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Full text of "Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik IX 1935 Sonderheft 3 Über Hochstapler und Verwahrloste"

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IX. Jahrg. 



Mai— Juni 1935 



Heft 3 



Zeitschrift für 

psychoanalytische 

Pädagogik 



über 

Hochstapler undVerwahrloste 

Eine Diskussion der Sdiweizerisdhien Gesell- 
schaft für Psydioanalyse 
über den narzißtisch-triebhaften Charakter 

mit Beiträgen von 
G. Bally, A. Kielholz, H. Meng, O. Pfister und H. Zulliger 

Berichte 



Preis dieses Heftes Mark 2' — 



Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik 

Begrünaet von Heinrich Meng und Ernst Schneiaer 



1 



August Aichhorn 

Wien V, SdiOnLrunnerslrußc 110 

Dr. Heinridi iM e n ß 

Basel, AiiKcnstcIneratrufk 16 



Herausgeber: 
Dr. Paul Federn 

W 1 e n VI, KSEtlcrgasse 7 

Prof. Dr. Ernst Schneider 

Stuttgart N, KelcnbcrKülr. 16 

Schriftleiter: 



Anna Freud 
Wien Df, BcTBBaase 19 

Hans Z u 1 1 i g e F 

1 1 1 1 g e n bei Bern 



Dr. Wilhelm Hoffer, Wien, I., Dorotheergasse 7 



6 Hefte lälirlldi M. Ifr-, sdiw. frk. 12-50, österr. S 17-- 
Prels des Heftes: M. 2-— (udiw. Frk. 250, österr. S 340) 

GefchftftllL-hc Ztudirlflen hlltcn wir eu rldif en an 

Internationaler Psydioanalytisdier Verlag 

Wien I, In der Börse 



Zahlu«ge» für die „Zei„chrif, für psychoanalytisch. Päd.gcg,k" köon.n geleistet werden 

durch Posta.iwe,sung, Bankscheck oder durch Einiahlung auf eines der 

Postfidiedckonti des .Intematlr.nalen Psydioanalyrtsdien Verlages In Wien-; 

Jalircüaboiinc-ment 



Leipzig 9J.II2 

Zürich VIII, ii.4y^ 

Wien yi.6j} 
Paris C JlOO.^f 
Prag y^.jSs 
Stockholm 44.49 



M. 10- — 
Frk. [2- SO 
S IT- 
Fr. 6o-~ 
Kd wo-— 

schiv. Kr. l6- — 



Budapest SI.204 
Zagreb 40.90O 
ff'arszawa I^!.2j6 
Riga j6.?j 
s'Gravenhage 142.248 
KjÖbenhavn 24,9^2 



(Frühere Prcisangnben ungültig) 



P ITSO 

Din. I^0'~ 

ZI. 2I-S0 

Lat. i6- — 

hfl. 6-~ 

dän. Kr iS'JO 



Bei Adressenänderungen bitten wir, freundlidi auch den b i s h er i g e n Wo h nort 
bekanntzugeben, denn die Abonnentenkartei wird nach dem Ort und nidit nadi dem 

Namen Geführt. 



Als Sonderheft des Jahrganges 1935 erscheint demnädisf: .Psydioanalyse 
und Pubertät". In Vorbereifung befinden sich femer die Sonderhefte: 
„Kindlidie Eßstörungen", „Lern- und Denkstörungen", „Jugendliche 

Verwahrlosung und Kriminalität". 



ZEITSCHRIFT FÜR PSYCHO- 
ANALYTISCHE PÄDAGOGIK 



IX. Jahrg. 



Mai— Juni 1935 



Heft 3 



Über 
Hodistapler und Verwahrloste 

Eine Diskussion der SAweizerisdien Gesellschaft für Psydioanalyse 
üher den narzißtisch-triebhaften Charakter 



Beridite und Gedanken zur Erörterung 

des narzißtisdi-triebhaften Charakters 

Von Hans ZuUiger, Ittigen 

Aus den theoretischen allgemeinen und besonderen klinischen Ar- 
beiten Freuds kennen wir die Bedeutung des Narzißmus für den 
Aufbau der psychischen Persönlichkeit. Ferner hat Wilhelm 
li e i c hO ein Buch über den triebhaften Charakter geschrieben, das 
auch dem Pädagogen — nicht allein dem Psychotherapeuten — sehr 
ivertvoUe und schätzenswerte Aufschlüsse über eine Kategorie von 
fehlentwickelten Menschen gibt. Hier sind auch die Hinweise A i c h- 
h o r n sO nicht zu vergessen, der es seinerzeit als Vorsteher einer 
Erziehungsanstalt mit ähnlichen Leuten zu tun hatte, wie sie uns in 
der heutigen Diskussion beschäftigen werden. 

Freud hat seine Bezeichnung „Narzißmus" bekanntlich nach dem 
Vorbilde der griechischen Sagenwelt geschaffen. Narkissos sieht in 
einem Wasser sein Spiegelbild und verliebt sich so selbstvergessen 
und heftig darein, daß er sich sehnsüchtig hineinstürzt und ertrinkt. 

1) ■\Villiclm Reich: Der triebhafte Charakter. Eine psychoanalytische 
Studie zur Pathologie des Ichs. (Neue Arb. z. ärztl. Psa. Bd. IV, Int. Psa. 
Verl., Wien, 1925). 

") Aug. A i c h h r n : Verwahrloste Jugend (Int.Psa. Verlag, 2. Aufl. 1931) 
und Über die Erziehung in BesBorungsanstalten" (Imago, Bd. IX, 1923). 

Zeitsclirift f. psi- TÜd., IS/3 1 



INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




150 Hans Zulliger 



Unter einem Narzißten ist ein MeBSch zu verstehen, der in hohem 
Grade in sich selbst verliebt ist. Seine Liebesfähigkeit wirbt also 
nicht um Objekte der Außenwelt, sie gilt der eigenen Person und 
weicht darum von der Norm wesentlich ab. Sie ist jedoch nicht allein 
selbstgefährlich, wie es in der griechischen Sage gezeigt wird, sie 
wirkt oft auch gemeinschaftsstörend und gemeingefährlich. Es ist dies 
insbesondere dann der Fall, wenn bei solchen Charakteren eine starke 
Triebhaftigkeit zur Wirkung kommt. Es handelt sieh dann um eine 
meist recht rohe, primitive Triebhaftigkeit, die bei der Selbstver- 
liebtheit ihres Trägers weder hemmende Kritik erfährt, noch der Eeal- 
anpassung unterlegen ist. 

Theoretisch ist eigentlich der narzißtisch-triebhafte von den anders- 
gearteten Charakteren ziemlich schwer abzugrenzen, denn jeder 
Älensch verfügt über ein bestimmtes Maß von Narzißmus und Trieb- 
haftigkeit. Es gibt, wenn man seelische Tatbestände voneinander tren- 
nen möchte, überhaupt keine bestimmten scharfen Grenzen. Wenn wir 
vom narzißtisch-triebhaften Charakter sprechen, so gilt unser Augen- 
merk einem quantitativen seelischen Faktor. Narzißmus und Trieb- 
haftigkeit nehmen einen auffallend übermäßigen Raum ein; wir könn- 
ten auch sagen: alle psychischen und physischen Lebensäußerungen. 
eines mit dem bezeichneten Charakter behafteten Mensehen sind immer 
seinem Narzißmus und seiner narzißtischen Triebhaftigkeit dienstbar, 
Aarzißmus und Triebhaftigkeit durchsetzen sein Leben wie ein Fer- 
ment, und nach ihnen richtet sich alles und jedes, was er fühlt, will 
denkt und t»it. 

Im praktischen Leben sind narzißtisch-triebhafte Charaktere un 
schwer zu erkennen und von anderen ZU unterscheiden Merkwür 
digerwe.se fmden wir sie in der pädagogischen und psj^holo 'fsrhen 
Literatur wenig geschildert. Es gab eine Zeit, da man sie als Menschen 
mit „moralischem Schwachsinn" (moral insanity) einfach zu den 
Psychopathen rechnete und abtat. Aber Einordnung und Klassifizie- 
rimg haben keinen Sinn, wenn sie uns im Verständnis nicht weiter 
führen. Wir möchten die Besonderheilen des narzißtisch-triebhaften 
Charakters kennen, seine Dynamik müßte uns klar werden, und wir 
möchten wissen, wie ein derartiger Charakter entstehen kann, auf 
welchen Grundlagen er sich aufbaut. Vielleicht würde uns alsdann 
möglich, ihn zu beeinflussen, erzieherisch auf ihn einzuwirken und 
ihn so zu verändern, daß er erträglich wird und sich in die Gemein- 
echaft der Mitmenschen einpassen kann. 

Soviel können heute Psychologie und Pädagogik nOCh nicht leisten, 
und vielleicht ist die Verlegenheit dem narzißtisch-triebhaften Cha- 
rakter gegenüber schuld daran, daß man sich lieber ausschweigt. 



^»richte u. Ged anken z. Erürtcrung d. iiarzißt.-triobhaft. Chamktors 151 

"Während meiner erzieherischen Tätigkeit war mir zu verschie- 
denen Malen Gelegenheit gegeben, mich mit narzißtisch-triebhaften 
Charakteren herumzuschlagen. 

Icli möchte Ihnen heute einige schildern. Gestützt auf das vorge- 
legte Beobachtungsmaterial können nachher einige theoretische Ein- 
sichten gewonnen werden, und das Ganze dürfte schließlieh ein be- 
scheidener Beitrag zur Diskussion des weit-gchichtigen Problems sein. 

Als ersten in der Reihe führe ich Ihnen einen Elfjährigen vor. Er 
ist das einzige Kind einer Witwe, deren Gatte in den ersten Tagen 
des großen Krieges fiel. Die Leute lebten in besten Verhältnissen, die 
Witwe, die kurz vorher ihren Buben geboren hatte, suchte durch Teil- 
nahme an allerlei gesellschaftlichen Freuden den allzufrühen Tod 
ihres Gatten zu vergessen. Das Kind wurde verschiedenen Nnrses 
und einander rasch ablösenden Kindermädchen überlassen. Die 
Mutter vertrug eich nicht mit den Dienstienten, alle flogen nach ein 
paar wenigen Wochen ans dem Hause. Es wäre falsch zu behaupten» 
die Frau hätte ilir Kind nicht lieb gehabt — aber sie fand beinahe 
keine Zeit zu seiner Pflege. Und sobald sie vermutete, das Knäblein 
könnte sich zu sehr an eine seiner Pflegepersonen binden, erwachte 
ihre Eifersucht, und die Entlassung folgte auf dem Fuß. 

Alle Wünsche des Kindes wurden erfüllt. Es war stadtbekannt, daß 
Dienstboten im Haus der Witwo einen guten Lohn bezogen; aber 
ebensogut wußto man, daß sie heim geringsten Fehler auf die Straße 
gesetzt wurden. Der Kleine brauchte nur einen Schnupfen gekriegt 
zu haben oder Zeichen dafür zu geben, daß ihm ein Dienstbote unlieb- 
sam sei, dann wurde dieser entlassen. So wuchs W i 1 h o 1 m in einem 
Museum von Kinderspielzeugen zum Vierjährigen heran, und sein 
Allmachtsgefühl war übermächtig. Dann verlor die Frau durch die 
einsetzende Inflationszeit und mißratene Spekulationen ihr gesamtes 
Vermögen fast von einem Tag auf den andern. 

Die Villa mußte verkauft und eine Mietwohnung bezogen werden. 
Die Witwe sah sich gezwungen, ihren vielseitigen gesellschaftlichen 
Verkehr aufzugeben und Hauafrauendienste zu verrichten. Jetzt 
wollte sie sich der Erziehung ihres Buben widmen. 

Wurde sie jetzt eingeladen, so nahm sie ihren Willi mit, und überall 
erntete sie Lob für seine außerordentliche Schönheit. Unverheiratete 
Freundinnen der Frau baten feierlich um eine Locke des golden- 
haarigen Kindes, dessen Verwöhnung in anderer Weise als früher 
ihre Fortsetzung fand. Es mußte den Eindruck bekommen, daß es nur 
zu erscheinen brauche, um Miüeipunkt der Gesellschaft zu sein, be- 
wundert, bestaunt und verhätschelt zu werden. 



^52 Hans Zulliger 



Schon jetzt jedoch merkte die Witwe, daß es mit ihrem Söhnchen 
seine eigene Bewandtnis habe. Es wollte alles haben und nichts dafür 
leisten. Und wenn die Mutter nicht alle seine launenhaften Wünsche 
sofort erfüllte, dann war der Bub zu Handlungen fähig, die die Frau 
in höchstem Maße erschreckten. Er zündete die Vorhänge an. Er zer- 
schnitt die Teppiche. Er zerschlug Geschirr. Er wart mit Messern um 
sich und bedrohte die Mutter. Einmal stach er sie mit einem Küchen- 
messer durch die Kleider hindurch in den Schenkel, so daß der Arzt 

nälien mußte. 

Als Sechsjähriger drohte er, sich zu ertränken oder zu erhängen, 
wenn ihm die Mutter nicht aufs Wort willfahre. Man riet ihr, den 
Buben wegzugeben. Aber der mehrmalige Milieuwechsel nützte nichts. 
Der Junge brauchte seiner Mutter nur etwas in seinen Briefen vorzu- 
klagen, dann kam sie sofort hergereist und holte ihn zurück. Denn im 
Grunde genommen wollte sie ihn keinem andern Menschen überlassen. 
Sie glaubte seinen Lügen, wenn er ihr beispielsweise schrieb, er hätte 
zu wenig zu essen, oder er werde vom Pflegevater verprügelt usw., ^ 
nur zu gerne. "Von seinem sechsten bis zum elften Lebensjahr erlebte 
er durchschnittlich alle fünf Monate einen Milieuwechsel, dazu kamen 
zwischenhinein immer wieder Zeiten, die er bei der Mutter verbrachte. 

Auch in der Schule war er unmöglich. Meist verliebten sich seine , 
Lehrerinnen und Lehrer in ihn und wurden bald schwer enttäuscht. I 
Niemand hätte dem schönen, wohlgepflegten Kerlchen mit dem offe- | 
nen, hellen Blick, der gescheiten Stirn und dem ansprechenden Wesen 
soviel Tücke und Hinterlist zugetraut. Er log, stahl, betrog, machte 
bösartige Streiche, und weder Liebe, noch strengste Strafen kriegten 
ihn unter. Er war immer von einer wechselnden Schar Kameraden 
umgeben, die er zu allerlei Dummheiten und Unbesonnenheiten an- 
stiftete, sie verriet, Krach mit ihnen führte, aus seinem Kreise aus- 
schloß, um neue zu gewinnen. Ein kleiner Luzifer im äußeren Aspekt 
und Charakter. 

Ein Onkel, der sein Vormund war, brachte ihn her. Der Wohnort 
der Mutter war zur Zeit soweit entfernt, daß es ihr nicht möglich 
wurde, ihn abzuholen, auch als er drohte, er ertränke sich, und einen 
Selbstmordversuch fingierte. 

In der Behandlungsstunde war er imstande, während er artig mit 
mir sprach, heimlich das Taschenmesser hervorzunehmen und mir das 
Chaiselongue-Polster aufzuschlitzen. Einmal warf er mir auch ein 
Fenster ein und hoffte, daß ich die Geduld verlieren, heftig werden 
und die Arbeit an ihm aufgeben würde. Ich ließ jedoch nichts merken 
und war immer gleichmäßig freundlich zu ihm. Ich hatte im Sinne, 
ihm zu zeigen, es gelinge ihm auf keinen Fall, mich aus der Ruhe zu 



Berichte u. Gedanken z. Erörterung d, narzißt.-tricbhaft. Charakters 153 

bringen. Einmal brachte er Pulver rait, setzte sich auf den Teppich 
und entzündete es. Alles vor meinen Augen. Ich gab nicht nach. 

Aber als ich glaubte, endlich lange der kleine Teufel an, mich zu 
bewundern, und es entstehe etwas wie ein Identifikationswunsch zu 
mir in ihm, da liatte der Vormund seine Geduld bereits verloren. Er 
wollte mir die beschädigten Möbelstücke und Gebrauchsgegenstände 
nicht länger ersetzen, verstand nicht, waruni ich den Buben an seiner 
Zerstörungssucht nicht mit Gewalt hindere, kam Iiergereist und nahm 
den „teuren Neffen" weg. Er brachte ihn in eine psychiatrische Klinik 
zur Beobachtung, und die Ärzte diagnostizierten eine moral insanüy. 
Der Onkel plackte sich mit ihm herum, bis er 17 Jahre alt war und 
noch etliche neue Milieus erlebt halte, dann spedierte er ihn nach 
Argentinien. Seitlier vernahm ich nie wieder etwas von ihm. Auch 
seinen Verwandten und seiner Mutter schrieb er nie mehr, und es 
kam der Bericht, er sei ver.seIiollen. 

Ich wage nicht zu behaupten, er hätte gerettet werden können, wenn 
man ihn noch einige Zeit der Behandlung überlassen hätte. 

Einen anderen ähnlichen Menschen, einen 17jährigen, M e i n r a d, 
lernte ich später können. Wiederum ein hochintelligenter junger Mann 
aus gutgestelltcn Kreisen, der seit seiner frühen Kindheit vaterlos 
war und von Seiten einer „sehwaelien" Mutter reichlieh Verzärtelung 
und Verziehung erfahren hatte. Audi er pflegte seine Schönheit mit 
allerlei Mitteln, was ihn zwar nicht hinderte, nur selten zu baden und 
unter teuersten Seidenstrüinpfen eine Kruste von Dreck an den Füßen 
zu tragen. Meinrad besuchto ein Gymna-sium, das als Internat geführt 
wird. Er verlegte sich nicht aufs Zerstören, aber er log, betrog und 
leistete sich gewagte Streiche. 

Ale ihm die Verwandten zur Strafe das Taschengeld beschnitten, 
verkaufte Meinrad sein Grammophon und sämtliche Platten, die er 
„auf Rechnung" erstanden hatte. Er lieh sich bei seinen Kameraden 
auf ganz raffinierte Art Geld. Bei Ä. erbat er sich 2 Franken, zugleich 
bei B. 3 Franken. Nach ein paar Tagen gab er A. seine 2 Franken 
zurück und lieh bei C. 5 Franken. A. mußte C. bezeugen, daß der 
Schuldner „ehrlich" zurückzahlte. Dann zahlte er an die Schuld bei 
B. „ratenweise" 1 Franken ab und pumpte den D. für 10 Franken an. 
Dann zahlte er Katen an B, und C. und lieh bei E. 20 Franken und eo 
fort, bis er an die 180 Franken Schulden hatte und die Sache aufkam. 
Dann log er, er habe „das Meiste" zurückbezahlt, und alle Kameraden 
seien Betrüger, die ihn „würzen" wollten. Schließlich wurde er im 
Internat unmöglich. Zu mir gebracht, zeigte er sich so, als ob er kein 
"Wässerlein hätte trüben können. Heimlich jedoch spann er eine raffi- 
nierte Intrige, die ihm auch den Aufenthalt bei uns unmöglich machte. 



154 lliiiis Zulligcr 



Ich will Ihnen von einem dritten, einem 13jährigen, Arthur, kurz 
erzählen. Er war das Oberhaupt einer Diebsbande und benahm sich 
wie ein ausgepichter Gangsterführer. Denn er selbst beging keine 
Diebstähle. Thuri gab nur Anweisungen dazu und ließ sie von seinen 
Genossen ausführen. 

Er war ein Proletarierkind aus einer vielköpfigen Familie. Als 
iiachgeborener Sohn, Nesthäkchen und einziger Bub in der Geschwister- 
schatt war er arg verwöhnt worden. Ein hochintelligenter Bursche, 
besuchte er eine höhere Mittelschule. Er hatte ein fast feminines Aus- 
sehen, er rasierte sich die Augenbrauen wie eine mondäne Schönheit, 
er salbte an seinen schwarzen Locken oft und mit einer Versenkung her- 
um, als ob er ein welturastürzlerisches Problem zu lösen habe. Er trug 
ein Armkeltchen und hatte immer einen Kamm und einen Handspiegel 
bei sich, in dem er sich gern bewunderte. In der Schule legte er ihn 
vor sich hin, sicherte ihn mit einem Buche gegen die Sicht der Lehrer, 
und dann starrte er stundenlang sein Spiegelbild an. Zuerst gründete 
er eine Organisation, um die Lehrer zu betrügen. Sobald ein Kamerad 
sich in Schuld verstrickt hatte, übertrug er ihm unter Androhung des 
Verrates die Ausführung eines kleineren Diebstahls, etwa von Lebens- 
mitteln oder Rauchwaren. Später mußten die Gesellen Geld stehlen 
und kleinere Einbrüche verüben. Die Aufnahme in die Bande geschah 
auf ganz unheimliche Weise in der Nacht. Erst mußten vom Novizen 
eine Anzahl Sehmerz- und Mutproben bestanden werden, wogegen man 
ihm in der Schule allerlei Vorteile sicherte, so daß er eines guten 
Zeugnisses gewiß sein durfte. Die Aufnahraezeremonie geschah außer- 
halb der Stadt an verborgenem Platze. Man mußte die Hand auf einen 
Totenschädel legen und beim Scheine eines Feuers schwören, man 
wolle keinen Kameraden verraten und durch dick und dünn Treue 
halten. Dom Führer mußte unbedingter Gehorsam geloht werden. Er 
befahl die Gaunerstücke nie persönlich. Dazu waren einige Unter- 
führer vorhanden. Mit ihnen besprach sich der Häuptling: es wurde 
in Konjunktiven gesprochen, man beriet, was man machen könnte, 
und wie man dabei vorzugehen hätte. Dabei benahm sich Thuri wie 
ein Pascha, mit kalter, unheimlicher Grausamkeit und sozusagen „inn- 
wurts gerichtetem" Blick redete er darüber, wie ein Novize gequält 
werden könnte. Nachher ordneten die Unterführer das Nötige zur Aus- 
führung an. Der Kädelstübrer wählte sich als Unterführer einige 
Söhne der Honoratioren der kleinen Stadt aus, und als das Treiben 
der Bande schließlich ruchbar wurde, war der Häuptling nicht zu 
fassen. Denn er konnte leicht nachweisen, daß er keinerlei Delikte 
begangen und nicht einmal etwas ganz allein ausgedacht und direkt 
befohlen hatte. Und weil die eigentlichen Befehlsträger die Honora- 



\ 



Berichte u. Gedanken z. Erörterung rl. nnrzißt. -triebhaft, Charakters ] 55 

tiorensöhnchen waren, so wurde der ganze Handel niedergeschlagen, 
nachdem die Schuldigen Besserung versprochen. 

Der Führer landete dann in fremdländischen Diensten, wo er sich 
als Soldat ausgezeichnet haben und zu einer militärischen Charge ge- 
kommen sein soll. 

Am besten konnte ich die Verhaltungs weise eines narzißtischen 
Charakters an einem löK-jährigen Mädchen beobachten. C ö c i 1 e, so 
wollen wir es heißen, ist das Kind sehr begüterter Eltern. Es verfügt 
nicht über eine außerordentliche Intelligenz, immerhin langt sie zu 
allerlei raffinierten Streichen und Intrigen. Cecile ist früh entwik- 
kelt, sieht aus wie eine Zwanzigjährige und beherrscht zwei Spra- 
chen mehr oder weniger. Ihr Interesse gilt vollständig Dingen ich- 
bezogener Art, den Toiletten, Haartrachten, Haarfärbemitteln, Lippen- 
stiften, Puder und Schminke, Schmucksachen, Schuhen, dem Aufent- 
halt in Bars, den Dinners und Soupers in erstrangigen Gasthäusern, 
den Autofahrten und der sich reich und vornehm gebärdenden Gesell- 
schaft. Dafür vernachlässigt sie in schlimmsler Form die Schule, die 
Eltern und Geschwister. Sie ist beständig bei Geld, niemand weiß 
woher. Mehr als einmal bringt sie ganz teure Toiletten daher, angeb- 
lich von Freundinnen geschenkt. Sie bleibt nächtelang weg und gibt 
an, bei Freundinnen getanzt zu haben, Mit ihren Freunden und Freun- 
dinnen verkehrt sie nicht nur persönlich, sondern auch mit vielseiti- 
gen Briefen und Telegrammen. Um der Kontrolle zu entgehen, hat sie 
sich einen Posterestanteverkehr unter einer Deckadresse eingerich- 
tet. Iliren Freunden drahtet sie einmal : „Si tu teUphone, pas oublier d'en- 
voyer d'ahord une demoiselle a l'appareiU", oder ein andermal: „Le 
manoeuvre ai'ec la Poste restante est trahi, malheureusement ! Le seul 
moyen est que tu m'ecrive en copiant tont ä falt exactement Vadresse de 
Venveloppe que je t'envoye ci-foint, mats aussi Vccrittire! C'esl Vecriture 
de man pere...!'' Es macht ihr gar nichts aus, selbst die Unterschrift 
ihres Vaters zu fälschen, wenn es ihr Vorteile bringt. 

Anläßlich einer Reise in ein Alpendörlchen entwendet sie einem 
armen Kinde einen Rosenkranz und lügt nachher, sie hätte das Kett- 
chen, das sie durch Abreißen und Wegwerfen des Kreuzes entstellt 
hatte, von einem Freunde geschenkt bekommen. Als es infolge näherer 
Nachforschungen doch ruchbar wird, daß der Rosenkranz gestohlen 
worden ist, bleibt sie kalt und lächelt. Sie hätte nicht Zeit gehabt, 
das Stück zu kaufen, es habe ihr gefallen, und da habe sie es einfach 
mitgenommen, erklärt sie kühl. Sie fühlt keine Spur von Beschä- 
mung, ein armes Kind beraubt zu haben. 

Bei einer andern Reise an die Grenze steht sie wälirend der Nacht 



156 



Hans Zulliser 



auf und spricht eine Viertelstunde mit einem ausländischen Grenz- 
Wächter. 

Nachher sehreibt sie ihm von zu Hause aus feurige Liebesbriefe, 
die an solche von Kurtisanen aus dem 17. Jahrhundert erinnern. Aber 
zugleich lacht sie über den dummen Kerl, der ihr glaubt, und den sie 
so leicht hat erobern können. „Mir kann kein Mann widerstehn!" 
rühmt sie und zählt stolz eine ganze Keihe von Verehrern auf, etwa 
so, wie ein Indianer die Skalpe seiner erlegten Feinde vorzeigt. 

Plötzlich äußert sie den Spleen, sich konvertieren zu lassen. Dar- 
über führt sie mit ihren Eltern und dem Unterweisungspfarrer lang- 
atmige Unterhandlungen. Nachher langweilt sie die Sache, sie mag 
nichts mehr davon hören und lacht darüber, daU sie ernst genommen 
worden ist. 

Ihre Eltern sind besonders darum beunruhigt, weil Ceeile überall 
behauptet, nicht ihr Kind zu sein. Sie kann sich mit der Phantasie in 
den Kreisen, wo sie verkehrt, interessant machen. Selbst ihren Lehrern 
erzählt sie den phantastischen Roman ihrer Herkunft. Ich zitiere 
wörtlich aus einer Niederschrift Ceciles; 

„Mein Vater (er sollte ein indischer Höfling sein) kam mit 21 Jahren 
nach X. an die Hochschule. Dort lernte er meine Mutter kennen, die 
ein paar Wochen in der Stadt weilte, um ihre Ferien zu verbringen. 
Bald danach verlobten sie sich. Mein Großvater jedoch wollte von einet- 
Europäerin nichts wissen und drohte, meinen Vater zu verjagen, falls er 
sich zu dieser Heirat entschließe. — Aber es ging nicht mehr anders.' 
Sie beirateten in Wien, und bald darauf fuhren sie nach Benares. Ich 
kam in Bombay zur Welt; kaum war ich da, ließen sich meine Eltern. 
scheiden. Meine Mutter heiratete ein halbes Jahr darauf meinen jetzigen. 
Vater. Mein richtiger Vater aber heiratete die Frau, die ihm von zu 
Hause aus bestimmt war. Darauf, ich war kaum zweijährig, ging meine 
Mutter nach Europa zurück, und ich blieb mit ineinem zweiten Vater in 
Benares. Ich sah meinen richtigen Vater ziemlich oft, er war wunder- 
schön, seine zweite Frau (Fatme) war die schönste der ganzen benaresi- 
schen Hofgesellschaft! Nun kam es, daß durch mich mein zweiter Vater 
(ein Europäer), was sonst gar nicht üblich ist, bei den Indern der adligen 
Kaste überall in die Paläste eingeladen wurde und auch in die vor- 
nehmen Gesellschaften. Durch ihn wiederum wurde sein Bruder Robert 
in unsere Kreise eingeführt. Robert liebt nun plötzlich Fatme, die er, 
weiß der Teufel wie, irgend einmal im Haus ohne Schleier überrascht 
haben muß. Eines Tages, wie mein Vater nach Hause kommt, findet 
er Robert mit Fatme zusammen. Der Hund, wie er sich überrascht sieht^ 
steht auf, zieht die Pistole und feuert auf meinen Vater ab, der tot zu- 
sammenbricht. Die englischen Gerichte, diese verfluchten Schwaas von 



Eprichfe u. Gedanken z. Erörterung d. narzißt.-tricbhaft. Charakters 157 

Engländern, verurteilen natürlich keinen Europäer, und der Fall war 
abgetan, der Mörder bekam keine Stunde Gefängnis, warum? Weil er 
ein Europäer war. Und vor zwei Jahren, wie ich wegging, hob ich de}' 
Sippe den Racheschwur geleistet, ich werde meinen Vater rächen müssen, 
ich werde jemand niederschießen müssen, damit mein Vater zur Ruhe 
kommt. 

Brech ich den Schwur für mich allein, dann bin ich so verflucht vor 
mir selbst wie die Engläjuler. Nehme ich ihn öffentlich vor der Sippe 
zurück, bekomm ich Sippenbann, hab keine Ehre mehr und darf jiicht 
nach Mekka, darf nicht an den Hof, bin vogelfrei. Lieber selbst sterben 
vorher. Meine Mutter haßt meinen Vater, weil er sie verführt hat, sie 
haßt mich, weil sie weiß, daß ich ihn liebe, sie haßt mich, weil sie 
jneinetwegen ihn hat heiraten müssen, was kann ich dafür? Ich hasse sie, 
weil sie meinen Vater haßt. Er kann nichts dafür, daß sie sich ihm 
hingegeben hat, er hat recht gehabt, daß er sich scheiden ließ, y mal 
recht gehabt, ilaß er eine Frau nahm, die unser warmes, dunkles Blut 
hat, die nicht zu jenen gehört, denen die Ehe eine „Versorgungsoccasion" ist. 

Aber in mir lebt die Angst, die furchtbare Angst, zur Mörderin 
werden zu müssen. Denn auch das ist Schicksal. 

Man könnte sich denken, das Märchen von der vornehmen Herkunft 
sei nichts besonderes, denn es finde sich sehr oft in der Phantasie 
von Kindern. Aber Kinder mit solchen Aschenbrödel-Phantasien be- 
finden sich meist im Latenz- oder im Vorpubertätsalter. Ihre Phan- 
tasie schweift nicht so sehr in die Weite, wie die Ceciles. Auch ist 
sie viel weniger ins Detail ausgedacht und nicht so blutrünstig und 
schwül. 

Es kommt noch hinzu, daß Cecile ihre Phantasie beständig ab- 
ändert. Als sie einmal einen jungen Russen kennen lernt, der ihr von 
Odessa erzählt, behauptet sie nachher bei neuerworbenen Freundin- 
nen, sie stamme von St. Petersburg und sei eigentlich eine Bolsche- 
wikin, die von vornehmen Eltern geraubt und an Kindesstatt ange- 
nommen worden sei. Manchmal gibt sie auch iloUywood als Geburts- 
ort an, ebenso Kapstadt und Schanghai. Je nachdem es ihr gerade 
paßt, greift sie wieder auf den indischen Roman zurück und will 
seinetwegen bedauert werden. 

