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Full text of "Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik II 1927 Heft 2"

Das Strafvollzugsgesetz 

Dr. med. Karl Landauer, Frankfurt a. M. 

Der Entwurf zum Strafvollzugsgesetz bringt 
wiederum die Einzelhaft, ja als „Hausstrafe" die 
„Arrestzelle", eine kahle Gitterzelle und die „Beru- 
higungszelle", einen fensterlosen Rawn. Nachfolgende 
Arbeit ist ein Gutachten über den ganzen Geist des 
Strafvollzuges, aus Anlaß der Tagung der „Inter- 
nationalen Kriminalistischen Vereinigung" in Karls- 
ruhe, September 192J. In ihm wird der „Straf- 
vollzug" als Erziehimgsproblem gewertet. 

Die Frage des Strafvollzugs ist im Prinzip nicht zu trennen von der 
ganzen Frage unserer Rechtsauffassung und Rechtsprechung. 
Ja, bei ihr kommen die Triebkräfte besonders klar zur Geltung, die die 
einzelnen Strafrechtsschulen bewegen. So zeigt es sich deutlich, daß beim 
Strafvollzug, wie er heute geübt wird und wie er, nur wenig in Äußerlich- 
keiten verändert, in dem neuen Strafvollstreckungsgesetz beabsichtigt ist r 
in der Hauptsache das Rac hegefühl, das man schamhaft Vergeltungs- 
oder auch Abschreckungsprinzip nennt, ausschlaggebend ist. Man wird 
daher die Grundzüge eines auf moderner Psychologie aufgebauten Straf- 
vollzugs — schon dieses Wort ist ein Unding — nur in der Weise 
darlegen können, daß man auf die Beweggründe zu Rechtsbrüchen und 
der Rechtsbrecher eingeht. Wenn man dies tut, fällt von vornherein 
eine sehr große Anzahl von Rechtsbrüchen aus dem Bereich des 
Gesetzes. 

Denn ein kaum abschätzbar großer Teil von Rechtsbrüchen ent- 
springt der Not. Allerdings darf man den Begriff Not nicht in anmaßend 
enger Weise so fassen, daß man nur den Hungernden, Frierenden und 
Obdachlosen in Notstand glaubt. Der Mensch braucht mehr zum Leben 
als eine gewisse Kalorienmenge. Schon aus der Physiologie wissen wir 
daß allein die Deckung des Kalorien bedarfs nicht ausreicht, um Krank- 
heiten zu verhüten. Zahllose, nicht den Motor als Heizstoff speisende 
Nahrungsmittel sind nötig. Ferner erweist wieder das physiologische 



J 



INTERNATIONAL ~ 33 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



Experiment, daß die Zuführung einer eintönigen Kost, die an sich den 
Heizbedarf deckt, nach kurzer Zeit nicht mehr genügt, da die Absonderung 
der Verdauungssäfte infolge Reizlosigkeit bedeutend abnimmt. Der 
Mensch hat also auch Abwechslung, Lust zum Leben nötig. Wenn wir 
dies aus dem chemisch-physiologischen Laboratorium gewonnene Resultat 
einigermaßen sinngemäß verwerten, so erkennen wir, daß der Mensch 
des Glückes bedarf, d. h. der Freiheit, seinen Triebkräften ent- 
sprechend zu leben, vor allem der Freiheit über Zeit. Ihr Fehlen ist 
Notstand, und so gesehen ist die Zahl der Handlungen, die einem Notstande 
entspringen, sehr groß. Bei diesen Rechtsbrüchen könnte man höchstens die 
Geseifschaft als strafwürdig bezeichnen, weil sie den Rechtsbrecher in 

Notstand brachte. 

Eine zweite Gruppe von Rechtsbrüchen entsteht aus Affekt. Sie sind 
die starke Antwort auf einen starken Reiz. Bei einer sehr großen Anzahl 
von Rechtsbrüchen ist dies ohne weiteres klar, da uns — sei es als Richter, 
sei es als Sachverständiger — der Affekt und seine Äußerung adäquat, 
entsprechend, d. h. nachlebbar erscheint. In allen diesen Fällen handelt es 
sich um Ereignisse, die niemals verhindert werden können, so 
lange der Mensch eben Mensch ist. Derartige Affekte sind Ausnahme- 
zustände gesunderMenschen, Ausbrüchen von Naturgewalten ver- 
gleichbar, sozusagen höhere Gewalt. In diesen Fällen können wir die 
Opfer der Rechtsbrüche zu entschädigen suchen und unser möglichstes 
tun, zu verhüten, daß erneut solche Naturgewalten losbrechen. Der Ver- 
über eines derartigen Rechtsbruches ist zwar nicht selbst krank, wenn auch 
in einem ungewöhnlichen Zustand, da jeden dieser Zustand befallen 
kann, ja wird; aber er kam in eine Situation, die ungewöhnlich — wenn 
man so will — krank ist. Also wiederum kommt für einen einigermaßen 
einsichtigen Menschen das Prinzip der Vergeltung nicht in Frage, aber 
auch das Verhütungsprinzip kann nicht bei den Menschen, sondern bei 
den Situationen einsetzen. 

Von diesen Fällen ausgehend, finden wir alle möglichen Übergänge zum 
Verbrechen aus pathologischem Affekt, also aus krankhaften Aus- 
nahmezuständen heraus, und weiter zum „Verbrecher", einem Men- 
schen, der unter allen möglichen uns gewöhnlich erscheinendem Verhält- 
nissen berechtigte Interessen anderer schädigt, weil er von Trieb- 
kräften getrieben ist, die sich in einer gesellschafts- 
schädlichen Weise auspuffen. Die Strafrechtsbewegungen der 
letzten Jahrzehnte haben versucht, den Rahmen der ersten Gruppe, der- 
jenigen, wo man von krankhaften Zuständen im eigentlichen Sinn sprechen 
kann, möglichst zu erweitern. Aber sie sahen sich auch genötigt, die 
Zwischenstufe des „vermindert zurechnungsfähig" wenigstens praktisch einzu- 
führen. Für unsere kurzen Untersuchungen können wir jedoch die beiden 
Fälle einheitlich setzen, da der pathologische Affektzustand ein Affektzustand 
ist, der von Triebkräften mitgespeist wird, die nicht ausgelöst sind von 

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dem Affektanlaß, sondern zurückgehen auf weit hinter dem Anlaß liegende 
meist in der Kindheit wurzelnde Erlebnisse, die aus dem Unbewußten 
heraus nachwirken. Diese Menschen gleichen einem Pulverfaß, das auf 
irgend einen Stoß, durch einen kleinen Funken oder gar nur, weil es eben 
jetzt eine bestimmte Zeit gelagert hat, explodiert. Die Verbrecher 
aber werden gleichfalls von Antrieben bestimmt, die 
ihnen zum großen Teil unbewußt sind. Die Beweggründe zur 
Tat, die die gerichtliche Untersuchung aufdeckt, sind nur die Rationali- 
sierung, die nachträgliche Vernünftigmachung der wahren Motive, 
welche nur tiefenpsychologisches Studium aufdecken 
und ändern könnte. Diese Menschen sind allesamt von der Gesell- 
schaft als Kranke zu werten, wenn sie auch nicht krank sind. 

Denn ein Mensch ist als gesund zu bezeichnen, wenn der Ablauf seiner 
inneren Lebensvorgänge — seelisch gesprochen: seine Triebe — und die 
Reaktionen auf die Reize aus der Außenwelt — psychologisch: seine 
Affekte — einander nicht behindern und ihm gestatten, sich entweder der 
Außenwelt anzupassen oder die Außenwelt sich. Diese Definition von 
Gesundheit aber gilt nur für den Menschen als Einzelwesen. In der Tat 
ist der Mensch jedoch als Gemeinschaftswesen geschaffen und kann nur 
in Gemeinschaft gedeihen. Für diese seine Eigenschaft als Gemeinschafts- 
wesen müssen wir den Begriff der Gesundheit noch einengen: Triebe und 
Affekte dürfen sich nicht nur in Einzelwesen nicht behindern, sondern 
müssen sich auch in ihren Endäußerungen so verhalten, daß sie mit den 
Trieben und Affekten ihrer Umwelt in Einklang stehen, da sonst die allen 
lebensnotwendige Gemeinschaft gefährdet wäre. In diesem Sinne sind 
Rechtsbrecher aus ihnen selbst unbeherrschbaren Affekten und Trieben als 
Kranke (zwar nicht als individuell Erkrankte, aber als Gemeinschaftskranke) 
zu werten. 

Wenn wir diese Betrachtungsweise zur Richtlinie nehmen, so ergibt 
es sich von selbst, daß es sich diesen Rechtsbrechern gegenüber einzig 
darum handeln kann, ihnen die Möglichkeit zu geben, zu 
Gesellschaftsgesunden zu werden, d. h. ihre Trieb- und 
Affektwelt in die Hand zu bekommen, damit sie sie in einer 
Weise ausleben können, die die Gemeinschaft nicht gefährdet. Es ist die- 
selbe Aufgabe, die wir in der Jugend an den Kindern zu vollbringen 
haben, eine Erziehung, und da es sich um Erwachsene handelt, 
Produkte einer verfehlten Erziehung, um eine Umerziehung, d. i. eine 
Heilerziehung. 

Da jegliche Erziehung auf die Ausbildung des Gemein- 
schaftsmenschen ausgeht, muß sie innerhalb der Gemein- 
schaft erfolgen. Demgegenüber sehe man sich den heutigen Strafvollzug 
an. Der günstigste Fall seiner Verbüß ung ist die sogenannte Gemeinschaft 
wo eine Herde von Rechtsbrechern isoliert von der übrigen Außenwelt ist. 
Der Leiter der Anstalt steht himmelweit entfernt von ihr. Hauptsächlich 

- 35 ~ 



tritt er bei Verhängungen von Hausstrafen in Erscheinung. Die Aufseher 
aber umschwärmen sie wie die Schäferhunde, um jeden zu beißen, der 
etwas aus dem Haufen geht. Noch deutlicher wird die Absonderung aus 
der Gesellschaft bei Zellen h aft, in der der Häftling nur für wenige 
Augenblicke ein paar Leidensgefährten spricht, weiter bei Einzelhaft, 
während der er höchstens für Minuten den Aufseher sieht. Am allersinn- 
losesten ist die Arrest- und Beruhigungszelle, wo ihm selbst die unbelebte 
Umwelt entzogen wird, ja das Licht. Hier liegt eine klare Tötung des 
Menschen vor, ein Mord auf Zeit. Und diese Gewalttat soll vor 
Gewalttaten abschrecken! Ein derartig mißhandelter Mensch wird sich 
äußerlich fügen — und warten, bis er der Stärkere ist, um ungestraft 
Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Genau wie in der Jugenderziehung, 
ist die Heilerziehung ein Problem der Führer. Sie zu schaffen, muß unsere 
Aufgabe sein. Sie werden dann in einer Familie mit ihren Zöglingen 
leben (alle wesentlichen modernen Schulen sind auf diesem sogenannten 
Familienprinzip aufgebaut). Die Mittler werden Gemeinschaftskranke im 
Genesungsstadium sein. Das Stufenprinzip, Leute, die sich gut führen, 
abzusondern, ist sinnwidrig, züchtet nur „Gefängnisstreber". 

Demgegenüber muß man nur sehen, was in Wesen vorgeht, die durch 
unseren bisherigen Strafvollzug mißhandelt worden sind. Einen anderen 
Ausdruck vermag ich nicht zu gebrauchen, seitdem ich als Einjährig- 
Frei williger- Arzt Häftlinge nach Dunkelarrest und während des Krieges 
über ein Jahr als Arzt eines großen Zellengefängnisses dessen Opfer zu 
untersuchen Gelegenheit hatte. Der bisherige Strafvollzug unterdrückt in 
brutaler Weise jegliche Äußerung der Menschen, ohne die inneren Vorgänge 
der Menschen zu ändern. Die Affekt- und Triebabfuhr nach außen kann 
in keiner Weise vor sich gehen, innere Stauungen sind die notwendige 
Folge. Noch die günstigste von ihnen ist, daß offenkundige Krankheit 
entsteht. In weitaus den meisten Fällen aber stauen sich diese inner- 
seelischen Kräfte nur während der Zeit der Haft an, um sich um so 
kräftiger nach der Befreiung aus der sinnlosen Fessel zu entladen. 

Schon im gewöhnlichen Leben bilden sich im Ablauf der Lebens- 
vorgänge und als Reaktionen auf die Erlebnisse aus der Außenwelt zahl- 
lose gewalttätige Antriebe. Es ist unbedingt nötig, daß sie sich in einer 
Umgestaltung der Außenwelt und der Innenwelt entladen können. Will 
man Tätlichkeiten vermeiden, muß man Möglichkeit zur 
Betätigung geben, also müssen wir für Arbeit sorgen. Schaffen ist 
nicht nur sozial nötig, um sich in der Gesellschaft zu behaupten, sondern 
auch direkt eine hygienische Maßnahme. Um diesen Zweck zu erfüllen, 
muß die Arbeit lustvoll sein, d. h. geeignet, den tiefein- 
gewurzelten Trieben des Menschen Gelegenheit zum Austoben 
zu geben. Nun sind in sehr vielen Menschen die Wege zum freien Ent- 
sprudeln dieser Kräfte in nutzbringende Arbeit verlegt worden, nicht zum 
letzten durch eine sinnlose Erziehung, die die Arbeit zum Fluch machte, 

- 36- 



analog dem biblischen Worte: Im Schweiße deines Angesichtes sollst du 
dein Brot essen. Strafarbeit ist ja ein beliebtes Zuchtmittel. Das Arbeits- 
haus soll weiterhin die so Erzogenen zur Arbeit erziehen, in Wirklichkeit 
verekelt es sie noch mehr. Damit Arbeit lustvolles Sichausleben werde, 
muß sie sinnvoll sein, und das kann man doch von Tütenkleben und 
ähnlichem nicht behaupten. Dostojewski hat in seinen sibirischen 
Erinnerungen davon gesprochen, daß man einen Sträfling dadurch in 
Wahnsinn treibe, daß man ihn zwinge, einen Haufen Steine von einer 
Seite der Straße auf die andere zu schaffen und dann wieder zurück und 
so immer fort, immer wieder aufs neue seine Arbeit zerstörend. Die 
Leistung in einem Bergwerk unter den schwierigsten und gefährlichsten 
Bedingungen sei dagegen eine Erholung, da man sehe, was man schaffe. 
Vor allem muß man deshalb dem der Freiheit Beraubten wenigstens eine 
möglichst freie Arbeit und freie Verfügung über sein Arbeitsprodukt 
gewähren. Sinnlose Arbeit, die nicht dem Individuum angepaßt ist, ist 
Fron, die nur Haß erzeugt, der sich späterhin entladen muß. 

Das schwierigste Problem für die Heilerziehung des Verbrechers ist 
aber, daß er — wie manche Arten Geisteskranker — in der Begel nicht 
das Gefühl hat, ein Gemeinschaftskranker zu sein. Meist aber kann man 
nur den ändern, der unter seinem derzeitigen Zustand leidet. Man glaubt 
dies dadurch erreichen zu können, daß man den Gemeinschaftskranken so 
lange quält, bis er leidet. Dies ist aber kein Ersatz für das Krankheits- 
gefühl, denn es handelt sich hier um ein Leid von außen, das einzig zur 
Änderung der Außenwelt aufpeitscht, nicht um ein Leid von innen her, 
das die Änderung der Innenwelt veranlassen könnte. Mit Dressur — um 
einen von Bernfeld in der Pädagogik benützten Ausdruck zu gebrauchen 
— erreicht man nur einmalige „Muskelaktionen", jederzeit unter anderen 
äußeren Gegebenheiten aufhebbare Hemmungen oder unter den Dressur- 
bedingungen produzierte Kunststücke. Daher die rückfälligen Verbrecher. 
Eine andere Einstellung, eine Umwandlung der Persönlichkeit, erzielt einzig 
die „Führung , in der einer Masse eine Führerpersönlichkeit gegen- 
übersteht, der zu gleichen, deren Forderungen, die man sich zu eigen macht, 
zu entsprechen, lustvoll ist. Jegliches Versagen in dieser Beziehung wird 
mit der Sozialangst: Schuldgefühl beantwortet. Dieses Schuldgefühl hervor- 
zurufen, bzw. in richtige Bahnen zu lenken, ist die Aufgabe der Erziehung 
am Verbrecher. 

