Ist Psydioanalyse eine Weltanschauung? 1
Von Dr. Siegfried Bernfeld, Berlin
Wer die Psychoanalyse mehr als oberflächlich kennt, darf füglich
erstaunt sein, daß das bündige „Nein" auf diese Frage von niemandem
geglaubt wird. Nachdrücklich hat Freud, der es doch eigentlich wissen
müßte, seine Psychoanalyse als Heilbehandlung, als Forschungsmethode
und als Summe von Ergebnissen wissenschaftlichen Nachdenkens über
seelische Tatsachen hingestellt. Die Feinde und auch viele Freunde der
Psychoanalyse bleiben bei ihrer Überzeugung, daß diese Freudsche Lehre
mehr sei als Wissenschaft, daß sie Philosophie, Weltanschauung, Religion
sei oder doch werden wolle. Es mag sich daher empfehlen, die Tatsache
anzuerkennen, daß es neben der Freudschen Wissenschaft Psychoanalyse
noch eine „Psychoanalyse gibt, die Weltanschauung mindestens sein
möchte. Aus dieser Anerkennung ergibt sich vielleicht die Möglichkeit
einer wirksameren Widerlegung oder Bekämpfung. Denn offen sei es ein-
leitend gestanden, die „Weltanschauung Psychoanalyse" ist ein unsympa-
thisches und gefährliches Ding, vor dem der Kreis psychoanalytischer
Pädagogen möglichst geschützt bleiben mögel
Es ist also „etwas dran" an dem Ruf nach der Weltanschauung
Psychoanalyse, an der Behauptung, die Psychoanalyse sei mehr als eine
„gewöhnliche Psychologie". Richtig ist: Niemand nimmt die Ergebnisse
der Psychoanalyse so zur Kenntnis, wie man andere naturwissenschaftliche
Forschungsresultate als anregende, meinethalben sogar als aufregende, neue
Einsichten in das Gebäude (gelegentlich Labyrinth) seines Wissens ein-
ordnet. Die Psychoanalyse drängt jeden, ein recht beträchtliches Stück
Welt nicht nur neu zu sehen, sondern auch neu zu werten, und
in dieser neu gesehenen, neu gewerteten Welt auch neuartig zu handeln.
1) Siehe „Offene Halle", Heft 1, S. 31, dieses Jahrgangs. Dieser Aufsatz war an
die Redaktion noch vor dem Erscheinen von Freuds neuem Buch ,,Die Zukunft einer
Illusion" gesandt worden; er konnte daher auf ähnliche Gedankengänge nicht
mehr hinweisen, und die klareren Formulierungen nicht mehr berücksichtigen. (Anm.
während der Korrektur.)
INTERNATIONAL
PSYCHQANALYTIC
UNIVERSITY
DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN
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Man muß zwar zugeben, daß, je älter! die Psychoanalyse wird, um so
weniger sie den Adepten mit diesem Affekt des Neuorientiertseins entläßt.
„Hemmung, Symptom und Angst", obzwar es tiefere, geschlossenere Ein-
sicht vermittelt, wirkt weniger zentral auf Werten und Handeln, als
etwa die „Studien über Hysterie" oder die „Traumdeutung" oder „Drei
Abhandlungen zur Sexual theorie". Aber da ja doch das eindringende
Studium mit den älteren Werken beginnt, da ferner die geringere welt-
anschauliche Wirkung der letzten Freudschen Schriften daher rührt, daß
die Freudsche Lehre bereits seit drei Jahrzehnten wirkt und in der
Öffentlichkeit ein Bekanntheitsgefühl hinterlassen hat, ist die Psycho-
analyse tatsächlich mehr als sie sein will. Sie ist eine wissenschaftliche
Entdeckung, die weltanschauliche Wirkungen hatte und fort-
dauernd noch hat.
Die Psychoanalyse ist bei weitem nicht die erste wissenschaftliche
Lehre, der dieser Charakter zukommt. Darwins höchst speziellen, fach-
wissenschaftlich-biologischen Aufstellungen über die Entwicklung der
Arten, die rein theoretischen Annahmen der Physik über Atome, die
Arbeitshypothese einer physiologisch-psychologischen Schule, nach der
seelische Erscheinungen von körperlichen Vorgängen erzeugt werden, solche
nichts als wissenschaftliche Theorien oder Entdeckungen sind doch, um
ein Beispiel zu geben, weit über ihren fachlichen Wert hinaus zu Welt-
anschauung geworden, haben die Weltanschauung des Materialismus ent-
wickeln helfen. Der Materialismus besteht weiter, auch nachdem einige
jener wissenschaftlichen Aufstellungen als falsch erwiesen wurden. Der
Materialismus ist darum nicht falsch, denn Weltanschauungen können
mit den Begriffen richtig und falsch nur sehr indirekt gewertet werden.
Der Materialismus gilt zwar nicht mehr viel in „modernen" Kreisen der
Philosophie, er ist aber als Weltanschauung weiter proletarischer Kreise
heute noch eine gesellschaftliche Tatsache von Belang. Ganz ähnlich wirkt
die Psychoanalyse, ohne Weltanschauung zu sein, auf jene — über die
Sphäre der Wissenschaft hinausreichenden — geistigen Strömungen ein,
die sich vor unseren Augen als „Weltanschauungen" zu gesellschaftlichen
Tatsachen verdichten.
Die Wissenschaft als Ganzes ist ein Gebilde von hoher sozialer
Bedeutung, aber Denkweisen, Fakten, Hypothesen, die innerhalb ihrer von
größtem Belang sind, können ohne eigene gesellschaftliche Bedeutsamkeit
bleiben; während manche wenig belangvolle Tatsache zu beträchtlicher
gesellschaftlicher Bedeutsamkeit gelangen kann. Daist etwa die Unterscheidung
der Brachycephalen (Breitschädeln) von den Dolichocephalen (Langschädeln),
eine, wenn ich recht Bescheid weiß, überaus harmlose Ecke der Schädel-
wissenschaft; welche gesellschaftliche Bedeutung hat sie als Schädel-
Weltanschauung im deutschen Nationalismus (antisemitischer, völkischer
Prägung) erlangt! Auch die Psychoanalyse verdankt ihre gesellschaftliche
Bedeutsamkeit nicht primär der wissenschaftlichen Bedeutung ihrer Ergeb-
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nisse, sondern ihrem Forschungsgegenstand und den — wäre es sogar
bloß vermeintlichen — Resultaten ihrer Forschung. Wenn die Fach-
kollegen Freud bei seinen anfänglichen Bemühungen auslachten oder tot-
schwiegen, sich aber statt ihrer das Laienpublikum seiner Anschauungen
bediente, und in steigendem Maße die Psychoanalyse in Dichtung, Literatur
Journalistik, Gesellschaftskritik und -reform, ja, in die Diplomatie, in den
Sprachgebrauch und das allgemeine Wissen unserer Zeit übergegangen ist,
indes sich Psychiatrie und Psychologie heute noch gar sehr um die
„wissenschaftliche Kritik" der Psychoanalyse bemühen, so kommt dies
daher, daß schon vor Freud geistige Strömungen vorhanden waren, die in
seinen Formulierungen ein brauchbares Stück zur Fundierung und
Agitation ihrer Anschauung fanden, deren weltanschauliche Wertungen
den Freudschen Behauptungen von vornherein günstig waren. Wenn
andererseits die Psychoanalyse so erbittert bekämpft wurde und wird, so
geschieht das eben wegen dieser ihrer Brauchbarkeit für weltanschauliche,
geistige, kulturelle, politische Strömungen, denen die Gegnerschaft in
Wahrheit gilt, einerlei, ob sich die Feindschaft in weltanschauliches oder
in pseudowissenschaftliches Gewand kleidet. 1
Aus Freuds ersten Schriften konnte man herauslesen; i) Die Unter-
drückung des Sexualtriebes erzeugt Neurosen. 2) Der Sexualtrieb ist als
sublimierter Anteil an den höchsten Schöpfungen menschlichen Geistes
beteiligt. Daraus konnte gewonnen werden: ein Argument gegen die
bestehende bürgerliche Sexualmoral (1890 bis 1900); eine Behabilitierung
und Neuwertung der Sexualität als heiliger, mächtiger Naturkraft im
Gegensatz zu aller christlich-asketischen Wertung. Die Ehe-, Sexual-,
kulturkritischen und -reformerischen Strömungen auf der einen Seite,
individualistischer Ethik geneigte, narzißtisch Natur-Leib-Kunst-verehrende
Kreise auf der anderen Seite waren es, die sich sehr bald und nach-
haltig der Psychoanalyse als weltanschaulichen Faktors bedienten.
Freuds Forschung ging aber unbekümmert um diese frühe außer-
wissenschaftliche Anhängerschaft ihren eigenen Weg. Wer von ihr
Kenntnis nahm, bloß in der Absicht, aus ihr Wertungen zu schöpfen,
mußte sich bald von ihr abwenden oder sie bekämpfen, denn daß nicht
„alles Sexualität ist, nicht alles gebilligt, nicht alles ausgelebt werden darf,
war klar. Doch Freud machte nur immer weiter Entdeckungen über den
Sexualtrieb. (Daß Freuds Lehre vom Ödipuskomplex und von der Macht
des Unbewußten in jedes Menschen eigenem Ich keine akzeptablen
Wertungen ermöglichte, sondern bloß den Widerstand erregte, ist so
bekannt, daß es kaum angedeutet werden muß.) Eine konsequente psycho-
analytische Sexualmoral, -reform, ist nicht möglich; weil Psychoanalyse
1) In meiner Arbeit „Die heutige Psychologie der Pubertät", Internat. Psa. Verlag
1927, versuchte ich zu erweisen, wie die Gegnerschaft der Psychologen Tumlin'
Charlotte Bühler, Spranger, Hoffmann solchen und nicht wissenschaftlichen Hinter-
grund hat.
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Tatsachen feststellt, aus denen sehr verschiedene praktische Konsequenzen
gezogen werden können; so wurde aus der Psychoanalyse jeweils ein
anderes Stück „akzeptiert", d. h. ins System der Wertungen und Ziele
einbezogen, wobei natürlich ganz allgemein der Fehler gemacht wurde
das weltanschaulich nicht Akzeptable auch als wissenschaftlich unrichtig
zu erklären. Dies ergab dann höchst sonderbare „Verbesserungen" der
Psychoanalyse (Jung und Adler z. B.), die nämlich die Forschung den
weltanschaulichen Wertungen anpaßten, während sie behaupteten, neue
Wertung aus neuer Forschung gewonnen zu haben. War es Freuds große
Tat gewesen, die Sexualtriebtatsache der Moral und allen anderen welt-
anschaulichen Wertungen zur Gewinnung wissenschaftlicher Krkenntnis zu
entreißen, so haben diese Verbesserer und halben Bejaher sich beeilt, die
Forschung ehestens wieder unter den Druck der Weltanschauung zu
setzen. Und eigentlich mit Recht, da sie gar nicht einzusehen vermochten,
daß aus einer wissenschaftlichen Tatsache an sich keine Wertung folge.
Freud hat nicht auf Moral, Ethik, Wertung verzichtet, sondern sie nur
beim Forschen ausgeschaltet und seine weltanschaulichen Überzeugungen
für sich behalten, da er sich nicht berufen fühlte, neue soziale
Gesetze zu geben oder die alten zu verbreiten, sondern als Forscher
bemüht ist, die bestehenden psychischen Gesetzmäßigkeiten
zu erken nen.
Diese anfangs verhältnismäßig einfache Situation hat durch die um
alle weltanschaulichen Akzeptierungen und Proteste unbekümmert
wachsende Psychoanalyse eine sehr beträchtliche Komplikation erfahren.
Das Studium des Ich, der sozialpsychischen Erscheinungen, des Schuld-
gefühls, ermöglicht nunmehr, aus der Psychoanalyse weltanschauliche
Affekte für das Bestehende, für das „Höhere", „Geistige" zu gewinnen.
„Verdrängungen müssen sein!" „Der Geist baut den Körper", und also
beherrscht er den Sexualtrieb, der „Geist ist mächtiger als diese Natur-
kraft sogar". Dies kann man aus den neueren Schriften Freuds heraus-
lesen. Wären nicht Mißverständnisse und innere Hemmungen im Einzelnen,
so könnte nunmehr auch eine asketische Weltanschauung sich auf die
Psychoanalyse stützen (und eigentlich bloß der Ödipuskomplex und der
Kastrationskomplex widersetzen sich nach beiden Seiten einer weltanschau-
lichen Verwertung, aber wie wenige wissen, daß eben dies das Zentrum
der Freudschen Psychoanalyse ist!). Nun ist es aber ganz sicher geworden,
da jede Weltanschauung aus der Psychoanalyse folgen kann, muß sie
eben von wo anders her bezogen werden, soll sie widerspruchslos fundiert
sein. Indem die Psychoanalyse als Wissenschaft wächst, wird ihre besondere
gesellschaftliche Bedeutsamkeit geringer. Sie ist beinahe bloß noch ein
geeignetes Instrument zur Veränderung seelischer Erscheinungen, krank-
hafter oder sich entwickelnder Psyche, geeigneter als die alte Psychologie,
demnach eine Angelegenheit der Fachleute, der theoretischen Psychologen,,
der Ärzte, der Pädagogen.
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Ist dem so ? Doch nicht ganz ; dieser Prozeß wäre unvermeidlich, wenn
es eine einheitliche, geschlossene Weltanschauung für die gesamte Mensch-
heit gäbe, wenn die Gesellschaft stabil wäre. Da aber die Menschheit —
man darf, ja man muß nach den Revolutionen in Asien und Mittelamerika,
nach dem Erwachen der schwarzen Rasse, auf einem Planeten, den das Flugzeug
in wenigen Tagen, das Radio in wenigen Sekunden bewältigt, dieses noch vor
wenigen Jahren phrasenhafte Wort mit konkretem Inhalt gebrauchen — da aber
die Menschheit in kämpfende Lager gespalten ist, und die Weltanschauungen in
deren Kämpfen eine gewisse Rolle spielen, 1 und da die Kräfteverteilung in den
verschiedenen Lagern sehr ungleich ist, wird auch der Weltanschauungs-
kampf um die Psychoanalyse seine höhere Bedeutung und seine Dauer
haben. Vergegenwärtigen wir uns diese Lage an einem Beispiel, das nicht
notwendig die psychoanalytische Pädagogik berührt, an der weltanschau-
lichen Stellungnahme zu Gott und seinen Kirchen. Das eine Welt-
anschauungslager glaubt an Gott, das andere leugnet seine Existenz. (Wollte
man genau sein, so wäre zwischen beiden noch das Lager zu erwähnen,
das zwar an den lieben Gott nicht glaubt, aber an ihm unter irgend einer
metaphysischen Maske festhält. Schlagen wir diese Gruppe der Einfachheit
wegen zur Hälfte je einem der beiden großen Lager zu.) Es kann kein
Zweifel sein, daß die Psychoanalyse den Glauben beträchtlich erschwert.
Sie macht ihn nicht völlig unmöglich; unter Verwendung höchsten
erkennlnistheoretischen Scharfsinns kann für den umfassenden Kenner der
Psychoanalyse von Gott doch immerhin noch so viel übrig bleiben, daß
man ihn zu jenen Metaphysikern zählen kann, deren Hälfte wir zum
Lager der Gläubigen schlugen. Wer aber von der Psychoanalyse nur das
Wichtigste, von der Erkenntnistheorie gleichfalls nur dieses kennt, hat gar
keine andere Wahl als Gott oder den Ödipuskomplex zu opfern. Hätte
Gott dafür gesorgt, daß seine Existenz auch in unserer Zeit durch sich
selbst so glaubwürdig erscheine, wie in früheren Jahrhunderten und Ord-
nungen, so dürfte die Psychoanalyse als stille Wissenschaft bestehen, ohne
dem Lager der Gläubigen gefährlich zu werden. Heute ist aber die
Neigung der Menschheit, im Konfliktsfall die Wissenschaft zu wählen —
in unserem Beispiel die Psychoanalyse — unzweifelhaft sehr im Wachsen.
Und somit die Existenz der Psychoanalyse, die Verbreitung ihrer Ergeb-
nisse, deren wissenschaftliche Akzeptierung von unmittelbarer Gefährlichkeit
für die Größe der Partei Gottes.
