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Full text of "Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik I 1927 Heft 4"



Psychoanalyse im Fabrikbetriebe 1 

Von Dr. Fritz Giese, 
Privatdozent an der Tedin. Hochschule Stuttgart 

Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß die eigentliche Tiefenpsychologie, 
insbesondere die Psychoanalyse, eine vortreffliche Anwendung auf den Fabrik- 
betrieb ermöglicht. Jenseits von Experimenten oder Statistik. Die seelischen 
Zusammenhänge im Betriebsleben, die persönlichen Faktoren, die Abhängig- 
keiten und Reibungsflächen, die notwendigerweise da sein müssen: sie werden 
uns vielfach erst durch eine psychoanalytische Betrachtungsform klar. 

Der Fabrikbetrieb ist nur Ausschnitt aus dem gesamten Wirtschaftsleben, 
aber ein sehr wichtiger. Und wie mit vielfachem Erfolg die Psychoanalyse gewisse 
Erscheinungen der Kunst, der Religion, der Literatur, wie sie primitive Erfindungen 
der Naturvölker oder ganze Weltanschauungsfragen uns näher brachte — so 
kann sie zweifelsohne auch den Fabrikbetrieb erläutern und später dann 
gestalten helfen. Sprechen wir aber nur erst einmal von der eigentlichen Analyse 
und halten wir die Gestaltungsvorschläge für andere Darstellungen zurück. 

Für den Laien am einfachsten zur Einführung in diese Übertragungen einer 
ursprünglich ganz anders gerichteten Wissenschaft, dürfte der allgemeine und 
große Begriff „Werkpolitik" sein. Wir verstehen darunter die Möglichkeit, daß 
eine Fabrik oder sonst ein Unternehmen einen gewissen „Geist erstrebt, eine 
besondere, individuelle Note, die andere Fabriken gleicher Art nicht unbedingt 
besitzen müssen. Betriebsgeist ist in diesem Sinne aus dem Bestreben geboren, 
sich von der Uniformierung der Großwirtschaft abzusondern und die individuelle 
Note zu gewinnen, wie in früheren Zeiten jede Arbeit das Persönliche zum 
Ausdruck brac hte und dadurch geadelt wurde. Werkpolitik will einen bestimmten 

i) Die Psychoanalyse ist ein psychologisches Verfahren zur Untersuchung seelischer 
Vorgänge, eine Behandlungsmethode neurotischer Störungen und eine wissenschaftliche 
Disziplin. Unsere Zeitschrift wird versuchen, alle diese Gebiete fortlaufend, besonders 
unter dem Gesichtspunkt der psychoanalytischen Pädagogik, zu behandeln. Das seelische 
Problem des Fabrikbetriebs für den heranwachsenden Kopf- und Handarbeiter und 
für den Erwachsenen ist sehr eng verknüpft mit den Problemen einer gesellschaft- 
lichen Pädagogik. Wir hoffen außer der Arbeit von Dr. Fritz Giese später einige 
Beiträge über diese Frage zu bringen. Es empfiehlt sich, von Prof. Freud„Massen- 
psychologie und Ichanalyse" (Band VI der Gesammelten Schriften) nachzulesen. 
Soziologisch interessierte Leser seien auf die Broschüre von Dr. Paul Federn, „Die 
vaterlose Gesellschaft" (Wien 1919) und „Die Psychoanalyse in den Gesell- 
schaftswissenschaften" von Dr. Erwin Kohn (Das psychoanalytische Volksbuch, 
Stuttgart, 1926) aufmerksam gemacht. Die Schriftleitung. 



'J 



INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



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Unternehmungssinn kultivieren, will diesen persönlichen Geist des Ganzen 
absichtlich pflegen und so nicht nur der Außenwelt der Publikumsmasse, sondern 
auch vor allem den internen Schichten der Arbeitnehmer erziehlich zum Bewußtsein 
bringen. Werkpolitik reicht in diesem Sinne bis in alle Einzelheiten der betrieb- 
lichen Zusammenhänge hinein, wovon wir hier einige sehr wichtige nicht 
besprechen können, weil sie gesonderte Darstellung verdienen. Wir wollen 
vielmehr bei der allgemeinen, psychoanalytisch zu prüfenden Struktur dieser 
Werkpolitik bleiben, die heute zweifellos außerordentlich wichtig ist in der 
wissenschaftlichen Betriebführung ! — 

Eigentlich wendet sich schon der Begriff „Werkpolitik" als angewandter 
Fabrikgeist gegen einen Vorwurf, der, mindestens im Unbewußten schlummernd, 
positive Arbeitswerte hemmen und den Ertrag mindern kann. Die Sachlage ist 
so, daß durchaus nur wenige Unternehmer oder Betriebsleiter die Zusammen- 
hänge sehen, wie sie sind. Psychoanalytisch ist viel interessanter, daß sie sogar 
an Schlagworte glauben, aus der gleichen Einstellung, aus der gewisse, weiter 
unten angedeutete „Soziale Einrichtungen" geboren werden. Es ist Angst vor 
der Wirklichkeit, die sich hinter die Kulisse eines Schlagwortes flüchtet, und 
man glaubt ehrlich, sein System durch dieses Schlagwort ethisch gesehen und 
persönlich betrachtet halten zu können. Drastisch gesprochen, ist jedes Schlag- 
wort ein „Korsett" für Gedanken, die von sich aus keinen Halt besitzen, die 
gestützt werden müssen durch einen Panzer sprachlicher Formulierung. (Von 
hier aus versteht man sowohl die Reklame, wie auch die politische Partei 
mit ihren Schlagworten besser; aber wir können hier nicht darauf eingehen.) 

Zu solchen werkpolitischen Schlagworten rechnet beispielsweise die Phrase 
vom „rechten Mann an den rechten Platz". An und für sich ist richtig, daß viele 
Menschen an ungeeigneten Plätzen im Leben stehen. Aber nun wird daraus 
die ethische Forderung gemacht und die werkpolitische Leitlinie gestempelt: „Der 
rechte Mann an den rechten Platz" hat den Sinn edler Gerechtigkeit, der Würdi- 
gung persönlicher Qualitäten usf. Die Psychotechnik arbeitet viel mit diesem Wort, 
hier und da mit Recht, aber selten mit dem Bewußtsein, daß sie selber dieses Wort 
benutzt — um eigene Arbeit überhaupt zu rechtfertigen. Viele Praktiker der 
Eignungsprüfungen verwenden das Wort, um der Allgemeinheit klar zu machen, 
daß daher die Psychotechnik die wahrhaft edle und gerechteste Sache der Welt 
sei, da sie jene ethische Maxime verfolgt. Es ist Schlagwortpolitik der Psycho- 
techniker, wenn diese selbst (ebenso wie jeder klare Beobachter der Dinge im 
Wirtschaftsleben) einsehen, daß der Vorteil der Eignungsprüfungen nicht die Ethik, 
sondern der Mehrverdienst des Unternehmers ist oder die wirtschaftliche Ver- 
besserung der Arbeitsmarktbedingungen, falls behördliche Einrichtungen in 
Betracht stehen, die sich der Eignungsprüfungen bedienen. Eignungsprüfung ist 
nicht der Menschen, sondern der Sache wegen erfolgreich. Unbewußte Tatbestände 
werden verdunkelt durch Ethisierung, wie sie werkpolitisch durch Schlagworte 
möglich ward. Unterbewußt liegt nur das Streben nach mehr Geld, nach besserem 
Erfolg vor, nicht Wohlwollen mit der Kreatur der Arbeitnehmer. Und wer von 
Industriellen oder sozialen Praktikern dies nicht einsieht, ist entweder ein 

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theoretischer Wirtschaftsphilosoph oder ein vor seinem innersten Triebleben in 
Schaudern befangener Mensch. Er flüchtet sich durch das Schlagwort vor sich 
selber. Der ganze Gedanke der Auslese ist ein wirtschaftlicher, kein ethischer. 
Wer lange Jahre in der Berufsberatung oder der Arbeitsmedizin Tausende von 
Fällen sah, beobachtete immer wieder den Sieg des Wirtschaftlichen, des dem 
Ich zu innerst näher liegenden, als die Sublimierung dieser brutalen Triebe durch 
philosophierende Wirtschaftssätze. Daher scheitert auch oft Berufsberatung, weil 
der Jugendliche gar keinen anderen Rat, als die Angabe des Orts bestmöglichsten 
und schnellsten Geldgewinns wissen will. Daher war sie (außer in pathologischen 
Fällen) nüchtern betrachtet nur bei besonderen Talenten oder den ganz unklaren 
Köpfen notwendig. Die Propaganda der Eignungsprüfung und der Berufsberatung 
ist sehr oft nur eine Propaganda für die Träger der praktischen Organisationen 
gewesen, die die Notwendigkeit ihrer eigenen Existenz aus solchen Schlagworten 
ableiteten. Das, was man draußen so oft in Organisationen der Sozialfürsorge 
und sonstiger ethisch fundierter Einrichtungen findet, hat vielfach gleichen 
seelischen Untergrund ; Stützung des eigenen Ichs durch Schlagworte, die sittlich 
veredelt sind, hinter die man sich flüchtet. Und die Propaganda ist dann die, 
rein logisch — oberbewußt der allgemeinen Menschheit beizubringen, daß 
man diese Schlagworte benötige, um gerecht und gut im kulturellen Ganzen 
zu operieren. 

Wie die Auslese werkpolitisch so ethisiert werden kann, um sich und die 
Betroffenen (oder nur die letzteren) von viel wichtigeren ungünstigen Befunden 
abzulenken, so steht es auch vielfach mit der werkpolitischen Ausgestaltung 
der Anlernverfahren. 

Ein wunderschönes Beispiel konnte man in der psychotechnischen Welle der 
Anlernmanie sehen, die in letzter Zeit die Industrie heimsuchte. Ein an sich alter, 
der Pädagogik vertrauter, seit Jahrzehnten geübter methodischer Weg psycho- 
logischer Didaktik, und ein psychotechnisches Verfahren, das die Post weit vor 
dem Kriege und die Straßenbahn seit Jahren in vollendeter Form besaß, wurde 
für die Industrie „entdeckt". Nämlich das Anlernen der Leute auf psycho- 
logischer Grundlage. Der Gedanke ist objektiv richtig. Man kann mit psycho- 
logischer Beachtung der beim Anlernvorgang beteiligten seelischen Faktoren 
zweifellos günstigere Methoden gewinnen, um den Leuten in kürzerer Zeit das 
Beizubringende einzudrillen. Die Bahnung des Menschen, seine Anpassung an 
die Aufgabe erfolgt rascher, und rein objektiv ist dann zweierlei erreicht: 
erstens die Möglichkeit, daß der Unternehmer mit beispielsweise Angelernten 
rascher eine brauchbare Belegschaft gewinnt, zweitens, daß der Mann als 
Angelernter schneller zum Vollverdienst gelangt. Das sind zwei nüchterne 
Vorteile des psychotechnischen Anlerngedankens. 

Nun kommt aber das Unbewußte, die Tiefenschicht des kollektiven Seelen- 
lebens, und macht daraus betriebspolitische Schlagworte. 

Erstlich nämlich wird — in pseudoethischem Protest (die Psychoanalyse kennt 
die Einstellung des Sichselbstetwasvormachens aus anderen Fällen allzu gut) °-esagt 
daß die Eignungsprüfung („der rechte Mann an den rechten Platz") sozial 

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ungerecht sein könne, nämlich auf Seiten der in der Prüfung durchgefallenen 
Nichtgeeigneten. Die Privatwirtschaft zieht dabei nicht den Schluß, den die 
behördlichen Betriebe ziehen, daß man für eine Prüfmethode sorgen müsse, 
die eben nicht nur auf einen Beruf in Konkurrenzauslese zugeschnitten ist, sondern 
ein ganzes menschliches Individualbild des Untersuchten liefert, das weitere 
Fingerzeige bietet. Die Privatwirtschaft kann das nicht, denn organisatorisch 
geht sie der große Arbeitsmarkt nichts an. Aber die Privatwirtschaft greift 
ein Schlagwort auf, das ihr leichthin zugeworfen ward. Fort mit der unsozialen 
Eignungsprüfung! Schult die Durchgefallenen, steigert ihr geistiges Niveau! 
Macht also (und das ist der zweite Gedanke) keine Fertigkeitsanlernung, sondern 
eine Fähigkeitsschulung in euren Betrieben. 

Diese Mahnung, daß man Fähigkeitsschulen machen müsse, wuchert zurzeit 
und es ist für wissenschaftliche Kenner amüsant, zu sehen, wie sich die Gläubigen, 
die wieder die unbewußten Leitmotive nicht erkennen, zum Zusammenbruch 
des Gedankens der Fähigkeitsschulung verhalten werden! Denn das Interessante 
ist hierbei, daß der gute Gedanke der Anlernrationalisierung überhaupt ethisch 
verschoben wird auf die Forderungen: Schulung der Minderen! Fähigkeits- 
schulung! Das leuchtet ein. Dabei ist wissenschaftlich nicht erwiesen, daß man 
Fähigkeiten schulen kann. Das bisherige veröffentlichte Material der industriellen 
Psychotechnik läßt eher geradezu den gegenteiligen Schluß zu. Alle Erfahrungen 
der Psychologie müssen die grundsätzliche Idee der Fähigkeitsschulung für 
reinste Utopie oder ausgesprochenen wissenschaftlichen Dilettantismus halten, 
und auch mancher Laie mag sich fragen, wie es denn komme, daß man trotz 
stundenlangen Klavierübens oder tagelangen Trainings seine Fähigkeit niemals 
so schulen kann, um ein Virtuose oder ein Rekordmann zu werden: falls die 
Begabung nicht bereits in einem liegt? Wir wollen uns hier mit den wissen- 
schaftlichen Unmöglichkeiten und den praktischen Versagern der sogenannten 
psychotechnischen Fähigkeitsschulung nicht einlassen, sie ist als Schlagwort 
wieder ein werkpolitisches Beispiel. Denn sind wir ehrlich, so liegt die Sache 
so, daß dem Unternehmer wie dem Arbeitenden völlig gleichgültig ist, ob Fähig- 
keiten oder Fertigkeiten geschult werde, ob überhaupt geschult wird oder nicht, 
ob psychologisch oder nichtpsychologisch gedrillt wird : wenn man nur auf diesem 
Wege besser Geld machen kann. Aber die Ethisierung stützt wieder den 
unbewußten Vorwurf: ich bin zu unbegabt und daher bei der Eignungsprüfung 
durchgefallen. Ich bin sehr egoistisch und will nur Geld aus produktiver Arbeit 
haben — so sagen beide Beteiligten. Wie sympathisch berührt da ein „wissen- 
schaftlich" begründetes ethisches Schlagwort „Fähigkeitsschulung". Nun kann dem 
Ungeeigneten nichts mehr geschehen, der Betrieb hat nicht mehr den Protest 
Ungeeigneter zu fürchten und braucht sich vor seinen Forderungen nicht zu 
schämen, denn man schult humanitär nur die Fähigkeiten „des Volkes". Daß 
die schönen Fähigkeiten auch allen mehr einbringen und werkpolitisch Gewinn 
abwerfen, ist nur Akzidenz für das Unbewußte. Ein Zusatz, den das Ober- 
bewußtsein lächelnd quittiert und in Prozenten berechnen kann. Und daß i m 
geheimen überhaupt keine Fähigkeiten, sondern in den meisten Fallen ganz. 

