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Full text of "Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik IV 1930 Heft 8/9"

ZEITSCHRIFT FÜR PSYCHO- 
ANALYTISCHE PÄDAGOGIK 

IV. Jahrgang August— September 1930 Heft 8/9 

Prophylaxe und Behandlung der Onanie 1 

Von Alfhild Tamm, Stockholm 

Soll man die Onanie bekämpfen? Aus früheren Kapiteln geht hervor, 
daß die Antwort verneinend ausfallen muß, wenigstens insoweit, als der 
Kampf nicht gegen die Masturbation als solche gerichtet sein darf. Diese 
ist ja nur als der Ausdruck der Sexualität in gewissen Lebensperioden zu 
betrachten und als solche unvermeidlich. Soll man demnach statt dessen die 
Sexualität selbst bekämpfen? Für jeden, der biologisch denkt, ist es klar, daß 
solch Unterfangen an der Natur selbst scheitert und also mißglücken muß. 
Soweit es aber gelingen kann, ist es auch nicht wünschenswert, denn es 
würde nur bedeuten, daß das Übermaß von Reserven, das dem Leben erst 
seinen Reichtum und seine Wärme gibt, zerstört würde. 

Die sexuelle Libido ist ja nicht nur eine starke Kraft, sondern sie be- 
sitzt auch eine merkwürdige Plastizität. Man hat das Recht und die Pflicht, 
diese Kraft so anzuwenden, daß sie sowohl dem Glück des Einzelnen als 
auch der Gesellschaft im Ganzen dient. Konflikte, Leid und Nachteile 
sind aber unvermeidlich. 

Wenn man erziehend dem Einzelnen dazu verhilft, Gegenstände für 
sein Interesse, seine Liebe und seine Tätigkeitslust zu finden, so hat man 
seiner Libido eine Richtung gegeben, die gleichzeitig ihm selbst und seiner 
Umwelt zu Nutzen kommt. Die Onanie ist dann für ihn überflüssig ge- 
worden, denn er hat das infantile Stadium verlassen, in dem es keine 
andere Form für die sexuelle Befriedigung gab. Wichtig ist freilich, die 
Jugend vor Eindrücken zu schützen, welche unnötigerweise die Sexualität 
erregen und sie soviel wie möglich vor schweren Konflikten zu bewahren. 
In diesem Sinne kann man von Prophylaxe und Behandlung sprechen. 

Im Säuglingsalter 

Schon vom 6. bis 7. Monat an hat man bei Säuglingen Onanie beob- 
achtet, also ungefähr zu der Zeit, da die kleinen Kinder anfangen, ihre 

1) Aus einem soeben in Stockholm in „Tidens förlag" in schwedischer Sprache er- 
schienenen Buche „Ett Sexualproblem, Onanifragan i psykoanalytisk belysning". 



Zeitschrift f. psa. Päd., I V/8/9 273 19 

INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



'J 



Hände zielbewußt gebrauchen zu können. Es dürften jedoch nicht alle so 
früh beginnen, und nicht jede Berührung der Genitalien ist als Onanie 
aufzufassen. Daß ein Kind besonders zeitig damit anfängt, dürfte durch die 
konstitutionelle Anlage bedingt sein; Pflege und Nicht-Pflege haben dazu 
beigetragen, die Aufmerksamkeit des Kindes auf die Genitalsphäre zu 
richten. Es hängt nämlich sehr davon ab, wie früh das Kind dieselbe ent- 
deckte. Anzunehmen ist, daß es sich im frühen Kindesalter nur um eine 
lokale Reizung handelt. Doch fehlen Beobachtungen zur Entscheidung 
dieser Frage. Will man in diesem Alter dem Entstehen der Onanie so 
viel wie möglich vorbeugen oder es verhindern, daß dieselbe intensiv und 
zwangsmäßig werde, so muß man bei der Pflege jede unnötige Reizung 
vermeiden. Man hat zwar das Kind reinzuhalten, die Unreinlichkeit wirkt 
ja auch irritierend, aber man soll zu intensives und „aufdringliches" 
Reinigen vermeiden. Ferner soll man das Kind nicht mit Wiegen, Schau- 
keln und heftigen Zärtlichkeiten verwöhnen, weil solche Behandlung zu 
starke sinnliche Gefühle hervorrufen kann. Doch braucht jedes Kind ein 
gutes Maß körperlicher Zärtlichkeit. Deshalb darf man nicht pedantisch 
dem Kinde alle Lustmöglichkeit entziehen; und man darf nicht verlangen, 
daß es in diesem frühen Alter schon zu „höheren geistigen Vergnügun- 
gen" bereit ist. Es muß mit Güte behandelt werden, denn sonst fühlt es 
sich nicht glücklich; nur Übertreibungen in Spiel und Zärtlichkeit, die 
leicht zur Gewohnheit werden, soll man unterlassen. 

Das Kind soll nicht zu warm zugedeckt sein. Wichtig ist, daß man die 
Verdauung überwacht und doch nicht zuviel beachtet. Klistiere und 
Fiebermessungen im After soll man in diesem und den folgenden Alter 
auf das Notwendigste beschränken. Alles Küssen und Streicheln des Ge- 
säßes und in der Nähe der Genitalien ist ungehörig und ausgesprochen 
schädlich. 

Operative Eingriffe am kindlichen Geschlechtsorgan, z. B. wegen zu 
enger Vorhaut, sollten mit Rücksicht auf die psychischen Gefahren 
(Kastrationsangst) nur bei absoluter Indikation vorgenommen werden. Ob 
dieselben wegen des unentwickelten Seelenlebens in diesem frühen Alter 
weniger als seelische Wunde nachwirken, ist mehr als fraglich. Denn gerade 
weil sie bewußt sind, werden die Erlebnisse später mehr der Erklärung, 
Vorbereitung und Teilnahme zugänglich. 

Alles, was demnach im allgemeinen als gute Hygiene gilt, hat auch 
mit Rücksicht auf die Onanie seine Berechtigung. Eine spezielle Frage 
besteht: Soll man das Lutschen 1 erlauben oder nicht: Friedjung 
meint, daß er oft ein energisches Lutschen, verbunden mit Verweigerung 
des Trinkens sah. Er rät aber, es in den ersten Monaten ruhig zuzulassen 
und nur auf Reinhalten des Lu tschgegenstandes zu achten. Schon deshal b 

i) In den früheren Kapiteln des Buches wurde die Berechtigung der Psychoanalyse, 
auch die Lust der anderen Körperzonen der Sexualität zuzurechnen, ausführlich be- 
gründet. (Anm. d. Redaktion.) 

- 274- 



zieht er den „Lutscher" (Zuller, Schnuller) dem Daumen vor; er tut das 
auch deshalb, weil so die Abgewöhnung leichter falle. C z e r n y teilt diese 
Meinung, und zwar auch deshalb, weil beim Lutschen die Finger und 
Nägel leiden können. 

Wie kann man das Lutschen abgewöhnen helfen? Da das Kind keinen 
Genuß aufzugeben vermag, wenn er nicht durch einen andern ersetzt 
wird, so soll man jedesmal, wenn man ihm das Lutschen entzieht, darauf 
sehen, daß ihm etwas anderes dargeboten werde, was sein Interesse ordent- 
lich in Anspruch nimmt. In vielen Fällen begegnet das Abgewöhnen be- 
sonderen Schwierigkeiten, namentlich wenn man es zu lange hinausge- 
schoben hat. 

Ich wurde kürzlich wegen eines kleinen Stotterers um Rat gefragt, 
dessen Sprachschwierigkeiten im fünften Lebensjahr angefangen hatten und 
offenbar mit dem brüsken und mit Schikanen verbundenen Entziehen des 
Gummi-Zuller zusammenhingen, den er bis zu dieser Zeit benützte. 

Die Entwöhnung von der Mutterbrust ist für viele Kinder ein psychi- 
sches Trauma, das von manchen sehr schwer überwunden wird. Allgemein 
wird heute der Zeitpunkt der Entwöhnung nach den Bedürfnissen der Er- 
wachsenen und dem Ernährungsstande des Kindes gewählt und die Bereit- 
schaft des Säuglings dazu außer acht gelassen. Man soll dabei vorsichtig 
zu Wege gehen. In den meisten Fällen kann man wahrnehmen, daß das 
kleine Wesen selbst sich zu entwöhnen beginnt. 

Im Kleinkindesalter 

Mit Kleinkindesalter bezeichne ich die Zeit zwischen dem Säuglingsalter 
und der sogenannten Latenzperiode, also zwischen dem ersten und dem fünf- 
ten oder sechsten Lebensjahr. Diese Zeit ist unter anderem auch deshalb 
sehr wichtig, weil die Steigerung der Sexualität in dieselbe fällt. Von einer 
anderen Seite her beurteilt ist sie deshalb auch wichtig, weil der Erzieher, 
der die Säuglinge bisher einigermaßen in Frieden ließ, jetzt seine Zeit für 
gekommen hält, energische Maßnahmen zu ergreifen, um Reinlichkeit, 
Ordnung und Moral beizubringen. Vor allem greift man gegen die Onanie 
ein und legt dadurch leicht den Grund zu schweren Schuldgefühlen oder 
steigert sie. Wie ungeeignet dieses Verfahren ist, wollen wir nicht durch 
theoretische Erörterungen, sondern durch Mitteilung der Erfahrungen zeigen, 
welche Vera Schmidt 1 im psychoanalytischen Kinderlaboratorium in Moskau 
gemacht hat. 

In das genannte Heim wurden die Kinder im Alter von einem bis ein- 
einhalb Jahre aufgenommen und blieben drei Jahre. Den Erzieherinnen 
war geboten, sie sollten sich vollständig untätig verhalten, auch wenn die 
Kinder etwas vornahmen, was ihrer Meinung nach unanständig oder ab- 
scheulich war. Dank dieser Vorschrift wußten die Kinder nicht, daß die 

1) „Onanie bei kleinen Kindern", diese Zeitschrift, II. Jahrgang, Heft 4, 5, 6. 

— 275 - * 



Onanie etwas Schamloses oder Verbotenes sei. Sie taten es ohne Schani oder 
Angst. Die Folgen davon waren: 

1) Großes Vertrauen zu den Erzieherinnen- Kein Kind brauchte zu lügen; 
sie hatten weder Angst noch Schuldgefühle. 

2) Die Erzieherinnen hatten die Möglichkeit, das ganze Benehmen der 
Kinder zu beobachten und danach auch erziehend einzugreifen. Es zeigte 
sich, daß die Kinder sehr wenig onanierten und daß es keinem Kinde zur 
Gewohnheit wurde. Deutlich zeigten sich zwei Formen. Die eine war offen- 
bar eine Reaktion auf physiologische Regungen im kindlichen Organismus, 
die andere eine Reaktion auf unangenehme Beziehungen zur Umwelt, z. B. 
Sehnsucht nach der Mutter, Ungeduld wegen Krankheit, unbefriedigtem 
Liebesbedürfnis (besonders wenn ein Geschwister geboren wurde). 

Die Behandlung bestand in folgendem: 1) Gute Körperpflege, 2) guter 
Kontakt zwischen Pflegerinnen und Kind, 3) soviel Liebe und Pflege für 
jedes Kind, als dasselbe benötigte; 4) ein für das Kind interessantes Leben 
mit passenden Spielsachen und entsprechendem Spielmaterial für jedes 
Alter. 

Es zeigte sich, daß Onanie der ersten Sorte oft bei Zwei- bis Dreijährigen 
vorkam und dann von selbst aufhörte. Wenn jedoch ein Kind aus Heim- 
weh oder ähnlichen Gründen zu onanieren begann, widmete man ihm 
mehr Zärtlichkeit als sonst. Sobald man das Kind dadurch gewonnen hatte, 
hörte die Onanie auf. — Selbstverständlich sind das nur Anfänge von 
Beobachtungen; sie müssen von vielen, unabhängig von einander arbeiten- 
den Erziehern fortgesetzt werden. 

Das Heim wurde geschlossen, ehe die Kinder die Latenzperiode der Sexual- 
entwicklung erreicht hatten. Die Verfasserin weiß deshalb nicht, wie es 
allen Kindern weiter ergangen ist. Nur über einige von ihnen erfuhr sie, 
daß dieselben zwischen dem fünften und sechsten Lebensjahr vollständig 
mit der Onanie aufhörten und bis zum siebenten oder achten Lebensjahr 
sich vollständig normal entwickelten. Experimentell ist hier gezeigt, daß 
eine solche Erziehung ohne Drohung und Strafe die Onanie nicht ver- 
schlimmert, sondern sie verringert. Als Kontrast zu dieser Methode will ich 
die Behandlung eines Falles beschreiben, den ich vor einiger Zeit zu beob- 
achten Gelegenheit hatte. Eine Mutter fragte mich betreffs eines fünfjähri- 
gen Mädchens um Rat, da dasselbe onanierte. Obgleich an Schlägen nicht 
gespart wurde und das Mädchen Tag und Nacht bewacht wurde, onanierte 
sie, sobald sie einen Augenblick unbeobachtet blieb. Eine Zeitlang war sie 
in einem Krankenhaus; dort bemerkte man aber keine Onanie. In Gegen- 
wart des Kindes erklärte die Mutter, daß es sittlich abnorm und für eine 
Besserungsanstalt reif sei. Das Mädchen war ein kleines, elendes bleiches 
Geschöpf mit einem derart ausgeprägten Ausdruck von verzweifeltem Trotz 
im Gesicht, wie ich ihn niemals sonst bei einem Kinde gesehen habe. Ich 
versuchte die Mutter davon zu überzeugen, daß sie sich nicht um die 
Onanie zu bekümmern brauche, sondern das Kind gütig behandeln und 

— 276 — 



seine Aufmerksamkeit durch andere Interessen davon ablenken solle, aber 
ohne Resultat. Wie ich später hörte, hat sich der Zustand nicht gebessert. 
Dieser Fall ist durchaus nicht vereinzelt. 

Ebenso wichtig wie bei der Onanie ist es bei der Abgewöhnung der 
sogenannten analen Vergnügungen und anderer kindlichen Methoden zur 
Triebbefriedigung ohne Härte und mit Vorsicht vorzugehen. Vor einigen 
Jahren wurde ich wegen eines achtjährigen Knaben um Rat gefragt, der 
kurz vorher nach einer Influenza zu stottern anfing. Zu gleicher Zeit ent- 
wickelte sich bei ihm die Angst, Gegenstände zu berühren, da möglicher 
Weise Schmutz, Rost oder Gift an denselben haften könnte. Er wagte 
schließlich überhaupt nichts mehr anzufassen. Auf meine Frage teilte mir 
die Mutter mit, daß der Junge sich früher in jeder Hinsicht normal ent- 
wickelt hatte. Immer reinlich war, aber ohne Übertreibung. Sie schrieb 
der Influenza die Schuld an der Veränderung seines Wesens zu. Ich ant- 
wortete ihr, daß ich diese Krankheit nur als eine auslösende Ursache be- 
trachte und daß ich im Gegensatz zu ihrer eigenen Annahme vermute, daß 
der Knabe im Alter von ungefähr zwei bis vier Jahren eine jetzt vielleicht 
vergessene Periode gehabt habe, in der er großes Vergnügen daran fand, 
im Schmutz herumzuwühlen und daß er zu dieser Zeit von jemand mit 
übertriebener Strenge zur Reinlichkeit angehalten worden sei. Darauf ant- 
wortete die Mutter impulsiv: „Ja jetzt, da Sie Frau Doktor das sagen, er- 
innere ich mich, daß er, als er ungefähr zwei bis drei Jahre alt war, sehr 
schmutzig war, so daß er sogar mit Vergnügen auf der Landstraße lag und 
dort mit allen zehn Fingern im Schmutz herumwühlte. Ich dachte nicht 
daran, dies zu erwähnen, weil es schon so lange her ist; es war aber nicht 
ich, die streng gegen ihn war, denn ich finde, daß Jungens Jungens sein 
sollen, sondern meine Mutter, die damals bei uns wohnte. Diese war so 
pedantisch reinlich, daß ich alter Mensch noch heute zittere, wenn ich 
einen Flecken auf meine Schürze mache." Ich erklärte sowohl der Mutter 
als dem Jungen, daß seine Angst vor Unreinlichkeit wahrscheinlich darauf 
beruhe, daß er noch immer zum Teil sein früheres Vergnügen, sich zu 
beschmutzen, behalten habe; deshalb habe er starke Schuldgefühle gehabt 
und reagiere darum so übertrieben, um sicher zu sein, seinem Interesse für 
Unsauberes nicht mehr nachzugeben. Das Stottern erklärte ich durch den 
gleichen Vorgang auf seelischem Gebiete, also durch Überempfindlichkeit 
gegen moralisch Anstößiges und gegen alles, was unschön und obszön sei. 
Meine Erfahrung zeigt nämlich, daß die Stotterer oft an „schmutzigen" 
Worten stecken bleiben, oder bei Wörtern, die auf solche anspielen oder 
denselben ähnlich sind. Oft ist es der Wortklang, der an anale Geräusche 
erinnert. Ich sagte dem Jungen, daß es keine Sünde sei, wenn ein Kind 
sich gerne beschmutzt; so etwas verschwindet von selbst, wenn man heran- 
wächst und sieht, wie die Erwachsenen sich benehmen. Er brauche sich 
deswegen nicht zu schämen, alle Kinder müssen eine Zeit durchmachen, 
während welcher sie sich nicht auf Reinlichkeit verstehen. 

- 277 - 



Mehr als zweieinhalb Jahre später traf ich die Mutter, welche mir mit- 
teilte, daß die Angst des Jungen vor Schmutz ebenso wie sein Stottern un- 
mittelbar nach dem Besuch bei mir verschwunden waren. Ja, er hatte sogar 
zu Hause gleich nach dem Kommen Gesicht, Hände und Kleider beschmutzt. 
Seine Mutter schalt ihn dafür nicht. Eine Zeitlang war er danach recht 
schmutzig gewesen, doch das Interesse hierfür verschwand allmählich und 
jetzt war er in dieser Hinsicht normal. Er war etwas zart, denn er hatte 
zwei schwere Fieberkrankheiten durchgemacht, aber die Symptome waren 
trotzdem nicht wieder erschienen. 

Das richtige Verhalten Kindern gegenüber, welche besonders großes Inter- 
esse für Schmutz zeigen, ist, sich nie über diesen Geschmack zu entrüsten ; 
solche Kinder sollen sauberen Sand, Modellierlehm, Farben usw. zum Spielen 
haben. Kochen und Backen amüsiert diese Art Kinder gewöhnlich im hohen 
Grade. Wenn man auf diese Weise vorgeht, findet man meistens, daß die 
Lust zu schmieren und zu beschmutzen auf eine schmerzlose Art in eine 
Beschäftigung umgewandelt wird, die nicht unhygienisch ist und die Um- 
gebung nicht stört, sondern sich sogar oft als wertvoll erweist. Die in Frage 
stehenden analen Tendenzen sind dann sublimiert worden. Eine Mutter, 
deren Sohn lange sowohl den Kot als den Urin in die Kleider gehen ließ, 
versuchte es erst ohne Resultat mit Strafen. Daraufhin hörte sie mit dieser 
Methode auf und ließ ihn nun selbst die Hosen waschen, damit er rein 
sein konnte, wenn er in die Schule ging. Die Verunreinigung hörte sofort 
auf. Es dürfte nicht schaden, wenn die Kinder so die Folgen ihrer Hand- 
lungen zu tragen haben, auch wenn sie dadurch etwas leiden müssen, nur 
darf man dabei gar nicht brutal vorgehen. 

Um bei Fällen von Onanie die Sublimierung zu unterstützen, ist es gut, 
ein Spiel oder eine interessante Arbeit zu benützen, mit denen die Finger 
beschäftigt werden. 

Das wichtigste ist, daß Zuneigung zwischen Kind und Erzieher zu- 
stande kommt und daß das Entstehen von Idealen, Interessen und des Ge- 
fühls der Zusammengehörigkeit gefördert wird. Die Kleinen sind schon 
frühzeitig für solche Dinge empfänglich, nur darf man nicht ständig mit 
Moralpredigten kommen. 1 

Friedjung macht auf die Wichtigkeit der Erziehung in Kinder- 
gruppen aufmerksam, besonders in unserer kinderarmen Zeit. Dem „ein- 
zigen Kind" geht es oft schlecht, wenn man ihm nicht rechtzeitig Ge- 
legenheit gibt, mit Kameraden zusammen zu sein. Friedjung spricht mit 
Recht von dem absichtslosen diskreten Einfluß, welcher von Kind zu Kind 
ausgeübt wird, da dieser auf die Entwicklung der natürlichen Triebkräfte 
vorteilhaft einwirkt. Der Egoismus erhält durch das Zusammensein mit 
anderen Kindern seine natürlichen Grenzen, homo- und heterosexuelle 
Neigungen verlaufen auf ruhige Art und Weise, Mitleiden und gegen- 

1) Einen vorzüglichen Führer erhält man durch Z uliiger „Gelöste Fesseln«. 

— 278 - 



seitige Freude entwickeln sich. Kindergärten sind daher für viele einsame 
Kinder von großem Segen. Die Selbstbetätigung, welche in den Montessori- 
schulen angewandt wird, ist besonders vorteilhaft, wenn es gilt, die Sübli- 
mierung zu fördern. 

Es ist nicht nötig, daß Abhängigkeit, Verwöhnung und eine Unter- 
drückung der Phantasie gefördert werden, nur muß die Leitung die rich- 
tige sein. Wichtig ist, daß das Zusammensein mit andern eine allzu starke 
Bindung an die Eltern verhindert, also eine gesunde Umwandlung des 
Oedipuskomplexes befördert. 

Was die Körperpflege betrifft, sind die oben gegebenen Richtlinien weiter 
zu befolgen. Man soll alles beseitigen, was lokale Reizungen verursacht, 
namentlich Darmwürmer endgültig heilen, was oft eine sehr schwere Auf- 
gabe ist; 1 darauf achtgeben, daß die Kleider der Kinder nicht eng und 
steif sind usw. Kitzeln als Vergnügen soll vermieden werden, man soll 
darauf sehen, daß die Kinder nicht lange ohne schläfrig zu sein und ohne 
Beschäftigung im Bett liegen, dicke Bedeckung soll vermieden werden. 
Sie sollen sich alleine nicht zu lange, und zusammen mit anderen Kindern 
überhaupt nicht auf dem Klosett aufhalten. Aber auch in dieser Hinsicht 
darf man nicht Polizei spielen. 

Wenn Kinder zusammen erzogen werden, so muß Gerechtigkeit herr- 
schen, doch ohne Pedanterie. Es kann auch manchmal von Nutzen sein, 
wenn ein Kamerad eine Gabe erhält, von der man selbst nichts bekommt; 
aber zu viel von dieser Art ist nicht gut. Sehr wichtig ist es, gegen die 
älteren Kinder besonders freundlich zu sein, wenn ein Neues angekommen 
ist. Dieses gilt besonders, wenn ein Kind, welches mehrere Jahre das ein- 
zige war und deshalb den Mittelpunkt des Interesses für die Eltern bildete, 
mit einem Nebenbuhler beschenkt wurde. Die Erfahrung beweist, daß es 
in solchen Fällen oft zur Onanie als Trost greift. 2 Sie sollen frühzeitig 
von dem Schlafzimmer der Eltern getrennt sein und nicht in deren Betten 
genommen werden. Man sollte ihnen nicht erlauben, bei intimen Hand- 
lungen der Eltern gegenwärtig zu sein, oder überhaupt dabei zu sein, wenn 
die Erwachsenen ihre Naturbedürfnisse verrichten oder sich nackt zeigen. 
Ich kenne einen Jungen, der mit drei Jahren eine deutliche sexuelle Reizung 
verriet, als er seine Mutter nackt sah. 

Schläge sind als Strafe unzulässig; da es aber doch vorkommt, daß man 
sich zum Schlagen hinreißen läßt oder sich dazu „genötigt" glaubt, so ver- 



1) Magenwürmer kommen meist bei allen Familienmitgliedern vor. Die Behand- 
lung des Kindes allein nützt nur vorübergehend. (Anm. d. Redaktion.) 

2) Ärgernisse und Sorgen schaden den Kindern nicht, sie sollen ja für das Leben 
vorbereitet werden, welches reich an Leiden ist, und müssen also abgehärtet werden. 
Sie brauchen daher Übung darin, nötige Sorgen zu ertragen; sie sollen lernen, für 
diejenigen, die sie lieben oder für eine Aufgabe, die sie interessiert, verzichten zu 
können. Es ist nötig, daß es ihnen klar wird, daß sie als Mitglieder der Gesellschaft 
sich vielen Versagungen zugunsten des allgemeinen Besten unterwerfen müssen. Auch 
die wunschgemäße Entwicklung der persönlichen Charaktereigenschaften kostet Arbeit 

- 279 - 



gesse man nie, daß dadurch sexuelle Gefühle geweckt werden können, die 
sowohl Sadismus als Masochismus befördern. 

Was nicht für die Ohren des Kindes bestimmt ist, soll in dessen Gegen- 
wart auch nicht erwähnt werden. Das Fortschicken der Kinder, wenn man 
ein anstößiges Thema erörtern will, erweckt erst recht Neugierde und Miß- 
trauen. 

Indem ich von diesen Vorsichtsmaßregeln spreche, bin ich mir bewußt, 
daß dieselben nicht alle ohne weiteres vollständig befolgt werden können, 
daß Pedanterie auf diesem wie auf anderen Gebieten schädlich ist und 
gefährlich werden kann. In keinem Heim kann immer vermieden werden, 
daß die Kinder Zeugen von allem Möglichen sind. Arbeiter z. B. wohnen 
oft sehr enge. Man hat aber nicht gehört, daß Kinder aus solchen Familien 
besonders viel onanieren. Die Erklärung dieser Tatsache ist wahrscheinlich 
die, daß in solchen Familien ein gesundes Gegengewicht darin besteht, daß 
das Sexuelle einfacher und mit weniger Prüderie behandelt wird als bei 
den meisten sogenannten „Gebildeten". 

"Vor allem schädlich sind einerseits übertriebene Intimität und über- 
triebene Zärtlichkeit und andererseits die Scheu, frei über natürliche Dinge 
natürlich zu sprechen. Es ist von größter Wichtigkeit, daß die Kinder sich des 
Erwachens ihrer Instinkte nicht zu schämen brauchen. Wenn die Eltern sie 
nur daran gewöhnen, offen über ihre Sorgen zu sprechen, haben sie reich- 
lich Gelegenheit, diese Instinkte auf die rechte Spur zu leiten. Wagen die 
Kinder nicht zu sprechen, so entgeht den Erziehern die beste Möglichkeit, 
auf sie einzuwirken. Das ständige Schweigen über alles, was mit dem 
Sexuellen zu tun hat, ist gerade der richtige Weg, das Interesse für diese 
Fragen zu steigern und Schuldgefühl heraufzubeschwören. Schuldgefühl 
und Interesse steigern einander gegenseitig. Man soll also die Atmosphäre 
im Heim so gestalten, daß die Kinder mit allem, was es auch sein mag, 
zu den Eltern kommen können; ihre Fragen sollen der Wahrheit gemäß 
beantwortet werden. 

Wenn man sich Kindern gegenüber über sexuelle Dinge äußert, muß 
dies je nach dem Entwicklungsstadium verschieden geschehen. Ist man im 
Zweifel darüber, wieviel sie schon wissen und welche Themen sie beschäf- 
tigen, so orientiere man sich darüber mehr durch zuwartendes Anhören 
ihrer Gespräche und durch Beobachten ihrer Spiele, als durch vorsichtiges 
Fragen. Sich ohne Not den Kindern mit Aufklärungen aufzudrängen, scheint 

und Versagung und es ist gut, wenn der Jugend dafür die Augen geöffnet werden. 
Aber obgleich all dies notwendig wird, soll man es den Kindern nicht heftig und 
gewaltsam aufdrängen, sondern man muß versuchen, sie dazu zu bewegen, die 
Pflichten aus eigenem Antrieb auf sich zu nehmen. Sie müssen Gelegenheit haben, 
warme Liebe kennen zu lernen, ohne zu große Enttäuschungen. Auch müssen sie 
Eigenrecht und Selbstachtung haben. Ehe der Charakter gefestigt ist, erträgt der Mensch 
weder zu viel noch ungerechtes Leid. Solches erweckt Haß und Trotz im Leben, oder 
es wird aus der Not eine Tugend gemacht, so daß das Leiden und die Demüti- 
gung zur Lustquelle werden oder es wird zur Auto-Erotik Zuflucht genommen. 

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mir sehr unklug zu sein. Man wartet also, bis sie mit Fragen kommen, 
außer wenn man bemerkt, daß sie sich deutlich über etwas beunruhigen. 
Merkwürdigerweise hat es sich gezeigt, daß die Kinder die Aufklärungen, 
die man ihnen gab, oft vergessen, und manchmal sogar nach einiger Zeit 
Geschichten akzeptieren, die sie von anderer Seite hörten, z. B. die Storch- 
fabel. Auf die Dauer merken sie jedoch, ob sie durch die Eltern die Wahr- 
heit erfahren haben oder nicht. Ist das erstere der Fall, so trägt es dazu 
bei, ein Vertrauen herzustellen, welches nicht zu stände kommen kann, 
wenn die Eltern versuchten, sie irre zu führen. 

Die Kinder sollen in vernünftiger Weise überwacht werden; es darf 
aber nie zur Spionage werden. Unnötiges Verbieten ist zu vermeiden. Je 
weniger verboten und befohlen wird, um so besser. Verführung durch 
andere Kinder ist häufig. Diese Gefahr kann nicht ganz vermieden werden, 
sonst müßte man auch auf die Vorteile verzichten, welche das Zusammen- 
sein mit andern Kindern bringt. Schlimmer ist die so häufige Verführung 
durch Erwachsene, besonders durch ältere impotente oder exhibitionistisch 
perverse Männer. Aber auch jugendliche Kinderwärterinnen werden zu Ver- 
führerinnen. Ferner haben alte Kinderfrauen die Gewohnheit, die Genita- 
lien der Kinder zu streicheln, damit die Kinder einschlafen. Bei der Wahl 
der Personen, denen man ein Kind dauernd oder zeitweilig anvertraut, ist 
daher die größte Vorsicht und immer wieder zeitweise Überwachung ge- 
boten; denn die Kinder sind eingeschüchtert und auch zu sehr beteiligt, 
um die Pflegeperson zu verraten. Oft geschieht es, daß die Begleitperson 
das Kind Zeuge sexueller Vorgänge sein läßt. 

Zur Verführung gehört meist das Entgegenkommen des Kindes, sei es 
aus Trotz, Neugierde oder Schau- und Zeigelust. Der beste Schutz ist da- 
durch gegeben, daß das Kind offen sein Herz der Mutter ausschütten kann 
und das gewohnheitsmäßig tut, sobald es einen Kummer hat. So wird es 
entweder sich mitteilen oder es wird sein verändertes Verhalten auffallen. 
Die Aussprache verhütet auch das Eintreten schwerer Folgen der Verführung. 

Sport, Turnen und Spiele, besonders im Freien, sind nützlich. Besonders 
wichtig ist, daß die Kinder sich auf eigene Faust unterhalten, so daß man 
sich nicht ständig mit ihnen beschäftigen muß. Kinder, denen ständig die 
Unterhaltung von jemandem geboten wird, verlieren die eigene Initiative. 
Werden die Vergnügungen unterbrochen, oder verliert, was dem größeren 
Kinde gegenüber regelmäßig geschieht, der Erwachsene sein Interesse am 
Spiel des Kindes, so greift dieses zum Tröste oft zur Onanie. 

Klettern, Schaukeln, manches Geräteturnen, rufen sehr oft Sexualgefühle 
hervor. Man braucht das nicht zu fürchten, soll es aber wissen, und in 
manchen Fällen Ersatz durch andere Bewegungsfreuden und Spiele schaf- 
fen. Namentlich die in schwedischen Parkanlagen gebräuchlichen Ring- 
schaukeln laden zur sexuellen Reizung ein. Nie soll man aber ein Wesen 
aus solchen Vorkommnissen machen und gewiß nie abfällige Bemerkungen 
darüber. 

— 281 - 



Natürlich ist es nötig, die Kinder zu einer gewissen Schamhaftigkeit zu 
erziehen. Dazu bedarf es aber keiner Strafen, Predigten oder Schikanen. 
Wenn man nie sittliche Entrüstung an den Tag legt und es als selbst- 
verständlich hinnimmt und hinstellt, daß Kinder gleich den Eltern sich 
anständig benehmen, stellen sich normale Schamgefühle von selbst ein. 
Denn das Kind identifiziert sich mit dem Erzieher, wenn keine grobe 
Störung der Beziehung erfolgt, und nimmt Eigenschaften und Lebens- 
gewohnheiten vom Erzieher an. Es ist besser, dem Kind gute Vorbilder zu 
geben, als mit Gewaltmaßregeln ein gutes Verhalten und Benehmen durch- 
setzen zu wollen. Das letztere bringt zwar öfters augenblicklichen Erfolg, 
aber es ist nur ein Scheinerfolg und die Psychoanalyse zeigt die unter dem 
Drill verborgen gebliebenen und durch den Drill gesteigerten Wünsche 
und Reaktionen. 

In der Latenzperiode 

Nach der Blüte der infantilen Sexualität kommt eine Zeit von Ruhe, 
welche Freud Latenzperiode nennt. Sie wird leicht durchbrochen und bleibt 
in gewissen Fällen auch ganz aus. Das Vorhandensein der Latenzperiode 
ist daran schuld, daß die Kindersexualität überhaupt solange übersehen 
wurde. Die Latenz kommt der Arbeit in der Schule und den anderen er- 
wachenden Interessen entgegen und wird auch von diesen unterstützt. In 
diesem Alter ist die Aufmerksamkeit des Kindes leicht zu fesseln. Dennoch 
kann der Umgang mit den Kameraden, die Kenntnis der Lebensvorgänge, 
auch der Unterricht in der Biologie in manchen Fällen sexuelle Gefühle 
und Gedanken wecken. 

Gegen das Ende der Latenzperiode, in der sogenannten Vorpubertät, tritt 
bereits die „Entwicklung" ein, so daß der Sexualtrieb sich fühlbar macht. 
Wenigstens zu dieser Zeit, wenn es nicht schon früher getan wurde, soll 
das Kind sexuell aufgeklärt werden und man soll auch nicht sich davor 
scheuen, wenn das Leben es so bringt, sexuelle Dinge zu erörtern, und 
zwar als selbstverständlich, wenn auch mit Takt und Rücksicht. Das halte 
ich für sehr wichtig. Gerade das ewige Verschweigen des Sexuellen vor 
dem Kinde bringt leicht die Auffassung zustande, daß es sich dabei um 
etwas besonders Beschämendes handelt. Man darf sich nicht wundern, daß 
die Kinder Opfer desselben Mißverständnisses werden wie sogar der weise 
Kant 1 in betreff der Onanie. — Gerade während der Vorpubertät interessieren 
sich die Kinder sehr für sexuelle Dinge und suchen anderswo Aufklärung, 
wenn zu Hause nicht davon gesprochen werden darf. Wieder müssen wir 
hervorheben, daß es gilt, ein solches Verhältnis zwischen Kindern und Er- 
ziehern herzustellen, daß sie über alles offen fragen und diskutieren können. 