Ihren Roman nimmt sie selber gar nicht ernst. Sie freut sich, wenn 
er von Dummen geglaubt wird, sie gaudiert sich darüber, daß sich die 
Eltern der ausgestreuten Geschichte wegen plagen. Oft rühmt sie sich 
der Ähnlichkeit mit ihrem Vater, besonders dann, wenn er sie be- 
schenkt, und dann fühlt sie sich plötzlich als seine Tochter. 

Das hindert nicht, daß sie gleichzeitig behauptet, einst würden ihre 
eigentlichen Blutsverwandten kommen und sie unter abenteuerliehen 



158 Hans ZulHger 



Umständen entführen, um sie in ihre Heimat zurückzubringen, „iw? 
die Pumas in der Nacht fauchen, die Messerhechelchen singen, und wo 
man beim sanften Mondenlichte badet, während Ben Hamed den Banjo 
und das Tant-tam spielt und wunderbare Geschichten erzählt''. 

Die Eltern bringen sie für eine bestimmte Zeit aufs Land. Sie glau- 
ben, daß die schlimmen Freunde und die Verführungen der großen 
Stadt an dem absonderlichen Verhalten ihrer Tochter schuld sind. 

Die Pflegeeltern sind erstaunt, mit welcher Leichtigkeit sich 
Ceeile anpaßt. Sie zeigt sich zutraulich, ist für weise Lehren emp- 
fänglieh und scheinbar dankbar, und offensichtlich bereitet ihr die 
Trennung von ihren Eltern und Freunden keinerlei Schmerzen. 

Sie spricht offen aus, daß ihr die größere Einfachheit im Hause der 
Pflegeeltern, die sie am Elternhanse mißt, herzlich gefalle und daß 
sie sieh hier „tausendmal wohler'" fühle. 

Zugleich jedoch schreibt sie sehnsüchtige Briefe heim, und als sie 
nicht die gewünschte "Wirkung zeitigen, beklagt sie sich über die Be- 
handlung durch die Pflegeeltern. Als auch das nichts nützt, weiß sie 
ihren Vater an seinem empfindlichsten Punkte zu treffen: Sie schil- 
dert ihm ausführlich, daß der Pflegevater eine ganz andere Weltan- 
schauung vertrete als er. 

Jetzt erschrickt der Vater. Hinter dem Kücken der Pflegeeltern 
organisiert er mit seiner Tochter eine regelrechte „Entführung". 
Eines Tages steht er plötzlich mit einem Wagen vor dem Hause, wo 
Cecile untergebracht ist, und er erklärt den erstaunten Leuten, seine 
Tochter müsse ihre Sachen packen und abreisen. 

Ceciles Wunsch, von ihrem Vater entführt und in ein vornehmeres 
Milieu gebracht zu werden, ist erfüllt worden. Der Vater hat in der 
Zwischenzeit eine vornehme Villa errichten lassen, dort darf die 
Tochter nun hausen. 

Man wäre nun zu der Vermutung geneigt, daß sich Cecile, deren 
Wunschwelt Wirklichkeit geworden, jetzt wohl fühlt und ihre Sym- 
ptome gar nicht mehr nötig hat. Aber schon nach kurzer Zeit fängt 
sie an, neuerdings die (Privat-)SchuIe zu schwänzen, zu lügen, zu be- 
trügen, Unterschriften zu fälschen und alle ihre Symptome wieder 
aufzunehmen, auch eine neue Variation ihres erdichteten Familien- 
romans. 

Nichts ist an ihr verändert, obschon sich ihr Milieu im Sinne ihrer 
Wunechphantasien umgestaltet hat. Man hätte doch erwarten dürfen, 
daß der Phantasie ihre Macht, ihre Intensität genommen wird, sobald 
die Wirklichkeit einigermaßen mit ihr in Übereinstimmung gebracht 
wird. An gesunden, aber oft auch bei neurotischen Kindern kann bei- 
epielsweise immer wieder die Beobachtung gemacht werden, daß sich 



Eerichtp u. Gedanken z. Erörterung d. luirzißt.-trieljhart. Charakters 



153 



bei ihnen eine Phantasie nur andeutungsweise zu erfüllen braucht, 
um so viel an Bedeutung zu verlieren, daß sie fallen gelassen wird. 
Und wenn sie nicht erfüllt wird, so wird sie in der Eegel sukzessive 
80 lange modifiziert, bis nichts mehr dran und sie durch die Realität 
ersetzt ist. 

Beim narzißtisch-triebhaften Charakter verhält es sich eben ganz 
anders, und nicht nur in dieser einen Beziehung. 

Wie wir gesehen haben, verfügt der Mensch, dem ein solcher Cha- 
rakter eignet, wie ein sogenannter Normaler über alle seelischen und 
körperlichen Kräfte. Aber er wendet seine Liebesfähigkeit dem eigenen 
Selbst in höchstem Maße zu. Was nachher für homo- und heterosexuelle 
Besetzungen noch übrig bleibt, führt praktisch zu keinen normgeben- 
den Bindungen mehr. Alles an ihm ist dermaßen ichbezogen, autistisch, 
egozentrisch und egoistisch, daß er für das GemeinschaEtsieben kaum 
mehr in Betracht kommen kann. Er fügt sich den Forderungen der 
Gesellschaft nur dann, wenn er damit sein eigenes Selbst erhöhen 
oder sonst einen narzißtischen Zweck erreichen kann. 

Der narzißtische Charakter ist nicht an die Gesehlechtlichkeit und 
nicht an die Geschlechter gebunden. Es gibt männliche und weibliche, 
ledige und verheiratete Narzißlen. Fast alle zeigen einen Hang zur 
Hochstapelei. In müderer Form sind es Leute mit unzuverlässigem, 
sehwankendem, schillerndem Charakler, und es ist ihnen, wie man 
sagt, „alles zuzutrauen". Sie fühlen sieh durch nichts gebunden und 
sind unberechenbar, dazu meist leicht manisch. 

In der Kegel sind sie hochintelligenle Menschen von bestechendem 
Äußern und feinster Lebensart. Wären sie Schauspieler, so müßten sie 
dadurch auffallen, daß sie ilire Rollen alle verblüffend lebenswahr 
spielen. Sie sind auch solche Schauspieler, nur wirken sie nicht auf 
der Theaterbühne, sondern anf der des Lebens. Und deshalb sind sie 
für die Gesellschaft so gefährlich. 

Ihre enorme Anpassungsfähigkeit hat nichts Dauerndes, Stabiles. 
Sie sind unter Bettlern Bettler, unter Königen Könige. Ihre Kolien 
wechseln sie so, als ob ihnen die Umstellung überhaupt keinerlei 
Schwierigkeilen bereitete. Meist geben sie sich als große Herren 
oder vornehme Damen, wenn sie nicht dem Spleen nachgehen, einmal 
als Asketen, Propheten, Naturburschen, Lebenserneuerer, bescheidene 
Stoiker usw. aufzutreten und sich darin eine Zeitlang selber zu ge- 
fallen und sich bewundern zu lassen. Immer aber wollen sie irgendwie 
aus der Menge hervorstechen, und dabei ist ihnen kein Mittel schlecht 
genug. Sie fallen auf durch gepflegte Kleidung — oder durch abnorme 
Primitivität in der Kleidung, die nicht durch Armut erzwungen wor- 
den ist. So zeigen sie sich entweder als Gecken oder als umgekehrte 



160 Hans Zulliger 



Gecken, die strnmpflos in Sandalen, Kniehosen, offenem Hemd, ohne 
Kopfbedeckung auf genialisch getragenem Haarschopf durch die 
Städte laufen und sich in Öffentlichen Lokalen zeigen. Andere sind 
gewillt, etwas zu leisten, um aufzufallen, und es kommt ihnen nicht 
darauf an, ob ihre Leistung sozial wertvoll oder gemeinsehaftsfeind- 
lich ist. Hier läge vieilelcht eine Möglichkeit, sie sozial einzugliedern: 
Man müßte sie in Verhältnisse hineinstellen, wo sie durch ihre Arbeit 
die Bewunderung der Menge ernten könnten, z. B. in den Sport. 

Aber dagegen sprechen mehrere Gründe. Niemand wüßte, wann 
einem ausgesprochen narzißtisch-triebhaften Sportler einfällt, seinen 
Gegner durch eine verbrecherische Manipulation zu besiegen. Und 
niemand wüßte, wie lange ihm der Ruhm zusagt, den er durch sport- 
liche Siege erntet — er könnte ihm plötzlich nichts mehr bedeuten, 
sein fluktuierendes Interesse würde sich etwas ganz anderem zuwen- 
den, und die Mühe, den Mensehen irgendwie zu binden, wäre völlig 
umsonst gewesen. 

Vorläufig scheint es, der narzißtisch-triebhafte Charakter sei über- 
haupt nicht erziehbar. Weil der Narzißmus praktisch die Libido voll- 
ständig beansprucht, fehlen beim Narzißten zwei funktionelle Eigen- 
schaften zur Erziehbarkeit: die Fähigkeit, affektiv begründete Iden- 
tifikationen einzugehen, und die homo- und heterosexuelle Über- 
tragungslibido. Es seheint wenigstens so, und es iiat noch nicht be- 
wiesen werden können, daß es sich anders verhält. 

Der Narzißt reagiert auf autoritäre Personen anders als der ge- 
wöhnliche Mensch: Während sie sich dieser gleichsam geistig einver- 
leibt, introjiziert, und so sein Über-Ich stufenweise aufbaut, nimmt 
sie der Narzißt gleichsam nur zur Kenntnis. Ihre Bedeutung er- 
faßt er nicht gefühlsmäßig. Sie imponieren ihm vielleicht für kurze 
Zeit, so daß er .sie wohl nachäfft — aber nachher ist es so, als ob er 
sie gänzlich vergessen hätte. 

Und doch hat er sie nicht vergessen; wenn es ihm später einmal 
paßt, sich gleichsam verkleidend wiederum in ihre Haut zu schlüpfen 
und sie zu spielen, dann mag die Nachahmung wie echt erscheinen. 

Vielleicht könnte man sagen, daß die Vorbilder, aus denen normaler- 
weise das Über-Ieh zusammengesetzt würde, beim Narzißten nur eine 
Art Kruste am Über-Ich bilden und dessen Kern nichts angehen. Etwa 
80 wie an einem Holzkegel, dessen Oberflache mit verschiedenen Far- 
ben angestrichen wird, und den man einmal so drehen kann, daß das 
Eot, ein andermal, daß das Grün im Gesichtsfeld des Beobachters 
steht. Die Farben aber haben mit dem Holze selbst nichts zu tun, sie 
tragen höchstens dazu bei, daß man seine Art nicht erkennen kann. 

Deutlich sehen wir dies bei C^cile. So wie sie die Sprachen ver- 



Berichte u. Gedanken z. Erörterung d. narzißt.-lriebhaft. Charakt 



ers 



161 



manscht und ihren Freunden bald als Französin, bald als Deutsche 
schreibt und behauptet, eine Inderin, Russin oder irgend eine andere 
Fremdländerin zu sein, so schillert auch ihr Charakter in allen Farben, 
bald heil und bald dunkel. Sie kann, wenn sie etwas erreichen will' 
was ihrer augenblicklicheji Triebkonstellation entspricht, gezähmci 
wohlanständig und eine „gute Tochter" sein — oder sie spielen — ' 
denn sie weiß ganz genau, wie sich eine solche zu benehmen hat. Sie 
weiß es nur, die Haltung gehl nur ihren Intellekt an. Ein über- 
tragungsfiihiges Kind jedoch fühlt es als Bedürfnis; es wird von 
seinem Über-Ich in diese Richtung gedrängt. 

Umgekehrt kann Cöcile, wenn es ihr gerade paßt, sich auch durch 
Intrigen und Streiche durchsetzen und ihre Wünsche verwirklichen. 

Das normale Kind hat nicht soviele Mittel zur Verfügung, sein Ge- 
wissen schränkt es ein. Der Narzißt fühlt keine Behinderung von 
Seiten eines Gewissens, das von ihm fordert, sich in die Gemeinschaft 
einzupassen, damit er nicht ihr Interesse, ihre Liebe verliere. 

Liebe zu verlieren, schreckt den Narzißten nicht im geringsten, weil 
er, Liebe zu empfinden, gar nicht imstande ist. Wenn Cecile ein feurig- 
schwülstiges Liebesverhältnis mit einem wildfremden Menschen wie 
dem Zöllner, den sie kaum eine Viertelstunde gesehen hat, beginnt, so 
tut sie dies nur, um sich in ihrer Selbstliebe bestätigt zu sehen; sie 
fühlt sich als Unwiderstehliche, die jedem Manne den Kopf verdrehen 
kann, wenn sie nur will. Und nachdem sie das fiktive Verhältnis zu 
ihrem Pseudo-Liebesobjekt, da es sie schließlich langweilt, aufgegeben 
hat, ist die Sache endgültig für sie erledigt. 

Normalerweise braucht die Aufgabe eines Liebesobjektes nicht 
allein Zeit, sondern es zeigen sich auch Gefühle der Kesignation, 
der Trauer, des schmerzhaften Verzichtes usw. Die Erinnerung an ein 
einstiges Liebesobjekt läßt für alle Zeiten eine gefühlsmäßige Erinne- 
rungsspur im Menschen herzen zurück. Für Cecile bedeutet die Episode 
mit dem Zöllner nicht mehr, als etwa die Erinnerung an ein Eis, das 
sie einst gegessen. Sie empfindet keinerlei Schmerzen. Die Affäre 
ist ihr einfach zu dumm geworden, weiter nichts. 

Wir fragen uns, was denn den Kern des Uber-Ichs im narzißtisch- 
triebhaften Charakter ausmache. Er besteht aus dem zum Ideal erhobe- 
nen Trieb-Ich. Die Erfüllung der triebhaften Wünsche ist zur höchsten 
leitenden Instanz geworden. Cecile hat sich selbst als Liebesobjekt 
gewählt, aber auch als Objekt für die Identifizierung. Sie postuliert in 
eich ein Ideal von sich selbst; sie will sich selber ähnlich werden, sie 
findet sich zu wenig schön, vornehm, erhaben, bedeutend. Darum 
pflegt sie dermaßen ihr Äußeres, hilft mit Tinkturen nach, um die 
Haare kupferrot und metallen schimmern zu lassen, rasiert sich die 



162 ' Hans ZuHiger 



Augenbrauen zu einer scharfen Linie, schminkt Wangen und Lippen, 
pudert sich einen braunen Teint und Halsausschnitt zureeht, ist be- 
ständig auf der Jagd nach neuen mondänen Toiletten und Schuhen und 
Ha"t für nichts anderes Gedanken und Zeit übrig als für ihre Selbst- 
erhöhung und Selbstbespiegelung. Dazu dienen ihr auch ihre Freund- 
eehaflen: Sie will sich bewundern lassen. Haben ein Freund, eine 
Freundin ihr diesen Dienst zur Genüge getan und so den JReiz einer 
dem eigenen Ich schmeichelnden Eroberung verloren, so wirft sie sie 
weg, um neue zu suchen. Und zu diesem Zwecke sind Cecile alle Mittel 
gerade gut genug, auch die moralisch verwerflichen. 

Die Tiefenpsychologie hat uns gezeigt, weshalb und zu welchem 
hintergründliehen Zweck ein Kind von fünf Jahren oder höchsten- 
falls in der Vorpubertät einen Asehenputtelroraan erdichtet. Es han- 
delt sich um eine Ablösungserscheinung von den Eltern. Das Kind hat 
den gegengeschlechtlichen Elternteil einmal heiß geliebt und ihn auf 
infantile Art (Ödipuskomplex) restlos besitzen wollen. Daraus resul- 
tieren eifersüchtige Regungen gegen den gleichgeschlechtlichen 
Elternteil, der zugleich doch auch wieder geliebt wird (Ambivalenz). 
Aus der Einsieht, daß weder der eine, noch der andere Elterntei! ganz 
in Besitz genommen werden kann, resigniert das Kind schließlich auf 
die Liebesansprüche, und ein Stück Ressentiment bewegt es, die 
Eltern gar nicht mehr als seine „richtigen" Eltern anzuerkennen. Es 
phantasiert, von hohen, vornehmen Eltern abzustammen. 

Es kommen noch andere Gründe dazu. Das Kind hat einst geglaubt, 
die Eltern wären allmächtig. Nach und nach wird es kritischer, es 
sieht ein, daß den Eltern soviel Macht nicht zukommt. Gefühlsmäßig 
kann es jedoch auf den Gedanken, mächtige, vornehme, imposante, 
reiche Eltern zu besitzen, nicht verzichten. Die Aschenbrödelphantasie 
spiegelt diese Gefühlslage. 

Ferner: Das Kind fühlte sich einst in seiner frühesten Kindheit 
selbst allmächtig. Später sieht es seine Ohnmacht ein, zugleich sehnt 
es sich in die „gute, alte Zeit" seines Allmachtswahnes zurück. Wenn 
es, so lautet die Übersetzung seiner Gefühle in Wort Vorstellungen, 
allmächtige Eltern besäße, so bestände die Möglichkeit, daß es einst 
als ihr Abstämmling wieder in den Besitz seiner einstigen Allmacht 
käme. Das ist ein weiterer Grund zur Bildung einer Aschenputtel- 
phantasie. 

Ich komme schließlich zur tiefsten unbewußten Schicht des Romans: 
Wenn die Eltern nicht seine richtigen Eltern sind, dann sind die Liebes- 
ansprüche an den gegengeschlechtlichen Elternteil auch nicht mehr 
verboten. Das Liebesobjekt ist ja dann nicht länger blutsverwandt,, 
sondern jemand Fremdes. 



4 



Berichte u. Gedanken z. Erörterung d. iinrzißt.-triebliaft. Cliarakters 103 



Wir sehen, was für ein vielgestaltig zusammengesetztes Gebilde der 
Aschenbrödelroman ist. Und so steht die Frage vor uns, ob denn 
derjenige Ceciles nicht auch auf die geschilderte Weise entstanden ist, 
und ob nicht die Möglichkeit bestehe, daß sich die Phantasie bis über 
das Pubertätsalter erhalten konnte. 

Ich habe in meiner Praxis noch nie beobachten können, daß der 
Aschenbrödelroman bei gesunden und bei neurotischen Kindern die 
Pubertät überdauerte. Vielleicht ist aber meine Erfahrung zu klein, 
leb habe aber auch noch nirgends gelesen, daß er irgendwo in Krank- 
heitsge.?chichlen von Neurosen Halbwüchsiger oder Erwachsener eine 
solche Rolle spielte wie bei Cecile. 

Auch scheint er mir bei ihr anderswie zu stände gekommen zu sein. 
Sie will sich selbst erhöhen, weiter nichts. Der Aschenputtelroman 
dient ihr nicht dazu, den leiblichen Vater darum zu verleugnen, um 
ihn ohne Schuldgefühle als Besitz beanspruchen zu können, er dient 
ausschließlich ihrer Selbstverliebtheit. „Ich kann doch nicht nur das 
ICind gewöhnlicher Bürgersleute sein", sagt sie sich, „das ist unmög- 
lich, daß ich so gering bin!" Darum wird der Koman so weitgehend ins 
Detail ausgebaut und in ein fremdes Wunderland verlegt, während er 
bei normalen Kindern viel primitiver gedichtet ist. Nicht einmal das 
Grimmsche Märchen, nach dem wir die Gefnhlseinstellung bezeich- 
net liaben, ist mit solch orientalischer Phantasie ausgestattet, es steht 
dem Realen schon viel näher darum, weil es seine Personen aus der 
nächsten Umwelt und der gleichen Rasse bezieht. 

Wenn auch die Aschenbrödelromane eines normalen und eines nar- 
zißfischen Kindes einander äußerlich in mancherlei Hinsicht ähnlich 
sehen, so sind sie doch in ihrer Herkunft verschieden und innerlich 
[mders begründet. 

Auch ihr Verlauf wandelt sich anders ab. Das normale und das. 
neurotische Kind korrigieren ihr Märchen an der Wirklichkeit In 
dem Grade, wie sie innerlich auf den Besitz der Eltern verzichten 
lernen und sich von ihnen ablösen, verliert sich die Phantasie und 
wird bedeutungslos. 

Cecile jedoch fühlt sich an ihre Eltern kaum gebunden und nimmt 
die Phantasie trotzdem immer wieder auf» weil sie sich damit inter- 
essant machen und Beachtung verschaffen kann. Sie glaubt selbst 
nicht, jedenfalls nicht dauernd, an ihr Märchen. Sie lacht darüber eben- 
so wie über die Leute, die ihm Glauben schenken. Im Grunde genom- 
men läßt das Märchen sie ebenso kalt, wie die Liebe der Mitmenschen^ 
oder wie deren Haß. 

Sie selbst ist ja auch nicht imstande zu hassen. Sie kennt wohl das 
Wort Haß und stellt sich dabei etwas vor, das einen veranlaßt, dem 



164 Hans Zulliger 



Haßobjekt zuleide zu leben. Einem Autobesitzer und momentanen 
Freunde sehreibt sie; „J'aimerai mieux voir jnes parents morts et en~ 
terres que d'etre orplieline avec des parents vivants!" und in einem an- 
deren Briefe äußert sie sich: „ich hasse mebie Eltern wie Gift!'' Aber 
fast um die gleiche Zeit schreibt sie ihren Eltern einen von angeb- 
licher Sehnsucht und Liebe strotzenden Brief in der gleichen blumen- 
reichen Sprache, die für sie charakteristisch ist.^ Und er tönt ebenso 
echt, wie die Äußerungen ihres Hasses. 

Der Narzißt ist ein Mensch, dessen inneres Leben gleichsam unter 
einem Mantel scheinbarer Anpassung abläuft, in Wirklichkeit jedoch 
von der puren Selbstvergottung gelenkt wird. Die scheinbare An- 
passungsfähigkeit ist eine Art von Mimikry, dazu vorhanden, um das 
Wesentliche vor Störungen von außen zu schützen. 

Noch kann ich keinen Weg angeben, kein Mittel, um die „Panze- 
rung" (W. K e i e h) des narzißtischen Charakters zu durchbrechen, 
aufs Lebendige zu gelangen und dort einzugreifen, um den Menschen 
sozial zu machen. Es bleibt zu hoffen, daß solches einst gelingen vjrd, 
wenn wir die Entstehungsbedingungen des narzißtisch-triebhaften 
Charakters genauer kennen werden. 

Es wird oft schwer, den narzißtischen Charakter von einem neuro- 1 
tischen oder nur verwahrlosten zu unterscheiden. Wir beurteilen die 
Personen nach ihren Äußerungen. Die Symptome beider Typen sind 
einander ähnlich. Aber wir wissen, daß wir nicht nach Symptomen 
schätzen dürfen, sondern nach der Grundlage und der Motivierung. 

Ich habe zu Beginn dieser Erörterungen einen kleinen Banden- 
häuptling. Thuri, geschildert, der einem reinen Verwahrlosten ähnlich 
sieht. Dafür, daß es sich um einen Karzißten handelt, sprechen neben 
gewissen sekundären Merkmalen wie äußerer gepflegter Schönheit usw. 
besonders auch die kalte, selbstgefällige Schilderung seiner Ver- 
hallungsweise bei der Untersuchung über die Bande und seiner Rolle 
darin; seine Freunde gab er ohne die geringsten Zeichen von Zu- oder 
Abneigung affektlos preis. Ihm eignete die Kaltblütigkeit, Ruhe und 
Grausamkeit, über die nur einer verfügt, der für andere keine Ge- 
fühle aufbringt. 

Man darf sich nicht wundern, wenn es oft schwer ist, den Narzißten 
vom Nur- Verwahrlosten zu unterscheiden. Das Hegt darin begründet, 
daß jedermann ein Stück seiner Liebesfähigkeit in narzißtischer Weise 

*) Es blieb von meiner Seite aus niclit unversuclit. Cecile bei ihrem sclirift- 
stellerischen Talent zu packen. Sie begann einen „Roman". AU er ein Dutzend 
Seiten stark war, interessierte er sie nicht mehr, und nur mir zuliebe begehrte 
eie ihn zu vollenden. 



\ 



Berichte u. Gedanken z. Erörterung d. niirzißt.-triebhaft. Charakters 165 

verwendet. Ich muß immer wieder betonen, daß es sich nur um gra- 
duelle Unterschiede handelt, und daß die Grenzen zwischen normal, 
verwahrlost und narzißtiscli ineinander verschwimmen. 

Ich hahe den Bandenführer mit Absieht erwähnt, weil er als Bei- 
spiel dafür gelten kann, daß der narzißtische Charakter nicht nur im 
begüterten Milieu sich ausbildet. Alle anderen — der schöne Willi, 
das Pumpgenie Meinrad und Cöcile — stammten von reichen Eltern 
und erlagen in ihrer frühen Kindheit der Verzärtelung und Verwöh- 
nung eines Milieus, wo es an Speise, Trank und allen Vorteilen ge- 
sicherter Lebensexistenz nicht fehlt. Darum könnte man zu der An- 
sicht gelangen, der Keichtuni und seine Folgeerscheinungen seien für 
die narzißtische Chnrakterveränderung vcrantworilich zu machen. Der 
Fall des ßandenführers beweist, daß eine solche Auffassung irrtüm- 
lich wäre. Allerdings ist auch er der Verzärtelung und Verwöhnung 
unterlegen. Immerhin ist auffällig, daß ein an irdischen Gütern ge- 
segnetes Milieu wahrscheinlich einer Diaposition zum narzißtischen 
Charakter besser entgegenkommt als ein bedürftiges, ärmliches. Die- 
sen Eindruck mußte ich an Hand meiner Erfahrungen gewinnen, aber 
ich kann nicht mit Sicherheit sagen, ob er richtig ist. Denn man darf 
nicht übersehen, daß narzißtische Kinder aus bessergestellten Kreisen 
viel eher einem Erziehnngsberater vorgestellt werden als solche aus 
Familien in ärmlichen Verhältnissen, und daß wir darum den Trug- 
schluß machen könnten, man finde Narzißten viel häufiger unier den 
Reichen als bei den Armen. Ich habe mir auch schon überlegt, ob nicht 
die Kinder armer Familien vielleicht weniger der rein narzißtischen 
Entwicklung anheimfallen können, weil sie von klein auf stärker im 
Kampfe mit der Kealität stehen, M^eil sie das Loben meist schon in aller- 
fi-ühester Zeit zwingt, sich mit ihm auseinanderzusetzen. Die Not 
ums tägliche Brot dürfte ein Kind seelisch in ganz andere Bahnen len- 
ken, als eines, das dauernd an einem „Tischlein deck dich" sitzen darf. 
Aber ich weiß darüber auch nichts Bestimmtes auszusagen. Vielleicht 
regt Sie meine Vermutung zu eigenen Beobachtungen an. 

Man könnte sich auch die Theorie bilden, daß die frühzeitige Ver- 
wöhnung und Verzärtelung an der Bildung des narzißtischen Charak- 
ters Schuld trügen. Gegen eine solche Auffassung spricht aber die Tat- 
sache, daß zahlreiche verwöhnte und verzärtelte Kinder nicht zu Nar- 
zißten werden, obschon sie nicht ohne Charakterschädigung davon- 
kommen. Sie bleiben jedoch übertragungsfähig. 

Eines ist aber interessant und beachtenswert; alle von mir beob- 
achteten narzißtischen Kinder waren „einzige" Kinder oder Nesthäk- 
chen oder Erstgeborene, die lange Zeit ohne Geschwister blieben. Die 
durch eine derartige Stellung im Familienkreise bedingte Auszeich- 



Zeltschcift t. psa. FSi!., IX/3 



166 Hans Zulliger 



nung muß wahrscheinlich der Disposition zum narzißtischen Charakter 
Tveilgehend entgegenkommen, sie begünstigen, fördern, ausbilden und 
fixieren. 

Als Pädagogen müssen wir also froh sein, wenn wir einen jungen 
ilenschen in die Hände bekommen, an dem wir sofort Gefühle wie 
Zutrauen, Mißtrauen, Liebe und Haß feststellen können, auch wenn er 
dissoziale Symptome zeigt. Wir wissen dann, daß die Möglichkeit groß 
ist, ihm zu helfen. Die Verwahrlosung, die Gemeinschaftsfeindlichkeit, 
die Dissozialilät, alle „Schwierigkeiten" an ihm sind dann meist da- 
durch entstanden, daß sein frühkindliches Liebesbedürfnis entweder 
zu kurz kam oder übersättigt wurde. Das kommt dann alles in der 
Übertragung zum Vorschein und kann auf den richtigen Weg gelenkt 
und korrigiert werden, falls niemand die Behandlung zu sehr stört. 

Der Narzißt begegnet uns anders. Er zeigt sich von vorneherein 
nicht abgeneigt, mit uns zu verhandeln, er ist weder besonders miß- 
trauisch, noch zutraulich, weder vorsichtig, noch unvorsichtig: Er be- 
gegnet uns mit einer indifferenten Freundlichkeit und Gleichgültig- 
keit, die nicht zu verweeh.seln ist mit den gleichen Eigenschaften eines 
iibertragungsfähigen Pfleglings, der sie nur zum Schutze, zur Abwehr 
vor uns spielt. 

Der Narzißt ist gewöhnlich schon in der ersten Stunde gerne bereit, 
einem von seinen Taten zu erzählen, er braucht nur zu wissen, daß 
die Verhandlungen für alle anderen Leute Geheimnis bleiben. Wäh- 
rend in der gleichen Situation ein Dissozialer mit Scham und Mühe 
eich die Worte abringt oder trotzig, verbissen und jedenfalls mit 
Affekt erzählt, „referiert" der Narzißt gewöhnlich so, als ob er Be- 
langloses erzähle, oder als ob er über jemand anderen Bericht er- 
statte, oft zeigt er auch etwas wie Freude an seiner Geschicklich- 
keit, andere zu düpieren. Immer aber spiegeln seine Worte seine 
Selbslverliebtheit und leh-Bezogenheit wieder. 

Ich will noch eine Vermutung äußern, die mir bei Zusammen- 
künften mit Narzißten darüber aufgestiegen ist, was möglicherweise 
ein Mitgnind sein könnte, warum die Erziehung und die Erziehungs- 
hilfe, selbst dann, wenn sie über tiefenpsychologische Erkenntnisse 
verfügt, an solchen Fällen scheitert: Es gelingt uns wohl, in sie 
Einsicht zu nehmen, ihre seelischen Kräftekonstellationen zu über- 
blicken, aber wir können uns nicht voll in sie einfühlen. Dies ge- 
lingt uns darum nicht, weil wir ihre Art nie am eigenen Leibe er- 
lebten, da wir selber viel zu sehr gewohnt sind, den Hauptanteil 
unserer Gefühle an Personen, Verhältnisse, Landschaften, Tiere usw. 
zu verausgaben, zu „übertragen". Vielleicht gelänge uns eine Be- 
handlung dann besser, wenn wir selbst einst eine Zeit durchlebt 



Bcrichtp u. Gedanken z. Ertiriorung d . narzißl.-lriebhaft. Charakters ]67 

hätten, in der wir uns fast ausschließlich narzißtisch aufführten, und 
T\^enn wir über diese Zeit gefühls- und gedankenmäßig noch verfügten. 
Andeutungsweise hat jeder, gestehen wir uns das ruhig ein, in 
seiner Kindheit gewisse Verwnhrlosungserscheinungen gezeigt. Wer 
hätte nicht einen Entwicklungsschub durchgemacht, wo er etwa un- 
verträglich war, sich neidisch und mißgünstig zeigte, log, Kleinig- 
keiten entwendete, trotxte, sich vereinsamte und von Gemeinschaften 
ausschloß, sich freute. Erwachsene nn der Nase herumzuführen und 
eehlauer als sie zu sein, naschte, betrog, aufschnitt und seine Bnben- 
oder Mitdchenstreiche machte? "Wir sind gewiß auch nicht dauernd 
gute und folgsame Kinder gewesen, die ihren Eltern und Lehrern nie 
Sorgen bereiteten, auch wenn man uns nicht hätte als „schwierig" be- 
zeichnen können. Der Unterschied zwischen einem normalen und ge- 
sunden Kinde gegenüber einem dissozialen ist ja auch nur ein gra- 
dueller. "Wir können von uns sagen, wir seien so glücklich gewesen, 
daß sich keine der nur andeutungsweise vorhandenen dissozialen Er- 
scheinungen bei uns fixierte, sondern daß jede auf natürlichem Wege 
wieder versehwand — wir „verwuchsen" sie; denn wie der Körper 
eine Tendenz besitzt, Kranklieitsstoffe von selbst zu vernichten und 
auszuscheiden, so besteht im Menschen auch eine seelische Selbst- 
heilungstendenz. 

