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Full text of "Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik IV 1930 Heft 4/5"

ZEITSCHRIFT FÜR PSYCHO- 
ANALYTISCHE PÄDAGOGIK 



IV. Jahrgang April— Mai Heft 4/5 



Die ersten fünf Lebensjalire 

Von Dr. M. D. Eder, London 

j4us dem Englischen übersetzt 
t , r- <".,•* • '.-,.. ^1' . von Luise Zucker (Wien) 

Viele sind mit den Resultaten unserer traditionellen Methoden und Ge- 
wohnheiten in der Erziehung des Kindes zufrieden, viele glauben, daß 
Frauen und Männer von Natur aus mit der erforderlichen Kenntnis und 
Geschicklichkeit begabt sind; man vertraut dem mütterlichen Instinkt, den 
Jahrhunderte alten Traditionen, die uns die verwendbarsten Methoden über- 
liefert haben. Für das Krokodil oder den Wiedehopf haben sich die äußeren 
Bedingungen Jahrtausende hindurch kaum oder gar nicht geändert; es ist 
jede folgende Generation von Krokodilen und Wiedehopfen in ganz gleicher 
Weise wie ihre Vorfahren aufgezogen worden und dies zweifellos mit sehr 
großem Erfolg nach den Begriffen der Reptilien und der Vögel. Der Mensch 
aber hat sich geändert und wechselt beständig seine Lebensbedingungen. 
Es ist noch nicht lange her, daß er sein Junges nach der Entwöhnung 
mit einer so unnatürlichen Nahrung wie es die Kuh- oder Schafsmilch ist, 
zu ernähren begann; und vor kurzem begann er überhaupt erst sein Essen 
zu kochen, Wechsel folgt auf Wechsel; Methoden, die den Bedingungen 
früherer Generationen angepaßt waren, sind für die veränderten nicht länger 
brauchbar. Das ist die Rechtfertigung für jene, die die Tradition verwerfen 
und sich in Fragen der Kindererziehung der Wissenschaft zuwenden. Viel- 
leicht war es zu Salomons Zeiten richtig und angemessen, nicht mit der 
Rute zu sparen. „Wer mit Schlägen spart, haßt seinen. Sohn." Vielleicht 
waren damals Gewalt oder Tod die einzigen Möglichkeiten, aber wenn uns 
Salomons Erziehungsmethoden in einem durchaus anders gearteten sozialen 
Leben aufgezwungen werden, müssen wir uns natürlich dagegen verwahren. 
Die menschlichen Lebensbedingungen ändern sich fortwährend und es wäre 
wohl nicht unangebracht, das menschliche Geschöpf der Gegenwart als 
Spielart der Gattung anzusehen, die auf diesem Erdteil vor tausend Jahren 

Zeitschrift f. psa. Päd., IV/4./5 — 121 

INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




1 



lebte, d. h. wenn wir den Menschen und seine Umgebung als Organismus 
oder Gattung betrachten; obwohl das seelische Substrat heute beim, zivili- 
sierten Menschen wie beim Wilden das gleiche ist und wir allen Grund 
haben anzunehmen, daß es im wesentlichen auch beim prähistorischen 
Menschen das gleiche war. -- 



Es ist sehr wahrscheinlich, daß die wissenschaftliche Forschung w^ahrend 
der nächsten Generation das Problem der Geschlechtsbestimmung beim 
menschlichen Lebewesen lösen und so eine neue und grundlegende Ände- 
rung in den menschlichen Lebensbedingungen bewirken wird. Es ist bereits 
bekannt, daß gerade im Augenblick der Befruchtung etwas bestimmt wird, 
das für das künftige Kind von grundlegender Bedeutung ist. Wenn man 
auch von allen Unterschieden, allen Ungleichheiten absieht, die auf Miß- 
gunst und Vorurteile zurückzuführen sind, so macht es noch immer einen 
großen Unterschied, ob man als Knabe oder Mädchen geboren wird; mag 
sich z. B. der Mann auch noch so sehr wünschen, aus seinem eigenen Kör- 
per ein Kind hervorzubringen, bleibt dieser Wunsch (einstweilen) unerfüll- 
bar. Dies wird auch nicht durch die Tatsache wettgemacht, daß die Ge- 
schlechtsbestimmung (wieder einstweilen) vom Manne abhängt. Viele Kinder 
haben darüber nachgedacht, wie sich ihr Leben gestaltet hätte, wenn sie 
andere Eltern gehabt hätten. Bald werden sie darüber nachdenken, wie es 
ihnen ergangen wäre, wenn der andere männliche Samen in das Ei der 
Mutter eingedrungen wäre. 

Mit diesem schicksalshaften Augenblick endet jedoch der unmittelbare 
Einfluß des Vaters auf das embr3^onale Leben. Es liegen Beweise vor, daß 
jeder der elterlichen Ur Stoffe oder Elemente Einheiten seiner eigenen phy- 
sischen oder geistigen Eigenschaften hinzufügen kann. Aber Eigenschaften, 
die so unmittelbar vererbt werden, sind außergewöhnlich selten. Es ist in 
der Hauptsache eine Art chemischer Zusammensetzung, — oder wie es Mark 
Rutherford richtiger benennt, ein Wunder spiritueller Chemie, — • eine Ver- 
bindung männlicher und weiblicher Elemente, die ein neues Etwas hervor- 
bringen, das sich von beiden wesentlichen Elementen, die die Biologie im 
Kind entdeckt hat, unterscheidet. 

Neun Monate wird das Kind- im. Schoß der Mutter getragen; das be- 
fruchtete Ei ist bis zu seiner Geburt von den gleichen Bedingungen ab- 
hängig wie die Mutter. Starke Gifte wie Masern oder Syphilis gehen auf 
den Embryo über.. Aber feinere Veränderungen beeinflussen den wachsen- 
den Organismus, Störungen des Gefühlslebens können auf dem Weg über 
eine physiologische Kette, auf die wir hier nicht näher eingehen wollen, 
ihre Wirkung auf das Kind ausüben. Das ist die Erklärung für die popu- 
läre und traditionelle Ansicht, daß seelische Eindrücke der Mutter beim 
Kind ein Merkmal hinterlassen können. Erblickt die schwangere Mutter 
eine Deformität, so verursacht dieser Anblick beim Kind keine ähnliche 

- 122 - . 



Deformität; aber Kummer, Unruhe, Freude, Eintracht beeinflussen die Ent- 
wicklung des Kindes, ohne spezifische Bedingungen dafür zu sein. 



Ein Kind ist geboren. Er sieht nicht nach Viel aus — dieser Erbe vieler 
Jahrhunderte. Das Kind ist in eine neue und grausame Welt gekommen, 
„Wir schreien, wenn wir geboren werden, weil wir auf diese große Bühne 
von Narren kommen", ruft König Lear aus. Gestoßen, gezerrt, gequetscht — 
sich dagegen wehrend so gut es kann, muß das Kind sich plötzlich einer 
neuen Welt des Lichtes, der Töne und der Temperatur anpassen. Sein Kör- 
per muß große Veränderungen erfahren j die Lungen müssen sich weiten 
und Luft aufnehmen, Herz und Blutkreislauf verändern sich und die Drüsen 
beginnen zu funktionieren. Die Geburt ist ein wichtiges Erlebnis; wir tun 
Unrecht, das Kind in diesem Moment als ein stumpfes Wesen anzusehen, 
das unfähig ist, auf Reize zu reagieren, nur weil wir diese Reaktionen 
einstweilen nicht genau beurteilen können. Das Verhalten des Säuglings 
läßt uns etwas von den Vorgängen in ihm ahnen, etwas von dem Wunsch, 
wieder dorthin zurückzukehren, von wo er gerade hergekommen ist. Lange 
Zeit hindurch führt das Kind vorwiegend ein Schmarotzerdasein. Nach der 
Geburt ist es hilfloser als andere neugeborene Lebewesen und bleibt längere 
Zeit hindurch von der Mutter abhängig, viel länger als andere junge Lebe- 
wesen, obwohl es in sich alle Möglichkeiten einer weit größeren Anpas- 
sungsfähigkeit an die Lebensbedingungen trägt. Größere und länger dauernde 
Hilflosigkeit mit größerer Erzieh barkeit sind die Charakteristik des Menschen- 
kindes, verglichen mit den Jungen anderer Arten. Das sind bestimmende 
Faktoren in seiner Lebensgeschichte; jeder Eindruck in diesen frühen Ent- 
wicklungsphasen hat tiefgehende Folgen. Die Geburt ist wohl nur ein 
Augenblick im Leben des Individuums, das aber doch von allen Begleit- 
umständen seiner Umgebung vor und nach der Geburt bestimmt wird. 

Man hat dem Kind alle möglichen, bisweilen ziemlich unsanfte Epitheta 
gegeben. Rousseau bestreitet, daß das Kind von Natur aus böse sei, wie 
es manche Theologen behaupten; Fr e u d bezeichnet das Kind als polymorph- 
pervers ; Wordsworth findet, daß es in einem Glorienschein einher- 
schwebt; der Soziologe Le Play sagt, die Gesellschaft werde in jeder 
Generation von einer großen Invasion kleiner Wilden bedroht. Nach den 
Begriffen des Erwachsenen verdient das Kind vielleicht die meisten dieser 
Attribute und auch wieder keine von diesen, wenn man einen Augenblick 
von diesen Richtlinien absieht. Wir wollen versuchen, die Welt vom Stand- 
punkt des heranwachsenden Kindes zu betrachten. Aber wenn wir dies ver- 
suchen, dürfen v^ir nicht erschreckt oder mißvergnügt sein, wenn uns diese 
Welt eher fremdartig, häßlich, beleidigend und abstoßend erscheint. Ohne 
Widerwillen leistet die Mutter ihrem Kind Dienste, die die» wohlerzogene 
Welt des Erwachsenen als sehr störend für ihre verfeinerten Empfindungen 
ansieht. Wenn wir uns dieser Welt seltsamer Tatsachen und Vorstellungen 

— 123 — 9* 



1 



nähern wollen, müssen wir versuchen, von unseren auf Grund des Intellekts 

vorgefaßten Meinungen abzusehen, so wie der moderne Physiker uns auf- 
fordert, gewisse tief mit unserer Denkungs weise verwurzelte Vorurteile über 
unsere Stellung im Weltraum zu lassen, wenn wir sein Universum ver- 
stehen wollen. ^ 

Wir wollen uns in Gedanken damit beschäftigen, was das Leben dem 
Kind bietet. Zuerst gibt es noch kein Auseinanderhalten zwischen dem» 
was es selbst und was es nicht selbst ist — die Mutterbrust ist nicht deut- 
lich von seinem eigenen Körper zu trennen. Seine geistigen Funktionen 
konzentrieren sich auf die Oberfläche seines Körpers, auf die Haut, auf die 
Mutterbrust und seinen eigenen Verdauungskanal von der Eingangsöffnung 
bis zum Ausgang oder besonders auf den Eingang und auf den Ausgang. 
Die ersten angenehmen Empfindungen beziehen sich auf den Mund (und 
die Haut), ohne mit der Ernährung oder der Nahrungsaufnahme unmittel- 
bar im Zusammenhang zu stehen. Die Reizempfindungen in der Schleim- 
haut der Lippen und des Mundes werden durch den Vorgang des Saugens 
befriedigt und ebenso entspringt das erste ernstliche Mißvergnügen, die 
erste Kxaf tan strengung dieser ilegion. Physiologen und Moralisten schätzen 
den Tast- und Geruchsinn niedrig ein; vielleicht sind sie es für den 
Erwachsenen, aber für das Kind sind sie von wirklicher Bedeutung. Der 
Mund erfüllt einen doppelten Zweck; er dient der Nahrungsaufnahme und 
ist gleichzeitig die Quelle des Wissens um die Außenwelt; seine Zähne er- 
möglichen es nicht bloß, die Nahrung zu ergreifen und zu kauen, sondern 
vermitteln dem Kind das Gefühl der Beherrschung der Außenwelt. Der 
Säugling quetscht und packt die Brust der Mutter, bemüht sich dieses Ding 
zu halten, sich das anzueignen, was innerhalb seiner Reichweite liegt. Die 
Zähne kommen ihm zu Hilfe. Er kann etwas beii3en und ergreifen, was 
nicht er selbst ist. Der Säugling beißt in die Brust, die in ihm so viele 
erfreuliche Empfindungen ausgelost hat und demonstriert dadurch ihre An- 
ziehungskraft und seine Liebe für sie; der Säugling beißt in die Ernst, 
wenn sie ihm aus irgend einem Grund entzogen wird, um diese Quelle 
der Befriedigung nicht zu verlieren. Liebes- und Haßbezeigungen, die sich 
durch Beißen, durch „Aufessen" des geliebten Objektes kundgeben, sind 
uns aus dem Leben des Erwachsenen wohlbekannt; die Mutter selbst sagt, 
wenn sie den Fuß oder die Grübchenhand des Babys in den Mund steckt, 
es sei so süß, daß sie es aufessen könnte. Bald wird das Kind seine prü- 
fenden und nach Besitz zielenden Wünsche zeigen und alles in seinen Mund 
stecken, viel weniger in der Absicht, herauszufinden, ob es gut zu essen 
sei, als um einer bestimmten seelischen Befriedigung willen. Und es kommt 
ein Moment, in dem der Befriedigung kindlicher Gelüste gebieterisch Ein- 
halt geboten wird : die Brust wird ihm entzogen, das Kind wird ent- 
wöhnt. Es ist so leicht, ein Wort zu gebrauchen und so schwer, die 
Wirklichkeit zu erfassen, die dieses Wort beinhaltet. Was alles die Ent- 
wöhnung für das Kind bedeutet, wissen wir noch nicht ganz. Aber wir 

- 124 - 



können begreifen, daß es die erste große Veränderung nach der Geburt 
ist und dies in einem Alter, in dem die Seele für den Ausdruck ihrer 
Empfindungen ein ausgebildeteres Instrument zur Verfügung hat als un- 
mittelbar nach der Geburt. Welche Vorbereitungen immer gemacht wurden, 
die Kränkung ist doch fühlbar, eine Kränkung, die mehr oder weniger 
von den meisten Kindern überwunden wird, aber doch eine kleinere oder 
größere Narbe bei allen hinterläßt. Man hat gefunden, daß gewisse 
Charaktereigenheiten, z. B. unbegrenzter, auch durch gegenteilige Er- 
fahrung nicht beeinträchtigter Optimismus jenem Typus eigen sind, den 
man als oral-befriedigt bezeichnen kann; es wird immer freigebige Mütter 
geben, die alle Wünsche ihrer Kinder befriedigen; es ist bekannt, daß bei 
Menschen, die dem Alkohol oder Rauschgiften verfallen sind, gewisse mit 
der Säuglingsperiode zusammenhängende Erfahrungen eine überragende 
Rolle spielen. 

Aber die Empfindungen entstehen nicht nur im Gehirn der Säuglinge 
und kleinen Kinder. Es gibt noch eine Reihe von Empfindungen, die mit 
dem Ausgang des Verdauungskanales zusammenhängen. Das letzte 
Segment des Darmes ist eine außerordentlich empfindliche Gegend, eine 
■Quelle für Lust- und Schmerzgefühle. Der Durchgang der überschüssigen 
Abfallsprodukte des Körpers durch diese Zone erzeugt diese Empfindungen 
und übt nicht bloß auf das augenblickliche Verhalten des Kindes, sondern 
auf seine Charakterbildung einen weitreichenden Einfluß aus. Und durch 
diesen Mechanismus wird das Kind neuerlich, und zwar durch ein neues 
Bindeglied in enge gefühlsmäßige Beziehung zu seiner Mutter (Pflegerin 
oder Stellvertreterin der Mutter) gebracht. Wie wir wissen, wird das Kind 
ohne die Fähigkeit zur Beherrschung seiner Schließmuskeln 
geboren; während das Kind diese Beherrschung erlernt (ganz abgesehen 
von jeder Belehrung seitens anderer), beginnt es an der Beherrschung 
der Außenwelt Befriedigung zu finden, indem es sich seines Darm- 
inhaltes entledigt oder ihn zurückbehält. In Verbindung mit diesen Ten- 
denzen der Außenweltbeherrschung — aber nicht identisch mit ihnen — 
kehren die Elemente der Zerstörung und Grausamkeit gegen äußere Gegen- 
stände vielleicht verstärkt zurück und wandeln sich später durch einen 
Rückschlag zur Grausamkeit gegen die eigene Person um. Wenn man 
Frieden in der Welt wünscht, möge man seine Wege durch ein Ver- 
ständnis für diese ersten anal-sadistischen Phasen im Leben des Kindes 
breiten. Die verschiedenartigsten Charaktereigenschaften, wie z. B. der Geiz, 
und die besonders starke Hemmung Briefe zu beantworten, wurden auf 
Hemmungen im seelischen Wachstum während der anal-sadistischen Ent- 
wicklungsphase zurückgeführt. 

Wenn es den Anschein erweckt, als hätte ich jenen ersten Quellen des 
Gefühlslebens einen unverhältnismäßig großen Platz eingeräumt, möchte 
ich meine Leser wieder daran erinnern, daß alle jene Quellen nicht bloß 
von entscheidender Wichtigkeit für den künftigen Charakter des Kindes 

— 125 — 



und des Erwachsenen sind, sondern daß sie gleichzeitig die vemachlässigsten, 
schwierigsten und verachtetsten, die übersehenen und vergessenen Elemente 
der Charakterbildung und Gewohnheiten (gleichgültig ob diese als „gut" 
oder „schlecht" bezeichnet werden) darstellen und selbst für die geistigen 
Kenntnisse von großer Tragweite sind, '• • . 

Während die oralen und analen Vorgänge Ansprüche auf volle Be- 
friedigung erheben, verlangen auch die Sexualorgane ihre Anerkennung 
als Zentren der Befriedigung. Zuerst finden sie, wie jene, Lustempfin düngen, 
die sich auf die anderen Körperteile beziehen, ihre Befriedigung in sich 
selbst, aber allmählich, so wie es hei jenen anderen der Fall ist, wird die 
Befriedigung dieser sexuellen Ziele auf ein anderes Objekt, außerhalb des Ich, 
verlegt. Zum Objekt werden jene Menschen, die nach den gefühlsmäßigen 
Begriffen am nächsten stehen ^ — Mutter und Vater. Dieser Liebe bleibt 
zunächst das Geschlecht des Objektes gleichgültig; aber allmählich tritt 
eine Unterscheidung ein und die Liebe konzentriert sich mehr auf den 
Elternteil entgegengesetzten Geschlechtes, während der Eltern- 
teil des eigenen Geschlechtes teilweise zum Rivalen wird, den man gerne 
lieben möchte und teilweise zum Gegenstand der Liebe selbst. Wir fangen 
an zu verstehen, wie kompliziert die Beziehung des Kindes zu Mutter \ind 
Vater ist. Die Neugierde nach dem Ursprung der Kinder, der (von Mädchen 
ebenso, wie vom Knaben gehegte) Wunsch Kinder zu gebären, Phantasien 
die sich um das sexuelle Leben der Eltern bewegen, sind an der Tages- 
ordnung. Die Liehe konzentriert sich auf den Elternteil des gleichen Ge- 
schlechtes und der entgegengesetzte Teil wird zum Rivalen. Vielleicht ist 
es noch nicht ganz klar, warum im sogenannten Normalfall diese Be- 
ziehung mehr oder minder abgekürzt wird, wenn das Sexualleben des 
Kindes zwischen 4^1^ und 5 Jahren weniger im Vordergrund steht, obwohl 
wir recht gut verstehen, was das Vorherrschende dieser Wünsche hei 
anderen Kindern hervorbringt: sie werden sich mit wechselnder Schwierig- 
keit unserem sozialen Leben anpassen. Das sexuelle Leben des Kindes 
(unter 5 Jahren) ist von größter Bedeutung für seine Entwicklung; ein 
großer Teil der Wünsche und Phantasien werden dem Kinde niemals be- 
wußt und seine Reaktionen auf solche Phantasien werden von dem Kind 
selbst ebensowenig verstanden wie von seinen Eltern und Erziehern. 

Tolstoi schildert seine früheste Erinnerung folgendermaßen : „Ich hin 
zusammengebunden ; ich möchte meine Arme freimachen und ich kann es 
nicht tun; ich schreie und weine und mein Geschrei ist mir selbst un- 
angenehm, aber ich kann nicht aufhören. Jemand steht über mich gebückt, 
aber ich werde nicht freigemacht, wie ich es gehofft hatte. Sie glauben 
es sei notwendig, mich zusammengebunden liegen zu lassen, während ich 
weiß, daß es nicht nötig ist und ihnen dies beweisen will; und ich ver- 
gehe in lautem Geschrei, das mir selbst zuwider, aber unaufhaltsam ist. 
Ich fühle die Ungerechtigkeit und Grausamkeit — nicht der Menschen, 
weil sie mich bedauern, aber des Schicksals und habe Mitleid mit mir selbst. 

— 126 — 



Ich weiß nicht und werde es nie erfahren, was es eigentlich war; wickehe 
man mich, als ich ein Säugling war und befreite ich meinen Arm oder 
war es, daß man mich wickelte, als ich schon älter, ein Jahr alt war, 
damit ich meine Flechten nicht kratze; hahe ich viele Eindrücke, wie es 
im Traume geschieht, in diese eine Erinnerung gesammelt: jedenfalls ist 
das eine wahr, daß es mein erster und stärkster Lebenseindruck war. Ich 
will Freiheit, sie stört niemanden und ich, der Kraft braucht, ich bin 
schwach und sie sind stark. 

Die Wickelbänder wurden entfernt, aber es ist noch vieles fortzunehmen 
und vielleicht werden wir nie alle scheinbaren Fesseln entfernen, vielleicht 
mußten die Arme gebunden werden, um Tolstoi daran zu hindern, an 
irgend einer Wunde zu kratzen — aber wenigstens können wir Liebe mit 
Einsicht gepaart auf die Leiden des Kindes einwirken lassen. 

Der Konflikt der Ursprungstriebe wird einerseits durch die harten Forde- 
rungen der Außenwelt unterdrückt, — ■ Forderungen, die sich anzueignen für 
das Kind schwer genug ist und die es oft überhaupt nicht ganz begreift, — 
andererseits durch die sich entwickelnden Moralforderungen des Ich. Ob diese 
Moral ein Teil seiner Erbanlage ist, d, h. ob geistige Eigenschaften ebenso 
wie physische vererbt werden können, ist noch immer eine Streitfrage; ich 
glaube, daß die Vererbbarkeit genügend bewiesen ist. Das bedeutet nichts 
anderes, als daß die Grundidee der Beherrschung der ursprünglichen Triebe 
angeboren ist; die Entwicklung dieser Triebbeherrschung geht als Reaktion 
auf äußere (und innere) Reize vor sich; daher wird sie von den Eltern 
geformt, wenn auch nicht gerade ausgebildet. Das soll nicht als unmittel- 
bare Erziehung oder als Unterricht seitens der Eltern aufgefaßt werden, 
obwohl dies natürlich auch ein Faktor ist. Je gründlicher man das frühe 
Leben des Kindes erforschte, desto früher konnte man das Auftreten der 
beherrschenden Kraft feststellen, und zwar, wie sich ganz unzweifelhaft er- 
gehen hat, schon im 18. Monat. 

Das Kind kommt mit der Fähigkeit zu sprechen auf die Welt, aber die 
Sprache äußert sich während der zweiten sechs Lebensmonatc in einem 
Gestammel, um sich unter dem Einfluß von Eltern und Erziehern zum 
Sprechen zu entwickeln. Der Wunsch des Kindes zu sprechen ist angeboren ; 
die besondere Sprache, die es sprechen wdrd, hängt von der Sprache seiner 
nächsten Umgebung ab, obwohl die Sprache des Kindes nicht unbedingt 
eine genaue Wiedergabe derjenigen seiner Eltern sein wird. In ungefähr 
analoger Weise müssen wir uns den Ursprung und die Entwicklung der 
Triebbeherrschung vorstellen. 

Auf diese Spannung zwischen den Urwünschen und ihrer Unterdrückung 
durch die beherrschenden Kräfte, sind die Konflikte, die Disharmonien zurück- 
zuführen, die im Kind entstehen und bis in das Leben des Erwachsenen 
fortgeschleppt werden. Es gibt viele Kämpfe, deren sich das Kind wie spä- 
ter der Erwachsene bewußt ist, aber die enttäuschendsten, unangenehmsten 
und ganz unlösbaren Disharmonien sind jene, die aus seinen unbewußten 

— 127 - 



Wünschen entstehen und den Widerständen gegen diese Wünsche, die viel- 
leicht teilweise bewußt sind. Diese unbewußten Vorstellungen konzentrieren 
sich ursprünglich auf seine Beziehung zu Vater und Mutter, in denen Liebe 
und Haß, der Wunsch zu töten und zu verletzen, die Angst gekränkt oderi 
verstümmelt zu werden eine führende Rolle spielen. Solche Gedanken kom- 
men dem Kind zum großen Teil niemals völlig zum Bewußtsein; sie äußern < 
sich auf verschiedene, von der allgemeinen Richtung abweichende Arten,, 
in seinem Benehmen, in seinem phantasievollen Spiel, wie auch in der Ver- 
wendung seines Spielzeuges und in der Einstellung zu seinem sozialen Leben. 

Es kann vorkommen, daß das Kind aus einem Schuldgefühl einer un- 
bekannten Missetat wegen (ihm selbst ebenso unbekannt wie seinen Eltern 
und Pflegepersonen) irgend etwas tun wird, wofür es sicher eine Strafe er- 
warten kann; es wird zum Beispiel Geld stehlen. Seine Seele schreit nach 
Bestrafung, aber unglücklicherweise wird weder der Diebstahl noch die Strafe 
(Ermahnung, Entzug von Liebe, Prügel) sein Schuldgefühl beschwichtigen. 

Ebenso stark als die ursprünglichen Triebe, die Rousseaus Anklage 
so anschaulich bestätigen, entwickeln sich frühzeitig jene Kräfte, die die 
Triebe verhindern, sich zu äußern, ohne sie jedoch unwirksam zu machen. 
Nur zu oft sehen wir, daß den Kräften, die wir als höheren Zwang, als 
Gewissen, als Über-Ich, als Wunsch nach Strafe kennen, allzuviel zuge- 
mutet wurde. 

Hier verlassen wir nun das Kind, das zum reifen Alter von ungefabr 
fünf Jahren herangewachsen ist, mit den wesentlichen, bereits festgelegten 
Charaktereigenschaften. Was noch kommt, wird vorwiegend ein Ersatz von 
ähnlichen Eigenschaften sein, eine Entwicklung und Verstärkung der bereits 
vorhandenen. Eine Zeit verhältnismäßiger Ruhe setzt ein, in der das Ge- 
fühlsleben keinen weiteren Fortschritt macht und das Kind sich nur Kennt- 
nisse und Fertigkeiten aneignet. Noch einmal wird es zu einem Ausbruch 
kommen, während der Pubertät, in der die ganzen Kämpfe und Spannungen 
der ersten fünf Jahre wieder durchgelebt werden müssen, 

IllllllllllllllilllllllllilllllUllllillllllllllllllilllllillllli 



Verweigerte Nahrungsaufnahme 

Von Else FucKs, Berlin 

Die erste und wichtigste Aufgabe eines jeden Heilpädagogen, der mit eßunlustig-en 
Kindern zu tun hat, ist, durch genaue Beobachtung des Kindes und seiner Umgebung. 
die Ursache der Eßunlust zu erforschen. 

Auf die Appetitlosigkeit als Begleiterscheinung oder Folge anderer Erkrankungen 
will ich hier nicht eingehen. Akute Magenüberladungen oder fehlerhafte Nahrung^- 
Zusammensetzungen müssen festgestellt und korrigiert, gewohnheitsmäßig zu große 

— 128 — 



Portionen abgestellt werden. Auch auf ZwisclienmaKkeiten, insbesondere auf Leckereien 
ist zu achten. In der Familie wird häufig von jeder Mahlzeit viel Aufhebens gemacht. 
Es vvird gelobt, getadelt; viele höchst überflüssige Worte fallen: Das Kind merkt 
dann rasch, daß es diirch seine Einstellung zum Essen seine Umgebimg tyrannisieren 
kann und zieht daraus seine Konsequenzen. Folglich: Niemals aus den Mahlzeiten 
einen besonderen Akt machen, vielmehr Gleichgültigkeit zeigen. Sehr häufig haben 
die Kinder allzu zärtlicher Mütter an chronischer Überfütterung zu leiden. Hier wird 
weniger das Kind als vielmehr die Mutter in taktvoller Weise durch den Heil- 
pädagogen zu beeinflussen sein. Mitunter muß anfänglich die Mutter oder die bisherige 
Pflegerin sich während der Mahlzeiten entfernen, da das Kind, sobald es sie mit der 
Nahrung kommen sieht, heftig abwehrt. 

Hier empfehlen sich bei jneiner Beschäftigung mit eßunlustigen Kindern oft erjirobte 
Kunstgriffe: Änderung i) des bisherigen Platzes; ist das Kind gewöhnt, auf dem Schoß 
der Mutter gefüttert zu werden, so setae ich es auf einen Stuhl: 2) der Stellung des 
Kindes beim Füttern; hat es sonst im Schaukelstuhl, halb liegend, im Kinderzimmer, 
gegessen, so lasse ich es vielleicht im Wohnzimmer stehend oder herumgehend essen; 
g) der Form der Eßgeräte; statt Löffel eine Gabel, statt Teller eine Tasse u. dgh 
mehr. In einem von mir beobachteten Falle war die ganze Eßschwierigkeit nichts 
weiter als eine Idiosynkrasie gegen den Löffel. Die Mutter hatte dem einjälirigen 
Kinde Lebertran, und dann mit dem gleichen Löffel die Nalinmg verabreicht. Das 
Kind nahm die Mahlzeit von einem Briefaufschlitzer, dann von einer Gabel, erst 
nach Wochen aß es vom Löffel. Jedes Kind hat seine Eigentümliclikeiten, auf die 
wir einzugehen haben, ohne uns an ein Schema zu halten. 

Fehlerhaft und schwer schädigend wirkt jegliche Gewalt wie Anschreien, Schlagen, 
Nasezulialten u. dgl. Eine Roheit ist — sie kommt vor — das Eintrichtern des Aus- 
gespieenen von der Serviette in den Mund zurück, auch der Versuch, die Kinder 
während des Schreiens zu füttern. Es gelingt zwar hier, selbst bei den schluckfaulsten 
Kindern, einen Teller Brei in sie hineinzubef ordern, aber nachfolgendes Erbrechen, 
vermehrter Ekel und, was das Schlimmste ist, schwere seelische Schädigungen der heftig 
erregten Kinder sind die traurigen Folgen. Auch hat das Kind einen gewissen Instinkt 
für Strafen, spürt genau die Inkonsequenz der Mutter, die heute straft, weil sie gerade 
gereizter Stimmung ist, ein anderes Mal zu derselben vermeintlichen Unart nichts 
sagt. Ich habe fem er beobachtet, daß schon ganz junge Kinder, bei denen ich wußte, 
daß niemand im Hause jemals anläßlich einer Verunreinigung am Kleide, oder im 
Bettchen einen Vorwurf gemacht hat, die Bettdecke sorgsam zusammenfalten, um 
den Schmutzfleck zu verbergen. Man möchte hier an einen vererbten Instinkt glauben. 

Nichtesser durch Anschreien oder Prügel zu strafen, gehört meiner Meinung nach 
au den Verbrechen des Erziehers in der Erziehung. Die hier schon vorhandene nervöse 
Veranlagung wird dadurch nur um so schneller zur ausgebildeten Neurose entwickelt. 

Die Unruhe einer nervösen Mutter überträgt sich regelmäßig auf das Kind, 
Wenn es in solchen Fällen nicht gelingt, den Seelenzustand der Mutter, resp. der 
Pflegerin günstig zu beeinflussen, oder sie während des Füttenis zur Selbstbeherr- 
schung zu bringen, dann bleibt oft nichts anderes übrig als ein Milieuwechsel. 

Die vornehmste Aufgabe jedes Heilpädagogen, der eßschwierige Kinder zu be- 
handeln hat, ist immer, während der Mahlzeiten — gleichgültig wie das Kind sich 
verhält — unerschütterliche Ruhe zu bewahren. Eine schwere Aufgabe! Ein Erzieher 
aber, dem dieses nicht gelingt, wird jeden Versuch, hier zu helfen, aufgeben müssen. 
Halten wir uns an das Sprichwort: Fortiter in re, suaviter in. modo, 

— 129 — 



Ehe ich zu Beispielen Übergehe, muß ich noch erwähnen, daß viele Eltern meiner 
kleinen Eßpatienten sich einbilden, daß der Eß-Pädagoge mit einer Zauberhand, so 
ntiit Hokuspokus den Löffel zur Hand nehme und — das Kind esse schon, 

So leicht geht es nun doch nicht. Es geschieht höchst selten, ja fast nie, daß ich 
m den ersten acht Tagen selbst füttere. Erst das Vertrauen gewinnen, dann langsam 
und xart übergehen zur unlustbetonten Nahrungsaufnahme. Den Kindern, die schon 
etwas Verstand haben, sage ich genau, weshalb wir zusammenkommen, und daß wir 
gemeinsam suchen wollen, woran es liegt, woher es kommt, daß sie nicht essen 
können, daß sie erbrechen müssen usw. Daß die Eltern den Zweck meines Kommens 
nach außen hin und vor dem Kinde verheimlichen wollen, kommt häufig vor; im 
.letzteren Falle wollen sie etwas ganz anderes totschweigen. Ich lasse mich nie auf 
ein solches Geheimnis ein. 

Eine sonst Erfolg versprechende Behandlung eßunlustiger Kinder scheitert oft am 

unbewtißten oder sogar bewußten Widerstand der Eltern oder Pflegeperson, weil 

wie bereits angedeutet wurde — oft das als lästig empfundene Kind unbewnßter- 
weise totgewünscht wird. Ein solcher Fall sei angedeutet. 

Man ruft mich in eine Familie, in welcher seit längerer Zeit wegen der Appetit- 
losigkeit des Kindes „gedoktert" wird. Zur Besprechung bat ich, das eindreiviertel 
Jabre alte Kind zu entfernen, was mit unverkennbar ironischem Lächeln geschah. 
Über eine Stunde sprachen die Eltern mit mir, sie wollten mich dreimal täglich 
kommen lassen. Ich kielt den einmaligen täglichen Besiich für ausreichend. Auf" 
meine Frage: „Haben Sie noch andere Kinder?" erwiderten sie entsetzt; „Nein, na, 
mehr von der Sorte könnten wir nicht gebrauchen!" Ein elendes, traurig aussehendes 
Mädelchen mit tiefen Schatten unter den Augen. Sie füttern es mit Gewalt, mit Nase- 
zuhalten, Prügeln und Festlialten. Zum Schluß, da die Leute nicht fragten, sagte ich: 
„Wir müssen auch über das Pekuniäre sprechen, ich nehme . soundsoviel für den 
Besuch." (Villa, Atito.) Schweigen — und jeder wollte dem andern die Entscheidung- 
überlassen. Da verlor ich innerlich die Geduld und sagte, sie überlegten es sich 
wahrscheinlich lieber allein imd mögen mich um 4 Uhr telephonisch verständigen. 
Das geschah, aber sie wollten noch mit ihrem Hausarzt sprechen. Der Hausarzt er- 
klärte alles für Unsinn und die Behandlung kam nicht zustande. 
Fälle: 

Karl: j Jahre. Völlig eßunlustig. Sieht blaß aus. Ernährungszustand nicht 
schlecht. Bei mir spielt er, ißt auch ein wenig. Gar kein HungergefiOil. Als er ein- 
mal die Toilette aufsuchte, bitte ich ihn, die Tür ruhig offen zu lassen. „Dann 
schaust du hinein." — „Ich verspreche dir, daß ich das nicht tue, und damit du 
inir glaubst, werde ich mich mit dem Rücken zur Tür stellen. So kannst du mich 
ja genaii kontrollieren." Es geschieht. Ich ziehe behutsam einen kleinen Taschen- 
spiegel aus der Tasche und sehe im Spiegelbild, daß Karl von seinem 
Kot ißt. Ich habe ihn leider übertölpeln und betrügen müssen, aber ich wußte 
mir keinen anderen Rat. Ein paar Tage später bringe ich das Thema darauf, ob er 
vielleicht manchmal etwas ißt, was satt macht, aber was man nicht als übliche 
Speise ißt. „Was meinst du denn?" fragt er mich. „Nun. es gibt doch viele Kinder^ 
die essen Dinge, von denen sie niemandem erzählen." — „Ißt du auch manchmal 
Dinge, die du keinem erzählst?" — „Nein, ich esse nichts dergleichen, es schmeckt 
mir so etwas nicht m e h r." — „Hast du früher, als du klein warst, so etwas ge- 
gessen?" ~ „Wahrscheinlich, aber nur, als ich khtzeklein war, als ich größer wurde, 
hatte ich schon einen besseren Geschmack." Pause. Karl baut wütend an einem Turm 

— 130 — 



herum, reißt ihn ein, haut hoher, haut ihn nieder, spuckt drauf, schmeißt sich auf 
den Bauch, Leiser Tonfall, „Meinst du Aa (Kot)?*' — „Ja." — „PipJ (Urin) sieht 
aus wie Zitronensaft." — »J^-" — „Und Babyaa (Säuglings stuhl) wie Kührei. Walter- 
chen macht Rührei." (Kleiner Bruder. Brustkind.) „Ja." — „Hast du auch Popel 
(Nasensekret) gegessen?" — „Ja." — „Wie hat es dir geschmeckt?" — „Sehr gut." 
^ „Aber mir nicht." — „So." 

