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Full text of "Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik I 1926 Heft 3"

Eltern als Erzieher 

Eine Aufsatzreihe von Dr. Wilhelm Reich, 
Assistent am Psychoanalytischen Ambulatorium in Wien 

I 

Der Erziehungszwang und seine Ursachen 

Vor kurzem wurde ich von einer bekannten Dame um Rat gefragt, welche 
Maßnahmen sie bei der Erziehung ihres jetzt a% Jahre alten Töchterchens 
ergreifen solle, das Kind sei seit einiger Zeit trotzig und eigensinnig, schreie 
maßlos bei geringfügigen Anlässen, setze sich z. B. mitten auf der Straße nieder 
und sei weder durch Zureden noch mit Strenge nach Hause zu bringen. Ich 
schicke voraus, daß die Mutter, die analytischen Kreisen nahesteht, über die Psycho- 
analyse vollkommen orientiert ist, den gefundenen Tatsachen viel Verständnis 
entgegenbringt und seit der Geburt des Kindes bestrebt ist, die Konsequenzen 
aus ihrem Wissen zu ziehen, was ihr freilich nicht immer gelingen will. 

Ich wähle dieses Beispiel zur Einführung unter vielen anderen, weil sich in 
der Erziehung dieses Kindes die bestmöglichen Bedingungen für eine günstige 
Entwicklung zusammengefunden haben. Daß das Kind eines Säufers und einer 
unglücklichen Frau aus Gründen des Milieus zu schwerem seelischen Schaden 
kommen muß, ist klar und in der neueren pädagogischen Literatur oft behandelt 
worden. Wichtig ist, daß unter den denkbar besten Umständen Erziehungs- 
probleme auftauchen, die sich aus der unbewußten Einstellung des Erziehenden 
zum Kinde ergeben und aus diesem Grunde schwer zugänglich sind : Das Wissen 
läßt sich nicht ohne weiteres in Handeln umsetzen. Man wird daher begreifen, 
daß hier gar nicht erst versucht werden kann, das Problem der Erziehung vom 
Standpunkt des „Was soll man tun?" anzugehen, — das wäre, da ich nicht 
Erzieher, sondern Seelenarzt bin, von vornherein verfehlt, — es ist angezeigt, 
sich auf die Untersuchung der psychologischen Voraussetzungen der Erziehung 
und auf die Analyse der Erziehungsmängel zu beschränken, ehe man an die 
Frage des „Soll" herantritt. Denn der oberste Grundsatz der Psychoanalyse ist, 
daß man erst gründlich verstehen müsse, ehe man handelt. 

Mit meinen anspruchslosen Beiträgen zur Psychologie des Erziehers folge ich 
den Spuren des Pädagogen Bernfeld, der wiederholt, zuletzt in seinem geist- 
reichen Buche „Sisyphos oder die Grenzen der Erziehung " / in erster Linie die 

1) Internat. Psychoanalytischer Verlag 1926. 

-65- 



INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



J 



„Erziehung des Erziehers" gefordert hat. Ich schließe mich ihm rückhaltslos an 
muß aber die Frage der Erziehung von einem anderen Standpunkt aus betrachten 
als er, nämlich nicht von dem des Pädagogen, der der Gesellschaft verantwortlich 
ist, sondern von dem des Arztes, der in erster Linie an der Entstehung und 
Heilung der Neurosen interessiert ist. 

Um zum Thema zurückzukehren: Die betreffende Dame vermied von Anbeginn 
allzu strenge Erziehungsmaßnahmen und verwirft die Prügelstrafe. Sie ist sich 
andererseits der üblen Folgen einer allzu milden, durch Ängstlichkeit ins andere 
Extrem verfallenden Haltung gegen das Kind bewußt. „Sonst habe ich manche 
Schwierigkeiten glücklich überwunden, wie zum Beispiel die Neigung des 
Kindes zum Bettnässen, die vor einem Jahr einige Monate lang bestand. Da 
ich nämlich gesehen hatte, daß mein Ermahnen und Ausschimpfen nichts half, 
und ich andererseits die Überzeugung habe, daß zumeist nur Prügel das Kind 
zum chronischen Bettnässer machen, versuchte ich es mit völliger Nichtbeachtung. 
Das Bettnässen hörte allmählich ganz auf. Aber ich kann doch das Sträuben 
des Kindes, abends den Park zu verlassen, nicht unbeachtet lassen!" 

Die Situation war unklar genug: war die Mutter an dem Trotzausbruch des 
Kindes schuld oder nicht? Von der Erfahrung ausgehend, daß bei unklar 
bleibenden Schwierigkeiten in den Analysen Erwachsener die Schuld gewöhnlich 
am Analytiker liegt, und da das Verhältnis: Analysand — Analytiker vieles mit 
dem Verhältnis: Kind — Erzieher gemeinsam hat, bat ich sie, mir den letzten 
Trotzausbruch und seine Anlässe genau zu schildern. Meine Absicht erratend, 
meinte sie, sie wäre sich keiner Schuld bewußt. Das Kind hätte fröhlich gespielt 
und wäre ihr willig bis zum Gartentor gefolgt. Da hätte es aber, vermutlich 
aus Müdigkeit, gebeten, getragen zu werden. Sie verweigerte dem Kinde, in der 
Absicht, es nicht zu verwöhnen, die Erfüllung der Bitte, denn „vom Gartentor 
bis zur Haltestelle der Elektrischen ist nur ein ganz kurzes Stück". Als das 
Kind zu rebellieren anfing, gelang es ihr, es durch eine Erzählung abzulenken. 
Als sie es aber in die Straßenbahn heben wollte, fing es an zu schreien — die 
Mutter sagte „brüllen", — beruhigte sich dann wieder und fing von neuem 
an, als es von der Endstation das kurze Wegstück zum Hause gehen sollte. Als 
ihm das Getragenwerden wieder verweigert wurde, setzte es sich auf den Boden 
und wollte nicht weitergehen. Als die Mutter es dann schließlich doch auf den 
Arm nahm, kratzte es sie ins Gesicht und schlug schreiend mit den Beinen um 
sich. Im Zimmer schrie es, allein gelassen, eine volle Stunde aus Leibeskräften, 
wollte sich nicht entkleiden lassen, aß nichts und schlief erst ein, als es vor 
Müdigkeit nicht mehr weiter konnte. Am nächsten Tage zeigte es keine Spuren 
der Erregung vom Vortage. 

Bei der Erzählung fiel mir auf, daß die Mutter so nebenhin bemerkte, sie 
hätte das Kind nicht tragen wollen, „um es nicht zu verwöhnen". Sie hatte es 
also erziehen wollen. Hier mußte, wenn überhaupt die Schuld an ihr lag, der 
Fehler verborgen sein. Im Verlaufe des weiteren Gesprächs fügte sie wie bei- 
läufig hinzu: „Übrigens muß ich gestehen, daß mir das Kind bereits zu schwer 
wird und ich es die lange Strecke bis zur Haltestelle nicht tragen wollte. 

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Endlich ein Lichtpunkt: Für das Kind war also die Strecke kurz, für sie 
lang. Dieser Widerspruch konnte nicht ohne Bedeutung sein. 

„Haben Sie sich über das Kind geärgert?" „Nein." Das schien sonderbar, 
denn ein Kind, das renitent ist, erregt Ärger. Ich äußerte meinen Zweifel- durch 
folgenden Widerspruch verriet sie sich: „Nein, ich habe mich bestimmt nicht 
geärgert, denn ich habe dem Kinde nichts getan, ich habe ihm auch nichts 
gezeigt, sondern im Gegenteile gütig zugeredet. " Ich machte sie auf diesen 
Widerspruch und auf ihre verschiedene Beurteilung der Weglänge, die zurück- 
zulegen war, aufmerksam. Sie wollte den Widerspruch erst lange nicht begreifen, 
bis ihr einfiel, daß sie sich nach dem Verlassen der Elektrischen, als das Kind 
wieder schrie, gedacht hatte : „Nun aber just nicht." 

Welches Motiv mochte die sonst so einsichtsvolle Mutter gehabt haben, ihren 
Ärger über das Kind zu „verdrängen"? War ihr der Gedanke peinlich, daß sie 
selbst trotzig gewesen war? Auf mein Befragen fiel ihr ein, daß sie ihren Mann, 
der kurze Zeit später heimkam, mit folgenden Worten begrüßt hatte: „Du, ich 
werde mit deinem Kind gar nicht mehr fertig." In den letzten Tagen hatte im 
Verhältnis zum Gatten eine jener anscheinend unmotivierten Verstimmungen 
Platz gegriffen, die in jedem dauernden Verhältnis zwischen zwei Menschen, auch 
im besten, von Zeit zu Zeit aufzutreten pflegen. Sie hatte ihren Ärger über das 
Kind verdrängt, weil er sich mit dem bedeutungsvolleren über den Gatten 
verbunden hatte („dein Kind"), das hat sie gehindert, das einzig Richtige zu 
treffen, nämlich das Kind, das wirklich müde war, das kurze Wegstück zu trafen. 
An diesem kleinen Beispiel sieht man deutlich, wie der Zwang, zu erziehen, 
zustande kommen kann: eine akute Störung im Verhältnis der Eltern zueinander 
bedingt eine momentane Ablehnung des Mannes und „seines" Kindes; diese 
wieder führt zu einer für das Kind unnötigen Versagung, die für das 
Bewußtsein mit einem erzieherischen Zweck rationalisiert wird ; das Ganze ruft beim 
Kinde eine Trotzreaktion hervor. Die Analogie zwischen dem „Erziehungs- 
zwang und krankhaften Zwangserscheinungen kommt auch darin zum Ausdruck, 
daß beiden als Triebkraft eine verdrängte Haßregung zugrunde liegt. 
Die Mutter legte mir noch zwei Fragen vor: 

1) was man bei ähnlichen Reaktionen auf notwendige Versagungen tun 
soll, so etwa, wenn das Kind abends den Park nicht verlassen will, und 

2) ob die beschriebene Reaktion des Kindes nicht bereits eine krankhafte 
gewesen sei. 

Ad 1) Um die Wirkungsweise der Versagungen auf das Kind zu verstehen 
muß man die fundamentalen Gegensätze zwischen der kindlichen Seele und der 
des Erwachsenen, die von Freud entdeckt wurden, in Rechnung ziehen. 

Denken und Handeln des Kindes folgen nämlich anderen Gesetzen als das 
des Erwachsenen. Während für diesen das Realitätsprinzip fast ausschließlich 
maßgebend ist, wird das Kind gerade im kritischen Alter nur vom Lustprinzip" 
beherrscht. Innere Mahnungen, wie etwa „das gehört sich nicht", kennt es nicht; 
wenn sie von außen kommen, begreift es sie nicht. Wertvoll ist ihm nur, was 
Lust bringt, und es lehnt ab, was ihm unlustvoll ist. Das ist seine biologisch und 

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psychologisch wohlbegründete Logik. Die Unlustreaktion stellt sich infolge des 
„Lust-Unlust-Prinzips" automatisch überall dort ein, wo das Streben nach Lust 
auf Hindernisse stößt. Diese Hindernisse sind ja zumeist Verbote der Eltern und 
Erzieher, welche Einschränkungen des triebhaften Wollens bedeuten. Das Kind 
reagiert naturgemäß ablehnend; nur die Form der Ablehnung ist je nach 
Alter und Temperament verschieden; ihr Wesen bleibt immer gleich: Es ist ein 
Gemisch aus Haß und Trotz gegen denjenigen, der die „Versagung" 
zufügt. Die Erziehung besteht nun darin, daß das primitive, einzig auf Lust- 
gewinn gerichtete Streben des Kindes eingedämmt und bis zu einem gewissen 
Grade durch Triebhemmungen ersetzt wird. Freud 1 hat nun des weiteren 
gezeigt, daß diese Hemmungen, die den Keim der späteren „Moral bilden, von 
der Außenwelt eingepflanzte Instanzen sind, während wir im Luststreben ein 
primäres biologisches Phänomen vor uns haben. Es ist nutzlos, zu fragen, ob ein 
neugeborenes Kind kultivierter Eltern, das auf einer einsamen Insel ausgesetzt 
würde und sich selbst erhalten könnte, moralische Hemmungen entwickeln würde. 
Man möchte aber die Frage verneinen. 

Wenn nun die Moral eine sozusagen „unnatürliche Haltung ist, was bedingt 
dann ihre überragende Macht (in erster Linie als Gegner der Sexualtriebe)? Auch 
hier hat Freud empirisch gewonnene Aufklärungen gegeben. Die Moral 
konnte nur deshalb so stark werden, weil sie ihre Kraft aus den Trieben selbst 
schöpft, und nicht weil sie, wie man bis dahin glaubte, ein angeborenes Streben 
ist, wie etwa das Luststreben. Wenn das Kind zum Beispiel seine Lust am Spiel 
mit den Fäkalien aufgibt, so geschieht es der geliebten Mutter zuliebe. Es 
wird also seinem Luststreben zufolge „moralisch". In dem Maße, als das Kind 
seinen Erziehern zuliebe die Forderungen der Gesellschaft zu den eigenen macht, 
verändert sich sein Ich, es hört allmählich auf, reines Lust-Ich zu sein, und paßt 
sich der Realität an. Diese Anpassung beruht im Beginne völlig auf Lustgewinn, 
allerdings einem gemäßigten, mehr altruistischen und sozial bedeutsameren. Man 
versteht nun leicht, daß es nicht so sehr darauf ankommt, daß die kulturellen 
Forderungen sich im Kinde einwurzeln, als auf welche Weise das geschieht, 
ob die Versagungen derart sind, daß sie mit dem Luststreben ein gangbares 
Kompromiß schließen können. Daraus ergibt sich, daß eine lieblose Erziehung 
nur eine künstliche Realitätsanpassung erzielen wird. Die durch Strenge 
allein entstandenen Hemmungen werden stets zu Konflikten in der seelischen 
Organisation Anlaß geben und eine Vereinheitlichung der Persönlichkeit 
behindern, weil sie Fremdkörper bleiben. 

Der Erziehungszwang äußert sich nicht nur in den unnötigen Versagungen, 
er ist auch in der Art zu erkennen, wie die Erzieher die notwendigen Trieb- 
einschränkungen vornehmen. Und da kann man zwei Grundtypen unterscheiden: 
1) Die Triebäußerungen des Kindes werden von allem Anfang an 
streng unterdrückt. Die Eltern halten jede primitive Triebregung bereits für 
krankhaft oder für ein Anzeichen einer Bösartigkeit und erzielen durch ihre 

1) Vergl. Freuds Untersuchungen über die Entstehung der Moral (des „Über- 
Ichs") in „Das Ich und das Es", Internat. PsA. Verlag 1923. 