Weil wir selbst in unserer Kindheit stärker oder schwächer er- 
zieherisch „schwierige" Zeiten durchgemacht haben, steht uns das 
gewöhnliche schwierige Kind viel näher als der Narzißt; wir können 
es besser als ihn verstehen und uns in es einfühlen. 

Sie werden finden, daß wir dem Problem des narzißtisch-trieb- 
haften Charakters nicht viel näher gerückt sind. Wir haben etwas 
über seine Struktur erfahren, das recht skizzenhaft geblieben ist, und 
daraus hat sich die Mutmaßung nur verstärkt, man könne Menschen 
solcher Art nicht erziehen. 

Wenigstens theoretisch gesehen, gäbe es doch einen Weg. Die 
Tiefenpsychologie zeigt, daß eich der ursprüngliche primäre Narziß- 
mus des Kindes verringert, weil beträclitliche Libidobeträge für Ob- 
jektbesetzungen abgegeben werden. 

Wir mü.«sen uns fragen: Welclie Bedingungen veranlassen das 
Kind zu einer derartigen Urabesetzung. Wenn wir das einmal ganz 
sicher wissen, dann gälte es, für den narzißtisch-triebhaften Charakter 
analoge Bedingungen herzustellen und die Leute darin so lange wach- 
sen zu lassen, bis sie aus innerer Nötigung gemeinschaflsbcdürflig 
werden. 

Ich erinnere daran, daß die Engländer seinerzeit ihre Verbrecher 
auf einer einsamen Wellmeerinsel, in Australien, ans Land setzten 



168 



Hans Zuiliger 



und dort sich selbst überließen. Die ehemaligen Gesellschaftsfeinde 
sind die Stammhalter neuer gesunder Gosebleehter, die Gründer blü- 
hender Städte und Staaten geworden, und ihre Nachfahren haben Be- 
deutung für den Bestand des britischen Weltreiches erlangt. 

Die weißen Uransiedier waren Verbrecher — ich weiß nicht, wie- 
viele von ihnen narzißtisch-triebhafte Charaktere waren — ich denke, 
ein gewisser Prozentsatz wäre festzustellen gewesen. Und ich ver- 
mute, daß uns am australischen Beispiel ein praktischer Weg gezeigt 
ist, wie man triebhafte Narzißten heilen könnte: Vermutlich hat die 
Aussetzung der Verbrecher in ein unbekanntes, unzivilisiertes und in 
mannigfacher Beziehung lebensgefährliches Land den Verbannten so- 
viel Lebensnot gebracht, wie sie das Kleinkind in dem Zeitpunkte 
seiner Entwicklung empfindet, wo es sich zu Ungunsten seines Narziß- 
mus für die Freimachung von übertragungslibido entscheidet. 

Narzißtisch-triebhafte Charaktere müssen solchen Leuten eignen, 
die entweder im ursprünglichen, primären frühkindlichen Narzißmus 
verharren oder regressiv in diese Entwicklungsstufe zurückverfielen. 
Ihnen Bedingungen zu schaffen, die sie zwängen, den Entwicklungs- 
schiib zum Normalen zu vollziehen oder neuerdings zu vollziehen, 
gelingt vielleicht keinem psychotherapeutischen Verfahren. Da hat 
wahrscheinlich eher eine Realität Erfolg, die die Menschen vor die 
Alternative stellt, ihren Narzißmus zugunsten gegenseitiger Ab- 
hängigkeit und Freundschaft, also der Übertragungslibido, einzu- 
schränken oder unterzugehen. 

Unterzugehen, so wie es das Schicksal des Narkissos folgerichtig 
verlangt hat . . . 



t i l"-l 



Korr efe rat: 

Zur Psychologie des triebhaften Narzißten 
Von Heinricli Meng, Basel 

1. Welchen Anteil hat der Narzißmus beim Aufbau 

des Charakters? 

Freuds Versuch einer allgoiueinen Typenlehre') geht davon aus, 
die Menschen danach einzuteilen, wie sie ihre Libido in den Provinzen 
des seelischen Apparates untergebracht haben. Er unterscheidet den 
erotischen, den narzißtischen und den Zwangs-Typ, Er weist darauf 
hin, daß die grüßte Anzahl der Menschen Mischlypen sind, und betont 
die Möglichkeit, auch nach andern Gesichtspunkten einzuteilen. Z u 1 I i- 
g e r s Jugendliche gehören wohl zu narzißtisch-erotischen Mischtypen. 
Ob sie als „triebhaft" zu bezeichnen sind, hängt in jedem Fall davon ab, 
ob ihre Triebe, die Sexualität und die Aggressivität, tatsächlich ab- 
norm stark sind oder — ob sie nur so erscheinen, weil die Hemmung 
durch ein über-Ich wegfallt. — Auf jeden Fall ist uns als Arheits- 
thema von ZuUiger in dankenswerter Weise das Problem vorgelegt 
worden, ob ein Mensch durch Erkrankung, normale oder abnorme Ent- 
wicklung oder Eingriffe irgendwelcher Art, z. B. durch die psycho- 
analytische Therapie, von einem in einen andern Typ übergehen kann. 
Eigene Beobachtungen lassen vermuten, daß das möglicli ist. Der 
erotisch-narzißtische Typ vereinigt nach Freud Gegensätze, die sich 
in ihm gegenseitig schwäciien können. Aggression und Aktivität gehen 
zusammen mit der Vorherrschaft des Narzißmus. Die Jugendlichen 
Z u 1 1 i g e r 6 weisen anscheinend eine stärkere Betonung der rein 
narzißtischen Komponente auf. Deshalb sei hier die Kennzeichnung 
Freuds vom „rein narzißtischen Typ" wiedergegeben: 

„Keine Spannung zwischen Ich und Über-Ich — man würde von diesem 
Typus her kaum zur Aufetellung eines Ubor-Iebs gekommen sein — keino 
Übermacht der erotischen Uedürf niese, das Hauptinteresse auf die Solb:^t- 
erhaltung gericlitet. unabhängig und wenig eingeschüchtert. Dem Ich ist ein 
großes Maß von Aggression verfügbar, das sich auch in Bcreitsclmft zur Ak- 
tivität kundgibt; im Liebesleben wird das Lieben vor dem Geliebtwerden 
bevorzugt. Menschen (iioses Typus imponieren den aniiern n\a „Persönlich- 
keiten", sind besondere geeignet, andern als Anlialt zu dienen, die Rolle von 
Führern zu übernehmen, der Kullurentwicklung neue Anregungen zu geben 
oder das Bestellende zu schädigen". 



*) Vgl. Sigm. Freud: „Über libidinfjf^o Typen", Ges. Sehr. Bd, XII, 



]70 Heinrich Meng 



Freud bemerkt dann noch: 

„Die narzißtischen Typen, die bei ihrer sonstigen Unabhängigkeit der Ver- 
sagung von seitea der Außenwelt ausgesetzt sind, enthalten eine besondere 
Disposition zur Psychose, wie sie auch wesentliche Bedingungen des Ver- 
brechertums beistellen". 

Nach diesen Ausführungen könnte Freud selbst die Fälle Z u 1- 
1 i g e r s dem rein narzißtischen Typus zuzählen: Mangel eines 
Über-Ichs, passagere erotische Verhältnisse, Unabhängigkeit, aggres- 
sive Aktivität, Führerstellung. Es handelt sich bei den beschriebenen 
Fällen um kulturell wenig entwickelte, vielleicht auch wenig be- 
gabte Vertreter des Typs. Daß ihnen teils das Verbrechertum, teils 
die Psychose als Endausgang droht ^ so wie F r e u d es andeutet — , 
ist sehr wahrscheinlich. Die männlichen Personen Zu lüge rs ent- 
gelicn zunächst diesem Schicksal, weil sie unter zwingende Außen- 
verhältnisse kommen, in denen die tatsächlichen Vor-schriften — das 
Soldatenreglement — ein Über-Ich überflüssig machen. 

Als wichtiges pädagogisches Problem erhebt sich hier die Frage 
des Narzißmus und des Grades des Narzißmus. Es ist 
eine grundlegende, ewige Frage des sozialen Zusammenseins, wie- 
viel und welche Befriedigung der narzißtische Mensch fordern darf. 
Man kann sogar bereits die Erziehungsziele da- 
nach einteilen, wie weit man den Narzißmus des 
Individuums im Erziehungsprozeß anerkennen 
und schonen oder stören und auflösen will. Dafür 
aber, wann man ein Erziehungsmittel als zu sehr individuell und 
narzißtisch zu verneinen iiat, dafür gibt es kein wirklich objektives 
Maß, nur eine Messung nach dem Maße der Gruppe und der Familie. 
Letzteres ist wahrscheinlich ein phylogenetisch älteres Verhalten 
als das nach dem individuellen Narzißmus sieh richtende, mit dem es 
in Konkurrenz treten muß. Umwelt und Individuum sind daher von 
Anbeginn an in aller Anpassung und Erziehung miteinander im Wett- 
streit bei der Bestimmung der Maßstäbe, die sich im Kind entwickeln. 
Dabei ist die Wirkung des Narzißmus des individuellen Erziehers oft 
stärker, als er selbst es weiß. Oft verbirgt sich der eigene, nie genug 
befriedigte Narzißmus hinter der Rücksicht auf den Narzißmus des 
Kindes. Es ist uns heute noch nicht gelungen, dem Kind einen fest- 
stehenden Maßstab zu zeigen oder zu geben. Die narzißtisch-trieb- 
hafte Einstellung des einen Erziehers steht der utilifaristisch-ökono- 
mischen Einstellung des anderen Erziehers gegenüber; zwischen 
beiden gibt es viele Arten in den Auffassungen von Gesellschaften, 
Gruppen und Parteien, die als sehr wirksam fortbestehen. Unsere 
nächste Frage gilt 



Zur Psychologie des triebhaflen Narzißten 



171 



2. dem AnteilderAußenwelf, vorallem demTrauma. 

Bei der offenkundigen Bedeutung äußerer Faktoren für die Fälle 
Zulligers sind wir angeregt, den sozialen Faktor für die Exo- 
geneität der Charakter- und Neurosengestaltung neu zu überprüfen."*) 

Ferenczi hat in seiner letzten Arbeitsperiode die Frage des 
traumatischen Momentes in der Pathogenese der Neurose und des 
Charakters wieder aufgeworfen, er hat vor allem das sexuelle Trauma 
als krankmachendes Agens neuerlich betont und sogar an erste Stelle 
gesetzt. In seiner Arl)eit über „Sprachverwirrung zwischen dem Er- 
v.aehsenen und dem Kind'") findet sich eine Stelle, die ich besonderer 
Beachtung empfehle. Sie lautet: 

„Eine typische Art, wie inzestuöse Vorführungen zu Stande kommen, ist 
die folgende: 

Ein Erwachsener und ein Kind lieben sich; das Kind hat die spielerische 
Phantasie, nait dem Erwachsenen die MutlerroUe zu spielen. Dieses Spiel mag 
auch erotische Formen annehmen, bleibt aber nach wie vor auf dem Zärtlich- 
keitsniveau, Kieht so bei pathologisch veranlagten Erwachsenen, besonders, 
wenn sie durch sonstiges Unglück oder durch den Genuß belaubender Mittel 
in ihrem Gleichgewicht und in ihrer Selbstkontrolle gestört sind. Sie ver- 
wechseln die Spielereion der Kinder mit den Wünsclien einer sexuell reifen 
Person oder lassen sich, ohne Rücksicht auf die Folgen, zu Sexualakten hin- 
reißen. Tatsachliche Vergewaltigungen von Miidchcn, die kaum dem Säug- 
lingsaltor entwachsen sind, ähnliclie Sexualakte erwachsener Frauen mit 
Knaben, aber auch forcierte Sexualakte homosexuellen Charakters gehören 
zur Tagesordnung. 

Schwer zu erraten ist das Benehmen und das Fühlen von Kindern nach 
solcher Gewalttätigkeit. Ihr erster Impuls wäre: Ablehnung, Haß. Ekel, kraft- 
volle Abwehr. „Nein, nein, das will icli nicht, das ist mir zu stark, das tut 
mir well. Laß mich", dies oder ähnliches wäre die unmittelbare Reaktion, 
wäre sie nicht durch eine ungeheure Angst paralysiert. Die Kinder fühlen 
sich körperlich und moralisch hilflos, ihre PersöuUchkeit ist noch zu wenig 
konsolidiert, um auch nur ia Gedanken protestieren zu können, die über- 
wältigende Kraft und Autorität des Erwachsenen macht sie stumm, ja beraubt 
sie oft der Sinne. Doch dieselbe Angst, wenn sie einen Höhepunkt erreicht, 
zwingt sie automatisch, sich dem Willen des Angreifers unterzuordnen, jeJo 
seiner WunscJiregungen zu erraten, sich mit dem Angreifer vollauf zu identi- 
fizieren. Durch die Identifizierung, sagen wir Introjektion des Angreifers, 
verschwindet dieser als äußere Realität und wird intrapsychisch, statt extra; 
das Intrapsyehischo aber unterliegt in einem traumhaften Zustande, wie die 
traumatische Trance einer ist, dem Primärvorgang, d. h. es kann, entspre- 

■) Siehe auch Bernfelds Aufsatz .. Der soziale Ort und seine Bedeu 
tung für Neurose. Verwahrlosung und Pädagogik" (Imago. Bd. XV 1929) 
und einzelne Publikationen von Aichhorn, Alex ander- Staub 

Fromm und Edith Jacobssohn. ' 

') Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XIX, 1933. 



172 Heinrich Meng 



ehond (iem Liistprinzip gemodelt, positiv- und negativ-halluziiialorisch ver- 
wandelt werden. Jedenfalls hört der Angriff als starre äußere Kealität zu 
existieren auf, und in der traumatischen Trance gelingt es dem Kinde, die 
früheren Zärtlichkeitssituationen aufrechtzuerhalten". 

Als eine Hauptwirkung des Traiimas in der Friihkindheit bleibt nach 
Ferenczi der Kern der Persönlichkeit auf einem Niveau stecken, 
das der alloplastischen Eeaktionsvreise noch unfähig ist und nur eine 
autoplastische Reaktion, gleichsam durch Mimikry ermöglicht.') 

Wir wissen allerdings nichts darüber, wie die Mütter, mit denen 
sich normalerweise die Kinder besonders tief identifizieren, und wie 
die anderen Erziehungspersonen sich in der Frühkindheit der Jugend- 
lichen Zulligers libidinös zu dem Kind verhalten haben. Wir glauben 
aber, daß hier eine Quelle so starker Enttäuschung gelegen sein muß, 
daß sie wohl die dauernde Abwendung vom Objekt erklären könnte. 
Dafür spricht auch die mit Recht von Zulliger hervorgehobene 
Bedeutung des „Familienromans" bei neurotischen Erkrankungen 
überhaupt und bei seinen Fällen im besonderen. Wie sehr müssen 
diese Kinder zutiefst an den Eltern leiden, wenn dieses Thema zum 
Kern einer krankhaften Sucht zu lügen (Pseudologia phantastica) 
wurde.') 

Es fehlt leider die analytische oder auf andere Weise gewonnene 
Basis, nämlich die Kenntnis davon, wann dieser Roman bei Cceile zu- 
erst aufgetreten war und wie er umgestaltet wurde. Aus Freuds 
Arbeit „Der Familienroman der Nenrotiker" (Ges. Sehr., Bd. XII) sei 
eine Stelle hervorgehoben: 

„...Kommt dann die Kenntnis der verschiedenartigen sexuellen Beziehun- 
gen von Vater und Mutter dazu, begreift das Kind, daß pater semper incertus 
ist, während die Mutter certissima ist, ao erfährt der Familienroman eine 
eigontUralicho Einschränkung: er begnügt sich nämlich damit, den Vater zu 
erhöhen, die Abkimfl von der Mutter aber als etwas Unabänderliches nicht 
weiter in Zweifel zu ziehen. Dieses zweite (sexuelle) Stadium des Familien- 
romans' wird auch von einem zweiten Motiv getragen, das dem ersten (asexu- 
ellcn) Stadium fehlte. Mit der Kenntnis der geschlechtlichen Vorgänge ent- 
steht die Neigung, sich erotische Situationen und Beziehungen auszumalen, 
wozu als Triebkraft die Lust tritt, die Mutter, die Gegenstand der höchsten 
sexuellen Neugierde ist, in die Situation von geheimer Untreue und geheimen 
Liebesverhältnissen zu bringen. In dieser Weise werden jene ersten gleich- 
sam asexuellen Phantasien auf die Höhe der jetzigen Erkenntnis gebracht". 

*) Ferenczi beschrieb zwei Anpassungsarten der Lebewesen: als pri- 
mitive die autoplastischo Anpassung mittels Veränderung des eigenen 
Selbst und als kulturgemäße die a 1 1 o p l a s t i sc h e, bei welcher Flucht 
und Abwehr schon auf die Veränderung der Umwelt abzielen, auch indem sie 
Werkzeuge und andere Vorbedingungen für den Kampf ums Dasein hatten. 

■>) Siehe auch Kielholz „Weh' dem, der lügt!'', Int. Ztschr. f. Psa., 
Bd. XIX, 1933. 



Zur Psychologi e des triebhaften Narzißten 173 

Wir würden so die Annahme vertreten, daß die übermäßige Ent- 
wicklung des Narzißmus (Hyperplasie), den die Fälle zeigen, nicht 
angeboren, sondern traumatisch bewirkt sei. Das Trauma hat aber ein 
Individuum betroffen mit der Eignung, sich erfolgreich den völligen 
Narzißmus zu gestatten. Dazu gehören: äußere Schönheit, gewisse 
Begabungen und die Zugehörigkeit zum narzißtischen Typus, wenn 
diese Typen als Konslitutionsvarietäten angenommen werden. 

Z u 1 1 i g e r wies darauf hin, daß man im Grund sich nicht voll in 
die narzißtischen Persönlichkeiten einfühlen könne; das klingt ganz 
ähnlich, wie wenn man von Psyehotikern spricht. Triebhafte Charak- 
tere haben wohl ein relativ normal strukturiertes Ich entwickelt. 
Wahrscheinlich ist es besonders stark gefügt, weil eben das über-Ieh 
mangelhaft ist. Bei den Psyehotikern ist das Ich in der Struktur ge- 
schädigt, bei den narzißtischen Charakteren wahrscheinlich in der An- 
passung an die Außenwelt zeitweise gestört und unfähig zur Ver- 
drängung. _^^ , . ,, 

3. Bedeutung der Frühentwicklung. 

Wahrscheinlich provozieren nicht wenige Narzißten — vor allem 
als einzige Kinder*) — durch ihre körperliche Schönheit schon sehr 
früh Verwöhnungs- und gelegentlich auch Versagungs- und Haßreak- 
tionen der Erzieher. Letztere sind geneigt, allzu lange dem Kind, 
ohne daß es etwas leistet, einen Genuß zu gestatten, mindestens das 
andauernde Erlebnis des Nestgefühls im infantilen Paradies. 

Vermutlich ist es auch zur Entwicklung des notwendigen normalen 
Narzißmus nötig, daß das Kind zunächst eher verwöhnt als nicht ver- 
wöhnt wird. Von diesem Erleben geht voraussichtlich das Gefühl der 
Arglosigkeit und die Lebensfreude aus, wichtige Faktoren für den 
reifen, erwachsenen Menschen. Aber körperliche Schönheit, die ständig 
bewundert wird, ist ein Sonderfall von Auszeichnung durch das Schick- 
sal, der leicht Privilegien beanspruchen läßt. Das Kind betrachtet es 
als selbstverständlich, daß sie ihm wie ererbte Rechte immer zu ge- 
währen sind. Falls diese Privilegien unbeachtet bleiben, so nimmt der 
Heranwachsende eine Rolle an oder spinnt eine Phantasie aus, in 
welcher Privilegien gewünscht, als selbstverständlich erwartet oder 
erfüllt werden. Es wäre zu untersuchen, wie anderseits die Häßlichkeit 
zur Vortreffiichkeit und Uberkompensierung im Sinne Adlers reizt 
oder die Erlaubnis zum Verbrechertum gibt, wie es Freud bei 

") Zu dieser Frage liegen von iiiiiilytiRcher Seite zahlreiche Beitrüge 
vor (z. B. von U u g-H e 1 1 m u l Ii, F r i e d j u n g, C h r U t o f f e I) ; besonders 
sei auf die wissenschaftliche Publikation von S t ä r c k e „Die Rolle der analen 
und oralen Quantitäten im Verfolgung.swahn" {Int. Ztscihr. f. Psa., B<i. XXL, 
1935) verwiesen; sie laßt das Problem der Verwöhnung In der Friihkindlieit 
iüT einen gesunden Narzißmus neu stellen. 






174 Heinrich Mens 



Kichard IIL darlegt. Aus deu Arbeiten über Hochstapler, von denen 
mehrere in unserer Literatur vorliegen — z. B. von A b ra h a m") — 
geht hervor, daß auch das Problem der verbrecherischen Hochstapelei 
erst vom Narzißmus aus lösbar sein wird. Hochstapelei scheint eine 
liegression auf eine Zeit von befriedigtem Narzißmus zu sein; sie 
könnte einer Dissozialität aus Verwöhnung und den Folgen der Ent- 
täuschung entsprechen, das Verbrechertum einer Dissozialität aus 
Entbehrung und Verlangen nach Kompensation des enttäuschten und 
unbefriedigten Narzißmus. 

Es war anschließend an die letzterwähnte Publikation von F e r e n- 
cz i vom frühen Trauma die Rede. Wir meinen: Die Traumata eines 
normalen Milieus begünstigen eine der Realität angepaßte Ich-Entwick- 
lung; das Ich stellt sich dabei in den Dienst der Umwelt und lernt 

unabhängig von Triebregungen — zu verdrängen. Es ist ein besonde- 
res Problem, ob die Anpassung durch das Ich allein geschieht, oder 
ob die oft stürmischen Vorgänge im Ich auf das Es selbst zurück- 
wirken. In „Hemmung, Symptom und Angst" hat Freud schon diese 
Frage aufgeworfen, wenn er diskutiert, ob das Verdrängte — Triebe 
und Triebrepräsentanzen — in der Verdrängung unverändert ver- 
harrt oder sich ändert. Wir meinen, daß die Angst einen Einfluß auf 
den Trieb selbst ausübt, und daß sich durch sie die Anpassung auch auf 
das Es erstrecken kann, indem die Triebeinschränkungen durch die 
Angst, nicht nur durch die Vilalangst, sondern auch durch Real- und 
Gewissensangst geschehen. Letztere werden jedoch durch die reale 
Umwelt geweckt und gestaltet. So könnte auch das Es sich an der 
Wirklichkeit orientieren und von ihr geformt werden. Es ist fraglich, 
ob diese Vermutung einer Nachprüfung standhalten wird. Wir nehmen 
ja an — und der Beweis ist oft erbracht — , daß das Unbewußte das 
Verdrängte im allgemeinen unverändert in sich trägt. Aber wie läßt 
sich dann das Problem lösen, weshalb die Triebstruktur des kulti- 
vierten Menschen doch keine geringe Differenz aufweist gegenüber 
der des primitiven oder vorprimitiven Menschen, und warum seelisch 
gesunde, gütige Menschen anders aussehen und konstitutionell anders 
erscheinen, als seelisch gesunde, ungütige Menschen. Auch das Es 
schaut aus allen Poren, nicht nur die Angst und die Triebrepräsentanz. 

Beim abnorm narzißtischen Kind unterwirft sieh das Es die chaoti- 
sche Umwelt und nach deren Introjektion das mangelhafte Über-Ich. 
Es unterbleiben so die meisten Eeaktionsbildungen des normalen Kin- 
des im Ich gegen Es und Umwelt, das Kind lernt nicht normal ver- 
drängen. Wir sind, da Z u 1 1 i g e r keine Angaben über die Frühkind- 

^) Siehe dieses Heft Seite 195. 



Zur Psychologie des triebhaften Narzißten 175 



heit machen konnte, nicht in der Lage, in seinen Fällen etwas tiljer die 
Qualität der Triebe, ihr© Stärke und ihr Auftreten zu sagen. Es wäre 
zu eruieren, ob bei verwandten Fällen die Triebe abnorm stark sind, 
oder ob sie zu plötzlich und überstürzt, also vorzeitig, in Wirkung 
treten, so daß das Ich, bezw. das über-Ich relativ zu schwach waren 
oder sich relativ zu spät entwickelten. Ferenczi vertrat die Mei- 
nung, daß unter bestimmten Voraussetzungen Traumata besondere 
Fähigkeiten zur Entfaltung bringen — eine Art Progression oder Früh- 
reife, vergleichbar dem Keifen oder Süßwerden von Früchten, die der 
Schnabel eines Vogels verletzt hat. Unsere Annahme, daß narzißtische 
Ciiaraktere in der Kindheit nicht normal verdrängen lernen, ist noch 
einer präziseren Untersuchung zu unterziehen. Ist Verdrängung aus- 
geblieben, oder ist sie abnorm und in welcher Hinsicht? Sind dabei die 
Triebe, <lie Affekte oder die Inhalte berührt, und hat sich zu viel oder 
zu wenig Angst entwickelt? Bei mangelhafter Fähigkeit zum Ver- 
drängen wird das Kind später bei Gefahrsituationen, wie es der Fsycho- 
tiker tut, die Kealitäl verkennen oder zu ihrer Bewältigung andere 
Meclianismen der Abwehr oder Flucht in Bewegung setzen, namentlicii 
regredieren. Diese Fragen sind doshalb von praktischer Bedeutung, 
weil eine Therapie schlecht in Gang kommen wird, wo keine Verdrän- 
gung aufzuheben ist und keine Übertragung auf Grund der Modelle 
der Frühkindheit zu Stande kommt. Da Z u 11 i g e r nicht in der Lage 
war, länger dauernde Behandlungen durchzuführen, — ein Jugend- 
licher war in Analyse, die drei andern in Erziehung, — sind wir darauf 
angewiesen, nur Vermutungen aus seinen Berichten über unbehandelte 
Fälle aufzustellen. Aus der Mitteilung über einzelne Züge im frUh- 
infantilen Verhalten der Jugendlichen, auch bei der Beobachtung und 
dem Versuch der Behandlung, dürfen wir schließen, daß sadistisch- 
destruktive Kegungen im Vordergrund standen. Es wäre von beson- 
derem Interesse zu erfahren, in welcher Form und Richtung Angstzu- 
stände in den ersten fünf Jahren bei narzißtischen und triebhaften 
Charakteren auftreten. Ich für meine Person vermute, dali sehr früh 
Angstzustände nachweisbar sein müssen, und daß z. B. das spätere 
sadistisch-masochistische Verhalten mit dem Erleiden starker Angst- 
affekte in Zusammenhang steht. Kelativ angsttos erzogene Kinder 
sind zwar meistens mutig, aber sozial anders eingeordnet als die von 
Z u 1 1 i g e r beschriebenen Fälle. 

4. D i 6 R o 1 1 e d e s Ü b e r-I c h s. 
Sowohl bei allzu frühen und starken äußeren Versagungen wie bei 
reichlichem Gewährenlassen sehen wir Angst auftreten.*) Für die nor- 

ä) Siehe „Erzielien und Strafen in den ersten Kiiiderjahrcn'" in meinem 
Buch „Strafen und Erziehen" (Hans Huber, Beru, 1934). 






176 Heinrich Meng 



nialo Ich-Entwicklung ist es notwendig, daß eine Verschmelzung der 
destruktiven und libidinösen Triebregiingen stattfindet, anderfalls ver- 
schärft die Bedürfniespannung durch Libidostauung den Sadismus 
des Ichs. Angst und Destruktion hängen auf das Innigste zusammen. 
Die normale Angst, zu der auch die Angst zählt, die jeder Erziehungs- 
eingriff zunächst auslöst, erleichtert, ja bedingt vielleicht die Ent- 
wicklung eines domestizierten Ichs; ich erinnere an die in meiner 
Arbeit über die „Organpsychose"") vertretene ileinung, daß eine Früh- 
neurose eine gewisse Feiung gegenüber späteren Trieb- und Ichstö- 
rungen setzt. Es wäre denkbar, daß durch die Angst vor dem Uber- 
Ich eine Vorübung für die Bewältigung der Realangst ermöglicht wird, 
falls nur ein Übermaß an Über-Icb-.A.ngst vermieden wird. Die Intro- 
jektion des Vaters ins Uber-Ich geht wahrscheinlich immer mit einer 
leichten Angstentwicklung einher, deren Bewältigung gelingt, wenn 
der wirkliche Vater die Angst nicht künstlich erhält und steigert. Bei 
Beobachtungen an Kindern tauchte mir als weiteres Problem auf, ob 
es eine Angst im Über-Ich gibt (Ehrfurcht, Selbstachtung?). 

Bei nicht wenigen Fällen, auch bei einzelnen von Z u 1 1 i g e r, fehlt 
der wirkliehe Vater ganz. Damit fehlte der mächtige Schützer, aber 
auch der gefürchtete Erzieher. Der Mangel an Realangst könnte einen 
Mangel der Ober-Ich-Kraft zur Folge haben. Ich meine allerdings, 
daß auch der wirkliche Vater in nicht wenigen Fällen so wirken kann, 
wie wenn kein Vater vorhanden wäre. 

Der Wiener Soziologe Kraus hat einen wertvollen Beitrag über 
die Verwaisung als soziale Erscheinung veröffentlicht'") und dabei 
gezeigt, daß psychologisch nicht wenige Kinder als Halb- oder Voll- 
waisen zu gelten haben, obwohl noch ein oder beide Eltern leben. 

Die Aufzucht zum Normalkind und Erwachsenen soll u. a. bewirken, 
daß das Kind sich allmählich einübt, Angst vor seinem Es auf ein 
äußeres Objekt zu verschieben und so in der äußeren Gefahr innere 
Geiahren zu bekämpfen. Die durch die Realangst mobilisierte phylo- 
genetische Kastrationsangst lehrt bei der normalen Entwicklung, auf 
die Gegenwart narzißtisch geliebter Objekte verzichten, vor allem 
auf die der Mutter. Die Frage ist, inwieweit Ängste verschiedener 
Art einander ersetzen, ablösen oder ineinander übergehen. Bei der 
Introjektion von Umweltpersonen in Ich und Über-Ich erleichtert 
sich das Kind manche Bewältigung äußerer Gefahr, indem sie als 
innere Gefahr durch Verdrängung erledigt wird. Die vom Über-Ich 
drohenden Gefahren werden unbewußt und normalerweise durch Ver- 

") Das Problem der Organpeychose, Zur seelischen Behandlung organisch 
Kranker. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XX, 1934. 
'") Ztächr. f. pea. Päd., Bd. IV, 1930. 



