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Full text of "Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik I 1927 Heft 6"

I 



Geständnisangst und Geständniszwang bei Kindern 

Von Hans Zulliger, Ittigen (Bern) 

„Der Selbstverrat dringt den Menschen 
aus allen Poren." Freud 

Ich hatte in meinem neunten Schuljahr, also bei 15- bis 16jährigen Kindern, 
schriftliche Rechnungsaufgaben aus dem Aufgabenbuche gestellt, die teilweise zu 
Hause zu lösen waren. Als ich am nächsten Tage die Hefte einsammelte und sie 
durchsah, bemerkte ich in demjenigen der Emma B. vorn hineingelegte fliegende 
Blätter. Es waren aus einem alten Heft herausgerissene, und darauf standen die 
Beispiele, die zu lösen gewesen, und die Emma in ihr Heft genau abgeschrieben 
hatte. Die Schülerin bekam auf die Frage, was die losen Blätter zu bedeuten 
hätten, einen sehr roten Kopf und gestand, das seien Teile aus dem Heft ihrer 
älteren Schwester, die vor zwei Jahren aus meiner Klasse und der Schule aus- 
getreten war. Emma hatte sich ihre Aufgabe erleichtert, indem sie die Rechen- 
aufgaben aus ihrer Schwester Heft einfach abschrieb. 

Dabei hatte sie natürlich nicht beabsichtigt, daß ihr Lehrer den Betrug merke. 
Daß sie die Blätter vorn in ihrem Heft liegen ließ, war offenbar eine Fehlhandlung 
und bedeutete nichts weniger als einen Selbstverrat, ein unbewußtes 
Geständnis. 

Ich lachte die Schülerin in aller Freundlichkeit ein wenig aus und sagte dann 
zu ihr: »Du siehst, dem Gewissen ist stärker als deine Bequemlichkeit — sag' 
mal : wie ist es dir gewesen, als du das Heft deiner Schwester gesucht hast und 
die Rechnungen abschriebst?" 

Ich wußte schon, daß ich eigentlich nicht sollte. Dabei lerne ich ja nichts. 
Aber ich wollte rasch fertig sein, um nach dem Aufgabenmachen noch ein bißchen 
ins Freie gehen zu können. Darum tat ich es doch. 

Nun zeigte ich der Klasse an diesem Beispiel das Wirken des unbewußten 
Gewissens. Selbstverständlich brauchte ich dazu keine wissenschaftlichen Aus- 
drücke, und ich sprach in der Muttersprache. 

Solche Ausführungen erwecken immer das höchste Interesse der Schüler. Sie 
sind eine ganz andere Art von Moralunterricht, als wenn dieser an Hand 
von moralischen oder biblischen Geschichten erteilt wird. Denn sie wirken höchst 
unmittelbar, die Kinder können sich sehr leicht mit den Kameraden, denen „eine 
Geschichte" wie unserer Emma passiert ist, identifizieren und nehmen so starken 
Anteil, als ob es sich um jedes einzelne selber handelte. 



INTERNATIONAL — ^1 — 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



a 




Die gute Gelegenheit wurde nun von mir beim Schopf gefaßt : ich forderte im. 
Anschluß an Emmas Fehlhandlung und Selbstverrat die Klasse auf, mir von 
ähnlichen Dingen zu berichten, — schriftlich oder mündlich, — die sie selber 
erlebt hätten. Das machte ich noch aus anderen Gründen : ich wollte feststellen, 
ob man meine Ausführungen über das Wirken eines unbewußten Moralischen 
im Menschen begriffen hatte, oder ob meine Lektion über die Köpfe hinaus- 
gegangen sei. Ich wollte weiter den Eindruck vertiefen, wollte den Kindern zeigen, 
daß sie nicht etwa selbstgerecht Emma zu verurteilen hätten, da sie ganz genau 
gleich wie diese handelten, wenn sich ähnliche Situationen für sie ergehen hätten. 
Und schließlich wollte ich daran meine eigenen psychologischen Einsichten in die 
Kinderseele vermehren. 

Die fehlbare Schülerin bestrafte ich nicht, ich dachte überhaupt gar nicht daran. 
Ich forderte sie nicht einmal auf, in Zukunft das Heft der Schwester nicht mehr 
zu benutzen, Sie hatte ja eingesehen, daß ihr ein solches nur scheinbares Arbeiten 
nichts nützte, sie nicht weiter brachte, und daß sie damit nur ihr Gewissen 
belastete. Sie hatte entdeckt, daß sie im Grunde ehrlicher war, als sie 
wußte — das mußte ihr nicht allein zu denken geben : sie mußte auch zu 
anderem Handeln kommen. Deshalb war eine Strafe gar nicht mehr nötig. 

Aus den unten nachfolgenden Selbstberichten meiner Schüler dürfte hervor- 
gehen, daß Geständnis angst und Geständniszwang die Angst vor der Strafe und 
das Sühnebedürfnis teilweise ablösen. 

Mit der Entwicklung des Kindes lernt es nach und nach viel mehr als die Strafe 
selber den Liebesverlust der Erzieherpersonen fürchten und als peinlich erkennen. 
Um dem zu entgehen, wird ja die Strafe als Sühne gewünscht: ein begangener 
Fehler ist dann gleichsam „abbezahlt" und das Kind, das durch eine schlimme 
Tat aus der durch die Erwachsenen geschaffenen Norm herausgefallen ist, fühlt 
sich darin wiederum heimisch. „Schläge wären mir ja gleich (gültig) gewesen, " 
äußerte sich ein Knabe, wie wir unten sehen werden, „aber den Trotzkopf machen 
gegen einen, das kann lang gehen!" Er fürchtet also den Liebesverlust seiner 
Umgebung viel stärker als die Strafe. 

Damm wird der Akzent von der Strafe auf das Geständnis verschoben. Die 
Strafe ist nicht länger das Härteste, was des jungen „Sünders" nach seiner bösen 
Tat wartet, sondern das Geständnis, 

Wie nun früher die Strafe als Entführung vom Gewissen gefordert wurde, so 
jetzt das Geständnis. Der unbewußte Zwang zur Sühne wird — 
wenigstens teilweise — zum unbewußten Geständniszwange und 
bringt u. a. Fehlhandlungen zustande, wie wir eine bei Emma B. gesehen haben. 

Wenn wir uns fragen, in welchem Lebensalter das Kind diese Stufe erreicht 
so glaube ich antworten zu können: zur Zeit der Vorpubertät und 
Pubertät. Sicher bin ich nur über die Tatsache, daß die Entwicklung bei 
15- bis 16jährigen Kindern durchgemacht wird. 

TheodorReik, ein Wiener Psychoanalytiker, hat das Walten des Geständnis- 
zwanges und unbewußten Strafbedürfnisses an Erwachsenen nachgewiesen. 1 Der 

1) Keik, Geständniszwaug und Strafbedürmis. Wien, Int. Psa. Verlag. 

- 162 - 



I 









Geständniszwang ist die Folge des Strafbedürfnisses, er äußert sich, dem Kundigen 
mehr oder weniger leicht erkennbar, in Fehlhandlungen und Symptomen. 

Im Falle der Emma B. war leicht au erkennen, was mit dem Liegenlassen 
der fliegenden Blätter für ein Geständnis beabsichtigt war. Oft verhalten sich 
aber die Dinge nicht so einfach. Eine Mutter sucht mich wegen ihrer 1 6jährigen 
Tochter auf, weil diese nicht mehr lernen mag, sich von den anderen Kindern 
unverständlicherweise abschließt und ihr Zustand die Eltern in Sorgen und Angst 
gebracht hat. Wie ich nun mit der Tochter unter vier Augen spreche, spielt sie 
mit einem kleinen Täschchen, das auf ihrem Schöße liegt. Das Ledertäschchen, 
woraus sich das Mädchen hie und da ihr Schnupftüchlein hervorholt, hat hinten 
einen Streifen, der auf der einen Seite angenäht und auf der anderen durch eine 
Schlaufe gezogen ist. Nun zieht und stößt die Tochter, wie träumend, mit in den 
Schoß niedergeschlagenen Augen kurz auf meine Fragen antwortend, den Leder- 
streifen hin und her. 

Ich mache sie darauf aufmerksam und frage sie, was sie da mache, 
„Ich spiele mit meinem Täschchen, das sehen Sie ja!" 
„Wie machst du es denn?" 

„Ich bewege das Lederchen durch die Schleife." 
„Was hat das zu bedeuten?" 
„Nichts! Was sollte das zu bedeuten haben !" 

„Es hat doch etwas zu bedeuten, ich bin überzeugt. Was fällt dir denn dazu ein 
— schau! ' ich ergreife das Täschchen und mache ihr das Spiel vor. 
Sie wird sehr rot und meint dann: „Sie wissen schon was!" 
Während dieser Besprechung konnte sie nicht dazu gebracht werden, mir ihre 
mühsam unterdrückte Onanie zu gestehen. Sie wurde dann bei einer späteren 
Zusammenkunft eingestanden und erwies sich als den Hauptgrund ihres plötzlich 
aufgetretenen abnormen Verhaltens. 

Das Mädchen beabsichtigte nicht, mir ein Geständnis zu machen, sie hatte 
vorerst keine Ahnung davon, daß und was sie mir gestand und was sie zu ihrem 
Gebärdengeständnis trieb, wo sie doch bemüht war, ihr Geheimnis aus Scham 
zu bewahren. Sie wußte auch nicht, daß sie damit den Grund ihres merkwürdigen 
Verhaltens verriet. 

Dieses Beispiel dürfte uns das Wirken eines Unbewußten noch viel deutlicher 
gemacht haben als der Fall der Emma B., und wenn wir in Betracht ziehen, daß 
das Geständnis entgegen dem bewußten Willen geleistet wurde, so wird uns 
glaubhaft, daß es zwangs mäßig ablief. 

Natürlich war die Symptomhandlung auch eine Darstellung ihrer Triebstrebungen 
— wir können hier wieder einmal mehr sehen, wie eng das Ich und die Triebe 
zusammenhängen, und daß selbst eine so hohe seelische Organisation wie das 
Gewissen, dem ja der Geständniszwang entspringt, seine Wurzeln bis zu den so 
gefürchteten und verpönten Trieben hinstreckt. 

Ich lasse nun einiges von dem Materiale folgen, das ich in Ausbeutung des 
Betrugsversuches der Emma B. in meiner Klasse sammelte. Zum Teil habe ich aus 
den Heften früherer Jahrgänge meiner Schüler geschöpft, die ebenfalls spontane 

- IÖ3 - 



Äußerungen enthielten, welche das Walten eines unbewußten Geständniszwanges 
beweisen können. 

Selbst verraten.' Gestern ging meine Mutter nach Bern. Weil ich allein 
daheim war, dachte ich, das will ich benutzen. Nachdem ich ein wenig Holz 
vermacht (geholzt) hatte, ging ich in die Küche hinauf und nahm Brot, Butter und 
Konfitüre (eingemachte Früchte) hervor. Dann strich ich recht tüchtig Butter aufs 
Brot, darauf eine Lage Zwetschgenkonfitüre, das war gut. Nachher legte ich alles 
sauber wieder weg und machte mich hinter meine Reis wellen. — Am Abend, als 
die Mutter von der Stadt heimkam, packte sie ihren Korb aus. Sie hatte ein Ei 
zerschlagen, griff mit den Fingern drein und wollte sie unter dem Hahn 
abwaschen. Da fragte sie auf einmal: „Hast du Anken (Butter) genommen?" — 
Ich sah hin und merkte, daß an dem Abwaschtuche noch daran war, wo ich 
das Messer abgestrichen hatte. Ich hätte gerne nein gesagt, aber was wollte ich 
jetzt noch lügen. Da sagte die Mutter, wenn ich es ausgeleugnet hätte, so hätte ich 

Schläge bekommen . Ernst M. , 1 4 j ährig. 

■ 

Die Gipsfigur. Einmal gingen Vater, Mutter und ich nach Bern. Wir kamen 
auf dem Markte vorbei und ich sagte, wir wollen noch auf die Schützenmatte 
(Budenstadt). Als wir dort angelangt waren und meine Eltern nicht gerade auf 
mich sahen, brannte ich ihnen durch. Ich rannte ins Hypodrom. Etwa nach einer 
Stunde ging ich wieder hinaus, um zu sehen, ob unsere Leute noch da seien. Ich 
fand aber niemanden mehr. Jetzt bekam ich Angst, denn ich wußte, daß mich 
meine Eltern gesucht hatten. Ein Klopfen bekam ich auf dem Herzen, Ein ängst- 
liches Schwitzen begann. — Ich dachte, wenn ich heimkomme, so redet die Mutter 
nicht mehr mit mir. Ich komme mir dann vor wie ein Fremder, zu 
dem niemand etwas Freundliches sagt — und es kam mir unbeliebig 
vor. Ich wußte schon von früher her, wie das geht. 

Ich dachte immer daran, wie ich's anstellen wolle, damit die Mutter nichts 
sage und nicht böse sei. Ich fühlte mich ganz unwohl, wenn ich daran dachte. 
Schläge wären mir ja gleich gewesen, die sind schnell vorüber. 
Aber den Trotzkopf machen gegen einen, das kann lang gehen. 
Da, hei einer Bude stand ich still. Dort rief ein Fräulein: „Jedes Los gewinnt!" 
Gottlob, dachte ich, da kaufe ich eines, und wenn ich etwas heimbringe, so macht 
mein Durchbrennen nichts. Ich kaufte also eines. Und richtig, was bekam ich : 
eine schöne Gipsfigur gab's. Die nahm ich und zottelte damit nach Hause. Auf 
dem Wege war mir viel leichter geworden. Denn ich durfte etwas heimbringen. 
Als ich heimkam, sagte die Mutter streng, wo ich gewesen sei. Ich sagte, ich 
habe sie verloren. Sie glaubte es. „Und da hast du etwas , sagte ich rasch und 
streckte ihr die Figur zu. Sie nahm sie mit Freuden und sagte dann nichts mehr, 
daß ich nicht bei ihr geblieben war. Hinterher lachte ich darüber, aber nicht, 
daß sie es merkte ! — Hans F., 1 sjährig. 



1) Es handelt sich um „freie" Aufsätze, d. b. freiwillige, in keiner Weise vom Lehrer 
geleitete, korrigierte oder zensierte Arbeiten. 

— I64 — 



Die Fensterscheibe zerschlagen. Als ich einmal allein daheim war, 
ging ich auf die Straße hinaus. Da bekam ich Hunger. Aber ich wollte nicht zur 
Türe hinein, denn sie ist hinterm Haus. Ich ging zum Fenster hinein und war 
bald drinnen in der Küche. Aber da drückte ich mit dem Ellenbogen ein Fenster- 
glas ein. Ich las geschwind die Scherben zusammen. Ich bekam Angst. Ich dachte, 
wäre ich doch nur zur Türe hineingegangen, so wäre es nicht geschehen. Es war 
mir nicht mehr recht wohl, ich konnte kein Wort sagen und nicht mehr recht 
denken. Ich dachte, Schläge sind ja bald vorbei, aber wenn es der Vater nur schon 
wüßte. Als er heimkam, sagte ich nichts. Ich zweifelte immer, ob ich es ihm 
sagen will. Da sah er es endlich am folgenden Tag. Dahatesmir gewohlet, 
und ich dachte, so, jetzt noch die Schläge, dann ist es vorbei. Aber 
er sagte nur. ich soll für eine neue Scheibe sorgen, da war es gottlob schon vorbei. 

Werner B., 14 jährig. 