Nun spielt diese Partei, die Kirche, eine sehr wichtige Rolle in jenen
Kämpfen der Menschheit; es kann ihr also nicht gleichgültig sein,
ob eine Wissenschaft, mit aller Autorität und aller Magie einer
Wissenschaft versehen, existiert und sich verbreitet, die in der zu
erwartenden grobschlächtigen Fragestellung, die die Masse der Menschen
nun einmal vollzieht, eine beträchtliche Erschütterung des Glaubens zur
1) Der marxistische Sozialist sagt einfacher: in zwei Lager, die Kapitalisten-
klasse und das Proletariat,
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Folge haben muß. Ist nun gar die Kampf läge so, wie sie in Wahrheit
ist, daß die Kirchen mehr Macht haben als ihr Gott, d. h. daß die
Kirchen ihre Interessen gegen die Ungläubigen siegreich verteidigen
können, trotzdem der Glaube an Gott schwach gegründet ist in heutiger
Zeit, so wird den Ungläubigen jede Waffe recht sein, und die Psycho-
analyse erhält eine beträchtliche weltanschaulich-gesellschaftliche Bedeutung,
indem sie die Kraft der Ungläubigen zu vermehren geeignet ist. Zugleich
aber gewinnt sie auch eine Feindin, die nicht gering zu achten ist. Daß
die Psychoanalytiker, denen an dem Ausbau ihrer Wissenschaft liegt, sich
neutral erklären, ist verständlich. Aber es wird ihnen wenig nützen, zu
erklären, sie verträten keine Weltanschauung (obzwar dies zutrifft), wenn sie
weltanschaulichen Kämpfern Arsenale bauen. Auch daß sie in Wahrheit
beiden Parteien Waffen liefern, hilft ihnen wenig, falls — wie bei den
Gott-isten und Anti-Gott-isten — jene bis an den Hals bewaffnet, diese
bisher nackt und bloß waren. Immer hat es als Neutralitätsbruch gegolten,
den Gegner auch bewaffnet zu haben. Wie gar, wenn die Kirchen von
Freud Flintenkugeln erhalten, die Ungläubigen aber Giftgastanks und
Flugzeuge !
Nach diesem kleinen Exkurs wird wohl unsere Eingangsfrage rund
beantwortbar: Die Psychoanalyse ist keine Weltanschauung, sondern eine
Wissenschaft. Aber eine Wissenschaft von so eigenartigem Charakter, daß
sie zwar alle Weltanschauungen mit Fakten versorgt, jedoch bei heutiger
Kampftage der Menschheit für die verschiedenen Weltanschauungslager
sehr verschiedenen Wert hat, dem einen Waffe, dem anderen Angriff
bedeutet. Die praktische Anwendung der Psychoanalyse fordert demnach
— also vom Erzieher — eine klare Orientierung in eben diesen Mensch-
heitskämpfen, die nicht die Psychoanalyse geben kann, sondern die an die
Psychoanalyse herangebracht werden muß.
Wir wüßten aber gerne den eigenartigen Charakter dieser Wissenschaft
Psychoanalyse näher präzisiert, den wir bisher nur vage angedeutet haben.
Wenn die Psychoanalyse sich in den Kämpfen um die Kirche praktisch,
bei aller theoretischen Neutralität als Feindin des Alten, des Untergehenden,
als Mitkämpferin für das Neue erweist, ist dann vielleicht nicht ihr
Charakter einheitlich fortschrittlich? Und wird sie damit nicht zu einem
Bildungselement unserer Zeit, zu einer jener Wissenschaften, die
bei der gegebenen Kampflage der Menschheit, den geistigen Strömungen,
die das Neue aufbauen wollen, entscheidende Dienste, und jenen, die
das Alte konservieren wollen, beträchtlichen Abbruch tun?
Tatsächlich kann man die heutige Literatur, Kunst, Sexualmoral,
Publizistik, kurz die moderne Bildung, ganz ohne Psychoanalyse kaum mehr
denken. Dennoch glaube ich nicht, daß diese Psychoanalyse viel mit
Freud und daß diese Bildung viel mit Bildung zu tun hat. Denken wir
im Menschheitsmaßstab, ja nur im europäischen, so wird das Bild sehr anders :
weder in dem großen Lager der Kirchen, noch auch*im Lager des sozialistischen
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Proletariats ist etwas von dem in belangvollem Maße vorhanden, das die große
bürgerliche Literatur und die breite bürgerliche Publizistik und die sogenannte
moderne Kunst Psychoanalyse nennt. Und selbst Bildung ist längst nicht
mehr als die Bildung vorhanden ; vielmehr ist die ökonomisch und
politisch herrschende Schicht „ungebildet" ; die Bildungsträger der Vorkriegs-
zeit sind als Mittelstand, Kleinbürgertum auf ein weder repräsentatives
noch wirkendes Schattendasein in Schulen und Universitäten herab-
gesunken, die kirchliche Bildung, unbeschadet ihrer Macht, brüchig, die
sozialistische Bildung, trotz sozialdemokratischer Minister noch längst
nicht außerhalb engster bewußter sozialistischer Kreise sichtbar. Die Zeit
einer einheitlichen repräsentativen und unbestrittenen Bildung, der gegen-
über der Kultur- und Lebenszustand der breiten Massen einfach als niedrig
und roh gilt, ist vorbei. Wenn früher das „Volk", so weit es selbst auch
von der Höhe der Gebildeten entfernt gewesen sein mag, deren Primat
anerkannt hat, so ist das heutige organisierte Proletariat keineswegs bereit,
die bürgerliche Bildung als Wert schlechthin anzuerkennen, sondern sieht
in ihr einen ideologischen Überbau über den wirtschaftlichen Interessen
der Kapitalbesitzer, von dem nur eine Auswahl von allgemein menschlicher,
zukunfts werter Bedeutung ist. Es gilt durchaus auch für die Bildung, was
oben von den Weltanschauungen gesagt wurde. Die Psychoanalyse kann
nicht für alle Lager wesentliches Element ihrer Bildung sein. Sie ist
heute in Wirklichkeit noch in keinem in diesem Sinne wirksam, wenn
sie auch in allen hier und dort etwas bewirkt hat. Am weitesten ist sie
in die progressiven Schichten der literarisch maßgebenden Kreise des
Bürgertums gedrungen — aber nur, indem sie einschneidende Verkürzungen
und entstellende Mißdeutungen erfuhr; im intellektuellen Kleinbürgertum
beginnt sie eben jetzt nach der Kastration und Verniedlich ung, die Alfred
Adler an ihr vorgenommen hat, lebendig zu werden. Aber selbst diese
fragwürdigen Beiträge, welche die Freudsche Lehre zu den Wirrsalen, die
man moderne Bildung (des Bürgertums) nennt, gegen Freuds Willen
geliefert hat, dürften das Maximum dessen sein, was die herrschende
Schichte verträgt.
Denn allen Stücken der heutigen Kultur steht die Psychoanalyse als
Zerstörerin gegenüber, wenn man sie nur hiezu verwenden will; aber
will man sie überhaupt verwenden und nicht als reine Wissenschaft
genießen, so wird sie zur Zerstörerin. Sie zeigt Religion, Kultur, Kunst,
Philosophie, Moral, als ein Gewordenes, Bedingtes. Sie zeigt dies
mit Ernst, Konsequenz, Unerbittlichkeit. Die bürgerliche Kultur kann
solchen Nachweis am wenigsten brauchen. Wäre sie von der Menschheit
bejaht, so könnte sie sich einer solchen Wissenschaft als einer Anregerin
erfreuen; da sie aber von der überwiegenden Mehrheit aller Menschen
als Übel erlebt (wenn auch nicht erkannt) wird, muß der Erweis ihres
Gewordenseins, ihres Bedingtseins als Sprengstoff wirken. Denn was folgt
daraus? Daß es auch anders sein kann, daß das Gewordene vergehen, das
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Bedingte verändert werden kann. Die Träger der heutigen Kultur wollen
sie als ewig, als seit je und für immer gültig, wollen sie als unbedingt
dargestellt sehen. Aus der Psychoanalyse ist auch dies zu holen, gewiß;
aber vielleicht doch besser, wirksamer, aus anderen Lehren, die nicht
gleichzeitig gefährlichste Waffen an den Feind liefern. Was die Natur-
wissenschaft der aufstrebenden bürgerlichen Welt seit dem Beginn der
Neuzeit (Kapitalismus) geleistet hat, könnte die Psychoanalyse — in ihrem,
einem bescheideneren Bezirk — der aufstrebenden Menschheitsmasse leisten :
die Erschütterung mancher überkommenen und von der heutigen Ordnung
als heilig gehüteten Werte. Sie ist daher sehr wohl im eigentlichsten Sinn
des Wortes ein B i 1 d u n g s el e m e n t, aber eines der künftigen
Ordnung. In der bestehenden hat sie nur nach zahlreichen Kürzungen
und Verbiegungen den Baum eines Elementes in den Widersprüchen der
„Gebildeten".
Psychoanalyse und Ethik 1
Von Georg Büttner, Meißen
Die Psychoanalyse hat an sich zunächst mit Weltanschauung nichts zu
tun. Sie ist in erster Linie ein Hilfsmittel für den Arzt, um den seelischen
Zustand im gegebenen Einzelfall zu erforschen. Ihre Methode und ihre
Voraussetzungen unterstehen in diesem Sinne keinen anderen Kriterien als
denen der Dienlichkeit für ihren Zweck. Ob der Psychoanalytiker im
Zusammenhange seiner Theorie von einer gegenständlichen Wahrheit oder
von einer haltlosen Fiktion ausgeht, das hat nichts zu sagen; denn es ist
offenbar, daß auch Fiktionen zu äußerst fruchtbarer heuristischer Bedeutung
gelangen können, und darauf allein kommt es an. Etwas anderes ist es
freilich, wenn die Grundlagen einer Theorie um ihrer Dienlichkeit für
ein besonderes Gebiet willen unbesehen auch auf ein anderes Gebiet
Übertragen werden. Diese Möglichkeit aber liegt für die Psychoanalyse
insofern vor, als in ihr der Anreiz gegeben ist, nicht nur diejenigen
seelischen Zustände, die der ärztlichen Beurteilung unterstehen, nach ihren
Grundideen zu beurteilen, sondern auch diejenigen, die der Erzieher unter
den ethischen Gesichtspunkt zu stellen gewöhnt ist. Es ergibt sich daher
die Frage: In welchem Verhältnis steht die Psychoanalyse zur Ethik?
Die Psychoanalyse geht etwa auf folgende Grundgedanken zurück:
Das, was den Menschen in seiner seelischen Verfassung, in seiner Einstellung
zum Leben und damit in den Motivationen seines Handelns wesentlich
bestimmt, liegt nach dem Pole des Unbewußten hin. Das Bewußtsein
l) Beitrag zu der in der „Offenen Halle", Heft i, S. 31, dieses Jahrganges angeregten
Diskussion: Psychoanalyse und Weltanschauung.
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stellt nur die Oberflächenschicht einer unendlichen Tiefe dar. Die un- und
vorbewußten Zustände und Zusammenhänge sind genau so differenziert und
determiniert wie die bewußten. Die seelische Einheit ist ein System von
Gegensätzlichkeiten. Der ethisch orientierte Bewußtseinsinhalt steht vielfach
im Gegensatz zum Unbewußten, in dem alles Mindersittliche, was der
Mensch mit dem Tiere gemeinsam hat, aufbewahrt ist. Diese Schichten
mit ihren Tendenzen können niemals beseitigt, sondern nur überlagert
werden. Sie machen sich als die letzten unbewußten irrationalen
Entscheidungsgründe des menschlichen Handelns geltend.
Damit berührt sich die Psychoanalyse mit derjenigen weltanschaulichen
Grundeinstellung, die wir. abgesehen von den mancherlei Formen, in
denen sie Ausprägung erfahren hat, als die naturalistische bezeichnen.
Indessen scheitert dieser Naturalismus als Weltanschauung nach dem
gegenwärtigen Stande der Wissenschaft (insbesondere der sogenannten
Geisteswissenschaft) an der Beurteilung des menschlichen Handelns und
an dem Problem der Sittlichkeit. Hier spielt deshalb die Ethik, die nicht
auf naturalistischer, sondern auf supranaturalistischer Grundlage beruht,
eine hervorragende Rolle.
Wieso steht aber nun die Ethik im landläufigen Sinne auf
supranaturalistischer Grundlage?
Die Ethik beurteilt das menschliche Handeln nicht nach Seins-, sondern
nach Sollen sgesetzen. Diese werden hergeleitet aus Zusammenhängen, die
den natürlichen Zusammenhängen der Dinge als höhere Ordnung gegen-
überstehen sollen : als Reich des Geistes, der Freiheit, der Ideale, des
Göttlichen oder wie man sie je nach der Ausprägung, die sie in der
Theorie erfahren, auch immer bezeichnen möge. Hinsichtlich der religiösen
Formen liegt der supranaturalistische Einschlag auf der Hand. Ein höheres
göttliches Wesen soll darnach die sittlichen Sollensgesetze in die Herzen
der Menschen gelegt haben. Die sogenannte wissenschaftliche Ethik ver-
zichtet zwar auf das religiöse Bewußtseinsgewand, eben, um sich wissen-
schaftlich zu geben ; aber trotzdem ist sie nicht weniger supranaturalistisch
als die religiöse. Dies geht aus folgendem hervor :
Alle Formen der sogenannten wissenschaftlichen Ethik gehen auf Kant
zurück. Kant unterscheidet eine reine und eine praktische Vernunft. Die
reine Vernunft gestattet das natürliche, auf Sinnlichkeit und Denken gestellte
Erkennen. Diese reine Vernunft soll nicht imstande sein, die Fragen, die
das naive philosophische Erkenntnisbedürfnis vorlegt, zu beantworten. Es
verstrickt sich in Hinsicht auf die kosmischen Fragen, die es dem Verstände
unterstellt, in unauflösliche Antinomien, in Hinsicht auf die religiösen
Gedankengebilde, die es durch die Vernunft zu meistern sucht, in eine
Scheindialektik, deren Gedankengebilde gegenstandslos sind.
Aber wie Kant den Gedanken des „Absoluten", der Welt als „Ding an
sich", dazu verwendet, die Unzulänglichkeit des reinen Erkennens hin-
sichtlich der letzten Fragen darzutun, so benutzt er ihn auch dazu, den
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Ursprung jener Fragen zu erklären und schließlich doch auch eine Ant-
wort auf sie zu finden. Wenn auch der natürliche menschliche Geist nicht
imstande sein soll, die Welt als Absolutes zu erkennen, so ist doch der
Mensch zugleich ein Teil dieser absoluten Welt. Das Absolute wirkt in
ihm und durch ihn hindurch. Auf diesem Wege aber wird in ihm eine
zweite Art unmittelbarer Geistigkeit erzeugt, die sich als autonome Sittlich-
keit in den sittlichen Impulsen äußert, und die den Kriterien des reinen
Erkennens nicht unterworfen ist, sondern nur denen des Gewissens. Jene
oben angeführten höchsten Werte Gott, Freiheit, Unsterblichkeit, die sich
im Lichte der reinen Vernunft nur als Schein werte erwiesen, erlangen
nun unmittelbare Gegenständlichkeit und Gewißheit im Sinne dieser
zweiten Art der Geistigkeit, der praktischen Vernunft. Auch die autonome
Sittlichkeit, das Sollensgesetz des menschlichen Handelns, ist an diese
praktische Vernunft, die Kant selbst der reinen überordnet, gebunden.
Damit aber hat die gesamte Ethik eine Grundlage erhalten, die wohl als
supranaturalistisch angesprochen werden darf. Es ist nicht schwer, für die
Kantschen philosophischen Ausdrücke die entsprechenden religiösen zu
setzen, um dann zu erkennen, daß die gesamte Philosophie Kants nichts
anderes darstellt, als den Versuch eines verkappten moralischen Gottes-
beweises, und daß das von ihm dargebotene Weltbild ebenso supra-
natural istisch ist wie jedes religiöse.
Es ist nun klar, daß die naturalistische und die supranaturalistische
Einstellung dort feindlich aufeinanderstoßen müssen, wo sie sich auf das-
selbe Objekt beziehen, in unserem Falle auf die Motivationen des mensch-
lichen Handelns. Der Naturalismus geht von dem Grundgedanken aus,
daß alles Geschehen, das seelisch-geistige ebensowohl wie das mechanische,
sich im letzten Grunde nach ein und derselben Gesetzmäßigkeit richten
müsse, während der Supranaturalismus außer der natürlichen Gesetzmäßig-
keit noch eine höhere Form der inneren Ordnung annimmt, die besonders
in den menschlichen Handlungen zum Ausdruck kommen soll. Daher
wird gegen den Naturalismus oft der Vorwurf des Mechanismus oder des
Materialismus erhoben, obgleich mit Unrecht, da ein Betonen der inneren
Einheit von geistiger und mechanischer Gesetzmäßigkeit noch nicht die
Unterordnung des Geistigen unter das Mechanische bedeutet.
Das Problem des Verhältnisses zwischen Naturalismus und Supranatura-
lismus (zwischen Psychoanalyse und landläufiger Ethik) spitzt sich also, wie
wir es auch wenden mögen, auf die Frage zu: Ist eine grundsätzlich
doppelte Ordnung der Zusammenhänge des Geschehens möglich oder
nicht? Es muß hier der Ton auf das „grundsätzlich" gelegt werden. Die
materielle Welt ist vor der Sinneseinstellung eine andere als die seelisch-
geistige. Deshalb muß auch in den geistigen Zusammenhängen die vom
Naturalismus angenommene eine Gesetzmäßigkeit eine andere Form an-
nehmen als in den mechanischen, ähnlich wie sich derselbe Vorgang des
Glockenläutens dem Auge als Schwingung der Glocke und des Klöppels,
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dem Ohr aber als Schall darstellt. Über die Möglichkeit einer grundsätz-
lich doppelten inneren Ordnung aller Zusammenhänge eines doppelten
Prinzips des Geschehens aber hat allein das Denken zu entscheiden. Und
dieses antwortet mit einem apodiktischen „Nein". Das Geschehen — ganz
gleich, ob materieller oder geistiger Art — unter den Blickpunkt der
Denkzusammenhänge gestellt, muß jeden Punkt als ausgeschlossen er-
scheinen lassen, wo ein zweites Prinzip der Geschehenszusammenhänge
anzugreifen vermöchte. „Wenn jemand (so) den natürlichen Determinismus
an einer einzigen Stelle durchbricht, hat er die ganze wissenschaftliche
Weltanschauung über den Haufen geworfen" sagt Sigm. Freud mit Recht
in seinen Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. Mit diesem
Wort bringt er aber auch zugleich zum Ausdruck, daß die Psychoanalyse
nicht auf den supranaturalistischen Boden der landläufigen Ethik gegründet
ist, sondern auf den des natürlich eingestellten Denkens und Erkennens.
