vorhandenen Begabung Rücksicht zu 
nehmen und nur zu fordern, was ihr entspricht. Auf die verfügbaren 
Kräfte kommt es an. Sind sie durch Verdrängung und Triebverklemmung 
gebunden, so wirkt der elterliche Appell an das Ehrgefühl schädlich und 
unter Umständen sogar ruinös. Es gehört zum landläufigen Erzieherton, 
daß man Zöglingen, bei denen ein Mißverhältnis zwischen Anlage und 
Leistungen beobachtet wird, oder die in ihren Arbeiten und im Betragen 
eine Qualitätsverschlechterung aufweisen, zuruft: „Du solltest dich doch 
schämen, so ins Hintertreffen zu geraten ! Da sieh dir den und den an, 
die dir an Begabung nachstehen! Du könntest viel Besseres leisten, wenn 
du wolltest!" Aber wenn ein seelischer Konflikt mit erklecklichen Ver- 
drängungen vorliegt, wirkt diese Medizin aus der Landapotheke unseres 
VoUees notwendig höchst ungünstig. Es ist Torheit und pädagogisches 
Verbrechen, einen neurotisch gehemmten Knaben als einen Faulpelz an 
den Pranger zu stellen. Er kann einfach nicht leisten, was der ungeschickte 
Erzieher ihm zumutet, und je mehr der naive Vater ihm einredet: „Es 
ist eine Schande, wie du dich benimmst! Hast du nicht mehr Ehrgefühl, 
als so viel?" — desto mehr Kraft wird dem armen Jungen geraubt, desto 
schlimmer wird seine Seele geschädigt. Denn vielleicht sagt sich das Kind : 
„Der Vater hat ganz recht, ich sollte mehr leisten; aber wie sehr ich 

— 209 - 



meine Kräfte einsetze, auch die verzweifelte Anstrengung mißlingt. Also 
bin ich ein Schwächling, ein Ehrloser, ein unbegabter, elender Wicht 
ohne Willenskraft und Talent!" Aus dieser Stimmung gehen Selbstverach- 
tung, Mutlosigkeit, Freudlosigkeit, Lebensüberdruß hervor. Mancher hat 
sich in der Verzweiflung das Leben genommen. Die erschreckend hohe 
Ziffer der Schülerselbstmorde ist eine harte Anklage gegen diejenige 
Pädagogik, die sich um die Verdrängungslehre nicht glaubt kümmern zu 
müssen und die Pädanalyse verachtet. Auch wo es nicht zum Äußersten 
kommt, bedeutet ein Appell an das Ehrgefühl ohne genaue Kenntnis der 
Tiefenkräfte des den Fehler bei sich selbst suchenden Kindes einen 
schweren Elternfehler. — Vielleicht auch hat das Kind das ganz richtige 
Gefühl : „Und wenn ich noch so sehr ein erbärmliches Geschöpf bin 
weil ich auch bei Aufbietung aller Energie so wenig leiste, man verlangt 
zuviel von mir! Man peitscht mich, wo man Wunden heilen sollte, legt 
mir schwere Lasten auf, wo ich bereits beinahe zusammenbreche und der 
Entlastung bedarf, schlägt mich in immer schwerere Ketten, wo man 
mir zur Erlösung helfen sollte!" Aus dieser Stimmung entwickelt sich 
ein oft ingrimmiger Haß gegen die unvernünftigen Eltern, die so wenig 
Verständnis und Erbarmen für ihr Kind besitzen. Wir wissen bereits, was 
für neue Verdrängungsschäden oft von zerstörender Wirkung aus diesen 
Überlegungen hervorgehen können. Die überlieferte Pädagogik verstand es 
trefflich, zu fordern ; daß die Erlösung, namentlich die Befreiung von 
inneren Banden ebensosehr eine heilige Aufgabe des Erziehers sei, be- 
rücksichtigte sie nicht, da sie wegen ihrer naiven Bewußtseinspädagogik 
diese unterschwelligen Bindungen nicht einmal kannte. Der Geist dieser 
halben Erzieher Weisheit ist durchaus derjenige des alten Testamentes mit 
seinem „Du sollst!" und „Du sollst nicht!". Der neutestamentliche Geist 
mit seiner Erlösungsbotschaft und seinem Liebesangebot kam viel zu 
wenig zur Geltung. Vielleicht ist dies eine der Hauptursachen des be- 
trübend weit und tief greifenden Schulüberdrusses. 

c) Die Drohung 

Zu den mit Vorsicht zu benutzenden Erziehungsmitteln gehört die 
Drohung. Gefährlich ist sie, wo der Drohende sich selbst als Vollstrecker 
der Strafe oder Urheber des in Aussicht gestellten Leides bezeichnet, aber 
auch dort, wo eine andere Instanz, z. B. das Leben oder Gott, in diese 
Rolle versetzt wird. Auch hier hängt der Nutzen oder Schaden unter anderem 
davon ab, ob das Kind die Kraft besitzt, die gewünschte Handlungsweise 
zu verwirklichen und die unerwünschte zu vermeiden, um dem ange- 
drohten Übel zu entgehen. Und dies wiederum hängt nicht nur von den 
bewußten, sondern auch von den unbewußten Seelenfaktoren ab. Ein 
unentschuldbarer Elternfehler ist es nicht nur, dem Kinde zu sagen • 
„Aus dir wird nie etwas Tüchtiges, du wirst einmal ein Taugenichts 

— 210 — 






oder Verbrecher sein ! Ein schlimmer Mißgriff ist es auch, das drohende 
Mißgeschick nur für den Fall abwendbar zu erklären, daß das Kind 
etwas leiste, was über seine Kräfte geht. Das trotzige Kind nimmt oft mit 
Hilfe seines Unbewußten die Eltern beim Wort. Es bestraft seine Eltern 
hart, indem es das wird, was sie androhten. Die Fehlentwicklung manches 
Kindes ist oft nichts anderes, als ein derartiger unbewußt vollzogener 
„nachträglicher Gehorsam" (Freud). Die Furchterregung darf nie und 
nimmer das bevorzugte Erziehungsmittel sein. Wer Liebe, Pflichtgefühl 
und Vernunft, diese innere Einheit, aus ihrer Herrschaft im Reiche der 
Erziehung verjagt, wird immer schweres Unglück anrichten. 

d) Die Berufung auf Gewissen und Pßicht 

So gewiß die Entwicklung eines starken Pflichtgefühls und eines 
scharfen Gewissens im Kinde zu den zentralen Erzieheraufgaben gehört, 
so gewiß hat die alte Pädagogik, weil sie die unterschwelligen Bindungen 
übersah, bei der Erfüllung dieser Aufgabe schwer gesündigt. Von der 
Metaphysik ließ sie sich den Satz diktieren: „Du kannst, denn du sollst!". 
Sie redete dem Zögling ein, was sein Gewissen von ihm fordere, das 
könne er auch ausführen, wenn er nur seine Willenskraft rechtschaffen 
einsetze. Dadurch machte sie sich in manchen Fällen unnützer Quälereien 
schuldig und trieb gerade von den moralisch Feinfühligsten sehr viele in 
immer tieferes sittliches Elend, wobei auch höchst bedauerliche Schädi- 
gungen der seelischen Gesundheit hervorgerufen wurden. Das neurotisch 
gebundene Kind — und nur von diesem reden wir jetzt — sagt sich, es 
sei verpflichtet, den und den Fehler zu unterlassen, die und die sittliche 
Leistung zu vollziehen, und besitze auch die Kraft dazu. Es erhob sich 
ein furchtbares Ringen mit einer Kette von Niederlagen und Schuld- 
affekten. Der vom Unbewußten ausgehende Zwang übermannte die guten 
Vorsätze und Anläufe, und eine falsche indeterministische Beurteilung 
schuf neue Verdrängungen, die ihrerseits den Zwangsfunktionen neue 
psychische Energien zuführten und die sittlichen Kräfte verringerten. Es 
ist Torheit, einem kleptomanen Kinde, das sein Treiben verdammt, zu 
sagen : „Du sollst nicht stehlen : also kannst du auch das Stehlen ab- 
legen, wenn du nur willst I Eltern, die solche pädagogische Dumm- 
heiten begehen, treiben ihr Kind fast unvermeidlich ins Elend, wenn sie 
nicht vorher ihren Einfluß verlieren. Sie bewerkstelligen einen neurotischen 
Zwang, der die sittlichen Werte des Gewissens bedeutend vermindert und 
das göttliche Dämonion des Sokrates zum Dämon entwürdigt. 

Über den ethischen und metaphysischen Irrtum jenes Dogmas vom 
Können, das aus dem Sollen oder richtiger aus dem Bewußtsein der 
moralischen Verpflichtung mit innerer Notwendigkeit erschlossen werden 
müsse, können wir uns nicht weiter aussprechen. Es genüge die Erinnerung 
daran, daß Jesus aus seinem Gebot: „Ihr sollt vollkommen sein" nie 

— 211 — 



schloß: „Ihr könnt es auch". Und ist es nicht lächerlich, bei einiger 
Menschenkenntnis jenes Dogma gegenüber augenscheinlich moralisch 
Gehemmten fallen zu lassen, es aber dennoch als allgemeines Gesetz fest- 
zuhalten? Auch sofern es suggestiv wirken soll, spielt es bei neurotischen 
Zwangsgebundenen eine schädliche Rolle. 

Die neue, psychoanalytisch eines Besseren belehrte Pädagogik ent- 
schlägt sich daher jenes hauptsächlich durch Kant verschuldeten Vorurteils, 
sucht aber durch psychologisch vernünftige und praktisch erprobte psycho- 
analytische Kunsthilfe dem Gewissen Freiheit von seinen Fesseln zu ver- 
schaffen und die Erfüllung der Pflicht zu ermöglichen. Dabei wurde nie 
behauptet, daß die Anatyse für sich allein in jedem Falle ausreiche. Jedoch 
vermag sie in tausend Fällen die unerläßliche Vorbedingung der vom 
Gewissen vorgezeichneten Leistung zu verwirklichen: Die Erlösung vom 
Zwange des Unbewußten. 

e) Die Strafe 

Um ein zutreffendes Urteil über die pädagogische Bewertung der Straie 
geben zu können, muß man in erster Linie berücksichtigen, daß sie 
traumatisch wirken kann, d. h. die Seele derart verwundet, daß Entwicklungs- 
störungen eintreten. Schläge aufs Gesäß, aber auch auf die Hände, Haar- 
rupfen u. a. Körperstrafen können sexuelle Erregungen hervorbringen, die 
der normalen Körpergegend die Gefühlsbesetzung entziehen und eine 
bedauerliche Fehlentwicklung einleiten. Der Anblick fremder Züchtung, 
auch wenn sie nicht die Region der Genitalien trifft, erregt nicht selten 
sadistische und durch Identifizierung mit dem Gezüchtigten masochistische 
Gefühle, die der Charakterentwicklung verhängnisvoll werden. Aber auch 
Erlebnisse, die an sich gar keine Bedeutung besitzen, können dadurch ver- 
drängt werden und verhängnisvolle Wirkungen nach sich ziehen, daß sie 
durch Strafen eine künstliche Betonung unangenehmer Art erlangen. Bei 
einem Manne, dessen Ehe wegen Impotenz zu scheitern drohte, stellte sich 
bei der Analyse als eine der wichtigsten Anlässe heraus, daß er als sieben- 
jähriger Junge ein kleines Mädchen auf dem Rücken getragen hatte und 
deswegen von der Dienstmagd als Schweinekerl hart gescholten wurde 1 . Als 
Ehemann kannte er nur den Wunsch, seine Frau auf dem Rücken zu tragen, 
während der Wunsch, seiner Gattin Mutterfreuden zu verschaffen, vom 
Widerstand des Unbewußten der körperlichen Wirkung beraubt wurde. 
Die Kinderszene, die sichtlich die Krankheitsform bestimmte, war längst 
vergessen, wie auch die übrigen Krankheitsursachen. 

Ungemein oft sieht der Analytiker Menschen, die noch als Erwachsene 
sehr schwer zu leiden haben unter den Folgen körperlicher Züchtigung 2 . 
Es ist zuzugeben, daß viele Kinder Prügel ohne bleibende Nachteile er- 

1) S. mein Buch „Die psychanalytische Methode", 5. Aufl., 125. 

2) Vgl. mein Buch „Die Liebe des Kindes u. i. Fehlentwicklungen", S. 267 — 27^. 

— 212 — 



tragen; allein, da man nicht ins Innere der jugendlichen Delinquenten 
hineinsehen kann, ist die Körperstrafe ein gewisses Wagnis, und zwar auch 
in Anbetracht des kindlichen Zuschauers. 

Strafeinwirkungen auf das Seelenleben des Kindes dürfen niemals so 
gewählt werden, daß sie das Selbstgefühl zerbrechen, Haß und Groll wecken 
und damit die Gefahr schwerer und folgenschwerer Verdrängungen herauf- 
beschwören. Ehrverletzende, rohe Vorwürfe bringen der Kinderseele oft 
Schäden bei, die schwer zu heilen sind. 

Auch allzu schroffer und anhaltender Liebesentzug kann unter gewissen 
Umständen, besonders bei Wiederholung des anfangs eindrucksvollen Expe- 
rimentes, ungünstigen Einfluß ausüben. Ist der Bogen zu straff gespannt, 
so flüchtet sich das Kind mit seinem Liebeshunger in die Gleichgültigkeit 
oder in jenen Trotz, der sich über die Strafe noch lustig macht. 