— IOO — 






harmlos Fertigkeiten geschult waren, das ist ein Befund, der den Laien dann 
nichts mehr angeht. Man wäre vielleicht sogar böse, wenn man durch diese 
Aufdeckung des Tatbestandes an dem neuen Zufluchtsort des Unbewußten eine 
Öffnung anbrächte, durch die das nüchterne Alltagslicht fiele. — 

Aber ein noch viel schöneres Feld für das Walten unbewußter und nur 
durch Psychoanalyse klar erkennbarer Zusammenhänge ist das Gebiet der Lohn- 
politik des Betriebes. Auslese und Anpassung sind immerhin etwas sehr Modernes 
das Gebiet des Lohnes ist ein Kampfplatz von Generationen. Unnötig, daran 
zu erinnern, wie von hier aus Politik, Sozialpädagogik und Kulturphilosophie 
ihre stärksten Anregungen im 19. und 20. Jahrhundert erfahren haben. Wie 
um den, psychoanalytisch so zu nennenden, Komplex „Geld" (die Realisierung 
der Lohnpolitik) ganze Bündel weiterer Schlagworte in Politik und Wirtschafts- 
wissenschaften, wie im Ganzen der Zivilisation sich angliederten. Der letzte 
Krieg ist nichts weiter als ein Kampf wegen des Geldkomplexes der Menschheit, 
wie andere Zeiten blutige Kämpfe um den religiösen Komplex führen konnten. 
Und wie damals die Religion Vorschub wurde für anderes, so wurde hier der 
Geldfaktor, der unbewußt die einzige Triebfeder des Ganzen ist, bemäntelt mit 
nationalen, völkerrechtlichen und anderen Schlagworten, hüben wie drüben. 
Davon wollen wir nicht sprechen. Die Existenz des Unbewußten des Menschen 
ist durch die Möglichkeit der Kriege unmittelbar bewiesen, und wenn wir 
nicht aus der Pathologie das Unterbewußte kennen würden, aus dieser Zone 
würde es uns Wirklichkeit. — 

Wir wollen als Einleitung das wesentlich einfachere Verhältnis kurz erörtern, 
nämlich die Lohnpsychologie im Rahmen der Werkpolitik, bezogen auf das 
Erleben des einzelnen Menschen. Das Geldmotiv ist für den Einzelmenschen der 
eigentliche Anfang der Verselbständigung des Ichs. Wir wissen heute, daß es in 
normalen Fällen einen anderen Komplex ablöst oder ablösen kann: nämlich 
die Bindung an die Familie. Durch Gelderwerb wird der Mensch wirklich un- 
abhängig, und zwar auch der Mensch, der einmal aus der Familie Vermögen 
zu erwarten hat. Hierher datiert der Konflikt vieler Kinder von Industriefamilien, 
die nicht die Familienabhängigkeit auch noch auf die finanzielle Lebenssphäre 
ausdehnen wollen, die zur Selbständigkeit auf wirtschaftlicher Grundlage streben 
um endlich vom übermächtigen Vater (oder der Mutter oder den Eltern usw.) 
loszukommen. Diese erste Loslösung des Ichs aus den Fesseln der Familie wird 
durch die erste Löhnung, durch das Erlebnis eigen verdienten Gewinns (der u. a. 
auch Ertrag eines selbstbewirtschafteten Gutes sein mag) dokumentiert. 

Von hier aus aber leiten sich unbewußte Triebe und rein gefühlsmäßige 
Wirkungen auf die praktische, schembar nur logisch, nur sachlich oder nur ober- 
bewußt arbeitende Werkpolitik über. Der Machttrieb im Unbewußten, das 
Geltungsstreben: das klammert sich an den finanziellen Faktor an. Nicht die 
sogenannte unmittelbare Produktionsfreude ist der Kern. Nur bei gewerblichen 
Betrieben und in Sonderfällen ist die Freude am Schaffen, am Werk, am Pro- 
dukt das Primäre. Sie ist zumeist nur Begleiterscheinung. Sie wäre beim speziali- 
sierten Serienarbeiter viel weniger zu erwarten. Das Gemeinsame ist die Freude, 

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„ein gutes Stück Geld zu verdienen". Das ist dem Geltungsdrang wohltuend, 
und wie dieser Geltungsdrang sich Samstag nachmittags Bahn bricht, das berichten 
die Konsumziffern an Alkohol oder die Frequenzen der Wettbüros und des protzen- 
den Einladens der Familien zum Schmause nicht minder. Man hat es ja, 
man kann es ja. Darin sind sich, wenn auch in verschiedener Proportion der 
absoluten Ziffern, Unternehmer wie Arbeitnehmer einig. Das ist Lohn der 
Arbeit für das Unbewußte. 

Hieraus keimt dann der übersteigerte Machttrieb des Unbewußten beim 
Arbeitnehmer bis zum Streik herauf. Der Streik ist das oberbewußte Schlagwort 
für mibe wußte Geltungstriebe. Nicht in allen Zeiten war der Arbeiter schlecht 
und unter einem bescheidenen Lebensstandard bleibenden Ausmaß abgegolten. 
Heute ist der brutale Lebenstrieb, der Hunger und vielfach auch Enttäuschung 
über fadenscheinig werdende Fiktionen des Unternehmertums Grund für den 
Protest des Machtwillens. In ruhigen Epochen konnte Streik auch aus satterer 
Atmosphäre kommen, um dem Machttrieb spielerisch innenpolitisch frisiertes 
Gepräge zu bieten. Von hier aus versteht man manches aus den Gewerkschaften. 
Sie waren nicht immer ein Schutz der Schwachen, wie die Unternehmer durch- 
aus nicht immer die Notleidenden bei Streiks gewesen sind. 

Nun aber das Gegenstück: Die Polarität des Unternehmers. 

Im Rahmen der Lohnpolitik des Werks kann man hier vom Sadismus der 
Arbeitgeber sprechen. Wenn wir durchaus nüchtern und durchaus objektiv 

— die Stellungnahme der Arbeitgeber wie der Arbeitnehmer gegenüber Auf- 
klärung objektiver Zusammenhänge entbehrt hier des Interesses — die psychi- 
schen Grundlagen der sogenannten Lohnverhandlungen verfolgen (besonders 
fesselnd in Denkschriften, Schlichtungsausschüssen usw. oder auch theoretischen 
Schlagworten, wie dem Kampf um die Goldmarklöhnung, zum Ausdruck kom- 
mend), so sehen wir, daß zweifellos ein stark sadistischer Trieb die objektiven 
Begründungen unterbaut. Die Freude am Ducken der Bestie „Arbeitnehmerschaft", 
die Freude an der wirtschaftlich starken Position, die Freude am Halten des 
Gängelbandes, das ist und bleibt in den allermeisten Fällen unbewußte, in einigen 
auch sehr bewußte Grundlage. Nicht sachliche Gegengründe überzeugen, selbst 
wider bessere Einsicht kann der Sadismus des Unternehmers in der Lohnpolitik 
siegen. Man soll nicht von objektiven Erörterungen sprechen, wenn subjektive 
Zusammenhänge entscheiden. Der Sadismus in der Betriebsleitung überhaupt 

— und hier hätten Betrachtungen wieder über das Taylorsystem anzuschließen — 
ist die durchgehende Melodie im Lohnproblem; äußerlich geboren aus der wirt- 
schaftlichen Überlegenheit, unbewußt aber gestützt durch die Erkenntnis, daß 
man, um Geld zu machen, Hilfskräfte braucht. Es ist Rache am fremden 
Menschen, dem man dankbar sein müßte, den man aber letzten Endes verachtet. 
Diese Grundeinstellung ist so häufig, daß wir sie erwähnen müssen, ohne Befugnis 
zu besitzen, sie zu werten. Die Inferiorität der Arbeitenden drückt sich auch 
in friedlichem Verhältnis beider Parteien dahin aus, daß der Vorgesetzte die 
psychoanalytisch so wohl bekannte „Vaterrolle" beim Einzelnen übernimmt. 
Aus den Klauen der unselbständig machenden Familie entfloh man durch 

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eigenen Verdienst. Aber nun löst patriarchalisch — entwicklungspsychologisch 
betrachtet — ein Wahlvater den Geburtsvater ab. Schon ein Lehrer, ein poli- 
tischer Führer kann „Vaterersatz" sein. Der betriebliche Vorgesetzte der Chef 
ist auch heute noch der Mensch, dem Vaterrolle zukommt, zu dem man in der 
Not fliehen kann und den man brutal haßt, weil er den Unmündigen, den jetzt 
wirtschaftlich Unfreien, meistert. Ins Wohlwollende umgebogen, war dies das 
Bezugssystem zwischen Meister und Gesellen im alten Kleinbetrieb. Das war echt 
patriarchalischer Fabrikgeist individuell geleiteter Unternehmen vor noch dreißig 
Jahren und ist hier oder dort auch noch heute. Es war Auswirkung eines allgemeinen 
unbewußten Empfindens des Schwächeren zum Großen und zwischen dem 
Älteren und Fundierteren gegenüber der Menge der Arbeiter: Fabrikkinder. Und 
wie der Vater in seinem Erziehungskodex sadistisch wird — so wird es die 
Betriebsleitung um so eher sein können, von je ausgeprägteren Persönlichkeiten 
dieser Fabrikgeist getragen ist. 

Muß das so sein? 

Wiederum offenbart die psychoanalytische Betrachtungsweise, daß die Psyche 
des Arbeitenden bestimmte, wie man sagen würde, infantile Eigenschaften hat, 
die zu einer fast gewollten masochistischen Einstellung führen. Man darf beinahe 
sagen : Der Arbeitende will leiden, er will Abhängigkeit empfinden, er wäre 
vielleicht unglücklich wie jene russischen Steppenfrauen, die an der Liebe ihrer 
Männer verzweifeln, wenn sie nicht von ihnen geprügelt werden. Das typisch 
unbewußte Bibelwort: „Wen der Herr lieb hat, den züchtigt er" wäre das 
beste Leitmotiv für die Werkleitung; und ein boshafter Psychologe könnte es 
sich als Wandspruch im Direktorzimmer vorstellen. Ich möchte zwei Befunde 
nennen, die immer wieder auffallen. Gegenüber der Betriebsleitung, dem Chef, 
dem „Alten" (also der Vater — Imago, psychoanalytisch gesprochen), kennt 
erstlich der Arbeitende die so zu nennende „Entlassungsangst". Es ist dies ein 
typisch unbewußtes Vorkommnis, die ewige Entlassungsangst, und sie ist nichts 
weiter als ein latentes Schuldgefühl des Betreffenden, ist Angst vor Strafe. Kann 
die sadistische Zuneigung zum Minderen nicht einmal so weit gehen, daß er ihn 
entläßt ? Diese psychische Hörigkeit zwischen oben und unten prägt sich aber 
noch weiter, viel allgemeiner aus. In kindlichen Lebensläufen zeigt sich immer 
wieder etwas, das man proletarische Sentimentalität nennen könnte. Es ist aus- 
geprägtes, unbewußtes Minderwertigkeitsgefühl einer ganzen Schicht, das bei 
13- und 14 jährigen bereits auftrat. Sie erzählten in Lehrlings-Lebensläufen, 
wie sie sich auf der Schule „recht durchgeschlagen hätten" oder wie der Vater 
bei der Arbeit verreckt sei oder wie sie ein gutes Stück Geld verdienen müßten, 
um ihre Familie zu ernähren, oder wie die Mutter eine „ärmlich, aber reinlich 
gekleidete Frau" sei usw. Diese erbarmungswürdige Sentimentalität, die irgend- 
wie an den Pietismus und Zinzendorfs masochistisches Gottestum erinnert — 
ist unbewußt da, ist ein Minderwertigkeitsgefühl, welches durch Familien- 
tradition bestimmt, durch Lektüre und Veranstaltungen aller Art gestützt war. Die 
Empfindung wirtschaftlicher Minderwertigkeit verbindet sich mit dem Eindruck 
persönlicher Minderwertigkeit und dem Bedürfnis, diese Minderwertigkeit zu 

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erleben. Der Organismus hat in diesem Sinne Erlebniszwang und Erlebnis- 
bedürfhis. Hinzu kommt, daß diese Minderwertigkeit ausgezeichnetes Existenz- 
mittel für manche Arbeitnehmerparteien ist. Ein glücklicher und bewußter Arbeit- 
nehmer braucht keine Gewerkschaft und keine Sonderpartei mehr. Die Kultur 
der Minderwertigkeit ist Bedarfsartikel dieser Organisationen ; vielleicht manchmal 
sogar unbewußte Voraussetzung, doch glaubt man hier ans Unbewußte nicht mehr. 

Diese Sachlage findet dann unter anderem auch ihre sinngemäße Anwendung 
in der Praxis des Lohnverfahrens. Ja, wir erkennen aus dem Kampf zwischen 
allgemeiner Tarifierung und Akkordprinzip in Praxis stets die Überlegenheit des 
letzteren. Als um 1920 die Tendenz zur Nivellierung der Löhne einsetzte und 
prinzipiell das Taglohnverfahren erreicht ward, sanken automatisch die Arbeits- 
leistungen. Je mehr sich ferner die Spanne zwischen Löhnen der Gelernten und 
der Ungelernten verringerte, um so weniger kam Gelerntennachwuchs und 
Arbeitsfreude dieser Gelernten. Aber doch war der Gelernte, psychoanalytisch be- 
trachtet, das feiner reagierende Instrument. Seine Familie hatte ihn lernen lassen. 
Diese persönlichere Familienkultur überträgt sich auch aufs Berufliche, also 
Betriebliche, die Vaterimago. Alle Unruhe bei Streiks, Lohnforderungen oder 
Ausschußlieferungen kommt immer von Ungelernten, von der Herde, den Familien- 
gliedern, die soziologisch wild aufwuchsen und die ebenso ungezähmt sich 
im Betriebe gebärden. Psychoanalytisch ist daher die Beobachtung und Zähmung 
der Ungelernten und die Pflege der Gelernten die richtige Werkpolitik. Sie ist 
psychologisch in ihrer Dynamik am einflußreichsten. Desgleichen verdient der 
junge Arbeiter ganz andere Bevormundung als der ältere, ebenfalls Familien- 
vater seiende Arbeitnehmer ; ein aus Streik- und Betriebshemmung — Statistiken 
wiederum abzuleitender Befund. — 

Im Rahmen der Akkordprinzipien spielt in Sonderheit der Bonus die Rolle 
der psychoanalytisch genannten Vor lust. Weniger die Lust am Zahltage oder 
am Geldbesitz, als die Vorlust auf die Möglichkeit der Zahlung und des Lohn- 
zuschlags, das schafft entscheidendere seelische Antriebe. Wir wissen aus der 
Reklame, daß nicht die Lust, sondern die Vorlust stärkere Kaufreize bedingt. Wir 
wissen aus anderen Bedingungen, daß die sogenannte Vorfreude immer erlebnis- 
reicher und Schwingungen bietender ist, als die reale Freude bei Eintreten des 
erwarteten Geschehens. So ist das Bonusprinzip als Vorlustwecker anzusehen und 
zweifellos ein Mittel, im Betriebe mehr erreichen zu lassen, als ohne diese 
Vorluststimm ungen. Stimmungstöne sind überall im Leben entscheidend. Ich erinnere 
an die Erotisierung der Reklamemittel, an die künstlich gelenkte Erzielung der 
Behaglichkeit, an . die Kultur des Tagträumens bei monotoner Beschäftigung, 
oder die absichtliche Ablenkung der Aufmerksamkeit von der Anstrengung der 
Arbeit durch Begleitmusik oder nur den Summton eines Motors ! (Sachsenbergs 
Untersuchungen.) Diese Stimmungstonkultur des Schaffenden wird werkpolitisch 
im Bonus richtig erfaßt, und die Bonuswirkung erklärt sich nur daraus, daß unser 
Unbewußtes zur richtigen Funktion gefühlsmäßige Atmosphären benötigt, Vor- 
lust will. 