Allerdings täuscht man sich, wenn man glaubt, im Verbrecher gäbe es 
kein Schuldgefühl oder es sei weniger stark entwickelt. Nicht gemeint ist 
natürlich das Schuldgefühl, das von vielen geäußert wird, weil sie den 
Anschauungen der Verbrecherzunft zuwider gehandelt haben. Nicht 
gemeint ist auch jene scheinbare Beue und Zerknirschung, die von zahl- 
losen bewußt vorgetäuscht werden, gerade am meisten von jenen, die am 
wenigsten Schuldgefühl empfinden. Derartiges anzu dressieren, war bisher 
die Aufgabe und die Selbsttäuschung des Strafvollzuges. 

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Vielmehr hat die genaue Untersuchung von Verbrechern ergeben, daß 
in ihnen die Sozialangst besteht, aber unbewußt, wie ja die 
Kriminellen überhaupt die Strebungen, die auf Eingliederung in die 
Gesellschaft abzielen, großenteils verdrängt haben. Namentlich an jugend- 
lichen Rechtsbrechern, bei denen die psychologischen Fäden noch leichter 
zu entwirren sind, läßt es sich oft ohne Schwierigkeit nachweisen, daß 
ein Schuldgefühl vorhanden ist, aber ein verdrängtes, dem Verbrecher 
selbst unbewußtes, für eine ihm selbst unbewußte Schuld. Aber eben 
dieses Schuldgefühl drängt nach Bestrafung und, um diese herbeizuführen, 
begeht der unbewußt Schuldige bewußte Schuld. R e i k hat uns in einem 
sehr lesenswerten Buch diesen Verbrecher aus Schuldgefühl 
und Strafbedürfnis klargelegt. 1 Es ist eine außerordentlich häufige 
Erscheinung. Hier handelt es sich darum, dieses unbewußte Schuldgefühl 
bewußt zu machen und den Verbrecher von seiner Last zu befreien. Sehr 
häufig ist auch, daß eine Strafe verursacht wird, um damit einen Freibrief 
zum Nachgeben gegenüber unerlaubtem, meist unbewußtem Verlangen zu 
erhalten. Denn diese Strafe wird, weil die Tat aus anderen Motiven ent- 
standen ist, als sie vom Urteilenden unterschoben werden, stets als eine 
ungerechte Strafe empfunden, und man hat nun eine Straftat zugute. Vor 
allem aber wird die Strafe als Gewalttat empfunden, und Gewalttat recht- 
fertigt Gewalttat, die Gewalttat der Gesellschaft also die eigene — begangene 
und zukünftige. Nicht nur der Henker ist der Lehrer des Mörders. 

Es ist unmöglich, im Rahmen eines kurzen Aufsatzes das ganze Problem 
der Kriminellen und der Kriminalität auch nur einigermaßen klar aufzuzeigen. 
Soviel aber wird aus dem wenigen hervorgegangen sein, daß es sinnlos, ja 
höchst schädlich ist, ein Strafvollzugsgesetz zu schaffen, das auf dem 
Gedanken aufgebaut ist, zu vergelten oder abzuschrecken, in der Tat zu 
rächen. Daß dies die Tendenz des Gesetzentwurfes ist, geht namentlich 
aus der Möglichkeit einer Einzelhaft und gar des als Hausstrafe gelassenen 
Lichtentzugs, dem Käfig und der Fesselung hervor. Was Erziehungs- 
maßnahmen zu sein vortäuscht, in Wirklichkeit aber dazu dient, auch 
einen Aktivposten in die pekuniäre Bilanz der Gefängnisverwaltungen ein- 
zuführen, die Arbeit entspricht in ihrer heutigen Art keinesfalls Erziehungs- 
ansprüchen, sondern ist als geist- und sinnlose Fron nur Dressur- und 
Quälmittel. In der heutigen Form vermag der Strafvollzug nicht aus 
Gesellschaftskranken Gesellschaftsgesunde zu machen. Sie bleiben Gesell- 
schaftskranke, d. h. Gesellschaftsfeinde, manche werden auch individuell 
Erkrankte, seelisch Kranke, Geisteskranke. 

i) „Geständniszwang und Strafbedürfnis." (Internationale Psycho- 
analytische Bibliothek, Bd. XVIII.) Wien 1925. Vgl. auch den Artikel von Staub 
im „Psychoanalytischen Volkshuch". Hippokrates- Verlag, Stuttgart 1926. 



III 

-38- 



. 



„T. Kh." 

Beitrag zur psychoanalytischen Bewertung und Behandlung jugendlicher Rechtsbrecher 

Von Fritz Kleist 

Strafanstaltslehrer an der Jugendabteilung des Strafgefängnisses Breslau 

Wir veröffentlichen die folgende Arbeit als wertvollen 
Beitrag zur Pädagogik des jugendlichen Verbrechers. Der 
Verfasser sucht mit Hilfe der Adlerschen Individual- 
Psychologie den Fall psychologisch zu verstehen. Leider 
sind seine Scldüsse in der Hauptsache Konstruktionen nach 
dem Adlerschen Schema und nicht Ergebnisse einer tieferen 
psychologischen Untersuchung, wie dies die Psychoanalyse 
verlangt. Anmerkung der Schriftleitung 

i 

Der Hüttenarbeiter Th. K. wurde am 1. April 1904 als Sohn des Häuers 
K. geboren. Während der letzten Monate seiner Schulzeit und nach Beendigung 
derselben beging er eine Reihe von Wohnungsdiebstählen. Er eignete sich ins- 
besondere Uhren, Gold- und Silberwaren an. Sein Schulbesuch war bis zur 
Entlassung regelmäßig. Er erhielt ein gutes Abgangszeugnis. Der Vater war 
im Kriege und die Mutter mußte der Arbeit nachgehen. Wegen der Wohnungs- 
diebstähle wurde er in die Fürsorgeerziehung eingewiesen. Aus dieser entfloh 
er nach kurzer Zeit. Nunmehr kam er vor Gericht und wurde am 16. Juni 
1919 zu drei Monaten Gefängnis, am 18. Juni 1919 zu drei Monaten 
Gefängnis und am 16. Juli 1919 zu 15 Tagen Gefängnis verurteilt. Aus 
diesen Strafen wurde eine Gesamtstrafe von fünf Monaten 15 Tagen gebildet 
und ihm Bewährungsfrist zugestanden und er, da er Besserung versprach, auch 
aus der Fürsorgeerziehung beurlaubt. Dies Versprechen gab er jedoch ledig- 
lich aus Angst vor dem Anstaltsleben und nicht aus Gründen der Abwendung 
von seinem bisherigen Leben. Die Eindrücke des Anstaltsaufenthaltes ver- 
blaßten, er blieb in seinen alten Lebenskreisen. Besonders verkehrte er in 
einer berüchtigten Taschendiebfamilie, deren Glieder bis in die jüngste 
Gegenwart hinein Mitglieder internationaler Banden sind: W., Seh. Der Ein- 
fluß der Eltern erwies sich als völlig unzureichend. Der Junge beging eine 
Reihe von Taschendiebstählen auf den Straßenbahnen und auf den Bahnhöfen 
von Beuthen, Kattowitz und Gleiwitz. Am Ende des Jahres 1919 wurde er 
ergriffen und soUte in die Erziehungsanstalt G. eingeliefert werden. Auf dem 
Transport entwich er. Im Polizeigefängnis zwängte er sich durch das Lampen- 
loch über der Zellentür. Von B. nach L. ging er zu Fuß. Hier überstieg er 
die Bahnhofsschranke und fuhr als blinder Passagier dritter Klasse nach Ol. 
Noch an demselben Tag wird er verhaftet, und er erhält wegen der Taschen- 
diebstähle am 18. November 1920 ein Jahr Gefängnis. Die Gesamtstrafe von 
fünf Monaten 15 Tagen und ein Jahr Gefängnis werden vom Januar 1920 
bis zum September 1921 in B. vollstreckt. 

Im Alter von 15V2 Jahren wird er zur Verbüßung einer immerhin langen 
Strafe eingeliefert. In der Strafzeit sind besondere Vorkommnisse nicht zu 
verzeichnen gewesen. Er selber behauptet, daß die lange Strafe in ihm eine 

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Umwandlung bewirkt und daß sie ihn von seiner leichtsinnigen Lebens- 
einstellung abgebracht und ihm den Ernst der richterlichen Maßnahmen und, 
des Strafvollzuges vermittelt hätte. Er hätte erfahren, daß das Gericht keinen 
Spaß verstehe, und werde sich hüten, mit demselben noch einmal in Berührung 
zu kommen! Mit seinen Eltern hätte er die besten Pläne für die Zukunft 
gefaßt. Sie hätten seine Beurlaubung aus der Fürsorgeerziehung erbeten, ihr 
Gesuch wäre aber abschlägig beschieden worden. Die Enttäuschung Theodors 
war groß, als ihn ein Polizeibeamter zur Überführung in die Anstalt abholte. 
Und sofort waren alle guten Vorsätze vergessen, der Trieb nach Freiheit 
überwog! Es dominierte der Gedanke, daß die Einbringung in die Fürsorge- 
anstalt nach Verbüßung einer fast zweijährigen Strafe eine weitere Strafe von 
vier Jahren bis zum 21. Lebensjahr bedeutete. Von einer Entweichung auf 
dem Transport kommt er ab, da die Eltern ihm auf dem Transportwege ein 
„Gesuch" versprachen. Er verblieb zwei Monate in der Anstalt. Als das 
Gesuch abschlägig beschieden war, entfloh er im November 1921 im Drillich- 
anzug und kam nach dreitägiger Fußwanderung todkrank zu Hause an. Eine 
Drüsen- und eine schwere Lungenentzündung warfen ihn auf das Kranken- 
bett. Während dieser Zeit will er in mehreren Bittschreiben den Landes- 
hauptmann um Beurlaubung gebeten haben. Er hatte auch Arbeit gefunden 
und arbeitete auf seinen richtigen Papieren im Sägewerk in B. Er fühlte 
sich von der Polizei gesucht und verließ unter Zurücklassung der Papiere die 
Arbeitsstelle. Fortan arbeitete er auf falschen Papieren am Stadttheater in B. 
Auch hier mußte er die Stelle vor der Polizei, die einen Suchbefehl des 
Landeshauptmannes hatte, aufgeben. Der Aufenthalt bei seinen Eltern war 
unmöglich. Er konnte sich nur in der Gesellschaft, in der er früher zu 
Taschendiebstählen gekommen war, verbergen. Hier sollte er etwas „bringen". 
In Gesellschaft eines Älteren, aus dem Verbrechermilieu, drang er in eine 
Familienwohnung in R-berg ein, deren Tür offen stand. Ein 1 7 jähriger Junge 
war anwesend. Dieser wurde auf das Sofa geworfen, gefesselt, geknebelt und 
mit Erschießen bedroht. Eine Waffe führten die Räuber nicht mit sich. Es 
wurden Kleider geraubt und diese bei einem Althändler verkauft. Des Abends 
strolchte Theodor in B. Die R-berger Polizei durchstreifte mit dem Über- 
fallenen Jungen die Verbrecherstraßen von B., K. wurde angetroffen und noch 
an demselben Abend verhaftet. Er will auf der Polizei (Polizei der Aufstandszeit, 
Gemeindewache) geschlagen und mit Füßen getreten worden sein. Nach seiner 
Einlieferung in das Untersuchungsgefängnis mußte er unter „sofort" einer 
Krankenhausbehandlung unterzogen werden. Die Akten sprechen von einem 
eingeklemmten Leistenbruch. Th. gibt an, daß dieser die Folge der Fußtritte 
sei. Drei Monate nach der Tat wurde er am 10. Mai 1922 wegen Raubes 
zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Am 22. Dezember 1922 konnte er aus 
dem Gefängnis entweichen. Er holte mit einem anderen Gefangenen für die 
Baracke aus dem Stall Kohlen. Der begleitende Beamte wurde abgelenkt. Die 
beiden Gefangenen kletterten unter Benutzung eines Gefängnisfensters an der 
Baracke in die Höhe und sprangen von dieser in den Gerichtsgarten ab. 
K. tauchte wieder in seinem alten Lebenskreise unter. Der Arbeit konnte er 
wegen Mangel an Papieren nicht nachgehen. Er will sich gesträubt haben, 
zu stehlen. Er sollte etwas „bringen'". Er kam völlig herunter und führte 
ein Vagabundenleben, indem er sich von schweren Straftaten fernhielt, sich 



— 40 — 



von anderen ernähren ließ und bettelte. In der Gesellschaft eines auch 
„Gesuchten lebte er mehrere Tage von dem, was dieser aus guten Kleidungs- 
stücken im Versatz erhielt. Aber der Hunger blieb nicht aus. Nächtelang 
irrten sie umher und schliefen im Freien. Sie liehen sich zwei Waffen (Zeit- 
bild aus Oberschlesiens Aufstandstagen), einen Karabiner und einen Revolver 
und überfielen in einer dunklen Gasse einen Kaufmann. Der Überfall hatte 
kein Ergebnis. Th. wurde bei der Tat verhaftet. In der Untersuchungshaft 
wegen dieses Raubes i. R. verbüßte er die erste Strafe wegen Raubes weiter. 
Am 13. Juni 1923 stand in der Raubsache i. R. Termin vor dem Schwur- 
gericht an. In einer Verhandlungspause wurde Th. in den „Keller" abge- 
führt. Mit Hilfe eines Nagels, der ein elektrisches Leitungsrohr hielt, öffnete 
er die „Brahme" und gelangte durch eine Treppe ein Stockwerk tiefer. Hier 
drückte er die Füllung einer leichten Holztür ein und stand in der Anklage- 
bank der Strafkammer. Die Tür zum 'Zuhörerraum war von innen verschlossen 
er schloß sie auf und suchte wieder in den alten Verbrecherkreisen Unter- 
schlupf. 