Allzu harte Freiheitsberaubung oder Trennung von den Gespielen ist 
den Elternfehlern zuzurechnen. 

Und damit möchten wir das Sündenregister, das ja freilich um eine 
große Menge anderer Nummern bereichert werden könnte, schließen. Allein 
es schiene uns unverantwortlich, ein besonders heikles und leider bis auf 
Freud viel zu wenig berücksichtigtes Gebiet zu übergehen, nämlich das- 
jenige der sexuellen Erziehung. Wir widmen ihm daher noch einige Worte. 

Die beiden SchlußabschnMe (IV. Eltcrnfehler in der Erziehung der Sexualität 
und Liebe — V. Der Ursprung der Eltcrnfehler) folgen im nächsten Heft. 



Realitätsflucht und Weltuntergangsphobie 

Von Dr. Gustav Hans Graber, Bern 

Im Denken und in den Träumen des Kindes spielt der Welt- 
untergang eine bedeutend größere Rolle als beim erwachsenen Kultur- 
menschen. Wir kennen den Grund. Ich und Welt, Subjekt und Objekt 
sind — wo nicht mehr eins — doch noch sehr eng miteinander ver- 
knüpft und werden erst beim Kulturmenschen mit der Steigerung der 
Individuation gelockert. 

Die Vorstellung vom Weltgeschehen ist beim Kinde und den Alten 
noch fast ausschließlich Projektion und Spiegelbild der Ichschicksale und 
weist deshalb noch wenig objektiv- wissenschaftliche (d. h. am Objekt wahr- 
genommene) Befunde auf. 

Wie kommt nun das Kind zu der Vorstellung des Weltunterganges? 

Ein typischer Fall aus meiner Praxis der Kinderanalyse wird uns 
einen Einblick in die infantilen Weltuntergan gsphobien gewähren. 

Der Schüler R., zwölf Jahre alt, ein Knabe von geringer Impulsivität und 
geringer Rapportfähigkeit, der dazu linkisch, zerfahren, träumerisch und, was 
für ihn besonders bezeichnend, sehr negativistisch war, unternahm aller- 



Zeitschrift f. psa. Päd., III/> 213 



14a 



hand Fluchtversuche vor der Realität. Er schwänzte die Schule, ließ seine 
Arbeiten unbeendet liegen, zeigte sich gegen alles gelangweilt und ant- 
wortete eines Tages dem Vater auf dessen Vorwürfe mit starker Affekt- 
entladung, man solle ihn doch lieber gleich in die Waldau (Irrenanstalt) 
sperren. R. begehrt aber, wie der erste Traum der Analyse zeigte, nicht 
nur die Flucht in den Wahnsinn, sondern die Totalregression in den Tod, 
hinter dem der Wunsch der Wiedervereinigung mit der Mutter, der Wunsch 
nach dem embryonalen Dasein, sich verbarg. 

Die Aggression und die Vernichtungstendenz gegen die Welt, welch 
letztere der infantilen Triebbefriedigung Schranken gesetzt hatte, richtete 
sich, wohl nach dem Erwachen und auf den Befehl der richterlichen 
Tendenz des Über-Ichs, gegen das Ich selbst und wendete sich, wie wir 
sehen werden, erst in der Analyse wieder gegen die Welt, das Objekt 
schlechthin. 

Der erste Traum lautete : 

„Ich fuhr mit der Familie in einem Auto in den Himmel. Petrus schimpfte 
mit mir. Man [die Eltern] stieß mich hinunter und ich flog in den Bümplizer- 
see. Ein Knabe nahm mich in seine Gondel." 

Der Traum ist für R. „ein Blödsinn, denn es gibt keinen Bümplizersee, 
keinen Himmel und keinen Petrus. Mit dem Auto kann man nicht in die 
Luft fahren, und wenn man vom Himmel in den See fallen würde, wäre 
man sowieso tot. Träume sind eben Schäume. An diesem Traum ist alles 
nicht wahr" . . . usw. 

R. negiert die psychische Wirklichkeit des Traumes, so wie er die 
physische Realität negiert. Er muß aber doch einiges aus dem Traum still- 
schweigend akzeptiert haben, denn im zweiten Traume, den er in der 
nächsten Analysestunde erzählt, ist die Schuld an seiner Isolierung (Ver- 
stoßung und Tod) den Eltern wieder abgenommen und sich selbst auferlegt. 

R. fühlte sich seiner jüngeren Schwester gegenüber stets benachteiligt 
und wie im Traum von den Eltern verstoßen (dies insbesondere seitens 
seines Vaters = Petrus) und zwar vom Himmel (solar = männlich) auf 
die Erde (See = Mutter). Die Deutung des Traumes ergäbe also: Der Vater 
(Himmel), den es nicht gibt, d. h. den ich vernichtete (Vatermord des 
Ödipus), um mich gänzlich mit der Mutter vereinigen zu können, verstößt 
mich zur Strafe, wirft mich auf die Erde, in den Bümplizersee 1 (Mutter) 
und erfüllt mit diesem „Mord meinen sehnlichsten Wunsch der Wieder- 
vereinigung mit der Mutter. 

Von diesen Deutungen sagte ich R. nichts. 

Der Traum der nächsten Sitzung lautete: 

„Ich sollte das Knie operieren lassen, aber ich sprang den Eltern immer 
fort. Als ich sah, daß es ihnen mit der Operation wirklich ernst war, lief ich 

1) R. behauptet allerdings, es gäbe auch keinen Bümplizersee. Tatsächlich aber 
existiert in der Nähe des Dorfes Bümpliz ein kleines Seelein, nur trägt es einen 
anderen Namen. 

-214 - 



gänzlich fort. 7*u meiner Ernährung stahl ich Hühner und briet sie. Da harn 
die Polizei mir nach, aber ich erschlug ihren Wolfshund. Darum fesselten sie 
mich, und führten mich durch die Stadt" 

R. begann schon hartnäckige Widerstände zu produzieren. Er behauptete, 
er hätte doch keinen Grund gehabt, den Eltern fortzulaufen, sie hätten 
ihm nichts in den Weg gelegt, der Traum sei wieder „dumm". Danach 
ergeht er sich vorläufig in starken Ausfällen gegen das Schwesterchen, dem 
er nun die Schuld für dessen Bevorzugung zuschieben möchte. Die Anklage 
gegen die Eltern wagt sich noch nicht hervor. Der nächste Traum brachte 
diese Situation deutlich zum Ausdruck und zeigte zugleich, daß R. mit der 
Lösung, die sein Vater für ihn in der Analyse gesucht hatte, nicht ein- 
verstanden ist: 

„Einmal gingen die Eltern mit V. [das Schwesterchen] in die Ferien, und 
ich mußte daheim bleiben. Sie gaben mir einen Mann, der mich beaufsichtigen 
mußte. Er schenkte mir Zuckerwerk und ich schickte es V., aber es dankte mir 
nicht einmal." 

Die Aggressionen gegen die Eltern bleiben unterdrückt. R. versucht 
neuerdings, den Traum als „dumm" hinzustellen, denn in Wirklichkeit 
— so meint er — hätten die Eltern ihn sicher mitgenommen, V. hätte 
sicher für das Zuckerwerk gedankt, und zudem hätten ihm die Eltern 
sicher eine Frau und nicht einen Mann zu seiner Beaufsichtigung gegeben. 

Der Mann, dem die Eltern R. überlassen haben, bin natürlich ich selbst 
(die Eltern haben nun „Erziehungsferien"). Bevor R. dies erkennt, gelingt 
es ihm nun, einen Teil der gegen seinen Vater im Unbewußten gehegten 
aggressiven Vorstellungen von der Zensur zu befreien, bewußt zu machen 
und auf den Aufsichtsmann (mich) zu entladen. Er ist nach R. ein strup- 
piger, bösartiger Mann mit langen Haaren, Augen, die bös dreinschauen, 
hat einen großen Mund, große Nasenlöcher, lange Fingernägel, eine tiefe 
Stimme und verflickte Kleider. R. meinte im Traum immer, der Aufsichts- 
mann sei ein Räuber, der ihn nehmen und ihm die Augen auskratzen 
wolle. Er hatte furchtbare Angst vor ihm. 

Im Traum der nächsten Nacht sind die Beziehungen zum Analytiker 
wieder auf den Vater zurück projiziert. Der Traum verrät, was R. gegen 
seinen Vater im Schilde führt und warum die Gewissensangst und das 
Strafbedürfnis ihn ihm als rächenden Bösewicht vormalen. R. raubt im 
Traum des Vaters Auto, setzt sich hinein und fährt damit ab. Oben an 
einem Hang lenkt er durch den Zaun, das Auto saust den Abhang hinunter 
ins Depot und fährt auf den Kohlen herum. 

Der Traum zeigt eindeutig, daß R. seinen Vater beiseite schiebt, sich 
an seine Stelle setzt und auf seinem Auto fährt. Die Rückwendung der 
Aggression vom Vater gegen die eigene Person ist wenigstens teilweise 
wieder aufgehoben. Der Vater wird mittelst der Übertragung auf den Ana- 
lytiker wieder zum „Ungeheuer", als das er früher dem R. erschien und 
wird als solches beiseitegeschoben. 

— 215 — Ha' 



Man wird nun mit Recht fragen, was dies alles mit dem Welt- 
untergang au tun habe. Ich glaube, der Leser wird bald erkennen, 
daß, um das nun zu Entwickelnde zu verstehen, es nötig war, in die Aus- 
gangssituation eingeführt zu werden. 

Der folgende Traum bildet die Brücke zwischen dem geschilderten 
Verhältnis des R. zu seinen Familienangehörigen und seinem Verhältnis 
zur Welt: 

„Mein Vater und ich kamen vom Lagerhaus. Es war ein schöner Sternen- 
himmel. Man sah allerlei Figuren-. Als wir heimkamen, lagen alle Sterne am 
Boden. Es regnete in Strömen und gab eine große Überschwemmung . Wir 
[Familie] und viele Leute flüchteten auf die Hausdächer. Ein Taucher holte 
die Nahrung aus den Verkaufsläden im Wasser unten." 

Nachträglich ergänzt R. zum Traum : 

„Unter den Sternen gab es auch Figuren, die waren grausig anzusehen. D a 
war ein Mann, der Kinder erwürgte. Er stellte die Zähne weit hervor und 
war ganz mit Blut überspritzt. Er fr aß die Kindlein." 

Die nähere Beschreibung dieses „Kindlifressers in den Sternen 
stimmt in vielen Punkten mit derjenigen des Aufsehers (Analytikers) überein 
(grausiges Gesicht, langer Bart, tiefe Furchen, struppige Haare, große Ohren, 
große Nase, große Nasenlöcher, der Mund ganz von Haaren überwachsen 
Augen, die herausstehen usw.). R- negiert den Traum wie die früheren. 
Er sagt, die Geschichte vom Kindlifresser gebe man den Kindern nur an, 
wenn sie fortlaufen wollen. Er erinnert sich aber plötzlich, daß dies sein 
eigener Fall ist, daß man auch ihm, wenn er früher fortlaufen wollte, mit 
dem Kindlifresser drohte, und daß er dann nachts vor Angst nicht schlafen 
konnte. Aber er lenkt sofort wieder von sich ab und spricht vom Kindli- 
fresserbrunnen in Bern. Er sei wegen der Juden aufgestellt worden, weil 
sie schuld an den Krankheiten in der Stadt gewesen sein sollten. Man 
habe den Brunnen in ihre Gasse gestellt, damit, wenn sie aus ihren Häusern 
kämen, sie immer sähen, wie man Rache an ihren Kindern nehmen wolle. 1 

Von neuem entladet nun R. seine Aggressionen auf die Figur des Kindli- 
fressers, hinter der sich, wie wir bereits angedeutet und wie sich später 
auch richtig herausstellte, diejenige des Vaters verbirgt. Das Über-Ich, das 
die Ausfälle gegen den Vater verbietet, muß sie natürlich gegen einen 
Kindlifresser billigen. Die Tendenz zum Vatermord kann nun gegen die 
Kindlifresserfigur aktiviert werden. Die letztere ist es ja auch, die bei der 
Neurosenbildung die Haßtendenzen aufnahm, und vor der deshalb Angst 
entwickelt wurde. Nach R.'s Meinung müßte man den Kindlifresser ein- 
sperren und verhungern lassen. Man müßte ihm Fallgruben graben und 
ihn, wenn er hineinstürzt, rasch zudecken; man müßte ihm nachts ein 
Seil spannen, ihn in ein Gewässer werfen(!), ihm Gift geben, ihn i m 
Schlaf fesseln, ihm in der Wohnung statt des Fußbodens dünne Laden 

1) Im Volksmund der Stadt-Berner besteht tatsächlich eine ähnliche Begründung- 
für die Aufstellung des Brunnens. 

-216 - 



legen, damit er in den Keller fiele (was sich in einem späteren Traum an 
R. selbst verwirklicht), ihn im Auto über einen Berg hinunterlassen(l), 
ihn über eine Leiter hinaufschicken, deren oberste Sprossen zerbrechlich 
wären, ein Netz über ihn spannen, wenn er schläft, ihn in eine Straßenbahn 
locken und sie entgleisen lassen, ihm im Zirkus den Löwen „anhetzen", 
damit er ihn zerreiße(!), ihn ganz allein in einem Schiff auf's Meer hinaus- 
lassen (Sintflutarche) usw. 