Wir spielen weiter. Nach ein paEir Tagen mache ich dem Jimgen den Vorschlag, 
ob er nicht als Hauptmahlzeit das „richtige" Essen mitessen wolle, und als Nachtisch 
dann sein „Aa". Längeres Überlegen. — „O ja." — Und so hatte ich ihn so weit, 
daß er hungrig zu Tisch kam und aß und erst nachher der Koprophagie huldigte. 
Auf den Rat eines Analytikers wendete ich imsere Gespräche auf Geburt und Zeugung. 
Karl war im Unbewußten längst gut orientiert. Viele Wochen später fragte ich ihn 
mal, ob er eigentlich noch sein „Aa" esse, „Jawohl." Jetzt erzählt er mir noch 
manchmal davon, aber ich weiß, daß es reine Protzerei ist. Das anämische Aussehen 
ist geschwunden. ,., 

Herbert: 8 Jahre. Die Umgebung behauptet, Herbert esse nicht. Das erste Mal 
empfängt er mich mit dem Gruß ; „Dowes Schwein, ich fresse doch nicht." — „Aber 
du brauchst doch nicht zu fressen." — »Ich ärgere Sie grün." — „Warum?" — - „An 
mir sollen Sie kein Geld verdienen. Sie sind unverschämt teuer, sagt mein Vater." 
Hier ließ ich sofort in der ersten Stunde etwas Essen hereinbringen. „Jetzt esse ich 
wie ein Schwein." ^ „Aber bitte sehr, Hauptsache, du hast Spaß daran." — „Ich 
nehme mir den Teller unter den Tisch und pinkele (uriniere) hinein." — Ich reichte 
ihm höflich den Teller hinunter. „Bitte schon", sagte ich. — „Sie sind ja komisch, 
dowe Nuß, Alle Erwachsenen sind dof." — „Hast schon recht." — „Sie, wenn ich 
jetzt mit der hohlen Hand esse, was sagen Sie dann?" — „Es ist mir doch ganz 
gleichgültig, ob und wie du ißt," So ging es tagelang. Herbert erprobte micli auf 
jegliche Weise und erfand eine großartige Skala der Abwehrreaktionen, bis er eines Tages 
wütend auf mich losfuhr: „Ja, womit kann ich Sie denn nvin bloß ärgern?" Er heulte 
vor Zorn. Von da ab aß er ganz gut. Die Behandhing wairde kurze Zeit darauf ab- 
gebrochen, da Miisikstunden (!) einsetzten. Ich empfahl für den Buben eine Analyse. 

* 

Nelly: ii'^ Jahre. Grenzenlos verwöhiit. All die Leckerhissen sind ihr zuwider: 
sie bricht, wenn sie bloß schon die Aufmachung sieht. Ich ernähre das Kind fünf 
Tage lang mit Malzbier, Brot, Kartofleln, Schmalz, Schabefleisch, Gurke, Zwiebel, 
Hering — lauter Proletariermenüs, die dort nie ins Haus, geschweige ins Kinder- 
zimmer kamen. Großer Gewichtssturz. 

Das Kind war so stark im Widerstand zu den Eltern (oral betont), daß es außer 
Stande war, irgend etwas von ihnen anzunehmen. So konnte es mir, der Frem- 
den, die aus ganz anderem Milieu kam und nichts mit Vater und Mutter zu tun 
hatte, gelingen, das Kind zum Essen zu bringen. Gewichtszunahme, Ganz allmäiilich 
kommen wir an gemischte, normale Kost heran, 

* 

Irene: 5 Jahre alt. Einziges Kind. Schluckt nichts Festes, Der Arzt mußte zur 
Sondenfütterung greifen, da das Kind in ganz kurzer Zeit 15 Pfund abgenommen 
hatte. Eine monatelange Analyse kam nicht in Betracht, so lange Zeit durfte nicht 
mehr gewartet werden. Das Kind war sehr geschwächt. Ich besuchte es zuerst im 

— 131 — 



Elternhaus. Äui3ere Widerstände zwangen mich zum Milieuwechsel, So kam ein Kind, 
das in einem eleganten Villenhaushalt aufwuchs, zu einfachen Leuten — und aß! 
Ich ging wegen der Schwere des Falles anfangs drei- bis viermal am Tage dorthin, 
später dreimal wöchentlich. Gewichtszunahme von ii Pfmid. Nach 14 Wochen gingen 
wir — zum ersten Male zu den Eltern zum Tee. Ich hatte die Freude, daß das 
Kind von der Kuchenplatte einen Gußzwieback ergriff und losknabberte. Nach wenigen 
Tagen Übersiedlung ins Elternhaus, Bis jetzt kein Rückfall. Das Kind ist jetzt in 
Analyse. . ■ •• •' 

Oskar; 1 Jahr. Läuft schon und sieht blühend aus. Die Mama verzieht ihn in 
strafbarer Art. Der Appetit und die natürliche Essensfreude gingen verloren. Prügel- 
szenen Wutanfälle des Kindes, die krampfartigen Charakter annehmen. Ich lasse uns 
zusammen unser Mittagbrot servieren. Er mustert mich. Ich tue ihm zwei Löffel 
voll Nahrung auf den Teller. „Nein, nein!" Hopp, runter vom Stuhl. Ich helfe ihm 
dabei und gebe ihm sein Lieblingsspielzeug, eine Musikpuppe. Sehr erstauntes Be- 
obachten aus großen Augen. Ich esse weiter bis zu Ende, dann setze ich mich zu 
■dem Kinde auf die Erde und spiele. So ging es mehrere Mittagbrote, bis es dem 
Jungen zu langweilig wurde, er Hunger bekam und „feste mitfnlterte." 

Es ist möglich, daß hier die Wandlung zur Besserung auf dem Umwege der 
Identifikati on geschah. 



Anneliese: 10 Monate. Lehnt jede Nahrung wütend ab, ganz besonders Gemüse, 
Vor jeder Mahlzeit lasse ich an einer Sardelle oder an einer Scheibe Gurke lecken, 
gebe statt Milch Malzkaffee, statt Brei Brot mit Wurst, wickle das Gemüse in Salat, 
begieße dies mit Tomatensaft. Lasse jeden Zucker fort und gebe viel Butter. Guter 
Erfolg. Allmälilich kann ich die Komödie des Drum und Dran fallen lassen. Anne- 
liese ißt leidlich — nur keinen Spinat. 



Gerda: 15 Monate. Schluckt nicht. Wiegt 12 Pfund. Die Mutter sagt: „Es hat 
sich schon an der Mutterbrust geekelt." — Ob sich die Mutter nicht geekelt hat?! 
— Das Kind erkennt mich nach wiederholtem Kommen, ißt beim 5. Besuch zwei 
Löffel. Dann rasch mehr. Nimmt zu. Das atrophische, greisenhafte Aussehen verliert 
sich. Jetzt war es nur mit allergrößter Schwierigkeit und mühevoller Güte zu er- 
erinöglichen, daß das Baby, ohne rückfällig zu werden, von jemand Anderem als Uiir 
die Nahrung nahm. Es gelang. Jetzt „soll" es essen. Ich weiß aber nichts sicheres 

über den weiteren Verlauf. 

* 

Fritz: 7 Jahre. Kommt wegen „nervösen Erbrechens" zu mir. Klar zu ersehen: 
Identifikation mit der schwangeren Mutter, er reagiert am frühen Morgen auf leeren 
Magen mit Erbrechen, zeitweilig aufgetriebener Leib. Da Fritz körperlich durch sein 
tägliches Erbrechen sehr elend geworden war, zerstörte mir der Vater mutwillig die 
Kur durch Konsultation eines Arztes, der eine Liege- und Päppelkur verordnete. 
Wegen meiner völlig anderen Ansicht gab ich meine Besuche auf. Nach fünf Wochen 
brachte man mir das Kind noch elender wieder, und ich brauchte die doppelte Zeit 
wie üblich, um ihn gesund zu machen. Nach elf Wochen täglicher Visite bleibt das 
Erbrechen dauernd fort. Gewichtszunahme. Der Leib wird während der Behandlung- 

— 132 — 



normal. Hier half, daß Fritz all seine Wut und seinen Jammer ob des neu zu er- 
wartenden Zuwachses ausbrüllen, ausspielen und allmählich aussprechen konnte. 

Martha H.: 27 Jahre. Völlige Appetitlosigkeit. Deprimiert. Arsenkuren, Salz- 
säure verfehlen ihre Wirkung. Man schickt Fräulein M. H. zu mir. Im Laufe der 
Zeit erfahre ich, daß sie sich schüttelt vor Ekel bei dem Gedanken rote Grütze, 
Gelatinespeisen, Flammerie, Vanilletunke, Gelees — kurz alles „Glibbrjge" — zu 
essen. Sie war, als sie zu mir kam, so weit, in jeder Speise ,,Glibbriges" zu finden. 
Mit Abscheu erzählt sie mir, unter starkem Brechreiz, daß sie gestern Abend in 
einer kleinen Gesellschaft eine — „sämige" — Sauce auf dem Braten bekam. Sie hätte 
sofort hinaus müssen und erbrechen. „Warum sagen Sie ,sämige' Sauce?'' — „Na, 
ich meine dicTie Sauce." — Aber ich beharrte auf „sämig". Wir kamen auf säen, 
Samen und — ich wartete geduldig ab. Sieben Visiten später erzälilte Fräulein H., 
wie sie als kleines Kind in der Nordsee auf eine Qualle getreten sei, Sie hatte sich 
wahnsinnig entsetzt, wollte schreien, die Mutter beruhigte und entfernte die Qualle 
von der Fußsohle und setzte für Nichtschreien eine Belohnung aus. Neun Visiten 
später erzälJt Fräulein H., daß sie schon als Kind Gelees und Flammeries nicht 
essen konnte. „War das schon vor Ihrer Nordseereise?" Schweigen. „Vielleicht, das 
weiß ich nicht mehr." 

Wieder tränenreiches Gespräch. „Kein Mann mag mich leiden." Ein Thema, das 
von sechs Wochenstunden bestimmt vier Stunden ausfüllte. Und nun redete ich, imd 
erklärte ihr den Zusammenhang von Mann — Samenergiiß — „sämig" — Qualle — 
Gelatine. 

Es war ein gewalttätiges, grobes Verfahren, aber ich hatte nicht Zeit, Fräulein H^ 
noch länger rapide abnehmen zu lassen. Der Zeitpunkt war richtig gewählt, Fräu- 
lein H. begriff, hatte die Einsicht erlangt. Aß von diesem Tage ab alles ohne Wider- 
willen, sogar auch „Bananen", die sie nicht riechen und sehen koiuite. 

Zum Schlüsse fasse ich in aller Kürze zusammen, was mir als unbewußte psychische 
Verursachungen zu EßstÖrungen bekannt ivurde, ohne damit die verwickelten Kausal- 
zusammenhänge mehr als anzudeuten, 

1) Die Nahrungsaufnahme bedeutet im Unbewußten eine orale Zeugung, deshalb 
libidinöse Überhetonung des Eßaktes, die nachfolgende Verdrängung und die Eß- 
störung. 

2) Der Kot bedeutet im Unbewußten das eigene Kind und wird gewöhnlicher 
Nahrung vorgezogen. 

3) Aggressionen gegen die Eltern (besonders gegen den gleichgeschlechtlichen 
Eltemteil) losen den Wimsch aus, sie zu fressen. Dieser Wunsch wird verdrängt. Das 
Essen wird durch Verquickung des gehaßten Eltemteiles mit bestimmten Speisen, 
oder mit der Nahrung überhaupt tabuiert und das Kind reagiert mit Eßunlust. 

* 
Es ^bt Kinder, auch Erwachsene, bei denen die Eßstörung das einzige Krank- 
heitssymptom ist. so daß ihre Behebung als alleiniges Ziel der Behandlung zu gelten 
hat. Wo eine schwerere Eßstörung Teilerscheinmig einer bestehenden Neurose ist, 
wird man wegen der aktuellen Gefahr sofort mit der Behandlung dieses Sj-mptoms 
beginnen und später analysieren. 



I 

— 133 — 



Ein Fall von Schattenangst und Fragezwang 

(bei einem dreijährigen Knaben) 
Von Ada Müller-Braunsdiweig, Berlin 

Ich mächte vorausschicken, daß es sich in der vorhegenden Arbeit nicht um 
eine therapeutische Analyse handelt, sondern um Material aus Aufzeichnungen, 
aus einem Tagebuch und um dessen analytische Deutung, Das Kind, von dem 
ich spreche ist lebhaft, zugänglich, und zwar als sensibel, aber nicht als besonders 
neurotisch anzusehen. Die Symptome einer leichten Neurose, die das Kind pro- 
duziert würden in einem anderen Milieu wohl gar nicht als solche auffallen, 
nur als Unarten oder Launen angesehen und entsprechend behandelt werden. 
Sicher ist aber, daß die Probleme und Schwierigkeiten, mit denen das Kind zu 
tun hat, in jeder Kinderentwicklung eine Rolle spielen. 

Als das Kind etwas über 2 Jahre j Monate alt war, begann eine Phobie. Und 
zwar handelt es sich um eine im Beginn noch ganz geringe, dann aber stärker 
werdende Angst vor Schatten, Der Angst war im Alter von 1 Vi Jahren ein 
auffallender Fragetrieb vorangegangen. Dieser war insoferne auffallend, als der 
sonst intelligente Junge bis dahin nichts gesprochen hatte, sondern seine Umgebung 
mit ausdrucksvollen Geberden, Nicken, Kopfschütteln und Quietschen regierte. 
Er verstand vor dem ersten Jahre alles, was man zu ihm sagte, sprach aber selbst 
nichts. Als er i^'^ Jahre idt war, wurde seine Schwester geboren. Ich wiU zu- 
nächst etwas von seiner Reaktion auf diese Schwester erzählen. Während der 
letzten Monate der Schwangerschaft der Mutter wurde der bis dahin leicht zu 
erziehende Junge außerordentlich schwierig, und zwar vor allem der 
Mutter gegenüber. Er quälte sie beständig, wollte sich nur von ihr besorgen 
lassen, immer von ihr auf den Arm genommen werden, er weinte viel usw. 
Anderen Personen gegenüber war er ruhiger. Während der letzten Zeit der 
Schwangerschaft der Mutter wurde beobachtet, daß das — noch nicht iV^ Jahre 
alte — Kind häufig mit auffällig vorgestrecktem Bauch ging, offensichtlich in 
Identifizierung mit der Mutter. Einmal legte der Junge, als er auf dem Schoß 
der Mutter saß und das Ungeborene eine besonders heftige Bewegung machte, 
plötzlich das Ohr auf deren Leib, horchte gespannt und wurde sehr nachdenklich. 
Auf das Dasein des Schwesterchens, das in einer Klinik geboren wurde, und das 
er erst sah, als es 14 Tage alt war, reagierte er zunächst gar nicht. Man glaubte 
schon fast, ohne Schwierigkeiten über diese erste Zeit hinwegzukommen. Der 
Junge war gleichmäßig im Wesen und schien die kleine Schwester gar nicht zu 
beachten. Aber einige Wochen später zeigte er dasselbe Benehmen wie kurz vor 
der Geburt der Schwester, indem er die Mutter beständig quälte, viel schrie 
und weinte und das besonders dann, wenn die kleine Schwester genährt oder 
besorgt wurde. So verlangte er immer, wenn die Mutter die Schwester nährte, 
eigensinnig Dinge, die er nicht bekommen konnte, oder er wollte ein Spielzeug, 
das er ebensogut sich selbst nehmen konnte, unbedingt nur von der Mutter 
gereicht haben und war unglücklich, wenn sie es ihm nicht selbst gab. Später 
versuchte er dann auch, die Schwester zu quälen, indem er ihr z. B. einmal das 
Gesicht voll Puder streute oder sie an den Haaren riß oder ein anderes Mal 
mit einem harten Zwieback heftig über den Kopf kratzte. 

- 134 - 



Wenn manche Eltern behaupten, ihr Kind habe auf die Geburt des Geschwister- 
chens nicht feindselig reagiert, so mag das daher kommen, daß die Reaktion in 
vielen Fällen wie im vorliegenden nicht sogleich eintritt, sondern erst einige Zeit 
später und dann auch oft in einer nicht immer verständlichen Form. 

Erst im Laufe der nächsten Monate besserte sich das Verhältnis des Jun^^en 
zu seiner Mutter und damit auch zur Schwester. Er begann, besonders seitdem 
die Kleine anfing, für seine Begriffe menschlicher zu werden, ihr ein gesteigertes 
Interesse zuxu wenden, besonders liebte er es, zuzusehen, wenn die Kleine gebadet 
wurde. Damals — also etwa 1V2 Jahre alt — begann er zu sprechen und zwar 
-war sein erstes Sprechen ein Fragen: „Dattnda?" (soll heißen; „was ist denn das?'') 
Er fragte unaufhörlich den ganzen Tag, indem er auf Gegenstände im Zimmer 
zeigte und ungeduldig eine Antwort verlangte. Er wußte genau, was das war, 
wonach er fragte, denn gab man ihm einmal eine falsche Antwort, dann fragte 
er so lange in weinerlichem Ton, bis er die richtige Antwort bekam. So fragte 
er nach der Ideinen Schwester, auf Nase, Mund, Augen, Beine usw. zeigend. 
Niemals aber hat er sich nach dem Genitale der Schwester erkundigt, obwohl 
er damals seinem eigenen bereits starkes Interesse zuwandte. Dieses hartnäckige 
Fragen machte oftmals den Eindruck des Zwangsmäßigen. Im Laufe der Zeit 
gab sich die Fragelust ein wenig, das Sprechen machte aber nur selir langsame 
Fortschritte, — er verfügte bis zum Alter von zwei Jahren und drei Monaten 
nur über 15 — 20 Worte, — bis der Junge dann plötzlich zu sprechen begann 
und in kurzer Zeit sich ausgiebig und in regelrechten Sätzen verständlich machen 
konnte. Gleichzeitig ebbte die Fragelust fast völlig ab. 

Er war 2 Jahre 7 Monate alt, als die Angst vor dem Schatten begann. Zuerst 
ganz harmlos damit, daß der Junge ein Tuch nahm und im Kinderzimmer den 
Schatten von der Wand wischen wollte. Auf die Frage, was er denn da wolle 
erklärte er in weinerlichem Ton: „Der Ssatten muß da weg!" In der folgen- 
den Nacht w^achte er laut schreiend auf und ließ sich nur schwer wieder be- 
ruhigen. Darüber befragt, warum er so geweint habe, sagte er, an der Wand 
sei ein Schatten gewesen, und den wollte er nicht sehen. Nach langer Zeit erst 
war er wieder zu bewegen, ins Bett zu gehen und zu schlafen. Es kam von da 
an gelegentlich vor, daß das Kind nachts mit Angst aufwachte und vom Schatten 
sprach. Häufiger allerdings schHef es durch. Es schien nicht, als ob das Kind 
ständig in einer ausgesprochenen Angst vor Schatten lebte, eher könnte man 
sagen, sie waren ihm unangenehm oder peinlich. 

Kurz vorher hatte das Kind begonnen, ein sich steigerndes Interesse für die 
Geschlechtsunterschiede zu zeigen, Es verlangte danach, mit ins Badezimmer 
zu kommen, wenn der Vater oder die Mutter badeten. Aus der Überlegung 
heraus, daß man es nicht vorzeitig mit Verboten einschüchtern wollte, hatten 
die Eltern dem Kind zunächst nicht gewehrt, wenn es versuchte, mit ins Bade- 
zimmer zu kommen. Das heißt, sie hielten es vorläufig nicht für richtig, 
früher als etwa im 3. Jahr dem Kind in dieser Beziehung ein Verbot zu geben. 
Bereits mit 1 Jahr 10 Monaten drängte sich Heini mit ins Badezimmer, als die 
Eltern zum Baden hineingingen, sah sie nackt und sag;te, auf das Genitale des 
Vaters deutend: „Dattnda?" — „Das ist das Zipfelchen", wurde ihm geantwortet. 
Darauf stellte er zunächst fest, daß er selbst auch ein Zipfelchen besitzt und 
wandte sich dann zur Mutter, sah sie aufmerksam an, zeigte auf ihr Genitale 
und schüttelte den Kopf. Als er später wieder — 2Va Jahre alt — in das Bade- 

— 135 — 



Zimmer kam, sah er den nackten Vater genauer an und sagte zufrieden : „Vater 
hat ein Zipfelchen'-, schaute dann zur Mutter herüber, sah sofort wieder -w^ 
und sagte weinerlich : „Mutter nis". Noch einmal zurückblickend, sa^e er: „baba!"- 
und wandte sich ab. Nach diesem Vorkommnis hielten es die Eltern für besser, 
seine Besuche im Badezimmer möglichst einzuschränken, was wahrscheinlich, 
schon früher hätte geschehen sollen. . , i • ■ 

Einen Monat vor Eintritt der Angst ereignete sich der Tod seiner von ihm sehr ge- 
liebten Großmutter, von dessen direktem Eindruck man ihn natürlich fernhielt^ 
den er aber, da sie in derselben Wohnung starb, doch miterlebte, und der augen- 
scheinlich auf ihn einen starken Eindruck machte. Seine Reaktion auf dieses 
Erlebnis scheint mir mit der Schattenangst deutlich in Verbindung zu stehen. 
"Während der Junge sonst gern und viel bei der Großmutter war, ging er zwei 
Tage vor ilirem Tode nicht mehr in das Zimmer, trotzdem man.es ihm nicht 
verweigert hätte, fragte auch nicht mit einem Wort nach üir, selbst nicht nach 
ihrem Tode. Er vsrar aber in den letzten Tagen sehr aufgeregt, schrie in der 
Nacht viel und ließ sich nur schwer beruhigen. Am Todestage selbst war das 
sonst lebhafte Kind ganz still, saß, was früher nie vorgekommen -war, stunden- 
lang in einer Ecke des Kinderzimmers und sang leise vor sich hin. In den 
nächsten Tagen w^ar er völlig gleichmäßig im Wesen, nur am Tage des außer- 
halb stattfindenden Begräbnisses war das Kind, obwohl die Eltern schon meh- 
rere Tage von Berlin abwesend waren, plötzlich wieder genau so erregt und 
unglücklich w^ie vor dem Tode der Großmutter. — Zwei Monate nach diesem 
Erlebnis — also 2 Jahre 8 Monate alt — verstärkte sich die oben beschriebene Ab- 
neigung vor Schatten zu einer ausgesprochenen Angst davor. Es begann 
damit, daß sich der Junge eines Abends nicht zu Bett legen wollte, immer 
wieder zu weinen begann und rief: „Da Ssatten, nich zu Bett, Heini will raus!" 
Angesichts der großen Aufregung des Jungen blieb nichts weiter übrig, als ihn 
aus dem Kinderzimmer herauszunehmen. Er hatte nun aber in keinem Zimmer 
Ruhe, überall waren „Ssatten". Das erste Zimmer, in das man ihn brachte, war 
das, in dem die Großmutter gestorben war, und das seitdem täglich auch von 
dem Jungen neben dem Kinderzimmer als Wohnraum benutzt worden 'war. 
Jetzt aber wollte er hier nicht bleiben und w^einte vor Angst, w^eil auf dem 
Sofa „Unnas (d. h. der Großmutter) Ssatten war". Schließlich beruhigte er 
sich und es entspann sich folgendes Gespräch zwischen der Mutter und ihm. 
M: „Warum hast du den Schatten nicht gern?" H: „Ssatten is beese mit Heini." 
M: „Aber es ist doch ein lieber Schatten." H: „Is ein lieber Ssatten, Heini 
will ihn anfassen!" M: „Ja, faß ihn nur an." H (in großer Angst) : „Nein, nich 
anfassen, nich anfassen!" Kurze Zeit darauf: „Heini möchte gern das Zipfelchen 
anfassen." M: „Ja, das darfst du auch," H: „Aufmachen!" (Er wollte, die Mutter 
sollte ihm das Nachthöscben aufknöpfen.) Das geschah, darauf H. in großer 
Angst: „Nein, nich anfassen das Zipfelchen, schnell zumachen!" 

Er ließ sich erst wieder beruhigen, als der Vater nach Hause kam und ihm 
versprach, er würde die Schatten alle fangen und in die Tasche stecken. Das 
„Fangen der Schatten" genügte für die nächsten drei Tage, dann aber wirkte 
es nicht mehr. Die Eltern mußten etwas anderes erfinden. Am Tage war die 
Stimmung ziemlich gleichmäßig, nur dann und wann kam die Angst zum Vor- 
schein. In dieser Zeit trat bei folgender Gelegenheit Angst auf: Er saß im 
Kinderzimmer, sah zu seinem großen Teddy hinüber und rief angstvoll Immer 

— 136 — 



wieder: „Fanz, Fanzt" Allem Anschein nach hatte er Angst vor dem Schwanz, 
des großen Bären. Er untersuchte seine kleinen Teddy hären und stellte befrie^ 
digt fest, daß diese im Gegensatz zu dem großen keinen „Fanz" hätten. Einige 
Tage später beobachtete die Mutter, daß er den großen Bären auf die Seite 
legte, ihn aufmerksam besah und plötzlich weinte: „Fanz, Fanz!" Er hatte dem 
Bären den Schwanz abgerissen und war siciiüich erschreckt darüber. Teddy- 
bären ohne Schwanz nannte er seitdem „liebe" Teddy und blieb vor jedem 
Spielw^arengeschäft stehen, um festzustellen, ob die ausgestellten Bären Schwänze 
hätten oder nicht. 

Der Schattenangst sind die Eltern einige Tage dadurch begegnet, daß der 
Schatten „zu Bett gelegt wurde", was den Jungen beruhigte. Eine Analyse, die 
sich auf sprachliche Mitteilungen hätte stützen können, war nicht möglich, weil 
Heini zwar sprach, aber nur über einen sehr geringen Wortschatz verfügte 
und daher nicht genug erzählen konnte, um sich klar mitzuteilen und im 
übrigen auf Fragen negativ reagierte. Fragen nach dem „Warum" verstand er 
kaum. Man mußte sich darauf beschränken, gelegentlich im geeigneten Augen- 
blick eine vorsichtige Deutung zu geben und verhielt sich im übrigen abwartend. 

Er unterschied jetzt einen „lieben" und einen „bösen" Schatten, je nachdem 

. er selbst ruhig oder ängstlich eingestellt war. Die Angst wurde für eine Zeit 

lang besser, um dann nach vierzehn Tagen erneut hervorzukommen. Dazwischen 

lagen einige Erlebnisse des Jungen, die deutlich seine Kastrationsangst zeigen: 

i) Er sieht ein Bild seines Vaters an und sagt: „Vater hat keine Hände." 
Er wird darauf aufmerksam gemacht^ daß der Vater auf dem Bild sogar sehr 
deutlich Hände hat. H. besteht jedoch darauf, daß der Vater keine Hände 
habe. Darauf sagt der Vater: „Ach, du meinst, der Vater hat kein Zipfel- 
chen!" Darauf lacht H, und stößt plötzlich heftig gegen des Vaters Schoß 
und sagt: „Da, Zipfelchen, anfassen." 

2) Alles, was wie ein Loch aussieht oder überhaupt jedes Loch ist „böse". 
Er wollte einige Tage nicht baden, weil, wie er sagte, das Austtußloch „beese 
zu Heini guckte". 

3) Er kommt zur Mutter, zeigt ihr einen Bleistift, dessen Spitze abgebrochen 
ist und sagt: „Die Pitze is zebochen, das is ein beeser Ssatten.'' 

4) Beim Frühstück aß Heini ein Brötchen. Plötzlich sah er ängstlich zum Vatör 
herüber und sagte: „Vater nich wegnehmen das Brot." Man beruhigte ihn und 
sagte, daß der Vater ihm doch nie etwas fortnähme, fragte aher doch: „Hat 
denn der Vater dir schon mal was weggenommen?" Darauf sagte H.: „Vater 
hat Bleistift wegnehmen." Tatsächlich hatte der Vater, als der Junge vor einigen 
Tagen eine Tischdecke mit einem Kopierstift beschmierte, ihm diesen etwas 
gewraltsam fortgenommen, aber nicht so, daß man die darauf folgende laute Ver- 
zw^eiflung hätte verstehen können. Eben in dieselbe Zeit fallen die ersten deut- 
lichen Äußerungen des Ödipus-Romplexes, trotzdem der Junge manifest sehr an 
seinem Vater hängt. So eines Morgens, — »V* Jahre alt, ~- als der Vater ge- 
rade fortgegangen war, sagte H. zu seiner Mutter: „Wollen mal einen neuen 
Vati kaufen, der is nich ssön!" Auf die Frage, was denn mit dem Vater ge- 
schehen solle, wenn er ihn nicht mehr möchte, meinte er: „Den wollen wir 
auf den Boden stellen," Er wollte also den Vater dorthin bringen, wo alles 
Gerumpel hinkam. Eine ähnliche Tendenz, den Vater zu beseitigen, zeigt sich 
in folgendem: Nach einem nächtlichen Aufschreien fragt man ihn: „Warum 



Zeitschrift f. pso. Päd., IV/4'5 137 



10 



hast du denn so geweint heute Nacht?" H: „Nich mehr allem sslafen M. : 
,-,Aber du schläfst doch gar nicht allein, dein Schwesterchen ist doch auch «n 
Kinderzimmer." H.: „Nein, nich bei Itti, bei Mutter ^sslafen. Vater: „Und wo 
soll der Vater bleiben?" H.: „Vater kann weggehen! 

Nach kurzer Unterbrechung folgte wieder eine Periode großer Schattenangst, 
die sich aber in nichts von der vorhergegangenen unterschied. Man konnte das 
Kind zwar im allgemeinen beruhigen, wenn man abends das Licht brexinen 
ließ, aber die Angst war deuüich wieder starker geworden. 

Bald darauf — 5 Jahre alt, — äußerte er Fragen über den Unterschied der 
Geschlechter. Die Frage, wer einen Penis habe und wer nicht, wurde endlos variiert. 
• Die ffan7,e Verwandtschaft und Bekanntschaft mußte herhalten zu der Frage: 
Hat die Tante so und so ein Zipfelchen?" Antwort: „Nein, Heini, sie hat 
Lins " — Aber der Onkel so und so hat eins?" — „Ja, der hat eins.« — 
Eines Tages' setzte er sich auf die am Boden spielende kleine Schwester und 
sagte- Die Itti hat aber ein Zipfelchen!" Auf die Frage, wo das denn sei, er- 
klärte er: „Wenn Heini sich auf den Rücken von der Itti drauf setzt und immer 
drauf rumhopst, denn kommt das Zipfelchen raus." Ein anderes Mal kam er 
zur Mutter und begann unaufhörlich zu fragen: „Wo ist die Eisenbahn?^, 
Wo ist die Untergrundbahn?", „Wo ist der Autobus?" usw. Und plötzlich: 
"wo is Mutters Zipfelchen?" Antwort: „Aber Mutter hat doch keins." H.: 
^Aber wo is Mutters Zipfelchen? Sie muß doch aa machen!" Auf die Antwort 
■ der Mutter, daß sie doch zu diesem Zwecke ein kleines Loch habe, sagte H.: 
„Das is böse, das Loch." Sein ständiges Fragen und immer wieder Fragen 
machte fast den Eindruck, als ob das Kind die Hoffnung nicht aufgäbe, es 
könne doch mal eine Frau kommen, die einen Penis habe. 

Nach diesen Fragen, die deutlich hießen: „Wo ist der Penis der Frau?«, 
ging die Angst fast vollständig zurück. Gelegentlich nur waren noch Anzeichen 
davon zu spüren. So z. B., daß er nachts aufwachte und dringend nach Licht 
verlangte, weil „eine böse Luft im Zimmer sei", oder daß er in der Badewanne 
erklärte, das Abflußloch sei böse. Aber er war im ganzen gleichmäßig im 
Wesen und ohne eigenüiche Angst. Nur daß jetzt der Fragezwang, den er 
mit Vk Jahren gezeigt hatte, verstärkt wieder einsetzte. Nun fragte er nicht 
mehr: „Was ist das?", sondern von allen Dingen; „Wo ist das?" Das direkte 
Fragen nach der Beschaffenheit von Mann und Frau hatten aufgehört, dafür 
ging es jetzt nm das geographische Problem. „Wo is der Kurfürstendamm ?% 
Wo is der Grunewald?", „Wo is der Alexanderplatz?", „Womit muß man da 
fahren wenn man nach Charlottenburg will?" Oder, wenn jemand verreist 
war: Wo ist der Großvater jetzt?" „Wo ist das Tirol?« „Wo ist das Oster- 
reich 5" usw Es half wenig, daß man die Fragen auf ihren Ursprung zurück- 
zuführen suchte und ihm sagte: „Du willst ja nur wissen, wo das Zipfelchen 
ist5" Zuerst lachte er darüber und hörte wirklich für emige Zeit mit dem 
Fragen auf dann aber wehrte er derartige Bemerkungen ärgerlich ab und 
fra^e nur um so eindringlicher. Die Fragen waren zeitweise ausgesprochen 
sog „dumme", d. h. unsinnige Fragen. Z.B.: Wo is Vater jetzt? Antwort: 
„Vater ist in Linem Zimmer." H.: „Und wo is Vaters Zimmer? (Er kannte 
es natürlich sehr genau.) Antwort: „Aber du weißt doch, wo Vaters Zimmer 
ist." H. (ungeduldig und weinerlich): „Sag' doch Herni, wo i s Vaters Zin^er?" 
Es folgten nun, deutlich voneinander getremit, mehrere Penoden des Fragens. 

— 138 — 



Zuerst — im Alter von 5'/4 J. — die Frage: „Was sagen die Leute, wenn H. dies 
oder jenes tut?" Zum Beispiel: „Was sagen die Leute, wenn Heini alle seine 
Spielsachen aus dem Fenster wirft?", oder: „Was sagen die Leute, wenn Heini 
das Haus umwirft, alles in der Wohnung kaputt macht?" usw. Fast immer betraf 
die Frage, auch wenn sie nicht gerade auf schwere Zerstörungen ausgin»- ver- 
botene Dinge. Die Antwort war ziemlich genau festgelegt, sie mußte heißen- 
„Die Leute sagen, das soll H. aber nicht tun"j oder: „die Leute sa«-en das ist 
aber schlimm vom H.", oder ähnlich. Eine ungenaue Antwort, z. B. : „Die Leute 
finden das nicht schön", ließ er nicht gelten. Die Leute mußten etwas sa<ren 
Antwortete man aber auf eine solche Frage seinerseits (z. B.: „Was sa^en die 
Leute, wenn H. seine MUch umgießt?") etwa: „Die Leute sagen, das ist gar 
nicht schlimm, das kann mal passieren", so war er sichtlich unbefriedi'rt. Auf 
diese Art des Fragens, die eine Zeitlang stereotyp und fast ausschließlich vor- 
gebracht wurde, folgte: „Wer hat das gemacht?" Z.B.: „Wer hat den Tisch 
gemacht, wer hat das Haus gemacht, wer die Fenster, das Licht usw." Diese 
Fragen waren genau so häufig und zwangsmäOig wie die vorhergegangenen. 
Nach längerer Zeit erfolgte seitens der Eltern der Versuch einer Aufkläruno-, 
zunächst auch in der Frageform: „Weißt du denn eigentlich, wer den Heini 
gemacht hat?" Die Antwort kam sehr schnell. „Den Heini hat der Bumbam 
gemacht." (Der Bumbam ist ein Kater, den der Junge sehr, wenn auch ambi- 
valent, liebt und von dem er weiß, daß er vor ihm da war.) Fra^e des Vaters: 
„Wie hat denn der Bumbam das gemacht?" H.: „Das hat er so gemacht (zeigt 
eine lange Nase) und dann hat er so gemacht (beschreibt mit der Hand einen 
Halbkreis vor seinem Leib, als ob er einen dicken Bauch zeigen wollte), und 
dann war der Heini da." Auf weitere Fragen ging er nicht ein, wiederholte 
aber später immer wieder, wenn man mit der Gegenfrage kam, der Bumbam 
habe ihn gemacht. Er fragte in dieser Zeit auch häufig danach, wie es geweseti 
sei, als er ganz klein war, was er gesagt und getan habe, und was er „noch nicht 
konnte". Während eines Spazierganges, als sein hartnäckiges Fragen nach dem 
„wer hat das gemacht", kein Ende nehmen wollte, sagte der Vater zu ihm; 
„Ich glaube gar nicht, daß dich der Bumbam gemacht hat, ich glaube, das war 
anders. Als du noch ganz klein gewesen bist, da hast du in Mutters Bauch ge- 
legen, bis du groß genug warst und herauskonntest." Die Antwort des Jungen 
darauf war eine heftige Abwehr: „Nein, da ist Heini gar nicht gewesen, Heini 
weiß doch alleine, wo er gewesen ist!" Und, da man gerade am Grunewaldsee 
war, ließ er seine Katzentheorie fallen und erklärte: „Heini ist im Grunewald- 
see gewesen, und dann ist er da aus einem Loch rausgekommen." Er lenkte 
darauf schleunigst von diesem ihm sehr unangenehmen Thema ab und wollte 
nicht mehr darüber sprechen. Bei einer anderen Gelegenheit wurde die Auf- 
klärung wiederholt, worauf der Junge lachte und sagte: „Das ist aber komisch — 
nein, Heini ist gar nicht in Mutters Bauch gewesen!" Es wurde in den nächsten 
zwei Wochen, da das Kind ja ganz augenscheinlich die Aufklärung nicht an- 
nehmen wollte, nicht mehr darüber gesprochen. Trotzdem war von da ab eine 
Auflockerung im Wesen des Jungen zu merken. Er war heiterer, das Gesicht 
hatte nicht mehr den vorher häufigen grüblerischen Ausdruck, er begann, mit 
viel Ausdauer und Phantasie zu spieJen. Pas war vorher nicht so deutlich der 
Fall gewesen. 

Mit S'/a Jahren ist die Frage nach dem: „Wer hat das gemacht?" ganz ge-i 



— 139 — 



i** 



schwunden, dafür tritt neuerdings die Frage in den Vordergrund : „Wie wird 
das gemacht?" „Wi e wird ein Licht gemacht, wie wird ein Schlüssel gemacht, 
wie wird Apfelmus gemacht, wie ein Bett?" usw. Er verlangt ganz präzise Er- 
klärungen darauf und gibt sich mit denen zufrieden. Aber der Gesamteindruck 
geht doch dahin, daß man ihm bald auch das „wie" (nämlich wie das Kind in 
den Bauch seiner Mutter hineingekommen ist), auf das sich doch sein Fragen 
eigentlich beziehen muß, wird erklären müssen. Daß er sich mit der Frage nach 
der Herkunft der Kinder beschäftigt, geht daraus hervor, daß er einmal spontan 
fragt: Ist das aa im ganzen Bauch drin?" Auf die Antwort, daß er nicht zu 
fürchten brauche, die kleinen Kinder lagen mit dem Stuhl zusammen, sondern 
hätten ein besonderes Stübchen, sagte er spontan: „Erzähl noch mehr vom 
Bauch!" und war sichtlich erleichtert. Daß er über die Aufklärung weiter 
phantasiert, sieht man daran, daß er eine Phantasie erzählt, in der „ein Mann 
ihn mit einer großen Stange hinten herein gepiekt hat". Sicherlich hängt mit 
seiner Sexualforschung und mit seinen Phantasien über die Geburt der Kinder 
sein neues Interesse für die Menge der Exkremente zusammen. Während er 
vorher seinem Stuhlgang so gut wie gar kein Interesse zuwandte, nie das, was 
er produziert hatte, ansah, sondern fortging, ruft er jetzt das ganze Haus zusani- 
men, damit man die Menge bewundert. Er berichtet genau, ob es „viel oder 
wenig" war und ist besonders stolz, wenn es (was sich dann in seiner Phantasie 
noch enorm vergrößert) „recht viel" gewesen ist. 