Wie ich mich verriet. Als ich von der Schule heimkam, schickte mich die 
Mutter in den Keller, Kartoffeln heraufzuholen für das Mittagessen. Im Keller 
tlrunten füllte ich den Kessel mit Kartoffeln. Dann stieg ich auf die obere Hürde, dort 
sind die Syrupflaschen (Fruchtsaft). Ich trug Sorge, als ich hinaufkletterte, denn die 
Hurd ist nicht ganz gut angemacht, der Vater hatte sie selbst gezimmert. Dann 
nahm ich ein Glas und schüttete ein wenig Syrup hinein, füllte es mit Wasser zu 
und trank es aus. Die Flasche war nicht mehr voll. Dann ließ ich Wasser drein, 
bis sie wieder voll war. Dann stieg ich wieder auf die Hurd und stellte die Flasche 
hin. Da plötzlich ließ die Hurd gehen und ich fiel hinunter. Die Flaschen zer- 
schlugen. Dann tat ich die Hurd wieder hinauf. Die Flaschen ließ ich sein. Ich 
hatte sehr Angst und wußte nicht, was ich machen sollte, aber es kam mir nichts 
in den Sinn. Nun werden sie (die Eltern) es doch merken, daß etwas gegangen ist. 
Als ich wieder in der Küche war, fragte mich die Mutter, warum es so lange 
gegangen sei. Da log ich, ich sei noch bei den Kaninchen gewesen. „So hole jetzt 
noch eine Flasche Syrup hinauf!" — Da bekam ich Angst, und doch sagte ich 
„Die Flaschen sind ja zerschlagen!" — „Wer hat sie denn zerschlagen ? " — „Ich! 
Und dann erzählte ich alles. Sie schimpfte ein wenig, dann war es abgetan. Aber 
ich habe gedacht, das hat so sein müssen, weil ich Syrup stahl und 
Wasser nachgoß. Und daß man immer so eine Angst hat, etwas zu 
sagen (einzugestehen). Fritz M., 1 5 jährig. 

Nun noch einige mündliche Berichte nach stenographischen Aufzeichnungen 
aus der Stunde, wo wir einander Erlebnisse erzählten : 

Walter J., 14 jährig, berichtet: „Einmal hatten wir hinter dem Hause an der 
Sonne Hollunderlimonade, damit sie gäre. Es gab schon Schaum. Uns Kindern war 
es verboten, davon zu nehmen. Aber mich gelüstete sie sehr. Ich sah sie zum 
Fenster hinaus, als ich die Stube kehren mußte. Vor der Haustüre aber war der 
Vater er machte Scheiter. Da konnte ich also nicht durch. Da nahm ich ein Glas 
und sprang zum Fenster hinaus. Dann trank ich zwei Gläser. Nun bekam ich Angst, 
der Vater könnte kommen und es merken, und da kletterte ich sofort wieder zum 
Fenster hinein und schloß es zu. Das war dann weniger verdächtig. Dann ging ich 

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K 



zur Mutter in die Küche. Die Sophie, mein Schwesterchen, war auch dort, sie hat die 
Mutter um Limonade. Da sagte ich: „Sie ist ja noch gar nicht gut!" — „So, woher 
weißt du das?" fragte die Mutter. „Hast du etwa davon genommen?" — „Nein, der 
Vater hätte mich ja gehen sehen, wenn er vor dem Hause ist!" sagte ich. Aher 
es war mir bang. Es wäre gescheiter gewesen, es gerade zu sagen, aber dann hätte 
die Söphe auch davon gewollt und die andern auch, und dann wäre nicht mehr 
viel geblieben. Und sie hätten mit mir geschumpfen. Da kam der Vater herein. 
Er trug ein Glas in der Hand, das kannte ich wohl, ich hatte es draußen ver- 
gessen. — „Wer hat das gemacht?" — Ich dachte, jetzt will ich es sagen, sonst 
merken sie es an meinem roten Kopf. Der Vater gab mir eine Ohrfeige." 

Paul M., fünfzehnjährig, erzählt: „Einmal hatte ich Vaters Flobert genommen 
und ihm acht Patronchen verschossen. Dann las ich die Hülslein alle sorgfältig 
zusammen, damit er nicht etwa eines finde, und ich steckte sie in die Rocktasche. 
Ich hatte ein schlechtes Gewissen, besonders am Abend drauf, als der Vater 
heimgekommen war. Wenn er mir etwas befahl, so machte ich alles verkehrt. 
Als ich ihm die Farbe holen sollte, weil er das Gartentor fertig anstreichen 
wollte, glitschte ich mit dem Kübel aus und schüttete fast alle Farbe aus. Da gab 
es Schimpfe und Schläge. Ich dachte, so, das ist jetzt die Strafe für die 
gestohlenen Patronchen, denn wenn ich nicht so Angst gehabt hätte, 
so würde ich nicht alles so dumm angefangen haben. Da zog ich das 
Nastuch hervor, um die Augen zu reiben, und da fielen die Hülslein heraus. ,Wo 
hast du die Hülslein her?' fragte der Vater, ich merkte wohl, daß er wußte, ich 
habe geschossen. Darum sagte ich es ihm. Da sagte er, er habe Lust, mich gerade 
noch einmal durchzuprügeln, aber es sei diesen Abend in dem Artikel schon 
genug gegangen. Ich dachte, ich lasse in Zukunft das Flobert lieber sein, wenn er 
es mir nicht freiwillig gibt. 

An diesem Beispiel mag uns ganz besonders auffallen, wie der fehlbare Paul 
Strafe sucht. Er glitscht mit dem Farbkübel aus und erhält dafür Schimpfe und 
Schläge, die er selber auf ein ganz anderes „Schuldkonto" verbucht: „Das ist jetzt 
die Strafe für die gestohlenen Patronchen", sagt er. 

Ähnliche verschobene Strafprovozierungen sind bei Kindern nicht selten. 
Häufig wird, um Strafe für etwas anderes zu bekommen und damit ein belastetes 
Gewissen zu entsühnen, mit kleineren Geschwistern Streit angefangen. Dann 
strafen die Eltern. Der Bestrafte denkt dann: „Es geschieht mir ganz recht, daß 
ich so hart gestraft werde, warum habe ich heimlich jenes Andere begangen" — 
oder aber, im Sinne einer nachträglichen Rationalisierung: „Ich habe recht daran 
getan, meine Eltern (oder Lehrer!) zu belügen oder zu betrügen, warum strafen 
sie mich immer so hart ! 

Hören wir noch den Bericht eines Holzfrevlers an, es handelt sich um den 
16 jährigen Hans R., den geschicktesten Bastler, den ich je in meinen Klassen 
hatte. „Eines Tages ging ich in den Wald" — erzählt er — „und frevelte 
Eschenholzstämmchen, denn ich wollte mir Skier machen. Als ich schon einen 
hübsch dicken Stamm umgehauen hatte, war plötzlich der Bannwart da. Er 
wollte mich durchprügeln, aber ich sagte ihm, er soll das lieber nicht probieren, ich 

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wisse sonst schon, was ich mache. Da ließ er es bleiben und wollte meinen Namen 
wissen. Natürlich gab ich ihm nicht den richtigen Namen an. Da reichte er mir 
sein Büchlein und sagte: ,So, Karl Mühlemann, unterschreibe hier!', und er gab mir 
seinen Tintenstift. Als ich unterschrieben hatte, lachte er. ,So heißest du nicht 
Bürschlein! — ,Ich werde wohl wissen, wie ich heiße! antwortete ich ihm 
recht frech, um ihm zu imponieren. , Seinen eigenen Namen kann man fehlerlos 
schreiben! Er zeigte mir das Büchlein, ich hatte den h in Mühlemann 
vergessen. Da war ich im Lack. Er zog mir die Löhne aus meinem Karren. 
Ich dachte, da habe ich bald hölzerne Löhne geschnitten, wenn er nur 
weggeht. Aber da nahm er mir die Mütze weg, und im Futter steht H. R. 
Ich wollte nicht ohne Mütze heim, und darum sagte ich ihm, wie ich heiße. 

Dann ging ich später in einen anderen Wald, um zu freveln, und richtig, 
wieder erwischte mich der Bannwart. Der kannte mich auch nicht. Und als 
er meinen Namen fragte, sagte ich, ich heiße Hans Zulliger. Diesen Namen 
kann ich schon fehlerlos schreiben, dachte ich. Erst später kam mir in den 
Sinn, er könnte vermuten, warum ich diesen Namen angegeben habe, und ich 
hatte Angst, er komme in die Schule und finde mich." — 

Dieser Bannwart hatte jedoch nicht soviel psychologisches Verständnis, um 
die unbewußte Tendenz zum Selbstverrate in dem Namen zu merken. Ich 
vernahm später, daß er sich erkundigt hatte, ob ich einen ca. 1 6jährigen 
Sohn besitze, und daß er seine Nachforschungen nicht weiter betrieb, als er 
vernahm, mein Bub sei erst neun Jahre alt. 

Alle diese kleinen Schülerberichte haben uns das Walten einer Geständnis- 
angst gezeigt, die an Stelle der Angst vor der Strafe getreten ist. An einem 
Beispiele (Paul M.) wurde das unbewußte Strafbedürfnis ganz deutlich, und 
schließlich stellen die Fehlhandlungen alle den unbewußten Geständniszwang 
dar, der das Sühnebedürfnis vertritt. 

* + * 

Eine Beobachtung an einer Schülerin (i5Jährig) läßt auch die Vermutung 
aufkommen, daß gewisse hysterische Symptome neben den Trieb- 
wünschen auch unbewußte Gewissensansprü che darstellen könnten. Da 
ich jedoch nur über ein einziges Beispiel verfüge, so möchte ich noch keine 
Verallgemeinerungen machen und nicht etwa behaupten, daß in einem jeden 
hysterischen Symptome der Geständniszwang und das Sühnebedürfnis so wie 
in dem vorliegenden Falle zum Ausdruck gelange. 

Stellen Sie sich eine Schul stube vor, Deutschunterricht, es wird ein Stück 
B os egger gelesen, „Waldlilie im Schnee". Und mitten drein in die schöne 
Geschichte ruft jemand: „Lehrer! — Lehrer! Der Marie ist es nicht gut!" 

Die Lektüre wird unterbrochen. „Was gibt es? Was ist los?" 

„Es schwimmt mir alles vor den Augen," jammert Marie M., eine 
Schülerin im letzten Schuljahr. 

Sie wurde zum Schularzt geschickt. Er gab ihr Tropfen zum Einträufeln, 
eine dunkelglasige Schutzbrille und einen Attest: „Die Schülerin Marie M. 
ist für 14 Tage von aller Naharbeit zu dispensieren!" 

— 167 — 



I 



Nach Verstreichen dieser Zeit ist die Sache mit Maries Augen wieder in. 
Ordnung. Ich hatte den Vorfall schon vergessen. Es sind Monate verflossen. 
Da, an einem Morgen ist das Übel wieder da. „Ich habe es wieder, es ist 
alles wie im Nebel, es flimmert mir alles, ich sehe nichts mehr deutlich ! S 
klagt Marie. Und ich schicke sie wieder zum Schularzte. Dieser ist jedoch 
selber krank. An seiner Stelle wirkt ein junger Stellvertreter. Er schickt Marie 
heim, sie solle sich Überschläge mit lauwarmem Wasser machen, dann werde 
die Sache schon bessern. Richtig, am anderen Tage ist das Leiden vorüber. 
„Hast du schon früher etwas von solchem Schwimmen vor den Augen 
gemerkt? Schon bei anderen Lehrern?" frage ich Marie. 
„Nein, nie!" — 

„Nun, hoffentlich bist du jetzt von der Sache befreit!" sage ich so leicht 
vor sie hin. — Aber ein halbes Jahr nach seinem ersten Auftreten war an 
einem Freitagmorgen das Symptom wieder da. Nun schickte ich Marie heim, 
sie solle sich wieder die lauwarmen Umschläge machen. Sie kam jedoch nicht, 
wie ich erwartet hatte, am Samstag wieder zur Schule. Vielmehr fehlte sie 
bis zum darauffolgenden Donnerstag. Sie hatte dazu noch erbrochen, es war 
ihr sehr übel gewesen, man hatte einen Arzt beigezogen, der Auswaschen der 
Augen mit Kamillentee verordnete, dazu Diät und Bettruhe. Die Sache sei 
nicht so sehr schlimm, hatte er den Eltern gesagt, sie hänge mit der Ent- 
wicklungszeit zusammen, es wäre nichts zu befürchten. 

"Wieder in der Schule, erzählt Marie von ihren Leiden den Kameradinnen. 
Sie habe geglaubt, sie werde blind, so schlecht habe sie gesehen, und erst am 
Mittwoch morgen habe es gebessert, und so rasch, daß sie am Abend wieder 
habe lesen können. Die Sache beschäftigt sie derart, daß sie mir auch im. 
freien Aufsatz darüber schreibt; „. . . ich sah fast nur noch Schatten, alles 
wie durch eine Milchglasscheibe, es war schrecklich. Ich habe Tante Rosali e, 
die von England her kam, nicht einmal recht gesehen, denn sie reiste am 
Dienstag wieder ab. Sie hat in Mentone eine neue Stelle. Hätte sie doch noch 
ein oder zwei Tage Geduld gehabt!" 

„Soso, die Rosalie kam zurück?" frage ich, als ich den Aufsatz durch- 
schaue. Rosalie kam einst zu mir in die Schule. Sie ist die Schwester der 
Frau M, und wurde von dieser während ihrer letzten Schuljahre erzogen, 
denn die Eltern sind gestorben. 

„Ja, in England drüben hat es ihr nicht recht gefallen. Darum kam sie 
so bald zurück. Aber sie kann schon Englisch!'* 
. „Bist du sicher?" lache ich. 
„Ja, sie paggelte immer auf englisch, kein Mensch verstand sie!" Paggeln 
heißt redebrechen, es ist ein Beigeschmack von Lächerlichkeit dabei. 

„Sag mal, du hast sie wohl nicht gerade furchtbar gern, deine Tante!" 
„Wieso?" tönt die ziemlich gereizte Antwort. „Es ist doch sehr verdächtig, wenn 
ein Besuch kommt, und man wird krank, und daß man plötzlich wieder gesund 
ist, wenn der Besuch abgereist ist!" — „Ich habe nicht geschwindelt!" — „Habe 
ich das behauptet? Ich habe nur gefragt, ob du deine Tante furchtbar gern 

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habest — und du hast mir keine Antwort darauf gegeben." Schnippisch: „Oh 

— ich mag sie nicht schlecht leiden!" — „Aber auch nicht besonders gut, 
was!" Marie antwortet nicht. Es wird schon ungefähr sosein, wie ich erriet. 

— Die Tatsache, daß alle die ärztlichen Mittel gegen das Augenleiden 
geholfen hatten, ließ mich vermuten, daß es sich bei Marie nicht um ein 
physisches Leiden handle. Ich kannte ja sonst schon ihre hysterische 
Reaktionsart. Um der Sache einigermaßen auf die Spur zu kommen, entschloß 
ich mich zu Besprechungen unter vier Augen, 

Zuerst redeten wir von ihrer Krankheit. Diesmal war es ihr am 
schlimmsten ergangen. Schon die beiden anderen Male sei es ihr ein wenig 
schlecht dabei gewesen, schwindlig, aber erbrechen habe sie vorher nie müssen. 
Es habe ihr geschienen, das Bett schaukle, oder sie falle oder werde gehoben, 
so wie es einem sei, wenn man das Stockdrehspiel mache. 1 

Dann verlangte ich zu den einzelnen Erscheinungen ihrer Krankheit, bzw. 
zu ihren Beschreibungen der Einzelerscheinungen freie Einfälle im Sinne des 
psychoanalytischen Assoziationsverfahrens, indem ich sie verpflichtete, mir alles 
mitzuteilen. 