Mehr als zwei Stunden erging sich der Knabe in solchen „verbrecherischen 
Phantasien. 

Wir wollen nun vorläufig einen ersten Klärungsversuch über die Zu- 
sammenhänge zwischen dem Individual erleben R.'s und der geträumten 
und auch im Wachleben gefürchteten Weltkatastrophe wagen. 

Wir beginnen wieder mit dem ersten Traum: R. wird von seinem Vater 
aus dem Himmel in einen See gestürzt. Ein Knabe nimmt ihn in seine 
Gondel auf. Warum diese Tat? Der Vater rächt sich offenbar am Sohn 
für dessen vatermörderische und inzestuöse Absichten. 

Lassen wir vorläufig die weitere Deutung, und vergleichen wir mit dem 
Sintflutmythus: Gott-Vater wirft seine Kinder (Menschen) in die Flut 
(See) für ihr sündiges Gebaren. Ein Sohn (Noah z. B.) wird in einem 
Schiffe (Gondel) gerettet. 

Wir sehen, es gelingt uns mühelos, den Vergleich herzustellen. Wir 
wollen aber nicht versäumen, jetzt schon, wie für den Fall R. angedeutet, 
darauf zu verweisen, daß die Strafe, die Gott (der Vater) verfügt, tiefsten 
regressiven Wünschen die Erfüllung bringt, nämlich die Rückkehr in das 
Urmeer (Flut) = Urmutter, wie dies auch Ferenczi darstellte. Wir werden 
noch Nachweise bringen können, daß auch das Leben in der Arche (Gondel) 
nur eine symbolische Darstellung des Intrauterindaseins bedeuten kann. 
Der rächende Gott (Vater) vernichtet also seine Kinder, indem er sie un- 
geboren macht und so ihr tiefstes Wünschen befriedigt. Dieses tiefste 
Wünschen provoziert natürlich die Strafe, und wo sie nicht in Wirklichkeit 
erfolgte, da wenigstens in psychischer Wirklichkeit: im Sintflutmythus 
und im Traum, welche beide Sintflut Wunscherfüllungen darstellen. 

Ich vervollständige und wiederhole anschließend einen Gedanken, den 
ich bereits in der „Ambivalenz des Kindes" 1 äußerte, daß nämlich der Sinn 
jeglichen Begehrens — also auch des Begehrens nach Strafe (Straf bedürfnis), 
nach Leid und nach Tod — nur der sein kann, einen Zustand zu erreichen, 
in dem nichts mehr begehrt werden muß. 

Wir konnten zeigen, wie R. in der Analyse nach und nach die auf das 
Ich konzentrierten Destruktionstriebe wieder davon abzulösen und auf die 
Objektwelt (Analytiker, Kindlifresser, Vater) zu wenden vermochte. Er wird 
nicht mehr von den Eltern verstoßen, sondern läuft in seinen Träumen 
nun eigenmächtig fort, stiehlt Hühner, erschlägt den Wolfshund der Polizei, 

1) Imago-Bücher, Bd. VI, Wien 1924. 

-217 - 



ergeht sich in heftigen Ausfällen gegen das Schwesterchen, den Analytiker 
und den Kindlifresser. Die wieder auftauchenden Aggressionen gegen den 
Kindlifresser sind deshalb besonders interessant, weil sie dieselben sind, die 
R., nach der Rückwendung auf sich, später (in der Analyse, die den Lebens- 
faden rückwärts aufrollt, früher) an sich selbst erfahren mußte. R. stürzt 
im Traum den Kindlifresser (Vater) als Stern(-figur) ebenfalls vom Himmel 
(so wie R. selber vom Vater hinuntergestürzt worden war) und läßt ihn 
in der Flut umkommen (denn die Sterne fallen ins Wasser). Ferner mochte 
er den Kindlifresser, der die Kinder frißt, von einem Löwen fressen lassen. 
Wahrscheinlich liegen hierin ursprüngliche Straf- und Befriedigungstendenzen, 
die einst noch gegen den Vater gerichtet waren. Er sollte als unerwünsch- 
tester Vertreter der Objektwelt wie diese beseitigt (gefressen, überflutet) 
werden. Nach der Rückwendung der Aggression aber wird der (psychisch) 
Gefressene zum Fresser, der Überflutete zum Überfluter. Wir erinnern uns, 
daß der Kindlifresser in einem Gewässer umkommen oder allein auf einem 
Schiff (wie Noah) verbannt werden sollte. 

Im Traum ertrinkt der Kindlifresser, aber der Vater sowie die ganze 
Familie wird auf das Hausdach gerettet. Das Hausdach entspricht der 
Arche." Es hat folglich, wie im Sintflutmythos, zwischen Gott und seinem 
Auserwählten (Sohn), so auch hier zwischen Vater und Sohn eine teilweise 
Versöhnung stattgefunden. 

Der Prozeß der Veräußerung nach innen gewendeter Aggression war 
aber in diesem Stadium noch nicht abgeschlossen, und es konnte deshalb 
noch keine haltbare Versöhnung zwischen R. und der Welt (Vater) erfolgen. 

In einem späteren Traum überzieht R. das Land (Welt) mit Krieg, 
wird aber, im Keller in einer Kiste (!) versteckt, selber davon verschont. 
Auch Mutter und Schwester sind da unten verborgen, während der Vater 
im gefahrvollen Kampfe steht. R. setzt sich immer noch an die Stelle des 
Vaters, denn dieser darf im Krieg umkommen. Er findet allerdings, daß 
das Verstecken eine feige Handlung sei und nur eines Verbrechers, der 
jemand getötet hat, würdig. R. merkt natürlich noch nicht, daß er selber 
dieser Verbrecher, der „Mörder" an seinem Vater, ist. 

Plötzlich aber erinnert er sich einer Zeitungsmeldung, die er vor vier 
Jahren erfuhr, wonach ein Einbrecher jemand erschoß, sich darauf versteckte, 
dann in einem gestohlenen Auto flüchtete, von der Polizei verfolgt wurde 
schließlich über ein Straßenbord hinausfuhr und sich darauf erschoß. 
R. fügt noch bei, daß sich die Mörder immer zuletzt das Leben nehmen, 
meist, indem sie sich ins Wasser stürzen. 

1) Gefressenwerden hat nach dem Unbewußten intrauterines Dasein zur Folge, 
was einer Überflutung gleichkäme. 

2) Auch der Aufenthalt auf dem Dache scheint, wie das Leben in der Arche, 
dem intrauterinen Dasein zu entsprechen, denn die Nahrung wird aus dem Wasser 
geholt, oder an einer Schnur (!) hinaufgezogen. Sie ist nach den Aussagen von R. 
ganz „verpappt". 

— 218 — 



Die Begebenheiten der Analyse sind im Vergleich zur kurzen Verbrecher- 
dramatik des Mörders wie Filmbilder rückwärts abgerollt. Sie beginnen mit 
dem Tod des „Mörders" (Sturz ins Wasser), setzen sich in der Verfolgung 
fort (Polizei), im Autodiebstahl und der Autoflucht (Sturz mit Vaters Auto), 
im Verstecken (Keller) und abschließend im „Mord", der aber bewußt noch 
nicht, und auch im Traum nur verschleiert, zugegeben wird. Das unbewußte 
Strafbedürfnis als verkleidete Triebbefriedigung zwang R. damals zur Iden- 
tifikation mit dem Mörder im Zeitungsbericht. In ihm war das Vorbild zur 
Realisierung des Strafbedürfnisses gefunden, und es galt nun unter allen 
Umständen, diesem Lebensplan gemäß zu handeln. 

Die Analyse vermochte den Lebensplan der Selbstzerstörung rechtzeitig 
zunichte zu machen. 

Wir stellten fest, daß der Prozeß der Veräußerung nach innen gewandter 
Aggressionen noch nicht beendet, daß der „Mord" an der Welt mit der 
Überschwemmung noch nicht genügend vollstreckt war. R. träumte später: 

„Wir [die Familie] gingen in die Stadt. Alles wurde schwarz, und ein Haufen 
schwarzer Gespenster ging herum und nahm alle Menschen und führte sie auf 
Wagen fort. Es stank überall. Wir [die Familie] versteckten uns in einem Ver- 
kaufsladen hinter Kleidern und wurden gerettet." 

Diesmal ist auch der Vater unter den Geretteten. Die freigewordene und 
herausströmende Libido verteilt sich nun auf alle Familienglieder. Das Ich 
hat sich wieder erweitert, bezieht die Familie in sich ein und betrachtet 
nur noch die übrige Welt als feindlich. R. rettet wie im Sintfluttraum die 
ganze Familie vor der Weltkatastrophe, der Pest. Er ist allerdings, nach 
seinen Einfällen zum Traum, der Meinung, daß der Gestank der schwarzen 
Gespenster, den er als den schwarzen Tod, die Pest, bezeichnete, auch ihn 
und die Familie getötet hätte. Bewußt ist er überzeugt, daß ihm und seinen 
Angehörigen kein anderes Los zuteil werden kann, als der übrigen Welt, 
die er zugrunde gehen läßt (Taliongesetz). Aber das Unbewußte „weiß es 
besser", es preist ihm dieselbe Lösung an, die der auserwählten Familie im 
Sintflutmythus zuteil wird. 

R. erzählte mir zudem verschiedene Sagen, in denen Weltuntergangs- 
katastrophe (Erdbeben usw.) und die Rettung einer (sündlosen) Familie die 
Hauptrolle spielen. In einem neuen Traum läßt er seine Heimatstadt gänz- 
lich niederbrennen und schaut mit den Eltern von einem entfernten 
Baume aus zu. 

Alle Elemente der Alten, nämlich Wasser, Luft (Gestank), Erde, 
und Feuer wurden von R. zum Untergang der Menschheit aufgeboten, 
und es fehlte nach den Überlegungen des Kenners psychoanalytischer Lehre 
bei diesen Vernichtungsarten nur noch die primitivste, kindstümlicbste und 
ursprünglichste: Das Auffressen. Aber auch der Kannibalismus, der uns ja 
im Kindlifresser bereits in seiner Rückwendung (Gefressenwerden) begegnete, 
wurde nach außen gewendet, aktiviert. R. träumte: 

— 219 — 



„In der Schule brach der Fußboden, und wir fielen von Stock zu Stock [der 
früher dem Kindlifresser zugedachte Tod]. Als wir unten herausgehen wollten 
war draußen der Teufel und briet Menschen, um sie nachher zu fressen. F,r 
wollte mich ebenfalls nehmen, aber ich flog mit einer Flugmaschine heim, und 
so konnte er mich nicht braten." 

Zum Teufel fällt R. sofort der Kindlifresser in den Sternen ein. Er ist 
vom Himmel auf die Erde heruntergefallen und betreibt sein böses Geschäft 
nun in der Hölle, im Erdinnern. Er frißt Menschen und verschafft ihnen 
somit ein intrauterines Dasein (Hei), d. h., nach der Auffassung von R. i s t 
man nach dem Gefressenwerden durch den Teufel eine Seele, sieht als 
solche trotzdem aus wie ein Mensch und kommt dann als Gespenst auf die 
Erde (Geburt). Als ganz kleiner Junge vermeinte R., der Kaminfeger sei 
der Teufel, und er fresse ihn. Ich gebe die Einfälle zum Fressen wörtlich 
wieder : 

„Wenn ein Mensch den andern frißt, wird er von der Polizei (!) geholt . 
Im Traum habe ich Hühner gegessen . . . Wenn zur Zeit, da ich noch ganz 
klein war, ein frecher Knabe zu mir kam, so dachte ich, wenn ich groß bin 
schlage ich dich tot . . . Das darf man nicht ... Ich hatte immer Angst vor 
den Lehrern . . . Man wird nur von Tieren gefressen . . . Oft habe ich auch 
vor Papa Angst gehabt." 

Ich denke, der etwas analytisch geschulte Leser wird mit mir einig- 
gehen, wenn ich den Urmord, den R. an der Menschheit (vornehmlich am 
Vater) begeht, als ein Auffressen bezeichne. Die Angst vor dem 
Gefressenwerden ist nur die zwangsläufig eintretende Folge der auf das Ich 
zurückgewendeten Aggression gegen die Außenwelt. R. selbst war ur- 
sprünglich der Kindlifresser, der menschenfressende Teufel, 
der „Gott", der die Welt untergehen läßt, weil sie von 
seinem Ich abfiel, sich sonderte (sündigte) und sich auf 
keine andere Weise wieder dem Ich einfügen ließ, als durch Vernichtung, 
durch Auffressen. Denn es ist R., der in seinen Träumen wie ein rächender 
Gott die Menschheit ausrottet. 