1) S. Meng, Das Problem der Onanie von Kant bis Freud. Diese Zeitschrift, 
Jg. II, Sonderheft „Onanie". 

— 282 — 



Man hat die Gefühle und Wünsche von Kindern immer ernst zu nehmen 
und soll Moral nicht predigen. Die Wißbegierde des Kindes ist an und 
für sich eine wertvolle Eigenschaft, die nicht unterdrückt werden soll. Man 
muß nicht alles sagen und kann den Kindern ruhig erklären, daß sie in 
mancher Hinsicht später mehr verstehen würden, aber man soll ihnen 
immer antworten und begründen, wenn man die Antwort abbricht. Schwerer 
ist es, die auftauchende Unruhe des Kindes zu bemerken und Ratschläge 
und Hilfsmittel zu geben. Immerhin fallen bei solchen Vorgehen wenigstens 
einige Motive zur vorzeitigen Sexualbetätigung weg: Der Trotz gegen die 
Eltern, zum Teil die Lockung des Unbekannten und das Einsamkeits- 
gefühl. Dabei gestattet die Vorpubertät meistens noch eine mehr nüch- 
terne Erörterung erotischer Probleme (das heißt eine solche ohne sexuelle 
Reizung des jungen Menschen), als die eingetretene Pubertät und die Zeit 
nach ihr. 

Eines ist gewiß : Kinder sollen nicht von den physischen und psychischen 
Erscheinungen der Sexualität unvorbereitet überrascht werden. Der Knabe 
soll Sinn und Wesen der Erektion erfahren haben und von den Pollutionen 
Kenntnis bekommen, bevor er sie erlebt. Das Mädchen soll auf die 
Menstruation vorbereitet werden. Kindern beider Geschlechter soll man die 
Geschlechtsverschiedenheit und ihre Konsequenzen erklären. Das muß so 
gründlich und sachverständig geschehen, daß junge Leute sich nicht mehr 
ohne weiters von Personen verleiten lassen, die ihre Unwissenheit aus- 
nützen wollen 1 . Sie müssen also erfahren, welche Versuchungen und 
welche Gefahren ihrer warten. Aber die Kinder sollen nicht die Sexuali- 
tät nur von der physischen Seite zuerst kennen lernen, sondern gleich- 
zeitig auch von der seelischen. Das besorgen ja schon Bücher, aber oft 
zu überschwänglich. Der Erwachsene, der mit den Heranwachsenden 
spricht, soll ihnen auch etwas von den Gefühlen und den Phantasien 
sagen, die sie bei der Geschlechtsreife überströmen werden. Natürlich 
meine ich nicht, daß man von Einzelheiten des Verkehrs und von Inzest- 
phantasien reden soll. Es genügt, mitzuteilen, daß gleichzeitig mit den 
körperlichen Sexualregungen dazugehörige Gedanken und Phantasien auf- 
treten, und daß diese ebenso wie die physischen Merkmale des Geschlechts- 
lebens notwendig und natürlich sind und man sich ihrer nicht zu schämen 
brauche. 

Man soll zugleich Ratschläge geben, auf die wir später noch zurück- 
kommen, wie man die Sexualität noch einschränken kann, damit sie nicht 
allzu störend wirke. Das Kind soll wissen, daß dieser starke Trieb in 
seinen Äußerungen an und für sich nicht sündhaft sei, daß er ferner ab- 
gelenkt werden kann und das man Reizungen von außen vermeiden soll, 

1) Als ein Beispiel will ich erwähnen, daß in einer der Schulen Stockholms eine 
ganze Anzahl von Mädchen von 15 Jahren von älteren Knaben zum Geschlechtsverkehr 
verleitet wurden. Die Jungen konnten ihnen einreden, daß das für sie nicht gefähr- 
lich sei, weil sie noch so klein wären. 

— 283 — 



bis die Zeit kommt, in der der Sexualtrieb befriedigt werden kann. Ver- 
nünftige hygienische Ratschläge können den Kampf erleichtern und das 
Kind soll wissen, daß es immer mit Fragen kommen darf. 

Auf keinen Fall darf man bloß abschrecken, indem man nur von den 
Schattenseiten des Kampfes gegen die Sexualität spricht. Man soll i m 
Gegenteil den Wirkungsbereich, welchen die Sexualität für den Einzelnen 
und für das Ganze hat, hervorheben. Es schadet nicht, daß die Jugend 
zeitlich verstehen lernt, daß all die Liebe des Lebens, all die Wärme im 
Grunde genommen in diesem Triebe wurzeln. Auch auf das Familienleben 
in seiner Bedeutung und in seinen guten Seiten soll man hinweisen, denn 
die Kinder fühlen in diesem Alter leicht für ihre Eltern Verachtung, wenn 
sie das Sexuelle als etwas Niedriges aufzufassen gelernt haben. Durch ver- 
nünftig aufklärende Gespräche kann der Wunsch bei den Kindern geweckt 
oder bestärkt werden, für sich selbst eine schöne und würdige Gestaltung 
des Liebeslebens zu erreichen. Almkvist hat in seiner in vieler Hin- 
sicht ausgezeichneten Broschüre „Aktuelle Gesichtspunkte zur sexuellen 
Frage" mit aller Wärme diese Gesichtspunkte vertreten; auch er betont 
die Gefahr des Schweigens: „Unerhört wichtig ist, daß diese Entwicklung 
so früh wie möglich der Jugend klar gemacht wird. Man soll nicht, wie 
es bis jetzt oft geschah, der Jugend sagen: ,Die sinnliche Lust, die du bei 
dem anderen Geschlecht empfindest, ist niedrig, sündhaft und kommt vom 
Teufel', und man soll auch nie die Aufklärung unterlassen, denn das kann 
ebenso gefährlich sein wie eine schlechte Aufklärung." 

Mit der Jugend zu sprechen, verlangt Takt und Einsicht. Viele trauen 
sich diese Einsicht nicht zu und stellen ihr Gewissen dadurch zufrieden, 
daß sie sich sagen: „es ist besser, diese Frage nicht zu berühren, weil 
man dadurch den schlafenden Bären wecken kann". 

Das ist unrichtig, denn die Jugend ist, wie schon oben gezeigt, brutal- 
sten Verlockungen und Gefahren ausgesetzt, und es ist nötig, ihr Rat und 
Stütze zu gewähren, bevor sie in die Welt hinausgelassen wird. Auch ist 
eine der Ursachen, weshalb die aufeinander folgenden Generationen feind- 
lich einander gegenüberstehen, die Kluft, die entsteht, wenn die Jugend 
sich im Sexuellen verkannt und rücksichtslos sich selbst überlassen fühlt. 
Dagegen kann das richtige Verständnis in dieser Hinsicht Vertrauen und 
Freundschaft zustande bringen. Leider wissen viele Erzieher nicht, wie sie 
es machen sollen. Es ist deshalb eine wichtige Angelegenheit der Gesell- 
schaft, Gelegenheit zum Unterricht darin zu verschaffen. 

Wichtig wäre es, die Artikel zu kontrollieren, welche in Konversations- 
lexiken und in populären Büchern stehen. Sie werden nämlich von Kindern 

1) Siehe Freud, Zur sexuellen Aufklärung der Kinder. (Ges. Schriften, Bd. V.) — 
O. P f i s t e r , Die psychoanalytische Methode. — Federn-Meng, Das psycho- 
analytische Volksbuch. — Zulliger, Gelöste Fesseln. — Siehe weiter verschiedene 
Jahrgänge dieser Zeitschrift, insbesondere das Sonderheft „Sexuelle Aufklärung". 

- 284 — 



und Jugendlichen regelmäßig verbotenerweise gelesen, und zwar besonders 
von solchen, welche es nicht wagen, sich an ihre Erzieher zu wenden. 
Das vorzeitige Lesen von alles enthaltenden Aufklärungen ist wie jede 
vorzeitige Begegnung mit der Sexualität schädlich; es ist aber tatsächlich 
nicht zu verhindern. Ganz unrichtige Mitteilungen über Onanie und andere 
Fragen können aber vermieden oder verbessert werden. 

Tritt Onanie während der Latenzperiode auf, so handelt es sich um 
wiederkehrende Kindersexualität oder um Vorboten der Pubertät. Die zum 
Teil schon besprochene physische und psychische Hilfe soll geleistet, aber 
nicht so aufgedrängt werden, daß es dem Kinde als etwas Unerhörtes er- 
scheint, was es tut. 

In der Schule muß der Lehrer es wohl beachten, wenn sich Kinder 
verstecken und isolieren. In Schulbädern und in Ferienkolonien, wo viele 
zusammenschlafen, müssen die Kinder immer wieder überwacht werden. 
Und doch ist, namentlich in Pensionaten, die Verführung zur mutuellen 
Onanie und damit die Störung der Latenzperiode ein regelmäßiges Ge- 
schehen. Das Überwachen ist aber keine leichte Aufgabe, solange die Lehr- 
personen selbst noch keine komplexfreie Einstellung zur Onanie haben. Es 
soll ein ein verständlich ausgeübter Schutz sein, und noch immer eher ganz 
unterlassen werden, als den Charakter der Spionage bekommen. Denn es 
ist im allgemeinen betreffend der Onanie besser, zu wenig einzugreifen als 
zu viel. Das Kind darf sich nicht wie ein Verdächtiger vorkommen. Wenn 
der Lehrer bemerkt, daß ein Kind müde oder wie von Schuld geplagt 
aussieht, so soll er es zur Aussprache heranziehen. Wenn ein Schüler, 
der vorher gut -gelernt hat, plötzlich nachläßt, so sind in sehr vielen 
Fällen sexuelle Schuldgefühle, meist wegen Onanie beteiligt. Von der 
Onanie kann plötzliche Zerstreutheit und Geistesabwesenheit veran- 
laßt sein. Bei schwerer neurotischen Kindern können die Zustände 
an Epilepsie, petit mal oder Dämmerzustände erinnern. Auch in der 
Schule tritt bisweilen die Onanie förmlich epidemisch auf. Der persön- 
liche Einfluß im Sprechen mit den Schülern muß und kann helfen. 
Strafe, Schikane oder gar Verweisung aus der Schule sind unerlaubte 
Maßregeln. 

Es ist schwer, zu entscheiden, ob man wagen soll, im frühen Alter der 
Latenzzeit Aufklärung als Klassenunterricht zu erteilen. Solch ein Unter- 
richt über die Sexualität ist eine schwierige Aufgabe; aber es geht im 
Anschluß an den Unterricht in Biologie; dort fällt es auf, wenn der 
Unterricht über die Fortpflanzung weggelassen, also gefürchtet wird. Die 
Schüler nehmen an, daß man darüber auch nicht einmal ernst sprechen 
dürfe. Auf keinen Fall darf darüber in unbestimmten Worten gesprochen 
werden, so daß gerade die Kinder, welche zu wenig wissen, kaum begreifen, 
um was es sich handelt. Aber mit Takt und Verständnis kann es vorsichtig 
geschehen, wenn man die Schüler bereits gut in der Hand hat, wenn das 
Führertum des Lehrers schon Bestand gewonnen hat. Nicht unbestimmt, 

— 285 — 



aber auch nicht zu detailliert kann der Klassenunterricht geschehen. Be- 
sondere Fragen, die einzelne Kinder interessieren, verlangen die Einzel- 
unterweisung 1 . 

Zu den merkwürdigen Erscheinungen der kindlichen Sexualität gehört 
es, daß oft Unglücksfälle dadurch entstehen, daß die Kinder aus Schuld- 
gefühl wegen der Onanie sich selbst schädigen oder sich Gefahren bis zum 
Schadennehmen aussetzen. Zulliger erzählt von einem Knaben, der sich 
für seine Masturbation bestrafte, indem er sich in einer Maschine einen 
Finger „zufällig" abquetschen ließ. Auch ich habe mehrere derartige Fälle 
beobachtet, darunter einen Knaben, der sich nicht weniger als fünfmal 
seinen rechten Arm oder seine rechte Hand beschädigte. Die Analyse ergab, 
daß diese Unglücksfälle die Strafen von Verbrechen, von Onanie sowohl 
als von Diebstählen waren und daß sie ihn vor Rückfällen bewahren 
sollten. Wenn also die Kinder ohnedies meistens intensive Schuld- 
gefühle wegen ihres Onanierens haben, und sich aus Schuldgefühl in 
so große Gefahren stürzen können, so kann kein Zweifel darüber be- 
stehen, daß der Lehrer schlecht handelt, der ihnen diese Last noch 
schwerer macht. 

Nur wenn ein Kind gegen die gute Sitte verstößt, indem es öffentlich 
onaniert oder indem es andere dazu verleitet, muß dies verhindert werden. 
Aber auch das darf nicht mit moralischer Entrüstung verboten werden 
und muß ohne Beschämung und ohne Skandal erfolgen. Man muß ruhig 
und freundschaftlich dem Kinde es erklären und verweisen. Wenn das 
Kind sich nicht danach richtet, so braucht es besondere Erziehungshilfe 
oder psychische Behandlung. In solchen Fällen handelt es sich meist um 
abnorme Kinder oder um Kinder, die selbst üblen Beeinflussungen aus- 
gesetzt waren. Drohungen und Strafen helfen gewiß nichts. Der Lehrer 
muß im Einvernehmen mit den Eltern und mit dem Schularzt seine 
Maßnahmen treffen. 

Infolge ihres Dranges, sich mit Sexuellem zu beschäftigen, der in der 
Vorpubertät auftritt, sind Kinder in dieser Zeit gewöhnlich schaubegierig 
und exhibitionistisch. Auch dagegen hilft weder Drohung noch Schikane. 
Am ehesten pflegt weitere sexuelle Aufklärung die Neugierde in Wissens- 
durst zu verwandeln oder zu beruhigen; sie schützt wenigstens vor Über- 
treibungen in diesen Richtungen. 

i) In vielen Ländern muß dazu das Einverständnis der Eltern eingeholt werden. 
In Schweden hat der Reichstag durch die sogenannte „lex veneris" sich im Jahre 1918 
prinzipiell für die sexuelle Aufklärung erklärt. Auch liegt bereits ein ausführlicher 
Vorschlag für die Regelung dieses Unterrichtes seitens einer königlichen Kommission 
vor. Zur Durchführung desselben ist aber trotz vieler Interpellationen und wieder- 
holter Anträge noch nichts veranlaßt worden. Andererseits wird es unwissenden und 
unzuverlässigen Personen in Schweden kaum verwehrt, mit geringer medizinischer 
Bildung und angemaßter Autorität umherzureisen und Schrecken einflößende Vorträge 
über Onanie und andere sexuelle Fragen zu halten. 

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Ist ein Kind bemüht, sich die Onanie abzugewöhnen, 1 soll man es mit 
Ratschlägen unterstützen. Man soll es damit beruhigen, daß es sich um 
nichts Gefährliches und um nichts Sündhaftes handelt, und daß die 
Onanie allmählich von selbst aufhört. Man kann ruhig erklären, was die 
Natur damit abgesehen hat. Wenn das Kind vom Schuldgefühl frei wird, 
so fällt das unbewußte Motiv, sich zu beschädigen, weg. Denn es sind gerade 
moralisch empfindliche Kinder, die im Kampfe mit der Onanie stehen. Man 
soll neue Interessen wecken, um die Aufmerksamkeit abzulenken. 

i) Im „Psychoanalytischen Volksbuch" gibt Federn weitere Ratschläge. Man muß das 
volle Vertrauen des Kindes gewinnen und erfahren, ob es sich um Trostonanie wegen 
Verstimmung handelt. Diese Verstimmung ist zu bekämpfen. Die Verstimmung hängt 
mit Selbstvorwürfen wegen des „Lasters" und wegen der Willensschwäche zusammen, 
weil das sich selbst gegebene Versprechen, es unbedingt zu unterlassen, nicht, immer 
wieder nicht eingehalten wurde. Diese und jede Terminsetzung ist als unrichtige 
Methode abzuraten und von vornherein ein langer Zeitraum für die Angewöhnung 
in Aussicht zu nehmen. Ebenso ist die absolute Abgewöhnung als überflüssig zu 
bezeichnen. So wird dem Kampfe ein Teil der Spannung, die gerade es ist, welche 
immer wieder zur sexuellen Erregung führen kann, genommen. 

Es ist auch ein wesentlicher Unterschied, ob die Onanie durch sexuelle Phantasien 
herbeigeführt wird oder ob die Erektion nicht anders als durch Onanieren — wie 
der Knabe klagt — zum Aufhören kommt. Da ist es ein nicht nur suggestiv wirkendes 
Hilfsmittel, daß die Erektion, oft bei Mädchen das sexuelle Verlangen, durch möglichst 
langes Einhalten des Atems in tiefster Inspiration, eventuell erst nach wiederholtem 
Versuche, schwindet. Die momentane Erstickungsangst ist das psychische, die Aspiration 
des Blutes zur Lunge das physische Moment, welches wirkt. 

In vielen Fällen ist psychoanalytische Behandlung nötig. 

Es gibt Analytiker, welche das Onanieren ganz freigeben wollen und deshalb die 
Erziehungshilfe zum Aufgeben der Onanie nur so verstehen, daß dem sexuell reifen, 
sonst halbwüchsigen Kinde vom Geschlechtsverkehr abgeraten und die entsprechenden 
prophylaktischen Ratschläge wegen der Gefahr der Geschlechtskrankheiten usw. 
erteilt werden sollen. — Diese hygienisch-prophylaktische Belehrung ist selbstverständ- 
lich rechtzeitig zu erteilen. Aber prinzipiell die psychoanalytische Erziehungshilfe 
nur in den Dienst der Triebfreiheit und nicht in den der Askese zu stellen, halten 
wir für ein unberechtigtes Eingreifen in die Frage der Erziehungsrichtung und 
Sittlichkeit. Denn beiden Lebenshaltungen gilt es, das Ziel möglichster Gesundheit zu 
erreichen. Die Redaktion. 



Soeben erschien im Internationalen Psychoanalytisclien Verlag, Wien: — 

Zehn Jahre Berliner Psychoanalytisches Institut = 

(Poliklinik und Lehranstalt) 
Herausgegeben von der „Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft" E 
Mit einem Vorwort von Sigm. Freud 

Beiträge von Simmel, Fenichel, Müllcr-Braunschweig, Lampl, Horney, Sachs, Alexander, g 
Radö, Bernfeld, Boehm, Harnik, Zilboorg, Raknes, Eitingon — 

Mit Seha/uilungsstatistiken, Vorlesungsverzeichnissen, Illustrationen 

Geheftet M. 440, in Leinen M. 660 



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Eltern und Kinder 

Von Dr. I. Sa dg er, Wien 

Wir wissen seit Freud, daß das Verhältnis Vater und Sohn vornehmlich 
durch den Ödipuskomplex beherrscht wird. Daraus ergeben sich oft merkwür- 
dige Folgen, etwa solcher Art. Solange der Vater noch lebt, entwickelt sich 
der Sohn aus Feindschaft und Gehässigkeit gegen ilin in gerade entgegen- 
gesetztem Sinne. War jener fromm, wird er Gottesleugner, war jener ein 
Knicker, wird er Verschwender. Kaum aber ist der Vater verstorben, beginnt 
sich der Sohn mit dem einst Gehaßten zu identifizieren und gerät geradezu in 
dessen Bahn. Ein solcher Sohn erzählte mir einmal: „Wenn ich mich im 
Spiegel ansehe, glaube ich, der Vater blickt mir entgegen!" Das ist selbstredend 
Wirkung des Schuldbewußtseins vom Ödipuskomplex her. Den Tod des Vaters 
hat Freud einmal aus eigener Erfahrung das bedeutsamste Ereignis, den ein- 
schneidendsten Verlust im Leben eines Mannes geheißen, und ich darf hinzu- 
fügen, er ist auch dasjenige, was am ehesten noch den Charakter des Sohnes 
völlig umwandeln kann. 

Nicht selten schließen sich jetzt auch Selbstmordgedanken an und tiefe 
Verstimmung, die dann den Sinn haben: man möchte den Vater in sich töten 
den man früher so haßte, ja umbringen wollte, und der infolge solcher bösen 
Wünsche auch tatsächlich nunmehr verstorben ist. Eine andere, gar nicht 
seltene Form, in der man sein Schuldbewußtsein abreagiert, ist, daß man das 
Erbe des Gehaßten in irgend einer Art zum Fenster hinauswirft. Nicht nur 
daß man die sämtlichen Geschwister, die früher der Vater erhielt, jetzt seihst 
versorgt, man legt auch das hinterlassene Vermögen in einer Weise an, von 
der man im Unbewußten ganz genau weiß, daß jenes in Kürze wertlos werden 
muß. Im allgemeinen bleibt es ein tröstlicher Gedanke, daß der Haß gegen die 
Eltern später gewöhnlich zur Pietät führt. Diese ist nichts anderes als die 
Reaktion auf das Unrecht, das man jenen in Gedanken tat, und die bösen 
Wünsche, so man wider sie hegte. Man sieht, daß selbst unser Allerschlechtestes 
die Quelle von Gutem werden kann. Dazu stimmt trefflich die Erfahrung 
daß man am stärksten jenem Elternteil anhängt, dem man das Meiste abzu- 
bitten hat. 

Wie aus dem Vater in den Augen des Kindes ein Gott werden kann 
erklärte mir schön ein Mediziner, der wegen Hysterie in psychoanalytischer 
Behandlung stand: „Es beschäftigte mich komischerweise die Frage, ob mein 
Vater auch im Bauch einer Mutter gelegen ist (Ursprüngliches Versprechen: 
meiner Mutter). Mir schien das überhaupt nicht feststellbar, daß meinen 
Vater eine Mutter geboren haben soll. Er ist überhaupt nicht geboren, sondern 
von Ewigkeit her da und unsterblich wie ein Gott. Mein Vater ist vollkommen 
identisch mit Gott. Bei der Geburt meiner (jüngeren) Geschwister war er da, 
ich weiß, daß sie geboren wurden und sterblich sind, beim Vater aber war 
ich nicht dabei. Er war schon vor mir da, er ist also der liebe Gott! Das 
dürfte bei vielen Menschen auch so sein. Drum bin ich auch ein Gottesleugner, 
d. h. ich will den Vater weg haben. Wenn mein Vater Gott ist, dann sind 
alle Menschen Kinder Gottes. Deshalb ist auch der Katholizismus derart be- 

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liebt, weil er noch einem andern Gefühle Ausdruck gibt, daß nämlich auch 
die Mutter von allem Anfang an, also seit Ewigkeit da ist und lange vor uns; 
die Jungfrau Maria wird demnach unsterblich." 

Um ein Vollmann zu werden, muß man in der Regel Vater geworden sein. 
Dieser wird auch immer konservativ, selbst wenn er als Jüngling liberal, 
radikal, ja revolutionär gewesen. Das war einst Auflehnung gegen seinen 
Vater und nimmt ein Ende, sowie man selber Vater geworden. Jetzt kann ich 
auch die Frage beantworten, warum Söhne großer Väter selten etwas Tüch- 
tiges oder Geniales werden. Man könnte da denken, daß die ausgezeichnete 
Erbmasse des Erzeugers durch eine minderwertige Mutter wesentlich einbüßte. 
Allein, das ist ganz bestimmt nicht alles. Einem analysierten Musiker danke 
ich folgende Erklärung: „Je bedeutender der Vater, desto eher muß es der 
Sohn aufgeben, ihn je zu erreichen. Gelegentlich ist einer noch begabter, wie 
z. B. Philipp Emanuel Bach, allein, er konnte aus seinem Ödipuskomplex heraus 
nicht gegen Johann Sebastian aufkommen. Er schrieb nur Bücher über das 
Klavierspiel und über die Verzierungen, jenes, wie der Vater spielt, und dieses, 
wie er koitiert. So einzig kann niemand auf der Welt koitieren, nur der 
Vater und immer nur wieder der Vater! Alle Menschen ersehnen einen Ge- 
schlechtsakt, den sie eigentlich niemals ausführen können: mit der Mutter 
nämlich. Und warum wird einer ein Genie? Da muß er, natürlich abgesehen 
von seiner Gehirnanlage, bei seiner Mutter etwas erreichen. Das ist die 
psychische Vorbedingung des Genies und darum werden es Frauen so selten. 
Jedwedes Genie muß unbedingt ein Liebling der Mutter sein, sonst kann es 
das Höchste nimmer erreichen. Wer die Liebe der Mutter gefunden hat, kann 
nicht zugrunde gehen. Und dann muß man den Vater ausstechen, d. h. er- 
schlagen können. Es ist ja etwas Grauenvolles, den Vater zu erschlagen, allein, 
man bringt es doch zusammen, wenn nur die Mutter es einem verzeiht." 

Sehr interessant ist, was mir ein hellsichtiger Analysand über sein Ver- 
hältnis zur Mutter erzählte: „Seit dem Moment, da ich gezeugt wurde, war 
ich mit meiner Mutter verheiratet und vom Augenblick meiner Geburt an 
hätte sie lediglich für mich leben sollen, nicht mit dem Vater. Das Kind weiß 
nicht, was dieser ist. Ihm ist er nur der Vater, nicht der Mann der Mutter. 
Doch eines Tages mußte ich es einsehen, und diese Erkenntnis verträgt dann 
der Neurotiker nicht. Er denkt bloß immer, die Mutter ist ihm untreu. Wie 
ich zu ihr gekommen bin, wußte ich ja nicht; allein, ich war da und Mutter 
war da. Folglich gehört die Mutter mir und ich gehöre ihr. Was hat da der 
Vater zu tun? Das Kind versteht nicht, wozu er da ist, bis es endlich den 
Koitus der Eltern belauscht und nunmehr weiß, was der Vater mit der Mutter 
macht. Und jetzt beginnt der Konflikt: das Kind wird eifersüchtig und die 
Mutter scheint das auch zu bemerken. Sie versteht nun endlich das geschlecht- 
liche Interesse des Sohnes, daher ihr verständnisvolles und doch gleichzeitig 
mokantes Lächeln. Sie begreift, das Kind hat einen Penis, frühzeitig erwacht 
in ihm der Mann, d. h. der Vater Und sie lächelt darüber, weil das vorläufig 
ungefährlich ist, und weiter auch darum, weil das Söhnchen die Sache so 
bitter Ernst nimmt. Doch wie soll sie sich ihm gegenüber verantworten, ihm 
etwa erklären: ,Mit dir darf ich so etwas nicht tun!' Da bleibt ihr nichts 
übrig, — und hier steckt der Fehler, — als das Kind in dem Wahne zu be- 
lassen, daß die Mutter ihm auch geschlechtlich gehöre. Dies kann sie um so 

Zeitschrift f. psa. Päd., I V/8/9 289 — 20 



eher, als ihr ja die Sache harmlos erscheint. Sie begreift ja den Ernst der 
Sache nicht. Und jetzt wartet das Kind immer auf den Moment, wo es die 
Mutter wirklich haben, sie heiraten und den Vater beseitigen kann. Obendrein 
begeht die Mutter auch den Fehler, bis zur Reife des Kindes diesen Wahn 
noch zu kräftigen durch Liebesbezeugungen und durch Freiheiten, welche sie 
ihm gestattet. Aber endlich merkt der Sohn dann doch, daß der Vater sie ge- 
habt hat, er selbst aber nicht, und dies verträgt das neurotische Kind nicht." 
Viele große Männer, die in Kindheit und Jugend bis zum Mannesalter 
geistig mehr nach der Mutter gerieten, wie etwa Goethe, werden mit zuneh- 
menden Jahren stets vaterähnlicher. Das geschieht aus unbewußten Schuld- 
gefühlen, zumal, wenn man selbst eine Familie gründet, selbst Vater wird und 
sich vor der Rache des eigenen Sohnes fürchtet. Umgekehrt lag der Fall bei 
Dostojewski von dem wir -wissen, daß er schon früh ganz bewußte Todes- 
wünsche auf den Vater hatte. Drum glich er sich diesem in jungen Jahren 
vielfach an, wenn er auch in manchen Stücken in bewußten Gegensatz zu ihm 
trat. Als er dann die Teilnahme an einer Verschwörung durch Zwangsarbeit 
in Sibirien abgebüßt hatte, ward er wieder ganz Mutter und gleich dieser 
Stockrusse. Früher hatte er sich nicht getraut, ein Weib anzusehen, jetzt aber, 
nachdem er die Schuld getilgt, verliebt er sich in das erstbeste intellektuellere 
Weib — mit 55 Jahren! 

Sehr merkwürdig ist das Schicksal des Kindes, das neben der Mutter auch 
eine Amme hatte, wie es bis vor kurzem in „besseren" Familien noch häufig 
üblich. Eine anziehende Schilderung hat uns Groddeck entworfen („Das 
Buch vom Es"), die man an seinem Ort nachlesen mag. Aus meiner psycho- 
analytischen Erfahrung möchte ich den Bericht eines Hysterikers anführen, der 
von einer Amme gestillt worden, statt einer Mutter: „Ich muß immer zwei 
Frauen zugleich haben und damit die Ur-Situation des Säuglings herstellen. 
Stets pendle ich zwischen zwei Frauen hin und her und suche allenfalls die 
eine mit der andern eifersüchtig zu machen. Ich bleibe ewig unzufrieden, wenn 
ich bloß ein einziges Weib besitze, z. B. meine Frau. Es muß immer noch eine 
zweite dazukommen, damit ich befriedigt bin. Und doch weiß ich nie, wen 
ich lieben soll: Die Ehegattin oder die andere. Ich bin auch stets dem Gelde 
nachgelaufen, immer nur Geld verdienen, denn auch die Amme war seinerzeit 
bezahlt." 

„Die Grundlage meiner Eifersucht war auch die Eifersucht des Säuglings 
auf seine Amme. Als dann ein späteres Geschwisterchen von der Mutter ge- 
stillt wurde, erwachte sie von neuem, und zwar in ungeheurer Stärke: die 
wird von der Mutter gesäugt, ich aber mußte mit einer bezahlten Kraft vor- 
lieb nehmen. Die Erinnerung an die Amme kann vollständig verlorengegangen 
sein, der Betreffende jedoch läuft zeitlebens ihrer Brust nach. Oder aber sie 
hat ihm die Brustwarzen in den Mund gesteckt, und zum Dank dafür wollte 
der Säugling ihr seinen Penis in den Mund geben. Daher jetzt mein starkes 
Verlangen nach Fellatio. Endlich war ich noch eifersüchtig auf den Liebhaber 
der Amme, sowie auf deren eigenes Kind, das sie gleichfalls nährte. Es kann 
dann dazukommen, daß man in späteren Jahren beim Weibe an beiden Brüsten 
saugt. Mit einer Brust hat man nicht genug, man will beide haben, damit 
der Milchbruder ja nichts bekommt. Mein Frauenideal ist auch nicht die 
Mutter, sondern tatsächlich die Amme. Und wenn ich zeitlebens einem Ideale 

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. 



nachlaufe, so ist es die säugende Mutter, oder Mutter und Amme zusammen, 
was ich jedoch nie erreichen konnte." 

„Wenn ich meinen eignen Geschwistern den Tod -wünschte, so waren es 
eigentlich gar nicht diese, sondern der Milchhruder. Auch meine ganze Sexua- 
lität geht nicht auf die Mutter, sondern die Amme zurück. Zeitlebens wollte 
ich diese allein für mich besitzen und keinen andern neben mir dulden. So 
lange ich allein bei der Amme trank, war ich ganz ruhig, erst als ich wahr- 
nahm, daß neben mir noch ein anderer gestillt wird, begann meine Eifersucht. 
Eine feine Dame interessiert mich gar nicht, nur eine aus niedrigem Stande, 
eine Amme, die um Geld zu trinken gibt. Drum vertrage ich den Typus der 
Dirne sehr gut, die sich bezahlen läßt für ihre Liebe. Und wenn ich jetzt meiner 
Freundin stets Geld aufdränge, so heißt das : ich will ihr immer Geld geben, damit 
sie nicht verhungert, damit sie zu essen hat. Sie entspricht der Amme, der 
man stets viel zu essen gab. Sobald ich mit meiner Freundin zusammenkommen 
soll, kaufe ich einen Haufen Lebensmittel ein, ich weiß nicht warum. Ich will 
sie wohl füttern wie einst die Amme, damit sie feste Brüste bekommt und 
viel Milch produziert." 

Man erkennt aus diesen Ausführungen deutlich, welch schweren Gefahren 
von seelischer Seite eine überflüssige Ammenernährung aussetzt. Überhaupt ist 
zu sagen, daß die Eltern dem Fühlen des ganz kleinen Kindes bis zum Säug- 
ling und Neugeborenen herab viel, viel zu wenig Aufmerksamkeit schenken. 
Die Erziehung darf nicht erst vom Schulbeginn anheben. Viel wichtiger sind 
die allerfrühesten Lebensjahre, wo man gemeinhin dem Kinde noch kein Ver- 
ständnis zutraut. Das ist völlig verkehrt. Es gibt keine harmlosen Kinder mehr, 
höchstens harmlose Eltern, und hat es wohl auch niemals gegeben. Befaßte 
man sich mehr mit der Seele des Säuglings und ganz kleinen Kindes, bestün- 
den viel weniger schiefgerichtete der Erwachsenen. 



Ein weibischer Knabe und seine Heilung 

Charakterstörungen und perverse Züge zufolge uneinheitlidier Erziehung 
(Referat über eine Studie von Dr. Edith Jacobssohn) 

Im letzten Heft der „Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse" (herausge- 
geben von Sigm. Freud, XVI. Jahrg. 30,30) veröffentlicht Dr. Edith Jacobssohn 
(Berlin) einen „Beitrag zur asozialen Charakterbildung", auf den die Leser der „Zeit- 
schrift für psychoanalytische Pädagogik" besonders verwiesen werden müssen. Die 
Verfasserin berichtet darin über zwei psychoanalytische Behandlungen, in denen sie 
übereinstimmende Vorgänge in der Entwicklung zum Sadomasochismus beobachten 
konnte ; bei beiden war es ein unablässiges vergebliches Ringen mit einer übermäch- 
tigen Kastrationsangst, die nicht nur zur Neurose führte, sondern auch zu tiefgehen- 
der pathologischer Charakterveränderung. Den einen der beiden Krankheitsberichte, 
der für Kinderpsychologie und Pädagogik besonders beachtenswert ist, wollen wir 
hier gekürzt wiedergeben. 