Vom Schaukeln kam sie auf Enten, Wasser und Seekrankheit zu sprechen, 
für Bett sagte sie „Kahn". Tante Rosalie hat die Seekrankheit nicht bekommen. 
als sie im Frühjahr von Hamburg nach England und im Herbst von Dover 
nach Calais fuhr. Nachdem noch der Nebel im englischen Kanal aufgerückt ist 
und die Erinnerung an Berichte von Schiffszusammenstößen, von denen der Vater 
in der Zeitung las, von Eisblöcken, die die Schiffe vernichten, taucht ein Blind- 
fenster an ihrem Hause, dann eine Szene aus früherer Kindheit bei einem 
Milchglasfenster auf. Es beleuchtet von der Küche aus den Korridor. Marie war 
einmal in der Küche und sah durchs Fenster einen unklaren Schatten, meinte, 
der Papa küsse auf der anderen Seite die Rosalie, öffnete voller Wut die Türe 
und sah dann, daß er Mama in den Armen hatte. Aber Papa hatte die 
Rosalie einst geküßt, als Marie noch kleiner gewesen war, das hatte sie eifer- 
süchtig gemacht. Die Tante hatte sich damals der kleinen Marie gegenüber 
überhaupt wie eine bevorzugte ältere Schwester benommen und war dafür reichlich 
von ihr gehaßt worden. Marie beneidete einesteils die Tante um ihre Reisen 
übers Meer, andernteils wünschte sie ihr heimlich ein Unglück an. Sie sollte 
die Seekrankheit bekommen, ihr Schiff sollte im Nebel mit einem anderen oder 
einem Eisberge zusammenstoßen usw. Aber sie gestattete sich bewußt nur einen 
Augenblick zu denken: „Wenn Rosalie nur die Seekrankheit bekäme!" mehr 
nicht. Doch machte sie sich schon deswegen die heftigsten Vorwürfe und 
Gewissensbisse. Wenn Rosalie etwas Schlimmes auf der Überfahrt begegnet 
wäre, so hätte Marie geglaubt, das sei die Folge ihrer bösen Gedanken über 
die Tante. (Allmacht der Gedanken.) 

Im Frühjahr, als wir die „Waldlilie im Schnee" lasen, mußte Marie denken, 

1) Man stützt bei geschlossenen Augen den Kopf auf einen Stock, geht rasch im Kreise 
drum herum und sucht nachher auf geradestem Wege ein in der Nahe bereitgelegtes 
Taschentuch zu fassen. 

— I69 — 



jetzt sei die Rosalie gerade auf dem Meere. Waldlilie, die im Lesestück 
auch Lili genannt wird, erinnerte sie an Rosalie, der sie im Streite und bei 
Hänseleien gerne „Rosalilili" rief. Das bedeutete einen Diminutiv. Marie wollte 
damit die ältere und größere Tante so jung und klein machen, wie sie selber 
noch war. — „Du bist nicht mehr als ich — ich bin so viel wie du!" hieß es. 
Es stellte sich heraus, daß Marie ihre „Seekrankheit" dann wieder bekam, als 
von England drüben ein Brief anlangte, der die Absicht Rosalies kundtat, bald 
zurückzukehren, und als sie später in der Heimat ankam. 

Neben der Darstellung der Ablehnung der Tante, die durch das Symptom 
neben vielen anderen, zum Teil nicht aufgedeckten Regungen zum Ausdruck 
kommen, ist doch in die Augen fallend, wie Marie sich durch das Symptom 
selber mit dem bestraft, was sie Rosalie an wünscht, die Seekrankheit, das 
Schaukeln in den Wellen usw. Neben dem bezweckten Krankheitsgewinne und 
den Triebwünschen, die das Symptom ja auch deutlich erfüllt, müssen wir in 
diesem Falle auch eine Regung des Gewissens am Werke sehen. Diese war 
vom Unbewußten Maries so geschickt verarbeitet worden, daß sie sich im Sym- 
ptome mit allen anderen Strebungen deckte. Das Symptom ist eine Verdichtung 
sowohl der Trieb- als auch der Gewissenstendenzen, die in ihm eine 
wohl geglückte Symbiose eingegangen sind, wie man sie so vollkommen selten 
zu Gesichte bekommt. 



Ich bin mir voll bewußt, daß die theoretischen Ergebnisse, wie sie aus dem 
vorliegenden Materiale abgeleitet wurden, noch sehr in Frage stehen und auf 
breiterer Basis diskutiert werden müßten. 

Zunächst wäre einzuwenden, ob denn ein Selhstverrat einem Geständnis 
gleichgesetzt werden könne. 

Aus den Äußerungen der Schüler Hans F. („Die Gipsfigur"), Werner B. 
(„Die Fensterscheibe zerschlagen") und Fritz M. („Wie ich mich verriet" ) geht 
die Geständnis a n g s t klar hervor. Andern teils wird aus der Äußerung des 
Patronendiebes Paul M. ersichtlich, daß Strafe als Entsühnung gewünscht 
wird. Schließlich ergibt die tägliche Beobachtung an den Kindern, daß eine Strafe 
dann nicht mehr nötig ist, wenn das Kind eine fehlbare Handlung eingesteht : 
das Geständnis wirkt erzieherisch und für die Entwicklung eines Kindes genau 
wie eine Bestrafung, wie eine Selbstbestrafung. 

Die Angst vor der Strafe verschiebt sich, wie wir schon früher haben fest- 
stellen können, in eine Angst vor dem Geständnisse. Logischerweise muß sich der 
Wunsch nach der Strafe (als Sühne) in den Wunsch nach dem Geständnis 
verschieben. Dieser Wunsch wird sich — ebenso wie die verdrängten oder unter- 
drückten Trieb wünsche — mehr oder weniger deutlich im Sinne von zwangs- 
mäßigen Durch brüchen ins Bewußte äußern können. Wenn die Fehl- 
handlungen der Kinder gerade vor denjenigen Personen begangen werden, 
denen man die sich auf die Fehlliandlung beziehende schlimme Tat eingestehen 
möchte, so scheint doch die Fehlhandlung ein zwangsmäßig abgelaufenes, 

— 170 — 




agiertes Geständnis zu sein : Wo der Mund nicht sprechen wollte, spricht die 
Gebärde an seiner Statt. 

Das Kind möchte gestehen, aber aus Angst vor dem Geständnis mag oder 
kann es nicht gestehen, Geständnisangst und Geständniswunsch wirken 
zugleich wie Strafangst und Strafwunsch. Das Nebeneinanderlaufen zweier ent- 
gegengesetzter Strebungen im gleichen Menschen ist der Wissenschaft längst 
bekannt (Ambivalenz). 

Aus diesen Überlegungen komme ich dazu, zu vermuten, daß der Selbst- 
verrat jedenfalls häufig einem Geständnis gleichbedeutend ist. 

Oft wird jedoch vom Gestehenden (im obigen Sinne) gar nicht erkannt, daß 
er etwas gesteht. Aber der Neurotiker, der in seinem Symptome die Befriedigung 
eines unbewußten Triebwunsches darstellt, weiß in seinem Bewußten auch nicht, 
was er tut. Und doch befriedigt er sich und weiß unbewußt, daß er sich 
befriedigt: Die psychoanalytische Arbeit ist imstande, aufzudecken, daß er weiß, 
daß er dies tut. Ist es nun so sehr undenkbar, daß das Unbewußte in ähnlichem 
Sinne doch weiß, daß es etwas gestanden hat und sich so entsühnt, auch 
wenn das Bewußte nichts davon merkt? 

Ein weiterer Einwand mag darin bestehen, daß man mir sagt, das unbewußte 
Geständnis werde oft jemandem gemacht, den es gar nichts angehe. Warum 
gesteht die Schülerin mit der „Seekrankheit" in ihrem Symptom gleichsam 
allen Leuten, daß sie schlimme Wünsche gegen ihre Tante hegt? Allen Leuten, 
von denen in diesem Falle nur ich das unbewußte Geständnis merke, und 
auch erst dann, als sich mir die seelische Herkunft der „Seekrankheit" durch ihr 
wiederholtes Auftreten und ihre Beseitigung durch die verschiedensten 
ärztlichen Maßnahmen aufdrängt? 

Wir haben gesehen, das Kind will seinen Eltern, vorab dem Vater als Ver- 
treter der Ordnung und Gewalt und als der strafenden Instanz, eingestehen, 
bzw. von ihm bestraft werden. Und wir wissen aus den psychoanalytischen 
Untersuchungen über den Aufbau des Ich, daß dieses sich am Vater, dann an 
allen Autoritätsvertretern bildet. Schließlich wirkt die kulturelle Forderung der 
gesamten erwachsenen Menschheit (soweit sie das Kind fühlt oder kennt) als 
Autorität — — und darin könnte der Grund gefunden werden, warum sich das 
im neurotischen Symptom verratende Geständnis „an Alle" wendet — — an 
Alle als Vertreter der Autorität. Dazu aber auch an jenen Teil der eigenen Seele, 
der das durch die äußere Autorität vertretene Gesetz in sich aufgenommen hat 
(das „Über-Ich"). 

Diese Bemerkungen füge ich der kleinen Sammlung meiner Schul er beobachtungen 
bei, um zu zeigen, wie wenig einfach der ganze Sachverhalt ist, und daß ich 
die Ergebnisse durchaus nicht als gesicherte und zu verallgemeinernde Erwerbe 
betrachten möchte. 

Zum Schlüsse möchte ich nochmals betonen, daß die Geständnisangst und der 
Geständniszwang die Strafangst und das Sühnebedürfnis jedenfalls in den von 
mir beobachteten Kindern nicht vollständig ersetzen, sondern daß beide neben- 
einander laufen und sich ergänzen. Je jünger die Kinder sind, desto mehr steht 

- 171- 



die Angst vor der Strafe im Vordergrund, und noch bei Vierzehnjährigen sind 
Äußerungen einer Geständnisangst und eines Geständniszwanges nach meiner 
Beobachtung selten. Und doch kommen auch bei jüngeren Kindern Fehl- 
handlungen vor, die dem Kundigen etwas verraten. 

Diese Tatsache kann ich mir nur so erklären, daß der unbewußte Geständnis- 
zwang, der sich in einer Fehlhandlung äußert, erst in späterem Alter hinzu- 
kommt und sich an das Symptom knüpft. Es wird dann gleichsam noch 
durch einen weiteren Zug determiniert. 



Über sachliche und unsachliche Erziehung 

Von Ernst Schneider 

Die Einstellung des Erziehers zu seiner Aufgabe kann sachlich oder unsachlich 

sein. Sie ist dann sachlich, wenn die Erziehung darauf gerichtet ist, den Zögling 

in seinem Innern und in seinen Beziehungen nach außen zu ordnen. Die 

unsachliche Erziehung läßt sich leiten von Ordnungstendenzen, die sich auf 

Unstimmigkeiten im Erzieher selbst zurückführen lassen. Der Erziehende schaut 

durch die Brille eigener Unerzogen heit. Das Kind läßt sich etwas Bestimmtes 

zuschulden kommen. Der Erzieher wird davon höchst unangenehm berührt 

und greift „erzieherisch" ein, sei es durch eine Strafpredigt oder gar durch 

eine Ohrfeige. Nachdem er wieder ruhig geworden ist und sich überlegt, 

warum ihn der Vorfall in Aufregung versetzt hat, muß er feststellen, daß er in 

seiner Kindheit ähnliche Fehler begangen hat wie sein Kind jetzt. Und wenn er 

sich überhaupt sein gesamtes Verhalten diesem gegenüber vergegenwärtigt, muß 

er sich gestehen, daß er gerade dann die Neigung hat, „erzieherisch 1 " einzugreifen, 

wenn bei den Kindern Verfehlungen auftreten, die aucli einst seine Schwäche 

waren und vielleicht noch heute sind. Aber auch das Umgekehrte ist möglich. 

Solche Verfehlungen werden einfach übersehen ; bedeuten sie doch unliebsame 

Erinnerungen an die eigene Fehlerhaftigkeit. Es läßt sich häufig feststellen, daß 

Lehrer, die seinerzeit ihren Erziehern große Schwierigkeiten bereiteten, zu den 

strengen zählen und sich besonders hart, sogar kleinlich gerade solchen 

Verfehlungen der Schüler gegenüber verhalten, die einst ihre eigenen waren. Im 

Gegensatze dazu gibt es Lehrer, die deshalb keine Disziplin halten können, weil sie 

die kindliche Disziplinlosigkeit übersehen oder sie weder zu bestrafen noch zu beheben 

vermögen. Es müßte vorerst im eigenen Innern Ordnung geschafft werden. 

Strafen würden Selbstbestrafungen sein. 

Die Motive des unsachlichen erzieherischen Verhaltens sind meist 
unbewußt und verraten sich dadurch, daß die Erziehungsmaßnahmen, überhaupt 
das ganze Verhalten, einen besonders affektiven Charakter tragen. Man könnte 
infolgedessen die unsachliche Erziehung auch eine affektive nennen. Der Erzieher 
benimmt sich so, als ob er durch Fehler des Kindes irgendwie persönlich 

— 172 — 






getroffen wäre und von den Handlungen des Kindes überhaupt sein eigenes 
Leben abhängig wäre. 

Aus bestimmten erzieherischen Grundeinstellungen ist ersichtlich, daß dem 
Zögling kein Eigenleben zugebilligt wird, sondern daß er irgendwie eine Wieder- 
holung der Jugend des Erziehers bedeutet. Es findet eine Gleichsetzung der 
Jugend des Erziehers mit der des Zöglings statt. Hat z. B. der Erzieher eine 
harte Jugend genossen, sei es, daß die Erziehung eine strenge war oder daß 
die äußeren Lebensverhältnisse schwierige waren, so kann der Erzieher danach 
trachten, dem Zögling alle Lebensnöte möglichst zu ersparen, die er selber 
erlitten hat. Die Erziehung hat auf diese Art einen verweichlichenden Einfluß 
und macht den heranwachsenden Menschen zum Leben untüchtig. Auch die 
entgegengesetzte Einstellung ist möglich und kann unter den Satz gebracht werden : 
mir ist in meiner Jugend schlecht gegangen, warum soll es dir besser ergehen; 
aus mir ist gleichwohl oder gerade deswegen etwas geworden. Die beiden 
Einstellungen sind affektiv, die erste könnte man eine sentimentale, die zweite 
eine rachsüchtige nennen. Beide Erzieher sind an ihrer eigenen Jugend hängen 
geblieben. Der eine läßt sich von seinen unerfüllten Wünschen leiten, der 
andere von der Wut, daß man sie ihm nicht erfüllt hat. 

Ich möchte hier ein Stück aus der Analyse einer Dame anführen, aus der die 
Folgen einer affektiven Erziehungseinstellung des Vaters besonders eindrucksvoll 
ersichtlich sind. Der Mitteilung eines Traumes von einem angeketteten Reifen 
und von einer Stimme, die etwas vom Halten der Gebote sprach, folgten absprechende 
Urteile über Jehova, der Gebote aufstellt, Gehorsam verlangt und Ungehorsam 
bestraft, die Gebote aber selber nicht hält. Die Schimpfereien dauerten mehrere 
Stunden an. Wir kamen dann auf die Kindheit, zu den religiösen Andachten 
im väterlichen Hause, die äußerlich mitgemacht, aber innerlich verhöhnt 
wurden. Darauf folgten Einfälle, die sich mit dem Vater als Erzieher beschäftigten. 
Der Vater verlangte nach den Angaben der Analysandin unbedingte Anerkennung 
seiner Autorität und liebevolle Zuneigung, verhielt sich aber so, daß ihm 
Achtung schwer entgegenzubringen war. Auch soll er unfähig gewesen sein, 
selber zu lieben. 