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Maßnahmen, daß das Kind einen triebgehemmten Charakter pathologischer 
Art entwickelt: Lähmung des Affektlebens in sexueller und sozialer Hinsicht, 
Erschwerung des Kampfes ums Dasein und gehemmte Sublimierung sind seine 
Kennzeichen. Da sich der Trieb erst entfalten muß, ehe er sublimiert werden 
das heißt, sich kulturellen Zielen zuwenden kann, wirken solche frühe 
Versagungen auch sozial schädlich. 

2) Infolge nachlässiger Beaufsichtigung oder Verzärtelung 
gelangen die Triebe des Kindes voll zur Entfaltung. Da die 
notwendigen Versagungen im Beginne fehlten, sind die Ansprüche des Kindes 
zu schädlicher Stärke angewachsen. Nun pflegt die Erziehung des „verzärtelten" 
oder „ungezogenen" Kindes gerade dann mit Vehemenz einzusetzen, wenn 
nichts mehr zu machen ist. Die zunehmende „Ungezogenheit" des Kindes 
fordert zu immer strengeren und brutaleren Maßnahmen heraus; diese können 
zwar nicht mehr nützen, schaffen aber einen schweren Konflikt im Kinde, 
dessen Grundelemente die nicht zu bändigenden Triebe, der Haß gegen die 
brutalen Eltern und die Liebe zu ihnen sind. Diese Tatbestände finden sich 
am klarsten bei triebhaften psychopathischen Charakteren. 1 

Weder die totale Triebhemmung noch die zu spät und dann notwendigerweise 
brutal einsetzende Versagung zeugt vom Verständnis der Erzieher für den Kon- 
flikt: Kind-Welt. Als Optimum erweist sich — zunächst theoretisch — eine 
derartige Einwirkung, daß die Triebe bis zu einem gewissen Grade zur Entfaltung 
zugelassen werden und die Versagungen dann allmählich, immer getragen von 
guten Beziehungen zum Kinde, erfolgen. Hat man in den ersten zwei Lebens- 
jahren des Kindes schwere Fehler begangen, so wird sich später kaum viel 
korrigieren lassen. Die Aufgaben der Erziehung beginnen bei der Geburt. 

Daß man einem Kinde nicht nachgibt, das abends den Park nicht verlassen 
oder die Mahlzeiten nicht regelmäßig einnehmen will, gehört zu den notwen- 
digen Versagungen. Diese unterscheiden sich von den unnötigen dadurch, 
daß sie nicht allein dem Interesse der Gesellschaft, sondern auch dem Kinde 
dienen. Bliebe es, wie es geboren wurde, gleich primitiv, egoistisch, nur 
luststrebend, es ginge später im Kampfe ums Dasein unter. Das Kind soll ja 
schon früh erfahren, daß es nicht allein da ist, daß es Rücksicht nehmen muß, 
denn es bedarf der Selbstbeherrschung für später, zu seinem eigenen Wohle. 
Solange die Erziehung im Zeichen einer nicht faßbaren, angeblich „objektiven" 
Moral ausgeübt werden wird, werden die notwendigen Versagungen, wenn 
nicht brutal, so doch unzweckmäßig ausfallen. Was sind notwendige Versagungen? 
Nur solche, die diejenigen Triebe des Kindes, die seine soziale Einordnung 
stören würden, einzudämmen und zu wandeln haben. Die natürliche Grausamkeit 
des Kindes muß sich zum Beispiel teilweise in Mitleidsempfinden, teilweise in 
soziale Aktivität verwandeln. 

Aber mit dem Begriff der „sozialen Einordnung" als Erziehungsziel ist wenig 
anzufangen. Man merkt gleich, wie unklar dieser Begriff ist, wenn man bedenkt, 

l) Vergl. Reich: Der triebhafte Charakter, Wien, Internat. PsA. Verl. 1925. 

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daß der Reiche mit ihm notwendigerweise anders begreift als der Arme, und 
daß die Erziehungsziele sich ganz allgemein mit Ort, Zeitalter und Klasse 
ändern. Hier entscheidet praktisch die Weltanschauung, und man wird sich 
sagen müssen, daß jeder von seinem egoistischen Standpunkt als Erwachsener 
recht hat. Eine Einigung über das Kind kann hier nicht erzielt werden. Anders 
ist es, wenn man das Erziehungsproblem vom ärztlichen Standpunkt aus 
betrachtet, also etwa von der Frage der Neurosenverhütung ausgeht. 
Soweit die bisherigen Ergebnisse der psychoanalytischen Forschung zu überblicken 
sind, läßt sich kein Mittel feststellen, wie dem neurotischen Konflikt auszuweichen 
wäre. Er ist von Wirtschaftslage, Klasse, Nation und Rasse unabhängig, kommt 
durch weit primitivere Umstände zustande, die mit der Kind-Eltern-Beziehung 
gegeben sind (Ödipuskomplex), und nur sein Resultat, die Neurose, hängt in 
ihrer Form und Schwere von der Art der akzidentellen Erlebnisse, insbesondere 
vom Charakter der Eltern ab. Ganz allgemein ist die Schwere einer seelischen 
Erkrankung proportional der Anzahl der notwendigen und der unnötigen 
Versagungen und der Strenge, mit der sie zugefügt wurden. 

Ad 2) War die Reaktion des Kindes krankhaft? So gestellt, ist die Frage 
nicht zu beantworten. Die Trotzreaktion an sich war natürlich und in sich logisch. 
Nur die Intensität der Reaktion könnte als „neurotisch angesehen werden. Aber 
auch hier ist zu bedenken, daß das Kind ja provoziert worden war, daß der Trotz 
der Mutter den des Kindes steigerte. In diesem Falle hatte die Mutter nur wegen 
eines akuten Konfliktes das Verständnis für die Situatian nicht aufgebracht. 
Sonst ist es eine Grundeigenschaft der Eltern, wie der Erzieher im allgemeinen, 
das Kind von sich aus zu beurteilen, ihm das gleiche Verständnis für die 
Unrealisierbarkeit seiner Wünsche zuzumuten, wie es Erwachsene besitzen. 
Weil das Verständnis fehlt, wird jede Äußerung des Lustprinzipes als Krank- 
haftigkeit oder Unart angesehen. Das hat offenbar seinen Grund darin, daß 
die Eltern durch jede Triebäußerung des Kindes an ihre eigenen verdrängten 
infantilen Wünsche gemahnt werden und die Triebhaftigkeit des Kindes eine 
Gefahr für die Aufrechterhaltung der eigenen Verdrän- 
gungen bedeutet. Diese Gefahr wird nun durch erzieherische Verbote 
abgewehrt, die deutlich das Gepräge des Erziehungszwanges haben. 

Ferner spielt der Ärger über das Kind eine wichtige Rolle. Auch der der 
Analyse unkundige Nervenarzt ärgert sich etwa über eine lahme Hysterika und 
läßt sie, wie er behauptet, zu Heilungszwecken faradisieren; im Grunde hält 
er sie für eine raffinierte Simulantin und straft sie dafür; er hat sie nicht 
verstanden, er vermochte es nicht, sich in sie einzufühlen, sich mit ihr zu „identifi- 
zieren". Die Mutter hatte das Kind für neurotisch, das heißt für bösartig gehalten 
und sich über es geärgert; aus dem gleichen Grunde wie der Nervenarzt alter 
Schule: sie sind einer Situation nicht gewachsen, in der sie handeln sollten. 
In solchen Fällen pflegt man leicht demjenigen zu zürnen, der einen in die 
unangenehme Lage versetzt, die eigene Unwissenheit oder uneingestandene 
Affektregungen zu fühlen. Obwohl nun das Gros der Eltern keine Kenntnis von der 
Eigenart des Kindes hat, sollen sie handeln, oder sie glauben zumindest, handeln 



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zu müssen. So kommt der Ärger über das Verlegenheit bereitende Objekt in 
der Art, wie sie die notwendigen Versagungen zufügen, und in der Zahl und 
Art der unnötigen erzieherischen Eingriffe zum Vorschein. 

Als krankhaft, beziehungsweise ungehörig wird ferner alles 
angesehen, was dem Erwachsenen nicht angenehm oder unbequem 
ist. So schieben die Eltern das Interesse am Wohl des Kindes vor, wenn sie 
ihre, von wo immer herstammenden Affekte in Erziehungsakten zu erledigen 
trachten. Mögen die Kinder noch so geliebt sein, sie werden gelegentlich auch 
als lästiger Ballast empfunden, bewußt oder unbewußt. Man wird dann dem 
Kinde böse und tut ihm leicht Unrecht. Man unterschätzt gewöhnlich das Rechts- 
gefühl, das das Kind von einem bestimmten Alter ab und seiner Persönlichkeit 
entsprechend entwickelt. Man erfährt in Analysen Erwachsener, daß sie als Kinder 
sehr früh bereits, etwa vom zweiten Lebensjahre ab, zu unterscheiden wußten, 
wann ihnen Unrecht geschah und wann die Forderungen der Erwachsenen 
berechtigt waren, mag ihre Reaktion auf die Versagung in beiden Fällen auch 
die gleiche geblieben sein. Im ersten Falle hatten sie das Empfinden, sich mit 
vollem Rechte dagegen zu sträuben, im zweiten nur einen Justamentstandpunkt 
behauptet zu haben. 

Das Empfinden des Unrechts haben die Kinder etwa dann, wenn die Eltern 
ihnen etwas verbieten, was sie in deren Gegenwart selbst tun. Das Argument, 
das bei solchen Gelegenheiten gangbar ist: „Du bist noch zu klein", begreift das 
Kind einfach nicht. Wie sollte es einsehen, daß es nicht mit dem Bleistift über 
das Papier fahren darf wie der Vater, wenn dieser ihm auf der anderen Seite als 
Vorbild hingestellt wird? Einerseits soll das Kind „brav", das heißt erwachsen, 
ruhig, bescheiden, folgsam sein, andererseits bekommt es immer dann, wenn es sich 
auch andere Rechte der Erwachsenen herausnehmen will, zu hören, daß es noch zu 
klein sei. Dem liegen zwei analoge Haltungen der Eltern zugrunde : Sie wollen ihre 
eigenen Ansprüche im Kinde verwirklichen, also sie möglichst früh erwachsen sein 
lassen, aber sie fordern auch, in ihren eigenen Rechten nicht gestört zu werden. 
Unbefriedigter Ehrgeiz der Eltern ist einer der wesentlichsten Motive 
des Erziehungszwanges. Man braucht bloß, um sich davon zu überzeugen, das 
Verhalten eines beliebigen Kinderfräuleins ihrem Zögling gegenüber im Park 
oder das Verhalten einer Mutter in der Sprechstunde des Arztes zu beachten. 
Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß der Erzieher etwas tun zu 
müssen, erziehen zu müssen glaubt, auch wenn es nichts zu erziehen gibt, und 
daß er es als persönliche Kränkung empfindet, als schlechtes Zeugnis für seine 
Erziehungskunst, wenn sein Opfer sich nicht „erwachsen'' benimmt. „Sitz gerade", 
„sei doch nicht so unartig vor dem Herrn Doktor", „sitz still", „schau doch den 
Doktor an", „sagihm doch guten Tag", „geh von dort weg", „komm her", „richte 
dein Kleid", „mach deine Hände nicht schmutzig", und so fort ohne Unterlaß. 
Ein Erwachsener könnte, wäre er einem solchen Erziehungsbombardement aus- 
gesetzt, kaum den stoischen Gleichmut aufbringen, wie manche — allerdings 
bereits neurotische — Kinder. Man staune nicht, wenn sich gesunde Kinder 
dagegen temperamentvoll wehren. 

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Bernfeld hat in seiner „Psychologie des Säuglings" 1 plausibel gemacht, daß 
die Motive der Säuglingspflege Haßregungen gegen das Neugeborene sind. Wie 
absurd das auch klingen mag, es erscheint schon deshalb richtig, weil wir unter 
den üblichen Erziehungsmaßnahmen wenige sehen, die nicht das Gepräge des 
Hasses, der Vergewaltigung hätten. Es lohnte sich eine eigene Abhandlung, um 
nachzuweisen, daß die weitaus überwiegende Mehrzahl aller erzieherischen Ein- 
griffe von der Art der unnötigen Versagungen sind und daß das Empfinden des 
Kindes, ungerecht behandelt worden zu sein, eine reale Basis hat. Eine Analyse 
der Erziehung als Neuroseäquivalent der Erwachsenen steht ebenfalls noch aus. 
Alle bekannten Konflikte, wie gekränkter Ehrgeiz, sexuelle Unbefriedigtheit, 
eheliche Zwistigkeiten, mit einem Worte alles, was sonst zum Inventar einer Neurose 
gehört, wirkt sich in der Erziehung am Kinde aus. Besonders wichtig ist, daß 
es sich hier in erster Linie um Haß handelt, der in jeder Neurose wie in jeder 
Konfliktsituation hochgetrieben wird. Es ist dann ziemlich gleichgültig, ob er als 
Roheitsakt eines Säufers oder als extreme Besorgtheit einer neurotischen Mutter 
zum Vorschein kommt. In beiden Fällen wird das Kind von unnötigen Ver- 
sagungen überschüttet. 

Zur Verdeutlichung des Gesagten einige Beispiele aus der analytischen Praxis, 
in der man ja nicht nur den Kranken, sondern auch sein Milieu analytisch 
begreifen lernt. Eine Patientin hatte nie mit anderen Kindern spielen dürfen, weil 
ihre Mutter, die allen Anzeichen nach eine zwangsneurotisch-syphilidophobe 
und unbefriedigte Frau war, fürchtete, daß sie sich anstecken könnte. Bei solcher 
übertriebenen Besorgnis fehlt als Motiv nie das Gegenteil, der Haß und der 
Todeswunsch. In diesem Falle war das besonders deutlich, weil das Kind immer 
die Partei des Vaters zu ergreifen pflegte, der mit der Mutter in schlechtester Ehe 
lebte. Die Mutter hatte wiederholt ihre eheliche Gebundenheit durch Mann und 
Kind laut verwünscht. — Der Vater einer anderen Patientin hatte diese immer 
zum Essen gezwungen, als sie die übliche neurotische Eßstörung der Kinder hatte; 
aber, auch das Erbrochene mußte gegessen werden; weigerte sie sich, so wurde sie 
in einer dunklen Kammer mit Ruten geschlagen. Auch hier eine trostlose, haß- 
erfüllte, Ehe, die Mutter war eine schwache, resignierte Frau, der Mann ein 
ausgesprochen sadistischer Charakter. — Ein anderer Patient war von seinem Vater 
gezwungen worden, obgleich er sich dazu gar nicht eignete, die Rechte zu studieren ; 
er sollte „Doktor" werden, weil es seinem Vater nicht vergönnt gewesen war, 
diesen Titel zu erwerben. 