Am nächsten Tage besuchte er eine Versammlung, in dieser wurde er 
sogleich erkannt und festgenommen. Er leistete heftigen Widerstand, warf sich 
auf die Erde und stieß mit den Füßen um sich. Wegen des tätlichen Wider- 
standes und wegen der Sachbeschädigung an der Tür zum Strafkammersaal erhielt 
er eine Gesamtstrafe von einem Jahr Gefängnis. Im September erhält er eine 
neue Vorladung zur Verhandlung in der Raubsache i. R. Er lag mit zwei 
Gefährten auf einer Zelle, aus Sicherheitsgründen im vierten Stock. In zwei 
Nächten durchbrachen sie die Zellendecke über dem Ofen, um auf den Boden 
des Gefängnisses zu gelangen. "Der Mörtel wurde in den Matratzen ver- 
borgen, die Öffnung mit einem Stück des Bettlakens überspannt, dieses mit 
Reißzwecken befestigt und die Ränder mit Zahnpasta verklebt. Bei der Tages- 
revision fand der Beamte Mörtel; er ließ sich über dessen Herkunft aber 
täuschen und bemerkte das Loch in der Decke nicht. Aus vier Bettwäschen 
wurde ein Seil gedreht, dies an einem Pfeiler des Bodens befestigt und auf 
die Straße hinabgelassen. In ausreichender Weise hatte man sich gegen die 
Schupostreifen gesichert! Th. glitt als erster an dem Seil hinunter. Auch der 
zweite landete, der dritte stürzte aus der Dachhöhe ab, zog sich komplizierte 
Bein-, Becken- und Armbrüche zu. „Der war wohl zu nervös!" In einer 
Verbrecherfamilie reinigten sie sich in der Frühe von den Spuren des Aus- 
bruches — Kienruß. Vierzehn Tage ist er „rumgestrolcht", auf der Straße wurde 
er verhaftet. Er kam in den Arrest. Ein ihm bekannter eingesperrter Schuh- 
macher konnte ihm durch das Zellenfenster einen Dietrich und ein Messer 
„zustecken". Die Handschellen streifte er sich ab, mit dem Dietrich schloß 
er das Gitter auf, mit dem Messer löste er die Schrauben, die den Blech- 
beschlag an der Zellentür hielten, bog das Blech zurück, um die Türfüllung 
mit dem Messer auszuschneiden. Vierzehn Tage arbeitete er! Um drei Uhr 
nachmittags wagte er den Ausbruch! Er streifte die Schellen ab, öffnete die 
Gittertür und stieg durch die herausgeschnittene Füllung durch die Zellentür 
und stand im Gefängnis! Mit dem Dietrich öffnete er die Hoftür! Er erbrach 
den Geräteschuppen, versuchte eine Leiter an die Mauer zu stellen; durch 
den Arrest war er aber so geschwächt, daß er es nicht schaffte. Ein Beamter 
überraschte ihn und führte ihn in eine andere Arrestzelle ab! Er wird nach 

- 41- 



seiner Angabe wieder gefesselt, diesmal an Händen und Füßen, die Ver- 
bindungskette wird angelegt. Aus einem Kettenglied fertigt er sich einen 
Dietrich, den Mittelbruch des Bartes ritzt er mit einer Nadel. Auf die gleiche 
Weise versucht er einen neuen Ausbruch! Ein Stück der Türfüllung hat er 
bereits herausgeschnitten; unerwarteterweise betritt der Arzt die Zelle. Dieser 
überrascht ihn. Theodor kommt in eine andere Zelle und erhält jetzt die 
Stangenfessel — Weiwe. Diese setzte ihm gehörig zu, die Gelenke schwellen 
an, er kann sie nicht abstreifen. Der Staatsanwalt und der Direktor besuchen 
ihn und er verspricht, keinen weiteren Ausbruch zu unternehmen, und die 
Fesseln werden ihm abgenommen. Das Schwurgericht verurteilte ihn wegen 
Raubes i. R. zu fünf Jahren Gefängnis. Aus dieser und der einjährigen Strafe 
wegen Widerstandes und Sachbeschädigung und aus einer weiteren Strafe von 
sechs Wochen wegen Sachbeschädigung wird eine Gesamtstrafe von fünfeinhalb 
Jahren Gefängnis gebildet. Im Frühjahr 1924 erhält er wegen des Ausbruches 
und wegen Meuterei sieben Monate Gefängnis, und da er einen Beamten 
falsch bezichtigt hatte, ihm bei dem Ausbruch behilflich gewesen zu sein, im 
Oktober 1925 eine weitere Strafe von einem Jahr Gefängnis. Aus diesen 
Strafen wird eine Gesamtstrafe von sechs Jahren neun Monaten wegen Raubes, 
Meuterei und verleumderischer Beleidigung gebildet. 

Die drei Jahre Gefängnis des ersten Raubes wurden vom 10. Mai 1922 
bis 8. August 1925 vollstreckt und im Anschluß daran ist die Vollstreckung 
der Gesamtstrafe von sechs Jahren neun Monaten für die Zeit vom 8. August 
1925 bis zum 23. Mai 1932 notiert. Unter Hinzurechnung der früheren 
Strafe von 20 Monaten sind über ihn elf Jahre fünf Monate Gefängnis 
verhängt und er sitzt mit einer kurzen Unterbrechung seit Jänner 1920, seit 
seinem 15. Lebensjahre! Jetzt ist er 23 Jahre alt! 

Über seine Gefängniszeit wird in den Vorakten gesagt, daß er dauernd im 
Gefängnis der Verwaltung viel zu schaffen machte. Am 18. März 1922 
wurden bei einer Zellenrevision einem Mitinsassen Streichhölzer und ein 
Bleistift abgenommen. Der Beamte legte sie auf den Tisch. K. will sie 
„verschwinden" lassen. Er wird sehr frech und anmaßend gegen den Beamten 
und wird mit der Entziehung des Brotes und der Bewegung im Freien an 
drei Tagen bestraft. Im Juni 1922 „pendelt" er Kautabak. Ihm wird die 
Erlaubnis zum Empfang von Besuch und Lebensmitteln auf vier Wochen 
entzogen. Am 26. Februar 1923 wird nach seiner Wiedereinbringung ein 
Dietrich bei ihm vorgefunden. Er wird umgekleidet und erhält zwei Wochen 
Arrest und Entziehung der Besuchserlaubnis auf sechs Wochen. Am 7. März 
1923 wird in der Arrestzelle, in seinem Taschentuch eingeknotet, wiederum 
ein Dietrich vorgefunden. Er erhält wieder zwei Wochen Arrest und Ent- 
ziehung des Besuches auf weitere sechs Wochen. Der Untersuchungsrichter 
ersucht, für eine sichere Bewachung Sorge zu tragen. Am 5. Juli 1923 
versucht er im Arrest, sich die Pulsadern aufzuschneiden. Er verbüßte 
14 Tage Arrest, wegen Entweichens aus dem Schwurgerichtssaal. Am 28. Juli 
1923 schreit, gröhlt und pfeift er zum Fenster hinaus; er erhält zwei 
Wochen Gefängnis. Am 14. November 1923 wird er beim „Verschieben" 
von Priemtabak gefaßt. Er benimmt sich „derartig frech" und schimpft, auch 
auf den Untersuchungsrichter, schlägt um sich und bedroht Beamte. Er erhält 
eine Woche Arrest. Am 1. Dezember 1925 wird er wegen unerlaubten 

- 42 — 



Rauchens gemeldet. Am 5. Dezember 1923 schiebt er einem Zellennachbar 
durch ein in der Trennwand hergestelltes Loch Tabak zu ; er erhält sieben 
Tage Arrest. Am 11. Februar 1924 skandaliert er wegen „zu wenig Essen". 
Er wird zu drei Tagen Wasser und Brot verurteilt. Am 22. Mai 1924 wird 
er gemeldet, weil er zum Fenster hinaus geguckt, geraucht und sogar 
„ rausgespuckt u hat. Er wird verwarnt, und die Raucherlaubnis wird ihm auf 
die Dauer von drei Monaten entzogen. Am g. Juni 1924 spricht er mit 
einer weiblichen Gefangenen vom Zellenfenster aus. Er steht auf seinem 
Schemel und weigert sich, diesen dem Beamten herauszugeben. Er erhält 
eine Woche Arrest. 

Vom September bis November 1925 will er immer gefesselt gewesen sein. 
Er behauptet, daß er nach dem letzten Ausbruch „obenin" an der Erde 
angeschlossen gewesen wäre. „Ein schwerer Junge ! 

Nach der Gründung des Jugendgefängnisses in W., kam er im Herbst 1924 
nach W. Hier äußern sich die Beamten im Juli 1926 aktenkundig über ihn, 
daß er von B. her bekannt wäre, wo er der Anstalt viel zu schaffen machte. 
Er sei kein schlechter Charakter, nur leichtsinnig und wäre daher schlechten 
Beeinflussungen von Seiten seiner Kameraden zugänglich gewesen. In der 
W. -Anstalt hat er sich zur Zufriedenheit geführt. Er versucht in einem 
Vertrauensposten, in dem er sich seit dem 1. Februar 1926 befand, Gutes 
zu leisten. Man hätte den Eindruck, daß er seine strafbaren Handlungen 
ernstlich bereue und ein anderer Mensch werden wolle. Ein anderer Beamter 
äußerte sich dahin, daß sich K. in dem Stadium eines Menschen befinde, 
von dem man sagen könne, er sei durch Schaden klug geworden und habe 
sich „einen Witz gekauft." Die befragten Beamten sprechen sich für eine 
Strafermäßigung aus und versprechen sich davon einen heilsamen Einfluß auf 
K's. Persönlichkeitsentwicklung. 

II 

Wir wissen, daß die stärksten Anregungen für den Ausbau des mensch- 
lichen Seelenlebens aus der frühesten Kindheit stammen. K. weiß aus den 
Erzählungen seiner Mutter, daß er schon als Säugling ein wahrhaftes Sorgen- 
kind seiner Eltern war. Bei jedem Luftzug erkältete er sich. Aus eigener 
Erinnerung weiß er, daß er sich im fünften Lebensjahre ein Bein an zwei 
Stellen brach. Er lag in langen Wochen im Bett, hochgeschnallt und sah in 
seinen Pflegern Menschen, die ihm wehe taten. Er fühlte sich durch die 
Behandlung von den Schwestern gequält, ihm fehlte die rechte Erkenntnis, 
daß sie zu seiner Heilung beitragen wollten. Diese Kindheitserinnerung an 
das Krankenpflegepersonal ist bestimmend für seine Lebenslinie. Alle Menschen, 
die ihm zu dienen und zu helfen versuchten, sah er mit dem Auge eines 
Kranken, der in schmerzvoller Behandlung nicht eine Heilmaßnahme, sondern 
eine Quälerei sieht. Die Schwester, die ihn ins Bett zwingt, das Bein hoch- 
schnallt und von ihm verlangt, daß er ruhig liege, ist ein Quälgeist, von der 
er keine Weintrauben nehmen mag; er wirft sie ihr ins Gesicht. Diese 
Einschätzung begleitete ihn aus dem Krankenhause in die Schule, in die 
Fürsorgeerziehung und ins Gefängnis. In allen Menschen sah er mit dem 
Auge des Hilflosen Quäler. Die Mutter hätte häufig betont, daß er am Kar- 

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freitag geboren sei. Keine Glocke und kein fröhlicher Ton hatten ihn ins 
Leben gerufen, und an den Lebenswegen der Karfreitagskinder stände dumpfe 
Traurigkeit! Die beiden frühesten Kindheitserinnerungen verschmolzen sich. 
Seine Schulzeit zeigt keine besonderen Auffälligkeiten. Er ist ungezogen und 
ausgelassen wie Knaben seines Alters. Eine sonnige Persönlichkeit begegnet 
ihm nicht. Der Vater ist ein ernster und strenger Mensch, der selten straft, 
dann aber hart, und ernst und unnahbar vor ihm stand. Der Blick des Vaters 
hielt den Jungen tagelang hindurch in Furcht. 

Es kam der Krieg. Die Mobilmachungstage gaben seiner Phantasie 
lebhafte Anregungen. Der Vater sprach in gemessenen Worten von 
der Notwendigkeit und von der Pflicht des soldatischen Müssens. 
In der Brust des zehnjährigen Buben wogen Begeisterung, Hoffnung und 
Verzweiflung durcheinander. Er hatte gehört, daß die wichtigste Voraus- 
setzung, Soldat zu werden, das „Maß" sei. Dauernd trug er ein Zentimeter- 
maß in der Tasche, um sein Wachstum zu kontrollieren. Mit den preußischen 
Ulanen ging er über die polnische Grenze. Er wurde zurückgebracht. Seiner 
Begeisterung für das Soldatenleben gab die Geschichte der Römer und der 
Germanen die nötigen Vorbilder. Die Mutter mußte auf Verdienst gehen 
und kehrte erst abends zwischen zehn und elf Uhr heim. Außerhalb der 
Schule gehörte der Tag dem Jungen. Er spielte Soldat. Sein Leben wurde 
unregelmäßig, es ermangelte der äußeren Ordnung. Auch seine Sitten lösten 
sich auf. Er mußte für die Mutter einkaufen und ständig in der Kette 
erwachsener Menschen „anstehen", die dauernd davon sprachen, daß es 
eigentlich Unsinn sei, stundenlang vor dem Geschäft auf Kartoffeln zu warten, 
während draußen auf dem Felde genügend wüchsen. Man dürfe sich nicht 
erwischen lassen. Das Kartoffelholen konnte man gut mit dem Soldatenspielen 
verbinden. Man brauchte nicht vor dem Geschäft zu stehen, sondern konnte 
spielen ! Er hörte in der Kette, daß der Staat nur gegen die Armen hart 
und rücksichtlos wäre. Er nahm unbewußt die Anschauung der Menschen an, 
bei denen nicht der als ehrlos gilt, der sich etwas aneignet, das ihm nicht 
gehört, sondern der, der sich dabei erwischen läßt. Also darauf kam es an, 
und darin übte man sich, und darin übte er sich. Und er ließ sich nicht 
erwischen und wurde ein „kesser Junge". Er war vielleicht nicht schlimmer 
als die anderen, die aber mit Ende des Krieges und der Rückkehr des Vaters 
in geordnete Bahnen zurückfanden. Sein Vater ging als kräftiger Mann ins 
Feld und kam hager, verkümmert, leidend, früher ernst und streng, jetzt 
kränklich, gleichgültig, in sich gekehrt, nur nach Ruhe verlangend, zurück. 
Früher hatte er die Staatsordnung bejaht, jetzt gehörte er zu dem großen 
Heere der Unzufriedenen. Sein Wunsch war, daß seine Kinder, insbesondere 
der älteste Junge, Th., sein Leben wirtschaftlich erleichtern möchten. Er 
sollte Schlosser werden. Er aber wollte Soldat, und zwar Seesoldat werden. 
Er glaubte in der Schlosserwerkstatt zu ersticken. Sein Vater und der Meister 
standen vor ihm in dem Bilde des „Krankenpflegepersonals". Die ungewohnte 
Ordnung und der Zwang schienen unerträglich, er gehorchte nicht dem 
Willen der Eltern. Er hätte gearbeitet, wo er hätte sagen können: „Ich will". 
Er wollte nicht arbeiten, wo man sagte: „Du mußt!" Nach drei Monaten 
Lehrzeit entlief er und wollte sich heimlich davon machen und zur Marine 
gehen. Die kaiserliche Marine bestand nicht mehr, und er mußte sich mit 



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der Marine zweiten Grades begnügen. Auf eigene Faust erkundigte er sich. Er 
sollte 500 Mark einzahlen. Die Mutter unterstützte seinen Wunsch, und 
der Vater sagte aus Gleichgültigkeit zu, konnte aber nicht die 500 Mark 
aufbringen. In eine Lehrstelle war K. nicht zu bringen. Kr wollte sich die 
300 Mark für die Ausrüstung verdienen und arbeitete „Untertage". Bald 
begriff er, daß er ungefähr zwei Jahre arbeiten müsse, um das Geld auf- 
zubringen. Eine schwungvolle Idealisierung in dieser Arbeit fehlte. Der Vater 
versuchte, durch alle möglichen Mittel und Vorstellungen den Jungen von 
seiner Idee abzubringen. Vater und Krankenpfleger identifizieren sich immer 
mehr. Ihm will er nicht unter die Augen kommen, er täuscht ihn über 
seine Arbeit und sein Verweilen in der arbeitsfreien Zeit. Er strolchte 
mit andern herum und verübte Unfug. Es erscheint ihm leichter, das 
Geld durch Diebstahl zu erwerben, als durch ehrliche Arbeit. Wohl haben 
Lehrer und Pfarrer ihm gesagt, was Recht und Unrecht ist. Seine Schicht 
und er sehen aber in ihnen Vertreter des Staates, die für ihre Lehre und 
Meinung bezahlt werden. Sie werden mit dem Krankenpflegepersonal identi- 
fiziert. Er stand in dem Konflikt zwischen den Lehren der Schule und der 
Kirche und dem Leben, in dem er lebte. Er atmete das Milieu der Gasse 
und wurde ein Gassenjunge in seiner Vorstellungswelt, in seinem Leben und 
in seiner Begriffsbildung. Viele seiner Spielgenossen, und manche aus seiner 
Stromerzeit traf er in Erziehungsanstalten, in den Gefängnissen, und manchen 
sah er bereits in Zuchlh auskleidern wieder. Zur Marine hatte er sich 
geträumt, um die Welt zu sehen. Jetzt, wo er auf leichte Weise durch Dieb- 
stahl Geld in die Finger bekam, verblaßte der Plan, zur Marine zu gehen. 
Er konnte ja mit Geld die Welt sehen ! Er brauchte nicht unter dem Zwange 
der Soldaten zu stehen. Von der Schlechtigkeit und Gesinnung seiner Lebens- 
führung hatte er keine rechte Vorstellung, weil diese Lebensführung in dem 
Kreise, in dem er lebte, als die richtige galt. 