Der Vater wuchs in sehr ärmlichen Verhältnissen auf, hatte es aber dank seinem 
zähen Fleiße, der als zwangsmäßig anzusehen ist, zu etwas gebracht. Das war 
sein Stolz, dessen er sich oft rühmte und den er sich weiter erhalten wollte, indem 
er alles daran setzte, aus seinen Kindern „etwas zu machen". Zuerst wandte er 
seine Aufmerksamkeit einem der Knaben zu. Dieser war begabt und sollte 
studieren. Die Begabung war aber nicht der erste Grund, der den Vater zu 
diesem Entschluß bewog, sondern der Wunsch, daß der Sohn seine Jugend- 
träume erfülle. Sein Stolz sollte Nahrung bekommen. Alle Welt sollte sagen 
können : der Mann hat einen gebildeten Sohn. 

Der Sohn aber enttäuschte den Vater, indem er gerade dann, als er mehr- 
jährig geworden war, die Studien abbrach, sich verheiratete und ins praktische 
Leben überging, wobei er einen anderen Beruf ergriff als den, den ihm Vater 
und Begabung nahelegten. Die Wut des Vaters war groß. Doch sie legte 

- 173 ~ 






l) Eine Deckerinnerung ist eine solche Erinnerung, hinter der sich andere, 
bewußtseinsunfähige, verbergen. 

- 174 ~ 






ach schließlich. Die nachfolgende Tochter sollte nun der Stolz des Vaters werden. 
Sie sollte studieren, einen mehr männlichen akademischen Beruf ergreifen, nie 
heiraten, sondern ihr ganzes Interesse ihrem Berufe zuwenden, damit der 
Vater stolz auf sie sein konnte. 

Der Vater fand nun besonders diese Tochter für seine Ziele geeignet, nicht 
nur, weil sie begabt, sondern auch, weil sie im Gegensatz zu ihren Geschwistern 
die Gehorsame, die Brave war. 

Die Tochter absolvierte das Gymnasium und die Hochschule, übte ihren Beruf 
aus, wechselte häufig ihre Stelle, nachdem sie vorher jedesmal einige Zeit 
unter dem Drucke des Zwangsgedankens : „Ich halte es hier einfach nicht mehr 
aus" gestanden hatte. Eine vernunftgemäße Überlegung sagte ihr, daß es wohl 
noch ganz gut auszuhalten wäre. Parallel mit diesen Veränderungen liefen 
ihre Einstellungen zum anderen Geschlecht. Während der Schulzeit hatte sie nur 
Interesse für das Lernen, betrachtete die Vertreter des anderen Geschlechts als 
Kameraden wie ihre Studiengenossinnen. Die gleiche Einstellung hatte sie später 
ihren Berufsgenossen gegenüber. Da packte sie auch zwangsweise der Gedanke, 
sich mit den Männern zu beschäftigen. Sie ließ sich diese annähern, deren 
Verlangen auf einen Höhepunkt treiben, wandte sich dann aber schroff von ihnen ab 
nach der Formel : „Was denken Sie eigentlich von mir, ich bin eine anständige 
Frau," Schließlich blieb sie doch an einem Manne hängen, den sie heiratete. 
Obschon es nahe gelegen hätte, daß sie weiter in ihrem Berufe tätig geblieben 
wäre, verlor sie hiefür alles Interesse. Als Hausfrau und Gattin fand sie sich aber 
auch ungeeignet, und der Zwangsgedanke : „Ich halte es in der Ehe nicht mehr 
aus", kam ihr von neuem. Als sie sich verheiratete, war der Vater natürlich 
wütend, obschon sie sich einem angesehenen Manne antraute. Wenn sie sich 
über ihre Zukunft Gedanken machte, stellte sich vor sie das Bild einer Tante, 
deren Hauptsport war, über die Männer zu schimpfen. Es war die Schwester des 
Vaters, die dieser nie leiden mochte und über die er sich in den abfälligsten 
Bemerkungen erging. 

Bei der Analyse steUte es sich klar heraus, daß jenes zwangsmäßige Weg- 
wenden vom Berufe und auch das zwangsmäßige Hinwenden zum Manne aus dem 
Unbewußten stammten und ihre Wurzeln in der in der Kindheit zurückgehaltenen 
und durch betonten Gehorsam kompensierten Vateropposition hatten. Wie 
wir früher gesehen haben, war das Mädchen zum Unterschied von seinen 
Geschwistern die Gehorsame. Der Wunsch zum Ungehorsam, hervorgerufen 
durch den väterlichen Druck, lebte sich in zahlreichen Phantasien aus. Die Analyse 
der Oppositionseinstellung zum Vater führte zu einer Deckerinnerung, 1 die 
ins vierte oder fünfte Lebensjahr verlegt wurde. Der Vater sprach scherzweise 
davon, an Stelle der Mutter eine andere Frau zu heiraten, und zwar eine mit 
einer bunten Schürze. Obschon die Analysandin anfangs vorgab, den Vater nie 
geliebt zu haben, förderte die Analyse starke infantile Liebesbindungen zutage, 






denen schließlich Eifersucht und mächtige Enttäuschungen am Vater folgten. Es 
würde hier zu weit führen, diese Erlebnisse weiter zu behandeln. Ihr Inhalt ist 
im wesentlichen in der angeführten Deckerinnerung festgehalten worden und 
betrifft das, was in der Psychoanalyse unter dem Begriff des Ödipuskomplexes 
zusammengefaßt wird. Die am Vater erlittene Enttäuschung führte in der Folge 
dazu, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, also den Vater auch zu enttäuschen. 
Das konnte offenbar am besten geschehen, indem man ihn an seiner verwund- 
barsten Stelle, dem Vater- und Erzieherstolz, angriff. Hieraus erklären sich: Der 
Drang, sich dem Manne zu nähern, obschon die Liebesfähigkeit dem anderen 
Geschlechte gegenüber verkümmert war ; der Drang, den Mann zu reizen, um 
ihn nachher in die beschämende Situation des Abgeblitzten bringen zu können ; 
der Drang, die Stelle zu wechseln, und der Verlust des Interesses am Berufe; der 
Drang, zu heiraten, ohne daß im Grunde der Mann geliebt wurde; das sich 
aufdrängende Zukunftsbild der Tante, die vom Vater verachtet wurde. Dieses 
Bild ist vom Unbewußten her so zu sehen : Ich will so werden wie die Tante, 
auf diese Weise kann ich den Vater am besten für seine an mir begangene 
Untreue bestrafen. 

Wir haben das Schicksal der Dame nur von der Seite der fehlerhaften 
Erziehungseinstellung des Vaters aus betrachtet. Es hat noch andere Komponenten. 
So wird gewiß die Frage aufgeworfen: Wie war es möglich, daß sich die Dame 
durch die Verwirklichung ihres Vaterhasses selbst am meisten schädigte? Die 
Beantwortung dieser Frage würde uns auf ein starkes Schuldgefühl führen, das 
sich zum Teil in der Kindheit jenen Gehorsam er/.wang und später, als der Gehor- 
sam umschlug, in einer Selbstbestrafung einen Ausgleich suchte. Dieses Schuld- 
gefühl hängt mit der ungelösten positiven und negativen Liebesbindung an den 
Vater zusammen. 



Psychoanalyse und Mythos 

Von Dr. Theodor Reik, Wien 

Jene rätselhaften Phantasieprodukte, die Mythen, haben die Menschheit seit 
jeher angezogen und die Wissenschaft interessiert. Alle noch so klugen Erklä- 
rungen haben es nicht vermocht, dieses starke Interesse zu befriedigen ; immer 
fühlten die Menschen, daß im Mythos Lebensfragen zur Sprache kommen, und 
mancher ahnte, daß das Verständnis der Mythen Einblick in wichtige Geheim- 
nisse geben könnte. Wir behaupten nicht, daß die Psychoanalyse alle Rätsel der 
Mythen gelöst hat, vieles wartet noch auf seine Klärung. Aber die psycho- 
analytische Betrachtungsweise hat der Mythenforschung die Wege gezeigt, die zur 
Lösung vieler Probleme führen, und will in der Zukunft Hauptfragen in der 
heutigen wissenschaftlichen Mythenforschung aufklären. Die Hauptergebnisse 
der Psychoanalyse auf diesem Gebiete sind: Die Deutung der Mythen, das Ver- 

-175 - 



ständnis der psychischen Beweggründe, durch welche sie entstanden sind, und der 
Seelenvorgänge, durch die sie zustande kamen, sowie ihre Stellung in der Kultur- 
erziehun«*. Wie kam aber die Psychoanalyse dazu, ihre Forschungsmethode auf 
das Gebiet der Mythen auszudehnen? Alle Mythen sind, so verschieden sie auch 
untereinander sein mögen, Produkte der Phantasie. Das Phantasieleben des Ein- 
zelnen und der Völker zu erforschen, wurde zur Aufgabe der analytischen Bemühung, 
weil sich die Phantasie in der Genese neurotischer Symptome, künstlerischer 
Werke, kindlicher Spiele oder religiöser Spekulationen auswirkt. Die Psycho- 
analyse hat die unbewußten Triebkräfte, welche zur Mythenbildung drangen, 
die seelischen Mechanismen, die in ihrer Gestaltung wirksam sind, aufgedeckt 
und die Symbolik, welche uns als Ausdrucksmittel des Mythos so oft seinen 
Sinn und seine Bedeutung verschleiert, enträtselt. 

Den besonderen Anlaß für die Beschäftigung der Psychoanalyse mit der Mythen- 
forschung gab die Einsicht in die seelische Entstehung und den verborgenen Sinn 
des Traumes: dieser hat viele äußere und innere Ähnlichkeiten mit dem 
Mythos, Von der analytischen Forschung des Traumes aus, die von Freuds 
„Traumdeutung" ausging, durfte die Mythenforschung ein tieferes Verständnis ihrer 
wesentlichen Probleme erwarten. Wir verdanken außer Freud den Forschern 
Otto Rank, Karl Abraham und anderen die Psychoanalyse der Entstehung 
bzw. Fortbildung des Mythos. Die Deutung der Träume, insbesondere der 
typischen Träume, führte unmittelbar zur Aufdeckung des verborgenen Sinnes 
des Mythos: das Verständnis für die seelischen Voraussetzungen und Ziele, die 
Kenntnis der unbewußten Mächte, die den Traum bestimmen, wurde für die 
Mythenforschung entscheidend. Neben der Mythendeutung, welche die Psycho- 
analyse brachte, war so gegenüber der flächenhaften Auffassung der früheren 
Mythenwissenschaft eine genetische Betrachtung gewonnen. Der Traum hatte sich 
im Lichte der Tiefenpsychologie Freuds als die entstellte Darstellung eines aus 
dem Kinderseelenleben stammenden unbewußten Wunsches erwiesen. Die Psycho- 
analyse konnte nun die Mythen als entstellte Überreste von Wunschphantasien 
der Völker nach Freuds Ausdruck als „jahrhundertelange" Träume der 
jungen Menschheit auffassen. Wie in der Traumschöpfung des Einzelnen, so ragt 
in der Mythenproduktion ein Stück untergegangenen Seelenlebens in eine ver- 
änderten Kulturbedingungen unterworfene Zeit. 

Die Wunschregungen aber, die der Mythos nach seiner Deutung als die ihm 
zugrunde liegenden preisgibt, entsprechen denen, die beim einzelnen traumbildend 
werden. Sie entstammen den Konflikten der kindlichen Seele und beziehen sich 
insbesondere auf das Leben innerhalb der Familie. Die besondere seelische Ein- 
stellung zu den Eltern und Geschwistern, welche die Psychoanalyse bis in ihre 
unbewußten Züge verfolgt hat, die libidinösen Strömungen und die ehrgeizigen 
Regungen werden immer wieder als der wesentliche verborgene Inhalt der 
mythischen Erzählungen gefunden. 

Als die einzige notwendige Voraussetzung für die analytische Mythen- 
deutung hat Rank mit Recht den Grundsatz aufgestellt, daß der Psychologe sin 
die Realität des Erzählten zu glauben habe. Was aber ist damit gemeint? Wir 

— 176 — 






glauben gewiß nicht mehr an die tatsächliche Realität des Mythos wie der 
primitive Mensch; Götter, Drachen und Sphinxe, Kobolde und Geister sind 
uns längst entfremdet. Wir müssen aber an die seelische Realität des Mythos 
glauben, wenn wir ihn verstehen wollen, wir müssen daran glauben, daß er 
einen verborgenen Sinn enthält, dessen Aufzeigung ihn als mit den stärksten 
Impulsen der Menschheit verbunden enthüllt. 

Die primitiven, sexuellen, grob-egoistischen und feindseligen Triebregungen, 
die man nach Rückgängigmachung der Entstellungen durch die analytische 
Deutungstechnik am Grunde des Mythos findet, mußten freilich in immer 
steigendem Maße im Interesse der Festigung der Gemeinschaft unterdrückt 
werden. Der teilweise Verzicht auf Befriedigung bestimmter Triebregungen 
gehörte ja zu den wichtigsten Voraussetzungen der Gesellschaft. Aber was 
das reale Leben versagte, gewährte die mythenbildende Phantasie; die Wünsche, 
deren Befriedigung durch die Notwendigkeiten des sozialen Lebens und durch 
kulturelle Anforderungen verboten wurde, wurden im Mythos verwirklicht. 
So steht auch der Mythos im Dienste der wunscherfüllenden Instanzen unseres 
Seelenlebens, mögen sich spater auch jene Tendenzen, welche sich der Ver- 
wirklichung der verpönten Strebungen entgegenstellten, Ausdruck in der 
Mythengestaltung geschaffen haben. 



Über das Traumleben 

Von Dr. med. Rh. Liertz, Bad Homburg v. d. Hohe 

III 1 

Die Traumforschung ist nicht nur durch die Seelenaufschließung ins Leben 
gerufen worden, sondern sie gehört zum wichtigsten Rüstzeug dieses seelen- 
kundigen Kunsthandwerks ; werden doch ganze Heilbehandlungen nur an der Hand 
des Traumforsch ens und Traumdeutens durchgeführt. Wir fanden, daß der Traum 
das im Schlaf auf Tageserlebnisse antwortende Seelenleben darstellt, daß manche 
Träume besonders im kindlichen Alter, unmittelbare, unverhüllte Wunscherfüllung 
bringen. Die Traumentstellung gehört demnach nicht zum Wesen des Traumes. 
Die Traumhandlung hat als Antwort auf einen körperlichen oder seelischen Reiz 
den Wert einer Erledigung des Reizes. Der Traum kann also nicht der Schlaf- 
störer sein, sondern ist der Schlafhüter, der die Schlafstörungen beseitigt. 

Das Traumentstellende ist das in uns wirkende Sittliche, das durch Auslassen, 
Abschwächen, Anspiegeln, Umgruppieren des Stoffes und Verschieben der Betonung 
den verborgenen Traumgedanken in den geoffenbarten Traum umwandelt. Das 
Streben das das Sittliche ausübt, ist das, was vom wachen Urteil des Träumers 



i)I. siehe Heft 2 vom ig. Nov. 1926, Seite 41, und IL siehe Heft 4 vom 15, Jan. 1927, 
Seite 119. Mit diesem Beitrag schließt die Artikelreihe. 