Bei der Analyse der Patientin, die als Kind vom Vater so grausam zur 
„Eßordnung angehalten worden war, erfuhr ich auch einiges über die Motive, 
die einen dazu bringen können, Erzieher zu werden. Sie wollte nämlich an anderen 
Kindern gutmachen, was an ihr verbrochen worden war. Aber ihre unbewußten 
Rachetendenzen gegen ihren Vater störten sie in der Durchführung ihres 
bewußten Vorhabens derart, daß sie sich ihren Zöglingen gegenüber ausgesprochen 
sadistisch benahm. Sie hatte sich unbewußt mit ihrem brutalen Vater identifiziert. 

1) Wien, Springer, 1926. 

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Der Antrieb, die eigene Kindheit zu korrigieren, dürfte einer der typischsten 
Motive des Willens zu erziehen sein. Die eigene Kindheit korrigieren, kann 
aber für das primitive, unbewußte Denken nichts anderes bedeuten, als sich 
rächen, so daß zum Erziehungswillen ein unbewußt begründeter sadistischer 
Erziehungszwang hinzukommt. 

Bei anderen findet man als Motiv des Erziehungszwanges einen versagten 
frühkindlichen Kindeswunsch. Solche Frauen sind noch die relativ besten Erzieher, 
weil sie das fremde Kind an Stelle eines eigenen nehmen. Man kann aber häufig 
beobachten, daß der Wunsch, Erzieher zu sein, schwindet, wenn der Kindes- 
wunsch real erfüllt wird. 

Die bewußten Motive erweisen sich also als sekundäre Rationalisierungen. 
Daraus ergibt sich die große Schwierigkeit, dem Erziehungsproblem beizukommen. 
Es gibt kein anderes Mittel als die individuelle Psychoanalyse, den Erziehenden 
von der wahren Bedeutung und den wahren Motiven seines Tuns zu überzeugen. 
Wie wollte man jene Mutter, die ihr Kind aus der sozialen Gemeinschaft 
ausschloß, oder den ehrgeizigen Vater, der seinen untalentierten Sohn seelisch 
vergewaltigte, überzeugen, daß Haß und Egoismus ihr Verhalten bestimmten? 
Schon zum Schutze gegen sich selbst müssen sie davon überzeugt sein, daß sie 
„nur das Wohl des Kindes" im Auge hatten. Man wird dem entgegenhalten, 
daß das nur Ausnahmefälle wären. Unser einführendes Beispiel sollte aber doch 
zu denken geben. Eine analysierte, glücklich verheiratete, einsichtsvolle Frau 
begeht aus unbewußten Gründen einen groben Erziehungsfehler. Dieser Fehler 
ist, verglichen mit dem, was man allgemein in der Erziehungstaktik beobachten 
kann, kaum nennenswert und hatte doch bereits schwere Folgen nach sich 
gezogen. Nur die rasche Einsicht und Korrektur des Fehlers verhinderte, daß 
der Trotz sich fixierte. Wer bringt den Optimismus auf, zu hoffen, daß sich ein 
ähnliches Maß an Einsicht und Bewußtheit bei der Masse der Erzieher je 
einstellen wird? Das ließe hoffen, daß die Neurosen der Erwachsenen und ihre 
Äquivalente, wie die selbstverschuldete soziale Not und die unglücklichen Ehen, 
je zu existieren aufhören werden. Die Frage der Erziehung ist aber von der der 
Gesellschaftsordnung und der der Neurosen nicht zu trennen. 

Es ist mir bewußt, daß dieser Pessimismus wenig geeignet ist, zur Lösung 
der aktuellen Frage: „Wie soll man das Kind erziehen?" beizutragen. Aber ist 
anderes besser geeignet? Die Schule Alfred Adlers ist optimistisch an alle 
Erziehungsfragen herangetreten und glaubt mit ihrer Formel der Ermutigung, 
beziehungsweise des Vermeidens der Entmutigung, dem Problem gerecht zu werden. 
Kann das die Sachlage wirklich gründlich ändern? Was nützt aller eingeflößte 
Mut wenn die Mutter, unter der Herrschaft ihrer eigenen Onanieangst stehend, 
erschrickt, sobald sie das Kind onanieren sieht und gerade das Verkehrte tut, 
nämlich auch dem Kinde Angst einflößen? Steht ein Erwachsener unter der 
Herrschaft seiner infantilen Onanieangst, so wird keine ärztliche Suggestion ihn 
davon überzeugen, daß die Onanie in einem bestimmten Alter eine normale 
Erscheinung ist. Der glaubt es einfach nicht. Und was soll man einer Mutter raten, 
wenn man selbst noch nicht genau weiß, ob und wie man der normalen kindlichen 

- 73 -• 









Onanie begegnen soll? Nein, das Beraten ist nicht einfach, weil die seelische 
l Entwicklung ungeheuer kompliziert ist, weil zum Beispiel das Gewährenlassen 
) der Onanie ebenso gute wie böse Folgen haben kann. Mit dem Optimismus ist 
J es also nichts, er beruhigt nur das Gewissen der Erwachsenen und ist ein Symptom 
ihres Erziehungszwanges. Auf weite Sicht dürfte noch der berechtigte Pessimismus 
fruchtbarer sein; er zwingt zur Selbstkontrolle und führt so zu wertvollen 
Fragestellungen, während der Optimismus in der Erziehungsfrage die Schwierig- 
keiten nur verschleiert. 

Eine solche Schwierigkeit ist, daß Erziehung, wenn sie einen Sinn haben soll, 
Massenarbeit sein muß. Auf die Gesellschaft wird es kaum einen Einfluß üben, 
wenn in einer Millionenstadt fünf oder fünfzig Kinder richtig aufgezogen werden. 
Das wünschenswerte Optimum, eine rein sachliche, affektfreie Beurteilung der 
Erziehungsobjekte, wäre derzeit nur durch Analyse des Erziehers zu 
erzielen und kommt daher für die Masse nicht in Betracht. Es ist vorläufig nur eine 
utopische Vorstellung, daß es gelingen könnte, durch einzelne, ihrer selbst voll 
bewußte Erzieher Verständnis in die Massen der Erzieher zu tragen. Wenn Eltern 
und Erzieher wissen werden, aus welchem Grunde und wozu sie wirklich 
erziehen, wenn die maßgebenden Autoritäten zu glauben aufhören werden, daß 
sie in ihren Bestrebungen nur das „Wohl der Menschheit" im Auge haben, wenn 
die Masse wissen wird, daß das Verhältnis zwischen Kindern und Erwachsenen 
den Gegensatz verschiedener Welten bedeutet, dann — vielleicht — wird es 
eine Möglichkeit geben, an aktive Erziehungsmaßnahmen zu denken. 

Und bis dahin ? Die Hoffnungslosigkeit aller derzeitigen Erziehungsmaßnahmen, 
die Tatsache, daß, was immer man macht, man es verkehrt macht, ergibt 
außer der Forderung, die Erziehungsfehler zu erkennen und zu verstehen, nur 
eine negative Regel : Enthaltsamkeit in der Erziehung bis zum äußersten, 
Einschränkung der Erziehungsmaßnahmen auf die allernotwendigsten Ver- 
sagungen, Wissen, daß man sein Kind aus ganz natürlichen Gründen nicht nur 
liebt, sondern auch haßt. Und die Gefahren des Gewährenlassens? Sie dürften 
kaum größer sein als die, die der Erziehungszwang mit sich bringt. Wir müssen 
daran denken, daß die ursprüngliche lebendige Kraft, die der Erziehungszwang 
zähmen will, aus sich selbst heraus einmal Kultur geschaffen hat. Man darf 
großes Zutrauen zu ihr haben. Ist es zu gewagt, zu behaupten, daß sich das 
Leben seine notwendigen Daseinsformen selbst am besten zu schaffen vermag? 



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Der Kastrationskomplex beim Kinde 

Zwei Beobachtungen von Prof. Charles Baudouin, Genf 1 

I 

Linette, 15 Jahre alt, ist dasselbe Mädchen, über das ich früher (es war 
damals drei bis sieben Jahre alt) mehrere Beobachtungen habe machen können, 
die in meinen „Etudes de Psychoanalyse" aufgezeichnet sind. Sie war fünf Jahre 
als, als ihr kleiner Bruder geboren wurde. Bis dahin war sie das einzige Kind 
gewesen. Sie reagierte mit einer recht lebhaften Feindschaft. Mit 6 Jahren drückte 
sie ihre Gefühle für den Bruder unmißverständlich aus. Sie antwortete auf die 
Frage, ob man ihren kleinen Bruder in einem Schubkarren fortführen solle: „Ja, 
aber den Schubkarren wiederbringen ! Als Linette größer wurde, bemühte sie 
sich ernsthaft, sich besser zu ihrem Bruder zu stellen, aber die unbewußte Feind- 
seligkeit blieb trotzdem lebendig. Diese Feindseligkeit hatte in der letzten Zeit 
dadurch neue Nahrung erhalten, daß Linette in eine Pension gebracht wurde, 
während ihr Bruder zu Hause blieb. 

Als Linette wieder für einige Tage daheim war, setzte sie sich neben das Bett, 
in dem sie früher und ihr Bruder jetzt schlief, um zu lesen. Sie gebrauchte zum 
Aufschneiden der Blätter ein Messer, vergaß aber, es zu schließen, und, was 
besonders auffiel: sie legte es mitten in das Bett ihres Bruders, und zwar so, daß 
er sich beim Zubettgehen sehr leicht hätte verletzen können. Glücklicherweise 
bemerkte er es noch rechtzeitig. Nichts berechtigt zur Annahme, daß dieser 
Kastrationsversuch ein absichtlicher sei, im Gegenteil, man dürfte eher auf 
Zerstreutheit schließen. Aber ist diese Handlung nicht bezeichnend? 

Zur selben Zeit machte Linette mit erstaunlicher Hartnäckigkeit immer wieder 
einige ganz bestimmte orthographische Fehler, die in die Kategorie der Flüchtig- 
keitsfehler gehören, denn sie beherrscht die entsprechende Schreibweise durchaus. 
Dennoch blieben zahlreiche diesbezügliche Belehrungen fast ohne Einfluß auf 
diese Fehler. Sie bestanden darin, daß sie die stummen Schluß-s da fortließ, 
wo sie gesetzt werden müssen, und sie dahin schrieb, wo keine hingehörten 
(tu fera, il feras). Es muß dazu bemerkt werden, daß der Vorname des Bruder s 
auf die Buchstaben „es" endet (das s ist stumm), während der Name von 
Linette nur mit einem „e" schließt. Offenbar handelt es sich hier bei Linette 
um ein Symptom (Verschreiben). 

Um die Bedeutung dieses Symptoms ganz zu verstehen, muß erwähnt werden, 
daß Linette, als sie lesen lernte, die Konsonanten verbildlichte. Das S nannte sie 
eine Schlange und hielt diese Bezeichnung lange Zeit hindurch aufrecht. Das 
stumme S hieß „eine Schlange, die nichts tut". (Aus den Träumen von Linette 
ist ersichtlich, daß sie der Schlange die gewöhnliche Bedeutung zusprach.) Die 
Dinge sind also verwickelter, als es zuerst schien. Wie der Name des Bruders mit 
einer „Schlange, die nichts tut" behaftet ist, ebenso besitzt der Körper des Bruders 






il Aus dem französischen Original übersetzt. 

- 75 - 



jene Attribute des männlichen Geschlechts, die nicht weniger unbegreiflich sind 
als die „Schlange, die nichts tut". Man ahnt jetzt zwischen dem Vorfall mit dem 
Taschenmesser und den Flüchtigkeitsfehlern einen jener Zusammenhänge, wie sie 
die Psychoanalyse zwischen den verschiedenen Zerstreutheitshandlungen einer 
Person während eines bestimmten Zeitabschnittes gefunden hat. Linette benimmt 
sich so, als wolle sie ihrem Bruder etwas abnehmen und sich zulegen, was er be- 
sitzt und ihr fehlt, kraft einer unbegreiflichen Ungerechtigkeit. Sie fühlt sich von 
ihm übervorteilt und sucht sich zu rächen. 

Dieser Komplex ist, wie immer, vielseitig. Er enthält : das Verlangen, den 
Bruder zu beseitigen (wie durch den Ausspruch vom Schubkarren) ; ihm das Bett 
wegzunehmen und seinen Platz im Hause zu besetzen. Den „männlichen Protest" 
im Sinne Adlers, den Wunsch, ein Knabe und nicht ein Mädchen zu sein, endlich 
klassische Kastrationsphantasien. 



II 

Charles, 7 Jahre alt, hat einige nervöse Symptome, besonders Furcht vor 
Gewittern, einige ritenhafte Angewohnheiten (Hinstellen der Pantoffeln nach einer 
bestimmten Ordnung, Einschlafen in einer ganz besonderen Lage, um keine Fratzen 
zu sehen), einen heftigen Drang, mit Streichhölzern und mit Feuer zu spielen, 
was bei ihm eine Art angstvollen Bausches hervorruft (Angstlust). Diese letzten 
zwanghaften Neigungen stellten sich nach der Abgewöhnung (die ziemlich leicht 
war) einer vorübergehenden kindlichen Onanie ein. Außerdem hört man häufig 
Scherze über die Kastration aus dem Munde des Bruders. Auch scheint er stark 
an das „Verdauungsstadium" fixiert zu sein. (Analsadistisch.) Es sei erwähnt, daß 
er als ganz kleines Kind an Darmstörungen gelitten hat. Es gefällt ihm, sich sehr 
lange auf dem Abort aufzuhalten, und gerade dort kann er sich nur mit Mühe 
gegen den Drang, mit Feuer zu spielen, wehren, trotz aller Vorwürfe und Strafen, 
obwohl er sonst ziemlich fügsam ist. Der Lärm des Donners, der ihm so großen 
Eindruck macht, ist gleichwohl für ihn Gegenstand höchst zweifelhafter Witze, 
in denen er dieses Geräusch mit anderen, intimeren vergleicht. Das Gewitter ist 
ihm die Kolik irgend einer gewaltigen Persönlichkeit. Aber alle diese Gedanken 
sind bei ihm mit Vorstellungen von katastrophalen Bestrafungen und Zerstörungen 
eng verknüpft. Es ist leicht begreiflich, daß er sich sehr für Trompeten interessiert 
als Sublimierung des primitiven Interesses für weniger dezente Geräusche. So 
auch für Musik im allgemeinen. In Bezug auf die Trompeten war er besonders 
im Alter von sechs Jahren beunruhigt, da er fürchtete, beim jüngsten Gericht, 
wenn er tot und begraben sein werde, die Trompeten der Erzengel nicht zu 
hören, „und dann werde ich ihnen nicht zurufen können : gebt mir auch eine !" 