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Es handelt sich um einen siebenjährigen Knaben, der wegen seines 
Stotterns von der an der gleichen Störung leidenden Mutter zur Analyse ge- 
bracht wurde. Die erste Beobachtung zeigte ein körperlich schlecht entwickeltes 
Kind von auffallend weiblichem Aussehen, das durch Haartracht und 
Kleidung noch unterstrichen war. Beim Gehen wiegte er sich anmutig in den Hüften, 
tänzelte und zappelte dauernd herum, während er in jeder zielvollen Körper- 
bewegung, auch manuell, besonders ungewandt war. Als ausgesprochene Sym- 
ptome bestanden neben dem überhasteten, stotternden Reden noch Eßunlust, fast 
zwangartiges Nägelkauen, starke Onanie, allgemeine Überängstlich- 
keit, Angst vor Hexen und Zauberern und eine Phobie, von Pferden und Hun- 
den gebissen zu werden. 

Der Junge wohnt als einziges Kind mit seinen Eltern, mit den Eltern der Mutter 
und mit der Portierfamilie in einem 'Hause. Er hält sich außerdem viel bei den 
Eltern des Vaters und bei den Urgroßmüttern auf und hat keinerlei kindlichen Ver- 
kehr außer einem gleichaltrigen, ihm körperlich überlegenen und sehr bubenhaften 
Schulfreund, mit dem er gemeinsam privat unterrichtet wird. Die gesunde Entwick- 
lung des Kindes ist also sehr erschwert durch die Tatsache, daß er unter ständigem 
Einfluß gleichsam vieler Eltern ist, die jeweils ein ganz verschiedenartiges 
Milieu repräsentieren: die als Rentiers lebenden Großeltern, die modernen, 
geistig berufstätigen Eltern und schließlich das kinderlose, praktisch arbeitende 
Portierseh epaar. 

Die widerspruchsvolle Atmosphäre des Hauses drängte sich einem unangenehm 
auf. Der luxuriöse Zuschnitt deutete auf den Reichtum der Großeltern, die das Kind 
durch maßlose Geschenke, Überzärtlichkeit und laute Bewunderung verwöhnen, 
es aber vor Liebe und Ängstlichkeit nicht einen Schritt allein gehen lassen. Die 
Eltern befleißigen sich in offenem Gegensatz zu den Großeltern einer überstei- 
gerten Intellektualität, in die sie sich offensichtlich beide im Kampf gegen 
ihre Neurose geflüchtet haben. Seit der Geburt des Kindes haben sie den sexuellen 
Verkehr wegen Frigidität der Frau aufgegeben, betonen aber ihre hochgeistige Freund- 
schaft. Die Portiersleute und Dienstmädchen sind voll versteckter Verachtung für die 
falsche Erziehung des Kindes, das sie sehr gern haben, jedoch absichtlich barsch 
behandeln, damit es nicht ganz verweichliche und verlottere. 

Das Wesen des Jungen entsprach ganz dem mädchenhaften Aussehen. Er war 
sehr anschmiegsam und zärtlich. Er kannte kein Knabenspiel, keinen Sport, lehnte 
jede körperliche Betätigung ab und benahm sich dabei überängstlich und feig. Meist 
saß er zu Hause und spielte mit seinen Tieren und Puppen, mit denen er große 
Dramen aufführte. Der Inhalt seiner Spiele waren im Gegensatz zu seiner realen 
Betätigung blutige Kampfphantasien: ein großer Krieger besiegt allein 
gewaltige Heere, ein Löwe frißt ganze Herden, ein herabstürzender Geier eine große 
Schar kleiner Vögel auf. Als Held seiner Phantasien war er unschwer zu erkennen. 
Manchmal fiel er aus der Rolle, indem er vor seinen gegnerischen Tieren wirkliche 
Angstanfälle bekam. An den Sonntagen führte er mit dem Vater Kampfspiele auf, 
in denen er z. B. :als Kannibale den Vater angriff und auffraß oder sich auf- 
fressen ließ. 

Den Gegensatz zwischen seinem realen Verhalten und den Kampf. 
Phantasien kennzeichnete er selbst treffend, wenn er sagte: „Ich will ein Schoß- 
kindchen sein und nur in Gedanken ein großer Held." 

In der Schule war er sehr unkonzentriert, an praktischen Problemen desinteressiert, 

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meist mit Phantasien beschäftigt und dabei ausgesprochen faul. „Am liebsten schlafe 
und esse ich", meinte er, „Studierter wie der Vater will ich nicht werden, da muß 
ich zuviel arbeiten. Ich will faulenzen, die Eltern sollen für mich arbeiten und 
Geld verdienen." 

Es handelt sich sichtlich um ein Kind, das in seiner Realitätseinstellung 
schwer gestört, in der Entwicklung zur aktivleistungsfähigen Männ- 
lichkeit körperlich wie geistig gehemmt ist: statt knabenhaft-mutigem Drauf- 
gängertum mädchenhaft-ängstliche Weichheit, statt Freude an tätigem Leben Neigung 
zum Schlaraffendasein, statt Interessen an der Schule und den Problemen der Welt 
ein überwucherndes Phantasieleben, das von kämpferischer Männlichkeit strotzt in 
eben dem Maße, wie sie dem Kinde dem realen Leben gegenüber abgeht. 

Seine phobischen Symptome deuten an, welche Schranke ihm den normalen 
Entwicklungsweg versperrt hatte : die Angst. Die Analyse führte bald in die Ent- 
stehungszeit der Phobie zurück. Schon in den ersten Lebensjahren hatte sich bei dem 
Kinde als erstes neurotisches Symptom Eßunlust gezeigt. Die Eßstörung hatte sich 
nach dem Bericht der Mutter erstmalig eingestellt, als man den Säugling nach einem 
kurzen Versuch zur Brusternährung brüsk absetzte, weil er die Brust zerbiß, „als ob 
er schon Zähne habe". Auch das Stottern, das er mit Beginn des Sprechens von der 
Mutter übernahm, stellte sich in der Analyse als sehr frühe Abwehr ungewöhnlich 
starker oralsadistischer Antriebe heraus. 

Im viertem Jahre trat als erstes phobisches Symptom Angst vor demBaden 
auf, nachdem ihm das Mädchen einmal ein zu heißes Bad gerichtet hatte. Von der 
gleichen Person hatte er aber die ersten Kastrationsdrohungen wegen seiner 
Onanie bekommen: der Schutzmann werde ihn holen und einsperren, der Mond- 
mann herunterkommen und ihn in den Popo zwicken. Diese Drohungen verwirklichten 
sich gewissermaßen, als ihm ein Leberfleck vom Gesäß schmerzhaft entfernt und 
vom Vater etwa um dieselbe Zeit die ersten und einzigen Prügel aufs Gesäß verab- 
folgt wurden. Es entstand Angst vor der rektalen Fiebermessung. Im folgenden Jahr 
verstärkte sich trotzdem die Onanie, derentwegen er nun fortdauernd von Mutter 
und Kindermädchen getadelt und bedroht wtirde. 

Bei einem Herzanfall der leidenden Mutter gelang dem Knaben einmal ein 
sadistischer Durch bruch. Er rief, in lustvoller Erregung um die Mutter 
herumtanzend: „Ich will dabei sein, wenn du stirbst." Mutter und Kinderfrau reagierten, 
indem sie ihm bei jeder Gelegenheit vorwarfen, seine Unart sei schuld, wenn sich 
das Herzleiden der Mutter verschlimmere. 

Ein Versuch, bei einer zärtlichen Szene mit der Mutter an ihrem Bein zu onanieren, 
wurde mit deutlicher Abweisung beantwortet. Im fünften Jahre gab ihn die Mutter 
wegen seines Knickfußes in die Behandlung eines Chirurgen, der eine Operation 
vorschlug. Schließlich erlebte er im gleichen Jahre ein schweres Kastrations- 
trauma in Gestalt einer überraschend und ohne Narkose vorgenommenen Rachen- 
wucherungsoperation, bei der er sich wütend wehrte und dem Arzt fast den Finger 
abbiß. Noch tagelang danach soll er völlig apathisch geblieben sein. 

Bis zum vierten Jahre hatte sich das Kind bis auf die ersten oralen Symptome 
und eine beginnende Bewegungsunlust nicht besonders abwegig entwickelt. Jetzt 
entsteht als Folge dieser bei wachsenden genitalen Ansprüchen sich steigernden 
Kastrationseinschüchterungen eine ausgebreitete Neurose mit unverkennbarer Fehl- 
entwicklung des Charakters. Die Angst bricht in Form zahlreicher Phobien machtvoll 
durch. Nach der Bade- und Thermometerangst bekommt er eine schwere Tierphobie. 

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Seine vielen Besuche im Zoo, die auf der Basis sexueller Schaulust sein leidenschaft- 
liches Interesse für Tiere und Tierspiele geweckt haben, liefern ihm. die Angstobjekte. 
Der chirurgische Eingriff und seine orale Disposition drängen zur Verschiebung der 
genitalen Angst aufs orale Gebiet. Es entsteht die Angst, von Pferden und Hunden 
gebissen zu werden. Die Bekanntschaft mit den Hexen des Märchens und Zauber- 
vorführung des Vaters mit spitzem Zauberhut und Stab lassen Ängste vor Hexen und 
Zauberern erwachsen, die ihn vergiften und verzaubern wollen. 

Aber die Wirkung der Kastrationsangst erschöpft sich nicht in der Bildung einzelner 
Phobien. Die gesamte reale Umwelt wird allmählich in den Kreis der Angst- 
vorstellungen einbezogen. Als man im fünften Jahre versucht, sein Gefallen an 
jungenhaften Vergnügungen zu wecken und ihn die ersten sportlichen Betätigungen, 
wie Rodeln und Schlittschuhlaufen, zu lehren, versagt er unter heftiger Angstent- 
wicklung, für die er als Grimd angibt: es könne ihm dabei etwas passieren, z. B. ein 
Arm oder Bein brechen. Er verliert zunehmend die Freude an körperlicher Betätigung 
und sträubt sich auch, seine manuellen Fähigkeiten zu fördern. So entwickelt er sich 
immer mehr zum femininen Schoßkind, das statt durch Leistungen sich die Liebe 
der Seinen durch weiches, anschmiegsames Benehmen zu sichern versucht. 

Die Eltern sehen mit zunehmender Sorge die ungünstige Entwicklung des Kindes, 
die sie selber aber nach zwei gleich falschen Seiten weitertreiben. Einmal ist ihnen, 
besonders der Mutter und den Großmüttern, die weiche, mädchenhafte Art des Kindes 
sehr willkommen und wird durch maßlose Verwöhnung wie durch ängstliche 
Verzärtelung dauernd unterstützt und libidinisiert. Andererseits ist gerade wieder 
die ziemlich maskuline Mutter entsetzt und enttäuscht von der feigen Un- 
männlichkeit des Kindes, derentwegen sie ihn verachtet und bedroht: er würde niemals 
ein Mann werden. Sie gibt ihm also wiederum eine versteckte Kastrationseinschüch- 
terung, die sich aber diesmal gegen seine Weiblichkeit wendet. Immer wieder spornt 
sie ihn an, ein richtiger, tapferer Junge zu werden, wie der Vater war. Sie erreicht 
immerhin, daß der männliche Funke in dem Kinde nicht erlischt. Zwar wird auf 
Grund der erneuten Kastrationsdrohungen die Neurose nur verschlimmert, das 
Kind bleibt feminin und wird bis auf die verstärkte Onanie nur noch triebgehemmter 
aber die Bemühungen des Vaters, der versucht, durch kriegerische Spiele und Ge- 
schichten den Tapferkeitssinn des Kindes anzuregen, eröffnen ihm einen Weg, um 
sich die Reste der Männlichkeit zu erhalten. 

Indem er sich von den Aufgaben der gefährlichen Realwelt abwendet, baut 
er sich in stundenlangen phantastischen Spielen ein Scheinleben auf, in das er 
die verbotene Männlichkeit rettet, auf die er in der Realität verzichtet hat. Er führt 
wilde Dramen auf, in denen Menschen und Tiere als mächtige Helden die ganze 
Welt bekämpfen. Und zwar spielt er beide Partner, die großen Verfolger wie die 
armen Vernichteten. Die Helden seiner Phantasien tragen alle die Züge gewalt- 
tätiger Männlichkeit, die er bei seinem Angstwesen fürchtet: es sind beißende, fres- 
sende Tiere und grausame Menschen, mächtige Zauberer und kriegerische Könige. 
Welche Fähigkeit sie zu wirklichen Helden stempelt, erläutern die Kraftproben, mit 
denen sie ihren Heldenmut zu beweisen haben : sie müssen z. B. einen Baum mit der 
Schere abschneiden, d. h. kastrieren können, das, was er von der Autorität, dem 
strafenden Vater, befürchtet. Auch seiner gehemmten Motorik verschafft er in den 
Spielen Abfuhr, indem er sie mit wilden Gebärden und erregten Worten begleitet. 
So gewöhnt er sich daran, beim Sprechen mit Händen und Füßen zu zappeln, und 
auch sein Stottern bekommt das Gepräge verhaßter Übererregtheit. 

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Wir überschauen nun im wesentlichen, wohin die Anstrengungen, der überwälti- 
genden Kastrationsangst Herr zu werden, geführt haben. Das Kind ist von den An- 
sätzen männlich-genitaler Einstellung, wie sie der Onanieversuch bei der Mutter im 
fünften Jahre zeigt, aus Angst vor der Kastrationsstrafe zurückgeprallt. Sein Leben 
hat sich gleichsam in ein reales und ein irreales gespalten. In der realen Welt hat 
er, um der Gefahr zu entgehen, nicht nur zahlreiche Phobien gebildet, die ihn von 
allen Seiten her hemmen, sondern überhaupt auf aktiv-männliches Sichausleben ver- 
zichtet und entwickelt sich extrem weiblich zur völligen Triebhemmung. In die ge- 
fahrlose Phantasiewelt trägt er unter männlicher Flagge sein gesamtes Triebleben, 
um es dort, Wirklichkeit vergessend, im Spiel auszutoben. 

Besonders auffallend war, wie frühzeitig bei diesem Kinde bereits der Prozeß der 
Verinnerlichung der Angst eingesetzt hatte. Zur Besprechung seiner frühesten Phobie, 
der Badeangst, hatte eine Äußerung in der ersten psychoanalytischen Stunde geführt. 
Auf die Frage der Analytikerin, seit wann er stottere, antwortete der Knabe: „Ein- 
mal saß ich im heißen Bad, da kam ein innerer Geist und war mit der Welt unzu- 
frieden." Es stellte sich heraus, daß er mit dem „inneren Geist" jenes schon er- 
wähnte Kindermädchen meinte, von der er die ersten Onaniedrohungen bekommen 
hatte. Der Konflikt mit dieser Strafperson war in seiner Antwort an mich bereits 
verirmerlicht dargestellt, als Unzufriedenheit eines „inneren Geistes". Böse Geister 
nannte er auch die Hexen imd Zauberer, die ihm nachstellten, und hinter denen wir 
sehr rasch die drohenden Elterngestalten erkennen konnten. Auch die Einwirkung 
dieser Geister fühlte er deutlich als eine von innen her kommende. In einer Ausein- 
andersetzung über die Existenz von Teufeln fiel ihm ein, daß die Teufel wohl in 
einem selbst seien, als „innere Geister". Er könne ja zum Beispiel deutlich hören, 
wie ein böser Teufel sage: „Tu den Finger an die Nase", — schon ist der Finger 
an der Nase, gleich drauf ein guter: „Weg mit dem Finger von der Nase" — gleich 
ist er wieder weg. 

Der Weg zur Analyse der Kastrationsangst mußte von den phobischen Symptomen 
ausgehen, von denen der Knabe sich am meisten gequält fühlte, zumal von der 
Geisterphobie als einer schon vom Uber-Ich her wirksamen Angst, vor der es kein 
Entrinnen gab. 

Seinem femininen Wesen gegenüber spürte er zuerst keinerlei Krankheitseinsicht, 
der Zusammenhang mit der Angst wurde verleugnet. „Ein gutes Schoßkind zu wer- 
den", postulierte er geradezu als Ideal, und seine Gedanken über einen zukünftigen 
Beruf ließen als entscheidend nur gelten, ob er bequem und gefahrlos sei. 

Das von den Eltern entworfene Vorbild des tapferen Jungen entwertete er über- 
zeugend, indem er ein unantastbares lebendes Vorbild dagegen hielt, den Groß- 
vater, den Rentier, der jauch „nichts zu tun habe und sich vom Vater erhalten 

lasse". 

Es leuchtet ein, welche Hilfe dieser Identifizierungsversuch in seinem Kampf um 
den Penis bedeutet: er versucht selbst in das feminine Lager, in das er sich aus 
Angst geflüchtet hat, seine Männlichkeit hineinzutragen. Der Großvater ist der Vater 
der Mutter, der er ähnelt, er scheint infolge seines Alters wie sie auf die Männ- 
lichkeit, also auf den Penis, verzichtet zu haben. Andererseits ist er doch ein Mann, 
also die Mutter mit dem Penis, ja noch mächtiger als der Vater, steht über ihm, 
auch in der Liebe der Mutter, wie er wohl ganz richtig fühlt. So schmuggelt die 
Aussicht, ihm zu gleichen, in den Verzicht auf die Männlichkeit sogar einen Sieg 
der Männlichkeit hinein. 

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In dem Maße, wie er seine Schlaraffeneinstellung als angstbedingt erkennt und 
analysiert, kehrt sich sein Urteil über den Großvater um. Er empfindet nun die 
Groß- und Urgroßeltern als den Eltern sehr unterlegen, „weil sie ja vom Alter so 
klein geworden seien". Daraus erwächst eine neue Möglichkeit der Angstüberwindung: 
„Wenn ihr alt seid, du und der Vati", sagt er, „dann bin ich groß und stark und 
ihr seid dann alle klein und schwach wie ein Kind." 

Aus seinen Beziehungen zu den Tieren erfahren wir: seine Mutter hat sich einen 
Papagei angeschafft, mit dem sie sich viel beschäftigt. Das erregt nicht nur seinen 
geschwisterlichen Neid, sondern wird ihm vor allem zum Anlaß, dem Vogel gegen- 
über die Vaterrolle zu übernehmen. Auch seine Hundephobie erfährt in dieser Zeit 
eine Umgestaltung. Die Angst vor Hunden verwandelt sich spontan in eine sehr ambi- 
valente Liebe, hinter der die Angst noch deutlich sichtbar ist. Er wünscht sich 
brennend ein Hündchen, dem er Vater sein und mit dem er „alles machen könne". 
Das Angsttier, der allmächtige, gefährliche Vater, wird zum Tierchen erniedrigt, das 
in seiner Macht ist und nun vor ihm Angst haben muß. 

Hinter diesen Phantasien deckt die Analyse noch mehr auf. Sie enthalten die seit 
der Geburtsaufklärung entstehenden Wünsche, selbst ein Kind zu erzeugen und zu ge- 
bären, deren Inhalt uns seine Bisexualität verrät: „Durch einen Zaubertrank entsteht 
bei ihm außer dem Glied ein Loch, in das er sich selbst befruchtet und durch das 
er ein Kind gebiert." In diesen narzißtischen Phantasien, in denen er gleichzeitig als 
Mann wie als Weib fungiert, stellt sich der Ausgang des Kastrationskampfes ent- 
sprechend in doppelter Weise dar: Aus seiner Zaubererangst verstehen wir, was es 
heißt: durch einen Zaubertrank ist bei ihm ein Loch entstanden. Er ist wirklich vom 
Vater des Penis beraubt, zum Weibe gemacht, doch dafür kann er wie ein Weib 
ein Kind gebären. Insofern er aber sich selbst koitiert und befruchtet, siegt die 
Männlichkeit: er hat ein Glied, mit dem er das Weib befruchten kann, er ist selbst 
der Zauberer, der sich zum Weibe macht, sich kastriert. Nichts könnte stärker das 
Ringen des Kindes mit seiner Kastrationsangst zum Ausdruck bringen als diese 
bisexuellen Phantasien. Seine Einstellung zu dem Kinde ist eine sehr ambivalente. Er 
wird es pflegen, umsorgen, kurz, lieben, wie ihn der Vater, bzw. die Mutter lieben, 
aber vor allem wird er es schlagen, strafen, zu allem zwingen, wie man es mit ihm 
tut. Im Spiel muß die Analytikerin den Vater darstellen, der zum Kinde erniedrigt 
ist, den Vogel, den Hund, der ihm gehört. Er ist der Vater, und er tyrannisiert 
mich mit allen Anzeichen der Lust in der grausamsten Weise. Es ist wie der Versuch 
einer karikierenden Verhöhnung all seiner Erzieher und Lehrer, deren Eigenschaften 
und Befugnisse er konzentriert und verschlimmert nachzuahmen versucht. 

Der grausame Vater verkörpert in den Spielen die gewalttätige Männlichkeit des 
phantasierten Helden, und das folgsame Kind, das sich quälen läßt, ist die andere 
Seite desselben Helden, das zur Weiblichkeit erniedrigte Kind. Es kommt also in 
den Spielen hinter den Strafinhalten der gleiche sexuelle Inhalt zum Vorschein wie 
in den Selbstbefruchtungsphantasien: Er ist der Knabe mit dem Penis, er ist der 
Held, der Strafvater, der sich selbst zum weiblichen Kind macht, kastriert und 
sadistisch behandelt. Ist aber in jener Phantasie der Akzent noch stark auf der 
femininen Seite, wie besonders die Gebärphantasie verrät, so zeigt das Vaterspiel 
bereits eine zugunsten der Männlichkeit verschobene und weniger narzißtische Ein- 
stellung. Diese Spiele leiten tatsächlich einen Umschwung in seiner Entwicklung ein, 
der den Durchbruch seiner Phantasie-Männlichkeit in die Realität bringt. 

Nach etwa sechsmonatiger psychoanalytischer Arbeit sind die Symptome nahezu 

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verschwunden, seine allgemeine Ängstlichkeit nimmt sehr ah. Er traut sich allein auf 
die Straße, in dunkle Räume, er fürchtet sich kaum noch vor großen Hunden und 
kann seine Hexen- und Zauberangst selbst nicht mehr begreifen. Seine Sprache hat 
sich auffallend gebessert, die Eßstörung wird langsam überwunden. 

In dem Maße, wie seine Ängste zurückgehen, steigt seine Aktivität. Er 
ist jetzt in der Obhut der Portiersfrau und hält sich viel bei den Leuten auf, die 
ihn allerlei lehren können, was nicht in der Sphäre der ebenso hochgeistigen wie 
triebfremden Eltern liegt: also etwa basteln, hantieren, holländern und rodeln, aber 
auch sich gewöhnlicher ausdrücken und benehmen. Infolge der Besserung der Eß- 
unlust nimmt er in kurzer Zeit neun Pfund zu und gewinnt an Körperkräften wie 
an Gewandtheit. 

Sein Umschlag in die Aktivität zeigt aber einen ganz besonderen Anstrich. Er 
schließt nach der anderen Seite hinüber und beginnt ein Gassenbubenideal 
zu entwickeln. Seine aggressiven Impulse brechen in vielen Aktionen durch, und die 
Eltern und Erzieher klagen, daß er unglaublich frech und respektlos sei. So erlebt 
er im Ansatz die Verwirklichung seiner früher in der Realität verpönten, nur in der 
Phantasie erlaubten Wunschvorstellungen, der Kaiser, der Papst, der Herr der Welt 
zu sein. Die grausamen, gewalttätigen Helden der Sage, der Zauberer, der Teufel, 
der Wassermann des Märchens entflammen ihn jetzt als erlaubte Idealgestalten, mit 
denen er sich zu identifizieren versucht. 

Dabei scheint er nicht nur frei von Schuldgefühlen, er ist selbstzufrieden und 
stolz auf sein neues Wesen, ohne Angst vor Strafen und fühlt sich nicht nur mit 
sich, sondern auch mit mir im Einverständnis, wenn er der Verwirklichung des neuen 
triebhaft-gewalttätigen Ideals nachjagt. Die Analyse scheint eine verführende Wirkung 
gehabt zu haben. „Ich glaube", sagt er der Analytikerin, „dir ist's lieb, wenn ich so 
ungezogen bin. Du schimpfst ja doch nicht darüber. Ich soll ein Junge sein, und 
Jungens sind halt frech." „Das ist fromm", meint er ein andermal von seiner Unge- 
zogenheit, „was mir früher unfromm war, ist mir jetzt fromm. Du hast es ja gesagt, 
all das Verbotene, — du weißt schon, — das ist nicht unanständig, darüber kann 
man reden. Die großen Männer tun es doch auch. Die Raubritter überfallen Burgen, 
töten die Männer und nehmen die Mädchen mit." Er gesteht, daß er sich wünsche, 
Mädchen, die ihm gefallen, zu entführen. Er wird sie zu sich nehmen, sie mit gol- 
denen Ketten anschmieden. Sie müssen ihm dienen, werden von ihm zu richtiger 
Zwangsarbeit verurteilt, und er kann mit ihnen machen, was er nur will. 

Man kann hier den Fortschritt von der narzißtisch-homosexuellen Phantasie zur 
heterosexuellen Objektbeziehung erkennen, er scheint auf die feminine Rolle selbst 
verzichtet zu haben, ist der sadistische Mann, der sich in der Außenwelt ein maso- 
chistisches Weib als Liebesobjekt sucht. In Wirklichkeit hat er noch keineswegs die 
eigene Femininität richtig überwunden. Seine Bisexualität hat eine neue Prägung er- 
halten, indem er nebeneinander hetero- und homosexuelle Phantasien entwickelt und 
es ist zum Durchbruch sowohl des männlichen Sadismus wie des weiblichen 
Masochismus in die Realität, zur offenen sado-masochistischen Perversion gekommen. 
Wie schon in den Spielen neben der Heldenrolle die der Besiegten, so triumphiert 
jetzt neben dem realen Sadismus die masochistische Perversion als verkappter Sadis- 
mus, als Weg zur Männlichkeit. 

Von dem Durchbruch des Masochismus aus kommt es aber öfters zu merkwürdigen 
Rückschlägen. Einmal kommt er z. B. strahlend aus der Schule, berichtet triumphierend 
seine schlechten Arbeiten, ungerührt von dem Entsetzen seiner Kinderfrau, und ruft 

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mit allen Zeichen lustvoller Erregimg: „Ich will ein recht ungezogener Bub werden, 
dann werde ich vom Vater geschlagen. Ich werde sogar einmal ein ganzes Zimmer 
kaput trampeln, dann wird der Vater mich schon richtig prügeln." Als die Kinderfrau 
ihm nun aber droht, diesmal bei dem Vater für wirklich strenge Bestrafung zu 
sorgen, schlägt er plötzlich um und wird im Handumdrehen wieder vom furchtlosen 
Lausbuben zum ängstlich anschmiegsamen, neurotischen Schoßkinde. 

Wie schon erwähnt, sieht die Verfasserin eine entscheidende Ursache für die 
schwere Entwicklungsstörung im Falle dieses Knaben in der Uneinheitlichkeit der 
Erziehungseinflüsse. Die Rolle der Eltern und anderen Erziehpersonen war von An- 
fang an eine doppelte gewesen. Durch die allzu große Zärtlichkeit der Mutter 
und besonders der Großmutter gegenüber dem einzigen Kinde war von vornherein 
eine ständige überstarke Verführungssituation geschaffen. Die ängstliche 
Verweichlichung und bedienende Verwöhnung des Kindes mußten aber früh seinen 
Sadismus lähmen, seine Bewegungsfreude unterdrücken, die Entwicklung im 
Sinne knabenhafter Aktivität imterbinden und in die weibliche Richtung lenken. 
Dann setzen besonders frühe und starke Kastrationseinschüchterungen 
ein, die weder von den Frauen, Mutter und Kindermädchen ausgehen und durch 
die ärztlichen Eingriffe traumatisch realisiert werden. Das Kind tritt, nachdem ihm 
auch der Weg zu einer vom direkten Sexualziel abgelenkten männlichen Aktivität 
versperrt ist, den Rückzug in die Neurose und Weiblichkeit an, die 
wiederum von den Frauen nach der triebhaften Seite hin gesteigert wird. 

Gleichzeitig erfolgt von Seiten der Eltern die Gegenaktion: die Mutter droht 
ihm, diesmal wegen seiner Weiblichkeit, mit dem Verlust des Penis und will ihn zur 
Männlichkeit erziehen durch übersteigerte Anforderungen, es dem Vater in richtiger 
mutiger Knabenhaftigkeit gleichzutun. Der Vater unterstützte sie, indem er ihm zur 
Anregung grausige Heldengeschichten erzählt und wilde Spiele mit 
ihm aufführt, wo man sich kannibalisch bekämpft und auffrißt. So stachelt man ihn 
nicht nur zum Austoben seiner aggressiven Männlichkeit in der Phantasie an, son- 
dern unterstützt gleichzeitig die aktiv- und passiv-homosexuellen Antriebe, verstärkt 
und erotisiert seine Angst. Also schwere Kastrationsdr ohungen erst gegen die männ- 
lichen, dann gegen die weibliche Triebansprüche, und doch Verführung, ja, Anspor- 
nung zu beidem. 

Frau Dr. Jacobssohn erörtert dann zusammenfassend die Wirkung der treibjagd- 
artig von zwei Seiten her gegeneinander wirkenden Drohungen (gegen die Männ- 
lichkeit und gegen die Weiblichkeit), geht auch ausführlich auf die Ursache und auf 
den Charakter der Rückfälle ein und erörtert dann im Zusammenhang mit diesem. 
Fall eine Reihe von theoretischen psychoanalytischen Gesichtspunkten. Ihre zweite 
Krankengeschichte handelt von einem 28jährigen Zuhälter mit einer schweren Akti- 
vitätshemmung, einer Reihe von phobischen und Zwangssymptomen und mit poly- 
morph-perverser Sexualbetätigung, bei der ein seit dem sechsten Jahre entwickelter 
Knopffetischismus, schwere sadomasochistische Perversionen und transvestitische Nei- 
gungen die Hauptrolle spielen. 

Auch in diesem zweiten Falle konnte eine Mischung von extremen Erziehungs- 
methoden, von starken Verwöhnungen und heftigen Drohungen und Strafen als ent- 
scheidend entwicklungshemmender Faktor aufgedeckt werden. 



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Ritter Knut, Edler von B. 

Von Karl P i p a 1, Reichenau 



Ritter Knut. Edler von B., hat zwei klösterliche Lehrerinnen-Bildungsanstalten 
besucht. In der ersten verblieb sie, es handelt sich nämlich um ein Mädchen 
aus ärmlichen Verhältnissen, nur ein Jahr. Ritter Knut konnte dort nicht „warm" 
werden, denn es herrschten „im ganzen Hause recht ungesunde Verhältnisse", 
alles war so „furchtbar sentimental", die 14jährigen Schulkolleginnen schwärmten, 
verbrachten ganze Nächte zu Paaren in den Betten, küßten, „litten und weinten 
viel" — nur Knut stand allein und verlassen da. So kam es, daß Knut nach 
der Vorbereitungsklasse in eine andere Anstalt übersiedelte. Recht einfach und 
selbstverständlich klingt dies, aber zwischen der Vorbereitungsklasse und der 
Übersiedlung in eine andere Anstalt liegt eine schwere Zeit. Knut lehnte sich 
auf, hatte mit den Eltern, die von dieser Anstalt alles erwarteten und die 
Kosten einer Übersiedlung scheuten, schwere Kämpfe zu bestehen. Aber Knut 
wäre dort „verkommen und trotz einer glänzenden Begabung glatt durchgefallen", 
fühlte die unbedingte Notwendigkeit, aus diesem „Käfig" herauszukommen, 
hielt wacker aus, siegte und behielt recht, denn er traf im neuen Heim grund- 
verschiedene Verhältnisse und einen „frischen, heitereren Zug" an. Die Disziplin 
war freilich noch strenger, man stellte an die Kandidatinnen auch im unter- 
richtlichen Sinne weit höhere Anforderungen, dafür aber brachten die Muße- 
stunden reichlich Entschädigung, denn der Jahrgang hatte ein vorzügliches 
Unterhaltungsmittel ersonnen. Ja, dieser Jahrgang ! Er bildete vier Jahre hindurch 
nach außen hin eine untrennbare Einheit, jedes Mädchen war bestrebt, auch 
die „Schlechten" ins „beste Licht" zu rücken und für die anderen durchs Feuer 
zu gehen. Tratschereien, Anzeigen und hinterlistiges Ränkespiel gab es über- 
haupt nicht, man lebte sich eben in den Mußestunden aus und spielte Theater. 
Alles, was nur irgendwie dramatisierbar erschien, mußte herhalten und wurde 
mit verteilten Rollen aufgeführt. Im „Stegreif dichten" fanden die geschmeidigen 
Mädchenzungen ein willkommenes Betätigungsfeld und je schauriger, gruseliger 
und toller der Inhalt, desto größer das „Theater". Der Deutschunterricht, den 
übrigens ein „entzückender geistlicher Herr" erteilte, gab Anregungen in Hülle 
und Fülle, aber man fand, daß die deutschen Dichter, wenigstens die, die man 
in die Hand bekam, eigentlich recht zahme, harmlose Stücke geschrieben haben, 
dichtete recht viel „Wildes" hinein und schuf so Theaterstücke, die nun der 
herrschenden Geschmacksrichtung entsprachen; man liebte Blaubärte, Massen- 
mörder, Mädchenhändler, kühne Jäger, die unermeßliche Jagdbeute aufzuweisen 
hatten, und dann ihren Opfern die Haut abzogen, die Bauchhöhle öffneten, um 
die Eingeweide und die anderen Innereien herauszunehmen, und diese Geschmacks- 
richtung beherrschte unsere Lehramtsanwärterinnen in ungeschwächtem Maße 
vier volle Jahre hindurch, also bis zu ihrem 19. Lebensjahr! In der szenischen 
Darstellung war man bemüht, alles so realistisch wie nur möglich vorzuführen. 
So zog zum Beispiel Herr Heinrich von der Aue mit seinem Jungfräulein nach 
Salerno — durch den Anstaltsgarten, über den Gang in eine Klasse — das 
reine Mädchen kam auf den Tisch des Arztes, d. h. es wurde aufs Klavier ge- 
legt, „behutsam öffnete ihr der Arzt das Kleid und schritt dann an die Opera- 

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tion". Vorher aber „wetzte er sein Messer" — er rieb einen Federstiel an 
einem Lineal. Das Messerwetzen fand begeisterte Aufnahme und mußte imrner- 
wieder vorgemacht werden. Im Schlafsaal vor dem Einschlafen war hiezu die 
beste Gelegenheit: ganz „unvermittelt" fiel es oft einem Mädchen ein, es er- 
griff den Spiegel mit dem langen Griff, an dem nun ein Kamm als Messer ab- 
gezogen wurde; das Messerwetzen war da und ein allgemeines Gekicher dankte 
für den glücklichen Einfall. Den gleichen Erfolg hatte auch schon das hinge- 
worfene Wörtchen Messerwetzen, es half auch am Tage über manch traurige 
Stunde hinweg. Viel Verständnis brachte man auch den Balladen entgegen- 
Lenore erlebte gar oft „das grause Wunder" und aus dem kurzen Gedicht von 
Uhland „Die Rache" wurde ein ausgedehntes Theaterstück, in dem das Reiten, 
auf einer auf allen Vieren kriechenden Freundin, das meuchlerische Niederstechen 
des Ritters mit „einem langen Staberl", der Todeskampf des ungetreuen Knappen, 
der durch die schwere Rüstung, das Gewicht eines auf ihm knieenden Mädchens 
in den Grund gezogen wird und sich durch kräftige schwimmartige Arm- und 
Beinbewegungen dagegen sträubt, zur Darstellung gelangten. All das brachte 
viel Freude, bereitete viel Genuß und wurde recht häufig geübt. Ferner gab 
es Trauungen, Begräbnisse, meisterhaft gestellt, aber es gab auch beaufsichtigende 
Schwestern, denen sicherlich jedes Verständnis fürs „Theaterspielen" mangelte 
und der so drohenden Gefahr des Überraschtwerdens wurde durch geschicktes 
Überleiten vom Theaterspiel zu einem „harmlosen, zahmen Reigen" stets wirkungs- 
voll begegnet. 