- 177 - 



mehr oder weniger anerkannt wird, mit dem er sich einig fühlt oder doch 
abzufinden sich gewöhnt hat, Der Bub, der am Vortag den brennenden Wunsch 
hatte, die Kirschen in Nachbars Garten zu besitzen, träumt in der Nacht, er 
erhalte wegen schlechter Schulaufgaben vom Lehrer Prügel, oder, in noch 
größerer Verschiebung, ein Mitschüler erhalte die Strafe. Da hat nicht nur das 
Gewissen mit seinem „Du sollst", sondern ebenso eine Straferinnerung den Buh 
am Vortag abgehalten, Kirschen zu stehlen. Aber der Wunsch nach dem Genuß 
drängt doch noch nach Befriedigung im Traum, wobei dann die verdiente Strafe 
nicht der Bub selbst, sondern der „andere", den wir ja allzu gern im Leben 
herbeiholen, erleidet. Meist entledigt sich das Ich seiner sittlichen Fesseln im Traum, 
besonders wenn es sich um Ansprüche des Geschlechtsdrangs handelt; die Wollust 
wählt ihre Gegenstande hemmungslos, und zwar die verbotenen am liebsten. 
Gelüste, die wir fern der eigenen menschlichen Natur glauben, zeigen sich stark 
genug, Träume zu schaffen. Selbst der im Wachen gebändigte Haß tobt sich 
schrankenlos im Traum aus. Rache- und Todes Wunsche gegen die nächststehenden, 
im Leben geliebtesten Personen sind nichts Ungewöhnliches und gestalten die 
herrlichste Trauerfeierlichkeit aus dem Märchenland im Traumleben. Gerade 
die im Wachen sittlich niedergehaltenen, gebändigten Wünsche scheinen aus 
einer wahren Hölle aufzusteigen; kein Sittengesetz, in den Schlafzustand aus 
unseren sittlichen und schöngeistigen Grundsätzen mitherübergerettet, scheint 
in uns im Traum wirksam zu sein, wie hart wir sie auch nach der Deutung im 
Wachen gegen diese Wünsche anwenden möchten. So ist die Traum entstellung 
eine Folge der Gewissensmacht, die vom anerkannten Streben des Ich gegen eine 
irgendwie anstößige Wunschregung ausgeübt wird, die sich nächtlicherweile, 
während des Schlafes, in uns rührt. Dabei ist nicht zu vergessen, daß ein Traum 
zumeist nur ein Gedanke ist wie ein anderer, ermöglicht durch den Nachlaß des 
Gewissens und die unbewußte Verstärkung aus dem Triebhaften, andererseits 
entstellt durch das einwirkende Gewissen und das unbewußte Bearbeiten. Die 
begleitende, triebhafte Gefühlsregung führt zu einer gefühlsmäßigen Änderung 
des Selbstbewußtseins im Schlaf. Dadurch entsteht eine Fähigkeit, Erfahrungen, 
Lebenslagen und Gegenstandserinnerungen im geistigen Blickpunkt zu verflachen. 
Dies ermöglicht, die eigenen Zustandsänderungen als etwas außer sich selbst zu 
sehen, und wird im Verlust des Wirklichkeitsbewußtsems und ebenso im Traum 
verstärkt, wo wir uns selbst handelnd sehen. Daß es zu einem bildhaften Erleben 
im Traum kommt, ist durchaus nichts Sonderbares. In Wahrheit denkt kein 
Mensch aus Fleisch und Bein überwiegend oder ausschließlich in Begriffen. Auch 
der angeblich ganz Begriffliche sieht beim Denken Innenbilder, nur spannt er in 
seiner Seele keine Brücke zwischen Bildgedanken und Bildwort. Es ist dies bedingt, 
weil das Ineinander von Geist und Sinnlichkeit unser ganzes Erkennen 
beherrscht ; manche Wahrheiten ruhen in rein geistiger Form im Verstand ; 
ein wirklicher Gedanke aber ist nicht möglich ohne Sinnesbild, und sei es 
auch nur ein Wortbild. 

Im Traum wird der Tagesrest, der als Widerschein der Verstandesarbeit am 
Tag auftritt, zum bildlichen Ausdruck eines Wunsches verwoben, sinnbildlich, 

— 178 — 



eben weil der Traum kein Denken ist und wir uns der Sinnbilder bedienen 
falls wir etwas wegdenken und doch nicht denken wollen. Daß der Traum* 
Wünsche, manchmal in verschrobenster und verworrenster Form, darstellt gehört 
zu den seelenkundigen Erfahrungen, da jeder seelische Zustand sich auf ei nen 
Wunsch zurückführen läßt. Bei der Traumforschung fällt besonders auf, daß das 
Unbewußte sich, zumal falls es sich um dargestellte geschlechtliche Bilder handelt 
einer gewissen „Symbolik", Sinnbüdnerei, bedient. Sie ist zum Teil persönlich 
verschieden, zum anderen Teil allgemein mustergültig festgelegt; sie scheint sich 
mit der Smnbüdsprache zu decken, die wir hinter unseren Sagen, Märchen, hinter 
den Volksbräuchen und der Volkssprache annehmen. Jeder Sinnbildbrauch hat 
bezeichnende Eigenschaften. Diese sind; Erstens das Vertreten eines anderen 
wichtigeren Gedankens, zweitens etwas Gemeinsames beider Gedanken- drittens' 
das Sinnbüd wirkt auf die Sinne, das Dargestellte ist verhältnismäßig begrifflich- 
die sinnbildliche Denkweise ist eine einfache Art des Denkens überhaupt ' 
die Sinnbilder entstehen unbewußt, unwillkürlich, von selbst wie ein Witz. Die' 
seelische Grundlage des sinnbildlichen Darstellen ist das Gleichsetzen Dies 
bedeutet aber keine Verstandesschwäche, sondern ist durch das Lustgesetz des 
einfachen Denkens und durch den Wirklichkeitsgrundsatz erklärbar, damit 
alles Unbekannte einen Sinn erhält. Sinnbildlich dargestellt wird nur das 
Verdrängte; deshalb ist die Beziehung des darstellenden und dargestellten Begriffs 
nicht umkehrbar. 

Die Neigung des Menschen, seine innersten Gedanken und Empfindungen 
sinnbildlich darzustellen, ist so allgemein, daß hier kaum eine Meinungsver- 
schiedenheit auftreten kann. Ein Blick in die wirkliche Kinderstube, aber ebenso 
in die einfache Volkssprache der großgewordenen Kinder, in die Märchenerzähler- 
stube alten und neuen Stils, zeigt uns, wie tief eingewurzelt der Hang ist, das 
was einem peinlich oder zu heikel und rücksichtslos dünkt, sinnbildlich darzu- 
stehen. Welche Mutter könnte ihrem wißbegierigen Kind seine Zeugung und 
Geburt wirklich schildern? Und doch verlangen kindliche Neugier und mütter- 
liche Mitteilsamkeit nach einer Hilfe, all das Wonnige und Erschütternde, all 
das Glückselige und Schmerzliche in Worten erzählen zu können. Die Wort- 
bilder der Tatsachen erscheinen der Erzählerin zu unheilig und rücksichtslos, so 
schuf sie Sinnbilder des Gedachten und Erlebten. Die sich hierüber äußernde 
Volksseele nahm die Bilder aus der Natur, dem Alltagsleben, und schuf so einen 
Wort- und Bilderschatz, um etwas anzudeuten, was man sagen mußte, aber 
nicht ausdrücken wollte. In jedem von uns steckt ein Stück Volksseele wir alle 
sind großgewordene Kinder. Daher ist es gar nicht so unverständlich, daß 'uns allen 
die wir Menschen heißen, der Drang nach Sinnbüdnerei innewohnt, daß der 
Bilderschatz hierfür allen Menschen gemeinsam ist. Wer einmal an unsere 
Urmärchen und Sagen mit offenen Kinderaugen herantritt, der findet eine Fülle der 
Sinnbilder, die uns allen geläufig sind. Es sind dabei immer die einfachsten, alle 
Menschen gleich stark angehenden Dinge, die hier versinnbildlicht werden. 
Geburt und Tod, Liebesleben und Entfaltung des Menschen ziehen in buntesten 
Bildern an uns vorüber, wenn wir das deutsche Märchenbuch aufschlagen. Die 

- 179 ~ 



Lohengrinsage, Hansel- und Gretel-, Schneewittchen-Märchen um nur diese an Z zz- 
fühnT -nd SinnbUder de, Geheimnisvollen, Unhmmhchen Gruseligen, 
sTmerzlichen uud Glückseligen, das nun eiumal mit dem Menschwerden ver- 
buuTen ist. Wenn jetzt die Volks.eeieufor.cher bei den wild«. Volkern in ihren 
goLdienstlichen und gesellschaftlichen Bräuchen wiederum die gleiche Neignng 
"2 Versinnbüdlichen der gleichen Dinge nachweisen, so ist dies nicht wunder- 
ten da die Menschen in ihrem Meu.ch.ein .ich ,«ets gleichen ob » wdd oder 
VH« „h .ie weiß oder schwarz, ob sie Europäer oder Bewohner anderer Erd- 
Ät TL Mitmen.chen oder vorgeschichtliche Urbewohner der Ende 
waren Darum träumt jeder Mensch in der gleichen Ar. ebenso in den gleichen 
«^nbüdli. Das bildhafte Denken, die fehlende Sprachlehre und Denklehre, 
d " .praXntwicklung.geschichtliche Ent.tehen der Begriffe aus korperhehen 
D n Z die Sinnbilder hei den Wilden, in der Volkskunde und im Sprachgebrauch 
°Z .o überraschende Ähnlichkeit mit den Tr.umsprachgewohnheiten daß 
wTdiese gewissermaßen als eine Art von rückgearbeitetcn Denken bezeichne» 
iZJl Jeder Betriff ist letzten Endes verdichtet, das scheinbar so unsinnige 

daß t den älteften und in manchen Jägersprachen steh ausschließende Gegen- 
stände durch das gleiche Wort ausgedrückt werden, das erst spater durch Zusage 
öder durch die Tonhöhe abgeändert wird. Das Vorstellen zu einem beshminten 
tZl lie Vorstufe de» Verdrängen., und mit ihr beim Seelenleiden doch so 
„fTtenzwirrbar verknüpft, i.t ebenso heute noch da. Vorrech, der Kinder und 
feli"ch mcht fertiger, unausgebildeter Menschen. Und schließlich finden die 
gelockerten Gedankenreihen im Traum ihr zum Teil langst bekanntes Ent- 
gehende, in Kinderreimen, im Volkswitz und in e.pre.sionl.f.chen Bddern. 
Ibenso sind Sagen und Märchen erfüllte Wünsche der Völker mit Verdichtetem, 
Verdrängtem und Verschobenem. 

Im allgemeinen verstehen wir unter einem Sinnbild etwas Faßbares, Deut- 
liche, da. etwas minder Deutliches, Begriffliches oder absichtlich geheimnisvoll 
Gelassene, anzeigen und vertreten soll. Die Beziehung zwischen dem ^«™ 
uud seinem Sinnbild ist aber nicht nur eine verstandesmäß.ge. Da. Sinnbild zst 
der geoffenbarte Ausdruck von etwa. Verborgenem, da. hinter den Erscheinungen 
steh! Richtige, echte Sinnbilder sind nur die, die mit dem wa. sie vertreten 
oUen innig zusammenhängen. Gegenstand der Sinnbilder können sein. Ersten. 
SedankeninLte, zweiten, der Znstand, die Tätigk eit das «^ Ms 
oder die Wei,e seelischer Verrichtungen, bewußt oder unbewußt, drittens korper- 
7Z Vorgänge. Als Traumleben-Begriff ist das Sinnbild der bewußtsemsfahige 
Vertreter eine, unbewußten Vorstelhmgsinhalts, wobei es bei einer Reihe von 
«»* Lm zunächst rätselhaft bleib,, wie sie zu ihrer Rolle gekommen nni 
DTelinnbildnerei beschränk, sich fast ganz auf Stoffe von Geburt, Liebe d 
Tod a"f Gedanken über den Körper, die nächsten Angehörigen, besonders die 
Eltern, woraus wir schließen, daß diese Gegenstände die GrundaufmerksamkeU 

aUer Menschen umfassen. Terwe ndeten SinnbUder keine feste 

In Wirklichkeit haben die im Iraum verweu 



— 180 — 



Bedeutung. Die gleiche Sache kann von verschiedenen Träumern auf verschiedene 
Weise versinnbildlicht werden, je nach deren Erfahrung, Gemütsart und den 
besonderen Umständen des Traums. Das Sinnbild muß im Rahmen des ganzen 
Menschen erfaßt werden. Dabei gibt es allgemeingültige Sinnbilder für ganz 
Bestimmtgedachtes, die in den Träumen stets mit der gleichen Bedeutung wieder- 
kehren. Die Gefühle werden im Traum selten erlebt, sondern sinnbildlich 
gesehen. Furchthaben wird in einer unheimlichen Person, Getröstetwerden mit 
Kommen der Mutter versinnbildlicht. So kann häufig das Versäumen eines Zuges 
oder Geprüftwerden die Furcht, etwas sehr Wichtiges ganz zu verfehlen, sinn- 
bildlich darstellen. Der Traum vom bestandenen Examen trotz Schwierigkeiten 
versinnbildlicht einen Wunsch, bei einer bevorstehenden schweren Aufgabe, 
die der Träumende nicht zu erledigen fürchtet, doch Erfolg zu haben. Die 
Angst wird durch Stolpern, Überfahrenwerden ohne Verletzung versinnbildlicht. 
Dies rührt von der Hemmung her, die der körperliche Audruck der Furcht ist. 
Mitunter ist das Sinnbild von den dargestellten Gegenständen weit entfernt. Seine 
äußersten Formen treffen wir in den Träumen Erwachsener, wenn die Gefühle 
sehr tief und infolge von Zusammenstößen stark verdrängt sind. 

Bei der Traumforschung zeigt sich, welch wichtigen Einfluß kindliche Vor- 
stellungen über das Geschlechtliche auf den Menschen haben, wie die Regung der 
Wollust fast beständig verdrängt wird und im Traumleben wieder aus dem 
Unbewußten sinnbildlich zum Vorschein kommt. Das Auftreten geschlechtlicher 
Träume ist abhängig von der Stärke des Geschlechtstriebes ; dabei besteht bei den 
meisten Menschen die Neigung, gerade die Dinge sinnbildlich im Traum darzu- 
stellen. Die Deutung der Sinnbilder ermöglicht es, dem Menschen zu zeigen, daß 
er aus der Vergangenheit Hemmungen hat. Wie wir dem Unbewußten nicht 
nur geschlechtliche Dinge zuschreiben können, so ist das naturgeschlechtliche 
Erklären der Sinnbilder und der Träume einseitig. Es besteht deutliche Ähnlich- 
keit zwischen den Geschöpfen des Traumes und den Kunstwerken. Dabei hat 
jeder Traum ebenso eine geschlechtliche Teilkraft, kann aber nicht nur als 
geschlechtliches Ergebnis bezeichnet werden. 

Der Traum entsteht aus dem Tagrest im weitesten Sinn, das heißt irgend- 
einem Gedächtnisinhalt und dessen Bearbeitung seitens der Einbildungskraft, die 
aus dem gesamten Triebleben gespeist wird. Die Regungen sind ursprüngliche 
Leibesreize, aus deren Zusammenklingen überhaupt das Gleichgewichtsgefühl der 
Person entsteht. 

Die aus dem Vergleich mit der Völkerkunde gewonnenen Sinnbilderklärungen 
beweisen uns, daß jeder Mensch diese Sinnbilder hat, träumt er nun als Europäer, 
Amerikaner oder Asiate. Die Sinnbilder können uns darüber Aufschluß bringen, 
welcher Teil des Traumbildes auf ein wirkende geschlechtliche Reize zurückzuführen 
ist. Dabei ist kein Hintereinander, sondern mehr ein Nebeneinander oder Durch- 
einander im Traum. Da das Traumleben aus dem gesamten Triebleben, dem 
Unbewußten und Bewußten, beschickt wird, ist es nicht erforderlich, nur geschlecht- 
liche Trauminhalte anzunehmen, wenngleich in sehr vielen Fällen dieser Inhalt 
klar hervortritt. Restloses Deuten eines Traumes ist kaum möglich, doch ist es 

- 181 - 



von großem Vorteil, auf diese Weise das unbewußte Seelenleben teilweise so zu 
erschließen, und zwar sowohl zum Aufschließen des ganzen Seelenlebens als auch. 
Zur erziehenden Leitung der Person. Es gibt in jedem Menschen, nicht nur im. 
seelisch-kranken, Regungen, die aus der Tiefe wollen, die die eigentlichen Zu- 
sammenstöße verursachen. Ihnen suchen wir beim Erforschen der Träume, besonders 
in ihren Sinnbildern, näher zu kommen. Zuweilen ist das Schlechtgelauntsein 
am frühen Morgen nichts anderes, als daß der Mensch in seiner Traumarbeit 
mit den Leibesreizen auf das unbewußte Seelenleben noch nicht fertig ist. 