Vielleicht hängt damit folgende Beobachtung zusammen: Das Kind galt 
für musikalisch, hörte Musik sehr gern, sang, ohne sprechen zu können, alle 
Melodien richtig nach und verlangte den ganzen Tag, daß ihm vorgesungen 
wurde. Das änderte sich plötzlich im Alter von etwa 2 Jahren 7 Monaten. Das 
Kind verlangte nicht mehr nach Musik, sang nur selten und wehrte heftig und 
sehr unw^illig ab, wenn man ihm etwas vorsingen wollte. Scheinbar ist es die 
Erleichterung durch die Aufklärung, die bewirkt, daß der Junge plötzlich wieder 
großes Interesse an Musik bekommt, sehr viel Musik hören will und den ganzen 
Tag selbst singt. Es mag aber auch mit dem neuerwachten Interesse für anale 
Dinge zusammenhängen, bei denen ihn besonders anale und andere Geräusche 
stark zu interessieren beginnen. Häufig ist jetzt die Frage: „Wie macht die 
Untergrundbahn?, wie hat das Auto eben gemacht?, wie klingt es, wenn Vater 
lacht?, wie weint die Itti?" Oder: „Das hat eben so ähnlich geklingt, wie w^enn 
eine Elektrische fährt." 

Daß Heini sich für den Aufenthalt des Kindes im Mutterleib interessiert, 
zeigt folgender Traum, den er eines Morgens erzählt: „Vater, da ist mal ein 
Bahnhof gewesen, der war ganz dunkel. Gar kein Lieht war da drin. Der Zug 
hatte auch kein Licht. Das war aber kein Zug von der Untergrundbahn, auch 
keine Rauch- Eisenbahn, auch keine Stadtbahn. Das war ein Haar- Zug." Auf 
die Frage des Vaters, was das denn für ein Zug gewesen sei, sagte er: „Der 
Zug hatte unten dran lauter Haare." (Vater: „Solche wie ich habe?") H.: „Nein, 
solche dunklen wie Mutter. Der Zug ist aus dem dunklen Bahnhof rausgekom- 
men. •* (Vater; „Du meinst, der Zug ist da rausgekommen, wie das kleine Kind 
aus der Mutter?") H.: „Ja, wie bei Vater." (Vater: „Ich kann aber kein Kind 
kriegen, das kann nur die Mutter.") H. unwillig: „Doch, Vater muß das auch 
können!" (Vater: „Aber Vater hat doch ein Zipfelchen, da kann doch kein Kind 
rauskommen!") H.: „Ist das aus dem kleinen Loch bei der Mutter herausgekom- 

— 140 — 



men?" Es wird ihm dann, als ihm das merkwürdig vorkommt, und als er sao-t 
das ginge doch nicht, erklärt, daß bei der Geburt sich diese Teile bei der Mutter 
weiten, damit das Kind herauskann. Er lacht darauf und sagt: „Dann spuckt man 
und dann ist das Kindchen da. Das ist ein Automat, da steckt man oben zehn 
Pfennig rein und unten kommt ein Sahnebonbon raus." 

Vierzehn Tage nach diesem Gespräch fragt er wieder endlos: „Wie wird ein 
Bett gemacht?, wie wird "Wolle gemacht?, wie wird eine Apfelsine gemacht?" 
usw. Endlich fragt die Mutter: .,Wie wird denn der Heini gemacht?" H.: „Das 
w^eiß Heini doch nicht, sag Heini doch mal, w^ie er gemacht wird." Die Mutter 
erklärt ihm darauf, die Mutter habe im Baiich Eierchen, aus denen ein Kind 
wachsen könnte, wenn der Vater Samen dazu gäbe. Den Samen gebe der Vater 
aus dem Zipfelchen in die Mutter hinein. (Samen, z. B. der von Blumen, ist ihm 
bekannt.) Er fragt darauf: „Aber wo tut Vater den Samen mit dem Zipfelchen 
rein? Und wie macht er das? Spritzt das raus?" Nach präziser Beantwortung 
dieser Fragen durch die Mutter sagt er; „Heini will das auch mal machen.** 
Die Mutter sagt ihm darauf, das könne nur ein Mann, kleine Jungen hätten 
noch keinen Samen. Darauf er: „Denn will Heini aber groß werden, und wenn 
er denn groß ist und Samenkörnchen hat, denn macht Heini ein Rindchen, und 
denn ist Heini ein Vater." Das ist seit langem das erste Mal, daß der Junge, 
der seit längerer Zeit sich dagegen gewehrt hat, groß zu werden, wieder den 
Wunsch äußert, erwachsen zu sein. Einige Stunden später wiederholt er der 
Mutter: „Und denn sind bei Mutter lauter kleine Eierchen, und wenn denn 
der Same komint, denn w^ird ein Kindchen." Dann: „Mutter, w^as heißt eigent- 
licli Hochzeit?" Antwort: „Wenn zwei Menschen sich lieb haben und zusam- 
men wohnen ^vollen und Kinder haben wollen, dann machen sie ein Fest, weil 
sie sich darüber freuen, und das nennen sie Hochzeit," 

+ 
Versuclien w^ir die Schwierigkeiten des Kindes xu verstehen. Sie sind wesent- 
licli durch die Phobie und die gehemmte Sexualforschung repräsentiert. Nach 
allem, was man weiß, haben Milieueinfiüsse kaum zur Entstehung der Phobie 
beigetragen. Das Kind wird mit Verständnis und Liebe, aber nicht mit einem 
Übermaß von Zärtlichkeit behandelt. Die Mutter kümmert sich nicht ausschließ- 
lich um die Kinder. Alle Menschen, mit denen das Kind zu tun hatte, standen 
ihm wohlwollend, aber nicht verwöhnend gegenüber. Die Reinlichkeitsgewöh- 
nung verlief normal, aber da sie ohne Anwendung von Zwang vor sich ging, 
nahm sie einen für übliche Begriffe langen Zeitraum ein, d. h, das Kind war 
erst mit 3V4 Jahren sauber. Dein natürlichen Bewegungsdrang des Rindes sind 
keine Grenzen gesetzt w^orden. Der Junge hat nieinals Kastrationsdrohungen er- 
halten. Damit ist aber nicht gesagt, daß er nicht bestimmte Äußerungen, die 
nicht als Kastrationsdrohungen gemeint waren, als solche aufgefaßt hat. In einem 
bestimmten Alter sind alle Kinder, vor allem Jungen, besonders empfanglich für 
Drohungen und fassen aus ihrem Schuldgefühl heraus jeden Vorwurf, auch 
wenn er nicht als Kastrationsdrohung gemeint ist, als eine solche auf. So wird 
Kastrationsangst entstehen, ob die Eltern es wollen oder nicht. Dies wird deut 
lieh aus dem Erlebnis des Jungen, der fürchtete, der Vater würde ihm etwas 
fortnehmen, weil er ihm einige Tage vorher den Bleistift genommen hatte. Als 
sicher ist anzunehmen, daß Onanie und Kastrationsangst einen wesentlichen Teil 
zur Entstehung der Phobie beigetragen haben. Das Kind onanierte am Tage 

- 141 " 



selten, häufiger im Schlafe, Die Verbindung zwischen seiner Onanie und 
seiner Schattenangst mag die Beobachtung hergestellt haben, daß der Penis bei 
der Erektion größer und nachher wieder kleiner wird. Die erste Angst trat 
\a vor einem Schatten an der Wand neben seinem Bettchen auf. Das Kind 
mochte fürchten, sein Glied könne auch einmal so verschwinden wie der Schat- 
ten. Aus der beginnenden Ödipuseinstellung heraus mag der Schatten den Vater 
repräsentier en, der ihm „böse" bei seinem Tun zuschaut. Die Ödipuseinstellung 
wird ja deutlich in der Szene, in der er den Vater in die Rumpelkammer stel- 
len -will oder dort, wo er sagt „Vater kann weggehen", damit er bei der Mutter im 
Zimmer schlafen kann. Daß er sich an Stelle des Vaters phantasiert, geht aus 
Folgendem hervor; Er w^oUte während des Spaziergangs nicht laufen und legte 
sich sobald die kleine Schwester einmal aus dem Wagen gehoben wurde, in 
diesen, ließ sich zudecken, das Verdeck hochstellen und fahren. Als die Mutter 
ihm. der sonst gerne groß sein w^oUte, darauf sagte: „Wenn du aber immer im 
Wagen liegst, dann bist du gar kein großer Junge, dann bist du ein kleines 
Baby", antwortete er darauf: „Nein, du (er nannte sich damals „du") kein 
goßer Junge, du goßer Mann. Vater keines (kleines) Baby". Er war damals 
2*/» Jahre alt. 

Provozierend auf das Entstehen der Angst hat gewirkt, daß er die Eltern 
nackt sah und vor der penislosen Mutter erschrak. („Mutter nis, baba!") In dem 
„dunklen" Schatten kehrt die dunkle Genitalbehaarung der Mutter wieder. 
Einen Monat nach dieser für ihn eindrucksvollen Situation ist die Schattenangst 
aufgetreten. 

Nacii psychoanalytischer Auffassung tritt neurotische Angst auf infolge eines 
Kampfes des verdrängenden Ichs gegen die Sexualität. Der Impuls zur Verdrän- 
gung kam von der Sorge um die Erhaltung des Penis, an dessen Verlustmög- 
lichkeit das Kind vom Momente an glauben mußte, da es die penislose Mutter 
und Schwester sah. Das Angstsymptom entstand als Signal des Ichs auf diese 
drohende Gefahr. Schon bei dem iVs jährigen Kind sehen wir als Zeichen der 
Verdrängung die auffallende Tatsache, daß es nach dem Genitale der Schwester 
nicht hinsah und nicht fragte. Die Kastrationsangst des Kindes zeigt sich immer 
wieder, so in der Angst des Jungen um den abgerissenen Schwanz des Bären 
und in seinem Interesse dafür, ob die Spieltiere Schwänze hätten oder nicht. 
Aus den Erfahrungen der Analyse wissen wir, daß die Kastration sangst u. a. aus 
Reaktion auf den Wunsch zu kastrieren entsteht. Heini zeigt diesen Wunsch 
deutlich, wenn er auf dem Bild des Vaters das Vorhandensein der Hände des 
Vaters leugnet und die Deutung des Vaters dadurch bestätigt, daß er den Vater 
gegen den Schoß stößt. Sein Nicht-AnerkennenwoUen der Penislosigkeit der 
kleinen Schwester ist ein weiterer Beweis seiner Kastrationsangst. 

Einen gewissen Zusammenhang zwischen seiner Angst und dem Tode der 
Großmutter läßt die Tatsache annehmen, daß der erste schwere Angstanfall 
erst nach deren Tod auftrat. Seit jenem besonders bemerkenswerten Angstaus- 
bruch, bei dem das Kind deutlich darauf hinweist, daß für ihn das Anfassen 
des Schattens gleichbedeutend ist mit dem Berühren seines Gliedes, hatte er 
auch eine Verbindung seiner Schattenangst und dem Tode der Großmutter 
verraten : Er wiU nicht im Zimmer bleiben, weil er auf dem Sofa den Schatten 
der Großmutter glaubt. Möglich ist, daß er bei dem letzten Besuch bei der 
Großmutter ihren Schatten an der Wand sah und seine damals im Beginn stehende 

— 142 — 



Angst sich steigerte, als dieses zusammen auf ihn eindrang: der Schatten mid 
der Eindruck der schwerkranken Großmutter, deren Kranksein und von ihm Ab- 
gewandtsein er irgendwie spüren mochte, vielleicht gerade wegen der Mühe, 
die sie sich gab, dem Kinde noch Freundliches zu sagen. Femer möchte ich 
vermuten, daß das Fortsein der Großmutter sich für ihn mit dem Erscheinen 
und Verschwinden eines Schattens assoxiieren mochte. Mit dem Tode der Groß- 
mutter erlebte er den Beweis, daß etwas Liebes verschwinden kann. 

Ein interessantes Problem knüpft sich an die Furcht vor dem für ihn schein- 
bar existierenden Schatten der Großmutter im ersten Angstausbruch. Er setzt 
also wie die Griechen Schatten und Seele der Verstorbenen einander gleich. Er 
scheint auch Seele und Luft einander gleichzusetzen, wenn er später einmal in 
der Nacht nach Licht verlangt, weil „eine böse Luft im Zimmer ist". 

Die Tendenz des Kindes, seine sexuellen Interessen zu verdrängen, zeigt sich 
neben seiner Schattenphobie in der Hemmung seiner Sexualforschung. Diese 
läßt sich erkennen, wenn wir sein Sprechen und Fragen verfolgen. Das erste, 
womit sein Sprechen begann, war ein Fragen: „Dattnda?" („Was ist denn das?") 
Ein Fragen, das, wrie ich annehme, aus einer inneren Not geboren ist. Das 
Kind versucht, sich über die Umwelt, die es nicht mehr versieht, zu orientie- 
ren: Die Mutter, deren Schwangerschaft ihn ja offenbar beeindruckte, verschwindet 
für 14 Tage und kommt verändert wieder. Ein Schw^esterchen ist plötzlich da 
und hat an der Stelle, wo er sein Genitale hat, scheinbar nichts. Diese Wahr- 
nehmung muß ihn offenbar so erschreckt haben, daß er sie nicht anerkennen 
mochte und versuchte, sie zu verleugnen. So kam es, daß er nach allem, was 
er sehr wohl wnßte, immer wieder zwanghaft fragen mußte, nur nicht nach 
dem ihn beunruhigenden — dem Genitale. Die Geburt der Sch^vester hat dem 
Kind zu schwere Probleme gestellt, als daß es damit ohne Hilfe der Verstän- 
digungsmittel der Erwachsenen fertig werden konnte. Die Gesten genügten 
nicht mehr. Man konnte dem Kinde bei der Lösung der Fragen, die es beschäf- 
tigten, nicht helfen, solange es nicht sprach und auch nicht direkt fragte. Man 
konnte z. B., wenn der Junge kurze Zeit nach der Geburt der Schwester anfing, 
den Frauen unter die Röcke zu sehen, nur vermuten, daß er feststellen wollte, 
ob alle Frauen ein solches Genitale hätten wie die Schwester, Oder wollte er 
forschen, ob die Frauen ein Kind verbergen? Notgedrungen also, da das Kind 
ohne Benutzung der Sprache von außen her keine oder nur wenig Hilfe be- 
kommt, erlernt es das Sprechen, Interessanterweise aber stellt nun das Kind die 
neuerworbene Fähigkeit, zu sprechen und zu fragen, nicht immer in den Dienst 
seiner Sexualforschung. In den Perioden aber, wo ihm das gelingt, ist seine 
Phobie schwächer. So können wir vermuten, daß die Angst es ist, die sein 
Forschen hemmt. 

Auf das „Was ist das"- Fragen folgte ziemlich unmittelbar der Beginn der 
Phobie, während welcher das Fragen zunächst aufhörte. Nach längerem Be- 
stehen der Phobie und damit verbundener Kastrationsangst begann er wieder 
mit der Frage nach dem „Wo". Damit setzte wieder eine deutliche Hem- 
mung der Sexualforschung ein. Wir haben dann bei dem Jungen eine Zeit des 
Fragens, in der er seine sexuellen Interessen ungehemmt äußert. Das Fragen: 
„Hat die Tante . . ., hat der Onkel ein Zipfelchen?", wird gewagt, nachdem 
augenscheinlich seine Angst und Schuldgefühle geringer wurden. Die Mutter 
hatte gesagt, er dürfe sein Glied anfassen, hatte ihm, der dem Bären den 

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Schwanz abriß und weinte, versichert, daß ihm niemand sein Zipfelchen weg- 
nehmen würde, der Vater ergriff seine Partei gegen den Schatten, und ferner 
konnte das Kind ungestraft seine aggressiven Tendenzen gegen den Vater richten. 
Die Frage nach dem Zipfelchen, die der sachhchen Orientierung zu dienen 
schien, führte aber doch nicht zu dem gewünschten Erfolg, daß der Junge den 
Unterschied der Geschlechter als etwas Natürliches, mit keiner Gefahr Ver- 
knüpftes anerkennt. Er leugnet, daß die kleine Schwester und die Mutter kein 
Glied haben. Er muß es leugnen, denn die Frage, die sich dann ergäbe: „^JVo 
ist das Zipfelchen gebHeben?", erregt zu große Angst. — Die Frage nach dem 
Geschlechtsunterschied wurde abgelöst durch eine Periode der Angst, während 
der der Fra^^ezwang nachließ, denn die Auskunft der Mutter, daß sie wirklich 
kein Glied habe, konnte seine Kastrationsangst ja nicht zum Verschwinden 
brineen. Danach aber setzen die Fragen wieder ein, wenn auch durch Ver- 
dränicnmg des eigentlichen Inhaltes in ganz andere Bahn gelenkt. Er fragt nun; 
Wo ist Berlin, wo ist die Potsdamerstraße?" usw., und zeigt, daß wahrschein- 
lich die dazwischen liegende Angstperiode das Interesse des Kindes vom Sexu- 
ellen weg zum nicht-sexuellen Inhalt der Zwangsfrage gelenkt hatte. Wir halten 
es für selbstverständlich, daß ein starkes geographisches Interesse — wie es 
hier in den Fragen nach dem „Wo" sichtbar ist — bei einem dreijährigen 
Kinde nicht primär ist, sondern einer Verdrängung entstammt, und "wissen, daß 
ein solches sich regelmäßig aus dem Sexualinteresse entwickelt. Was später, nach 
guter Überwindung des Konfliktes bestehen bleibt, kann als Sublimierung an- 
gesehen werden. Die nächste Periode des Fragens hat im Mittelpunkt die 
Frage: „Was sagen die Leute dazu?" Das Kind verlangt darauf eine Antwort 
in dem Sinne, daß die Leute sein Tun nicht gutheißen und es verurteilen. 
„Die Leute" sind wohl für ihn eine höhere Instanz als der Vater, eine Instanz, 
die seine phantastischen Missetaten, „wie das Haus umwerfen", „den Flieger 
kaputtmachen", usw. deutlich verbietet, wahrend Vater und Mutter Duldung 
zeigen. Man kann in diesen Fragen „was sagen die Leute'" den Beginn der 
Einordnung in die soziale Macht sehen, die von dem Einzelnen Verzicht auf 
seine sadistischen Wünsche fordert, und es sieht so aus, als ob das Kind nach 
dieser Macht verlangt, damit sie ihm mehr, als das die Eltern tun, bei Abwehr 
seiner aggressiven Tendenzen beliilflich sei. Es läßt sich ohne Analyse nicht 
sagen, wie das Kind zu der Erwartung der verbietenden Umwelt gekommen 
ist. Vielleicht, daß ein harmloser Ausspruch eines Erwachsenen; „Was werden 
die Leute sagen?" dem Kinde den Eindruck gab, daß auch die Erwachsenen 
ihre V erbieter haben. 

Das Kind ist drei Jahre fünf Monate alt, als es zu der Frage nach der Ent- 
stehung der Kinder vordringt. Das ist nicht überraschend früh. In dieser Zeit 
äußern viele Kinder jene Neugier, viele allerdings, so wie dieses Kind, nicht 
in der eigentlichen unentstellten Frage. Statt direkt auf die Frage hinzusteuern, die 
ihn allein interessierte, quälte der Junge sich und die Umwelt mit abwegigem 
Forschen, das ihn schließlich doch nicht befriedigen konnte. Daß es bei dem 
Kinde nur ein vorgeschobenes Interesse ist, wenn es nach dem fragt, der dies 
oder Jenes gemacht hat, geht daraus hervor, daß es nach erhaltener Antwort 
sich nicht weiter für die Sache interessierte, sondern zu einer anderen Frage 
überging. Man brauchte ihm nur irgend eine Antwort zu geben, um üin für 
den Augenblick zufrieden zu stellen, z. B. brauchte man ihm auf die Frage, wer 

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«twa den Schrank gemacht liabe, nur zu antworten; „der Tischler", und er war, 
auch ohne zu wissen, was ein Tischler ist, beruhigt. Allerdings nicht wirklich, 
so daß er gleich darauf zur nächsten Frage greifen mußte. Der Versuch der 
Eltern, den Fragezwang z.n verändern, indem sie ihrerseits an den Jungen die 
Frage nach seiner Entstehung stellten und ihm damit den Sinn seines Fragens 
bewußt machten, hatte immerhin den Erfolg, daß der Junge seine Gehurts- 
phantasie mitteilte und dann in seinem Forschen weiterging. Er mochte den 
Kater als seinen Erzeuger angeben, weil er, als er einmal nach dessen Ver- 
gangenheit gefragt hatte, von der Mutter zur Antwort bekam: „Der Bumbam 
war schon da, als du noch nicht da warst." Aber seine Gesten (lange Nase, 
Halbkreis vor dem Bauch), die er machte, als er den Vorgang einer Geburt er- 
klären viTollte, und seine Angabe, er sei zuerst im See gewesen und dann aus 
einem Loch herausgekommen, zeigen, wieviel Richtiges der Junge bereits ahnt. 
Trotzdem das Kind die Aufklärung abAvehrte und auch anscheinend zuerst nicht 
annahm, muß sie verändernd und erleichternd gewirkt haben. Das zeigt auch 
die Umwandlung der Frage nach dem ,.wer" in ein „w^ie", die man als einen 
Fortschritt ansprechen muß. Auch die Frage „wie wird ein Kind gemacht" 
wird nicht direkt gestellt. Auch hier erfolgt auf die Gegenfrage der Eltern, wie 
denn der Heini gemacht ist, unwillige Abwehr. Trotzdem ist auch hier, da er 
bei der Frage beharrte, das Schlußstück der Aufklärung gegeben worden. 

Daß er über den Koitus weiter phantasiert, geht aus folgendem hervor: Er 
kommt zur Mutter und fragt: „Mutter, wenn Heini auf den Schienen geht und 
denn kommt ein D-Zug und da drin sitzt Vater und Mutter, was ist denn?" 
Die Mutter versteht seine Frage nicht sogleich und sagt: -.Ta, wenn Heini nicht 
gleich von den Schienen runtergeht, dann wird er wohl überfahren." Darauf H,: 
„Aber das ist doch nicht richtig. Vater hat das ganz anders gesagt, wie Heini 
ihm das erzählt hat. Vater hat gesagt: Dann ruft Vater und sagt: Heini, ko m m 
schnell rein zu uns in den Zug, sonst wirst du überfahren. " Es läßt 
sich wohl mit Sicherheit aus dieser Phantasie entnehmen, daß der Junge in 
ihr — mit den Mitteln der Traumbildung — dem Wunsche Ausdruck gibt, beim 
Koitus der Eltern mit dabei zu sein. Er geht zunächst zum Vater, trägt ihm 
diesen Wunsch vor und erhält von ihm in der Antwort; „Komm schnell 
herauf zu uns, sonst wirst du überfahren'", quasi die Erlaubnis, mit dabei 
zu sein. Die Antwort der Mutter, an die er sich dann wendet, ist, da sie ihn 
nicht versteht — oder nicht verstehen will? — weniger befriedigend für ihn, 
sodaß er sich bei ihr auf die Erlaubnis des Vaters beruft. 

Ich möchte nocli hinzufügen, daß seit diesem letzten Stück der Aufklärung 
sich die Spiele des Jungen merklich geändert haben. Während er vorher fast 
ausschließlich Fahrzeuge (Eisenbahn, Elektrische, Untergrundbahn, Auto, Flieger) 
gebaut und mit ihnen gespielt hatte, fängt er jetzt an, anderes (Häuser, zoologi- 
sche Gärten, Straßen usw.) zu bauen. 



IllllilllilUülllilillllUlllllill^ 

— 145 - 



Aus der heilpädagogisdien Anstaltspraxis 

Von Hans Kalischer, Norclhaiisen 

I 

Jugendlidie Verbredier 

A) Die Entwicklung eines Vagabunden 

Ein schwer verwahrloster junger Mann kam als Achtzehnjähriger zu uns in 
die Anstalt, Boris ist von wildem ungezügeltem Temperament, durchaus intel- 
ligent, wenn auch sprunghaft im Denken und in der Wahl seiner Interessen. 
Bei der ersten Begegnung mit ihm ist man erstaunt, einen so höflichen, ja lie- 
benswürdigen, verständigen und interessanten jungen Mann vor sich zu haben. 
Obwohl im Ausland geboren und erzogen, spricht er gewandt deutsch und blendet 
im Gespräch durch rhetorischen Schwung und eine farbenreiche Phantasie. 
Kennt man ihn länger, so wird hinter der dünnschichtigen brillierenden Ober- 
fläche bald das Dumpf- Triebhafte, Unberechenbare seines Wesens sichtbar. Er, 
wie der größte Teil der Kriminellen dieser Gruppe, hat sich durch Eigentums- 
vergehen zu Hause und an anderen Orten unmöglich gemacht. Um mit seiner 
Geschichte vertraut zu nnachen und ihn gleichzeitig selbst reden zu lassen, zitiere 
ich einige w^esentliche Teile aus seiner autobiographischen Beschreibung. Sie 
ist trotz seiner sonst üblichen Phantastereien im Kern wahrheitsgetreu. 

Aus der Autobiographie 

„Das erste, an was ich mich erinnern kann, ist das Leben mit meinem ersten 
Vater. Das war so. Wir lebten in B . . . Mein Vater war Journalist bei einer Zeitung-, 
Er war sehr leichtlebig und ein großer Säufer. Das Geld, das er für seine W^erke be- 
kam, verbrauchte er auf unsinnige Weise. Wir bekamen des öfteren nichts davon zu 
sehen. Natürlich war so ein Leben für meine Mutter eine kolossale Plage. Sie wußte 
manchmal nicht, von wo sie für mich und meine beiden Brüder das Brot herschaffen 
sollte. Mein Vater war Öfters auch über Nacht nicht zii Hause. Er soll die schreck- 
lichsten Dinge getrieben haben, so erzählte mir meine IMutter später. 

Eines Tages waren mein Vater, meine Mutter imd ich im Kaffeehaus, wo wir 
öfters hingingen. Wie wir uns so unterhielten, steht meine Mutter plötzlich auf und 
bittet die beiden Herren, die am Nehentische saßen, um ein Buch, das sie sich an- 
sehen wollte. Die Herren gaben es ihr, und so kam man bald in ein Gespräch. Ich 
war damals erst sechseinhalb Jahre alt und kann mich nicht mehr erinnern, über was 
man sprach. Ich weiß nur, daß die beiden Herren am nächsten Tage zn uns zum Tee 
kamen. Einer davon ist mein jetziger Vater. Ich weiß nicht, ob das mit dem Buche 
Zufall war oder nicht, ich jedenfalls glaube und bin davon überzeugt, daß es keiner 
war. Die beiden Herren kamen von da ab öfters zu uns, besonders der eine. Eines 
Abends, als mein Vater nicht da war, kam dieser Herr, er hieß (Name des jetzigen 
Vaters), wieder zu uns und unterhielt sich mit meiner Mutter. Ich weiß nicht, was 
weiter war, aber als ich am nächsten Tag in die Schule ging, ging er auch ins Büro. 
Ich glaube ihn aber bestimmt vorher in Papas Bett gesehen zu haben. Von 

- 146 - 



.uX^ 



da an kam er fast jeden Tag m uns, und eines Tages sagte uns unsere Mutter, daß 
wir 2U ihm Onkel sagen sollten, 

Eine Nacht ging es bei uns sehr bewegt her, nämlich mein Vater und meine Mut- 
ter zankten sich wieder. Ich dachte mir nichts, da es öfters vorkam, daß der Vater 
meine Mutter sogar heftig schlug. Es war dieses Mal eine 'große Aufregung. Ich 
hörte einen Wagen vorfahren und wieder wegfahren. In der Frühe war mein Vater 
nicht da und ließ sich nie wieder blicken. iVachdem mein Vater verschwunden 
war, übersiedelten wir in ein anderes Haus, Von da an lebte dieser Herr immer bei 
uns. Er aß bei uns und schlief auch da. Es ivar in dieser Zeit etwas los, nur konnte 
ich das mit meinem kindlichen Verstand nicht fassen und nicht begreifen, was los 
sei. Man war sehr aufgeregt. Meine Mutter ging öfters über den Tag mit diesem 
Herrn weg und kam sehr spät nach Hause. Auch waren des öfteren bei uns fremde 
Leute zu sehen. Später erfuhr ich, daß das der Ehescheidungsprozeß zwischen meiner 
Mutter und meinem Vater gewesen ist. Nämlich meine Mutter hatte meinen Vater 
verklagt. Dieser war mit der Scheidung einverstanden, aber er verlangte mich. Das 
heißt ich sollte bei ihm bleiben. Meine Mutter wollte mich aber auch, Der Prozeß 
wurde zugunsten meiner Mutter entschieden, und ich blieb bei ihr. Nachdem das 
vorüber war, entstanden andere Sorgen; nämlich meine Mutter sowie mein erster 
Vater waren beide aus alten jüdischen Familien, mein ziveiter Vater war aber ein 
strenggläubiger Katholik. 

Jetzt, damit meine Mutter mit meinem zweiten Vater heiraten konnte, mußte sie 
in die katholische Kirche eintreten, so wie diese das vorschreibt. Dazu gehörten aber 
Religionsunterricht des Neuen Testamentes und Lernen des Katechismus. Darum ging 
ich mit nneiner Mutter des öfteren zii unserem katholischen Geistlichen in B . . . 
imd lernte da die katliolische Religion kennen. Stets werden mir die angenehmen 
Stunden, die ich mit dem Geistlichen verbracht habe, im Gedächtnis bleiben. Er 
schenkte niir Öfters Bilder und kleine Bücher, und so gewann ich ihn sehr schnell 
lieb, wie das so Kindesart ist. Und so rückte einer der wichtigsten Tage meines Lebens, 
einer der vielleicht wie kein anderer auf mich wirken wird, heran. Eines Morgens 
wurden wir alle drei Brüder schön angezogen. Meine Mvitter und der Herr zogen 
sich auch schön an, und so fuhren wir alle in die katholische Kirche. Dort trafen 
wir uns mit einer anderen Familie, die unsere Taufpaten werden sollten. Wir wurden 
da in einer Reihe aufgestellt, und der Pfarrer taufte uns so, wie es die Kirche vor- 
schreibt. Nach der Taufe war aber noch immer keine Ruhe im Hause. Jetzt wurden 
Vorbereitungen zu der baldigen Hochzeit meiner Mutter mit diesem Herrn gemacht. 
Und diese waren nicht weniger aufregend. Wir bekamen jetzt neue Möbel und eine 
schönere Wohnung. |Zu dieser Zeit ging ich in die erste Klasse der B ... er deut- 
schen Volksschule. Es ist logisch, daß man sich in diesen Zeiten nicht viel um mich 
gekümmert hatte und [ich etwas in die Gesellschaft der sogenannten Straßenkinder 
gekommen war. Daher führte ich schon in der ersten Klasse ganz tolle Streiche auf. 
Ich rannte aus der Schule weg, machte meine Aufgabe nicht, trieb mich auf den 
Straßen herum und anderes. In der Zeit heiratete meine Mutter und ich bekam meinen 
iweiten Vater. Dieser nahm mich jetzt, nachdem alles erledigt war, etwas strenger 
in die Zucht, und da ging meine neue Erziehung an, die ich, nebenbei gesagt, 
niemals verstanden habe und auch nicht verstehen werde. Also ich bekam 
eine Gouvernante, die mich wie ein Küken tmter ihre Flügel nahm. Sie ging mit mir 
in die Schule, sie holte mich aus der Schule ab, sie machte mit mir meine Aufgaben 
und ging mit mir spazieren. Kurz zu sagen, sie war immer da, wo ich war. Und so 

_ 147 — 



ging es einige Zeit. Ich machte die erste und aweite Klasse der Volksschule fertig- 
und sollte gerade in die dritte kommen, da kam das Ereignis, das meinem ganzen 
Leben eine Wendung gab, nämlich der Weltkrieg." 

Er schildert dann die ersten erregenden Kriegswoclien : Die Beschießung der 
Stadt, die Flucht der Familie in den Keller, in dem sie tagelang vor dem Feuer 
Deckung suchen mußte, und ihr im Viehwagen vollzogener Abtransport ins Innere 
des Landes. Die Fahrt führt durch Kranklieit, Schmutx und Elend. Schließlich 
erfolgt ihre Internierung in einem Rony-entrationslager, in dem sie gemeinsam 
mit anderen Deutschen, Österreichern, Bulgaren und Türken untergebracht werden. 

Hier geschah mir etwas Furchtbares. Wir bekamen pro Kopf in der Frühe jeder 
einen halben Liter Milch. Diese mußten wir uns vom Kessel, in dem sie für alle 
gekocht wurde, abholen. Eines Tages holte ich wieder unser Quantum, nämlich g 1, 
ab. Die Milch war furchtbar heiß, brühend. Als ich in die Lehmhütte, in der -wir 
wohnten, hineinkam, sprang imser Hund mit meinem kleinen Bruder herum. Ich hatte 
Angst, daß der Hund meinen kleinen Bruder heißen wird, und wollte ihn mit dem 
einen Fuße wegschieben. Doch da der Lehmboden naß war, rutschte ich aus und 
schüttete die ganze brühende Milch über mich. Meine ganze linke Korperhälfte war 
verbrannt. Ich mußte ins Bett, wo ich auch ein halbes Jahr lang liegen blieb. Im 
Allfang hatte mich der Arzt, der in diesem Städtchen war, aufgegeben, da die Ver- 
brennung furchtbar war. Doch tat er sein Möglichstes, um mir meine Schmerzen zu 
lindem . . . Diese Zeit war die schrecklichste in meinem Leben." 

Nun folgt eine Beschreibung der weiteren Gefahren, denen er ausgesetzt Avar. 
Beschießung des Ortes, Einzug der Österreicher und Deutschen und eine sehr 
beschwerliche Rückreise durch das verwilderte Land im Schutze der Verbün- 
deten. Dabei bildeten der sich verschlimmernde Zustand der eigenen Brandwunden 
und die erfrorenen Füße seines Bruders ein weiteres Hindernis. Die W^ohnung 
in B . . . finden sie zertrümmert und ausgeplündert vor. Nach einem Aufenthalt 
in Österreich, der sich nach einer nochmaligen Zwischenzeit in der Heimat bis 
zum Kriegsende erstreckt, zogen sie erst dann wieder in B . . . ein, wo der Stief- 
vater seine frühere Tätigkeit von neuem aufnahm. Dementsprechend besuchte Boris 
mit Unterbrechungen die dortige Schule weiter. Über die Zwischenzeit schreibt er: 

„Ich war vor dem Kriege in die B ... er deutsche Schule gegangen und war 
bis zur dritten Klasse gekommen, das heißt ich habe die zweite Klasse der Volks- 
schule fertig gemacht. Als wir nun wieder in geregelten Verhältnissen waren, ging 
ich nun in die dritte Klasse der Gouvernementsschule, die, wie der Name schon 
sagt, von der MiHtär\'ervvaltmig in B . . . errichtet worden war. Ich machte in 
dieser Schule die dritte und vierte Klasse in einem Jahre durch. In diese Zeit fällt 
mein erster Fall von Diebstahl, Ich fing damit an, daß ich Sachen, die ich für meine 
Mutter besorgte, zu Hause teurer berechnete und das Geld dafür mir behielt. Spater 
nahm ich auch Geld, das herumlag, und verbrauchte es. Eines Tages entdeckte das 
mein Lehrer und meldete es zu Hause. So merkte man das zu Hause und die Folge 
war die, daß ich dann jedes Mal, wenn ich so etwas tat, furchtbare Prügel bekam. 
Ich konnte es aber doch nicht lassen und gewöhnte mir das so langsam an. In der 
'Zeit machte ich die fünfte Volksschulklasse fertig imd bestand in zwei Monaten die 
erste Klasse des Realgymnasiums. Kurz danach kamen die feindlichen Truppen wieder 

— 148 — 



nach B . . . Wir reisten um diese Zeit nach Wien und blieben acht Monate dort. Nach B . . . 
wieder zurückgekehrt, fanden wir imsere Wohnung wieder aufgehrochen und geplün- 
dert. Aber an so etwas gewöhnt und darauf vorbereitet, siedelten wir wieder um. 

. . . Ich trieb es in der letzten Zeit nicht nur in der Schule sehr toll, sondern auch 
zu Hause, schwänzte ganze Wochen, stahl zu Hause Geld, verbrauchte es in zweifel- 
liafter Gesellschaft, mit der ich mich abgab, imd trieb es sehr weit. Eines Tages, als 
ich wieder drei Tage geschwänzt hatte, wurde ich aus der Schule herausgeschmissen. 
Jetzt ging erst zu Hause ein tolles Leben an, ich verbrachte Tage und Nächte mit 
meinesgleichen. Natürlich, daß ich dadurch mit meinem Vater immer mehr 
an s e i n a n d e r k a m. Ich bestand auch die Prüfung, die ich privat machte, nicht, 
und so wvirde beschlossen, mich nach Deutschland in eine Anstalt tu geben. Ich 
wünschte es sehnlichst herbei, damit ich von zu Hause ganz los komme. 

Endlich war auch der Tag gekommen und ich schied von Belgrad leichten Herzens, 
und so schließe ich denn die Geschichte eines ,Vagabunden% wie mein Vater niich 
immer nannte." ■ ■• 

Wir sehen, daß dieses Leben unter einem Unstern seinen Anfang nuhm. 
Zerrüttete häusliche Verhältnisse und der Krieg, der vor den Augen des Un- 
reifen die primitivsten Moralbegriffe von Eigentum und Recht vernichtete, haben 
gemeinsam den Grund zu einer Verwahrlosung gelegt, deren nachdauernde Aus- 
wirkungen wir später vergeblich z,u bekämpfen suchten. W'ährend der mehr- 
jährigen Unterbringung bei uns häuften sich die Delikte, nahm die Neigung v.u 
lugenhaften Verfälschungen und Hochstapeleien zu. Seine Aggressionen wuchsen 
sich zuweilen zu einer Stärke aus, daß sie eine Gefahr für die Umgebung be- 
deuteten. Wir -waren gezwungen, ihn versuchsweise in einer geschlossenen 
Anstalt unterzubringen. Der dortige Aufenthalt war ergebnislos. Da man ihn 
nicht als Irren behandeln konnte, im übrigen seine Anwesenheit als äußerst 
betriebstörend empfinden mußte, gab man ihn wieder an uns zurück. 