Unser Ritter Knut, der eigentlich erst in dieser Anstalt zu seinem Ehren- 
namen gekommen war, spielte nun in jenen Theaterstücken stets die männlichen 
Rollen mit so edler Begeisterung und so wunderbar naturgetreu, daß er eben 
zum „Ritter Knut" wurde und ihm gar bald die begehrenden Blicke und Herzen 
der „hochedlen Ritterdamen" zuflogen. Besonders Lotte und Irene waren ihm 
herzlich zugetan, zwischen beiden erhob sich ein edler Wettstreit, in dem 
Lotte schließlich den Sieg davonzutragen schien; Ritter Knut und Lotte galten 
nämlich gar bald als verlobtes Paar. Aber Lotte hatte wenig „ Hausfrauentugenden u - 
Ritter Knut, damals 17 Jahre alt, begann seine Augen auf die zu größeren 
Aufopferungen fähige Irene zu werfen und mußte die Vorwürfe seines „Bräut- 
chens" über sich ergehen lassen. Wer aber glaubt, daß es nun seitens der ver- 
nachlässigten Braut zu furchtbaren Eifersuchtsausbrüchen gekommen sei, irrt 
gewaltig, es war ja in dieser Anstalt alles viel lustiger, gottlob nicht so furchtbar 
„sentimental" wie in X. Muß denn auch immer derb aufgetragen werden, ge- 
nügt uns etwa folgendes Gedicht nicht? 

Knut, mein vielteurer Bräutigam. 

Sei geknetet mir, geküßt aus Leibeskräften! 

Das als Gruß und Eingeleite der Epistel. 

Mögen Rosen sich an deine Fersen heften! 

Doch nun neig dein Öhrchen meinem Liebsgelispel! 

Du meines Herzens trauter Spießgeselle, 

Dein süßer Brief allein trägt die Schuld davon, 

Daß mein trockenes, doch sonst so kompaktes Beingestelle 

In feuchten Jubel wonnesam zerronn. 

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Daß du kein Datum weißt, mein Sohn, ist sehr verdächtig. 
Auch hast im Kirchenjahr du dich verrannt. 
Führ' eine Wahrheit zu Gemüt dir ganz bedächtig. 
Daß vor Pfingsten 1 Ostern 2 kommt und noch Advent 3 . 

Mein Trauter, weißt, so leicht laß ich mich nicht betakeln 
Und mich nicht bringen mn'nen Hochgenuß. 

An deinem Treugelöbnis, Männchen, sollst du mir nicht wackeln, 
Folglich ich drei Küsse statt des einen kriegen muß! 

Nun zum Schlüsse, Knut, mein Treuer, hör' zwei weise Lehren: 
Habe Gott vor Augen und der letzten Dinge Viererzahl 
Und trinke Ziegenmilch, so tut sich deines Geistes Licht vermehren, 
Und denke nicht zu oft an Y., das stört die Verdauung jedesmal! 

So, mm hab ich zweimal eine Stunde 

Der edlen Poesie gepflogen: 

Doch nun ist's aus. Der Geist sank zum Grunde 

Die holde Muse ist davongeflogen. 

Und Lotte wurde dennoch nicht Knuts Gemahl, Irene verdrängte sie und 
wurde sein angetrautes Weib. Knut hielt sie streng, forderte allerhand Dienste, 
legte auch zuweilen sein widerspenstiges "Weibchen übers Knie, haute es fest 
durch und erreichte damit ein noch größeres Ansteigen der „dienenden" Liebe. 
Knut und Irene waren die besten Freundinnen. Gott, es waren herrliche 
Zeiten! Knut wurde bedient, Irene lebte nur für ihn, aber recht lustig, nicht 
so „furchtbar sentimental"! Ja, lustig, recht lustig, bis es zu einem gewaltigen 
Krach kam, da Knut durch Zufall entdecken mußte, daß Irene im höchsten 
Maße untreu sei, sich selbst befriedige. Dies löste in seiner Brust eine furcht- 
bare Erbitterung aus. Knut ging gegen sein Weib „schrecklich gemütsroh" vor 
und drang auf Scheidung. Irene mochte jammern, betteln, beschwören, es half 
ihr alles nichts und selbst als sie fortfuhr, ihrem Herrn und Gebieter als stille 
Dulderin weiter alle Wünsche von den Augen abzulesen, konnte sie damit keine 
Gnade finden. Arme Irene, was mag sie in den Ferien gelitten haben! Wie oft 
wird sie an ihren Knut gedacht und sich nach ihm gesehnt haben? Sie schrieb 
rührende Briefe und bekam nur Vorwürfe zu hören. Nur ein Beispiel: 

Mein hochverehrter Herr und Gebi eter! Alleruntertänigst erlaube ich mir, 
für den lieben Brief, der mich so gesund angetroffen hat, wie er Sr. Gnaden ver- 
ließ, zu danken; deshalb ergreife ich nun die Feder und versuche, einen Euer 
Gnaden würdigen Brief zu schreiben. Der ungestopften Socken wegen muß ich um 
Entschuldigung bitten und zugleich um Aufschub, sintemal ich in meinen eigenen 
Strümpfen faustgroße Löcher besitze ... (Es folgen nun einige Stellen, in denen 
sich Irene bemüht, „halbwegs vernünftig" zu reden und die für uns, da es sich um 
Vorbereitungsarbeiten für einzelne Gegenstände im nächsten Schuljahr handelt, be- 
langlos sind, dann aber heißt es weiter:) Leider kam Dein guter Rat (gemeint ist 
die Aufforderung, sich von dem Laster der Onanie loszureißen), wie so vieles im 
Leben, zu spät. Ach, hätte ich doch Dir, mein teurer Gemahl, mein Leid geklagt! 



1) Vor Irene, 2) Lotte, 5) Nichts d. h. zuerst kommt Lotte, dann kommt ein langes 
Nichts und dann erst kommt vielleicht Irene. 

— 301 — 



Glücklicherweise bin ich genau so gemütsroh wie Du. Ich hoffe, Du verzeihst den 
Vergleich! Ich kann Dir nicht sagen, wie ich mich freue, Dich wieder zu sehen. 
Unsere zarten Seelen werden Zwiesprache halten. Stoff für diese Unterhaltung ist in 
Hülle und Fülle vorhanden ... Es grüßt Dich herzlich, Ib. Gemahl, Dein trautes 
Weib Irene. 

„Warum hab ich Dir, mein teurer Gemahl, nicht mein Leid geklagt!" Zu 
spät! Unser Ritter blieb auch im nächsten Schuljahre hart und die „zarten 
Seelen hielten nie mehr Zwiesprache". „Alles war in meinem Innern wie 
herausgerissen", versichert Knut. Aber die Hartherzigkeit und Gefühlsroheit 
löste in Knut schwere Schuldgefühle aus, Irene, das Übel, saß zu tief in seinem 
Herzen, sein garstiges Vorgehen erheischte Buße und führte zur Selbstbestrafung. 
Ritter Knut beschloß, sich nie mehr satt zu essen, fastete als willensstarker 
Mensch in der Tat mehrere Monate, kam körperlich „auf den Hund", wurde 
noch mehr gefühlsroh, ohne sein Schuldgefühl zu verlieren. Knut weint noch 
immer seinem Weibe nach und sein Zustand verschaffte sich nach mehr als 
drei Jahren in einem Brief an einen etwas jüngeren Freund, der mit sich selbst 
in arger Fehde lag und sich in seiner Seelennot vertrauensvoll an Knut 
wandte, in folgender Stelle Ausdruck: „Aber da kann ich Dir wiederum zum 
Tröste sagen. Es ist mir ganz gleich ergangen. Ich habe Felder erkannt, sie 
bis zum äußersten bekämpft und bin dabei so verroht, daß sich meine Mit- 
menschen nicht wenig geschreckt haben. Ich weiß nicht, vielleicht kommt es 
daher, weil man zu viel Kraft braucht. Aber wirst sehen, man kann auch 
kämpfen, ohne gefühllos zu werden, nur darf man die Sache des Überwindens 
nicht zu weit treiben — wie ich es gemacht habe. Ich bin nicht imstande, Dir 
über dieses Kapitel gute Ratschläge zu erteilen, ich kann Dir nur sagen, Dein 
Gefühl darfst nicht dabei verlieren!" . . . 

Und Lotte? Lotte, unfähig, auf ihren Knut gänzlich zu verzichten, fand 
einen Ausweg, wurde zu seinem Sohne Sven und blieb es auch, als die Ehe 
in Brüche ging. Sven hat noch immer ein Plätzchen im Herzen des jetzt 
20jährigen Ritters, der überaus glücklich ist, wenn für ihn ein Brieflein als 
Beweis alter Liebe und Treue einlangt und Svens Briefe sind „glühend, wie 
am ersten Tag". Hier eine kleine Probe: Ritter Knut, Edler von B. ! Ehrwür- 
diger Vater Knut! . . . Sven, Dein Sohn, dankt seinem hohen Vater für Gruß 
und Kuß und Lebenszeichen, er hat seine Seele in ihren tiefsten und Tiefen ab- 
gründigsten Abgründen, deren sie ja genug hat, erschüttert, gefreut, erhoben, 
entzückt, erbaut usw. Svens Herz lodert seinem durchlauchtigsten Vater mit 
ebenso unendlicher Sehnsucht entgegen und es würde verbrennen und sich ver- 
zehren wie eine Pechfackel ohne Anwendung von Heronsball und Feuerspritze 
usw. Sven denkt täglich zwölfmal an seinen Vater und sieben Tage in der 
Woche sind seinem hohen Andenken geweiht. Sven denkt an seinen Vater 
wenn er die Lichter des Himmels betrachtet, der Orion, das Sternbild der 
Liebenden, ist der Vertraute von Svens heimlichsten Sehnsüchten, dabei ist 
Svens Kopf so benebelt wie der eines Kometen, der seinen Schweif irgendwo 
im Weltenraum verloren hat. Sven hat auch etwas Kostbares, Liebes, Teures 
verloren, aber nicht im Weltenraum, sondern in B. Sven denkt auch an seinen 
Vater und weint entschwundenen Zeiten und versunkenen Herrlichkeiten nach. 
(Wenn man als fast 20jährige Lehrerin innehält und sich besinnt, was man 
geschrieben hat, so mag einen die ganze Geschichte doch ein wenig lächerlich 

- 302 - 



anmuten, man läßt aber alles stehen, erklärt es nur als Scherz oder Augen- 
blickslaune und fährt dann im Ernst fort, daselbst mit anderen Worten zu 
sagen. So will meiner Meinung nach die Wendung, die der Brief nun nimmt 
verstanden sein.) Na, jetzt ist mir aber schon ernst! Liebe, liebe, teure Luisl! 
Ja, sag einmal, kannst Du hellsehen oder Gedanken lesen, — in mir schaut es 
gerade so aus wie in Dir. Ja, wenn ich nur einmal wieder bei Dir sein könnte, 
Du lieber, sonniger, lustiger Kerl und wir wieder miteinander die Streiche 
machen könnten, die wir in Y. machten! Ich denke oft zurück an die Zeit, 
am liebsten aber an Dich und an die Stunden, die wir gemeinsam verbrachten, 
verlernten, verbummelten und verschwatzten. 0, das war noch schön, ja, die 
schönste Zeit haben wir hinter uns! Das waren die ungetrübtesten Stunden, 
daran knüpft sich keine Erinnerung an Sentimentalität, Mißverständnis und 
Eifersucht. . . . Oft habe ich so Heimweh nach allen und nach Dir besonders. 
Bist Du allein? Hast Du niemand, mit dem Du gehst? Mir geht es auch so. 
Solch ein liebes, lustiges, daneben aber auch ernstseinkönnendes Mädel gibt's 
bei uns nicht. Nein, die schöne Zeit ist vorüber! Wenn wir mitsammen irgend- 
wo Gaß hiatn (Ziegen halten) wären! Herrgott no-mal-eini, dös war a Hotz! 
Wenn wir so miteinander auf einer Alm oben einen ganzen Sommer lang 
Ziegen hüten könnten! Nie ins Dorf herunter zu den Leuten kämen, lebten 
wie Zigeuner im Wald! Schad, daß alles Schöne die verdammte Eigenschaft 
hat, unmöglich zu sein! Wär's nicht hetzig, wenn zwei so edle Herrn, Vater 
und Sohn, aus altadeligem Rittergeschlecht Gaß hüten würden? Die Gaß wären 
dann unsere Knappen und Pagen und Dienstmannen und wir, ja, wir wären 
zwei so glückliche Kindsköpfe. Aber die Wirklichkeit ist grausam anders und 
das Leben hat keine Romantik mehr! Ja, wenn ich eine Stelle hätte, selb- 
ständig wäre und einen Haufen Geldes verdiente, mit dem ich machen dürfte, 
was ich wollte, ja, dann hättest Du mich bald auf dem Hals. Ich bin auch 
daheim wie Du, stellenlos, arbeitslos, brotlos, . . . ich schicke Dir auch ein 
Konterfei von Deinem Sohne Sven, vielleicht freut es Dich ein wenig. Nun 
tausend innige Grüße von Deinem treuen Sven. 

Ja, Irene und Lotte haben die schönsten Zeiten hinter sich! Irene unterlag 
damals hartem Zwange und fühlte sich in der echt weiblichen Unterwerfung 
und Hingabe so unsagbar glücklich. Sie war froh, gehorchen zu dürfen, blickte 
vertrauensvoll zu Knut, ihrem Herrn und Gebieter, auf, für den und in dem 
sie weiterlebte. Knut, der hehre, stattliche Held, der frei war von der Onanie 
und so leidenschaftlich das Laster verdammte, stellt ihr eigenes Ich-Ideal dar, 
das sie so heiß liebte, weil sie es immer wieder beleidigen mußte, und dem 
ihr versöhnenwollender Opfermut galt. 

Auch Lotte, die vielleicht von Natur aus für die Rolle eines trauten Weib- 
chens nicht so recht paßte, fand in ihrem ehrwürdigen Vater Knut einen un- 
gemein wertvollen Menschen, einen lieben, sonnigen, daneben aber auch ernst- 
seinkönnenden Kerl, in dessen Nähe sie das Gefühl des Geborgenseins durchkostete, 
der geduldig auch den tollsten Phantasien Gehör schenkte, gute Ratschläge er- 
teilte, bei allen Streichen mittat, ohne, wie es wirkliche Väter tun, griesgrämig 
zu brummen, der mitfühlen konnte, der aber in seiner ganzen Persönlichkeits- 
entfaltung schon viel weiter fortgeschritten war als sie selbst (Vater- Sohn!). 
Auch Lotte sah in Knuts Wesen ihr Ideal und so verstanden, hat sie in der 
Tat etwas Kostbares, Liebes, Teures verloren und Briefe, die aus B. kommen, 

- 303 - 



sind Balsam auf ihr wundes Herz, wenn sie vielleicht auch nicht mehr das be- 
wirken, was sie dereinst durch folgende Worte ausdrückte: „Dein süßer Brief 
allein tragt Schuld davon, daß mein trockenes, doch sonst so kompaktes Bein- 
gestelle in feuchtem Jubel wonnesam zerronn." „Ja, wenn sie eine Stelle hätte, 
selbständig wäre und einen Haufen Geldes verdiente, dann hätte ich Knut bald 
auf dem Hals." Lotte steht bis jetzt vollkommen isoliert da und hat so Heim- 
weh. Warum muß auch alles Schöne die verdammte Eigenschaft haben, un- 
möglich zu sein? 

Wird Lotte gesunden? Nun, „die Liebe junger Leute gleichen Geschlechts 
zu einander ist im Grunde etwas Selbstverständliches" und wir wissen auch, 
daß Mädchen in der Schwarmperiode unglaublich viel Gefühl aufbringen können, 
aber Herrgott no-mal-eini", die Schwarmperiode dauert hier sehr lang, Lotte 
steht ja im 2o. Lebensjahr und die Gefahr besteht, daß bei ihr aus der so- 
genannten „physiologischen Pubertätsliebe zu eigenem Geschlecht" eine Dauer- 
i'ixieruno - entstehen könnte, daß aus Lotte eine jener Lehrerinnen wird, die 
nur für ihren Beruf leben, sich vom männlichen Geschlecht streng isoliert 
halten und „Befriedigung" nur im innigen Umgang mit gleichgestimmten Kol- 
leginnen finden können. Dann müßte sich Lotte freilich um einen anderen 
Vater umsehen, da ja Knut so weit weg ist. Aber es verriete viel Dreistigkeit, 
aus einer homosexuellen Jugendfreundschaft eine dauernde Perversion ableiten 
zu wollen, bloß deshalb, weil dies möglich sein könnte! Stellenlos, arbeitslos, 
brotlos ist Sven und seinem Sehnen mag auch teilweise die Erkenntnis „Wie 
bitter ist doch die Wirklichkeit, o blieb doch das Schöne für alle Zeit" zu- 
grunde liegen. Ferner hat Irene schon den „Weg zum anderen Geschlecht zu- 
rückgefunden", sie ist verlobt und wird bald heiraten und auch Knut, der, 
wie wir sogleich sehen werden, die ganze Schulzeit hindurch eigentlich eine 
Doppelrolle spielte, ist außer Gefahr. Er würde sich ganz energisch dagegen 
verwahren, wenn man ihn homosexuellen Umganges zeihen würde, mit ig Jahren 
hat er doch an den schon einmal erwähnten Jugendfreund geschrieben: „Nun 
gib acht! Wie kann denn Zeugung Sünde sein? Unsinn! Wo käme denn da 
die Welt hin? Mein Lieber, wie könnte der Herrgott so engherzig sein — und 
als Sünde hinstellen, was er selbst eingerichtet und angeordnet hat. — Blöd- 
sinn! Wer hat Dir denn so verrückte Ansichten beigebracht. Nun paß aber 
auf, was auf diesem Gebiete Sünde ist: Homosexualität (ich hoffe, Du weißt 
nicht, was das ist), Unzucht wider die Natur und geschlechtlicher Umgang 
ohne das Sakrament der Ehe. Sehr leicht einzusehen. Denn alle guten Geister, 
wenn das nicht wäre, könnten sich die armen Kinder ihre Väter suchen gehen. 
Ich müßte Dich da haben, um Dir alles genau zu erklären. Du siehst ja, wie 
ungeschickt ich mich ausdrücke." 

„Das" in der Anstalt war recht lustig und angenehm, gewiß, Lotte wird 
vielleicht ihre vertraute Freundin fürs ganze Leben bleiben, aber wirklich ver- 
liebt war Knut in sie nie. Wirklich verliebt sein ist ein ganz anderes Gefühl, 
das kann Knut bezeugen, denn er hat schon öfter wirkliche Liebe empfunden: 

1921. Ich bin 11 Jahre und gehe in die 1. Klasse Bürgerschule. Die Zeit meiner 
ersten Liebe. Die Sache war einfach so: In der 3. Klasse war ein hübscher Bub. Blonde 
Haare, blaue Augen und — worauf ich immer sehr viel gegeben habe, er war großer 
als ich. Wir haben uns öfter gesehen und verstohlene Blicke getauscht. Wir haben 
uns gehebt. Ich habe nur ein einzigesmal an seiner Liebe gezweifelt; als nämlich 

— 304 — 



ein sehr hübsches Mädchen in unsere Klasse neu eingetreten ist. Damals war ich 
fest überzeugt, daß er seine Liebe nun ihr zuwenden werde. Ich habe mich glück- 
licherweise getäuscht. Wir waren beide sehr schüchtern und haben nie ein Wort 
miteinander gesprochen. Nur einmal ist es zu einem Liebesbrief gekommen. Und 
noch dazu hatte ich die Kühnheit gehabt, anzufangen. Er war ein guter Zeichner. 
Bei unserem Zeichenlehrer ist diese Gattung im Zeichensaal in der ersten Bank ge- 
sessen. Wir hatten zufällig denselben Platz, das habe ich gewußt. Einmal habe ich 
in dieser Bank, nachdem ich mich erkundigt hatte, daß nach unserer Klasse die 
Dritte hierher käme, einen Zettel liegen gelassen: „Herzliche Grüße sendet Dir Luisi." 
Auf das hinauf wurde mir ein Brief von ihm überreicht mit folgendem Inhalt: 
„Liebe Louise! (Daß er meinen Namen so kompliziert geschrieben hat, hat mich be- 
sonders gefreut). Habe Deinen Brief in Ordnung erhalten. (Diese Redewendung hat 
mir so gut gefallen, daß ich sie später immer in Geschäftsaufsätzen verwendet habe). 
Wenn Dich die Buben reizen, so sag es mir! Dein Fredl. — Dieser Brief hat mich 
so gefreut, daß ich ihn nicht tage-, sondern jahrelang in meiner Schürzentasche 
herumgetragen habe, bis er einmal durch ein unglückseliges Verhängnis meiner 
Schwester in die Hände gefallen ist. Was mich von meinem Verehrer immer beson- 
ders gerührt hat, waren die wirklich feinen Salzstangerl, Semmeln, Kipferln (er war 
der Sohn eines Bäckers) und Schokoladerippen, die er mir immer während meiner 
Abwesenheit in die Bank gelegt hat. Er war ein lieber Kerl! Leider hab ich ihn 
nach der dritten Bürger nur mehr sehr selten gesehen. Er ist öfter mit dem Rad nach 
B. gekommen. Aber das war mir doch ein bißchen zu wenig. Ich hin ihm aber doch 
zwei Jahre treu geblieben. Dann beginnt ein Abschnitt in meinem Leben, den ich 
nie vergessen werde. 

1923/24. Meine Liebe zu einem Lehrer (zu einem „alten" Studenten, der billige 
Nachhilfestunden erteilte). Ich habe bei ihm zur Vorbereitung für die Aufnahms- 
prüfung in die Lehrerinnenbildungsanstalt Privatstunden genommen, Stunden, in denen 
ich viel gewonnen habe und die mich sehr glücklich gemacht haben. Ich erinnere 
mich genau, wie er das erstemal bei der Tür hereinkam. Ich hab' herzlich gelacht. 
Er ist mir furchtbar komisch vorgekommen. Und dann hab' ich ihn ganz langsam 
zu lieben begonnen. Ich weiß jetzt eigentlich nicht, wo ich beginnen soll. Es knüpfen 
sich so viele kleine und große Ereignisse an ihn! Wir sind immer beisammengesessen 
— er hat den Arm um mich gelegt. Ich erinnere mich, daß ich einmal heimlich 
seinen Ärmel geküßt habe. Er weiß es heute noch nicht. Wir hatten nie von Liebe 
gesprochen. Wozu auch? Wir haben ja alles gefühlt! Obwohl ich mich darnach ge- 
sehnt habe, von ihm geküßt zu werden, so hätte ich doch nie an eine Verwirklichung 
gedacht. Das war nun etwas, wovon ich Tag und Nacht geträumt habe. Er hat es 
natürlich gewußt, er hat auch einmal darauf hingewiesen, aber ich habe ihn nicht 
verstanden. Die Geschichte war so: Er hat mir eine schwere Rechnung aufgegeben 
(if 1 weiß noch, daß es irgendetwas von Röhren war) mit dem Hinweis, wenn ich 
die herausbringe, dürfe ich mir etwas wünschen. Herausgebracht hab' ich sie, aber 
zu wünschen wußte ich mir nichts anderes als ein Fahrrad. Später hab' ich verstan- 
den, was er damals gemeint hat. Es waren schöne Stunden. Es knüpfen sich viele 
ganz kleine Ereignisse daran. Und dann kommen die großen. Nein, ein kleines muß 
ich noch erwähnen: Er ist einmal nach B. gegangen. Hinter ihm sind einige Mädeln 
gegangen, die die Bemerkung machten: „Er geht zur Luisl". Kinder sind ja nicht 
blind und außerdem war ich etwas unvorsichtig. Am nächsten Tag hatte ich bei ihm 
Stunde. Er hatte von der Sache gehört, ich hab ihm nichts davon gesagt, er hat mir 



Zeitschrift f. psa. Päd., IV/8/9 305 



21 



keine Erklärimg gegeben, wieso er auf diese Frage kommt: „Sagst du zu jemanden 
etwas?" Ich hab' das erstemal in meinem Leben so halb und halb gelogen: „Nein!" 
„Schau mich an!" Ich hab' ihm in die Augen gesehen. Von da an war ich still. Er 
sagte mir dann noch: „Weißt, Mädel, wenn davon wer erfährt, geht es um meine 
Existenz und die meines Bruders" (sein Bruder war wirklicher Lehrer). Ich habe 
damals aufrichtig bereut, jemals eine Bemerkung über ihn gemacht zu haben. — Ich 
hatte einmal wieder bei ihm zu tun. Ich geh hinein. Mir ist unheimlich. Ich wäre 
lieber nicht allein mit ihm. Er tritt ganz nahe vor mich. Ich weiche zurück, bis ich 
an seinen Bücherkasten anstoße. „Hast du keinen Wunsch?" Ich weiß nicht, ob ich 
noch etwas gesagt habe. Er hebt meinen Kopf und küßt mich auf den Mund. Ich 
kann mich nicht wehren. Mein Kopf sinkt auf seine Schultern. Er sagt etwas. Ich 
höre wie im Traum: „Nimm das als Andenken mit!" Dann küßt er mich nochmals 
und ich lauf davon. Ich kann es nicht fassen, es macht mich glücklich und sehr 
stolz und ich habe nur den einen Gedanken, „er liebt mich — er hat mich geküßt!" 
Die Ferien verlaufen in großer Sehnsucht nach ihm. Aber er kommt bald wieder 
und dann nehme ich wieder Stunde. In der ersten küßt er mich nicht, weil ich gleich 
fort bin. Diese Stunden weiß ich nicht genau voneinander zu unterscheiden. Mir ist 
eigentlich ein bißchen unheimlich. Einmal faßt er mich an den Schultern und beugt 
mich zurück. Ich will mich schnell aufrichten. Aber er küßt mich schon und ich 
habe eigentlich erreicht, was ich verhindern wollte. Wir haben selten gesprochen 
nach dem eigentlichen Unterricht. Ich habe immer unzählig viel Zeichen auf die 
Hefte gekritzelt und er hat mir still zugesehen und höchstens gefragt: „Was machst 
du da?" „Nichts". Dann kommt wieder etwas. Er weiß, daß ich so gut wie nicht 
aufgeklärt bin. Sonst bin ich ihm zu klug. Und er meint es sehr gut und gibt mir 
ein Buch. Ich fühle mich tief gekränkt darüber und außerdem hab' ich erfahren, 
daß er auch eine Dame geküßt hat. Das war zu viel! In der nächsten Stunde bin ich 
kalt. Er will meinen Kopf heben. Ich stier (schau starr) auf den Boden. „Darf ich?" 
„Nein!" „Warum?" „Sie haben eine Dame geküßt '" Ob er weiter gegangen ist, weiß ich 
nicht. „Glaubst du, man küsse nur e i n einziges Mädel?" „Aber das andere glaubst du 
von mir?« Nein, das habe ich eigentlich nicht geglaubt. Den Kuß hat er mir nicht 
abgestritten. Er versucht nochmals meinen Kopf zu heben, ich bin steif. Nach langem 
Schweigen stoß ich hervor: „Das Buch!" „Aber geh, das darfst du nicht so auffassen. 
Ich habe es wirklich gut gemeint mit dir." Er ist sehr erschrocken darüber. Ich 
fühle, daß ich ihm unrecht tue, obwohl ich es nicht verstehe. Ich lasse mich wieder 
küssen. Das nächstemal bittet er: „Willst du nicht ,Du' zu mir sagen?" Um Himmels 
Willen, zu meinem Lehrer „Du": Ich kann mich lange nicht entschließen. Er sagt 
auch, ich soll ihn Heini nennen. Ich gebe ihm nach langem Zögern die Hand: ,Du 
— Heini!" Er küßt mich. An diesem Tage begleitet er mich weit. Ich erschrecke 
beinahe über jedes „Du". Ich war fest überzeugt, daß er mich heiraten wird. Aber 
er hat mir einmal gesagt: „Heiraten kann ich dich nicht." Das hab ich lange nicht 
eingesehen. Er hat es mir auch nicht erklärt. Aber er hat gesagt: „Versprich mir 
daß du mir das später einmal nicht übel nimmst. Wenn du groß bist, möchte ich 
dich wieder sehen. Du verdienst es, daß du glücklich wirst!" Ich weiß nicht, ob er 
das in einem Zusammenhang gesprochen hat. Aber ich habe mir jeden Satz für sich 
genau gemerkt. Mein Versprechen habe ich gehalten. Dann kommt die Stunde des 
letzten Beisammenseins. Er legt meinen Arm um seinen Hals. Ich ziehe ihn erschrocken 
zurück. Er bittet mich, ich soll ihn küssen. „Das kann ich nicht." — „Du willst 
schon, aber du traust dich nicht." — »Ja?" Wir küssen uns das letztemal. Schreiben 

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darf er mir nicht, weil ich dann nicht lernen kann. Jedes Jahr treffe ich ihn in den 
Ferien einmal. Mir zittern jedesmal die Knie. — Jetzt bin ich ganz ruhig. Ich be- 
trachte ihn als einen liehen, guten Menschen. 

1923/27. Ich weiß nicht, ob ich diese Liebe als zweite oder dritte bezeichnen soll. 
Mitten in diese hinein, ohne daß sie eigentlich unterbrochen worden wäre, fällt die 
zum Lehrer. Mein Verehrter war Student an der technischen Hochschule in Wien. 
Sehr hübsch, groß, dunkelbraune Haare und Augen, kühne Nase, feinen Mund und 
sehr schöne Zähne. Ich kannte ihn von klein auf. Die Ferien hat er jedes Jahr in 
B. verbracht. Meine Liebe ist folgendermaßen erwacht. Wir haben immer gemein- 
sam gebadet. Ich stehe einmal auf der Brücke und lasse mir die Sonne mitten ins Gesicht 
scheinen. Hugo ist nicht weit von mir. Nachdem ein Bub ihn auffordert, mich ins 
Wasser zu werfen, kommt er auf mich zu, packt mich beim Kinn und sagt: „Gelt, 
dich braucht man nicht hineinzuwerfen, du gehst selbst!" Aus war's. Er war mein Ge- 
danke bei Tag und bei Nacht. Abends ist er immer mit seiner Guitarre zu uns 
gekommen und hat gesungen. Sein jüngerer Bruder hat ihn auf der Mandoline be- 
gleitet. Ich habe nie mehr eine so schöne Stimme gehört.. Ich habe meistens schon 
geschlafen, dann ist er noch ans Fenster gekommen, um das letzte Lied zu singen. 
Unsere Liebe war sehr platonisch. Größere Ereignisse haben wir nicht erlebt. Ein- 
mal hat er mich in Wien vom Süd- auf den Westbahnhof begleitet. Es war sehr schön 
damals, das ganze Jahr hab' ich mich in der Anstalt daran zurückerinnert. Einmal 
hat er mich in den Ferien photographiert und mir die Bilder, die wirklich großartig 
ausgefallen sind, geschickt. Aber ich habe mich bald und sehr energisch von ihm 
losgerissen. Er sollte mich wieder in Wien abholen, hat mich aber aufsitzen lassen. 
Das hat meinen Stolz derart verletzt, daß ich mich als von ihm geschieden be- 
trachtete. Seitdem hat er sich nicht mehr sehen lassen. 

Die zwei Jahre, die ich darauf noch in der Anstalt verlebt habe, sind ohne Liebe 
verlaufen. Ich habe dann geschichtliche Helden wie Hannibal, Alexander, Cäsar und 
Napoleon verehrt. Aber nicht aus Schwärmerei, sondern eigentlich nur aus dem 
Grund, meine Kolleginnen zu unterhalten. 

Mit 19 Jahren habe ich mich das erstemal richtig verliebt (= auch bewußt sinn- 
lich). Aber es wird noch lange dauern. Mir gehen erst jetzt die Augen über das 
Leben auf. Ich werde noch viel gegen meine Dummheit zu kämpfen haben . . . 

Ich habe Knuts „Liebesabenteuer" recht ausführlich gebracht, weil glaub- 
würdige, offenherzige Schilderungen dieser Art an und für sich interessant sind 
und uns ferner aus ihnen manches klar verständlich wird. Luisl hoffte immer, 
daß sie der „alte Student" heiraten werde und als sie in X. eintrat, war sie 
kein gewöhnliches Mädel wie all die andern, sondern hatte nur den einen Ge- 
danken im Kopf: „Er liebt mich — er hat mich geküßt!" Dies machte sie 
selig und stolz, ließ sie auf das Mädelzeug, das so „furchtbar sentimental" war, 
verachtend heiabblicken und machte der „Braut" den Anschluß unmöglich. 
Freilich hatte Heini erklärt, daß er sie nie heiraten könne, er hatte aber auch 
hinzugefügt, daß er sie wieder sehen wolle, wenn sie groß sei. Also galt es, 
groß zu werden, ernst zu sein, wenn sie glücklich werden wollte! „Schreiben 
darf er mir nicht, weil ich dann nicht lernen kann." Aber das Groß werden 
ist eine schrecklich langsame Geschichte, nur einen Brief, ein einziges Lebens- 
zeichen! Tag für Tag hoffte Luisl auf einen Brief, um aufatmen, um ernstlich 
arbeiten zu können, aber es kam nichts, dafür aber begannen die „Anstalts- 
mauern sich ganz bedrohlich zu neigen", drohten sie zu erdrücken, mit All- 

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gewalt erfaßte sie jenes „Er kann mich nicht heiraten!". Sie mußte hinaus 
aus dem Käfig, hinaus um jeden Preis! Sie mußte sich Gewißheit verschaffen 
und als sie nach Hause kam, erfuhr sie es; Heini war verheiratet. Gut, daß 
Ferien waren! 