Man möchte aber auch der anderen Seite gedenken und die individuelle 

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Werkpolitik des Einzelunternehmers beachten, wie er sie als Schöpfer von sich 
aus unbewußt empfinden mag. Hierbei bieten reiche Beispiele Fälle aus der 
Praxis der Wirtschaftsführer. Sie alle erweisen die unbewußten Hintergründe 
für das äußerliche Geschehen. 

Diese Individualnote des Betriebes kann seitens des Unternehmers sich im 
Sinne des sozialen Gedankens oder der Wohlfahrtspflege äußern. So werden 
Konsumvereine gegründet, Kaufhäuser gebaut, Bibliotheken und Heimlesezirkel 
arrangiert, Sportplätze eingerichtet, Feste abgehalten, Ausflüge gemacht oder 
Sonderkassen gestiftet. Man kann den eigentlichen Sinn gerade an den Urformen 
der Betriebe, den kleineren und mittleren finden. Die Firma macht einen guten 
Abschluß, da kommt man auf die Idee, eine private Waisenkasse einzurichten 
und ein Scherflein aus dem Gewinn dieses Sonderfalles dort hineinzutun. Der 
Senior, der Vater, feiert den 60. Geburtstag. Er errichtet eine Bibliothek oder 
einen Sportplatz, kauft ein Kino oder spendet Lebensmittel. Große Unternehmen, 
wie Krupp u. a., treiben diesen „Familien "-Gedanken ins Weite. Sie lösen beim 
Einzelnen die Familie durchaus ab. Der Vater ist sehr streng, er ist stark sadistisch 
und oft hart. Aber zu Festen oder am Geburtstag versöhnt er durch Milde, durch 
Vergeben und durch Spenden. Wohlfahrtsstiftungen sind Ausfluß der unbewußten 
Eindrücke. Ich kann mich meines Reichtums nicht freuen, wenn ich davon 
nicht auch etwas abgebe. (Nicht umsonst ist das geschäftlich erfolgreiche 
jüdische Volk, wie man es nennt, wohltätig.) 

Es ist Ausgleich eigenen Schuldgefühls gegenüber den anderen, die man 
eigentlich, wie die untrügliche Stimme des Unbewußten zuraunt, betrog und 
gemein ausnutzte. Oberbewußt wird es zur milden Stiftung und zur humanitären 
Fürsorge für die große „Familie" (außerdem wird natürlich auch noch ein 
Streich gegen das Finanzamt geführt). 

Auf einer zweiten Stufe kommt der Unternehmer dann schon zu einer 
Philosophie des Betriebes. Das Wohltätigkeitsventil ist abgeblasen. Es funktioniert 
und man denkt darüber nach, aus welchem Grunde man erfolgsberechtigt war? 
Man frisiert oberbewußt, was unbewußt aus Fragezeichen und Selbstvorwürfen 
bestehen mag. Auf diesem persönlichen Stadium scheinen sich etwa Rathenau 
und heute Ford befunden zu haben. Die Berechtigung, unbewußt bezweifelt, 
wird logisch abgeleitet. Die Betriebsentwicklung mußte, der Gerechtigkeit 
wegen, so werden. Wenige sind dabei so offen wie Ford, anzudeuten, daß sie 
ebensooft vom Zufall abhingen, daß sie manchmal Glück hatten und daß ihr 
Weg, rein organisatorisch, durchaus nicht geradlinig gewesen ist. Man erläutert 
also die erfolgreiche Betriebsform vor sich, vor anderen, vor der Welt da 
draußen. Es ist Selbstverteidigung vor sich selbst. Verteidigung auch vor 
Vorwürfen des Unbewußten, die wie grotesk dazwischen fragen: Hättest du 
nicht doch noch schneller und noch erfolgreicher sein können? So verklärt 
man die Notwendigkeit, ja, den Segen der Fehlschläge. — 

Die Selbsterläuterung führt dann zu objektivierender Formulierung. Nun 
spricht man von Gerechtigkeit der Einrichtung, vom sozialen Aufstieg jedermanns 
ab ovo, von weltwirtschaftlichen Vorteilen, von nationalen Notwendigkeiten, 

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vom menschlichen Fortschritt, vom weitsehenden Unternehmerblick, von der 
Gerechtigkeit in der Betriebsführung und so weiter. Praktisch ist das Ober- 
bewußte Stukkatur des Unternehmens, weiter nichts. Und nur Schreibtisch- 
wirtschaftler theoretisieren ebenso, weltfern, vom Unsegen der Monotonie, von 
der Gerechtigkeit der Lohngebung oder der Idee der Planwirtschaft, ohne die 
nüchternen Uranfänge dieses Gewordenen immer zu betonen. Die Welt will 
vielleicht nicht getäuscht, aber sie will (psychoanalytisch gesprochen) sublimiert 
werden. Nackte Komplexe sind für die Allgemeinheit ein unanständiger Anblick. 
So Geldgier, Machttrieb, gewisse ethische Oasen der Unternehmerpersönlichkeit 
so wird Fehlschlag und Erfolg oberbewußt logisiert. Und so lange eine 
Wirtschaftsphilosophie nur diese, sagen wir individualistische Grundlage besitzt 
steht sie noch ganz an subjektivsten Anfängen, ist sie überhaupt noch nicht 
kulturell gegeben. — 

Endlich ist es ebenso fesselnd die rein persönliche Verhaltungsweise mancher 
Unternehmer, die erfolgreich waren, zu beobachten. Schuldgefühle und, als psycho- 
logisch wohl bekannte Polarität zum wechselweise auftretenden Sadismus, eigene 
Minderwertigkeitsempfindungen bestimmen ihr Tun. Rockefeller sen. ist nicht nach 
seinem erfolgreichen ßusinessmandasein, sondern vielmehr durch dieses seit Jahren 
bekanntlich magenkrank. Wer die psychoanalytische Beziehung zwischen Schuld 
und Magen kennt, ist im Bilde. Dem Laien wird man sagen, daß jemand sich selbst 
„im Magen liegen kann. Und so kann dieser Multimillionär die Genüsse der 
Welt nur in karger Diät erhalten und ist trotz allem hochbetagt noch heute 
Sportsmann. Der Körper wurde Komplex für das Unbewußte, das die Laufbahn 
zum Erfolge bestimmte. Sehr bekannt sind auch die Stiftungen Carnegies. Er 
hat, obwohl er in selbstbesinnender Keinigung autobiographisch es anders dar- 
stellt (sein Unbewußtes rettet das Ich vor Selbstvorwurf), nicht sympathisch Streiks 
unterbunden und den Konkurrenzkampf gegen andere rigoros durchgesetzt. Er 
häufte Millionen! Im Alter wird er fromm. Gott wird gelobt und die Millionen 
werden ähnlich sadistisch auf die Menschheit (Arme Familie!) in Stiftungen ver- 
schleudert, wie sie einst im Machttrieb angehäuft wurden. Das alles aber nennt er 
dann dem Leser Gerechtigkeit und erzählt das mit einem verschmitzten Schielen 
nach der segnenden Hand des Himmels. Und in seinem Alter, wo (wie wir aus der 
Analyse wissen) die unbewußten Todestriebe im Menschen Herrschaft gewinnen, 
gründet er u. a. bekanntlich auch eine Stiftung für — Lebensretter. Welcher 
psychoanalytisch geschulte Mensch wird da nicht lächeln? — Es ist außerordent- 
lich fesselnd, zu sehen, wie der kaltblütige Unternehmer bedingungslos der 
Majestät des Seelischen folgen muß, auch wenn er es nicht ahnt. — 

Und so fährt bis in die jüngste Zeit ein bekannter sehr reicher und sehr alter 
Großindustrieller täglich nicht im Auto, sondern in der Straßenbahn oder sonst- 
wie unauffällig ins Werk, um die Kontrolluhr zu passieren. Er will nicht anders 
erscheinen als andere, obwohl er anders ist als die Arbeiter. Er kompensiert un- 
bewußt andere Komplexe. Stinnes ist gelegentlich nach seinem Ziel gefragt worden. 
Antwort: „Die Familie." Er war wenigstens so ehrlich, dem Interviewer 
nicht zu behaupten „Der Staat" oder gar „Die Kultur". Er deckte ganz vater- 

— 106 — 



rollenhaft seine Familie. Er war ein mustergültiger Familienvater, mit all den 
psychoanalytisch bekannten Möglichkeiten, die jeder gute Familienvater haben 
kann. Die Rolle Vater deckte die Rolle des Ichs. Nach seinem Tode war sie 
ausgespielt. 

Brechen wir hier ab. Es können nur einige Anregungen sein, nicht mehr 
das Wirtschaftsleben auch einmal aus der Tiefenfunktion unserer Person abzuleiten. 
Die interessantesten Anregungen findet man in Problemen der wissenschaftlichen 
Betriebsführung, die ohne Interpretation von der Psychologie des Unbewußten aus 
Stückwerk bleiben muß und auch nie restlos günstig organisiert werden kann, 
falls man an das Unbewußte nicht denkt. Vielleicht die bedeutendste Erkenntnis 
der letzten dreißig Jahre in der Psychologie ist die Psychoanalyse. Es erscheint 
nützlich, auch dem Wirtschaftsbetrieb Anschluß zu bieten und ihm weiter zu 
helfen. Weiter, als es die mehr oberflächliche Praxis oder die grundsätzlich 
anders gerichtete bisherige Psychotechnik vermag. — 



Gespräche mit einer Mutter 

Von Dr. med. Heinrich Meng, Stuttgart 

„Sie wünschten, daß ich über meine eigene Kindheit heute berichte. Ich will 
es gleich tun, aber zuvor noch eine Frage! Glauben Sie, daß, wenn ein Kind 
ohne Liebe erzogen wird, aber sonst alles aufs beste bekommt, was es zum Leben 
braucht, es sich charakterlich und körperlich schlecht entwickelt? Ich kam deshalb 
auf diese Frage, weil ich oft meine, ich wäre von den Eltern lieblos behandelt worden 
und es hätte niemand mit mir ein gutes Wort gesprochen. Ich erinnere mich 
kaum an freundliche Worte von Vater und Mutter. Von meiner Kindheit weiß 
ich überhaupt sehr wenig, nichts, was mit dem sexuellen Problem zusammenhängt; 
es ist mir auch völlig unverständlich, wie es bei mir gelingen sollte, Erinnerungen 
wachzurufen. Soviel ich weiß, wird bei der Psychoanalyse der Versuch gemacht, 
die Wirkung frühester Kindheitserlebnisse für die Art des Denkens, des Fühlens 
und Handelns des Erwachsenen verantwortlich zu machen. Der analytische Prozeß 
soll, wie ich höre, die Wirkung nachträglich so abändern, daß der Erwachsene 
selbständiger und reifer werde. Was geschieht mit denen, die keine Erinnerung 
haben ? Ich weiß aus dem 3. Lebensjahr nur, daß ich wegen Hustens einmal 
krank im Bett lag, die Mutter mir Zwieback reichte und auf dem Tisch des 
Zimmers ein Glas mit Arznei stand. Vom 5. Lebensjahre weiß ich auch etwas: Ich 
gehe mit meinem Vater an einem schönen Sommertag spazieren ; er tadelt mich, 
weil ich ohne Grund weine; wir wollten für die Mutter Blumen suchen; sie war 
zu Hause geblieben, um das neugeborene Schwesterchen zu hüten. " 

Ihre erste Frage über die Wirkung der Liebe in der Erziehung werde ich 
Ihnen später beantworten. Es ist natürlich kein Zufall, daß Sie gerade diese Frage 

- I07- 



stellen, aber wir wollen uns vor allem mit Ihren Jugenderinnerungen beschäftigen. 
Sie müssen wissen, daß der Analytiker nicht durch Fragen die Erlebnisse der 
Kindheit bewußt zu machen sucht, sondern daß der Patient während der Ana- 
lyse, vor allem durch seine freien Einfälle, selbst das vergessene Reich der Kind- 
heit dem Bewußtsein zugänglich macht. Das bewußte Material, das Sie mit den 
zwei Erinnerungen mir vorlegen, wäre, falls Sie sich in Analyse befänden, sicher 
geeignet, tiefer liegende Schichten frei zu machen, Gefühlsbewegungen, Erinne- 
rungen an freundliches und feindliches Handeln gegen Ihre Umwelt wieder 
Ihrem Bewußtsein zu erwecken. Was wir von der Kindheit wissen, ist oft 
nur die Fassade eines Bauwerks, dessen Räume verschlossen sind und zu denen 
die Analyse den Schlüssel liefern kann. Freud hat eine besondere Technik ge- 
funden, durch die freie Einfälle leichter aufsteigen können und durch die vor 
allem Widerstände, die jeder Mensch leistet, wenn er sich selbst kennen lernen 
soll, deutlich in Erscheinung treten. Man kann die Kraft dieser Widerstände 
benützen zur Heilung des Patienten. Wahrscheinlich würden Sie, auch ohne 
die analytische Situation, Einfälle zu Ihren Jugenderinnerungen mitteilen können, 
die Ihnen aus Ihrer Kindheit zeigen, was Ihnen bisher bewußt unzugänglich 
war oder Ihnen unwichtig erschien. Man macht ja solche Versuche ab und zu 
in Gesellschaft, sie sind aber wenig anzuraten, denn sie führen meist zu groben 
Deutungen, und die Analyse ist kein Gesellschaftsspiel. Trotzdem will ich Ihnen 
diesmal etwas ganz allgemeines zu Ihren Jugenderinnerungen sagen. 

Krankwerden und Kranksein sind Ereignisse, die für die meisten Kinder sehr 
eindrucksvoll sind. Die Einfälle des Erwachsenen in der Analyse sprechen dafür, 
daß das Kind sich in der Krankheit oft die Liebe eines Elternteils erzwingt, weil 
es sich sonst vernachlässigt glaubt, daß es aber ein andermal krank wird, um 
sich einer selbstgewählten Strafe zu unterziehen oder eine Schuld zu tilgen, mit 
der es nicht fertig wird. 

„Ich weiß, daß ich bei dem erinnerten Kranksein ab und zu bei der Mutter 
schlafen durfte und wollte, keineswegs beim Vater. Er schlief dann in einem 
anderen Zimmer, und das gefiel mir besonders gut. Sie sehen, das ist keineswegs 
eine Bestätigung der ,Ödipussituation , von der Sie letztesmal sprachen." 