Jene Arbeit, die den verborgenen Traumgedanken in den geoffenbarten 
Traum umsetzt, nennen wir Traumarbeit; die in entgegengesetzter Richtung fort- 
schreitende Arbeit, die vom Traum zu den unterlegten Gedanken zurückgelangen 
will, ist unsere Deutungsarbeit. Die erste Leistung der Traumarbeit ist das Ver- 
dichten ; wir verstehen darunter die Tatsache, daß der geoffenbarte Traum weniger 
Inhalt als die verborgenen Gedanken hat, also eine Art abgekürzter Über- 
setzung ist. Die zweite Leistung der Traumarbeit ist das Verschieben, das ganz 
das Werk des Sittlichen in uns ist. Ihre beiden Äußerungen sind erstens, daß ein 
verborgener Bestandteil nicht durch einen eigenen Ausdruck, sondern durch etwas 
Entfernteres, also durch eine Anspielung ersetzt wird, und zweitens, daß der 
seelische Ton von einem wichtigen Bestandteil auf einen anderen unwichtigen 
übergeht, so daß der Mittelpunkt des Traumes selbst fremdartig erscheint. Die 
dritte Leistung der Traumarbeit ist die seelenkundig merkwürdigste. Sie besteht 
im Umsetzen von Gedanken in Anschauungsbilder. Ein Ärgergefühl wird zum 
Beispiel in eine Person umgewandelt, über die wir uns einmal geärgert haben. 
Das Bild einer tieftraurigen Stimmung gibt folgender Traum wieder : Eine Kranke 
träumt, sie hätte einer Freundin eine Handarbeit mit vielen Schäden gezeigt, die 
sie ausbessern sollte. Sie fand, daß die Schäden so groß waren, daß das Aus- 
bessern sich nicht lohnte. Sie hätte da lieber eine ganz neue Handarbeit gemacht. 
Gedankeneinfälle dazu: „Mein Leben hat auch so viele Schäden, daß sich der 
Versuch, sie wieder gutzumachen, nicht lohnt. Es ist immer in mir der Wunsch, 
nochmals wie ein Kind ein neues Leben beginnen zu können," Die Kranke mußte 
später zeitweise in einer geschlossenen Pflege anstalt untergebracht werden, da 
die Verzweiflung sie mitunter wahnsinnig toben ließ. 

Aber nicht alles in den Traumgedanken wird so umgesetzt ; vieles behält seine 
Form und erscheint ebenso im geoffenbarten Traum als Gedanke oder als Wissen. 
Ebenso sind Anschauungsbilder nicht die einzige Form, in der die Gedanken 
umgesetzt werden. Allerdings handelt es sich bei der Traumarbeit offenbar meist 
darum, die in Worte gefaßten verborgenen Gedanken in sinnliche Bilder, meist 
anschauender Natur, umzusetzen. Es gibt wirklich ein Stück der Traumarbeit, 
die sogenannte nachträgliche Bearbeitung, dem daran gelegen ist, aus den 
nächsten Ergebnissen der Traumarbeit etwas Ganzes, ungefähr Zusammen- 
passendes herzustellen. Dabei wird der Stoff nach einem oft ganz mißverständ- 
lichen Sinn angeordnet und es werden, wo es nötig scheint, Einschübe vorge- 
nommen. Der Traum ist schließlich nichts anderes als das Ergebnis der 
Traumarbeit, das heißt die Form, in die die verborgenen Gedanken durch die 

— 182 — 



Traumarbeit überführt worden sind. Die Traumarbeit ist ein Vorgang ganz 
einzig dastehender Art, dessengleichen bisher im Seelenleben nicht bekannt 
geworden ist. Derartiges Verdichten, Verschieben, rückschreitendes Umsetzen der 
Gedanken in Bilder sind Neuheiten, deren Erkenntnis die seelenaufschließenden 
Bemühungen bereits reichlich belohnt. Die weitere Bedeutung dieser Einsicht 
die sich ebenso auf dem Gebiet der Sprachentwicklung und Märchenbildung 
nachweisen läßt, beruht darin, daß die Vorgänge der Traum Bildung vorbildlich 
für das Entstehen der Krankheitszeichen sind, die wir bei Seelenleiden finden. Das 
seelenaufschließende Forschen hat dadurch ebenfalls einen neuen Beweis für das 
Dasein unbewußter seelischer Vorgänge, die die verborgenen Traumgedanken 
darstellen, erbracht. Die Traumdeutung hat uns einen ungeahnt breiten Zugang 
zum unbewußten Seelenleben geschaffen. 

Wenn wir den Weg ins Unbewußte weitergehen, kommen wir zum Aufdecken 
längst vergessener Kindheitserinnerungen. Wir können durch gründliches Traum- 
aufschließen alles Vergessene herausentwickeln. Die kindlichen Erlebniseindrücke 
sind niemals wirklich vergessen gewesen, sie waren nur unzugänglich, verborgen, 
haben dem Unbewußten angehört. Dabei stellen wir die erstaunliche Tatsache 
fest, daß das kindliche Seelenleben mit all seinen Eigenheiten, seiner Ichsucht 
usw. für den Traum, also im Unbewußten, noch fortbesteht und daß uns der 
Traum allnächtlich auf die kindliche Stufe zurückführt. Es wird uns so bekräftigt, 
daß das Unbewußte des Seelenlebens ein großer Teil des kindlichen ist. Die 
Welt des Kindes dreht sich um das Ich und um die nächste Umwelt. Mit diesen 
beiden beschäftigt es sich nicht nur im Wachen, sondern meist in Tag- und 
Nachtträumen. Das Verbotene ist dabei kaum aufsteigend sofort zum Verdrängt- 
werden verurteilt. Im Traum des Erwachsenen kommt die Kinderwelt aus dem 
Unbewußten wieder zum Durchbruch meist in Sinnbildern, die Deckbilder für 
Kindheitserlebnisse oder Eingebildetes, Tagträume in der Kindheit, darstellen. 

Wir können uns das Entstehen des Traumes nicht erklären, wenn wir nicht die 
Annahme einfügen, daß das verdrängte Unbewußte eine gewisse Unabhängigkeit 
vom Ich gewonnen hat, sobald es sich dem Schlafwunsch nicht fügt und seine 
Besetzungen behält, selbst wenn alle vom Ich abhängigen Gegenstandsbesetzungen 
zugunsten des Schlafes eingezogen werden. Erst dann ist zu verstehen, daß dies 
Unbewußte sich das nächtlich aufgehobene oder herabgesetzte Gewissen zunutze 
machen kann und daß es sich der Tagesreste zu bemächtigen weiß, um mit ihrem 
Stoff einen verbotenen Traumwunsch zu bilden. Andererseits werden schon die 
Tagesreste ein Stück ihrer Widerstandskraft, die sich dagegen wendet, daß die 
vom Schlaf wünsch verfügte Gegenstandsbesetzung eingezogen wird, dem ver- 
danken, daß schon eine Verbindung mit dem verdrängten Unbewußten besteht: 
Wenn wir das Ergebnis der Traumforschung zusammenfassen, wird es wenigstens 
bis zu einem gewissen Grade deutlich, warum unsere Träume so sonderbar 
aussehen. Wenn wir ein Zusammengesetztes von Gedanken, Empfindungen, 
Neigungen, Wünschen als Ganzes nehmen, darauf das geistige Verfahren des 
Verdichtens und Verschiebens anwenden, wenn wir dann weiter berücksichtigen, 
daß der verbildete Stoff in Gesichtsbildern vorgestellt werden muß und daß es 

-183- 



dann noch eine Art von Gewissensaufsicht für zu große Öffentlichkeit gibt, dann 
nimmt es uns nicht mehr wunder, daß wir zu einem geistigen Ganzen gelangen, 
wie wir es in unseren Träumen vor uns sehen. 

Der Traum ist ein regelmäßig wiederkehrender, ungesellschaftlicher Zustand. 
Wir können ihn sogar als das leicht erschütterte, halbkranke Seelenleben 

bezeichnen. 

Zum Schluß soll ein Beispiel als Beleg für die gesamten Traumforschungs- 
ergebnisse dienen. Das Beispiel ist herausgegriffen, spricht für sich und erklärt die 
einzelnen Begriffe ohne weitere Ergänzung. Die in Klammern angeführten Worte 
sind die Stiehworte, zu denen dann die nachfolgenden Sätze die Einfälle dar- 
stellen. Die Aufschließung und Deutung wurde nicht ganz durchgeführt. 

Eine Kranke hatte folgenden Traum: Drei kleine Abschnitte. Zuerst war sie 
bei einer Tante; beide fürchteten sich, aus der Wohnung zu gehen . . . Dann war 
sie im Institut; sie durfte einer Schwester helfen, eine Blitzlichtaufnahme zu 
machen; die Schwester gab ihr verschiedene zerbrechliche Sachen in die Hand, 
die sie alle fallen ließ. Die Schwester schimpfte, aber sie selbst sagte: Ich kann ja 
nichts dafür . . . Endlich war sie in der letzten Schulklasse. Es mußte ein Vortrag 
gehalten werden über den Zugverkehr und die Verkehrsverhältnisse im Unter- 
maintal. 

Einfälle : (Tante) Ich wohnte bei ihr während eines Jahres zwecks Studien 
am Konservatorium. Der Traum knüpft an eine gestrige Unterhaltung über ein 

Konzert an. 

(Wir fürchten uns beide): Ich habe mich immer gern gefürchtet. Ich war 
noch nicht in der Schule, meine Brüder erhielten zu Weihnachten einen Esel 
geschenkt, dessen Kopf sich bewegen konnte und I-a schrie. Den Esel mußten 
sie wegtun, weil ich mich arg gefürchtet habe ... Im dritten Jahr im Institut 
wurde ein Mädel krank; es war eineinhalb Jahre älter als ich und wurde lungen- 
krank. Seine Stiefmutter wollte, daß ich es immer besuchen sollte ; es wurde mir 
aber verboten. Es war gegen November, die Tage waren schon sehr kurz; gegen 
4 Uhr erzählten die Zöglinge, es habe an die Tür geklopft. Sie sagten, das wäre 
das kranke Mädel, das sich „angemeldet" habe. In der Nacht darauf höre ich 
neben mir klopfen, mußte an die Erzählung denken, dachte aber, es sei falsch. 
Es klopfte wieder, ich bekam Angst, besonders als es das dritte Mal klopfte. Ich 
steckte mich unter die Decke und heulte. Es schlug gerade 1 2 Uhr nachts. Es kam 
ein Mitzögling und tröstete mich. Am anderen Tage wurde ich geschimpft, ich 
spiele Theater. Das Mädel starb später; ich machte mir Vorwürfe, daß ich die 
Freundin, die schwer krank war, nicht besucht hatte, besonders auch beim Klopfen 
in der Nacht. Da sind mir die Selbstvorwürfe gleich eingefallen. Ich dachte mir, 
die Freundin würde mir den Vorwurf machen, es sei lieblos von mir, daß ich 
nicht käme. Dies stellte ich mir vor. 

(Blitzlichtaufnahme): Weihnachten wurden immer bei uns Blitzlichtaufnahmen 

gemacht. 

(Aus der Hand fallen): Diese Schwester hat mich nie geschimpft, es war 
meine Musiklehrerin. Nur einmal, als wir im Turnsaal waren, kam sie von hinten 



I 



- 184 - 









und schrie mich stark an, weil ich mich herumdrehte. Da bekam ich einen großen 
Schrecken, so daß ich laut aufschrie. Warum, weiß ich nicht. Ich hatte die 
Schwester sehr gerne; sie konnte mich auch sehr gut leiden, hat mich sehr streng 
gehalten. 

(Ich kann ja nichts dafür): Ich wurde von meinen Angehörigen nicht gut 
verstanden. Ich habe deshalb öfter einen großen Groll gegen die Eltern gehabt, 
weil sie mir unberechtigte Vorwürfe machten. 

(Die Verkehrsverhältnisse) : In dem Vortrag sagte ein Mitzögling ganz blöd- 
sinnige Ausdrücke, die gar nicht dahin paßten. Wir mußten damals Vorträge 
halten. Die Zugverbindung in unserer Gegend ist schlecht, sie soll jetzt verbessert 
werden . . . Mein Bruder (an den die Kranke leidenschaftlich gebunden war) 
hat ein Verhältnis zur Lehrerin. Ich halte dies für ein unerlaubtes Verhältnis, 
weil die Eltern es nicht haben wollen; weil er sicher einmal unglücklich mit ihr 
wird ; weil sie eigentlich die Triebfeder war und mein Bruder nur durch sie so 
weit gebracht worden. Der Bruder bekümmert sich gar nicht mehr um mich. 

Deutung des Traumes: Ich habe oft leidenschaftliche Gefühle gehabt, vor 
denen ich mich graulte, die ich nicht verstand; und doch konnte ich nichts dafür, 
wenn ich so erregt wurde. Ich bin eifersüchtig auf das Verhältnis meines Bruders. 

Wer als Nichtfachmann unseren Aufsatz aufmerksam gelesen hat, könnte zum 
Glauben verleitet werden, er werde nunmehr als fertiger Traum deuter das ganze 
Kunsthandwerk beherrschen. Allein mit der Kenntnis aller Kunstregeln sind wir 
noch keine Traumdeuter. Es gibt sicherlich Träume, die so einfach sind, daß wir 
sie ohne Hilfe des Träumers übersetzen können. Aber selbst sie haben ihre Über- 
einstimmung, die wir wie immer ohne die mitarbeitenden Beiträge des Träumers 
nie finden werden. Wir sind stets auf die Hilfe des Träumers angewiesen, ja, 
eigentlich können wir gar keinen Traum deuten, sondern nur mithelfen, daß der 
Träumer seinen Traum deutet. 

Denen aber, die trotz unserer und anderer Forschung in Tausenden von Träumen 
unserer Arbeit ein Unmöglich entgegenhalten und behaupten, ein derartig ver- 
wickeltes Arbeiten im Schlafzustand könne es nicht geben, eine derartige ver- 
standesähnliche Gedankenarbeit könne nur das Bewußtsein leisten, müssen wir 
allerdings die Worte Hamlets entgegenhalten: 

„Es gibt mehr Ding' im Himmel und auf Erden 
Als eure Schulweisheit sich träumt, Horatio. 



-185- 



■;iäi! 

BEOBACHTUNGEN AN KINDERN 

lllllllilllllH 

Die Entstehung von Pavor nocturnus (nächtliches Aufschrecken) 

bei einem Kinde 

Mitgeteilt von einer Mutter 

(Die folgende Mitteilung ist besonders deshaßj wertvoll, weil sie Beobachtungen 
wiedergibt, die in den Analysen Erwachsener eine bedeutungsvolle Rolle spielen. Der 
Einfluß der Belauschung des Sexualverkehrs der Eltern durch das Kind auf dessen 
seelische Entwicklung ist in der analytischen Literatur oft behandelt worden. Skepsis, 
Ablehnung, Widerspruch, Protest der Gegner sind nicht ausgeblieben.) Sehn. 