Es besteht also die Aufgabe, auf naturalistischer Grundlage, d. h. auf
Grund der Annahme nur eines Prinzips der Zusammenhänge alles Geschehens,
ein Erkenntnisgehäude zu errichten, in das die geisteswissenschaftliche
Problematik in derselben Weise eingeht wie die mechanistische, ohne daß
den geistigen Problemen irgendwie Zwang angetan würde.
Bislang steht es allerdings so, daß das natürliche Denken noch nicht
zum vollen Verständnis der ethischen Problematik vorgedrungen ist. Die
Verschmelzung der Werte, wie sie in der Seele des Menschen als Gefühls-
und Willensimpulse unmittelber lebendig, also wirklich sind, mit den fik-
tiven supranaturalistischen Gedankengebilden ist eine so innige, wenn
eben auch nur fiktive, — daß die Realität der Werte sich ohne weiteres
auf diese fiktive theoretische Seite überträgt, wodurch der Eindruck ge-
wonnen wird, als müßten mit dem Aufgeben der fiktiven Theorien die
Werte, die von ihnen ins Bewußtsein gehoben werden, selbst verschwinden.
Es ist auch den naturalistischen Weltanschauungen, den Naturphilosophien,
nicht der Vorwurf zu ersparen, daß sie gerade auf diesem heiklen Gebiete
nicht sauber genug geschieden hahen. Mit den dualistischen Formen, die
sie verwerfen, geben sie vielfach auch die Werte, die durch sie zu fiktivem
Ausdruck gelangen, selbst preis, oder sie bedienen sich dort, wo sie Werte
anerkennen, fiktiver dualistischer Gedankengehilde in gegenständlicher
Weise, so den monistisch-naturalistischen Boden aufgebend und einem ver-
kappten Supranaturalismus Eingang gewährend. So ist z. B. der objektive
Entwicklungsgedanke, der in der Naturphilosophie noch heute eine herr-
schende Rolle spielt, ein durchaus supranaturalistisches Gedankengebilde.
Die Psychoanalyse aber zeigt mit einem Male, ohne sich um die welt-
anschaulichen Streitpunkte zu kümmern, die seelischen Zusammenhänge
bis in ihre feinsten Werthaltungen hinein in einer durchaus naturalistischen
Perspektive und lockert das Verständnis dafür, daß auch alle seelisch-
geistigen Zusammenhänge vom tiefsten Unbewußten bis hinauf zur höchsten
Klarheit des Bewußtseins 'in erschöpfendem Maße einer durchaus natür-
— an —
liehen Betrachtungsweise zugängig sein müssen. Dadurch wird natürlich,
wenn auch ungewollt, die landläufige supranaturalistische Ethik ad absurdum
geführt, und es ist daher wohl erklärlich, wenn vom Lager dieser Ein-
stellung her Warnungsrufe vor dem Studium der Psychoanalyse ertönen.
Die Psychoanalyse aber wäre imstande, durch Verfolgung auch der philo-
sophischen Seite, die ihr anhaftet, der Wissenschaft einen wesentlichen Schritt
vorwärts zu helfen, besonders hinsichtlich der sogenannten geisteswissenschaft-
lichen Probleme. Diesen steht die Wissenschaft gegenwärtig noch genau
so mittelalterlich gegenüber wie die vorkopernikanische Zeit den Bewegungen
der Himmelskörper. Wie die Menschheit mit dem astronomischen Weltbild
erst ins Reine kam, nachdem über tausend Vorurteile hinweg, hauptsächlich
dank eines Newton, sich der Gedanke mühsam Bahn gebrochen hatte, daß
ein und dieselbe Kraft Himmel und Erde regiere, und daß die als einer
höheren Ordnung unterstehend empfundenen Kreisbewegungen der Sterne
genau denselben Gesetzen folgten wie die geradlinigen irdischen Bewegungen,
so werden wir auch in die wirklichen seelisch-geistigen Zusammenhänge
nicht eher Licht zu bringen vermögen, als bis jener auf Kant fußende
ethische Supranaturalismus überwunden ist. Die Psychoanalyse bietet zu
dieser Überwindung zwar nicht die Mittel (sie liegt auch nicht unmittelbar
in ihrer Absicht); denn hier handelt es sich doch im letzten Grunde um
eine erkenntniskritische Aufgabe; aber sie läßt das seelische Gebiet im
Lichte dieser Ümdeutung erkennen und ist geeignet, den nachdenklichen
Menschen auf die bestehende Lücke zu stoßen und ihn anzuregen, über
die ethischen Probleme aufs neue nachzudenken. Andrerseits aber würden
durch die philosophische Überwindung des Kantschen Supranaturalismus
zugunsten des positiven Ausbaues einer streng naturalistischen Ethik, die
die Zusammenhange des menschlichen Handelns unter der natürlichen
Seinsgesetzmäßigkeit zu betrachten hätte, die nicht zu unterschätzenden
Hindernisse aus dem Wege geräumt, die ihr unter der Herrschaft der
supranaturalistischen Ethik entgegenstehen.
Freilich dürfte diese Überwindung nicht als allzu leicht gedacht werden.
Kein Geringerer als eben Kant steht ihr im Wege; aber gerade deshalb
erscheint sie als unausweichlich notwendig. Die Kritik an Kant aber darf
nicht darin bestehen, daß die Ergebnisse seines Denkens einfach abgelehnt
werden; auch nicht an seinen peripherischen Gedankengebilden darf sie
ansetzen; sondern das muß geschehen hinsichtlich seines zentralen Gedanken-
gebildes des Absoluten, das er das eine Mal so faßt, als vermöge das
Erkennen überhaupt nichts von ihm auszusagen, das andere Mal aber so,
als sei ihm auf dem Wege des natürlichen Erkennens doch Existenz und
Wirkungsfähigkeit zuzuschreiben. Mit diesem Widerspruch, der bei ober-
flächlicher Betrachtung nur als eine kleine harmlose Unstimmigkeit
erscheint (wie man sie ja bei den Philosophen gewöhnt ist), hat Kant das
philosophische Denken in eine Sackgasse geführt, aus der es mit den
Denkmitteln der geistigen Einstellung, die sich gegenwärtig als Philosophie
— 212 —
bezeichnen darf, keinen Ausweg finden kann. Es ist erklärlich, wenn diese
Philosophie sich die Ablehnung aller derer zuzieht, die sich das unge-
brochene gerade natürliche Denken bewahrt haben, insbesondere derer, die
sich in fruchtbarer Weise auf dem Wege der empirischen Forschung um
Erkenntnis mühen.
Aber dieses Verhältnis ist tief bedauerlich. Wie Denken und Sinnlichkeit
die beiden Pole des menschlichen Erkennens darstellen, so ist auch das
natürliche Verhältnis zwischen Philosophie und Empirie nicht das, daß sie
sich gegeneinander verschließen, oder gar, daß das eine das andere verachte,
sondern daß sie sich ergänzen zur Förderung der wissenschaftlichen
Gesamterkenntnis. Wenn sich die Psychoanalyse nicht grundsätzlich auf
einen nur empirischen Standpunkt versteift, so kann sie imstande sein, den
Hebel zur Herstellung des natürlichen Verhältnisses zwischen Empirie und
Philosophie zu bilden, das gegenwärtig noch in hohem Maße gestört ist.
Mutter und Kind in den Dramen Ibsens
Zum hundertsten Geburtstag des Dichters am 20. März 1028
Von Ernst Schneider, Riga
Nicht vom Dichter Ibsen, sondern vom Psychologen soll hier die Rede
sein. Er hat in seinen Dramen so manche Gestalten geschaffen, die uns
aus der Psychoanalyse wohl vertraut sind, und wenn wir seinen psycho-
logischen D et erminier ungen nachgehen, finden wir auch da weitgehende
Übereinstimmung. Im Arzt Wangel in der „Frau vom Meere" hat er
sogar einen wirklichen Analytiker auftreten lassen, der die analytischen
Wege sucht und beschreitet, um eine Neurose der Heilung zuzuführen.
Da Ibsen wiederholt das Eltern-Kind- Verhältnis dramatisch behandelt,
interessiert sich auch der Pädagoge für die psjxhologischen Grundlagen.
Bevor das Drama ein Kunstwerk war, war es Psychologie, stammte sie nun
aus der Fremderfahrung oder aus der eigenen. Hinter der künstlerischen
Form suchen wir die seelischen Zusammenhänge und Begründungen, hinter
dem ästhetischen Drama das psychische:
Krieg mit den geheimen Gewalten
in Herz und Hirn, das heißt leben ;
dichten heißt, über sein Streben
selber Gerichtstag halten.
Von den „geheimen Gewalten", die Ibsen veranlaßten, „Gerichtstag" zu
halten, wollen wir in den folgenden Zeilen diejenigen festzustellen versuchen,
die bei der dramatischen Bearbeitung der Mutter-Kind-Beziehung maßgebend
sein konnten. Es sind „geheime" Gewalten. Wir wollen es wagen, durch
eine vergleichende Untersuchung den Schleier zu lüften.
- 213 -
In einem der ersten Dramen Ibsens, der „Frau Inger auföstrot", steht
folgendes Gespräch zwischen Mutter und Tochter: 1
„El ine: Habt ihr von jener Mutter gehört, die zur Nachtzeit mit ihren
kleinen Kindern im Schlitten übers Gebirge fuhr? Ein Rudel Wölfe folgte
ihren Spuren, es ging um Tod und Leben — und sie warf ihre Kleineu
hinter sich hinaus, eines nach dem andern, um Zeit zu gewinnen für die
eigene Rettung!
Ingen Märchen! Eine Mutter risse sich das Herz aus der Brust, ehe
sie ihre Kinder vor die Wölfe würfe.
El ine: War' ich nicht meiner Mutter Tochter, dann würd' ich euch
recht geben. Aber ihr seid wie jene Mutter \ Ihr habt eure Töchter den
Wölfen vorgeworfen, eine nach der andern.
Und das Drama endet damit, daß Inger, im Bestreben, Königsmutter
zu werden, zur Königsmörderin wird, indem sie ihren Sohn in der Meinung,
sie treffe dessen Rivalen, umbringen läßt.
Es muß auffallen, daß in den Dramen Ibsens häufig Söhne und Töchter,
bei denen das Kindesverhältnis betont wird, oder Kinder, wo sie als solche
in der Handlung auftreten, ein tragisches Schicksal haben.
In einem der „Frau Inger" folgenden Drama, in den „Helden auf
Helgeland", wo Örnuif den Raub seiner Töchter sühnen lassen oder
rächen will, verliert er alle seine sieben Söhne an einem Tage: „Gleich
einer üppigen Tanne dazustehen und durch ein einziges Unwetter dann
aller Zweige beraubt zu werden, das ist hart." Egil, Hjördis vierjähriger
Sohn, entgeht wie durch ein Wunder dem Tode. — In den „Kron-
prätendenten" will Skule das „Königskind", seinen eigenen Enkel, ver-
nichten, schaufelt aber dabei seinem eigenen Sohne und sich selbst das
Grab. — Im „Brand" tötet ein Vater sein eigenes Kind. Brand will dem
Mörder trotz der Gefahren eines Unwetters Trost bringen, wobei Agnes
ihren Geliebten verläßt, Brand folgt und dann mit ihm die Ehe eingeht.
Später richtet Brand Frau und Kind systematisch zugrunde, — Helena,
die Gemahlin Julians in „Kaiser und Galiläer", wird vergiftet, als sie mit
einem Thronfolger schwanger geht, mit dem Kinde einer fiktiven unbe-
fleckten Empfängnis, dem im Drama der Galiläer, der Zimmermannssohn,
den Julian vernichten möchte, in Parallele zu setzen ist. — In den
„Stützen der Gesellschaft" will der Sohn des Hauses, der dreizehnjährige
Olaf, auf dem Schiffe, das vom Vater dem Untergange geweiht war, aus-
reißen. Im „Puppenheim" verlaßt eine Mutter Kinder und Mann, die ihr
völlig fremd geworden sind. — Hedwig, die vierzehnjährige „Wildente",
erschießt sich. — In der „Frau vom Meere" stirbt das Kind mit den sonder-
baren Augen bald nach der Geburt. Während der Schwangerschaft war
bei der Mutter eine Neurose ausgebrochen. — Hedda Gabler vernichtet
das Manuskript des neuen Buches von Ejlert Lövborg, das „Kind Ejlerts
i) Henrik Ibsen, Sämtliche Werke, hg. von Elias und Schienther, S. Fischer,
Berlin.
— 214 —
und Frau EIvsteds. — Die Zwillinge des Baumeisters Solneß sterben bald
nach der Geburt an den Folgen jenes Hausbrandes, der das äußere Glück
des Vaters begründete. — „Klein Eyolf" wird zum Krüppel und ertrinkt
später.
Dieses tragische Schicksal des Kindes läßt uns vermuten, daß wir bei
einer weiteren Untersuchung auf eine Elternschuld stoßen werden. Ans
dem dynamischen Zusammenhange Vater-Mutter-Kind möchte ich den von
Mutter und Kind herausheben, also die Aufmerksamkeit auf den Anteil
der Mutter am tragischen Schicksal des Kindes in den Dramen Ibsens
lenken, soweit dieser Anteil überhaupt von dem des Vaters gesondert
betrachtet werden kann.
Die Analyse eines Ibsenschen Dramas wird wesentlich erleichtert, wenn
wir es als einen dynamischen dreischichtigen Aufbau betrachten. In der
obersten Schicht fühlt sich der Literarhistoriker heimisch, wenn er von
historischen Dramen, von Sagen- und Märchendramen, von Gesellschafts-
dramen usw. spricht. In der zweiten verschwinden diese Unterscheidungen,
und es werden vom beschreibenden Psychologen oder Charakterologen die
schicksalhaften Männer- und Frauengestalten Ibsens mit ihren oft
wiederkehrenden Zügen herausgearbeitet. In der dritten Schicht sieht der
Tiefenpsychologe, der begründende Psychologie zu treiben sucht, die Deter-
minanten für die Männer- und Frauenschicksale und für den Ablauf
des Dramas in seiner künstlerischen Form der obersten Schicht.
Das Schicksal des Kindes hängt bei Ibsen mit der Liebeseinstellung der
Eltern und deren Grundlagen zusammen und entscheidet sich gewisser-
maßen in der Brautnacht. Die Liebesbeziehung ist irgendwie eine sünd-
oder schuldhafte, und das weitere Schicksal von Mutter und Kind wird
durch die Verarbeitung und Erledigung dieser Schuld bedingt.
Sehen wir uns „Frau Inger auf Östrot" ant In der obersten Schicht
sehnt sich ein unterdrücktes und vergewaltigtes Volk nach Freiheit und
wartet auf die Führung einer Frau, der die himmlischen Mächte diese
Aufgabe übertragen haben. Wer aber „des Himmels Werkzeug" ist, der
„darf nichts eignen, was ihm lieb ist, weder Heim noch Kind, weder
Freund noch Sippe". Inger hat aber, wie die Jungfrau von Orleans, gegen
den Himmel gesündigt und ist „Weib, nichts als Weib und Mutter
geworden". Geteilt zwischen den Sorgen um Land und Kind, vernichtet sie
in der hohen Diplomatie beides. In der zweiten Schicht sehen wir Frauen
mit polaren mannweiblichen Tendenzen, Frau Inger und ihre drei Töchter,
im Kampf mit dem Manne schicksalhaft erliegen und untergehen.
In der dritten Schicht wird die Sturmesnacht auf Östrot zu einer Wieder-
holung von Ingers Liebesnacht, aus der ihr Sohn hervorgegangen ist.
Dieses Sohnes wegen vereinigen sich sämtliche Spieler des Dramas auf
Östrot, und er ist in diesem Spiele „König und Trumpf obendrein".
Ingers Töchter sind im Drama Wiederholungen des Lebens der Mutter
und repräsentieren psychologisch ihre Charakterzüge. Besonders auf Eline
— 215 —
ist im Drama die Psychologie der Mutter überschoben. Eline erlebt die
erste Liebesnacht. Die Mutter hat ihr den Mann zugeführt, in der Annahme,
daß sie ihn abweisen werde. Psychologisch verkörpert dieser Zug die Abwehr
der eigenen Liebesschuld und den Gedanken: „So hätte ich damals handeln
sollen." Mit dem gleichen Manne, Nils Lykke, kämpft Frau Inger einen
harten politischen Kampf aus. In der obersten Schicht haben wir ein
Intrigenspiel vor uns, von dem der Literarhistoriker sagt, 1 daß der Dichter
der Versuchung erlegen sei, sich in Anlehnung an Scribe in einem
Intrigenspiel zu versuchen. In der zweiten Schicht ist es aber ein
wirkungsvolles Mittel zur Darstellung des Kampfes zwischen Mann und
Frau, bei der die Frau ihre einstige Niederlage wettschlagen will, dabei
aber unterliegt. Das Intrigenspiel ist für Inger deutlich eine Flucht in
die Männlichkeit und verdeckt Weibessehnen und Weibesschuld. Wie aber
der Gegenspieler dies durch sein Wissen von der Existenz ihres Sohnes
aufdeckt, ist ihr Spiel verloren, und sie sinkt in die Knie.