Er liest zurzeit ein mythologisches Buch, das ihm sehr gefällt. Was ihn am 
meisten darin anzieht, ist ein Bild, das einen furchtbaren Jupiter darstellt, der den 
Blitz aus den Gewitterwolken schleudert. Dieses Bild fasziniert ihn, er stellt das 
Buch, gerade an dieser Stelle geöffnet, so neben sein Bett, daß er es vor dem 
Einschlafen und beim Erwachen sehen kann. Ganz offenkundig hat er in dieses 

-76- 



Bild den „schrecklichen Vater" projiziert, der verbietet und straft. Man könnte 
das als Prometheus-Komplex bezeichnen. Dieser Komplex äußert sich schon in 
jenem Zwang, mit Streichhölzern zu spielen. Man weiß, daß dieser Komplex mit dem 
Kastrationskomplex eng verbunden ist. Es handelt sich darum, dem allmächtigen 
Vater sein Hauptattribut, das Feuer, zunehmen, und das bedeutet schließlich auch, 
ihn zu entmannen. Dieses Bestreben ist von einem starken Schuldgefühl begleitet 
und läßt immer eine Bestrafung nach dem Gesetz „Auge um Auge in Gestalt 
einer Kastration oder Fesselung (der gefesselte Prometheus) befürchten , und diese 
Furcht äußert sich in verschiedenen nervösen Angstzuständen, wie Z. B. in der 
Gewitterfurcht. 

Eines Tages muß Charles eine Seite aus der Mythologie abschreiben, wo 
gerade von Jupiter die Rede war. Er schreibt sie sorgfältig ab und macht nur zwei 
Fehler, aber — wohlverstanden — er macht sie nicht zufällig. Der eine steht im 
Namen „Jupiter", der andere im Wort „Donner", also im Hauptkennzeichen 
Jupiters. Diese beiden Fehler sind übrigens identisch und bestehen darin, daß 
jedes Wort eines seiner Buchstaben beraubt wird. Das Kind schreibt: „Jupter" 
und „tonnerr" (frz. tonnerre = Donner). Es ist noch nebenbei zu bemerken, daß 
die Schreibweise des Wortes „tonnerre" in der vorhergehenden Stunde, die der 
Vater gab, besonders besprochen wurde. Der Vater hatte das Kind besonders auf- 
merksam gemacht, daß dieses Wort gleichzeitig zwei n und zwei r enthalte, als 
Gedächtnishilfe hatte er hinzugefügt, daß diese Laute verdoppelt seien, damit 
beim Sprechen solche Geräusche entstünden wie beim Donner selbst. Der Knabe 
interessiert sich dafür, aber er reagierte offenbar mit der gegenteiligen Meinung. 
da seien zu viele Buchstaben. Zwar respektierte er die, auf welche man seine 
Aufmerksamkeit gerichtet hatte, findet es aber gut, einen anderen zu unterdrücken. 

Auf die scherzhafte Frage, was er denn diesem Jupiter abschneiden möchte, 
folgt die Antwort: „Die Hände, damit er uns nicht mehr mit dem Blitz 
treffen kann. 



Ein Mäddienstreit und seine tieferen Ursachen 

Von Hans Zulliger, Ittigen (Bern) 

Eine Familie war vom Nachbardorfe in unsere Gemeinde übergesiedelt. Sie 
schickte eines ihrer Kinder, ein dreizehnjähriges Mädchen mit Namen B er th a, zu 
mir in die Klasse. Dabei ergab es sich während der ersten Tage ihres Hierseins 
aus den Umständen, daß ich mich mit ihr eingehender beschäftigen mußte als 
mit den übrigen Schülern. Ich wollte mich darüber orientieren, mit wem ich es 
bei ihr zu tun hatte, wie ich sie intellektuell einschätzen konnte, wie weit sie 
in den einzelnen Fächern war, usw., und ich machte mit ihr den Rorschachschen 
Formdeuteversuch, damit ich Auskünfte erhalte über ihre Anlagen und ihren 

-11 - 



Charakter. Darum behielt ich sie schon am zweiten Tage nach der Schule im 
Schulzimmer zurück. 

Ein paar Tage darauf klagte mir Bertha unter Tränen, sie werde von einer 
Mitschülerin, Greti, arg verfolgt. Sie schmähe sie, spotte sie aus und behaupte 
seit sie in die Klasse eingetreten sei, gehe es nicht mehr gut, der Lehrer kümmere 
sich um niemand mehr als um sie, und sie sei eine Schmeichelkatze. Mit 
ihren Reden hetze Greti auch die anderen Schülerinnen gegen Bertha auf, sie 
könne sich keiner anschließen und fühle sich ganz vereinsamt. 

Ich tröstete Bertha, versprach, gelegentlich mit Greti zu „reden" und ver- 
sicherte der Klagenden, sie werde mit der Zeit schon Freundinnen finden. Sie 
solle nur Geduld haben, bis sie sich in die Klasse eingelebt und sich diese an 
sie gewöhnt habe. Es sei immer so, wenn man fortziehe und in ganz neue Ver- 
hältnisse gesteckt werde, daß man sich da zuerst vereinsamt vorkomme, entfremd« 
und ohne Freundschaften, aber recht bald werde sich der Zustand ändern 
und bessern. 

Mich verwunderte jedoch, daß sich die Schülerinnen meiner Klasse gegen 
die Neuangekommene wehrten: In der Regel kümmerten sie sich um eine 
„Neue sehr, sie maßen sich an ihr, wollten dieses und jenes von ihr wissen 
und gaben sich deshalb mit ihr ab. So war es sonst — wir haben als Außen- 
quartier der Stadt Bern häufigen Schülerwechsel — immer gewesen. 

Es mußten also besondere Gründe für das andersartige Verhalten vorhanden 
sein» 

Ich hatte auch an den Leistungen meiner Schülerinnen bemerkt, daß etwas 
nicht ganz in Ordnung war. Sie arbeiteten auf einmal nicht mehr mit der 
gleichen Intensität wie zuvor, in den Stunden saßen sie teilnahmsloser da als 
sonst, und in den Pausen, anstatt Spiele zu machen und sich im Hofe herum- 
zutreiben, steckten sie an einer Hausecke die Köpfe zusammen und disputierten eifrig. 

Es war leicht zu erraten, daß Greti auf Bertha eifersüchtig war, und 
daß sie damit die anderen Schülerinnen ansteckte. Grund zu der Eifersucht 
war das besondere Interesse, das ich Bertha gegenüber gezeigt hatte. 

Aber die Eifersucht ist keine sehr einfache Erscheinung, ganz abgesehen 
davon, daß sich meine Klasse in anderen analogen Fällen anders verhalten 
hatte. Es erklärt nichts, wenn wir eine Regung an einem Kinde oder einer 
Kindergruppe feststellen und gleichsam den Teufel beim Namen nennen. 

Wieso und woher, so fragen wir uns, kamen in diesem besonderen Falle 
in Greti solche intensive Regungen auf? 

Ich ließ noch am selben Tage einen „Freien Aufsatz" 1 schreiben, denn ich 



1) Unter einem „Freien Auf s atz" verstehen wir Niederschriften, die in keiner Weise 
vom Lehrer beeinflußt werden. Der Schüler ist wirklich „frei". Er wählt das Thema selber 

seineArbeitwirdineinbesonderesHeftgeschrieben,nachherwederkorrigiert nochzensiert' 
keinesfalls vor der Klasse besprochen oder den Schulbehörden vorgelegt. „Freie Aufsätze« 

sind Mitteilungen persönlicher Natur an den Lehrer. Sie stützen sich auf das Vertrauens- 
verhältnis zwischenSchülerundErzieher.Ichleseden„Freien" im Beisein des Kindes durch, 
quittiere durch ein Nicken, freundliches Lächeln, beantworte gestellte Fragen schriftlich in 
dem Hefte oder lade die Kinder zu Besprechungen nach der Schule ein. Die Aufsätze liefern 

-78- 



hoffte, bei dieser Gelegenheit Material über die ganze Eifersüchtelei und ihre 
Auswüchse zu erhalten. 

Von den weniger Beteiligten erhielt ich eine Anzahl von Berichten über 
die Diskussionen in den Pausen und auf dem Schulwege. Grete führte sie sie 
kritisierte Bertha auf ganz häßliche Art. Diese wurde wegen ihres geringen 
Haarwuchses und der Art, wie sie gekämmt war, verlacht, sie war Greti auch 
zu wenig vornehm und zu bäurisch gekleidet. Wenn sie nur solche Kleider 
am Leibe hätte wie Bertha, hatte sich Greti geäußert, so dürfte sie nicht 
einmal auf den Abort gehen damit, geschweige denn zur Schule, und man 
sollte die Lumpen samt dem darin steckenden Mädchen auf den Kehrichthaufen 
werfen oder verbrennen, es wäre nicht schade usw. 

Merkwürdigerweise erhielt ich von Greti selber nichts über den Streit 
mitgeteilt. Sie nagte zuerst eine Zeitlang unschlüssig an ihrem Federhalterende, 
und dann schrieb sie mir über einen Traum, den sie in der vorangegangenen 
Nacht gehabt hatte: 

„. . . ich habe im Traume eine Puppe aufgeschnitten. Es kam nur Holzwolle 
heraus, weiter nichts. Die warf ich fort, und die Hülle und das Tuch auch. 
Da kam die Mutter und sagte, sie kaufe eine neue Puppe. Da sagte ich, es sei 
nicht nötig, ich habe keine Freude an mehr Puppen." 

Sie wollte schreiben: „. . . keine Freude an Puppen mehr", oder: 
„keine Freude mehr an Puppen". Sie verschrieb sich, was sicherlich 
einen Sinn haben wird. 

Als ich Gretis Aufsatz durchsah, fragte ich sie, ob sie Zeit und Lust hätte, 
den Traum zu „besprechen", denn ich wollte mit meiner eigentlichen Absicht, 
mit der Schülerin über ihren Zank mit Bertha zu verhandeln, nicht heraus- 
rücken. Greti wäre vielleicht ausgewichen und hätte Bertha verdächtigt, sie sei 
zu mir klagen gekommen, und sie hätte sie darum noch ärger mit ihrem Hasse 
verfolgt. Ich würde dann im Laufe der vorgeschobenen Traumbesprechung, so dachte 
ich, das Gespräch leicht auf den Mädchenstreit überleiten können, ich wußte damals 
noch nicht, daß der mitgeteilte Traum gerade mitten in das Problem hineinführte. 
Wir machten eine Besprechungszeit miteinander ab. 

Als Greti zur ersten Besprechung kam (solche dauerten jeweilen eine halbe 
Stunde), ließ ich mir zunächst über den Traum nochmals mündlich und in ihrer 
Mundart berichten. Dabei erhält man oft wichtige Beifügungen, Abänderungen 
oder Auslassungen. Gretis Erzählung stimmte mit dem Niedergeschriebenen über- 
ein, und ich erklärte ihr nun einige Begeln der Traumdeutung, indem ich 
auf folgende Weise begann: 

„Erinnerst du dich an die Träume Josephs in der biblischen Geschichte?" 

„Ja, wir hatten sie bei Herrn Lehrer X." 

„Schön, da habt ihr gesehen, daß etwas hint er dem Geträumten steckt, ein 

mir ein umfangreiches Rohmaterial zur Kinderpsychologie. Mit ihnen suche ich ein ethi- 
sches und ein psychologisches Moment, die Wahrhaftigkeit und die Produktivität für den 
Auflösungsprozeß von psychischen Hcmmxingen zu verwerten und eine beständige Kontrolle 
über den ganzen psychischen Ablauf der individuellen Entwicklung der Kinder in den 
Händen zu behalten. 

-79- 




verborgener Sinn. Weißt du noch, was das zu bedeuten hatte, daß sich, die 
Gestirne am Himmel und die Garben auf dem Felde vor Joseph neigten?" 

„Seine Brüder und Vater und Mutter sollten sich vor ihm beugen, er 
wollte mehr sein als sie. 

„Die Träume lassen sich also deuten und auflösen. Aber ich bin nicht so 
gescheit wie Josephs Brüder, die sogleich wissen, was hinter Josephs Träumen 
steckt. Wenn du aber mithilfst, so werde ich versuchen, auch deinen Traum auf- 
zulösen. 

Von Gretis Gesichte leuchtete Neugierde. 

„Ich mag schon!" versicherte sie. 

„Dazu ist nötig, daß du mir alles genau so heraussagst, wie es dir in den Sinn 
kommt, du darfst nichts verschweigen oder unterschlagen von dem, was dir ein- 
fällt, darfst nicht denken, dies sei dumm und jenes sei nicht schön, oder das sage 
man nicht. Du darfst mit der gleichen Offenheit und Ehrlichkeit sprechen, wie ihr 
es in den ,Freien Aufsätzen' gewohnt seid, nur dann wird es gut herauskommen, 
wenn ich dir den Traum deuten soll. Willst du?" 

Greti versichert, sie habe keine Bedenken, sie „geniere" sich nicht, alles zu 
sagen. 

„Was kommt dir denn in den Sinn zu — Puppe?" 

„Ich habe eine ganze Anzahl von Puppen gehabt, als ich noch kleiner war. 
Jetzt frage ich ihnen wirklich wenig mehr nach, und ich habe der Mutter schon 
vor zwei Jahren gesagt, sie solle mir zu Weihnachten nur nicht etwa noch eine 
Puppe kaufen. 

Einst habe ich auch wirklich eine Puppe aufgeschnitten. Sie war aus Stoff 
gemacht. Ich hatte sie lange, und sie sah nicht mehr schön aus, es war nicht 
schade um sie. Die Eltern lachten nur, als sie sahen, was ich mit ihr angerichtet 
hatte. Damals war ich noch klein, ich hatte ein Schere erwischt, und als man 
mich beim Auftrennen entdeckte, steckte ich die Holzwolle, es war nur Holzwolle 
darin, und die Hülle rasch in den Feuerherd." 

„Warum hast du sie denn aufgetrennt?" 

„ Ich wollte sehen, wie sie inwendig aussieht. Es war gerade so wie im Traume, 
es kam nur Holzwolle heraus. Ich meinte nämlich, ich weiß selber nicht was, ich 
war einfach gwundrig, was drin sei ! " 

„Du weißt doch ganz sicher noch, was du meintest, daß drin sei, besinne dich, 
nur recht." 

„Vielleicht meinte ich, es seien auch eine Lunge, Leber und Herz drin, wie 
bei den Kaninchen, wenn man sie schlachtet. 
„Hast du denn dabei schon mal zugeschaut? 

„Ja, wir haben doch immer Kaninchen gehabt. Zuerst dauerten sie mich, 
wenn sie der Vater schlachtete, dann aber nahm es mich wunder, was alles in 
ihnen drin ist. Er graust mir nicht, Blut zu sehen. Das ist doch interessant, 
die Bestandteile des Körpers zu schauen. Ich habe oft gedacht, wie es in einem 
Menschen aussehe." 

„Hast du etwa gedacht, es sei nur Holzwolle drin?" 

- SO - 



Sie lacht: „Nein, das nicht; ein Lehrer hat mir gesagt, ich habe nur Stroh im 
Kopf, das ist mir gleich, aber wenn ich aus der Schule bin, so grüße ich den 
nicht mehr." 