Die in Y. eintretende Luisl ist nicht mehr die stolze, ihren eigenen Wert 
fühlende Luisl von X., sondern ein armes, gebrochenes, verlassenes Kind, ein 
liebeheischendes Wesen, das nun Freundschaften zugänglich ist und doch über 
dem Durchschnitt steht. Der Seelenschmerz hat ihrem Antlitz etwas Hohes, 
Hehres aufgeprägt und von ihrer ganzen Persönlichkeit scheint Ruhe auszu- 
strömen. Instinktiv ahnen die Mittelschülerinnen den Unterschied und fühlen 
sich mächtig angezogen. Aber weder Lotte noch Irene haben je etwas vom 
wahren Zustand ihrer Seele erfahren, Luisl hat das Schweigegebot nie mehr 
übertreten, sie sahen in ihr nur den Helden ihrer Theaterstücke, der die männ- 
lichen Rollen mit so edler Begeisterung und so wunderbar naturgetreu spielte 
daß sie selbst Heini nicht besser hätte geben können. Und auch Luisl fand 
allmählich Gefallen daran, lachte wieder, ließ ihrer glänzenden Begabung freien 
Lauf, wurde zu einem lieben, heiteren Mädel. Lache Bajazzo! 

„Habe Deinen Brief in Ordnung erhalten" — diese Redewendung hat mir 
so gut gefallen, daß ich sie später immer in Geschäftsaufsätzen verwendet 
habe! Und Heini, bei dessen Anblick ihr noch Jahre hindurch die Knie zitter- 
ten, sollte spurlos verschwunden sein? Nein, Heini lebte fort als Hannibal, 
Alexander, Cäsar und wohl am getreuesten als Knut, Ritter von B. selbst, der 
auch den Beweis erbrachte, daß man mehr als ein einziges Mädel küssen könne 
der sich von der geliebten Lotte ab wandte und Irene zu seinem „angetrauten 
Weib" erhob, der aber doch wieder gewissermaßen Heini, der strenge Lehrer, 
blieb, der mit unerbittlicher Strenge gegen Laster wetterte und gegen erkannte 
eigene Fehler vorging. Warte nur, Heini, wenn dich selbst einmal die Reue 
packt! Wirst du Lotte, nein, Luisl auch wieder finden und ihr treu bleiben 
fürs ganze Leben? Knut wird ewig wenigstens teilweise Heini gleichen und es 
ist nicht uninteressant zu erfahren, daß er auch Heinis Rezept, einen Kuß zu 
erhalten, in die Praxis umgesetzt hat, dem schon zweimal erwähnten Jugendfreund 
für die Überlassung eines von ihm gemalten Bildes einen Wunsch freistellte. 
Der Jüngling roch freilich gleich den Braten, verzichtete aber auf den Dank 
und zwar aus folgenden Gründen: „Sie ist für mich erledigt, weil sie wirklich 
engherzig ist, trotz ihrer idealen Erziehung und weil sie sagt, sie könnte auch 
einen Mann heiraten, den sie nicht gern hat. Sie ist bestrebt, die Männer in 
sich verliebt zu machen, sie werden sich aber alle kalte Füße holen, weil sie 
an der Nase herumgeführt werden. (Aber Heini!) Sie glaubt von sich mehr als 
sie ist. Sie ist in einen Mann verliebt, das weiß ich, aber sie ist nicht im- 
stande, ihn so weit zu bringen, wie die anderen Frauen einen Mann bringen, 
weil sie die Maske der Gefühlskälte aufsetzt. Dieser Mann hat sie vielleicht 
ganz gern, aber noch etwas hindert diesen Mann, das sind ihre Moralbegriffe. 
Das Ding zwischen den Füßen ist für sie soviel Wert, daß sie es nur dem 
geben will, der sie heiratet. Würde sie das nicht tun, dann würde sie diesen 
Mann, den sie gern hat, schon längst haben. Wenn sie mich geküßt hätte, 
dann hätte sie eigentlich nicht mich, sondern ihren Geliebten geküßt" — und 
deshalb wünschte er sich nichts. 

„Mit 19 Jahren habe ich mich zum erstenmal richtig verliebt" (wieder in 

- 308 - 



einen Lehrer!). Ihr gehen erst jetzt die Augen auf, sie stürzt sich oder besser 
gesagt, sie stürzte sich ins Leben, knüpfte unzählige Bekanntschaften an und 
in der Tat, bis jetzt holten sich alle Männer kalte Füße, denn Knut sah ein, 
daß er dabei leicht draufzahlen könnte und er hält viel auf seine Jungfrauen- 
ehre. Er kämpft gegen seine Dummheit an und bricht kurzerhand alle Be- 
ziehungen ab. Wirklich Glück, wirklich leichtes Spiel hätte bei ihr nur ein 
Heini, oder sagen wir es etwas allgemeiner, ein Lehrer! Die Frage, inwieweit 
an jenem „Liebesspiel" Männern gegenüber homosexuelle Komponenten mit- 
schuldig sind, muß offen bleiben, sicher aber ist, daß Knut ohne Fixierung an 
Lotte und Irene damals glatt verkommen wäre und sein Studium nie vollendet 
hätte und in diesem Sinne scheint mir auch für Knut das zuzutreffen, was 
Sadger allgemein über die physiologische Pubertätsliebe zu eigenem Geschlecht 
sagt: „Aber jene natürliche Pubertätsinversion hat biologisch beträchtlichen 
Wert. Gibt sie doch die Möglichkeit, sich für Lebensdauer Freunde zu schaffen, 
heiße Liebe zu empfinden für die ganze Menschheit, was die Grundlage 
sozialen Empfindens abgibt, und endlich noch für Kunst und Wissenschaft voll 
aufnahmsfähig und empfänglich zu bleiben. Wer sich bei dem anderen Ge- 
schlecht auslebt und da in der Regel noch im Übermaß, wird nichts kulturell 
Wertvolles leisten. Die physiologische Homosexualität wirkt am besten dem 
vorzeitigen und intensiven Verbrauch der genitalen Libido entgegen, der zur 
Sublimierung unfähig macht. Sie erlaubt eine Verlängerung des Studiums, der 
Zeit, welche man der Wissenschaft und kulturellen Zwecken widmet. Der 
normal Veranlagte wird früher oder später zum anderen Geschlecht wieder 
zurückfinden, weil die konstitutionellen wie akzidentellen Vorbedingungen der 
Perversion ihm mangeln. (Sadger, Die Lehre von den Geschlechtsverirrungen, 
S. 190.) Und sollte es für ein hübsches Mädel in gesicherter Lebensstellung so 
schwer sein, einen „Heini" zu finden? 



Ein Fall von Kleptomanie 

Von Prof. Charles Baudouin, Genf 



Bertrand, ein Junge von 14 Jahren, um dessentwillen man mich konsultierte, 
hatte ernstliche Diebstähle begangen, so daß er nacheinander von zwei Stel- 
lungen weggeschickt wurde. Der Knabe hatte seine Mutter im Alter von sechs 
Jahren verloren. Ungefähr zur selben Zeit wurden die ersten Anfälle von Klep- 
tomanie bemerkt. Der Vater heiratete wieder und aus dieser zweiten Ehe kam 
ein kleiner Bruder zur Welt, als Bertrand 8 Jahre alt war. Es wurden eben- 
falls Lügenhaftigkeit und Onanie festgestellt. 

Ich übertrug die analytische Beobachtung meiner Schülerin, Fräulein Marta 
Christenson; nach ihren Aufzeichnungen, die wir zusammen besprachen, konnte 
ich die folgende Beschreibung zusammenfassen. 

Es handelt sich um einen Fall von wirklicher Kleptomanie und Bertrand 

— 309 — 






sagt selbst sehr einfach: „Ich habe gestohlen. Ich weiß nicht warum. Ich will 
es nicht, aber ich tue es dennoch" (18. Sitzung). 

Wie in anderen ähnlichen Fällen ist es leicht, festzustellen, daß dieses dem 
Kinde unbekannte „Warum" ein Zurückfordern des als sein Eigentum Empfundenen 
bedeutet. In seinen Träumen ist er der Bestohlene, der einen Dieb verfolgt; 
er ist Detektiv, der bei der Durchsetzung des Rechtes behilflich ist (18., 20. Sitzung). 
Es ist deutlich, daß er sich auch im Leben beeinträchtigt, bestohlen fühlt. Wer 
aber ist der Dieb? Es ist ebenso deutlich, daß dies der jüngere Bruder ist, den 
Bertrand auf seine Kosten bevorzugt fühlt. Er beansprucht als sein Eigentum 
die Mutterbrust: „Mein kleiner sechsjähriger Bruder trinkt noch Milch aus der 
Flasche. Er ist böse und verweint" (7. Sitzung). „Mein Bruder zerstört alles. Er 
will alles für sich. Man sagt, ich wisse nichts, ich könne nichts. Niemand ver- 
steht mich, als Sie" (15. Sitzung). „Man gibt mir nie Geld; man gibt mir nichts. 
Mein Bruder nimmt alles" (17. Sitzung). „Mein Bruder hat ein hübsches Zimmer; 
ich schlafe im Baderaum" (20. Sitzung). 

Aber — und dies stimmt noch mit anderen Beobachtungen von Kleptomanie 
überein — dieses Zurückfordern des vermeintlich ihm Gehörigen ist nicht das 
einzige. Das Symptom ist in der Tat auf dem Komplex: „Ich bin ausgeschlossen" 
aufgebaut, und dieser umfaßt hier wie sonst neben dem Motiv „ich bin meines 
Bruders wegen zur Seite gestellt" dieses andere wohl bekannte Motiv „ich bin 
von der Kenntnis der Wahrheit ausgeschlossen". Es handelt sich hauptsächlich 
um die Wahrheit über die Herkunft der Kinder. Dieses Motiv dringt schon in 
einem angeführten Traume durch, in dem Bertrand sich als Detektiv sieht. 
In diesen Träumen von einer Verfolgung des Diebes erscheint die Verfolgung 
als sehr verdichtetes Bild, das zugleich ein Erforschen darstellt. Es handelt 
sich um Stöbern in Kellerräumen, in den Eingeweiden der Erde, mit zahlreichen 
analen Bildern, welche sofort an eine den Darm betreffende Geburtstheorie 
denken lassen. Einmal flüchtete sich der Dieb „in den Sarg einer Mumie" 
(18. Sitzung); dieses fötale Bild identifiziert den Dieb mit dem Bruder, der so- 
zusagen den Mutterschoß, von dem Bertrand für immer ausgeschlossen ist, für 
sich in Anspruch genommen hat. Phantasien von Bergwerken, unterirdischen 
Gewölben, von Vulkanen sind oft mit dem Geldmotiv benachbart, und das Geld 
ist deutlich mit dem Komplex der verbotenen Gegenstände verbunden. „Ich 
bleibe, um die Leute an der Börse sehen und hören zu können; sie schreien 
sie spekulieren. Nachh er werde ich ausgescholten und dann sage ich nicht, was 
ich getan habe. Einmal gab es einen Bankdiebstahl . . . Man gibt mir nie Geld" 
(17. Sitzung). Man wird bemerken, daß an dieser Stelle die Lüge (ich sage nicht. 
was ich getan habe), ebenso wie der Diebstahl mit dem Komplex der verbote- 
nen Neugier verknüpft ist. Die Lüge ist auch ein Mittel des Protestes, des Ersatz- 
anspruches gegen die Ungerechtigkeit, deren Gegenstand das Kind zu sein glaubt: 
„Meine Eltern sind immer erzürnt gegen mich. Ob ich lüge oder die Wahrheit 
spreche, es kommt auf eines heraus" (i3. Sitzung). 

Man darf übrigens nicht vergessen, daß die Kleptomanie schon vor der Ge- 
burt des Bruders auftrat und, soweit man es angeben konnte, um die Zeit, da 
Bertrand seine Mutter verlor. Der Tod der Mutter war bestimmt ein Ereignis 
von größter Bedeutung, infolgedessen Bertrand einigermaßen berechtigt war, 
sich durch das Dasein verwundet zu fühlen. Hier mußte zum ersten Male mit 
Heftigkeit das Gefühl auftreten, ausgeschlossen und beraubt zu sein, ein Gefühl, 

— 310 — 



welches später durch andere Schocks (Wiederverheiratung des Vaters, Geburt 
des Bruders, verbotene Neugier usw.) reaktiviert wurde. 

Die Reihe der Untersuchungsträume, der Träume von der Erforschung der 
Erde wird ergänzt noch durch eine Anzahl von Reiseträumen in ferne Länder 
(Afrika oder Polargebiet). Diese Träume bilden mit den ersten ein bedeutungs- 
volles Ganzes. Die Bilder sind so gewählt, daß sie sehr gut die Konvergenz 
verschiedener zusammengehöriger Wünsche ausdrücken : Das Suchen nach Wahr- 
heit über die Geburt, die Erforschung des mütterlichen Körpers, das Sehnen 
nach dem Mutterschoß oder, im weiteren Sinne, nach der Mutter. Man weiß, 
daß der Trieb zum Reisen, das Sehnen nach fernen Ländern, oft als Auswirkung 
dieser Wünsche gedeutet werden. Andere Fälle von Kleptomanie sind von Flucht- 
reisen („fugues") begleitet, die sich ebenfalls an dieses System anschließen. Was 
Bertrand anbelangt, so begnügt er sich damit, im Traume zu reisen; dort tut 
er es aber nach Herzenslust. 

Daß seine Träume von dem Motiv der Rückkehr in den Mutterschoß und 
von der zweiten Geburt beherrscht sind, daran kann nicht mehr gezweifelt 
werden, nachdem man gewisse typische Bilder erkannt hat: Im Verlaufe einer 
dieser Irrfahrten sieht sich Bertrand mit seinen Reisegefährten von einem Wal- 
fisch verschlungen und wieder ausgespuckt, wie Jonas (15. Sitzung). 

Die Analyse stellt sich, wie gewöhnlich, symbolisch als zweite Geburt oder 
Rettung dar. Am Pol verlorene Forscher werden durch Schweden gerettet 
(6. Sitzung). Nun aber ist Fräulein Christenson Schwedin und spielt in der 
Übertragung natürlich die Rolle der verlorenen und wiedergefundenen Mutter. 

Man muß bemerken, daß in der folgenden Sitzung sich eine Umkehrung 
vollzieht. Bertrand wird zum Retter und er muß fort auf die Suche nach einem 
verirrten schwedischen Forscher. 



Über dieses Detail (und da bekanntlich „retten" symbolisch 



zur W e 



lt 

bringen darstellt) könnte man wahrscheinlich zu dem u. a. von Jones studier- 
ten Motiv der Umkehrung der Geschlechterreihe kommen, auch 
eine Zurückforderung, wenn man will, da das Kind sich dabei einbildet, seinen 
eigenen Eltern das Leben zu geben. Merkwürdig ist, daß dies nicht der einzige 
Fall von Kleptomanie ist, bei dem man beim Kranken Phantasien von Iden- 
tifikation mit dem Großvater 1 konstatieren konnte. 

Diese Identifikation ist bei Bertrand wie ein Heimweh nach fernen Ländern, 
von dem wir oben sprachen, denn der Großvater lebt in einem dieser fernen 
Länder, in das die Phantasie des Kindes hinschweift. Außerdem hat sich Bertrand 
in den Kopf gesetzt, Maler zu werden. Nun aber ist sein Großvater Maler. 
Dieser Wunsch nimmt im Laufe der Analyse Gestalt an. Bertrand, in dem man 
bis jetzt nur einen Taugenichts sah, beginnt nun mit viel Geschmack und Sorg- 
falt zu zeichnen. Diese Zeichnungen liefern ein interessantes Material für die 
Analyse. 

Eine Zeichnung zeigt einen Bettler, der seine Mütze vor sich hinhält: in 
der Mütze sind Kupfermünzen. Die Hände, die die Mütze halten, haben, wie 
der Autor selbst sagt, „eine merkwürdige Stellung", welche man zum mindesten 
als unanständig bezeichnen könnte. 

i)S. A. Tamm, Drei Fälle von Stehlen bei Kindern (Z. f. psa. P., 
IL, Nr. u/12, S. 341 (Fall „Hermann"). 



— 311 — 



Nach dieser Zeichnung ist es erlaubt zu folgern, daß hier wie in anderen 
Fällen auch die Onanie — wie der Diebstahl — einen Charakter von Zurück- 
erobern hat (Zurückgewinnen der Macht, von der das Kind ausgeschlossen worden 
ist). Das Symbol selbst des Bettlers ist übrigens äußerst gut gewählt: Der Dieb- 
stahl ist in Wirklichkeit eine Art Bettelei: der Knabe ist ein kleiner Unglück- 
licher, der fordert was ihm fehlt (was er glaubt, daß ihm fehle). 1 

Vor Schluß der Behandlung, nach etwa 30 analytischen Sitzungen, fühlte 
Bertrand in sich ein zärtliches Gefühl für ein junges Mädchen entstehen. Dies 
gab ihm den Wunsch ein, in ihren Augen etwas zu gelten, was einen guten 
Einfluß auf ihn ausübte. Außerdem eröffnete ihm das Zeichnen, welches uns 
das Material geliefert hatte, ausgezeichnete Wege zur Sublimierung. Die Eltern 
willigten nach einigem Widerstreben ein, den Sohn in die Kunstschule eintreten 
zu lassen. Das hieß, wie es den Anschein hat, ihn in die günstigsten Bedingungen 
versetzen, damit die durch die Analyse ausgelöste glückliche Entwicklung ihre 



Fortsetzung finden werde. 



Natürlich betrachte ich die Analyse nicht als vollständig und bedauere, daß 
sie infolge äußerer Umstände abgebrochen werden mußte. Über die weitere 
Entwicklung des Falles läßt sich mit Bestimmtheit nichts voraussagen. Auch 
wollte ich hier weniger eine Beschreibung der Kur geben, als vielmehr eine 
Übersicht der Mechanismen, die den Grund jeder Kleptomanie legen. 



Warum Kinder von den Erwachsenen geneckt werden 

Von Bertram D. Lew in, New- York 

Aus dem Sonderheft „Teasing* der von der 
„Child Study Association of America" herausgegebe- 
nen Zeitschrift „Child Study''. — Aus dem Englischen 
übersetzt von Luise Zucker. 

Wir wenden das Wort „Necken" mit zahlreichen Nebenbedeutungen an. 
Wir necken unsere Freunde, ohne es bös zu meinen. Vielleicht haben sie 
es sogar gern. Wir necken die Tiere im zoologischen Garten — vielmehr 
wir werden ersucht, es zu unterlassen; aber anders als bei Scherzen unter 
Freunden ist in diesem Falle das Vergnügen ausschließlich auf unserer 
Seite. Das Necken der Kinder durch Erwachsene ist ein Mittelding zwischen 
diesen beiden Formen. Gewiß haben wir, wenn nicht das ganze, so doch 
das größere Vergnügen daran; wie gut unsere Absicht dabei ist und wie 

1) Ist es nötig, darauf hinzuweisen, daß die Forderung absolut nicht gerecht zu 
sein braucht, um ihre psychologischen Folgen auszulösen? Man dürfte in solchen 
Fällen nicht die Eltern anklagen, aber gewisse infantile Schocks, die die Komplexe 
des Kindes nach einer gewissen Richtung orientiert haben. 

— 312 — 



weit das geneckte Kind Freude daran hat, bleibt dahingestellt. Das Wort 
„Necken kann verschiedene Arten von Handlungen bedeuten: die zwei 
gebräuchlichsten Formen könnte man genauer mit spotten, reizen (zum 
Besten halten, foppen, sekkieren) bezeichnen. Unter dem Deckmantel von 
Spaß und Spiel bringen wir beim Spotten einem Menschen seine wirkliche 
oder relative Minderwertigkeit ins Bewußtsein. Wenn wir ihn zum Besten 
halten, so reizen wir ihn etwas zu tun und vereiteln dann, was er haben 
oder tun will — wir lassen ihn anlaufen. Sowohl durch Spotten als durch 
Necken lassen wir unser Opfer seine Schwäche, seine Mängel oder seine 
Hilflosigkeit fühlen. Mit mehr oder minder unwürdigen Mitteln streben 
wir danach, unser Selbstgefühl durch den Vergleich zu heben. 

Das Necken stellt also eine besondere Technik dar, um gewisse, größten- 
teils oder zur Gänze nicht anerkannte Motive zur Geltung zu bringen. Unter 
dem Vorwand mutwilliger Laune machen wir unseren bewußt oder unbewußt 
feindseligen Trieben Luft, und das Ausleben dieser Triebe, die wir für ge- 
wöhnlich zu unterdrücken gezwungen sind, verursacht uns ein angenehmes 
Gefühl der Entspannung. Lust an der Grausamkeit wird Sadismus genannt. 
Natürlicherweise erhebt sich die Frage: Warum sind wir nicht gegen das 
Kind direkt grausam? Warum bedienen wir uns der Methode des Neckens? 
Einige wilde Stämme scheinen gar nicht oder fast nicht in der Art wie 
wir es tun, auf Grausamkeit besonders Kindern gegenüber zu reagieren. 
Selbst Kindesmord ist bei gewissen Volksstämmen gestattet. Wir können 
nicht so primitiv, unmittelbar und selbstsüchtig sein wie sie; denn wenn 
uns irgend jemand, besonders aber wenn ein Kind uns im Weg ist und 
in uns feindselige Impulse erweckt, treten sofort unsere moralischen Gefühle 
in Aktion und unterdrücken als Gegenkräfte unsere feindseligen Triebe. 
So wahren wir unser Gewissen durch die Technik des Neckens, das aussieht, 
als ob wir das Kind amüsierten, während es in Wirklichkeit dem Wilden 
in uns freie Bahn gewährt. Das Necken ist daher keine reine Grausamkeit, 
sondern ein Kompromiß, das Ergebnis eines unbewußten Konfliktes im 
Neckenden. 

Es zeigt sich also, daß das Problem des Neckens ein Teil eines größeren 
Problems ist: nämlich, was ist die Quelle unserer gewöhnlich unbewußt 
bleibenden Feindseligkeit dem Kind gegenüber? Im allgemeinen würde die 
Antwort lauten, daß die unbewußte Feindseligkeit Infantiles in der necken- 
den Person selbst vertritt. Der Neckende nähert sich dem Kind in einer 
alten, aus seiner Kindheit beibehaltenen Einstellung. Seine Feindseligkeit 
gegen das Kind ist weder ursprünglich, noch richtet sie sich gegen dieses 
bestimmte Kind. Dieses Kind ist einfach ein Ersatz für ein anderes Kind 
oder ein anderes Individuum, welches in der Kindheit des Neckers einst 
eine Bolle gespielt hat. Nicht selten war es ein jüngerer Bruder oder eine 
jüngere Schwester, gegen den oder gegen die in frühem Alter die ursprüng- 
liche Feindschaft gerichtet war, um dann verdrängt zu werden. Von diesem 
Erlebnis an bekommen für ihn alle anderen Kinder die Bedeutung der ersten, 

— 313 — 



die er kannte, — kleiner Eindringlinge, die ihm einen Teil der Liebe und 
Aufmerksamkeit seiner Eltern geraubt hatten. 

Seltsamerweise kann das Kind auch in der Vorstellung des Erwachsenen 
den Platz einnehmen, den der Vater des Individuums einmal innehatte. 
Diese interessante Umkehrung der Generationen hängt mit der Tatsache 
zusammen, daß nur das Kind die Pflicht, die soziale Verantwortung und 
die Anpassung überhaupt vertritt und diese Forderungen, die ursprünglich 
vom ersten Vertreter der Gesellschaft, dem Vater, gestellt worden waren. 
Infolgedessen kann eine ungelöste, unbewußte Feindseligkeit gegen den Vater, 
die sich aus der Kindheit bis in das Leben des reifen Menschen erhält, 
manchmal der Anlaß einer gesteigerten unbewußten Feindseligkeit des Vaters 
gegen sein eigenes Kind sein. Für einen so gearteten Menschen bedeutet 
die Forderung der Gesellschaft, daß jeder sein Kind zu erhalten habe, eine 
Rückkehr zum einst verhaßten, kindlichen Gehorsam. Diese Forderung bringt 
deshalb die alte Feindseligkeit, die im Vaterkonflikt ihren Ursprung 
genommen hatte und als Groll gegen jedes Opfer zu fließen fortdauert 
in den feindseligen Impulsen gegen das Kind wieder zur Geltung. 

Seinen Sohn kann der Vater noch aus einem anderen Grund mit 
seinem eigenen Vater identifizieren. Das Kind tritt an die nicht beneidens- 
werte Stelle seines Großvates, weil es ja tatsächlich in dem neuen Oedipus- 
dreieck eine gleiche Stelle einnimmt. Nun rivalisiert das Kind mit ihm 
(dem Vater) um die Zuneigung des geliebten Wesens — gegenwärtig der 
Frau und Mutter — wie es in der Kindheit sein eigener Vater getan 
hatte. Unbewußt wird also das Kind so behandelt, wie wenn es der Vater 
wäre. Durch einen ähnlichen Vorgang kann das Kind in der Vorstellung 
der Frau den Platz ihrer Mutter einnehmen. 



Besonders bei Frauen kann Schuldgefühl die feindseligen Triebe ver- 
stärken. In der Vergangenheit wurden die Kinder, vor allem die Mädchen 
dazu erzogen, alles, was mit Sexualität in Zusammenhang stand, mit dem 
Begriff der Schande zu verbinden. Es geschieht nicht selten, daß eine 
Frau im späteren Leben, trotz der Sanktion von Kirche und Staat, unbe- 
wußt doch noch dem alten Kodex anhängt; sie spiegelt so den Kodex 
wider, der ihre sexuelle Moral noch immer heherrscht, und fühlt sich 
schuldbewußt, weil sie so sexuell war, ein Kind zu bekommen. Bei gewissen 
neurotischen Fällen, in denen eine junge Mutter in der krankhaften Furcht 
befangen ist, ihrem Baby zu schaden, findet man nicht selten, daß eine 
Periode des heftigsten Schuldgefühles, sogar von selbstmörderischen An- 
wandlungen begleitet, der Entwicklung dieser Furcht vorangeht. Die Ur- 
sache dieses Schuldgefühls war der Frau nicht bewußt. Sein Ursprung lag 
im Unbewußten und entstand dadurch, daß sie das „Verbrechen" begangen 
hatte, ein Kind zu bekommen. Selbst für wesentlich normale Menschen ist 
es leicht zu projizieren, d. h. das Kind mit der Schuld zu belasten. Die 

- 314 - 



Feindseligkeit, die dieser Quelle entspringt, ist also eigentlich die Kund- 
gebung einer überstrengen, unbewußten Moral — ein Wunsch, die Schuld 
von sich abzuwälzen. 

Ein anderes Schuldgefühl, das schließlich dazu beiträgt, die Feindselig- 
keit zu steigern, kann aus einer anderen Quelle stammen, und zwar aus 
der Liebe zum Kind, In diesem Falle bedeutet die Liebe zum Kind im 
unbewußten Betrug an dem Gatten; dem Gatten treu bleiben, verlangt, das 
Kind zurückzustoßen. Solange sie nicht beide Liebesbindungen miteinander 
in Einklang bringen kann, leidet sie unter diesem Konflikt. 

Schließlich ist das Kind unser eigenes, verkleinertes Selbst. Wir lieben 
diese kleine Kopie und unsere verschobene Selbstliebe und Überschätzung 
machen uns in den meisten Fällen blind für des Kindes Fehler. Aber 
wenn dies nicht geschieht, dann unterwerfen wir das Kind leider der gleichen 
Kritik und Verurteilung, mit denen wir unsere Selbstliebe unterdrücken. 
Diese sich selbst befehdenden Kräfte äußern sich in verstärktem Sadismus 
gegenüber dem Kind. 

Nun mißbilligen wir als kultivierte Lebewesen ziemlich restlos all diese 
infantile Grausamkeit in uns. Wäre es nicht in besonderen Arten und 
Methoden, wie z. B. im Necken, so könnte sie überhaupt nicht zum Aus- 
druck gelangen. Aber sie kommen eben doch zutage und bereiten uns 
dann nicht nur Vergnügen, sondern können unter ungünstigen Verhält- 
nissen das Kind tief beeinflussen. Durch die Methode des Foppens kann 
das Kind die Überzeugung gewinnen und sie auf immer in seine Persön- 
lichkeit aufnehmen, daß seine aggressiven Triebe dazu verurteilt sind, 
durchkreuzt zu werden. Es kann nun von zwei Einstellungen eine an- 
nehmen : Entweder es wird eine eigensinnige Widersetzlichkeit entwickeln, 
oder es wird, sobald es erkennt, daß seine Angriffskräfte aussichtslos 
schwach sind, das Klügste in seiner Lage tun und in einer uns nicht be- 
greiflichen Weise lernen, sich aus seinen Leiden Lust zu schaffen. Im 
Gegensatz zu Sadismus oder zur Lust an der Grausamkeit nennen wir die 
Einstellung, die am Leiden Lust gewinnt, Masochismus. Es ist nicht lange 
her, daß die Psychopathologen die schädliche Wirkung einer frühen 
masochistischen Charakterveranlagung erkannten. Heute aber weiß man 
genau, daß masochistische Neigungen auf die Entwicklung und Dauer 
späterer Neurosen einen weitreichenden Einfluß ausüben. 



* 



Bis hieher haben wir uns mit der Art des Neckens beschäftigt, die man 
als feindselig oder als aggressiv bezeichnen könnte. Das erotische Necken, 
das häufiger den Eltern unbewußt ist, dient einem ähnlichen Zweck. 
Zärtlichkeitsäußerungen zwischen den Eltern, die des Kindes ohnmächtige 
Eifersucht erregen, oder exhibitionistische Regungen, die ihre anatomische 
Überlegenheit beweisen sollen, können komplizierten Neigungen der Eltern 
dienen. Wenn auch das erotische Necken vielleicht subtiler ist als das 

— 315 — 



aggressive, geht es doch gleichfalls darauf aus, die Überlegenheit und Macht 
des erwachsenen Menschen zu bestätigen. Diese Bestätigung scheint umso 
notwendiger zu sein, je mehr er sich gegenüber dem eigenen Gefühl von 
Unzulänglichkeit vergewissern muß. 

Analog kann das direkte Verhöhnen physischer und geistiger Mängel in 
einem geheimen Minderwertigkeitsgefühl des erwachsenen Menschen seinen 
Ursprung haben. Der Defekt scheint den Spott zu entschuldigen. Hier 
spielen sowohl die Identifizierung mit dem Kind, wie der Haß seiner 
eigenen Unvollkommenheit eine große Rolle. 

Nun, da wir den schädlichen Wirkungen des mutwilligen Neckens so- 
viel Aufmerksamkeit gewidmet haben, ist es vielleicht nicht unangebracht, 
eine optimistischere Tonart anzuschlagen. Bei psychischen Vorgängen kommt 
es vor allem sehr auf Ausmaß und ihr Verhältnis an. Wir sind alle ge- 
neckt worden. Aber verborgene Hilfsquellen im Kind ermöglichen es, die 
während seiner Entwicklung gegen ihn gerichteten Kräfte aufzubeben oder 
abzuschwächen. Trotzdem ist es richtig, daß Eltern ihren Kindern viel 
Leid ersparen könnten, wenn sie ihre eigenen psychischen Probleme — 
seien diese nun in der Vergangenheit oder in der Gegenwart begründet 
— lösen würden. Um wieviel größer unter solchen Umständen die Aus- 
sicht auf bessere psychische Gesundheit wäre als bei Kindern vergangener 
Zeiten, läßt sich kaum voraussagen. 



Siegfried Bernfeld 
Sisyphos oder: Die Grenzen der Erziehung 

Zweite Auflage. Gek. M /.— , Ganzleinen M 6.jo 



Der geistreichste unter den Schülern des 
großen, genialen Sigmund Freud hat da 
den Pädagogen ein Büchlein gewidmet, das 
sie hoffentlich lesen und so bald nicht ver- 
gessen werden. . . . Seit langem im frag- 
würdigen Bereich der Pädagogik keine wich- 
tigere Erscheinung zu verzeichnen. . . . 
Übrigens auch keine bei allem bitteren Ernst 
witzigere und vergnüglichere. (Gustav 
Wyneken im „Berliner Tageblatt".) 



Ein Buch, das alle Kulissen unserer päd- 
agogischen Verbrämungen beiseite schiebt 
und jene Stelle aufdeckt, und zwar mit un- 
widerleglichen Griffen und Schlüssen, an 
der die wirklichen pädagogischen Probleme, 
nämlich die Verankerung der Staatsmacht 
in der Schule, bloßgelegt werden, nüchtern, 
leidenschaftlich, hinreißend. (Arnold 
Zweig auf eine Umfrage über „Das beste 
Buch des Jahres" im „Tagebuch".) 



Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Wien 



m 



Wir. 



— 316 — 



Die Verwaisung als soziale Erscheinung 

Von Dr. Siegfried Kraus 

Konsulent des Wiener Städtischen Wohlfahrtsamtes 

Wir haben den Autor um Überlassung seines nicht von psychoanalytischem Gesichtspunkte 
geschriebenen Beitrages ersucht, aus welchem u. a. auch einiges Licht auf die Bedeutung der Ödipus- 
Situation und die Häufigkeit des Inzestes von der Seite sozial-statistischer Forschung her fällt. 
Dem Psychoanalytiker wird, wenn heute auch seltener, entgegengehalten, daß er nur auf Grund 
der subjektiven Angaben einzelner Kranker abnorme Funde allzusehr verallgemeinert. Die Be- 
funde des Autors zeigen aber eine unerwartete Häufigkeit auch des tatsächlichen Inzestes und 
lassen daher auf noch ungleich häufigere sexuelle Traumen in der Kindheit schließen. 

Die Psychoanalyse läßt die Überwindung der Ödipus-Situation als die wichtigste Aufgabe 
der seelischen Entwicklung des späteren Kindesalters erkennen. Aus der normalen Überwindung 
des Ödipuskomplexes entsteht nach Freud der moralische Halt des Menschen, sein Über-lch. 
Wenn die Für Sorgetätigkeit statistisch die Abhängigkeit der seelischen Verelendung vom Ausfallen 
der elterlichen Funktion feststellen kann, so sehen wir hier die Wichtigkeit der psychoanalytisch 
gefundenen Ursachen in greifbarer Art erfaßt. Die amtliche Untersuchung stellt nur die äußeren 
Bedingungen des Erziehungsausfalls fest. Die Psychoanalyse weist nach, daß diese Bedingungen 
dadurch wirksam sind, daß sie unbewußte Strebungen auf Seite der Kinder sowohl als der Er- 
zieher frei setzen, beziehungsweise außer Kraft setzen. 

Sehr glücklich hat der Autor den Begriff „Verwaisung" ausgedelmt auf alle Fälle, in denen 
die Eltern nicht seelisch wie Eltern funktionieren. Auch eine blutsfremde Frau funktioniert und 
nützt als Mutter, wenn gegenseitig Übertragung erfolgt. Es wird uns eine Genugtuung sein, 
wenn die Entdeckungen Freuds mehr und mehr in den Dienst der sozialen, allgemein zugänglichen 
Fürsorge gestellt werden. Das Recht des Kindes auf normale Aufzuchtbedingungen wird erst 
durch eine psychologisch-analytisch richtig geleitete Fürsorge in das allgemeine Bewußtsein des 
Volkes dringen. Uns erscheint das Wissen um die Bedeutung des Ödipuskomplexes eine Vorbe- 
dingung dafür, daß normale Eltern den Kindern richtige Lebensbedingungen verschaffen und daß 
die soziale Fürsorge dort eingreife, wo die normale Elternfunktion fehlt, ob schon „Eltern" da sind. 