AVir versuchten noch einmal alles mit ihm. Boris schien nach der herbei- 
gesehnten Rückkehr zunächst etwas ruhiger und einsichtiger zu sein. Da sich 
ein Ausgeh verbot bei dieser ältesten Gruppe immer als unzweckmäßig, ja 
undurchführbar erwiesen hatte, erreichten wir es mit seiner Einwilligung, daß 
er die Stadt mied. Boris arbeitete eine Weile im Garten und wurde mit kleinen 
Beträgen entlohnt, um ihm, wie wir meinten, den Reiz zu nehmen, der in der 
Aneignung fremden Eigentums für ihn lag. In der Annahme, daß es nach den 
vorausgegangenen Ereignissen gut sei, wenn er einmal in die Hände eines ganz 
Unbefangenen überginge, nahm ihn statt meiner unser damaliger Assistenzarzt 
in seine besondere Obhut. Dieser ging auf seine Wünsche, sich der Bühnenlauf- 
bahn zu widmen, ein. Boris' schauspielerisches, besonders gesangliches Talent 
schien für die Realisierung dieses Berufsplanes eine Grundlage zu bieten. Seine 
Prüfung am Stadttheater war in musikalisch-stimmlicher Richtung erfolgreich,, 
und nun wurde im Einvernehmen mit den Eltern eine eventuelle Ausbildung 
in der Heimat in Aussicht genommen. Unterdessen, ja schon vor der Bühnen- 
prüfung wiederholten sich die alten Auftritte auch gegenüber dem neuen Er- 
zieher. Dieser wird von Boris bestohlen, hintergangen und schließlich auch 
kÖrperhch in gefährlicher Weise angegriffen. Die Aussicht auf eine bessere Zu- 

_ 149 — 



Ttunft, die angekiitidtgte Selbständigkeit im frei gewählten 1' 'uf Jmtte allea 
Erwartungen xuwider eine weitere Verschlechterung seines Benehmens zur Folge. 
Auch das letzte Mittel, die ihm eingeräumte Erlaubnis, bei einer kleinen, durc h 
den Harz ziehenden Wandertruppe von Schauspielern mitzuwirken, versagte. Er 
war auch dort durch Diebereien und Unredlichkeiten für die Dauer unhaltbar. 
Da der Vater voll Ungeduld drängte und nach dem FeWschlag der letzten Be- 
mühungen an eine Internierung dachte, waren wir genötigt, ihn schließlich in. 
einem wenig hoffnungsvollen Zustande nach Hause zu geben. 

Meinen chronologischen Aufzeichnungen folgend, schildere ich in Kürze einige 
seiner Verfehlungen, die er sich bei uns zu Schulden kommen ließ, um daraus 
eine Art von Querschnitt für sein kriminelles Handeln überhaupt zu gewinnen. 

i) Boris hat einen Zigarrendiebstahl beg-angen. Nachmittags Erregungszustand, 
aussehend von einem kleinen harmlosen Scherz eines Kameraden. Ihm sind die 
Stiefel versteckt worden. Heftige Ausfälle gegen mich, schließlich gegen die ganze 
Anstalt. Am Abend gesteht er mir den Zigarrendiebstahl. 

2) Boris provoziert einen Auftritt mit einer Hausangestellten, reizt diese ^durch 
zudringliche Scherze, bis sie ihn ohrfeigt. Darauf tobt er und läuft ans dem Hause. 
Am Abend vorher hatte er mir eine größere Geldsumme zur Verwalirung übergeben 
die er von seinem Bruder als Geschenk erhalten haben will. In der Nacht erst kehrt 
er wieder zurück. Als er sieht, daß er ungestraft bleibt, gesteht er, daß er das nur 
teilweise mir ausgehändigte Geld durch Unterschlagung gewonnen hat. 

5) Er hat einem neu eingetretenen Zögling und Zimmergenossen eine Geldtasche 
mit Inhalt genommen. Von dem Geld kauft er Zigaretten und Leckerbissen. Der auf 
ihn sich lenkende Verdacht wird energisch abgewiesen. Als man ihn fast überführt 
hat, rennt er davon, fährt in die Umgegend, kommt erst am Abend wieder, ist dann 
reumütig und geständig in allem, wünscht sich Prügel und strengere Behandlung. 

4) In der Irrenanstalt: Er nimmt einem Patienten derselben Abteilung eine Brief- 
tasche mit Geld. Der Verdacht kann sich nur auf ihn lenken, doch ist man absicht- 
lich zurückhaltend. Drei Tage später wird seine Unruhe größer. Er meldet dem 
taghabenden Arzte, ihm seien fünf Mark gestohlen worden, die er von einem anderen 
Kranken einer anderen Station geliehen habe. Dann teilt er später demselben Arzte 
heimlich mit, er habe das Geld im Garten gefunden. Als ihm darauf auf den Kopf 
zug^esagt wird, daß er von dem Gelde spreche, das er selbst entwendet habe, -gibt er 
es fast weinend zu. Gefragt, warum er zuerst einen so durchsichtigen Schwindel be- 
gangen hätte, da man doch wußte, daß er gar kein Geld bei sich trage, meint er, 
er hätte gewollt, daß sein Diebstahl herauskomme. Er mache das in der Verzweiflung 
immer so. 

Eine sehr beträchtliche Anzahl ähnlicher Vorfälle nahmen einen^ verwandten 
Verlauf, wenn auch natürlich der Wert der genommenen Gegenstände ein ganz 
verschiedener war. Es ist in jedem Fall bezeichnend, daß fsich nach dem 
Delikt ein innerer Druck entwickelt, der sich eigentlich durch Geständnisse zu 
lösen sucht. |Aber die Geständnisse gelingen nur halb, sie werden durch Er- 
zählungen vertreten, die durch plumpe Unglaubwürdigkeit auffallen oder so be- 
schaffen -sind, daß sie nahe an das wirklich Geschehene heranführen, oder det 
Motor des Geständniszwanges, das Straf bedürfnis treibt zu Schlimmheiten (Provo- 

- 150 - 



kation, Aggressi ■q u. dergl.), ^/vie sie von den schuldbewußten Kindern her be- 
kannt sind. Nun setzt ein Kampf ein zwischen dem Wunsche nach der Bestra- 
fung, auf die ja das Gestehen zieh, und der Furcht vor derselben. Meist wird 
dieser Zwiespalt zunächst zugunsten einer primitiven Fluchtreaktion entschieden. 
Doch das Ausweichen, wo es in den Sühne weg eingeschaltet wird, hat keine 
durchgreifende Spannungsänderung zur Folge. Boris muß zurückkehren, um sich 
durch volles Geständnis zu erleichtern. Die Strafe hat er meist selbst durch die 
unterwegs ausgestandenen Ängste, Hungern, Schlaflosigkeit usw. vorweg genom- 
men. Einmal kam er ganz erschöpft in der Nacht heim, von Regen durchnäßt, 
abgerissen und glaubte noch immer von Kriminalisten verfolgt zu sein. 

An diesem Zögling, der zu unseren schwersten und dem bisherigen Anscheine 
nach aucli hoffnungslosesten Kriminellen gehörte, ist jene eigenartige Tatsache 
zu sehen, daß er im tiefsten Grunde moralischer, will sagen sozialer war, als 
seine manifeste Verwahrlosung es ahnen ließ und er es auch selbst von sich 
ahnen mochte. Gerade an dissozialen Jugendlichen dieses Typus konnte ich 
immer wieder bemerken, wie sie in erstaunlichem Maße die Entdeckung Freuds 
bestätigten, daß der Mensch nicht nur schlechter, sondern auch besser zu sein 
pflegt, als er es weiß. 

Es war also in erster Linie mit allen Mitteln, die uns die Psychologie des 
Unbewußten bisher geschenkt hat, zu erforschen, in w^elcher Weise so eigen- 
artige Erkrankungen des Gewissens zustande kommen, die letzten Endes ihre 
Opfer ins Kriminelle hineindrängen. Nur eine schärfere psychologische Durch- 
leuchtung kann auch zu den geeigneten Maßnahmen fuhren, gleichgültig, ob 
man sie als pädagogische oder therapeutische bezeichnen w^ill. 

Als ich mich rückschauend um eine Klärung der Zusammenhänge in der Fehl- 
entwicklung von Boris bemühte, stieß ich auf eine von ihm mitgeteilte Traum- 
situation, die mir wie in einem Brennpunkte alle auseinanderfließenden und oft 
gegensätzlichen Ursächlichkeiten, aus denen heraus dieses Leben zum Scheitern 
bestimmt war, zu sammeln schien. Der Inhalt der Szene war folgender: 

' Ein Herr steht vor ihm; Soll ich Ihr Vater sein oder nur Herr F. (der Name dieses 
wirklichen Vaters)? — Boris läuft entsetzt in die Stadt zur Mutter.' Wer ist nun mein 

Vater ? Du hast keinen, sagt die Mutter traurig, Vater ist der, der den Menschen 

schafft und erzieht. Ein Vater hat dich geschaffen, der andere erzogen, du hast 
nur eine Mutter. — B. ist empört, dann weint er, fühlt, daß er stirbt. Die Mutter 
erschießt sich. B. wacht entsetzt auf. 

Deutlich spricht hier eine unterdrückte, aber nicht erloschene Sehnsucht 
nach dem wahren Vater, mit dem er sich als mit einem Betrogenen, Geschä- 
digten eins fühlen kann. Die Tatsache, daß er in der Lebensgeschichte diesen 
Vater als Wüstling, Vagabunden und Durchbrenner, schließlich als einen Men- 
schen hinstellt, „der die schrecklichsten Dinge getrieben hat", besagt nichts gegen 
diese Auffassung. Im Gegenteil, sie zeigt, wie vorsichtig man mit dem Begriff 
der Vererbung umgehen muß. Hat nicht Boris sein eigenes Wesen sichtbar dem 
Bilde unbewußt nachgeformt, das der von der Mutter verstoßene Schicksals- 
genosse in ihm zurückließ und damit seinem Protest gegen den unerwünschten 

— 151 — 



Nachfolger des Vaters, „diesen Herrn" wirksamsten Ausdruck gegeben? Die- 
Analyse spricht in solchen Fällen von einer Identifizierung, Derartige körperlich- 
seelische Angleichungen an die ersten Vorbilder sind ja die Zellen, aus denen 
sich das Gewissen aufbaut. 

Daß er auch der Mutter trotz der Entschuldigungsgriinde, die er ihr indirekt 
in der Charakteristik des Vaters zubilligt, die Trennung und die vom Kinde 
instinktiv gefühlten Verschleierungen und Unklarheiten vor der Ehescheidung 
nicht verziehen hat, zeigt deren Tod im Traum. Seine erste phantastische Lüge,. 
die aus dem fünften, sechsten Lebensjahre stammt, wird hiedurch verständlich. 
Boris erzählte damals seiner Mutter, daß die Mutter eines Mitschülers gestorben 
sei, daß er aber die Leiche verlassen hätte, um pünktlich in der Schule zu sein. 
Der jVater dieses Mitschülers befände sich auf Reisen. Boris' Mutter, die mir 
dieses Lügenmärchen erzählte, sprach von dem Erstaunen, in das sie ver- 
setzt worden war, als sie erfuhr, daß die Geschichte vom Anfang bis zum Ende 
erfunden war. Ist hier nicht die Flocke verborgen, die sich später bei Boris zu 
einer ungeheuren Lawine phantastisch hochstaplerischer Lügengebilde auswuchs^ 
unter der die echte, wirkliche Existenz dieses Menschen zeitweilig vollkommen 
verschüttet lag? Auf jeden Fall scheinen Lüge und Diebstahl in den Dienst 
einer geheimen und grausamen Rache gestellt zu sein, an der sicii Boris' Leben 
schließlich selbst verbluten mußte. Auf die gleichzeitig in ihm arbeitende Ten- 
denz zur Sühne konnte ich bereits aufmerksam machen. Gerade im Hinblick 
darauf möchte sich der Psychoanalytiker dagegen sträuben, bereits die erste 
schwere Selbstschädigung durch die Verbrennung als einen bloßen äußeren Zufall 
anzusehen. 

Als Boris schon längere Zeit aus der Anstalt fort war und nach dem 
eigenen wie nach dem Berichte der Eltern sein Verhalten sogar eine vorüber- 
gehende unerwartete Wendung zum Besseren genommen hatte, hat er, der Un- 
rast seiner offenbar unerschütterten Vergeltungssucht folgend, eines Tages eine 
Szene auf offener Straße hervorgerufen, die den mühsam eroberten Frieden 
schnell zerstörte. Er ist nach Mitteilung des Vaters wegen irgend eines gering- 
fügigen Vorfalles aus dem Hause gelaufen. Als man ihn suchte und fand, hat 
er die Hilfe der Polizei gegen den Vater angerufen und diesen schlimmster 
Roheiten gegen sich bezichtigt. In dem Massenauflauf, der durch den Skandal 
zustande kam, hatte man seinen Erzählungen beinahe Glauben geschenkt und 
es kostete den Vater alle Mühe, die Behörde von der wirklichen Sachlage zu 
überzeugen, 

BJ Kriminalität und Schuldgefühl 

Bei einem andern jungen Kriminellen, Alfred K., der bereits mit einer durch 
Bewährungsfrist gemilderten Vorstrafe zu uns kam und wegen erneuter Eigen- 
tumsdelikte während seines Aufenthalts bei uns zu mehreren Monaten Gefängnis 
verurteilt wurde, habe ich vor, während und nach Verbüßung seiner Strafe 
einen tieferen Einblick in die Wurzeln seines Stehlzwanges nehmen können. 
Phantasien, Bekenntnisse und Träume enthüllten in gleicher Weise ein unzu- 

— 152 - 



gängliches, weil unbewußtes Schuldgefühl, das den Yon Vergehen zu Vergehen 
gehetzten Menschen nicht eher ruhen ließ, bis er seineiu Leben verzweifelt 
selbst ein Ende setzte. Dieses unglückliche Schicksal hat mich in der Erkenntnis 
insofern einen Schritt weiter geführt, wie das eben geschilderte, als ich durch 
ein sorgfaltiges Studium der unbewußten seelischen Äußerungen, insbesondere 
der Träume bis zu der Quelle der drückenden Schuldempfindung vordringen 
konnte. 

Audi in den Träumen von K. kamen die Stehl wünsche zum Vorschein. Aber 
es fiel bei einem Vergleich auf, daß die im Traum gestohlenen Objekte w^esent- 
lieh geringwertiger w^aren, als die in der Realität entw^ endeten. Ja, die Belang- 
losigkeit der Traumdiebstähle stand in einem grotesken Gegensatz zu dem wirk- 
lichen Vergehen. Trotzdem w^aren jene Handlungen mit einem Affekt verbunden, 
dessen Stärke sich nur als Ergebnis von Verschiebungen und sinnbildlichen Ent- 
stellungen erklären ließ. Die Zusammenhänge führten mich zu der überraschen- 
den Einsicht, daß die v^rirklichen Delikte einer Rationalisierung der tieferen 
unbewußten dienten und darum mit dem subjektiven Gefühl der Zwangsläufig- 
keit begangen wurden, das heißt die Diebstähle gewannen die Bedeutung von 
Symptomhandlungen, • die mit einer erschütternden Eindringlichkeit das Urver- 
brechen : Vatermord und Mutterbesitz umkreisten.^ : <. n-i.;.' > ..-n ,. 



Diese beiden Schicksale sollen zeigen, daß man die Mühe um das Verständnis 
so tief verankerter Verwahrlosungen auch als Pädagoge nicht scheuen darf. Denn 
das Verstehen ist nicht nur eine wichtige Vorstufe des Verzeihens, sondern vor 
allem der einzuleitenden zweckmäßigen Hilfe. Eine Psychoanalyse der kriminell 
Verwahrlosten in größerem Umfange würde uns die Wege weisen, die man in 
ähnlichen Situationen zu beschreiten hätte. In seiner psychologischen Skizze 
„Die Verbrecher aus Schuldgefühl" hat Freud selbst den bedeutsamsten Grund- 
stein zum Verständnis dieser komplizierten Charaktertypen gelegt. Seine Schüler 
R e i k und jüngst Alexander und Staub haben die intuitive Weitsicht tmd 
Tragfälligkeit dieses Gedankens in umfangreicheren Untersuchungen erweisen 
können. 

Glücklicherweise sieht sich der Erzieher der Verwahrlosten nicht immer 
Schwierigkeiten gegenüber, die unter dem Gesetz eines tragischen Wiederhohings- 
zwanges zunächst fast jeder Hilfe zu spotten scheinen. Es gibt Fälle, in denen 
analytisch geführte Aussprachen, unterstützt durch den wohltätigen Milieuwechsfel, 
der zu den Vorteilen einer guten Anstaltserziehung gehört, zu Besserungen, ja 
Heilungen führen. Für den Grad des Erfolges ist das Alter des verwahrlosten 
Jugendlichen von hoher Bedeutung. Jugendliche, die die Pubertätsgrenze wesent- 
lich überschritten haben, sind prognostisch wohl im aUgemeinen ungünstiger zu 
beurteilen, als die jüngeren, bei denen die Verwahrlosungssymptome noch nicht 

i) Siehe die ausführliche Darstellung in dieser Zeitschrift, Jg. IJI, Heft 10/11/12 
(Selbstmordheft). 



Zeitsdiriftf. psa. Päd., IV./4'5 — 153 



11 



als feste Bestandteile mit in das CharaktergefÜge aufgenommen wurden. Doch 
darf man auch hierbei nicht scliematisieren. Die Entscheidung hängt immer 
von dem individuellen Schicksal, das heißt von den besonderen Konstellationen 
ab, unter denen Anlage und Umwelt auf einander wirken. 

Auch außerhalb des engeren Kreises der psychoanalytischen Wissenschaft 
werden Stimmen laut, die unter dem Druck der ständig wachsenden Jugend- 
kriminalität auf die dringende Notwendigkeit aufmerksam machen, bei der 
Arbeit im Ju«-endgefängnis aucli die Psj^choanalyse als Heilmittel heranzuziehen. 
Kurt B o n d y, der bekannte Kriminalpädagoge der Hamburger Universität, 
schließt seine Diskussion über Psychoanalyse in seiner Schrift „Pädagogische 
Probleme im Jugendstrafvollzug" mit Betrachtungen, denen wir uns durchaus 
anschließen können : 

Es soll nicht die Meinung vertreten werden, als oh nun die Psychoanalyse das 
Mittel sei, um die Kriminalität aus der Welt zu schaifen, ebensowenig, daß alle "Ver- 
brecher Kranke seien, wohl aber, daß die Psychoanalyse ein Mittel zu sein scheint, 
das bei bestimmten Kriminellen noch eine Heihmg bringen kann, bei denen alle 
anderen Mittel schon versagt haben. Es kann nicht als stichhaltiger Einwand gelten, 
daß eine solche Analyse sehr lange dauere und es eine teckiiische Unmöglichkeit 
wäre, viele Menschen auf diese Weise zu behandeln, wenn man bedenkt, welche 
großen Summen der Staat in der Irrenpflege für Menschen ausgibt, die gänzlich 
unheilbar sind, und die weder für sich noch für die Allgemeinheit den geringsten 
Wert bedeuten, und welche ungeheuren Mittel für Strafanstahen verausgabt werden, 
die dann zum Teil vielleicht gespart werden könnten," 

II 

Phantasien eines angsthysterisdien Knaben 

Die folgenden freien Phantasien eines neurotischen Knaben wurden bei 
dessen Behandlung wörtlich festgehalten und aus einer Reihe von ähnlich ge- 
arteten, oft im Zusammenhang mit einer Zeichnung entstandenen Erzeugnissen 
ausgewählt. Um die Phantasien von ihrem Träger nicht künstlich zu trennen, 
sei zunächst in kurzen Zügen die Vorgeschichte des Kindes mitgeteilt. 

Harry K., 11 Jahre alt, entstammt der unehelichen Beziehung seines Vaters 
zu einer Witwe. Nach etwa zweiiährigem Aufenthalt bei der Mutter, wanderte 
der Knahe von Hand zu Hand, Ein Jahr lang befand er sich in der Pflege 
einer Tante (Vaterschwester), die einen Nervenzusammenbruch erlitt und ihn 
deshalb ab<^eben mußte. Er wurde einem Kinderheim überwiesen, danach bei 
der „Studentenmutter" des Vaters untergebracht und schließUch als Fünfjähriger 
vom" Vater nach Verehelichung mit Harrys jetziger Stiefmutter, anerkannt und 
ins Haus genommen, Kind dieser Ehe ist eine kleine Tochter, an der Harry 
mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit liängt. , 

Nach den lückenhaften und durch subjektive Bedingungen widerspruchs- 
vollen Aussagen der Eltern scheint Harry gelegenüichen Verführungsversuchen 

- 154 - 



durch Dienstboten ausgesetzt gewesen zu sein, auch soll er selbst sexuelle Mani- 
pulationen an jüngeren Kindern vorgenommen hahen. Doch sind die Angaben 
über die Häufigkeit und den Zeitpunkt des Auftretens jener Erlebnisse zu un- 
genau, um festere Anhdtspunkte bieten zu können. Wesentliche Beachtung ver- 
dient eine nebenhin gegebene Bemerkung der Stiefmutter, der Knabe hätte sie 
nach der Heirat, also im Alter von fünf Jahren, häufiger im Bett aufgesucht 
und sei dabei einmal von so ausgesprochen sexueller Zudringlichkeit gewesen 
daß sie ihm erschrocken weitere Besuche verbot. 

Daß Harry durch den Wechsel unkontrollierbarer Erziehungseinflüsse und 
die zuletzt geschüderten Erlebnisse seiner frühen Kindheit innerlich Schaden 
genommen hatte, wurde erst kurz vor seiner Aufnahme in unsere Anstalt 
(Jugendsanatorium in Nordhausen a. H.) offenbar, als nach einem umfangreichen 
nächtlichen Brande, den er von der elterlichen Wohnung aus beobachtete, eine 
auffallende Wesensveränderung des Knaben eintrat. Harry erlitt einen Anfall 
von lähmender Furcht, konnte sich nicht ankleiden, sprach verworren in 
Schreckphantasien vom „schwarzen Mann" u. dgl. Dem ersten zu Rate ge- 
zogenen Arzte erzählte Harry u. a. von einer angeblichen groben Verführungs- 
absicht der Haustochter, die ihn und die Schwester zuletzt betreute, und von 
einer beobachteten sexuellen Szene zwischen der erwähnten Erzieherin und 
ihrem jungen Freunde. Beide Ereignisse, die das sonst ^verschlossene Kind 
spontan dem befragenden Arzt mitteilte, liegen in ungefähr dem gleiclien kurzen 
Aistande, ein bis zwei Tage vor dem Brandunglück. 

Es ist für die tiefe Lagerung dieser akut in Erscheinung getretenen Neurose 
kennzeichnend, daß Hany über seine Erlebnisse vor und während des Feuers 
sich nach der äußeren Wiederherstellung seines seelischen Gleichgewichtes 
weder seinen Eltern noch uns gegenüber mitteilte, ja ein Wissen davon gänz- 
lich in Abrede stellte und jedem Versuch, den auslösenden Eindrücken näher 
zu kommen, deutlichsten Widerstand entgegensetzte. 

Da unter solchen Umständen die nur 1% Monate währende Sonderbehand- 
lung, die ich unter dem Namen „Freie Beschäftigungsstunden" durchzuführen 
begann, noch keinen überzeugenden Aufschluß über die engeren Zusammen- 
hänge und die Motive des Krankheitsausbruches selbst erbringen konnte, (die Be- 
handlung mußte trotz unseres Einspruches durch die Entfernung des Knaben 
aus der Anstalt abgebrochen werden), so können wenigstens die aufgezeichneten 
Phantasien in mancher Hinsicht den Weg weisen. 

Während meines täglichen Zusammenseins mit Harry war es diesem erlaubt, 
bei der Wahl der jeweiligen Beschäftigung ganz seinen eigenen Wünschen und 
Neigungen zu folgen. So wechselten Zeichnen, Kneten, Bauen und Geschichten- 
erzählen mit Spaziergängen und Wanderungen. Um eine gute Übertragung her- 
zustellen, folgte ich ihm in den ersten Stunden auch auf den Weg des von ihm 
bevorzugten Kriegs- und Soldatenspieles, indem ich ihm Figuren lieh, jedoch zur 
Wahrung seiner freien Tätigkeit nur als „Kanonier" mit einer Spielkanone auf 
£eine Anweisung in den Kampf eingriff. 

Bereits hier, in den kriegerischen Phantasien, trat eine regelmäßige und 



— 155 — 



Bestimmte RoUemferteilüng der gedachten Heldeti auf, die später ihren typischen 
Charakter sieigten. In Anlehnung an die ihm durch Hörensagen bekannten Er- 
eignisse des Weltkrieges, gruppierte Harry seine Kämpfe um die Partfeien der 
Deutschen und Franzosen. Während die Franzosen, besonders der Hauptmann, 
Inbegriff aller niederen Instinkte und Frevelhaftigkeit wurden, war die deutsche 
Seite auch hier wieder in hervorragendem Maße der Hauptmann, mit flecken- 
loser Reinheit ausgestattet. Gegen den französischen Führer mußte ich meine 
Kanone so richten, daß seinem Pferde „der Schwanz abgeschossen" würde. 
Auch mui3te die französische Soldatengruppe bis auf den letzten Mann vei^- 
niehtet werden, während er bei dem deutschen Teil der Figuren kaum eine 
Vferwundung zuließ: Beim Kn&ten formte er einen französischen „Baron von 
Schmier"^ der die grausamsten Martfern erdulden mußte. '^" * '"' 

Es ifet für das Verständnis dieser Spiele von wesentlichem Belang, daß Hai-iy 
ifi Gesprächen berichtete, sein Vater wäre als Hauptmann im Felde gewesen, 
Was, wie Sich herausstellte, den Tatsachen nicht entsprach. Diesen fingierten 
„Hauptmannvater" inächte er zum Heros, von dem er oft unglaubwürdige Helden^ 
täten zu erzählen wußte. 

Kriegsphantasifen von dfet ähnlichen Art wie die genannten Spiele bilden 
auch in stereotyper Weise das Thema einer Reihe von Soldaten- und Schlachten- 
ieichnungen. Unter Beibehaltung des Grundmotivs, wobei nur die Form der 
äußeren Einkleidung wechselte, kehrte derselbe Stoff in gezeichneten und er- 
zählten Indianer- und Jagdgeschichten wieder. Aus dem Kreise dieser erfiin- 
d^tai Ei-zählungen lasfee ich zwei charakteristische Beispiele folgten . 



„Es war einmal ein Indianer, und der hieß Karo. Und an einem Sonntage, da 
ging er spazieren. Und er setzte sich auf eine Bank. Und wie er da so saü, da hörte 
er auf einmal Pferde trappeln. Und er guckte sich um, ah er er sah nichts, und da 
legte er sich auf die Bank und schlief. Auf einmal tönte wieder ein Pferdegetrappel 
aiit, und es näherten sich drei Trapper. Der erste hieß Buffalo Bill, der zweite hieß 
l^brii Mix lind dfer dritte hieß Rotgibson. Und als sie näher kamen, wachte der 
Indiaiifer auf und die Trapper imd der Indianer kämpften, und als der Indianfer nun 
sah, daß er besiegt war^ da ^ing er freiwillig mit den Trappern. Und der Indianer 
wurde in die Trapp ferhöhle gebracht und sie ließen ihn drei Tage da. Da mußte st 
sagen, wie er heißt und von welcher Truppe er war. Da erzählte er, er wäre von 
der dritten Gruppe. Und als der dritte Tag sich näherte, ließen sie ihn frei. Und 
wie sie ihn losgelassen hatten, da kneif te der Indianer aus und lief z\x der Indianer- 
köhle. Und er sagte, er wüßte, wo die Trapperhöhle wäre. Und da zogen die Indianer 
an einem anderen Tage allesamt zn der Höhle und sie überfielen die Trapper, und 
der Äotgibson, der war noch übrig und der haute dem Indianerhäupthng eins ins 
Gesicht, utid da floß das Ölut aus den Backen und er machte die andern beiden 
h^i. Und dör eine, Buffalo Bill, der hatte eins mit dem Bogen auf den Rücken ge- 
kMfegt, und sie legten ihn iü Bett, und am drittfen Tage, da war er wieder gesund 
uiid dite liidiänör, dlfe wäi-en derweile ausgekniffen. Und an einem andern Tö^e 
kamen die Indianer schon wieder an und Überfielen den Rotgibson. Aber Rotgib&on 
War nicht dumm, er haute den Indianer vom Pferde, nahm ihm die Waffen we^ 



•u 



- 156 - 



und sag^e; So, nun schere dich von meiner Hütte weg! Und die anderen. Indianer blie- 
iennoch da und iiherfielen nochmal den Rotgibson. Aber da wprde der Rotgibson ärger- 
lich und haute dem einen Indianer eins mit der Faust jn den Magen. Der wurde 
alsbald totenblaß und fiel ohnmächtig zur Erde. Und an einem andern Tage, da 
tarnen wieder die Indianer, aber eine andere Truppe. Es war die erste, und sie 
überfielen den Buffalo Bill. Und da kam Rotgibson. Und da haute Rotgibson dem 
einen Indianer eins mit dem Gewehrkolben auf den Kopf, und der flog alsogleich 
tot %MT Erde nieder, und die Trapper freuten sich, daß sie jetzt die Indianer los 
waren, und sie blieben in ihrer Höhle und hatten für ein paar Jahre Frieden im 
Lande. Und damit ist die Geschichte aus." 

Schon mehrfach hatte Harry, sei es durch eine Zeichnung, sei es in Erinne- 
rungen an die Zirkusaufführung einer Indianerpantomime, oder an das Kino, 
seine Teilnahme und Sympathie für die Trapper zu verstehen gegeben. Einmal 
fragte er mich, ob ich es vorzöge, ein Indianer oder ein Trapper zu sem. Er 
selbst entschied sich für das letztere. Es ist nach den oben mitgeteilten Kriegs- 
phantasien durchaus wahrscheinlich, daß der Indianer häuptllng hier den 
Franxosen hauptmann ablöst, also letzten Endes den Vater vertritt. Da aber 
Harrys bewußte Einstellung zum Vater, soweit das aus seiner; verschiedenen 
Äußerungen während und außerhalb der Stunden hervorgeht, eine meist freund- 
liche, zumindest keine ablehnende war, so läßt sich eine tiefere Einsicht in 
die psychologische Struktur seiner Kriegsspiele und der mitgeteilten Indianer- 
geschichten erst unter Berücksichtigung jener inneren Konfliktsmöglichkeiten 
gewinnen, die im Anschluß an einen Ausdruck von Bleuler als „Ambivalenz*^ 
zusammengefaßt wurden. Das ambivalente seelische Verhalten ist ja bekanntlich 
dadurch gekennzeichnet, daß demselben Objekt, bezw^. derselben Person, gleich- 
zeitig die gegensätzlichsten Regungen entgegen gebracht werden, wobei der un- 
zulässige Gefühlsanteil vor dem gebilligten, siegreich ep ip das Unbewußte 
zurückweicht. 

Vergleichen wir die Rriegsphantasien Harrys mit dej- Indianergeschichte, 
so hat sich dieser verborgene Konflikt in jenen Phantasien anscheinend des 
aus Traum und Mythos bekannten Hilfsmittels der „Spaltung" bedient. Dadurch 
ist es ermöglicht, „daß der aufrührerische Sohn die dem Vater geltenden feind- 
seligen Regungen etwa an einem Tyrannen befriedigt, der die gehaßte Seite 
der Vaterimago repräsentiert, während den kulturellen Anforderungen der 
Pietät durch gesonderte Anerkennung einer geliebten, verehrten, ja sogar ver- 
teidigten oder gerächten Vaterimago Rechnung getragen wird".' Diesen verbor- 
genen seelischen Antrieben gaben die groben Vorstellungen, die sich Harry 
unter dem Einfluß der Umwelt von dem Charakter der kriegführenden Völlt,er 
gebildet hatte, offenbar den geeigneteii Untergrund. 

Im Kriegsspiel also hatte die Zerlegung der väterlichen Hauptmannsfigur 
in einen guten und schlechten, bezw. einen deutschen und französischen Teil 
den widerstreitenden Gefühlsregungen in der Seele des Kindes gerecht werden 



i) Rank u. Sachs, Die Bedeutung der Psychoanalyse für die Geisteswissen- 
schaften. Wiesbaden 1915. S, 52. 

— 157 — 



können. In der Indianergeschichte dagegen verschiebt sich der Akzent zugunsten, 
der unbewußten, feindseligen Tendenzen. Da sich in der Unterhaltung, die der 
Aufzeichnung folgte, Harry selbst mit Rotgibson gleichsetzte, was ja auch seiner 
Bevorzugung der Trapper entspricht, darf man neben dem Häuptling auch die 
Indianer als die vielfältige Verkörperung der unbewußt gefürchteten und bekämpften 
Vatererscheinung ansehen. Dafür scheint durch eine Aufspaltung der Trapper- 
figuren in eine gleichwertige Führerdreiheit und durch die Bestrafung eines 
Anteils derselben (Verwundung des Buffallo Bill), für eine Herabsetzung der 
Gewissensspannimg gesorgt zu sein. 

Noch deutlicher und in allen denkbaren Variationen treten diese gesetz- 
mäßigen Entstellungsmechanismen des Ambivalenzkonfliktes gegenüber dem Vater 
in einer späteren Phantasie hervor. •,,. -fi. 



„Es waren einmal zwei EüfFeljäger, der eine hieß Kali, der andere hieß Karino, 
Und wie sie in einem Zelte saßen, hörten sie ärgerliches Brummen und Knurren, 
Sie guckten und erblickten zwei riesenhafte Büffel. Der eine sprang knurrend um 
unsere Hütte und der andere paßte immer auf, wenn jemand kam. Und als der 
eine, der Aufpassende, uns da oben erblickte, brummte er wütend zu dem andern. 
Der andere lief hin, und der eine Büffel erzählte in der Büffelsprache, daß da oben 
ein Mensch wäre. Und der eine Büffel knurrte und guckte wütend auf unsere Zelle 
hinab. Da schoß ich eine Kugel ab und traf den einen Büffel direkt in die Seite. 
Der fuhr wütend auf, bef zu dem Dombusch, haute mit den Hörnern an den Busch 
und ging wieder seiner Wege, 

Da kam ein sehr, sehr großer, brummender Mähnenlöwe aus dem Dornenbusch 
hervor. Als er die beiden da erblickte, knurrte er furchtbar ärgerlich. Er biß an den 
Felsen, knurrte, ärgerte sich, daß er ihn nicht durch kriegte. Und da schoß der eine 
dem Löwen eins direkt vor die Stirn. Der fiel alsbald tot nieder, stellte sich ai>er 
nur, brummte und knurrte, noch ein bißchen wütend, und fuhr dann mit einem Male 
wieder auf. Sprang an unser Lager, das wurde von dem Löwen halb kaputt gerissen^ 
und als der Lowe das Zelt halb kaputt gerissen hatte, ging der andere Büffel und 
suchte den einen. Als er wieder kam, der Büffel, fand er den Löwen nicht mehr. 
Er pochte gegen den Dornbusch. Alsbald fuhr die Löwin heraus, biß dem Büffel das 
Bein ab. Der knurrte ärgerlich und brummend, hetzte auf die Leute, und wie 
er da mit den Hörnern so an die Balken buffte, kriegte er einen Schuß von dem 
einen Jäger, direkt vor den Kopf. Das eine Hom brach ab, und nun war der Büffel 
verloren. 

Und an einem anderen Tage, als wir wieder in unserem Lager saßen, hatten 
wir einen Löwenjäger mitgenommen. (Auf Frage nennt er diesen Paulino, das wäre- 
der stärkste Boxer der Welt,) Der geriet aber in Ärger, als er keine Löwen fand» 
haute dem einen Jäger eins mit dem Gewehr durchs Gesicht. Der wurde aber gleich 
ärgerlich, nahm seinen Spieß und ging auf den Löwenjager los. Da rief der Löwen- 
Jäger: Hilfe! Und alsbald, wie er das so rief, sprangen drei Löwen aus dem Dickicht 
vor. Und der Löwenjäger sagte: Lieher Büffeljäger, nimm es nicht übel, daß ich. 
Dich gehauen habe. Der Eüffeljäger aber fragte: Warum? Und da sagte der Löwen- 
jäger: Weil Du mir drei Löwen hergeschafft hast. Und da haute der Eüffeljäger dem 
Löwenjäger aber doch noch eins über den Kopf, daß er besinnungslos niederfiel. 

- 158 — 



Und nach einer Viertelstunde kam der Löwenjäger wieder zur Besinnung, haute 
dem Büffel] äger eins ins Gesicht, und alsbald entstand ein schrecklicher Kampf. Als 

er zu Ende war, lagen beide besinnungslos da. Der Büffeljäger blutete, und als nun 
der Low enj äger aufwachte und er sali den Büffeljäger da noch liegen, nahm er seinen 
Spieß, \varf ihn herunter und holte sein Gewehr hervor imd stach dem einen Büffel- 
jäger eins ins Herz. Und da kam der andere Büffeljäger noch hiniu und sagte, was 
mit seinem Bruder geschehen wäre. Der sagte, er hätte von ihm einen SchuD ins 
Herz gekriegt. Da wurde der Büffeljäger ärgerlich, schlug den Löwenjäger ins Gesicht, 
daß er tot hinfiel. 

Der Büffeljäger ließ ihn begraben und tat als Andenken einen richtigen Löwen 
ausstopfen xmä. über sein Grab stellen. Und der Büffeljäger lebt jetzt in Amerika und 
jagt immer hinter vielen, vielen Büffeln her. Und wenn er nicht gestorben ist, dann 
lebt er heute noch." 

Hier ist zunächst die Reihenbildung, das von Rank und Sachs aus dem Wesen 
der mythenbildenden Seele abgelesene und zugleich als „Doublettierung" bezeich- 
nete Mittel zur Wunschdurchsetxung und Triebbefriedigung, auch in der Leistung 
der Märchen schaffenden Einzelseele erkennbar. Der dem BewTißtsein entzogene, 
schuldbeladene Wunsch, den Vater niederzuzvv^ingen, muß erst eine Kette von 
wechselnden Gestalten (Büffel, LÖvsren, Lö wen j äger auf der einen, Büffeljäger 
auf der andern Seite), von Sieges- und Strafphantasien passieren, bis er sich 
mit entscheidender Kraft durchzusetzen vermag. Für eine ausreichende Entstellung 
ist durch die Aufspaltung der beiden gegnerischen Personen gesorgt. 