Zur Psychologie des triebhaften Narzißtcn ]77 

drängimg erledigt; diese unbewußten Gefahren bleiben aber in der 
Verdrängung ständig wirksam, sodaß wir sagen dürfen, die Verdrän- 
gung vom Über-Ich aus ist nie ganz gelungen. Vielleicht ist die An- 
nahme, daß es eiue — zumindest latente — Angst im Über-Ich gibt, nicht 
ganz von der Hand zu weisen. Die wirkliche Gefahr wird durch die 
Herrschaft des Über-Ich vermieden, aber nicht erleichtert. Die Gesamt- 
menge ernsterer Gefahren wird allerdings verkleinert, die Gesamt- 
gefahr dadurch herabgesetzt. Die normalen Neurosen, die jedes Kind 
in der Kulturentwicklung durchmacht, scheinen mir für die Ich-Bil- 
dnng von entscheidendem Wert, weil sich das Ich dabei übt, Angst vor 
dem Verlust der Mutter, überhaupt vor dem Objektverlust, vor der 
Kastration und vor dem Über-Ich zu bewältigen. Die praktische Auf- 
gabe ist, dabei nicht in so hohem Maße Schuldgefühle zu entwickeln, 
daß das Kind leidenssüchtig wird, und nicht in so geringem Maße, daß 
es verwahrlost. 

5. Trieb- und Strukturprobleme beim narzißtiscii- 

trieb haften Charakter. 

Wenn das Kind nicht verdrängen lernte, weil es keine Konflikte 
neurotisch zu bewältigen hatte, wird es später bei äußeren und inne- 
ren Gefahren zu einer abnormen Regression zu anderen Mechanismen 
greifen oder aber zur Verleugnung. 

Es könnte die Vermutung aufgestellt werden, daß die Patienten 
Zul ligers den Analytiker verleugnet haben, ähnlich wie sie die 
Realität verleugnet haben. Sie haben ein Skotom für die Folgen in der 
Wirklichkeit gebildet oder sie wegphantasiert. Vielleicht haben sie sie 
intuitiv so stark erfaßt, daß sie davor fliehen mußten? 

Es ist mir wahrscheinlich, daß das Unbewußte triebhafter Charak- 
tere beim Zusammenstoßen mit der Realität instinktiv fühlt, daß auf 
allgewohnte Luslreaktionen verzichtet werden müsse. Aber es ent- 
wickelt sich doch keine wirkliche Angst des Ichs, weil Ich und Es noch 
zu sehr (partiell) verschmolzen sind. Es fehlt jene Feiung gegen die 
Angst, die normalerweise in der Kindheit erworben werden muß, und 
es steht keine Objekt- und Übertragungslibido in zureichendem Maße 
bereit. Die äußere Realität wird durch Phantasien der Frühkindheit 
umgedichtet. Die Frage ist allerdings, wie früh Libidofixierungen 
stattfanden, ob in der vorödipalen oder in der ödipalen Pliase. Im Zu- 
sammenhang mit der verstärkten Flucht in die Phantasie wäre es von 
Interesse zu erfahren, ob die vier Jugendlichen als Kinder normal g e- 
spielt haben. Nach anderen Erfahrungen, auch eigenen, fehlen bei 
narzißtischen Neurotikern und Psychotikern nicht nur die echten neu- 
rotischen Übertragungs- und VerdrängungskonfUkte der Frühkindheit, 



378 " Heinrich Meng 



sondern die normalen Befriedigungen und Versagungen des Kindes im 
Spiel. Für die Wandlung des Lusfprinzips zumRealiiätsprinzip istdas 
Spiel eine der wertvollsten Brücken, auch in seiner Funktion zur Be- 
wältigung der Angst. Im Prozeß der Reifung spielt es eine bedeutsame 
Rolle als Gelegenheit zur Projektion innerer Gefahr in die Außemvelt 
und zur Einübung der Bewältigung der Angst. Hoehstaplertypen spie- 
len vielleicht als Kinder nur mit der Wirklichkeit und sind unfähig, 
Phantasiespiele zu machen. 

Die psychoanalytische Behandlung und Erziehung der Jugendlichen 
Z u 1 1 i g e r s m u ß ja von fraglichem Wert sein. Die Libido ist intro- 
vertiert, echte Objektbeziehungen werden vermieden, die Umwelt wird 
verkannt. Das will nicht heißen, daß wir überhaupt der Therapie 
völlig skeptisch gegenüber stehen. Zul liger selbst deutet ja am 
Schluß einen Vorschlag zu einer Therapie an, über den wir noch 
sprechen werden. Weshalb diese Individuen so schwer geschädigt 
wurden, ist nicht mit Sicherheit nachzuweisen. Folgende Faktoren 
stehen zur Diskussion: Die Frühidentifizierungen mißlangen, und da- 
mit fehlte das Vorstadium vor den Objektbeziehungen auch für später. 
Wir erinnern uns dabei der Annahme, daß die Identifizierung haupt- 
sächlich mit unerreichbaren Objekten erfolgt war; diese sind auch 
eine Art Ersatz für früheste Objektbeziehungen. Ob aus diesem Ersatz 
als Vorstufe noch echte Objektbeziehungen werden, ist fraglieh. Echte 
Objektbeziehungen sind die Voraussetzung für die Fähigkeit zur De- 
sexualisierung von Objektlibido und zur weiteren Einverleibung von 
Objekten ins Ich, ebenso wie für die Identifizierungen, welche das 
Uber-Ieh bilden und ausgestalten. Was wir Charakter nennen, ist zum 
Teil bestimmt durch die Art und das Schicksal dieser Identifizierungen. 
Deshalb setzt das Hauptproblem der Charakteranalyee bei der Frage 
ein, ob ea gelingt, in der Latenzzeit oder später den Narzißten noch zur 
echten Identifizierung zu veranlassen und ihm nachträglich die Fähig- 
keit zu verschaffen, narzißtische Libido in Objektlibido und dann in 
desexualisierte Ichlibido umzusetzen. 

Was von der Angst angedeutet wurde, gilt auch von Schuldgefüh- 
len. Nur ein starkes Ich kann im Schuldgefühl steckende Angst be- 
wältigen. Das normale Schuldgefühl, Produkt der Spannung zwischen 
Über-Ich und Ich, ist die Grundlage einer moralischen Entwicklung 
der Persönlichkeit und des sozialen Gewissens. Die Ethik solcher Nar- 
zißten scheint u. a. an einem Jlangel normaler Schuldgefühle zu lei- 
den. Nicht nur, daß die ödipussituation nicht erreicht oder abgebaut 
wurde, es haben in der Latenzzeit auch immer wieder neue Schädigun- 
gen eingesetzt, ohne daß ein stabiles und mit Libido besetztes ^Milieu 
die Eildung eines Gewissens erlaubt hätte oder in nennenswertem Maß 



I 

i 



Zur Psychologie des triebhaften Narzißfen 179 

ein schlechtes Gewissen hätte aufkommen lassen. Freud hat in seiner 
"Veröffentlichung „Einige Charaktertypen ans der psychoanalytischen 
Arbeit"") die „Gegenspieler" besehrieben, Persönlichkeifen, die immer 
wieder am Erfolg scheitern und aus Schuldbewußtsein Verbrechen be- 
gehen. 

Bevor wir noch die Frage der Therapie besprechen, sei noch auf 
zwei einzelne Fragen hingewiesen. Es wäre zu untersuchen, wie Ver- 
mögensverlust in früherer oder späterer Zeit typisch wirkt. Bei einem 
Fall scheint im Zusammenhang mit dem Vermögensverlust die ödi- 
puszeit verlängert und die Latenzperiode verzögert. Ist doch die Hoch- 
stapelei ein lebensgefährliches „Spiel", welches den Verlust des Reich- 
tums immer im Ernst rückgängig macht. Der zweite Punkt betrifft 
den Fall „Cecile". Helene Deutsch hat 1934 (Int. Ztschr. f. Psn., 
Bd. XX) eine Arbeit „Über einen Typus der Pseudo-Affektivitiit („Als 
ob . . .")" publiziert. Ihre Beobachtung erstreckt sich nur auf weibliche 
Personen. Sie hebt als erstes Charakteristikum hervor, daß jener Men- 
schentypus sich formal im Leben so benimmt, als würde er ein voil- 
empfundenes Gefühlsleben besitzen. Die Patienten selbst empfinden 
keinen Mangel in ihrem Affektleben, obwohl es nur eine leere Äuße- 
rungsform ist. Solche Personen haben nicht durch einen Verdrängungs- 
akt, sondern durch einen wirklichen Verlust keine affektiven Ohjekt- 
beziehungen. 

Ihre Identifizierung mit anderen Personen ist Ausdruck einer pas- 
siven Plastizität, deren Folge die Fähigkeit zu unbedingter Treue wie 
Treulosigkeit sein kann. Sie sind der Inbegriff der Charakler- 
losigkeit. Sie wechseln ohne innere "Wandlung ilire weltanschauliche 
Meinung, ähnlich wie man Kleider nach der ilode wechselt. Es genügt, 
daß in dem Bekanntenkreis eine Umgruppierung oder etwas Ähnliches 
stattgefunden hat. Die Identifizierung ist nicht mit der hysterischen 
identisch, sondern automatisch, denn sie geht nicht über eine Objekt- 
beziehung. Die Autorin hat vier solche Patientinnen beobachtet, aber 
nur über zwei Fälle Mitteilung gemacht. Die erste, auch ein einziges 
Kind, stammt aus einem reichen Milieu. Beide Eltern leben, sind aber im 
Sinne von Kraus im Grunde nicht vorhanden; das Kind ist in sozia- 
lem Sinn Vollwaise. Es konnte sieh keine Ödipuskonstellation aus- 
bilden, im Familienroman fehlen die originären, warmen Objektbe- 
ziehungen, an Stelle der Über-Ich-Bildung sind die Objekte in der 
Außenwelt erhalten und bleiben allein maßgebend für Denken, Fühlen 
und Tun der Patientin. Die Autorin macht für das Verharren auf einer 
infantilen Stufe in hohem Maß ungünstige Einflüsse der Umwelt ver- 
antwortlich. Die zweite Patientin hatte einen geisteskranken Vater und 

") Ges. Sehr., Bd. X. Siehe auch dieses Heft Seite 193. 



180 Heinrich Meng 



eine abnorme Mutier, ist also sozial ebenfalls Vülh\-aise. in ihrem Fa- 
milienroman spielt ein Inder eine führende Kolle, der der Patientin 
ermöglicht, sich als überirdisches Wesen zu erleben. Die Autorin 
weist darauf hin, daß — wie bei der ersten Patientin — die Über-Ich- 
Eildung ausblieb, bezw. in Anlehnung an die Personen der Außenwelt 
zersplitterte. Diagnostisch beachtenswert scheint es mir, daß das Mäd- 
chen Cöcile, das Z u 1 1 i g e r beschreibt, stark an den Typ, den Frau 
Deutsch beschrieben iiat, erinnert. 

Die Tatsache, daß nach dem heutigen Stand der Psychoanalyse Ich- 
Störungen und Ich-Schädigungen schwerer zugänglich sind als Trieb- 
störungen, zwingt dazu, neue Wege der Therapie, auch wenn sie nicht 
psychoanalytisch sind, zu versuchen. Ich benütze den Anlaß zu einer 
allgemeinen Besprechung über die therapeutische Wirkung der Psv- 
choanalyse. Wir sind geneigt, das Versagen unserer Therapie auf 
die Schwere der Erkrankung zurückzuführen, vor allem bei den nar- 
zißtischen Erkrankungen. Sehen wir aber die persönlichen Erfolge 
und Mißerfolge, auch die der anderen, durch, so wird klar, daß noch 
undere Faktoren eine Rolle spielen müssen, wenn sich der Patient 
der Heilung entzieht. Zum mindesten sollten wir gefeit sein gegen 
die bequeme Meinung, daß an einem Versagen der Therapie auf jeden 
Fall der Narzißmus des Patienten oder sein unbeugsamer Widerstand 
schuld sein müsse. Nicht wenige Kranke haben ein sicheres Gefühl für 
dieEcht-undUnechtheit der Keaktionen des Analytikers, für seineStarre 
und seine Plastizität. Es wäre von Interesse, die analytischen Befunde 
gerade jener Persönlichkeiten in ihrer „Paarbildung" mit dem Ana- 
lytiker oder in ihrer Isolierung in der Analyse zu untersuchen, die 
ohne allzu schwere narzißtische Störungen sich unserer Therapie ent- 
ziehen. 

6. Die Frage der Behandlung. 
ZuUigers Vorschlag zu einer Therapie, die der historischen 
Verbrechertherapie verwandt ist, erscheint mir außerordentlich be- 
achtenswert. Wir erinnern uns dabei an andere Vorschläge zu einer 
neuen psychotherapeutischen Technik, wie an die Verbote Feren- 
czis, der auch Versuche machte, echte Verwöhnung dort einzu- 
setzen, wo die starke Versagung schweren Scliaden in der Früh- 
kindheit angerichtet hatle. Aber doch ist ZuUigers Vorschlag, 
der ja für keine analytische Therapie gedacht ist, theoretisch 
anders zu fundieren; er ist eine Art Selbstbehandlung des Patienten 
aus Lebensnot und Todesangst. Vielleicht gelingt es auf diesem Weg, 
durch narzißtische Überkompensierung in der Isolierung das Bedürfnis 
nach Kultur und damit nach Objektlibido so zu steigern, daß aus den 
einzelnen Narzißten und einer „Bande von Narzißten" eine echte Masse 



Zur Psychologie des triebhaften Karzißten 181 



mit voller übertragungelähigkeit wird. Falls dieser Weg praktisch 
erprobt werden soll, müssen größere Organisiitionen der Kinder- und 
Jugendlichenfürsorge dafür ähnlich interessiert werden, wie sie z. B. 
am Wandern, an der Bekämpfung des Alkoholiemus und an der Seu- 
chenbekämpfung interessiert sind. Wir wissen allerdings nicht, ob 
dieses Stück praktischer, seelischer Hygiene von der Gesellschaft 
bereits in Angriff genommen würde. Sie richtet ihre Energien zur Be- 
wältigung ihrer Bedürfnisspannung vorwiegend anf andere Ziele und 
begnügt sich mit der halluzinatorischen Befriedigung. Diese ersehwert 
oder verhindert aber leider — dem Narkotikum verwandt — eine 
aktive Einwirkung auf die Realität, vor allem, wenn die Selbsttäu- 
schung in gemeinsamen Tagträumen gut rationalisiert wird, ■ 



( 



Zeitenhrift I. pBn. Püd.. IX/3 



DISKUSSION 



Gustav Bally, Dr. med. in Zürich: 

Das Problem der narzißtischen Psychopathen ist trotz vieler an- 
regender Versuche weder praktisch psychotherapeutisch noch theo- 
retisch gelöst. An dieser Lösung hindert uns die Tatsache, daß wir 
boi diesen Mensehen eines nicht vorXindcn, das uns den Zugang zu 
neurotisch Leidenden selbst dort öffnet, wo eine Therapie wenig Aus- 
sieht hat : das Bewußtsein des Leidens, den seelischen 
Konflikt. 

Die Folge dieses Mangels ist, daß der narzißtische Psychopath nicht 
nur uns gegenüber im Grunde verschlossen bleibt, sondern daß er auch 
sich selbst gegenüber nicht jene Position einzunehmen imstande ist, 
von der aus jene psychotherapeutisch und wissenschaftlich fruchtbare 
„Wir-Bildung" zwischen Arzt und Patient erfolgen kann: Er will sich 
nicht, nein, e r ka n n sich nicht in Frage s f el 1 e n. Sozial 
ausgedrückt: Er hat kein Gewissen. 

Wir nennen ihn denn auch krank, nicht weil er leidet, sondern weil 
wir unter ihm leiden. Wir sind zwar imstande, die asozialen Handlun- 
gen nicht nur deutend zu erklären, sondern auch spontan in den nächst- 
liegenden Motiven zu verstehen, besser oft als die neurotischen Symp- 
tome, und doch sagen wir: Wir verstehen diese Menschen nicht. 

Wir vorstehen nämlich lediglich, warum jeweils so gehandelt 
wird, und dieses „Warum" liegt sogar offener zutage als beim neuro- 
tischen Symptom. Aber wir verstehen nicht, d a ß so gehandelt wird, 
verstehen nicht das übergreifende lebensgeschichtliche Bezugssystem, 
aus dem ein solches Handeln überhaupt tragbar wäre. 

Aus der Bereitschaft zur Rückfrage auf sich selbst können wir in 
der psychoanalytischen Kur mit dem Neurotiker gemeinsam die Ver- 
etohenslücken ausfüllen. Aus den verstandenen asozialen Einzelhand- 
lungen aber läßt sich jene übergreifende Bereitschaft zur lebensge- 
schichtlichen Verantwortung nicht schaffen. Wir können von einem 
Verfallensein an den sekundären Lustgewinn reden. 

Die Ersatzbildungen werden also nicht wie bei der Neurose in den 
Tiigträumen erledigt, sondern sie werden durch die ungehemmte Ag- 
gression in die Mitwelt hineingetragen. 

Bei der Neurose hindert, wie wir wissen, die vom Über-Ich her 
determinierte Ich-Angst dieses Hineintragen in die Mitwelt. Der Kom- 
promiß zwischen Es- und Uber-Ieh-Strebung führt lediglich dazu, daß 
den Ersatzbildungen als psychologischer Ort die Phantasie zugewie- 
sen wird. Diese Bereitschaft zur Verantwortung gegenüber dem Über- 



Diskussion ']83 



Ich und dem Es begründet die bei jeder Neurose latent vorliegende 
Möglichkeit der auloplastischen Wandhmg durch eine Behandlung. 

Hier besieht diese Möglichkeit nicht. (Bei den Perversionen be- 
steht sie, wie wir \Yissen, in mehr oder weniger geringem Grade). Die 
Sekundärbildungen, der Familienroman z. B,, werden agiert, haben 
breitesten Zugang zur Motilität und damit zur Realität erhalten, und 
Bo werden die Phantasmen des sekundären Lustgewinnes zu entschei- 
denden Motiven des realen Lebens. 

Die motorische Betätigung erhält angstfrei. Diese der Psychoana- 
lyse bekannte Tatsache ist dem narzißtischen Psychopathen irgend- 
wie gegeben. Er kennt die Aggression, kennt die Affekthandlungen 
und erlebt sich in ihnen. Die Icli-Angst kennt er nicht. 

Die Ich-Angst aber darf uns nach Freud als eine Art Warnungs- 
signal gelten, als ein menschliches Verhaltungsregulativ. Wer diese 
Reaktionsmöglichkeit wie der narzißtische Psychopath nicht hat, ge- 
fährdet sich psychologisch und letzten Endes auch körperlich. 

Blicken wir auf das bewegte Bild, das uns ein solcher Kranker 
bietet, so vermögen wir wohl einzelne Handlungen zu verstehen, wir 
dringen auch auf Grund unseres psychologischen Wissens deutend in 
die lebensgeschichtlichen Zusammenhänge seines Agierens ein, aber 
"wir vermögen ihn nie dort zu erfassen, wo er sich selbst nicht erfaßt: 
in der Verantwortung für die mitmenschliche Realität. Darum können 
wir wohl die Handlungen des narzißtischen Psychopathen deuten, 
ihn selbst aber können wir im Grunde nicht verändern. 

Arthur Kielholz, Dr. med., Direktor der kant. Irrenanstalt 
Königsfelden (Aargau): 

Es scheint mir, daß man bei den von Z u 1 1 i g e r geschilderten 
Fällen nach Genese und Dynamik verschiedene Typen unterscheiden 
kann, bei denen dann auch die Behandlung besondere Wege gehen 
sollte. 

So entspricht „A r t h u r" einem Führertypus, der es versteht, 
seine Aggressionsfendenzen durch die von ihm Geführten auswirken 
zu lassen, um diese dann, wenn er durch die von ihm veranlaßlen 
Handlungen in Schwierigkeiten gerät, rücksichtslos fallen zu lassen. 
Wir haben diesen Typus auch bei gewissen erwachsenen Süchtigen, 
2. B. Alkoholikern beobachtet, bei denen es gelingt, sie aus ihrer Sucht 
herauszulavieren, wenn man es versteht, ihnen eine gewisse Rolle in 
einem Verein oder einer Bewegung zu verschaffen, die ihren Narziß- 
mus befriedigt. 

„Cecile" verkörpert einen mehr Pseudologen Typus mit unver- 
kennbarer Begabung zum Fabulieren und zur Darstellung in dichte- 



in 



184 Diskuseion 



rischer Form. Hier würde es sich darum handeln, eine entsprechende 
liierarische Produktion anzuregen, welche das Eind veranlassen 
könnte, seinen Narzißmus wie der Dichter in seine Schöpfung zu pro- 
jizieren und zu objektifizieren. 

Der Typus endlich, bei dem die infantile Verwöhnung genetisch 
die Hauptschuld trägt, wofür wir Gottfried Kellers „Pankraz 
der Schmoller" als Kxerapel nehmen dürfen, wäre durch die Schaffung 
einer äußeren Notlage der Heilung entgegen zu führen, wobei er ge- 
zwungen würde, sich an die Geraeinsehaft um Hilfe zu wenden und 
so sich ihr irgendwie anzupassen. Bei solchem A'ersuch besteht aller- 
dings die Gefahr, daß der also in Gefahr Versetzte sieh völlig in 
seinen narzißtischen Autismus abkapselt und psychotisch isoliert. 



1. Unbewußtes Schuldgefühl bei scheinbarer 
Gewissenlosigkeit. 
■ Eine Amtsstelle führt mir einen ISJ^jährigen Burschen zu, der dem 
Anschein nach in unser Untersuehungsgebiet fällt. Er benimmt sich 
überaus dissozial, stiehlt solche Summen, daß die wirtschaftliche 
Existenz seines Vaters bedroht ist, schwänzt immer und immer wieder 
die Schule und läßt sich ebensowenig durch die flehentlichen Bitten 
seiner Mutter wie durch die Strafen seines Vaters beeinflussen. Er 
denkt nur an seine Vergnügungen und freut sich, den anderen ein 
Schnippchen zu schlagen. Ans dem entwendeten Geld leistet er sich 
Eisenbahnfahrten, auf denen es flott zugeht. Auf seine Findigkeit ist 
er stolz. Zuletzt hat ihn die Polizei im Zuge verhaftet, als er mit einer 
besonders großen Summe durchgehen wollte. Ich werde gebeten zu 



I 



Oskar Pfister, Dr. phil, Pfarrer in Züridi: 

August Aichhorn hat uns in seinem geradezu klassischen Buche 
„Verwahrloste Jugend" gezeigt, wie auch der erfahrenste und fein- 
einnigste Fürsorger in der Erfassung schwieriger Fälle durch psycho- 
analytische Kenntnisse außerordentlich bereichert wird, selbst wenn 
er nicht eigentliche psychoanalytische Behandlungen durchführt. Als 
Fürsorgeerzieher wird er natürlich seinen Zöglingen, unter denen 
sich auch nicht wenige der hier zu besprechenden Typen finden, die 
unbewußten Beweggründe ihres Handelns nur sehr sparsam und 
zurückhaltend aufdecken. Allein das viele, das er für sich erfährt, und 
das reduzierte Wissen, das er in weiser Dosierung dem jungen Men- 
schen über die verborgenen Hintergründe seines Handelns mitteilt, 
bilden eine ausgezeichnete Basis seines erzieherischen Tuns. ■ 

Ich möchte nun an einigen Beispielen zeigen, wie auch direkte 
Analysenfragmente zu einem wichtigen Einblick in die seelische Ver- 
lassung triebhafter Narzißten verhelfen können. 



\ 



Diskussion J85 



prüfen, ob es sich um „moralisclien Schwachsinn" (moral insanity) 
oder um einen palhologisehen Zwangszustand infolge von Verklem- 
mungen im Unbewußten handelt. Ich erkundigte mich bei dem Jungen, 
den ich etwa in der Weise Äichhorns willkommen geheißen hatte, 
unter anderem auch nach nervösen Erscheinungen und erfuhr von 
Kopfweh und Schlaflosigkeit, die nach neuen Fehltritten überhand zu 
nehmen pflegen. Etwa fünf Monate früher war während eines Ferien- 
aufenthaltes eine Zeitlang fast jede Nacht, im ganzen etwa zehnmal, 
eine Angsthalluzination aufgetreten. Der Junge sah vor dem Fenster 
ein Skelett mit offenem Mund, die Hand gegen ihn ausgestreckt. Durch 
lautes Angstgeschrei weckte er die Pflegefamilie, die Licht anzündete 
und das Fenster verhängte. 

Ich wollte auf die w^eiteren Umstände der damaligen Zeit nicht ein- 
gehen und versuchte an Einzelmomenten der Erscheinung einen Ein- 
blick iu die inneren Verhältnisse des Knaben zu gewinnen. 

Auf meine Aufforderung, sich die Gestalt vorzustellen, sagte der 
Knabe: „Ich meinte zuerst, es sei ein Menschenfresser, von dem die 
Mutter erzählt hatte." Auf die Frage, ob er schon ein Skelett gesehen 
habe, antwortete er mit Hinweis auf die Naturkunde, fügte aber hin- 
zu, daß er in der Nacht den Tod gesehen habe. Auf den Tod eingestellt, 
berichtet er, die Mutter sei in jenen Tagen wegen eines schweren 
Herzleidens in eine Krankenanstalt gebracht worden, und er habe sich 
die Schuld an ihrer Erkrankung beigemessen, da sie sich um seinet- 
willen sehr gegrämt hätte. 

Die Angsthalluzination beweist, daß der Junge, der so brutal seine 
triebhaften Wünsche verfolgte und in seinem äußeren Verhalten, sei- 
nem Trotz, seiner Ablehnung der Schulbildung, seinen Diebstählen 
jegliche menschliche Rücksichtnahme vermissen ließ, insgeheim mora- 
lischer Regungen in hohem Maße fähig war. Sonst hätte er kein so 
starkes Schuldgefühl aufbringen können, das ihm in der Vision vom 
Skelett entgegentrat. Vom Sinn der Vision hatte er natürlich selbst 
keine Ahnung, so daß sich auch von hier aus ein regulierender Ein- 
fluß auf sein Handeln nicht bemerkbar machen konnte. Ich machte 
keine Anstalten, an dieser Stelle die Analyse fortzusetzen; der Ein- 
druck, den ich mir geholt hatte, genügte für eine erste Orientierung. 
Eine ausreichende Diagnose läßt sich freilich aus unserem Fragment 
nicht gewinnen; immerhin erhielten wir einen sehr wertvollen Ein- 
blick in den Seelenzustand des jungen Delinquenten. 

2. Symbolische Kastration als Grundlage 
eines gesteigerten Narzißmus. 
Ungefähr zwei Monate lang beschäftigte ich mich mit einem 
19iährigen Jüngling, der mir wegen häufiger Unterschlagungen, 



186 DiskuBsion 



imanfhorlichen SchuMenmacliens und krankhafter Nachlässigkeit im 
Berufsleben zugeführt wurde. Mit vier Jahren hatte er das Nasenbein 
gebrochen, seither schämte er sich seines extrem jüdischen Aussehens. 
Um sich zu vergewissern, daß er trotzdem Erfolge bei Mädchen er- 
zielen kann, ergab er sich im Laufe der Pubertätsentwicklung einer 
förmlichen Tanzwut, ohne jemals eine Neigung für seine Partnerinnen 
zn empfinden. Das einzige Mädchen, das er zu lieben glaubte, eine 
Kollegin, schikanierte er nach Kräften und ließ sie von seiner angeb- 
lichen Liebe nichts merken. Sie bedeutete ihm auch nichts weiter und 
hinterließ, soviel ich sehen konnte, in seinem Seelenleben nur gering- 
fügige Spuren. 

Sein Vater war ein rechtlicher, aber jähzorniger Mann, der seinen 
Altesten mit Schimpfworten traktierte, einigemal auch schlug. Die 
Mutter verzärtelte den Erstgeborenen, reagierte aber auf seine dis- 
sozialen Handlungen mit maßlosen Affektausbrüchen, die im Kinde 
Trotz und Haß hervorriefen. Einmal suchte sie in ihrer Verzweiflung 
den mißratenen Sohn zu vergiften, indem sie die erste beste ihr als 
giftig bekannte Droge aus der Küche holte und ins Trinkwasser des 
unverbesserlichen Taugenichtses schüttete, der das übelschmeckende 
Getränk ausspie, die Absicht der Mutter durchschaute und fortab ge- 
steigerten Groll gegen sie hegte. 

Schon frühzeitig äußerten sich bei Franz Symptome einer gewissen 
Fehlentwicklung. Die sadistischen Regungen der frühen Kindheit sind 
ihm noch lebhaft in Erinnerung, er erzählt von einem beliebten Spiel, 
bei dem er kleine Fische aus dem Wasser hob, um sie angstvoll zap- 
peln zu sehen. Sechs- bis siebenjährig steckte er auf einem Balkon 
eine kleine Bretterbude in Brand und zeigte seither Vorliebe für 
Feuer. Seine stereotypen Kinderträume schildern Räuber, die das 
Elternhaus anzünden, wobei er selbst Brandwunden erleidet, die er 
im Traum angeblieh physisch zu verspüren glaubt. Im Anschluß 
daran sieht er sich von den Übeltätern entführt. Im gleichen Alter 
beging er den ersten Diebstahl. Als die Mutter im Warenhaus einen 
Hut kaufte, stahl er dazu eine Straußenfeder. Auf der Treppe bekannte 
er es der Mutter, die ihn zwang, den gestohlenen Gegenstand sogleich 
zurückzugeben, und ihm die Schreeklichkeit des Diebstahls mit grellen 
Farben ausmalte. Mit sieben Jahren machte er sich des ersten Be- 
truges schuldig, indem er den Preis eines gekauften Objektes zu hoch 
angab und seine Beute in Schleckereien umwandelte. Er wurde ent- 
deckt und mit Ohrfeigen bestraft. Als er elf Jahre zählte, lieh ihm ein 
Freund seine Markensammlung; da erlebte er das Gefühl, er müsse 
einige Marken entwenden, was er dann auch tat. 

Die Unredlichkeiten mehrten sieh, als er mit 15M Jahren etwas- 



Diskussion ]87 



ältere Burschen kennen iernte, die größere Beträge unterschlugen und 
ihm eine Dirne zuführten, mit der er den ersten Sexualverkehr hatte. 
Baß es nicht hemmungslos geschah, verrät der Umstand, daß er von 
da an unter Schwindelgefiihlen und Angst auf dem Klosett litt, letz- 
teres aber nur, wenn er Menschen in der Nähe wußte. Fortan drehten 
sich seine geistigen Interessen nur noch um Kriminalwissenschaft und 
Verci'bungslchre. Aus beiden suchte er Gewißheit zu schöpfen, daß 
für die Fehltritte erblich Belasteter lediglich ihre Eltern verantwort- 
lich seien, was sein Gewissen nicht wenig beruhigte. Sein Gewissen 
schrumpfte derart zusammen, daß er sagte: „Wenn ich nichts nehme, 
so geschieht es zu 50 Prozent aus Furcht vor der Entdeckung." Willen- 
losigkeit herrschte vor, gestützt; auf den Gedanken: Es hat ja doch 
alles keinen Wert. 