Die Redaktion (P. F.). 

Der Chef des Wiener Wohlfahrtswesens, Prof. Tandler, bezeichnete es ein- 
mal als wünschenswert, wenn man feststellen könnte, in welchem Umfange bei 
Mädchen allzu frühzeitiger sexueller Verkehr vorkomme. Diese 
Anregung Prof. Tandlers wird bei einer eben im Gang befindlichen Untersuchung 
eines großen Aktenmaterials über verwahrloste Kinder verwertet. Dieser größe- 
ren Untersuchung ist die Prüfung eines kleineren Materials vorausgegangen, die 
aus amtlichen Gründen notwendig war. Aus ihren Ergebnissen möchte ich hier 
verschiedene Tatsachen mitteilen, die von allgemeinerem Interesse sind. Weiters 
möchte ich an Hand dieser Ergebnisse eine grundsätzliche Besprechung der Ver- 
waisung als sozialer Erscheinung anknüpfen. 

I 

Es handelt sich um 93 Mädchen, die teils in schulpflichtigem, teils in nach- 
schulpflichtigem Alter in Fürsorgeerziehung gekommen sind. Sie stammen von 
91 Elternpaaren. 

- 317 - 



Die Untersuchung ergab u. a., daß etwa zwei Fünftel von ihnen schon vor 
dem 15. Jahre und etwa die Hälfte von ihnen schon vor dem 14. Jahre den 
ersten Geschlechtsverkehr gehabt hatten, und zwar in erheblichem Umfange, 
mit erwachsenen Männern und im Bereiche der Familienwohnung. Die in Be- 
tracht kommenden Männer waren zum Teil Blutsverwandte. 

Wir fragten uns angesichts dieser Tatsache und anderer Ergebnisse der Unter- 
suchung: wie war dieses Schicksal möglich? Wir gelangten zur Auffindung von 
drei großen Ursachenkomplexen, die ich in folgendem kurz besprechen will. 

Ich beginne mit der Beschreibung der Gesundheitsverhältnisse der 
Eltern, bzw. deren biologischen Lebensschicksals seit Geburt der Mädchen 
soweit Nachrichten darüber erlangt werden konnten. 

Von den 91 Kindesmüttern waren 53 körperlich beeinträchtigt, demnach 
mehr als die Hälfte. Daß diese Beeinträchtigungen häufig sehr schwerer Natur 
waren, ergibt sich u. a. daraus, daß sie bei etwa drei Fünftel der Beeinträch- 
tigten zum Tode führten. In der Hälfte der Todesfälle war Tuberkulose die 
Todesursache. Nur bei einem Drittel der Kindesväter wurde keine gesundheit- 
liche Beeinträchtigung gemeldet. Ein anderes Drittel starb. Neben Tuberkulose 
spielte Trunksucht als Todesursache eine große Rolle. Auch unter den über- 
lebenden erheblich erkrankten Kindesvätern fällt die Ziffer der schweren Alko- 
holiker auf. Die Beeinträchtigungen der Kindesväter und der Kindesmütter haben 
sich jedenfalls bei den Kindern teils in einer Verschlechterung ihrer angebore- 
nen Beschaffenheit, teils in einer Verschlechterung ihrer sozialen Entwicklungs- 
bedingungen ausgewirkt. 

Wie schwer die gesundheitlichen Beeinträchtigungen der Kindeseltern waren, 
wird noch durch einen Vergleich ihrer Sterblichkeitsziffer mit den Sterblichkeits- 
ziffern der pflichtversicherten Mitglieder der Allgemeinen 
Arbeiter-Krankenkasse in Wien erhärtet 1 . Während die Mütter der 
Fürsorgezöglinge in der beobachteten Zeit eine Sterblichkeit von 38% aufweisen, 
zeigen die gleichartigen krankenversicherten Frauen in derselben Zeit eine Sterb- 
lichkeit von nur ioV» /oj die Sterblichkeit der Zöglingsmütter war also mehr 
als dreimal so groß wie diese. Die Väter der Fürsorgezöglinge zeigen eine 
Sterblichkeit von 3 2%; dagegen die gleichartigen männlichen Versicherungs- 
pflichtigen nur eine von rund 21 °/o, mithin ist jene nur ein- und einhalb- 
mal so groß wie diese. Die relativ günstigere Stellung der Zöglingsväter 
dürfte darauf zurückzuführen sein, daß auch bei den männlichen Versicherungs- 
pflichtigen u. a. der Alkoholismus für das gesundheitliche Schicksal von Bedeu- 
tung wurde. 

1) Diese Pflichtversicherten dürfen zu einem erheblichen Teil auch als sozial 
Nächstverwandte der hier beschriebenen Kindeseltern gelten; denn die bis vor einigen 
Jahren selbständig gewesene große Kasse hatte als Kasse der Wiener Großbetriebe 
auch viele ungelernte Arbeitskräfte zu Mitgliedern. Ungelernte befinden sich aber 
auch unter den hier beobachteten Kindeseltern in sehr erheblicher Zahl. Zum Ver- 
gleich wurden nur solche Mitglieder herangezogen, die denselben Altersgruppen an- 
gehörten wie unsere Kindeseltern. Schließlich wurde für beide Massen dieselbe Beob- 
achtungszeit gewählt (durchschnittlich 17 Jahre). 

— 318 — 



Die Minderwertigkeit der beobachteten Elternmasse als Erziehungsfaktor wurde 
aber durch weitere Umstände vergrößert. Es sind vor allem die geschlecht- 
lichen bzw. ehelichen Verhältnisse der Kindesmütter und Kindesväter zu 
beachten. Von den 91 Elternpaaren waren 74 verheiratet. Unter den 74. ehe- 
lichen Kindesmüttern gab es 18, denen der Kindesvater durch Tod entrissen 
wurde, und 10, die ihn durch die Ehescheidung verloren. Ein Drittel der ehe- 
lichen Verbindungen, denen die beobachteten ehelichen Kinder entstammen, 
gingen also durch den biologischen oder sozialen Verlust des Kindesvaters zu- 
grunde. Da nun anderseits 28 Kindesväter Witwer wurden, um 10 mehr als 
die Witwen, erhöht sich die Zahl der durch den Tod eines Elternteiles oder 
durch Ehescheidung zugrunde gegangenen ehelichen Verbindungen der Kindes- 
eltern auf 38, demnach auf etwa die Hälfte der kindeselterlichen Ehen. Man darf 
also annehmen, daß etwa die Hälfte der beobachteten ehelichen Kinder 
durch Auflösung der Ehe der Eltern schwere Erschütterung erlitten hat. 

Von den verwitweten und geschiedenen 28 Kindesmüttern haben 5 wieder 
geheiratet und 1 1 neue außereheliche Verbindungen geschlossen, d. h. mehr 
als die Hälfte sind neue Verbindungen eingegangen. Von den 58 ver- 
witweten und geschiedenen ehelichen Kindes v ä t e r n haben sogar 52 neue 
eheliche und außereheliche Lebensgefährtinnen genommen. Nur eine der 17 un- 
ehelichen Kindesmütter lebte mit dem außerehelichen Kindesvater als Lebens- 
gefährtin zusammen, 8 von ihnen nahmen ihren Kindern blutsfremde 
Männer als außereheliche Lebensgefährten und die übrigen 8 heirateten 
solche. Diese Verhältnisse verschärften sich für die Kinder noch dadurch, 
daß eine größere Zahl von Vätern und Müttern die Lebensgefährten öfter 
wechselten. 

Es ist nicht zu verkennen, daß der größte Teil der beobachteten Kinder 
infolge des Wechsels in den geschlechtlichen Beziehungen 
ihrer Eltern eine tiefgreifende Vernachlässigung ihrer Erziehung hat er- 
tragen müssen. Es fehlte in ihrer Erziehung mehr als bei normalen Verhält- 
nissen das wichtige Moment der Ruhe und Nachhaltigkeit der erziehlichen Ein- 
wirkungen. 

Zum Schlüsse noch einiges über die Vollwaisen : Solche in biologischem 
Sinne gab es 13, sie hatten ihre Eltern durch den Tod verloren. 33 andere 
Kinder hatten zwar beide Eltern behalten oder nur einen Teil durch den Tod 
verloren, jedoch hatten diese sich im Laufe der Zeit von den Kindern getrennt 
und sie damit zu Vollwaisen im sozialen Sinne gemacht. Darüber wird am 
Schlüsse noch einiges zu sagen sein. 

Eine eigene Gruppe unter den Vollwaisen jeder Art bilden die bei älteren 
Geschwistern untergebrachten Kinder. In vielen Fällen sind ihre Verhältnisse 
außerordentlich ungünstig. Eine sehr schlimme Rolle spielt bei diesen Fällen 
der Egoismus mancher dieser älteren Geschwister, die dann, wenn sie einen 
männlichen oder weiblichen Lebensgefährten in die Wohnung bringen, geneigt 
sind, die Interessen der eigenen Geschwister hintanzusetzen, sie womöglich aus 
der ererbten elterlichen Wohnung hinauszudrängen, oder aber, wenn sie sie in 

— 319 — 



der Wohnung behalten, sie in anderer Weise auszunützen. Es gibt allerdings 
da und dort auch verantwortungsbewußte, sorgende ältere Geschwister. Auf der 
anderen Seite kann es leicht zu einer feindseligen Einstellung der jüngeren Ge- 
schwister kommen, die sich gegen ihre Ausnützung und Verdrängung oder auch 
gegen das Eindringen Fremder mit Wut, Erbitterung oder mit heimlicher Bos- 
heit wehren und daher oft selbst schweren inneren Schaden erleiden. 

Eine wichtige Ursache für das Schicksal der Kinder war wirtschaftliches 
Unvermögen der Eltern. Auf dieses weist schon der Umstand hin, daß 
mehr als die Hälfte der Kindesväter und der übrigen Lebensgefährten 
der Mütter ungelernte Arbeiter waren. Wie ungünstig diese Ziffer ist, 
ergibt sich daraus, daß im Wiener Industriegebiet nach dem eben 
erschienenen Bericht der Arbeiterkammer nur 2i u / Ungelernte vorhanden 
waren. Neben diesen Umständen waren Arbeitslosigkeit und notorische 
Trunksucht (als Einkommensvernichterin) der Väter und Lebensgefährten 
für das Schicksal der Kinder von verhängnisvoller Bedeutung. So waren als 
Trinker mehr als ein Drittel dieser Männer charakterisiert. 

Die Bedürfnisse der bei den Kindesmüttern, bei alleinstehenden Kindesvätern 
bezw. bei Stiefmüttern, bei Verwandten oder in Pflegefamilien untergebrachten 
Kinder nachgeordneter Pflege wurden in der Hälfte der Fälle durch außer- 
häusliche Erwerbstätigkeit der Kindesmütter, Stiefmütter oder son- 
stigen Pflegepersonen beeinträchtigt. In dieser Tatsache kommen bereits neben 
Momenten, die schädigend auf die körperliche Entwicklung wirken (Ernährung, 
körperliche Beinigung), auch geistig und sittlich schädigende Momente infolge 
mangelnder Beaufsichtigung zum Ausdrucke. 

Weitere erzieherische Mängel kommen hinzu. Es wird Großstadtkindern 
im Gegensatze zu Bauernkindern und Kindern von Handwerkern alten Zuschnitts 
sehr schwer, den Übergang aus dem Leben der Kindheit in das Erwerbsleben 
zu finden. Das Kind sieht den Vater, sieht oft beide Eltern nicht arbeiten (weil 
beide außer dem Hause tätig sind), kann sich also nicht an ihrem Vorbild für 
die sittlichen und beruflichen Aufgaben des Lebens schulen. Außerdem waren 
die hier in Frage stehenden Eltern selbst dem Großstadtleben überhaupt, 
nicht nur in beruflicher Hinsicht, ungleichmäßig angepaßt; sie konnten also 
ihren Kindern bei ihrer Anpassung an die großstädtischen Lebensbedingungen 
nur in sehr verschiedener Weise helfen; die geistige Entfaltung ihrer Kinder 
konnte von ihnen nur ungleichmäßig gefördert werden. Umgekehrt drohte ihnen 
die Gefahr der Entfremdung ihrer Kinder, soweit diese aus dem Umstände 
mangelnder Fühlung mit der Kultur der Großstadt erwächst. 

Diese Entfremdungsgefahr ist wohl unter anderem auch vom Alter 
der Kindeseltern abhängig. Jüngere Eltern haben noch — unter sonst gleichen 
Umständen — viel mehr Spannkraft, um mit ihren Kindern Schritt zu halten, 
ihren Interessen sich zu nähern, als ältere, in ihrer Lebenskraft bereits beein- 
trächtigte Eltern. Unter diesem Gesichtspunkte war es verhängnisvoll für die 
Kinder, daß nur eine kleine Zahl der Mütter nach 1890 geboren war. Da es 
sich bei den beobachteten Mädchen in der Hauptsache um Kinder handelte, 

— 320 - 



deren Verwahrlosung zwischen 1924 und 1928 in Erscheinung trat, ist das 
Geburtsjahr der Kindesmütter zu dieser Zeitepoche und zu der diesen Jahren voran- 
gegangenen Epoche in Beziehung zu setzen. Eine 1890 geborene Frau war in 
den Jahren 1924 bis 1928 54 bis 58 Jahre alt. Nimmt man darauf Bedacht, 
daß es sich hier in der Hauptsache um Angehörige der Arbeiterklasse handelt, 
dann ist ein Lebensalter von 54 bis 58 Jahren wohl als Grenzalter der Jugend 
für die Frauen anzusehen. Von den 91 Kindesmüttern waren aber nur 24 
zwischen 1890 und 1898 geboren. Wie ungünstig diese Ziffer ist, erhellt auch 
aus einem Vergleich mit den gleichartigen pflichtversicherten Frauen 
der Allgemeinen Arbeiter-Krankenkasse in Wien; diese zählen nämlich 41% 
zwischen 1890 und 1898 geborene Frauen unter sich. Die ver- 
sicherten Frauen haben demnach etwa ein und einhalb mal so 
viel jüngere spannkräftigere Menschen in ihrer Masse als die Mütter der 
beobachteten Fürsorgezöglinge (Ziffer der Versicherten nach dem Stande vom 
31. Dezember 1926). 

Alle besprochenen Umstände sind Faktoren einer größeren oder geringeren 
Unfähigkeit der Eltern, ihren Kindern in ihrer geistigen, sittlichen und 
beruflichen Entwicklung beizustehen. 

Zu diesem bedingten Mangel an Erziehungsfähigkeit kommen aktive Ge- 
fährdungen der Kinder hinzu. Unter den 106 Lebensgefährten (Kindesvätern, 
Stiefvätern usw.) waren 55 als schwere Alkoholiker exzessiver Art gekenn- 
zeichnet. Unter den überlebenden Kindesmüttern gab es mehrere ausgesprochene 
Trinkerinnen und 7, die einen prostitutionellen Lebenswandel führten. Unter 
den verstorbenen Kindesmüttern waren mehrere als trunksüchtig gemeldet. 
Die damit gegebene aktive Gefährdung der Kinder besteht nicht nur in 
der Verführung durch Vorbild. Für Kinder ist schon der Anblick betrunke- 
ner Väter und Mütter die schwerste seelische Erschütterung. Dazu kommt 
der häufige elterliche Streit bei Alkoholikern. Schreck- und Flucht-Neurosen 
können sich bei solchen Kindern entwickeln, die ja besonders in den Klein- 
kind- und Schulkind] ahren diesen familiären Katastrophen hilflos gegenüber- 
stehen. Bei vielen Herumtreibereien, bei vielen Fällen von Schulschwänzen 
und nächtlichem Vagieren, das sich bei den Kindern unseres Beobachtungs- 
materials findet, handelt es sich häufig nicht um angeborene Psychopathie, 
sondern um Seelenstörungen, die durch elende Lebensbedingungen erzeugt wurden. 
Diese Seelenstörungen, zusammen mit jenen, die bei der sozialen Verwaisung 
(Verstoßung usw.) entstehen, gehören schon zum Gebiet der Kindermiß- 
handlung, zunächst der seelischen Kindermißhandlung. Am wenigsten kommt 
diese dort vor, wo bloß wirtschaftliche Not besteht. Ja, bei günstigen Umständen 
können in Fällen bloßer Armut sehr starke Zusammengehörigkeitsgefühle erwach- 
sen, welche mildernd auf die Gesamtlage einwirken. Im Gegensatz hiezu erfolgen 
auch trotz verhältnismäßig günstiger wirtschaftlicher Verhältnisse schwere seelische 
Mißhandlungen und führen zu schwerer Verwahrlosung. In unserem Beobachtungs- 
material befindet sich der Fall eines Mädchens, mit dem die Eltern (der Mann 
hatte gutes regelmäßiges Einkommen) nicht fertig werden konnten. Sie klagten, 

Zeitschrift f. psa. Päd., IV/8 '9 321 - ■ 



daß das 15jährige Mädchen in keiner Lehrstelle bleibe, daß es sich mit jungen 
Burschen herumtreibe, daß es sogar eine Beziehung zu einem verheirateten 
Manne hätte, daß es spät nachts nach Hause käme, sich äußerst renitent gegen 
die Eltern und gewalttätig gegen die ältere Schwester betrage. Das Mädchen 
wurde schließlich in Fürsorgeerziehung gegeben. Nun findet sich in den Akten 
ein ausführlicher Erziehungsbericht der Anstalt. Was ist in ihm enthalten? Etwa 
Klagen über Erziehungsschwierigkeiten? Nein, nichts dergleichen. Nichts von 
Faulheit, Unbeständigkeit in der Arbeit, Roheit im Benehmen gegen andere. 
Der Bericht strömt über von Lob und es findet sich in ihm der bezeichnende 
Satz: „Äußerst feinfühlendes Mädchen, für gute Worte stets empfänglich und 
ihrer auch stets bedürftig." Wie war die Wandlung des Mädchens zu erklären? 
Ein kleiner Hinweis in den Akten führte mich auf die Spur. Dort war einmal 
nebenbei von der älteren, sehr begabten Schwester die Rede, die auf Wunsch 
der Eltern für einen höheren Beruf ausgebildet wurde. Nach anderen kleinen 
Symptomen schloß ich, daß sie der Liebling der Eltern sei. Zweifellos erwachten 
in unserem Zögling die Gefühle des Neides auf die bevorzugte Laufbahn und 
auf die bevorzugte Familienstellung der Schwester. Aschenbrödelgefühle wuchsen 
in ihr immer mächtiger auf. Hätte man in der Familie Verständnis für ihr 
Erleben gehabt, so hätte man ihr etwa sagen müssen : Auch Du sollst die Möglich- 
keit bekommen, einen höheren Beruf zu erlernen, wenn Du Dich dafür eignest 
auch Dich lieben wir, selbst wenn Du weniger begabt sein solltest wie die 
Schwester. Anstatt dessen schob man sie ohneweiters nach Schulschluß in eine 
Schneiderwerkstätte, konzentrierte allen Stolz und alle Liebe auf die ältere 
Schwester und ließ unseren Zögling links liegen. Und wenn das Mädchen darauf 
mit Mißlaune und ähnlichem erwiderte, wurde das der Anlaß zu Szenen 
schließlich zu schweren Beschimpfungen und Benachteiligungen des Kindes. So 
suchte das Mädchen zu beweisen, daß es mehr wert sei, als die Eltern zugeben 
wollten und sie suchte sich die Anerkennung auf jenem Weg, der einem jungen, 
hübschen Mädchen am leichtesten zugänglich ist. Ihre sexuelle Verwahrlosung 
war in der Hauptsache der Ausdruck ihres Protestes gegen Verkennung, Miß- 
achtung und sonstige seelische Mißhandlung in der Familie 1 . Dieser und ähnliche 
Fälle zeigen, wie ungemein wichtig die frühe Beratung der Eltern bei auf- 
tauchenden Erziehungsschwierigkeiten ist und wie in solchen Fällen gründ- 
lichste Terrainerforschung durch den Berater Voraussetzung gedeihlicher Einfluß- 
nahme ist. 

Auch bei Stiefvater- und Sticfmutterfällen muß solche gründliche und ener- 
gische Lageerforschung und Elternberatung erfolgen. Da war der Fall eines wohl- 
meinenden Mannes, der eine Frau mit einem unehelichen Kinde geheiratet hatte 
und sehr an diesem Kinde hing, mehr als die Mutter. Dann gab es aber Leute, 
die das Kind aufhetzten und ihm sagten, der Mann wäre gar nicht sein richtiger 

1) Besonders beweiskräftig für ihre gesunde Beschaffenheit ist, daß sie sich nicht 
nur in der Anstalt gut hielt, sondern sich auch seither schon durch drei Jahre erfolg- 
reich, (in wirtschaftlicher und sittlicher Hinsicht,) im freien Leben behauptet. Zu ihren 
Eltern kehrte sie nicht zurück. 



— 322 — 






Vater, und es müßte sich von ihm nichts gefallen lassen. Gelegentlich sagte das 
Kind das seinem Ziehvater. Er wurde darüber, (getäuscht in seiner uneigen- 
nützigen Liebe und Sorge,) so zornig, daß er die Weggäbe des Kindes durch- 
setzen wollte. 

Auch dort, wo sich zur seelischen Mißhandlung körperliche gesellt, muß 
früh vorbeugend eingegriffen werden. Eine der schwersten körperlich-seelischen 
Mißhandlungen ist die Kinderschändung, über die in unserem Material 
sehr viel Unerfreuliches sich vorfindet und über die bereits eingangs gesprochen 
wurde. 

II 

Die in dieser Darstellung der Entwicklungsbedingungen verwahrloster Mäd- 
chen mitgeteilten Tatsachen zeigen, von wie überragender Bedeutung die sozi- 
alen Faktoren für das Zustandekommen der Verwahrlosung sind. Einmal 
als Faktoren für die körperliche Beschaffenheit der Kindeseltern (Tuberkulose, 
Alkoholismus usw.) und für ihr wirtschaftliches Ergehen. Sodann als Faktoren 
für das Schicksal der Kinder. Auch solche Fachleute der Fürsorgeerziehung, 
die geneigt sind, die nervlich-psychische Degeneration (Psychopathie und Schwach- 
sinn) als Hauptursache der Kinderverwahrlosung anzusehen, sind überzeugt, daß 
die Degeneriertheit nur in den all erschwersten Fällen unabhängig von sozialen 
Faktoren zur Verwahrlosung führe. Auch sie sind der Meinung, daß es trotz 
Bestehens von Psychopathie usw. erst auslösender sozialer Einflüsse, Armut, 
Großstadtverhältnisse usw. bedarf, damit Verwahrlosung zustande komme. Aber 
ob man nun die sozialen Faktoren als grundbestimmende oder nur als auslösende 
Momente der Verwahrlosung betrachtet: in jedem Falle hängt es von der 
Besserung der Beschaffenheit der sozialen Zustände ab, 
daß die Verwahrlosung am Entstehen gehindert, oder wenn, sie 
entstanden, mit Aussicht auf Erfolg bekämpft werden kann. Die Bekämpfung 
ist zunächst allgemeiner Art: Alles was zur Verbesserung unserer gesellschaft- 
lichen Verhältnisse führt, wird auch eine Bekämpfung der Verwahrlosungs- 
gefahren bedeuten. Von der Verbesserung der wirtschaftlichen Verhältnisse 
(Einkommenshöhe, Einkommensicherheit usw.) abgesehen, ist es insbesondere 
die Verbesserung der Formen der allgemeinen Lebensführung (Konsumtions-, 
Sexualitäts-, Familienverhältnisse usw.) die hier in Betracht kommt. 

Der Bekämpfung der Verwahrlosung dient aber auch die Gewinnung voller 
Klarheit über das Problem der Verwaisung. 

Wenn man den geltenden Begriff der Verwaisung von einem weiteren 
Gesichtspunkte auf seinen Inhalt untersucht, dann findet man, daß er zwei 
soziale Erscheinungen erfaßt: einerseits die durch Tod eines oder beider Eltern- 
teile verursachte Elternlosigkeit von Kindern und andererseits den damit 
gegebenen Erziehungsnotstand dieser Kinder. Vollwaisen sind dann jene 
Kinder, die durch den Tod beider Elternteile elternlos, bzw. vaterlos oder mutter- 
los und damit erziehlich notleidend geworden sind. 

- 323 - 



Betrachtet man zunächst die Elternlosigkeit, bzw. die Vater- oder die Mutter- 
losigkeit, so sind unter sozialen Gesichtspunkten vor allem diese Tatsachen an 
sich selbst wichtig : das dadurch bedingte Alleinstehen der Kinder 
der Wegfall der sozialen Gemeinschaft, die bis dahin Eltern und Kinder verknüpfte. 
Es empfiehlt sich aber unter sozialen Gesichtspunkten, die Ursache dieser Er- 
scheinung ganz getrennt davon zu erfassen. Tut man das nämlich nicht, dann wird 
leicht der Blick abgelenkt von der Tatsache, daß es elternlose, vaterlose, mutterlose 
Kinder gibt, die ihre Eltern nicht durch Tod verloren haben. Vom biolo- 
gischen Gesichtspunkte kann man wohl hier nicht von Elternlosigkeit reden- 
aber die Eltern leben nicht mehr als „Eltern" zu nennende, soziale Helfer 
ihrer Kinder. Vom sozialen Gesichtspunkte ist für den Begriff der Ver- 
waisung die Tatsache der Elternlosigkeit und nicht die Ursache 
dieser Elternlosigkeit (Tod, Verstoßung usw.) entscheidend. Für die soziale 
Bedeutung einer Erscheinung ist eben nicht ihr bloßes Sein, sondern ihr 
Wirksamsein, ihr Funktionieren, maßgebend. Kinder von Eltern, die bloß 
leben, aber mit ihren Kindern nicht zu einer liebevoll geordneten Lebens- 
gemeinschaft verbunden sind, haben es oft schlechter als Kinder, die ihre Eltern 
durch Tod verloren haben. 

Solche Erwägungen sind praktisch von ungemeiner Bedeutung. Es ist nun 
einmal so, daß die Kraft des Helfenwollens unter sonst gleichen Umständen umso 
stärker angeregt wird, je schwerer und deutlicher der Notstand zu Tage tritt. 
So wird z. B. eben aus Amerika gemeldet, daß dort eine große Zahl hochdotierter 
Waisenstiftungen bestehe, die schon seit geraumer Zeit brach lägen, weil es an 
Waisenkindern fehle, deren Verhältnisse den Bestimmungen dieser Stiftungen ent- 
sprächen. Es ist daher, um diesen sozialen Helferwillen zu gewinnen, wichtig, 
darauf hinzuweisen, daß auch nicht durch den Tod der Eltern verursachte 
Elternlosigkeit als Sozialerscheinung der durch Tod verursachten gleichzuhal- 
ten ist, daß demnach auch jene anderen elternlosen Kinder als 
Waisen zu gelten haben, und daß daher die Fürsorge für solche Kinder 
ebenso wichtig und verdienstlich ist, wie die Fürsorge für die durch Eltern- 
tod verwaisten. 

Nun besteht aber die innere Verwandtschaft zwischen den beiden Gruppen 
von elternlosen Kindern nicht nur in der Gemeinsamkeit des Merkmals der Eltern- 
losigkeit. Sie ist außerdem bedingt durch eine teilweise Verwandtschaft in der 
Verursachung der Elternlosigkeit. Es gibt nämlich eine große Gruppe von Halb- 
waisen im alten Sinn, von Kindern, die einen Elternteil durch den Tod 
verloren haben, die aber außerdem den anderen Elternteil später durch 
soziale Ursachen verlieren. 

So gibt es z. B. in unserem Beobachtungsmaterial eine erhebliche Anzahl von 
verwitweten Kindesmüttern, die nach dem Tode des Ehegatten sich mit einem 
anderen Manne verheirateten oder mit ihm als außerehelichen Lebensgefährten 
zusammenwohnten. Diese neuen Männer waren dem Kinde blutsfremd. Wird ein 
Kind frühzeitig in eine solche neue Verbindung hineingenommen, dann entstehen 
soziale Gebilde, die nach den Frankfurter Untersuchungen über die Stiefvater- 

- 324 — 



familie durchschnittlich ähnliche Leistungen für die Entwicklung des Kindes 
vollbringen, wie sonstige Familien derselben sozialen Schichten. Anderseits ent- 
standen bei den Fällen unseres Beobachtungsmaterials nach dem Tode der Kindes- 
mutter relativ häufig Stiefmutterfamilien : der überlebende Kindesvater verheiratete 
sich mit einer dem Kinde blutsfremden Frau oder er wohnte mit ihr als außer- 
ehelichen Lebensgefährtin zusammen. 

Diese Fälle können nun eine eigenartige Entwicklung nehmen. Die neu- 
gebildeten Verbindungen, besonders die Stiefmutterfamilien, können unter Um- 
ständen eine gegen das Kind gerichtete abstoßende Kraft hervorbringen. Bei im 
übrigen günstigen Verbindungen kann die abstoßende Kraft durch Sympathie- 
kräfte zwischen den erwachsenen Lebensgefährten einerseits und zwischen diesen 
und dem Kinde andererseits überwunden werden. Unter Umständen aber ist 
die abstoßende Kraft soviel größer, daß es zu einer dauernden oder doch länger 
währenden Entfernung des Kindes aus der neuen Verbindung kommt. Die 
biologisch und familienrechtlich Halbverwaisten werden dadurch auch zu 
sozialen Vollwaisen. Vollwaisen deshalb, weil sie nun beide Eltern ver- 
loren haben. 

Diese doppelt betroffenen biologischen Halbwaisen bilden, soziologisch be- 
trachtet, den Übergang zu solchen Kindern, deren beide Eltern noch leben, 
von denen aber der eine Teil oder aber beide mit dem Kinde keine Lebens- 
gemeinschaft bilden. Diese Kinder kann man rein sozial Halb- und Voll- 
verwaiste nennen. 

Unter den sozialen Voll verwaisten sind am bemerkenswertesten die formlos 
verlassenen Kinder und die Kinder, für deren Abtrennung ein formelles 
Scheidungsurteil die Grundlage bildet. Bleiben solche Kinder zunächst 
bei einem Elternteil, sind sie dadurch zunächst zu sozialen Halbwaisen geworden, 
dann kann auch bei ihnen Vollverwaisung dadurch entstehen, daß der Eltern- 
teil, bei dem sie zunächst verblieben sind, sie abstößt oder verläßt, weil sie 
diesen Elternteil in neuen Verbindungen stören oder weil sie diesem Elternteil 
als allgemeines Hemmnis erwünschter erotischer und räumlicher Freizügigkeit 
erscheinen. 

Eine weitere große Gruppe der rein sozialen Halb- und Vollverwaisten bildet 
ein erheblicher Teil der unehelichen Kinder mit verschiedenen Unter- 
gruppen: den bei der Mutter verbleibenden, den beim unehelichen Vater ver- 
bleibenden und schließlich den von beiden abgetrennten und in Pflegefamilien 
oder Anstalten untergebrachten Kindern. 

Das zweite Hauptmerkmal der Verwaisung ist, wie eingangs bemerkt, der 
Erziehungsnotstand. Dieses Merkmal war schon bisher nicht allein dem Begriffe 
der Verwaisung im alten Sinne angehörig. Da ist die Erziehungsnot unehelicher 
Kinder. Da ist vor allem die Erziehungsnot gefährdeter und verwahrloster 
ehelicher Kinder, die bei ihren Eltern leben. Diese Nöte sind schon seit Jahr- 
zehnten mit klarer Formulierung zu einem Hauptgegenstand der modernen 
Kinderfürsorge geworden. Ja, es ist sogar nicht unbemerkt geblieben, daß der 

- 325 - 



Erziehungsnotstand solcher Kinder eine viel mächtigere und zeitlich viel aus- 
gedehntere Erscheinung ist als die Erziehungsnot von Waisenkindern im alten 
Sinne, die man bald in guten Familien oder in guten Waisenhäusern unter- 
brachte. Man kann bezüglich dieses zweiten Hauptmerkmales der Verwaisung, 
bezüglich des Erziehungsnotstandes, sagen : Die Waisenkinder der alten 
Art, denen Waisenfürsorge zuteil wird, sind im Durchschnitt weniger 
verwaist, als jene gefährdeten und verwahrlosten Kinder, deren Eltern nicht 
bloß noch leben, sondern die außerdem mit ihren Kindern noch eine Lebens- 
gemeinschaft bilden. Prüft man nun den Erziehungsnotstand dieser ehelichen 
Kinder genauer, dann kann man allerdings noch eine andere interessante Wahr- 
nehmung machen: Die nämlich, daß dieser Erziehungsnotstand sehr oft mit 
relativer Elternlosigkeit verknüpft ist. Ich habe in meiner Untersuchung über 
„Gegenwart und Zukunftsaussichten der Familie" u. a. zu zeigen versucht, wie 
die gesellschaftliche Entwicklung für die Mehrheit unserer Familien einen 
wachsenden Ausfall an sozialen Funktionen mit sich gebracht 
hat und wie damit notwendigerweise auch die Erziehungsleistungen 
der Familie immer mehr zurückgegangen sind. Fundamental war in 
dieser Hinsicht besonders die Trennung von Haushalt und Erwerb. 
Diese führte in West- und Mitteleuropa dazu, daß die Mehrzahl der Kinder 
den Vater, unter Umständen auch die Mutter, als beruflichen Erziehungs- 
faktor bereits völlig oder fast verloren haben. Solche relative Verwaisung 
verschärft sich, wenn mangelhaftes Einkommen, Arbeitslosigkeit, Wohnungs- 
not sowie geistige und sittliche Beeinträchtigung der Eltern hinzukommen. 

Als wichtigste Formen der Verwaisung kann man demnach etwa 
unterscheiden : 

A) Die absolute Verw aisung. Sie umfaßt: 

I. Die biologischen Waisen mit Vollwaisen und Halbwaisen (Vaterlose, 
bzw. Mutterlose); 

II. Die sozialen Waisen: 

1) Jene biologischen Halbwaisen, die von dem überlebenden Elternteil ver- 
lassen oder verstoßen und dadurch zu sozialen Vollwaisen gemacht wurden. 

2) Die sozialen Vollwaisen : Kinder, deren Lebensgemeinschaft mit beiden 
Eltern aufgehoben wurde; 

a) die formlos verlassenen ehelichen Kinder, 

b) die Scheidungskinder, 

c) die unehelichen Kinder, 

d) die Kinder, deren beide Eltern dauernd in Siechenanstalten unter- 
gebracht sind; 

3) die sozialen Halbwaisen: Die bei einem Eltemteil verbleibenden, vom 
anderen Elternteil formlos verlassenen Kinder, dann die durch Schei- 
dung, Unehelichkeit oder durch Siechtum eines Elternteiles auf nur 
einen Elternteil als Lebensgefährten angewiesenen Kinder. 