Sie müssen sich die Motive, die den Menschen in der Kindheit antreiben, 
die körperliche Nähe von Vater oder Mutter aufzusuchen, oder ihre Trennung zu 
erzwingen, nicht so einfach vorstellen. Sie hatten anscheinend keine Erinnerung 
an den Vater bis zum 5. Lebensjahre und doch fällt Ihnen ein, daß Sie vom 
5. Lebensjahre Wünsche kennen, wo er schlafen soll, wenn Sie krank sind. Das Kind 
wird oft durch das Verhalten eines Elternteils so enttäuscht, daß es alles Unan- 
genehme, das mit diesem zusammenhängt, aus seinem Bewußtsein wegschiebt 
(verdrängt) und sich dann um so enger an den anderen Elternteil anschließt. Außer 
der gegengeschlechtlichen Anziehung gibt es auch eine gleichgeschlechtliche, eine 
biologische Tatsache, die auch unabhängig von der Analyse gefunden wurde. Für 
die kulturelle Entwicklung, für die Fähigkeit zur Freundschaft des Erwachsenen 
für die Einfühlungsmöglichkeiten einer Frau in die Seele einer anderen Frau ist 
dies sehr bedeutungsvoll. Die zweite Erinnerung, der Spaziergang mit dem Vater, 

— IO8 - 






enthält wahrscheinlich Material, das uns auf frühere Erinnerungen an den Vater 

führen würde. 

„Ich glaubte bestimmt im 5. Lebensjahre, daß das Kind vom Storch gebracht 
würde, ich könnte das beschwören; keineswegs wußte ich etwas von der wirklichen 
Entstehung des Kindes. 

Ich stelle nur fest, daß Sie mir in auffallender Erregung Ihr Nichtwissen im 
5. Lebensjahre mitteilen; in der Analyse würde das daran denken lassen, daß 
der Grund für diese affektbetonte Äußerung auf ein Teilwissen des Kindes vom 
wirklichen Sachverhalt schließen läßt, natürlich war das Wissen ganz entstellt, 
vielleicht war nur instinktiv oder falsch gedeutet, was das Kind irgendwo gehört 
hat. Erwachsene führen ja oft Gespräche in der Nähe von kleinen Kindern, 
ohne daran zu denken, daß ihre Worte von dem Kinde in seiner Art 
verarbeitet werden. Wir wollen den Weg aus Ihrer Kindheit zu der Kindheit 
Ihres Kindes nicht weiter verfolgen. Was Sie sagten, widerspricht keineswegs 
meiner Vermutung, daß, wenn Sie auf dem Weg einer technisch richtig geleiteten 
Analyse wieder in Fühlung mit Ihrer eigenen Kindheit kämen, Sie voraussichtlich 
eine Fülle von Konflikten wieder entdecken würden, an denen Sie als Kind litten, 
darunter auch sexuelle. Schon Ihre allererste Frage : das Problem, ob Sie ohne 
Liebe erzogen -wurden, weist auf diesen Weg. 

„Ich bin zwar keineswegs überzeugt von Ihren Schlüssen, aber ich kann 
mir vorstehen, daß beim Kinde das Verhalten der Umgebung schon sehr frühe 
das Triebleben beeinflußt. Ich glaube auch, wenn ein Sinn der Erziehung ist, 
das Kind allmählich selbständig zu machen, daß ich besser daran tue, meinen 
Knaben so zu erziehen, wie Sie es mir früher einmal vorschlugen. Darf ich noch 
eine persönliche Frage stellen?" 

Soviel Sie wollen, nur kann es Ihnen vielleicht wie in der Analyse gehen, 
bei der Fragen manchesmal erst später beantwortet werden können, wenn der 
Patient einige Zeit in Behandlung ist; meist, wenn er dann die Motive seiner 
Fragen kennt, kann er sie selber beantworten. 

„Haben die Ärzte, die analysieren, ihre Theorien von F r e u d übernommen 
oder haben sie selbständig vieles gefunden, was die moderne Psychoanalyse vom 
Kind weiß oder behauptet? Haben die Ärzte an sich selbst Versuche gemacht, 
um das nachzuprüfen, was die psychoanalytische Schule lehrt? Ist es nicht gewagt, 
falls Freud die Analyse allein gefunden hat, sich nur auf ihn zu verlassen? 

Freud hat in den 50 Jahren seiner psychoanalytischen Arbeit alles Wesentliche 
entdeckt, was die Psychoanalyse enthält, einige Folgerungen und interessante 
Beobachtungen stammen von seinen Schülern, aber sehr wenig, gemessen an 
dem Werke Freuds. Sie verlangen doch auch nicht, daß an der Entdeckung 
des modernen astronomischen Weltbildes mehr beteiligt sind als einer. Denken 
Sie an Kopernikus: Was sein Werk „De revolutionibus orbium coelestium 
für die Jahrhunderte nach ihm bedeutet hat, wissen Sie. Ähnlich wird es wohl 
mit der Freudschen Entdeckung sein. Der psychoanalytische Arzt geht durch 
seine eigene Psychoanalyse, bevor er Patienten behandelt; er lernt sein eigenes 
Leben seine bewußten und unbewußten Motive in einer von einem anderen 

— IOQ — 






Arzte geleiteten Analyse kennen, steht also nicht fremd den Problemen gegen- 
über, die wir als allgemein menschliche bezeichnen. Eine Analyse von sich selbst 
ohne Zuziehung eines zweiten, gelingt deshalb im allgemeinen nicht, weil es 
uns schwer fällt, gegen uns selbst so sachlich zu sein, wie es notwendig ist 
um Unbewußtes bewußt zu machen und in der eigenen Seele Unangenehmem 
nicht auszuweichen. 

Nun verschieben wir Ihre erste Frage wegen der lieblosen Erziehung auf ein 
anderes Mal. Es fällt mir dazu eine Geschichte ein, deren Inhalt zeigen könnte 
daß, wenn Ihre Erinnerung wörtlich richtig wäre, Sie wahrscheinlich nicht hier 
im Sprechzimmer wären! In einer alten Chronik steht eine seltsame Geschichte: 
„Friedrich II., der romantische Hohenstaufenkaiser, warf die Frage auf, in welcher 
"Weise sich Kinder miteinander verständigen würden, die niemals ein gesprochenes 
Wort gehört hätten. Er ließ zur Lösung dieser Frage eine Anzahl verwaister 
Säuglinge von Ammen aufziehen, mit dem Befehl, sie zwar mit allem Besten 
zu versorgen, aber niemals ein Wort oder eine Liebkosung an sie zu richten. 
Des Kaisers Frage blieb ungelöst ; die Kinder starben. Sie konnten, sagt der 
Chronist, nicht leben ohne den Beifall und die Gebärden, die freundlichen 
Mienen und Liebkosungen ihrer Wärterinnen; deshalb nennt man die Lieder 
die das Weib dem Kinde an der Wiege singt, den Ammenzauber." 

Vielleicht ist von hier aus ein Zugang zum Problem der Liebe und der Angst 
die Kinder haben sicher oft einen schweren Kampf in sich zu führen zwischen 
ihren Liebeswünschen und dem Widerstand der Umwelt. Ein äußeres Anzeichen 
dieses Konfliktes ist ja die Angst. Nicht nur Erwachsene können an Angst sterben; 
auch Kinder. 



Muß es Unmusikalische geben? 

Grundsätzliches über Befreiung und Erhaltung 
der allgemeinen Ausdrucksfähigkeit 

Von Heinrich Jacoby, Berlin 

n 1 

Daß Musik in erster Linie ein primitives, und zwar ein ganz allgemein mensch- 
liches Ausdrucksmittel ist, kann vorläufig nur selten in Erscheinung treten. Dem 
wirken die übliche Einstellung und der übliche praktische Musikbetrieb zu sehr 
entgegen. Ist doch heute fast alle Beschäftigung mit Musik ausschließlich auf 
Reproduktion und auf Eindruck eingestellt. Trotzdem werden wir immer mehr 
dazu kommen, in der Musik im selben Sinne, in gleichem Maße und mit der 

1) I. siehe Heft 2 vom 15. Nov. 1926, Seite 35. 

— 110 — 






gleichen Selbstverständlichkeit wie bei der Sprache ein ganz allgemeines Aus- 
drucksmittel zu sehen. Das setzt natürlich die Möglichkeit voraus, die Störungs- 
quellen soweit ausschalten zu können, daß es auch tatsächlich allmählich keine 
„Unmusikalischen mehr zu geben braucht. Dem als unbegabt gewerteten 
„Unmusikalischen" gegenüber haben wir bisher den „Musikalischen" als mit 
einem Vorzug begabt angesehen. Wollen wir nun die falsche, irreführende Be- 
gabungswertung nicht wieder zur Hintertüre hereinlassen, so darf der Satz, „daß 
es allmählich keine ,Unmusikalischen mehr zu geben braucht", nicht dahin 
umgekehrt werden, „daß allmählich alle Menschen musikalisch' sein werden"? 
Wir müssen uns daran gewöhnen, die allgemeine Ausdrucks- und Aufnahme- 
fähigkeit als ein Problem jenseits von musikalisch und unmusikalisch anzu- 
sehen ! 

Daß dies nicht etwa eine Forderung nach „theoretischer" Klarheit oder ein 
Streit um Meinungen und Begriffe ist, daß auch praktisch alle Störungen, die 
den Menschen unmusikalisch erscheinen lassen, überwindbar sind, habe ich an 
der Hand von tausendfältigen praktischen Erfahrungen als Tatsache festgestellt. 
Für Beweis und Begründung — auch vom üblichen Musikstandpunkt aus — 
verweise ich auf einen älteren, im wesentlichen unter pädagogischen Gesichts- 
punkten gegebenen Bericht über meine Arbeit mit sogenannten Unmusikalischen. 
Ich habe schon damals an mehr als tausend Fällen aller Altersstufen, vom 
Kleinkind bis zum. 65 jährigen, und Angehörigen der verschiedensten Nationen 
und Rassen nachgewiesen, daß es — ganz seltene, schwere pathologische Fälle 
ausgenommen — den „Unmusikalischen" sogar im Hinblick auf die heute 
üblichen wesentlich reproduktiven Musikziele nicht zu geben braucht. 1 

Das „Unmusikalisch "-Sein oder besser -Scheinen kann also weder als Begabungs- 
mangel aufgefaßt werden noch darf man es mit einer konstitutionellen, unheil- 
baren Krankheit vergleichen, mit deren Bestehen man sich abzufinden hat. Die 
Krankheitserscheinungen des „Unmusikalischen" verschwinden, sobald man — von 
ihrer Heilbarkeit überzeugt — ihren Ursprung, die ihnen zugrunde liegenden 
psychischen Traumen (seelische Verletzungen) erkennt, sobald man aufklärend 
und lösend eingreift und sobald man vor allem das selbst oft traumatisch (wie eine 
Verletzung) wirkende, gebräuchliche pädagogische Verhalten ändert. Dabei darf 
uns nicht irreführen, daß viele dieser Störungen täuschend wie echte körperliche 
Störungen erscheinen. Ändern wir die Art unseres Vorgehens, so gelingt es jeder- 
zeit und bei jedem Menschen, die verborgene und nur verschüttete musikalische 
Ausdrucks- und Eindrucksfähigkeit zu befreien und zur Entwicklung zu bringen. 
„Unmusikalische" im üblichen Sinne kann es genau so wenig geben, wie etwa 
gesunde Menschen, die nicht laufen oder sprechen, nicht zeichnen, schreiben 
oder rechnen lernen können. 

1) Grundlagen einer schöpferischen Musikerziehung. „Die 
T a t", Märzheft 1922 (Verlag Eugen Diederichs, Jena). Zum ersten Male mitgeteilt 
im Jahre 1918 in der Gesellschaft für neue Erziehung, München. Seit der ersten 
Veröffentlichung hat die Arbeit mit abermals mehr als tausend Menschen die damals 
gemachten Beobachtungen und die daraus gezogenen Schlüsse immer wieder aufs 
neue bestätigt. 

— III — 



Daß der Ängstliche, der Schüchterne stottert und sich verspricht, daß dem 
Erschreckten oft die Sprache ganz versagt, daß der „Unsichere , der Ungeschickte, 
überall anstößt, die Dinge am verkehrten Ende anfaßt und, was er in die Hand 
nimmt, fallen läßt, ist durch gehäufte Fehlhandlungen, durch die Auswirkung 
unbewußter Vorgänge bedingt. Freud hat gezeigt, daß man sie bewußt machen 
und damit ihre störende Wirkung beheben kann. Auch der „Unmusikalische" 
ist oft nur ein Schüchterner oder ein unsicher Gewordener. Und in ganz ähnlicher 
Weise wie die Fehlhandlung haben wir uns in den meisten Fällen das Versagen 
der Stimme, das „Danebentreffen", dasNicht-unterscheiden-Können von Tonhöhen, 
schlechtes Melodiengedächtnis, Ungeschicklichkeit am Instrument usw. bei 
ihrem ersten Auftreten zu erklären. Bisher wurden solche Fehlleistungen bei 
musikalischen Äußerungsversuchen wie überhaupt bei Äußerungsversuchen, die 
irgend etwas mit „Kunst zu tun haben, sobald sie der Umgebung auffielen, 
als Anzeichen von „Unbegabtheit angesehen. Dies Mißverständnis bringt dem 
Betroffenen meist so heftige Erschütterungen des Selbstvertrauens, daß er bei der 
Wiederkehr entsprechender Situationen immer nachdrücklicher versagt: nun 
aber aus ganz anderen Gründen, als denen, die ursprünglich zur 
ersten Fehlleistung geführt haben!! So liefern diese Fehlleistungen, die 
zuerst wahrscheinlich gar nicht an einen bestimmten Ausdrucksstoff gebunden 
waren, den Anstoß für eine konsequente, später nur schwer wieder aufgebbare 
Abwehrhaltung. Diese Haltung bleibt gewöhnlich bestehen, auch wenn das Motiv, 
das zu den ersten Fehlleistungen geführt hat, längst unwirksam geworden ist. 
Erst wenn es gelingt, dem Betroffenen selbst die Einsicht in solche Zusammen- 
hänge nahe zu bringen, wird er diese Haltung zu ändern vermögen, wird seine 
Funktionsbereitschaft wieder hergestellt werden können. All den Anzeichen von 
Unfähigkeit, durch die jemand „unmusikalisch" erscheint, liegen derartige, 
gewöhnlich verhältnismäßig leicht überwindbare, psychisch begründete Hem- 
mungen zugrunde. Je mehr wir diese eigentlichen Ursachen erkennen, desto 
sicherer können wir sie nicht nur heilen, sondern in Zukunft auch praktisch dem 
Entstehen von Hemmungen der Ausdrucks- und Aufnahmefähigkeit vorbeugen. 



Je klarer und bewußter mir selbst diese Zusammenhänge wurden, desto besser 
gelang es, das Verfahren zur Heilung bestehender Hemmungen zu vereinfachen. 
Jede Schwierigkeit im Verhalten des Sichäußernden und des Aufnehmenden 
war von nun an Anzeichen behebbarer Störung. Gleichzeitig wurde die Ver- 
antwortung der üblichen Form und Art der musikalischen Fragestellungen für 
das Versagen in einer großen Anzahl typischer Fälle immer deutlicher. Daraus 
ergab sich allmählich eine grundsätzliche Umstellung auch gegenüber der Musik 
selber — eine Wendung in unserer Anschauung von Wesen und Bedeutung 
des Klang körpers. 