Außer mit Mädchen, die er sogleich sitzen ließ, gab er sich mit 
Homosexuellen geschlechtlich ab. Die Päderastie befriedigte ihn aber 
nicht, da sie Anusschmerzen hinterließ. Zu keinem seiner zahlreichen 
Sexuaiobjekte gewann er eine tiefere Neigung. Er war nur unendlich 
stolz darauf, daß sie ihn trotz seiner häßlichen Nase mit ihrer Gunst 
auszeichneten, und prahlte mit seinen erotischen Abenteuern, die er 
mit denjenigen seines Vaters in Parallele setzte. 

Viel gab er sich kriminellen Phantasien hin, in denen er bald die 
ßolle des Diebes, bald diejenige des Geschädigten spielte. Mit viel Be- 
hagen malte er sich ans, wie er einen Ladendiebslahl beging, zum 
Beispiel bei einem Bijoutier Wachs unter einer Tischplatte befestigte 
und einen kostbaren Ring daran klebte, um ihn dann unenldeckt an 
sich zu bringen. Leidenschaftlich verschlang er Diebsromane, ebenso 
fesselten ihn Kriminalfilme. Einst schrieb er selbst eine Kriminal- 
geschichte, und zwar in zwei Varianten, die ihm beide gleicli am Her- 
zen lagen. Nach der einen beraubt er im D-Zug einen Bankmagnaten 
unter Anwendung raffinierter Tricks, nach der anderen wird er selbst 
im D-Zug hypnotisiert und ausgeplündert. So schwankt er zwischen 
zwei Phantasien hin und her: Einmal ist er aktiv selbst der Käuber, 
das anderemal passiv der Beraubte. In der Analyse mußte auch eine 
Phobie, die seit acht Jahren bestand, zur Sprache kommen. Franz ge- 
riet nämlich in Angst, wenn er — namentlich beim Liegen — sieh 
einer Ecke oder Spitze zugekehrt sah, z. B. der Ecke des Nachttisches, 
des Ofens oder eines Messers. Er dachte dann, die Spitze dringe ihm in 
die Gegend des Auges. Hierauf eingestellt, erzählte er von einer 
Apfelschuflszene, welche von Knaben dargestellt wurde und bei der 
dem Tellbuben ein Pfeil unter dem Auge eindrang, so daß er er- 
blindete. Was hier als passives Erleiden dargestellt ist, kann er auch 
gleich durch eine Phantasie mit dem Inhalt aktiven Zufügens ergän- 



Igg Diskussion 



i 



zen: um bei einem Überfall sofort befreit zu werden, müsse man dem 
Angreifer die Finger so in die Augenhöhlen drücken, daß man im 
äußersten Falle auch dem Feinde einfach die Augen ausdrücken könne. 

Die Deutung der Eckenphobie läßt sich ia folgende Form bringen: 
„Da ich wie Teil den Landvogt, so meinen tyrannischen Vater er- 
schießen wollte, so wünsche ich, daß zur Sühne mir ein Auge ausge- 
schossen würde." 

Die Ergebnisse dieser kurzen analytischen Exploration machten 
auf den jugendlichen Dissozialen einen tiefen Eindruck. Franz mußte 
abreisen, so aussichtsreich auch die weitere Analyse des neurotischen 
Anteils seines abnormen Charakters erschien. Später hörte ich, daß 
er sich zwei Jahre hindurch in der Fremde hielt, dann aber wieder 
rückfällig wurde. 

Als Hauptmotiv des scheinbar triebhaften Narzißmus erkennen wir 
hier den durch väterliche Strenge, ferner durch Überzärtelung und 
neurotische Stimmungsschwankungen der Mutter erzeugten Haß auf 
die Eltern sowie die durch die Entstellung der Nase symbolisierte 
Kastration mit der aus ihr hervorgehenden Beeinträchtigung des 
Selbstgefühls. Dieser Haß stand der Bildung eines normalen Über- 
Ichs im Wege. 

Scheinbar in diese Gruppe gehört vielleicht noch ein Fall, dem aber 
in Wirklichkeit eine noch viel schwerere Störung zugrunde liegt. 

Bei dem jungen Mann, den ich erst in seinem 29. Lebensjahre kennen 
lernte, liegt eine für die Dissozialität charakteristische Elternkonstel- 
lation vor. Der Vater ist ein gütiger und milder Mann, die Mutter eine 
sehr strenge Frau; beide konnten ihrem einzigen Sohn nur wenig Zeit 
widmen, sie sind Sklaven eines blühenden Geschäftes. Schon als Fünf- 
jähriger entlief er zu den Großeltern; Prügel von der Mutter konnte 
er nicht verwinden. Damals stürzte er in einem Neubau und trug Ver- 
letzungen und einen Schock davon; zweieinhalb Jahre später verlor 
er die Finger einer Hand, mit elf Jahren fiel er samt seinem Fahrrad 
in einen Bach. Er führte, sobald er unbewacht war, das Leben eines 
Gassenjungen; so warf er z. B. auf das Dach einer mißliebigen Nach- 
barin Steine. Unter dem Mangel an Herzlichkeit im Elternhaus litt 
er von jeher. Seit Beginn der Pubertät fühlte er sich einsam. In der 
Schule war er kein hervorragender Schüler, umso mehr imponierte 
ihm, daß ihn der Vorgesetzte in einer Fabrik für außerordentlich 
intelligent ansah und zur Hochschule empfahl. Im Vorbereitungs- 
instilut mußte er sich bis aufs äußerste anstrengen, was er eine Weile 
mit Erfolg tat. Erst auf der Hochschule, nachdem er in eine Studenten- 
verbindung eingetreten war, regte sich sein krankhafter Ehrgeiz; er 
begann den vornehmen Herrn zu spielen, um den Verbindungsbrüdern 



Diskussion 189 



gleichzukommen. Er machte Schulden und stahl den Eltern namhafte 
Beti"äge. Auffallend ist, daß er bisher bewußt unter der Verstümmelung 
seiner Hand nicht gelitten hatte. Sobald er sich aber seiner Lieder- 
lichkeit schämte, machte sie ihm schwer zu schaffen. Das Examen 
schob er immer weiter hinaus. Erst von der Irrenanstalt aus machte 
er mit großer Not sein erstes Examen. Dann verfiel er wieder in Bum- 
melei. Von den reichen und anständigen Kameraden ausgestoßen, 
brachte er die meiste Zeit bei liederlichen Gesellen im Wirtshaus zu, 
ohne ein eigentlicher Trinker zu werden. Es imponierte ihm gewaltig, 
daß er als Akademiker bei ihnen den Ton angab. Häufig brachte er 
die Nächte bei Zechgesellen zu. Die Versimpelung erreichte einen 
hohen Grad. Umsoraehr drängte es ihn, von minderwertigen Patronen 
umschmeichelt zu sein. Begleiterscheinungen waren Platzangst, Angst 
beim Sonntagabendgeläute und Angst vor der Zukunft. 

Mein Einfluß wirkte zuerst bei dem bisher nur mit Zwangsmitteln 
bearbeiteten 293ährigen jungen Mann günstig. Die Studien wurden 
wieder aufgenommen, aber begreiflicherweise konnte der Umgang mit 
den jüngeren Studienkollegen sein Selbstgefühl nicht heben; er 
schämte sich seines Alters. Der Verkehr mit zweifelhaften Elementen 
hörte bis auf Ausnahmen auf. Der nörgelnde Einfluß der Mutter wirkte 
störend. Ausreichende Kompensationen für das bequeme Bummelleben 
und das Lob der Liederlichen zu schaffen, gelang nur teilweise. Ge- 
legentlich ereigneten sich Kückfälle in den früheren Zustand, aber 
eine Besserung war im allgemeinen unverkennbar. Die Eltern dräng- 
ten, daß er seine Studien zum Abschluß bringe. Der Sohn war den 
Aufgaben einer raschen Stoffbewältigung nicht gewachsen. Er schei- 
terte an dieser Stelle neuerlich und konnte die Gewissenslast — wohl 
nicht ganz zu Unrecht — durch den Hinweis auf das Verhalten der 
Eltern erleichtern. 

Auch in diesem Falle war es die Verbindung von Haß mit symbo- 
lischer Kastration, was das triebhaft-selbstsüchtige Verhallen zur 
Lebensdominante machte. Erotische Sehnsucht fehlte ihm nicht, er 
pries den Vater wegen seiner Güte und liebte ihn. Das Verlangen nach 
mütterlicher Liebe mangelte ihm nicht. Zu einem braven Mädchen be- 
herrschte ihn eine Zeitlang sogar eine starke Zuneigung und brachte 
ihm viel Liebeskummer, als die Geliebte von dem vergeblich zur Ord- 
nung gewiesenen Bummelstudenten nichts mehr wissen wollte. 

3. Wandlungen im Verhalten einer abnormen 
Persönlichkeit nach einer Liebesversagung. 
Die folgenden Beobachtungen konnte ich an einem 23iährigen Stu- 
denten machen, den ich während eines Jahres etwa fünfzigraal aus- 
führlich sprach. 



190 Diskussion 



Gerhard war die ersten zwanzig Jahre der Stolz seiner Familie, 
des strengen, prügelsüchtigen, aber wohlgesinnten Vaters und der 
gütigen Mutter. Er erweckte nach außen hin den Eindruck eines aus- 
geprägten Liebestyps- Als lljähriger Gymnasiast machte er nach 
einer onanistisehen Periode eine religiöse Bekehrung durch, die in 
ihm ein peinlich überwachtes Heiligungsstreben zurückließ. Der 
Junge betätigte sich leidenschaftlich als Sonntagsschullehrer. Selbst 
einer begüterten Familie als einziger Sohn entsprossen, beweg er 
seine Kameraden, mit ihm die Stätten der Armut aufzusuchen und 
unter persönlichen Opfern Not zu lindern. Mit der pietistischen Mutter 
zusammen besuchte er jede Woche einige religiöse Versammlungen, 
die ihm sehr viel boten, bis er nicht gerade zur Freude der Eltern in 
die Heilsarmee eintrat. Noch als Gymnasiast leitete er angeblich in 
Uniform 32 Heilsarmeeversammlungen, und wenn die Klassengefähr- 
ten kamen, um ihn zu verspotten, wurden sie von der glühenden Be- 
redsamkeit des jungen Heiligen erschüttert. Selbstgedichtete und ver- 
öffentlichte brünstige Lieder, die dem Bedürfnis und dem Geschmack 
jenes Milieus trefflieh angepaßt waren, aber keinen originellen Ge- 
danken enthalten, verraten leidenschaftliehe Gefühle für Christus. 

Die Eltern konnten nicht genug rühmen, wie musterhaft lieb, folgsam, 
wahrheitsliebend, werktätig mitleidig ihr Sohn bis zum 20. Lebensjahr 
gewesen sei. Der Umschlag im Sinne der Entwicklung extrem narziß- 
tisch-erotischer Charakteraüge fiel in die Zeit des Beginns von Liebes- 
erlebnissen. Der 19- bis 20jährige Jüngling verliebte sich in ein from- 
mes Heilsarmeemädchen, da griff der Vater scharf ein. Ein rasendes 
Treiben begann. Gerhard verlobte sich mit einer Anzahl junger Mädchen, 
Die Nonne, die ihn während einer schweren Lungenentzündung pflegte, 
suchte er zu verführen. Als er gleichzeitig vier Bräute hatte, ließ ihn 
sein Gewissen unbehelligt, „da sie ja in vier verschiedenen Städten 
wohnten". Alle Mädchen schienen ihm nur Material zu sein, seine Un- 
widerstehlichkeit zu beweisen und seinen Haß gegen die Eltern zu 
bekunden. Zweimal simulierte er, um Zusammenkünfte mit Mädchen 
zu erleichtern, geistige Umnachtung und ließ sich sanitätspolizeilich 
nach Hause bringen. Das Verhalten gegen die Eltern wurde brutal, 
wegen Kleinigkeiten geriet er in Toben und Wüten. In verschiedenen 
Anstalten für Geisteskranke wurde er vorübergehend untergebracht; 
kaum entlassen, fing er neue Liebesverhältnisse an, ja sein Ehrgeiz 
schien sich darin zu gefallen, möglichst wenig Zeit für seine Erobe- 
rungen zu brauchen und einen Verlobungsrekord aufzustellen. In 
Dirnen verliebte er sich nach wenigen Minuten genau so wie in un- 
schuldige Mädchen. Alle waren ihm nur Genußmittel, die er fortwarf, 
sobald seine Begierde gestillt war. Regte sieb aber Widerstand gegen 



J 



Diskussion \Q\ 



sein wüstes Treiben, so wußte er sein Objekt mit erstaunlicher Zähig- 
keit festzuhalten. Auffallend war auch sein äußeres Gehaben. Stunden- 
lang saß er zum Verdruß seiner Eltern vor dem Spiegel. Das Monokel 
eingeklemmt, fragte er verschiedene Leute, ob er nicht wie ein Offi- 
zier oder Aristokrat aussehe. Bei den Eltern wußte er einen Schön- 
heitskurs durchzusetzen, in dem er sich mit Elektrizität und Gesichts- 
dampfbädern behandeln ließ. Er prahlte mit hochfahrenden Plänen. 
An drei Fakultäten wollte er promovieren. Im Handumdrehen renom- 
mierte er, er werde Marineoffizier, Privatgelehrter, Professor, Diplo- 
mat usw. Als Theolog inskribiert, verschaffte er sieh sogleich die 
Möglichkeit zu predigen, worauf er sehr stolz war. Da er vernommen 
hatte, daß in einem gewissen Kloster vornehme Menschen wohnen und 
daß das Konvertieren Aussicht auf glänzende Laufbahn biete, setzte 
er sich mit katholischen Würdenträgern in Verbindung, um den über- 
tritt zu bewerkstelligen. Einem Mädchen, das er aufs Korn genommen 
hatte, stellte er sich als Arzt vor. In geschwätziger und wichtigtueri- 
scher Weise redete er, so oft es anging, von seiner eminenten Be- 
gabung, seiner glänzenden Zukunft, seinen vornehmen Familien- 
beziehungen, vom unerhörten Reichtum seines Vaters usw. 

Das Krasseste, was sich der junge Mann leistete, geschah nach 
seiner Entlassung aus der Irrenanstalt, in der man ihm die Einwil- 
ligung in die Annullierung seiner Ehe abgenötigt hatte. Er traf ein 
anmutiges, romantisch denkendes Mädchen aus wohlhabender Familie 
und befand sich schon eine Woche nach Erlangung der Freiheil auf 
der Flucht nach einem fernen Erdteil, nachdem er unter betrügeri- 
schen Angaben die Mittel bei Geschäftsfreunden seines Vaters auf- 
getrieben hatte. Unterwegs mißhandelte er die gutgläubige Geliebte, 
die er am Endziel der Flucht in einem Bordell abzuliefern gedachte. 
Das Mädchen entkam ihm dann mit knapper Not. Natürlich ließen die 
Eltern kein Mittel unversucht, den jungen Mann, der für die Dauer ja 
nicht anstalts- und internierungsbedürftig war, zu heilen. Die Be- 
handlung bei mir ließ sich soweit führen, als die Übertragungsneurose 
und der Wunsch zur Schaustellung bei ihm ging, konnte aber die- 
dahinterliegende schwere Störung nicht angreifen. 

4. Folgerungen. 
Obwohl die mitgeteilte Kasuistik viel zu knapp und oberflächlich 
ist, als daß sie eine ausreichende Induklionsbasis theoretischer Be- 
arbeitung abgeben könnte, müssen wir uns doch notgedrungen auf sie 
beschränken. Ich möchte aus ihr vor allem auf die Notwendigkeit einer 
verfeinerten Typologie schließen. Es geht doch aus dem vorgelegton 
Material hervor, daß das annähernd gleiche Verhalten der Dissozialen 



. 



192 Diskussion 



in der Außenwelt die verschiedensten Hintergründe hat. Gelänge es, 
die feinere Verknüpfung der Partialtriebe untereinander und den 
feineren strukturellen Aufbau der Persönlichkeit beim Dissozialen 
durch langandauernden Kontakt mit ihm zu studieren, so würde dies 
eicher den triebhaften Narzißmus deutlicher vor unseren Augen ent- 
stehen lassen, als es bisher der Fall ist. Wir würden die Ansatzpunkte 
für die Entstehung des einen oder des anderen Typs von Dissozialen 
angeben können oder wenigstens — sehr vorsichtig ausgedrückt — ■ 
bei jenen, welche scheinbar anlagegemäß schon zur dissozialen Ent- 
wicklung oder zu einem gesteigerten Narzißmus disponiert erscheinen, 
das Wechselspiel zwischen der kindlichen Triebentwicklung und 
diesem gesteigerten Narzißmus studieren können. Die Einteilung in 
Typen hängt mit der Einsicht in die Entstehungsursachen aufs engste 
zusammen. Bei der Analyse beschränkt man sich nicht auf die Heraus- 
arbeitung der allgemeinen bewußten, vorbewußten und gänzlich un- 
bewußten Lebensprogramme, sondern man untersucht auch ihre Ent- 
stehungsbedingungen bis ins einzelne. Man dringt auf die tiefsten 
Triebquellen, auf die Verdrängungsprozesse, auf die Ablehnungs- und 
Abstoßungsleistungen, die, wie schon ihr Name ausdrückt, mit der 
Umgebung im Zusammenhang stehen. Man sucht den Einfluß der 
prägenitalen Triebentwicklung, des Destruktionstriebes, der Selbst- 
vernichtungstendenz. Die fast ausnahmslos maßgebenden, grundlegen- 
den Einwirkungen der ödipusbeziehungen werden herausgearbeitet. 
Wir verfolgen weiter die Wirksamkeit der Verzärtelung und Unzärt- 
lichkeit, worüber uns A. Aichhorn und H. Z u 1 1 i g e r so wichtige 
Aufschlüsse erteilten. Wir befassen uns mit den Schicksalen des 
Kastrationskomplexes, worauf Freud bei der Beurteilung der nar- 
zißtisch-triebhaften Charakterbildung so großes Gewicht legt, der bei 
der Entstehung der weiblichen, aber auch der männlichen Eitelkeit, 
der Putzsucht, Gefallsucht und auch bei der Herrschsucht eine so große 
KoUe spielt. Alle diese Entwicklungsphasen finden wir beim trieb- 
haften narzißtischen Charakter bereits gestört, wenn der Zeitpunkt 
gekommen ist, in welchem er in die Latenzperiode eintreten soll. Kein 
Wunder, daß die über-Ieh-Bildung in jedem Sinne eine gestörte sein 
muß, daß mangelnde oder Fehlidentifizierungen an der Tagesordnung 
sind. Mit Aichhorn, Zulliger und Meng stimme ich überein, 
daß dio Behandlung triebhaft-narzißtischer Charaktere auch andere 
technische Maßnahmen erfordert als die der Psychoneurotiker. Für sie 
ist jedenfalls der Grundsatz der Korrektiverziehung sorgfältig zu be- 
achten, das Gesetz der Kompensation. 



BERICHTE 



Die Verbrecher aus Schuldbewußtsein 

Von Sigm. Freud 

Zuerst erschienen ah J. Kapitel der Abhandlung „Einige 
Charakitrtyjiennus der psychoanalytischen Arbeit^'- in ^Imago'^^ 
IV (i^Ij/i6j, sodann in der Vierten Folge der ^Sammlung 
" ' kleiner Schriften zur Ncurosenlehre^' und im X. Band der 

yjGesainmetun Schriften'^. 

In den Mitteilungen über ihre Jiigend, besonders über die Jalire der 
Vorpubertät, haben mir oft später sehr anständige Personen von uner- 
laubten Handlungen berichtet, die sie sich damals hatten zu Schulden 
kommen lassen, von Diebstählen, Betrügereien und selbst Brandstif- 
tungen. Ich pflegte über diese Angaben mit der Auskunft hinwegzu- 
gehen, daß die Schwäche der moralischen Hemmungen in dieser 
Lebenszeit bekannt sei, und versuchte nicht, sie in einen bedeutsame- 
ren Zusammenhang einzureihen. Aber endlich wurde ich durch grelle 
und günstigere Fälle, bei denen solche Vergehen begangen wurden, 
während die Kranken sich in meiner Behandlung befanden, und wo 
es sich um Personen jenseits jener jungen Jahr© handelte, zum gründ- 
licheren Studium solcher Vorfälle aufgefordert. Die analytische Arbeit 
brachte dann das überraschende Ergebnis, daß solche Taten vor allem 
darum vollzogen wurden, weil sie verboten und weil mit ihrer Aus- 
führung eine seelische Erleichterung für den Täter verbunden war. 
Er litt an einem drückenden Schuldbewußtsein unbekannter Herkunft, 
und nachdem er ein Vergehen begangen hatte, war der Druck gemil- 
dert. Das Schuldbewußtsein war wenigstens irgendwie untergebracht. 

So paradox es klingen mag, ich muß behaupten, daß das Schuld- ! 

bewußtsein früher da war als das Vergehen, daß es nicht aus diesem - 

hervorging, sondern umgekehrt, das Vergehen aus dem Schuldbewußt- ^ ^ 

sein. Diese Personen durfte man mit gutem Recht als Verbrecher aus 
Schuldbewußtsein bezeichnen. Die Präexistenz des Schuldgefühls 
hatte sich natürlich durch eine ganze Reihe von anderen Äußerungen 
und Wirkungen nachweisen lassen. 

Die Feststellung eines Kuriosums setzt der wissenschaftliclien 
Arbeit aber kein Ziel. Es sind zwei weitere Fragen zu beantworten, 
woher das dunkle Schuldgefühl vor der Tat stammt, und ob es wahr- 
scheinlich ist, daß eine solche Art der Verursachung an den Ver- 
brechen der Menschen einen größeren Anteil hat, 



( 



194 Sigm. Freud 



Die Verfolgung der ersten Frage versprach eine Auskunft über 
die Quelle des menschlichen Schuldgefühls überhaupt. Das regel- 
mäßige Ergebnis der analytischen Arbeit lautete, daß dieses dunkle 
vSchuldgefühl aus dem Ödipus-Komplex stamme, eine Reaktion sei auf 
die beiden großen verbrecherischen Absichten, den Vater zu töten und 
mit der Mutter sexuell zu verkehren. Im Vergleich mit diesen beiden 
waren allerdings die zur Fixierung des Schuldgefühls begangenen 
Verbrechen Erleichterungen für den Gequälten. Man muß sich hier 
daran erinnern, daß Vatermord und Mutterinzest die beiden großen 
Verbrechen der Mensehen sind, die einzigen, die in primitiven Gesell- 
schaften als solche verfolgt und verabscheut werden. Auch daran, wie 
nahe wir durch andere Untersuchungen der Annahme gekommen sind, 
daß die Menschheit ihr Gewissen, das nun als vererbte Seelenmacht 
auftritt, am Ödipus-Komplex erworben hat. 

Die Beantwortung der zweiten Frage geht über die psychoanaly- 
tische Arbeit hinaus. Bei Kindern kann man ohneweiters beobachten, 
daß sie „schlimm" werden, um Strafe zu provozieren, und nach der 
Bestrafung beruhigt und zufrieden sind. Eine spätere analytiseho 
Untersuchung führt oft auf die Spur des Schuldgefühls, welches sie 
die Strafe suchen hieß. Von den erwachsenen Verbrechern muß man 
wohl alle die abziehen, die ohne Schuldgefühl Verbrechen begehen, 
die entweder keinemoralischenHemmungenentwickelt haben oder sich 
im Kampf mit der Gesellschaft zu ihrem Tun berechtigt glauben. Aber 
bei der Mehrzahl der anderen Verbrecher, bei denen, für die die Straf- 
satzungen eigentlich gemacht sind, könnte eine solche Motivierung 
des Verbrechens sehr wohl in Betracht kommen, manche dunkle 
Punkte in der Psychologie des Verbrechers erhellen, und der Strafe 
eine neue psychologische Fundierung geben. 

Ein Freund hat mich dann darauf aufmerksam gemacht, daß der 
„Verbrecher aus Schuldgefühl" auch Nietzsche bekannt war. Die 
Präexistenz des Schuldgefühls und die Verwendung der Tat zur Ra- 
tionalisierung desselben schimmern uns aus den Reden Zarathu- 
s t r a s „Über den bleichen Verbrecher" entgegen. Überlassen wir es 
zukünftiger Forschung zu entscheiden, wie viele von den Verbrechern 
zu diesen „bleichen" zu rechnen sind. 



i 



Die Gesdiidite eines Hodistaplers 

im Lidite psydioanalytisdier Erkenntnis 

Von Karl Abraham f Aus ,.h,mgo^', 

Bd. XI, lyzs. 

Die klinische Beobachtung, an welclie der nachfolgende kriminal-psycbo- 
logisclie Versuch sich anlehnt, entstammt nicht der psychoanalytischen Praxis 
im strengen Sinne des Wortes. Es handelt sich um die Schicksale eines 
Mannes, den ich im Jahre 1918 als Militärarzt psychiatrisch zu begutachten 
hatte, und den ich fünf Jahre später unter eigentümlichen Umständen wieder- 
sah. Die gemessene Zeit einer gerichtlich angeordneten Beobachtung, ebenso 
wie die Arbeitsverhältnisse aul einer Untersuchungsatation ließen eine regel- 
rechte Psychoanalyse nicht zu. 

Nun bietet aber das Leben jenes Mannes — den ich fortan „N." nennen 
werde — in psychologischer Hinsicht ganz Außergewöhnliches dar; ein in 
neuerer Zeit eingetretener Umschwung seines sozialen Verhaltens steht in 
einem grellen Widerspruch zur psychiatrischen Erfahrung. Eben dieses 
Außergewöhnliche und mit der Erfahrung Kontrastierende erfährt aber eine 
befriedigende Aufklärung, wenn wir ganz geläufige, empirisch fest begrün- 
dete Ergebnisse der Psychoanalyse zu Rate ziehen. Anderseits crscheineu 
aber die Tatsachen des Falles N. wohl geeignet, die Psychoanalyse auf eines 
ihrer künftigen Anwendungsgebiete — die Kriminalistik — in besonderer 
Vfeise hinzulenken. Ich hege darum die Hoffnung, daß die Eigentümlich- 
keiten des Falles seine Publikation in dieser psychoanalytischen Zcilsclirift 
vor den Augen der Leser rechtfertigen werden. 



N. war 22 Jahre alt, als er in den Militärdienst eintraf. Er hatte schon 
damals eine Reihe von Freilieitsstrafcn durch bürgerliche Gerichte in ver- 
schiedenen Ländern erlitten. Unmittelbar aus der letzten Straf haft wurde 
er der Truppe überwiesen, bei welcher er seine soldatische Ausbildung 
empfing. Seine Vorgesetzten waren über seine bisherige Lebensführung 
genau unterrichtet. Dennoch wiederholte sich, was sich in N.s Vorleben 
bereits viele Male abgespielt hatte. In kürzester Zeit hatte er sich die all- 
gemeinen Sympathien erworben, genoß das besondere Vertrauen seiner 
Kameraden und nahm beim Fülirer der Kompagnie eine Vorzugstellung ein. 
Zu gleicher Zeit aber begann er auch das Vertrauen der anderen zu miß- 
brauchen. Doch in dem Augenblick, da seine Betrügereien ans Licht zu 
kommen schienen, erhielt er, zugleich mit einer Anzahl seiner Kameraden, 
einen Marsclibcfehl, der ihn an die Balkanfront versetzte. 

Da man beim Feldrogiment über N.s Vorleben niclits wußte, so wurde 
es ihm hier noch leichter gemacht, durch gewandtes Auftreten das Ver- 
trauen der maßgebenden Personen zu gewinnen. Als Zeichner von Beruf 
fand er bald eine entsprechende Verwendung. Sein Auftreten ließ ihn aber 
auch besonders geeignet erscheinen, geschäftliclic Angelegenheiten zu er- 



196 Karl Abraham 



ledigen. Und so vertraute man ihm alsbald Gelder an und ließ ihn in den 
Städten des Etappengebietes Einkäufe für die Truppe machen. In der Stadt 
„X" lernte er ein paar Soldaten kennen, die dort auf großem Fuße lebten. 
Da ergriff ihn sofort seine alte Neigung, von der später die Rede sein wird. 
Er trat ebenfalls als großer Herr auf und hatte in vier Tagen von dem 
ihm anvertrauten Gelde 160 Mark verbraucht. Auf einer zweiten solchen 
Beise erfuhr er, daß man seine Unterschlagungen bereits bemerkt hatte. 
Nun kehrte er nicht mehr zum Regiment zurück, sondern fuhr nach einer 
größeren Stadt. Hier versah er seine Uniform mit Tressen, nni fortan als 
Unteroffizier aufzutreten. Außerdem hatte er sich bei seiner Truppe Eisen- 
bahnfahrscheine angeeignet und sie mit Stempeln versehen, eo daß er nun- 
mehr ganz nach Belieben nach allen Richtungen der Windrose reisen konnte. 
So kam er auch wieder nach Deutschland. Aber die scharfe Kontrolle und 
die Begegnung mit früheren Bekannten machten ihm, besonders in Berlin, 
einen längeren Aufenthalt unmöglich. So wandte N, sich eines Tages nach 
Budapest, nachdem er sieh vorher noch die Abzeichen als Vizefeldwebel 
zugelegt liatte. Von dort zog er, stets die Ausweise fälschend, nach Buka- 
rest weiter. Hier war die militärische Kontrolle so wachsam, daß N. nach 
Budapest zurückkehrte. Er wußte sich dort Zutritt zu angesehenen Familien 
zu verschaffen, erbot sich in gewinnender Form zur Besorgung von Lebens- 
mitteln, erhielt beträchtliche Vorschüsse von seinen Auftraggebern, ver- 
brauchte das Geld aber für seine eigenen Zwecke und lieferte die ver- 
Bprochenen Lebensmittel nicht. Als ihm in Budapest der Boden unter den 
Füßen zu heiß wurde, wandte er sieh nach Wien, wurde hier aber bald er- 
griffen und dann in die heimatliche Garnisonsiadt überführt. Schon an dieser 
Stelle sei darauf aufmerksam gemacht, daß N. mit größter Leichtigkeit Men- 
schen jeden Alters, Standes und Geschlechtes für sich einzunehmen wußte, 
um sie dann zu betrügen, daß er dagegen niemals besondere Geschicklichkeit 
darin zeigte, dem Arm der Gerechtigkeit zu entgehen. Erst wenn er gefangen 
saß, erwachte seine Agilität wieder; es kam dann vor, daß er in kurzer Zeit 
seine Wächter sorglos gemacht hatte und den Weg zur Freiheit fand, ohne im 
geringsten Gewalt anzuwenden. 