Die Namen der zwei Büffeljäger, Kali und Karin o, sind greifbare Anspielun- 
gen auf den Familiennamen des Vaters und den meinen. Daß dabei aber nicht 
die Vater-, sondern die Sohnesimago ihre Darstellung findet, geht aus einer 
kleinen, weiter zurückliegenden Phantasiezeichnung hervor. Jene handelt von 
zwei siegreichen Motorradfahrern, die Harry als „Dr. K." (Name des Vaters) 
und „Herr Kalischer" bezeichnete, nachdem er kurz, zuvor mitgeteilt hatte, daß 
er selbst und mein Junge mit diesen Figuren gemeint seien. Mit anderen Worten, 
er hatte auf dem bekannten Wege der Übertragung und Identifizierung die 
Beziehung meines Sohnes zu mir, dem Vater, als die seinige übernommen und 
schließlich die beiden Söhne an die Stelle ihrer Väter gesetzt. Daß in der vor- 
liegenden Jagdphantasie die in der Namengebung verwandte Aufteilung der 
Sohnesfigur ebenfalls einen IVollentausch in dem erwähnten Sinne darstellt, zeigt 
ganz unzweideutig der mehrmalige Übergang von dem indirekten zum direkten 
(„uns", „ich", „wir") Bericht. 

Wäre aus diesen Beziehungen die Erscheinung der Büffeljäger als eine Doppel- 
bildung der zu verkörpernden Sohnesgestalt sichergestellt, so läßt sich die Bedeu- 
tung des Tierfigurenensembles als eines vielgestaltigen Abkömmlings der Vater-, 
bezw. Eltemimago nur auf Umwegen erschließen. Zu dieser Annahme berech- 
tigen vorwiegend die Ergebnisse der individual- und völkerpsychologischen 
Forschimgen der Psychoanalyse. Bei Auswertung dieser Vergleichsmöglichkeit 
ist es von hohem Interesse, zu sehen, wie Harry in seinen Pliantasien auf ar- 
chaische Ausdrucksformen der Seele zurückgreift, die uns auch sonst aus dem 
kindlichen Tierphobien und den religiösen Gebräuchen des totemisti sehen Zeit- 

— 159 — 



alters 1 bekannt geworden sind. Dabei hat es sich herausgestellt, daß die bestimmten 
Tieren oder Tiergattungen geltende Angst oder Verehrung von ihrem ursprüngli- 
chen Objekt, dem Vater oder der Mutter, auf diese unerkannten Ersatzobjekte 
verschoben war. Hort man zudem in unserem Falle, daß sich Harry im Traume 
zeitweise vor wildgewordenen Ochsen fürchtet^ so scheint die Behauptung, detß 
es sich auch bei dem einen Büffel und Löwen um symbolische Darstellungen, 
bezw. „Surrogate" des Vaters handelt, nicht ungereclitfertigt zu sein. Bezeichnend 
für den Ausgang der Erzählung ist es, daß der endliche Sieg über die hydren- 
artig auferstehenden Vaterimagines {ein Löwe verdreifacht sich; ebenso gehört 
wohl der LÖwenjäger in diese Reihe) mit dem Opfer eines Sohnesanteils, dem 
„Bruder" des Büffeljägers erkauft werden muß. Auch die Errichtung des LöMren- 
grabmals besitzt in den magischen Gebräuchen der animistischen Kulturstufe 
bemerkenswerte völkerpsychologische Parallelen. 

Einem weiteren analytischen Eindringen in die Einzelheiten gerade dieser 
pliantastischen Tierjagdgeschichte dürften sich auch die tieferen Wurzeln der 
ambivalenten Gefühlseinstellung zeigen. Trotz der Lücken, die das fragmen- 
tarische Beobachtungsmaterial der vorzeitig abgebrochenen Behandlung offen 
läßt, legt das Auftreten der Löwin, vielleiclit auch des zweiten (weiblichen?) 
Büffels, ebenso die wiederholt eingeführten „Kastrationsmotive" (Abbeißen des 
Beines, Abbrechen des Homes) die Vermutung nahe, daß der seelische Zwie- 
spalt des Knaben, der in der akuten Neurose und den phantastischen Leistungen 
seine Wirksamkeit offenbart, verdrängten Inzestwünschen und Schuld gefülilen 
seinen Ursprung verdankt. Die Wahrscheinlichkeit dieser Annahme darf sich 
außerdem auf jene eingangs erwähnte Mitteilung der Stiefmutter stützen, nach 
der Harry in dem kritischen Ödipusalter von fünf Jahren eine offenbar trau- 
matisch gewordene Versagung erlitten hat. Für die gleiche Ansicht spricht 
femer eine andere Märchen phantasie des Kindes, die ich in wörtlicher Wieder- 
gabe den beiden vorherigen anfüge. 

Es war einmal eine Prinzessin, die hatte schöne Kleider an und wohnte in einsm 
scheinen Schlosse. Sie hatte viele Diener, Sie hieß Kriemhilde. Und eines Tages, da 
kam ein Mensch, und da hat Kriemhilde den aufgehoben und mit nach Hause ge- 
nommen. Und da muß sie eines Tages verreisen, und da hat sie den Mann mit- 
genommen in einer kleinen Schachtel. Und wie sie da so in der Eisenbahn. 
fuhr, da fiel der Kleine aus dem Fenster. Und wie er unten lag, da machte er ein 
großes Geschrei, und da sprang die Kriemhilde aus dem Fenster, und da hatte der 
Mann sich ein Beinchen gebrochen, und da hat die Kriemhilde das Beinchen 
abgeschnitten und hat es mit Zwirnfaden wieder drangenäht. Und eines Tages, 
da spielte der kleine Mann im Garten. Und da war so ein Maulwurfshügel, und da 
stolperte er drüber und fiel in das Loch rein. Und da kam schnell die Kriem- 
hilde gelaufen und Init ilm da wieder rausgetan, und da hatte der Kleine Nasen- 
bluten. Und da hat sie einen Schwamm genommen und hat ihm das Blut aljge- 



1 ) Freud, Totem und Tabu (Ges. Schriften, Bd. X), Analyse der Phobie eines fünf- 
jährigen Knaben (Bd. VIII). 

— 160 — 



waschen. Und an einem anderen Tage, da ging die Kriemhilde weg uad er mußte 
allein in dem Hause bleiben. Und da legte er sich ins Bett am Abend; und da horte 
er sowas piepen, und da guckte er in so'ne Ecke und da lief er schnell wieder 
zurück, denn da war so etwas Graues in der Ecke. Er holte schnell seinen Degen 
und ging wieder in die Ecke, und da hi eb er mit dem Schwerte dem einen grauen 
Vieh grad den Kopf ab. Und als Kriemhilde wieder nach Hause kam, da stank 
das da drinne so, und da guckte sie um die Ecke, und da stanken die Mäuse so, 
und sie tat die Mäuse nehmen und schmeißte sie in einen Eimer. 

Und da kam ein Affe, und der nahm ihn in seine Pfoten und spielte mit 
dem da r u m, imd das tat dem kleinen Mann sehr weh und da ließ der Affe ihn 
fallen. Und der kleine Mann, der purzelte in die Dachrinne, Und er 
rutschte hinunter, und als er unten ankam, da hatte er ein Loch im Kopf, und 
da tat die Kriemhild ein paar Kieselsteine in dem seinen Kopf und tat ein Pflaster 
darauf machen. 

Und an einem Sonntag, da spielte der kleine Mann im Garten, und wie er da 
so spielte, da packte ihn ein großer Hund und trug ihn zum Gärtner, und zum 
Glück hatte der kleine Mann sich nichts gebrochen. Und da haute der Gärtner 
den Hund, und da ließ der Hund den kleinen Mann fallen. Und da war grade ein 
Sandhaufen und er fiel hinein, und da rief die Kriemhild ihn immer und 
suchte in dem Garten umher. Und als sie den Gärtner fragte, wo er wäre, sagte er, 
er wäre in den Sandhaufen gefallen. Und als sie suchte, die Kriemhild, da lag er 
ganz, ganz imten in der Erde. Sie tat ihn schnell hinaus und lief nach Hause, 
und da ließ sie ihn in einem Flugzeug nach seiner Heimat fahren. Und die Geschichte 
ist aus. 

Das erfundene Märchen knüpft an die kurz vorher gelesene Geschichte von 
„Gulliver bei den Riesen" an, deren Motive jedoch nicht anders als die Tages- 
reste beim Träumen im Sinne der latenten Gedanken selbständig verarbeitet sind. 

Es möge auch hier an Stelle der durch die psychoanalytische Technik gefor- 
derten freien Einfalle, deren Gewinnung sich in der vorliegenden und ahnlichen 
Situationen z. T, durch vergleichende Sichtung des Materiales selbst ergeben 
müßte, — was einer vertiefenden Arbeit vorbehalten bleiben muß, — ein Hinweis 
auf verwandte Symbole des Traumes, des Witzes und des Märchens genügen. Die 
danach mutmaßlich den verdrängten Sexualwunsch und die befürchtete Kastra- 
tionsstrafe darstellenden sinnbildlichen Handlungen etc. wurden durch Sperr- 
druck hervorgehoben. 

Andererseits ist zu erwähnen, daß die Gestalt der Prinzessin, wie alle hoch- 
gestellten Persönlichkeiten (König, Königin etc.) ja im Märchen ein beliebtes 
Sinnbild für die entsprechende elterliche Autorität, ihre mütterliche Bedeutung 
in verstreuten Äußerungen bei anderer Gelegenheit näher erkennen ließ. „Sie 
ist schon groß" . . . „Eine Frau" schilderte Harry auf meine Fragen die Prinzessin 
im Zusammenhang mit einer Zeichnung und einem Traume, der folgenden 
Inhalt hatte: 

„ Es war ein Manri^ der wohnte in einem kleinen Häuschm^ das stand einsam im Walde. Eines 
Tages ging er in den Wald, Als er drin war^ sah er auf einmal ein großes Schloß. Als er an 
das Tor kam^ kam ihm ein Mann entgegen. Der fragte, wohin er wollte. Da sagte er: Ich. will 
SU der Prinzessin!^ 

— 161 — 



Datei hob Harry auf nähere Fragen in der Schilderung noch hervor, daß 
die Prinzessin Auto fahren könne. Es ist wichtig, nachzuholen, daß Autofahrt 
und Automobil einen großen Spielraum in Harrys Zeichnungen, Phantasien, und 
Wünschen einnahmen, ja diese eine Zeit lang geradezu beherrscliten. In dem- 
selben Zusammenhang muß bemerkt werden, daß, nach Mitteilung der Stiefmutter, 
der Knabe, als man ihn einmal bei „Dummheiten" mit einem kleinen Mädchen 
ertappte, zur Strafe eine Autofahrt nicht mitmachen durfte, und daß er nach 
dem Angstanfall zunächst nur noch Interesse für die Autos gezeigt haben soll. 
Hiernach dürfte es recht wahrscheinlich sein, daß die Vorstellung des verbotenen 
Autofahrens ihren affektiven Gehalt von der verbotenen sexuellen Handlung 
entliehen hat und somit als deren sinnbildlicher Ersatz auf sie hinweist. Da er 
an den Fähigkeiten der Prinzessin das Autofahren rühmt und zu anderer Zeit 
erklärt daß er so ervi-^achsen wie der Vater sein w^oUe, weil er dann auch stu- 
dieren und Auto fahren dürfe, so scheint auch von liier aus der Schluß, daß 
Harry den Wunsch nach verbotenem Umgang mit der Stiefmutter ^vohl unter- 
drückt, aber nicht aufgegeben hat, kaum noch aus der Luft gegriffen zu sein. 
Wobei noch einmal an die reale Unterlage dieser Deutung, den Bericht der 
Stiefmutter, zu erinnern ist. it ■>•.'.". s'.'i 

Zusammenfassung: Während es also nicht gelang, den durch Harrys 
Phantasien angesponnenen assoziativen Fäden bis zu ihrer Verknotung, den die 
Angst bewirkenden Anlaß selbst (das Feuer) zu folgen, hat sich doch die Unter- 
suchung der phantastischen Erzeugnisse des Knaben als ein wertvoller ^Veg weiser 
zu den tieferen traumatischen Ausgangspunkten der seelischen Störung gezeigt. 
'Wir fanden auf diese Weise die inzestuösen Wünsche des Ödipusalters und, 
durch völkerpsychologische Vergleiche gestutzt, den damit verbundenen Ambivalenz- 
konflikt gegenüber dem väterlichen Rivalen in den freien Erfindungen des Kindes 
zum Ausdruck gebracht. Wir fanden femer, indem wir allerdings die Kenntnis 
einiger, durch die Psychoanalyse des Traumes und Witzes als typisch heraus- 
gestellten Symbolformen voraussetzen mußten, den Wunsch nach Unschädlich- 
machung des Vaters (Kastrationsmotive in 2) und die Furcht vor einer gleich- 
gearteten Rache (Kastrationsmotive in 5) als einander bedingende Regungen 
darin wiedergegeben. 

Vielleicht ließe sich in geeigneten ähnlichen Fällen die Kombination von 
freier Zeichnung und Erzählung als ein methodisches Hilfsmittel für die be- 
schleunigte diagnostische Einsicht 'während einer zeitlich eng begrenzten heil- 
pädagogischen Behandlung erweisen. 

FortsetKung und Schluß dieser Serie 
„Aus der heilpädagoglsdicn Anstaltspraxis" 
(u.zw. die Kapitel: 111) Erzich ungshlHe bei dro- 
hender Sdiizophrcnle — IV) Vereinsamung eine» 
Stiefsohnes — Y) Ausbilde: Aufgaben des ana- 
Ijtisdien Erziehers in der Anstalt) folgen Im 
nfldisten Heft. 



Ililllllllil 

— 162 — 



• Psychoanalyse und Kindergarten - 

- .. Von Nelly Wolffheim, Berlin 

-. ' '■*" • i" .i."' (Fortsetzung aus 

I..J,. .,, ..,■,, dem vorigen Heß} 

m 

Die pädagogisdie Leitung des Kindergartens 

Wir wollen noch einmal zusammenfassen, was der Kindergarten auf 
Grund der bisher dargelegten Gesichtspunkte dem Kinde zu bieten hat. 
Wir lernten die Notwendigkeit der Ablösung von zu enger Familien- 
bindung kennen, wir fanden die Werte des Zusammenlebens mit ande- 
ren Kindern und die Erleichterung der Anpassung an die Realität 
durch das Hineinführen des Kindes in eine erweiterte Gemeinschaft. Es 
wurde angedeutet, daß es Aufgabe des Kindergartens ist, dem Kinde Subli- 
mierungsmöglichkeiten und Ersatzbefriedigungen für Triebver- 
zichte zu schaffen. Jetzt stehen wir vor der Frage, wie der Kindergarten 
zu leiten sei, wenn wir diesen Zielen zustreben wollen. ^ > . •. 

W^ir haben das Kind in die Gemeinschaft zu stellen, die wir mit Fröbel 
als die erweiterte Bamilie auffassen wollen, und ihm hier Gelegenheit zu 
geben, ein dem Kinde an sich und ihm als Einzelperson angepaßtes Leben 
zu führen. Wir wollen dabei zuerst erörtern, wie wir eine Erleichterung 
der Anpassung an die Realität zu erreichen suchen, indem wir anerkennen, 
daß das kleine Kind ein „Lust-Ich" (Freud) ist, dem man Ver- 
zichte nur abverlangen darf, wenn man ihm Ersatzbefriedigungen 
schafft. 

Es wurde bereits erwähnt, daß der Vorgang des Erzogenwerdens dem 
Kinde im Rahmen einer Gemeinschaft erleichtert wird, \veil es sich dort 
nicht so stark als allein-leidender Teil empfindet. In diesem Sinne bedeutet 
der Kindergartenbesuch den Kindern eine Hilfe bei der von ihm geforder- 
ten Kulturanpassung. Die Verzichte, die das Kind zu leisten hat, um kultur- 
fähig zu werden, — im Augenblick um kindergartenfähig zu sein, — müssen, 
durch andere W'erte aufgewogen werden. Wenn wir den Gedanken aus- 
sprechen „Freude 7,u bringen ist des Kindergartens Ziel" (Friedrich Fröbel), 
so haben wir bereits den einen Weg gefunden, der uns Hilfe bringt. Ganz 
selbständig aus dem Zusammenleben und Zusammenspielen der Kinder 
erwächst trotz aller Übertragung der Familienkonflikte eine ihnen freud- 
volle Atmosphäre, solange der Erwachsene nicht störend und zu viel erziehend 
eingreift. Es ist nicht nötig, daß die Leitung, wie es in dem im alten 
Sinne geführten Kindergarten geschieht, die Freude durch allerlei Spielchen 
und Beschäftigungen künstlich zu gestalten sucht; die Kinder erfreuen sich 
selbst, einfach durch ihr Beisammensein, wenn man ihnen nur die Mittel an 
die Hand gibt, sich zu beschäftigen und ihnen die nötige Spiel-, Bewegungs- 
und Gestaltungsfreiheit gewährt, und wenn man auch für die, die es brau- 

— 163 - 



chen oder wünschen, die Möglichkeit der gelegentlichen Absonderung von 
der Allgemeinheit schafft. 

Trotzdem: Wir wissen, daß das Leben in der Gemeinschaft viel vom 
Kinde verlangt, daß es vieles, was es möchte, im Interesse der anderen 
nicht tun darf, daß es Rücksichten nehmen muß, Vorsicht zu üben hat, 
daß es eigene Wünsche, Trieb an Sprüche, Affektäußenmgen, selbst in einem 
frei geführten Kindergarten, nicht unbehindert ausleben darf. Biese aus der 
Gemeinschaft erwachsende Einschränkung des Kindes ist ein wesentlicher 
Wert des Kindergartens; denn er führt das Kind auf den Weg, den es 
später im Leben doch gehen muß, er tut es aber — richtige Führung vor- 
ausgesetzt — in einer milden, das Kind verhältnismäßig wenig störenden 
Form. Der Übergang vom Lust- zum Realitätsprinzip ist einer der wich- 
tigsten Fortschritte in der Entwicklung des Ichs" (Freud) ^. Wollten wir 
dem Kinde alle Versag un gen ersparen, würden wir es auf seiner Ent%vick- 
lungsstufe stehen lassen; nur durch Einschränkungen wächst das Kind, 
kann es wachsen. 

Wir erkennen also — um Mißverständnissen vorzubeugen sei es noch- 
mals hervorgehoben — die Notwendigkeit des Ertragen s eines Quantums 
Unlust an, erleichtern sie aber durch die aus der Kindergartenumwelt er- 
wachsenden Mittel. Künstliche, sogenannte pädagogische Versagungen lehnen 
wir ab, da die aus der Gemeinschaft entstehenden Anforderungen an sich 
große sind. Als allgemeines Prinzip gelte, daß das Kind in einen Lebens- 
kreis zu stellen sei, wo man es frei leben läßt, so daß es sich dadurch 
selbst ei-zieht (Montessorü)- Der „Erziehungszwang" der Erwachsenen ist 
aber die Gefahr, die den Kindern droht. Es ist sicher, daß dort, wo Frei- 
heitsbeschränkungen, Verbote aller Art, das Korrigieren des kindlichen Ver- 
haltens über ein gewisses Maß hinausgehen, wo an dem Kinde — eben 
aus jenem Erziehungszwang heraus — herum erzogen wird, daß dort statt 
zweckmäßiger Anpassung eine Gegeneinstellung und somit die Erschwerung 
der Realitätsanpassung erzielt wird. 

Wie bereits vorher erwähnt, legt der psychoanalytisch orientierte Er- 
zieher einen anderen Maßstab an die Einfügungsfähigkeit des Kindes als 
es die allgemeine Pädagogik tut. Es wurde gezeigt, daß wir den Begriff 
des „artigen" Kindes einzuschränken, wenn nicht abzulehnen geneigt sind. 
In manchen Fällen wird es sogar zu den Aufgaben des Kindergartens ge- 
hören, ein Kind „unartiger" zu machen, d. h. ihm eine durch Hemmungen 
oder Erziehungsdressur gewordene Bravheit zu nehmen, es dazu zu führen, 
freier zu sein, sich mehr gehen zu lassen, kurz, sich mehr zu erlauben 
und die Anforderungen seines unbewußten Ichideals herabzumindern. 
Warum wir dies für wünschenswert halten, soll hier nicht noch einmal 
erörtert werden. Auch hier wird neben der durch uns geschaffenen ße- 
einflussungsatmosphäre der Kindergarten an sich, die Kindergemeinschaft, 

i) Vorlesungfin zur Einführung in die Psychoanalyse. Ges. Schriften, Bd. Vir, S. 370. 

- 164 - 



eine wichtige Rolle spielen. Wenn wir einer von Reik-' ausgesprochenen 
Ansicht zustimmen, daß die Gemeinschaft die Schuldgefühle herahzumin- 
dfern geeignet ist, so worden wir annehmen können, daß die Kinder, wie 
uns ja auch die Erfahrung lehrt, häufig im Zusammensein mit anderen 
mehr Mut zur „Ungezogenheit" aufbringen. Sie gestatten sich mehr und 
führen gelegentlich selbst sonst als unschön oder verboten Erkanntes aus, 
eben weil ihr Schuldgefühl durch das Bewußtsein beruhigt wird: Ich bin 
es ja nicht allein, die anderen finden es ja auch nicht schlimm. 

Wir kamen hier zu einem Punkt, der unsere ernsteste Aufmerksamkeit 
verdient, nnd zu dem man heute, da man noch im Stadium des Erprobens 
und des Erforschens steht, schwer eindeutig Stellung nehmen kann. Wir 
erkannten, daß wir vom Kinde Anpassung verlangen müssen und treten 
anderseits dafür ein, seine Bravheit herabzumindern. Es bedarf der Hervor- 
hebung, daß es nicht leicht ist, hier das richtigfe Mittelmaß zu finden, 
und es wird dem pädagogischen Takt des Erziehers vorbehalten bleiben,, 
sich einen Weg zu suchen, der die Masse nicht zum Chaos führt und doch 
dem einzelnen Kinde sein Recht werden läßt. Wir müssen uns darüber 
fclar sein, daß die neue Art der Leitung bedeutend schwerer durchführbar 
ist, als die ehemals (und auch heute noch vielfach) angewandte autoritative 
Führung. In gleicher Weise habe ich die von Montessori geforderte 
Passivität der Leiterin in der Praxis als wesentlich schwerer erkennen müssen, 
als die im alten Kindergarten geübte mehr aktive Pädagogik. Es ist ja so 
viel leichter, vorzusehreiben, anzuordnen, die Gebende und direkt Führende 
zu sein, als nur beobachtend zugegen zu sein und sich abwartend zu 
verhalten; alles treibt ja den Pädagogen seelisch dazu, einzugreifen, zu. 
bessern, zu belehren; er wäre ja nicht Erzieher geworden, wenn nicht 
unbewußte Verkettungen in Seinem Seelenleben ihn zu dieser Aktivität 
trieben. Und doch erkennen wir es als das wesentlichste Verdienst Maria 
Montessoris an, daß sie durch die Beschränkung der Leiterin auf eine 
passive Rolle den Kindern zu einer größeren Entwicklungsmöglichkeit 
verholfen hat. Der psychoanalytische Pädagoge findet sich darin mit Mon- 
tessori in Übereinstimmung, daß auch er von seinem Standpunkte aus difr 
Selbständigkeit des Kindes befürwortet. Wir erkennen die Selbständigkeit 
als Grundlage für eine gesunde Ichentwicklung an. Es wurde schon auf 
die Nachteile einer durch Verwöhnung hervorgerufenen Zurückhaltung des 
Kindes auf infantiler Entwicklungssttife hingewiesen, und es soll in diesem 
Zusammenhange nochmals das Augenmerk darauf gelenkt werden. Ich seh& 
in der Gewöhnung an Selbständigkeit vor allem den Weg, die Kinder von 
der erdrückenden Übermacht der Erwachsenen zu befreien. In Hinblick 
auf die so leicht entstehenden, meist sogar im Kindergartenalter schon 
vorhandenen Minderwertigkeits- und Schuldgefühle, die durch das bei der 



l) Theodor Reik, Geständniszwang u. Strafbedürftiis. S. 220. Internat. PsA. Verlage 
Wien 3925. 

— 165 — 



üblichen „Erziehung" gewohnheitsmäßige Herabdrücken, Gängeln, als un- 
fertig Kennzeichnen heraufbeschworen oder doch verstärkt werden, müssen 
wir ein Ernstnehmen des Kindes und seiner Strebungen befürworten. Das 
Kind darf sich keinesfalls als minderwerüges, uns unterstehendes Wesen 
empfinden lernen. Frei muß es sich bewegen, frei sich durchsetzen und 
frei sich erarbeiten, was es zu seiner Entwicklung braucht. Wenn wir 
den Begriff der Anpassung an die Realität so verstehen: „Das Leben meistern 
mit möglichst wenig Leid", so werden wir erkennen, daß Selbstgefühl, 
■Sicherheit und Zutrauen zu sich selbst und eine Herabminderung des 
Schuldgefühls Ziel jeder Erziehung sein sollte. Vielleicht wird die hier 
theoretisch dargelegte Ansicht durch die Mitteilung aus einem. Kinderheim 
am besten unterstützt werden. Vera Schmidt berichtet: „Unserer Erfah- 
rung nach gelingt die Anpassung an die Realität am leichtesten Kindern 
mit starkem Selbstbewußtsein und Unabhängigkeitsgefühl. So würde also 
ein Weg zur Anpassung auch über die Hebung des Selbstbewußtseins führen."^ 

Die Forderung ausgeprägter Selbständigkeit und Selbstausbildung schließt 
aber nicht aus, daß dem Kinde im Kindergarten eine Führerpersönlichkeit — 
als Mutterersatz — übergeordnet sein muß, auf die es seine aus der Familie 
mitgebrachten Gefühle positiver und negativer Art übertragen kann. Wenn 
wir, wie dargetan wurde, eine Loslösung von zu enger Familienbindung 
als eine Aufgabe des Kindergartens betrachten, werden wir nicht darüber 
im Zweifel sein, daß von uns gebotene Ersatzbefriedigungen einen Ausgleich 
schaffen müssen. Das Liebesbedürfnis des Kindes, sein ängstliches Suchen 
nach Rückhalt und Sicherheit, sein Trostbedürfnis (denn es fühlt sich ja 
in vielen Fällen von der Mutter kränkend verlassen) muß bei der Leiterin 
des Kindergartens auf Reaktionen stoßen, die das Kind dazu führen, bisher 
nur den Eltern gegenüber empfundene Gefühlseinstellungen nun hier weiter- 
zubilden. Durch Liebe verwöhnte Kinder dürfen nicht zu viel auf einmal 
entbehren, wenn sie in der neuen Umgebung sind, und die, die bisher 
Mangel empfanden, sollen bei uns Gefühlswärme und vermehrte Liebes- 
möglichkeit finden. Und das ist das Neue, vielleicht mit das Wesentlichste, 
■was uns die psychoanalytische Wissenschaft für die Pädagogik gebracht hat: 
Wir versuchen durch eine bewußte Regelung des Übertragungsverhältnisses 
die Beziehung des Kindes zum Erzieher seiner Leitung nutzbar zu machen. 
Das Kind soll aus Liebe zum Erzieher, also freiwillig, Verzichte leisten 
und sich anpassen. Es muß daher unser Bestreben sein, des Kindes Liebe 
auf uns zu richten und dieses nicht dem Zufall zu überlassen, sondern 
durch unser Verhalten dem Kinde gegenüber eine möglichst schnelle Über- 
tragung zu erreichen. Die Liebe des Kindes zur Erzieherpersönlichkeit wird 
so zum Hebel für unsere pädagogischen Bemühungen, die freilich, es sei 
nochmals betont, der zwingenden Aktivität en traten sollten. Wir sind nur 



i) Vera Schmidt, Psychoanalytische Erziehung in Sowjetrußland. Bericht' über 
•das Kinderheim-Lahoratorium in Moskau. S. 16. Int- PsA. Verlag 1924. 

— 166 — 



da, stehen für das Kind im Mittelpunkt, dem es zustrebt, dem es Beach- 
tung abverlangt, und dem es sich angleichen will. Dabei müssen wir uns 
hüten, zu sehr übergeordnet zu erscheinen, um auf das Kind nicht nieder- 
drückend 2U wirken, ihm nicht zu unerreichbar zu sein. So schließt also 
Kameradschaftlichkeit durchaus nicht die Führerrolle aus, wird ihrem Druck 
aber entgegenwirken. Neben der von uns dem Kindergarten aufgeprägten 
Lebensluft wird, da wir Strafen ablehnen, einzig unser Verhalten zum Kinde: 
Anerkennende Freude, gezeigte Ablehnung, Herzlichkeit oder Liebesentzug 
(Nichtbeachtung) regelnder Faktor sein. 

Ich bin mir bewußt, daß die hier kurz geschilderte pädagogische Verhal- 
tungsweise als undurchführbar erscheinen muß, wenn man an die Arbeit 
in einem großen Kindergarten denkt. Dort wird der Kontakt zwischen 
der Leiterin und dem einzelnen Kind nur dann ein so naher sein, wie ich 
es hier als wünschenswert hingestellt habe, wenn die Erzieherpersönlichkeit 
eine ausgeprägte Führernatur und von besonderer pädagogischer Begabung 
ist. Aber wenn ich mir auch nicht die Schwierigkeit der von mir bekenn- 
zeichneten Arbeitsweise im B ahmen eines Massenkindergartens verhehle und 
mir bewußt bin, daß ich meinen Standpunkt nur auf theoretische Studien 
und ihre Erprobung im kleinen Kindergarten stützen kann, so halte ich 
ihn doch im Interesse der Kinder als den gegebenen. Wir können unsere 
Erkenntnisse nicht unterdrücken, weil ungünstige äußere umstände ihnen 
entgegenstehen ; es gilt eben, die äußeren Umstände nach Möglichkeit unse- 
ren Wünschen gemäß zu formen. 

Daß der Massenkindergarten für ein so junges Kind, wie es der Kinder- 
gartenbesucher ist, ungünstig sein muß, wird aus meinen bisherigen Dar- 
legungen hervorgegangen sein. Auch der nicht analytische Pädagoge war 
sich, wenn auch von anderen Gesichtspunkten ausgehend, zumeist der Nach- 
teile bewußt, die die zu große Gemeinschaft für das Kleinkind hat. Man 
machte Versuche verschiedener Art, um den Schädigungen durch die Masse 
entgegenzuwirken und gelangte dazu, statt großer Klassen kleine Abteilungen 
zu schaffen { Gruppen kindergarten), die wenige Kinder familienartig vereinen. 
Wenn die Möglichkeit bestünde, jeder Kindergruppe eine besondere Leiterin 
(Gruppenmutter) zu geben, wäre das Ideal erreicht, da sich unter diesen 
Umständen das Übertragungsverhältnis gut anbahnen ließe. Leider lassen 
sich aber Gruppenkindergärten nur dort einrichten, wo man mit der Hilfe 
von Seminaristinnen rechnen kann. Durch den Schülerinnenbetrieb, der 
täglich andere Persönlichkeiten mit den Kindern in Berührung bringt, sie 
den verschiedensten Einflüssen aussetzt und feste Gefühlsbeziehungen er- 
schwert, wirkt man einem guten Über tragungs Verhältnis der Kinder zur 
Leiterin entgegen. Und es erscheint mir fraglich, ob nicht ein größerer 
Kindergarten unter dem Einfluß einer leitenden Kraft ohne die Mitwir- 
kung vieler Schülerinnen den Kindern weniger Nachteile bringt, als ein 
der Unruhe und Ziellosigkeit ausgesetzter Gruppenkindergarten. Es ist nicht 
die Aufgabe dieser Arbeit, und kann auch nicht meine Aufgabe sein, für 

— 167 — 






dieses Problem die Lösung m finden, ebensowenig wie ich nicht im Rahmen 
dieser Ausführungen der Frage der Schülerinnenausbildung an sich näher 
treten kann, obgleich man vom psychoanalytischen Standpunkte aus mancher- 
lei daiu zu sagen hätte. Zweck dieses kurzen Hinweises war es nur, unsere 
Aufmerksamkeit auf die gekennzeichneten Fragen zu lenken. 

Wenden wir uns wieder dem pädagogisch wichtigen Übertragungsver- 
hältnis zu. Sicherlich wird es von größter Wichtigkeit für die weitere Ein- 
stellung des Kindes zu übergeordneten Persönlichkeiten, insbesondere zu den 
Lehrkräften der Schule sein, wie sich das Übertragungsverhältnis im Kinder- 
garten gestaltet. Gerät das Kind in eine Gegeneinstellung, so wird sich der 
Widerstand leicht auch auf die Schule übertragen, und umgekehrt ist an- 
zunehmen, daß eine vorteilhaft verlaufene Kindergartenzeit eine gute Vor- 
bereitung für die Schule ist. Von einer solchen nachhaltigen "Wirkung des 
Kindergartens kann freilich nur die Rede sein, wenn wir mit einem 
längeren Besuch des Kindergartens, und zwar desselben Kindergartens 
rechnen können. Man übersieht im allgemeinen die Gefahren, die ein häu- 
figer Wechsel der Erzieher dem Kinde bringen kann imd wie schädlich es 
ist, es immer wieder aus einer Umgebung herauszureißen, in der es Wurzel 
faßte. Die Erschütterungen, denen das Liebesleben des Kindes dabei aus- 
gesetzt wird, können sein ganzes Wesen beeinflussen. Angst vor Liebesver- 
lust und Enttäuschungen können zur Grundlage der gesamten Persönlich- 
keitseinstellung gemacht werden. ■*■ 

Es könnte nun die Frage auftauchen, ob nicht auch beim Übergang aus 
dem Kindergarten zur Schule Schwierigkeiten für das Kind entstehen, die 
wir auf das Konto der Übertragungs-Bindung zu setzen hätten. Nach meinen 
Erfahrungen tritt üur in den seltensten Fällen ein solches Haftenbleiben 
am Kindergarten in Erscheinung. Selbst dort, wo ein Kind mit starker 
Liebe am Kindergarten zu hängen scheint und eine enge Bindung an die 
Leiterin oder eines der Kinder bestand, pflegt der Abschied erstaunlich 
schnell überwunden zu werden. Der Eintritt in die Schule ist dem Kinde 
gleichbedeutend mit einem herbeigesehnten Aufstieg zum Erwachsensein, 
der Kindergarten wird als ein überwundenes Stadium empfunden. Die Ab- 
lehnung, die das eben eingeschulte Kind vielfach dem Kindergarten und 
seinen bisherigen Kameraden entgegenbringt, ist wohl zum Teil hierauf 
zurückzuführen. Doch wollen wir nicht übersehen, daß die Geste der Er- 
habenheit auch als eine Überkompensation des Trennungsschmerzes aufge- 
faßt werden kann. 

Wenn bei einem Kinde einmal ein stark-sehnsuchtsvolles Zurückwünschen 
der Kindergartenzeit bemerkbar wird, neige ich dazu, wenn nicht aus dem 
Schulleben erwachsende Schwierigkeiten die Ursache sind, dies als ein neuroti- 
sches Symptom anzusehen. Das normale Kind hat eben den Trieb nach 

i) Es sei bei dieser Gelegenheit darauf hingewiesen, daß auch Ammen- oder 
I%egferinhe«wechsel und häuüger Wechsel der Hausgehilfinnen, der Verlust einer 
geliebten Eriieherin, ebenso wirken köimen. 

- 168 - 



vorwärts; wo ein Rückwärts schauen deutlich wird, sollten wir ihm als 
Neigung zur Regression [ii]^ Beachtung schenken. 

Es kann freilich auch vorkommen, daß ein Kind durch das Verhalten 
der Leiterin, mehr als wünschenswert ist und mehr als es in Hinblick 
auf die Herstellung einer Übertragung notwendig erscheint, in eine zu 
heftige Gefühlshindung hineingetrieben wird. Es ist anzunehmen, daß 
manche Erzieherinnen, die einem einzelnen Kind oder auch der Gesamt- 
heit der Kinder ein Übermaß an Liebe zuströmen lassen, sich der Trag- 
weite ihres Verhaltens, vielleicht sogar der Tatsache des übermäßigen 
Liebens, garnicht bewußt sind. Psychoanalytische Erkenntnisse haben dazu 
geführt, die Frage der Berufswahl in eine neue Beleuchtung zu rücken 
und die Einstellung eines Menschen zu seiner Arbeit und innerhalb der- 
selben auch aus seinem Unbewußten heraus zu verstehen. Eigene Kind- 
heitserlebnisse, deren Spuren sich im Seelenleben eingegraben haben, be- 
einflussen das Verhalten des Erziehers ebenso wie die Erlebnisse und Ge- 
danken der Gegenwart. Affekte und Gefühle, die im realen Leben keine 
Abfuhr finden, wirken sich in unserem Verhalten zu den Kindern aus. 
Auch sexuelle Gefühle und unausgelebte Mütterlichkeit kommen hier zum 
Ausdruck und finden im Verkehr mit den Kindern Ersatzbefriedigung und 
wünschenswerte Sublimierung. Es bedarf aber der Selbstbeobachtung, vor 
allem des Wissens um diese Dinge, um uns vor Abwegen zu bewahren. 
Die Mitwirkung unbewußter Komponenten bei mancherlei Schwie- 
rigkeiten des Pädagogen kann nicht scharf genug in das Blickfeld gerückt 
werden. Mancher Erzieher leidet unter gelegentlichen Disziplinschwierig- 
keiten. Das Versagen eines Kindes, der Widerstand einer Gruppe beleidigt, 
oft auch bei bewußt freier Einstellung des Erziehers, seinen Narzißmus ; 
er nimmt solche Reaktionen als eine Folge eigener Fehler, faßt sie als 
Bloßstellung auf und läßt sie dadurch als Kränkung auf sich wirken. Ehr- 
geizige Erwachsene ertragen es nur schlecht, wenn sie die Kinder nicht 
den ihnen vorschwebenden Weg gehen sehen. Und hier zeigt es sich, wie- 
viel schwerer es der moderne Erzieher hat: Ein Erzieher alten Schlages 
will regieren, der moderne Erzieher lehnt dieses Wollen ab, doch spielt 
das Unbewußte ihm oft einen unangenehmen Streich, indem es seine Aus- 
wirkungen eine zu deutliche Sprache sprechen läßt. 

Auch der moderne Erzieher kann gelegentlich einem vom Unbewußten 
geleiteten Trieb nachgeben, ein Kind zu quälen. Gibt es Pädagogen, die 
nie Fehlgriffe taten, die nie, trotz bewußter Ablehnung derartiger Hand- 
lungen, ihren Willen dem des Kindes aufzwingen wollten? Machtgier, 
Sadismus und noch manches andere kann da mitschwingen. Vielleicht 
waren es gerade solche Triebe, die den Erzieher seinen Beruf wählen 
ließen, unbewußt freilich und nach außen hin durch einleuchtende und 

i) Die Zahlen in eckigen Klammen verweisen auf die am Anfang dieser Arbeit 
(Heft 1, S. 18 f) veröffentlichte „Erklärung der psychoanalytischen P" achausdrücke". 