Parallel zu diesem Kampf Lykke — Inger geht derjenige zwischen
Lykke und Eline. Eline hat sich vollständig mit der männlichen Rolle
der Mutter identifiziert. Es ergeht ihr aber wie der Mutter. Sie sagt zu
Lykke: „Noch heut' abend sagte ich zu meiner Mutter: Soll ich leben, so
muß ich meinen Stolz bewahren. Was ist denn mein Stolz? Meine Lands-
leute frei, mein Haus geehrt zu wissen über die Lande und Reiche hin?
O nein, nein, Meine Liebe ist mein Stolz . . . Sieh, deshalb sage ich zu
dir, wie ich vorhin sagte zu meiner Mutter: Soll ich leben, so muß ich
mir meine Liebe bewahren, denn darin liegt mein Stolz jetzt und für
alle Zeit."
Wer ist Lykke? In der ersten Schicht Diplomat und Vertreter des
Königs, in der zweiten Mann und Sexualwesen — und in der dritten:
der Einzige, der Held der Sehnsucht. Eline sieht ihn zum erstenmal und ist
ihm verfallen: „Unter dem Klange deines Namens bin ich aufgewachsen.
Ich haßte diesen Namen, weil mich dünkte, alle Frauen werden gekränkt
durch dein Betragen. Und doch, wenn ich im Traume mein eigenes
künftiges Leben mir aufbaute, da warst du immer mein Held, ohne daß
ich es wußte. Jetzt verstehe ich, was ich damals nicht verstanden
habe, jenes ahnungssüße, geheimnisvolle Sehnen nach dir, du Einziger, —
nach dir, der einst kommen sollte, um mir des Lebens ganze Herrlichkeit
zu deuten." Eline hat sich das Bild ihres Geliebten nach den Erzählungen
des alten Kammerdieners geschaffen: „Wenn Björn mir Märchen erzählte,
so sahen alle Prinzen aus wie Nils Lykke. Wenn ich einsam hier im Saale
saß und meine Sagen träumte, und wenn meine Ritter kamen und gingen
— alle, alle sahen sie aus wie Nils Lykke.
Vor „Frau Inger auf Östrot" schrieb Ibsen ein wenig bekanntes Drama:
»Das Hünengrab*. Einsam auf einer südlichen Insel, wie ein Vater mit
1) Roman Wörner, Henrik Ibsen.
— 216 —
'
seiner Tochter lebend, erzählt der alte Wikinger Roderich der jungen Blanka
Heldengeschichten. Blanka schafft sich ein Bild des Helden ihres Herzens.
Und als später der Sohn Roderichs auf der Insel erscheint, ist er die Ver-
körperung dieses Bildes. Hier wird deutlich die Vaterimago auf den Sohn
und damit auf den Bruder übertragen. Das gleiche Motiv treffen wir in
einem der folgenden Dramen, im „Fest auf Solhaug", wiederum an. Dort
ist es der heimkehrende Vetter und Jugendgespiele» der das Liebesbild der
Frau verkörpert.
In der dritten Schicht des Dramas „Frau Inger" ist Nils Lykke also
Bruderfigur. Auch Eline ist für ihn die „Einzige", Ihr gegenüber erlebt
er die Liebe ganz anders als bisher. Der Don Juan Lykke spricht zu sich
selber: „Was ist denn mit mir geschehen? Diese berückende, unwiderstehliche
Macht ist das Liebesgefühl, so habe ich es nicht gekannt bis zu dieser
Stunde," — Wie er die Räume von östrot zum erstenmal betritt, meint
er: „Mir ist, als hart' ich dies alles schon früher gesehen, als war' ich
hier zu Hause." Er kennt sich genau aus, weil er früher durch die
Erzählungen der Schwester Elines, Lucia, mit den Räumlichkeiten so
vertraut wurde, als wäre er im Schlosse aufgewachsen. Wir setzen in der
dritten Schicht diese Erzählungen in Parallele zu denjenigen des Kammer-
dieners, gleich Jugenderinnerungen des gemeinsamen Auf Wachsens von
Bruder und Schwester. Im „Fest auf Solhaug" führt das Auffrischen der
gemeinsamen Jugenderinnerungen von Vetter und Base zum Auflodern
der Liebesfackel.
Die Liebesbeziehung Eline — Lykke ist eine schuld hafte. Eline weist sie
zuerst durch Haß, der aus' der männlichen Einstellung stammt, ab. Dieser
Haß ist äußerst deutlich als Liebesabwehr gezeichnet. Sie kann dann Lykke
in der Liebesnacht angehören als dem geliebten Fremden. Sobald sie aber
erfährt, daß er als Geliebter der Schwester dem Hause nahe steht, geht
sie in den Tod. Das gleiche Motiv ist auch aus dem Erstlingsdrama Ibsens
bekannt, aus „Catilina". Für Lykke ist das Verhältnis zu Eline zuerst eine
Fortsetzung seiner Liebesabenteuer; wie er sich aber bewußt wird, daß
diese Liebe ein ganz andere ist, schiebt sich das Bild Lucias und damit
das Schuldgefühl ein. 1
Wenn wir in der dritten Schicht die Töchter als psychologische Faktoren
der Frau Inger betrachten, so vertreten Lucia und Eline die Bruder-
bindung, Lucia die liebende Hingabe und Sühne durch den Tod, Eline
erst die männliche Abwehr, dann liebende Hingabe und Sühne durch den
Tod. Damit würde die schuldhafte Beziehung Ingers zu Sten Sture als
Inzestverhältnis anzusprechen sein, oder, in Psychologie umgesetzt, als ein
i) Der historische Nils Lykke war zuerst mit Frau Ingers Tochter Eline ver-
mählt. Nach deren Tod faßte er eine leidenschaftliche Liehe zu ihrer Schwester
Lucia. Den moralischen Begriffen der Zeit gemäß galt eine solche Verbindung als
Blutschande. Das Zusammenleben der beiden blieb nicht ohne Folgen. Deshalb wurde
der Unglückliche eingekerkert und endlich auf erzbischöflichen Befehl im Gefängnis
elend erstickt. (W ö r n e r, Ibsen.)
— 217 —
unbewußter, auf den Bruder gerichteter Inzestwunsch, der verdrängt und
durch eine männliche Einstellung, durch eine Identifikation mit dem
Bruder, ersetzt worden ist. Diese erscheint in den oberen Schichten als die
Aufgabe des Himmels, an Stelle des erschlagenen Knut Alfsön die Führung
des Landes zu übernehmen. Gleichzeitig ergibt sich die Deutung, daß die
Hingabe als Frau den Verlust der Männlichkeit bedeuten würde, die
abgewehrt wird, ersichtlich in der Haßeinstellung zu Nils Lykke. Das
Intrigenspiel Inger — Lykke sieht sich wie eine „analytische Situation" an,
in der die fiktive Männlichkeit einer Frau durch die Analyse abgebaut
wird. Das Unbewußte wird aufgelockert und taucht dann schließlich als
das Geheimnis von Ingers und Sten Stures Sohn auf, das Lykke enthüllt.
Darauf erfolgt die restlose Beichte.
Dieser Sohn, Nils Stenssön, zeigt im Drama alle Züge des Ödipus. Er
kommt nach der Geburt in ein fremdes Land und wird dort aufgezogen.
Ohne von seiner Herkunft unterrichtet zu sein, betritt er das Haus seiner
Mutter. Er ist der Anführer in einem Aufruhr gegen den das Land
beherrschenden König, von dem er es befreien soll. Nachdem Inger sich
in den Gedanken der Königsmutter verstrickt hat, wird sie in deutlicher
Inzestabwehr dazu geführt, ihn unerkannt zu töten. Der Ring stellt seine
Identität fest.
Ingers Schuld besteht in einer doppelten Inzesteinstellung, die den
Bruder-Schwester- und den Mutter-SohnKonflikt zum Inhalt hat. Der
erste Konflikt wird durch eine Flucht in die Männlichkeit und nachher
durch eine Vernunftheirat abgewehrt. Diese beiden Abwehrformen wieder-
holen sich bei der Tochter Merete (Vernunftheirat) und im anfänglichen
Verhalten EHnes. Im Schicksal der Lucia und im späteren Verhalten der
Eline können wir den Durchbruch der abgewehrten Tendenz und die
Sühne verfolgen. Wie das Erscheinen Lykkes den Bruder-Schwester-Konflikt
nach und nach zur Enthüllung bringt, so holt das Intrigenspiel auch
den Königsmutter-Gedanken an die Oberfläche. Mit dessen Abwehr und
Sühne schließt das Drama.
Wenn das schuldhafte Mutter-Sohn-Verhältnis als Königsmuttermotiv
bezeichnet wird, so können wir das Bruder- Seh wester- Verhältnis als Königs-
kinder-Motiv ansprechen. Es sind die Königskinder etwa aus Schillers
„Braut von Messina" und alle jene, von denen das alte Lied singt:
Es -waren zwei Königskinder,
die hatten einander so lieb,
sie konnten zusammen nicht kommen,
das Wasser war viel zu tief.
Das Königskinder-Motiv treffen wir bei Ibsen wieder in der „Nordischen
Heerfahrt**, der dramatischen Bearbeitung des nordischen Nibelungenliedes.
Sigurd und Hjördis sind „schicksalhaft" für einander bestimmt, lieben
sich, können einander aber die Liebe nicht eingestehen. Gleichwohl feiern
sie die Brautnacht, aber erst, nachdem vorher eine Verschiebung und
— 218 —
i
Maskierung vorgenommen war, Sigurd bezwingt als Gunnar den Bären
vor der Kammer der Hjördis und entführt sie. Von dieser Brautnacht,
die die tragische Schuld im Drama "bedeutet, erfahren wir näheres aus
einer Unterredung zwischen Hjördis und Dagny, wo Hjördis ihre Schwester,
die Gattin Sigurds, fragt: „Nun, eines wirst du mir doch sagen können,
Dagny, denn das mußt du doch sicher wissen: wenn ein Mann das Weib
umfängt, das er liebt, — ist es wahr, daß alsdann ihr Blut brennt, daß
ihre Brust pocht, daß ihr die Sinne vergehen vor seliger Lust? —
Dagny: Das, denk' ich, hast du wohl selbst erfahren. — H j ö r d i s :
Ja, einmal, nur ein einziges Mal ! Es war in jener Nacht, als Gunnar bei
mir saß in der Kammer. Er umfing mich so heftig, daß der Harnisch
barst, und da, da . . . Es war das erste und einzige Mal in meinem Leben.
Mir war, als hätt' ein Zauber mich gebannt. Denn daß Gunnar ein Weib
so umfassen könnte, das . . . — Hjördis ist in der Ehe mit Gunnar
anästhetisch und entwickelt sich in der männlichen Richtung, resp. sie
behält die männliche Einstellung, die sie in der Hochzeitsnacht aufgegeben
hatte, bei. Das gleiche Schicksal kennt auch Inger : „Der Ehefrau Pflichten
wurden mir zum Frondienst — wie könnt* ich also meine Töchter lieben ?
Oh, mit meinem Sohn war das etwas anderes! Er war das Kind meiner
Seele, war das einzige, was mich an jene Zeit erinnerte, da ich Weib und
nichts als Weib gewesen." — Als am Schlüsse des Dramas Sigurd und Hjördis
sich gegenseitig ihre Liebe bekennen, wird dem Liebesdrängen Hjördis
gegenüber die Abwehr Sigurds mächtig. Erst stehen der Blutsbruder Gunnar
und die Pflegeschwester Dagny zwischen beiden. Da beschließt Hjördis,
mit Sigurd gemeinsam in den Tod zu gehen, um sich ewig anzugehören :
„Fort von ihnen und aus dem Leben müssen wir — dann können wir
zusammenbleiben!" — „Hinweg aus dem Leben, SigurdI Auf des Himmels
Königsstuhl will ich dich setzen und mich selbst dir zur Seite!" Darauf
trifft Sigurd Hjördis Pfeil mit den Worten: „Sigurd, mein Bruder! Nun
gehören wir einander an!" Jetzt erfolgt die endgültige Abwehr durch
Sigurd: „Nun weniger denn je. Hier trennen sich unsere Wege — ich
bin ein Christ!"
Der „Bruder Sigurd" und der Mann Gunnar bedeuten, psychologisch
betrachtet, verschiedene Verh al tun gs weisen des Bruders der Schwester
gegenüber. In der Brautnacht waren sie vereinigt. Daher konnte Hjördis
„Weib sein". Der unbewußte Inzestwunsch konnte sich durchsetzen, da
die Gestalt Sigurds maskiert war, wie bei Eline, der die wahre Gestalt
Lykkes unbekannt war.
Die Königskinder gehen bei Ibsen auch in gut bürgerlichen Kleidern
einher. Sie kleiden sich aber nur in der oberen, dem Theaterpublikum
zugewendeten Schicht, um — die Psychologie bleibt dieselbe. So finden
wir sie z. B. in „Klein Eyolf". Jene heimliche Stunde, an die Rita ihren
Gatten erinnert, und die die dramatische Schicksalsstunde ist, können wir
in der dritten Schicht des Dramas in die Brautnacht verlegen. Rita beklagt
— 2IQ —
sich darüber, daß „von allem Anfang an" Allmers Schwester zwischen
ihr und ihrem Gatten gestanden und ihr später das Kind entfremdet hatte.
Und nun bringt sie auch die Schwester mit jener heimlichen Stunde in
Beziehung: „Rita: Nanntest du sie (Asta) früher nicht Eyolf? Ich glaube, du
sagtest es einmal — in einer heimlichen Stunde. (Nähert sich.) Hast du sie
vergessen — diese himmlisch berückende Stunde, Alfred? — Allmers (weicht
zurück, wie wenn ein Grauen ihn faßte): Ich weiß nichts! Ich will nichts
wissen! — Rita (ihm nach): Es war in derselben Stunde, da dein
anderer kleiner Eyolf zum Krüppel wurde!" — Wie Sigurd und Gunnar
sich in der Hochzeitsnacht verdichteten, so hier Gattin und Schwester.
Die Stunde wird zur himmlischen, aber auch zur verhängnisvollen, zur
schuldvollen, der die Strafe auf dem Fuße folgt, ähnlich wie später Klein
Eyolf ertrinkt, als Rita ihm den Tod wünscht, weil er zwischen ihr und
dem Gatten stand. (Allmacht der Gedanken.) Eyolf folgte der Ratten-
mamsell, die sich der „gnädigen Frau" empfohlen hatte, wenn sie merkte,
„daß hier etwas nagt und frißt". Die Parallelität zwischen den beiden
Unglücksfällen ist auffallend. Asta-Eyolf schiebt sich zwischen die Ehe-
gatten und es folgt unmittelbar die Strafe. Damit werden auch die Folgen
der „sündhaften" Beziehung rückgängig gemacht.
Als Folge dieses Erlebnisses wird Allmers zwangsneurotisch. Er lehnt
die sexuellen Beziehungen ab und will die alte Schwesterbeziehung
wieder auffrischen, die dem „Gesetz der Wandlungen" nicht unterworfen
ist. Damals war Asta-Eyolf sein Kamerad in der „blauen Bluse und in
Kniehosen". Sie war das unwandelbar Männliche, nicht das grauenvoll
Weibliche. Wie Rita zur Schuldeinsicht gekommen ist, verzichtet auch
sie auf sexuelle Liebe — und die Ehe wird als Vernunftehe weitergeführt.
An Stelle eigener Kinder, die nur durch einen Sündenfall gezeugt werden
können, widmen sich die beiden der Erziehung fremder. Es ist dies eine
Lösung, die die „Königskinder" bei Ibsen wiederholt finden. Im Drama
„Klein Eyolf" reißt Asta das Kind ihres Bruders an sich. Sie will Mutter-
stelle an ihm vertreten. In der dritten Schicht ist sie ja auch tatsächlich
seine Mutter. In den „Stützen der Gesellschaft" erzieht Martha ein Kind,
in der Meinung, es sei dasjenige ihres Geliebten, während es sich später
herausstellt, daß es das ihres Bruders ist. Die herangeblühte Tochter führt
sie nun ihrem zurückgekehrten Jugendgeliebten als Braut zu. — Christine
im „Puppen heim vertritt Mutterstelle bei den Kindern ihres Jugend-
geliebten Krogstadt, mit dem sie sich früher nicht verbinden konnte.