Die weitern Einfälle erhärten meine Annahme und spiegeln vor allem 
auch die ambivalente Gefühlslage, in die R., durch die Entbindung der 
auf das Ich gerichteten Destruktionstriebe, gerät, und die ihn die Ursituation 
des ständigen Wechsels von Aktivität und Passivität, von Fressen und 
Gefressen werden, wieder erleben läßt. Er äußert sich unter anderem : 

„M an muß essen, sonst stirbt man oder wird selber gefressen 
Als ich klein war, besaß ein Knabe eine Spielschlange. Er machte mir damit 
Angst und sagte, sie fresse mich. Ein anderer Knabe machte mir auch einmal 
mit einem Tiermaul aus dem Kasperhtheater Angst und sagte, es werde mich 
fressen . . . Die Leute flüchten sich doch und lassen sich nicht vom Teufel 
fressen . . . Einmal erzählte man mir, die Leute eines Landes hätten tote 
Menschen ausgegraben und sie gegessen . . . Wenn ich als klein einen Fisch 
sah, so dachte ich, wenn ich einmal groß bin, ist er auch groß, und ich esse 
ihn dann. Dasselbe dachte ich auch von den Aprikosen an unserem Bäumchen . 

— 220 — 



Ich bin der Kindlifresser in den Sternen... Die Polizei hätte 
mich genommen . . . Ich wäre sowieso noch zu klein, um Kinder zu fressen. 
Der Kindlifresser kann auch ein böser Mann gewesen sein, ein böser Lehrer 
[Analytiker], oder ein böser Mörder, oder der Papa... Als ich noch sehr 
klein war, machte mir Papa viele Sachen, aber ich machte alles kaput 
[Vernichtungstendenz], und ich bekam dann Angst und wünschte immer, er 
käme erst so spät heim, daß ich schon schliefe. Er schimpfte oft und gab mir 
auch Schläge. Je nach dem Vergehen war auch die Strafe." 

R. erkannte selbst, daß, wenn die Strafe in den Träumen ein Gefressen- 
werden (Kindlifresser, Teufel) war, folglich das Vergehen ein Fressen gewesen 
sein mußte. Damit aber, daß er auch den Urmord des Fressens wieder an 
der Objektwelt aktiviert hatte, waren auch die Todestriebe wie zu Anfang 
des postnatalen Daseins wieder veräußert. Sie hatten ausgetobt, und es 
konnten nun die Erosquantitäten, denen der Weg zu positiver Objekt- 
bezogenheit freigegeben wurde, sich nach außen hin betätigen. 

Versuchen wir abschließend zu den geschilderten Erscheinungen die 
Sprache des Unbewußten, welch letzteres, wie wir wissen, den Tod nicht 
kennt und welches alles Geschehen einheitlich und eindeutig zusammen- 
faßt, zu übersetzen : 

Das Neugeborene lehnt die sich ihm entfremdende Außenwelt ab und 
vernichtet sie. Die scheinbar einzige Möglichkeit, dies zu vollbringen, ist 
die Einverleibung. Der Weltuntergang bedeutet also der Welt Rückkehr 
in den Embryonalzustand, bedeutet ihre Überflutung, bedeutet die Wieder- 
vereinigung — für Welt und Kind der Idealzustand. Vernichten ist 
also Fressen, und Fressen ist Überfluten (mit Fruchtwasser 
oder mit dem Urmeer). Unbegreiflicherweise (nämlich für das Unbewußte 
des Kindes) sträubt sich die Welt gegen diesen Akt. Der Plan der Welt- 
einverleibung scheitert deshalb vollständig. Eintretende Passivität des 
Kindes, begleitet von den siegreichen Angriffen seitens der Welt, reifen 
im Unbewußten den Entschluß, die früher nach außen gewendeten 
Aggressionen nun gegen das Ich zu kehren, um — da doch die Welt 
nicht im Ich aufgehen wollte — nun umgekehrt das Ich der Welt einzu- 
verleiben. Das Ich wird also nach dem Wunsch des Unbewußten von der 
Welt gefressen, überflutet, und die ersehnte Einheit ist glücklich wieder 
hergestellt. Der Tod des Ich oder — gleichgültig — der Tod der Welt 
ist dem Unbewußten immer der erwünschte Freund. Er vereinigt, was ein- 
mal getrennt wurde. Er ist ja übrigens gar kein Tod, sondern das einver- 
leibte Leben, das wieder geboren werden muß. Es ist, als ob das Unbe- 
wußte lachend zum Bewußtsein spräche: „Was wunderst du dich so sehr 
über die Übermacht der Todestriebe! Mir ist Tod soviel wie wunschloses 
Leben im Mutterleib, soviel (ja sogar mehr) wie Geburt. Darum — aus 
besserer Kenntnis — liebe ich, was du verabscheust. 



— 221 — 



Über seelische Rückwirkungen der Gymnastik 

(Diplomaufsatz an der Schule Hellerau-Laxenburg) 1 

Von Edwin Denby, Washington 

i 

Man sieht es dem Mitmenschen öfters an, besonders dem lebhaften, daß ihn 
plötzlich etwas verwirrt. Sein Gesicht verliert die Ausstrahlung, es scheint nach 
innen zu zerfallen, die gröbere Muskulatur scheint sich zu versteifen, die Augen 
verlieren die Zieleinstellung. Bewegt sich der Mensch dabei, so scheint die Be- 
wegung nicht nur unpassend zur Umwelt, sondern auch zu ihm selbst. Wir 
erwarten aber — trotz guter Erziehung — im Grund so wenig, daß die Persön- 
lichkeit sich gleich bleibe, daß wir diese merkwürdigen Erscheinungen kaum 
beachten; sie vergehen auch rasch. 

Ähnliche Erscheinungen treten so häufig bei der Gymnastik hervor, daß sie 
Aufmerksamkeit verdienen. Der „Gehemmte" meint, daß er sich nicht rühren 
kann; seine Bewegungen sind entweder kindähnlich oder ruckhaft, unlogisch 
geworden. Entweder gehören sie nur einem Teil des Körpers und sind durch 
die Starrheit anderer Teile an ihrer Auswirkung gehindert; oder sie entsprechen 
kleineren, schwächeren Gliedmaßen, als die vorhandenen es sind; oder sie 
bewegen sich aus einem früheren kindlichen Bewegungszentrum, welches dem 
gegenwärtigen Körper nicht mehr entspricht. Dabei ändert sich die Atmung, 
sie wird seichter, die Atmungsphasen kämpfen mitunter, besonders bei der 
Ausatmung, mit der entgegengesetzten Innervation. Das kann sich bis zu einem 
atemlosen Taumel steigern. 

Beobachtet der „Gehemmte" sich dabei, so merkt er selbst, daß er nicht 
mehr seinen ganzen und gegenwärtigen Körper empfindet. Er hat manchmal 
das Gefühl, sein Körper sei viel kleiner, vielleicht der eines Kindes; oder nur 
einzelne Teile werden als kleiner empfunden, als sie wirklich sind. Oft fehlt 
das Körpergefühl ganz, und es wird meist ein starrer Widerstand gegen die 
Herstellung des Gesamtgefühls empfunden, eine Art Angst sogar. Mit fester Auf- 
merksamkeit kann aber diese Angst überwunden werden, das Totalgefühl wird 
wieder hergestellt, und die Verlegenheit in den Bewegungen, die „Gehemmtheit", 
ist beendet (s. Federn 1). 

Die Psychoanalyse würde, glaube ich, mit plastischen Gleichnissen diesen 
Zustand folgendermaßen verständlich machen. Freud postuliert an der Grenze 
der Seele ein Wahrnehmungsorgan, das Bewußtsein, welches die äußeren und 
inneren Eindrücke auch ordnet und sich im Laufe der Entwicklung erweitert. 
Diese Wahmehmungsorganisation nennen wir das Ich; sie fühlt sich selber, 
deshalb können wir von Ichgefühl sprechen. Doch ist die Form des Ich 
sozusagen weit weniger fest als die des Körpers. Im Schreck kann sich das 
Ich wie eine Schnecke zurückballen, dahin zurück, wo der Schmerz des 
Schrecks nicht wirken kann, weil die Wahrnehmung des Erschreckenden dort 

1) Diese Arbeit fußt auf der Freudschen Libidotheorie und verwertet speziell 
Arbeiten von Dr. Paul Federn, Wien, veröffentlicht in der Internationalen Zeit- 
schrift für Psychoanalyse 1925—29: 1. Variationen des Ichgefühls. 2. Narzißmus im 
Ichgefühl. 3. Ichgefühl und Libidobesetzung. 

— 222 — 



nicht möglich ist (s. Federn 2). Bei dieser Flucht vor der Wahrnehmung 
regrediert das Ich zu einem früheren Zustand, der einst sicherer erlebt wurde. 
Solch ein Zustand dauert manchmal zwei Minuten. In anderen Fällen wird — 
wie später gezeigt werden wird — die Sicherheit in einem weit zurückliegenden 
Zustande gefunden. Auch kann die Häufigkeit der Schreckzustände dem Ich 
zuwenig Ausbreitung und Stärkung überhaupt gestattet haben, es flüchtet rascher, 
als es der Zuschauer erwartet. Wer diesen Wechselzustand kennt, kann aus 
eigener Erfahrung prüfen, daß sich Regression, Verlegenheit und vermindertes 
Körpergefühl entsprechen. Es ergibt sich, daß die Körperwahrnehmung sich 
meist parallel mit der Ichwahrnehmung, dem Ichgefühle, verändert. 

Es scheint mir, daß solche Verlegenheitszustände, zum mindesten in späteren 
Jahren, eher aus dem Erschrecken vor einem inneren, wenn auch nicht bewußt 
wahrgenommenen Triebanspruch entstammen, als aus einem äußeren realen 
Schreck. Letzterer dürfte sogar manchmal das Ich aus seiner Regression reißen, 
wie Gefahrenthusiasten es behaupten. Doch möchte ich den Realschreck als 
Übungsmethode nicht empfehlen. 

Bei der Regression fällt das reale, erwachsene Ich wohl in eine Art Angst- 
starre, die real- wahrnehmende Ichgrenze wird kleiner ; doch bleibt das erwachsene 
Ich trotzdem lebendig, und man kann manchmal nachher merken, wie die 
Regression es beeinflußt hat. Es kann sich sogar während einer andauernden 
Regression auch weiter entwickelt haben; doch ist solch eine Starre für eine 
kräftige Entwicklung immer ungünstig. Wenn nun während einer solchen 
verlegenen und gehemmten Schwäche mäßige Ansprüche von Selbstbeherrschung 
an das Ich gestellt werden, so kann durch sie das Ich aus der Regressionsstarre 
geweckt werden. Diese Einsicht wird auch von Müttern bei schüchternen 
Kindern verwertet, die verlangen, das Kind solle seine Haltung bewahren. Sie 
gewinnt aber für die Gymnastik Bedeutung durch die Beziehung zwischen Ich- 
gefühl und Körpergefühl. Denn wenn der Schüler die Gewohnheit bekommt, 
seinen ganzen gegenwärtigen Körper zu empfinden (bewußt oder zum Teil vor- 
bewußt), so daß er sich dessen sicher fühlt, dann wird er, was die körperliche 
Seite betrifft, keinen Grund haben, einen primitiveren psycho-physischen Apparat 
aufzusuchen. Das Körpergefühl wenigstens wird sich einer weitgehenden 
Regression, einer unnötigen Flucht entgegenstellen. 

Ich möchte den Schluß ziehen, daß die Pflege der Körperwahrnehmung 
das volle reale Ichgefühl herbeiführt, und daraus die seelische Bedeutung 
und das seelisch Zweckmäßige der Gymnastik herleiten ; doch gibt es einen 
Einwand gegen diesen Schluß, den ich in Betracht ziehen muß. 

Erfahrungsgemäß kommt es nämlich gerade bei der Hinwendung auf das 
Körpergefühl mitunter zu Bewegungen, die zwar fließend und nicht im Wider- 
spruch mit der Körpergröße erscheinen, aber trotzdem wie durch eine gewisse 
Hohlheit unrichtig wirken. Sie scheinen weniger nach dem Profil, als in Bezug 
auf Volumen, auf Fülle, dem realen Körper zu widersprechen. Beim geschulten 
Tänzer erkennt man eine solche Bewegungsart daran, daß seine Bewegungen, 
wenn sie z. B. leicht sein sollen, uns nicht den Eindruck der Leichtigkeit 
motorisch, d. h. durch die Bewegungsvorstellung, vermitteln, sondern nur optisch, 
nur der Erscheinung nach, es tun. Die Bewegungen „hängen in der Luft". Bei 
Sprüngen merkt man, daß das Körpergefühl zu wenig mit der tatsächlichen 
Schwere des Körpers rechnet, der Körper schwebt nicht, die Bewegung ist 

— 223 — 



zerrissen. Mein merkt auch, daß der Kopf die Körperbewegungen nicht summiert. 
Der Tänzer tanzt nicht, sondern bringt seinen Körper in Tanzbewegungen. Der 
Körper scheint den eigenen Schwerpunkt nicht erfaßt zu haben. Und obgleich der 
Tänzer weiß, wie er aussieht, hat er nicht das sichere Empfinden des eigenen 
Ausdrucks, denn er erkennt sich nur so, wie man einen Fremden erkennt. Dies 
ist der Eindruck, den man hat. 