Die Suche nach latenten Funktionen im Menschen führte zur Suche nach 
entsprechenden funktionellen Vorgängen in der Musik. Die allmählich immer 

— 112 — 






bewußtere Einstellung auf die Tatsache und die Wirkung von Klangbezieh u nee n 
statt auf das Messen, Vergleichen und Treffen von Klängen führte zur 
immer deutlicheren Scheidung zwischen Klangenergie und Klangstoff. 1 

Damit wurde auch von der Seite des Musikvorgangs her deutlich, wie weit 
die übliche Musikauffassung und -erziehung selber für die Existenz von 
„Musikalischen und „Unmusikalischen verantwortlich ist, wie weit diese beiden 
„Typen unter dem Einfluß der bisherigen materialistischen und mechanistischen 
Einstellung zur Musik und zum Klangproblem sich mit Notwendigkeit hatten 
herausbilden müssen. Ob man jemanden für „musikalisch" oder für 
„unmusikalisch" hält, hängt doch allein von seiner Eignung für die Teilnahme 
am Musikbetrieb und damit von der gerade geltenden Musikanschauung ab. 
Folglich war bisher derjenige am „musikalischsten", der mit Denk-, Hör- und 
Greifgewandtheit das Ziel der vor allem reproduktiven Beherrschung des 
Stoffes der Kunstmusik am mühelosesten und sichersten erreichen konnte. 

Wird nun aber Musik immer bewußter als energetischer Ablauf aufgefaßt, 
geht man vom spontanen Ausdruck aus, lenkt man die Aufmerksamkeit 
eines Menschen auf Klangbeziehungen, auf das Vergleichen von 
Spann ungszuständen und Ruhe, anstatt auf das Messen und Vergleichen 
von Einzelklängen, Melodiestückchen und Akkorden (von abgetrennten Aus- 
schnitten aus dem Klangkörper), so verschwinden dadurch noch viele rein 
musikalische Anlässe zum „Versagen . Da praktisch der Nachweis geliefert ist, 
daß die Störungen des „Unmusikalischen" überwindbar, daß jedem, der es 
wirklich will, sogar die Ziele des üblichen Musikbetriebs erreichbar sind, fällt 
der einzig denkbare ernsthafte Einwand gegen die Auffassung der Musik als 
eines allgemeinen Ausdrucksmittels. 

Auch der scheinbar im höchsten Grad „Unmusikalische" — der sogenannte 
Amusische, d. h. der Kunst- bzw. Musikfeindliche, der sein Unmusikalischsein 
nicht als unerwünscht empfindet, der vorgibt, nicht nur unberührt zu bleiben, 
sondern von Klängen sogar peinlich irritiert zu werden, widerspricht nicht der 
Behauptung von der Heilbarkeit aller „Unmusikalischen . Ja, gerade an ihm 
läßt sich oft schlagend beweisen, was vom „Unmusikalischen" gesagt wurde. 
Eine so affektbetonte Ablehnung eines ganzen Ausdruckgebietes muß uns von 
vornherein verdächtig erscheinen, verdächtig dahin, daß — gerade im 
Gegenteil — unbewußt eine besonders starke Beziehung zu dem Abgelehnten 
besteht. Wer sich irritiert fühlt, gesteht seine Reaktionsfähigkeit — und zwar 
eine im Vergleich mit dem Gleichgültigen auffallend starke Reaktionsfähigkeit — 
schon allein durch die Tatsache des Irritiertseins ein. Der Protest gegen Einflüsse 
und Forderungen des Milieus, die oft betont ablehnende Ausnahmestellung aus 
Selbstgefälligkeit, aus unbewußtem Versteckenwollen von Minderwertigkeits- 
gefühlen, die sich hinter einer scheinbar besonderen Ehrlichkeit, einem das übliche 
Getue nicht Mitmachenwollen verbirgt, läßt sich fast stets sehr rasch aufdecken. 

Nur solange man den „Unmusikalischen" als „unbegabt" ansieht — solange 
man die neurotische Herabsetzung seiner Ausdrucks- und Aufnahmefähigkeit 

1) Verg-1. Jenseits von „Musikalisch" und „Unmusikalisch" a. a. O. 

-H3 - 



als Maß der allgemeinen Naturanlage mißversteht, erscheint der verhältnis- 
mäßig ungehemmte „Musikalische" als besonders „begabt", als Ausnahme. 
Diese Verkehrung der tatsächlichen Verhältnisse ist nicht weniger unsinnig, 
als wenn wir etwa bei Untersuchungen über die Zeugungskraft die Leistungen 
der Potenten als Ausnahmebegabung — die Leistungen der Schwachpotenten 
und Impotenten dagegen als Maßstab für das „Normale ansehen wollten. Bei 
der Musik wird diese Unsinnigkeit nur deshalb nicht so offensichtlich, weil 
dort die „Impotenten" aus den schon erwähnten Gründen zurzeit in der 
Überzahl, die „Potenten" in der Minderzahl erscheinen. 

Ein Vergleich mit der sexuellen Impotenz stimmt übrigens auch hinsichtlich 
der praktischen Konsequenzen, die unsere bewußte Kenntnis von der psychischen 
Bedingtheit der „Unmusikalischen" haben muß. Durch die Entdeckung ihrer 
psychischen Bedingtheit ist die früher meist auf unheilbare psychologische 
Störungen im Rückenmark oder in den Zeugungsorganen zurückgeführte sexuelle 
Impotenz in weitaus den meisten Fällen — vor allem durch das psycho- 
analytische Heilverfahren — heilbar geworden. Wenn wir von etwa durch 
Tuberkulose, Lues, durch Verletzungen oder Mißbildung bedingten Ohren- 
krankheiten und Gehörmangel absehen, — (es wird wohl niemand einen 
Tauben oder einen Schwerhörigen wegen seines Ohrenleidens als „unmusikalisch" 
ansprechen), — kann man den Prozentsatz der Heilbaren bei den „Unmusi- 
kalischen" ruhig gleich hundert setzen. Der Widerstand gegen die Heilung der 
musikalischen Ausdruckshemmung ist bei dem verhältnismäßig „unwichtigen" 
Gebiet viel leichter zu überwinden, als etwa die Sicherungen, mit denen der 
sexuell Impotente sein Leiden verteidigt. 

Ich habe den Vergleich mit einer sexuellen Störung jedoch nicht nur wegen 
des guten Beispiels für die „heilenden" Folgen einer neuen Einsicht gebracht. 
Es bestehen auch unmittelbare sachliche Beziehungen zwischen stimmlichem 
Ausdruck und den Funktionen der Geschlechtsorgane; das zeigt sich sowohl 
beim Stimmwechsel in der Pubertät wie in der Beeinflussung des Stimm- 
charakters durch die Kastration. Auch an die Beziehungen zwischen Frühling 
Verliebtsein und allgemeiner Musizierfreudigkeit sei erinnert. 



Der erste Anstoß für das Entstehen des größten Teils der Störungen und 
Verbindungen, die dann später als betonte Widerstände in Erscheinung treten 
wird meist schon in der frühesten Kindheit gegeben, lange bevor ein 
systematischer Unterricht einsetzt. Die Unterbindung jeder Gelegenheit zu 
spontanen, selbständigen Äußerungen — und nicht nur zu musikalischen — 
beginnt bereits in der Wiege! Bedenken wir nur, was ein Kind gewöhnlich 
alles nicht „darf"! Wie ist von Anfang an jede kindliche Äußerung der 
störenden Anteilnahme der Erwachsenen ausgesetzt: dem Zuwichtignehmen 
wie der Geringschätzung und dem Verächtlichmachen, der übertriebenen 
Fürsorglichkeit aus Affenliebe; wie der gereizten Ungeduld aus unterdrücktem 
Haß; der Übervorsichtigkeit, der Ängstlichkeit, dem Helfen- und Erleichtern- 

- 114 - 



wollen und der Verbesserungswut ! Wir wissen heute gerade durch die Psycho- 
analyse, daß der Ängstlichkeit, der übergroßen Zärtlichkeit und Fürsorge, dem 
Beschützen und Verbessernmüssen ganz andere unbewußte Motive zugrunde 
liegen können als „Liebe und Verantwortungsgefühl. Aber, was unser Ver- 
halten auch leiten mag: auf das Kind wirkt all das doch immer nur so als 
ob ihm geholfen werden müsse, weil es selber sich nicht helfen kann, als 
Unterstreichung seiner Schwächlichkeit. Es sind das alles ständig 
wiederholte Zeichen unseres fehlenden Zutrauens zu seinen Fähigkeiten. Auf 
diese Weise wird die erste Voraussetzung aller Spontaneität, das kindliche 
Selbstvertrauen erschüttert. Damit beginnt die Einengung der allgemeinen 
Ausdrucksfreiheit, die Verschüchterung und Unterdrückung des kindlichen 
Ausdruckswillens (des Wunsches, von der eigenen Funktionsbereitschaft fernerhin 
noch Gebrauch zu machen)! Hier liegt für die Musik, oft in noch höherem 
Maße als für die anderen Ausdrucksgebiete, der Grund für die Erziehungsnöte, 
mit denen wir uns in späteren Jahren herumzuschlagen haben. 

Wir treffen hier auch auf die verhängnisvollen Auswirkungen der Gesamt- 
haltung einer Gesellschaft, die in ihrem „Erziehungsideal" den gehemmten 
Menseben als Typus geradezu züchtet: Was nennen wir denn „ guterzogen " ? 
Glatte, ruhige „Manieren", gedämpftes, leidenschaftsloses Sprechen, „maßvolle" 
Bewegungen, Verbergen aller spontanen Enpfindungen, kurz: Unterdrücken 
oder zumindest möglichst vollkommenes Verbergen oder Verwischen aller Zeichen 
freien, eigenen Ausdrucks und aller Zeichen der unmittelbaren Wirkung von 
Eindrücken. Brauchen wir uns da noch zu wundern, wenn unsere Erziehung eine 
so problematische Sache ist? Sie soll ja — ein Schulbeispiel von Ambivalenz — 
das gleichzeitig unterdrücken, was sie „eigentlich entwickeln möchte. Vergleichen 
wir damit die Gelöstheit und Spontaneität slawischer Völker, der Südländer, der 
Orientalen, so sehen wir eine der wesentlichsten Ursachen dafür, warum dort das 
ganze Volk „musikalisch" ist, warum der „Unmusikalische" dort kein Problem 
ist, warum man dort auf der Straße „musikalischer' musizieren hören kann, als 
bei uns im Konzertsaal. 

Es gibt noch eine andere Reihe von Störungen, die nicht die Voraussetzungen 
des Ausdruckswillens, die Bereitschaft zur Musik treffen. Es sind dies alle jene 
Störungen, die den beginnenden Ablauf und das Ineinandergreifen der für 
die Verwirklichung des Ausdrucks willens nötigen Funktionen in Unordnung 

bringen. 

Als Endergebnis sehen wir fast das gleiche Bild. Für die Wiederherstellung der 
Ausdrucksfähigkeit ist es aber außerordentlich wichtig, den Ursprung der Hemmung 
zu kennen, damit der Lösungsversuch richtig einsetzt. Diese Funktionsabläufe stört 
vor allem jedes „Vormachen", nicht nur ungeschicktes und — wie z. B. die Baby- 
sprache — kindisch wirkendes! Ebenso stört das Antreiben der Entwicklung, wie 
das etwa beim Sprechenlehren durch fortwährendes Vorsprechen oder Hersagen- 
lassen eingedrillter Worte geschieht, oder bei der Musik durch Vorsingen von Lied- 
chen mit dem Anreiz zum Nachsingen, durch Herumbessern an dem Nachgesunge- 
nen, weil es im Sinne der Erwachsenen nicht „richtig erscheint. Hierher gehört 

- 115- 



auch alles Be- und Verurteilen kindlicher „ Kritzeleien ", weil sie uns nicht das dar- 
stellen, was das Kind darin zu sehen behauptet, oder gar das Hineinzeichnen von 
„Verbesserungen" — überhaupt alles „Richtigstellen'' kindlicher Be- 
hauptungen, vom „Erwachsenen" -Standpunkt aus, wenn z. B. dem Kind beim 
Spielen die gleiche Streichholzschachtel das eine Mal eine Lokomotive, das 
andere Mal eine Geige oder ein Haus bedeutet, und ein „tüchtiger" Erzieher 
sich alle erdenkliche Mühe gibt, ihm zu beweisen, daß es sich irrt! Hierher 
gehört ferner jeder Anreiz zu Äußerungen, die nicht der kindlichen Initiative 
selbst entspringen, also schon das Anregen zu Sitz-, Steh- und Gehversuchen 
durch von außen gegebene Hilfen oder durch Versprechungen und Drohungen. 
— Nicht zuletzt gehört hierher alles Zu rsch austeilen kindlicher Äußerungen 
und Leistungen, das Vorführen der jüngsten Entdeckungen und Künste vor 
Onkeln und Tanten, oder wichtigtuende Berichte über Worte und Taten des 
Kindes in dessen Gegenwart. Anlaß zum Entstehen von Ausdrucksstörungen geben 
überhaupt alle Maßnahmen des Erwachsenen, die den Zweck der Belehrung 
haben und die dabei das jeweils erreichte Entwicklungsstadium nicht 
berücksichtigen. Alles zu frühzeitige Beibringen wollen zwingt dazu, das Kind 
am falschen Ort und im unrechten Augenblick zu unterbrechen und zu ver- 
bessern. Es führt unvermeidlich zu Eingriffen in die tiefe Einheitlichkeit der 
kindlichen Vorstellungs-welt. All das enthält die Gefahr der zu frühzeitigen 
Bewußtseinslenkung, einer Art der Bewußtmachung, welche den natur- 
gemäßen Vorgang der unbewußten Anpassung an das Milieu stört. Das Heraus- 
reißen aus dem naturgemäßen Versunkensein bei der selbstgewählten Tätigkeit 
muß unweigerlich zum Verlust der kindlichen Unbefangenheit führen und 
damit zu Zaghaftigkeit, mangelnder Unmittelbarkeit, zu Zerfahrenheit, zu 
„Altklugheit" und zu einem frühzeitigen leeren „Gescheitsein". 

Das Bedürfnis des Kindes, sich seiner Umwelt verständlich zu machen, regelt 
ganz von selbst die einzig natürliche Art, sprechen zu lernen, Wort- und Satz- 
bildung zu entwickeln. Und wie beim Sprechen, so ist es auf allen anderen 
Gebieten auch. Je weniger das Kind beachtet und beeinflußt wird, desto eher 
und desto sicherer lernt es „richtig" (im Sinne seiner Umgebung) sprechen, 
singen, laufen usw. Je mehr freie Zeit die Eltern für die Beschäftigung mit dem 
kleinen Kinde haben, desto größerer Verbildungsgefahr ist es ausgesetzt. 

Diese Hemmungen, die der Erwachsene überflüssigerweise dem Kind beim 
Gehen- oder Sprechen lernen schafft, überwindet jedes Kind unter dem Druck 
der Lebensnot. Das eine überwindet sie langsamer, das andere schneller, aber 
überwinden muß es sie. Das Leben, die Umgebung lassen hierbei die Suggestion 
der unrichtigen Auffassung, daß vorhandene Schwierigkeiten Anzeichen 
von Unbegabtheit seien, nicht aufkommen. Es ist eben selbstverständlich, 
daß ein jeder laufen und sprechen kann! Aber für klangliche Äußerungen, für 
die Musik besteht nicht der gleiche Zwang, sich äußern und verständlich machen 
zu müssen, und es fehlt der immer wieder ermutigende Einfluß der Umgebung, 
die ja bisher selber sich nicht „selbstverständlich" musikalisch zu äußern und 
zu verständigen vermag. 