Gräßlich war sein Erwachen auf der Polizei. Vorführung und Verhör 
packten ihn. Wie anders fühlte er sich, als das Bild war, das die Großen in 
prahlerischer Weise von sich über ihre Gefängniszeit gegeben hatten. Polizei, 
Richter, Gefängnisbeamte schelten, drohen und strafen, und er identifiziert sie 
mit dem „Krankenpflegerpersonal". Er nimmt die Sache auch nicht für 
ernst, als er nach kurzer Zeit herauskommt: „Sie haben mich ja freigelassen". 
Das Ganze ist ja bloß ein Spaß, und er mußte wohl nichts Unrechtes getan 
haben ! 

Und doch schlummerte gewiß noch gute Kraft in ihm. Bei der Begehung 
dieser Straftaten verlangte sein Ehrgefühl gemäß den Anschauungen seines 
Lebenskreises, daß er alles gerissen anstellte und sich nicht packen ließe. 
Darin hätte er seine Ehre zu suchen! Daß ein Verbrechen an sich ihn ehr- 
los mache, der Gedanke kam ihm nicht. Und so war auch die Behandlung 
bei der Einweisung in die Fürsorgeerziehung — Führung an der Kette durch 
den Begleiter — dazu angetan, daß dieser Augenblick sich für das ganze 
Leben in seine Seele eingrub. Die Fürsorgeerziehung wird in ihren Trägern 
mit dem „Krankenpflegepersonal" identifiziert. Er sieht in der Fürsorge- 
erziehung keine Wohltat, und es kommt nicht zu einer inneren Wandlung, 
sondern jedes Wort und jeden Schritt fühlt er als Erniedrigung und in 
allen Menschen der Fürsorgeerziehung sieht er seine Feinde, entsprechend war 

- 45 - 



sein Verhalten. Seinen eigenen Willen schaltete man aus, er mußte alles, 
und nichts ließ man ihn „tun wollen". Überall betonte man, daß er anders 
werden müsse und immer „muß" und „müssen". Die ganze Mußatmo- 
sphäre flößte ihm Angst und Schrecken ein. Die lebendigste Frage ist, wie 
kommst du hier heraus? Er markierte Tobsuchtsanfälle, schrie und zertrüm- 
merte Fensterscheiben. Er kam auf die Krankenstation und drehte dort den- 
selben Film weiter. Nach seiner Angabe ist nun die Prügelstrafe an ihm voll- 
streckt worden. Er hätte sich geweigert, sich hinzulegen, und hätte nun Prügel 
ausgiebig erhalten und nicht nur auf den dafür vorgeschriebenen Körperteil. Angst 
und Schrecken waren noch größer geworden und das Muß immer stärker 
und die Identifizierung der Fürsorgeerziehung mit dem „Krankenpflegepersonal" 
immer deutlicher! Er entfloh und kommt nun 20 Monate ins Gefängnis. Nach 
keiner Richtung haben ihn diese beeinflußt. Seine Lage empfand er als 
menschenunwürdig, seine Lebenslinie blieb die gleiche, und er weinte und jammerte 
vor Schmerz über seine trübe Lage. Er lauschte begeistert der Erzählung der 
älteren Gefangenen und schenkte ihren Heldentaten vollkommen Glauben und 
berauschte sich an ihnen für die Zukunft! — Er weinte vor Schmerz und 
wollte sich in Zukunft vorsehen! Der Gefängnisaufenthalt nahm ihm nicht 
seine alte Lebensschablone, sondern er blieb ein Schwankender, und er identi- 
fizierte auch den Strafvollzug mit dem „Krankenpflegepersonal' , brachte man 
ihn doch aus dem Gefängnis auch noch unmittelbar in die Fürsorgeerziehung. 
Fürsorgeerziehung ist ihm Einsperrung bis zum 2 1 . Lebensjahr. Gefängnis- 
strafen haben nach bestimmter und wohl kürzerer Dauer ihr Ende. Im Schnee- 
treiben des Novembers flüchtet er im Drillichanzug und bringt sich an den 
Rand des Grabes. Er sieht aber nur die Verhältnisse als schuldig an seinem 
Elend, und in dem Komplex „Krankenpflegepersonal" lebt lediglich die Angst, 
es regt sich aber keine Spur einer Einsicht. Wie konnte das auch in den 
Zeiten der Unordnung und Gesetzesübertretung in der Aufstandszeit Ober- 
schlesiens anders sein. Wo war damals der Respekt vor dem Gesetz! Die 
Polizei suchte ihn. Der redlich denkende Vater will ihn nicht verbergen und 
verleugnen, er wird mit dem „Krankenpflegepersonal" identifiziert. Fremde 
Leute nehmen ihn auf. Sie tun das nicht umsonst; er muß für sie im Morast 
herumwaten. Ohne Verdienst, ohne Arbeit ist er auf schlechte Menschen 
angewiesen, die aus seiner bedrängten Lage Vorteile ziehen. Es kommt zum 
ersten Raub. Und in dieser Welt ist das gesetzgegnerische Tun freudvoll betont. 
Während der Gefängniszeit wird ihm nicht bewußt, was das wirklich Gute 
und Schöne auf der Welt ist. Das Leben ist ein rein animalisch gerichtetes. 
Durch den dauernden Umgang in Verbrecher-, Dirnenkreisen ist sein geschlecht- 
liches Triebleben außerordentlich begierig, und auf die geschlechtliche Begierde führt 
sich sein erster Ausbruch aus dem Gefängnis zurück. Alle guten Lebenskräfte 
sind in ihm tot. Als Junge hatte er geplant, die Welt zu sehen; jetzt bringt 
er es nicht fertig, die Heimatstadt zu verlassen. Bei den Eltern darf er sich 
nicht zeigen, und er will es nicht, denn der Vater redet ja nur, daß er 
schlecht sei, keine Einsicht habe und alles tun müsse! Die Leute, bei denen 
er wohnt, verlangen, daß er etwas bringe ! Es kommt zum Raubüberfall i. R. 
Und jetzt beginnt im Gefängnis die Erkenntnis, was seinem Leben Richtung 
und Ziel genommen und was das Lebensglück seiner Angehörigen zerstört hat. 
Er übersieht den dunklen Weg der Vergangenheit. Er erkennt seine Lebens- 

-46- 



Leitlinie, doch er vermag noch nicht, sich von ihr zu lösen. Er empfindet die 
Strafe als Übel und versucht wiederholt, sich ihr durch die Flucht zu ent- 
ziehen. Er stiehlt nicht mehr, er beichtet seinem Vater seine Einsicht. Doch 
dieser vermag ihm nicht zu verzeihen. Er sieht ihn mit den Augen des 
größten Feindes, der sein und seiner Familie Lebensglück zerstörte. Wort- 
los steht der Vater vor ihm, wortlos wendet er sich von ihm und weist ihn 
zum Haus hinaus. Er wird ins Gefängnis zurückgebracht und wird gefragt, 
wer ihm die Ausbrüche ermöglicht hat. Der Vater, die Erziehungsanstalt, das 
Gericht, die Polizei, der Strafvollzug, sie alle mit ihren Beamten wurden mit 
dem „Krankenpflegepersonal " identifiziert. Hilfe fand er nur, wenn auch unter 
Ausnutzung, in den Verbrecherkreisen. Ein Mitgefangener hatte ihm die Flucht 
ermöglicht, sollte er ihn angeben? Ein Beamter hatte ihn in jener Versammlung 
erkannt und festnehmen lassen. Den gibt er als seinen Fluchthelfer an. Wohl 
spürt er bald die Reue und den richterlichen Spruch, der ihn für die ver- 
leumderische Beleidigung mit einem Jahr Gefängnis belegt. Er läßt ihn zur 
Einsicht über seine Torheit kommen. 

m 

Aus dem Jugendgefängnis W. wurde er zu dieser Verhandlung nach B. 
transportiert. Er sagte mir vor dem Transport: „Alle meine Straftaten habe 
ich um eines äußeren Vorteiles willen begangen und nie abgewogen, daß ich 
dadurch Schaden hervorrufe. Diese Gemeinheit beging ich, um das niedrigste 
Gefühl der Rachsucht zu befriedigen. Keine meiner schlechten Handlungen 
liegt mir so schwer auf der Seele, wie diese. Und gerne würde ich vieles 
opfern, um sie ungeschehen zu machen. Alle meine Taten kann ich schließ- 
lich mit meiner Dummheit entschuldigen. Was ich aber meinen Eltern und 
dem Beamten zugefügt habe, läßt sich durch keine Schuld beschwichtigen. 
Ich verachte mich deshalb selber und mir brennen meine Schlechtigkeiten auf 
der Seele. Kein Verzeihen und keine Zeit wird daran etwas ändern können, 
bis vielleicht ein hartes Leben diesen Makel von mir wäscht! 

Ich sagte mir, wenn ein Mensch, der lange Strafen zu verbüßen hat, wegen 
einer noch abzuurteilenden Straftat solche Gewissensnöte hat, dann ist noch 
manches Gute in ihm. Und ich glaubte, den Anfang einer neuen Lebenslinie, 
den Beginn einer neuen Lebensschablone zu haben. 

Er kam zurück, und wenige Tage nach seiner Rückkehr machte ein junger 
Mann, der wegen räuberischer Betätigung in den Aufstandszeiten noch eine 
lange Strafe zu verbüßen hatte, während der Turnstunde einen Ausbruchs- 
versuch. K. wurde mir in Verbindung mit dessen Ausbruchsplan genannt. Ich 
rief ihn vor und erkannte glücklicherweise frühzeitig genug, daß es ihm mit 
einer neuen Lebenslinie ernst und daß es verhängnisvoll wäre, ihn in 
die polizeiliche Untersuchung wegen des Fluchtvorhabens des anderen hinein- 
zuziehen. Das war auch nicht nötig, und von dieser Stunde an ist mit K. 
eine so wesentliche Änderung seines Wesens und seiner ganzen Lebensein- 
stellung vorgegangen, daß man sagen kann, er hat die alte Lebenslinie ver- 
lassen, die alte Lebensschablone abgelegt und eine neue angenommen. An 
jedem Tage, in jeder Stunde bröckelt etwas von seiner verkehrten Welt- 
anschauung ab, um nach und nach einer besseren, nüchternen und weniger 

- 47- 



phantasievollen Raum zu lassen. Nicht durch Muß und Zwang wurde aus 
dem Phantasten und Gesellschaftsgegner und aus dem Gedankenlosen ein 
denkender Mensch. Er wurde zur Mitarbeit am Gemeinschaftsleben inter- 
essiert, durch Betrachtungen des wirklichen Lebens, durch ungezwungene 
Hinweise auf das wirklich Gute und Schöne. Und er erlebte Beispiele, die ihn 
zur Nacheiferung anspornten. Mit bedingungslosem Vertrauen wurde er belastet 
und dadurch allmählich aus dem üblen Dunst seiner Verkommenheit zum 
Vertrauen zu sich selber gebracht. Und in diesem Vertrauen stärkte sich all- 
mählich sein Rückgrat. Das ging nicht ohne Schwierigkeiten, das ging nicht 
ohne Abirren vom Wege, ging ohne manche Stunde tiefer Mutlosigkeit nicht 
ab. Und er stand manchmal an einem Abgrunde mit der Erkenntnis „zu spät . 
Nie ist dabei betont worden, daß er sich selber, wie er war und wie er im 
Augenblicke ist, „sehen solle", daß er „muß", sondern immer ist versucht 
worden, seinen Willen natürlich und unauffällig zu gewinnen, und die 
seelische Erschütterung seiner Kindheit, die Identifizierung eines Kranken- 
pflegers mit einem Quälgeist, ist durch eine psychoanalytische Behandlung 
behoben. Und manche Kraft erhielt er durch den Dichter Paul Barsch, der 
in seiner jüngsten Entwicklung eine bedeutsame Rolle spielt, der sich ohne 
Schuld schwerer und mühsamer hat durchringen müssen als K. ! Und er 
gab K. den Glauben an sich und die Menschheit wieder! Seine Worte, von 
tiefer Menschlichkeit und feinster psychologischer Einfühlung gesprochen, 
gaben ihm den Mut, den im Sterben liegenden Vater um Verzeihung zu 
bitten. Jeder Brief von zu Hause brachte eine schlimmere Nachricht und eine 
unausgesprochene Anklage. Vater lag im Sterben! K. war im Begriff seelisch 
unter diesem Ausgang seiner Lebenswirrnis zusammenzubrechen und die 
Worte „zu spät" zu schreien. Es erschien im Interesse einer heilpädngogischen 
Behandlung richtig, auch das Ausscheiden des Vaters aus der Identifizierung 
mit dem „Krankenpflegepersonal vorzunehmen. Der Strafanstaltsdirektor 
setzte sich über alle entgegenstehenden Bedenken aus feinem psychologischem 
Verständnis hinweg, um durch einen außerordentlichen Vertrauensbeweis K. 
mit seiner neuen Lebenslinie enger zu verbinden. Er befürwortete ihm bei 
der Staatsanwaltschaft einen Urlaub zum Besuche des sterbenden Vaters, und 
auch hier zeigt sich stärkstes psychologisches Verständnis. K. durfte frei und 
ohne jede Aufsicht an das Krankenbett des Vaters reisen. Er konnte den 
Überfallenen aufsuchen, um dessen Verzeihung zu erlangen, auch die Vergebung 
des beleidigten Beamten erreichen, und der Oberstaatsanwalt empfing ihn ! 
Sie alle scheiden fortan aus dem Komplex „Krankenpflegepersonal" aus! Sie 
sind nicht Menschen, die ihn quälen und strafen und peinigen, sondern die 
ihm helfen wollen. Auch sein Vater löst sich aus diesem Komplex. In 
dunkler Stube saß er während der ganzen Nacht in Antwort und Gegen- 
antwort bei seinem Vater. Nur leise konnte dieser noch sprechen. Am nächsten 
Tage konnte er kein Wort mehr hervorbringen. Er wurde besinmmgslos und 
ist, ohne das Bewußtsein wieder zu erlangen, gestorben ! Seine vergebende Hand 
hat auf dem Scheitel des Sohnes geruht! Voller Ergriffenheit schreibt dieser 
mir und einem Studenten, der im Gefängnisdienst aus wissenschaftlichen 
Gründen tätig ist, über die Aussöhnung mit seinem Vater. In dem Tode des 
Vaters sieht er nicht eine Folge staatlicher Gewaltmaßnahmen, sondern jetzt 
seine Schuld, und aus dieser Schuld erwächst ihm die Notwendigkeit, fortan 



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an Vatersstelle in der Familie zu stehen. An dem Tage, an dem der Urlaub 
abläuft, stirbt der Vater. Der Sohn sucht bei der Staatsanwaltschaft keinen 
Nachurlaub nach, sondern kehrt pünktlich zur festgesetzten Minute 
ron der Leiche des Vaters und der Not der Familie auf fünf Strafjahre 
ins Strafhaus zurück! Das war wohl die schwerste und fühlbarste 
Strafe, die ihn traf, die er sich als selbstverschuldet bewußt auflud! Dieser 
Urlaub war von seiten des Strafvollzuges und der Strafvollstreckung gewiß 
eine Probe auf seine Zuverlässigkeit. Sie war uns aber mehr! Sie war uns 
eine Heilmaßnahme im Sinne analytischer Psychologie. Für ihn war es eine 
Kraftprobe, und ich glaube es ihm, wenn er mir berichtet, daß die alten 
Geister viel in seinem Inneren flüsterten. Sie forderten nicht mehr wie früher, 
ihre Stimme war ein leises Raunen geworden! Aber sie sind keine zwingende 
Macht mehr ! Von außen her sind aus den Kreisen seines früheren Umganges 
Versuche an ihn herangetreten, die es als seine vornehmste Pflicht bezeich- 
neten, nicht mit dem Ablauf des Urlaubes in das Gefängnis zurückzukehren, 
sondern im Sterbehause seine Pflicht zu tun! Ihre Lebenslinie ist nicht mehr 
seine; denn er hat in seiner neuen Lebensschablone eine eigene Ausgestaltung 
und eigene Meinung über Pflichten. Und ihm ist Schuld Schuld, ob selbst- 
verschuldet oder nicht. Niemand kann ihn davon frei machen als er selber! 
Daß der Strafanstaltsdirektor ihm nach der pünktlichen Rückkehr aus dem 
Urlaub einen Beerdigungsurlaub von fünf Tagen gewährte, ist K. sicherlich 
von besonderer Bedeutung dafür gewesen, den Komplex „Krankenpflegeper- 
sonal weiter zu bereinigen und an andere, auch beamtete Menschen, und an sich 
zu glauben! Und ich glaube ihm, daß er in der Erinnerung an das Vergangene 
ersticken will, daß er aber aus dieser Vergangenheit endgültig in die neue 
Lebensschablone hineinwill! 