Nun gibt es noch eine zweite nicht normale Art der Körperwahrnehmung. 
Sie empfindet den eigenen Körper als von außen an der Oberfläche gesehen 
oder getastet. An einzelnen Stellen des Körpers mag jeder solche Gefühle erlebt 
haben und erleben. Unter Umständen kann es sich auch zu einem anscheinend, 
ganzen Körpergefühl steigern, bleibt jedoch auch dann eigentlich einem außen- 
liegenden Gesichtspunkt zugewendet. Es wird kein Zentrum erfaßt, nur äußer- 
lich die Oberfläche. Analoges habe ich selbst als Junge erlebt, als mir unter 
dem Einfluß mißverstandener Mystik gelang, meinen Körper als neben mir 
liegend zu ahnen; anderen Menschen gelingt es, ihn tatsächlich zu sehen oder 
zu betasten. Solche Wahrnehmungen sind, wenn sie nicht von Ekstase begleitet 
sind, sehr peinvoll. 

Mir scheint die Erklärung nahe, daß diese Wahrnehmungen einer früheren 
Entwicklungsperiode entsprechen, in welcher das Kind anfängt, sich von den 
Eltern gesondert zu empfinden, und doch nicht den Unterschied endgültig fest 
erfaßt hat oder erfassen will. Das Kind, welches sich zuerst mit den Eltern als 
ein Wesen empfand, empfindet zuweilen sein Selbst nur durch Vermittlung 
ihrer Beobachtung. In solchen Momenten würden die außerhalb stehenden 
Eltern (das spätere Über-Ich) als zur Bewegung antreibend außen empfunden. 
Das Kind hat bei der Wahrnehmung der Trennung von ihnen, sie sich 
nicht durch Identifizierung einverleibt, es ist dadurch nicht zur Ichliebe, zur 
Ichbejahung aus dem eigenen Zentrum, es ist nicht zum normalen Narzißmus 
gekommen. Da es die Trennung von den Eltern wahrnehmen mußte, hat es 
sich dieser Wahrnehmung widersetzt und zwar auf eine merkwürdige Weise: 
Es empfindet sich noch weiter als innen im Ich (nicht im Körper) der Eltern 
und mit den Eltern empfindet es den eigenen Körper als Objekt. Das Fließende' 
Nicht-Ruckhafte, Nicht-Infantile der Bewegungen trotz der Regression könnte 
sich daraus erklären, daß es sich dabei den Eltern völlig hingegeben fühlt, daß 
es sozusagen die Eltern sind, die sich bewegen; das wäre vielleicht wie in 
einer Hypnose, doch habe ich Bewegungen Hypnotisierter nicht beobachtet. 

Diese Annahmen scheinen mir selbst etwas gezwungen, doch sehe ich keine 
einfacheren, die den Erscheinungen genügen. Ich glaube, daß bei ungewöhnlich 
starker Besetzung des Über-Ichs sich solche Vermischungen und Verwechslungen 
des Antriebs vorübergehend ergeben können, vielleicht besonders, wo das Auf- 
treten eigener normaler Objektlibido erschreckt. Ich muß noch der Klarheit 
halber hinzufügen, daß die von mir gesehenen Beispiele solcher Bewegungen 
mir selber nicht eindeutig erschienen sind. Ähnlich waren auch die Be- 
wegungen eines geschulten Körpers in Momenten starker Trennung des geistigen 
vom körperlichen Ich. Ich will mich hier nicht mit dem geistigen Anteil des 
Ichgefühls befassen und nur bemerken, daß die Libido so stark die Wahr- 
nehmungsgrenze des geistigen Ichs besetzen kann, daß sie das Zentrum des 
Körpers gleichsam leert und seines Gewichtes beraubt. 

Die Erscheinungen der Regression, die ich zu isolieren suchte, treten in der 

- 224- 



Wirklichkeit nie ganz rein auf, sie sind dazu auch meist vorübergehend und 
nur auf einzelne Glieder oder Körperabschnitte beschränkt. Man sieht, daß ein 
Teil des Körper-Ichs unbewußter- oder bewußterweise regredieren kann, ohne 
daß die übrigen es tun müssen, so daß verschiedene Körperteile gleichzeitig ver- 
schieden besetzt sind. Diesen Zustand hat Federn durch die allmähliche Ent- 
wicklung des Narzißmus und des Körpergefühls, wobei alle Entwicklungstufen 
im Unbewußten fakultativ fortdauern, erklärt. Solche Teilregressionen aller Art, 
mit Widerstand gegen volles Bewußtwerden des Realen, sind die gewöhnlichen 
Schwierigkeiten bei der Erarbeitung einer organischen Totalbewegung oder 
Haltung. Bei Kulturmenschen sind solche Teilstörungen eines impulsiven Be- 
wegungsablaufes zur körperlichen Gewohnheit, fast zur Sitte geworden. 

II 

Ich habe die Verlegenheit und die Regression als Ausgangspunkt benützt, 
um negativ, am Gegensatz, zu zeigen, wohin die körperkulturelle Seite der 
Gymnastik strebt, nämlich nach Bewegung, die der Totalität des Menschen ent- 
spricht und dadurch Körper und Seele befriedigt und fördert, soweit es 
Bewegung kann. Eine solche Bewegung ist durch ein totales Körper-Ich ver- 
mittelt, dessen Ausbildung die Pflege einer real richtigen Körperverfassung, 
eines real richtigen Körpergefühls, ergibt. 

Ich meine, daß es ein solches sei, wenn wir den Körper von innen empfinden, 
als raumfüllend, als schwer mit dem natürlichen Gewicht, als innen lebendig. 
Dieses Körpergefühl hat auch ohne Ekstase nichts Schmerzliches, enthält nichts 
von einer Abtrennung oder einer Spaltung, es ist als Gefühl erfreulich, manch- 
mal fast wonnig. Ich nenne dies real, weil es den Körper so begreift, wie er 
in der Realwelt erscheint und wirkt, nicht wie er aussieht, auch nicht nach 
irrealen, z. B. hellenisierenden Vorurteilen gerichtet, sondern wie er ist. Es 
scheint mir häufig, daß sich das Ich bei einem solchen Körpergefühl passiv 
benimmt, ohne daß die Passivität abnorm wäre. Der Mensch fühlt sich erfreu- 
lich von der inneren Energie umworben. Ich glaube, daß eine solche Passivität 
des Ichs in einem passiven Narzißmus seine Begründung findet. Die Annahme, 
eine aktive und passive Ichlibido zu unterscheiden, muß durch weitere Beobach- 
tungen begründet werden. (Siehe Federn 5.) 

Man hat der Pflege auch eines solchen Körpergefühls vorgeworfen, daß sie 
die Menschen zu selbstbeäacht, in-sich-gewendet, selbstverliebt mache, daß durch 
sie zuviel Libido auf Narzißmus verwendet sei. Dagegen ist F e d e r n s Nach weis 
anzuführen, die Lehre, daß gerade durch eine normale narzißtische Besetzung 
des Körper-Ichs das Erfassen der realen Außenwelt ermöglicht wird. Die Gym- 
nastik bestätigt diese Lehre. Wenn bei manchem Gymnastiker der Narzißmus 
überwiegt, darf dies nicht der Pflege des richtigen Körpergefühls, sondern einer 
vorherigen Veranlagung oder einer seelisch fehlerhaften Betonung der Elemente 
der Gymnastik zugeschrieben werden. Daß der Narzißmus durcli Gymnastik in 
manchen Fällen verstärkt, in allen verfeinert werden kann, halte ich für einen 
großen Vorteil dieser Erziehung. Der Narzißmus ist doch nicht etwas Krankes, 
sondern er führt der Individualität, die unser kultureller Wert ist, die Kraft 
zu. Das narzißtisch gestärkte Ich ist freilich auch wie ein kostbarer Parasit, da 
es durch zu starkes Ichgefühl die Energie, der es Werte leiht, gefährden kann. 

Ich muß hinzufügen, daß die gegebene Beschreibung des Körpergefühls bei 

-225 — 



gymnastischer Bewegung nicht das volle Körpergefühl wiedergibt. Man spürt 
nicht nur die Energien, die aus dem Zentrum binnen der Körpergrenze spielen 
man spürt solche, die nach auswärts drängen, die aus dem Zentrum heraus 
eine Art organische Extensivierung des Körper-Ichs, einen Kontakt mit einem 
andern Zentrum erstreben. Die Körper-Ichgrenze erscheint mir dann nicht nur 
passiv, sondern aktiv, sie vermengt sich gewissermaßen mit der Energie selber 
Diese erscheint mir das Körpergefühl bei Objekteinstellung des Ichs. Es ist 
schwer, klar wahrzunehmen, einerseits bei kräftiger Objektlibido, da die Inten- 
sität der Energie im Wahrnehmungsapparat einen Kurzschluß hervorruft ; ander- 
seits bei weniger kräftiger, da Objektbesetzung normalerweise mit narzißtischer 
Projektion verbunden ist, und das besonders, wo es, wie in der Gymnastik, 
nicht um eine Tat, sondern um eine Handlung gellt. Dem Zuschauer fällt es 
aber nicht schwer, das Objektlibidinöse einer Bewegung zu erkennen, denn ihre 
Zielbestrebtheit, die Bemächtigung der eingeschlagenen Richtung, geben diesen 
dem Zuschauer auch spannenden Eindruck. 

Man ist sich im allgemeinen einig, daß die Gymnastik dieser Richtung nach 
außen als psychischen Ausgleich bedarf. Man hat auch den Sport, die Leistungs- 
gymnastik, zu diesem Zweck benützt, und Leute, die ein wenig verfeinertes 
Kulturempfinden besitzen, glauben, daß der Sport zur Körperkultur ausreicht 
Andere aber werden trotz Freude an der Aktivität des Sportes eine verhältnis- 
mäßige Grobheit der Bewegung als nicht ganz befriedigend empfinden. Sie 
werden auch merken, daß es viele gibt, die, um zur Bewegung zu kommen 
einer feineren Steigerung des Narzißmus bedürfen, als sie der Sportbetrieb ge- 
währt, und daß es zahlreiche andere gibt, die mit der Durchschnittsstärke der 
Sportler nicht rivalisieren können, obgleich auch sie eine Berechtigung zur 
Körperkultur hätten. Sie werden finden, daß mancher Sportler an sein Sport- 
z i e 1 sich so sehr bindet, daß er außerhalb des Sportes ein gesundes Körpergefühl 
nicht aufzubringen vermag, daß ihm sein Körper außerhalb des Spiels nicht 
als sein entsprechender Persönlichkeitsanteil dient. 

Ohne Zweifel hat der Sport als ein ausgleichender Faktor der Körperkultur 
seinen Wert. Er ist nicht unbedingt nötig. Auch die neue Gymnastik kann 
Objekttriebe betätigen. Ihre Mittel dazu sind: Erstens, das Verhältnis der 
Bewegung zum Raum, die Beherrschung des Raumes durch den Körper, denn 
der Raum gehört als Wahrnehmung nicht zum Selbst, das Ich muß sich' seiner 
bemächtigen. Zweitens, das Empfinden anderer sich im selben Raum Be- 
wegender, denn der narzißtisch Eingestellte erfaßt nicht leicht, daß auch andere 
Körper sich im selben Raum bewegen und Platz einnehmen, so wie er. Und 
drittens, das Dirigieren der Bewegungen Anderer mittels der eigenen Bewegung 
da das Wechselspiel mit dem Anderen die objektlibidinöse und reale Einstellung 

"L Jl* .... Ö 



bedingt. 



Demnach wäre Raumbewegung eine Betätigung der Objektlibido. Daß Musik 
motorische Spannungen erzeugt, die Raumgewinn erstreben, ist klar, doch 
scheint mir das Sich-Fügen in eine musikalische Form mehr passiv als 
aktiv, wenngleich objektlibidinös. Die Passivität dabei verringert sich in dem 
Maß, als die Musik zur Begleitung wird und nicht als führend auftritt. Daß 
die selbstherrliche Aktivität der Musik als Kunstform auch manchmal zu Gunsten 
eines passiven, der Form entbehrenden Begleitgeräusches verlassen wird, er- 
scheint mir deswegen zulässig. — Eine aktive und eine passive Objektlibido 

- 226- 



findet man auch im menschlichen Sexualleben. Man erkennt den Unterschied 
leicht im künstlerischen Tanz. Das Passive, „Weibliche", z. B. ergibt sich der 
gewonnenen Richtung, statt sie einzuschlagen. Ich glaube, es besteht eine 
ähnliche Unterscheidung in der narzißtischen Bewegung, die aktive Streckung, 
die passive Lösung. Diese Annahme findet bei Ersteren in der Sexualsymbolik 
Unterstützung. Auch im primitiven Volkstanz scheiden sich die männlichen von 
den weiblichen Bewegungen. Es sprechen auch einige Tänzer von zwei moto- 
rischen Zentralen ; einer, scheinbar aktiveren, in der Magengrubengegend, einer 
zweiten in der Kreuzgegend; erstere betont Isadora Duncan, die zweite ist durch 
Ballettradition überliefert worden. Die aktiv-passive Unterscheidung wird auch 
wahrscheinlich durch eine Verschiedenheit des Ichgefühls bestätigt. 