1 - «6 - 












Daß wir oft im gleichen Milieu, etwa unter Geschwistern, die in ihrer frühen 
Jugend anscheinend gleichen Störungsmöglichkeiten ausgesetzt waren, recht 
verschiedenartige musikalische „ Anlagen " oder, wie wir nun richtigstellen können 
verschiedengradige Ausdrucksbereitschaft und Ausdrucksfreiheit finden, sagt nichts 
gegen die Bedeutung, die wir eben den in der Kinderstube wirksamen Störungs- 
faktoren beigelegt haben. Wir finden bei Geschwistern, die unter sonst gleich- 
artigen äußeren Verhältnissen groß geworden sind, auch nebeneinander Schüchterne 
und Dreiste, und wir würden es als ein oberflächliches Urteilen bezeichnen, 
wenn man den Dreisten, nur deshalb, weil er dreister ist, auch schon für den 
„Begabteren" erklärte! Gewissenhafte Untersuchung wird immer zeigen, warum 
eine im allgemeinen geringe Widerstandsfähigkeit gegen hemmende Einflüsse 
in dem besonderen Fall gerade zu Störungen der klanglichen Ausdrucks- 
fähigkeit geführt hat. 

Wemi wir den „Unmusikalischen" über seine Beziehungen zur Musik be- 
fragen, so gibt er uns fast stets schon durch die Art seiner Antworten — ohne daß 
wir erst seine Störungen zu prüfen brauchen — genügend Anhaltspunkte, um 
den Fall zu verstehen. Fast stets sind Einschüchterungsversuche und Entmutigungs- 
erlebnisse aus der frühen Kindheit nachweisbar. Es sind Erlebnisse, die dem Be- 
troffenen entweder überhaupt nicht bewußt geworden sind, oder die auch nur 
sehr gründlich „vergessen" waren. Allein ein „Erinnern" daran löst oft mit einem 
Schlag alle Hemmungen. In anderen Fällen muß man erst, sei es durch Über- 
rumpelung, sei es durch überzeugende, logisch begründete Experimente, die Be- 
hauptung von dem Vorhandensein einer selbstverständlichen, natürlichen, all- 
gemeinen Anlage bekräftigen. Es ist tatsächlich möglich, in wenigen Minuten 
jedem Unvorbereiteten durch bestimmte Klangzusammenhänge und durch zweck- 
mäßig angeordnete Erfahrungsgelegenheiten das Bewußtsein zu geben, daß ihm 
nicht eine Fähigkeit fehlt, sondern daß ihn nur überwindbare Hemmungen be- 
hindern ! Von entscheidender Wichtigkeit ist dabei, daß solche Versuche nie mit 
Einzelnen gemacht werden. Je größer der Kreis, desto zwingender wird der Ein- 
druck. Durch die Gemeinsamkeit des Erlebnisses tritt der selbstverständliche Cha- 
rakter dieser Vorgänge so stark hervor, daß dadurch für den „Unmusikalischen" 
der Gedanke tatsächlich undenkbar wird, gerade er sei jener Einzige, dem diese 
Fähigkeit abgehe ! Damit ist der üblichen Auffassung von der Unbegabtheit der 
Unmusikalischen das überzeugende Erlebnis des Gegenteils entgegengestellt. Von 
solchen Erlebnissen können weit über das Musikalische hinausreichende, be- 
freiende Wirkungen ausgehen. In vielen Fällen genügt allein schon das Spüren 
unseres Zutrauens zu dem tatsächlichen Vorhandensein seiner Ausdrucksfähig- 
keit um dem bis dahin „Unmusikalischen'" die nötige Ermutigung zu bringen, 
die er für den erfolgreichen Versuch einer Äußerung braucht. Das geht mitunter 
so weit, daß Menschen, die sich noch zu Beginn einer Aussprache als „unmusi- 
kalische" Gegenbeweise vorstellten, die behaupteten, nicht „hoch" von „tief" 
unterscheiden, überhaupt „keinen Ton herausbringen zu können", eine Stunde 
später vergnügt summend den Raum verlassen. Anderen wieder hat als An- 
stoß für die erfolgreiche Durchführung eines ein Leben lang nicht gewagten 

- 117- 



Musizierversuches bereits die Lektüre von Ausführungen, wie die hier gegebenen 
genügt. 1 

Um die Folgen von schon lange bestehenden Hemmungen und Verbildungen 
beim Erwachsenen zu überwinden, genügt natürlich nicht das Mutmachen allein • 
es stellt nur die Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit der Musik wieder 
her. Es ist selbstverständlich, daß das plötzlich gewonnene Vertrauen zur eigenen 
Ausdrucksfähigkeit nicht ohne weiteres die vollkommene Freiheit und Sicher- 
heit in der Beherrschung des Ausdrucksmittels geben kann, so wenig wie ein Mensch 
der viele Jahre gelähmt im Bett zugebracht hat, mit dem Augenblick, wo er 
weiß, daß er gar nicht gelähmt ist, gleich wieder aufstehen und davonlaufen 
kann. Es bedarf dazu auch aktiver Maßnahmen und in schweren Fällen einer 
größeren psychologischen und musikalischen Erfahrung. Aber ein Erfolg ist in 
jedem Fall sicher, sobald der „Unmusikalische" nur selber den Wunsch nach 
Äußerung hat. Es ist dabei gleichgültig, ob es sich um einen Zehnjährigen oder 
einen Siebzigjährigen handelt. Das Bedenken, daß man, um es noch zu „Lei- 
stungen bringen zu können, „zu alt" sei, erweist sich bei Abwendung vom 
Messen und vom Drill als ein Vorurteil. Auch mit dieser Meinung, daß man 
für so vielerlei „zu alt sein könnte, treffen wir wieder auf eine jener zum Kom- 
plex der entmutigenden Begabungsvorurteile gehörenden „Selbstverständlichkeiten" 
die nicht oft und nicht nachdrücklich genug angezweifelt werden können. 

Eine ganz andere Frage ist es, ob und wieweit es überhaupt wünschenswert 
ist, den nun nicht mehr Unmusikalischen auf den üblichen Weg und damit zu 
unserem üblichen Musikbetrieb zu bringen. Wenn wir die Ausdrucksfähigkeit 
die mindestens ebensosehr durch die übliche Art des Musikbetriebs und der Musik- 
erziehung wie durch die bisher geschilderten Ursachen bedroht ist, wirklich nach- 
haltig schützen wollen, wird auch in der Musik selber vieles anders werden müssen. 
Welch ein Abstand besteht zwischen den tatsächlichen Verhältnissen und zwischen 
unserer Forderung, daß Musik allgemeines Ausdrucksmittel sein soll, daß jeder im 
Bereich des Klanges zu ähnlich unmittelbaren und selbstverständlichen Äußerungen 
und zu ähnlich klar erfassendem Aufnehmen gelangen soll, wie etwa beim Gebrauch 
der Muttersprache! 

Nichts kann die Unsinnigkeit der üblichen Musikanschauung drastischer ver- 
anschaulichen, als der Hinweis auf die Muttersprache. Nichts kann deutlicher 
zeigen, worin die gewohnte Art unseres Musizierens, worin das gewohnte musi- 
kalische Milieu, worin die gewohnte Anschauung über die Eignung zur Musik 
sich ändern muß. Würde es uns nicht recht sonderbar berühren, wenn jemand 
bei seiner Muttersprache in erster Linie an Literatur, Dichtung, dramatische Re- 
zitation, an „Fach" und an „Kunst" denken würde, anstatt an spontanen Aus- 



1) Für die an tausendfältigen Beobachtungen in der Musik gemachte Feststellung von 
der großen Rolle, die die Entmutigungsfaktoren bei der Entstehung eines falschen 
Begabungs- oder vielmehr Unhegahtheitsbildes spielen, erhielt ich neuerdings eine außer- 
ordentlich wertvolle und erweiternde Bestätigung durch Alfred Adler, den Begründer- 
der Individualpsychologie. Von einer ganz anderen Seite her, von der Behandlung der 
Neurose kommend, betont er stark den Zusammenhang, der zwischen Entmutigtsein und 
Nicht-Begabung besteht. 

- 118 - 



, 



druck und Verständigung ? — Wenn aber von Musik die Rede ist, meint heute 
jeder damit nur noch den Apparat des Musikbetriebs: Konzerte, Sänger, Orchester, 
Dirigenten, Lieder, Symphonien und Opern. Weiter verwunderlich ist das aller- 
dings nicht; denn in der Musik sind gerade die wesentlichsten Voraussetzungen 
eines Ausdrucks- und Verständigungsmittels : spontane Äußerungen, spontanes 
Erfinden und Empfinden fast ganz verschwunden. Wir kennen Musik fast nur 
noch als Eindrucksmittel, und zwar noch dazu als ein Eindrucksmittel, das 
in seiner Wirkungsmöglichkeit wesentlich auf ein zum Musik- „Verständnis 
erst heranzubildendes „Publikum" angewiesen ist! Alle Musikbetätigung ver- 
läuft fast nur noch in der Richtung auf den Zuhörer, auf das Publikum, und die 
Vorführung ist wieder nur Reproduktion von festgelegten Zusammenhängen. 
Eigene Erfindungen und Empfindungen zum Ausdruck zu gestalten, um sich 
mitzuteilen, erscheint als das Reservat eines verschwindend kleinen Prozentsatzes 
der sich Äußernden, der sogenannten Komponisten oder der noch selteneren Im- 
provisations-„ Begabungen" ! Dabei müßte als erstes von jedem Musizierenden 
gefordert werden, daß er frei, klar und überzeugend Musik „spräche", daß er das 
könnte, was sich am ehesten mit dem sogenannten Improvisieren vergleichen läßt. 
Musik wie eine Sprache sprechen, müßte als die selbstverständlichste 
Voraussetzung für die Beherrschung des Ausdrucksmittels gelten, ja, 
dafür, daß wir überhaupt von Ausdrucksmittel sollten reden dürfen! 
An diesem Ziel und an seiner Gegensätzlichkeit zu den Zielen des üblichen 
Musikbetriebs mag deutlich werden, warum wir nicht daran denken dürfen, 
den nicht mehr „Unmusikalischen" nach Lösung seiner Hemmungen zu den 
Aufgaben und Leistungen des „Musikalischen" zu erziehen. Im Gegenteil: nach- 
dem wir gesehen haben, daß die Frage „Muß es Unmusikalische geben?" mit 
„Nein" zu beantworten ist, fordert die Veränderung von Sinn und Bedeutung 
des „Musikalischseins" auch eine veränderte Führung der bisherigen „Musika- 
lischen", wenn das nun erreichbare Ziel des allgemeinen Ausdrucksmittels 
soll Wirklichkeit werden können. 



Über das Traumleben 

Von Dr. med. Rh. Liertz, Bad Homburg vor der Höhe 

II 1 

Fassen wir die gewöhnlichen Träume Erwachsener ins Auge, dann stehen wir 
vor der Frage, wie es möglich ist, daß zusammenhängende Gedankengebäude 
und Neigungen durch den Traum in so wunderlicher Weise wiedergegeben werden. 
Regelmäßig deutlich ist im Traum der Erwachsenen der Traum- Anlaß. Dies 

1) I. siehe Heft 2 vom 15. Nov. 1926, Seite 41. 

- 119 - 



ist ein Ereignis oder ein Gedanke, der jenem Tag angehört, der der Traumnacht 
vorhergeht. Die meisten Träume sind entstellte Bilder. Der seelische Vorgang, der 
ihnen zugrunde liegt, hätte ursprünglich ganz anderen Ausdruck in Worten finden 
sollen. Der geoffenbarte Trauminhalt ist der entstellte Ersatz für die unbewußten 
Traumgedanken ; das Entstellte ist das Werk von abwehrenden Kräften des Ich 
Widerständen, die den verdrängten Wünschen des Unbewußten den Zugang zum 
Bewußtsein im Wachleben überhaupt verwehren. Sie sind im herabsetzenden Schlaf- 
zustand wenigstens noch so stark, daß sie ihnen eine verhüllende Vermummung 
aufnötigen. Die Traumarbeit übersetzt die Traumgedanken in eine einfache, der 
Bilderschrift ähnliche Ausdrucks weise. Die Ordnung der Traumgedanken ist eine 
ganz andere wie die von uns am offenkundigen Trauminhalt erinnerte. Der 
Zusammenhang der Traumgedanken ist aufgegeben; er kann dann entweder 
überhaupt verloren bleiben oder durch den neuen Zusammenhang des Traum- 
inhalts ersetzt werden. Es treten verdichtete Traumgedanken auf, die im Traum- 
leben wunderliche Mischgebilde, aus allen möglichen Merkmalen zusammen- 
gesetzt, darstellen und mit den aus der Sagenkunde bekannten Centauren, Faunen, 
Sphinxen zu vergleichen sind. Die Verschiebung und Verdichtung ist in den 
meisten Träumen am wirksamsten, oft sogar bis zur Unkenntlichkeit und Sinn- 
losigkeit, besonders dann, wenn das sittcn richtende Gewissen die verborgensten 
Wünsche selbst im Schlafzustand unterdrückt. In jedem Traumbild stecken eine 
Reihe von Regungen, die verdrängt wurden, so daß jedes Traumbild über- 
bestimmt, fast immer das Ergebnis einer Verdichtung ist. Die seelenaufschließende 
Forschung findet das Zusammenstellen, Übereinanderlagern und Verdichten bei 
allen anderen seelischen Gebilden, die sie fortwährend beim Seelenaufschließen 
aufzulösen Gelegenheit hat. Jede Fehlhandlung, jedes seelische Krankheitszeichen 
weisen die eigenartige seelische Arbeit auf, so daß das Verwickelte der Traum- 
arbeit nicht so unverständlich mehr ist. Das Verdichten, das mit dem Vorgang 
des Verschiebens sich vergeschwistert, ist etwa mit dem zu vergleichen, wenn 
irgendeine Masse unter einen Druck gesetzt, also verdichtet wird. Bei dem 
bezeichnenden Bearbeiten des Gedankenstoffs wird nicht nach Art unseres 
bewußten Denkens vorgegangen, sondern so, daß Gegensätze als Einerleiheit zur 
Deckung gebracht werden, nebensächlich Übereinstimmendes an Stelle von 
inhaltlich Wichtigem tritt. Die Arbeitsweise ist uns als die für das Unbewußte 
bezeichnende bekannt. Der unbewußte Wunsch ist gleichsam der Baumeister 
oder der Ursprung der Form, der die größtenteils dem bewußten Seelenleben 
angehörigen Traumgedanken nach eigener Weise umformt und zusammensetzt. 
Daher läßt sich die Wunscherfüllung nicht ohne weiteres von der Stirn des 
Traumes ablesen. Es bedarf dazu erst des Traumdeutens, da nebst dem Verdichten 
und Verschieben für die Traumarbeit noch andere Dinge in Betracht kommen. 
Da der mustergültige Traum uns als sichtbares Bild oder Bilderreihe entgegen- 
tritt, ist es notwendig, die Traumgedanken, die an und für sich durchaus nicht 
alle bildlich sind, ins Bildhafte zu übersetzen. Hierbei wird etwa so vorgegangen 
als gälte es irgend einen zum Teil anschaulichen, zum Teil begrifflichen 
Gedankengang in die nur auf Anschauen berechnete Form eines Lichtspielbilds 

— I20 — 












zu übersetzen, nur daß der Traum dabei viel rücksichtsloser vorgeht und ein Bild 
überall dort einsetzt, wo es der Doppelsinn eines Wortes gestattet. Fast regelmäßig 
hat außer dem Verdichten der Traumbestandteile ein Umordnen stattgefunden, 
das von der früheren Ordnung mehr oder weniger unabhängig ist. Das, was 
durch die Traumarbeit aus dem Stoff der Traumgedanken geworden ist, wurde 
neu beeinflußt; es erfuhr die sogenannte zweite Bearbeitung, deren Absicht 
offenbar dahin geht, das aus der Traumarbeit erfolgte Zusammenhanglose und 
Unverständliche zugunsten eines neuen Sinns zu beseitigen. So hat sich an den 
Traumgedanken dreierlei geändert: Die Gedanken sind verwandelt, verkleidet 
und entstellt worden. Zweitens ist es den Gedanken gelungen, das Bewußtsein 
zu einer Zeit zu besetzen, wo es ihnen nicht zugängig hätte sein sollen. Drittens 
ist ein Stück des Unbewußten, dem dies sonst unmöglich gewesen wäre, im 
Bewußtsein aufgetaucht. Dabei finden wir, daß die offenbar gewordenen Traum- 
gedanken niemals verneinen, so daß eine bejahende Vorstellung und ihr gerades 
Gegenteil als gleichgeltend behandelt werden. Einfacher ausgedrückt, gegensätzliche 
Vorstellungen, wie groß und klein, stark und schwach, alt und jung, werden 
behandelt, als ob sie austauschbare Einerleiheiten wären. Wir können dann 
nur aus dem Zusammenhang erkennen, welches von beiden im gegebenen 
Fall eemeint ist. Es wäre nicht leicht, sich etwas ähnlich Sinnloses oder von 
unseren gewöhnlichen seelischen Vorgängen Entfernteres vorzustellen, wenn nicht 
völkerseelenforschend festgestellt worden wäre, daß die gleiche Erscheinung 
in den frühesten Stufen der ältesten Sprachen auftaucht, daß also die heute 
getrennten Wortvorstellungen aus einer ursprünglichen Einerleiheit der Gegen- 
sätze entstanden sind. 