Alle Erscheinungen seines Lebens standen miteinander in dem untrennbaren 
Zusammenhang „Krankenpflegepersonal". Sie waren aber dem Gesetze der 
Gemeinschaft unterworfen! Und er strebte nach Macht und Überlegenheit! 
Wir konnten sehen, daß sein überlegtes Ziel im Verhältnis mit seinem neuen 
Gemeinschaftsgefühl ihn aus diesem Komplex herausführten und zu einer neuen 
Lebenslinie wurden. 

Diese Erkenntnis seiner Entwicklung erscheint unwiderleglich und ist 
der erste Wegweiser für sein ferneres Verhalten und das der Gesellschaft, 
die Menschenkenntnis als Wissenschaft zur Menschenrettung beachtet! 

mMiuiiiuiiiiiiuinjuiiiiiiiiiiiiDiHaiiiniiiiiiiiiinHutuiiiiiiniiiiiBJB^iiuiiiiiiuuiiiufuiuiiiiiiiiiiiinniiiiii 

Phobie eines zweijährigen Kindes 

Von Dr. Max Levy-Suhl, Berlin- Wilm. 

I 

Am Montag, den 28. Februar 1927, erschienen Mutter und Groß- 
mutter der in zehn Tagen das zweite Lebensjahr vollendenden Helga in meiner 
Sprechstunde. Sie berichteten in großer Besorgnis, daß das Kind in 
der vergangenen Nacht um 7*4 Uhr mit einem furchtbaren Angstschrei 

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aufgewacht und seitdem in einem nicht zu beschwichtigenden Angstzustand 
geblieben sei. Das Kind habe, wie schon öfter zuvor, in der Nacht verlangt, 
aus seinem Bettchen heraus und zur Mutter genommen zu werden ; diese, 
weil sie sich sehr müde fühlte, gab das Kind nach kurzer Zeit hinüber 
zum Vater. Es war, neben ihm liegend, zirka eine Viertelstunde eingeschlafen. 
Erwacht, kroch es mit dem Ausdruck des Entsetzens an das obere Bettende, 
zog die Beine eng an den Körper und deutete nach der Bettdecke, 
bzw. unter die Bettdecke mit den Worten: „Die Mischekatze." Sie 
wehrte sich mit aller Kraft, unter die Bettdecke genommen zu werden, 
verlangte aus dem Bett heraus, wollte aber auch nicht in das Bett der 
Mutter, sondern fürchtete überall, auch in den Ecken des Zimmers, daß 
die Mischekatze an sie herankomme. Dem Vater blieb nichts übrig, als 
mit dem Kind ins Nebenzimmer zu gehen und bis zum Morgen unter 
ständigen Beruhigungen umherzuwandeln, denn auch dort wollte es nicht 
sitzen, aber äußerte auch Angst, wenn er es an sich drückte. Warum 
nicht Versuche gemacht wurden, das Kind durch die Mutter zu beruhigen, 
vermochte ich nicht festzustellen. Auch am nächsten Morgen noch 
war das Kind „wie aus Band und Band", und nur im Zimmer der 
befreundeten Nachbarin in der gleichen Wohnung beruhigte es sich solange, 
bis die Mutter mit ihm zur Säuglingsfürsorgestelle gehen konnte. Auch 
dort bestand vor dem Arzt noch die Angst, und es wurde der Bat erteilt, 
einen Nervenarzt aufzusuchen. 

Es ist wesentlich und den symbolischen Sinn der Katzenangst beweisend, 
daß sich das Kind, wie schon zu Hause festgestellt war, vor Katzenbildern, 
einer Porzellankatze und, wie später erprobt wurde, vor einer wirklichen 
Katze nicht fürchtete, daß also etwas anderes, ein an die Katze nur 
irgendwie erinnerndes Gefühl oder Erlebnis in ihm die Angst erzeugt 
haben mußte. 

Auf dem Wege zum Arzt wurden die Großeltern aufgesucht. Auch hier 
wollte sich das Kind nicht hinsetzen, und besonders schien es die Plüsch- 
sessel zu fürchten. Nur wenn der Großvater das Kind umhertrug, beruhigte 
es sich ein wenig. Nachdem es sich vorher fragend versichert hatte, daß 
hier keine Mischekatze sei, verhielt es sich in meinem großen, hellen 
Sprechzimmer, während Mutter und Großmutter ins Nebenzimmer 
geschickt waren, ganz unbefangen, gab mir Antwort, interessierte sich für 
alle Gegenstände und bezeichnete sie mit Namen ; das gleiche Verhalten 
zeigte es zur Überraschung der Angehörigen auch in dem kinderärztlichen 
Sprechzimmer meiner Frau. 

Ich füge hier ein, daß das Kind überdurchschnittlich intelligent war, 
einen guten Wortschatz und eine ungewöhnlich gute Aussprache hatte. Es 
war zutraulich, kümmerte sich wenig um die Mutter und schien am 
liebsten hier verweilen zu wollen. Ich hielt es, ohne Zustimmung der 
Eltern, von anderen Schwierigkeiten abgesehen, für nicht angängig, 
trotz relativer Beife das Thema der Angst, bzw. der Katze mit dem 

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Kinde analytisch zu erörtern. Aber wir rieten nach allgemeiner Beruhigung 
dringend, das Kind zunächst aus dem Haus zu entfernen, bei den Großeltern 
unterzubringen und selbstverständlich auch die Gewohnheit, sich ins Bett 
nehmen zu lassen, künftig zu unterdrücken, ja, sogar das gemeinsame Schlafen 
in einem Zimmer zu vermeiden. Wegen der Zartheit des Kindes in körperlicher 
Hinsicht wurde Höhensonne angeordnet. 

Im Hause der Großeltern hat sich die Angst, die immer wieder nur 
geäußert wurde in Bezug auf eine Mischekatze, sehr schnell abgeschwächt 
und allmählich verloren. Nach etwa 14 Tagen wurde das Kind wieder 
nach Hause genommen und bezog mit der Mutter bald darauf eine ländliche 
Sommerwohnung, wo es die gute allgemeine Fortentwicklung auch 
weiterhin noch zeigen soll. Über die Phobie hören wir weiter unten. 

n 

Es liegt nahe genug, aus der ganzen Situation die Wirkungen eines 
Ödipuskomplexes als Grundlage zu vermuten. Die verständige Großmutter 
berichtet, daß ihr Sohn eine besonders starke Behaarung am Körper habe, 
die, wie sie meint, das Kind erschreckt hätte, und daß hieraus die Bezeichnung 
Mischekatze sich herleite. Der Vater hat mir später auch berichtet, daß 
schon in jüngerem Alter das Kind einmal beim Anblick des haarigen 
„Oberschenkels interessiert gesagt habe : „Der Wauwau. Es bleibt 
aber unverständlich, warum nicht schon früher, da das Kind schon 
öfter im Bett des Vaters gewesen war, Beunruhigungen instinktmäßig 
wirkender Sexualität sich gezeigt haben. Man könnte glauben, daß jetzt 
erst, kurz vor dem zweiten Lebensjahr, die biologische Reife es zu solchem 
Erleben befähigt habe. 

Es muß ferner gefragt werden, warum aus dem Schlaf heraus in jener 
Nacht der Angstanfall erfolgte. Auch hier läßt sich nur vermuten, daß 
eine vorausgegangene spezifische Anregung am Körper des Vaters im Zustand 
des Traumes erotische Bereitschaften mobilisierte, die unter der Wirkung 
eines Verbotes als Angst sich entäußerten. Wie weit dabei die Angst dem 
allgemeinen metaphysisch Unheimlichen und Unfaßbaren, das ja zum 
tiefsten Wesen menschlichen Sexualerlebens gehört, zuzuschreiben ist, 
wie weit etwa durch den Ödipuskomplex bedingte Schuldgefühle 
beteiligt sein können, ist zunächst nicht zu entscheiden ; aber es lag nahe, 
an die Nachwirkung eines erlauschten Erlebnisses im Sinne der „Urszene 
im Schlafzimmer der Eltern zu denken. 

Eine weitere Nachforschung ergab jedoch, daß in diesem Falle eine 
andere Urszene mindestens starken Anteil gehabt haben muß. 

in 

Das Kind hatte ein 19 jähriges Kindermädchen, Franziska, die an dem 
betreffenden Montag, als sie von der nächtlichen Szene hörte, auf einen 

- 51 - 






Hinweis erklärte: „Nun werde ich wohl noch schuld haben", und, während 
die Mutter sich einen Augenblick entfernte, das Haus verließ und sogar 
ihr Gehalt preisgab. Sie ließ mitteilen, daß sie eine „Bandwurmkur" 
machen müsse. Schon vorher hatte sie eine Äußerung fallen lassen : „Man 
muß sich ja vor dem Kind schon ordentlich in acht nehmen." Acht Tage 
zuvor war sie, am Tage, zu ihrem Schatz, einem Metzgerburschen, der in 
der Nachbarschaft wohnte, mit dem Kind gegangen. (Sie hatte 
renommistisch zu der Mutter einmal gesagt: „Wenn ich zu meinem Otto 
hinkomme, dann muß ich immer ran.") Das Kind hatte nach dem Besuch 
immer wieder erzählt : „Onkel Otto, Franzi, Bauch patsche, bische, bische 
(womit sie auch sonst die Geschlechtsgegend bezeichnet). Diese Erzählung 
erschien ihr von einer besonderen Wichtigkeit, und wir dürfen wohl 
annehmen, daß die Sexualangst vor der Katze ihren letzten Anstoß aus 
dem Erlebnis Franzi-Otto, das zu berichten das Kind sich bemühte, erhielt. 

Eine vollkommene Befreiung des Kindes von seiner „Nervosität ist bis 
jetzt keineswegs erfolgt, wie die Eltern selbst erkennen. So äußert es in 
dem Sommersitz zeitweise einen, wenn auch leichten Angstzustand, wenn 
eine große dicke Fliege herumkrabbelt oder auch eine Ameise in der Nähe 
kriecht, und auch in der Nacht reagiert es stärker wie andere Kinder auf 
Geräusche und Lärm. Aber die schwebende sexuelle Angst wirkt sich auch 
noch direkt aus. So berichtet die Mutter, daß das Kind von der Tante im 
Sommeraufenthalt verlangte: „Beiß mich doch ins ßäuchelchenl" 
und, wie auf Drängen zugegeben wird, daß das Kind eigentlich forderte, 
sie in die Geschlechtsgegend zu „beißen". Dem Vater ist mit R echt 
auffällig erschienen, daß das Kind, wenn er zu Besuch kommt, ihn 
übermäßig stürmisch umklammert, sich fest an ihn drückt \ind sagt: 
„Papali, ich hab dich lieb" ; jedoch wird auch die Mutier, wie sie sagt, 
bisweilen ebenso von Helga bestürmt. 

Zum Verständnis des Gemütszustandes dos Kindes füge ich noch hinzu, 
daß es schon vor dem Ereignis stark zu Liebes- und Schuldgefühlen neigte. 
Wenn es getadelt wird, so tut es Abbitte und ruht nicht eher, wie die 
Eltern sagen, bis man ihm förmlich verziehen hat ; es ist im übrigen sehr 
fügsam, feinfühlig und leicht zu lenken. 

Welche theoretische Folgerung man auch im Sinne Freuds ziehen mag, 
die Tatsache einer sexual bedingten phobischen Erkrankungsmöglichkeit 
in einem so frühen Lebensalter ist durch dieses Beispiel erneut belegt 
und erfordert erneut die Beachtung aller pädagogisch interessierten Kreise; 
aber es ergibt sich auch daneben ein theoretischer Hinweis darauf, daß 
in solchen Fällen die Theorie der Individualpsychologie, mag sie auch ihr 
großes Anwendungsgebiet haben, mit ihrer Einschätzung der sexuellen Trieb- 
konflikte als Neben kriegsschauplatz eines Geltungsstrebens nicht ausreichen kann. 






-52 



Unterwürfigkeit 

Von Dr. Gustav Hans Grab er, Bern 

Unterwürfigkeit ist kein besonders auffallender Kinderfehler. 

Kinderfehler ? — Ich höre die schrille Stimme des Schulmagnaten : 
Wie? Sie zählen die Unterwürfigkeit zu den Kinderfehlern? Sie wollen 
eine der schönsten Tugenden des Kindes . . . ? Das kann Ihr Ernst nicht 
sein! Das Kind soll sich nach meiner Meinung bedingungslos seinen 
Erziehern unterwerfen. Du sollst Vater und Mutter gehorchen! Dieses 
Gebot allein verbürgt uns einen guten, staatsbürgerlich gesinnten Nachwuchs. 
Sie wollen doch gewiß nicht Anarchisten großziehen ! Unterwerfung ein 
Fehler, vielleicht gar eine Krankheit! Nein, das ist wider alle Vernunft. 
Das stellt die Welt auf den Kopf. Sie machen sich lächerlich! 

Ich weiß nicht, vielleicht hat mein lieber Herr Kollege und Antipode 
unter den Lesern zustimmende Freunde. Sie können sich das Weiterlesen 
ersparen, denn mein „Fall", über den ich berichten will, wird nicht ihr 

„Fall" sein. 

Die Eltern eines neunjährigen Jungen, namens Kurt, der übers Jahr die 
Aufnahmeprüfung in eine Mittelschule bestehen soll, suchen bei mir Rat. 
Kurt leistet wenig in der Schule, ist stark tagträumerisch veranlagt und 
bringt wenig Willen und wenig Energie auf. Die Eltern sind verzweifelt. 
Sie verstehen die Charakterentwicklung Kurts um so weniger, als sie ihn 
nach modernen Grundsätzen glauben erzogen zu haben. Körperlich wurde 
er nie ernstlich bestraft. Er genoß die beste Pflege und hatte in den 
Eltern ein schönes Beispiel der Arbeitsamkeit. 