„Also ist es dir nicht so gleich, ■wie du vorgibst. 

„Damals haben mich die andern (Klassengenossen) ausgelacht, und das kann 
ich nicht ertragen. Wenn man über mich spottet, so werde ich am zornigsten, das 
vergesse ich einem nie, nie!" 

Damit verrät uns Greti, wie erbittert ihr Haß gegen Berta sein muß: Greti 
spottete ja über sie und tat ihr gerade das an, was ihr höchste, unverzeihliche 
Beleidigung bedeutet. — Doch wir gehen noch nicht auf diesen Gedanken ein. 

Bereits haben wir erraten können, daß Greti im Traume mit der Puppe einen 
Menschen meint, dessen Inneres sie interessiert, und dessen Leib sie öffnet, um 
seine Organe betrachten zu können. 

„Was hast du dir denn gedacht, wie es in einem Menschen aussehe?" 

„Wie in einem Kaninchen. Der Vater hat es mir auch gesagt. Aber das weiß 
man nur von den Ärzten. In der Insel (Spital in Bern) schneiden sie die Leute 
auf, die gestorben sind. Die Emma S. (eine im Spital verstorbene Mitschülerin) 
sei auch aufgeschnitten worden, haben die Leute gesagt. Und dann bei den 
Operationen. Meine Mutter hat sich den Blinddarm operieren lassen. Ich hätte 
Angst, es mir machen zu lassen, und ich passe immer auf, damit ich mich nicht 
v erkälte. 

Es wird uns vorläufig aus den Angaben der Schülerin nicht klar, warum sie in 
einen Menschen hineinschauen möchte, und warum sie diesen Wunsch im Traume 
entwertet: „. . . es kam nur Holzwolle heraus, weiter nichts ..." 

Im Traume hat sich Greti auf symbolische Art, nämlich, statt an einem 
Menschen, den sie ja nicht aufschneiden darf, an einer Puppe ihren „medizinischen" 
Wunsch erfüllt: Das Innere eines Menschen kennen zu lernen. 

Will sie sich mit der Entwertung: „Nur Holzwolle, weiter nichts" etwa darüber 
trösten, daß sie ihren eigentlichen Wunsch, einen Menschen aufzuschneiden und 
in sein Inneres zu schauen, nicht erfüllen kann? Und hat sie es dabei nicht, wie 
der Fuchs mit den Trauben, von denen er sagt, sie seien zu sauer? Menschen 
öffnen, das ist nur den Ärzten gestattet, andere Sterbliche müssen auf solche 
Wünsche verzichten. Greti wagt ja nicht einmal daran zu denken, daß sie 
einen Menschen öffnen möchte : sie verschiebt den Wunsch auf die Puppe, und 
diese zu öffnen, ist „erlaubt". — „. . . die Eltern lachten nur, als sie sahen, 
was ich angerichtet hatte ..." Der Gedanke, eine Puppe zu öffnen, belastet 
Greti nicht mit Schuldgefühlen. Offenbar tat dies jedoch der Gedanke, einen 
Menschen zu öffnen, und das Schuldgefühl ist der Grund, warum der Wunsch auf 
eine Puppe verschoben wurde. 

Wieso ist der Wunsch, in einen Menschen hineinzusehen, so mächtig bei Greti, 
daß er verdrängt werden muß und sie im Schlafe belästigt? Ich stellte Greti 
nochmals auf den Traumteil „Puppe ' ein. 

„Ich bin jetzt wirklich aus dem Alter heraus, wo mich die Puppen noch 
interessieren. Früher spielte ich sehr gerne damit, jetzt aber lese ich lieber. 

- 81 - 



Sie schelten mich daheim oft deswegen. Die Mutter hat mir schon vorgehalten, 
ich sei ein Leseratz, sie mag es mir nicht gönnen. 

„Was liest du denn? 

„Alles, was ich erwische! 

„Erwischen — was kommt dir dazu in den Sinn? 

„Die Mutter hat mich etwa erwischt, wenn ich auf dem Ahort las", lächelt 
Greti verlegen, „und dann schimpfte sie mit mir. 

„Du sagst, du lesest alles, was du erwischest, — was hast du denn schon 

erwischt ? 

Einmal, als ich allein zu Hause war, nahm ich das Doktorbuch von dei 
Büchergestell und wollte schauen, was eigentlich darin war. Da waren viele 
Abbildungen, von denen ich nichts verstand. Und so war ich gleich am Ende des 
Buches. Da fand ich eine nackte Frau. Man konnte viele Teile auseinandernehmen. 
Als ich die Sachen so anschaute und ganz vertieft war, hörte ich eine Türe 
gehen. So schnell ich konnte, schloß ich das Buch und legte es wiederum ai 
den Ständer. Es war die Mutter, die hinein kam. Sie fragte mich, was ich jetzt 
immer gemacht habe. Ich sagte, ich habe nur zum Fenster hinausgeschaut. Das 
Buch rührte ich seitdem nicht mehr an, obschon ich neugierig bin, und zw« 

manchmal sehr. 

„Was wolltest du denn in dem Doktorbuche nachschlagen?" 
Greti übergeht zunächst meine Frage und plaudert weiter: „Am Tage nach dem 
Vorfall mit dem Doktorbuche haben wir Besuch bekommen. Ein Bekannter 
redete mit dem Vater und sie kamen auf den Gemüsebau zu sprechen. Denn der 
Mann hatte zwei große Stücke Pflanzland. Der Vater hatte einmal ein kleines 
Büchlein gekauft über den Gemüsebau. Da sagte er mir, ich solle es schnell 
holen. Und er beschrieb mir, wo es auf dem Büchergestell liege. Dieses ist an 
der Wand droben aufgehängt, und ich konnte nicht gut hinauflangen. Da nahm 
ich einen Stuhl und stand darauf. Da sah ich das schreckliche (Doktor-) Buch 
wieder, mir klopfte das Herz heftig. Ich ergriff das Büchlein und wollte wieder 
hinaus. Da fiel ich vom Stühle und machte am Bein eine blaue Mose (Mal). Das 
war gewiß die Strafe wegen der Lüge vom Tage vorher. Es reute mich, daß ich 
das Buch genommen hatte. 

„Sie haben mir da eine Frage gestellt." (Was sie im Doktorbuche habe 
nachschlagen wollen.) 

„Einmal kam die Hebamme zur Mutter. Nachher las sie oft in dem Buche. 
Ich wollte auch immer hinein „gwundem". Da sagte sie mir, es gehe mich noch 
nichts an, was in dem Buche drin sei. Ich dachte, da ist gewiß etwas von kleinen 
Kindern drin, und es nahm mich noch viel mehr wunder. 

„Warum hast du denn die Frau in dem Doktorbuche auseinandergenommen, 
fürchtetest du nicht, du könntest sie nicht wieder zusammensetzen?" 

„Eben ja!" (Sehr lebhaft.) „Aber mich stach der Gwunder so, daß ich die Frau 
trotz der Angst auseinandernahm ! 

„Weshalb nahmst du sie denn auseinander? 

„Ich wollte sehen, wie sie inwendig aussieht. 



- 82 - 



„Das wußtest du ja, der Vater hatte dir ja gesagt, es sei das gleiche wie bei 
den Kaninchen! 

„Ich meinte halt — es sei etwas — " 

„Ja ?" 

„Ich dachte, man sehe darin, wie das kleine Kind entsteht, und wo es heraus- 
kommt. 

„Weißt du das nicht?" 
„Doch!" 

„Ja, warum wolltest du denn diese Dinge noch sehen? 
„Wenn man es gesehen hat, so ist man sicherer!" 

„Wieso bist du denn darüber unsicher? Wer hat dir Auskunft gegeben, der 
Vater, die Mutter?" 

„Ich habe die Eltern gefragt, als man da so viel darüber schwätzen hörte 
und nicht wußte, was wahr war. Aber sie sagten, das sei noch nichts für mich, 
ich vernehme darüber noch früh genug. Da bin ich zornig geworden und dachte, 
die Frage ist nie mehr. Aber es machte mir auch Angst, zu fragen, ich dachte, 
das sei etwas Geheimes, und nur die Großen wissen davon. Und wenn später 
die Mutter davon anfangen wollte, so sagte ich, sie brauche mir darüber nichts 
mehr zu berichten, denn ich wüßte es schon und ich hätte es nicht mehr nötig." 
„Wieso denn hattest du es nicht mehr nötig?" 
„Die Kameradinnen sagten es mir. Und dann sah man ja auch etwa Hunde 

oder Stiere ich dachte : Wenn du es mir früher nicht hast sagen wollen, 

so gib dir jetzt nur keine Mühe, von dir will ich es jetzt auch nicht mehr wissen. 
Ich dachte, am Ende will sie mir wieder vom Storche erzählen, oder man kaufe 
die Kinder bei der Hebamme!" 

Gretis Wissensdurst und Lesewut zielen also letzten Endes nach dem Wissen 
um die sexuellen Geheimnisse der Erwachsenen. Weil die Eltern ihre neugierigen 
Fragen nicht beantworten wollten, suchte sich ihr Töchterchen in Büchern Auf- 
schluß, aber als es dann das Buch fand, worin es seine Neugier hätte befriedigen 
können, empfand es dunkle Angst, als ob es etwas Böses gemacht hätte. 

Wenn wir das zutage geförderte Material zum Traume überblicken, so 
könnten wir deuten: 

„Ich verschaffe mir selber das Wissen über die Menschwerdung. Der Mutter, 
die mich darüber aufklären möchte, trotze ich und gebe ihr die Antwort, sie 
könne sich ihre Mühe sparen, es sei nicht nötig, es interessiere mich nicht." 

Das Aufschneiden der Puppe im Traume könnte dem Auseinandernehmen der 
anatomischen Figur im Doktorbuche gleichgesetzt sein; sicher ist, daß diese Tat 
Erinnerungen an das einst real erlebte Auftrennen einer Puppe wachrief, denn 
sonst wären diese nicht jetzt im Zusammenhange mit dem aktuellen Erleben, dem 
Hervornehmen des Arztbuches, als Einfall produziert und im Traume direkt 
verwendet worden. 

„Wann ist denn das mit dem Doktorbuche passiert?" 

Greti hat uns mitgeteilt, es sei „einst passiert". Nun vernehmen wir, daß 
es gar nicht so lange her ist: es war einige Tage vor dem Traum. 

- 83 - 



I 



Aus analogen Fällen kann ich mitteilen, daß Kinder solche Dinge, die ihnen 
das Gewissen belasten, gerne zeitlich rückwärts schieben. „Es ist schon lange 
seither!" sagen sie und es ist ihnen dabei, als ob die zeitliche Distanz sie moralisch 
erleichtere. Die Vergrößerung des zeitlichen Abstandes beweißt auch den mehr 
oder minder bewußten Willen, über den Dingen zu stehen. Häufig fügen die 
Kinder, als ob sie sich damit entschuldigen oder selber belächeln wollten, den 
Satz bei: „Ich war ja damals noch klein!" Sie wollen damit sagen, wenn sie 
größer und älter gewesen wären, so wären jene Dinge nicht passiert, die sie 
nun belasten. 

Wenn Greti den Vorfall mit dem Doktorbuche zuerst zeitlich in die weite 
Vergangenheit zurückschob, so dürften wir daran erkennen, welch ein Kampf 
zwischen Trieb-Ich und Gewissens-Ich in ihr tobte. 

„Also: am Samstag hast du das Buch genommen, wie du dann am Dienstag 
nachher deinen Puppentraum geträumt hast — wo war denn die Mutter?" 
„Das weiß ich nicht sicher." 

„Nicht sicher? — Also hast du dir was gedacht! Was weißt du denn unsicher? 
Was hast du vermutet? 

„Ich dachte: sie geht zur Hebamme und will es mir nicht sagen!" 
„Warum kamst du auf diesen Gedanken?" 

„Ich kam eigentlich erst am Sonntag so recht drauf. Da hat mich die Mutter 
am Abend, als wir ab waschten, so gefragt, wie es wäre und was ich dazu sagen 
würde, — so wie die Katze um den heißen Brei, ich ärgerte mich, — wenn sie 
und der Vater noch ein kleines Geschwisterchen kaufen würden. Ich dachte 
,kaufen', das ist gut. Ich hatte ja schon lange gesehen: daß sie einen dicken 
Leib hat. Aber ich ließ mir nichts anmerken und sagte, es sei nicht nötig, wir 
hätten ja genug Kinder. 

„Du möchtest also kein Geschwisterchen?" 

Greti erschrickt ob dieser Frage. Dann faßt sie sich und meint: „O doch, ich 
hätte ja ganz gern noch ein Geschwisterchen. Aber wir sind nicht reich, und 
wenn man etwas nötig hat, so schimpfen sie zu Hause. Erst, wenn noch ein 
Kind da ist. * 

Nun sind wir auf einen neuen Gedanken des Traumes gestoßen: Auf den 
Neid der Geschwister. Greti wehrt sich im Traume gegen das zu erwartende 
Geschwisterchen, welches sie, wie sie befürchtet, in der Liebe der Eltern beein- 
trächtigen könnte. Die elterliche Liebe ist dargestellt und umschrieben in den 
Worten: „Wenn man etwas nötig hat. Gretis Befürchtungen sind durchaus 
berechtigt. Ein neuangekommenes Kind beansprucht die Aufmerksamkeit der Eltern 
in einem Maße, das den anderen Kindern auffallen muß. Diese empfinden die 
Tatsache mehr oder weniger bewußt als peinlich und schmerzlich, und es ist 
nichts^ Merkwürdiges, wenn sie den kleinen Störer wegwünschen. Aber auch dann, 
wenn sie dem Eindringling zunächst feindlich gesinnt sind, hat die Liebe gleich- 
zeitig in ihrem Herzen Platz, Abneigung und Zuneigung laufen nebeneinander. 
Dieser gleichzeitige Verlauf zweier entgegengesetzter Gefühlsstrebungen ist als 
Ambivalenz bekannt. 



-84 



Der neuentdeckte Sinn des Traumes heißt also : 

„Die Mutter braucht keine neue Puppe (kein neues Kind) mehr zu ,kaufen', 
es ist nicht nötig, ich habe keine Freude daran. Wenn sie trotzdem eines kauft, 
so werde ich es beseitigen, und zwar auf gleiche Weise, wie ich einst die Puppe 
beseitigt habe." 

Erinnern wir uns an das Verschreiben Gretis: „Ich habe keine Freude an 
mehr Puppen" (statt: „mehr an Puppen"), so ist uns die kleine Fehl- 
handlung ohne weiteres verständlich. Sie heißt, Greti wolle keine Geschwister 
mehr. 