— 326 — 






B) Die relative Verwaisung (teilweiser Wegfall der Pflege- und Erziehungs- 
tätigkeit eines oder beider Elternteile trotz Aufrechterhaltung derW ohngemeinschaf t) . 

Zusammenfassend kann man also sagen, daß die durch Elternlosigkeit und Er- 
ziehungsnotstand gekennzeichnete soziale Erscheinung, die man Verwaisung nennt, 
nicht nur jene Kinder umfaßt, die ihre Eltern durch Tod verloren haben, 
sondern all jene Kinder, die durch absolute oder relative Elternlosigkeit und 
durch Erziehungsnotstand betroffen sind. Die gesamte Kinderfürsorge, 
die diese Kinder zu betreuen hat, kann demnach als Waisenfürsorge im 
weiteren Sinne bezeichnet werden. 

Aus dieser Klarheit über das Problem der Verwaisung muß sich eine Belebung 
der praktischen Fürsorge ergeben. Man wird, von solcher Klarheit ge- 
leitet, von der überwiegenden Mehrheit der Familien West- und Mitteleuropas 
nicht mehr Leistungen verlangen, die sie ihrer sozialen Struktur nach nicht voll- 
bringen können. Man hat bisher ergänzende soziale Erziehungsleistungen vor allem 
dann ins Auge gefaßt, wenn die Mutter mit außerhäuslicher Erwerbsarbeit 
beschäftigt war. Man muß sich aber jetzt darauf besinnen, daß die außerhäusliche 
Erwerbsarbeit des V a t e r s für die Kindererziehung einen ebenso großen Verlust 
bedeuten kann wie die der Mutter. Daß das Kind denVater nicht mehr 
arbeiten sieht, dieses Ergebnis der Trennung von Haushalt und Erwerb, 
muß in seiner überragenden Bedeutung für die Kinderentwicklung ganz begriffen, 
es muß als relative soziale Verwaisung erfaßt werden, durch die den betroffenen 
Kindern eine schwere Gefahr droht. In dieser Beziehung ist die große Masse 
der heutigen städtischen Kinder gegenüber Bauernkindern oder gegenüber 
Kindern von Handwerkern aller Art sehr benachteiligt. Es ist jenen Kindern 
der natürliche Lehrer und Führer bei der Bewältigung der sittlich-beruflichen 
Aufgaben fast gänzlich verloren gegangen. Das Bauernkind kann jeden Tag 
sehen, was sittliche Tüchtigkeit ist: Der Vater, der treu seine Pflicht auf 
dem Acker und im Stalle verrichtet, der Mißernten, schlechten Marktpreisen, 
harten Gläubigern gegenüber standhält, lehrt das Kind auch ohne Worte 
direkter Belehrung sittliches Verhalten kennen. Der arbeitende Bauer, der 
arbeitende Handwerker zeigen dem Kinde einfach durch ihr Tun die fachlichen 
Grundzüge bestimmter Arbeitsgebiete und es kommt eine Einführung in das 
künftige Arbeitsgebiet solcher Kinder zustande, noch ehe diese Kinder praktisch 
voll berufstätig sind. Und auch dann, wenn solche Kinder später einen anderen 
Beruf ergreifen als den väterlichen, war die Bekanntschaft mit der väterlichen 
Tätigkeit von allgemein bildender Bedeutung für sie. 

All das entbehren die Kinder jener Familien, bei denen Haushalt und Erwerb ge- 
trennt sind. Goethe hat schon als Kind diesen Mangel verspürt; und dieses geniale 
Kind hat durch eigene zielsichere Aktivität diesen Mangel zu überwinden versucht. 
In seinen Erinnerungen schildert er, wie er bei den verschiedensten Hand- 
werkern häufig Besuche machte und sie bei ihren Hantierungen und bei ihrer 
ganzen Lebensführung beobachtete. Das muß ein Hinweis sein. Alle Bemühungen, 
unsere Kinder die Wirklichkeit ihres künftigen Arbeitslebens rechtzeitig kennen 
zu lehren, müssen als Maßnahmen einer ergänzenden sozialen Erziehung geschätzt 

- 327 — 



und gefördert werden. Aber ebenso wie die außerhäusliche Erwerbsarbeit bedingt 
auch wirtschaftliche Unfähigkeit, ferner kulturelle Zurückgebliebenheit, körper- 
liche und sittliche Mängel einen Ausfall an erziehlichem Vermögen; all diese 
Umstände zusammen erzeugen das, was man relative Verwaisung nennen kann. 

Es liegt nahe, zu fragen, warum die sittlichen Verhältnisse auf dem Lande 
besonders die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern nicht immer so günstig 
sind, wie es der Eigenart der bäuerlichen Erziehungsgemeinschaft entsprechen 
müßte. Mit Fontanes beliebtem Ausdruck ist zunächst zu erwidern: Dies ist 
ein weites Feld. Zola, Schönherr und andere Dichter unserer Zeit haben hier 
mit Eindringlichkeit die zerstörende Wirkung bäuerlicher Besitzgier geschildert. 
Ätiologie und Therapie dieser Krankheit verdiente sorgfältige Untersuchuno-. 
Hier nur ein Hinweis: In China war Jahrtausende lang der bäuerliche Ahnen- 
kultus und die Verehrung lebender Eltern ein fester Damm gegen die familien- 
störende und -zerstörende Gewalt der Besitzgier. 

Relative Verwaisung ist in der modernen Wirtschaft eine 
Massenerscheinung geworden; erst die Erfassung dieses Phänomens 
macht eine hinreichende systematische Abhilfe möglich. 



Franz Alexander und Hugo Staub 

Der Verbrecher 

und seine Richter 
Ein psychoanalytischer Einblick in die Welt der Paragraphen 

Geheftet M ?.—, Ganzleinen M Q.— . 



Peter Panter in der „Weltbühne": 

Ein Arzt und ein Anwalt — Alexander 
und Staub — haben eine Keule gegen die 
Richter geschwungen, die nur deshalb nicht 
tödlich trifft, weil man die Gummigötzen 
verbrennen muß. Das Buch heißt „Der Ver- 
brecher und seine Richter" — und als ich 
es gelesen hatte, kam mir die ganze Schande, 
die in dem neuen Strafgesetzbuch steckt,' 
noch einmal voll zum Bewußtsein. . . Das 
Buch verdient von allen gelesen zu werden, 
denen neben der Rechtsprechung das Recht 
am Herzen liegt. 

Hermann Hesse in der „Neuen Rundschau" : 
Zu meiner Freude sind die Verfasser auch 
auf die verfängliche Frage eingegangen, 
warum die Verbrecher und Staatsanwälte, 
warum Verbrecher und Polizei so schön 
zueinander passen und einander so hübsch 
ergänzen. Es ist lesenswert. 



„Deutsche Tageszeitung" : 
Wem es darum zu tun ist, einen Einblick 
in die labyrinthisch krausen Gedankengänge 
der Psychoanalyse zu gewinnen, der lese die 
Schrift: aber jeder Leser, der sich noch ge- 
sunden Wirklichkeitssinn bewahrt hat, der 
wird sie zwar unterrichtet, aber keineswegs 
überzeugt aus der Hand legen, vielleicht 
erleichtert aufatmend und froh, daß bis auf 
weiteres auf deutschen Richterstühlen keine 
Freudschen Jünger sitzen. Der Irrtum der 
psychoanalytischen Lehre tritt durch nichts 
so klar zutage, als durch die Folgerungen, 
welche sich aus ihr für die Rechtspraxis 
ergeben, und welche von den Verfassern 
mit erfreulicher Unerschrockenhedt gezogen 
werden. . . Bankrott der Strafrechtspflege, 
Preisgabe von Ehre, Leben, Eigentum. 



Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Wien 



— 328 - 



m 






Unbewußtes in Mutterliebe und Mutterhaß 

Aus dem 
„Buch vom Es — Psychoanalytische Briefe an eine Freundin" 

Von Georg Groddeck, Baden-Baden 

Die Mutterliebe ist selbstverständlich, ist jeder Mutter von vornherein ein- 
gepflanzt, ist ein eingeborenes heiliges Gefühl des Weibes. Das mag ja sein, 
aber mich sollte es doch sehr wundern, wenn die Natur sich ohne weiteres 
auf das weibliche Gefühl verlassen hätte, oder gar mit Empfindungen arbeitete, 
die wir Menschen heilig nennen. Sieht man näher zu, so lassen sich auch 
einige, wenn auch gewiß nicht alle Quellen dieses Urgefühls finden. Sie haben, 
scheint es, mit dem so beliebten Fortpflanzungstriebe wenig zu tun. Lassen 
Sie einmal alles bei Seite, was über die Mutterliebe geredet worden ist, und 
sehen Sie sich an, was zwischen diesen beiden Wesen, Mutter und Kind, vor 
sich geht. 

Da ist zunächst der Moment der Empfängnis, die bewußte oder unbewußte 
Erinnerung an einen seligen Augenblick. Denn ohne dieses wahrhaft himmlische 
Gefühl, — himmlisch deshalb, weil der Glaube an Seligkeit und Himmelreich 
letzten Endes damit zusammenhängt — ohne dieses Gefühl kommt es zu keiner 
Empfängnis. Sie glauben das nicht und berufen sich auf die tausendfachen 
Erfahrungen des verabscheuten Ehebettes, der Vergewaltigungen, der Schwän- 
gerungen in bewußtlosem Zustand. Aber all diese Fälle beweisen nur, daß das 
Bewußtsein an dem Rausch nicht teilzunehmen braucht; für das Es, das Un- 
bewußte beweisen sie gar nichts. Um dessen Empfindungen festzustellen, müssen 
Sie sich an die Organe wenden, mit denen es spricht, an die Wollustorgane des 
Weibes. Und Sie würden erstaunt sein, wie wenig sich die Scheidenwände oder 
die Schamlippen, der Kitzler oder die Brustwarzen um den Abscheu des Bewußt- 
seins kümmern. Sie antworten auf die Reibung, auf die zweckmäßige Erregung 
in ihrer eigenen Weise, ganz gleich, ob der Geschlechtsakt dem denkenden 
Menschen lieb ist oder nicht. Fragen Sie Frauenärzte oder Richter oder Ver- 
brecher; Sie werden meine Behauptung bestätigt finden. Sie können auch von 
den Frauen, die ohne Lust empfangen haben, die vergewaltigt oder bewußtlos 
mißbraucht wurden, die richtige Antwort hören, nur müssen Sie zu fragen 
verstehen oder besser, Vertrauen erwecken. Erst wenn der Mensch sich über- 
zeugt hat: der, der fragt, ist frei von verachtenden Gedanken, macht wirklich 
ernst mit dem Wort: „Richtet nicht", erst dann öffnet er die Pforten seiner 
Seele ein wenig. Oder lassen Sie sich von diesen geschlechtskalten Opfern 
männlicher Gier ihre Träume erzählen; der Traum ist die Sprache des Unbe- 
wußten und in ihm läßt sich mancherlei lesen. Am einfachsten ist, Sie gehen 
mit sich selber zu Rate, ehrlich wie es Ihre Gewohnheit ist. Sollte es Ihnen 
noch nicht aufgefallen sein, daß der Mann, den Sie lieben, mitunter nicht 

— 329 - 



fähig ist, eine Erektion zustande zu bringen? Wenn er an Sie denkt, steht 
seine Mannheit so kräftig zur Verfügung, daß es eine Lust ist, und wenn er 
neben Ihnen ist, sinkt alle Herrlichkeit schlaff zusammen. Das ist ein merk- 
würdiges Phänomen; es bedeutet, daß der Mann wohl tausendfach und unter 
den seltsamsten Verhältnissen liebesfähig ist, daß er aber unter gar keinen 
Umständen eine Erektion bekommt in Gegenwart einer Frau, die diese Erektion 
verhindern will. Es ist eine von den tief versteckten Waffen des Weibes, eine 
Waffe, die sie unbedenklich braucht, wenn sie den Mann demütigen will, oder 
vielmehr, das Unbewußte der Frau braucht die Waffe, so nehme ich an, weil 
ich nicht gern ein Weib solch bewußter Bosheit für fähig halte, und weil es 
mir wahrscheinlicher ist, daß zur Verwendung dieses Fluidums, das den Mann 
schwächt unbewußte Vorgänge im Organismus des Weibes stattfinden. Mag es 
nun so sein oder so, jedenfalls ist es ganz unmöglich, daß ein Mann ein Weib 
nehmen kann, wenn sie nicht irgendwie einverstanden ist. Sie tun gut daran, 
die Kälte der Frau zu bezweifeln und lieber an ihre Rachsucht und unaus- 
denkbar heimtückische Gesinnung zu glauben. 

Haben Sie nie die Phantasie des Verge waltigt wer dens gehabt? Sagen Sie 
nicht gleich nein, ich glaube Ihnen doch nicht. Vielleicht haben Sie keine 
Angst wie so viele Frauen, und gerade angeblich kalte, allein im Walde oder 
in dunkler Nacht zu gehen ; ich sagte es Ihnen schon, Angst ist ein Wunsch ; wer 
sich vor der Notzucht fürchtet, wünscht sie. Wahrscheinlich, so wie ich Sie 
kenne, schauen Sie auch nicht unter die Betten und in die Schränke; aber wie 
viele tun es, stets in der Angst und in dem Wunsch, den Mann zu entdecken, 
der gewaltig genug ist, sich nicht vor dem Gesetz zu fürchten. Sie kennen doch 
die Geschichte von jener Dame, die, als sie den Mann unter dem Bett sieht, 
in die Worte ausbricht: „Endlich, seit zwanzig Jahren warte ich darauf." Und 
wie bezeichnend ist es, daß dieser Mann mit einem blanken Messer phantasiert 
wird, mit dem Messer, das in die Scheide gesteckt werden soll. Nun, über all 
das sind Sie erhaben. Aber Sie waren einmal jünger, suchen Sie nur nach. Sie 
werden den Augenblick finden, — was sage ich? den Augenblick — nein, Sie 
werden sich einer ganzen Reihe von Momenten erinnern, wo es Sie kalt über- 
lief, weil Sie hinter sich einen Schritt zu hören glaubten; wo Sie plötzlich in 
der Nacht in irgend einem Gasthaus erwachten mit dem Gedanken: habe ich 
auch die Tür verschlossen? Wo Sie fröstelnd unter die Decke krochen, fröstelnd, 
weil Sie die innere Hitze abkühlen mußten, um nicht zu verbrennen. Haben Sie 
nie mit Ihrem Geliebten gerungen, Notzucht gespielt? Nein? Ach, was sind Sie 
für eine Törin, daß Sie sich um die Freuden der Liebe bringen, und was sind 
Sie für eine Törin, daß Sie annehmen, ich glaube Ihnen. Ich glaube nur an 
Ihr schlechtes Gedächtnis und an Ihr feiges Ausweichen vor der Selbstkenntnis. 
Denn, daß ein Weib diesen höchsten Liebesbeweis, diesen einzigen, kann man 
sagen, nicht begehren sollte, ist unmöglich. So schön sein, so verführerisch sein, 
daß der Mann alles andre vergißt und nur liebt, das will eine jede, und die 
es leugnet, irrt sich oder lügt bewußt. Und wenn ich Ihnen einen Rat geben 
darf, so suchen Sie diese Phantasie in sich lebendig zu machen. Es ist nicht gut, 

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mit sich selber Versteck zu spielen. Was gilt die Wette? Schließen Sie die 
Augen und träumen Sie frei, ohne Absicht und Vorurteil! In wenigen Sekunden 
sind Sie von den Bildern des Traumes gefesselt, hingerissen, so daß Sie kaum 
wagen, weiter zu denken, weiter zu atmen. Da ist das Knacken der Äste, der 
jähe Sprung und der Griff an die Gurgel, das Niederwerfen und das blinde Zer- 
reißen der Kleider, und die wahnsinnige Angst. Und nun fassen Sie den Men- 
schen, der rast, ins Auge, fest und unbeirrbar. Ist er groß, klein, schwarz, blond, 
bärtig, glatt? Den bannenden Namen! oh ja, ich wußte, daß Sie ihn schon 
kennen, Sie sahen ihn gestern oder ehegestern oder vor vielen Jahren, auf der 
Straße oder der Eisenbahnfahrt oder auf dem Pferd dahinjagend oder beim 
Tanz. Und der Name, der Ihnen durch den Kopf schoß, macht Sie zittern. 
Denn nie hätten Sie geglaubt, daß gerade dieser Mensch Ihre tiefste Begierde 
weckte. Er war Ihnen gleichgültig? Sie verabscheuten ihn? Er war ekelhaft? — 
Hören Sie doch hin: Ihr Es kichert über Sie. — Nein, stehen Sie nicht auf, 
schauen Sie nicht nach Uhr und Schlüsselbund, träumen Sie, träumen Sie! Von 
dem Märtyrertum, der Schande, dem Kind in Ihrem Schoß, vom Gericht und 
dem Wiedersehen mit dem Verbrecher in Gegenwart der schwarzen Richter, 
und von der Qual, zu wissen, daß Sie wünschten, was er tat und wofür er 
büßt. Furchtbar, unfaßbar und unentrinnbar fesselnd. — Oder ein anderes Bild, 
wie das Kind geboren wird, wie Sie arbeiten und die Hände mit der Nadel 
zerstechen, während der Kleine sorglos zu Ihren Füßen spielt und Sie nicht 
wissen, wie ihn ernähren. Armut, Not, Elend. Und dann kommt der Prinz, der 
edle herrlich gute, der Sie liebt, den Sie lieben und dem Sie entsagen. Hören 
Sie nur, wie das Es kichert über die schöne Geste. — Und noch ein Bild, wie 
das Kind in Ihrem Leib wächst und mit ihm die Angst, wie es geboren wird 
und Sie es erwürgen, im Teich versenken und wie Sie selbst vor den dunkeln 
Richtern als Mörderin stehen. Auf einmal tut sich die Märchenwelt auf, ein 
Scheiterhaufen wird gehäuft, die Kindesmörderin steht darauf, an den Pfahl 
gefesselt, und die Flammen lecken an ihren Füßen. Hören Sie nur, was das Es 
flüstert, wie es den Pfahl deutet und das züngelnde Feuer und wie es Ihnen 
zuraunt, wessen Füße es sind, die Ihr tiefstes Wesen mit der Flamme verbin- 
det. Ist es nicht Ihre Mutter? — Das Unbewußte ist rätselhaft und zwischen 
Wald, Gewaltig und Gewalt schlummern Engel und Teufel. 

Nun der bewußtlose Zustand. Wenn Sie Gelegenheit dazu haben, sehen Sie 
sich, bitte, irgendeinen hysterischen Krampfanfall an. Er wird Ihnen klarmachen, 
wie viele Menschen die Bewußtlosigkeit bei sich hervorrufen, um die Wollust 
zu empfinden; gewiß, es ist ein dummes Verfahren, aber schließlich ist alle 
Heuchelei dumm. Oder gehen Sie in eine chirurgische Klinik, sehen Sie sich 
ein Dutzend Narkosen mit an; da können Sie merken und hören, wie genuß- 
fähig der Mensch auch im bewußtlosen Zustand ist. Und dann nochmals, achten 
Sie auf Träume; die Träume des Menschen sind wunderliche Dolmetscher der 

Seele. 

Nochmals also: ich nehme an, daß eine der Wurzeln der Mutterliebe der 
Genuß bei der Empfängnis ist. Ich übergehe nun, ohne dadurch ihre Wichtig- 

- 331 — 



keit herabsetzen zu wollen, eine Reihe verwickelter Gefühle, wie die Neigung 
zum Manne, die auf das Kind übertragen wird, den Stolz auf die Leistung; — 
so merkwürdig es auch für unsern hochmögenden Verstand ist, daß man sich 
auf Dinge etwas einbildet, die wie die Schwängerung nur vom Es geleistet 
werden, mit dem, was wir als edles Werk anzuerkennen pflegen, also ebenso 
wenig zu tun haben wie Schönheit oder ererbter Reichtum oder große Geistes- 
gaben, das Weib ist eben stolz darauf, über Nacht durch so lustige Arbeit ein 
lebendiges Wesen geschaffen zu haben. — Ich rede nicht davon, wie die Be- 
wunderung und der Neid der Nächsten zur Ausbildung der Mutterliebe ver- 
wendet werden oder wie das Gefühl, für ein Lebewesen ausschließlich verant- 
wortlich zu sein — denn an die ausschließliche Verantwortung glaubt die Mutter 
gern, wenn es glatt geht, ungern und nur vom Schuldbewußtsein gezwungen, 
wenn es schief geht, — wie dieses Gefühl die Neigung zum kommenden Kinde 
erhöht, das Gefühl großer Wichtigkeit, das aus eigenen und fremden Quellen 
genährt wird; oder wie der Gedanke, ein hilfloses Menschlein zu schützen, mit 
dem eigenen Blute zu nähren — was ja eine beliebte und gegen die Kinder 
später oft verwendete Redensart ist, an die das Weib zu glauben vorgibt, ob- 
wohl sie die Lüge darin fühlt — wie dieser Gedanke der Mutter eine Art 
Gottähnlichkeit gibt und daher ihr eine fromme Gesinnung gegen das Mutter- 
gotteskind einflößt. 

Ich möchte Sie vielmehr auf etwas Einfaches und anscheinend Unbedeutendes 
aufmerksam machen, nämlich, daß der weibliche Körper einen hohlen leeren 
Raum hat, der durch die Schwangerschaft, durch das Kind ausgefüllt wird. 
Wenn Sie sich vorstellen, wie beunruhigend das Gefühl des Leerseins ist und 
wie wir beim Sattsein ein „andrer Mensch" sind, ahnen Sie ungefähr, was in 
dieser Richtung die Schwangerschaft für das Weib bedeutet. Ungefähr, nicht 
ganz. Denn es handelt sich bei den Unterleibsorganen der Frau nicht nur um 
ein Gefühl der Leere, es ist vor allem die von Kindheit an bestehende Empfin- 
dung des Mangels, die bald mehr, bald weniger die Selbstachtung des Weihes 
niederdrückt. Zu irgendeiner Zeit, jedenfalls sehr früh, sei es durch Beobach- 
tung, sei es auf anderem Wege, erfährt das kleine Mädchen, daß ihm etwas 
fehlt, was der Knabe, der Mann besitzt. — Nebenbei bemerkt, ist es nicht zu 
verwundern, daß niemand weiß, wann und wie ein Kind die Geschlechts- 
unterschiede kennen lernt? Obwohl diese Entdeckung, man könnte sagen, das 
wichtigste Ereignis im Menschenleben ist. — Das kleine Ding, sage ich, bemerkt 
dieses Fehlen eines Bestandteiles des Menschen und faßt es als einen Fehler 
seines Wesens auf. Sonderbare Ideengänge knüpfen sich daran an, von denen 
wir uns gelegentlich unterhalten können, die alle das Gepräge der Beschämung 
und des Schuldgefühls tragen. Anfangs hält noch die Hoffnung, der Fehler werde 
sich durch Nachwachsen ausgleichen, einigermaßen dem Gefühl des Niedrigseins 
die Wage, aber diese Hoffnung erfüllt sich nicht, es bleibt nur das in seiner 
Begründung immer undeutlicher werdende Schuldgefühl und die unbestimmbare 
Sehnsucht, beides Erscheinungen, die wohl an Klarheit nachlassen, aber an Ge- 
fühlskraft wachsen. Das geht durch lange Jahre mit in dem tiefen Leben der 

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Frau als immer brennende Qual. Und nun kommt der Moment der Empfängnis, 
die Herrlichkeit der Sättigung, das Verschwinden der Leere, des verzehrenden 
Neides und der Scham. Und dann lebt eine neue Hoffnung auf, die Hoffnung, 
daß in ihrem Leibe ein neuer Teil ihres Wesens, eben das Kind, wächst, das 
diesen Fehler nicht haben, das ein Junge sein wird. 

Es bedarf eigentlich keines Beweises, daß die Schwangere wünscht, einen 
Knaben zu gebären. Wer die Fälle, in denen der Wunsch auf ein Mädchen 
geht, erforscht, der wird manches Geheimnis gerade dieser einen Mutter er- 
fahren, die allgemeine Regel aber, daß das Weib den Sohn zur Welt bringen 
will, wird sich ihm bestätigen. Wenn ich Ihnen trotzdem von einer persön- 
lichen Erfahrung erzähle, so geschieht es, weil ein Nebenumstand mir charakte- 
ristisch vorkommt und Sie vielleicht zum Lachen bringt, zu dem heiteren, gött- 
lichen Lachen, mit dem man in der Komik die tiefe Wahrheit begrüßt. Ich 
habe eines Tages die kinderlosen Mädchen und Frauen meiner Bekanntschaft 
gefragt, es waren natürlich nicht sehr viele, aber doch etwa 15 bis 20, was sie 
sich für ein Kind wünschten. Sie haben alle geantwortet : einen Jungen. Aber 
nun kam das Seltsame. Ich fragte weiter, wie alt sie sich wohl diesen Knaben 
vorstellten und wie sie ihn gerade in dem Moment beschäftigt dächten. Bis auf 
drei haben sie alle dieselbe Antwort gegeben; zwei Jahre, auf der Wickel- 
kommode liegend und den Strahl in hohem Bogen unbekümmert in die Welt 
spritzend. Von den drei Abseitigen gab die eine den ersten Schritt an, die 
zweite das Spielen mit einem Schäfchen und die dritte: drei Jahr, stehend und 
pinkelnd. 

Verstehen Sie wohl, verehrte Freundin? Da ist eine Gelegenheit, in die Tiefe 
des Menschen zu blicken, für einen kurzen Moment mitten im Lachen zu ge- 
wahren, was den Menschen bewegt. Vergessen Sie es bitte nicht. Und über- 
legen Sie sich, ob hier nicht eine Möglichkeit ist, weiter zu fragen und zu 
erkunden. 

Das Entstehen des Kindes im Unterleib, sein Wachsen und Schwererwerden 
bemächtigt sich noch in einer andern Richtung der weiblichen Seele, verflicht 
sich mit festgewurzelten Gewohnheiten und nutzt, um die Mutter an das Kind 
zu fesseln, Neigungen aus, die von versteckten Schichten des Unbewußten aus 
das Menschenherz und das Menschenleben beherrschen. Sie werden beobachtet 
haben, daß das Kind, das auf dem Töpfchen sitzt, nicht gleich willig hergibt, 
was der Erwachsene, dem diese Beschäftigung weniger Wonne gibt, erst zart 
und nach und nach immer dringender von ihm verlangt. Wenn Sie Interesse 
dafür haben, dieser absonderlichen Neigung zur freiwilligen Verstopfung, aus 
der nicht selten eine Lebensgewohnheit wird, nachzugehen, was ja allerdings 
ein seltsames Interesse ist, so bitte ich Sie, sich daran zu erinnern, daß in dem 
Unterleib in der Gegend von Mastdarm und Blase fein und lüstern tätige Nerven 
verlaufen, deren Reizung artige Gefühle weckt. Sie werden dann weiter daran 
denken, wie oft die Kinder bei Spiel und Arbeit unruhig auf dem Stuhle 
rutschen, — vielleicht taten Sie es selbst in Ihrer Kindheit unschuldigen Tagen, — 
mit den Beinen wippein und zappeln, bis das verhängnisvolle Wort der Mutter 

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ertönt: „Hans oder Liesel, geh auf das Klosett!" Warum wohl das? Ist es wirk- 
lich, daß der Knabe, daß das Mädchen sich verspielt haben, wie es Mama in 
Rücksicht auf eigene längst verworfene Neigungen nennt, oder daß sie gar zu 
stark von der Schularbeit gefesselt sind? Ach nein, es ist die Wollust, die solches 
zustande bringt, eine eigenartige Form der Selbstbefriedigung, von Kindheit auf 
geübt und bis zur Vollendung später ausgebildet in der Verstopfung; nur daß 
dann leider der Organismus nicht mehr mit der Wollust antwortet, sondern 
nur, im Schuldgefühl der Onanie, Kopfschmerzen oder Schwindel oder Leibweh 
schafft und wie die tausend Folgen der Gewohnheit, sich dauernd einen Druck 
auf die genitalen Nerven zu erhalten, heißen mögen. Ja, und dann fallen Ihnen 
noch Menschen ein, die gewohnheitsmäßig ausgehen, ohne vorher sich zu ent- 
leeren, dann auf der Straße von der Not befallen, schwere Kämpfe durch- 
machen, bei denen sie sich nicht bewußt werden, ■wie süß sie sind. Nur wem 
die Regelmäßigkeit und der völlige Mangel an Notwendigkeit dieser Kämpfe 
zwischen Mensch und After auffällt, der kommt allmählich zu dem Schluß, daß 
hier das Unbewußte schuldlose Onanie treibt. Nun, verehrte Frau, die Schwanger- 
schaft ist solche schuldlose Onanie in noch viel stärkerer Weise, hier ist die 
Sünde heilig. Aber alle heilige Mutterschaft verhindert nicht, daß der schwangere 
Uterus die Nerven reizt und Wollust bringt. 

Sie meinen, Wollust müsse vom Bewußtsein empfunden werden. Das ist eine 
falsche Meinung. Das heißt, Sie können diese Meinung haben, aber Sie müssen 
mir verzeihen, wenn ich ein wenig lache. 

Und da wir nun einmal bei dem heiklen Thema der Wollust sind, der ge- 
heimen, unbewußten, nie deutlich benannten, darf ich auch gleich davon sprechen, 
was die Kindsbewegung für die Mutter ist. Sie ist ja auch vom Dichter mit 
Beschlag belegt und rosarot geputzt und zart parfümiert. In Wahrheit ist diese 
Empfindung, wenn man ihr den Strahlenkranz der Verklärung nimmt, eben die- 
selbe, die stets entsteht, wenn etwas im Leibe des Weibes bewegt wird. Sie ist 
dieselbe, die sie vom Manne her kennt, nur jedes Sündengefühls bar, gepriesen 
statt verworfen. 

Schämen Sie sich nicht? werden Sie sagen. Nein, ich schäme mich nicht, 
meine Gnädigste, so wenig schäme ich mich, daß ich die Frage zurückgebe. 
Regt sich in Ihnen keine Scham, werden Sie nicht überwältigt von Leid und 
Scham über das menschliche Wesen, das den höchsten Wert des Lebens, die 
Vereinigung von Mann und Weib, in den Schmutz gezogen hat? Denken Sie 
nur zwei Minuten darüber nach, was diese Wollust zu zweit bedeutet, wie sie 
Ehe, Familie, Staat geschaffen hat, Haus und Hof gegründet, die Wissenschaft, 
die Kunst, die Religion aus Nichts hervorgerufen, wie sie alles, alles, alles, was 
Sie verehren, gemacht hat, und wagen Sie es dann noch, den Vergleich zwischen 
Begattung und Kindsbewegung abscheulich zu finden. 

Nein, Sie sind viel zu verständig, um den Zorn über meine von tugend- 
prangenden Kinderwärterinnen verbotenen Worte länger zu pflegen, als bis Sie 
Zeit gefunden haben, sich zu besinnen. Und dann werden Sie mir willig weiter 
zu einer noch schärfer von Herz- und Geistesbildung verpönten Behauptung 

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folgen, daß vor allem die Entbindung selbst ein Akt der höchsten Wollust ist, 
dessen Eindruck als Liebe zum Kinde, als Mutterliebe weiterlebt. 

Oder reicht Ihre Gutwilligkeit nicht so weit, mir auch das zu glauben? Es 
widerspricht ja aller Erfahrung, der Erfahrung von Jahrtausenden. Nun, einer 
Erfahrung, und ich halte sie für die Grundtatsache, von der man ausgehen muß, 
widerspricht sie nicht, das ist die, daß immer wieder neue Rinder geboren 
werden, daß also all die Schrecken und Leiden, von denen man seit urvordenk- 
lichen Zeiten spricht, nicht so groß sind, um nicht von der Lust, irgend einem 
Lustgefühl überboten zu werden. 

Haben Sie schon einmal eine Entbindung mitangesehen? Es ist eine merk- 
würdige Sache; die Kreißende jammert und schreit, aber ihr Gesicht glüht 
in fieberhafter Erregung und ihre Augen haben den seltsamen Glanz, den kein 
Mann vergißt, wenn er ihn einmal in eines Weibes Augen hervorgerufen hat. 
Das sind seltsame Augen, seltsam verschleierte Augen, die Wonne erzählen. Und 
was ist Wunderbares, Unglaubliches daran, daß der Schmerz Wollust sein kann, 
höchste Wollust? Nur die Perversions- und Unnaturschnüffler wissen nicht oder 
geben vor, nicht zu wissen, daß die größte Lust den Schmerz verlangt. Machen 
Sie sich doch frei von dem Eindruck, den der Wehlaut der Gebärenden und 
die blöden Erzählungen neidischer Gevatterinnen auf Sie gemacht haben. Ver- 
suchen Sie, ehrlich zu sein. Das Huhn gackert auch, wenn es ein Ei gelegt hat. 
Aber der Hahn kümmert sich nicht anders darum, als daß er von neuem das 
Weibchen tritt, deren Grauen vor dem Schmerz des Eierlegens sich sonderbar 
in dem verliebten Ducken vor dem Herrn des Hühnerhofes äußert. 

Die Scheide des Weibes ist ein unersättlicher Moloch. Wo ist denn die 
weibliche Scheide, die damit zufrieden wäre, ein kleinfingerdickes Glied in sich 
zu haben, wenn sie eins haben kann, das stark wie ein Kinderarm ist. Die 
Phantasie des Weibes arbeitet mit mächtigen Instrumenten, hat es von jeher 
getan und wird es immer tun. 

Je größer das Glied ist, um so höher ist die Wonne, das Kind aber arbeitet 
mit seinem dicken Schädel während der Entbindung im Scheideneingang, dem 
Sitz der Freude des Weibes, genau wie das Glied des Mannes, in derselben 
Bewegung des hin und her und auf und ab, genau so hart und gewaltig. 
Gewiß er schmerzt, dieser höchste und deshalb unvergeßliche und stets von 
neuem begehrte Geschlechtsakt, aber er ist der Gipfelpunkt aller weiblichen 
Freuden. 

Warum aber ist, wenn die Entbindung wirklich ein Wollustakt ist, die 
Stunde der Wehen als Leiden unvergeßlicher Art verschrien? Ich kann die Frage 
nicht beantworten; fragen Sie die Frauen. Ich kann nur sagen, daß ich hie und 
da einer Mutter begegnet bin, die mir sagte: die Geburt meines Kindes war 
trotz aller Schmerzen oder vielmehr wegen all der Schmerzen das Schönste, 
was ich erlebt habe. Vielleicht darf man das eine sagen, daß die Frau, von 
jeher zur Verstellung gezwungen, nie ganz aufrichtig über ihre Empfindungen 
sprechen kann, weil sie das Gebot des Abscheus vor der Sünde mit auf den 

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Lebensweg bekommt. Woher aber diese Gleichsetzung von Geschlechtslust und 
Sünde kommt, das wird niemals ganz ergründet werden. 