Die kleine Sonja ist ein Jahr und sieben Monate alt, sie hat sich bis jetzt recht gut 
entwickelt. Wenigstens war nichts zu beobachten, das irgendwie besondere Aufmerksam- 
keit erforderte. Am 24. Oktober aber ging eine Veränderung vor sich. Ungefähr um 
1 Uhr nachts ertönt ein fürchterliches Geschrei aus dem Bettchen der Kiemen im Neben- 
immer. Ich eile hin, das Kind ist nicht wach. In großer Angst schreit es nach der 
Mutter. Unmittelbar vorher ereignete sich ein Sexualverkehr der Eltern. Die Türe 
zwischen beiden Zimmern war zugemacht, allerdings lag sie nicht ganz im Schloß. Ich 
konnte das Kind nicht schreien lassen, da es nach Lage unserer Wohnung die Nachtruhe 
fremder Menschen gestört hätte. Es gelang mir, die Kleine zu beruhigen. Aber nach 
fünf Minuten wurde sie unruhig, drehte sich im Bettchen hin und her, begann wieder 
zu schreien, sprang auf, stieg aus dem Bettchen und kam — immer mit geschlossenen 
Augen — an das Bett der Mutter. Sie wurde wieder in ihr Bettchen zurück gebracht 
nachdem dieses neben mein Bett gestellt worden war. Das half aber nur kurze Zeit. Die 
beschriebene Szene wiederholte sich in der Nacht noch mehrmals. 

Am anderen Morgen war das Kind ganz blaß. Der Berufspflichten wegen mußte ich 
das Kind verlassen und der Erzieherin übergeben. Als ich am Nachmittag nach Hause 
kam, schlief das Kind ruhig und fest. Die Erzieherin sagte mir, es sei sehr unartig 
gewesen. Beim Spazierengehen habe es sich sogar auf die Straße gesetzt und sei erst 
wegzubringen gewesen, als ihm eine Schneeflocke ins Auge geflogen war. Es sei dann 
erschrocken aufgesprungen und habe das Auge geriehen, das dadurch rot geworden sei. 
In der folgenden Nacht erfolgte um die gleiche Zeit wie am Tage vorher ein Auf- 
schrecken und Schreien, das vielleicht noch stärker war. Ich setzte das Kind in meinen 
Schoß und suchte ihm klarzumachen, daß jedermann in seinem Bette schlafe. Darauf 
begann es unaufhörlich zu sprechen: Onkel, Tante schlafen, Papa schläft auch in seinem 
Bett, Mamma auch in ilirem Bett, Sonja auch in ihrem Bettchen usw. Schließlieh schlief* 
sie ein. Ich legte sie in ihr Bett. Aber bald war sie wieder wach. 

In der dritten Nacht dieselbe Qual. Um das Kind leichter beruhigen zu können, 
machte ich ihm sein Bettchen über meinem Kopfkissen zurecht. Es schlief sehr unruhig, 
bis es ihm schließlich gelang, die Füßchen frei zu bekommen, um sie an das Gesicht 
oder den Hals der Mutter andrücken zu können. Nach einiger Zeit der Ruhe sprang die 
Kleine aber wieder auf, weinte und versuchte über die Mutter zu steigen, um neben sie 
ins Bett zu kriechen. Am Tage schlief sie wieder längere Zeit sehr ruhig, „wie ein Stück 
Holz". In der Nacht aber hatte man den Eindruck, als ob ein Dämon das Kind plage 
tmd es nicht zur Ruhe kommen lasse. 

In der vierten Nacht schlief Sonja bis 5 Uhr morgens ruhig in ihrem Bettchen. Dann 
aber wiederholte sich das Aufschrecken. Am anderen Tage wurde dem Kinde unter 

- 186 - 













Narkose ein Kohlenstäubchen aus dem Auge entfernt. Von 5 bis 1D Uhr abends spran* es 
immer wieder auf und schrie, dann schlief es bis anderen Tages um 8 Uhr Die folgen 
den Nachte waren ziemlich ruhig. Am 51. Oktober, einem Sonntag, wo man ausschlief 
entdeckte d t e Kleine den Vater im Bett der Mutter. In den beiden folgenden Nächten 
stellte sich das Aufschrecken wieder in der Stärke wie die beiden ersten Male ein Da 
das Ereignis am ersten Tage um 10 Uhr abends eintrat, war es möglich, das Kind rühie 
schreien zu lassen, es schrie, bis es vor Müdigkeit einschlief. Nach und nach besserte 
sich der Zustand insofern, als hei einem Aufschreien sofort Beruhigung eintrat, wenn 
die Kleine die Stimme der Mutter hörte, die „schlafen, schlafen" sagte. Es genügte 
offenbar die Peststellung, daß die Mutter da sei, um die Angst zu bannen. Es zeigte sich 
aber eine neue Erscheinung. Das Kind wollte abends nicht mehr einschlafen. Es kämpfte 
mit aller Gewalt gegen den Schlaf an. Dabei wollte es die Hände der Mutter berühren, 
auch sollte sie am Bettchen sitzen und singen. Eigentümlich war, daß Sonja nur dann 
nicht einschlafen wollte, wenn ich anwesend war. War ich weg, dann sclüicf sie ruhig 
ein. Das läßt die Vermutung aufkommen, daß sie mich kontrollieren wollte. Es kam oft 
vor, daß sie abends beim Einschlafen war, als der Vater nach Hause kam. Da wurde sie 
wieder vollständig wach. Ich durfte mich dann nicht von meinem Platz bewegen, sonst 
ertönte ein Geschrei und Sonja wollte auf meinen Schoß genommen werden. 

Ist am Tage der Vater oder die Mutter allein zu Hause, so spielt die Kleine still für 
sich. Bin ich allein und der Vater erscheint, so fängt sie an zu schreien, hangt sich an 
meinen Bock und will auf den Schoß genommen werden. Sie schlägt dann die Arme 
um meinen Hals und schaut den Vater mit angstvollen und mißtrauischen Blicken an. 
Es ist, als ob sie eine Gefahr für die Mutter wittere. Will ich mich etwa in die Küche 
hegeben, wohin das Kind nicht folgen kann, dann erhebt es ein fürchterliches Geschrei. 
Sonja klammert sich fest an mich. Erst nach einer Ablenkung gelingt es, mich loszu- 
machen und mich hinauszubegeben. Das Schreien ist nicht Trotz. Es ist ein seelenzer- 
reißendes Weinen, die Augen sind von Tränen über strömt, voll Angst und schmerzerfüllt. 
Ungefähr Mitte November begann ich im Nebenzimmer auf dem Diwan zu schlafen 
und stellte das Bettchen der Kleinen daneben. Jetzt begann sie ruhig zu schlafen. Ich 
war vom Vater getrennt. Sie hatte mich offenbar nicht mehr zu kontrollieren. Erwähnen 
möchte ich noch, daß sie dann, wenn sie unruhig ist, fast jede halbe Stunde urinieren 
muß, während sie in ruhigen Zeiten bloß drei- bis viermal täglich ein „kleines Bedürfnis" 
zu erledigen hat. 

Mehrere Male konnte ich folgende ganz eigentümliche Beobachtungen machen: 
Sonja schläft schon einige Stunden ruhig. Auch ein starker Lärm weckt sie nicht auf. 
Tauschen aber die Eltern Zärtlichkeiten aus, so schreit sie sofort auf. Es ergeht ihr 
offenbar wie der Mutter ihrem Säugling gegenüber. Dessen leiseste Bewegung weckt 
sie, während ein Gewitter sie ruhig weiterschlafen läßt. Sonja ist für einen bestimmten 
Beiz so empfindlich, wie das Unbewußte der Mutter auf die Atemzüge des Säuglings 
eingestellt ist. 

Am 25. Februar fuhr ich mit dem Kinde für sechs Tage aufs Land. Der Vater blieb 
in der Stadt. Da war eine große Veränderung zu beobachten. Sonja schlief immer sehr 
gut. Am Tage war sie lustig und spielte. Sie wollte durchaus nicht immer hei mir sein. 
Als ich wieder nach der Stadt zurückgekehrt war, sprang das Kind in der ganzen 
Wohnung herum, besah sich alle Sachen und war fröhlich. Sie schlief, ins Bettchen 
gebracht, rasch ein. In der Nacht, es war nach dem intimen Verkehr der Eltern, ertönte 
wieder das bekannte Geschrei aus dem Nebenzimmer und der Ruf nach der Mutter. Es 
folgte ein unruhiger Tag. Am Abend dann wollte die Kleine nicht einschlafen. Sie 
sprang immer wieder auf und plauderte, dabei kämpfte sie stark mit dem Schlafe. Um 
1 1 Uhr kam der Vater nach Hause. Jetzt wurde sie wieder ganz munter, stieg aus dem 
Bette und wollte vom Schlafen nichts wissen. Der Vater ging ins andere Zimmer. Dar- 
auf beruhigte sich die Kleine allmählich, wünschte zu essen, aß recht viel und sclüief 
dann um 12 Uhr ein. 

— 187 - 



BERICHTE 

iiEüiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiinii iimiiii Minium [iii!iiiiiiiiiiiiiiiiiii:iiiiiiii!i!ii:iiiiiiiiiiiaiii]iiiiiiiiini iiiiiiiiuiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiroa 

Ärzte und Lehrer über Schülerselbstmorde 

Von Dr. Fr. H a c k I ä n d e r, Essen 

„Die Brust voll Wehmut, das Haupt voll Zweifel" stehen Eltern, Lehrer, Ärzte an der 
Bahre eines jungen Menschen, der sein blühendes Leben von sich warf. Wie hat das ge- 
schehen können? Konnte es nicht vermieden werden? Wer trägt die Schuld? Ist es die 
Schule, ist es das Elternhaus oder erbliche Belastung, geistige Erkrankung? Solche Fra- 
gen drängen sich jedem denkenden Menschen auf. Und jeder neue Fall gibt den Anstoß 
zu neuem Nachdenken über das Problem des Schülerselbstmordes und entfesselt neue 
Diskussion, ein Zeichen, daß wir es mit einem sehr schwierigen Problem zu tun haben. 
Es genügt nicht, festzustellen, daß es Pubertätspsychosen gibt, und daß auch die normale 
Pubertät Züge aufweist, die ins Krankhafte hinüberspielen. Vom Normalen zum Krank- 
haften ist ja auch nur ein Schritt. Auch wir Erwachsene tragen alle ein Fünkcben Patho- 
logisches mit uns herum, und sei es auch noch so klein. Aber welche Lebensreize sind es, 
die es zur Verneinung des Daseins, zur Selbstmordneigung, zur Psychose mit oder ohne 
„Suizidtendenz" anfachen können? Wie der innere Zustand der Erwachsenen sich als 
wesentlich komplizierter erweist, als der der Kinder, so viel mannigfaltiger und gewal- 
tiger sind wohl auch die Reize, die uns das Leben setzt, als die, die das Kind empfängt 
vom Lehrer, von der Schule, von den Eltern, vom Elternhause. Oder ist es nicht so ? 
Nimmt die Schule das Kind mehr mit, als das Lehen den Erwachsenen? 

Es muß untersucht werden, gewiß, welcher Art die Schüler sind, die zum Selbstmord 
neigen, aber namentlich auch, wie sie, von erblicher Belastung abgesehen, so geworden 
sind, welcher Art die Reize sind, die die Veranlagung so treffen können, daß eine Selbst- 
mordneigung die Folge ist. Das Problem des Schülerselbstmordes ist im Wiener Psycho- 
analytischen Verein zwischen Ärzten und Lehrern erörtert worden (Diskussion des Wiener 
Psychoanalytischen Vereins. Herausgegeben von der Vereinsleitung, I. Heft, Wiesbaden, 
Verlag von J.Bergmann) und die Wiener Psychoanalytiker bringen uns ein reiches Mate- 
rial zu unseren Fragen. Aus den Ausführungen eines ungenannten Pädagogen, der diese 
Diskussionen eröffnet, gehthervor : Die Zahl der an Preußens niederen und höheren Schulen 
im Jahre 1905 begangenen Selbstmorde betrug 58, wie im Jahre 1883. Die Selbstmord- 
ziffer junger Menschen überhaupt ist im Jahre 1905 um 1*24 hoher als 1883. Folglich 
sind es nicht die Schülerselhstmorde, die zugenommen haben, sondern die außer der 
Schule stehenden Jugendlichen haben die Selbstmordziffer erhöht. Der Pädagoge hofft, 
bewiesen zu haben, daß die Schule nicht das einzige Moment ist, das die Selbstmorde 
von Knaben und Mädchen zeitigt, und will für die Schülerselbstmorde nicht nur in der 
Schule die Ursache suchen. Nach der Statistik Eulenburgsüber 320 an den höheren Schu- 
len Preußens begangene Selbstmorde fand sich bei 1 o<>/o der Fälle ausgesprochene Geistes- 
störung. Wenn wir Eulenburg zugeben, daß es vielleicht noch mehr Geisteskranke unter 
den das Leben abschüttelnden Schülern gibt, ferner daß, wie es Eulenburgs Ansicht ist, 
bei einem Viertel der von ihm untersuchten Schülerselhstmorde die für höhere Schulen 
notwendige Begabung fehlte, so muß den Lehrern, oder, wie der Wiener Pädagoge seihst 
sagt, den Lehrern im Verein mit psychologisch gebildeten Ärzten die Befugnis einge- 
räumt werden, solche Schüler aus der höheren Schule auszuschließen. Neben den Minder- 
begabten gibt es ferner Hochbegabte, bei denen die Katastrophe dadurch herbeigeführt 
wurde, daß sie zu sehr aus der Schule herausgewachsen waren, die sie als Knabe behan- 
delte, während sie, ihrer Frühreife entsprechend, als Männer sich fühlten und betätigten. 
„Für die verderbliche Frühreife dieser Bedauernswerten die Schule verantwortlich zu 

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machen, wird auch ihren erbittertsten Anklägern nicht einfallen." Die Schule züchtete 
sie nicht, das ist richtig, sondern „die gesellschaftlichen Mächte, die Geselligkeit, die 
neue Literatur und Kunst", Aber die Schule kann sie doch diagnostizieren, ebensogut 
wie die Minderbegabten, und kann für sie auch im Verein mit psychologisch geschulten 
Ärzten Maßnahmen treffen, den Konflikten vorbeugen. Der erwähnte Pädagoge sehnt 
sich nach Winken für die Behandlung des Schülers, nach dem Vertrauen der Eltern und 
glaubt es leichter gewinnen zu können, wenn die Schule das gefährliche Vorrecht preis- 
gäbe, über S chül er 1 eistun gen unwiderrufliche Urteile zu fällen: „Man gebe einem Schü- 
ler das Recht, sein besseres Wissen vor einer zweiten Instanz in einer Prüfung zu bekun- 
den." Das ist ein nicht leicht abzuweisender, beachtenswerter Reformvorschlag, Sehr zu 
begrüßen sind auch die weiteren Ausfuhrungen dieses Pädagogen über die Suggestion 
als treibende Kraft der Schülerselbstmorde, Er weist namentlich auf die suggestive Ge- 
walt der Schußwaffe hin, deren Anblick allein geeignet ist, Gedanken an Schießen und Er- 
schießen auszulösen, einem Disponierten einen Selbstmord nahezulegen, ja sogar gewalt- 
sam aufzudrängen. Stärkere suggestive Wirkung in der Richtung des Selbstmordes als 
der Anblick und das Spiel mit der Waffe hat das böse Beispiel. Es hat ganze Epidemien 
hervorgerufen. Es sei erinnert an die Zeiten von Goethes Werther. Die Suggestion ist 
eine große Macht. 

Was ist also zu tun? Der Pädagoge machtfolgende Vorschläge: Der Schüler darf keine 
Waffe in die Hand bekommen. Die Waffensammlung des Vaters darf ihm nicht zugäng- 
lich sein. Die Presse darf einen Fall von Schülerselbstmord nicht sensationell aufbauschen, 
nicht leichtfertigerweise die Schule beschuldigen und den Unglücklichen zum Märtyrer 
stempeln, weil er sonst leicht andere nach sich zieht. Es ist ein Verdienst dieses Päda- 
gogen, auf diese Verhältnisse hingewiesen zu haben. 