Man darf Greti nicht als eine kriminell Veranlagte betrachten, weil sie 
Beseitigungswünsche gegen ein zukünftiges Geschwisterchen hegt. Solche Wünsche 
können in jeder Kinderstube beobachtet werden. „Wo viel Liebe, da ist viel Haß!" 
sagt ein tiefsinniges Sprichwort. Und wir finden die Gefühlsambivalenz durchaus 
nicht nur etwa bei Kindern und bei Schizophrenen, obschon sie bei diesen 
Menschen vielleicht deutlicher und offener zum Vorschein kommt als beim 
Erwachsenen und normalen Kulturmenschen. Immerhin sei daran erinnert, daß 
jeder Vater mehr oder weniger auf ein zukünftiges Kind eifersüchtig ist. Er fühlt, 
es wird ihm einen Teil der Liebe und der Zeit, die seine Frau ihm widmen 
könnte, wegnehmen. Aber auch jede Mutter hat irgend einmal, während sie das 
Kind unter ihrem Herzen trägt, den Gedanken, es behindere sie und werde sie 
als Säugling noch lange Zeit Entbehrungen durchmachen lassen, so sehr sie sich 
auf das Kind freut. Gefühle sind nie nur mit einem Vorzeichen versehen, und 
wo Licht ist, ist auch Schatten. Aber wir sind immer geneigt, vom Lichte 
geblendet zu sein, besonders dann, wenn es sich um unser eigenes Licht handelt. 
Wir fürchten uns davor, einzugestehen, daß auch das Böse in uns schlummert., 
und wir sind immer gerne bereit, in anderen den eigenen Feind zu bekämpfen. 
Wir wollen Greti um ihrer Beseitigungswünsche willen nicht verurteilen, 
auch wenn wir die eigenen Todeswünsche unserer Kindheit längst vergessen 

haben, weil wir sie als gewissenswidrig erkannten und nicht länger ertrugen. 
(Nietzsche: „Das habe ich getan, sagt mein Gedächtnis. Das kann 

ich nicht getan haben, sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. 
Endlich gibt das Gedächtnis nach.") 

Schon lange hat der Leser sich wohl gefragt, wieso wir am Beginne 

unserer Arbeit die Behauptung aufgestellt haben, der Traum führe mitten ins 

Problem der Mädchenfeindschaft hinein. 

Wir haben gesehen, Greti verschiebt ihre Gefühle und Wünsche im Traume 

auf die Puppe. 

Fällt uns da in ihrem realen Erleben nicht eine ähnliche Verschiebung 

von Gefühlen auf? 

Die Situation bei Greti zu Hause und diejenige in der Schule stehen in 

einer Parallele. Auch in der Schule ist je eine Neuangekommene, die Berta. 

Greti hat nun gleich erfahren, was sie zu Hause auch zu erwarten hat: Der 

Lehrer richtete sein Interesse auf die „Neue" und Greti fühlte sich vernachlässigt 

und zurückgesetzt. Ebenso würden die Eltern tun, wenn das Geschwisterchen 

-85- 



auf die Welt gekommen sein wird. Berta weckte ihre Eifersucht. Greti 
fühlte aus der Konstellation zu Hause heraus alles viel empfindsamer, was in 
der Schule mit der „Neuen" vorging, darum wehrte sie sich auch energischer 
als die Mitschülerinnen, denen nicht die „freudige" Ankunft eines 
Geschwisterchens bevorstand. 

Grete hat nun ihre ablehnenden Gefühle gegen das neue Geschwisterchen 
auf die neue Mitschülerin verschoben. Die Abneigung gegen das erwartete 
Geschwister, die in einer Andeutung bei der Besprechung mit der Mutter 
(„es sei nicht nötig, wir hätten ja genug Kinder") zur Sprache kam und mit 
der Armut der Familie rationalisiert wurde („Wir sind nicht reich, wenn 
man etwas nötig hat, so schimpfen sie zu Hause"), konnte nicht im Bewußtsein 
verbleiben, weil sie von Gretis Ich und ihrem Gewissen nicht anerkannt 
wurde. Sie wußte: ein Geschwisterchen wird kommen, daran kann sie nichts 
ändern. Ihr moralisches Ich verlangte von ihr, daß sie ihre, gegen das 
zukünftige Geschwisterchen gerichteten aggressiven Gedanken unterdrücke und 
gar nicht aufkommen lasse. Sie wollte dem kleinen Menschen gegenüber lieb 
und artig sein und nur Freude an ihm empfinden. 

Aber aus dem Unbewußten wirkten die Ablehnungsgefühle weiter. An der 
neueingetretenen Schülerin Berta fanden sie nun ein unverdächtiges Objekt, 
woran sie sich austoben konnten. Das ambivalente Liebe-Haß-Gefühl, das dem 
Geschwisterchen galt, ist gleichsam aufgespalten in zwei Einheiten mit zwei 
verschiedenen Objekten. Man könnte sagen, Greti haßt Berta, um ihr 
zukünftiges Geschwisterchen um so ungeteilter lieben zu können. Aber sie 
weiß nicht, was sie tut. 

Daß Greti ihr Geschwisterchen, den Traum und die neue Mitschülerin 
miteinander in Verbindung bringt, dafür haben wir den Beweis in den Aus- 
sprüchen, die sie gegen Berta fallen läßt: man solle sie (wie es einst mit 
der wirklich aufgetrennten Puppe geschah) auf den Kehricht oder ins Feuer werfen. 

Ich hätte wahrscheinlich auf Umwegen und bei weiteren Besprechungen 
noch andere direkte Anknüpfungspunkte zu Gretis Verhältnis mit Berta 
finden können. Wenn ich dies getan hätte, so würde mir hier die Beweis r 
führung leichter. Wer von den Lehren Freuds nichts weiß, dem mag es 
gewagt und befremdlich erscheinen, zu hören, daß ich nun Greti ohne weiteres 
auf die Zusammenhänge aufmerksam machte, nachdem sie mir auf mein 
Befragen hin bestätigte, sie habe den Ausspruch getan, man solle Berta auf 
den Kehricht werfen oder verbrennen. 

Mein unmittelbares Vorgehen liegt darin begründet, daß ich meiner Sache 
ganz sicher war, und daß ich aus praktischen Gründen dem Mädchenstreite 
endlich ein Ende setzen wollte. 

Der Erfolg? Der Streit hörte sofort auf, und schon nach zwei Tagen sah ich 
Greti gemeinsam mit anderen Schülerinnen und Berta auf dem Schulhofe 
spielen. Dieser Erfolg kann als Beweis dienen, daß ich mich nicht geirrt hatte. 

Hatte sich nun die Haßregung nicht neuerdings gegen das Geschwisterchen 
gewendet? wird man mich fragen. Nein! Sie war ja jetzt Gretis Bewußstsein 

- 86 - 



zugänglich und konnte dort irgendwie — vielleicht in vermehrter Liebe aus Schuld- 
gefühl und als Reaktionsbildung — verarbeitet werden. Als Beweis sei hier noch 
ein Aufsatz mitgeteilt, der wiederum freiwillig niedergeschrieben worden ist: 

„Letzten Donnerstag bekamen wir ein kleines, gesundes Schwesterchen. Am 
Morgen war die Mutter nicht recht wohl. Ich wollte zuerst daheim bleiben. Die 
Mutter aber sagte, ich solle (zur Schule) gehen. Ich hatte aber meine Gedanken 
nicht in der Schule. Ich dachte immer an die Mutter und machte dumme Pläne. 
Am Mittag ging es ihr besser. Gegen Abend bekam sie aber wieder Schmerzen. 
Sie mochte fast nicht warten, bis der Vater heimkam. Er aß aber nicht, sondern 
holte Frau X. (die Hebamme). Ich bekam große Angst und machte alles verkehrt. 
Ich hörte, wie die Mutter Schmerzenstöne ausstieß. Vor Aufregung konnte ich 
meine Aufgaben nicht machen. Ich ging in den Abort und weinte vor Angst. 
Um 7/2 Uhr kam das Kind zur Welt. Der Mutter geht es gottlob wieder besser. 

Ich schrieb Greti ins Heft: „Was für dumme Pläne? 

Sie schrieb zur Antwort: „Ich stellte mir die Sache gefährlich vor. Ich 
dachte, wenn die Mutter jetzt sterben würde und das Kind lebte, so müßte 
ich dann die Haushaltung machen. Ich stellte mir alles als eine Schweinerei 
vor und hatte einen Haß auf den Vater. 

Greti ist in der Folge ihrer kleinen Schwester ein gutes „Mütterchen 1 " 
geworden, ich traf sie oft an, wenn sie in ihrer freien Zeit mit der Jüngsten 
spazierte oder sie im neuen Kinderwagen stolz herumführte. Sie zeigte immer 
laute Freude an der Kleinen, die sie betreuen durfte. 

Zu Gretis Traume möchte ich noch einige Bemerkungen hinzufügen, die 
mehr erfühlt sind, als daß sie aus den Einfällen der Träumerin strenge bewiesen 
werden könnten. Sie mögen für denjenigen, der die Psychoanalyse nicht kennt, 
vielleicht unnötig oder schematisch erscheinen, aber da sie zur praktischen 
Seite meiner Arbeit nichts beifügen, so mag er darüber hinweglesen, wenn sie 
ihm ungenießbar erscheinen. 

Greti bezeichnet die anatomische Figur im Doktorbuche, die sie öffnet, wie 
die Puppe im Traum, als „Frau". Warum nicht als Mensch? Wir vernehmen 
von einer Frau, die aufgeschnitten wurde: es ist die Mutter, an der die Ärzte 
eine Blinddarmoperation vornahmen. Greti hat beobachtet, daß ihre Mutter einen 
dicken Leib bekam — sollte der Wunsch Gretis, einen Menschen zu öffnen, 
etwa auf die gravide Mutter gehen? Wünscht sie, daß bei ihr, statt eines 
Kindes, nur etwas Wertloses, Nebensächliches, nur „Holzwolle herauskomme? 

Unter dem Eindrucke des letzten „Freien Aufsatzes dürften wir diese 
Fragen alle bejahen, denn wir finden in der Angst, die Mutter könnte sterben 
und Greti „müsse" dann die Haushaltung machen, den weiblichen Ödipus 
verborgen, der die Mutter umbringt und an ihrer Stelle neben dem Vater lebt. 
Wir erinnern uns auch Gretis Ausspruches, daß es eine „alte" Puppe war, 
die sie aufschnitt. 

Wir haben nun eine neue Quelle des Hasses aufgedeckt, der sich im 
Verhältnis zu Berta äußerte. Greti hatte sich in der Schule mit den von 
vornherein dagewesenen Nebenbuhlerinnen um das Interesse und die Liebe 

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des Lehrers abgefunden, aber eine neue wollte sie nicht dulden. So wie sie 
die Mutter wegwünschte, um den Vater allein zu besitzen, so wünschte sie 
Berta weg, um mit ihr nicht meine Zuneigung teilen zu müssen. 

Eine Mitschülerin (Emma S.) ist im Spital aufgeschnitten worden, nachdem 
sie gestorben war. Das Unbewußte Gretis macht die Gleichung : Emma S.-Berta- 
Geschwisterchen-Mutter-Ich. Wir haben im letzten Aufsatze deutlich gesehen, 
daß sich Greti mit ihrer Mutter identifiziert. (Wenn die Mutter stürbe, so müßte 
sie an ihrer Stelle die Haushaltung machen.) Eine Identifikation machte sich schon 
damals bemerkbar, als uns Greti erzählte, sie habe — wie die Mutter — im 
Doktorbuche lesen wollen. Aus der Identifikation mit den Objekten, die Greti 
tot wünscht, ist das Schuldgefühl und die Angst erklärlich, die bei der Geburt 
empfunden wird: nach dem Gesetze des Talion trifft nun der Todeswunsch 
der dem Geschwisterchen und der Mutter gilt, Greti selber. 

So nebenbei haben wir vernommen oder zwischen den Aussagen Gretis 
heraushören können, wie die Gassenaufklärung die Gedanken verwirrt, und 
wie notwendig eine zeitgemäße, frühe und schonende Aufklärung durch die 
Eltern ist, wenn das Vertrauensverhältnis nicht gestört werden soll. 

Gewiß ist weder alles restlos untersucht noch vor Greti aufgeklärt worden. 
Aber das gehörte ja nicht zu dem Ziele, das ich erreichen wollte: die 
Behebung des leidigen Mädchenstreites, der dem Unterricht hinderlich war, 
und der wirklich organisch und nicht nur durch ein Kommando und durch 
Zwang erledigt werden sollte. 

Es hätte für mich sicherlich viel weniger geistigen Aufwand und Zeit 
gebraucht, die streitenden Kinder zu mir kommen zu lassen und ihnen nach 
einer sogenannten „Untersuchung" zu befehlen: „So, gebt einander die Hände, 
fertig, die Sache ist erledigt, und wenn ich noch sehe, daß ihr mit Berta 
Streit habt und sie von euch ausschließt, so muß ich euch bestrafen!" 

Vielleicht zeigt gerade dieses Beispiel, wie brutal im Grunde genommen solche 
Behandlung wäre. Denn mit einem Befehle wäre die innerliche, seelische 
Disposition zu dem Mädchenzanke durchaus nicht aufgehoben worden, nur 
die Fassade. Nur das Sichtbare, nicht aber die Begründung. Ich hätte, befehlend, 
nicht erzogen gehabt, sondern dressiert. Und bei dressierten Bestien ist 
man nie sicher, wann die Dressur wie schlechter Firnis abfällt und die 
Wildheit von neuem hervorbricht. 

Mit der Erledigung des Streites — es war gar nicht nötig, daß ich mit den 
übrigen Teilnehmerinnen noch besondere Rücksprache nahm, Greti war ja ihr 
Leithammel, und als sie mit Berta zu verkehren anfing, taten es die anderen 
wie selbstverständlich auch — waren auch die intellektuellen Schwierigkeiten, 
die ich vorher wahrgenommen hatte, beseitigt. 

Intellektuelle Leistungen hängen durchaus nicht so sehr 
nur vom Lernwillen und vom Intellekte selber ab, es können 
Affektstörungen hemmend wirken. Greti hat uns solche vorüber- 
gehende Störungen gezeigt: während der Geburt konnte sie in der Schule 
nicht aufpassen und zu Hause keine Aufgaben machen. 



- 88 



„Solche Sachen gehören nicht in die Schule!" sagt mir vielleicht jemand 
voller Entrüstung, Ich kann darauf nichts erwidern. Wenn er nicht einsieht, daß 
„solche Sachen" oder deren Folgen Schule und Unterricht beeinträchtigen und 
deshalb auch dazu gehören, bzw. eingehender Besprechung wert sind, den wird 
aucli die getifteltste Diskussion nicht überzeugen: da schieben sich eben auch 
Affektstörungen vor, die sich im Gewände einer wissenschaftlichen Dogmatik 
wie objektive Erkenntnis ausgeben. 