Zeitschrift f. ps«. Päd., I V/4/5 169 



13 



bestechende Gründe verschleiert. Man denke daran, daß Übergüte oft 
Grausamkeit kompensiert, daß Weichheit, auch in der Pädagogik, häufig 

sadistische Antriebe verdeckt. 

Welche Rolle die zumeist unbewußten Schuldgefühle bei der Erzieher- 
tätigkeit spielen, sei hervorgehoben. Wo der Erzieher selbst seine schwache 
Stelle spürt oder auch nur dunkel ahnt, wird er unduldsam dem Kmde 
gegenüber. Er will — und wohl gerade bei einem sehr gehebten Kmde — 
nicht gleiche Fehler sich entwickeln lassen. 

Die Liebe zu Kindern ist es, die in den meisten Fällen zu emer Be- 
schäftigung mit ihnen drängt. Was aber steht hinter der bewußten Liebe 
im Unbewußten der Persönlichkeit? Sicherlich entspringt die Liebe zu Kindern 
immer einer Identifizierung mit ihnen. Nur wer sich, wenn auch unbewußt, 
an Stelle des Kindes setzt, wird ihm wirkliche Zuneigung entgegenbringen. 
Wünsche aus der eigenen Kindheit, oft eigene Leiden, bilden die Grund- 
lage zu einem Helfenwollen ; man will es als Erzieher den Kindern eben besser 
gestalten, als man selbst es einst hatte. Häuhg wird bei der Wahl des 
Erzieherberufes eine Gegnerschaft gegen die eigenen Ehern und Erzieher 
mitsprechen, obgleich in den seltensten Fällen dieser Gedanke aus dem 
Unbewußten hervor ins Bewußtsein dringt. Entspringt doch zumeist ein 
Refomieren wollen unbewußten Antrieben, die im Verhältnis zu einem Eltern- 
teil ihre Wurzeln haben. Daß diese Motive, wo sie den Hintergrund zur Be- 
rufswahl bildeten, den Pädagogen zu einer Aktivität führen mochten, die 
er bewußt vielleicht nicht gutheißt, steht außer Zweifel, und Konflikte 
erwachsen ihm sicherlich daraus. Noch vielmehr dort, wo etwa sozialpo- 
litische Einstellung, der Wunsch, Ideen zu verbreiten, Richtungen anzu- 
bahnen, den Ausgangspunkt für erzieherisches Wirken bilden. Hier liegt 
auch die Gefahr nahe, daß man das Kind als Objekt behandelt und selbst 
bei bewußter Ablehnung der Autorität, unbewußt zu seinem Führer wer- 
den will. 

Wir sahen so, daß aus dem Konflikt zwischen bewußtem Wollen und 
den unbewußten Strömungen des Seelenlebens Schwierigkeiten entstehen 
können, unter denen der Erzieher leidet, ohne die Ursache zu erkennen. 
Mancher körperliche oder seelische Erschöpfungszustand, wie wir ihn gerade 
bei den Kindergärtnerinnen so häufig sehen, hat nicht nur in der meist 
real vorhandenen Überarbeitung seinen Ursprung, sondern erwächst aus 
diesen inneren Schwierigkeiten. Aufsteigende Verbitterung, Gereiztheit den 
Kindern gegenüber, unbewußte Abneigung gegen die Arbeit an ihnen sind 
oft zu beobachten. Diese Symptome sollten nicht unbeachtet bleiben, sowohl 
im Interesse der Kinder, die unter einer so ungünstigen Führung zu leiden 
haben, als im Interesse des Erziehers selbst. Es wird sich in vielen Fallen 
empfehlen, diesem aufreibenden Kampf durch eine psychoanalytische Kur 
entgegenzuwirken. Daß neben dem subjektiven Befinden auch die pädago- 
gische Arbeit aus der Analyse Vorteile zieht, sei betont. Wir stehen dem 
Kinde ganz anders gegenüber, wenn unser Blick durch psychoanalytische 

— 170 — 



Erkenntnisse erweitert worden ist. Es ist sogar wünschenswert, wenn auch 
fürs erste praktisch noch nicht allgemein möglich, eine Psychoanalyse der 
pädagogischen Vorbildung einzureihen.^ 

' '. .- ■'•i'*-,' • . (i •% Y\T •'• "•* '■'' 

Spiel und Besdiäftigung im Kindergarten 

Während das Spielen, das freie Spiel, im Kindergarten meist hinter 
den zielsetzenden Beschäftigungen zurücktritt und im Montessori-Haus so- 
gar auch das gemeinsame, organisierte Spiel zu fehlen pflegt, wird der 
psychoanalytisch orientierte Erzieher das Spielen und 
jede frei ausgeführte Beschäftigung in den Vor dergr u n d 
stellen. Es ist ein Verdienst Maria Montessoris die Selbsttätigkeit 
der Kinder in den Kindergarten eingeführt zu haben. Zwar glaubte man 
ja auch im FrÖbelschen Kindergarten die Kinder zur Selbsttätigkeit hinzu- 
lenken, doch indem man Anleitung (nicht nur technische) gab, Ideen an- 
regte, die Ausführung vorschrieb, kurz, nach der Absicht des Erziehers 
arbeiten ließ, statt das eigene Schaffen der Kinder gelten zu lassen, bewies 
man, daß man den wahren Sinn der Selbsttätigkeit noch nicht verstanden 
hatte. Montessoris revolutionäre Umgestaltung der Beschäftigungsmethode 
hat auch auf die FrÖbelschen Kindergärten Einfluß geübt, und man pflegt 
heute auch hier den Kindern Freiheit bei Spiel und Arbeit zu lassen und 
kommt mehr und mehr von einem stundenplanartigen Beschäftigen der 
Kinder ab. Man kann sogar heute Kindergärten antreffen, die den Kindern 
mehr wirkliche Wahlfreiheit zuerkennen, als es die Leitung im Sinne der 
Montessori tut, die durch die vorgeschriebene Material Verwendung und die 
Nichtachtung des phantasiemäßigen Spielens einen Teil von dem zunichte 
macht, was sie den Kindern an Gutem brachte. 

Wir haben vorher gesehen, warum psychoanalytische Erziehung sich 
bestrebt, das Kind zur Selbständigkeit zu führen; selbsttätige Beschäftigung 
des Kindes ist Vorbedingung der Selbständigkeit. Es ist mir auch wahr- 
scheinlich, daß eine wirkliche Sublimierung, zu der der Kindergarten den 
Kindern Gelegenheit geben soll, besser bei einer Eigentätigkeit gelingen 
w^ird als bei Arbeiten, die vorgeschrieben werden und bei denen das Kind 
nicht eigenen Impulsen folgen kann. Denn das Kind bringt in seinem Tun, 
sei dies nun eigentliches Spielen oder eine Tätigkeit wie Zeichnen, Formen, 
Ausschneiden, das zum Ausdruck, was es seelisch beschäftigt. Lassen wir 
ihm Freiheit zu dieser Darstellung und Umgestaltung seiner Triebe, seiner 
Gefühle, seiner Gedanken, so verhelfen wir ihm zu einer besseren „Bewälti- 
gung seiner Lebenseindrücke** (Freud). • ' 

i) Schneider, Psychoanalyse und Lehrerbildung. Zeitschr. für psychoanalytische 
Pädagogik, III, 287. , 



— 171 — 



la' 



Wenn man ein sich selbst überlassenes Kind beobachtet, wird man es 
meist spielen sehen. Das normale Kind sucht und findet einen Weg, sich 
spielend zu beschäftigen. Auch wenn keine eigentlichen Spielsachen vor- 
handen sind und kein zum Spielzeug verwendbares anderes Material, ver- 
zichtet das Kind nicht auf das Spiel: Es wird seine Gedanken spielen lassen, 
sich Erlebnisse erdenken, tagträumen. Auch dies ist nämlich Spiel, denn 
Spielen bedeutet ein Umgestalten der Realität, eine Wunschbefriedigung, 
eine Beschäftigung mit sich selbst. Der Wert des Spielens für das Kind 
baut sich auf verschiedene Triebkräfte auf. Vor allem sucht das Kind aus 
dem Spiel reinen Lustgewinn zu ziehen. Es stellt oft etwas dar, was seinem 
täelichen Erleben fernab zu liegen scheint und versetzt sich wohl in eine 
Rolle ohne zu wissen, wie es damit dem entgegenkommt, was es bewußt, 
sicherlich aber mehr noch unbewußt, ersehnt. Die durch die Erziehung 
unterdrückten Triebe, verdrängte Wunsche, geheime Regungen kommen inn 
Spiel zur Auswirkung. Denn im Spiel darf das Kind ungestraft das tun, 
was ihm die Realität verwehren muß ; das Verbotene kann hier in erlaub- 
ter Form, unbemerkt von der Umgebung und ohne mit dem Uber-Ich des 
Kindes in Konflikt zu kommen, erlebt werden. Man betrachte in dieser 
Beleuchtung das „Familienspiel", bei dem sich das Kind mit Vater oder 
Mutter identifiziert und dabei die in ihm wirksamen Odipus-Wünsche in 
der Phantasie zu befriedigen vermag. Die in diesem Spiel auftretenden 
„Kinder" versinnbildlichen sicher in sehr vielen Fällen die Geschwister, 
die man hier aufs beste beherrschen, bestrafen, quälen kann. Der Macht- 
wille und das Geltungsbedürfnis können sich dabei aVisleben, und es ist 
anzunehmen, daß sich gerade Kinder, die im realen Leben bedrückt sind 
und unter Angst, Minderwertigkeitsgefühlen und unter Hemmungen zu 
leiden haben, im Spiele Machtphantasien hingeben und sich groß und über- 
legen fühlen. Dabei ist an die verschiedenen Kampfspiele zu denken, bei 
denen das Kind als „Schupo", „Soldat" oder auch als „wildes Tier andere 
bedrohen, fesseln, schlagen darf, w^o es der Mächtige sein und andere 
beherrschen kann. Gerade bei zaghaften Kindern konnte ich oft in 
diesen Spielen ein Überkompensieren ihrer Angst beobachten. Als Kriegs- 
gegner werden wir natürlich niemals die Kinder zum Soldatenspiel hin- 
leiten, aber wir sollten uns hüten, ihre Rauf gelüste zu unterdrücken, wenn 
sie sich im Spiel durchzusetzen trachten. Kampfinstinkte sind in uns allen 
wirksam. Die Entladung der Affekte, die bei diesen Spielen erreicht wird^ 
ist Hilfe für das Kind, und zu starke Verdrängung derselben, wie ihn Er- 
ziehungseinfluß oft bewirkt, kann bei manchen Kindern eine Affektanhäu- 
fung zur Folge haben, die keinesfalls günstig ist. Verbote, die in ein Spiel 
eingreifen, sind daher nach Möglichkeit zu vermeiden. Roheitsakte im Spiel, 
die sich gegen die Puppe oder das Spieltier richten, sollte man besser nicht 
beachten; es erscheint wahrscheinlich, daß Affekte, die im Spiel eine Ab- 
fuhr finden, einer Entgleisung im realen Leben vorzubeugen vermögen. 
Wir täuschen uns, wenn wir annehmen, daß moralische Reden, mit denen 

- 172 - 



Tvir das spielende Kind zu beeinflussen suchen, es wirklich zu ändern 
vermögen. 

Auch politische Tendenzen sollten uns nicht veranlassen, die Spielfrei- 
heit der Kinder zu beschneiden. Wenn man in linksgerichteten Kreisen die 
Märchenspiele unterdrücken will, weil sie der politischen Einstellung schaden 
könnten, so muß dies von unserem Standpunkt aus abgelehnt werden. Es 
gibt Kinder, die diese Spiele besonders lieben und die in ihnen immer nur 
Prinz oder Prinzessin darstellen wollen, um damit ihren Machtgelüsten und 
ihrem Narzißmus entgegenzukommen. Wir erkannten, daß das Kind die 
phantasiegemäße Umgestaltung seiner Wünsche braucht, um sich der Realität 
angleichen zu können, die Märchen gestalten, sei es im erzählten Märchen 
oder im darstellenden Spiel, ausschalten, heißt den Kindern Symbole für 
ihre einschneidensten Konflikte rauben. Und man erreicht schließlich nichts 
mit dieser Ablehnung, da die Kinder sich ihre Gestalten aus sich heraus 
schaffen, gleichviel, welche Namen sie ihnen geben. 

Die Bauspiele sollen hier nicht vergessen werden, da sie auch Gelegen- 
heit liur Darstellung seelischer Eindrücke und Gedankenkreise geben. Es 
gibt Kinder, die längere Zeit hindurch immer wieder Brand, Hauseinsturz, 
Zusammenstöße, kurz, Vernichtung darstellen. Gleichzeitig bringen ihre 
Zeichnungen und mündlichen Phantasien dasselbe zum Ausdruck und lassen 
uns auf unterdrückte Affekte schließen. Daß das bei vielen Kindern beliebte 
und mit einem Schmunzeln erläuterte Bauen eines Klosetts das anale Interesse, 
von dem an anderer Stelle die Rede war, verdeutlicht, scheint unwiderleg- 
bar. Wie geheime Antriebe sich im Spiel durchzusetzen vermögen, zeigte 
mir der kleine Theo. Er war auf sein Schwesterchen, wie mir schien 
mit Recht, eifersüchtig, obgleich er seine Gefühle gut zu verbergen wußte. Aber 
bei einem Bauspiel ließ er seine wahre Empfindung, seine gegen sie gerich- 
teten Wünsche erkennen. Er erklärte mir das, was er gebaut hatte, so: 
„Das ist ein Bett, da liegt eine Puppe drin. Die war ungezogen, ging ans 
Fenster. Da hab ich Steine auf sie gelegt, nun ist sie tot. Nun kommt der 
Totenwagen.'' Bei diesen letzten Worten strahlte der Kleine sichtbar. 
Da sich am Tage vorher eine aufregende Szene bei Theo im Kinderzimmer 
abgespielt hatte, als die Mutter die beiden aufs Fenster gekletterten Kinder 
erblickte, muß man annehmen, daß des Kindes ßauspiel an diese Situation 
anknüpfte, und daß das im Bett liegende Kind sein Schwesterchen darstellte, 
auf das sich bei ihm unbewußte Todeswünsche richteten. So verrät sich 
häufig geheimstes seelisches Geschehen im Spiel. 

Auch das sehr verbreitete Doktorspiel wollen wir in diesem Zusammen- 
hauge nicht vergessen, dessen unbewußte Hintergründe verschiedene sein 
mögen, bei dem wir aber doch meist annehmen können, daß die dargestellten 
ärztlichen Behandlungs weisen eine symbolische Darstellung sexueller Vor- 
gänge sind. Man denke ferner an das unermüdliche Besorgen der Puppen, 
das übrigens auch mit Vorliebe von den Jungen ausgeführt wird. Es läßt 
sich vermuten, daß (besonders bei geschwisterlosen Kindern) eigene Früh- 

— 173 — 



erinnerungen oder unbewußte Nachwirkungen der Reinlichkeitserziehung 
die Grundlage dieses Spieles bilden, und wir nehmen dies als einen Beweis 
mehr für die einschneidende Wirkung der Gewöhnung an Sauberkeit und 
sehen dabei, daß hier noch Fixierungen vorliegen, die äußerlich überwunden 
scheinen. Daß beim Puppenspiel (und bei dem neuerdings häufigeren Spiel 
mit dem Teddy) das den meisten Kindern eigene Gefühl für Zärtlichkeit 
eine gute Abfuhr findet, kann man leicht beobachten, Was die Puppe dem 
Unbewußten des einzelnen Kindes bedeutet, welchen Symbolwert sie hat^ 
bedürfte eingehender Forschung; dem bewußten Seelenleben kann die Puppe 
als Liebesobjekt Gelegenheit zu fürsorgerischer und zärtlicher Betätigung 
geben, und da das Kind sich wohl von der Puppe geliebt glaubt, findet 
auch sein Liebesbedürfnis Genüge. Es dürfte für die Leiterin eines Kinder- 
gartens wertvoll sein, an der Form des Puppenspiels zu erkennen, ob 
das Kind nach mehr Liebe verlangt, ob es mehr Zärtlichkeiten geben 
möchte, als es darf oder seiner individuellen Eigenart entsprechend 
geben kann. 

Wir haben an diesen wenigen Beispielen gesehen, wie vieles uns aus 
dem Spiel des Kindes erkennbar ist. Der Beobachter versteht aber nur einen 
Teil von dem, was sich im Spiele ausdrückt, — gewissermaßen die Ober- 
schicht, — da das meiste nicht direkt, sondern nur in einer symbolischen 
Aus drucksform wiedergegeben wird; das Eigentliche, W^esentliche können 
wir erst mit Hilfe der analytischen Deutungskunst enträtseln. Das eine 
aber haben wir mit den knappen Andeutungen zu klären versucht: D i e- 
Komplexe des Kindes, also das, was seine Psyche erfüllt,, 
was sie, vorherrschend unbewußt, beunruhigt, was innere 
Kämpfe auslöst, aber auch was Lust bringt, lebt im Spiele 
auf. 

Zur Bewältigung der durch das Leben und insbesondere durch die Er- 
ziehung heraufbeschworenen Konflikte, bedarf das Kind der Betätigung 
der Phantasie, die ihm das zu schaffen vermag, was ihm sonst unerreich- 
bar ist. So könnte man das Spielen der Kinder ein phantasiemäßiges Aus- 
leben nennen, das ihnen die Anpassung an die Realität erleichtern hilft. 
^Die Schöpfung des seelischen Reiches der Phantasie findet ein volles Ge- 
genstück in der Einrichtung von , Schonungen', ,Naturschutzparks' dort^ 
wo die Anforderungen des Verkehrs und der Industrie das ursprüngliche 
Gesicht der Erde rasch bis zur Unkenntlichkeit zu verändern drohen. Der 
Naturschutzpark erhält diesen alten Zustand, welchen man sonst überall 
mit Bedauern der Notwendigkeit geopfert hat. Alles darf darin wuchern 
und wachsen wie es will, auch das Nutzlose, selbst das Schädliche. Eine 
solche, dem Realitätsprinzip entzogene Schonung ist auch das seelische 
Reich der Phantasie."^ 



i) Freud, Vorlesimgen zur Einführung in die Psychoanalyse. Ges. Schriften; 

Bd. VII, S. 387. , _ ^ ■ 

— 174 — 



Wenn wir das Spiel von dieser Seite her betrachten, werden wir dazu 
gelangen, das Kind viel spielen zu lassen. Die Einschränkung der Spiel- 
freiheit des kleinen Kindes würde ihm Lebenserschwerung bedeuten. — 
Wir können dem Kinde keine Lebensanpassung im Sinne unserer Kultur- 
stufe abfordern, ohne ihm Gelegenheit zu einer phantasiemäßigen Um- 
gestaltung seiner Wünsche zu geben. 

Das Ernstnehmen des Spiels als Entw^icklungsfaktor 
ist eineKonsequenz der hierdargelegtenAnschauungen, 
Die sehr allgemeine Herabsetzung des Spiels im Vergleich zur „Arbeit" 
des Schulkindes oder zur bildenden „Beschäftigung" des Kleinkindes (im 
Sinne Fröbels oder Montessoris) muß als ein Unrecht gegen das Kind be- 
aeichnet werden. Was für das jüngere Kind wertvoller ist: wenn es sich 
mit Hilfe eines Lehr- oder Bildungsmaterials beschäftigt, oder wenn es 
sich in freier W^eise spielend auslebt, diese Frage bedarf noch der 
Klärung. Ich neige der Ansicht zu, daß man dem Kinde zu beiden Be- 
schäftigungsarten Gelegenheit geben sollte, es aber ganz seiner augenblick- 
lichen Stimmung gemäß, ohne jeden äußeren Druck, wählen läßt. 

Die Hintansetzung der Phantasietätigkeit im System der Montessori wird 
uns so als ein großer, recht bedenklicher Fehler erscheinen müssen. W'ir 
können hier nicht eine ins Einzelne gehende Gegenüberstellung unserer 
Auffassung zu der Montessoris vornehmen. Es sollte jedoch darauf hin- 
gewiesen werden, wie grundverschieden die sich auf psychoanalytische Er- 
kenntnisse stützende Bewertung des freien Phantasiespiels von ihrer Stellung- 
nahme ist. Es dreht sich uns dabei weniger um die Frage, ob und wie 
wir die kindliche Phantasie durch besondere Maßnahmen (organisierte Spiele 
oder Beschäftigungen) zu pflegen haben, sondern unser Augenmerk ist auf 
di e MÖglichkei t des ungestörten und jederzeit möglichen 
Spielens im Kindergarten zu richten, auf die Freiheit der Kinder, sich 
ihren Phantasien hinzugeben, sie im Spiel auszuleben. Selbst wenn man, 
wie dies neuerdings geschehen soll, auch im Montessorihaus Bausteine und 
ähnliche Materialien bereitstellt, scheint mir diese Möglichkeit dort deshalb 
nicht gegeben zu sein, weil die Atmosphäre in erster Linie auf die Material- 
Beschäftigung der Kinder eingestellt ist und man im Sinne der Montessori 
das Spiel immer als etwas Untergeordnetes auffassen wird. Denn Mon- 
tessori nimmt das Spiel nicht wie wir als ein Hilfsmittel bei der An- 
passung an die Realität, sondern erblickt in der Betätigung der Phantasie 
eine Erschwerung derselben. Selbstverständlich werden auch wir im Kinder- 
garten Gegenwerte zu geben versuchen, wenn wir bei einem Kinde ein 
zu starkes Hinneigen zu verträumtem Wesen und gar zu phantastischen 
Spielen bemerken; aber wir glauben nicht, daß ein solcher vom 
Normalen abweichender Zustand eines Kindes einzig und allein durch 
ein Hinlenken zur Realität, soweit es in Beschäftigungsmaterialien ge- 
geben ist, zu beheben sein wird. Wir rechnen in solchen Fällen damit, 
daß hier ein neurotisches Symptom zur Auswirkung kommt, dessen 

— 175 — 



Ursache nur auf psychoanalytischem Wege erforscht und beseitigt werden 

kann. 

Auch im Fröbelschen Kindergarten kam lange Zeit hindurch das freie 
Spiel nicht zu seinem Recht. An manchen Stellen wird es auch jetzt noch 
vernachlässigt, was umso erstaunlicher ist, als F r ö b e 1 die Bedeutung des 
Spiels für die Entwicklung des Kindes in intuitiver Weise erfaßt hatte und 
seiner Anschauung in folgenden Worten Ausdruck verlieh: 

„Spielen, Spiel ist die höchste Stufe der Kindesentwicklung, der Men- 
schenentwicklung dieser Zeit; denn es ist freitätige Darstellung des Innern 
aus Notwendigkeit und Bedürfnis des Innern selbst. ''' 

Wenn psychoanalj'tische Erkenntnis dazu führte, eine Spielhemmung 
als Vorstufe einer späteren Arbeitshemmung anzusehen (Melanie Klein), so 
bestätigt dies die von Fröbel ausgesprochene Ansicht: „Das Kind, der Zög- 
ling, welcher gut und tüchtig (ich sage aber mit Bedacht: tüchtig) spielt, 
wird auch gut und tüchtig im Kreise seiner Anlagen und Fälligkeiten 
lernen und ein tüchtiger Mann und Mensch werden,"" 

Es erscheint uns auf Grund der hier dargelegten Anschauungen eine 
wesentliche Aufgabe des Kindergartens zu sein, Kinder, die nicht spielen 
wollen, also nicht spielen können, zur Spielfähigkeit zu bringen. Freilich, 
wie wir ein Kind nach dieser Richtung hin beeinflußen können, läßt sich 
nicht endgültig festlegen. Es gibt die mannigfachsten Arten neurotischer 
Hemmungen, die das Kind vom Spiel abhalten. Zu starke Verdrängungen, 
unbewußte Schuldgefühle, vor allem wohl auch eine Selbstbestrafungs- 
tendenz scheinen mir geeignet zu sein, das Spielen zu behindern. Auch 
wenn die Vorgänge, die den Spielinhalt ausmachen, dem Bewußtsein zu 
nahe sind, wird das Kind sich nicht gestatten dürfen, sich im Spiel frei 
auszuleben. Zu Depressionen neigende Kinder flüchten zwar manchmal 
gerade in das Spiel, um sich von ihren beunruhigenden Gedanken zu be- 
freien, oft aber werden gerade die Depressionen der Grund des Schlecht- 
spiel ens sein, weil sie verhindern, daß sich das Kind im Spiel löst und 
hl seinen Phantasien gehen läßt. In einigen dieser Fälle kann wohl nur 
eine Psychoanalyse wirkliche Hilfe bringen. Wir haben aus den bisherigen 
Darlegungen gesehen, wie wichtig dies für die weitere Entwicklung des 
Menschen sein kann, besonders wenn wir die erwähnte Beziehung zwischen 
Spielhemmung und Arbeitshemmung in Betracht ziehen. Aber nicht immer 
wird man zu einer Analyse schreiten können, und es fragt sich nun, 
welche Mittel die Erziehung an der Hand hat, um dem Kinde zu helfen, 
Kinderumgang wirkt meinen Erfahrungen nach häufig günstig, vorzüglich 
da, wo, wie im Kindergarten, gleichzeitig eine Loslösung von der häuslichen 
Umgebung stattfindet. Aber auch, wenn man das Kind zu Kindern führt, sollte 



i) Die Menschenerziehung. Verlag Ph. Reklam, Leipzig. S. 75. 
) Schriften, herausgegeben von Wichard Lange, Verlag Enslin. Berlin 1833. 



2 
Bd. I, S, 465 



— 176 — 



man sich immer abwartend, nie vorschreibend, ihm die Kameraden aufdrängend, 
verhalten; ein Sicheinmischen, das dem Kinde als gewollte Maßnahme fühlbar 
wird, ruft leicht Widerstand und Opposition hervor. Beim passiven Verhalten des 
Erziehers aber, wenn das Kind durch die Kinder selbst ins Spiel gezogen 
wird und die ganze Atmosphäre ablenkend und erfreuend auf das Kind 
wirkt, kann man häufig Erfolge sehen. Man soll aber dabei nie ungeduldig 
werden und erst nach langem Abwarten zum aktiven Eingreifen über- 
gehen. In solchen Fällen wird der Erzieher am besten vorsichtig und 
durchaus nicht selbständig leitend mit dem Kinde spielen, sich aber nacli 
und nach aus dem Spiel zurückziehen und das Kind im Spiel sich seihst 
überlassen. Auch eine das Innenleben anrührende Unterhaltung, die das 
Unbewußte des Kindes auflockert und Verdrängungen aufhebt, kann das 
Kind von Hemmungen befreien und spielbereiter machen, doch wird 
dieses Mittel nur einem psychoanalytisch geschulten Pädagogen zur Ver- 
fügung sein. 

Es muß aber in diesem Zusammenhang nochmals erwähnt werden, daß 
das Kleinkind nach meinen Erfahrungen oft noch das vierte Jahr hindurch 
nicht init anderen Kindern zu spielen versteht. Das AI] einspielen ist hier 
also nicht etwas Anormales, das auf Eigenbrödelei, unsoziales Verhalten 
oder dergl. schließen läßt; es scheint mir die Folge des kindlichen Be- 
dürfnisses zu sein, seine eigenen Phantasien, und eben nur diese, zur 
Darstellung zu bringen. Es ist wohl auch eine Forderung des Entwick- 
lungsdranges des Kindes, das auf dieser Stufe ungehemmt durch Beein- 
flußungen im Spiel nur sich selbst erleben will. Als Folge dieser Annahme 
wird jeder bewußte Erzieher nur ausnahmsweise mit dem Kinde spielen. 
Der Erwachsene, der zu häufig Spielgefährte des Kindes ist, wird diesem 
Entwicklungsmöglichkeiten nehmen, da er seine Phantasie und seine 
Initiative unterbindet; manche Kinder verlernen durch zu viel Teilnahme 
von Erwachsenen am Spiel die Fähigkeit, allein, aus innerem Erleben 
heraus zu spielen. Es gibt auch nur wenige Erwachsene, die es verstehen, 
sich im Spiel mit einem Kinde selbst zurückzustellen und ihm vollständig 
die Führung zu überlassen. Wir müssen beachten, daß die Erwachsenen 
am intensivsten zu spielen verstehen, die sich stark mit dem Kinde iden- 
tifizieren. Bei diesem Vorgang wird aber nur zu leicht das eben erwähnte 
pädagogische Moment vergessen. Dann trägt der Erwachsene, sich selbst 
unbewußt, eigene Wünsche und Phantasien ins Spiel und erdrückt damit 
die Betätigung des Kindes. Mir wurde von einem jungen Mädchen berich- 
tet, das im Mutter-und-Kind-Spiel mit Kindern, wie ihre spatere Analyse 
ergab, einen ganzen Wunschkomplex zur Darstellung brachte, so stark und 
so weltentrückt, daß sie wie aus einem Traum erwachte, als das Spiel 
unterbrochen wurde. 

Wir hatten bisher nur die durch Kinder erdachten und aus ihren eigenen 
Phantasien hervorgegangenen Spiele im Auge und wollen uns nun den 
Bewegungs- und Kreisspielen zuwenden, die nach gewissen Regeln und 

— 177 — 



unter Text- und Gesangbegleitung ausgeführt werden, also nicht eigentlich 
freie Spiele sind. Ganz abgesehen von der Freude des Kindes an Rhythmus 
und Bewegung, liegt in diesen Spielen etwas, was das Unbewußte des 
Kindes stark berührt. Aus der Beliebtheit eines Spieles sieht man am 
besten, ob es kindertümlich, d. h. der Masse der Kinder entsprechend ist. 
Zwang zur Teilnahme an einem Bewegungsspiel, wie man ihn In vielen 
Kindergärten noch ausüben sieht, weil man glaubt, dadurch die soziale 
Erziehung fördern xu können (Gemeinschaftsspiel, Gemeinschaftssinn), halte 
ich durchaus für verfehlt. Nur wenn ein Kind gern spielt, ist es seelisch 
berührt; ungern ausgeführtes Spielen ist ein Unding, ein Druck mehr im 
Leben des Kindes, und es bewirkt das Gegenteil von dem GewpUten: Ein 
inneres Abseitsstehen von der Allgemeinheit und trotz der äußeren An- 
passung eine Gelegenheit mehr, den Zwang der Erziehung unangenehm 
zu empfinden. Soziale Anpassung muß durch das Leben in der Kinder- 
gemeinschaft an sich angebahnt werden, nicht aber durch künstliche Spiel- 
Organisationen . 

Man kann beobachten, daß gewisse Spiele bei fast allen Kindern sehr 
beliebt sind, und man muß annehmen, daß, wo nicht Rhythmus und Reim 
den Ausschlag geben, der Inhalt des Spieles das Seelenleben des Kindes 
besonders stark berührt, daß es in irgend einer Weise seinen Schwierig- 
keiten und Wünschen Ausdruck verleiht.^ Wir sollten uns bei der Wahl 
der Gemeinschaftsspiele deshalb auch nur von den Kindern leiten lassen 
und ihren Vorschlägen folgen; beim Einüben neuer Spiele werden wir der 
Kinder W^iderstände, die sich bei freier Führung meist deutlich zeigen, nicht 
unbeachtet lassen. Nicht eigene Tendenzen, nicht ästhetische Wertungen 
dürfen hier stark zum Ausdruck kommen. Es ist unstreitig eine Gefahr 
des Bewegungsspieles in pädagogischer Hinsicht, daß die Leiterin sich und 
ihre Absichten dabei zu sehr in den Vordergrund stellt und nicht, wie es 
sonst unser Ziel ist, vom Kinde ausgeht. Mögen der Leitung nun äußere 
Motive zugrundeliegen (die Wirkung des Spiels auf Zuschauer, Einstudierung 
in Hinblick auf Feste des Kindergartens), möge das Bewegungsspiel als Massen- 
bindung und als Massenbeschäftigimg verwertet werden, wir fanden in 
wenigen Kindergärten ein wirkliches Spiel, wie wir es den Kindern wünschen. 
Der gelangweilte Ausdruck eines großen Teils der Teilnehmer war bezeich- 
nend für den Mißbrauch, der hier mit etwas getrieben wurde, was man 

Spiel nennt. 

Auch in anderer Hinsicht wird in manchen Kindergärten gerade beim 
Bewegungsspiel gegen die Forderungen einer modernen Pädagogik gesün- 
digt. Die Kinder werden noch vielfach zu einer süßlichen Versinnbildlichung 
ihrer Eindrücke geführt, die durch und durch unecht ist und nicht den 
Phantasien des Kindes entspricht. Es werden in Wort und Bewegung symbo- 
lische Darstellun gen gegeben, die weit entfernt den wirklichen Symbolen, 
• i) Es sei auf die interessante Arbeit Sigm.Pfeifers (Budapest) über „Äußenmgen 
iftfantil-erotischer Triebe im Spiel" hingewiesen. Imago V, 1917—19- S. 243- 

— 178 — 



wie sie die Psychoanalyse aufgedeckt hat, eine vom Erwachsenen für Kinder 
ausgedachte und zurechtgemachte, Symbolik ist. 

Es ist verständlich, daß Maria Montessori unter diesen Umständen 
das Bewegungsspiel ablehnt, denn sie, die alles vom Kinde ausgehend betrach- 
tet, kann mit uns dieser Art des Bewegungsspiels nicht zustimmen. 

Das Bewegungsspiel kann aber für die Kinder etwas Schönes sein und 
etwas, das ihnen seelisch und körperlich zuträglich ist. Es kommt nur 
darauf an, daß es in richtiger Weise ausgeführt wird. Alles hängt da in 
erster Linie vom Talent der Leiterin ab, alles kommt auf die Fröhlichkeit, 
den Rhythmus und vor allem wohl auf die innere Beteiligung der Kinder 
an. Wirkliche Anteilnahme wird besonders dort erzielt werden, wo man die 
Kinder nicht nur nachahmend und den Spielregeln gemäß das Spiel aus- 
führen läßt, sondern wo man ihnen dabei eine schöpferische Tätigkeit 
zuweist. Das Ideal einer Spielgestaltung wäre, Erfindung, Ausführungsform, 
am besten auch Melodie und Rhythmus der Initiative der Kinder zu über- 
lassen, also das Spiel mit ihnen gemeinsam zu schaffen. Natürlich kann 
nur in einem kleinen Kreise und unter sehr begabter Leitung an eine 
solche Spielweise gedacht werden; sie würde aber dem entsprechen, was 
wir in anderer Hinsicht als das für die Kinder Wünschenswerte halten. 

So wollen wir also gelegentliches, der augenblickliclien Stimmung ent- 
sprechendes Gemein Schaftsspiel den Kindern durchaus nicht vorenthalten; 
aber wir wollen dabei ein Zuviel der Leitung von Seiten des Erwachsenen 
ausschalten und die Kinder nach ihren Kräften aktiv, nicht nur passiv teil- 
nehmen lassen. Wenn vorher erwähnt wurde, daß der Zwang, sich zu be- 
teiligen, abzulehnen ist, so wollen wir hier noch hinzufügen, daß ein solcher 
sogar in gewissen Fällen schädlich sein kann. Die Ablehnung des Bewegungs- 
spiels durch einzelne Kinder, ihr Sträuben, in den Kreis zu gehen, deutet 
manchmal auf Angst hin, die aus dem Unbewußten kommend, nicht ohne 
weiteres begriffen werden kann. Es wäre zu wünschen, daß uns aus Kinder- 
analysen Material geboten würde, das hier Aufklärung schaffen könnte und 
uns lehrte, das Verhalten der Kinder besser zu verstehen. 

Es wird nun, nachdem wir das Spiel und seine Bedeutung für das Kind 
zu beleuchten versuchten, unsere Aufgabe sein, uns mit den anderen im 
Kindergarten üblichen Beschäftigungen zu befassen. 

Neben der Hinlenfcung des Kindes zum Sozialen wird sowohl im Fröbel- 
schen Kindergarten als auch im Montessori-Kinderhaus die Ausbildung 
des Kindes als Aufgabe betrachtet. „Zweck des Kindergartens ist", wie 
Fröbel es ausspricht, „Kinder des vorschulfähigen Alters nicht nur in Auf- 
sicht zu nehmen, sondern ihnen eine ihrem ganzen Wesen entsprechende 
Betätigung zu geben, ihren Körper zu kräftigen, ihre Sinne zu üben und 
den erwachenden Geist zu beschäftigen; sie sinnig mit der Natur und 
Menschenwelt bekannt zu machen; besonders Herz und Gemüt richtig zu 
leiten und zum Urgründe alles Lebens, zur Einigkeit mit ihm hinzuführen. 
Im Spiele sollen sie freudig und allseitig, alle Kräfte übend und bildend, 

— \79 — 



BgHWipmww 



in schuldloser Heiterkeit, Einträchtigkeit und frommer Kindlichkeit sich 
darleben, für die Schule und kommenden Lebensstufen sich wahrhaft vor- 
bereiten, wie die Gewächse in einem Garten unter dem Segen des Him- 
mels und der aufsehenden Pflege des Gärntners gedeihen.^ Auch Montessori 
spricht sich in einem ähnlichen Sinne über die Aufgabe der Kinderhäuser 
aus, so ähnlich, daß man sich immer wieder wundern muß, daß eine 
Gegnerschaft zwischen beiden Methoden (oder doch ihren Vertretern) einem 
sich ergänzenden Nebeneinander im Wege steht. Montessori sagt: „Es 
handelt sich nicht nur um Orte, wo die Kleinen bewacht werden, nicht 
um ein Asyl, sondern um eine wirkliche Schule zu ihrer Erziehung, und 
ihre Methoden sind eingegeben von den Grundsätzen der wissenschaftlichen 
Pädagogik. Die körperliche Entwicklung der Kinder wird genau verfolgt 
und jedes Kind wird vom anthropologischen Standpunkt aus erforscht. 
Sprachübungen, eine systematische Erziehung der Sinne und Übungen, 
welche die Kinder unmittelbar für die Tätigkeiten des praktischen Lebens 
tauglich machen, bilden die Grundlage des Erziehungswerkes.'- 

Es ist selbstverständlich, daß auch der psychoanalytisch orientierte Pädagoge 
die Vorbereitung des Kindes auf Schule und Leben bei der Kindergarten- 
erziehung ins Auge faßt, wenn wir auch das Letztere als das Wesentlichere 
ansehen und dies deutlich hervorheben, indem wir die Anpassung an die 
Realität in den Vordergrund rücken. 