Professor Freud, der nun in den Wiener Diskussionen das Wort ergriff, glaubt, der 
Umstand, daß nicht nur Schüler, sondern auch Lehrlinge Selbstmorde begehen, spreche 
die Schule nicht ohne weiteres frei. Sie habe mehr zu leisten, als daß sie die Schüler nicht 
zum Selbstmord treibe, „sie soll ihnen Lust zum Leben machen und ihnen Stütze und 
Anhalt bieten in einer Lebenszeit, da sie durch die Bedingungen ihrer Entwicklung ge- 
nötigt werden, ihren Zusammenhang mit dem elterlichen Hause und ihrer Familie zu 
lockern". „Es scheint mir unbestreitbar", sagt er, „daß sie dieses nicht tut", und hebt 
weiter hervor: „Die Schule darf nie vergessen, daß sie es noch mit unreifen Individuen 
zu tun hat, denen ein Recht auf Verweilen in gewissen selbst unerfreulichen Entwick- 
lungsstadien nicht abzusprechen ist. Sie darf nicht die Unerbittlichkeit des Lebens für 
sich in Anspruch nehmen, darf nicht mehr sein wollen, als ein Lehensspiel." 

Dr. med. Reitler und andere Schüler Professor Freuds führen uns des weiteren in die 
Freudschen Gedankengänge Über die Ursachenlehre der Neurosen ein und liefern uns 
ein reiches, durch Psychoanalyse in der Sprechstunde gewonnenes Material über Angst- 
zustände, Selbstmordphantasien und Versuche in ihren Beziehungen zur Sexualität Die 
starke Betonung des sexuellen Momentes als Ursache der Nervosität .der Kinder hat Freud 
viele Feindschaft unter den Nervenärzten eingetragen. Der starke Einfluß der Sexualität 
auf die Psyche wird vielfach bestritten. Wir wollen zu einer Frage, die die Arzte noch 
in zwei Lager spaltet, nicht Stellung nehmen, uns aber immerhin einmal fragen ob es 
nicht besser ist, in diesem Punkte eher zuviel zu sehen, als ihn ganz außer acht zu lassen. 
Die Sexualität läßt Reize stärkster Art zum Gehirn strömen, die bekanntlich in den Pu- 
berlätsjahren einen Umschwung des ganzen Wesens bewirken, aber auch schon vorher 
nicht ganz ohne Einfluß sein können und bei der Analyse des psychischen Geschehens 
jedenfalls mit in Rechnung gezogen werden müssen. Nach Freud macht ein Kampf gegen 
die Sexualität, macht „Sexualverdrängung" ein körperlich bedingtes Angstgefühl, Angst, 
die anfangs objektlos ist, sich aber später auf etwas Bestimmtes projiziert, „sich auf ein 
harmloses soziales Gebiet verschiebt", beim Schüler auf die Schule, die er dann fürchtet 
und meidet, und die dann natürlich ganz unschuldig als Ursache angesehen wird, wenn 
es zu einem Selbstmorde kommt, 

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Dr. med. Sadger führt aus, daß auch bei den Schülerselbstmorden das unbefriedigte 
Liebesbedürfnis eine größere Rolle spiele, als es die Statistiken angeben. Sogar beim 
Trübsinn aus Anlaß erblicher Belastung und bei Geisteskranken hält er für grundlegend 
die Liebe oder ungestilltes Bedürfnis nach ihr und stellt den Satz auf: „Das Leben gibt 
nur jener auf, der Liebe zu erhoffen aufgeben mußte." Nachdem er gezeigt hat, wie 
wahrhaft verliebt sich die Kinder oft dem Lehrer oder der Lehrerin gegenüber zeigen, wie 
sie „errötend ihren Spuren" folgen, ihnen Geschenke oft lächerlichster Art mitbringen, 
sich ganz wie Verliebte betragen, mahnt er die Lehrer, dieser Liebe Verständnis ent- 
gegenzubringen. „Wenn im sere Professoren liebreicher, weil die Seele des Knaben besser 
verstehend, geworden sein werden, dann werden auch die Schülerselbstmorde weit sel- 
tener zu beklagen sein." 

Dr. med. Wilhelm Stekel meint in seinen nachfolgenden Ausführungen, dem Selbst- 
morde liege das Prinzip der Bestrafung zugrunde. Mit der Absicht, eine Vergeltung für 
eigene Vergehen zu scharfen, paart sich das Verlangen, die Eltern, die Erzieher, die 
Lehrer in empfindlichster Weise zu strafen. „Du sollst schon sehen, wohin mich deine 
Hartherzigkeit, dein Mangel an Liebe getrieben haben." „Die an sich vollzogene Strafe 
ist also zugleich die Bestrafung der vermeintlichen Urheber ihrer Leiden." Den Satz 
Dr. Sadgers, daß das Leben bloß jener aufgibt, der Liebe zu erhoffen aufgeben mußte, 
ergänzt Dr. Stekel durch den Hinweis darauf, daß es Menschen gibt, die „den Mut zur 
Liebe verloren haben", „die unfähig sind, Lust ohne Schuldgefühl zu ertragen" . Er 
warnt davor, die Kinder mit zu großer Zärtlichkeit zu umgeben, die ihnen ein überstarkes 
Bedürfnis nach Liebe anerzieht, namentlich aber auch davor, sie einmal zu verzärteln, 
andererseits durch strenge Verbote zu ängstigen und zu verhetzen, da sie dann so ver- 
schüchtert werden, daß sie keine ungemischte Freude genießen können. Er warnt weiter 
davor, im Kinde ehrgeizige Wünsche zu nähren, deren Unerfüllbarkeit ihm später, wenn 
seine Luftschlösser einstürzen, zum Verhängnis werden kann. 

Dr. med. Alfred Adler, der vor Jahren schon Studien über Minderwertigkeit von Or- 
ganen veröffentlicht hat, weißt darauf hin, daß er bei allen psychoanalytischen Unter- 
suchungen von vielfach außerordentlich befähigten Neurotikern mit Selbstmordneigung 
oder Selbstmordphantasien festgestellt hat, daß sie in der Kindheit ein stark ausgeprägtes 
Gefühl der Minderwertigkeit gehabt haben. Dieses Gefühl der Minderwertigkeit ent- 
wickle sich auf Grund einer tatsächlichen Minderwertigkeit von Organen und Organ- 
systemen und veranlasse die Kinder zu einem „stürmischen Versuch der Überkom- 
pensation«, zur oft erfolgreichen dauerhaften Überwindung des Fehlerhaften durch 
energisches Trainieren auf Kosten des Nervensystems. Eine Enttäuschung, eine Herab- 
setzung bringe dann das alte Gefühl der Minderwertigkeit aus der Kindheit wieder zum 
Bewußtsein und könne dann zum Selbstmord führen, denn „Selbstmord wie Neurose 
sind Versuche einer überspannten Psyche, sich der Erkenntnis dieses Minderwertigkeits- 
gefühls zu entziehen und treten deshalb zuweilen vergesellschaftet auf. Und so stellt der 
Selbstmord ganz wie die Neurose und Psychose eine Sicherung vor, um in unkultureller 
Weise dem Kampf des Lebens mit seinen Beeinträchtigungen zu entgehen". 

Dr. phil. Molitor bestätigt dann als Pädagoge, daß die Schule dem Schüler oft sehr 
viel mehr zumutet, als der Erwachsene je ertragen würde. Er wendet sich energisch 
gegen „das Prüfungswesen mit seiner Konkurrenzatmosphäre", die einerseits Neid und 
Eifersucht fördert und andererseits Überhebung und Selbstgerechtigkeit züchtet. Er be- 
tont aber, daß es nicht die Schule an sich ist, die diese Verhältnisse zeitigt, sondern die 
Rolle, die ihr von der Gesellschaft zuerteilt wird. „Es gibt ja ganze Familien, die an 
einer Förmlichen Schulneurose leiden, und in denen der Ausfall einer lateinische« Schul- 
arbeit Stürme der Verzweiflung oder der Freude hervorruft." Er wendet sich energisch gegen 
die Neigung der Eltern, die Schule als ein Institut zur Erwerbung von Berechtigungen 
aufzufassen, anstatt in ihr eine Anstalt zur Erziehung und zum Unterricht zu sehen. 
Dr. Molitor führt weiter aus, das Berechtigungswesen mache den Lehrer zu einem Werk- 
zeug der sozialen Auslese und bringe ihn in eine neue Doppelstellung zum Schüler, da er 

— IQO — 



******* ■ Fwund und Erzieher, andererseits Richter und Vertreter der Staatsgewalt sei 
Es vergüte auch sein Verhältnis zu den Eltern. Er wendet sich auch ge*en den steTs er 
wehrten Lehrstoff und die überfüllung der Klassen, die den Lehrer^ fSLe Z 
dem AWaktum der Klasse zu arbeiten«, anstatt zu individualisieren, die eine straffe 
Disziplin erfordere, welche den Empfindsamen stärker treffe als den weniger ZartS 
teten und oft verstärkend auf das von Dr. Adler besprochene Minderwertigkeitsgefühl 
einwirke Der Pädagoge verschwinde hinter dem bloßen Unterrichtstechniker « Bezü* 
hch der Motive des Selbstmords der Schüler betont er, daß oft Trotz und Rachsucht 
gegen Eltern und Lehrer in Frage kommen und daß oft die Trotzigen gerade am schlech- 
testen behandelt werden. Professor Freud stellt im Schlußwort fest, daß es trotz all des 
wertvollen Materials zu einer Entscheidung über das Problem des Selbstmordes nicht 
gekommen ist. Er führt das darauf zurück, daß die Affektvorgänge bei der Melancholie 
unserer Hauptselbstmordpsychose und auch der Daueraffekt des Trauerns psychoana- 
lytisch noch «cht geklürt sind. Ob das bald der Faß sein wird? Ob die Psychoanalyse 
überhaupt volle Klarheit schaffen kann? Wenn es nur langsam vorangeht, wir wollen 
uns über jeden Schritt freuen, B 

Bücher 

Breme, M. J.: Vom Leben getötet, Bekenntnisse eines Kindes. 6. bis 15. Tausend. 

232 Seiten. Geh. Rm. 3.80. Herder & Co., Freiburg im Breisgau. 
Jung, C. G. : Analytische Psychologie und Erziehung. Drei Vorlesungen, gehalten in 

London im Mai 1924. 95 Seiten. Niels Kampmann Verlag, Celle. 

Zeitschriften 

Imago. Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Natur- und Geistes- 
wissenschaften. Herausgegeben von Sigm. Freud. Das eben erschienene erste Heft des 
XIII Bandes enthält: Siegfried Bernfeld, Die heutige Psychologie der Pubertät. 
Zur Kritik ihrer Wissenschaftlichkeit. (Besprochen sind Arbeiten von Otto Tumlirz, 
Eduard Spranger, Charlotte Bühler, Walter Hoffmann, Theodor Ziehen.) - Imre Her- 
mann, Charles Darwin. — F. Lowtzky, Bedeutung der Libidoschicksale für die Bil- 
dung religiöser Ideen („Das dritte Testament" von Anna Nikolajewna Schmidt). 

Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse. Herausgegeben von Sigm. 
Freud. Soeben erschien Heft 1 des XIII. Bandes. Inhalt: S. Ferenczi, Kritik der Bank- 
schen Technik „Technik der Psychoanalyse". —Karl Land au er, Automatismen, Zwangs- 
neurose und Paranoia. — Franz Alexander, Zur Theorie der Zwangsneurosen und 
Phobien. — WilhelmBeich, Strafbedürfnis und neurotischer Prozeß. — Kasuistische 
Beiträge. 



OFFENE HALLE 
■H»o^anuiijijiiiiritjrjiiiiifiiEifriiiifijj»txiirifiHJiijiHiJifijiifriiJ»iiiijiiirJiiiHm»ii miKiiBUKiFiuiimHiiiwmiMrimiBminniiMsaitmmmraHHiii»jmm 

In die „Offene Halle" 

darf jeder Leser der Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik eintreten, um mit den 
andern in Verbindung zu treten. Er kann Fragen stellen und beantworten, Anregungen 

— IQI — 



bringen, Kritik üben, Umfragen veranlassen usw. Aus Zuschriften ersieht die Schnft- 
leitung, daß viele an einer psychologischen Pädagogik Interessierte — vor allem Lehrer und 
Ärzte - unsere Zeitschrift noch nicht kennen. Es liegt an unseren Lesern, sie darauf auf- 
merksam zu machen. 

Trage Nr. 4 

Welche Schritte sind einer (mit Psychoanalyse nicht vertrauten] | Mutter anzuraten, 
die eine i 7 jährige stotternde Tochter hat? Das Mädchen ist „streng« und „gut erzogen 
und bleibt zumeist an P M S hängen. Welche Literatur könnte man der Mutter empfehlen ? 

Dr. Engelhard, Ludwigshafen a. Rh., btudienxatm. 



Kleine Mitteilungen 

Als Tagungsort für den X. Internationalen Psychoanalytischen 
Kongreß 1927 wurde Innsbruck bestimmt. Die Veranstaltung findet vom 2. bis 4. Sep- 
tember statt. . . 

Pädagogische Woche für L e h r e r. In der zweiten Augusthälfte wird in Stutt- 
gart ein Kurs für Lehrer als Einführung in die psychoanalytische Pädagogik stattfinden. 
Als Vortragende werden Pädagogen, Pfarrer und Ärzte sprechen, u. a. Prof. Schneider 
und Dr. Heinrich Meng. Das Programm wird im Mai erscheinen. 

Ärzte, die sich für Psychoanalyse interessieren, seien darauf auf- 
merksam gemacht, daßvon^.bis 30. April in Bad Nauheim der 2. Kongreß für Psycho- 
logie stattfindet. Es werden führende Psychoanalytiker sprechen, u. a. Dozent Dr. D e ut s c h- 
Wien, Dr. S i m m e 1-Berlin, Prof. Dr. S c h i 1 d e r-Wien. 

Weltkonferenz für Erneuerung der Erziehung. Vom 3. bis 15. August 
1927 findet in Locarno unter Vorsitz von Prof. Pierre Bo vet-Genf eine Zusammen- 
kunft der Freunde des „Arbeitskreises für die Erneuerung der Erziehimg" statt. Die 
deutsche Mittelstelle des J. A. K., Kohlgraben bei Vacha, Rhön, gibt gerne nähere 
Auskunft. 

Die Freie S chulgemeinde Wi ckers dorf veranstaltet am 20. und 21. März 
Vorträge für ihre Lehrer und Freunde über Heilkunde, Pädagogik und Psychoanalyse. 
Dr. Heinrich Meng-Stuttgart wird sprechen über „Das Kind und die Psychoanalyse" 
und im Collocjuium über „Pädagogik und Psychoanalyse". 

Psychoanalytische Vereinigung in Paris. In Frankreich ist das Interesse 
für die Psychoanalyse in Kreisen der Ärzte und Pädagogen im Wachsen begriffen. Unter 
Vorsitz von Dr. R. Laf orgue hat sich anfangs 1927 eine Arbeitsgemeinschaft gebildet. 
Die große Tagung des Weltbundes der Erziehungs ver e ine, World 
Federation of Education Associations, findet von 7.bisi2. August in Toronto, 
Kanada, statt. Zuschriften sind zu richten an Mr. E. A. Hardy, Chairman of the Canadian 
Committee on Arrangements, Simcoe Hall, Rom 220, University of Toronto (5), Canada. 
Europäische Erzieher sind ganz besonders herzlich eingeladen, um die Beziehungen zu 
einander zu vertiefen und zu pflegen. 



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