Es wäre dann bei der Bewegung folgendes zu berücksichtigen : Das narzißtische 
Erfassen des eigenen Schwerezentrums, das obj ektlibidinöse Gewahren eines 
zweiten Schwerezentrums als Ziel des eigenen; und als zweite Einteilung, die 
Aktivität oder Passivität dieser Energie — das Geben und Nehmen, wie man es 
auch ausdrückt — vom eigenen Zentrum aus im Verhältnis zu sich oder im Ver- 
hältnis zu anderen. 

ffl 

Ich meine, d;iß einer psychologisch-pädagogisch gerichteten Gymnastik eine 
solche Einteilung unterlegt werden soll. Dies ist ein Programm. Doch wir 
werden uns hüten, auf Grund wissenschaftlicher Annahmen, wenngleich durch 
Beobachtung begründet, Entmischungen von Bewegungselementen nach Trieb- 
gehalt durchzuführen. Denn der Mensch braucht, besonders der seelisch reiche 
Mensch, Tätigkeit in allen seinen psychischen Fähigkeiten und diese möglichst 
simultan. Allerdings ist es Sache der Pädagogik, auszugleichen. Deshalb ist die 
Gymnastik angewiesen, durch Auswahl der Übungen und weit mehr durch 
Auswahl ihrer Ausführung (des Ausdrucks) in einem Falle den einen Teiltrieb, 
im andern einen zweiten zu unterstützen. Hierbei hilft die Beachtung des Ich- 
gefühls. Die Gymnastik wird in diesem Sinne bei Erwachsenen z. B. versuchen, 
die berechtigte Totalität des Körper-Ichs gegen eine puerile Geteiltheit des- 
selben durch Ichbewußtwerden der einheitlichen Zentrale herzustellen. Dabei 
wird sie die Glieder benützen, je nachdem sie in der Ontogenese früher in 
das Bewußtsein, (besser in das Ichgefühl) aufgenommen wurden. Offenbar wird 
es für Männer z. B. entsprechender sein, die aktiven Triebelemente und noch 
mehr die objekteingestellten in Bewegung zu bringen, auch wird der Lehrer 
damit eher Anklang finden, und es wird ihm auf diesem Wege eher möglich, 
die volle Bewegungspersönlichkeit proportional auszubilden. Mit den Irieb- 
bedingungen des Alters und Geschlechtes sollten auch die des Berufes berück- 
sichtigt werden, wenn sie erkannt sein werden. 

Zum Schlüsse sei eine andere für die Gymnastik wichtige Frage der Libido- 
verkettung besprochen. Es scheint mir, daß beim geeigneten körperlichen Unter- 
richt die Übertragung vom Schüler auf den Lehrer stärker erfolgt als beim 
geistigen. Auf alle Fälle muß sich der Gymnastiklehrer dieser Übertragung 
bewußt bleiben. Wenn man überlegt, daß die körperliche Bewegung an sich 
der infantilen Sexualbetätigung viel näher ist als die geistige Tätigkeit, sieht 
man, daß durch sie auch Regressionen eher hervorgerufen werden können. 
Alle Kinder sind, u. zw. viele in traumatisch-verletzender Art, am Auf-die- 

- 227 - 



Mutter-Laufen, am Auf-den-Vater-Springen, an infantilen Wut- oder Liebes- 
strampeln behindert worden. Manche Kinder haben durch diese Erlebnisse für 
immer die Möglichkeit bekommen, mit jedem Bewegungsimpuls zu diesen 
Spannungen frühkindlicher Art zu regredieren. Der Lehrer braucht sich nicht 
über „Hemmungen", Trotz, Arger, Geringschätzung, Tränen, auch sexuelle oder 
blöde oder gehässige Bewegungen zu wundern, sondern kann sich erinnern 
daß der ganze Mensch, in seiner phylogenetischen und ontogenetischen Ent- 
wicklung durch Bewegung in Spannung versetzt wird. Im Unbewußten ist alles 
koexistent, alles in wechselndem Grade erregbar. Der Lehrer hat den Schüler 
von dort aus weiter zu entwickeln, wo er jeweils in seinen Teiltrieben stehen 
geblieben ist. Er muß sich erinnern, daß beim Schüler Selbstbeherrschung zu- 
nächst die Entwicklung stört, das Über-Ich soll nicht vor dem Ich reifen. Ein 
Lehrer hat objektlibidinös auch passiv zu sein. Auch darf er nicht nach dem 
Aussehen kritisieren, sondern nach dem inneren Spannungsablauf, nach dem 
Ausdruck, und sollte seine Kritik körpergefühlsgemäß, motorisch-gymnastisch 
erklären. Er muß deshalb bei sich selber die Fähigkeit ausbilden, eine 
gesehene Bewegung bewußt und unbewußt in sich selbst aufzunehmen und 
ihrem Körpergefühlsfehler am eigenen Leibe nachzuspüren. So unterstützt er 
die reale, selbständige und keine abnorme, äußerliche Selbstkritik. Die Kritik 
einer Bewegung soll nach ihrer Zweckmäßigkeit für das eigene Ich des Schülers 
nicht für das Ich eines anderen geschehen, mag sich auch letztere Kritik in 
ästhetischer Verkleidung gebärden. Denn des Lehrers Ziel beim Unterricht ist 
des Schülers selbständige Kultur. Bei manchem wird er dieses Ziel auch erreichen. 



Über die Erziehung des Verwahrlosten 

Von Johannes Petersen, Stettin 

Wenn man sich über die seelische Struktur des Verwahrlosten unterrichten 
will, hat man wohl den Eindruck, daß die bisherige Psychologie ihr Augen- 
merk hauptsächlich auf die Symptome der Dissozialität richtete, ohne an 
ihre Herkunft aus den geheimen Hintergründen zu denken, die den mensch- 
lichen Charakter gestalten. Das Verständnis für die Kräfte des unbewußten 
Lebens und ihre Wirksamkeit uns nahegebracht zu haben, ist das Verdienst 
Freuds. Auf seinen Ermittlungen baut das Buch von August Aichhom 
auf, betitelt: „Verwahrloste Jugend". Dies Buch soll uns bei unseren 
Erörterungen hier helfen. 

Es ist in einer kürzeren Arbeit natürlich nicht möglich, all die feinen Ver- 
zweigungen und mannigfachen Ursachen der Verwahrlosung im einzelnen 
zu untersuchen. Ich wähle zwei Typen aus, die mir besonders nahegetreten 
sind, und mit denen man ohne tiefenpsychologische Kenntnis wohl nur schwer 
etwas hätte anfangen können, nämlich: Die Verwahrlosung, entstanden 1) durch 
Mangel an Realitätsfähigkeit, 2) durch Mangel an Gewissen. 
Dabei weiß ich wohl, daß diese Typen selten oder nie rein auftreten. 

- 228 — 



Das verwahrloste und das normale Kind unterscheiden sich auffallend 
durch ihr verschiedenes Ertragen der Realität. Um dies zu verdeutlichen, 
möchte ich, typisierend, die Erziehung zweier Rinder darstellen. Für das eine 
Rind nehme ich an, daß die häusliche Umgebung seine Entwicklungsmöglich- 
keiten günstig beeinflußt. Von gebildeten und erzieherisch begabten Eltern ab- 
stammend, hat Helmut — so mag der Junge hier heißen — weder unter 
übergroßer Zärtlichkeit noch ungerechtfertigter Strenge gelitten. Das Verhältnis 
zwischen Triebbefriedigung und Triebversagimg war für den Jungen günstig. 
Er lernte die Realität, die sich, verkörpert durch die Eltern, seinen nicht 
erfüllbaren Wünschen entgegenstellte, wohl als eine strenge, für ihn Unlust 
bringende Instanz kennen, aber diese Härte fand ihr Gegengewicht in lust- 
vollen Prämien, die die Eltern an die Überwindung der Unlusterlebnisse 
knüpften und gewährten. So wurde erreicht, daß Helmuts Triebtendenzen ihre 
normale Ausprägung erlangten. Der seelische Apparat erlitt keine allzu großen 
Belastungen. Die Liebe des Jungen konnte konfliktlos den Eltern zugewandt 
werden. Mit zunehmendem Alter erfolgte mühelos die partielle Ablösung der 
Liebesbeziehungen von den Eltern und ihre Hinwendung zu Ersatzpersonen, 
zu Verwandten, Lehrern und der Umgebung des Jungen. Die immer unaus- 
bleiblichen Rränkungen dieser Liebeseinstellungen konnten das seelische Kräfte- 
spiel nicht nachhaltig erschüttern. Helmut war realitätsfähig geworden. 

Anders mit Rarl, einem andern Jungen. Sein Vater tyrannisierte die 
Mutter und die Kinder, war dem Trünke ergeben und zeigte kein liebevolles 
Entgegenkommen und Eingehen auf Karls Wünsche und Neigungen. Das vor- 
handene Liebesbedürfnis wurde durch die Mutter ebensowenig gestillt, die, 
durch das Verhalten des Vaters müde und hart geworden, kritisierend und 
lieblos dahinlebte. So war die ganze Jugend Karls ein großes Unlusterlcbnis. 

Die Karl unablässig aufgezwungenen Versagungen trieben ihn in eine 
acTessive Stellung zunächst zu seinen Eltern, dann aber auch zur Gesellschaft 
und ihren Gesetzen, da diese in seinen Augen durch die Eltern repräsentiert 
werden. Karl fübrte durch seine Aggressionen immer wieder Situationen her- 
bei, welche die autoritativen Mächte zu einer Oppositionsstcllung ihm gegen- 
über zwangen. Diese wiederum schien dem Jungen sein aggressives Verhalten 
zu rechtfertigen. Karl scheitert an der Realität. Ihre ihm gegenüber besonders 
notwendigen Versagungen kann er nicht bewältigen. Er wird dissozial. 

Ich habe bei meinen Verwahrlosten, soweit ich etwas über ihre Vergangen- 
heit feststellen konnte, immer wieder Schicksale und Erlebnisse gefunden, wie 
sie Karl erfuhr. Es ist nicht schwer, diese Kinder zu erkennen. Sie sind unver- 
träglich und unruhig, befinden sich immer im Widerspruch zu den Forderungen 
des Lehrers, sie sind stets aggressiv eingestellt. Ihre Gegeneinstellung zum Lehrer 
findet seinen Grund in dem Zustandekommen der sogenannten negativen Über- 
tragung. Diese bedeutet, daß der Verwahrloste die dem Vater zugewandte Ab- 
neigung auf den Lehrer überträgt, dieser also zum Ersatzvater wird. Mit dieser feind- 
seligen Einstellung muß man immer rechnen, und man darf nicht ohneweiters die 
ablehnende Stellung des Dissozialen einem selbst gegenüber auf Fehler zurück- 
führen, die man selber in seiner Erziehungsarbeit an ihm begangen zu haben 
glaubt. Bleibt ein verwahrlostes Kind in dieser negativen Übertragung, gelingt 
es dem Erzieher nicht, diese zu lösen und zur positiven umzugestalten, so ist 
jeglicher erzieherische Einfluß von vornherein unmöglich. Die Herstellung der 

— 229 — 



positiven Übertragung ist das A und O aller Erziehungskunst. Ihren negativen 
Charakter gestaltet man dadurch bei den Aggressiven zum positiven, daß man 
sich nicht so verhält, wie es bisher die für das Kind autoritativen Personen 
taten. Da die dissozialen Äußerungen dieses Typs aus der Gegeneinstellung zum. 
Vater herrühren und fortwährend im Elternhaus durch das Verhalten des Vaters 
genährt wurden, wird eine Besserung dieses Dissozialen so lange nicht zu 
erwarten sein, als er die gleiche Situation in dem Verhältnis zu ihm wieder- 
findet. Verkörpert der Erzieher aber die andere Welt, die Welt der Güte und 
des freundlichen Entgegenkommens, dann haben die Verwahrlosungserscheinungen 
— Trotz, Ablehnung des Erziehers — keinen Sinn mehr. Sie ebben allmählich ab. 
Aus dieser Tatsache resultiert die Auffassung, daß jeder dissozialen Äußerung 
ein Sinn zugrunde liegt, daß sie der Erreichung einer Absicht dient. Diese ist 
unbewußt fundiert. Das geschickte Verhalten des Erziehers dieser unbewußten 
Absicht gegenüber erreicht in vielen Fällen die Beseitigung der Unart. 

Die Vertretung der freundlichen Welt durch den Erzieher darf nicht aus- 
schließlich passiv bleiben. Sie würde den Eindruck von Schwäche machen. Mit 
dem Abbau der negativen und der Aufrichtung der positiven Übertragung hat 
der Verwahrloste noch nichts geleistet. Dieser Vorgang vollzog sich ja rein 
automatisch, ohne Willensbetätigung. Jetzt ist die Zeit gekommen, wo der Er- 
zieher, bei gleichbleibender Einstellung zu dem Dissozialen, die Übertragung auf 
ihre Festigkeit hin prüfen muß. Er belastet sie mit Forderungen. Wie das 
geschehen kann, will ich in dem nun folgenden praktischen Teil zeigen. 

Ich habe also erstens darzulegen, wie die Umgestaltung der Übertraguno- 
praktisch erreicht wird, und zweitens, wie man entstandene positive Einstelluriff 
durch Belasten zu festigen versucht. 