Beim Traumforschen finden wir ferner die ungeahnt große Rolle, die Ein- 
drücke und Erlebnisse früher Kinder jähre auf die Entwicklung des Menschen 
nehmen. Im Traumleben setzt das Kind im Menschen gleichsam sein Dasein 
fort, wobei alle kindlichen Eigentümlichkeiten und Wunschregungen, selbst die 
im späteren Leben unbrauchbar gewordenen, erhalten sind. 

Der Traum verfügt nicht über die Sprache und muß sich deshalb mit dem 
Darstellen durch das Auge zufrieden geben. Dadurch wird das, was der Traum 
vorstellen kann, stark eingeschränkt. Die Bilder werden oft nebeneinander gestellt, 
oft gehen sie ineinander über, kurz, unsere Träume sind wie die ältesten Bilder- 
schriften einfältig und in verstandesmäßiger Hinsicht niedrig gegliedert. Wenn 
der Traum anscheinend Erinnerungsbilder aufbringt, so sind dies doch nur lücken- 
hafte Teilglieder wirklicher vergangener Erlebnisse, oder es sind verarbeitete und 
wiederholte Erinnerungsstoffe. Niemals kommen reine Erinnerungsbilder, Teile 
der wirklichen Vergangenheit, die bis dahin nur einmal erlebt wurden, mit voller 
Gleichheit des ursprünglichen Erlebens zutage. Die erlebnisartige Natur des 
Erinnerns, geknüpft an das Bewußtsein zeitlicher Ordnung und Eindämmung und 
an allerhand wieder hervorbringende Hilfen in der Umwelt, läßt echte Wieder- 
holungsvorgänge gar nicht zu. Unser geistiges Leben im Traum ist kein Erweitern, 
wie es Bergson will, sondern ein Abkürzen der Verrichtungen, an denen, neben 
vielen anderen, ebenfalls die Wiedergabe hängt. 

— 121 — 



Eine eigenartige Rolle spielen in den Träumen die in unserem gewöhnlichen 
täglichen Leben verdrängten Wünsche und Gedanken, vor allem unsere verdrängten 
geschlechtlichen Empfindungen und Wünsche. Das Verdrängte kommt im Traum 
als kleine Abspiegelung, als Einzelheit, die mit dem wirklichen Trauminhalt 
wenig zu schaffen hat, vor, oder es erscheint als verwirrende Teilkraft. Welch einen 
großen Einfluß das Verdrängte auf den Traum des Erwachsenen ausübt, wird 
noch deutlicher, wenn wir die klaren Träume der Kinder damit vergleichen da 
sie noch nicht einsehen, daß ihre Wünsche etwas Unerlaubtes an sich haben. Sie 
sind nur Wunschmenschen und keine Willensmenschen. Der Mensch sehnt sich 
zuweilen bewußt, meist aber unbewußt, zurück in das Paradies der Kindheit 
selbst wenn die Kindheitserlebnisse nicht immer paradiesische Freuden darstellten 
sondern ebensoviel Kinderseelenleid und unerwachsene Not. Dies wird gegenüber 
dem angenehmen Vergangenen und der barmherzigen Einrichtung des Gedächt- 
nisses, das nur vom Bejahenden einen fördernden Einfluß auf das Seelenleben aus- 
übt, kaum erinnert. So finden wir im Traumleben die versuchte Erfüllung der 
Sehnsucht nach Rückkehr früherer, besonders kindlicher Lebenslagen, selbst bild- 
hafte Darstellungen des Dichterausrufs: „Oh, war' ich nie geboren!" 

Das Schlafstörende, das die Seele zum Träumen anregt, muß nicht immer ein 
von außen kommender Sinnesreiz sein, es tritt ebenso dafür ein von den inneren 
Körperteilen ausgehender Leibesreiz ein. Zu der berechtigten Vermutung kommen 
wir bei Träumen, in deren Inhalt sich etwas findet, was als Verarbeitetes, Dar- 
gestelltes, Gedeutetes dieser Reize aufgefaßt werden kann. Die Magenzusammen- 
ziehungen lassen nicht nur das Hungergefühl entstehen, sondern sie steigern ebenso 
die Körperlebendigkeit, selbst im Schlaf zustand. Die Körperbewegungen nehmen 
beim Hunger, besonders im Schlaf, ganz erheblich zu. Das gereizte Nervengebäude 
zeigt sich besonders darin, daß in Zeiten der Hungerzusammenziehungen sehr leb- 
hafte Träume auftreten, die geradezu dadurch veranlaßt erscheinen. Jedoch bringt 
der Traum den Reiz nicht einfach wieder, sondern verarbeitet ihn, spielt auf ihn 
an, reiht ihn in einen Zusammenhang ein, ersetzt ihn durch etwas anderes. Ver- 
suche, künstliche Leibreizträume durch Anlegen von Verbänden, vieles Trinken 
vor dem Zubettegehen usw. zu gestalten, bewiesen den Trauminhalt als Erzeugnis 
aus dem Körperreiz, beziehungsweise den durch ihn ausgelösten Empfindungen 
einerseits und der Vorstellungsbereitschaft andererseits. Hierbei weckte der Gefühls- 
ton der Empfindungen vorwiegend mit gleichem Gefühlston verbundene Vor- 
stellungen. Der Traumvorgang selbst folgt vorhandenem seelischen Streben. Die 
peinlichen Körperteil-Empfindungen bleiben vielfach am Tag unter der Schwelle 
des Wahrgenommenen und kommen erst nachts in irgendeinem traumhaften Kleid 
zum Bewußtsein. Sie weisen oft schon auf krankhafte Veränderungen in den 
betreffenden Körperteilen hin und können so Vorboten kommender schwerer 
Erkrankungen in körperlicher oder sogar geistiger Beziehung sein. Bezeichnend 
für diese Art Träume ist, daß sie sich häufig mit ganz gleichförmigem Inhalt 
wiederholen. Hierfür zwei Beispiele: Ein 40 jähriger Mann träumte wiederholt 
daß eine Ratte in der rechten Oberbauchgegend an ihm nage. Die Untersuchung, 
die durch Leibeseröffnung bestätigt wurde, ergab ein Zwölffingerdarmgeschwür. 

— 122 — 



I 






Eine Frau träumte wiederholt, daß jemand eine brennende Kerze gegen ihr linkes 
Bein hielt. Später wurde an der Stelle eine Knocheneiterung festgestellt. 

Im Schlaf wird die Aufmerksamkeit von den äußeren Sinnesteilen abgezogen 
und dadurch ebenso die Wirklichkeitsprüfung aufgegeben. Der Schlafende wendet 
sich von der Außenwelt ab. Das Bewußtsein wird somit im Traum von innen 
aus besetzt; die Aufmerksamkeit ist auf die Körperteil-Empfindungen eingestellt. 
Sie ist den unbewußten Wünschen, den unterirdischen Trieben, der allgemeinen 
Leidenschaft zugewandt. 

Die Körperreize sind jedoch nicht die alleinigen Erreger der seelischen 
Vorgänge im Traum, sondern gehören zu den Traumbildern, die ebenso im 
•Seelenleben überhaupt ihre gleichen Mitkräfte haben. Dabei ist zu beachten, 
daß ebenso wie die anderen Körperteile das Gehirn eine Art Ruhezustand 
einnimmt, daß infolgedessen die mittelpunktgemäße Beeinflussung des Spieles 
der Kräfte im Seelenleben wegfällt. 

Neben dem einfachen Leibesreiztraum kommen andere Träume vor, die als 
körperlicher Ausgleichszweck erscheinen. Der vor Durst verschmachtende Wüsten- 
wanderer träumt, daß er an einer Oase Wasser trinkt; der in Schützengrabennot 
liegende Familienvater träumt vom Weihnachtsfest im trauten Familienkreis. Es 
träumt jemand, es regne Bindfäden, und erwacht zum Wasserlassen; ein anderer 
hört im Traum bei einer Wanderung Glockenläuten und wird wach, da es 
die Zeit zum Aufstehen ist, die er sich vorgenommen hatte. 

Viele Träume lassen sich leicht als Leibesreiz-Träume deuten ; so die Träume, 
die bei überfüllter Samenblase oder bei mit Blut überfüllten weiblichen 
Geschlechtsteilen vor dem Regelbeginn auftreten. Der Heranwachsende träumt, er 
raufe sich mit Gespielen, und erwacht mit einem Samenerguß. Die Frau träumt 
zum Beispiel von Treppensteigen, Klettern, Rutschen und Gefahrenwerden, 
erwacht unter starkem Wollustgefühl und ist unwohl. Schwieriger sind schon 
die Träume zu verstehen, die Störungen oder Verrichtungen einzelner Körperteile 
noch sinnbildlicher wiedergeben, wenn wir von den Körperteilen nichts wissen. 
So träumen Menschen, die an starker Verstopfung leiden, häufig, daß sie durch 
ganz enge Gänge, Röhren gehen müßten, die unendlich lang seien, und bei denen 
sie nie zum Ausgang kämen. Daß die Annahme, hier wirke die regelwidrige 
Darmtätigkeit als Traumbildner mit, nicht an Deutelei heranreicht, wird dadurch 
bewiesen, daß eine derartige Kranke, deren Stuhlträgheit, wie dies oft der 
Fall ist, seelisch bedingt war, nach der Heilung des körperlichen Krankheitszeichens 
eines Seelenleidens, also nach Wiedereintritt einer regelmäßigen Verdauung, 
träumte, daß sie auf einer breiten Wiese in Sommerpracht lustwandle und sich 
nicht sättigen könne an der freien Bewegung. 

Einen verarbeiteten Leibesreiz fast bis zum Unkenntlichen, verbunden mit 
einem ausgesprochen seelischen Reiz, stellt folgender Traum eines jungen 
Mannes dar: „Ich gehe mit einer Freundin in den Klingelpütz; wir sind Arm in 
Arm. Im Klingelpütz, einem Gefängnis in Köln, sind die Gefangenen sämtlich 
hinter starken Eisengittern untergebracht. Auf einmal kommt ein Wärter und 
schießt auf mich aus einem Revolver." Beim Erwachen hatte der Träumer einen 

— 123 — 



Samenerguß. Die seelenaufschließende Forschung ergibt folgendes: Der Jüngling 
hat ein Verhältnis mit einem jungen Mädchen, dem er sich geschlechtlich fernhält 
das ihm aber sehr zusetzt. Auf Grund seiner sittlichen Auffassung will er aber 
nichts Weiteres. Am Tag vorher erfuhr er, daß ein Freund wegen unerlaubten 
Waffentragens in besetztem Gebiet für einige Tage in den Klingelpütz gesperrt 
worden ist. Das unerlaubte Verhältnis machte dem Jüngling Gewissens vor würfe 
(Selbstbestrafungsstreben, indem er mit dem Mädchen ins Gefängnis geht). Die 
Wildheit des Körperteildranges wird bildhaft dargestellt durch die Gefangenen 
die wie wilde Tiere hinter schweren Eisengittern sitzen. Das Sinnbild der 
Revolver, fehlt im Traum nicht. Der Wärter schießt auf ihn (eine Verdichtimg 
zunächst wieder Strafwürdigkeitsgefühl aus dem Gewissen heraus; der Schuß: 
Körperreiz der sich entleerenden Samenblase). Wir finden in dem Traum noch 
eine Eigenart, die viele Träume an sich haben, nämlich das Einwirken des 
Gewissens, die „Traumzensur". Es wirkt hier das sittliche Streben innerhalb des 
Unbewußten mit, das nicht nur im Sinnbild des Gewissens (Gefängnis) zum 
Vorschein kommt, sondern ebenfalls alles wegläßt (außer vielleicht des 
Arm-in-Arm-Gehens), was irgend einen Genuß, also den Leibesreiz infolge der 
gefüllten Samenblase, bildhaft ausdrücken könnte. 

Trotzdem der Leibesreiz offenbar stark als Erreger auftritt, ist daran festzuhalten, 
daß der Traum keine körperliche, sondern eine seelische Erscheinung ist. 
Wenn zwar der Träumer nicht immer weiß, was sein Traum bedeutet, dessen 
Sinn auf den ersten Blick nur ganz vereinzelt erkannt werden kann, so weiß er 
doch nur nicht, daß er es weiß, und glaubt darum, daß er es nicht wisse. Die 
aus dem Reich der Traumgedanken kommenden Erinnerungen, wie sie als 
Deutung des Trauminhaltes beim Analysieren einfallen, waren dem Träumer 
nur unzugänglich, er wußte nicht, daß er sie wisse. Der Traum-Grundbestandteil 
ist ähnlich wie das Streben der Fehlleistung ein Uneigentliches, ein Ersatz für 
etwas anderes, dem Träumer Unbekanntes. Er ist ein Ersatz für etwas, wovon 
das Wissen im Träumer wohl vorhanden, aber ihm unzugänglich ist. Kurz, der 
Traumgedanke ist dem Träumer derzeit unbewußt; Aufgabe des Traumdeutens 
ist es, das Unbewußte zu finden. 




BEOBACHTUNGEN AN KINDERN 



Aus einer Zuschrift an den Schriftleiter : . . . Dieser Tage hat unser vierundein- 
viertel Jahre alter Hans einen Ausspruch getan, den ich Ihnen als Psychoanalytiker 
nicht vorenthalten möchte. Er kann sich beim Erzählen sehr in allerlei Lagen 
denken. Als nun die Mutter feierlich ein Märchen erzählte und die beiden Kinder 
im Märchen sich furchtbar freuten, da unterbrach Hans die erzählende Mutter und 

i 

- 124 - 



I 



L 



fragte : „Mama, haben sich die Kinder so schrecklich gefreut, daß sie ganz 
die Fußele zusammengepreßt haben und 's Bobole und 's Rolle?" 