Als N. sich zweieinhalb Monate in Untersuchungshaft befand, war sein 
Einfluß auf die im übrigen gewissenhaften und erfahrenen Aufseher soweit 
gediehen, daß die Tore sozusagen von selbst vor ihm aufsprangen. Einer 
der Aufseher wurde während eines Gespräches mit N. abgerufen und ließ, 
völlig sorglos geworden, seine Schlüssel in der Zelle des Gefangenen zurück. 
Der nahm sie, öffnete die verschlossenen Ausgänge und war in Freiheit. 
Er wanderte bis zu einer kleinen Eisenbahnstation, bestieg dort einen Zug 
und verließ ihn bei der Ankunft in der nächsten Großstadt; überall gelang 
es ihm, die kontrollierenden Beamten zu täuschen. Drei Wochen arbeitete 
er als Dekorateur in einem Warenhaus. Die Gefahr des Entdecktwerdens 
nötigte ihn dann, die Stadt zu verlassen. Mit gefälschten Ausweisen gelang 
es ihm, Deutschland zu durchqueren. In einer Großstadt trat er wieder als 
großer Herr auf, führte sich als Kunsthistoriker ein, erhielt auf seine schwin- 
delhaften Angaben von seinen neu gewonnenen Gönnern Geld und gab es mit 



Die Geschichte eines Hochstaplers 197 



vollen Händen aus . . . Nach einiger Zeit solchen „Zivillebens" mußte er den 
Schauplatz seines Wirkens verlegen. Nach IvUrzera Aufenthalt in Berlin fuhr 
er abermalfi nach Budapest. Hier war es, wo er zum ersten Male die Uniform 
eines Offiziers anlegte. Als „Leutnant" kehrte er nach Deutscliland zurück 
und lehte monatelang auf großem Fuße in einer Eeilie von Badeorten, doch 
nur in den elegantesten. Überall fand er als junger Offizier Zutritt zur Bade- 
gesellschaft. Sein sicheres und liebenswürdiges Auftreten ließ ihn stets nacli 
kürzester Zeil zum Mittelpunkt eines großen Kreises werden. Wurde in 
einem Seebad die Gefahr der Entdeckung seiner zaliüosen Schwindeleien 
zu groß, .fo verschwand er und suchte einen großen Kurort in Oberbayern 
auf, ura nach einiger Zeit wieder in einem Seebad aufzutreten. Mittlerweile 
ließ er sich zum Oberleutnant avancieren, d. h. bis zu dem höchsten Rang, 
den er, seinen Jahren entsprechend, erreicht haben konnte. Niemand ahnte, 
welche Bewandtnis es in Wirklichkeit mit dem jungen Offizier liatte, der 
mit Kriegsdekorationen geschmückt war und in ebenso interessanter wie 
bescheidener Form von seinen Erlebnissen zu erzälilen wußte. Schließlich 
aber wurde er doch verliaftet und wiederum in seine Garnisonstiidt überführt. 

Das Strafverfahren gegen ihn nahm einen gewaltigen Umfang an; hatte 
er eich doch der Fahnenflucht schuldig gemacht, sich eigenmächtig einea 
militärischen Rang beigelegt und eine außerordentliche Zahl von Unter- 
schlagungen, Fälschungen und betrügerischen Handlungen begangen. 

Der mit der Untersuchung betraute Kriegsgerichtsrat zeigte volles Ver- 
etändnis und Interesse für N.s psychologische Eigenart, und da er irgend- 
eine Art krankhaften Zwanges als treibende Kraft in N.s Verhalten ver- 
mutete, so wurde die psychiatrische Beobachtung des Beschuldigten ange- 
ordnet. 

Ich besuchte N, zunächst ein einzelnes Mal in der Untersuchungshaft, 
mußte aber sofort erkennen, daß die Kompliziertheit des Falles eine längere 
Beobachtung auf meiner Station erfordern würde. Diese letztere aber besaß 
keine genügenden Einrichtungen, um das Entweichen eines Untersuchungs- 
gefangenen — und eines so gewandtejt — zu verhüten. Auf meinen ent- 
sprechenden Hinweis verfügte das Gericht, daß N. in einem Zimmer des 
Daehstocks untergebracht werde. Um seine Flucht zu verhindern, wurde eine 
besondere Bewachung eingerichtet. Es sollten ständig drei besonders zuver- 
lässige und intelligente ,, Gefreite" vor N.s Zimmer Wache halten. Um eine 
Beeinflussung durch N. zu verhüten, wurden die Wachen streng angewiesen. 
sein Zimmer nicliL zu betreten und sich auf kein Gespräch mit ihm einzulassen. 

So wurde N. eines Tages von seinen drei Wächtern in das Lazarett über- 
führt, und dieser Akt vollzog sich ohne Schwierigkeit. Zehn Minuten nach seiner 
Aufnahme wollte ich mich davon überzeugen, ob N. den VorBchriften gemäß 
untergebracht und beaufsichtigt sei. Zu meinem Erstaunen fand ich vor dem 
Zimmer keine Wache, sondern nur ein paar Stühle. Beim Eintritt in das 
Zimmer aber bot sich mir ein unerwartetes Bild, N. saß zeichnend an einem 
Tisch. Einer seiner Wächter saß ihm Modell zu einer Zeichnung, und die 
beiden anderen schauten zu. Es ergab eich, daß N. seine Wächter bereits auf 
dem Wege zum Lazarett für sich gewonnen hatte, indem er von seiner Zei- 

ZeilechnU f. paa. Päd., lX/3 , 



^gg Karl Abraham 



ehenkunst erzählte und sie zu porträtieren versprach. Übrigens verlief N.s 
mehrwöchigpr Aufenthalt auf der Station ohne irgendwelche Fluchtversuche 
oder sonstige Unregelmäßigkeiten. 

Um zu einem Urteil über N.s geistigen Zustand zu gelangen, mußte ich 
vor allem die Geschichte seiner Jugend kennen lernen. Da er ein Virtuose 
auf dem Gebiet der phantastischen Erzählungen zu sein schien, so waren seine 
eigenen Berichte mit Vorsicht aufzunehmen und durcli Erkuudigungen an 
informierten Stellen nachzuprüfen. Ich kann aber sogleich hinzufügen, daß 
N.a Angilben über seine gesamte Vergangenheit in keinem Widerspruch zu 
den amtlichen Nachweisen standen. Ich konnte niemals feststellen, daß er in 
den vielen Gesprächen mit mir jemals etwas unterdrückt, fälschlich hinzu- 
gesetzt oder zu seinen Gunsten verändert hätte. Im Gegenteil sprach er von 
allen seinen Verfehlungen mit größter Offenheit, so wie sich das auch später 
bei der goricbtiiehen Verhandlung wiederholte; nur intimere Einblicke in sein 
Seelenleben zu geben war er nicht geneigt. 

Ich erfuhr bald, daß N.s unerlaubte Handlungen auf sehr frühe Lebens- 
jahre zurückgingen, und die Akten einer Besserungsanstalt, in welcher sich 
N. walirend mehrerer Jahre als „Fürsorgezögling" aufgehalten hatte, be- 
stätigten diese Angaben vollauf. 

N. war das jüngste aus der langen Kinderreihe einer kärglich lebenden 
Beamlenfamilie. Hinsichtlich erblicher Belastung durch geistige Erkran- 
kungen in der Familie war nichts von Bedeutung festzustellen. Was bei dem 
Knaben aber — ganz im Gegensatz zu seinen älteren Geschwistern — sclion 
in frühester Zeit hervortrat, das war eine unbändige Großmannssucht. Als 
or in seinem fünften Lebensjahr die Vormittage in einem Kindergarten zu- 
brachte, wandte er sich von den weniger gut gekleideten Kindern ab und 
spielte nur mit denjenigen, die den wohlhabenderen Familien angehorten. 
Kaum war er in die Schule eingetreten, so sah er mit Neid, daß manche 
Knaben diesen und jenen Gegenstand in schönerer Ausstatttung besaßen als 
er; sie hatten etwa eine bunt lackierte Federschachtel oder einen Bleistift 
von besonderer Farbe. Da ging der Sechsjährige eines Tages in einen Schreib- 
warenladen nahe dem Schulhaus und gab sich als Sohn eines in der Nachbar- 
schaft wohnenden Generals aus. Sofort lieferte man ihm die Gegenstände 
seiner Sehnsucht auf Kredit. Nun konnte er sich stolz neben den Sehnen der 
wohlhabenden Familien zeigen. Bald freilich wurde sein erster Betrug ent- 
deckt und bestraft, aber der Wunsch, es mit den glücklicheren Kameraden 
aufnehmen zu können, blieb unbezähmbar und fand in weiteren unrechtmäßi- 
gen Handlungen seinen Ausdruck. Einer der Schulkameraden besaß eine 
große Armee von Bleisoldaten, während N. nur wenige sein eigen nannte. 
Di© Sehnsucht, dem Mitschüler nicht nachzustehen, ließ ihn nicht ruhen. 
Endlich entwendete er seiner Mutter einen Betrag von 6 bis 7 Mark, legte 
ihn sofort in Bleisoldaten an und zeigte dem Kameraden, daß er ebensovielc 
und schöne Soldaten besaß wie jener. 

Von Anfang an trat in der Schule N.s gute Begabung hervor. Allem An- 
schein nach waren seine Leistungen aber nur dann seinen Anlagen entspre- 
chend, wenn er sich vom Lehrer irgendwie besonders beachtet oder bevorzugt 



Die Geschichte eines Hochstaplers 199 

fühlte. Wiederholt trug er sich mit abenteuerlichen Fluchtplänen. Einmal 
erlangte er von seinem Lehrer durch schwindelhafte Angaben Gold. Andere 
Male lieh er von Mitschülern Bücher und verkaufte sie. Der Versuch, ihn 
eine liöhere Schule durchmachen zu lassen, scheiterte an dem Mangel an Aus- 
dauer. Stets trat der phantastische Zug in N.s Wesen hervor; einer seiner 
Lehrer äußerte von ihm, er scheine an Größenwahn zu leiden. So wurde der 
Schulbesuch unterbrochen, und N. trat eine kaufmännische Lehrstelle an. 

Bis dalün liatlen .«ich N.s unerlaubte Handlungen zumeist innerhalb der 
Familie und Schule abgespielt. Als Lehrling veruntreute er alsbald Geld- 
beträge aus der „Portokasse" und verlor seine Stellung nach etlichen Monaten. 
Eine zweite Stellung sagte ihm nicht zu, und er blieb nach wenigen Tagen 
eigenmächtig fort. In einer Gärtnerei untergebracht, lief er auch dort bald 
davon, geriet in schlechte Gesellschaft, trieb sich umher und wurde schließ- 
lich der „Fürsorge-Erziehung" unterstellt. 

In der Erziehungsanstalt .spielte sich nun ab, was sich später so oft wieder- 
holen sollte. Der Direktor erkannte N.s künstlerische Begabung, ebenso wie 
sein Begehren nach gesellschaftlichem Aufstieg, und versuchte N.s Leben in 
beiden Hinsichten in geordnete Bahnen zu lenken. N, fühlte sich als Vorzugs- 
schüler verhältnismäßig wohl, und eine Zeitlang gab es anscheinend keine 
Klagen über ihn. Durch Vermittlung des Direktors wurde N„ obwohl noch 
Fürsorgezögling, zum Besuch der Kunstgewerljeschule einer anderen Stadt 
zugelassen. Hier fehlte ihm der Halt an seinem väterlichen Gönner, und nach 
kurzer Zeit bereits war N. in ein gerichtliches Strafverfahren verwickelt 
und mußte die Schule verlassen. In die Erziehungsanstalt zurückgekehrt, 
zeigte er ein ähnliches Verhalten wie so viele junge Menschen in gleicher 
Lage. Irgendeine wirkliche oder vermeintliche Zurücksetzung gab ihm den 
Anlaß zum Fortlaufen, und die kurze Zeit, welche er alsdann in Freiheit 
zubrachte, war mit mancherlei unerlaubten Handlungen ausgefüllt. 

Mit neunzehn Jahren tauchte N. in Berlin auf, fand Stellung, arbeitete 
aber kaum, spielte den großen Herrn und machte betrtigerisclie Schulden. Es 
gelang ihm, zu den gesellschaftlichen Kreisen Zutritt zu finden, die immer 
das Ziel seiner Sehnsucht gewesen waren. Der Fürsorgezögling wurde ein 
beliebter Gast in sehr exklusiven studcntisclien Verbindungen. In Kleidung. 
Lebensweise und Auftreten hatte er sich ganz den „oberen Zehntausend" 
angeglichen. Nur die Mittel dazu stammten aus dunklen Quellen, und schließ- 
lieh mußte N. sich der drohenden Verhaftung durch die Flucht entziehen. 
Nun begann eins abenteuerliche Wanderung durch Süddeutschland, Tirol und 
die Schweiz. Überall machte N. sich strafbar, indem er Zechprellereien und 
sonstige betrügerische Handlungen beging, und wurde von den verschieden- 
sten Gerichten verfolgt. In der Schweiz verbüßte er eine Gefängnisstrafe 
von einem Monat, mußte dann das Land verlassen und wurde nun in Deutsch- 
land für eine Reihe von früheren Delikten bestraft. Er wanderte von Gericht 
zu Gericht, von Gefängnis zu Gefängnis. Während der letzten Strafhaft er- 
warb er sich schnell das Wohlwollen des Gefängnisdirektors und wurde mit 
der Führung der Bibliothek betraut. Als er alle Strafen verbüßt hatte, trat 
er, wie eingangs erwähnt, in den Kriegsdienst (1915), 

i' 



200 Karl Abraham 



Indem ich alle psycho log isclien Bemerkungen zum Fall N. auf einen späte- 
ren Zusammenhang verscliiebo, will ich hier nur den Tenor des Gutachtens 
im Auszug wiedergeben. Eine geistige Störung im gewöhnlichen Sinne des 
"Wortes war bei N. in keiner Weise feststellbar. Von einem intellektuellen 
Defektzustand konnte nicht die Rede sein; im Gegenteil hatte ich mit einem 
Mann zu tun, deseen Intelligenz über dem Durchschnitt stand, und der außer- 
dem beträelitliche künstlerische Gaben aufwies. Die Abweichung von der 
Norm lag ausschließlich im sozialen Verhalten des Untersuchten. Ich nahm 
eine tiefgreifende Störung des Gefühlslebens an, aus welcher sich gesell- 
sehaftsfeindlielie Antriebe herleiten. Derartige Impulse waren bei ihm selbst 
unter den günstigsten Verhältnissen jeweils nur für kurze Zeit ausgeblieben; 
bald waren sie mit offenbar zwingender Gewalt wieder zum Durehbruch 
gelangt. 

Die klinische Deskription spricht in derartigen Fällen von ethischen 
Defektzuständen. Das herrschende Strafgesetz aber erkennt einen Einfluß 
solcher Abweichungen des Gefühlslebens auf die Zurechnungsfähigkeit des 
Menschen nicht an. Das Militärgericht, welches dem Angeklagten mit rühmens- 
wertein mensclilichcm Verständnis gegenübertrat, konnte die Zurechnungs- 
fähigkeit N.s nicht verneinen und mußte ihn nach dem Wortlaut des Gesetzes 
zu einer längeren Freiheitsstrafe verurteilen. 

Hervorzuheben bleibt noch, daß ich im Gutachten den Zustand N.s auf 
Grund allgemeiner psychiatrischer Erfahrung als bleibend und unbeeinflußbar 
bezeichnete. 

Wenige Monate nach N.s Verurteilung (im August 191S) ging der Krieg 
zu Ende, und weder vorher noch während der folgenden vier bis fünf Jahrs 
vernahm ich etwas von ihm. Eines Tages aber wurde ich unter merkwürdigen, 
Umständen von einem bürgerlichen Gericht um ein neues Gutachten über 
N. angegangen. Er hatte bis zum Frühjahr 1919 eine Reihe von Delikten 
begangen, die den früheren durchaus ähnlich waren. In dem Strafverfahren 
das sich durch mancherlei Umstände jahrelang verzögert hatte, behauptete 
nun N., die inkriminierten Handlungen bis zum Frühjahr 1919 unter dem 
alten krankhaften Zwang begangen zu haben. Kurz danach aber seien jene 
seit seiner Kindheit bestehenden kriminellen Neigungen verschwunden. Er 
sei in den letzten vier Jahren seßhaft und arbeitsam gewesen und habe sich 
nie mehr etwas zuschulden kommen lasseo. 

Waren diese Angaben N.s richtig, so hatte ich mich in der Beurteilung 
seines Zustandes erheblich geirrt, namentlich hinsichtlich der Prognose. Zu- 
nächst bedurfte es jedenfalls authentischer Feststellungen über sein Verhalten 
seit der Verurteilung vor fünf Jahren. Aus Angaben, welche N. mir persön- 
lich machte, als er sich mir zur erneuerten Untersuchung vorstellte, und aus 
den amtlichen Belegen ergab sich nun folgendes Bild: 

N. war bei Kriegsschluß gemäß der weitgehenden Amnestie in Freiheit 
gelangt. Rasch folgten nun neue Delikte, die in ihrer Art den früheren 
ähnelten. Von den Umwälzungen, wie sie sich zu jener Zeit auf allen Ge- 
bieten abspielten, konnte ein schnell erfassender Kopf wie N. leicht profi- 
tieren. Er, der eine lange Untersuchungs- und Strafhaft hinter eich hatte,. 



Die Gcscliiclite eines Hochstaplers 201 

gewann auch jetzt Überall das Vertrauen der maßgebenden Personen, um es 
freilich bald zu mißbrauchen. So hebt mit der wiedergewonnenen Freiheit 
für N. auch eine Kette neuer Delikte an. Zu jener Zeit bildeten sieh soge- 
nannte Freikorps und andere militärische Organisationen. N. gehörte im 
Laufe einiger Monate mehreren solchen an. 'Überall war er gern gesehen; 
seine Beliebtheit fand ihren Ausdruck darin, daß man ilim stets die Kasse 
anvertraute. N. beging darauf Unterschlagungen, mußte fortgehen und be- 
gann anderswo das Spiel von neuem. Bei einer Organisation glaubte man ihm 
auf sein Wort, daß er während des Krieges Offizier gewesen sei, und N, tat 
nun wirklich Offiziersdienst. 

Doch die Gelegenheit zu solchem Spiel hörte bald auf, und N. kehrte ins 
Zivilleben zurück. Vom März bis zum Juni 1919 beging er in alter Weise 
eine Keihe von Unterschlagungen, Zechprellereien usw. und wurde von 
mehreren Gerieliten gesuclit. 

Und dann folgt die große Veränderung. Daß N. sich seit dem Juni I9l9 
nichts mehr hat zuschulden kommen lassen, dafür liegen bestimmte Beweise 
vor. Seit jener Zeit hat keine polizeiliche oder gerichtliche Behörde ein Ver- 
fahren gegen N. eröffnet. Vertrauenswürdige Zeugen bekunden, daß er seit- 
her seßhaft und arbeitsam sei. Seine beruflichen Leistungen werden ge- 
rühmt. Angesehene Kaufleute, die N. in ihren Betrieb aufgenommen haben, 
bekunden seine Pflichttreue und seine unbedingte Zuverliis.=igkeit insbe- 
sondere in allen finanziellen Beziehungen, die durcli mehrere Jahre erprobt 
Bei. Beide Zeugen waren über N,s Vorleben wohl unterrichtet und liatten 
daher ein wachsames Auge auf ihn, fanden aber niemals einen Anlaß zur 
Klage. N. ist verliciratet und führt das Leben eines gutbürgerlichen Ehe- 
mannes; im gesellschaftlichen Leben seines Wohnortes, einer großen Stadt, 
ist er beliebt und geaclitet. ohne jedoch in seiner aus früherer Zeit bekannten 
Art die Menschen zu „blenden". 

An der Tatsache dieses vollkommenen Umschwunges in N,s sozialem Ver- 
halten konnte kein Zweifel bestehen. Entsprachen die Berichte aber der M'irk- 
lichkeit, so lief eine derartige Veränderung aller psychiatrischen Erfahrung 
zuwider. Wenn sich bei einem Individuum die dissoziale Einstellung so früh 
gezeigt, und wenn dieses Individuum bis zu seehsundzwanaig Jahren sieli 
dem sozialen Leben nicht eingeordnet, sondern ein ausgeprägtes Hochstapler- 
leben geführt hat, so nötigt uns alle Erfahrung, die Aussicht auf eine spontane 
Besserung zu verneinen. M'ir wüßten auch keine Einflüsse namhafi zu machen. 
denen wir solche außerhalb unserer Erfahrung liegenden Wirkungen zu- 
trauen könnten. Es müßten schon außerordentliche Umstände sein, mit deren 
Eintreten man eben praktisch nicht rechnen kann. 

Die Lösung des Rätsels liegt auf psychologischem Gebiet. Wir werden 
uns daher jetzt gewissen Tatsachen in N.s Leben und seiner seelischen Re- 
aktion auf solches Erleben zuwenden müssen. Erwähnt sei an dieser Stelle, 
daß N. zur Zeit der Beobachtung im Jahre 1918 weniger geneigt war, mit 
mir auf diese Fragen einzugehen. Damals befand er sieh, wie wir nun bald 
verstehen werden, noch au sehr in einer trotzig-aufrülirerisclien Einstellung 
zu jedem Repräsentanten der väterlichen Gewalt, und damals war icli sein 



202 Karl Abraham 



militärischer Vorgesetzter. Im Jahre 1923 dagegen maciite er den Eindruck 
eines Menschen, der es eich in den gegebenen Verhältnissen wohl sein läßt. 
Er fühlte sich mir bürgerlich gleichstehend und konnte sich mir ohne das 
frühere Mißtrauen offenbaren. So ergab erst unsere weit kürzere zweite 
Begegnung manche wichtige, ja grundlegende ErklärUEgen für das soziale 
Verhalten N.s in früherer Zeit und erklärte deu neuerdings erfolgten Um- 
schwung. - . , ' - •_ - 

Wie erinnerlich, war N. das jüngste unter den vielen Kindern einer in 
dürftigen Vorhiiltnissen lebenden Familie. Es muß hinzugefügt werden, daß 
ihn ein weiter Altersahstand von seinen Geschwistern trennte, die zur Zeit 
seiner Geburt schon halb oder ganz erwachsen waren. Als ganz kleiner 
Knaho, aber auch später, hörte er seine Mutter wieder und wieder sagen, 
wie unwillkommen er ihr als Spätling gewesen sei. Während die älteren 
Geschwister schon etwas verdienen konnten, war N. der unnütze Esser Id 
der Familie und erfuhr aus lieblosen Bemerkungen, daß er nur als eine 
Belastung des Familienbudgets angesehen wurde. Jedenfalls fühlte er sich 
von beiden Eltern und sämtlichen Geschwistern ungeliebt, ja befeindet, ganz 
im Gegensatz zu der sonst häufigen Verwöhnung spät- oder letzlgeborener 
Rinder. Sein späteres soziales Verhalten stellt in letzter Linie seine psychi- 
sehe Reaktion auf diese Eindrücke seiner früheren Kindheit dar. 

Es braucht hier nur an die gesicherte psychoanalytische Erfahrung er- 
innert zu werden, nach welcher ein Kind an den Personen seiner frühesten 
Umgebung die ersten Liebeserfahrungen sammelt und selbst lieben lernt. ^B. 
Unter Umständen wie den soeben geschilderten kann eine vollwertige Objekt- ^H 
liebo sich nicht entwickeln. Die ersten Versuche des Kindes, die ihm nächsten ^^ 
menschlichen Objekte mit seiner Libido zu besetzen, werden notwendig 
scheitern, und eine rückläufige, narzißtische Besetzung des Ich wird nicht 
ausbleiben, während sich den Objekten zu gleicher Zeit eine große Haßbereit- 
schaft zuwenden wird. 

Unter diesen Gesichtspunkten wird N.s Verhalten in der Kindergarten- 
und Schulperiode verständlich. Er verschmäht seine Eltern, so wie sie ihn 
verschmäht haben. Er wünscht sich reiche Eltern, die ihn nicht als ökonomisch 
belastenden Faktor ansehen würden. Er zeigt sich schon früh jedem Menschen, 
der ihm Vater, Mutter, Bruder oder Schwester bedeuten kann, von der ge- 
winnendsten Seite; jeder Lehrer, jeder Mitschüler muß ihn gern haben 

eine ständig fließende Quelle der Befriedigung für seinen Narzißmus. Aber 
die Identifizierung der ihn jeweils umgebenden Personen mit seinen Eltern 
und Geschwistern geht weif er: er muß die, welche ihn lieb gewonnen haben, 
enttäuschen, um Rache an ihnen zu nehmen. Daß alle, aber ausnahmslos alle, 
sich von ihm düpieren lassen, gibt seinem Narzißmus weitere intensive Be- 
friedigung. Unter Anlehnung on eine geläufige Wortbildung verschiedener 
Sprachen möchte man sagen: N., der sich in seiner Kindheit ungeliebt fühlte, 
mußte unter einer inneren Nötigung sich allen Mensehen „liebenswür- 
dig", d. h. ihrer Liebe würdig zeigen, um bald danach sich und 
ihnen zu beweisen, daß er dieses Gefühls unwürdig sei. 'Wir werden hier " 
an die „Zweizeitigkeit" der Handlungen Zwangskranker erinnert. 



Die Geschichte eines Hochstaplers 203 



Besondere Beachtung verdient N.s brennender Wunsch, der Mittelpunkt 
eines großen Kreiees von Menschen zu sein. Er erklärte mir seihst, daß es 
sein größtes Vergnügen war, „wenn sich alles um ihn drehte". Ein 
solcher Zustand war seinem Dusein in der Kindheit wirklieli vollkommen 
entgegengesetzt. Jedesmal freilich tat N. selbst alles, um der Herrlichkeit 
ein°raschee Ende zu bereiten. Ein übermächtiger Wiederholungszwang nötigte 
ihn, sich immer wieder zum Ausgestoßenen zu machen, wenn er gerade zum 
Liebling aller aufgestiegen war, — bis eines Tages die von uns noch nicht 
aufgeklärte große Änderung kam. 

Im Juni 1919 zog N. unstet und flüclitig von Stadt zu Stadt, sein Leben 
mit Hilfe von Zechprellereien und anderen Betrügereien fristend. In diesem 
Zeitkpunkt trat ein glückliclies Ereignis ein, dessen besondere Bedeutung 
für N. dem psychoanalytisch Geschulten sich förmlicli aufdrängen muß. 

N. machte damals die Bekanntschaft einer Frau, die sich schon im ersten 
Gespräch für ihn zu interessieren begann. Sie war nicht unerheblich iiltrr 
als er und war Teilhaherin eines industriellen Unternehmens. Kaum hatte 
sie von N.s Stellenlosigkeit und Notlage gehört, als sie auch schon für ihn 
zu sorgen versprach. Er fand in dem Unternehmen, an welcliem sie beteiligt 
war, eine seinen künstlerischen Gaben entsprechende Tätigkeit, hatte mit 
den sozial Rngesohensten Personen umzugehen und wurde auskömmlich be- 
zahlt. Zwischen ihm und seiner Gönnerin entwickelten sich engere Beziehun- 
gen. Sie war Witwe und Mutter mehrerer bereits halbwüchsiger Kinder. Es 
kam zur Eheschließung, während K. gleichzeitig in dem geschäftlichen Betrieb 
zu einem Posten mit voller Verantwortlichkeit aufstieg, der ihm überdies eine 
ausgezeichnete gesellschaftliche Stellung sicherte. Es gab in diesem Ideal* 
zustand bürgerlicher Zufriedenheit nur ©ine Beunruhigung; diese ging von 
den noch unerledigten Strafverfahren aus. 

Als ich N. im Jahre 1923 wiedersah, liatte sich dieser Zustand dee äußeren 
Glückes und ~ wie wir hinzufügen dürfen — der inneren Ruhe bereits durch 
einige Jahre stabil gehalten. Früher hatte N. jede ihm günstige Situation 
aus zwingenden, unbewußten Antrieben zerstören müssen. AVarum blieb jetzt 
ein solcher Zusammenbruch aus, und warum konnte N. die günstige W^endung 
seines Schicksals in voller Eintracht mit einem anderen Menschen genießen? 

Wir können die Antwort in eine kurze psychoanalytische Formel bringen. 
Alle früheren Zustände einer vorübergehenden Prosperität in N.s Leben 
stellten nichts anderes dar als eine augenblickliche Befriedigung seines Nar- 
zißmus. Ein derartiger Zustand aber trug den Keim raschen Vorfalls in sich; 
die Ambivalenz der Antriebe war in N. viel zu stark, als daß er irgendeine 
Art des seelischen Gleichgewichts hätte erreichen können. Vermutungsweise 
dürfen wir hinzufügen, daß sicii an N.s vorübergehende „Erfolge" starke 
unbewußte Schuldgefühle knüpften, die ein baldiges Ende des Glücks als 
Akt der Selbstbestrafung lierbeiführen mußten. 

Wir haben bereits versucht, das Verliarren der Libido im Zustande des 
Narzißmus aus einem regressiven Vorgang zu erklären, der sich an tief 
enttäuschende Eindrücke der frühen Kindlieilsjahrc anschloß. Anders aus- 
gedrückt: N. hatte als kleiner Knabe aus der Üdipus-Elnstellung zu seinen 



204 Kar! Abraham 



EUern dasjenige Quantum an Lust niclit entnehmen können, das anderen 
Kindern — wenn auch in sehr verschiedenem Maße — gestattet wird. Es 
fehlte die mütterUchc Zärtlichkeit. Es fehlte die Möglichkeit, den Vater zur 
Idcalgcstalt zu erheben; im Gegenteil sehen wir vou früli auf den Wunsch 
nach einem anderen Vater dominieren, Es fehlte auch die Möglichkeit, 
sich im Ödipus-Kampf gegen den Vater mit Geschwistern zu identifizieren; 
d|ese bildeten ja in unserem Fiille zusammen mit den Eitern eine Welt von 
Feinden. So unterblieb die regelrechte Entwicklung des 
Ödipus-Komplexes. Naturgemäß konnten sich dann au<;h jene Sub- 
limicrungsvorgänge nicht vollziehen, die von einer geglückten Bewältigung 
des ö<lipus-Komplcxes zeugen und die Vorbedingung für eine erfolgreiche 
Einordnung des Individuums in den sozialen Organismus bilden.*) 

Der Umschwung, der sich im Jahre I0l9 in N.s Leben vollzog, bedeutet 
nun niclits mehr und nichts weniger, als das vollkommene Gegenteil der 
hiiuslicben Konstellation in seiner frülieren Kindheil. Eine Frau, an Jahren 
ihm überlegen, findet auf den ersten Blick Gefallen an ihm und überhäuft 
ihn mit Beweisen mütterlicher Fürsorge. Beweise der Liebe gesellen 
sich hinzu. Niemand steht dieser Liebe zwischen Mutter und Sohn hindernd 
im Wege, denn der Ehemann jener Frau ist längst verstorben. Da sind aber 
ein paar Söhne, die doch schon lange vor N. ein Recht auf die Liebe der 
Mutler hatten. Doch sie bevorzugt i h n, der so spät in ihr Leben eintritt, vor 
den anderen Söhnen, heiratet ihn und bietet damit ihm, nicht den leiblichen 
Söhnen, den Platz des verstorbenen Gatten! 

N. erlebte also durch diese Frau neben der plötzlichen Versetzung in 
günstige soziale und finanzielle Verhältnisse eine restlose Erfüllung aller 
seiner dem Ödipus-Komplex ontsfaramenden Kindheitswünsche. Als ich ihm 
einen Hinweis auf die offenbare Mutterbedeutung seiner Frau gab. erwiderte 
N.: „Sie haben sicher recht. Ich habe sehr bald nach dem Beginn unserer 
Bekanntschaft zu meiner jetzigen Frau .Mütterchen' gesagt und bringe es 
heute noch nicht fertig, sie anders zu nennen.'" Bei dieser Gelegenheit zweigte 
sich besonders eine lebhafte Gcfühlsreaktion im Sinne von Sympathie und 
Dankbarkeit. Sie ließ erkennen, daß bei N. jetzt mehr vorlag als eine bloße 
Befriedigung des narzißtischen Begehrena nach Liebesbeweisen. Ich gewann 
den Eindruck, daß N. an einer Ersatzperson spät geglückt war, was in der 
Kindheit nicht stattfinden konnte: die Libido-Übertragung auf die Mutter 
Damit soll natürlich nicht eine voll ausgebildete Objektliebe, eine volle Über- 
windung des Narzißmus behauptet werden, sondern lediglich irgendein nicht 

') Wir sollten übrigens nicht vergessen, daß die Üdipus-Einstellun- die 
wir mit gutem Recht als Quelle ernster und nachhaltiger K o n f 1 i k t " Im 
Seelenleben des Mndcs und des Herangewachsenen betrachten, zunächst 
eine Quelle wirklicher und phantasierter Lust darstellt. Das Kind lernt 
aber auf den größten und wichtigsten Teil seiner bezüglichen Wünsche d h 
auf die sozial verpönten, allmählich verzichten, wenn ihm ein gewisses, ein- 
geschränktes Maß von Lust gegönnt wird. Dies scheint eine dem Kinde un- 
entbehrliche Hilfe zur erfolgreichen Überwindung der Ambivalenz gegenüber 
den Litern zu sein. Ist aber dem Kinde alle solche Lust gänzlich ver^a^t 
so wird eine günstige Verarbeitung des Ödipus-Komplexes ausbleiben und 
alle Libido wird wieder dem Ich zuströmen. 