Die im Kindergarten und dem Montessori-K inderhaus angewandten Be- 
schäftigungen dienen beiden Zwecken. Wir werden vor allem diejenigen 
Beschäftigungsarten an die Kinder heranbringen, die ihnen Gelegenheit zu 
einem freien Tun und Sichselbstdarstellen geben und somit die Grundlage 
zur Sublimierung schaffen. Meine Erfahrungen ließen mich in erster Linie 
das freie Zeichnen (Buntstiftmalerei, auch unter Benutzung der Montessori- 
formen), das freie Malen mit Farben, Kneten, Ausschneiden und andere 
Papierarbeiten in Verbindung mit dem Kleben und das Bauen, als meinem 
Zweck entsprechend erkennen. Daneben fand ich Farbspiele verschiedener 
Art (auch Montessori), Legespiele, das Aufreihen von Perlen als ruhige, 
die Konzentration fördernde Beschäftigungen nützlich und den Kindern 
erwünscht. Dabei erscheint es mir als das Wesentlichste, das einzelne Kind 
das finden zu lassen, was seiner Entwicklungsstufe und augenblicklichen 
Stimmungslage entspricht, gleichgültig, ob dadurch die an sich wünschens- 
werte Förderung des Kindes in Bezug auf Ausbildung des Intellektes, der 
Sinne oder der Geschicklichkeit etwa in den Hintergrund tritt. Erschwerend 
ist bei der Anwendung wahlfreier Beschäftigungen freilich die durch Nach- 
ahmung entstehende Angleichung mancher Kinder aneinander, die es mit 
sich bringt, daß häufig Scheinwahlen getroffen werden. Hier hat die Kunst 
der Leitung einzusetzen, die die Kinder dahin führen muß, wirkliche 

i) Frbbels Schriften, Band g, S. 469. Berlin. 1862/65. 

2) Maria Montessori. Selbsttätige Erziehung im frühen Kindesalter. 4. bis 7. Tausend. 
S. 57. Verlag Julius Hoffmann, Stuttgart. 

— 180 - 



Entscheidungen zu treffen. In der Ausgestaltung der Persön- 
lichkeit, der Förderung der Initiative und der Willens- 
kräfte sehen wir eine über jede andere Zielsetzung hin- 
ausgehende Aufgahe. Die Schaffung von Sublimierungs- 
möglichkeiten scheint mir auf dieser Altersstufe das 
hierzu Wichtigste zu sein. .:.<'. 

Wenn das Kind in den Zeiten starker Triebverzichte oder aber bei der 
aus der Ödipussituation hervorgerufenen Affektanhäufung mit Hilfe einer 
hierfür geeigneten Beschäftigung die seelischen Antriebe abreagierend um- 
gestaltet, so geben wir ihm in dieser Epoche damit größere Werte, als 
wenn wir ihm Gelegenheit bieten, seinen Farbensinn zu bilden oder seine 
intellektuellen Kräfte zu entwickeln. Nehmen wir den fünfjährigen Knaben 
Hans, der in seinen Zeichnungen nur Zerstörungs Vorgänge darstellt: das 
Brennen eines Schiffes, den Einsturz eines Hauses und ähnliches. Er zeigt 
uns damit nicht nur andeutungsweise seelische Vorgänge, sondern er schafft 
sich selbst mit Hilfe dieser Darstellungs versuche einen Weg, inneres Erleben 
nach außen zu bringen. Es wird aus der Gefühls- oder Gedankenwelt etwas 
produziert, etwas gewissermaßen zu einem höheren Zweck umgewertet — 
dem Schaffen des Künstlers vergleichbar. Die unbewußte Anknüpfung an 
ein im Vordergrunde stehendes Interesse schien mir bei Heinrichs Knet- 
arbeit vorzuliegen. Der Fünfjährige formte einen Pudding, auf den er in 
der Mitte ein langes „Saucenrohr" aufsetzte, das er nach vorn umbog. „Hier 
soll Sauce herauskommen , erklärte er mir, „jedem auf seinen Teller". 
Auf meine etwas erstaunte Frage, ob er denn solch Saucenrohr schon ge- 
sehen hätte, meint er etwas verschämt mit seiner Hand an seine Hose 
zeigend: „Na vorne." In dieser symbolischen Wiedergabe lag für das Kind 
ein Ausleben seelisch wichtiger Momente. Am deutlichsten schienen mir 
die Zeichnungen des sechsjährigen Alex das wiederzugeben, was zu der Zeit 
sein Interesse erfüllte. Der Junge stand in der Entwicklung noch ganz auf 
der analen Stufe, seine Gedanlcen konzentrierten sich in einer für dieses 
Alter nicht gewöhnlichen W^eise auf Kot und Schmutz. Er zeichnete Tiere 
und Menschen immer mit fallenden Kotäpfeln und malte Menschen, freilich 
charakteristischerweise nur solche, die er besonders lieb hatte, bis zur Mitte in 
schwarz gemaltem Schmutz watend. Und als sein kleiner Freund einen Menschen 
aufgezeichnet hatte, leistete sich Alex einen dreisten Übergriff: Er fügte der 
Zeichnung des anderen alles das hinzu, was ihm vergessen schien, ein Glied, 
das urinierte, aus Nase und Ohren kommenden Schmutz. Für diesen Jungen, 
den man zu Hause solches Tun sehr verübelte, der immer besonders gepflegt 
und sauber in den Kindergarten kam und sich aus seiner guten Erziehung 
heraus geschämt hätte, je ein unsauberes Wort auszusprechen, war diese Art 
des bildlichen Abreagierens eine sichtbare Erleichterung. Nachdem er bemerkt 
hatte, daß ich mich nicht über seine Zeichnungen entsetzte (wie dies zu 
Hause geschah), sah er mich nach Fertigstellung eines Blattes immer in 
verschmitzten Einverständnis an und schien erfreut, daß man ihn hier in 

- 181 - 



Ruhe ließ. Ich bin sicher, daß gerade dieses Wiedergeben des geheimen 
Interesses dahin führen konnte, es weniger stark im Vordergrunde seines 
Seelenlebens stehen zu lassen und so allmählich abzuklingen.^ 

Die Sublimierung analer Triebkräfte scheint mir von großer Bedeutung 
für die Kinder im Kindergartenalter zu sein. Wir haben schon an anderer 
Stelle gesehen, wie stark hier noch der Kampf zwischen Erziehungseinfluß 
und unbewußten Kräften ist. Man kann dem Kinde hierbei Hilfe leisten, 
wenn man Gelegenheit zu einer Tätigkeit gibt, die einen Ausgleich zu 
schaffen vermag. Besonders werden wir da das Kneten heranziehen, bei 
dem die Kinder anfangs, wenn man sie unbeeinflußt mit dem Material 
hantieren läßt, nichts tun als „manschen", also in der Masse herumdrücken, 
reiben, sie zu Würsten drehen, vielleicht auch in Stückchen reißen. Nach 
und nach wird aus diesem unbewußten, blinden Tun ganz von selbst ein 
bewußteres Gestalten, ein wirkliches Produzieren phantasiemäßiger Vor- 
stellungen oder ein Nachbilden von Gegenständen, die das Interesse wach- 
riefen. Wie stark die Gleichsetzung Tonmasse = Kot bei den Kindern 
wirksam sein kann, bewies mir der vierjährige, freilich geistig nicht voll 
entwickelte Gerd. Er nannte die Knetmasse „Pfuideibels", drehte kleine 
Stücke daraus, roch daran und legte sie in eine Ecke des Zimmers. Er 
hielt mir solch ein Stückchen an die Nase und sagte: „Nun mache ich 
noch einen Popo dazu." 

Auch das Kleben kommt der gleichen Tendenz des Kindes entgegen. 
Anfangs ist der Erfolg, das wirkliche, zweckmäßige Kleben dem^ Kinde 
meist ganz gleichgültig, und der Hinweis auf notwendige Reinlichkeit wird 
oft einfach unbeachtet gelassen, Flecken sogar manchmal als etwas Wünschens- 
wertes betrachtet. Nach und nach entsteht auch hierbei ein zielbewußtes, 
zweckentsprechendes Kleben von Mustern oder anderen Dingen, Auch das 
Spielen im Sande muß als Gelegenheit zum Sublimieren des primitiven 
Schmutzbedürfnisses hervorgehoben werden. Aus dem Wühlen im Sande, 
dem Einrühren des Sandes in Wasser und einem Sichbeschmieren damit 
(wo die Erziehuug nicht hindernd dazwischentritt!) gelangt das Kind erst 
allmählich zu zielsetzendem Tun, zum Aufschippen von Bergen, dem Graben 
von Tunnels, von Höhlen usw. Gerade das Sandspiel scheint dem Kinde 
starke Symbolbedeutung zu haben, worauf u. a. die intensivst ausgeführte 
Beschäftigung des „Kuchenbackens" hindeutet. Ohne die dahinter stehende 
Symbolik würde diesem primitiven Spiel kaum solche starke und vor allem 
so lange andauernde Vorliebe geschenkt werden. 

i) Die allgemeine Auswertung von Kinderzeichnungen mit Hilfe der psychoanalyti- 
schen Deutungskunst ist eine Aufgabe, lu der die psychoanalytisch orientierte Kinder- 
gartenleiterin wertvolle Hilfe leisten könnte. Eine wissenschaftliche Verarbeitung des 
Materials würde unser kinderpsychologisches Verständnis wesentlich erweitern. So 'viel 
mir bekannt ist, liegt eine Arbeit über dieses Thema noch nicht vor, doch hat eine 
Berliner Kindergartenleiterin bereits an der Hand eines gröÖeren Sammel-Materials 
interessante Feststellungen gemacht, die sie wohl demnächst zur Veröffentlichung 
bringen wird. 

— 182 — 



Das Malen mit Farben scheint ebenfalls den analen Wünschen des 
Kindes entgegenzukommen. Bereits die Dreijährigen des Kindergartens haben 
eine Lust am Auftragen und Ausmalen der Farben. Das „Schmieren" an 
sich ist hier Freude und wird anfangs ganz ohne Sinn für Farbenmischung 
und -Zusammenstellung ausgeführt. Das allmähliche Gestalten können wir 
mit Sicherheit als Sublimierung des anfänglichen Schmiertriebes ansehen; 
wir können aber trotz bewußten Schaffens noch lange das Vergnügen am 
Auftragen der Farbmasse als im Vordergrunde stehend erkennen.^ 

Wenn wir uns so zu den Beschäftigungen des Kindes einstellen, wie 
hier angedeutet wurde, muß uns das Leiten, Anregen und Vorschreiben 
bei den Tätigkeiten als unrichtig erscheinen. Gelegentliche Aufgaben 
— oder besser Vorschläge haben ihre Berechtigung, als Regel aber hat 
die selbständige Wahl und Ausführung der Beschäf- 
tigung zu gelten. Nnr da haben wir einzugreifen, wo ein Kind diese 
Unterstützung braucht ; meist findet es, wenn auch vielleicht etwas langsam, 
selbst seinen Weg oder es bildet sich an den anderen Kindern weiter. Ein 
Stundenplan und jede bestimmt angesetzte Beschäftigung (soweit sie nicht, 
wie die tägliche Arbeit im Kindergartenhaushalt, gegebene Notwendigkeit 
ist) erscheint unangebracht. Daß auch bei der freien B es chäftigungs weise 
dem Kinde Entwicklungsmittel geboten werden, daß Fertigkeiten geübt, 
die geistigen Fähigkeiten gefördert werden und daß auch mir dies wichtig, 
wenn auch nicht einzig und allein im Vordergrunde stehend, erscheint, 
sei nur gewissermaßen vorsichtshalber erwähnt. Und daß auch bei uns die 
Gemütswerte durchaus nicht unbeachtet bleiben, obgleich wir nur gelegentlich 
für einander oder in Gruppen miteinander arbeiten und obgleich wir sie 
sich in erster Linie aus der Atmosphäre heraus, nicht aber aus Beschäftigungs- 
organisation entwickeln lassen, sei betont. Ich verkenne auch nicht die 
Bedeutung eines Ziel setzenden gemeinsamen Arbeiten s (Basteins), da ich 
es als Freudenquelle und Anregungsmittel würdigen lernte; es darf aber, 
soweit es nicht aus der Initiative der Kinder entsteht, nur gelegentlich 
einmal in Vorschlag gebracht werden. 



i) Es dürfte nicht ohne Interesse sein, daß das Vorherrschen analer Tendenzen, 
wie es die Kinder meines Kindergartens, also Mittelstandskinder, an den Tag legten, 
bei den Kindern der Arbeiterkreise weniger stark zum Ausdruck zu kommen scheint. 
Ich schließe dies aus einem ziemlich reichhaltigen Zeichenmaterial, das in einem 
Volkskindergarten (dessen Leiterin auf psychoanalytischem Boden steht) vorgelegt 
wurde. Dort standen Darstellungen der Geschlechtserziehung, überhaupt genital- 
sexuelle Interessen absolut im Vordergrund. Es sei die Vermutung ausgesprochen, 
daJ3 die Beschäftigimg mit analen Dingen und das längere Haften daran vielleicht 
mit der frühen und starken Unterdrückung im Zusammenhang steht, die in Bezug 
hierauf bereits dem kleinen Kinde der bürgerlichen Schichten abverlangt wird. 
Andererseits pflegt das Kind dieser Kreise weniger Gelegenheit zu haben, Beobach- 
tungen zu machen, die sich auf die Beziehungen der Geschlechter beziehen. Es soll 
jedoch hiermit nicht etwa gesagt sein, daß nicht auch die Kinder des Mittel- 
standes mit sexuellen Dingen beschäftigt sind und sie auch, — 
wenn auch nach meinen Erfahrungen nicht so vorherrschend, — zum Ausdruck bringen. 

— 183 — 



Die Achtung vor dem Eigenleben des Kindes scheint mir in vielen der 
Durch Schnittskindergärten (nicht aber in modern gestalteten Kindergärten 
freilich) nicht genug im Vordergrunde zu stehen. So wird der an sicli 
richtige Satz, das Kind solle lernen, Innerliches äußerlich zu gestalten- 
(B'röbel) m. E. vielfach falsch angev^^andt. Ein äußeres Erlebnis, selbst 
wenn es das Kind erfreut und interessiert, ist durchaus nicht immer von 
der von den Erziehern angenommenen Bedeutung für das Kind; es wird 
nicht immer zu einem inneren Erlebnis. Und so scheint mir die Kinder- 
gartenmethodik in einem Irrtum befangen, wenn sie glaubt, in der Dar- 
stellung der Eindrücke, die sie dem Kind vermittelt, wirkliche Wider- 
gaben, ein „Äußerlichmachen" von des Kindes Innenleben zu sehen. Das 
Seelenleben des Kindes äußert sich nur durch Darstellung, „Darlebung", 
um mit Fröbel zu sprechen, im freien Spiel und in freier, unbeein- 
flußter Beschäftigung. Seit uns die Freudsche Tiefenpsychologie das 
Kind von einem anderen Gesichtspunkt aus betrachten lehrte, weiß man» 
daß die wirklichen Interessen, Wünsche und Stimmungen der einzelnen 
Kinder weit auseinandergehen, daß hinter dem äußeren, uns erkennbaren 
Verhalten des Kindes die Auswirkungen seines Unbewußten wirksam und 
beeinflußend sind. Eine Einheit zu schaffen, ein wirkliches Mitgehen, wird 
uns da in den seltensten Fällen gelingen. Entweder machen die Kinder 
bei einer planmäßig an sie herangebrachten Beschäftigung nur mechanisch 
mit, ohne innerlich beteiligt zu sein, oder aber sie beteiligen sich wohl 
intensiv, lassen jedoch ihre eigenen Impulse außer Acht, was im Hinblick 
auf ihre Eigenentwicklung durchaus nicht immer wünschensw^ert ist. 
Der frühen Kindheitsstufe ist es sicherlich nicht förderlich, sich unter 
geistige Führung zu stellen ; alles sollte lieber von selbst, von innen heraus 
sich entfalten, sonst kommen Fehlentwicklungen und Treib hausbil düngen 
zustande. Unsere Aufgabe kann es nur sein, die Bildungsmittel für 
das Kind bereitzustellen. In diesem Sinne kommt die Handhabung 
der Kinderbeschäftigung im Montessorihaus unserer Einstellung entgegen, 
doch scheint es mir unrichtig, wie bereits erwähnt, Einschränkungen für 
Material Verwendung anzuordnen. Auf meinen diesbezüglichen Einwand 
wurde mir von einer Montessori-Lehrerin einmal geantwortet, man gäbe 
doch auch dem Kinde andere Sachen, die nicht zum Spiel bestimmt seien, 
nicht zur freien Verfügung. Dieser Vergleich geht aber fehl, denn ich 
beanstande ja nur, dem Kinde, ihm zur Beschäftigung gereichte 
Dinge allein zu einem bestimmten, vom Erwachsenen ausgedachten 
Zweck zu überlassen. Der Hinweis, daß wir es mit Lehrmitteln, nicht 
aber mit Spielzeug zu tun hätten, kann mich auch nicht überzeugen, da 
eben meiner Ansicht nach Lehrmittel für diese Alterstufe nicht das 
Gegebene sind. Wir müssen uns hüten, in der Tätigkeit eines Kindes ein 
scheinbar zweckloses Tun zu sehen, auch wenn es nicht dem entspricht, 
was wir uns bei der Materialdarbietung vorgestellt hatten. Wir müssen 
uns ferner hüten, bei Beobachtung der kindlichen Beschäftigung anzu- 

— 184 — 



nehmen, daß das Kind immer das tut, was das Material bezweckt. Das 
Kind, das scheinbar die vorgeschriebene oder die aus dem Beschäftigungs- 
mittel sich ergebende Aufgabe erfüllt, zweckbewußt, wie es den Anschein 
hat, folgt dabei oft eigenen Antrieben und wertet das Beschäftigungs- 
mittel irgendwie im Sinne eigener Wünsche aus. Nehmen wir als Beispiel 
die Einsatzzylinder Montessoris, Dieses besonders beliebte Lehrmittel, be- 
liebt m. E. einerseits wegen der verhältnismäßig leicht errungenen Ziel- 
befriedigung, andererseits wegen der mit ihm zu ermöglichenden vielfachen 
Spiel gestaltung, wird in meinem Kindergarten dem Kinde frei überlassen, 
tmd nur in Hinblick auf Materialbeschädigung gelten bestimmte vorbeu- 
gende Regeln. Das Spiel mit den Einsetzern dient den verschiedensten 
Zwecken: Die Einsetzer werden in der Phantasie des Kindes zu Menschen, 
Tieren, zu Gepäckstücken und allem möglichen umgewandelt, der Kasten 
ist einmal eine Eisenbahn, ein anderes Mal ein Schiff. Das Material wird 
also nicht immer der Aufgabe entsprechend verwandt, aber sozusagen kind- 
gerecht gemacht. Es wird wie Spielzeug behandelt. Auch dabei, freilich 
nur nebenbei, erwirbt das Kind die Kenntnis von den Größenverhältnissen 
usw. ; ruhige Vertiefung, Konzentration, findet es sicherlich auch auf diesem 
Anwendungswege. Andere Kinder scheinen nur an der Tätigkeit des Ein- 
steilens Freude zu finden, und zwar sind dies besonders die kleineren 
Kinder, für die dies Material ja eigentlich auch nur gedacht war. Woher 
aber kommt es, daß auch die größeren so stark daran haften bleiben, es 
immer wieder vornehmen? Spielmaterial gibt es ja anderweitig genug. Wir 
müssen annehmen, und für den, der psychoanalytisch zu sehen versteht, 
liegt es nah, daß die Einsatzteile dem Kinde Symbolbedeutung haben, ihm 
unbewußt zwar, aber doch immerhin die starke Anziehungskraft des Gegen- 
standes begründend. Manche Kinder, die eifrig bei der Beschäftigung mit 
den Einsatzkästen anzutreffen sind, nehmen diese nur als vorgeschützte 
„Tätigkeit" und geben sich, scheinbar eifrig beschäftigt, wie man dem 
Ausdruck ihres Gesichtes ansehen kann, Tagträumereien hin, und während 
die Montessori-Lehrerin dann erfreut die Feststellung macht, wie oft das 
Kind die Beschäftigung wiederhoh hat (es wird in Montessori -Berichten 
von einer 33 maligen Wiederholung gesprochen) hat das Kind sich nicht 
im eigentlichen Sinne beschäftigt, sondern es hat phantasiert. Das Kind 
hat dabei die Gelegenheit in gerngesehener Form eine ungern gesehene 
Handlung auszuführen. Es wurde übrigens von psychoanalytischer Seite 
darauf aufmerksam gemacht, daß das häufige Wiederholen einer Beschäfti- 
gung auf Vorhandensein einer Zwangsneurose hindeuten. 

Es erscheint fraglich, ob das reine Montessori-Material dem Kinde ge- 
nügende Möglichkeiten zur Sublimierung verschafft, und man kann es 
daher nur begrüßen, daß jetzt auch im Montessorihaus mehr als anfangs 
mit Knetmasse und Farben gearbeitet wird. 

Wenn wir so der freien Wahl der Beschäftigungen im weitesten Aus- 
maß Wert zugesprochen haben, so hatten wir dabei vor allem die Förde- 



Zeitschrift f. pja. Päd., iv/4/5 jg5 



J5 



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rung der Persönlichkeitsbildung im Auge. Wir müssen uns darüber klar 
sein, daß jede Wahl einen Willensakt darstellt; jede Eigenentscheidung 
bedeutet, einen Ausweg zu finden aus verschiedenen Strebungen. Eigen ge- 
wählte Beschäftigung verhindert unerfreuliches Tun und bewirkt ein Handeln, 
bei dem das innere, augenblickliche Sein des Kindes beteiligt ist. Täuscht 
sich das Kind, greift es nach etwas, das es nicht befriedigt, so steht es 
ihm ja frei, sich Neues zu suchen. Man sollte auch im Kindergarten nicht 
zu ängstlich an der Idee haften, das Kind müsse „lernen'', sich zu kon- 
zentrieren. Konzentration kommt meist dann von selbst, wenn das Kind 
eine richtige VYahl getroffen hat, Ist ein normales Kind durch seine 
Wahl befriedigt, wird es auch bis zur Ermüdungsgrenze bei der Beschäfti- 
gung bleiben. Fliegt ein (im Kindergarten bereits eingewöhntes) Kind 
dauernd von einem zum anderen, zeigt es stark nervöse Unruhe, dann 
w^ er den andere Behandlungsmethoden fruchtbarer sein, als ein Zwingen 
des Kindes zu widerwillig ausgeführter Tätigkeit, 

Geduld zu lernen ist vorzüglichste Pflicht des Erziehers, sich abwartend 
zu verhalten, sei ihm Gesetz, Für den Kindergarten gelte dies im besonde- 
ren Maße, denn gerade das Kleinkind wird, da es wehrlos ist, passiver 
dulden, wenn wir in seine Entwicklung eingreifen. 

Geduld zu lernen sei für die Leiterin vor allem Gebot in Hinblick auf 
jede Handlung, jede Strebung des Kindes, die zur Selbständigkeit und 
Eigenerprobung führt. Das von Erwachsenen meist mit Voreiligkeit aus- 
geführte Helfen und Zugreifen kann das Kind in unübersehbarer Weise 
schädigen, Montessori bringt in ihren Schriften dafür manch gutes Beispiel, 
und wir haben ihr zu danken, daß sie unseren Blick geschärft hat, die 
Nachteile falscher Aktivität des Erziehers zu erkennen. Der psychoanalytische 
Erzieher wird zu den von Montessori gegebenen Argumenten auf Grund 
der in Kinderanalysen (und auch durch rückschauende Analysen Erwachse- 
ner) gewonnenen Einsichten noch weitere hinzufügen und in strengster 
Weise von sich verlangen, das Kind seinen Weg gehen zu lassen und seine 
Eigenkräfte nicht zu untergraben. Er wird dies nicht nur in Hinblick auf 
die aufreizende, von uns früher nicht geahnte Wirkung erziehlicher Ein- 
griffe tun, sondern auch in Anbetracht der Bedeutung, die jedes freie 
Handeln des Kindes für die Ausbildung seines Selbstvertrauens 
und seines Lebensmutes gewinnt. Es muß als wahrscheinlich ange- 
nommen werden, daß durch eine richtige Führung des Kindes nach dieser 
Seite hin der Entwicklung mancher Neurose entgegengewirkt wird. Wir 
haben schon vorher auf die Gefahren hingewiesen, die besonders dem ein- 
zigen Kinde durch zu starke Umsorgung und zu viel praktische Hilfe drohen. 
Der Kindergarten sollte in jeder Hinsicht die Selbständigkeit der Kinder 
bei allen Verrichtungen des täglichen Lebens zu fördern suchen. Darum 
werden wir auch die Betätigungen im Kindergartenhaushalt, und die ver- 
schiedenen Arbeiten im Garten in den Interessenkreis der Kinder bringen. Im 
allgemeinen beteiligen sich die Kinder gern an allem praktischen Tun, und 

- 186 - 



wir vermuten, daß hierzu der Wunsch, es den Erwachsenen gleich zu tun, 
wesentlich beitragt. Dazu kommt die Freude, sich körperlich zu betätigen, 
seine Kräfte zu erproben, sich auszuarbeiten. Es erscheint mir sehr fraglich, 
ob so junge Kinder, wie es die Kindergartenbesucher sind, von innen heraus 
„für die Gemeinschaft" zu arbeiten wünschen, daß ihnen das Sich-in-den- 
Dienst-der-anderen-Stellen im Vordergrunde steht. Die Tätigkeit ist dem 
Kinde hier ein Mittel, sich narzißtisch [12] seines Könnens zu freuen, es 
kommt seiner „Großmannssucht" entgegen. Es wirkt in jedem Jahr wieder 
aufs Neue überzeugend auf mich, wenn, nachdem den ganzen Sommer 
■über im Garten mit viel Vergnügen gesäet, gepflanzt, kurz, auf alle Weise 
gärtnerisch gearbeitet wurde, der Höhepunkt der Freudigkeit doch erst er- 
reicht wird, wenn die Kinder im Herbst beim Ausroden der Sonnenblumen- 
stengel, was schließlich mehr einem Vernichten als einem pflegerischen 
Aufbauen gleichkommt, sich und ihre Kräfte zeigen und erproben können. 
Es sei mir erlassen, auf die allgemein bekannten oder die vermuteten 
pädagogischen Werte hauswirtschaftlicher und pflegerischer Arbeiten des 
Kindes einzugehen; es soll nur der Wunsch ausgesprochen werden, mit 
Hilfe analytischer Betrachtungsweise auch hier hinter die Dinge schauen 
zu lernen und Erkenntnisse über die Einstellung der Kinder zu den einzel- 
nen Betätigungen in Hinblick auf Sublimierungsformen und Symbolbedeu- 
tung zu sammeln. Es könnte dies sicher für die Handhabung der Beschäf- 
tigungsweise an sich wertvoll, vielleicht aber auch im Interesse der Neurosen- 
forschung gelegen sein. Wir denken dabei z. B. an die bei manchen Kinder- 
gartenkindern übertonte Ordnungssucht, die dazu führt, daß jeder schief 
gerückte Stuhl, jeder Kasten, der nicht genau gerade steht, als störend 
empfunden wird und sofort gerichtet werden muß, wobei oftmals das Zwang- 
hafte der Handlung ins Auge fällt. Auch dem übertriebenen Reinlichkeits- 
bedürfnis mancher Kinder ist unsere Aufmerksamkeit zu schenken, das 
gewiß manchmal den Anfang eines späteren Waschzwanges (oder auch nur 
die Disposition dazu) bilden kann. Mir fällt hierzu die kleine Resi ein. Das 
Kind war mir sehr zugetan und war stets bestrebt, nur zu tun, was ich 
gern sah, mehr sogar als mir wünschenswert erschien. Das einzige Mal, 
daß sich Resi mir widersetzte, war, als ich ihr zu einer unsauberen Arbeit 
«inen Farbenkittel umlegen wollte. Dazu ließ sie sich nicht bewegen; die 
Flecken des Kittels störten sie. Solche und ähnliche Symptome sind bedeu- 
tungsvoll, ihre Beobachtung und Erforschung sind Notwendigkeit, wenn 
wir als eine der Aufgaben des Kindergartens die frühe Aufdeckung 
neurotischer Anzeichen betrachten. Wir werden gerade bei den haus wirt- 
schaftlichen Beschäftigungen zu überlegen und zu prüfen haben, ob nicht 
etwa durch sie solche seelische Fehlentwicklungen verstärkt werden können, 
oder ob vielleicht infolge der Arbeitsfreude ein Umleiten neurotischer Eigen- 
heiten ermöglicht wird. Auch ob dies an sich wünschenswert ist oder etwa 
ungünstig wirkt, bleibt zu erforschen. All diese Dinge sind wichtig für 
den Erzieher, weil er durch falsche Stellungnahme ein Kind schädlich 

— 187 — • »3. 



beeinflussen kann. Man nehme ein ehrgeiziges Kind, das auf Anerkennung- 
und Lob von Seiten des Erziehers großen Wert legt, und ziehe in Betracht, 
welche Konsequenzen es haben kann, wenn man seine übertriebene Sauber- 
keit oder Ordnungsliebe besonders anerkennt und dadurch noch verstärkt. 
Es sei hier jedoch erv^^ähnt, daß von psychoanalytischer Seite angezweifelt 
wird, ob unser Einfluß überhaupt auf die aus dem Unbewußten kommen- 
den Antriebe wirkt, ob wir nicht etwa einen Trugschluß begehen, wenn 
wir in positiver oder negativer Weise Einwirkung erwarten. Es läßt sich 
zu diesen Problemen heute noch nicht Stellung nehmen, doch haben wir 
die verschiedenen Möglichkeiten in Betracht zu ziehen und ihnen unsere 
Aufmerksamkeit zu schenken. 

Auch ob wir durch Naturbeobachtungen tiefergehenden Einfluß auf das 
Gemütsleben des Kindes zu gewinnen vermögen, wissen wir nicht, doch 
sollten wir in keinem Fall versäumen, den Interessen der Kinder nachzu- 
gehen, wo sie sich zeigen. Wenn wir als allgemeines Prinzip die Forde- 
rung aufstellen, dem Kinde Möglichkeiten zu schaffen, die 
Nutzung derselben aber ihm selbst zu überlassen, so werden wir 
die Kinder in Beziehung zur Natur bringen, indem wir ihnen Gelegenheit 
zur Tier- und Pflanzenpflege geben. Dann aber sollten wir uns abwar- 
tend verhalten, bis des Kindes Fragen uns sein Bedürfnis nach 
Belehrung beweisen. Im unrechten Moment gegebene Bei ehrungs versuche» 
mögen sie in intellektueller oder in gefühlsmäßiger Richtung gehen, wer- 
den vom Kinde ebenso wie unerwünschte Unterhaltungen als Störung emp- 
funden und innerlich abgelehnt. Da wir die Vorgänge im unbewußten 
Seelenleben nicht durchschauen können und in Wirklichkeit nicht wis- 
sen, was die Kinder tatsächlich beschäftigt, kann uns diese Tatsache nicht 
wundern. 

Unsere Aufmerksamkeit wird sich bei diesem Gebiet der Kindergarten- 
tätigkeit manchen individuellen Eigenheiten der Kinder zuwenden, die 
gerade dabei in Erscheinung treten. Der psychoanalytisch orientierte Päd- 
agoge wird zu gewissen Verhaltungsweisen eines Kindes anders stehen, als 
es die Erziehung im allgemeinen tut. So verurteilen wir nicht, um ein 
Beispiel zu bringen, die Sucht mancher Kinder, ein Tier zu quälen als 
„Charakterfehler", sondern wir nehmen auch dies Gebaren des Kindes 
nur als ein Symptom für unbewußte Seelenvorgänge, die wir zu erforschen 
trachten, keinesfalls aber mit Strafen belegen werden. Daß moralische Be- 
lehrungen allein in den seltensten Fällen etwas fruchten, wenn es gilt, 
Tierquälereien oder Zerstörungs sucht (wie sie sich manchmal Blumen und 
Tieren gegenüber zeigt) zu bekämpfen, hat von jeher die Erfahrung be- 
wiesen. Wo Angstpädagogik zur Auswirkung kommt oder auch, wo die 
Liebe des Kindes zum Erzieher den Wunsch rege macht, seine Forderungen 
zu erfüllen, dort kann es zu einer Unterdrückung sadistischer [13] Antriebe 
kommen. Es kann dabei aber immer nur von einem Augenblickserfolg die- 
Rede sein, der für die weitere Entwicklung des Kindes unwesentlich, viel- 

— 188 — 



leicht sogar als verhinderte Affektäußerung schädlich ist. Die Tragweite der 
aus dem Unbewußten erwachsenden seehschen Fehlentwicklungen können 
wir ohne psychoanalytische Erforschung des einzelnen Falles nicht erken- 
nen. Bei stark ausgeprägten sadistischen Antrieben, bei überhandnehmender 
Zerstörungssucht kann nur eine Analyse des Kindes Aufklärung über den 
Zusammenhang und Hilfe bringen. Bei nur gelegentlich auftretenden Ent- 
gleisungen wird man sich abwartend verhalten, nicht nur weil solche 
Störungen des seelischen Gleichgewichtes oft von selbst abklingen, sondern 
auch, weil tierquälcrische Handlungen und Zerstörungstendenzen beim 
kleineren Kinde vielfach aus einem Nichterfassen der Sachlage erwachsen. 
Das Kind ist sich dann über sein Tun nicht klar: Es macht keinen Unter- 
schied zwischen lebenden und toten Dingen und erkennt keinen Unter- 
schied zwischen dem Werdenden, Wachsenden, das von ihm geschont werden 
soll, und dem, was es zerstören oder willkürlich behandeln darf. Gerade 
dem Tier gegenüber fehlt es oft an der Fähigkeit, sich mit ihm. zu identifi- 
zieren, was die Vorbedingung jeder bewußten Rücksichtnahme und Scho- 
nung ist. Auch fühlt sich das Kind in seinem Allmachtsgefühl oft als 
Herrscher über das Tier, und wie es aus der Erfahrung oft gelernt hat, 
daß die Menschen sich von ihm, sei es zum Scherz oder auch im Ernst, 
quälen lassen, so wird es mit Selbstverständlichkeit sein Verhalten auch 
dem Tiere gegenüber ausprobieren. Es wird sicher gut sein, durch Hin- 
lenkung des Kindes zu pflegerischem Tun, den Versuch zu machen, es zu 
einer vermehrten Einfühlung und zu gefühlsmäßiger Bindung an die Tiere 
zu führen und durch Pflanzenpflege aufbauendes Tun als Gegenwirkung 
gegen zerstörendes Vorgehen auszunutzen. 

Daß wir in der Tier- und Pflanzenbeobachtung ein Mittel gewinnen, 
das Kind zum Aufmerken und Fragen zu führen und zu dem uns in erster 
Linie wichtig erscheinenden kritischen Denken, macht uns das pflegerische 
Tun besonders wichtig. Bei frei sich äußernden Kindern wird bei gemein- 
samem Beobachten und Forschen manche bedeutsame Frage fallen, die zu 
nachdenklicher Erörterung führt und den Weg zur sexuellen Erkenntnis 
anbahnt, die wir als dem Kinde notwendig erkennen lernten. 

Daß das Verhalten zu den Tieren oder auch die Beziehung zu einem 
bestimmten Tier nichts Zufälliges, nicht Einzelerscheinung ist und daher 
unsere Aufmerksamkeit verdient, sei hervorgehoben. Wir werden nicht 
den Fehler begehen, wie es die allgemeine Pädagogik so gern tut, wert- 
urteilend von Tierliebe zu sprechen, die „Güte" des betreffenden Kindes 
hervorhebend, wir werden auch diese Eigenschaft, wie die vorher erwähnten 
Fehlentwicklungen, nur als Äußerungsform tiefer liegender Seelen Vorgänge 
betrachten. Es erscheint mir kein Fehlschluß Pfisters zu sein, der annimmt, 
daß wo bei Kindern eine übermäßige Liebe zu Tieren auftritt, die Be- 
ziehung zu den Menschen eine Hemmung erfahren hat. Kinder, die durch 
strenge oder lieblose Eltern viel leiden, ohne bei anderen Menschen oder 
in der Religion einen Ersatz zu finden, wenden ihre Zärtlichkeit oft den 

— 189 — 



Tieren zu^. Übermäßig betontes Mitleid mit den Tieren, das auf Identi- 
fizierung zu beruhen pflegt, sollte uns aufmerken lassen. Wichtig wäre, 
scheint es, durch psychoanalytische Forschung klarzustellen, ob wir durch eine 
Beschäftigung mit den Tieren und ihre nähere Beobachtung der bei Kindern 
so häufigen Angst vor Hunden, Pferden, Hühnern usw. entgegenwirken 
können. Auch hier hatte der Kindergarten eine wichtige Aufgabe zu erfüllen, 
da er die beste Möglichkeit hat, der Forschung Material zur Verfügung zu 
stellen. Wir müssen freilich annehmen, daß unsere Einwirkung auf das 
Kind vorherrschend prophylaktischer Natur sein wird. Was wir gut kennen, 
ist uns weniger schreckenerregend, denn die im Unbewußten liegenden 
Motive der Angsterscheinungen lassen sich durch eine von außen kommende 
Beeinflussung kaum beheben, und es wird wohl nur mit Hilfe des psycho- 
analytischen Verfahrens möglich sein, eine ausgebildete Tierphobie zu heilen^. 
Die Erkenntnis von dem tieferen Zusammenhang zwischen Angst und 
allgemein-seelischem Erleben wird uns veranlassen, mit pädagogischen Maß- 
nahmen sehr vorsichtig zu sein und ein sich fürchtendes Kind nicht mit 
Zwang, Strafe oder anderen rigorosen Mitteln zu quälen; auch moralische, 
das Ehrgefühl anspornende Belehrungen sind besser zu vermeiden. Durch 
Erziehungseingriffe dieser Art können wir ein Kind seelisch zu stark belasten 
und einer bestehenden Angst noch verstärkte Schuld- und Minderwertigkeits- 
gefühle zugesellen. Liebevolles Eingehen, ein Helfen durch eine verständnis- 
volle Unterhaltung oder in ausgeprägten Fällen eine Analyse sei empfohlen. 
Angsterscheinungen sind so lebenshemmend, daß man jedenfalls versuchen 
sollte, sie rechtzeitig zu beheben. 