Kurt erweist sich bei meiner Untersuchung 1 als ein Knabe mit starker 
Intelligenzstörung und geringer Impulsivität. Die logische Funktion ist 
stark abgeschwächt. Der Drang, nach außen zu leben, sowie die Ich- 
bildung scheinen verkümmert. Dagegen zeigt der Knabe eine ungewöhn- 
liche affektive Suggestibilität. 

Als weitere Eigenart Kurts fällt auf, daß er ungewohnterweise mehr 
an seinem Vater als an der Mutter hängt. Zu der drei Jahre älteren 
Schwester zeigt er eine typisch ambivalente (zuneigend und ablehnend 
zugleich) Einstellung. 

Am Schluß der ersten Besprechung nach Träumen gefragt, will sich 
Kurt an keine erinnern können. Er erklärt : 

„Am Abend lege ich mich immer auf die rechte Seite, damit ich nicht 
träume oder nachtwandle. Denn wenn man Unangenehmes träumt, möchte man 
gerne erwachen, und wenn man nachtwandelt, wäre es auch besser, wenn man 
eriuachen würde. 

Träumen und Nachtwandeln wecken den Wunsch nach dem Erwachen. 
Das möchte Kurt vermeiden. Er liebt das Schlafen. Er ist auch tags 






i) Psycho diagnostischer Versuch nach Hermann Rorscliach. 

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eher ein Schläfer. Er meidet alle Bewußtseinssteigerung. Der Trieb nach 
dem „Großseinwollen", der den Knaben besonders eigen, ist bei ihm kaum 
entfaltet. Nach außen gerichtete aggressive Regungen sind kaum bemerkbar. 

Er äußert sich: 

,Jch spiele nicht gern mit größeren Kindern. Die Kleinen machen, was 
man will, aber die Großen weigern sich schon. Mit den Kleinen kann ich 
mich besser unterhalten. Manchmal ist es zwar langweilig, wenn man wegen 
der Kleinen daheim bleiben muß. Aber ich würde sagen: Geht nur aus, ich 
bleibe schon bei ihnen daheim! 

Ich hörte einst eine Frau, die sagte: Ich bin kindermüde. — Ich würde 

das ?iie sagen. 

Ich möchte jetzt noch klein sein, weil es schöner ist, wenn man noch klein ist. 
Wenn nuiii größer ist, hat man einen nicht mehr so lieb. Wir haben noch 
eine Photo von mir, als ich noch ganz klein war. Die sehe ich immer an 
und denke, wenn ich nur jetzt noch so klein wäre, da könnte ich allerlei 
machen. 

Die Tendenz, klein zu sein, in der Gesellschaft der Kleinsten zu ver- 
bleiben, offenbart sich auch darin, daß Kurt, sich noch ein kleines 
Schwesterchen wünscht. 

„Wenn ich noch heute abeiul so ein Schwesterchen kriegte! Wenn ich ein 
Schwestercheti kriegte, ich gäbe es nicht gegen die ganze Welt. 11 

Das ist die bewußte Seite von Kurts Weltflucht und Regression 
(Rückkehr in frühere Entwicklungsstadien). 

Unbewußt erstrebt er die Rückkehr in den Mutterleib. Die Träume 
äußern diese Tendenz in symbolischer Form. Er träumt: 

„Ich lief einmal abends fort in ein Haus. Ich stieg in den Lift. Als ich 
auf den Knopf drückte, stieg der Lift. Er fährt bis zu oberst. Wie ich 
wieder hinunterfahre, ist plötzlich meine Schwester Rosa bei mir. Nun fuhren 
wir zusammen immer hinauf und hinunter, bis schließlich das Seil riß und 
wir hinunterstürzten.' 1 

Kurt gefällt es außerordentlich im Lift. Er fährt bis zu oberst. Dort 
schläft seit einiger Zeit seine Schwester in der Mansarde. Er fährt also 
zu ihr und holt sie. Das Haus hat 27 Stöcke (2 -j- 7 = 9 = die 
Hausnummer der elterlichen Wohnung). Kurt möchte selbst gerne bei 
Rosa in der Mansarde wohnen. Früher hatten die Geschwister ein gemein- 
sames Schlafzimmer. Damals konnte er mit. Rosa noch allerhand 
„machen". Einmal z. B. erwachte er und stieß Rosa einen Grashalm 
in die Nase hinauf. Das kitzelte sie. Ein andermal schlüpfte er unter 
das Bett der Schwester und gab der Matratze, dort wo Rosa den Rücken 
hatte, einen Stoß. Rosa erschrak und schnellte wie ein Fisch in die Höhe. 
Rosa ist eigentlich die einzige Person, gegen die Kurt gelegentlich noch 
Aggressionen zu äußern wagte. Sie haben unverkennbar sexuellen Charakter. 1 






1) Der Traum vom Lift ist nicht nur eine symbolische Darstellungs der Mutter- 
leibsregression, sondern auch des inzestuösen Verkehrs zwischen den Geschwistern. 



54 - 



Jedenfalls war es viel schöner als Rosa noch mit ihm im selben Zimmer 
schlief, deshalb wünscht Kurt diese Zeit wieder herbei. Die Liebes- 
bezeugungen gegenüber der Schwester hat er vorläufig nicht verraten. 
Die ambivalente Einstellung zur Schwester zeigt sich typisch in folgenden 
Sätzen : 

„Wir gingen oft abends früher ins Bett, damit wir noch spielen konnten. 
Das war schön. Zwei Monate lang machten wir so allerhand Sachen am 
Abend. Ich war immer lieb mit Rosa und zankte nie und machte immer 
alles, was sie von mir verlangte. Wenn sie von der Schuh kam, so gab ich 
ihr immer die Hand . . . Wir haben nicht immer- Frieden. Manchmal zanken 
wir auch. Ich bin meistens schuld. Ich weiß, wie man es macht, daß 
Rosa ,hitzig c und bös wird. Ich necke sie mit Stielchen, mit Pflaumen — und 
Besenstielen. Ich stoße sie auch am Rücken. 11 

Die Vermutung, daß der Aufenthalt mit der Schwester im Lift den 
Aufenthalt im Mutterleib symbolisiere, ist hier noch gewagt. Sie wird aber 
zur Wahrscheinlichkeit, sobald wir den nächsten Traum Kurts und seine 
Einfälle vernehmen : 

Richard (ein jüngerer Knabe) hat ein Auto. Es war das schönste der 
Schweiz, ein Vierplätzer. Ich fragte, ob ich auch fahren dürfe. Er sagte ja. 
Ich fragte, wie es laufe, und ich sah, daß es mit Benzin und Öl lief. Ich 
fuhr die O . . . strafe hinauf und hinunter. Unten stand ein Polizist mit 
zwei Frauen. Ich konnte wegen ihnen nicht vorbei und fuhr an einen Pfosten 
und erwachte. 

Der Traum gefällt Kurt noch besser als derjenige mit dem Lift. Er ist 
gerne in einem geschlossenen Raum. Er sagt: 

„Es kann einem da nichts geschehen, wenn es blitzt und hagelt und regnet. 
Ich bin auch gerne in der warmen Stube oder in der Kirche. Papa ist gleicher 
Meinung. Als ganz klein war ich einmal in einem Eisenbahnwagen. Am 
liebsten bin ich in etwas drin, wo man auch fahren kann. Im Auto, das 
geschlossen ist, bin ich am liebsten. Ich weiß nicht, wo drin ich als 
ganz klein war. Bevor ich auf die Welt kam, war ich wahrscheinlich 
nirgends. 1 

Es folgt nun eine lange Entwicklung von Geburtstheorien. Die Frage, 
wie er zur Welt gekommen sei und wo er vordem gewesen, beschäftigt 
ihn während mehrerer Sitzungen. 

Die Fahrt im Lift und im Auto führt den Knaben wirklich auf die 
ürfahrt im Mutterleib zurück. 1 

Inwiefern hängt nun die Regressionstendenz mit der Unterwürfigkeit 
zusammen ? — Ich will nicht den primären Ursachen der Regression, die ein all- 
gemein menschlicher Trieb ist, nachgehen, sondern bloß zeigen, welche neuro- 
tischen Formen sie bei Kurt annimmt und wie die Unterwürfigkeit aus 
ihr resultiert. Letztere ist also bloß eine Folgeerscheinung (wenn auch 
die nachfolgende Darstellung eher ein umgekehrtes kausales Verhältnis 

vermuten läßt). . 

i) Die Rückkehr in den Mutterleib als Zwilling (mit der Schwester) ist eine in 
Träumen und Mythen ziemlich häufige Erscheinung. 

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Wir wissen, Kurt hat die Gesellschaft der größeren Kinder gemieden. 
Er erzählt in diesem Zusammenhang ein Erlebnis aus dem fünften 

Lebensjahr: 

„Ich sah einen größeren Knaben mit einem kleineren spielen und hörte, daß 
der größere sagte: Du bist ein dummer Äff! Ich wollte den Meineren 
beschützen und sagte: Du bist ein Böser! Da kam der Große auf mich zu 
und schrie mich an: Was bin ich? Und ich antwortete rasch: Du bist ein 
Lieber! — Vielleicht habe ich noch mehr solche Sachen gemacht. 

Die Aggression, die übrigens nicht einmal eine ursprüngliche ist, sondern 
bereits im Dienste des Mitgefühls steht, wird sofort umgewandelt in eine 
unterwürfige Liebesbezeugung. 

Kurt erinnert sich an einen früheren Traum: 

„Ein Herr schickte mich zu einem anderen Herrn. Er machte mir die 
Faust. Ich war aber extra freundlich gegen ihn, weil ich Angst hatte, 
er könnte mir etwas machen. 

Einfälle: „Er hätte uns sonst vielleicht eingesperrt ... Ich habe früher 
gerne Kommissionen besorgt, aber ich habe wahrscheinlich schon die halbe Zeit 
etwas anderes gebracht, als was die Mutter mir auftrug." 

Wir sehen, daß der unterdrückte Haß nach außen nicht restlos in Liebe 
umgewandelt wird, sondern daß er sich teilweise gegen das Ich richtet, 
das denunziert wird. 

Kurt, der selbst keinerlei Streiche verübt, hat sich sogar einen Knaben 
zum Freund erwählt, von dem er aussagt, er mache stets Streiche und 
gäbe dann andere dafür an. Kurt begibt sich also unbewußt in Situationen, 
in denen sein Trieb nach Regression und Unterwerfung befriedigt wird, 
denn er ist natürlich dann derjenige, der vom Freund beschuldigt wird. 
Wir erinnern uns, daß Kurt auch gegenüber seiner Schwester bereits die 
Stellung des Märtyrers annahm, indem er sich mit der Schuld an jedem 
Zank belastete. 

In der 12. Stunde der pädagogischen Analyse erzählt Kurt folgenden 
Traum, der bereits insofern einen Heilerfolg ankündigt, als die gegen das 
Ich gewendeten, unbewußten Feindseligkeiten wieder der Außenwelt 
zugewendet werden : 

„Ich konnte etwas in der Schule nicht. Ich mußte zum Pult hervor. Der 
Lehrer „strubelte" (an den Haaren ziehen) mich. Ich war extra freundlich, 
bis er mich nicht mehr strubelte. Vor Wut sagte ich : Ich kann die Rechnung; 
doch nicht machen! Da ging der Lehrer durch das Gänglein nach hinten, 
denn er meinte, ich werde ihm etwas tun" 

Der Traum gefällt Kurt nicht. Wir begreifen es. Kurt fühlt, daß er 
wieder den Lebenskampf mit der Welt aufnehmen muß, der Welt, die er 
bereits glaubte überwunden zu haben. Lustig erscheint ihm, daß der 
Lehrer davonlief. 

Kurt äußert sich in seinen Einfällen: 

„Das war wieder so etwas wie damals mit dem Knaben, dem ich erst 
sagte, er sei böse und dann, er sei lieb. Ich hätte lieber wieder einen Traum 

-56- 



gehabt, wo man in etwas drin ist (Regression). Ick habe noch nie Ähnliches 
geträumt. Der Lehrer „strubelte" mich kräftig (Hemmung). Von unserer Magd 
wurde ich fast jeden Tag ,gestrubelt und sie schloß mich ganze Stunden ins 
Badezimmer und ließ dann unser Grammophon laufen und tanzte. Ich weinte 
immer, wenn Papa und Mama fortgingen. Ich war damals etwa vier Jahre 
alt. Ich wußte, daß sie mit mir machte, was sie wollte. Sie gab mir auch 
Schläge. Sie sperrte mich ein, damit ich nichts sehe und nichts sage. Sie boxte 
mich auch und gab mir Fußtritte. Ich habe nie etwas gesagt, daß sie hätte 
mit mir böse sein können. Ich habe auch meinen Eltern nie etwas gesagt, 
damit sie nicht fort müsse, denn sonst hätte sie mich schuld gegeben, wenn sie 
nichts mehr verdient hätte. Sie hätte mich dann nur noch mehr geschlagen. 

Bei diesem Verhältnis zur Magd, bei dem die Angst sogar die Möglichkeit 
der Hilfe durch die Eltern ausschaltete, wuchs natürlich die Anlage zur 
Unterwürfigkeit sich zum festen Charakterfehler aus. Kurt ist von da 
an, wie er selbst ausführt, immer gegen die Menschen, die Unangenehmes 
gegen ihn im Schilde führen, „extra freundlich". Er ist überzeugt, daß man 
nur „extra freundlich" ist, wenn jemand Größerer da ist, aber sobald 
jemand da ist, der kleiner ist, ist man nicht mehr freundlich, da ist dann 
der Kleinere freundlich. Mit Polizisten ist man natürlich nach seiner 
Meinung stets freundlich. 

Interessant ist auch, was Kurt zum Wutanfall in der Schule (den er in 
der Analyse mit heftigen Affekten abreagierte) sagt: „Ich war zum Glück 
noch nie ganz recht in der Wut, denn ivenn einmal jemand recht wütend 
ist, so kann er einen anderen Menschen ,wie nichts' toten, und zwar mit 
Zivicken und Boxen und Fußtritten." 

Das Töten der „andern" wird in der Rückwendung zum Töten des Ichs. 
Die Unterwürfigkeit ist also nichts anderes als eine versteckte Huldigung 
an die Todestriebe. Erfolg im Leben ist in dieser Perspektive ein Verbrechen 
an den Mitmenschen und muß unter allen Umständen vermieden werden. 

Kurt zeigt in diesem Stadium der Analyse bereits deutliche Anzeichen 
einer neuen Einstellung gegenüber dem Leben. Er fängt an, gegenüber 
der Mutter vermehrte Liebesbedürfnisse zu äußern. Der Vater glaubt zu 
bemerken, daß Kurt sich ihm gegenüber selbständiger, sogar leicht aggressiv, 
beträgt. (Das Verhältnis zum Vater war wahrscheinlich ebenfalls von der 
unterwürfigen Liebe beeinflußt.) Die Hausaufgaben der Schule, für die 
Kurt sonst stets die Eltern stark in Anspruch nahm, macht er immer mehr 
aus eigener Kraft. Im Bade, wo ich Gelegenheit hatte, ihn zu beobachten, 
macht er kühne Sprünge und balgt sich gehörig mit seinen Kameraden 
herum. Er zeigt auch deutlich das Begehren, in Gesellschaft der „Größeren" 
zu sein. 

Damit, daß die Unterwürfigkeit Kurts wieder zur Aggression und zur 
progressiven (vorwärtsstrebend) Betätigung umgeschaltet wurde, war natürlich 
das seelische Gleichgewicht noch nicht hergestellt. Es galt dann noch, die 
nach außen gewendeten Aggressionen mit den Erosquantitäten auszubalancieren. 