Es gibt auch Gedankengänge, die sich durch das Labyrinth dieser schwieri- 
gen Fragen verfolgen lassen. So erscheint es mir natürlich, daß ein Mensch, 
dem all sein Leben lang, selbst unter Benutzung der Religion, gelehrt worden 
ist, die Entbindung ist schrecklich, gefährlich, scbmerzhaft, selbst daran glaubt, 
aucb über die eigene Erfahrung hinaus. Es ist mir klar, daß eine Menge dieser 
Schadenerzählungen erdacht wurden, um das unverheiratete Mädchen von dem 
unehelichen Verkehr zurückzuschrecken. Der Neid derer, die nicht entbunden 
werden, vor allem der Neid der Mutter auf die eigene Tochter, der anheim- 
fällt, was für sie selber längst Vergangenheit ist, spricht dabei mit. Der Wunsch. 
den Mann einzuschüchtern, der erkennen soll, was er der Liebsten zu Leide 
tat, welches Opfer sie bringt, wie sie Heldin ist, die Erfahrung, daß er sich 
tatsächlich einschüchtern läßt, und aus dem mürrischen Tyrannen, wenigstens 
für eine Zeit, ein dankbarer Vater wird, treiben in dieselbe Richtung. Und vor 
allem die innere Gewalt, sich selbst als groß, edel, Mutter zu erscheinen, ver- 
führt zur Übertreibung, zur Lüge. Und Lüge ist Sünde. Zuletzt aber steigt aus 
dem Dunkel des Unbewußten die Mutterimago empor; denn alles Begehren und 
jede Wollust ist durchtränkt von der Sehnsucht, wieder in den Schoß der 
Mutter zu gelangen, ist gezeitigt und vergiftet von dem Wunsche der Geschlechts- 
vereinigung mit der Mutter. Der Inzest, die Blutschande. Ist es nicht genug, 
um sich sündig zu fühlen? 

Was aber gehen diese geheimnisvollen Gründe uns beide im Augenblick an? 
Ich wollte Sie überzeugen, daß die Natur sich nicht auf die edlen Gefühle der 
Mutter verläßt, daß sie nicht glaubt, ein jedes Weib werde, nur weil sie Mutter 
wird, das aufopferungsfähige, geliebte Wesen, dessen Gleichen wir nicht kennen, 
die uns nie ersetzt wird, und deren Namen zu nennen uns schon beglückt. Ich 
wollte Sie überzeugen, daß die Natur in tausendfacher Weise die Glut schürt, 
deren Wärme uns durch das Leben begleitet, daß sie alles und jedes benutzt, 
— denn was ich sagte, ist nur ein winziger Teil all der Wurzeln, aus denen 
die Mutterliebe wächst, — benutzt, um der Mutter jede Möglichkeit zu nehmen, 
sich von dem Kinde abzuwenden. 

* 

Ich habe in meinem Beruf und sonst auch, oft Gelegenheit gehabt, bei dem 
Waschen kleiner Kinder zugegen zu sein, Sie werden mir aus eigener Erfahrung 
bestätigen, daß das nicht immer ohne Heulerei vor sich geht. Aber wahrscheinlich 
wissen Sie nicht, — es ist nicht der Mühe wert, bei kleinen Kindern solche 
Kleinigkeiten zu beachten, — daß dieses Heulen bei ganz bestimmten Prozeduren 
einsetzt und bei anderen aufhört. Das Kind, das eben noch schrie, als ihm das 
Gesicht gewaschen wurde, — wenn Sie wissen wollen, warum es schreit, lassen 
Sie sich selber das Gesicht von irgend einer lieben Person waschen, mit einem 
Schwamm oder Lappen, der so groß ist, daß er Ihnen gleichzeitig Mund, Nase 
und Augen zudeckt — dieses Kind, sage ich, wird plötzlich still, wenn der 

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weiche Schwamm zwischen den Beinchen hin- und hergeführt wird. Ja, dieses 
Kind bekommt sogar einen fast verzückten Ausdruck im Gesicht und es hält 
ganz still. Und die Mutter, die kurz vorher noch ermahnend oder tröstend dem 
Kindchen über das unangenehme Waschen hinweghelfen mußte, hat auf einmal 
einen zarten, liebenden, fast möchte ich sagen verliebten Ton in ihrer Stimme 
auch sie ist für Augenblicke in Verzückung versunken und ihre Bewegungen 
sind andere, weichere, liebendere. Sie weiß nicht, daß sie dem Kinde Geschlechts- 
lust gibt, daß sie das Kind Selbstbefriedigung lehrt, aber ihr Es fühlt es und 
weiß es. Die erotische Handlung erzwingt den Ausdruck des Genusses bei Kind 
und Mutter. 

So also liegen die Dinge. Die Mutter selbst gibt ihrem Kinde Unterricht in 
der Onanie, sie muß es tun, denn die Natur häuft den Dreck, der abgewaschen 
werden will, dort an, wo die Organe der Wollust liegen; sie muß es tun, sie 
kann nicht anders. Und, glauben Sie mir, vieles, was unter dem Namen Rein- 
lichkeit geht, das eifrige Benutzen des Bidets, das Waschen nach den Entleerungen, 
die Ausspülungen, ist nichts weiter als ein vom Unbewußten erzwungenes 
Wiederholen dieser genußreichen Lehrstunden bei der Mutter. 

Diese kleine Beobachtung, die Sie jederzeit auf ihre Richtigkeit nachprüfen 
können, wirft das ganze Schreckensgebäude, das dumme Menschen um die Selbst- 
befriedigung errichtet haben, auf einmal um. Denn wie soll man eine Gewohnheit 
Laster nennen, die von der Mutter erzwungen wird? Zu deren Erlernung sich 
die Natur der Mutterhand bedient? Oder wie sollte es möglich sein, ein Kind 
zu reinigen, ohne seine Wollust zu erregen? Ist eine Notwendigkeit, der jeder 
Mensch vom ersten Atemzug an unterworfen ist, unnatürlich? Welche Be- 
rechtigung hat der Ausdruck „geheimes Laster" für eine Angelegenheit, deren 
typisches Vorbild täglich mehrmals offen und unbefangen dem Kinde von der 
Mutter eingeprägt wird? Und wie kann man es wagen, die Onanie schädlich 
zu nennen, die in den Lebensplan des Menschen als etwas Selbstverständliches, 
Unvermeidliches aufgenommen ist? Ebensogut kann man das Gehen lasterhaft 
nennen, oder das Essen unnatürlich, oder behaupten, daß der Mensch, der sich 
die Nase schnaubt, unfehlbar daran zugrunde gehen müsse. Das unentrinnbare 
Muß, mit dem das Leben die Selbstbefriedigimg dadurch erzwingt, daß es den 
Schmutz und Gestank des Kots und Urins an den Ort des Geschlechtsgenusses 
legte, beweist, daß die Gottheit diesen verworfenen Akt angeblichen Lasters 
zu bestimmten Zwecken dem Menschen als Schicksal mitgegeben hat. Und wenn 
Sie Lust dazu haben, will ich Ihnen gelegentlich ein paar dieser Zwecke nennen, 
Ihnen zeigen, daß allerdings unsere Menschen weit, unsere Kultur zum großen 
Teil auf der Selbstbefriedigung aufgebaut ist. 

Wie ist es nun gekommen, werden Sie fragen, daß diese natürliche und 
notwendige Verrichtung in den Ruf gekommen ist, ein schmachvolles, für Gesund- 
heit und Geisteskraft gleich gefährliches Laster zu sein, ein Ruf, der überall 
gilt. Sie tun besser, sich um eine Antwort an gelehrtere Leute zu wenden, aber 
einiges kann ich Ihnen mitteilen. Zunächst stimmt es nicht, daß man allgemein 
von der Schädlichkeit der Onanie überzeugt ist. Ich weiß mit exotischen Sitten 



Zeitschrift f. psa. Päd., IV '8/9 337 



=3 



aus eigener Erfahrung nicht Bescheid, habe aber allerlei gelesen, was mir eine 
andere Meinung gegeben hat. Und dann ist mir bei Spaziergängen aufgefallen 
daß hie und da ein Bauernbursch hinter dem Pflug stand und ganz ehrlich 
und allein seiner Lust frönte, und bei Landmädchen kann man es auch sehen 
wenn man nicht durch das Kindheitsverbot für diese Dinge blind gemacht worden 
und blind geblieben ist; solch ein Verbot wirkt unter Umständen lange Jahre, 
vielleicht ein Leben lang, und mitunter ist es spaßhaft zu beobachten, was alles 
die Menschen nicht sehen, weil Mama es verboten hat. — Sie brauchen aber 
nicht erst zu den Bauern zu gehen. Ihre eigenen Erinnerungen werden Ihnen 
genug erzählen. Oder wird die Onanie dadurch unschädlich, daß der Geliebte 
der Ehemann an den reizbaren, ihm so befreundeten Plätzen spielt? Es ist gar 
nicht nötig, an die tausend Möglichkeiten der versteckten, schuldlosen p .anie 
zu denken, an das Reiten, Schaukeln, Tanzen, an das Stuhlverhaltei lar 
Liebkosungen, deren tieferer Sinn die Selbstbefriedigung ist, gibt es au so 
genug. 

Das ist nicht Onanie, meinen Sie. Vielleicht nicht, vielleicht doch, es kommt 
darauf an, wie man es auffaßt. Nach meiner Meinung ist es kein großer Unte -- 
schied, ob die eigene oder die fremde Hand zärtlich ist, ja am Ende braucht 
es keine Hand zu sein, auch der Gedanke reicht aus und vor allem der Traum. 
Da haben Sie ihn wieder, diesen unangenehmen Deuter versteckter Geheimnisse. 
Nein, liebe Freundin, wenn Sie wüßten, was alles unsereiner — und mindestens 
mit dem Schein des Rechtes — zur Onanie rechnet, Sie würden wirklich nicht 
mehr von ihrer Schädlichkeit sprechen. 

Haben Sie denn schon einmal jemanden kennen gelernt, dem sie geschadet 
hat? Die Onanie selbst, nicht die Angst vor den Folgen, denn die ist wahrlich 
schlimm. Und gerade weil sie so schlimm ist, sollten sich wenigstens ein paar 
Menschen davon freimachen. Nochmals, haben Sie schon jemanden gesehen? 
Und wie denken Sie sich die Sache? Ist es das bißchen Samen, das beim Manne 
verloren geht oder gar die Feuchtigkeit beim Weibe? Das glauben Sie wohl 
selbst nicht, wenigstens nicht mehr, wenn Sie eins der auf Universitäten gang- 
baren Lehrbücher der Physiologie aufgeschlagen und da nachgelesen haben. Die 
Natur hat reichlich, unerschöpflich für Vorrat gesorgt und — außerdem — der 
Mißbrauch verbietet sich von selbst; beim Knaben und Mann wird die Erholung 
durch das Aussetzen der Erektion und Ejakulation erzwungen und beim Weibe 
tritt auch ein Überdruß ein, der ein paar Tage oder Stunden dauert; mit dem 
Geschlechtssinn ist es wie mit dem Essen. Ebensowenig wie sich jemand den 
Bauch durch vieles Essen sprengt, ebensowenig erschöpft jemand seine Geschlechts- 
kraft durch Onanie. Wohlverstanden, durch Onanie; ich spreche nicht von der 
Onanieangst, die ist etwas anderes, die untergräbt die Gesundheit, und deshalb 
liegt mir daran, zu zeigen, was für Verbrecher die Leute sind, die von dem 
geheimen Laster reden, die die Menschen einängstigen. Da alle Menschen 
bewußt oder unbewußt, Onanie treiben und auch die unbewußte Befriedi- 
gung als solche empfinden, ist es ein Verbrechen gegen die ganze Mensch- 
heit, ein ungeheures Verbrechen. Und eine Narrheit, genau so närrisch, als 

- 338 -- 



wenn man aus der Tatsache des aufrechten Ganges gesundheitsschädliche Folgen 

tlStein, der Substanzverlust ist es nicht, sagen Sie. Ja, aber viele Menschen 
Clauben'das, glauben selbst jetzt noch, daß die Samenflüssigkeit aus dem Rück- 
grat käme und das Rückenmark durch den berüchtigten Mißbrauch ausgedorrt 
würde, ja, daß schließlich auch das Gehirn austrockne und die Menschen ver- 
geh die Bezeichnung Onanie deutet darauf hin, daß der Gedanke des Samen- 
verlustes für den Menschen das Erschreckende ist. Kennen Sie die Geschichte 
von Onan? Sie hat eigentlich nichts mit Selbstbefriedigung zu tun. Bei den Juden 
war es Gesetz, daß der Schwager, falls sein Bruder kinderlos gestorben war, 
mit Wn Witwe Beilager hielt; das Kind, das so entstand, galt als Nachkömmling 
d - iten Ein nicht ganz dummes Gesetz, das auf die Erhaltung der Traditionen 
au • p Ä auf das Weiterbestehen des Stammes, wenn auch der Weg uns Modernen 
ein wenig sonderbar vorkommt. Unsere Vorfahren haben ähnlich gedacht, noch 
aus der Zeit kurz vor der Reformation bestand in Verden eine ähnliche Ver- 
ordnung Nun also, Onan kam in diese Lage durch den Tod seines Bruders, 
da er aber seine Schwägerin nicht leiden konnte, ließ er den Samen statt m 
ihren Leib auf die Erde fallen und für diese Gesetzesübertretung strafte ihn 
Jehovah mit dem Tode. Das Unbewußte der Masse hat aus dieser Erzählung 
nur das auf den Bodenspritzen des Samens herausgenommen und jede ähnliche 
Handlung mit dem Namen Onanie gebrandmarkt, wobei denn wohl der Gedanke 
an den Tod durch Selbstbefriedigung den Ausschlag gab. 

Gut daß Sie es nicht glauben. Aber die Phantasie der wollüstigen Vor- 
stelWen, die sind das Schlimme. Ach, liebste Freundin, haben Sie denn m 
der Umarmung keine wollüstigen Vorstellungen? Und vorher auch nicht? Vielleicht 
iagen Sie sie fort, verdrängen Sie sie, wie der Kunstausdruck lautet; ich komme 
eeWentlich auf den Begriff des Verdrängens zu sprechen. Aber da sind die 
Vorstellungen doch; sie kommen und müssen kommen, weil Sie Mensch sind 
und nicht einfach die Mitte Ihres Körpers ausschalten können. Mir fallt bei 
solchen Leuten, die nie wollüstige Gedanken zu haben glauben, immer eine 
Art Menschen ein, die die Reinlichkeit so weit treiben daß sie sich nicht nur 
waschen, sondern auch täglich den Darm ausspülen Harmlose Leutchen, n cht? Sie 
lenken gar nicht daran, daß oberhalb des Stückchens Darm das sie mit Wasser 
reTnigen noch ein stubenlanges Stück ist, das ebenso dreckig ist. Und»««, 
g eich zu sagen, ihre Klystiere machen sie, ohne es zu wissen, wei es symbolische 
Begattungslte sind; die Reinlichkeitssucht ist nur der Vorwand, mit dem das 
Unbewußte das Bewußte betrügt, die Lüge, die ermöglich^ dem Verbot de 
Mutter buchstäblich treu zu sein. Genau so ist es mit den Verdrängungen der 
erotischen Phantasien. Gehen Sie tiefer auf den Menschen ein, kommt die 

Erotik in jeder Form hervor. 

Haben Sie schon einmal ein zartes, ätherisches, völlig unschuldiges Madchen 
geisteskrank werden sehen? Nein? Schade, Sie würden von dem Glauben an 
das, was die Menschheit rein nennt, für Lebenszeit kuriert sein und diese 

— 339 — 2 3- 



Reinheit und Unschuld mit dem ehrlichen Worte Heuchelei bezeichnen. Darin 
liegt kein Vorwurf. Das Es braucht auch die Heuchelei zu seinen Zwecken und 
gerade bei dieser verpönten und doch so oft geübten Gewohnheit liegt der 
Zweck nicht tief verborgen. 

Vielleicht kommen wir der Frage, warum die Onanie das Entsetzen von 
Eltern, Lehrern und sonstigen aus ihrer Stellung heraus autoritativen Leuten 
erregt, näher, wenn wir uns die Geschichte dieses Entsetzens ansehen. Ich bin 
nicht sehr belesen, aber mir ist es so vorgekommen, als ob erst gegen Ende 
des 18. Jahrhunderts das Geschrei gegen die Onanie losgegangen sei. In dem 
Briefwechsel zwischen Lavater und Goethe sprechen die beiden von geistiger 
Onanie noch so harmlos, als ob sie sich von irgend einem Spaziergang etwas 
erzählten. Nun ist das auch die Zeit, in der man anfing, sich mit den Geistes- 
kranken zu beschäftigen, und Geisteskranke, vor allem Blödsinnige sind sehr 
eifrige Freunde der Selbstbefriedigung. Es wäre wohl denkbar, daß man Ursache 
und Wirkung verwechselt hat, daß man glaubte: weil der Blödsinnige onaniert 
ist er durch Onanie blödsinnig geworden. 

Aber letzten Endes werden wir doch wohl den Grund für den merkwürdigen 
Abscheu des Menschen gegen etwas, wozu er durch seine Mutter vom ersten 
Lebenstage an abgerichtet wird, anderswo suchen müssen. Darf ich die Antwort 
verschieben? Ich habe vorher noch so viel zu sagen, und der Brief ist ohnehin 
lang genug geworden. In aller Kürze möchte ich nur noch auf eine seltsame 
Verdrehung der Tatsachen aufmerksam machen, die selbst bei sonst überlegenden 
Menschen sich findet. Man nennt die Selbstbefriedigung einen Ersatz für den 
„normalen" Geschlechtsakt. Ach, was ließe sich alles über dieses Wort „normaler" 
Geschlechtsakt sagen. Aber ich habe es hier mit dem Ersatz zu tun. Wie mö°-en 
die Menschen auf solch einen Unsinn kommen? Die Selbstbefriedigung geht in 
dieser oder jener Form durch das ganze Leben mit dem Menschen mit; die so- 
genannte normale Geschlechtstätigkeit tritt aber erst in einem bestimmten Alter 
auf und verschwindet oft zu einer Zeit, wo die Onanie von neuem die kind- 
liche Form des bewußten Spielens an den Geschlechtsteilen annimmt. Wie 
kann man einen Vorgang als Ersatz für einen andern auffassen, der erst 15 bis 
20 Jahre später beginnt? Viel eher lohnte es sich, einmal festzustellen, wie 
oft der normale Geschlechtsakt eine rein bewußte Selbstbefriedigung ist, bei 
der Scheide und Glied des andern nur ein ebensolches Werkzeug des Reibens 
ist wie Hand und Finger. Ich bin dabei zu merkwürdigen Resultaten gekommen 
und zweifle nicht daran, daß es Ihnen auch so gehen wird, wenn Sie der Sache 
nachgehen. 

Nun, und die Mutterliebe? Was hat die mit all dem zu tun? Doch wohl 
einiges. Ich deutete schon darauf hin, daß die Mutter seltsam sich verändert, 
wenn sie ihr Kind an den Geschlechtsteilen reinigt. Sie ist sich dessen nicht 
bewußt, aber gerade die gemeinsam genossene unbewußte Lust bindet am 
stärksten, und einem Kinde Lust zu geben, in welcher Form es auch sei, weckt 
in dem Erwachsenen Liebe. Noch eher als zwischen Liebenden ist im Ver- 
hältnis von Mutter und Kind Geben mitunter seliger als Nehmen. 

- 340 - 



Ich habe nun noch über den Einfluß der Selbstbefriedigung einen Punkt 
nachzutragen, dessen Erörterung bei Ihnen Kopfschütteln hervorrufen wird. Ich 
kann ihn Ihnen aber nicht ersparen, er ist wichtig und gibt wieder eine Möglich- 
keit, in das Dunkel des Unbewußten hineinzublicken. Das Es, das Unbewußte, 
denkt symbolisch, und unter anderen hat es ein Symbol, demzufolge es Kind 
und Geschlechtsteil identifiziert, gleichbedeutend braucht. Der weibliche Ge- 
schlechtsteil ist ihm das kleine Ding, das Mädchen, Töchterchen oder Schwester- 
chen, die kleine Freundin, der männliche das kleine Männchen, das Jungchen, 
das Söhnchen, Brüderchen. Das klingt absonderlich, ist aber so. Und nun bitte 
ich Sie, sich einmal ohne alberne Prüderie und falsche Scham, klar zu machen, 
wie sehr ein jeder Mensch seinen Geschlechtsteil liebt, lieben muß, weil er 
ihm letzten Endes alle Lust und alles Leben verdankt. Sie können sich diese 
Liebe nicht groß genug vorstellen, und diese große Liebe überträgt das Es — 
das Übertragen ist auch eine seiner Eigentümlichkeiten — auf das Kind, es 
verwechselt sozusagen Geschlechtsteil und Kind. Ein gut Teil der Mutterliebe 
zum Kind stammt aus der Liebe, die die Mutter für ihren Geschlechtsteil hat, 
und aus Onanie-Erinnerungen. 



B E R I C HTE 



Büdier und Zeitschriften 

SCHNEIDER, Prof. Dr. Ernst. Psychoanalyse und Pädagogik. Päda- 
gogisches Magazin, Heft 1302. Langensalza, Hermann Beyer & Söhne (Beyer & Mann). 
72 S. M. 2.30, geb. M: 31- 

Schneider zeigt zunächst die historische Entwicklung der Psychoanalyse in der 
medizinischen Forschung, um dann ihre Bedeutung für die Pädagogik an Hand von 
Beispielen nachzuweisen. Er stellt dem Leser n Heranwachsende vor, die eine für 
jeden Erzieher schwierige pädagogische Situation bewirkten. Es wird auf Grund der 
Erfahrungen der Analyse Ursache, Verlauf und Therapie jedes Einzelnen mitgeteilt 
und dabei auseinandergesetzt, was die Freud'schen Mechanismen für den Ge- 
sunden und gestörten Menschen bedeuten. Die Arbeit Aichhorns an Verwahrlosten 
wird vom Autor zur Begründung seiner Anschauungen herangezogen. Schneider 
entwirft ferner ein Bild des seelischen Organismus, fußend auf der Metapsychologie 
Freuds, beeinflußt durch Anschauungen von B e r g s o n und D r i e s c h. Als Auf- 
gabe der Erziehung wird hervorgehoben, daß der Erzieher dafür besorgt sein müsse, 
daß die Entwicklung an der Erfüllung ihrer Aufgabe nicht gehemmt und die Ablösung 
von einer Stufe und die Hinwendung zur anderen so gefördert wird, daß die zu Ver- 
drängungen führenden Konfliktssituationen tunlichst vermieden oder, wenn sie vorhan- 
den sind, rechtzeitig aufgelöst werden. 

In einem Schlußkapitel zeigt Schneider den Geltungsbereich der Psychoanalyse 
für die gesamte Pädagogik und hebt dabei hervor, daß im Mittelpunkt jeder praktischen 

- 341 - 



Pädagogik die Anstrengung des Pädagogen stehen müsse, Ordnung in die unbewußten 
Abläufe des Heranwachsenden zu bringen. Vom Erzieher selbst wird verlangt: sachliche 
Einstellung zum Beruf, Einsicht in sein eigenes Unbewußtes und Vorsicht, falls der 
Pädagoge selbst Psychoanalyse als pädagogisches Verfahren — ähnlich wie Zulliger und 
Pfister — in bestimmten Fällen anwenden will, die Notwendigkeit, Analysen nur von 
fachlich geschulten Analytikern ausführen zu lassen. Es schließt sich eine Literatur- 
angabe mit Vorschlägen zu einer psychoanalytischen Bibliothek für Pädagogen an. 
Die Schrift ist leicht verständlich geschrieben, sie erfüllt ihren Zweck einer ersten 
Einführung in die praktische psychoanalytische Pädagogik. Meng 

Liebste Mutter. Briefe berühmter Deutscher an ihre Mütter. Heraus- 
gegeben von Paul Elbogen. Ernst Rowohlt Verlag. Berlin 1929. 

Von Jedem etwas, statt von Einem viel und Charakteristisches : also für den Psycho- 
analytiker, der gewiß die Bedeutung der Mutter für das Schicksal des Einzelnen am tief- 
sten würdigt, nur Anregung, nicht Wert. Man erkennt hier nirgends den besonderen 
Einfluß der Mutter, z. B. bei Goethe, Keller, Lassalle, Schopenhauer oder Rathenau. 

Hitschmann 

Nelly WOLFFHEIM, Kinderspiel und Kinderarbeit. Briefe aus 
dem Kindergarten an eine Mutter. Mit 16 Besdiäftigungsvorlagen und 8 Tafeln 
Kinderarbeiten. K. Thienemanns Verlag, Stuttgart. 1930. 

Aufgabe des Büchleins ist, jungen Müttern Anleitung zur Beschäftigung der vorschul- 
pflichtigen Kinder zu geben. Dabei redet die Verfasserin einer humanen und selbsttätigen 
Erziehung das Wort. Befremdend wirkt, daß sie es unterläßt, die Mütter auf die ein- 
fachsten Tatsachen der Sexualtriebentwicklung aufmerksam zu machen, wozu die Briefe 
über Zeichnen, Sandspiele, Kneten genügend Gelegenheit geben. Hoff er 

HANS ZULLIGER, Psychoanalyse und Führerschaft in der 
Schule. Vortrag auf dem XI. Internationalen psychoanalytischen Kongreß i n 
Oxford, Juli 1929. Imago, Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die 
Natur und Geisteswissenschaften. 1930, Heft 1. 

In Anlehnung an Freuds „Massenpsychologie und Ichanalyse" skizziert Zul- 
liger die psychische Struktur einer Schulklasse ; er versucht Antwort auf die Frage 
zu geben, wie es kommt, daß der Lehrer in Wirklichkeit nicht einer Anzahl von 
Schüler-Einzelindividuen sondern einer „Masse" gegenübersteht und wie er ihr Führer 
wird. Die „Gemeinschaftsschulen" und ähnliche pädagogische Reformbestrebungen 
rechnen zwar mit dieser Erscheinung der „Massenbildung", sie scheitern aber am 
psychologischen Unverstand der „Führer". Die Psychoanalyse des Lehrers kann die 
Neigung zur Führer-Massenbildung fördern. Der Lehrer stellt sich von „libidinös ge- 
färbten", persönlichen auf sachliche Ziele um, er schränkt seinen Berufsnarzißmus 
ein und entwickelt den Kindern gegenüber ein gleichmäßigeres Verhalten; seine Ein- 
stellung den Kindern gegenüber ist eine tolerante. Da bei ihm alles erlaubt ist 

was beim nicht analysierten Lehrer undenkbar ist — entgeht er der Vaterrolle und 
wird — durch den „staatlichen Schulzwang" in seinem Gewähren eingeschränkt ■ — 
zum „Führer aus gemeinsam empfundener Not". Der Lernbetrieb werde durch solche 
Führer-Massenbildung nur anfangs gestört, später hole die „Gemeinschaft" das Ver- 
säumte leicht nach. An Beispielen wird dann gezeigt, wie Gruppenarbeit, Gemein- 
schaftsgeist in Erscheinung treten. H o f f e r 

- 342 - 



Schulreform, Pädagogische Monatsschrift. Jg. 1929, Heft 11 u. 12, Jg. 1930, 
Heft 1. Geleitet v. Vikt. Fadrus u. Karl Linke. Deutscher Verlag für Jugend und Volk. 

Die führende Zeitschrift der österreichischen Schulreform berichtet über die Reform- 
bewegung und Schulpolitik. Die Psychoanalyse kam bisher nicht zu Worte. Nur gelegent- 
lich folgt ein Autor psychoanalytischen Gedankengängen. So in den vorliegenden Heften 
der palästinensische Pädagoge, Dr. Zwi Sohar, in seinem Beitrag „Unser Weg der 
Bildung" (Zur Begründung des Unterrichtsverfahrens der arbeitenden Kinder- und 
Jugendgemeinde in Palästina) : Das Einsetzen des Bildungseifer bei Kindern hängt 
mit der Über-Ichbildung zusammen, die aus der „zarten Ichperspektive und der hyper- 
subjektiven Einstellung zur Welt" hinausführt. Hoff er 

Psychoanalytische Kurse 

Wien 
Das „Lehrinstitut der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung" kündigt für das 

Wintersemester 1930/51 folgende Kurse und Seminare an: 
Dr. E. Hitschmann: Traumlehre. (Ab 17. Oktober.) 
Dr. R. Sterba: Libidotheorie. (Ab 21. November.) 
Dr. H. Deutsch: Einführung in die Neurosenlehre. (Ab 9. Januar.) 
Dr. W. Reich: Sexualpathologie. (Ab 13. Februar.) 

Dr. W. Reich: Psychoanalytische Klinik und Therapie. (Ab 10. Oktober.) 
Dr. R. Wälder: Psychologie der Weltanschauungen. (Ab 9. Oktober.) 
Dr. H. D e u t s c h : Schwierigkeiten des weiblichen Seelenlebens. (Ab 15. November.) 
Dr. E. B i b r i n g : Psychoanalytische Charakterlehre. (Ab 8. Januar.) 
Dr. E. Hitschmann: Anwendung der Psychoanalyse auf Literatur u. Biographie. 
Dr. P. Federn: Lektüre und Diskussionen über Freuds Schriften. (Ab 7. Oktober.) 
Dr. W. Reich: Seminar für psychoanalytische Therapie. (Ab 15. Oktober.) 
Anna Freud: Seminar zur Technik der Kinderanalyse. 
August Aichhorn: Praktikum in Horten, Tagesheimstätten und Kinderheimen. 

(Ab 6. Oktober.) 

Dr. W. Hoff er: Seminar für Pädagogen. (Ab 16. Oktober.) 
Auskünfte erteilt Frau Dr. Helene Deutsch, Wien I, Wollzeile 33. 

Berlin 

Das „Berliner Psychoanalytische Institut" der „Deutschen Psychoanalytischen Ge- 
sellschaft" veröffentlicht das Programm seiner Lehrkurse im Quartal Oktober — 
Dezember 1930: 

S. Radö: Einführung in die Psychoanalyse, I. Teil. (Ab 50. Oktober.) 

H. Sachs: Traumdeutung. (Ab 3. November.) 

O. Fenichel: Spezielle Neurosenlehre, IL Teil. (Ab 5. November.) 

K. Horney: Indikationen und Technik der analytischen Therapie, I. Teil. (Ab 
29. Oktober.) 

Th. R e i k : Anwendung der Psychoanalyse auf Probleme der Geisteswissenschaften. 
(Ab 31. Oktober.) 

J. H a r n i k : Freud-Seminar: „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie". (Ab 30. Okt.) 

C. Müller-Braunschweig: Freud-Seminar: Theoretische Schriften I. (Ab 
29. Oktober.) 

S. Bernfeld: Praktische Fragen der psychoanalytischen Pädagogik, (Ab 24. Okt.) 

- 343 - 



B o e h m, H ä r n i k, Simmel: Technisches Seminar. 

M. Eitingon u. a. : Praktisch-therapeutische Übungen. 

E. Simmel: Probleme klinisch-psychoanalytischer Therapie. 

S. R a d 6 : Referatenabende. (Ab. 50. Oktober.) 

S. R a d 6 : Klinische Studiengemeinschaft. 

Müller-Braunschweig, Bernfeld: Pädagogische Arbeitsgemeinschaft. 
(Ab 24. Oktober.) 

Staub: Kriminalistische Arbeitsgemeinschaft. 

Auskünfte durch das Berliner Psychoanalytische Institut, Berlin W 62, Wichmann- 
straße 10. 

Frankfurt a. M. 

Das ..Frankfurter Psychoanalytische Institut" der „Südwestdeutschen Psychoanalyti- 
schen Arbeitsgemeinschaft" veranstaltet im Wintersemester 1950/51 folgende Vor- 
lesungen : 

Dr. Erich Fr omni: Der Verbrecher und die strafende Gesellschaft. (Ab 10. Nov.) 

Dr. Frieda Fromm-Reich mann: Einführung in die Psychoanalyse an Hand 
der Traum- und Märchenpsychologie. (Ab 10. November.) 

Dr. H. Meng: Psychoanalytische und sexualpathologische Probleme der Erziehung. 
(Ab 1 1. November.) 

Dr. K. Landauer: Affektlehre. (Ab 1 1. November.) 

Dr. K. Landauer u. Dr. H. Meng: Seminar Freudscher Schriften. (Ab 17. Nov.) 

Die Kurse finden im Hörsaal G der Universität statt, das Seminar Freudscher 
Schriften wird im Zimmer 110 der Universität abgehalten. 

Meidelberg 

Das „Frankfurter Psychoanalytische Institut" der „Südwestdeutschen Psychoanalyti- 
schen Arbeitsgemeinschaft" veranstaltet, der Anregung psychoanalytisch interessierter 
Kreise aus Heidelberg, Mannheim und Umgebung folgend, im kommenden Winter- 
semester zum ersten Male auch Zweigkurse in Heidelberg. Es werden lesen: 

Dr. Frieda Fromm -Reichmann: Neurosenlehre (zugleich unter Berücksich- 
tigung der psychoanalytischen Strukturtheorie, der dynamischen Methode der Analyse 
und der psychoanalytischen Auffassung des Angstproblems), als Einführung in die 
psychoanalytische Neurosenlehre für Mediziner, Psychologen und analytisch Vorge- 
bildete gedacht. 

Dr. H. Meng: Psychoanalyse als umstimmende Therapie, eine Vorlesung, die bei 
der Bedeutung, welche heute die gesamte Medizin psychischen Vorgängen und damit 
psychischer Beeinflussung zuerkennt, hauptsächlich Interesse in den Kreisen der Ärzte 
und Medizinstudierenden finden dürfte. 

Dr. K. Landauer: Über Störungen des Gemeinschaftslebens unter besonderer 
Berücksichtigung von Schule, Beruf und Ehe. Diese Vorlesung wendet sich, wie 
schon aus ihrem Titel hervorgeht, nicht nur an Mediziner, sondern auch an soziolo- 
gisch und pädagogisch interessierte Kreise. 

Die Vorlesungen finden Donnerstag abends in Heidelberg, Voßstraße 4, erstmalig 
am 15. November, abends 'j,8 Uhr, statt. Vorlesungsverzeichnisse auf Wunsch durch 
Frau Dr. Fromm-Reichmann, Heidelberg, Mönchhofstraße 15. 



Herausgeber: Dr. Heinrich Meng in Frankfurt a. M. und Prof. Dr Ernst Schneider in Stuttgart. 

Eigentümer, Verleger und Herausgeber für Österreich: Adolf Josef Storfer. Wien, I., Börsegasse 11 

(„Verlag der '/.eitschrift für psychoanalytische Pädagogik";. 

Verantwortlicher Redakteur: Dr. Paul Federn, Wien. VI., Köstlerßasse 7. 

Druck von Emil M. Engel, Druckerei und Verlaesanstalt, Wien I.. In der Börse.