Es handelte sich für mich darum, die inneren Grundlagen der Erscheinungen 
zu ändern, und darum bedurfte ich der Kenntnis der dynamischen Kräfte- 
verhältnisse, die sie zuwege brachten. Die Erscheinungen selber änderten sich 
dann ohne mein Zutun. 



BEOBACHTUNGEN AN KINDERN 1 



Ein kleiner ödipus 

Aus den Aufzeichnungen einer Mutter 

Der kleine Paul ist vier Jahre alt. Er liebt es, während der Abwesenheit des 
Vaters in dessen Bett zu schlafen. Einmal sagt er zu seiner Mutter: „Mutter, wenn 
ich groß bin, werde ich dich heiraten. Die Mutter wendet ein: „Ja, und der 
Vater?" Prompt erwidert der Kleine: „Ach, der ist dann längst gestorben." 

Eines Tages klagte die Mutter über Kopfschmerzen. Der Kleine sucht sie zu 
trösten und sagt: „Weißt du, Mutter, wenn ich groß bin, dann werde ich ein 
Doktor und mache dich gesund. Ein andermal will er Schuhmacher werden, 
um die Mutter mit neuen Schuhen versorgen zu können, auch König will er 
werden und ihr Schlösser bauen, überhaupt, wenn die Mutter etwas zu klagen 
hat, so weiß er sofort Rat. Er ist der Mann, der die Mutter in keiner Weise leiden 
läßt, also dem Vater vorzuziehen wäre. 

Der Vater war einige Tage abwesend. Als er zurückkehrte, fand er Paul in 
seinem Bett. Er hebt ihn ruhig heraus und legt ihn in sein eigenes Bettchen. Der 
Kleine wird wütend, im Halbschlaf stößt er den Vater weg und ruft: „Geh fort!" 

Am anderen Tag spielt er fröhlich mit seinen Bauklötzchen. Der Vater kommt 
hinzu und fragt ihn, was er da baue, worauf er sagt: „Ein Grab, ja, ein Grab 
für dich. 

Ein andermal ist Paul mit Zeichnen beschäftigt. Er hat zwei Grabkreuze ge- 
zeichnet und das erste mit einem, das zweite mit zwei Kränzen verziert. Er hatte 
die Namen seiner Geschwister sowie „Vater" und „Mutter" in römischen Buch- 

1) An dieser Stelle mochten wir regelmäßig Beobachtungen an Kindern veröffent- 
lichen. Wir bitten unsere Leser um freundliche Mitwirkung. 

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staben schreiben gelernt. Unter das erste Grabkreuz schreibt er den Namen seines 
Bruders, unter das zweite „Vater". Der Vater fragt ihn, warum er für seinen 
Bruder ein Kreuz gezeichnet habe, worauf er meint: „Ja, weißt du, der Max ist 
halt böse, ich wollte heute das Märchenbuch von ihm haben, aber er hat es mir 
nicht gegeben." Der Vater erinnerte sich, daß vormittags der Kleine zu ihm kam 
und Geld bettelte, um Schokolade zu kaufen. Als er ihn abwies, war Paul sehr 
ungehalten und ging nicht eben leise zum Zimmer hinaus. Der Vater fragt nun 
nicht weiter, warum er auch ein Kreuz bekommen habe, sondern bloß, weshalb 
er mit zwei Kränzen bedacht worden sei. Darauf der Kleine: „Weil du ein 
so Lieber bist." 

Der Kleine hält sich gerne im Arbeitszimmer des Vaters auf und ahmt ihn 
in seinem Spiele nach. Dort steigt er eines Tages auf einen Stuhl und sagt: „Schau, 
Vater, ich bin größer als du. Ein andermal stellt er sich vor ihn hin, hält die 
Hand in die Höhe und erklärt: „Jetzt bist du so groß." Dann läßt er die Hand 
immer tiefer sinken bis zum Boden und meint dazu: „Dann wächsest du so und 
so und so und so und dann — dann ist nichts mehr. 

Die Mutter und der Kleine sind in eifrigem Gespräch. Als die Mutter etwas 
länger schweigt, wendet er sich vorwurfsvoll mit den Worten an sie: „Du denkst 
wohl wieder an ihn!" 



Warum Hilde ihren Vater wegwünscht 
Mitgeteilt von Ernst Schneider 

Eines Tages stellt sich die vierjährige Hilde vor mich hin und fragt mich mit 
einem Gemisch von Harmlosigkeit und Verschmitztheit: „Vater, wann gehst du 
nach Amerika?" „Warum soll ich nach Amerika gehen?" — Sie schweigt und 
geht weg, kehrt aber bald wieder zurück und setzt fort: „Nicht wahr, wenn 
man nach Amerika geht, so muß man in ein Schiff steigen?" — „Ja, das muß 
man. — Wieder geht die Kleine weg, um abermals zurückzukehren: „Nicht 
wahr, wenn man in einem Schiff ist, so kommt ein großer Walfisch und 
verschlingt alles?" — 

Ich konnte keinen Grund ausfindig machen, warum mich Hilde weg haben 
wollte, bis mir meine Frau sagte, die Kleine sei vor kurzem bei ihr gewesen 
und hätte sie gebeten, wieder einmal ihre Lieblingsspeise, Omelettes, zu backen - 
Darauf hätte sie geantwortet: „Ja, das nächste Mal, wenn der Vater nicht da 
sein wird." — 

Hilde läßt mich auf immer verreisen, um immer ihre Lieblingsspeise 
bekommen zu können. 



- 90 - 



B E R I C HTE 



Die Begabung im Lichte der Psychoanalyse 1 
Von Dr. Imre Hermann, Budapest 

Warum es Begabung überhaupt gibt, warum also zur Vollführung einer Aufgabe 
nicht jeder gleich fähig ist, sondern nur einige, eben die Begabten, wie „gewachsen" 
für gewisse Aufgaben sind, ist im Grunde eine Frage der Biologie und bildet 
einen Teil des Variabilitätsprohlems. Ist nun eine psychologische Lehre biologisch 
fundiert, so besitzt sie Angriffspunkte, von welchen aus die biologische Frage, wenn 
auch nur in ihrer Transposition ins Psychische, der Lösung näher gebracht werden 
kann. Auch die Sexualität muß vom biologischen Gesichtspunkte aus erforscht werden, 
doch durch den biologisch-psychologischen Grenzbegriff des Triebes und dessen psycho- 
logische Analyse gelang es Freud, tief in den Aufbau des Sexuallebens einzublicken. 

Die Notwendigkeit der biologischen Orientierung in der Begabungsfrage wird 
schon dadurch fühlbar, daß es sich häufig um vererbbare Eigenschalten handelt. 
Aber eben hier wird auch die Berechtigung eines psychogenetischen Standpunktes 
mit Ermöglichung des analysierenden Verfahrens fühlbar. Denn kommen auch in 
derselben Familie mehrere Fälle von Begabungen vor, ist damit schon gesagt, daß 
es die fertige" Begabung ist, welche „vererbt" oder wenigstens mitgebracht wird? 
Oft kommt es vor, daß sich in einer Familie nicht stets dieselbe Begabung wiederholt, 
sondern verschiedene Begabungsarten in Erscheinung treten, der eine ist Mathematiker, 
der andere Musiker, der dritte Maler. Unterscheiden wir hier, wie es in der Psychoanalyse 
auch sonst üblich ist, latente und manifeste Erscheinungsformen, so haben wir 
schon Baum gewonnen für die Verfolgung eines psychogenetischen Entfaltungsweges, 
von den latenten Grundlagen, die sich im Unbewußten des Subjektes objektiv verborgen 
auswirken, zu der manifesten, unter Aufsicht des Bewußtseins wirkenden, sich dem 
Außenstehenden in der Leistung kundgebenden Begabungsform. 

Der Unterschied zwischen der normalpsychologischen Analyse und der psycho- 
analytischen Betrachtung der Begabung besteht im folgenden: Die normalpsychologische 
Forschungsweise zerreißt die Begabung in Teilfähigkeiten, die sich jedoch in derselben 
psychischen Ebene entfalten, z. B. bei der zeichnerischen Begabung, Form- und Konstruk- 
tionsffetühl, Geschmack und Phantasie, Raumvorstellung und Farbenempfindung; — bei 
der musikalischen Begabung rhythmisches Gefühl, absolutes, relatives Gehör, Fälligkeit 
•zum Transponieren usw.; die psychoanalytische Betrachtung will hingegen latente,« ev. 
das Biologische streifende Wurzeln namhaft machen und den p s y c h i s c h e n W e g, 
die dynamische Umwandlung dieser latenten Wurzeln bis zur Aktualisierung in 
der Begabung verfolgen.5 Die dynamische Betrachtungsweise, d.h. der Aufbau aus gesetz- 
mäßig-wandlungsfähigen Grundlagen, unterscheidet die psychoanalytische Auffassung 
auch von physiologischen Theorien (Gehirnlokalisation). 

Damit ist jedoch nur das Programm und nicht die Leistung der Psychoanalyse gekenn- 
zeichnet. Latente Wurzeln festzustellen, Grundlagen, welche ins Biologische reichen, 




wissenscha 
Psyche 

S ?\ r^toirt" bedeutet hier also nicht das verborgene Vorhandensein der zur Zeit nicht manifesten 
Begabunt Mit der Gegenüberstellung latent-manifest soll hier dasselbe wie in der Traumdeutung 

gemeint sein. _, ..... ,_-„ 

3) Hermann: Beiträge zur Psychogenese der zeichnerischen Begabung. Imago, Bd. Vlii. 192z. 

- 91 - 



muß, beim heutigen Stand unserer Wissenschaft, den Stempel des Vorläufigen an sich 
tragen. Wird etwas heute als Grundlage festgestellt, so ist nicht vorauszusehen, ob ein 
nächster Schritt die Wurzeln nicht noch weiter zurückverlegen wird. Deswegen sind auch 
die diesbezüglichen Forschungen späteren Datums als diejenigen, welche — die Grund- 
lagen unbekannt gelassen — die psychischen Motive ausfindig machen, womit bei 
Vorhandensein der latenten Begabungsgrundlagen das Inerscheinungtreten der 
Begabung verständlich wird. 

So betrachtet, soll die Begabung als „Symptom" autgefaßt werden, ähnlich den neu- 
rotischen Symptomen, und man fragt, was dieses Symptom der Begabung fürs Ganze des 
Individuums zu bedeuten hat. Die erste Antwort lautet, daß auch die Begabung eine 
Befriedigung mit sich bringt, eine Selbstbefriedigung des narzißtichen Ich. Der 
Begabte liebt sich in seinem Werk und läßt sich durch sein Werk von den Mitmenschen 
lieben. Kraß erleben das die künstlerisch Begabten, die ihre Kunst geradezu als Lock- 
speise benützen, um die Gunst des geliebten Geschlechts, die sie aus neurotischen Gründen 
sonst nicht erringen können, an sich zu ziehen. i Auch Kinder sind die Werke und 
werden vom Meister als Kinder geliebt (weswegen die Produktion oft als transponierte 
Geburt aufzufassen ist, so kann die Produktion auch schmerzlich sein, neben der lust- 
vollen Befriedigung kann die Begabung auch Unlust verschulden : 2 Sie ist eben eine 
Kompromißbildung, wie auch jedes neurotische Symptom). Verdrängte unbewußte 
Phantasien können in den Werken der Begabten durch eineArtVerschiebung realisiert 
werden; das Antlitz der im Unbewußten heißgeliebten Mutter erscheint in malerischer 
Darstellung-, 3 das Verhältnis zum Vater im streng philosophischen Werk von J. St.Mill 
das Mutter-Kind-Verhältnis im psychophysischen Lehrgebäude von G. Th. Fechner 4' 
der Ödipuskomplex in der Gartenkunst.5 

Wie die aufgezählten, sinngebenden Motive, können gewisse psychische Schick- 
sale fördernd, als Motor für die Begabungsentfaltung dienen. Der Verlust der geliebten 
Mutter kann zum Ausdruck drängen, das Erlebnis schreckhafter Ereignisse kann das 
Innere der Seele zur Selbstentfaltung zwingen, wie auch die durch gewisse Libido- 
schicksale hervorgerufene Identifizierung mit dem begabten Vater und die darin liegende 
Aufforderung zum Wettkampf latente Grundlagen manifest werden und hoch in die 
Höhe schießen lassen kann. Aber auch das Gegenteil ist zu beobachten: Hemmung von 
Begabung, Latentbleiben oder andersartige Verwendung ihrer Grundlagen infolge 
gewisser, die ganze Person betreffender Schicksalsereignisse, Libidoschicksale 

Die Bildung des Ichideals, Über-Ichs, deren Weg durch die Psychoanalyse auf- 
gedeckt wurde, wird nicht nur beeinflußt durch die Begabungsart (ein organisatorisch 
Begabter wird SI ch einen Politiker, einen Heerführer zum Ideal wählen), sondern sie 
greift auch, fordernd oder hemmend, in den Weg der Begabungsentfaltimg tatkräftig 
ein (gegenseitig steuernde Wechselwirkung). Nebenbei bemerkt, müssen Identifizierung 
und Idealbildung bei der Vererbungsforschung stets in Betracht gezogen werden.6 

Schon im bisherigen inbegriffen, doch auch isoliert betrachtenswert ist die Rolle des 
Interesses. Oft steht ja die Sachlage so, daß man sich schon als Kind dafür interessiert 
wozu man Begabung hat (Musik, Mathematik), — oft ist aber der Weg, der das Interesse 
zum Gegenstande oder zur Art der Betätigung führt, psychologisch zu verfolgen, so das 
Interesse für Zoologie durch das Interesse des Kindes "für Tiere auf Grund einer ver- 
schobenen, drängenden Sexualforschung, oder die Fragelust überhaupt aus derselben 
Ursache (woher kommt das Kind?) in der Verschiebung und Verallgemeinerung als 



«,hr 1 iftL re RH d v F0 ^B lierU i nge ^ Ö ^5 *& zwei Prinzi Picn des psychischen Geschehens. Gesammelte 
Schriften, Bd. V., O. Rank: Der Künstler, Imago-Bücher I. w 

2) O. Rank: Das Trauma der Geburt, Int. Psa. Bibl. XIV. 1924. 

3) Freud: Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci, Ges. Schriften, Bd. IX. 

„ 4) Hermann: "Wie die Evidenz wissenschaftlicher Thesen entsteht? Imago, Bd. IX 1021 __ 
Ders.: G. Th. Fechner. Imago, Bd. XI., 1925. 9 3 ' 

5) H. Kühnen: Psychoanalyse und Baukunst, Imago, Bd. X, 1924. 

6) M. Klein: Zur Frühanalyse, Imago, Bd. IX, 1923. 