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BEOBACHTUNGEN AN KINDERN 



Ein Kind will wissen, woher die Kinder kommen 

Von Dr. I m r c Hermann (Budapest) 

Anna ist ein kleines Mädchen von vier Jahren. Sie besitzt ein um zweieinviertel 
Jahre jüngeres Schwesterchen, das gerade am Weihnachtsfeiertag geboren wurde. 
Anna sah die Kleine zuerst im Sanatorium, wo sie die Mutter noch hegend fand. 
Doch schenkte sie dem Umstand nicht viel Beachtung, ihre ganze Aufmerksamkeit 
galt dem Baby und den Verrichtungen, die mit ihm vorgenommen wurden. Eine 
heftige Gemütserregung erfolgte nur, als sie — schon zu Hause — das Baby zuerst 
an der Mutterbrust trinken sah: ihr schluchzendes, abwehrendes Weinen beruhigte 
sich erst, als der Vater ihr versicherte, das Baby esse die Mama nicht auf. Seitdem 
wurde es ihr, teilweise direkte, noch mehr indirekte Fragen beantwortend, schon 
öfter gesagt, daß das Kind im Bauch der Mutter heranwachse und bei der Geburt 
aus der Mutter herauskomme: sie schien diese Aufklärung ziemlich gleichmütig 

hinzunehmen. 

Knapp vor ihrem vierten Geburtstag besucht sie eine kleine Freundin, deren 
Mutter ihre Entbindung in den nächsten Tagen erwartet. Der ganze Besuch löst bei 
Anna ziemlich starke Unlustgefühle aus, besonders die dicke „Tante" scheint Un- 
gar nicht zu gefallen. Ein paar Tage später wendet sie sich mit der plötzlichen 
Frage an den Vater : „Erinnerst du dich, daß, als wir nur ein Zimmer hatten, die 
Marika (das Schwesterchen) geflogen ist?" — Der Vater: „Wann denn?" — Anna: 
„Wie das Engelchen gekommen ist!-' — Der Vater: „Aber die Marika kann doch 
nicht fliegen." — Anna: „Doch, ich kann es auch" (macht fliegende Bewegungen). 

— Der Vater: „Das ist doch kein Fliegen!" — Anna: „Aber die Marika ist ganz 
bis zur Decke geflogen." — Der Vater: „Wir haben ja immer so viel Zimmer 
gehabt, nur wie die Marika geboren wurde, im Roten Kreuz, da war nur ein 
Zimmer. Aber damals kam die Marika nicht geflogen, sondern wuchs im Bauch der 
Mutter heran." — Bei dieser Wendung des Gespräches kommt die Mutter herein, 
und der Vater reproduziert ihr kurz das Gesprochene. Anna wendet sich unter 
großem Lachen an sie: „Das Kind wird vom Storch gebracht, es wächst nicht im 
Bauch. Wenn es im Bauche wächst, warum habe ich dann keins?" — Der Vater: 
„Weil die Mutter einen Mann hat und du nicht." — Anna zeigt lachend auf den 
Vater: „Doch, hier ist mein Mann." — Der Vater: „Ich bin Mutters Mann, nicht 
der deine. Du warst ja dort im Roten Kreuz, wo die Marika geboren wurde!" 

— Anna: „Wurde ich auch dort geboren?" — Der Vater: „Ja, auch du." — Anna: 
„Aber der Storch bringt die Kinder. Und die große Ente hat ein Ei." — Der Vater : 
„Ganz richtig, aber das Ei kommt auch aus dem Bauch der Ente und wird nicht 
vom Storch gebracht." — Das scheint Anna einzuleuchten, und das Thema Ente-Ei 
wird jetzt eingehender besprochen. Unter anderem sagt Anna : „Nicht wahr, es wäre 
interessant, wenn aus der kleinen Ente die große Ente käme?" 

Während des ganzen Gespräches spielt die kleine Schwester im Zimmer 
Plötzlich sagt Anna: „Ich meine ja gar nicht diese Marika, es gibt viele Marikas. 
Ich denke an Puppen. Wenn wir in ein Geschäft gehen und viele Spielsachen 
kaufen und dort schon nichts bleibt, wo kommen dann die Spielsachen wieder her?" 

— Der Vater: „Wenn das Kind geboren wurde und der Mann und die Frau wieder 
beisammen sind, dann kann wieder ein Kind kommen.« — Anna : „Aber die Schnecke 
hat keinen Bauch, oder ist es sein Haus ?•' — Der Vater zeichnet eine Schnecke und 
sucht ihren Bau zu erklären. 

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Anna springt im Zimmer herum, plötzlich hält sie inne, denkt nach und sagt: 
„Erinnerst du dich, wie ich in der Nacht schlief und dann auf die Straße ging?" 
— Der Vater: „Das hast du geträumt?" — Anna: „Nein, es war wirklich so!" — 
Nun fängt sie an, mit einer Sicherheitsnadel zu spielen, steckt sie dem Vater in 
den Mund, dann will sie sie ihm erst rückwärts, dann vorn an der Genitalgegend 
anpressen, und sagt : „Den Bacsis kann man das nicht so, wie kleinen Mädchen." 

Die Szene bricht da ab, um nachmittags noch eine kleine Fortsetzung zu haben: 
Anna spielt mit dem Schwesterchen, zieht ihr allerhand Kleidungsstücke an. Auf 
einmal steckt sie sich und auch der Kleinen eine Handvoll Wäsche unter das Kleid, 
so daß die beiden Kinder mit großwegstehendem Bauche einherspazieren. 

Das Interessante in Annas Reden und Gebaren ist vor allem die Art, wie die 
reale Erklärung zugunsten des, Gott weiß wo, aufgeschnappten Storchmärchens 
zurückgewiesen wird. An sich ist es ja eine bekannte, auch in dieser Zeitschrift 
hinlänglich besprochene Erscheinung, hier kommen aber auch einige Motive derselben 
ziemlich deutlich zum Vorschein. Anna sagt ja selbst: Wenn das Kind im Bauch 
wächst, warum habe ich dann keines? Mit dem Storch steht es viel befriedigender; 
dieser bringt das Baby nur ins Haus, in die Familie, ja, wenn man will, so ihr, der 
großen Schwester. Dies ist auch eine Anschauungsweise, die sie sich halbwegs zu 
eigen gemacht und mit deren Hilfe es ihr gelang, in ein ziemlich zärtliches und 
lustvolles Verhältnis zum Schwesterchen zu treten: die Marika gehört mir, es 
ist meine Marika. Natürlich, wenn mm das Kind im Bauch der Mama wächst, da 
läßt sich das Eigentumsrecht schwer bestreiten. Auch daß das Schwesterchen einst 
in so inniger Berührung mit der Mutter war, kann ihr peinlich sein, ebenso wie es 
ihr jetzt noch peinlich ist, daran erinnert zu werden, daß die Kleine einmal an 
Mutters Brust trank. Und wie sie in solchen Fällen nur dann wieder froh ist, wenn 
man ihr sagt, daß sie ja auch dort getrunken, so gibt jetzt die Ermahnung des 
Vaters, sie sei auch im Roten Kreuz geboren, dem Gespräch eine andere Wendung. 
Nun fängt sie an, das Storchmärchen aufzugeben. Während sie sich noch bewußt 
dagegen auflehnt und Gegenargumente sucht, gibt ihr Unbewußtes in interessanten 
Symbolreden und Symbolhandlungen davon kund, daß sie das Gesagte nicht nur 
verstanden hat, sondern noch mehr ahnt, als ihr bisher gesagt wurde. 

Es wäre „interessant", wenn aus der kleinen Ente die große käme : sie 
möchte ihre Rolle mit der der Mutter — wie sie es übrigens hinsichtlich des 
Vuters schon offen ausgesprochen — gerne vertauschen. Wie ist es aber, wenn das 
Puppengeschäft schon ausverkauft, der Bauch der Mutter schon leer ist? Hier 
taucht die halb geahnte, halb unheimliche Frage auf, woher das Kind in den Bauch 
der Mutter kommt, eine Frage, die übrigens mit dem Storchmärchen auch 
bequem zu umgehen ist. Das Aufwerfen der Schneckenfrage ist nach ihrer bewußt- 
logischen Seite eine folgerichtige „naturwissenschaftliche" Weiterbildung des 
Problems; als aus dem Unbewußten hervorbrechendes Symbol besitzt die Schnecke 
eine bekannte bisexuelle Bedeutung. Die scheinbar aus dem Zusammenhang fallende 
Erwähnung des phantasierten nächtlichen Spazierganges scheint auf „Spaziergange 
zu zielen, die Anna manchmal in der Nacht nach Mutters Zimmer unternimmt, 
Spaziergänge, die, vielleicht auch nicht ganz ohne Erfolg, zugleich als Entdeckungs- 
reisen dienen. 

Das sehr durchsichtige, interessanterweise die orale, anale und genitale Zonen 
in ihrer ontogenetischen Reihenfolge durchlaufende Spiel mit der Sicherheitsnadel 
weist schon auf ein ziemlich zielsicheres Tasten in der realen Richtung. Das 
Schwangerschaftsspiel am Nachmittag zeigt endlich, daß die „Aufklärung", für 
eine Zeit wenigstens, wieder akzeptiert wurde und durch spielerische Verarbeitung 
von den unlustvollen Komponenten befreit zu werden trachtet. 



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Marieanne will nicht baden 
Von Martha Zulligcr 

Marieanne wird im Alter von acht Monaten dreimal nacheinander geimpft. Sie 
reagiert nun so stark, daß sie längere Zeit krank ist. Das Armchen muß ihr 
eingepolstert werden. Sie wird verwöhnt und gehätschelt, da sie das einzige Kind 
ist. Nach der Genesung will sie das Baden nicht mehr wiederaufnehmen. Sie wird 
von der Pflegerin längere Zeit nur gewaschen. Nach Verlauf des Winters, im Alter 
von eineinhalb Jahren, gelingt es mit vieler Mühe, sie wieder in die Wanne zu stecken. 

Mit viereinhalb Jahren bekommt sie ein Brüderlein. Sie interessiert sich zuerst 
sehr um seine Pflege, schaut zu, wie es gebadet wird, und fragt, warum es ein Pflaster 
auf dem Nabel hat. Die Wärterin sagt, Bubi habe ein „Bobo" — eine Wunde darunter. 

Plötzlich will sie nun wieder nicht mehr baden. Schon am Samstag mittag fängt 
sie an, sich vorsichtig zu erkundigen, ob heute der fatale Tag sei, wo sie in die 
Wanne gesteckt werde. Sie bringt allerlei Ausreden : es ist Winter, zu kalt zum Baden, 
sie hat keine Zeit, sie möchte lieber am Vormittag gebadet sein, so wie das Brüderlein, 
dann wäre es schon vorbei, und sie müßte nicht immer daran denken. Sieht sie dann, 
daß es keine Rettung vor dem Wasser gibt, fängt sie ein Zetergeschrei an, sperrt 
sich und heult noch in der Wanne unsinnig. Das Schrecklichste ist für sie, sich die 
Haare waschen zu lassen. Die Pflegerin hat ihre liebe Not mit ihr, und wenn die 
Mama dabei ist, so geht der Tanz erst recht los. Die Mama regt sich auf, 
versucht es mit Zureden und Versprechungen, und weil das nichts nützt, mit Drohungen 
und Strafen, und für alle drei ist der Samstag ein wahrer Martertag. 

Marieanne kommt einmal auf Besuch zu mir, nur um zu baden. Sie schaut sich 
alles sehr kritisch an und erklärt, die Haare waschen lassen, das gibt's nicht, die 
sind nicht schmutzig, das ist nicht nötig, und mit dem Schwamm, den sie besonders 
geschenkt bekommt, will sie nichts zu tun haben. 

Wie sie erst im Wasser sitzt, zeige ich ihr eine alte Gummipuppe. Um des Kindes 
Mundwinkel zuckt es ganz bedenklich, aber Marieanne wird doch nicht weinen, wenn 
die Puppe so brav ist, sie wird jetzt den Schwamm nehmen und die Puppe sauber 
waschen, so wie Mama das Brüderlein wäscht. Und wenn die Puppe sauber ist, wird 
Marieanne sich selber waschen, ganz allein, ich schaue nur zu, und wenn sie fertig 
ist, will ich ihr noch etwas ganz Lustiges zeigen, nämlich, wie man aus der Nase 
eine Regentraufe machen kann: man beugt sich weit nach vorn und drückt den 
platschnassen Schwamm über den Haaren aus, und die Wassertröpflein rieseln der 
Nase entlang eins hinter dem andern — die Tränentröpflein zwar zuerst auch — 
doch die bemerke ich gar nicht, und sie versiegen bald, weil das Spiel zu lustig ist. 

Mit Seife richte ich Marieannens Haare zurecht, daß sie ausschaut wie ein Hahn 
mit einem gewaltigen Kamm, und gleich darauf hat sie zwei Hörnlein über den 
Ohren, einen Turm auf der Nase, und diese ständige Veränderung kann sie im Spiegel 
beobachten. 

Sie schnupft zwar hie und da immer noch, doch macht sie den Versuch, der 
Puppe auch die Haare zu waschen. Dann wird die Puppe geduscht, darauf sie selber, 
und weil sie nur ein klein wenig geweint hat, darf sie die Puppe behalten, damit 
sie am nächsten Samstag, wenn sie daheim gebadet wird, einen Gefährten hat. Sie 
weiß ja jetzt, wie die Puppe es gerne mag. 

Am Anfang nimmt sie die Puppe mit zum Baden, wie, tun an ihr abzureagieren, 
was ihr selber Unangenehmes wiederfährt. Dann identifiziert sie sich mit der Mama 
oder der Pflegerin, die das Brüderlein besorgen, die Puppe wird zu Marieannens „Kinde", 
und jetzt badet sie ohne Widerstände, denn sie identifiziert sich selber auch mit dem 
Brüderlein und der Puppe, die gebadet werden. Die Spiele mit Haaren und Seife 
wurden auf ihr Verlangen regelmäßig wiederholt. 

- 60 — 



Es konnte nicht untersucht werden, warum Marieanne gerade dann nicht mehr 
baden wollte, als sie das Brüderlein Laden und das Nabelpflaster sah. Darüber hatte 
ich jedoch bestimmte Vermutungen. Die Kleine hatte sicher den Geschlechtsunterschied 
entdeckt, der sie irgendwie behelligte — das Pflaster mochte dunkle Erinnerungen 
an die einst erlittene Verwundung und an die Schmerzen beim Impfen erweckt haben 
— und möglicherweise wurde nachträglich das Impfen und der Geschlechtsunterschied 
in Zusammenhang gebracht (Weibliche Kastrationseinstellung.) Die Spiele mit dem 
Wasser, das über die Nase träufelte, dem Hahnenkamm und den Hörnchen aus Haaren 
und Seife, für die Marieanne so großes Interesse zeigte, daß sie darob das Heulen 
vergaß, hatten für sie vielleicht eine ganz besondere Bedeutung, indem ihr Unbewußtes 
die Symbolik verstand, akzeptierte und sich so tröstete. 

Zum Gottesglauben des Kindes 

Notiz über meinen Sohn Artur (datiert Februar 1920 ; damals war er noch nicht 
fünf Jahre alt) : 

Er erzählte vor dem Einschlafen spontan : „Den lieben Gott muß man gerne 
haben ; weil, wenn man ihn nicht gerne hat, da ist der liebe Gott böse und schickt 
den Kindern nicht Zuckerln mit dem Nikolo und mit dem Christkind. Die bösen 
Kinder haben den lieben Gott nicht gern, weil sie denken, daß der liebe Gott sie 
nicht in das Buch einschreiben wird und weil das Christkind und der Nikolo immer 
etwas bringen werden. Der liebe Gott schreibt die Kinder doch ein, die bösen, wenn 
sie so sind, und schickt mit dem Nikolo und dem Christkind nichts. Weißt du, die 
bösen Kinder haben den Papa nicht gern, weil sie denken, daß der Papa sie doch 
gern haben müßte, weil das ist mein Papa. Und die guten Kinder denken sich das 
nicht und haben den Papa gern und sind brav." 