Die „Frau vom Meere" erwarb sich während der Schwangerschaft und
nach der Geburt ihres Kindes neurotische Symptome, die ihr Gatte, der
Arzt Wangel, nach und nach zur Auflösung brachte, so daß wir sie
verstehen können. Ellide spricht die Augen des Kindes als diejenigen ihres
ersten Verlobten, des unheimlichen Seemannes, an. Es ist also so, als ob
es sein Kind wäre. Früher hatte Ellide das Empfinden der körperlichen
Nähe dieses Mannes: „Ich hatte ihn vergessen. Aber dann mit einem
— 220 —
Meile war es, als käme er wieder ... zu der Zeit, als ich das Kind
erwartete." Diese Wiederkehr fällt mit der Szene zusammen, die Lyngstrand
erzählt. Dazu meint Ellide: „Er hat (der Seemann) an Bord erfahren, daß
ich mich mit einem anderen verheiratet hahe. Während er fort war. Und
dann — zu derselben Stunde kam das über mich. Mit einem Male kann
ich ihn dann plötzlich leibhaftig vor mir sehen. a — Der Träger dieser
Psychologie ist der Bildhauer Lyngstrand, der die Wiederkehr des toten
Seemannes und die Bestrafung des untreuen Weibes als „Gruppe"
modellieren will. Wir können sie „Ellides Alptraum" nennen. Das
Auftreten dieser Symptome hegleitet die Sexualverdrängung und die
Sexualabwehr. Diese Psychologie übernimmt im Drama der andere „Künstler",
Ballested. Er malt die halbtote Meeresfrau, die im Brackwasser zugrunde
geht. Ibsen weist den beiden Kunstdilettanten im Drama die Psychologie
der hysterischen Symptombildung zu. Wir verstehen nun die Entstehung
der Neurose so: Ellide hat den Seemann vergessen, d. h. verdrängt. In
der Brautnacht zeugt er aber mit ihr in der Maske des Gatten das Kind.
Das Verdrängte kehrt als das Unheimliche, Grauenvolle und mit Schuld-
angst Belastete wieder (halluzinatorische Erlebnisse, Alptraum.) Das Kind
stirbt. Die Frau verweigert sich ihrem Manne und überträgt ihre Interessen,
ihre „Liebe", auf das Meer. Das Meer vertritt hier den Mann und die
sexuelle Ambivalenz, das Anziehende und Abstoßende. („Ellide: Der Mann
ist wie das Meer.") — In einer Novelle, „Unsterblichkeit", macht uns
Bin ding mit zwei „Königskindern" bekannt, zwischen denen auch ein
„tiefes Wasser" lag. Die Heldin verliebte sich in einen feindlichen Flieger.
Sie heiratet einen anderen. „In der Nacht aber, da sie sich dem Manne
vermählte, den sie zu lieben glaubte, gewahrte Demeter zwischen
Enttäuschung und Grauen, daß ein anderer sich in ihre Gedanken und
Gefühle einmische, ein anderer sich in ihre Sinne, ihre Küsse, ihr Leben
stahl." Am Meere, in das der Flieger abgestürzt war und für das sie sich
stark zu interessieren begann, wird sie eines Tages von einer Welle
umschlungen. Das nächste Kind betrachtet sie als das des toten Fliegers:
„Nichts ist unmöglich", sagte sie zu ihrem Gemahl. „Ich sage nicht, daß
ich es nicht auf menschliche Art empfangen habe. Aber es ist gleichwohl
nicht dein Kind. Es ist meines und äes toten Fliegers Kind." Als sie
darauf als „Wahnsinnige" behandelt wurde, „nahm sie ihr Kind und ging
noch in der nämlichen Nacht in einer unheimlichen Gewißheit mit ihm
ins Meer".
Eine weitere Analyse des Seemanns führt uns auf den „jungen' Vater.
Mit ihm, dem Leuchtturmwächter, ist Ellide draußen am Meere
aufgewachsen. Sie heiratet dann eine Vaterfigur, Wangel. Im Drama ist
die Vater-Tochter-Psychologie auf das Verhältnis Bolette-Arnholm überschoben.
Arnholm, der früher um Ellide warb, verlobt sich mit der Tochter Wangeis,
seiner Schülerin.
Einen weiteren Brautnachtkonflikt finden wir hei Ibsen im „Puppenheim".
— 221 —
Dramatisch ist er dargestellt auf dem Höhepunkt der Handlung in jener
Szene nach dem Ball, auf dem Nora die Tarantella tanzte. Helm er erzählt
ihr, in die Wohnung zurückgekehrt, daß er sich ihr gegenüber in
Gesellschaft so zu benehmen liebe, als ob sie heimlich verlobt wären:
„Und wenn wir dann fort wollen und ich den Schal um deine zarten
Schultern lege — um diesen wunderbaren Nacken — dann stelle ich mir
vor, daß du meine junge Braut bist, daß wir gerade aus der Kirche
kommen, daß ich dich zum erstenmal in die Wohnung führe, daß ich
zum erstenmal mit dir allein bin — ganz allein mit dir, du junge,
erbebende Schönheit. Diesen ganzen Abend warst du meine Sehnsucht.
Als ich dich in der Tarantella so verführerisch tollen sah, da kochte mein
Blut, ich hielt es nicht länger aus — und deshalb führte ich dich so
früh nach Hause." — Helm er schafft sich immer wieder die Fiktion der
unberührten Unschuld. In diese Brautnachtsituation schiebt sich nun aber
Dr. Rank ein. Er läßt sich von Helm er eine Zigarre und von Nora
Feuer geben, geht darauf weg und hinterläßt die Visitenkarte mit dem
Kreuz, zum Zeichen, daß er in den Tod gehe. Am Tage vorher hat er
Nora zur Tarantella aufgespielt, worauf sie tanzte, „als ob es ihr ans
Leben ginge". Rank geht in den Tod, weil er den Folgen des
ausschweifenden Lebens seines Vaters aus dem Wege gehen will. Die
Vaterschuld treibt ihn in den Tod. Angesichts dessen konnte er Nora seine
Liebe gestehen. Auch Nora leidet unter der Vaterschuld, sie hat sich
Krogstadt „hingeworfen" und „verkauft", an Krogstadt, der sich die
gleichen Verfehlungen zuschulden kommen ließ wie ihr Vater. Nach
Dr. Rank schiebt sich in die Brautnachtszene Krogstadts Brief, der Noras
Schuld offenbart, ein. Rank und Krogstadt vertreten die schuldbelastete
Sexualität und die daran gebundenen Straf erwartungen. Nachdem alles
offenbar, erwartet Nora, daß sich „das Wunderbare", auf das sie in den
acht Jahren - ihrer Ehe wartete, verwirkliche. Wir übersetzen das
„Wunderbare" mit vollem Liebesgenuß, der nur möglich ist durch die
Befreiung von der an die Sexualität geknüpften Schuld. Geschieht diese
Befreiung nicht, so ist Tod der Sünde Sold.
Wie war die bisherige Ehe Noras möglich? Wie wir oben sahen, war
Nora für Helmer stets das unberührte Kind, Helmer für Nora aber der
Puppenvater: „Aber unser Heim ist nichts anderes als eine Spielstube
gewesen. Hier bin ich deine Puppenfrau gewesen, wie ich zu Hause
Papas Puppenkind waT. Und die Kinder, das waren wiederum meine
Puppen. Wenn du mich nahmst und mit mir spieltest, so machte mir
das gerade solchen Spaß, wie es den Kindern Spaß machte, wenn ich sie
nahm und mit ihnen spielte. Das ist unsere Ehe gewesen, Thorwald." —
Nora hält an der Identifikation mit ihrem Vater auf der Spielstufe fest
und setzt ihren Gemahl ihrem Vater gleich. Sie hält einerseits die
männliche und die weibliche Linie wie das spielende Kind nebeneinander
aufrecht, und deshalb kann sie Kinder, Puppenkinder haben. Andererseits
— 222 —
sind diese Kinder die Kinder vom Vater, wie einst die Puppen in der
Kindheit. 1 Hinter dieser Welt versteckte sich aber eine andere. In der
Kindheit wurde sie angeregt durch Dienstboten, „die immer so vergnügliche
Dinge erzählten". Ihre Stelle hat Dr. Rank eingenommen, während die
Vaterrolle Helmer zukam. Die Fixierung auf der Spielstufe sollte die
schuldvolle sexuelle Vaterbindung abwehren, in der Verdrängung erhalten.
Wie aber die Maske fällt und sich Helmer und Nora als Erwachsene
gegenüberstehen, nachdem die Schuldzusammenhänge aufgedeckt waren,
da wird die Ehe rückgängig gemacht. Gatte und Kinder werden zu
Fremden. Die bewußte und die verdrängte Komponente machten eben aus
der Ehe eine Inzest bindung, die nur durch eine „Lüge" aufrecht erhalten
werden konnte.
Die Ursache schuldhafter Liebeskonflikte der Eheleute wird bei Ibsen
häufig auf deren Eltern überschoben. Im „Puppenheim" ist die Vater-
schuld vorerst „Geldschuld", wie sie sich der Vater Noras und Krogstadt,
dem sich Nora auslieferte, aufluden. Parallel dazu läuft die Vaterschuld
bei Dr. Rank, und hier erscheint sie deutlich als Sexualschuld. Im
folgenden Drama, in den „Gespenstern", rückt dieses Motiv in den
Mittelpunkt. Auf diesem schuldhaften Grunde kommt es dort zu der
inzestuösen Bindung Oswald— Regine. Die geschäftliche und die Geldschuld
in der ersten dramatischen Schicht finden wir in der dritten als Sexual-
schuld ebenso in den „Stutzen der Gesellschaft". Hier ist es die Schuld
der Mutter, auf der Konsul Bernick seine Gesellschafts- und Sexuallüge
aufbaut, die ihm das Genick zu brechen droht, bis er sich durch
„Auslüften" der Gefahr entzieht. Den Folgen der Schuld verkleisterung
wäre beinahe der Sohn zum Opfer gefallen, der Sohn, der ähnlich wie
derjenige Allmers, Klein Eyolf, durch eine neue Lebenseinstellung den
Vater entsühnen sollte.
Das ganze Leben Brands ist ein zwangshaftes Streben zur Entsühnung
der Mutterschuld. In der obersten Schicht spielt es sich als ein Kampf
gegen „Schlappheit, Leichtsinn und Wahnsinn" ab. Die Mutter hat ihren
Geliebten einem Reichen geopfert. Gegen die Folgen dieser Handlung
kämpft der Sohn. Die Frau, die er heiratet, ist ebenfalls von einem
anderen zu ihm übergegangen. Die Mutter flüchtet von der Liebe zum
Manne zur Liebe zum Geld und Agnes von der sinnlichen zur „geistigen
Liebe. Der verlassene Liebhaber der Mutter wird zum Liebeszigeuner und
der der Agnes zum kalten Dogmatiker. Der Dogmatik Brands fallen Frau
und Kind zum Opfer, sie erfrieren. Das gleiche Schicksal trifft Brand
selber. Er findet in der Eiseskirche sein Grab, das ihm die wahnsinnige
Gerd, die Tochter aus der Leichtsinnsehe des verlassenen Geliebten der
Mutter, bereitet hat. Die Liebe, die durchwegs "als schuldbeladene
Sinnlichkeit erscheint, wird d urch Kälte in verschiedenen Formen
i) Vgl. dazu Schneider, Zur Sexualforschung des Kindes, diese Zeitschrift,
I. Jahrgang, Seite 205.
— 223 —
abgewehrt. Die Schuld der Mutter wirkt sich polar aus. Einmal als kalten
Geiz, der die warme Liebe verdrängt, und dann als schuldhafte
Sinnlichkeit, beides dramatisch dargestellt am eigenen Kinde und denen
ihres verlassenen Geliebten.
Das Gegenstück dazu in den „Kronprätendenten". Dort besteht die
Königsmutter die Feuerprobe, daß ihr Sohn echt ist. Ihre Hände bleiben
rein. Ihr Sohn wird zum Sonnenkind, dem alles gelingt und der den
großen Königsgedanken zu verwirklichen vermag. Er hat sich nach der
Krönung von seiner Mutter und der Jugendgeliebten getrennt und geht
eine Vernunftehe ein. Der Gegenpol zu der rein geborenen Heilandsfigur
ist der Gegenspieler Skule, dem der Bischof die Rolle Lucifers suggerierte.
Sein Sohn, in „sündhafter Liebe" gezeugt, wird ihm zum Verhängnis.
Damit die Frau nicht als weibliches Sexualobjekt entwertet und schuldig
wird, sucht sie bei Ibsen oft die Männlichkeit intakt zu halten. Sie wird
dann etwa zur Vertreterin des Königsgedankens. Dabei wird sie aber auch
dem Manne zum Verhängnis (Hjördis, Furia). Die Lösung glückt, wo sie
über das Sinnliche hinaus versucht wird, wie in der „Komödie der Liebe",
wo der Liebeskampf zwischen Falk und Schwan dadurch endet, daß
Schwanhild im Dichter Falk aufgeht, worauf sie singt:
So tat ich meine Pflicht!
Ich füllte dein Gemüt mit Lied und Licht!
Flieg frei! Du hast dich siegreich aufgeschwungen
und Schwanhild hat ihr Schwanenlied gesungen.
(Indem sie den Ring ins Meer hinaus wirft):
Nun hah' ich dich verloren für die Zeit,
doch dich auf Ewigkeit dafür gewonnen!
Die Lösung, die der schuldbeladenen Hjördis nicht gelungen ist, findet
Schwanhild. Hier sind eben die Königskinder nicht schuldig geworden.
Auch das „geistige Kind" kann zugrunde gehen, wie dasjenige Ejlert
Lövborgs und der Frau Elvsted in „Hedda Gabler", wenn es schuldbeladen wird.
Hier sei an die Analyse der kleinen Erna gedacht, auf die ich oben
hinwies. Sie findet sich eines Tages mit dem Unglück, daß sie kein Junge
ist, damit ab, daß sie sich als Ursache der zeichnerischen Fähigkeit ihres
Bruders ausgibt. — Eine Studentin der Medizin schildert mir die Ehe
folgendermaßen: der Mann ist 1, die Frau o. Durch die Null aber wird
der Mann in der Ehe zu 10. Dann entwickelt sie einen Tagtraum: ihr
zukünftiger Mann, ebenfalls Mediziner, gründet eine Klinik und wird ein
weltberühmter Mann. Sie ist es aber, die der Spiritus rector von allem ist,
wie Gina in der „Wildente".
Hier wollen wir abbrechen. Das Thema ist bei weitem nicht erschöpft.
Die Fülle und Tiefe der psychologischen Zusammenhänge kann eigentlich
nur dann überschaut werden, wenn die einzelnen Dramen als Ganzes und
in ihren Zusammenhängen psychologisch gewürdigt werden. Das ist aber
im Rahmen eines Aufsatzes ausgeschlossen. Zur Vervollständigung unseres
— 224 —
Themas „Mutter und Kind" wäre vor allem die Einbeziehung der
Psychologie des Mannes hei Ibsen nötig. Wir haben das oft andeutungs-
weise getan, wobei wir uns Gewalt antun mußten, den Faden nicht
weiter zu spinnen.
Zusammenfassend können wir sagen: In einer Reihe von Dramen
Ibsens ist der dramatische Konflikt in einem Ehekonflikt zu suchen. Wir
fanden als seine Ursache eine schuldhafte Liebesbindung, die wir als
Inzestbindung ansprachen. Die Liebes- und Ehepaare sehen wir unter dem
Druck dieser unbewußten Konflikte handeln, in dem sie die daraus
entstehenden bewußten Konflikte irgendwie zu lösen suchen. Alle die
bewußten Konflikte und ihre Lösungen, wie sie bei Ibsens Frauen und
Müttern gefunden werden, sind aus der Psychoanalyse bekannt und oft
Gegenstand der Untersuchung und Darlegung gewesen. Ich kann hier nur
darauf hinweisen: Die Frau verzichtet auf die Ehe. — Sie flüchtet sich
in irgend eine Form der Männlichkeit. — Sie haßt den Mann (Rachetypus;,
— Sie geht eine Vernunftehe oder eine Pflichtehe oder eine Versorgungs-
ehe ein. Dabei ist sie sexuell anästhetisch, — Sie bleibt Kind. — Es bilden
sich neurotische Symptome, oder es entwickelt sich eine Neurose. — Das
Verhältnis zum Kinde ist ein ungeordnetes. Es kann sich etwa äußern:
in der Sehnsucht nach einem Kinde ohne Mann, in der unbewußten oder
bewußten Ablehnung einer Befruchtung, in der Unfähigkeit, die Kinder
zu erziehen, weshalb sie dem Leben nicht standhalten können.
Wenn die KultuTwelt dem großen Dichter und Dramatiker Ibsen
zum hundertsten Geburtstag ihre Huldigungen darbringt, wollen auch
wir dem glänzenden Psychologen Ibsen unsere Hochachtung bezeugen.
raiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiw
Psychoanalytische Streiflichter aus der
Sekundarschulpraxis
Von Willy Ku endig, Bern
(Fortsetzung aus Heft 3)
Abhängigkeit des Lerneifers und des Lernerfolges von der
Übertragung
Beim fraglichen Schüler zeigte sich seine für die Fächer der mathe-
matischen Richtung stärkere Begabung bereits deutlich im dritten Schul-
jahr. Immerhin konnte er in den Fächern sprachlicher Richtung durch
Arbeit nahezu dieselben Erfolge erringen, wie er sie auf wissenschaftlicher
Seite ohne große Anstrengung zu verzeichnen hatte. Als sich in den ersten
Jahren des Mittelschulbesuches infolge des Fremdsprachunterrichtes größere
Schwierigkeiten einstellten, wußte ihn sein damaliger Klassenlehrer, der in
- 225 —
dieser Eigenschaft in allen Fächern unterrichtete, durch lobenden Zuspruch
so an sich zu fesseln, daß der Junge gleichsam ihm zuliebe täglich die
verhaßten unregelmäßigen Verben konjugierte und diese allein ihm
aufgetragene Heimarbeit, die also ein Mehr an Aufgaben bedeutete, als
es den übrigen Schülern zukam, als etwas Selbstverständliches hinnahm.