(Schluß folgt im 
nädisten Heft) 



Ein „Paradiestraum" 

Von Dr. Gustav Hans Grab er, Stuttgart 

I 

Die in Mythen überlieferten menschheitlichen „Urszenen" kehren in unseren 
Träumen — und vornehmlich in denen der Kinder, deren Denken ja auch im 
Wachen dem M3rthus näher steht als das der erwachsenen Kulturmenschen — 
so häufiö' wieder, daß man sie als eine besondere Art der typischen Traum- 
motive als die der mythischen bezeichnen muß. Wir nehmen damit 
Nietzsches Idee, daß das Traumdenken eine phylogenetisch ältere Denkart 

sei, wieder auf und ergänzen sie. 

i) Oskar Pfister, Die Liebe des Kindes. S. 157. Verlag Bircher, Bern, 1922, 
2) Eine DarsteUung des Verlaufs einer Tierphobie und ihrer Heilung durch eine 
psychoanalytische Behandlung gibt uns Freud in der „Analyse der Phohie eines fünf- 
jährigen Knaben". Gesammelte Sclrriften, Band Vm. Es sei außerdem auf Freud* 
Schrift „Hemmung, Symptom mid Angst« verwiesen. (Ges. Schriften, Bd. XL) 

- 190 - 



Ich habe in meinem Buche „Zeugung, Gehurt und Tod"* auf einige der 
wichtigeren Beziehungen zwischen dem Mythus und dem Traumleben des 
Kulturkindes hingewiesen und mochte hier ein dort nicht erwähntes Beispiel 
dieser Art hinzufügen, - • '>ri-^ 

Es handelt sich um einen, den Sündenfallmythus teilweise reproduzierenden 
und teilweise modifizierenden „Paradiestraum" eines fünfzehnjährigen Jungen, 
namens M a x. 

Die Mutter, die der Knabe als einziger Sohn sehr geliebt hatte, mußte schon 
in seinem fünften Lebensjahre in einer Irrenanstalt interniert werden. Er scJiloß 
sich um so enger an seine um ein Jahr ältere Schwester an. Nach der Wieder- 
verheiratung des Vaters mit einer sehr jungen Frau wurde Max unverträglich, 
störrisch, launisch, zanksüchtig und grob. Sein Benehmen wuchs sich schließlich 
im letzten Jahre seiner Schulzeit, als die Schwester i'ortzog, um einen Beruf zu 
erlernen, derart zur Unausstehlichkeit aus, daß häufig Schlägereien zwisclien 
Vater und Sohn vorkannen. Der Vater war dein starken Junsen nicht mehr 
gewachsen und sah sich genötigt, mich zur Erziehvmgshilfe beizuziehen. 

Gleich zu Beginn der Analyse traten in den Träumen Todes wünsche gegen 
den Vater, Verleugnungen der eigenen Abstanunung, sowie daraus erwachsende 
Scliuldgefuhle, Aktivierungen von Strafbedürfnissen und eigenen Todes w^ünschen auf. 

Bei heftigen Widerständen gegen das Bewußtwerden dieser Vater ein Stellung 
produzierte Max Tiraden des Lobes auf den Vater, bekam häufig Schwindel- 
gefühle, abwechselnd Ohren-, Augen-, und Zahnsclimerzen, schlief Öfters während 
der Analyse ein, blieb der Stunde gelegentlich fern und log daheim vor, er 
wäre bei mir gewesen. Er glaubte sich bei allen Vorkommnissen unschuldig, 
weil verführt. In den Träumen aber beschwichtigte er sein unbewußtes Schuld- 
gefühl dadurch, daß er oft in Schlachten sich selbst zum Helden — vor allem 
zum Winkelried — machte und sich für das Volk (Weib und Kind) — eigent- 
lich aber für die Mutter — opferte, d, h. sich vom Gegner (vom Vater) er- 
schlagen ließ, gleichsam zur Sühne dafür, daß er ihn erschlagen woUte. 

Wie wenig Max im Grunde der sich dem Feind (Vater) als Opfer dar- 
bietende „Held" ist, bezeugt eine bezeichnende Assoziation, die ihm zum an- 
geblichen Abschieds wort des Schw^eizerhelden Winkelried, „sorget für mein 
Weib und meine Kinder", einfiel, nämlich: „Ich wollte manchmal, wenn der 
Vater meint, er könne eine Sache besser verrichten als ich, es verrecke (miß- 
linge) ihm." 

n 

Die mit Vernichtung drohende Vaterimago in der psychischen Konstellation 
des Knaben — oder sagen wir sein ÜberTch — wurde nun durch die Analyse 
soweit verändert, daß ein Traum sich bilden und bewußt werden konnte, der 
eine Situation des aus der Verdrängung gehobenen Naturreclites spiegelt und 
dieses dem Vaterrechl gegenüberstellt, freilich so, daß der Junge einen Teil des 
letzteren noch selber vertritt. Der Traum lautet: 

„Ich bin mit meiner Schwester in einem schönen Garten. PlotzHck schreit sie und springt 
vom Stuhle auf. Im Gebüsch ist eine Schlange, die kampfbereit sich in die Höhe ringelt. Ich 
nehme eine Rute und schlage ihr den Kopf ab. Da gehen wir aus dem Garten hinaus und be- 
graben die Schlange.*^ 

i) Merlin- Verlag, Baden-Baden 1950. 

— 191 — 



Ich frage ihn, was ihm zur Schlange einfalle. 

„Sie ist groß, lang, dick und wüst. Ich möchte gerne einmal eine lebendige 
sehen, die mich verfolgt. Sie ringelt sich so auf und stellt den Kopf in die 
Höhe. Man weiß nicht, ob sie nicht einen Sprung macht. Sie hat es auf die 
Schwester abgesehen und sieht sie mit frechem Blick an." 

„Was hat sie denn für Absichten gegen die Schwester?" — „Wie! Wenn 
sie Beine hätte, so wie in der Bibel, lo bis 20 Beine I Sie ist aber das niedrigste 
aller Geschöpfe und verkriecht sich in Höhlen. Es soll eine Strafe dafür sein, 
daß sie Adam und Eva verführte." — — — — Pause. •• ■ 

„Und w^orin bestand denn die Verführung?" — „Ja, auch der liebe Gott 
fragte die beiden, ,warum versteckt ihr euch'? Und da antwortete Adam: ,Wir 
haben von den Äpfeln gegessen' . . . , Nein, er sagte etwas anderes: ,Wir hatten 

Angst vor der Schlange* Nein, auch das sagte er nicht Ich Tveiß es 

nicht mehr, was er sagte." 

„Er gab an, sie hätten sich geschämt, weil sie nackt seien." — ^Ich wußte 

es nicht mehr Und dann vertrieb sie Gott aus dem Paradies, und Eva 

mußte unter großen Schmerzen ein Kind gebären, und er mußte arbeiten 

Der Sündenfall mußte aber doch sein, sonst wüßten wir heute nicht, 
was Sünde ist. Gott w^oUte es so. Und so kommt die Schlange auch, im 
Traum als böser Geist zur Schvirester, w^eil diese etw^as gesündigt hat. Sie will 
ihr Angst machen." 

„Und hast du eine Ahnung, was sie gesündigt hat?" — „Es sündigen doch 
alle Menschen. Niemand ist davon frei. W enn die erwachsenen Men- 
schen es auch nicht mehr sagen, als Kind haben sie es doch 

getan Früher hat meine Schwester immer Konfitüre genascht, und 

dann hat sie stets mir die Schuld gegeben. Sie machte überhaupt 
immer die Angeberin, wenn wir etwas verübt hatten . , . , " 

„Was habt ihr denn verübt?" — „Einmal fuhren wir zusammen in einem 
Wägelchen an eine Mauer und die Stange brach ah. Da mußte ich für sie 
lügen. Ich mußte überhaupt immer für sie lügen, auch wenn sie abends nach 
acht Uhr heimkam. .... Vorhin als ich zu Ihnen kam, sah ich ein schönes 
Mädchen, das immer zu mir schaute und ich zu ihm, und als ich bei der 

Straße abbog, schaute es mir nach. Ich denke jetzt immer daran Es 

kommt eben eine Zeit, da man statt Vater und Mutter jemand anders lieb hat, 
und zwar hält man ein Liebesverhältnis .... Das behält man für sich. Man 
sagt es auch nicht Vater und nicht Mutter, etwa noch der Schw^ester, Diese 
hat auch schon richtige Liebesverhältnisse. Manchmal spinnt sie daheim immer 

von Liebe und schw^ärmt für Schauspieler und Sänger oder sonst jemand 

Man denkt nichts weiter und hat einfach Freude, und nur die Liebe spielt eine 
Rolle. Und daß es schaden könnte, sieht man nicht. Es ist aber heutzutage nicht 
gut ein Verhältnis zu haben. Die Fräulein lassen sich bezahlen, und dann ist 
alles aus." 

Max schläft ein, Ich wecke ihn. Nun ist er wieder ganz in der Traumsituation: 
„Wenn ich mit der Schwester Krach gehabt hätte, so hätte ich ihr im Trauui 
nicht geholfen, oder dann nur aus Mitleid . . . oder ich wäre überhaupt nicht 
mit ihr in den Garten gegangen. Dann hätte die Schlange sie gebissen und getötet, 
und ich wäre hernach reuig geworden . . . Wissen möchte ich nur, wie es im 
Paradies weitergegangen wäre, wenn die Schlange nicht dazugekommen wäre." 

— 192 — 



„Wie stellst du es dir vor?" ■ — „IcK 'weiß es nicht Die Knaben er- 
zählen einem immer so Sch^veinereien. Sie sagen, sie gingen abends in den 

Wald und machten das und das Einmal, als ich noch ganz klein war, 

etwa so vierjährig, ging ich mit der Schw^ester ins Konsumgeschäft, und dann 
fanden wir den Rückweg nach Hause nicht mehr. Man braclite uns auf die 

Polizei und von dort aus heim Einst lag ein Betrunkener am Boden. 

Wir fuhren mit unserem kleinen Leiterwagen an ihm vorbei. Da erwachte er 

und sprang uns nach. Wir flohen so wie Adam und Eva Und einmal, 

da habe ich der Schwester den Rechen ans Bein geschlagen und ein Zinken 

drang ins Fleisch Als wir noch Idein waren, schliefen wir alle im selben 

Zimmer, und einmal als Vater und Mutter fort waren, rannten war alle ins 

Bett, und es wußte niemand etv^ras davon Jeden Sonntag morgen stiegen 

■wir zu Mama und Papa ins Bett und schmissen uns Kissen an . . , Einmal "waren 
wir alle krank, und wir hätten verreisen können, aber wir hatten Fieber. Da 
schlugen meine Schwester und ich den Fiebermesser hinunter, und wir konnten 
reisen . . . Und wenn die Mutter etw^a mal die Matratzen hohl gelegt hatte, 
so schlüpften meine Schwester und ich durch und kreuzten uns und kamen am 

anderen Ende wieder heraus Ein andermal stiegen meine Schwester und 

ich in den Keller hinunter. Ich versteckte mich da, und sie schloß mich darauf 
■ein. So blieb ich vier Stunden eingeschlossen und "ivußte nichts anderes zu tun 

als Äpfel zu essen Etwas, das sage ich nicht gern Die Schwestern 

sangen einmal ein Lied, aber immer nur den Anfang, und das weitere wollten 
sie nicht sagen. Schließlich gegen Versprechung von Geschenken sagten sie es 
nair, aber ich weiß nicht mehr wie es hieß. Es war so ein Gassenhauer, den 
sie im Bett sangen, immer im Bett Jetzt weiß ich es: 

jKomin, mein Schatz, wir trinken ein Likörchen, 
und dann flüstre ich dir was ins Öhrchen, 
und dann legen wir uns auf die Bank, 
und nach neun Monaten bist du krank.' 

Damals war ich etwa siebenjährig. Und jetzt denke ich, wenn doch Gott 
«lies machen konnte, warum hat er denn Adam und Eva keine Kleider ge- 
macht?" 

m 

Die Analyse mußte aus äußeren Gründen nach 1 2 Stunden an diesem Punkte 
abgebrochen werden. 

Was hat nun der Traum von Max mit dem uns bekannten jüdischen Mythus 
gemein? Oder besser gefragt, welches Problem, welches Lebensprinzip steckt 
hinter dem Mythus einerseits und dem Traum und Gehaben des Knaben ander- 
seits verborgen? 

Und dann die weitere Frage: Worin unterscheiden sich Mythus und Traum? 
Verschafft sich allenfalls im letzteren noch ein zweites Lebensgesetz Geltung? 

Wenn wir die tiefsten Strömungen im erwähnten Mythus und Traum verfolgen, 
dann finden wir, daß wir sie eigentHch nur in einem Kreuzungspunkte getroffen 
haben, daß sie jedoch in entgegengesetzter Richtung fließen. Ich möchte sagen: 
Im Sündenfallmythus verläuft die Entwicklung vom Naturrecht zum Gesetz der 
Beschränkung, zum Vaterrecht, zum Zivilrecht, kurz zu dem, was sich später 



— 193 — 



Zivilisation oder Kultur nennt, während umgekehrt bei Max in der Analyse das 
starre Vaterrecht, die drückende Vaterbindung sich löst und — wenigstens im 
Traum und in den Einfällen dazu — sich wieder die Innigkeit des Geschwister- 
tums, des naturgeschaffenen Blutbandes — kurz, das Naturrecht Geltung zu ver- 
schaffen sucht. i«»ii " 

Im Mythus benimmt sich der etwas launische Gott den ersten Menschen 
gegenüber ähnlich unkonsequent, wie er sich bei der Sintflut benahm (wo er 
erst Gesclilechtsverkehr und Machtstreben v e r bot und nach der Flut g e bot. 
Siehe darüber: „Zeugung, Geburt und Tod", S. 123). Gott segnet die Menschen, 
gebietet ihnen fruchüiar zu sein, sich zu mehren, die Erde zu füllen und sie sich. 
Untertan zu machen. Und alle Tiere und Pflanzen — auch alle Bäume — sind 
zu ihrem Dienste und ihrer Ernährung da. Dann aber wird Gott reuig und stellt 
sein erstes Verbot auf. Dadurch kam Gut und Böse in die Welt. Weil ein 
Gebot gegeben wurde, nicht weU man es übertrat. Gut und Böse sind auch. 
bereits erkannt, sobald man Erlaubtes und Unerlaubtes scheidet. 

Auf die Schrankenlosigkeit und Einheit des Naturrechtes, d. i. den Anspruch, 
auf freie Befriedigung naturgemäßer Triebe, dem der anarchistische Satz, „alles 
ist allen erlaubt", entspricht, folgte die Beschränkung durch das Vaterrecht, 
wobei wir in Gott den erhöhten und projizierten Vater oder Urvater wieder- 
finden, der den Söhnen (den Kindern Gottes) Verbote auferlegt und sie damit 
aus dem Paradiese der freien Geschlechtsbetätigung vertreibt. 

Die Schlange, der alte Teufel, ist in dieser Auffassung auch eine Ab- 
spaltung und, ein Teü Gottes oder des Ur -Vaters, ist, intrapsychisch gesehen, 
dessen eifersüchtige Regung gegen die Söhne. Die Sünde (— Sonderung) ist also 
auch eine Sünde des Ur-Vaters (= Gottes), und wir erinnern uns dabei einer 
in diesem Zusammenhang nicht mehr so befremdlicli anmutenden Äußerung 
des schweizerischen Sektenstifters Anton Unternähre r, über den uns 
Hermann Rorschach eine ausgezeichnete Studie* schrieb. Untemährer näm- 
lich war der Meinung, daß das eigentlich Sündhafte am Sündenfall darin be- 
stand, „daß die Menschen überhaupt den Sündenfall für einen Sündenfall 
hielten" und vor das Geschlechtliche, welches mit dem SjTnbol der verbotenen 
Frucht, mit dem Genuß des Apfels gemeint ist, eine Verbottafel setzten und 
sich seiner schämten. 

Wie verhält sich nun die Sache bei Max und seinem Paradiestraum? 

Wir sahen, daß in seiner Liebesbeziehung die Schwester an die Stelle der 
Mutter trat. Das Geschwistertum ist aber das Band der Urwesen und die Ver- 
bindung des Geschwisterpaares, der in Mythen (auch in jüdischen) sich häufig 
findende Blutverein, der Ursprung verschiedener Völker.* 

Daß es sich um eine geschlechtliche Beziehung zwischen Max und seiner 
Schwester handelt oder gehandelt hat. imd daß diese einen ähnlichen Charakter 
hat wie die Beziehung zwischen Adam und Eva im Garten Eden, das zu er- 
kennen, dürfte aus den Einfällen, die Max zum Traume gibt, leicht erkannt 
werden. 



1) Int. PsA. Verlag 1927. 

2) Untemährer meint, daß es teuflisch sei, jemanden als Vater oder Mutter zu 
bezeichnen, da alle Menschen untereinander Brüder und Schwestern seien. Er errichtet 
also das matriarchalisch-chthonisclie Zeitalter des urzeitlichen Blutvereins im Ge- 
schwistertum, 

— 1Q4 — 



Einige Anhaltspunkte (die Sclilange lasse ich vorläufig aus dem Spiel): Max 
hat den Grund, warum die Menschen sich vor Gott versteckten — nämlich 
das erotische Moment — verdrängt, weiß aber dann, daß die Strafe oder 
die Folge für die sündige Tat für Eva die schmerzvolle Geburt eines Kindes 
ist. Genau so scheint er sich nicht mehr direkter sexueller Handlungen mit 
seiner Schwester zu entsinnen, dafür aber fällt ihm am Schlüsse noch gerade 
jener Gassenhauer der Schw^ester ein, wonach eben das Mädchen nach neun 
Monaten krank wird, wenn man sich mit ihm auf die Bank legt. 

Aber wenn wir auch jene Übereinstimmung nur streifen, daß die Schw^ester 
wie Eva als die Verführerin und als die Angeberin auftritt, so sind auch sonst 
Anzeichen genug vorhanden, daß eben auch Max die erotische Beziehung zur 
Schwrester gesucht oder gefunden hat. Er begeht, ^venn er mit ihr im Wägel- 
chen fährt, eine Fehlhandlung und lenkt an die Mauer, daß die Stange (!) 
bricht; springt im analytischen Gedankengang von der Schwester ab auf ein 
anderes Mädchen, dem er verliebt nachguckt, spricht von Liebesverhältnissen 
überhaupt, von Trennung von Vater und Mutter, ist scheinbar eifersüchtig auf 
die Liebesschwärmerei der Schwester, schläft an dieser Stelle in der Analyse 
ein, spricht, geweckt, davon, daß er im Traum der Schwester nur zu Hilfe 
geeilt oder überliaupt mit ihr in den Garten gegangen sei, weil er ein gutes 
Verhältnis zu ihr habe. 

Das Liebesverhältnis, bei dem man, wie Max sagt, Vater und Mutter verläßt, 
hat die beiden Geschwister übrigens früh schon eine bezeichnende Fehlhandlung 
begehen lassen: Sie finden den Rückweg nach Hause nicht mehr. Sie fliehen 
unbewußt das Elternhaus, bewußt den Betrunkenen — so wie Adam und Eva, 
die zwei Liebenden, Gott flohen. 

Ganz deutlich wird der Sinn des Fliehens und Versteckens in den verschiede- 
nen Bett- und Kellerszenen (Äpfelessen) und in der aggressiven Symbolhandlung, 
wo Max der Schwester den Rechenzinken ins Bein schlägt. 

Zum Schluß noch ein Wort über die Schlange. Ganz allgemein gilt sie 
psychoanalytisch als Penissymbol. Hier hat sie eine weitere Bedeutung. Im Mythus 
erkannten wir sie als den von Gott abgefallenen Teil, als den Teufel, den Wider* 
sacher, den Verführer. Eigentlich aber müssen wir sie als den Inbegriff des 
Geschlechtlichen bezeichnen. Gerade deshalb trifft sie die größte Strafe, weil sie 
eben das dunkle Lebensprinzip der übermächtigen Geschlechtlichkeit vertritt, das 
vom bewußten Wollen gemeistert, gebändigt werden muß. 

Im Traume nun vollzieht Max — ähnlich wie dies in den indischen und auch 
griechischen Mythen von den großen Schlangenopfem der Fall ist, die Strafe 
an der Schlange selbst. Er köpft sie, d. h. er verhilft, da er immer noch in 
starker Identifikation mit dem Vater und dessen Geboten steht, wäe im Kadraeni- 
schen oder Jasonischen Mythus, den Gesetzen der Paternität, den göttlichen Licht- 
mächten, zum Siege und vollzieht das Schlangenopfer — die symbolische Kastration 
an sich und am Vater. Eros, der Urgott, ist getötet, und die Mächte der Ver- 
drängung feiern wie im Sündenfallmythus, so auch hier, ihre Triumphe. 

Damit glaube ich auch — freilich nur skizzierend — einen Versuch zur 
Beantwortung der mir gestellten Fragen unseres Vergleiches gegeben zu haben. 
Wenn ich abschließend im Endeffekt von Traum und M^^us eine Überein- 
stimmung konstatierte, so stimmt es wohl trotzdem, daß, wie ich vorher be- 
tonte, die tiefsten Strömungen entgegengesetzt verlaufen: im Mythus vom Natur- 

— 195 — 



recht zur Kultur der Paternität und bei Max von der (freilich übertriebenen) 
Kultur zum Naturrecht. Dieser Verlauf wurde durch den Analysenabbruch unter- 
brochen. In dem am Anfang der Behandlung entstandenen Traum gelangt noch 
viel der früheren Einstellung zum Ausdrucke. 

Wir finden im Mythus wie im Traume die Kompromißbildung zwischen Trieb 
und Verdrängung. Im Mythus vom Paradiese hat letztere gesiegt, die patriarchali- 
•sehe Kultur hat den Inzest verboten und aus dem Paradiese vertrieben. Im Traume 
bricht — in verhüllter Art — der alte Trieb wünsch durch. Aber auch hier sehen 
wir das Kompromiß, denn die Schlange, der Versucher, wird getötet; damit ist 
nicht nur die „Sünde" des Vaters, sondern auch die eigene Geschlechtlichkeit 
beseitigt. 



Ill!lllllllll[1llllllll1!llll[|[l[lllllll!ll1lllillillll1l1llll1l1l[1i10ll1l11ill' 

Sehnsudit nadi der Mutter 

Von Hildegard Kuhn, Kronberg, Taunus 

Im Folgenden gebe ich einige Beobachtungen bekannt, von denen ich annehme, 
daß sie für Psychoanalytiker und Pädagogen von Interesse sein dürften. 

Eva, 15 Jalire alt, ist im Internat eines Oberlyzeums. Ihr Vater ist tot, die Mutter, 
früher vermögend, verarmt. Die Geschwister, davon ein Bruder älter, einer jünger 
als Eva und das jüngste Kind, ein Schwesterchen, sind abwechselnd bei der Mutter 
und bei Verwandten. Diese tragen auch die Kosten für Unterhalt und Unterricht der 
Kinder. Eva hört seit Ostern nichts von ihrer Mutter. Dafür prahlt sie bei den Mit- 
schülerinnen umsomehr von zu Hause, wie oft sie dort ins Kino geht, wie oft ins 
Theater und Caf6, Die Kameradinnen fühlen sich dadurch abgestoßen und wenden 
sich von ihr ab. Eva schilt auf Internat, Schule, Lehrer, Schülerinnen. Als sie wieder 
beim Prahlen ist, erkläre ich ihr ruhig, daß sie augenblicklich kein Geld hat und 
daß ihre Prahlerei überhaupt sinnlos ist. Ich nehme mir vor, ihrer Mutter zu schreiben, 
daß Eva sehr auf Nachricht von ihr wartet. Da Evas Geburtstag näher kommt, 
warte ich noch damit. Eine Stubenschwester hat mit ihr am gleichen Tag Geburtstag 
und bekommt Briefe und Pakete von Vater und Mutter. Eva bekommt solche von 
Verwandten und endlich einen Brief mit Photo von Mutter und Schwesterchen. 
Geschenke soll sie in den Ferien haben. Eva trägt die kleine Photographie überall 
mit sich. Aber es fehlt das Reale. Während des Unterrichtes träumt sie, 

Sie ist groß für ihr Alter, aber sie sagt: „Ich wollte, ich wäre ganz klein, 50 cni 
groß und hatte ganz kleine Glieder." Eines Abends komme ich ins Kinderschlaf zimmer, 
da nift sie: „Hören Sie mal, ich kann ganz genau so weinen wie ein Baby." Dabei 
verkriecht sie sich unter die Decke imd stößt Laute aus wie ein Neugeborenes. Zu 
einer älteren Schülerin hat sie eine zärtliche Zuneigung. Diese muß abends an ihr 
Bett kommen, wird zugedeckt, geküßt; „Du bist doch mein süßes Kleines." 

Eines Tages kommt Evas Tante. Sie sagt, Eva soll während der Ferien nicht zu 
ihrer Mutter, sondern der weiten Reise und des angeblich schlechten Einflusses der 
Mutter wegen zu den Großeltern. Eva macht Aufgaben, ich frage sie etwas Belang- 
loses, sie fängt an in weinen, bittet mich, allein mit ihr zu sprechen. Dann erzählt 
sie, daß sie in den Ferien nicht zur Mutter könne, wie die andern. Sie sagt, es sei 
nicht schön im Internat, die Kinder seien nicht nett, sie liefe am liebsten fort. Ich 

— 196 — 



höre ruhig zu, mache ihr dann klar, daß sie ohne Geld und Nahrungsmittel nicht 
weit komme, Sie sieht das ein, „Dann muß ich mich ehen tot machen." Am nächsten Tag 
fährt sie mit der Tante in die Stadt zum Einkauf ihrer Reiseklei der, das ist eine 
Ablenkimg. Ich sang abends mit den Kindern. Eva liebt ein Lied in Moll. Das lernt 
sie und singt es immer wieder. Sie sagt: „Icli kann singen wie eine Frau." Jetzt darf 
sie im Intematchor singen und ist darüber glücklich. Auch tanzt sie gern, obgleich 
sie ziemlich ungelenk ist. Von den Brüdern erwähnt sie fast nichts, während sie 
Mutter und Schwesterchen sehr liebt. 

Aus diesen Tatsachen, die sich teilweise in anderer Folge abspielten, erkenne ich 
die große Sehnsucht des Kindes nach der Mutter imd ihrer Zärtlichkeit. Es ist oft 
ein unbewußtes Zurückverlangen nach dem Mutterleib, das sich mir auszudrücken 
scheint im dem Wunsch, klein zu sein, im Wimmern, im Wunsch, sich zu töten. 
Ersatz sucht sie im Prahlen, in der Zärtlichkeit zu der Freundin, bei der sie die- 
Mutterrolle übernimmt, und im Singen. .■ . -. ■ • ..; 

Meine Beobachtungen wurden durch die Ferien unterbrochen. \ 

B E R I C HTE 

III1III1I1I1I 

Bücher 

ERNST KRETSCHMER: Über Hysterie. Georg Thieme Verlag, Leipzig. 
Medizinistfae Psydiologie, ebendort. 

Unter den deutschen Psychiatern zeigte Kretschmer seit jeher ein besonderes, 
Interesse für Psychoanalyse, er gab durch Schaffung seiner Typenlehre den Anstoß zu 
einer neuen Entwicklung der Konstitutionsforschiuig. K. vereinigt zusammengehörige 
körperliche und seelische Merkmale unter diesem übergeordneten Begriff und fordert, 
daß jeder Krankheitsfall auf vielerlei Ursachenketten zurückgefülirt werde. Dabei räumt 
er der Psychoanalyse eine große Bolle ein. 

Die zweite Auflage seines Buches über Hysterie enthält ein neues Kapitel über 
„Konstitution und Charakter"; er untersucht, fußend auf Kräpelin und Freud, biolo- 
gisch, psychologisch und nervenphysiologisch den hysterischen Reaktionstypus, Außer 
den hysterischen Symptomen als Ausdruck von persönlichen Triebschicksalen hat 
Kretschmer schon früher ausgeführt, wie tief phylogenetisch der hysterische Mechanis- 
mus in der Tierreihe nachweisbar ist („Sichtotstellen." „Eewegungssturm.") Nun weist 
er auf die Häufigkeit einer Gruppe von Konstitutionsanomalien hin, vor allem auf den 
sexuellen Infantilismus bei Hysterie, Die Beziehung zwischen Hysterie und Sexualtrieb 
erkennt Kretschmer zwar an, hält aber den FREUD'schen Standpunkt für einseitig. 
Obwohl das Buch eine rein klinische Abhandlung über Hysterie darstellt, ist es für 
den Erzieher, der sich mit Psychologie eingehend beschäftigt hat, fast völlig verständlich. 

In seiner „Medizinischen Psychologie« gibt der Verfasser eine lebendige 
Darstellung der modernen psychologischen Untersuchungsmethoden und der Ergebnisse 
der Him-Seeleforschung. Er bemüht sich die Zusammenhänge zwischen den seelischen 
Hauptfunktionen und dem anatomisch-physiologischen Aufbau zu zeigen, K. verfügt 
über ein großes Maß von Einfühlung in einzelne Lehren der Psychoanalyse und ver- 

— 197 — 



:sucht, ähnlich wie es Bleuler immer wieder tut, die Psychiater davon zu überzeugten, 
daß sie bei Freud dauernd lernen können. Es heißt u. a. : „Bei all dieser kritischen 
Zurückhaltung müssen wir aber unumwunden anerkennen, ein wie großer Bruchteil 
unserer heutigen, wirklich praktisch brauchbaren Erkenntnisse und Formulierungen 
in der ärztlichen Psychologie teils direkt von Freud geschaffan, teils indirekt tmter 
dem Einfluß seiner firuchtbaren Ideen in der klinischen Psychiatrie (oft wider Willen 
derselben) entstanden sind. Wir betonen dies hier um so mehr, als es die Menge 
■dieser guten empirischen Erkenntnisse und glücklichen Formulierungen nicht erlaubte, 
überall im Text die Herkunft jedes einzelnen Gedankenganges zu zitieren," Vielerorts 
stützt sich Kretschmer auf die Ergebnisse der psychoanalytischen Schule. Das Buch. 
ist wertvoll für Ärzte, Psychologen und Pädagogen, die sich auch mit den modernen 
experimentellen Methoden der Intelligen zprüfung befassen wollen und für sozio- 
logisch Interessierte. Für den Pernerstehenden ist die „Literarische Beratung" und 
die Verdeutschung psychiatrisch-neurologischer Fachausdrücke am Schluß ein guter 
Führer. Das Bedeutungsvolle der Kretschmer sehen Veröffentlichungen liegt auch darin, 
daß sie Biologie und Psychologie zu jener Grundlage vereinen, die Freud für die 
künftige Trieblehre fordert. Meng 

„Weltliga für Sexualreform" Kopenhagen. 1.— 5. Juli 192S. Georg 
Thieme Verlag, Leipzig 1929. 

Der 500 Seiten umfassende KongreÖberjcht enthält 48 Originalarbeiten und Reso- 
lutionen. Sein Studium lohnt sich für Ärzte und Erzieher, selbstverständlich ist die 
Qualität der einzehien Arbeiten ganz verschieden. Unter den Mitarbeitern seien 
genannt : Leunbach, Haire, Hirsch fei d, Xrische, Peter Schmidt, 
Helene S t Ö c k e r, Hertha Biese, Hodann, Lampe 1, über psychoanalytische 
Probleme in Zusammenhang mit Sexualreform sprachen F r i e d j u n g und Meng. 
Außerdem nahm eine Reihe von Autoren zu einzelnen Ergebnissen der Freud'schen 
Forschung Stellung, z.B. Krische zu dem Buch „Zukunft einer Illusion", 
Er weist dabei auf Folgendes hin: „Im Gegensatz zvi vielen Gelehrten, die heute 
eine deutliche Stellungnahme zum religiösen Problem vermeiden oder Kompromisse 
schließen, jedenfalls nicht aussprechen, daß ihre Erkenntnisse den Glauben an eine 
Offenbarungsreligion mit einem Gott der Hilfe ausschließen, wird von Freud in 
scharfsinniger Durchleuchtung mit bewunderungs wertem Mut und radikaler Einstellung 
unter Ablehnung auch aller Verfeinerungen der naiven Systeme der illusionäre Charakter 
der Religionen nachgewiesen. Ich unterscheide mich von Freud hinsichtlich der 
Erwartung, die jetzt und einstweilen hilflose Masse, die heute noch unfähig zur 
Befreiung von der Illusion ist, zu dieser Befreiung zu bringen. Hier denke ich weniger 
pessimistisch als Freud, da ich überzeugt bin, daß mit dem sozialen und wirtschaft- 
lichen Aufstieg der Massen eine sexuelle Emanzipation Hand in Hand gehen wird-" 
Peter S c h m i dt versuchte zu zeigen, daß ohne Kenntnis des Unbewußten der 
Praktiker unmöglich Rat erteilen könne über Störungen des Sexuallebens. Er hebt 
die Forschungen von P r e u d und S t e i n a c h hervor. Zur Strafrechtsreforin nehmen 
eine Gruppe von Autoren SteEung, besonders wertvoll ist die Veröffentlichung von 
Pasche-Oserski über die Sexualgesetzgebung in der Sowjet-Union. Für den 
Arzt sind besonders die Zusammenhänge interessant, die Lampel in seiner Arbeit 
aufweist, „Sexualpathologische Alterationen nach Encephalitis epidemica, deren soziale 
imd kriminelle Bedeutung." 

Es ist ein Verdienst von Hertha Riese und von Leunbach, die selbst diu-ch 

— 198 - 



mehrere Beiträge vertreten sind, die Sammlung der Kongreßvorträge der Öffentlichkeit 
zugänglich zu machen. Die Aufgaben, die die Weltliga zu losen versucht, sind in 
folgenden Forderungen zusammengefaßt: 

„Politische, wirtschaftliche und sexuelle Gleichberechtigung der Frau, Befreiung 
der Ehe (besonders auch der Ehescheidung) von kirchlicher und staatlicher Be- 
vormundung, Geburtenregelung im Sinne verantwortungsvoller Kinderzeugung. Euge- 
nische Beeinflussung der Nachkommenschaft. Schutz der unehelichen Mütter und 
Kinder. Richtige Beurteilung der intersexuellen Varianten, insbesondere auch der 
homosexuellen Männer und Frauen. Verhütung der Prostitution und der Geschlechts- 
krankheiten. Die Auffassung sexueller Triehstbrungen, nicht wie bisher als Verbrechen, 
Sünde oder Laster, sondern als mehr oder weniger krankliafte Erscheinungen. 
Ein Sexualstrafrecht, das nur wirkliche Eingriffe in die Geschlechtsfreiheit einer 
zweiten Person bestraft, nicht aber selbst in Geschlechtshaudlungen eingreift, welche 
auf dem übereinstimmenden Geschlechtswillen erwachsener Menschen berulien. Plan- 
mäßige Sexualerziehung und Aufklärung." "" ' Meng 

K- KOFFKA, Die Grundlagen der psychischen Entwicklung. 
Einführung in die Kinderpsydiologie. Zweite verbesserte Auflage. Verlag von 
A. W. Zidvfeldt, Osterwiedt am Harz, 1925. . • -■ - 

In starker Anlehnung an Stern und B ü h 1 e r entstand dieses Werk vor neun 
Jahren auf dem Boden der Gestalt- (und Struktur-)psychologie mit der deutlichen Be- 
tonung des Entwicklungsgedankens. 

Der Verfasser versprach damals im Vorwort, „in den Vorgang der Umwandlung 
hineinzuführen, den die psychologische Wissenschaft im Augenblick durchmacht," 
Dies Versprechen gilt natürlich auch für die Neuauflage, Dabei aber findet man — 
trotzdem der Verfasser betont, er hätte die Ändertmgen in den Neuauflagen der 
Bücher von Stern (in die die psychoanalytischen Gedankengänge doch stark ein- 
bezogen wurden) berücksichtigt — nicht einmal den Namen Freuds im Register an- 
geführt. Koffka ist durch eine tmüberbrückte Kluft von den Umwandlungen der 
modernen psychologischen Wissenschaft getrennt. G. H. G r a b e r (Stuttgart) 

Dr. R. A. PFEIFER, Das menschliche Gehirn. Verlag Wilhelm 
Engelmann, Leipzig. 154 S. mit 111 Abbildungen kart. M.9.— . 4.— 8. Auf läge 1923. 

In anschaulicher Weise trägt Pfeifer die hauptsächlichsten Kenntnisse über das 
menschliche Gehirn vor. Sehr gute Bilder erläutern den Text. Das Werk ist geeig- 
net, als Lehrbuch für nicht ärztliche Psychologen imd Pädagogen zu dienen, die 
sich gründlich über Bauart, Entwicklungsgeschichte und Krankheitsstönmgen des 
gesamten Nervensystems unterrichten wollen. Gemeinverständlich werden die Versuche 
dargestellt, die die Hirnforschung zur Klärung der Beziehungen zwischen Mechanik 
des Geisteslebens und des Gehimbaues machte. Die psychologischen Erklärungsversuche 
ruhen vorwiegend auf der Psychologie Wimds. Meng 



I 

Herausgeber : Dr. Heinrich Meng in Frankfurt a, M. und Prof. Dr. Ernst Schneider in Stuttgart. 

Eigentümer, Verleger und Herausgeher für Österreich : Adolf Josef Storfer, Wien, I., Börsegasse 1 1 

(„Verlag der Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik"). 

Verantwortlicher Redakteur: Dr, Paul Federn, Wien, VI., Köstlergasse 7, 

Druck von Emil M. Engel, Druckerei und Verlagsanstalt, Wien I., In der Börse. 

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I I INHALT: i 



Joeben erschien: 



Psychoanalyse 

der 

Neurosen 

Elf Vorlesungen, 

gehalten am Lehrinstitut der 

Wiener Psydio analytischen 

Vereinigung 

Von 

Helene Deutsdi 



Geheftet M. 7.— 
in Ganzleinen M. 0. — 



Internationaler 
Psydioanalytisdier Verlag 

Wien, L, Börsegasse 11 



Einleitung: 

Die Rolle des aktuellen 
Konfliktes in der 
Neurosenbildung 



Erster Teil: 

Hysterie 

Hysterisdie 
Sdiidtsalsneurose 

Hysterisdie 
Konversionssymptome 

Nadatangst, Bettnässen, 

PotenistÖrungen, Lähmung, 

Sprachstörungen, Preßlust, 

Anfälle, Dämmerzustände 



Zweiter Teil: 

Phobie 

Diffuse Angstzustände 

Ein Fall von 

Katzenphobie 

Ein Fall von 
Hühnerphob i e 

Platzangst 

Dritter Teil: 

Zwangsneurose 

Zifangszeremoniell und 
Zwangshandlungen 

Zwangsvorstellungen 
Anhang: 

MelandioÜe 

Melandiolisdie und 
depressive Zustände 


















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