Die Geachichte eines Hochstaplers 205 



näher zu bestimmencier Grad der ProgressLoß seiner Libido von der narzißli- 
schen Gebundenheit in der Kicbtung zur Objektliebe. Genaueres ließe sich 
nur auf Grund einer durchgeführten Psychoanalyse aussagen. 

Weiter muß hervorgehoben werden, daß die Gesamtheit der erwähnten 
Wunscherfüllungen nicht von Schuldgefühlen begleitet ist. Da 
ist kein Vater zu beseitigen — er ist .schon vor langem gestorben. Da ist kein 
Angriff auf die Mutter nötig; sie kommt ja dem Sohne sowohl im mütter- 
lich-zärtlichen wie im erotischen Sinne entgegen, und dies aus eigenem An- 
trieb. Da sind keine Geschwister zu bekamiifen; seine besondere Stellung 
in der neuen Familie wird in vollem Maße anerkannt. So genießt N, zum 
ersten Male in seinem Leben eine Situation ausschließlicher und — wie wir 
hinzusetzen müssen — vorwurfsfreier Lust. 

Die vollkommene Gewährung aller mütterlich-fürsorglichen wie eroti- 
schen Gefühle von seilen einer Mutter-Vertreterin hat den in der Kindheit 
unbefriedigt gebliebenen Ödipua-Wünschen eine späte Erfüllung gebrachi, 
hat aber zugleich N.s Libido aus ihrer narzißtischen Gebundenheit hervor- 
gelockt. Und so gelang ihm zum ersten Male ein gewisses Maß von Über- 
tragung seiner Libido auf ein Objekt. 

Die im psychologischen Sinne vollkommene Krfülhmg einer infantilen 
Wunsehsituation, wie wir sie im vorliegenden Falle geschehen sahen, dürfen 
wir als ein exzeptionelles Vorkommnis bezeichnen. Niemand konnte mit dem 
Eintritt dessen rechnen, was hier einmal, wie durch ein Wunder, zum Er- 
eignis wurde. Die pessimistische Voraussage des Gutachtens behalt ihre all- 
gemeine Bereclitigung, wenngleich sie sich in diesem Einzelfall als irrig er- 
wiesen hat. Und noch in einem anderen Sinne behält sie ihre Berechtigung. 

Als N. mich zum letzten Male besuchte, hob er selbst hervor, wie gut 
es ihm in jeder Hinsicht ergehe. Aber gemäß seiner scharfen Intelligenz 
sprach er ein Bedenken aus. Er fülile, und er gestehe es sich und mir zu, 
daß die Dauer des gegenwärtigen Zustandcs abhängig sei von seinem (N.s) 
Verhältnis zu seiner Frau. Würde dieses jemals erschtltlert werden, so würden 
sicher die alten Neigungen wieder aus ihm hervorbrechen, denn zutiefst 
fühle er, daß die alte triebhafte Unruhe nocli in ihm sei.') 

Es läge nahe, mit Bezug auf den geschilderten Fall von einer „IT e i 1 u n g 
durch Liebe" zu sprechen — wenn wir nur sicher sein dürften, daß eine 
wirkliche Heilung, eine dauernde Veränderung zum Guten vorliegt. Wie dem 
aber auch sei, der Umschwung im sozialen Vorhalten eines Menschen mit 
einem Vorleben, wie es geschildert wurde, bleibt ein merkwürdiges Phänomen, 
das nur von der psychoanalytischen Libido-Thcorio zu erfassen ist, das im 
übrigen aber auch aus praktisclien Gründen unsere volle Aufmerksamkeit 
verdient, 

^) Hier sei das Ergebnis des zweiten Gutachtens (1923) erwähnt. Die 
letzten unerlaubten Handlungen fielen zeitlich unmittelbar vor den großen 
Umschwung, waren also in gleicher Weise wie alle früheren zu bewerten, 
d. h. als Äußerungen eines aus unbewußten Quollen stammenden unwider- 
stehlichen Dranges, 



206 Karl Abrahaia 



In eilidruckvollster Weise zeigt der vorlicgencle Fall, daß wir die heredi- 
täre Belastung, die „Degeneration^' in ihrer Bedeutung für das Entstehen 
disEOzialer und krimineller Antriebe nicht überschätzen sollen. Was die Schul- 
meinung noch immer mit einseitiger Vorliebe als mit dem Menschen geboren 
und daher unabänderlich betrachtet, das müssen wir zu einem guten Teil als 
früh erworben erkennen, d. b. auf die Wirkung frühester psychosexueller 
Eindrücke zurückführen. Dies aber bedeutet nicht nur die Korrektur einer 
irrigen Meinung, sondern gibt uns neue Handhaben, neue Möglichkeiten und 
Angriffspunkte für dio Beliandlung der Dissozialen, besonders im jugend- 
lichen Alter. Ich muß mit Genugtuung feststellen, daß ich mich in dieser 
Hinsicht mit einem so vortrefflichen Kenner dieser Menschengruppe wi& 
Aichhorn in voller Übereinstimmung befinde. 

Aichhorns') Mitteilungen lassen uns erkennen, welche Bedeutung der 
positiven Übertragung des Zöglings auf den Erzieher gerade in den. 
Besserungsanstalten zukommt. Er hat mit vollem Recht die Herstellung der 
Übertragung und ihre Erhaltung zum Angelpunkt der Fürsorgeerziehung 
gemacht. 

Erinnern wir uns der zauberhaften Wirkung der ersten geglückten Über- 
tragung im Falle N., d. h. bei einem bereits erwachsenen Manne, so vermögen 
wir zu ahnen, welche Ergebnisse eine erfolgreich hergestellte und in richtige 
Bahnen gelenkte Übertragung bei jugendlichen Individuen erzielen kann. 
N. hatte freilich das Glück, als Fürsorgezügling einen humanen und ver- 
ständnisvollen Erzieher zu finden. Was aber diesem Manne trotz ernster 
Anteilnahme an N.s Schicksal nicht gelang, das war die Herstellung einer 
nachhaltigen Übertragung; das Fehlen einer festen Bindung des Gefühls ließ 
N. Immer wieder rückfällig werden und dauerhafte Trieb-Suhlimierungeu 
nicht zustande kommen. Solehe vollzogen sich erst, als N.s Libido sich zum 
ersten Male nachhaltig auf eine Person übertragen hatte. 

Gerade wir Praktiker der Psychoanalyse haben oft beklagt, daß unser 
lliorapeutisches Wirken sieh stets nur auf einen verhältnismäßig kleinen 
Kreiß von Personen erstrecke, daß es wohl in die Tiefe des Einzelfalles, 
aber niclit genügend in die Breite der menschlichen Gesellschaft dringe. Wenn 
AichhorDB Auffassung zutrifft, daß im allgemeinen durch die Herstellung 
der Ubertagung eine ausreichende Grundlage für die Beeinflussung der dis- 
sozialen Jugendlichen gegeben sei, während nur die mit neurotischen Störun- 
gen komplizierten Fälle eine regelrechte psychoanalytische Behandlung er- 
fordern, 60 läge hier ein Gebiet vor uns, auf welchem die an Neurotikern 
gewonnenen Ergebnisse der psychoanalytischen Forschung und Praxis zu 
umfassender Auswirkung gelangen könnten. Was Aichhorn uns vorführt, 
ist ein vielversprechender pädagogischer Vorstoß, zu welchem Freuds Psy- 
chologie ihm das Rüstzeug geliefert hat. Der warmherzige Eifer, mit welchem 
er dieses Erziehungswerk auszugestalten versucht, verdient bewundernde 
Anerkennung. 

') „Verwahrloste Jugend. Die Psychoanalyse in der Fürsorgeerziehung." 
Internationale Psychoanalytische Bibliothek, Bd. XIX, 1925. 



Die Geschichte eines Hochstaplers 207 

Werfen wir noch einen Rückblick auf die Schicksale unseres Hochstap- 
lers! In den Psychoanalysen Neurotischer stoßen wir oft auf die Folgen 
früher Verzärtelung, durch welche die Liebosansprticho des Kindes in un- 
zweckmäßiger Weiso hochgezüchtet wurden. Unter den „Dissozinlen" wird 
uns vielleicht häufiger ein anderes Schicksal der Libido im frühen Alter 
begegnen. Es ist die Entbehrung an Liebe, welche, einer seelischen Unter- 
ernährung vergleichbar, die erste Vorbedingung für die Entstehung dis- 
sozialer Züge schafft. Es bildet sich ein Übermaß von Haß und Wut, das 
ursprünglich gegen einen engen Personenkreie gerichtet, später der sozialen 
Gesamtheit gilt. Wo solche Vorbedingungen gegeben sind, da wird eine der 
sozialen Acpassung günstige Entwicklung des Charakters spontan nicht Zu- 
standekommen können. Der narzißtischen Regression der Libido, wie wir i^ie 
im Fall N. annehmen mußten, wird auch eine Hemmung der Charakterbildung, 
ein Stehenbleiben auf niederer Stufe entsprechen. 

Es wird nicht ausbleiben können, daß diesen Ergebnissen der Psycho- 
analyse allmählich auch von kriminalistischer Seite die ihnen gebührende 
Beachtung zuteil werden wird. In neuester Zeit hat R e i k in seinem Buch 
über „Geständniszwang und Strafbedürfnis" umfassende Untersuchungen 
über das Schuldgefühl angestellt und damit eine wichtige Verbindung zwi- 
schen der psychoanalytischen Neurosenforschung und der Kriminalistik ange- 
bahnt. Nach zwei Richtungen liin kann die Wissenschaft vom Verbrecher und 
Verbrechen aus den psychoanalytischen Lehren Nutzen ziehen. Die Psycho- 
analyse liefert der Kriminalistik neue psychologische Gesichtspunkte für das 
Verständnis der ßie beschäftigenden Personen. Außerdem aber erscheint die 
Behandlung jugendlicher Dissozialer mit Hilfe der Psychoanalyse oder im 
Geiste der Psychoanalyse als ein aussichtsvoller Weg zur Verhütung krimi- 
neller Handlungen. 

Zur Herstellung dieser Brücke zwischen Psychoanalyse und Kriminalistik 
möchte auch die vorliegende Mitteilung einen Baustein beigetragen haben. 



■:. V 



Das Fakultätsgutaditen im Prozeß Halsmann 

Von Sigm. Freud 

Der Professor der Rechte an der Universität Wien. Dr. Josef 
Hupka, hatte im Zuge seiner Bemühungen um die Rehabili- 
tierung des Studenten Philipp Halsmann den Verfasser auf- 
gefordert, sich zu dem Guiachten der Innsbrucker medizi- 
nischen Fakultät :u äußern. Die nachfolgende Aiißerung, die 
der Verfasser Prof. Hupka zur Verfügung stellte, ist zuerst 
in ^.Psychoanalytische Beiuegung", Bd. HI, ipjl, sodann in 
den Gesammelten Schriften, Bd. XII, erschienen. 

Der Ödipuskomplex Ist, soweit wir wissen, in der Kindheit bei allen Men- 
schen vorhanden gewesen, hat in den Entwicklungsjahren große Veränderun- 
gen erfjihren und wird bei vielen Individuen in wechselnder Stärke auch in 
reifen Zeiten gefunden. Seine wesentlichen Charaktere, seine Allgemeinheit, 
sein Inhalt, sein Schicksal wurden, lange vor der Zeit der Psychoanalyse 
von einem scharfsinnigen Denker wie Diderot erkannt, wie eine Stelle seines 
berüiimten Dialogs „Lg neveu de Rameau" beweist. In Goethes Übersetzung 
dieser Schrift (Band 45 der Sophienausgahe) steht auf Seite 136 zu lesen: 
„Wäre der kleine Wilde sich selbst überlassen und bewahrte seine ganze 
Schwäche (imhicHUU), vereinigte mit der geringen Vernunft des Kindes in 
der Wiege die Gewalt der Leidenschaften des Mannes von dreißig Jahren, so 
brach' er Heinem Vater den Hals und entehrte die Mutter." 

Wäre es objektiv erwiesen, daß Philipp Halsmann seinen Vater erschlagen 
hat. so hätte man allerdings ein Anrecht, den Ödipuskomplex heranzuziehen, 
zur Motivierung einer sonst unverstandenen Tat. Da ein solcher Beweis nicht 
erbracht worden ist, wirkt die Erwähnung des Ödipuskoraplexes irreführend; 
sie ist zum mindesten müßi^. Was die Untersuchung an Unstimmigkeiten 
zwischen Vaier und Sohn in der Familie Halsmann aufgedeckt hat, ist durch- 
aus unzureichend, um die Annahme eines schlechten Vaterverhältnisses beim 
Sohne zu begründen. Wäre es selbst anders, so müßte man sagen, von da bis 
zur Verursachung einer solchen Tat ist ein weiter Weg. Gerade wegen seiner 
Allgegenwärtigkeit eignet sich der Ödipuskomplex nicht zu einem Schluß auf 
die Täterschaft. Man würde leicht die Situation herstellen, die in einer be- 
kannten Anekdote angenommen wird: Ein Einbruch ist geschehen. Ein Mann 
wird als Täter verurteilt, in dessen Besitz ein Dietrich gefunden wurde. Nach 
der Urteilsverkündigung befragt, ob er etwas zu bemerken habe, verlangt er 
auch wegen Ehebruchs bestraft zu werden, denn das Werkzeug dazu habe er 
auch bei sich. 

In dem großartigen Roman Dostojewskis „Die Brüder Karamasoff" steht 
die ödipussitualion im Mittelpunkt des Interesses. Der alte Karamasoff hat 
sich seinen Söhnen durch lieblose Unterdrückung verhaßt gemacht; für den 
einen ist er überdies der mächtige Rivale bei dem begehrten Weibe. Dieser 
Sobn Dmitrij hat aus seiner Absicht, sich ara Vater gewaltsam zu rächen, 
kein Geheimnis gemacht. Es ist darum natürlich, daß er nach der Er- 



Das Fakultätsgutachten im Prozeß Hai 



emann 209 



mordung und Beraubung des Vaters als sein Mürder angeklagt und trotz aller 
Beteuerungen seiner Unschuld verurteilt wird. Und doch ist Dmitrij un^chul- 
djg; ein anderer der Brüder hat die Tat verübt. In der Gerichtsszene dieses 
Romanes fällt der berühmt gewordene Ausspruch: die Psychologie sei ein 
Stock mit zwei Enden. 

Das Gutachten der Innsbrueker medizinischen Fakultät scheint geneigt, 
dem Philipp Halsraann einen „wirkeamen" Ödipuskomplex zuzuschreiben, ver' 
ziehtet aber darauf, das Ausmaß dieser Wirksamkeit zu bestimmen.' weil 
unter dem Druck der Anklage die Voraussetzungen für „eine rückhaltlose 
Aufechließung" bei Philipp Half^oiann nicht gegeben sind. Wenn sie es dann 
ablehnt, auch im „Falle der Täterschaft des Angeklagten die Wurzel der 
Tat in einem Ödipuskomplex zu suchen", so gelit sie ohne Nötigung in der 
Verleugnung zu weit. 

In demselben Gutachten stößt man auf einen durchaus nicht bedeutungs- 
losen Widerspruch. Der mögliche Einfluß der Goniüi-serschütterung auf die 
Gedächtnisstörung für Eindrücke vor und während der kritischen Zeit wird 
auf das Äußerste eingeschränkt, nach meinem Urteil nicht mit Recht; die 
Annahmen eines Ausnahmezustandes oder einer seelischcD Erkrankung wer- 
den enischieden zurückgewiesen, aber die Erklärung durch eine „Verdrän- 
gung", die nach der Tat bei Philipp Halsmann eintrat, bereitwillig zugestan- 
den. Ich muß sagen, eine solche Verdrängung aus heiterem Himmel bei einem 
Erwachsenen, der keine Anzeichen einer schweren Neurose bietet, die Ver- 
drängung einer Handlung, die gewiß bedeutsamer wäre als alle strittigen 
Einzelheiten von Entfernung und Zeitablauf und die im normalen oder nur 
ilurcJi körperliche Ermüdung veränderten Zustand vor sich geht, wäre doch 
eine Seltenheit erster Ordnung. 



Verzeidinis der deutschsprachigen psydioanaljtisdien 

Literatur 

über 

Verwahrlosung und Kriminalpsydiologie 

Abkürzungen: G. S. = Gesamnehe Schriften von Sigm. Freud; ZePs. = Zentral- 
blatt für Psychoannlyse; IZP = Internationale Zeitschrifr für Psychoanalyse; Im. = Imago; 
ZpP. = Zeitickriß für psychoanalytische Pädagogik; DpB. = Die psychoanalytische Be- 
wegung; IPV. = Internationaler psychoanalytischer Verlag; B.= Band; J. = Jahrgang. 

1906 
Sigm. Freud: Tatbestandsdiagnostik und Psychoanalyse. 1906, G. S., B. X. 

1911 

O. Juliusburger: Über einen Fall von akuter autopsychischer Bewußt- 
seinsstörung. Ein Beitrag zur Lehre von Kriminalität und Psychose. 
ZePs., J. 1911, B. I. 

F. Riklin: Eine Lüge. ZePs., J. 1911, B. I. 

1912 

0. Pf ister: Anwendungen der Psychoanalyse in der Pädagogik und Seel- 
sorge. Im., J. 1912, B. I. 

1913 

Sigm. Freud: Zwei Kinderlügen. 19l3, G. S., B. V. 

0. ßank: Der „Familienroman" in der Psychologie des Attentäters. IZP. 
J. 1913, B. I. 

1915/16 

Sigm. Freud: Die Verbrecher aus Schuldbewußtsein. 1915/16, G. S., B. S 
(siehe auch dieses Heft, ZpP., J. 1935, B. IX). 

L. Kaplan: Der tragische Held und der Verbrecher. Im., J. 1915/lG, B. IV. 

1922 

]L Deutsch: Über die pathologische Lüge (Pseudologia phantastica). IZP., 

J. 1922, B. VIII. 
S. Ferenczi; Ein Vortrag für Richter und Staatsanwälte (erschienen in 

„Populäre Vorträge über Psychoanalyse"). IPV., 1922. 
S. Ferenczi: Psychoanalyse und Kriminologie (erschienen in ..Populäre 

Vorträge über Psychoanalyse"). IPV., 1922. 

1923 
A. A ich hörn: Über die Erziehung in Besserungsanstalten. Im., J. 1923. 

B. IS. : ' : 



I 



Literatur 211 



1925 

K, Abraham: Die Geschichte eines Hochstaplers im Lichte psyclionnalyti- 
scher Erkenntnis. Im., J. 1925, B. XI (.siehe auch dieses Heft ZpP 
B. IS, J. 1935). 

A. Aichhorn: Verwahrloste Jugend. Die Psychoaiialyee in der Fürsorge- 
erzieliung. Mit einem Geleitwort von Sigm. Freud. IPV., 1925, 2 Auf- 
lage, 1931. 

F". Alexander: Psychoanalytisches Gutachten vor Gericht. IZP., B XI, 
J. 1925. 

C. Newton: Die Anwendung der Psychoanalyse auf die soziale Fürsorge. 

Im., J. 1925, B. XI. 
W. Reich: Der triebhafte Charakter. Eine psychoanalytische Studie zur 

Pathologie des Ichs. IPV., 1925. 
Th. ßeik: Geständniszwang und Slrafbedilrfnls. IPV., 1925. 

1926/27 

A. Aichhorn: Zum Verwahrlostenproblom. ZpP., B. L J- 192G/27. 

A. Aichhorn: Über dissoziale Kinder (in Federn-Meng, Das Psycho- 
analytische Volksbuch). Stuttgart, 1926. 

S. B e r n f e 1 d: Zur Psycliologie der „Sittenlosigkeit" der Jugend. ZpP., B. I. 
J. 1926/27. 

E. Schneider: Kinderfehler (in Federn-Meng, Das Psychoanalytische 

Volksbuch). Stuttgart, 1926. 
H. Zut liger: Notizen über das kindliche Gewissen und seine Bildung. 

ZpP. B. L J. 1926/27. 
H. Z u 1 1 i g e r: Kindliehes Zeremoniell zur Umgehung der Gewissensreaktioii. 

ZpP., B. I, J. 1926/27. 

„■.■■'.■I 1927/28 

F. Alexander: Psychoanalyse der Gesamtpereönlichkeit, IPV., 1927. 

(Seite 171: Die Ätiologie der Kriminalität.) 
F. Boehm: Ein verlogenes Kind. ZpP., E. II, J. 1927/28. 
K. Landauer: Das Strafvollzugsgesetz. ZpP., B. IL J. 1927/28. 
E. Schneider: Zur Psychologie des Lausbuhen. ZpP., B. II. J. 1927/38. 
A. Tamm: Drei Fälle von Stehlen bei Kindern. ZpP., B. IL 1927/28. 
H. Zulliger: Heilung eines Prahlhanses. ZpP., B. IL J. 1927/28. 

1928/29 
S. Bernfeld: Sisyphos oder die Grenzen der Erziehung, IPV., 1928. 
H. Kali seh er: Beobachtungen an einem jungen Verschwender. ZpP., 

B. III, J. 1928/29. 
H- Kali seh er: Leben und Selbstmord eines Zwangsdiebes. ZpP., B. III, 

J. 1928/29. 
J, Petersen: Über die Erziehung des Verwahrlosten. ZpP., B. III, 1928/29. 
I. Sadgcr: Kinder und Jugeudliche als Verleumder. ZpP., B, III, J. 1928/29. 



212 Literatur 



F. W i 1 1 e 1 s: Die Welt ohne Zuchthaus. VerJag Hans Huber, Bern, 1928. 
H. Zulliger: Der Wendepunkt in der Analyse eines Zwangsiügners. ZpP., 
B. ni, J. 1928/29. 

1929 

i\ Alexander und H, Staut: Der Verbrecher und seine Richter. 
IPV-, 1929. 

S. Bernfeld: Der soziale Ort und seine Bedeutung für Neurose, Verwahr- 
losung und Pädagogik. Tra., B. XV, J. 1929. 

Marie Bonaparte: Der Fall Lefebvre. IPV., 1929. 

1930 
r. Alexander: Der Doppelniord eines l9iährigen. DpB., B. 11, J. 1930. 
Ch. Baudouin: Ein Fall von Kleptomanie. ZpP., B. IV, J. 1930. 
E. F r o m m: Der Staat als Erzieher. ZpP., B. IV, 193a 

E. Jacobssohn: Beitrag zur asozialen Charakterbildung. IZP., B. XVI, 
J, 1930. 

K. Landauer; Die Gemeinschaft mit sich selber. Über narzißtische Charak- 
tere, Neurosen und Psychosen. DpB., B. II, J. 1930. 

H. Meng: Über Zeugenaussagen und Fehlleistungen. ZpP., B. IV, J. 1930. 

Th. Re i k: Zwei analytische Werke über Verbrechen und Strafe. Im., B. XVI, 
J. 1930. . .'.-,.-. 

1931 

F. Alexander: Psychische Hygiene und Kriminalität. Im., B. XVII, J. 1931. 
F. Alexander: Ein besessener Autofahrer. Im., B. XVII., J. 1931. 

S. Bernfeld: Die Tantalussituation. Im., B. XVII, J. 1931, 

Mario Bonaparte: Aus der Analyse einer mutterlosen Tochter CKapi- 
tel III: Eine kleptomane Anwandlung). IPV., 1931. 

0. Fenichel: Perversionen, Psychosen, Charakterstörungen. (Siehe dort 
über „Verbrecher aus Schuldgefühl, Verwahrlosung" u. ä.) IPV., 1931. 

O. Fenichel: Die offene Arbeitskolonie Bolschewo. Im., B. XVII, J. 1931, 

Sigm. Freud: Das Fakultätsgutachten im Prozeß Haismann. G. S., B. XII, 
1931 (siehe auch dieses Heft, ZpP-, B. IX, J. 1935). 

E. Fromm: Zur Psychologie des Verbrechers und der strafenden Gesell- 
Schaft. Im., B. XVII, J. 1931. 

Fr. Ilaun: Strafe für Psychopathen? Im., B. XVII, J. 1931. 

A. Kielholz: Giftmord und Vergiftungswahn. IZP., B. XVII, J. 1931. 

0. Pfieter: Psychoanalytische Äußerung über einen jugendliehen Gewohn- 
heitsdieb, Morphinisten und Totschläger. ZpP., B. V, J. 1931. 

M. Schmideberg: Einige Bemerkungen zu dem von Ella Terry beschrie- 
benen Fall. ZpP., B. V, J. 1931. 

H. Staub: Psychoanalyse und Strafrecht. Im., B. XVII, J. 1931. 

II. Staub: Einige praktische Schwierigkeiten der psychoanalytischen Krimi- 
nalistik. Im., B. XVII, J. 1931. 



Literatur 



213 



E. M. Terry: Stottern und Stehlen. ZpP., B. V, J. 1931. 
H. Zulliger: Eine kleine Lügnerin. ZpP., B, V, J. 1931. 

1932 

A. Aichhorn: Erziehungsberatung. ZpP., B. VI, 1932. 

H. Fuchs: Psychoanalytische Ileilpiidagogik im Kindergarten. ZpP B VI 
J. 1932. 

M. Klein: Die Psychoanalyse des Kindes. IPV., 1932 (siehe über Asoziale, 
Verbrecher u. ä,)- 

W. Kulemeyer: An Straßen und Zjiunen. ZpP., B. VI, J. 1932. 

Th. Reik: Der unbekannte Mörder (Von der Tat zum Täter). IPV., 1939. 

H. Schaxel: „Der Weg ins Lehen". ZpP., B, VI-, J. 1932. 

M. Schmideberg: Zur Psychoanalyse asozialer Kinder und Jugendlicher. 
IZP., B. XVIII, J. 1932. 

M. Schmideberg: Aus Kinderanalysen. ZpP., B. VT, J. 1932. (Siehe Ka- 
pitel: Patienten, die keine Freundliclikeit vertragen.) 

E. Storba: Ein „unerzogenes" Kind. ZpP., B. VI, J. 1932. 

H. ZuUiger: Ein jugendliches Diebsklocblalt. ZpP., B. VI.. J. 1932. 

1953 

E. Glover: Das Institut zur wissenschaftlichen Behandlung der Krimina- 

litüt, London. DpE., B. V, J. 1933. 
A. Kielholz: Weh' dem, der lügt! Beitrag zum Problem der Pseudologia 

phantastica. IZP., B. XIX, J. 1933. 
G. R e i n e r-0 b e r n i k: Erste Beobachtuiigsergebnisse eines Falles aus der 

Erziehungsberatuiig. ZpP.. B. VIT. J. 1933. 
P. Schiff: Gerichtliche Medizin und Psychoanalyse. DpB., B. V, J. 1933. 

E. Schneider; Neurotische Depression und Stehlen. ZpP., B. VH, J. 1933. 

1934 

A. Aichhorn: Kann der Jugendliche straffällig werden? Ist das Jugend- 

gericht eine Lösung? ZpP., B. VIII, J. 1934. 

F. Alexander: Über das Verhältnis von Struktur^ zu Triebkonflikten. 

IZP., B. XX, J. 1934. 

B. Bornstein; Enuresis und Kleptomanie als paeeagöres Symptom. ZpP., 

B. VIII, J. 1934. 
D. T. Burlingham: Mitteilungsdrang und Gestfindniszwang. Im., R. XX, 
J. 1934 (erschien auch in ZpP., B. IX, J. 1935). 

H. Deutsch: Über einen Typus der Pseudoafiektivität („Als ob"). IZP., 

B. XX, J. 1934. 
H. Meng: Strafen und Erziehen. H. Huber, Bern, 1934. 
H. Nunberg: Das Schuldgefühl. Im., B. XX, J. 1934. 
M. Schmideherg: Zur psychoanalytischen Behandlung asozialer Kinder 

und Jugendlicher. ZpP., B, VIII, J. 1934. 

Zeitfichrilt I. pea. FHd., IX/3 , 



214 Literatur 



1935 

F. Alexander und W. Healy: Ein Opfer der Verb reche rmoral und eine 
nicht entdeckte Diebin. — I. Der Fall Sigrid Amenson. — IL Der Fall 
Richard Vorland. Im., B. XXL J- 1935. 

H. Zulliger: Versager in der Erziehung. ZpP., B. IX, J. 1935. 

H. Zuliigcr: Schwierige Schüler. H. Huber, Bern, 1935 (siehe auch ZpP., 
B. IX., J. 1935). 

Über Iloclistaplcr und Verwahrloste. Eine Diskussion der Schweizerischen 
Gesellschaft für Psychoanalyse über den narzißtisch-triebhaften Cha- 
rakter. ZpP., B. IX, J. 1935. 



„Erzicliung zur seelischen Gesundheit", ist der Titel einer Vorlesungs- 
reihe, wolclie Dr. Heinrich Meng im Wintersemester 1935/3G an der Volks- 
hochschule der Universität Basel halten wird. Es soll versucht werden, in 
verständlicher Form Weg und Ziele einer Erziehung zu zeigen, die bewußt 
und verantwortungsvoll die Gesunderhaltung der Gesundgeborenen und den 
Schutz der durch Umwelteinflüsse Gefährdeten erstrebt. (Beginn: Mittwoch, 
den 30. Oktober 1935). 






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Bücher und Zeitschriften 215 



Bücher und Zeitsdiriften 
Alois Funk: Film und Jugend. Eine Uiilprsnchuiig über die psychischen 
Wirkungen des Films im Lehen der Jugendlichen. Verlag Ernst Keinhart 
München 1934, 174 S. 