Die affektive Abhängigkeit der Leistungen zeigte sich am deutlichsten
darin, daß ein Umschlag eintrat, als die Klasse den bisherigen Lehrer verließ
und in eine höhere Stufe eintrat, auf welcher die Fächertrennung ein
hohes Maß erreicht hatte. Der neue Französischlehrer taxierte offenbar
alle diejenigen Schüler, welche infolge einer wenig ausgebildeten
Veranlagung dem Französischunterricht nur das allernotwendigste Interesse
entgegenbringen konnten, als ihre Pflicht leichtsinnig vernachlässigende
Kräutchen. Vielleicht fand er es auch nicht der Mühe wert, durch
lobenden Zuspruch das Selbstvertrauen der Schüler zu heben und zu
festigen. Eine vielleicht mehr spaßhaft gemeinte Äußerung machte dem
Schüler den Französischlehrer völlig unsympathisch und genügte, um ihm
damit die bis dahin intensive Arbeit gänzlich zu verleiden.
Der Knabe war nämlich an die Tafel zitiert worden, um manger
zu konjugieren. Die Lösung stand fehlerlos angeschrieben, als der Lehrer
sich vernehmen ließ : „Ich hätte niemals geglaubt, daß du noch so
gescheit wärest, irgend etwas im Kopf behalten zu können ! w Darauf beim
Schüler das Erwachen eines unbändigen Trotzes diesem Lehrer gegenüber,
welcher ihn ohne Rücksicht auf seine fehlerlose Leistung vor der Klasse
bloßgestellt hatte, und im weiteren die völlige Einstellung sämtlicher
Arbeit nicht nur im Französisch, sondern interessant erweise auch im
Deutschunterricht. Und warum das?Deutsch wurde von demselben
Lehrer erteilt wie Französisch.
Mit diesem Umschlagen der Arbeitsleistung zeigte sich aber auch eine
Veränderung derselben auf wissenschaftlichem Gebiet. Die Leistungen in
der Naturkunde wurden von diesem Tage an nur noch besser. Die von
den sprachlichen Fächern abgezogene Arbeitskraft wurde auf ein Gebiet
verschoben, auf welchem sich ihre Anwendung besser lohnte. Aber nicht
nur das. Sie sollte hier auch dazu dienen, die erlittene Niederlage auf
sprachlichem Gebiet wettzumachen, sie sogar überzukompensieren. Der
Knabe wollte hier nicht nur etwas leisten, er wollte vielmehr sogar der
Beste sein. Seine Leistungen sollten nun das sprachliche Manko in völlige
Vergessenheit geraten lassen, und das natürlich nicht nur gegen außen,
d. h. in den Augen seiner Klassenkameraden, sondern vielmehr noch gegen
innen zur Übertönung der starken Minderwertigkeitsgefühle.
Daß die Überkompensierung gerade in der Naturkunde erfolgte und
nicht etwa in der Mathematik, hatte noch seinen speziellen Grund, Der
Naturkundlehrer hatte es verstanden, den Jungen durch allerlei Hilfe-
leistungen, die er ihm übertrug und die dem Knaben seine Brauchbarkeit
auf dem ohnehin seiner Begabung am stärksten entgegenkommenden
— 226 —
Gebiet zu beweisen schienen, so an sich zu fesseln, daß er sich nun
seinem Lehrer völlig anzugleichen suchte, dessen Schrift nachahmte und
ihm sein Achselzucken abguckte.
Die affektive Abhängigkeit der Leistungen wird vielleicht noch
verständlicher, wenn wir an Stelle der Bezeichnungen „positive und
negative Übertragung" die geläufigeren der Sympathie und Antipathie
setzen. Es sei nun aber hier nochmals daran erinnert, daß die Leistungen
niemals nur abhängig sind: i) von der intellektuellen Stufe des Schülers,
3) von der Begabung und 3) von der Übertragung auf den Lehrer. Eine
Arbeitshemmung, eine Sperrung kann auch bestehen bei günstigster
Konstellation obiger Faktoren. Auch da ist es möglich, daß ein Lehrer
den Grund dieser Hemmungen findet und durch dessen Aufdecken
Arbeitskraft freimacht, welche bis dahin gebunden war, nun aber zu
richtiger nützlicher Leistung verwendet werden kann.
Man darf aber in solchen Fällen nicht erwarten, daß jedesmal mit dem
Aufdecken auch sofort eine positiv wirkende Arbeitskraft geweckt werde.
Aufdecken ist eben nicht dasselbe wie verarbeiten.
Oft muß man dem Schüler nach dem Aufdecken noch Gelegenheit
geben, sich neu zurechtzufinden und wieder ins Gleichgewicht zu kommen.
Das folgende Beispiel zeigt, wie es gelingen kann, die anfangs nur
schwache, vielleicht gar nicht vorhandene Übertragung zu gewinnen, sich
damit gleichsam an den Schüler heranzupirschen, um dann, sobald die
Übertragung „tragfähig" geworden ist, sich an das Erforschen der Gründe
einer bestehenden Hemmung zu wagen. Dieses Beispiel konnte leider
nicht zu Ende geführt werden, da ich die Klasse vorzeitig verlassen mußte.
Das nächstfolgende illustriert dann den geschilderten Fall, in welchem
sich der Schüler zuerst zurechtfinden muß, ehe seine Arbeitskraft sich
normal auswirken kann.
Das Gewinnen der Übertragung
Im neunten Schuljahr sitzt ein Knabe, der mir durch sein eigentümliches
Verhalten auffällt. Ich habe den Eindruck, die während des Unterrichtes
verlangte Aufmerksamkeit erfordere von ihm die größte Anstrengung Seine
Kameraden verhalten sich anders. Nicht, daß alle in bezug auf Fleiß und
Leistungen an die Spitze der Klasse gestellt werden könnten. Aber die meisten
von ihnen zeichnen sich durch intensive Aufmerksamkeit aus. Ich kann keine
Zahl oder Notiz an die Tafel schreiben, ohne daß sie sofort in das ohne
Aufforderung meinerseits geführte Notizheft zu stehen käme. Alles scheint
ihnen des Festhaltens wert. Nun der Fragliche! Ich versuche alles mögliche,
um mich über den Grad seiner Aufmerksamkeit zu orientieren, aber er läßt
sich keine Anhaltspunke abgewinnen. Wenn ich mir vergegenwärtige, wie er
sein Verhalten selbst etwa in Worte kleiden würde, so müßte er mir sagen:
„Was Sie uns da erklären, das ist sicher ganz interessant. Aber ich habe
eben ganz anderes zu denken !
— 227 —
Ich. wende mich nun zuerst einmal an meine Kollegen, in der Hoffnung
vielleicht von ihnen etwas erfahren zu können. Aber die erhaltene Auskunft
macht mich nicht viel gescheiter: der eine meint, der fragliche Schüler
sei nicht viel schlechter als andere auch. Der zweite weiß zu berichten
der Knabe sei ein wenig „ein Merkwürdiger". Das habe ich selbst bereits
gemerkt! Aber was heißt das : Ein Merkwürdiger sein? Ich verlege mich
neuerdings aufs Beobachten. Mit Vermutungen an ihn herantreten, hieße ihn
verdächtigen und ihm damit vielleicht Unrecht tun. Es
bleibt mir vorderhand nur übrig, abzuwarten und zu hoffen, der Zufall
werde mir vielleicht Material in die Hände spielen oder Gelegenheit geben,
solches zu erlangen, um hinter das Geheimnis des Knaben kommen zu können.
Seine Leistungen geben nicht eigentlich zu Klagen Anlaß, aber von reger
Anteilnahme kann ebensowenig gesprochen werden. Es scheint mir, daß der
Junge mich eher immer ein wenig beobachte, als ob er mir nicht recht zu
trauen wage. Was würde mir hier die Kenntnis aller in der Literatur
verzeichneten. Verursachungen ähnlicher Fälle nützen ? Was hilft es, an
Schuldgefühle zu denken, eine Identifikation mit einem früheren Lehrer
oder dem überstrengen Vater anzunehmen ? Wollte in einem solchen Fall
der Lehrer seine aus der Literatur geschöpften sogenannten Kenntnisse sofort
anwenden und dem Schüler etwa sagen: „Höre, Bursche, deine Leistungen
gefallen mir nicht. Du denkst offenbar immer an andere Sachen, als an den
Unterricht. Sage mir einmal offen : Was fällt dir denn zu mir ein ? Hattest
du vielleicht einmal einen Lehrer, den du haßtest ? Sag mir's nur ; denn ich
weiß es ja ohnehin und werde es immer merken!" es könnte niemand dem
Knaben übelnehmen, wenn er sich ohne Kenntnis eines Grundes verdächtigt
fühlte und dem Lehrer erst recht auswiche.
Rechnungsstunde. Während die Klasse Kopfrechnungen löst, spaziere ich
zwischen den Bankreihen hin und her. Da bemerke ich, daß der „Merk-
würdige" wieder in ganz anderen Sphären weilt und mit dem Bleistift auf
sein Löschblatt kritzelt. Ich begebe mich ruhig in die Nähe seines Platzes,
worauf er die flache Hand auf das Geschriebene legt und offenbar nun sehr
angestrengt mit der Rechnung beginnt, was, wie mir scheint, seinem in
tiefe Falten gelegten Gesicht entnommen werden soll. Dabei wandert sein
Blick langsam an mir empor, bis er mich rasch und forschend trifft. Der
Schüler ist offenbar erstaunt, auf meinem Gesicht nur ein harmloses Lächeln
zu finden. Ich beginne ein berndeutsches Gespräch (ich ziehe unsere Mundart
zu solchen Besprechungen vor, auch wenn sie sich für einige Minuten
während der Unterrichtsstunde abspielen, da die Situation für die Kinder
von Anfang an vertraulicher wird, als mit der ihnen immer etwas fremden
Schulsprache) :
„Nicht wahr, du zeigst mir nun auch, was du gezeichnet hast !" Er läßt
es geschehen, daß ich das Blatt unter seiner Hand hervorziehe. Eine Reihe
kleiner i kommt zum Vorschein.
„Aha, das gibt wohl ein schönes Ornament I Ja, man kann eben auch
unsere Buchstaben zu Ornamenten zusammenfügen. Das wissen eben die
wenigsten Leute. Was könnte nun aber deine Zeichnung hier bedeuten ?*
„Oh, nichts weiteres."
„Aber vielleicht etwas Näheres", scherze ich.
— 228 —
„Ich weiß nicht", meint er.
„Willst du mir nichts darüber sagen?'
„He, ich weiß halt nichts !
„Also müssen wir offenbar verzichten und mit unseren Aufgaben weiterfahren!
Ich beginne meine Aufgabenstellung von neuem. Daß während der Stunde
im Beisein der Klassenkameraden nicht viel aus dem Jungen herauszubringen
sei, das habe ich erwartet. Ich wollte die Gelegenheit nur benützen, mich
ihm irgendwie zu nähern. Absichtlich erteile ich ihm seines unaufmerksamen
Verhaltens wegen keinen Verweis und nehme an, er wisse es selbst als
solches zu beurteilen und meine Nachsicht zu schätzen. Mit einem Verweis
hätte ich wahrscheinlich nur sein Mißtrauen verstärkt und in ihm das Gefühl
geweckt, ich hätte ihn erwischen wollen. Ich hoffe durch mein Verhalten nun
wenigstens einen winzigen Bruchteil seines Vertrauens gewonnen zu haben.
In der Pause begebe ich mich in den Vorraum hinaus, wo die Schüler
die für das Klassenzimmer bestimmten Hausschuhe mit den Lederschuhen
vertauschen, und beginne mit einigen der Knaben ein Gespräch über neben-
sächliche Dinge. Bald hat sich eine ganze Schar lachender Jungem um mich
versammelt, und gemeinsam betreten wir den Spielplatz. Ich erkundige mich
nach den Regeln eines Spieles, ebenso nach dem besten Spieler, worauf ich
natürlich den Namen des schlechtesten zu hören bekomme. In der hintersten
Reihe der Lachenden gewahre ich nun auch denjenigen, dessen Verhalten
mich so sehr beschäftigt. Ich wende mich nun auch an ihn: „Und du, B.,
wie steht es denn mit deiner Kunst bei diesem Spiel?" Er zuckt mit den
Schultern, dreht sich um und verschwindet in der übrigen Schülerschar.
Warum weicht er nun einem Gespräch mit mir wieder aus?
Die Rechnungsstunde des folgenden Tages aber gibt mir Gelegenheit,
etwas näher an ihn heranzukommen. Ich beobachte nämlich, wie er seine
Notizen mit Bleistift auf ein loses Blatt macht, statt, wie befohlen, mit der
Feder ins Rechnungsheft. Ich beginne wieder ein Gespräch:
„Willst du es nicht auch machen wie die anderen ?"
„Ich kann jetzt nicht!
„Ja, warum denn nicht ?
„Ich kann den Federhalter nicht in die Hand nehmen. Die Hand schmerzt
mich !
„Das ist allerdings eine böse Geschichte", spaße ich. „Was hast du denn
angestellt ? «
„Ich bin gestern in der Pause gestürzt und habe mir weh getan!
„Und du hast noch nichts getan, um die Schmerzen zu lindern ?
„Nein, sie vergehen dann vielleicht von selbst!
Nun ist für mich der richtige Zeitpunkt gekommen:
„Höre, das dürfen wir nicht so gehen lassen. Wir wissen ja nicht, ob es
eine Quetschung oder etwas Schlimmeres ist. Wenn du willst, darfst du in
der Pause zu mir kommen, damit wir sehen, ob wir etwas ausrichten
können. Aber natürlich nur wenn du willst!
In der Pause sucht mich der Knabe wirklich im Chemiezimmer auf. Ich
entnehme dem Chemikalienschrank die Flasche mit Jodlösung, und während
ich dem Jungen die Hand einpinsle, betrachtet er mich verstohlen von der
Seite, als ob er mich erst einmal genauer betrachten müsse. Ich versuche ihn
— 229 —
zum Sprechen zu bringen, indem ich ihm erkläre, was eine Quetschung sei
und wie lange es oft dauern könne, bis die Folgen eines Sturzes völlig
verschwunden seien. Dann erkundige ich mich auch nach den näheren
Umständen seines Sturzes und erreiche schließlich soviel, daß er mir
ziemlich unbefangen Auskunft gibt. Darauf entlasse ich ihn. Bei der Türe
bleibt er einen Moment stehen und sagt :
„ So, ich danke dann auch recht schön !
Am nächsten Morgen steht der Invalide bei der Schulhaustreppe. Es
scheint, er habe mich erwartet. Ich frage natürlich sofort nach seinem
Befinden, das sich seit gestern nicht wesentlich verändert zu haben scheint.
Eine zweite Einladung meinerseits zum Zwecke eines erneuten Jodanstriches
wird sofort angenommen. Und wir setzen das gestern begonnene Gespräch
fort. Ein Kollege, der eben vorbeigeht, empfängt mich nachher im Lehrer-
zimmer : „Was haben Sie denn eigentlich mit dem B. angestellt? Ich habe
ihn noch nie soviel schwatzen gehört ! Ja, man sieht es eben immer wieder ;
Die Leute könnten sprechen, wenn sie nicht dazu zu faul wären !"
Ja, was habe ich denn eigentlich mit ihm gemacht ? Sein Vertrauen suchte
ich zu gewinnen. Warum er es mir nicht gleich von Anfang an schenkte,
wie es seine Kameraden taten, weiß ich noch gar nicht. Wie dieser Wider-
stand gegen mich begründet war, ist mir noch völlig unbekannt. Ich bilde
mir auch nicht ein, sein Vertrauen nun in unerschütterlicher Weise zu
besitzen, im Gegenteil: Ich weiß recht gut, daß ich es noch verscherzen
kann, und dies in so gründlicher Art, daß von einem Wiedergewinnen keine
Rede mehr sein wird. Angenommen, der Junge sei einmal durch einen
parteiischen Lehrer oder durch seinen überstrengen Vater in seiner Ein-
stellung so weit gebracht worden, daß er in allen seinen Erziehern und
Vorgesetzten seine Peiniger sieht, welchen er mißtrauisch gegenüberstehen
muß, weil er gewohnt ist, von ihnen nur Vorwürfe und Strafen zu
empfangen, so wäre begreiflich, daß sein Vertrauen im Anfang noch auf
schwachen Füßen stünde. Erst wenn er gesehen hat, daß ich nicht in die
Reihe seiner Peiniger gehöre, daß ich also sein Mißtrauen gar nicht verdiene,
im Gegenteil, ihn sogar zu verstehen suche und ihm helfen möchte, erst
dann wird er mir nach und nach sein ganzes Vertrauen entgegenbringen, so
daß ich einmal den Versuch wagen durfte, tiefer in ihn zu dringen und
ihm den Grund seines Verhaltens zu zeigen.