Befragt, woher denn der liebe Gott komme, erzählt er: „Erst war ein ganz großer 
Gott, dann hat er einen kleineren Gott auf die Welt gebracht, und der kleinere Gott 
hat einen noch kleineren Gott gezaubert, der noch kleinere Gott hat einen ganz 
kleinen Golt gezaubert, und so hat er immer weiter gezaubert. Früher war ein 
ganz großer Gott für alle Menschen, imd der war so ein großer Künstler, 
daß er sich selber auf die Welt gebracht hat. Früher waren 16 Millionen Menschen 
und der ganz große Gott war so ein Künstler, daß er für alle Menschen gezaubert 
hat, dann sind aber immer mehr Menschen gekommen. Der eine Gott kann nicht 
so viel machen für alle Menschen, aber die vielen Gotte können mehr arbeiten als 
ein großer Gott." Er setzt dann hinzu : „Für jede Stadt gibt es Milliarden Gotte, 
für jeden Menschen gibt es einen Gott. Es kann auch möglich sein, daß es für eine 
Stadt ein großer lieber Gott statt Milliarden kleiner lieber Gotte geben kann . . . 
Der [große] Gott ist der größte Zauberer, den es auf der Welt gibt. Bei jedem Gott 
ist eine Frau und viele Engerl, das sind die Kinder. Der große Gott ist früher 
gewachsen als die kleinen. Der Judgott hört nur auf die Juden, der Christgott nur 
auf die Christen. Der Christgott schaut aus wie der Judgott und der Judgott schaut 
aus wie der Christgott." Da er mich schreiben sieht, setzt er hinzu: „Schreib auf 
das mit dem Gott und zeig's dem Professor Freud, der auf dem Bild ist." 1 

Theodor R e i k 

„Allmacht der Gedanken" bei Kindern 

Ein plastisches Beispiel für die „Allmacht der Gefühle" gibt folgendes Ereignis 
meines gerade dreijährigen Sohnes : Er erlebte zum erstenmal mit vollem Bewußt- 
sein ein Gewitter. Donner und Blitz machten einen starken Eindruck auf ihn, daß 
er den ganzen Nachmittag versonnen und schweigend umherging. 



1) Photographie in meinem Arbeitszimmer. 

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Abends im ßett sagt er: „Bitte nochmal donnern und Lichtchen (Blitz) machen". 
Auf die Antwort, „daß ich das nicht könne«, läßt er sich gar nicht ein: „Doch Du 
kannst es, bitte nochmal donnern und Lichtchen machen." Als er dann doch zur 
Einsicht meiner Unfähigkeit gelangt, beginnt er sich unruhig im Bett hin und her 
zu werfen. Plötzlich vernimmt man laute Blähungen, sein Gesicht chen wird ganz 
hell und er sagt energisch : „Dann eben i c h donnern !" 

Den gleichen Machtgefühlen entsprechen die Bemühungen des zweijährigen 
Bruders: Er stellt sich breitbeinig her und pustet aus vollem Halse, und dieses Pusten 
bezweckt nichts Geringeres, als einmal einen Flieger „herunterzupusten", ein ander- 
mal den Mond auszulöschen oder die Straßenlaternen. Es ist ihm noch keinmal 
gelungen aber der Glaube an seine Kraft läßt es ihn immer wieder von neuem 
versuchen. It. Mannheim 



BERICHTE 



Bücher 

CARL HÄBERLIN: Grundlinien der Psychoanalyse. Verlag der 
Ärzdidien Rundschau, Otto Gnielin, Mündien. 

Häberlin versucht in diesem Buch eine kurzgefaßte Darstellung aller therapeutischen 
Richtungen zu geben, die das Unbewußte als wesentlichsten Faktor psychischen 
Geschehens ansehen. Es mag dahingestellt bleiben, ob es einem Anhänger einer der 
vielen Richtungen, die sich heute mit mehr oder weniger Recht als „psychoanalytisch" 
bezeichnen, überhaupt möglich ist, eine solche Darstellung objektiv zu geben. Häberlin, 
der Anhänger der Jung'schen Schule ist, ist es meines Erachtens nicht gelungen. So 
bietet das Buch zwar viel Interessantes für den mit der Psychoanalyse vertrauten 
Leser, ist aber keine Einführung in die psychoanalytische Wissenschaft für Laien. 

Interessant und anregend sind vor allem der Abschnitt über das Unbewußte und 
die Einleitung, die von den „seelischen Wirklichkeiten" handelt. Die Methodik der 
Psychoanalyse ist in einem eigenen Abschnitt sehr anschaulich dargestellt. Um so mehr 
nimmt es wunder, daß der Verfasser von einem „Hineinfragen" bei Kinderanalysen 
spricht. Besonders, da er sich mit großer Schärfe gegen Kinderanalysen wendet, wäre 
es interessant, noch andere Gegenargumente zu hören, als nur das eine, daß man 
in das Kind alles hineinfragen könne. 

Die Freud'sche Lehre im engeren Sinn ist in dem Buch in ihrer historischen 
Entwicklung dargestellt. Dagegen läßt sich bei jeder jungen Wissenschaft viel ein- 
wenden, besonders aber bei einer so heiß umkämpften wie der Psychoanalyse. Außerdem 
aber bedeutet jedes neue Werk Freuds eine so grundsätzliche Ausgestaltung, daß die 
Kritik leicht als verfehlt erscheint, die frühere Formulierungen Freuds angreift, 
ohne spätere Werke genügend zu berücksichtigen. So ergeht es hier auch Häberlin, 
z. B. in dem, was er von der Verdrängung sagt. 

Der zweiten Auflage hat Häberlin einen neuen Abschnitt — Einiges über die 
Begriffe des Symbols, des "Ödipuskomplexes und der Verdrängung — hinzugefügt. 
Grundsätzlich Neues ist hier nicht gesagt. Es werden nur einige in den vorhergehenden 
Abschnitten schon behandelte Probleme etwas anders beleuchtet. Leider ist dadurch 
der sonst außerordentlich klar disponierte Aufbau des Ganzen so gestört, daß man 
trotz einiger recht anregender Gedanken diesen Anhang nicht begrüßen kann. 

Häberlin spricht bezüglich der Lehren Adlers und Jungs von einer „Weiterbildung". 

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1 



Vielleicht wäre „Umbildung" der passendere Ausdruck. Aber Hiiberlin teilt durchaus 
die Meinung vieler Anhänger dieser Schulen, es handle sich hier wirklich um 
Analyse im Freud'schen Sinne, der nur noch etwas, das sie „Synthese" nennen, hin- 
zugefügt wird. Auf diesen grundsätzlichen Irrtum näher einzugehen, erübrigt sich im 
Rahmen dieser Besprechung. Lizi Bonwitt-Hepner 

W.D.HAMBLYB. SC: Über Anfänge von Erziehung bei den Primitiven. 
Mit einem Geleitwort von Dr. Charles Hose. Macmillan & Co. London (englisch). 

Es ist für den praktischen Psychoanalytiker wichtig, seine Patienten auf ein 
zuverlässiges Buch hinweisen zu können, welches kurz über die Sitten, Gewohnheiten 
und Traditionen der primitiven Menschenrassen berichtet. Seitdem Freud in 
Totem und Tabu" gezeigt hat, in wie großem Maße die unbewußten geistigen 
Prozesse und Zwangshandlungen und Gedanken von neurotischen Personen mit nur 
£erin<>-er Abänderung von den Glaubensriten dieser zurückgebliebenen Volker 
abzuleiten sind, finden wir beständig Beweise an vergleichendem Material innerhalb 
unserer eigenen Erfahrung, oder wir glauben, daß es sich so verhält. Der gewissen- 
hafte Analytiker wird sich jedoch nicht mit einem vagen Glauben an die Überein- 
stimmung der Träume und Symptome mit den Sitten und Glaubensriten der Alten 
oder Primitiven begnügen wollen, aber wenn er seine Mutmaßung nachzuprüfen 
wünscht, so sieht er sich oft vor das Problem gestellt, wo nachzuschlagen und wieviel 
Zeit wohl die Nachforschung in irgend einer wissenschaftlichen Bibliothek, m der 
Bücher dieser Art zu finden seien, erfordern würde. In der oben erwähnten Arbeit 
von W. D. Hambly wird er sein Problem gelöst finden, indem diese ihn nicht 
nur mit einer Menge von interessanten Kenntnissen versieht, die der Forscher selbst 
unter den Eingeborenen gesammelt hat, sondern hier sind auch in praktischer und 
handlicher Form alle wesentlichen Entdeckungen zusammengestellt, welche andere 
Anthropologen in allen Teilen der Welt gemacht haben. 

Der Wert dieses Buches wird sehr gesteigert durch glänzende Illustrationen, die 
größtenteils Photographien sind, und einige davon sind von größtem Interesse für 
Psychoanalytiker. In der Tat scheint der Autor durch die Freudsche Theorie zu 
seinem Buche inspiriert worden zu sein, indem er überall das „unterbewußte Seelen- 
leben" und Neurose gleichsetzt. Er zeigt wiederholt, in wie hohem Maße der 
Primitive gleich seinem zivilisierten Bruder an Neurosen leidet und nicht davor 
gefeit ist, während einige Schriftsteller eifrig bemüht sind, zu beweisen, daß nervöse 
Störungen das Resultat unserer Überzivilisation sind, und daß wir frei wären von 
dieser Geißel, wenn wir ohne Hemmungen und dadurch ähnlich den Wilden waren. 
Aber diese und ähnliche Aufstellungen entsprechen nicht den Tatsachen. Das Leben 
der Primitiven ist durchaus nicht frei, weder von Hemmungen, noch von Angst, h-r 
ist durch die Totem einschränkungen und die Tabus, welche ihn bei jeder Umdrehung 
umeeben, zu den allerstrengsten Hemmungen verurteilt. Bei Tag und Nacht ist er 
bedrängt von Angstvorstellungen, die sich auf Gefahren der verschiedensten Art reale 
und eingebildete, von Menschen oder von bösen Geistern herstammenae, die da. 
Werk von Dämonen oder einer Kombination der Gottheit und des im Dienste eines 
Feindes stehenden Medizinmannes sind, beziehen. 

Alle diese Eventualitäten im Leben der zurückgebliebenen Volker sind in wunder- 
barer Weise vom Autor herausgearbeitet worden, der auch zeigt, daß der Medizin- 
mann tatsächlich manche der Methoden des modernen Psychotherapeuten anwendet, 
Tm die Phobien und die neurotischen Manifestationen seiner Patienten zu bekämpfen 
n einem weit größerem Maße, als es der zivilisierte Durchschnittsarzt tut. Wir 
erhalten auch vorzügliche Berichte über die Pubertätsriten bei Knaben und Mädchen, 
letztere in größerer Ausführlichkeit, als man sie sonst in dem Werk eines männlichen 
Anthropologen zu finden pflegt, und er weist auch nach, daß viele Auskünfte über 
die weiblichen Glaubensriten, ihre Gewohnheiten und Sitten, wie über die geheimen 

-63- 



Initiationsriten sehr unvollständig oder sogar unrichtig sind, weil der Mann, wenn 
er sie auch kenne, oft vorgibt, sie nicht zu kennen. Es ist sehr wahrscheinlich, daß 
er gar nicht weiß, worin sie bestehen, oder nur ein wenig mehr als die Frau von 
den Zeremonien der männlichen Pubertätsriten oder der anderen religiösen Gebräuche 
weiß, und daß man nur sehr wenig oder gar nichts von den Frauen selbst über diese 
Dinge erfahren kann, aus dem Grunde, weil sie gewöhnlich dem Weißen gegenüber 
mißtrauisch sind und diesem sicherlich nicht über ihre intimsten Glaubensriten 
Mitteilung machen würden, auch aus Furcht, lächerlich zu scheinen oder sogar ein 
Unglück zu verursachen, indem sie diese Kenntnis einem Fremden anvertrauen, 
welcher vielleicht ein verkleideter böser Geist sein mag. 

Eine Photographie wird besonders alle diejenigen interessieren, welche Röheims 
Untersuchung über die medizinischen Bräuche der Wilden und den Medizinmann 
gelesen haben; sie stellt dar, wie die Krankheit aus dem Patienten in Form eines 
Steines oder Kristalls gewöhnlich durch Saugen herausgezogen wird. Die Illustration 
befindet sich auf Seite 228 und hat den Titel „Australischer Medizinmann, durch 
Magie die Krankheit aussaugend von einem kranken Mann", und ist dem Handbuch 
von Sir Baldwin Spencer über Australien entnommen. Es ist in der Tat überraschend, 
daß W. H. Hambly nicht das wichtige Werk von Geza Röheim über den „Australischen 
Totemismus" erwähnt, durch welches nicht wenig psychoanalytische Erkenntnis über 
das Leben und die Sitten der Primitiven ausgebreitet wird. Er hat es wahrscheinlich 
nicht gekannt, denn wenn dem nicht so wäre, so hätte er sicherlich davon Notiz 
genommen. Mary Chadwick 

Neues Deutschland. Kalender 1928, Verlag „Friede durdi Recht", Wies- 
baden, Gartenstraße 18. Preis M. 3*20. 

Voltaire, Rosa Luxemburg, Tolstoi, Pestalozzi, Nietzsche, Shaw, Viktor Hugo und 
andere Antiphilister sind hier im Wort vertreten, nebst guten Bildern von Masereel, 
van Gogh, Daumier u. a. Der Kalenderredakteur rechnet auch Freud zu den großen 
Erziehern, sein Geburtstag ist am 6. Mai verzeichnet. — Wer einen republikanischen 
Kalender sucht, der literarisch wertvoll ist, findet hier einen guten Wegweiser. 
Vielleicht bringen spätere Ausgaben auch einige Worte aus der pädagogisch- 
psychoanalylischen Literatur, sie könnten den Leser von Viktor Hugos Wort „Aufsteigen 
aus einer Hütte zu einem Palast ist schön und selten, Aufsteigen von Irrtum zur 
Wahrheit ist noch schöner und seltener" anregen, manchen Irrtum bei der Kinder- 
erziehung zu vermeiden; Massenaufklärung über die Wege zum „Friede durch Recht" 
muß stets mit den so verschieden determinierten Widerständen des einzelnen rechnen. 

Heinrich Meng 



In der Januar-Nummer der ZeUsdirift „Die neue Erziehung" 
wird Prof. Paul O es Ire ich, Berlln-r'ricdenau, Mcnzelstraßc 1, eine 
Reihe von Aulsätzen Ober Psychoanalyse und Erziehung vcrößentlldien. 
Unsere Mitarbeiter werden gebeten, ihm bis spätestens Ende November 
Beitrage zur Verfügung zu stellen. 



Herausgeber Dr. Heinrich Meng, Arzt in Stuttgart 
und Univ rsitätsprofessor Dr. Ern-t Schneidei in Riga 

Ei entiimer, Verleger und Herausgeber für Österreich- Adolf Josef Storfer, Wien, VII., Andreasgasse 3 

(„Ve lag der Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik"). — Verantwortlicher Redakteur : Dr. Paul 

Fed. rn, W ien I.. Kiemerpasse t. — Druck: Elbcmühl Papierfabriken und Graphische Industrie A.-G., 

Wien, III., Rüdengasse 11 .Verantwortlicher Diuckereileiter: Karl Wrba, Wien).