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unbewußtes Motiv eines Forschers.* Auch können gewisse Triebe einen Gegenstand 
hervorheben lassen, so der Sadismiis die Tierwelt (Darwin), — oder auch die Furcht 
(z. B. vor den Spinnen bei Joh. Müller, der nach ihrer Überwindung eine äußerst 
gelobte Studie über die Spinnen erscheinen ließ). Der drohende Verlust der Besetzung 
der äußeren Realität kann eine narzißtische Interessebesetzung der innen aufrichtbaren 
Realität nach sich ziehen (mathematische Begabung).a 

Daß hier, wie bei allen aufgezählten Motivationsmöglichkeiten, eine Begabung oder 
latente Begabungsgrundlagen schon vorhanden waren, lassen wir gerne zu, behaupten 
wir ja selbst. Damit stehen wir aber vor der zwingenden Frage, was denn diese letzten 
Begabungsgrundlagen wären. Wie bekannt, beantwortete A. Adler diese Frage mit der 
Aufstellung der Organminderwertigkeitslehre. Ein minderwertiges Organ dränge zur 
Mehrleistung. 5 Diese, noch aus der psychoanalytischen Periode Adlers stammende Er- 
klärungsweise ist jedoch in dieser Fassimg zu einseitig, allein der Verweis auf Organe 
und das Dynamische in der Erklärung entspricht der psychoanalytischen Denkweise. 

Nach meinen Erfahrungen zeichnen sich gewisse Or gane oder Organsysteme bei 
gewissen Begabungsarten durch starke Libidobetontheit aus (das libidinöse Hand- Mund- 
System bei Zeichnern, Klavierspielern, Dichtern, Schriftstellern, wobei bei ersteren infolge 
gewisser Libidoschicksale die Hand, bei letzteren der Mund eher in den Vordergrund 
tritt). Gewisse ev. ins Biologische verfolgbare gefühlsbetonte Komplexe weisen 
sodann den Weg zur spezifischenSublimierung dieser Organlibido, so der Komplex 
„eigene Körperschönheit" beim Zeichner, wobei das Biologische in der tatsächlich vor- 
handen gewesenen Körperschönheit oder ausgesprochenen Häßlichkeit liegen kann (ev. 
lokalisierte Körperschönheit der Hand) ; beim Dichter ist unter anderem eine Eigenart 
der Liebe ausschlaggebend: Das Lieben des quasi Lebendig-Toten, das Geliebtwerden 
als Scheintoter, wobei das Biologische in der eigentümlichen Entmischung, Verhältnis 
der Lebens-, Todestriebe liegt. Diese mit fakultogener Wirkung ausgestatteten 
Komplexe stehen in sinnvollem Zusammenhange mit der Begabungsart selbst (z. B. 
die Beseelung des toten Wortes durch den Dichter).* 

Diese eben skizzierte Lehre von den Grundlagen der Begabung kommt gewissen 
Tatsachen aus der allgemeinen Begabungslehre zugute, so der Erscheinung des Be- 
gabungswandels, 5 dem Nebeneinanderbestehen mehrerer Begabungsarten (Leonardo 
da Vinci, Mi chelangelo und viele andere). 

Es soll auch hier mit Nachdruck betont werden, daß die fakultogene spezifische 
Sublimierung der Libido nicht so zu verstehen ist, daß einfach die Libido sich in die 
Kraft der Begabung umwandelt, sondern so, daß die zu sublimierende Libido dynamisch 
dazu verwendet wird, um biologisch-organische Quellen zu nähren, aufrechtzuerhalten, 
welche sonst im Laufe der normalen Entwicklung versiegen würden, wie es z. B. mit 
den „Peripherprozessen" der Hand, mit der spezifischen Geschicklichkeit der Hand im 
Dienste gewisser Denkaufgaben zu sein pflegt.6 Die Sublimierung der Organlibido kann 
auch solche bereits versiegte Prozesse durch Regression wiedererwecken (Neuer- 
scheinung der Begabung infolge starker seelischer Veränderung, bei Schizophrenen). 

Ein gemeinschaftlicher Charakterzug jeder echten Begabung ist die „Tiefe" des 
Erlebnisses, das Hervorbringen immer höh er organisierter Gestaltungen. Normal- 
psychologische, tierpsychologische Erfahrungen weisen darauf hin, daß zur Hervor- 
bringung höherer Gestalten ein Zusammenwirken von Lust- und Unlustmomenten nötig 
ist, geradeso wie in psychoanalytisch deutbaren Erlebnissen die Vertiefimg die Über- 



i) Freud: Kine Kindheitserinneru:i!» usw. 

2) R.Wälder: Über Mechanismen und Becinflussungsmöglichkeiten der Psychose. Internat. 
Zeitschrift für Psychoanalyse, Bd. X, 1924. 

3) A. Adler: Studie über Minderwertigkeit von Organen, 11)07. 

4) Hermann: Organlibido und Begabung, Internat. Zciuchrift für Psychoanalyse, lid. IX, 1985. 

5) Hermann: Benvenuto Cellinis dichterische Periode. — Die Regression zum zeichnerischen 
Ausdruck bei Goethe, hnago, Bd. X, 1924. 

6) Hermann: Die Rundbevorzugung als Primärvorguiig. Internat. Zeitschrift f. Psychoanalyse, 
Bd. IX, 1923. 

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windung von Unlust, auch von Schmerz benötigt (übergangsmasochistische Schmerz- 
grundlage). * 

Eine gewisse Berechtigung hat auch die Annahme einer allgemeinen Begabung. 
Der rege Geist des Allgemein-Begabten wäre durch eine leichte Libidoübertragung auf 
verschiedene Sachgebiete mitbestimmt. 

Bücher 

PAUL HÄBERLIN, Das Gute, 375 Seiten, Das Geheimnis der Wirk- 
lichkeit, 390 Seiten, 1026. Beide Verlag Kober C. F. Spittlers Nadif., Basel. 

In diesen beiden uns vorliegenden Büchern gibt der bekannte Basler Pädagoge und 
Philosoph seine Ethik und seine Metaphysik. In seiner Ethik, die gleichweit von aller 
bloß naiven wie von aller rigoristischen oder gar desperaten Philosophie entfernt ist 
zeigt Häberlin, daß die Überwindung der Zweideutigkeit unseres Lebens nur durch das 
unbedingte Jasagen zur Welt, wie sie ist, geschehen kann und das Gute mit dem Glück 
identisch sein muß, daß der Mensch also nach dem Aristotelischen Wort gut und glück- 
selig nur zugleich wird, — in der Metaphysik dagegen, zum erstenmal in der Geschichte 
der Philosophie theoretische mit praktischer Vernunft sinnvoll und zwanglos vereinend 
weist er das Geheimnis der Wirklichkeit in seinem Geheimnischarakter auf und über- 
windet damit endgültig allen bloßen Rationalismus. Die Antworten auf die Fragen nach 
Individuum und Unsterblichkeit, nach Freiheit und Kausalität, nach Zeit und Raum er- 
geben sich notwendig und selbstverständlich. Es ist von ganz besonderem Interesse, mit 
welcher Klarheit dieser unvoreingenommene Geist, der von der Psychoanalyse her zur 
Besinnung auf die letzten Fragen gebracht worden ist, die hier empfangenen Anregungen 
philosophisch fruchtbar gemacht hat. O. M, 



OFFENE HALLE 



In die „Offene Halle" 

darf jeder Leser der Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik eintreten, um mit den 
anderen in Verbindung zu treten. Er kann Fragen stellen oder beantworten, Anregungen 
bringen, Kritik üben, Umfragen veranlassen usw. 

Antwort auf Frage Nr. I 

Abgestuftes Bücherverzeichnis der Literatur der psychoanalytischen Pädagogik 

I 

l. Freud, Zur Psychopathologie des Alltagslebens. 10. Auflage (1924). Internationaler 
Psychoanalytischer Verlag, Gesammelte Schriften, Bd. IV. 

2 - Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. Taschenausgabe. 3. Auflage 

(1926). Int. Psa. Verl., Ges. Sehr., Bd. VII. 

3- Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. 5. Auflage (1922). Verl. Deuticke, Ges 

Sehr., Bd. V. 



l) Hermann Intelligenz und tiefer Gedanke. Int. Zeitschrift für Psychoanalyse. Bd. VI, 1020 
— Ders. Organlibido usw. — S. Ferenczi: Das Problem der Unlustbeiahung. Int. Zeitschrift fii~ 



Psychoanalyse, Bd. XII, 1926. 



Zeitschrift für 



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4. Freud, Die Frage der Laienanalyse (1926), Int. Psa. Verl. 
5-/8. Schriften zur Seelenkunde und Erziehungskunst, herausgegeben von Dr. O. Pf ist er. 
Bircher-Verl., Bern. 
Heft 5. Z u 1 1 i g e r, Psychoanalytische Erfahrungen aus der Volksschulpraxis (1921). 

Heft 9. Aus dem unbewußten Seelenleben unserer Schuljugend (1923). 

Heft 1. Pfister, Die Behandlung schwer erziehbarer und abnormer Kinder (1921). 

Heft 4. Vermeintliche Nullen und angebliche Musterkinder (1921). 

9. Zulliger, »Psychoanalyse und Pädagogik" (in „Unbewußtes Seelenleben", 
Franckhsche Verlagshandlung, Stuttgart^ 

10. Friedjung, Die kindliche Sexualität und ihre Bedeutung für Erziehung usw. (1923V 

Verlag Springer, Berlin. 

11. Federn-Meng, Das psychoanalytische Volksbuch. Hippokrates-Verlag, Stuttgart. 

12. Imago, Jahrgang 9 (1923), Heft 2: Pädagogische Sondernummer (mit Über- 

sicht über die bisher in der „Int. Zeitschrift für Psychoanalyse" und in 
„Imago" erschienenen Aufsätze pädagogischen Inhalts). 
15. Aichhorn, Verwahrloste Jugend. (Die Psychoanalyse in der Fürsorgeerziehung 
1925.) Int. Psa. Verl. 

14. Hug-Hellmuth, Neue Wege zum Verständnis der Jugend (1924). Verl. Deuticke. 

15. Die Psychoanalyse in der Erziehung (Sammelwerk). In Vorbereitung. Int. Psa. Verl. 



II 

16. Freud, Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben. (Sammlung kleiner Schriften 
zur Neurosenlehre, 3. Folge.) Verl. Deuticke, Ges. Sehr., Bd. VIII. 

17. Zur Psychologie des Gymnasiasten. (In „Almanach" 1927.) Ges. Sehr., Bd. XI. 

18. Über infantile Sexualtheorien. '»Sammig. kl. Schriften zur Neurosenlehre, 

19. Zur sexuellen Aufklärung der Kinder.} 2.Folge,Verl.Deuticke,Ges.Schr.,Bd. VIII. 

20. Zwei Kinderlügen. (Sammig. kl. Schriften zur Neurosenlehre.) 1 Q es s c hr..Bd.V. 

21. — — Gedankenassoziation eines vierjährigen Kindes J 

22. Hug-Hellmuth, Aus dem Seelenleben des Kindes. 2. Auflage (1921). Verl. Deuticke. 

23. Pfister, Die psychoanalytische Methode. 3. Auflage (1924). „Pädagogium", Bd. III. 

Verlag Klinkhardt. 

24. Die Liebe des Kindes und ihre Fehlentwicklungen (1922). Verl. Bircher. 

25. Friedjung, Die Erziehung der Eltern (1916). Anzengruber-Verl. 

26. Die geschlechtliche Aufklärung im Erziehungswerk. 3. Auflage (1924). Verl. 

Safar, Wien. 

III 

27. Freud, Aus der Geschichte einer infantilen Neurose. Int. Psa. Verl., Ges. Sehr., Bd. VIII. 
28. Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci. 3. Auflage (1923). Verlag 

Deuticke. Ges. Sehr., Bd. VIII. 
29. Eine Kindheitserinnerung aus Dichtung und Wahrheit. (Sammlung kleiner 

Schriften zur Ncurosenlehre, 4. Folge.) Ges. Sehr., Bd. X. 
30. Bernfeld, Kinderheim Baumgarten (1921). Bericht über einen ernsthaften Versuch 

mit neuer Erziehung. Jüd. Verl., Berlin. 
31. Sisyphos oder die Grenzen der Erziehung ^1925). Int. Psa. Verl. 

32. Ossipow, Tolstois Kindheitserinnerungen (1923). Imago-Bücher, Bd. II (1925). Int. 

Psa. Verl. 

33. Jung, Über Konflikte der kindlichen Seele (1910). Verl. Deuticke. 

34. Tagebuch eines halbwüchsigen Mädchens (von 11 bis 14% Jahren). Int. Psa. Verl. 



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IV 

35- Freud, „Ein Kind wird geschlagen." (Sammlung kl. Schriften zur Neurosenlehre 

5. Folge.) Ges. Sehr., Bd. V. 
3"" „Jenseits des Lustprinzips", „Massenpsychologie und Ichanalyse" und Das 

Ich und das Es". In 1 Band. Int. Psa. Verl. 
37. Bernfeld, Vom Gemeinschaftsleben der Jugend (1922). Int. Psa. Verl. 

38. Vom dichterischen Schaffen der Jugend (1924). Int. Psa. Verl. 

59- Psychologie des Säuglings (1925). Verl. Springer, Wien. 

40. Grab er, Die Ambivalenz des Kindes (1924). Imago-Bücher, Bd. VI. Int. Psa. Verl. 

Dr. Walter Cohn, Berlin 



Frage Nr. 2 

Welches sind die Ursachen des Bettnässens? Welche Mittel sind dagegen mit Erfol« 
angewandt worden? L. Seh., Lehrer, Erziehungsheim A. bei H. 

Diese Frage veranlaßt vielleicht unsere Mitarbeiter, ihr analytisches Material Übt. 
Bettnässen zu verarbeiten und uns zur Veröffentlichung zur Verfügung zu stellen. Ist 
vielleicht auch jemand in der Lage, die bisher erschienene analytische Literatur zu 
dieser Frage zusammenzustellen? 



Autforderung zur Erneuerung des Abonnements 

Mit diesem Heft schließt das erste Vierteljahr der Zeitschrift ab. Herausgeber 
und Verlag danken den seitherigen Beziehern für ihr Interesse. Besonders aber 
sind sie denen verbunden, die mit ihrer sachlichen Kritik den Anfang zu der 
Arbeitsgemeinschaft gemacht haben, die uns als Ziel vorschwebt: daß Eltern 
Erzieher und Ärzte auf dem Wege über die Zeitschrift zusammentreten und, sich 
gegenseitig anregend und beratend, die Erkenntnisse der Psychoanalyse in den 
Dienst einer durchdachten und verantwortungsvollen Erziehung stellen. 

Wir können für das neue Vierteljahr eine ganze Reihe sehr wertvoUer Arbeiten 
in Aussicht stellen, die eine Aufforderung zur Erneuerung des Abonnements recht- 
fertigen. Wer Bekannten und Freunden die Zeitschrift empfehlen möchte, dem 
stehen Probenummern und Prospekte gerne zur Verfügung. 



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