Vorläufig bin ich aber noch lange nicht so weit. Ich werde immer noch
mit einem großen Quantum Mißtrauen bedacht. Immerhin zeigt sich doch
schon ein Fortschritt in der nächsten Technischzeichenstunde. Der unterdessen
ziemlich geheilte Patient bringt mir unaufgefordert seine Zeichnung, um mit
mir die Beschriftung zu besprechen. Er bittet mich sogar, an seinen Tisch
zu kommen, um die Korrekturen zu kontrollieren. Dann sagt er, „man"
könne ja vielleicht gerade die Maße eintragen, eine andere Farbe anwenden usw.
Alles in allem genommen wenigstens ein deutlicher Anfang, mich eine Aus-
nahmestellung einnehmen zu lassen, indem er mich nicht mehr wie anfangs
nur mit Mißtrauen beschenkt.
Da ich die Klasse verlassen mußte, konnte ich leider die weitere
Entwicklung des Falles nicht verfolgen. Wollte ich mir nun eine Erklärung
des Mißtrauens des Schülers konstruieren, so stünden mir mehrere Möglich-
— 230 —
keiten zur Verfügung. Welche von allen zutreffen würde, ist mir natürlich
unbekannt. Ich habe höchstens einige Anhaltspunkte, -welche nach der einen
oder anderen Richtung hinweisen. Ich bilde mir auch nicht ein, den Knaben
von seinem Mißtrauen geheilt oder seine Heilung wenigstens eingeleitet zu
haben. Sein Vertrauen galt vorläufig nur mir, und dazu nur in schwachem
Maße. Er hatte erst begonnen, mich gleichsam mit anderen Augen anzusehen.
Ich zweifle jedoch nicht daran, daß sich mit der Zeit, vielleicht erst nach
einigen Monaten, die Möglichkeit gezeigt hätte, dem Mißtrauen den Boden
völlig zu entziehen.
Starke positive Übertragung
Dieser Fall betrifft ein Mädchen des neunten Schuljahres. Schon nach
wenigen Unterrichtsstunden in der betreffenden Klasse war mir aufgefallen,
daß sich diese Schülerin in besonderer Weise jeder Kleinigkeit achtete,
welche meine Person betraf. „Sie haben da ein wenig Kreidestaub am Ärmel",
und sie wischte ihn weg. „Sie haben da einen großen Kotspritzer," „Ich
habe heute morgen gesehen, daß Sie gerade am Morgenessen saßen." So
klangen täglich ihre Äußerungen, welche mir ein besonderes Interesse ihrer-
seits für meine Person bekundeten. Ein Kollege meldet mir im Lehrerzimmer,
daß die Schülerin auf einen Verweis hin, den er ihr wegen Vernachlässigung
der Geschichtsaufgaben erteilte, geantwortet habe, sie wisse eigentlich gar
nicht recht, warum- sie Geschichte lernen müsse. Das Rechnen habe doch
viel mehr Wert für das Leben. Natürlich hatte dieses Fach, vorläufig
wenigstens, für ihr "Leben mehr Wert; war es doch dasjenige, in welchem
sie von mir unterrichtet wurde.
Sie leistete wirklich im Rechnen mehr als ihre Kameradinnen. Zuerst
kamen die Rechnungsaufgaben und dann erst alle übrigen Schularbeiten an
die Reihe. Das wäre eigentlich nichts Staunenswertes gewesen, wenn sie sich
auch vor der Zeit meines Amtieren« an der Schule ebenso für Mathematik
interessiert hatte. Dies war jedoch nicht der Fall. Sie hatte sich im Gegen-
teil mehr auf Seite der sprachlichen Fächer betätigt. Man hätte vielleicht
den Grund der Interessesteigerung auch in der Stoffauswahl oder in der Art
der Darbietung suchen können, wenn nicht kleine Ereignisse der Zwischenzeit
klar gezeigt hätten, daß der Übertragung der größte Teil der Wirkung
zugesprochen werden mußte. Wenn ich in der Klasse die Äußerung tat, es
mochte mir jemand behilflich sein, im Physikzimmer einen Apparat in
Empfang zu nehmen, so konnte ich hundert gegen eins wetten, daß sich vor
allem die fragliche Schülerin meldete. Nach den Stunden fragte sie jeweils,
ob sie etwas wegtragen dürfe. Nach Schulschluß war sie sicher die Letzte,
welche das Zimmer verließ. Sie hatte immer noch etwas zu tun, etwas weg-
zuräumen, vor dem Schulhaus nochmals und abermals ihre Schultasche
umzupacken, um sich zu vergewissern, daß sie auch nichts vergessen habe,
oder sie kreiste mit ihrem Fahrrad vor dem Hause auf dem Spielplatz, und
dies alles, bis ich selbst das Haus verließ.
Am klarsten wurde ihr ihre Einstellung zu mir bewußt, als ich ihr
gleichsam die Nase daraufzustoßen versuchte, damit sie sich nachher zurecht-
und zurückfinden könne und somit die Möglichkeit erlange, auch anderen
Fächern wieder ein normales Maß an Arbeitskraft zuzuwenden.
— 231 —
Ich hatte nämlich beobachtet, daß die Schülerin, obschon ihr Klassen-
zimmer im unteren Stockwerk lag, sich dennoch beständig im Gang vor
dem oben gelegenen Lehrerzimmer herumtrieb. Ich hatte sie auch einige
Male gefragt, was sie eigentlich da zu suchen habe, ohne natürlich von ihr
einen stichhaltigen Grund zu vernehmen. Ich war nun nach einer Zeichnungs-
stunde in das Lehrerzimmer getreten, als plötzlich das Mädchen eintrat und
mir einen Bleistift entgegenstreckte.
„Sie haben in unserer Klasse Ihren Bleistift liegen lassen. Hier ist er! tt
Ich greife zuerst in meine Tasche, um mich zu überzeugen, daß er auch
wirklich mir gehört.
„Wo habe ich ihn denn liegen lassen?" frage ich.
„Auf dem Pult der Hanni, als Sie ihr die Farbe anrieben!*
„Wer hat ihn denn dort entdeckt?"
„Ja, natürlich die Hanni!"
Ich kann ein Lächeln nicht unterdrücken. Ausgerechnet wieder die
Mathematikerin aus Übertragung muß mir den Bleistift bringen. Sie hat
mein Lächeln bemerkt und offenbar auch dessen Ursache erraten. Zuerst
senkt sie den Kopf, dann wendet sie sich gegen die Türe, um das Zimmer
zu verlassen.
„So, ich danke dir, aber nun höre einmal : Warum bringt denn mir die
Hanni den Bleistift nicht, sondern du? Sie hat ihn doch gefunden !
„He . . . Sie hat jetzt gerade keine Zeit!"
Ein rascher Griff nach der Türklinke, und das Mädchen ist verschwunden.
Am anderen Tage trete ich in das Zimmer, in welchem der Heftverkauf
stattfindet. Ich habe vor dem Hause beobachtet, daß sich zwei Nichtsnutze
der Oberklasse damit ergötzten, die Fahrradglocken ihrer Kameraden zu
vertauschen. Ich will soeben einem meiner Kollegen diese Beobachtung mit-
teilen und ihm gleichzeitig zu verstehen geben, daß eigentlich von den Schlingeln,
nicht viel anderes zu erwarten sei.
„Natürlich, das erste, was ich heute sehe . . .", so beginne ich meine
Ausführungen, gleichzeitig eintretend. Da steht vor mir wieder die Schülerin,
welche mir gestern den Bleistift brachte. Sie hat meine Worte offenbar auf
sich bezogen, denn sie schneidet mir alles weiter sofort ab:
„Also, heute kann ich wirklich nichts dafür! Ich muß doch ein Heft
kaufen! Aber ich weiß schon: Sie wollen mich auslachen!"
Allerdings mußte ich lachen, aber wegen des Zufalls und des prompten
Reagierens des Mädchens, und mein Kollege lacht über die für ihn so außer-
halb allen Zusammenhanges stehenden Worte. Er weiß ja nichts von der
gestrigen Bleistiftgeschichte.
Ich fühlte mich nun aber erstens verpflichtet, der Schülerin den Grund
meiner anfänglichen Rede Auskunft zu geben, um ihr zu zeigen, daß ich sie
nicht auslachen wollte, dazu ja überhaupt gar keinen Grund hatte. Zweitens
konnte ich ihr aber an Hand ihrer Worte zeigen, daß sie mich am vorigen
Tage völlig begriffen hatte, daß sie nämlich ganz genau wußte, was ich mit
meiner letzten Frage sagen wollte. Im ferneren zeigte ich ihr auch, daß ich
sie schon lange durchschaute, und benützte nun die Gelegenheit dazu, dem
Mädchen zu zeigen, daß ich allerdings Arbeitseifer und Aufmerksamkeit
jeder Schülerin, nicht nur einer einzigen, zu schätzen wisse.
- 232 -
Ich machte ihr auch klar, daß ich für die ganze Klasse da sei, nicht nur
für sie allein, daß jeder Schüler und jede Schülerin dasselbe Anrecht auf
meine Aufmerksamkeit und mein Wohlwollen habe, daß diese beiden aber
verdient sein müßten, daß ich nicht nur ihr allein gestatten könne, mir
Arbeit abzunehmen und mir behilflich zu sein. Ich erinnerte sie an den Fall,
in ■welchem sie einen Kameraden auf die Seite gestoßen hatte und dazu
bemerkte, er ließe doch alles fallen. Ich erklärte ihr, daß sie auf die erhoffte
Vorzugsstellung mir gegenüber verzichten müsse, daß ich von ihr nur verlange,
sie solle die Arbeiten gewissenhaft besorgen. Es würde mich aber freuen, wenn
ich nun von meinen Kollegen vernehmen könnte, daß sie in allen Fächern
wieder ihr Möglichstes tue. Aber verzichten müsse sie, indem sie mir eine
Schülerin bleibe, wie alle anderen auch.
Das Mädchen verließ mich etwas kleinlaut. Es hatte nun offenbar
verschiedenes zu verarbeiten. Äußerlich ließ es sich nicht viel anmerken; es
war einige Zeit nur ein wenig stiller in seinem Verkehr mit den Klassen-
kameradinnen. Ich beobachtete es nach Möglichkeit, um gegebenenfalls mit
ihm weiter über die Angelegenheit zu sprechen. Meine Mitteilung im Lehrer-
zimmer, daß ich die Schülerin nun etwas zurückgeschnitten hätte — meinen
Kollegen war das Verhalten des Mädchens längstens kein Geheimnis mehr —
und daß wir ein wenig Rücksicht nehmen müßten, fand volles Verständnis.
Das gesamte Verhalten der Schülerin sowie ihre Leistungen in den
während einiger Zeit vernachlässigten Fächern wurden völlig normal. Nach
mehrwöchigen Ferien ließ sie sich sogar von einem der Lehrer ihrer früheren
Einstellung mir gegenüber ruhig foppen, und dies sogar in meiner Gegenwart.
Man kann sich ja nun fragen, ob in diesem Falle eine Aussprache
überhaupt nötig war, oder oh sich das normale Verhältnis auch ohne eine
solche wieder eingestellt hätte. Wir können dies nicht mit Sicherheit
beantworten. Möglicherweise wäre die Übertragung so groß geworden, daß
sie selbst alles Denken und Fühlen in Anspruch genommen und das
Mädchen alle Energie darin aufgebraucht hätte. Ich wollte ihr Grenzen
setzen, bevor sie zu stark geworden war.
Was ist nun da Psychoanalytisches dabei? Es zeigt sich höchstens in
der Kenntnis der Wirkungen einer normalen und einer übermäßigen
Übertragung. Es wird Rücksicht genommen auf die affektive Abhängigkeit.
Man weiß, daß eine übermäßige Betonung eines Interesses weder mit dem
Stock noch durch Strafaufgaben gemildert werden kann. Man erreicht
mit den letzteren Mitteln höchstens, daß das Interesse sich auf ein Objekt
verschiebt, welches weniger „gefährlich", sagen wir harmloser scheint
und daher das Interesse selbst als harmloser erscheinen läßt, falls es nicht
überhaupt völlig unterdrückt wird und zu Störungen Anlaß gibt. Eine
ökonomischere Kräfteverteilung wird aber durch obige Maßnahmen niemals
erreicht.
Daß die Übertragung im Grunde genommen sexueller Natur
ist und gelegentlich zu einer starken Gefühlsexplosion Anlaß gehen kann,
möge folgende Episode illustrieren. {Fortsetzung folgt.)
iiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiii iiiiiiiiiiiiiiiiEitiiiiiiiiüiii iiiüiiiiiiia liiiiiiiiiiiii
— 233 —
BEOBACHTUNGEN AN KINDERN
lllll![l!!lili!ll!lli!ll]|]ilJIII[!l!!!|]|II!!l!lllllll![|llll!HIIIIIIIIIIII lllilllllllllllllllllllllllllllllllllllllM
Zur infantilen Geburtstheorie
Von Dr. M. J. Mannheim, Köln
In den Analysen der Erwachsenen stoßen wir oft auf infantile Geburtstheorien.
In dem folgenden Krankheitsbericht soll eine „Kotgeburt" kurz geschildert werden,
die ich bei einer 14'/* Jähre alten Patientin beobachten konnte. Die Patientin
stammte aus einem sehr schlechten Milieu, hatte trotzdem nicht die mindesten
bewußten Kenntnisse über den normalen Ablauf der Geburts- und Zeugungs Vorgänge.
Sie hatte, im Beginne der Pubertät stehend, frühere Erlebnisse in einer schweren
abnormen Reaktion verarbeitet, die zunächst den Eindruck einer Psychose machte.
Dieser Verdacht konnte sehr bald aufgegeben werden, zumal durch eine einfache
Aufklärung eine so rasche Beruhigung eintrat, daß sie nach 17 Tagen entlassen
werden konnte. Sie hat sich bis jetzt — Nachuntersuchung erfolgte nach zwei
Jahren — gut entwickelt. Eine eingehende analytische Durchforschung war leider
aus äußeren Gründen nicht möglich, so daß der Bericht in vielen Punkten nicht
befriedigen kann.
Lina W. (bei der Krankenhausaufnahme 14% Jahre alt) befand sich seit zwei
Jahren in einem Kinderheim, da die verwitwete Mutter der Gewerbsunzucht nach-
geht und das Mädchen dem Geschlechtsverkehr der Mutter mehrfach hat zusehen
können. Nach Angabe der Heimleiterin veränderte sich das Mädchen in der letzten
Zeit. Bisher ruhig, fein empfindend, unauffällig und anstellig, wurde sie nervös,
bekam einen Weinkrampf, gab auf Fragen an, sie sei mißbraucht worden, erzählte,
daß sie sich mit Jungens abgegeben hätte. Über viele geschlechtliche Dinge habe
sie ein erstaunliches Unwissen. Sie habe sich jetzt eingebildet, sie müsse gebären.
Sie stand nicht mehr auf. In der Volksschule habe sie ausreichend gelernt, sei aber
auf einer höheren Schule nicht mitgekommen.
Bei der Krankenhaus aufnähme (November 1925) zeigte sich Lina W. sehr
schüchtern, antwortete nicht, um erst nach langenv Drängen zu versichern, daß sie
nicht gehen könne. Auf der Station fiel sie durch ihre Unzufriedenheit mit dem
Essen und durch Gereiztheit auf.
In der Nacht wurde sie sehr unruhig, schrie, sie bekomme ein Kind, verlangte
eine Hebamme, ließ die Pflegerin bei sich sitzen, weil sie Angst habe. Die Erregung
steigerte sich, sie beschmutzte das Bett mit Kot und Urin.
In den folgenden Tagen gab sie sehr langsam und zögernd folgende Auskünfte:
Sie sei 14 Jahre alt, habe immer Angst vor dem Doktor gehabt. Die Nacht sei sie
so ängstlich gewesen, weil sie geglaubt habe, ein Kind zu bekommen. Auf den
Gedanken sei sie gekommen, weil sie vor i 1 /* Jahren „was 1 * mit einem Jungen
gemacht habe. Beim Versteckspielen habe der Junge gesehen, daß sie eine offene
Hose angehabt habe. Er habe sie angefaßt, dann auf ihr gelegen. Was er mit ihr
gemacht habe, habe gut getan. Der Junge sei 12 Jahre alt gewesen, damals seien
ihr an dem Jungen die Augen und der Mund aufgefallen. Er habe sie auch mit dem
„Spatz" berührt. Sie habe auch gesehen, daß der Junge keine Brust habe, sondern
ein ganz langes Ding, den „Spatz", der ganz stramm gewesen sei. Der Junge habe
sie mit dem Spatz berührt. Schmerzen habe sie keine gehabt. Deshalb habe sie
geglaubt, daß sie ein Kind bekomme. Seit einigen Tagen sei ihr der Leib so schwer
geworden, die Schwester im Heim hätte sie hochgehoben, wobei es im Leibe so
gewackelt habe, daher habe sie geglaubt, das sei ein Kind. Die anderen Kinder
hätten ihr im Heim erzählt, daß man „davon" Kinder bekomme.