Eines Morgens tritt ein „Neuer" in meine Klasse ein. Es gilt, ihn zunächst 
kennenzulernen. Die Gelegenheit hierzu kommt bald. Am nächsten Tag meldet 
sich ein Schüler: „Herr Lehrer, Erich hat in der Pause ein unanständiges 
Wort gesagt". — „So, na er wird wohl noch nicht wissen, daß wir an solchen 
Wörtern keine Freude haben", antworte ich. Später höre ich von meinen 
Jungen, daß Erich sich bei ihnen nach meinem Wesen erkundigt habe. Da 
haben sie ihm geantwortet, ich sei nicht streng, nur Unanständiges dürfe man 
nicht tun oder sagen. Diese Auskunft hat der Junge nun gebraucht, um mich 
zu prüfen. Unbewußt will er mich in die ihm bekannte Vaterrolle hinein- 
drängen. Ich soll also genau so handeln, wie es sein Vater im gleichen Falle 
getan haben würde, d. h. ich soll schimpfen oder schlagen. Denn wenn ich das 
tue, bekommt seine Dissozialität ihren alten Sinn und neue Nahrung. Und das 
soll erreicht werden, denn dissozial will jeder Verwahrloste bleiben; die durch 
sein Verhalten erlebte Lust überwiegt die durch Bestrafung und Verachtung 
entstehende Unlust. Dies Lusterlebnis mußte ich zu vermeiden suchen. 

Nun setzt meist ein Anschwellen der Verwahrlosungsäußerungen ein. Eines 
Tages will der Junge nicht schreiben. Ich weise meine Klasse darauf hin und 
sage: „Seht mal, Erich kann nicht schreiben." So nehme ich diesem Verhalten 
nicht nur seinen Sinn, sondern ich schiebe ihm einen ganz falschen unter, so 
daß es für Erich sinnlos wird, mich auf diese Weise zu reizen, und ich nicht 
genötigt bin, seinen Trotz zu brechen. 

In der nächsten Stunde zerbricht er seinen Griffel. Ich achte nicht darauf. 
Da weist mich aber die Klasse darauf hin, daß ich doch sonst im gleichen 

- 230- 






Fall einen besonders kleinen Griffel zum Schreiben gäbe. Ich sage: „Was 
müssen wir also tun?" Antwort: „Ihm einen kleinen Griffel geben." — „Tut 
das!" Die Kinder geben ihm einen kleinen Griffel. Sie hat der Junge heraus- 
gefordert. Das hat er aber nicht gewollt, und so ist seine Absicht wieder sinn- 
los geworden. Niemals darf Erich in mir den zürnenden Ersatzvater finden. 

Einmal hat der Junge einen schwächeren Knaben verprügelt. Ich frage ihn 
ruhig: „Warum hast du das getan?" Erich gibt mir zögernd einen nichts- 
sagenden Grund an. Ich merke so, daß die Ursache der Prügelei nicht der 
Geprügelte sein kann, sondern die alte Absicht, mich herauszufordern. Da sage 
ich zur Klasse: „Wißt ihr, warum er den Kleinen verhauen hat? Er möchte, 
daß ich böse werde, aber den Gefallen tue ich ihm nicht. Wer von euch will 
dem Verprügelten seine Frühstücksemmel geben?" Einige melden sich und die 
Angelegenheit ist beigelegt. 

Es dauerte noch einige Zeit, bis die Herausforderungen Erichs nachließen. 
Allmählich wendet sich sichtbar die negative Übertragung zur positiven. Diese 
gilt es mit zarten Fingern anzufassen. Ich fange an, mich um den Jungen zu 
kümmern, interessiere mich für sein Vorleben und seine Neigungen, gebe ihm 
Bilder zum Ansehen, spiele mit ihm Mühle. Dadurch komme ich aber un- 
gewollt in Gefahr, die andern Kinder neidisch zu machen. Das sollte ich bald 

merken. 

Drei Jungens bringen mir einmal einen Zettel, auf dem ein häßliches Wort 
steht. Mit schadenfrohen Gesichtern erzählen sie mir: „Das hat Erich geschrieben". 
Sie wollen ihn also in meinen Augen herabsetzen und sich durch ihn nicht 
verdrängen lassen. Ich antworte, mehr instinkt- als überlegungsgemäß : „Warum 
zeigt ihr mir das?" Keine Antwort. „Wißt ihr, was ihr mir gezeigt habt? 
Daß ihr an dem Wort ebensoviel Freude habt, wie der, der es geschrieben 
hat." Dies Erlebnis hat mir gezeigt, daß ich Gefahr laufe, die Übertragung zu 
überspannen. Denn das Handeln der drei Jungen wird ebensosehr durch das 
Rachegelüst an Erich wie aus der Absicht, sich mir angenehm zu machen, 
bestimmt. Diese Racheneigung läßt erkennen, daß die drei sich durcli Erich 
geschädigt fühlen. Und dafür kann der Grund nur in meiner Bevorzugung des 
Jungen liegen. 

So fange ich denn an, Erichs Übertragung zu belasten. Er soll meine Neigung 
nicht umsonst haben. Bisher habe ich versucht, eine gemilderte Realität zu ver- 
körpern, um sie dem Jungen erst einmal schmackhaft zu machen. Jetzt muß ich 
mich mit meinen Erziehungsmaßnahmen auf der Linie zur wahren Realität 
bewegen. An diese Realität, nicht an die von mir bisher vertretene, soll sich Erich 
gewöhnen lernen. Ich hatte mich bemüht, Erichs Wünsche möglichst zu erfüllen. 
Das hört jetzt auf. Bei seinen Vergehen war ich freundlich und nachsichtsvoll 
geblieben; bemerke ich jetzt irgendeine Verfehlung, werde ich ernst, bei Wieder- 
holung derselben ablehnend. Ich lasse mich jetzt wirklich in die Rolle eines Ersatz- 
vaters, wenn auch eines gemilderten, hineindrängen. Da geschehen nun bei dem 
Jungen viele Rückfälle. Jeder von ihnen ist für mich ein Zeichen, daß ich zu 
schnell in meinen Versagungen und Belastungen vorgegangen bin. In diesem 
zweiten Stadium, dem der Belastung, kann man gar nicht feinfühlig genug vor- 
gehen, und es dauert oft lange, bis man zu dem gewünschten Ziele kommt. 

Ich will noch auf die Übertragungsprüfung, die ich eben schilderte, hinweisen. 
Sie bestand in der Aufforderung an meine Kinder, dem verprügelten Jungen 

— 231 — 



eine Semmel zu schenken. Kinder, die diesem Wunsche nachkommen, die mir 
zuliebe derart ihren ausgesprochenen Freßtrieb zügeln können, haben eine Über- 
tragung entwickelt, die das Schönste für ihr Gesunden hoffen läßt. 

Die Betrachtung der Dissozialität unter dem Gesichtspunkt der Realitätsfähigkeit 
erforderte zu ihrer schärferen Herausstellung ein Vernachlässigen anderer 
Momente, die in gleicher Weise für die Entstehung der Verwahrlosung verant- 
wortlich gemacht werden müssen. Deshalb will ich jetzt, wie angegeben, das 
Problem der Verwahrlosung von einer neuen Seite her angreifen : Die Verwahr- 
losung, bedingt durch ein abnormes Gewissen. 

Wenn ein Junge die Aufforderung eines Freundes, Äpfel zu stehlen, mit der 
Antwort zurückweist : „Mein Vater hat es verboten," so hat er damit noch nicht 
gesagt, daß er selber sich den Diebstahl auch verbietet. Es wird normalerweise 
die Zumutung des Freundes in dem Wunschleben des Jungen ein Echo finden. 
Eine erwachte Neigung zum Diebstahl wird der Junge, wenn er ehrlich ist, kaum 
leugnen können. Aber er gibt ihr nicht nach. In dem Konflikt zwischen der 
Neigung und dem autoritativen Einfluß des Vaters siegt letzterer. Lehnt ein 
anderer Junge die gleiche Aufforderung mit den Worten ab : „Nein, ich tue es 
nicht," so besteht trotz aller Gleichheit der Ergebnisse — der Diebstahl wird 
ja nicht ausgeführt — doch ein wesentlicher Unterschied, die seelische Struktur 
der beiden betreffend. Im ersten Beispiel lehnt nicht eigentlich der Junge, sondern 
der Vater den durch die Aufforderung erwachten Wunsch ab ; im zweiten spielt 
scheinbar die Vaterautorität keine Rolle. Irgendetwas innerhalb des Ichs versagt 
die Neigung. Dieser Junge besitzt in sich eine die aufkommenden Wünsche 
beobachtende Instanz, welche kritisiert, ablehnt, verurteilt oder erlaubt. Wir 
nennen sie das Gewissen oder das Über-Ich. Verwenden wir zur Erläuterung 
des seelischen Kräfteablaufs unserer Beispiele diese Termini, so können wir sagen • 
Der erste Junge hat kein das Ich beurteilendes Über-Ich entwickelt, der zweite 
besitzt es. Das Ich des ersten richtet sich in seinem Verhalten den Triebwünschen 
gegenüber nach den Forderungen einer sich außerhalb des Ichs befindenden 
Autorität, nach denen des Vaters; das des zweiten erkennt die Norm für seine 
Verhaltungsweise innerhalb des seelischen Apparates, im Über-Ich. Die Psycho- 
analyse hat gefunden, daß die Autorität des Vaters Vorläufer der Autorität des 
Über-Ichs ist, und wie sie es wird. 

„Der Vater hat es verboten," nicht sonst irgendwer. Der Vater wird geliebt ■ 
dies ist die Voraussetzung für die Bereitschaft des Ichs, gerne zu gehorchen. Das 
Ich jedes Kindes sucht Wünsche und Verbote derjenigen, die es liebt, auf die es 
übertragen hat, zu erfüllen. Es identifiziert sich mit ihnen. Nun ist der Werdegan <* 
der, daß Übertragungen entstehen, sich wieder ablösen und sich anderen Objekten 
zuwenden, sie besetzen. Jede Ablösung hinterläßt Spuren : Züge der geliebten 
Menschen. Und diese dienen der Aufrichtung des Über-Ichs, geben ihm seinen 
Inhalt und bestimmen die Art seiner Funktion. So ist das Über-Ich ein Niederschla» 
der aufgegebenen Objektbesetzungen. Ist es entwickelt, dann verbietet es, wie die 
geliebten Objekte verboten. Und wenn der zweite Junge sagt : „Nein, ich tue es 
nicht," so heißt das : Mein Über-Ich, mein Gewissen verbietet die Tat, so wie sie 
mein Vater auch verbieten würde. 

Nun geht die Aufrichtung des Über-Ichs mitunter unglücklich vonstatten. Das 
Ich hat in diesem Falle vielleicht keine der Bildung des Über-Ichs dienenden Züge 
aufnehmen können, weil niemand war, auf den übertragen werden konnte. So hat 

— 232 — 



das Über-Ich nicht aufgerichtet werden können. Der Ausgang ist die Verwahr- 
losung. Oder: Dem Ich hat zur Gestaltung des Über-Ichs ein zu strenger und lieb- 
loser Vater gedient. Das Über-Ich setzt die Herrschaft des Vaters über das Ich 
fort. Das Ich besitzt wohl die Norm, aber eine ungesunde. Es vermag den harten 
Forderungen des Über-Ichs nicht nachzukommen, kann sich mit dem Über-Ich 
nicht identifizieren. Und auch hier ist das Ergebnis die Verwahrlosung. Dieser 
Fall trat mir praktisch noch nicht nahe. Deshalb gehe ich nicht ausführlich 
auf ihn ein. 

Die Heilung der Verwahrlosung bedeutet also jetzt: Aufrichtung oder 
Stärkung eines nicht vorhandenen oder zu schwachen Gewissens. Wie 
geschieht das ? 

Der Heilungsweg beginnt wieder mit der Herstellung der Übertragung, 
führt dann aber zum teilweisen Aufgeben derselben. Diese bedeutet den Anfang 
der Aufrichtung des Über-Ichs auf dem Wege der Identifikation mit dem 
Objekt, auf das übertragen wurde, also mit dem Erzieher. Um die positive Über- 
tragung bei diesem Typ entstehen zu lassen, bedarf es keiner besonderen Erziehungs- 
maßnahmen ; sie ist meist sofort da und bricht zuweilen mit einer Vehemenz los, 
die beängstigend sein kann. Der Erzieher hat dann dem Verwahrlosten gegenüber 
das gleiche Verhalten zu zeigen, das er später vom Über-Ich dem Ich gegenüber 
wünscht. Dem Ich des Verwahrlosten bietet sich der Erzieher an als eine wohl 
anzunehmende, weil nicht unbillige Forderungen stellende Autorität, welche Frei- 
heiten gibt und versagt und welche die entstehende Unlust durch anderweitige 
Lustprämien auszugleichen sucht. Das nach einem so gearteten Erzieher gestaltete 
Über-Ich ist dem Ich eine gesunde Norm. Sie zeigt ihm, welche aus der Triebwelt 
kommenden Wünsche es abzuweisen und anzunehmen hat. 

Dieser Werdegang: Übertragung, Identifikation mit dem Erzieher, Einbe- 
ziehung wesentlicher Züge von ihm zur Bildung des Gewissens, Identifikation mit 
dem Gewissen, wird mehr oder weniger glücklich von allen Kindern einer Klasse 
zurückgelegt. Auf Grund der Identifikation aller mit dem Erzieher entsteht eine 
Identifizierung der einzelnen untereinander. Dieses Sich-Angleichen Aller an Alle 
bedingt in hohem Maße den Erfolg, sozial zu werden ; denn in diesem Stadium 
ist der Dissoziale bestrebt, Gesetze und Forderungen der Gesamtheit als auch für 
sich geltend zu erkennen und ihnen nachzukommen. 