Hans ist sexuell wohl ganz normal entwickelt, d. h. weder in besonderer 
Weise darauf eingestellt noch auch diesen Dingen fremd. Er wird nach Ihrem Rat 
nie streng wegen solcher Dinge vermahnt, man versucht ihn allenfalls abzulenken 
oder man sagt auch einmal, so was tut man nicht. Dr. med. O. Sdl. 



BERICHTE 

IlSllillllllllliilllllllllllllllllllllllllllllll^ 

Bücher 

Individualp sychologie und Pädagogik. (Heft 10 von Schule und 
Leben, Sdiriften zu den Bildungs- und Kulturfragen der Gegenwart. Heraus- 
gegeben vom Zentralinstitut für Erziehung und Unterridit in Berlin.) Bearbeitet 
von H. Francke, B. Glopfer, F. Kunkel, lt. Kunkel, A. Simon, E. Weigl. Berlin, 
E. S. Mittler & Sohn. Preis Mark 2'30. 

Die Individualpsychologie ist an den Namen Alfred Adler geknüpft. Adler war 
einer der ersten Schüler Freuds. Seine bedeutungsvollen Studien über „Organminder- 
wertigkeit" und über Kompensationsvorgange führten ihn dazu, ein eigenes psycho- 
logisches System und eine entsprechende Theorie der Neurosen aufzubauen. Damit 
trennte er sich von Freud und der Psychoanalyse. Die vorliegende Schrift sucht 
Theorie und Erfahrungen der Adlerschen Schule den Pädagogen in einfacher und 
leicht verständlicher Form nahe zu bringen. Dies ist besonders den praktischen 
Beiträgen, in erster Linie denen von Fritz und Ruth Kunkel, gelungen. Die 
theoretischen Grundlegungen sind sehr vorsichtig gehalten und geben Adler nur in 
verdünnter Form wieder. Nach der Einleitung zu schließen, dürfte die Meinung der 
Verfasser die sein, daß die Freudschen Entdeckungen erst auf dem Umwege über 
Adler pädagogisch verwertbar geworden seien : „Pädagogische Folgerungen aus der 
psychoanalytischen Grundkonzeption waren nur möglich unter völliger Ausschaltung 
der theoretischen Formulierung dieser Konzeption durch Freud und seine Schiüe. 
So haben z. B. die Feststellungen, die Freud theoretisch unter dem Namen „Ödipus- 
komplex" zusammenfaßte, auf pädagogisch wichtige Erscheinungen aufmerksam 
gemacht, aber die unlösbare, wenn auch logisch geniale Verbindung dieser Fest- 
stellungen mit der gesamten „Sexualtheorie« Freuds hat jede pädagogische Aus- 
wertung unmöglich gemacht. Erst durch Adler wurden die Beobachtungen über die 
feindliche Situation' der pädagogischen Theorie und Praxis zugänglich." (Seite 5.) 

Abgesehen davon, daß diese Behauptungen mit den Tatsachen keineswegs über- 
einstimmen, so ist es auch sonst unerklärlich, wieso „pädagogisch wichtige 
Erscheinungen", wenn sie in einer Theorie einen Unterbau erfahren haben, einer 
pädagogischen Auswertung nicht mehr fähig sein sollen. Es kommt doch in erster 
Linie darauf an, ob diese Feststellungen richtige, jederzeit nachkontrollierbare 
Erfahrungen bedeuten und ob die Theorie den Anspruch erheben darf, diesen 
Erfahrungen einen gedanklich richtigen Zusammenhang verliehen zu haben. Da von 
den Verfassern die Verbindung zwischen Erfahrung und Theorie durch Freud als 
eine „logisch geniale" bezeichnet wird, so bleiben anscheinend nur noch außer- 
sachliche Gründe übrig, die die Psychoanalyse für „jede pädagogische Auswertung 
unmöglich machen". „Die Beobachtungen über die kindliche Situation" zielen dahin, 
jedes Verhalten des Kindes aus dem Zusammenhang seines individuellen und über- 
individuellen Lebens zu erfassen und als Äußerung eines sinnvollen „Lebensplanes", 

- 125 - 






des „Willens zur Macht" zu verstehen. Daraus ergeben sich die pädagogisch 
wichtigen Forderungen, der Entmutigung zu wehren und dem Kinde den Mut zum 
Leben zu erhalten. Es gehört nun zum Wesen der Psychoanalyse, daß für sie die 
seelischen Erscheinungen sinnvoll, bedeutungshaft sind und daß deren Sinn aus der 
Gesamtheit der individuellen und überindividuellen Beziehungen zu erfassen gesucbt 
wird. Hier besteht also kein Wesensunterschied zwischen Individualpsychologie und 
Psychoanalyse. Der eigentliche Unterschied ist jedenfalls darin zu suchen, daß die 
Psychoanalyse nicht bloß den „Willen zur Macht" als „Leitlinie des Lebens" gefunden 
hat, sondern auch andere, wie die Liebe in ihren verschiedenen Formen. Trotz allem. 
..männlichen Protest" hat sie sich keineswegs entmutigen lassen, ihre Funde zu 
vertreten, auch auf die Gefahr hin, von weiten Kreisen nicht so rasch pädagogisch 
ausgewertet zu werden. 

Es bleibt das unbestreitbare Verdienst der Adlerschen Schule, auf die Zusammen- 
hänge zwischen Minderwertigkeitserscheinungen und Kompensationsbestrebungen hin- 
gewiesen und der Pädagogik die Forderungen gestellt zu haben, die Fragen der 
Ent- und Ermutigung im Kindesleben ernsthaft zu erfassen. Die psychoanalytische 
Pädagogik hat alle diese Dinge immer gebührend berücksichtigt und in den Zusammen- 
hang ihrer übrigen Kenntnisse und Forderungen eingebaut. 

Zum Schluß noch eins. Die Verfasser erwecken den Anschein, als ob sie die 
Psychoanalyse nur so weit kennen, wie sie in der Zeit vor Adler war. So wird 
wiederholt vom „Trauma" gesprochen und der Anschein erweckt, als ob die Psycho- 
analyse die traumatische Situation gar nicht nach ihrem Sinne und im Zusammenhange 
der ganzen Person in ihrem Sein und Gewordensein erfasse oder zu erfassen 
imstande wäre. Sdmeider 



OFFENE HALLE 

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In die „Offene Halle" 

darf jeder Leser der Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik eintreten, um mit den 
anderen in Verbindung zu treten. Er Kann Fragen stellen oder beantworten. Anregungen 
bringen. Kritik üben, Umfragen veranlassen usw. 

Frage Nr. 3 

„Warum betrachtet Freud jede Regung, sogar auch beim Kleinkind, vom sexuellen 
Standpunkt aus? Der Mensch wäre ja sonst nichts als ein aufrecht gehendes Tier und 
würde ein Wesen sein, nur von den Trieben beherrscht." 

(Frage einer Kindergärtnerin, die Vorträge über Psychoanalyse hörte und welcher 
Freud in solchem Lichte gezeigt wurde; d. h. durch den Vortrag kam sie auf solchen 
Schluß.) 

Antwort auf Frage Nr. 3 

Durch seine Untersuchungen wurde Freud veranlaßt, anzunehmen, daß die Sexualität 
nicht erst, wie gewöhnlich angenommen wird, mit der Pubertät wirksam werde, sondern 
daß sie „von Anfang an da sei" und, wie alles in der Natur, eine Entwicklung bis zur 
Reife durchzumachen habe. Er ging bestimmten Äußerungen im Liebesleben Erwachsener 
nach und stieß bei ihrer Analyse regelmäßig auf bestimmte Erscheinungen im früh- 
infantilen Leben. Das veranlaßte ihn, diese als Vorstufen zu jenen Äußerungen anzusehen 

— 126 — 



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und von einer kindlichen Sexualität zu sprechen. Es gibt z. B. Menschen, bei denen im 
Liebesleben der Mund eine starke positive oder negative Gefühlsüberbetonung zeigt. 
Analysiert man sie, so läßt sich regelmäßig nachweisen, daß diese Personen in ihrer 
Kindheit starke Lutscher waren und daß die Mundzone in der Säuglingszeit in besonderer 
Weise empfindlich war. Der Kuß der Liebenden hat seine Vorgeschichte. Er führt zurück 
zur Mutterbrust. Daß in der Entwicklung der Liebesfälligkeit die Mutterbrust eine große 
Rolle spielt, das wissen die Künstler, die uns die stillende Mutter als Ausdruck der 
Liebe darstellen, das wußte auch Pestalozzi, wenn er im 15. Brief von „Wie Gertrud 
ihre Kinder lehrt" schrieb: „Die Entwicklung des Menschengeschlechtes gehet von einer 
starken, gewaltsamen Begier de nach Befriedigimg sinnlicher Bedürfnisse aus. Die Mutter- 
brust stillet den ersten Sturm sinnlicher Begierden und erzeugt Liebe." Auch andere 
Körperstellen haben gleiches Schicksal. Denken Sie an die Haut bei Zärtlichkeiten der 
Liebenden und bei Zärtlichkeiten der Kinder. Sind die späteren nicht Wiederholungen 
der früheren? Gewiß sind die Zärtlichkeiten der Kinder nicht auf die gleiche Stufe zu 
stellen mit denen der Erwachsenen. Es sind Äußerungen verschiedener Entwicklungs- 
stufen. Sie liegen aber in der gleichen Entwicklungslinie, sind aber durch das Stufen- 
zeichen verschieden. 

Sie stoßen sich am Worte „sexuell" ? Ist die befruchtete Eizelle oder sind die ver- 
schiedenen Stadien des Embryos auch etwas, was zum Menschen gehört? Als Vorstadien 
des Erwachsenen? Gehören Äußerungen in der Kindheit, die als Vorstufe der Sexualität 
des Erwachsenen angesprochen werden müssen, zur Sexualität? Wie Sie die erste Frage 
beantworten, so müssen Sie auch die zweite beantworten. 

Sexualität ist doch nicht etwas spezifisch „Tierisches". Sie ist der organischen Natur 
gemein und damit etwas „Natürliches". Es dürften meist Schuldgefühle sein, die d»n 
Menschen verhindern, Natürliches als solches zu betrachten, und ihn veranlassen, ihm 
den Stempel des Minderwertigen aufzudrücken. 

Die Sexualität als Naturerscheinung muß im Zusammenhang des ganzen Lebewesens, 
in dem sie sich äußert, betrachtet werden. Dadurch erhält sie das, was ich vorhin Stufen- 
zeichen genannt habe. Sie erscheint dadurch anders bei Pflanze, Tier und Mensch, anders 
beim Kleinkind und beim Erwachsenen. 

Ist das Tier nur von den Trieben beherrscht? Alles Organische kennt Organisations- 
faktoren. Sie gestalten körperliche und seelische Lebensformen. Es ist das große Verdienst 
von Freud, diesen Organisationsfaktoren auf dem Gebiete der Sexualität nachgegangen 
zu sein. So wurde eben „jede Regung, sogar auch beim Kleinkind" daraufhin untersucht, 
inwieweit sie den Organisationsfaktoren unterstehen, die berufen sind, die Sexualität zu 
ordnen und die ausgereifte Form des Erwachsenen heranzubilden. Schneider 

Psychoanalytische Literatur über Bettnässen 

(siehe Frage Nr. 2) 

I 

, Freud, Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. 5. Auflage (S. 54/55). Deuticke. Ges. 
Sehr., Bd. V., S. 64: („Die Sexualerregung der Säuglingszeit kehrt in den 
bezeichneten Kinderjahren entweder als zentral bedingter Kitzelreiz wieder, 
der zur onanistischen Befriedigung auffordert, oder als pollutionsartiger 
Vorgang, der analog der Pollution der Reifezeit die Befriedigung ohne 
Mithilfe einer Aktion erreicht. — Die meisten sogenannten Blasenleiden 
dieser Zeit sind sexuelle Störungen; die Enuresis nocturna entspricht, wo 
sie nicht einen epileptischen Anfall darstellt, einer Pollution"). 

2. S a d g e r, „Über Urethralerotik". Jahrbuch für psychoanalyt.-psychopath. Forschung 
Bd. 11(1910). 

— 127 — 



II (Mytiiolog. Parallelen zur Urethralerotik) : 

3. Rank, „Zur Deutung der Sintflutsage" ^ Psychoanalytische Beiträge zur Mythen- 

J forschung 

— — „Manneken-Piß" J 2. Auflage 1922. Int. Psa. Verl. 

III (Kasuistik): 

4. Z u 1 1 i g e r, „Ein Sudler und Schmierer" (Aus dem unbewußten Seelenleben unserer 

Schuljugend). Bircher-Verlag. 

5. Meng, Bettnässen: Bd. I, S. 227; Bd. II, S. 770. Das ärztliche Volksbuch (Hippo- 

krates-Verlag, Stuttgart). 

6. Jones, „Urethralerotik und Ehrgeiz". Int. Zeitschr. für Psychoanalyse. 111(1915). 

7. Hitschraann, Über einen sporadischen Rückfall ins Bettnässen bei einem vier- 

jährigen Kinde. Int. Zeitschr. für Psychoanalyse. V (1919). 
8. Urethralerotik und Zwangsneurose. Int. Zeitschr. für Psychoanalyse. VI (1920). 

Am wichtigsten erscheint uns das Zitat von Freud, das in wenigen, klaren, prägnanten 
Sätzen kurz und klar die Bedeutung des Bettnässens beleuchtet, vielleicht noch ergänzt 
werden könnte durch den Satz, der sich unmittelbar anschließt (Ges. Sehr., Bd. V, S. 65) : 
„Für das Wiederauftreten der sexuellen Tätigkeit sind innere Ursachen und äußere 
Anlässe maßgebend, die beide in neurotischen Erkrankungsfällen aus der Gestaltung 
der Symptome zu erraten und durch die psychoanalytische Forschung mit Sicherheit 
aufzudecken sind . . ." Dr. Walter Cohn, Berlin 






Literatur 



Der Sdiriftleitung zur Besprechung zugegangen' 
Dezember 1926 

S i p p e 1, H.: Körper, Geist, Seele, Grundlagen einer Psychologie der Leibesübungen. 
Heft 11 (Beiträge zur Turn- und Sportwissenschaft, herausgegeben von 
K. Diem). 104 S. Weidmannsche Buchhandlung, Berlin, kartoniert Rm. 5- -. 

Dürerbund: Am Lebenscraell, ein Hausbuch zur geschlechtlichen Erziehung (her- 
ausgeg. v. Dürerbund). Wesentlich erweiterte und zeitgemäß umgearbeitete 
Auflage. 54—65. Tausend der Gesamtauflage. Dresden 1926. Alexander 
Köhler, Verlag. 

W i 1 1 e 1 s, Dr. med. Fritz : Die Technik der Psychoanalyse (mit einer farbigen Tafel 
und vier Abbildungen im Text). 221 Seiten. Verlag von J. F. Bergmann, 
München 1926. Preis Mk. 12-80. 

Seidel, Alfred: Bewußtsein als Verhängnis (aus dem Nachlasse herausgegeben von 
Hans Prinzhorn), mit einem Bildnis. 221 Seiten. Im Verlag Friedrich Cohen 
Bonn, 1926. Preis geheftet Mk. 6" — , gebunden Mk. 7*50. 



1) Eine Verpflichtung zur Besprechung oder zur Zurücksendung nicht besprochener Werke über- 
nimmt die Schrift leitung nicht. 



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