- 234 —
i
Über ihre Vorgeschichte berichtet sie, daß sie, seitdem sie „das" gemacht habe,
im Heim sei. Der Vater sei früh gestorben, ihre Mutter habe sich dann in einen
Mann verliebt und der Mann in ihre Mutter. Sie habe öfter gesehen, wie der Mann
bei der Mutter geschlafen habe. In den Nächten sei sie wach geworden, weil das
Bett der beiden so gekracht habe. Sie habe die beiden auch gesehen, aber nichts
„Näheres".
Lina W. erwies sich als intellektuell ausreichend begabt, sie ist klein und zierlich,
Busen und Schambehaarung angedeutet (menses seit einem halben Jahr). Über ihr
lag besonders in den ersten Tagen eine schwärmerisch-ekstatische Stimmung. Die
Behandlung bestand in einer eingebenden Aufklärung, die sehr rasch beruhigend
wirkte. Bereits nach 17 Tagen konnte sie wieder entlassen werden. Die ÜberfüTLung
der Klinik machte eine eingehende und erschöpfende Analyse unmöglich. Ich hatte
Gelegenheit, sie nach zwei Jahren wiederzusehen. Sie ist sehr anstellig, sehr still,
betreut mit großer Neigung jüngere Kinder, sie möchte Kindergärtnerin werden.
Ihr Wesen ist pedantisch-ordentlich, überaus gefügig, keine Neigung zur Auflehnung.
In der Stimmung ist sie ziemlich gleichmäßig.
Die Entstehung von Pavor nocturnus bei einem Kinde
Ein Naditrag
In Heft 6 des I. Jahrgangs, S. 186 dieser Zeitschrift, machte eine Mutter
Mitteilung von einer Beobachtung, wie die Belauschung des elterlichen Sexual-
verkehrs bei ihrem Kinde das Symptom des nächtlichen Aufschreckens auslöste.
Seither konnte, wie mir die Mutter sagt, ein damals auftretendes vorübergehendes
angsthysterisches Symptom verstanden und auf jenes Erlebnis zurückgeführt
werden.
Eines Tages spielte die Kleine im Hof, als auf der nahen Eisenbahnlinie eine
Lokomotive dahergepustet kam. Das Kind wurde von einer großen Angst erfaßt,
schrie und flüchtete sich zur Mutter. Das gleiche wiederholte sich an anderen
Tagen. Ziemlich später, als das nächtliche Aufschrecken abgeklungen und das Kind
ruhig geworden war, konnte es auch gelassen die Lokomotive herankommen sehen
und meinte dann : „Die Eisenbahn macht so wie Papa", und dann begann es schwer
xu atmen. Schneider
Wäsche-Fetischismus Lei einem Einjährigen
Von Josef K. Fried* ung (Wien)
(Nachtrag zu der gleichnamigen Mitteilung in Heft i, & 25, dieses Jahrgangs)
Als ich im Juli 1927 Herrn Prof. Freud meine ungewöhnliche Beobachtung
mitteilte, erhielt ich von ihm folgende Antwort: „Es hat sich bei mehreren
Erwachsenen zweifelfrei ergeben, daß der Fetisch ein Penisersatz ist, Ersatz für den
vermißten Penis des Weibes, also Schutzmittel gegen die Kastrationsangst — und
nichts anderes. An dem Kleinen wäre nun die Probe zu machen. Wenn das stimmen
soll, so muß er reichlich Gelegenheit gehabt haben, sich an der nackten Mutter
von ihrem Penismangel zu überzeugen ." Seither ist Freuds Arbeit über
den Fetischismus in der Int. Z. f. PsA., XIII. Bd, H. 4, erschienen m der
diese Deutung des näheren begründet wird. Ich hatte kürzlich die Gelegenheit, den
nunmehr zweijährigen, körperlich gut gediehenen, geistig über sein Alter entwickelten,
jetzt sehr liebenswürdigen Jungen wiederzusehen.
Die Schwäche der Eltern, besonders der Mutter, hat dem Kleinen das Festhalten
an seinem Fetisch als bestem Mittel, ihn rasch einzuschläfern, gestattet. Er breitet
die Wäscheslücke, die von der Mutter bereits benützt sein müssen — frische oder
vom Vater benutzte Wäsche lehnt er auch jetzt ab — über sein Gesicht und lutscht
- 235 -
dann an seinem Finger. Die Mutter meint, daß dabei der Geruch der Fetische von
ihrem Körper bedeutsam zu sein scheine. Nun aber mein wichtiger Nachtrag- :
Freuds Erwartung hat sich vollständig erfüllt. Uie Eltern, deren Schlafzimmer
der Kleine teilt, haben sich ohne Scheu vor ihm völlig entkleidet, wie die Mutter
sagt, um das Kind an den nackten Körper zu gewöhnen und den Geschlechts-
unterschied von ihm zur Kenntnis nehmen zu lassen. Es hatte so täglich reichlich
Gelegenheit zu den von Freud postulierten vergleichenden Beobachtungen an
Mutter und Vater. Meine Beobachtung des Was che -Fetischismus in statu nascendi
hat also die Ergebnisse der Analyse der erwachsenen Neurotiker bestätigt.
BERICHTE
hiiiiiiiihii
Büdier
Am Lebensquell. Ein Hausbuch zur geschlechtlichen Erziehung, heraus-
gegeben vom Dürerbund. Wesentlich erweiterte und zeitgemäß umge-
arbeitete Auflage. Dresden, 1926, Alexander Köhler.
1909 hat Ferdinand Avenarius die erste Auflage dieses Sammelwerkes
herausgegeben. Es ist das Ergebnis eines Preisausschreibens, an dem sich vorwiegend
Eltern und Lehrer beteiligten. Die Neuauflage 1926 hat Wolf gang Schumann
besorgt. Es sind einige Beiträge der ersten Auflage fortgelassen und einige neue
hinzugefügt worden. Bei der Länge der Zwischenzeit bedeutet das, daß die damals
„Aufzuklärenden" heute als Erwachsene Stellung zur Aufklärung und den übrigen
Fragen der geschlechtlichen Erziehung nehmen. Diese Stellung aber ist so grund-
verschieden von der ihrer Eltern und Erzieher, daß wohl selten der Unterschied
zwischen Vor- und Nachkriegsgeneration deutlicher zutage treten kann als in diesem
- Hausbuch. Ist es aber noch ein Hausbuch, wenn die Verfasser von 1926 die von
1909 ablehnen, z. T. in recht scharfer Weise verspotten wie Albert Trentini?
Das Buch ist außerordentlich interessant als Sammelwerk von Meinungen Über
geschlechtliche Erziehung, speziell über die Form der Aufklärung. Aber es muß mit
seinen beiden einander widersprechenden Teilen ein hoffnungsloses Durcheinander
anrichten in den Köpfen von Eltern, die hier wirklich eines Rates bedürftig sind.
Die Beiträge von 1909 handeln im wesentlichen von der Belehrung über die
Herkunft der kleinen Kinder und sind zum größten Teil von Eltern geschrieben, die
erzählen, wie sie „es" gemacht haben. Gewöhnlich etwa so: daß man in einer
„Feierstunde" mit gewählten Worten einen langen biologischen Vortrag halt,
beginnend mit einem Äpflein oder Blümchen und endend bei den furchtbaren
Schmerzen der Mutter, weshalb man Mütterchen nun auch immer lieb haben und
immer brav sein muß. Der Artikel von Robert Theuermeister heißt
geradezu: „Warum wir Vater und Mutter recht lieb haben müssen." Wenn man
diese Artikel, natürlich nicht alle, aber doch die meisten, kritisch ansieht, so kommt
man auf den einen egoistischen Grund, der die Eltern zur Aufklärung führt : die
Dankbarkeit, die Liebe des Kindes zu binden. Bei der Mutter gelingt diese Absicht,
wenn sie nicht gemerkt wird, vielleicht wirklich für eine Weile durch die starke
Ausmalung der schmerzhaften Seite von Schwangerschaft und Entbindung. Der
Vater freilich spielt immer eine etwas klägliche Rolle bei dieser Art Aufklärung.
Diesem Mangel können selbst so salbungsvolle Erklärungen, wie die von Theuer-
meister, nicht abhelfen. Der zweite nicht minder egoistische Grund ist die Fureht,
— 236 —
das Kind möchte in der Schule in der üblichen schmutzigen Form von der Zeugung
hören und sich dann vorstellen, wie auch seine Eltern diese schmutzigen Dinge
täten. Also wird dem Kinde möglichst viel von der Heiligkeit und der Weihe der
Zeugung gesprochen, nur um nicht von Trieb und Lust sprechen zu müssen. Denn
Trieb und Lust ohne die Sanktion der Zeugung sind — ich spreche immer nur von
der Mehrzahl, nie von allen Beiträgen — natürlich frevelhaft und ziehen schwere
Schädigungen aller Art nach sich. Vor allem gegen die Onanie wird so vorgegangen,
daß man sich eigentlich nur freuen kann, wieviel gesunde Kinder es doch geben
muß die das, ohne Schaden zu nehmen, an sich abgleiten lassen können. Um ein
Beispiel für viele zu geben : Hedwig Bleuler-Waser erzählt, wie sie ihren
anscheinend noch ziemlich kleinen Buben aufklärt. Zum Schluß sagt sie folgendes:
„Du sollst jenen Teil deines Leibes, in dem dir dieser Lebenssaft heranreifen wird,
wenn du ein Mann wirst: das Beutelchen vorn an deinem Körper mit der kleinen
Röhre daran, nur dann berühren, wenn es nötig ist, von anderen aber niemals
antasten lassen . . . Weil Mißbrauch dieser wichtigen Organe dich krank machen
kann, so krank, daß du einst das Mädchen, das dir lieb wird, nicht zur Frau
nehmen darfst, um es nicht unglücklich zu machen.« Was soll nun so ein kleiner
Kerl mit diesen großen Worten anfangen? Bestenfalls war ihm die Sache zu lang-
weilig und er hat nicht zugehört. Schlimmstenfalls ist hier der Kern zur spateren
seelischen Erkrankung gelegt. Aber das erscheint mir sicher: vor der Onanie hat
ihn diese Ermahnung ohne Schaden endgültig nicht bewahren können.
Es sei auch noch erwähnt, daß, soweit es zur Sprache kommt, natürlich die
sexuelle Abstinenz bis zur Ehe als das einzig mögliche für einen anstandigen
Menschen hingestellt wird. _
Soviel über den ersten Teil. Der zweite, d. h. die 1926 neu hinzugekommenen
Artikel, soll nach dem Vorwort Wolfgang Schumanns das Sammelwerk in drei
Richtungen ergänzen.
1) Waren bisher vorwiegend Eltern zu Worte gekommen, so sind jetzt drei
Beiträge aufgenommen worden, die „das Belehrtwerden von der Blickseite des
Jugendlichen her behandeln«. Es schreiben über ihre Jugendzeit ein Man» und eine
Frau aus bürgerlichen Kreisen (Helger Bemt und Karin Engstrom) und ein Hand-
werker (Karl Wipprecht). Bernt wendet sich vor allem gegen die vorher schon
gekennzeichnete „Feierstunde". Sein Artikel schließt mit den Worten: ,, . . . Da»
f. etwas schief ging, führe ich auf das Bedürfnis meiner Eltern ^*"f~*
hochvertrauensvoller Innerlichkeit zurück, zu der ich nicht taugte^ V«Ue.c ht kann
diese Anregung einigen helfen, geschickter zu verfahren.« Als M«t«be«p»l ffc
diese hochfertrauensvolle Innerlichkeit sei hier wieder als em Be.spie für viele der
Beginn des Artikels vcn Martha Röder: Einer ^^^ s £
du herkommst, willst du wissen, mein Kind? Komm, setze , die* am .. hlen « Die
und sieh mir in die Augen, ich will dir ganz leise .tw» ^^ "SEf von
Forderung: Keine Feierlichkeit! ist ausnahmslos die Forderung aller MrU^r von
1926. Daf ist einer der einschneidenden Unterschiede der beiden Generationen.
Einer der wertvollsten Beiträge des ganzen Buches I* **^*™\£ £
SS Artikel ^-^^^IZZ^^t^^^
leicht als durchschnittlich angesehen werden kann. Von den pädagogischen Forde-
rungen, die Karin Engström aufstellt, sei als charakteristisch für den Geist des
Buches nur erwähnt, daß sie die Einzige ist, die fordert, mit den Jugendlichen auch
über die Verhütung der Zeugung zu sprechen. Wissen die anderen Autoren es nicht,
wie brennend interessant grade dieses Gebiet dem Jugendlichen ist?
— 237 —
2) sind es auch diese oben genannten drei Beiträge, die die erste Ausgabe in
einer zweiten Richtung ergänzen. Hier wird nämlich erst von der eigentlichen
geschlechtlichen Erziehung, der Einstellung der Jugendlichen zu seinen eigenen
sexuellen Erlebnissen, gesprochen und nicht nur von der Aufklärung der Kleinen.
So wird jetzt auch die Onanie im ganzen sachlicher und mit weniger sittlicher
Entrüstung behandelt. Sehr lesenswert sind gerade zu dieser Frage die Erlebnisse
der Karin Engström, aber auch die theoretische Einstellung von Schumann und
Illing seien erwähnt.
5) sollen dem Mangel, daß in der ersten Auflage nur von den wohlbehüteten
Kindern bürgerlicher Kreise gesprochen wird, die Beiträge von Wipprecht und Illing-
abhelfen.
Der Artikel von Werner Illing „Das unbehütete und das behütete Kind"
sei hier auch noch aus dem Grunde hervorgehoben, weil er der einzige ist, —
wirklich 1926 der einzige ! — der Freud erwähnt und einiges des von ihm gebrachten
Wissens über die infantile Sexualität auch verarbeitet.
Um es noch einmal zusammenzufassen, was über das Buch im ganzen zu sagen
ist: es ist interessant als Zusammenstellung von Meinungen, speziell über die Auf-
klärung. Es ist kein Hausbuch, weil es den Unwissenden nur verwirren kann. Aber
auch dem Erzieher, der sich über diese Fragen klar werden will, kann es keine
Hilfe sein, weil es im ganzen psychologisch von einer solchen Oberflächlichkeit ist,
wie es auf pädagogischem Gebiet 18 Jahre nach dem Erscheinen der „Drei Abhand-
lungen zur Sexualtheorie" nicht sein dürfte. Llzi Bonwitt-Hepner
Zeitschriften
Revue Franchise de Psychanalyse. I./2. November 1527. Inhalt: Ilse
Jules Ronjat, Der Fall Jeannette — E. Jones, Die Schöpfung des
Über-Ichs — S. Freud (Übers. Frau E. Marty), Eine Teufelsneurose im
XVII. Jahrhundert — R. Laforgue, Studie über Jean Jacques Rousseau.
Für den Pädagogen ganz besonders wertvoll ist die Veröffentlichung des Falles
Jeannette. Nicht nur, weil er mit seltener Klarheit zeigt, wie aus rein psychisehen
Motiven, die weder Eltem noch Erzieher ahnen, die ganze Jugend eines äußerst
wertvollen Menschen zerstört wird, sondern weil gerade hier das ganze oder doch
der Hauptteil des Unglücks vermieden worden wäre, wenn die Eltern oder einer
der anderen Erziehungspersonen psychoanalytisch durchgebildet gewesen wären. Ja,
hier kann man fast sagen, wenn die Eltern auch nur eine „Ahnung von Psycho-
analyse gehabt hätten. Nicht nur hätte eine versuchte Vergewaltigung im siebenten
Lebensjahr der Patientin bei einer psychoanalytisch orientierten Erziehung möglicher
weise gar nicht traumatisch gewirkt, sondern eine früher einsetzende psycho-
analytische Behandlung hätte die Kranke auch mit Sicherheit früher gesund gemacht.
Denn die Heilung geht nach einer fast 50jährigen Krankheitszeit in einer so über-
raschend kurzen Zeit vor sich und scheint so durchgreifend zu sein, daß der Fall
Jeannette sicher zu den bedeutendsten Bestätigungen der psychoanalytischen Therapie
gehört. Die Lektüre sei dem medizinischen Laien auch darum ganz besonders
empfohlen, weil über die Klarheit des Stoffes hinaus die Verfasserin eine Klarheit
der Darstellung und der Sprache hat, die jedem das Verständnis ermöglicht.
Laforgue gibt vielerlei neue Gesichtspunkte für das Verständnis des seltsamen
Lebens von Jean Jacques Bousseau, die dem Erzieher theoretisch wie praktisch
viel Wertvolles bieten. Lizi Bonwitt-Hepner
DlillllllllllllllllillllllllH
Herausgeber: Dr. Heinrich Meng, Arzt in Stuttgart
und Universitätsprofessor Dr. Ernst Schneider in Riga
Eigentümer, Verleger und Herausgeber fiir Österreich: Adolf Josef Storfer, Wien, I., Börsegasse n
(„Verlag der Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik"), — Verantwortlicher Redakteur : Dr. Paul
Federn, Wien, I., Riemergasse 1. — Druck : Elbemühl Papierfabriken und Graphische Industrie A.-G.,
Wien III., Rüdengasse 11 (Vei antwortlich er Druckereileiter: Karl Wrba, Wien).