Die Hinüberführung dieser Einsichten in die Praxis wurde mir folgendermaßen 
möglich. 

Ostern kam in meine Klasse ein Mädchen, das mir als schwer erziehbar ge- 
schildert wurde. Ich merkte, daß die allgemeinen Forderungen, wie sie jeder 
Lehrer an seine Klasse stellen muß, für ihr Handeln keine Gültigkeit besaßen, 
und dort, wo ein Sich-Einfügen in diese Forderungen unumgänglich war, geschah 
es mürrisch. Die Übertragung auf mich geschah schnell. Ich begünstigte sie auch 
noch dadurch, daß ich auf die Schwächen des Mädchens einging und ihr das 
unfreundliche Wesen entschuldigte. Mir mußte ja daran liegen, die Aufrichtung 
eines verzeihenden Über-Ichs zu ermöglichen. Da merkte ich eines Tages, daß die 
positive Übertragung des Mädchens zu mir wirksam wurde, Als einige Kinder 
während des Unterrichts sprachen, drehte Elfriede sich um und sagte: „Seid 
doch still, das mag Herr Petersen nicht haben". Ich sah, das Mädchen war be- 
strebt, in meinem Interesse andere zu verurteilen. Der nächste Erziehungsschritt 
mußte nun der sein, daß ich sie veranlasse, sich selber zu verurteilen. Ich achtete 

- 233 — 



also darauf, wann sie selber im Unterricht sprechen würde, und als dies eintrat 
wies ich sie auf die Unmöglichkeit hin, andere bessern zu wollen, ohne an seine 
eigene Besserung zu denken. So stellte ich das Mädchen vor die Alternative, ent- 
weder zu ihren eigenen Gunsten das Verurteilen völlig aufzugeben, oder in 
meinem Interesse mit der eigenen kritischen Beobachtung ihres Ichs zu beginnen. 
Dies letzte hoffte ich mit Hilfe ihrer Übertragung zu erreichen. Leider habe ich 
meine Erziehungsarbeit an dem Mädchen nicht lange fortsetzen können, da es 
vorzeitig die Schule verließ. Aber ich glaube wohl sagen zu dürfen, daß in dem 
Mädchen dann, wenn es länger in der Schule hätte bleiben können, die Über-Ich- 
Bildung gefestigt worden wäre und sich entschiedener die Richtung gestaltet 
hätte, in der ich die spätere Funktion des Über-Ichs wünschte. 

Wird einem die ganze Bedeutung des eigenen Wesens für die Büdung des 
Über-Ichs klar, dann kann man wohl, eingedenk der eigenen Unvollkommen- 
heiten, verzagt werden. Diese Mutlosigkeit findet aber die Grenzen ihres Rechts 
wenn man daran denkt, daß es vollkommenere Menschen gibt, nach denen sich 
das Gewissen gestalten kann. Ich denke an Männer der Religion, der Geschichte 
und unter ihnen besonders an Christus. Hier liegt die Bedeutung des Religions- 
Unterrichts: Er bietet Objekte, auf die übertragen werden kann, und die die Auf- 
richtung eines gesunden Über-Ichs garantieren. 

Ich sprach von der Identifizierung der einzelnen Kinder unterein- 
ander auf Grund des gleichen Über-Ichs. Diesen seelischen Vorgang suche ich 
durch ein scheinbar belangloses Mittel zu erleichtern. Ich habe es angewandt 
wenn ich, wie eben geschildert, anläßlich des unanständigen Wortes Erichs, zur 
Klasse sagte: „Er weiß wohl noch nicht, daß wir keine Freude an solchen 
Wörtern haben." Dieses „Wir" scheint mir die Angleich ung aller an alle und 
an mich zu begünstigen. Der zu Erziehende merkt dann instinktiv, daß seine 
Klassenbrüder nicht „mitmachen". Sie haben ein Gesamtgewissen entwickelt, das 
er nicht kennt, nur ahnen kann. Kommt dann der Tag, an dem er sich in dieses 
„Wir" miteinbeziehen kann, an dem er „Ja" sagt zum „Wir", dann ist die 
Gewissensbildung in ihren ersten Anfängen überschritten. Dann wird später die 
soziale Einstellung zur Klasse auf die soziale Einstellung zur Gesellschaft erweitert 
werden können. Denn dann ist der Dissoziale, der Ich-Mensch, zum Sozialen, zum 
Wir-Menschen geworden. 

Wenn ich in meiner Arbeit an die theoretischen Erörterungen die Darlegung 
der Praxis angeschlossen habe, so bin ich nicht den historischen Weg gegangen. 
Dieser bestand vielmehr darin, daß die praktische Beobachtung zur Aufstellung 
sie erklärender Hypothesen und Theorien führte. Diese beanspruchen nur so lange 
Anerkennung, als sie der ausreichenden Erklärung und erfolgreichen deduktiven 
Anwendung zu dienen vermögen. Und diesen Zweck scheinen sie mir zu erfüllen. 
Allerdings: Restlos kann man seine erzieherischen Handlungen überhaupt nicht 
begründen. Auch die tiefste Darlegung erzieherischer Maßnahmen muß vor einem 
Etwas, das hinter allem liegt, stehen bleiben. Erziehung hat es mit Imponderabilien 
zu tun. Will man diese erörtern, kann es nicht ohne Vergröberungen und Unklar- 
heiten abgehen. Alles Imponderabile kann immer nur in die Nähe eines vollen 
Verständnisses gebracht werden. 



— 234 






BEOBACHTUNGEN AN KINDERN 



Im Zoologischen Garten 
Von Mary Chadwick, London 

Ein kleines Madchen stand außerhalb der Standen des Hirschzwingers. Vorsichtig 
streichelte sie den großen Wapiti-Hirsch und sprach ihm zärtlich dabei zu. Ich fragte 
sie, ob wir nicht versuchen sollten, ob er Mohrrüben fresse, aber sie glaubte es 
nicht. Sie kam jeden Tag, und es war ihre Lieblingsbeschäftigung, herauszufinden, 
was jedes Tier gerne aß und was sie nicht mochten, nämlich die, die man ungestraft, 
füttern konnte, die, die Vielfraße waren und die Gefährlichen, die einen in den 
Finger beißen, wenn sie nach der dargebotenen Nahrung schnappen. 

Sie schloß sich an mich an, und wir machten miteinander einen Rundgang durch 
den Garten, wobei sie mir die Hauptereignisse ihres Lebens anvertraute, wahrend 
wir die Tiere fütterten. Sie hatte einen Bruder, der zwei Jahre älter als sie selbst 
war. Sie war immer in Eile und haßte es, wenn die Tiere lange Zeit dazu brauchten, 
zu überlegen, ob sie das Futter nehmen sollten oder nicht. Einmal diesen Sommer 
hatte ein Affe sie böse in den Fingernagel gebissen, und sie war auf der „Station 
für erste Hilfe" verbunden worden. Sie hatte eine Schlinge tragen müssen, und es 
hatte sie in der Schularbeit ziemlich zurückgebracht, denn es war gerade vor der 
Prüfung! Ob ich alle Wärter hier kannte und die Kosenamen, die sie für die Tiere 
ersonnen hatte? Ob ich ihren Großvater kannte, der Mitglied der Gesellschaft war, 
und einen Kapitän, der ein Freund von ihm war? War ich auch ein Mitglied? Wie 
oft kam ich, und wo lebte ich? Sie lebte früher in Irland, aber sie hatte ihren Vater 
verloren, als sie fünf Jahre alt war, und von da ab lebte sie in London. Es war 
traurig für ein kleines Mädchen, seinen Vater zu verlieren, nicht wahr? Aber sie 
dachte offenbar, es würde sie ihren Gefährten interessanter machen, als wenn sie, 
wie jedermann sonst, zwei Eltern hätte. 

Sie hebte besonders die kleinen Tiere, die sie für einsam hielt, und die hübschen; 
die häßlichen, wie den Mandrill, fürchtete sie, und sie behauptete, sie sähen so wild 
aus. Sie hatte diesen Sommer viel Zeit damit verbracht, den großen Wapiti-Hirsch 
zu trösten, als er sein Geweih abgestoßen hatte und elend war. Es war interessant 
zu sehen, wie dieses Kind instinktiv des Tieres Unglück verstand und seine Versuche, 
fortzukommen, während dieser Periode des Geweihwechsels, so wie sich die Schlange 
verbirgt, ehe sie ihre Haut abwirft, und der Vogel, der sich mausert; es scheint, als 
ob sie sich vor Angriffen verbergen, wenn sie wehrlos sind, und als ob sie nicht 
wünschen, beobachtet zu werden, wenn ihre Schönheit vermindert ist. Sie lenkte 
meine Aufmerksamkeit auf ihre irischen Augen, als auf ein Zeichen ihrer Nationalität, 
absichtlich, so daß ich sie nicht übersehen konnte. Sie waren wirklich ihre größte 
Schönheit und sie war überhaupt ein auffallend schönes kleines Mädchen. 

Die größte Tragödie ihres Lebens jedoch war ihre erste Pflegerin gewesen, 
scheinbar eine übellaunische Frau, die vielleicht wild wie der Mandrill war. Einst 
hatte das Kind, wie es mir erzälüte, eine braune Papiertüte gegessen. Sie war sehr, 
sehr hungrig gewesen, und darum hatte sie sie gegessen. Warum? Weil diese Pflegerin 

- 235 — 



sie zu bestrafen pflegte, indem sie ihr nichts zu essen gab, wenn sie nicht gehorchte. 
Sie hatte kein Frühstück bekommen und dann kein Mittagessen, dadurch war sie so 
hungrig geworden, daß sie die Papiertüte aß. Hinterher hatte sie sich sehr sonder- 
bar gefühlt. Diese Pflegerin war nicht mehr bei ihr. Sie hatte den ganzen Tag nichts 
anderes getan, als Zigarettenrauchen. Einmal hatte sie ein ganzes Paket auf einmal 
geraucht und war ganz krank geworden. Sie, Eileen, hatte auch einmal ein ganzes 
Paket Schokolade auf einmal gegessen, eins nach dem anderen, und war auch krank 
geworden, aber das kam nur, weil die Schokolade schlecht war. Es waren nur sechs 
Stück in dem Paket. 

Jedes Tier mußte beim Fressen beobachtet werden, die Eidechsen und Sumpftiere, 
die mit Blumen gefüttert werden, die Pinguine, die ihre Fische fraßen, und dann 
mußten wir rennen, um die Beine des Polarbären zu beobachten, der in seinem Teich 
herumplanschte und nach seinem Mittagessen tauchte, das da hinein geworfen war. 



Anmerkung zu „Eine Kinderbeobachtung" von Dr. Anny Angel 

(Seite ioo dieses Jalirgangcs.) 

Sehr geehrte Frau Doktor ! Gestatten Sie mir, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß Ihnen in 
Ihrer „Kinderbeohachtung" ein kleiner Deutungsfehler unterlaufen ist. Sie suchten die kleine penis- 
neidige Lotte mit der Erklärung zu trösten, daß die Mädchen als Ersatz für den mangelnden Penis 
ein „schönes kleines Locherl" hätten. Mit Recht deuten Sie die darauffolgende Antwort Lottis : „Setz' 
dich nur auf dein Potschi, den stänkerten" dahin, daß die Kleine Ihre Erklärung irrtümlich nur anal 
aufgefaßt hat. Mit Unrecht aber folgern Sie, daß sie „nicht getröstet" war, daß sie „keinen Ersatz für 
das Schwanzerl" gewonnen hätte. Im Gegenteil. Lotte versuchte sich mit großer Überwindung damit 
zu trösten, daß sie ein schönes Locherl hätte, daher folglich die Knaben ein häßliches, ein „sunkertes" 
haben müssen. Der von Ihnen eingeleitete Tröstungsversuch wurde gerade durch Ihren Einwand, daß 
Klaus eben aus dem Bade käme und unmöglich stinken könne, wieder annulliert. Sie haben, indem 
Sie Lottis Entgegnung mißverstanden, die kleine Unglückliche erst recht „trostlos" gemacht. Mit 
ergebener Hochachtung G. R. K u e s s, Wien. 



Institut für psychoanalytische Pädagogik in Stuttgart 

Zur Eröffnung des Instituts für psychoanalytische Pädagogik in Stuttgart 



ist eine 



Herausgeber: Dr. Heinrich Meng in Frankfurt a. M. und Prof. Dr. Ernst Schneider in Stuttgart. 
Eigentümer, Verleger und Herausgeber für Österreich: Adolf Josef Storfer Wien, I., Börsegasse n 
(„Verlag der Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik )- Verantwortlicher Redakteur: Dr. Paul 
Federn, Wien I., Riemergasse l. — Druck von Emil M. Engel, Druckerei und Verlagsanstalt, 

Wien, L, In der Börse. 






Pädagogische Woche 

in Aussicht genommen mit Vorträgen und Diskussionen über Psychoanalyse mit 
besonderer Berücksichtigung der Pädagogik. Sie soll vom 

18—24. Aägust 

in Stuttgart oder in einem Sommerfrischenort in Süddeutschland stattfinden. Das 
Nähere wird später bekanntgegeben.