„Die Resultate der vorliegenden Untersuchung sind das Ergehnis einer 
langjährigen theoretischen und praktischen Beschäftigung (Anm. d. Red. als 
Fümzensurbeirat) mit dem Gegenslanii, die neuerdings durch eine größere 
Umfrage bei Jugendlichen und Erziehern in ganz Deutschland ihren Abschluß 
fand." Es wurden dreierlei Fragebogen ausgearbeitet und 5000 Fragebogen 
versandt. Einer, der sich an die Erzielier wendet, einer zur Befragung der 
Jugendlichen zwischen 14—18 Jahren, die der Gegenstand der vorliegenden 
Arbeit sind, und einer für Jugendliche zwischen 18 — 20 Jahren, deren rtlck- 
schauende Erinnerung die Gegenwartsbeobachtung und Aussage vervollstän- 
digen sollte. Es gingen 3285 Antworten ein, die ein Material von 14.865 Ju- 
gendlichen umfassen. Was sind nun die Ergebnisse dieser breit angelegten 
Arbeit? Da erfahren wir, daß in der Großstadt mehr Jugendliche das Kino 
besuchen als auf dem Lande. Ferner, daß das Geld zum Kinobesuch teils 
durch das Taschengeld, teils durch allerimnd Nebenverdienst, der den Er- 
zieherpersonen nicht bekannt ist, und manchmal auch durch kleine Dieb.>;tühle 
aufgebracht wird. Ein Teil der Jugendlichen, es handelt sich durchwegs um 
Jugendliche der unbemittelten Klasse, verschafft sich auch Freikarten oder 
versteht es, sich in unbewachten Momenten durch Seilengiinge einzuschleichen. 
Die meisten Jugendlichen gehen gemeinsam, manche gehen lieber allein und 
einige werden zu Hause sehr .streng gehalten und dürfen nur in Begleitung 
von Familienangehörigen ins Kino gelten. Dieser letzte Fall ist bei weib- 
lichen Kinobesuchern häufiger als bei Jungen. Das Jugendvorbot hüll die 
Jugendlichen selten ab zu Filmen zu gehen, die sie anziehen, in manciien Orten 
wird das Verbot sehr strenge gehandhaht, dort gehen die Jugendlichen weniger 
häufig zu nicht jugendfreien Filmen. Kiiaijcn lehnen erolisclic Filme häufiger 
ab als Mädchen. Knaben interessieren sich liauplsüchlieh für Filme, in denen 
Handlung und Bewegung vorherrschen, also Kriminal-, Abenteurer-, Kriogs- 
filme. Unter den kriminell gewordenen Jugendlichen gibt es solche, welche 
aus dem Film Kenntnis von Diobstricks bezogen haben wollen, und auch solche, 
die das Kino als Motiv für ihre Delikte angeben. Solcherart, wie die hier an- 
geführten sind die Ergebnisse der Arbeit, solcherart sind auch die Antworten 
auf die Fragebogen. Über die Gründe zum Kinobesuche wird ■/.. B. angegeben: 
Ich gehe zum Zeitvertreib ins Kino, aber auch um aus den Icbrrciehen Filmen 
zu lernen. Die Antwort eines anscheinend sehr renlitütstüchtigen Friseur- 
lehrlings, der schreibt: „Man lernt im Kino gute Umgangsformen und neue 
Schlager", ist erfrischend in dieser Anhäufung farblo.sester Langeweile, Es 
interessiert wenig, wenn der Verf. in seinen Schlußbelrachtungen über Film 
und Charakterbildung die charakterhildcnden Werte gering einschätzt und 
an den Erzieher die Aufforderung richtet, pädagogische Forderungen zu 
stellen. Betrachtet man die Ergebnisse und Schlußfolgerungen der Arbeit, so 
decken sich die Resultate der „wissenseliaftlichen Untersuchung" ungefähr 



216 Bücher und Zeitschriften 



mit dem, was rlor unvorcingenoniincnc Beobachter olinc woiteres Nachdenken 

als Wahrscheinlichkeil angenommen hätte. Ein wissenschaftlicher Eigenwert 

kann dieser Arbeit nicht zugesprochen werden. 

° ^ H. Hoffer-Schaxel 

Heinrich Meng: Strafe» uiid Erziehen. Bücher des Werdenden, Band 
VIII. Verlag Hans Huber, Bern 1934. 203 S. 

Mit Rocht leitet Meng dies Buch, das aus „Beobachtungen in der Er- 
ziehungspraxis" gewonnen ist und sich an Erzieher wendet, durch zwei Ka- 
pitel ein, die nicht der Strafe in der Erziehung sondern der Rechtsstrafe 
gewidmet sind. „Zur Beantwortung der Frage: Muß Strafe sein? ist die 
Kenntnis der wichtigsten Tatsachen der Geschichte der Strafe nötig." Sehr 
eindringlich hören wir von den sakralen Urformen der Strafe, in denen Kult 
unii Ruche vereint sind, von der Blutrache, dem Fiuch, der Dämonologie der 
Strafe, vom Henker als Magier, von den modernen Strafrechtstheorien und 
der Dressur der Tiere. „Die Erziehungsstrafe hat wie alle Strafen ihren Ur- 
sprung ninht im Verstand, sondern im Affekt, im heiligen Zorn, in der sa- 
kralen llilthisigkelt, in der Ekstase und im Schauer." Diese Einsicht ist zwar 
nicht neu, — auch die Argumente, Beispiele, kuiturgeschichtlichen Erklärun- 
gen sind CS nicht durchaus, obzwar es nicht an Bemerkungen fehlt, die auch 
dem guten Kenner der Materie Neues sagen — sie mangelt aber den Pädago- 
gen noch allzu häufig; sie allein wäre gewiß kein tragfähiger Baugrund für 
ein ganzes Erziehungssystem, sie ermöglicht nicht einmal, zum Strafpjoblem 
in der Erziehung eindeutig Stellung zu nehmen. Jedoch als Einleitung in 
psychoaiialytisch-päiiagogischc Anschauungen ist solch historisches Material 
vorzüglich geeignet, um auch den psychoanalytisch ungeschulten Erzieher 
sehnoU Distanz zu den überkommenen Maßnahmen und Urteilen zu lehren. 
Die Aufdeckung der triebhaften Grundlagen jeder Erziehung macht ihn bereit, 
sich eine neue Stellungnahme zu erwerben. Die Frage, ob und wie man strafen 
soll, läßt sich nicht eher entscheiden, ehe nicht die tatsächlichen Wirkungen 
der Strafe festgestellt sind. Hier hat die Psychoanalyse sehr viel Neues ent- 
deckt. Die Identifizierung, die Ödipuskonflikte, das Über-Ich, die Entstehung 
und die Funktion des Gewissens, das Schuldgefühl, Strafbedürfnis und der 
Geständniszwang: All diese Begriffe und Fakten wollen gekannt und ver- 
standen sein, denn sie alle zusammen bestimmen Art und Grad der „Empfäng- 
lichkeit für Strafen". Diese Konntnisgrundlagen auch dem Anfänger auf we- 
nigen Seilen zu vermitteln (III. Kap.), bemüht sich der Autor erfolgreich, von 
den Oberflächen der Erscheinungen her das Interesse des Lesers zu fesseln, 
ohne ihm den Einblick in die Tiefe der Probleme ganz ersparen zu wollen. 

Es ist geglückt, nirgends Falsches und viel Neues (z. B. über das Straf- 
orlcbnis und Spiele als Beichten) zu sagen. Mengs Aufgabe war vielleicht 
undankbar; daß er eich ihr trotzdem unterzogen hat, verdient unseren Dank. 
Der Leser, der von unserer Wissenschaft viel weiß, wird hier unbefriedigt 
bleiben. Es wird ihm eine konzentrierte Zusammenfassung des so reichen. 
doch verstreuten analytischen Wissens um den Prozeß des Strafens, um dessen 
Wirkung und Wirkungslosigkeit fehlen. Er möchte ein Kapitel haben, das 



i 



Bücher und Zeitschriften 217 



ubersichLl.ch aucli die noch offenen tiefen Probleme klarlegt, sie womöglich 
lost oder niiDdostens eine Typik der Strafwirkungen und ihre Zuordnung zu 
den Orgamsationsformen der Libido und den Entwicklungsstufen do. Ich 
uiiireiUt. Weiß der Leser wenig, so wird er reichlich Belehrung und Anregun« 
fmden, an manchen Stellen vielleicht mehr als er verstehen kann, jedenfalls 
-Anreiz, sich näher mit der Psychoanalyse zu befassen. Dem vorherrschenden 
Interesse der Laienkreise für die Prügelstrafe folgend, bringt Meng eine 
ausführliche von vielen Beispielen und historischen Hinweisen durchzogene 
Erörterung dieser Frage, die natürlich nicht geeignet ist. dem Pädagogen 
o,n gutes Gewissen zu geben, der Schläge für ein „wi6sen..chaftlich aner- 
kanntes nützliches Erziehungsmittel hält. Aber weder bei der Besprechung 
des „Erziehens und Slrafens in den ersten Kinderjahren" (VI Kap ) noch der 
„Strafen im Scliulalter" (VIL Kap.). noch sonst irgendwo verläßt Meng den 
Standpunkt des psychoanalytischen Wissenschaftlers: Er fordert vom Erzie- 
her nicht dies oder jenes Verhalten, er gibt keine Rezepte er ist weder 
Gegner noch Anhänger der Strafen überhaupt, oder bestimmter Strafformeo 
sondern er berichtet einfach von seinen und anderer Psychoanalytiker Er' 
fahrungen und zeigt, daß die geläufigen Anschauungen aus ungenügender 
Kenntnis und einseitiger Erfiihrung die Kraft beziehen, Vorurteile zu werden 
„Die richtige Behandlung scheinbar .=!traf fälliger Kinder" (YIII. Kap.) wird 
als ohne gründliche Fachkenntnis nicht entscheidbare Frage aufgefaßt und 
wirbt so, gleich wie die Erörterung über straffreie Erziehung und Selbst- 
zucht, für die Zuziehung eines psychoanalytischen Erziehungeberaters in 
allen schwierigen Fällen. Aller blinden Autorität und Gewaltanbetung in der 
Pädagogik abgeneigt, wirkt Meng, auch ohne daß er ausdrücklich Partei er- 
griffe, für „Humanisicrung der Strafe", fUr ihren teilweisen Ersatz durch 
Therapie, übersieht aber nicht, daß die Wandlung der Erziehungsstrafe ..we- 
sentlich von der Wandlung seelischer, ökonomischer und sozialer Verhalt- 
nisse abhängt". Der Erzieher, der die Psychoanalyse nur aus feindlichen 
iSchlagworten kennt, wird überrascht sein, welche geringe Holle in diesem 
sympathischen Buch der Sexualität eingeräumt ist. dagegen dürfte ihn be- 
fremden, daß — mit Recht — viel von dem Aggressionstrieb, dem Haß ge- 
sprechen wird. Insbesondere mag ihn nachdenklicli machen, daß Meng auch 
diesem Faktum gegenüber wissenschaftlich bleibt und es fern von jeder 
Sentimentalität in seiner wirklichen Bedeutung zu erfassen bemüht ist. 

S. Bernfold 

Hans Rhyn: Leistet die Schule, was man von ihr %-tTlangcn muß? (Ge- 
danken zur Reform der höheren Mittelscliule.) Verlag von H. E. Sauerlän- 
der & Co., Aarau, 45 Seiten. 

Der Autor versucht zu zeigen, daß ein wesentliches Kennzeiclien der 
heutigen Schule und ihres System.s der Kampf zwi.schen Schüler und Lehrer 
ist. Den hauptsächlichsten Raum der Schrift nehmen die Äußerungen von 

17- bis igjährigen Gymnasiasten über die gegenwärtige Schülcrmoral ein. Es 
geht daraus hervor, daß sich die meisten Schüler daran gewolinon, den Lelirer 
zu betrügen, um von Klasse zu Klasse aufzusteigen. Zwei Beispiele: „Grund- 






218 Bücher und Zeitschriften 



sutz ist: Man muß den Lehrer prellen, und zwar so viel uiid so kräftig wie 
möglich. Denn ,ma]i' wird ja auch anhaltend .geschoren', wie der technische 
Ausdruck dafür hiutet. Der Schüler iet nun einmal überzeugt, daß er immer 
den kürzereil zieht (manchmal nicht ganz zu Unrecht) ; dafür muß er sich 
irgendwie entschädigen. Deih ist doch einleuchtend, nicht"? — " 

„Der Lehrer und der Schüler könnten fast als zwei einander auflauernde 
Tiere bezeichnet werden. Der Schüler wird nicht müde, immer neue hetrüge- 
rische Mittel zu erfinden, um den Lehrer hintergehen zu können. Dieser 
wiederum verbessert seine Abwehrmaßnahmen. Ich muß dabei unwillkürlich 
an Verbrecherjagden und Schmugglerbanden denken." 

Unter den Forderungen, die nach E h y n hier abhelfen konnten, eeien er- 
wähnt: Herabsetzung der Schülerzahl pro Kla.ss?e auf höchstens 15, Einschrän- 
kung des Notengebens; die Schule hat ebenso der Charakferhihlung und 
Charakterau.slese wie der Verstandesbildung zu dienen. R h y n sieht in dem 
Werk von Rudolf Maria Holzapfel, des religiösen Dichters und 
Kulturpsychologen, die Quelle, aus der sieh die Schule neu gestalten könnte. 
Er fordert eine Erziehung der Erzieher und eine gründliche psychologische 
Durchbildung der Lehrer. 

Der Autor vernachlässigt in seiner Schrift die Bedeutung des Unbewußten 
und der Neurose für das Verhalten von Lehrern. Schülern und Eltern, vor 
allem für die Fundamente von Moral, Charakter, Wollen. Lehren und Lernen. 
Die Helbstzeugnisse der Jugendlichen R h y n s lassen uns die schon öfters be- 
tonte Forderung wieder neu stellen, die Forderung nach dem ..Schülerberater" 
(Pf ister, s. Ztsclir. f. psa. Päd., I. Jg.). Der Scliülerberater, den wir den 
Schülern, Lehrern und Eltern wünschen, hätte große und ungemein segens- 
reiche Aufgaben zu erfüllen: Er stellte sich den Schülern zur Verfügung in 
allen seelischen Schwierigkeiten, mit denen die jungen Leute nicht selbst 
fertig werden können, also etwa bei Lebensunlust, ätzendem Pessimismus, 
Haß gegen einzelne Mensehen oder die ganze Menschheit, Ekel gegenüber dem 
Beruf, Willensschwund, Bankerott der Ideale, Zwangslaster, sexuellen Nöten, 
Selbstverachtung u. a. 

Dio Lektüre der Schrift kann ein wirksamer Anstoß werden, die alte Frage 
wieder neu aufzuwerfen und zu lösen, weshalb der Lehrer der Mittelschule 
durchschnittlich pädagogisch auf den Schüler schlechter vorbereitet ist als 
der Volkeschullehrer. H. Meng 

ScbweizcrisclicB Medizinisches Jahrbach 1935. Verlag Benno Schwabe & Co., 

Basel, 430 Seiten. 

Die staatlichen und die privaten medizinischen Institutionen der Schweiz 
sind liier in systematischer Ordnung aufgeführt. Der Leser findet genaue An- 
gaben über die Erziehungsinstitute, Kinderheime. Kinderkliniken und Sana- 
torien mit Schulunterricht, über die Anstalten für geistig anormale Kinder 
und Jugendliche; auch die psychoanalytischen Fachorganisationen sind auf- 
geführt. 

Unter den sieben Originalaufsätzen von Schweizer Gelehrten über aktuelle 



A 



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Bücher und ZeUscIirifton 219 



wissenschaftiieho medizinische Fragen befindet sich einer des Schweizers 
Sigerist, der in Ballinaore den Lehrstuhl für Geschichte der Medizin innehat: 
„Richtungen und Strömungen der Medizin in den Vereinigten Staaten". Der 
Autor zeigt, wie paradox jener Zustand ist, in den sich die Medizin in nicht we- 
nigen Staaten, z. B. in Amerika, liinein entwickelt hatte: je wirkungsvoller auf 
Grund der neuen Forschungen und Erkenntnisse die ärztliche Hilfe hätte sein 
können, umso weniger wurde sie aus wirtschaftlichen Gründen weiten Teilen 
der Gesellschaft zugänglich. Glücklicherweise sind in den letzten Jahren 
energische Bestrebungen in Gang gokommen, diesem übelstand abzuhelfen. 
Die neue Aufgabe der Icibliclicn und seelischen Fürsorge für das Kindesalter 
wurde aktiviert durch die Bestrebungen der „Mcntalbygienc", in Amerika in 
breitem Ausmaße vom Staat übernommen. Die segensreichen Folgen dieses 
Vorgehens haben auch eine nicht zu unterscliätzendc moralisclie Wirkung auf 
die Ärzte auegeübt, sie lernen allmählich einsehen, daß ihre Hauptaufgabe 
künftig sein wird, nicht an der Krankheit, sondern an der Gesundheit der 
Bevölkerung materiell interessiert zu sein. Planung und Organisation werden 
das Fundament der vorbeugenden und heilenden Eingriffe einer künftigen 
Medizin sein. Sigerist prophezeit, daß der neue Weg, den Amerika einge- 
schlagen hat, deshalb zum Ziel führen wird, weil dieser große Staat auf der 
Vernunft aufgebaut ist. und weil er schon andere größere Aufgaben mit 
Vernunft gelöst hat. 

Das Jahrbuch ist als Nachschlagewerk für Ärzte, Fürsorger und Eltern 
wertvoll. H. M e n g 

Heinrich Zanggcr-Fostschrift, 1935. Verlag Rascher & Cie. Zürich, 1056 S. 

Anläßlich des 60. Geburtstages des Zürcher ordentlichen Professors für 
Gerichtsmedizin und Unfallmedizin, Heinrich Z a n g g o r. erschien dieper 
stattliche Band mit 100 Originalaufsätzon von Freunden und Schülern des 
Gelehrten. Das Buch zeigt, daß Zangger nicht nur in seinem Fachgebiet, 
sondern auch in den Grenzwissenschaften viele Anregungen zu praktischen 
Forschungen gab, insonderheit auf dem Gebiet der Biologie. Unser Interesse 
wendet sich drei Aufsätzen zu: Feer: „Zur P.=ychologie und Psychoanalyse 
des Kindes"; Medicus: „Gerichtsmedizin und Pädagogik"; Sigerist: 
„Soziologische Faktoren in der Medizin". 

Feer betont, daß jeder Kinderarzt für Untersuchung und Behandlung 
über ein natürliches psychologisches Wissen verfügen müsse. Das Kind .sol! 
nie überrumpelt oder belogen werden. Viele Störungen im Frühkindesaltor 
sind die Folgen einer Fehlerziehung. Er erkennt Freuds Erforschung des 
Traumes und des Unbewußten an, lehnt aber die Tricblehre, die Annahme 
einer kindlichen Sexualität und die Kinderanalyse aufs Entschiedenste ab 
und beruft sich dabei vorwiegend auf das Studium des Buclics von Melanie 
Klein, sowie auf die Proteslstellung Jungs gegen die Kinderanalyse. Er 
kennt zwar nach dem Literaturverzeichnis und nacli einer Probe im Text 
auch andere Publikationen über Kinderanalyse, raißverstelil aber grundsätz- 
liche Einsichten uud Formulierungen der Kindoianalyse über die Krankhi-its- 
einsicht und den Heilungswillen des Kindes. Es war vorauszusoheD, daß das 



220 Bücher und Zeitschriften 



Buch von Melanie Klein bei den nicht analytiech geschulten Fachleuten der 
Kinderheilkunde unliebsames Aufsehen erregen und eine herechtigte Kritik 
auslösen dürfte. Es bleiht einer Sonderpuhlikation vorbehalten, die von F e e r 
und andern Kinderärzten aufgeworfenen Fragen der heutigen Kinderpsycho- 
logie und Kinderanalyse kritisch zu behandeln. 

Medicus zeigt, welche Verdienste sich Zangger dadurch erworben 
bat, daß er die Widerstände wirtschaftlicher Interessen gegen eine Gefahren- 
vorbßugung erkannte und wissenschaftlich und praktisch gegen sie an- 
kämpfte. Die „soziale Pädagogik" der Zukunft muß ihre Waffen gegen 
gesellschaftliche In.stitulionen richten, die den Fortgang einer wirklichen 
Zivilisation stören, indem sie die Verantwortlichkeiten ausschließen oder zu- 
rückdrängen. Zangger ist, wie Medicus hervorhebt, einer der großen 
Erzieher, „der nicht bloß junge Fachgenossen und Fachverwandte zu nach- 
eifernder Bewunderung für sein von stärkstem Verantwortungsbewußtsein ge- 
tragenes Wirken emporreißt, sondern weit über alle Abgrenzung der Fakul- 
täten hinweg, weit hinaus auch über die Grenzen seines Vaterlandes, er- 
folgreich tätig ist an der harten und unerläßlichen Arbeit für die Höhe und 
die Sauberkeit des Kulturlebens — an der Arbeit für die Menschlichkeit des 

Mensclien". 

S i g 8 r i 8 t betont, daß wir alle Störungen des Menschen und des mensch- 
lichen Zusammenlebens umso wirkungsvoller bekämpfen müssen, je mehr 
wir wirkliches Wissen von ihnen besitzen. Der Erfolg unseres Handelns 
hängt aber doch nicht rein vom Stand unserer Wissenschaft ab, sondern von 
vielen Faktoren, darunter besonders von der wirtschaftlichen und weltan- 
schaulichen Lage des Einzelnen und des Volkes. Wirkliche Hygiene wird erst 
dadurch möglich, daß sie durch die Erziehung vorbereitet ist. Nach einer 
historischen Analyse zahlreicher Faktoren, die im Laufe der letzten 1000 Jahre 
auf Gesundheit, Krankheit und Sterblichkeit einwirkten, versucht S i g e r i s t 
nachzuweisen, welche hohe Bedeutung die sozialhygienischen Bestrebungen 
Amerikas und Sowjetrußlands für eine großzügige individuelle und kollektive 
körperliche und seelische Hygiene haben. 

Es ist schade -— Zangger ist Vertreter der Unfallmedizin — , daß kein 
Mitarbeiter die psychologische Problematik des Unfalls behandelt hat, Blum 
(Bern) hat darüber kürzlich als Analytiker publiziert, sein Aufsatz würde 
dieses "Sammelwerk gut ergänzen. Der Raum verbietet, die anderen Original- 
beiträge zu nennen oder zu referieren; sie enthalten kaum Ergebnisse, die 
unmittelbar zur psychoanalytischen Pädagogik Beziehung haben. 

Meng (Basel) 



Zeitsdirift für psydioanalytisAe Pädagogik, IX. Jahrgang, Heft 3 

INHALT: 

über HodiBlapler und Verwahrlost.:. Etnc DIsK.iJisit.ii <lci- SdiwelzerJadien Gesellsdiaft für Psjdio- 

aiialyse über den narziütüidi-trleblmflen Charakter. 
Hans Zullieer: Bcrichteund Gedaiikpniur Erörterung des narzißtisch-triebhaften Charakters 149 
Heinrich Menc: Znr Psychologie des triebhaften Narziütpn 169 

DISKUSSiONSBEITRÄGE VON 

Gustav Bally jg2 

Arthur Klclhnlz jgj 

Oskar Pflster .'. \ ........ I8i 

BERICHTE 

Sigm. Freud: Die Verbrecher aus Schul dbewuÜtsein I93 

Karl Abraham f: Die Geschichte eines Hochstapler* Im Lichte psychoanalytischer Erku-nntnls 195 

Sigm. Freud: Das Fakultälsgutachten im ProicD Ilnlsmann 208 

Verzeichnis der di^utsch sprach igen psychonnalytischeri Lilcratur über Verwahrlosung und 

KrimiiLiil[)5yclioloeie 210 

„Erziehung mir seelischen Gesundheit" 214 

BÜCHER UND ZEITSCHRIFTEN 

Alois l''iiiik: Film und Jugend (Hoffer-Scliaxel! 215 

Heinrich Metig: Strafen und Eri.iehen (Bernfelilj 2lß 

Hans Ilhyn; l-i-islet die Schule, was man von ihr verinngen muß? (Meng) 217 

Seh weizerisches Medizi nisches Jahrbuch 1955 fMcng) 218 

Heinrich Zan gger- Festschrift, Jyjs {Meng) 219 



IBillige Neuauflage! 

GEORG (; RODDECK 

DAS BUCH VOM ES 

Psydioanalytisdie Briefe an eine Freundin 
3. AuUage, 1934. 3,3 Sei.cn. 

In Leinen HM 6. — 

Ein Breviarium des Freudianisniiis für alle Wissenschaftsverächter. Der Bricf- 
schrei])er nennt sich Patrik Troll und macht diesem lustigen Namen alle Ehre, 
pfeift auf die Wissenschaft, schreibt aiiuisanl. geistreich, kritiklos imd mit der 
üblichen Hntdeckerfreude. Es gelingt ihm mühelos, auf alles den sexuellen Reim 
in finden. Dieser Patrik Troll hat für die Analyse ein so kurzweiliges Repetitoriiim 
geschrieben, wie es sonst wühl noch kein Wissenszweig hat. Die Herren Kollegen 
werden sich vielleicht darüber iirgern. die Laien aber werden verblüfft lind be- 
wundernd staunen über die fröhliche Ungeniertheii und Offenheit in der Art des 
sechzehnten Jahrhunderts, Und weil dieser derbe Stil damals docli vielleicht so 
eine Art geistiger Exhibiliunisinus war. so wird der Verfasser sich über die Wir- 
kung auf seine Leser königlich freuen. (^^.^^ Zürichtr Zdiun 



BÜCHER DES WERDENDEN 

HQrsvsQQQeben von Paul Fsdsrn, Wien, und Heinrich Meng, Basel 



Soeben erschienen 
Band VIII 

ANNA FREUD 

EINFÜHRUNG IN DIE PSYCHOANALYSE 
FÜR PÄDAGOGEN 



^us dem Inhalt; 



Zwniie Aujlage 



Das Vergesseu von Kiiidlicifspricbnidst;!!, Ti'ieblebcn, Vorpiiberlät 
und ßeirung, Psychoanalyse imd Pädagogik. 

„Anna Freud vermittelt allen Erziebiingsbeflissenen aus der Seelcn- 
lehre ihres Vaters das, was ihnen bei ilirer Arbeit helfen kann: nämlich 
die seelische und erzieherische Auswerliing frühtster, ins Unbevviißte ver- 
sunkener Kindheitserlebnisse, die in ihren Auswirkungen aber den Clia- 
rakter und die Eriielibarkeit entscheidend beeinflusBcn. Sie begnügt sich 
nicht mit den sichtbaren seelischen , Leistungen" Uer Zöglinge, Sündern 
benutzt die Analyse zur Dechift'rierung von Charakteräußeruugen, die 
uns ohne Zurückgehen auf ihr erstes Zustandekommen oft rätselhaft und 
zusammenhanglos erscheinen und die Erziehung erschtveren, wenn sie 
unerkannt bleiben." Ehjelder Zeiluiig. 

Leinen R;>I 3.70 



Band X 

HA N S Z U LLI GER 

SCHWIERIGE SCHÜLER 

Acht Kapitel zur Theorie und Praxis der tiefen psj'chologlsclien Er- 
zich ungsberatung und Erzich ungshiHc 

Aus dem Inhalt: 

I. Einleitung, Einteilungen, Fragestellungen, Übersichten. If. Unter- 
scheidungen. Dissuiiales Symptom und dis.'oiiule Grundlnge^ Dressur und 
Erziehung; Milieuwechsel als heileriieherisches Mittel. III. Diskussion 
des Mittels „Milieuwechsel". Vom Aufbau der seehscheii Personlithkeit. 
Zivilisierung und Kultivierung. IV. Die Freud'sctie Psychologie in der 
Praxis der Erziehungsbilfe. V. HersteOung der günstigen Übertrngimg. 
Assoiiations- und Spieltechnik. VI. Eiubeiug iles Rorschach'schen Test- 
versuchs ins Arbeitsfeld des Erziehungsberalers und -ht'lfcrs. Abgrenzung 
seiner Leistungen im Vergleich mit der pädanaly tischen Methode. VH. Zu- 
sammenfassung. Paar-Bciiebung und das Verhältnis von Gemeinschaft 
und Führer. Gefahren der Bindung: das jiiclithewuQte, passive Erleiden 
und das bewußte, aktive Handhaben der Uberlragung. VIII. Über den 
Bereich der psychoanalytischen Erziehungsberatung und -hilfe. 

Leinen RM 7.S0 



VERLAG HANS HUBER IN BERN 



Eifienlüm«, Herousgeber und Verleger: Internationaler Psych üBnalj lisch er VerJag, Gestllschafl m.b.H., Wien 1, Börat- 

^nste II, — Verantwortlicher Redakteur: Dr. Wilhfilm HoifKr, Wien 1. Dorolheerg. ?, Druck von Emil M. Enfiel. 

Druckerei und VprlaHsanstiilt, Wipn I, In der Bür-^e. 

Priiiled in Anstrla 



BÜCHER DES WERDENDEN 

HerausgegeDen von Paul Federn, Wien, und Heinrich Meng, Saael 



Soeben erschienen 



Band VIII 



ANNA FREUD 



EINFÜHRUNG (N DIE PSYCHOANALYSE 
FÜR PÄDAGOGEN 



JX. Jahrg. 



Mai— Juni 1935 



Heft 3 



Aus dem Inhalt; 



Zweite AuJLage 



Das VergeBSCii von Kindhoifsericbnisseii. Triebleben, Vorpuberlät. 
und Reifung, Psychoanalyse und Pädagogik. 

„Anna Freud vermittelt allen Elrzieliuijgsbeflissene:! aus der Seelen- 
lehre ihres Vaters das, was ihnen bei ihrer Arbeit helfen knnn: iiamliuh 
die seelische und erzielieriscbe Auswertung frühester, ins Unbewußte ver- 
sunkener Kindheitserlebnisse, die iii ihren Auswirkungen aber den Gtia- 
rakter und die Eriiehbarkcit entsclieitleiid beeinflussen. Sie begtiiigl sich 
nicht mit den sichtbaren seelischen .Leistiuigen" der Zöglinge, sondern 
benutit die Analyse zur DBchiffriening von Charakteräußenuigen, die 
uns ohne Zurückgehen auf ihr erstes Zustandekommen oft rätselhaft und 
zusammenhanglos erscheinen und die Erziehung erschweren, wenn sie 
unerkannt bleiben." Eisfelder Zäiung, 

Leinen RM 3.70 



Band X 

HANS ZU LLI GER 



SCHWIERIGE SCHÜLER 



Acht Kapitel zur Theorie und Praxis der tiefenpsycliologlschen Er- 
zieh ungsberätung und Erzieh imgshilte 

Aus dem Inhalt: 

I, Einleitung, Einteilungen, Fragestellungen, Übersichten. 11. Unter- 
scheidungen. DissDziales Symptom und disso7,iüle Grundlage; Dressur und 
Erziehung; Milieuwechsel ols heilcriieherisches IMittel. III. Diskussion 
des Mittels „Milieuwechsel". Vom Aufbau der seelischen Persönlichkeit. 
Zivilisierung und Kultivierung. IV. Die Freud'sclie Psychologie in der 
Praxis der Erziehungslulfe. V. Herstellung der günstigen Übertragung. 
Assoiiations- und Spieltechnik. VI. Einbezug des R.Drschaeh'schen Tesl- 
versuchs ins Arbeitsfeld des Eriiehungsberaters und -helfers. Abgrenzung 
seiner Leistungen im Vergleich mit der padanaljtischon Methode. VII. Zu- 
sammenfassung. Paar- Beziehung und das Verhältnis von Gemeinschaft 
und Führer. Gefahren der Bindung: das uichtbewußte, passive Erleiden 
und das bewußte, aktive Handhaben der Übertrugung. VIII. Über den 
Bereich der psychoanalytischen Eriiehungsberatting und -hilfe. 



Leinen RM 7.80 



VERLAG HANS HUBER IN BERN 



Zeitsdi 
psydioa 
Päda 




p 

1 



über 

Hochstapler undVerwahrloste 

Eine Diskussion der Sdiweizerisdien Gesell- 
schaft für Psydioanalyse 
über den narzißtisch-triebhaften Charakter 

mit Beiträgen von 

G. Bally, A. Kielholz, H. Meng, O. Pfister und H. Zulliger 

Berichte 



Eifienliim«, HerEUjgeber und Viir\ngrT: Inlcmallonaler PijchoHnD Lyn scher Verlag. Gesellschaft m.b.H.. Wien l, Börje- 

eaiip 11, — Verantw örtlich er Redakteur: Dr. Wilheira Hofler, Wien I. Dorothcerg. 7. Dniclt von Emil M. Engel. 

DruclLerei und V'.rlüesnnitfllt. Wien 1. in der RÖr«e. 

Prijilcd in Anstri.t 



Preis dieses Heftes Mark 2*—